——— —. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d ——— — NA wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. I, 7. 1— 1„—„ I— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. dan beſchmutzte, zerriſtene„verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Sämnmtliche Werke von Alerander Dumas. von Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. Die ſchwarze Tulpe. Von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Anguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. I. Ein dankbares Volk. Am 20. Auguſt 1672 ſchwellte die Stadt Haag, die ſo lebhaft, ſo weiß, ſo zierlich, daß man glauben ſollte, es ſei alle Tage Sonntag, die Stadt Haag mit ihrem ſchattigen Park, mit ihren über die gothiſchen Häuſer geneigten großen Bäumen, mit den breiten Spiegeln ihrer Kanäle, in welchen die Glockenthürme mit den faſt orientaliſchen Kuppeln ihr Bild wieder⸗ ſcheinen, die Stadt Haag, die Hauptſtadt der ſieben Vereinigten Provinzen, ſchwellte, ſagen wir, ihre Arterien mit einer ſchwarzen und rothen Woge geſchäftiger, keu⸗ chender, unruhiger Bürger an, die, das Meſſer im Gürtel, die Muskete auf der Schulter, oder den Stock in der Fauſt, nach dem Buitenhof, einem furchtbaren Gefängniß, liefen, deſſen vergitterte Fenſter man heute noch zeigt, und wo ſeit der durch den Wundarzt Tyckelger gegen ihn erhobenen Bezüchtigung des Mords Cornelius de Witt, der Bruder des Großpenſionärs von Holland, ſchmachtete. Wenn die Geſchichte jener Zeit und beſonders dieſes Jahrs, in deſſen Mitte wir unſere Erzählung beginnen, nicht unauflöslich an die von uns angeführten Namen gebunden wäre, ſo könnten die paar Zeilen Erklärung, die geben wollen, als ein Nebenwerk erſcheinen; ab bemerken ſogleich dem Leſer, dieſem alten Fr welchem wir immer auf unſerer erſten Seite . Verg üügen verſprechen, dem wir unſer Wort auf den Die ſchwarze Tulpe. 8 — 2 folgenden Seiten wohl oder übel halten; wir bemer⸗ ken, ſagen wir, dem Leſer, daß dieſe Erklärungen ebenſo unerläßlich für die Klarheit unſerer Geſchichte, als für das Verſtändniß des großen politiſchen Ereig⸗ niſſes iſt, in welches ſich dieſe Geſchichte einrahmt. Cornelius de Witt, Ex⸗Bürgermeiſter von Dort⸗ recht, ſeiner Vaterſtadt, und Abgeordneter bei den Ge⸗ neralſtaaten von Holland, war einundvierzig Jahre alt, als das holländiſche Volk der Republik, wie ſie Jobann de Witt, Großpenſionär von Holland vorſtand, müde, eine heitige Liebe für die Stadhouderſchaft faßte, welche das von Johann de Witt den Vereinigten Provinzen auferlegte Edict für immer aufgehoben hatte. Da es ſelten vorkommt, daß in ſeinen launenhaften Bewegungen der Volksgeiſt nicht einen Menſchen hinter einem Princip ſieht, ſo ſah das Volk hinter der Republik die zwei ernſten Geſtalten der Brüder de Witt, dieſer Römer Hollands, welche es verachteten, dem Geſchmacke der Nation zu ſchmeicheln, und unbeugſame Freunde blieben einer Freiheit ohne Zügelloſigkeit und eines Wohlſtandes ohne Ueberfluß, wie es hinter der Stad⸗ houderſchaft die gebeugte, ernſte, nachdenkende Stirne des jungen Wilhelm von Oranien ſah, dem ſeine Zeit⸗ genoſſen den Namen: der Schweigſame gaben, welchen ſodann die Nachwelt adoptirte. Die zwei Brüder de Witt benahmen ſich äußerſt bpehutſam gegen Ludwig XIV., deſſen wachſendes mora⸗ liſches Uebergewicht über ganz Europa ſie fühlten, und deſſen materielle Gewalt über Holland ſie durch den wunderbaren Feldzug am Rhein empfunden hatten, der durch den Romanhelden, welchen man den Grafen von Guiche nannte, verherrlicht und ſpäter durch Boileau beſungen worden iſt, ein Feldzug, der in drei Monaten die Macht der Vereinigten Staaten niedergeworfen hatte. Ludwig XVv. war ſeit langer Zeit der Feind Holländer, die ihn nach ihren beſten Kräften ſchmähten 5 — 3 und beleidigten, allerdings beinahe immer durch den Mund von Franzoſen, die ſich nach Holland ge⸗ flüchtet hatten. Es waltete gegen die de Witt daher die doppelte Gereiztheit ob, welche aus einem kräftigen, durch eine gegen den Geſchmack der Nation kämpfende * Macht fortgeſetzten Widerſtand und aus der Müdigkeit 4 entſpringt, die allen beſiegten Völkern natürlich, wenn ſie hoffen, ein anderes Haupt werde ſie von dem Unter⸗ gang und der Schmach erretten können. Dieſes andere Haupt, welches zu erſcheinen ganz bereit, welches ganz bereit, ſich mit Ludwig XIV. zu meſſen, ſo rieſig auch ſein zukünftiges. Glück werden ſollte, war Wilhelm, Prinz von Oranien, Sohn von Wilhelm II., und durch Henriette Stuart, Enkel von Carl I. von England, dieſes ſchweigſame Kind, das man ſchon im Schatten hinter der Stadhouderſchaft erſchaute. Dieſer junge Mann war im Jahr 1672 zweiund⸗ zwanzig Jahre alt. Johann de Witt war ſein Lehrer † geweſen und hatte ihn in der Abſicht erzogen, aus dem ehemaligen Fürſten einen guten Bürger zu machen. In ſeiner Liebe für das Vaterland, die das Uebergewicht über die zu ſeinem Zögling gewonnen, hatte er ihm durch das ewige Edict die Hoffnung auf die Stadhouderſchaft genommen. Gott lachte aber über dieſe Anmaßung der 8 Menſchen, welche die Mächte der Erde einſetzen und ent⸗ ſetzen, ohne den König des Himmels um Rath zu fragen, und durch die Laune der Holländer, ſowie durch den durch Ludwig XIV. eingeflößten Schrecken änderte er die Politik des Großpenſionärs, hob das ewige Edict auf und ſtellte die Stadhouderſchaft für Wilhelm von * 3 Oranien wieder her, mit dem er noch in den geheimen Tiefen der Zukunft verborgene Pläne hatte. Der Großpenſionär verbeugte ſich vor dem Willen ſeiner Mitbürger; aber Cornelius de Witt war wider⸗ ſ änſtiger, und obgleich ihm der orangiſtiſche Pöbel, der i ſeinem Haus in Dortrecht belngerie, mit dem Tod drohte, weigerte er ſich, die Urkunde zu unter⸗ zeichnen, welche die Stadhouderſchaft wieder herſtellte. Auf das dringliche Zureden ſeiner in Thränen zerfließenden Frau unterzeichnete er endlich, fügte jedoch ſeinem Namen die zwei Buchſtaben V. C. bei, was bedeutete, Vi Coactus, durch die Gewalt gezwungen. Was Johann de Witt betrifft, ſo war es ihm kaum erſprießlicher, daß er raſcher und leichter dem Willen ſeiner Mitbürger beigetreten. Nach einigen Tagen wurde er das Opfer eines Mordverſuchs. Von Meſſeerſtichen durchbohrt, ſtarb er indeſſen nicht an ſeinen Wunden.. Das war es nicht, was die Orangiſten brauchten. Das Leben der zwei Brüder war ein ewiges Hinderniß für ihre Pläne; ſie änderten daher für den Augenblick ihre Politik, entſchloſſen, am gegebenen Zeitpunkt der zweiten durch die erſte die Krone aufzuſetzen, und ver⸗ ſuchten es, mit Hilfe der Verleumdung das zu vollbrin⸗ zen, was ſie durch den Dolch nicht hatten ausführen önnen. Es iſt ſelten, daß im gegebenen Augenblick ſich unter Gottes Hand ein großer Mann findet, um eine große Handlung zu vollbringen, und darum ſchreibt die Geſchichte, wenn zufällig dieſe providentielle Com⸗ bination eintritt, auf der Stelle in ihr Buch den Namen dieſes auserwählten Mannes ein und empfiehlt ihn zur Bewunderung der Nachwelt. Miſcht ſich aber der Teufel in die menſchlichen Angelegenheiten, um eine Exiſtenz zu Grunde zu richten oder eine Herrſchaft zu ſtürzen, ſo kommt es ſehr ſelten vor, daß ſich nicht in ſeinem Bereiche ein Elender findet, dem man nur ein Wort in's Ohr zu flüſtern braucht, daß er ſich auf der Stelle an die Arbeit macht. Der Elende, der ſich bei dieſer Veranlaſſung völlig aufgeſtellt fand, um das Werkzeug des ſchlimmen Geiſtes zu ſein, hieß, wie wir ſchon geſagt zu haben glauben, Tyckelaer und war ſeines Handwerks ein Wundarzt. Er erklärte, an der Aufhebung des ewigen Ediets verzweifelnd und von Haß entflammt gegen Wilhelm von Oranien, habe Cornelius de Witt einem Mör⸗ der den Auftrag gegeben, die Republik vom neuen Stadhouder zu befreien, und dieſer Mörder ſei er, Tyckelaer, der, von Gewiſſensbiſſen gemartet, ſchon bei dem Gedanken an die Handlung, die man von ihm verlangt, lieber das Verbrechen offenbaren, als es be⸗ gehen wolle. Man denke ſich nun den Ausbruch unter den Orangi⸗ ſten bei der Nachricht von dieſem Complot. Der Fiscal⸗ anwalt ließ Cornelius in ſeinem Hauſe am 16. Auguſt 1672 verhaften; der edle Bruder von Johann de Witt hatte im Saale des Buitenhofes die vorläufige Folter auszuſtehen, die ihm, wie dem gemeinſten Verbrecher, das Geſtändniß ſeines angeblichen Complots gegen Wilhelm entreißen ſollte.. Doch Cornelius war nicht nur ein großer Geiſt, ſondern auch ein großes Herz. Er gehörte zu jener Familie von Märtyrern, welche, den politiſchen Glau⸗ ben beſitzend, wie ihre Voreltern den religiöſen Glau⸗ ben beſaßen, bei den Qualen lächeln, und während der Folter ſprach er mit feſter Stimme die Verſe nach ihrem Maß ſeandirend die erſte Strophe des Justum et tenacem von Horaz, geſtand nichts und ermüdete nicht nur die Kraft, ſondern auch den Fanatismus ſeiner Henker. Die Richter ſprachen nichtsdeſtoweniger Tyckelaer von jeder Anklage frei, fällten nichtsdeſtoweniger gegen Cornetius ein Urtheil, das ihn aller ſeiner Aemter und Würden entſetzte, verdammten ihn zu den Gerichts⸗ koſten und verbannten ihn für immer vom Gebiete der Republik.. Es war ſchon etwas für die Befriedigung des Volks, deſſen Intereſſen ſich Cornelius de Witt be⸗ ſtändig geweiht hatte, dieſes Urtheil, gefällt nicht nur gegen einen Unſchuldigen, ſondern auch gegen einen großen Bürger. Doch es war, wie man ſehen wird, nicht genug. Die Athenienſer, welche einen ziemlich ſchönen Ruf hinſichtlich des Undanks hinterlaſſen haben, ſtanden in dieſem Punkte hinter den Holländern. Sie begnügten ſich damit, daß ſie Ariſtides verbannten... Sobald Johann de Witt erfuhr, ſein Bruder ſei in Anklageſtand verſetzt worden, legte er ſeine Stelle als Großpenſionär nieder. Dieſer wurde auch würdig für ſeine aufopfernde Liebe für das Vaterland belohnt. Er nahm in ſein Privatleben ſeine Feinde und ſeine Wunden mit, der einzige Nutzen, der in der Regel den ehrlichen Leuten zukommt, welche, ſich ſelbſt vergeſſend, für ihr Vaterland gearbeitet zu haben ſchuldig ſind. Mittlerweile wartete Wilhelm von Oranien, nicht ohne durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel das Ereig⸗ niß zu beſchleunigen, bis das Volk, deſſen Idol er war, ihm aus den Leibern der zwei Brüder die zwei Stufen gemacht hatte, deren er bedurfte, um den Stadhouder⸗ ſtuhl zu beſteigen.. Am 20. Auguſt 1672 nun lief, wie wir am Anfang dieſes Kapitels geſagt baben, die ganze Stadt nach dem Buitenhof, um dem Abgang von Cornelius de Witt, der in die Verbannung wanderte, beizuwohnen und zu ſehen, welche Spuren die Folter an dem edlen Leib dieſes Mannes, der ſeinen Horaz ſo gut auswendig wußte, hinterlaſſen habe.. 2 Fügen wir ſogleich bei, daß dieſe ganze Menge, die ſich nach dem Buitenhof begab, nicht allein in der unſchuldigen Erwartung, einem Schauſpiel beizuwohnen, dahin ging, ſondern daß Viele in ihren Reihen einen großen Werth darauf legten, eine Rolle zu ſpielen oder einen Dienſt zu verdoppeln, von dem ſie fanden, er ſei ſchlecht verrichtet worden.. Wir meinen den Dienſt des Henkers. Es gab allerdings auch Andere, welche mit minder feindlichen Abſichten herbeiliefen. Es handelte ſich für “ 3. “ 8* * 4 . 8 dieſe nur um das dem Volk, deſſen inſtinktartigem Stolz es ſchmeichelt, ſtets anziehende Schauſpiel, den im Qaauie liegen zu ſehen, welcher lange aufrecht geſtan⸗ en iſt. War nicht Cornelius de Witt, dieſer Mann ohne Furcht, wie man ſagte, geſchwächt durch die Folter? Sollte man ihn nicht bleich, blutig, verſchämt ſehen 2 War es nicht ein ſchöner Triumph für dieſen Bürger⸗ ſtand, der noch viel neidiſcher, als das Volk, ein Triumph, an dem jeder gute Bürger vom Haag Theil nehmen durfte?.. Und dann, ſagten ſich die orangiſtiſchen Agitatoren, die ſich geſchickt mit der ganzen Menge vermiſcht hatten, welche ſie als ein zugleich ſchneidendes und quetſchendes Werkzeug zu handhaben gedachten, ſollte ſich nicht viel⸗ leicht vom Buitenhof bis an's Stadtthor eine Gelegen⸗ heit finden, ein wenig Koth, ein paar Steine ſogar auf dieſen Cornelius de Witt zu werfen, der nicht nur die Stadhouderſchaft dem Prinzen von Oranien bloß vi coackus gegeben, ſondern der ihn auch wollte ermorden laſſen? Abgeſehen davon, fügten die unbändigen Feinde Frankreichs bei, daß man, wenn man im Haag wohl thäte, Cornelius de Witt nicht in die Verbannung abgehen ließe, der alle ſeine Intriguen mit Frankreich anſpinnen und von dem Golde des Marquis von Louvois mit ſeinem ſchurkiſchen Bruder Johann leben werde. In einer ſolchen Stimmung laufen, wie man wohl fühlt, die Zuſchauer mehr, als ſie gehen; darum liefen die Einwohner vom Haag ſo geſchwind nach dem Buitenhof. Unter denjenigen, welche ſich am meiſten ſpudeten, lief, die Wuth im Herzen und ohne Plan im Kopf, der wackere Tyckelaer, den die Orangiſten wie einen Helden der Redlichkeit, der nationalen Ehre und der chriſtlichen Nächſtenliebe umherführten.. Dieſer brave Schurke erzählte, ſie mit allen Blu⸗ men ſeines Geiſtes und allen Mitteln ſeiner Einbil⸗ dungskraft verſchönernd, von den Verſuchen, welche Cornelius de Witt an ſeiner Tugend gemacht, von den Summen, die man ihm verſprochen, und von der hölliſchen Machination, die man vorbereitet gehabt, um für ihn, Tyckelaer, alle Schwierigkeiten des Mordes zu beſeitigen. Und jede Phraſe ſeiner Rede hatte, gierig vom Pöbel aufgenommen, Ausrufungen begeiſterter Liebe für den Prinzen von Oranien und Hurrahs blinder Wuth gegen die Brüder de Witt zur Folge. Der Pöbel war in vollem Zug, die ungerechten Nichter zu verfluchen, deren Spruch einen ſo abſcheu⸗ lichen Mörder entkommen ließ, wie es der Schurke Cornelius war.. Einige Anſtifter wiederholten mit leiſer Stimme: „Er wird gehen, er wird uns entwiſchen.“ Worauf Andere antworteten: „Ein Schiff erwartet ihn in Scheveningen, ein franzöſiſches Schiff, Tyckelaer hat es geſehen.“ „Braver Tyckelaer! ehrlicher Tyckelaer!“ rief im Chor die Menge. „Abgeſehen davon,“ ſprach bine Stimme,„daß während dieſer Flucht von Cornelius Johann, der ein ebenſo großer Verräther, als ſein Bruder, auch ent⸗ weichen wird.“ „Und dieſe zwei Schurken werden in Frankreich unſer Geld verzehren, das Geld unſerer an Ludwig XIV. verkauften Schiffe, Arſenale und Werften.“ „Hindern wir ſie, abzugehen!“ rief die Stimme eines Patrioten, der weiter vor war, als die Andern. „In's Gefängniß! in's Gefängniß!“ wiederholte der Chor. Und auf dieſe Schreie liefen die Bürger noch ſtärker, wurden die Musketen geſpannt, glänzten die Aexte und flammten die Augen. Keine Gewaltthat war indeſſen noch geſchehen, und die Linie der Reiter, welche die Zugänge des Buiten⸗ ————;—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ———————— ————;—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ———————— hofes bewachte, blieb kalt, unempfindlich, ſchweigſam, drohender durch ihr Phlegma, als es dieſe ganze bürger⸗ liche Menge durch ihr Geſchrei, durch ihre Aufregung und ihre Drohungen war, unbeweglich unter dem Blick ihres Anführers, eines Kapitäns der Cavalerie vom Haag, der ſein Schwert außer der Scheide, aber ge⸗ fenkt und die Spitze auf der Ecke ſeines Steigbügels hielt. Dieſe Truppe, der einzige Wall, der das Gefäng⸗ niß vertheidigte, hielt durch ſeine Haltung nicht nur die ungeordneten, lärmenden Volksmaſſen im Zaum, ſondern auch die Abtheilung Bürgergarde, welche, dem Buitenhof gegenüber aufgeſtellt, um auf halbe Rechnung mit der Truppe die Ordnung aufrecht zu erhalten, den Lärmern das Beiſpiel zum meuteriſchen Geſchrei gab und rief: ͤͤͤ 8 „Es lebe Oranien! Nieder mit den Verräthern!“ Die Gegenwart von Tilly und ſeinen Reitern war allerdings ein heilſamer Zügel für alle dieſe Bürger⸗ Soldaten; doch allmälig exaltirten ſie ſich, und da ſie nicht begriffen, daß man Muth haben könne, ohne zu ſchreien, ſo ſchrieben ſie der Furchtſamkeit das Still⸗ ſchweigen der Reiter zu und machten, den ganzen Menſchenſchwarm nach ſich ziehend, einen Schritt gegen das Gefängniß.— Da aber trat ihnen der Graf von Tilly allein entgegen, hob nur, die Stirne faltend, ſein Schwert in die Höhe und fragte: „Ei! meine Herren von der Bürgergarde, warum marſchirt Ihr und was wünſcht Ihr?“ Die Bürger ſchwangen ihre Musketen und wieder⸗ holten ihren Ruf: „Es lebe Oranien! Tod den Verräthern!“ „Es lebe Oranien! gut!“ ſagte Herr von Tilly, „obſchon ich die heiteren Geſichter den verdrießlichen vorziehe. Tod den Verräthern! wenn Ihr es wollt, ſo lange Ihr es nur durch Schreien wollt, ſchreit immerhin: Tod den Verräthern! Doch was das wirkliche 10 Umbringen derſelben betrifft, ſo bin ich hier, um dies zu verhindern, und ich werde es verhindern.“ Dann ſich gegen ſeine Soldaten umwendend, rief er: „Das Gewehr hoch!“ Die Soldaten von Tilly gehorchten dem Befehl mit einer ruhigen Pünktlichkeit, welche unmittelbar Bürger und Volk zurückweichen machte, und zwar nicht ohne einige Verwirrung, über die der Reiterofficier lächelte. „Gut, gut,“ ſagte er mit jenem ſpöttiſchen Ton, der nur dem Schwerte eigenthümlich iſt.„Beruhigt Euch, Bürger, meine Soldaten werden kein Zündkraut verbrennen, doch Ihr Eurerſeits werdet auch keinen Schritt gegen das Gefängniß machen.“ „Wißt Ihr, Herr Officier, daß wir Musketen haben?“ rief ganz wüthend der Commandant der Bürger. „Ich ſehe es, bei Gott, wohl, daß Ihr Musketen habt,“ ſprach Tilly;„Ihr laßt ſie mir genug vor den Augen ſpiegeln; doch demerkt Ihr auch, daß wir Pi⸗ ſtolen haben, daß die Piſtole vortrefflich auf fünfzig Schritte trägt, und daß Ihr nur fünfundzwanzig ent⸗ fernt ſeid.“ „Tod den Verräthern!“ ſchrie die Compagnie der Bürger außer ſich. 3 „Bah! Ihr ſagt immer daſſelbe,“ brummte der Officier,„das iſt ermüdend.“ Und er nahm wieder ſeinen Poſten an der Spitze ſeiner Truppe ein, während der Tumult um den Buiten⸗ ch Und das erhitzte Volk wußte doch nicht, daß in „dem Augenblick, wo es das Blut von einem ſeiner Opfer roch, das andere, als hätte es Eile, ſeinem Schickſale entgegen zu gehen, auf hundert Schritte vom Platz hinter den Gruppen vorbeiging, um⸗ ſich nach dem Buitenhof zu begeben. Johann de Witt war in der That mit einem —* * — Bedienten aus dem Wagen geſtiegen und durchſchritt ruhig den Vorhof des Gefängniſſes. Er nannte ſich dem Hausmeiſter, der ihn übrigens kannte, und ſagte zu ihm: „Guten Tag, Grypbus, ich komme, um meinen Bruder Cornelius de Witt, der, wie Du weißt, zur Verbannung verurtheilt iſt, zu holen und aus der Stadt zu führen.“ Und der Hausmeiſter, ein zum Oeffnen und Schließen der Gefängnißthüren abgerichteter Bär, grüßte ihn und ließ ihn in das Gebäude ein, deſſen Thüren ſich wieder hinter ihm ſchloſſen. Zehn Schritte von da begegnet er einem ſchönen Mädchen von ſiebzehn bis achtzehn Jahren in frieſiſcher Tracht, das ihm einen reizenden Knix machte; er ſtrei⸗ chelte dem Mädchen das Kinn und ſagte zu ihm: „Guten Morgen, liebe, gute Roſa, wie geht es meinem Bruder?“ „Ohl Herr Johann,“ antwortete das Mädchen, „nicht das Böſe, das man ihm angethan hat, fürchte ich für ihn: das Böſe, das man ihm angethan, iſt vorüber.“ „Was fürchteſt Du denn, ſchönes Mädchen?“ „Das Böſe, das man ihm anthun will, Herr Johann.“ „Ah! ja,“ ſprach de Witt,„dieſes Volk, nicht wahr?“ „Hört Ihr es?“ Es iſt in der That ſehr aufgeregt; doch wenn es uns ſieht, wird es ſich, da wir ihm immer nur Gutes gethan haben, vielleicht beruhigen.“ Das iſt leider kein Grund,“ murmelte das Mäd⸗ 1 chen, während es ſich entfernte, um einem gebieteriſchen Zeichen zu gehorchen, das ihm ſein Vater machte. „Nein, mein Kind, nein; es iſt wahr, was Du da ſagſt.“ 8 Während er ſodann weiter ſchritt, ſagte er zu ſich ſelbſt: —————— 12 „Da iſt ein kleines Mädchen, das wahrſcheinlich nicht leſen kann, und das folglich nie etwas geleſen, hier aber die Geſchichte der Welt in einem Wort zuſammen⸗ gefaßt hat.“ Und immer gleich ruhig, aber ſchwermüthiger als bei ſeinem Eintritt, ging der Ex⸗Großpenſionär nach dem Zimmer ſeines Bruders. II. 4 Die zwei Brüder. Wie es die ſchöne Roſa in einem ahnungsvollen Zweifel geſagt hatte, thaten die Bürger, während Johann de Witt die zu dem Gefängniß ſeines Bru⸗ ders führende Treppe hinaufſtieg, ihr Möglichſtes, um die Truppe von Tilly, die ſie beengte, zu entfernen. Als das Volk, das die guten Abſichten ſeiner Mi⸗ liz zu ſchätzen wußte, dies ſah, ſchrie es aus vollem Hals: „Es leben die Bürger!“ Tilly aber, der ebenſo klug, als feſt, parlamentirte mit der Bürger⸗Compagnie unter den fertig gemachten Piſtolen ſeiner Schwadron und erklärte ihr, ſo gut er konnte, der von den Generalſtaaten gegebene Befehl ſchärfe ihm ein, mit drei Compagnien den Platz des Gefängniſſes und ſeine Umgebungen zu bewachen. „Warum dieſer Befehl? Warum das Gefängniß bewachen?“ ſchrieen die Orangiſten. „Ahl“ antwortete Herr von Tilly,„Ihr fragt mich da mehr, als ich Euch ſagen kann. Man hat mir ge⸗ ſagt: Bewacht, und ich bewache. Ihr, die Ihr beinahe Militäre ſeid, meine Herren, Ihr müßt wiſſen, daß man über einen Befehl nicht ſtreitet.“ „Ahl man hat Euch dieſen Befehl gegeben, damit die Verräther aus der Stadt weggehen können!“ 13 „Das dürfte wohl ſein, da die Verräther zur Verbannung verurtheilt ſind,“ antwortete Tilly. „Aber wer hat Euch dieſen Befehl gegeben?“ „Die Generalſtaaten, bei Gott!“— „Die Generalſtaaten verrathen.“ „Was das betrifft, ich weiß es nicht.“ „Und Ihr verrathet ſelbſt.“ „Ich „Ja, Ihr.“. „Ah! verſtändigen wir uns, meine Herren Bür⸗ ger; wen ſollte ich verrathen? die Generalſtaaten? Ich kann ſie nicht verrathen, da ich in ihrem Solde bin und ihre Befehle pünktlich vollziehe.“ Und hienach, da der Graf ſo ſehr Recht hatte, daß man ſeine Antwort unmöglich beſtreiten konnte, verdoppelten ſich Schreie und Drohungen; furchtbare Schreie und Drohungen, die der Graf mit aller Ar⸗ tigkeit erwiederte. „Aber, meine Herren Bürger, ich bitte, Bann doch Eure Musketen ab, es könnte eine durch Zufall los⸗ gehen, und wenn der Schuß einen von meinen Leuten träfe, ſo würden wir Euch zweihundert Mann nieder⸗ ſtrecken, was uns ſehr leid thäte, Euch aber noch mehr, inſofern das weder in Euren, noch in meinen Abſich⸗ ten liegt.“ „Thätet Ihr das,“ riefen die Bürger,„ſo würden wir unſererſeits auf Euch feuern.“ „Ja, doch wenn Ihr, auf uns feuernd, uns Alle, vom Erſten bis zum Letzten tödten würdet, ſo wären diejenigen, welche wir getödtet, darum nicht minder todt.“ „Tretet uns alſo den Platz ab, und Ihr werdet als gute Bürger handeln.“ „inmal bin ich kein Bürger,“ entgegnete Tilly, „ich bin Officier, was ein großer Unterſchied iſt; und dann bin ich kein Holländer, ſondern ein Franzoſe, was ein noch viel größerer Unterſchied iſt. Ich kenne nur die Generalſtaaten, die mich bezahlen; bringt mir von . 4 ——,——— 14 ihnen den Befehl, Euch den Platz abzutreten, und ich mache auf der Stelle eine halbe Wendung, in Betracht, daß ich mich hier ungeheuer langweile.“ „Ja, ja!“ ſchrieen hundert Stimmen, die ſich ſo⸗ gleich durch fünfhundert weitere vermehrten.„Gehen wir in's Stadthaus; ſuchen wir die Abgeordneten auf! Vorwärts! vorwärts!“ „Gut,“ murmelte Tilly, während er die Wüthend⸗ ſten wegeilen ſah,„verlangt auf dem Rathhaus eine Schändlichkeit, und Ihr werdet ſehen, ob man ſie Euch bewilligt; geht, meine Freunde, geht.“ Der würdige Officier zählte auf die Ehre der Behörden, welche ihrerſeits auf ſeine Soldatenehre zählten.. „Sagt, Kapitän,“ flüſterte dem Grafen ſein erſter Lieutenant in's Ohr,„die Abgeordneten mögen dieſen Wüthenden verweigern, was ſie von ihnen verlangen, aber ſie mögen uns ein wenig Verſtärkung ſchicken, das wird nichts ſchaden, denke ich.“ Johann de Witt, den wir nach ſeinem Geſpräche mit dem Kerkermeiſter Gryphus und deſſen Tochter Roſa die ſteinerne Treppe hinaufſteigend verlaſſen ha⸗ ben, war indeſſen zu der Stube gelangt, wo auf einer Matratze ſein Bruder Cornelius lag, bei dem, wie wir erwähnt, der Fiscal die vorläufige Folter hatte anwenden laſſen.* Es war das Verbannungsurtheil erfolgt, und die⸗ ſes hatte die Anwendung der außerordentlichen Folter unnöthig gemacht. Cornelius, der nichts von einem Verbrechen ge⸗ ſtanden, das er nicht begangen hatte, athmete endlich auf ſeinem Bette ausgeſtreckt, obgleich Fauſtgelenke und Finger gebrochen waren, als er nach einem dreitägigen Leiden erfuhr, die Richter, von denen er den Tod er⸗ wartet, haben ihn gnädig nur zur Verbannung ver⸗ urtheilt.. Von energiſchem Körper und unbeſiegbarer Seele⸗ würde er ſeine Feinde ſehr enttäuſcht baben, hätten dieſe können in den finſtern Tiefen des Buitenhofes auf ſeinem bleichen Antlitz das Lächeln des Märtyrers glänzen ſehen, der den Koth der Erde vergißt, ſeitdem er die Herrlichkeiten des Himmels erſchaut hat. Cornelius hatte mehr durch die Macht ſeines Wil⸗ lens, als durch irgend eine Hülfe ſeine Kräfte wieder erlangt, und er berechnete, wie lange ihn die Gerichts⸗ formalitäten noch im Gefängniß zurückhalten würden. Gerade in dieſem Augenblick erhob ſich das Ge⸗ ſchrei der Bürgermiliz, vermiſcht mit dem des Volks, gegen die zwei Brüber und bedrohte den Kapitän Tilly, der ihnen als Wall diente. Dieſer Lärm, der ſich wie eine ſteigende Fluth am Fuß der Gefängnißmauern brach, gelangte zu dem Gefangenen. Aber ſo bedroh⸗ lich der Lärm auch war, Cornelius unterließ es, ſich darüber zu erkundigen, oder er nahm ſich nicht die Mühe, aufzuſtehen, um durch das ſchmale, vergitterte Fenſter zu ſchauen, welches das Licht und das Gemur⸗ mel von außen zuließ. Er war dergeſtalt in der Fortdauer ſeines Leidens erſtarrt, daß dieſes Leiden beinahe zur Gewohnheit ge⸗ worden. Er fühlte endlich mit ſolcher Wonne ſeine Seele und ſeine Vernunft ſo nahe daran, ſich von den körperlichen Banden zu befreien, daß es ihm ſchon vor⸗ kam, als ſchwebten dieſe Seele und dieſe Vernunft der Materie entſchlüpft über ihr, wie über einem bei⸗ nahe erloſchenen Herd die Flamme ſchwebt, die ihn verläßt, um zum Himmel außzuſteigen. Er dachte auch an ſeinen Bruder. Dohne Zweifel machte ſich ſeine Annäherung durch die unbekannten Myſterien, die der Magnetismus ſeit⸗ dem entdeckt hat, fühlbar. In dem Augenblick, wo Johann dem Geiſte von Cornelius ſo gegenwärtig war, daß dieſer beinahe ſeinen Namen murmelte, öffnete ſich die Thüre. Johann trat ein und ging haſtigen Schrittes auf das Bett des Gefangenen zu, der ſeine gequetſch⸗ — 16 ten Arme und ſeine mit Leinwand umwickelten Hände gegen den ruhmwürdigen Bruder ausſtreckte, den er zu übertreffen vermocht hatte,— nicht an den dem Vater⸗ land geleiſteten Dienſten, die Holländer gegen ihn hegten. ſondern an dem Haß, den Johann küßte zärtlich ſeinen Bruder auf die Stirne und legte ſachte ſeine kranken Hände auf die Matratze nieder. „Cornelius, mein armer Bruder,“ ſagte er,„nicht wahr, Du leideſt ſehr?“ „ch leide nicht mehr, mein Bruder, da ich Dich ſehe.“, „Oh! mein armer, theurer Cornelius, dann an Statt Deiner leide ich, daß ich Dich ſo ſehe, das glaube mir.“ „Ich habe auch mehr an Dich, als an mich ge⸗ dacht, und während ſie mich folterten, fiel es mir nur einmal ein, zu klagen, und ich ſagte: Armer Bruder! Aber nun Du da biſt, wollen wir Alles vergeſſen. Mict waßr. Du kommſt, um mich zu holen?“ „Ja. „Ich bin geheilt; hilf mir aufſtehen, mein Bruder, und Du wirſt ſehen, wie gut ich gehe.“ „Du wirſt nicht lange zu gehen haben, mein Freund, denn ich habe meinen Wagen beim Fiſchhälter, hinter den Piſtolenſchützen von Tillv.“ „Die Piſtolenſchützen von Tilly? Warum find ſie beim Fiſchhälter?“. „Ah!“ erwiederte der Großpenſionär mit dem ihm eigenthümlichen traurigen Lächeln,„man vermuthet, die Leute vom Haag werden Dich weggehen ſehen wollen, und befürchtet ein wenig Tumult.“. „Tumult?“ verſetzte Cornelius, den Blick auf ſei⸗ nen verlegenen Bruder heftend;„Tumult?“ „Ja, Cornelius.“ „So iſt es das, was ich ſo eben hörte,“ ſagte der —— 17 Gefangene, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. Dann wandte er ſich wieder an ſeinen Bruder: 4 „Nicht wahr, es ſind Leute auf dem Buitenhof?“ „ Ja, mein Bruder.“ „Doch, um hieher zu kommen..“ 7„Nun?“ „Wie hat man Dich durchgelaſſen?“ .„Du weißt wohl, daß wir nicht ſehr geliebt ſind, Cornelius,“ erwiederte der Großpenſionär mit ſchwer⸗ müthiger Bitterkeit.„Ich bin durch abgelegene Gaſſen gefahren.“ „Du haſt Dich verborgen, Johann?“ „Ich wollte ohne Zeitverluſt zu Dir gelangen, und that, was man in der Politik und auf der See thut: ich lavirte.“ In dieſem Augenblick ſtieg der Lärm noch wüthen⸗ der vom Platz zum Gefängniß auf. Tilly hielt einen Dialog mit der Bürgermiliz. „Oh!“ ſagte Cornelius,„Du biſt ein großer 8 thotſ⸗ Johann; aber ich weiß nicht, ob Du Deinen 4 ruder bei dieſer hohlen See und den Brandun⸗ gen des Volks ſo glücklich aus dem Buitenhof weg⸗ dringen wirſt, als Du die Flotte von Tromy, unter den Untiefen der Schelde, nach Antwerpen geführt haſt.“ „Mit der Hülfe Gottes werden wir es wenigſtens perſuchen,, Frdoiederit Johann;„doch zuvor ein Wort.“ 22 pri 4 Das Geſchrei erhob ſich abermals. „Ho!l ho!“ rief Cornelius,„wie zornig ſind dieſe Leute! Iſt es gegen Dich? iſt es gegen mich?“ 5„Ich glaube gegen uns Beide, Cornelius. Ich woollte Dir ſagen, mein Bruder, daß uns die Orangi⸗ ſteen unter ihren albernen Verleumdungen vorwerfen, daß wir mit Frankreich unterhandelt haben.“ „Die Dummköpfe!“ „Ja, doch ſie werfen uns das vor.“ 8 4„Wenn aber dieſe Unterhandlungen gelungen wä⸗ . 4 Die ſchwarze Tulpe. 2 1 18 ren, ſo hätten ſie ihnen die Niederlagen bei Rees, Orſay, Veſel und Rheinberg erſpart; ſie hätten den Uebergang über den Rhein von ihnen abgewehrt, und Holland könnte ſich noch für unbeſiegbar inmitten ſeiner Sümpfe und Canäle halten.“ 4 „Dies Alles iſt wahr, mein Bruder, aber noch entſchieden wahrer iſt, daß ich, wenn man in dieſem Augenblick unſere Correſpondenz mit Herrn von Lou⸗ vois fände, ein ſo guter Lootſe ich auch bin, das ſo ſchwache Fahrzeug, welches die de Witt und ihr Ver⸗ mögen aus Holland bringen ſoll, nicht retten würde. Dieſe Correſpondenz, welche redlichen Leuten bewieſe, wie ſehr ich mein Vaterland liebe und welche perſön⸗ lichen Opfer für ſeine Freiheit, für ſeinen Ruhm zu bringen ich mich angeboten habe, dieſe Correſpondenz würde uns bei den Orangiſten, unſern Siegern, zum Verderben gereichen. Ich will auch gern glauben, lie⸗ ber Cornelius, daß Du ſie verbrannt haſt, ehe Du Dortrecht verlaſſen, um zu mir nach dem Haag zu kommen.“ 8 „Mein Bruder,“ antwortete Cornelius,„Deine Correſpondenz mit Herrn von Louvois beweiſt, daß Du in der letzten Zeit der größte, der edelſte und der gewandteſte Bürger der ſieben Vereinigten Provinzen geweſen biſt. Ich liebe den Ruhm meines Vaterlands, ich liebe beſonders Deinen Ruhm, mein Bruder, und ich habe mich wohl gehütet, dieſe Correſpondenz zu verbrennen.“ „Dann ſind wir für dieſes irdiſche Leben verlo⸗ ren,“ ſprach ruhig der Ex⸗Großpenſionär, während er an's Fenſter trat. „Nein, im Gegentheil, Johann, und wir werden zugleich die Rettung des Leibes und die Wiederaufer⸗ 5 ſtehung der Volksthümlichkeit haben.“ „Was haſt Du denn mit dieſen Briefen gemacht?“ „Ich habe ſie Cornelius van Baerle, meinem 1 Pathen in Dortrecht, den Du kennſt, anvertraut.“ „ 19 es,„Ohl der arme Junge, das liebe, naive Kind! een dieſer Gelehrte, der, ſeltſamer Weiſe, ſo viele Dinge nd weiß und nur an die Blumen denkt, welche Gott be⸗ eer grüßen, und an Gott, der die Blumen wachſen macht! 4 Du haſt ihm dieſes Tod bringende Gut übergeben! er iſt verloren, mein Bruder, dieſer arme Cornelius!“ „Verloren?“ „Ja, er wird ſtark ſein, oder er wird ſchwach ſein. Iſt er ſtark(denn, ſo fremd er dem iſt, was uns widerfährt, denn, obgleich in Dortrecht begraben, obgleich zerſtreut, was Wunder! er wird früher oder ſpäter erfahren, was uns begegnet), ſo wird er ſich mit uns rühmen; iſt er ſchwach, ſo wird er bange haben vor der vertrauten Bekanntſchaft mit uns; iſt er ſtark, ſo wird er das Geheimniß ausſchreien; iſt er ſchwach, ſo wird er es erhaſchen laſſen. In einem und dem andern Fall iſt alſo Cornelius verloren, und wir ſind, es auch. Fliehen wir daher ſchleunigſt, mmein Bruder, wenn es noch Zeit iſt.“ Cornelius erhob ſich auf ſeinem Bett, nahm die Hand ſeines Bruders, der bei der Berührung der Leinwand ſchauerte, und ſprach: „Kenne ich meinen Pathen nicht? Habe ich nicht jeden Gedanken im Kopfe von van Baerle, jedes Ge⸗ fühl in ſeiner Seele leſen gelernt? Du fragſt mich, ob er ſchwach, Du fragſt mich, ob er ſtark ſei? Er 1 iſt weder das Eine, noch das Andere. Doch was liegt daran! Die Hauptſache iſt, daß er das Geheimniß be⸗ . wahren wird, in Betracht, daß er es nicht einmal kennt.“ 4 Johann wandte ſich erſtaunt um. „SOh!“ fuhr Jener fort,„Cornelius de Witt iſt ein politiſcher Zögling aus der Schule von Johann; 5 ich wiederhole Dir, mein Bruder, van Baerle kennt die Natur und den Werth des Gutes, das ich ihm anvertraut habe, nicht.“ 1„ Geſchwinde alſo,“ rief Johann, dah noch Zeit — —:—— 20 . iſt, laſſen wir ihm den Befehl, die Papiere zu ver⸗ brennen, zukommen.“ „Durch wen könnte man ihm dieſen Befehl zukom⸗ men laſſen?“ „Durch meinen Diener Craeke, der uns zu Pferde begleiten ſollte und mit mir in das Gefängniß gekom⸗ men iſt, um Dir die Treppe hinabſteigen zu helfen.“ „Bedenke, ehe Du dieſe glorreichen Titel verbrennſt.“ „Ich bedenke vor Allem, mein wackerer Cornelius, daß die Brüder de Witt ihr Leben retten müſſen, um ihren Ruf zu retten. Sind wir todt, wer wird uns vertheidigen, Cornelius? Wer wird uns nur be⸗ griffen haben?“ „Du glaubſt alſo, ſie würden uns tödten, wenn ſie dieſe Papiere fänden?“ Ohne zu antworten, ſtreckte Johann ſeine Hand nach dem Buitenhof aus, von wo wildes Geſchrei in dieſem Augenblick gleichſam ſtoßweiſe empordrang. „Ja, ja,“ ſprach Cornelius,„ich höre wohl dieſes Geſchrei, doch was ſagt es?“. Johann öffnete das Fenſter. „Tod den Verräthern!“ brüllte der Pöbel. „Hörſt Du nun, Cornelius?“ 3. „Und die Verräther, das ſind wir!“ ſagte der Gefangene, die Augen zum Himmel aufſchlagend und die Achſeln zuckend. „Das ſind wir,“ wiederholte Johann de Witt. „Wo iſt Craeke?“ „Ich denke, vor der Thüre Deiner Stube.“ „So laß ihn eintreten.“ Johann öffnete, der treue Diener wartete in der That auf der Schwelle. „Komm, Craeke, und behalte wohl, was Dir mein Bruder ſagen wird.“ „Oh! nein, es genügt nicht, zu ſagen, Johann, ich muß leider ſchreiben.“ „Und warum dies?“ 21 * „Weil van Baerle das Anvertraute nicht herausgeben oder nicht verbrennen wird ohne einen genauen Befehl.“ „Aber kannſt Du ſchreiben, mein theurer Freund?“ fragte Johann beim Anblick der ganz verbrannten und ganz gequetſchten armen Hände. „Oh! wenn ich eine Feder und Tinte hätte, ſo würdeſt Du ſehen!“ erwiederte Cornelius. „Hier iſt wenigſtens ein Bleiſtift.“ „Haſt Du Papier? denn man hat mir nichts hier gelaſſen.“ 3 „Dieſe Bibel; reiße das erſte Blatt heraus.“ Gut „. „Doch Deine Schrift wird unleſerlich ſein.“ „Sei unbeſorgt!“ ſagte Cornelius, ſeinen Bruder anſchauend.„Dieſe Finger, welche den Schwämmen des Henkers widerſtanden haben, dieſer Wille, der den Schmerz gebändigt hat, werden ſich zu einer ge⸗ meinſchaftlichen Anſtrengung verbinden, mein Bruder, und die Zeile wird ohne ein Zittern geſchrieben ſeyn.“ * Und Cornelius nahm in der That den Bleiſtift und ſchrieb. Da konnte man unter der weißen Leinwand die Blutstropfen durchſcheinen ſehen, die der Druck der Fin⸗ ger auf den Bleiſtift aus dem offenen Fleiſch auspreßte. Der Schweiß rieſelte von den Schläfen des Groß⸗ penſionärs. Cornelius ſchrieb: „Lieber Patbe, „Verbrenne das Dir Anvertraute, verbrenne es, ohne es anzuſchauen, ohne es zu öffnen, damit es ſelbſt Dir unbekannt bleibt. Die Geheimniſſe von der Art deſſen, welches daſſelbe enthält, bringen dem Verwah⸗ rer den Tod. Verbrenne, und Du wirſt Johann und Cornelius gerettet haben. „Gott befohlen, und liebe mich. „20. Auguſt 1672. 3 „Cornelius de Witt.“ 22 Thränen in den Augen, wiſchte Johann einen Tropfen von dem edlen Blut ab, welches das Blatt befleckt hatte, übergab es Craeke mit einer letzten Empfehlung und kehrte zu Cornelius zurück; das Leiden hatte dieſen abermals erbleichen gemacht und er ſchien einer Ohn⸗ macht nahe. „Nun,“ ſagte er,„wenn der brave Craeke ſeinen alten Hochbootsmannspfiff hat hören laſſen, wird er außerhalb der Gruppen, jenſeits des Fiſchhälters ſein. Dann wollen wir auch gehen.“ Es waren noch nicht fünf Minuten vergangen, als ein langer, kräftiger ſeemänniſcher Pſiff die Dome des ſchwarzen Blätterwerks der Ulmen durchdrang und das Geſchrei auf dem Buitenhof übertönte. Zobhann ſtreckte die Arme zum Himmel empor, um ihm zu danken. „Und nun laß uns gehen, Cornelius,“ ſagte er. I. Der Zögling von Johann de Witt. Während das immer furchtbarer zu den zwei Brü⸗ dern aufſteigende Gebrülle der auf dem Buitenhof ver⸗ ſammelten Menge Johann de Witt beſtimmte, den Abgang ſeines Bruders Cornelius zu beſchleunigen, begab ſich, wie geſagt, eine Deputation von Bürgern nach dem Stadthauſe, um die Vertreibung des Reiter⸗ corps von Tilly zu verlangen. Es war nicht weit vom Buitenhof bis zum Hoog⸗ ſtraet; man ſah auch einen Fremden, der ſeit dem Augenblick, wo dieſe Scene begonnen hatte, die ein⸗ zelnen Umſtände derſelben neugierig verfolgte, ſich mit den Anderen, oder vielmehr hinter den Anderen nach dem 1—— 8⁸ —— 23 Stadthauſe wenden, um hier früher die Kunde von dem, was geſchehen ſollte, zu vernehmen. Dieſer Fremde war ein ſehr junger Mann von kaum zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, ohne ſcheinbare Stärke. Er verbarg, denn ohne Zweifel hatte er Gründe, nicht erkannt zu werden, ſein bleiches, langes Geſicht unter einem feinen Schnupftuch von frieſiſcher Leinwand, mit welchem er unabläſſig ſeine vom Schweiß befeuchtete Stirne oder ſeine brennenden Lippen abwiſchte. Das Auge ſtarr wie das eines Raubvogels, die Naſe adlerartig und lang, der Mund fein und gerade, offen oder vielmehr geſchlitzt wie die Lefzen einer Wunde, hätte dieſer Menſch Lavater, würde Lavater damals gelebt haben, einen Gegenſtand phyſiologiſcher Studien geboten, die Anfangs nicht zu ſeinem Vortheil ausgefallen wären. Welchen Unterſchied, ſagten die Alten, wird man zwiſchen dem Geſichte des Eroberers und dem des Seeräubers finden? Den, welchen man zwiſchen dem Adler und dem Geier findet. Die leichenbleiche Phyſiognomie, der ſchwächliche, dürftige Körperbau, der unruhige Gang des jungen Mannes, der ſich vom Buitenhof nach dem Hoogſtraet hinter dem brüllenden Volk begab, waren auch der Typus eines argwöhniſchen Herrn oder eines furchtſa⸗ men Diebs, und ein Polizeimann hätte ſich ſicherlich für Letzteres entſchieden, der Sorgfalt wegen, mit der ſich derjenige, mit welchem wir uns in dieſem Augen⸗ blick beſchäftigen, zu verbergen ſuchte. 3 Er war übrigens einfach gekleidet und trug, wie es ſchien, keine Waffen bei ſich; ſein magerer, aber nerviger Arm, mit der dürren, aber weißen, feinen, ariſtokra⸗ tiſchen Hand ſtützte ſich nicht auf den Arm, ſondern auf die Schulter eines Officiers, der, die Fauſt am Degen, bis zu dem Augenblick, wo ſein Gefährte ſich auf den Weg begeben und ihn mit ſich fortgezogen, 24 alle Scenen des Buitenhofes mit einem leicht begreif⸗ lichen Intereſſe angeſchaut hatte. Officier. „Was für ein Menſch iſt dieſer Abgeordnete Bo⸗ welt? Kennt Ihr ihn?“. „Ein braver Mann, wenigſtens wie ich glaube, gnädigſter Herr.“ Als der junge Mann dieſe Würdigung des Cha⸗ rakters durch den Officier hörte, entſchlüpfte ihm eine „Man ſagt es wenigſtens, gnädigſter Herr... ich, was mich betrifft, kann es nicht behaupten, da ich Herrn Bowelt nicht perſönlich kenne.“ 4 „Braver Mann,“ wiederholte derjenige, den man gnädigſter Herr genannt hatte;„wollt Ihr damit ſa⸗ gen ein Braver, oder braver Menſch?“ „Ah! der gnädigſte Herr wird mich entſchuldigen, ich vermöchte dieſe Unterſcheidung einem Manne gegen⸗ über, den ich, ich wiederhole es Seiner Hoheit, nur dem Geſichte nach kenne, nicht zu begründen.“ „Im Ganzen warten wir und wir werden wohl ſehen,“ murmelte der junge Mann. 25 Der Officier nickte beipflichtend mit dem Kopf und ſchwieg. „Wenn dieſer Bowelt ein Braver iſt,“ fuhr die Hoheit fort,„ſo wird er das Geſuch, das dieſe Wü⸗ thenden an ihn ſtellen, ſonderbar aufnehmen.“ Und die nervöſe Bewegung ſeiner Hand, welche unwillkürlich auf der Schulter ſeines Gefährten hin und herfuhr, wie die Finger eines Inſtrumentiſten auf den Taſten eines Klaviers, verrieth ſeine in gewiſſen Augenblicken, und in dieſem Augenblick beſonders un⸗ ter der eiſigen, düſteren Miene des Geſichts ſo ſchlecht verborgene glühende Ungeduld. Man hoͤrte nun den Führer der Bürgerdeputation den Abgeordneten anrufen und ihn fragen, wo ſich die anderen Abgeordneten, ſeine Collegen, befänden. „Meine Herren,“ wiederholte zum zweiten Mal Herr Bowelt,„ich ſage Euch, daß ich in dieſem Augenblicke mit Herrn van Asperen allein bin, und ich kann für mich allein keinen Beſchluß faſſen.“ „Den Befehl! den Befehl!“ ſchrieen mehrere Tau⸗ ſende von Stimmen. Herr Bowelt wollte ſprechen; doch man hörte ſeine Worte nicht, und man ſah ihn nur mit vielfachen verzweifelten Gederden die Arme ſchütteln. Als er aber wahrnahm, daß er ſich nicht hörbar machen konnte, wandte er ſich nach dem offenen Fenſter um und rief Herrn van Asperen. Herr van Asperen erſchien ebenfalls auf dem Bal⸗ kon, wo er mit Schreien begrüßt wurde, die noch viel energiſcher, als diejenigen, mit welchen man zehn Mi⸗ nuten vorher Herrn Bowelt empfangen hatte. Nichtsdeſtoweniger unternahm er die ſchwierige Aufgabe, die Menge anzureden; doch die Menge wollte lieber die Wache der Generalſtaaten, welche übrigens dem ſouveränen Volk keinen Widerſtand entgegenſetzte, durchbrechen, als die Rede von Herrn van Asperen hören. „Vorwärts,“ ſagte kalt der junge Mann, während 26 das Volk durch das Hauptthor des Hoogſtraet eindrang, ges ſcheint, die Berathung wird im Innern ſtatt haben, Oberſt. Hören wir die Berathung mit an.“ „Oh! gnädigſter Herr, nehmt Euch in Acht.“ „Wovor?“ „Unter dieſen Abgeordneten befinden ſich Viele, welche mit Euch in Verbindung geſtanden ſind, und es genügt, daß ein Einziger Euch erkennt...“ „Ja, daß man mich beſchuldigt, ich ſei der An⸗ ſtifter von dem Allem... Du haſt Recht,“ ſagte der junge Mann, deſſen Wangen ſich einen Augenblick von der Reue darüber rötheten, daß er ſo viel Haß in ſei⸗ nen Wünſchen gezeigt hatte;„ja, Du haſt Recht, bleiben wir hier. Von hier aus werden wir ſie mit oder ohne die Vollmacht zurückkommen ſehen, und wir werden auf dieſe Art beurtheilen, ob Herr Bowelt ein braver Menſch oder ein Braver iſt, was ich durchaus wiſſen möchte.“ „Aber,“ verſetzte der Officier, indem er mit Er⸗ ſtaunen denjenigen anſchaute, welchem er den Titel gnädigſter Herr gab,„aber Eure Hoheit vermuthet doch wohl nicht einen Augenblick, die Abgeordneten werden den Reitern von Tilly den Befehl geben, ſich zu entfernen?“ „Warum nicht?“ fragte kalt der junge Mann. „Weil es, wenn ſie dies beföhlen, einfach das Todes⸗ urrtheil der Herren Cornelius und Johann de Witt unterzeichnen hieße.“ „Wir werden ſehen,“ erwiederte kalt die Hoheit; Sceoth allein kann wiſſen, was im Herzen der Menſchen vorgeht. 3 4 Der Officier ſchaute verſtohlen nach dem unempfind⸗ lichen Geſichte ſeines Gefährten und erbleichte. Dieſer Officier war zugleich ein braver Mann und ein Braver. Von der Stelle, wo ſie geblieben, hörten die Hoheit und ihr Begleiter das Lärmen und Stampfen des Volkes auf den Treppen des Stadthauſes. —,— —,— . 27 Hernach hörte man, wie dieſer Lärmen nach dem Platze durch die offenen Fenſter des Saales heraus⸗ drang, auf deſſen Balcon die Herren Bowelt und van Asperen ſich gezeigt hatten, welche in das Innere zurück⸗ gekehrt waren, ohne Zweifel aus Furcht, das Volk könnte ſie über das Geländer ſpringen machen. Dann ſah man bewegliche, ſtürmiſche Schatten an den Fenſtern vorüberkommen. Der Saal der Berathungen füllte ſich. Plötzlich wurde der Lärm unterbrochen; doch aber⸗ mals plötzlich verdoppelte er ſeine Stärke und erreichte einen ſolchen Grad des Ausbruchs, daß das alte Ge⸗ bäude bis zum Firſt zitterte. Endlich wälzte ſich der Strom wieder durch die Gallerieen und über die Treppen bis zum Thore, unter deſſen Gewölben man ihn wie eine Waſſerhoſe hervor⸗ kommen ſah. Ann der Spitze der erſten Gruppe flog viel mehr, als er lief, ein durch die Freude häßlich entſtellter Menſch. Das war der Wundarzt Tyckelager. 1 „Wir haben ihn! wir haben ihn!“ ſchrie er, in der Luft ein Papier ſchüttelnd.— f„Sir haben den Befehl,“ murmelte der Officier erſtaunt. „Gut, nun bin ich meiner Sache ſicher,“ ſprach ruhig die Hoheit.„Mein lieber Oberſt, Ihr wußtet nicht, ob Herr Bowelt ein braver Menſch oder ein Braver iſt. Er iſt weder das Eine, noch das Andere.“ Hienach verfolgte er mit den Augen, ohne eine Miene zu verziehen, dieſe ganze Menge, welche ſich vor ihm herwälzte. 3 „Nun kommt, nach dem Buitenhof, Oberſt,“ ſagte tr„ich glaube, wir werden ein ſeltſames Schauſpiel ehen.“ 3 Der Oberſt verbeugte ſich und folgte ſeinem Herrn, ohne zu antworten. 28 Die Menge war ungeheuer auf dem Platz und bei den Zugängen des Gefängniſſes. Doch die Reiter von Tilly hielten ſie immer noch mit demſelben Glück und beſonders mit derſelben Feſtigkeit zurück. Bald hörte der Graf das zunehmende Geräuſch, das, ſich nähernd, dieſer Menſchenſtrom machte, von dem er kurz darauf die erſten, mit der Schnelligkeit eines Waffenſturzes herbeirollenden Wogen erblickte. Zu gleicher Zeit gewahrte er das in der Luft flatternde Papier über krampfhaft geballten Händen und funkelnden Waffen. „Ei!“ ſagte er, indem er ſich auf ſeinen Steigbügeln erhob und mit ſeinem Degenknopf ſeinen erſten Lieute⸗ Vunt werührte,„ich glaube, die Elenden haben ihren e e 8 „Feige Schufte!“ rief der Lieutenant. Es war in der That der Befehl, den die Bürger⸗ Compagnie mit freudigem Gebrülle empfing. 4 Sie ſetzte ſich ſogleich in Bewegung und marſchirte mit geſenktem Gewehr und unter gewaltigem Geſchrei den Reitern des Grafen von Tilly entgegen. Doch der Graf war nicht der Mann, der ſich übermäßig nahe kommen ließ.. „Halt!“ rief er,„Halt! und man laſſe die Bruſt meiner Pferde frei, oder ich befehle: Vorwärts.“ „Hier iſt der Befehl!“ antworteten hundert freche timmen. Er nahm ihn mit Erſtaunen, warf einen Blick darauf und ſprach dann laut: „Diejenigen, welche dieſen Befehl unterzeichnet. haben, ſind die wahren Henker von Herrn Cornelius de Witt. Ich für meine Perſon möchte nicht für meine zwei Hände einen Buchſtaben an dieſem ſchänd⸗ lichen Befehl geſchrieben haben.“ 3 Und er ſtieß mit dem Knopf ſeines Degens den Menſchen zurück, der den Befehl wieder von ihm nehmen wollte, und ſagte: 1 2 1 4* ̈ ☛ —.— 4* 29 „Einen Augenblick Geduld, eine Schrift wie dieſe iſt von Wichtigkeit und wird aufbewahrt.“ Er legte das Papier zuſammen und ſteckte es ſorg⸗ fältig in die Taſche ſeines Rockes. Dann wandte er ſich gegen ſeine Truppe um und rief: „Reiter von Tilly, rechts abgeſchwenkt!“ Ünd mit halber Stimme, jedoch ſo, daß ſeine Worte für Niemand verloren gingen, fügte er bei: „ Und nun, Ihr Schinder, thut Euer Werk.“ Ein wüthender Schrei, beſtehend aus allen gierigen Gehäſſigkeiten und allen wilden Freuden, die auf dem Buitenhof tobten, wurde dieſem Abgang zu Theil. Die Reiter defilirten langſam. Der Graf blieb zurück und bot bis zum letzten Augenblick die Stirne dem trunkenen Pöbel, der in demſelben Maße Terrain gewann, in welchem das Pferd des Kapitäns verlor.......... Johann de Witt hatte ſich, wie man ſieht, die Gefahr nicht übertrieben, als er ſeinem Bruder auf⸗ ſtehen half und ihn zum Abgang drängte. Cornelius ſtieg, geſtützt auf den Arm des Ex⸗ Großpenſionärs die Treppe hinab, welche nach dem Hof führte. Unten an der Treppe fand er die ſchöne Roſa ganz zitternd. „Ohl Herr Johann,“ ſagte ſie,„welch ein Unglück!“ „Was gibt es denn, mein Kind?“ fragte de Witt. „Man ſagt, ſie ſeien nach dem Hoogſtraet gegan⸗ gen, um den Befehl zu holen, der die Reiter des Gra⸗ fen von Tilly entfernen ſoll.“ „Hoho!“ rief Johann,„in der That, meine Tochter, wenn die Reiter gehen, iſt die Lage der Dinge ſchlecht ür uns.“ „Dürfte ich Euch einen Rath geben....“ ſagte das junge Mädchen ganz zitternd. „Gib immerhin, mein Kind. Was wäre dabei 30 Erſtaunliches, daß Gott durch Deinen Mund zu mir ſpräche?“ „Nun! Herr Johann, ich würde nicht durch die große Straße weggehen.“ „Und warum nicht, da die Reiter von Tilly immer noch auf ihrem Poſten ſind?“ „Ja, doch ſo lange er nicht widerrufen wird, lautet ihr Befehl dahin, daß ſie vor dem Gefängniß zu blei⸗ ben haben.“ „Allerdings.“ „„Habt Ihr Jemand, der Euch bis vor die Stadt begleitet?“ „Nein.“ „Wohl denn! ſobald Ihr die Reihen der erſten Reiter überſchritten habt, werdet Ihr in die Hände des. Volkes fallen.“ „Aber die Bürgergarde?“ „Oh! die Bürgergarde, das iſt die wüthendſte.“ „Was iſt dann zu thun?“ „An Eurer Stelle, Herr Johann,“ fuhr ſchüchtern das Mädchen fort,„würde ich durch das Schlupfthör⸗ chen hinausgehen; die Oeffnung führt auf eine ver⸗ ödete Gaſſe, denn alle Welt iſt auf der großen Straße und wartet am Haupteingang, und ich würde dasjenige von den Stadtthoren erreichen, durch welches Ihr Euch entfernen wollt.“ „Aber mein Bruder wird nicht gehen können,“ ſagte Johann. 2 3 „Ich werde es verſuchen,“ antwortete Cornelius mit einem Ausdruck erhabener Feſtigkeit. 8 „Habt Ihr denn nicht Euren Wagen?“ fragte das ädchen. Tho„Der Wagen iſt dort bei der Schwelle des großen ors.“ „Nein,“ entgegnete das Mädchen,„ich dachte, Euer Kutſcher ſei ein ergebener Mann, und hieß ihn Euch bei dem Schlupfthörchen erwarten.“ . —— 31 Die zwei Brüder ſchauten ſich voll Rührung an, und ihr Blick drängte ſich, Roſa den ganzen Ausdruck ihrer Dankbarkeit überbringend, auf dem Mädchen zu⸗ ſammen. „Nun fragt es ſich nur noch,“ ſagte der Großpenſio⸗ när,„ob Gryphus das Thörchen wird öffnen wollen.“ „Oh! nein,“ erwiederte Roſa,„er wird es nicht wollen.“ „Was dann?“ „Ich habe ſeine Weigerung vorhergeſehen und ſo eben, während er aus dem Fenſter mit einem Piſtolen⸗ ſchützen plauderte, den Schlüſſel vom Bund genommen.“ „Und Du haſt ihn, dieſen Schlüſſel?“ 3 „Hier iſt er, Herr Johann.“ „Mein Kind,“ ſprach Cornelius,„ich habe Dir nichts für den Dienſt zu geben, den Du mir leiſteſt, die Bibel ausgenommen, die Du in meiner Stube finden wirſt; das iſt das letzte Geſchenk eines ehrlichen Mannes; ich hoffe, es wird Dir Glück bringen.“ „Ich danke, Herr Cornelius, die Bibel wird mich nie verlaſſen,“ antwortete das Mädchen. Dann ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt: „Welch ein Unglück, daß ich nicht leſen kann!“ „Das Geſchrei verdoppelt ſich, meine Tochter,“ ſprach Johann,„ich glaube, es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „So kommt,“ ſagte die ſchöne Frieſin: und durch einen innern Gang führte ſie die zwei Brüder nach der entgegengeſetzten Seite des Gefängniſſes. enare geleitet von Roſa, ſtiegen ſie eine Treppe von einem Dutzend Stufen hinab, durchſchritten einen kleinen Hof, deſſen Mauern mit Schießſcharten verſehen waren, und fanden ſich bald, als das Mädchen die ge⸗ wölbte Thüre geöffnet hatte, jenſeits des Gefängniſſes, be dem Wagen, der ihrer mit herabgelaſſenem Fußtritt arrte. 8 32 Ei! geſchwinde, geſchwinde, meine Herren! hört Ihr ſie?“ rief der Kutſcher ganz erſchrocken.. Nachdem aber der Großpenſionär Cornelius zuerſt hatte einſteigen laſſen, wandte er ſich gegen das Mäd⸗ chen um und ſprach: 1 „Gott befohlen, mein Kind; Alles, was wir Dir ſagen könnten, würde Dir nur ſchwach unſere Dank⸗ barkeit ausdrücken. Wir empfehlen Dich Gott, der ſich hoffentlich erinnern wird, daß Du zwei Menſchen das Leben gerettet haſt.“ Roſa nahm die Hand, die ihr der Großpenſionär reichte und küßte ſie ehrfurchtsvoll. „Geht,“ ſagte ſie dann,„geht, denn es iſt, als ſtießen ſie das Thor ein.“ Johann de Witt ſtieg haſtig in den Wagen, nahm neben ſeinem Bruder Platz, ſchloß das Schirmleder und rief:. „Nach dem Tolhek.“ Das Tolhek war ein Gitter, welches das Thor ſchloß, das nach dem kleinen Hafen von Scheveningen führte, wo ein Fahrzeug die beiden Brüder erwartete. Der Wagen führte im Galop von zwei kräftigen flämiſchen Pferden gezogen die Flüchtlinge weg. Noſa folgte ihnen mit den Augen, bis ſie ſich um die Straßenecke gedreht hatten. Dann kehrte ſie zurück, ſchloß die Thüre und warf den Schlüſſel in einen Brunnen. Der Lärmen, der Roſa hatte ahnen laſſen, das Volk ſtoße das Thor ein, rührte in der That von dem Volk her, das, nachdem es Befehl zur Räumung des Platzes vor dem Gefängniß erlangt, gegen dieſes Thor anrannte. So ſolid es war, und obgleich der Kerker⸗ meiſter Gryphus, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſich heftig weigerte, daſſelbe zu öffnen, man fühlte doch, es würde nicht lange wider⸗ ſtehen, und Gryphus fragte ſi.h, ſehr bleich, ob es nicht — —— 4 33 beſſer wäre, das Thor zu öffnen, als es zerbrechen zu lafen. als er wahrnahm, daͤß man ihn ſanft am Rock upfte. 3 3 Er wandte ſich um und ſah Roſa. „Hörſt Du die Wüthenden?“ ſagte er. — 1, höre ſie ſo gut, mein Vater, daß ich an Eurer Stelle...“ „Daß Du öffnen würdeſt, nicht wahr?“ „Nein, ich ließe ſie die Thüre ſprengen.“ „Aber ſie werden mich tödten.“ 5 „Ja, wenn ſie Euch ſehen.“ 4 „Wie ſollen ſie mich nicht ſehen?“ „Verbergt Euch!“ „Wo dies?“ „Im geheimen Kerker.“ „Aber Du, mein Kind?“ „Ich, mein Vater, werde mit Euch hinabſteigen. Wir ſchließen die Thüre hinter uns, und wenn ſie das Gefängniß verlaſſen haben, nun, ſo gehen wir wieder aus unſerem Verſteck hinaus.“. „Du haſt bei Gott Recht,“ rief Gryphus;„es iſt er⸗ ſtaunlich, wie viel Verſtand dieſes Köpfchen enthält,“ fügte er bei.— Dann, als ſich die Thüre zur großen Freude des Pöbels erſchütterte, ſagte Roſa, indem ſie eine kleine Fallthüre öffnete:. „Kommt, kommt, mein Vater.“. „Aber unſere Gefangenen?“ verſetzte Gryphus. „Gott wird über ihnen wachen, mein Bater,“ ſprach das Mädchen;„erlaubt mir, über Euch zu wachen.“ Gryphus folgte ſeiner Tochter, und die Fallthüre fiel wieder auf Beider Kopf, gerade in dem Augenblick, wo das geſprengte Thor den Pöbel einließ. Der Kerker, in den Roſa ihren Vater hatte hinab⸗ ſteigen laſſen und den man den geheimen Kerker nannte, bot den zwei Perſonen, von welchen wir uns einen Augen⸗ blick zu trennen genöthigt ſind, einen ſichern Zufluchts⸗ Die ſchwarze Tulpe. 3 . 4 „ 34 ⸗ 4— X ort, da er nur den B herden bekannt war, die hier zuweilen einen von jenen großen Verbrechern einſchloſſen, für die man Empörungen oder eine Entführung be⸗ fürchtete. Das Volk ſtürzte in das Gefängniß und ſchrie: „Tod den Verräthern! an den Galgen Cornelius de Witt! Tod! Tod!“ . IV. Der Unbekannte. Immer durch ſeinen großen Hut beſchirmt, immer ſich auf den Arm des Officiers ſtützend, immer ſeine Stirne und ſeine Lippen mit ſeinem Schnupftuch ab⸗ wiſchend, betrachtete der junge Mann unbeweglich in einer Ecke des Buitenhofes, im Schatten eines Wind⸗ ladens verborgen, das Schauſpiel, welches ihm dieſe wüthende Menge bot und das ſich ſeiner Entwickelung zu nähern ſchien. 4 „Oh!“ ſagte er zu dem Officier,„ich glaube, Ir hattet Recht, van Deken, der Befehl, den die Herren Abgeordneten unterzeichnet haben, iſt das wahre Todes⸗ urtheil von Herrn Cornelius. Hört Ihr dieſes Volk? Ls iſt offenbar ſehr aufgebracht gegen die Herren de itt!“ „Wahrhaftig,“ ſprach der Officier,„ich habe nie ein ſolches Geſchrei gehört.“ „Es ſcheint, ſie haben das Gefängniß unſeres Mannes gefunden. Ahl ſeht, iſt jenes Fenſter dort nicht das von der Stube, wo Herr Cornelius einge⸗ ſchloſſen war?“ Ein Mann packte in der That mit vollen Händen und ſchüttelte gewaltig das eiſerne Gitter, welches 3 das Fenſter vom Kerker von Cornelius verſchloß, den ddieſer vor kaum zehn Minuten verlaſſen hatte. laſſen 35* „Hurrah! Hurrah!“ rief dieſer Menſch,„er iſt nicht mehr da!“ Or don er iſt nicht mehr da?“ fragten von der Straße aus diejenigen, welche, zuletzt angekommen, nicht mehr hatten hinein können, ſo voll war das Ge⸗ fängniß. Tna „Nein! nein!“ wiederholte der wüthende Menſch, „er iſt nicht mehr da, er muß entflohen ſein.“ „Was ſagt dieſer Menſch?“ fragte erbleichend die oheit. 5„Ohl gnädigſter Herr, er gibt eine Nachricht, die, wäre ſie wahr, ein großes Glück wäre.“ „Ja, allerdings, das wäre eine ſehr glückliche Nach⸗ richt, wenn ſie wahr wäre,“ ſagte der junge Mann; „leider kann ſie es nicht ſein.“ „Aber ſeht doch!“ rief der Officier. Andere wüthende, vor Zorn knirſchende Geſichter zeigten ſich an den Fenſtern und ſchrieen: —„Entflohen! entſprungen! ſie haben ihn fliehen e 74— Und das Volk, das auf der Straße geblieben, wiederholte unter gräßlichen Verwünſchungen: „Geflüchtet! entſprungen! laufe ir ihnen nach! verfolgen wir ſie!“ 3 „Gnädigſter Herr, es ſcheint, Herr Cornelius de Witt iſt wirklich entflohen,“ ſagte der Officier. „Ja, aus dem Gefängniß vielleicht,“ erwiederte der Andere,„doch nicht aus der Stadt; Ihr werdet ſehen, van Deken, der arme Mann hat das Thor geſchloſſen gefunden, das er offen zu finden glaubte.“ „Es iſt alſo Befehl gegeben worden, die Stadt⸗ thore zu ſchließen?“ „Nein, ich glaube nicht, wer ſollte dieſen Befehl gegegen haben?“ uu„Was bringt Euch aber auf eine ſolche Vermu⸗ ung 2 „Es gibt Verhängniſſe, und die Zröten Männer 7 36 find zuweilen als Opfer ſolcher Verhängniſſe gefallen,“ erwiederte mit gleichgültigem Ton die Hoheit. Der Officier fühlte, wie bei dieſen Worten ein Schauer ſeine Adern durchlief, denn er ſah ein, daß auf die eine oder die andere Art der Gefangene ver⸗ loren war. In dieſem Augenblick brach das Gebrülle der Menge wie ein Donner los; denn es war ihr nachgewieſen, daß Cornelius de Witt ſich nicht mehr in dem Ge⸗ fängniß fand.. Cornelius und Johann hatten wirklich, nachdem ſie längs dem Fiſchhälter hingefahren waren, den Weg durch die große Straße, die nach dem Tolhek führt, einge⸗ ſchlagen; ſie hatten dabei dem Kutſcher befohlen, den Gang ſeiner Pferde zu hemmen, damit das Vorüber⸗ fahren ihres Wagens keinen Verdacht erwecke. Doch mitten in der Straße angelangt, als er von fern das Gitter ſah, als er fühlte, daß er das Gefäng⸗ niß und den Tod hinter ſich und das Leben und die Freiheit vor ſich hatte, ließ der Kutſcher jede Vorſicht außer Acht und fuhr im Galopp. Plötzlich hielt er an. 4 „Was gibt es?“ fragte Johann, indem er den Kopf über den Schlag hinausſtreckte. „Ohl meine Herren!“ rief der Kutſcher,„es iſt...“ Der Schrecken erſtickte die Stimme des braven Mannes. 1— „So ſprich doch!“ ſagte der Großpenſionär. „Das Gitter iſt geſchloſſen!“ „Wie? das Gitter iſt geſchloſſen! Es iſt nicht Gewohnheit, das Gitter bei Tag zu ſchließen.“ „Seht ſelbſt.“ Johann de Witt neigte ſich aus dem Wagen und ſah in der That, daß das Gitter geſchloſſen war. „Fahre zu,“ ſprach Johann,„ich habe den Ver⸗ wandlungsbefehl bei mir, und der Thorwart wird öffnen.“ haben 37 Der Wagen fuhr weiter, doch man fühlte, daß der Kutſcher ſeine Pferde nicht mehr mit demſelben Ver⸗ trauen antrieb. Dann war Johann de Witt, als er den Kopf zum Wagen hinausgebeugt hatte, geſehen und von einem Bier⸗ brauer erkannt worden, der, im Verzug gegen ſeine Nachbarn, gerade ſeine Thüre in aller Haſt ſchloß, um ihnen nach dem Buitenhof zu folgen. Er ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und lief den zwei anderen Männern, welche vor ihm liefen, nach. Nach hundert Schritten holte er ſie ein und ſprach mit ihnen; die drei Männer blieben ſtehen und ſchauten nach dem Wagen, der ſich entfernte, jedoch nicht ganz ſicher über diejenigen, welche er enthielt. Der Wagen gelangte mittlerweile zum Tolhek. „Oeffnet!“ rief der Kutſcher. „Oeffnen,“ ſagte der Thorwart, der auf der Schwelle ſeines Hauſes erſchien,„öffnen, und womit?“ „Mit dem Schlüſſel, bei Gott!“ rief der Kutſcher. „Mit dem Schlüſſel, ja, doch müßte man ihn hiezu „Wiel Ihr habt den Thorſchlüſſel nicht?“ fragte der Kutſcher. „Nein!“ „Was habt Ihr damit gemacht?“ „il man hat ihn mir genommen.“ „Wer dies?“ „Einer, dem wahrſcheinlich daran lag, daß Nie⸗ mand aus der Stadt hinaus könnte.“ „Mein Freund,“ ſagte der Großpenſionär, der, Alles gegen Alles wagend, den Kopf aus dem Wagen ſtreckte,„mein Freund, thut es für mich Johann de Witt und für meinen Bruder Cornelius, den ich in die Verbannung führe.“ „Oh! Herr de Witt, ich bin in Verzweiflung!“ rief der Thorwart, während er nach dem Wagen ſtürzte, „aber bei meiner Ehre, der Schlüſſel iſt mir genom⸗ men worden.“ „Wann?“ „Dieſen Morgen.“ „Von wem?“ „Von einem bleichen, magern jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren. „Und warum habt Ihr ihm den Schlüſſel gegeben?“ „Weil er einen unterzeichneten und geſiegelten Be⸗ fehl hatte.“ „Von wem?“ „Von den Herren vom Stadthauſe.“ „Ah!“ ſagte ruhig Cornelius,„es ſcheint, wir ſind entſchieden verloren.“ „Weißt Du, ob dieſelbe Vorſichtsmaßregel überall getroffen worden iſt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Auf,“ ſprach Johann zum Kutſcher,„Gott be⸗ fiehlt dem Menſchen, Alles zu thun, was er kann, um 5 das Leben zu erhalten; eile nach einem andern Thor.“ Dann, während der Kutſcher den Wagen ſich drehen ließ, ſprach Johann zum Thorwart: „Ich danke Dir für Deinen guten Willen, mein Freund; die Abſicht gilt für die That; Du hatteſt die Abſicht, uns zu retten, und in den Augen des Herrn iſt das, als ob es Dir gelungen wäre.“ „Ah!“ ſagte der Thorwart,„ſeht Ihr dort?“ „Fahre im Galopp durch jene Gruppe,“ rief Jo⸗ hann dem Kutſcher zu,„und ſchlage dann die Straße links ein, das iſt unſere einzige Hoffnung.“ Die Gruppe, von der Johann ſprach, hatte als Kern die drei Männer, die wir mit den Augen dem Wagen folgen ſahen; dieſer Kern aber war mittlerweile und während Johann mit dem Thorwart parlamentirte, um ſieben bis acht neue Perſonen vermehrt worden. 39 Dieſe neu angekommenen Menſchen hatten offenbar feindſelige Abſichten in Beziehung auf den Wagen. Ais ſie die Pferde im Galopp auf ſich zukommen ſahen, ſtellten ſie ſich auch quer in die Straße, bewegten ihre mit Stöcken bewaffnete Arme und riefen: „Halt! halt!“ Der Kutſcher beugte ſich zu ihnen herab und bear⸗ beitete ſie mit Peitſchenhieben. Der Wagen und die Menſchen ſtießen endlich zu⸗ ſammen. Die Brüder de Witt konnten nichts ſehen, ſo wie ſie im Wagen eingeſchloſſen waren, aber ſie fühlten, daß die Pferde ſich bäumten, und empfanden bald einen heftigen Stoß. Es trat ein Augenblick des Zögerns und des Zitterns in der ganzen rollenden Maſchine ein, die ſich ſodann wieder in Bewegung ſetzte, über etwas Rundes, Biegſames, was der Leib eines nieder⸗ geworfenen Menſchen zu ſein ſchien, hinfuhr und ſich unter Verwünſchungen entfernte. „Oh!“ ſprach Cornelius,„ich befürchte, wir haben ein Unglück angerichtet.“ „Im Galopp! im Galopp!“ rief Johann. lic Aber trotz dieſes Befehls hielt der Kutſcher plötz⸗ ich an. „Was gibt es?“ fragte Johann. „Sebt Ihr?“ ſagte der Kutſcher. Johann ſchaute. Die ganze Volksmenge vom Buitenhof erſchien am Ende der Straße, der der Wagen folgen ſollte, und rückte brüllend und ſchnell wie ein Orcan herbei. „Halt an und rette Dich,“ ſagte Johann zum Kutſcher;„es iſt unnöthig, weiter zu fahren; wir ſind verloren.“ Da ſind ſie! da ſind ſie!“ riefen gleichzeitig fünf⸗ hundert Stimmen. „Ja, da ſind ſie! die Verräther! die Mörder! die Meuchler!“ antworteten denjenigen, die dem Wagen 40 entgegenkamen, die, welche ihm nachliefen und in ihren Armen den gequetſchten Leib eines Menſchen trugen, der den Pferden hatte in die Zügel fallen wollen und dabei von ihnen niedergeworfen worden war. Ueber ihn waren die beiden Brüder, wie ſie ge⸗ fühlt, weggefahren. 3 Der Kutſcher hielt an, doch wie ſehr auch ſein Herr in ihn drang, er wollte ſich nicht flüchten. In einem Augenblick war der Wagen zwiſchen diejenigen, welche ihm nachliefen, und die, welche ihm entgegenkamen, geſtellt. In einem Augenblick beherrſchte er dieſe ganze, wie eine ſchwimmende Inſel bewegte Menge. Plötzlich blieb die ſchwimmende Inſel ſtille ſtehen. Ein Hufſchmied hatte mit einem Kolbenſchlag eines von den beiden Pferden niedergeſchmettert. In dieſem Augenblick wurde der Laden eines Fen⸗ ſters ein wenig geöffnet, und man konnte das leichenbleiche Geſicht des jungen Mannes und ſeine düſteren Augen ſeben, die ſich auf das Schauſpiel hefteten, das eben ſeinen Anfang nahm. Hinter ihm erſchien der Kopf des Officiers, beinahe ebenſo bleich, als der des jungen annes.— „Ohl! mein Gott! mein Gott! was wird vorgehen, gnädigſter Herr?“ murmelte der Officier. 3 „Sicherlich etwas Furchtbares,“ erwiederte der junge Mann. „Od! ſeht, Hoheit, ſie ziehen den Großpenſionär aus dem Wageu, ſie ſchlagen ihn, ſie zerreißen ihn.“ „Dieſe Leute müſſen in der That von einer ge⸗ waltigen Entrüſtung beſeelt ſein,“ ſprach der junge ann mit demſelben unempfindlichen Ton, den er bis dahin behauptet hatte. „Und nun ziehen ſte Cornelius auch aus dem Wa⸗ gen, Cornelius, der ſchon ganz gebrochen, ganz ver⸗ ſtümmelt durch die Folter. Oh! ſeht doch, ſeht doch.“ „Ja, in der That, es iſt Cornelius.“ —— 41 Der Officier ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und wandte den Kopf ab. Auf der letzten Stufe des Fußtritts, ehe er nur die Erde berührt, hatte nämlich Cornelius einen Schlag mit einer eiſernen Stange erhalten, der ihm den Schä⸗ del zerſchmettert. Er erhob ſich indeſſen wieder, doch nur, um aber⸗ mals niederzufallen. Dann nahmen ihn Menſchen bei den Füßen und zogen ihn in die Menge, unter der man der blutigen Spur, die er hinterließ, folgen konnte, wonach ſich das Volk unter mächtigen Freudenſchreien hinter ihm ſchloß. Der junge Mann wurde noch bleicher, was man für unmöglich gehalten hätte, und ſein Auge verſchleierte ch im Moment.. Deer Officier ſah dieſe Bewegung des Mitleids, die erſte, die ſeinem ſtrengen Gefährten entſchlüpft war; er wollte die Erweichung ſeiner Seele benützen und ſagte: „Kommt, kommt, gnädigſter Herr, denn nun wird man auch den Großpenſionär ermorden.“ Doͤch der junge Mann hatte die Augen ſchon wie⸗ der geöffnet und erwiederte: „ Wahrhaftig! dieſes Volk iſt unverſöhnlich. Es iſt nicht gut, daſſelbe zu verrathen.“ „Gnädigſter Herr!“ ſagte der Officier,„könnte man den armen Mann, der Eure Hoheit erzogen hat, nicht retten?... Wenn es ein Mittel gibt, nennt es, und ſollte ich mein Leben dabei verlieren...“ 5 Wilhelm von Oranien faltete die Stirne auf eine unheimliche Weiſe, löſchte den Blitz finſterer Wuth aus, der unter ſeinem Augenlid glänzte, und erwiederte: „Oberſt van Deken, ich bitte, geht, zu meinen Trupven und laßt ſie für jeden Fall unter das Gewehr reten.“ „„Aber kann ich Eure Hoheit im Angeſicht dieſer Mörder hier allein laſſen?“. „Kümmert Euch nicht mehr um mich, als ich 42 mich über mich bekümmere,“(rwiederte ungeſtüm der Prinz.„Geht.“ Der Officier entfernte ſich mit einer Geſchwindig⸗ keit, welche viel weniger von ſeinem Gehorſam, als von der Freude zeugte, daß er der häßlichen Ermordung des zweiten von den Brüdern nicht beizuwohnen hatte. Er hatte noch nicht die Stubenthüre geſchloſſen, als Johann, welchem es durch eine übermenſchliche Anſtrengung gelungen, die Freitreppe eines Hauſes zu erreichen, das beinahe dem gegenüber lag, wo ſein Zögling verborgen war, unter den Stößen, die man ihm zugleich von zehn Seiten gab, ſchwankte und ausrief: „Mein Bruder, wo iſt mein Bruder?“ Einer von dieſen Wüthenden ſchlug ihm mit der Fauſt ſeinen Hut vom Kopf. Ein Anderer wies ihm das Blut, das ſeine Hände färbte; dieſer hatte Cornelius den Bauch aufgeſchlitzt und lief herbei, um nicht die Gelegenheit zu verlieren, beim Großpenſionär daſſelbe zu thun, während man zum Galgen den Leichnam desjenigen ſchleppte, welcher ſchon todt war. Johann ſtieß einen kläglichen Seufzer aus und hielt eine von ſeinen Händen vor die Augen. „Ah!“ ſagte einer von den Soldaten von der Bürgermiliz,„Du ſchließeſt die Augen, ich will ſie Dir ausſtechen.“. Und er ſtieß ihm wirklich mit ſeiner Pike in's Ge⸗ ſicht, daß das Blut herausſchoß. „Mein Bruder!“ rief de Witt, der, was aus Cornelius geworden, durch die Blutwoge, die ihn blen⸗ dete, zu ſehen ſuchte:„mein Bruder!“ 5 „Folge ihm nach!“ brüllte ein anderer Mörder; und er ſetzte ſeine Muskete an den Schlaf des Unglück⸗ lichen und zog den Drücker an. Doch der Schuß ging nicht los. Da drehte der Mörder ſein Gewehr um, faßte es 4 43 mit beiden Händen beim Lauf und ſchmetterte Johann de Witt mit einem Kolbenſchlag nieder. 3 Füß Johann de Witt ſchwankte und fiel zu ſeinen üßen.„ Doch mit einer äußerſten Anſtrengung erhob er ſich noch einmal und rief:„Mein Bruder!“ mit ſo klägli⸗ chem Ton, daß der junge Mann den Laden an ſich zog. Uebrigens blieb nicht mehr viel zu ſehen, denn ein dritter Mörder hielt ihm die Piſtole vor den Kopf, drückte los und zerſchmetterte ihm die Hirnſchale. Johann de Witt fiel nieder, um ſich nicht mehr zu erheben. Jeder von dieſen Elenden wollte nun, ermuthigt durch den Fall des Unglücklichen, ſein Gewehr auf den Leichnam abfeuern. Jeder wollte ihm einen Kolben⸗ ſchlag, einen Schwertſtreich oder einen Meſſerſtich geben. Hehen wollte ihm einen Blutstropfen aus dem Leibe ziehen. Als ſie Beide völlig zerquetſcht, völlig zerriſſen und entblößt waren, ſchleppte ſie der Pöbel nackt und blutig an einen improviſirten Galgen, wo ſie Henker aus Liebhaberei an den Füßen aufhingen. Dann kamen die Feigſten, die es nicht gewagt hatten, das lebendige Fleiſch zu ſchlagen, ſchnitten in Fetzen das todte Fleiſch und verkauften in der Stadt umher kleine Stückchen von Johann und Cornelius, jedes um ſechs Groſchen.— Wir vermöchten nicht zu ſagen, ob durch die beinahe unmerkliche Oeffnung des Ladens der junge Mann das Ende dieſer gräßlichen Scene ſah; doch in dem Augenblick, wo man die zwei Märtyrer an den Galgen hing, durch⸗ ſchritt er die Menge, die zu ſehr mit der freudigen Arbeit, welche ſie vollbrachte, beſchäftigt war, um ſich um ihn zu bekümmern, und begab ſich zu dem noch im⸗ mer geſchloſſenen Tolhek. „Ahl Herr,“ rief der Thorwart,„bringt Ihr mir den Schlüſſel zurück?“ 44 „ a, mein Freund, hier iſt er,“ antwortete der junge Mann. „Ohl es iſt ein großes Unglück, daß Ihr mir die⸗ ſen Schlüſſel nicht eine halbe Stunde früher gebracht habt,“ ſagte ſeufzend der Thorwart. „Und warum dies?“ fragte der junge Mann. „Weil ich hätte den Herren de Witt öffnen kön⸗ nen, während ſie, da ſie das Thor geſchloſſen fanden, umzukehren genöthigt waren und in die Hände derer, welche ſie verfolgten, fielen.“ „Das Thor auf! das Thor auf!“ rief eine Stimme, welche die eines Eilfertigen zu ſein ſchien. Der Prinz wandte ſich um und erkannte den Ober⸗ ſten van Deken. „Ihr ſeid es, Oberſt?“ ſagte er.„Ihr habt das Haag noch nicht verlaſſen? Das heißt meinen Befehl langſam vollziehen.“ „„Hoheit,“ antwortete der Oberſt,„das iſt das dritte Thor, bei welchem ich erſcheine; ich habe die zwei anderen geſchloſſen gefunden.“ „Nunl dieſer brave Mann wird uns öffnen! Oeffne, mein Freund,“ ſagte der Prinz zum Thorwart, der ganz verblüfft war über den Titel Hoheit, den der Oberſt van Deken dem bleichen jungen Mann gegeben, mit dem er ſo vertraulich geſprochen hatte. Um ſeinen Fehler wieder gut zu machen, beeilte er ſich auch, das Tolhek zu öffnen, das ſich ächzend auf ſeinen Angeln drehte. „Will der gnädigſte Herr mein Pferd?“ fragte der Oberſt Wilhelm. „Ich danke, Oberſt, es muß mich ein Pferd einige Schritte von hier erwarten.“ 3 3 Und er nahm aus ſeiner Taſche ein goldenes Pfeiſchen und entzog dieſem Inſtrument, deſſen man ſich zu jener Zeit bediente, um die Diener zu rufen, einen langen, ſcharfen Ton, worauf ein Stallmeiſter 45 zu Pferde, der ein zweites Pferd an der Hand hielt, herbeieilte.— Wilhelm ſchwang ſich in den Sattel, ohne ſich des Steigbügels zu bedienen, gab ſeinem Roß beide Spo⸗ ren und befand ſich bald auf der Straße nach Leyden. Als er hier war, wandte er ſich um. Der Oberſt folgte ihm auf eine Pferdelänge. Der Prinz hieß ihn durch ein Zeichen an ſeiner Seite reiten. „Wißt Ihr,“ ſagte er, ohne anzuhalten,„wißt Ihr, daß dieſe Burſche auch Herrn Johann de Witt getödtet haben, wie ſie zuvor Cornelius getödtet hatten?“ „Ah! gnädigſter Herr“ erwiederte traurig der Oberſt, „es wäre mir lieber, wenn Ihr dieſe zwei Schwierig⸗ keiten noch zu überwinden hättet, um factiſch Stadhou⸗ der von Holland zu ſein.“ „Es wäre allerdings beſſer geweſen, wenn das, was vorgefallen iſt, ſich nicht ereignet hätte,“ ſagte der junge Mann.„Doch was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ſchehen, und wir ſind nicht Schuld daran. Reiten wir geſchwinde, Oberſt, um nach Alphen vor der Botſchaft zu kommen, die mir die Generalſtaaten ſicherlich in's Lager ſchicken werden.“ 1 Der Oberſt verbeugte ſich, ließ den Prinzen vor⸗ anreiten und nahm in ſeinem Gefolge den Platz wieder ein, den er, ehe ihn Wilhelm angeredet, gehabt hatte. „Ahl“ murmelte zornig Wilhelm von Oranien, indem er ſeine Stirne faltete, ſeine Lippen zuſammen⸗ preßte und ſeinem Pferde die Sporen in den Bauch drückte,„ah! ich möchte wohl das Geſicht ſehen, das Ludwig, die Sonne, machen wird, wenn er erfährt, auf welche Art man ſeine guten Freunde, die Herren de Witt, behandelt hat! Oh! Sonne, ich heiße Wil⸗ helm der Schweigſame; Sonne, gib auf deine Strah⸗ len Acht!“ Und er ritt eiligſt auf ſeinem guten Roß, dieſer junge Fürſt, der erbitterte Nebenbuhler des großen 46 Königs, dieſer am Tage zuvor in ſeiner noch neuen Macht ſo wenig befeſtigte Stadhouder, dem nun die Bürger vom Haag einen Fußtritt aus den Leichnamen von Johann und Cornelius, auch zwei edlen Fürſten vor den Menſchen und vor Gott, gemacht hatten. V. Der Tulpenliebhaber und ſein Nachbar. Während die Bürger vom Haag die Leichname von Johann und Cornelius in Stücke zerriſſen, wäh⸗ rend Wilhelm von Oranien, nachdem er ſich verſichert hatte, daß ſeine zwei Gegner wirklich todt waren, auf der Straße nach Leyden, gefolgt vom Oberſten van Deken, galoppirte, den er ein wenig zu mitleidig fand, um ihm noch länger das Vertrauen zu bewilligen, mit welchem er ihn bis dahin beehrt hatte, eilte Craeke, der getreue Diener, ebenfalls auf einem guten Pferde reitend, und ohne daß er auch nur entfernt die Ereig⸗ niſſe vermuthete, die ſeit ſeinem Aufbruch in Erfüllung gegangen waren, auf der mit Bäumen beſetzten Chauſſee hin, bis er außerhalb der Stadt und der benachbarten Dörfer war. Sobald er die Sicherheit hatte, er würde keinen Verdacht mehr erregen, ließ er ſein Pferd in einem Stall und ſetzte ſeine Reiſe auf Schiffen fort, die ihn durch Relais nach Dortrecht führten, wobei er mit Geſchicklichkeit die kürzeſten Wege in den gekrümmten Armen des Fluſſes wählte, welche unter ihren feuchten Liebkoſungen dieſe mit Weiden, Schilfrohr und blü⸗ henden Gräſern bewachſenen Inſeln umſchließen, auf denen gleichgültig in der Sonne glänzende fette Herden weiden. — —— ,eAA8—õ ͤͤ— 47 Craeke erkannte in der Ferne Dortrecht, die lachende Stadt, unten an dem mit Mühlen beſäten Hügel. Er ſah die ſchönen rothen Häuſer mit den weißen Linien, die im Waſſer ihre Backſteinfüße bade⸗ ten und durch die offenen Balcons auf den Fluß ihre bunten ſeidenen Teppiche mit den goldenen Blumen, Wunder Indiens und Chinas, flattern ließen, und bei dieſen Teppichen die großen Leinen, beſtändige Fallen, um die gefräßigen Aale zu fangen, die zu den Woh⸗ nungen die tägliche Speiſe heranzieht, welche die Kü⸗ chen aus ihren Fenſtern in das Waſſer werfen. Vom Verdeck der Barke erblickte Craeke durch alle dieſe Mühlen mit den drehenden Flügeln unten am Abhang das weiß und roſenfarbige Haus, das Ziel ſeiner Sendung. Der oberſte Theil ſeines Daches verlor ſich im gelblichen Blätterwerk eines Vorhangs von Pappelbäumen, und es hob ſich von dem dunkeln Grunde ab, den ihm eine Gruppe rieſiger Ulmen machte. Die⸗ ſes Haus lag ſo, daß die Sonne, auf daſſelbe wie in einen Trichter fallend, hier ſelbſt die letzten Nebel, welche die grüne Schranke jeden Morgen und jeden Abend dahin zu tragen den Wind des Fluſſes nicht ver⸗ hindern konnte, trocknete, erwärmte und befruchtete. Als Craeke mitten unter dem gewöhnlichen Tu⸗ mult der Stadt aus dem Schiffe geſtiegen war, wandte er ſich ſogleich nach dem Hauſe, von dem wir unſerem Leſer eine unerläßliche Beſchreibung geben wollen. „Weiß, ſauber, glänzend, reinlicher geſcheuert, ſorg⸗ fältiger gewichſt an den verborgenen Orten, als an den in's Auge fallenden, enthielt dieſes Haus einen glücklichen Sterblichen. Dieſer glückliche Sterbliche, rara avis, wie Ju⸗ venal ſagt, war der Doctor van Baerle. Er bewohnte das von uns geſchilderte Haus ſeit ſeiner Kindheit, denn es war das Geburtshaus ſeines Vaters und ſei⸗ nes Großvaters, ehemaliger edler Handelsleute der edlen Stadt Dortrecht. Herr van Baerle, der Vater, hatte im indiſchen Handel drei⸗ bis viermal hunderttauſend Gulden an⸗ gehäuft, welche Herr van Baerle, der Sohn, im Jahr 1668 beim Tode ſeiner guten, lieben Eltern ganz neu fand, obgleich dieſe Gulden, die einen mit der Jahres⸗ zahl 1640, die anderen mit der 1610 geſchlagen waren; was bewies, daß ſich dabei Gulden vom Vater van Baerle und Gulden vom Großvater van Baerle be⸗ fanden; dieſe viermal hunderttauſend Gulden waren nur die Börſe, das Taſchengeld von Cornelius van Baerle, dem Helden unſerer Geſchichte, denn ſeine Güter in der Provinz gewährten ihm ein Einkommen von ungefähr zehntauſend Gulden. Als der würdige Bürger, Vater von Cornelius, von dieſem Leben in jenes drei Monate nach der Lei⸗ chenfeier ſeiner Frau überging, welche zuerſt geſchieden zu ſein ſchien, um ihm den Weg des Todes leicht zu machen, wie ſie ihm den Weg des Lebens leicht ge⸗ macht hatte, ſagte er zu ſeinem Sohn, indem er ihn zum letzten Mal umarmte: „Iß, trinke und gib aus, wenn Du in Wirklich⸗ keit leben willſt, denn es heißt nicht leben, den ganzen Tag auf einem hölzernen Sitz oder in einem ledernen Lehnſtuhl, in einem Laboratorium oder in einem Ma⸗ gazin arbeiten. Du wirſt auch ſterben, und wenn Du nicht das Glück haſt, einen Sohn zu beſitzen, ſo wirſt Du unſern Namen erlöſchen laſſen, und meine erſtaun⸗ ten Gulden werden ſich in den Händen eines andern Herrn finden, dieſe neuen Gulden, die nie ein anderer Menſch gewogen hat, als mein Vater, ich und der Gießer. Ahme beſonders nicht Deinen Pathen Corne⸗ lius de Witt nach, der ſich auf die Politik geworfen, denn das iſt die undankbarſte Laufbahn, und es wird ſicherlich ein ſchlimmes Ende mit ihm nehmen.“ Dann ſtarb der würdige van Baerle und hinter⸗ ließ ganz troſtlos Cornelius, welcher die Gulden ſehr wenig und ſeinen Vater ſehr viel liebte, 4. SSOSASRSESSESGReeGeSSeenGSS 49 Cornelius blieb alſo allein in dem großen Hauſe. Vergebens bot ihm ſein Pathe Cornelius de Witt eine Stelle im öffentlichen Dienſte an; vergebens wollte er ihn den Ruhm koſten laſſen, als Cornelius, um ſeinem Pathen zu gehorchen, ſich auf dem Schiffe die Sieben Provinzen mit van Ruyter eingeſchifft hatte, der die hundertundneununddreißig neuen Fahr⸗ zeuge befehligte, mit denen der berühmte Admiral allein dem vereinigten Glücke Frankreichs und Englands das Gleichgewicht halten ſollte. Nachdem er, geführt von dem Lootſen Leger, auf einen Musketenſchuß zu dem Schiffe der Prinz, auf dem ſich der Herzog von York, der Bruder des Königs von England, befand, gekommen, nachdem der Angriff von Ruyter, ſeinem Patron, ſo geſchickt und ſo ungeſtüm gemacht worden war, daß der Herzog von NYork, welcher fühlte, ſein Schiff ſei nahe daran, genommen zu werden, nur noch Zeit hatte, ſich an Bord des heiligen Michael zu⸗ rückzuziehen, nachdem er den heiligen Michael, unter den holländiſchen Kugeln zermalmt, hatte aus der Linie heraustreten ſehen; nachdem er ein Kriegs⸗ ſchiff, genannt der Graf von Sanwick hatte in die Luft fliegen und in den Wellen oder im Feuer vier⸗ hundert Matroſen umkommen ſehen; als er geſehen, daß am Ende von dem Allem, nachdem zwanzig Schiffe in Stücke gegangen, dreitauſend Menſchen getödtet und fünftauſend verwundet, nichts für oder wider entſchieden war, daß Jeder ſich den Sieg zuſchrieb, daß man wieder anfangen mußte, und daß nur ein Name mehr, die Schlacht bei Soutwood Bay, dem Katalog der Schlachten beigefügt war; als er berechnet hatte, wie viel an Zeit, um ſich Augen und Ohren zu ver⸗ ſtopfen, ein Menſch verliert, der nachdenken will, ſelbſt wenn ſeines Gleichen mit Kanonen auf einander feuern, ſagte Cornelius Ruyter, ſeinem Pathen de Witt und dem Ruhm Lebewohl, küßte dem Großpenſionär, für den er eine tiefe Verehrung hegte, die Kniee und kehrte in Die ſchwarze Tulpe. 4. 50 ſein Haus in Dortrecht zurück, reich mit feiner erwor⸗ benen Ruhe, mit ſeinen achtundzwanzig Jahren⸗⸗ mit einer eiſernen Geſundheit, mit einem durchdringenden Blick, mit ſeinen viermal hunderleenſen Gulden Ka⸗ pital und ſeinen zehntauſend Gulden Einkünfte, und mit der Ueberzeugung, daß ein Menſch vom Himmel immer zu viel empfangen hat, um glücklich zu ſein, genug, um es nicht zu ſein.— Dem zu Folge und um ſich ein Glück au e Weiſe zu machen, fing Cornelius an die Pflanzen und die Inſekten zu ſtudiren, ſammelte und claſſificirte er die ganze Flora der Inſeln, ſtach er die ganze Entomologie der Provinz, über die er eine handſchriftliche Abhandlung mit vielen von ſeiner Hand gezeichneten Kupfern ver⸗ faßte, und als er nicht mehr wußte, was er mit ſeiner Zeit und beſonders mit ſeinem Geld, das ſich auf eine erſchreckende Weiſe vermehrte, machen ſollte, wählte er unter allen Thorheiten ſeiner Heimath und ſeiner Epoche, eine der eleganteſten und koſtſpieligſten. Er liebte die Tulpen. Es war dies bekanntlich die Zeit, wo die Flam⸗ mänder und die Portugieſen, dieſe Art von Gärtnerei ausbeutend, die Tulpe vergötterten und aus der vom Orient gekommenen Blume das machten, was nie ein Naturforſcher, aus Furcht, die Eiferſucht Gottes zu erregen, aus dem Menſchengeſchlechte gemacht hatte. Bald war von Dortrecht bis Mons nur noch von den Tulpen von Mynheer van Baerle die Rede und ſeine Gartenbeete, ſeine Graben, ſeine Trockenzimmer, ſeine Brutzwiebelfächer wurden beſucht wie einſt die Gallerien und Bibliotheken von Alexandria durch die berühmten römiſchen Reiſenden. Van Baerle fing damit an, daß er ſeine Jahres⸗ einkünfte für Gründung ſeiner Sammlung ausgab; dann machte er eine Breſche in ſeine neuen Thaler, um ſie zu vervollſtändigen; ſeine Arbeit wurde auch durch ein herrliches Reſultat belohnt; er fand fünf 51 verſchiedene Species, die er die Johanna, nach dem Namen ſeiner Mutter, die Baerlia, nach dem Namen ſeines Vaters, die Cornelia, nach dem Namen ſei⸗ nes Pathen nannte; die andern Namen entgehen uns, doch die Leſer werden ſie ſicherlich in den Katalogen jener Zeit wieder auffinden können.. Am Anfang des Jahres 1672 kam Cornelius de Witt nach Dortrecht, um dort drei Monate in ſeinem alten Familienhauſe zu wohnen; denn Cornelius war nicht nur in Dortrecht geboren, ſondern es ſtammte auch die Familie der de Witt von dieſer Stadt ab. Cornelius fing von da, wie Wilheln von Ora⸗ nien ſagte, an die vollkommenſte Impopularität zu genießen. Für ſeine Mitbürger, die guten Bewohner von Dortrecht, war er indeſſen noch kein Schurke zum Henken, und dieſe boten ihm, obgleich nicht ſehr zufrie⸗ den mit ſeinem ein wenig zu reinen Republikanismus, aber ſtolz auf ſeinen perſönlichen Werth, zuvorkom⸗ mend den Wein der Stadt, als er eintrat. Nachdem er ſeinen Mitbürgern gedankt, beſuchte Cornelius ſein altes väterliches Haus und befahl einige Reparaturen, ehe Frau de Witt, ſeine Gattin, ſich mit ihren Kindern darin einquartierte. Dann wandte ſich Cornelius nach dem Hauſe ſeines Pathen, der allein vielleicht in Dortrecht noch nichts von ſeiner Anweſenheit in ſeiner Vaterſtadt wußte. So viel Cornelius de Witt, die bösartigen Kör⸗ ner ſchüttelnd, die man die politiſchen Leidenſchaften nennt, Haß erregt hatte, ebenſo viel hatte van Baerle an Sympathien, die Kultur der Politik gänzlich ver⸗ nachläßigend und ganz und gar nur mit der Kultur der Tulpen beſchäftigt, aufgehäuft. Van Baerle war auch geliebt von ſeinen Dienern und ſeinen Arbeitern, und er konnte nicht vermuthen, es gebe in der Welt einen Menſchen, der einem Andern übel wolle. Und dennoch, ſagen wir es zur Schmach der 2₰ Menſchheit, dennoch hatte Cornelius van Baerle, ohne es zu wiſſen, einen Feind, der noch viel erbitterter, noch viel heftiger, viel unverſöhnlicher, als bis dahin die de Witt einen unter den Orangiſten gezählt, welche am feindſeligſten gegen dieſe bewunderungswürdige Brü⸗ derſchaft waren, die, ohne Wolke während des Lebens, ſich durch die aufopfernde Ergebenheit über den Tod hinaus verlängerte. In dem Augenblick, wo Cornelius ſich den Tulpen zu weihen anfing, verwendete er hierauf ſeine Jahres⸗ einkünfte und die Gulden ſeines Vaters. Es war in Dortrecht und wohnte Thüre an Thüre mit ihm ein Bür⸗ ger Namens Iſaak Boxtel, der ſeit dem Tag, wo er das fröhnte Alter der Erkenntniß erreicht hatte, derſelben Nei⸗ gung und ſich in die Bruſt warf, wenn man nur das Wort ulban ausſprach, was, wie der Floriste Francçais, d. h. der gelehrteſte Geſchichtſchreiber dieſer Blumen verſichert, das erſte Wort iſt, welches in der Sprache der Singaleſen zu Bezeichnung des Meiſterwerks der Schöpfung, das man die Tulpe nennt, gedient hat. Borytel hatte nicht die Ehre, reich zu ſein wie van Baerle. Er hatte ſich nur mit großer Mühe, mit „Sorgfalt und Geduld, in ſeinem Hauſe in Dortrecht einen für den Anbau bequemen Garten geſchaffen, er hatte den Boden nach den gegebenen Vorſchriften be⸗ arbeitet und ſeinen Beeten gerade ſo viel Wärme und Kühle gegeben, als es der Codex der Gärtner geſtattet. Beinahe bis auf den zwanzigſten Theil eines Gra⸗ des kannte Iſaak die Temperatur der Miſtbeete. Er kannte das Gewicht des Windes und ſchwächte ihn durch ſeine Vorrichtungen ſo, daß er ihn dem Schau⸗ keln der Stängel ſeiner Blumen anpaßte. Seine Pro⸗ ducte fingen auch an zu gefallen. Sie waren ſchön, ſogar ausgezeichnet. Mehrere Liebhaber beſuchten die Tulpen von Boxtel. Endlich ſchleuderte Boxtel in die Welt der Linné und Tournefort eine Tulpe von ſeinem Namen. Dieſe Tulpe machte ihren Weg, durchzog ————j—-—— o— N—„ 18ͤAR A AX ——2— 53 Frankreich, fand Eingang in Spanien, drang bis Por⸗ tugal, und König Alphons VI., der, aus Liſſabon ver⸗ trieben, ſich auf die Inſel Terceira zurückgezogen hatte, wo er ſich damit beluſtigte, daß er, nicht wie der große Condé, Nelken begoß, ſondern Tulpen zog, ſagte: „Nicht übel!“ während er die genannte Boyrtel an⸗ ſchaute. Als plötzlich in Folge aller Studien, denen er ſich gewidmet hatte, Cornelius van Baerle die Leiden⸗ ſchaft für die Tulpe ergriff, veränderte dieſer ſein Haus, das, wie geſagt, unmittelbar bei dem von Boxtel lag, und ließ um einen Stock ein gewiſſes Gebäude ſeines Hofes erhöhen, welches, indem es ſich erhob, ungefähr einen halben Grad Wärme dem Garten von Boxtel benahm und ihm dagegen einen halben Grad Kälte gab, abgeſehen, daß es den Wind abſchnitt und alle Berechnungen und die ganze gärtneriſche Oecono⸗ mie ſeines Nachbars ſtörte und verrückte. Im Ganzen war dieſes Unglück nichts in den Augen von Boxtel. Van Baerle war nur ein Maler, das heißt, gewiſſermaßen ein Narr, der, auf der Leinwand ſie entſtellend, die Wunder der Natur wie⸗ der hervorbringen will. Der Maler ließ um einen Stock ſein Atelier erhöhen, um beſſeres Licht zu haben, das war ſein Recht. Herr van Baerle war Maler, wie Herr Boytel Tulpenblumiſt war; er wollte Sonne für ſeine Gemälde, er nahm einen halben Grad den Tulpen von Herrn Bortel. Das Geſetz war für Herrn Baerle. Bene zit. Ueberdies hatte Boxtel entdeckt, daß zu viel Sonne der Tulpe ſchadet, und daß dieſe Blume beſſer bei der lauen Morgen⸗ oder Abendſonne, als bei der glühen⸗ den Mittagsſonne wuchs.. Er wußte alſo Cornelius van Baerle beinahe Hand⸗ daß er ihm gratis einen Sonnenſchirm gebaut atte. 4 Vielleicht war dies nicht ganz wahr, und das. 54 was Boyxtel in Beziehung auf ſeinen Nachbar van Baerle ſagte, war nicht der ganze Ausdruck ſeiner Gedanken. Doch die großen Seelen finden in der Philoſophie er⸗ ſtaunliche Mittel bei großen Kataſtrophen. Aber, ach! wie wurde ihm, dieſem unglücklichen Boxtel, als er die Glasſcheiben dieſes neugebauten Stockes ſich mit Zwiebeln, mit Tulpen in voller Erde, mit Tulpen im Topf, kurz mit Allem ſchmücken ſah, was das Gewerbe eines Tulpennarren betrifft. Es waren da die Etiquettenpäckchen, die Fachkäſten, die Schachteln mit Abtheilungen und die eiſernen Gitter, beſtimmt, die Fachkäſten zu ſchließen, um die Luft darin zu erneuern, ohne den Mäuſen, den Kornwürmern, den Ratten, gierigen Liebhabern von Tulpen zu tauſend Gulden die Zwiebel, Zugang zu geſtatten. Bortel war ſehr erſtaunt, als er dieſes ganze Material ſah, aber er begriff noch nicht den Um⸗ fang ſeines Unglückes. Man wußte, daß van Baerle ein Freund von Allem war, was das Geſicht erfreut. Er ſtudirte aus dem Grunde die Natur für ſeine Ge⸗ mälde, welche vollendet waren wie die von Gerard Dow, ſeinem Meiſter, und von Mieris, ſeinem Freund. Konnte er nicht, weil er das Innere eines Tulpengartens zu malen hatte, in ſeinem Atelier alle Zubehören der De⸗ coration aufgehäuft haben? Obgleich er ſich in dieſen trügeriſchen Gedanken wiegte, vermochte doch Boxtel der glühenden Neugierde, die ihn verzehrte, nicht zu widerſtehen. Als es Abend geworden war, legte er eine Leiter an die mittlere Mauer und überzeugte ſich, zu ſeinem Nachbar hinein⸗ ſchauend, daß die Erde von einem ungeheuren, kürzlich erſt mit verſchiedenen Pflanzen bevölkerten, Gevierte umgearbeitet und in Beeten von Düngererde, ver⸗ miſcht mit Flußſchlamm, eine den Tulpen weſentlich ent⸗ ſprechende Combination, angelegt worden war, welche Beete man durch Raſeneinfaſſungen befeſtigt hatte, um das Einſtürzen zu verhindern. Dabei Benützung ———,———,—, * 55 der aufgehenden und der untergehenden Sonne, und der erforderliche Schatten, um die Mittagsſonne zu dämpfen; Waſſer im Ueberfluß und bei der Hand, Lage gegen Süd⸗Süd⸗Weſt, kurze, vollſtändige Bedingungen nicht nur des Gelingens, ſondern auch des Fortſchritts⸗ Es unterlag keinem Zweifel, van Baerle war Tulpiſt geworden. Boxtel ſtellte ſich ſogleich dieſen gelehrten Mann mit den 400,000 Gulden Kapital und den 10,000 Gulden Renten vor, wie er ſeine moraliſchen und phyſiſchen Mittel auf die Kultur der Tulpen im Großen verwandte. Er erſchaute ſein ſiegreiches Durchdringen in einer un⸗ beſtimmten, aber nahen Zukunft, und wurde über ſeinen Sieg zum Voraus von einem ſolchen Schmerz ergriffen, daß ſeine Hände erſchlafften, daß ſeine Kniee wichen und er in Verzweiflung von ſeiner Leiter herabfiel. Allſo nicht für die gemalten Tulpen, ſondern für die wirklichen Tulpen nahm ihm van Baerle einen halben Grad Wärme. Van Baerle ſollte eine der be⸗ wunderungswürdigſten Ausſtellungen in der Sonne und überdies ein umfangreiches Zimmer zu Aufbewah⸗ rung ſeiner Zwiebeln haben: ein wohl erleuchtetes, lufti⸗ ges, vom Winde erfriſchtes Zimmer, ein Reichthum, der Boxtel verſagt war, denn dieſer hatte hiefür ſeine Schlafſtube einräumen müſſen und fügte ſich, um nicht durch den Einfluß animaliſcher Geiſter ſeinen Brut⸗ zwiebeln und Knollen zu ſchaden, darein, daß er auf ſeinem Speicher ſchlief. So ſollte alſo Thüre an Thüre, Mauer an Mauer Boxtel einen Nebenbuhler, einen Wetteiferer, einen Sie⸗ ger vielleicht haben, und, ſtatt ein dunkler, unbekannter Gärtner zu ſein, war dieſer Nebenbuhler der Täufling von Meiſter Cornelius de Witt, das heißt eine Celebrität! Man ſieht, der Geiſt von Bortel war minder gut beſchaffen als der von Porus, der ſich darüber, daß er von Alexander beſiegt worden war, gerade wegen der Berühmtheit des Siegers tröſtete. Baerle eine neue Tulpe fände und ſie die Johann de Witt nennete, nachdem er eine die Cornelia genannt hatte! Das war, um vor Wuth zu erſticken! In ſeiner neidiſchen Vorherſehung errieth auch Bortel, der Unglücksprophet für ſich ſelbſt, was geſche⸗ hen ſollte. 5 4 Nachdem Bortel dieſe Entdeckung gemacht hatte, brachte er die abſcheulichſte Nacht zu, die man ſich vorſtellen kann. VI. Der Haß eines Tulpenliebhabers. Von dieſem Augenblick an hatte Boytel, ſtatt einer Beſchäftigung, eine Furcht. Was den Anſtrengungen des Geiſtes und des Körpers Stärke und Adel ver⸗ leiht, die Pflege einer Lieblingsidee, verlor Boxtel, in⸗ dem er unabläſſig grübelte, welchen Schaden ihm die Idee des Nachbars zufügen würde. Van Baerle, wie man ſich wohl denken kann, ge⸗ lang es, ſobald er auf dieſen Punkt die vollkommene Intelligenz, mit der ihn die Natur begabt, angewandt hatte, die ſchönſten Tulpen zu ziehen. Beſſer als irgend Jemand in Harlem und in Ley⸗ den, in dieſen Städten, welche den trefflichſten Boden und das geſündeſte Klima bieten, wußte Cornelius Abwechſelung in die Farben zu bringen, die Formen zu bilden und die Arten zu vervielfältigen. Er gehörte zu jener geiſtreichen und naiven Schule, welche zum Wahlſpruch ſchon im ſiebenten Jahrhundert den erſt im Jahr 1653 von einem ihrer Adopten ent⸗ wickelten Aphorism gewählt hatte: „Die Blumen verachten heißt Gott beleidigen.“ In der That, was würde geſchehen, wenn je van u Ein Vorderſatz, aus dem die Tulpenſchule, die ausſchließlichſte von allen, im Jahr 1653 folgenden Syllogism machte: „Die Blumen verachten heißt Gott beleidigen. „Je ſchöner die Blume iſt, deſto mehr beleidigt man Gott, wenn man ſie verachtet. „Die Tulpe iſt die ſchönſte von allen Blumen. „Wer die Tulpe verachtet, beleidigt Gott über alle Maßen.“ Ein Vernunftſchluß, durch den, wie man ſieht, mit böſem Willen die vier⸗ bis fünftauſend Tulpenpflanzer von Holland, von Frankreich und von Portugal, wir ſprechen nicht von denen von Ceylon, von Indien und China, das Weltall für vogelfrei, und als Schis⸗ matiker, als Ketzer und todeswürdig mehrere hundert Millionen gegen die Tulpe kalter Menſchen erklärten. Man darf nicht bezweifeln, daß für eine ſolche Sache Bortel, obgleich ein Todfeind von Baerle, mit dieſem unter einer und derſelben Fahne marſchirt wäre. Van Baerle errang zahlreiche Siege und machte von ſich ſprechen, dergeſtalt, daß Boxtel für immer von der Liſte der Tulpennotabilitäten Hollands verſchwand, und daß die Tulpengärtnerei von Dortrecht durch Cor⸗ nelius van Baerle, den beſcheidenen, harmloſen Ge⸗ lehrten, vertreten wurde. So treibt aus dem niedrigſten Zweig das Pfropf⸗ reis die ſtolzeſten Sprößlinge, und der wilde Roſenſtock mit den vier farbloſen Blumenblättern bildet den An⸗ fang der rieſigen, wohlriechenden Roſe. So ſind zu⸗ weilen die königlichen Paläſte aus dem elenden Häus⸗ chen eines Holzhackers oder aus der Hütte eines Fiſchers entſtanden. Ganz ſich ſeinen Arbeiten, der Saat, der Pflan⸗ zung, der Ernte hingebend, geliebkoſt von der Tulpen⸗ gärtnerei von ganz Europa, hatte van Baerle keine Ahnung, daß an ſeiner Seite ein unglücklicher Ent⸗ thronter lebte, deſſen Uſurpator er war. Er ſetzte ſeine 58 Experimente und folglich ſeine Siege fort, und bedeckte in zwei Jahren ſeine Beete mit ſo wunderbaren Gegen⸗ ſtänden, daß nie vielleicht, Shakespeare und Rubens ausgenommen, Jemand ſo viel nach Gott geſchaffen hatte. Man mußte auch, um einen Begriff von einem von Dante vergeſſenen Verdammten zu bekommen, Boxtel in dieſer Zeit ſehen. Während van Baerle ſeine Beete gätete, düngte, begoß, während er, auf der Raſen⸗ böſchung knieend, jede Ader der blühenden Tulpe ana⸗ lyſirte und über die Modificationen, die man dabei machen, über die Vermählungen der Farben, die man verſuchen konnte, nachdachte, folgte Boxtel hinter einem kleinen Maulbeerbaum verborgen, den er an der Mauer gepflanzt hatte und als Fächer benützte, mit geſchwolle⸗ nem Auge und ſchäumendem Munde jedem Schritt, jeder Geberde ſeines Nachbars, und wenn er ihn freudig zu ſehen glaubte, wenn er ein Lächeln auf ſeinen Lippen, einen Blitz des Glückes in ſeinen Augen gewahrte, da ſandte er ihnen ſo viele Verwünſchungen, ſo viele wüthende Drohungen zu, daß es ganz unbegreiflich iſt, warum dieſer von Neid und Zorn verpeſtete Hauch nicht in die Blumenſtängel eindrang und Stoffe des Verwel⸗ kens, Keime des Todes in ſie brachte. Bald, ſo reißende Fortſchritte macht das Uebel, wenn es einmal Herr einer Seele iſt, bald begnügte ſich Boxtel nicht mehr damit, daß er van Baerle ſah. Er wollte auch ſeine Blumen ſehen, er war im Grunde Künſtler, und das Meiſterwerk eines Nebenbuhlers hielt ſein Herz gefangen. Er kaufte ein Telescop, mit deſſen Hilfe er ſo gut als der Eigenthümer ſelbſt jede Umwälzung der Blume von dem Augenblick an, wo ſie im erſten Jahre ihre bleiche Knospe aus der Erde treibt, bis zu dem, wo ſie, nachdem ſie ihre fünfjährige Periode durchgemacht hat, ihren edlen, anmuthigen Cylinder rundet, auf dem die unſichere Nuance ihrer Farbe erſcheint, und die Blätter der Blume ſich entwickeln, — 59 wel, nun erſt die geheimen Schätze ihres Kelches enthüllt. Ohl wie oft erblickte der unglückliche Eiferſüchtige, auf ſeiner Leiter hockend, in den Beeten von van Baerle Tulpen, die ihn durch ihre Schönheit blendeten, durch ihre Vollkommenheit dem Erſticken nahe brachten. Nach der Periode der Bewunderung, die er nicht zu beſiegen vermochte, erlitt er das Fieber des Neides, dieſes Uebels, welches die Bruſt zernagt und das Herz in eine Myriade kleiner Schlangen verwandelt, welche, eine ſchändliche Quelle gräßlicher Schmerzen, einander ſelbſt auffreſſen. Wie oft war Boxtel unter ſeinen Qualen, von denen keine Beſchreibung einen Begriff zu geben ver⸗ möchte, in der Nacht verſucht, in den Garten hinabzu⸗ ſpringen, hier die Pflanzen zu verwüſten, die Zwiebeln mit ſeinen Zähnen zu zerreißen und den Eigenthümer ſelbſt zu opfern, ſollte er es wagen, ſeine Tulpen zu vertheidigen. 3 Doch eine Tulpe tödten iſt in den Augen eines wahren Gärtners ein ſo gräßliches Verbrechen! Einen Menſchen tödten, das geht noch! Durch die Fortſchritte, welche van Baerle in der Wiſſenſchaft machte, die er durch Inſtinct zu er⸗ rathen ſchien, gerieth Boxtel in einen ſolchen Paroxis⸗ mus der Wuth, daß er auf den Einfall kam, Steine und Stöcke in die Beete ſeines Nachbars zu ſchleudern. Am andern Tage aber bedachte er, beim Anblick des Schadens würde van Baerle ſich erkundigen, es würde ſich herausſtellen, die Straße ſei fern, Steine und Stöcke fallen im ſiebzehnten Jahrhundert nicht mehr vom Himmel herab wie zur Zeit der Amalekiter; der Urheber des Verbrechens, wenn er auch bei Nacht ge⸗ handelt, würde entdeckt und nicht nur durch das Geſetz beſtraft werden, ſondern auch für immer in den Augen des tulpenliebenden Europa entehrt ſein, und ſo ſchärfte Boxrtel den Haß durch die Liſt und beſchloß ein Mittel 60 anzuwenden, das ihn nicht gefährdete. Er ſuchte aller⸗ dings lange, doch endlich fand er. Eines Abends band er zwei Katzen jede an einer Hinterpfote mit einem zehn Fuß langen Bindfaden zuſammen und warf ſie von der Mauer herab mitten auf das Hauptbeet, auf das fürſtliche Beet, auf das königliche Beet, das nicht nur die Cornelia de Witt, ſondern auch die Brabanterin, milchweiß, purpurroth und hochroth, die Geſprenkelte von Roter, flachsblüthenfarben, hochroth und blaßroth, und die Wunderbarere von Harlem, die dunkel Tau⸗ benhalsfarbige und die matt Tauben halsfar⸗ bige enthielt. Die erſchrockenen Thiere ſtürzten zuerſt auf das Beet und verſuchten es, jedes auf ſeiner Seite zu ent⸗ fliehen, bis der Bindfaden, der ſie aneinander hielt, angeſpannt war; nun aber, da ſie die Unmöglichkeit, weiter zu gehen, fühlten, ſchweiften ſie unter gräßlichem Miauen dahin und dorthin und mähten mit ihrer Schnur die Blumen ab, unter denen ſie ſich zerarbeite⸗ ten; erſt nach einer Viertelſtunde heftigen Kampfes, nachdem es ihnen gelungen war, den Bindfaden zu zerreißen, in den ſie ſich verwickelt, verſchwanden ſie. Hinter ſeinem Maulbeerbaum verborgen, ſah Boxtel wegen der Dunkelheit der Nacht nichts; doch nach dem wüthenden Geſchrei der beiden Katzen vermuthete er Alles, und ſein Herz, indem die Galle darin abſchwoll, füllte ſich mit Freude. Das Verlangen, ſich des angerichteten Schadens zu verſichern, war ſo groß in dem Herzen von Borxtel, daß er bis zum Tag blieb, um mit ſeinen Augen ſich an dem Zuſtand zu weiden, in den der Kampf der zwei Kater die Beete ſeines Nachbars verſetzt hatte. Er war durch die Morgennebel zu Eis erſtarrt, aber er fühlte die Kälte nicht; die Hoffnung auf Rache hielt ihn warm. SGASESͤSEgE= w 61 Der Schmerz ſeines Nebenbuhlers ſollte ihm alle ſeine Qualen bezahlen. Bei den erſten Sonnenſtrahlen öffnete ſich die Thüre des weißen Hauſes; van Baerle erſchien und näherte ſich ſeinem Beete, lächelnd wie ein Menſch, der die Nacht in ſeinem Bett zugebracht und hier gut ge⸗ träumt hat.. Plötzlich erblickt er die Furchen und Erhöhungen auf dem Boden, der am Abend glatter als ein Spie⸗ gel geweſen; plötzlich bemerkt er, daß die ſymmetriſchen Reihen ſeiner Tulpen in Unordnung gebracht ſind wie ilpien eines Bataillon, unter das eine Bombe ge⸗ allen. Er läuft erbleichend hinzu. Boxtel bebte vor Freude. Fünfzehn bis zwanzig Tulpen lagen zerriſſen, aufgeſchlitzt, die einen gebückt, die andern völlig abgebrochen und ſchon verblaſſend, umher; der Saft floß aus ihren Wunden; der Saft, dieſes koſtbare Blut, das van Baerle gern um den Preis des ſeinigen wieder erkauft hätte. Doch, o Erſtaunen, o Freude von van Baerle! o unausſprechlicher Schmerz von Boxtel! nicht eine von den vier durch das Attentat des Letztern bedrohten Tul⸗ pen war betroffen worden. Sie erhoben ſtolz ihre Häupter über den Leichnamen ihrer Gefährtinnen. Das war genug, um van Baerle zu tröſten. Das war ge⸗ nug, um den Mörder, der ſich beim Anblick ſeines unnütz begangenen Verbrechens die Haare ausraufte, vor Neid berſten zu machen. Während er das Unglück, das ihn getroffen, be⸗ klagte, ein Unglück, das indeſſen durch die Gnade Gottes minder groß war, als es hätte ſein können, vermochte van Baerle die Urſache davon nicht zu er⸗ rathen. Er erkundigte ſich und erfuhr, man ſei die ganze Nacht hindurch durch entſetzliches Miauen geſtört worden. Er erkannte indeſſen die Anweſenheit der Katzen an der von ihren Krallen zurückgelaſſenen 62 Spur, an dem auf dem Schlachtfeld gebliebenen Haar, woran die gleichgültigen Thautropfen zitterten, wie ſie es den auf eben den Blättern einer geknickten Blume thaten, und um es zu vermeiden, daß ſich in Zukunft ein ſolches Unglück wiederhole, befahl er einem Gärtnerge⸗ hülfen, jede Nacht im Garten unter einem Schilderhaus bei den Beeten zu ſchlafen. Boxtel hörte den Befehl geben. Er ſah das Schil⸗ derhaus ſich ſchon an demſelben Tage erheben, und zu fröhlich, nicht in Verdacht gerathen zu ſein, jedoch mehr als je gegen dieſen glücklichen Tulpenpflanzer ergrimmt, wartete er beſſere Gelegenheiten ab. Es geſchah um dieſe Zeit, daß die Tulpengeſell⸗ ſchaft von Harlem einen Preis für die Entdeckung, wir wollen nicht ſagen die Fabrication, der großen, ſchwar⸗ zen, fleckenloſen Tulpe ausſetzte, ein Problem, das nicht gelöſt war und als unlösbar betrachtet wurde, inſofern die Species nicht einmal im Zuſtand von Rußſchwarz in der Natur exiſtirte. Weshalb Jeder ſagte, die Stifter des Preiſes hätten ebenſowohl zwei Millionen als hunderttauſend Füdres ausſetzen können, da die Sache eine Urmöglich⸗ eit ſei.. Die Welt der Tulpenpflanzer wurde darum nicht weniger von ihren Grundfeſten bis zu ihrem ßFirſt er⸗ ättert. Einige Liebhaber faßten den Gedanken auf, jedoch ohne an die Anwendung zu glauben; die Einbildungs⸗ kraft der Gartenfreunde iſt indeſſen ſo ſtark, daß ſie, obgleich ſie ihre Speculation als zum Voraus verfehlt betrachteten, Anfangs nur an die große ſchwarze Tulpe dachten, die man für chimäriſch hielt, wie den ſchwarzen Schwan von Horaz, wie die weiße Amſel der franzö⸗ ſiſchen Sage. Van Baerle gehörte zur Zahl derjenigen, welche den Gedanken erfaßten; Boxtel gehörte zu der Zahl derjenigen, welche an die Speculation dachten. So⸗ 63 bald van Baerle dieſe Aufgabe in ſeinen ſcharfſinnigen Kopf eingegraben hatte, begann er langſam die noth⸗ wendigen Operationen, um vom Rothen zum Braunen, und vom Braunen zum Dunkelbraunen die Tulpen, die er bisher cultivirt hatte, überzuführen. Im folgenden Jahr erhielt er Producte von voll⸗ kommenem Dunkelbraun, und Bortel erblickte ſie in ſeinem Beet, während er nur das Hellbraun gefun⸗ den hatte. Es wäre vielleicht wichtig, den Leſern die ſchönen Theorien zu erklären, welche den Beweis führen, daß die Tulpe ihre Farben von den Elementen entlehnt; man würde uns vielleicht Dank wiſſen, wenn wir begründeten, daß nichts dem Gartenfreund unmöglich iſt, der durch ſeine Geduld und ſein Genie das Feuer der Sonne, die Reinheit des Waſſers, die Säfte der Erde und den Hauch der Luft in Contribution ſetzt. Aber es iſt nicht eine Abhand⸗ lung über die Tulpen im Allgemeinen, es iſt die Ge⸗ ſchichte einer Tulpe insbeſondere, was wir zu ſchreiben beſchloſſen haben, und wir werden uns hieran halten, ſo verführeriſch auch die Lockungen des dem unſrigen nebenangeſetzten Stoffes ſein mögen. Abermals durch die Ueberlegenheit ſeines Feindes beſtegt, bekam Boxtel einen Ekel an der Kultur und widmete ſich halb wahnſinnig ganz der Beobachtung. Das Haus ſeines Nebenbuhlers war durchſichtig. In den der Sonne geöffneten Garten, in die mit Glas⸗ ſcheiben verſehenen Cabinette, in die Fächer, in die Schränke, in die Schachteln, überall hin drang leicht das Telescop; Boxtel ließ die Zwiebeln auf ihren Miſt⸗ beeten verfaulen, die Samen ihn ihren Gehäuſen dürr werden, die Tulpen in ihren Beeten ſterben, und be⸗ ſchäftigte ſich, fortan ſein Leben mit ſeinem Geſicht ab⸗ nutzend, nur mit dem, was bei van Baerle vorging; er athmete durch den Stängel ſeiner Blumen, er tränkte ſich durch das Waſſer, mit dem man ſie begoß, und ſtillte ſeinen Hunger durch die weiche, feine Erde, die 64 der Nachbar auf ſeine geliebten Zwiebeln ſtreute. Doch das Seltſamſte der Arbeit ging nicht im Garten vor. Es ſchlug ein Uhr, ein Uhr in der Nacht. Van Baerle ſtieg in ſein Laboratorium, in das mit Glas⸗ ſcheiben verſehene Cabinet hinauf, wohin das Telescop von Boxtel ſo gut drang, und ſobald die Lichter des Gelehrten auf die Strahlen des Tags folgend, die Wände und Fenſter beleuchteten, ſah Borxtel das erfin⸗ dungsreiche Genie ſeines Nachbars arbeiten. Er erſchaute, wie Jener ſeine Körner auslas und ſie mit Subſtanzen begoß, welche beſtimmt waren, ſie zu verändern oder zu färben. Er errieth, wenn Jener, ge⸗ wiſſe von dieſen Körnern erwärmend, dann ſie befeuch⸗ tend, dann ſie mit anderen durch eine Art von Auge combinirend, eine höchſt ſorgfältige und geſchickte Ope⸗ ration, in die Finſterniß diejenigen einſchloß, welche die ſchwarze Farbe geben ſollten, der Sonne oder der Lampe diejenigen ausſetzte, welche die rothe Farbe geben ſollten, in einem ewigen Waſſerreflex diefenigen ſpiegelte, welche das Weiße, eine reine hermetiſche Darſtellung des naſſen Elements, liefern ſollten. Dieſe unſchuldige Magie, zugleich die Frucht der kindiſchen Träumerei und des männlichen Genies, dieſe geduldige, ewige Arbeit, zu der ſich Boxtel unfähig er⸗ kannte, hieß in das Telescop des Neidiſchen ſein ganzes Leben, ſeinen ganzen Geiſt, ſeine ganze Hoffnung gießen. Seltſamer Weiſe hatten ſo viel Intereſſe und Kunſt⸗ eitelkeit bei IJſaak den unbändigen Neid, den Rachedurſt nicht vertilgt. Zuweilen, wenn er van Baerle in ſei⸗ nem Telescop hielt, machte er ſich die Illuſion, er lege mit einer unfehlbaren Muskete auf ihn an, und er ſuchte mit dem Finger den Drücker, um den Schuß zu thun, der ihn tödten ſollte; doch es iſt Zeit, daß wir mit dieſer Epoche der Arbeit des Einen und der Späherei des Andern den Beſuch in Verbindung bringen, den Cor⸗ nelius de Witt ſeiner Vaterſtadt machte. —— n d T G d C L 65 VII. Der glückliche Menſch macht Bekanntſchaft mit dem Unglück. Cornelius de Witt, nachdem er ſeine Familien⸗ angelegenheiten beſorgt hatte, kam zu ſeinem Pathen van Baerle im Monat Januar 1672. Es wurde eben Nacht.— Obgleich ſehr wenig Gartenkenner, obgleich ziemlich wenig Künſtler, beſichtigte Cornelius doch das ganze Haus, von der Malerwerkſtätte bis zu den Treibhäuſern, von den Gemälden bis zu den Tulpen. Er dankte ſeinem Neffen, daß er ihn auf dem Verdeck des Ad⸗ miralſchiffes der ſieben Provinzen während der Schlacht von Southwood Bay angebracht und daß er ſeinen Na⸗ men einer prächtigen Tulpe gegeben hatte, und dies Alles mit der Leutſeligkeit und Freundlichkeit eines Vaters gegen ſeinen Sohn, und während er ſo die Schätze von van Baerle in Augenſchein nahm, drängte ſich die Menge mit Neugierde, mit Ehrfurcht ſogar, vor der Thüre des glücklichen Mannes. Dieſer ganze Lärmen erregte die Aufmerkſamkeit von Borxtel, welcher an ſeinem Herde veſperte. Er erkundigte ſich, was vorgehe, erfuhr es und kletterte in ſein Obſervatorium hinauf. Und hier ſtellte er ſich trotz der Kälte mit ſeinem Telescop am Auge feſt. Dieſes Telescop war ihm ſeit dem Herbſt 1671 nicht mehr von großem Nutzen. Sehr empfindlich für die Kälte, als wahre Töchter des Orients, werden die Tulpen während des Winters nicht in der Erde gepflegt. Sie brauchen das Innere des Hauſes, das weiche Bett der Schubladen und die ſanften Liebkoſungen des Ofens. Cornelius brachte auch den ganzen Winter in ſeinem Laboratorium, unter ſeinen Büchern und Gemälden, zu. Die ſchwarze Tulpe. 5 3 66 Selten ging er in das Zwiebelnzimmer, wenn nicht etwa, um ein paar Sonnenſtrahlen einzulaſſen, die er am Himmel erwiſchte und, indem er eine mit Scheiben verſehene Fallthüre öffnete, wohl oder übel in ſein Haus einzudringen zwang. An dem Abend, von dem wir ſprechen, nachdem Cornelius und van Baerle die verſchiedenen Zimmer, gefolgt von einigen Dienſtboten, durchwandert hatten, ſagte Cornelius leiſe zu ſeinem Pathen: „Mein Sohn, entfernt Eure Leute und macht, daß wir einige Augenblicke allein bleiben.“ Van Baerle verbeugte ſich zum Zeichen des Ge⸗ horſams. Dann ſprach er laut: 3 „Mein Herr, iſt es Euch nun gefällig, mein Tulpen⸗ trockenzimmer zu beſuchen?“ Dieſes Trockenzimmer, dieſes Pandämonium der Tulpenpflege, dieſes Tabernakel, dieſes sanctum sancto- pum war, wie einſt Delphi, für die Profanen verſchloſſen. Nie hatte ein Diener einen kühnen Fuß darein geſetzt, wie der große Racine, der um dieſe Zeit blühte, geſagt hätte. Cornelius ließ in daſſelbe nur den harm⸗ loſen Beſen einer alten frieſiſchen Magd, ſeiner Amme, eindringen, welche, ſeitdem van Baerle ſich der Tulpen⸗ zucht widmete, es nicht mehr wagte, Zwiebeln in ihre Ragouts zu thun, weil ſie ſich fürchtete, den Gott ihres Säuglings abzuklauben.. Schon bei dem Worte Trockenzimmer allein traten auch die Diener, welche die Lichter trugen, ehr⸗ erbietig auf die Seite. Van Baerle nahm die Kerzen aus der Hand des erſten und ſchritt ſeinem Pathen in das Zimmer voran. Fügen wir dem, was wir geſagt haben, bei, daß das Trockenzimmer daſſelbe Cabinet war, auf das Boxtel unabläſſig ſeinen Telescop anlegte. Der Neidiſche war mehr als je an ſeinem Poſten. 67 Er ſah zuerſt die Wände und die Scheiben ſich er⸗ hellen. 8 Dann erſchienen zwei Schatten. Der eine von ihnen, groß, majeſtätiſch, ernſt, ſetzte ſich an den Tiſch, auf den van Baerle das Licht ge⸗ ſtellt hatte. In dieſem Schatten erkannte Boxtel das bleiche Geſicht von Cornelius de Witt, deſſen lange, ſchwarze, auf der Stirne geſcheitelten Haare bis auf ſeine Schul⸗ tern fielen. Cornelius de Witt, nachdem er van Baerle ein paar Worte geſagt hatte, deren Sinn der Neidiſche aus der Bewegung ſeiner Lippen nicht entnehmen konute, zog aus ſeiner Bruſt ein ſorgfältig verſiegeltes Paquet, von dem Boxtel nach der Art, wie es van Baerle aus den Händen ſeines Pathen nahm und in einen Schrank legte, vermuthete, es ſeien Papiere von großem Werth. Ganz von Anfang hatte er gedacht, dieſes koſtbare Paquet enthalte neuerdings aus Bengalen oder aus Ceylon angekommene Brutzwiebeln, aber er bedachte bald, daß Cornelius de Witt ſehr wenig der Tulpen⸗ zucht obliege und ſich nur mit dem Menſchen beſchäftige, einer ſchlimmen Pflanze, welche viel minder angenehm iſsſchanen und viel ſchwieriger zum Blüthentreiben zu ringen. Er kam alſo auf den Gedanken, dieſes Paquet ent⸗ beote ganz einfach Papiere, und dieſe Papiere enthalten olitik. Doch warum übergab man Papiere, Politik ent⸗ haltend, van Baerle, der dieſer Wiſſenſchaft, die ſeiner Anſicht nach viel dunkler als die Chemie, und ſogar als die Alchymie, nicht nur ganz fremd war, ſondern ſogar ihr fremd zu ſein ſich rühmte. Das waren ohne Zweifel wichtige Doeumente, welche Cornelius, ſchon mit der Unbeliebtheit beim Volke bedroht, mit der ihn ſeine Landsleute beehrten, ſeinem Pathen van Baerle zur Aufbewahrung Anvertraute⸗ und dies 68 war um ſo geſchickter von Seiten von Cornelius, als man ſicherlich bei ſeinem Pathen, der jeder Intrigue fremd, das anvertraute Gut nicht ſuchen würde. Ueberdies kannte Boxtel ſeinen Nachbar; hätte das Paquet Zwiebeln enthalten, ſo würde Cornelius nicht gewartet haben; er hätte auf der Stelle als Liebhaber ben eberih der Geſchenke, die er erhalten, ſtudirt und geſchätzt. Van Baerle hatte im Gegentheil das Päckchen ehrfurchtsvoll aus den Händen von Cornelius empfan⸗ gen und es ebenſo ehrfurchtsvoll in eine Schublade gelegt, wo er es in den Hintergrund geſchoben, einmal, ohne Zweifel, damit es nicht geſehen würde, und ſodann, damit es nicht einen zu großen Theil von dem ſeinen Zwiebeln vorbehaltenen Raum einnehme. Als das Paquet in der Schublade war, ſtand Cor⸗ nelius de Witt auf, drückte ſeinem Pathen die Hände und ging auf die Thüre zu. Van Baerle nahm raſch den Leuchter und eilte weg, um voran zu gehen und der Schicklichkeit gemäß zu leuchten. Dann erloſch das Licht allmälig im Cabinet, um auf der Treppe, hernach unter dem Vorhaus und end⸗ lich auf der Straße zu erſcheinen, wo noch viel Volk umher ſtand, das Cornelius in den Wagen ſteigen ſehen wollte. Der Neidiſche hatte ſich nicht in ſeinen Muth⸗ maßungen getäuſcht. Das von Cornelius de Witt ſeinem Pathen übergebene und von dieſem ſorgfältig eingeſchloſſene Paquet war die Correſpondenz von Jo⸗ hann mit Herrn von Louvois. Nur war das Anvertraute, wie es Cornelius ſei⸗ nem Bruder geſagt hatte, von jenem ſeinem Pathen, übergeben worden, ohne daß er ihn auch nur das po⸗ litiſche Gewicht deſſelben hatte ahnen laſſen. Er hatte ihm bloß eingeſchärft, das Päckchen nur ihm allein oder auf ein Wort von ihm, wer auch 69 die Perſön ſein möchte, die es reclamiren würde, heraus⸗ zugeben. Und van Baerle hatte, wie wir geſehen, das An⸗ vertraute in den Schrank mit den ſeltenen Zwiebeln eingeſchloſſen. Dann, als Cornelius de Witt weggegangen, als das Geräuſch und die Feuer erloſchen waren, dachte unſer Mann nicht mehr an das Paquet, während im Gegentheil Boxtel ſehr viel daran dachte, denn, einem geſchickten Lootſen ähnlich, ſah er in dieſem Paquet die ferne, unmerkliche Wolke, welche im Gehen größer wer⸗ den wird und den Sturm enthält. Und nun ſind alle Abſteckpfähle unſerer Geſchichte in die fette Erde geſetzt, die ſich von Dortrecht nach dem Haag erſtreckt. Mag ihnen in den zukünftigen Kapiteln folgen, wer da will, wir, unſeres Theils haben unſer Wort gehalten und bewieſen, daß weder Corne⸗ lius, noch Johann de Witt je in ganz Holland ſo heftige Feinde hatten, als derjenige war, welchen van Baerle in ſeinem Nachbar, Mynheer Iſaak Boxtel, beſaß. Indeſſen hatte der Tulpenpflanzer, in ſeiner Unwiſſen⸗ beit blühend, ſeinen Weg nach dem von der Geſellſchaft in Harlem geſetzten Ziele gemacht, er war von der nuß⸗ braunen Tulpe zu der Tulpe mit der Farbe des ge⸗ brannten Kaffees übergegangen; und zu ihm an dem Tag, wo im Haag das von uns erzählte große Ereigniß ſtattfand, zurückkehrend, finden wir ihn gegen ein Uhr Nachmittags, wie er von ſeinem Beet die, noch unfrucht⸗ baren, Zwiebeln von einem Samen von brenn⸗kaffee⸗ braunen Tulpen wegnahm, von Tulpen, deren, bis dahin nicht zur Ausbildung gekommene, Blüthe für das Früh⸗ jahr 1672 feſtgeſtellt war, und die unfehlbar die von der Geſellſchaft in Harlem verlangte große ſchwarze Tulpe geben mußten. Am 20. Auguſt 1672, um ein Uhr Nachmittags, war alſo Cornelius in ſeinem Trockenzimmer und betrachtete, die Füße auf dem Querholz ſeines Tiſches, mit Wonne 70 brei Nebenzwiebeln, die er ſo eben von ſeinen Blumen⸗ zwiebeln losgemacht hatte: reine, vollkommene, unbe⸗ rührte Brutzwiebeln, unſchätzbare ÜUrſtoffe von einem der wunderbarſten Producte der Wiſſenſchaft und der Natur, vereinigt in der Combination, deren Sieg auf ewig den. Namen von Cornelius van Baerle verherrlichen ollte. „Ich werde die große ſchwarze Tulpe finden,“ ſagte Cornelius zu ſich, während er ſeine Brutzwiebeln los⸗ machte.„Ich werde die hunderttauſend Gulden des aus⸗ geſetzten Preiſes bekommen. Ich vertheile ſie unter die Armen von Dortrecht; auf dieſe Art wird ſich der Haß beſänftigen, den jeder Reiche in den Bürgerkriegen einflößt, und ich kann, ohne daß ich etwas von den Republikanern oder von den Orangiſten zu befürchten habe, fortwährend meine Beete in koſtbarem Stand er⸗ halten. Ich brauche nicht bange zu haben, daß an einem Tag des Aufruhrs die Krämer von Dortrecht und die Schiffer vom Hafen meine Zwiebeln ausreißen, um ihre Familien damit zu nähren, wie ſie mir zuweilen anz leiſe drohen, wenn ſie erfahren, daß ich eine wiebel um zwei⸗ bis dreitauſend Gulden gekauft habe. Es iſt beſchloſſen, ich gebe den Armen die hunderttauſend Gulden vom Harlemer Preis, d „Obgleich...“ Bei dieſem obgleich machte Cornelius van Baerle eine Pauſe und ſeufzte. 6 „Obgleich,“ fuhr er dann fort,„obgleich es ſehr angenehm geweſen wäre, die hunderttauſend Gulden auf Vergrößerung meines Gartenbeets oder zu einer Reiſe nach dem Orient, dem Vaterland dieſer ſchönen Blumen, zu verwenden. „Aber leider darf man an Alles dies nicht denken; Musketen, Fahnen, Trommeln und Proclamationen, das iſt es, was in dieſem Augenblick die Verhältniſſe beherrſcht!“ 2—= — ,—-b2 71 „₰ Cornelius van Baerle ſchlug die Augen zum Him⸗ mel auf und gab einen Seufzer von ſich. Dann richtete er ſeinen Blick wieder auf ſeine Zwiebeln, welche bei ihm den Musketen, Trommeln, Fahnen und Proclamationen... lauter Dinge, die nur geeignet ſind, den Geiſt eines ehrlichen Mannes zu ſtören... weit vorgingen, und ſagte: 1 „Das ſind doch ſehr ſchöne Brutzwiebeln; wie glatt, wie wohlgemacht ſind ſie, wie haben ſie das melancholiſche Ausſehen, das meiner Tulpe das Ebenholzſchwarz ver⸗ heißt! auf ihrer Haut ſind die kreiſenden Adern für ein bloßes Auge nicht einmal ſichtbar. Oh! gewiß nicht ein Fleck wird das Trauergewand der Tulpe verderben, die mir das Daſein zu verdanken hat. „Wie wird man die Tochter meiner Nachtwachen, meiner Arbeiten, meines Nachdenkens nennen? Tulipa nigra Barlaensis. „Ja, Barlaensis, ein ſchöner Name. Das ganze Tulpen liebende Europa, das heißt das ganze verſtän⸗ dige Europa wird beben, wenn die Winde das Gerücht nach den vier Hauptpunkten der Sphäre tragen: „Die große ſchwarze Tulpe iſt gefunden.“ „„Ihr Name?““ werden die Liebhaber fragen.„„ Tulipa nigra Barlaensis.“„„Warum Barlaensis?„„Wegen ihres Erfinders van Baerle,““ wird man antworten. „„Wer iſt dieſer van Baerle?““„Er iſt derjenige, welcher ſchon fünf neue Species gefunden hatte: die Joannis, die Johann de Witt, die Cornelius de Witt u. ſ. w.““ Eil das iſt mein Ehrgeiz! Er wird Nie⸗ mand Thränen koſten. Und man wird noch von der Tulipa nigra Barlaensis ſprechen, wenn mein Pathe, der erhabene Politiker, nur noch durch die Tulpe be⸗ kannt iſt, der ich ſeinen Namen gegeben habe. „Die reizenden Brutzwiebeln!... „Hat meine Tulpe geblüht,“ fuhr van Baerle fort, gſo will ich, wenn die Ruhe in Holland wieder herge⸗ ſtellt iſt, den Armen nur fünfzigtauſend Gulden geben. 72 Mit den andern fünzigtauſend mache ich Verſuche. Mit dieſen fünfzigtauſend Gulden will ich es dahin bringen, daß ich den Tulpen Wohlgeruch verleihe. Oh! wenn es mir gelänge, der Tulpe den Geruch der Roſe oder der Nelke, oder auch einen ganz neuen Geruch zu geben, was noch beſſer wäre; wenn ich dieſer Königin der Blumen jenen natürlichen generiſchen Duft wieder⸗ gäbe, welchen ſie, von ihrem Throne im Orient auf ihren europäiſchen Thron übergehend, verloren hat, den ſie auf der indiſchen Halbinſel haben muß, in Goa, in Bombay, in Madras und beſonders auf jener Inſel, die einſt, wie man behauptet, das irdiſche Paradies war und Ceylon heißt; ahl welch ein Ruhm! Ich ge⸗ ſtehe, ich möchte dann lieber Cornelius van Baerle, als Alexander, Cäſar oder Maximilian ſein. „Ahl die wunderherrlichen Zwiebeln!“ Und Cornelius ergötzte ſich an ſeiner Betrachtung und verſenkte ſich in die ſüßeſten Träume. Plötzlich wurde die Klingel ſeines Cabinets ſtärker als gewöhnllch erſchüttert. Cornelius bebte, ſtreckte die Hand gegen ſeine Zwiebeln aus und wandte ſich um. „Wer iſt da?“ „Herr,“ antwortete der Diener,„es iſt ein Boote aus dem Haag.“ „Ein Boote aus dem Haag... Was will er?“ „Herr, es iſt Craeke.“ „Craeke, der vertraute Diener von Johann de Witt? Gut! Er warte.“ „Ich kann nicht warten,“ ſagte eine Stimme in der Hausflur. Und zu gleicher Zeit ſtürzte, das Verbot über⸗ tretend, Craeke in's Trockenzimmer. Dieſe beinahe gewaltſame Erſcheinung war ein ſolcher Einbruch in die im Hauſe von Cornelius van Baerle feſtgeſtellten Gewohnheiten, daß dieſer, da er Craeke in ſein Trockenzimmer ſtürzen ſah, mit der Hand, ſe n ne te 73 welche die Brutzwiebeln bedeckte, eine beinahe krampf⸗ hafte Bewegung machte, wodurch zwei von dieſen koſt⸗ baren Zwiebeln, die eine unter einen kleinen Tiſch in der Nähe des großen, die andere an den Kamin, rollten. „Zum Teufel!“ rief van Baerle, der ſeinen Brut⸗ zwiebeln nacheilte,„was gibt es denn, Craeke?“ „Herr,“ erwiederte Craeke, während er das Papier auf den Tiſch legte, auf dem die dritte Zwiebel. ge⸗ blieben war,„Ihr werdet aufgefordert, dieſes Papier auf der Stelle zu leſen.“ Und Craeke, der auf den Straßen von Dortrecht die Symptome eines Tumultes dem ähnlich, welchen er im Haag verlaſſen, zu bemerken geglaubt hatte, ent⸗ floh, ohne den Kopf umzuwenden. „Es iſt gut! es iſt gut! mein lieber Craeke,“ ſagte Cornelius, den Arm unter dem Tiſch ausſtreckend, um die koſtbaren Zwiebeln zu verfolgen,„man wird Dein Papier leſen.“ Dann hob er die Brutzwiebeln auf, nahm ſie in ſeine hohle Hand, um ſie zu unterſuchen, und ſagte: „Ohl dieſe iſt unverſehrt! Teufel von einem Craeke! wie kann man ſo in mein Trockenzimmer herein⸗ ſtürzen! Wir wollen nun die andere anſchauen.“ Und ohne die flüchtige Zwiebel loszulaſſen, ging van Baerle auf den Kamin zu, kniete nieder und be⸗ fühlte mit der Fingerſpitze die Aſche, welche zum Glück kalt war. Nacch einem Augenblick fand er die zweite Brut⸗ zwiebel. „Gut,“ ſagte er,„hier iſt ſie.“ Und er ſchaute ſie mit beinahe väterlicher Aufmerk⸗ ſamleit an und fügte dann bei: „Unverſehrt, wie die erſte.“ In demſelben Augenblick und während Cornelius noch knieend die zweite Brutzwiebel unterſuchte, wurde die Thüre des Trockenzimmers ſo heftig erſchüttert und öffnete ſich auf eine ſo gewaltſame Art, daß Cornelius 74 in ſeine Wangen, zu ſeinen Ohren die Flamme jenes ſchlimmen Rathgebers, den man den Zorn nennt, ſtei⸗ gen fühlte. „Was gibt es abermals?“ fragte er.„Oh! wird man hier in dieſem Hauſe verrückt?“ 1 „Herr! Herr!“ rief ein Diener mit einem noch bleicheren Geſicht und mit noch erſchrockener Miene, als Craeke, in's Trockenzimmer ſtürzend. „Nun?“ fragte van Baerle, bei dieſer doppelten Verletzung aller Vorſchriften und Regeln ein Unglück ahnend. „Ah! Herr, flieht! flieht geſchwinde!“ „Fliehen, und warum?“ „Herr, das Haus iſt voll von Wachen der General⸗ ſtaaten.“ „Was verlangen ſie?“ „Sie ſuchen Euch.“ „Warum?“ „Um Euch zu verhaften.“ „Um mich zu verhaften?“ „Ja, und ein Beamter geht ihnen voran.“ „Was ſoll das bedeuten?“ fragte van Baerle, in⸗ dem er ſeine zwei Brutzwiebeln in ſeine Hand ſchloß und erſchrocken nach der Treppe blickte. „Sie kommen herauf! ſie kommen herauf!“ rief der Diener.. „Ohl mein liebes Kind, mein würdiger Herr,“ rief die Amme, welche ebenfalls in das Trockenzimmer farztt„nehmt Euer Gold, Eure Juwelen, und flieht, ieht!“ „Aber wo hinaus ſoll ich fliehen, Anna?“ fragte van Baerle. „Springt durch das Fenſter.“ „Fünfundzwanzig Fuß.“ „Ihr fallt auf ſechs Fuß Düngererde.“ „Ja, aber ich werde auf meine Tulpen fallen.“ „Gleichviel, ſpringt.“ 18 nes tei⸗ vird noch ene, tten lück al⸗ 75 Cornelius nahm die dritte Brutzwiebel, trat an's Fenſter, öffnete es; doch beim Anblick des Schadens, den er in ſeinen Beeten anrichten würde, mehr noch, als beim Anblick der Entfernung, die ihn vom Boden trennte, ſagte er: „Nein, nie!“ Und er machte einen Schritt rückwärts.. In demſelben Augenblick gewahrte man durch die Stäbe des Geländers die Hellebarden der Soldaten. Die Amme ſtreckte die Arme zum Himmel empor. Was Cornelius van Baerle betrifft, ſo müſſen wir zur Ehre, nicht des Menſchen, ſondern des Tulpen⸗ gärtners ſagen, daß er ſich einzig und allein um ſeine unſchätzbaren Brutzwiebeln bekümmerte. Er ſuchte mit den Augen ein Papier, um ſie darein zu wickeln, erblickte das Blatt aus der Bibel, das Craeke auf den Trockentiſch gelegt hatte, nahm es, ohne ſich zu erinnern, ſo groß war ſeine Befangenheit, woher es kam, wickelte die drei Brutzwiebeln darein, verbarg ſie in ſeiner Bruſt und wartete.. Die Soldaten, denen ein Beamter voranſchritt, traten in dieſem Augenblick ein. „Seid Ihr der Doctor Cornelius van Baerle?“ fragte der Beamte, obgleich er den jungen Mann ganz genau kannte; doch hierin richtete er ſich nach den Re⸗ geln der Juſtiz, was, wie man ſieht, ſeiner Frage einen großen Ernſt verlieh. „Ich bin es, Meiſter van Spennen,“ antwortete Cornelius, indem er höflich ſeinen Richter grüßte,„und Ihr wißt es wohl.“ „Dann gebt die meuteriſchen Papiere heraus, die Ihr bei Euch verbergt.“ „Die meuteriſchen Papiere!“ wiederholte Corne⸗ lius, ganz betäubt von dieſer Anrede. „Ohl ſpielt nicht den Erſtaunten.“. „Ich ſchwöre Euch, Meiſter van Spennen, ich weiß durchaus nicht, was Ihr hiemit ſagen wollt.“ 76 „Dann will ich Euch auf den Weg helfen,“ ſprach der Richter:„gebt die meuteriſchen Papiere heraus, welche der Verräther Cornelius de Witt im Monat Januar bei Euch hinterlegt hat.“ Ein Blitz durchzuckte den Geiſt von Cornelius van Baerle. „Ho! ho!“ ſagte van Spennen,„nicht wahr, Ihr fangt an Euch zu erinnern?“ „Allerdings; doch Ihr ſprachet von meuteriſchen Papieren, und ich habe kein ſolches Papier.“ „Ah! Ihr leugnet?“ „Gewiß.“ Der Gerichtsbeamte ſchaute umher, um mit einem Blick das ganze Cabinet zu umfaſſen. „Welches iſt das Zimmer Eures Hauſes, das man das Trockenzimmer nennt?“ fragte er ſodann. „Es iſt gerade dasjenige, wo wir ſind, Meiſter van Spennen.“ Der Beamte warf einen Blick auf eine kleine Note, welche auf ſeinen Papieren obenan ſtand. „Es iſt gut,“ ſagte er, wie ein Menſch, der ſich einer Sache verſichert hat. Dann fragte er, zu van Baerle zurückkehrend: „Wollt Ihr mir die Papiere herausgeben?“. „Ich kann nicht, Meiſter van Spennen. Dieſe Papiere gehören nicht mir: ſie ſind mir als ein De⸗ poſitum übergeben worden, und ein Depoſitum iſt heilig.“ „Doctor Cornelius,“ ſprach der Richter,„im Na⸗ men der Generalſtaaten befehle ich Euch, dieſe Schub⸗ lade zu öffnen und mir die darin enthaltenen Papiere zu übergeben.“ Und der Beamte deutete mit dem Finger auf die dritte Schublade einer Truhe, welche beim Kamin ſtand. In dieſer dritten Schublade lagen in der That die Papiere, welche Cornelius de Witt ſeinem Pathen übergeben hatte, ein Beweis, daß die Polizei voll⸗ kommen unterrichtet war. 77 „Ah! Ihr wollt nicht?“ ſagte van Spenner, als er ſah, wie van Baerle vor Erſtaunen unbeweglich blieb.„Ich werde alſo ſelbſt öffnen.“ Und der Beamte öffnete die Schublade in ihrer ganzen Länge und entblößte zuerſt etliche und zwanzig Zwiebeln, welche wohl geordnet und ſorgfältig mit Etiquetten verſehen waren; dann das Paquet, das genau in demſelben Zuſtand geblieben, in dem es der unglückliche Cornelius de Witt ſeinem Pathen über⸗ geben hatte. Der Gerichtsbeamte erbrach das Siegel, zerriß den Umſchlag, warf einen gierigen Blick auf die erſten Blätter, die ſich ſeinen Augen boten, und rief mit furchtbarer Stimme: „Ahl die Juſtiz war alſo nicht falſch benachrichtigt worden.“ „Wie!“ ſagte van Baerle,„was iſt das?“ „Ahl! ſpielt nicht länger den Unwiſſenden, Herr van Baerle,“ erwiederte der Beamte;„folgt mir.“ „Wiel ich ſoll Euch folgen?“ rief der Doctor. „Ja, denn ich verhafte Euch im Namen der Ge⸗ neralſtaaten.“ Man verhaftete noch nicht im Namen von Wil⸗ helm von Oranien. Er war hiezu noch nicht lange genug Stadhouder. „Mich verhaften?“ rief Cornelius;„was habe ich denn gethan?“ „Das geht mich nichts an, Doctor; Ihr werdet Euch hierüber mit Euren Richtern erklären.“ „Wo dies?“ „Im Haag.“ Ganz verblüfft, umarmte Cornelius ſeine Amme, welche das Bewußtſein verlor, reichte ſeinen in Thrä⸗ nen zerfließenden Dienſtboten die Hand und folgte dem Beamtenz; dieſer ſchloß ihn wie einen Staatsgefangenen in eine Chaiſe ein und ließ ihn im Galopp nach dem Haag führen. —— 78 VIII. Boxtel. Was geſchehen, war, wie man erräth, das teuf⸗ liſche Werk von Mynheer Iſaak Boxtel. Man erinnert ſich, daß er mit Hilfe ſeines Fern⸗ rohrs nicht einen einzigen Umſtand vom Zuſammenſein von Cornelius de Witt mit van Baerle verloren hatte. Man erinnert ſich, daß er die Wichtigkeit der von Cornelius de Witt ſeinem Pathen übergebenen Pa⸗ piere errieth, als er dieſen ſorgfältig das ihm anver⸗ traute Paquet in die Schublade einſchließen ſah, in der er ſeine koſtbarſten Zwiebeln verſchloß. Eine Folge hievon war, daß, als Bortel, der bedeutend mehr der Politik nachhing, als ſein Nachbar van Baerle, erfuhr, Cornelius de Witt ſei als des Hochverraths gegen die Generalſtaaten ſchuldig, ver⸗ haftet worden, bei ſich dachte, er habe ohne Zweifel nur ein Wort zu ſagen, um die Verhaftung des Täuf⸗ lings zugleich mit der des Pathen herbeizuführen. Indeſſen, ſo glücklich auch das Herz von Bortel war, ſchauderte er doch Anfangs bei dem Gedanken, einen Mann anzuzeigen, den dieſe Anzeige auf das Schaffot führen konnte. Aber das Schrecklichſte bei ſchlimmen Gedanken iſt, daß ſchlimme Geiſter ſich allmälig mit ihnen ver⸗ traut machen. Ueberdies ermuthigte ſich Mynheer Iſaak Boxtel durch den Trugſchluß:„Cornelius de Witt iſt ein ſchlech⸗ ter Bürger, da man ihn des Hochverraths angeklagt und verhaftet hat. „ Ich bin ein guter Bürger, da ich nicht des ge⸗ ringſten Vergehens beſchuldigt und frei bin, wie die Luft. „Iſt Cornelius de Witt ein ſchlechter Bürger, was völlig gewiß, da man ihn des Hochverraths an⸗. 79 geklagt und verhaftet hat, ſo iſt ſein Genoſſe Corne⸗ lids van Baerle ein nicht minder ſchlechter Bürger, als er. „Da ich nun ein guter Bürger bin und es Pflicht der guten Bürger iſt, die ſchlechten Bürger anzuzeigen, ſo iſt es meine, Iſaak Boxtel's, Pflicht, Cornelius van Baerle anzuzeigen.“ Doch dieſer Schluß, ſo ſcheinbar er auch war, hätte vielleicht keine volle Herrſchaft über Boxtel ge⸗ wonnen, und der Neidiſche würde vielleicht dem ein⸗ fachen Verlangen nach Rache, das ihm das Herz zer⸗ nagte, nicht nachgegeben haben, wäre nicht in Ueber⸗ einſtimmung mit dem Dämon des Neids der Dämon der Habgier aufgetaucht. Boxtel wußte, wie weit es van Baerle in ſeinen Forſchungen über die große ſchwarze Tulpe gebracht hatte. So beſcheiden auch der Doctor Cornelius war, ſo hatte er doch vor ſeinen Vertrauteſten nicht verbergen können, daß er beinahe die Gewißheit erlangt, er werde den im Jahr der Gnade 1673 von der Gartenbaugeſell⸗ ſchaft in Harlem ausgeſetzten Preis von hunderttauſend Gulden gewinnen. Dieſe beinahe Gewißheit von Cornelius van Baerle war das Fieber, das Iſaak Boxtel zerfraß. Würde van Baerle verhaftet, ſo müßte das noth⸗ wendig eine große Verwirrung veranlaſſen, und in der auf die Verhaftung folgenden Nacht würde Niemand da⸗ ran denken, über den Tulpen des Gartens zu wachen. In dieſer Nacht aber würde Bortel die Mauer er⸗ klettern, und da er wußte, wo die Zwiebel war, welche die große ſchwarze Tulpe geben ſollte, ſo würde er dieſelbe ſtehlen. Statt bei van Baerle zu blühen, würde die große ſchwarze Tulpe bei ihm blühen, und ſtatt ſein Nach⸗ bar Cornelius wäre er es, der den Preis von hun⸗ derttauſend Gulden bekäme, abgeſehen von der hohen 80 Ehre, daß die neue Blume den Namen Tulipa nigra Boxtelensis erhielte. Ein Reſultat, das nicht nur ſeine Rache, ſondern auch ſeine Habgier befriedigte. Wachte er, ſo dachte er an die große ſchwarze Tulpe, ſchlief er, ſo träumte er nur von ihr. Endlich, am 19. Auguſt, Mittags um 2 Uhr, ward die Verſuchung ſo ſtark, daß Mynheer Iſaak nicht mehr länger zu widerſtehen vermochte. Dem zu Folge faßte er eine anonyme Anzeige ab, bei der die Genauigkeit die Authenticität erſetzte, und warf dieſe Anzeige auf die Poſt. Nie brachte ein giftiges Papier, das in das eherne Maul von Venedig geſchlüpft war, eine raſchere und furchtbarere Wirkung hervor. An demſelben Abend bekam der oberſte Richter dieſe Anzeige; auf der Stelle berief er ſeine Collegen für den nächſten Morgen zuſammen. Am andern Mor⸗ gen verſammelten ſie ſich, beſchloſſen die Verhaftung und ertheilten den Befehl hiezu Meiſter van Spennen, der ſich, wie wir geſehen, als würdiger Holländer dieſer Pflicht entledigte und van Baerle gerade in dem Augen⸗ blick verhaftete, wo die Orangiſten im Haag die Stücke von den Leichnamen von Cornelius und Jo⸗ hann de Witt röſten ließen. Doch, war es Scham, war es Schwäche im Ver⸗ brechen, Iſaak Boxtel hatte an dieſem Tage nicht den Muth, ſein Fernrohr auf den Garten, auf die Maler⸗ werkſtätte und auf das Trockenzimmer zu richten. Er wußte zu gut, was im Hauſe des armen Doc⸗ tor Cornelius vorgehen ſollte, als daß er dahin zu ſchauen nöthig hatte. Er ſtand ſogar nicht einmal auf, als ſein einziger Dienſtbote, der die Dienſtboten von Cornelius nicht minder bitter um ihr Loos beneidete, als Herr Boxtel den Herrn um das ſeinige beneidete, in ſein Zimmer eintrat. Borxtel ſagte zu ihm: „Ich werde heute nicht aufſtehen, ich bin krank.“ gra bern arze ehr rne und öter 81 Gegen neun Uhr hörte er ein gewaltiges Geräuſch auf der Straße, und er ſchauerte bei dem Geräuſch. In dieſem Augenblick war er bleicher, als ein wahr⸗ haft Kranker, zitterte er mehr, als einer, der wirklich vom Fieber befallen iſt. Sein Diener trat ein; Boxtel verbarg ſich unter ſeiner Decke. „Ah! Herr,“ rief der Diener, nicht ohne zu ver⸗ muthen, während er das van Baerle widerfahrene Un⸗ glück beklage, verkündige er ſeinem Herrn eine gute Nachricht;„ah, Herr! Ihr wißt nicht, was in dieſem Augenblick vorgeht??* „Wie ſoll ich es wiſſen?“ erwiederte Boxtel mit beinahe unverſtändlicher Stimme. „Nun denn! in dieſem Augenblick, Herr Bortel, verhaftet man Euren Nachbar van Baerle als des Hochverraths ſchuldig.“ „Bah!“ murmelte Boyxtel mit immer ſchwächerer Stimme,„nicht möglich!“ „Ei! man ſagt es wenigſtens; überdies habe ich den Richter van Spennen und die Bogenſchützen in ſein Haus eintreten ſehen.“ „Ahl wenn Du geſehen haſt,“ ſprach Boxtel,„dann iſt es etwas Anderes.“ „In jedem Fall will ich Erkundigungen einziehen,“ ſagte der Diener,„und ſeid unbeſorgt, Herr, ich werde Euch auf dem Laufenden erhalten.“ Boxtel ermuthigte ſeinen Diener nur durch ein Zeichen in ſeinem Eifer. Der Diener ging hinaus und kam nach einer Vier⸗ telſtunde zurück. „„Ahl Herr,“ meldete er,„Alles was ich Euch erzählt habe, war die reine Wahrheit.“ „Wie ſo?“. „Oerr van Baerle iſt verhaftet; man hat ihn in einen Wagen gebracht und nach dem Hagg expedirt.“ „Nach dem Haag?“ Die ſchwarze Tulpe. 6 82 „ a, wo es ihm, wenn das, was man ſagt, wahr iſt, nicht gut ergehen wird.“ „Und was ſagt man?“ „Oh! Herr, man ſagt, doch das iſt nicht ganz ſicher, die Bürger müſſen in dieſem Augenblick im Zug ſein, Herrn Cornelius und Herrn Johann de Witt zu ermorden.“ „Oh!“ murmelte oder röchelte vielmehr Bortel, indem er die Augen ſchloß, um das ſchreckliche Bild nicht zu ſehen, das ſich ohne Zweifel ſeinem Blick bot⸗ „Teufel!“ ſagte der Bediente zu ſich ſelbſt, als er wegging,„Mynheer Iſaak Boxtel muß ſehr krank ſein, daß er bei einer ſolchen Nachricht nicht aus dem Bette geſprungen iſt.“ Iſaak Bortel war in der That ſehr krank, krank mie zain Menſch, der einen andern Menſchen ermor⸗ det hat. 4 Doch er hatte dieſen Menſchen in einem doppelten Zweck ermordet; der erſte war erfüllt, es blieb noch der andere zu erfüllen. Es wurde Nacht. Die Nacht war es, worauf Boxtel wartete. 4 Als es Nacht geworden, ſtand er auf. Dann ſtieg er auf ſeinen Maulbeerfeigenbaum. Er hatte gut berechnet: Niemand dachte an die Bewachung des Gartens; Haus und Dienſtboten waren drunter und drüber... Er hörte nach und nach zehn Uhr, eilf Uhr, Mit⸗ ternacht ſchlagen... Um Miternacht ſtieg er mit pochendem Herzen, mit zitternden Händen und leichenbleichem Geſicht von ſei⸗ nem Maulbeerbaum herab, nahm eine Leiter, legte ſie an die Mauer an, ſtieg bis auf die vorletzte Sproſſe und horchte.. 3.. Alles war ruhig. Nicht ein Geräuſch ſtörte die Stille der Nacht. 8 Ein einziges Licht wachte im ganzen Haus. 5 8 t 8SS &. 2 — ,—2 wie er in den Garten eingedrungen war,g 83 Es war das der Amme. Dieſe Stille und dieſe Finſterniß ermuthigten Boxtel. Er ſchwang ſich auf die Mauer und hielt einen Augenblick auf dem Kamm an; ganz ſicher, daß er nichts zu befürchten hatte, zog er ſodann die Leiter n ſeinem Garten in den von Cornelius und ſtieg inab. Da er faſt auf eine Linie den Ort wußte, wo die Brutzwiebeln in der Erde lagen, ſo lief er in ihrer Rich⸗ tung, wobei er nichtsdeſtoweniger den Gängen folgte, und als er an Ort und Stelle war, tauchte er mit der Freude eines Tigers ſeine Hände in die weiche Erde. Er fand nichts und glaubte ſich getäuſcht zu haben. Der Schweiß perlte indeſſen inſtinctartig auf ſei⸗ ner Stirne. Er ſtörte auf der Seite: nichts. Er ſtörte rechts, er ſtörte links: nichts. Er ſtörte vorne und hinten: nichts. Er wäre faſt wahnſinnig geworden, denn er ge⸗ wahrte endlich, daß man am Morgen die Erde auf⸗ gerührt hatte. „Während Bortel in ſeinem Bette lag, war Cor⸗ nelius in der That in ſeinen Garten hinabgegangen, hatte die Zwiebel ausgegraben und, wie wir geſehen, in drei Brutzwiebeln getheilt. Boxtel konnte ſich nicht entſchließen, den Platz zu verlaſſen. Er drehte mit ſeinen Händen wenigſtens zehn Quadratfuß um. Endlich blieb ihm kein Zweifel über ſein Unglück mehr. Vom Zorn berauſcht, kehrte er zu ſeiner Leiter zurück, ſchwang ſich auf die Mauer, zog die Leiter von Hernelins zu ſich, warf ſie in ſeinen Garten und ſprang r nach. Plötzlich regte ſich in ihm eine letzte Hoffnung. Die Brutzwiebeln waren ſicherlich im Trockenzimmer. Er hatte nur in das Trockenzimmer zu dringen, 1 84 Dort würde er ſie finden. Das war übrigens kaum ſchwieriger. Das Fenſterwerk des Trockenzimmers wurde auf⸗ gehoben wie das eines Treibhauſes. Cornelius van Baerle hatte die Fenſter am Mor⸗ gen geöffnet, und es war Niemand eingefallen, ſie zu ſchließen. Man mußte ſich nur eine Leiter verſchaffen, welche lang genug, eine Leiter von zwanzig, ſtatt von zwölf Fuß. Boxtel hatte in der Straße ein in der Reparatur begriffenes Haus bemerkt; an dieſem Haus ſtand eine riefige Leiter. Dieſe Leiter war Alles, was Bortel brauchte, wenn ſie nicht etwa die Arbeiter weggebracht hatten. Er lief nach dem Hauſe, die Leiter ſtand noch da. Borxtel nahm die Leiter und trug ſie mit großer Mühe in ſeinen Garten; mit noch größerer Mühe richtete er ſie an der Mauer des Hauſes von Corne⸗— lius auf. Die Leiter reichte gerade bis zum Fenſterwerk. Boxtel ſteckte eine angezündete Blendlaterne in ſeine Taſche, ſtieg die Leiter hinauf und drang in das Trockenzimmer ein. In dieſem Allerheiligſten angelangt, blieb er ſtehen und lehnte ſich an den Tiſch; ſeine Beine wichen unter ihm, ſein Herz ſchlug, um ihn zu erſticken. Hier war es noch ſchlimmer, als im Garten; man ſollte glauben, die freie Luft benähme dem Eigenthum das, was es Ehrfurcht Gebietendes hat; Einer, der über eine Hecke ſpringt oder über eine Mauer klettert, bleibt vor der Thüre oder dem Fenſter eines Zimmers ſtehen. Im Garten war Bortel nur ein Plünderer; im Zimmer war Bortel ein Dieb. „Er faßte jedoch wieder Muth: er war nicht ſo weit gekommen, um mit leeren Händen nach Hauſe zurückzukehren. 1 3 83 Doch er mochte immerhin ſuchen, alle Schubladen 4 2 2 8⁵ öffnen und ſchließen, ſelbſt die privilegirte Schublade, wo das Päckchen, das ſo unſelig für Cornelius geweſen, kurz zuvor noch war; er fand, wie in einem Garten, mit Etiquette verſehene Pflanzen, die Joannis, die Witt, die nußbraune Tulpe, die brenn⸗kaffeebraune Tulpe, doch von der ſchwarzen Tulpe, oder vielmehr von den Brutzwiebeln, worin ſie noch ſchlummerte, war keine Spur vorhanden. Und dennoch las Boxtel in dem Regiſter der Sa⸗ menkörner und Brutzwiebeln, das van Baerle theil⸗ weiſe doppelt und mit größerer Sorgfalt und Pünkt⸗ lichkeit hielt, als die Handelsbücher der erſten Häuſer von Amſterdam gehalten werden, folgende Zeilen: „Heute, am 20. Auguſt 1672, habe ich die Zwie⸗ bel der großen ſchwarzen Tulpe ausgegraben und ſodann in drei Brutzwiebeln getrennt.““ „Dieſe Brutzwiebeln! dieſe Brutzwiebeln!“ heulte Boxtel, im Trockenzimmer umherwühlend,„wo konnte er ſie verbergen?“ Plötzlich ſchlug er ſich vor die Stirne, daß ſein Hirn hätte geplättet werden ſollen. „Oh! ich Elender, der ich bin,“ rief er,„ohl drei⸗ fach verlorener Bortel, trennt man ſich von ſeinen Brutzwiebeln, läßt man ſie in Dortrecht, wenn man nach dem Haag reiſt, kann man ohne ſeine Brutzwie⸗ beln leben, wenn es die der großen ſchwarzen Tulpe ſind! Er wird Zeit gehabt haben, ſie mitzunehmen, der Schändliche! Endträgt ſie bei ſich, er hat ſie nach dem Haag gebracht!l“ 1. Das war ein Blitz, der Boxtel den Abgrund eines unnützen Verbrechens zeigte. Boxtel fiel niedergeſchmettert auf denſelben Tiſch und an denſelben Platz, wo einige Stunden zuvor der un⸗ glückliche Baerle ſo lange und ſo voll Wonne die Brut⸗ zwiebeln der ſchwarzen Tulpe betrachtet hatte. Nun wohl,“ ſagte der Neidiſche, indem er ſein leichenbleiches Haupt erhob,„im Ganzen, wenn er ſie 86 bat„ kann er ſie nur ſo lange behalten, als er lebt, und...“ Der übrige Theil ſeines häßlichen Gedankens wurde von einem abſcheulichen Lächeln verſchlungen. „Die Brutzwiebeln ſind im Haag!“ rief er;„ich kann nicht mehr in Dortrecht leben. 5„Nach dem Haagl für die Brutzwiebeln nach dem aag Und ohne den unermeßlichen Reichthümern, die er verließ, eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſo ſehr war er von einem andern unſchätzbaren Reichthum in An⸗ ſpruch genommen, ſchlüpfte Boxtel durch die Fenſter⸗ öffnung, glitt an der Leiter hinab, trug das Diebſtahls⸗ werkzeug dahin zurück, wo er es genommen hatte, und ging, einem Raubthier ähnlich, knurrend wieder in ſein Haus. IX. Die Familienſtube. Es war ungefähr Mitternacht, als man den ar⸗ men van Baerle in das Gefängniß des Buitenhofs einſchloß. Was Roſa vorhergeſehen, war geſchehen. Als man die Stube von Cornelius leer fand, gerieth das Volk in einen gewaltigen Zorn; wäre der Vater Gryphus unter der Hand dieſer Wüthenden geweſen, ſo hätte er ſicherlich für ſeinen Gefangenen bezahlt. Doch dieſer Zorn hatte Gelegenheit gefunden, ſich an den beiden Brüdern zu ſättigen, welche von den Mördern durch die Vorſicht von Wilhelm, dem Mann der Vorſichtsmaßregeln, der die Thore der Stadt hatte ſchließen laſſen, wieder eingeholt worden waren. 87 Es kam alſo ein Augenblick, wo das Gefängniß ſich leerte und wo die Stille auf den gräßlichen Donner des auf den Treppen rollenden Gebrülls folgte. Roſa benützte dieſen Augenblick, trat aus ihrem Verſteck hervor und ließ auch ihren Vater herausgehen. Das Gefängniß war völlig verödet; wozu ſollte man im Gefäaͤngniß bleiben, während man beim Tolhek erwürgte? 3 Gryphus kam ganz zitternd hinter ſeiner muthigen Tochter heraus. Sie ſchloſſen, ſo gut ſie konnten, das große Thor; wir ſagen, ſo gut ſie konnten, denn es war halb zerbrochen. Man ſah, daß der Strom eines mächtigen Zornes hier durchgezogen. Gegen vier Uhr hörte man den Lärmen zurück⸗ kommen; doch dieſer Lärm hatte nichts Beunruhigendes für Roſa und ihren Vater. Dieſer Lärm war der der Leichname, die man herbeiſchleppte, um ſie auf dem gewöhnlichen Platze der Hinrichtungen aufzuhängen. Roſa verbarg ſich auch diesmal, doch nur, um das gräßliche Schauſpiel nicht zu ſehen. Um Mitternacht klopfte man an das Thor des Buitenhofes, oder vielmehr an die Barricade, die daſ⸗ ſelbe erſetzte. Es war Cornelius van Baerle, den man brachte. Als Gryphus dieſen neuen Gaſt empfing und auf dem Einſperrungsbefehl die Eigenſchaften des Gefange⸗ nen geleſen hatte, murmelte er mit einem Kerkermeiſter⸗ lächeln: „Täufling von Cornelius de Witt, ah! junger Mann, wir haben gerade hier die Familienſtube und wollen ſie Dir geben.“ Und entzückt über den Witz, den er gemacht, nahm der unbändige Orangiſt ſeine Stocklaterne und die Schlüſſel, um van Baerle in die Zelle zu führen, welche an demſelben Morgen Cornelius de Witt für die Ver⸗ bannung verlaſſen, ſo wie ſie in den Revolutions⸗ 1 p 88 zeiten die großen Moraliſten verſtehen, welche als ein Arxiom hoher Politik ſagen: „Nur die Todten kommen nicht zurück.“ Gryphus ſchickte ſich alſo an, den Täufling in die Stube des Pathen zu führen. Auf dem Wege, den er zu durchwandern hatte, um in dieſe Stube zu gelangen, hörte der verzweifelnde Blumenfreund nichts als das Bellen eines Hundes, ſah er nichts, als das Geſicht eines Maͤdchens. Der Hund kam aus einer in der Mauer angebrach⸗ ten Niſche hervor, ſchüttelte eine ſchwere Kette und roch an Cornelius, um ihn in dem Augenblick, wo er Befehl bekäme, ihn zu zerreißen, wohl zu erkennen. Die junge Perſon, als der Gefangene das Treppen⸗ geländer unter ſeiner ſchweren Hand ächzen ließ, öffnete die kleine Thüre eines Zimmers, das ſie in der Tiefe der Treppe ſelbſt bewohnte. Und die Lampe in der rechten Hand, beleuchtete ſie zu gleicher Zeit ihr reizen⸗ des, roſiges, von bewunderungswürdigen, dicken Haar⸗ locken umrahmtes Geſicht, während ſie mit der linken auf ihrer Bruſt ihr weißes Nachtgewand kreuzte, denn ſie war aus ihrem erſten Schlaf durch die unerwartete Ankunft von Cornelius van Baerle aufgeweckt worden. Es war ein ſchönes Gemälde und in Allem wür⸗ dig eines Meiſter Rembrandt, dieſe ſchwarze ſchnecken⸗ förmige Treppe, beleuchtet durch die röthliche Stock⸗ laterne von Gryphus mit dem finſtern Geſicht des Kerkermeiſters; in der Höhe die ſchwermüthige Phyſio⸗ gnomie von Cornelius, der ſich auf das Geländer neigte, um unter ſich das, von dem erhellten Thürrahmen um⸗ ſchloſſene, ſanfte Antlitz des Mädchens zu betrachten, deſſen ſchamhafte Geberde andeutete, daß es ein wenig in Verlegenheit gerieth durch die hohe Stellung von Cor⸗ nelius auf den obern Stufen der Treppe, von wo ſein unbeſtimmter, trauriger Blick die weißen, runden Schul⸗ tern von Roſa gewiſſermaßen liebkoſte. Dann unten, ganz im Schatten, an der Stelle der ——— —,—, G S ——— 89 Stiege, wo die Finſterniß die Einzelnheiten verſchwin⸗ den machte, die Karfunkelaugen des ungeheuren Hundes, der ſeine Kette ſchüttelte, an deren Ringen das doppelte Licht von Roſa und der Stocklaterne von Gryphus ein⸗ zelne Punkte flimmern machte. Was aber der erhabene Meiſter in ſeinem Gemälde hätte nicht wiedergeben können, war der ſchmerzliche Ausdruck, der auf dem Geſichte von Roſa hervortrat, als ſie den ſchönen, bleichen jungen Mann langſam die Treppe herabkommen ſah und auf ihn die unheilvollen, von ihrem Vater ausgeſprochenen Worte:„Ihr werdet die Familienſtube haben,“ anwenden konnte. Dieſe Viſion dauerte einen Augenblick, viel weni⸗ ger Zeit, als wir gebraucht haben, um ſie zu ſchildern. Dann ging Gryphus weiter; Cornelius war genöthigt, ihm zu folgen, und fünf Minuten nachher trat er in den Kerker ein, welchen zu ſchildern unnütz wäre, da ihn der Leſer ſchon kennt. 8 Gryphus zeigte mit dem Finger dem Gefangenen das Bett, auf welchem der Märtyrer, der an dem⸗ ſelben Tage Gott ſeine Seele zurückgegeben, ſo viel ge⸗ litten, nahm ſeine Stocklaterne und ging hinaus. Als Cornelius allein war, warf er ſich auf dieſes Bett, ſchlief aber nicht. Er hatte unabläſſig das Auge auf das enge vergitterte Fenſter gerichtet, das den Tag vom Buitenhof empfing; er ſah ſo jenſeits der Bäume den erſten bleichen Lichtſtrahl hervortreten, den der Himmel wie einen weißen Mantel auf die Erde fallen läßt. Stellenweiſe waren raſche Pferde über den Buiten⸗ bof gallopirt, gewichtige Tritte von Patrouillen hatten ſich auf dem kleinen runden Pflaſter des Platzes bören laſſen und die Lunten der Büchſen hatten, ſich im Weſt⸗ wind entzündend, bis an die Scheiben des Gefängniſſes vorübergehende Blitze geſchleudert. Als aber der zunehmende Tag den bekappten Firſt der Häuſer verſilberte, da trat Cornelius, den es drängte, 90⁰ zu erfahren, ob etwas in ſeiner Nähe lebte, an's Fen⸗ ſter und ließ rings umher einen traurigen Blick laufen. Am Ende des Platzes hob eine ſchwärzliche, durch den Morgennebel blau gefärbte Maſſe von den bleichen Häuſern ſeine unregelmäßige Silhouette ab. Cornelius erkannte den Galgen. An dieſem Galgen hingen zwei ungeſtalte Fetzen, welche nur noch blutige Gerippe waren. Das gute Volk vom Haag hatte ſeinen Opfern das Fleiſch abgehackt, abergetreulich zum Galgen eine doppelte Inſchrift auf einer ungeheuern Tafel zurückgebracht. Auf dieſer Tafel vermochte van Baerle mit ſeinen achtundzwanzigjährigen Augen folgende, vom dicken Pin⸗ ſel liegend eines Schilderſchmierers gezeichnete Zeilen zu leſen: „Hier hängen der große Verbrecher Johann de Witt und der kleine Schurke Cornelius de Witt, ſein Bru⸗ der, zwei Feinde des Volks, aber große Freunde des Königs von Frankreich.“ Cornelius ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ſchlug in ſeinem wahnſinnigen Schrecken ſo gewaltig und ſo haſtig an die Thüre, daß Gryphus mit ſeinem Bund ungeheurer Schlüſſel in der Hand wüthend herbeilief. Er öffnete die Thüre unter gräßlichen Flüchen gegen. den Gefangenen, der ihn außerhalb der Stunden be⸗ mühte, in denen er ſich zu bemühen gewohnt war. „Ah!“ rief er,„er iſt verrückt, dieſer andere de Witt, haben denn die de Witt alle den Teufel im Leib?“ „„Herr! Herr!“ ſagte van Baerle, indem er den Kerkermeiſter am Arm packte und zum Fenſter zog; „Herr, was habe ich denn dort geleſen?“ „Wo, dort?“ „Auf jener Tafel.“ 3 Und zitternd, bleich, keuchend, deutete er auf den Galgen, über dem die cyniſche Aufſchrift angebracht war. Lachend erwiederte Gryphus:. „Hal hal... ja, Ihr habt geleſen. Wohl, mein fen⸗ fen. irch hen een, das elte nen in⸗ len gitt des ind be⸗ itt, den den 91 lieber Herr, dahin kommt man, wenn man Einverſtänd⸗ niſſe üt den Feinden des Herrn Prinzen von Ora⸗ nien hat.“ „Die Herren de Witt ſind ermordet worden!“ murmelte Cornelius. Und er ſank, kalten Schweiß auf der Stirne, die Arme hängend, die Augen geſchloſſen, auf ſein Bett. „Den Herren de Witt hat das Volk ihr Recht an⸗ gedeihen laſſen,“ ſprach Gryphus;„nennt Ihr das er⸗ mordet? ich, ich ſage hingerichtet.“ 4 Und als er ſah, daß der Gefangene nicht nur zur Ruhe, ſondern zur Vernichtung gelangt war, entfernte er ſich aus dem Zimmer, zog die Thür heftig an ſich und ließ die Riegel mit Geräuſch rollen. Als Cornelius wieder zu ſich kam, ſah er ſich allein, und er erkannte die Stube, in der er ſich befand, die Familienſtube, wie ſie Gryphus genannt hatte, als den unſeligen Durchgang, der für ihn zu einem trau⸗ rigen Tode ausmünden ſollte. Da er ein Philoſoph, und beſonders ein Chriſt war, ſo fing er damit an, daß er für die Seele ſeines Pathen und hierauf für die des Großpenſionärs betete, wonach er ſich ſelbſt auf alle Uebel und Leiden gefaßt hielt, die es Gott ihm zu ſchicken gefallen würde. Nachdem er vom Himmel auf die Erde herabge⸗ ſtiegen und von der Erde in ſeinen Kerker zurückgekehrt war, nachdem er ſich verſichert, daß er in dieſem Ker⸗ ker ganz allein, zog er aus ſeiner Bruſt die drei Brut⸗ zwiebeln der ſchwarzen Tulpe und verbarg ſie hinter einem Sandſtein, auf den man den traditionellen Krug ſtellte, im dunkelſten Winkel des Gefängniſſes. „Unnütze Arbeit ſo vieler Jahre! Zerſtörung ſo ſüßer Hoffnungen! Seine Entdeckung ſollte auf das Nichts auslaufen, wie er auf den Tod!... In dieſem Gefängniß nicht ein Grashalm, nicht ein Atom Erde, nicht ein Sonnenſtrahl! Bei dieſem Gedanken gerieth van Baerle in eine 92 finſtere Verzweiflung, aus der er erſt in Folge eines außerordentlichen Umſtandes wieder heraustrat. Was für ein Umſtand war dies? Wir behalten uns vor, dies im nächſten Kapitel zu ſagen.— X. Die Tochter des Kerkermeiſters. An demſelben Abend, als er die Gefangenenkoſt brachte, glitſchte Gryphus beim Oeffnen der Thüre auf der feuchten Platte aus und fiel, während er ſich zu halten ſuchte. Doch da er die Hand falſch aufgeſetzt hatte, brach er den Arm gerade über dem Fauſtgelenk. Cornelius machte eine Bewegung gegen den Ker⸗ kermeiſter, aber Gryphus, der nicht vermuthete, wie ſchwer ſein Unfall, ſagte: „Es iſt nichts... rührt Euch nicht.“ Und er wollte ſich erbeben, indem er ſich auf ſeinen Arm ſtützte, doch der Knochen gab nach; Gryphus fühlte jetzt erſt den Schmerz und ſtieß einen Schrei aus. Er begriff, daß er den Arm gebrochen hatte, und dieſer gegen Andere ſo harte Menſch fiel ohnmächtig auf die Thürſchwelle nieder, wo er träge und kalt, einem Todten ähnlich, liegen blieb. Während dieſer Zeit ſtand die Thüre des Gefäng⸗ niſſes offen, und Cornelius war beinahe frei. Doch es kam ihm nicht einmal der Gedanke, dieſen Vorfall zu benützen; er hatte aus der Art, wie ſich der Arm gebogen, aus ſeinem Krachen beim Biegen ent⸗ nommen, daß ein ſchmerzhafter Bruch ſtattgefunden; er dachte an nichts Anderes, als dem Verwundeten Hilfe zu leiſten, ſo ſchlecht gegen ihn geſinnt dieſer 93 auch bei der einzigen Zuſammenkunft, die er mit ihm gehabt, geſchienen hatte. Auf das Geräuſch, das Gryphus niederfallend ge⸗ macht hatte, auf die Klage, die ihm entſchlüpft war, ließ ſich ein haſtiger Tritt auf der Treppe hören, und bei der Erſcheinung, welche unmittelbar hierauf folgte, gab Cornelius einen kleinen Schrei von ſich, den der Schrei eines jungen Mädchens erwiederte.. Diejenige, welche auf den Schrei von Cornelius antwortete, war die junge Frieſin; als ſie ihren Vater auf der Erde ausgeſtreckt und den Gefangenen über ihn gebeugt ſah, glaubte ſie Anfangs, Gryphus, deſſen Brutalität ſie kannte, ſei in Folge eines Streites gefallen, der ſich zwiſchen ihm und dem Gefangenen entſponnen. Cornelius begriff, was in dem Herzen des Mäd⸗ chens in dem Augenblick vorging, wo der Verdacht ſich in ihrem Innern regte. „Dooch durch den erſten Blick zur Wahrheit zurückge⸗ führt, ſchämte ſich Roſa deſſen, was ſie hatte denken können, ſchlug ihre ſchönen, feuchten Augen zu dem jun⸗ gen Manne auf und ſagte zu ihm: „Verzeihung und Dank, mein Herr. Verzeihung lhe das was ich gedacht, und Dank für das, was Ihr ut.“ Erröthend erwiederte van Baerle: „Ich thue nur meine Chriſtenpflicht, indem ich meinem Nächſten beiſtehe.“ „Ja, und indem Ihr ihm heute Abend beiſteht, habt Ihr die Beleidigungen vergeſſen, die er Euch heute Morgen geſagt. Herr, das iſt mehr als Menſchlichkeit, das iſt mehr als Chriſtenthum.“ Cornelius ſchaute das ſchöne Mädchen ganz er⸗ ſtaunt darüber an, daß er aus dem Munde eines Mädchens aus dem Volke ein zugleich ſo edles und ſo mitleidiges Wort hörte. Doch er hatte nicht Zeit, ihr ſein Erſtaunen zu 94 bezeigen. Gryphus erwachte aus ſeiner Ohnmacht, öffnete die Augen, und mit dem Leben kehrte bei ihm ſeine gewöhnliche Brutalität zurück. „Ahl ſo iſt es,“ ſagte er,„man beeilt ſich, dem Gefangenen das Abendbrod zu bringen, dadurch, daß man ſich beeilt, fällt man, im Fallen bricht man ſich den Arm, und man läßt einen auf dem Boden iegen.“ „Stille, mein Vater,“ erwiederte Roſa,„Ihr ſeid ungerecht gegen dieſen jungen Herrn, den ich, Euch Hilfe leiſtend, gefunden habe.“ „Er?“ verſetzte Gryphus mit zweifelnder Miene. „Das iſt ſo wahr, Herr, daß ich noch bereit bin, Euch beizuſtehen.“ „Ihr?“ ſagte Gryphus,„ſeid Ihr denn Arzt?“ „Dies iſt mein erſter Stand,“ antwortete der Ge⸗ fangene. „So daß Ihr mir den Arm einrichten könnt?“ „Vollkommen.“— „Und was braucht Ihr hiezu?“ „Zwei hölzerne Schienen und linnene Binden.“ „Du hörſt es, Roſa,“ ſagte Gryphus,„der Ge⸗ fangene will mir den Arm einrichten, das iſt eine Er⸗ ſparniß; hilf mir aufſtehen, ich bin von Blei.“ Roſa reichte dem Verwundeten ihre Schulter; der Verwundete umſchlang den Hals des Mädchens mit ſeinem unverletzten Arm, ſtrengte ſich an und erhob ſich auf ſeine Beine, während Cornelius, um ihm den Weg zu erſparen, einen Lehnſtuhl auf ihn zurollte. Gryphus ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, wandte ſich dann an ſeine Tochter und ſagte: 3 „Nun, haſt Du gehört? Hole, was man von Dir verlangt.“ 3 Roſa ging hinab und kam nach einem Augenblick mit zwei Bottichdauben und einer großen linnenen Binde zurück.— Cornelius hatte dieſe Zeit dazu verwendet, dem —— 95 Kerkermeiſter das Wamms auszuziehen und ſeine Aermel zurückzuſchlagen. „Iſt es das, Herr, was Ihr wünſcht?“ fragte a. „Ja, das iſt es,“ antwortete Cornelius, einen Blick auf die Gegenſtände werfend, welche das Mädchen brachte.„Nun ſchiebt dieſen Tiſch vor, während ich den Arm Eures Vaters halte.“ Roſa ſchob den Tiſch vor. Cornelius legte den gebrochenen Arm ſo darauf, daß er flach auflag, richtete mit vollkommener Geſchicklichkeit den Bruch ein, paßte die Schienen an und ſchlang die Binden darum. Bei der letzten Nadel wurde der Kerkermeiſter zum zweiten Male ohnmächtig. „Holt Eſſig, Jungfer,“ ſprach Cornelius,„wir wollen ihm die Schläfe einreiben, und er wird zu ſich kommen.“ Doch ſtatt den Auftrag, den man ihr gegeben, zu erfüllen, ging Roſa, nachdem ſie ſich verſichert, daß ihr Vater wirklich ohne Beſinnung war, auf van Baerle zu und ſagte zu ihm: „Herr, Dienſt für Dienſt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein ſchönes Kind?“ fragte Cornelius. „Herr, der Richter, der Euch morgen verhören ſoll, hat ſich heute erkundigt, in welcher Stube Ihr wäret; man erwiederte ihm, Ihr hättet die Stube von Herrn Cornelius de Witt inne, und bei dieſer Antwort lachte er auf eine unheimliche Weiſe, die mich glauben macht, daß nichts Gutes Eurer harrt.“ „Was kann man mir denn thun?“ fragte van Baerle. „Seht Ihr von hier jenen Galgen?“ „Ich bin nicht ſtrafbar,“ ſprach Cornelius. „Waren ſie es, die verſtümmelt, zerfleiſcht dort hängen?“ 96 „Es iſt wahr,“ ſagte van Baerle, deſſen Stirne ſich umwölkte. „Ueberdies will die öffentliche Meinung, daß Ihr ſchuldig ſein ſollt,“ fuhr Roſa fort.„Doch, ſchuldig oder nicht ſchuldig, Euer Proceß wird morgen beginnen, übermorgen werdet Ihr verurtheilt; die Dinge gehen ſchnell in dieſen Zeitläuften.“ „Nun, was ſchließt Ihr aus dem Allem, liebe Jungfer?“. „Ich ſchließe daraus, daß ich allein bin, daß ich ſchwach bin, daß mein Vater ohnmächtig iſt, daß der Hund einen Maulkorb hat, daß Euch folglich nichts abhält, zu entfliehen. Entflieht alſo, das ſchließe ich daraus.“ „Was ſagt Ihr?“ 4 „Ich ſage, daß ich leider weder Herrn Cornelius, noch Herrn Johann de Witt habe retten können, und daß ich gern Euch retten möchte. Nur macht geſchwinde; der Athem kehrt bei meinem Vater zurück, in einer Minute vielleicht wird er die Augen öffnen, und dann iſt es zu ſpät. Ihr zögert?“ Van Baerle blieb in der That unbeweglich und ſchunte Roſa an, doch als ſchaute er ſie an, ohne ſie zu hören. 1 d Begreiſt Ihr nicht?“ ſagte das Mädchen unge⸗ uldig. 27 wh; ic begreife,“ antwortete Cornelius,„aber.⸗“ er?“ „Ich gehe nicht. Man würde Euch anklagen.“ „Was iſt daran gelegen?“ ſagte Roſa erröthend. „Ich danke, mein Kind, doch ich bleibe.“ „Ihr bleibt! Mein Gott, mein Gott! habt Ihr denn nicht begriffen, daß Ihr verurtheilt werdet.... zum Tode verurtheilt, hingerichtet auf einem Schaffot, vielleicht ermordet und in Stücke zerriſſen, wie man Herrn Johann und Herrn Cornelius ermordet und in Stücke zerriſſen hat! In des Himmels Namen, küm⸗ 97 mert Euch nicht um mich und flieht aus der Stube, wo der ſeid. Merkt wohl auf, ſie bringt den de Witt Unglück.“ 3 Wasl⸗ rief der Kerkermeiſter erwachend,„wer ſpricht von dieſen Elenden, von dieſen Böſewichtern, von dieſen Schurken de Witt?“ „Gerathet nicht in Zorn, mein braver Mann,“ entgegnete Cornelius mit ſeinem ſanften Lächeln,„das Schlimmſte bei Brüchen iſt, ſich das Blut zu erhitzen.“ Dann flüſterte er Roſa zu: „Mein Kind, ich bin unſchuldig und werde meine Richter mit der Ruhe eines Unſchuldigen erwarten.“ „Stille!“ ſagte Roſa. „Stille, warum?“ 8 „Mein Vater darf nicht ahnen, daß wir mit ein⸗ ander geſprochen haben.“ „Was wäre Schlimmes hierbei?“ Was hierbei Schlimmes wäre?.... Er würde mich verhindern, je wieder hierher zu kommen,“ ſagte das Mädchen. Cornelius empfing dieſes naive Geſtändniß mit einem Lächeln; es kam ihm vor, als ſchimmerte ein wenig Glück auf ſein Unglück. „Nun, was murmelt Ihr Beide?“ ſagte Gry⸗ phus, während er aufſtand und ſeinen rechten Arm mit ſeinem linken unterſtützte. Nichts,“ antwortete Roſa;„der Herr ſchreibt mir diifbensordnung vor, die Ihr nun zu beobachten a. 4 ¹ „Die Lebensordnung, die ich zu beobachten habe? Ihr habt auch eine zu beobachten, Schöne.“ „Und welche, mein Vater?“ „Du ſollſt nicht in die Stube der Gefangenen kommen, oder wenn Du dahin kommſt, ſo ſchnell als möglich wieder weggehen; gib mir alſo den Arm und zwar geſchwinde.“ Roſa und Cornelius wechſelten einen Blick. Die ſchwarze Tulpe. 7 . d 98 Der von Roſa wollte beſagen: „Ihr ſeht wohl!“ Der von Cornelius bezeichnete: „Es geſchehe, was des Herrn Wille iſt.“ X. Das Teſtament von Cornelius van Baerle. Roſa hatte ſich nicht getäuſcht; die Richter kamen am andern Morgen nach dem Buitenhof und verhörten Cornelius van Baerle. Das Verhör dauerte übrigens nicht lange; es war erwieſen, daß er jene unſelige Correſpondenz der de Witt mit Frankreich aufbewahrt hatte. Er leugnete es durchaus nicht. Es erſchien nur zweifelhaft in den Augen der Richter, ob dieſe Correſpondenz ihm von ſeinem Pa⸗ then Cornelius de Witt anvertraut worden war. Da aber van Baerle ſeit dem Tode der beiden Märtyrer nichts mehr zu ſchonen hatte, ſo leugnete er nicht nur nicht, daß ihm das oft erwähnte Päckchen von Cornelius in Perſon anvertraut worden, ſondern er erzählte ſogar, auf welche Art und unter welchen Umſtänden man es ihm anvertraut. Dieſes Geſtändniß verwickelte den Täufling in das Verbrechen des Pathen. Es fand eine offene Genoſſenſchaft zwiſchen Cor⸗ nelius de Witt und van Baerle ſtatt. Van Baerle beſchränkte ſich nicht auf dieſes Ge⸗ ſtändniß: er ſagte die volle Wahrheit in Beziehung auf ſeine Sympathien und Gewohnheiten. Er ſprach von ſeiner Gleichgültigkeit in der Politik, von ſeiner Liebe für die Studien, für die Künſte, für die Wiſſenſchaften 4 6. 99 und für die Blumen. Er erzählte, ſeit dem Tage, wo Cornelius nach Dortrecht gekommen und ihm die Cor⸗ reſpondenz anvertraut habe, ſei dieſe nie von dem Ver⸗ wahrer angerührt oder auch nur geſehen worden. Man warf ihm ein, es ſei in dieſer Hinſicht nicht möglich, daß er die Wahrheit ſpreche, da die Papiere gerade in einem Schranke enthalten geweſen, in den er jeden Tag die Augen und die Hände tauche. Cornelius antwortete, dies ſei wahr, doch er ſtecke die Hand blos in die Schublade, um ſich zu verſichern, daß ſeine Zwiebeln ſehr trocken ſeien, und er tauche den Blick nur hinein, um ſich zu verſichern, daß ſeine Zwie⸗ beln zu keimen anfangen. Man entgegnete ihm, ſeine vorgebliche Gleichgül⸗ tigkeit in Betreff des Anvertrauten laſſe ſich vernünf⸗ tiger Weiſe nicht behaupten, weil es unmöglich ſei, daß er, der ein ſolches Gut aus der Hand ſeines Pathen empfangen, die Wichtigkeit deſſelben nicht kenne. Worauf er erwiederte: Sein Pathe Cornelius habe ihn zu ſehr geliebt und ſei ein zu vernünftiger Mann geweſen, um ihm etwas von dem Inhalt der Papiere zu ſagen, da eine ſolche Eröffnung nur dazu gedient hätte, den Verwah⸗ rer zu beunruhigen. Man wand ihm ein, wenn Herr de Witt ſo ge⸗ handelt hätte, ſo würde er dem Paquet für den Fall eines Unglücks ein Cerzificat beigefügt und in dieſem bezeugt haben, ſein Täufling ſei der Correſpondenz völlig fremd, oder er hätte ihm während ſeines Pro⸗ zeſſes einen Brief geſchrieben, der zu ſeiner Rechtferti⸗ gung gedient haben würde. „Cornelius antroortete, ſein Pathe habe ohne Zweifel nicht geglaubt, das von ihm Anvertraute laufe irgend eine Gefahr, da es, in einem Schranke verwahrt geweſen, der von dem ganzen Hauſe von van Baerle ſo heilig als die Bundeslade erachtet werde; er habe dem zu Folge das Certificat für unnöthig gehaktenzawas einen 1⁰⁰ Brief betreffe, ſo entſinne er ſich dunkel, daß einen Augenblick vor ſeiner Verhaftung, und als er in die Betrachtung einer äußerſt ſeltenen Zwiebel verſunken geweſen, der Diener von Herrn Johann de Witt in ſein Trockenzimmer eingetreten ſei und ihm ein Papier übergeben habe; doch dies Alles ſei ihm nur noch als eine Erinnerung, der ähnlich, welche man von einer Viſion habe, geblieben; der Diener ſei verſchwunden, und das Papier würde man vielleicht finden, wenn man gut ſuchte. Was Craeke betrifft, ſo war es unmöglich, ihn aufzufinden, in Betracht, daß er Holland verlaſſen hatte. Was das Papier betrifft, ſo war es ſo wenig wahrſcheinlich, es aufzufinden, daß man ſich nicht ein⸗ mal die Mühe gab, es zu ſuchen. Cornelius ſelbſt Legte kein großes Gewicht auf dieſen Punkt, denn das Papier konnte, angenommen auch, man würde es finden, keine Beziehung zu der Correſpondenz haben, welche das corpus delicti bildete. Die Richter wollten die Miene annehmen, als for⸗ derten ſie Cornelius auf, ſich beſſer zu vertheidigen, als er es wirklich that; ſie bedienten ſich gegen ihn jener liebreichen Geduld, welche entweder einen Beamten, der ſich für den Angeklagten intereſſirt, oder einen Sieger bezeichnet, der ſeinen Gegner niedergeworfen hat und, da er völlig ſein Herr iſt, ihn nicht zu unter⸗ drücken braucht, um ihn zu Grunde zu richten. Cornelius nahm dieſe heuchleriſche Protection nicht an, und in einer letzten Antwort, die er mit dem Adel eines Märtyrers und mit der Ruhe eines Gerechten gab, ſprach er: 4 „ Meine Herren, Ihr fragt mich Dinge, auf die ich nichts zu antworten habe, als die ſtrenge Wahrheit. Die ſtrenge Wahrheit aber iſt Folgendes: Das Päck⸗ chen iſt auf dem von mir genannten Weg zu mir ge⸗ kommen; ich betheure vor Gott, daß ich den Inhalt deſſelben nicht kannte und noch nicht kenne; daß ich erſt aum Tage meiner Verhaftung erfahren habe, das Anver⸗ traute ſei die Correſpondenz des Großpenſionärs mit dem Marquis von Louvois. Ich betheure endlich, daß ich nicht weiß, wie man hat erfahren können, daß dieſes Paquet bei mir war, und beſonders, wie ich ſtrafbar ſein kann, weil ich das empfangen habe, was mir mein hoher und unglücklicher Pathe gebracht hat.“ Dies war die ganze Vertheidigungsrede von Cor⸗ nelius. Die Richter ſchritten zur Abſtimmung. Sie erwogen: Daß jeder Schößling bürgerlicher Uneinigkeit un⸗ heilvoll ſei, inſofern er den Krieg wieder anfache, wel⸗ chen zu erſticken im Intereſſe Aller liege. Einer von ihnen, der für einen tiefen Beobachter galt, behauptete, dieſer ſcheinbar ſo phlegmatiſche junge Mann müſſe in Wirklichkeit ſehx gefährlich ſein, in Be⸗ tracht, daß er unter dem Eismantel, der ihm als Hülle diene, ein glühendes Verlangen, die Herren de Witt, ſeine Verwandten, zu rächen, verbergen müſſe. Ein Anderer behauptete, die Liebe zu den Tulpen verbinde ſich vollkommen mit der Politik, und es ſei geſchichtlich nachgewieſen, daß mehrere ſehr gefährliche Männer Gärtnerei getrieben haben, gerade als ob dies ihr Handwerk geweſen wäre, indeß ſie in ihrem Innern mit etwas ganz Anderem beſchäftigt geweſen ſeien. Ein Zeuge hievon ſei Tarquinius der Aeltere, der bei Gabii Mohn gepflanzt, und der große Condé, der im Thurme von Vincennes ſeine Nelken begoſſen habe, und zwar in dem Augenblik, wo der Erſte auf ſeine Rück⸗ kehr nach Rom und der Zweite auf ſeine Flucht aus dem Gefängniß geſonnen. Der Richter ſchloß mit folgendem Dilemma: Entweder liebt Herr Cornelius van Baerle die Blumen ſehr, oder er liebt die Politik ſehr; in dem einen und in dem andern Fall hat er uns belogen, einmal, weil es nachgewieſen iſt, daß er ſich mit Politik beſchäftigte, und zwar durch die Bripfe, die man bei 102 ihm gefunden hat; ſodann, weil es nachgewieſen iſt, daß er ſich mit Tulpen beſchäftigte. Die Brutzwiebeln ſind da, die dies beglaubigen. Endlich, und hierin lag die Abſcheulichkeit: da Cornelius van Baerle ſich mit den Tulpen und der Politik beſchäftigte, ſo war der An⸗ geklagte alſo von einer baſtardartigen Natur, von einer amphibiſchen Organiſation, er arbeitete mit gleichem Eifer an der Politik und an der Tulpe, was ihm alle Cha⸗ raktere der für die öffentliche Ruhe am gefährlichſten Menſchengattung und eine gewiſſe, oder vielmehr eine völlige Analogie mit den großen Geiſtern gab, von denen Tarquinius der Aeltere und Herr von Condé ſo eben ein Beiſpiel lieferten. Das Reſultat aller dieſer Schlüſſe war, der Herr Prinz Stadhouder von Holland werde ohne allen Zwei⸗ fel der Obrigkeit vom Haag allen Dank wiſſen, wenn ſie ihm die Verwaltung der ſieben Provinzen dadurch vereinfachte, daß ſie Alles bis auf den Keim der Ver⸗ ſchwörung gegen ſein Anſehen vertilgte. Dieſe Beweisführung überwog alle andere, und um den Keim der Verſchwörungen wirkſam zu zerſtören, wurde einſtimmig die Todesſtrafe gegen Herrn Corne⸗ lius van Baerle, als beſchuldigt und überwieſen, unter dem harmloſen Anſchein eines Tulpenliebhabers an den abſcheulichen Intriguen und fluchwürdigen Com⸗ plotten der Herren de Witt gegen die holländiſche Na⸗ tionalität und an ihren geheimen Verbindungen mit dem franzöſiſchen Feind Theil genommen zu haben, ausgeſprochen. Der Spruch ſagte nachträglich, der genannte Cor⸗ nelius van Baerle werde aus dem Gefängniß des Buitenhofes geholt und zu dem auf dem Platze gleichen Namens errichteten Schaffot geführt werden, wo ihm der Scharfrichter den Kopf abſchlagen ſollte. Da dieſe Berathung ernſter Natur geweſen war, ſo hatte ſie eine halbe Stunde gedauert, und während 10⁰3 dieſer halben Stunde war van Baerle in ſein Gefäng⸗ niß zurückgebracht worden. 4 Hier verlas ihm der Schreiber der Generalſtaaten ſeinen Spruch. Meiſter Gryphus wurde durch das Fieber, das ihm ſein Armbruch verurſachte, in ſeinem Bett feſtgehalten. Seine Schlüſſel waren in die Hände von einem ſeiner Knechte übergegangen, und hinter dieſen Knecht, der den Schreiber eingeführt, hatte ſich Roſa, die ſchöne Frieſin, mit einem Schnupftuch auf dem Mund, um ihre Seußzer und ihr Schluchzen zu erſticken, geſtellt. Cornelius hörte das Urtheil mit einem mehr er⸗ ſtaunten, als traurigen Geſicht an. Als der Spruch geleſen war, fragte ihn der Schrei⸗ ber, ob er etwas zu erwiedern habe. „Bei meiner Treue, nein,“ antwortete er.„Ich geſtehe nur, daß ich unter allen Todesurſachen, die ein vorſichtiger Menſch vorherſehen kann, um ſie abzuwehren, dieſe nie geahnet hätte.“ Auf dieſe Antwort grüßte der Schreiber Cornelius mit aller Achtung, welche dergleichen Beamte für große Verbrecher aller Art hegen. Und als er hinausgehen wollte, fragte van Baerle: „Ah! Herr Gerichtsſchreiber, ſagt mir doch, wenn's Euch beliebt, an welchem Tage ſoll die Sache ſtatt⸗ finden?“ „Heute,“ anwortete der Schreiber, etwas verlegen gemacht durch die Kaltblütigkeit des Verurtheilten. Ein Schluchzen ertönte hinter der Thüre. Cornelius neigte ſich, um zu ſehen, wer dieſes Schluchzen von ſich gegeben, Roſa aber hatte die Be⸗ wegung errathen und ſich raſch zurückgebogen. „ Und,“ fügte Cornelius bei,„um welche Stunde die Hinrichtung?“ „Um Mittag, Herr.“ „Teufel!“ ſagte Cornelius,„mir ſcheint, ich hörte 104 vor wenigſtens zwanzig Minuten zehn Uhr ſchlagen. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.“ „Um Euch mit Gott zu verſöhnen, ja, Herr,“ ſprach der Gerichtsſchreiber, indem er ſich bis auf den Boden bückte,„und Ihr könnt jeden Geiſtlichen ver⸗ langen, den Ihr haben wollt.“ Nachdem er ſo geſprochen, ging er rückwärts hin⸗ aus, und der Erſatzmann des Kerkermeiſters wollte ihm, die Thüre von Cornelius ſchließend, folgen, als ſich ein weißer, zitternder Arm zwiſchen dieſem Men⸗ ſchen und der ſchweren Thüre ausſtreckte. 3 Cornelius ſah nichts, als den goldenen Helm mit den Ohrbäuſtchen von weißen Spitzen, den Kopfputz der ſchönen Friefinnen; er hörte nur ein Flüſtern in das Ohr des Kerkerknechts; aber dieſer legte ſeine unten von dem Hunde bewacht war. Der goldene Helm drehte ſich um, und Cornelius erkannte das von Thränen durchfurchte Geſicht und die ganz naſſen großen Das Mädchen ging, ihre beiden Hände an ihre ge⸗ brochene Bruſt drückend, auf Cornelius zu. „Oh! Herr! Herr!“ ſprach ſie. „Mein ſchönes Kind,“ erwiederte Cornelius be⸗ wegt,„was wünſcht Ihr von mir? Ich habe fortan keine große Macht auf Erden, das muß ich Euch ſagen.“ „Herr, ich komme, um Euch um eine Gunſt zu bitten,“ antwortete Roſa, indem ſie ihre Hände halb gegen Cornelius, halb zum Himmel ausſtreckte. „Weint nicht ſo,“ ſprach der Gefangene; denn — 105 alſo nicht mehr und ſagt mir Euern Wunſch, ſchöne Das Mädchen ſank auf die Kniee und ſprach: „Verzeiht meinem Vater.“ „Eurem Vater?“ verſetzte Cornelius erſtaunt. „Ja, er iſt ſo hart gegen Euch geweſen; doch das liegt in ſeiner Natur, er benimmt ſich ſo gegen Alle und iſt nicht Euch beſonders grob begegnet.“ „Er iſt beſtraft, liebe Roſa, ſogar mehr als be⸗ ſtraft, durch den Unfall, der ihm widerfahren, und ich verzeihe ihm.“ „Empfangt meinen Dank,“ ſprach Roſa.„Und nun ſagt, kann ich meinerſeits etwas für Euch thun?“ „Ihr könnt Eure ſchönen Augen trocknen, liebes Kind,“ antwortete Cornelius mit ſeinem ſanften Lächeln. „Aber für Euch... für Euch...“ „Derjenige, welcher nur eine Stunde zu leben hat, iſt ein großer Sybarit, wenn er etwas braucht, liebe Roſa.“ „Der Geiſtliche, den man Euch angeboten?“ „Ich habe Gott mein ganzes Leben angebetet, Roſa, ich habe ihn angebetet in ſeinen Werken, geſeg⸗ net in ſeinem Willen. Gott kann nichts gegen mich haben. Ich werde Euch alſo nicht um einen Geiſtlichen bitten. Der letzte Gedanke, der mich beſchäftigt, Roſa, bezieht ſich auf die Verherrlichung Gottes. Ich bitte Euch, meine Liebe, ſteht mir in der Erfüllung dieſes Gedankens bei.“ 3 „Ahl Herr Cornelius, ſprecht! ſprecht!“ rief das Mädchen von Thränen überfluthet.— „Gebt mir Eure ſchöne Hand und verſprecht mir, nicht zu lachen, mein Kind.“ „pachen!“ rief Roſa in Verzweiflung,„lachen in dieſem Augenblick! Ihr habt mich alſo nicht angeſchaut, Herr Cornelius?“ „Ich habe Euch angeſchaut, Roſa, mit den Augen des Koͤrpers und mit den Augen der Seele. Nie hat ſich 106 mir ein ſchöneres Weib, eine reinere Seele geboten; und wenn ich Euch von dieſem Augenblick an nicht mehr anſchaue, ſo verzeiht mir, es geſchieht, weil ich, im Begriff, aus dieſem Leben zu ſcheiden, nichts mehr hier zu beklagen haben will.“ Roſa bebte. Als der Gefangene dieſe Worte ſprach, ſchlug es elf Uhr auf dem Thurme des Buitenhof. Cornelius begriff. „Ja, ja, beeilen wir uns,“ ſagte er.„Ihr habt Recht, Roſa.“ Da zog er aus ſeiner Bruſt, wo er es abermals verborgen, ſeitdem er nicht mehr durchſucht zu werden befürchtete, das Papier, in das die drei Brutzwiebeln gewickelt waren. „Meine ſchöne Freundin,“ ſprach er,„ich habe die lumen ungemein geliebt. Das war zu einer Zeit, wo ich nicht wußte, daß man etwas Anderes lieben konnte. Ohl erröthet nicht, wendet Euch nicht ab, Roſa, ſollte ich Euch eine Liebeserklärung machen. Daraus wäre keine Folge für die Zukunft zu ziehen, armes Kind; es iſt dort auf dem Buitenhofe ein gewiſſer Stahl, der in ſechzig Minuten meiner Verwegenheit Rechnung tragen wird. Ich liebte alſo die Blumen, Roſa, und ich hatte, das glaube ich wenigſtens, das Geheimniß der großen ſchwarzen Tulpe gefunden, welche man für unmöglich hält, und die, wie Ihr wißt oder nicht wißt, der Gegenſtand eines von der Gartenbau⸗Geſellſchaft in Harlem ausgeſetzten Preiſes von hunderttauſend Gul⸗ den iſt. Dieſe hunderttauſend Gulden, und Gott weiß, daß ſie es nicht ſind, die ich beklage, dieſe hunderttau⸗ ſend Gulden habe ich in dieſem Papier; ſie ſind mit den drei Brutzwiebeln gewonnen, die es enthält und die Ihr nehmen könnt, Roſa, denn ich ſchenke ſie Euch.“ „Herr Cornelius!“ „Oh! Ihr könnt ſie nehmen, Roſa! Ihr fügt Niemand ein Unrecht zu, mein Kind. Ich bin allein auf der Welt; mein Vater und meine Mutter ſind todt; 107 ich habe nie Bruder oder Schweſter gehabt; ich habe nie daran gedacht, zu lieben, und wenn es Jemand eingefallen iſt, mich zu lieben, ſo habe ich es nicht er⸗ fahren. Ihr ſeht übrigens wohl, Roſa, daß ich ver⸗ laſſen bin, da Ihr allein zu dieſer Stunde in meinem Kerker ſeid, um mich zu tröſten und mir beizuſtehen.“ „Aber, Herr, hunderttauſend Gulden...“ „Ah! ſprechen wir ernſthaft, liebes Kind,“ ſagte Cornelius.„Hunderttauſend Gulden werden eine hüb⸗ ſche Mitgift für Eure Schönheit ſein; Ihr werdet ſie bekommen, die hunderttauſend Gulden, denn ich bin meiner Brutzwiebeln ſicher. Ihr werdet ſie alſo haben, theure Roſa, und ich verlange von Euch dagegen nur das Verſprechen, einen braven jungen Mann zu hei⸗ rathen, den Ihr lieben werdet, und der Euch ebenſo ſehr lieben wird, als ich die Blumen liebte.“ „Unterbrecht mich nicht, Roſa, ich habe nur noch ein paar Minuten.“ Das arme Mädchen erſtickte unter ſeinem Schluchzen. Cornelius nahm Roſa bei der Hand und fuhr fort: „Höret, wie Ihr zu verfahren habt. Ihr nehmt von der Erde in meinem Garten in Dortrecht. Ver⸗ langt von Butruysheim, meinem Gärtner, Düngererde von meinem Beet Nro. 6, pflanzt in dieſelbe in einem tiefen Kaſten dieſe drei Brutzwiebeln, ſie werden bis nächſten Mai, das heißt, in ſieben Monaten blühen, und wenn Ihr die Blume auf dem Stängel ſeht, bringt die Nächte damit zu, daß Ihr ſie vor dem Winde beſchützt, die Tage, daß Ihr ſie vor der Sonne ſchirmt. Sie wird ſchwarz blühen, deſſen bin ich ſicher. Dann laßt Ihr dem Präſidenten der Geſellſchaft zu Harlem benachrichtigen. Er wird durch den Congreß die Farbe der Blume bekräftigen laſſen, und man wird Euch die hunderttauſend Gulden ausbezahlen.“ Roſa gab einen gewaltigen Seufzer von ſich. „Und nun,“ fuhr Cornelius fort, indem er eine am Rande ſeines Augenlids zitternde Thräne abwiſchte, 108 welche viel mehr der wunderbaren ſchwarzen Tulpe geweiht war, die er in dieſem Leben, das er zu ver⸗ laſſen im Begriff ſtand, nicht mehr ſehen ſollte,„und nun wünſche ich nichts mehr, wenn nicht etwa, dieſe Tulpe möge Rosa Barlaensis heißen, ſie möge nämlich zugleich an Euren Namen und an den meinigen erinnern, und da Ihr, inſofern Ihr ſicherlich das Lateiniſche nicht verſteht, dieſes Wort vergeſſen könntet, ſo verſchafft mir einen Bleiſtift und Papier, daß ich es Euch auf⸗ ſchreiben kann.“ Roſa brach in ein Schluchzen aus und reichte ihm ein in Saffianleder eingebundenes Buch, welches mit den Anfangsbuchſtaben C. W. verſehen war. „Was iſt das?“ fragte der Gefangene. „Ach!“ erwiederte Roſa,„es iſt die Bibel Eures armen Pathen Cornelius de Witt. Er hat daraus die Kraft geſchöpft, die Folter zu ertragen und, ohne zu erbleichen, ſein Urtheil anzuhören. Ich habe ſie in dieſer Stube nach dem Tode des Märtyrers gefun⸗ den und wie eine Relique aufbewahrt. Heute brachte ich ſie Euch mit, denn mir ſchien, ſie trage eine ganz göttliche Kraft in ſich. Ihr bedurftet dieſer Kraft nicht, die Gott in Euch gelegt hat. Gott ſei gelobt! Schreibt darauf, was Ihr zu ſchreiben habt, Herr Cornelius, und obſchon ich ſo unglücklich bin, nicht leſen zu kön⸗ nen, ſoll doch das, was Ihr ſchreibt, vollzogen werden.“ Cornelius nahm die Bibel und küßte ſie ehr⸗ furchtsvoll.. „Womit werde ich ſchreiben?“ fragte er. „Es iſt ein Bleiſtift in der Bibel,“ erwiederte Roſa.„Es lag darin, und ich habe es aufbewahrt.“ Das war der Bleiſtift, den Johann de Witt ſeinem Bruder geliehen und nicht mehr zurückgenommen hatte. Cornelius nahm ihn und ſchrieb auf das zweite Blatt, denn das erſte war, wie man ſich erinnert, herausgeriſſen worden, ebenfalls dem Sterben nahe, wie ſein Pathe, mit einer nicht minder feſten Hand: ulpe ver⸗ nun ulpe leich und nicht hafft auf⸗ ihm mit tres die 2 zu in 109 „Am 23. Auguſt 1672, auf dem Punkte, obgleich unſchuldig, meine Seele Gott auf dem Schaffot zurück⸗ zugeben, vermache ich Roſa Gryphus das einzige Gut, das mir von allen meinen Gütern auf dieſer Welt geblieben iſt, da die andern confiscirt worden ſind; ich vermache, ſage ich, Roſa Gryphus drei Brutzwiebeln, die, nach meiner tief begründeten Ueberzeugung, die große ſchwarze Tulpe, den Gegenſtand des von der Geſellſchaft zu Harlem ausgeſetzten Preiſes von hun⸗ derttauſend Gulden, geben müſſen, mit dem Wunſche, ſie möge dieſe hunderttauſend Gulden ſtatt meiner als meine einzige Erbin beziehen, und mit der Auflage, einen jungen Mann ungefähr von meinem Alter zu heirathen, der ſie lieben wird und den ſie lieben wird, und der großen ſchwarzen Tulpe, welche eine neue Gattung bilden ſoll, den Namen Rosa Barlaensis, das heißt, ihren und den meinigen vereinigt zu geben. „Gott ſei mir gnädig und verleihe ihr lange Ge⸗ ſundheit! „Cornelius van Baerle.“ Dann gab er die Bibel Roſa und ſprach: „Leſe.4 „Ach! ich habe es Euch ſchon geſagt, ich kann nicht leſen,“ antwortete das Mädchen. Da las van Baerle Roſa das Teſtament vor, das er gemacht hatte. Das Schluchzen des armen Kindes verdoppelte ſich. „Nehmt Ihr meine Bedingungen an?“ fragte ſchwermüthig lächelnd der Gefangene, indem er der ſchönen Frieſin die Spitze ihrer zitternden Finger küßte. „Ohl ich vermag es nicht, Herr,“ ſtammelte ſie. „Ihr vermögt es nicht, mein Kind, und warum nicht?“ 6 neil ich eine von den Bedingungen nicht halten önnte.“. „Welche? ich glaubte es doch bequem mit unſerem Vertrag gemacht zu haben.“ „Ihr gebt mir die hunderttauſend Gulden unter dem Titel einer Mitgift?“ 110 „Ja.“ „Und um einen Mann zu heirathen, den ich lie⸗ ben werde?“ „Allerdings!“ „Nun denn! Herr, dieſes Geld kann nicht mein erden⸗ Ich werde nie Jemand lieben und nicht hei⸗ rathen.“ Und nach dieſen Worten, die ſie nur mit Mühe ausgeſprochen, bog ſich Roſa auf ihren Knieen und wäre beinahe vor Schmerz ohnmächtig geworden. Erſchrocken, da er ſie ſo bleich und ſierbend ſah, wollte ſie Cornelius in ſeine Arme nehmen, als ein gewichtiger Tritt, dem andere unſelige Geräuſche folg⸗ es hegleitet vom Gebelle des Hundes auf der Treppe erſcholl. „Man kommt, um Euch zu holen!“ rief Roſa die Hände ringend.„Mein Gott! mein Gott! Herr, habt Ihr mir nicht noch etwas zu ſagen?“ Und ſie fiel auf die Kniee, verſenkte den Kopf in ihre Hände und erſtickte beinahe vor Weinen und Schluchzen. 3 „Ich habe Euch zu ſagen, Ihr ſollt Eure drei Brutzwiebeln ſorgfältig aufbewahren und nach den Vorſchriften, die ich Euch gegeben, und Gott zu Liebe. pflegen. Lebet wohl, Roſa. „Oh! ja,“ ſprach ſie, ohne den Kopf zu erheben, „ohl ja, Alles, was Ihr geſagt habt, werde ich thun. Nur nicht heirathen,“ fügte ſie leiſe bei,„denn, oh! das ſchwöre ich Euch, das iſt für mich unmöglich.“ Und Re ſtreckte in ihren bebenden Buſen den Schatz von Cornelius.. Das Geräuſch, das Cornelius und Roſa gehört hatten, war das, welches der Gerichtsſchreiber machte, der, gefolgt vom Scharfrichter, von den zu Bewachung des Schaffots beſtimmten Soldaten und den im Ge⸗ fängniß vertrauten Neugierigen, zurückkam, um den Verurtheilten zu holen. 4 111 Ohne Schwäche, wie ohne Prahlerei, empfing ſie van Baerle mehr als Freunde, denn als Verfolger, und ließ ſich die Bedingungen auferlegen, welche die⸗ ſen Menſchen zu Vollziehung ihres Amtes beliebten. Mit einem Blick, den er durch ſein kleines ver⸗ gittertes Fenſter auf den Platz warf, gewahrte er nun das Schaffot, und zwanzig Schritte vom Schaffot den Galgen, von dem man auf Befehl des Stadhouders die beſchimpften Reliquien der zwei Brüder de Witt abgenommen hatte. Als er hinabgehen mußte, um den Wachen zu fol⸗ gen, ſuchte Cornelius mit den Augen den himmliſchen Blick von Roſa, aber er ſah nur hinter den Schwer⸗ tern und Hellebarden einen bei einer Bank ausgeſtreck⸗ ten Leib und ein leichenbleiches, halb durch lange Haare verſchleiertes Geſicht. Doch als ſie leblos niederfiel, hatte Roſa, um noch ihrem Freunde zu gehorchen, ihre Hand an ihr ſammetnes Mieder gedrückt, und ſelbſt im Vergeſſen alles Lebens fuhr ſie fort, das koſtbare Gut zu ver⸗ wahren, das ihr Cornelius anvertraut hatte. Und als er den Kerker verließ, konnte der junge Mann in den krampfhaft zuſammengezogenen Fingern von Roſa das gelbliche Blatt der Bibel erſchauen, in welches Cornelius de Witt ſo mühſam und unter ſo großen Schmerzen die paar Zeilen geſchrieben, welche unfehl⸗ bar, wenn ſie van Baerle geleſen, einen Menſchen und eine Tulpe gerettet hätten. XI. Die Hinrichtung. Cornelius van Baerle hatte nicht dreihundert Schritte zu machen, um vom Gefängniß zum Fuß des Schaffots zu kommen. 112 Unten an der Treppe ſchaute ihn der Hund ruhig an, als er vorüberging; Cornelius glaubte ſogar in den Augen des ungeheuren Thieres einen Ausdruck von Sanftmuth zu bemerken, der an das Mitleid grenzte. Vielleicht kannte der Hund die Verurtheilten und biß nur diejenigen, welche frei weggingen. an begreift, daß die Neugierigen den Weg vom Thore des Gefängniſſes bis zum Fuße des Schaffots, je kürzer er war, deſto mehr belagerten. Es waren dieſelben Neugierigen, die, da ſie ihren Durſt nicht genug durch das Blut, das ſie drei Tage zuvor getrunken, geſtillt hatten, nun auf ein neues Opfer warteten. Kaum erſchien auch van Baerle, als ein unge⸗ heures Gebrüll in der Straße ertönte, ſich über den ganzen Platz ausdehnte und ſich dann in den verſchie⸗ denen Richtungen der Gaſſen entfernte, die nach dem Schaffot ausmündeten. Das Schaffot glich auch einer Inſel, welche von den Wogen von vier bis fünf Flüſſen gepeitſcht würde. Mitten unter dieſem Geſchrei, unter dieſem Gebrülle, unter dieſen Drohungen hatte ſich Cornelius, ohne Zweifel, um ſie nicht zu hören, in ſich ſelbſt verſenkt. polt Woran dachte dieſer Gerechte, der ſogleich ſterben ollte Weder an ſeine Feinde, noch an ſeine Richter, noch an ſeine Henker.. Er dachte an die ſchönen Tulpen, die er vom Him⸗ 1 mel herab, entweder in Ceylon, oder in Bengalen, oder anderswo ſehen würde, wenn er, mit allen Unſchuldigen zur Rechten Gottes ſitzend, mitleidig auf dieſe Welt herabſchauen könnte, wo man die Herren Cornelius und Johann de Witt, weil ſie zu viel an die Politik gedacht hatten, und Herrn Cornelius van Baerle, weil er zu viel an die Tulpen gedacht, erwürgte. „Ein Schwertſtreich,“ ſagte der Philoſoph,„und mein ſchöner Traum beginnt.“ 8 113 Nur wußte man nicht, ob nicht wie Herrn von Chalais, wie Herrn von Thou und anderen ſchlecht ge⸗ tödteten Leuten, der Henker dem armen Tulpenfreund mehr als einen Streich, das heißt mehr als ein Mär⸗ tyrthum vorbehielt. 3 Van Baerle erſtieg nicht minder entſchloſſen die Stufen des Schaffots. Er ſtieg hinauf, ſtolz, der Freund des erhabenen Johann und der Täufling des edlen Cornelius zu ſein, welche die, um ihn zu ſehen, zuſammengeſchaarte Schur⸗ denedrei Tage zuvor in Stücke zerriſſen und verbrannt atten. Er kniete nieder, verrichtete ſein Gebet und be⸗ merkte nicht ohne eine lebhafte Freude darüber zu empfin⸗ den, er würde, wenn er den Kopf auf den Block legte und ſeine Augen offen behielte, bis zum letzten Moment das vergitterte Fenſter des Buitenhofes ſehen. Endlich kam die Stunde, dieſe gräßliche Bewegung zu machen; Cornelius legte ſein Kinn auf den feuchten, kalten Block. Doch in dieſer Secunde ſchloſſen ſich un⸗ willkürlich ſeine Augen, um die entſetzliche Lawine beſſer aushalten zu können, welche auf ſein Haupt fallen und ſein Leben verſchlingen ſollte. Ein Blitz zuckte auf dem Boden des Schaffots: der Henker erhob ſein Schwert.. Van Baerle ſagte der großen ſchwarzen Tulpe Lebewohl, überzeugt, er werde Gott guten Morgen ſagend in einer aus einem andern Lichte und einer andern Farbe gemachten Welt erwachen. Dreimal fühlte er den kalten Wind des Schwertes über ſeinen ſchauernden Hals hinziehen. „o Erſtaunen! Er fühlte weder Schmerz, noch Erſchütterung. Er ſah keine Veränderung der Farblichter. Dann fühlte ſich van Baerle plötzlich, ohne daß er wußte, von wem, durch ziemlich ſanfte Hände auf⸗ Die ſchwarze Tulpe. 8 114 gehoben, und bald befand er ſich wieder, ein wenin wankend, auf den Beinen. Er öffnete die Augen. Es las Jemand etwas in ſeiner Nähe von einem großen, mit einem rothen Siegel verſehenen Pergament Und gelb und bleich, wie es ſich für eine hollän⸗ diſche Sonne geziemt, glänzte dieſelbe Sonne am Himmel und daſſelbe vergitterte Fenſter ſchaute ihn vom Buitenhof herab an, und dieſelben Schurken ſchauten ihn, nicht mehr brüllend, ſondern verwunderungsvoll vom Platz herauf an. Van Baerle öffnete die Augen immer weiter, ſchaut und horchte immer ſchärfer, und ſo fing er an zu be⸗ greifen. Seine Hoheit Prinz Wilhelm von Oranien hatte ohne Zweifel befürchtend, die ſiebenzehn Pfund Blut, die van Baerle auf ein paar Unzen in ſeinem Leibe hatt könnten den Becher der himmliſchen Gerechtigkeit über⸗ fließen machen, Mitleid mit ſeinem Charakter und fül den Anſchein ſeiner Unſchuld gefaßt. Dem zu Folge hatte ihn Seine Hoheit mit den Leben begnadigt... Darum war das Schwert, das ſich mit dem unheilvollen Reflex erhoben, dreimal um ſei⸗ nen Kopf geflogen, wie der Leichenvogel um den von Turnus, hatte ſich aber nicht auf ſein Haupt geſent und ſein Wirbelbein unberührt gelaſſen. Darum hatte er weder Schmerz, noch Erſchütterung empfunden. Darum lachte die Sonne noch in dem allerdings ſehr mittelmäßigen, aber ſehr erträglichen Azur der Himmelsgewölbe. Cornelius, der auf Gott und das Tulpenpanoram des Weltalls gehofft hatte, wurde wohl ein wenig ent⸗ täuſcht, aber er tröſtete ſich, indem er mit einem gewiſſen Wohlbehagen die verſtändigen Federn jenes Theils der Körpers ſpielen ließ, den die Griechen Trache lon nannten, die Franzoſen beſcheiden le col und die Deut ſchen Hals nennen. wenig einem ament, ollän⸗ mmel tenhof nicht Platze chaut u be⸗ hatte t, die 115 Und dann hoffte van Baerle wohl, die Begnadi⸗ gung werde vollſtändig ſein und man werde ihn der Vrrihei und ſeinen Gartenbeeten in Dortrecht zurück⸗ geben. Aber Cornelius irrte ſich, wie Frau von Sévingné um die gleiche Zeit ſagte, und es war eine Nach⸗ ſchrift bei dem Brief, und das Wichtigſte enthielt dieſe Nachſchrift. Durch dieſe Nachſchrift verurtheilte Wilhelm von Oranien, Stadhouder von Holland, Cornelius van Baerle zu lebenslänglichem Gefängniß. Er war zu wenig ſchuldig für den Tod, aber zu viel ſchuldig für die Freiheit. Cornelius vernahm alſo dieſe Nachſchrift, dann, als der erſte Aerger, den bei ihm die durch die Nachſchrift hervorgebrachte Täuſchung verurſacht hatte, ein wenig beſchwichtigt war, dachte er: „Bah! es iſt nicht Alles verloren. Die lebens⸗ längliche Einſperrung hat etwas Gutes. Es ſind auch noch meine drei Brutzwiebeln von der ſchwarzen Tulpe da.“ „Dooch Cornelius vergaß, daß die ſieben Provinzen ſieben Gefängniſſe haben können— eines für die Pro⸗ vinz— und daß das Brod der Gefangenen weniger anderswo koſtet, als im Haag, was eine Haupt⸗ ſtadt iſt.. Seine Hoheit Prinz Wilhelm, der, wie es ſcheint, die Mittel nicht hatte, van Baerle im Haag zu ernähren, ſchickte ihn zu lebenslänglichem Gefängniß nach der Feſtung Lövenſtein, was ſehr nahe bei Dort⸗ recht, aber leider dennoch ſehr weit. Denn Löwenſtein, ſagen die Geographiſten, liegt an der Spitze der Inſel, welche Gorkum gegenüber die Waal und die Maas bilden. Van Baerle kannte die Geſchichte ſeines Vaterlan⸗ des hinreichend, um zu wiſſen, daß der berühmte Grotius in dieſem Schloß nach dem Tode von Varteheldt einge⸗ 116 ſchloſſen geweſen war, und daß die Generalſtaaten in ihrer Großmuth dem berühmten Publiciſten, Rechtsge⸗ lehrten, Geſchichtsforſcher, Dichter, Theologen, eine Summe von vier und zwanzig Duits täglich für ſeine Nahrung bewilligt hatten. „Mir, der ich entfernt nicht ſo viel werth bin, als Grotius,“ ſagte ſich van Baerle,„mir wird man kaum zwölf Duits geben, und ich werde ſchlecht leben, aber ich werde doch leben.“ Dann berührte ihn plötzlich eine furchtbare Erin⸗ nerung, und er rief: 1 „Ach! wie feucht und wolkig iſt dieſe Gegend! wie ſchlecht iſt der Boden für die Tulpen! 3 „Und dann Roſa, Roſa, die nicht in Lövenſtein ſein wird!“ murmelte er, indem er auf ſeine Brußt ſeinen Kopf fallen ließ, den er beinahe noch tiefer hätter fallen laſſen. XII. Was während dieſer Zeit in der Seele eines Zuſchauers vorging. Indeß Cornelius van Baerle ſich dieſen Gedanken hingab, näherte ſich ein Wagen dem Schaffot. Dieſer Wagen war für den Gefangenen beſtimmt. Man forderte ihn auf, einzuſteigen, und er gehorchte. Sein letzter Blick war dem Buitenhof zugewandt⸗ Er hoffte, am Fenſter das getröſtete Geſicht von Roſa zu ſehen, doch der Wagen war mit guten Pferden be⸗ ſpannt, die bald van Baerle den Acclamationen ent⸗ führten, welche dieſe Menge zu Ehren des großmüthigſten Stadhouders mit einer gewiſſen Miſchung von Schmä⸗ hungen auf die de Witt und ihren vom Tode er⸗ retteten Pathen brüllte. * en in tsge⸗ eine ſeine als kaum aber Erin⸗ wie ſtein Zruſt hätte nes nken imt. c. ndt. oſa be⸗ ent⸗ ſten nä⸗ er⸗ 6 117 Verſchiedene Zuſchauer aber ſagten: „Es iſt ein Glück, daß wir uns beeilt haben, dem großen Schurken Johann und dem kleinen Schelm Cor⸗ nelius Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſonſt hätte ſie uns die Milde Seiner Hoheit genommen, wie ſie uns dieſen nimmt!“ Unter allen dieſen Zuſchauern, welche die Hinrich⸗ tung von Cornelius van Baerle auf den Buitenhof ge⸗ zogen und die die Wendung, welche die Sache genom⸗ men, ein wenig geärgert hatte, war der Aergerlichſte ſicherlich ein gewiſſer reinlich gekleideter Bürger, der vom Morgen an ſo gut mit den Händen und Füßen geſpielt hatte, daß es ihm gelungen war, vom Schaffot nur durch die Reihe von Soldaten, die das Blutgerüſte um⸗ gaben, getrennt zu ſein. Viele hatten ſich gierig genug gezeigt, das treu⸗ loſe Blut des ſchuldigen Cornelius fließen zu ſehen, doch Keiner hatte in den Ausdruck dieſes traurigen Verlangens ſo viel Erbitterung gelegt, als der fragliche ürger. Die Wüthendſten waren bei Tagesanbruch auf den Buitenhof gekommen, um ſich einen Platz zu bewahren; er aber hatte, den Wüthendſten zuvorkommend, die Nacht auf der Schwelle des Gefängniſſes zugebracht, und vom Gefängniſſe war er, wie geſagt, unguibus et rostro, indem er den Einen ſchmeichelte und die Ande⸗ ren ſchlug, in die erſte Reihe gelangt. Und als der Henker ſeinen Verurtheilten auf's chaffot geführt, hatte der Bürger, der auf einem eichſtein beim Brunnen ſtand, um beſſer zu ſehen und geſehen zu werden, dem Henker eine Geberde gemacht, welche bedeutete: „Nicht wahr, wir ſind darüber einig?“ Worauf der Henker durch eine andere Geberde geantwortet hatte, welche beſagen wollte: „Seid doch unbeſorgt.“ Wer war denn der Bürger, der ſo gut mit dem Henker ——— 118 zu ſein ſchien, und was bedeutete dieſer Austauſch von ra Geberden? ba Nichts kann natürlicher ſein; dieſer Bürger war bei Mynheer Iſaak Boxtel, der ſeit der Verhaftung von der Cornelius van Baerle, wie wir geſehen, nach dem Haag gekommen war, wo er ſich die drei Brutzwiebeln der ſei ſchwarzen Tulpe anzueignen verſuchen wollte. Boxtel hatte Anfangs Gryphus in ſein Intereſſe rat ziehen wollen, doch dieſer war mit dem Bulldog hin⸗ ſichtlich der Treue, des Mißtrauens und des Beißens verwandt. Er hatte dem zu Folge den Haß von Boxtel verkehrt genommen und ihn als einen glühenden Freund, rech der ſich nach gleichgültigen Dingen erkundige, um dem Gefangenen ſicher ein Mittel zur Flucht zu verſchaffen, kurz abgewieſen. am Als Boxtel Gryphus zum erſten Mal den Vor⸗ ſchlag gemacht, er möge die Brutzwiebeln entwenden, ſich welche van Baerle, wenn nicht in ſeiner Bruſt, doch in Ver irgend einem Winkel ſeines Gefängniſſes verbergen und müſſe, antwortete ihm auch Gryphus einfach durch eine den Austreibung begleitet von den Liebkoſungen des Stie⸗ eiw genhundes.. Boyrtel ließ ſich nicht durch ein Stück Hoſe, das in der den Zähnen des Thieres geblieben, entmuthigen. Er Geſ erneuerte ſeinen Angriff; doch diesmal lag Gryphus vom Fieber befallen und mit gebrochenem Arm im Bett;¹ was er ließ alſo den Bittſteller nicht einmal zu, und dieſer lage wandte ſich an Roſa und bot dem Mädchen für die drei Brutzwiebeln einen Kopfputz von purem Golde. Wo⸗ nich rauf das edle Mädchen, obgleich es den Werth des muß Diebſtahls, den man ihm zu machen vorſchlug und ihm ſo Bon gut zu bezahlen verſprach, nicht kannte, den Verſucher um an den Henker, nicht nur den letzten Richter, ſondern auch den letzten Erben des Verurtheilten, verwie Dieſe Verweiſung erzeugte einen Gedanken im Glä Geiſte von Bortel. Mittlerweile wurde das Urtheil geſprochen.. ein — = — von 119 raſches, beſchleunigendes Urtheil, wie man ſieht. Iſaak hatte nicht Zeit, Jemand zu beſtechen. Er blieb daher bei der Idee ſtehen, die ihm Roſa eingegeben, und ſuchte den Henker auf. Iſaak bezweifelte nicht, van Baerle würde mit ſeinen Tulpen am Herzen ſterben. 4 henene konnte in der That zwei Dinge nicht er⸗ rathen: Roſa, das heißt die Liebe; Wilhelm, das heißt die Milde. Abgeſehen von Roſa und Wilhelm, waren die Be⸗ rechnungen des Neidiſchen richtig. Ohne Wilhelm ſtarb Cornelius. Ohne Roſa ſtarb Cornelius mit ſeinen Zwiebeln am Herzen. Mynheer Boytel ſuchte alſo den Henker auf, gab ſich bei dieſem Mann für einen großen Freund des Verurtheilten aus und kaufte, das goldene Geſchmeide und das Geld ausgenommen, was er dem Henker ließ, den ganzen Nachlaß des zukünftigen Todten um die etwas übermäßige Summe von hundert Gulden. Doch was waren hundert Gulden für einen Mann, der beinahe ſicher, für dieſe Summe den Preis der Geſellſchaft von Harlem zu erkaufen?— Das war Geld geliehen zu tauſend für eins, bedie man zugeben wird, eine ziemlich hübſche An⸗ age iſt. „Der Henker ſeinerſeits hatte nichts, oder beinahe nichts zu thun, um dieſes Geld zu verdienen. Er mußte nur, wenn die Hinrichtung vorüber, Mynheer Bortel mit ſeinen Knechten das Schaffot beſteigen laſſen, um die entſeelten Ueberreſte ſeines Freundes in Empfang * zu nehmen. 3 „Die Sache war indeſſen gebräuchlich unter den hndigen. wenn einer ihrer Meiſter auf dem Buiten⸗ of ſtarb. Ein Fanatiker, wie es Cornelius van Baerle war, konnte wohl einen andern Fanatiker haben, der hun⸗ dert Gulden für ſeine Reliquien bezahlte. Der Henker willigte auch in den Vorſchlag ein. Er ſtellte nur die einzige Bedingung, daß er zum Voraus bezahlt werden müſſe. Bortel konnte, wie die Leute, welche in die Markt⸗ buden eintreten, nicht zufrieden ſein und dem zu Folge beim Weggehen nicht bezahlen wollen. Boxtel bezahlte zum Voraus und wartete. Man beurtheile hienach, ob Boxtel aufgeregt war, ob er Wachen, Gerichtsſchreiber, Henker mit den Blicken hütete, ob die Bewegungen von Cornelius ihn beun⸗ ruhigten: wie würde er ſich auf den Block legen, wie würde er fallen; würde er beim Fallen ſeine unſchätz⸗ baren Brutzwiebeln nicht erdrücken; wäre er wenig⸗ ſtens bemüht geweſen, ſie in eine goldene Kapſel, zum Beiſpiel, zu verſchließen, da das Gold das härteſte von allen Metallen iſt. Wir wollen es nicht unternehmen, die Wirkung zu ſchildern, welche auf dieſen würdigen Sterblichen das Hinderniß hervorbrachte, das dem Vollzug des Spruches entgegentrat. Wozu verlor denn der Hen⸗ ker ſeine Zeit damit, daß er ſo ſein Schwert über dem Haupte von Cornelius flammen ließ, ſtatt ihm dieſes Haupt abzuſchlagen?... Als er aber den Ge⸗ richtsſchreiber den Verurtheilten bei der Hand nehmen, ihn aufheben und zugleich aus ſeiner Taſche ein Per⸗ gament ziehen ſah, als er öffentlich die vom Stad⸗ houder bewilligte Begnadigung verleſen hörte, war Boxrtel kein Menſch mehr. Die Wuth des Tigers, der Hyäne, der Schlange brach in ſeinen Augen, in ſei⸗ nem Schrei, in ſeiner Geberde aus; wäre er im Be⸗ reiche von van Baerle geweſen, er würde ſich auf ihn geworfen und ihn ermordet haben. „ Cornelius ſollte alſo leben, Cornelius ſollte nach Lövenſtein kommen, dahin, in ſein Gefängniß würde er ſeine Brutzwiebeln mitnehmen, und es würde ſich 121 vielleicht ein Garten finden, wo er die ſchwarze Tulpe zur Blüthe bringen könnte. Es gibt gewiſſe Kataſtrophen, welche die Feder eines armen Schriftſtellers nicht zu ſchildern vermag, weshalb er ſie der Einbildungskraft ſeiner Leſer in der ganzen Einfachheit der Thatſache überlaſſen muß. Boxtel fiel, ohnmächtig, von ſeinem Weichſtein auf einige Orangiſten herab, die, wie er, unzufrieden über die Wendung waren, welche die Sache genommen hatte. Dieſe Orangiſten dachten, die von Mynheer Iſaak ausgeſtoßenen Schreie ſeien Freudenſchreie, und bewirtheten ihn mit Fauſtſchlägen, welche ſicherlich jenſeits des Kanals nicht beſſer gegeben worden wären. Doch wie vermochten ein paar Fauſtſchläge den Schmerz zu vermehren, den Boxtel empfand! Er wollte nun dem Wagen nachlaufen, der van Baerle mit ſeinen Brutzwiebeln entführte. In ſeinem Eifer ſah er aber einen Pflaſterſtein nicht, ſtolperte, verlor ſein Gleichgewicht, rollte zehn Schritte fort, und erhob ſich erſt wieder getreten, gequetſcht, und nachdem der ganze kothige Pöbel vom Haag über ſei⸗ nen Rücken gegangen war. Boxtel, der gerade im Unglück war, kam bei die⸗ ſer Sache mit ſeinen zerriſſenen Kleidern, ſeinem ge⸗ aguetſchten Rücken und ſeinen verwundeten Händen davon. Man hätte glauben können, das ſei genug für Bortel. 8 Man würde ſich getäuſcht haben. 3 Als Boxtel wieder auf ſeinen Füßen ſtand, raufte er ſich ſo viel Haare aus, als er konnte, und warf ſie als Opfer der wilden, unempfindlichen Gottheit zu, die man den Neid nennt. 4 Das war ein dieſer Gottheit, welche, wie die Mythologie ſagt, nur Schlangen als Kopfputz hat, ohne Zweifel angenehmes Opfer. 3 ——.——— 122 XIII Die Tauben von Dortrecht. Es war gewiß für Cornelius van Baerle ſchon eine große Ehre, daß man ihn in ein und daſſelbe Gefängniß einſchloß, das den gelehrten Herrn Grotius aufgenommen hatte. Als er aber im Gefängniß angekommen war, er⸗ wartete ihn eine noch viel größere Ehre. Die von dem berühmten Freund van Barneveldt bewohnte Stube in Lövenſtein war leer, als die Milde von Wilhelm von Sränten den Tulpenpflanzer van Baerle dahin andte. Dieſe Stube ſtand in einem ſehr ſchlechten Ruf im Schloß, ſeitdem mit Hilfe der Einbildungskraft ſeiner Frau Herr Grotius in der berühmten Bücherkiſte, die man zu unterſuchen vergeſſen, entflohen war. Andererſeits erſchien es van Baerle als ein ſehr gutes Vorzeichen, daß ihm dieſe Stube als Wohnung gegeben wurde; denn ſeiner Anſicht nach hätte nie ein Kerkermeiſter eine zweite Taube den Bauer bewohnen laſſen müſſen, aus dem eine erſte ſo leicht entflogen war. Die Stube war hiſtoriſch. Wir werden alſo die Zeit nicht damit verlieren, daß wir die Einzelnheiten bezeichnen. Abgeſehen von einem Alkoven, den man für Frau Grotius angebracht hatte, war es eine Ge⸗ fängnißſtube wie die andern, nur vielleicht höher; auch hatte man durch das vergitterte Fenſter eine reizende Ausſicht. Das Intereſſe unſerer Geſchichte beſteht auch nicht in einer Anzahl von Beſchreibungen innerer Einrichtun⸗ gen. Für van Baerle war das Leben etwas Anderes, als ein Athmungsapparat. Der arme Gefangene liebte viel mehr als ſeine pneumatiſche Maſchine zwei Dinge, deren ſcheinbaren Beſitz ihm der Gedanke allein, dieſer freie Reiſende, liefern konnte. ———*——— 123 Eine Blume und eine Frau, die eine wie die an⸗ dere auf immer für ihn verloren. Er täuſchte ſich zum Glück, der gute van Baerle. Gott, der ihn in dem Augenblick, wo er nach dem Schaffot wanderte, mit dem Lächeln eines Vaters an⸗ geſchaut hatte, Gott behielt ihm im Schooße ſeines Gefängniſſes, in der Stube von Herrn Grotius, die abenteuerlichſte Exiſtenz vor, der je ein Tulpenpflanzer theilhaftig geweſen war. Als er eines Morgens an ſeinem Fenſter die friſche Luft einathmete, welche von der Waal aufſtieg und in der Ferne, hinter einem Walde von Kaminen, die Mühlen von Dortrecht, ſeiner Heimath, bewunderte, ſah er Tauben in Menge von dieſem Punkte des Ho⸗ rizonts herbeifliegen und bebend in der Sonne auf die ſpitzigen Giebel von Lövenſtein hocken. „Dieſe Tauben,“ ſagte ſich van Baerle,„kommen von Dortrecht und können folglich auch dahin zurück⸗ kehren. Einer, der ein Wort an die Flügel dieſer Tauben hängen würde, hätte die Hoffnung, Nachricht nach Dortrecht gelangen zu laſſen, wo man ihn beweint.“ Dann, nachdem er einen Augenblick geträumt, fügte van Baerle bei: „Dieſer Eine werde ich ſein.“ Man iſt geduldig, wenn man erſt achtundzwanzig Jahre zählt und zu etwas wie zweiundzwanzig⸗ bis dreiundzwanzig tauſend Tagen Gefängniß, verurtheilt iſt. Van Baerle, während er an ſeine drei Brutzwie⸗ beln dachte, denn dieſer Gedanke ſchlug unabläſſig in der Tiefe ſeines Gedächtniſſes, wie das Herz in der Tiefe der Bruſt ſchlägt, van Baerle, ſagen wir, machte ſich, während er an ſeine drei Brutzwiebeln dachte, eine Taubenfalle. Er lockte dieſe Vögel durch alle Mittel ſeiner Küche,— für ungefähr zwölf Sous täg⸗ lich,— und nach Verlauf eines Monats fruchtloſer Lockungen fing er ein Weibchen. Er brauchte zwei weitere Monate, um ein Männ⸗ 124 chen zu fangen; dann ſchloß er ſie mit einander ein, und am Anfang des Jahres 1673, als er Eier bekom⸗ men hatte, ließ er das Weibchen los, das, dem Männ⸗ chen vertrauend, welches an ſeiner Stelle brütete, mit ſeinem Zettel um den Hals nach Dortrecht flog. Die Taube kam am Abend zurück. Sie hatte den Zettel behalten. Sie behielt ihn ſo vierzehn Tage, Anfangs zum großen Aerger und dann zur großen Verzweiflung von van Baerle. Am ſechszehnten Tag endlich kehrte ſie leer zurück. Van Baerle adreſſirte dieſes Billet an ſeine Amme, die alte Frieſin, und flehte die liebreichen Seelen, die es finden würden, an, es ihr ſo ſicher und ſchnell, als möglich, zukommen zu laſſen. In dem an ſeine Amme adreſſirten Brief war ein Billet an Roſa enthalten. Gott, der mit ſeinem Hauche den Samen der Mauernelke an die Steine der alten Schlöſſer führt und ſie in ein wenig Regen blühen läßt, Gott geſtat⸗ tete, daß die Amme von Cornelius van Baerle den Brief erhielt. Und man vernehme, wie das zuging. Als ſich Mynheer Iſaak Boxtel von Dortrecht entfernte, um nach dem Haag zu überſiedeln, und von dem Haag, um nach Gorkum zu gehen, ließ er nicht nur ſein Haus, nicht nur ſeine Diener, nicht nur ſein Obſervatorium, nicht nur ſein Fernrohr, ſondern auch ſeine Tauben im Stich. Der Diener, den man ohne Gehalt gelaſſen hatte, verzehrte zuerſt die geringen Erſparniſſe, die er ge⸗ macht, und fing dann an die Tauben zu verzehren. Als die Tauben dies ſahen, wanderten ſie vom Dach von Iſaak Boyxtel nach dem Dach von Cornelius van Baerle. Die Amme war eine gutherzige Pexſon, für die es Bedürfniß, etwas zu lieben. ———. ————— 125 Sie faßte eine Zuneigung zu den Tauben, welche Gaſtfreundſchaft von ihr gefordert hatten, und als der Diener von Iſaak die zwölf bis fünfzehn letzten zurück⸗ verlangte, um ſie zu verſpeiſen, wie er die zwölf bis fünfzehn erſten verſpeiſt hatte, erbot ſie ſich, ihm die⸗ ſelben um ſechs Duits das Stück abzukaufen. Das war der doppelte Werth der Tauben, und der Diener willigte auch mit großer Freude ein. Die Amme war alſo rechtmäßige Eigenthümerin der Tauben des Neidiſchen. Das waren mit anderen vermiſchte Tauben, welche bei ihren Wanderungen das Haag, Lövenſtein, Rot⸗ terdam beſuchten, ohne Zweifel, um Korn anderer Art, Hanfſamen von anderem Geſchmack zu freſſen. Der Zufall oder vielmehr Gott, Gott, den wir im Grunde aller Dinge ſehen, Gott fügte es ſo, daß Sornelins van Baerle gerade eine von dieſen Tau⸗ en fing. Daraus geht hervor, daß, wenn der Neidiſche Dort⸗ recht nicht verlaſſen hätte, um ſeinem Nebenbuhler zuerſt nach dem Haag zu folgen, und dann nach Gorkum oder nach Lövenſtein, wie man will, denn dieſe zwei Orte ſind nur durch die Vereinigung der Waal und der Maas getrennt, das von Cornelius van Baerle ge⸗ ſchriebene Billet in die Hände von Bortel gefallen wäre, ſo daß der arme Gefangene, wie der Rabe des römiſchen Schuhflickers, ſeine Zeit und ſeine Mühe verloren hätte, und daß wir, ſtatt die wechſelreichen Exreigniſſe erzählen zu können, die ſich, einem tauſend⸗ farbigen Teppich ähnlich, unter unſerer Feder entrollen ſollen, nur eine lange Reihenfolge bleicher, trauriger, wie der Mantel der Nacht düſterer Ereigniſſe zu be⸗ ſchreiben gehabt haben würden. Das Billet ſiel alſo in die Hände der Amme von van Baerle. 8 In den erſten Tagen des Februars, als die erſten Abendſtunden vom Himmel herabſtiegen und die ent⸗ 126 ſtehenden Sterne hinter ſich ließen, hörte auch Corne⸗ lius auf der Stiege des Thürmchens eine Stimme, die ihn beben machte. Er drückte die Hand an ſein Herz und horchte. Es war die ſanfte, harmoniſche Stimme von Roſa. Geſtehen wir es, Cornelius war nicht ſo betäubt vom Erſtaunen, nicht ſo außer ſich vor Freude, als er es ohne die Geſchichte mit der Taube geweſen wäre. Die Taube hatte ihm, im Austauſch für ſeinen Brief, die Hoffnung unter ihrem leeren Flügel zurückgebracht, und er erwartete jeden Tag, denn er kannte Roſa, wenn das Billet ihr zugeſtellt worden wäre, Nachricht von ſeiner Liebe und von ſeinen Brutzwiebeln zu be⸗ kommen. Er ſtand auf und neigte den Körper horchend ge⸗ gen die Thüre.. Ja, es waren die Töne, die ihn im Haag ſo ſanft bewegt hatten. 4 Aber nun fragte es ſich, würde es Roſa, welche die Reiſe vom Haag nach Lövenſtein gemacht, Roſa, der es, Cornelius wußte nicht wie, gelungen, in das Gefängniß zu dringen, nun auch ebenſo glücken, bis zum Gefangenen zu dringen? Während Cornelius in dieſer Hinſicht Gedanken auf Gedanken, Wünſche auf Wünſche häufte, öffnete ſich der an der Thüre ſeiner Zelle angebrachte Schie⸗ ber, und glänzend vor Freude, zierlich geputzt, ſchön, beſonders durch den Kummer, der ſeit fünf Monaten ihre Wangen gebleicht hatte, drückte Roſa ihr Geſicht an das Gitter von Cornelius und ſagte zu ihm: „Oh Herr! Herr, hier bin ich.“ Cornelius ſtreckte die Arme aus, ſchaute den Him⸗ mel an und gab einen Freudenſchrei von ſich. „Oh! Roſa, Roſa!“ rief er. „Stille! ſprechen wir leiſe, mein Vater folgt mir,“ ſagte das Mädchen. „Euer Vater?“ 127 „Ja, er iſt im Hof unten bei der Treppe, er empfängt die Inſtructionen des Gouverneur und wird dann heraufkommen.“ „Die Inſtructionen des Gouverneur?“ „Höret, ich will es verſuchen, Euch mit zwei Worten Alles zu ſagen: Der Stadhouder hat ein Landhaus, eine Stunde von Leyden, eine Melkerei und nichts Anderes, und meine Muhme, ſeine Amme, hat die Oberaufſicht über alle Thiere, die dort in ſei⸗ nen Ställen eingeſchloſſen ſind. Sobald ich Euren Brief erhalten, Euren Brief, den ich leider nicht leſen konnte, den mir aber Eure Amme vorgeleſen, lief ich zu meiner Muhme, bei der ich blieb, bis der Prinz in die Melkerei kam, und als er kam, bat ich ihn, meinen Vater ſeine Functionen als erſter Schließer des Gefängniſſes vom Haag gegen die Funktionen des Kerkermeiſters in der Feſtung Lövenſtein tauſchen zu laſſen. Er vermuthete nicht, was hiebei meine Ab⸗ ſicht; hätte er ſie gekannt, ſo würde er es abgeſchla⸗ gen haben; er willigte im Gegentheil ein.“ „Und ſo ſeid Ihr hier?“ „Wie Ihr ſeht.“ „Und ſo werde ich Euch alle Tage ſehen?“ „So oft ich kann.“ „O Roſa, meine ſchöne Madonna Roſa!“ rief Cornelius;„Ihr liebt mich alſo ein wenig?“ „Ein wenig...“ erwiederte ſie,„Ihr ſeid nicht anſpruchsvoll genug, Herr Cornelius.“ Cornelius ſtreckte leidenſchaftlich die Hände gegen ſie aus, doch nur ihre Finger konnten ſich durch das Gitter berühren. 3 „Mein Vater kommt!“ ſagte Roſa. 5 Und ſie verließ raſch die Thüre und eilte ihrem Vater entgegen, der oben auf der Stiege erſchien. —— 128 XIV. Der Schieber. Gryphus folgte der uns bekannte ungeheure Hund. Er ließ ihn ſeine Runde machen, damit er bei Gelegenheit die Gefangenen erkennen ſollte. „Mein Vater,“ ſagte Roſa,„hier iſt die bekannte Stube, aus der Herr Grotius entſprungen iſt; Ihr wißt, Herr Grotius?“ „Ja, ja, dieſer Schuft Grotius, ein Freund des Schurken Barneveldt, den ich als Kind habe köpfen ſehen. Grotius! Ahl ahl aus dieſer Stube iſt er ent⸗ wichen. Ich ſtehe dafür, daß Niemand nach ihm ent⸗ weichen wird.“ Und er öffnete die Thüre und begann in der Fin⸗ ſterniß ſeine Rede an den Gefangenen. Der Hund roch knurrend an den Waden des Ge⸗ fangenen, als wollte er ihn fragen, warum er nicht todt ſei, er, den er zwiſchen dem Gerichtsſchreiber und dem Henker hatte weggehen ſehen. isdoch die ſchöne Roſa rief ihm und der Hund kam zu ihr. „Herr,“ ſprach Gryphus, indem er ſeine Laterne in die Höhe hob, um etwas Licht um ihn her fallen zu laſſen,„Ihr ſeht in mir Euren neuen Kerkermeiſter. Ich bin der Vorgeſetzte der Schließer und habe die Stuben unter meiner Oberaufſicht. Ich bin nicht böſe, weblaber unbeugſam für Alles, was die Disciplin etrifft.“ „Ich kenne Euch ja vollkommen, mein lieber Herr Gryphus,“ erwiederte der Gefangene, in den Licht⸗ kreis tretend. „Ah! Ihr ſeid es, Herr van Baerle,“ rief Gry⸗ phus;„ah! Ihr ſeid es; eil ei! wie man ſich trifft.“ „Ja, und zu meiner großen Freude ſehe ich, daß 129 es mit Eurem Arm gut geht, denn mit dieſem Arm haltet Ihr eine Laterne.“. Gryphus faltete die Stirne. 4 „Seht, wie das iſt,“ ſagte er,„in der Politik macht man immer Fehler. Seine Hoheit hat Euch das Leben gelaſſen, ich hätte es nicht gethan.“ „Bah!“ verſetzte Cornelius,„und warum nicht?“ „Weil Ihr der Mann ſeid, um abermals zu con⸗ ſpiriren; Ihr Gelehrten pflegt Umgang mit dem Teufel.“ „Ab! Meiſter Gryphus, ſeid Ihr unzufrieden mit der Art, wie ich Euch den Arm eingerichtet; oder mit dem Preis, den ich dafür verlangt habe?“ ſagte la⸗ chend Cornelius. „Im Gegentheil, bei Gott! im Gegentheil!“ brummte der Kerkermeiſter,„Ihr habt mir den Arm nur zu gut eingerichtet: nach Verlauf von ſechs Wo⸗ chen bediente ich mich deſſelben, als ob ihm nichts ge⸗ ſchehen wäre, ſo daß der Arzt des Buitenhofes, der ſeine Sache verſteht, mir den Arm abermals brechen wollte, um ihn mir nach den Regeln einzurichten, mit dem Verſprechen, ich werde mich ſeiner diesmal drei Monate nicht bedienen können.“ „Und Ihr habt nicht gewollt?“ „Ich habe geſagt: Nein, ſo lange ich das Zeichen des Kreuzes mit dieſem Arm machen kann(Grypbus war Katholik), ſcheere ich mich nichts um den Teufel.“ „Aber wenn Ihr Euch nichts um den Teufel ſcheeret, Meiſter Gryphus, ſo müßt Ihr Euch noch viel weniger um die Gelehrten ſcheeren.“ „Ohl die Gelehrten, die Gelehrten!“ rief Gryphus, ohne auf die Interpellation zu antworten;„die Ge⸗ lehrten! ich haͤtte lieber zehntauſend Soldaten zu be⸗ wachen, als einen einzigen Gelehrten. Die Soldaten, ſie rauchen, ſie trinken, ſie berauſchen ſich, ſie ſind ſanft, wenn man ihnen Branntwein oder Maas⸗Wein gibt. Doch ein Gelehrter, trinken, rauchen, ſich berau⸗ ſchen! ah, ja wohl! das iſt nüchtern, das gibt nichts Die ſchwarze Tulpe. 9 130 aus, das behält ſeinen Kopf friſch, um zu conſpiriren. Doch ich ſage Euch ſogleich, es wird Euch nicht leicht ſein, zu conſpiriren. Vor Allem keine Bücher, kein Papier, keine Zauberſchrift.“ „Ich verſichere Euch, Meiſter Gryphus,“ erwiederte van Baerle,„ich habe vielleicht einen Augenblick den Gedanken gehabt, zu entfliehen, doch ich hege ihn ſicher⸗ lich nicht mehr.“ „Es iſt gut! es iſt gut!“ ſagte Gryphus,„wacht über Euch, ich werde daſſelbe thun. Gleichviel, gleich⸗ viel,⸗Seine Hoheit hat einen ſchweren Fehler gemacht.“ „Daß er mir nicht den Kopf hat abſchlagen laſ⸗ ſen?... ich danke, Meiſter Gryphus.“ „Allerdings. Seht, ob die Herren de Witt ſich nun nicht ruhig verhalten.“ „Was Ibhr da ſagt, iſt abſcheulich, Herr Gryphus,“ ſprach van Baerle, indem er ſich abwandte, um ſeinen Ekel zu verbergen.„Ihr vergeßt, daß einer von dieſen Unglücklichen mein Freund und der andere mein zweiter Vater war.“ „Ja, doch, ich erinnere mich, daß Beide Verſchwörer geweſen ſind. Und dann ſpreche ich aus Menſchen⸗ freundlichkeit ſo.“ „Ah! wabrhaftig! erklärt mir das doch ein wenig, lieber Herr Gryphus, ich verſtehe nicht recht.“ „Ja, wenn Ihr auf dem Block von Meiſter Har⸗ bruck geblieben wäret...“ „Nun?“ „Nun! Ihr würdet nichts mehr leiden... während ich Euch hier nicht verberge, daß ich Euch das Leben ſehr hart machen werde.“ „Ich danke für das Verſprechen, Meiſter Gryvhus.“ Und während der Gefangene dem alten Kerker⸗ meiſter ironiſch zulächelte, antwortete ihm Roſa hinter der Thüre durch ein Lächeln voll engliſchen Troſtes. Gryphus trat an's Fenſter. Es war noch hell genug, daß man einen unge⸗ 131 heuren Horizont unterſcheiden konnte, derd ſich in einem gräulichen Nebel verlor. 1 „Was für eine Ausſicht hat man von hier?“ fragte der Kerkermeiſter. 1 „Eine ſehr ſchöne,“ antwortete Cornelius, Roſa anſchauend. „Ja, ja, zu viel Ausſicht, zu viel Ausſicht.“ Durch den Anblick und beſonders durch die Stimme des Unbekannten ſcheu geworden, kamen die zwei Tau⸗ ben in dieſem Augenblick aus ihrem Neſt hervor und verſchwanden ganz erſchrocken im Nebel. „Oh! ohl was iſt das?“ fragte der Kerkermeiſter. „Meine Tauben,“ antwortete Cornelius. „Meine Tauben!“ rief der Kerkermeiſter,„meine Tauben! hat ein Gefangener etwas Eigenes.“ „Die Tauben alſo, die mir der liebe Gott ge⸗ liehen hat.“ „Das iſt ſchon eine Uebertretung des Verbots,“ erwiederte Gryphus.„Tauben! ahl junger Mann, jun⸗ ger Mann, ich ſage Euch nur, daß ſpäteſtens morgen dieſe Vögel in meinem Topf ſieden werden.“ „Ihr müßtet ſie zuerſt haben, Meiſter Gryphus,“ entgegnete van Baerle.„Das ſollen doch nicht etwa meine Tauben ſein! und es ſind noch viel weniger die Eurigen, als es die meinigen ſind.“ 1 „Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben,“ brummte der Kerkermeiſter,„und ſpäteſtens morgen drehe ich ihnen den Hals um.“ Und während er Cornelius dieſes boshafte Ver⸗ ſprechen leiſtete, neigte ſich Gryphus hinaus, um den au des Neſtes zu unterſuchen. Dies gab van Baerle Zeit, an die Thüre zu laufen und die Hand Roſa zu drücken, die ihm ſagte: „Heute Abend um neun Uhr.“ Ganz beſchäftigt mit dem Verlangen, ſchon am andern Tage die Tauben zu nehmen, wie er es zu thun 5 verſprochen hatte, ſah Gryphus nichts, böri er nichts, 132 und als er das Fenſter geſchloſſen, nahm er ſeine Tochter beim Arm, drehte den Schlüſſel zweimal zum, ſchob die Riegel vor und entfernte ſich, um einen andern Ge⸗ fangenen dieſelben Verſprechungen zu machen. Kaum war er verſchwunden, als ſich Cornelius der Thüre näherte, um auf das abnehmende Geräuſch der Tritte zu hören; ſobald aber dieſes erloſchen war, lief er an's Fenſter und zerſtörte das Taubenneſt von Grund aus. Er wollte ſie lieber für immer aus ſeiner Gegen⸗ wart verjagen, als die artigen Boten, denen er das Glück, Roſa wiedergeſehen zu haben, verdankte, dem Tod ausſetzen.. Dieſer Beſuch des Kerkermeiſters, ſeine brutalen Drohungen, die düſtere Ausſicht auf eine Beaufſichti⸗ gung, deren Mißbräuche er kannte, nichts von Allem dem vermochte Cornelius ſüßen Gedanken und beſonders der ſüßen Hoffnung zu entziehen, welche die Gegenwart von Roſa in ſeinem Herzen wiedererregt hatte. Er wartete ungeduldig, daß es neun Uhr im Thurme— von Lövenſtein ſchlug. Roſa hatte geſagt: „Um neun ÜUhr erwartet mich.“ Die letzte eherne Note vibrirte noch in der Luft, als Cornelius auf der Treppe den leichten Tritt und das wogende Kleid der ſchönen Frieſin hörte, und bald war das Gitter der Thüre, auf welche Cornelius glü⸗ hend ſeine Augen heftete, erleuchtet. Der Schieber öffnete ſich außen. „Hier bin ich,“ ſagte Roſa, noch ganz athemlos vom Erſteigen der Treppe;„hier bin ich!“ „Oh! gute Roſa!“ „Es freut Euch alſo, mich zu ſehen?“ „Ihr fragt das! Doch wie habt Ihr es gemacht, um zu kommen?“ „Höret, mein Vater ſchläft jeden Abend, beinahe ſo bald er zu Nacht gegeſſen hat, ein; dann lege ich ——.—— 133 ihn, etwas betäubt vom Genièvre, nieder; ſagt Nie⸗ mand etwas hievon; denn durch dieſen Schlaf werde ich jeden Abend kommen und eine Stunde mit Euch plaudern können.“ „Ohl! ich danke Euch, Roſa, theure Roſa!“ Und Cornelius rückte, während er dieſe Worte ſprach, mit ſeinem Geſicht ſo nahe an den Schieber, daß Roſa das ihrige zurückzog. „Ich habe Euch Eure Tulpenzwiebeln mitgebracht,“ ſagte ſie. Das Herz von Cornelius hüpfte vor Freude. Er hatte es noch nicht gewagt, Roſa zu fragen, was ſie mit dem koſtbaren Schatz, den er ihr anvertraut, gethan. „Ah! Ihr habt ſie alſo aufbewahrt?“ „Hattet Ihr ſie mir denn nicht als etwas, was Euch theuer war, gegeben? „Ja, doch ſchon weil ich ſie Euch gegeben, ge⸗ hörten ſie, wie es ſcheint, Euch.“ „Ja, ſie gehörten mir nach Eurem Tod, und Ihr . lebt zum Glück. Ah! wie habe ich Seine Hoheit ge⸗ ſegnet. Wenn Gott dem Prinzen Wilhelm alle Selig⸗ keiten, die ich ihm gewünſcht, bewilligt, ſo wird König Wilhelm nicht nur der glücklichſte Menſch ſeines Rei⸗ ches, ſondern auch der ganzen Erde ſein. Ihr lebtet, ſage ich, und während ich die Bibel Eures Pathen Cornelius behielt, war es meine feſte Abſicht, Euch Eure Brutzwiebeln zurückzubringen; ich wußte nur nicht, wie ich es machen ſollte. Ich hatte gerade den Ent⸗ ſchluß gefaßt, vom Stadhouder den Platz des Kerker⸗ meiſters von Gorkum für meinen Vater zu erbitten, als mir die Amme Euren Brief brachte. Ohl wir weinten wohl ſehr mit einander, dafür bürge ich Euch.. doch Euer Brief beſtärkte mich nur in meinem Ent⸗ ſchluß. Da reiſte ich nach Leyden ab; das Uebrige wißt Jhr.“ 1 „Wie, theure Roſa,“ ſagte Cornelius,„Ihr dachtet, 134 ehe Ihr meinen Brief erhalten, daran, zu mir zu kommen?“ „Ob ich daran dachte!“ erwiederte Roſa, die ihre Liebe die Oberhand über ihre Schamhaftigkeit gewinnen ließ;„ich dachte nur hieran.“ Indem ſie dieſe Worte ſprach, wurde Roſa ſo ſchön, daß Cornelius zum zweiten Mal haſtig mit ſeiner Stirne und ſeinen Lippen gegen das Gitter rückte, und zwar ohne Zweifel, um dem ſchönen Mäd⸗ chen zu danken. Roſa wich zurück, wie das erſte Mal. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie mit jener Coquetterie, die im Herzen jedes Mädchens ſchlägt,„wahrhaftig, ich habe es ſehr oft bedauert, daß ich nicht leſen konnte, doch nie ſo ſehr und auf dieſelbe Art, wie da mir Eure Amme Euren Brief brachte; ich hielt in meinen Hän⸗ den dieſen Brief, der für die Andern ſprach und für mich, die arme Einfältige, ſtumm war.“ „Ihr babt oft bedauert, daß Ihr nicht leſen konn⸗ tet,“ ſagte Corneltus,„und bei welcher Veranlaſſung?“ „Ah!“ erwiederte lachend das Mädchen,„um die Briefe zu leſen, die man mir ſchrieb.“ „Ihr erhieltet Briefe, Roſa?“ „Zu Hunderten.“ „Aber wer ſchrieb ſie Euch denn?“ „Wer ſie mir ſchrieb? Einmal alle Studenten, die über den Buitenhof zogen, alle Officiere, die nach dem Paradeplatz gingen, alle Handlungsdiener und ſogar die Kaufleute, die mich an meinem kleinen Fenſter ſahen.“ 3 enind was machtet Ihr mit dieſen Billets, liebe oſa?“ „Früher,“ antwortete Roſa,„früher ließ ich ſie mir von einer Freundin vorleſen, und das beluſtigte mich ungemein; doch ſeit einiger Zeit dachte ich, wozu ſeine Stunden mit dem Anhören aller dieſer Albern⸗ heiten verlieren, ſeit einiger Zeit verbrenne ich ſie.“ 135 „Seit einiger Zeit!“ rief Cornelius mit einem zu⸗ gleich vor Liebe und Freude ſchwimmenden ZBlick. Roſa ſchlug ganz erröthend die Augen nieder, ſo daß ſie die Lippen von Cornelius nicht herankommen ſah; ſie begegneten leider nur dem Gitter, ſandten aber trotz dieſes Hinderniſſes den Lippen des Mädchens den glühenden Hauch des zärtlichſten Kuſſes zu. Bei dieſer Flamme, welche ihre Lippen verſengte, wurde Roſa bleich, bleicher vielleicht, als ſie es auf dem Buitenhof am Tage der Hinrichtung geweſen war. Sie ſtieß einen klagenden Seufzer aus, ſchloß die Augen und entfloh, indem ſie vergebens mit ihrer Hand das gewaltige Klopfen ihres Herzens zu unterdrücken ſuchte. Cornelius, der nun allein, konnte nur noch den, wie ein Gefangener, zwiſchen dem Gitterwerk zurück⸗ gebliebenen ſüßen Wohlgeruch der Haare von Roſa einathmen. Roſa war ſo haſtig entflohen, daß ſie Cornelius die drei Brutzwiebeln der ſchwarzen Tulpe zurückzuge⸗ ben vergeſſen hatte. XV. Lehrer und Schülerin. Der ehrliche Gryphus theilte, wie man geſehen, entfernt nicht den guten Willen ſeiner Tochter für den Täufling von Cornelius de Witt. Lövenſtein zählte nur fünf Gefangene; die Aufgabe des Gefangenwärters war alſo nicht ſchwer zu erfüllen und die Kerkermeiſterei gleichſam nur eine ſeinem Alter verliehene Sinecur. Doch in ſeinem Eifer hatte der würdige Kerker⸗ meiſter mit der ganzen Stärke ſeiner Einbildungskraft 136 die Aufgabe vergrößert, die ihm übertragen war. Für ihn hatte Cornelius das rieſige Verhältniß eines Ver⸗ brechers erſten Ranges angenommen. Er war folglich der gefährlichſte von ſeinen Gefangenen geworden. Gryphus überwachte jeden von ſeinen Schritten, er näherte ſich ihm nur mit einem zornigen Geſicht und lies ihn die Strafen für Alles das tragen, was er ſeine entſetzliche Rebellion gegen den mildherzigen Stad⸗ houder nannte. Er kam dreimal des Tages in die Stube von van Baerle und glaubte ihn ſtets bei einem Fehler ertappen zu können, doch Cornelius hatte auf die Cor⸗ reſpondenzen verzichtet, ſeitdem ſeine Correſpondentin ſich unter ſeiner Hand befand. Es war ſogar wahr⸗ ſcheinlich, daß Cornelius, hätte er ſeine volle Freiheit und die Erlaubniß erhalten, ſich überallhin zu begeben, wohin er wollte, den Aufenthalt im Gefängniß mit Roſa und ſeinen Brutzwiebeln jedem anderen Aufent⸗ haltsorte ohne ſeine Brutzwiebeln und ohne Roſa vor⸗ gezogen hätte. Roſa hatte in der That verſprochen, jeden Abend zu kommen, um mit dem theuren Gefangenen zu plau⸗ dern, und ſchon am erſten Abend hatte ſie, wie wir ge⸗ ſehen, Wort gehalten. Am andern Tag kam ſie wie am erſten, mit dem⸗ ſelben geheimnißvollen Weſen und denſelben Vorſichts⸗ maßregeln herauf. Nur hatte ſie ſich gelobt, ihr Geſicht nicht mehr dem Gitter zu nähern. Um übrigens mit dem erſten Schlag ein Geſpräch anzuknüpfen, das van Baerle auf eine ernſte Weiſe beſchäftigen könnte, fing ſte damit an, daß ſie ihm durch das Gitter ſeine im⸗ mer noch in daſſelbe Papier gewickelten drei Brut⸗ zwiebeln gab. Doch zum großen Erſtaunen von Roſa ſchob van aerl⸗ ihre weiße Hand mit der Spitze ſeiner Finger zurück. Der junge Mann hatte nachgedacht. +———9——— 1 137 „Höret,“ ſagte er,„wir würden, glaube ich, zu viel wagen, wenn wir unſer ganzes Vermögen in den⸗ ſelben Sack ſteckten. Bedenkt wohl, meine liebe Roſa, es handelt ſich darum, ein Unternehmen zu vollführen, das man bis heute als unmöglich betrachtete. Es iſt die Aufgabe, die große ſchwarze Tulpe blühen zu machen. Gehen wir mit möglichſter Vorſicht zu Werke, damit wir, wenn wir ſcheitern, uns nichts vorzuwerfen haben. Vernehmt nun, wie ich berechnet habe, daß wir unſeren Zweck erreichen werden.“ Roſa ſchenkte ihre ganze Aufmerkſamkeit dem, was der Gefangene ſagen ſollte, und zwar mehr wegen der Wichtigkeit, die ihm der unglückliche Tulpiſt beilegte, als wegen der Wichtigkeit, die ſie ihm ſelbſt beilegte. „Vernehmt,“ fuhr Cornelius fort,„wie ich unſer gemeinſchaftliches Zuſammenwirken bei dieſer großen Angelegenheit berechnet habe.“ „Ich höre.“ „Ihr habt wohl in der Feſtung einen kleinen Gar⸗ ten, in Ermangelung eines Gartens einen Hof, in Er⸗ mangelung eines Hofes eine Terraſſe.“ „Wir haben einen hübſchen Garten,“ ſagte Roſa,„er dehnt ſich längs der Waal aus und iſt voll ſchöner Bäume.“ „Liebe Roſa, könnt Ihr mir ein wenig Erde von dieſem Garten bringen, damit ich ſie beurtheile?“ „Schon morgen.“ „Ihr werdet im Schatten und in der Sonne neh⸗ men, damit ich ihre zwei Eigenſchaften unter den beiden nezirninden der Trockenheit und der Feuchtigkeit be⸗ urtheile.“ ⸗ 138 „Ich werde mich nicht eine Sekunde davon ent⸗ fernen.“ „Ihr gebt mir eine andere, die ich hier in meinem Zimmer aufzuziehen verſuchen will, was mir die lan⸗ gen Tage, während welcher ich Euch nicht ſehe, hin⸗ bringen helfen wird. Ich muß geſtehen, ich habe wenig Hoffnung für dieſe, und zum Voraus bhetrachte ich die Unglückliche als meiner Selbſtſucht geopfert. Bisweilen beſucht mich jedoch die Sonne. Ich werde künſtlich aus Allem Nutzen ziehen, ſelbſt aus der Wärme und der Aſche meiner Pfeife. Endlich halten wir, oder haltet Ihr vielmehr in Reſerve die dritte Brutzwiebel, unſere letzte Hilfsquelle für den Fall, daß unſere zwei erſten Experimente ſcheitern würden. Auf dieſe Art, meine liebe Roſa, iſt es unmöglich, daß es uns nicht gelingt, die hunderttauſend Gulden unſerer Mitgift zu gewin⸗ nen und uns das erhabene Glück, unſer Werk ſiegen zu ſehen, zu verſchaffen.“ 3 „Ich habe begriffen,“ ſagte Roſa,„ich werde Euch morgen Erde bringen, und Ihr wählt dann die meinige und die Eurige. Was die Eurige betrifft, ſo brauche ich hiezu mehrere Reiſen, denn ich kann ſie Euch nicht auf einmal bringen.“ „Ohl wir haben keine Eile, liebe Roſa; unſere Tulpen dürfen erſt in einem ſtarken Monat in die Erde. geſetzt werden. Ihr ſeht alſo, wir haben jede Zeit; nur werdet Ihr, um Eure Brutzwiebeln zu pflanzen, alle meine Inſtructionen befolgen, nicht wahr?“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Und iſt ſie einmal gepflanzt, ſo werdet Ihr mir alle Umſtände mittheilen, welche unſeren Zögling inter⸗ eſſiren dürften, als da ſind: athmoſphäriſche Verände⸗ rungen, Spuren in den Alleen, Spuren auf den Beeten. Ihr werdet bei Nacht horchen, ob unſer Garten nicht von Katzen beſucht wird. Zwei von dieſen unglücklichen Täheren haben mir in Dortrecht zwei ganze Beete ver⸗ wüſtet.“ 139 „Ich werde horchen.“ „An Tagen, wo der Mond ſcheint.... Habt Ihr die Ausſicht auf den Garten, liebes Kind?“ „Das Fenſter meines Zimmers geht dahin.“ „An den Tagen, wo der Mond ſcheint, werdet Ihr ſchauen, ob aus den Löchern der Mauer nicht Ratten bervorkommen. Die Ratten ſind ſehr zu fürchtende Nagethiere, und ich habe es unglückliche Tulpiſten Noah auf das Bitterſte zum Vorwurf machen hören, daß er ein paar Ratten in die Arche genommen.“ 8 find werde ſchauen, und wenn Katzen oder Ratten a ſind.... „Nun, ſo wird man Rath ſchaffen müſſen. Dann,“ fuhr van Baerle fort, der, ſeitdem er ſich im Gefäng⸗ niß befand, argwöhniſch geworden war,„dann gibt es ein Thier, das noch mehr zu fürchten, als die Katze und die Ratte!“ „Und welches iſt dieſes Thier?“ „Es iſt der Menſch! Ihr begreift, liebe Roſa, man ſtiehlt einen Gulden und ſetzt ſich für eine ſolche Er⸗ bärmlichkeit der Gefahr aus, mit der Galeere beſtraft zu werden, um ſo mehr kann man eine Tulpenzwiebel ſtehlen, welche hunderttauſend Gulden werth iſt.“ „Niemand außer mir wird in den Garten kommen.“ „Ihr verſprecht mir das?“ „Ich ſchwöre es Euch.“ „Gut, Roſa! meinen Dank, liebe Roſa! Oh! alle Freude ſoll mir alſo von Euch zukommen!“ Und da ſich die Lippen von Cornelius dem Gitter mit derſelben Gluth näherten, wie am Tage vorher, und da überdies die Stunde des Abgangs gekommen Mer⸗ zog Roſa den Kopf zurück und ſtreckte die Hand aus. In dieſer hübſchen, von dem eitlen Mädchen beſon⸗ ders gepflegten Hand lag die Brutzwiebel. „Cornelius küßte leidenſchaftlich die Fingerſpitzen dieſer Hand. Geſchah dies, weil dieſe Hand eine von 140 den Brutzwiebeln der großen ſchwarzen Tulpe hielt? Geſchah es, weil es die Hand von Roſa war? Das laſſen wir Gelehrtere, als wir ſind, errathen. Roſa entfernte ſich alſo mit den andern zwei Brut⸗ zwiebeln, die ſie an ibre Bruſt drückte. Drückte ſie dieſelben an ihre Bruſt, weil es die Brutzwiebeln der großen ſchwarzen Tulpe waren, oder weil ihr die Zwiebeln von Cornelius van Baerle zu⸗ kamen? Dieſer Punkt wäre, glauben wir, leichter zu be⸗ ſtimmen, als der andere. Wie dem ſein mag, von dieſem Augenblick wurde das Leben für den Gefangenen ſüß und angefüllt. Roſa hatte ihm, wie man geſehen, eine von den Brutzwiebeln gegeben. Jeden Abend brachte ſie ihm handvollweiſe von dem Theil der Erde, den er am beſten gefunden hatte, und der in der That vortrefflich war. Ein großer Krug, den Cornelius geſchickt zerbrochen, gab ihm einen günſtigen Grund; er füllte ihn halb und miſchte die von Roſa gebrachte Erde mit ein wenig Flußſchlamm, den er trocknen ließ, wodurch er einen ausgezeichneten Boden bekam. Am Anfang des April ſetzte er ſodann die erſte Brutzwiebel darein. Es wäre uns nicht möglich, zu ſagen, welche Sorg⸗ falt, welche Gewandtheit und Liſt Cornelius entwickelte, um dem wachſamen Auge von Gryphus die Freude ſei⸗ ner Arbeiten zu entziehen. Eine halbe Stunde, das iſt ein Jahrhundert von Empfindungen und Gedanken für einen gefangenen Philoſophen. Kein Tag verging, ohne daß Roſa zu Cornelius kam, um mit ihm zu plaudern. Die Tulpen, in denen Roſa einen vollſtändigen Curſus machte, bildeten den Hauptgegenſtand des Ge⸗ ſprächs; doch ſo intereſſant dieſer Gegenſtand auch ſein mag, man kann nicht immer von Tulpen ſprechen. den von üte, hen, und enig inen erſte org⸗ kelte, ſei⸗ das anken elius digen Ge⸗ ſein 141 Man ſprach von etwas Anderem, und zu ſeinem Erſtaunen bemerkte der Tulpiſt, welche Ausdehnung der Kreis der Converſation gewinnen konnte. Nur hatte Roſa eine Gewohnheit angenommen, ſie hielt ihr ſchönes Geſicht unabänderlich ſechs Zoll vom Schieber entfernt, denn die ſchöne Frieſin miß⸗ traute ohne Zweifel ſich ſelbſt, ſeitdem ſie durch das Gitter gefühlt hatte, wie ſehr der Hauch eines Gefan⸗ genen das Herz eines Mädchens brennen kann. Eines beſonders, worauf er immer wieder zurück⸗ kam, beunruhigte den Tulpenpflanzer beinahe eben ſo ſehr, als ſeine Brutzwiebeln. Das war die Abhängigkeit, in der Roſa zu ihrem Vater ſtand. Das Leben von Cornelius van Baerle, dem ge⸗ lehrten Doctor, dem pittoresken Maler, dem erhabenen Manne... von van Baerle, der aller Wahrſcheinlichkeit nach zuerſt das Meiſterwerk der Schöpfung entdeckt hatte, das man, wie dies zum Voraus beſtimmt war, Rosa Barlaensis nennen würde, das Leben, etwas Beſſe⸗ res als das Leben, das Glück dieſes Mannes hing von der einfachſten Laune eines anderen Mannes ab, und dieſer Mann war untergeordneten Geiſtes und von einer niedrigen Kaſte; es war ein Kerkermeiſter, etwas minder Verſtändiges, als das Schloß, das er zu ſchlie⸗ ßen, etwas Härteres, als der Riegel, den er zu zie⸗ hen hatte. Es war etwas Caliban aus dem Sturm, ein Uebergang zwiſchen dem Menſchen und dem Thier. Das Glück von Cornelius hing alſo von dieſem Menſchen ab. Dieſer Menſch konnte ſich eines Mor⸗ gens in Lövenſtein langweilen, er konnte finden, die Luft ſei ſchlecht, der Genièvre nicht gut, und die Feſtung verlaſſen und Roſa mitnehmen... dann waren Corne⸗ lius und Roſa abermals getrennt. Gott, der müde wird, zu viel für ſeine Geſchöpfe zu thun, würde ſie am Ende nicht mehr zuſammenführen. „Und wozu ſollen dann die Reiſetauben nützen,“ 14⁴² ſagte Cornelius zu dem Mädchen,„da Ihr weder das, was ich Euch ſchreiben werde, leſen, noch das, was Ihr gedacht habt, mir ſchreiben könnt, liebe Roſa.“ „Nun,“ erwiederte Roſa, die im Grunde ihres Herzens die Trennung eben ſo ſehr fürchtete, als van Baerle,„wir haben eine Stunde jeden Abend, wenden wir ſie gut an.“ „Mir ſcheint, wir wenden ſie nicht ſchlecht an,“ entgegnete Cornelius. „Wenden wir ſie noch beſſer an,“ erwiederte Roſa lächelnd.„Lehret mich leſen und ſchreiben; glaubt mir, ich werde Eure Lectionen benützen, und auf dieſe Weiſe werden wir nie mehr anders, als durch unſeren eigenen Willen getrennt ſein.“ 1 „Ohl dann haben wir die Ewigkeit vor uns!“ rief Cornelius. Roſa lächelte und zuckte leicht die Achſeln. „Werdet Ihr immer im Gefängniß bleiben?“ ſagte ſie.„Wird Euch Seine Hoheit, nachdem ſie Euch das Leben geſchenkt, nicht auch die Freiheit ſchenken? Werdet Ihr dann nicht wieder in den Beſitz Eures Vermögens zurückkehren? Werdet Ihr nicht reich ſein? Werdet Ihr, wenn Ihr einmal reich und frei, Euch herablaſſen, wenn Ihr zu Pferde oder im Wagen vorüberkommt, die kleine Roſa, die Tochter eines Kerkermeiſters, bei⸗ nahe die Tochter eines Henkers, anzuſchauen?“ Cornelius wollte betheuern, und er hätte es ſicher⸗ lich von ganzem Herzen und in der Aufrichtigkeit einer von Liebe erfüllten Seele gethan. Roſa unterbrach ihn. „Wie geht es Eurer Tulpe?“ fragte ſie. Mit Cornelius von ſeiner Tulpe ſprechen, war für Roſa ein Mittel, Cornelius Alles vergeſſen zu laſſen, ſelbſt Roſa. „Ziemlich gut,“ antwortete er,„das Häutchen wird ſchwarz. Die Arbeit der Gährung hat begonnen, die Adern der Brutzwiebel erwärmen ſich und ſchwellen 4 8 α 143 an. Binnen acht Tagen, früher vielleicht, wird man die erſten Hervorragungen des Keimens ſehen. Und die Eurige, Roſa?“ „Ohl ich habe die Dinge im Großen und nach Euren Angaben getrieben.“ „Sprecht, Roſa, was habt Ihr gemacht?“ ſagte Cornelius mit beinahe eben ſo glühenden Augen, mit beinahe eben ſo keuchendem Athem, als an dem Abend, wo dieſe Augen das Geſicht und dieſer Athem das Herz des Mädchens verſengt hatten. „Ich habe,“ antwortete Roſa lächelnd, denn ſie konnte ſich im Grunde ihres Herzens nicht enthalten, dieſe doppelte Liebe des Gefangenen für ſie und für die ſchwarze Tulpe zu ſtudiren,„ich habe die Sache im Großen getrieben, ich habe mir ein entblößtes Ge⸗ vierte bereitet, fern von Bäumen und Mauern, in einer leicht ſandigen, mehr feuchten, als trockenen Erde, ohne ein Korn Stein, ohne einen Kieſel, kurz, ich habe mir ein Beet angelegt, wie Ihr es mir beſchrieben.“ „Gut, gut, Roſa.“ „Der ſo bereitete Boden wartet nur auf Nachricht von Euch. Am erſten ſchönen Tag werdet Ihr mich meine Zwiebel pflanzen heißen, und ich werde ſie pflanzen; Ihr wißt, daß ich ſpäter kommen muß, als Ihr, ich, die ich alle Chancen der guten Luft, der Sonne und des Ueberfluſſes an Erdſäften für mich habe.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr!“ rief Cornelius, vor Freude in die Hände klatſchend.„Ihr ſeid eine gute Schülerin, Roſa, und werdet ſicherlich Eure hundert⸗ tauſend Gulden gewinnen.“ „Vergeßt nicht,“ ſagte Roſa lachend,„vergeßt nicht, daß Eure Schülerin, da Ihr mich ſo nennt, noch etwas Anderes zu lernen hat, als die Cultur der Zwiebeln.“ „Ja, ja, ſchöne Roſa, ich bin dabei, daß Ihr leſen könnt, eben ſo ſehr intereſſirt, als Ihr.“ „Wann werden wir anfangen?“ „Sogleich.“ 144 „Nein, morgen!“ „Warum morgen?“— „Weil heute unſere Stunde abgelaufen iſt, und ich Euch verlaſſen muß.“ b „Schon! Doch in was werden wir leſen?“ „Ohl ich habe ein Buch, das uns, wie ich hoffe, Glück bringen wird.“ „Morgen alſo?“ „Morgen.“ Am andern Tag kam Roſa mit der Bibel von Cornelius de Witt. XVI. Erſte Brutzwiebel. V Am andern Tag kam Roſa, wie geſagt, mit der Bibel von Cornelius de Witt zurück. Dann begann eine von den reizenden Scenen, welche die Freude des Romandichters bilden, wenn er das Glück hat, ſie unter ſeiner Feder zu finden. Der Schieber, die einzige Oeffnung für die Ge⸗ meinſchaft der zwei Liebenden, war zu hoch, als daß Leute, die ſich bis dahin begnügt hatten, einander im Geſicht zu leſen, bequem aus dem Buche leſen konnten, das Roſa mitgebracht. — Dem zu Folge mußte ſich Roſa an den Schieber anlehnen, den Kopf geneigt, das Buch in der Höhe des Lichtes, das ſie mit der rechten Hand hielt; um dieſe ein wenig ruhen zu laſſen, erfand Cornelius eine Vor⸗ richtung, wobei das Licht durch ein Schnupftuch am eiſernen Gitter feſtgehalten wurde. So konnte Roſa mit einem von ihren Fingern auf dem Buche den Syl⸗ ben folgen, welche ſie Cornelius buchſtabiren ließ, indeß von 145 dieſer, mit einem Strohhälmchen als Anzeiger verſehen, die Buchſtaben durch das Loch des Gitters ſeiner auf⸗ merkſamen Schülerin bezeichnete. Das Feuer der Lampe beleuchtete die reichen Far⸗ ben von Roſa, ihr blaues, tiefes Auge, ihre blonden Flechten unter dem Helm von polirtem Gold, der er⸗ wähnter Maßen den Frieſinnen als Kopfputz dient; ihre in die Luft emporgehobenen Finger, deren Blut ab⸗ wärts floß, nahmen den blaſſen, roſigen Ton an, der im Lichte ſchimmert und das geheimnißvolle Leben an⸗ zeigt, das man unter dem Fleiſch kreiſen ſieht. Die Einſicht von Roſa entwickelte ſich raſch unter der belebenden Berührung des Geiſtes von Cornelius, und ſchien die Schwierigkeit zu groß, ſo entſandten dieſe Augen, die in einander tauchten, dieſe Wimpern, die ſich berührten, dieſe Haare, die ſich vermählten, electriſche Funken, welche fähig, ſelbſt die Finſterniß des Blödſinns zu erhellen. und war Roſa wieder in ihre Wohnung zurück⸗ gekehrt, ſo durchging ſie allein in ihrem Geiſte die Lectionen im Leſen und zu gleicher Zeit in ihrer Seele die nicht geſtandenen Lectionen der Liebe. Eines Abends kam ſie eine halbe Stunde ſpäter als gewöhnlich. Eine halbe Stunde Verzug war ein zu ernſtes Ereigniß, als daß ſich nicht Cornelius erkundigt hätte, was die Urſache davon geweſen. „Ohl ſcheltet mich nicht,“ ſagte das Mädchen,„es iſt nicht mein Fehler. Mein Vater hat in Lövenſtein die Bekanntſchaft mit einem guten Burſchen wieder angeknüpft, der ihn häufig im Haag angegangen, um das Gefängniß zu ſehen. Es war ein guter Teufel, der die Flaſche liebte, luſtige Geſchichten erzählte, reich⸗ lich bezahlte und vor einer Zeche nicht zurückwich.“ „Ihr kennt ihn auf keine andere Art?“ fragte Cornelius erſtaunt. 4 Die ſchwarze Tulpe. 10 146 „Nein,“ antwortete das Mädchen,„ſeit ungefähr vierzehn Tagen hat ſich mein Vater in ihn, der ihn ſo beharrlich beſucht, vernarrt.“ „Ohl“ ſagte Cornelius, unruhig den Kopf ſchüt⸗ telnd, denn jedes neue Ereigniß weiſſagte für ihn eine Kataſtrophe,„das iſt wohl ein Spion von der Art derienigen, welche man in die Feſtungen abſchickt, um zugleich die Gefangenen und den Gefangenwärter zu überwachen.“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete Roſa lächelnd; „wenn der gute Mann Jemand beſpäht, ſo iſt es nicht mein Vater.“ „Wer iſt es denn?“ „Ich, zum Beiſpiel.“ „Ibr 24 „Warum nicht?“ rief Roſa lachend. „Ahl es iſt wahr,“ ſprach van Baerle ſeufzend; „Ihr werdet nicht immer vergeblich Freier haben, Roſa; dieſer Mann kann Euer Gatte werden.“ „Ich ſage nicht nein.“ „Und worauf gründet Ihr dieſe Freude?“ 5 „Nennt es Furcht, Herr Cornelius.“ „Ich danke Euch, Roſa, denn Ihr habt Recht; dieſe Furcht...“ „Ich gründe ſie auf Folgendes...“ „Ich höre, ſprecht!“ „Dieſer Menſch kam ſchon öfter nach dem Buiten⸗ hof im Haag... ahl gerade in dem Augenblick, wo Ihr dort eingeſchloſſen waret. Als ich weggegangen, ging er ebenfalls weg; als ich hierher gekommen, kam eer auch hierher. Im Haag nahm er zum Vorwand, er wolle Euch ſehen.“ „Mich ſehen?“ „Oh! ſicherlich ein Vorwand; denn heute, da er denſelben Grund könnte geltend machen, da Ihr wieder der Gefangene meines Vaters ſeid, oder vielmehr, da mein Vater wieder Euer Kerkermeiſter geworden iſt, u,/ hͤ——————,——— n n h ſ 147 erinnert er ſich Eurer nicht mehr, ganz im Gegentheil. Ich hörte ihn geſtern zu meinem Vater ſagen, er kenne Euch nicht.“ „Ich bitte, fahret fort, Roſa, damit ich zu er⸗ rathen ſuche, wer dieſer Menſch iſt und was er will.“ „Ihr ſeid ſicher, Herr Cornelius, daß keiner von Euren Freunden ſich für Euch intereſſiren kann?“ „Ich habe keine Freunde, Roſa, ich hatte nur meine mme, Ihr kennt ſie und ſie kennt Euch. Achl dieſe arme Zug, ſie würde ſelbſt kommen, keine Liſt brauchen und nur zu Eurem Vater oder zu Euch weinend ſagen: „„Lieber Herr oder liebe Jungfer, mein Kind iſt hier, ſchaut, wie ich in Verzweiflung bin, laßt es mich nur eine Stunde ſehen, und ich werde mein ganzes Leben zu Gott für Euch beten.““ Oh! nein,“ fuhr Cornelius fort,„außer meiner guten Zug habe ich keine Freunde.“ „Ich komme alſo auf das zurück, was ich dachte, um ſo mehr, als ich geſtern bei Sonnenuntergang, wäh⸗ rend ich an dem Beet arbeitete, in das ich Eure Brut⸗ zwiebeln ſetzen ſoll, einen Schatten ſah, der durch die halbgeöffnete Thüre hinter die Espen und Hollunder⸗ ſträuche ſchlüpfte. Ich gab mir das Anſehen, als ſchaute ich nicht; es war unſer Mann. Er verbarg ſich, ſah mich die Erde umarbeiten, und ich war es ſicherlich, der er gefolgt, ich war es, die er beſpähte. Ich machte keinen Strich mit dem Rechen, ich berührte kein Atom Erde, ohne daß er ängſtlich beobachtete.“ „Ohl ja, ja, das iſt ein Verliebter,“ ſagte Cor⸗ nelius.„Iſt er jung, iſt er ſchön?“ Und er ſchaute, mit Ungeduld ihre Antwort er⸗ wartend, gierig Roſa an. „ZJung, ſchön?“ rief Roſa laut lachend.„Er iſt häßlich von Geſicht, hat einen gebückten Körper, nähert ſich den Fünfzigen, und wagt es weder mich anzu⸗ ſchauen, noch laut zu ſprechen.“ „Und er heißt?“ „Jacob Giſels.“ 148 „Ich kenne ihn nicht.“ „Ihr ſeht alſo wohl, daß er nicht Euretwegen kommt.“ „In jedem Fall, wenn er Euch liebt, was ſehr wahrſcheinlich iſt, denn Euch ſehen heißt Euch lieben, liebt Ihr ihn nicht.“ „Ohl nein, gewiß nicht.“ „Ihr wollt alſo, daß ich mich beruhige?“ „Ich fordere Euch dazu auf.“ „Wohl! nun, da Ihr leſen zu können anfangt, werdet Ihr Alles leſen, was ich Euch über die Qua⸗ len der Eiferſucht und über die der Abweſenheit ſchreibe.“ „Ahl ſagt, was macht Eure Tulpe?“ „Roſa, denkt Euch meine Freude: dieſen Morgen, als ich ſie in der Sonne betrachtete, nachdem ich ſachte die Erdlage, welche die Brutzwiebel bedeckt, entfernt hatte, ſah ich die Spitze des erſten Triebs hervorbre⸗ „Ich werde leſen, wenn Ihr ſehr groß ſchreibt,“ antwortete Roſa. Dann, da die Wendung, welche das Geſpräch nahm, ſie zu beunruhigen anfing, fragte ſie: chen; ah! Roſa, mein Herz zerſchmolz vor Freude, dieſe unmerkliche, weißliche Knoſpe, welche ein Mücken⸗ flügel, der ſie ſtreifte, ſchinden würde, dieſer Verdacht einer Exiſtenz, die ſich durch ein ungreifbares Zeugniß offenbart, hat mich mehr bewegt, als die Leſung des Befehls Seiner Hoheit, der das Beil des Henkers auf dem Schaffot des Buitenhof aufhielt und mir das Leben wiedergab.“ „Jör hofft alſo?“ ſagte Roſa lächelnd. ich hoffe.“ „Ohl ja, ich „Und ich, wann ſoll ich meine Brutzwiebel pflanzen?“ „Am erſten günſtigen Tag, den ich Euch nennen werde, Laßt Euch aber beſonders nicht durch irgend eemand helfen, hütet Euch, irgend Jemand in der Welt Euer Geheimniß anzuvertrauen. Ein Liebhaber, ſeht Ihr, wäre im Stande, nur bei der einfachen ni ſic 2 — 9 149 Anſicht dieſer Brutzwiebel ihren Werth zu erkennen; und hauptſächlich, meine liebe Roſa, verſchließt ſorg⸗ fältig die dritte Zwiebel, die Euch bleibt.“ „Sie iſt noch in demſelben Papier, in das Ihr ſie gelegt, ſo, wie Ihr ſie mir gegeben, Herr Cornelius, hinten in meinem Schranke verſteckt und liegt unter meinen Spitzen, die ſie trocken halten, ohne ſie zu be⸗ laſten. Doch gute Nacht, armer Gefangener.“ „Wie, ſchon?“ „Es muß ſein.“ „So ſpät kommen und ſo bald gehen!“ „Mein Vater könnte ungeduldig werden, wenn er mich nicht zurückkommen ſehen würde; der Verliebte könnte errathen, er habe einen Nebenbuhler.“ Und ſie horchte unruhig. „Was habt Ihr denn?“ fragte van Baerle. „Mir ſchien, als hörte ich...“ „Was denn?“ „Etwas wie einen Tritt, der auf der Treppe krachte.“ „In der That,“ ſagte der Gefangene,„das kann nicht Gryphus ſein, ihn hört man in der Ferne.“ „Nein, es iſt nicht mein Vater, deſſen bin ich ſicher. Aber...“ „Aber... 2“ „Aber es könnte Herr Jacob ſein.“ Roſa ſtürzte nach der Treppe, und man hörte wirk⸗ lich eine Thüre, welche raſch geſchloſſen wurde, ehe das Mädchen die zehn erſten Stufen hinabgeſtiegen war. Cornelius blieb ſehr unruhig, doch das war für ihn nur ein Vorſpiel. Fängt das Verhängniß an, ein ſchlimmes Werk zu vollführen, ſo kommt es ſelten vor, daß es nicht liebreich ſein Opfer warnt, wie es ein Raufer ſeinem Gegner thut, um ihm Muße zu laſſen, ſich auszulegen. Beinahe immer werden dieſe Warnungen, welche vom Inſtinct des Menſchen oder von der Theilnahme der lebloſen Gegenſtände, die häufig weniger leblos, 150 als man im Allgemeinen glaubt, ausgehen, beinahe immer, ſagen wir, werden dieſe Warnungen vernach⸗ läſſigt. Der Schuß hat in der Luft gepfiffen, er fällt auf einen Kopf, den dieſes Pfeifen benachrichtigen mußte, und der ſich, benachrichtigt, hätte ſchirmen müſſen. Der folgende Tag verging, ohne daß etwas Be⸗ merkenswerthes vorfiel. Gryphus machte ſeine drei Beſuche. Er entdeckte nichts. Wenn van Baerſe ſeinen Kerkermeiſter kommen hörte,— in der Hoffnung, die Geheimniſſe ſeines Gefangenen zu erhaſchen, kam Gry⸗ phus nie zu derſelben Stunde,— ließ er mit Hülfe eines von ihm erfundenen Mechanismus, der denen glich, mit welchen man Kornſäcke in den Pachthöfen aufzieht und niederläßt, ſeinen Krug unter das Ge⸗ ſimſe, zuerſt von Ziegeln und dann von Steinen, das unter ſeinem Fenſter hinlief, hinab. Was die Bind⸗ fäden, mittelſt derer die Bewegung bewerkſtelligt wurde, betrifft, ſo hatte unſer Mechaniker ein Mittel gefunden, ſie durch die Mooſe zu verbergen, die auf den Ziegeln und in den hohlen Räumen der Steine vegetirten. Gryphus errieth nichts. Dieſes Manoeuvre gelang acht Tage. Eines Morgens aber, als Cornelius, in die Be⸗ trachtung ſeiner Brutzwiebel vertieft, woran ſchon ein Vegetationspunkt hervorſchoß, den alten Gryphus nicht hatte heraufſteigen hören,— es wehte an dieſem Tag ein ſtarker Wind und Alles krachte im Thürmchen,— öffnete ſich plötzlich die Thüre, und Cornelius wurde mit ſeinem Krug im Schooße ertappt. Sobald Grypbus einen unbekannten und folglich verbotenen Gegenſtand in den Händen ſeines Gefan⸗ genen ſah, fiel er über dieſen Gegenſtand mit mehr Geſchwindigkeit, als der Falke über ſeine Beute, her. Der Zufall, oder die unſelige Geſchicklichkeit, welche oft der boͤſe Geiſt ſchlimmen Weſen verleiht, machte, daß ſeine große, ſchwielige Hand ſich ſogleich in die — SOS e 151 Mitte des Kruges auf den Theil der Düngerde legte, worin die koſtbare Zwiebel aufbewahrt war... dieſe über dem Fauſtgelenke gebrochene Hand, welche van Baerle ſo gut eingerichtet hatte. „Was habt Ihr da?“ rief er.„Ahl ich ertappe u 4 Und er tauchte ſeine Hand in die Erde. „Ich! Nichts, nichts!“ rief Cornelius ganz zitternd. „Ahl ich ertappe Euch! Ein Krug Erde! Darunter iſt ein ſtrafbares Geheimniß verborgen!“ „Lieber Herr Gryphus,“ flehte van Baerle ängſt⸗ lich wie das Feldhuhn, dem der Schnitter ſeine junge Brut genommen. Gryphus fing in der That an, die Erde mit ſeinen gekrümmten Fingern auszugraben. „Herr, Herr! nehmt Euch in Acht!“ ſagte Cor⸗ nelius erbleichend. „Wovor? alle Teufel! wovor?“ brüllte der Kerker⸗ meiſter. „Nehmt Euch in Acht, ſage ich Euch, Ihr werdet ſie zerquetſchen!“ Und mit einer raſchen, beinahe verzweifelten Be⸗ woegung entriß er den Händen des Kerkermeiſters den Krug, den er wie einen Schatz unter dem Wall ſeiner beiden Arme begrub. Doch halsſtarrig wie ein Greis und immer mehr überzeugt, er habe eine Verſchwörung gegen den Prinzen von Oranien entdeckt, lief Gryphus, ſeinen Stock ſchwin⸗ gend, auf ſeinen Gefangenen zu, und da er die unem⸗ findliche Entſchloſſenheit von Cornelius in Beſchützung ſeines Blumentopfes ſah, fühlte er, dieſer zittere viel weniger für ſeinen Kopf, als für ſeinen Krug. Er ſuchte ihm alſo denſelben mit Gewalt zu ent⸗ en. „Ah!“ ſagte der Kerkermeiſter wüthend,„Ihr ſeht wohl, daß Ihr Euch empört.“ „Laßt mir meine Tulpe!“ rief van Baerle. reiß 1⁵² „Ja, ja, Tulpe,“ erwiederte der Greis.„Man kennt die Ränke der Herren Gefangenen.“ „Ich ſchwöre Euch...“ „Laßt los,“ wiederholte Gryphus, mit dem Fuß ſtampfend.„Laßt los, oder ich rufe die Wache.“ „Ruft, wen Ihr wollt, doch Ihr werdet dieſe arme Blume nur mit meinem Leben bekommen.“ Außer ſich, preßte Gryphus zum zweiten Mal ſeine Finger in die Erde, und diesmal zog er die ganz ſchwarze Brutzwiebel heraus, und während van Baerle, glücklich, das enthaltende Gefäß gerettet zu haben, ſich nicht einbildete, ſein Gegner beſitze den Inhalt, ſchleuderte Gryphus mit aller Gewalt die weich gewor⸗ dene Brutzwiebel auf die Platte, wo ſie ſogleich, zer⸗ malmt, in Brei verwandelt, unter dem breiten Schuh des Kerkermeiſters verſchwand. Van Baerle ſah den Mörder, er erſchaute die feuchten Ueberreſte, begriff dieſe wilde Freude von Gry⸗ pbus und ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus, der jenen heuchleriſchen Kerkermeiſter, welcher einige Jahre früher die Spinne von Peliſſon getödtet, er⸗ weicht hätte. Der Gedanke, dieſen boshaften Menſchen zu er⸗ ſchlagen, durchzuckte wie ein Blitz das Gehirn des Tul⸗ piſten. Das Feuer und das Blut ſtiegen ihm zugleich blieb, beſchwerten Krug auf. Einen Augenblick mehr, und er ließ ihn auf den kahlen Schädel des alten Gryphus fallen. Ein Schrei hielt ihn zurück, ein Schrei voll von Tbränen und Bangigkeiten, der Schrei, den hinter dem Gitter des Schiebers die arme Roſa, bleich, zitternd, die Arme zum Himmel erboben und zwiſchen ihrem Vater und ihrem Freunde ſtehend, ausſtieß. Cornelius ließ den Krug los, und dieſer zerbrach unter einem furchtbaren Geräuſch in tauſend Stücke. — ͤSͤ ͤ SS—, 160 E8EES3ASZ A— B8öS== 153 Da begriff Gryphus, welche Gefahr er gelaufen war, und machte ſich in entſetzlichen Drohungen Luft. „Oh!“ ſagte Cornelius,„Ihr müßt ein ſehr feiger und ſehr tölpiſcher Menſch ſein, daß Ihr einem armen Gefangenen ſeinen einzigen Troſt, eine Tulpenzwiebel, entreißt.“ „Pfui! mein Vater,“ fügte Roſa bei,„Ihr habt ein Verbrechen begangen.“ „Ahl Du biſt es, naſeweißes Weibsbild,“ rief, kochend vor Wuth, der Greis, indem er ſich gegen ſeine Tochter umwandte;„miſche Dich in das, was Dich ngeht, und ſcheere Dich beſonders auf der Stelle inab.“ „Unglücklicher! Unglücklicher!“ fuhr Cornelius in Verzweiflung fort. „Im Ganzen iſt es nur eine Tulpe,“ ſagte Gry⸗ phus ein wenig beſchämt.„Man wird Euch Tulpen geben, ſo viel Ihr wollt. Ich habe dreihundert auf meinem Speicher.“ „Zum Teufel mit Euren Tulpen!“ rief Cornelius. „Sie ſind ſo viel werth, als Ihr, und Ihr ſeid ſo viel werth, als ſie. Oh! hundert Milliarden Millionen gäbe ich, wenn ich ſie hätte, für die, welche Ihr zer⸗ malmt habt.“ „Ahl“ ſagte Gryphus triumphirend,„Ihr ſeht wohl, nicht an der Tulpe war Euch gelegen. Ihr ſeht wohl, es ſtaken in dieſer falſchen Zwiebel Zaubereien, vielleicht ein Mittel der Correſpondenz mit den Feinden Seiner Hoheit, die Euch begnadigt hat. Ich ſagte es, man hatte Unrecht, Euch nicht den Hals abzuſchneiden.“ „Mein Vater! mein Vater!“ rief Roſa. „Nunl! deſto beſſer! deſto beſſer!“ wiederholte Gry⸗ phus, ſich erhitzend.„Ich habe ſie zerſtört, ich habe ſie zerſtört. Daſſelbe wird geſchehen, ſo oft Ihr wieder anfangt! Ah! ich ſagte Euch wohl, mein ſchöner Freund, ich würde Euch das Leben hart machen.“ „Verflucht! verflucht!“ brüllte Cornelius, ganz ſich 154 ſeiner Verzweiflung überlaſſend, während er mit ſeinen zitternden Händen die letzten Spuren der Brutzwiebel, des Leichnams ſo vieler Freuden und ſo vieler Hoff⸗ nungen, umdrehte. 4 „Wir werden morgen die andern pflanzen, lieber Herr Cornelius,“ ſagte mit leiſer Stimme Roſa, die den ungeheuren Schmerz des Tulpenfreundes begriff, und, ein frommes Herz, dieſes ſüße Wort wie ein Tropfen Balſam auf die tiefe Wunde von Cornelius träufelte. XVII. Der Liebhaber von Noſa. Roſa hatte kaum dieſe Worte des Troſtes Corne⸗ lius zugeworfen, als man auf der Treppe eine Stimme hörte, die ſich bei Gryphus nach dem, was vorging, erkundigte. „Mein Vater,“ ſagte Roſa,„hört Ihr?“ Was?“. „Herr Jacob ruft Euch. Er iſt beſorgt.“ „Man hat zu viel Lärm gemacht,“ ſagte Gryphus. „War es nicht, als ermordete mich dieſer Gelehrte. Ahl was hat man doch immer mit den Gelehrten aus⸗ zuſtehen.“ Dann deutete er mit dem Finger auf die Treppe und ſagte zu Roſa: „Geht voran, Jungfer.“ Und er ſchloß die Thüre und fügte bei: „Ich komme zu Euch, Freund Jacob.“ Wornach Gryphus Roſa wegführte und in ſeiner Einſamkeit und in ſeinem bittern Schmerz den armen Cornelius zurückließ. Dieſer aber murmelte: V V ie⸗ me g, 1s. te. 8⸗ e pe er en „Oh! Du haſt mich ermordert, alter Henker... Ich werde das nicht überleben.“ Der arme Gefangene wäre in der That krank ge⸗ worden ohne das Gegengewicht, das die Vorſehung an ſein Leben gehängt hatte, und das man Roſa nannte. Am Abend kam das Mädchen zurück. Mit dem erſten Worte verkündigte Roſa Cornelius van Baerle, ihr Vater werde ſich fortan dem, daß er Blumen cultivire, nicht mehr widerſetzen. „Und woher wißt Ihr das?“ fragte mit weh⸗ müthiger Miene der Gefangene das Mädchen. „Ich weiß es, weil er es geſagt hat.“ „Vielleicht, um mich zu täuſchen?“ „Nein, er bereut.“ „Ohl ja, doch zu ſpät.“ „Dieſe Reue iſt bei ihm nicht von ſelbſt gekommen.“ „Und wie iſt ſie denn gekommen?“ „Wenn Ihr wüßtet, wie ihn ſein Freund ſchilt.“ „Ahl Herr Jacob, er verläßt Euch alſo nicht, dieſer Herr Jacob?“ „In jedem Fall verläßt er uns ſo wenig als mög⸗ lich,“ antwortete Roſa. Und ſie lächelte auf eine Weiſe, daß die kleine Wolke der Eiferſucht, welche die Stirne von Cornelius verdüſtert hatte, wieder verſchwand. „Wie iſt das zugegangen?“ fragte der Gefangene. „Nun denn, von ſeinem Freund befragt, hat mein Vater beim Abendbrod die Geſchichte der Brutzwiebel und die ſchöne That, die er, dieſelbe zermalmend, begangen, erzählt.“— Cornelius ſtieß einen Seufzer aus, der für ein Stöhnen gelten konnte. „Wenn Ihr in dieſer Minute Meiſter Jacob geſehen hättet,“ fuhr Roſa fort;„in der That, ich glaubte, er werde die Feſtung in Brand ſtecken. Seine Augen waren zwei glühende Fackeln, ſeine Haare ſträubten ſich, er ballte krampfhaft ſeine beiden Fäuſte, und einen Augen⸗ blick dachte ich, er wolle meinen Vater erwürgen.„„Ihr habt das gethan,““ rief er,„„Ihr habt die Brutzwiebel zermalmt?““„„Allerdings,““ erwiederte mein Vater. „„Das iſt ſchändlich!““ fuhr er fort,„„das iſt abſcheulich! es iſt ein Verbrechen, das Ihr da begangen habt!““ brüllte Jacob. Mein Vater war ganz erſtaunt.„„Seid Ihr auch ein Narr?““ fragte er ſeinen Freund. „Ohl ein würdiger Mann, dieſer Jacob!“ murmelte Cornelius,„ein ehrliches Herz, eine auserkorene Seele!“ „Es iſt in der That unmöglich, einen Menſchen härter zu behandeln, als er meinen Vater behandelt hat,“ fügte Roſa bei;„es war bei ihm eine wahre Verzweiflung, und er wiederholte unabläſſig: „„Zermalmt, die Brutzwiebel zermalmt! ohl mein Gott, mein Gott! zermalmt!““ „Dann wandte er ſich an mich und fragte: „„Aber es war nicht die einzige, die er hatte?““ „Er hat das gefragt?“ ſagte Cornelius, die Ohren ſpitzend.. „„Ihr glaubt, daß es nicht die einzige war?““ ſprach mein Vater.„„Gut, man wird die andern holen.““ „„Ihr werdet die andern holen,““ rief Jacob, indem er meinen Vater beim Kragen packte, doch ſogleich ließ er ihn wieder los, wandte ſich gegen mich und fragte: „Und was hat der arme junge Mann geſagt?““ „Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte; Ihr hattet mir eingeſchärft, Niemand ahnen zu laſſen, wel⸗ ches Intereſfe Ihr für die Brutzwiebeln hegt. Zum ck zog mich mein Vater aus der Verlegenheit.“ „„Was er geſagt hat? Er hat geſchäumt.““ „Ich unterbrach ihn und ſprach: „„Wie hätte er nicht wüthend werden ſollen, da Ihr ſo ungerecht und ſo ungeſchlacht gegen ihn geweſen eid.“ 474 „„Ahl biſt Du verrückt?““ rief mein Vater,„„ein 157 ſchönes Unglück, eine Tulpenzwiebel zu zermalmen. Man bekommt Hunderte für einen Gulden auf dem Markt von Gorkum.““ „„Aber ſie ſind vielleicht minder koſtbar, als dieſe,““ antwortete ich unglücklicher Weiſe.“ „Und was machte Jacob bei dieſen Worten?“ . fragte Cornelius. „Bei dieſen Worten, ich muß es ſagen, kam es mir vor, als ſchleuderte ſein Auge einen Blitz.“ „Ja,“ erwiederte Cornelius,„doch das war nicht Alles, er hat wohl etwas geſagt?“ „„Alſo, ſchöne Roſa,““ ſagte er mit einer honig⸗ ſüßen Stimme,„„Ihr haltet dieſe Zwiebel für koſtbar?““ „Ich ſah, daß ich einen Fehler begangen hatte. „„Was weiß ich?““ antwortete ich mit nachläſſi⸗ gem Ton,„„verſtehe ich mich auf Tulpen? Ich weiß nur, da wir leider verdammt ſind, mit den Gefangenen zu leben, ich weiß nur, daß für den Gefangenen jeder Zeitvertreib ſeinen Werth hat; der arme Herr van Baerle beluſtigte ſich mit dieſer Zwiebel, und ich ſage, es war Grauſamkeit, ihm ſeine Unterhaltung zu neh⸗ men.“ „„Aber vor Allem,““ ſprach mein Vater,„„wie hatte er ſich die Zwiebel verſchafft? Das müßte man wiſſen, wie mir ſcheint.““ „Ich wandte die Augen ab, um den Blick meines Vaters zu vermeiden. Doch ich begegnete den Augen von Jacob. „Es war, als wollte er meinen Gedanken bis in den Grund meines Herzens verfolgen. „Eine Bewegung übler Laune überhebt oft einer Antwort. „Ich zuckte die Achſeln, wandte ihm den Rücken zu und ging nach der Thüre. Doch ich wurde durch ein Wort aufgehalten, das ich hörte, ſo leiſe es auch geſprochen war. „Jacob ſagte zu meinem Vater: 158 „„Es iſt, bei Gott! nicht ſchwierig, ſich deſſen zu verſichern.“ „„Wie dies?““ „Man durchſucht ihn, und wenn er die andern Brutzwiebeln hat, ſo werden wir ſie finden.““ „„Sind es denn mehrere?““ „„Ja, gewöhnlich ſind es drei.““ „Es ſind drei!“ rief Cornelius,„er ſagte, ich habe drei Zwiebeln!“ „Ihr begreift, das Wort fiel mir auf, wie jetzt Euch. Ich wandte mich u. „Sie waren Beide bi beſchäftigt, daß ſie meine Bewegung nicht ſahen.“ „„Aber,““ ſagte mein Vater,„„er hat ſeine Zwie⸗ beln vielleicht nicht bei ſich.““ „„So laßt ihn unter irgend einem Vorwand herab⸗ kommen, und während dieſer Zeit durchſuche ich ſeine Stube.““ „Oho!“ machte Cornelius...„Euer Herr Jacob iſt alſo ein Schurke.“. b „Ich befürchte es.“ „Sagt mir, Roſa,“ fuhr Cornelius ganz nachden⸗ 8 kend fort. „Was?“ „Habt Ihr mir nicht erzählt, an dem Tag,. 4 Ihr Ener⸗ Beet zubereitet, ſei Euch dieſer Menſch gefolgt?“ „„ a.“ „Er ſei wie ein Schatten hinter die Hollunder⸗ ſträuche geſchlüpft 2“ „Allerdings.“ „Er habe nicht einen von Euren Rechenſtrichen aus dem Blick verloren?“ „Nicht einen.“ „Roſa,“ rief Cornelius erbleichend. „Nun!“ „Nicht Euch folgte er.“ „Wem folgte er denn?“ ABAE „Nicht in Euch iſt er verliebt.“ „In wen denn?“ ¹ „Meiner Blumenzwiebel folgte er, in meine Tulpe iſt er verliebt.“ „Ah! ahl das könnte wohl ſein,“ rief Roſa. „Wollt Ihr Euch hievon überzeugen?“ „Und auf welche Art?“. „Oh! das iſt leicht.“ „Sprecht!“ „Geht morgen in den Garten; macht, daß es Jacob wie das erſte Mal erfährt, daß Ihr dahin geht, macht, daß er Euch wie das erſte Mal nachſchleicht; ſtellt Euch, als ſtecktet Ihr die Brutzwiebel in die Erde, verlaßt dann den Garten, aber ſchaut durch die Thüre, und Ihr werdet ſehen, was er thut.“ „Gut! doch hernach?“ „Sernach! nach dem, wie er handeln wird, werden wir uns richten.“ „Ah!“ ſagte Roſa ſeufzend,„Ihr liebt Eure Zwie⸗ beln ſehr, Herr Cornelius.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der Gefangene, eben⸗ falls ſeufzend,„ſeitdem Euer Vater die unglückliche Brutzwiebel zermalmt hat, iſt es mir, als wäre mein Leben gelähmt.“ 4 „Höret,“ ſprach Roſa,„wollt Ihr noch etwas An⸗ deres verſuchen?“ 3 „Wollt Ihr den Vorſchlag meines Vaters an⸗ nehmen?“ „Welchen Vorſchlag?“ bot„Er hat Euch Tulpenzwiebeln zu Hunderten ange⸗ oten.“. „Das iſt richtig.“ 8 „Nehmt zwei oder drei an, und unter dieſen zwei oder drei Zwiebeln könnt Ihr die dritte Brutzwie⸗ bel ziehen.“ a, das wäre gut,“ ſprach Cornelius, die Stirne 160 faltend,„wenn Euer Vater allein wäre, aber dieſer Andere, dieſer Jacob, der uns beſpäht.“ „Ahl es iſt wahr; doch bedenkt wohl, Ihr beraubt Euch da, das ſehe ich, einer großen Zerſtreuung.“ Und ſie ſprach dieſe Worte mit einem Lächeln, das nicht ganz von Jronie frei war. Cornelius dachte einen Augenblick nach; es war leicht zu ſehen, daß er gegen einen heißen Wunſch kämpfte. „Nein!“ rief er mit einem ganz antiken Stoicis⸗ mus,„nein, das wäre eine Schwäche, eine Tollheit, eine Feigheit! wenn ich ſo allen ſchlimmen Wechſel⸗ fällen des Zornes und des Neides die letzte Hülfsquelle, die uns bleibt, preisgeben würde, wäre ich ein der Verzeihung unwürdiger Menſch. Nein! nein, Roſa, morgen werden wir einen Entſchluß in Beziehung auf Eure Tulpe faſſen; Ihr werdet ſie nach meinen Vor⸗ ſchriften pflegen, und was die dritte Brutzwiebel be⸗ trifft,— Cornelius ſeufzte tief— was die dritte be⸗ trifft, verwahrt ſie in Eurem Schranke! verwahrt ſie, wie der Geizige ſein erſtes oder ſein letztes Goldſtück verwahrt, wie die Mutter ihren Sohn verwahrt, wie der Verwundete den letzten Blutstropfen ſeiner Ader verwahrt; verwahrt ſie, Roſa! Es ſagt mir Etwas, hierin ſei unſere Rettung, hierin liege unſer Reich⸗ thum! verwahrt ſie! und wenn das Feuer des Himmels auf Lövenſtein fiele, ſchwört mir, Roſa, daß Ihr ſtatt Eurer Ringe, ſtatt Eurer Juwelen, ſtatt dieſes goldenen Helms, der Euer Antlitz ſo gut umrahmt! ſchwöret mir, Roſa, daß Ihr dieſe letzte Brutzwiebel, welche meine ſchwarze Tulpe enthält, mitnehmen werdet.“ 3 „Seid unbeſorgt, Herr Cornelius,“ erwiederte Roſa mit einer ſanften Miſchung von Traurigkeit und Feier⸗ lichreits„ſeid unbeſorgt, Eure Wünſche ſind Befehle r mich.“ „Und ſogar,“ fuhr der junge Mann, der immer mehr in ein Fieber gerieth, fort,„wenn Ihr bemerkt, 161 daß man Euch folgt, daß Eure Schritte beſpäht wer⸗ den, daß Eure Geſpräche Verdacht bei Eurem Vater oder bei dieſem abſcheulichen Jacob, den ich haſſe, er⸗ regen, nun denn! Roſa, opfert mich auf der Stelle, mich, der ich nur durch Euch lebe, der ich nur Euch uf der Welt habe, opfert mich... ſeht mich nicht mehr.“ Roſa fühlte, wie ſich ihr Herz in ihrer Bruſt zu⸗ ſammenſchnürte; Thränen ſchoſſen ihr in die Augen. „Ach!“ ſeufzte ſie. „Was?“ fragte Cornelius. „Ich ſehe Eines.“ „Was ſeht Ihr?“ 4 1 „Ich ſehe,“ antwortete das Mädchen, in ein Schluch⸗ zen ausbrechend;„ich ſehe, Ihr liebt die Tulpen ſo ſehr, daß in Eurem Herzen kein Platz mehr für eine andere Zuneigung iſt.“ Und ſie entfloh. Cornelius brachte nach dem Abgang des Mädchens eine der ſchlimmſten Nächte zu, die er je erlebt hatte. Roſa war erzürnt gegen ihn, und ſie hatte Recht. Sie würde vielleicht nicht mehr zu dem Gefangenen kommen, und er erhielte weder von Roſa, noch von den Tulpen mehr Nachricht.. Wie ſollen wir nun dieſen bizarren Charakter, den vollkommenen Tulpiſten, wie es noch in dieſer Welt gibt, erklären? Wir geſtehen zur Schande unſeres Helden und der Gärtnerei, daß von ſeinen beiden Liebesneigungen, die⸗ jenige, deren Verluſt Cornelius am meiſten zu beklagen ſich geneigt fühlte, die Liebe zu Roſa war, und als er gegen drei Uhr Morgens, von der Müdigkeit niedergedrückt, von Befürchtungen geplagt, von der Reue heimgeſucht, ein⸗ ſchlief, trat die große ſchwarze Tulpe in ſeinen Träu⸗ men den erſten Rang den ſo ſanften blauen Augen der ſchönen Frieſin ab. Die ſchwarze Tulpe. 11 162 XVIII. Frau und Blume. Doch in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, konnte die arme Noſa nicht wiſſen, von wem oder von was Cor⸗ nelius träumte. Roſa war daher, nach dem, was er ihr geſagt hatte, viel mehr geneigt, zu glauben, er träume von ſeiner Tulpe, als von ihr, und dennoch täuſchte ſich a. Doch da Niemand vorhanden war, um Roſa zu ſagen, ſie täuſche ſich, da die unvorſichtigen Worte von Cornelius wie Gifttropfen auf ihre Seele gefallen waren, ſo träumte Roſa nicht, ſie weinte. Roſa war ein Geſchöpf von erhabenem Geiſt, von redlichem, tiefem Sinn, und ſo ließ ſie ſich Gerechtig⸗ keit widerfahren, nicht in Beziehung auf ihre morali⸗ ſchen und körperlichen Eigenſchaften, ſondern in Betreff ihrer geſellſchaftlichen Stellung. Cornelius war Gelehrter, Cornelius war reich, oder dies wenigſtens vor der Confiscation ſeines Vermögens geweſen; Cornelius ſtammte von jenem commerciellen Bürgerſtande ab, der ſtolzer auf ſeine gezeichneten Budenſchilder, als es der Geſchlechtsadel je auf ſeine ererbten Wappen geweſen. Cornelius konnte alſo Roſa für eine Zerſtreuung gut finden, wenn es ſich aber darum handelte, ſein Herz zu verpfänden, ſo würde er es eher einer Tulpe, das heißt der edelſten und ſtolze⸗ ſten der Blumen, als Roſa, der demüthigen Tochter eines Kerkermeiſters, verpfänden. Roſa begriff daher den Vorzug, den Cornelius der ſchwarzen Tulpe vor ihr gab, aber ſie war, weil ſie begriff, nur um ſo mehr in Verzweiflung. Roſa faßte auch während diefer ſchrecklichen Nacht, V 163 während dieſer Nacht, die ſie ſchlaflos zubrachte, einen Entſchluß.. Dieſer Entſchluß war, nicht mehr an den Schieber zurückzukehren. Da ſie aber den glühenden Wunſch von Cornelius, Nachricht von ſeiner Tulpe zu erhalten, kannte, da ſie ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, den Mann wie⸗ derzuſehen, für den ſie ihr Mitleid dergeſtalt zuneh⸗ men fühlte, daß dieſes Mitleid, nachdem es durch die Sympathie gegangen, geraden Weges und mit großen Schritten auf die Liebe zuwanderte, da ſie dieſen Mann nicht in Verzweiflung bringen wollte, ſo beſchloß ſie, allein die begonnenen Lectionen im Leſen und Schreiben zu verfolgen, und zum Glück war ſie bei dem Punkte ihrer Lehre angelangt, daß ihr ein Lehrer nicht mehr nöthig geweſen wäre, hätte dieſer Lehrer nicht Corne⸗ lius geheißen. Roſa las alſo mit aller Anſtrengung in der Bibel des armen Cornelius de Witt, auf deren zweitem Blatt, welches das erſte geworden, ſeitdem man das andere herausgeriſſen das Teſtament von Cornelius van Baerle and. „Ah!“ murmelte ſie, indem ſie dieſes Teſtament wieder las, das ſie nie vollendete, ohne daß eine Thräne, eine Liebesperle, aus ihren durchſichtigen Augen auf ihre erbleichten Wangen rollte,„ah! damals glaubte ich doch einen Augenblick, er liebe mich.“ Arme Roſal ſie täuſchte ſich. Nie war die Liebe des Gefangenen inniger geweſen, als in dem Moment, zu dem wir gekommen ſind, denn, wir haben es mit einiger Verlegenheit geſagt, in dem Kampfe zwiſchen der großen ſchwarzen Tulpe und Roſa war die große ſchwarze Tulpe unterlegen. Dooch, wir müſſen es wiederholen, Roſa wußte nichts von der Niederlage der großen ſchwarzen Tulpe. Nachdem ſie zu Ende geleſen, eine Operation, in der Roſa große Fortſchritte gemacht hatte, ahm Roſa 164 eine Feder und ging mit einem nicht minder lobens⸗ werthem Eifer an die viel ſchwierigere Arbeit des Schreibens. Da aber Roſa beinahe leſerlich an dem Tage ſchrieb, wo Cornelius ſo unvorſichtig ſein Herz hatte ſprechen laſſen, ſo zweifelte ſie nicht, raſch genug Fort⸗ ſchritte zu machen, um in acht Tagen oder etwas ſpäter dem Gefangenen Nachricht von ſeiner Tulpe zu geben. Sie hatte nicht ein Wort von den Vorſchriften von Cornelius vergeſſen. Uebrigens vergaß Roſa nie ein Wort von dem, was ihr Cornelius ſagte, ſelbſt wenn das, was er ihr ſagte, die Form nicht von der Vorſchrift entlehnte. Er ſeinerſeits erwachte verliebter als je. Die Tulpe war wohl noch lebendig und leuchtend in ſeinem Geiſte, aber er ſah ſie nicht mehr wie einen Schatz, dem er Alles opfern müßte, ſelbſt Roſa, ſondern wie eine koſtbare Blume, eine wunderbare Combination der Natur und der Kunſt, die ihm Gott für das Mieder ſeiner Geliebten bewilligte. Den ganzen Tag verfolgte ihn indeſſen eine un⸗ beſtimmte Unruhe. Er war jenen Menſchen ähnlich, deren Geiſt ſtark genug iſt, um für den Augenblick zu vergeſſen, daß eine große Gefahr ſie am Abend oder am andern Tag bedroht. Iſt dieſe Beſorgniß einmal beſiegt, ſo leben ſie das gewöhnliche Leben. Nur beißt ſie dieſe vergeſſene Gefahr von Zeit zu Zeit mit ihrem ſcharfen Zahn ins Herz. Sie beben, fragen ſich, warum ſie gebebt haben, erinnern ſich dann deſſen, was ſie ver⸗ geſſen, und ſagen mit einem Seufzer:„Ach! ja, das iſt es!“ Das das von Cornelius war die Furcht, Roſa könnte am Abend nicht wie gewöhnlich kommen. Und je näher die Nacht rückte, deſto lebhafter und gegenwärtiger wurde die Beſorgniß, bis endlich dieſe Beſorgniß ſich des ganzen Körpers von Cornelius be⸗ mächtigte und nur ſie allein in ihm lebte. 165 Er begrüßte auch die Dunkelheit mit einem bangen Herzklopfen; als die Dunkelheit zunahm, kehrten die Worte, die er am Abend vorher Roſa geſagt, und die das arme Mädchen ſo ſehr betrübt hatten, ſchärfer in ſeinen Geiſt zurück, und er fragte ſich, wie er ſeiner Tröſterin habe ſagen könnnen, er wolle ſie der Tulpe opfern, das heißt, er wolle im Nothfall darauf ver⸗ zichten, ſie zu ſehen, während der Anblick von Roſa eine Nothwendigkeit ſeines Lebens geworden war. Von der Stube von Cornelius hörte man die Stunden auf der Uhr der Feſtung ſchlagen. Es ſchlug ſieben Uhr, acht Uhr, dann neun Uhr. Nie vibrirte eine eherne Glocke tiefer im Grunde eines Herzens, als es der Hammer that, der dieſe neunte Stunde be⸗ zeichnend ſchlug. 3 Dann verſank Alles in ein Stillſchweigen. Cor⸗ nelius drückte ſeine Hand an ſein Herz, um die Schläge zu erſticken, und horchte. Er war mit dem Geräuſch des Trittes von Roſa, mit dem Streifen ihres Kleides auf der Treppe ſo ver⸗ traut, daß er, ſobald ſie auf die erſte Stufe ſtieg, ſagte: „Ahl da kommt Roſa!“ In dieſer Nacht ſtörte kein Geräuſch die Stille der Hausflur. Die Glocke ſchlug ein Viertel nach neun Uhr; dann aus zwei verſchiedenen Tonarten halb zehn Uhr; dann drei Viertel auf zehn Uhr; endlich verkün⸗ digte ihre ernſte Stimme nicht nur den Gäſten der Feſtung, ſondern auch den Einwohnern von Lövenſtein, daß es zehn Uhr war. Das war die Stunde, zu der Roſa gewöhnlich Cornelius verließ. Die Stunde hatte geſchlagen, und Roſa war nicht gekommen. Seine Ahnungen hatten ihn alſo nicht getäuſcht: auſgehralht, blieb Roſa in ihrem Zimmer und ver⸗ ieß ihn. „Ohl ich habe wohl verdient, was mir begegnet,“ ſagte van Baerle.„Oh! ſie wird nicht kommen, und 166 ſie thut wohl daran, wenn ſie nicht kommt; an ihrer Stelle würde ich es ſicherlich ebenſo machen.“ Und deſſen ungeachtet horchte Cornelius, wartete und hoffte er immer. Er horchte und wartete ſo bis um Mitternacht, doch um Mitternacht hörte er auf zu hoffen und warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett. Die Nacht war lang und traurig, dann kam der Tag; aber der Tag brachte dem Gefangenen keine Hoffnung. Um acht Uhr Morgens öffnete ſich ſeine Thüre; doch Cornelius drehte nicht einmal den Kopf um; er hatte den gewichtigen Tritt von Gryphus auf der Haus⸗ flur gehört und vollkommen gefühlt, dieſer Tritt nähere ſich allein. Er ſchaute nicht einmal den Kerkermeiſter an. Und doch hätte er ſich gern bei ihm nach Roſa er⸗ kundigt. Er war auf dem Punkt, eine Frage hierüber an ihren Vater zu richten, ſo ſeltſam dieſe Frage dem Kerkermeiſter hätte erſcheinen müſſen. Er hoffte, der Selbſtſüchtige, Gryphus würde antworten, Roſa ſei krank. Wenn nicht ein außerordentliches Ereigniß vorfiel, kam Roſa nie am Tage. So lange der Tag währte, wartete alſo van Baerle in Wirklichkeit nicht. An ſei⸗ nem plötzlichen Beben, an ſeinem nach der Thüre ge⸗ ſpannten Ohr, an ſeinem raſchen, den Schieber befra⸗ genden Blick ſah man aber, daß der Gefangene die dumpfe Hoffnung nährte, Roſa werde ihre Gewohn⸗ heiten übertreten. Beim zweiten Beſuch von Gryphus erkundigte ſich Cornelius, wider alles Vorhergehende, beim alten Ker⸗ kermeiſter, und zwar mit ſeiner ſüßeſten Stimme, nach ſeiner Geſundheit; doch laconiſch wie ein Spartaner, antwortete Gryphus nur: „Es geht gut.“ —e —— 167 Beim dritten Beſuch wechſelte Cornelius mit der Form der Frage: „Iſt Niemand krank in Lövenſtein?“ „Niemand!“ antwortete noch laconiſcher, als das erſte Mal, Gryphus, indem er van Baerle die Thüre vor der Naſe ſchloß. Nicht gewöhnt an ſolche Artigkeiten von Seiten ſeines Gefangenen, hatte Gryphus hierin einen Anfang von einem Beſtechungsverſuch geſehen. Cornelius befand ſich wieder allein; es war ſieben Uhr Abends; da erneuerten ſich in einem heftigeren Grade, als am Tage vorher, die Bangigkeiten, die wir zu be⸗ ſchreiben verſucht haben. Doch wie am Tage vorher vergingen die Stunden, ohne die holde Erſcheinung herbeizuführen, welche durch die Oeffnung des Schiebers den Kerker des armen Cornelius erleuchtete und, wenn ſie ſich zurückzog, darin Licht für die ganze Zeit ihrer Abweſenheit zurückließ. Van Baerle brachte die Nacht in einer wahren Verzweiflung zu. Am andern Morgen kam ihm Gry⸗ phus noch bäßlicher, noch brutaler, noch zurückſtoßender, als gewöhnlich, vor: es war in ſeinem Geiſte, oder vielmehr in ſeinem Herzen die Hoffnung entſtanden, er verhindere Roſa, zu kommen. Es gelüſtete ihn grauſamer Weiſe, Gryphus zu erwürgen; war aber Gryphus von Cornelius erwürgt, ſo verboten Roſa alle menſchliche und göttliche Ge⸗ ſetze, Cornelius je wieder zu ſehen. Der Kerkermeiſter entging alſo, ohne es zu ver⸗ muthen, einer der größten Gefahren, der er je in ſeinem Leben preisgegeben geweſen. Es kam der Abend, und die Verzweiflung verwan⸗ delte ſich in Schwermuth; dieſe Schwermuth war um ſo düſterer, als unwillkürlich die Erinnerungen an ſeine arme Tulpe ſich mit dem Schmerz, den er empfand, vermengten. Man hatte gerade die Epoche des Mo⸗ nats April erreicht, welche die erfahrenſten Gärtner 168 als den genauen Punkt für das Pflanzen der Tulpen bezeichnen; er hatte zu Roſa geſagt:„Ich werde Euch den Tag angeben, an welchem Ihr die Brutzwiebel in die Erde legen müßt.“ Dieſen Tag ſollte er für den fol⸗ genden Abend beſtimmen. Das Wetter war gut, die Atmoſphäre, obgleich noch ein wenig feucht, fing an durch die bleichen Sonnenſtrahlen gemildert zu werden, welche, da ſie zuerſt kommen, trotz ihrer Bläſſe ſo ſüß erſchei⸗ nen. Wenn Roſa die Zeit der Pflanzung verſtreichen ließe! Wenn ſich dem Schmerz, das Mädchen nicht zu ſehen, der, die Brutzwiebel, weil ſie zu ſpät gepflanzt worden, oder weil ſie gar nicht gepflanzt worden, ver⸗ unglücken zu ſehen, beigeſellte! Dieſe zwei vereinigten Schmerzen waren gewiß ein Grund, die Luſt zum Eſſen und Trinken zu verlieren. Dies geſchah am vierten Tag. Cornelius war zum Erbarmen anzuſchauen, wenn er, ſtumm vor Schmerz und bleich vor Entkräftung, ſich zu dem vergitterten Fenſter hinausneigte, auf die Gefahr, ſeinen Kopf nicht mehr zwiſchen den Stangen zurückziehen zu können, um es zu verſuchen, links das Gärtchen zu erſchauen, von dem ihm Roſa geſagt hatte, und deſſen Brüſtung, wie ſie ihm auch geſagt, an den Fluß grenzte, und zwar in der Hoffnung, bei dieſen erſten Strahlen der Aprilſonne das Mädchen oder die Tulpe, ſeine zweifache gebrochene Liebe, zu entdecken. Am Abend nahm Gryphus das Frühſtück und das Mittagsbrod von Cornelius weg; dieſer hatte kaum etwas davon angerührt. Am andern Tag rührte er gar nichts an, und Gryphus nahm die für zwei Mahle beſtimmten Spei⸗ ſen vollkommen unverſehrt hinab. 1 Cornelius war am Tage nicht aufgeſtanden. „Gut!“ ſagte Gryphus, als er nach ſeinem letzten Beſuch hinabkam,„gut, wir werden vom Gelehrten be⸗ freit werden.“ 3 Roſa bebte. 169 „Bah!“ rief Jacob,„wie ſo?? „Er trinkt nicht mehr, er ißt nicht mehr, er ſteht nicht mehr auf,“ antwortete Gryphus.„Wie Herr Grotius wird er in einer Kiſte von hier wegkommen, nur wird dieſe Kiſte ein Sarg ſein.“ Roſa wurde bleich wie der Tod. „Ach! ich begreife,“ murmelte ſie,„er iſt beſorgt wegen ſeiner Tulpe.“ Und ſie ſtand mit gepreßtem Herzen auf und kehrte in ihr Zimmer zurück, nahm eine Feder und Papier und übte ſich die ganze Nacht hindurch im Zeichnen von Buchſtaben. Als Cornelius am andern Morgen aufſtand, um ſich bis zum Fenſter zu ſchleppen, bemerkte er ein Papier, das man unter die Thüre geſchoben hatte. Er ſtürzte ſich auf das Papier, öffnete es und las, mit einer Schrift, in der er kaum die von Roſa zu er⸗ kennen vermochte, ſo ſehr hatte ſie ſich während dieſer Abweſenheit von ſieben Tagen gebeſſert: „Seid unbeſorgt, Eure Tulpe befindet ſich wohl.“ Obgleich dieſes Wörtchen von Roſa einen Theil der Schmerzen von Cornelius beſchwichtigte, war er nichtsdeſtoweniger empfindlich für die Jronie. So war es auch, Roſa war nicht krank, ſondern verletzt; nicht in Folge von Zwang kam Roſa nicht, freiwillig blieb ſie von Cornelius entfernt. Frei, fand Roſa alſo in ihrem Willen die Stärke, denjenigen nicht zu beſuchen, der vor Kummer ſtarb, weil er ſie nicht geſehen. Cornelius beſaß Papier und einen Bleiſtift, was Roſa ihm gebracht hatte. Er begriff, daß das Mädchen auf eine Antwort wartete, doch es würde die Antwort erſt in der Nacht holen. Dem zu Folge ſchrieb er auf ein Papier, dem ähnlich, welches er empfangen hatte: „Nicht die Beſorgniß, die mir meine Tulpe ver⸗ urſacht, macht mich krank, ſondern der Kummer, den ich darüber empfinde, daß ich Euch nicht ſehe.“ 170 Als Gryphus weggegangen war, als es Abend geworden, ſchob er das Papier unter die Thüre und borchte. Doch wie aufmerkſam er auch lauſchte, er hörte weder ihren Tritt, noch das Rauſchen ihres Kleides. Er hörte nur eine Stimme ſo ſchwach wie ein Hauch und ſo ſanft wie eine Liebkoſung, die ihm durch den Schieber das Wort: 14 . XIX. Was während dieſer acht Tage vorge⸗ fallen war. Am andern Tag, zur bekannten Stunde, hörte Cornelius in der That an ſeinem Schieber kratzen, wie dies Gewohnheit von Roſa in den guten Tagen ihrer Freundſchaft geweſen war. Man errätb, daß Cornelius unfern von der Thürt war, durch deren Gitter er endlich das ſeit zu langer Zeit verſchwundene Antlitz wiederſehen ſollte. Roſa, die ihn mit ihrer Lampe in der Hand er⸗ wartete, konnte ſich einer Bewegung nicht erwehren, als ſie den Gefangenen ſo bleich und traurig ſah. „Ihr ſeid leidend, Herr Cornelius?“ fragte ſie. „Ja, Jungfer,“ antwortete, an Geiſt und Körper leidend, Cornelius. „Ich habe geſehen, Herr, daß Ihr nicht mehr aßet; mein Vater hat mir auch geſagt, Ihr ſtehet nicht mehr auf; da habe ich Euch geſchrieben, um Euch n T d 3 8 d b 1 171 über das Schickſal des koſtbaren Gegenſtandes Eurer Beſorgniß zu beruhigen.“ „Und ich, ich habe Euch geantwortet. Als ich Euch wieder kommen ſah, glaubte ich, Ihr habet mein Billet erhalten, liebe Roſa.“ „Es iſt wahr, ich habe es erhalten.“ „Ihr werdet Euch diesmal nicht damit entſchuldigen, daß Ihr nicht leſen könnet; Ihr leſt nicht nur recht geläufig, ſondern Ihr habt auch hinſichtlich der Schrift ungeheuer gewonnen.“ 4 „In der That, ich habe Euer Billet nicht nur er⸗ halten, ſondern auch geleſen. Deshalb bin ich gekom⸗ men, um zu ſehen, ob es nicht ein Mittel gäbe, Eure Geſundheit wiederherzuſtellen.“ „Meine Geſundheit wiederherſtellen!“ rief Cor⸗ nelius,„Ihr habt mir alſo eine gute Kunde mitzu⸗ theilen?“ Und indem er ſo ſprach, heftete der junge Mann auf Roſa von Hoffnung glänzende Augen. Verſtand ſie nun dieſen ZBlick nicht, oder wollte ſie ihn nicht verſtehen, ſie antwortete ernſt: 1 „Ich habe nur von Eurer Tulpe zu ſprechen, die, wie ich weiß, Eure ſchwerſte Beſorgniß iſt.“ Roſa ſprach dieſe paar Worte mit einem eiskalten Ton, der Cornelius beben machte. Der eifrige Tulpiſt begriff nicht, was Alles unter dem Schleier der Gleichgültigkeit die Arme verbarg, welche beſtändig mit ihrer Nebenbuhlerin, der ſchwar⸗ zen Tulpe, im Streite lag. „Ah!“ murmelte Cornelius,„abermals, abermals! Mein Gott! Roſa, habe ich Euch nicht geſagt, ich denke nur an Euch, die Abweſenheit von Euch allein beklage ich, Ihr allein fehlet mir, Ihr allein entziehet mir dadurch, daß Ihr nicht kommet, die Luft, das Licht, die Wärme, das Leben.“ Roſa lächelte ſchwermüthig. 172 b „Ah!“ ſprach ſie,„Eure Tulpe iſt eine ſo große Gefahr gelaufen.“ Cornelius bebte unwillkührlich und ließ ſich in der Falle fangen, wenn es eine war. „Eine ſo große Gefahr?“ rief er ganz zitternd, „mein Gott! und welche?“ Roſa ſchaute ihn mit einem ſanften Mitleid an; ſie fühlte, daß das, was ſie wollte, die Kräfte dieſes Mannes überſtieg, und daß ſie ihn mit ſeiner Schwäche annehmen mußte. „Ja,“ ſprach ſie,„Ihr hattet richtig errathen, der Freier, der Verliebte, der Jacob kam nicht meinet⸗ wegen.“ „Und wem zu Liebe kam er denn?“ fragte Corne⸗ lius voll Angſt. „Der Tulpe zu Liebe.“ „Oh!“ rief Cornelius, bei dieſer Kunde mehr er⸗ bleichend, als er erbleicht war, da Roſa, ſich täuſchend, ihm vierzehn Tage vorher mitgetheilt hatte, Jacob komme ihr zu Liebe. Roſa ſah dieſen Schrecken, und Cornelius gewahrte am Ausdruck ihres Geſichts, daß ſie das dachte, was wir ſo eben geſagt haben. „Ohl verzeiht mir, Roſa,“ ſprach van Baerle, „ich kenne Euch, ich kenne die Güte und Redlichkeit Eures Herzens. Euch, Euch hat Gott den Geiſt, die Urtheilskraft, die Stärke und die Bewegung gegeben, um Euch zu vertheidigen, doch meiner armen bedroh⸗ ten Tulpe hat Gott nichts von Allem dem gegeben.“ Roſa antwortete nicht auf dieſe Entſchuldigung des Gefangenen und fuhr fort: „Sobald dieſer Menſch, der mir in den Garten gefolgt war, und in dem ich Jacob erkannt hatte, Euch beunruhigte, beunruhigte er mich noch viel mehr. Ich that alſo, was Ihr geſagt hattet, am Tag, nach dem, wo ich Euch zum letzten Mal geſehen, und wo Ihr mir ſagtet...“ — 173. „Verzeiht abermals,“ rief van Baerle.„Was ich Euch ſagte, hatte ich Unrecht, Euch zu ſagen. Ich habe Euch ſchon wegen dieſes unſeligen Wortes um Verzeihung gebeten... ich bitte Euch noch einmal um Verzeihung. Wird es immer vergebens geſchehen?“ „Am andern Tag alſo,“ fuhr Roſa fort,„erin⸗ nerte ich mich deſſen, was Ihr mir ſagtet... hinſicht⸗ lich der Liſt, die ich anwenden ſollte, um mich zu ver⸗ ſchem, ob dieſer verhaßte Menſch mir oder der Tulpe olgte... „Ja, verhaßt... Nicht wahr, Ihr haßt ihn ſehr?“ ſagte van Baerle. „ a, ich haſſe ihn,“ antwortete Roſa,„denn er iſ Schuld daran, daß ich ſeit acht Tagen viel gelitten a 44 e. „Ab! Ihr auch, Ihr habt alſo auch gelitten? Ich danke für dieſes gute Wort, Roſa.“ „Am Tag nach jenem Unglücksabend,“ fuhr Roſa fort,„ging ich alſo in den Garten hinab und ſchritt auf das Beet zu, in das ich die Tulpe pflanzen ſollte, wobei ich hinter mich ſchaute, um zu ſehen, ob man mir oherols folgte.“ n 4 „Nuni derſelbe Menſch ſchlich zwiſchen die Thüre und die Mauer und verſchwand wieder hinter den Hollunderbüſchen.“ 1 „Ihr ſtelltet Euch, als ſähet Ihr nichts, nicht wahr?“ fragte Cornelius, der ſich in allen ſeinen Ein⸗ elgeiten des Rathes erinnerte, den er Roſa gegeben atte. „Ja, und ich bückte mich auf das Beet, und grub barid uiit ſeiinem Spaten, als ob ich die Brutzwiebel anzte.“ Zeit„Und er... er... was that er während dieſer eit?“. „„ ch ſah ſeine glühenden Augen wie die eines Tigers durch die Zweige der Bäume glänzen.“ 174 „Seht Ihr? ſeht Ihr?“ „Dann, als dieſe Scheinarbeit beendigt war, zog ich mich zurück.“ „Doch, nicht wahr, nur hinter die Gartenthüre? So daß Ihr durch die Spalten oder durch das Schloß dieſer Thüre ſehen konntet, was geſchah, ſobald Ihr weggegangen waret?“ „Er wartete einen Augenblick, ohne Zweifel, um ſich zu verſichern, daß ich nicht zurückkäme; dann ſchlich er mit leiſen Tritten aus ſeinem Verſteck hervor und näherte ſich dem Beet auf einem weiten Umweg; an ſeinem Ziele, das heißt, bei der Stelle angelangt, wo die Erde friſch aufgearbeitet war, blieb er mit 5 einer gleichgültigen Miene ſtehen, ſchaute nach allen Seiten, befragte jedes Fenſter der benachbarten Häu⸗ — ſer, befragte die Erde, den Himmel, die Luft, und als 3 er ganz allein, ganz außer dem Blick von aller Welt zu ſein glaubte, ſtürzte er auf das Beet los, ſteckte ſeine beiden Hände in die Erde, zog einen Theil davon beraus, den er in ſeinen Fingern zerbröckelte, um zu ſehen, ob die Brutzwiebel nicht darin ſei, begann drei⸗ mal dieſelbe Operation, und jedes Mal mit einer glü⸗ henderen Thätigkeit, bis er am Ende begriff, er könnte der Thor einer Hinterliſt ſein, die Aufregung, die ihn verzeyrte, beſchwichtigte, den Rechen nahm, den Boden ebnete, um ihn bei ſeinem Abgang in demſelben Zu⸗ ſtand zu laſſen, in dem er ſich befand, ehe er durch⸗ wühlt worden war, und ganz beſchämt, ganz verlegen, jedoch die unſchuldige Miene eines gewöhnlichen Spa⸗ ziergängers heuchelnd, wieder den Weg zur Thüre einſchlug.“ „Oh! der Elende,“ murmelte Cornelius, die Schweißtropfen abwiſchend, die von ſeiner Stirne rie⸗ ſelten.„Ohl der Elende, ich hatte ihn errathen. Doch die Brutzwiebel, Roſa, was habt Ihr damit gemacht? Ach! es iſt ſchon ein wenig ſpät, um ſie zu pflanzen.“ „Die Brutzwiebel iſt ſeit ſechs Tagen in der Erde.“ 175 „Wo dies? wie dies?“ rief Cornelius.„Oh! mein Gott, welche Unvorſichtigkeit! Wo iſt ſie? In welcher Erde iſt ſie? Iſt ſie gut oder ſchlecht geſetzt? Läuft ſie nicht Gefahr, uns von dieſem abſcheulichen Jacob ge⸗ ſtohlen zu werden?“ „Sie läuft nicht Gefahr, uns geſtohlen zu werden, wenn nicht etwa dieſer Jacob die Thüre meines Zim⸗ mers ſprengt.“. „Ahl ſie iſt bei Euch, ſie iſt in Eurem Zimmer, Roſa,“ ſagte Cornelius, ein wenig beruhigt.„Doch in welcher Erde, in welchem Gefäß? Ihr werdet ſie nicht im Waſſer keimen laſſen, wie die guten Frauen von Harlem und Dortrecht, welche hartnäckig glauben, das Waſſer könne die Erde erſetzen, als ob das Waſ⸗ ſer, das aus dreiunddreißig Theilen Sauerſtoff und ſechsundſechzig Theilen Waſſerſtoff beſteht, erſetzen könnte.. Doch was ſage ich da, Roſal,.. „Ja, es iſt ein wenig gelehrt für mich,“ erwie⸗ derte lächelnd das Mädchen.„Ich begnüge mich da⸗ her, Euch zu Eurer Beruhigung zu antworten, daß Eure Brutzwiebel nicht im Waſſer iſt.“ „Ah! ich athme.“ „Sie iſt in einem guten ſteinernen Topf, gerade von der Größe des Krugs, in den Ihr die Eurige geſetzt hattet. Ihr Boden beſteht aus drei Theilen ge⸗ wöhnlicher Erde, vom beſten Orte des Gartens ge⸗ nommen, und einem Theil Straßenerde. Oh! ich habe Euch und den ſchändlichen Jacob, wie Ihr ihn nennt, ſo oft ſagen hören, in welcher Erde die Tulpe wachſen müſſe, daß ich dies weiß, wie der beſte Gärtner von Harlem.“. „Ahl nun bleibt die Ausſtellung. Wie iſt ſie aus⸗ geſtellt?“ „Gegenwärtig hat ſie die Sonne den ganzen Tag, an den Tagen, wo überhaupt die Sonne ſcheint. Wenn ſie aber aus der Erde hervorgekommen und die Sonne heißer ſein wird, werde ich es machen, wie Ihr es 176 bier machtet, lieber Herr Cornelius. Ich werde ſie auf meinem Fenſter im Oſten von acht Uhr Morgens bis eilf Uhr, und auf meinem Fenſter im Weſten von drei Uhr Nachmittags bis fünf Ühr ausſtellen.“ „Ohl ſo iſt es, ſo iſt es!“ rief Cornelius,„und Ihr ſeid ein vollkommener Gärtner, meine ſchöne Roſa. Aber ich bedenke, die Pflege meiner Tulpe wird Euch Eure ganze Zeit nehmen.“ „Ja, es iſt wahr,“ erwiederte Roſa,„doch was liegt daran. Eure Tulpe... iſt meine Tochter. Ich widme ihr die Zeit, die ich meinem Kinde widmen würde, wenn ich Mutter wäre. Nur indem ich ihre Mutter werde, kann ich aufhören, ihre Nebenbuhlerin zu ſein,“ fügte Roſa lächelnd bei. „Gute, theure Roſa,“ flüſterte Cornelius, indem er das Mädchen mit einem Blick anſchaute, in welchem mehr vom Liebenden, als vom Gartenfreund lag, was Roſa ein wenig tröſtete. Dann, nach einem Augenblick des Stillſchweigens, während der Zeit, daß Cornelius durch die Oeffnung des Gitters die flüchtige Hand von Roſa geſucht hatte, fuhr van Baerle fort: 3 Erd Die Brutzwiebel iſt alſo ſchon ſechs Tage in der rde?“ „Sechs Tage, ja, Herr,“ erwiederte Roſa lächelnd. „Und ſie erſcheint noch nicht?“. „Nein, aber ich glaube, daß ſie morgen erſchei⸗ nen wird.“ 4 „Morgen, gut. Ihr werdet mir Kunde von ihr geben, indem Ihr mir zugleich Kunde von Euch gebt, nicht wahr, Roſa? Ich kümmere mich wohl um die Tochter, wie Ihr ſo eben ſagtet, doſh ich intereſſire mich noch ganz anders für die Mutter. „Morgen,“ erwiederte Roſa, Cornelius von der Seite anſchauend,„morgen weiß ich nicht, ob ich kann.“ „Eil mein Gott,“ rief Cornelius„warum ſolltet Ihr morgen nicht können?“. Co 177 „Herr Cornelius, ich habe tauſend Dinge zu thun.“ „Während ich nur Eines zu thun habe,“ murmelte Cornelius. „Ja,“ erwiederte Roſa,„Eure Tulpe zu lieben.“ „Euch zu lieben, Roſa.“ Roſa ſchüttelte den Kopf. Es trat ein neues Stillſchweigen ein. „Nun,“ unterbrach van Baerle dieſes Stillſchwei⸗ gen,„Alles wechſelt in der Natur. Auf die Blumen des Frühlings folgen andere Blumen, und man ſieht die Bienen, welche zärtlich die Veilchen und Levkoien liebkoſten, ſich mit derſelben Liebe auf die Jelängerje⸗ lieber, die Roſen, die Jasmine, die Goldblumen und die Geranien ſetzen.“ „Was will das beſagen?“ fragte Roſa. „Das will beſagen, daß Ihr Anfangs gern die Erzählungen von meinen Freuden und Leiden angehört habt; Ihr habt die Blume unſerer gegenſeitigen Ju⸗ gend geliebkoſt; aber die meinige iſt im Schatten ver⸗ welkt. Der Garten der Hoffnungen und Freuden eines Gefangenen hat nur eine Jahreszeit. Es iſt nicht wie bei jenen ſchönen Gärten in der freien Luft und in der Sonne. Iſt die Maiernte gemacht, iſt die Beute ein⸗ geheimſt, dann ziehen die Bienen wie Ihr, Roſa, die ienen mit dem zarten Leib, mit den goldenen Fühl⸗ hörnern, mit den durchſichtigen Flügeln, durch das Gitter fort und fliehen die Kälte, die Einſamkeit, die Trau⸗ rigkeit, um anderswo die Wohlgerüche und die lauen Ausdünſtungen aufzuſuchen... kurz, um das Glück aufzuſuchen.“ Noſa ſchaute Cornelius mit einem Lächeln an, das dieſer nicht ſah, denn er hatte die Augen zum Himmel aufgeſchlagen⸗ Er fuhr mit einem Seußzer fort: „Ihr habt mich verlaſſen, Jungfer Roſa, um Eurer vier Jahreszeiten des Vergnügens theilhaftig zu ſein. Ihr habt wohl daran gethan; ich beklage Die ſchwarze Tulpe. 5 12 178 mich nicht; wodurch war ich befugt, Treue von Euch zu verlangen?“ „Treue!“ rief Roſa, ganz in Thränen, und ohne daß ſie ſich die Mühe nahm, länger vor Cornelius den Perlenthau zu verbergen, der über ihre Wangen rollte, „Treue, bin ich Euch etwa nicht treu geweſen?“ „Ach! heißt es mir treu ſein, mich fliehen, mich ſterben laſſen!“ rief Cornelius. „Aber, Herr Cornelius, thue ich denn für Euch nicht Alles, was Euch Vergnügen machen konnte, be⸗ ſchäftigte ich mich nicht mit Eurer Tulpe?“ „Bitterkeit, Roſa! Ihr macht mir die einzige Freude ohne Beimiſchung, die ich auf dieſer Welt ge⸗ habt habe, zum Vorwurf!“ „Ich werfe Euch nichts vor, Herr Cornelius, wenn nicht den einzigen Kummer, den ich ſeit dem Tage empfunden, wo man mir auf dem Buitenhof ſagte, Ihr ſolltet hingerichtet werden.“ „Es mißfällt Euch, meine ſüße Roſa, es mißfällt Euch, daß ich die Blumen liebe.“ „Es mißfällt mir nicht, daß Ihr ſie liebt, Herr Cornelius, es betrübt mich nur, daß Ihr ſie mehr liebt, als mich.“ „Ahl theure Geliebte,“ rief Cornelius,„ſchaut meine Hände an, wie ſie zittern, ſchaut meine Stirne an, wie bleich ſie iſt, höret mein Herz, wie es ſchlägt; nun denn, das iſt nicht ſo, weil meine ſchwarze Tulpe mir zulächelt und mich ruft; nein, es iſt ſo, weil Ihr mir zulächelt, weil Ihr Eure Stirne gegen mich neigt, weil.. ich weiß nicht, ob das wahr iſt, weil es mir ſcheint, als ob Eure Hände, obgleich ſie fliehend, nach den meinigen trachteten, und weil ich die Wärme Eurer ſchönen Wangen vor dem Gitter fühle. Roſa, meine Liebe, zerbrecht die Brutzwiebel der ſchwarzen Tulpe, zerſtört die Hoffnung auf dieſe Blume, löſcht das ſanfte Licht dieſes keuſchen, reizenden Traumes aus, den ich jeden Tag zu machen gewohnt war; es 179 ſeil keine Blumen mehr mit den reichen Gewändern, mit der zierlichen Anmuth, mit den göttlichen Launen; nehmt mir dies Alles, auf die andern Blumen eifer⸗ ſüchtige Blume, nehmt mir dies Alles, aber nehmt mir nicht Eure Stimme, Eure Geberde, das Geräuſch Eurer Tritte auf der Erde; nehmt mir nicht das Feuer Eurer Augen in der düſtern Hausflur, die Gewißheit Eurer Liebe, welche beſtändig meinem Herzen ſchmei⸗ chelte. Liebet mich, Roſa, denn ich fühle wohl, daß ich nur Euch liebe.“ „Nach der ſchwarzen Tulpe,“ ſeufzte das Mädchen, deſſen laue Hände ſich endlich den Lippen von Corne⸗ lius hingaben. „Vor Allem, Roſa.“ „Soll ich Euch glauben?“ „Wie Ihr an Gott glaubt.“ loh„Gui, das verpflichtet Euch nicht ſehr, mich zu ieben?“ „Zu wenig, leider, liebe Roſa, doch es verpflich⸗ tet Euch.“ 10„Mich? fragte Roſa,„und wozu verpflichtet es mich?“ „Vor Allem, Euch nicht zu verheirathen.“ Sie lächelte. „Ahl ſo ſeid Ihr,“ ſagte ſie,„Ihr Tyrannen. Ihr betet eine Schöne an: Ihr denkt nur an ſie, Ihr träumt nur von ihr; Ihr werdet zum Tode verur⸗ theilt, und während Ihr zum Schaffot geht, widmet Ihr ihr Euren letzten Seufzer, und Ihr verlangt von mir, dem armen Mädchen, das Opfer meiner Träume, meiner Eitelkeit.“ „Von welcher Schönen ſprecht Ihr denn, Roſa?“ ſagte Cornelius, der in ſeiner Erinnerung vergebens eine Frau ſuchte, auf welche Roſa anſpielen könnte. „Von der ſchönen Schwarzen, Herr, von der ſchö⸗ nen Schwarzen mit dem geſchmeidigen Wuchs, mit den * 180 zarten Füßen, mit dem Kopf voll Adel. Ich ſpreche von Eurer Blume.“ Cornelius lächelte. „Schöne Phantaſtin, meine gute Roſa, während Ihr, abgeſehen von Eurem Liebhaber, oder vielmehr von meinem Liebhaber Jacob, von Galans, die Euch den Hof machen, umgeben ſeid! Erinnert Ihr Euch, Roſa, deſſen, was Ihr mir von den Studenten, von den Officieren, von den Handlungsdienern im Haag eſagt habt? nun denn! gibt es in Lövenſtein keine andlungsdiener, keine Ofſiciere, keine Studenten?“ „Oh! doch, es gibt ſogar ſehr viele.“ „Welche ſchreiben?“ „Welche ſchreiben.“ „Und nun, da Ihr leſen könnt...“ Hier ſeufzte Cornelius bei dem Gedanken, daß Roſa ihm, dem armen Gefangenen, den Vortheil, die ſüßen Billets, die ſie erhielt, leſen zu können, verdankte. „Mir ſcheint, Herr Cornelius,“ entgegnete Roſa, „wenn ich die Billets, die man mir ſchreibt, leſe, wenn ich die Galans, welche erſcheinen, prüfe, befolge ich nur Eure Inſtructionen.“ „Wie, meine Inſtructionen?“ „Ja, Eure Inſtructionen; vergeßt Ihr,“ fuhr Roſa, ebenfalls ſeufzend, fort,„vergeßt Ihr das Teſtament, das Ihr in die Bibel von Cornelius de Witt geſchrie⸗ ben habt? Ich vergeſſe es nicht, denn nun, da ich leſen kann, leſe ich es jeden Tag, und zwar eher zweimal als einmal. In dieſem Teſtament befehlt Ihr mir nun, einen ſchönen jungen Mann von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren zu lieben und zu heirathen. Dieſen jungen Mann ſuche ich, und da mein ganzer Tag Eurer Tulpe geweiht iſt, ſo müßt Ihr mir wohl den Abend laſſen, um ihn zu finden.“ „Ah! Roſa, das Teſtament iſt in Vorausſicht mei⸗ os ode gemacht, und, dem Himmel ſei es gedankt, ich lebe.“ 181 „Wohl dennl! ich werde den ſchönen jungen Mann von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren nicht ſuchen und zu Euch kommen.“ „Ahl ja, Roſa, kommt! kommt!“ „Doch unter einer Bedingung.“ „Sie iſt zum Voraus angenommen.“ „Daß drei Tage nicht mehr von der ſchwarzen Tulpe die Rede ſein ſoll.“ „Es wird nie mehr davon die Rede ſeyn, wenn Ihr es fordert, Roſa.“ „Ohl“ ſagte das Mädchen,„man muß nicht das Unmögliche verlangen.“ Und wie aus Unachtſamkeit brachte ſie ihre friſche Wange ſo nahe an das Gitter, daß Cornelius ſie mit ſeinen Lippen berühren konnte. Roſa ſtieß einen kleinen Schrei voll Liebe aus und verſchwand. XX. Die zweite Brutzwiebel. beſſ Die Nacht war gut und der folgende Tag noch eſſer. An den vorhergehenden Tagen hatte ſich das Ge⸗ fängniß erſchwert, verdüſtert, geſenkt; es laſtete mit ſeinem ganzen Gewicht auf dem armen Gefangenen; ſeine Mauern waren ſchwarz, ſeine Luft war kalt, die Gitterſtangen waren ſo nahe aneinander, daß ſie kaum das Tageslicht eindringen ließen. Als aber Cornelius erwachte, ſpielte ein Strahl der Morgenſonne im Gitter. Tauben durchſchnitten die Luft mit ihren ausgebreiteten Flügeln, während andere verliebt auf dem nahen Dach des noch geſchloſ⸗ ſenen Fenſters girrten. 182 Cornelius lief an dieſes Fenſter; es kam ihm vor, als drängen das Leben, die Freude, beinahe die Freiheit mit dieſem Sonnenſtrahl in die düſtere Stube ein. Das war ſo, weil die Liebe darin blühte und Alles um ihn her blühen machte. Die Liebe, eine Him⸗ melsblüthe, welche noch viel ſtrahlender, viel wohl⸗ riechender, als alle Blüthen der Erde. Als Gryphus in die Stube des Gefangenen ein⸗ trat, fand er ihn, ſtatt ihn verdrießlich und im Bette zu finden, wie an den vorhergehenden Tagen, auf und eine kleine Opernmelodie ſingend. Gryphus ſchaute ihn von der Seite an. „Wie!“ ſagte dieſer. „Wie geht es uns dieſen Morgen?“ Gryphus ſchaute ihn noch immer von der Seite an. „Der Hund, und Herr Jacob, und unſere ſchöne Roſa, wie geht es Allen?“ Gryphus fletſchte die Zähne. „Hier iſt Euer Frühſtück,“ ſagte er. „Ich danke, Freund Cerberus,“ erwiederte der Ge⸗ fangene,„es kommt zu rechter Zeit, denn ich habe ge⸗ waltig Hunger.“ 4 „Ah! Ihr habt Hunger?“ verſetzte Gryphus. „Eil warum nicht?“ fragte van Baerle. „Es ſcheint, die Verſchwörung nimmt ihren raſchen Fortgang.“ „Welche Verſchwörung?“— „Gut! man weiß, was man ſagt, doch man wird wachen, Herr Gelehrter; ſeid unbeſorgt, man wird wachen.“ „Wachet, Freund Gryphus,“ rief van Baerle, „wachet. Meine Verſchwörung wie meine Perſon ſind ganz zu Euren Dienſten.“ „Man wird das um Mittag ſehen,“ ſprach Gry⸗ phus. Und er ging hinaus. „Um Mittag,“ wiederholte Cornelius,„was will 183 er damit ſagen? Es ſei, warten wir die Mittagsſtunde ab, und wir werden ſehen.“ Es war leicht für Cornelius, auf den Mittag zu warten: Cornelius wartete ja auf neun Uhr. Es ſchlug zwölf Uhr, und man hörte auf der Treppe nicht nur den Tritt von Gryphus, ſondern auch die Tritte von drei bis vier Soldaten, welche mit ihm heraufkamen. Die Thüre ging auf, Gryphus erſchien, führte die Leute ein und ſchloß die Thüre hinter ihm. „So! nun wollen wir ſuchen.“ Man ſuchte in den Taſchen von Cornelius, zwiſchen ſeinem Wamms und ſeiner Weſte, zwiſchen ſeiner Weſte und ſeinem Hemd, zwiſchen ſeinem Hemd und ſeinem Fleiſch; man fand nichts. Man ſuchte zwiſchen den Betttüchern, in den Ma⸗ tratzen, im Strohſack; man fand nichts. Da wünſchte ſich Cornelius Glück, daß er die dritte Brutzwiebel nicht angenommen hatte. Gryphus hätte ſie bei dieſer Durchſuchung, ſo gut ſie verborgen ge⸗ weſen, ſicherlich gefunden und wie die erſte behandelt. Nie wohnte übrigens ein Gefangener mit einer beiterern Miene einer Durchſuchung bei, die man in ſeiner Stube vornahm. Gryphus entfernte ſich mit dem Bleiſtift und den paar Blättern weißes Papier, welche Roſa Cornelius gegeben hatte; das war die einzige Trophäe der Ex⸗ pedition. Um ſechs Uhr kam Gryphus wieder, doch allein; Cornelius wollte ihn beſänftigen, aber Gryphus knurrte, wies einen Zahn, den er im Winkel des Mundes hatte, und ging rückwärts hinaus wie ein Menſch, welcher befürchtet, man könnte ihm Gewalt anthun. Cornelius brach in ein Gelächter aus. Dies veranlaßte Gryphus, der die Schriftſteller kannte, ihm durch das Gitter zuzurufen: 3 184 „Es iſt gut, es iſt gut; wer zuletzt lacht, lacht am Beſten.“ Derienige, welcher zuletzt lachen ſollte, dieſen Abend wenigſtens, war Cornelius; denn Cornelius wartete auf Roſa. Roſa kam um neun Uhr, doch Roſa kam ohne Laterne. Roſa bedurfte des Lichtes nicht, denn ſie konnte leſen. Dann konnte das Licht Roſa, welche mehr als je von Jacob beſpäht wurde, verrathen. Dann endlich ſah man bei Licht die Röthe von Roſa zu ſehr, wenn ſie erröthete. Wovon ſprachen die zwei jungen Leute an dieſem Abend? Von den Dingen, von denen die Verliebten auf einer Thürſchwelle in Frankreich, auf der einen und auf der andern Seite eines Balcon in Spanien, von einer Terraſſe herab im Orient ſprechen. Sie ſprachen von den Dingen, welche Flügel an den Fuß der Stunden ſetzen, welche Federn den Flügeln der Zeit beifügen. Sie ſprachen von Allem, nur nicht von der ſchwar⸗ zen Tulpe. Dann um zehn Uhr trennten ſie ſich wie gewöhnlich. Cornelius war glücklich, ſo glücklich, als ein Tulpiſt ſein kann, mit dem man nicht von ſeiner Blume ge⸗ ſprochen hat.. Er fand Roſa hübſch wie alle Liebesgötter der Erde; er fand ſie gut, anmuthig, reizend. Doch warum verbot Roſa, von der Tulpe zu ſprechen? Das war ein großer Fehler, den Roſa hatte. Cornelius ſagte ſich ſeufzend, das Weib ſei nicht vollkommen.. Einen Theil der Nacht ſann er über dieſe Unvoll⸗ kommenheit nach. Damit iſt geſagt, daß er, ſo lange er wach war, an Roſa dachte. Sobald er eingeſchlummert, träumte er von ihr. Doch die Roſa der Träume war viel vollkomme⸗ ner, als die Roſa der Wirklichkeit. Sie ſprach nicht nur von den Tulpen, ſondern ſie brachte auch Corne⸗ lius eine prachtvolle ſchwarze Tulpe, die ſich in einer chineſiſchen Vaſe erſchloſſen hatte. Cornelius erwachte ganz ſchauernd vor Freude und murmelte:„Roſa, Roſa, ich liebe Dich.“ Und da es Tag war, hielt es Cornelius nicht für geeignet, wieder einzuſchlafen. Er verweilte alſo den ganzen Tag bei dem Ge⸗ danken, den er bei ſeinem Erwachen gehabt hatte. Ah! wenn Roſa von den Tulpen geſprochen hätte, Cornelius würde Roſa der Königin Semiramis, der Königin Kleopatra, der Königin Eliſabeth, der Königin Anna von Oeſterreich, das heißt den größten oder ſchönſten Königinnen der Welt vorgezogen haben. Doch Roſa hatte unter der Strafandrohung, nicht mehr zu kommen, verboten, vor Ablauf von drei Tagen von der Tulpe zu reden. Das waren allerdings zweiundſiebzig Stunden dem Liebenden gegeben, aber es waren auch zweiundſiebzig Stunden dem Tulpengärtner abgeſchnitten. Wohl waren ſchon ſechsunddreißig Stunden von dieſen zweiundſiebzig vorüber. Die ſechsunddreißig andern würden ſehr ſchnell vorübergehen, achtzehn mit Warten, achtzehn mit der Erinnerung. Roſa kam zur ſelben Stunde wieder; Cornelius ertrug heldenmüthig ſeine Buße. Cornelius wäre ein ſehr ausgezeichneter Pythagoräer geweſen, und wenn man ihm nur einmal des Tags erlaubt hätte, ſich nach ſeiner Tulpe zu erkundigen, ſo hätte er wohl nach den Statuten des Ordens fünf Jahre ausgeharrt, ohne von etwas Anderem zu ſprechen. Die ſchöne Beſucherin ſah übrigens wohl ein, daß man, wenn man einerſeits befiehlt, andererſeits nacha geben muß. Roſa ließ Cornelius ihre Finger durch 186 den Schieber ziehen; Roſa ließ Cornelius ihre Haare durch das Gitter küſſen. Die Arme! Alle dieſe Liebeständeleien waren für ſie viel gefährlicher, als von der Tulpe zu ſprechen. Sie begriff dies, als ſie mit pochendem Herzen, mit glühenden Wangen, trockenen Lippen und feuchten Augen in ihr Zimmer zurückkehrte. Am andern Abend, nachdem die erſten Worte aus⸗ getauſcht, nachdem die erſten Liebkoſungen gewechſelt waren, ſchaute ſie auch Cornelius durch das Gitter an und ſagte in der Nacht, mit jenem Blick, den man fühlt, wenn man ihn nicht ſieht: „Nun! ſie iſt herausgekommen!“ „Sie iſt herausgekommen! was? wer?“ fragte Cornelius, der nicht zu glauben wagte, Roſa kürze von ſelbſt die Dauer ſeiner Prüfung ab. „Die Tulpe,“ antwortete Roſa. „Wie?“ rief Cornelius,„Ihr erlaubt alſo?“ „Ja wohl!“ erwiederte Roſa, mit dem Ton einer ſärelichen Mutter, die ihrem Kinde eine Freude ge⸗ attet. „Ah! Roſa!“ rief Cornelius, ſeine Lippen durch das Gitter ausſtreckend, in der Hoffnung, eine Wange, eine Hand, eine Stirne, kurz irgend Etwas zu berühren. Er berührte etwas Beſſeres, als dies Alles, er berührte zwei leicht geöffnete Lippen. Roſa ſtieß einen Schrei aus. Cornelius ſah ein, daß er das Geſpräch ſchleunigſt fortſetzen mußte; er fühlte, daß dieſe unerwartete Be⸗ rührung Roſa ſehr ſcheu gemacht hatte. „Ganz gerade herausgekommen?“ fragte er. 9 ſa Gerade wie eine frieſiſche Spindel,“ antwortete oſa. „Und ſie iſt ſehr hoch?“ 1 „Mindeſtens zwei Zoll hoch.“ „Roſa, ſeid ſehr ſorgfältig, und Ihr werdet ſehen, wie raſch ſie wächſt.“ en, 187 r. amn man ſorgfältiger ſein?... ich denke nur an ſie.“ „Nur an ſie? Nehmt Euch in Acht, nun werde ich eiferſüchtig werden.“ „Ei! Ihr wißt wohl, daß an ſie denken an Euch denken heißt. Ich verliere ſie nicht aus dem Blick. Von meinem Bette aus ſehe ich ſie; wenn ich erwache, iſt es der erſte Gegenſtand, nach dem ich ſchaue, ent⸗ ſchlummere ich, ſo iſt es der letzte, den ich aus dem Auge verliere. Am Tag ſetze ich mich zu ihr und ar⸗ beite bei ihr, denn ſeitdem ſie in meinem Zimmer iſt, verlaſſe ich dieſes nicht mehr.“ „Ihr habt Recht, Roſa, Ihr wißt, das iſt Eure Mitgift.“ 4 „Ja, und mit ihrer Hülfe kann ich wohl einen jungen Mann von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren heirathen, den ich lieben werde.“ „Schweigt, Boshafte.“ Und es gelang Cornelius, die Finger des Mäd⸗ chens zu erhaſchen, was, wenn nicht das Geſpräch ver⸗ änderte, doch wenigſtens ein Stillſchweigen auf den Dialog folgen machte. An dieſem Abend war Cornelius der Glücklichſte der Menſchen. Roſa ließ ihm ihre Hand, ſo lange es ihm ſie zu behalten gefiel, und er ſprach von der Tulpe nach ſeinem Belieben. Von dieſem Augenblick brachte jeder Tag einen Fortſchritt bei der Tulpe und in der Liebe der zwei jungen Leute. Einmal waren es die Blätter, die ſich geöffnet, ein andermal war es die Blume ſelbſt, welche angeſetzt hatte. Bei dieſer Nachricht war die Freude von Corne⸗ lius groß, und ſeine Fragen folgten mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit, welche von ihrem Gewicht zeugte. „Angeſetzt,“ rief Cornelius,„ſie hat angeſetzt?“ „Sie hat angeſetzt,“ wiederholte Roſa. 188 „Cornelius wankte vor Freude und war genöthigt, ſich am Schieber zu halten. „Ohl mein Gott!“ rief er. Dann fragte er Roſa weiter: „Iſt das Eirund regelmäßig? Iſt der Cylinder voll? Sind die Spitzen ſehr grün?“ „Das Eirund hat beinahe einen Zoll und läuft ſpitzig wie eine Nadel zu, der Cylinder ſchwellt ſeine Seiten auf.“ Dieſe Nacht ſchlief Cornelius wenig. Es war ein erhabener Augenblick, der Augenblick, wo die Spitzen ſich ein wenig öffnen würden.. Nach zwei Tagen verkündigte Roſa, ſie haben ſich ein wenig geöffnet. „Geöffnet, Roſa?“ rief Cornelius,„die Hülle hat ſich ein wenig geöffnet! man kann alſo ſchon ſehen, Sc man kann ſchon unterſcheiden?“ Der Gefangene hielt keuchend inne. „Ja,“ antwortete Roſa,„man kann ein Fäſerchen von verſchiedener Farbe, ſo dünn wie ein Haar, unter⸗ ſcheiden.“ „Und die Farbe?“ fragte Cornelius zitternd. „Oh!“ antwortete Roſa,„ſie iſt ſehr dunkel.“ „Braun?“ „Ohl dunkler!“ „Dunkler, gute Roſa, dunkler! ich danke. Dunkel bli wie Ebenholz, dunkel wie...“ „Dunkel wie die Tinte, mit der ich Euch geſchrie⸗ ben habe.“ Cornelius gab einen Schrei toller Freude von ſich. Dann hielt er plötzlich inne und ſagte, ſeine Hände faltend: „Ohl es gibt keinen Engel, der mit Euch, Roſa, verglichen werden kann.“ „Wahrhaftig?“ ſprach Roſa, lächelnd über dieſe Exaltation. „Roſa, Ihr habt zu viel gearbeitet, Roſa, Ihr 189— higt, habt zu viel für mich gethan; Roſa, meine Tulpe wih blühen, und meine Tulpe wird ſchwarz blühen. Roſa, Ihr ſeid das, was Gott Vollkommenſtes auf der Erde geſchaffen hat.“ nder„Nach der Tulpe jedoch?“ Ohl ſchweigt, Böſe, ſchweigt aus Mitleid, ver⸗ äuft derbt mir nicht meine Freude. Doch ſagt mir, Roſa, eine wenn die Tulpe ſo weit iſt, ſo wird ſie in zwei bis drei Tagen ſpäteſtens blühen. 41 ein„Ja, morgen oder übermorgen.“ tzen„Oh! und ich werde ſie nicht ſehen,“ rief Cornelius, indem er ſich zurückwarf,„und ich werde ſie nicht küſſen ſich als ein Wunder Gottes, das man anbeten ſoll, wie ich Eure Hände küſſe, Roſa, wie ich Eure Haare küſſe, hat wie ich Eure Wangen küſſe, wenn ſie zufällig zum hen, Schieber kommen.“ Roſa näherte ihre Wange, nicht aus Zufall, ſon⸗ dern mit Willen; die Lippen des jungen Mannes klebten chen ſich gierig daran. ter⸗„Ah! ich werde ſie pflücken, wenn Ihr wollt,“ ſagte Roſa. „Ohl nein! nein! So bald ſie geöffnet iſt, ſtellt ſie gut in den Schatten und ſchickt auf der Stelle nach Harlem, um den Präſidenten der Gartenbau⸗Geſell⸗ ſchaft zu benachrichtigen, die große ſchwarze Tulpe nkel blühe. Ich weiß es wohl, Harlem iſt weit, doch mit . Keld werdet Ihr einen Boten finden. Habt Ihr Geld, rie⸗ Roſa?“ Roſa lächelte. ich.„Oh! ja,“ antwortete ſie. nde„Genug?“ fragte Cornelius. „Ich habe dreihundert Gulden.“* ſa,„Ahl wenn Ihr dreihundert Gulden habt, ſo müßt r nicht einen Boten ſchicken, ſondern Ihr ſelbſt, Roſa, r ſelbſt müßt nach Harlem gehen.“ „Doch während dieſer Zeu wird die Blume...“ „Oh! die Blume, Ihr werdet ſie mitnehmen, denn 190 Ihr begreift wohl, daß Ihr nicht einen Augenblick Euch von ihr trennen dürft.“ „Doch, indem ich mich nicht von ihr trenne, trenne ich mich von Euch, Herr Cornelius,“ ewiederte Roſa betrübt. „Ah! das iſt wahr, meine ſüße, meine liebe Roſa. Mein Gott! wie böſe ſind doch die Menſchen, was habe ich ihnen denn gethan und warum haben ſie mich der Freiheit beraubt? Ihr habt Recht, Roſa, ich ver⸗ möchte nicht ohne Euch zu leben. Nun, Ihr werdet Jemand nach Harlem ſchicken. Bei meiner Treue, das Wunder iſt groß genug, daß ſich der Präſident hieher bemüht. Er wird ſelbſt nach Lövenſtein kommen, um die Tulpe zu holen.“ Dann hielt Cornelius plötzlich inne und murmelte mit zitternder Stimme: „Roſa! Roſa! wenn ſie nicht ſchwarz würde!“ „Ah! wir werden es morgen oder übermorgen Abend erfahren.“ „Warten wir bis zum Abend, um dies zu erfahren, Roſa! ich werde vor Ungeduld ſterben. Könnten wir nicht ein Zeichen verabreden?“ „Ich werde etwas Beſſeres thun.“ „Was wollt Ihr thun?“ „Erſchließt ſie ſich bei Nacht, ſo komme ich und ſage es Euch ſelbſt; geſchieht es bei Tag, ſo gehe ich an der Thüre vorüber und ſchiebe Euch ein Billet ent⸗ weder unter der Thüre, oder durch das Gitter zwiſchen der erſten und zweiten Inſpection meines Vaters zu.“ „Oh! ſchöne Roſa! ein Wort von Euch, das mir dieſe Kunde bringt, iſt ein doppeltes Glück.“ „Es iſt zehn Uhr,“ ſagte Roſa,„ich muß Euch verlaſſen.“ „Jal ja!“ ſprach Cornelius,„ja! geht! geht!“ Roſa entfernte ſich beinahe traurig. Cornelius hatte ſie faſt weggeſchickt. Allerdings, um über der ſchwarzen Tulpe zu wachen. Rof Tul Far dan Euch enne Roſa oſa. was mich ver⸗ erdet das eher um relte Der Brief. Die Nacht verging ſehr ſüß, aber zugleich ſehr be⸗ wegt für Cornelius. Jeden Augenblick glaubte er die ſanfte Stimme von Roſa ihn rufen zu hören. Er fuhr aus dem Schlaf auf, ging an die Thüre, hielt ſein Geſicht an den Schieber, doch der Schieber war ver⸗ laſſen und die Hausflur leer. Ohne Zweifel wachte Roſa ebenfalls, doch, glück⸗ licher als er, wachte ſie über der Tulpe; ſie hatte unter ihren Augen die edle Blume, dieſes nicht nur noch un⸗ bekannte, ſondern für unmöglich gehaltene Wunder der Wunder. 1 rgen ren, wir Was würde die Welt ſagen, wenn ſie erführe, die ſchwarze Tulpe ſei gefunden, ſie beſtehe, und van Baerle, der Gefangene, habe ſie gefunden? Wie weit von ſich hätte er einen Menſchen geſchickt, der ihm die Freiheit im Austauſch für ſeine Tulpe an⸗ getragen haben würde! z9 Der Tag kam ohne Kunde. Die Tulpe blühte noch nicht. Der Tag verging wie die Nacht. Die Nacht kam und mit der Nacht Roſa freudig, Roſa leicht wie ein Vogel. „Nun?“ fragte Cornelius. „Alles geht vortrefflich. Dieſe Nacht wird unſere Tulpe unfehlbar blühen.“ „Sie wird ſchwarz blühen?“ „Kohlſchwarz!“. „Ohne einen einzigen Flecken von einer anderen Farbe?“ „Ohne einen einzigen Flecken.“ „Güte des Himmels! Roſa, ich habe die Nacht damit zugebracht, daß ich zuerſt von Euch träumte...“ — 4 192 Roſa machte eine kleine Geberde der Ungläubigkeit. „Fodann von dem, was wir thun müßten.“ „Nun?“ „Höret, was ich beſchloſſen habe. Blüht die Tulpe, es hat ſich erwieſen, daß ſie ſchwarz und zwar völlig ſchwarz iſt, ſo müßt Ihr einen Boten finden.“ „Wenn es nur das iſt... ich habe ſchon einen ge⸗ funden.“ „Einen ſichern Boten?“ „Einen Boten, für den ich mich verbürge, einen von meinen Liebhabern.“ „Es iſt hoffentlich nicht Jacob?“ „Nein, ſeid unbeſorgt. Es iſt der Schiffer von Lövenſtein, ein rüſtiger Burſche von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren.“ „Teufel!“ „Laßt Euch nicht beunruhigen,“ erwiederte Roſa lachend,„er hat noch nicht das Alter, da Ihr ſelbſt das Alter von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jah⸗ ren feſtgeſtellt habt.“ „Ihr glaubt alſo auf dieſen jungen Mann zählen zu können?“ „Wie auf mich; er würde ſich von ſeinem Schiffe in die Waal oder in die Maas ſtürzen, nach meinem Belieben, wenn ich es ihm beföhle.“ „Wohl denn, Roſa, in zehn Stunden kann dieſer junge Mann in Harlem ſein; Ihr gebt mir einen Bleiſtift und Papier, beſſer wäre eine Feder und Tinte, und ich werde ſchreiben, oder vielmehr Ihr werdet ſchreiben; bei mir, dem armen Gefangenen, würde man vielleicht, wie Euer Vater, eine Verſchwörung darunter ſehen. Ihr werdet an den Präſidenten der Gartenbau⸗Geſellſchaft ſchreiben, und ich bin ſeſt über⸗ zeugt, der Präſident kommt.“ „Doch wenn er zögert?“ „Nehmt an, er zögere einen Tag, zwei Tage ſogar; doch das iſt unmöglich, ein Tulpenliebhaber, wie er, 193 wird nicht eine Stunde zögern, nicht eine Minute; ſo⸗ gleich wird er ſich auf den Weg begeben, um das achte Weltwunder zu ſehen. Doch, wie geſagt, ſollte er einen Tag, ſollte er zwei zögern, ſo wäre die Tulpe immer noch in ihrem vollen Glanz. Hat der Präſident die Tulpe geſehen und das Protokoll darüber aufge⸗ nommen, ſo iſt Alles abgemacht. Ihr behaltet ein Duplicat des Protokolls, Roſa, und übergebt ihm die Tulpe. Ah!l wenn wir ſie ſelbſt hätten überbringen können, ſie würde meine Arme nur verlaſſen haben, um in die Eurigen überzugehen; doch das iſt ein Traum, an den wir nicht denken dürfen. Roſa,“ fuhr Corne⸗ lius ſeufzend fort,„andere Augen werden ſie abblühen ſehen... Ah! Roſa, laßt ſie hauptſächlich Niemand ſehen, ehe ſie der Präſident ſieht. Die ſchwarze Tulpe, guter Gott! wenn Jemand die ſchwarze Tulpe ſähe, man Wüirde ſie ſtehlen!..“ 44 / „Habt Ihr mir nicht ſelbſt geſagt, was Ihr in Betreff Eures Liebhabers Jacob befürchtet? Man ſtiehlt wohl einen Gulden, warum ſollte man nicht hundert⸗ tauſend ſtehlen?“ 4 „Seid unbeſorgt, ich werde wachen.“ „ Wenn ſie ſich aber öffnen würde, während Ihr hier ſeid?“ „Die Eigenſinnige wäre wohl dazu fähig.“ „Weng Jhr ſie bei Eurer Rückkehr offen fändet!“ „Nun „=Ah! Roſa, von dem Augenblick an, wo ſie offen ſein wird, erinnert Euch, daß keine Minute zu verlieren iſt, um den Präſidenten zu benachrichtigen.“ 3 „Und Euch zu benachrichtigen. Ja, ich begreffe.“ Roſa ſeufzte, doch ohne Bitterkeit und wie eine Frau, die eine Schwäche zu begreifen, wenn auch nicht ſch daran zu gewöhnen anfängt. „Ich kehre zu der Tulpe zurück, Herr van Baerle, Die ſchwarze Tulpe. 13 8 194 und ſobald ſie offen iſt, benachrichtige ich Euch, ſobald Ihr benachrichtigt ſeid, geht der Bote ab.“ .„Roſa, Roſa! ich weiß nicht mehr, mit welchem Weunder des Himmels oder der Erde ich Euch verglei⸗ en ſoll.“ „Vergleicht mich mit der ſchwarzen Tulpe, Herr Cornelius, und ich werde mich ſehr geſchmeichelt fühlen, das ſchwöre ich Euch; ſagen wir uns alſo auf Wieder⸗ ſehen, Herr Cornelius.“— 3„Oh! ſagt: auf Wiederſehen, mein Freund.“ „Auf Wiederſehen, mein Freund,“ ſprach Roſa ein wenig getröſtet. „SSagt: mein geliebter Freund.“ „Ohl mein..“. „Geliebter! ich flehe Euch an, Roſa, geliebter, nicht wahr, geliebter?“ „Geliebter, ja, geliebter Freund!“ rief Roſa bebend, berauſcht, toll vor Freude. „Da Ibr geſagt habt geliebter, ſagt auch glück⸗ licher, ja glücklicher, wie nie ein Menſch glücklich und geſegnet unter dem Himmel geweſen iſt. Es fehlt mir nur Eines, Roſa.“ „Was?“ „Eure Wange, Eure friſche Wange, Eure roſige Wange, Eure ſammetne Wange. Oh! Roſa, mit Eurem Willen, nicht mehr durch Ueberrumpelung, nicht mehr durch Zufall, Roſa. Ah!..“. Der Gefangene ſchloß ſeine Bitte mit einem Seuf⸗ zer; er hatte die Lippen des jungen Mädchens getroffen, nicht durch Ueberrumpelung, nicht durch Zufall, wie hundert Jahre ſpäter Saint⸗Preux die Lippen von Julie treffen ſollte. Roſa entfloh. Cornelius blieb, die Seele an ihren Lippen hän⸗ gend, das Geſicht an den Schieber gedrückt, zurück. Cornelius erſtickte beinabe vor Freude und Glück. 5½ öffnete ſein Fenſter und betrachtete lange, das Herz 195 vom Entzücken angeſchwollen, das wolkenloſe Azur des Himmels, den Mond, der den doppelten, ſich durch die Hügel windenden Fluß verfilberte. Er füllte ſich die Lunge mit reiner, edler Luft, den Geiſt mit edlen Gedan⸗ ken, das Gemüth mit Dankbarkeit und religiöſer Bewun⸗ derung. „Oh! Du biſt immer noch da oben, mein Gott!“ rief er halb niedergeworfen, die Augen glühend zu den Sternen emporgerichtet,„verzeih' mir, daß ich beinahe in den letzten Tagen an Dir gezweifelt habe, Du ver⸗ bargſt Dich hinter Deinen Wolken, und einen Augen⸗ blick hörte ich auf, Dich zu ſehen, guter Gott, ewiger Gott, barmherziger Gott. Doch heute, doch dieſen Abend, doch dieſe Nacht ſehe ich Dich ganz im Spiegel Deines Himmels und beſonders im Spiegel meines Herzens.“ Er war geheilt, der arme Kranke, er war frei, der arme Gefangene! . Während eines Theiles der Nacht blieb Cornelius am Gitter ſeines Fenſters, das Ohr auf der Lauer, ſeine fünf Sinne in einem, oder vielmehr in zweien concen⸗ trirend, ſchaute und horchte er. 6 det ſchaute den Himmel an, er horchte nach der rde. Dann wandte er die Augen von Zeit zu Zeit nach der Hausflur und ſagte: „ Dort iſt Roſa! Roſa, welche, wie ich, wacht, wie ich von Minute zu Minute wartet. Dort, unter den Augen von Roſa, iſt die geheimnißvolle Blume, welche lebt, welche ſich erſchließt, öffnet; vielleicht hält Roſa in dieſem Augenblick den Stängel der Tulpe zwiſchen ihren zarten, erwärmenden Fingern. Rühre den Stän⸗ gel ſachte an, Roſa. Vielleicht berührt ſie mit ihren Lippen den ſich erſchließenden Kelch; ſtreife vorſichtig darüber hin, Roſa. Roſa, Deint kippen brennen. 196 die zwei Neigungen meines Herzens liebkoſen vielleicht in dieſer Secunde unter dem Blicke Gottes.“ In dieſem Moment entflammte ſich ein Stern im Süden, durchzog den ganzen Raum, der den Horizont von der Feſtung trennte, und fiel auf Lövenſtein nieder. Cornelius bebte. „Ah!“ ſagte er,„das iſt Gott, der meiner Blume eine Seele ſendet.“ Und als hätte er richtig errathen, hörte der Ge⸗ fangene in demſelben Augenblick in der Hausflur Tritte, ſo leicht wie die einer Sylphide, das Rauſchen eines Kleides, das ein Flügelſchlag zu ſein ſchien, und eine wohlbekännte Stimme, welche ſagte: „Cornelius, mein Freund, mein vielgeliebter, mein glücklicher Freund, kommt, kommt geſchwinde.“ Van Baerle machte nur einen Sprung vom Fenſter zur Thüre; auch diesmal begegneten ſeine Lippen den murmelnden Lippen von Roſa, und ſagte in einem Kuſſe zu ihm: „Sie iſt offen, ſie iſt ſchwarz, ber iiſt ſie.“ „Wie, hier iſt ſte?“ rief Cornelius, indem er ſeine Lippen von denen von Roſa löſte. „Ja, ja, man rf. wohl eine kleine Gefahr nicht ſcheuen, um eine große Freude zu bereiten, hier iſt ſie, ſeht.“ Und mit der einen Hand hob ſie bis zur Höhe des Schiebers eine kleine Blendlaterne, die ſie angezündet, empor, während ſie bis zu derſelben Höhe die wunder⸗ bare Tulpe emporhob. Cornelius ſtieß einen Schrei aus und dachte ohn⸗ mächtig zu werden. Ah!“ murmelte er,„mein Gott, mein Gott! Du belohnſt mich für meine Unſchuld und für meine Ge⸗ fangenſchaft, daß Du dieſe zwei Blumen am Gitter meines Kerkers haſt wachſen laſſen.“ „Küßt ſie, wie ich ſie ſo eben geküßt habe!“ Seinen Aihem zurüdaltend, berührte Cornelius heißen. Dienerin„Roſa Gryphus.. 197 mit dem Ende ſeiner Lippen die Spitze der Blume, und nie drang ihm ein den Lippen einer Frau gegebe⸗ ner Kuß, und wäre dieſe Frau Roſa geweſen, ſo tief in's Herz. Die Tulpe war ſchön, prachtvoll, ihr Stängel hatte mehr als achtzehn Zoll Höhe, er ragte aus dem Schooße von vier grünen, glatten, wie Lanzeneiſen geraden Blättern empor; ihre ganze Blume war ſchwarz und glänzend wie Gagath. „Roſa,“ ſagte van Baerle ganz keuchend,„es iſt kein Augenblick zu verlieren, Ihr müßt den Brief ſchreiben.“ 4 „Er iſt geſchrieben, mein geliebter Cornelius,“ antwortete ſie. „Wahrhaftig?“ „Während die Tulpe ſich öffnete, ſchrieb ich, denn es ſollte kein Augenblick verloren ſein. Seht den Brief und ſagt, ob Ihr ihn gut geſchrieben findet.“ Cornelius nahm deuBrief und las, geſchrieben mit „Heiner Schrift, welche noch große Fortſchritte gemacht, ¹ ſeitdem er das Wörtchen von Roſa erhalten hatte: „Herr Präſident, „Die ſchwarze Tulpe wird ſich in zehn Minuten vielleicht öffnen. Sobald ſie geöffnet iſt, ſchicke ich Euch einen Boten, um Euch zu bitten, ſie in Perſon in der Feſtung Lövenſtein zu holen. Ich bin die Tochter des Kerkermeiſters Gryphus, beinahe eben ſo ſehr Gefan⸗ gene, als die Gefangenen meines Vaterse Ich könnte Euch alſo dieſes Wunder nicht bringen. Darum wage ia es, Euch zu bitten, Ihr möget die Blume ſelbſt dolen. „Nach meinem Wunſche ſoll ſie Rosa Barlaensis „Sie hat ſich geöffnet, ſie iſt volllommen ſchwarz. Kommt, Herr Präſident, kommt! „Ich habe die Ehre zu ſein Eure gehorſamſte 8 . 198 „Gut, gut, liebe Roſa. Dieſer Brief iſt vortreff⸗ lich. Ich hätte ihn nicht mit einer ſolchen Einfachheit geſchrieben. Auf dem Congreß werdet Ihr jede Aus⸗ kunft geben, die man von Euch verlangt. Man wird erfahren, wie die Tulpe geſchaffen worden iſt, zu wie viel Beſorgniſſen, Nachtwachen, Befürchtungen ſie An⸗ laß gegeben hat... Der Botel der Bote!“ „Wie heißt der Präſident?“ „Gebt, daß ich die Adreſſe darauf ſetze. Oh! er iſt wohl bekannt. Es iſt Mynheer van Syſtens, der Bürgermeiſter von Harlem... Gebt, Roſa, gebt.“ Und mit einer zitternden Hand ſchrieb Cornelius auf den Brief: „An Herrn eters van Syſtens, Bürgermeiſter und Präſident der Gartendau⸗Geſellſchaft von Harlem.“ „Und unn geht, Roſa, geht,“ ſagte Cornelius, „und ſtellen wir uns unter den Schutz Gottes, der uns bis jetzt ſo gut bewahrt hat.“ 4 4 XXII. 3 Der Neidiſche. — Die armen jungen Leute hatten es in der That ſehr nöthis, durch den Schutz Gottes bewahrt zu werden. Kie waren ſie der Verzweiflung ſo nahe geweſen, als in dieſem Augenblick, wo ſie ihres Glücks ſo ſicher Au glaubten. Vir werden nicht dermaßen am Verſtand unſeres Leſers zweifeln, daß wir denken, er habe nicht längſt in Jacob unſern alten Freund, oder vielmehr unſern aften Feind, Iſaak Boytel erkannt. * e Leſer hat alſo errathen, daß Boxrtel vom 4 enͤRͤS= S — S g n— 199 Buitenhof nach Lövenſtein den Gegenſtand ſeiner Liebe und den Gegenſtand ſeines Haſſes: Die ſchwarze Tulpe und Cornelius van Baerle verfolgt hatte. Was jeder Andere, als ein Tulpiſt, und zwar ein neidiſcher Tulpiſt nie hätte entdecken können, nämlich das Vorhandenſein der Brutzwiebeln und die Beſtre⸗ bungen des Gefangenen, hatte der Neid Boxtel's, wenn nicht entdecken, doch wenigſtens errathen laſſen. Wir haben ihn, glücklicher unter dem Namen Jacob, als unter dem Namen Iſaak, Freundſchaft mit Gryphus machen ſehen, deſſen Bekanntſchaft und Gaſt⸗ freundſchaft er ſeit einigen Monaten mit dem beſten Genisvre, der je von Texel bis Antwerpen fabricirt worden war, begoß. Er ſchläferte ſein Mißtraufen ein, denn Grypbus war, wie wir ſehen, mißtrauiſch, er ſchläferte ſein Mißtrauen ein, ſagen wir, indem er ihm mit einer Verbindung mit Roſa ſchmeichelte. „Er ſchmeichelte überdies ſeinen Kerkermeiſterinſtinc⸗ ten, nachdem er ſeinem Vaterſtolz geſchmeichelt hatte. Er ſchmeichelte ſeinen Kerkermeiſterinſtincten dadurch, daß er ihm unter den düſterſten Farben den gelehrten Gefangenen malte, den Gryphus unter Schloß und Riegel hielt, und der, nach der Ausſage des falſchen Jacob, einen Bund mit dem Teufel geſchloſſen hatte, um Seiner Hoheit dem Prinzen von Oranien zu ſchaden. Es war ihm Anfangs auch bei Roſa gelungen, nicht als ob er ihr ſympathetiſche Gefühle eingeflößt hätte. Roſa hatte Mynheer Jacob immer nur ſehr wenig geliebt, ſondern dadurch, daß er ihr von Hei⸗ rath und tollen Leidenſchaften geſprochen, hatte er Anfangs jeden Verdacht, der in ihr hätte rege werden können, beſeitigt. Wir haben geſehen, wie ihn die Unvorſichtigkeit, mit der er Roſa in den Garten gefolgt war, in den Augen des Mädchens verrathen, und wie durch 200 die inſtinctartigen Befürchtungen von Cornelius die zwei jungen Leute behutſam gegen ihn geworden waren. Was dem Gefangenen beſonders Beſorgniſſe ein⸗ geflößt hatte, war, wie ſich der Leſer erinnern muß, der große Zorn, in den Jacob gegen Gryphus wegen der zermalmten Brutzwiebel gerathen. In dieſem Augenblick war die Wuth um ſo größer, als Boxtel Cornelius im Verdacht hatte, er beſitze noch eine zweite Brutzwiebel, eine Sache, der er in⸗ deſſen durchaus nicht ſicher war. Da beſpähte er Roſa und folgte ihr nicht nur in den Garten, ſondern auch in die Hausgänge. 3 Nun, da er diesmal ihr bei Nacht und barfuß folgte, wurde er weder geſehen, noch gehört. Das einzige Mal ausgenommen, wo Roſa etwas wie einen Schatten über die Treppe ſchleichen zu ſehen geglaubt hatte. Doch es war zu ſpät, Boyxtel hatte aus dem Munde des Gefangenen ſelbſt das Vorhandenſein der zweiten Brutzwiebel erfahren. Bethört durch die Liſt von Roſa, die ſich geſtellt, als ſteckte ſie die Zwiebel in das Beet, und nicht ver⸗ muthend, dieſe kleine Komödie ſei nur geſpielt worden, um ihn zu zwingen, ſich zu verrathen, verdoppelte er ſeine Vorſicht und ließ alle Ränke ſeines Geiſtes ſpie⸗ len, um fortwährend die Andern zu beſpähen, ohne ſelbſt beſpäht zu werden. Er ſah Roſa einen großen Fayencetopf aus der Küche ihres Vaters in ihr Zimmer tragen. Er ſah Roſa im großen Waſſer ihre Hände von der Erde rein waſchen, die ſie geknetet hatte, um der Tulpe das beſtmögliche Beet zu bereiten. Endlich miethete er auf einem Speicher ein Stüb⸗ chen, gerade dem Fenſter von Roſa gegenüber; dieſes Stübchen war entfernt genug, daß man ihn mit bloßem Auge nicht erkennen konnte, aber nahe genug, daß er mit Hülfe ſeines Teleſkops Alles zu verfolgen vermochte, 3 201 was in Lövenſtein im Zimmer des Mädchens vorging, wie er in Dortrecht Alles verfolgt hatte, was in der Trockenſtube von Cornelius vorgefallen war. Er hatte nicht drei Tage ſeinen Speicher in Beſitz genommen, als ihm kein Zweifel mehr blieb. Schon am Morgen bei Sonnenaufgang war der Fayencetopf auf dem Fenſtergeſims, und jenen reizenden Frauen von Mieris und Metz ähnlich, erſchien Roſa am Fenſter umrahmt von den erſten grünen Ranken der Jungfernrebe und des Gaisblatts. Roſa ſchaute den Fayencetopf mit einem Auge an, das Bortel den wirklichen Werth des in dem Topf enthaltenen Gegenſtandes verrieth. Was der Topf enthielt, war alſo die Brutzwiebel, das heißt, die äußerſte Hoffnung des Gefangenen. Drohten die Nächte zu kalt zu werden, ſo zog Roſa den Fayencetopf zurück. So war es, ſie befolgte die Inſtructionen von Cornelius, welcher befürchtete, die Brutzwiebel könnte erfrieren. Wurde die Sonne zu heiß, ſo zog Roſa den Fay⸗ encetopf von eilf Uhr Morgens bis zwei Uhr Nachmit⸗ tags zurück.. Das war abermals ſo, Cornelius befürchtete, die Erde könnte ausgetrocknet werden. Als aber der Stängel der Blume aus der Erde hervorkam, war Bortel völlig überzeugt; er war nicht einen Zoll hoch, als der Neidiſche mit ſeinem Fern⸗ rohr keinen Zweifel mehr hatte. Cornelius beſaß zwei Brutzwiebeln, und die zweite war der Liebe und Sorgfalt von Roſa anvertraut. Denn man kann ſich wohl denken, die Liebe der zwei jungen Leute war Bortel nicht entgangen. Man mußte alſo ein Mittel finden, dieſe zweite Vrutäwwiebel der Sorgfalt und Liebe von Roſa zu ent⸗ ziehen. Nur war dies nichts Leichtes. 202 Roſa wachte über ihrer Tulpe, wie eine Mutter über ihren Kindern wachen würde; beſſer noch, wie eine Taube über ihren Eiern brütet. Roſa verließ das Zimmer bei Tag nicht; mehr noch, ſeltſamer Weiſe verließ Roſa ihr Zimmer auch am Abend nicht. Sieben Tage lang beſpähte Boxtel vergebens Roſa, Roſa ging nicht aus ihrem Zimmer. Dies geſchah während der ſieben Tage der Zwi⸗ ſtigkeit, welche Cornelius ſo unglücklich machte, weil ſie ihm zugleich jede Nachricht von Roſa und von ſei⸗ ner Tulpe entzog. Würde Roſa ewig mit Cornelius ſchmollen? Das hätte den Diebſtahl noch viel ſchwieriger gemacht, als es Anfangs Mynheer Iſaak geglaubt. Wir ſagen den Diebſtahl, denn Iſaak hatte ganz einfach den Plan gefaßt, die Tulpe zu ſtehlen; und, da ſie im tiefſten Geheimniß wuchs, da die zwei jungen Leute ihr Vorhandenſein vor Jedermann verbargen, und da man ihm, dem anerkannten Tulpiſten, eher glauben würde, als einem allen Einzelnheiten des Gartenbaus völlig fremden Mädchens oder einem we⸗ gen Hochverraths verurtheilten, bewachten, beſpähten Gefangenen, der aus ſeinem Kerker nur ſchlecht zu reclamiren vermöchte, da er der Beſitzer der Tulpe wäre, und da bei Mobilien und andern transportabeln Gegenſtänden der Beſitz das Eigenthum beſtätigt, ſo würde er ſicherlich den Preis erhalten, er würde an der Stelle von Cornelius gekrönt werden, und die Tulpe würde, ſtatt Tulipa mera Barlaensis, Tulipa nigra Boxtellensis oder Boxtellea heißen. Mynheer Iſaak hatte ſich noch nicht darüber ent⸗ ſchieden, welchen von dieſen zwei Namen er der Tulpe geben wollte; da aber beide daſſelbe bezeichneten, ſo war das nicht der Hauptpunkt. Der Hauptpunkt war, die Tulpe zu ſtehlen. 203 Damit aber Bortel die Tulpe ſtehlen konnte, mußte Roſa ihr Zimmer verlaſſen. Jacob oder Iſaak, wie man will, ſah auch mit einer wahren Freude die gewöhnlichen Rendezvous wieder aufnehmen. Er fing damit an, daß er die Abweſenheit von Roſa benützte, um ihre Thüre zu ſtudiren. Die Thüre ſchloß gut und doppelt, mittelſt eines Fläiochen Schloſſes, zu dem Roſa allein den Schlüſ⸗ el hatte. Boxtel hatte den Gedanken, Roſa den Schlüſſel zu ſtehlen, doch abgeſehen davon, daß es nichts Leichtes war, in der Taſche des Mädchens zu ſtören, würde Roſa, wenn ſie merkte, daß ſie den Schlüſſel verloren, das Schloß ändern laſſen, nicht mehr aus ihrem Zim⸗ mer gehen, bis das Schloß verändert wäre, und Boxtel hätte ein unnützes Verbrechen begangen. Es war alſo beſſer, ein anderes Mittel anzuwenden. Boxtel ſammelte alle Schlüſſel, die er finden konnte, und während Roſa und Cornelius am Schieber eine von ihren beſeligten Stunden zubrachten, verſuchte er alle. Zwei gingen in das Schloß, einer derſelben machte die erſte Drehung und hielt bei der zweiten an. Es war alſo nur wenig an dieſem Schlüſſel zu machen. Boxtel umhüllte ihn mit einer leichten Lage Wachs und wiederholte den Verſuch. Das Hinderniß, auf das der Schlüſſel bei der zweiten Wendung geſtoßen war, hatte einen Eindruck auf dem Wachs zurückgelaſſen. Bortel brauchte nur dieſen Eindruck mit einer Feile zu verfolgen, deren Klinge ſo dünn wie die eines Meſſers. Mitt zwei weiteren Tagen Arbeit brachte Boxtel ſeinen Schlüſſel zur Vollkommenheit. Die Thüre von Roſa öffnete ſich geräuſchlos, und Boyxtel befand ſich im Zimmer des Mädchens ganz allein mit der Tulpe. 2⁰4 Die erſte verdammenswerthe Handlung von Box⸗ tel war geweſen, daß er über eine Mauer geſtiegen, um die Tulpe auszugraben; die zweite, daß er in die Trockenſtube von Cornelius durch das offene Fenſter eingedrungen. Die dritte war, daß er ſich in das Fünimer von Roſa mittelſt Lines falſchen Schlüſſels ich. Man ſieht, der Neid ließ Boxtel raſche Schritte auf der Laufbahn des Verbrechens machen. Boprtel befand ſich alſo allein mit der Tulpe. Ein gewöhnlicher Dieb hätte den Toof unter den Arm genommen und fortgetragen. Doch Boyxtel war kein gewöhnlicher Dieb, und er überlegte. Er überlegte, indem er die Tulpe mittelſt ſeiner Blendlaterne anſchaute, daß ſie noch nicht genug vor⸗ gerückt war, um ihm die Gewißheit zu geben, ſie werde ſchwarz blühen, obgleich das Ausſehen alle Wahrſcheinlichkeit bot. Er bedachte, daß er, wenn ſie nicht ſchwarz blühte, oder wenn ſie mit irgend einem Flecken blühte, einen unnützen Diebſtahl begangen hätte. Er bedachte, der Lärm über dieſen Diebſtahl würde ſich verbreiten, man würde nach dem, was im Garten vorgefallen, den Dieb im Verdacht haben und Nach⸗ forſchungen anſtellen, und es wäre, ſo gut er die Tude auch verbergen dürfte, möglich, ſie wieder auf⸗ zufinden. 3 Er bedachte, daß ihr, verbärge er die Tulpe ſo, daß es unmöglich wäre, ſie aufzufinden, bei allen Trans⸗ porten, die ſie auszuhalten hätte, ein Unglück wider⸗ fahren könnte.. Er bedachte endlich, daß es beſſer wäre, da er einen Schlüſſel in das Zimmer von Roſa hatte und in dieſes eintreten konnte, wann er wollte, die Blüthe abzu⸗ warten, ſie eine Stunde, ehe ſie ſich öffnete, oder eine Stunde, nachdem ſie ſich geöffnet, zu nehmen und auf 205 der Stelle nach Harlem abzureiſen, wo die Tulpe, ehe man reclamirt hätte, vor den Richtern ſtände. 4 Dann würde BoLrtel denjenigen oder diejenige, welche reclamirte, des Diebſtahls bezüchtigen. Das war ein wohl entworfener Plan und in jeder Hinſicht desjenigen, welcher ihn entwarf, würdig. So trat Boyxtel alle Abende, während der ſüßen Stunde, welche die jungen Leute an der Thüre des Ge⸗ fängniſſes von Cornelius zubrachten, in das Zimmer des Mädchens, nicht, um das Allerheiligſte der Jung⸗ fräulichkeit zu verletzen, ſondern um die Fortſchritte zu eifolaen welche die ſchwarze Tulpe in ihrer Blüthe machte.. An dem Abend, den wir erreicht haben, trat er wie an den andern Abenden ein; aber die jungen Leute wechſelten, wie wir geſehen, nur ein paar Worte, und Wornelus ſchickte Roſa weg, um über der Tulpe zu wachen. Als Boxtel Roſa zehn Minuten, nachdem ſie weg⸗ gegangen, in ihr Zimmer zurückkehren ſah, begriff er, die Blume habe geblüht, oder ſie ſei im Begriff, zu blühen. Es war alſo in der Nacht, in der die große Partie ſpielen ſollte; Boxtel erſchien auch bei Gryphus mit einem doppelt ſtarken Vorrath von Genisvre. Das heißt mit einer Flaſche in jeder Taſche. So bald Gryphus berauſcht, war Boxtel ungefähr Herr im Hauſe. Um eilf Uhr war Gryphus bis zur Bewußtloſig⸗ keit betrunken. Um zwei Uhr Morgens ſah Bortel Roſa aus ihrem Zimmer weggehen, ſie hielt aber offenbar in ihren Armen einen Gegenſtand, den ſie vorſichtig trug. Dieſer Gegenſtand war ohne allen Zweifel die bußr ſchwarze Tulpe, deren Blüthe ſich erſchloſſen atte. Doch was wollte ſie damit machen? 206 Wollte ſie auf der Stelle mit ihr nach Harlem abreiſen? Ein junges Mädchen konnte unmöglich in der Nacht allein eine ſolche Reiſe unternehmen. Wollte ſie nur die Tulpe Cornelius zeigen? Das war wahrſcheinlich. Er folgte Roſa barfuß und auf den Zehen. Er ſah ſie an den Schieber treten. Er hörte ſie Cornelius rufen. Beim Scheine der Blendlaterne ſah er die offene Tulpe, ſchwarz wie die Nacht, in der ſie verborgen. Er hörte den ganzen Plan von Cornelius und Roſa hinſichtlich der Abſendung eines Boten nach Harlem. Er ſah die Lippen der beiden jungen Leute ſich be⸗ kühen und hörte dann, wie van Baerle Roſa weg⸗ ickte. ihrem Zimmer zurückkehren. Zehn Minuten nachher ſah er ſie wieder aus ihrem Zimmer herauskommen und ſorgfältig ihre Thüre doppelt ſchließen. Warum ſchloß ſie die Thüre ſo ſorgfältig? weil ſie hinter dieſer Thüre die ſchwarze Tulpe verſchloß. Boxtel, der dies Alles, auf dem Ruheplatz des Stockwerks über dem Zimmer von Roſa verborgen, ſah, ging eine Stufe von ſeinem Stock herab, wenn Roſa eine von ihrem hinabſtieg. So daß, als Roſa die letzte Stufe der Treppe mit ihrem leichten Fuß berührte, Boytel mit einer noch viel leichteren Hand das Schloß des Zimmers von Roſa berührte. Und in dieſer Hand war begreiflicher Weiſe der falſche Schlüſſel, der die Thüre von Roſa nicht mehr, nicht minder leicht öffnete, als der ächte. Darum ſagten wir am Anfang dieſes Kapitels, die jungen Leute haben ſehr nöthig gehabt, durch den unmittelbaren Schutz Gottes bewahrt zu werden. Er ſah Roſa die Blendlaterne auslöſchen und nach — 3 207 XXIII. Wworin die ſchwarze Tulpe den Herrn wechſelt. 4 Cornelius war an dem Ort geblieben, wo ihn Roſa gelaſſen hatte; beinahe vergebens ſuchte er in ſich die Stärke, die doppelte Laſt ſeines Glückes zu tragen. Eine halbe Stunde verging. Schon drangen die erſten Strahlen des Tags bläu⸗ lich und friſch durch das vergitterte Fenſter in das Gefängniß von Cornelius, als er plötzlich bebte bei Tritten, welche die Treppe heraufkamen, und bei Schreien, die ſich ihm näherten. 4 Beinahe in demſelben Augenblick befand ſich ſein Geſicht dem bleichen, verſtörten Geſicht von Roſa ge⸗ genüber. „Cornelius! Cornelius!“ rief ſie keuchend. „Mein Gott! was denn?“ fragte der Gefangene. „Cornelius, die Tulpe...“ „Nun?“ „Wie ſoll ich Euch das ſagen?“ „Sprecht, ſprecht, Roſa.“ „Man hat ſie uns genommen, man hat ſie uns geſtohlen.“ „Man hat ſie uns genommen, man hat ſie uns geſtohlen!“ rief Cornelius. „Ja,“ ſagte Roſa, die ſich an die Thüre anlehnte, um nicht zu fallen.„Ja, genommen, geſtohlen.“ Und unwillkürlich gaben ihre Beine nach, ſie glitt und fiel auf die Kniee. „Aber wie denn?“ fragte Cornelius.„Sprecht doch, erklärt mir...“ „Oh! es iſt nicht meine Schuld, mein Freund.“ Arme Roſa! ſie wagte es nicht zu ſagen: Mein Geliebter. 4 208 „Ihr habt ſie allein gelaſſen,“ rief Cornelius mit einem kläglichen Ausdruck. „Einen einzigen Augenblick, um unſern Boten zu benachrichtigen, der kaum fünfzig Schritte entfernt am Ufer der Waal wohnt.“ „Und während dieſer Zeit habt Ihr trotz meiner Ermahnung den Schlüſſel in der Thüre gelaſſen, un⸗ glückliches Kind!“ „Nein, nein, nein, der Schlüſſel hat mich nicht verlaſſen, ich habe ihn beſtändig feſt in der Hand ge⸗ halten, als befürchtete ich, er könnte mir entſchlüpfen.“ „Aber wie iſt es denn zugegangen?“ „Weiß ich es ſelbſt? ich gab meinen Brief dem Boten, dieſer ging auf der Stelle ab; ich kehrte zurück, das Zimmer war geſchloſſen, jede Sache an ihrem Platz in meinem Zimmer, die Tulpe ausgenommen, welche verſchwunden. Es muß ſich Jemand einen Schlüſſel zu meinem Zimmer verſchafft, oder einen ſolchen ſich haben machen laſſen.“ Sie erſtickte beinahe, die Thränen ſchnitten ihr das Wort ab. Unbeweglich, die Züge verſtört, hörte Cornelius beinahe ohne zu begreifen; er murmelte nur: „Geſtohlen, geſtohlen, geſtohlen! ich bin verloren!“ „Oh! Herr Cornelius, ſeid barmherzig,“ rief Roſa, „ich werde darob ſterben.“ Bei dieſer Drohung von Roſa packte Cornelius das Gitter der Thüre, rüttelte daran voll Wuth und rief: „Roſa, es iſt wahr, man hat uns beſtohlen, dürfen wir uns aber deshalb ſo ſehr niederſchlagen laſſen? Nein, das Unglück iſt groß, doch vielleicht wieder gut zu machen; Rofa, wir kennen den Dieb.“ „Ach!“ wie ſoll ich Euch beſtimmt ſagen?“ „Ohl ich ſage es Euch, es iſt der ſchändliche Jacob. Werden wir ihn nach Harlem die Frucht unſerer Arbei⸗ ten, die Frucht unſerer Nachtwachen, das Kind unſerer 209 Liebe tragen laſſen? Roſa, man muß ihn verfolgen, Roſa, man muß ihn einholen.“ „Aber wie dies Alles thun, mein Freund, ohne meinem Vater zu entdecken, daß wir ein Einverſtändniß hatten? Wie ſollte ich, eine Frau, die ſo wenig frei, ſo wenig gewandt, zu dieſem Ziele gelangen, das Ihr vielleicht nicht erreichen würdet?“ „Roſa, Roſa, öffnet mir dieſe Thüre, und Ihr werdet ſehen, ob ich es nicht erreiche. Ihr werdet ſehen, ob ich den Dieb nicht entdecke, ob ich ihn nicht nöthige, ſein Verbrechen zu geſtehen. Ihr werdet ſehen, ob ich ihn nicht um Gnade flehen mache!“ Ach!“ ſagte Roſa, in ein Schluchzen ausbrechend, „kann ich Euch öffnen? Habe ich die Schlüſſel bei mir? Wenn ich ſie hätte, wäret Ihr nicht ſeit langer Zeit frei?“ „Euer Vater hat ſie, Euer ſchändlicher Vater, der Henker, der mir ſchon die erſte Brutzwiebel meiner Tulpe zertreten. Oh! der Elende, der Elende! er iſt ein Mit⸗ ſchuldiger von Jacob!“ „Leiſe, leiſe, in des Himmels Namen!“ „Oh! wenn Ihr mir nicht öffnet, Roſa,“ rief van Baerle im Paroxismus der Wuth,„ich ſprenge dieſes Gitter und bringe Alles um, was ich in dem Ge⸗ fängniß finde.“ „Mein Freund, habt Mitleid!“ „Ich ſage Euch, daß ich das Gefängniß Stein um Stein zerſtöre.“ Und mit ſeinen beiden Händen, deren Kräfte ſich verzehnfachten, rüttelte der Unglückliche unter gewalti⸗ gem Lärmen an der Thüre, ohne ſich um das Schallen ſeiner Stimme, welche in der ſonoren Schnecke der Treppe donnerte, zu bekümmern. Gajnz erſchrocken, verſuchte es Roſa vergebens, dieſen wüthenden Sturm zu beſchwichtigen. „Ich ſage Euch, daß ich den ſchändlichen Gryphus umbringe,“ brüllte van Baerle;„ich ſage Euch, daß ich Die ſchwarze Tulpe. 14 210 ſein Blut vergieße, wie er das meiner ſchwarzen Tulpe vergoſſen hat.“. Der Unglückliche fing an wahnſinnig zu werden. „Nun wohl, ja,“ ſprach Roſa zitternd,„ja, aber beruhigt Euch, ich werde ſeine Schlüſſel nehmen, ja, ich werde Euch öffnen, ja, doch beruhigt Euch, mein Cornelius...“ Sie vollendete nicht, ein Gebrülle, vor ihr ausge⸗ ſtoßen, unterbrach ihren Satz. „Mein Vater!“ rief Roſa⸗ „Gryphus!“ ſchrie van Baerle.„Ha! Ruchloſeril“ Der alte Gryphus war unter dem Lärmen herauf⸗ geſtiegen, ohne daß man ihn hatte hören können. Er nahm ſeine Tochter heftig beim Arme und ſagte mit einer vom Zorn erſtickten Stimme: „Ahl Du wirſt meine Schlüſſel nehmen. Ah! dieſer Schändliche! dieſes Ungeheuer! dieſer Verſchwö⸗ rer, den man henken ſollte, iſt Dein Cornelius! Ah! man hat Einverſtändniſſe mit den Staatsgefangenen! Es iſt gut.“. Roſa ſchlug ihre Hände voll Verzweiflung aneinander. „Ahl“ fuhr Gryphus fort, der vom fieberhaften Ausdruck des Zorns zur kalten Ironie des Siegers überging,„ah! unſchuldiger Herr Tulpiſt; ahl ſanfter Herr Gelehrter, ah! Ihr werdet mich umbringen! ſehr gut! nicht mehr! Und in Genoſſenſchaft mit meiner Tochter! Jeſus! ich bin alſo in einer Räuberhöhle! Ahl der Herr Gouverneur ſoll ſchon morgen Alles er⸗ fahren, ab! S. H. der Stadhouder ſoll morgen Alles wiſſen. Wir kennen das Geſetz: Wer im Gefängniß rebellirt, Artikel 6. Ihr ſollt eine zweite Ausgabe vom Buitenhof bekommen, Herr Gelehrter, und zwar eine gute Ausgabe. Ja, ja, zernagt Eure Fäuſte, wie ein Bär im Käſich, und Ihr, meine Schöne, freßt Euren Cornelius mit den Augen. Ich ſage Euch nur, meine Lämmer, Ihr ſollt nicht mehr die Glückſeligkeit haben, mit einander zu conſpiriren. Hinab mit Dir, entartete 2———+ 211 Tochter! Und Ihr, Herr Gelehrter, auf Wiederſehen; ſeid unbeſorgt, auf Wiederſehen!“ Toll vor Schrecken und Verzweiflung, ſandte Roſa ihrem Freunde einen Kuß zu; dann ohne Zweifel plötz⸗ lich von einem Gedanken erleuchtet, ſtürzte ſie nach der Treppe und rief nur noch: „Es iſt noch nicht Alles verloren, zählt auf mich, mein Cornelius.“ Ihr Vater folgte ihr brüllend. Der arme Tulpiſt aber ließ nach und nach das Gitter los, das ſeine Finger krampfhaft gehalten hatten; ſein Kopf erſchwerte ſich, ſeine Augen ſchwankten in ihren Höhlen hin und her; er fiel auf den Boden und mur⸗ melte: 1 „Geſtohlen! man hat ſie mir geſtohlen!“ Mittlerweile hatte ſich Boxtel, der aus dem Schloß durch die Thüre weggegangen, welche Roſa ſelbſt geöffnet, mit der ſchwarzen Tulpe, die er in einen weiten Mantel gehüllt, in eine Carriole geworfen, welche in Gorkum ſeiner harrte, und er verſchwand, ohne, wie man ſich denken kann, ſeinen Freund Gryphus von ſeinem haſti⸗ gen Abgang unterrichtet zu haben. Und nun, da wir ihn in ſeine Carriole haben ſtei⸗ gen ſehen, wollen wir ihm, wenn der Leſer einwilligt, bis zum Ziele ſeiner Reiſe folgen. Er fuhr Anfangs ſachte, man läßt nicht ungeſtraft eine ſchwarze Tulpe mit der Poſt eilen. Aber befürchtend, er könnte nicht frühe genug an⸗ kommen, ließ Boxtel in Delft eine rings herum mit ſchönem, friſchem Moos ausgeſtopfte Schachtel verfer⸗ tigen, in die er die Tulpe packte; die Blume fand ſich hier ſo weich auf allen Seiten angelehnt, mit Luft von oben, daß die Carriole im Galopp fahren konnte, ohne daß ein Schaden möglich war. Er kam an dem darauf folgenden Tag, am Morgen, ſehr ermüdet, aber triumphirend in Harlem an, wech⸗ ſelte den Topf der Tulpe, um jede Spur den Diebſtahls 212 verſchwinden zu machen, zerbrach den Fayencetopf, deſſen Scherben er in einen Kanal warf, ſchrieb an den Präſidenten der Gartenbau⸗Geſellſchaft einen Brief, in welchem er ihm meldete, er ſei in Harlem mit einer vollkommen ſchwarzen Tulpe angekommen, und quartierte ſich in einem guten Gaſthof mit ſeiner unverſehrten Blume ein. Und hier wartete er. XXIV. Der Präſident van Syſtens. Als Roſa Cornelius verließ, hatte ſie ihren Ent⸗ ſchluß gefaßt.. Es war der Entſchluß, ihm die Tulpe zurückzu⸗ geben, die ihr Jacob geſtohlen, oder ihn nie wieder⸗ zuſehen. Sie hatte die Verzweiflung des armen Gefangenen, eine doppelte, unheilbare Verzweiflung, geſehen. Es war in der That auf der einen Seite eine un⸗ vermeidliche Trennung, da Gryphus zugleich das Ge⸗ heimniß ihrer Liebe und das ihrer Rendezvous in Er⸗ fahrung gebracht hatte. Auf der andern Seite war es der Umſturz aller ehrgeizigen Hoffnungen von Cornelius van Baerle, und dieſe Hoffnungen nährte er ſeit ſieben Jahren. Roſa war eine von den Frauen, die über einem Nichts verzagen, aber, voll Stärke bei einem äußerſten Unglück, gerade im Unglück die Energie finden, die daſſelbe bekämpfen, oder das Mittel finden, welches es wieder gut machen kann. Sie kehrte in ihr Zimmer zurück und ſchaute zum letzten Mal rings umher, um zu ſehen, ob ſie ſich nicht ge⸗ täuſcht habe, und ob die Tulpe nicht in irgend einem Win⸗ 213 kel ſei, wo ſie ihren Blicken entgangen. Aber Roſa ſuchte vergebens, die Tulpe fehlte immer, die Tulpe war immer geſtohlen. Roſa packte einige Kleidungsſtücke zuſammen, die ſie nothwendig brauchte, ſie nahm ihre erſparten drei⸗ hundert Gulden, das heißt ihr ganzes Vermögen, ſuchte unter ihren Spitzen, wo die dritte Brutzwiebel aufbe⸗ wahrt war, verbarg ſie ſorgfältig in ihrer Bruſt, ver⸗ ſchloß ihre Thüre doppelt, in der Abſicht, auf die ganze Zeit, die man brauchte, um ſie zu öͤffnen, den Augenblick, wo ihre Flucht bekannt würde, hinauszurücken, ſtieg die Treppe hinab, ging aus dem Gefängniß durch dieſelbe Thüre weg, durch welche ſich eine Stunde vorher Boxtel weggeſchlichen hatte, begab ſich zu einem Pferdever⸗ miether und verlangte eine Carriole zu miethen. Der Pferdevermiether hatte nur eine Carriole, und das war gerade diejenige, welche Bortel genommen und mit der er auf der Straße nach Delft fuhr. Wir ſagen auf der Straße nach Delft, denn er mußte einen ungeheuren Umweg machen, um von Löven⸗ ſtein nach Harlem zu kommen; in gerader Linie oder im Vogelflug, wie man zu ſagen pflegt, wäre es nur die Hälfte geweſen.. Doch nur die Vögel können im Vogelflug in Holland reiſen, in dieſem Land, das am meiſten in der Welt von Strömen, von Flüſſen, von Bächen, von Kanälen und Seeen durchſchnitten iſt.. Roſa ſah ſich alſo genöthigt, ein Pferd zu nehmen, das ihr leicht anvertraut wurde, da der Pferdevermiether Reſa als die Tochter des Oberſchließers der Feſtung annte. Roſa hatte eine Hoffnung, die, ihren Boten, einen guten, wackern Burſchen, einzuholen, den ſie dann mit⸗ nehmen würde und der ihr zugleich als Führer und als Beiſtand dienen ſollte. Sie hatte in der That noch keine Meile gemacht, als ſie ihn mit raſchen Schritten auf einem der Neben⸗ 214 pfade einer reizenden Straße, welche am Fluß hinlief, wandern ſah. Sie ließ ihr Pferd traben und holte ihn ein. Der brave Burſche kannte die Wichtigkeit ſeiner Sendung nicht, und dennoch ging er ſo raſch, als ob er ſie gekannt hätte. In weniger als einer Stunde hatte er ſchon anderthalb Meilen gemacht.*) Roſa nahm ihm den unnütz gewordenen Brief wieder ab und ſetzte ihm auseinander, daß ſie ſeiner bedürfe. Der Schiffer ſtellte ſich ihr zur Verfügung und verſprach, ſo geſchwinde als das Pferd zu geben, wenn ihm Roſa erlauben würde, die Hand entweder auf ſein Kreuz oder auf ſeinen Widerriſt zu ſtützen. Roſa erlaubte ihm, die Hand zu legen, wohin er wollte, wenn er ſie nur nicht aufhielte. Die Reiſenden waren ſeit fünf Stunden abge⸗ gangen und hatten ſchon mehr als acht Meilen zurück⸗ gelegt, als der Vater noch gar nicht vermuthete, das Mädchen babe die Feſtung verlaſſen. Der Kerkermeiſter, ein im Grunde ſehr boshafter Menſch, überließ ſich ganz dem Vergnügen, ſeiner Toch⸗ ter einen ſo tiefen Schrecken eingeflößt zu haben. Indeß er ſich aber freute, daß er ſeinem Kamera⸗ den Jacob eine ſo ſchöne Geſchichte zu erzählen habe, befand ſich Jacob auch auf der Straße nach Delft. Nur hatte er mit Hülfe ſeiner Carriole vier Mei⸗ len Vorſprung vor Roſa und dem Schiffer. Während ſich Gryphus Roſa zitternd oder in ihrem Zimmer ſchmollend vorſtellte, kam Roſa immer weiter. Niemand alſo, den Gefangenen ausgenommen, war, wo Gryphus glaubte, daß Jeder ſei. Roſa erſchien ſo wenig bei ihrem Vater, ſeitdem ſie die Tulpe pflegte, daß Gryphus erſt um die Stunde des Mittageſſens, nämlich um zwölf Uhr bemerkte, in Betracht ſeines Appetits ſchmolle ſeine Tochter zu lange. *) Dumas meint immer Meilen ſeines Landes. 215 Er ließ ſie durch einen von ſeinen Schließern rufen; als dieſer zurückkam und ihm meldete, er habe ſie vergebens geſucht und gerufen, beſchloß er, ſie ſelbſt zu ſuchen und zu rufen. Er fing damit an, daß er gerade nach ihrem Zim⸗ mer ging; doch er mochte immerhin anklopfen, Roſa antwortete nicht. Man ließ den Schloſſer der Feſtung kommen; der Schloſſer öffnete die Thüre, aber Gryphus fand Roſa ebenſo wenig, als Roſa die Tulpe gefunden hatte. Roſa hatte in dieſem Augenblick Rotterdam er⸗ icht. Deshalb fand ſie Gryphus ebenſo wenig in der Küche, als in ihrem Zimmer, ebenſo wenig im Garten, als in der Küche. Man denke ſich den Zorn des Kexkermeiſters, als er, in der Umgegend forſchend, erfuhr, ſeine Tochter habe ein Pferd gemiethet und ſei, wie Bradamante oder Clorinde, als wahre Abenteurerin ausgezogen, ohne zu ſagen, wohin ſie ging. Gryphus ſtieg wüthend zu van Baerle hinauf, ſchmähte ihn, bedrohte ihn, warf all ſein armſeliges Stubengeräthe unter einander, verſprach ihm das fin⸗ ſtere Loch, das tiefe Gefängniß, den Hunger, die Ruthen. Ohne nur auf das zu hören, was der Kerkermei⸗ ſter ſagte, ließ ſich Cornelius mißhandeln, beſchimpfen, bedrohen; er blieb düſter, unbeweglich, vernichtet, un⸗ empfindlich für jede Erſchütterung, todt für jede Furcht. Nachdem er Roſa überall geſucht hatte, ſuchte Gryphus Jacob, und da er Jacob ebenſo wenig fand, als er ſeine Tochter gefunden hatte, ſo hegte er von dieſem Augenblick an den Verdacht, Jacob habe ſie entführt. Roſa hatte indeſſen, nachdem ſie in Rotterdam zwei Stunden angehalten, ihre Reiſe fortgeſetzt. An demſelben Abend kam ſie nach Delft, wo ſie über Nacht 216 blieb, und am andern Tag erreichte ſie Harlem, vier Stunden, nachdem Borxtel daſelbſt angekommen war. Roſa ließ ſich ſogleich zu dem Präſidenten der Gartenbau⸗Geſellſchaft, Herrn van Syſtens, führen. Sie fand den würdigen Bürger in einer Situa⸗ tion, welche zu ſchildern wir nicht unterlaſſen dürfen, wollen wir uns nicht gegen unſere Maler⸗ und Ge⸗ ſchichtſchreiberpflichten verfehlen. Der Präſident faßte einen Bericht an den Aus⸗ ſchuß der Geſellſchaft ab. Dieſer Bericht war auf großes Papier und mit der ſchönſten Schrift des Präſidenten geſchrieben. Roſa ließ ſich unter ihrem einfachen Namen Roſa Gryphus melden, doch ſo gut er auch klang, er war dem Präſidenten unbekannt, denn Roſa wurde abge⸗ wieſen. Es iſt in Holland, dem Lande der Dämme und Schleußen, ſchwierig, gegen das Verbot einzu⸗ dringen. Roſa ließ ſich aber nicht abſchrecken, ſie hatte ſich eine Sendung auferlegt und geſchworen, ſich weder durch barſches Anfahren, noch durch Grobheiten, noch durch Beleidigungen niederſchlagen zu laſſen. „Meldet dem Herrn Präſidenten,“ ſagte ſie, „daß uch mit ihm wegen der ſchwarzen Tulpe zu ſpre⸗ chen habe.“ Nicht minder magiſch, als das berühmte: Seſam, öffne dich, der Tauſend und eine Nacht, dienten ihr dieſe Worte als Hauptſchlüſſel. Mit ihrem Bei⸗ ſtand drang ſie bis in das Bureau des Präſidenten van Syſtens, der ihr artig entgegenkam. Es war ein guter kleiner Mann von ſchwächlichem Körperbau; er ſtellte ziemlich genau den Stängel einer Blume vor, wobei der Kopf den Kelch bildete; zwei unbeſtimmte, hängende Arme verſinnlichten das dop⸗ pelte längliche Blatt der Tulpe, ein gewiſſes Schau⸗ keln, das ihm zur Gewohnheit geworden, vervollſtän⸗ 217 digte ſeine Aehnlichkeit mit dieſer Blume, wenn ſie ſich unter dem Hauche des Windes neigt. „Verehrteſte,“ rief er,„Ihr kommt von Seiten der ſchwarzen Tulpe?“ Für den Herrn Präſidenten der Gartenbau⸗Geſell⸗ ſchaft war die Tulipa nigra eine Macht erſten Rangs, welche als Königin der Tulpen Botſchafter abſenden onnte. „Ja, Herr,“ erwiederte Roſa,„ich komme wenig⸗ ſtens, um von ihr mit Euch zu ſprechen.“ „Sie befindet ſich wohl?“ fragte van Syſtens mit einem Lächeln zärtlicher Verehrung. „Ach! Herr, ich weiß es nicht,“ erwiederte Roſa. „Wie! wäre ihr ein Unglück widerfahren?? „Ein ſehr großes Unglück, ja, Herr, nicht ihr, aber mir.“ „Welches?“— „Man hat ſie mir geſtohlen.“ „Man hat Euch die ſchwarze Tulpe geſtohlen?“ „Ja, Herr.“ „Wißt Ihr, wer?“ „Oh! ich vermuthe es, aber ich wage es noch nicht, Jemand anzuſchuldigen.“ „Die Sache wird ſich leicht erweiſen laſſen.“ „Wie ſo?“ „Seitdem man ſie Euch geſtohlen, kann der Dieb noch nicht fern ſein.“. 5 „Warum kann er noch nicht fern ſein?“ „Weil ich ſie vor kaum zwei Stunden geſehen habe.“ „Ihr habt die ſchwarze Tulpe geſehen?“ rief Roſa auf Herrn van Spſtens zuſtürzend. „Wie ich Euch ſage.“ „Aber wo dies?“ „Bei Eurem Herrn, vermuthlich.“ „Bei meinem Herrn?? „Ja. Seid Ihr nicht im Dienſte von Herrn Iſaak Boxtel?“ 218 „Ich?“ „Allerdings Ihr.“. „Für wen haltet Ihr mich denn?“ „Aber für wen haltet Ihr denn mich?“ „Mein Herr, ich halte Euch, hoffentlich, für das, was Ihr ſeid, für den ehrenwerthen Herrn van Sy⸗ ſtens, Bürgermeiſter von Harlem und Präfident der Gartenbau⸗Geſellſchaft.“ „Und was wollt Ihr mir ſagen?“ 3 „Ich komme, um Euch zu ſagen, daß man mir meine Tulpe geſtohlen hat.“. „Eure Tulpe iſt alſo die von Herrn Boxtel. So⸗ mit erklärt Ihr Euch ſchlecht, denn nicht Euch, ſondern Herrn Boxtel hat man die Tulpe geſtohlen.“ „Ich wiederhole Euch, daß ich gar nicht weiß, wer Herr Boxtel iſt, und daß ich zum erſten Mal die⸗ ſen Namen nennen höre.“ 3 „Ihr wißt nicht, wer Herr Boyxtel iſt, und Ihr hattet auch eine ſchwarze Tulpe?“ „Es gibt alſo noch eine andere?“ fragte Roſa bebend. 1 3 „Es gibt die von Herrn Borxtel, ja.“ „Wie iſt ſie?“ „Schwarz, bei Gott!“ „Ohne Flecken?“. „ Söne einen einzigen Flecken, ohne den geringſten unkt.“ „Und Ihr habt dieſe Tulpe, ſie iſt bei Euch de⸗ ponirt??“ „Nein, doch ſie wird hier deponirt ſein, da ich ſte vor dem Comité ausſtellen muß, ehe über den Preis entſchieden wird.“ WMein Herr,“ rief Roſa,„dieſer Bortel, dieſer Iſaak Bortel, der ſich Eigenthümer der ſchwarzen Tulpe nennt...“ „Und es in der That iſt.“ „Iſt es nicht ein magerer Mann? 219 „ a.“ „Fahlen ⸗Nü ſcheuem Auge?“ s,„Ich glaube, ja.“ h⸗„ Unruhig, gebückt, mit ſchiefen Beinen?“ er„Wahrhaftig⸗ Ihr macht Zug für Zug das Portrait 4 von Herrn Bortel.“ „Herr, iſt die Tulpe in einem Topf von blau und dir weißem Fayence mit gelblichen Blumen, welche ein Körbchen auf drei Seiten des Topfes vorſtellen?“ o⸗„Ah! was das betrifft, da bin ich minder ſicher, rn ic habe weniger den Topf, als den Menſchen ange⸗ aut. ß,„Herr, das iſt meine Tulpe⸗ es iſt diejenige, welche e⸗ mir geſtohlen worden iſt; Herr, das iſt mein Gut; Herr, ich komme, um es hier vor Euch, von Euch hr zurückzufordern.“ „Ho! ho!“ rief van Syſtens, Roſa anſchauend. ſa„Wie, Ihr kommt, um hier die Tulpe von Herrn Boxtel zu reclamiren? Bei Gott! Ihr ſeid ein kühnes Frauenzimmer!“ 3„Herr,“ erwiederte Roſa, etwas beängſtigt durch dieſe Rede,„ich ſage nicht, ich komme, um die Tulpe von Herrn Bortel zu reclamiren, ich ſage, ich komme, en um die meinige zu reclamiren.“ „Die Eurige?“ e⸗„Ja, diejenige, welche ich ſelbſt gepflanzt und auf⸗ gezogen habe.“ ich„Wohl, ſo ſucht Herrn Boxtel im Gaſthof zum en weißen Schwan auf, Ihr werdet es mit ihm ab⸗ — machen; ich, was 1nh betrifft, da mir der Prozeß ſer ſo ſchwer zu entſcheiden ſcheint, als der, welcher vor 4 en den ſeligen König Salomo gebracht wurde, und da ich 8* mir ſeine Weisheit zu beſitzen nicht anmaße, werde mich darauf beſchränken, daß ich meinen Bericht ab⸗ faſſe, das Vorhandenſein der ſchwarzen Tulpe conſta⸗ 220 tire und die hunderttauſend Gulden ihrem Erfinder anweiſe. Lebet wohl, mein Kind.“ „Ohl Herr! Herr!“ flehte Roſa. „Nur, mein Kind,“ fuhr van Syſtens fort,„da Ihr hübſch ſeid, da Ihr jung ſeid, da Ihr noch nicht ganz verdorben ſeid, empfangt einen Rath von mir: Benehmt Euch klug bei dieſer Sache, denn wir haben ein Gericht und ein Gefängniß in Harlem; mehr noch, wir ſind äußerſt kitzelig im Punkte der Ehre der Tul⸗ pen. Geht, mein Kind, geht. Herr Iſaak Bortel, Gaſthof zum weißen Schwan.“ Kienach nahm Herr van Syſtens ſeine ſchöne Feder wieder auf und ſetzte ſeinen unterbrochenen Bericht fort. XXV. Ein Mitglied der Gartenbau⸗Geſellſchaft. Verwirrt, beinahe toll vor Freude und Furcht bei dem Gedanken, die ſchwarze Tulpe ſei wieder ge⸗ funden, ſchlug Roſa den Weg nach dem Gaſthof zum weißen Schwan ein, immer gefolgt von ihrem Schiffer, einem kräftigen Kinde Frieslands, das im Stande ge⸗ weſen wäre, allein zehn Boxtel zu verſchlingen. 3 Unter Weges wurde dem Schiffer die Sache aus⸗ einandergeſetzt, er wich nicht vor dem Kampfe zurück, im Fall, daß ſich ein ſolcher entſpinnen ſollte; nur hatte er für dieſen Fall Befehl, die Tulpe zu ſchonen. Doch auf dem Marktplatz angelangt, blieb Roſa plötzlich ſtehen, der Minerva von Homer ähnlich, welche Achill in dem Augenblick, wo ſie der Zorn fortreißen will, bei den Haaren packt; ein Gedanke hatte ſie erfaßt, „Mein Gott,“ murmelte ſie,„ich habe vielleicht Cornelius, die Tulpe und mich in's Verderben geſtürzt. = 221 „Ich habe Lärm geſchlagen, ich habe Verdacht er⸗ regt. Ich bin nur ein Weib, dieſe Männer können ſich gegen mich verbinden, und dann bin ich verloren. „Ohl ich verloren, das wäre nichts, aber Corne⸗ lius, aber die Tulpe!“ Sie ſammelte ſich einen Augenblick. „Wenn ich zu dieſem Boxtel gehe, und ich kenne ihn nicht, wenn dieſer Boxtel nicht mein Jacob iſt, wenn es ein anderer Liebhaber iſt, der auch die ſchwarze Tulpe entdeckt hat, oder wenn meine ſchwarze Tulpe von einem Andern, als dem, welchen ich im Verdacht habe, geſtohlen worden oder ſchon in andere Hände übergegangen iſt, wenn ich den Mann nicht erkenne, ſondern nur die Tulpe, wie ſoll ich beweiſen, daß die Tulpe mir gehört? „Andererſeits, wenn ich in dieſem Boyxtel den falſchen Jacob erkenne, wer weiß, was geſchieht, wäh⸗ rend wir mit einander ſtreiten, wird die Tulpe ſterben. Ohl heilige Jungfrau, gib mir einen Gedanken ein, es handelt ſich um mein Leben, es handelt ſich um den armen Gefangenen, der vielleicht in dieſem Augenblick verſcheidet.“ Nach dieſem Gebete wartete Roſa frommer Weiſe auf die Eingebung, die ſie vom Himmel verlangte. Ein gewaltiger Lärmen ſummte indeſſen am Ende des Marktplatzes: die Leute liefen, die Thüren wurden geöffnet; Roſa allein war unempfindlich für dieſe Be⸗ wegung der Einwohnerſchaft. „Wir müſſen zum Präſidenten zurückkehren,“ mur⸗ melte ſie. „Kehren wir zurück,“ ſagte der Schiffer. Sie gingen durch die kleine Strohgaſſe, welche gerade zu der Wohnung von Herrn van Syſtens führte, der fortwährend mit ſeiner ſchönſten Schrift und ſeiner beſten Feder an ſeinem Bericht arbeitete. Ueberall auf ihrem Wege hörte Roſa nur von der ſchwarzen Tulpe und dem Preis von hunderttauſend 222 Gulden reden; die Nachricht war ſchon in der Stadt im Umlauf. Roſa hatte keine Mühe, abermals bis zu Herrn van Syſtens vorzudringen, der ſich, wie das erſte Mal, bei dem Zauberwort ſchwarze Tulpe ganz ergriffen fühlte. Als er aber Roſa erkannte, aus der er in ſeinem Innern eine Wahnſinnige oder etwas noch Schlimmeres gemacht hatte, da packte ihn der Zorn, und er wollte ſie wegſchicken. Doch Roſa faltete die Hände und ſprach mit jenem Ausdruck redlicher Wahrheit, der ſeinen Weg in die Herzen findet: „Herr, in des Himmels Namenl!l ſtoßt mich nicht zurück; höret im Gegentheil an, was ich Euch ſagen werde, und wenn Ihr mir nicht könnt Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſo werdet Ihr Euch wenigſtens nicht eines Tags im Angeſicht Gottes vorzuwerfen haben, Ihr ſeid der Mitſchuldige einer ſchlechten Hand⸗ lung geweſen.“ Van Syſtens ſtampfte vor Ungeduld mit den Füßen; es war das zweite Mal, daß ihn Roſa in der Abfaſ⸗ ſung ſeines Berichtes ſtörte, in den er ſeine doppelte Eitelkeit als Bürgermeiſter und als Präſident der Gar⸗ tenbau⸗Geſellſchaft ſetzte. „Aber mein Bericht!“ rief er,„mein Bericht über die ſchwarze Tulpe!“ „Herr,“ fuhr Roſa mit der Feſtigkeit der Unſchuld und der Wahrheit fort,„Herr, Euer Bericht über die ſchwarze Tulpe wird, wenn Ihr mich nicht anhört, auf verbrecheriſchen Thatſachen oder auf falſchen That⸗ ſachen beruhen. Ich flehe Euch an, Herr, beruft hier⸗ her vor Euch und vor mich den Herrn Bortel, von dem ich behaupte, es ſei Herr Jacob, und ich ſchwöre Euch bei Gott, daß ich ihm das Eigenthum der Tulpe laſſe, wenn ich nicht ſowohl die Tulpe, als ihren Be⸗ ſitzer erkenne.“ „Eine ſchöne Verſicherung!“ 69 ☛32 192882S 223 „Was wollt Ihr hiemit ſagen?“ „Ich frage Euch: was wird es beweiſen, wenn Ihr ſie erkannt habt?“ „Aber Ihr ſeid doch ein ehrlicher Mann, Herr!“ rief Roſa in Verzweiflung.„Bedenkt, wenn Ihr den Preis einem Menſchen nicht nur für ein Werk, das er nicht gemacht hat, ſondern ſogar für ein geſtohlenes Werk geben würdet?“ Der Ausdruck von Roſa hatte vielleicht einer ge⸗ wiſſen Ueberzeugung Eingang in das Herz von Herrn van Syſtens verſchafft, als ſich auf der Straße ein gewaltiger Lärmen hörbar machte, der ganz einfach eine Vermehrung des Geräuſches zu ſein ſchien, welches Roſa, ohne ihm ein Gewicht beizulegen und ohne daß es ſie aus ihrem inbrünſtigen Gebet zu erwecken ver⸗ mochte, ſchon auf dem Marktplatz gehört hatte. Schallende Zurufe erſchütterten das Haus. Herr van Syſtens horchte auf dieſe Zurufe, welche Anfangs für Roſa kein Lärm geweſen, und nun für ſie nur ein gewöhnlicher Lärm waren. „Was iſt das?“ rief der Bürgermeiſter,„was iſt das? wäre es möglich, und habe ich recht gehört?“ Und er ſtürzte in ſein Vorzimmer, ohne ſich mehr um Roſa zu bekümmern, die er in ſeinem Cabinet ließ. Kaum war van Syſtens in ſein Vorzimmer ge⸗ langt, als er einen Schrei ausſtieß, da er das Schau⸗ ſpiel gewahrte, das ſich ſeiner Treppe bis zur Haus⸗ flur bemächtigt hatte. Begleitet oder vielmehr gefolgt von der Menge, ſtieg ein junger Mann, in einem einfachen ſilbergeſtick⸗ ten Kleide von veilchenblauem Sammet, mit einer edlen Langſamkeit die von Weiße und Reinlichkeit glänzenden ſteinernen Stufen herauf. Hinter ihm gingen zwei Offieiere, der eine von der Marine, der andere von der Reiterei. Van Syſtens ließ ſich mitten durch die erſchrocke⸗ nen Diener Platz machen, verbeugte ſich und warf ſich 224 beinahe nieder vor dem Ankömmling, der all dieſen Lärm verurſachte. „Gnädigſter Herr,“ rief er.„Eure Hoheit bei mirn kine ewig glänzende Ehre für mein niedriges aus!“ „Lieber Herr van Syſtens,“ erwiederte Wilhelm von Oranien mit einer Freundlichkeit, die bei ihm das Lächeln erſetzte,„ich bin ein ächter Holländer, ich liebe das Waſſer, das Bier und die Blumen, zuweilen ſogar den Käſe, deſſen Geſchmack die Franzoſen hochſchätzen; unter den Blumen ſind diejenigen, welchen ich den Vor⸗ zug gebe, natürlich die Tulpen. Ich habe in Leyden ſagen hören, die Stadt Harlem beſitze endlich die ſchwarze Tulpe, und nachdem ich mich verſichert, daß dies wahr, obgleich unglaublich, komme ich, um mir hierüber Mit⸗ theilung vom Präſidenten der Gartenbau⸗Geſellſchaft zu erbitten.“ „Oh! gnädigſter Herr,“ ſprach van Syſtens ent⸗ zückt,„welche Eyre für die Geſellſchaft, wenn ihre Ar⸗ beiten Wohlgefallen bei Eurer Hoheit finden!“ „Ihr habt die Blume hier?“ fragte der Prinz, der Psohne Zweifel ſchon bereute, zu viel geſprochen zu aben. „Ach! gnädigſter Herr, ich habe ſie nicht hier!“ „Wo iſt ſie?“ „Bei ihrem Eigenthümer.“ „Wer iſt ihr Eigenthümer?“ „Ein wackerer Tulpiſt aus Dortrecht.“ „Aus Dortrecht?“ „Ja. „Und er heißt?“ „Boyxtel.“ „Er wohnt?“ 3 1 „Im Weißen Schwan; ich werde ihn ſogleich rufen, und will mir Eure Hoheit mittlerweile die Ehre erweiſen, in den Salon einzutreten, ſo wird er ſich beeilen, ſeine Tulpe dem gnädigſten Herrn zu bringen. H w ſen 225 „Es iſt gut, ruft ihn.“ „Ja, Eure Hoheit. Nur...“ Was?“ „Oh! nichts Wichtiges, gnädigſter Herr.“ „Alles iſt wichtig auf dieſer Welt, Herr van Syſtens.“ „Es hat ſich eine Schwierigkeit erhoben, Eure Hoheit.“ „Welche?“ „Auf dieſe Tulpe haben ſchon Uſurpatoren Anſpruch venchi Allerdings iſt ſie hunderttauſend Gulden werth.“ „Wahrhaftig!“. „Ja, gnädigſter Herr, Uſurpatoren, Fälſcher.“ „Das iſt ein Verbrechen, Herr van Syſtens.“ „Ja, Eure Hoheit.“ „Habt Ihr Beweiſe von dieſem Verbrechen?“ „Nein, gnädigſter Herr, die Schuldige...“ „Die Schuldige?“ „ Ich meine diejenige, welche die Tulpe reclamirt, iſt da, im Zimmer nebenan.“ „Da! Was denkt Ihr von der Sache, Herr van Syſtens?“ „Ich denke, der Köder der hunderttauſend Gulden wird ſie in Verſuchung geführt haben.“ „Und ſie reclamirt die Tulpe?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Und was gibt ſie als Beweis an?“ „Ich war im Begriff, ſie zu befragen, als Eure Hoheit erſchien.“ „Hören wir ſie, Herr van Syſtens; ich bin der erſte Beamte des Landes; ich werde die Sache ver⸗ nehmen und Recht ſprechen. „Da iſt mein König Salomo gefunden,“ ſprach van Spſtens, indem er ſich verbeugte und dem Prinzen den Weg zeigte. ſ 3 Die ſchwarze Tulpe. 226 Dieſer wollte dem Bürgermeiſter vorangehen, doch plötzlich blieb er ſtehen und ſagte: „Geht Ihr voran und nennt mich: mein Herr.“ Sie traten in das Cabinet ein. Roſa ſtand immer noch am Fenſter und ſchaute durch die Scheiben in den Garten. „Ah! ahl eine Frieſin,“ ſagte der Prinz, als er den goldenen Kopfputz und den rothen Rock von Roſa erblickte. Sie wandte ſich bei dem Geräuſch um, doch ſie ſah den Prinzen kaum, da er ſich in den dunkelſten Winkel des Zimmers ſetzte. Ihre ganze Aufmerkſamkeit war, wie ſich leicht begreifen läßt, auf die wichtige Perſon gerichtet, die man van Syſtens nannte, und nicht auf den demüthi⸗ gen Fremden, der dem Herrn des Hauſes folgte und ſich wahrſcheinlich nicht nannte. Der demüthige Fremde nahm ein Buch aus der Bibliothek und bedeutete van Syſtens durch ein Zeichen, er möge das Verhör beginnen. Auf die Einladung des jungen Mannes mit dem veilchenblauen Kleide ſetzte ſich van Syſtens ebenfalls und begann, ganz glücklich und ganz ſtolz auf die Wich⸗ tigkeit, die man ihm zugeſtand: „Meine Tochter, Ihr verſprecht mir die Wahrheit, die volle Wahrheit über die Tulpe?“ „Ich verſpreche ſie Euch.“ „So erklärt Euch vor dieſem Herrn, dieſer Herr iſt eines der Mitglieder der Gartenbau⸗Geſellſchaft.“ „Mein Herr,“ erwiederte Roſa,„was ſoll ich Euch ſagen, was ich Euch nicht ſchon geſagt hätte?“ „Nun, alſo?“ „Ich wiederhole die Bitte, die ich an Euch ge⸗ richtet habe.“ „Welche Bitte?“ „Herrn Boxtel mit ſeiner Tulpe hierher kommen zu laſſen; erkenne ich dieſe nicht als die meinige, ſo werde — 227 ich es offen ſagen; erkenne ich ſie dagegen, ſo werde ich Anſpruch darauf machen, und müßte ich mit meinen Beweiſen in der Hand bis vor Seine Hoheit den Herrn Stadhouder ſelbſt gehen.“ „Ihr habt alſo Beweiſe, mein ſchönes Kind?“ lie„Gott, der mein gutes Recht kennt, wird mir iefern.“. Van Syſtens wechſelte einen Blick mit dem Prin⸗ zen; dieſer ſchien in ſeinen Erinnerungen zu ſuchen, als hörte er nicht zum erſten Mal die weiche Stimme des Mädchens. Ein Officier ging ab, um Bortel zu holen. Van Spyſtens ſetzte das Verhör fort. „Und worauf gründet Ihr die Behauptung, daß Ihr die Eigenthümerin der ſchwarzen Tulpe ſeid?“ „Auf etwas ſehr Einfaches, darauf, daß ich ſie in meinem eigenen Zimmer gepflanzt und gepflegt habe.“ „In Eurem Zimmer, und wo war Euer Zimmer?“ „In Lövenſtein.“ „Ihr ſeid von Lövenſtein?“ f„Ich bin die Tochter des Kerkermeiſters der Fe⸗ ung.“ 3 Der Prinz machte eine kleine Bewegung, welche beſagen wollte: „Ahl ſo iſt es, ich erinnere mich nun.“ Und während er ſich ſtellte, als läſe er, ſchaute er Roſa noch aufmerkſamer, als zuvor, an. „Und Ihr liebt die Blumen?“ fuhr van Syſtens fort. „Ja, Herr.“ „Somit ſeid Ihr eine gelehrte Blumiſtin?“ „Roſa zögerte einen Augenblick, dann ſagte ſie mit einem Ausdruck, den ſie aus dem Tiefſten ihres Herzens genommen: „Meine Herren, ich ſpreche mit Ehrenmännern.“ Dieſer Ausdruck war ſo wahr, daß van Syſtens und der Prinz gleichzeitig durch eine bejahende Kopf⸗ bewegung antworteten. 137 228 „Nun denn! nein, nicht ich bin eine gelehrte Blu⸗ miſtin, ich bin nur ein armes Mädchen aus dem Volke, eine arme Bäuerin aus Friesland, die noch vor drei Monaten nicht ſchreiben und nicht leſen konnte. Nein, die ſchwarze Tulpe iſt nicht durch mich gefunden worden.“ „Durch wen iſt ſie denn gefunden worden?“ „Durch einen armen Gefangenen von Lövenſtein.“ „Durch einen Gefangenen von Lövenſtein?“ ſagte der Prinz. Beim Ton dieſer Stimme bebte Roſa ebenfalls. „Durch einen Staatsgefangenen alſo, fuhr der Prinz fort,„denn in Lövenſtein gibt es nur Staats⸗ gefangene.“ „Err las in ſeinem Buch weiter, oder gab ſich we⸗ nigſtens den Anſchein, als läſe er. „Ja,“ murmelte Roſa zitternd,„ja, durch einen Staatsgefangenen.“ Van Syſtens erbleichte, als er ein ſolches Bekennt⸗ niß vor einem ſolchen Zeugen ausſprechen hörte. „Fahret fort,“ ſagte Wilhelm mit kaltem Ton zum Präſidenten der Gartenbau⸗Geſellſchaft. „Ohl Herr,“ rief Roſa, indem ſie ſich an denjeni⸗ gen wandte, den ſie für ihren wahren Richter hielt, „ich werde mich ſchwer anſchuldigen.“ „In der That,“ ſprach van Syſtens,„die Staats⸗ gefangenen ſollen in Lövenſtein in engem Gewahrſam gehalten werden...“ „Ach! Herr...“ „Und nach dem, was Ihr ſagt, würde es ſcheinen, als hättet Ihr Eure Stellung als Tochter des Kerker⸗ meiſters benützt und mit ihm Umgang gepflogen, um Blumen zu cultiviren.“ „Ja, Herr,“ antwortete Roſa ganz verwirrt,„ja, ich muß geſtehen, ich ſah ihn alle Tage. „Unglückliche!“ rief Herr van Syſtens. Der Prinz ſchaute empor und gewahrte die Angſt von Roſa und die Bläße des Präſidenten. 229 „Das geht die Mitglieder der Gartenbau⸗Geſell⸗ ſchaft nichts an,“ ſagte er mit ſeiner ſcharfen, feſten Betonung;„ſie haben über die ſchwarze Tulpe zu ur⸗ theilen und kennen politiſche Vergehen nicht. Fahret fort, Mädchen, fahret fort.“ Van Spyſtens dankte durch einen beredten Blick im Namen der Tulpen dem neuen Mitglied der Gartenbau⸗ Geſellſchaft. Beruhigt durch die Ermuthigung, die ihr der Un⸗ bekannte gegeben, erzählte Roſa Alles, was ſeit drei Monaten vorgefallen war, Alles, was ſie gethan, Alles, was ſie gelitten. Sie ſprach von dem harten Beneh⸗ men von Gryphus, von der Vernichtung erſten Brutzwiebel, vom Schmerz des Gefangenen, von den Vorſichtsmaßregeln, die man genommen, damit die zweite Brutzwiebel zu einem guten Ziel gelangte, von der Geduld des Gefangenen, von ſeinen Aengſten während ihrer Trennung; wie er habe Hungers ſterben wollen, weil er keine Kunde mehr von ſeiner Tulpe erhalten; von der Freude, die er bei ihrer Wiedervereinigung empfunden, von Beider Verzweiflung endlich, als ſie geſehen, wie ihnen die Tulpe, welche geblüht, eine 1 Stunde„ nachdem ſie ſich erſchloſſen, geſtohlen wor⸗ den ſei. Dies Alles ſprach ſie mit einem Ausdruck von Wahrheit, der den Prinzen ſcheinbar unempfindlich ließ, auf Herrn van Syſtens aber ſeine Wirkung hervor⸗ brachte. „Es iſt noch nicht lange her, daß Ihr den Gefan⸗ genen kennt?“ fragte der Prinz. 1. Roſa machte große Augen und blickte den Unbe⸗ kannten an, der ſich in den Schatten vertiefte, als hätte er dieſen Blick fliehen wollen. „Warum, Herr?“ ſagte ſie.“ „Weil der Kerkermeiſter Gryphus und ſeine Tochter erſt vier Monate in Lövenſtein ſind.“ „Das iſt wahr, Herr.“ 8 230 „Wenn Ihr nicht etwa die Verſetzung Eures Vaters nachgeſucht habt, um einem Gefangenen zu folgen, den man vom Haag nach Lövenſtein gebracht...“ „Herr!“ ſtammelte Roſa erröthend. „Vollendet,“ ſprach Wilhelm. 1 ach geſtehe es, ich hatte den Gefangenen im Haag gekannt.“ „Glücklicher Gefangener!“ ſagte Wilhelm lächelnd. In dieſem Augenblick kehrte der Officier zurück, der zu Boytel abgeſchickt worden war, und meldete dem Prinzen, derjenige, welchen er geholt, folge ihm mit der Tulpe auf dem Fuß. XXVI. Die dritte Brutzwiebel. Kaum war Bortel angekündigt, als er auch in Perſon in den Salon von Herrn van Syſtens eintrat; es folgten ihm zwei Männer, welche in einer Kiſte die koſtbare Bürde trugen, die ſie auf einen Tiſch ſetzten. Benachrichtigt, verließ der Prinz das Cabinet, ging in den Salon, bewunderte, ſchwieg, und nahm ſchweigſam ſeinen Platz in der dunklen Ecke wieder ein, in die man ihm ſeinen Lehnſtuhl geſtellt hatte. Zitternd, bleich, voll Angſt, wartete Roſa, daß man ſie auffordere, ebenfalls zu ſehen. Sie hörte die Stimme von Boyxtel. „Er iſt es!“ rief ſie..„ Der Prinz bedeutete ihr durch ein Zeichen, ſie möge durch die ein wenig geöffnete Thüre in den Salon ſchauen. „Es iſt meine Tulpe,“ rief Roſa,„ſie iſt es, ich erkenne ſie. Ohl mein armer Cornelius!“ ☛£☛ 231 ers Und ſie zerfloß in Thränen. den Der Prinz ſtand auf und ging bis zur Thüre, wo er einen Moment im Lichte blieb. Die Augen von Roſa hefteten ſich auf ihn. Mehr als je war ſie überzeugt, es ſei nicht das erſte Mal, aag daß ſie dieſen Fremden ſehe.. 5„Herr Boyxtel,“ ſprach der Prinz,„tretet doch nd. erein.“ ück, Boxtel lief voll Eifer herbei und ſah ſich von An⸗ dem heſicht zu Angeſicht dem Prinzen von Oranien gegen⸗ ni über. mij„Seine Hoheit!“ rief er zurückweichend. „Seine Hoheit!“ wiederholte Roſa ganz betäubt. Als er dieſen Ausruf zu ſeiner Linken hörte, wandte ſich Boxtel um und erblickte Roſa. Bei ihrem Anblick ſchauerte Boxtel am ganzen Leib wie bei der Berührung einer Volta'ſchen Säule. „Ah!“ murmelte der Prinz, mit ſich ſelbſt ſprechend, „er iſt beunruhigt.“ Aber durch eine mächtige Anſtrengung gegen ſich in ſelbſt hatte ſich Boxtel ſchon wieder erholt. at;„Herr Boxtel,“ ſagte Wilhelm,„es ſcheint, Ihr die habt das Geheimniß der ſchwarzen Tulpe gefunden?“ ten.„Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete Bortel mit net, einer Stimme, die eine gewiſſe Beklommenheit verrieth. ahm Seine Beklommenheit konnte allerdings von der der Gemüthsbewegung herrühren, die den Tulpiſten er⸗ griffen, als er Wilhelm erkannt hatte. daß„Doch dieſe junge Perſon hier behauptet, ſie habe es auch gefunden,“ fuhr der Prinz fort. Boxtel lächelte verächtlich und zuckte die Achſeln. Wilhelm folgte allen ſeinen Bewegungen mit merk⸗ öge würdiger Neugierde und Theilnahme. lon Pri„Ihr kennt das Mädchen alſo nicht?“ fragte der rinz. ich„Nein, gnädigſter Herr.“ „Und Ihr, Mädchen, kennt Ihr Herrn Bortel?“ 232 „Nein, ich kenne Herrn Boxtel nicht, doch ich kenne Herrn Jacob.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß in Lövenſtein derjenige, welcher ſich hier Iſaak Boxtel nennen läßt, ſich Herr acob nannte.“„ „Was ſagt Ihr hiezu, Herr Boxtel?“ „Das Mädchen lügt, gnädigſter Herr.“ „Ihr leugnet, je in Lövenſtein geweſen zu ſein?“ Bortel zögerte; das ſtarre, gebieteriſch forſchende Auge des Prinzen verhinderte ihn, zu lügen. „Ich kann nicht leugnen, daß ich in Lövenſtein ge⸗ heien bin⸗ doch ich leugne, daß ich die Tulpe geſtohlen abe.“ „Ihr habt ſie mir geſtohlen, und zwar aus meinem Zimmer,“ rief Roſa entrüſtet.„Leugnet Ihr, daß Ihr mir in den Garten gefolgt ſeid, an dem Tag, wo ich das Beet bereitete, in welche ich ſie eingraben ſollte? Leugnet Ihr, daß Ihr mir in den Garten gefolgt ſeid, an dem Tag, wo ich mich ſtellte, als pflanzte ich ſie? Leugnet Ihr, daß Ihr Euch an dieſem Tag, nachdem ich weggegangen, auf den Ort geſtürzt habt, wo Ihr die Brutzwiebel zu finden hofftet? Leugnet Ihr, daß Ihr mit Euren Händen die Erde durchwühlt habt, doch vergebens, Gott ſei Dank! denn das war nur eine Liſt, um Eure Abſichten kennen zu lernen. Sprecht, leugnet Ihr dies Alles?“ 3 Bortel hielt es nicht für geeignet, auf dieſe ver⸗ ſchiedenen Fragen zu antworten. Er verließ die von Roſa eröffnete Polemik, wandte ſich gegen den Prinzen und ſprach: „Seit zwanzig Jahren cultivire ich Tulpen in Dortrecht, ich habe mir ſogar einen gewiſſen Ruf in dieſer Kunſt erworben, eine von meinen Hybriden führt im Katalog einen berühmten Namen; ſie iſt von mir dem König von Portugal dedieirt worden. Vernehmt nun die Wahrheit. Dieſe junge Perſon wußte, daß ich =SS,Sͤ eine Flamme, und die Kälte des 233 die ſchwarze Tulpe gefunden, und im Einverſtänd⸗ niß mit einem gewiſſen Liebhaber, den ſie in der Fe⸗ ſtung Lövenſtein hat, entwarf ſie den Plan, mich dadurch zu Grunde zu richten, daß ſie ſich den Preis von hundert⸗ tauſend Gulden aneignen wollte, den ich durch Eure Gerechtigkeit zu gewinnen hoffe.“ „Oh!“ rief Roſa, außer ſich vor Zorn. „Stille!“ ſagte der Prinz. Dann wandte er ſich an Bortel und fragte: „Und wer iſt der Gefangene, von dem Ihr be⸗ hauptet, er ſei der Liebhaber des Mädchens?“ Roſa wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, denn der Gefangene war vom Prinzen als ein großer Ver⸗ brecher der Wachſamkeit empfohlen. 3 Nichts konnte Boxtel angenehmer ſein, als dieſe rage. „Wer dieſer Gefangene ſei?“ fragte er. a 44 „Dieſer Gefangene, gnädigſter Herr, iſt ein Mann, deſſen Name allein Eurer Hoheit beweiſen wird, wie ſehr ſie ſeiner Redlichkeit vertrauen darf. Dieſer Ge⸗ fangene iſt ein Staatsverbrecher, der ſchon einmal zum Tod verurtheilt geweſen.“ „Und er heißt?“ Roſa verbarg mit einer verzweifelten Bewegung ihren Kopf in ihren Händen. „Er heißt Cornelius van Baerle und iſt der Täuf⸗ ling des ruchloſen Cornelius de Witt,“ antwortete Boxtel. 1 Der Prinz bebte. Sein ges Auge ſchleuderte TCodes verbreitete ſich abermals über ſeinem unbeweglichen Geſicht. Er ging auf Roſa zu und hieß ſie durch ein Jei chen mit dem ꝛger die Hände von ihrem Geſich entfernen. Roſa gehorchte, wie es, ohne zu ſehen, eine einer magnetiſchen Gewalt unterworfene Frau gethan huͤtt. 8 234 Aum dieſem Mann zu folgen, habt Ihr mich alſo in. eyden um den Stellentauſch Eures Vaters ge⸗ eten!“ Roſa neigte das Haupt, ſank gelähmt zuſammen und murmelte: „Ja, gnädigſter Herr.“ „Fahret fort,“ ſprach der Prinz zu Boyxtel. „Ich habe nichts mehr zu ſaͤgen,“ erwiederte dieſer, „Eure Hoheit weiß Alles. Vernehmet nur, was ich nicht offenbaren wollte, um dieſes Mädchen nicht über ſeine Undankbarkeit erröthen zu machen. Ich kam nach Lövenſtein, weil mich meine Geſchäfte dahin riefen; ich machte Bekanntſchaft mit dem alten Gryphus und verliebte mich in ſeine Tochter; ich warb um ihre Hand, und da ich nicht reich war, entdeckte ich ihr un⸗ kluger Weiſe meine Hoffnung, hunderttauſend Gulden zu bekommen; und um dieſe Hoffnung zu rechtfertigen, zeigte ich ihr die ſchwarze Tulpe. Dann, da ihr Lieb⸗ haber in Dortrecht, um bei ſeinen Komplotten von der Fährte abzubringen, zum Schein Tulpen cultivirte, ver⸗ ſchworen ſich Beide zu meinem Verderben. Am Vorabend des Erſchließens der Blume iſt nun die Tulpe von dieſer jungen Perſon bei mir entwendet und in ihr Zimmer ge⸗ tragen worden; ich hatte das Glück, ſie dort in dem Au⸗ genblick wieder zu nehmen, wo ſie die Frechheit gehabt hatte, einen Boten abzuſenden, um die Herren Mit⸗ glieder der Gartenbau⸗Geſellſchaft zu benachrichtigen, ſie habe die große ſchwarze Tulpe gefunden. Doch ſie ließ ſich dadurch nicht außer Faſſung bringen. Ohne Zweifel hat ſie während der zwei Stunden, die ſie die Tulpe in ihrem Zimmer gehabt, dieſe einigen Perſonen gezeigt, welche ſie zur Zeugſchaft auffordern wird. Zum Glück aber ſeid Ihr nun gegen dieſe Intrigantin und ihre Zeugen gewarnt, Znädigſter Herr.“ „Ohl mein Gott! mein Gott! der Schändliche!“ ſeufzte Roſa in Thränen. Und ſie warf ſich dem Stadhouder zu Füßen... e eSereee, e—— 2— 235 Wohl hielt er ſie für ſchuldig, aber er bekam Mitleid mit ihrer entſetzlichen Angſt. 3 „Ihr habt ſchlimm gehandelt, Mädchen,“ ſagte er, „Euer Liebhaber wird beſtraft werden, daß er Euch ſo gerathen hat. Denn Ihr ſeid ſo jung und habt ein ſo ehrliches Ausſehen, daß ich glauben will, das Böſe komme von ihm und nicht von Euch.“ „Oh! gnädigſter Herr!“ rief Roſa,„Cornelius iſt nicht ſchuldig.“ Wilhelm machte eine Bewegung. „Nicht ſchuldig, Euch gerathen zu haben. Nicht wahr, das wollt Ihr ſagen?“ 4 *„Gnädigſter Herr, ich will ſagen, Cornelius ſei ebenſo wenig des zweiten Vergehens, das man ihm aufbürdet, ſchuldig, als er des erſten ſchuldig iſt.“ „Des erſten, und wißt Ihr, was dieſes erſte Ver⸗ gehen geweſen iſt? Wißt Ihr, weſſen er angeſchuldigt und überwieſen worden iſt? Daß er als Genoſſe von Cornelius de Witt die Correſpondenz des Großpenſio⸗ närs mit dem Marquis von Louvois verborgen hat.“ „Gnädigſter Herr, er wußte nicht, daß er der Beſitzer dieſer Correſpondenz war; er wußte durchaus nichts davon. Ei, mein Gott! er hätte es mir geſagt. Hätte dieſes Demantherz ein Geheimniß, das es be⸗ ſeſſen, vor mir verbergen können? Nein, nein, Ho⸗ heit, ich wiederhole Euch, und müßte ich mich Eurem Zorn ausſetzen, Cornelius iſt ebenſo wenig des erſten Verbrechens, als des zweiten, des zweiten, als des erſten ſchuldig. Oh! wenn Ihr meinen Cornelius ken⸗ nen würdet, gnädigſter Herr? „Ein de Witt!“ rief Boxtel.„Ei! Seine Hoheit kennt ihn nur zu ſehr, da ſie ihm ſchon einmal das Leben geſchenkt hat.“ 4. „Stille,“ ſprach der Prinz.„Ich habe bereits geſagt, alle dieſe Staatsangelegenheiten gehören nicht zum Reſſort der Gartenbau⸗Geſellſchaft von Harlem.“ 236 Dann faltete er die Stirne und fügte bei: „Was die Tulpe betrifft, Herr Boxtel, ſeid unbe⸗ ſorgt, es ſoll Recht geſchehen.“ Boxtel verbeugte ſich, das Herz voll Freude, und empfing die Glückwünſche des Präſidenten. „Ihr, Mädchen,“ fuhr Wilhelm von Oranien fort, „Ihr waret nahe daran, ein Verbrechen zu begehen, ich werde Euch nicht dafür beſtrafen, aber der wahre Schuldige ſoll für Beide bezahlen. Ein Mann von ſeinem Namen kann conſpiriren, verrathen ſogar... doch er ſoll nicht ſtehlen.“ „Stehlen!“ rief Roſa,„ſtehlen! er, Cornelius! oh! gnädigſter Herr, nehmt Euch in Acht; er würde ſterben, wenn er Eure Worte hörte; Eure Worte wür⸗ den ihn ſicherer tödten, als es das Beil des Henkers auf dem Buitenhof gethan hat. Iſt ein Diebſtahl be⸗ gangen worden, Hoheit, ſo ſchwöre ich Euch, daß ihn dieſer Menſch hier begangen hat.“ „Beweiſt es,“ ſprach Boxtel kalt. „Wohl denn, ja, mit der Hülfe Gottes werde ich es beweiſen,“ ſagte die Frieſin voll Energie. Dann ſich an Borxtel wendend: „Die, Tulpe gehörte Euch?“ „. „Wie viel Brutzwiebeln hatte ſie?“ Boxtel zögerte einen Augenblick, doch er begriff, das Mädchen würde dieſe Frage nicht thun, wenn die zwei bekannten Brutzwiebeln allein vorhanden geweſen wären. „Drei,“ antwortete er. „Was iſt aus dieſen Brutzwiebeln geworden?“ fragte Roſa. „Was aus ihnen geworden iſt?... Die eine hat fehlgeſchlagen, die andere hat die ſchwarze Tulpe ge⸗ geben...“ „Und die dritte?“ „Die dritte?“ 237 „Die dritte, wo iſt ſie?“ „Die dritte iſt bei mir,“ erwiederte Boxtel ſehr beunruhigt. 3. 1 WBei Euch? wo dies, in Lövenſtein oder in Dort⸗ „In Dortrecht.“ „Ihr lügt!“ rief Roſa.„Gnädigſter Herr,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an den Prinzen wandte,„ich will Euch die wahre Geſchichte dieſer drei Brutzwiebeln erzählen. Die erſte iſt von meinem Vater in der Stube des Gefangenen zertreten worden, und das weiß dieſer Menſch wohl, denn er hoffte, ſich derſelben zu bemäch⸗ tigen, und als er dieſe Hoffnung zerſtört ſah, hätte er ſich beinahe mit meinem Vater, der ſie ihm benahm, entzweit. Von mir gepflegt, hat die zweite die ſchwarze Tulpe gegeben, und die dritte, die letzte,“— das Mäd⸗ chen zog ſie aus ſeiner Bruſt,—„die dritte iſt hier in demſelben Papier, in das ſie mit den zwei andern gewickelt war, als Cornelius van Baerle, im Begriff, das Schaffot zu beſteigen, mir alle drei gab. Seht, gnädigſter Herr, ſeht.“ 1 Nach dieſen Worten wickelte Roſa die Brutzwiebel aus dem Papier, mit dem ſie umhüllt war, und reichte ſie dem Prinzen, der ſie in ſeine Hände nahm und unterſuchte. „Aber, Hoheit, kann ſie dieſes Mädchen nicht ge⸗ ſtohlen haben, wie die Tulpe,“ ſtammelte Bortel, er⸗ ſchrocken über die Aufmerkſamkeit, mit der der Prinz die Brutzwiebel unterſuchte, und beſonders über die Aufmerkſamkeit, mit der Roſa ein paar auf das in ihren Händen gebliebene Papier geſchriebene Zeilen las. Plötzlich entflammten ſich die Augen von Roſa, ſie las dieſes geheimnißvolle Papier keuchend noch einmal, ſützueine Schrei aus, reichte es dem Prinzen und prach: 2 „Oh! leſet, gnädigſter Herr, in des Himmels Na⸗ recht men, leſet. 238 Wilhelm gab die dritte Brutzwiebel dem Präſi⸗ denten, nahm das Papier und las. Kaum hatte Wilhelm einen Blick auf das Blatt geworfen, als er wankte; ſeine Hand zitterte, als wäre ſie nahe daran, das Papier entfallen zu laſſen, ſeine Augen nahmen einen fürchterlichen Ausdruck des Schmerzes und des Mitleids an. Das Blatt, das ihm Roſa übergeben hatte, war das Blatt aus der Bibel, welches Cornelius de Witt durch Craeke, den Boten ſeines Bruders Johann, nach Dortrecht geſchickt hatte, um van Baerle zu bitten, die Correſpondenz des Großpenſionärs mit Louvois zu verbrennen. 5 Dieſe Bitte war, wie man ſich erinnert, in fol⸗ gende Worte abgefaßt: „Lieber Pathe, „Verbrenne das Dir Anvertraute, verbrenne es, ohne es anzuſchauen, ohne es zu öffnen, damit es ſelbſt Dir unbekannt bleibt. Die Geheimniſſe von der Art deſſen, welches daſſelbe enthält, bringen dem Verwah⸗ rer den Tod. Verbrenne, und Du wirſt Johann und Cornelius gerettet haben. 1 „Gott befohlen und liebe mich. „20. Auguſt 1672. „Cornelius de Witt.“ Dieſes Blatt war zugleich der Beweis der Un⸗ ſchuld von Cornelius van Baerle und der ſeines Eigen⸗ thumsrechts auf die Brutzwiebeln der ſchwarzen Tulpe. Roſa und der Stadhouder wechſelten einen ein⸗ zigen Blick. Der von Roſa wollte beſagen:„Ihr ſeht wohl.“ Der des Stadhouder bezeichnete:„Schweige und warte.“ Der Prinz wiſchte einen Tropfen kalten Schweißes ab, der von ſeiner Stirne auf ſeine Wange gefloſſen war. Er faltete langſam das Papier zuſammen und — 239 ließ ſeinen Blick mit ſeinem Geiſt in jenen boden⸗ und bülfloſen Abgrund tauchen, den man die Reue und die Scham über die Vergangenheit nennt. Bald erhob er das Haupt mit einer gewiſſen An⸗ ſtrengung und ſagte:. 3 „Geht, Herr Boxtel, es ſoll Recht geſchehen, wie ich verſprochen habe.“ Dann fügte er gegen den Präſidenten gewendet bei: „Ihr, mein lieber Herr van Syſtens, behaltet dieſes Mädchen und die Tulpe hier. Gott befohlen.“ Alle Welt verneigte ſich, und der Prinz ging weg, gebengt unter dem ungeheuren Lärmen des Zurufs der enge. Boxtel kehrte ſehr beängſtigt in den Weißen Schwan zurück. Das Papier, das Wilhelm aus den Hän⸗ den von Roſa empfangen, geleſen, zuſammengelegt und ſo ſorgfältig in die Taſche geſteckt hatte, dieſes Papier beunruhigte ihn. 3 Roſa trat zu der Tulpe, küßte frommer Weiſe das Blatt, ſetzte ihr Vertrauen ganz auf Gott und flüſterte: „Mein Gott, wußteſt Du ſelbſt, zu welchem Ende mein Cornelius mich leſen lehrte?“ Ja, Gott wußte es, da er die Menſchen nach ihren Verdienſten beſtraft und belohnt. XXVII. Das Blumenlied. Während die von uns erzählten Ereigniſſe in Er⸗ füllung gingen, erduldete der unglückliche van Baerle, in ſeiner Stube in der Feſtung Lövenſtein vergeſſen, Alles, was ein Gefangener erdulden kann, wenn ſein 2⁴0 Kerkermeiſter den feſten Entſchluß gefaßt hat, ſich in ſeinen Henker zu verwandeln. Da Gryphus keine Nachricht von Roſa, keine von Jacob erhielt, ſo bildete er ſich ein, Alles, was ihm begegnete, ſei das Werk des böſen Geiſtes, und Cor⸗ nelius van Baerle ſei der Abgeſandte dieſes böſen Geiſtes auf der Erde. Eine Folge hievon war, daß er an einem ſchönen Morgen, am dritten Tag ſeit dem Verſchwinden von Roſa und Jacob, noch wüthender, als gewöhnlich, in die Stube von Cornelius hinaufſtieg. Beide Ellbogen auf das Fenſtergeſimſe geſtützt, den Kopf auf ſeine beiden Hände gelegt, mit den Blicken am nebeligen Horizont hinſchweifend, den die Mühlen von Dortrecht mit ihren Flügeln ſchlugen, zog Cornelius die Luft ein, um ſeine Thränen zurückzudrängen und das Verdunſten ſeiner Philoſophie zu verhindern. Die Tauben waren immer noch da, doch die Hoff⸗ nung war nicht mehr da, doch die Zukunft fehlte. Ach! überwacht konnte Roſa nicht mehr kommen. Könnte ſie nur ſchreiben; und wenn ſie zu ſchreiben bennchte, wie könnte ſie ihm ihre Briefe zukommen aſſen? Nein. Er hatte in den beiden vorhergehenden Ta⸗ gen zu viel Wuth und Bosheit in den Augen des alten Gryphus geſehen, als daß ſeine Wachſamkeit eine Mi⸗ nute nachlaſſen ſollte, und dann hatte ſie nicht außer der Einſperrung, außer der Abweſenheit noch ſchlim⸗ mere Qualen auszuſtehen? Rächte ſich dieſer unge⸗ ſchlachte, zornſüchtige Menſch, dieſer Trunkenbold nicht auf die Art der Väter des griechiſchen Theaters? gab er nicht, wenn ihm der Branntwein in's Gehirn ſtieg, ſeinem Arm, den ihm Cornelius nur zu gut eingerich⸗ tet, die Stärke von zwei Armen und einem Stock? Der Gedanke, Roſa werde vielleicht mißhandelt, brachte Cornelius in Verzweiflung. 3 Er fühlte dann ſeine Nutzloſigkeit, ſeine Ohnmacht, 241 in ſeine Nichtigkeit. Er fragte ſich, ob Gott gerecht ſei, daß er ſo viele Leiden zwei unſchuldigen Geſchöpfen on ſchicke. Und in ſolchen Augenblicken zweifelte er. Das m Unglück macht nicht gläubig. r⸗ Wohl hatte van Baerle den Plan gefaßt, Roſa en zu ſchreiben. Aber wo war Roſa?“ Wohl hatte er den Gedanken, nach dem Haag en ſchreiben, um dem zuvorzukommen, was Gryphu on ohne Zweifel, durch eine Anzeige, an neuen Stürmen in über ſeinem Haupte anhäufen wollte., Doch womit ſchreiben? Gryphus hatte ihm Blei⸗ en ſtifte und Papier genommen. Hätte er aber auch das m Eine und das Andere gehabt, ſo würde doch Gryphus on den Brief ſicherlich nicht zur Beſtellung übernehmen. us Da durchging Cornelius in ſeinem Kopf alle die nd von den Gefangenen angewandten ärmlichen Kniffe. Er hatte auch an eine Flucht gedacht, woran er ff⸗ nicht dachte, wenn er Roſa alle Tage ſehen konnte Doch 3 je mehr er ſich die Sache überlegte, deſto unmöglicher en. kam ihm eine Flucht vor. Er gehörte zu den auser⸗ hen wählten Naturen, die einen Abſcheu vor dem Gemei⸗ nen nen haben und häufig alle gute Gelegenheiten des Lebens verfehlen, weil ſie den Weg des Niedrigen, dieſen großen Weg der mittelmäßigen Leute, der ſie zu Allem führt, nicht eingeſchlagen. „Wie wäre es möglich,“ ſagte Cornelius zu ſich ſelbſt,„wie wäre es möglich, daß ich aus Lövenſtein zu entfliehen vermöchte, von wo einſt Herr Grotius entwichen iſt? Seit dieſer Flucht hat man für Alles vorhergeſehen. Sind nicht die Fenſter verwahrt? ſind nicht die Thüren doppelt oder dreifach? Sind nicht die Poſten zehnmal wachſamer? 54 „Habe ich nicht außer den verwahrten Fenſtern, den doppelten Thüren, den zehnmal wachſameren Po⸗ ſten einen untrüglichen Argus? Einen Argus, der um ſo gefährlicher, als er die Augen des Haſſes hat, dieſer Gryphus? 1 Die ſchwarze Tulpe. 16 24² „Iſt dann nicht noch ein anderer Umſtand, der mich lähmt? Die Abweſenheit von Roſa. Wenn ich zehn Jahre meines Lebens brauchen würde, um eine Feile zum Durchſägen meines Gitters zu verfertigen, um Stricke zu flechten, an denen ich mich aus meinem uſter hinablaſſen könnte, oder um mir Flügel an die zultern zu kleben, um wie Dädalos zu entfliegen... ch ich bin in einer Unglücksperiode. Die Feile wird abſtumpfen, der Strick brechen, meine Flügel werden in der Sonne ſchmelzen. Ich werde mich ſchlecht tödten. Man wird mich als Krüppel an Arm und Bein aufheben. Man wird mich im Muſeum vom Haag zwiſchen dem blutbefleckten Wamms von Wilhelm dem Schweigſamen und der von Staveſen aufgefan⸗ genen Meerfrau claſſificiren, und mein Unternehmen wird nur das Reſultat gehabt haben, daß mir dadurch die Ehre, zu den Curioſitäten Hollands zu gehören, verſchafft worden iſt. „Doch nein, und das iſt beſſer, an einem ſchönen Tag wird Gryphus eine Abſcheulichkeit gegen mich be⸗ gehen. Ich verliere die Geduld, ſeitdem ich die Freude und die Geſellſchaft von Roſa, und beſonders ſeitdem ich meine Tulpen verloren habe. Es iſt nicht zu be⸗ zweifeln, früher oder ſpäter wird Gryphus, ſich an meiner Eitelkeit, an meiner Liebe oder an meiner per⸗ ſönlichen Sicherheit vergreifen. Ich fühle ſeit meiner Einſperrung eine ſeltſame, zänkiſche, unerträgliche Stärke in mir. Es juckt mich die Streitſucht, ich habe Kampf⸗ gelüſte, es dürſtet mich auf eine unbegreifliche Weiſe nach Püffen. Ich werde meinen alten Böſewicht an der Gurgel packen und ihn erwürgen!“— Den Mund zuſammengezogen, das Auge ſtarr, hielt Cornelius bei dieſen letzten Worten eine Minute inne. Er betrachtete gierig in ſeinem Geiſte von allen Seiten einen Gedanken, der ihn anlächelte. „ und dann,“ fuhr Cornelius fort, viſt Gryphus einmal erwürgt, warum ſollte ich ihm nicht die Schlüſſel —————— 8——S—,———————— —— ⏑8— 243 nehmen? warum ſollte ich nicht die Treppe hinabgehen, als hätte ich die tugendhafteſte Handlung begangen? warum ſollte ich nicht Roſa in ihrem Zimmer aufſu⸗ chen? warum ſollte ich ihr nicht das Geſchehene erklä⸗ ren und mit ihr aus ihrem Fenſter in die Waal ſpringen? 1 „Ich kann gut genug für zwei ſchwimmen.*. „Roſa! aber mein Gott, dieſer Gryphus iſt Vater; wie ſtark auch ihre Zuneigung für mich ſein muß, ſie wird es nie billigen, daß ich ihren Vater erwürgt habe, mag er immerhin unendlich brutal und boshaft gegen mich geweſen ſein. Es wird alſo ein Streit. nöthig ſein, während deſſen Schlußrede ein Unterbeam⸗ ter oder ein Schließer kommen wird, der Gryphus noch röchelnd oder völlig erwürgt findet und mir die Hand auf die Schulter legt. Ich ſehe dann den Bui⸗ tenhof wieder und den Blitz des gemeinen Schwertes, das diesmal nicht unter Weges anhalten, ſondern Be⸗ kanntſchaft mit meinem Genick machen wird. Nichts hievon, Cornelius, mein Freund, das iſt ein ſchlechtes Mittel.. „Aber was ſoll dann aus mir werden, und wie ſoll ich Roſa wiederfinden?“ Dies waren die Betrachtungen von Cornelius drei Tage nach der kläglichen Scene der Trennung von Roſa und ihrem Vater, gerade in dem Augenblick, wo wir dem Leſer van Baerle mit dem Ellbogen auf 2 244 hörte ihn Cornelius eintreten, er errieth, daß er es war, aber er drehte ſich nicht um. Er wußte, Roſa würde diesmal nicht hinter ihm kommen. Nichts iſt unangenehmer für Leute, welche von Zorn erfüllt ſind, als die Gleichgültigkeit derjenigen, gegen welche dieſer Zorn gerichtet ſein ſoll. 4 1 Man hat Koſten gehabt, man will ſie nicht ver⸗ lieren. Man hat ſich den Kopf erhitzt, man hat ſein Blut in Wallung gebracht. Es lohnt ſich nicht der Mühe, wenn dieſes Wallen nicht die Befriedigung eines klei⸗ nen Spectakels gewährt. Jeder ehrliche Schurke, der ſeinen böſen Geiſt ge⸗ ſchärft hat, verlangt damit wenigſtens eine gute Wunde irgend Jemand zu machen. Als Gryphus ſah, daß Cornelius ſich nicht rührte, fing er auch damit an, daß er ihn durch ein kräftiges: „Hm! hm!“ aufmerkſam zu machen ſuchte. Cornelius trällerte zwiſchen ſeinen Zähnen das Blumenlied, ein trauriges, aber reizendes Lied, deſſen Inhalt alſo lautet: „„Wir ſind die Töchter des geheimen Feuers, des Feuers, das in den Adern der Erde kreiſt; wir ſind die Töchter der Morgenröthe und des Thaus, wir ſind die Töchter der Luft, wir ſind die Töchter des Waſſers; aber wir ſind vor Allem die Töchter des Himmels.““ † Dieſes Lied, deſſen milde Melancholie die ruhige, ſanfte Melodie vermehrte, brachte Gryphus außer ſich. Er ſtieß mit ſeinem Stock auf den ſteinernen Bo⸗ den un rief: 24 bört Iör mich icht? „Ei! Herr Sänger, hört Ihr mich nicht?“ Cornelius wandte ſich um und ſagte einfach: „Guten Morgen.“ 2 Dann ſetzte er ſeinen Geſang fort: „„Die Menſchen beflecken uns und tödten uns, in⸗ dem ſie uns lieben. Wir ſind mit der Erde durch einen 245 Faden verbunden. Dieſer Faden iſt unſere Wurzel, das heißt, unſer Leben. Aber wir heben unſere Arme ſo hoch, als wir können, zum Himmel empor.““ „Hal verfluchter Herenmeiſter, ich glaube, Du ſpotteſt meiner!“ rief Gryphus. Cornelius fuhr fort: 1 „„Es iſt der Himmel unſer wahres Vaterland, da ihm unſere Seele kommt; weil zu ihm unſere Seele, 3 das heißt unſer Wohlgeruch, zurückkehrt.““ Gryphus näherte ſich dem Gefangenen und ſagte zu ihm: „Du ſiehſt alſo nicht, daß ich das gute Mittel genommen habe, um Dich zahm zu machen und Dich zu zwingen, Deine Verbrechen zu geſtehen?“ „Seid Ihr verrückt, mein lieber Herr Gryphus?”“ erwiederte van Baerle. Und als er das verſtörte Geſicht, die glänzenden Augen, den ſchäumenden Mund des alten Kerkermei⸗ ſters ſah, fügte er bei: „Teufel! wir ſind mehr als verrückt, wie es ſcheint, wir ſind wüthend.“ Gryphus ſchlug ein Rad mit ſeinem Stock. Doch ohne ſich zu bewegen und nur ſachte die Arme kreuzend, ſprach Cornelius: „Ah! Meiſter Gryphus, Ihr ſcheint mir zu drohen.“ „Ahl ja, ich drohe Dir,“ ſchrie der Kerkermeiſter. „Und warum?“ „Sieh einmal, was ich in der Hand habe.“ „Ich glaube, das iſt ein Stock,“ antwortete Cor⸗ nelius ruhig,„und zwar ein graßer Stockz doch ich denke, Lulicht hiemit bedroht Ihr mich?“ „Ah! Du denkſt das nicht? und warum?“ „Weil jeder Kerkermeiſter, der einen Gefangenen ſchlägt, ſich zwei Strafen ausſetzt; die erſte, Art. IX * des Reglement von Lövenſtein: „,Jeder Kerkermeiſter, Aufſeher, Schließer, der 246 enen. GErfande nen mit der Hand angreift, wird weg⸗ gejag.44 „Mit der Hand,“ erwiederte Gryphus, trunken vor Zorn;„aber mit dem Stock. Ahl! vom Stock ſpricht das Reglement nichts.“ „Die zweite,“ fuhr Cornelius fort,„die zweite, die nicht im Reglement aufgeführt iſt, die man aber im Evangelium findet, die zweite heißt: „„Wer mit dem Schwerte ſchlägt, wird durch das Schwert ſterben. „„Wer mit dem Stock anrührt, wird mit dem Stock geprügelt werden.““— Immer wüthender durch den ruhigen, pathetiſchen Ton von Cornelius, ſchwang Gryphus ſeinen Knüttel; doch in dem Augenblick, wo er ihn aufhob, ſtürzte Cornelius auf den Kerkermeiſter los, entriß ihm den Stock und ſchob denſelben unter ſeinen eigenen rm. Gryphus brüllte vor Zorn. „Ruhig, ruhig, mein guter Mann,“ ſagte Corne⸗ lius,„ſetzt Euch nicht der Gefahr aus, Euren Platz zu verlieren.“ 2 „Ah! Hexenmeiſter, ich werde Dich anders pfetzen,“ ſchrie Gryphus. „Gut! gut!“ „Du ſiehſt, daß meine Hand leer iſt.“ „Ja, ich ſehe es, und ſogar zu meiner Freude.“ „Du weißt, daß ſie es gewöhnlich nicht iſt, wenn ich Morgens die Treppe heraufkomme.. „Ahl das iſt wahr, Ihr bringt mir gewöhnlich die ſchlechteſte Suppe oder die kläglichſte Koſt, die man ſich denken kann. Doch das iſt keine Strafe für mich; ich nähre mich nur von Brod, und je ſchlechter das Brod nach Eurem Geſchmack iſt, Gryphus, deſto beſſer iſt es nach dem meinigen.“ „Den beſſer iſt es nach dem Deinigen?“ „ a.“ — 2 G——2 „ 247 „Aus welchem Grund?“ „Ah! der Grund iſt einfach.“ „Sprich.“ „Gern... wenn Du mir ſchlechtes Brod gibſt, glaubſt Du mir ein Leiden zu bereiten.“ „Ich gebe es Dir allerdings nicht, um Dir ange⸗ nehm zu ſein, Schurke.“ 3 „Nun dennl! ich, der ich ein Hexenmeiſter bin, wie Du ſagſt, verwandle Dein ſchlechtes Brod in vortreff⸗ liches Brod, das mich mehr erquickt, als Kuchen, und dann habe ich ein doppeltes Vergnügen, einmal das, nach meinem Geſchmack zu eſſen, ſodann das, Dich wüthend zu machen.“ Gryphus brüllte vor Zorn. „Ahl Du geſtehſt alſo, daß Du ein Hexenmeiſter biſt,“ ſchrie er. „Gewiß, ich bin es. Ich ſage es nicht vor der Welt, weil mich das auf den Scheiterhaufen führen könnte, wie Gaufredy oder Urbain Grandier; aber wenn miranr zu zwei ſind, ſehe ich nichts Ungeeignetes ierin.“ „Gut, gut, gut!“ erwiederte Gryphus.„Doch wenn ein Hexenmeiſter Weißbrod aus Schwarzbrod macht, ſo ſtirbt der Hexenmeiſter nicht Hungers, wenn er gar kein Brod hat.“ „Wie?“ „Ich werde Dir alſo gar kein Brod mehr bringen, und wir wollen nach Verlauf von acht Tagen ſehen.“ Cornelius erbleichte. „Und dies von heute an,“ fuhr Gryphus fort. „Da Du ein ſo guter Hexenmeiſter biſt, verwandle in Brod Dein Zimmergeräthe; ich für meine Perſon werde dabei täglich die ſechs Groſchen gewinnen, die man mir für Deine Nahrung gibt.“ „Das iſt ja ein Mord!“ rief Cornelius, fortge⸗ riſſen durch die erſte Bewegung eines wohlbegreiflichen Schreckens, den ihm dieſe gräßliche Todesart einflößte. 248 „Gut,“ ſpottete Gryphus weiter,„gut, da Du Zauberer biſt, wirſt Du Allem zum Trotz leben.“ Cornelius nahm ſeine lachende Miene wieder an, zuckte die Achſeln und ſagtt: „Habt Ihr nicht geſehen, wie ich die Tauben von Dortrecht hierher kommen ließ?“ „Nun!“ „Die Taube iſt ein guter Braten; ein Menſch, der alle Tage eine Taube äße, würde meines Erachtens nicht Hungers ſterben!“ „Und Feuer?“ ſagte Gryphus. „Feuer! Du weißt wohl, daß ich einen Vertrag mit dem Teufel geſchloſſen habe. Denkſt Du denn, der Teufel werde es mir an Feuer fehlen laſſen, während das Feuer ſein Element iſt?“ 4 „Ein Menſch, ſo kräftig er auch ſein mag, wäre nicht im Stande, alle Tage eine Taube zu eſſen. Es ſind Wetten hierüber gemacht worden, und die Wetten⸗ den haben verzichtet.“ 4 „Gut!“ entgegnete Cornelius,„doch wenn ich der Tauben überdrüſſig bin, laſſe ich die Fiſche aus der Waal und der Maas heraufkommen.“ 1 Gryphus riß erſchrocken die Augen weit auf. „Ich liebe die Fiſche, und Du ſetzeſt mir nie vor,“ fuhr Cornelius fort.„Wohl denn! ich werde den Umſtand, daß Du mich willſt Hungers ſterben laſſen, benützen, um mich mit Fiſchen zu bewirthen.“ Gryphus wäre faſt ohnmächtig geworden vor Zorn und auch vor Angſt. Doch er faßte ſich und ſagte, während er die Hand in die Taſche ſteckte: „Nun alſo, Du zwingſt mich dazu.“ Und er zog ein Meſſer heraus und öffnete es. „Ah! ein Meſſer!“ rief Cornelius, indem er ſich mit ſeinem Stock zur Wehre ſtellte. 1 22 288 2⁴9 XXVIII. Worin van Baerle, ehe er von Lövenſtein abgeht, ſeine Mechyungen mit Gryphus ordnet. Beide blieben einen Augenblick, Gryphus in der Offenſive, van Baerle in der Defenſive.. Dann, da ſich dieſe Lage in's Endloſe ausdehnen konnte, fragte Cornelius, der die Urſache der heftigen Wiederkehr des Zorns bei ſeinem Gegner wiſſen wollte: „Nun, was beliebt Euch noch?“ „Was mir beliebt, will ich Dir ſagen,“ antwortete Grpöhus.„Du ſollſt mir meine Tochter Roſa zurück⸗ geben.“ „Eure Tochter!“ rief van Baerle. „Ja, Roſa! Roſa, die Du mir durch Deine Teufels⸗ finſe etlübr haſt. Sprich, willſt Du mir ſagen, wo ſie iſt?“ Die Haltung von Gryphus wurde immer drohender. „Roſa iſt nicht in Lövenſtein?“ rief Cornelius. „Du weißt es wohl. Ich frage Dich noch einmal, willſt Du mir Roſa zurückgeben?“ „Gut,“ ſagte Cornelius,„das iſt eine Falle, die Du mir ſtellſt.“ „Ich frage Dich zum letzten Mal, willſt Du mir ſagen, wo meine Tochter iſt?“. zerEi errathe es, Schurke, wenn Du es nicht weißt.“ „Warte, warte,“ knurrte Gryphus, bleich und die Lippen bewegt durch die Tollheit, die ſich ſeines Ge⸗ hirns zu bemächtigen anfing.„Ah! Du willſt nichts ſagen. Gut! ich werde Dir die Zähne von einander thun.“ Er machte einen Schritt gegen Cornelius, deutete auf die Waffe, die in ſeiner Hand glänzte, und ſprach: 250 „Siehſt Du dieſes Meſſer?... ich habe damit mehr als fünfzig ſchwarze Hähne umgebracht. Ich werde ihren Herrn umbringen, wie ich ſie getödtet habe, warte, warte!“ „Elender Wicht, Du willſt mich alſo entſchieden ermorden!“ „Ich will Dir das Herz öffnen, um darin den Ort zu ſehen, wo Du meine Tochter verbirgſt.“ Dieſe Worte mit dem Irrſinn des Fiebers ſpre⸗ chend, ſtürzte ſich Gryphus mit ſolcher Haſt auf Cor⸗ nelius, daß dieſer nur Zeit hatte, ſich hinter ſeinen Tiſch zu werfen, um den erſten Anfall zu vermeiden. Gryphus ſchwang ſein großes Meſſer unter gräß⸗ lichen Drohungen. Cornelius ſah, wenn auch außer dem Bereich der Hand, wäre er doch nicht außer dem Bereich der Waffe; aus der Ferne geſchleudert, könnte die Waffe die Luft durchſchneiden und in ſeine Bruſt eindringen; er verlor alſo keine Zeit und führte mit dem Stock, den er ſorg⸗ fältig bewahrt hatte, einen kräftigen Schlag auf die Fauſt, die das Meſſer hielt. Das Meſſer fiel zu Boden, und Cornelius ſetzte ſeinen Fuß darauf. Dann, da Gryphus einen Kampf, den der Schmerz des Stockſtreichs und die Schande, zweimal entwaffnet worden zu ſein, unbarmherzig gemacht hätten, hitzig verfolgen zu wollen ſchien, faßte Cornelius einen großen Entſchluß. 1 Er ſchlug ohne Unterlaß auf ſeinen Kerkermeiſter mit einer äußerſt heldenmüthigen Kaltblütigkeit los, wobei er genau den Ort wählte, auf den jedes Mal der ſchreckliche Knüttel fiel. Gryphus bat bald um Gnade. Doch ehe er um Gnade bat, ſchrie er, und zwar viel; ſeine Schreie waren gehört worden und hatten alle Angeſtellte des Hauſes in Bewegung geſetzt. Zwei Schließer, ein Aufſeher und drei bis vier Wäͤchter er⸗ S 9 8 0A— ————-— 2—,, 2 251 ſchienen daher plötzlich und überraſchten Cornelius, wie er, den Stock in der Hand und das Meſſer unter dem Fuß, operirte. Beim Anblick aller dieſer Zeugen der Uebelthat, die er begangen, und deren mildernde Umſtände, wie man heute ſagt, unbekannt waren, fühlte ſich Cornelius rettungslos verloren. Der Anſchein ſprach in der That ganz gegen ihn. In einem Nu war Cornelius entwaffnet, und um⸗ ringt, aufgehoben, unterſtüßt, konnte Gryphus brüllend vor Zorn die Quetſchungen zählen, welche, wie ebenſo viele auf einem Berge buntſcheckig zerſtreute Hügelchen, ſeine Schultern und ſeinen Rückgrat aufſchwollen. Es wurde auf der Stelle über die von dem Ge⸗ ſangenen an ſeinem Wärter verübten Thätlichkeiten ein Protocoll aufgenommen, und das von Gryphus einge⸗ blaſene Protocoll konnte nicht der Lauheit bezüchtigt werden; es handelte ſich um nichts Geringeres, als um einen ſeit langer Zeit vorbereiteten und folglich mit Vorbedacht am Kerkermeiſter vollführten Mord⸗ verſuch, nebſt offener Rebellion. Während man die gegen Cornelius von Gryphus gemachten Angaben urkundlich zu Papier brachte, führten den Kerkermeiſter, gerädert von den Schlägen und ſtöhnend, zwei Schließer in ſeine Wohnung hinab. Mittlerweile beſchäftigten ſich die Wächter, welche Cornelius feſtgenommen hatten, damit, daß ſie ihn mildherzig über die Sitten und Gebräuche von Löven⸗ ſtein unterrichteten, die er indeſſen ſo gut kannte, als ſie, denn das Reglement war ihm im Augenblick ſeines Eintritts in's Gefängniß vorgeleſen worden, und ge⸗ wiſſe Artikel des Reglement hatte er vollkommen im Gedächtniß behalten. 8 Sie erzählten ihm überdies, daß das Reglement gegen einen Gefangenen Namens Mathias angewendet worden ſei, der im Jahre 1668, das heißt fünf Jahre 25² früher, einen Akt der Rebellion begangen habe, welcher viel unſchuldiger geweſen, als der von Cornelius begangene. Er hatte ſeine Suppe zu heiß gefunden und ſie dem Oberwärter an den Kopf geworfen, dem in Folge dieſer Abwaſchung die Unannehmlichkeit widerfahren, daß er, als er ſich das Geſicht abgetrocknet, einen Theil von der Haut mitgenommen hatte. Nach zwölf Stunden holte man Mathias aus ſeiner Stube ab; Dann führte man ihn in die Kerkermeiſterei, wo ſein Abgang von Lövenſtein eingeſchrieben wurde; Dann brachte man ihn auf das Glacis, deſſen Aus⸗ ſicht ſehr ſchön iſt und eilf Meilen umfaßt. Hier feſſelte man ihm die Hände; Dann verband man ihm die Augen und ſprach drei Gebete;. Dann forderte man ihn auf, eine Kniebeugung z machen, und die Wachen von Lövenſtein, zwölf an der Zahl, quartierten ihm, auf ein Zeichen des Sergenten, ſehr geſchickt jede eine Musketenkugel in den Leib ein. Worauf Mathias ohne Verzug ſtarb. 1 Cornelius hörte mit der größten Aufmerkſamkeit dieſe unangenehme Erzählung an. Als er ſie angehört, rief er: „Ahl ah! in zwölf Stunden, ſagt Ihr?“ „Ja, es hatte, wie ich glaube, ſogar noch nicht einmal die zwölfte Stunde geſchlagen,“ erwiederte der Erzähler. „Ich danke,“ ſagte Cornelius. Der Wächter hatte das freundliche Lächeln, das ſeiner Erzählung als Interpunction diente, noch nicht einmal beendigt, als ein ſonorer Tritt auf der Treppe erſcholl. Sporen klirrten an den ausgetretenen Stufen. Die Wächter traten auf die Seite, um einen Offi⸗ cier vorbeizulaſſen. 4 Dieſer erſchien in der Stube von Cornelius in & 25³ 4 dem Augenblick, wo der Schreiber von Lövenſtein noch protocollirte. „Iſt hier Nr. 112“ fragte er. „Ja, Kapitän,“ antwortete ein Unterofficier. „So iſt das die Stube des Gefangenen Cornelius van Baerle?“ „Ganz richtig, Kapitän.“ „Wo iſt der Gefangene?“ „Hier bin ich,“ erwiederte Cornelius, trotz ſeines Muthes ein wenig erbleichend. „Ihr ſeid Herr Cornelius van Baerle?“ fragte der Officier, diesmal ſich an den Gefangenen ſelbſt wendend. „Ja, mein Herr.“ „So folgt mir.“ „Hol hol“ ſagte Cornelius, von der erſten Todes⸗ angſt erfaßt,„wie raſch man in der Feſtung Lövenſtein an's Werk geht, und der Burſche ſprach mir doch von zwölf Stunden!“ „Nun! was habe ich Euch geſagt?“ flüſterte der Hiſtoriker von der Wache dem armen Sünder in's Ohr. „Eine Lüge.“ „Wie ſo?“ „Ihr verſprachet mir zwölf Stunden.“ „Ah! ja. Doch man ſchickt Euch einen Adjutanten Seiner Hoheit, und zwar einen von ihren vertrauteſten, Herrn van Deken. Teufel! dieſe Ehre hat man dem armen Mathias nicht erwieſen.“ „Auf, auf,“ ſagte Cornelius, indem er ſich ſeine Bruſt mit der größtmöglichen Quantität Luft anfüllte; „auf, zeigen wir dieſen Leuten, daß ein Bürger, Täuf⸗ ling von Cornelius de Witt, ohne das Geſicht zu ver⸗ ziehen, ebenſo viele Musketenkugeln aushalten kann, als einer Namens Mathias.“ Und er ging ſtolz an dem Schreiber vorbei, der, in ſeinen Functionen unterbrochen, zu dem Officier zu ſagen wagte: 25⁴ „Aber, Kapitän van Deken, das Protocoll iſt noch nicht geſchloſſen.“ „Es iſt nicht der Mühe werth, daſſelbe zu beendi⸗ gen,“ erwiederte der Officier. „Gut,“ ſprach der Schreiber. Und er ſchob philo⸗ ſophiſch ſein Papier und ſeine Feder in eine abgenutzte, ſchmutzige Mappe.— „Es ſtand geſchrieben,“ dachte der arme Cornelius, „ich ſollte meinen Namen auf dieſer Welt weder einem Kind, noch einer Blume, noch einem Buch geben,— dieſen drei Nothwendigkeiten, von denen Gott wenig⸗ ſtens eine, wie man verſichert, jedem ein wenig orga⸗ niſirten Menſchen auferlegt, den er auf Erden des Eigen⸗ thums einer Seele und des Mißbrauchs eines Leibes theilhaftig werden läßt.“—. Und er folgte dem Officier mit entſchloſſenem Her⸗ zen und hoch getragenem Kopf. Cornelius zählte die Stufen, welche zum Glacis führten, wobei er bedauerte, daß er den Wächter nicht gefragt hatte, wie viele es ſeien, was dieſer ihm in ſener dienſtfertigen Gefälligkeit ſicher geſagt haben würde. Alles, was der Gefangene bei dieſem Gang be⸗ fürchtete, den er als denjenigen anſah, welcher ihn be⸗ ſtimmt zum Ziele der großen Reiſe führen ſollte, war, er würde Gryphus ſehen und Roſa nicht ſehen. Welche Freude müßte in der That im Geſichte des Vaters glänzen! Welcher Schmerz im Geſichte der Tochter!“ Wie würde Gryphus jauchzen bei dieſer Hinrich⸗ tung, einer grauſamen Rache für einen höchſt gerechten Act, den Cornelius als eine Pflicht vollbracht zu haben ſich bewußt war. Aber Roſa, das arme Mädchen, wenn er ſie nicht ſehen würde, wenn er ſterben ſollte, ohne ihr den letzten Kuß gegeben, oder wenigſtens ohne ihr das letzte Lebe⸗ wohl geſagt zu haben!. Wenn er ſterben ſollte, ohne irgend eine Kunde — 75—A— —y&e* — 25⁵ von der großen ſchwarzen Tulpe zu haben, und da oben erwachen, ohne zu wiſſen, auf welche Seite er die Augen wenden müßte, um ſie wiederzufinden! In der That, um in einem ſolchen Augenblick nicht in Thränen zu zerfließen, hatte der arme Tulpiſt mehr als das aes triplex um die Bruſt, das Horaz demi Echiſſe gibt, der zuerſt die acrocerauniſchen Klippen eſuchte. Cornelius mochte immerhin rechts, er mochte im⸗ merhin links ſchauen, er kam auf das Glacis, ohne Roſa, ohne Gryphus erblickt zu haben. Das glich die Sache beinahe aus. 4 Cornelius ſuchte, als er das Glacis erreicht hatte, muthig mit den Augen die Wachen, die ihn erſchießen ſollten, und ſah in der That ein Dutzend Soldaten, welche beiſammen ſtanden und plauderten. Doch ſie ſtanden beiſammen und plauderten ohne Musketen, ohne in einer Linie aufgeſtellt zu ſein. Sie ziſchelten ſogar mehr unter ſich, als daß ſie ſprachen, ein Benehmen, das Cornelius des Ernſtes, der gewöhnlich bei ſolchen Ereigniſſen vorherrſcht, un⸗ würdig vorkam. Plötzlich erſchien Gryphus knappend, wankend, auf eine Krücke geſtützt, vor dem Gefängniß. Er hatte für einen letzten Blick des Haſſes alles Feuer ſeiner katzen⸗ grauen Augen angezündet und fing an einen ſolchen Strom von Verwünſchungen gegen Cornelius auszu⸗ ſpeien, daß dieſer zu dem Officier ſagte: „Mein Herr, ich glaube nicht, daß es ſchicklich iſt, mich ſo von dieſem Menſchen beſchimpfen zu laſſen, und beſonders nicht in einem ſolchen Augenblick.“) „Ei! ei!“ entgegnete der Officier lachend, ves iſt doch ſehr natürlich, daß dieſer ra ehn zuch grollt, denn es ſcheint, Ihr habt ihn l und krumm ge⸗ ſchlagen.“ „Ja, doch das geſchah in Vertheidigung meines Leibes. 5 256 „Bah!“ ſagte der Kapitän, indem er mit ſeinen Schultern eine äußerſt philoſophiſche Geberde machte; fbahklaßt ihn ſprechen. Was iſt Euch jetzt daran ge⸗ egen?“ Ein kalter Schweiß floß von der Stirne von Cor⸗ nelius bei dieſer Antwort, die er als eine etwas rohe Ironie, beſonders von Seiten eines Officiers betrachtete, von welchem man ihm geſagt hatte, er ſtehe in enger Verbindung mit der Perſon des Prinzen. Der Ünglückliche begriff, daß er keine Rettungs⸗ mittel, keine Freunde mehr hatte, und fügte ſich. „s ſei!“ murmelte er, indem er den Kopf ſinken ließ;„man hat Chriſtus ganz andere Beleidigungen angethan, und ſo unſchuldig ich bin, ſo kann ich mich doch nicht mit ihm vergleichen. Chriſtus hätte ſich von ſeinem Gefangenwärter ſchlagen laſſen und würde ihn nicht geſchlagen haben.“ Dann wandte er ſich gegen den Officier um, der gefällig zu warten ſchien, bis er ſeine Betrachtungen beendigt hatte, und fragte: „Sprecht, Herr, wohin gehe ich?“ Der Officier deutete auf einen mit vier Pferden beſpannten Wagen, der ihn ſehr an den Wagen erin⸗ nerte, welcher ihm ſchon unter ähnlichen Umſtänden im Buitenhof aufgefallen war. 3 „Steigt ein,“ ſagte er. „Ahl“ murmelte Cornelius,„mir wird man, wie es ſcheint, die Ehre des Glacis nicht erweiſen.“ Er ſprach dieſe Worte laut genug, daß der Hiſto⸗ riker, der an ſeine Perſon gebunden zu ſein ſchien, es hörte. 1 Dhne Zweifel glaubte er, es ſei ſeine Pflicht, Cor⸗ nelius neue Unterweiſungen zu ertheilen, denn er näherte ſich dem Kutſchenſchlag, und während der Officier, einen Fuß auf dem Tritt, einige Befehle gab, ſagte er ganz leiſe Weihm: 3 „Man hat geſehen, daß Verurtheilte in ihre eigene S 4 257 Stadt geführt worden ſind und, damit das Beiſpiel größer wäre, ihre Strafe vor ihrem eigenen Hauſe zu erdulden hatten. Das hängt von den Umſtänden ab.“ Cornelius machte ein Zeichen des Dankes. Dann ſagte er zu ſich ſelbſt: „Ahl ſchön, ſchön, das iſt ein Junge, der nie ver⸗ fehlt, einen Troſt anzubringen, wenn ſich eine Gelegen⸗ heit bietet. Bei meiner Treue, Freund, ich bin Euch ſehr verbunden. Gott befohlen!“ Der Wagen fuhr ab. „Ha! Böſewicht, ha! Schurke!“ brüllte Gryphus, der ſeinem Opfer, das ihm entging, die Fauſt wies. „Und der Kerl geht, ohne mir meine Tochter zurückzu⸗ geben!“— „Führt man mich nach Dortrecht,“ ſagte Cornelius, „ſo werde ich im Vorbeigehen ſehen, ob meine Beete ſtark verwüſtet worden ſind.“ XXIX. Worin man zu vermuthen anfängt, welche Strafe Cornelins van Baerle vorbehal⸗ en war. Der Wagen rollte den ganzen Tag. Er ließ Dortrecht links, fuhr durch Rotterdam und erreichte Delft. Um fünf Uhr Abends hatte man wenigſtens zwanzig Meilen gemacht. Cornelius richtete einige Fragen an den Officier, der ihm zugleich als Wächter und als Gefährte diente; doch ſo vorſichtig dieſe Fragen auch waren, ſie blieben zu ſeinem Verdruß unbeantwortet.. Cornelius bedauerte, daß er nicht an ſeiner Seite jenen ſo gefälligen Wächter hatte, welcher ſprach, ohne ſich bitten zu laſſen. Er hätte ihm ohne Zweifel über Die ſchwarze Tulpe. 2 17 —— 258 dieſe Seltſamkeit, die ſein drittes Abenteuer bezeichnete, eben ſo anmuthige Details und eben ſo genaue Er⸗ läuterungen gegeben, wie über ſeine zwei erſten. Man brachte die Nacht im Wagen zu. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, befand ſich Cornelius jen⸗ ſeits Leyden, mit der Nordſee zu ſeiner Linken und dem Harlemer Meer zu ſeiner Rechten. Nach drei Stunden kam er in Harlem an. Cornelius wußte durchaus nicht, was in Harlem vorgefallen war, und wir laſſen ihn in dieſer Unwiſſen⸗ heit, bis er durch die Ereigniſſe daraus gezogen wird. Doch nicht daſſelbe kann beim Leſer ſein, der das Naeecht hat, bei den Dingen, ſelbſt vor unſerem Helden, auf das Laufende geſetzt zu werden. Wir haben geſehen, daß Roſa und die Tulpe, wie zwei Schweſtern und wie zwei Waiſen, vom Prinzen Wilhelm von Oranien bei dem Präſidenten van Syſtens gelaſſen worden waren. Roſa erhielt keine Nachricht vom Stadhouder vor den Abend des Tages, wo ſie ihn von Angeſicht ge⸗ ehen. Gegen Abend erſchien ein Officier bei van Syſtens; er kam im Auftrag Seiner Hoheit und lud Roſa ein, ſich in's Stadthaus zu begeben. Hier in das große Berathungscabinet eingeführt, fand ſie den Prinzen ſchreibend. Er war allein und hatte zu ſeinen Füßen einen⸗ großen frieſiſchen Windhund, der ihn feſt anſchaute, als hätte das treue Thier verſuchen wollen, zu thun, — was kein Menſch thun konnte,— im Geiſte des Herrn leſen. Wilhelm ſchrieb noch einen Augenblick fort; dann ſchlug er die Augen auf und ſagte, als er Roſa bei der Thüre ſtehen ſah, ohne daß er das, was er ſchrieb, verließ: „Kommt, Jungfer.“ 3 Roſa machte ein paar Schritte gegen den Tiſch. 259 „Gnädigſter Herr,“ ſagte ſie ſtille ſtehend. „Es iſt gut,“ erwiederte der Prinz.„Setzt Euch.“ Roſa gehorchte, denn der Prinz ſchaute ſie an. Doch kaum hatte der Prinz die Augen wieder auf das Papier gerichtet, als ſie ſich ganz ſchamvoll zurückzog. Der Prinz vollendete ſeinen Brief. Mitllerweile war der Windhund Roſa entgegen⸗ gegangen und hatte ſie von allen Seiten betrachtet und ihr geſchmeichelt. „Ah! ah! ſagte der Prinz zu ſeinem Hund.„Man ſieht wohl, daß es eine Landsmännin iſt; du erkennſt ſte.“ Dann wandte er ſich gegen Roſa, heftete auf ſie ſeinen zugleich forſchenden und verſchleierten Blick und ſagte: „Nun, meine Tochter...“— Der Prinz war kaum dreiundzwanzig Jahre alt, Roſa achtzehn bis zwanzig; er hätte beſſer„meine Schweſter“ geſagt. „Meine Tochter,“ ſprach er mit dem ſeltſam ein⸗ drucksvollen Ton, der Alle, die ſich ihm näherten, er⸗ ir ſind hier allein, plaudern wir.“ ſtarren machte,„w an, an allen Gliedern zu zittern, und Roſa fing doch lag nur Wohlwollendes in dem Geſichte des Prinzen. „Gnädigſter Herr,“ ſtammelte ſie. Ihr habt einen Vater in Lövenſtein?“ Ja, gnädigſter Herr.“ „Ior liebt ihn nicht?“ „ ‚Ich liebe ihn wenigſtens nicht, gnädigſter Herr, wie eine Tochter lieben unlſte.,— Vater nicht zu lieben, mein „Es iſt ſchlimm, ſeinen Kind, aber es iſt gut, ſeinen Fürſten nicht zu belügen.“ Roſa ſchlug die Augen nieder. bt Ihr Euren Vater u1 71 3„Und aus welchem Grunde lie nicht?“. 3 „Mein Vater iſt boshaft.“ „Auf welche Art offenbart ſich ſeine Hrsheitt —————õx ſeine Stirne faltete ſich, ſeine Lider ſenkten ſich ſo, daß 4 er beſonders Einen mißhandelt 2“ Wilhelm auf, ihre Augen waren v dringenden Verſtand belebt, daß ſie die im Grunde dieſes 260 „Mein Vater mißhandelt die Gefangenen.“ „Alle?“ „Alle.“ „Macht Ihr es ihm aber nicht zum Vorwurf, daß „Mein Vater mißhandelt beſonders Herrn van Baerle, der...“ „Der Euer Liebhaber iſt.“ Roſa machte einen Schritt rückwärts. f Te ich liebe, gnädigſter Herr,“ antwortete ir ſtolz. „Seit wann?“ 5 „Seit dem Tag, wo ich ihn geſehen.“ „Und Ihr habt ihn geſehen?“ „Am andern Tag, nachdem der Herr Großpenſio⸗ när Johann und ſein Bruder Cornelius ſo gräßlich ge⸗ tödtet worden waren.“ Die Lippen des Prinzen preßten ſich aneinander, ſie ein paar Secunden ſeine Augen verbargen. Nach kurzem Stillſchweigen fuhr er jedoch fort: „Wozu nützt es Euch, einen Mann zu lieben, der im Gefängniß zu leben und zu ſterben beſtimmt iſt?“ 4 „Das wird mir dazu nützen, gnädigſter Herr, das ich ihm, wenn er im Gefängniß lebt und ſtirbt, leben und ſterben helfen werde.“ „Und Ihr würdet es annehmen, die Frau eines Gefangenen zu ſein?“ „Als Frau von Herrn van Baerle wäre ich das lzeſte und glücklichſte Geſchöpf; aber 19“ Was, aber?“* „Es liegt ein Gefühl der Hoffnung in Eurem Ton; was hofft Ihr?“. Sie ſchlug ihre ſchönen durchſchtigen Augen zu n einem ſo durch⸗ 2—ͤ—— „ Ich wage nicht, es zu ſagen, gnädigſter Herr.“ 3 aß an ete — 261 düſteren Herzens zu einem Schlaf, der dem Tode glich, entſchlummerte Milde zu wecken ſchienen. „Ahl ich begreife.“ Roſa lächelte die Hände faltend. „Ihr hofft auf mich 2“ ſagte der Prinz. „Ja, gnädigſter Herr.“ „Hm!“ Der Prinz ſiegelte den Brief, den er geſchrieben hatte, und rief einen ſeiner Officiere. „Herr van Deken,“ ſagte er,„bringt dieſe Bot⸗ ſchaft nach Lövenſtein; Ihr werdet die Befehle leſen, die ich dem Gouverneur gebe, und ſie in dem, was Euch betrifft, vollziehen.“ Der Officier verbeugte ſich, und man hörte unter dem ſonoren Gewölbe des Hauſes den Galopp eines Pferdes ſchallen. „Meine Tochter,“ fuhr der Prinz fort,„es iſt am Sonntag das Tulpenfeſt, und Sonntag iſt übermorgen. Macht Euch ſchön mit dieſen fuͤnfhundert Gulden; denn dieſer Tag ſoll ein großer Feſttag für Euch ſein.“ „Wie beliebt Eurer Hoheit, daß ich mich kleide?“ fragte mit ſchwacher Stimme Roſa.. „Nehmt die Tracht der frieſiſchen Ehefrauen, ſie wird Euch gut ſtehen,“ antwortete Wilhelm. XXX. Harlem. Harlem, wohin wir vor drei Tagen mit Roſa ge⸗ kommen und wo wir ſo eben abermals im Gefolge des Gefangenen eingetroffen ſind, iſt eine hübſche Stadt, die ſich mit Recht etwas darauf zu gut thut, daß ſe einer von den am meiſten beſchatteten Orten Hollands iſt. 262 Während andere ihre Eitelkeit darein ſetzten, daß ſie durch Arſenale und Werften, durch Magazine und Bazars glänzten, ſuchte Harlem ſeinen Ruhm darin, daß es alle Städte der Vereinigten Staaten durch ſeine ſchönen, buſchreichen Ulmen, durch ſeine ſchlanken, hochgewachſenen Pappeln, und beſonders durch ſeine ſchat⸗ tigen Promenaden übertraf, über denen ſich die Eiche, die Linde und der Kaſtanienbaum wölbten. Als die Stadt Harlem ſah, daß ihre Nachbarin Leyden und ihre Königin Amſterdam, die eine den Weg einſchlug, um eine Stadt der Viſſfenſchaft, die andere, um eine Stadt des Handels zu werden, da wollte Harlem eine Stadt des Ackerbaus oder vielmehr des Gartenbaus werden. Sehr geſchloſſen, ſehr gelüftet, ſehr von der Sonne erwärmt, gab Harlem in der That den Gärtnern Ga⸗ rantien, die jede andere Stadt mit ihren Winden von der See und ihrer Sonne von den Ebenen nicht zu bieten vermochte. Man hatte auch in Harlem ſich alle ruhige Geiſter niederlaſſen ſehen, welche die Liebe für die Erde und und ihre Wohlthaten beſaßen, wie ſich in Rotterdam und Amſterdam alle unruhige, bewegliche Geiſter nie⸗ dergelaſſen hatten, welche die Liebe für die Reiſen und den Handel beſaßen, wie ſich endlich im Haag alle Politiker und Weltleute niederließen. Wir haben geſagt, Leyden ſei die Eroberung der Gelehrten geweſen. Harlem aber bekam Geſchmack für die milden, angenehmen Dinge, für die Muſik, für die Malerei, für die Obſtgärten, für die Promenaden, für die Ge⸗ hölze, für die Blumenbeete. Harlem faßte eine leidenſchaftliche Liebe für die Blumen, und unter andern Blumen für die Tulpen. Harlem ſetzte Preiſe zu Ehren der Tulpen aus, und wir kommen auf einem ſehr natürlichen Weg, wie man ſieht, auf denjenigen zu ſprechen, welchen es am n.=— . 263 15. Mai 1673 zu Ehren der großen ſchwarzen Tulpe, ohne Flecken und ohne Fehler, ausſetzte, die ihrem Erfinder bunderttauſend Gulden eintragen ſollte. 4 ſeine Specialität in's Licht geſetzt, ür die Blumen im gen blühen zu ſehen, und die ausgezeichnete Ehre, das Ideal der Tulpen blühen zu ſehen, zu Theil, und ſo wollte Harlem, die hübſche Stadt voll von Bäumen und Sonne, von Schatten und Licht aus der Ceremo⸗ nie der Preisertheilung ein Feſt machen, das im An⸗ denken der Menſchen ewig währen ſollte. Und es war um ſo mehr hiezu berechtigt, als Holland das Land der Feſte iſt; nie entwickelte eine trägere Natur mehr ſchreienden, ſingenden und tanzen⸗ den Eifer, als die der guten Republikaner der Sieben Provinzen bei Gelegenheit von Vergnügungen. Man darf nur die Gemälde der zwei Teniers ſehen. Es iſt gewiß, daß die Trägen am eifrigſten ſind, ſich zu ermüden, nicht, wenn ſie an die Arbeit gehen, ſondern wenn ſie an's Vergnügen gehen. Harlem hatte ſich alſo in eine dreifache Freude verſeßzt, denn es hatte eine dreifache Feier zu begehen: die ſchwarze Tulpe war entdeckt worden; ſodann wohnte der Prinz Wilhelm von Oranien, als ächter Holländer, der Ceremonie bei; und endlich war es Ehrenſache für die Staaten, nach einem ſo unglücklichen Krieg, wie der von 1672 geweſen, den Franzoſen zu zeigen, der Boden der bataviſchen Republik ſei ſolid genug, daß man mit der Begleitung des Kanonendonners der Flotte darauf tanzen könne. Die Gartenbau⸗Geſellſchaft hatte ſich dadurch ihrer daß ſie hunderttauſend Gulden für eine würdig gezeigt, 6 Tulpenzwiebel ausgeſetzt. Die Stadt hatte nicht zurück⸗ 264 bleiben wollen, ſie hatte eine ähnliche Summe votirt, die ſie zur Feier des nationalen Preiſes in die Hände ihrer Notabeln gegeben. An dem für dieſe Feierlichkeit feſtgeſetzten Sonn-⸗ tag war es auch eine ſolche Geſchäftigkeit der Menge, ein ſolcher Enthuſtasmus der Bürger, daß man ſich, ſelbſt mit dem duckmäuſeriſchen Lächeln der Franzoſen, die über Alles und überall lächeln, nicht hätte er⸗ wehren können, den Charakter dieſer guten Holländer zu bewundern, welche ebenſo bereit, ihr Geld für den Bau eines Schiffes, das heißt, für die Aufrechthaltung der Ehre der Nation, als zu Belohnung der Er⸗ findung einer neuen Blume auszugeben, die einen Tag glänzen und an dieſem Tag die Frauen, die Ge⸗ 4 lehrten und die Neugierigen ergötzen ſollte. An der Spitze der Notabeln und des Gartenbau⸗ Ausſchuſſes prangte Herr van Syſtens mit ſeinen reich⸗ ſten Kleidern geſchmückt. Der würdige Mann hatte alle ſeine Kräfte ange⸗ ſtrengt, um ſeiner Lieblingsblume durch die düſtere, ſtrenge Eleganz ſeines Anzugs zu gleichen, und das war ihm, wir müſſen es zu ſeinem Ruhm ſogleich be⸗ merken, vollkommen gelungen. Pechſchwarz, dunkelblauer Sammet, violetbraune Seide, mit blendend weißer Wäſche, das war der Ceremonien⸗Anzug des Präſidenten, der an der Spitze ſeines Ausſchuſſes mit einem ungeheuren Strauß dem ähnlich einherſchritt, welchen zweihundert und einund⸗ zwanzig Jahre ſpäter Herr von Robespierre beim Feſte des höchſten Weſens trug. Nur hatte der wackere Präſident, ſtatt des von Haß und Ehrgeiz angeſchwollenen Herzens des franzö⸗ ſiſchen Tribunen, in der Bruſt eine Blume, die nicht minder unſchuldig, als die unſchuldigſte von den⸗ jenigen, welche er in der Hand hielt. Man ſah hinter dieſem, wie eine Wieſe bunt⸗ ſcheckigen, wie ein Frühling duftenden Ausſchuß, die 4 ——— 265 gelehrten Körperſchaften der Stadt, die Behörden, die Militäre, die Edlen und die Bauern. Das Volk hatte, ſelbſt bei den Herren Republi⸗ kanern der Sieben Provinzen, keinen Rang bei dieſem Zug; es bildete die Spaliere. Das iſt übrigens der beſte von allen Plätzen, um zu ſeben... und um zu haben. Es iſt der Platz der Menge, welche wartet, bis die Triumphzüge defilirt haben, um zu wiſſen, was darüber zu ſagen, und zuweilen auch, was damit zu machen iſt. Doch diesmal war weder vom Triumphzug des Pompejus, noch von dem von Cäſar die Rede. Dies⸗ mal feierte man weder die Niederlage von Mithridates, noch die Eroberung Galliens. Die Proceſſion war ſanft wie der Durchzug einer Herde Schafe auf der Erde, barmlos wie der Flug eines Schwarms Vögel in der Luft. 3. Harlem hatte keine andere Triumphatoren, als ſeine Gärtner. Die Blumen anbetend, vergöttlichte Harlem die Blumiſten. Man ſah in der Mitte des friedlichen, duftenden Zuges die ſchwarze Tulpe, getragen auf einer weißen, goldbefranſten Bahre. Vier Männer waren die Trä⸗ ger; ſie wurden von andern abgelöſt, wie in Rom diejenigen abgelöſt wurden, welche die Mutter Kybele trugen, als ſie beim Schalle der Fanfaren und unter der Anbetung eines ganzen Volkes, aus Etrurien herbei⸗ geführt, in die ewige Stadt einzog. Dieſe Ausſtellung der Tulpe war eine Huldigung dargebracht von einem ganzen Volk ohne Cultur und ohne Geſchmack dem Geſchmack und der Cultur der berühmten, frommen Häupter, deren Blut es auf dem kothigen Pflaſter des Buitenhof zu vergießen wußte... mit dem Vorbehalt, die Namen ſeiner Opfer auf dem ſchönſten Steine des holländiſchen Pantheon einzugraben. Es war abgemacht, der Prinz Stadhouder werde 1 366 gewiß den Preis von hunderttauſend Gulden ſelbſt er⸗ theilen,was alle Welt im Allgemeinen intereſſirte, und er werde vielleicht eine Rede halten, was ſeine Freunde und ſeine Feinde insbeſondere intereſſirte. In der That, in den gleichgültigſten Reden der Staatsmänner wollen die Freunde oder die Feinde von dieſen immer einen Strahl ihrer Gedanken glänzen ſehen, den ſie nach ihrem Dafürhalten auslegen zu können glauben. Als wäre der Hut eines Staatsmanns nicht ein Scheffel, beſtimmt, alles Licht aufzufangen. Endlich war der ſo ſehr erſehnte 15. Mai 1673 ge⸗ kommen, und ganz Harlem hatte ſich, verſtärkt durch ſeine Umgebungen, längs ſeinen ſchönen Bäumen mit dem feſten Entſchluß aufgeſtellt, diesmal weder den Erobe⸗ rern des Kriegs, noch denen der Wiſſenſchaft, ſondern ganz einfach denen der Natur, welche dieſe unerſchöpf⸗ liche Mutter zu der bis dahin für unmöglich geglaubten Zeugung der ſchwarzen Tulpe genöthigt hatten, Bei⸗ fall zu klatſchen.. Doch nichts iſt weniger haltbar bei den Völkern, als der Entſchluß, dieſe oder jene Sache zu beklatſchen. Iſt eine Stadt im Zuge, zu klatſchen, ſo geht es ge⸗ rade, wie wenn ſie im Zuge iſt, zu pfeifen: ſie weiß nie, wo ſie inne halten wird.. Sie beklatſchte alſo zuerſt van Syſtens und ſeinen Strauß, ſie beklatſchte ihre Körperſchaften, ſie beklatſchte ſich ſelbſt; und endlich beklatſchte ſie, wir müſſen es geſtehen, diesmal mit allem Recht, die vortreffliche Muſik, welche die Herren der Stadt freigebig bei jedem Halt verſchwendeten. Alle Augen ſuchten, nach der Heldin des Feſtes, welche die Tulpe war, den Helden des Feſtes, der natürlich der Urheber dieſer Tulpe war. 1 Wäre dieſer Held nach der Rede erſchienen, die wir den guten van Syſtens mit ſo großer Gewiſſen⸗ baftigkeit haben ausarbeiten ſehen, er würde ſicherlich — 267 mehr Wirkung hervorgebracht haben, als der Stad⸗ houder ſelbſt.. Doch für uns liegt das Intereſſe des Tags weder in der ehrwürdigen Rede unſeres Freundes van Sy⸗ ſtens, ſo anſprechend ſie auch war, noch in den jungen Ariſtokraten, welche ihre ſchweren Kuchen zermalmten, noch in den armen, kleinen, halbnackten Plebejern, die an geräucherten, Vanilleſtängeln ähnlichen, Aalen knaupelten. Das Intereſſe liegt weder in den ſchönen Holländerinnen mit der roſigen Geſichtshaut und dem weißen Buſen, noch in den fetten, unterſetzten Herren Altbürgern, die ihre Häuſer nie verlaſſen hatten, noch in den magern, gelben Reiſenden, welche von Ceylon oder Java angekommen, noch in dem durſtigen Pöbel, der als Erfriſchung in Salzwaſſer eingemachte Gurken verſchlingt. Nein, für uns iſt das Intereſſe der Situation, das mächtige Intereſſe, das dramatiſche ganz ſcharlachroth, eine Farbe, welche ihre ſchwarzen Haare und ihren gelben Teint hervorhebt, ganz ſchar⸗ kachroth gekleideten Perſon. Dieſer ſtrahlende, berauſchte Triumphator, dieſer zu der ausgezeichneten Ehre, die Rede von Herrn van Syſtens und die Anweſenheit des Stadhouder vergeſ⸗ ſen zu machen, beſtimmte Held iſt Iſaak Boxtel, der vor ſich zu ſeiner Rechten auf einem Sammekkiſſen die ſchwarze Tulpe, ſeine angebliche Tochter, zu ſeiner Linken in einer großen Börſe die hunderttauſend Gul⸗ den in ſchöner, glänzender Goldmünze tragen ſieht. Von Zeit zu Zeit beſchleunigt van Boxtel ſeinen Schritt, um ſeinen Ellbogen an dem von van Sy⸗ ſtens zu reiben. Bortel nimmt Jedem ein wenig von ſeinem Werth, um ſich einen Werth für ſich daraus 268 zu bilden, wie er Roſa die Tulpe geſtohlen hat, um ſich dadurch ſeinen Ruhm und ſein Vermögen zu ſchaffen. Noch eine Viertelſtunde, und der Prinz wird kom⸗ men, der Zug wird beim letzten Ruhealtar Halt ma⸗ chen, die Tulpe iſt auf ihren Thron gelegt, der Prinz, der dieſer Nebenbuhlerin in der öffentlichen Anbetung den Vortritt gewährt, wird ein prachtvoll illuminirtes Pergament nehmen, auf das der Name des Urhebers geſchrieben iſt, und mit lauter, verſtändlicher Stimme verkündigen, es ſei ein Wunder entdeckt worden, Hol⸗ land habe durch den Dazwiſchentritt von Boxtel die Natur gezwungen, eine ſchwarze Tulpe hervorzubrin⸗ gen, und dieſe ſchwarze Tulpe werde fortan Tulipa nigra Boxtellea heißen. Von Zeit zu Zeit verläßt indeſſen Boxtel einen Moment mit den Augen die Tulpe und die Börſe, und ſchaut ſchüchtern in die Menge, denn in dieſer Menge befürchtet er über Alles das bleiche Geſicht der ſchönen Frieſin zu erſchauen. Das wäre begreiflicher Weiſe ein Geſpenſt, das ſein Feſt nicht mehr, nicht minder ſtören würde, als dasteGeſpenſt von Banco das Gaſtmahl von Macbeth örte. Und, bemerken wir dies ſogleich, dieſer Menſch, der über eine Mauer geſtiegen iſt, welche nicht ſeine Mauer war, der ein Fenſter erklettert hat, um in das Haus ſeines Nachbars einzudringen, der mit einem falſchen Schlüſſel das Zimmer von Roſa verletzt hat, dieſer Menſch endlich, der den Ruhm eines Mannes und die Mitgift einer Frau geſtohlen, dieſer Menſch betrachtet ſich nicht als einen Dieb. Er hat dergeſtalt über dieſer Tulpe gewacht, er hat ſie ſo glühend von der Schublade der Trockenſtube von Cor⸗ nelius van Baerle bis zum Schaffot des Buitenhof, vom Schaffot des Buitenhof bis zum Gefängniß der Feſtung Lövenſtein verfolgt, er hat ſie dergeſtalt am Fenſter von Roſa entſtehen und wachſen ſehen, er hat ſo oft die Luft „ — 269 um ſie her mit ſeinem Hauche erwärmt, daß Niemand mehr Urheber derſelben iſt, als er; Jeder, der ihm zu dieſer Stunde die Tulpe nähme, würde ſie ihm ſtehlen. Doch er erblickte Roſa nicht. 3 Dem zu Folge wurde die Freude von Boxtel nicht ſchienen, um die Tulpe bis zu dem hohen Thron zu be⸗ gleiten, den ſie neben dem goldenen Armſtuhl Seiner Hoheit des Stadhouder einnehmen ſollte. Und auf ihr Piedeſtal gehißt, beherrſchte bald die ſtolze Tulpe die Verſammlung, welche in die Hände klatſchte und die Echos von Harlem von einem un⸗ geheuren Beifallsgeſchrei wiederhallen machte. XXXI. Eine letzte Bitte. In dieſem feierlichen Augenblick, und als das Beifallsgeſchrei ertönte, fuhr ein Wagen auf der Straße längs den Baumgruppen und verfolgte ſeinen Weg langſam, der Kinder wegen, die durch die Geſchäftigkeit der Männer und Frauen aus der Allee hinausgedrängt wurden. „Dieſer beſtaubte, ermüdete, auf ſeinen Achſen ſtöhnende Wagen enthielt den unglücklichen van Baerle, dem ſich allmälig durch den offenen Kutſchenſchlag das Schauſpiel bot, das wir, allerdings ſehr unvollkommen, unſern Leſern vor die Augen zu ſtellen verſucht haben. Dieſe Menge, dieſes Geräuſch, dieſe Spiegelung 270 aller menſchlichen und natürlichen Herrlichkeiten, blen⸗ deten den Gefangenen wie ein Blitz, der in ſeinen Kerker gedrungen wäre. Trotz des geringen Eifers, mit dem ihm ſein Ge⸗ fährte geantwortet, wenn er ihn über ſein eigenes Schickſal befragt hatte, wagte er es zum letzten Mal, ihn über all dieſes Gedränge zu fragen, von dem er glauben mußte und konnte, es ſei ihm völlig fremd. „Ich bitte, was iſt das, Herr Lieutenant?“ fragte er den Officier, der ihn zu geleiten beauftragt war. „Es iſt ein Feſt, wie Ihr ſehen könnt, mein Herr,“ antwortete der Officier. „Ahl ein Feſt!“ ſagte Cornelius mit jenem traurig gleichgültigen Ton eines Menſchen, dem ſeit kanger Zeit keine Freude dieſer Welt mehr angehört. Dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, und als der Wagen ein paar Schritte fortgerollt war, fragte er weiter: „Das Patronalfeſt von Harlem? denn ich ſehe Blumen.“ „Es iſt in der That ein Feſt, wobei die Blumen die Hauptrolle ſpielen, mein Herr.“ ͤ „Oh! die ſüßen Wohlgerüche! ohl die ſchönen Farben!“ rief Cornelius.— „Haltet an, daß der Herr ſehen kann,“ ſagte mit einer von jenen Bewegungen ſanften Mitleids, die man nur bei Militären findet, der Officier zu dem mit der Rolle des Poſtillon beauftragten Soldaten. „Oh! Herr, ich danke für Eure Gefälligkeit,“ er⸗ wiederte van Baerle ſchwermüthig;„aber die Freude der Andern iſt eine ſehr ſchmerzliche Freude, ich bitte Euch daher, erſpart ſie mir.“ „Nach Eurem Belieben; vorwärts alſo. Ich be⸗ fahl, zu halten, weil Ihr mich fragtet, und weil Ihr für einen Liebhaber der Blumen geltet, beſonders der⸗ jenigen, deren Feſt man heute feiert.“ N —8 M 271 „Von welchen Blumen feiert man heute das Feſt, mein Herr?“ „Von den Tulpen.“ „Von den Tulpen!“ rief van Baerle;„es iſt heute das Tulpenfeſt?“ „Ja, Herr; doch da Euch dieſes Schauſpiel unan⸗ genehm iſt, ſo wollen wir weiter fahren.“ Hienach ſchickte ſich der Officier an, den Befehl zu geben, weiter zu fahren. 3 Aber Cornelius hielt ihn zurück; ein ſchmerzlicher Zweifel hatte ſich in ſeinem Geiſte erhoben. „Mein Herr,“ fragte er mit zitternder Stimme, „ſollte man heute den Preis ertheilen?“ „Den Preis für die ſchwarze Tulpe, ja.“ Die Wangen von Cornelius färbten ſich purpur⸗ roth, ein Schauer durchlief ſeinen ganzen Leib, der Schweiß perlte auf ſeiner Stirne. Dann bedachte er, daß, da er und ſeine Tulpe fehlten, das Feſt ohne Zweifel in Ermangelung eines zu krönenden Menſchen und einer zu krönenden Blume ſcheitern würde, und ſprach: „Ach! alle dieſe braven Leute werden ſo unglück⸗ lich ſein, als ich, denn ſie werden die große Feierlich⸗ keit, zu der ſie geladen ſind, nicht ſehen, oder wenigſtens nur unvollkommen ſehen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr 2 „Ich will damit ſagen, daß nie, ausgenommen durch Einen, den ich kenne, die ſchwarze Tulpe ge⸗ funden werden wird,“ antwortete van Baerle, indem er ſich in den Wagen zurückwarf. „Dann hat ſie dieſer Eine, den Ihr kennt, ge⸗ funden,“ ſagte der Officier;„denn was in dieſem Augenblick ganz Harlem betrachtet, iſt die Blume, die Ihr für unfindbar haltet.“ 3 „Die ſchwarze Tulpe!“ rief van Baerle, während er mit dem halben Leib zum Kutſchenſchlag hinaus⸗ fuhr.„Wo dies? wo dies?“ .— ꝗ—— 272 „Dort auf dem Thron, ſeht Ihr?“ „Ich ſehe!“ „Vorwärts, Herr,“ ſagte der Officier,„wir müſſen nun weiter.“ 4 „Ohl ich bitte, habt Mitleid, mein Herr,“ rief van Baerle,„oh! führt mich nicht fort! laßt mich noch ſchauen! Wie, was ich dort ſehe, iſt die ſchwarze Tulpe... ſehr ſchwarz... iſt das möglich? ohl Herr, habt Ihr ſie geſehen? ſie muß Flecken haben, ſie muß — unvollkommen ſein, ſie iſt vielleicht nur gefärbt; oh! wenn ich dort wäre, ich vermöchte es wohl zu ſagen; laßt mich ausſteigen, Herr, laßt mich ſie von Nahem ſehen, ich bitte Euch, Herr.“ „Seid Ihr verrückt, kann ich das?“ „Ich flehe Euch an.“. „Ihr vergeßt, daß Ihr Gefangener ſeid.“ EEs iſt wahr, ich bin Gefangener; doch ich bin ein Mann von Ehre, und bei meiner Ehre, ich werde nicht entweichen; ich werde es nicht verſuchen, zu fliehen; laßt mich nur die Blume anſchauen.“ „Aber meine Befehle, Herr?“ entgegnete der Officier. Und er machte eine neue Bewegung, um dem Soldaten zu befehlen, weiter zu fahren. Cornelius hielt ihn abermals zurück. „Ohl ſeid geduldig, ſeid edelmüthig, mein ganzes Leben beruht auf einer Bewegung Eures Mitleids. Ach! mein Leben, Herr, es wird nun wahrſcheinlich nicht lange währen. Oh! Ihr wißt nicht, Herr, was ich leide; Ihr wißt nicht, Herr, was ſich in meinem Kopfe und in meinem Herzen bekämpft; denn,“ fuhr Cornelius voll Verzweiflung fort,„denn wenn das meine Tulpe wäre, wenn das diejenige wäre, welche man Roſa geſtohlen hat... Ohl Herr, begreift Ihr, was es heißt, die ſchwarze Tulpe gefunden, ſie einen Augenblick geſehen und erkannt zu haben, ſie ſei voll⸗ kommen, es ſei zugleich ein Meiſterwerk der Kunſt und der Natur, und ſie dann verlieren, für immer verlieren! Oh! ich muß hinaus, Herr, ich muß ſie ſehen, Ihr werdet mich hernach tödten, wenn Ihr wollt, doch ich werde ſie ſehen, ich werde ſie ſehen.“ „Schweigt, Unglücklicher, und zieht Euch raſch in Euren Wagen zurück, denn hier kommt die Escorte Seiner Hoheit des Stadhouder gegen Euch, und wenn der Prinz einen Scandal bemerkte, einen Lärmen hörte, ſo wäre es um Euch und um mich geſchehen.“ Noch mehr für ſeinen Gefährten, als für ſich ſelbſt erſchrocken, warf ſich van Baerle in den Wagen zu⸗ rück, doch er hielt es hier keine halbe Minute aus, und die zwanzig erſten Reiter waren kaum vorüber, als er ſich wieder zum Kutſchenſchlag hinausbeugte und geſticulirte und flehte, gerade in dem Augenblick, als der Stadhouder vorbeikam. Unempfindlich und einfach wie gewöhnlich, begab ſich Wilhelm nach dem Platze, um ſeine Präſidenten⸗ pflicht zu erfüllen. Er hatte in der Hand ſeine Per⸗ gamentrolle, welche an dieſem Feſttage ſein Commando⸗ ſtab geworden war. Als er unſern Mann geſticuliren und flehen ſah, und auch vielleicht den Officier erkannte, der ihn be⸗ gleitete, befahl der Prinz Stadhouder, zu halten. Auf der Stelle machten die Pferde, bebend auf ihren ſtählernen Häckſen, ſechs Schritte von dem in ſeinem Wagen eingeſchloſſenen van Baerle Halt. „Was iſt das?“ fragte der Prinz den Officier, der auf den erſten Befehl des Stadhouder aus dem Magen geſprungen war und ſich ihm ehrfurchtsvoll näherte. „Gnädigſter Herr,“ erwiederte er,„es iſt der Staatsgefangene, den ich auf Euer Geheiß von Löven⸗ ſtein geholt habe und zu Euch nach Harlem bringe, wie es Eure Hoheit gewünſcht hat.“.. „Was will er?“ Die ſchwarze Tulpe. 274 3„Er bitlet inſtändig, daß man ihm erlaube, hier einen Augenblick zu halten.“ „Um die ſchwarze Tulpe zu ſehen, gnädigſter Herr,“ rief van Baerle, die Hände faltend,„und nachdem ich ſie geſehen, und wenn ich erfahren habe, was ich wiſſen muß, werde ich ſterben, wenn es ſein ſoll, doch ich werde ſterbend Eure barmherzige Hoheit ſegnen, ich werde Euch ſegnen, der Ihr der Vermittler zwiſchen der Gottheit und mir, Euch, der geſtatten wird, daß mein Werk ſein Ende und ſeine Verherrlichung ge⸗ habt hat.“ Sie boten in der That ein ſeltſames Schauſpiel, dieſe zwei Männer, jeder an ſeinem Wagenſchlag, umgeben von ihren Wachen; der Eine allmächtig, der Andere elend; der Eine im Begriff, ſeinen Thron zu beſteigen, der Andere, wie er glaubte, im Begriff, das Schaffot zu beſteigen. 3 Wilhelm hatte Cornelius kalt angeſchaut und ſeine heftige Bitte gehört. Dann wandte er ſich an den Officier und ſagte: Dieſer Menſch iſt der rebelliſche Gefangene, der ſeinen Kerkermeiſter in Lövenſtein hat umbringen een.“ 3 Cornelius ſtieß einen Seufzer aus und neigte das Haupt. Sein ſanftes, ehrliches Geſicht erröthete und erbleichte zugleich. Dieſe Worte des allmächtigen, all⸗ wiſſenden Fürſten, dieſe göttliche Unfehlbarkeit, welche, durch einen geheimen und den übrigen Menſchen un⸗ ſichtbaren Boten, ſein Verbrechen ſchon wußte, weiſſagte ihm nicht nur eine ſichere Strafe, ſondern auch eine Weigerung. Er verſuchte es nicht, zu kämpfen, er verſuchte es nicht, ſich zu vertheidigen; er bot dem Prinzen da rührende Schauſpiel einer ſehr naiven und, für ein ſo großes Herz, für einen ſo großen Geiſt, wie der des Mannes, welcher es betrachtete, ſehr verſtändlichen Verzweiflung. * *△ — 275 „Erlaubt dem Gefangenen, auszuſteigen,“ ſagte der Stadhouder,„und er ſehe die ſchwarze Tulpe, welche wohl würdig iſt, wenigſtens einmal geſehen zu werden.“ „Oh!“ rief Cornelius, der, vor Freude einer Ohn⸗ macht nahe, auf dem Fußtritt des Wagens ſchwankte, „ohl gnädigſter Herr!..“ Und er ſtockte und keuchte athemlos, und ohne den Arm des Officiers, der ihm ſeinen Beiſtand bot, hätte der arme Cornelius Seiner Hoheit auf den Knieen und mit der Stirne im Staub gedankt. Als dieſer Befehl gegeben war, fuhr der Prinz unter dem begeiſtertſten Zuruf weiter. Er kam bald zu ſeiner Eſtrade, und die Kanonen donnerten in den Tiefen des Horizontes. Schluß. Von vier Wachen geführt, die ſich einen Weg durch die Menge bahnten, drang van Baerle ſchräge gegen die ſchwarze Tulpe vor, welche ſeine Blicke, als er immer näher hinzukam, verſchlangen. Er ſah ſie endlich, die einzige Blume, die unter unbekannten Combinationen von Wärme und Kälte, von Schatten und Licht, eines Tages erſcheinen ſollte, um für immer zu verſchwinden. Er ſah ſie auf ſechs Schritte; er weidete ſich an ihrer Vollkommenheit und Anmuth; er ſah ſie hinter den jungen Mädchen, welche eine Ehrenwache für dieſe Königin an Adel und Reinheit bildeten. Und dennoch, je mehr er ſich mit ſeinen eigenen Augen von der Vollkommenheit der Blume verſicherte, deſto mehr war ſein Herz zerriſſen. Er ſchaute rings umher, um eine Frage zu thun, eine einzige. Doch überall unbekannte Geſichser; überall ——— 276 die Aufmerkſamkeit auf den Thron gerichtet, auf den ſich der Stadhouder geſetzt hatte. Wilhelm, der die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſtand auf, ließ einen ruhigen Blick auf der berauſchten Menge umherlaufen, und ſein durchdringen⸗ des Auge verweilte abwechſelnd auf den drei Ex⸗ tremitäten eines Dreiecks, das ihm gegenüber drei In⸗ tereſſen und drei verſchiedene Dramen bildeten. An einer der Ecken Bortel, bebend vor Ungeduld und mit ſeiner ganzen Aufmerkſamkeit den Prinzen, die Gulden, die ſchwarze Tulpe und die Verſammlung verſchlingend. 4 An der andern Cornelius, keuchend, ſtumm, nur für die ſchwarze Tulpe, ſeine Tochter, Blick, Leben, Herz, Liebe beſitzend. An der dritten endlich, auf einer Stufe mit den Jungfrauen von Harlem ſtehend, eine ſchöne Frieſin, in feine rothe, ſilbergeſtickte Wolle gekleidet und mit Spitzen bedeckt, welche in Wogen von ihrem goldenen Helm herabfielen. 88 Roſa endlich, die ſich halb ohnmächtig und mit ſchwim⸗ menden Augen auf den Arm von einem der Of⸗ ficiere von Wilbelm ſtützte. Als der Prinz alle ſeine Zuhörer bereit ſah, entrollte er langſam das Papier und ſprach mit einer ruhigen, ſcharfen, aber ſchwachen Stimme, von der ſich indeſſen keine Note bei dem religiöſen Stillſchweigen verlor, das ſich plötzlich auf die fünfzigtauſend Zu⸗ ſchauer niederſenkte und ihren Athem an ihre Lippen feſſelte. „Ihr wißt, in welchem Zweck Ihr Euch hier ver⸗ ſammelt habt. in Preis von hunderttauſend Gulden iſt dem⸗ jenigen verſprochen worden, welcher die ſchwarze Tulpe finden würde..„ „öDie ſchwarze Tulpe! und dieſes Wundek Hol⸗ lands iſt vor Euren Augen ausgeſtellt. Die ſchwarze 4 —⸗ 277 Tulpe iſt gefunden worden, und zwar mit allen vom Programm der Gartenbau⸗Geſellſchaft zu Harlem ge⸗ forderten Bedingungen.. „Die Geſchichte ihrer Geburt und der Name ihres Urhebers werden in das Ehrenbuch der Stadt einge⸗ tragen werden. 4 3 „Heißt die Perſon herbeikommen, deren Eigenthum die ſchwarze Tulpe iſt.“ 3 Während er dieſe Worte ſprach, ließ der Prinz, um die Wirkung, die ſie hervorbrächten, zu beurtheilen, ſeinen klaren Blick auf den drei Extremitäten des Drei⸗ ecks umherlaufen. Er ſah Boxtel von ſeiner Stufe herabſtürzen. Er ſah Cornelius eine unwillkürliche Bewegung en. Er ſah endlich den Officier, der über Roſa zu wachen beauftragt war, dieſe vor den Thron führen oder vielmehr ſchieben. Ein doppelter Schrei erſcholl zugleich rechts und links vom Prinzen. Boxtel, wie vom Donner gerührt, Cornelius, ganz außer ſich, hatten Beide:„Roſa, Roſa!“ gerufen. „Die Tulpe gehört Euch, nicht wahr, Mädchen?“ ſagte der Prinz. „Ja, gnädigſter Herr,“ ſtammelte Roſa, welche ein allgemeines Gemurmel in ihrer rührenden Schönheit mach begrüßt hatte. „Oh!“ ſagte Cornelius zu ſich ſelbſt,„ſie log alſo, als ſie behauptete, man habe ihr die Blume geſtohlen. Ah! darum hat ſie Lövenſtein verlaſſen; ohl vergeſſen, verrathen durch ſie, welche ich für meine beſte Freundin hielt!“ 3 „Ah!“ ſeufzte Bortel ſeinerſeits,„ich bin ver⸗n loren.“ de Tulpe,“ fuhr der Prinz fort,„wird alſo den Namen ihres Erfinders tragen und im Blumen⸗ „ 278 Katalog unter dem Namen Tulipa nigra Rosa Bar- laensis eingeſchrieben werden, wegen des Namens van Baerle, der ſortan der Frauenname dieſes Mädchens ſein wird.“ Und zugleich nahm der Prinz die Hand von Roſa und legte ſie in die Hand eines Mannes, der, bleich, betäubt, wahnſinnig vor Freude, an den Fuß des Throns geſtürzt war und abwechſelnd ſeinen Fürſten, ſeine Braut und Gott begrüßte, welcher von ſeinem Azurhimmel herab lächelnd dieſem Schauſpiel zweier glücklicher Herzen zuſah. b Zu gleicher Zeit fiel auch zu den Füßen des Prä⸗ ſidenten van Syſtens ein anderer Menſch, von einer ehe verſchiedenartigen Bewegung des Gemüths ge⸗ roffen. Vernichtet unter dem Ruin ſeiner Hoffnungen, war Boxtel ohnmächtig geworden. Man hob ihn auf, man befragte ſeinen Puls und ſein Herz: er war todt. Dieſer Vorfall ſtörte das Feſt durchaus nicht, in Betracht, daß weder der Präſident, noch der Prinz ſich viel darum zu bekümmern ſchienen. Cornelius wich erſchrocken zurück: in ſeinem Dieb, in ſeinem falſchen Jacob hatte er den ächten Iſaak Boxtel, ſeinen Nachbar, erkannt, den er in der Reinheit ſeiner Seele nicht einen Augenblick im Verdacht einer ſo böſen Handlung gehabt.— Es war übrigens ein großes Glück für Boxtel, daß ihm Gott ſo zu rechter Zeit einen Schlaganfall geſchickt hatte, der ihn verhinderte, länger für ſeinen Stolz und für ſeinen Geiz ſo ſchmerzliche Dinge zu ſehen. Dann zog die Proceſſion weiter, ohne daß ſich etwas in ihrem Ceremoniell verändert hatte, wenn nicht, daß Boxtel todt war, und daß Cornelius und Roſa triumphirend und Hand in Hand neben einander gingen. 8 — —õ—— 279 Als man in das Stadthaus zurückgekehrt war, deutete der Prinz auf die Börſe mit den hunderttauſend Gulden in Gold und ſprach zu Cornelius: „Man weiß nicht genau, wer dieſes Geld verdient hat, Ihr oder Roſa? denn wenn Ihr die ſchwarze Tulpe gefunden habt, ſo hat ſie dieſelbe aufgezogen und zur Blüthe gebracht; es wäre auch ungerecht, wenn man es ihr nicht als Mitgift anbieten würde. „Ueberdies iſt es das Geſchenk der Stadt Harlem an die Tulpe.“ Cornelius wartete, um zu erfahren, worauf der Prinz abzielte. Dieſer fuhr fort: „Ich gebe Roſa hunderttauſend Gulden, die ſie wohl verdient hat und Euch anbieten kann; ſie ſind der Preis ihrer Liebe, ihres Muthes, ihrer Redlichkeit. „Was Euch betrifft, ſo hat man, abermals durch Roſa, welche den Beweis Eurer Unſchuld beibrachte,“(hier reichte der Prinz Cornelius das uns bekannte Blatt aus der Bibel, auf welches der Brief von Cornelius de Witt geſchrieben war, und das zum Einwickeln der dritten Brutzwiebel gedient hatte),„was Euch be⸗ trifft, ſo hat man bemerkt, daß Iyr wegen eines nemechrna⸗ das Ihr nicht begangen, eingeſperrt ge⸗ weſen. „Damit ſage ich Euch nicht nur, daß Ihr frei ſeid, ſondern auch, daß das Vermögen eines unſchuldigen Mannes nicht confiscirt werden kann. „Euer Vermögen wird Euch alſo zurückgegeben werden. „Herr van Baerle, Ihr ſeid der Täufling von Herrn Cornelius de Witt und der Freund von Herrn Johann. Bleibt würdig des Namens, den Euch der Eine auf dem Taufſtein anvertraut hat, und der Freund⸗ ſchaft, die der Andere für Euch gehegt. Bewahrt die Tradition der Verdienſte von Beiden, denn die Herren de Witt waren, ſchlecht verurtheilt, ſchlecht beſtraft in Folge eines augenblicklichen Irrthums der Menge, zwei große Bürger, auf welche Holland heute ſtolz iſt.“ Nach dieſen paar Worten, die er gegen ſeine Ge⸗ wohnheit mit bewegter Stimme ſprach, reichte der Prinz dem jungen Paar, das an ſeiner Seite kniete, die Hände zum Kuß. Dann gab er einen Seufzer von ſich und fügte noch bei: „Ah! Ihr ſeid ſehr glücklich, Ihr, die Ihr vielleicht vom wahren Ruhm Hollands und beſonders von ſeinem wahren Glück träumend ihm nur neue Tulpenfarben zu erobern ſucht.“ Und er warf einen Blick nach der Seite von Frankreich, als hätte er in dieſer Richtung neue Wolken ſich aufthürmen ſehen, ſtieg in ſeinen Wagen und fuhr weg............... Cornelius reiſte an demſelben Tag nach Dortrecht mit Roſa ab; dieſe ließ durch die alte Zug, die man ihm als Botſchafterin zuſandte, ihren Vater von Allem, was vorgefallen war, benachrichtigen. Diejenigen, welche durch unſere Auseinanderſetzung den Charakter des alten Gryphus kennen, werden be⸗ greifen, daß er ſich ſchwer mit ſeinem Schwiegerſohn verſöhnte. Er hatte die Stockſtreiche, die er nach den Quetſchungen gezählt, auf dem Herzen und behauptete, ſie belaufen ſich auf einundvierzig; am Ende aber er⸗ gab er ſich, um, wie er ſagte, nicht minder großmüthig zu ſein, als Seine Hoheit der Stadhouder. Wärter der Tulpen geworden, nachdem er Ge⸗ fangenwärter der Menſchen geweſen, war er auch der härteſte Kerkermeiſter der Blumen, den man je in Flandern getroffen. Man mußte ihn ſehen, wie er die gefährlichen Schmetterlinge bewachte, die Feldmäuſe tödtete und die hungerigen Bienen verjagte! Da er die Geſchichte von Bortel erfahren hatte 281 und darüber wüthend war, daß er von dem falſchen Jacob bethört worden, ſo war er es auch, der das einſt don Neidiſchen binter dem Maulbeerfeigenbaum er⸗ richtete Obſervatorium zerſtörte, denn im Aufſtreich verkauft, war das Gehäge von Bortel nun den Beeten von Cornelius angeſchloſſen, der ſich ſo arrondirte, daß er allen Fernrohren von Dortrecht Trotz bieten onnte. Immer mehr an Schönheit zunehmend, nahm Roſa auch immer mehr an Wiſſen zu, und nachdem ſie zwei Jahre verheirathet, konnte ſie ſo gut leſen und ſchreiben, daß ſie allein die Erziehung von zwei ſchönen Kindern zu leiten vermochte, die ihr im Monat Mai 1674 und 1675 wie Tulpen gewachſen waren, und ihr viel weniger Leid bereitet hatten, als die berühmte Blume, der ſie ihren Beſitz verdankte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, da das eine ein Knabe und das andere ein Mädchen war, das erſte den Namen Cornelius, das zweite den Namen Roſa erhielt. Tornelius blieb Roſa treu wie ſeinen Tulpen; ſein ganzes Leben hindurch beſchäftigte er ſich mit dem Glück ſeiner Frau und der Cultur der Blumen, durch welche Cultur er eine große Anzahl Varietäten fand, die im holländiſchen Katalog eingetragen find. Die zwei Hauptzierrathen ſeines Salon waren, in großen goldenen Rahmen, die zwei Blätter aus der Bibel von Cornelius de Witt; auf das eine hatte ihm, wie man ſich erinnert, ſein Pathe geſchrieben, er möge die Correſpondenz des Marquis von Louvois ver⸗ brennen. 4 Auf dem andern hatte er Roſa die Brutzwiebel der ſchwarzen Tulpe unter der Bedingung vermacht, daß ſie mit ihrer Mitgift von hunderttauſend Gulden einen hübſchen Jungen von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren heirathe, der ſie liebe und den ſie liebe. Eine Bedingung, welche gewiſſenhaſt Prfüll worden war, obgleich Cornelius nicht geſtorben, und gerade, weil er nicht geſtorben. Um die zukünftigen Neidiſchen zu bekämpfen, von welchen ihn zu befreien, wie ſie es bei Mynheer Iſaak Borxtel gethan, die Vorſehung vielleicht nicht Muße gehabt hätte, ſchrieb er über ſeine Thüre die Worte, welche Grotius am Tage ſeiner Flucht in die Mauer ſeines Gefängniſſes eingegraben hatte: „Man hat zuweilen genug gelitten, um berechtigt zu ſein, nie zu ſagen: Ich bin zu glücklich!“ Ende. enn —