— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Leſ ebedingungen. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. r p G 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt 8 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — IeSS „„„ Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothet. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für incki 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vex⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 9 Sämmtliche Werke von Alexandre Dumas. Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Vugbanduung 3 6 * Zwanzig Jahre nachher. Fortſetzung der Drei Musketiere. Von Alerandre Dumas. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. Siebentes bis zehntes Bändchen. —e— Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Zwanzig Jahre nachher. Fortſetzung der Drei Musketiere. Von Alerandre Pumas. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. Siebentes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. — I. Mazarin und Madame Henriette. Der Cardinal ſtand auf, um die Königin Hen⸗ riette zu empfangen. Er begegnete ihr mitten in der Gallerie vor ſeinem Cabinet. Mazarin legte um ſo mehr Ehrfurcht gegen dieſe Königin ohne Gefolge und ohne Schmuck an den Tag, als er wohl fühlte, daß er ſich einen Vorwurf über ſeinen Mangel an Gemüth und über ſeinen Geiz zu machen hatte. Aber die Bittſteller wiſſen ihr Geſicht zu nöthigen, jeden Ausdruck anzunehmen, und die Tochter von Heinrich IV. lächelte, als ſie demjenigen entgegentrat, welchen ſie haßte und verachtete. „Ach,“ ſagte Mazarin zu ſich ſelbſt,„was für ein ſanftes Geſicht? Kommt ſie etwa, um Geld von mir zu entlehnen?“ Und er warf einen unruhigen Blick auf den„Segt ſeiner Kaſſe. Er drehte ſogar den Kaſten des prächti⸗ gen Diamants nach Innen, deſſen Glanz die Augen auf ſeine übrigens weiße und ſchöne Hand ziehen konnte. Unglücklicher Weiſe hatte dieſer Ring nicht die Eigen⸗ ſchaft des von Gyges, welcher ſeinen Herrn unſichtbar machte, wenn er that, was Mazarin gethan hatte. Mazarin aber hätte in dieſem Augenblick wohl unnſichtbar zu ſein gewünſcht, denn er ahnte, daß Ma⸗ dame Henriette kam, um ihn um etwas zu bitten. Wenn * —— I. Mazarin und Madamr Henriette. Der Cardinal ſtand auf, um die Königin Hen⸗ riette zu empfangen. Er begegnete ihr mitten in der Gallerie vor ſeinem Cabinet. Mazarin legte um ſo mehr Ehrfurcht gegen dieſe Königin ohne Gefolge und ohne Schmuck an den Tag, als er wohl fühlte, daß er ſich einen Vorwurf über ſeinen Mangel an Gemüth und über ſeinen Geiz zu machen hatte. Aber die Bittſteller wiſſen ihr Geſicht zu nöthigen, leden Ausdruck anzunehmen, und die Tochter von Heinrich IV. lächelte, als ſie vemjenigen entgegentrat, welchen ſie haßte und verachtete. „Ach,“ ſagte Mazarin zu ſich ſelbſt,„was für ein ſanftes Geſicht? Kommt ſie etwa, um Geld von mir zu entlehnen?“ Und er warf einen unruhigen Blick auf den Deckel feiner Kaſſe. Er drehte ſogar den Kaſten des prächti⸗ gen Diamants nach Innen, deſſen Glanz die Augen auf ſeine ie weiße und ſchöne Hand ziehen konnte. Unglückicher Weiſe hatte dieſer Ring nicht die Eigen⸗ ſchaft des von Gyges, welcher ſeinen Herrn unſichtbar machte, wenn er that, was Mozarin gethan hatte. Mazarin aber hätte in dieſem Augenblick wohl ußſichtbar zu ſein gewünſcht, denn er ahnte, daß Ma⸗ dame Henriette kam, um ihn um etwas zu bitten. Wenn 8 eine Königin, welche er ſo behandelt hatte, mit einem Lächeln auf den Lippen, ſtatt die Drohung im Munde zu haben, erſchien, ſo kam ſie als Flehende. „Herr Cardinal,“ ſagte die erhabene Dame, ich hatte Anfangs die Abſicht, über die Angelegenheit, welche mich hieher führt, mit der Königin, meiner Schweſter, zu ſprechen; aber ich bedachte, daß die politiſchen Dinge vor Allem die Männer angehen.“ „Madame,“ ſprach Mazarin,„glaubt mir, daß Eure Majeſtät mich ganz beſchämt durch dieſe ſchmei⸗ chelhafte Unterſcheidung.“ „Er iſt ſehr höflich,“ dachte die Königin;„ſollte er mich errathen haben?“ Man war in das Cabinet des Cardinals gelangt, Mazarin ließ die Königin ſich ſetzen, und nachdem ſie es ſich in ihrem Lehnſtuyle bequem gemacht hatte, ſprach er: „Gebt dem ehrfurchtsvollſten von Euren Dienern Eure Befehle.“ „Ach, mein Herr, ich habe die Gewohnheit, Be⸗ fehle zu geben, verloren, und die, Bitten zu ſtellen, angenommen. Ich komme, um Euch zu bitten, und bin zu glücklich, wenn meine Bitte erhört wird.“ „Sprecht, Madame.“ „Herr Cardinal, es handelt ſich um den Krieg, den der König, mein Gemahl, gegen ſeine rebelliſchen Unterthanen führt. Ihr wißt vielleicht nicht, daß man ſich in England ſchlägt,“ ſagte die Königin mit einem traurigen Lächeln,„auf eine viel entſcheidendere Art ſchlagen wird, als man ſich bis jetzt geſchlagen hat.“ „Ich weiß durchaus nichts davon, Madame,“ er⸗ wiederte der Cardinal, dieſe Worte mit einer leichten Schulterbewegung begleitend.„Ach, unſere eigenen Kriege verzehren völlig die Zeit und den Geiſt eines unfähigen, ſchwachen, armen Miniſters wie ich bin.“ „Nun wohl, Herr Cardinal,“ ſagte die Königin, „ich theile Euch alſo mit, daß Carl I., mein Gemahl, im Begriffe iſt, eine entſcheidende Schlacht zu liefern. eine Königin, welche er ſo behandelt hatte, mit einem Lächeln auf den Lippen, ſtatt die Drohung im Munde zu haben, erſchien, ſo kam ſie als Flehende. „Herr Cardinal,“ ſagte die erhabene Dame, ich hatte Anfangs die Abſicht, über die Angelegenheit, welche mich hieher führt, mit der Königin, meiner Schweſter, zu ſprechen; aber ich bedachte, daß die politiſchen Dinge vor Allem die Männer angehen.“ „Madame,“ ſprach Mazarin,„glaubt mir, daß Eure Majeſtät mich ganz beſchämt durch dieſe ſchmei⸗ chelhafte Unterſcheidung.“ „Er iſt ſehr höflich,“ dachte die Königin;„ſollte er mich errathen haben?“ Man war in das Cabinet des Cardinals gelangt, Mazarin ließ die Königin ſich ſetzen, und nachdem fie es ſich in ihrem Lehnſtuhle bequem gemacht hatte, ſprach er: „Gebt dem ehrfurchtsvollſten von Euren Dienern Eure Befehle.“ „Ach, mein Herr, ich habe die Gewohnheit, Be⸗ fehle zu geben, verloren, und die, Bitten zu ſiellen, angenommen. Ich komme, um Euch zu bitten, und bin zu glücklich, wenn meine Bitte erhört wird.“ „Sprecht, Madame.“ „Herr Cardinal, es handelt ſich um den Krieg, den der König, mein Gemahl, gegen ſeine rebelliſchen Unterthanen führt. Ihr wißt vielleicht nicht, daß man ſich in England ſchlägt,“ ſagte die Königin mit einem traurigen Lächeln,„auf eine viel entſcheidendere Art ſchlagen wird, als man ſich bis jetzt geſchlagen hat.“ „Ich weiß durchaus nichts davon, Madame,“ er⸗ wiederte der Cardinal, diefe Worte mit einer leichten Schulterbewegung begleitend.„Ach, unſere eigenen Kriege verzehren völlig die Zeit und den Geiſt eines unfähigen, ſchwachen, armen Miniſters wie ich bin.“ „Nun wohl, Herr Cardinal,“ ſagte die Königin, „ich theile Euch alſo mit, daß Carl I., mein Gemahl, im Begriffe iſt, eine entſcheidende Schlacht zu liefern. — S Im Falle einer Niederlage...“ Mazarin machte eine Bewegung...„Man muß für Alles vorherſehen,“ fuhr die Königin fort,„im Falle einer Niederlage wünſcht er ſich nach Frankreich zurückzuziehen und hier wie ein einfacher Privatmann zu leben. Was ſagt Ihr zu dieſem Plane?“ Der Cardinal hatte zugehört, ohne daß eine Fiber ſeines Geſichtes den Eindruck verrieth, den die Worte der Königin auf ihn machten. Während er hörte, blieb ſein Lächeln das, was es immer war, falſch, ſchlau, und als die Königin geendigt hatte, antwortete er mit ſeinem weichſten Tone: „Glaubt Ihr, Madame, daß Frankreich, ſo aufge⸗ regt, ſo brauſend es in dieſem Augenblicke iſt, als ein Hafen des Heils für einen entthronten König betrach⸗ tet werden darf? Die Krone iſt bereits nichts weniger als feſt auf dem Haupte von Ludwig XIV. Wie ſollte es eine doppelte Laſt tragen?“ 3 „Dieſe Laſt iſt in Beziehung auf das, was mich betrifft, nicht ſehr ſchwer geweſen,“ unterbrach ihn die Königin mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„und ich for⸗ dere nicht, daß man mehr für meinen Gemahl thun ſoll, als man für mich geihan hat. Ihr ſeht, daß wir ſehr beſcheidene Könige find, mein Herr.“ „Oh Ihr, Madame, Ihr,“ ſagte der Cardinal haſtig, um die Erklärungen, denen er entgegenſah, kurz abzuſchneiden,„das iſt etwas Anderes. Eine Toch⸗ ter von Heinrich IV., eine Tochter von dieſem großen, dieſem erhabenen König!“.. „Was Euch nicht abhält, ſeinem Schwiegerſohne die Gaſtfreundſchaft zu verweigern, nicht wahr, mein Herr? Ihr ſolltet Euch jedoch erinnern, daß dieſer große, dieſer erhabene König eines Tags geächtet, wie es mein Gatte werden wird, Unterſtützung von England verlangte und daß England ſie ihm bewilligte. Aller⸗ dings war die Königin Eliſabeth nicht ſeine Nichte.“ „Peccato!“ ſprach Mazarin, ſich unter dieſer ſo nit im ich it, er die ei⸗ — 9 Im Falle einer Niederlage..„ Mazarin machte eine Bewegung„Man muß für Alles vorherſehen,“ fuhr die Königin fort,„im Falle einer Niederlage wünſcht er ſich nach Frankreich zurückzuziehen und hier wie ein einfacher Privatmann zu leben. Was ſagt Ihr zu dieſem Plane 7“ Der Cardinal hatte zugehört, ohne daß eine Fiber ſeines Geſichtes den Eindruck verrieth, den die Worte der Königin auf ihn machten. Während er hörte, blieb ſein Lächeln das, was es immer war, falſch, ſchlau, und als die Königin geendigt hatte, antwortete er mit ſeinem weichſten Tone: „Glaubt Ihr, Madame, daß Frankreich, ſo aufge⸗ regt, ſo brauſend es in diefem Augenblicke iſt, als ein Hafen des Heils für einen entthronten König betrach⸗ tet werden darf? Die Krone iſt bereits nichts weniger als feſt auf dem Haupte von Ludwig XIV. Wie ſollte es eine doppelte Laſt tragen2“ „Dieſe Laſt iſt in Beziehung auf das, was mich betrifft, nicht ſehr ſchwer geweſen,“ unterbrach ihn die Königin mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„und ich for⸗ dere nicht, daß man mehr für meinen Gemahl thun ſoll, als man für mich gethan hat. Ihr ſeht, daß wir ſehr beſcheidene Könige ſind, mein Herr.“ „Oh Ihr, Madame, Ihr,“ ſagte der Cardinal haſtig, um die Erklärungen, denen er entgegenſah, kurz abzuſchneiden,„das iſt etwas Anderes. Eine Toch⸗ ter von Heinrich 1IV., eine Tochter von dieſem großen, dieſem erhabenen König!“ „Was Euch nicht abhält, ſeinem Schwiegerſohne die Gaſtfreundſchaft zu verweigern, nicht wahr, mein Herr? Ihr ſolltet Euch jedoch erinnern, daß dieſer große, dieſer erhabene König eines Tags geächtet, wie es mein Gatte werden wird, Unterſtützung von England verlangte und daß England fie ihm bewilligte. Aller⸗ dings war die Königin Eliſabeth nicht ſeine Nichte.“ „Peccato!“ ſprach Mazarin, ſich unter dieſer ſo 10 einfachen Logik ſchüttelnd,„Eure Mateſtät verſteht mich nicht. Sie beurtheilt meine Anſichten nicht richtig, ohne Zweifel, weil ich mich im Franzöſiſchen ſchlecht ausdrücke.Ä“. „Sprecht Italieniſch, mein Herr, die Königin Ma⸗ ria von Medicis, unſere Mutter, hat uns dieſe Sprache gelehrt, ehe der Cardinal, Euer Vorgänger, ſie in die Verbannung ſchickte, in der ſie ſtarb. Wenm etwas von dieſem großen, von dieſem erhabenen König Hein⸗ rich übrig iſt, von dem Ihr ſo eben ſprachet, ſo muß ich erſtaunen über die tiefe Bewunderung für ihn, mit der ſo wenig Mitteid für ſeine Familie verbunden iſt.“ Der Schweiß lief in ſchweren Tropfen von der Stirne von Mazarin. „Dieſe Bewunderung iſt im Gegentheil ſo groß und ſo wahr, Madame,“ ſprach Mazarin, ohne das Anerbieten der Königin, ſich einer andern Sprache zu bedienen, anzunehmen,„daß wenn der König Carl I., den Gott vor jedem Unglück bewahren möge, nach Frankreich käme, ich ihm mein Haus, mein eigenes Haus anbieten würde. Aber leider wäre dieß ein durch⸗ aus nicht ſicherer Aufenthaltsort. Eines Tages wird das Volk dieſes Haus niederbrennen, wie es das des Marſchall d'Ancre niedergebrannt hat. Armer Concino Concini! er wollte doch nichts, als das Wohl von Frankreich.“ „Ja, Monſeigneur, wie Ihr,“ verſetzte die Köni⸗ gin ironiſch. 2 Mazarin ſtellte ſich, als verſtünde er den Doppel⸗ finn des Satzes nicht, den er ſelbſt ausgeſprochen hatte, und fuhr fort, über das Schickſal von Concino Con⸗ cini zu ſeufzen.. „Aber, Monſeigneur,“ ſagte die Königin unge⸗ duldig,„was antwortet Ihr mir?“ „Madame“ rief Mazarin,„Madame, würde mir Eure Majeſtät wohl erlauben, ihr einen Rath zu ge⸗ ben? Wohl verſtanden, ehe ich mir dieſe Freiheit 7 10 einfachen Logik ſchüttelnd,„Eure Majeſtät verſteht mich nicht. Sie beurtheilt meine Anſichten nicht richtig, ohne Zweifel, weil ich mich im Franzöſiſchen ſchlecht ausdrücke.“ „Sprecht Ztalieniſch, mein Herr, die Königin Ma⸗ ria von Medicis, unſere Mutter, hat uns dieſe Sprache gelehrt, ehe der Cardinal, Euer Vorgänger, ſie in die Verbannung ſchickte, in der ſie ſtarb. Wenn etwas von dieſem großen, von dieſem erhabenen König Hein⸗ rich übrig iſt, von dem Ihr ſo eben ſprachet, ſo muß ich erſtaunen über die tiefe Bewunderung für ihn, mit der ſo wenig Mitteid für ſeine Familie verbunden iſt.“ Der Schweiß lief in ſchweren Tropfen von der Stirne von Mazarin. „Dieſe Bewunderung iſt im Gegentheil ſo groß unv ſo wahr, Madame,“ ſprach Mazarin, ohne das Anerbieten der Königin, ſich einer andern Sprache zu bedienen, anzunehmen,„daß wenn der König Carl I., den Gott vor jedem Unglück bewahren möge, nach Frankreich käme, ich ihm mein Haus, mein eigenes Haus anbieten würde. Aber leider wäre dieß ein durch⸗ aus nicht ſicherer Aufenthaltsort. Eines Tages wird das Volk dieſes Haus niederbrennen, wie es vas des Marſchall d'Anere niedergebrannt hat. Armer Concino Concini! er wollte doch nichts, als das Wohl von Frankreich.“ „Ja, Monſeigneur, wie Ihr,“ verſetzte die Köni⸗ gin ironiſch. Mazarin ftellte ſich, als verſtünde er den Doppel⸗ ſinn des Satzes nicht, den er ſelbſt ausgeſprochen hatte, und fuhr fort, über das Schickſal von Coneino Con⸗ eini zu ſeufzen. „Aber, Monſeigneur,“ ſagte die Königin unge⸗ duldig,„was antwortet Ihr mir?“ „Madame,“ rief Mazarin,„Madame, würde mir Eure Majeſtät wohl erlauben, ihr einen Rath zu ge⸗ ben? Wohl verſtanden, ehe ich mir dieſe Freiheit ———————„—— — —. 11 nehme, fange ich damit an, daß ich mich Eurer Maje⸗ ſtät für Alles, was Ihr gefallen dürfte, zu Füßen lege.“ „Sprecht, mein Herr,“ antwortete die Königin, „„der Rath eines Mannes, der ſo klug iſt, wie Ihr, muß ſicherlich gut ſein.“ „Madame, glaubt mir, der König muß ſich auf das Aeußerſte vertheidigen.“ „Er hat es gethan, mein Herr, und die Schlacht, die er mit Hülfsmitteln, welche weit unter denen des Feindes ſtehen, zu liefern im Begriffe iſt, beweiſt, daß er ſich nicht ohne Kampf zu ergeben gedenkt. Aber im Falle, daß er beſiegt würde?“ „In dieſem Falle, Madame, iſt mein Rath,.. ich weiß, daß ich ſehr kühn bin, wenn ich Eurer Majeſtät einen Rath gebe,.. aber mein Rath iſt, der König ſoll ſein Reich nicht verlaſſen. Man vergißt ſehr ſchnell die abweſenden Könige. Geht er nach Frankreich über, ſo iſt ſeine Sache verloren.“ „Wenn dies Euer Rath iſt,“ ſprach die Königin, „und Ihr wirklich eine Theilnahme für ihn hegt, ſo ſchickt ihm einige Hülfe an Mannſchaft und Geld, denn ich vermag nichts mehr für ihn. Ich habe, um ihn zu unterſtützen, meinen letzten Diamant verkauft. Es bleibt mir nichts mehr; Ihr wißt es beſſer, als irgend Jemand, mein Herr. Wenn mir ein Juwel geblieben wäre, hätte ich Holz dafür gekauft, um mich und meine Tochter in dieſem Winter damit zu erwärmen.“ „Ach! Madame,“ verſetzte Mazarin,„Ihr wißt nicht, was Ihr von mir verlangt. Von dem Tage an, wo eine Hülfe von Fremden im Gefolge eines Königs erſcheint, um ihn wieder auf den Thron zu ſetzen, ge⸗ ſteht dieſer König gleichſam zu, daß er keine Hülfe mehr in der Liebe ſeiner Unterthanen zu ſuchen hat.“ „Zur Sache, mein Herr Cardinal,“ ſprach die Königin, welche die Geduld verlor, dieſem feinen Geiſte in das Labyrinth der Worte zu folgen, in welchem er ſich umhertrieb,„zur Sache. Antwortet mir ja oder 11 nehme, fange ich damit an, daß ich mich Eurer Maje⸗ ſtät für Alles, was Ihr gefallen dürfte, zu Füßen lege.“ „Sprecht, mein Herr,“ antwortete die Königin, „der Rath eines Mannes, der ſo klug iſt, wie Ihr, muß ſicherlich gut ſein.“ „Madame, glaubt mir, der König muß ſich auf das Aeußerſte vertheidigen.“ „Er hat es gethan, mein Herr, und die Schlacht, die er mit Hülfsmitteln, welche weit unter denen des Feindes ſtehen, zu liefern im Begriffe iſt, beweiſt, daß er ſich nicht ohne Kampf zu ergeben gedenkt. Aber im Falle, daß er beſiegt würde?“ „In dieſem Falle, Madame, iſt mein Rath, ich weiß, daß ich ſehr kühn bin, wenn ich Eurer Majeſtät einen Rath gebe, aber mein Rath iſt, der König ſoll ſein Reich nicht verlaſſen. Man vergißt ſehr ſchnell die abweſenden Könige. Geht er nach Frankreich über, ſo iſt ſeine Sache verloren.“ „Wenn dies Euer Rath iſt,“ ſprach die Königin, „und Ihr wirklich eine Theilnahme für ihn hegt, ſo ſchickt ihm einige Hülfe an Mannſchaft und Geld, denn ich vermag nichts mehr für ihn. Ich habe, um ihn zu unterſtützen, meinen letzten Diamant verkauft. Es bleibt mir nichts mehr; Ihr wißt es beſſer, als irgend Jemand, mein Herr. Wenn mir ein Juwel geblieben wäre, hätte ich Holz dafür gekauft, um mich und meine Tochter in dieſem Winter damit zu erwärmen.“ „Ach! Madame,“ verſetzte Mazarin,„Ihr wißt nicht, was Ihr von mir verlangt. Von dem Tage an, wo eine Hülfe von Fremden im Gefolge eines Königs erſcheint, um ihn wieder auf den Thron zu ſetzen, ge⸗ ſteht dieſer König gleichſam zu, daß er keine Hülfe mehr in der Liebe ſeiner Unterthanen zu ſuchen hat.“ „Zur Sache, mein Herr Cardinal,“ ſprach die Königin, welche die Geduld verlor, dieſem feinen Geiſte in das Labyrinth der Worte zu folgen, in welchem er ſich umhertrieb,„zur Sache. Antwortet mir ja oder 12 nein: beſteht der König darauf, in England zu blei⸗ ben, werdet Ihr ihm Hülfe ſchicken? kommt er nach Frankreich, werdet Ihr ihm Gaſtfreundſchaft gönnen?“ „Madame,“ antwortete der Cardinal, die größte Offenherzigkeit heuchelnd,„ich hoffe, Eurer Majeſtät zu beweiſen, wie ſehr ich ihr ergeben bin und wie ſe eine Angelegenheit zu Ende zu bringen wünſche, die ihr ungemein am Herzen liegt, wonach Eure Ma⸗ jeſtät an meinem Eifer, ihr zu dienen, nicht mehr zweifeln wird, wie ich denke.“ Die Königin biß ſich in die Lippen und bewegte ſich auf ihrem Stuhle voll Ungeduld hin und her. „Nun, was wollt Ihr thun?“ ſagte fie,„ſprecht.“ „Ich will auf der Stelle die Königin über dieſe Sache um Rath fragen, und wir werden ſie dann ſo⸗ gleich dem lament vorlegen.“ „Mit dem Ihr in Fehde lebt, nicht wahr? Ihr beauftragt Brouſſel, Berichterſtatter zu ſein. Genug, Herr Cardinal, genug. Ich verſtehe Euch, oder viel⸗ mehr ich habe Unrecht. Geht wirklich zum Parlament, denn von dieſem Parlament, dem Feinde der Könige, iſt der Tochter des erhabenen Heinrich IV. die ein⸗ zige Unterſtützung zugekommen, welche ſie dieſen Win⸗ ter verhindert hat, vor Hunger und Kälte zu ſterben.“ Nach dieſen Worten erhob ſich die Königin mit einer majeſtätiſchen Entrüſtung.. Der Cardinal ſtreckte die gefalteten Hände gegen e aus. 4 „Ah, Madame, Madamel wie ſchlecht kennt Ihr mich doch.“ cher dieſe heuchleriſchen Thränen vergoß, durchſchritt die Königin das Cabinet, öffnete ſelbſt die Thüre, ging mitten durch die zahlreichen Wachen Seiner Eminenz, mitten durch die Höflinge, welche ſich herandrängten, um ihm ihre Huldigung darzubringen, auf Lord Win⸗ ter zu, der vereinzelt da ſtand, und nahm ſeine Hand— 3 Aber, ohne ſich nach demjenigen umzuwenden, wel⸗ — ͤ— ————— — nein: beſteht der König darauf, in England zu blei⸗ ben, werdet Ihr ihm Hülfe ſchicken? kommt er nach Frankreich, werdet Ihr ihm Gaſtfreundſchaft gönnen?“ „Madame,“ antwortete der Cardinal, die größte Offenherzigkeit heuchelnd,„ich hoffe, Eurer Majeſtät zu beweiſen, wie ſehr ich ihr ergeben bin und wie ſehr ich eine Angelegenheit zu Ende zu bringen wünſche, die ihr ungemein am Herzen liegt, wonach Eure Ma⸗ jeſtät an meinem Eifer, ihr zu dienen, nicht mehr zweifeln wird, wie ich denke.“ Die Königin biß ſich in die Lippen und bewegte ſich auf ihrem Stuhle voll Ungeduld hin und her. „Nun, was wollt Ihr thun?“ ſagte fie,„ſprecht.“ „Ich will auf der Stelle die Königin über dieſe Sache um Rath fragen, und wir werden ſie dann ſo⸗ gleich dem Parlament vorlegen.“ „Mit dem Ihr in Fehde lebt, nicht wahr? Ihr beauftragt Brouſſel, Berichterſtatter zu ſein. Genug, Herr Cardinal, genug. Ich verſtehe Euch, oder viel⸗ mehr ich habe Unrecht. Geht wirklich zum Parlament, denn von dieſem Parlament, dem Feinde der Könige, iſt der Tochter des erhabenen Heinrich 1W. die ein⸗ zige Unterſtützung zugekommen, welche ſie dieſen Win⸗ ter verhindert hat, vor Hunger und Kälte zu ſterben.“ Nach dieſen Worten erhob ſich die Königin mit einer majeſtätiſchen Entrüſtung. ſ Der Cardinal ſtreckte die gefalteten Hände gegen e aus. 6 Madame, Madamel! wie ſchlecht kennt Ihr mich doch.“ Aber, ohne ſich nach demjenigen umzuwenden, wel⸗ cher dieſe heuchleriſchen Thränen vergoß, durchſchritt die Königin das Cabinet, öffnete ſelbſt die Thüre, ging mitten durch die zahlreichen Wachen Seiner Eminenz, mitten durch die Höflinge, welche ſich herandränaten, um ihm ihre Huldigung darzubringen, auf Lord Win⸗ ter zu, der vereinzelt da ſtand, und nahm ſeine Hand— Alle konn es Roll noch ein wen zen bei wäh Kaft das eine Kop junt frag beſc das geg und ſein zu eber ten. *8 B⁸8 8 Aäa— 8 — 13 „Eine arme, bereits gefallene Koͤnigin, vor der ſich noch Alle aus Etikette verbeugten, die aber in der That nur noch einen einzigen Arm hatte, auf den ſie ſich ſtützen onnte.. „Gleichviel,“ ſagte Mazarin, als er allein war, pes hat mir Mühe gemacht, und ich hatte eine harte Rolle zu ſpielen. Aber ich habe weder dem Einen, noch der Andern etwas geſagt. Dieſer Cromwell iſt ein ſcharfer Königsjäger. Ich beklage ſeine Miniſter, wenn er je nimmt. Bernouin!“ Bernouin trat ein. „Man ſehe, ob der junge Mann mit dem ſchwar⸗ zen Wammſe und den kurzen Haaren, den Du vorhin bei mir eingeführt haſt, ſich noch im Palaſte befindet.“ Bernouin ging ab. Der Cardinal beſchäftigte ſich während der Zeit ſeiner Abweſenheit damit, daß er den Kaſten ſeines Ringes umdrehte, den Diamant rieb, das Waſſer bewunderte und, da in ſeinen Augen noch eine Thräne rollte, die ihm das Geſicht trübte, den Kopf ſchüttelte, um ſie fallen zu machen. Bernouin kehrte mit Comminges zurück. „Monſeigneur,“ ſagte Comminges,„als ich den jungen Mann zurückführte, nach dem Euere Eminenz fragt, näherte er ſich der Glasthüre der Gallerie und beſchaute etwas mit großem Erſtaunen, ohne Zweifel das ſchöne Gemälde von Raphael, welches der Thüre gegenüber hängt. Dann träumte er einen Augenblick und ſtieg die Treppe hinab. Ich glaube, ich habe ihn ſeinen Grauſchimmel beſteigen und aus dem Hofe des Palaſtes reiten ſehen. Aber geht den Monſeigneur nicht zu der Königin?“ „Was dort thun?“ „Herr von Guitaut, mein Oheim, ſagt mir ſo 5¾ hen die Königin habe Nachricht vom Heere erhal⸗ en. 5 1 In dieſem Augenblick erſchien Herr von Villeauter. blei⸗ nach n 2 ößte eſtät wie ſche, Ma⸗ nehr ete cht.“ dieſe ſo⸗ Ihr nug, viel⸗ nent, nige, ein⸗ Win⸗ en mit egen Ihr wel⸗ hritt ging nenz, aten, Win⸗ d— 1³ „Eine arme, bereits gefallene Königin, vor der ſich noch Alle aus Etikette verbeugten, die aber in der That nur einen einzigen Arm hatte, auf den ſie ſich ſtützen onnte. „Gleichviel,“ ſagte Mazarin, als er allein war, „es hat mir Mühe gemacht, und ich hatte eine harte Rolle zu ſpielen. Aber ich habe weder dem Einen, noch der Andern etwas geſagt. Dieſer Cromwell iſt ein ſcharfer Königsjäger. Ich beklage ſeine Miniſter, wenn er je nimmt. Bernouin!“ Bernouin trat ein. „Man ſehe, ob der junge Mann mit dem ſchwar⸗ zen Wammſe und den kurzen Haaren, den Du vorhin bei mir eingeführt haſt, ſich noch im Palaſte befindet.“ Bernouin ging ab. Der Cardinal beſchäftigte ſich während der Zeit ſeiner Abweſenheit damit, daß er den Faſten ſeines Ringes umdrehte, den Diamant rieb, das Waſſer bewunderte und, da in ſeinen Augen noch eine Thräne rollte, die ihm das Geſicht trübte, den Kopf ſchüttelte, um ſie fallen zu machen. Bernouin kehrte mit Comminges zurück. „Monſeigneur,“ ſagte Comminges,„als ich den jungen Mann zurückführte, nach dem Euere Eminenz fragt, näherte er ſich der Glasthüre der Gallerie und beſchaute etwas mit großem Erſtaunen, ohne Zweifel das ſchöne Gemälde von Raphael, welches der Thüre gegenüber hängt. Dann träumte er einen Augenblick und ſtieg die Treppe hinab. Ich glaube, ich habe ihn ſeinen Grauſchimmel beſteigen und aus dem Hofe des Palaſtes reiten ſehen. Aber geht den Monſeigneur nicht zu der Königin?“ „Was dort thun?“ „Herr von Guitaut, mein Oheim, ſagt mir ſo ſei die Königin habe Nachricht vom Heere erhal⸗ en. In dieſem Augenblick erſchien Herr von Pillequier. 14 Er kam wirklich im Auftrage der Koͤnigin, um den Cardinal zu holen. Comminges hatte gut geſehen, und Mordaunt hatte wirklich gethan, wie er erzählte. Die Gallerie durchſchreitend, welche mit der großen Glasgallerie in parallel lief, erblickte Mordaunt Lord Winter, wel⸗ cher wartete, bis die Königin ihre Unterredung be⸗ ſchloſſen haben würde. Bei dieſem Anblicke blieb der junge Mann plötz⸗ lich ſtille ſtehen, nicht in Bewunderung vor dem Ge⸗ mälde von Raphael, ſondern wie bezaubert beim Er⸗ ſchauen eines furchtbaren Gegenſtandes. Seine Augen erweiterten ſich, ein Schauer durchlief ſeinen ganzen Körper, es war, als wollte er den gläſernen Wall durchdringen, der ihn von ſeinem Feinde trennte; denn wenn Comminges geſehen hätte, mit welchem Ausdrucke des Haſſes ſich die Augen dieſes jungen Mannes auf Lord Winter hefteten, ſo würde er keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß dieſer engliſche Edelmann ſein Todfeind war. Aber er blieb ſtille ſtehen, ohne Zweifel, um zu überlegen, denn ſtatt ſich von ſeiner erſten Bewegung hinreißen zu laſſen, der zu Folge er gerade auf Lord Winter zugehen wollte, ſtieg er langſam die Treppen hinab, verließ den Palaſt mit geſenktem Haupte, ſchwang ſich in den Sattel, ſtellte ſich mit ſeinem Pferde an der Ecke der Rue de Richelieu auf und wartete, die Augen auf das Gitter geheftet, bis der Wagen aus dem Hofe kam. Er hatte nicht lange zu warten, denn die Köni⸗ gin blieb kaum eine Viertelſtunde bei Mazarin; aber ein Jahrhundert. Endlich kam die plumpe Maſchine, die man damals eine Carroſſe nannte, ächzend durch das Gitter heraus und Lord Winter, der wieder zu Pferde ſaß, neigte ſich abermals an den Kutſchenſchlag⸗ um mit der Königin zu ſprechen. 4* dieſe Viertelſtunde des Harrens ſchien dem Wartenden 14 Er kam wirklich im Auftrage der Königin, um den Cardinal zu holen. Comminges hatte gut geſehen, und Mordaunt hatte wirklich gethan, wie er erzählte. Die Gallerie durchſchreitend, welche mit der großen Glasgallerie in parallel lief, erblickte Mordaunt Lord Winter, wel⸗ cher wartete, bis die Königin ihre Unterredung be⸗ ſchloſſen haben würde. Bei dieſem Anblicke blieb der junge Mann plötz⸗ lich ſtille ſtehen, nicht in Bewunderung vor dem Ge⸗ mälde von Raphael, ſondern wie bezaubert beim Er⸗ ſchauen eines furchtbaren Gegenſtandes. Seine Augen erweiterten ſich, ein Schauer durchlief ſeinen ganzen Körper, es war, als wollte er den gläſernen Wall durchdringen, der ihn von ſeinem Feinde trennte; denn wenn Comminges geſehen hätte, mit welchem Ausdrucke des Haſſes ſich die Augen dieſes jungen Mannes auf Lord Winter hefteten, ſo würde er keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß dieſer engliſche Edelmann ſein Todfeind war. Aber er blieb ſtille ſtehen, ohne Zweifel, um zu überlegen, denn ſtatt ſich von ſeiner erſten Bewegung hinreißen zu laſſen, der zu Folge er gerade auf Lord Winter zugehen wollte, ſtieg er langſam die Treppen hinab, verließ den Palaſt mit geſenktem Haupte, ſchwang ſich in den Sattel, ſtellte ſich mit ſeinem Pferde an der Ecke der Rue de Richelieu auf und wartete, die Augen auf das Gitter geheftet, bis der Wagen aus dem Hofe kam. Er hatte nicht lange zu warten, denn die Köni⸗ gin blieb kaum eine Viertelſtunde bei Mazarin; aber dieſe Viertelſtunde des Harrens ſchien dem Wartenden ein Jahrhundert. Endlich kam die plumpe Maſchine, die man damals eine Carroſſe nannte, ächzend durch das Gitter heraus und Lord Winter, der wieder zu Pferde ſaß, neigte ſich abermals an den Kutſchenſchlag, um mit der Königin zu ſprechen. ——— eeinmal ein Franzoſe.“ 15 Die Pferde liefen im Trab und ſchlugen den Weg nach dem Louvre ein, in den ſie den Wagen führten. Ehe Madame Henriette das Carmeliterkloſter verließ, ſagte ſie zu ihrer Tochter, ſie möge ſie in dem Palais erwarten, das ſie lange bewohnt und nun verlaſſen hatte, weil ihr ihr Elend in ſeinen vergoldeten Sälen 1 nur noch drückender vorkam. Mordaunt folgte dem Wagen, und als er denſel⸗ ben unter die dunkle Arcade hatte fahren ſehen, lehnte er ſich mit ſeinem Pferde an eine Mauer, über die ſich der Schatten ausdehnte, und blieb unbeweglich — wie ein Basrelief, eine Reiterſtatue darſtellend. Er wartete, wie er es bereits im Palais⸗Royal gethan hatte.. II. mWie die AUnglücklichen zuweilen den Zufall für die Vorſehung halten. „Nun, Madame,“ ſagte von Winter, als die Kö⸗ 1 nigin ihre Dienerin entfernt hatte. Myls eun, was ich vorhergeſehen hatte, geſchieht, „Er weigert ſich?“ „Habe ich es nicht geſagt?“ „Der Cardinal weigert ſich, den König zu empfan⸗ gen? Frankreich verweigert einem unglücklichen Fürſten Gafffreundſchaft? Das geſchieht zum erſten Male, ame. 3 „Ich habe nicht geſagt, Frankreich, lord. Ich habe geſagt der Cardinal, und der dedhi⸗ iſt nicht den daunt lerie rie in wel⸗ g be⸗ plötz⸗ Ge⸗ 1Er⸗ lugen anzen Wall denn drucke z auf nblick mann m zu gung Lord eppen mupte, ferde , die dem Köni⸗ aber enden chine, durch er ze chlag, 15 Die Pferde liefen im Trab und ſchlugen den Weg nach dem Louvre ein, in den ſie den Wagen führten. Ehe Madame Henriette das Carmeliterkloſter verließ, fagte ſie zu ihrer Tochter, ſie möge ſie in dem Palais erwarten, das ſie lange bewohnt und nun verlaſſen hatte, weil ihr ihr Elend in ſeinen vergoldeten Sälen nur noch drückender vorkam. Mordaunt folgte dem Wagen, und als er denſel⸗ ben unter die dunkle Arcade hatte fahren ſehen, lehnte er ſich mit ſeinem Pferde an eine Mauer, über die ſich der Schatten ausdehnte, und blieb unbeweglich wie ein Basrelief, eine Reiterſtatue darſtellend. Er wartete, wie er es bereits im Palais⸗Ropal gethan hatte. II. Wie die Unglüchlichen zuweilen den Zufall für die Vorſehung halten. „Nun, Madame,“ ſagte von Winter, als die Kö⸗ nigin ihre Dienerin entfernt hatte. „Nun, was ich vorhergeſehen hatte, geſchieht, Mylord.“ „Er weigert ſich 2 „Habe ich es nicht geſagt?“ „Der Cardinal weigert ſich, den König zu empfan⸗ gen? Frankreich verweigert einem unglücklichen Fürſten Gaftfreundſchaft? Das geſchieht zum erſten Male, Madame.“ „Ich habe nicht geſagt, Frankreich, Mylord. Ich habe geſagt der Cardinal, und der Cardinal iſt nicht einmal ein Franzoſe.“ „Aber die Koͤnigin, habt Ihr dieſelbe geſehen?“ „Es iſt unnütz,“ erwiederte Madame Henriette und ſchüttelte traurig den Kopf,„die Königin wird nie ja ſagen, wenn der Cardinal nein geſagt hat. Wißt Ihr nicht, daß dieſer Italiener Alles leitet, ſowohl aus⸗ wärts, als im Innern. Mehr noch, ich komme auf das zurück, was ich euch bereits geſagt habe. Ich würde mich nicht wundern, wenn uns Cromwell zuvorgekom⸗ men wäre. Er war verlegen, während er mit mir ſprach, und dennoch feſt in ſeinem Willen, ſich zu wei⸗ gern. Habt Ihr ferner die Bewegung im Palais⸗Royal bemerkt, das Hin⸗ und Herlaufen geſchäftiger Leute? Sollten ſie Nachrichten bekommen haben, Mylord? „Von England kann dies nicht ſein, Madame; ich habe mich ſo ſehr beeilt, daß mir ſicherlich Niemand zuvorgekommen iſt. Ich bin vor drei Tagen abgereiſt, und wie durch ein Wunder durch die ganze puritani⸗ ſche Armee gelangt. Ich habe mit meinem Lackei Tomy die Poſt genommen, und die Pferde, welche wir reiten, haben wir in Paris gekauft. Uebrigens bin ich feſt überzeugt, daß der König, ehe er etwas wagt, die Antwort von Eurer Majeſtät abwartet.“ „Ihr werdet ihm melden, Mylord,“ verſetzte die Königin in Verzweiflung,„daß ich nichts vermöge, daß ich ſo viel gelitten habe, als er, mehr ſogar als er, ich, die ich genöthigt bin, das Brod der Verbannung zu eſſen und Gaſtfreundſchaft von falſchen Freunden zu verlangen, und daß er, was ſeine Königliche Perſon betrifft, ſich edelmüthig aufopfern und als König ſter⸗ ben müſſe; ich werde an ſeiner Seite ſterben.“ „Madame, Madame,“ rief von Winter,„Eure Majeſtät überläßt ſich der Muthlofigkeit, und es bleibt uns vielleicht noch einige Hoffnung.“ „Wir haben keine Freunde mehr, Mylord, keine Freunde in der ganzen Welt, außer Euch. Oh, mein Gott!“ rief Madame Henriette, die Arme zum Himmel — „Aber die Königin, habt Ihr dieſelbe geſehen?“ „Es iſt unnütz,“ erwiederte Madame Henriette und ſchüttelte traurig den Kopf,„die Königin wird vie ja ſagen, wenn der Cardinal nein geſagt hat. Wißt Ihr nicht, daß dieſer Italiener Alles leitet, ſowohl aus⸗ wärts, als im Innern. Mehr noch, ich komme auf das zurück, was ich euch bereits geſagt habe. Ich würde mich nicht wundern, wenn uns Eromwell zuvorgekom⸗ men wäre. Er war verlegen, während er mit mir ſprach, und dennoch feſt in ſeinem Willen, ſich zu wei⸗ gern. Habt. Ihr ferner die Bewegung im Palais⸗Rohal bemerkt, das Hin⸗ und Herlaufen geſchäftiger Leute? Sollten ſie Nachrichten bekommen haben, Mylord?“ „Von England kann dies nicht ſein, Madame; ich habe mich ſo ſehr beeilt, daß mir ficherlich Niemand zuvorgekommen iſt. Ich bin vor drei Tagen abgereiſt, und wie durch ein Wunder durch die ganze puritani⸗ ſche Armee gelangt. Ich habe mit meinem Lackei Tomy die Poſt genommen, und die Pferde, welche wir reiten, haben wir in Paris gekauft. Uebrigens bin ich feſt überzeugt, daß der König, ehe er etwas wagt, die Antwort von Eurer Majeſtät abwartet.“ „Ihr werdet ihm melden, Mylord,“ verſetzte die Königin in Verzweiflung,„daß ich nichts vermöge, daß ich ſo viel gelitten habe, als er, mehr ſogar als er, ich, die ich genöthigt bin, das Brod der Verbannung zu eſſen und Gafifreundſchaft von falſchen Freunden zu verlangen, und daß er, was ſeine Königliche Perſon betrifft, ſich edelmüthig aufopfern und als König ſier⸗ ben müſſe; ich werde an ſeiner Seite ſterben.“ „Madame, Madame,“ rief von Winter,„Eure Majeſtät überläßt ſich der Muthloſigkeit, und es bleibt uns vielleicht noch einige Hoffnung.“ „Wir haben keine Freunde mehr, Mylord, keine Freunde in der ganzen Welt, außer Euch. Oh, mein Gottl“ rief Madame Henriette, die Arme zum Himmel ₰+½ ‿☛——AAg b 17 emporſtreckend,„haſt Du denn alle edle Herzen, welche auf Erden beſtanden, hinweggenommen?“. „Ich hoffe, daß dieß nicht der Fall iſt, Madame,“ erwiederte von Winter träumeriſch,„ich habe Euch von vier Männern geſprochen...“ „Was wollt Ihr mit vier Männern machen?“ „Vier ergebene Männer, vier bis zum Tode ent⸗ ſchloſſene Männer vermögen viel, glaubt mir, Madame. Und diejenigen, welche ich kenne, haben in einer ge⸗ wiſſen Zeit viel gethan.“ „Und dieſe vier Männer, wo ſind fie?“ „Das iſt es, was ich gerade nicht weiß. Seit etwa zwanzig Jahren habe ich ſie aus dem Geſichte verloren und dennoch dachte ich bei allen Gelegenheiten, wo ich den König in Gefahr ſah, an dieſelben.“ „Und dieſe Männer waren Eure Freunde?“. „Einer von ihnen hatte mein Leben in ſeinen Hän⸗ den und ſchenkte es mir. Ich weiß nicht, ob er mein Freund geblieben iſt, aber ſeit jener Zeit bin ich we⸗ nigſtens der ſeinige geblieben.“ „Und dieſe Männer ſind in Frankreich, Mylord?“ „Ich glaube.“ „Sagt mir ihre Namen, ich habe ſie vielleicht nennen hören und könnte Euch in Eurer Nachforſchung unterſtützen.“ 5 „Der Eine von ihnen nannte ſich Chevalier d'Ar⸗ tagnan.“ „Oh! Mylord, wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt ddieſer Chevalier d'Artagnan Lieutenant bei den Gar⸗ den. Ich habe ſeinen Namen ausſprechen hören, aber merkt wohl, ich befürchte, dieſer Mann gehört ganz dem Cardinal an.“ „Das wäre mein letztes Unglück,“ erwiederte von Winter,„und ich müßte zu glauben anfangen, daß wir wirklich verdammt ſind.“ „Aber die Anderen?“ ſagte die Königin, welche Zwanzig Jahre nachher. II. 2 — 17 emporſtreckend,„haſt Du denn alle edle Herzen, welche auf Erden beſtanden, hinweggenommen?“ „Ich hoffe, daß dieß nicht der Fall iſt, Madame,“ erwiederte von Winter träumeriſch,„ich habe Euch von vier Männern geſprochen 4 „Was wollt Ihr mit vier Männern machen?“ „Vier ergebene Männer, vier bis zum Tode ent⸗ ſchloſſene Männer vermögen viel, glaubt mir, Madame. Und diejenigen, welche ich kenne, haben in einer ge⸗ wiſſen Zeit viel gethan.“ „Und dieſe vier Männer, wo ſind ſie?“ „Das iſt es, was ich gerade nicht weiß. Seit etwa zwanzig Jahren habe ich ſie aus dem Geſichte verloren und dennoch dachte ich bei allen Gelegenheiten, wo ich den König in Gefahr ſah, an dieſelben.“ „Und dieſe Männer waren Eure Freunde?“ „Einer von ihnen hatte mein Leben in ſeinen Hän⸗ den und ſchenkte es mir. Ich weiß nicht, ob er mein Freund geblieben iſt, aber ſeit jener Zeit bin ich we⸗ nigſtens der ſeinige geblieben.“ „Und dieſe Männer find in Frankreich, Mylord?“ „Ich glaube.“ „Sagt mir ihre Namen, ich habe ſie vielleicht nennen hören und könnte Euch in Eurer Nachforſchung unterſtützen.“ „Der Eine von ihnen nannte ſich Chevalier dAr⸗ tagnan.“ „Oh! Mylord, wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt dieſer Chevalier d'Artagnan Lieutenant bei den Gar⸗ den. Ich habe ſeinen Namen ausſprechen hören, aber merkt wohl, ich befürchte, dieſer Mann gehört ganz dem Cardinal an.“ „Das wäre mein letztes Unglück,“ erwiederte von Winter,„und ich müßte zu glauben anfangen, daß wir wirklich verdammt find.“ „Aber die Anderen?“ ſagte die Königin, welche Zwanzig Jahre nachher. MI. 2 18 ſich an dieſe Hoffnung anklammerte, wie ein Schiffbrü⸗ chiger an die Trümmer ſeines Fahrzeuges,„die Anderen, Mylord?“. 4 „Der zweite—, ich hörte zufällig ſeinen Namen, denn ehe ſie ſich mit uns ſchlugen, ſagten uns dieſe vier Edelleute ihre Namen— der zweite hieß Graf de la Fere. Die Namen der zwei Anderen habe ich vergeſſen, weil ich gewohnt war, ſie bei ihren entlehn⸗ ten Namen zu nennen.“ „Oh, mein Gott! es wäre doch vom höchſten Be⸗ lange, ſie wieder zu finden,“ ſprach die Königin,„da Ihr glaubt, dieſe würdigen Edelleute dürften dem Kö⸗ nig nützlich ſein.“ 3„O ja,“ ſprach von Winter,„denn es ſind die⸗ ſelben... hört wohl, Madame, und ruft alle Eure Erinnerungen in Euch zurück, habt Ihr nicht erzählen hören, die Königin Anna von Oeſterreich wäre einſt aus der größten Gefahr, die eine Königin je gelaufen iſt, er⸗ rettet worden?“ 2 „Ja, während ihrer Liebſchaft mit Buckingham; es handelte ſich um Diamantneſtelſtifte.“ „So iſt es, Madame. Dieſe Menſchen retteten ſie. Es wundert mich nicht, wenn die Namen dieſer Edel⸗ leute Euch nicht bekannt ſind, da die Königin ſie ver⸗ geſſen hat, während ſie die Erſten ihres Königreiches aus ihnen hätte machen ſollen.“ 3 „Nun, Mylord, man muß ſie achen. Aber was werden vier Männer oder vielmehr drei vermögen, denn ich ſage Euch, man kann nicht auf Herrn d'Ar⸗ tagnan zählen.“ 3 „Däs wäre ein tapferer Degen weniger, Madame, doch es blieben immerhin noch drei andere, ohne den meinigen zu zählen. Vier ergebene Männer aber in der Umgebung des Königs, um ihn vor ſeinen Feinden zu hüten, ihn in der Schlacht zu decken, im Rathe zu unterſtützen, auf ſeiner Flucht zu geleiten, das wäre hinreichend, nicht um den König zum Sieger zu ma⸗ 18 ſich an dieſe Hoffnung anklammerte, wie ein Schiffbrü⸗ chiger an die Trümmer ſeines Fahrzeuges,„die Anderen, Mylord?“ „Der zweite—, ich hörte zufällig ſeinen Namen, denn ehe ſie ſich mit uns ſchlugen, ſagten uns dieſe vier Evelleute ihre Namen— der zweite hieß Graf de la Fere. Die Namen der zwei Anderen habe ich vergeſſen, weil ich gewohnt war, ſie bei ihren entlehn⸗ ten Namen zu nennen.“ „Oh, mein Gott! es wäre doch vom höchſten Be⸗ lange, ſie wieder zu finden, ſprach die Königin,„da Ihr glaubt, dieſe würdigen Edelleute dürften dem Kö⸗ nig nützlich ſein.“ „O ja,“ ſprach von Winter,„denn es ſind die⸗ ſelben hört wohl, Madame, und ruft alle Eure Erinnerungen in Euch zurück, habt Ihr nicht erzählen hören, die Königin Anna von Oeſterreich wäre einſt aus der größten Gefahr, die eine Königin je gelaufen iſt, er⸗ rettet worden?“ „Ja, während ihrer Liebſchaft mit Buckingham; es handelte ſich um Diamantneſtelſtifte.“ „So iſt es, Madame. Dieſe Menſchen retteten ſie. Es wundert mich nicht, wenn die Namen dieſer Edel⸗ leute Euch nicht bekannt ſind, da die Königin ſie ver⸗ geſſen hat, während ſie die Erſten ihres Königreiches aus ihnen hätte machen ſollen.“ „Nun, Mylord, man muß ſie ſuchen. Aber was werden vier Männer oder vielmehr drei vermögen denn ich ſage Euch, man kann nicht auf Herrn dAr⸗ tagnan zählen.“ „Das wäre ein tapferer Degen weniger, Madame, voch es blieben immerhin noch drei andere, ohne den meinigen zu zählen. der Umgebung des Königs, um ihn vor ſeinen Feinden zu hüten, ihn in der Schlacht zu decken, im Rathe zu unterſtützen, auf ſeiner Flucht zu geleiten, das wäre hinreichend, nicht um den König zum Sieger zu ma⸗ Vier ergebene Männer aber in 19 chen, doch um ihnezu retten, wenn er beftegt wäre, um ihm über das Meer zu helfen, und befände ſich Euer könig⸗ licher Gemahl einmal auf der Küſte von Frankreich, ſo würde er, was auch Mazarin ſagen mag, ſo viele Zufluchtsorte finden, als der Seevogel bei den Stür⸗ men findet.“ „Sucht, Mylord, ſucht dieſe Edelleute, und wenn Ihr ſie findet und ſie willigen ein, mit Euch nach Eng⸗ land zu ziehen, ſo gebe ich jedem von ihnen ein Her⸗ zogthum an dem Tage, wo wir wieder den Thron be⸗ ſteigen, und ſo viel Gold, als man brauchen würde, um den Palaſt Whitehall zu pflaſtern. Sucht alſo, My⸗ lord, ſucht, ich beſchwöre Euch.“ Winter,„und fände auch, aber es Vergißt Eure Majeſtät, daß der König ihre 2 mit dem Ausdruck eines gebrochenen Herzens. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, die junge Henriette erſchien, und die Kön zens zurück. und gab Lord Winter ein Zeichen, das Geſpräch zu verändern.: Aber dieſe Reaction, ſo mächtig ſie auch war, ent⸗ ging der jungen Prinzeſſin nicht. Sie blieb auf der Schwelle eſtille ſtehen, ſtieß einen Seufzer aus und ſagte, an ihre Mutter wendend: „Warum weint Ihr beſtändi ohne mich, meine Mutter?“ 3, nn Die Königin lächelte und ſprach, ſtatt ihr zu ant⸗ worten: 8 „Hört, Lord Winter, ich habe wenigſtens Eines dadurch gewonnen, daß ich nur noch zur Hälfte Köni⸗ gin bin, das, daß mich meine Kinder Mutter, ſtatt Madame nennen.“ 19 chen, doch um ihnzu retten, wenn er beflegt wäre, um ihm über das Meer zu helfen, und befände ſich Euer könig⸗ licher Gemahl einmal auf der Küſte von Frankreich, ſo würde er, was auch Mazarin ſagen mag, ſo viele Zufluchtsorte finden, als der Seevogel bei den Stür⸗ men findet.“ „Sucht, Mylord, ſucht dieſe Edelleute, und wenn Ihr ſie findet und ſie willigen ein, mit Euch nach Eng⸗ land zu ziehen, ſo gebe ich jedem von ihnen ein Her⸗ zogthum an dem Tage, wo wir wieder den Thron be⸗ ſteigen, und ſo viel Gold, als man brauchen würde, um den Palaſt Whitehall zu pflaſtern. Sucht alſo, My⸗ lord, ſucht, ich beſchwöre Euch.“ „Ich würde wohl ſuchen, Madame,“ ſagte von Winter,„und fände auch, aber es gebricht mir an Zeit. Vergißt Eure Majeſtät, daß der König ihre Antwort erwartet und zwar mit Bangigkeit erwartet?“ „So ſind wir alſo verloren!“ rief die Königin mit dem Ausdruck eines gebrochenen Herzens. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, die junge Henriette erſchien, und die Königin drängte mit der erhabenen Kraft, welche der Heldenmuth der Mut⸗ ter iſt, ihre Thränen bis in den Hintergrund des Her⸗ zens zurück und gab Lord Winter ein Zeichen, das Geſpräch zu verändern. Aber dieſe Reaction, ſo mächtig ſie auch war, ent⸗ ging der jungen Prinzeſſin nicht. Sie blieb auf der Schwelle ſtille ſtehen, ſtieß einen Seufzer aus und ſagte, ſich an ihre Mutter wendend: „Warum weint Ihr beſtändig ohne mich, meine Mutter?“ 2 Königin lächelte und ſprach, ſtatt ihr zu ant⸗ worten: „Hört, Lord Winter, ich habe wenigſtens Eines dadurch gewonnen, daß ich nur noch zur Hälfte Köni⸗ gin bin, das, daß mich meine Kinder Mutter, ſtatt Madame nennen.“ Dann ſich gegen ihre Tochter wendend, fuhr ſie for t: „Was willſt Du, Henriette 20 „Meine Mutter,“ antwortete die junge Prinzeſſin, „es iſt ein Reiter im Louvre erſchienen und bittet, Eurer Majeſtät ſeine Ehrfurcht bezeugen zu dürfen; er kommt vom Heere und hat, wie er ſagt, Euch einen Brief vom Marſchall von Grammont zu übergeben.“ „Ah,“ ſprach die Königin zu Winter,„das iſt ei⸗ ner von meinen Getreuen. Aber bemerkt Ihr nicht, mein lieber Lord, wie wir ſo armſelig bedient ſind, daß meine Tochter das Geſchäft der Einführerin ver⸗ ſehen muß?“ „Madame, habt Mitleid mit mir,“ verſetzte Lord Winter,„Ihr zerreißt mir das Herz.“ „Und wer iſt der Reiter, Henriette?“ fragte die Königin. „Ich habe ihn aus dem Fenſter geſehen, Madame. Es iſt ein junger Menſch, der kaum ſechszehn Jahre alt zu ſein ſcheint und ſich Vicomte von Bragelonne nennt.“ Die Königin machte lächelnd ein Zeichen mit dem Kopfe, die junge Prinzeſſin öffnete die Thüre wieder und Raoul erſchien auf der Schwelle.. * Er machte drei Schritte gegen die Königin, kniete nieder und ſprach: „Madame, ich überbringe Eurer Majeſtät einen Brief von meinem Freunde, dem Herrn Grafen von Guiche, welcher mir ſagte, er habe die Ehre, zu Euern Dienern zu gehören. Dieſer Brief enthält eine wich⸗ tige Nachricht und den Ausdruck ſeiner Ehrfurcht.“— Bei dem Namen des Grafen von Guiche verbrei⸗ tete ſich eine Röthe über die Wangen der jungen Prin⸗ zeſſin. Die Königin ſchaute ſie mit einer gewiſſen Strenge an.. „Aber Du haſt mir geſagt, der Brief käme von 8 20 ſich gegen ihre Tochter wendend, fuhr ſie „Was willſt Du, Henriette?“ „Meine Mutter,“ antwortete die junge Prinzeſfin, „es iſt ein Reiter im Louvre erſchienen und bittet, Eurer Majeſtät ſeine Ehrfurcht bezeugen zu dürfen; er kommt vom Heere und hat, wie er ſagt, Euch einen Brief vom Marſchall von Grammont zu übergeben.“ „Ah,“ ſprach die Königin zu Winter,„das iſt ei⸗ ner von meinen Getreuen. Aber bemerkt Ihr nicht, mein lieber Lord, wie wir ſo armſelig bedient find, daß meine Tochter das Geſchäft der Einführerin ver⸗ ſehen muß?“ „Madame, habt Mitleid mit mir,“ verſetzte Lord Winter,„Ihr zerreißt mir das Herz.“ „Und wer iſt der Reiter, Henriette?“ fragte die Königin. „Ich habe ihn aus dem Fenſter geſehen, Madame. Es iſt ein junger Menſch, der kaum ſechszehn Jahre alt zu ſein ſcheint und ſich Vicomte von Bragelonne nennt.“ for Die Königin machte lächelnd ein Zeichen mit dem Kopfe, die junge Prinzeſſin öffnete die Thüre wieder und Ravoul erſchien auf der Schwelle. Er machte drei Schritte gegen die Königin, kniete nieder und ſprach: „Madame, ich überbringe Eurer Majeſtät einen Brief von meinem Freunde, dem Herrn Grafen von Guiche, welcher mir ſagte, er habe die Ehre, zu Euern Dienern zu gehören. Dieſer Brief enthält eine wich⸗ tige Nachricht und den Ausdruck ſeiner Ehrfurcht.“ Bei dem Namen des Grafen von Guiche verbrei⸗ tete ſich eine Röthe über die Wangen der jungen Prin⸗ zeſſin. Die Königin ſchaute ſie mit einer gewiſſen Strenge an. „Aber Du haſt mir geſagt, der Brief käme von 21 dem Marſchall von Grammont, Henriette?“ ſprach die Königin. fi„Ich glaubte es, Madame„“ ſtammelte die Prin⸗ eſſin. „Das iſt mein Fehler, Madame. Ich meldete mich wirklich, als käme ich von Seiten des Marſchalls von Grammont, aber am rechten Arme verwundet konnte er nicht ſchreiben und der Graf von Guiche diente ihm als Secretär.“ „Man hat ſich alſo geſchlagen?“ ſagte die Köni⸗ gin und gab Raoul ein Zeichen ſich zu erheben.“ „Ja, Madame,“ antwortete der junge Mann und übergab den Brief an Winter, welcher vorgeſchritten war, um denſelben in Empfang zu nehmen, und ihn ſodann der Königin einhändigte. Bei der Nachricht, daß eine Schlacht geliefert worden ſei, öffnete die junge Prinzeſſin den Mund, um eine Frage zu machen, welche ſie ohne Zweifel in⸗ tereſſirte, aber ihr Mund ſchloß ſich wieder, ohne ein Wort geſprochen zu haben, während die Roſen ihrer angen nach und nach verſchwanden. Die Königin ſah alle dieſe Bewegungen und über⸗ ſetzte ſie ohne Zweifel in ihrem mütterlichen Herzen; dann ſich abermals an Raoul wendend, fragte ſie: „Dem jungen Grafen von Guiche iſt nichts Schlim⸗ mes widerfahren? Er gehört nicht allein zu unſern Dienern, mein Herr, ſondern auch zu unſern Freunden.“ „Nein, Madame,“ antwortete Raoul,„er hat im Gegentheil an dieſem Tage einen großen Ruhm errun⸗ gen und es wurde ihm die Ehre zu Theil, von dem Herrn Prinzen auf dem Schlachtfelde umarmt zu werden.“ Die junge Prinzeſſin klatſchte in die Hände, aber ganz beſchämt, daß ſie ſich zu einer ſolchen Kundge⸗ bung der Freude hatte hinreißen laſſen, wandte ſie ſich halb um und neigte ſich über einer Vaſe voll Roſen, als wollte ſie den Geruch einathmen. ———— ſie ttet, z er inen n.“ ei⸗ icht, ſind, ver⸗ Lord die ame. ahre onne dem eder niete inen von uern vich⸗ brei⸗ rin⸗ iſſen von 2¹ dem Marſchall von Grammont, Henriette?“ ſprach die Königin. ſů„Ich glaubte es, Madame,“ ſtammelte die Prin⸗ zeſfin. „Das iſt mein Fehler, Madame. Ich meldete mich wirklich, als käme ich von Seiten des Marſchalls von Grammont, aber am rechten Arme verwundet konnte er nicht ſchreiben und der Graf von Guiche diente ihm als Secretär.“ „Man hat ſich alſo geſchlagen?“ ſagtt die Köni⸗ gin und gab Raoul ein Zeichen ſich zu erheben.“ „Ja, Madame,“ antwortete der junge Mann und übergab den Brief an Winter, welcher vorgeſchritten war, um denſelben in Empfang zu nehmen, und ihn ſodann der Königin einhändigte. Bei der Nachricht, daß eine Schlacht geliefert worden ſei, öffnete die junge Prinzeſſin den Mund, um eine Frage zu machen, welche ſie ohne Zweifel in⸗ tereſfirte, aber ihr Mund ſchloß ſich wieder, ohne ein Wort geſprochen zu haben, während die Roſen ihrer Wangen nach und nach verſchwanden. Die Königin ſah alle dieſe Bewegungen und über⸗ ſetzte ſie ohne Zweifel in ihrem mütterlichen Herzen; dann ſich abermals an Raoul wendend, fragte ſie: „Dem jungen Grafen von Guiche iſt nichts Schlim⸗ mes widerfahren? Er gehört nicht allein zu unſern Dienern, mein Herr, ſondern auch zu unſern Freunden.“ „Nein, Madame,“ antwortete Raoul,„er hat im Gegentheil an dieſem Tage einen großen Ruhm errun⸗ gen und es wurde ihm die Ehre zu Theil, von dem Herrn Prinzen auf dem Schlachtfelde umarmt zu werden.“ Die junge Prinzeſſin klatſchte in die Hände, aber ganz beſchämt, daß ſie ſich zu einer ſolchen Kundge⸗ bung der Freude hatte hinreißen laſſen, wandte ſie ſich halb um und neigte ſich über einer Vaſe voll Roſen, als wollte ſie den Geruch einathmen. 22 95„Laßt ſehen, was uns der Graf ſchreibt,“ ſprach die önigin. „Ich hatte die Ehre, Euerer Majfeſtät zu ſagen, daß er im Namen ſeines Vaters ſchrieb?“ „Ja, mein Herr.“ Die Königin entfiegelte den Brief und las: „Madame und Königin, „Da ich nicht die Ehre haben kann, Euch ſelbſt zu ſchreiben, wegen einer Wunde, die ich an mei⸗ ner rechten Hand erhalten, ſo laſſe ich Euch durch meinen Sohn, den Grafen von Guiche, ſchreiben, von dem Ihr wißt, daß er ein eben ſo treuer Die⸗ ner von Euch iſt, als ſein Vater, um Euch zu mel⸗ den, daß wir die Schlacht von Lens gewonnen ha⸗ ben und daß dieſer Sieg unfehlbar dem Cardinal Mazarin und der Königin eine große Gewalt über die Angelegenheiten von Europa geben muß. Möchte Eure Majeſtät, wenn ſie meinem Rathe trauen will, dieſen Augenblick benützen, um zu Gunſten ih⸗ res erhabenen Gemahls bei der Regierung des Kö⸗ nigs nachdrückliche Schritte zu thun. Der Herr Vi⸗ comte von Bragelonne, der Euch dieſen Brief über⸗ geben wird, iſt der Freund meines Sohnes, dem er aller Wahrſcheinlichkeit nach das Leben gerettet hat. Es iſt ein Edelmann, dem ſich Eure Majeſtät voll⸗ kommen anvertrauen kann, falls ſie mir einen mündlichen oder ſchriftlichen Befehl zukommenzu⸗ laſſen hätte. Ich habe die Ehre zu ſein Mit Ehrfurcht u. ſ. w. Marſchall von Grammont.“ In dem Augenblick, wo von dem Dienſt die Rede war, den er dem Grafen geleiſtet hatte, konnte ſich Raoul nicht enthalten, der jungen Prinzeſſin den Kopf uzuwenden, und er ſah in ihren Augen einen Aus⸗ druck unendlicher Dankbarkeit für ſeine Perſon. Es „Laßt ſehen, was uns der Graf ſchreibt,“ ſprach die Königin. „Ich hatte die Ehre, Euerer Majeſtät zu ſagen, daß er im Namen ſeines Vaters ſchrieb?“ Kö „Ja, mein Herr.“ ten Die Königin entſiegelte den Brief und las: „Madame und Königin, ich „Da ich nicht die Ehre haben kann, Euch ſelbſt ihn zu ſchreiben, wegen einer Wunde, die ich an mei⸗ ner rechten Hand erhalten, ſo laſſe ich Euch durch 3 meinen Sohn, den Grafen von Guiche, ſchreiben, von dem Ihr wißt, daß er ein eben ſo treuer Die⸗ ner von Euch iſt, als ſein Vater, um Euch zu mel⸗ fah den, daß wir die Schlacht von Lens gewonnen ha⸗„ ben und daß dieſer Sieg unfehlbar dem Cardinal zw Mazarin und der Königin eine große Gewalt über die Angelegenheiten von Europa geben muß. Möchte Eure Majeſtät, wenn ſie meinem Rathe trauen ſtät will, dieſen Augenblick benützen, um zu Gunſten ih⸗ res erhabenen Gemahls bei der Regierung des Kö⸗ nigs nachdrückliche Schritte zü thun. Der Herr Vi⸗ fra comte von Bragelonne, der Euch dieſen Brief über⸗ geben wird, iſt der Freund meines Sohnes, dem er aller Wahrſcheinlichkeit nach das Leben gerettet hat. Es iſt ein Edelmann, dem ſich Eure Majeſtät voll⸗ 3 kommen anvertrauen kann, falls ſie mir einen gö mündlichen oder ſchriftlichen Befehl zukommenzu⸗ laſſen hätte. Ich habe die Ehre zu ſein M Mit Ehrfurcht u. ſ. w. Marſchall von Grammont.“ In dem Augenblick, wo von dem Dienſt die Rede war, den er dem Grafen geleiſtet hatte, konnte ſich Raoul nicht enthalten, der jungen Prinzeſſin den Kopf zuzuwenden, und er ſah in ihren Augen einen Aus⸗ L druck unendlicher Dankbarkeit für ſeine Perſon. Es 6 — 23 unterlag keinem Zweifel mehr, die Tochter von Carl 1. liebte ſeinen Freund. „Die Schlacht von Lens gewonnen!“ ſprach die Königin.„Sie ſind glücklich hier, ſie gewinnen Schlach⸗ ten! Ja, der Marſchall von Grammont hat Recht, das wird das Angeſicht der Dinge verändern. Aber ich befürchte, es wirkt nicht für die Unſeren, wenn es ihnen nicht gar ſchadet. Dieſe Nachricht iſt neu, mein Herr,“ fuhr die Königin fort,„ich weiß Euch Dank, daß Ihr mir dieſelbe mit ſo großer Eile überbracht habt. Ohne Euch, ohne dieſen Brief hätte ich ſie erſt. morgen, übermorgen vielleicht„die Letzte in Paris er⸗ fahren.¹ „Madame,“ ſprach Raoul,„der Louvre iſt der zweite Palaſt, in welchen dieſe Nachricht gelangt iſt; Niemand kennt ſie noch, und ich habe dem Herrn Gra⸗ fen von Guiche geſchworen, dieſen Brief Eurer Maje⸗ ſtät zu übergeben, ſogar ehe ich meinen Vormund um⸗ armt haben würde.“ „Euer Vormund iſt ein Bragelonne, wie Ihr?“ fragte Lord Winter.„Ich habe einſt einen Bragelonne gekannt. Lebt er immer noch?⸗ „Nein, mein Herr, er iſt todt, und von ihm hat mein Vormund, welcher in einem nahen Grade mit ihm verwandt war, das Gut geerbt, deſſen Namen ich führe.“ „Und Euer Vormund, mein Herr?“ fragte die Königin, welche nicht umhin konnte, an dem ſchönen jungen Manne Antheil zu nehmen,„wie heißt er?⸗ „Herr Graf de la Fere,“ antwortete der junge Mann ſich verbeugend. 4 Lord Winter machte eine Bewegung des Stau⸗ nens, die Königin ſchaute ihn freudeſtrahlend an. „Der Graf de la Fére!“ rief ſie,„habt Ihr mir nicht dieſen Namen genannt?“ Von Winter konnte nicht glauben, was er hörte. „Der Herr Graf de la Fere!“ rief er ebenfalls. „Oh! mein Herr, antwortet mir, ich bitte Euch: iſt die daß Abſt nei⸗ urch ben, ie⸗ nel⸗ ha⸗ inal iber chte uen ih⸗ Kö⸗ Vi⸗ ber⸗ ner hat. oll⸗ inen nzu⸗ 23 unterlag keinem Zweifel mehr, die Tochter von Carl I. liebte ſeinen Freund. „Die Schlacht von Lens gewonnen!“ ſprach die Königin.„Sie ſfind glücklich hier, ſie gewinnen Schlach⸗ ten! Ja, der Marſchall von Grammont hat Recht, das wird das Angeſicht der Dinge verändern. Aber ich befürchte, es wirkt nicht für die Unſeren, wenn es ihnen nicht gar ſchadet. Dieſe Rachricht iſt neu, mein Herr,“ fuhr die Königin fort,„ich weiß Euch Dank, daß Ihr mir dieſelbe mit ſo großer Eile überbracht habt. Ohne Euch, ohne dieſen Brief hätte ich ſie erſt morgen, übermorgen vielleicht, die Letzte in Paris er⸗ fahren.“ „Madame,“ ſprach Raoul,„der Louvre iſt der zweite Palaſt, in welchen dieſe Nachricht gelangt iſt; Niemand kennt ſie noch, und ich habe dem Herrn Gra⸗ fen von Guiche geſchworen, dieſen Brief Eurer Maje⸗ ſtät zu übergeben, ſogar ehe ich meinen Vormund um⸗ armt haben würde.“ „Euer Vormund iſt ein Bragelonne, wie Ihr?“ fragte Lord Winter.„Ich habe einſt einen Bragelonne gekannt. Lebt er immer noch?“ „Nein, mein Herr, er iſt todt, und von ihm hat mein Vormund, welcher in einem nahen Grade mit ihm verwandt war, das Gut geerbt, deſſen Namen ich führe.“ „Und Euer Vormund, mein Herr?“ fragte die Königin, welche nicht umhin konnte, an dem ſchönen jungen Manne Antheil zu nehmen,„wie heißt er?“ „Herr Graf de la Fere,“ antwortete der junge Mann ſich verbeugend. Lord Winter machte eine Bewegung des Stau⸗ nens, die Königin ſchaute ihn freudeſtrahlend an. „Der Graf de la Fere!“ rief ſie,„habt Ihr mir nicht dieſen Namen genannt?“ Von Winter konnte nicht glauben, was er hörte. „Der Herr Graf de la Fere!“ rief er ebenfalls. „Oh! mein Herr, antwortet mir, ich bitte Euch; iſt 24 der Graf ve la Fore nicht ein Mann, den ich einſt als einen ſchönen, tapfern Herrn gekannt habe, ein Mann, der Musketier unter Ludwig XIII. war und jetzt ungefähr Phben und dierzig bis acht und vierzig Jahre alt ſein ann?“ „Ja, mein Herr, ganz ſo iſt es.“ „Und der unter einem entlehnten Namen diente?“ „Unter dem Namen Athos. Ich hörte kürzlich erſt ſänen Freund, Herrn d'Artagnan, ihm dieſen Namen geben.“ „Es iſt ſo, Madame, es iſt ſo. Gott ſei gelobt! Und er befindet ſich in Paris?“ fuhr der Lord ſich an Raoul wendend fort. Dann wieder zu der Königin zurückkehrend:„Hofft, hofft, die Vorſehung erklärt 5 ffr uns, da ſie macht, daß ich dieſen braven Edelmann auf eine ſo wunderbare Weiſe wiederfinde. Sagt mir, ich bitte, wo wohnt er, mein Herr?“ 4 „Der Herr Graf de la Feère wohnt in der Rue Guénégaud im Hotel du Grand⸗Roi⸗Charlemagne.“ „Ich danke, mein Herr. Sagt dieſem würdigen Freunde, er möge zu Hauſe bleiben; ich komme ſo⸗ gleich, ihn zu umarmen.“ „Mein Herr, ich gehorche mit großem Vergnügen, wenn Ihre Majeſtät mir Urlaub geben will.“ „Geht, Herr Vicomte von Bragelonne,“ ſprach die Königin,„geht und ſeid unſerer Wohlgeneigtheit verſichert.“ 4 Raoul verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor den zwei Fürſtinnen, grüßte Lord Winter und entfernte ſich. Von Winter und die Königin beſprachen ſich noch eine Zeit lang mit ſo leiſer Stimme, daß die Prin⸗ zeſſin dieſelben nicht hörte; aber dieſe Vorſicht war überflüſfig, denn ſie unterhielt ſich mit ihren eigenen Gedanken. Als Lord Winter Abſchied nehmen wollte, ſagte die Königin:; „Hört, Mylord, ich hatte dieſes Diamantkreuz, der Graf de la Fere nicht ein Mann, den ich einſt als einen ſchönen, tapfern Herrn gekannt habe, ein Mann, der Musketier unter Ludwig XIII. war und jetzt ungefähr ſieben und vierzig bis acht und vierzig Jahre alt ſein kann?“ „Ja, mein Herr, ganz ſo iſt es.“ „Und der unter einem entlehnten Namen diente?“ Unter dem Namen Athos. Ich hörte kürzlich erſt ſ Freund, Herrn d'Artagnan, ihm dieſen Namen geben.“ „Es iſt ſo, Madame, es iſt ſo. Gott ſei gelobt! Und er beſindet ſich in Paris?“ fuhr der Lord ſich an Raoul wendend fort. Dann wieder zu der Köni in zurückkehrend:„Hofft, hofft, die Vorſehung erklärt ſich für uns, da ſie macht, daß ich dieſen braven Edelmann auf eine ſo wunderbare Weiſe wiederfinde. Sagt mir, ich bitte, wo wohnt er, mein Herr 2 „Der Herr Graf de la Fere wohnt in der Rue Guenégaud im Hotel du Grand⸗Roi⸗Charlemagne.“ „Ich danke, mein Herr. Sagt dieſem würdigen Freunde, er möge zu Hauſe bleiben; ich komme ſo⸗ gleich, ihn zu umarmen.“* „Mein Herr, ich gehorche mit großem Vergnügen, wenn Ihre Majeſtät mir Urlaub geben will.“ „Geht, Herr Vicomte von Bragelonne,“ ſprach die Königin,„geht und ſeid unſerer Wohlgeneigtheit verſichert.“ Ravul verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor den zwei Fürſtinnen, grüßte Lord Winter und entfernte ſich. Von Winter und die Königin beſprachen ſich noch eine Zeit lang mit ſo leiſer Stimme, daß die Prin⸗ zeſſin dieſelben nicht hörte; aber dieſe Vorſicht war überflüſfig, denn ſie unterhielt ſich mit ihren eigenen Gevanken. Als Lord Winter Abſchied nehmen wollte, ſagte die Königin: „Hört, Mplord, ich hatte dieſes Diamantkreuz, „ .S 25 das meiner Mutter gehörte, und dieſen Sanct⸗Michaels⸗ Stern, welchen ich von meinem Gemahl erhielt, bis jetzt bewahrt. Dieſe beiden Gegenſtände find ungefähr fünfzigtauſend Franken werth. Ich hatte geſchworen, eher bei dieſen koſtbaren Pfändern Hungers zu ſterben, als mich derſelben zu entäußern; jetzt aber, da dieſe zwei Juwelen ihm und ſeinen Vertheidigern nützlich ſein können, muß man Alles dieſer Hoffnung aufopfern. Nehmt ſie, und wenn Ihr für Euere Expedition Geld braucht, verkauft ſie ohne Scheu, Mylord. Seid Ihr aber im Stande, ſie zu behalten, ſo bedenkt, Mylord, daß ich es betrachte, als hättet Ihr mir den größten Dienſt geleiſtet, den ein Edelmann einer Königin zu leiſten vermag, und daß derjenige, welcher mir am Tage unſeres Glückes dieſen Stern und dieſes Kreuz wiederbringt, von mir und meinen Kindern geſegnet ſein wird.“ „Madame,“ erwiederte von Winter,„Euere Ma⸗ jeſtät wird von einem treu ergebenen Manne bedient werden. Ich gehe und hinterlege an ſicherem Orte dieſe Gegenſtände, welche ich nicht annehmen würde, wenn uns Mittel von unſerem ehemaligen Vermögen übrig blieben; aber unſere Güter ſind confiscirt, unſer baares Geld iſt verſiegt, und wir ſind dahin gekommen, uns aus Allem, was wir beſitzen, Hülfs⸗ quellen machen zu müſſen. In einer Stunde begebe ich mich zu dem Grafen de la Fore, und morgen ſoll Eure Majeſtät eine beſtimmte Antwort erhalten.“ ze Die Königin reichte Lord Winter die Hand; er küßte ſie ehrfurchtsvoll, und ſie ſagte, ſich gegen ihre Tochter wendend: „Mylord, Ihr hattet den Auftrag, dieſem Kinde etwas von ſeinem Vater zu überbringen.“ Lord Winter war ſehr erſtaunt; er wußte nicht, was die Königin damit ſagen wollte. Die jungse Henriette ſchritt lächelnd und erröthend voor, bot dem Edelmanne ihre Stirne und ſprach: als der ähr ſein 2 erſt nen bt! gin ich ann nir, Rue gen ſo⸗ gen, rach heit wei noch rin⸗ war enen agte euz, 25 das meiner Mutter gehörte, und dieſen Sanct⸗Michaels⸗ Stern, welchen ich von meinem Gemahl erhielt, bis jetzt bewahrt. Dieſe beiden Gegenſtände find ungefähr fünfzigtauſend Franken werth. Ich hatte geſchworen, eher bei dieſen koſtbaren Pfändern Hungers zu ſterben, als mich derſelben zu entäußern; jetzt aber, da dieſe zwei Juwelen ihm und ſeinen Vertheidigern nützlich ſein können, muß man Alles dieſer Hoffnung aufopfern. Nehmt ſie, und wenn Ihr für Euere Expedition Geld braucht, verkauft ſie ohne Scheu, Molord. Seid Ihr aber im Stande, ſie zu behalten, ſo bedenkt, Mylord, daß ich es betrachte, als hättet Ihr mir den größten Dienſt geleiſtet, den ein Edelmann einer Königin zu leiſten vermag, und daß derjenige, welcher mir am Tage unſeres Glückes dieſen Stern und dieſes Kreuz wiederbringt, von mir und meinen Kindern geſegnet ſein wird.“ „Madame,“ erwiederte von Winter,„Euere Ma⸗ jeſtät wird von einem treu ergebenen Manne bevient werden. Ich gehe und hinterlege an ſicherem Orte dieſe Gegenſtände, welche ich nicht annehmen würde, wenn uns Mittel von unſerem ehemaligen Vermögen übrig blieben; aber unſere Güter ſind confiscirt, unſer baares Geld iſt verſiegt, und wir ſind dahin gekommen, uns aus Allem, was wir befitzen, Hülfs⸗ quellen machen zu müſſen. In einer Stunde begebe ich mich zu dem Grafen de la Fore, und morgen ſoll Eure Majeſtät eine beſtimmte Antwort erhalten.“ Die Königin reichte Lord Winter die Hand; er küßte ſie ebrer voll, und ſie ſagte, ſich gegen ihre Tochte wenvend: „MWolord, Ihr hattet den Auftrag, dieſem Kinde etwas von ſeinem Vater zu überbringen.“ Lord Winter war ſehr erſtaunt; er wußte nicht, was die Königin damit ſagen wollte. Die junge Henriette ſchritt lächelnd und erröthend vor, bot dem Edelmanne ihre Stirne und ſprach: „Sagt meinem Vater: Konig oder Flüchtling, Sieger oder beſiegt, mächtig oder arm, habe er in mir die gevorſamſte und zärtlichſte Tochter.“ iß es, Prinzeſſin,“ antwortete Lord Win⸗ „Ich wei 1 6 ter und berührte mit den Lippen die Stirne von Hen⸗ riette. Dann entfernte er ſich, durchſchritt, ohne zurückge⸗ führt zu werden, die großen, verlaſſenen, dunkeln Ge⸗ mächer und trocknete ſich die Thränen, deren er ſich, ſo abgeſtumpft er auch durch ein fünfzig Jahre langes Leben bei Hofe war, bei dem Anblick dieſes zugleich ſo tiefen und ſo würdigen königlichen Unglücks nicht erwehren konnte. III. Der Oheim und der Ueffe. Lord Winter wurde von ſeinem Pferde und dem Lackeien an der Thüre erwartet. Er ritt ganz in Ge⸗ danken verſunken nach ſeiner Wohnung und ſchaute dabei von Zeit zu Zeit zurück, um die ſchwarze, ſchweig⸗ ſame Facçade des Louvre zu betrachten. Da erblickte er einen Reiter, der ſich ſo zu ſagen von der Mauer losmachte und ihm in einer gewiſſen Entfernung folgte; er erinnerte ſich, bei ſeinem Ausgange aus dem Palais⸗Royal einen ähnlichen Schatten geſehen zu haben. Der Lackei von Lord Winter, der nur einige Schritte hinter ihm war, verfolgte auch mit unruhigem Auge dieſen Reiter. „Tomi!“ ſprach der Lord und machte dem Be⸗ e dienten ein Zeichen ſich zu nähern. —+„— 89ð * 26 „Sagt meinem Vater: König oder Flüchtling, Sieger oder beſiegt, mächtig oder arm, habe er in mir die geborſamſte und zärtlichſte Tochter.“ „Ich weiß es, Prinzeſſin,“ antwortete Lord Win⸗ 6 und berührte mit den Lippen die Stirne von Hen⸗ riette. Dann entfernte er ſich, durchſchritt, ohne zurückge⸗ führt zu werden, die großen, verlaſſenen, dunkeln Ge⸗ mächer und trocknete ſich die Thränen, deren er ſich, ſo abgeſtumpft er auch durch ein fünfzig Jahre langes Leben bei Hofe war, bei dem Anblick dieſes zugleich ſo tiefen und ſo würdigen königlichen Unglücks nicht erwehren konnte. Der Oheim und der Meffe. Lord Winter wurde von ſeinem Pferde und dem Lackeien an der Thüre erwartet. Er ritt ganz in Ge⸗ danken verſunken nach ſeiner Wohnung und ſchaute dabei von Zeit zu Zeit zurück, um die ſchwarze, ſchweig⸗ ſame Facade des Louvre zu betrachten. Da erblickte er einen Reiter, der ſich ſo zu ſagen von der Mauer losmachte und ihm in einer gewiſſen Entfernung folgte; er erinnerte ſich, bei ſeinem Ausgange aus dem einen ähnlichen Schatten geſehen zu aben. * Schritte hinter ihm war, verfolgte auch mit unruhigem Auge dieſen Reiter. „Tomi!“ ſprach der Lord und machte dem Be⸗ dienten ein Zeichen ſich zu nähern. Der Lackei von Lord Winter, der nur einige Her Lor ten wel zu wir in der Wi nah Nä L ſein legt wel übe ſteh drol gen gem Ent weg ich 1 ich kenne Euth nicht,“ ſagte der Lord. 27 —— „Hier, gnädiger Herr.“ Und der Bediente ritt an die Seite ſeines Herrn. „Haſt Du den Menſchen bemerkt, der uns folgt?“ „Ja, Mylord.“. „Wer iſt es?“ 1 „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er Eurer Herrlichkeit von dem Palais⸗Royal an gefolgt iſt, im Louvre angehalten hat, um Euern Abgang zu erwar⸗ ten, und mit Eurer Herrlichkeit wieder vom Louvre weggeritten iſt.“ „Ein Spion des Cardinals,“ ſagte von Winter zu ſich ſelbſt.„Wir wollen uns ſtellen, als bemerkten wir ſeine Späherei gar nicht.“ Und er gab ſeinem Pferde die Sporen und drang in das Irrfal der Gaſſen, welche nach ſeinem auf der Seite des Marais liegenden Hotel führten. Lord Winter hatte lange auf der Place Royal gewohnt und nahm ganz natürlicher Weiſe ſein Quartier in der Nähe ſeiner ehemaligen Wohnung.. Lord Winter ſtieg vor ſeinem Gaſthauſe ab und ging in ſeine Wohnung hinauf, wobei er ſich den Spion beobachten zu laſſen gelobte. Als er aber ſeine Handſchuhe und ſeinen Hut auf einen Tiſch legte, ſah er in einem Spiegel vor ſich eine Geſtalt, welche auf der Schwelle des Zimmers erſchien. 15 Er wandte ſich um, Mordaunt ſtand ihm gegen⸗ er. Lord Winter erbleichte und blieb unemeglich ſtehen. Mordaunt hielt ſich auf der Schwelle, alt, drohend und der Bildſäule des Gouverneur ähnlich. Es herrſchte einen Augenblick eifiges Stillſchwei⸗ gen zwiſchen dieſen zwei Männern. „Mein Herr, ich glaubte Euch bereits begreiflich gemacht zu haben, daß mich dieſe Verfolgung ermüdet. Entfernt Euch alſo, oder ich rufe Leute und laſſe Euch wegjagen, wie in London. Ich bin nicht Euer Oheim, 1 g, nir in⸗ en⸗ ge⸗ Fe⸗ ges eich ich dem Ge⸗ aute eig⸗ ickte auer te; dem zu inige igem 27 „Hier, gnädiger Herr.“ Und der Bediente ritt an die Seite ſeines Herrn. „Haſt Du den Menſchen bemerkt, der uns folgt?“ „Ja, Mylord.“ „Wer iſt es?“ „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er Eurer Herrlichkeit von dem Palais⸗Royal an gefolgt iſt, im Louvre angehalten hat, um Euern Abgang zu erwar⸗ ten, und mit Eurer Herrlichkeit wieder vom Louvre weggeritten iſt.“ „Ein Spion des Cardinals,“ ſagte von Winter zu ſich ſelbſt.„Wir wollen uns ſtellen, als bemerkten wir ſeine Späherei gar nicht.“ Und er gab ſeinem Pferde die Sporen und vrang in das Irrſal der Gaſſen, welche nach ſeinem auf der Seite des Marais liegenden Hotel führten. Lord Winter hatte lange auf der Place Ropal gewohnt und nahm ganz natürlicher Weiſe ſein Quartier in der Nähe ſeiner ehemaligen Wohnung. Lord Winter ſtieg vor ſeinem Gaſthauſe ab und ging in ſeine Wohnung hinauf, wobei er ſich den Spion beobachten zu laſſen gelobte. Als er aber ſeine Handſchuhe und ſeinen Hut auf einen Tiſch legte, ſah er in einem Spiegel vor ſich eine Geſtalt, welche auf der Schwelle des Zimmers erſchien. Er wandte ſich um, Mordaunt ſtand ihm gegen⸗ er. Lord Winter erbleichte und blieb unbeweglich ſtehen. Mordaunt hielt ſich auf der Schwelle, kalt, drohend und der Bildſäule des Gouverneur ähnlich. Es herrſchte einen Augenblick eifiges Stillſchwei⸗ gen zwiſchen dieſen zwei Männern. „Mein Herr, ich glaubte Euch bereits begreiflich gemacht zu haben, daß mich dieſe Verfolgung ermüdet. Entfernt Euch alſo, oder ich rufe Leute und laſſe Euch wegjagen, wie in London. Ich bin nicht Euer Oheim, ich kenne Euch nicht,“ ſagte der Lord. Mein Oheim,“ verſetzte Mordaunt mit ſeinem höhniſchen Tone,„Ihr täuſcht Euch, Ihr werdet mich diesmal nicht wegjagen laſſen, wie Ihr es in London gethan habt; nein, Ihr werdet es nicht wagen. Was den Umſtand betrifft, daß Ihr leugnen wollt, ich ſei Euer Neffe, ſo werdet Ihr Euch dies wohl zweimal überlegen, jetzt, da ich mancherlei Dinge erfahren habe, die ich vor einem Jahre nicht wußte.“ „Ei, was liegt mir an dem, was Ihr erfahren habt,“ entgegnete Lord Winter. „Ohl es liegt Euch viel daran, mein Oheim, das weiß ich gewiß, und Ihr werdet ſogleich meiner Mieinung ſein,“ fügte er mit einem Lächeln bei, wo⸗ bei ein Schauer durch die Adern deſſen lief, zu wel⸗ chem er ſprach.„Als ich mich zum erſten Male in London bei Euch einfand, geſchah es, um Euch zu fragen, was aus meinem Erbgute geworden wäre. Als ich mich zum zweiten Male bei Euch einfand, ge⸗ ſchah es, um Euch zu fragen, wer meinen Namen be⸗ fleckt hätte. Diesmal ſtelle ich mich vor Euch, um eine Frage an Euch zu richten, viel furchtbarer als alle die vorhergehenden, um Euch zu ſagen, wie Gott zu dem erſten Mörder geſagt hat:„„Kain, was haſt du mit deinem Bruder Abel gemacht?““ Mylord, was habt Ihr mit Eurer Schweſter gemacht, mit Eurer Schweſter, die meine Mutter war?“— Lord Winter wich vor dem Feuer dieſer glühenden Augen zurück. „Mit Eurer Mutter!“ ſagte er. „Ja, mit meiner Mutter, Mylord,“ antwortete der junge Mann, den Kopf von oben nach unten ſchüttelnd. Von Winter machte eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, tauchte in ſeine Erinnerungen, um einen neuen Haß daraus zu holen, und rief: f „Suchet, was aus ihr geworden iſt, Unglücklicher, 6 „Mein Oheim,“ verſetzte Mordaunt mit ſeinem höhniſchen Tone,„Ihr täuſcht Euch, Ihr werdet mich diesmal nicht wegjagen laſſen, wie Ihr es in London gethan habt; nein, Ihr werdet es nicht wagen. Was den Umſtand betrifft, daß Ihr leugnen wollt, ich ſei Euer Neffe, ſo werdet Ihr Euch dies wohl zweimal überlegen, jetzt, da ich mancherlei Dinge erfahren habe, die ich vor einem Jahre nicht wußte.“ „Ei, was liegt mir an dem, was Ihr erfahren habt,“ entgegnete Lord Winter. „Oh! es liegt Euch viel daran, mein Oheim, das weiß ich gewiß, und Ihr werdet ſogleich meiner Meinung ſein,“ fügte er mit einem Lächeln bei, wo⸗ bei ein Schauer durch die Adern deſſen lief, zu wel⸗ chem er ſprach.„Als ich mich zum erſten Male in London bei Euch einfand, geſchah es, um Euch zu fragen, was aus meinem Erbgute geworden wäre. Als ich mich zum zweiten Male bei Euch einfand, ge⸗ ſchah es, um Euch zu fragen, wer meinen Namen be⸗ fleckt hätte. Diesmal ſtelle ich mich vor Euch, um eine Frage an Euch zu richten, viel furchtbarer als alle die vorhergehenden, um Euch zu ſagen, wie Gott zu dem erſten Mörder geſagt hat:„„Kain, was haſt du mit deinem Bruder Abel gemacht?“ Moylord, was habt Ihr mit Eurer Schweſter gemacht, mit Eurer Schweſter, die meine Mutter war?“ Lord Winter wich vor dem Feuer dieſer glühenden Augen zurück. „Mit Eurer Mutter!“ ſagte er. „Ja, mit meiner Mutter, Mylord,“ antwortete der junge Mann, den Kopf von oben nach unten ſchüttelnd. Von Winter machte eine heftige Anſtrengung gegen fich ſelbſt, tauchte in ſeine Erinnerungen, um einen neuen Haß daraus zu holen, und rief: „Suchet, was aus ihr geworden iſt, Unglücklicher, .— 8 A N— nR. * 29 und fragt die Hölle; vielleicht wird Euch die Hölle antworten.“ Der junge Mann ſchritt nun im Zimmer vor, bis er Auge in Auge Lord Winter gegenüber ſtand, und kreuzte die Arme.. „Ich habe den Henker von Bethune gefragt,“ ſprach Mordaunt mit dumpfer Stimme und das Geſicht lei⸗ chenblaß vor Schmerz und Zorn,„und der Henker von Bethune hat mir geantwortet.“ Von Winter fiel auf einen Stuhl, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und bemühte ſich vergebens, zu ſprechen. „Za, nicht wahr,“ fuhr der junge Mann fort, „mit dieſem Worte erklärt ſich Alles. Mit dieſem Schlüſſel öffnet ſich der Abgrund. Meine Mutter hatte von ihrem Gatten geerbt, und Ihr habt meine Mutter ermordet! Mein Name ſicherte mir das väterliche Erb⸗ theil, und Ihr habt mich meines Namens beraubt. Als Ihr mich meines Namens beraubt hattet, beraub⸗ tet Ihr mich auch meines Vermögens. Ich wundere mich jetzt nicht mehr, daß Ihr mich nicht anerkennen wollt; wenn man ſich Räuber weiß, iſt es nicht ganz bequem, den Menſchen, welchen man arm gemacht hat, ſeinen Neffen zu nennen, wenn man ſich Mörder weiß, dem Menſchen, den man zur Waiſe gemacht hat, den Titel ſeines Neffen zu gönnen.“ Dieſe Worte brachten eine ganz andere Wirkung hervor, als Mordaunt erwartet hatte. Lord Winter erinnerte ſich, welches Ungeheuer Mylady geweſen war. Er erhob ſich ruhig und ernſt und bezwang mit ſei⸗ len ſtrengen Blicke das exaltirte Auge des jungen Mannes. „Ihr wollt in dieſes furchtbare Geheimniß drin⸗ gen, mein Herr?“ ſprach er.„Nun wohl, es ſei! Erfahrt alſo, wer die Frau war, über welche Ihr mir Rechenſchaft abfordert: Dieſe Frau hat aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um em ich don gas ſei nal ren ren im, iner wo⸗ wel⸗ in zu äre. ge⸗ be⸗ um als Gott haſt ord, urer nden ertete mten zegen einen icher, und fragt die Hölle; vielleicht wird Euch die Hölle antworten.“ Der junge Mann ſchritt nun im Zimmer vor, bis er Auge in Auge Lord Winter gegenüber ſtand, und kreuzte die Arme. „Ich habe den Henker von Bethune gefragt,“ ſprach Mordaunt mit dumpfer Stimme und das Geſicht lei⸗ chenblaß vor Schmerz und Zorn,„und der Henker von Bethune hat mir geantwortet.“ Von Winter ſiel auf einen Stuhl, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und bemühte ſich vergebens, zu ſprechen. „Ja, nicht wahr,“ fuhr der junge Mann fort, „mit dieſem Worte erklärt ſich Alles. Mit vieſen Schlüſſel öffnet ſich der Abgrund. Meine Mutter hatte von ihrem Gatten geerbt, und Ihr habt meine Mutter ermordet! Mein Name ſicherte mir das väterliche Erb⸗ theil, und Ihr habt mich meines Namens beraubt. Als Ihr mich meines Namens beraubt hattet, beraub⸗ tet Ihr mich auch meines Vermögens. Ich wundere mich jetzt nicht mehr, daß Ihr mich nicht anerkennen wollt; wenn man ſich Räuber weiß, iſt es nicht ganz bequem, den Menſchen, welchen man arm gemacht hat, ſeinen Neffen zu nennen, wenn man ſich Mörder weiß, dem Menſchen, den man zur Waiſe gemacht hat, den Titel ſeines Neffen zu gönnen.“ Dieſe Worte brachten eine ganz andere Wirkung hervor, als Mordaunt erwartet hatte. Lord Winter erinnerte ſich, welches Ungeheuer Mylady geweſen war. Er erhob ſich ruhig und ernſt und bezwang mit ſei⸗ nem ſtrengen Blicke das erältirte Auge des jungen Mannes. „Ihr wollt in dieſes furchtbare Geheimniß drin⸗ gen, mein Herr?“ ſprach er.„Nun wohl, es ſei! Erfahrt alſo, wer die Frau war, über welche Ihr mir Rechenſchaft abfordert: Dieſe Frau hat aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um mich zu beerben, wollte ſie mich ebenfalls ermorden, dafür habe ich Beweiſe. Was ſagt Ihr hiezu?“ „Ich ſage, daß es meine Mutter war!“ „Sie hat einen gerechten, guten und reinen Mann, den Herzog von Buckingham, erdolchen laſſen. Was ſagt Ihr zu dieſem Verbrechen, von welchem ich die Beweiſe habe?“ „Daß es meine Mutter war 1 „Nach Frankreich zurückgekehrt, hat ſie in dem Kloſter der Auguſtinerinnen in Bethune eine Frau ver⸗ giftet, welche einen ihrer Feinde liebte. Wird Euch die⸗ ſes Verbrechen von der Gerechtigkeit der Strafe über⸗ zeugen? Ich habe die Beweiſe für dieſes Verbrechen. Was ſagt Ihr dazu?“ „Daß es meine Mutter war!“ rief der junge Mann, der ſeinen drei Ausrufungen eine ſtufenweiſe zu⸗ nehmende Verſtärkung gegeben hatte. „Von Mordthaten, von Ausſchweifungen belaſtet, Jedermann verhaßt, drohend wie ein blutdürſtiger Pan⸗ ther, unterlag ſie den Schlägen von Männern, welche ſie in Verzweiflung gebracht hatte, ohne daß ihr je von denſelben der geringſte Schaden zugefügt worden war. Sie fand Richter, welche ihre ſchändlichen Attentate hervorriefen, und dieſer Henker, den Ihr geſehen habt, der Henker, von dem Euch, wie Ihr behauptet, Alles erzählt worden iſt, dieſer Henker, wenn er Euch Alles erzählt hat, muß Euch auch geſagt haben, wie er vor Freude bebte, als er an ihr die Schmach und den Selbſtmord ſeines Bruders rächte. Eine verkehrte Toch⸗ ter, eine ehebrecheriſche Gattin, eine entartete Schweſter, eine Giftmiſcherin, eine Mörderin, fluchwürdig bei allen Menſchen, die ſie kennen lernten, bei allen Nationen, welche ſie in ihrem Schooße aufgenommen hatten, ſtarb ſie verflucht von dem Himmel und der Erde. Das iſt das Bild dieſer Frau.“ Ein Schluchzen, ſtärker als der Wille von Mor⸗ daunt, zerriß ihm die Kehle, machte das Blut in ſein mich zu beerben, wollte ſie mich ebenfalls ermorden, dafür habe ich Beweiſe. Was ſagt Ihr hiezu 2 „Ich ſage, daß es meine Mutter war!“ de „Sie hat einen gerechten, guten und reinen Mann, ve den Herzog von Buckingham, erdolchen laſſen. Was ſagt Ihr zu dieſem Verbrechen, von welchem ich die 5l Beweiſe habe?“ ih „Daß es meine Mutter war!“ eit „Nach Frankreich zurückgekehrt, hat ſie in dem ve Kloſter der Auguſtinerinnen in Bethune eine Frau ver⸗ w giftet, welche einen ihrer Feinde liebte. Wird Euch die⸗ we ſes Verbrechen von der Gerechtigkeit der Strafe über⸗ da zeugen? Ich habe die Beweiſe für dieſes Verbrechen. ſp Was ſagt Ihr dazu?“ „Daß es meine Mutter war 1“ rief der junge dä Mann, der ſeinen drei Ausrufungen eine ſtufenweiſe zu⸗ M nehmende Verſtärkung gegeben hatte. m „Von Mordthaten, von Ausſchweifungen belaſtet, un Zedermann verhaßt, drohend wie ein blutdürſtiger Pan⸗ Er ther, unterlag ſie den Schlägen von Männern, welche kei ſie in Verzweiflung gebracht hatte, ohne daß ihr je von denſelben der geringſte Schaden zugefügt worden war. die Sie fand Richter, welche ihre ſchändlichen Attentate eit hervorriefen, und dieſer Henker, den Ihr geſehen habt, der Henker, von dem Euch, wie Ihr behauptet, Alles ſa erzählt worden iſt, dieſer Henker, wenn er Euch Alles Ja erzählt hat, muß Euch auch geſagt haben, wie er vor Freude bebte, als er an ihr die Schmach und den erk Selbſtmord ſeines Bruders rächte. Eine verkehrte Toch⸗ St ter, eine ehebrecheriſche Gattin, eine entartete Schweſter, eine Giftmiſcherin, eine Mörderin, fluchwürdig bei allen ber Menſchen, die ſie kennen lernten, bei allen Nationen, ihr welche ſie in ihrem Schooße aufgenommen hatten, ſtarb Ei ſie verflucht von dem Himmel und der Erde. Das iſt ni das Bild dieſer Frau.“ Ein Schluchzen, ſtärker als der Wille von Mor⸗ Jo daunt, zerriß ihm die Kehle, machte das Blut in ſein 731 leichenbleiches Geſicht ſteigen; er ballte die Fäuſte und rief, das Antlitz von Schweiß triefend, die Haare auf der Stirne geſträubt, wie die von Hamlet, von Wuth verzehrt: „Schweigt, mein Herr, es war meine Mutter. hren ungeordneten Lebenswandel kenne ich nicht ihre Verbrechen kenne ich eine Mutter hatte, daß fünf Männer, gegen eine Frau verbunden, ſie heimlich, nächtlicher Weile, ſchweigend wie Feige ermordet haben. Ich weiß, daß Ihr dabei waret, mein Herr, daß Ihr dabei waret, mein Oheim, dächtniß einprägen, damit Ihr ſie nie vergeſſet: Dieſer Mord, der mir Alles geraubt hat, dieſer Mord, der mich namenlos, der mich arm, der mich boshaft und unverſöhnlich gemacht hat... ich werde zuerſt von Euch und dann von Euern Genoſſen, ſobald ich ſie kenne, Rechenſchaft darüber verlangen!“ 6 aß in den Augen, Schaum auf dem Munde, die Fäuſte geballt, machte Mordaunt einen Schritt mehr, einen furchtbar drohenden Schritt gegen Lord Winter. ſagte mit dem Lächeln des Mannes ahren mit dem Tode ſpielt: „Wollt Ihr mich ermorden, mein Herr? Dann erkenne ich Euch als meinen Neffen, denn Ihr ſeid der Sohn Eurer Mutter.“ „Nein,“ verſetzte Mordaunt, und er zwang alle Fi⸗ bern ſeines Geſichtes, alle Muskeln ſeines Körpers, ihren Platz wieder einzunehmen.„Nein, ich werde Euch nicht tödten, wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht; denn ohne Euch würde ich die Andern nicht ken⸗ 30 lernen. Aber wenn ich ſie kenne, dann zittert! ch habe den Henker von Bethune erſtochen; ich habe den, inn, Pas die dem ver⸗ die⸗ ber⸗ chen. unge zu⸗ Pan⸗ elche e von war. ntate habt, Alles Alles r vor d den Toch⸗ veſter, allen w ar as iſt Mor⸗ n ſein 31 leichenbleiches Geſicht ſteigen; er ballte die Fäuſte und rief, das Antlitz von Schweiß triefend, die Haare auf der Stirne geſträubt, wie die von Hamlet, von Wuth verzehrt: „Schweigt, mein Herr, es war meine Mutter. Ihren ungeordneten Lebenswandel kenne ich nicht, ihre Verbrechen kenne ich nicht! Aber ich weiß, daß ich eine Mutter hatte, daß fünf Männer, gegen eine Frau verbunden, ſie heimlich, nächtlicher Weile, ſchweigend wie Feige ermordet haben. Ich weiß, daß Ihr dabei waret, mein Herr, daß Ihr dabei waret, mein Oheim, daß Ihr, wie die Anderen und ſtärker als die Anderen, ſprachet: Sie muß ſterben! Ich ſage Euch alſo, höret wohl auf dieſe Worte, und ſie mögen ſich in Euer Ge⸗ dächtniß einprägen, damit Ihr ſie nie vergeſſet: Dieſer MWord, der mir Alles geraubt hat, dieſer Mord, der mich namenlos, der mich arm, der mich boshaft und unverſöhnlich gemacht hat ich werde zuerſt von Euch und dann von Euern Genoſſen, ſobald ich ſie kenne, Rechenſchaft darüber verlangen!“ Haß in den Augen, Schaum auf dem Munde, die Fäuſte geballt, machte Mordaunt einen Schritt mehr, einen furchtbar vrohenden Schritt gegen Lord Winter. Dieſer griff mit der Hand nach dem Degen, und ſagte mit dem Lächeln des Mannes, der ſeit dreißig Jahren mit dem Tode ſpielt: „Wollt Ihr mich ermorden, mein Herr? Dann erkenne ich Euch als meinen Neffen, denn Ihr ſeid der Sohn Eurer Mutter.“ „Nein,“ verſetzte Mordaunt, und er zwang alle Fi⸗ bern ſeines Geſichtes, alle Muskeln ſeines Körpers, ihren Platz wieder einzunehmen.„Nein, ich werde Euch nicht tödten, wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht; denn ohne Euch würde ich die Andern nicht ken⸗ nen lernen. Aber wenn ich ſie kenne, dann zittert! Ich habe den Henker von Bethune erſtochen; ich habe 32 ihn ohne Barmherzigkeit erſtochen, und er war der am Mindeſten Schuldige von Euch Allen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der junge Mann, und ſtieg mit hinreichender Ruhe, um nicht bemerkt zu werden, die Treppe hinab. Dann ging er auf dem in⸗ neren Treppenplatze vor Tomi vorüber, der auf das Geländer gelehnt nur auf einen Ruf ſeines Herrn war⸗ tete, um zu ihm hinauf zu eilen. Aber Lord Winter rief nicht. Im höchſten Maße erſchüttert, blieb er mit geſpanntem Ohre ſtehen. Erſt als er den Tritt des Pferdes hörte, ſiel er halb ohn⸗ mächtig auf einen Stuhl zurück und ſprach: 5 „Mein Gott, ich danke dir, daß er nur mich kennt!“ IV. Vaterſchaft. 3 Während dieſe furchtbare Scene ſich bei Lord Win⸗ ter ereignete, ſaß Athos am Fenſter ſeines Zimmers, den Ellenbogen auf einen Tiſch, Raoul zu, der ihm die Abenteuer ſeiner Reiſe und die einzelnen Begebenheiten der Schlacht erzählte. Das ſchöne, edle Antlitz von Athos drückte ein un⸗ ſägliches Gluck bei der Mittheilung dieſer erſten, ſo friſchen und ſo reinen Gemüthsbewegungen aus. Eh e ſog die Töne dieſer jugendlichen Stimme ein, welch ſich bereits für ſchöne Gefühle begeiſterte, wie man eine b den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, und hörte zugleich mit Augen und Ohren —„ harmoniſche Muſik einſaugt. Er vergaß, was Düſteres in der Vergangenheit, was Wolkiges in der Zukunft lag. Man hätte glauben ſollen, durch die Rückkehr die⸗ 32 ihn ohne Barmherzigkeit erſtochen, und er war der am Mindeſten Schuldige von Euch Allen.“ Nach diefen Worten entfernte ſich der junge Mann, und ſtieg mit hinreichender Ruhe, um nicht bemerkt zu werden, die Treppe hinab. Dann ging er auf dem in⸗ neren Treppenplatze vor Tomi vorüber, der auf das eh Geländer gelehnt nur auf einen Ruf ſeines Herrn war⸗ tete, um zu ihm hinauf zu eilen. Aber Lord Winter rief nicht. Im höchſten Maße erſchüttert, blieb er mit geſpanntem Ohre ſtehen. Erſt gr als er den Tritt des Pferdes hörte, fiel er halb ohn⸗ mächtig auf einen Stuhl zurück und ſprach: pl „Mein Gott, ich danke dir, daß er nur mich 1 kennt!“ ſo eit ſch we eir Paterſchuft. ge Während dieſe furchtbare Scene ſich bei Lord Win⸗ 8. ter ereignete, ſaß Athos am Fenſter ſeines Zimmers, ha den Ellenbogen auf einen Tiſch, den Kopf auf ſeine Es Hand geſtützt, und hörte zugleich mit Augen und Ohren di Ravul zu, der ihm die Abenteuer ſeiner Reiſe und die ris einzelnen Begebenheiten der Schlacht erzählte. Das ſchöne, edle Antlitz von Athos drückte ein un⸗ ſägliches Glück bei der Mittheilung dieſer erſten, ſo friſchen und ſo reinen Gemüthsbewegungen aus. Er ſog die Töne dieſer jugendlichen Stimme ein, welche dü ſich bereits für ſchöne Gefühle begeiſterte, wie man eine zel harmoniſche Muſik einſaugt. Er vergaß, was Düſteres in der Vergangenheit, was Wolkiges in der Zukunft lag. Man hätte glauben ſollen, durch die Rückkehr die⸗ * — — — 33 ſes vielgeliebten Kindes wären aus ſeinen Befürchtun⸗ gen Hoffnungen geworden. Athos war glücklich, glück⸗ lich, wie nie zuvor. „Ihr habt alſo der großen Schlacht beigewohnt und daran Antheil genommen, Bragelonne?“ ſprach der ehemalige Musketier. „Ja, Herr.“ „Und der Kampf war heiß, ſagt Ihr?" f„Der Herr Prinz hat eilfmal in Perſon ange⸗ griffen.“ „Er iſt ein großer Kriegsmann, Bragelonne.“ „Er iſt ein Held. Ich habe ihn nicht einen Augen⸗ blick aus dem Geſichte verloren. O wie ſchön iſt es, mein Herr, ſich Condé zu nennen und ſeinen Namen ſo zu tragen!“. „Ruhig und glänzend, nicht wahr?“ „Ruhig wie bei einer Parade, glänzend wie bei gelangt, wandte ſich der Prinz nach den Soldaten um und ſagte:„Kinder, Ihr dung auszuhalten haben. Hernach aber, ſeid unbeſorgt, habt Ihr geringe Arbeit mit allen dieſen Leuten.““ Es herrſchte eine ſolche Stille, daß Freunde und Feinde rieſe Worte hörten. Dann ſeinen Degen erhebend, rief er: 8 4 „„Blaſet, Trompeter!“ 4 „Gut, gut, wenn ſich die Gelegenheit findet, wer⸗ det Ihr es eben ſo machen, Raoul, nicht wahr?“ „Allerdings, Herr, wenn ich es vermag, denn es dünkte mich ſehr groß und ſehr ſchön. Als wir noch zehn Schritte, näher gekommen waren, ſahen wir alle dieſe Musketen ſich wie eine glänzende Linie ſenkenz Zwanzig Jahre nachher. II. 3 3 am ann, t zu in⸗ das war⸗ Naße Erſt ohn⸗ mich Win⸗ ners, ſeine hren d die mun⸗ n, ſo velche neine ſteres kunft die⸗ ſes vielgeliebten Kindes wären aus ſeinen Befürchtun⸗ gen Hoffnungen geworden. Athos war glücklich, glück⸗ lich, wie nie zuvor. „Ihr habt alſo der großen Schlacht beigewohnt und daran Antheil genommen, Bragelonne?“ ſprach der ehemalige Musketier. „Ja, Herr.“ „Und der Kampf war heiß, ſagt Ihr?“ „Der Herr Prinz hat eilfmal in Perſon ange⸗ griffen.“ „Er iſt ein großer Kriegsmann, Bragelonne.“ „Er iſt ein Held. Ich habe ihn nicht einen Augen⸗ blick aus dem Geſichte verloren. O wie ſchön iſt es, mein Herr, ſich Condé zu nennen und ſeinen Namen ſo zu tragen!“ „Ruhig und glänzend, nicht wahr?“ „Ruhig wie bei einer Parade, glänzend wie bei einem Feſte. Als wir uns dem Feinde näherten, ge⸗ ſchah es im Schritte. Man hatte uns verboten, zuerſt zu ſchießen, und wir marſchirten gegen die Spanier, welche ſich, die Muskete auf dem Schenkel, auf einer Anhöhe hielten. Auf dreißig Schritte zu ihnen gelangt, wandte ſich der Prinz nach den Soldaten um und ſagte:„Kinder, Ihr werdet eine furchtbare La⸗ dung auszuhalten haben. Hernach aber, ſeid unbeſorgt, habt Ihr geringe Arbeit mit allen dieſen Leuten.““ Es herrſchte eine ſolche Stille, daß Freunde und Feinde Siß Worte hörten. Dann ſeinen Degen erhebend, rief er; „„Blaſet, Trompeter!““ „Gut, gut, wenn ſich die Gelegenheit fndet, wer⸗ det Ihr es eben ſo machen, Raoul, nicht wahr?“ „Allerdings, Herr, wenn ich es vermag, denn es dünkte mich ſehr groß und ſehr ſchön. Als wir noch zehn Schritte näher gekommen waren, ſahen wir alle dieſe Musketen ſich wie eine glänzende Linie ſenkenz Zwanzig Jahre nachher. IMI. 3 34 denn die Sonnenſtrahlen funkelten auf den Läufen. „„Im Schritt, Kinder, im Schritt!““ ſprach der Prinz, „„dieß iſt der Augenblick!““ „Hattet Ihr bange, Raoul?“ ſagte der Graf. „Ja, Herr,“ antwprtete der Jüngling naiv.„Ich fühlte eine große Kälte in meinem Herzen, und bei dem Worte Feuer, das in ſpaniſcher Sprache in den feindlichen Reihen ertönte, ſchloß ich die Augen und dachte an Euch.“ „Wirklich, Raoul?“ ſprach Athos und drückte ihm die Hand. „Ja, Herr, in demſelben Augenblicke entſtand ein ſolcher Lärm, daß man hätte glauben ſollen, die Hölle öffne ſich, und diejenigen, welche nicht getödtet wurden, fühlten die Wärme der Flamme. Ich öffnete die Augen wieder, erſtaunt, nicht todt oder wenigſtens ver⸗ wundet zu ſein... Der dritte Theil der Schwa⸗ dron lag verſtümmelt und blutig auf der Erde. In dieſem Momente begegnete ich dem Auge des Prinzen. Ich dachte nur noch an Eines, daran, daß er mich an⸗ ſchaute. Ich gab meinem Pferde beide Sporen und befand mich mitten unter den feindlichen Reihen.“ „Und der Prinz war mit Euch zufrieden?“ „Er ſagte es mir wenigſtens, als er mich beauf⸗ tragte, Herrn von Chatillon zu begleiten, welcher dieſe Neuigkeit der Königin mitzuihellen und die eroberten Fah⸗ nen zu überbringen hatte.„„Geht,““ ſprach der Prinz zu mir,„„der Feind kann ſich vor vierzehn Tagen nicht wie⸗ der geſammelt haben. Bis dahin bedarf ich Eurer nicht. Geht und umarmt diejenigen, welche Euch lieben und welche Ihr liebt. Sagt Frau von Longueville, meiner Schweſter, ich danke ihr für das Geſchenk, das ſie mir mit Euch gemacht habe.““ Und ich bin gekommen,“, fügte Raoul bei und ſchaute den Grafen mit einem Lächeln tiefer Liebe an;„denn ich dachte, es würde Euch Freude machen, mich wieder zu ſehen.“ Athos bog: den Jüngling zu ſich und küßte ihn auf denn die Sonnenſtrahlen funkelten auf den Läufen. „„Im Schritt, Kinder, im Schritt!““ ſprach der Prinz, „„dieß iſt der Augenblick!““ „Haitet Ihr bange, Ravul?“ ſagte der Graf. „Ja, Herr,“ antwortete der Jüngling naiv.„Ich fühlte eine große Kälte in meinem Herzen, und bei dem Worte Feuer, das in ſpaniſcher Sprache in den feindlichen Reihen ertönte, ſchloß ich die Augen und dachte an Euch.“ „Wirklich, Raoul?“ ſprach Athos und drückte ihm die Hand. „Ja, Herr, in demſelben Augenblicke entſtand ein ſolcher Lärm, daß man hätte glauben ſollen, die Hölle öffne ſich, und diejenigen, welche nicht getödtet wurden, fühlten die Wärme der Flamme. Ich öffnete die Augen wieder, erſtaunt, nicht todt oder wenigſtens ver⸗ wundet zu ſein...„ Der dritte Theil der Schwa⸗ dron lag verftümmelt und blutig auf der⸗Erde. In dieſem Momente begegnete ich dem Auge des Prinzen. Ich dachte nur noch an Eines, daran, daß er mich an⸗ ſchaute. Ich gab meinem Pferde beide Sporen und befand mich mitten unter den feindlichen Reihen.“ „Und der Prinz war mit Euch zufrieden?“ „Er ſagte es mir wenigſtens, als er mich beauf⸗ tragte, Herrn von Chatillon zu begleiten, welcher dieſe Neuigkeit der Königin mitzutheilen und die eroberten Fah⸗ nen zu überbringen hatte.„Geht,““ ſprach der Prinz zu mir,„der Feind kann ſich vor vierzehn Tagen nicht wie⸗ der geſammelt haben. Bis dahin bedarf ich Eurer nicht. Geht und umarmt diejenigen, welche Euch lieben und welche Ihr liebt. Saßzt Frau von Longueville, meiner Schweſter, ich danke ihr für vas Geſchenk, das ſie mir mit Euch gemacht habe.““ Und ich bin gekommen,“ fügte Raoul bei und ſchaute den Grafen mit einem Lächeln tiefer Liebe an;„denn ich dachte, es würde Euch Freude machen, mich wieder zu ſehen.“ Athos zog den ZJüngling zu ſich und küßte ihn auf 35 die Stirne, wie er es bei einem jungen Mädchen ge⸗ than hätte. „So ſeid Ihr alſo in die Welt eingetreten, Raoul,“ ſprach er,„Ihr habt Herzoge zu Freunden, einen Mar⸗ ſchall von Frankreich zum Pathen, einen Prinzen von iſt ſchön für einen Novizen.“ „Ah! Herr,“ ſprach Raoul plötzlich,„Ihr erinnert mich an einen Umſtand, den ich in meinem Eifer, Euch meine Begebenheiten zu erzählen, vergeſſen hatte. Bei hrer Majeſtät der Königin von England befand ſich ein Edelmann, d„als ich Euren Namen ausſprach, ei⸗ nen Schrei des G7a ausſtieß. Er nannte ſich einen von Euren Freunden, fragte mich nach Eurer Adreſſe und wird Euch beſuchen.“ „Wie heißt er?“ 8 „Ich wagte es nicht, ihn zu fragen. Aber obgleich er ſich zierlich ausdrückte, hiel ich ihn doch nach ſeinem Accente für einen Engländer.“ „Ah!“ rief Athos, und ſein Haupt neigte ſich, als ſuchte er ei E eine rinnerung; dann als er die Stirne wieder erhob, wurden ſeine Augen egenwart eines Mannes, de Thüre ſtand und ihn mit ei chaute. betroffen von der r vor der halb geöffneten ner gerührten Miene an⸗ „Mylord von Winter!“ rief der Graf. „Athos, mein Freund!“ Und die zwei Männer hielten ſich einen Augenblick umſchloſſen. ann nahm Athos den Engländer bei beiden Händen und ſprach, ihn anſchauend: 1„Was habt Ihr, Mylord? Ihr ſcheint eben ſo rau fen. inz, Ich bei den und ihm ein ölle den, gen ver⸗ wa⸗ O zen. an⸗ und auf⸗ ieſe Fah⸗ z zu wie⸗ icht. und iner mir en,“ nem Fuch auf 35 die Stirne, wie er es bei einem jungen Mädchen ge⸗ than hätte. „So ſeid Ihr alſo in die Welt eingetreten, Raoul,“ ſprach er,„Ihr habt Herzoge zu Freunden, einen Mar⸗ ſchall von Frankreich zum Pathen, einen Prinzen von Geblüt zum Feldherrn und ſeid an einem Tage Eurer Rückkehr von zwei Königinnen empfangen worden. Das iſt ſchön für einen Novizen.“ „Ah! Herr,“ ſprach Raoul plötzlich,„Ihr erinnert 6 mich an einen Umſtand, den ich in meinem Eifer, Euch meine Begebenheiten zu erzählen, vergeſſen hatte. Bei Ihrer Majeſtät der Königin von England befand ſich ein Cdelmann, der, als ich Euren Namen ausſprach, ei⸗ nen Schrei des Erſtaunens ausſtieß. Er nannte ſich einen von Euren Freunden, fragte mich nach Eurer Adreſſe und wird Euch beſuchen.“ „Wie heißt er?“ „Ich wagte es nicht, ihn zu fragen. Aber obgleich er ſich zierlich ausdrückte, hielt ich ihn doch nach ſeinem Accente für einen Engländer.“ „Ah!“ rief Athos, und ſein Haupt neigte ſich, als ſuchte er eine Erinnerung; dann als er die Stirne wieder erhob, wurden ſeine Augen betroffen von der Gegenwart eines Mannes, der vor der halb geöffneten Thüre ſtand und ihn mit einer gerührten Miene an⸗ ſchaute. „Mylord von Winter!“ rief der Graf. „Athos, mein Freund!“ Und die zwei Männer hielten ſich einen Augenblick umſchloſſen. Dann nahm Athos den Engländer bei beiden Händen und ſprach, ihn anſchauend: „Was habt Ihr, Wylord? Ihr ſcheint eben ſo traurig, als ich heiter bin!“ „Ja, theurer Freund, es iſt wahr. Und ich ſage noch mehr: Euer Anblick verdoppelt meine Furcht.“ „Und von Winter ſchaute um ſich her, als ſuchte er allein zu ſein. Raoul begriff, daß die zwei Freunde mit einander zu ſprechen hatten, und enifernte ſich in der Stille. 1 „Nun, da wir allein ſind, ſprechen wir von Euch,“ ſagte Athos. „Während wir hier allein ſind, ſprechen wir von uns,“ erwiederte Lord Winter.„Er iſt hier.“ „Wer?“ „Der Sohn von Mylady.“ Abermals von dieſem Namen berührt, der ihn wie ein unſeliges Echo zu verfolgen ſchien, zögerte Athos einen Augenblick, faltete leicht die Stirne und ſprach dann mit ruhigem Tone: „Ich weiß es.“ „Ihr wißt es?“ „Ja, Grimaud hat ihn zwiſchen Bethune und Arras getroffen und iſt mit verhängten Zügeln zurück⸗ gekehrt, um mich von ſeiner Gegenwart zu benach⸗ richtigen.“ „Grimaud kannte ihn alſo?“ „Nein, aber er war an dem Sterbebette eines Menſchen, der ihn kannte.“ „Der Henker von Bethune!“ rief von Winter. „Ihr wißt es?“ ſprach Athos erſtaunt. „Er verläßt mich in dieſem Augenblick und hat mir Alles geſagt,“ antwortete Lord Winter.„Ah, mein Freund, was für eine furchtbare Scene! Warum haben wir nicht das Kind mit der Mutter erſtickt!“ Athos, wie alle edle Naturen, übertrug die ſchmerz⸗ lichen Eindrücke, welche er empfand, nicht an Andere, ſondern er verarbeitete dieſelben im Gegentheil in ſich ſelbſt und gab an ihrer Stelle Hoffnungen und Trö⸗ ſtungen aus. Es war, als gingen ſeine perſönlichen dere verwandelt hervor. „Was befürchtet Ihr?“ ſagte er, durch Vernunft⸗ ſchlüſſe von dem inſtinktartigen Schrecken ſich erho⸗ lend, den er Anfangs empfunden hatte;„ſind wir nicht Schmerzen aus ſeinem Gemüthe in Freuden für An⸗ mit einander zu ſprechen hatten, und enifernte ſich in der Stille. „Run, da wir allein ſind, ſprechen wir von Euch,“ ſagte Athos. i* „Während wir hier allein find, ſprechen wir von uns,“ erwiederte Lord Winter.„Er iſt hier.“ „Wer?“ „Der Sohn von Mylady.“ Abermals von dieſem Namen berührt, der ihn wie ein unſeliges Echo zu verfolgen ſchien, zögerte Athos einen Augenblick, faltete leicht die Stirne und ſprach dann mit ruhigem Tone: „Ich weiß es.“ „Ihr wißt es?“ „Ja, Grimaud hat ihn zwiſchen Bethune und Arras getroffen und iſt mit verhängten Zügeln zurück⸗ gekehrt, um mich von ſeiner Gegenwart zu benach⸗ richtigen.“ „Grimaud kannte ihn alſo?“ „Nein, aber er war an dem Sterbebette eines Menſchen, der ihn kannte.“ „Der Henker von Bethune!“ rief von Winter. „Ihr wißt es?“ ſprach Athos erſtaunt. Fr verläßt mich in dieſem Augenblickh und hat mir Alles geſagt,“ aniwortete Lord Winter.„Ah, mein Freund, was für eine furchtbare Scene! Warum haben wir nicht das Kind mit der Mutter erſtickt!“ Athos, wie alle edle Naturen, übertrug die ſchmerz⸗ lichen Eindrücke, welche er empfand, nicht an Andere, ſondern er verarbeitete dieſelben im Gegentheil in ſich ſelbſt und gab an ihrer Stelle Hoffnungen und Trö⸗ ſtungen aus. Es war, als gingen ſeine perſönlichen Schmerzen aus ſeinem Gemüthe in Freuden für An⸗ dere verwandelt hervor. „Was befürchtet Ihr?“ ſagte er, durch Vernunft⸗ ſchlüfſſe von dem inftinktartigen Schrecken ſich erho⸗ lend, den er Anfangs empfunden hatte;„ſind wir nicht — 37 da, um uns zu vertheidigen? Hat ſich dieſer junge Menſch zum gewerbsmäßigen Heuchler, zum Mörder mit kaltem Blute gemacht? Er konnte den Henker von Bethune in einem Anfalle von Wuth tödten, aber ſeine Rache iſt nun geſtillt.“ 5 Lord Winter lächelte traurig und ſchüttelte das aupt. tbr kennt alſo dieſes Blut nicht mehr?“ agte er. Anderes thun, als warten. Warten wir alſo. Aber wie ich von Anfang an ſagte, ſprechen wir von Euch. Was führt Euch nach Paris?“ „Wichtige Angelegenheiten, die Ihr ſpäter kennen lernen ſollt. Doch was habe ich bei Ihrer Majeſtät der Königin von England ſagen hören? Herr d'Ar⸗ mir ſtets heilig ſein.. ſolltet Ihr zufällig auch dieſem eenſchen angehören?“ „Herr d'Artagnan iſt im Dienſte,“ antwortete Athos,„er iſt Soldat, er gehorcht der beſtehenden Ge⸗ walt. Herr d'Artagnan iſt nicht reich und bedarf, um zu leben, ſeiner Stelle als Lieutenant. Die Millionäre wie Ihr, Mylord, ſind in Frankreich ſelten.“ „Ach!“ ſprach Lord Winter,„ich bin heute ſo arm und noch ärmer als er. Aber kommen wir auf Euch zurück.“ 4 3 „Gut! Ihr wollt wiſſen, ob ich Mazariner bin? Nein, tauſendmal nein! vergebt mir ebenfalls meine Offenherzigkeit, Mylord!⸗ 3 37 in da, um uns zu vertheidigen? Hat ſich dieſer junge Menſch zum gewerbsmäßigen Heuchler, zum Mörder „ mit kaltem Blute gemacht? Er konnte den Henker von Bethune in einem Anfalle von Wuth tödten, aber ſeine on Rache iſt nun geſtillt.“ Lord Winter lächelte traurig und ſchüttelte das aupt. „Ihr kennt alſo dieſes Blut nicht mehr?“ hn ſagte er. rte„Bah!“ ſprach Athos, der ebenfalls zu lächeln nd ſuchte,„es wird in der zweiten Generation von ſeiner Wildheit verloren haben. Ueberdies, mein Freund, hat uns die Vorſehung zur rechten Zeit Kunde gegeben, damit wir auf der Hut ſein mögen. Wir können nichts nd Anderes thun, als warten. Warten wir alſo. Aber ick⸗ wie ich von Anfang an ſagte, ſprechen wir von Euch. ch⸗ Was führt Euch nach Paris?“ „Wichtige Angelegenheiten, die Ihr ſpäter kennen lernen ſollt. Doch was habe ich bei Ihrer Majeſtät es der Königin von England ſagen hören? Herr d'Ar⸗ tagnan iſt Mazariner. Verzeiht mir meine Offenher⸗ zigkeit, Freund: ich haſſe den Cardinal nicht und ſchmähe ihn auch nicht, und Eure Anſichten werden hat mir ſiets heilig ſein., ſolltet Ihr zufällig auch dieſem Ah Menſchen angehören?“ iitt„Herr d'Artagnan iſt im Dienſte,“ antwortete Athos,„er iſt Soldat, er gehorcht der beſtehenden Ge⸗ rz⸗ walt. Herr d'Artagnan iſt nicht reich und bedarf, um re, zu leben, ſeiner Stelle als Lieutenant. Die Millionäre ſich wie Ihr, Mylord, find in Frankreich ſelten.“ rö⸗„Ach!“ ſprach Lord Winter,„ich bin heute ſo arm hen 2 ärmer als er. Aber kommen wir auf Euch An⸗ urück. „Gut! Ihr wollt wiſſen, ob ich Mazariner bin? nft⸗ Nein, tauſendmal nein! vergebt mir ebenfalls meine o⸗ Offenherzigkeit, Mylord!“ icht 38 Lord Winter ſtand auf, ſchloß Athos in ſeine Arme und ſprach: „Ich danke, Graf, ich danke für dieſe beſeligende Kunde. Ihr ſeht mich glücklich und vergnügt. Ah! Ihr ſeid kein Mazariner, Ihr! Vortrefflich, das konnte freilich auch gar nicht ſein. Aber vergebt mir aber⸗ mals: ſeid Ihr frei?“ 4 „Was verſteht Ihr unter frei?“ feid o7ch frage Euch, ob Ihr nicht verheirathet eid? „Ah, was das betrifft, nein,“ antwortete Athos lächelnd. 4 5„Der ſchöne, zierliche, anmuthige junge Mann....“ „Iſt ein Kind, das ich erziehe und das nicht ein⸗ mal ſeinen Vater kennt.“ „Sehr gut, Ihr ſeid immer derſelbe, Athos, groß und edelmüthig.“. aßt hören, Mylord, was wünſcht Ihr von mir?“ 8 „Ihr habt die Herren Porthos und Aramis immer noch zu Freunden?“ „Fügt auch d'Artagnan bei, Mylord, wir ſind immer noch vier einander, wie früher, treu ergebene Freunde. Wenn es ſich aber darum handelt, dem Cardinal zu dienen oder ihn zu bekämpfen, Mazariner oder Frondeurs zu ſein, ſo ſind wir nur noch zwei.“ „Herr Aramis iſt bei d'Artagnan?“ fragte Lord Winter. „‚Nein, Herr Aramis erweiſt mir die Ehre, meine Ueberzeugung zu theilen.. „Könnt Ihr mich mit dieſem ſo reizenden und ſo geiſtreichen Freunde in Verbindung bringen?“ „Allerdings, ſo bald es Euch angenehm iſt.“ „Hat er ſich verändert?“ „Er iſt Abbé geworden, ſonſt nichts.“ „Ihr erſchreckt mich! Sein Stand mußte es dahin 8 8 Lord Winter ſtand auf, ſchloß Athos in ſeine Arme und ſprach: „Ich danke, Graf, ich danke für dieſe beſeligende Kunde. Ihr ſeht mich glücklich und vergnügt. Ah! Ihr ſeid kein Mazariner, Ihr! Vortrefflich, das konnte freilich auch gar nicht ſein. Aber vergebt mir aber⸗ mals: ſeid Ihr frei?“ „Was verſteht Ihr unter frei?“ ſid ch frage Euch, ob Ihr nicht verheirathet ei „Ah, was das betrifft, nein,“ antwortete Athos lächelnd. „Der ſchöne, zierliche, anmuthige junge Mann.. „Iſt ein Kind, das ich erziehe und das nicht ein⸗ mal ſeinen Vater kennt.“ „Sehr gut, Ihr ſeid immer derſelbe, Athos, groß und edelmüthig.“ eaßt hören, Mylord, was wünſcht Ihr von mir?“ „Ihr habt die Herren Porthos und Aramis immer noch zu Freunden?“ „Fügt auch d'Artagnan bei, Mylord, wir ſind immer noch vier einander, wie früher, treu ergebene Freunde. Wenn es ſich aber darum handelt, dem Cardinal zu dienen oder ihn zu bekämpfen, Mazariner oder Frondeurs zu ſein, ſo find wir nur noch zwei.“ „Herr Aramis iſt bei d'Artagnan?“ fragte Lord Winter. „Nein, Herr Aramis erweiſt mir die Ehre, meine Ueberzeugung zu theilen.“ „Könnt Ihr mich mit dieſem ſo reizenden und ſo geiſtreichen Freunde in Verbindung bringen?“ „Allerdings, ſo bald es Euch angenehm iſt.“ „Hat er ſich verändert?“ „Er iſt Abbé geworden, ſonſt nichts.“ „Ihr erſchreckt mich! Sein Stand mußte es dahin ——c—— c)— —— din 39 bringen, daß er auf die großen Unternehmungen Ver⸗ zicht leiſtete?“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Athos lächelnd,„er iſt nie ſo ſehr Musketier geweſen, als ſeitdem er Abbé geworden iſt. Wollt Ihr, daß ich ihn durch Raoul holen laſſe?“ „Ich danke Euch, Graf; man dürfte ihn zu die⸗ ſer Stunde nicht zu Haufe treffen. Da Ihr aber für ihn ſtehen zu können glaubt....“ „Wie für mich ſelbſt.“ „Könnt Ihr Euch anheiſchig machen, ihn mir morgen um zehn Uhr auf den Pont⸗du⸗Louvre zu bringen?“ „Ah, ah,“ ſagte Athos lächelnd„„Ihr habt ein Duell?“ „Ja, Graf, und zwar ein ſchönes Duell, ein 1. Duell, bei dem auch Ihr, wie ich hoffe, ſein werdet.“ „Wohin gehen wir, Mylord?“ „Zu Ihrer Majeſtät der Königin von England, rlche mich beauftragt hat, Euch ihr vorzuſtellen, raf.“ „Ihre Majeſtät kennt mich alſo?“ „Ich kenne Euch.“ „Ein Räthſel,“ ſagte Athos;„doch gleichviel, wenn Ihr nur den Schlüſſel dazu habt, ſo verlange ich nicht mehr. Werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen, Mylord?2 „Ich danke, Graf. Der Beſuch dieſes jungen Menſchen hat mi redlich geſtanden, den Appetit ge⸗ nommen und wird mir auch den Schlaf nehmen. Was für ein Unternehmen hat er in Paris durchzuführen? Nicht um mich zu treffen, iſt er hieher gekommen; denn er wußte nichts von meiner Reiſe. Dieſer junge Menſch erſchreckt mich, Graf 3z es liegt eine blutige Zukunft in ihm.“ „Was macht er in England?“ 8S8— T 7 39 bringen, daß er auf die großen Unternehmungen Ver⸗ zicht leiſtete?“ S „Im Gegentheil,“ verſetzte Athos lächelnd,„er iſt nie ſo ſehr Musketier geweſen, als ſeitdem er Abbé geworden iſt. Wollt Ihr, daß ich ihn durch Ravul holen laſſe?“ „Ich danke Euch, Graf; man dürfte ihn zu die⸗ ſer Stunde nicht zu Hauſe treffen. Da Ihr aber für ihn ſtehen zu können glaubt„ „Wie für mich ſelbſt.“ „Könnt Ihr Euch anheiſchig machen, ihn mir morgen um zehn Uhr auf den Pont⸗du⸗Louvre zu bringen?“ „Ah, ah,“ ſagte Athos lächelnd,„Ihr habt ein Duell?“ „Ja, Graf, und zwar ein ſchönes Duell, ein Duell, bei dem auch Ihr, wie ich hoffe, ſein werdet.“ „Wohin gehen wir, Mylord?“ „Zu Ihrer Majeſtät der Königin von England, . mich beauftragt hat, Euch ihr vorzuſtellen, raf.“ „Ihre Majeſtät kennt mich alſo?“ „Ich kenne Euch.“ „Ein Räthſel,“ ſagte Athos;„doch gleichviel, wenn Ihr nur den Schlüſſel dazu habt, ſo verlange ich nicht mehr. Werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen, Mylord?“ „Ich danke, Graf. Der Beſuch dieſes jungen Menſchen hat mir, redlich geſtanden, den Appetit ge⸗ nommen und wird mir auch den Schlaf nehmen. Was für ein Unternehmen hat er in Paris durchzuführen? Nicht um mich zu treffen, iſt er hieher gekommen; denn er wußte nichts von meiner Reiſe. Dieſer junge Menſch erſchreckt mich, Graf; es liegt eine blutige Zukunft in ihm.“ „Was macht er in England?“ „Er iſt einer von den eifrigſten Anhängern von Oliver Cromwell.“ „Wer hat ihn mit dieſer Sache in Verbindung gebracht? Seine Mutter und ſein Vater waren, glaube ich, Katholiken.“ „Der Haß, den er gegen den König hegt.“ „Gegen den König?“ 3 3 „Ja, der König hat ihn zum Baſtard erklärt, ihn ſeiner Güter beraubt und ihm verboten, den Namen Winter zu führen.“ 3„Und wie heißt er jetzt?“ „Mordaunt.“. .„Puritaner, und als Mönch verkleidet reiſt er allein auf den Landſtraßen Frankreichs umher?“ „Als Mönch ſagt Ihr?“ „Ja, wußtet Ihr das nicht?“ 3. „Ich weiß nichts, als was er mir ſelbſt gee ſagt hat.“. 8 „Und auf dieſe Art hat er zufällig, ich bitte Gott um Verzeihung, wenn ich blasphemire, hat er zufällig den Henker von Bethune Beichte gehört.“ „Dann errathe ich Alles. Er kommt von Crom⸗ well abgeſandt.“ L .„An wen?“ 2 „An Mazarin. Und die Königin hatte Recht, man n iſt uns zuvorgekommen. Alles erklärt ſich jetzt. Gott befohlen Graf. Morgen alſo!“ n „Aber die Nacht iſt ſchwarz,“ ſprach Athos, da er ſah, daß Lord Winter von einer größeren Unruhe al heimgeſucht war, als er den Anſchein haben wollte. fe „Und Ihr habt vielleicht keine Lackeien bei Euch? 6 . „Ich habe Tomy, einen guten aber einfältigen Menſchen.“. 3 Hollahl Olivain, Grimaud, Blaiſois! Man nehmne N die Muskete und rufe den Herrn Vicomte!“* Blaiſois war jener große Burſche, halb Lacke halb Bauer, den wir in dem Schloſſe Bragelonne ge⸗ 40 „Er iſt einer von den eifrigſten Anhängern von Oliver Cromwell.“. „Wer hat ihn mit dieſer Sache in Verbindung gebracht? Seine Mutter und ſein Vater waren, glaube ich, Katholiken.“ „Der Haß, den er gegen den König hegt.“ „Gegen den König?“ „Ja, der König hat ihn zum Baſtard erklärt, ihn ſeiner Güter beraubt und ihm verboten, den Namen Winter zu führen.“ „Und wie heißt er jetzt?“ „Mordaunt.“ „Puritaner, und als Mönch verkleidet reiſt er allein auf den Landſtraßen Frankreichs umher?“ „Als Mönch ſagt Ihr?“ „Ja, wußtet Ihr das nicht?“ „Ich weiß nichts, als was er mir ſelbſt ge⸗ ſagt hat.“ „Und auf dieſe Art hat er zufällig, ich bitte Gott um Verzeihung, wenn ich blasphemire, hat er zufällig den Henker von Bethune Beichte gehört.“ „Dann errathe ich Alles. Er kommt von Crom⸗ well abgeſandt.“ „An wen?“ „An Mazarin. Und die Königin hatte Recht, man iſt uns zuvorgekommen. Alles erklärt ſich jetzt. Gott befohlen Graf. Morgen alſo!“ „Aber die Nacht iſt ſchwarz,“ ſprach Athos, da er ſah, daß Lord Winter von einer größeren Unruhe heimgeſucht war, als er den Anſchein haben wollte. „Und Ihr habt vielleicht keine Lackeien bei Euch?“ ch habe Tomy, einen güten aber einfältigen Menſchen.“ Hollah! Olivain, Grimaud, Blaiſois! Man nehme die Muskete und rufe den Herrn Vicomte!“ Blaiſois war jener große Burſche, halb Lackei, halb Bauer, den wir in dem Schloſſe Bragelonne ge⸗ 3 41 ſehen haben, wo er meldete, das Mittagsbrod wäre aufgetragen. Athos hatte ihn mit dem Namen ſeiner Provinz getauft. Fünf Minuten, nachdem dieſer Befehl gegeben war, trat Raoul ein. „Vicomte,“ ſagte Athos,„Ihr geleitet Mylord bis zu ſeinem Gaſthofe und laßt Niemand ſich ihm nähern.“ „Ah, Graf,“ ſprach Lord Winter,„für wen haltet Ihr mich?⸗ „Für einen Fremden, der Paris nicht kennt,“ ſagte Athos,„und dem der Vicomte den Weg zei⸗ gen wird.“ Der Lord reichte ihm die Hand.. „Grimaud,“ ſprach Athos,„ſtelle Dich an die Spitze der Truppe und gib auf den Mönch Acht.“ Grimaud bebte. Dann machte er ein Zeichen mit dem Kopf und erwartete den Abgang mit ſchwei⸗ bender Beredſamkeit, den Kolben ſeiner Muskete lieb⸗ oſend.— „Morgen, Graf,“ ſagte Lord Winter. „Ja, Mylord.“ Die kleine Truppe wandte ſich der Rue Saint⸗ Louis zu. Olivain zitterte bei jedem zweideutigen Lichtreflere. Blaiſois war ziemlich feſt, weil er nicht wußte, daß man irgend eine Gefahr lief. Tomy ſchaute rechts und links, konnte aber kein Wort ſagen, weil er nicht Franzöſiſch ſprach. Von Winter und Raoul hielten ſich neben ein⸗ ander und plauderten. Grimaud, der nach dem Be⸗ fehle von Athos den Zug anführte, gelangte, die Fackel in einer, die Muskete in der andern Hand, an den Gaſthof von Lord Winter und klopfte mit der Fauſt an die Thüre. Als man öffnete, verbeugte er ſich vor Mylord, ohne etwas zu ſagen. Eben ſo ging es bei der Rückkehr. Die durch⸗ dringenden Augen von Grimaud ſahen nichts Verdäch⸗ tiges, als eine Art von Schatten, der an der Ecke der 8 P n en e⸗ tt ig n an ott er the en me kei, ge⸗ 41 ſehen haben, wo er meldete, das Mittagsbrod wäre aufgetragen. Athos hatte ihn mit dem Namen ſeiner Provinz getauft. Fünf Minuten, nachdem dieſer Befehl gegeben war, trat Raoul ein. „Vicomte,“ ſagte Athos,„Ihr geleitet Mylord bis zu ſeinem Gaſthofe und laßt Niemand ſich ihm nähern.“ „Ah, Graf,“ ſprach Lord Winter,„für wen haltet Ihr mich?“ „Für einen Fremden, der Paris nicht kennt,“ ſagte Athos,„und dem der Vicomte den Weg zei⸗ gen wird.“ Der Lord reichte ihm die Hand.. „Grimaud,“ ſprach Athos,„ſtelle Dich an die Spitze der Truppe und gib auf den Mönch Acht.“ Grimaud bebte. Dann machte er ein Zeichen mit dem Kopf und erwartete den Abgang mit ſchwei⸗ gt Beredſamkeit, den Kolben ſeiner Muskete lieb⸗ oſend. „Morgen, Graf,“ ſagte Lord Winter „Ja, Mylord.“ Die kleine Truppe wandte ſich der Rue Saint⸗ Louis zu. Olivain zitterte bei jedem zweideutigen Lichtreflexe. Blaiſois war ziemlich feſt, weil er nicht wußte, daß man irgend eine Gefahr lief. Tomy ſchaute rechts und links, konnte aber kein Wort ſagen, weil er nicht Franzöſiſch ſprach. Von Winter und Raoul hielten ſich neben ein⸗ ander und plauderten. Grimand, der nach dem Be⸗ fehle von Athos den Zug anführte, gelangte, die Fackel in einer, die Muskete in der andern Hand, an den Gaſthof von Lord Winter und klopfte mit der Fauſt an die Thüre. Als man öffnete, verbeugte er ſich vor Mylord, ohne etwas zu ſagen. EFben ſo ging es bei ver Rückkehr. Die durch⸗ dringenden Augen von Grimaud ſahen nichts Verdäch⸗ tiges, als eine Art von Schatten, der an der Ecke der Rue Guénégaud gleichſam im Hinterhalte lag und den er von dem Quai aus geſehen zu haben glaubte. Er ritt auf ihn zu, aber ehe er ihn hatte erreichen kön⸗ nen, war der Schatten in einer Gaſſe verſchwunden, in welche einzudringen Grimaud nicht für klug hielt. Man meldete Athos den Erfolg der Expedition, und da es bereits zehn Uhr Abends war, ſo zog ſich jeder in ſein Zimmer zurück. 3 Als der Graf am andern Morgen ſeine Augen öffnete, erblickte er Raoul an ſeinem Bette. Der junge Mann war völlig angekleidet und las ein neues Buch von Herrn Chapelaine.. „Schon aufgeſtanden, Raoul?“ ſagte der Graf. „Ja, Herr,“ antwortete der junge Mann mit ei⸗ nem leichten Zögern,„ich habe ſchlecht geſchlafen.“ „Ihr, Raoul, Ihr ſchlecht geſchlafen! Es beſchäf⸗ tigte Euch alſo etwas?“ fragte Athos. „Wertheſter Herr, Ihr werdet ſagen, ich habe große Eile, Euch zu varlaſſen, da ich kaum erſt ange⸗ kommen bin, aber...“ „Ihr habt alſo nur zwei Tage Urlaub, Raoul?“ „Im Gegentheil, Herr, ich habe zehn; ich wünſchte auch nicht nach dem Lager zu gehen.“ „Wohin denn ſonſt,“ verſetzte Athos lächelnd, „wenn es nicht ein Geheimniß iſt, Vicomte? Ihr ſeid beinahe ein Mann, da Ihr Eure erſte Waffenthat verrichtet habt, und es neht Euch das Recht zu, zu gehen, wohin Ihr wollt, ohne es mir zu ſagen.“ „Nie, Herr,“ ſprach Raoul;„ſo lange ich das Glück genieße, Euch zum Beſchützer zu haben, werde ich mich nicht für berechtigt halten, mich von einer Vor⸗ mundſchaft zu befreien, die mir ſo theuer iſt. Ich wünſche nur einen Tag in Blois zuzubringen. Ihr ſchaut mich an und werdet über mich lachen.“ „Nein, im Gegentheil,“ erwiederte Athos, einen Seufzer unterdrückend,„nein, ich lache nicht, Vicomte. 42 Rue Guénégaud gleichſam im Hinterhalte lag und den 3 er von dem Quai aus geſehen zu haben glaubte. Er na rritt auf ihn zu, aber ehe er ihn hatte erreichen kön⸗ nen, war der Schatten in einer Gaſſe verſchwunden, in welche einzudringen Grimaud nicht für klug hielt. Man meldete Athos den Erfolg der Expedition, und da es bereits zehn Uhr Abends war, ſo zog ſich Eu jeder in ſein Zimmer zurück. Als der Graf am andern Morgen ſeine Augen Me öffnete, erblickte er Ravul an ſeinem Bette. Der junge Ath Mann war völlig angekleidet und las ein neues Buch ihn von Herrn Chapelaine. „Schon aufgeſtanden, Raoul?“ ſagte der Graf. „Ja, Herr,“ antwortete der junge Mann mit ei⸗ nem leichten Zögern,„ich habe ſchlecht geſchlafen.“ „Ihr, Raoul, Ihr ſchlecht geſchlafen! Es beſchäf⸗ daß tigte Euch alſo etwas?“ fragte Athos. ſo „Wertheſter Herr, Ihr werdet ſagen, ich habe führ große Eile, Euch zu varlaſſen, da ich kaum erſt ange⸗ kommen bin, aber...“ ſeid „Ihr habt alſo nur zwei Tage Urlaub, Raoul?“ „Im Gegentheil, Herr, ich habe zehn; ich wünſchte Ent auch nicht nach dem Lager zu gehen.“ „Wohin denn ſonſt,“ verſetzte Athos lächelnd, frag „wenn es nicht ein Geheimniß iſt, Vicomte? Ihr ſeid ſehe beinahe ein Mann, da Ihr Eure erſte Waffenthat verg verrichtet habt, und es ſteht Euch das Recht zu, zu gehen, wohin Ihr wollt, ohne es mir zu ſagen.“ „Nie, Herr,“ ſprach Raoul;„ſo lange ich das Glück genieße, Euch zum Beſchützer zu haben, werde ich mich nicht für berechtigt halten, mich von einer Vor⸗ wie mundſchaft zu befteien, die mir ſo theuer iſt. Ich Grir wünſche nur einen Tag in Blois zuzubringen. Ihr ſchaut mich an und werdet über mich lachen.“ „Nein, im Gegentheil,“ erwiederte Athos, einen ir Seufzer unterdrückend,„nein, ich lache nicht, Vicomte. 43 Ihr habt Luſt, Blois wiederzuſehen, und das iſt ganz natürlich.“ „Ihr erlaubt es mir alſo 2“ rief Raoul freudig. „Gewiß, Raoul.ℳ 3 „Und Ihr ſeid nicht ärgerlich darüber?“ „Keineswegs. Warum ſollte ich über das, was Euch Vergnügen macht, ärgerlich ſein?“ „Ah, Herr, wie gut ſeid Ihr!“ rief der junge ann und machte eine Bewegung, als wollte er Athos an den Hals ſpringen; aber die Achtung hielt ihn zurück. Athos öffnete ihm die Arme. „Alſo kann ich ſogleich abreiſen?“ Raoul machte drei Schritte, um ſich zu entfernen. „Herr,“ ſprach er,„ich dachte an Eines, daran, daß ich durch die Frau Herzogin von Chevreuſe, welche ſo gut gegen mich iſt, bei dem Herrn Prinzen einge⸗ führt worden bin.“ „nd daß Ihr der Herzogin einen Dank ſchuldig ſeid, nicht wahr, Raoul?2“ „So ſcheint es mir; do es hängt von Eur Entſcheidung ab.“ 3 doch 6 „Geht durch das Hotel Luynes, Raoul, und laßt fragen, ob Euch die Frau Herzogin ſehe mit Vergnügen, daß Ihr die Schicklichkeit nicht vergeßt. Nehmt Grimaud und Olivain mit.“ „Beide, Herr?“ fragte Raoul erſtaunt. „Beide.“ Raoul verbeugte ſich und ging ab. „ Als ihn Athos die Thüre wie er mit ſeiner fröhlichen, wohlklingenden Stimme rimaud und Olivain rief,. „Das heißt ſehr geſchwinde mich verlaſſen,“ dachte er, den Kopf ſchüttelnd;„aber er gehorcht de e⸗ meinſchaftlichen Geſetze. Die Natur iſt ſo beſchaffen; ſie ſchaut vorwärts. Er en Er ön⸗ en, lt. on, ſich gen nge uch äf⸗ abe ge⸗ [2 chte nd, eid hat das rde or⸗ Ihr nen nte. 43 Ihr habt Luſt, Blois wiederzuſehen, und das iſt ganz natürlich.“ „Ihr erlaubt es mir alſo?“ rief Raoul freudig. „Gewiß, Ravul.“ „Und Ihr ſeid nicht ärgerlich darüber?“ „Keineswegs. Warum ſollte ich über das, was Euch Vergnügen macht, ärgerlich ſein?“ „Ah, Herr, wie gut ſeid Ihr!“ rief der junge Mann und machte eine Bewegung, als wollte er Athos an den Hals ſpringen; aber die Achtung hielt ihn zurück. Athos öffnete ihm die Arme. „Alſo kann ich ſogleich abreiſen?“ Raoul machte drei Schritte, um ſich zu entfernen. „Herr,“ ſprach er,„ich dachte an Eines, daran, daß ich durch die Frau Herzogin von Chevreuſe, welche ſo gut gegen mich iſt, bei dem Herrn Prinzen einge⸗ führt worden bin.“ „Und daß Ihr der Herzogin einen Dank ſchuldig ſeid, nicht wahr, Raoul 2“ „So ſcheint es mir; doch es hängt von Eurer Entſcheidung ab.“ „Geht durch das Hotel Luhnes, Ravul, und laßt fragen, ob Euch die Frau Herzogin empfangen kann. Ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihr die Schicklichkeit nicht vergeßt. Nehmt Grimaud und Olivain mit““ „Beide, Herr?“ fragte Raoul erſtaunt. „Beide.“ Ravul verbeugte ſich und ging ab. Als ihn Athos die Thüre ſchließen ſah und hörte, wie er mit ſeiner fröhlichen, wohlklingenden Stimme Grimaud und Olivain rief, ſeufzte er. „Das heißt ſehr geſchwinde mich verlaſſen,“ dachte er, den Kopf ſchüttelnd;„aber er gehorcht dem ge⸗ meinſchaftlichen Geſetze. Die Natur iſt ſo beſchaffen; ſie ſchaut vorwärts. Er liebt offenbar dieſes Kind. 44 Wird er mich aber darum weniger lieben, weil er auch Andere liebt?“ Athos geſtand ſich zu, daß er die ſo raſche Abreiſe nicht erwartet hatte. Aber Rgoul war ſo glücklich, daß in dem Geiſte von Athos Alles vor dieſer Be⸗ trachtung verſchwand. 3 Um zehn Uhr war Alles zum Abgange bereit. Als Athos Raoul zu Pferde ſteigen ſah, kam ein Lackei, um ihn im Namen von Frau von Chevreuſe zu begrüßen. Er war beauftragt, dem Grafen de la Feore zu ſagen, ſie hätte die Rückkehr ihres jungen Schützlings, ſo wie ſein Benehmen in der Schlacht erfahren, und es würde ſie ſehr freuen, ihn zu beglückwünſchen. „Sagt der Frau Herzogin,“ antwortete Athos, „der Wfaumie Riese zu Pferde, um ſich nach dem Hotel Luynes zu begeben.“ Dann, nachdem er Grimaud neue Befehle er⸗ theilt, machte Athos Raoul ein Zeichen mit der Hand, daß er abgehen könnte. Athos bedachte übrigens bei näherer Ueberlegung, daß es vielleicht nicht ſchlimm wäre, wenn Raoul ſich in dieſem Augenblick von Paris entfernte. IV. Noch eine Känigin, welche Deiſtand verlangt. Athos ſchickte ſchon am Morgen zu Aramis und ab den Brief Blaiſois, dem einzigen Diener, der ihm geblieben war. Blaiſois fand Bazin gerade da⸗ mit beſchäftigt, ſeinen Meßnerrock anzuziehen. Er hatte an dieſem Tage Dienſt in Notre⸗Dame. 222=ͤ— S 44 Wird er mich aber darum weniger lieben, weil er auch Andere liebt?“ ſel Athos geſtand ſich zu, daß er die ſo raſche Abreiſe ver nicht erwartet hatte. Aber Raoul war ſo glücklich, alſ daß in dem Geiſte von Athos Alles vor dieſer Be⸗ Ve trachtung verſchwand. ha Um zehn Uhr war Alles zum Abgange bereit. Als rie Athos Ravul zu Pferde ſteigen ſah, kam ein Lackei, um kü ihn im Namen von Frau von Chevreuſe zu begrüßen. un Er war beauftragt, dem Grafen de la Fere zu der ſagen, ſie hätte die Rücktehr ihres jungen Schützlings, 1 wa ſo wie ſein Benehmen in der Schlacht erfahren, und fre es würde ſie ſehr freuen, ihn zu beglückwünſchen. „Sagt der Frau Herzogin,“ antwortete Athos, we „der Vicomte ſtiege zu Pferde, um ſich nach dem Hotel ein Luynes zu begeben.“* ruf Dann, nachdem er Grimaud neue Befehle er⸗ theilt, machte Athos Ravul ein Zeichen mit der Hand, hal daß er abgehen könnte. Athos bedachte übrigens bei näherer Ueberlegung, Lär daß es vielleicht nicht ſchlimm wäre, wenn Ravul ſich Sch in dieſem Augenblick von Paris entfernte. IV.„8Bl Uoch eine Rönigin, welche Beiſtand verlangt. Lär Athos ſchickte ſchon am Morgen zu Aramis und voi— gab den Brief Blaiſois, dem einzigen Diener, der vol ihm geblieben war. Blaiſois fand Bazin gerade da⸗ teu mit beſchäftigt, ſeinen Meßnerrock anzuziehen. Er hatte an dieſem Tage Dienſt in Notre⸗Dame. nich t. und der 45 Athos hatte Blaiſois beauftragt, er ſolle Aramis ſelbſt zu ſprechen ſuchen. Blaiſois, ein großer, nai⸗ ver Burſche, der nur ſeinen Befehl kannte, fragte alſo nach dem Abbe d'Herblay und beſtand, trotz der Verſicherungen von Bazin, er wäre nicht zu Hauſe, ſo artnäcknig darauf, ihn zu ſehen, daß Bazin in Zorn ge⸗ rieth. Blaiſois, der Bazin in der Kirchentracht erblickte, ümmerte ſich wenig um das Verleugnen von Bazin und wollte weiter gehen, denn er glaubte, der Menſch, den er vor ſich ſah, beſitze alle Tugenden ſeines Ge⸗ wandes, das heißt: chriſtliche Geduld und Menſchen⸗ freundlichkeit. Aber Bazin, immer noch ein Musketier⸗Bedienter, wenn ihm das Blut in ſeine großen Augen ſtieg, nahm Tinen Beſenſtiel und prügelte Blaiſois mit dem Aus⸗ rufe: 1 „Ihr habt die Kirche beleidigt, mein Freund, Ihr habt die Kirche beleidigt.“ z. In dieſem Augenblick und bei dieſem ungewohnten Lärmen erſchien Aramis, vorſichtig die Thüre ſeines Schlafzimmers öffnend. Da ſtützte Bazin ehrfurchtsvoll ſeinen Beſenſtiel auf einen von ſeinen Enden, wie er es hatte den chweizer mit ſeiner Hellebarde in Notre⸗Dame machen ſehen, und Blaiſois zog mit einem vorwurfs⸗ vollen Blicke auf den Cerberus ſeinen Brief aus der Taſche und überreichte ihn Aramis. 172 om Grafen de la Fère,“ ſprach Aramis, gu⸗ 1 Dann kehrte er, ohne nu nach der Urſache des Lärmens zu fragen, in ſein Zimmer zurück heu „Dummkopf,⸗ ſagte Athos lachend,„Du haſt alſo nicht ſogleich gemeldet, daß Du von mir kamſt?“ auch reiſe klich, Be⸗ Als „um üßen. re zu ings, und thos, Hotel e er⸗ Hand, gung, ſich ngl. s und „ de e da⸗ 6 Athos hatte Blaiſois beauftragt, er ſolle Aramis ſelbſt zu ſprechen ſuchen. Blaiſois, ein großer, nai⸗ ver Burſche, der nur ſeinen Befehl kannte, fragte alſo nach dem Abbé dHerblay und beſtand, trotz der Verſicherungen von Bazin, er wäre nicht zu Hauſe, ſo hartnäcknig darauf, ihn zu ſehen, daß Bazin in Zorn ge⸗ rieth. Blaiſois, der Bazin in der Kirchentracht erblickte, kümmerte ſich wenig um das Verleugnen von Bazin und wollte weiter gehen, denn er glaubte, der Menſch, den er vor ſich ſah, beſitze alle Tugenden ſeines Ge⸗ wandes, das heißt: chriſtliche Geduld und Menſchen⸗ freundlichkeit.. Aber Vazin, immer noch ein Musketier⸗Bedienter, wenn ihm das Blut in ſeine großen Augen ſtieg, nahm Beſenſtiel und prügelte Blaiſois mit dem Aus⸗ rufe: „Ihr habt die Kirche beleidigt, mein Freund, Ihr habt die Kirche beleidigt.“ In dieſem Augenblick und bei dieſem ungewohnten Lärmen erſchien Aramis, vorſichtig die Thüre ſeines Schlafzimmers öffnend. Da ſtützte Bazin ehrfurchtsvoll ſeinen Beſenſtiel auf einen von ſeinen Enden, wie er es hatte den Schweizer mit ſeiner Hellebarde in Nolre⸗Dame machen ſehen, und Blaiſois zog mit einem vorwurfs⸗ vollen Blicke auf den Cerberus ſeinen Brief aus der Taſche und überreichte ihn Aramis. Vom Grafen de la Fere,“ ſprach Aramis, „gut!“ Dann kehrte er, ohne nur nach der Urſache des Lärmens zu fragen, in ſein Zimmer zurück. Blaiſois kam traurig in das Hotel zum Grand⸗ roi⸗Charlemagne. Athos fragte ihn, wie ſein Auftrag tollzogen worden ſei. Blaiſois erzählte ſein Aben⸗ euer. „Dummkopf,“ ſagte Athos lachend,„Du haſt alſo nicht ſogleich gemeldet, daß Du von mir kamſt?“ 4 46 „Nein, gnädiger Herr.“ „Und was ſagte Bazin, als er erfuhr, Du wäreſt in meinen Dienſten?“ „Er entſchuldigte ſich auf jede Weiſe und nö⸗ thigte mich, zwei Gläſer ſehr guten Muskatwein zu trinken, in welchem er mich zwei oder drei vortreffliche Biscuite tauchen ließ. Aber gleich viel, er iſt teufel⸗ mäßig grob. Ein Meßner, pfui!“ „Gut,“ dachte Athos,„wenn Aramis nur den Brief erhalten hat! So beſchäftigt er auch ſein mag, wird er doch kommen!“ 1 Um zehn Uhr fand ſich Athos mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Pünktlichkeit auf dem Pont⸗du⸗Louvre ein. Er traf hier Lord Winter, der in demſelben Augenblick erſchien. Sie warteten etwa zehn Minuten. Mylord von Winter fing an zu befürchten, Ara⸗ mis käme nicht. „Geduld,“ ſprach Athos, der ſeine Augen nach der Rue⸗du⸗Bac gerichtet hielt,„Geduld, dort iſt ein Abbé, der einem Menſchen einen Fauſtſchlag gibt und eine Frau grüßt; das muß Aramis ſein.“ Er war es in der That. Ein junger Bürger, welcher Maulaffen feil hatte, fand ſich auf ſeinem Wege und Aramis ſchleuderte ihn, da er ihn mit Koth beſpritzte, mit einem Fauſtſchlage zehn Schritte von ſich. Zu gleicher Zeit ging eines von ſeinen reumüthi⸗ gen Beichtkindern an ihm vorüber, und da es eine junge, hübſche Perſon war, ſo grüßte ſie Aramis mit ſeinem anmuthigſten Lächeln. Einen Augenblick nachher war Aramis bei den zwei Männern, welche ſeiner harrten. Es fanden, wie ſich leicht denken läßt, große Umarmungen zwiſchen ihm und Lord Winter ſtatt. 6 — „Wohin gehen wir?“ ſprach Aramis.„Schlägt man ſich?“ Ich habe keinen Degen bei mir und muß wieder nach Hauſe gehen, um einen zu holen.“ 4 46 „Nein, gnädiger Herr.“ in meinen Dienſten?“ „Er entſchuldigte ſich auf jede Weiſe und nö⸗ thigte mich, zwei Gläſer ſehr guten Muskatwein zu trinken, in welchem er mich zwei oder drei vortreffliche Biscuite tauchen ließ. Aber gleich viel, er iſt teufel⸗ mäßig grob. Ein Meßner, pfui!“ „Gut,“ dachte Athos,„wenn Aramis nur den Brief erhalten hat! So beſchäftigt er auch ſein mag, wird er doch kommen!“ Um zehn Uhr fand ſich Athos mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Pünktlichkeit auf dem Pont⸗du⸗Louvre ein. Er erſchien. Sie warteten etwa zehn Minuten. mis käme nicht. „Geduld,“ ſprach Athos, der ſeine Augen nach der Rue⸗du⸗Bac gerichtet hielt,„Geduld, dort iſt ein eine Frau grüßt; das muß Aramis ſein.“ ſich. Zu gleicher Zeit ging eines von ſeinen reumüthi⸗ gen Beichtkindern an ihm vorüber, und da es eine ſeinem anmuthigſten Lächeln. zwei Männern, welche ſeiner harrten. Es fanden, wie ſich leicht denken läßt, große Umarmungen zwiſchen ihm und Lord Winter ſtatt. wieder nach Hauſe gehen, um einen zu holen.“ „Und was ſagte Bazin, als er erfuhr, Du wäreſt Abbé, der einem Menſchen einen Fauſtſchlag gibt und Er war es in der That. Ein junger Bürger, welcher Maulaffen feil hatte, fand ſich auf ſeinem Wege und Aramis ſchleuderte ihn, da er ihn mit Koth beſpritzte, mit einem Fauſtſchlage zehn Schritte von Einen Augenblick nachher war Aramis bei den traf hier Lord Winter, der in demſelben Augenblick Mylord von Winter fing an zu befürchten Ara⸗ junge, hübſche Perſon war, ſo grüßte ſie Aramis mit „Wohin gehen wir?“ ſprach Aramis.„Schlägt man ſich?“ Ich habe keinen Degen bei mir und muß „ vo vie ſein gen Ant nich hört Es Tag die Gei⸗ von an t derS ſchlo keine gleic ſchw 3 deutt „und Aran arme 47 4„Nein,“ ſagte Lord Winter,“ wir noen hüe reſt Najeſtät der Königin von i England einen Beſuch. e.“ Ah, ſehr gut,“ ſagte Aramis,„und was iſt die no⸗ Abſicht bei dieſem Beſuche?⸗ fuhr er, ſich an das Ohr zu von Athos neigend, fort. 4 iche ,,Meiner Treue! ich weiß es nicht. Man fordert fel⸗ vielleicht irgend eine Zeugſchaft von uns.“ „Sollte es nicht wegen jener verfluchten Geſchichte den ſein,“ ſagte Aramis. i „In dieſem Falle wünſchte ich ag nicht gerade dahin zu gehen, denn es wäre, um ir⸗ 7 gend eine Ermahnung einzuſacken, und ſeitdem ich ng ei 3 n⸗ Andern ſolche gebe, liebe ich es ni Er„Wenn dies wäre,“ ſprach Athos,„ſo n lick hicht dur zard⸗ Winter zu J 8 enn er bekäme einen Theil hörte.“ ra-„a, das iſt wahr, gehen wir.“ Im Louvre angelangt, ging Lord Winter voraus. ach Es hie in einziger Port er von allen Meubles entblößte, Säle, verwitterte Wände, 3 In an denen ſtellenweiſe vergoldete Leiſten glänzten, welche oth. der Verödung widerſtanden hatten, Fenſter, welche nicht ſch r Scheiben ermangelten, keine Teppiche, hi⸗ eine Wachen, keine Bedienten, das war es, was ſo⸗ ine. gleich die Augen von Athos „Mazarin wohnt beſſer,“ ſprach Aramis. „Mazarin iſt önig,“ verſetzte Athos, Madame Henriette iſt beinahe nichts mehr.⸗ Ara WWenn hr Witz haben wolltet, Athos,“ verſetzte Arami i „„ſo hättet Ihr in der That mehr, als der arme Herr von Voiture.4 äreſt nö⸗ nzu liche ufel⸗ den nag, öhn⸗ blick Ara⸗ nach ein und ger, nem Koth von ithi⸗ eine mit den roße lägt muß „ 47 „Nein,“ ſagte Lord Winter,“ wir machen Ihrer Majeſtät der Königin von England einen Beſuch.“ „Ah, ſehr gut,“ ſagte Aramis,„und was iſt die Abſicht bei dieſem Beſuche?“ fuhr er, ſich an das Ohr von Athos neigend, fort. „Meiner Treue! ich weiß es nicht. Man fordert vielleicht irgend eine Zeugſchaft von uns.“ „Sollte es nicht wegen jener verfluchten Geſchichte ſein,“ ſagte Aramis.„In dieſem Falle wünſchte ich nicht gerade dahin zu gehen, denn es wäre, um ir⸗ gend eine Ermahnung einzuſacken, und ſeitdem ich Andern ſolche gebe, liebe ich es nicht, zu empfangen.“ „Wenn dies wäre,“ ſprach Athos,„ſo würden wir nicht durch Lord Winter zu Ihrer Majeſtät geführt; in er bekäme ſeinen Theil davon, da er zu uns ge⸗ örte.“ „Ja, das iſt wahr, gehen wir.“ Im Louvre angelangt, ging Lord Winter voraus. Es hielt ein einziger Portier die Thüre und beim Tageslichte konnten Athos, Aramis und der Engländer die abſcheuliche Nacktheit der Wohnung ſehen, welche der Geiz der unglücklichen Königin bewilligt hatte. Große, von allen Meubles entblößte, Säle, verwitterte Wände, an denen ſtellenweiſe vergoldete Leiſten glänzten, welche der Verödung widerſtanden hatten, Fenſter, welche nicht ſchloßen und der Scheiben ermangelten, keine Teppiche, keine Wachen, keine Bedienten, das war es, was ſo⸗ gleich die Augen von Athos traf, und worauf er ſchweigend ſeinen Gefährten aufmerkſam machte, indem er ihn mit dem Ellbogen ſtieß und auf dieſes Elend deutete. „Mazarin wohnt beſſer,“ ſprach Aramis. „Mazarin iſt beinahe König,“ verſetzte Athos, „und Madame Henriette iſt beinahe nichts mehr.“ „Wenn Ihr Witz haben wolltet, Athos,“ verſetzte Aramis,„ſo hättet Ihr in der That mehr, als der arme Herr von Voiture beſaß.“ Athos lächelte. 4. Die Königin ſchien ungeduldig zu warten, denn bei der erſten Bewegung, welche ſie in dem Saale vor ihrem Zimmer hörte, kam ſie ſelbſt auf die Schwelle, um hier die Höflinge ihres Unglückes zu empfangen. „Tretet ein, und ſeid willkommen, meine Herren,“ ſprach ſie.. Die Edelleute traten ein und blieben Anfangs ſte⸗ hen. Aber auf eine Geberde der Königin, welche ſie durch ein Zeichen ſitzen hieß, gab Athos das Beiſpiel des Gehorſams. Er war ernſt und ruhig, Aramis aber war wüthend. Dieſe königliche Noth hatte inh außer ſich gebracht. Seine Augen ſtudirten jeden neuen Zug von Elend, den er wahrnahm. „Ihr betrachtet meinen Luxus,“ ſprach Madame Henriette und warf einen traurigen Blick um ſich her. „Madame,“ ſagte Aramis,„ich bitte Eure Mafe⸗ ſtät um Vergebung, aber ich bin nicht im Stande, meine Entrüſtung zu verbergen, da ich ſehe, wie man am Hofe von Frankreich die Tochter von Heinrich IV. be⸗ handelt.“ „Dieſer Herr iſt kein Cavalier?“ ſprach die Köni⸗ gin zu Lord Winter. „Dieſer Herr iſt der Abbé d'Herblay,“ antwortete der Lord. Aramis erröthete. „Madame,“ ſagte er,„ich bin allerdings Abbé, aber wider meinen Willen. Ich hatte nie Beruf für den kleinen Kragen. Meine Soutane hält nur an ei⸗ nem Knopf, und ich bin ſtets bereit, wieder Musketier zu werden. Am Morgen zog ich dieſes Gewand an, weil ich nicht wußte, daß ich die Ehre haben würde, Eure Majeſtät zu ſehen. Darum bin ich aber nicht minder der Mann, den Eure Majeſtät als den erge⸗ benſten in ihrem Dienſte finden wird, was ſie auch befehlen mag.“ — ZGSe SA Athos lächelte. Die Königin ſchien ungeduldig zu warten, denn bei der erſten Bewegung, welche ſie in dem Sagle vor ihrem Zimmer hörte, kam ſie ſelbſt auf die Schwelle, um hier die Höflinge ihres Unglückes zu empfangen. „Tretet ein, und ſeid willkommen, meine Herren,“ ſprach ſie. Die Edelleute traten ein und blieben Anfangs ſte⸗ hen. Aber auf eine Geberde der Königin, welche ſie durch ein Zeichen ſitzen hieß, gab Athos das Beiſpiel des Gehorſams. Er war ernſt und ruhig, Aramis aber war wüthend. Dieſe königliche Noth hatte ihn außer ſich gebracht. Seine Augen ſtudirten jeden neuen Zug von Elend, den er wahrnahm. „Ihr betrachtet meinen Luxus,“ ſprach Madame Henriette und warf einen traurigen Blick um ſich her. „Madame,“ ſagte Aramis,„ich bitte Eure Maje⸗ ſtät um Vergebung, aber ich bin nicht im Stande, meine Entrüſtung zu verbergen, da ich ſehe, wie man am Hofe von Frankreich die Tochter von Heinrich IV. be⸗ handelt.“ „Dieſer Herr iſt kein Cavalier?“ ſprach die Köni⸗ gin zu Lord Winter. „Dieſer Herk iſt der Abbé d Herblay,“ antwortete der Lord. 1 Aramis erröthete. S „Madame,“ ſagte er,„ich bin allerdings Abbé, aber wider meinen Willen. Ich hatte nie Beruf für den kleinen Kragen. Meine Soutane hält nur an ei⸗ nem Knopf, und ich bin ſtets bereit, wieder Musketier zu werden. Am Morgen zog ich dieſes Gewand an, weil ich nicht wußte, daß ich die Ehre haben würde, Eure Majeſtät zu ſehen. Darum bin ich aber nicht minder der Mann, den Eure Majeſtät als den erge⸗ benſten in ihrem Dienſte finden wird, was ſie auch befehlen mag.“ Brie freu Zn 49 „Der Herr Chevalier d'Herblay,“ verſetzte Lord Winter,„iſt einer von den tapfern Musketieren Sei⸗ ner Majeſtät des Königs Ludwig XIII., von denen ich mit Euch geſprochen habe, Madame.“ Dann ſich nach Athos umwendend, fuhr er fort:„Dieſer Herr iſt der edle Graf de la Fore, deſſen erhabener Ruf Euch wohl bekannt iſt.“ „Meine Herren,“ ſprach die Königin,„vor einigen Jahren hatte ich Edelleute„Schätze, Heere um mich. Auf ein Zeichen meiner Hand verwendete ſich Alles in meinem Dienſte. Heute, wenn Ihr um mich her ſchaut, wird Euch dies ohne Zweifel in Erſtaunen ſetzen; denn um einen Plan auszuführen, der mir das Leben retten ſoll, habe ich Niemand, als Lord Winter, einen Freund ſeit zwanzig Jahren, und Euch, meine zum erſten Male ſehe und nur als meine Landsleute kenne.“ „Das iſt genug, Madame,“ ſprach Athos, mit einer tiefen Verbeugung,„wenn das Leben von drei ännern das Eurige zu erkaufen vermag.“ „Ich danke, meine Herren, aber hört mich,“ fuhr ſie fort.„Ich bin nicht nur die Elendeſte der Königin⸗ nen, ſondern auch die Unglücklichſte der Mütter, die Troſtloſeſte der Gattinnen. Meine r, zwei wenigſtens, der Herzog von York und die Prinzeſſin Charlotte, find ferne von mir, den Streichen von Ehr⸗ geizigen und Feinden preisgegeben. Der Kö 3 den Tod als eine wünſchenswerthe Sache. Hier, meine Herren, iſt der Brief, den er mir durch Winter überſchickt hat. Leſet ihn.“ denn aale die 3 zu ren,“ ſte⸗ e ſie ſpiel amis ihn euen ame her Naje⸗ neine am be⸗ töni⸗ rtete lbbé, f für n ei⸗ ketier d an, ürde, nicht erge⸗ auch 49 „Der Herr Chevalier d'Herblay,“ verſetzte Lord Winter,„iſt einer von den tapfern Musketieren Sei⸗ ner Majeſtät des Königs Ludwig XIII., von denen ich mit Euch geſprochen habe, Madame.“ Dann ſich nach Athos umwendend, fuhr er fort:„Dieſer Herr iſt der edle Graf de la Fere, deſſen erhabener Ruf Euch wohl bekannt iſt.“ „Meine Herren,“ ſprach die Königin,„vor einigen Jahren hatte ich Edelleute„Schätze, Heere um mich. Auf ein Zeichen meiner Hand verwendete ſich Alles in meinem Dienſte. Heute, wenn Ihr um mich her ſchaut, wird Euch dies ohne Zweifel in Erſtaunen ſetzen; denn um einen Plan auszuführen, der mir das Leben retten ſoll, habe ich Niemand, als Lord Winter, einen Freund ſeit zwanzig Jahren, und Euch, meine Herren, die ich zum erſten Male ſehe und nur als meine Landsleute kenne.“ „Das iſt genug, Madame,“ ſprach Athos, mit einer tiefen Verbeugung,„wenn das Leben von drei Männern das Eurige zu erkaufen vermag.“ „Ich danke, meine Herren, aber hört mich,“ fuhr ſie fort.„Ich bin nicht nur die Elendeſte der Königin⸗ nen, ſondern auch die Unglücklichſte der Mütter, die Troſtloſeſte der Gattinnen. Meine Kinder, zwei wenigſtens, der Herzog von Jork und die Prinzeſfin Charlotte, ſind ferne von mir, den Streichen von Ehr⸗ geizigen und Feinden preisgegeben. Der König, mein Gemahl, ſchleppt in England ein ſo ſchmerzliches Da⸗ ſein hin, daß ich wenig ſage, wenn ich Euch verſichere, er ſuche den Tod als eine wünſchenswerthe Sache. Hier, meine Herren, iſt der Brief, den er mir durch Mylord von Winter überſchickt hat. Leſet ihn.“ Athos und Aramis entſchuldigten ſich. ALeſet,“ ſprach die Königin. „„Athos las mit lauter Stimme den uns bekannten Brief, worin der König Karl fragte, ob ihm Gaſt⸗ freundſchaft in Frankreich bewilligt werden würde. Zwanzig Jahre nachher. M. 4 N 50 „Nun?“ fragte Athos, als er den Brief zu Ende geleſen hatte. „Nun,“ ſagte die Königin,„er hat es abge⸗ ſchlagen.“ Die zwei Freunde tauſchten ein Lächeln der Ver⸗ achtung. „Und was iſt nun zu thun, Madame?“ ſprach Athos. „Habt Ihr Mitleid mit ſo viel Unglück?“ ſagie die Königin bewegt. „Ich habe die Ehre gehabt, Eure Majeſtät zu fra⸗ gen, was ſie wünſche, daß Herr d'Herblay und ich für ihren Dienſt thun ſollen; wir ſind bereit.“ 4„Ah, mein Herr, Ihr ſeid in der That ein edles Herz,“ rief die Königin mit einem Ausbruche von Dank⸗ barkeit, während Lord Winter ſie anſchaute, als wollte er ſagen, habe ich mich nicht für ſie verbürgt? „Aber Ihr, mein Herr?“ fragte die Königin Aramis. „Ich, Madame,“ antwortete dieſer,„überall, wo⸗ hin der Herr Graf geht, und wäre es in den Tod, folge ich, ohne zu fragen, warum. Wenn es ſich aber um den Dienſt Eurer Majeſtät handelt,“ fügte er, die Königin mit aller Anmuth der Jugend anſchauend, bei:„ſo gehe ich dem Herrn Grafen voraus.“ „Wohl, wenn es ſo iſt, wenn Ihr Euch dem Dienſte einer armen Fürſtin weihen wollt, welche die ganze Welt verlaſſen hat, ſo läßt ſich Folgendes für mich thun: Der König iſt allein mit einigen Edelleuten, die er jeden Tag zu verlieren befürchtet, mitten unter Schottländern, denen er mißtraut, obgleich er ſelbſt ein Schottländer iſt. Seit Lord Winter ihn verlaſſen hat, lebe ich nicht mehr, meine Herren. Ich verlange vielleicht zu viel, denn ich habe keinen Anſpruch zu machen. Geht nach England, verhindet Euch mit. dem König, ſeid ſeine Freunde, zieht an ſeiner Seite in die Schlacht, geht neben ihm im Inneren ſeines Sͤ S ͤͤͤ 50 „Nun?“ fragte Athos, als er den Brief zu Ende geleſen hatte. „Nun,“ ſagte die Königin,„er hat es abge⸗ ſchlagen.“ Die zwei Freunde tauſchten ein Lächeln der Ver⸗ achtung. „ünd was iſt nun zu thun, Madame?“ ſprach 8 Habt Ihr Mitleid mit ſo viel Unglück?“ ſagte die Königin bewegt. „Ich habe die Ehre gehabt, Eure Majeſtät zu fra⸗ gen, was ſie wünſche, daß Herr d'Herblay und ich für ihren Dienſt thun ſollen; wir ſind bereit.“ „Ah, mein Herr, Ihr ſeid in der That ein edles Herz,“ rief die Königin mit einem Ausbruche von Dank⸗ barkeit, während Lord Winter ſie anſchaute, als wollte er ſagen, habe ich mich nicht für ſie verbürgt? „Aber Ihr, mein Herr?“ fragte die Königin Aramis. „Ich, Madame,“ antwortete dieſer,„überall, wo⸗ hin der Herr Graf geht, und wäre es in den Tod, folge ich, ohne zu fragen, warum. Wenn es ſich aber um den Dienſt Eurer Majeſtät handelt,“ fügte er, die Königin mit aller Anmuth der Jugend anſchauend, bei:„ſo gehe ich dem Herrn Grafen voraus.“ „Wohl, wenn es ſo iſt, wenn Ihr Euch dem Dienſte einer armen Fürſtin weihen wollt, welche die Atho ganze Welt verlaſſen hat, ſo läßt ſich Folgendes für mich thun: Der König iſt allein mit einigen Edelleuten, die er jeden Tag zu verlieren befü htet, mitten unter Schottländern, denen er mißtraut, obgleich er ſelbſt ein Schottländer iſt. Seit Lord Winter ihn verlaſſen hat, lebe ich nicht mehr, meine Herren. Ich verlange vielleicht zu viel, denn ich habe keinen Anſpruch zu machen. Geht nach England, verbindet Euch mit dem König, ſeid ſeine Freunde, zieht an ſeiner Seite in die Schlacht, geht neben ihm im Inneren ſeines lief lune dan Eur ſorg ſorgt, ſo muß ich mi Hauſes, wo ſich die Hinterhalte täglich drängen, viel gefährlicher, als alle Wagniſſe der Schlacht. Und für das Opfer, das Ihr mir bringt, meine Herren, ver⸗ ſpreche ich Euch, nicht Euch zu belohnen, ich glaube, dieſes Wort würde Euch beleidigen, ſondern Euch zu lieben, wie eine Schweſter, und Euch Allem vorzuzie⸗ hen, mit Ausꝛ ahme meines Gemahls und meiner Kin⸗ der, das ſchwöre ich Euch vor Gott!“ Und die Königin ſchlug langſam und feierlich die Augen zum Himmel auf. „Madame,“ ſagte Athos,„wann ſollen wir reiſen?“ 5 Moör willigt alſo ein 22 fragte die Königin voll reude. „Ja, Madame, nur geht Eure Majeſtät, wie es mir ſcheint, zu weit, wenn ſie ſich verbindlich macht, uns eine Freundſchaft angedeihen zu laſſen, welche ſo hoch über unſern Kräften ſteht. Wir dienen Gott, Madame, wenn wir einem ſo unglücklichen Fürſten und einer ſo tugendhaften Königin dienen. Madame, wir gehören Euch mit Leib und Seele.“ „Ah, meine Herren,“ ſprach die Königin, bis zu Thränen gerührt,„das i*ſt der erſte Augenblick der Freude und der H offnung, den ich ſeit fünf Jahren erlebe. Ja, Ihr dient Gott, und d und gegen Euch liegt. Rettet meinen Gemahl den König, und obgleich Ihr nicht empfänglich für den Preis ſeid, der Euch auf Erden für dieſe ſchöne Hand⸗ lung zukommen kann, ſo laßt mir doch die Hoffnung, daß ich Euch wiederſehen werde, um Euch ſelbſt zu Mittlewieder bleibe ich. Habt Ihr mir eiwas zu empfehlen? Ich bin von dieſem Augenblicke an Eure Freundin, und da Ihr meine Angelegenheiten be⸗ ch mit den Eurigen beſchaͤftigen.“ önde Hauſes, wo ſich die Hinterhalte täglich drängen, viel gefährlicher, als alle Wagniſſe der Schlacht. Und für bge⸗ das Opfer, das Ihr mir bringt, meine Herren, ver⸗ ſpreche ich Euch, nicht Euch zu belohnen, ich glaube, Ver⸗ dieſes Wort würde Euch beleidigen, ſondern Euch zu lieben, wie eine Schweſter, und Euch Allem vorzuzie⸗ rach hen, mit Ausnahme meines Gemahls und meiner KFin⸗ der, das ſchwöre ich Euch vor Gott!“ agte Und die Königin ſchlug langſam und feierlich die Augen zum Himmel auf. fra⸗„Madame,“ ſagte Athos,„wann ſollen wir reiſen?“ ich 5„Ihr willigt alſo ein?“ fragte die Königin voll reude. dles Ja, Madame, nur geht Eure Majeſtät, wie es ank⸗ mir ſcheint, zu weit, wenn ſie ſich verbindlich macht, ollte uns eine Freundſchaft angedeihen zu laſſen, welche ſo hoch über unſern Kräften ſteht. Wir dienen Gott, igin Madame, wenn wir einem ſo unglücklichen Fürſten und einer ſo tugendhaften Königin dienen.“ Madame, wir wo⸗ gehören Euch mit Leib und Seele.“ Tod,„Ah, meine Herren,“ ſprach die Königin, bis zu aber Thränen gerührt,„das iſt der erſte Augenblick der „die Freude und der Hoffnung, den ich ſeit fünf Jahren end, erlebe. Ja, Ihr dient Gott, und da meine Macht zu beſchränkt iſt, um einen ſolchen Dienſt anzuerkennen, ſo dem wird Er ihn belohnen, der in meinem Herzen Alles die lieſt, was in demſelben von Dankbarkeit gegen ihn mich und gegen Euch liegt. Rettet meinen Gemahl, rettet ten, den König, und obgleich Ihr nicht empfänglich für den inter Preis ſeid, der Euch auf Erden für dieſe ſchöne Hand⸗ elbſt lung zukommen kann, ſo laßt mir doch die Hoffnung, aſſen daß ich Euch wiederſehen werde, um Euch ſelbſt zu ange danken. Mittlerweile bleibe ich. Habt Ihr mir etwas ze zu empfehlen? Ich bin von dieſem Augenblicke an mit Eure Freundin, und da Ihr meine Angelegenheiten be⸗ ſorgt, ſo muß ich mich mit den Eurigen beſchäftigen.“ ine 52 „Madame,“ ſprach Athos,„ich habe nichts von Eurer Majeſtät zu verlangen, als ihre Gebete.“ „Und ich,“ ſagte Aramis,„ich bin allein auf die⸗ ſer Welt und diene nur Eurer Majeſtät.“ Die Königin reichte ihnen die Hand, die ſie küß⸗ ten, und ſagte ganz leiſe zu Lord Winter: „Wenn es Euch an Geld fehlt, Mylord, ſo zögert keinen Augenblick: zerbrecht die Juwelen, die ich Euch gegeben habe, nehmt die Diamanten heraus und ver⸗ kauft ſie an einen Juden. Ihr bekommt dafür fünfzig bis ſechzig tauſend Livres, verwendet ſie, wenn es nothwendig iſt; dieſe Edelleute ſollen aber behandelt werden, wie ſie es verdienen, das heißt königlich.“ Die Königin hatte zwei Briefe bereit gehalten. Einer war von ihr, der andere von der Prinzeſſin Henriette, ihrer Tochter, geſchrieben. Beide waren an den König Karl adreſſirt. Den einen gab ſie Athos, den andern Aramis, damit, wenn der Zufall ſie tren⸗ nen würde, ſie ſich könnten jeder vom König erkennen laſſen. Dann entfernten ſie ſich. Unten an der Treppe blieb Lord Winter ſiille ſte⸗ hen und ſprach: „Geht Eures Weges, ich gehe den meinigen, meine Herren, damit wir keinen Verdacht erwecken, und die⸗ ſen Abend um neun Uhr finden wir uns an der Porte⸗ Saint⸗Denis zuſammen. Wir reiten mit meinen Pfer⸗ den, ſo weit ſie gehen können, dann nehmen wir die Poſt. Noch einmal Dank, meine Freunde, Dank in meinem Namen, Dank im Namen der Königin!“ Die drei Edelleute drückten ſich die Hände. Der Graf von Winter ſchlug den Weg nach der Rue Saint⸗ Honoré ein und Athos und Aramis blieben beiſammen. „Nun,“ ſprach Aramis, als ſie allein waren,„was ſagt Ihr zu dieſer Angelegenheit, mein lieber Graf 24 „Sie iſt ſchlimm,“ antwortete Athos,„ſehr ſchlimm.“ „Aber Ihr habt ſie mit Begeiſterung aufgenommen?“ „Wie ich ſtets die Vertheidigung eines großen 52 „Madame,“ ſprach Athos,„ich habe nichts von Eurer Majeſtät zu verlangen, als ihre Gebete.“ „Und ich,“ ſagte Aramis,„ich bin allein auf die⸗ ſer Welt und diene nur Eurer Majeſtät.“ Die Königin reichte ihnen die Hand, die ſie küß⸗ ten, und ſagte ganz leiſe zu Lord Winter: Wenn es Euch an Geld fehlt, Mylord, ſo zögert keinen Augenblick: zerbrecht die Juwelen, die ich Euch gegeben habe, nehmt die Diamanten heraus und ver⸗ kauft ſie an einen Juden. Ihr bekommt dafür fünfzig bis ſechzig tauſend Livres, verwendet ſie, wenn es nothwendig iſt; dieſe Edelleute ſollen aber behandelt werden, wie ſie es verdienen, das heißt königlich.“ Die Königin hatte zwei Briefe bereit gehalten. Einer war von ihr, der andere von der FPrinzeſſin Henriette, ihrer Tochter, geſchrieben. Beide waren an den König Karl adreſſirt. Den einen gab ſie Athos, den andern Aramis, damit, wenn der Zufall ſie tren⸗ nen würde, ſie ſich könnten jeder vom König erkennen laſſen. Dann entfernten ſie ſich. Unten an der Treppe blieb Lord Winter ftille ſte⸗ hen und ſprach: „Geht Eures Weges, ich gehe den meinigen, meine Herren, damit wir keinen Verdacht erwecken, und die⸗ ſen Abend um neun Uhr finden wir uns an der Porte⸗ Saint⸗Denis zuſammen. Wir reiten mit meinen Pfer⸗ den, ſo weit ſie gehen können, dann nehmen wir die Poſt. Noch einmal Dank, meine Freunde, Dank in meinem Namen, Dank im Namen der Königin!“ Die drei Edelleute drückten ſich die Hände. Der Graf von Winter ſchlug den Weg nach der Rue Saint⸗ Honoré ein und Athos und Aramis blieben beiſammen. „Nun,“ ſprach Aramis, als ſie allein waren,„was ſagt Ihr zu dieſer Angelegenheit, mein lieber Graf?“ „Sie iſt ſchlimm,“ antwortete Athos,„ſehr ſchlimm.“ „Aber Ihr habt ſie mit Begeiſterung aufgenommen?“ „Wie ich ſtets die Vertheidigung eines großen —— —— —— „ 53 / 4 Adel aber kann nur durch die Könige groß ſein. Un⸗ terſtützen wir alſo den Monarchen, ſo unterſtützen wir uns ſelbfl.“ „Wir werden uns da drüben todtſchlagen laſſen,“ ſprach Aramis.„Ich haſſe die Engländer, ſie find plump, wie alle Leute, welche Bier trinken.“ „Wäre denn es beſſer, hier zu bleiben,“ verſetzte Athos, „und einen Gang in die Baſtille oder in den Kerker von Vincennes zu machen, da wir die Flucht von Herrn von Beaufort begünſtigt haben? Ach, meiner Treue, Aramis, glaubt mir, wir haben es ni reuen. Wir vermeiden das Gefängniß und handeln als Helden; die Wahl iſt leicht.“ „Das iſt wahr; doch bei ig laſſen, denn ein junger Edelmann ſoll würdig leben. Es bleiben mir alſo nur fünfzig Piſtolen. Und Ihr?“ „Was für eine runde Börſe!“. „Welch' ein ſtolzer Degen!“ „Verfübren wir ſte.“ „Das Geheimniß iſt nicht das unſere, Aramis. Glaubt mir, wir wollen Niemand in das Vertrauen ziehen. Würden wir einen ſolchen Schritt thun, ſo hätte es von die⸗ 53 Grundſatzes aufnehmen würde, mein lieber d'Herblah. Die Könige können nur durch den Adel groß ſein, der Adel aber kann nur durch die Könige groß ſein. Un⸗ terſtützen wir alſo den Monarchen, ſo unterſtützen wir uns ſelbſt.“ „Wir werden uns da drüben todtſchlagen laſſen,“ ſprach Aramis.„Ich haſſe die Engländer, ſie find plump, wie alle Leute, welche Bier trinken.“ „Wäre denn es beſſer, hier zubleiben,“ verſetzte Athos, „und einen Gang in die Baſtille oder in den Kerker von Vincennes zu machen, da wir die Flucht von Herrn von Beaufort begünſtigt haben? Ach, meiner Treue, Aramis, glaubt mir, wir haben es nicht zu be⸗ reuen. Wir vermeiden das Gefängniß und handeln als Helden; die Wahl iſt leicht.“ „Das iſt wahr; voch bei allen Dingen muß man auf die erſte, ich weiß wohl, ſehr alberne, aber ſehr nothwendige Frage zurückkommen: Habt Ihr Geld?“ „Etwa hundert Piſtolen, die mir mein Pächter den Tag vor meiner Abreiſe von Bragelonne ſchickte. Davon aber muß ich Ravul fünfzig laſſen, denn ein junger Edelmann ſoll würdig leben. Es bleiben mir alſo nur fünfzig Piſiolen. Und Ihr?“ „Ich bin überzeugt, wenn ich alle meine Taſchen umdrehe und alle meine Schubladen öffne, finde ich nicht zehn Louisd'vr. Zum Glück iſt Lord Winter reich.“ „Lord Winter iſt für den Augenblick zu Grunde gerichtet, denn Cromwell bezieht ſeine Einkünfte.“ „Da wäre Baron Porthos gut,“ ſagte Aramis. „Da beklage ich die Trennung von dArtagnan,“ ſprach Athos. „Was für eine runde Börſe!“ „Welch' ein ſtolzer Degen!“ „Verführen wir ſie.“ Das Geheimniß iſt nicht das unſere, Aramis. Glaubt mir, wir wollen Niemand in das Vertrauen ziehen. Würden wir einen ſolchen Schritt thun, ſo hätte es 54 den Anſchein, als mißtrauten wir uns. Beklagen wir uns ganz im Stillen unter uns, aber ſprechen wir mit Niemand.“ Ihr habt Recht. Was macht Ihr von jetzt bis zum Abend? Ich bin genöthigt, zwei Dinge zu verſchieben.“ „Sind es Dinge, welche ſich verſchieben laſſen?“ „Verdammt, es muß ſein!“ „Worin beſtehen ſie?“ „Zuerſt in einem Degenſtiche für den Coadjutor, den ich geſtern bei Frau von Rambouillet traf, wo er einen ſonderbaren Ton gegen mich anſtimmte.“ „Pfui doch! ein Duell unter Prieſtern! ein Duell unter Verbündeten!“ 3„Was wollt Ihr, mein Lieber? er iſt Raufer und ich auch. Seine Soutane drückte ihn, und ich habe, glaube ich, genug an der meinigen. Ich meine zu⸗ weilen, er ſei Aramis und ich ſei der Coadjutor, ſo viel Aehnlichkeit haben wir mit einander. Das ärgert mich und ſtellt mich in Schatten. Ich bin überzeugt, wenn ich ihm eine Ohrfeige geben würde, wie ich es dieſen Morgen mit dem kleinen Bürgersmann gemacht habe, der mich mit Koth beſpritzte, es müßte das An⸗ geſicht der Dinge verändern.“ „Und ich, mein lieber Aramis,“ antwortete Athos ruhig,„ich glaube, es würde das Angeſicht von Herrn von Retz nicht verändern. Laſſen wir alſo die Dinge, wie ſie ſind. Ueberdieß gehört Ihr weder dem Einen noch dem Andern mehr an. Ihr gehört der Königin von England, er gehört der Fronde. Wenn die zweite Sache nicht wichtiger iſt, als die erſte...“ „Oh, dieſe iſt ſehr wichtig.“ „Dann macht ſie ſogleich ab.“ eider ſteht es mir nicht frei, ſie zu jeder Stunde abzumachen; es kann nur am Abend geſchehen.“ 550 begreife,“ ſagte Athos lächelnd,„um Mitter⸗ t 71 „Ungefähr.“ nach — 54 den Anſchein, als mißtrauten wir uns. Beklagen wir uns ganz im Stillen unter uns, aber ſprechen wir mit Niemand.“ Ihr habt Recht. Was macht Ihr von jetzt bis zum Abend? Ich bin genöthigt, zwei Dinge zu verſchieben.“ „Sind es Dinge, welche ſich verſchieben laſſen?“ „Verdammt, es muß ſein!“ „Worin beſtehen ſie?“ „Zuerſt in einem Degenſtiche für den Coadjutor, den ich geſtern bei Frau von Rambouillet traf, wo er einen ſonderbaren Ton gegen mich anſtimmte.“ „Pfui doch! ein Duell unter Prieſtern! ein Duell unter Verbündeten!“ „Was wollt Ihr, mein Lieber? er iſt Raufer und ich auch. Seine Soutane drückte ihn, und ich habe, glaube ich, genug an der meinigen. Ich meine zu⸗ weilen, er ſei Aramis und ich ſei der Coadjutor, ſo viel Aehnlichkeit haben wir mit einander. Das ärgert mich und ſtellt mich in Schatten. Ich bin überzeugt, wenn ich ihm eine Ohrfeige geben würde, wie ich es dieſen Morgen mit dem kleinen Bürgersmann gemacht habe, der mich mit Koth beſpritzte, es müßte das An⸗ geſicht der Dinge verändern.“ „Und ich, mein lieber Aramis,“ antwortete Athos ruhig,„ich glaube, es würde das Angeſicht von Herrn von Retz nicht verändern. Laſſen wir alſo die Dinge, wie ſie find. Ueberdieß gehört Ihr weder dem Einen noch dem Andern mehr an. Ihr gehört der Königin von England, er gehört der Fronde. Wenn die zweite Sache nicht wichtiger iſt, als die erſte„ „Oh, dieſe iſt ſehr wichtig.“ „Dann macht ſie ſogleich ab.“ „Leider ſteht es mir nicht frei, ſie zu jeder Stunde abzumachen; es kann nur am Abend geſchehen.“ „Ich begreife,“ ſagte Athos lächelnd,„um Mitter⸗ nacht?“ „Ungefähr.“ „Was wollt Ihr, mein Lieber, das ſind Dinge, die ſich verſchieben laſſen, beſonders da Ihr bei Eurer Rückkehr eine ſo gute Entſchuldigung vorzubringen habt.“ „Ja, wenn ich zurückkehre.“ „Kehrt Ihr nicht zurück, was liegt dann daran? Seid alſo ein wenig vernünftig. Aramis, mein lieber Freund, Ihr ſeid nicht mehr zwanzig Jahre alt.“ „Gottes Tod! zu meinem Bedauern. Ach, wenn ich es noch wäre!“ „Ja,“ ſprach Athos,„ich glaube, Ihr würdet ſchöne Thorheiten machen. Aber wir müſſen uns verlaſſen; ich habe ein paar Beſuche zu machen und einen Brief zu ſchreiben. Holt mich alſo um acht Uhr ab, oder wollt Ihr, daß ich Euch um ſieben Uhr zum Abend⸗ brod erwarte?⸗ 3 „Sehr wohl,“ erwiederte Aramis;„ich habe zwanzig Beſuche zu machen und eben ſo viele Briefe zu ſchreiben.“ 4 Und hienach trennten ſie ſich. Athos machte einen Beſuch bei Frau von Vendome, gab ſeinen Namen bei Frau von Chevreuſe ab und ſchrieb folgenden Brief an d'Artagnan: „Lieber Freund, ich reiſe mit Aramis in einer wich⸗ tigen Angelegenheit. Ich wünſchte wohl von Euch Ab⸗ chied zu nehmen, aber es gebricht mir an Zeit. Ver⸗ geßt nicht, daß ich Euch ſchreibe, um zu wiederholen, wie ſehr ich Euch liebe. 3 „Raoul iſt nach Blois gegangen und weiß nichts von meiner Abreiſe. Wacht über ihm während meiner Abweſenheit, ſo gut Ihr immer könnt, und wenn Ihr von heute an in drei Monaten keine Nachricht von mir er⸗ haltet, ſo ſagt ihm, er möge ein verſiegeltes Paquet unter ſeiner Adreſſe öffnen, das er in Blois in meiner Bronze⸗Caffette finden wird, zu der ich Euch den Schlüſſel ſchicke. „Umarmt Porthos im Namen von Aramis und ir nit m 1.“ 2. „Was wollt Ihr, mein Lieber, das find Dinge, die ſich verſchieben laſſen, beſonders da Ihr bei Eurer Rückkehr eine ſo gute Entſchuldigung vorzubringen habt.“ „Ja, wenn ich zurückkehre.“ „Kehrt Ihr nicht zurück, was liegt dann daran? Seid alſo ein wenig vernünftig. Aramis, mein lieber Freund, Ihr ſeid nicht mehr zwanzig Jahre alt.“ „Gottes Tod! zu meinem Bedauern. Ach, wenn ich es noch wäre!“ „Ja,“ ſprach Athos,„ich glaube, Ihr würdet ſchöne Thorheiten machen. Aber wir müſſen uns verlaſſen; ich habe ein paar Beſuche zu machen und einen Brief zu ſchreiben. Holt mich alſo um acht Uhr ab, oder wollt Ihr, daß ich Euch um ſieben Uhr zum Abend⸗ brod erwarte?“ „Sehr wohl,“ erwiederte Aramis;„ich habe zwanzig Beſuche zu machen und eben ſo viele Briefe zu ſchreiben.“ Und hienach trennten fie ſich. Athos machte einen Beſuch bei Frau von Vendome, gab ſeinen Namen bei Frau von Chevreuſe ab und ſchrieb folgenden Brief an d'Artagnan: „Lieber Freund, ich reiſe mit Aramis in einer wich⸗ tigen Angelegenheit. Ich wünſchte wohl von Euch Ab⸗ ſchied zu nehmen, aber es gebricht mir an Zeit. Ver⸗ geßt nicht, daß ich Euch ſchreibe, um zu wiederholen, wie ſehr ich Euch liebe. „Ravul iſt nach Blois gegangen und weiß nichts von meiner Abreiſe. Wacht über ihm während meiner Abweſenheit, ſo gut Ihr immer könnt, und wenn Ihr von heute an in drei Monaten keine Nachricht von mir er⸗ haltet, ſo ſagt ihm, er möge ein verſiegeltes Paquet unter ſeiner Adreſſe öffnen, das er in Blvis in meiner Bronze⸗Caſſette finden wird, zu der ich Euch den Schlüſſel ſchicke. „Umarmt Porthos im Namen von Aramis und 56 in meinem Namen. Auf Wiederſehen, vielleicht Gott befohlen!“ 3 Und er ließ den Brief durch Blaiſois wegtragen. Zur beſtimmten Stunde erſchien Aramis. Er war als Cavalier gekleidet und hatte an ſeiner Seite das alte Schwert, das er ſo oft gezogen und mehr als je zu ziehen bereit war. „Ach,“ ſagte er,„ich glaube, wir haben Unrecht, ſo abzureiſen, ohne ein Wörtchen des Abſchieds an Por⸗ thos und d'Artagnan zurückzulaſſen.“ „Das iſt eine abgemachte Sache, lieber Freund,“ verſetzte Athos;„ich habe dafür geſorgt, ich habe alle Beide für mich und für Euch begrüßt.“ „ Ihr ſeid ein bewunderungswürdiger Mann, mein lieber Graf,“ ſprach Aramis, Ihr denkt an Alles.⸗ „Nun, ſeid Ihr feſt in Eurem Entſchluſſe in Be⸗ ziehung auf dieſe Reiſe?“. „Ganz und gar, und nun, da ich mir die Sache geenauer überlegt habe, bin ich froh, Paris in dieſem Augenblicke zu verlaſſen.“ „Ich auch,“ verſetzte Athos,„nur bedaure ich, d'Artagnan nicht umarmt zu haben. Aber dieſer Teu⸗ ſel iſt ſo fein, daß er unſere Pläne errathen hätte.“ Beim Schluſſe des Abendbrodes kam Blaiſois zu⸗ „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„hier iſt die Antwort von Herrn d'Artagnan. 3 „Ich habe Dir nicht geſagt, Du würdeſt Antwort bekommen, Dummkopf,“ ſprach Athos. „Ich ging auch ab, ohne darauf zu warten; aber er ließ mich zurückrufen und gab mir dieſes.“ Und er bot Athos eine völlig gerundete, klingende, kleine lederne Taſche. Athos öffnete ſie und zog zuerſt ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet daraus hervor: „Mein lieber Graf, rück ——— „Wenn man verreiſt und beſonders auf drei Mo⸗ dG 56 Namen. Auf Wiederſehen, vielleicht Gott efohlen!“ Und er ließ den Brief durch Blaiſois wegtragen. Zur beſtimmten Stunde erſchien Aramis. Er war als Cavalier gekleidet und hatte an ſeiner Seite das alte Schwert, das er ſo oft gezogen und mehr als je zu ziehen bereit war. „Ach,“ ſagte er,„ich glaube, wir haben Unrecht, ſo abzureiſen, ohne ein Wörtchen des Abſchieds an Por⸗ thos und d'Artagnan zurückzulaſſen.“ „Das iſt eine abgemachte Sache, lieber Freund,“ verſetzte Athos;„ich habe dafür geſorgt, ich habe alle Beide für mich und für Euch begrüßt.“ „Ihr ſeid ein bewunderungswürdiger Mann, mein lieber sß ſprach Aramis, Ihr denkt an Alles.⸗ „Nun, ſeid Ihr feſt in Eurem Entſchluſſe in Be⸗ ziehung auf dieſe Reiſe?“ „Ganz und gar, und nun, da ich mir die Sache genauer überlegt habe, bin ich froh, Paris in dieſem Augenblicke zu verlaſſen.“ „Ich auch,“ verſetzte Athos,„nur bedaure ich, d'Artagnan nicht umarmt zu haben. Aber dieſer Teu⸗ ſel iſt ſo fein, daß er unſere Pläne errathen hätte,“ 1 Beim Schluſſe des Abendbrodes kam Blaiſois zu⸗ von Herrn dArtagnan. „Ich habe Dir nicht grſagit Du würdeft Antwort bekommen, Dummkopf,“ ſprach Athos. „Ich ging auch ab, ohne darauf zu warten; aber er ließ mich zurückrufen und gab mir dieſes.“ Und er bot Athos eine völlig gerundete, klingende, kleine lederne Taſche. Athos öffnete ſie und zog zuerſt ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet daraus hervor: „Mein lieber Graf, „Wenn man verreiſt und beſonders auf drei Mo⸗ „Gnädiger Herr„ſagte er,„hier iſt die Antwort 3 nate verreiſt, hat man nie Geld genug. Ich erinnere mich unſerer Zeiten der Armuth und ſchicke Euch die Hälfte meiner Börſe. Es iſt Geld, das ich Mazarin ſchwitzen gemacht habe. Macht alſo keinen zu ſchlim⸗ men Gebrauch davon, ich bitte Euch. „Was den Umſtand betrifft, daß ich Euch nicht wiederſehen ſoll, ſo glaube ich kein Wort davon. Wenn man ein Herz und ein Schwert hat, wie Ihr, ſo kommt man überall durch. „Auf Wiederſehen alſo, und nicht Gott befohlen! „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Raoul von dem age an, wo ich ihn zuerſt ſah, wie mein Kind liebte. Glaubt mir jedoch, daß ich Gott aufrichtig anflehe, er möge mich nicht ſeinen Vater werden laſſen, obgleich ich auf einen ſolchen Sohn ſtolz wäre. Euer d'Artagnan.“ „N. S. Wohlverſtanden, die fünfzig Louisd'or, die ich Euch ſchicke, gehören Euch wie Aramis, Aramis wie Euch.“ 4 Athos lächelte und ſein ſchöner Blick verſchleierte ſich unter einer Thräne. D Artagnan, den er ſtets zärtlich geliebt hatte, liebte ihn alſo ebenfalls immer noch, obgleich er ein Mazariner war. „Meiner Treue,⸗ ſprach Aramis, die Börſe auf den Tiſch ausleerend,„hier ſind die fünfzig Goldſtücke, alle nach dem Bildniß von König Ludwig XIII. Was macht Ihr mit dieſem Gelde, Graf? Behaltet Ihr es oder ſchickt Ihr es zurück?“ „Ich behalte es, Aramis, und würde es behalten, auch wenn ich deſſelben nicht bedürfte. Was von großem Herzen geboten wird, muß mit großem Herzen ange⸗ nommen werden. Nehmt fünf und zwan, ig, Aramis, und gebt mir die andern fünf und zwanzig.“ 8 „Das gefällt mir; in der That es macht mi glücklich, zu ſehen, daß Ihr meiner Anſicht ſeid. Aber gehen wir nun?⸗ „Wenn Ihr wollt; doch habt Ihr keinen Bedienten?“ 57 nate verreiſt, hat man nie Geld genug. Ich erinnere mich unſerer Zeiten der Armuth und ſchicke Euch die Hälfte meiner Börſe. Es iſt Geld, das ich Mazarin ſchwitzen gemacht habe. Macht alſo keinen zu ſchlim⸗ men Gebrauch davon, ich bitte Euch. „Was den Umſtand betrifft, daß ich Euch nicht wiederſehen ſoll, ſo glaube ich kein Wort davon. Wenn man ein Herz und ein Schwert hat, wie Ihr, ſo kommt man überall durch. „Auf Wiederſehen alſo, und nicht Gott befohlen! „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Ravul von dem Tage an, wo ich ihn zuerſt ſah, wie mein Kind liebte. Glaubt mir jedoch, daß ich Gott aufrichtig anflehe, er möge mich nicht ſeinen Vater werden kaffen, obgleich ich auf einen ſolchen Sohn ſtolz wäre. Euer d'Artagnan.“ „N. S. Wohlverſtanden, die fünfzig Louisd'or, die ich S ſchicke, gehören Euch wie Aramis, Aramis wie Euch. Athos lächelte und ſein ſchöner Blick verſchleierte ſich unter einer Thräne. D'Artagnan, den er ſiets zärtlich geliebt hatte, liebte ihn alſo ebenfalls immer noch, obgleich er ein Mazariner war. „Meiner Treue,“ ſprach Aramis, die Börſe auf den Tiſch ausleerend,„hier ſind die fünfzig Goldſtücke, alle nach dem Bildniß von König Ludwig XlII. Was macht Ihr mit dieſem Gelde, Graf? Behaltet Ihr es oder ſchickt Ihr es zurück?“ „Ich behalte es, Aramis, und würde es behalten, auch wenn ich deſſelben nicht bedürfte. Was von großem Herzen geboten wird, muß mit großem Herzen ange⸗ nommen werden. Nehmt fünf und zwanzig, Aramis, und gebt mir die andern fünf und zwanzig.“ „Das gefällt mir; in der That es macht mich glücklich, zu ſehen, daß Ihr meiner Anſicht ſeid. Aber gehen wir nun?“ „Wenn Ihr wolltz doch habt Ihr keinen Bedienten?“ 58 „Nein; der alberne Bazin hat die Dummheit be⸗ gangen, Meßner zu werden, wie Ihr wißt, und kann folglich Notre⸗Dame nicht verlaſſen.“ „Gut, dann nehmt Blaiſois, mit dem ich nichts anzufangen weiß, da ich Grimaud habe.“ „Gern,“ ſprach Aramis. In dieſem Augenblicke erſchien Grimaud auf der Schwelle. 73„Bereit,“ ſagte er auf ſeine gewöhnliche lakoniſche e iſe. „Vorwärts,“ ſprach Athos. Die Pferde warteten wirklich geſattelt und ge⸗ zäumt. Die zwei Freunde beſtiegen jeder das ſeinige; die zwei Lackeien thaten daſſelbe.. An der Ecke des Quai begegneten ſie Bazin, wel⸗ cher ganz athemlos herbeilief. „Ahl gnädiger Herr,“ rief Bazin,„Gott ſei Dank, ich komme noch zu rechter Zeit!“ „Was gibt es?“ „Herr Porthos hat mir dieſes übergeben und da⸗ bei geſagt, es hätte große Eile und müßte Euch vor Euerer Abreiſe eingehändigt werden.“ „Gut,“ erwiederte Aramis und nahm eine Börſe, die ihm Bazin darreichte,„was iſt das 24 „Wartet, Herr Abbé, es iſt auch ein Brief dabei.“ „Du weißt, daß ich Dir bereits geſagt habe, ich ſchlüge Dir Arm und Bein entzwei, wenn Du mich Anere als Herr Chevalier nennen würdeſt. Gieb den rief.“ ſter, wie in der Hölle.“ „Wartet,“ ſagte Bazin, ſchlug Feuer und zündete das Licht an, mit dem er ſeine Kerzen in der Kirche anzuzünden pflegte. 8 Beim Scheine dieſes Lichtes las Aramis: „Mein lieber d'Herblay, 8 „Ich erfahre von d'Artagnan, der mich in Euerem 5 „Wie wollt Ihr leſen?“ fragte Athos;„es iſt fin⸗ 58 „Nein; der alberne Bazin hat die Dummheit be⸗ gangen, Meßner zu werden, wie Ihr wißt, und kann folglich Notre⸗Dame nicht verlaſſen.“ „Gut, dann nehmt Blaiſois, mit dem ich nichts anzufangen weiß, da ich Grimaud habe.“ „Gern,“ ſprach Aramis. In dieſem Augenblicke erſchien Grimaud auf der Schwelle. ſagte er auf ſeine gewöhnliche lakoniſche eiſe. „Vorwärts,“ ſprach Athos. Die Pferde warteten wirklich geſattelt und ge⸗ zäumt. Die zwei Freunde beſtiegen jeder das ſeinige; die zwei Lackeien thaten daſſelbe. An der Ecke des Quai begegneten ſie Bazin, wel⸗ cher ganz athemlos herbeilief. „Ahl gnädiger Herr,“ rief Bazin,„Gott ſei Dank, ich komme noch zu rechter Zeit!“ „Was gibt es?“ „Herr Porthos hat mir dieſes übergeben und da⸗ bei geſagt, es hätte große Eile und müßte Euch vor Euerer Abreiſe eingehändigt werden.“ „Gut,“ erwiederte Aramis und nahm eine Börſe, die ihm Bazin darreichte,„was iſt das?“ „Wartet, Herr Abbé, es iſt auch ein Brief dabei.“ „Du weißt, daß ich Dir bereits geſagt habe, ich ſchlüge Dir Arm und Bein entzwei, wenn Du mich als Herr Chevalier nennen würdeft. Gieb den Brief.“ „Wie wollt Ihr leſen?“ fragte Athos;„es iſt fin⸗ ſter, wie in der Hölle.“ „Wartet,“ ſagte Bazin, ſchlug Feuer und zündete das Licht an, mit dem er ſeine Kerzen in der Kirche anzuzünden pflegte. Beim Scheine dieſes Lichtes las Aramis: „Mein lieber d'Herblay, „Ich erfahre von d'Artagnan, der mich in Euerem erg Ver ma wir vor an har * —½3 R te 59 und in dem Namen des Grafen de la Foͤre umarmt, daß Ihr in einem Unternehmen abreiſt, welches vielleicht zwei bis drei Monate dauern wird: da ich weiß, daß Ihr nicht gern von Eueren Freunden fordert, ſo biete ich Euch. Hier ſind zweihundert Piſtolen, über die Ihr verfügen könnt; Ihr gebt ſie mir bei Gelegenheit zu⸗ rück. Fürchtet nicht, mich dadurch zu beengen; brauche ich Geld, ſo laſſe ich mir von einem meiner Schlöſſer kommen; ich habe allein in Bracieux zwanzig tauſend Livres in Gold. Schicke ich heute nicht mehr, ſo ge⸗ ſchieht es nur, weil ich befürchte, Ihr könntet eine zu ſtarke Summe nicht annehmen. „Ich wende mich an Euch, weil Ihr wißt, daß mir der Graf de la Fore unwillkührlich immer etwas imponirt, obgleich ich ihn von ganzem Herzen liebe; aber wohl verſtanden, was ich Euch biete, biete ich zu gleicher Zeit auch ihm. „Ich bin, wie Ihr wohl nicht bezweifelt, Euer ergebener „Du Vallon de Bracieux de Pierrefonds.“ „Nun,“ ſprach Aramis,„was ſagt Ihr dazu? „Ich ſage, mein lieber dHerblay, daß es ein arges Verbrechen iſt, an der Vorſehung zu zweifeln, wenn man ſolche Freunde hat.“ „Alſo?2 Alſo theilen wir die Piſtolen von Porthos, wie wir die Louis'or von d'Artagnan getheilt haben.“ Die Theilung wurde bei dem Lichte von Bazin vorgenommen und man ſetzte ſich in Marſch. Eine Viertelſtunde nachher waren die zwei Freunde nn der Porte Saint⸗Denis, wo Lord Winter ihrer arrte. 59 be⸗ und in dem Namen des Grafen de la Fére umarmt, ann daß Ihr in einem Unternehmen abreiſt, welches vielleicht zwei bis drei Monate dauern wird: da ich weiß, daß chts Ihr nicht gern von Eueren Freunden fordert, ſo biete ich Euch. Hier ſind zweihundert Piſtolen, über die Ihr verfügen könnt; Ihr gebt ſie mir bei Gelegenheit zu⸗ ver rück. Fürchtet nicht, mich dadurch zu beengen; brauche ich Geld, ſo laſſe ich mir von einem meiner Schlöſſer iſche kommen; ich habe allein in Bracieur zwanzig tauſend Livres in Gold. Schicke ich heute nicht mehr, ſo ge⸗ ſchieht es nur, weil ich befürchte, Ihr könntet eine zu ge⸗ ſtarke Summe nicht annehmen. igez„Ich wende mich an Euch, weil Ihr wißt, daß 85 mir der Graf de la Fere unwillkührlich immer etwas wel⸗ imponirt, obgleich ich ihn von ganzem Herzen liebe; aber wohl verſtanden, was ich Euch biete, biete ich ank zu gleicher Zeit auch ihm. „Ich bin, wie Ihr wohl nicht bezweifelt, Euer ergebener da⸗„Du Vallon de Bracieur vor de Pierrefonds.“ „Nun,“ ſprach Aramis,„was ſagt Ihr dazu?2“ örſe,„Ich ſage, mein lieber d'Herblay, daß es ein arges Verbrechen iſt, an der Vorſehung zu zweifeln, wenn bei.“ man ſolche Freunde hat.“ ich„Alſo 2 mich Alſo theilen wir die Piſtolen von Porthos, wie den wir die Louisd'or von dArtagnan getheilt haben.“ Die Theilung wurde bei dem Lichte von Bazin fin⸗ vorgenommen und man ſetzte ſich in Marſch. Eine Viertelſtunde nachher waren die zwei Freunde ndete an der Porte Saint⸗Denis, wo Lord Winter ihrer itche harrte. erem V. Worin nachgewieſen wird, daß die erſte Vewe- gung immer die beſte iſt. Die drei Edelleute ſchlugen den Weg nach der Picardie ein, dieſen ihnen ſo wohl bekannten Weg, der in Athos und Aramis einige von den pittoreskeſten Erinnerungen ihrer Jugend zurückrief. „Wäre Mousqueton bei uns,“ ſprach Athos, als ſie zu der Stelle gelangten, wo ſie mit den Straßen⸗ arbeitern Streit gehabt hatten,„wie würde er zittern. Frie Ihr Euch, Aramis, hier bekam er die bekannte ugel.“ „Meiner Treue, ich würde es ihm wohl hingehen laſſen, denn ich ſelbſt bebe einigermaßen bei dieſer Erinnerung. Seht, dort jenſeits des Baumes iſt ein kleiner Punkt, wo ich glaubte, ich müßte ſterben.“ Man ſetzte den Marſch fort. Bald war es die Sache von Grimaud, in ſeinem Gedächtniſſe zurückzu⸗ gehen. Der Herberge gegenüber angelangt, wo ſein Herr und er einſt eine ſo ungeheure Schmauſerei ge⸗ halten hatten, näherte er ſich Athos, deutete auf das Luftloch des Kellers und ſagte: „Würſte.“ Athos lachte, denn dieſe Tollheit ſeiner Jugend⸗ jahre kam ihm ſo beluſtigend vor, als wenn man ſte ihm von einem Andern erzählt hätte. Endlich nach einem Marſche von zwei Tagen und einer Nacht erreichten ſie gegen Abend bei einem herr⸗ lichen Wetter Boulogne, eine beinahe öde Stadt, gänz⸗ lich auf der Anhöhe erbaut; was man jetzt die untere Stadt nennt, beſtand damals noch gar nicht. Als man zu den Thoren gelangte, ſagte Lord Winter: 3 —OAS ece ——S— Worin nachgewieſen wird, daß die erſte Bewe- gung immer die beſte iſt. Die drei Edelleute ſchlugen den Weg nach der Picardie ein, dieſen ihnen ſo wohl bekannten Weg, der in Athos und Aramis einige von den pittoreskeſten Erinnerungen ihrer Jugend zurückrief.* „Wäre Mousqueton bei uns,“ ſprach Athos, als ſie zu der Stelle gelangten, wo ſie mit den Straßen⸗ arbeitern Streit gehabt hatten,„wie würde er zittern. Erinnert Ihr Euch, Aramis, hier bekam er die bekannte Kugel.“ „Meiner Treue, ich würde es ihm wohl hingehen laſſen, denn ich ſelbſt bebe einigermaßen bei dieſer Erinnerung. Seht, dort jenſeits des Baumes iſt ein kleiner Punkt, wo ich glaubte, ich müßte ſterben.“ Man ſetzte den Marſch fort. Bald war es die Sache von Grimaud, in ſeinem Gedächtniſſe zurücku⸗„ gehen. Der Herberge gegenüber angelangt, wo ſein Herr und er einſt eine ſo ungeheure Schmauſerei ge⸗ halten hatten, näherte er ſich Athos, deutete auf das Luftloch des Kellers und ſagte: „Würſte.“ Athos lachte, denn dieſe Tollheit ſeiner Jugend⸗ jahre kam ihm ſo beluſtigend vor, als wenn man ſie ihm von einem Andern erzählt hätte. Endlich nach einem Marſche von zwei Tagen und einer Nacht erreichten ſie gegen Abend bei einem herr⸗ lichen Wetter Boulogne, eine beinahe öde Stadt, gänz⸗ lich auf der Anhöhe erbaut; was man jetzt die untere Stadt nennt, beſtand damals noch gar nicht. Als man zu den Thoren gelangte, ſagte Lord Winter: „Meine Herren, machen wir es hier, wie in Paris. Trennen wir uns, um keinen Verdacht zu erregen. Ich habe eine wenig beſuchte Herberge, deren Wirth mir ganz und gar ergeben iſt. Ich will mich dahin begeben, denn es erwarten mich Briefe. Ihr geht in das nächſte beſte Gaſthaus der Stadt, zum Schwerte des großen Heinrich 3. B., erfriſcht Euch und fin⸗ det Euch dann auf dem Hafendamme ein. Unſere Barke muß dort unſerer harren.“ Die Sache wurde ſo verabredet. Lord»Winter ſetzte ſeinen Weg die äußeren Bollwerke“ entlang fort, um durch ein anderes Thor in die Stadt zu ge⸗ langen, während die zwei Freunde durch dasjenige einritten, vor welchem ſie ſich befanden. Nach zwei⸗ hundert Schritten fanden ſie das bezeichnete Gaſthaus. an ließ den Pferden Futter geben, aber ohne ſie abzuſatteln. Die Lackeien nahmen Abendbrod, denn es fing an ſpät zu werden, und die zwei Herren, welche es drängte, ſich einzuſchiffen, beſtellten ſie auf den Ha⸗ fendamm, mit dem Befehle, mit keinem Menſchen ein Wort zu wechſeln. Dieſer Befehl betraf natürlich nur Blaiſois; für Grimaud war er längſt überflüſſig ge⸗ worden. Athos und Aramis gingen nach dem Hafen hinab. Durch ihre mit Staub bedeckten Kleider, durch eine gewiſſe freie Miene, welche ſtets den an Reiſon gewöhnten Menſchen erkennen läßt, zogen die zwei Feeinde die Aufmerkſamkeit einiger Spaziergänger auf Sie ſahen beſonders Einen, auf welchen ihre An⸗ kunft offenbar einen Eindruck hervorgebracht hatte. Dieſer Menſch, den ſie aus denſelben ürſachen, durch welche ſie Andern auffielen, zuerſt wahrgenommen hat⸗ en, ging traurig auf dem Hafendamme auf und ab. Sobald er ſie erblickte, ſchaute er fie unabläſſig an und ſchien vor Begierde, ſie anzureden, zu brennen. Ddieſer Menſch war jung und bleich. Er hatte 61 „Meine Herren, machen wir es hier, wie in Paris. Trennen wir uns, um keinen Verdacht zu erregen. Ich habe eine wenig beſuchte Herberge, deren Wirth mir ganz und gar ergeben iſt. Ich will mich dahin begeben, denn es erwarten mich Briefe. Ihr geht in we- das nächſte beſte Gaſthaus der Stadt, zum Schwerte des großen Heinrich z. B., erfriſcht Euch und fin⸗ det Euch vann auf dem Hafendamme ein. Unſere der Barke muß dort unſerer harren.“ Beg, Die Sache wurde ſo verabredet. Lord Winter ſten ſetzte ſeinen Weg die äußeren Bollwerke entlang fort, um durch ein anderes Thor in die Stadt zu ge⸗ als langen, während die zwei Freunde durch dasjenige ßen⸗ einritten, vor welchem ſie ſich befanden. Rach zwei⸗ ern. hundert Schritten fanden ſie das bezeichnete Gaſthaus. nnte WMan ließ den Pferden Futter geben, aber ohne ſie abzuſatteln. Die Lackeien nahmen Abendbrod, denn ehen es fing an ſpät zu werden, und die zwei Herren, welche ieſer es drängte, ſich einzuſchiffen, beſtellten ſie auf den Ha⸗ tein fendamm, mit dem Befehle, mit keinem Menſchen ein Wort zu wechſeln. Dieſer Befehl betraf natürlich nur die Blaiſois; für Grimaud war er längſt überflüſſig ge⸗ czu⸗„ worden. ſein Athos und Aramis gingen nach dem Hafen hinab. ge⸗ Durch ihre mit Staub bedeckten Kleider, durch das eine gewiſſe freie Miene, welche ſtets den an Reiſen gewöhnten Menſchen erkennen läßt, zogen die zwei Freunde die Aufmerkſamkeit einiger Spaziergänger auf en⸗ ſich n ſie Sie ſahen beſonders Einen, auf welchen ihre An⸗ kunft offenbar einen Eindruck hervorgebracht hatte⸗ und Dieſer Menſch, den ſie aus denſelben Urſachen, durch herr⸗ welche ſie Andern auffielen, zuerſt wahrgenommen hat⸗ änz⸗ ten, ging traurig auf dem Hafendamme auf und ab. ntere Sobald er ſie erblickte, ſchaute er ſie unabläffig an und man ſchien vor Begierde, ſie anzureden, zu brennen. Dieſer Menſch war jung und bleich. Er hatte Augen von einem ſo unſichern Blau, daß ſie, wie die des Tigers, je nach den Reflexen in allen Farben zu ſpielen ſchienen. Sein Gang war trotz der Langſam⸗ keit und Ungewißheit ſeiner Wendung ſteif und keck. Er war ſchwarz gekleidet und trug ein langes Schwert mit ziemlich viel Anmuth. 3 Als Athos und Aramis den Hafendamm erreichten, ſtanden ſie ſtille, um ein kleines Schiff anzuſchauen, welches an einen Pfoſten angebunden und ganz equi⸗ pirt war, als ob es wartete.. „Das iſt ohne Zweifel das unſere,“ ſprach Athos. „Ja,“ antwortete Aramis,„und die Schaluppe, welche ſich da unten ſegelfertig macht, ſieht aus, als wäre ſie diejenige, welche uns an den Ort unſerer Be⸗ ſtimmung führen ſoll. Wenn nur Lord Winter nicht auf ſich warten läßt,“ fuhr er fort; es iſt gar nicht 2 beluſtigend, hier zu verweilen; keine einzige Frauens⸗ 1 1 perſon kommt vorüber.“ „Stille,“ ſagte Athos,„man behorcht uns.“ Der Unbekannte war wirklich, die zwei Freunde beſchauend, wiederholt hinter ihnen auf und ab gegan⸗ E len und bei dem Namen von Lord Winter plötzlich ſtille geſtanden. Da aber ſein Antlitz, als er dieſen Namen hörte, keine beſondere Gemüthsbewegung aus⸗ me drückte, ſo konnte auch ſein Stehenbleiben dem Zufa au zuzuſchreiben ſein. lie „Meine Herren,“ ſprach der junge Mann, ſich mit großer Leichtigkeit und Höflichkeit verbeugend,„verzeiht ten meine Neugierde, aber ich ſehe, daß Ihr von Paris ger kommt oder wenigſtens in Boulogne fremd ſeid.“ 28i „Ja, mein Herr, wir kommen von Paris,“ ant⸗„ wortete Athos mit derſelben Höflichkeit.„Was ſteht zu Dienſt?“— 1 „Mein Herr,“ ſprach der junge Mann,»wollt Ihr wohl die Güte hhaben, mir zu ſagen, ob der H 62 Augen von einem ſo unſichern Blau, daß ſie, wie die des Tigers, je nach den Reflexen in allen Farben zu ſpielen ſchienen. Sein Gang war trotz der Langſam⸗ keit und Ungewißheit ſeiner Wendung ſteif und keck. Er war ſchwarz gekleidet und trug ein langes Schwert mit ziemlich viel Anmuth. Als Athos und Aramis den Hafendamm erreichten, ſtanden ſie ſtille, um ein kleines Schiff anzuſchauen, welches an einen Pfoſten angebunden und ganz equi⸗ pirt war, als ob es wartete. 3„Das iſt ohne Zweifel das unſere,“ ſprach os. „Ja,“ antwortete Aramis,„und die Schaluppe, welche ſich da unten ſegelfertig macht, ſieht aus, als wäre ſie diejenige, welche uns an den Ort unſerer Be⸗ ſtimmung führen ſoll. Wenn nur Lord Winter nicht auf ſich warten läßt,“ fuhr er fort;„es iſt gar nicht beluſtigend, hier zu verweilen; keine einzige Frauens⸗ perſon kommt vorüber.“ „Stille,“ ſagte Athos,„man behorcht uns.“ Der Unbekannte war wirklich, die zwei Freunde beſchauend, wiederholt hinter ihnen auf und ab gegan⸗ gen und bei dem Namen von Lord Winter plötzlich ſtille geſtanden. Da aber ſein Antlitz, als er dieſen Namen hörte, keine beſondere Gemüthsbewegung aus⸗ drückte, ſo konnte auch ſein Stehenbleiben dem Zufall zuzuſchreiben ſein. „Meine Herren,“ ſprach der junge Mann, ſich mit großer Leichtigkeit und Höflichkeit verbeugend,„verzeiht meine Neugierde, aber ich ſehe, daß Ihr von Paris kommt oder wenigſtens in Boulogne fremd ſeid.“ „Ja, mein Herr, wir kommen von Paris,“ ant⸗ mit derſelben Höflichkeit.„Was ſteht zu ienſt?“ „Mein Herr,“ ſprach der junge Mann,„wollt Ihr wohl die Güte haben, mir zu ſagen, ob der Herr d Fardinan von Mazarin wirklich nicht mehr Miniſter i 2 „Das iſt eine ſeltſame Frage,“ ſagte Aramis. Er iſt es oder iſt es nicht,“ antwortete Athos; „das heißt, die eine Hälfte von Frankreich jagt ihn fort, während er ſich bei der andern durch Intriguen , und Verſprechungen aufrecht erhält. Dieſer Zuſtand kann ſehr lange dauern.“ .„Er iſt alſo weder auf der Flucht begriffen noch im Gefängniß?“ fragte der Fremde. h in⸗„Nein, mein Herr, wenigſtens für den Augen⸗ 1 ,7 1„Meine Herren, empfangt meinen Dank für Eure 3 Gefäͤligkeit, ſprach der junge Mann und entfernte . ſich. ht„Was haltet Ihr von dieſem Frager?“ ſagte ht Aramis. 1 1 8„Es iſt ein Provinzmenſch, der ſich langweilt, oder ein Spion, der ſich unterrichten will.“ „Und Ihr antwortetet ihm auf dieſe Weiſe?“ de„Nichts berechtigte mich, anders zu antworten. n⸗ r war höflich gegen mich, ich war es gegen ihn.“ ich„Aber wenn es ein Spion iſt?“ ſen„Was ſoll ein Spion machen? Wir leben nicht 1⸗ mehr in der Zeit des Cardinals von Richelieu, der all uf einen einfachen Verdacht hin die Häfen ſchliegen ließ.“ mit„Gleich viel, Ihr hattet Unrecht, ihm zu antwor⸗ eiht ten, wie Ihr dies thatet,“ ſagte Aramis, mit den Au⸗ ris gen den jungen Mann verfolgend, welcher hinter den Dünen verſchwand. int⸗„ Und Ihr,“ ſprach Athos,„Ihr vergeßt, daß Ihr zu eine noch viel größere Unklugheit begangen habt, in⸗ 3 dem Ihr den Namen von Lord Winter nanntet. Er⸗ innert Ihr Euch nicht„ daß der junge Mann bei die⸗ Namen ſtehen blieb?⸗ die zu m⸗ keck. vert ten, ten, ui⸗ rach ppe, als Be⸗ icht icht ns⸗ inde an⸗ lich eſen us⸗ fall mit eiht aris ant⸗ Ihr err 63 Cardinal von Mazarin wirklich nicht mehr Miniſter „Das iſt eine ſeltſame Frage,“ ſagte Aramis. „Er iſt es oder iſt es nicht,“ antwortete Athos; „das heißt, die eine Hälfte von Frankreich jagt ihn fort, während er ſich bei der andern durch Intriguen und Verſprechungen aufrecht erhält. Dieſer Zuſtand kann ſehr lange dauern.“ „Er iſt alſo weder auf der Flucht begriffen noch im Gefängniß?“ fragte der Fremde. „Nein, mein Herr, wenigſtens für den Augen⸗ i. „Meine Herren, empfangt meinen Dank für Eure Gefälligkeit,“ ſprach der junge Mann und entfernte „Was haltet Ihr von dieſem Frager?“ ſagte Aramis. „Es iſt ein Provinzmenſch, der ſich langweilt, oder ein Spion, der ſich unterrichten will.“ „Und Ihr antwortetet ihm auf dieſe Weiſe?“ „Nichts berechtigte mich, anders zu antworten. Er war höflich gegen mich, ich war es gegen ihn.“ „Aber wenn es ein Spion iſt?“ „Was ſoll ein Spion machen? Wir leben nicht mehr in der Zeit des Cardinals von Richelieu, der uh einen einfachen Verdacht hin die Häfen ſchließen ieß. „Gleich viel, Ihr hattet Unrecht, ihm zu antwor⸗ ten, wie Ihr dies thatet,“ ſagte Aramis, mit den Au⸗ gen den jungen Mann verfolgend, welcher hinter den Dünen verſchwand. „Und Ihr,“ ſprach Athos,„Ihr vergeßt, daß Ihr eine noch viel größere Unklugheit begangen habt, in⸗ dem Ihr den Namen von Lord Winter nanntet. Er⸗ innert Ihr Euch nicht, daß der junge Mann bei die⸗ ſem Namen ſtehen blieb?“ 64 „Ein Grund mehr, als er Euch anſprach, ihn auf⸗ zufordern, ſeines Weges zu gehen.“ m einen Streit zu erregen 2u ſagte Athos. „Seit wann macht Euch ein Streit bange?“ „Ein Streit macht mir immer bange, wenn man mich irgendwo erwartet und dieſer Streit mich ab⸗ halten kann, zu rechter Zeit anzukommen. Und dann, ſoll ich Euch etwas geſtehen? Auch ich war neugierig, dieſen jungen Menſchen von Nahem zu ſehen.“ „Und warum dies 2ℳ „Aramis, Ihr werdet über mich ſpotten, Aramis, Ihr werdet ſagen, ich wiederhole immer daſſelbe, Ara⸗ mis, Ihr werdet mich den furchtſamſten Geiſterſeher nennen.“ „Nun 2 „Wem findet Ihr, daß dieſer junge Mann ähn⸗ lich iſt?“ „Im Schönen oder im Häßlichen?“ fragte Aramis lachend. 4 „Im Häßlichen, und ſo viel ein Mann einer Frau gleichen kann.“ „Ah, bei Gott!“ rief Aramis,„Ihr bringt mich auf einen Gedanken. Nein, Ihr ſeid kein Geiſterſeher, mein lieber Freund. Und jetzt, wenn ich mir die 1 Sache überlege.... Ihr habt meiner Treue Recht, dieſer feine Mund, dieſe Augen, welche ſtets den Be⸗ fehlen des Geiſtes und nie denen des Herzens zu gehor⸗ 2 chen ſcheinen.... Es iſt ein Baſtard von Mylady.“ „Aramis, Ihr lacht.“ „Nur aus Gewohnheit; denn ich ſchwöre Euch, ich wünſchte dieſer jungen Schlange eben ſo wenig, als Ihr, auf meinem Wege zu begegnen.“— „Ah, hier kommt Lord Winter,“ ſprach Athos. „Gut, es fehlte jetzt nur noch Eines,“ verſetzte Aramis,„daß unſere Lackeien auf ſich warten ließen.“ „Nein, ich erblicke ſie. Sie kommen zwa Schritte hinter N 64 „Ein Grund mehr, als er Euch anſprach, ihn auf⸗ zufordern, ſeines Weges zu gehen.“ „Um einen Streit zu erregen?“ ſagte Athos. „Seit wann macht Euch ein Streit bange?“ „Ein Streit macht mir immer bange, wenn man mich irgendwo erwartet und dieſer Streit mich ab⸗ halten kann, zu rechter Zeit anzukommen. Und dann, foll ich Euch etwas geſtehen 2 Auch ich war neugierig, dieſen jungen Menſchen von Nahem zu ſehen.“ „Und warum dies?“ „Aramis, Ihr werdet über mich ſpotten, Aramis, Ihr werdet ſagen, ich wiederhole immer daſſelbe, Ara⸗ mis, Ihr werdet mich den furchtſamſten Geiſterſeher „Nun 2“ „Wem findet Ihr, daß dieſer junge Mann ähn⸗ lich iſt?“ „Im Schönen oder im Häßlichen?“ fragte Aramis achend. „Im Häßlichen, und ſo viel ein Mann einer Frau gleichen kann.“ „Ah, bei Gott!“ rief Aramis,„Ihr bringt mich auf einen Gedanken. Nein, Ihr ſeid kein Geiſterſeher, mein lieber Freund. Und jetzt, wenn ich mir die Sache überlege... Ihr habt meiner Treue Recht, dieſer feine Mund, dieſe Augen, welche ſtets den Be⸗ fehlen des Geiſtes und nie denen des Herzens zu gehor⸗ chen ſcheinen. Es iſt ein Baſtard von Mylady.“ „Aramis, Ihr lacht.“ „Nur aus Gewohnheit; denn ich ſchwöre Euch, ich wünſchte dieſer jungen Schlange eben ſo wenig, als Ihr, auf meinem Wege zu begegnen.“ „Ah, hier kommt Lord Winter,“ ſprach Athos. „Gut, es fehlte jetzt nur noch Eines,“ verſetzte Aramis,„daß unſere Lackeien auf ſich warten ließen.“ „Nein, ich erblicke ſie. Sie kommen zwanzig Schritte hinter Mylord. Ich erkenne Grimaud an 1* ſein To Are wel ſchi nich Na Wi ſteh hör offe Lor „er den ſcha zu pelt heit „un jedt Bo vor geff 3 ſeinem ſteifen Kopfe und an ſeinen langen Beinen. Tomy trägt unſere Carabiner.“. „Wir ſchiffen uns Alle bei Nacht ein?“ fragte Aramis mit einem Blicke nach dem Weſten, wo die n Sanne nur noch eine goldene Wolke zurückließ, 4 mlche, allmählig in das Meer finkend, zu erlöſchen ien.. 3„Das iſt wahrſcheinlich,“ ſagte Athos. , Nacht. Das Toſen der Wellen das Geräuſch der ⸗ inde, die furchtbare Bewegung des Schiffes, ich ge⸗ er ſtehe, ich ziehe das Kloſter in Noiſy vor.“ n⸗ offenbar an etwas ganz Anderes dachte, und ging auf Lord Winter zu. Aramis folgte ihm. iis„Was hat denn unſer Freund 7“ ſprach Aramis; er gleicht den Verdammten von Dante, denen Satan au den Hals umgedreht hat, woͤnach ſie ihre Ferſen an⸗ ſchauen. Was Teufels hat er denn immer hinter ſich lich zu ſehen?“ zer, Als Lord Winter die Freunde erblickte, verdop⸗ die pelte er ſeine Schritte und kam mit auffallender Raſch⸗ cht, heit zu ihnen. Be⸗„Was habt Ihr denn, Mylord,“ ſagte Athos, por⸗„und was bringt Euch ſo außer Athem?⸗ 4 dy.4„Nichts,“ ſprach Lord Winter,„nichts. Als ich jedoch an den Dünen vorüber ging, kam es mir vor uch,....“ und er wandte ſich abermals um. als Athos ſchaute Aramis an. .„Aber gehen wir,“ fuhr Lord Winter fort,„das Boo muß uns erwarten und unſere Schlupe liegt vor Anker. Ich wünſchte ſchon darauf zu ſein.“ Und er wandte ſich i He,“ ſagte Aramis 6 4 auf⸗ nan ab⸗ ann, erig, mis, Ara⸗ eher ähn⸗ mis Frau mich eher, die echt, ehor⸗ dy.“ Fuch, „als ſetzte ßen.“ anzig n 65 ſeinem ſteifen Kopfe und an ſeinen langen Beinen. Tomy trägt unſere Carabiner.“ „Wir ſchiffen uns Alle bei Nacht ein?“ fragte Aramis mit einem Blicke nach dem Weſten, wo die Sonne nur noch eine goldene Wolke zurückließ, welche, allmählig in das Meer finkend, zu erlöſchen ſchien. „Das iſt wahrſcheinlich,“ ſagte Athos. „Teufel,“ verſetzte Aramis,„ich liebe das Meer nicht, beſonders bei Tag und noch viel weniger bei Nacht. Das Toſen der Wellen, das Geräuſch ver Winde, die furchtbare Bewegung des Schiffes, ich ge⸗ ſtehe, ich ziehe das Kloſter in Noiſy vor.“ Athos lächelte auf ſeine traurige Weiſe, denn er hörie das, was ihm ſein Freund ſagte, während er offenbar an etwas ganz Anderes dachte, und ging auf Lord Winter zu. Aramis folgte ihm. „Was hat denn unſer Freund?“ ſprach Aramis;. er gleicht den Verdammten von Dante, denen Satan den Hals umgedreht hat, wonach ſie ihre Ferſen an⸗ ſchauen. Was Teufels hat er denn immer hinter ſich zu ſehen?“ Als Lord Winter die Freunde erblickte, verdop⸗ pelte er ſeine Schritte und kam mit auffallender Raſch⸗ heit zu ihnen. „Was habt Ihr denn, Mylord,“ ſagte Athos, „und was bringt Euch ſo außer Athem?“ „Nichts,“ ſprach Lord Winter,„nichts. Als ich jedoch an den Dünen vorüber ging, kam es mir vor, und er wandte ſich abermals um. Athos ſchaute Aramis an. „Aber gehen wir,“ fuhr Lord Winter fort,„as Bvot muß uns erwarten und unſere Schlupe liegt vor Anker. Ich wünſchte ſchon darauf zu ſein.“ Und er wandte ſich noch einmal um. „He,“ ſagte Aramis,„habt Ihr denn etwas ver⸗ geſſen?“ Zwanzig Jahre uachher. m. 5 66 „Nein, ein Gedanke beunruhigt mich.“ „Er hat ihn geſehen,“ ſprach Athos ganz leiſe zu Aramis.. Man war zu der Treppe gelangt, die in die Barke führte; der Lord ließ zuerſt die Lackeien hinab⸗ ſteigen, welche die Waffen trugen, dann die Knechte mit dem Gepäcke und fing endlich an ſelbſt hinabzu⸗ eigen.. ſteig In dieſem Augenblick bemerkte Athos einen Men⸗ ſchen, welcher dem Rande des Meeres, parallel mit dem Hafendamm, folgte und ſeinen Gang beſchleunigte, als wollte er auf der andern kaum zwanzig Schritte entfernten Seite des Hafens ihrem Einſchiffen bei⸗ wohnen. Er glaubte mitten im Schatten, der ſich herabzu-⸗ ſenken anfing, den jungen Menſchen zu erkennen, wel⸗ cher ſie befragt hatte. „Oho,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wäre es wirklich ein Spion, und ſollte er ſich unſerem Einſchiffen wider⸗ ſetzen wollen!“ Da es aber, falls der Fremde dieſe Abſicht ge⸗ habt hätte, zur Ausführung derſelben bereits zu ſpät geweſen wäre, ſo ſtieg Athos ebenfalls die Treppe hinab, ohne jedoch den jungen Menſchen aus dem Ge⸗ ſichte zu verlieren. Dieſer trat, um die Sache kurz zu machen, auf eine Schleuße vor. „Er hat es offenbar auf uns abgeſehen,“ ſprach Athos,„aber ſchiffen wir uns immerhin ein. Sind wir einmal auf offener See, ſo mag er kommen.. Und Athos ſprang in die Barke, die ſich ſogleich 3 vom Ufer losmachte und unter der Anſtrengung von vier Ruderern ſich zu entfernen begann.. Aber der junge Mann bemühte ſich, der Barke zu folgen oder vielmehr ihr vorauszueilen. Sie mußte zwiſchen der von dem Leuchtthurme, welcher ſich ſo el entzündet hatte, beherrſchten Spitze des Hafendam und einem überhängenden Felſen durchfahren. 66 „Nein, ein Gedanke beunruhigt mich.“ „Er hat ihn geſehen,“ ſprach Athos ganz leiſe zu Aramis. Man war zu der Treppe gelangt, die in die Barke führte; der Lord ließ zuerſt die Lackeien hinab⸗ ſteigen, welche die Waffen trugen, dann die Knechte mit dem Gepäcke und fing endlich an ſelbſt hinabzu⸗ ſteigen. In dieſem Augenblick bemerkte Athos einen Men⸗ ſchen, welcher dem Rande des Meeres, parallel mit dem Hafendamm, folgte und ſeinen Gang beſchleunigte, als wollte er auf der andern kaum zwanzig Schritte entfernten Seite des Hafens ihrem Einſchiffen bei⸗ wohnen. Er glaubte mitten im Schatten, der ſich herabzu⸗ ſenken anfing, den jungen Menſchen zu erkennen, wel⸗ cher ſie befragt hatte. „Oho,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wäre es wirklich ein Spion, und ſollte er ſich unſerem Einſchiffen wider⸗ ſetzen wollen!“ Da es aber, falls der Fremde dieſe Abſicht ge⸗ habt hätte, zur Ausführung derſelben bereits zu ſpät geweſen wäre, ſo ſtieg Vthos ebenfalls die Treppe hinab, ohne jedoch den jungen Menſchen aus dem Ge⸗ fichte zu verlieren. Dieſer trat, um die Sache kurz zu machen, auf eine Schleuße vor. „Er hat es offenbar auf uns abgeſehen,“ ſprach Athos,„aber ſchiffen wir uns immerhin ein. Sind wir einmal auf offener See, ſo mag er kommen.“ Und Athos ſprang in die Barke, die ſich ſogleich vom Ufer losmachte und unter der Anſtrengung von vier Ruderern ſich zu entfernen begann. Eber der junge Mann bemühte ſich, der Barke zu folgen oder vielmehr ihr vorauszueilen. Sie mußte zwiſchen der von dem Leuchtthurme, welcher ſich ſo eb entzündet hatte, beherrſchten Spitze des Hafendamm und einem überhängenden Felſen durchfahren. M ſah ihn von ferne den Felſen erklettern, ſo daß er die Barke beherrſchen konnte, wenn ſie vorüberkam. „Ah,“ ſagte Aramis zu Athos,„dieſer junge Menſch iſt offenbar ein Spion!“ „Was für ein Menſch?“ fragte Lord Winter, ſich umdrehend. 3 „Derjenige, welcher uns folgte, uns anſprach und da unten erwartet. Seht!“ Lord Winter folgte der Richtung des Fingers von Aramis. Der Leuchtthurm übergoß mit Klarheit die kleine Meerenge, durch die man zu ſchiffen hatte, und den Felſen, auf welchem der junge Mann ſtand, der mit entblößtem Haupte und gekreuzten Armen wartete. „Er iſt es!“ rief Lord Winter, Athos beim Arme faſſend,„er iſt es! Ich glaubte ihn zu erkennen und täuſchte mich nicht.“ „Wer?“ fragte Aramis. „Der Sohn von Mylady,“ antwortete Athos. „Der Mönch!“ rief Grimaud.— 4 Der junge Menſch hörte dieſe Worte. Es war, als wollte er ſich herabſtürzen, ſo weit außen ſtand er auf dem Felſen über das Meer herabgebeugt. „Ja, ich bin es, mein Oheim! ich, der Sohn von Mylady, ich der Mönch, ich der Secretär und Freund von Cromwell, und ich kenne Euch und Eure Ge⸗ fährten.“ Es befanden ſich in der Barke drei Männer, tapfere Männer, denen Niemand ihren Muth ſtreitig zu machen gewagt hätte. Bei dieſer Stimme, bei die⸗ ſem Tone, bei dieſer Geberde aber fühlten ſie, wie der Schauder des Schreckens ihre Adern durchlief. Bei Grimaud ſträubten ſich die Haare auf ſeinem Haupte und der Schweiß ſtrömte von ſeiner Stirne. „Ah!“ ſprach Aramis,„es iſt der Neffe, es iſt der Mönch, es iſt der Sohn von Mylady, wie er ſelbſt ſagt.“ ſt 1 ylady, „Ach, ja,“ murmelte Lord Winter. e zu die nab⸗ echte bzu⸗ Men⸗ mit igte, ritte bei⸗ abzu⸗ wel⸗ rklich ider⸗ t ge⸗ ſpät reppe Ge⸗ kurz ſprach Sind gleich von rke zu mußte oeben mmes Man 67 ſah ihn von ferne den Felſen erklettern, ſo daß er die Barke beherrſchen konnte, wenn ſie vorüberkam. „Ah,“ ſagte Aramis zu Athos,„dieſer junge Menſch iſt offenbar ein Spion!“ „Was für ein Menſch?“ fragte Lord Winter, ſich umdrehend. „Derjenige, welcher uns folgte, uns anſprach und da unten erwartet. Seht!“ Lord Winter folgte der Richtung des Fingers von Aramis. Der Leuchtthurm übergoß mit Klarheit die kleine Meerenge, durch die man zu ſchiffen hatte, und den Felſen, auf welchem der junge Mann ſtand, der mit entblößtem Haupte und gekreuzten Armen wartete. „Er iſt es!“ rief Lord Winter, Athos beim Arme faſſend,„er iſt es! Ich glaubte ihn zu erkennen und täuſchte mich nicht.“ „Wer? fragte Aramis. „Der Sohn von Mylady,“ antwortete Athos. „Der Mönch!“ rief Grimaud. Der junge Menſch hörte dieſe Worte. Es war, als wollte er ſich herabſtürzen, ſo weit außen ſtand er auf dem Felſen über das Meer herabgebeugt. „Ja, ich bin es, mein Oheim! ich, der Sohn von Moylady, ich der Mönch, ich der Secretär und Freund von Cromwell, und ich kenne Euch und Eure Ge⸗ fährten.“ Es befanden ſich in der Barke drei Männer, tapfere Männer, denen Niemand ihren Muth ſtreitig zu machen gewagt hätte. Bei dieſer Stimme, bei die⸗ ſem Tone, bei dieſer Geberde aber fühlten ſie, wie der Schauder des Schreckens ihre Adern durchlief. Bei Grimaud ſträubten ſich die Haare auf ſeinem Haupte und der Schweiß ſtrömte von ſeiner Stirne. „Ah!“ ſprach Aramis,„es iſt der Neffe, es ift der Mönch, es iſt der Sohn von Mylady, wie er ſelbſt ſagt.“. „Ach, ja,“ murmelte Lord Winter. 68 „Dann wartet,“ verſetzte Aramis. Und er nahm mit der Kaltblütigkeit, die er bei den äußerſten Veranlaſſungen beſaß, eine von den zwei Mus⸗ keten, welche Tomy hielt, ſpannte und legte auf den jungen Mann an, der ſie mit der Hand und mit dem Blicke verfolgend aufrecht wie der Engel des Fluches auf dem Felſen ſtand. „Feuer!“ rief Grimaud außer ſich. Athos warf ſich auf den Lauf des Karabiners und hielt den Schuß zurück. „Der Teufel ſoll Euch holen!“ rief Aramis,„ich faßte ihn ſo gut mit meiner Muskete und die Kugel hätte ihn mitten in die Bruſt getroffen.“ „Es iſt genug, daß wir die Mutter getödtet ha⸗ ben,“ ſprach Athos mit dumpfem Tone. Die Mutter war eine Verbrecherin, die uns Alle in uns ſelbſt oder in denjenigen, welche uns theuer waren, getroffen hatte.“. „Aber der Sohn hat uns nichts gethan.“ 3 Grimaud, welcher aufgeſtanden war, um die Wir⸗ kung des Schuſſes zu ſehen, fiel entmuthigt und die Hände ringend zurück. Deer junge Mann brach in ein Gelächter aus. Ah! Ihr ſeid es,“ ſagte er,„Ihr ſeid es... ich kenne Euch nun“ Sein ſcharfes Gelächter und ſeine drohenden Worte gingen vom Winde fortgetragen über die Barke hin und verloren ſich in den Tiefen des Horizonts. Aramis bebte. „Ruhe!“ ſprach Athos.„Sind wir denn keine Mähnner mehr?“ „Allerdings,“ ſagte Aramis;„aber dieſer dort iſt ein Teufel. Fragt den Oheim, ob ich Unrecht hatte, ihn von ſeinem theuren Neffen befreien zu wollen.“ Lord Winter antwortete nur mit einem Seufzer. „Alles wäre vorbei geweſen,“ fuhr Aramis fort . —— 68 „Dann wartet,“ verſetzte Aramis. Und er nahm mit ver Kaltblütigkeit, die er bei den äußerften Veranlaſſungen beſaß, eine von den zwei Mus⸗ keten, welche Tomy hielt, ſpannte und legte auf den jungen Mann an, der ſie mit der Hand und mit dem Blicke verfolgend aufrecht wie der Engel des Fluches auf dem Felſen ſtand. „Feuer!“ rief Grimaud außer ſich. Athos warf ſich auf den Lauf des Karabiners und hielt den Schuß zurück. „Der Teufel ſoll Euch holen!“ rief Aramis,„ich faßte ihn ſo gut mit meiner Muskete und die Kugel hätte ihn mitten in die Bruſt getroffen.“ „Es iſt genug, daß wir die Mutter getödtet ha⸗ ben,“ ſprach Athos mit dumpfem Tone. „Die Mutter war eine Verbrecherin, die uns Alle in uns ſelbſt oder in denjenigen, welche uns theuer waren, getroffen hatte.“ „Aber der Sohn hat uns nichts gethan.“ Grimaud, welcher aufgeſtanden war, um die Wir⸗ kung des Schuſſes zu ſehen, fiel entmuthigt und die Hände ringend zurück. Der junge Mann brach in ein Gelächter aus. „Ah! Ihr ſeid es,“ ſagte er,„Ihr ſeid es. ich kenne Euch nun.“ Sein ſcharfes Gelächter und ſeine drohenden Worte gingen vom Winde fortgetragen über die Barke hin und verloren ſich in den Tiefen des Horizonts. Aramis bebte. „Ruhe!“ ſprach Athos.„Sind wir denn keine Männer mehr?“ „Allerdings,“ ſagte Aramis;„aber dieſer dort iſt ein Teufel. Fragt den Oheim, ob ich Unrecht hatte, ihn von ſeinem theuren Neffen befreien zu wollen.“ Lord Winter antwortete nur mit einem Seufzer. „Alles wäre vorbei geweſen,“ fuhr Aramis ſort. — A— 69 „Ahl ich befürchte, Athos, Ihr habt mich mit Eurer Weisheit eine Thorheit begehen laſſen.“ Athos nahm Lord Winter bei der Hand und ſuchte das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen. „Wann werden wir in England landen?“ fragte er den Lord; aber dieſer hörte ihn nicht und gab keine Antwort. w „Halt, Athos,“ ſprach Aramis,„vielleicht wäre es noch Zeit. Seht, er iſt immer noch auf derſelben Stelle. Athos wandte ſich mit einem gewiſſen Widerftre⸗ ben um; der Anblick des jungen Mannes war ihm offenbar peinlich. 3 Er ſtand wirklich immer noch auf dem Felſen; der Leuchtthurm verbreitete eine Art von Glorie um ihn. „Aber was macht er in Boulogne?“ fragte Athos, der, die Vernunft ſelbſt, von Allem die Urſache ſuchte, ohne ſich viel um die Wirkung zu bekümmern. „Er folgte mir, er folgte mir,“ ſagte Lord Win⸗ ter, der diesmal die Stimme von Athos gehört hatte, denn die Stimme von Athos ſtand in Verbindung mit ſeinen Gedanken. 8 „Um Euch zu folgen, mein Freund,“ verſetzte Athos,„hätte er unſere Abreiſe wiſſen müſſen, und er iſt uns, aller Wahrſcheinlichkeit nach, eher vorausge⸗ gangen.“ „Dann begreife ich es nicht,“ ſprach der Englän⸗ der, den Kopf ſchüttelnd, wie ein Menſch, dem es unnöthig ſcheint, gegen eine übernatürliche Macht zu kämpfen.“ „Ich glaube, ich habe entſchieden Unrecht gehabt, Aranis⸗ ſagte Athos,„daß ich Euch nicht gewähren ie.„.. 3 „Schweigt,“ erwiederte Aramis,„Ihr würdet mich weinen machen, wenn ich könnte.“ Grimaud ſtieß ein dumpfes Seufzen aus. In dieſem Augenblick rief ſie eine Stimme von 4 der Schlupe an. Der Lootſe, welcher am Steuer⸗ 8 69 „Ah! ich befürchte, Athos, Ihr habt mich mit Eurer den Weisheit eine Thorheit begehen laſſen.“ dus⸗ Athos nahm Lord Winter bei der Hand und ſuchte den das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen. dem„Wann werden wir in England landen?“ fragte ches er den Lord; aber dieſer hörte ihn nicht und gab keine Antwort. „Halt, Athos,“ ſprach Aramis,„vielleicht wäre es und noch Zeit. Seht, er iſt immer noch auf derſelben Stelle. Athos wandte ſich mit einem gewiſſen Widerſtre⸗ ich ben um; der Anblick des jungen Mannes war ihm ügel offenbar peinlich. Er ſtand wirklich immer noch auf dem Felſen; ha⸗ der Leuchtthurm verbreitete eine Art von Glorie um ihn. „Aber was macht er in Boulogne?“ fragte Athos, Alle der, die Vernunft ſelbſt, von Allem die Urſache ſuchte, euer ohne ſich viel um die Wirkung zu bekümmern. „Er folgte mir, er folgte mir,“ ſagte Lord Win⸗ ter, der diesmal die Stimme von Athos gehört hatte, Wir⸗ denn die Stimme von Athos ſtand in Verbindung mit die ſeinen Gedanken. „Um Euch zu folgen, mein Freund,“ verſetzte Athos,„hätte er unſere Abreiſe wiſſen müſſen, und er iſt uns, aller Wahrſcheinlichkeit nach, eher vorausge⸗ gangen.“ zorte„Dann begreiſe ich es nicht,“ ſprach der Englän⸗ hin der, den Kopf ſchüttelnd, wie ein Menſch, dem es unnöthig ſcheint, gegen eine übernatürliche Macht zu kämpfen.“ eine„„Ich glaube, ich habe entſchieden Unrecht gehabt, Aramis,“ ſagte Athos,„daß ich Euch nicht gewähren rt iſt ließ.“ atte Schweigt,“ erwiederte Aramis,„Ihr würdet mich weinen machen, wenn ich könnte.“ zer. Grimaud ſtieß ein dumpfes Seufzen aus. fort. In dieſem Augenblick rief ſie eine Stimme von der Schlupe an. Der Lootſe, welcher am Steuer⸗ 70 ueff ſaß, aniwortete und die Barke erreichte das In einer Minute waren Herren, Bedienten und Gepäcke an Bord, der Patron erwartete nur die Paſſagiere, um abzugehen, und kaum hatten ſie den Fuß auf das Verdeck geſetzt, als man gegen Haſtings 4 ſteuerte, wo man landen ſollte. 4 1 Jetzt warfen die drei Freunde unwillkührlich noch einen Blick nach dem Felſen, wo der drohende Schat⸗ ten, der ſie verfolgte, immer noch ſichtbar hervortrat. Dann gelangte bis zu ihnen eine Stimme, die ihnen die letzte Drohung zuſandte. „Auf Wiederſehen, meine Herren, in England!“ VI. Das Te Deum des Sieges von Lens. Die ganze Bewegung, welche Madame Henriette wahrgenommen hatte, ohne die Urſache davon ergrün⸗ den zu können, war durch die Verkündigung des Sie⸗ ges von Lens hervorgebracht worden, zu deſſen Boten der Herr Prinz den Herzog von Chatillon, einen edeln. Theilhaber an demſelben, gemacht hatte; der Herzog war überdies beauftragt, in den Gewölben von Notre⸗ Dame zwei und zwanzig, theils von den Spaniern, theils von den Lothringern eroberte, Fahnen aufzu hängen. 4 8 Dieſe Nachricht war entſcheidend: ſie ſchnitt den mit dem Parlament zu Gunſten des Hofes eingelei⸗ teten Prozeß ab. Alle ſummariſch einregi —— 70 ruder ſaß, aniwortete und die Barke erreichte das Schiff. 9 In einer Minute waren Herren, Bedienten und Gepäcke an Bord, der Patron erwartete nur die Paſſagiere, um abzugehen, und kaum hatten fie ven Fuß auf das Verdeck geſetzt, als man gegen Haſtings ſteuerte, wo man landen ſollte. Jetzt warfen die drei Freunde unwillkührlich noch einen Blick nach dem Felſen, wo der drohende Schat⸗ ten, der ſie verfolgte, immer noch ſichtbar hervortrat. Dann gelangte bis zu ihnen eine Stimme, die ihnen die lehte Drohung zuſandte. „Auf Wiederſehen, meine Herren, in England!“ VI. Das Te Veum des Hieges von Lens. Die ganze Bewegung, welche Madame Henriette wahrgenommen hatte, ohne die Urſache davon ergrün⸗ den zu können, war durch die Verkündigung des Sie⸗ ges von Lens hervorgebracht worden, zu deſſen Boten der Herr Prinz den Herzog von Chatillon, einen edeln Theilhaber an demſelben, gemacht hatte; der Herzog war überdies beauftragt, in den Gewölben von Notre⸗ Dame zwei und zwanzig, theils von den Spaniern, theils von den Lothringern eroberte, Fahnen aufk hängen. Dieſe Nachricht war entſcheidend: ſie ſchnitt de mit dem Parlament zu Gunſten des Hofes eingelei teten Prozeß ab. Alle ſummariſch einregiſtrirte ——— 71 Steuern, gegen die ſich das Parlament erhob, waren ſtets durch die Nothwendigkeit, die Ehre Frankreichs aufrecht zu erhalten, und in der gewagten Hoffnung, den Feind zu beſiegen, motivirt worden. Da man aber ſeit Nördlingen nur Schläge erlitten hatte, ſo war es dem Parlament ganz leicht, an Herrn von Mazarin — vorwurfsvolle Fragen in Beziehung auf die ſtets ver⸗ ſprochenen und immer wieder vertagten Siege zu ſtel⸗ 4 len; diesmal aber war man zu einem Ziele gelangt, .. man hatte einen Triumph und zwar einen vollſtän⸗ e digen; Jedermann begriff auch, daß darin für den 4 Hof ein doppelter Sieg lag, ein Sieg gegen Außen, ein Sieg im Innern, ſo daß Alle, Keinen, ſelbſt den jungen König nicht ausgenommen, riefen: „Ahl meine Herren vom Parlament, wir wollen ſehen, was Ihr dazu ſagen werdet.“ Die Königin drückte ihr königliches Kind, deſſen ſtolzes, unbändiges Weſen ſo gut mit ihrem Charak⸗ 1 ter im Einklange ſtand, an ihr Herz. An demſelben Abend fand ein Rath ſtatt, wozu der Marſchall de la Milleraye und Herr von Villeroy, weil ſie Mazariner waren, Chavigny und Seguier, weil ſie das Parla⸗ ment haßten, und Guitaut und Comminges, weil ſie der Königin ergeben waren„berufen wurden. te Nichts verlautete von dem, was im Rathe be⸗ n⸗ ſchloſſen worden war. Man erfuhr nur, daß am e⸗. nächſten Sonntag ein Te Deum zu Ehren des Sie⸗ en ges von Lens geſungen werden ſollte. In. Am folgenden Sonntag erwachten alſo die Pa⸗ og riſer ſehr heiter: ein Te Deum war zu jener Zeit re⸗ eine großartige Angelegenheit. Man hatte damals noch keinen Mißbrauch mit ſolchen Ceremonien getrie⸗ ben und ſie brachten noch ihre Wirkung hervor. Die Sonne ſchien Theil an dem Feſte zu nehmen, ſie erhob ſicch ſtrahlend und vergoldete die düſteren Thürme der bereits mit einer ungeheuren Menſchenmenge gefüllten Dauptſtaut; die dunkelſten Gaſſen der Cité hatten ein ⁴ 71 das Steuern, gegen die ſich das Parlament erhob, waren ſtets durch die Nothwendigkeit, die Ehre Frankreichs ten aufrecht zu erhalten, und in der gewagten Hoffnung, den die Feind zu beſiegen, motivirt worden. Da man aber ven ſeit Nördlingen nur Schläge erlitten hatte, ſo war es ng6 dem Parlament ganz leicht, an Herrn von Mazarin vorwurfsvolle Fragen in Beziehung auf die ſtets ver⸗ och ſprochenen und immer wieder vertagten Siege zu ſtel⸗ at⸗ len; diesmal aber war man zu einem Ziele gelangt, rat. man hatte einen Triumph und zwar einen vollſtän⸗ die digen; Jedermann begriff auch, daß darin für den Hof ein doppelter Sieg lag, ein Sieg gegen Außen, 1 ein Sieg im Innern, ſo daß Alle, Keinen, ſelbſt den jungen König nicht ausgenommen, riefen: „Ah! meine Herren vom Parlament, wir wollen ſehen, was Ihr dazu ſagen werdet.“ Die Königin drückte ihr königliches Kind, deſſen ſtolzes, unbändiges Weſen ſo gut mit ihrem Charak⸗ ter im Einklange ſtand, an ihr Herz. An demſelben Abend fand ein Rath ſtatt, wozu der Marſchall de la Milleraye und Herr von Villeroy, weil ſie Mazariner waren, Chavigny und Seguier, weil ſie das Parla⸗ ment haßten, und Guitaut und Comminges, weil ſie der Königin ergeben waren, berufen wurden. iette Nichts verlautete von dem, was im Rathe be⸗ rün⸗ ſchloſſen worden war. Man erfuhr nur, daß am Sie⸗ nächſten Sonntag ein Te Deum zu Ehren des Sie⸗ oten ges von Lens geſungen werden ſollte. deln Am folgenden Sonntag erwachten alſo die Pa⸗ rzog riſer ſehr heiter: ein Te Deum war zu jener Zeit otre⸗ eine großartige Angelegenheit. Man hatte damals iern, noch keinen Mißbrauch mit ſolchen Ceremonien getrie⸗ fzu⸗ ben und ſie brachten noch ihre Wirkung hervor. Die Sonne ſchien Theil an dem Feſte zu nehmen, ſie erhob den ſich ſtrahlend und vergoldete die düſteren Thürme der elei⸗ bereits mit einer ungeheuren Menſchenmenge gefüllten irten Hauptſtadt; die dunkelſten Gaſſen der Cite hatten ein feſtliches Ausſehen angenommen, und die Quais ent⸗ lang ſah man ausgevehnte Reihen von Bürgern, Hand⸗ werkern, Frauen und Kindern, welche wie ein zu ſei⸗ ner Quelle zurückkehrender Fluß Notre⸗Dame zu⸗ ſtrömten. Die Buden waren verlaſſen, die Häuſer geſchloſ⸗ ſen. Jeder wünſchte den jungen König mit ſeiner Mutter und den berüchtigten Cardinal zu ſehen, den man dergeſtalt haßte, daß ſich Niemand ſeiner Gegen⸗ wart berauben wollte. 4 Es herrſchte indeſſen die größte Freiheit unter die⸗ ſer ungeheuren Volksmaſſe; alle Meinungen drückten ſich offen aus und klangen, ſo zu ſagen, Meuterei wie die tauſend Glocken aller Kirchen von Paris Te Deum klangen. Da die Polizei der Stadt durch die Stadt ſelbſt gemacht wurde, ſo ſtörte nichts Drohendes die Einhelligkeit des allgemeinen Haſſes, ſo vereiste nichts die Worte in dem ſchmähenden Munde des Volkes. Indeſſen hatte ſich ſchon um acht Uhr Morgens das Regiment der Garden der Königin unter dem Befehle von Guitaut und von Comminges, ſeinem Neffn, Trommeln und Trompeten an der Spitze, von dem Palais Royal bis zu Notre⸗Dame aufgeſtellt, ein Manoeuvre, dem die Pariſer, ſtets begierig auf mili⸗ täriſche Muſik und glänzende Uniformen, ruhig zu⸗ ſchauten. 1 3 Friquet zog ſeinen Sonntagsſtaat an und erhielt unter dem Vorwande einer Geſchwulſt, die er ſich für den Augenblick dadurch verſchaffte, daß er eine An⸗ zahl von Kirſchenſteinen in eine Seite ſeines Mun⸗ des ſchob, von Bazin, ſeinem Herrn, einen Urlaub auf den ganzen Tag. Anfangs ſchlug Bazin den Ur⸗ laub ab, denn er war übler Laune, einmal über die Entfernung von Aramis, welcher abgereist war, ohne ihm zu ſagen, wohin er ging, und dann weil er bei einer Meſſe dienen ſollte, welche zur Feier eines SA8= Sͤ-. 72 ſeſtliches Ausſehen angenommen, und die QOuais ent⸗ lang ſah man ausgedehnte Reihen von Bürgern, Hand⸗ werkern, Frauen und Kindern, welche wie ein zu ſei⸗ ner OQuelle zurückkehrender Fluß Notre⸗Dame zu⸗ ſtrömten. Die Buden waren verlaſſen, die Häuſer geſchloſ⸗ ſen. Jeder wünſchte den jungen König mit ſeiner Mutter und den berüchtigten Cardinal zu ſehen, ven man dergeſtalt haßte, daß ſich Niemand ſeiner Gegen⸗ wart berauben wollte. Es herrſchte indeſſen die größte Freiheit unter die⸗ ſer ungeheuren Volksmaſſe; alle Meinungen drückten ſich offen aus und klangen, ſo zu ſagen, Meuterei wie die tauſend Glocken aller Kirchen von Paris Pe Peum klangen. Da die Polizei der Stadt durch die Stadt ſelbſt gemacht wurde, ſo ftörte nichts Drohendes die Einhelligkeit des allgemeinen Haſſes, ſo vereiste nichts die Worte in dem ſchmähenden Munde des Volkes. Indeſſen hatte ſich ſchon um acht Uhr Morgens das Regiment der Garden der Königin unter dem Befehle von Guitaut und von Comminges, ſeinem Neffn, Trommeln und Trompeten an der Spitze, von dem Palais Royal bis zu Notre⸗Dame aufgeſtellt, ein Manveuvre, dem die Pariſer, flets begierig auf mili⸗ täriſche Muſik und glänzende Uniformen, ruhig zu⸗ ſchauten. Friquet zog ſeinen Sonntagsſtaat an und erhielt unter dem Vorwande einer Geſchwulſt, die er ſich für den Augenblick dadurch verſchaffte, daß er eine An⸗ zahl von Kirſchenſteinen in eine Seite ſeines Mun⸗ des ſchob, von Bazin, ſeinem Herrn, einen Urlaub auf den ganzen Tag. Anfangs ſchlug Bazin den Ur⸗ laub ab, denn er war übler Laune, einmal über die Entfernung von Aramis, welcher abgereist war, ohne ihm zu ſagen, wohin er ging, und dann weil er bei einer Meſſe dienen ſollte, welche zur Feier eines ſich glei wer gell and We nich Eile dem 2u—+2 —— Sieges gehalten wurde, der nicht ſeiner Geſinnung entſprach. Bazin war Frondeur, wie nian ſich erin⸗ nern wird, und hätte ſich der Meßner möglicher Weiſe bei einer ſolchen Feierlichkeit enfernen können, wie ein einfacher Lhorknabe, ſo würde Bazin ſicherlich an den Erzbiſchof dieſelbe Bitte gerichtet haben, die man an ihn richtete. Er verweigerte alſo Anfangs, wie ge⸗ ſagt, jeden Urlaub, aber in Gegenwart von Bazin nahm die Geſchwulſt dergeſtalt an Umfang zu, daß er zur Ehre der Körperſchaft der Chorknaben, welche durch eine ſolche Mißſtaltung beſchimpft worden wäre, am Ende brummend nachgab. An der Thüre von Friquet war alſo frei und hatte, wie geſagt, ſeine koſtbarſte Toilette gemacht; beſonders trug er als diwt wohl zu beſchreibenden Mützen, welche die Mitte ute aus der Zeit von Ludwig XIII. Seine Mutter hatte ihm dieſe ſeltſame Kopfbedeckung fabrizirt und ſich dabei, ſei es aus Laune, ſei es aus Mangel an gleichem Stoffe, wenig ſorgfältig in Beziehung auf Anordnung der Farben gezeigt, ſo daß dieſes Meiſter⸗ werk der Kappenmacherei des ſiebzehnten Jahrhunderts gelb und grün auf der einen, weiß und roth auf der Adern Seite war. Friquet aber, der ſtets den geliebt hatte, ſchritt darum nicht minder ſtolz und triumphirend einher.. Als Friquet Bazin verließ, lief er in der größten e nach dem Palais⸗Royal. Er gelangte gerade in Augenblick dahin, wo das Regiment der Garden 73 nt⸗ Sieges gehalten wurde, der nicht ſeiner Gefinnung nd⸗ entſprach. Bazin war Frondeur, wie man ſich erin⸗ ſei⸗ nern wird, und hätte ſich der Meßner möglicher Weiſe zu⸗ bei einer ſolchen Feierlichkeit enfernen können, wie ein einfacher Chorknabe, ſo würde Bazin ſicherlich an den oſ⸗ Erzbiſchof dieſelbe Bitte gerichtet haben, die man an ner ihn richtete. Er verweigerte alſo Anfangs, wie ge⸗ ven ſagt, jeden Urlaub, aber in Gegenwart von Bazin en⸗ nahm die Geſchwulſt dergeſtalt an Umfang zu, daß er zur Ehre der Körperſchaft der Chorknaben, welche ie⸗ durch eine ſolche Mißſtaltung beſchimpft worden wäre, ten am Ende brummend nachgab. An der Thüre von rei Bazin ſpuckte Friquet ſeine Geſchwulſt aus und Je ſchleuderte nach der Seite von Bazin eine von den die Beberden, welche einem Pariſer Straßenjungen ſeine des Ueberlegenheit über alle Straßenjungen des Weltalls ste fichern. In ſeinem Gaſthauſe hatte er ſich natürlich da⸗ es. durch losgemacht, daß er vorgab, er müſſe die Meſſe ns bedienen. em Friquet war alſo frei und hatte, wie geſagt, em ſeine koſtbarſte Toilette gemacht; beſonders trug er als on merkwürdige Bezeichnung ſeiner Perſon eine von den ein nicht wohl zu beſchreibenden Mützen, welche die Mitte li⸗ halten zwiſchen dem Baret des Mittelalters und dem zu⸗ Hute aus der Zeit von Ludwig XIII. Seine Mutter hatte ihm dieſe ſeltſame Kopfbedeckung fabrizirt und elt ſich dabei, ſei es aus Laune, ſei es aus Mangel an ür gleichem Stoffe, wenig ſorgfältig in Beziehung auf n⸗ Anordnung der Farben gezeigt, ſo daß dieſes Meiſter⸗ n⸗ werk der Kappenmacherei des ſiebzehnten Jahrhunderts ub gelb und grün auf der einen, weiß und roth auf der r⸗ andern Seite war. Frignet aber, der ſtets den er Wechſel in den Tönen geliebt hatte, ſchritt darum , nicht minder ſtolz und triumphirend einher. 3 Als Friquet Bazin verließ, lief er in der größten es Eile nach dem Palais⸗Ropal. Er gelangte gerade in dem Augenblick dahin, wo das Regiment der Garden 74 herausmarſchirte, und da er aus keinem andern Grunde kam, als um ſich ſeines Anblicks zu erfreuen und ſich an ſeiner Muſik zu ergötzen, ſo nahm er ſeine Stelle an der Spitze des Regiments, trommelte mit zwei Stückchen Schiefer und ging von dieſer Uebung zu der Trompete über, welche er mit dem Munde auf eine Weiſe nachahmte, die ihm wiederholt die Lobeser⸗ hebungen der Liebhaber der imitativen Harmonie ein⸗ getragen hatte. Dieſe Unterhaltung dauerte von der Barriere des Sergens bis zu der Place Notre⸗Dame und Friquet fand ein wahres Vergnügen daran. Als das Regi⸗ ment aber Halt machte und die Compagnien ſodann ſich ausbreitend bis in das Herz der Cité drangen und am Ende der Rue Saint⸗Chriſtophe bei der Rue Cocatrix, wo Brouſſel wohnte, Poſto faßten, erinnerte ſich Friquet, daß er nicht gefrühſtückt hatte, überlegte, wohin er ſeine Schritte lenken könnte, um dieſe wich⸗ tige Handlung des Tages zu vollführen, und beſchloß nach reiflicher Ueberlegung, der Rath Brouſſel ſollte die Koſten ſeines Mahles tragen. Er lief folglich raſch weg, gelangte athemlos vor der Thüre des Rathes und klopfte heftig an. Seine Mutter, die alte Dienerin von Brouſſel, „Was machſt Du hier, Taugenichts?“ ſagte ſie, „und warum biſt Du nicht in Notre⸗Dame?“ ch war dort, Mutter Nannette,“ antwortete Fri⸗ quet, vaber ich ſah, daß Dinge vorgingen, von denen Meiſter Brouſſel nothwendig unterrichtet werden müßte, und mit Erlaubniß von Herrn Bazin, Ihr wißt wohl, Mutter Nannette, von Herrn Bazin, dem Meßner⸗ kam ich hieher, um mit Herrn Brouſſel zu ſprechen.“ „Was willſt Du Herrn Brouſſel ſagen, Affe?“ —— 74 herausmarſchirte, und da er aus keinem andern Grunde kam, als um ſich ſeines Anblicks zu erfreuen und ſich an ſeiner Mufik zu ergötzen, ſo nahm er ſeine Stelle an der Spitze des Regiments, trommelte mit zwei Stückchen Schiefer und ging von dieſer Uebung zu der Trompete über, welche er mit dem Munde auf eine Weiſe nachahmte, die ihm wiederholt die Lobeser⸗ hebungen der Liebhaber der imitativen Harmonie ein⸗ getragen hatte. Dieſe Unterhaltung dauerte von der Barriere des Sergens bis zu der Place Notre⸗Dame und Friquet fand ein wahres Vergnügen daran. Als das Regi⸗ ment aber Halt machte und die Compagnien ſodann ſich ausbreitend bis in das Herz der Cité drangen und am Ende der Rue Saint⸗Chriſtophe bei der Rue Cocatrir, wo Brouſſel wohnte, Poſto faßten, erinnerte ſich Friquet, daß er nicht gefrühſtückt hatte, überlegte, wohin er ſeine Schritte lenken könnte, um dieſe wich⸗ tige Handlung des Tages zu vollführen, und beſchloß nach reiflicher Ueberlegung, der Rath Brouſſel ſollte die Koſten ſeines Mahles tragen. Er lief folglich raſch weg, gelangte athemlos vor der Thüre des Rathes und klopfte heftig an. Seine Mutter, die alte Dienerin von Brouſſel, öffnete. „Was machſt Du hier, Taugenichts?“ ſagte ſie, „und warum biſt Du nicht in Notre⸗Dame?“ „Ich war dort, Mutter Nannette,“ antwortete Fri⸗ quet,„aber ich ſah, daß Dinge vorgingen, von denen Meiſter Brouſſel nothwendig unterrichtet werden müßte, und mit Erlaubniß von Herrn Bazin, Ihr wißt wohl, Mutter Nannette, von Herrn Bazin, dem Meßner, kam ich hieher, um mit Herrn Brouſſel zu ſprechen.“ „Was willſt Du Herrn Brouſſel ſagen, Affe?“ „Ich will mit ihm ſelbſt ſprechen.“ „Das kann nicht ſein; er arbeitet.“ „Dann werde ich warten,“ antwortete Friquet. ⏑ 8—— Und er ſtieg raſch die Treppe hinauf, während Nannette langſamer folgte. „Aber ſage mir doch,“ ſprach ſie,„was willſt Du bei Herrn Brouſſel?⸗ „Ich will ihn benachrichtigen,“ antwortete Friquet, aus Leibeskräften ſchreiend,„daß ein ganzes Regiment Garden in der Richtung nach dieſem Hauſe aufmarſchirt. Da ich nun überall ſagen hörte, es herrſche am Hofe eine böſe Stimmung gegen ihn, ſo will ich ihn war⸗ nen, damit er auf ſeiner Hut iſt.“ Brouſſel hörte das Geſchrei des Straßenjungen und eilte, entzückt über ſeinen raſtloſen Eifer, in das erſte Stockwerk hinab, denn er arbeitete wirklich in ſeinem Cabinet im zweiten. „He, mein Freund,“ ſagte er,„was geht uns das Regiment der Garden an, und biſt Du nicht verrückt, daß Du einen ſolchen Lärmen machſt? Weißt Du nicht, daß es ſo üblich iſt, daß dieſe Herren die Gewohnheit haben, das Regiment als Spalier auf dem Wege des Königs aufzuſtellen?“ Friquet ſpielte den Erſtaunten und drehte ſeine neue Mütze zwiſchen ſeinen Fingern hin und her. „Ich wundere mich nicht darüber,“ ſprach er,„daß Ihr es wißt, Herr Brouſſel, der Ihr Alles wißt; aber mir war es beim wahrhaftigen Gott! nicht bekannt, und ich glaubte Euch dieſe Nachricht gleichſam als einen guten Rath bringen zu müſſen. Ihr müßt mir deshalb nicht grollen, Herr Brouſſel.“ „Im Gegentheil, mein Junge, im Gegentheil, Dein Eifer gefällt mir. Dame Nannette, ſeht doch ein we⸗ nig nach den Aprikoſen, welche uns Frau von Lon⸗ gueville geſtern von Noiſy ſchickte, und gebt Eurem Sohne ein halbes Dutzend davon, nebſt einem zarten ickchen Brod.“ „Ahl ich danke, Herr Brouſſel,“ ſagte Friquet,„ich danke, gerade die Apikoſen liebe ich ſehr... 34 rouſſel ging nun zu ſeiner Frau und verlangte B ufſel, e ſie, Fri⸗ enen üßte, vohl, kam Und er ſtieg raſch die Treppe hinauf, während Nannette langſamer folgte. „Aber ſage mir doch,“ ſprach fie,„was willſt Du bei Herrn Brouſſel?“ „Ich will ihn benachrichtigen,“ antwortete Friquet, aus Leibeskräften ſchreiend,„daß ein ganzes Regiment Garden in der Richtung nach dieſem Hauſe aufmarſchirt. Da ich nun überall ſagen hörte, es herrſche am Hofe eine böſe Stimmung gegen ihn, ſo will ich ihn war⸗ nen, damit er auf ſeiner Hut iſt.“ Brouſſel hörte das Geſchrei des Straßenjungen und eilte, entzückt über ſeinen raſtloſen Eifer, in das erſte Stockwerk hinab, denn er arbeitete wirklich in ſeinem Cabinet im zweiten. „He, mein Freund,“ ſagte er,„was geht uns das Regiment der Garden an, und biſt Du nicht verrückt, daß Du einen ſolchen Lärmen machſt? Weißt Du nicht, daß es ſo üblich iſt, daß dieſe Herren die Gewohnheit haben, das Regiment als Spalier auf dem Wege des Königs aufzuſtellen?“ Friquet ſpielte den Erſtaunten und drehte ſeine neue Mütze zwiſchen ſeinen Fingern hin und her. „Ich wundere mich nicht darüber,“ ſprach er,„daß Ihr es wißt, Herr Brouſſel, der Ihr Alles wißt; aber mir war es beim wahrhaftigen Gott! nicht bekannt, und ich glaubte Euch dieſe Nachricht gleichſam als einen guten Rath bringen zu müſſen. Ihr müßt mir deshalb nicht grollen, Herr Brouſſel.“ „„Im Gegentheil, mein Junge, im Gegentheil, Dein Eifer gefällt mir. Dame Rannette, ſeht doch ein we⸗ nig nach den Aprikoſen, welche uns Frau von Lon⸗ gueville geſtern von Noiſy ſchickte, und gebt Eurem Sohne ein halbes Dutzend vavon, nebſt einem zarten Stückchen Brod.“ „Ah! ich danke, Herr Broufſel,“ ſagte Friquet,„ich danke, gerade die Apikoſen liebe ich ſehr.“ Brouſſel ging nun zu ſeiner Frau und verlangte ſein Frühſtück. Es war halb zehn Uhr. Der Rath ſetzte ſich an das Fenſter. Die Straße war völlig verlaſſen; aber in der Ferne hörte man, ähnlich dem Geräuſche einer ſteigenden Fluth, das ungeheuere To⸗ ſen der Volkswogen, welche um Notre⸗Dame her immer mehr zunahmen Dieſes Geräuſch verdoppelte ſich, als d'Artagnan mit einer Compagnie Musketiere ſich an den Pforten von Notre⸗Dame aufſtellte, um den Kirchendienſt ver⸗ richten zu laſſen. Er hatte Porthos geſagt, er möge dieſe Gelegenheit benützen, um die Ceremonie zu ſehen. Porthos beſtieg in großer Galla ſein ſchönſtes Pferd und machte den Ehrenmusketier, wie dieß einſt d'Ar⸗ tagnan ſo oft gethan hatte. Der Sergent dieſer Compagnie, ein alter Soldat aus dem ſpaniſchen Kriege, erkannte in Porthos ſeinen ehemaligen Gefährten und ſetzte bald alle diejenigen, welche unter ihm dienten, von den Heldenthaten dieſes Rieſen, der Ehre der Mus⸗ ketiere von Treville, in Kenntniß. Porthos wurde von der Compagnie nicht nur gut empfangen, ſondern auch mit Bewunderung betrachtet. Um zehn Uhr verkündigte die Kanone des Louvre b Eine Bewegung wie die den Abgang des Königs. 8O E—O—— der Bäume, deren Gipfel der Sturm wind faßt und t ſchüttelt, durchlief die Menge, die ſich hinter den un⸗ 13 beweglichen Musketen der Garden hin⸗ und hertrieb. 8 Endlich erſchien der König mit der Königin in einem zu aens mi Gold überzogenen Wagen. Zehn andere agen folgten mit den Ehrendamen, ven Offizieren des königlichen Hauſes und dem ganzen Hofe. „Es lebe der König!“ rief man von allen Seiten. Der junge König hielt ernſt den Kopf an den Kutſchenſchlag, machte eine ziemlich dankbare Miene t und grüßte ſogar leicht, wodurch ſich das Geſchrei der ¹ 6 Menge verdoppelte. Der Zug rückte langſam vor und brauchte beinahe eine Stunde, um den Raum zurückzulegen, welcher ven ſein Frühſtück. Es war halb zehn Uhr. Der Rath ſetzte ſich an das genſter. Die Straße war völlig verlaſſen; aber in der Ferne hörte man, ähnlich dem Geräuſche einer ſteigenden Fluth, das ungeheuere To⸗ ſen der Volkswogen, welche um Notre⸗Dame her immer mehr zunahmen. Dieſes Geräuſch verdoppelte ſich, als dArtagnan mit einer Compagnie Musketiere ſich an den Pforten von Notre⸗Dame aufſtellte, um den Kirchendienſt ver⸗ richten zu laſſen. Er hatte Porthos geſagt, er möge dieſe Gelegenheit benützen, um die Ceremonie zu ſehen. Porthos beſtieg in großer Galla ſein ſchönſtes Pferd und machte den Ehrenmusketier, wie dieß einſt dAr⸗ tagnan ſo oft gethan hatte. Der Sergent dieſer Compagnie, ein alter Soldat aus dem ſpaniſchen Kriege, erkannte in Porthos ſeinen ehemaligen Gefährten und ſetzte bald alle diejenigen, welche unter ihm dienten, von den Heldenthaten dieſes Rieſen, der Ehre der Mus⸗ ketiere von Treville, in Kenntniß. Porthos wurde von der Compagnie nicht nur gut empfangen, ſondern auch mit Bewunderung betrachtet. Um zehn Uhr verkündigte die Kanone des Louvre den Abgang des Königs. Eine Bewegung wie die der Bäume, deren Gipfel der Sturmwind faßt und ſchüttelt, durchlief die Menge, die ſich hinter den un⸗ beweglichen Musketen der Garden hin⸗ und hertrieb. Endlich erſchien der König mit der Königin in einem ganz mit Gold überzogenen Wagen. Zehn andere Wagen folgten mit den Ehrendamen, den Offizieren des königlichen Hauſes und dem ganzen Hofe. „Es lebe der König!“ rief man von allen Seiten. Der junge König hielt ernſt den Kopf an den Kutſchenſchlag, machte eine ziemlich dankbare Miene und grüßte ſogar leicht, wodurch ſich das Geſchrei der Menge verdoppelte. Der Zug rückte langſam vor und brauchte beinahe eine Stunde, um den Raum zurückzulegen, welcher den 77 Louvre von der Place Notre⸗Dame trennt. Hier an⸗ elangt, begab er ſich allmählig unter das ungeheure 3 ewölbe der düſtern Kathedrale, und der Gottesdienſt egann. In dem Augenblick, wo der Hof Platz nahm, ver⸗ ließ eine Carroſſe mit dem Wappen von Comminges die Reihe der Wagen des Hofes und fuhr langſam an das Ende der gänzlich verlaſſenen Rue Saint⸗Chriſtophe. Vier Garden und ein Gefreiter ſtiegen hier in die plumpe Maſchine, ſchloſſen die Schirmleder, und der Gefreite ſchaute durch eine kleine Oeffnung die Rue Cocatrix entlang, als ob er die Ankunft von irgend Jemand erwartete. Jedermann war mit der Ceremonie beſchäftigt, ſo daß weder der Wagen, noch die Vorſichtsmaßregeln, mit denen ſich diejenigen umgaben, welche ſich in dem⸗ ſelben befanden, bemerkt wurden. Friquet, deſſen ſtets lauerndes Auge allein auf dieſe Sache hätte aufmerk⸗ ſam werden können, ſpeiſte ſeine Aprikoſen unter dem vorſpringenden Gefimſe eines Hauſes am Vorhofe von otre⸗Dame. Von hier aus ſah er den König, die Königin und Herrn von Mazarin, und hörte die Meſſe, als ob er ſelbſt dabei diente. Als die Königin am Ende des Gottesdienſtes bemerk⸗ te, daß Comminges in ihrer Nähe ſtand und eine Beſtäti⸗ gung des Befehles erwartete, den ſie ihm, ehe ſie den Luudue verließ, gegeben hatte, ſo ſagte ſie halblaut zu ihm:— „Geht, Comminges, und Gott ſtehe Euch bei!“ Comminges entfernte ſich ſogleich, trat aus der Kirche und begab ſich nach der Rue Saint⸗Chriſtophe. Friquet, der dieſen ſchönen Offtzier, gefolgt von zwei Leibwachen, einherſchreiten ſah, beluſtigte ſich da⸗ . Giſ ihm nachzugehen, und zwar mit um ſo größerer e windigkeit, als die Ceremonie in demſelben Au⸗ geublick endigte und der König wieder in ſeinen Wa⸗ gen ſtieg. t Rath völlig dem To⸗ her gnan orten ver⸗ möge ehen. Pferd d'Ar⸗ dieſer riege, und nten, Mus⸗ urde wern re die und mun⸗ rieb. inem ndere ieren iten. den diene i der nahe den 77 Louvre von der Place Rotre⸗Dame trennt. Hier an⸗ gelangt, begab er ſich allmählig unter das ungeheure S der düſtern Kathedrale, und der Gottesdienſt egann. In dem Augenblick, wo der Hof Platz nahm, ver⸗ ließ eine Carroſſe mit dem Wappen von Comminges die Reihe der Wagen des Hofes und fuhr langſam an vdas Ende der gänzlich verlaſſenen Rue Saint⸗Chriſtophe. Vier Garden und ein Gefreiter ſtiegen hier in die plumpe Maſchine, ſchloſſen die Schirmleder, und der Gefreite ſchaute durch eine kleine Oeffnung die Rue Cocatrix entlang, als ob er die Ankunft von irgend Jemand erwartete. Jedermann war mit der Ceremonie beſchäftigt, ſo daß weder der Wagen, noch die Vorſichtsmaßregeln, mit denen ſich diejenigen umgaben, welche fich in dem⸗ ſelben befanden, bemerkt wurden. Friquet, deſſen ſtets lauerndes Auge allein auf dieſe Sache hätte aufmerk⸗ ſam werden können, ſpeiſte ſeine Aprikoſen unter dem vorſpringenden Geſimſe eines Hauſes am Vorhofe von Notre⸗Hame. Von hier aus ſah er den König, die Königin und Herrn von Mazarin, und hörte die Meſſe, als ob er ſelbſt dabei diente. Als die Königin am Ende des Gottesvienſtes bemerk⸗ te, daß Comminges in ihrer Nähe ſtand und eine Beſtäti⸗ gung des Befehles erwartete, den ſie ihm, ehe ſie den Louvre verließ, gegeben hatte, ſo ſagte ſie halblaut zu ihm: „Geht, Comminges, und Gott ſtehe Euch bei!“ Comminges entfernte ſich fogleich, trat aus der Kirche und begab ſich nach der Rue Saint⸗Chriſtophe. Friquet, der dieſen ſchönen Offizier, gefolgt von zwei Leibwachen, einherſchreiten ſah, beluſtigte ſich da⸗ mit, ihm nachzugehen, und zwar mit um ſo größerer Geſchwindigkeit, als die Ceremonie in demſelben Au⸗ endigte und der König wieder in ſeinen Wa⸗ ieg. 78 Kaum ſah der Gefreite Comminges am Ende der Rue Cocatrix erſcheinen, als er ein Wort zu dem Kutſcher ſagte, welcher ſogleich ſeine Maſchine in Be⸗ wegung ſetzte und vor die Thüre von Brouſſel fuhr. Comminges klopfte zu derſelben Zeit, wo der Wa⸗ gen hier hielt, an die Thüre. „Was machſt Du da, Junge,“ fragte Comminges. „Ich warte, um bei Meiſter Brouſſel einzutreten, Herr Offizier,“ antwortete Friquet mit dem trägen Tone, den der Straßenjunge von Paris ſo gut bei Gelegenheit anzunehmen wei iß. „Er wohnt alſo wirklich hier 2“ fragte Comminges. „Ja, Herr.“ „Welchen Stock bewohnt er?“ „Das ganze Haus,“ ſagte Friquet,„das ganze Haus gehört ihm.“ „Aber wo hält er ſich gewöhnlich auf?“ „Um zu arbeiten im zweiten Stocke, um zu ſpei⸗ ſen im erſten. In dieſem Augenblick muß er ſein Mittagsbrod nehmen, denn es iſt zwölf Uhr.“ „Gut,“ ſagte Comminges. Man öffnete nun. Der Offtzier fragte den Be⸗ dienten und erfuhr, daß Meiſter Brouſſel wirklich zu Hauſe war und zu Mittag ſpeiſte. Comminges ging hinter dem Bedienten und Friquet hinter Comminges die Treppe hinauf. Brouſſel ſaß mit ſeiner Familie bei Tiſche, ihm gegenüber ſeine Frau, zu ſeinen beiden Seiten ſeine Töchter und am Ende der Tafel Louvieres, den wir bereits bei dem Unfalle haben erſcheinen ſehen, der dem Rath begegnet war, von welchem ſich dieſer jedoch bereits wieder gänzlich erholt hatte. Zur vollen Ge⸗ ſundheit zurückgekehrt, genoß der gute Mann das ſchöne Obſt, das ihm Frau von Longueville geſchickt hatte. Comminges, der den Arm des Bedienten im Augen⸗ blick, wo dieſer die Thüre öffnen wollte, um ihn 78 Kaum ſah der Gefreite Comminges am Ende der Rue Cocatrir erſcheinen, als er ein Wort zu dem Kutſcher ſagte, welcher ſogleich ſeine Maſchine in Be⸗ wegung ſetzte und vor die Thüre von Brouſſel fuhr. Comminges klopfte zu derſelben Zeit, wo der Wa⸗ gen hier hielt, an die Thüre. „Was machſt Du da, Junge,“ fragte Comminges. „Ich warte, um bei Meiſier Brouſſel einzutreten, Herr Offizier,“ antwortete Friquet mit dem trägen Tone, den der Straßenjunge von Paris ſo gut bei Gelegenheit anzunehmen weiß. „Er wohnt alſo wirklich hier?“ fragte Comminges. „Ja, Herr.“ „Welchen Stock bewohnt er?“ „Das ganze Haus,“ ſagte Friquet,„das ganze Haus gehört ihm.“ „Aber wo hält er ſich gewöhnlich auf?“ „Um zu arbeiten im zweiten Stocke, um zu ſpei⸗ ſen im erſten. In dieſem Augenblick muß er ſein Mittagsbrod nehmen, denn es iſt zwölf Uhr.“ „Gut,“ ſagte Comminges. Man öffnete nun. Der Offizier fragte den Be⸗ dienten und erfuhr, daß Meiſter Brouſſel wirklich zu Hauſe war und zu Mittag ſpeiſte. Comminges ging hinter dem Bedienten und Friquet hinter Comminges die Treppe hinauf. Brouſſel ſaß mit ſeiner Familie bei Tiſche, ihm gegenüber ſeine Frau, zu ſeinen beiden Seiten ſeine Töchter und am Ende der Tafel Louvieres, den wir bereits bei dem Unfalle haben erſcheinen ſehen, der dem Rath begegnet war, von welchem ſich dieſer jedoch bereits wieder gänzlich erholt hatte. Zur vollen Ge⸗ ſundheit zurückgekehrt, genoß der gute Mann das ſchöne Obſt, das ihm Frau von Longueville geſchickt hatte. Comminges, der den Arm des Bedienten im Augen⸗ blick, wo dieſer die Thüre öffnen wollte, um ihn zu unsz man muß dem König gehorchen 79 4 melden, zurückgehalten hatte, öffnete ſelbſt und befand ſich vor dieſem Familiengemälde. Bei dem Anblick des Offiziers fühlte ſich Brouſſel etwas bewegt, als er aber ſah, daß Comminges höflich grüßte, ſtand er auf und grüßte ebenfalls. Doch trotz dieſer gegenſeitigen Artigkeit drückte ſich die Unruhe auf dem Antlitz der Frauen aus. Louvieères wurde ſehr bleich und erwartete ungeduldig die Er⸗ klärung des Offiziers. „Mein Herr,“ ſprach Comminges,„ich bin der Veberbringer eines Befehles Seiner Majeſtät des önigs.“. „Sehr wohl, mein Herr,“ antwortete Brouſſel, „was für ein Befehl iſt es?“ Und er ſtreckte ſeine Hand aus. „Ich habe Befehl, mich Eurer Perſon zu bemäch⸗ tigen, mein Herr,“ ſprach Comminges, immer in dem⸗ ſelben Tone und mit derſelben Höflichkeit,„und wenn Ihr mir glauben wollt, ſo werdet Ihr Euch die kühe erſparen, dieſen langen Brief zu leſen, und mir gen. Hätte der Blitz mitten unter dieſe ſo friedlich ver⸗ ſammelten Leute geſchlagen, die Wirkung könnte nicht furchtbarer geweſen ſein. Bro zurück. Es war in jener Zeit etwas Schreckliches, er nach ſeinem Degen laufen, der in einer Ecke des Speiſezimmers auf einem Stuhle lag; aber ein Blick nicht verlor, hemmte hrem Gatten getrennt, zerfloß Madame Brouſſel in nhränen. Die zwei Töͤchter hielten ihren Vater um⸗ n. „ Auf! mein Herr,“ ſprach Comminges,„beeilen wir 71 „Mein Herr,“ ſagte Brouſſel,„ich habe eine lei⸗ de der em n Be⸗ uhr. rWa⸗ inges. reten, rägen t bei inges. ganze ſpei⸗ ſein 1Be⸗ ch zu ging inges ihm ſeine wir „der edoch Ge⸗ chöne te. igen⸗ n zu 79 melden, zurückgehalten hatte, öffnete ſelbſt und befand ſich vor dieſem Familiengemälde. Bei dem Anblick des Offiziers fühlte ſich Brouſſel etwas bewegt, als er aber ſah, daß Comminges höflich grüßte, ſtand er auf und grüßte ebenfalls. Doch trotz dieſer gegenſeitigen Artigkeit drückte ſich die Unruhe auf dem Antlitz der Frauen aus. Louvieres wurde ſehr bleich und erwartete ungeduldig die Er⸗ klärung des Offiziers. „Mein Herr,“ ſprach Comminges,„ich bin der Ueberbringer eines Befehles Seiner Majeſtät des Königs.“ „Sehr wohl, mein Herr,“ antwortete Brouſſel, „was für ein Befehl iſt es?“ Und er ſtreckte ſeine Hand aus. „Ich habe Befehl, mich Eurer Perſon zu bemäch⸗ tigen, mein Herr,“ ſprach Comminges, immer in dem⸗ ſelben Tone und mit derſelben Höflichkeit,„und wenn Ihr mir glauben wollt, ſo werdet Ihr Euch die Mühe erſparen, dieſen langen Brief zu leſen, und mir folgen.“ Hätte der Blitz mitten unter dieſe ſo friedlich ver⸗ ſammelten Leute geſchlagen, die Wirkung könnte nicht furchtbarer geweſen ſein. Brouſſel wich ganz zitternd zurück. Es war in jener Zeit etwas Schreckliches, durch die Feindſeligkeit des Königs eingekerkert zu werden. Louviéres machte eine Bewegung, als wollte er nach ſeinem Degen laufen, der in einer Ecke des Speiſezimmers auf einem Stuhle lag; aber ein Blick des guten Brouſſel, der den Kopf nicht verlor, hemmte dieſe Bewegung. Durch die Breite des Tiſches von ihrem Gatten getrennt, zerfloß Madame Brouſſel in Thränen. Die zwei Töchter hielten ihren Vater um⸗ fangen. „Aufl mein Herr,“ ſprach Comminges,„beeilen wir uns; man muß dem König gehorchen.“ „Mein Herr,“ ſagte Brouſſel,„ich habe eine lei⸗ 80 vende Geſundheit und kann mich in dieſem Zuſtande nicht gefangen geben. Ich verlange. Zeit.“ „Das iſt unmöglich,“ erwiederte Comminges.„Der Befehl iſt beſtimmt und muß ſogleich vollſtreckt wer⸗ en. „Unmöglich?“ ſprach Louvières;„hüten Sie ſich wohl, mein Herr, uns zur Verzweiflung zu treiben.“ „Unmöglich!“ rief eine kreiſchende Stimme im Hintergrunde des Zimmers. Comminges wandte ſich um und ſah, den Beſen in der Hand, Dame Nannette, deren Augen in allen Feuern des Zornes glänzten. „Meine gute Nannette, halte Dich ruhig, ich bitte Dich,“ ſprach Brouſſel. „Ich mich ruhig halten, wenn man meinen Herrn verhaftet, meinen Herrn, die Stütze, den Befreier, den Vater des armen Volkes? Ach ja, Ihr kennt mich wohl.. Wollt Ihr gehen?“ ſagte ſie zu Comminges. Comminges lächelte und ſprach, ſich an Brouſſel wendend:„Ich bitte, Herr, macht, daß dieſes Weib ſchweigt, und folgt mir.“ „Ich, ſchweigen, ich!“ rief Nannette.„Ach, ja da müßte noch ein Anderer kommen, als Ihr, mein ſchö⸗ ner Königsvogel. Ihr werdet es wohl ſehen.“ Und Dame Nannete ſtürzte an das Fenſter und ſchrie mit einer durchdringenden Stimme:. „Zu Hülfe! Man verhaftet meinen Herrn! Man verhaftet den Rath Brouſſel! Zu Hülfe!“— „Mein Herr,“ ſagte Comminges,„erklärt Euch ſo⸗ gleich: werdet Ihr gehorchen oder gedenkt Ihr einen Aufruhr gegen den König zu erregen?“ „Ich gehorche, ich gehorche, mein Herr,“ ſprach Brouffel, indem er ſich von den Armen ſeiner zwe Töchter loszumachen und mit dem Blicke ſeinen Sohn zurückzuhalten ſuchte, welcher beſtändig bereit war, ihm zu entgehen. 5 80⁰ dende Geſundheit und kann mich in dieſem Zuſtande nicht gefangen geben. Ich verlange Zeit.“ „Das iſt unmöglich,“ erwiederte Comminges.„Der Beſehl iſt beſtimmt und muß ſogleich vollſtreckt wer⸗ den.“ „Unmöglich?“ ſprach Louvieres;„hüten Sie ſich wohl, mein Herr, uns zur Verzweiflüng zu treiben.“ „Unmöglich!“ rief eine kreiſchende Stimme im Hintergrunde des Zimmers. Comminges wandte ſich um und ſah, den Beſen in der Hand, Dame Nannette, deren Augen in allen Feuern des Zornes glänzten. „Meine gute Nannette, halte Dich ruhig, ich bitte Dich,“ ſprach Brouſſel. „Ich mich ruhig halten, wenn man meinen Herrn verhaftet, meinen Herrn, die Stütze, den Befreier, den Voler des armen Volkes? Ach ja, Ihr kennt mich wohl... WVollt Ihr gehen?“ ſagte ſie zu Comminges. Comminges lächelte und ſprach, ſich an Broüſſel wendend:„Ich bitte, Herr, macht, daß dieſes Weib ſchweigt, und folgt mir.“ „Ich, ſchweigen, ich!“ rief Nannelte.„Ach, ja da müßte noch ein Anderer kommen, als Ihr, mein ſchö⸗ ner Königsvogel. Ihr werdet es wohl ſehen.“ Und Dame Nannete ſtürzte an das Fenſter und ſchrie mit einer durchdringenden Stimme: „Zu Hülfe! Man verhaftet meinen Herrn! Man verhaflet den Rath Brouſſel! Zu Hülfe!“ „Mein Herr,“ ſagte Comminges,„erklärt Euch ſp⸗ gleich werdet Ihr gehorchen oder gedenkt Ihr einen Aufruhr gegen den König zu erregen?“ „Ich gehorche, ich gehorche, mein Herr,“ ſprach Prouſſel, indem er ſich von den Armen ſeiner zwei Töchter loszumachen und mit dem Blicke ſeinen Sohn zurückzuhalten ſuchte, welcher beſtändig bereit war, ihm zu entgehen. Co ani Hü den in aus tone Bro Nan fort An d Grup Geſch nichte Himt Leibn den 9 geblie Comn waren ſind j Z nen P Zwa nen Peitſchenhieb, daß die 81 „Dann befehlt dieſer Alten zu ſchweigen, minges. „Ahl Alte!“ rief Nannette. Und ſie fing wieder an, ſich an die Fenſterſtangen anklammernd, aus Leibeskräften zu ſchreien: 5 „Zu Hülfe! zu Hülfe dem Rath Brouſſel, den man verhaftet, weil er das Volk vertheidigt hat! Zu Hülfe!“ Comminges nahm die Magd mit dem Arme um den Leib und wollte ſie von ihrem Poſten reißen. Aber in demſelben Augenblicke heulte eine andere Stimme ans einer Art von Entreſol hervor in einem Falſet⸗ one: „Mörder! Feuer! Mörder! Man tödtet Herrn rouſſel! man erwürgt Herrn Brouſſel!“ Es war die Stimme von Friquet. Als Dame Nannette ſich unterſtützt fühlte, fuhr ſie noch kräftiger fort und machte Chorus. ereits erſchienen neu An das Ende der Straße gezogen, lief das Volk herbei. Es kamen zuerſt einzelne Menſchen, dann ſah man Gruppen und endlich ei ge. Man hörte das eſchrei, man erblickte einen Wagen, aber man begriff nichts. Friquet ſprang von dem Entreſol auf den Himmel der Kutſche und Com haften; es ſind er iſt da oben.“ zu murren und näherte ſich Die zwei Leibwachen, welche im Gange geblieben war eppe hinauf und eilten ges zu Hülfe. Diejenigen, welche in der Kutſche waren, öffneten die Schläge und kreuzten die Pieken. „Seht Ihr ſie,“ rief Friquet,„ſeht Ihr ſie, hier ſie!⸗ Der Kutſcher wandte ſich um und gab Friquet ei⸗ ſer vor Schmerz brüllte. Zwanzig Jahre nachher. mM. 3 6 “ verſetzte ſtande „Der wer⸗ e ſich en im Beſen allen bitte Herrn „den mich nges. ouſſel Weib ja da ſchů⸗ und Man ch ſo⸗ einen prach zwei Sohn ihm 81 „Dann befehlt dieſer Alten zu ſchweigen,⸗ verſetzte minges. „Ah! Alte!“ rief Nannette. Und ſie fing wieder an, ſich an die Fenſterſtungen anklammernd, aus Leibeskräften zu ſchreien: „Zu Hülfe! zu Hülfe dem Rath Brouſſel, den n perhaftet, weil er das Volk vertheidigt hat! Zu Hülfe!“ Com in demſelben Augenblicke heulte eine andere Stimme aus einer Art von Entreſol hervor in einem Falſet⸗ tone: „Mörder! geuer! Mörder! Man tödtet Herrn Brouſſel! man erwürgt Herrn Brouſſel!“ Es war die Stimme von Friquet. Als Dame Nanneite ſich unterſtützt fühlte, fuhr fie noch kräftiger fort und machte Chorus. Bereits erſchienen neugierige Köpfe an den Fenſtern. An das Ende der Straße gezogen, lief das Volk herbei. Es kamen zuerſt einzelne Menſchen, dann ſah man Gruppen und endlich eine Menge. Man hörte das Geſchrei, man erblickte einen Wagen, aber man begriff nichts. Friquet ſprang von dem Entreſol auf den Himmel der Kutſche und rief: „Sie wollen Herrn Brouſſc Lerhaften; es ſind Leibwachen im Wagen und der Offizier iſt da oben.“ as Volk fing an zu murren und näherte ſich den Pferden. Die zwei Leibwachen, welche im Gange geblieben waren, iegen die Treppe hinauf und eilten Comminges zu Hülfe. Diejenigen, welche in der Kutſche waren, öffneten die Schläge und kreuzten die Pieken. 3 S Ihr ſie,“ rief Friquet,„ſeht Ihr ſie, hier nd ſie!“ Der Kutſcher wandte ſich um und gab Friquet ei⸗ nen Peitſchenhieb, daß dieſer vor Schmerz brüllte. Zwanzig Jahre nachher. m. 6 4 82 „Ah, Teufelskutſcher ¹“ rief Friquet,„Du miſcheſt Dich darein? Warte nur!“ Und er ſprang wieder nach ſeinem Entreſol, von wo aus er den Kutſcher mit allen Wurfgeſchoſſen über⸗ häufte, die er finden konnte. Trotz der feindlichen Demonſtrationen der Leibwachen und vielleicht gerade weegen dieſer feindlichen Demonſtrationen murrte das Volk und näherte ſich den Pferden. Die Garden machten die Meuteriſchſten durch Piekenſtöße zurück⸗ weichen. Der Lärm nahm indeſſen immer mehr zu. Die Straße konnte die Zuſchauer nicht mehr faſſen, welche vyoon allen Seiten herbeiſtrömten. Das Gedränge füllte den Raum, den die furchtbaren Pieken der Leib⸗ wachen zwiſchen dem Volke und der Kutſche gebildet hatten. Wie durch lebendige Mauern zurückgeſtoßen, ſollten die Soldaten an den Rädern zerdrückt werden. Das Geſchrei:„Im Namen des Königs!“ hundertmal von dem Gefreiten wiederholt, vermochte nichts gegen ddieſe furchtbare Menge, ſondern ſchien ſie im Gegen⸗ theil noch mehr aufzubringen, als auf eben dieſes Ge⸗ ſchrei ein Reiter herbeieilte und, da er ſah, daß die Uniformen mißhandelt wurden, den Degen in der Fauſt mitten in das Gedränge ſtürzte und den Gar⸗ den eine unerwartete Hülfe brachte. Dieſer Reiter, den der Zorn bleich machte, war ein junger Menſch von kaum fünfzehn bis ſechszehn Jahren. Er ſtieg ab, lehnte ſich mit dem Rücken an die Wagendeichſel, machte ſich einen Wall aus ſeinem Pferde, zog ſeine Piſtolen aus den Holftern, ſteckte ſie in den Gurtel und ſing an um ſich zu ſchlagen, wie ein Menſch, dem die Handhabung des Schwertes eine vertraute Sache iſt. 8 1 8 Zehn Minuten lang hielt dieſer junge Menſch den Kampf mit dem Volke allein aus. 1 Jetzt ſah man Comminges, Brouſſel vor ſich treibend, erſcheinen. N . 2 82² „Ah, Teufelskutſcher 6 rief Friquet,„Du miſcheſt 1 Dich darein? Warte nur!“ Und er ſprang wieder nach ſeinem Entreſol, von wo aus er ven Kutſcher mit allen Wurfgeſchoſſen über⸗ häufte, die er finden konnte. Trotz der feinvlichen Demonſtrationen der Leibwachen und vielleicht gerade wegen dieſer feindlichen Demonſträtionen murrte das Volk und näherte ſich den Pferden. Die Garden nahuß die Meuteriſchſten durch Piekenſtöße zurück⸗ weichen. Der Lärm nahm indeſſen immer mehr zu. Die Straße konnte die Zuſchauer nicht mehr faſſen, welche von allen Seiten herbeiſtrömten. Das Gedränge füllte den Raum, den die furchtbaren Pieken der Leib⸗ wachen zwiſchen dem Volke und der Kutſche gebildet hatten. Wie durch lebendige Mauern zurückgeſtoßen, ſollten die Soldaten an den Rädern zerdrückt werden Das Geſchrei:„Im Namen des Königs!“ hundertmal von dem Gefreiten wieverholt, vermochte nichts gegen dieſe furchtbare Menge, ſondern ſchien ſie im Gegen⸗ theil noch mehr aufzubringen, als auf eben dieſes Ge⸗ ſchrei ein Reiter herbeieilte und, da er ſah, daß die Uniformen mißhandelt wurden, den Degen in der Fauſt mitten in das Gedränge ftürzte und den Gar⸗ den eine unerwartete Hülfe brachte. Dieſer Reiter, den der Zorn bleich machte, war ein junger Menſch von kaum füntzehn bis ſechszehn Jahren. Er ſtieg ab, lehnte ſich mit dem Rücken an die Wagendeichſel, machte ſich einen Wall aus ſeinem Pferde, zog ſeine Piſtolen aus den Holftern, ſteckte ſie in den Gürtel und fing an um ſich zu ſchlagen, wie ein Menſch, dem die Handhabung des Schwertes eine ie S Zehn Minuten lang hielt dieſer junge Menſch den ½6 it St allein 2 ing etzt ſah man Comminges, Brouſſel vor ſich her treibend, erſcheinen. 65 83 „Zerſchlagen wir den Wagen!“ rief das Volk. „Zu Hülfe!“ ſchrie die Alte. 3 „Mörder!“ rief Friquet, der auf die Leibwachen Alles, was ſich unter ſeiner Hand fand, regnen zu laſſen fortfuhr.. „Im Namen des Königs!“ rief Comminges. „Der Erſte, welcher einen Schritt thut, iſt todt!“ rief Raoul, der, als er ſich hart bedrängt ſah, ſeine Degenſpitze einen Rieſen empfinden ließ, welcher ihn zu zermalmen ſich anſchickte und, da er ſich verwundet fühlte, brüllend zurückwich. Denn es war Raoul, der, ſeinem dem Grafen de la Fere geleiſteten Verſprechen gemäß nach einer fünftägigen Abweſenheit von Blois zurückkehrend, hatte die Ceremonie mit anſchauen wollen und durch die Straßen geritten war, welche ihn in kürzerer Zeit nach Notre⸗Dame führten. In der Gegend der Rue Cocatrix angelangt, ſah er ſich von der Volksmenge fortgeriſſen und bei dem Rufe:„Im Namen des Kö⸗ nigs!“ erinnerte er ſich des Wortes von Athos:„dient dem König!“ und eilte hinzu, um für den König z kämpfen, deſſen Wachen man mißhandelte. 4 Comminges warf gleichſam Brouſſel in die Kutſche und ſprang nach. In dieſem Augenblick erſcholl ein Büchſenſchuß; eine Kugel durchbohrte von oben nach unten den Hut von Comminges und zerſchmetterte einer von den Leibwachen den Arm. Comminges ſchaute em⸗ por und ſah mitten im Pulverdampfe an einem Fen⸗ ſter des zweiten Stockes das drohende Geſicht von Louvidres. „Gut, mein Herr,“ rief Comminges,„Ihr ſollt von mir ſprechen hören.“.. „Und Ihr auch, mein Herr,“ erwiederte Louvieres; wir werden ſehen, wer lauter ſpricht.“ Friquet und Nannette kreiſchten immer fort. Das Geſchrei, der Lärm des Schuſſes, der ſtets berauſchende Geruch des Pulvers brachten ihre Wirkung hervor. cheſt von ber⸗ chen rade das rden rück⸗ Die elche üllte Leib⸗ ildet ßen, den. tmal egen gen⸗ Ge⸗ die der Har⸗ war zehn an nem wie eine den her 83 „Zerſchlagen wir den Wagen!“ rief das Volk. „Zu Hülfe!“ gie die Alte. „Mörder!“ Friquet, der auf die Leibwachen Alles, was ſich unter ſeiner Hand fand, regnen zu laſſen fortfuhr. „Im Namen des Königs!“ rief Comminges. „Der Erſte, welcher einen Schritt thut, iſt todt!“ rief Raoul, der, als er ſich hart bedrängt ſah, ſeine Degenſpitze einen Rieſen empfinden ließ, welcher ihn zu zermalmen ſich anſchickte und, da er ſich verwundet fühlte, brüllend zurückwich. Denn es war Raoul, ver, ſeinem dem Grafen de la Fere geleiſteten Verſprechen gemäß nach einer fünftägigen Abweſenheit von Blois zurückkehrend, hatte die Ceremonie mit anſchauen wollen und durch die Straßen geritten war, welche ihn in kürzerer Zeit nach Notre⸗Dame führten. In der Gegend der Rue Cocatrir angelangt, ſah er ſich von der Volksmenge fortgeriſſen und bei dem Rufe:„Im Namen des Kö⸗ nigs!“ erinnerte er ſich des Wortes von Athos:„dient dem König!“ und eilte hinzu, um für den König zu kämpfen, deſſen Wachen man mißhandelte. Comminges warf gleichſam Brouſſel in die Kutſche und ſprang nah In dieſem Augenblick erſcholl ein Büchſenſchuß; eihe Kugel durchbohrte von oben nach unten den Hut ven Comminges und zerſchmetterte einer von den Leibwachen den Arm. Comminges ſchaute em⸗ por und ſah mitten im Pulverdampfe an einem Fen⸗ ſter des zweiten Stockes das drohende Geſicht von Louvieres. „Gut, mein Herr,“ rief Comminges,„Ihr ſollt von mir ſprechen hören.“ „Und Ihr auch, mein Herr,“ erwiederte Louviéres; wir werden ſehen, wer lauter ſpricht.“ Friquet und Rannette kreiſchten immer fort. Das Geſchrei, der Lärm des Schuſſes, der ſiets berauſchende Geruch des Pulvers brachten ihre Wirkung hervor. 84 „Tod dem Offizier! Tod!“ heulte das Volk. Und es begann eine gewaltige Bewegung. 1„Noch einen Schritt,“ rief Comminges, die Kutſchen⸗ leder zurückſchlagend, daß man gut in den Wagen ſehen konnte, und zugleich Brouſſel ſeinen Degen auf die Bruſt ſetzend,„noch einen Schritt und ich tödte den Gefangenen! Ich habe Befehl, ihn todt oder le⸗ bendig zu bringen. Ich bringe ihn todt und dann iſt Alles abgemacht.“ Man vernahm einen furchtbaren Schrei. Die Frau und die Töchter von Brouſſel ſtreckten flehend ihre Hände nach dem Volke aus. Das Volk begriff, daß der ſo bleiche, aber auch ſo entſchloſſene Offizier thun würde, wie er ſagte. Man fuhr fort zu drohen, aber man wich zurück. Comminges ließ den verwundeten Soldaten zu ſich in den Wagen ſteigen und befahl den andern, den Schlag zu ſchließen. „Fahre nach dem Palaſte,“ ſagte er zu dem Kut⸗ ſahr, welcher mehr todt als lebendig auf dem Bocke ſaß. Ddieſer peitſchte ſeine Pferde, und ſie machten ei⸗ nen breiten Weg durch den Haufen. Als man aber nach dem Quai kam, mußte man anhalten. Der Wagen ftürzte um. Die Pferde wurden von der Menge geſchleppt, erſtickt, zermalmt. Raoul, welcher immer noch zu Fuß war, denn er hatte nicht Zeit gehabt, wieder zu Pferd zu ſteigen, begann, müde mit der flachen Klinge Hiebe auszutheilen, ſeine Zuflucht zu der Degenſpitze zu nehmen. Das Gleiche thaten die Leibwachen. Aber dieſes furchtbare letzte Mittel brachte das Volk vol⸗ lends außer ſich. Bereits ſah man von Zeit zu Zeit mitten unter dem Volke einen Flintenlauf oder die Klinge eines Raufdegens glänzen. Es erſchollen einige ohne Zweifel in die Luft gefeuerte Schüſſe, aber das Echo machte darum die Herzen nicht minder beben. 12—— Es regnete fortwährend Wurfgeſchofſe von den Fenſten 84⁴ „Tod dem Offizier! Tod!“ heulte das Volk. Und es begann eine gewaltige Bewegung. „Noch einen Schritt,“ rief Comminges, die Kutſchen⸗ leder zurückſchlagend, daß man gut in den Wagen ſehen konnte, und zugleich Brouſſel ſeinen Degen auf die Bruſt ſetzend,„noch einen Schritt und ich tödte den Gefangenen! Ich habe Befehl, ihn todt oder le⸗ bendig zu bringen. Ich bringe ihn todt und dann iſt Alles abgemacht.“ Man vernahm einen furchtbaren Schrei. Die Frau und die Töchter von Brouſſel ſtreckten flehend ihre Hände nach dem Volke aus. Das Volk begriff, daß der ſo bleiche, aber auch ſo entſchloſſene Offizier thun würde, wie er ſagte. Man fuhr fort zu drohen, aber man wich zurück. Comminges ließ den verwundeten Soldaten zu ſich in den Wagen ſteigen und befahl den andern, den Schlag zu ſchließen. „Fahre nach dem Palaſte,“ ſagte er zu dem Kut⸗ ſcher, welcher mehr todt als lebendig auf dem Bocke a ß. Dieſer peitſchte ſeine Pferde, und ſie machten ei⸗ nen breiten Weg durch den Haufen. Als man aber nach dem Quai kam, mußte man anhalten. Der Wagen ſtürzte um. Die Pferde wurden von der Menge geſchleppt, erſtickt, zermalmt. Raoul, welcher immer noch zu Fuß war, denn er hatte nicht Zeit gehabt, wieder zu Pferd zu ſteigen, begann, müde mit der flachen Klinge Hiebe auszutheilen, ſeine Zuflucht zu der Degenſpitze zu nehmen. Das Gleiche thaten die Leibwachen. Aber dieſes furchtbare letzte Mittel brachte das Volk vol⸗ lends außer ſich. Bereits ſah man von Zeit zu Zeit mitten unter dem Volke einen Flintenlauf oder die Klinge eines Raufdegens glänzen. Es erſchollen einige ohne Zweifel in die Luft geſeuerte Schüſſe, aber das Echo machte darum die Herzen nicht minder beben. Es regnete fortwährend Wurfgeſchoſſe von den Fenſtern ern in Ge der in Gl ſchr ber ——ℳ— A 85 aus. Man hörte Stimmen, die man nur an den Ta⸗ gen des Aufruhrs hört. Man ſah Geſichter, die man nur an blutigen Tagen ſieht. Das Geſchrei:„Tod den Garden. In die Seins mit dem Offizier!“ be⸗ herrſchte den ganzen Lärmen, ſo ungeheuer er auch war. Den Hut zerknittert, das Geſicht blutig, fühlte Raoul, wie ihn nicht nur ſeine Kraft, ſondern auch der Verſtand verließ. Seine Augen ſchwammen in einem röthlichen Nebel und durch dieſen Nebel ſah er hundert drohende Arme nach ſich ausſtrecken, bereit, ihn zu ergreifen, wenn er fallen würde. Comminges raufte ſich in dem umgeſtürzten Wagen vor Wuth die Haare aus. Die Garden konnten Niemand mehr Hülfe brin⸗ gen, denn Jeder war mit ſeiner Selbſtvertheidigung 34 beſchäftigt. Alles war vorbei, Wagen, Pferde, Wa⸗ chen, Parteigänger und vielleicht Gefangener, Alles ſollte in Stücke zerriſſen werden, als plötzlich eine Raoul wohl bekannte Stimme ertönte und ein breites Schwert in der Luft glänzte. In demſelben Augen⸗ blicke öffnete ſich die Menge durchbrochen, niederge⸗ worfen. Rechts und links⸗ ſchlagend und ſchneidend eilte ein Offizier der Musketiere Raoul zu Hülfe und faßte ihn in dem Moment, wo er niederſinken ſollte, in die Arme. „Gottes Blut!“ rief der Offizier,„haben ſie ihn ermordet, dann wehe ihnen!“ AUnd er wandte ſich um, ſo furchtbar anzuſchauen in ſeiner Stärke, in ſeinem Zorne, in ſeiner drohenden Geberde, daß die wüthendſten Rebellen ſich auf einan⸗ der ſtürzten, um zu entfliehen, und daß mehrere ſogar in die Seine fielen. „Herr d'Artagnan,“ murmelte Raoul. Ja, Gottes Blut, und mir ſcheint, zu Eurem Glücke, mein junger Freund! Hört, Ihr Leute!“ rief er, ſich auf den Steigbügeln erhebend und ſein Schwert ſchwingend, während er mit der Stimme und der Ge⸗ berde Musketiere herbeirief, welche nicht hatten folgen ———— hen⸗ agen 85⁵ aus. Man hörte Stimmen, die man nur an den Ta⸗ gen des Aufruhrs hört. Man ſah Geſichter, die man nur an blutigen Tagen ſieht. Das Geſchrei:„Tod den Garden. In die Seine mit dem Offizier!“ be⸗ herrſchte den ganzen Lärmen, ſo ungeheuer er auch war. Den Hut zerknittert, das Geſicht blutig, fühlte Raoul, wie ihn nicht nur ſeine Kraft, ſondern auch der Verſtand verließ. Seine Augen ſchwammen in einem röthlichen Nebel und durch dieſen Nebel ſah er hundert drohende Arme nach ſich ausſtrecken, bereit, ihn zu ergreifen, wenn er fallen würde. Comminges raufte ſich in dem umgeſtürzten Wagen vor Wuth die Haare aus. Die Garden konnten Niemand mehr Hülfe brin⸗ gen, denn Jeder war mit ſeiner Selbſtvertheidigung beſchäftigt. Alles war vorbei, Wagen, Pferde, Wa⸗ chen, Parteigänger und vielleicht Gefangener, Alles ſollte in Stücke zerriſſen werden, als plötzlich eine Raoul wohl bekannte Stimme ertönte und ein breites Schwert in der Luft glänzte. In demſelben Augen⸗ blicke öffnete ſich die Menge durchbrochen, niederge⸗ worfen. Rechts und links ſchlagend und ſchneidend eilte ein Offizier der Musketiere Ravul zu Hülfe und faßte ihn in dem Moment, wo er niederfinken ſollte, in die Arme. „Gottes Blut!“ rief der Offizier,„haben ſie ihn ermordet, dann wehe ihnen!“ Und er wandte ſich um, ſo furchtbar anzuſchauen in ſeiner Stärke, in ſeinem Zorne, in ſeiner drohenden Geberde, daß die wüthendſten Rebellen ſich auf einan⸗ der ſtürzten, um zu entfliehen, und daß mehrere ſogar in die Seine fielen. „Herr dArtagnan,“ murmelte Raoul. „Ja, Gottes Blut, und mir ſcheint, zu Eurem Glücke, mein junger Freund! Hört, Ihr Leute!“ rief er, ſich auf den Steigbügeln erhebend und ſein Schwert ſchwingend, während er mit der Stimme und der Ge⸗ berde Musketiere herbeirief, welche nicht hatten folgen 86 können, ſo raſch war er geritten.„Hört! fegt mir Alles das vom Platze. Ergreift die Musketen! macht Euch fertig! ſchlagt an!“ Bei dieſem Befehl verſchwanden die Volkshaufen ſo raſch, daß ſich d'Artagnan eines homeriſchen Lachens nicht enthalten konnte. „Ich danke, d'Artagnan,“ ſprach Comminges, die Hälfte ſeines Leibes durch den Schlag der umgeworfenen Kutſche ſtreckend.„Wie heißt der junge Mann, damit ich ihn der Königin nennen kann?“ Raoul wollte antworten, als d'Artagnan ſich ge⸗ gen ſein Ohr neigte und zu ihm ſagte: 4„Schweigt und laßt mich antworten!“ Dann ſich gegen Comminges umwendend, ſprach er: „Verliert keine Zeit, Comminges, geht aus dem Wagen heraus, wenn Ihr könnt, und laßt einen andern herbeiſchaffen.“. „Welchen?“ „Bei Gott! den erſten beſten, der über den Pont⸗ neuf kommen wird. Die Leute, welche darin fahren, werden hoffentlich nur glücklich ſein, wenn ſie ihre Kutſche für den Dienſt des Königs leihen dürfen.“ Aber ich weiß nicht....“ erwiederte Com⸗ minges. „Geht doch, oder in fünf Minuten kommen alle dieſe Lumpenkerle mit Schwertern und Musketen zurück, Ihr werdet getödtet und Euer Gefangener iſt befreit. Vorwärts, ſeht, dort kommt gerade eine Kutſche!“ Dann flüſterte er, ſich abermals gegen Raoul nei⸗ gend, dieſem zu: „Sagt um keinen Preis Euren Namen 44 Der junge Mann ſchaute ihn verwundert an. „Es iſt gut, ich laufe dahin,“ ſagte Comminges, „und wenn ſie wieder kommen, gebt Feuer!“ gentheil, Niemand rühre ſich. Ein Schuß, in dieſem „Nein, nein!“ antwortete d'Artagnan,„im Ge⸗ 86 können, ſo raſch war er geritten.„Hört! fegt mir Alles das vom Flatze. Ergreift die Musketen! macht Euch fertig! ſchlagt an!“ Bei dieſem Befehl verſchwanden die Volkshaufen ſo raſch, daß ſich d'Artagnan eines homeriſchen Lachens nicht enthalten konnte. „Ich danke, dArtagnan,“ ſprach Comminges, die Hälfte ſeines Leibes durch den Schlag der umgeworfenen Kutſche ſtrecend.„Wie heißt der junge Mann, damit ich ihn der Königin nennen kann?“ Ravul wollte antworten, als dArtagnan ſich ge⸗ gen ſein Ohr neigte und zu ihm ſagte: „Schweigt und laßt mich antworten!“ Dann ſich gegen Comminges umwendend, ſprach er: „Verliert keine Zeit, Comminges, geht aus dem Wagen heraus, wenn Ihr könnt, und laßt einen andern herbeiſchaffen.“ „Welchen?“ „Bei Gott! den erſten beſten, der über den Pont⸗ neuf kommen wird. Die Leute, welche darin fahren, werden hoffentlich nur glücklich ſein, wenn ſie ihre Kutſche für den Dienſt des Königs leihen dürfen.“ „Aber ich weiß nicht„ erwiederte Com⸗ minges. „Geht doch, oder in fünf Minuten kommen alle vieſe Lumpenkerle mit Schwertern und Musketen zurück, Ihr werdet getödtet und Euer Gefangener iſt befreit. Vorwärts, ſeht, dort kommt gerade eine Kutſche!“ Dann flüſterte er, ſich abermals gegen Raoul nei⸗ gend, dieſem zu: „Sagt um keinen Preis Euren Namen!“ Der junge Mann ſchaute ihn verwundert an. „Es iſt gut, ich laufe dahin,“ ſagte Comminges, „und wenn ſie wieder kommen, gebt Feuer!“ „Nein, nein!“ antwortete d Artagnan,„im Ge⸗ gentheil, Niemand rühre ſich. Ein Schuß, in vieſem 1 87 Aueuulia abgefeuert, würde morgen nur zu theuer be⸗ zahlt.“ 4 Comminges nahm ſeine vier Leibwachen und eben ſo viele Musketiere und eilte nach der Kutſche. Er ließ die Leute, die darin waren, ausſteigen und führte ſie zu dem umgeworfenen Wagen. Als aber Brouſſel von dem zerbrochenen Wagen in den andern gebracht werden ſollte, ſtieß das Volk, welches den Mann erblickte, den es ſeinen Befreier nannte, ein grimmiges Geſchrei aus und ſtürzte aber⸗ mals gegen die Carroſſe. 3 „Geht,“ ſagte d'Artagnan,„hier ſind zehn Mus⸗ ketiere zu Eurer Begleitung; ich behalte zwanzig, um das Volk zurückzutreiben. Geht und verliert keine Minute. Zehn Mann für Herrn von Comminges!,?! Zehn Mann trennten ſich von der Truppe, um⸗ gaben den neuen Wagen und ritten im Galopp da⸗ von. Beim Abgang der Carroſſe verdoppelte ſich das Geſchrei. Mehr als zehntauſend Menſchen drängten ſich auf dem Quai, dem Pont⸗neuf und den umliegenden Straßen. Einige Schüſſe erſchollen, ein Musketier wurde verwundet. „Vorwärts!“ rief d'Artagnan, aufs Aeußerſte ge⸗ trieben und in den Schnurrbart beißend. Und er machte mit ſeinen zwanzig Mann einen Angriff auf all dieſes Volk, das erſchrocken zurückwich⸗ Ein einziger Menſch blieb, die Büchſe in der Fauſt, auf ſeinem Platze. „Ah!“ ſagte dieſer Menſch,„Du biſt es, der Du ihn bereits ermorden wollteſt, warte!“ Und er richtete ſeine Büchſe gegen d'Artagnan, welcher im Galopp auf ihn zuritt. DArtagnan neigte ſich auf den Hals ſeines Pfer⸗ des, der junge Menſch feuerte, die Kugel riß die Feder von d'Artagnan's Hut.—— Alles Euch aufen chens , die fenen damit h ge⸗ ch er: dem ndern Pont⸗ hren, Com⸗ n alle urück, efreit. 1. nei⸗ 1. inges, 1Ge⸗ dieſem 87 2 abgefeuert, würde morgen nur zu theuer be⸗ ahlt.“ Comminges nahm ſeine vier Leibwachen und eben ſo viele Musketiere und eilte nach der Kutſche. Er ließ die Leute, die darin waren, ausſteigen und führte ſie zu dem umgeworfenen Wagen. Als aber Brouſſel von dem zerbrochenen Wagen in den andern gebracht werden ſollte, ſtieß das Volk, welches den Mann erblickte, den es ſeinen Befreier nannte, ein grimmiges Geſchrei aus und ſtürzte aber⸗ mals gegen die Carroſſe. „Geht,“ ſagte d'Artagnan,„hier find zehn Mus⸗ ketiere zu Eurer Begleitung; ich behalte zwanzig, um das Volk zurückzutreiben. Geht und verliert keine Minute. Zehn Mann für Herrn von Comminges!“ Zehn Mann trennten ſich von der Truppe, um⸗ gaben den neuen Wagen und ritten im Galopp da⸗ von. Beim Abgang der Carroſſe verdoppelte ſich das Geſchrei. Mehr als zehntauſend Menſchen drängten ſich auf dem Quai, dem Pont⸗neuf und den umliegenden Straßen. Einige Schüſſe erſchollen, ein Musketier wurde verwundet. „Vorwärts!“ rief d'Artagnan, aufs Aeußerſte ge⸗ trieben und in ven Schnurrbart beißend. Und er machte mit ſeinen zwanzig Mann einen Angriff auf all dieſes Volk, das erſchrocken zurückwich⸗ Ein einziger Menſch blieb, die Büchſe in der Fauſt, auf ſeinem FPlatze. „Ah!“ ſagte dieſer Menſch,„Du biſt es, der Du ihn bereits ermorden wollteſt, warte!“ Und er richtete ſeine Büchſe gegen d'Artagnan, welcher im Galvpp auf ihn zuritt. D'Artagnan neigte ſich auf den Hals ſeines Pfer⸗ des, der junge Menſch feuerte, die Kugel riß die Feder von dArtagnan's Hut. 88 Kräftig angetrieben, ſtieß das Pferd den Unklugen, doer ganz allein einen Sturm aufzuhalten verſuchte, und ſchleuderte ihn an die Wand. D Artagnan parirte ſein Pferd und ſchwang, wiährend ſeine Musketiere den Angriff fortſetzten, das Schwert über dem, welchen er niedergeworfen hatte. „Ah, Herr!“ rief Raoul, der in dem jungen Men⸗ ſchen denjenigen erkannte, welchen er in der Rue Co⸗ Süh geſehen hatte,„Herr, verſchont ihn, es iſt ſein ohn!⸗ D'Artagnan hielt ſeinen zum Schlage bereiten Arm zurück. „Ah, Ihr ſeid ſein Sohn,“ ſprach er,„das iſt etwas Anderes.“ 3„Mein Herr, ich ergebe mich,“ ſprach Louvidères, dem Offizier ſeine Büchſe reichend. „Nein, Gottes Tod, ergebt Euch nicht! Flieht, flieht im Gegentheil, ſo ſchnell als Ihr könnt. Wenn ich Euch faſſe, werdet Ihr gehenkt.“ Der junge Menſch ließ ſich das nicht zweimal ſa⸗ gen. Er ging unter dem Halſe des Pferdes durch und verſchwand an der Ecke der Rue Guénégaud. 3„Meiner Treue,“ ſprach d'Artagnan zu Raoul,„es war Zeit, daß Ihr meine Hand zurückyieltet. Ich hätte ihn getödtet, und das würde mir leid gethan haben, wenn ich erfahren hätte, wer er war.“ —„Ah, mein Herr,“ erwiederte Raoul,„erlaubt mir, daß ich Euch, nachdem ich Euch für dieſen jungen Mann gedankt habe, auch für mich ſelbſt danke. Ohne Eure Erſcheinung hätte ich ebenfalls ſterben müſſen. „Wartet, wartet, junger Mann, und ermüdet Euch nicht mit Sprechen.“. Da zog dArtagnan aus einem Holfter ein Fläſchchen voll ſpaniſchen Wein hervor und ſagte: „Trinkt ein paar Schlücke hievon.“ Raoul trank und wollte ſeinen Dank wiederholen. „ 88 Kräftig angetrieben, ſtieß das Pferd den Unklugen, der ganz allein einen Sturm aufzuhalten verſuchte, und ſchleuderte ihn an die Wand. DArtagnan parirte ſein Pferd und ſchwang, während ſeine Musketiere den Angriff fortſetzten, das Schwert über dem, welchen er niedergeworfen hatte. „Ah, Herr!“ rief Ravul, der in dem jungen Men⸗ ſchen denjenigen erkannte, welchen er in der Rue Co⸗ Sr hatte,„Herr, verſchont ihn, es iſt ſein ohn!“ D'Artagnan hielt ſeinen zum Schlage bereiten Arm zurück. „Ah, Ihr ſeid ſein Sohn,“ ſprach er,„das iſt etwas Anderes.“ „Mein Herr, ich ergebe mich,“ ſprach Louvieres, dem Offizier ſeine Büchſe reichend. „Nein, Gottes Tod, ergebt Euch nicht! Flieht, flieht im Gegentheil, ſo ſchnell als Ihr könnt. Wenn ich Euch faſſe, werdet Ihr gehenkt.“ Der junge Menſch ließ ſich das nicht zweimal ſa⸗ gen. Er ging unter dem Halſe des Pferdes durch und verſchwand an der Ecke der Rue Guénégaud. „Meiner Treue,“ ſprach d'Artagnan zu Raoul,„es war Zeit, daß Ihr meine Hand zurückhieltet. Ich hätte ihn getödtet, und das würde mir leid gethan haben, wenn ich erfahren hätte, wer er war.“ „Ah, mein Herr,“ erwiederte Ravul,„erlaubt mir, daß ich Euch, nachdem ich Euch für dieſen jungen Mann gedankt habe, auch für mich ſelbſt danke. Ohne Eure Erſcheinung hätte ich ebenfalls ſterben müſſen. „Wartet, wartet, junger Mann, und ermüdet Euch nicht mit Sprechen.“ Da zog d'Artagnan aus einem Holfter ein Fläſchchen voll ſpaniſchen Wein hervor und ſagte: „Trinkt ein paar Schlücke hievon.“ Ravul trank und wollte ſeinen Dank wiederholen. leit blie Ko tag — m* — — „Mein Lieber, ſprechen wir ſpäter hievon,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan. Als er ſodann ſah, daß die Musketiere den Quai vom Pont⸗neuf bis zum Quai Saint⸗Mi⸗ chel gefegt hatten und zurückkehrten, hob er ſeinen De⸗ gen in die Höhe, damit ſie den Schritt verdoppelten. Die Musketiere ritten im Trab herbei und zugleich erſchienen die zehn Mann Escorte, welche d'Artagnan Comminges gegeben hatte. „Holla!“ ſprach d'Artagnan, ſich an dieſe wendend, niſt etwas Neues vorgefallen?“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte der Sergent,„ihr Wagen iſt abermals gebrochen. Es iſt ein wahrer Fluch. D⸗Artagnan zuckte die Achſeln und verſetzte: „Es ſind ungeſchickte Leute. Wenn man eine Kutſche wählt, muß es eine ſolide ſein. Die Kutſche, mit der man einen Brouſſel verhaftet, muß zehntauſend Mann tragen.“ „Was befehlt Ihr, mein Lieutenant?“ „Nehmt die Abtheilung und führt ſie in das Quartier zurück.“ „Ihr reitet alſo allein?“ „Gewiß. Glaubt Ihr, ich bedürfe eines Ge⸗ leites?“ „Doch...“ „Vorwärts!“ Die Musketiere entfernten ſich und d'Artagnan blieb allein mit Raoul. „Nun ſprecht, leidet ihr?“ ſagte er zu dieſem. 4 fea⸗ Herr, ich habe einen ſchweren, brennenden § op f.“ „Was iſt denn an dieſem Kopfe?“ fragte d'Ar⸗ tagnan und nahm ihm den Hut ab.„Ah, ah, eine Quetſchung.“ „Ja, ja, ich habe, glaube ich, einen Blumentopf an den Kopf bekommen.“ en, und ng, das tte. Lo⸗ ein ten vas ht, nn ſa⸗ rch „es itte en, ir, gen ne det ein en. 89 „Mein Lieber, ſprechen wir ſpäter hievon,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan. Als er ſodann ſah, daß die Musketiere den Quai vom Pont⸗neuf bis zum Quai Saint⸗Mi⸗ chel gefegt hatten und zurückkehrten, hob er ſeinen De⸗ gen in die Höhe, damit ſie den Schritt verdoppelten. Die Musketiere ritten im Trab herbei und zugleich erſchienen die zehn Mann Escorte, welche dArtagnan Comminges gegeben hatte. „Holla!“ ſprach d'Artagnan, ſich an dieſe wendend, viſt etwas Neues vorgefallen?“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte der Sergent,„ihr S6 iſt abermals gebrochen. Es iſt ein wahrer uch. DArtagnan zuckte die Achſeln und verſetzte: „Es ſind ungeſchickte Leute. Wenn man eine Kutſche wählt, muß es eine ſolide ſein. Die Kutſche, mit der man einen Brouſſel verhaftet, muß zehntauſend Mann tragen.“ „Was befehlt Ihr, mein Lieutenant?“ „Nehmt die Abtheilung und führt ſie in das Quartier zurück.“ „Ihr reitet alſo allein?“ „Gewiß. Glaubt Ihr, ich bedürfe eines Ge⸗ leites?“ „Doch „Vorwärts!“ Die Musketiere entfernten ſich und d'Arkagnan blieb allein mit Ravul. „Nun ſprecht, leidet ihr?“ ſagte er zu dieſem. * Herr, ich habe einen ſchweren, brennenden op 7 „Was iſt denn an dieſem Kopfe?“ fragte d'Ar⸗ tagnan und nahm ihm den Hut ab.„Ah, ah, eine Quetſchung.“ „Ja, ja, ich habe, glaube ich, einen Blumentopf an den Kopf bekommen.“ * 4 90⁰ „Canaille!“ rief d'Artagnan.„Doch Ihr habt Sporen, waret Ihr denn zu Pferde?“? „Ja, aber ich ſtieg ab, um Herrn von Comminges zu vertheidigen, und mein Pferd wurde weggenommen. Doch halt, hier iſt es!“ In dieſem Augenblick ritt wirklich Friquet auf dem Pferde von Raoul im Galopp vorüber. Friquet ſchwang ſeine vierfarbige Mütze und ſchrie:„Brouſſel! Brouſſel!“ „Holla, Burſche! Halt!“ rief d'Artagnan,„bringe das Pferd hieher!“ Friquet hörte wohl, aber er ſtellte ſich, als hörte er nicht, und verſuchte es, ſeinen Weg fortzuſetzen. D'Artagnan hatte einen Augenblick Luſt, Friquet nach⸗ zureiten, aber er wollte Raoul nicht allein läſſen und begnügte ſich, eine Piſtole aus dem Holfter zu ziehen und ſie zu ſpannen. Friquet beſaß ein ſcharfes Auge und ein feines Ohr. Er ſah die Bewegung von d'Artagnan, hörte das Knarren des Hahns und hielt ſein Pferd raſch an. „Ah, Ihr ſeid es, Herr Offizier!“ rief er d⸗Ar⸗ tagnan zu.„Ich bin in der That ſehr erfreut, Euch zu treffen.“. D'Artagnan ſchaute Friquet aufmerkſam an und erkannte den kleinen Burſchen der Rue de la Calandre. „Ah, Du biſt es, Junge, komm nur her!“ „Ja, ich bin es, Herr Offtzier,“ antwortete Friquet mit ſeiner einfältigen Miene. „Du haſt alſo Dein Gewerbe verändert? Du biſt nicht mehr Chorknabe? Du biſt nicht mehr Kellner? Du biſt Pferdedieb!“ „Ah, Herr Offizier, wie kann man das ſagen!“ rief Friquet.„Ich ſuchte den Edelmann, dem dieſes Pferd gehört. Ein ſchönes Pferd, brav wie Cäſar.“ Nun ſtellte er ſich, als ob er Raoul zum erſten Male erblickte, und fuhr fort: „Ah, wenn ich mich nicht täuſche, hier iſt der 90 „Canaille!“ rief dArtagnan.„Doch Ihr habt Sporen, waret Ihr denn zu Pferde?“ „Ja, aber ich ſtieg ab, um Herrn von Comminges zu vertheidigen, und mein Pferd wurde weggenommen. Doch halt, hier iſt es!“ In dieſem Augenblick ritt wirklich Friquet auf dem Pferde von Raoul im Galopp vorüber. Friquet ſchwang ſeine vierfarbige Mütze und ſchrie:„Brouſſel! Brouſſel!“ „Holla, Burſche! Halt!“ rief d'Artagnan,„bringe das Pferd hieher!“ Friquet hörte wohl, aber er ſtellte ſich, als hörte er nicht, und verſuchte es, ſeinen Weg fortzuſetzen. D'Artagnan hatte einen Augenblick Luſt, Friquet nach⸗ zureiten, aber er wollte Raoul nicht allein laſſen und begnügte ſich, eine Piſtole aus dem Holfter zu ziehen und ſie zu ſpannen. Friquet beſaß ein ſcharfes Auge und ein feines Ohr. Er ſah die Bewegung von d'Artagnan, hörte das Knarren des Hahns und hielt ſein Pferd raſch an⸗ „Ah, Ihr ſeid es, Herr Offizier!“ rief er dAr⸗ tagnan zu.„Ich bin in der That ſehr erfreut, Euch zu treffen.“ Artagnan ſchaute Friquet aufmerkſam an und erkannte den kleinen Burſchen der Rue de la Calandre⸗ „Ah, Du biſt es, Junge, komm nur her!“ „Ja, ich bin es, Herr Offizier,“ antwortete Frique mit ſeiner einfältigen Miene. „Du haſt alſo Dein Gewerbe verändert? Du biſ nicht mehr Chorknabe? Du biſt nicht mehr Kellner! Du biſt Pferdedieb!“ „Ah, Herr Offizier, wie kann man das ſagen! rief Friquet.„Ich ſuchte den Edelmann, dem dieſe Pferd gehört. Ein ſchönes Pferd, brav wie Cäſar.“ Nun ſtellte er ſich, als ob er Raoul zum erſten Male erblickte, und fuhr fort; „Ah, wenn ich mich nicht täuſche, hier iſt d 91 Herr. Nicht wahr, Ihr werdet den Jungen nicht vergeſſen?“ Raoul ſteckte die Hand in die Taſche. „Was wollt Ihr machen?“ ſagte d'Artagnan. „Dieſem braven Jungen zehn Livres geben,? antwortete Raoul und zog eine Piſtole aus der Taſche.. „Zehn Fußtritte auf den Bauch,“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan.„Geh, Burſche, und vergiß nicht, daß ich Deine Adreſſe habe.“ Friquet, welcher nicht ſo wohlfeilen Kaufes weg⸗ zukommen hoffte, machte nur einen Sprung von dem Quai nach der Rue Dauphine, wo er verſchwand. Raoul ſtieg wieder zu Pferde und ſchlug mit d'Ar⸗ tagnan, der den jungen Mann bewachte, als ob er ſein Sohn wäre, den Weg nach der Rue Tique⸗ tonne ein.. Auf dem ganzen Marſche hörte man dumpfes Mur⸗ meln und entfernte Drohungen. Aber bei dem Anblicke des Offizieres mit dem ſo militäriſchen Weſen, bei dem Anblick des mächtigen Schwertes, das von der Quaſte gehalten an ſeinem Fauſtgelenke hing, zog man ſich be⸗ ſtändig zurück und es wurde kein ernſthafter Verſuch gegen die zwei Reiter gemacht.. Man kam alſo ohne einen Unfall nach dem Gaſt⸗ hofe zur Rehziege. Die ſchöne Madeleine meldete d'Artagnan, Blanchet wäre mit Musqueton zurückgekommen, welcher helden⸗ müthig das Ausziehen der Kugel ertragen hätte und ſich ſo wohl befände, als es bei ſeinem Zuſtande nur immer möglich wäre.. D' Artagnan befahl nun, Blanchet zu rufen, aber ſo oft man ihn auch rief, Blanchet erſchien nicht: er war verſchwunden. 1 „Dann bringt Wein,“ ſagte d'Artagnan. Als man den Wein gebracht hatte und d'Artagnan 91 Herr. Nicht wahr, Ihr werdet den Jungen nicht inges vergeſſen?“ men. Ravoul ſteckte die Hand in die Taſche. „Was wollt Ihr machen?“ ſagte d'Artagnan. t auf„Dieſem braven Jungen zehn Livres geben,“ riquet antwortete Raoul und zog eine Piſtole aus der uſſel! Taſche. „Zehn Fußtritte auf den Bauch,“ verſetzte d'Ar⸗ ringe tagnan.„Geh, Burſche, und vergiß nicht, daß ich 8 Deine Adreſſe habe.“ hörte Friquet, welcher nicht ſo wohlfeilen Kaufes weg⸗ ſetzen. zukommen hoffte, machte nur einen Sprung von dem nach⸗ Quai nach der Rue Dauphine, wo er verſchwand. n und Ravul ſtieg wieder zu Pferde und ſchlug mii dAr⸗ ziehen tagnan, der den jungen Mann bewachte, als ob er ſein Sohn wäre, den Weg nach der Rue Tique⸗ feine ionne ein. hörte Auf dem ganzen Marſche hörte man dumpfes Mur⸗ ſch an. meln und entfernte Drohungen. Aber bei dem Anblicke dAr⸗ des Offizieres mit dem ſo militäriſchen Weſen, bei dem „Euh Anblick des mächtigen Schwertes, das von der Quaſte gehalten an ſeinem Fauſtgelenke hing, zog man ſich be⸗ n um fländig zurück und es wurde kein ernſthafter Verſuch land gegen die zwei Reiter gemacht. Man kam alſo ohne einen Unfall nach dem Gaſt⸗ Friqut pyofe zur Rehziege. Die ſchöne Madeleine meldete d'Artagnan, Blanchet Du i wäre mit Musqueton zurückgekommen, welcher helden⸗ ellner müthig das Ausziehen der Kugel ertragen hätte und 6 fich ſo wohl befände, als es bei ſeinem Zuflande nur agen immer möglich wäre. dieſ DArtagnan befahl nun, Blanchet zu rufen, aber iſar. ſo oft man ihn auch rief, Blanchet erſchien nicht: er nerfe war verſchwunden. „Dann bringt Wein,“ ſagte dArtagnan. iſt de Als man den Wein gebracht hatte unv d'Artagnan habt 92 mit Raoul allein war, ſagte er zu dieſem, ihm in ſeine beiden Augen ſchauend: 4 „Richt wahr, Ihr ſeid ſehr zufrieden mit Euch?“ „Ja,“ erwiederte Raoul,„es ſcheint mir, ich habe meine Pllicht gethan; vertheidigte ich nicht den König?“ „Und wer hieß Euch den König vertheidigen?“ „Der Herr Graf de la Fere ſelbft.“ „Ja, den König; aber Ihr habt heute nicht den König, ſondern Mazarin vertheidigt, was nicht daſ⸗ ſelbe iſt.“ „Mein Herr...“. „Ihr habt eine große Ungeſchicklichkeit begangen, junger Mann, Ihr habt Euch in Dinge gemiſcht, die Euch nichts angehen.“ „Doch Ihr ſelbſt...“ „Ohl ich, das iſt etwas Anderes, ich habe die Be⸗ fehle Neines Kapitäns zu befolgen. Euer Kapitän iſt der Herr Prinz, verſteht Ihr wohl, Ihr habt keinen andern! Seht mir einmal dieſen ſchlimmen Kopf, der ſich zum Mazariner macht und Brouſſel verhaften will. Scchnauft wenigſtens nicht hievon, denn der Herr Graf de la Fere würde wüthend.“ Ihr glaubt, der Herr Graf de la Fere würde ſich über mich ärgern?“* „Ich glaube es nicht nur, ich weiß es gewiß, ſonſt wiürde ich Euch danken, denn Ihr habt am Ende für uns gearbeitet. Ich zanke Euch auch in ſeinem Na⸗ men und an ſeiner Stelle; ſeid überzeugt, der Sturm wird ſanfter ſein. Uebrigens, mein liebes Kind,“ fuhr d'Artagnan fort,„mache ich Gebrauch van dem Rechte, das mir Euer Vormund eingeräumt at. 74 „Ich verſtehe Euch nicht, Herr,“ verſetzte Raoul. D Artagnan ſtand auf, ging zu ſeinem Secretär, nahm einen Brief und bot ihn Raoul. Sobald Raoul das Papier durchlaufen hatte, trübten ſich ſeine Blicke. — — 92 mit Ravul allein war, ſagte er zu dieſem, ihm in ſeine beiden Augen ſchauend: „Nicht wahr, Ihr ſeid ſehr zufrieden mit Euch?“ „Ja,“ erwiederte Raoul,„es ſcheint mir, ich habe meine Pflicht gethan; vertheidigte ich nicht den König?“ „Und wer hieß Euch den König vertheidigen?“ „Der Herr Graf de la Fere ſelbſt.“ „Ja, den König; aber Ihr habt heute nicht den König, ſondern Mazarin vertheidigt, was nicht daſ⸗ ſelbe it. 6 „Mein „Ihr habt eine große Ungeſchicklichkeit begangen, junger Mann, Ihr habt Euch in Dinge gemiſcht, die Euch nichts angehen.“ „Doch Ihr ſelbſt. „Oh! ich, das iſt etwas Anderes, ich habe die Be⸗ fehle meines Kapitäns zu befolgen. Euer Kapitän iſt der Herr Prinz, verſteht Ihr wohl, Ihr habt keinen andern! Seht mir einmal dieſen ſchlimmen Kopf, der ſich zum Mazariner macht und Brouſſel verhaften will. Schnauft wenigſtens nicht hievon, denn der Herr Graf de la Fére würde wüthend.“ „Ihr glaubt, der Herr Graf de la Fére würde fich über mich ärgern?“ „Ich glaube es nicht nur, ich weiß es gewiß, ſonſt würde ich Euch danken, denn Ihr habt am Ende für uns gearbeitet. Ich zanke Euch auch in ſeinem Na⸗ men und an ſeiner Stelle; ſeid überzeugt, der Sturm wird ſanfter ſein. Uebrigens, mein liebes Kind,“ fuhr d'Artagnan fort,„mache ich Gebrauch 0 dem Rechte, das mir Euer Vormund eingeräumt at. 4„ „Ich verſtehe Euch nicht, Herr,“ verſetzte Raoul. D'Artagnan ſtand auf, ging zu ſeinem Secretär, nahm einen Brief und bot ihn Radul. Sobald Raoul das Papier durchlaufen hatte, trübten ſich ſeine Blicke. 93’— „O, mein Gott,“ ſagte er, ſeine ſchönen, thränen⸗ feuchten Augen zu d'Artagnan aufſchlagend,„der Herr Graf hat alſo Paris verlaſſen, ohne mich zu ſehen?“ „Er iſt vor vier Tagen abgereist,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan. „Sein Brief ſcheint eine Todesgefahr für ihn an⸗ zudeuten?“ „Was die Todesgefahr betrifft, ſeid ruhig. Nein, er reist in einer beſondern Angelegenheit und wird bald zurück kommen. Es widerſtrebt Euch nicht, mich einſtweilen als Vormund anzunehmen?“ „Gewiß nicht, Herr d'Artagnan,“ erwiederte Raoul 3 Ihr ſeid ein ſo braver Mann, und der Herr Graf de la Fere liebt Euch ſo ſehr.“ „Ei, mein Gott, liebt mich auch, ich werde Euch nicht ſehr plagen, aber unter der Bedingung, daß Ihr Frondeur ſeid, mein junger Freund, und zwar ſehr Frondeur.“ „Kann ich fortwährend Frau von Chevreuſe be⸗ ſuchen?“ 3 „Ei, mein Gott, ja! und den Herrn Coadiutor auch, und eben ſo Frau von Longueville. Und wenn der gute Rath Brouſſel da wäre, zu deſſen Verhaftung Ihr ſo unbeſonnen beigetragen habt, ſo würde ich Euch ſagen; Entſchuldigt Euch raſch bei Herrn Brouſ⸗ ſel und küßt ihn auf beide Wangen.“ „Gut, ich werde Euch gehorchen, obgleich ich Euch nicht verſtehe.“ „Es iſt nicht nöthig, daß Ihr mich verſteht. Halt!“ rief d'Artagnan, ſich nach der Thüre, welche man eben öffnete, wendend,„hier kommt Herr du Valon mit ganz zerriſſenen Kleidern.“ „Ja,“ ſprach Porthos, von Schweiß triefend und ganz mit Staub überzogen,„für die zerriſſenen Klei⸗ der habg ich viele Hänte zerriſſen. Wollten mir dieſe Lumpenkerle nicht mein Schwert nehmen? Peſt! was für eine Volksbewegung!“ fügte der Rieſe mit ſeiner ſeine h 20 habe g2 P den daſ⸗ gen, die Be⸗ niſt inen der will. Fraf ürde ſonft für Na⸗ der ebes auch iumt ul. etär, atte, 93 „O, mein Gott,“ ſagte er, ſeine ſchönen, thränen⸗ ſeuchten Augen zu dArtagnan aufſchlagend,„der Herr Graf hat alſo Paris verlaſſen, ohne mich zu ſehen?“ „Er iſt vor vier Tagen abgereist,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan. „Sein Brief ſcheint eine Todesgefahr für ihn an⸗ zudeuten?“ „Was die Lodesgefahr betrifft, ſeid ruhig. Nein, er reist in einer beſondern Angelegenheit und wird bald zurück kommen. Es widerſtrebt Euch nicht, mich einſtweilen als Vormund anzunehmen?“ „Gewiß nicht, Herr dArtagnan,“ erwiederte Raoul; Ihr ſeid ein ſo braver Mann, und der Herr Graf de la Fere liebt Euch ſo ſehr.“ „Ei, mein Gott, liebt mich auch, ich werde Euch nicht ſehr plagen, aber unter der Bedingung, daß Ihr Frondeur ſeid, mein junger Freund, und zwar ſehr Frondeur.“ „Kann ich fortwährend Frau von Chevreuſe be⸗ ſuchen?“ „Ei, mein Gott, ja! und den Herrn Cvadjutor auch, und eben ſo Frau von Longueville. Und wenn der gute Rath Brouſſel da wäre, zu deſſen Verhaftung Ihr ſo unbeſonnen beigetragen habt, ſo würde ich Euch ſagen: Entſchuldigt Euch raſch bei Herrn Brvuſ⸗ ſel und küßt ihn auf beide Wangen.“ „Gut, ich werde Euch gehorchen, obgleich ich Euch nicht verſtehe.“ Es iſt nicht nöthig, daß Ihr mich verſteht. Halt!“ rief dArtagnan, ſich nach der Thüre, welche man eben öffnete, wendend,„hier kommt Herr du Valon mit ganz zerriſſenen Kleidern.“ „Ja,“ ſprach Porthos, von Schweiß triefend und ganz mit Staub überzogen,„für die zerriſſenen Klei⸗ der habe ich viele Häute zerriſſen. Wollten mir dieſe Lumpenkerle nicht mein Schwert nehmen? Peſt! was für eine Volksbewegung!“ fügte der Rieſe mit ſeiner 94 ruhigen Miene bei.„Aber ich habe wenigſtens zwan⸗ zig mit dem Knopfe von Balizarde todt geſchlagen. Gebt mir einen Tropfen Wein, d'Artagnan.“ „Oh, ich kenne Euch,“ ſprach der Gascogner, das Glas von Porthos bis an den Rand füllend;„doch, wenn Ihr getrunken habt, ſagt mir Eure Meinung.“ Porthos leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tiſch geſtellt und ſeinen Schnurrbart aus⸗ geſaugt hatte, fragte er: „Worüber?“ „Hier iſt Herr von Bragelonne, welcher mit aller Gewalt bei der Verhaftung von Brouſſel helfen wollte, und den ich nur mit großer Mühe von der Vertheidi⸗ gung von Herrn von Comminges abhalten konnte.“ „Ceufel!“ verſetzte Porthos,„was würde der Vormund geſagt haben, wenn er es erfahren hätte!“ 3„Seht Ihr!“ rief d'Artagnan,„ſeid Frondeur, mein Freund, und bedenkt, daß ich in jeder Beziehung die Stelle des Herrn Grafen einnehme.“ Nund er ließ ſeine Börſe klingen. Dann ſich gegen ſeinen Gefährten umwendend, ſprach er: 1 „Kommt Ihr mit, Porthos?“ „Wohin?“ fragte Porthos, ſich ein zweites Glas Wein eingießend. „Wir wollen dem Cardinal unſere Aufwartung machen.“ Porthos leerte das zweite Glas mit derſelben Ruhe, mit der er das erſte getrunken hatte, nahm ſei⸗ nen Hut und folgte v'Artagnan. S Raoul blieb ganz verblüfft von dem, was er ſah, denn d'Artagnan hatte ihm verboten, das Zimmer zu verlaſſen, ehe dieſe ganze Aufregung beſchwichtigt wäre. — — 94 ruhigen Miene bei.„Aber ich habe wenigſtens zwan⸗ zig mit dem Knopfe von Balizarde todt geſchlagen. Gebt mir einen Tropfen Wein, d'Artagnan.“ „Oh, ich kenne Euch,“ ſprach der Gascogner, das Glas von Porthos bis an den Rand füllend;„doch, wenn Ihr getrunken habt, ſagt mir Eure Meinung.“ Porthos leette das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tiſch geſtellt und ſeinen Schnurrbart aus⸗ geſaugt hatte, fragte er: „Worüber?“ „Hier iſt Herr von Bragelonne, welcher mit aller Gewalt bei der Verhaftung von Brouſſel helfen wollte, und den ich nur mit großer Mühe von der Vertheidi⸗ gung von Herrn von Comminges abhalten konnte.“ „Teufel!“ verſetzte Porthos,„was würde der Vormund geſagt haben, wenn er es erfahren hätte!“ „Seht Ihr!“ rief d'Artagnan,„ſeid Frondeur, mein Freund, und bedenkt, daß ich in jeder Beziehung die Stelle des Herrn Grafen einnehme.“ Und er ließ ſeine Börſe klingen. Dann ſich gegen ſeinen Gefährten umwendend, ſprach er: „Kommt Ihr mit, Porthos?“ „Wohin?“ fragte Porthos, ſich ein zweites Glas Wein eingießend. „Wir wollen dem Cardinal unſere Aufwartung machen.“ Porthos leerte das zweite Glas mit derſelben Ruhe, mit ver er das erſte getrunken hatte, nahm ſei⸗ nen Hut und folgte d'Artagnan. Raoul blieb ganz verblüfft von dem, was er ſah, denn d'Artagnan hatte ihm verboten, das Zimmer zu verlaſſen, ehe dieſe ganze Aufregung beſchwichtigt wäre. VII. Der Zettler von St. Euſtache. Es war von d'Artagnan wohl berechnet, daß er ſich nicht unmittelbar in das Palais⸗Royal begab. Er ließ Comminges Zeit, vor ihm dahin zu gehen und dem Cardinal die großen Dienſte zu melden, die er, d'Artagnan, und ſein Freund dieſen Morgen der Par⸗ tei der Königin geleiſtet hatten. Es wurden auch Beide auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe von Mazarin aufgenommen, der ihnen viele Complimente machte und ankündigte, jeder von ihnen wäre auf dem halben Wege deſſen, was er wünſchte, angelangt, d. h. d'Artagnan auf dem halben Wege ſeiner Kapitänſchaft und Porthos auf dem ſeiner Ba⸗ ronie. darum in Gegenwart von Porthos, den er nicht ent⸗ muthigen wollte, nicht minder zufrieden. Während die zwei Freunde bei dem Cardinal wa⸗ ren, ließ ſie die Königin rufen. Mazarin dachte, es wäre ein Mittel, den Eifer ſeiner zwei Vertheidiger zu verdoppeln, wenn er ihnen die Dankſagung der Köni⸗ gin ſelbſt verſchaffen würde. Er bedeutete ihnen durch ein Zeichen, ſie möchten folgen. D'Artagnan und Por⸗ thos zeigten dem Cardinal ihre beſtaubten und zerriſ⸗ ſenen Kleider, aber der Cardinal ſchüttelte den Kopf und erwiederte: 8 „Dieſe Kleider ſind mehr werth, als die meiſten der Höflinge, welche Ihr bei der Königin finden wer⸗ det, denn es ſind Schlachtgewänder.“ van⸗ gen. das och, 6 s er aus⸗ aller ollte, eidi⸗ der e r, hung end, Glas tung elben ſei⸗ ſah, er zu chtigt VII. Der Bettler von St. Euſtuche. Es war von d'Artagnan wohl berechnet, daß er ſich nicht unmittelbar in das Palais⸗Royal begab. Er ließ Comminges Zeit, vor ihm bahin zu gehen und dem Cardinal die großen Dienſte zu melden, die er, dArtagnan, und ſein Freund dieſen Morgen der Par⸗ tei der Königin geleiftet hatten. Es wurden auch Beide auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe von Mazarin aufgenommen, der ihnen viele Complimente machte und ankündigte, jeder von ihnen wäre auf dem halben Wege deſſen, was er wünſchte, angelangt, d. h. d'Artagnan auf dem Jalben Wege ſeiner Kapitänſchaft und Porthos auf dem ſeiner Ba⸗ ronie. D'Artagnan wäre Geld lieber geweſen, als Alles dies; denn er wußte, daß Mazarin leicht verſprach und ſehr ſchwer hielt. Er ſchätzte folglich die Verſpre⸗ chungen des Cardinals wie taube Nüſſe, ſchien aber darum in Gegenwart von Porthos, den er nicht ent⸗ muthigen wollte, nicht minder zufrieden. Während die zwei Freunde bei dem Cardinal wa⸗ ren, ließ ſie die Königin rufen. Mazarin dachte, es wäre ein Mittel, den Eifer ſeiner zwei Vertheidiger zu verdoppeln, wenn er ihnen die Dankſagung der Köni⸗ gin ſelbſt verſchaffen würde. Er beveutete ihnen durch ein Zeichen, fie möchten folgen. D'Artagnan und Por⸗ thos zeigten dem Cardinal ihre beſtaubten und zerriſ⸗ ſenen Kleider, aber der Cardinal ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Dieſe Kleider ſind mehr werth, als die meiſten der Höflinge, welche Ihr bei der Königin finden wer⸗ det, denn es find Schlachtgewänder.“ 96 Der Hof der Königin Anna von Oeſterreich war zahlreich und voll freudigen Geräuſches; denn nachdem man einen Sieg über den Spanier davon getragen hatte, war man nun auch ſiegreich aus einem Kampfe mit dem Volke hervorgegangen. Brouſſel war ohne Widerſtand aus Paris geführt worden und mußte in dieſem Augenblick im Gefängniß von Saint⸗Germain ſein, und Blanemenil, den man ebenfalls verhaftet hatte, was jedoch ohne Lärmen und Schwierigkeit ausgeführt wurde, war im Schloſſe von Vincennes eingekerkert. Comminges war bei der Königin, welche ihn über die Einzelnheiten der Ausführung ſeines Auftrags be⸗ fragte, und Jeder horchte auf ſeine Erzählung, als er an der Thüre hinter dem eintretenden Cardinal d'Ar⸗ tagnan und Porthos erblickte. 3. „Ei, Madame,“ ſagte er, auf d'Artagnan zulau⸗ zählen kann, denn er iſt mein Retter. Ohne ihn wäre ich ohne Zweifel in den Netzen von Saint⸗Cloud ge⸗ ͤangen, denn es handelte ſich um nichts Geringeres, als mich in den Fluß zu werfen. Sprecht, d'Artag⸗ nan, ſprecht!“ Seit d'Artagnan Lieutenant bei den Musketieren mache mit der Königin befunden, aber nie hatte dieſe mit ihm geſprochen. „Wie, Herr, nachdem Jör mir einen ſolchen Dienſt geleiſtet habt, ſchweigt Ihr?“ ſprach Anna von Oeſterreich. Madame,“ antwortete d'Artagnan,„ich habe daß mein Leben dem nichts zu ſagen, wenn nicht, ſie verliere.“ ſetzte die Königin,“ und zwar ſeit geraumer Zeit. J fend,„hier iſt Einer, der Euch das beſſer als ich er⸗ war, hatte er ſich wohl hundertmal in demſelben Ge⸗ „ Ich weiß das, mein Herr, ich weiß das,“ ven 3 Dienſte Eurer Majeſtät gehört, und daß ich nur an dem Tage glücklich ſein werde, an welchem ich es für —, & EGx&=X ——— 96 Der Hof der Königin Anna von Oeſterreich war zahlreich und voll freudigen Geräuſches; denn nachdem man einen Sieg über den Spanier davon getragen hatte, war man nun auch fiegreich aus einem Kampfe mit dem Volke hervorgegangen. Brouſſel war ohne Widerſtand aus Paris geführt worden und mußte in dieſem Augenblick im Gefängniß von Saint⸗Germain ſein, und Blancmenil, den man ebenfalls verhaftet hatte, was jedoch ohne Lärmen und Schwierigkeit ausgeführt wurde, war im Schloſſe von Vincennes eingekerkert. Comminges war bei der Königin, welche ihn über die Einzelnheiten der Ausführung ſeines Auftrags be⸗ fragte, und Jeder horchte auf ſeine Erzählung, als er an der Thüre hinter dem eintretenden Cardinal dAr⸗ tagnan und Porthos erblickte. „Ei, Madame,“ ſagte er, auf dArtagnan zulau⸗ ſend,„hier iſt Einer, der Euch das beſſer als ich er⸗ ählen kann, denn er iſt mein Retter. Ohne ihn wäre ich ohne Zweifel in den Netzen von Saint⸗Cloud ge⸗ fangen, denn es handelte ſich um nichts Geringeres, als mich in den Fluß zu werfen. Sprecht, dArtag⸗ nan, ſprecht!“ Seit d'Artagnan Lieutenant bei den Musketieren war, hatte er ſich wohl hundertmal in demſelben Ge⸗ mache mit der Königin befunden, aber nie hatte dieſe mit ihm geſprochen. „Wie, Herr, nachdem Ihr mir einen ſolchen Dienſt geleiſtet habt, ſchweigt Ihr?“ ſprach Anna von Oeſterreich. „Madame,“ antwortete d'Artagnan,„ich habe nichts zu ſagen, wenn nicht, daß mein Leben dem Dienſte Eurer Majeſtät gehört, und daß ich nur an dem Tage glücklich ſein werde, an welchem ich es für ſie verliere.“ „Ich weiß das, mein Herr, ich weiß das,“ ver⸗ ſetzte die Königin,“ und zwar ſeit geraumer Zeit. Ich bin che mei Cor mit „Aau er „na wal derſ nur reic der Cva und ſein itali das den nich der und von und ĩ 8ν&ᷣ—— — —— N V 97 bin auch entzückt, daß ich Euch dieſes öffentliche Zei⸗ een meiner Achtung und Dankbarkeit geben kann. „Erlaubt, Madame, daß ich einen Theil auf meinen Freund), einen ehemaligen Musketier von der Compagnie von Treville, übertrage,“ prach d'Artagnan mit einem beſondern Nachdruck auf die letzten Worte, Luf einen Mann, der Wunder gethan hat,“ fügte er bei. „Der Name dieſes Herrn?“ „Bei den Musketieren,“ antwortete d'Artagnan, „nannte er ſich Porthos(die Königin bebte); aber ſein wahrer Name iſt Chevalier du Valon.“ „De Bracieux de Pierrefonds,⸗ fügte Porthos bei. „Dieſe Namen ſind zu zahlreich, als daß ich mich derſelben insgeſammt erinnern ſollte, und ich will mich un des erſten erinnern,“ ſprach die Königin huld⸗ reich. oadjutor am Morgen gepredigt hatte, ſo wußte doch daß er ſich ſtark auf die Seite d chen auf die ihn ſo ſehr ergötzten. eer Coadjutor hatte, als er N otre⸗Dame verließ, das Ereigniß erfahren. Obgleich gewiſſermaßen mit den Hauptfrondeurs in Verbindung, war er dieß doch hen konnte, wenn die Vortheile bot, nach denen er ſtrebte, und wozu die Coadjutorſchaft nur der Weg war. Herr von Retz wollte Erzbiſchof an der Stelle ſeines Oheims wie Mazarin werden. Die Volkspartei Zwanzig Jahre nachher. Ul. 7— 97 bin auch entzückt, daß ich Euch dieſes öffentliche Zei⸗ chen meiner Achtung und Dankbarkeit geben kann.“ „Erlaubt, Madame, daß ich einen Theil auf meinen Freundſ, einen ehemaligen Musketier von der Compagnie von Treville, übertrage,“ ſprach d'Artagnan mit einem beſondern Nachdruck auf die letzten Worte, Ia einen Mann, der Wunder gethan hat,“ fügte er bei. „Der Name dieſes Herrn?“ „Bei den Musketieren,“ antwortete d'Artagnan, „nannte er ſich Porthos(die Königin bebte); aber ſein wahrer Name ift Chevalier du Valon.“ „De Bracieur de Pierrefonds,“ fügte Porthos bei. „Dieſe Namen ſind zu zahlreich, als daß ich mich derſelben insgeſammt erinnern ſollte, und ich will mich nu des erſten erinnern,“ ſprach die Königin huld⸗ reich. Porthos verbeugte ſich. DArtagnan machte zwei Schritte rückwärts. In dieſem Augenblick meldete man den Coadjutor. Man hörte nur einen Schrei des Erſtaunens in der königlichen Verſammlung. Obgleich der Herr Cvadjutor am Morgen gepredigt hatte, ſo wußte man doch daß er ſich ſtark auf die Seite der Fronde neigte, und als Mazarin den Erzbiſchof von Paris erſuchte, ſeinen Neffen predigen zu laſſen, hatte er offenbar die Abſicht, Herrn von Retz einen von den Streichen auf italieniſche Weiſe beizubringen, die ihn ſo ſehr ergötzten. Der Coadjutor hatte, als er Notre⸗Dame verließ, das Ereigniß erfahren. Obgleich gewiſſermaßen mit den Hauptfrondeurs in Verbindung, war er dieß doch nicht ſo ſehr, daß er ſich nicht zurückziehen konnte, wenn der Hof ihm die Vortheile bot, nach denen er ſtrebte, und wozu die Coadjutorſchaft nur der Weg war. Herr von Retz wollte Erzbiſchof an der Stelle ſeines Oheims und Cardinal wie Mazarin werden. Die Volkspartei Zwanzig Jahre nachher. m. 7 3 98 5 konnte ihm aber nur ſchwer dieſe rein königliche Gunſt 3 bewilligen. Er begab ſich alſo in den Palaſt, um der Königin ſeinen Glückwunſch zur Schlacht von Lens darzubringen, wobei er zum Voraus entſchloſſen war, für oder gegen den Hof zu handeln, je nach⸗ dem ſein Glückwunſch gut oder ſchlecht aufgenommen würde. 1 Der Coadjutor wurde alſo gemeldet. Er trat ein, und bei ſeinem Anblick verdoppelte dieſer ganze triumphirende Hof ſeine Neugierde, um die Worte von Herrn von Retz zu hören. Der Coadjutor hatte für ſich allein ungefähr ſo viel Geiſt, als diejenigen, welche hier verſammelt wa⸗ ren, um ſeiner zu ſpotten. Seine Rede war auch ſo vollkommen geſchickt abgefaßt, daß, ſo große Luſt di Anweſenden auch hatten, darüb hiezu keine Gelegenheit fand. Er ſchloß mit den Wor⸗ ten, er ſtelle ſeine geringen Kräfte ganz allein dem Dienſte Ihrer Majeſtät anheim. Die Königin ſchien an der Rede des Coadiutors, ſo lange ſie dauerte, viel Geſchmack zu finden. dieſelbe aber mit dieſer Phraſe endigte, welche allein e Spöttereien Anlaß gab, wandte ſich Anna um un ündigte mit einem auf ihre Günſtlinge abgeſchoſſenen Zlick dieſen an, ſie gebe ihnen den Coadjutor Preis. Die Witzlinge des Hofes warfen ſich auch ſogleich auf das Feld der Myſtification. Nogent⸗Bautin, der Poſ⸗ ſenreißer des Hauſes, rief, die Königin wäre ſehr glück⸗ lich, in einem ſolchen Augenblick die Unterſtützung der Religion zu finden. 8 2 Glle Anweſenden brachen in ein Gelächter aus. 4 Deer Herzog von Villeroy ſagte, er begreife nicht, wie man einen Augenblick hätte fürchten können, da man zur Vertheidigung des Hofes ge 6 ment und die Bürger von Paris den hätte, der mit einem Zeichen eine — 1 98 konnte ihm aber nur ſchwer dieſe rein königliche Gunſt bewilligen. Er begab ſich alſo in den Palaſt, um der Königin ſeinen Glückwunſch zur Schlacht von Lens darzubringen, wobei er zum Voraus entſchloſſen war, für oder gegen den Hof zu handeln, je nach⸗ dem ſein Glückwunſch gut oder ſchlecht aufgenommen würde. Der Coadjutor wurde alſo gemeldet. Er trat ein, und bei ſeinem Anblick verdoppelte dieſer ganze triumphirende Hof ſeine Neugierde, um die Worte von Herrn von Retz zu hören. Der Coavjutor hatte für ſich allein ungefähr ſo viel Geiſt, als diejenigen, welche hier verſammelt wa⸗ ren, um ſeiner zu ſpotten. Seine Rede war auch ſo vollkommen geſchickt abgefaßt, daß, ſo große Luſt die Anweſenden auch hatten, darüber zu lachen, doch ſich hiezu keine Gelegenheit fand. Er ſchloß mit den Wor⸗ ten, er ſielle ſeine geringen Kräfte ganz allein dem Dienſte Ihrer Majeſtät anheim. Die Königin ſchien an der Rede des Coadjutors, ſo lange ſie dauerte, viel Geſchmack zu finden. Als dieſelbe aber mit dieſer Phraſe endigte, welche allein zu Spöttereien Anlaß gab, wandte ſich Anna um und kündigte mit einem auf ihre Günſtlinge abgeſchoſſenen Blick dieſen an, ſie gebe ihnen den Coabjutor Preis. Die Witzlinge des Hofes warfen ſich auch ſogleich auf das Feld der Myſtification. Nogent⸗Bautin,/ der Poſ⸗ ſenreißer des Hauſes, rief, die Königin wäre ſehr glück⸗ lich, in einem ſolchen Augenblick die Unterſtützung der Religion zu finden. Alle Anweſenden brachen in ein Gelächter aus. Der Herzog von Villeroy ſagte, er begreife nicht, wie man einen Augenblick hätte fürchten können, da man zur Vertheidigung des Hofes gegen das Parla⸗ ment und die Bürger von Paris den Herrn Coadjutor hätte, der mit einem Zeichen eineArmee von Pfarrern, — . 1 „ 3 n d n 3. k⸗ er Fhürſehern und Meßnern auf die Beine bringen önnte. 8 Der Marſchall de la Meilleraie fügte bei, vorkom⸗ menden Falles, wenn man handgemein würde und der Herr Coadjutor losfeuern ſollte, wäre es ihm nur leid, daß der Herr Coadjutor im Treffen nicht an einem rothen Hute erkannt werden könnte, wie man Hein⸗ rich IV. an ſeiner weißen Feder in der Schlacht bei Ivry erkannt habe.. Gondy blieb vor dieſem Sturme, der für die Spöt⸗ ter tödtlich werden konnte, ruhig und ernſt. Die Kö⸗ nigin fragte ihn ob er der ſchönen Rede, die er ihr ſo eben gehalten, etwas beizufügen hätte. 3 „Ja, Madame,“ ſprach der Coadjutor,„ich habe Euch zu bitten, Ihr möget es zweimal bedenken, ehe Ihr den Bürgerkrieg in das Königreich bringt.“ Die Königin wandte ihm den Rücken zu und das Gelächter fing wieder an. Der Coadjutor verbeugte ſich und entfernte ſich aus dem Palaſte, indem er dem Cardinal, als er ihn anſchaute, einen von den Blicken zuwarf, die man un⸗ ter Todfeinden wohl verſteht. Dieſer Blick war ſo ge⸗ ſchärft, daß er Mazarin bis in das Herz drang, und daß dieſer, wohl fühlend, es wäre eine Kriegserklarung, d'Artagnan beim Arme nahm und zu ihm ſagte: 7 „Nicht wahr, mein Herr, Ihr würdet bei Gele⸗ genheit den Mann, der ſo eben weggegangen iſt, wie⸗ dererkennen?“⸗ „Ja, Monſeigneur.“ „Dann ſich gegen Porthos umwendend, fügte er bei: „Teufel, die Sache wird ärgerlich. Ich liebe die Streitigkeiten unter Männern der Kirche nicht.“ 5 Gondy entfernte ſich, Segen auf ſeinem Wege ausſpendend, wobei er ſich das boshafte Vergnügen verſchaffte, ſogar die Diener ſeiner Feinde auf die Kniee fallen zu machen. Gunſt um von loſſen nach⸗ nmen trat ganze on hr ſo wa⸗ ich ſo ſt die ſich Wor⸗ dem tors, Als allein und ſſenen reis. i Poſ⸗ glück⸗ g der us. nicht, „da arla⸗ jutor rrern, 99 Feſ und Meßnern auf die Beine bringen önnte. Der Marſchall de la Meilleraie fügte bei, vorkom⸗ menden Falles, wenn man handgemein würde und der Herr Coadjutor losfeuern ſollte, wäre es ihm nur leid, daß der Herr Co adjutor im Treffen nicht an einem rothen Hute erkannt werden könnte, wie man Hein⸗ rich IV. an ſeiner weißen Feder in der Schlacht bei Jvry erkannt habe. Gondy blieb vor dieſem Sturme, der für die Spöt⸗ ter tödtlich werden konnte, ruhig und ernſt. Die Kö⸗ nigin fragte ihn ob er der ſchönen Rede, die er ihr ſo eben gehalten, etwas beizufügen hätte. „Ja, Madame,“ ſprach der Cvadjutor,„ich habe Euch zu bitten, Ihr möget es zweimal bedenken, ehe Ihr den Bürgerkrieg in das Königreich bringt.“ Die Königin wandte ihm den Rücken zu und das Gelächter fing wieder an. Der Coadjutor verbeugte ſich und enifernte ſich aus dem Palaſte, indem er dem Cardinal, als er ihn anſchaute, einen von den Blicken zuwarf, die man un⸗ ter Todfeinden wohl verſteht. Dieſer Blick war ſo ge⸗ ſchärft, daß er Mazarin bis in das Herz drang, und daß dieſer, wohl fühlend, es wäre eine Kriegserklärung, d'Artagnan beim Arme nahm und zu ihm ſagte: „Nicht wahr, mein Herr, Ihr würdet bei Gele⸗ genheit den Mann, der ſo eben weggegangen iſt, wie⸗ dererkennen?“ „Ja, Monſeigneur.“ . Dann ſich gegen Porthos umwendend, fügte er ei: „Teufel, die Sache wird ärgerlich. Ich liebe die Streitigkeiten unter Männern der Kirche nicht.“ Gondy entfernte ſich, Segen auf ſeinem Wege ausſpendend, wobei er ſich das boshafte Vergnügen verſchaffte, ſogar die Diener ſeiner Feinde auf die Kniee fallen zu machen. 100 „Oh,“ murmelte er, als er über die Schwelle des Palaſtes ſchritt,„undankbarer Hof! treuloſer Hof! ich werde dich morgen lachen lehren, aber aus einer andern Tonart!“ 3 Während man jedoch am Hofe von Freude über⸗ ſprudelte, um die Heiterkeit der Königin zu ſteigern, verlor Mazarin, ein Mann von Verſtand, der die ganze Vorherſehung der Furcht beſaß, ſeine Zeit nicht mit leeren und gefährlichen Späſſen. Er entfernte ſich hinter dem Coadjutor, ſicherte ſeine Rechnungen, ſchloß ſein Gold ein und ließ durch vertraute Arbeiter Ver⸗ ſtecke in den Wänden anbringen. Als der Coadjutor in ſeine Wohnung zurückkehrte, erfuhr er, es wäre nach ſeinem Abgange ein junger Mann gekommen und derſelbe wartete auf ihn. Er fragte nach dem Namen dieſes jungen Mannes und zitterte vor Freude, als er hörte, er hieße Louvieres. Sogleich lief er nach ſeinem Cabinet, der Sohn von Brouſſel war wirklich noch ganz wüthend und ganz blutend von ſeinem Kampfe gegen die Leute des Königs da. Die einzige Vorſichtsmaßregel, die er ge⸗ nommen hatte, um in den Palaſt zu gelangen, be⸗ ſtand darin, daß er ſeine Büchſe bei einem Freunde niederlegte.—. Der Coadjutor ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der junge Mann ſchaute ihn an, als wollte er im Grunde ſeines Herzens leſen. „Mein lieber Herr Louvieres,“ ſagte der Coad⸗ jutor,„glaubt mir, ich nehme innigen Antheil an dem Unglück, das Euch widerfahren iſt.“ „Iſt es wahr und ſprecht Ihr im Ernſte?“ fragte Louvieéres. „Aus dem Grunde meines Herzens,“ ſagte Gondy. „Dann iſt die Zeit der Worte vorüber, Monſeig⸗ neur, und die Stunde des Handelns hat geſchlagen. Wenn Ihr wollt, Monſeigneur, iſt mein Vater in ——— — 100 „Oh,“ murmelte er, als er über die Schwelle des Palaſtes ſchritt,„undankbarer Hof! treuloſer Hof! ich werde dich morgen lachen lehren, aber aus einer andern Tonart!“ Während man jedoch am Hofe von Freude über⸗ ſprudelte, um die Heiterkeit der Königin zu ſteigern, verlor Mazarin, ein Mann von Verſtand, der die ganze Vorherſehung der Furcht beſaß, ſeine Zeit nicht mit leeren und gefährlichen Späſſen. Er entfernte ſich hinter dem Coadjutor, ſicherte ſeine Rechnungen, ſchloß ſein Gold ein und ließ durch vertraute Arbeiter Ver⸗ ſtecke in den Wänden anbringen. Als der Cvadjutor in ſeine Wohnung zurückkehrte, erfuhr er, es wäre nach ſeinem Abgange ein junger Mann gekommen und derſelbe wartete auf ihn. Er fragte nach dem Namen dieſes jungen Mannes und zitterte vor Freude, als er hörte, er hieße Louviéres. Sogleich lief er nach ſeinem Cabinet, der Sohn von Brouſſel war wirklich noch ganz wüthend und ganz blutend von ſeinem Kampfe gegen die Leute des Königs da. Die einzige Vorſichtsmaßregel, die er ge⸗ nommen hatte, um in den Palaſt zu gelangen, be⸗ ſtand darin, daß er ſeine Büchſe bei einem Freunde niederlegte. Der Coadjutor ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der junge ſchaute ihn an, als wollte er im Grunde ſeines Herzens leſen. „Mein lieber Herr Louviéres,“ ſagte der Coad⸗ jutor,„glaubt mir, ich nehme innigen Antheil an dem Unglück, das Euch widerfahren iſt.“ „Iſt es wahr und ſprecht Ihr im Ernſte?“ fragte Louviéres. „Aus dem Grunde meines Herzens,“ ſagte Gondy. „Dann iſt die Zeit der Worte vorüber, Monſeig⸗ neur, und die Stunde des Handelns hat geſchlagen. Wenn Ihr wollt, Monſeigneur, iſt mein Vater in —— — c+— p„ e —— mich 101 drei Tagen aus dem Gefängniß und in ſechs Mona⸗ ten ſeid Ihr Cardinal.“ Der Coadjutor zitterte.. „Wir wollen frei ſprechen und ein offenes Spiel ſpielen,“ ſagte Louvieres.„Man ſpendet nicht für dreißig⸗ tauſend Livres Almoſen, wie Ihr es ſeit ſechs Monaten gemacht habt, aus reiner chriſtlicher Liebe; das wäre zu ſchön. Ihr ſeid ehrgeizig und das iſt ganz einfach: Ihr ſeid ein Mann von Genie und fühlt Euern Werth. Ich haſſe den Hof und habe in dieſem Augenblick nur einen Wunſch, die Rache. Gebt uns die Geiſtlichkeit und das Volk, worüber Ihr verfägt, ich gebe Euch die Bürgerſchaft und das Parlament. Mit dieſen vier Elementen gehört Paris in acht Tagen uns, und glaubt mir, Herr Coadjutor, der Hof gibt aus Furcht, was er aus Wohlwollen nie geben würde.“ 1 Der Coadjutor ſchaute Louvigres ebenfalls mit ſeinem durchdringenden Auge an und verſetzte: 3 „Aber, Herr Louvieres, wißt Ihr, daß Ihr mir da ganz einfach den Bürgerkrieg vorſchlagt!“ „ Ihr bereitet ihn ſeit ſo geraumer Zeit vor, Mon⸗ ſeigneur, daß er Euch willkommen ſein muß.“ „„Gleichviel,“ ſprach der Coadjutor,„Ihr be⸗ greift, daß dieſe Sache Ueberlegung fordert.“ 1 Wie viel Stunden verlangt Ihr zum Ueber⸗ ſegen?“ „Zwölf„mein Herr, iſt das zu viel?“* oees iſt Mittag, um Mitter nacht bin ich bei uch. „Wäre ich nicht zurückgekehrt, ſo wartet auf „Gut, um Mittern acht, Monſeigneur.,“ 8 „Um Mitternacht, mein lieber Herr Louvieres.“ Als Gondy allein war, berief er alle Geiſtliche zu ſich, mit denen er in Verbindung ſtand. Zwei Stun⸗ den nachher hatte er dreißig Pfarrer In den volk⸗ 101 drei Tagen aus dem Gefängniß und in ſechs Mona⸗ ten ſeid Ihr Cardinal.“ Der Coadjutor zitterte. „Wir wollen frei ſprechen und ein offenes Spiel ſpielen,“ ſagte Louviéres.„Man ſpendet nicht für dreißig⸗ tauſend Livres Almoſen, wie Ihr es ſeit ſechs Monaten gemacht habt, aus reiner chriſtlicher Liebe; das wäre zu ſchön. Ihr ſeid ehrgeizig und das iſt ganz einfach: Ihr ſeid ein Mann von Genie und fühlt Euern Werth. Ich haſſe den Hof und habe in dieſem Augenblick nur einen Wunſch, die Rache. Gebt uns die Geiſtlichkeit und das Volk, worüber Ihr verfügt, ich gebe Euch die Bürgerſchaft und das Parlament. Mit dieſen vier Elementen gehört Paris in acht Tagen uns, und glaubt mir, Herr Coadjutor, der Hof gibt aus Furcht, was er aus Wohlwollen nie geben würde.“ Der Coadjutor ſchaute Louviéres ebenfalls mit ſeinem durchdringenden Auge an und verſetzte:. „Aber, Herr Louviéres, wißt Ihr, daß Ihr mir da ganz einfach den Bürgerkrieg vorſchlagt!“ „Ihr bereitet ihn ſeit ſo geraumer Zeit vor, Mon⸗ ſeigneur, daß er Euch willkommen ſein muß.“ „Gleichviel,⸗ ſprach der Coadjutor,„Ihr be⸗ greift, daß dieſe Sache Ueberlegung fordert.“ „Wie viel Stunden verlangt Ihr zum ueber⸗ legen?“ „Zwölf, mein Herr, iſt das zu viel?“ 2 iſt Mittag, um Mitter nacht bin ich bei uch. ni ich nicht zurückgekehrt, ſo wartet auf ich. „Gut, um Mitternacht, Monſeigneur.“ „Um Mitternacht, mein lieber Herr Louviéres.“ Als Gondy allein war, berief er alle Geiſtliche zu ſich, mit denen er in Verbindung ſtand. Zwei Stun⸗ den nachher hatte er dreißig Pfarrer von den volk⸗ reichſten und unruhigſten Kirchſpielen von Paris ver⸗ ſammelt. Gondy erzählte ihnen die Beleidigung, die ihm im Palais⸗Royal widerfahren war, und ſprach von den Spöttereien des Herzogs von Villeroy, des Mar⸗ ſchalls de la Meilleraie und von Baudin. Die Geiſt⸗ lichen fragten ihn, was zu thun wäre. „Das iſt ganz einfach,“ antwortete der Coadiu⸗ tor.„Ihr leitet die Gewiſſen: untergrabt das elende Vorurtheil der Furcht und Achtung vor dem König, lehrt Eure Beichtkinder, die Königin ſei eine Tyran⸗ nin, und wiederholt ſo kräftig, damit es Jeder wiſſe, Alles Unglück von Frankreich rühre von Maza⸗ rin, ihrem Liebhaber und Verderber, her. Beginnt das Werk heute, auf der Stelle und in drei Tagen erwarte ich von Euch das gewünſchte Reſultat. Hat übrigens Einer von Euch mir einen guten Nath zu geben, ſo bleibe er hier und ich werde ihn mit Ver⸗ gnügen anhören.“ Drei Pfarrer blieben, der von Saint⸗Mery, der von Saint⸗Sulpice und der von Saint⸗Euſtache. Die andern entfernten ſich. „Ihr glaubt mich alſo wirkſamer unterſtützen zu können, als Eure Amtsgenoſſen?“ fragte Gondy. „Wir hoffen es,“ erwiederten die Pfarrer. „Laßt hören, Herr Pfarrer von Saint⸗Mery. Fangt an.“ „Monſeigneur, ich habe in meinem Quartiere einen Menſchen, der Euch von dem größten Nutzen ſein könnte.. „Wer iſt dieſer Menſch?“ 3 „Ein Kaufmann aus der Rue des Lombards, der den mächtigſten Einfluß auf das Treiben ſeines Ouar⸗ 4 tiers ausübt.“ „Wie heißt er 2 „Es iſt ein gewiſſer Planchet. Er hat vor unge⸗ fähr ſechs Wochen ganz allein einen Aufruhr gemacht.. 4 —— 102 reichſten und unruhigſten Kirchſpielen von Paris ver⸗ ſammelt. Gondy erzählte ihnen die Beleidigung, die ihm im Palais⸗Royal widerfahren war, und ſprach von den Spöttereien des Herzogs von Villeroy, des Mar⸗ ſchalls de la Meilleraie und von Baudin. Die Geiſt⸗ lichen fragten ihn, was zu thun wäre. „Das iſt ganz einfach,“ antwortete der Coadju⸗ tor.„Ihr leitet die Gewiſſen: untergrabt das elende Vorurtheil der Furcht und Achtung vor dem König, lehrt Eure Beichtkinder, die Königin ſei eine Tyran⸗ nin, und wiederholt ſo kräftig, damit es Jeder wiſſe, Alles Unglück von Frankreich rühre von Maza⸗ rin, ihrem Liebhaber und Verderber, her. Beginnt das Werk heute, auf der Stelle und in drei, Tagen erwarte ich von Euch das gewünſchte Reſultat. Hat übrigens Einer von EFuch mir einen guten Rath zu geben, ſo bleibe er hier und ich werde ihn mit Ver⸗ gnügen anhören.“ Drei Pfarrer blieben, der von Saint⸗Mery, der von Saint⸗Sulpice und der von Saint⸗Euſtache. Die andern entfernten ſich. „Ihr glaubt mich alſo wirkſamer unterſtützen zu können, als Eure Amtsgenoſſen?“ fragte Gondy. „Wir hoffen es,“ erwiederten die Pfarrer. „Laßt hören, Herr Pfarrer von Saint⸗Mery. Fangt an.“ „Monſeigneur, ich habe in meinem Quartiere einen Menſchen, der Euch von dem größten Nutzen ſein könnte.“ „Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ein Kaufmann aus der Rue des Lombards, der den mächtigſten Einfluß auf das Treiben ſeines Ouar⸗ tiers ausübt.“ „Wie heißt er?“ „Es iſt ein gewiſſer Planchet. Er hat vor unge⸗ fähr ſechs Wochen ganz allein einen Aufruhr gemacht. 8 103 In Folge dieſes Aufruhrs aber iſt er, da man ihn ſuchte, um ihn zu hängen, verſchwunden.“ „Werdet Ihr ihn wiederfinden?“ 3 „Ich hoffe es, denn ich glaube nicht, daß er ver⸗ haftet worden iſt, und da ich Beichtiger ſeiner Frau Pine werde ich es wohl erfahren, wenn ſie weiß, wo er iſt.“ „Gut, mein lieber Herr Pfarrer. Sucht mir dieſen Mann und bringt ihn hieher, wenn Ihr ihn ndet.“ „Um welche Stunde, Monſeigneur?“ „Um ſechs Uhr. Wollt Ihr?“ „Wir werden um ſechs Uhr bei Euch ſein, Mon⸗ ſeigneur.“ „Geht, mein lieber Pfarrer, geht, und Gott ſtehe Euch bei.“ 1 Der Pfarrer entfernte ſich. „Und Ihr, mein Herr?“ ſagte Gondy, ſich zu dem Pfarrer von Saint⸗Sulpice umwendend. „Ich, Monſeigneur, ich,“ erwiederte dieſer,„ich kenne einen Mann, der einem bei dem Volle ſehr be⸗ liebten Prinzen große Dienſte geleiſtet hat. Er würde einen vortrefflichen Anführer von Empörungen geben, und ich kann ihn zu Eurer Verfügung ſtellen.“ „Wie heißt dieſer Mann?“ „Herr Graf von Rochefort.“ „Ich kenne ihn. Leider iſt er nicht in Paris.“ „Monſeigneur, er iſt in der Rue Caſſelle.“ „Seit wann?“ „Bereits ſeit drei Tagen.“ „Und werum hat er mich nicht beſucht?“ „Man ſagte ihm, Monſeigneur wird mir vergeben....„ „Allerdings, ſprecht!“ „Monſeigneur wäre im Begriffe, mit dem Hofe zu unterhandeln.“ Gondy biß ſich in die Lippen. zu ry. iere tzen der ar⸗ ge⸗ cht. 103 In Folge dieſes Aufruhrs aber iſt er, da man ihn ſuchte, um ihn zu hängen, verſchwunden.“ „Werdet Ihr ihn wiederfinden?“ „Ich hoffe es, denn ich glaube nicht, daß er ver⸗ haftet worden iſt, und da ich Beichtiger ſeiner Frau ich es wohl erfahren, wenn ſie weiß, wo er iſt. „Gut, mein lieber Herr Pfarrer. Sucht mir Mann und bringt ihn hieher, wenn Ihr ihn indet.“ „Um welche Stunde, Monſeigneur?“ „Um ſechs Uhr. Wollt Ihr?“ „Wir werden um ſechs Uhr bei Euch ſein, Mon⸗ ſeigneur.“ „Geht, mein lieber Pfarrer, geht, und Gott ſtehe Euch bei.“ Der Pfarrer entfernte ſich. „Und Ihr, mein Herr?“ ſagte Gondy, ſich zu dem Pfarrer von Saint⸗Sulpice umwendend. „Ich, Monſeigneur, ich,“ erwiederte dieſer,„ich kenne einen Mann, der einem bei dem Volke ſehr be⸗ liebten Prinzen große Dienſte geleiſtet hat. Er würde einen vortrefflichen Anführer von Empörungen geben, und ich kann ihn zu Eurer Verfügung ſtellen.“ „Wie heißt dieſer Mann?“ „Herr Graf von Rochefort.“ „Ich kenne ihn. Leider iſt er nicht in Paris.“ „Monſeigneur, er iſt in der Rue Caſſelle.“ „Seit wann?“. „Bereits ſeit drei Tagen.“ „Und werum hat er mich nicht beſucht?“ „Man ſagte ihm, WMonſeigneur wird mir vergeben „Allerdings, ſprecht!“ „Monſeigneur wäre im Begriffe, mit dem Hofe zu unterhandeln.“ Gondy biß ſich in die Lippen. 104— „Man hat ihn getäuſcht. Bringt ihn mir um acht Uhr, Herr Pfarrer, und Gott ſegne Euch, wie ich Euch ſegne.“ Der Pfarrer verbeugte ſich und ging ab. „Nun iſt die Reihe an Euch, mein Herr,“ ſagte der Coadjutor und wandte ſich zu dem letzten Zu⸗ rückbleibenden um.„Habt Ihr mir auch etwas anzu⸗ bieten, wie die zwei Herren, die uns verlaſſen?“ „Etwas Beſſeres, Monſeigneur.“ „Teufel! gebt wohl Acht, daß Ihr da nicht eine furchtbare Verbindlichkeit übernehmt: der Eine hat mir einen Kaufmann angeboten, der Andere bietet mir einen Grafen an, Ihr wollt mir alſo einen Prinzen anbieten?“ 4 „Ich biete Euch einen Bettler, Monſeigneur.“ „Ah, ah,“ ſprach Gondy nachdenkend,„Ihr habt Recht, Herr Pfarrer, ein Menſch, der dieſe ganze Le⸗ gion von armen Teufeln, welche in den Sackgaſſen von Paris zuſammen geſchaart ſind, zum Aufruhr brächte und ſie ſo laut, daß es ganz Frankreich hören müßte, ſchreien machen würde, Mazarin habe ſie an den Bettelſtab gebracht...“ „Ich habe gerade Euern Mann!“ „Bravo! und wer iſt dieſer Mann.“ „Ein einfacher Bettler, wie ich Euch ſagte, Mon⸗ ſeigneur, ein Menſch, der, Weihwaſſer reichend, ſeit ungefähr ſechs Jahren auf den Stufen der Saint Euſtache⸗Kirche Almoſen fordert.“ „Und Ihr ſagt, er übe einen großen Einfluß auf feines Gleichen aus?“ „Weiß Monſeigneur, daß die Bettlerei ein orga⸗ nifirter Körper, eine Art von Bund derjenigen, welche nichts beſitzen, gegen diejenigen, welche etwas beſitzen, ſiſt, ein Bund, zu welchem Jeder ſeinen Theil beiträgt unnd der unter einem Haupte ſteht?“ „Ja, ich habe hievon ſprechen hören,“ 5 1 c 104 „Man hat ihn getäuſcht. Bringt ihn mir um acht Uhr, Herr Pfarrer, und Gott ſegne Euch„wie ich Euch ſegne.“ Der Pfarrer verbeugte ſich und ging ab. „Nun iſt die Reihe an Euch, mein Herr,“ ſagte der Coadjutor und wandte ſich zu dem letzten Zu⸗— rückbleibenden um.„Habt Ihr mir auch etwas anzu⸗ bieten, wie die zwei Herren, die uns verlaſſen?“ „Etwas Beſſeres, Monſeigneur.“ „Teufel! gebt wohl Acht, daß Ihr da nicht eine furchtbare Verbindlichkeit übernehmt: der Eine hat mir einen Kaufmann angeboten, der Andere bietet mir einen Grafen an, Ihr wollt mir alſo einen Prinzen anbieten?“ „Ich biete Euch einen Bettler, Monſeigneur.“ „Ah, ah,“ ſprach Gondy nachdenkend,„Ihr habt Recht, Herr Pfarrer, ein Menſch, der dieſe ganze Le⸗ gion von armen Teufeln, welche in den Sackgaſſen von Paris zuſammen geſchaart find, zum Aufruhr brächte und ſie ſo laut, daß es ganz Frankreich hören müßte, ſchreien machen würde, Mazarin habe ſie an den Bettelſtab gebracht ℳ „Ich habe gerade Euern Mann!“ „Bravo! und wer iſt dieſer Mann.“ „Ein einfacher Bettler, wie ich Euch ſagte, Mon⸗ 4 ſeigneur, ein Menſch, der, Weihwaſſer reichend, ſeit ungefähr ſechs Jahren auf den Stufen der Saint Euſtache⸗Kirche Almoſen fordert.“ „Und Ihr ſagt, er übe einen großen Einfluß auf ſeines Gleichen aus?“. „Weiß Monſeigneur, daß die Bettlerei ein orga⸗ nifirter Körper, eine Art von Bund derjenigen, welche nichts beſitzen, gegen diejenigen, welche etwas beſitzen, iſt, ein Bund, zu welchem Jeder ſeinen Theil beiträgt und der unter einem Haupte ſteht?“. „Ja, ich habe hievon ſprechen hören.“ S 10⁵ „Der Menſch, welchen ich Euch biete, iſt General⸗ Syndicus.“ „Und was wißt Ihr von dieſem Menſchen?“ „Nichts, Monſeigneur, wenn nicht, daß er mir von Gewiſſensbiſſen geplagt zu ſein ſcheint.“ 4 „Was macht Euch dies glauben?“— „Immer am 28. jedes Monats läßt er mich eine Meſſe für die Ruhe einer Perſon leſen, welche eines gewaltſamen Todes geſtorben iſt. Geſtern erſt habe ich dieſe Meſſe geleſen.“ „Und er nennt ſich?⸗. „Maillard, aber ich glaube nicht, daß dies ſein wahrer Name iſt.“. „Meint Ihr, wir werden ihn zu dieſer Stunde auf ſeinem Poſten treffen?“ „Ganz gewiß.“ „Wir wollen Euern Bettler aufſuchen, Herr Pfar⸗ rer, und wenn er iſt, wie Ihr ſagt, ſo habt Ihr allerdings den wahren Schatz gefunden.“ Gondy legte eine Reitertracht an, ſetzte einen breitkrämpigen Hut mit einer rothen Feder auf den Kopf, gürtete ein langes Schwert um, ſchnallte die Sporen an ſeine Stiefeln, hüllte ſich in einen weiten Mantel und folgte dem Pfarrer. Der Coadiutor und ſein Gefährte durchzogen alle Straßen, welche den erzbiſchöflichen Palaſt von der Saint⸗Euſtache⸗Kirche trennten, und erforſchten dabei ſorgfältig die Stimmung des Volkes. Das Volk war in Bewegung, ſchien aber, wie ein Schwarm wild ge⸗ machter Bienen, nicht zu wiſſen, wo es niederfallen ſollte, und es war klar, daß wenn man nicht Führer für die Maſſe finden würde, Alles mit einem Geſumme ablaufen müßte. Als man in die Rue des Prouvaires gelangte, ſtreckte der Pfarrer die Hand nach dem Vorhofe der Kirche aus und ſagte: „Seht, dort iſt er auf ſeinem Poſten.“ ——— ——— un wie* ſagte Zu⸗ nzu⸗ eine mir mir nzen habt Le⸗ ſſen ruhr ören an on⸗ ſeit aint auf ga⸗ lche zen, ägt 105 „Der Menſch, welchen ich Euch biete, iſt General⸗ Syndicus.“ „Und was wißt Ihr von dieſem Menſchen?“ „Nichts, Monſeigneur, wenn nicht, daß er mir von Gewiſſensbiſſen geplagt zu ſein ſcheint.“ „Was macht Euch dies glauben?“ „Immer am 26. jedes Monats läßt er mich eine Meſſe für die Ruhe einer Perſon leſen, welche eines gewaltſamen Todes geſtorben iſt. Geſtern erſt habe ich dieſe Meſſe geleſen.“ „Und er nennt ſich?“ „Maillard, aber ich glaube nicht, daß dies ſein wahrer Name iſt.“ „Meint Ihr, wir werden ihn zu dieſer Stunde auf ſeinem Poſten treffen?“- „Ganz gewiß.“ „Wir wollen Euern Bettler aufſuchen, Herr Pfar⸗ rer, und wenn er iſt, wie Ihr ſagt, ſo habt Ihr allerdings den wahren Schatz gefunden.“ Gondy legte eine Reitertracht an, ſetzte einen breitkrämpigen Hut mit einer rothen Feder auf den Kopf, gürtete ein langes Schwert um, ſchnallte die Sporen an ſeine Stiefeln, hüllte ſich in einen weiten Mantel und folgte dem Pfarrer. Der Coadjutor und ſein Gefährte durchzogen alle Straßen, welche den erzbiſchöflichen Palaſt von der Saint⸗Euſtache⸗Kirche trennten, und erforſchten dabei ſorgfältig die Stimmung des Volkes. Das Volk war in Bewegung, ſchien aber, wie ein Schwarm wild ge⸗ machter Bienen, nicht zu wiſſen, wo es niederfallen ſollte, und es war klar, daß wenn man nicht Führer für die Maſſe finden würde, Alles mit einem Geſumme ablaufen müßte. Als man in die Rue des Prouvaires gelangte, ſtreckte der Pfarrer die Hand nach dem Vorhofe der Kirche aus und ſagte: „Seht, dort iſt er auf ſeinem Poſten.“ 10 Gondy ſchaute in der angegebenen Richtung und erblickte einen Armen, welcher mit dem Rücken an ein Geſimſe gelehnt auf einem Stuhle ſaß; er hatte einen kleinen Eimer in ſeiner Nähe und hielt einen Spreng⸗ wedel in der Hand. „Hat er ein Privilegium ſich hier aufzuhalten?“ fragte Gondy. „ Nein, Monſeigneur,“ antwortete der Pfarrer; „er hat ſeinem Vorgänger dieſen Platz eines Weih⸗ waſſergebers abgekauft.“ „Abgekauft 2 „Ja, ſolchs Plätze werden verkauft; ich glaube, haß dieſer für den ſeinigen hundert Piſtolen bezahlt at.“ 2* „Der Burſche iſt alſo reich?“ „Manche von dieſen Leuten hinterlaſſen oft bei ihrem Tode zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig tauſend Livres und noch mehr.“ „Hm!“ verſetzte Gondy lachend,„ich glaubte nicht, daß ich meine Almoſen ſo gut anbringen würde.“ 3 Man näherte ſich indeſſen dem Vorhofe; in dem Augenblick, wo der Pfarrer und der Coadjutor den Fuß auf die erſte Stufe der Kirche ſetzten, erhob ſich der Bettler und überreichte ſeinen Sprengwedel. Es war ein Menſch von ſechsundſechzig bis acht⸗ undſechzig Jahren, klein, ziemlich dick, mit grauen Haaren und falben Augen. Auf ſeinem Antlitz war der Kampf zweier entgegengeſetzter Principien zu le⸗ ſen... eine ſchlechte Natur, gezähmt durch den Willen, vielleicht durch die Reue.— Als er den Mann erblickte, der den Pfarrer be⸗ gleitete, bebte er leicht und ſchaute ihn mit erſtaunter Miene an. Der Coadjutor und der Pfarrer berührten den Sprengwedel mit den Fingerſpitzen und machten das Zeichen des Kreuzes; der Coadjutor warf ein Geldſtück b in den auf dem Boden ſtehenden Hut, 1 — 106 Gondy ſchaute in der angegebenen Richtung und erblickte einen Armen, welcher mit dem Rücken an ein Gefimſe gelehnt auf einem Stuhle ſaß; er hatte einen kleinen Eimer in ſeiner Nähe und hielt einen Spreng⸗ wedel in der Hand. „Hat er ein Privilegium ſich hier aufzuhalten?“ fragte Gondy. „Nein, Monſeigneur,“ antwortete der Pfarrer; „er hat ſeinem Vorgänger dieſen Platz eines Weih⸗ waſſergebers abgekauft.“ „Ibgekauft?“ Ja, ſolche Plätze werden verkauft; ich glaube, et dieſer für den ſeinigen hundert Piſtolen bezahlt at— „Der Burſche iſt alſo reich?“ „Manche von dieſen Leuten hinterlaſſen oft bei ihrem Tode zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig tauſend Livres und noch mehr.“ „Hm!“ verſetzte Gondy lachend,„ich glaubte nicht, daß ich meine Almoſen ſo gut anbringen würde.“ Man näherte ſich indeſſen dem Vorhofe; in dem Augenblick, wo der Pfarrer und der Cvadjutor den Fuß auf die erſte Stufe der Kirche ſetzten, erhob ich der Bettler und überreichte ſeinen Sprengwedel. Es war ein Menſch von ſechsundſechzig bis acht⸗ undſechzig Jahren, klein, ziemlich dick, mit grauen Haaren und falben Augen. Auf ſeinem Antlitz war der Kampf zweier entgegengeſetzter Principien zu le⸗ ſen.. eine ſchlechte Natur, gezähmt durch den Willen, vielleicht durch die Reue. Als er den Mann erblickte, der den Pfarrer be⸗ gleitete, bebte er leicht und ſchaute ihn mit erſtaunter Miene an. 2 Der Coadjutor und der Pfarrer berührten den Sprengwedel mit den Fingerſpetzen und machten das Zeichen des Kreuzes; der Coadjutor warf ein Geldſtück in den auf dem Boden ſtehenden Hut. N ich ſpre Ehr Zro über gew was was in d wele falle daß Nier juto Kla Stu das Füh mir Euc wir wer den erla von —— r n 3 1 „Maillard,“ ſagte der Pfarrer,„dieſer Herr und ich ſind gekommen, um einen Augenblick mit Euch zu ſprechen.“ 4 „Mit mir!“ ſagte der Bettler,„das m eine große Ehre für einen armen Weihwaſſergeber.“ 4 In dem Tone des Bettlers lag ein Ausdruck von Jronie, den er nicht zu beherrſchen wußte, und wor⸗ über der Coadjutor ſich wunderte.* 3 „Ja,“ fuhr der Geiſtliche fort, der an dieſen Ton gewöhnt zu ſein ſchien,„ja, wir wünſchten zu wiſſen, was Ihr von den Ereigniſſen des Tages denkt, und was Ihr von den Perſonen habt ſagen hören, welche in der Kirche aus⸗ und eingehen.“ 8 Der Bettler ſchüttelte den Kopf. „Das ſind traurige Ereigniſſe, Herr Pfarrer, welche, wie beinahe immer, auf das arme Volk zurück⸗ fallen. In Beziehung auf das, was man ſpricht, darf ich wohl behaupten, daß Jedermann unzufrieden iſt, daß Jedermann klagt, aber wer ſagt Jedermann, ſagt Niemand.“ 7. fut„Erklärt Euch, mein Freund,“ ſprach der Coad⸗ utor. „Ich behaupte, alles dieſes Geſchrei, alle dieſe Klagen, alle dieſe Verwünſchungen werden einen Sturm und Blitze hervorbringen, und nichts weiter; das Gewitter wird aber nur treffen, wenn es einen Führer hat, der es zu lenken weiß.“ „Mein Freund,“ ſagte der Coadjutor,„Ihr ſcheint mir ein gewandter Menſch zu ſein; wäret Ihr geneigt, Euch in einen kleinen Bürgerkrieg zu miſchen, falls wir einen hätten, und zur Verfügung dieſes Führers, wenn wir einen fänden, Euere perſönliche Macht und den Einfluß zu ſtellen, den Ihr über Euere Kameraden erlangt habt?“⸗ „Ja, mein Herr, vorausgeſetzt, daß dieſer Krieg von der Kirche gebilligt würde, und mich folglich zu und ein inen eng⸗ n 20 rer; zeih⸗ ube, zahlt t bei ſend nicht, dem den b ſich acht⸗ auen war le⸗ illen, r be⸗ unter den das vſtück 107 „Maillard,“ ſagte der Pfarrer,„dieſer Herr und ich find gekommen, um einen Augenblick mit Euch zu ſprechen.“ „Mit mir!“ ſagte der Bettler,„das iſt eine große Ehre für einen armen Weihwaſſergeber.“ In dem Tone des Bettlers lag ein Ausdruck von Jronie, den er nicht zu beherrſchen wußte, und wor⸗ über der Coadjutor fich wunderte. „Ja,“ fuhr der Geiſtliche fort, der an dieſen Ton gewöhnt zu ſein ſchien,„ja, wir wünſchten zu wiſſen, was Ihr von den Ereigniſſen des Tages denkt, und was Ihr von den Perſonen habt ſagen hören, welche in der Kirche aus⸗ und eingehen.“ Der Bettler ſchüttelte den Kopf. „Das ſind traurige Ereigniſſe, Herr Pfarrer, welche, wie beinahe immer, auf das arme Volk zurück⸗ fallen. In Beziehung auf das, was man ſpricht, darf ich wohl behaupten, daß Jedermann unzufrieden iſt, daß Jedermann klagt, aber wer ſagt Jedermann, ſagt Niemand.“ 3„Erklärt Euch, mein Freund,“ ſprach der Coad⸗ utor. „Ich behaupte, alles dieſes Geſchrei, alle dieſe Klagen, alle dieſe Verwünſchungen werden einen Sturm und Blitze hervorbringen, und nichts weiter; das Gewitter wird aber nur treffen, wenn es einen Führer hat, der es zu lenken weiß.“ „Mein Freund,“ ſagte der Cvadjutor,„Ihr ſcheint mir ein gewandter Menſch zu ſein; wäret Ihr geneigt, Euch in einen kleinen Bürgerkrieg zu miſchen, falls wir einen hätten, und zur Verfügung dieſes Führers, wenn wir einen fänden, Euere perſönliche Macht und den Einfluß zu ſtellen, den Ihr über Euere Kameraden erlangt habt?“ „Ja, mein Herr, vorausgeſetzt, daß dieſer Krieg von der Kirche gebilligt würde, und mich folglich zu dem Ziele führen könnte, das ich zu erreichen ſtrebe, nämlich zu der Erlaſſung meiner Sünden.“ „Dieſer Krieg würde nicht nur von der Kirche gebilligt, ſondern auch von ihr geleitet. Was die Vergebung Euerer Sünden betrifft, ſo haben wir den Herrn Erzbiſchof von Paris, dem von Rom große Vor⸗ rechte bewilligt worden ſind, und auch den Herrn Coadjutor, welcher beſondere Indulgenzen beſitzt; wir werden Euch demſelben empfehlen.“ 1 „Bedenkt, Maillard, daß ich Euch dieſem Herrn, welcher allmächtig iſt, empfohlen und mich gleichſam für Euch verbürgt habe.“ „Ich weiß, Herr Pfarrer,“ erwiederte der Bettler, „daß Ihr immer ſehr gut gegen mich geweſen ſeid; ich bin auch meinerſeits ganz geneigt, Euch jeden Ge⸗ fallen zu erweiſen.“. „Haltet Ihr die Gewalt, die Ihr über Eure Ge⸗ noſſen ausübt, für ſo groß, als mir der Herr Pfarrer ſo eben geſagt hat?“ 1 „„ SIch glaube, daß ſie eine gewiſſe Achtung vor mir haben,“ erwiederte der Bettler ſtolz,„und daß ſie nicht nur Alles thun werden, was ich ihnen befehle, ſondern auch, daß ſie mir überallhin folgen, wohin ich gehe.“ „Könnt Ihr mir für fünfhundert entſchloſſene Männer, gute, müßige Menſchen, kräftige Kreiſcher ſtehen, welche im Stande ſind, mit ihrem Geſchrei:„Nieder mit Mazarin,“ die Mauern des Palais⸗Royal umzuſtür⸗ zen, wie einſt die von Jericho einſtürzten?“ „Ich glaube, daß ich mit noch ſchwierigeren und wichtiger en Dingen beauftragt werden kann.“ „Ah! ahl Ihr würdet es alſo übernehmen, in einer Nacht ein Dutzend Barricaden zu machen?“ „Ich übernähme es, fünfzig zu machen und ſie, wenn der Tag käme, zu vertheidigen.“ „Bei Gott,“ ſagte Gondy,„Ihr ſprecht mit einer 108 dem Ziele führen könnte, das ich zu erreichen ßrebe, nämlich zu der Erlaſſung meiner Sünden.“ „Dieſer Krieg würde nicht nur von der Kirche gebilligt, ſondern auch von ihr geleitet. Was die Vergebung Euerer Sünden betrifft, ſo haben wir den Herrn Erzbiſchof von Paris, dem von Rom große Vor⸗ rechte bewilligt worden ſind, und auch den Herrn Coadjutor, welcher beſondere Indulgenzen beſitzt; wir werden Euch demſelben empfehlen.“ „Bedenkt, Maillard, daß ich Euch dieſem Herrn, welcher allmächtig iſt, empfohlen und mich gleichſam für Euch verbürgt habe.“ „Ich weiß, Herr Pfarrer,“ erwiederte der Bettler, „daß Ihr immer ſehr gut gegen mich geweſen ſeid; ich bin auch meinerſeits ganz geneigt, Euch jeden Ge⸗ fallen zu erweiſen.“ „Haltet Ihr die Gewalt, die Ihr über Eure Ge⸗ noſſen ausübt, für ſo groß, als mir der Herr Pfarrer ſo eben geſagt hat?“ „Ich glaube, daß ſie eine gewiſſe Achtung vor mir haben,“ erwiederte der Bettler ſtolz,„und daß ſie nicht nur Alles thun werden, was ich ihnen befehle, ſondern auch, daß ſie mir überallhin folgen, wohin ich gehe.“ „Könnt Ihr mirfür fünfhundert entſchloſſene Männer, gute, müßige Menſchen, kräftige Kreiſcher ſtehen, welche im Stande find, mit ihrem Geſchrei:„Nieder mit Mazarin,“ die Mauern des Palais⸗Royal umzuſtür⸗ zen, wie einſt die von Jericho einſtürzten?“ „Ich glaube, daß ich mit noch ſchwierigeren und wichtiger en Dingen beauftragt werden kann.“ „Ah! ah! Ihr würdet es alſo übernehmen, in einer Nacht ein Dutzend Barricaden zu machen?“ „Ich übernähme es, fünfzig zu machen und ſie, wenn der Tag käme, zu vertheidigen.“ „Bei Gott,“ ſagte Gondy,„Ihr ſprecht mit einer 3 Gond biſchö 109 Sicherheit, die mir Freude macht, und da der Herr Pfarrer für Euch bürgt...“ „Ich verbürge mich,“ verſetzte der Pfarrer. 8 „Dieſer Sack enthält fünfhundert und fünfzig Piſtolen in Gold; trefft alſo Euere Anſtalten und ſagt mir, wo ich Euch dieſen Abend um zehn Uhr finden kann.“ „Es müßte eine hohe Stelle ſein, von wo aus man ein Signal geben könnte, das in allen Quartieren von Paris geſehen würde.“ „Soll ich Euch ein Wort an den Vicar von Saint⸗Jacques⸗la⸗Boucherie geben? Er wird Euch in ein Zimmer des Thurmes führen,“ ſagte der Pfarrer. 3 „Vortrefflich,“ erwiederte der Bettler. 3 „Dieſen Abend alſo um zehn Uhr,“ ſprach de Coadjutor;„bin ich mit Euch zufrieden, ſo möget Ihr über einen andern Sack von fünfhundert Piſtolen verfügen.“ 1 Die Augen des Bettlers glänzten vor Gierde, aber er drängte dieſe Bewegung zurück und antwortete: „Dieſen Abend, mein Herr; es wird Alles be⸗ reit ſein.“ Und er trug ſeinen Stuhl in die Kirche zurü ſtellte ſeinen Eimer und den Sprengwedel zu de Stuhle, nahm Weihwaſſer aus dem Weihkeſſel, als 3 3 er kein Zutrauen zu dem ſeinigen hätte, und verließ die Kirche. VIII. Der Thurm Saint-Jacques-la-Paucherie. Um drei Viertel auf ſechs Uhr hatte Herr von Gondy alle ſeine Gänge gemacht und war in den erz⸗ biſchöflichen Pallaſt zurückgekehrt. e ſeid; n Gl⸗ e Ge⸗ farrer 8 vor aß ſie efehle, wohin änner, welche r mit uſtür⸗ n und n, in nd ſie, einer 109 Sicherheit, die mir Freude macht, und da der Herr Pfarrer für Euch bürgt„ „Ich verbürge mich,“ verſetzte der Pfarrer. „Dieſer Sack enthält fünfhundert und fünfzig Piſtolen in Gold; trefft alſo Euere Anſtalten und ſagt mir, wo ich Euch dieſen Abend um zehn Uhr finden kann.“ „Es müßte eine hohe Stelle ſein, von wo aus man ein Signal geben könnte, das in allen Quartieren von Paris geſehen würde.“ „Soll ich Euch ein Wort an den Vicar von Saint⸗Jacques⸗la⸗Boucherie geben? Er wird Euch in ein Zimmer des Thurmes führen,“ ſagte der Pfarrer. „Vortrefflich,“ erwiederte der Bettler. „Dieſen Abend alſo um zehn Uhr,“ ſprach der Coadjutor;„bin ich mit Euch zufrieden, ſo möget Ihr über einen andern Sack von fünfhundert Piſtolen verfügen.“ Die Augen des Bettlers glänzten vor Gierde, aber er drängte dieſe Bewegung zurück und antworiete: „Dieſen Abend, mein Herr; es wird Alles be⸗ reit ſein.“ Und er trug ſeinen Stuhl in die Kirche zurück, ſtellte ſeinen Eimer und den Sprengwedel zu dem Stuhle, nahm Weihwaſſer aus dem Weihkeſſel, als ob er kein Zutrauen zu dem ſeinigen hätte, und verließ die Kirche. VIII. Der Thurm Suint-Zacnueb-la-Poucherie. Um drei Viertel auf ſechs uhr hatte Herr von Gondo alle ſeine Gänge gemacht und war in den erz⸗ biſchöflichen Pallaſt zurückgekehrt. Um ſechs Uhr meldete man den Pfarrer von Saint⸗Mexry. Der Coarjutor ſah lebhaft in das Vorzimmer und bemerkte, daß ihm ein anderer Mann folgte. „Laßt ihn eintreten,“ ſprach er. Der Pfarrer trat ein und Planchet mit ihm. „Monſeigneur,“ ſagte der Pfarrer von Saint⸗ Mery,„hier iſt die Perſon, von der ich mit Euch zu ſprechen die Ehre gehabt habe.“ NPlanchet grüßte mit der Miene eines Menſchen, welcher gute Häuſer beſucht hat. „Seid Ihr geneigt, der Sache des Volkes zu dienen?“ fragte Gondy. „Ich glaube wohl,“ antwortete Planchet;„ich nenne miich von ganzer Seele Frondeur. Ich bin, ſo wie Ihr mich ſeht, zum Strange verurtheilt.“ „Aus welchem Anlaſſe?“ „Ich habe den Händen der Sergenten von Ma⸗ zarin einen edlen Herrn entriſſen, den ſie nach der Baſtille zurückführten, wo er ſeit fünf Jahren ſaß.“ „Er heißt?“ „Ah! Monſeigneur kennt ihn wohl: den Grafen von Rochefort.“ „In der That, ja,“ verſetzte der Coadjutor,„ich habe von dieſer Geſchichte ſprechen hören; Ihr brachtet 29. ganze Quartier in Aufruhr, wie man mir er⸗ zählte.“ „So ungefähr,“ ſagte Planchet mit ſelbſtzufrie⸗ dener Miene. „Und Ihr ſeid Eueres Standes?“ „Zuckerbäcker in der Rue des Lombards.“ „Erkläßt mir, wie es kommt, daß Ihr bei einem ſo friedlichen Gewerbe ſo kriegeriſche Neigungen habt?“ „Wie kommt es, daß mich Monſeigneur, der der Kirche angehört, in Reitertracht, den Degen an der Seite und die Sporen an den Stiefeln empfängt?“ „Meiner Treue, nicht ſchlecht geantwortet,“ ſagte —————— 1¹0 Um ſechs Uhr meldete man den Pfarrer von Saint⸗Mery. Der Coadjutor ſah lebhaft in das Vorzimmer und bemerkte, daß ihm ein anderer Mann folgte. „Laßt ihn eintreten,“ ſprach er. Der Pfarrer trat ein und Planchet mit ihm. „Monſeigneur,“ ſagte der Pfarrer von Saint⸗ Mery,„hier iſt die Perſon, von der ich mit Euch zu ſprechen die Ehre gehabt habe.“- Planchet grüßte mit der Miene eines Menſchen, welcher gute Häuſer beſucht hat. „Seid Jhr geneigt, der Sache des Volkes zu dienen?“ fragte Gondy. „Ich glaube wohl,“ antwortete Planchet;„ich nenne mich von ganzer Seele Frondeur. Ich bin, ſo wie Ihr mich ſeht, zum Strange verurtheeilt.“ „Aus welchem Anlaſſe?“ „Ich habe den Händen der Sergenten von Ma⸗ zarin einen edlen Herrn entriſſen, den ſie nach der Baſtille zurückführien, wo er ſeit fünf Jahren ſaß.“ „Er heißt?“ 6 „Ah! Monſeigneur kennt ihn wohl: den Grafen von Rochefort.“ „In der That, ja,“ verſetzte der Cvadjutor,„ich habe von dieſer Geſchichte ſprechen hören; Ihr brachtet ganze Quartier in Aufruhr, wie man mir er⸗ zähltr.“ „So ungefähr,“ ſagte Planchet mit ſelbſtzufrie⸗ dener Miene. 6 „Und Ihr ſeid Eueres Standes?“ „Zuckerbäcker in der Rue des Lombards.“ „Erklärt mir, wie es kommt, daß Ihr bei einen ſo friedlichen Gewerbe ſo kriegeriſche Reigungen habt?“ „Wie kommt es, daß mich Monſeigneur, der der Kirche angehört, in Reitertracht, den Degen an der Seite und die Sporen an den Stiefeln empfängt?“ „Meiner Treue, nicht ſchlecht geantwortet,“ ſogt ge gl 6 111 Gondy lachend,„aber Ihr wißt, daß ich trotz meines Ueberſchlages ſtets kriegeriſche Neigungen gehabt habe.“ „Wohl, Monſeigneur, ehe ich Conditor wurde, war ich drei Jahre Sergent im Regiment Piemont, und ehe ich drei Jahre Sergent im Regiment Pie⸗ mont wurde, hatte ich achtzehn Monate als Lackei bei Herrn d'Artagnan gedient.“ Gondy.. „Bei demſelben.“ „Aber man ſagt, er ſei ein wüthender Maza⸗ riner?⸗ „Er hat Recht!“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Nichts, Monſeigneur; Herr d'Artagnan iſt im Dienſte; Herr d'Artagnan folgt ſeinem Berufe, wenn er Mazarin vertheidigt, der ihn bezahlt, wie wir Bürger dem unſerigen folgen, wenn wir Mazarin an⸗ greifen, der uns beſtiehlt.“ „Ihr ſeid ein geſcheiter Burſche, mein Freund; kann man auf Euch zählen?“ „Ich glaubte, der Herr Pfarrer hätte ſich für mich verbürgt? „Allerdings, aber ich wünſchte, dieſe Verſicherung aus Euerem Munde zu vernehmen.“ „Ihr könnt auf mich zählen, Monſeigneur, voraus⸗ geſetzt, daß es ſich um eine Umwälzung durch die ganze Stadt handelt.“ „Gerade darum handelt es ſich. Wie viel Mann glaubt Ihr dieſe Nacht zuſammenbringen zu können?“ Zwei Hundert Musketen und fünf Hundert Helle⸗ barden.“ „Wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Rochefort zu gehorchen?“ 8„Ich würde ihm bis in die Hölle folgen, und das wi nicht wenig ſagen, denn ich halte ihn für fähig, in dieſelbe hinabzuſteigen.“ „Bei dem Lieutenant der Musketiere? fragte — immer 3 Saint⸗ uch zu nſchen, es ze nenne ſo wie Ma⸗ ch der F. Frafen r,„ich rachtet ir er⸗ zufrie⸗ S einem abt er det in der ſagt 111¹ Gondy lachend,„aber Ihr wißt, daß ich trotz meines Ueberſchlages ſtets kriegeriſche Neigungen gehabt habe.“ „Wohl, Monſeigneur, ehe ich Conditor wurde, war ich drei Jahre Sergent im Regiment Piemont, und ehe ich drei Jahre Sergent im Regiment Pie⸗ mont wurde, hatte ich achtzehn Monate als Lackei bei Herrn d'Artagnan gedient.“ „Bei dem Lieutenant der Musketiere?“ fragte Gondy. „Bei demſelben.“ „Aber man ſagt, er ſei ein wüthender Maza⸗ riner?“ „Er hat Recht!“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Nichts, Monſeigneur; Herr d'Artagnan iſt im Dienſte; Herr d'Artagnan folgt ſeinem Berufe, wenn er Mazarin vertheidigt, der ihn bezahlt, wie wir Bürger dem unſerigen folgen, wenn wir Mazarin an⸗ greifen, der uns beſtiehlt.“ 5 „Ihr ſeid ein geſcheiter Burſche, mein Freund; kann man auf Euch zählen?“ „Ich glaubte, der Herr Pfarrer hätte ſich für mich verbürst? „Allerdings, aber ich wünſchte, dieſe Verſicherung aus Euerem Munde zu vernehmen.“ —„Ihr könnt auf mich zählen, Monſeigneur, voraus⸗ geſetzt, vaß es ſich um eine Umwälzung durch die ganze Stadt handelt.“ „Gerade darum handelt es ſich. Wie viel Mann glaubt Ihr dieſe Nacht zuſammenbringen zu können?“ Zwei Hundert Musketen und fünf Hundert Helle⸗ barden.“ „Wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Rochefort zu gehorchen?“ „Ich würde ihm bis in die Hölle folgen, und das will nicht wenig ſagen, denn ich halte ihn für fähig, in dieſelbe hinabzuſteigen.“ „Bravo!“ „An welchem Zeichen wird man morgen die Freunde von den Feinden unterſcheiden können?“ „Jeder Frondeur mag einen Strohknoten an ſeinem Hute befeſtigen.“ „Gutz; gebt den Befehl. Die Parole.“ „Braucht Ihr Geld?“ „Geld kann in keiner Sache ſchaden, Monſeigneur; hat man keines, ſo wird man ſich ohne daſſelbe durch⸗ helfen, hat man, ſo werden die Dinge nur raſcher und beſſer gehen.“ Gondy ging an eine Kaſſe und zog einen Sack daraus hervor. „Hier ſind fünfhundert Piſtolen,“ ſprach er,„und geht die Angelegenheit gut, ſo zählt morgen auf die⸗ ſelbe Summe.“ „Ich werde getreulich über dieſes Geld Rechen⸗ ſchaft ablegen,“ ſagte Planchet und nahm den Sack unter den Arm. „Es iſt gut, ich empfehle Euch den Cardinal.“ „Seid unbeſorgt, er iſt in guten Händen.“ 4 Planchet ging ab, der Pfarrer blieb ein wenig zurück und ſagte:. „Seid Ihr zufrieden, Monſeigneur?“ „Ja, dieſer Menſch hat das Ausſehen eines ent⸗ ſchloſſenen Burſchen.“ „Er wird mehr thun, als er verſprochen hat.“ „Dann iſt es vortrefflich.“ Und der Pſarrer folgte Planchet, der ihn auf der Treppe erwartete. Zehn Minuten nachher meldete man den Pfarrer von Saint⸗Sulpice.“ Sobald die Thüre des Cabinets von Gondy ge⸗ öffnet wurde, ſtürzte ein Mann herein; es war der SGraf von Rochefort. 3 —„Ihr ſeid es, mein lieber Graf?“ ſagte von Gondy ihm die Hand reichend. 112 „Bravo!“ „An welchem Zeichen wird man morgen die Freunde von den Feinden unterſcheiden können2“ „Jeder Frondeur mag einen Strohknoten an ſeinem. Hute befeſtigen.“ „Gut; gebt den Befehl. Die Parole.“ „Braucht Ihr Geld?“ „Geld kann in keiner Sache ſchaden, Monſeigneur; hat man keines, ſo wird man ſich ohne daſſelbe durch⸗ helfen, hat man, ſo werden die Dinge nur raſcher und beſſer gehen.“ Gondy ging an eine Kaſſe und zog einen Sack daraus hervor. „Hier ſind fünfhundert Piſtolen,“ ſprach er,„und geht die Angelegenheit gut, ſo zählt morgen auf die⸗ ſelbe Summe.“ 2 „Ich werde getreulich über dieſes Geld Rechen⸗ ſchaft ablegen,“ fagte Planchet und nahm den Sack unter den Arm. „Es iſt gut, ich empfehle Euch den Cardinal.“ „Seid unbeſorgt, er iſt in guten Händen.“ Planchet ging ab, der Pfarrer blieb ein wenig zurück und ſagte: „Seid Ihr zufrieden, Monſeigneur?“ „Ja, dieſer Menſch hat das Ausſehen eines ent⸗ ſchloſſenen Burſchen.“ „Er wird mehr thun, als er verſprochen hat.“ „Dann iſt es vortrefflich.“ Und der Pſarrer folgte Planchet, der ihn auf der Treppe erwartete. Zehn Minuten nachher meldete man den Pfarrer von Saint⸗Sulpice.“ Sobald die Thüre des Cabinets von Gondy ge⸗ öffnet wurde, ſtürzte ein Mann herein; es war der Graf von Rochefort. „Ihr ſeid es, mein lieber Graf?“ ſagte von Gondy ihm die Hand reichend. Ro es ſpr len hat ſen nich chel mal bis Vo! Pri wol geb de 113 „Joör ſeid alſo endlich entſchloſſen?“ verſetzte ochefort.. „Ich bin es immer geweſen,“ erwiederte Gondy. „Sprechen wir nicht weiter hierüber, Ihr ſagt 74 4 ich glaube Euch. Wir geben Mazarin einen all?⸗ „Ich hoffe es.“ „Wann ſoll der Tanz beginnen?“ „Die Einladungen find fuͤr dieſe Nacht gemacht,“ ſprach der Coadjutor,„aber die Geiger werden erſt morgen früh zu ſpielen anfangen.“ „Ihr könnt auf mich und auf fünfzig Mann zäh⸗ len, die mir der Chevalier d'Humieères verſprochen hat, falls ich derſelben bedürfen ſollte.“ „Auf fünfzig Soldaten?“ „Er macht Rekruten und leiht ſie mir; iſt das Feſt vorüber und es fehlen einige davon, ſo werde ich ſie erſetzen.“ „Gut, mein lieber Rochefort, aber das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es ſonſt noch?“ fragte Rochefort lä⸗ nd. SFda5 habt Ihr mit Herrn von Beaufort ge⸗ macht?⸗ „„Er iſt in der Provinz Vendome, wo er wartet bis ich ihm ſchreibe, er möge zurückkommen.“ „Schreibt ihm, es iſt Zeit.“ „Ihr ſeid alſo Euerer Angelegenheit gewiß?“ „Ja, aber er muß eilen, denn kaum wird das Volk zur Empörung gebracht ſein, ſo haben wir zehn Prinzen für einen, welche ſich an die Spitze ſtellen wollen; zögert er, ſo findet er den Platz beſetzt.“ „Kann ich ihm den Rath in Euerem Auftrage chelt ggeben?“ „Allerdings.“ „Darf ich ihm ſagen, er könne auf Euch zählen 2 ⁴ 8 Zwanzig Jahre nachher. III. inde nem ur; rch⸗ cher und die⸗ en⸗ Sack nig ent⸗ der nan ge⸗ der on 113 „Ihr ſeid alſo endlich entſchloſſen?“ verſetzte Rochefort. „Ich bin es immer geweſen,“ erwiederte Gondy. „Sprechen wir nicht weiter hierüber, Ihr ſagt es und ich glaube Euch. Wir geben Mazarin einen Ball?“ „Ich hoffe es.“ 3 „Wann ſoll der Tanz beginnen?“ „Die Einladungen find für dieſe Nacht gemacht,“ ſprach der Coadjutor,„aber die Geiger werden erſt morgen früh zu ſpielen anfangen.“ „Ihr könnt auf mich und auf fünfzig Mann zäh⸗ len, die mir der Chevalier d'Humiéres verſprochen hat, falls ich derſelben bedürfen follte.“ „Auf fünfzig Soldaten?“ „Er macht Rekruten und leiht ſie mir; iſt das Feſt vorüber und es fehlen einige davon, ſo werde ich ſie erſetzen.“ „Gut, mein lieber Rochefort, aber das iſt noch nicht Alles.“ gel„Was gibt es ſonſt noch?“ fragte Rochefort lä⸗ elnd. „Was habt Ihr mit Herrn von Beaufort ge⸗ macht?“ „Er iſt in der Provinz Vendome, wo er wartet bis ich ihm ſchreibe, er möge zurückkommen.“ „Schreibt ihm, es iſt Zeit.“ „Ihr ſeid alſo Euerer Angelegenheit gewiß?“ „Ja, aber er muß eilen, denn kaum wird das Volk zur Empörung gebracht ſein, ſo haben wir zehn Prinzen für einen, welche ſich an die Spitze ſtellen wollenz zögert er, ſo findet er den Platz beſetzt.“ „Kann ich ihm den Rath in Euerem Auftrage geben?“ „Allerdings.“ „Darf ich ihm ſagen, er könne auf Euch zählen 2“ Zwanzig Jahre nachher. Uu. 8 114 „Gewiß... „Und Ihr werdet ihm jede Gewalt überlaſſen?...“ „Für den Krieg, jaz was die Politik betrifft...“ „Ihr wißt, daß das nicht ſeine Stärke iſt.“ „Er wird mich nach Belieben um einen Cardi⸗ nalshut unterhandeln laſſen.“ „Iſt Euch hieran gelegen?“ 3 „Da man mich zwingt, einen Hut von einer Form zu tragen, die mir nicht gefällt, ſo verlange ich wenig⸗ ſtens, daß dieſer Hut roth ſei.“ „Wir wollen nicht über Geſchmack und Farben ſtreiten,“ verſetzte Rochefort lachend; nich ſtehe für ſeine Einwilligung.“ „Und Ihr ſchreibt ihm noch dieſen Abend?“ „Ich thue etwas Beſſeres, ich ſchicke ihm einen Boten.“ „In wie viel Tagen kann er hier ſein?“ „In fünf.“ „Er mag kommen und wird eine Veränderung finden.“ „Ich wünſche es.“ „Ich bürge Euch dafür.“ „Alſo?“ „Sammelt Euere fünfzig Mann und haltet Euch) bereit.“ 4 „Wozu?“ „Zu Allem.“ „Gibt es ein Vereinigungszeichen?“ „Ein Strohknoten am Hute.“ 1 „Schön. Gott befohlen, Monſeigneur.“. 3 „Adieu, mein lieber Rochefort.“ „ Ahl Herr Mazarin,“ ſagte Rochefort, den Pfar⸗ rer, welcher nicht Gelegenheit gefunden hatte, bei dem ganzen Geſpräche ein Wort anzubringen, mit ſich fort⸗ ziehend,„Ihr werdet ſehen, ob ich zu einem Mann der Thätigkeit zu alt bin.“ Es war halb zehn Uhr, der Coadjutor bedurfte * 4 114 „Gewiß.“ „Und Ihr werdet ihm jede Gewalt überlaſſen?.. „Für den Krieg, ja; was die Politik betrifft.. „Ihr wißt, daß das nicht ſeine Stärke iſt.“ „Er wird mich nach Belieben um einen Cardi⸗ nalshut unterhandeln laſſen.“ „Iſt Euch hieran gelegen?“ „Da man mich zwingt, einen Hut von einer Form zu tragen, die mir nicht gefällt, ſo verlange ich wenig⸗ ſtens, daß dieſer Hut roth ſei.“ „Wir wollen nicht über Geſchmack und Farben ſtreiten,“ verſetzte Rochefort lachend;„ich ſtehe für ſeine Einwilligung.“ „Und Ihr ſchreibt ihm noch dieſen Abend?“ Boten.“ „In wie viel Tagen kann er hier ſein?“ „In fünf.“ „Er mag kommen und wird eine Veränderung finden. „Ich wünſche es.“ „Ich bürge Euch dafür.“ „Alſo?“ „Sammelt Euere fünfzig Mann und haltet Euch bereit.“ „Wozu?“ „Zu Allem.“ „Gibt es ein Vereinigungszeichen?“ „Ein Strohknoten am Hute.“ „Schön. Gott befohlen, Monſeigneur.“ „Adieu, mein lieber Rochefort.“ „Ah! Herr Mazarin,“ ſagte Rochefort, den Pfar⸗ rer, welcher nicht Gelegenheit gefunden hatte, bei dem ganzen Geſpräche ein Wort anzubringen, mit ſich fort⸗ ziehend,„Ihr werdet ſehen, ob ich zu einem Mann der Thätigkeit zu alt bin.“ Es war halb zehn Uhr, der Cvadjutor bevurfte „Ich thue etwas Beſſeres, ich ſchicke ihm einen ——— ——5 ing. zuch) 115 einer halben Stunde, um ſich von dem erzbiſchöflichen Palaſte nach dem Thurme Saint⸗Jacques⸗la⸗Bouche⸗ rie zu begeben.. Der Coadjutor bemerkte ein Licht an einem der höchſten Fenſter des Thurmes.. 1 „ ſeni, ſagte er,„unſer Bettler iſt an ſeinem oſten.“ Er klopfte, man öffnete ihm. Der Vicar ſelbſt harrte ſeiner und führte ihn voranleuchtend bis oben in den Thurm; hier angelangt, zeigte er ihm eine kleine Thüre, ſetzte das Licht in eine Ecke der Mauer, damit es der Coadjutor bei ſeinem Abgange finden könnte, und ſtieg wieder hinab. Der Coadjutor klopfte, obgleich der Schlüſſel in der Thüre ſtack. „ Herein,“ rief eine Stimme, in welcher der Coad⸗ jutor die des Bettlers erkannte. Von Gondy trat ein. Es war wirklich der Weih⸗ waſſergeber des Vorhofes von Saint⸗Euſtache. Er wartete auf einem ärmlichen Bette liegend. Als er den Coadjutor eintreten ſah, ſtand er auf. Es ſchlug zehn Uhr. —„Nun,“ fragte von Gondy,„haſt Du mir Wort gehalten?“ „Nicht ganz.“ „Wie ſo?“ 3 „Ihr habt fünfhundert Mann von mir gefordert, nicht wahr?“ 9 3 „Ja.“ „Nun, ich werde zweitauſend für Euch haben.“ „Du prahlſt nicht?“ „Wollt Ihr einen Beweis?“ „Ja.“ Es waren drei Lichter angezündet, jedes derſelben brannte vor einem Fenſter; das eine von dieſen Fen⸗ ſtern ging nach der Cité, das andere nach dem Palais⸗ Royal, das dritte nach der Rue Saint⸗Denis. ari⸗ Form enmi⸗ arben ſeine einen erung Euch Pfar⸗ i dem fort⸗ n der vurfte einer halben Stunde, um ſich von dem erzbiſchöflichen Palaſte nach dem Thurme Saint⸗Jacques⸗la⸗Bouche⸗ rie zu begeben. Der Coadjutor bemerkte ein Licht an einem der höchſten Fenſter des Thurmes. ſagte er,„unſer Bettler iſt an ſeinem oſten.“ Er klopfte, man öffnete ihm. Der Vicar ſelbſt harrte ſeiner und führte ihn voranleuchtend bis oben in den Thurm; hier angelangt, zeigte er ihm eine kleine Thüre, ſetzte das Licht in eine Ecke der Mauer, vamit es der Coadjutor bei ſeinem Abgange finden könnte, und ſtieg wieder hinab. Der Coadjutor klopfte, obgleich der Schlüſſel in der Thüre ſtack. „Herein,“ rief eine Stimme, in welcher der Coad⸗ jutor die des Bettlers erkannte. Von Gondy trat ein. Es war wirklich der Weih⸗ waſſergeber des Vorhofes von Saint⸗Euſtache. Er wartete auf einem ärmlichen Bette liegend. Als er den Coadjutor eintreten ſah, ſtand er auf. Es ſchlug zehn Uhr. „Nun,“ fragte von Gondy,„haſt Du mir Wort gehalten?“ „Nicht ganz.“ „Wie ſo?“ „Ihr habt fünfhundert Mann von mir gefordert, nicht wahr?“ „Ja.“ „Nun, ich werde zweitauſend für Euch haben.“ „Du prahlſt nicht?“ „Wollt Ihr einen Beweis?“ „Ja.“ Es waren drei Lichter angezündet, jedes derſelben brannte vor einem Fenſter; das eine von dieſen Fen⸗ ſtern ging nach der Cité, das andere nach dem Palais⸗ Royal, das dritte nach der Rue Saint⸗Denis. Der Bettler ging ſchweigend zu jedem von dieſen Lichtern und blies eines nach dem andern aus. Der Coadjutor befand ſich in der Finſterniß; das Zimmer wurde nur durch einen unſichern Strahl des Mondes beleuchtet, welcher durch ſchwarze Wolken hin⸗ zog, deren Enden er mit Silber befranste. „Was haſt Du gemacht?“ ſagte der Coadjutor. „Ich habe das Zeichen gegeben.“ „Welches?“ „Das zu den Barricaden.“ „Ahl ah!“ „Wenn Ihr von hier weggeht, werdet Ihr meine Leute bei der Arbeit ſehen. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht an einer Kette ſtoßt oder in ein Loch fallt und ein Bein brecht.“. „Gut. Hier iſt Deine Summe, dieſelbe, welche Du bereits empfangen haſt. Bedenke nun, daß Du ein Anführer biſt und gehe nicht trinken.“ „Ich habe ſeit zwanzig Jahren nur Waſſer ge⸗ trunken.“ Der Mann nahm den Sack aus den Händen des Coadjutors, welcher bald den Lärmen hörte, den die in dem Golde wühlenden Finger des Bettlers machten. „Ah! ah!“ ſagte der Coadjutor,„Du biſt geizig, mein Freund.“ 5 Der Bettler warf den Sack zurück und ſtieß einen Seufzer aus. „Werde ich denn immer derſelbe ſein?“ ſagte er, „wird es mir denn nie gelingen, den alten Menſchen abzuſtreifen? Oh Elend, oh Eitelkeit!“ „Du nimmſt es doch?“ „Ja, aber ich gelobe vor Euch, das, was mir da⸗ von übrig bleibt, zu frommen Werken zu verwenden.“ Sein Geſicht war bleich und zuſammengezogen, wie das eines Menſchen, der einen innern Kampf aus⸗ geſtanden hat. „Seltſamer Menſch!“ murmelte Gondy. 116 Der Bettler ging ſchweigend zu jedem von dieſen Lichtern und blies eines nach dem andern aus. Der Coadjutor befand ſich in der Finſterniß; das Zimmer wurde nur durch einen unſichern Strahl des WMondes beleuchtet, welcher durch ſchwarze Wolken hin⸗ zog, deren Enden er mit Silber befranste. „Was haſt Du gemacht?“ ſagte der Cvadjutor. „Ich habe das Zeichen gegeben.“ „Welches?“ „Das zu den Barricaden.“ „Ah! ah!“ „Wenn Ihr von hier weggeht, werdet Ihr meine Leute bei der Arbeit ſehen. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht an einer Kette ſtoßt oder in ein Loch fallt und ein Bein brecht.“ „Gut. Hier iſt Deine Summe, dieſelbe, welche Du bereits empfangen haſt. Bedenke nun„ daß Du ein Anführer biſt und gehe nicht trinken.“ „Ich habe ſeit zwanzig Jahren nur Waſſer ge⸗ trunken.“ Der Mann nahm den Sack aus den Händen des Coadjutors, welcher bald den Lärmen hörte, den die in dem Golde wühlenden Finger des Bettlers machten. „Ah! ah!“ ſagte der Coadjutor,„Du biſt geizig, mein Freund.“ Der Bettler warf den Sack zurück und ſtieß einen Seufzer aus. „Werde ich denn immer derſelbe ſein?“ ſagte er, „wird es mir denn nie gelingen, den alten Menſchen abzuſtreifen? Oh Elend, dh Eitelkeit!“ „Du nimmſt es doch?“ „Ja, aber ich gelobe vor Euch, das, was mir da⸗ von übrig bleibt, zu frommen Werken zu verwenden.“ Sein Geſicht war bleich und zuſammengezogen, wie das eines Menſchen, der einen innern Kampf aus⸗ geſtanden hat. „Seltſamer Menſch!“ murmelte Gondy. Ih haf das Jal Jahren.“ 117 Und er nahm ſeinen Hut, um zu gehen, aber ſich umwendend erblickte er den Bettler zwiſchen der Thüre und ihm. Sein erſter Gedanke war, dieſer Menſch wolle ihm etwas Schlimmes zufügen. Bald ſah er ihn aber im Gegentheil die Hände falten und auf die Kniee fallen. „Monſeigneur,“ ſagte der Bettler, ehe Ihr mich verlaßt, gebt mir Euren Segen, ich bitte Euch.“ „Monſeigneur!“ rief Gondy,„mein Freund, Du hältſt mich für einen Andern.“ 3 „Nein, Monſeigneur, ich halte Euch für den, der Ihr ſeid, für den Herrn Coadjutor; ich habe Euch mit dem erſten Blicke erkannt.“ Gondy lächelte und erwiederte: „Und Du willſt meinen Segen?“ „Ja, ich bedarf deſſelben.“ Der Bettler ſprach dieſe Worte mit einem Tone ſo großer Demuth, ſo tiefer Reue, daß Gondy ſeine Hand über ihn ausſtreckte und ihm ſeinen Segen mit aller Salbung gab, welcher er fähig war. „Nun beſteht Gemeinſchaft unter uns,“ ſagte der Coadjutor,„ich habe Dich geſegnet und Du biſt mir geheiligt, wie ich es meiner Seits für Dich bin. Sprich, haſt Du ein Verbrechen begangen, das die menſchliche Gerechtigkeit verfolgt und wobei ich Dich beſchützen kann?“ 5 Der Bettler ſchüttelte den Kopf. „Das Verbrechen, welches ich begangen habe, Monſeigneur, iſt nicht Sache der menſchlichen Gerech⸗ tigkeit, und Ihr könnt mich nur davon befreien, wenn Ihr mich oft ſegnet, wie Ihr es ſo eben gethan habt.“ „Sei offenherzig,“ verſetzte der Coadjutor,„Du haſt nicht Dein ganzes Leben das Gewerbe getrieben, das Du gegenwärtig treibſt.“ „Nein, Monſeigneur, ich treibe es erſt ſeit zehn ieſen das des hin⸗ zig, ien er, en a⸗ n.“ en, 16⸗ 117 Und er nahm ſeinen Hut, um zu gehen, aber ſich umwendend erblickte er den Bettler zwiſchen der Thüre und ihm. Sein erſter Gedanke war, dieſer Menſch wolle ihm etwas Schlimmes zufügen. Bald ſah er ihn aber im Gegentheil die Hände falten und auf die Kniee fallen. „Monſeigneur,“ ſagte der Bettler, ehe Ihr mich verlaßt, gebt mir Euren Segen, ich bitte Euch.“ „Monſeigneur!“ rief Gondy,„mein Freund, Du hältſt mich für einen Andern.“ „Nein, Monſeigneur, ich halte Euch für den, der Ihr ſeid, für den Herrn Coadjutor; ich habe Euch mit dem erſten Blicke erkannt.“ Gondy lächelte und erwiederte: „Und Du willſt meinen Segen?“ „Ja, ich bedarf deſſelben.“ Der Bettler ſprach dieſe Worte mit einem Tone ſo großer Demuth, ſo tiefer Reue, daß Gondy ſeine Hand über ihn ausßtreckte und ihm ſeinen Segen mit aller Salbung gab, welcher er fähig war. „Nun beſteht Gemeinſchaft unter uns,“ ſagte der Coadjutor,„ich habe Dich geſegnet und Du biſt mir geheiligt, wie ich es meiner Seits für Dich bin. Sprich, haſt Du ein Verbrechen begangen, das die menſchliche Gerechtigkeit verfolgt und wobei ich Dich beſchützen kann?“ Der Bettler ſchüttelte den Kopf. „Das Verbrechen, welches ich begangen habe, Monſeigneur, iſt nicht Sache der menſchlichen Gerech⸗ tigkeit, und Ihr könnt mich nur davon befreien, wenn Ihr mich oft ſegnet, wie Ihr es ſo eben gethan habt.“ „Sei offenherzig,“ verſetzte der Coadjutor,„Du haſt nicht Dein ganzes Leben das Gewerbe getrieben, das Du gegenwärtig treiöſt.“ „Nein, Monſeigneur, ich treibe es erſt ſeit zehn Jahren.“ 118 „Wo warſt Du vorher?“ „In der Baſtille.“ „Und ehe Du in die Baſtille kamſt?“ „ch werde es Euch an dem Tage ſagen, Mon⸗ ſeigneur, wo Ihr mich Beichte hören wollt.“ „Es iſt gut. Erinnere Dich, daß ich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, in der Du Dich bei mir einfindeſt, bereit bin, Dir die Abſolution zu geben.“ 1 „Ich danke,“ ſagte der Bettler mit dumpfem Tone,„aber ich bin noch nicht bereit, ſie zu em⸗ pfangen.“ „Wohl denn. Gott befohlen.“ „Gott befohlen,“ ſprach der Bettler, die Thüre öffnend und ſich vor dem Prälaten verbeugend. Der Coadjutor nahm das Licht, ſtieg die Treppe hinab und verließ den Thurm träumeriſch. IX. Der Auffland. Es war ungefähr eilf Uhr Nachts. Gondy hatte keine hundert Schritte in den Straßen von Paris ge⸗ macht, als er eine ſeltſame Veränderung wahrnahm. Die ganze Stadt ſchien von phantaſtiſchen Weſen bewohnt; man ſah ſchweigſame Schatten, welche die flaſterſteine aufriſſen, andere, welche Karren zogen und dieſe umwarfen, machten, konnten. Alle dieſe ſo thätigen, raſtlos hin und her laufenden, irgend ein unbekanntes Werk verrichtenden Perſonen waren Bettler, wieder andere, welche Gräben die ganze Reiter⸗Compagnien verſchlingen waren Agenten des Weih⸗ — 118 „Wo warſt Du vorher?“ „In der Baſtille.“ „Und ehe Du in die Baſtille kamſt?“ „Ich werde es Euch an dem Tage ſagen, Mon⸗ ſeigneur, wo Ihr mich Beichte hören wollt.“ „Es iſt gut. Erinnere Dich, daß ich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, in der Du Dich bei mir einfindeſt, bereit bin, Dir die Abſolution zu geben.“ „Ich danke,“ ſagte der Bettler mit dumpfem Tone,„aber ich bin noch nicht bereit, ſie zu em⸗ pfangen.“ „Wohl denn. Gott befohlen.“ „Gott befohlen,“ ſprach der Bettler, die Thüre öffnend und ſich vor dem Prälaten verbeugend. Der Coadjutor nahm das Licht, ſtieg die Treppe hinab und verließ den Thurm träumeriſch. IX. Ver Aufland. Es war ungefähr eilf Uhr Nachts. Gondy hatte keine hundert Schritte in den Straßen von Paris ge⸗ macht als er eine ſeltſame Veränderung wahrnahm. Die ganze Stadt ſchien von phantaſtiſchen Weſen bewohnt; man ſah ſchweigſame Schatten, welche die Pflafterfteine aufriſſen, andere, welche Karren zogen und dieſe umwarfen, wieder andere, welche Gräben machten, die ganze Reiter⸗Compagnien verſchlingen konnten. Alle dieſe ſo thätigen, raſtlos hin und her laufenden, irgend ein unbekanntes Werk verrichtenden Perſonen waren Bettler, waren Agenten des Weih⸗ 2S5S=SSs — 119 waſſergebers aus dem Vorhofe der Saint⸗Euſtache⸗ Kirche, welche Barricaden für den andern Tag be⸗ reiteten. 3 Gondy betrachtete dieſe Männer der Finſterniß, dieſe nächtlichen Arbeiten mit einem gewiſſen Schrecken; er fragte ſich, ob es, nachdem er die unreinen Ge⸗ ſchöpfe aus ihren Schlupfwinkeln hervorgerufen, in ſeiner Gewalt läge, ſie wieder dahin zurückzubringen. Wenn ſich eines von dieſen Weſen ihm näherte, war er bereit, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Er erreichte die Rue Saint⸗Honoré und folgte dieſer nach der Rue de la Ferronnerie zuſchreitend. Hier änderte ſich die Geſtalt der Dinge. Kaufleute liefen von Bude zu Bude; die Thüren ſchienen ge⸗ ſchloſſen wie die Läden, aber ſie waren nur angelehnt, ſo daß ſie ſich leicht öffneten und wieder zugemacht wurden, ſobald die Menſchen aus⸗ und einſchlüpfen wollten, welche ſich zu fürchten ſchienen, man könnte das, was ſie trugen, ſehen. Dieſe Leute waren die Budeninhaber, welche Waffen beſaßen und denen, die keine hatten, ſolche liehen. Ein Menſch ging gebeugt unter der Laſt von Schwertern, Büchſen, Musketen, Waffen aller Art von Thüre zu Thüre und gab dieſe je nach den Ver⸗ hältniſſen ab. Bei dem Schimmer einer Laterne er⸗ kannte der Coadjutor Planchet. Der Coadjutor erreichte durch die Rue de la Mon⸗ naie den Quai; auf dem Quai ſtanden unbewegliche Gruppen von Männern in ſchwarzen oder grauen Mänteln, je nachdem ſie der hohen oder der niedern Bürgerſchaft angehörten, während einzelne Menſchen von einer Gruppe zu der andern gingen. Alle dieſe ſchwarzen oder grauen Mäntel waren hinten durch das Ende eines Degens, vorne durch den Lauf einer Büchſe oder einer Muskete aufgehoben. Als der Coadjutor auf den Pont⸗Neuf kam, fand er dieſe Brücke bewacht. Ein Mann näherte ſich ihm. 1¹9 waſſergebers aus dem Vorhofe der Saint⸗Euſtache⸗ Kirche, welche Barricaden für den andern Tag be⸗ reiteten. Gondy betrachtete dieſe Männer der Finſterniß, on⸗ dieſe nächtlichen Arbeiten mit einem gewiſſen Schrecken; er fragte ſich, ob es, nachdem er die unreinen Ge⸗ de ſchöpfe aus ihren Schlupfwinkeln hervorgerufen, in ich ſeiner Gewalt läge, ſie wieder dahin zurückzubringen. zu Wenn ſich eines von dieſen Weſen ihm näherte, war er bereit, das Zeichen des Kreuzes zu machen. fem Er erreichte die Rue Saint⸗Honoré und folgte em⸗ dieſer nach der Rue de la Ferronnerie zuſchreitend. Hier änderte ſich die Geſtalt der Dinge. Kaufleute liefen von Bude zu Bude; die Thüren ſchienen ge⸗ üre ſchloſſen wie die Läden, aber ſie waren nur angelehnt, ſo daß ſie ſich leicht öffneten und wieder zugemacht ppe wurden, ſobald die Menſchen aus⸗ und einſchlüpfen wollten, welche ſich zu fürchten ſchienen, man könnte das, was ſie trugen, ſehen. Dieſe Leute waren die Budeninhaber, welche Waffen beſaßen und denen, die keine hatten, ſolche liehen. Ein Menſch ging gebeugt unter der Laſt von Schwertern, Büchſen, Musketen, Waffen aller Art von Thüre zu Thüre und gab dieſe je nach den Ver⸗ hältniſſen ab. Bei dem Schimmer einer Laterne er⸗ kannte der Coadjutor Planchet. Der Coadjutor erreichte durch die Rue de la Mon⸗ atte naie den Quai; auf dem Quai ſtanden unbewegliche ge⸗ Gruppen von Männern in ſchwarzen oder grauen Mänteln, je nachdem ſis der hohen oder der niedern eſen Bürgerſchaft angehörten, während einzelne Menſchen die von einer Gruppe zu der andern gingen. Alle dieſe en ſchwarzen oder grauen Mäntel waren hinten durch ben das Ende eines Degens, vorne durch den Lauf einer gen Büchſe oder einer Muskete aufgehoben. her Als der Cvadjutor auf den Pont⸗Neuf kam, fand den er dieſe Brücke bewacht. Ein Mann näherte ſich ihm. eih⸗ „Wer ſeid Ihr?“ fragte dieſer Mann,„ich er⸗ kenne Euch nicht als einen der Unſern.“ „Ihr erkennt Euere Freunde nicht, mein lieber Herr Louviéres,“ ſprach der Coadjutor, den Hut lüpfend. Louvieres erkannte ihn und verbeugte ſich. Gondy ſetzte ſeine Runde fort und ging bis zu der Tour de Nesle hinab. Hier ſah er eine lange Reihe von Menſchen, welche an den Mauern hin⸗ ſchlüpften. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine Prozeſſion von Geſpenſtern, denn ſie hatten ſich ins⸗ geſammt in weiße Mäntel gehüllt. An eine gewiſſe Stelle gelangt, ſchienen alle dieſe Leute hintereinander zu verſchwinden, als ob die Erde unter ihren Füßen gewichen wäre. Gondy lehnte ſich in eine Ecke und ſah ſie von dem erſten bis zu dem vorletzten verſchwin⸗ den. Dieſer ſchlug die Augen auf, ohne Zwei⸗ fel, um ſich zu verſichern, daß er und ſeine Genoſſen nicht beſpäht würden, und erblickte Gondy trotz der Dunkelheit. Er ging gerade auf ihn zu und ſetzte ihm die Piſtole auf die Bruſt. „Holla! Herr von Rochefort,“ ſagte Gondy la⸗ chend, keinen Scherz mit Feuergewehren.“ Rochefort erkannte die Stimme und erwiederte: „Ah! Ihr ſeid es, Monſeigneur.“ „Ich ſelbſt. Aber was fur Menſchen führt Ihr da in die Eingeweide der Erde?“ „Meine fünfzig Rekruten vom Chevalier d'Hu⸗ mieres, ſie ſind dazu beſtimmt, bei den Chevauxlegers einzutreten, und haben als ganze Equipirung nichts erhalten, als ihre weißen Mäntel.“ „Und Ihr geht?“ „Zu einem meiner Freunde, einem Bildhauer; nur ſteigen wir durch die Fallthüre hinab, durch welche er ſeine Marmorblöcke hinunterläßt.“ „Sehr gut,“ ſagte Gondy und drückte Kochefort 1 —. 120 „Wer ſeid Ihr?“ fragte dieſer Mann,„ich er⸗ kenne Euch nicht als einen der Unſern.“ „Ihr erkennt Euere Freunde nicht, mein lieber Herr Louvieres,“ ſprach der Coadjutor, den Hut lüpfend. Louviéres erkannte ihn und verbeugte ſich. Gondy ſetzte ſeine Runde fort und ging bis zu der Tour de Nesle hinab. Hier ſah er eine lange Reihe von Menſchen, welche an den Mauern hin⸗ ſchlüpften. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine Prozeſſion von Geſpenſtern, denn ſie hatten ſich ins⸗ geſammt in weiße Mäntel gehüllt. An eine gewiſſe Stelle gelangt, ſchienen alle dieſe Leute hintereinander zu verſchwinden, als ob die Erde unter ihren Füßen gewichen wäre. Gondy lehnte ſich in eine Ecke und ſah ſie von dem erſten bis zu dem vorletzten verſchwin⸗ den. Dieſer ſchlug die Augen auf, ohne Zwei⸗ fel, um ſich zu verſichern, daß er und ſeine Genoſſen nicht beſpäht würden, und erblickte Gondy trotz der Dunkelheit. Er ging gerade auf ihn zu und ſetzte ihm die Piſtole auf die Bruſt. „Holla! Herr von Rochefort,“ ſagte Gondy la⸗ chend,„keinen Scherz mit Feuergewehren.“ Rochefort erkannte die Stimme und erwiederte: „Ah! Ihr ſeid es, Monſeigneur.“ „Ich ſelbſt. Aber was für Menſchen führt Ihr da in die Eingeweide der Erde?“ „Meine fünfzig Rekruten vom Chevalier d'Hu⸗ mieres, ſie ſind dazu beſtimmt, bei den Chevauxlegers einzutreten, und haben als ganze Equipirung nichts erhalten, als ihre weißen Maͤntel.“ „Und Ihr geht?“ „Zu einem meiner Freunde, einem Bildhauer; nur ſteigen wir durch die Fallthüre hinab, durch welche er ſeine Marmorblöcke hinunterläßt.“ „Sehr gut,“ ſagte Gondy und drückte Rochefort — ——— Aà—— A 121 die Hand; dieſer ſtieg nun auch hinab und ſchloß die Fallthüre hinter ſich. Der Coadjutor ging wieder nach Hauſe. Es war ein Uhr Morgens. Er öffnete das Fenſter und neigte ſich hinaus, um zu horchen. Durch die ganze Stadt herrſchte ein ſeltſames, unerhörtes, unbekanntes Geräuſch; man fühlte, daß in allen dieſen finſtern Straßen etwas Ungewöhnliches, Furchtbares vorging. Von Zeit zu Zeit hörte man ein dumpfes Toſen, dem eines ſich zuſammenballenden Sturmes oder einer ſteigenden Fluth ähnlich; aber nichts Klares, nichts Entſchiedenes, ſtellte ſich vor den Geiſt; man hätte glauben ſollen, es ſei eines von den geheimnißvollen, unterirdiſchen Geräuſchen, wie ſie dem Erdbeben vorhergehen. Das Werk der Empörung dauerte ſo die ganze Nacht fort. Am andern Morgen erwachend, ſchien Paris bei ſeinem eigenen Anblick zu beben. Alles hatte das Ausſehen einer belagerten Stadt. Bewaff⸗ nete Männer ſtanden bei den Barricaden mit drohen⸗ den Augen und die Muskete auf der Schulter. Pa⸗ trouillen, Verhaftungen, ſogar Executionen fand der Umhergehende auf jedem Schritte. Man packte die Federhüte und die goldenen Degen, um ſie:„Es lebe Brouſſell nieder mit Mazarinl⸗ ſchreien zu laſſen, und wer ſich gegen die Ceremonie ſträubte, wurde ausgeziſcht, angeſpuckt und ſogar geſchlagen. Man tödtete noch nicht, aber man fühlte, daß es nicht an Luſt dazu gebrach. Man hatte die Barricaden bis in die Nähe des Palais⸗Royal fortgeführt. Von der Rue des Bons⸗ Enfans bis zu der Rue de la Ferronnerie, von der Rue Saint⸗Thomas du Louvre bis zum Pont⸗Neuf, von der Rue Richelieu bis zu der Porte Saint⸗Honoré waren zehntauſend bewaffnete Menſchen, von denen die Vorderſten Ausforderungen den unempfindlichen Schildwachen des Regimentes der Garden zuriefen, 121 er⸗ die Hand; dieſer ſtieg nun auch hinab und ſchloß die — Fallthüre hinter ſich. eber Der Coadjutor ging wieder nach Hauſe. Es war Hut ein Uhr Morgens. Er öffnete das Fenſter und neigte ſich hinaus, um zu horchen. Durch die ganze Stadt herrſchte ein ſeltſames, s zu unerhörtes, unbekanntes Geräuſch; man fühlte, daß nge in allen dieſen finſtern Straßen etwas Ungewöhnliches, hin⸗ Furchtbares vorging. Von Zeit zu Zeit hörte man eine ein dumpfes Toſen, dem eines ſich zuſammenballenden ins⸗ Sturmes oder einer ſteigenden Fluth ähnlich; aber viſſe nichts Klares, nichts Entſchiedenes, ſtellte ſich vor nder den Geiſt; man hätte glauben ſollen, es ſei eines von ißen den geheimnißvollen, unterirdiſchen Geräuſchen, wie und ſie dem Erdbeben vorhergehen. vin⸗ Das Werk der Empörung dauerte ſo die ganze wei⸗ Nacht fort. Am andern Morgen erwachend, ſchien ſſen Paris bei ſeinem eigenen Anblick zu beben. Alles der hatte das Ausſehen einer belagerten Stadt. Bewaff⸗ ihm nete Männer ſtanden bei den Barricaden mit drohen⸗ den Augen und die Muskete auf der Schulter. Pa⸗ la⸗ trouillen, Verhaftungen, ſogar Executionen fand der Umhergehende auf jedem Schritte. Man packte die 5 Federhüte und die goldenen Degen, um ſie:„Es lebe Brouſſel! nieder mit Mazarin!“ ſchreien zu Ihr laſſen, und wer ſich gegen die Ceremonie ſträubte, wurde ausgeziſcht, angeſpuckt und ſogar geſchlagen. u⸗ Man tödtete noch nicht, aber man fühlte, daß es nicht ers an Luſt dazu gebrach. hts Man hatte die Barricaden bis in die Nähe des Palais⸗Royal fortgeführt. Von der Rue ves Bons⸗ Enfans bis zu der Rue de la Ferronnerie, von der er; Rue Saint⸗Thomas du Louvre bis zum Pont⸗Neuf, che von der Rue Richelien bis zu der Porte Saint⸗Honors waren zehntauſend bewaffnete Menſchen, von denen ort die Vorderſten Ausforderungen den unempfindlichen Schildwachen des Regimentes der Garden zuriefen, ————— 122 welche als Vedetten rings um das Palais⸗Royal auf⸗ geſtellt waren, deſſen Gitter man hinter ihnen wieder verſchloſſen hatte, eine Vorſichtsmaßregel, die ihre Lage ſehr gefährlich machte. Mitten durch Alles dieſes ſchwärmten Banden von hundert, von hundertundfünf⸗ zig, von zweihundert abgemagerten, bleichen, zerlump⸗ ten Menſchen, welche eine Art von Standarten trugen, auf denen die Worte:„Seht das Elend des Volkes“ geſchrieben ſtanden. Wohin dieſe Menſchen kamen, vernahm man wüthendes Geſchrei, und es gab ſolcher Banden ſo viele, daß man überall ſchrie. Groß war das Erſtaunen von Anna von Oeſter⸗ reich und von Mazarin, als ſie aufſtanden und man ihnen meldete, die am Abend zuvor noch ſo ruhige Cité erhebe ſich in fieberhafter Bewegung; weder die Eine noch der Andere wollte an die Berichte glauben, die man ihnen erſtattete, und Beide ſagten, ſie würden ſich in dieſer Hinſicht nur auf ihre Ohren und auf ihre Augen verlaſſin. Man öffnete ihnen ein Fenſter: ſie ſahen, ſie hörten und wurden überzeugt. Mazarin zuckte die Achſeln und gab ſich den An⸗ ſchein, als verachtete er dieſen Pöbel; aber er erbleichte ſichtbar und lief zitternd in ſein Cabinet, ſchloß ſein Gold und ſeine Juwelen in ſeine Koffer und ſteckte ſeine ſchönſten Diamanten an die Finger. Wü⸗ thend und ihrem Willen allein überlaſſen, ſchickte die Königin nach dem Marſchall Meilleraie, befahl ihm ſo viel Mannſchaft zu nehmen, als er wollte, und nachzuſehen, was dieſer Spaß zu bedeuten hätte. Der Marſchall war gewöhnlich ſehr verwegen und fürchtete ſich vor nichts, denn er hegte gegen das Volk die hohe Verachtung, welche den Kriegsleuten eigen⸗ thümlich iſt; er nahm hundertundfünfzig Mann und wollte über den Pont du Louvre hinausreiten, aber hier traf er Rochefort mit ſeinen fünfzig Chevaux⸗ legers und in Begleitung von wenigſtens fünfzehnhun⸗ dert Perſonen. Eine ſolche Barrière zu durchbrechen 122 welche als Vedeiten rings um das Palais⸗Royal auf⸗ geſtellt waren, deſſen Gitter man hinter ihnen wieder verſchloſſen hatte, eine Vorſichtsmaßregel, die ihre Lage ſehr gefährlich machte. Mitten durch Alles dieſes ſchwärmten Banden von hundert, von hundertundfünf⸗ zig, von zweihundert abgemagerten, bleichen, zerlump⸗ ten Menſchen, welche eine Art von Standarten trugen, auf denen die Worte:„Seht das Elend des Volkes“ geſchrieben ſtanden. Wohin dieſe Menſchen kamen, vernahm man wüthendes Geſchrei, und es gab ſolcher Banden ſo viele, daß man überall ſchrie. Groß war das Erſtaunen von Anng von Oeſter⸗ reich und von Mazarin, als ſie aufſtayden und man ihnen meldete, die am Abend zuvor noch ſo ruhige Cité erhebe ſich in fieberhafter Bewegung; weder die Eine noch der Andere wollte an die Berichte glauben, die man ihnen erſtattete, und Beide ſagten, ſie würden ſich in dieſer Hinſicht nur auf ihre Ohren und auf ihre Augen verlaſſen. Man öffnete ihnen ein Fenſter; ſie ſahen, ſie hörten und wurden überzeugt. Mazarin zuckte die Achſeln und gab ſich den An⸗ ſchein, als verachtete er dieſen Pöbel; aber er erbleichte ſichtbar und lief zitternd in ſein Cabinet, ſchloß ſein Gold und ſeine Juwelen in ſeine Koffer und ſteckte ſeine ſchönſten Diamanten an die Finger. Wü⸗ thend und ihrem Willen allein überlaſſen, ſchickte die Königin nach dem Marſchall Meilleraie, befahl ihm ſo viel Mannſchaft zu nehmen, als er wollte, und nachzuſehen, was dieſer Spaß zu bedeuten hätte. Der Marſchall war gewöhnlich ſehr verwegen und fürchtete ſich vor nichts, denn er hegte gegen das Volk die hohe Verachtung, welche den Kriegsleuten eigen⸗ thümlich iſt; er nahm hundertundfünfzig Mann und wollte über den Pont du Louvré hinausreiten, aber hier traf er Rochefort mit ſeinen fünfzig Chevaur⸗ legers und in Begleitung von wenigſtens fünfzehnhun⸗ dert Perſonen. Eine ſolche Barrière zu durchbrechen 123 war nicht möglich. Der Marſchall verſuchte es nicht einmal und kehrte auf den Quai zurück. Aber auf dem Pont⸗Neuf fand er Louvieres und ſeine Bürger. Diesmal verſuchte es der Marſchall an⸗ 3 zugreifen, doch er wurde mit Musketenſchüſſen empfan⸗ gen, während die Steine wie Hagel aus allen Fen⸗ * ſtern flogen. Er ließ dabei drei Menſchen. Er zog ſich nach dem Quartiere der Hallen zurück; hier aber fand er Planchet und ſeine Hellebardiere. Die Hellebarden wurden ihm drohend entgegengeſtreckt; er wollte über alle dieſe Graumäntel wegreiten, doch ddie Graumäntel hielten Stand und der Marſchall wich, vier von ſeinen Garden, welche ganz ſachte mit dem 1 blanken Gewehr getödtet worden waren, auf dem Plabe zurücklaſſend, nach der Rue Saint⸗Honoré zurück. Er drang nun in dieſe Straße; hier aber fand er die Barricaden des Bettlers von Saint⸗Euſtache. Sie waren nicht nur von bewaffneten Männern, ſondern auch von Weibern und Kindern bewacht. Meiſter Fri⸗ quet, der Beſitzer eines Degens und einer Piſtole— Beides von Louvières ihm geſchenkt— hatte eine ———n einen furchtbaren Lärmen. Der Marſchall hielt dieſen Punkt für ſchlechter be⸗ wacht, als die anderen, und wollte ihn forciren. Er ließ zwanzig Mann abſitzen, um die Barricade zu durchbrechen und zu öffnen. Die zwanzig Mann gin⸗ gen, während er und der Reſt ſeiner Truppe die An⸗ greifenden zu Pferde beſchützen würden, auf das Hin⸗ derniß los, aber hier hinter den Kothhäufen hervor, zwiſchen den Rädern der Karren durch, von den Stei⸗ nen herab begann ein furchtbares Schießen und bei dem Lärmen dieſes Schießens erſchienen die Hellebar⸗ diere von Planchet an der Ecke des Cimetiare des ᷣ u9 Td—oARA+ nen 8 8A 2 der Rue de la Monnaie, Bande von Bürſchchen wie er organiſirt und machte Innocents und die Bürger von Louvieres an der Ecke 123 . uß war nicht möglich. Der Warſchall verſuchte es nicht re einmal und kehrte auf den Quai zurück. ſes Aber auf dem Pont⸗Neuf fand er Louviöres und nf⸗ ſeine Bürger. Diesmal verſuchte es der Marſchall an⸗ p⸗ zugreifen, doch er wurde mit Musketenſchüſſen empfan⸗ en, gen, während die Steine wie Hagel aus allen Fen⸗ es ſtern flogen. Er ließ dabei drei Menſchen. en Er zog ſich nach dem Quartiere der Hallen zurück; ab hier aber fand er Planchet und ſeine Hellebardiere. Die Hellebarden wurden ihm drohend entgegengeſtreckt; er⸗ er wollte über alle dieſe Graumäntel wegreiten, doch fan die Graumäntel hielten Stand und der Marſchall wich, ité ier von ſeinen Garden, welche ganz ſachte mit dem blanken Gewehr getödtet worden waren, auf dem 3 1 zurücklaſſend, nach der Rue Saint⸗Honoré zurück. Er drang nun in dieſe Straße; hier aber fand er er: die Barricaden des Bettlers von Saint⸗Euſtache. Sie waren nicht nur von bewaffneten Männern, ſondern Un⸗ auch von Weibern und Kindern bewacht. Meiſter Fri⸗ hte quet, der Beſitzer eines Degens und einer Piſtole S loß Beides von Louvisres ihm geſchenkt— hatte eine und. Bande von Bürſchchen wie er organiſirt und machte gü⸗ einen furchtbaren Lärmen.. die Der Marſchall hielt dieſen Punkt für ſchlechter be⸗ hm wacht, als die anderen, und wollie ihn forciren. Er und ließ zwanzig Mann abſitzen, um die Barricade zu durchbrechen und zu öffnen. Die zwanzig Mann gin⸗ und gen, während er und der Reſt ſeiner Truppe die An⸗ olt greifenden zu Pferde beſchützen würden, auf das Hin⸗ 6 derniß los, aber hier hinter den Kothhäufen hervor, und zwiſchen den Rädern der Karren durch, von den Stei⸗ ber nen herab begann ein furchtbares Schießen und bei u dem Lärmen dieſes Schießens erſchienen die Hellebar⸗ diere von Planchet an der Ecke des Cimetière des en nnocents und die Bürger von Louviöres an der Ecke der Rue de la Monnaie. 124 Feuer genommen. Der Marſchall de la Meilleraie war tapfer und beſchloß, auf dem Platze zu ſterben. Er gab Schuß für Schuß zurück und das Gebrüll des Schmerzes fing an in der Menge zu ertönen. Beſſer geübt, ſchoßen die Garden richtiger; aber viel zahlreicher, ſchmetterten ſie die Bürger unter einem wahren Eiſenorkan nieder. Seine Leute fielen um ihn her, wie ſie nur bei Ro⸗ croy und Lerida hätten fallen können. Fontrailles, ſeinem Adjutanten, wurde der Arm zerſchmettert, ſein Pferd bekam eine Kugel in den Hals und er hatte große Mühe, es zu bemeiſtern, denn der Schmerz machte es beinahe verrückt. Endlich war man zu dem äußerſten Augenblicke gelangt, wo der Bravſte den Schauer in ſeinen Adern und den Schweiß auf ſeiner Stirne fühlt, als plötzlich auf der Seite der Rue de PArbre⸗Sec die Menge unter dem Geſchrei:„Es lebe der Herr Coadjutor!“ ſich öffnete und Gondy im biſchöflichen Gewande erſchien, ganz ge⸗ laſſen mitten durch das Gewehrfeuer wandelnd und rechts und links ſo ruhig ſeinen Segen ſpendend, als ob er die Frohnleichnams⸗Prozeſſion führte. Alles fiel auf die Kniee. 3 Der Marſchall erkannte ihn, ritt auf ihn zu und agte: „Helft mir im Namen des Himmels von hier weg, oder ich muß meine Haut und die aller meiner Leute laſſen.“ Es war ein ſolches Getöſe, daß man das Nollen des Donners nicht gehört hätte. Gondy hob die Hände empor und forderte Stille. Man ſchwieg. Meine Kinder,“ ſprach er,„hier iſt der Herr Marſchall de la Meilleraie, in deſſen Abſichten Ihr Euch getäuſcht habt; er macht ſich verbindlich, bei ſei⸗ ner Rückkehr in den Louvre in Euerm Namen die Kö⸗ nigin um die Freilaſſung unſeres Brouſſel zu bitten. Der Marſchall de la Meilleraie war zwiſchen zwei ——— (52 Sͤ— 124 Der Marſchall de la Meilleraie war zwiſchen zwei Feuer genommen. Der Marſchall de la Meilleraie war tapfer und beſchloß, auf dem Platze zu ſterben. Er gab Schuß für Schuß zurück und das Gebrüll des Schmerzes fing an in der Menge zu ertönen. Beſſer geübt, ſchoßen die Garden richtiger; aber viel zahlreicher, ſchmetterten ſie die Bürger unter einem wahren Eiſenorkan nieder. Seine Leute fielen um ihn her, wie ſie nur bei Ro⸗ croy und Lerida hätten fallen können. Fontrailles, ſeinem Adjutanten, wurde der Arm zerſchmettert, ſein Pferd bekam eine Kugel in den Hals und er hatte große Mühe, es zu bemeiſtern, denn der Schmerz machte es beinahe verrückt. Endlich war man zu dem äußerſten Augenblicke gelangt, wo der Bravſte den Schauer in ſeinen Adern und den Schweiß auf ſeiner Stirne fühlt, als plötzlich auf der Seite der Rue de l'Arbre⸗Sec die Menge unter dem Geſchrei:„Es lebe der Herr Coadjutor!“ ſich öffnete und Gondy im biſchöflichen Gewande erſchien, ganz ge⸗ laſſen mitten durch das Gewehrfeuer wandelnd und rechts und links ſo ruhig ſeinen Segen ſpendend, als ob er die Frohnleichnams⸗Prozeſſion führte. Alles fiel auf die Kniee. Der Marſchall erkannte ihn, ritt auf ihn zu und agte: „Helft mir im Namen des Himmels von hier weg, oder ich muß meine Haut und die aller meiner Leute laſſen.“ Es war ein ſolches Getöſe, daß man das Rollen des Donners nicht gehört hätte. Gondy hob die Hände empor und forderte Stille. Man ſchwieg. „Meine Kinder,“ ſprach er,„hier iſt der Herr Narſchall de la Meilleraie, in deſſen Abſichten Ihr Euch getäuſcht habt; er macht ſich verbindlich, bei ſei⸗ ner Rückkehr in den Louvre in Euerm Namen die Kö⸗ nigin um die Freilaſſung unſeres Brouſſel zu bitten. hi men. Aber was geht d 7 Macht Ihr Euch hiezu anheiſchig, Marſchall?“ fügte Gondy ſich an la Meilleraie wendend bei. „Bei Gott,“ rief dieſer,„ich mache mich allerdings hiezu anheiſchig. Ich glaubte nicht ſo wohlfeilen Kau⸗ fes loszukommen.“ „Er gibt Euch ſein adeliges Ehrenwort,“ ſprach Gondy. Der Marſchall hob als Zeichen der Beipflichtung die Hand auf. „Es lebe der Coadjutor!“ rief die Menge. Ei⸗ nige Stimmen fügten ſogar beis„Es lebe der Mar⸗ ſchall!“ Alle aber wiederholten im Chor:„Nieder mit Mazarin!“ Die Menge wich auf beiden Seiten zurück; der Weg der Rue Saint⸗Honoré war der kürzeſte. Man öffnete die Barricaden, der Marſchall und der Reſt ſeiner Truppe zogen ſich zurück, Friquet und ſeine Banditen voran, wobei die Einen Trommeln, die Andern den Ton der Trompete nachahmten. Es war beinahe ein Triumphzug; nur ſchloſſen ſich die Barricaden hinter dem Marſchall wieder; der Marſchall nagte ſich an den Fingern. Während dieſer Zeit befand ſich Mazarin, wie ge⸗ ſagt, in ſeinem Cabinet und brachte ſeine kleinen An⸗ gelegenheiten in Ordnung. Er hatte nach d'Artagnan, geſchickt, hoffte aber nicht, ihn mitten unter dieſem Tumulte zu ſehen; d'Artagnan hatte nicht Dienſt. Nach Verlauf von zehn Minuten erſchien d'Artagnan, gefolgt von ſeinem unzertrennlichen Porthos, auf der Schwelle. „Ahl herein, herein „Herr d'Artagnan,“ rief der Cardinal „„und ſeid, ſo wie Euer Freund, willkom⸗ enn in dem verdammten Paris vor? „Was vorgeht, Monſeigneur? nichts Gutes,“ er⸗ wiederte d'Artagnan den Kopf ſchüttelnd;„die Stadt ſiſt in vollem Aufruhr und ſo eben, als ich mit Herrn 125 Macht Ihr Euch hiezu anheiſchig, Marſchall?“ fügte wei Gondy ſich an la Meilleraie wendend bei. „Bei Gott,“ rief dieſer,„ich mache mich allerdings ind hiezu anheiſchig. Ich glaubte nicht ſo wohlfeilen Kau⸗ buß fes loszukommen.“ ing 6„Er gibt Euch ſein adeliges Ehrenwort,“ ſprach ßen ondy. zen Dir Marſchall pob als Zeichen der Beipſlichtung ndie Ha atf. Ro⸗„Es lebe der Coadjutor)“ rief die Menge. Ei⸗ les, nige Stimmen fügten ſogar bei:„Es lebe der Mar⸗ ein ſchall!“ Alle aber wiederholten im Chor:„Rieder mit tte Mazarin!“ 8 erz Die Menge wich auf beiden Seiten zurück; der em Weg der Rue Saint⸗Honoré war der kürzeſte. Man den öffnete die Barricaden, der Marſchall und der Reſt ner ſeiner Truppe zogen ſich zurück, Friquet und ſeine ve Banditen voran, wobei die Einen Trommeln, die Es Andern den Ton der Trompete nachahmten. und Es war beinahe ein Triumphzug; nur ſchloſſen ge⸗ ſich die Barricaden hinter dem Marſchall wieder; der und Marſchall nagte ſich an den Fingern. als Während dieſer Zeit befand ſich Mazarin, wie ge⸗ ſagt, in ſeinem Cabinet und brachte ſeine kleinen An⸗ gelegenheiten in Ordnung. Er hatte nach d'Artagnan, und geſchickt, hoffte aber nicht, ihn mitten unter dieſem Tumulte zu ſehen; d'Artagnan hatte nicht Dienſt. ier Nach Verlauf von zehn Minuten erſchien dArtagnan, ner Lhn von ſeinem unzertrennlichen Porthos, auf der welle. len„Ah! herein, herein, Herr d'Artagnan,“ rief der die Cardinal,„und ſeid, ſo wie Euer Freund, willkom⸗ z Aber was geht denn in dem verdammten Paris rr vor! hr„Was vorgeht, Monſeigneur? nichts Gutes,“ er⸗ ei⸗ wiederte d'Artagnan den Kopf ſchüttelnd;„die Stadt kö⸗ iſt in vollem Aufruhr und ſo eben, als ich mit Herrn en. 126 du Vallon hier, der Cuer ergebener Diener iſt, durch die Rue Montorgueil kam, wollte man uns trotz mei⸗ ner Uniform und vielleicht gerade wegen meiner Uni⸗ form zwingen:„Es lebe Brouſſel!“ zu rufen, und darf ich ſagen, was wir noch mehr rufen ſollten?“ „Sprecht, ſprecht.“ „Nieder mit Mazarin!““ Meiner Treue, das Wort iſt heraus!“ f Mazarin lächelte, wurde aber ſehr bleich und ver⸗ etz te: „Und Ihr habt gerufen?“ „Meiner Treue, nein,“ ſprach d'Artagnan,„ich war nicht bei Stimme, und Herr du Vallon iſt heiſer und hat eben ſo wenig gerufen. Dann, Monſeig⸗ neur...“ „Was dann?“ „Schaut meinen Hut und meinen Mantel an.“ Und d'Artagnan zeigte vier Löcher von Kugeln an ſeinem Mantel und zwei an ſeinem Hute. Ein Helle⸗ bardenſtoß hatte den Rock von Porthos an der Seite ziſgeichlihe ein Piſtolenſchuß hatte ſeine Feder wegge⸗ riſſen. „Teufel!“ ſagte der Cardinal nachdenkend und die zwei Freunde mit naiver Bewunderung anſchauend, „ich hätte gerufen.“ In dieſem Augenblick kam der Lärmen näher. Mazarin trocknete ſich die Stirne ab und ſchaute umher. Er hatte große Luſt, an das Fenſter zu treten, aber er wagte es nicht. fas„Seht nach, was vorgeht, Herr d'Artagnan,“ agte er. DArtagnan trat mit ſeiner gewöhnlichen Sorg⸗ loſigkeit an das Fenſter. 3 „Ohl oh!“ rief er,„was iſt das? Der Mar⸗ ſchall de la Meilleraie kommt ohne Hut zurück, Fon⸗ trailles trägt ſeinen Arm in der Binde, verwundete Garden, Pferde ganz mit Blut überzogen.... Doch —,— 126 2 du Vallon hier, der Euer ergebener Diener iſt, durch die Rue Montorgueil kam, wollte man uns trotz mei⸗ ner Uniform und vielleicht gerade wegen meiner Uni⸗ form zwingen:„Es lebe Brouſſel!“ zu rufen, und darf ich ſagen, was wir noch mehr rufen ſollten 24 „Sprecht, ſprecht.“ „„Nieder mit Mazarin!“ Meiner Treue, das, Wort iſt heraus!“ Mazarin lächelte, wurde aber ſehr bleich und ver⸗ etzte: „Und Ihr habt gerufen?“ „Meiner Treue, nein,“ ſprach d'Artagnan,„ich war nicht bei Stimme, und Herr du Vallon iſt heiſer und hat eben ſo wenig gerufen. Dann, Monſeig⸗ neur „Was dann?“ „Schaut meinen Hut und meinen Mantel an.“ Und dArtagnan zeigte vier Löcher von Kugeln an ſeinem Mantel und zwei an ſeinem Hute. Ein Helle⸗ * bardenſtoß hatte den Rock von Porthos an der Seite aufgeſchlitzt, ein Piſtolenſchuß hatte ſeine Feder wegge⸗ riſſen.. „Teufel!“ ſagte der Cardinal nachdenkend und die zwei Freunde mit naiver Bewunderung anſchauend, „ich hätte gerufen.“ In dieſem Augenblick kam der Lärmen näher. Mazarin trocknete ſich die Stirne ab und ſchaute umher. Er hatte große Luſt, an das Fenſter zu treten, aber er wagte es nicht. „Seht nach, was vorgeht, Herr vArtagnan“; ſagte er.. D'Artagnan trat mit ſeiner gewöhnlichen Sorg⸗ loſigkeit an das Fenſter. „Ohl oh!“ rief er,„was iſt das? Der Mar⸗ ſchall de la Meilleraie kommt ohne Hut zurück, Fon⸗ trailles trägt ſeinen Arm in der Binde, verwundete Garden, Pferde ganz mit Blut überzogen Doch ² ——— ze⸗ die en, 1,6 ar⸗ dete och 127 was machen die Schildwachen? ſie ſchlagen an, ſie wollen ſchießen.“ „Sie haben Befehl erhalten, auf das Volk zu ſchießen,“ rief Mazarin,„wenn es ſich dem Palais⸗ 3 Royal nähern würde.“ „Wenn ſie Feuer geben, iſt Alles verloren,“ ſprach d'Artagnan. 2 „Wir haben die Gitter.“ „Die Gitter! ſie find für fünf Minuten; die Git⸗ ter! ſie werden ausgeriſſen, umgedreht, zermalmt. Schießt nicht, Mord und Tod!“ rief d'Artagnan, das Fenſter öffnend. d durch und zerſchmetterte einen Spie⸗ gel, in welchem ſich Porthos wohlgefällig betrachtete. 5 7,21 weh!“ rief der Cardinal,„ein venetianiſcher piegel.“ „Oh! Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan, ruhig das Fenſter wieder ſchließend,„weint noch nicht, es wahrſcheinlich nicht ein einziger von allen Euren Spie⸗ geln, mögen ſie von Venedig oder von Paris her⸗ ſtammen, im Palais⸗Royal mehr übrig ſein.“ „Aber wozu rathet Ihr denn?“ ſagte der Cardi⸗ nal zitternd. „Morbleu! ihnen Brouſſel herauszugeben, da ſie denſelben von Euch verlangen! Was Teufels wollt Ihr mit einem Rathe des Parlaments machen? Er „Und Ihr, Herr du Vallon, was iſt Euere Mei⸗ nung? Was würdet Ihr thun?* „Ich würde Brouſſel herausgeben,“ erwiederte Porthos. urch nei⸗ Uni⸗ darf das ver⸗ eiſer ſeig⸗ .“ ln an Helle⸗ Seite egge⸗ nd die end, r chaute treten, ℳ nan,, Sorg⸗ Mar⸗ „Fon⸗ undete .Doch 127 was machen die Schildwachen? ſie ſchlagen an, ſie wollen ſchießen.“ „Sie haben Befehl erhalten, auf das Volk zu ſchießen,“ rief Mazarin,„wenn es ſich dem Palais⸗ Royal nähern würde.“. „Wenn ſie Feuer geben, iſt Alles verloren,“ ſprach d'Artagnan. „Wir haben die Gitter.“ „Die Gitter! ſie find für fünf Minuten; die Git⸗ ter! ſie werden ausgeriſſen, umgedreht, zermalmt. Schießt nicht, Mord und Tod!“ rief d'Artagnan, das Fenſter öffnend. Trotz dieſes Befehls, der mitten im Tumulte nicht gehört werden konnte, erſchollen drei oder vier Musketenſchüſſe, worauf ein furchtbares Feuern folgte: man hörte die Kugeln an der Facade des Palais⸗ Royal raſſeln; eine derſelben ging unter dem Arme von d'Artagnan durch und zerſchmetterte einen Spie⸗ gel, in welchem ſich Porthos wohlgefällig betrachtete. „Oh weh!“ rief der Cardinal, vein venetianiſcher Spiegel.“ „Oh! Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan, ruhig das Fenſter wieder ſchließend,„weint noch nicht, es iſt nicht der Mühe werth, denn in einer Stunde wird wahrſcheinlich nicht ein einziger von allen Euren Spie⸗ geln, mögen ſie von Venedig oder von Paris her⸗ ſtammen, im Palais⸗Royal mehr übrig ſein.“ „Aber wozu rathet Ihr denn?“ ſagte der Cardi⸗ nal zitternd. „Morbleu! ihnen Brouſſel herauszugeben, da ſie denſelben von Euch verlangen! Was Teufels wollt Ihr mit einem Rathe des Parlaments machen? Er taugt zu nichts.“ „Und Ihr, Herr du Vollon, was iſt Euere Mei⸗ nung? Was würdet Ihr thun?“ „Ich würde Brouſſel herausgeben,“ erwiederte Porthos. 128 „Kommt, kommt, meine Herren!“ rief Mazarin; „ich will mit der Königin von der Sache ſprechen.“ ſagt Am Ende des Corridors blieb er ſtille ſtehen und agte: „Ich kann auf Euch zählen, meine Herren, nicht wahr?“ „Wir geben uns nicht zweimal,“ antwortete d'Artagnan; wir haben uns Euch gegeben, befehlt, wir werden gehorchen.“— „Gut!“ ſagte Mazarin,„tretet in dieſes Cabinet und wartet.“* Und einen Umweg machend, kehrte er durch eine andere Thüre in den Salon zurück. X. Die Meuterei wird zur Empörung. Das Cabinet, in welches man d'Artagnan und Porthos hatte eintreten laſſen, war von dem Salon, in welchem ſich die Königin befand, nur. durch Thür⸗ vorhänge getrennt. Die geringe Dicke der Scheide⸗ wand ließ alſo Alles hören, was vorging, während die Oeffnung zwiſchen den beiden Vorhängen, ſo ſchmal ſie auch war, Alles zu ſehen geſtattete.. Die Königin ſtand bleich vor Zorn in dem Salon; aber ihre Selbſtbeherrſchung war ſo groß, daß man hätte glauben ſollen, es gehe nicht die geringſte Be⸗ wegung in ihrem Gemüthe vor. Hinter ihr waren Comminges, Villequier und Guitaut, hinter den Männern die Frauen. Vor ihr ſtand der Kanzler Sequier, derſelbe, der . 128 „Kommt, kommt, meine Herren!“ rief Mazarin; „ich will mit der Königin von der Sache ſprechen.“ . Am Ende drs Corridors blieb er ſtille ſtehen und agte: kann auf Euch zählen, meine Herren, nicht „Wir geben uns nicht zweimal,“ antwortete d'Artagnan;„wir haben uns Euch gegeben, befehlt, wir werden gehorchen.“ „Gut!“ ſagte Mazarin,„tretet in dieſes Cabinet und wartet.“ Und einen Umweg machend, kehrte er durch eine andere Thüre in den Salon zurück. X. Die Meuterei wird zur Empörung. Das Cabinet, in welches man d'Artagnan und Porthos hatte eintreten laſſen, war von dem Salon, in welchem ſich die Königin befand, nur durch Thür⸗ vorhänge getrennt. Die geringe Dicke der Scheide⸗ wand ließ alſo Alles hören, was vorging, während die Oeffnung zwiſchen den beiden Vorhängen, ſo ſchmal ſie auch war, Alles zu ſehen geſtattete. Die Königin ſtand bleich vor Zorn in dem Salon; aber ihre Selbſtbeherrſchung war ſo groß, daß man hätte glauben ſollen, es gehe nicht die geringſte Be⸗ wegung in ihrem Gemüthe vor. Hinter ihr waren Comminges, Villequier und Guitaut, hinter den Männern die Frauen. 5 Vor ihr ſtand der Kanzler Sequier, derſelbe, der 4 129 ſie zwanzig Jahre vorher ſo heftig angegriffen hatte, und erzählte, ſein Wagen ſei in Stücke zerſchlagen worden, man habe ihn verfolgt und er habe ſich kaum noch in das Hotel dO... werfen können; dieſes Hotel ſei ebenfalls überfallen, geplündert und verwüſtet worden; zum Glücke habe er noch Zeit gehabt, ein unter der Tapete verborgenes Cabinet zu erreichen, wo ihn eine alte Frau mit ſeinem Bruder, dem Biſchof von Meaux, eingeſchloſſen. Hier ſei die Gefahr ſo groß geworden, die Wüthenden haben ſich dem Cabinet mit ſo heftigen Drohungen genähert, daß er im Glauben, ſeine letzte Stunde ſei gekommen, ſeinem Bruder gebeichtet habe, um, wenn er entdeckt würde, zum Sterben bereit zu ſein. Zum Glücke ſei dies nicht geſchehen; das Volk habe geglaubt, er ſei durch eine Hinterthüre entſchlüpft, und habe ſich, ihm dadurch freien Abzug gewährend, zurückgezogen. Er habe dann Kleider vom Marquis d'O„ angezogen und das Hotel, über die Leich⸗ name von einem Gefreiten und zwei Soldaten ſchrei⸗ tend, welche bei bei der Vertheidigung des Thores ge⸗ fallen, verlaſſen. Während dieſer Erzählung trat Mazarin ein, ſchlüpfte geräuſchlos neben die Königin und horchte. „Nun!“ fragte die Königin, als der Kanzler ge⸗ endigt hatte,„was denkt Ihr hievon?“ 3„Ich denke, daß die Sache ſehr ernſt iſt, Ma⸗ ame.“ „Aber welchen Rath gebt Ihr?“ „Ich würde Euerer Majeſtät wohl einen Rath geben, aber ich wage es nicht.“ 3 „Wagt es immerhin, mein Herr,“ verſetzte die Königin mit bitterem Lächeln.„Ihr habt wohl An⸗ deres gewagt.“ Der Kanzler erröthete und ſtammelte einige Worte. „Es iſt nicht von der Vergangenheit, ſondern von Zwanzig Jahre nachher. III. 9 und on, ür⸗ ide⸗ end mal on; nan Be⸗ ren den der 129 ſie zwanzig Jahre vorher ſo heftig angegriffen hatte, und erzählte, ſein Wagen ſei in Stücke zerſchlagen worden, man habe ihn verfolgt und er habe ſich kaum noch in das Hotel dO werfen können; dieſes Hotel ſei ebenfalls überfallen, geplündert und verwüſtet worden; zum Glücke habe er noch Zeit gehabt, ein unter der Tapete verborgenes Cabinet zu erreichen, wo ihn eine alte Frau mit ſeinem Bruder, dem Biſchof von Meaur, eingeſchloſſen. Hier ſei die Gefahr ſo groß geworden, die Wüthenden haben ſich dem Cabinet mit ſo heftigen Drohungen genähert, daß er im Glauben, ſeine letzte Stunde ſei gekommen, ſeinem Bruder gebeichtet habe, um, wenn er entdeckt würde, zum Sterben bereit zu ſein. Zum Glücke ſei dies nicht geſchehen; das Volk habe geglaubt, er ſei durch eine Hinterthüre entſchlüpft, und habe ſich, ihm dadurch freien Abzug gewährend, zurückgezogen. Er habe dann Kleider vom Marquis d'Od angezogen und das Hotel, über die Leich⸗ name von einem Gefreiten und zwei Soldaten ſchrei⸗ tend, welche bei bei der Vertheidigung des Thores ge⸗ fallen, verlaſſen. Während dieſer Erzählung trat Mazarin ein, ſchlüpfte geräuſchlos neben die Königin und horchte. „Nun!“ fragte die Königin, als der Kanzler ge⸗ endigt hatte,„was denkt Ihr hievon?“ „Ich denke, daß die Sache ſehr ernſt iſt, Ma⸗ ame.“ „Aber welchen Rath gebt Ihr?“ „Ich würde Euerer Majeſtät wohl einen Rath geben, aber ich wage es nicht.“ „Wagt es immerhin, mein Herr,“ verſetzte die Königin mit bitterem Lächeln.„Ihr habt wohl An⸗ deres gewagt.“ Der Kanzler erröthete und ſtammelte einige Worte. „Es iſt nicht von der Vergangenheit, ſondern von Zwanzig Jahre nachher. M. 9 1³⁰ der Gegenwart die Rede,“ erwiederte die Königin.„Ihr ſagtet, Ihr hättet mir einen Rath zu geben; worin beſteht er?“ „Madame,“ ſprach der Kanzler zögernd, ves handelte ſich darum, Brouſſel freizulaſſen.“ Die Königin, obgleich ſehr bleich, erbleichte ſicht⸗ bar noch mehr, ihr Geſicht zog ſich krampfhaft zuſam⸗ men und ſie rief: „Brouſſel freilaſſen... nie!“ In dieſem Augenblick hörte man Tritte im Vor⸗ ſaale und ohne gemeldet zu werden, erſchien der Mar⸗ ſchall de la Meilleraie auf der Türſchwelle. 3„Ah! Ihr ſeid hier, Marſchall,“ rief freudig Anna von Oeſterreich.„Ihr habt hoffentlich dieſe ganze Canaille zur Vernunft gebracht?“ „Madame,“ antwortete der Marſchall,„ich ver⸗ lor drei Mann auf dem Pont⸗Neuf, vier in den Hal⸗ len, ſechs an der Ecke der Rue de l'Arbre⸗Sec und zwei vor dem Thore Eueres Palaſtes, im Ganzen fünfzehn. Ich bringe zehn bis zwölf Verwundete zu⸗ rück. Mein Hut iſt von einer Kugel fortgeriſſen ich weiß nicht wo geblieben, und ohne Zweifel würde ich mit meinem Hute geblieben ſein, wäre nicht der Herr Coadjutor gekommen und hätte mich aus der Klemme gezogen.“ „In der That,“ ſprach die Königin,„es hätte mich gewundert, wenn die er Dachshund mit den krummen Beinen nicht mit dieſer ganzen Geſchichte vermiſcht ge⸗ weſen wäre.“ „Madame,“ verſetzte la Meilleraie lachend,„ſagt nicht zu viel Schlimmes von ihm in meiner Gegen⸗ wart, denn der Dienſt, den er mir geleiſtet hat, iſt noch ganz warm.“ „Gut,“ erwiederte die Königin,„ſeid dankbar ge⸗ gen ihn, ſo lange und ſo viel Ihr wollt, aber das legt mir keine Verbindlichkeit auf. Ihr ſeid geſund — 1³0 der Gegenwart die Rede,“ erwiederte die Königin.„Ihr ſagtet, Ihr hättet mir einen Rath zu geben; worin beſteht er?“ „Madame,“ ſprach der Kanzler zögernd,„es handelte ſich darum, Brouſſel freizulaſſen.“ Die Königin, obgleich ſehr bleich, erbleichte ſicht⸗ bar noch mehr, ihr Geſicht zog ſich krampfhaft zuſam⸗ men und ſie rief: „Brouſſel freilaſſen nie!“ In dieſem Augenblick hörte man Tritte im Vor⸗ ſaale und ohne gemeldet zu werden, erſchien der Mar⸗ ſchall de la Meilleraie auf der Türſchwelle. „Ah! Iyr ſeid hier, Marſchall,“ rief freudig Anna von Oeſterreich.„Ihr habt hoffentlich dieſe ganze Canaille zur Vernunft gebracht?“ „Madame,“ antwortete der Marſchall,„ich ver⸗ lor drei Mann auf dem Pont⸗Neuf, vier in den Hal⸗ len, ſechs an der Ecke der Rue de LArbre⸗Sec und zwei vor dem Thore Eueres Palaſtes, im Ganzen fünfzehn. Ich bringe zehn bis zwölf Verwundete zu⸗ rück. Mein Hut iß von einer Kugel fortgeriſſen ich weiß nicht wo geblieben, und ohne Zweifel würde ich mit meinem Hute geblieben ſein, wäre nicht der Herr Coadjutor gekommen und hätte mich aus der Klemme gezogen.“ „In der That,“ ſprach die Königin,„es hätte mich gewundert, wenn dieſer Dachshund mit den krummen Beinen nicht mit dieſer ganzen Geſchichte vermiſcht ge⸗ weſen wäre.“ „Madame,“ verſetzte la Meilleraie lachend,„ſagt nich! zu viel Schlimmes von ihm in meiner Gegen⸗ wart, denn der Dienſt, den er mir geleiſtet hat, iſt noch ganz warm.“ „Gut,“ erwiederte die Königin,„ſeid dankbar ge⸗ gen ihn, ſo lange und ſo viel Ihr wollt, aber das legt mir keine Verbindlichkeit auf. Ihr ſeid geſund 4 1 ver⸗ Hal⸗ und nzen zu⸗ e ich Herr mme hätte men t ge⸗ „ſagt egen⸗ noch r ge⸗ das eſund 131 und wohlbehalten hier, mehr verlange ich nicht; ſeid willkommen, ich freue mich Euerer Rückkehr.“ „Wohl, Madame, aber ich bin unter einer Bedin⸗ gung zurückzekehrt— ich habe Euch die Willensmei⸗ nung des Volkes zu überbringen.“ „Willensmeinung!“ ſprach Anna von Oeſterreich, die Stirne faltend.„Oh! oh! Herr Marſchall, Ihr müßt Euch in einer ſehr großen Gefahr befunden haben, daß Ihr eine ſolche Botſchaft übernahmet.“ Dieſe Worte wurden mit einer Ironie ausgeſprochen, welche dem Marſchall nicht entging. „Um Vergebung, Madame,“ ſagte der Marſchall, „ich bin kein Advokat, ſondern ein Kriegsmann, und verſtehe mich folglich nur ſchlecht auf ven Werth der Worte, ich hätte den Wunſch und nicht die Willens⸗ meinung des Volkes ſagen ſollen. Was die Antwort betrifft, mit der Ihr mich beehrtet, ſo glaube ich, Ihr wolltet damit ſogen, ich habe Furcht gehabt.“ Die Königin lächelte. „Nun wohl, ja, Madame, ich habe Furcht gehabt, es iſt das dritte Mal, daß mir dieß begegnet, und den⸗ noch bin ich bei zwölf ordentlichen Schlachten und ich weiß nicht bei wie vielen Gefechten und Scharmützeln geweſen; ja, ich habe Angſt gehabt, und ich will lieber Eurer Majeſtät gegenüberſtehen, ſo bevrohlich auch ihr Lächeln ſein mag, als dieſen hölliſchen Teufeln, die mich bis hieher begleitet haben.“ „Bravo!“ ſagte ganz leiſe d'Artagnan zu Porthos, „gut geantwortet.“ „Nun!“ ſprach die Königin, ſich in die Lippen beißend, während die Höflinge einander voll Verwunde⸗ rung anſchauten,„was iſt der Wunſch meines Volkes?“ „Daß man ihm Brouſſel zurückgebe, Madame,“ antwortete der Marſchall. „Nie,“ rief die Königin,„nie.“ „Euere Majeſtät iſt die Gebieterin,“ ſprach la 132 Meilletal⸗ ſich verbeugend und ging einen Schritt rück⸗ † wärts. „Wohin geht Ihr, Marſchall?“ ſagte die Königin. „Ich werde die Antwort Euerer Majeſtät denjeni⸗ gen überbringen, welche darauf warten.“ „Bleibt, Marſchall, ich will nicht das Anſehen haben, als unterhandelte ich mit Rebellen.“ 4 „Madame, ich habe mein Wort gegeben.“ „Das heißt?“ „Daß ich geneigt bin, hinabzugehen, wenn Ihr mich nicht verhaften laßt!“ Die Augen von Anna ſchleuderten Blitze. „Ohl das kann geſchehen, mein Herr,“ ſprach ſie; „ich habe Größere verhaften laſſen, als Ihr ſeid. Guitaut.“ Mazarin ſtürzte vor und ſprach: „Madame, dürfte ich Euch auch einen Rath ge⸗ ben.... „Vielleicht ebenfalls, Brouſſel freizulaſſen? In die⸗ ſem Falle könnt Ihr Euch die Mühe erſparen.“ „Nein, obgleich vielleicht dieſer Rath ſo viel werth iſt, als jeder andere.“ 1*. „Was alſo ſonſt?“ „Den Herrn Coadjutor rufen zu laſſen.. „Den Herrn Coadjutor!“ rief die Königin,„die⸗ ſen abſcheulichen Händelſtifter! Er hat die ganze Meu⸗ terei angezettelt.“ „Ein Grund mehr,“ ſprach Mazarin,„hat er ſie veranlaßt, ſo kann er ſie auch wieder auflöſen.“ 1 „Seht, Madame,“ ſprach Comminges, der an 5 einem Fenſter ſtand, durch das er hinausſch aute,„ſeht, die Gelegenheit iſt günſtig, denn hier iſt er und gibt ſeinen Segen über den Platz des Palais⸗Royal.z.. Die Königin lief an das Fenſter. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„hier iſt er, der Meiſter Heuchler!“, „Ich ſehe, daß alle Welt vor ihm niederkniet/ 4 132 Meilleraie ſich verbeugend und ging einen Schritt rück⸗ wärts. „Wohin geht Ihr, Marſchall?“ ſagte die Königin. „Ich werde die Antwort Euerer Majeſtät denjeni⸗ gen überbringen, welche darauf warten.“ „Bleibt, Marſchall, ich will nicht das Anſehen haben, als unterhandelte ich mit Rebellen.“ „Madame, ich habe mein Wort gegeben.“ „Das heißt?“ „Daß ich geneigt bin, hinabzugehen, wenn Ihr mich nicht verhaften laßt!“ Die Augen von Anna ſhleuderten Blitze. „Oh! das kann geſchehen, mein Herr,“ ſprach ſi ie; „ich habe Größere verhaften laſſen, als Ihr ſeid. Guitaut.“ Mazarin ſtürzte vor und ſprach: n, dürfte ich Euch auch einen Rath ge⸗ n„Zielleicht ebenfalls, Brouſſel freizulaſſen? In die⸗ ſem Falle könnt Ihr Euch die Mühe erſparen.“ „Nein, obgleich vielleicht dieſer Rath ſo viel werth iſt, als jeder andere.“ „Was alſo ſonſt?“ „Den Herrn Cvadjutor rufen zu laſſen.“ „Den Herrn Coadjutor!“ rief die Königin,„die⸗ ſen abſcheulichen Händelſtifter! Er hat die ganze Meu⸗ terei 4. „Ein Grund mehr,“ ſprach Mazarin,„hat er ſie veranlaßt, ſo kann er ſie auch wieder auflöſen.“ „Seht, Madame,“ ſprach Comminges, der an einem Fenſter ſtand, durch das er hinausſch aute,„ſeht, die Gelegenheit iſt günſtig, denn hier iſt er und gibt ſeinen Segen über den Platz des Palais⸗Royal.“ Die Königin lief an das Fenſter. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„hier iſt er, der Meiſter Heuchler!“ „Ich ſehe, daß alle Welt vor ihm niederkniet,“ — 133 . ſprach Mazarin,„obgleich er nur Coadjutor iſt, wäh⸗ rend man mich, wenn ich an ſeiner Stelle wäre, in Stücke zerreißen würde. Madame, ich beſtehe alſo auf . meinem Wunſche(Mazarin legte einen beſondern 3 Nachdruck auf dieſes Wort), daß Euere Majeſtät den Coadjutor empfange.“ 14„Und warum ſagt Ihr nicht auch auf Euerer Wil⸗ lensmeinung?“ antwortete die Königin mit leiſer Stimme. Mazarin verbeugte ſich. h Die Königin blieb einen Augenblick in Gedanken verſunken. Dann wieder das Haupt erhebend, ſprach ſie: „derr Marſchall, ſucht den Coadjutor und bringt ihn mir.“ „Und was ſoll ich dem Volke ſagen?“ fragte der Marſchall. e⸗.„Es ſoll Geduld haben, ich habe auch Geduld.“ „Es lag in der Stimme der ſtolzen Spanierin c. ein ſo gebieteriſcher Ausdruck„daß der Marſchall keine Bemerkung mehr machte, ſondern ſich verbeugte und abging. th te2 Artagnan wandte ſich nach Porthos um und ſagte: „Wie ſoll das Alles endigen?“ e⸗„Wir werden es wohl ſehen,“ antwortete Porthos „ mit ſeiner ruhigen Miene. d NNiittlerweile ging Anna von Oeſterreich auf Com⸗ ſie minges zu und ſprach ganz leiſe mit ihm. . Mazarin ſchaute voll Unruhe nach der Seite, wo an d'Artagnan und Porthos ſtanden. pt, Die andern Anweſenden wechſelten einzelne Worte ibt mit leiſer Stimme. h. Die Thüre öffnete ſich wieder und der Marſchall erſchien von dem Coadjutor gefolgt. ſter„Hier iſt Herr von Gondy, Madame,“ ſagte der MNarſchall, her beeilt ſich, den Befehlen Euerer Majeſtät e, Folge zu leiſten.“ 2 in. ni⸗ hen tich ie id. ge⸗ die⸗ rth die⸗ eu⸗ fie an eht, gibt ſter et,“ 133 ſprach Mazarin,„obgleich er nur Coadjutor iſt, wäh⸗ rend man mich, wenn ich an ſeiner Stelle wäre, in Stücke zerreißen würde. Madame, ich beſtehe alſo auf meinem Wunſche(Mazarin legte einen beſondern Nachdruck auf dieſes Wort), daß Euere Majeſtät den Coadjutor empfange.“ „Und warum ſagt Ihr nicht auch auf Euerer Wil⸗ lensmeinung?“ antwortete die Königin mit leiſer Stimme. Mazarin verbeugte ſich. Die Königin blieb einen Augenblick in Gedanken verſunken. Dann wieder das Haupt erhebend, ſprach ſie: „Herr Marſchall, ſucht den Coadjutor und bringt ihn mir.“ „Und was ſoll ich dem Volke ſagen?“ fragte der Marſchall. „Es ſoll Geduld haben, ich habe auch Geduld.“ Es lag in der Stimme der ſtolzen Spanierin ein ſo gebieteriſcher Ausdruck, daß der Marſchall keine ucs mehr machte, ſondern ſich verbeugte und abging. wandte ſich nach Porthos um und agte: „Wie ſoll das Alles endigen?“ „Wir werden es wohl ſehen,“ antwortete Porthos mit ſeiner ruhigen Miene. Mittlerweile ging Anna von Oeſterreich auf Com⸗ minges zu und ſprach ganz leiſe mit ihm. Mazarin ſchaute voll Unruhe nach der Seite, wo d'Artagnan und Porthos ſtanden. Die andern Anweſenden wechſelten einzelne Worte mit leiſer Stimme. Die Thüre öffnete ſich wieder und der Marſchall erſchien von dem Coadjutor gefolgt. „Hier iſt Herr von Gondy, Madame,“ ſagte der Marſchall,„er beeilt ſich, den Befehlen Euerer Majeſtät Folge zu leiſten.“ 1³⁴ Die Königin ging ihm vier Schritte entgegen und blieb kalt, ernſt, unbeweglich, die Unterlippe verächtlich vorgeſchoben, ſtille ſtehen. Gondy verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Nun, mein Herr,“ ſprach die Königin,„was ſagt Ihr zu dieſer Meuterei?“ 3 „Daß es nicht mehr eine Meuterei iſt, Madame,“ d antwortete der Coadjutor,„ſondern eine Empörung.“ „Die Empörnng iſt bei denjenigen, welche denken, mein Volk könne ſich empören!“ rief Anna, unfähig, ſich vor dem Coadjutor zu verſtellen, den ſie vielleicht mit Recht als den Anſtifter dieſer ganzen Aufregung betrachtete.„Empörung nennen diejenigen, welche ſie wünſchen, die Bewegung, die ſie ſelbſt gemacht haben; aber nur Geduld, das Anſehen des Königs wird die Sache in Ordnung bringen.“ „Madame,“ antwortete der Coadjutor kalt,„hat mich Euere Majeſtät, um mir dieſes zu ſagen, zu der Ehre Ihrer Gegenwart zugelaſſen?“ 3 „Nein, mein lieber Coadjntor,“ verſetzte Mazarin, „ſondern um Euch um einen Rath über die ärgerliche Lage der Dinge zu bitten, in der wir uns befinden.“ „Iſt es wahr,“ ſprach der Coadjutor, die Miene eines Erſtaunten heuchelnd,„daß mich Ihre Majeſtät hat rufen laſſen, um mich um Rath zu fragen?“ „Ja,“ ſagte die Königin,„man hat es gewollt.“ Der Coadjutor verbeugte ſich. b „Ihre Majeſtät wünſcht alſo...“ 3 3 „Daß Ihr ſagt, was Ihr an ihrer Stelle thu würdet,“ beeilte ſich Mazarin zu antworten. Der Coadiutor ſchaute die Königin an, dieſe machte ein beſtätigendes Zeichen.“ „An der Stelle Ihrer Majeſtät,“ erwiederte Gond kalt,„würde ich nicht zögern, ich würde Brouſſel het ausgeben.“ 5 „Und wenn ich ihn nicht herausgebe,“ rief die Königin,„was glaubt Ihr, daß dann geſchieht?“ 134 Die Königin ging ihm vier Schritte entgegen und blieb kalt, ernſt, unbeweglich, die Unterlippe verächtlich vorgeſchoben, ſtille ſtehen. Gondy verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Nun, mein Herr,“ ſprach die Königin,„was ſagt Ihr zu dieſer Meuterei?“ „Daß es nicht mehr eine Meuterei iſt, Madame,“ antwortete der Coadjutor,„ſondern eine Empörung.“ „Die Empörung iſt bei denjenigen, welche denken, mein Volk könne ſich empören!“ rief Anna, unfähig, ſich vor dem Coadjutor zu verſtellen, den ſie vielleicht mit Recht als den Anſtifter dieſer ganzen Aufregung betrachtete.„Empörung nennen diejenigen, welche ſie wünſchen, die Bewegung, die ſie ſelbſt gemacht haben; aber nur Geduld, das Anſehen des Königs wird die Sache in Ordnung bringen.“ „Madame,“ antwortete der Cvadjutor kalt,„hat mich Euere Majeſtät, um mir dieſes zu ſagen, zu der Ehre Ihrer Gegenwart zugelaſſen?“ „Nein, mein lieber Cvadjutor,“ verſetzte Mazarin, „ſondern um Euch um einen Rath über die ärgerliche Lage der Dinge zu bitten, in der wir uns befinden.“ „Iſt es wahr,“ ſprach der Coadjutor, die Miene eines Erſtaunten heuchelnd,„aß mich Ihre Majeſtät hat rufen laſſen, um mich um Roth zu fragen?“ „Ja,“ ſagte die Königin,„man hat es gewollt.“ Der Coadjutor verbeugte ſich. „Ihre Majeſtät wünſcht alſo „Daß Ihr ſagt, was Ihr an ihrer Stelle thun würdet,“ beeilte ſich Mazarin zu antworten. Der Cvadjutor ſchaute die Königin an, dieſe machte ein beſtätigendes Zeichen. „An der Stelle Ihrer Majeſtät,“ erwiederte Gondy kalt,„würde ich nicht zögern, ich würde Brouſſel her⸗ ausgeben.“ „Und wenn ich ihn nicht herausgebe,“ rief die Königin,„was glaubt Ihr, daß dann geſchieht?“ RAV—= ten Herrn Brouſſel— todt 3 verſteht.“ „Ich glaube, daß dann morgen in Paris kein Stein mehr auf dem andern ſein wird,“ ſagte der Marſchall. „Ich frage nicht Euch,“ ſprach die Königin mit trockenem Tone und ohne ſich umzuwenden,„ſondern Herrn von Gondy.“ „Wenn Jhre Majeſtät mich fragt,“ antwortete der Coadjutor mit derſelben Ruhe,„ſo ſage ich ihr, daß ic in jeder Hinſicht der Meinung des Herrn Marſchalls in.“ Die Röthe ſtieg der Königin in das Geſicht, ihre ſchönen blauen Augen ſchienen bereit, aus ihrem Kopfe zu treten; ihre carminrothen Lippen, von allen Dich⸗ tern jener Zeit mit Granatblüthen verglichen, erbleich⸗ ten und zitterten vor Wuth; ſie ſetzte ſogar Mazarin in Schrecken, der doch an furchtbare Scenen des Zorn⸗ ausbruches in dieſer ſchlimmen Ehe gewöhnt war. „Brouſſel herausgeben!⸗ rief ſie endlich mit einem ſchrecklichen Lächeln;„ein ſchöner Rath, bei meiner Treue! man ſieht wohl, daß er von einem Prieſter herkommt!“ 8 Spottreden an dem vorhergehenden; aber der Haß und die Rache häuften ſich ſtille und Tropfen für Tro⸗ pfen in ſeinem Herzen auf. Er ſchaute kalt die Köni⸗ bi an, welche Mazarin ſtieß, damit er auch etwas age. Seiner Gewohnheit gemäß dachte Mazarin viel und ſprach wenig. „He! he!“ ſagte er,„ein guter Rath, ein Freun⸗ des⸗Rath, ich würde ihn auch herausgeben, dieſen gu⸗ d Dor touſ oder lebendig— und Alles wäre abgemacht. „Würdet Ihr ihn todt herausgeben, ſo wäre wie Ihr ſagt, Alles abgemacht, aber anders, als Ihr es die at der in, che ene ſät t.“ n eſe dy er⸗ die 135 „Ich glaube, daß dann morgen in Paris kein Stein mehr auf dem andern ſein wird,“ ſagte der Marſchall. „Ich frage nicht Euch,“ ſprach die Königin mit trockenem Tone und ohne ſich umzuwenden,„ſondern Herrn von Gondy.“ „Wenn Ihre Majeſtät mich fragt,“ antwortete der Coadjutor mit derſelben Ruhe,„ſo ſage ich ihr, daß 3 in jeder Hinſicht der Meinung des Herrn Marſchalls in.“ Die Röthe ſtieg der Königin in das Geſicht, ihre ſchönen blauen Augen ſchienen bereit, aus ihrem Kopfe zu treten; ihre carminrothen Lippen, von allen Dich⸗ tern jener Zeit mit Granatblüthen verglichen, erbleich⸗ ten und zitterten vor Wuth; ſie ſetzte ſogar Mazarin in Schrecken, der doch an furchtbare Scenen des Zorn⸗ ausbruches in dieſer ſchlimmen Ehe gewöhnt war. „Brouſſel herausgeben! rief ſie endlich mit einem ſchrecklichen Lächeln;„ein ſchöner Rath, bei meiner Treue! man ſieht wohl, daß er von einem Prieſter herkommt!“ Gondy blieb unbewegt. Die Beleidigungen ſchie⸗ nen an dieſem Tage an ihm abzugleiten, wie die Spottreden an dem vorhergehenden; aber der Haß und die Rache häuften ſich ſtille und Tropfen für Tro⸗ pfen in ſeinem Herzen auf. Er ſchaute kalt die Köni⸗ an, welche Mazarin ſtieß, damit er auch etwas age. Seiner Gewohnheit gemäß dachte Mazarin viel und ſprach wenig. „He! he!“ ſagte er,„ein guter Rath, ein Freun⸗ des⸗Rath, ich würde ihn auch herausgeben, dieſen gu⸗ ten Herrn Brouſſel— todt oder lebendig— und Alles wäre abgemacht.“ „Würdet Ihr ihn todt herausgeben, ſo wäre wie Ihr ſagt, Alles abgemacht, aber anders, als Ihr es verſteht.“ „Habe ich todt oder lebendig geſagt?“ verſetzte Mazarin;„eine Redensart, Ihr wißt, daß ich das Franzöſiſche ſchlecht verſtehe, das Ihr, Herr Coadjutor, ſo gut ſprecht und ſchreibt.“ „Das iſt ein Staatsrath,“ ſagte d'Artagnan zu Porthos,„aber wir haben mit Athos und Aramis ei⸗ nen beſſern bei La Rochelle gehalten.“ „In der Baſtei Saint⸗Gervais,“ verſetzte Porthos. „Dort und anderswo.“ Der Coadjutor ſprach, beſtändig mit demſelben Phlegma: „Madame, wenn Eure Majeſtät den Rath nicht gut heißt, den ich ihr unterworfen habe, ſo kommt es ohne Zweifel davon her, daß ſie Beſſeres zu befolgen hat; ich kenne zu ſehr die Weisheit der Königin und ihrer Räthe, um annehmen zu können, man werde die Hauptſtadt in einer Unruhe laſſen, welche eine Staats⸗ umwälzung herbeiführen kann.“ „Euerer Meinung nach,“ verſetzte ſchnaubend die Spanierin und biß ſich in die Lippen,„kann die Meu⸗ terei von geſtern, welche man heute bereits eine Em⸗ pörung nennt, morgen zu einer Staatsumwälzung werden.“ „Ja, Madame,“ ſprach der Coadjutor ernſt. „Aber wenn man Euch hört, mein Herr, hätten die Völker jeden Zügel vergeſſen?“ „Das Jahr iſt ſchlecht für die Könige,“ ſprach Gondy, den Kopf ſchüttelnd;„ſchaut nach England hinüber, Madame.“ „Ja, aber glücklicher Weiſe haben wir in Frank⸗ reich keinen Oliver Cromwell,“ antwortete die Königin. „Wer weiß,“ verſetzte Gondy,„dieſe Leute gleichen dem Blitze, man lernt ſie erſt kennen, wenn ſie ſchla⸗ gen.“. . Alle Anweſenden bebten und es herrſchte einen Augenblick tiefes Stillſchweigen. 1 8 Während dieſer Zeit hatte die Königin ihre beid 136 „Habe ich todt oder lebendig geſagt?“ verſetzte Mazarin;„eine Redensart, Ihr wißt, daß ich das Franzöfiſche ſchlecht verſtehe, das Ihr, Herr Cvadjutor, ſo gut ſprecht und ſchreibt.“ „Das iſt ein Staatsrath,“ ſagte d'Artagnan zu Porthos,„aber wir haben mit Athos und Aramis ei⸗ nen beſſern bei La Rochelle gehalten.“ „In der Baſtei Saint⸗Gervais,“ verſetzte Porthos. „Dort und anderswo.“ Der Coadjutor ſprach, beſtändig mit demſelben Phlegma: „Madame, wenn Eure Majeſtät den Rath nicht gut heißt, den ich ihr unterworfen habe, ſo kommt es ohne Zweifel davon her, daß ſie Beſſeres zu befolgen hat; ich kenne zu ſehr die Weisheit der Königin und ihrer Räthe, um annehmen zu können, man werde die Hauptſtadt in einer Unruhe laſſen, welche eine Staats⸗ umwälzung herbeiführen kann.“ „Euerer Meinung nach,“ verſetzte ſchnaubend die Spanierin und biß ſich in die Lippen,„kann die Meu⸗ terei von geſtern, welche man heute bereits eine Em⸗ pörung nennt, morgen zu einer Staatsumwälzung werden.“ „Ja, Madame,“ ſprach der Cvadjutor ernſt. „Aber wenn man Euch hört, mein Herr, hätten die Völker jeden Zügel vergeſſen?“ „Das Jahr iſt ſchlecht für die Könige,“ ſprach Gondy, den Kopf ſchüttelnd;„ſchaut nach England hinüber, Madame.“ „Ja, aber glücklicher Weiſe haben wir in Frank⸗ reich keinen Oliver Cromwell,“ antwortete die Königin. „Wer weiß,“ verſetzte Gondy,„dieſe Leute gleichen dem Blitze, man lernt ſie erſt kennen, wenn ſie ſchla⸗ Alle Anweſenden bebten und es herrſchte einen Augenblick tiefes Stillſchweigen. Während dieſer Zeit haite die Königin ihre beiden der machen.“ 137 Hände auf die Bruſt gelegt; man ſah, daß ſie die ei⸗ ligen Schläge ihres Herzens zurückdrängen wollte. „Porthos,“ murmelte d'Artagnan,„ſchaut dieſen Prieſter an.“ „Gut, ich ſehe ihn,“ ſprach Porthos.„Nun?“ „Nun, es iſt ein Mann.“* Porthos betrachtete d'Artagnan mit erſtaunter Miene; offenbar begriff er nicht ganz, was ſein Freund damit ſagen wollte. „Cure Majeſtät,“ fuhr der Coadjutor unbarm⸗ herzig fort,„wird alſo die Maßregeln ergreifen, die ihr genehm ſind. Aber ich ſehe vorher, daß ſie furcht⸗ ar ſein und die Meuterer noch mehr aufbringen wer⸗ en.“ „Nun wohl, mein Herr Coadjutor, Ihr, der Ihr ſo viel Macht über ſie habt und der Ihr unſer Freund ſeid,“ ſprach ironiſch die Königin,„Ihr werdet ſie dann wohl zur Ruhe bringen, indem Ihr ihnen Euern Segen ſpendet.“ „Das wird vielleicht zu ſpät ſein,“ entgegnete Gondy eiſig,„und am Ende verliere ich ſelbſt jeden Einfluß, während Eure Majeſtät, wenn ſie ihnen Brouf⸗ ſel zurückgibt, dem Aufruhr die Wurzel abſchneidet und das Recht erhält, jedes Wiederbeginnen einer Em⸗ pörung auf das Grauſamſte zu beſtrafen.“ jainDieſes Recht habe ich alſo nicht?“ rief die Kö⸗ nigin. vo Benn Ihr es habt, gebraucht es,“ antwortete ondy. „ Teufel!“ ſagte d'Artagnan zu Porthos,„das iſt ein Charakter, wie ich ſie liebe; daß er nicht Miniſter ſt und ich nicht ſein d'Artagnan bin, ſtatt daß ich die⸗ ſem Knauſer von Mazarin gehöre! Ah! Mord und Cod! was für ſchöne Schläge würden wir mit einan⸗ tzte das or, zu ei⸗ os. ben icht es gen und die ts⸗ die eu⸗ Em⸗ ung 137 Hände auf die Bruſt gelegt; man ſah, daß ſie die ei⸗ ligen Schläge ihres Herzens zurückdrängen wollte. „Porthos,“ murmelte d'Artagnan,„ſchaut dieſen Prieſter an.“ „Gut, ich ſehe ihn,“ ſprach Porthos.„Nun?“ „Nun, es iſt ein Mann.“ Porthos betrachtete d'Artagnan mit erſtaunter Miene; offenbar begriff er nicht ganz, was ſein Freund damit ſagen wollte. „Eure Majeſtät,“ fuhr der Coadjutor unbarm⸗ herzig fort,„wird alſo die Maßregeln ergreifen, die ihr genehm ſind. Aber ich ſehe vorher, daß ſie furcht⸗ 3 ſein und die Meuterer noch mehr aufbringen wer⸗ en.“ „Nun wohl, mein Herr Coadjutor, Ihr, der Ihr ſo viel Macht über ſie habt und der Ihr unſer Freund ſeid,“ ſprach ironiſch die Königin,„Ihr werdet ſie dann wohl zur Ruhe bringen, indem Ihr ihnen Euern Segen ſpendet.“ „Das wird vielleicht zu ſpät ſein,“ entgegnete Gondy eiſig,„und am Ende verliere ich ſelbſt jeden Einfluß, während Eure Majeſtät, wenn ſie ihnen Brouſ⸗ ſel zurückgibt, dem Aufruhr die Wurzel abſchneidet und das Recht erhält, jedes Wiederbeginnen einer Em⸗ pörung auf das Grauſamſte zu beſtrafen.“ „Dieſes Recht habe ich alſo nicht?“ rief die Kö⸗ nigin. „Wenn Ihr es habt, gebraucht es,“ antwortete Gondy. „Teufel!“ ſagte d'Artagnan zu Porthos,„das iſt ein Charakter, wie ich ſie liebe; daß er nicht Miniſter iſt und ich nicht ſein d'Artagnan bin, ſtatt daß ich die⸗ ſem Knauſer von Mazarin gehöre! Ah]! Mord und Tod! was für ſchöne Schläge würden wir mit einan⸗ der machen.“ 138 „Ja,“ ſprach Porthos. Die Königin entließ mit einem Zeichen den Hof, Mazarin ausgenommen. Gondy verbeugte ſich und wollte ſich wie die Andern entfernen. „Bleibt, mein Herr,“ ſprach die Königin. „Gut,“ ſagte Gondy zu ſich ſelbſt,„ſie wird nach⸗ geben.“ „Sie wird ihn umbringen laſſen,“ ſagte d'Artagnan zu Porthos,„aber in jedem Falle geſchieht es nicht durch mich. Ich ſchwöre im Gegentheil zu Gott, daß ih wenn man über ihn herfällt, über die Andern her⸗ alle.“ „Ich auch,“ ſprach Porthos. Die Königin folgte mit den Augen den Perſonen, welche ſich entfernten. Als die letzte die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte, wandte ſie ſich um. Man ſah, daß ſie ſich auf eine unerhörte Weiſe anſtrengte, um ihren Zorn zu bewältigen; ſie fächerte ſich, ſie roch an Räucher⸗ pfännchen, ſie ging hin und hher. Mazarin blieb auf dem Stuhle, auf den er ſich geſetzt hatte, und ſchien nachzudenken. Gondy, welcher unruhig zu werden an⸗ ſing, ſondirte mit den Augen alle Tapeten, betrachtete, das Panzerhemd, das er unter ſein m langen Rocke trug, und ſuchte von Zeit zu Zeit unter ſeinem Camail, ob der Griff eines guten ſpaniſchen Dolches, den er bei ſich hatte, im Bereiche ſeiner Hand wäre. 8 „Laßt hören,“ ſprach die Königin endlich ſtilleſte⸗ hend,„wiederholt nun Euren Nath, da wir allein ſind, Herr Coadjutor.“ „Vernehmet, Madame: gebt Euch den Anſchein einer Ueberlegung... öffentlich einen Irrthum aner⸗ kennen, iſt die Kraft ſtarker Regierungen; entlaßt Volke zurück.“ reich.„Bin ich Königin oder bin ich es nicht? J Brouſſel aus ſeinem Gefängniſſe und ſtellt ihn dem „Ohl mich ſo demüthigen!“ rief Anna von Oeſter⸗ 1— dieſe ganze brüllende Canaille nicht die Maſſe meiner 138 „Ja,“ ſprach Porthos. Die Königin entließ mit einem Zeichen den Hof, WMazarin ausgenommen. Gondy verbeugte ſich und wollte ſich wie die Andern entfernen. „Bleibt, mein Herr,“ ſprach die Königin. „Gut,“ ſagte Gondy zu ſich ſelbſt,„ſie wird nach⸗ geben.“ „Sie wird ihn umbringen laſſen,“ ſagte dArtagnan zu Porthos,„aber in jedem Falle geſchieht es nicht durch mich. Ich ſchwöre im Gegentheil zu Gott, daß ich, wenn man über ihn herfällt, über die Andern her⸗ falle.“ „Ich auch,“ ſprach Porthos. Die Königin folgte mit den Augen den Perſonen, welche ſich entfernten. Als die letzte die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte, wandte ſie ſich um. Man ſah, daß ſie ſich auf eine unerhörte Weiſe anſtrengte, um ihren Zorn zu bewältigen; ſie fächerte ſich, ſie roch an Räucher⸗ pfännchen, ſie ging hin und her. Mazarin blieb auf dem Stohle, auf den er ſich geſetzt hatte, und ſchien nachzudenken. Gondy, welcher unruhig zu werden an⸗ fing, ſondirte mit den Augen alle Tapeten, betrachtete das Panzerhemd, das er unter ſein m langen Rocke trug, und ſuchte von Zeit zu Zeit unter ſeinem Camail, ob der Griff eines guten ſpaniſchen Dolches, den er bei ſich hatte, im Bereiche ſeiner Hand wäre. „Laßt hören,“ ſprach die Königin endlich ſtilleſte⸗ hend, wieverholt nun Euren Rath, da wir allein ſind, Herr Coadjutor.“ „Vernehmet, Madame: debt Euch den Anſchein einer Ueberlegung. öffentlich einen Irrthum aner⸗ kennen, iſt die Kraft ſtarker Rezierungen; entlaßt Brouſſel aus ſeinem Geföngniſſe und ſtellt ihn dem Volke zurück.“ „Oh! mich ſo demüthigen!“ rief Anna von Oeſter⸗ reich.„Bin ich Königin over bin ich es nicht? Iſt dieſe ganze brüllende Canaille nicht die Maſſe meiner 139 Anterthanen? habe ich Freunde, Leibwachen? Ahl bei unſerer lieben Frau! wie Königin Catharina ſagte,“ fuhr ſie, ſich durch eigene Worte ſteigernd, fort,„ehe ich ihnen dieſen ſchändlichen Brouſſel zurückgeben würde, erdroſſelte ich ihn mitr meinen eigenen Händen.“ Und ſie ſtürzte mit geballten Fäuſten auf Gondy 6 zu, den ſie in dieſem Augenblick wenigſtens eben ſo 1 ſehr haßte, als Brouſſel. 3 Gondy blieb unbeweglich; nicht eine Muskel ſeines 3 Geſichtes rührte ſich; es kreuzte ſich nur ſein eiſiger Blick wie ein Schwert mit dem wüthenden Blicke der Königin. „Das iſt ein todter Mann, wenn es noch einen „ Vitry bei Hofe gibt und Vitry in dieſem Augenblick 2 eintritt,“ ſprach der Gascogner. Aber ehe er zu dem 3 guten Prälaten gelangt, ſchlage ich Vitry maustodt, n und dafür wird mir der Herr Cardinal von Maza⸗ 2 rin großen Dank wiſſen.“ f„Stille!“ flüſterte Porthos,„hört doch!“ n„Madame,“ rief der Cardinal, Anna von Oeſter⸗ 1 reich beim Arme faſſend und zurückziehend,„Madame, e, was macht Ihr!“ e Dann fügte er in ſpaniſcher Sprache bei: 43„Anna, eeid ihr toll? Ihr fangt da bürgerliche r. Händel an, Ihr, eine Königin. Seht Ihr denn nicht, 5. daß Ihr in der Perſon dieſes Prieſters das ganze e⸗ Volk von Paris vor Euch habt, welches zu beleidigen d, ain dieſem Augenblick ſehr gefährlich iſt, und daß Ihr wenn dieſer Prieſter will, in einer Stunde keine Krone in mehr beſitzt? Später bei einer andern Gelegenheit ⸗ mögt Ihr immerhin feſthalten, hartnäckig ſein, jetzt ßt. ſiſt aber nicht die Stunde hiezu; heute ſchmeichelt und m liebkoſt, oder Ihr ſeid nur ein gemeines Weib.“ Bei den erſten Worten dieſer Rede ergriff d'Ar⸗ tagnan Porthos beim Arme und drückte ihn immer mehr; als Mazarin ſchwieg, ſprach er ganz leiſe: Sagt nie in Gegenwart von Mazarin, daß ich 8* of, ind an icht daß er⸗ en, ge⸗ ſie orn er⸗ auf ien an⸗ tete 139 Unterthanen? habe ich Freunde, Leibwachen? Ah! bei unſerer lieben Frau! wie Königin Catharina ſagte,“ fuhr ſie, ſich durch eigene Worte ſteigernd, fort,„ehe ich ihnen dieſen ſchändlichen Brouſſel zurückgeben würde, erdrofſelte ich ihn mit meinen eigenen Händen.“ Und ſie ſtürzte mit geballten Fäuſten auf Gondy zu, den ſie in dieſem Augenblick wenigſtens eben ſo ſehr haßte, als Brouſſel. Gondy blieb unbeweglich; nicht eine Muskel ſeines Geſichtes rührte ſich; es kreuzte ſich nur ſein eiſiger Blick wie ein Schwert mit dem wüthenden Blicke der Königin. „Das iſt ein todter Mann, wenn es noch einen Vitry bei Hofe gibt und Vitry in dieſem Augenbli eintritt,“ ſprach der Gascogner. Aber ehe er zu dem guten Prälaten gelangt, ſchlage ich Vitry maustodt, und dafür wird mir der Herr Cardinal von Maza⸗ rin großen Dank wiſſen.“ 8 „Stille!“ flüſterte Porthos,„hört doch!“ „Madame,“ rief der Cardinal, Anna von Oeſter⸗ reich beim Arme faſſend und zurückziehend,„Madame, was macht Ihr!“ Dann fügte er in ſpaniſcher Sprache bei: „Anna, ſeiv ihr toll? Ihr fangt da bürgerliche Händel an, Ihr, eine Königin. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr in der Perſon dieſes Prieſters das ganze Volk von Paris vor Euch habt, welches zu beleidigen in dieſem Augenblick ſehr gefährlich iſt, und daß Ihr wenn dieſer Prieſter will, in einer Stunde keine Krone mehr beſitzt? Später bei einer ardern Gelegenheit mögt Ihr immerhin feſthalten, hartnäckig ſein, jetzt iſt aber nicht die Stunde hiezu; heute ſchmeichelt und liebkoſt, vver Ihr ſeid nur ein gemeines Weib.“ Bei den erſten Worten dieſer Rede ergriff v'Ar⸗ tagnan Porthos beim Arme und drückte ihn immer mehr; als Mazarin ſchwieg, ſprach er ganz leiſe: „Sagt nie in Gegenwart von Mazarin, daß ich 140 Spaniſch verſtehe, oder ich bin ein verlorener Mann und Ihr ſeid es auch.“ „Gut,“ antwortete Porthos. Dieſer ſcharfe Verweis, der das Gepräge einer Be⸗ redſamkeit an ſich trug, welche Mazarin charakterifirte, ſobald er Italieniſch oder Spaniſch ſprach, und die er gänzlich verlor, wenn er Franzöſiſch ſprach, wurde mit einem unerforſchlichen Geſichte gegeben, das Gon⸗ dy, ein ſo geſchickter Phyſiognomiker er auch war, nur die einfache Ermahnung, ſich etwas zu mäßigen, ahnen ließ. Auf dieſe ſtrenge Rüge beſänftigte ſich die Königin alsbald; ſie ließ gleichſam von ihren Augen das Feuer, voon ihren Wangen das Blut, von ihren Lippen den unnützen Zorn fallen. Sie ſetzte ſich, ihre Arme ſan⸗ ken kraftlos an ihren beiden Seiten nieder, und ſie ſprach mit einer von Thränen feuchten Stimme: „Verzeiht mir, Herr Coadjutor, und ſchreibt dieſe Heftigkeit dem Umſtande zu, daß ich leide. Ein Weib und folglich den Schwächen meines Geſchlechts un⸗ terworfen, erſchrecke ich vor dem Bürgerkrieg; eine Königin und daran gewöhnt, daß man mir gehorcht, laſſe ich mich bei dem erſten Widerſtande hinreißen.“ „Madame,“ erwiederte Gondy ſich verbeugend, „Euere Majeſtät täuſcht ſich, wenn ſie meinen aufrich⸗ tigen Rath als Widerſtand bezeichnet. Euere Ma⸗ jeſtät hat nur ergebene und ehrfürchtige Unterthanen. Das Volk grollt nicht der Königin, es fordert Brouſſel, verlangt ſonſt nichts und iſt nur zu glücklich, unter den Geſetzen Euerer Majeſtät zu leben, vorausgeſetzt, daß Euere Majeſtät ihm Brouſſel zurückgibt,“ fügte der Coadjutor lächelnd bei. Mazarin, der bei den Worten: das Volk grollt nicht der Königin, bereits die Ohren geſpitzt hatte, im Glauben, der Coadjutor werde von dem Rufe: „Nieder mit Mazarin!“ ſprechen, wußte Gondy für dieſe 140⁰ Spaniſch verſtehe, oder ich bin ein verlorener Mann und Ihr ſeid es auch.“ „Gut,“ antwortete Porthos. Dieſer ſcharfe Verweis, der das Gepräge einer Be⸗ redſamkeit an ſich trug, welche Mazarin charakterifirte, ſobald er Italieniſch oder Spaniſch ſprach, und die„ er gänzlich verlor, wenn er Franzöfiſch ſprach, wurde mit einem unerforſchlichen Geſichte gegeben, das Gon⸗ dy, ein ſo geſchickter Phyfiognomiker er auch war, nur die einfache Ermahnung, ſich etwas zu mäßigen, ahnen ließ. Auf dieſe ſtrenge Rüge beſänftigte ſich die Königin alsbald; ſie ließ gleichſam von ihren Augen das Feuer, von ihren Wangen das Blut, von ihren Lippen den unnützen Zorn fallen. Sie ſetzte ſich, ihre Arme ſan⸗ ken kraftlos an ihren beiden Seiten nieder, und ſie ſprach mit einer von Thränen feuchten Stimme: „Verzeiht mir, Herr Coadjutor, und ſchreibt dieſe Heftigkeit dem Umſtande zu, daß ich leide. Ein Weib und folglich den Schwächen meines Geſchlechts un⸗ terworfen, erſchrecke ich vor dem Bürgerkrieg; eine Königin und daran gewöhnt, daß man mir gehorcht, laſſe ich mich bei dem erſten Widerſtande hinreißen.“ „Madame,“ erwiederte Gondy ſich verbeugend, „Euere Majeſtät täuſcht ſich, wenn fie meinen aufrich⸗ tigen Rath als Widerſtand bezeichnet. Euere Ma⸗ jeſtät hat nur ergebene und ehrfürchtige Unterthanen. Das Volk grollt nicht der Königin, es fordert Brouſſel, verlangt ſonſt nichts und iſt nur zu glücklich, unter„* den Geſetzen Euerer Majeſtät zu leben, vorausgeſetzt, daß Euere Majeſtät ihm Brouſſel zurückgibt,“ fügte der Coadjutor lächelnd bei. Mazarin, der bei den Worten: das Volk grollt nicht der Königin, bereits die Ohren geſpitzt hatte, im Glauben, der Cvadjutor werde von dem Rufe; „Nieder mit Mazarin!“ ſprechen, wußte Gondy für dieſe — —-— v Q= N 141 Zurückhaltung Dank und ſagte mit ſeiner weichſten Stimme und mit ſeinem freundlichſten Geſichte: „Madame, glaubt dem Coadjutor, der einer der gewandteſten Politiker iſt, die wir haben; der erſte Cardinalshut, der erledigt wird, ſcheint für ſein edles Haupt gemacht zu ſein.“ „Ah! Du bedarfſt meiner, verſchmitzter Schelm!“ dachte Gondy. „Und was wird er uns verſprechen an dem Tage, wo man ihn umbringen will?“ ſprach d'Artagnan. „Den Teufel! wenn er auf dieſe Art Cardinalshüte verſchenkt, ſo wollen wir uns gehörig in Bereitſchaft ſetzen und ſchon morgen jeder ein Regiment verlangen. Corbleu! der Bürgerkrieg dauere nur ein Jahr, und ich laſſe für mich den Degen des Connetable wieder vergolden.“ „Und ich?“ verſetzte Porthos. „Du! ich laſſe Dir den Marſchallsſtab von Herrn de la Meilleraie geben, der mir in dieſem Augenblick nicht in großer Gunſt zu ſtehen ſcheint.“ „Alſo, mein Herr,“ ſprach die Königin,„Ihr fürchtet wirklich die Volksbewegung?“ „Ich fürchte ſie in vollem Ernſte, Madame,“ er⸗ wiederte Gondy, erſtaunt, nicht weiter vorgerückt zu ſein,„ich habe bange, der Strom, wenn er einmal ſeinen Damm durchbrochen hat, dürfte große Ver⸗ wüſtungen verurſachen.“ „Und ich,“ ſagte die Königin,„ich glaube, daß man ihm in dieſem Falle neue Dämme entgegenſetzen muß. Geht, ich werde mir die Sache überlegen.“ Gondy ſchaute Mazarin mit erſtaunter Miene an; Mazarin näherte ſich der Königin, um mit ihr zu ſpre⸗ chen; in dieſem Augenblick hörte man einen furchtbaren Lärmen auf dem Platze des Palais⸗Royal. Gondy lächelte, der Blick der Königin entflammte ſich, Mazarin wurde ſehr bleich.. „Was gibt es denn wieder?“ ſagte er. ann Be⸗ firte, die urde Fon⸗ war, igen, tigin euer, den ſan⸗ ſie dieſe Weib un⸗ eine cht, end, rich⸗ Ma⸗ anen. uſſel, unter eſetzt, fügte ollt atte, Kufe: dieſe 141 Zurückhaltung Dank und ſagte mit ſeiner weichſten Stimme und mit ſeinem freundlichſten Geſichte: „Madame, glaubt dem Coadjutor, der einer der gewandteſten Politiker iſt, die wir haben; der erſte Cardinalshut, der erledigt wird, ſcheint für ſein edles Haupt gemacht zu ſein.“ „Ah! Du bedarfſt meiner, verſchmitzter Schelm!“ dachte Gondy. „Und was wird er uns verſprechen an dem Tage, wo man ihn umbringen will?“ ſprach d'Artagnan. „Den Teufel! wenn er auf dieſe Art Cardinalshüte verſchenkt, ſo wollen wir uns gehörig in Bereitſchaft ſetzen und ſchon morgen jeder ein Regiment verlangen. Corbleu! der Bürgerkrieg dauere nur ein Jahr, und ich laſſe für mich den Degen des Connetable wieder vergolden.“ „Und ich?“ verſetzte Porthos. „Du! ich laſſe Dir den Marſchallsſtab von Herrn de la Meilleraie geben, der mir in dieſem Augenblick nicht in großer Gunſt zu ſtehen ſcheint.“ „Alſo, mein Herr,“ ſprach die Königin,„Ihr fürchtet wirklich die Volksbewegung?“ „Ich fürchte ſie in vollem Ernſte, Madame,“ er⸗ wiederte Gondy, erſtaunt, nicht weiter vorgerückt zu ſein,„ich habe bange, der Strom, wenn er einmal ſeinen Damm durchbrochen hat, dürfte große Ver⸗ wüſtungen verurſachen.“ „Und ich,“ ſagte die Königin,„ich glaube, daß man ihm in dieſem Falle neue Dämme entgegenſetzen muß. Geht, ich werde mir die Sache überlegen.“ Gondy ſchaute Mazarin mit erſtaunter Miene an; Mazarin näherte ſich der Königin, um mit ihr zu ſpre⸗ chen; in dieſem Augenblick hörte man einen furchtbaren Lärmen auf dem Flatze des Palais⸗Royal. Gondy lächelte, der Blick der Königin entflammte ſich, Mazarin wurde ſehr bleich. „Was gibt es denn wieder?“ ſagte er. 14² Comminges ſtürzte in den Salon. „Vergebt, Madame,“ ſagte Comminges zu der Königin,„das Volk hat die Wachen an die Gitter zurückgeworfen und zermalmt, und ſprengt in dieſem Augenblick die Thore; was befehlt Ihr?“ „Hört, Madame..“ ſprach Gondy. Das Toſen der Wellen, das Rollen des Donners, das Brüllen des entflammten Orkans läßt ſich nicht mit dem Sturme vergleichen, der ſich in dieſem Mo⸗ ment zum Himmel erhob. „Was ich befehle?“ rief die Königin. „Ja, die Zeit drängt.“ „Wie viel Mann habt Ihr ungefähr im Palais⸗ Royal?“ „Sechs hundert.“ „Stellt hundert Mann um den König, und mit dem Reſte jagt mir dieſen Pöbel von der Thüre.“ „Madame,“ ſprach Mazarin,„was macht Ihr?“ „Geht,“ ſagte die Königin. Comminges entfernte ſich mit dem leidenden Ge⸗ horſam des Soldaten. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen: eines von den Thoren fing an nachzugeben. „Madame,“ rief Mazarin,„Ihr ſtürzt uns Alle ins Verderben, den König, Euch und mich.“ Bei dieſem aus der erſchrockenen Seele des Car⸗ dinals hervorgehenden Schrei bekam die Königin eben⸗ falls bange; ſie rief Comminges zurück. „Es iſt zu ſpät,“ ſagte Mazarin, ſich die Haare ausraufend,„es iſt zu ſpät!“ Das Thor wich und man hörte das Freudenge⸗ brülle des Volkes. D'Artagnan nahm den Degen in dit Fauſt und hieß Porthos durch ein Zeichen daſſelbe thun. „Rettet die Königin!“ rief Mazarin ſich an den Coadjutor wendend. „ 142 Comminges ſtürzte in den Salon. „Vergebt, Madame,“ ſagte Comminges zu der Königin,„das Volk hat die 2 achen an die Gitter zurückgeworfen und zermalmt, und ſprengt in dieſem Augenblick die Thore; was befehlt Ihr?“ „Hört, Madame ſprach Gondy. Das Toſen der Wellen, das Rollen des Donners, das Brüllen des entflammten Orkans läßt ſich nicht mit dem Sturme vergleichen, der ſich in dieſem Mo⸗ ment zum Himmel erhob. „Was ich befehle?“ rief die Königin. „Ja, die Zeit drängt.“ Royal?“ „Sechs hundert.“ „Stellt hundert Mann um den König, und mit dem Reſte jagt mir dieſen Pöbel von der Thüre.“ „Madame,“ ſprach Mazarin,„was macht Ihr?“ „Geht,“ ſagte die Königin. Comminges entfernte ſich mit dem leidenden Ge⸗ horſam des Soldaten. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen; eines von den Thoren fing an nachzugeben. „Madame,“ rief Mazarin,„Ihr ſtürzt uns Alle ins Verderben, den König, Euch und mich.“ Bei dieſem aus der erſchrockenen Seele des Car⸗ dinals hervorgehenden Schrei bekam die Königin eben⸗ falls bange; ſie rief Comminges zurück. „Es iſt zu ſpät,“ ſagte Mazarin, ſich die Haare ausraufend,„es iſt zu ſpät!“ Das Thor wich und man hörte das Freudenge⸗ brülle des Volkes. D'Artagnan nahm den Degen in ze Fauſt und hieß Porthos durch ein Zeichen daſſelbe thun. „Rettet die Königin!“ rief Mazarin ſich an den Coadjutor wendend. Gondy lief nach dem Fenſter und öffnete es; er * „Wie viel Mann habt Ihr ungefähr im Palais⸗ 143 erkannte Louvigres an der Spitze einer Truppe von ungefähr drei bis viertauſend Menſchen. „Keinen Schritt weiter!“ rief er,„die Königin unterzeichnet.“ „Was ſagt Ihr?“ rief die Königin. „Die Wahrheit, Madame,“ ſprach Mazarin, der Königin eine Feder und Papier reichend,„es muß ſein.“ Dann fügte er bei:„Unterzeichnet Anna, ich bitte Euch, ich will es.“ Die Königin ſank auf einen Stuhl, nahm die Feder und unterzeichnete. Von Louvieres zurückgehalten, hatte das Volk keinen Schritt mehr gemacht; aber das furchtbare Ge⸗ murmel, welches den Zorn der Menge andeutet, währte immer noch fort. Die Königin ſchrieb:. „Der Concierge des Gefängniſſes von Saint⸗Ger⸗ main wird den Rath Brouſſel in Freiheit ſetzen.“ Und ſie unterzeichnete. „ Der Coadiutor, der ihre geringſten Bewegungen mit den Augen verſchlang, ergriff das Papier, ſobald die Unterſchrift beigeſetzt war, kehrte an das Fenſter zurück, bewegte es mit der Hand und rief: „Hier iſt der Befehl.“ Paris ſchien einen mächtigen Freudenſchrei aus⸗ zuſtoßen. Dann erſcholl der Ruf:„Es lebe Brouſſel! Es lebe der Coadjutor!“ „Es lebe die Königin!“ rief der Coadiutor. Einige Stimmen antworteten der ſeinigen, aber ſie kamen ſpärlich und armſelig. Vielleicht hatte der Coadjutor nur gerufen, um die Königin ihre Schwäche fühlen zu laſſen.— „Und nun, da Ihr habt, was Ihr haben woll⸗ tet,“ ſagte ſie,„ſo geht, Herr von Gondy.“ „Bedarf die Königin meiner,“ ſprach der Coad⸗ ſher⸗„ſo weiß Ihre Majeſtät, daß ich zu Befehl der itter eſem ners, nicht lais⸗ mit Ge⸗ ein g an Alle Car⸗ eben⸗ Haare enge⸗ en in ſſelbe n den s; er 143 erkannte Louviéres an der Spitze einer Truppe von ungefähr drei bis viertauſend Menſchen. „Keinen Schritt weiter!“ rief er,„die Königin unterzeichnet.“ „Was ſagt Ihr?“ rief die Königin. „Die Wahrheit, Madame,“ ſprach Mazarin, der Königin eine Feder und Papier reichend,„es muß ſein.“ Dann fügte er bei:„Unterzeichnet Anna, ich bitte Euch, ich will es.“ Die Königin ſank auf einen Stuhl, nahm die Feder und unterzeichnete. Von Louviéres zurückgehalten, hatte das Volk keinen Schritt mehr gemacht; aber das furchtbare Ge⸗ murmel, welches den Zorn der Menge andeutet, währte immer noch fort. Die Königin ſchrieb: „Der Concierge des Gefängniſſes von Saint⸗Ger⸗ main wird den Rath Brouſſel in Freiheit ſetzen.“ Und ſie unterzeichnete. „Der Coadjutor, der ihre geringſten Bewegungen mit den Augen verſchlang, ergriff das Papier, ſobald die Unterſchrift beigeſetzt war, kehrte an das Fenſter zurück, bewegte es mit der Hand und rief: „Hier iſt der Befehl.“ Paris ſchien einen mächtigen Freudenſchrei aus⸗ zuſtoßen. Dann erſcholl der Ruf:„Es lebe Brouſſel! Es lebe der Coadjutor!“ „Es lebe die Königin!“ rief der Cvadjutor. Einige Stimmen antworteten der ſeinigen, aber ſie kamen ſpärlich und armſelig. Vielleicht hatte der Coadjutor nur gerufen, um die Königin ihre Schwäche fühlen zu laſſen.. „Und nun, da Ihr habt, was Ihr haben woll⸗ tet,“ ſagte ſie,„ſo geht, Herr von Gondy.“ Bedarf die Königin meiner,“ ſprach der Coad⸗ juhn⸗„ſo weiß Ihre Majeſtät, daß ich zu Befehl —— —y— haſt. ℳ 144 Die Königin machte ein Zeichen mit dem Kopfe, Gondy entfernte ſich. „Ahl verfluchter Prieſter!“ rief Anna von Oeſter⸗ reich, die Hand nach der kaum geſchloſſenen Thüre ausſtreckend,„ich werde Dich eines Tags den Reſt der Galle austrinken laſſen, die Du mir eingegoſſen Mazarin wollte ſich ihr nähern. „Laßt mich, Ihr ſeid kein Mann,“ rief die Köni⸗ gin und ging aus dem Salon. „Ihr ſeid keine Frau,“ murmelte Mazarin. Dann nach kurzem Nachdenken erinnerte er ſich, daß d'Artagnan und Porthos anweſend ſein müßten und folglich Alles gehört und geſehen hätten. Er runzelte die Stirne, ging gerade auf den Vorhang zu und hob ihn auf; das Cabinet war leer. Bei dem letzten Worte der Königin hatte d'Ar⸗ tagnan Porthos bei der Hand genommen und mit ſich nach der Gallerie gezogen.— Mazarin trat ebenfalls in die Gallerie und fand die zwei Freunde auf⸗ und abgehend. „Warum habt Ihr das Cabinet verlaſſen, Herr d'Artagnan?“ ſagte Mazarin. „Weil die Königin Jedermann weggehen hieß und ich dachte, dieſer Befehl betreffe eben ſo wohl uns, als die Andern.“ „Ihr ſeid alſo hier ſeit... „Seit einer Viertelſtunde ungefähr,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan, ſchaute dabei Porthos an und bedeutete die⸗ feraf durch ein Zeichen, er möge ihn nicht Lügen rafen. 1 Mazarin gewahrte dieſes Zeichen und blieb über⸗ zeugt, d'Artagnan habe Alles geſehen und gehört, aber er wußte ihm Dank für die Lüge. „Herr d'Artagnan,“ ſagte er,„Ihr ſeid offenbar der Mann, den ich ſuchte, und könnt, ſo wie Euer Freund, auf mich zählen.“. ;ͤ———— 8 144 Die Königin machte ein Zeichen mit dem Kopfe, Gondy entfernke ſich. „Ah! verfluchter Prieſter!“ rief Anna von Oeſter⸗ reich, die Hand nach der kaum geſchloſſenen Thüre ausſtreckend,„ich werde Dich eines Tags den Reſt der austrinken laſſen, die Du mir eingegoſſen aſt.“ Mazarin wollte ſich ihr nähern. „Laßt mich, Ihr ſeid kein Mann,“ rief die Köni⸗ gin und ging aus dem Salon. „Ihr ſeid keine Frau,“ murmelte Mazarin. Dann nach kurzem Nachdenken erinnerte er ſich, daß d'Artagnan und Porthos anweſend ſein müßten und folglich Alles gehört und geſehen hätten. Er runzelte die Stirne, ging gerade auf den Vorhang zu und hob ihn auf; das Cabinet war leer. Bei dem letzten Worte der Königin hatte d'Ar⸗ tagnan Porthos bei der Hand genommen und mit ſich nach der Gallerie gezogen. Mazarin trat ebenfalls in die Gallerie und fand die zwei Freunde auf⸗ und abgehend. „Warum habt Ihr das Cabinet verlaſſen, Herr dArtagnan?“ ſagte Mazarin. „Weil die Königin Jedermann weggehen hieß und ich dachte, dieſer Befehl betreffe eben ſo wohl uns, als die Andern.“ „Ihr ſeid alſo hier ſeit.. 0 „Seit einer Viertelſtunde ungefähr,“ ſprach dAr⸗ tagnan, ſchaute dabei Porthos an und bedeutete die⸗ ſem durch ein Zeichen, er möge ihn nicht Lügen ſtrafen. Mazarin gewahrte dieſes Zeichen und blieb über⸗ zeugt, dArtagnan habe Alles geſehen und gehört, aber er wußte ihm Dank für die Lüge. „Herr d'Artagnan,“ ſagte er,„Ihr ſeid offenbar der Mann, den ich ſuchte, und könnt, ſo wie Euer Freund, auf mich zählen.“ 145 Dann die zwei Freunde mit ſeinem reizendſten Lächeln grüßend, kehrte er ruhiger in ſein Cabinet zu⸗ rück, denn beim Abgang von Gondy hatte der Tumult wie dfrrch einen Zauber aufgehört. 4 Bas Anglück verleiht Gedächtniß. Anna war wüthend in ihr Betzimmer zurück⸗ gekehrt. „Wie!“ rief ſie, ihre ſchönen Arme verdrehend, „wiel das Volk hat Herrn von Condé, den erſten nichts geſagt, als man dieſe hohen Perſonen beſchimpfte, einkerkerte, bedrohte, und für ſſel ein ſolches Toben! Jeſus, was iſt aus 3 3 nichts gethan; das Volk erhob ſich für Brouſſel, weil es ſich um einen Plebejer handelte, und Brouſſel ver: fühlte es inſtinktartig, daß es ſich ſelbſt Während dieſer Zeit ging Mazarin in ſeinem Cabinet auf und ab und ſchaute wiederholt ſeinen zer⸗ ——— pfe, ſter⸗ hüre der ſſen öni⸗ ſich, ißten Er g zu d'Ar⸗ t ſich fand Herr ß und 3, als d'Ar⸗ e die⸗ Lügen über⸗ „aber enbar Euer 14⁵ Dann die zwei Freunde mit ſeinem reizendſten Lächeln grüßend, kehrte er ruhiger in ſein Cabinet zu⸗ rück, denn beim Abgang von Gondy hatte der Tumult wie durch einen Zauber aufgehört. Das Anglück verleiht Gedächtniß. Anna war wüthend in ihr Betzimmer zurück⸗ gekehrt. „Wie!“ rief fie, ihre ſchönen Arme verdrehend, „wie! das Volk hat Herrn von Condé, den erſten Prinzen von Geblüt, durch meine Schwiegermutter, Maria von Medicis, verhaftet geſehen; es hat meine Schwiegermutter, ihre ehemalige Regentin, von dem Cardinal vertrieben geſehen; es hat Herrn von Ven⸗ dome, den Sohn von Heinrich IV., in Vincennes gefangen geſehen und nichts geſagt, als man dieſe hohen Perſonen beſchimpfte, einkerkerte, bedrohte, und für einen Brouſſel ein ſolches Toben! Jeſus, was iſt aus dem Königthum geworden.“ Die Königin berührte hier, ohne daran zu denken, den wunden Fleck. Das Volk hatte für die Prinzen nichts gethan; das Volk erhob ſich für Brouſſel, weil es ſich um einen Plebejer handelte, und Brouſſel ver⸗ theidigend, fühlte es inſtinktartig, daß es ſich ſelbſt vertheidigte. Während dieſer Zeit ging Mazarin in feinem Cabinet auf und ab und ſchaute wiederholt ſeinen zer⸗ ſprungenen venetianiſchen Spiegel an. „Ach,“ ſagte er,„ich weiß wohl, es iſt traurig, Zwanzig Jahre nachher. Ul. 10 ſo nachgeben zu müſſen; doch wir werden uns zu ent⸗ ſchädigen wiſſen; was liegt an Brouſſel, das iſt ein Name und keine Sache.“ Ein ſo gewandter Politiker Mazarin auch war, ſo täuſchte er ſich doch diesmal; Brouſſel war eine Sache und nicht ein Name. Als Brouſſel am andern Morgen nach Paris in einem großen Wagen, ſeinen Sohn Louvieéres neben ſich, zurückkehrte, lief ihm alles Volk bewaffnet ent⸗ gegen; der Ruf:„Es lebe Brouͤſſell es lebe unſer Vater!“ erſcholl von allen Seiten und trug den Tod in die Ohren von Mazarin; von allen Seiten brach⸗ ten die Spione des Cardinals und der Königin ärger⸗ liche Nachrichten zurück, welche den Miniſter ſehr be⸗ wegt und die Königin ſehr ruhig fanden; die Königin ſchien in ihrem Kopfe einen großen Entſchluß zur Reife zu bringen, was die Unruhe von Mazarin ver⸗ doppelte. Er kannte die ſtolze Perſon und fürchtete die Entſchlüſſe der Königin. Der Coadjutor war in das Parlament zurückge⸗ kehrt, mehr König, als es der König, die Königin und der Cardinal mit einander waren. Auf ſeinen Rath forderte ein Edict des Parlaments die Bürger auf, die Waffen abzulegen und die Barricaden zu zerſtören; ſie gehorchten, denn ſie wußten nun, daß es nur einer Stunde bedurfte, um die Waffen wieder zu ergreifen, und einer Nacht, um die Barricaden wiederherzuſtellen. Planchet war in ſeine Bude zurückgekehrt: der Sieg amneſtirt; Planchet befürchtete nicht mehr, ge⸗ hängt zu werden, er war überzeugt, wollte man nur Miene machen, ihn zu verhaften, ſo würde ſich das Volk für ihn erheben, wie es ſich für Brouſſel erhoben hatte. Rochefort hatte ſeine Chevaulegers dem Chevalier d'Humieres zurückgegeben; es fehlten zwei beim Appell; aber der Chevalier, der in ſeinem Innern Frondeur war, wollte nichts von einer Entſchädigung wiſſen. ——-——..“ 14⁵5 ſo nachgeben zu müſſen; doch wir werden uns zu ent⸗ ſchädigen wiſſen; was liegt an Brouſſel, das iſt ein Name und keine Sache.“ Ein ſo gewandter Politiker Mazarin auch war, ſo täuſchte er ſich doch diesmal; Brouſſel war eine Sache und nicht ein Name. Als Bronſſel am andern Worgen nach Paris in einem großen Wagen, ſeinen Sohn Louviéres neben ſich, zurückkehrte, lief ihm alles Volk bewaffnet ent⸗ gegen; der Ruf;„ Es lebe Brouſſel! es lebe unſer Pater! erſcholl von allen Seiten und trug den Tod in die Ohren von Mazarin; von allen Seiten brach⸗ ten die Spione des Cardinals und der Königin ärger⸗ liche Nachrichten zurück, welche den Miniſter ſehr be⸗ wegt und die Königin ſehr ruhig fandenz die Königin ſchien in ihrem Kopfe einen großen Entſchluß zur Reeife zu bringen, was die Unruhe von Mazarin ver⸗ doppelte. Er kannte die ſtolze Perſon und fürchtete die Entſchluſſe der Königin. Der Coadjutor war in das Parlament zurückge⸗ kehrt, mehr König, als es der König, die Königin und der Cardinal mit einander waren. Auf ſeinen Rath forderte ein Edict des Parlaments die Bürger auf, die Waffen abzulegen und die Barricaden zu zerſtören; ſie gehorchten, denn ſie wußten nun, daß es nur einer Stunde vedurfte, um die Waffen wiever zu ergreifen, und einer Nacht, um die Barricaden wiederherzuſtellen. lanchet war in jeine Bude zurückgekehrt; der Sieg amneſtirt; Planchet befürchtete nicht mehr, ge⸗ hängt zu werden, er war überzeugt, wollte man nur Miene machen, ihn zu verhaften, ſo würde ſich das Volk für ihn erheben, wie es ſich für Brouſſel erhoben hatte. Rochefort hatte ſeine Chevaulegers dem Chevalier d'Humieres zurückgegeben; es fehlten zwei beim Appell; aber der Chevalier, der in ſeinem Innern Frondeur war, wollte nichts von einer Entſchädigung wiſſen. 147 Der Bettler hatte wieder ſeinen Platz im Vor⸗ hofe von Saint⸗Euſtache eingenommen, theilte aber⸗ mals mit einer Hand ſein Weihwaſſer aus und for⸗ derte mit der andern das Almoſen, und Niemand ahnte, daß dieſe zwei Hände ſo eben aus dem ſocialen S lude den Grundſtein des Königthums gezogen atten. Louviéres war ſtolz und zufrieden; er hatte ſich an Mazarin gerächt, den er verabſcheute, und viel zu der Befreiung ſeines Vaters aus dem Gefängniß bei⸗ getragen; ſein Name war mit Schrecken im Palais⸗ Royal genannt worden, und er ſprach lächelnd zu dem ſeiner Familie zurückgegebenen Rathe: „Glaubt Ihr, mein Vater, wenn ich jetzt von der Königin eine Compagnie verlangte, ſie würde mir eine geben?“ D' Artagnan benützte den Augenblick der Ruhe, um Raoul fortzuſchicken, den er während des Aufruhrs nur mit großer Mühe eingeſchloſſen gehalten hatte, denn er wollte durchaus für den Einen oder den An⸗ dern das Schwert ziehen. Raoul machte Anfangs einige Schwierigkeiten, aber d'Artagnan ſprach im Namen des Grafen de la Fère. Raoul beſuchte Frau von Chevreuſe und ging zum Heer ab. Rochefort allein fand das Ende der Sache ſchlecht; er hatte dem Herzog von Beaufort geſchrieben, er möge kommen; der Herzog ſollte bald erſcheinen und würde dann Paris ruhig finden, Errr ſuchte den Coadjutor auf und fragte ihn, ob er dem Prinzen Kunde geben ſolle, damit er auf dem Wege anhalte; aber Gondy dachte einen Augenblick nach und erwiederte: „Laßt ihn ſeinen Weg fortſetzen.“ pee Sache iſt alſo noch nicht beendigt?⸗ ſagte ochefort. „Mein lieber Graf, wir ſind erſt beim Anfang.“ „Was bringt Euch zu dieſem Glauben?“ 147 Der Bettler hatte wieder ſeinen Platz im Vor⸗ hofe von Saint⸗Euſtache eingenommen, theilte aber⸗ mals mit einer Hand ſein Weihwaſſer aus und for⸗ derte mit der andern das Almoſen, und Niemand ahnte, daß dieſe zwei Hände ſo eben aus dem ſocialen Gebäude den Grundſtein des Fönigthums gezogen hatten. Louvieres war ſtolz und zufrieden; er hatte ſich an Mazarin gerächt, den er verabſcheute, und viel zu der Befreiung ſeines Vaters aus dem Gefängniß bei⸗ getragen; ſein Name war mit Schrecken im Palais⸗ Royal genannt worden, und er ſprach lächelnd zu dem ſeiner Familie zurückgegebenen Rathe: „Glaubt Ihr, mein Vater, wenn ich jetzt von der Königin eine Compagnie verlangte, ſie würde mir eine geben?“ DBArtagnan benützte den Augenblick der Ruhe, um Raoul fortzuſchicken, den er während des Aufruhrs nur mit großer Mühe eingeſchloſſen gehalten hatte, denn er wollte durchaus für den Einen oder den An⸗ dern das Schwert ziehen. Raoul machte Anfangs einige Schwierigkeiten, aber d'Artagnan ſprach im Namen des Grafen de la Fere. Raoul beſuchte Frau von Chevreuſe und ging zum Heer ab. Rochefort allein fand das Ende der Sache ſchlecht; er hatte dem Herzog von Beaufort geſchrieben, er möge kommen; der Herzog ſollte bald erſcheinen und würde dann Paris ruhig finden, Er ſuchte den Cvadjutor auf und fragte ihn, ob er dem Prinzen Kunde geben ſolle, damit er auf dem Wege anhalte; aber Gondy dachte einen Augenblick nach und erwiederte: „Laßt ihn ſeinen Weg fortſetzen.“ „Die Sache iſt alſo noch nicht beendigt?“ ſagte Rocheſort. „Mein lieber Graf, wir ſind erſt beim Anfang.“ „Was bringt Euch zu dieſem Glauben?“ 14⁸ „Meine Kenntniß von dem Charakter der Königin; ſie wird nicht geſchlagen bleiben wollen.“ „Sie bereitet alſo etwas vor?“ „Sch hoffe es.“ „Sprecht, was wißt Ihr 2 geſchrie⸗ „Ich weiß, daß ſie an den Herrn Prinzen ben hat, er möge in aller Eile von dem Heere zurück⸗ kommen.“ „Ahl ah!“ ſagte Rochefort,„Ihr habt Recht, man muß Herrn von Beaufort kommen laſſen.“ Am Abend des Tages, an welchem dieſes Geſpräch ſtattfand, verbreitete ſich das Gerücht, der Herr Prinz ſei angelangt. Es war eine ganz einfache und natürliche Neuig⸗ keit und dennoch hatte ſie einen ungeheuern Wieder⸗ hall; man behauptete, es ſeien Indiscretionen von Frau von Longueville begangen worden, der der Herr Prinz, den man einer Zärtlichkeit für ſeine Schweſter beſchul⸗ digte, welche die Grenzen brüderlicher Freundſchaft über⸗ ſchritt, vertrauliche Mittheilungen gemacht hätte. Dieſe Mittheilungen enthüllten ſinſtere Pläne von Seiten der Königin. Am Abend der Ankunft des Herrn Prinzen gingen höher geſtellte Bürger, Schöppen, Quartier⸗Capitäne zu ihren Bekannten und ſagten: „Warum nehmen wir nicht den König und brin⸗ gen ihn in das Stadthaus? Es iſt ein Unrecht, daß wir ihn von unſern Feinden erziehen laſſen, die ihm ſchlechte Rathſchläge geben, während er, wenn er von dem Herrn Coadjulor geleitet würde, nationale Grundſätze einſaugen und das Volk lieben müßte.“ In der Nacht herrſchte eine dumpfe Bewegung; am andern Morgen erſchienen die grauen und ſchwar⸗ zen Mäntel, die Patrouillen bewaffneter Kaufleute und die Bettler⸗Banden wieder. Die Königin hatte die Nacht allein mit dem 14⁸ „Meine Kenntniß von dem Charakter der Königin; ſie wird nicht geſchlagen bleiben wollen.“ „Sie bereitet alſo etwas vor?“ „Ich hoffe es.“ „Sprecht, was wißt Ihr?“ „Ich weiß, daß ſie an den Herrn Prinzen geſchrie⸗ ker hat, er möge in aller Eile von dem Heere zurück⸗ ommen.“ „Ah! ah!“ ſagte Rochefort,„Ihr habt Recht, man muß Herrn von Beaufort kommen laſſen.“ Am Abend des Tages, an welchem dieſes Geſpräch ſtattfand, verbreitete ſich das Gerücht, der Herr Prinz ſei angelangt. Es war eine ganz einfache und natürliche Neuig⸗ keit und dennoch hatte ſie einen ungeheuern Wieder⸗ hall; man behauptete, es ſeien Indiscretionen von Frau von Longueville begangen worden, der der Herr Prinz, den man einer Zärtlichkeit für ſeine Schweſter beſchul⸗ digte, welche die Grenzen brüverlicher Freundſchaft über⸗ ſchritt, vertrauliche Mittheilungen gemacht hätte. Dieſe Mittheilungen enthüllten ſinſtere Päne von Seiten der Königin. Am Abend der Ankunft des Herrn Prinzen gingen höher geſtellte Bürger, Schöppen, Quartier⸗Capitäne zu ihren Bekannten und ſagten: „Warum nehmen wir nicht den König und brin⸗ gen ihn in das Stadthaus? Es iſt ein Unrecht, daß wir ihn von unſern Feinden erziehen laſſen, die ihm ſchlechte Rathſchläge geben, während er, wenn er von dem Herrn Coadjutor geleitet würde, nationale Grundſätze einſaugen und das Volk lieben müßte.“ In der Nacht herrſchte eine dumpfe Bewegung; am andern Morgen erſchienen die grauen und ſchwar⸗ zen Mäntel, die Patrouillen bewaffneter Kaufleute und die Bettler⸗Banden wieder. Die Königin hatte die Nacht allein mit dem 149 Herrn Prinzen in einer Unterredung zugebracht und war erſt um fünf Uhr von ihm verlaſſen worden. Um fünf Uhr begab ſich die Königin in das Ca⸗ bi on Mazarin. Hatte ſie ſich nicht niedergelegt, ſo w gegen der Cardinal bereits aufgeſtanden. — entwarf eine Antwort an Cromwell; ſechs Tage waren von den zehn abgelaufen, die er von Mordaunt gefordert hatte. „Bah,“ ſagte er,„ich habe ihn ein wenig warten laſſen, aber Herr Cromwell weiß zu gut, was Revo⸗ lutionen ſind, um mich nicht zu entſchuldigen.“ Er überlas wohlgefällig den erſten Paragraphen ſeines Schreibens, als man an die Thüre klopfte, welche mit den Gemächern der Königin in Verbindung ſtand. Anna von Oeſterreich konnte allein durch dieſe Thüre kommen. Der Cardinal ſtand auf und öffneie. Die Königin war im Negligs; aber das Negligé ſtand ihr gut, denn wie Diana von Poitiers und Ni⸗ non bewahrte Anna von Oeſterreich das Vorrecht, ſtets ſchön zu bleiben; nur war ſie an dieſem Morgen ſchö⸗ ner, als gewöhnlich, denn ihre Augen hatten den vol⸗ len Glanz, den eine innere Freude dem Zlicke verleiht. „Ja, Giulio,“ ſagte ſie,„ich bin ſtolz und glücklich, denn ich habe das Mittel gefunden, dieſe Hydra zu er⸗ icken.“ „Ihr ſeid groß in der Politik, meine Königin,“ ſprach Mazarin;„nennt mir das Mittel.“ Und er verbarg, was er ſchrieb, indem er den an⸗ gefangenen Brief unter weißes Papier ſchob. „Ihr wißt, ſie wollen mir den König nehmen,“ ſagte die Königin. „Ach, ja, und mich hängen.“ „Sie werden den Koͤnig nicht haben.“ „Und mich nicht hängen.“ „Hört! ich will ihnen meinen Sohn und mah ſelbſt und Euch mit mir entführen. Dieſes Ereigniß, das von heute bis morgen das Angeſicht der Dinge 1 6 igin; chrie⸗ wück⸗ man präch Prinz euig⸗ ieder⸗ Frau Prinz, über⸗ Dieſe nder ingen itäne brin⸗ „daß ihm ron onale e.“ un wa und dem 149 Herrn Prinzen in einer Unterredung zugebracht und war erſt um fünf Uhr von ihm verlaſſen worden. um fünf Uhr begab ſich die Königin in das Ca⸗ binet von Mazarin. Hatte ſie ſich nicht niedergelegt, ſo war dagegen der Cardinal bereits aufgeſtanden. Er entwarf eine Antwort an Cromwell; ſechs Tage waren von den zehn abgelaufen, die er von Mordaunt gefordert hatte. „Bah,“ ſagte er,„ich habe ihn ein wenig warten laſſen, aber Herr Cromwell weiß zu gut, was Revo⸗ lutionen ſind, um mich nicht zu entſchuldigen.“ Er überlas wohlgefällig den erſten Paragraphen ſeines Schreibens, als man an die Thüre klopfte, welche mit den Gemächern der Königin in Verbindung ſtand. Anna von Oeſterreich konnte allein durch dieſe Thüre kommen. Der Cardinal ſtand auf und öffnete. Die Königin war im Regligé; aber das Negligé ſtand ihr gut, denn wie Diana von Poitiers und Ni⸗ non bewahrte Anna von Oeſterreich das Vorrecht, ſiets ſchön zu bleiben; nur war ſie an dieſem Morgen ſchö⸗ ner, als gewöhnlich, denn ihre Augen hatten den vol⸗ len Glanz, den eine innere Freude dem Blicke verleiht. „Ja, Giulio,“ ſagte ſie,„ich bin ſtolz und glücklich, dinn ich habe das Mütel gefunden, dieſe Hydra zu er⸗ icken. „Ihr ſeid groß in der Politik, meine Königin,“ ſprach Mazarin;„nennt mir das Mittel.“ Und er verbarg, was er ſchrieb, indem er den an⸗ gefangenen Brief unter weißes Papier ſchob. „Ihr wißt, ſie wollen mir den König nehmen,“ ſagte die Königin. „Ach, ja, und mich hängen.“ „Sie werden den König nicht haben.“ „Und mich nicht hängen.“ „Hört! ich will ihnen meinen Sohn und mich ſelbſt und Euch mit mir entführen. Dieſes Ereigniß, das von heute bis morgen das Angeſicht der Dinge 1⁵0 verändern wird, ſoll in Erfüllung gehen, ohne daß es Jemand außer Euch, mir und einer dritten Perſon erfährt.“.— „Und wer iſt dieſe dritte Perſon?“ 3 „Der Herr Prinz.“ „Er iſt alſo angekommen, wie man mir ſagte?“ „Geſtern Abend.“ „Und Ihr habt ihn geſehen?“ „Ich verlaſſe ihn ſo eben.“ „Er bietet ſeine Hand zu dem Untern ehmen?“ „Der Rath kommt von ihm.“ „Und Paris?“ „Er hungert es aus und nöthigt es, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.“ „Es fehlt dem Plane nicht an großartigem Cha⸗ rakter; nur ſehe ich dabei ein Hinderniß.“ „Welches?“ „Die Unmöglichkeit.“ „Ein leeres Wort, ein Wort ohne Sinn, nichts iſt unmöglich.“ „Im Plane!“ „In der Ausführung. Haben wir Geld?“ „Ein wenig,“ ſagte Mazarin, zitternd aus Angſt, Anna könnte aus ſeiner Börſe ſchöpfen wollen. „Haben wir Truppen?“ „Fünf bis ſechstauſend Mann.“ „Haben wir Muth?“ „Viel.“ „Dann iſt die Sache abgemacht. Verſteht Ihr, Giulio? Paris, dieſes verhaßte Paris, erwacht eines Morgens ohne König und ohne Königin, eingeſchloſſen, belagert, ausgehungert, ohne eine andere Hülfsquelle, als ſein einfältiges Parlament und ſeinen magern Coadjutor mit den krummen Beinen.“ „Schön, ſchön!“ ſagte Mazarin,„ich begreife die Wirkung, aber ich ſehe nicht das Mittel, um dazu zu gelangen.“ 150 verändern wird, ſoll in Erfüllung gehen, ohne daß es Jemand außer Euch, mir und einer dritten Perſon erfährt.“ „Und wer iſt dieſe dritte Perſon?“ „Der Herr Prinz.“ „Er iſt alſo angekommen, wie man mir ſagte?“ „Geſtern Abend.“ „Und Ihr habt ihn geſehen?“ „Ich verlaſſe ihn ſo eben.“ „Er bietet ſeine Hand zu dem Unternehmen?“ „Der Rath kommt von ihm.“ „Und Paris?“ „Er hungert es aus und nöthigt es, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.“ „Es fehlt dem Plane nicht an großartigem Cha⸗ rakter; nur ſehe ich dabei ein Hinderniß.“ „Welches?“ „Die Unmöglichkeit.“ „Ein leeres Wort, ein Wort ohne Sinn, nichts iſt unmöglich.“ 4 „Im Plane!“ „In der Ausführung. Haben wir Geld?“ „Ein wenig,“ ſagte Mazarin, zitternd aus Angſt, Anna könnte aus ſeiner Börſe ſchöpfen wollen. „Haben wir Truppen?“ „Fünf bis ſechstauſend Mann.“ „Haben wir Muth?“ „Viel.“ „Dann iſt die Sache abgemacht. Verſteht Ihr, Giulio? Paris, dieſes verhaßte Paris, erwacht eines Morgens ohne König und ohne Königin, eingeſchloſſen, belagert, ausgehungert, ohne eine andere Hülfsquelle, als ſein einfältiges Parlament und ſeinen magern Coadjutor mit den krummen Beinen.“ „Schön, ſchön!“ ſagte Mazarin,„ich begreife die Wirkung, aber ich ſehe nicht das Mittel, um dazu zu gelangen.“ ſt, —, 151 „Ich werde es finden.“ „Ihr wißt, was der Krieg bedeutet, der heiße, er⸗ bitterte, unverſöhnliche Bürgerkrieg?“ „Ohl ja, der Bürgerkrieg,“ ſprach Anna von Oeſter⸗ ene ich will dieſe Stadt in Aſche legen, ich will das Feuer im Blute löſchen, ein furchtbares Beiſpiel ſoll das Verbrechen und die Strafe verewigen. Paris! ich haſſe es, ich verabſcheue es!“ „Ganz ſchön, Anna, Ihr ſeid blutgierig; nehmt Euch in Acht, wir ſind nicht in den Zeiten der Mala⸗ teſta und der Caſtruccio Caſtracani. Ihr macht, daß man Euch enthaupten wird, meine ſchöne Königin, und das wäre Schade!“ „Ihr lacht?“ „Ich lache nicht. Der Krieg mit einem ganzen Volke iſt ſehr gefährlich. Seht Euern Bruder Karl I. an. Es ſteht ſchlimm, ſehr ſchlimm mit ihm.“ 4 „Wir find in Frankreich, und ich bin Spanierin.“ „Deſto ſchlimmer, per Bacco! deſto ſchlimmer! Wäret Ihr lieber eine Franzöſin und ich ein Franzoſe, man würde uns Beide weniger haſſen.“ „Doch Ihr billigt mein Vorhaben?“ „Ja, wenn die Sache möglich iſt.“ „Sie iſt es, ich ſage es Euch. Trefft Vorkehrun⸗ gen zu Eurer Abreiſe.“ „„Ich bin immer bereit zu reiſen; nur, wie Ihr ißt, reiſe ich nie... und dießmal ebenſo wenig, als onſt. „Aber wenn ich reiſe, werdet Ihr auch reiſen?“ „Ich werde es verſuchen.“ „Jch ſterbe vor Ungeduld über Eure Befürchtun⸗ gen, Giulio; vor was habt Ihr denn Angſt?“ „ Vor vielen Dingen.“ „Vor welchen?“ Das ſpöttiſche Geſicht von Mazarin wurde düſter und er erwiederte: Unna, Ihr ſeid eine Frau, und als Frau könnt —— e erſon te znade Cha⸗ ts iſt ngſt, Ihr, eines oſſen, ſuelle, agern fe die zu zu 15⁵¹ „Ich werde es finden.“ „Ihr wißt, was der Krieg bedeutet, der heiße, er⸗ bitterte, unverſöhnliche Bürgerkrieg?“ „Oh! ja, der Bürgerkrieg,“ ſprach Anna von Oeſter⸗ reich,„ja, ich will dieſe Stadt in Aſche legen, ich will das Feuer im Blute löſchen, ein furchtbares Beiſpiel ſoll das Verbrechen und die Strafe verewigen. Paris! ich haſſe es, ich verabſcheue es!“ „Ganz ſchön, Anna, Ihr ſeid blutgierig; nehmt Euch in Acht, wir ſind nicht in den Zeiten der Mala⸗ teſta und der Caſtruccio Caſtracani. Ihr macht, daß man Euch enthaupten wird, meine ſchöne Königin, und das wäre Schade!“ „Ihr lacht?“ „Ich lache nicht. Der Krieg mit einem ganzen Volke iſt ſehr gefährlich. Seht Euern Bruder Karl 1. an. Es ſieht ſchlimm, ſehr ſchlimm mit ihm.“ „Wir find in Frankreich, und ich bin Spanierin.“ „Deſto ſchlimmer, per Bacco! deſto ſchlimmer! Wäret Ihr lieber eine Franzöfin und ich ein Franzoſe, man würde uns Beide weniger haſſen.“ „Doch Ihr billigt mein Vorhaben?“ „Ja, wenn die Sache möglich iſt.“ „Sie iſt es, ich ſage es Euch. Trefft Vorkehrun⸗ gen zu Eurer Abreiſe.“ „Ich bin immer vereit zu reiſen; nur, wie Ihr ſ reiſe ich nie.. und dießmal ebenſo wenig, als onſt.“ „Aber wenn ich reiſe, werdet Ihr auch reiſen?“ „Ich werde es verſuchen.“ „Ich ſterbe vor Ungeduld über Eure Befürchtun⸗ gen, Giulio; vor was habt Ihr denn Angſt?“ „Vor vielen Dingen.“ „Vor welchen?“ Das ſpöttiſche Geſicht von Mazarin wurde düſter und er erwiederte: „Anna, Ihr ſeid eine Frau, und als Frau könnt 1⁵² hr nach Belieben die Männer beleidigen, da Ihr der Strafioſigkeit ſicher ſein dürft. Ihr beſchuldigt mich der Furcht. Ich habe weniger Furcht, als Ihr, da ich nicht fliehe. Gegen wen ſchreit man? gegen Euch oder gegen mich? Ich trotze dem Sturm, ich, den der Furcht beſchuldigt, nicht aus Prahlerei, das iſt nicht meine Art und Weiſe, aber ich halte Stand. Ahmt mich nach: niat ſo viel Lärmen, mehr Wirkung. Ihr ſchreit laut und erreicht kein Ziel. Ihr ſprecht von Fliehen!“ Mazarin zuckte die Achſeln, nahm die Kö⸗ nigin bei der Hand und führte ſie an das Fenſter. „Nun?“ ſagte die Königin, durch ſeine Hartnäckig⸗ keit geblendet. „Nun? was ſeht Ihr von dieſem Fenſter aus? Es find, wenn ich mich nicht täuſche, Bürger mit Panzern und Helmen und mit guten Musketen bewaffnet, wie zur Zeit der Ligue; ſie betrachten das Fenſter, aus dem Ihr ſie erſchaut, ſo ſcharf, daß ſie Euch ſehen werden, wenn Ihr den Vorhang ſo hoch aufhebt. Kommt nun an das andere Fenſter. Was ſeht Ihr? Leute aus dem Volke mit Hellebarden bewaffnet be⸗ — wachen Eure Thore. An jeder Oeffnung des Palaſtes, an die ich Euch führen werde, könnt Ihr eben ſo viele ſehen. Eure Thüren ſind bewacht, die Luftlöcher Eurer Keller ſind bewacht, und ich ſage Euch, was mir der gute La Ramée von Herrn von Beaufort ſagte, wenn Ihr nicht ein Vogel oder eine Maus ſeid, kommt Ihr nicht hinaus.“ „Er iſt doch hinaus gekommen.“ „Gedenkt Ihr auf dieſelbe Weiſe zu entfliehen?“ „Ich bin alſo eine Gefangene hier?“ 1 „Bei Gott,“ ſprach Mazarin,„ſeit einer Stunde beweiſe ich Euch dies.“ Mazarin nahm ruhig ſeine angefangene Defecht bei der Stelle wieder auf, wo er ſie abgebrchen hatte. 1 Zitternd vor Zorn, roth durch die Demüthegung, 5 152 Ihr nach Belieben die Männer Leleidigen, da Ihr der Straflofigkeit ſicher ſein dürft. Ihr beſchuldigt mich der Furcht. Ich habe weniger Furcht, als Ihr, da ich nicht fliehe. Gegen wen ſchreit man? gegen Euch oder gegen mich? Ich trotze dem Sturm, ich, den Ihr der Furcht beſchuldigt, nicht aus Prahlerei, das iſt nicht meine Art und Weiſe, aber ich halte Stand. Ahmt mich nach; nicht ſo viel Lärmen, mehr Wirkung. Ihr ſchreit laut und erreicht kein Ziel. Ihr ſprecht von Fliehen!“ Mazarin zuckte die Achſeln, nahm die Kö⸗ nigin bei der Hand und führte ſie an das Fenſter. „Nun?“ ſagte vie Königin, durch ſeine Hartnäckig⸗ keit geblendet. „Nun? was ſeht Ihr von dieſem Fenſter aus? Es find, wenn ich mich nicht täuſche, Bürger mit Panzern und Helmen und mit guten Musketen bewaffnet, wie zur Zeit der Ligue; ſie betrachten das Fenſter, aus dem Ihr ſie erſchaut, ſo ſcharf, daß ſie Euch ſehen werden, wenn Ihr den Vorhang ſo hoch aufhebt. Kommt nun an das andere Fenſter. Was ſeht Ihr? Leute aus dem Volke mit Hellebarden bewaffnet be⸗ wachen Eure Thore. An jeder Heffnung des Palaſtes, an die ich Euch führen werde, könnt Ihr eben ſo viele ſehen. Eure Thüren ſind bewacht, die Luftlöcher Eurer Keller ſind bewacht, und ich ſage Euch, was mir der gute La Ramée von Herrn von Beaufort ſagte, wenn Ihr nicht ein Vogel oder eine Maus ſeid, kommt Ihr nicht hinaus.“ „Er iſt doch hinaus gekommen.“ „Gedenkt Ihr auf dieſelbe Weiſe zu entfliehen?“ „Ich bin alſo eine Gefangene hier?“ „Bei Gott,“ ſprach Mazarin,„ſeit einer Stunde beweiſe ich Euch dies.“ Mazarin nahm ruhig ſeine angefangene Depeche bei der Stelle wieder auf, wo er ſie abgebrochen hatte. Zitternd vor Zorn, roth durch die Demüthigung, d t verließ Anna das Cabinet und ſchlug die Thüre mit der größten Heftigkeit hinter ſich zu. 8 Mazarin wandte nicht einmal den Kopf um. In ihre Gemächer zurückgekehrt, ſank die Königin auf einen Stuhl und fing an zu weinen. Aber plötzlich durch einen Gedanken berührt, erhob ſie ſich und rief: „Ich bin gerettet, oh ja, ja! ich kenne einen Men⸗ ſchen, der mich aus Paris zu bringen vermag, einen Menſchen, den ich nur zu lange vergeſſen habe.“ Und träumeriſch, obgleich mit einem Gefühle der Freude, fügte ſie bei: 3 „Ich Undankbare, ich habe zwanzig Jahre lang dieſen Mann vergeſſen, aus dem ich einen Marſchall von Frankreich hätte machen ſollen. Meine Schwieger⸗ mutter hat Geld, Liebkoſungen, Würden an Coneini verſchwendet, der ſie zu Grunde richtete, der Kö⸗ nig hat Vitry für einen Mord zum Marſchall von Frankreich gemacht, und ich ließ dieſen edeln d'Artag⸗ nan, der mich rettete, in der Vergeſſenheit, in der Armuth.— Und ſie lief an einen Tiſch, nahm Feder und Pa⸗ pier und fing an zu ſchreiben. Die Anterredung. D'Artagnan lag an dieſem Morgen in dem Zim⸗ mer von Porthos. Es war eine Gewohnheit, welche die zwei Freunde ſeit den Unruhen angenommen hat⸗ ten. Unter ihrem Kopfkiſſen war ihr Degen und auf * kig⸗ zern wie aus hen ebt. hr? be⸗ ſtes, iele urer der enn Ihr 2 nde eche chen ung, 153 verließ Anna das Cabinet und ſchlug die Thüre mit der größten Heftigkeit hinter ſich zu. Mazarin wandte nicht einmal den Kopf um. In ihre Gemächer zurückgekehrt, ſank die Königin auf einen Stuhl und fing an zu weinen. Aber plötzlich durch einen Gedanken berührt, erhob ſie ſich und rief: „Ich bin gerettet, oh ja, ja! ich kenne einen Men⸗ ſchen, der mich aus Paris zu bringen vermag, einen Menſchen, den ich nur zu lange vergeſſen habe.“ Und träumeriſch, obgleich mit einem Gefühle der Freude, fügte ſie bei: „Ich Undankbare, ich habe zwanzig Jahre lang dieſen Mann vergeſſen, aus dem ich einen Marſchall von Frankreich hätte machen ſollen. Meine Schwieger⸗ mutter hat Geld, Liebkoſungen, Würden an Concini verſchwendet, der ſie zu Grunde richtete, der Kö⸗ nig hat Vitry für einen Mord zum Marſchall von Frankreich gemacht, und ich ließ dieſen edeln d'Artag⸗ en mich rettete, in der Vergeſſenheit, in der rmuth. Und ſie lief an einen Tiſch, nahm Feder und Pa⸗ pier und fing an zu ſchreiben. XI. Die Unterredung. D'Artagnan lag an dieſem Morgen in dem Zim⸗ mer von Porthos. Es war eine Gewohnheit, welche die zwei Freunde ſeit den Unruhen angenommen hat⸗ ten. Unter ihrem Kopfkiſſen war ihr Degen und auf 154 dem Tiſche, im Bereiche ihrer Hand, befanden ſich ihre Piſtolen. 3 DArtagnan ſchlief noch und träumte, der Himmel bedecke ſich mit einer großen, gelben Wolke; aus die⸗ ſer Wolke ſtröme ein Goldregen herab, und er halte ſeinen Hut unter eine Traufe. Porthos träumte, ſein Kutſchenſchlag ſei nicht breß genug für das Wappen, das er darauf malen eß. Sie wurden um ſieben Uhr von einem Diener ohne Livree erweckt, der d'Artagnan einen Brief brachte. „Von wem?“ fragte der Gascogner. „Von der Königin,“ antwortete der Diener. „Wie?“ rief Porthos, ſich in ſeinem Bette erhe⸗ bpend,„was enthäli er denn?“ D'Artagnan bat den Diener, in ein anſtoßendes Zimmer zu gehen, ſprang, ſobald die Thüre wieder geſchloſſen war, aus ſeinem Bette und las raſch, während ihn Porthos mit weit aufgeſperrten Augen, und ohne daß er eine Frage an ihn zu richten wagte, anſchaute. „Freund Porthos,“ ſprach d'Artagnan, ihm den Brief reichend,„hier finden ſich diesmal Dein Baron⸗ Titel und mein Kapitäns⸗Patent. Nimm, lies und urtheile!“ Porthos ſtreckte die Hand aus, nahm den Brief und las folgende Worte von einer zitternden Hand: „Die Königin will Herrn d'Artagnan ſprechen.. Er folge dem Ueberbringer.“ „Nun?“ ſagte Porthos. „Nun?“ ſprach d'Artagnan. „Ich ſehe nichts Beſonderes darin.“ „Aber ich ſehe darin viel Außerordentliches,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan.„Wenn man mich ruft, ſo geſchieht es, weil die Angelegenheiten in großer Verwirrung find. Bedenke ein wenig, was für eine Aufregung 3 154 dem Tiſche, im Bereiche ihrer Hand, befanden ſich ihre Piſtolen. D'Artagnan ſchlief noch und träumte, der Himmel bedecke ſich mit einer großen, gelben Wolke; aus die⸗ ſer Wolke ſtröme ein Goldregen herab, und er halte ſeinen Hut unter eine Traufe. Porthos träumte, ſein Kutſchenſchlag ſei nicht genug für das Wappen, das er darauf malen ieß. Sie wurden um ſieben Uhr von einem Diener ohne Lvree erweckt, der d'Artagnan einen Brief brachte. „Von wem?“ fragte der Gascogner. „Von der Königin, antwortete der Diener. „Wie?2“ rief Porthos, ſich in ſeinem Bette erhe⸗ bend, was enthäli er denn?“ D'Artagnan bat den Diener, in ein anſtoßendes Zimmer zu gehen, ſprang, ſobald die Thüre wieder geſchloſſen war, aus ſeinem Bette und las raſch, während ihn Porthos mit weit aufgeſperrten Augen, und ohne daß er eine Frage an ihn zu richten wagte, anſchaute.. „Freund Porthos,“ ſprach dArtagnan, ihm den Brief reichend,„hier finden ſich diesmal Dein Baron⸗ Titel und mein Kapitäns⸗Patent. Nimm, lies und urtheile!“ Porthos ſtreckte die Hand aus, nahm den Brief und las folgende Worte von einer zitternden Hand: „Die Königin will Herrn dArtagnan ſprechen.. Er folge dem Ueberbringer.“ „Nun?“ ſagte Porthos. „Nun?“ ſprach dArtagnan. „Ich ſehe nichts Beſonderes darin.“ „Ader ich ſehe darin viel Außerordentliches,“ ver⸗ ſetzte d'urtagnan.„Wenn man mich ruft, ſo geſchieht es, weil die Angelegenheiten in großer Verwirrung ſind. Bevenke ein wenig, was für eine Aufregung —————— — ℳ in dem Geiſte der Königin herrſchen muß, daß nach zwanzig Jahren das Andenken an mich wieder auf die Oberfläche kommt.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Porthos. „Schleife Deinen Degen, Baron, lade Deine Piſtolen, gib den Pferden Haber, ich ſtehe Dir dafür, daß vor morgen Neues ſich ereignen wird.“ „Könnte es nicht eine Falle ſein, die man uns ſtellt, um ſich unſerer zu entledigen?“ verſetzte Por⸗ thos, ſtets den Aerger befürchtend, den ſeine zukünftige Größe einem Andern verurſachen müßte. „Wenn es eine Falle iſt,“ ſprach d'Artagnan,„ſei unbeſorgt, ich werde ſie riechen. Iſt Mazarin ein Ita⸗ liener, ſo bin ich ein Gascogner.“ Und d'Artagnan kleidete ſich blitzgeſchwinde an. Während Porthos, der immer noch im Bette lag, ihm ſeinen Mantel zuhäkelte, klopfte man zum zweiten Mal an die Thüre. „Herein,“ ſprach d'Artagnan. Ein zweiter Diener trat ein. „Von Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal Ma⸗ zarin,“ ſagte er. D Artagnan ſchaute Porthos an. 1 „Die Sache wird verwickelt,“ ſagte Porthos,„wo anfangen?“ „Das kommt vortrefflich!“ verſetzte d'Artagnan. „Seine Eminent beſtellt mich in einer halben Stunde.“ „Gut.“ „Mein Freund,“ ſprach d'Artagnan, ſich zu dem Bedienten umwendend,„ſagt Seiner Eminenz in einer halben Stunde ſei ich zu ſeinem Befehl.“ Der Diener verbeugte ſich und ging ab. „Es iſt ein Glück, daß er den Andern nicht geſe⸗ hen hat,“ ſagte d'Artagnan. „Du glaubſt alſo, es laſſen Dich Beide wegen derſelben Sache holen?“— „Ich glaube nicht, ich bin es überzeugt.“ 15⁵ re in dem Geiſte der Königin herrſchen muß, daß nach zwanzig Jahren das Andenken an mich wieder auf die nel Oberfläche kommt.“ z„Das iſt richtig,“ ſprach Porthos. .„Schleife Deinen Degen, Baron, lade Deine . Piſtolen, gib den Pferden Haber, ich ſtehe Dir dafür, icht daß vor morgen Neues ſich ereignen wird.“ len„Könnte es nicht eine Falle ſein, die man uns ſtellt, um ſich unſerer zu entledigen?“ verſetzte Por⸗ ner thos, ſtets den Aerger befürchtend, den ſeine zukünftige ief Größe einem Andern verurſachen müßte. „Wenn es eine Falle iſt,“ ſprach d'Artagnan,„ſei unbeſorgt, ich werde ſie riechen. Iſt Mazarin ein Ita⸗ liener, ſo bin ich ein Gascogner.“ he⸗ Und d'Artagnan kleidete ſich blitzgeſchwinde an. Während Porthos, der immer noch im Bette lag, des ihm ſeinen Mantel zuhäkelte, klopfte man zum zweiten der Mal an die Thüre. ſch,„Herein,“ ſprach dArtagnan. en, Ein zweiter Diener trat ein. gte,„Von Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal Ma⸗ zarin,“ ſagte er. den D'Artagnan ſchaute Porthos an. on⸗„Die Sache wird verwickelt,“ ſagte Porthos,„wo und anfangen?“ „Das kommt vortrefflich!“ verſetzte d'Artagnan. 5 e Eminenz beſtellt mich in einer halben Stunde.“ „Gut.“ „Mein Freund,“ ſprach d'Artagnan, ſich zu dem Bedienten umwendend,„ſagt Seiner Eminenz in einer halben Stunde ſei ich zu ſeinem Befehl.“ Der Diener verbeugte ſich und ging ab. „Es iſt ein Glück, daß er den Andern nicht geſe⸗ ver⸗ hen hat,“ ſagte dArtagnan. iebt„Du glaubſt alſo, es laſſen Dich Beide wegen 1 derſelben Sache holen?“ „Ich glaube nicht, ich bin es überzeugt.“ „Vorwärts, vorwärts, d'Artagnan, geſchwinde! Bedenke, daß die Königin Dich erwartet, und nach der Königin der Cardinal, und nach dem Cardinal ich.“ D'Artagnan rief den Bedienten von Anna von Oeſterreich herein und ſagte zu ihm: „Ich bin bereit, mein Freund, führt mich.“ Der Diener führte ihn durch die Rue des Petits⸗ Champs und ließ ihn, ſich links wendend, durch die kleine Thür des Gartens eintreten, der nach der Rue de Richelieu ging. Dann erreichte man eine geheime Treppe und d'Artagnan wurde in das Betzimmer ein⸗ geführt. Eine gewiſſe Gemüthsbewegung, von der er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, machte das Herz des Lieutenant ſchlagen. Er beſaß nicht mehr das Ver⸗ trauen der Jugend, und die Erfahrung hatte ihn den ganzen Ernſt der Ereigniſſe gelehrt. Er wußte, was die Erhabenheit der Fürſten und die Maje⸗ ſtät der Könige iſt. Er hatte ſich daran gewöhnt, ſeine Mittelmäßigkeit hinter die Illuſtration des Ver⸗ mögens und der Geburt zu reihen. Früher hätte er ſich Anna von Oeſterreich wie ein junger Menſch gegen⸗ übergeſtellt, der eine Frau begrüßt; jetzt war es etwas Anderes, und er begab ſich zu ihr, wie ein demüthiger Soldat zu einem berühmten Heerführer. Ein leiſes Geräuſch unterbrach die Stille des Betzimmers. D'Artagnan bebte, ſah eine weiße Hand den Vorhang heben, und erkannte an ihrer Form und Schönheit die königliche Hand, die man ihm eines Tags zu küſſen gegeben hatte. Die Königin trat ein. „Ihr ſeid es, Herr d'Artagnan!“ ſprach ſie, a den Offizier einen Blick voll einnehmender Schwermuth heftend,„Ihr ſeid es, und ich erkenne Euch wieder. Schaut mich ebenfalls an; ich bin die Königin, erkennt Ihr mich?“ „Nein, Madame,“ antworteie d'Artagnan. 15⁵6 „Vorwärts, vorwärts, dArtagnan, geſchwinde! Bedenke, daß die Königin Dich erwartet, und nach der Königin der Cardinal, und nach dem Cardinal ich.“ D'Artagnan rief den Bedienten von Anna von Oeſterreich herein und ſagte zu ihm: „Ich bin bereit, mein Freund, führt mich.“ Der Diener führte ihn durch die Rue des Petits⸗ Champs und ließ ihn, ſich links wendend, durch die kleine Thür des Gartens eintreten, der nach der Rue de Richelieu ging. Dann erreichte man eine geheime Sr und dArtagnan wurde in das Betzimmer ein⸗ geführt. Eine gewiſſe Gemüthsbewegung, von der er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, machte das Herz des Reutenant ſchlagen. Er beſaß nicht mehr das Ver⸗ trauen der Jugend, und die Erfahrung hatte ihn den ganzen Ernſt der Ereigniſſe gelehrt. Er wußte, was die Erhabenheit der Fürſten und die Maje⸗ ſtät der Könige iſt. Er hatte ſich daran gewöhnt, ſeine Mittelmäßigkeit hinter die Illuſtration des Ver⸗ mögens und der Geburt zu reihen. Früher hätte er ſich Anna von Oeſterreich wie ein junger Menſch gegen⸗ übergeſtellt, der eine Frau begrüßt; jetzt war es etwas Anderes, und er begab ſich zu ihr, wie ein demüthiger Soldat zu einem berühmten Heerführer. Ein leiſes Geräuſch unterbrach die Stille des Betzimmers. D'Artagnan bebte, ſah eine weiße Hand den Vorhang heben, und erkannte an ihrer Form und Schönheit die königliche Hand, die man ihm eines Tags zu küſſen gegeben hatte. Die Königin trat ein. „Ihr ſeid es, Herr d'Artagnan!“ ſprach ſie, auf den Offizier einen Blick voll einnehmender Schwermuth heftend,„Ihr ſeid es, und ich erkenne Euch wieder. Schaut mich ebenfalls anz ich bin die Königin, erkennt Ihr mich?“ „Nein, Madame,“ antwortete dArtagnan. e)————„—— N d — G8 ☛̈ ⏑̈‿̈ᷣ —— 45 &X AGAXNS”S 8 A8 A r. nt 3 „Aber wißt Ihr denn nicht mehr,“ fuhr Anna von Oeſterreich mit einem liebreichen Tone fort, den ſie, wenn ſie wollte, ihrer Stimme zu verleihen vermochte,„wißt Ihr denn nicht mebr, daß die Königin eines Tags ei⸗ nes jungen und ergebenen Cavaliers bedurfte, daß ſie dieſen Cavalier fand, und obgleich er ſich von ihr vergeſſen glauben konnte, einen Platz für ihn im Grunde ihres Herzens bewahrte?“ „Nein, Madame, ich weiß es nicht,“ ſprach der Muskelier. „Deſto ſchlimmer, mein Herr,“ ſagte Anna von Oeſterreich,„deſto ſchlimmer, wenigſtens für die Königin, denn die Königin bedarf heute deſſelben Muthes und derſelben Ergebenheit.“ „Wie!“ rief d'Artagnan,„die Königin, umgeben von ſo treuen Dienern, von ſo vielen Räthen, von Männern, ſo groß durch ihr Verdienſt oder ihre Stel⸗ lung, läßt ſich herab, ihre Augen auf einen unbekann⸗ ten Soldaten zu werſen!“ Anna begriff dieſen Vorwurf; ſie war dadurch mehr gerührt, als gereizt. So viel Verleugnung, ſo viel Uneigennützigkeit von Seiten des gascogniſchen Evelmannes hatte ſie wiederholt gedemüthigt. Sie hatte ſich an Edelmuth übertreffen laſſen. „Alles, was Ihr mir da von meiner Umgebung ſagt, iſt vielleicht wahr,“ ſprach die Königin,„aber ich habe nur zu Euch allein Zutrauen. Ich weiß, daß Ihr dem Herrn Cardinal angehört: Gehört aber auch mir an, und ich übernehme es, Euer Glück zu machen. Laßt hören: werdet Ihr für mich heute thun, was einſt für die Königin jener Edelmann gethan hat, den Ihr nicht kennt?“ „Ich werde Alles thun, was mir Euere Majeſtät befiehlt,“ ſprach d'Artagnan. 3 Die Königin dachte einen Augenblick nach und ſagte ſodann, die umfichtige Haltung des Musfetiers wahrnehmend: 3 er 8⸗ ie ne n⸗ ich es r⸗ te, je⸗ nt, er⸗ en⸗ as ger des ind rm nes auf uth er. nnt 1⁵7 „Aber wißt Ihr denn nicht mehr,“ fuhr Anna von Heſterreich mit einem liebreichen Tone fort, den ſie, wenn ſie wollte, ihrer Stimme zu verleihen vermochte,„wißt Ihr denn nicht mehr, daß die Königin eines Tags ei⸗ nes jungen und ergebenen Cavaliers bedurfte, daß ſie dieſen Cavalier fand, und obgleich er ſich von ihr vergeſſen glauben konnte, einen Flatz für ihn im Grunde ihres Herzens bewahrte?“ „Nein, Madame, ich weiß es nicht,“ ſprach der Musketier. „Deſto ſchlimmer, mein Herr,“ ſagte Anna von Oeſterreich,„deſto ſchlimmer, wenigſtens für die Königin, denn die Königin bedarf heute deſſelben Muthes und derſelben Ergebenheit.“ „Wie!“ rief d'Artagnan,„die Königin, umgeben von ſo treuen Dienern, von ſo vielen Räthen, von Männern, ſo groß durch ihr Verdienſt oder ihre Stel⸗ lung, läßt ſich herab, ihre Augen auf einen unbekann⸗ ten Soldaten zu werfen!“ Anna begriff dieſen Vorwurf; ſie war dadurch mehr gerührt, als gereizt. So viel Verleugnung, ſo viel Uneigennützigkeit von Seiten des gascogniſchen Edelmannes hatte ſie wiederholt gedemüthigt. Sie hatte ſich an Edelmuth übertreffen laſſen. „Alles, was Ihr mir da von meiner Umgebung ſagt, iſt vielleicht wahr,“ ſprach die Königin,„aber ich habe nur zu Euch allein Zutrauen. Ich weiß, daß Ihr dem Herrn Cardinal angehört; Gehört aber auch mir an, und ich übernehme es, Euer Glück zu machen. Laßt hören: werdet Ihr für mich heute thun, was einſt für die Königin jener Edelmann gethan hat, den Ihr nicht kennt?“ „Ich werde Alles thun, was mir Euere Majeſtät befiehlt,“ ſprach d'Artagnan. Die Königin dachte einen Augenblick nach und ſagte ſodann, die umſichtige Haltung des Musketiers wahrnehmend: —— — 158 „ Ihr liebt vielleicht die Ruhe?“ „Ich weiß nicht, denn ich habe nie geruht, Ma⸗ dame.“ „Habt Ihr Freunde?“ „Ich habe drei; zwei von ihnen haben Paris ver⸗ laſſen, und es iſt mir nicht bekannt, wohin ſie gegan⸗ gen ſind. Ein einziger bleibt mir, aber dieſer iſt einer von denen, welche, wie ich glaube, den Cavalier ken⸗ nen, von dem Eure Majeſtät mit mir zu ſprechen mir die Ehre erwieſen hat.“ „Es iſt gut,“ ſagte die Königin,„Ihr und Euer Freund ſeid ſo viel werth, als ein Heer.“ „Was ſoll ich thun, Madame?“ „Kommt in fünf Stunden zurück und ich werde es Euch ſagen. Aber ſprecht mit keiner lebendigen Seele von dem Rendezvous, das ich Euch gebe.“ „Nein, Madame.“— „Schwört bei Chriſtus.“ „Madame, ich habe nie mein Wort gebrochen; wenn ich Nein ſage, ſo bleibt es bei dem Nein!“ Obgleich erſtaunt über dieſe Sprache, an welche ſie ihre Höflinge nicht gewöhnt hatten, zog doch die Königin ein gutes Vorzeichen für den Eifer daraus, mit welchem ſie d'Artagnan bei der Ausführung ihres Vorhabens unterſtützen würde. Es war eines von den Kunſtſtücken des Gascogners, ſeine Scharffinnigkeit un⸗ ter dem Anſcheine einer rauhen Rechtſchaffenheit zu verbergen. „Hat mir die Königin für den Augenblick nichts Anderes mehr zu befehlen?“. „Nein, mein Herr,“ antwortete Anna von Oeſterreich, „und Ihr könnt Euch bis zu dem Augenblick, den ich Euch genannt habe, zurückziehen.“ 8. D Artagnan verbeugte ſich und trat ab. „Teufel,“ ſagte er, als er vor der Thüre war, „es ſcheint, man bedarf hier meiner ſehr.“ Dann, nachdem die halbe Stunde abgelaufen war, 158 „Ihr liebt vielleicht die Ruhe?“ „Ich weiß nicht, denn ich habe nie geruht, Ma⸗ dame.“ „Habt Ihr Freunde?“ „Ich habe drei; zwei von ihnen haben Paris ver⸗ laſſen, und es iſt mir nicht bekannt, wohin ſie gegan⸗ gen ſind. Ein einziger bleibt mir, aber dieſer iſt einer von denen, welche, wie ich glaube, den Cavalier ken⸗ nen, von dem Eure Majeſtät mit mir zu ſprechen mir die Ehre erwieſen hat.“. „Es iſt gut, ſagte die Königin,„Ihr und Euer Freund ſeid ſo viel werth, als ein Heer.“ „Was ſoll ich thun, Madame?“ „Kommt in fünf Stunden zurück und ich werde es Euch ſagen. Aber ſprecht mit keiner lebendigen Seele von dem Rendezvous, das ich Euch gebe.“ „Nein, Madame.“ „Schwört bei Chriſtus.“ „Madame, ich habe nie mein Wort gebrochen; wenn ich Nein ſage, ſo bleibt es bei dem Nein!“ Obgleich erſtaunt über vieſe Sprache, an welche ſie ihre Höflinge nicht gewöhnt hatten, zog doch die Königin ein gutes Vorzeichen für den Eifer daraus, mit welchem ſie d'Artagnan bei der Ausführung ihres Vorhabens unterſützen würde. Es war eines von den Kunſtſtücken des Gascogners, ſeine Scharfſinnigkeit un⸗ ter vem Anſcheine einer rauhen Rechtſchaffenheit zu verbergen. 5 „Hat mir die Königin für den Augenblick nichts Anderes mehr zu befehlen?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Anna von Oeſterreich, „und Ihr könnt Euch bis zu dem Augenblick, den ich Euch genannt habe, zurückziehen.“ BArtagnan verbeugte ſich und trat ab. „Teufel, ſagte er, als er vor der Thüre war, „es ſcheint, man bedarf hier meiner ſehr.“ Dann, nachdem die halbe Stunde abgelaufen war, ſtä nit da ſal br ging er durch die Gallerie und klopfte an die Thüre des Cardinals. Bernouin führte ihn ein. „Ich unterziehe mich Euern Befehlen, Monſeigneur,“ ſprach der Gascogner. 1 Seiner Gewohnheit gemäß warf d'Artagnan einen raſchen Blick um ſich her, und er gewahrte auf dem Schreibtiſch einen verſiegelten Brief. Er lag auf der Seite der Ueberſchrift, ſo daß man unmöglich ſehen konnte, an wen er adreſſirt war. „Ihr kommt von der Königin?“ ſprach Mazarin, d'Artagnan feſt anſchauend. „Ich, Moanſeigneur? Wer hat Euch das geſagt?“ „Niemand, aber ich weiß es.“ „Es thut mir unendlich leid, Monſeigneur, ſagen zu müſſen, daß Ihr Euch täuſcht,“ antwortete frecher Weiſe der Gascogner, geſtählt durch das Verſprechen, das er Anna von Oeſterreich geleiſtet hatte. „Ich habe ſelbſt das Vorzimmer geöffnet und Euch vom Ende der Gallerie herkommen ſehen.“ „Ich wurde über die geheime Treppe eingeführt.“ „Wie dies?“ „Ich weiß es nicht, es wird wohl ein Mißver⸗ ſtändniß geweſen ſein.“ 3 azarin war es bekannt, daß man d'Artagnan nicht dazu brachte, das zu ſagen, was er verbergen wollte. Er verzichtete auch für den Augenblick darauf, das Geheimniß des Gascogners zu enthüllen. „Sprechen wir von meinen Angelegenheiten,“ ſagte der Cardinal,„da Ihr mir die Eurigen nicht mittheilen wollt.“ DArtagnan verbeugte ſich. „Liebt Ihr das Reiſen?“ fragte der Cardinal. „Ich habe mein Leben auf der Landſtraße zuge⸗ bracht.“ „Sollte Euch etwas in Paris zurückhalten?⸗ 1 r⸗ R⸗ er n⸗ ir er de en n; che die us, res den un⸗ hts ich, ich var, var, 159 S ging er durch die Gallerie und klopfte an die Thüre des Cardinals. Bernouin führte ihn ein. „Ich unterziehe mich Euern Befehlen, Monſeigneur,“ ſprach der Gascogner. Seiner Gewohnheit gemäß warf d'Artagnan einen raſchen Blick um ſich her, und er gewahrte auf. dem Schreibtiſch einen verſiegelten Brief. Er lag auf der Seite der Ueberſchrift, ſo daß man unmöglich ſehen konnte, an wen er avreſſirt war. „Ihr kommt von der Königin?“ ſprach Mazarin, d'Artagnan feſt anſchauend. „Ich, Monſeigneur? Wer hat Euch das geſagt?“ „Niemand, aber ich weiß es.“ „Es thut mir unendlich leid, Monſeigneur, ſagen zu müſſen, daß Ihr Euch täuſcht,“ antwortete frecher Weiſe der Gascogner, geſtählt durch das Verſprechen, das er Anna von Oeſterreich geleiſtet hatte. „Ich habe ſelbſt das Vorzimmer geöffnet und Euch vom Ende der Gallerie herkommen ſehen.“ „Ich wurde über die geheime Treppe eingeführt.“ „Wie dies?“ „Ich weiß es nicht, es wird wohl ein Mißver⸗ ſtändniß geweſen ſein.“ Mazarin war es bekannt, daß man d'Artagnan nicht dazu brachte, das zu ſagen, was er verbergen wollte. Er verzichtete auch für den Augenblick darauf, das Geheimniß des Gascogners zu enthüllen. „Sprechen wir von meinen Angelegenheiten,“ ſagte der Cardinal,„da Ihr mir die Eurigen nicht mittheilen wollt.“ D'Artagnan verbeugte ſich. „Liebt Ihr das Reiſen?“ fragte der Cardinal. „Ich habe mein Leben auf der Landſtraße zuge⸗ bracht.“ „Sollte Euch etwas in Paris zurückhalten?“ 160 „Nichts würde mich in Paris zurückhalten, als ein höherer Befehl.“„ 2 „Gut. Hier iſt ein Brief, der an ſeine Adreſſe überbracht werden muß.“ „An ſeine Adreſſe, Monſeigneur? es iſt keine darauf.“ Auf der dem Siegel entgegengeſetzten Seite war wirklich keine Schrift zu finden. „Der Brief hat einen doppelten Umſchlag,“ ver⸗ ſetzte Mazarin. „Ich begreife... ich ſoll den erſten zerreißen, wenn ich an Ort und Stelle angelangt bin.“ „Vortrefflich. Steckt den Brief ein und geht. Ihr habt einen Freund, Herrn du Vallon, ich liebe ihn ſehr. Nehmt ihn mit Euch.“ „Teufel!“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„er weiß, daß wir ſeine Unterredung geſtern gehört haben und will uns von Paris entfernen.“ „Solltet Ihr zögern?“ fragte Mazarin. „Nein, Monſeigneur, ich reiſe auf der Stelle, nur wünſche ich Eines.“ „Was? ſprecht!“ 3 „Daß ſich Eure Eminenz zu der Königin begeben „Wann?“ „Sogleich.“ „Zu welchem Behufe?“ „Um ihr nur folgende Worte zu ſagen:„„Ich ſchicke Herr d' Artagnan irgendwohin und laſſe ihn ſogleich reiſen.“* „„Seht Ihr,“ ſprach Mazarin,„Ihr ſeid bei der Königin geweſen.“ „Ich hatte die Ehre, Eurer Eminenz zu ſagen, es habe möglicher Weiſe ein Mißverſtändniß ſtattge⸗ funden.“ „Was ſoll dies bedeuten?“ fragte Mazarin. 160 „Nichts würde mich in Paris zurückhalten, als ein höherer Befehl.“ „Gut. Hier iſt ein Brief, der an ſeine Adreſſe überbracht werden muß.“ „An ſeine Adreſſe, Monſeigneur? es iſt keine darauf.“ Auf der dem Siegel entgegengeſetzten Seite war wirklich keine Schrift zu finden. „Der Brief hat einen doppelten Umſchlag,“ ver⸗ ſetzte Mazarin. „Ich begreife ich ſoll den erſten zerreißen, wenn ich an Ort und Stelle angelangt bin.“ „Vortrefflich. Steckt den Brief ein und geht. Ihr habt einen Freund, Herrn du Vallon, ich liebe ihn ſehr. Nehmt ihn mit Euch.“ „Teufel!“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt,„r weiß, daß wir ſeine Unterredung geſtern gehört haben und will uns von Paris entfernen.“ „Solltet Ihr zögern?“ fragte Mazarin. „Nein, Monſeigneur, ich reiſe auf der Stelle, nur wünſche ich Eines.“ „Was? ſprecht!“ „Daß ſich Eure Eminenz zu der Königin begeben möge.“ „Wann?“ „Sogleich.“ „Zu welchem Behufe?“ „üm ihr nur folgende Worte zu ſagen; ſchicke Herr d'Artagnan irgendwohin und laſſe ihn ſogleich reiſen.“ „Seht Ihr,“ ſprach Mazarin,„Ihr ſeid bei der Königin geweſen.“* „Ich hatte die Ehre, Eurer Eminenz zu ſagen, es hade möglicher Weiſe ein Mißverſtändniß ftatige⸗ funden.“ „Was ſoll dies bedeuten?“ fragte Mazarin. — △ 5 161 „Es iſt gut, ich gehe, erwartet mich hier.“ Mazarin ſchaute aufmerkſam umher, ob kein Schlüſſel an den Schränken zurückgeblieben wäre, und Es verliefen zehn Minuten, während welcher d'Artag⸗ nan ſich im höchſten Maße anſtrengte, um durch den er⸗ ſten Umſchlag zu leſen, was auf dem zweiten geſchrie⸗ ben ſtand, aber es gelang ihm nicht. Mazarin kehrte bleich und mit äußerſt ſorgenvol⸗ Der Gascogner erſah mit ſeiner ſtets galoppiren⸗ den Einbildungskraft bereits den ganzen Vortheil, den er aus der Lage der Dinge ziehen konnte. Aber Mazarin gab keinen Befehl dieſer Art, ſon⸗ dern fing im Gegentheil an, d'Artagnan eine Sam⸗ che „Ihr habt Recht,“ ſagte er zu ihm;„mein lieber Herr d'Artagnan, Ihr könnt noch nicht reiſen; ich bitte, gebt mir dieſe Depeche zurück.“ 3 4 D Artagnan gehorchte. Mazarin verſicherte ſich, daß das Siegel unberührt war. 3 „Ich werde Eurer dieſen Abend bedürfen, kommt in zwei Stunden zurück.“ * Zwanzig Jahre nachher. III. 11 als eſſe ine var er⸗ en, eht. iebe „er ben elle, eben „Ich ihn der igen, ttge⸗ 161 „Dürfte ich es wagen, Eurer Eminenz meine Bitte zu wiederholen?“ „Es iſt gut, ich gehe, erwartet mich hier.“ Mazarin ſchaute aufmerkſam umher, ob kein Schlüſſel an den Schränken zurückgeblieben wäre, und entfernte ſich. Es verliefen zehn Minuten, während welcher d'Artag⸗ nan ſich im höchſten Maße anſtrengte, um durch den er⸗ ſten Umſchlag zu leſen, was auf dem zweiten geſchrie⸗ ben ſtand, aber es gelang ihm nicht. Mazarin kehrte bleich und mit äußerſt ſorgenvol⸗ ler Miene zurück; er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch. D'Artagnan ſchaute ihn forſchend an, wie er den Brief angeſchaut hatte; aber die Umhüllung ſeines Geſichtes war beinahe eben ſo undurchdringlich, als der Um⸗ ſchlag des Briefes. „Ei, ei,“ ſagte der Gascogner,„er ſieht ſehr ärgerlich aus. Sollte er gegen mich aufgebracht ſein? Er ſinnt nach, etwa um mich in die Baſtille zu ſchi⸗ cken? Alles ſchön und gut, Monſeigneur! bei dem erſten Worte, das Ihr ſprecht, erdroſſele ich Euch und werde Frondeur. Man trägt mich im Triumph umher, wie Herrn Brouſſel, und Athos ruft mich zum fran⸗ zöfiſchen Brutus aus. Das wäre drollig!“ Der Gascogner erſah mit ſeiner ſtets galoppiren⸗ den Einbildungskraft bereits den ganzen Vortheil, den er aus der Lage der Dinge ziehen konnte. Aber Mazarin gab keinen Befehl dieſer Art, ſon⸗ dern fing im Gegentheil an, d'Artagnan eine Sam⸗ metpfote zu machen. „Ihr habt Recht,“ ſagte er zu ihm;„mein lieber Herr d'Artagnan, Ihr könnt noch nicht reiſen; ich bitte, gebt mir dieſe Depeche zurück.“ D Artagnan gehorchte. Mazarin verſicherte ſich, daß das Siegel unberührt war. „Ich werde Eurer dieſen Abend bedürfen, kommt in zwei Stunden zurück.“ Zwanzig Jahre nachher⸗ Ml. 11 162 „In zwei Stunden, Monſeigneur, habe ich ein Rendezvous, bei dem ich nicht fehlen darf.“ „Das kümmere Euch nicht,“ verſetzte Mazarin, „es iſt daſſelbe.“ „Gut,“ dachte d'Artagnan,„ich vermuthete es.“ „Kommt alſo um fünf Uhr zurück und bringt mir den lieben Herrn du Vallon mit. Nur laßt ihn im Vorzimmer, ich will mit Euch allein ſprechen.“ DArtagnan verbeugte ſich. Iihrend dieſer Verbeugung ſagte er zu ſich elbſt: „Beide denſelben Befehl, Beide zur ſelben Stunde, Beide im Palais⸗Royal... ich errathe! Ah! das iſt ein Geheimniß, wofür mir Herr von Gondy hundert⸗ tauſend Livres bezahlen würde.“ „Ihr überlegt?“ ſagte Mazarin unruhig. „Ja, ich fragte mich, ob wir bewaffnet ſein ſoll⸗ ten oder nicht.“ „Bis unter die Zähne bewaffnet.“ „Gut, Monſeigneur, es wird ſo ſein.“ D'Artagnan grüßte, entfernte ſich und lief nach Hauſe,, um ſeinem Freunde die, ſchmeichelhaften Ver⸗ ſprechungen von Mazarin zu wiederholen, welche Por⸗ thos eine unglaubliche Behendigfeit verliehen. XII. Die Flucht. Trotz der Zeichen von Aufregung, welche die Stadt kundgab, bot das Palais⸗Royal, als d'Artagnan gegen fünf Uhr Abends dahin ging, ein ſehr heiteres Schau⸗ — ſpiel. Darüber durfte man ſich nicht wundern: die 3 162 „In zwei Stunden, Monſeigneur, habe ich ein Rendezovus, bet dem ich nicht fehlen darf.“ „Das kümmere Euch nicht,“ verſetzte Mazarin, „es iſt daſſelbe.“ „Gut,“ dachte d'Artagnan,„ich vermuthete es.“ „Kommt alſo um fünf Uhr zurück und bringt mir den lieben Herrn du Vallon mit. Nur laßt ihn im Vorzimmer, ich will mit Euch allein ſprechen.“ D'Artagnan verbeugte ſich. Während dieſer Verbeugung ſagte er zu ſich ſelbſt: „Beide denſelben Befehl, Beide zur ſelben Stunbe, Beide im Palais⸗Royal„ich errathe! Ah! das iſt ein Geheimniß, wofür mir Herr von Gondy hundert⸗ tauſend Livres bezahlen würde.“ „Ihr überlegt?“ ſagte Mazarin unruhig. „Ja, ich fragte mich, ob wir bewaffnet ſein ſoll⸗ ten oder nicht.“ „Bis unter die Zähne bewaffnet.“ „Gut, Monſeigneur, es wird ſo ſein.“ DArtagnan grüßte, entfernte ſich und lief nach Hauſe, um ſeinem Freunde die ſchmeichelhaften Ver⸗ ſprechungen von Mazarin zu wieverholen, welche Por⸗ thos eine unglaubliche Behendigkeit verliehen. XII. Vie Flucht. Trotz der Zeichen von Aufregung, welche die Stadt kundgab, bot das Palais⸗Royal, als dArtagnan gegen fünf Uhr Abends dahin ging, ein ſehr heiteres Schau⸗ ſpiel. Darüber durfte man ſich nicht wundern; die neu mir — 8 ͤ— 163 Königin hatte Brouſſel und Blanemesnil dem Volke zurückgegeben. Die Königin hatte wirklich nichts mehr zu befürchten, denn das Volk hatte nichts mehr zu verlangen. Seine Bewegtheit war ein Reſt der Auf⸗ regung, der man Zeit ſich zu beſchwichtigen gönnen mußte, wie es nach dem Sturme mehrer Tage be⸗ darf, bis ſich die Wellen des Meeres legen. Es fand ein kleines Feſtmahl Statt, wobei die Rückkehr des Siegers von Lens als Vorwand diente. Die Prinzen und Prinzeſſinnen wurden eingeladen; ihre Carroſſen füllten den Hof ſeit Mittag. Nach dem Mahle ſollte Spiel bei der Königin ſein. 3 Anna von Oeſterreich ſtrahlte an dieſem Tage von Geiſt und Anmuth; nie hatte man ſie heiterer Laune geſehen. Die Rache in der Blüthe glänzte in ihren Augen und umſpielte ihre Lippen. In dem Augenblick, wo man von der Tafel auf⸗ ſtand, verſchwand Mazarin. D'Artagnan war bereits an ſeinem Poſten und erwartete ihn im Vorzimmer. Der Cardinal erſchien mit lachender Miene, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in ſein Cabinet. „Nein lieber Herr d'Artagnan,“ ſagte der Mini⸗ ſter ſich ſetzend,„ich will Euch den größten Beweis von Zutrauen geben, den ein Miniſter einem Offizier geben kann.“. D Artagnan verbeugte ſich und erwiederte: „Ich hoffe, daß ihn mir Monſeigneur ohne einen Hintergedanken und mit der Ueberzeugung gibt, daß ich deſſelben würdig bin.“. „Der Würdigſte von Allen, mein lieber Freund, denn Ihr ſeid es, an den ich mich wende.“ „Wohl,“ ſprach d'Artagnan,„ich geſtehe, Monſeig⸗ neur, daß ich ſeit geraumer Zeit auf eine ſolche Gele⸗ genheit warte. Sagt mir alſo geſchwinde, was Ihr mir zu ſagen habt.“— 4 „Mein lieber Herr d'Artagnan,“ erwiederte Ma⸗ in, gt hn fich ve, rt⸗ er⸗ or⸗ adt gen au⸗ die Fönigin hatte Brouſſel und Blancmesnil dem Volke zurückgegeben. Die Königin hatte wirklich nichts mehr zu befürchten, denn das Volk hatte nichts mehr zu verlangen. Seine Bewegtheit war ein Reſt der Auf⸗ regung, der man Zeit ſich zu beſchwichtigen gönnen mußte, wie es nach dem Sturme mehrer Tage be⸗ varf, bis ſich die Wellen des Meeres legen. Es fand ein kleines Feſtmahl Statt, wobei die Rückkehr des Siegers von Lens als Vorwand diente. Die Prinzen und Prinzeſfinnen wurden eingeladen; ihre Carroſſen füllten den Hof ſeit Mittag. Nach dem Mahle ſollte Spiel bei der Königin ſein. Anna von Oeſterreich ſtrahlte an dieſem Tage von Geiſt und Anmuth; nie hatte man ſie heiterer Laune geſehen. Die Rache in der Blüthe glänzte in ihren Augen und umſpielte ihre Lippen. In dem Augenblick, wo man von der Tafel auf⸗ ſtand, verſchwand Mazarin. D'Artagnan war bereits an ſeinem Poſten und erwartete ihn im Vorzimmer. Der Cardinal erſchien mit lachender Miene, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in ſein Cabinet. „Mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſagte der Mini⸗ ſter ſich ſetzends„ich will Euch den größten Beweis von Zutrauen geben, den ein Miniſter einem Offizier geben kann.“ DArtagnan verbeugte ſich und erwiederte: Ich hoffe, daß ihn mir Monſeigneur ohne einen Hintergedanken und mit der Ueberzeugung gibt, daß ich deſſelben würdig bin.“ „Der Würdigſte von Allen, mein lieber Freund, denn Ihr ſeid es, an den ich mich wende.“ „Wohl,“ ſprach d'Artagnan,„ich geſtehe, Monſeig⸗ neur, daß ich ſeit geraumer Zeit auf eine ſolche Gele⸗ genheit warte. Sagt mir alſo geſchwinde, was Ihr mir zu ſagen habt.“ „Mein lieber Herr dArtagnan,“ erwiederte Ma⸗ . 164 zarin,„Ihr werdet heute Abend das Heil des Staates in Eueren Händen haben.“ Er hielt inne. „Erklärt Euch, Monſeigneur, ich warte.“ „Die Königin hat beſchloſſen, mit dem König eine kleine Reiſe nach Saint⸗Germain zu machen.“ „Ah, ah!“ rief d'Artagnan,„das heißt, die Köni⸗ gin will Paris verlaſſen?2 „Ihr begreift, Weiberlaune.“ „Ja, ich begreife ſehr gut.“ „Deßhalb ließ ſie Euch dieſen Morgen kommen und beauftragte Euch, dieſen Abend um fünf Uhr abermals zu erſcheinen.“ „Es war wohl der Mühe werth, mich ſchwören zu laſſen, von dieſer Beſtellung mit Niemand zu ſpre⸗ chen,“ murmelte d'Artagnan.„Ohl die Weiber, ſind ſie auch Königinnen, ſo bleiben ſie doch immer Weiber!“— „Solltet Ihr etwa dieſe Reiſe mißbilligen, mein lieber Herr d'Artagnan?“ fragte Mazarin unruhig. „Rein, Monſeigneur, warum dies 2“ „Weil Ihr die Achſeln zuckt.“ „Es iſt meine Art, mit mir ſelbſt zu ſprechen, Monſeigneur.“ 1 3 „Ihr billigt alſo die Reiſe?“ 4 „Ich billige ſie eben ſo wenig, als ich ſie mißbil⸗ lige, Monſeigneur, ich erwarte Euere Befehle.“ „Gut. Man hat auf Euch die Augen geworfen, um den König und die Königin nach Saint⸗Germain zu bringen.“ „Doppeter Schelmenſtreich!“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt. 3 „Ihr ſeht wohl,“ verſetzte Mazarin, als er das gleichgültige Weſen von d'Artagnan wahrnahm,„daß das Heil des Staates, wie ich Euch ſagte, in Eueren Händen ruhen wird.“ ——— 164 zarin,„Ihr werdet heute Abend vas Heil des Staates in Eueren Händen haben.“ Er hielt inne. „Erklärt Euch, Monſeigneur, ich warte.“ „Die Königin hat beſchloſſen, mit dem König eine kleine Reiſe nach Saint⸗Germain zu machen.“ „Ah, ah!“ rief dArtagnan,„das heißt, die Köni⸗ gin will Paris verlaſſen?“ „Ihr begreift, Weiberlaune.“ „Ja, ich begreife ſehr gut.“ „Deßhalb ließ ſie Euch dieſen Morgen kommen und beauftragte Euch, dieſen Abend um fünf Uhr abermals zu erſcheinen.“ „Es war wohl der Mühe werth, mich ſchwören zu laſſen, von dieſer Beſtellung mit Niemand zu ſpre⸗ chen,“ murmelte d'Artagnan.„Oh! die Weiber, ſind ſie auch Königinnen, ſo bleiben ſie doch immer Weiber!“ „Solltet Ihr etwa dieſe Reiſe mißbilligen, mein lieber Herr dArtagnan?“ frggte Mazarin unruhig. „Nein, Monſeigneur, Warum dies?“ Weil Ihr die Achſeln zuckt.“ F „Es iſt meine Art, mit mir felbſt zu ſprechen, Monſeigneur.“ „Ihr billigt alſo die Reiſe?“ „Ich billige ſie eben ſo wenig, als ich ſie mißbil⸗ lige, Monſeigneur, ich erwarte Euere Befehle.“ „Gut. Man hat auf Euch die Augen geworfen, um den König und die Königin nach Saint⸗Germain zu bringen.“. „Doppeter Schelmenſtreich!“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt. „Ihr ſeht wohl,“ verſetzte Mazarin, als er das gleichgültige Weſen von dArtagnan wahrnahm,„aß das Heil des Staates, wie ich Euch ſagte, in Eueren Händen ruhen wird.“ der an we be za ru ſch ne „Ja, Monſeigneur, und ich fühle die ganze Ver⸗ antwortlichkeit eines ſolchen Auftrags.“ „Doch Ihr übernehmt ihn?“ „Ich willige ſtets ein.“. „Haltet Ihr die Sache für möglich?“ „Alles iſt möglich.“ 1„Dürftet Ihr auf dem Wege angegriffen wer⸗ den?“ 6 „Es iſt wahrſcheinlich.“ „Was werdet Ihr in dieſem Falle ihun?“ „Ich werde durch diejenigen dringen, welche mich angreifen.“ 4 „Und wenn Ihr nicht durchdringt?“ „Deſto ſchlimmer für ſie, dann reite ich über ſie weg. 71 „Und Ihr bringt den König und die Königin wohl⸗ behalten nach Saint⸗Germain?“ „Ja.“ „Bei Euerem Leben?“ „Bei meinem Leben.“ „Ihr ſeid ein Held, mein Theuerer!“ ſprach Ma⸗ zarin und betrachtete den Musketier voll Bewunde⸗ rung. „Und ich?“ ſagte Mazarin nach kurzem Still⸗ ſchweigen, d'Artagnan feſt anſchauend. „Wie, Ihr, Monſeigneur?“ „Und ich, wenn ich reiſen will?“ „Das wird ſchwierig ſein.“ „Wie ſo?“ 1 „Euere Eminenz kann erkannt werden.“ „Selbſt unter dieſer Verkleidung?“ ſagte Ma⸗ zarin. Und er hob einen Mantel auf, der ein Fauteuil bedeckte, auf welchem ein vollſtändiger perlgrauer und granatfarbiger, ganz mit Silber verbrämter Reiter⸗ anzug lag. 165 „Ja, Monſeigneur, und ich fühle die ganze Ver⸗ antwortlichkeit eines ſolchen Auftrags.“ „Doch Ihr übernehmt ihn?“ ine„Ich willige ſtets ein.“ „Haltet Ihr die Sache für möglich?“ ni⸗„Alles iſt möglich.“ „Dürftet Ihr auf dem Wege angegriffen wer⸗ den?“ „Es iſt wahrſcheinlich.“ nen„Was werdet Ihr in dieſem Falle thun?“ Uhr„Ich werde durch diejenigen dringen, welche mich angreifen.“ ren„Und wenn Ihr nicht durchdringt?“ pre⸗„Deſito ſchlimmer für ſie, dann reite ich über ſie d weg.“ „Und Ihr pringt den König und die Königin wohl⸗ behalten nach Saint⸗Germain?“ nein„Za.“ „Bei Euerem Leben?“ „Bei meinem Leben.“ „Ihr ſeid ein Held, mein Theuerer!“ ſprach Ma⸗ hen, zarin und betrachtete den Musketier voll Bewunde⸗ rung. „Und ich?“ ſagte Mazarin nach kurzem Still⸗ bil⸗ ſchweigen, d»Artagnan feſt anſchauend. „Wie, Ihr, Monſeigneur?“ rfen,„Und ich, wenn ich reiſen will?“ nain„Das wird ſchwierig ſein.“ „Wie ſo?“ zu„Euere Eminenz kann erkannt werden.“ „Selbſt unter dieſer Verkleidung?“ ſagte Ma⸗ das zarin.. daß Und er hob einen Mantel auf, der ein Fauteuil eren bedeckte, auf welchem ein vollſtändiger perlgrauer und granatfarbiger, ganz mit Silber verbrämter Reiter⸗ anzug lag. — 166 „Wenn ſich Euere Eminenz verkleidet, wird die Sache leichter.“ Mazarin gab aufathmend ein gedehntes„Ah!“ von ſich. 3 „Aber man wird thun müſſen, was Euere Emi⸗ nenz, wie ſie uns einſt ſagte, an unſerer Stelle ge⸗ than hätte.“ 3 4 „Was meint Ihr?“. „Man muß: Nieder mit Mazarin! ſchreien.“ „Ich werde ſchreien.“ „Aber in gutem Franzöfiſch, gebt wohl auf den Accent Acht; man hat uns in Sicilien ſechs tauſend Anjouer umgebracht, weil ſie das Italieniſche ſchlecht ausſprachen. Nehmt Euch in Acht, daß die Franzoſen ſſiich nicht an Euch für die ſicilianiſche Veſper rächen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Es ſind viele bewaffnete Menſchen auf den Stra⸗ ben,“ fuhr d'Artagnan fort;„ſeid Ihr überzeugt, daß Niemand den Plan der Königin kennt?“ 4 Mazarin dachte nach. „Es wäre ein ſchönes Geſchäft für einen Verrä⸗ ther, was Ihr mir da antragt, Monſeigneur; der Zu⸗ fall eines Angriffs würde Alles entſchuldigen.“ Mazarin ſchauerte; aber er bedachte, daß ein Menſch, der zu verrathen beabſichtigte, nicht darauf aufmerkſam machen würde. „Ich traue nicht Jedermann„“ ſagte er lebhaſt; „zum Beweiſe mag dienen, daß ich Euch gewählt habe, um mich zu geleiten.“ „Reiſt Ihr nicht mit der Königin?“ „Nein.“ „Dann reiſt Ihr nach der Königin?“ „Nein,“ erwiederte Mazarin. „Ah!“ rief d'Artagnan, der zu begreifen anfing. „Ja, ich habe meine Pläne,“ fuhr Mazarin fort; „mit der Königin verdopple ich ihre ſchlimmen Chancen; nach der Königin verdoppelt ihre Abreiſe die meinigen; ——— 166 „Wenn ſich Euere Eminenz verkleidet, wird die Sache leichter.“ Mazarin gab aufathmend ein gedehntes„Ah!“ von ſich. „Aber man wird thun müſſen, was Euere Emi⸗ nenz, wie ſie uns einſt ſagte, an unſerer Stelle ge⸗ than hätte.“ „Was meint Ihr?“ „Man muß: Nieder mit Mazarin! ſchreien.“ „Ich werde ſchreien.“ „Aber in gutem Franzöfiſch, gebt wohl auf den Accent Acht; man hat uns in Sicilien ſechs tauſend Anjoner umgebracht, weil ſie das Ztalieniſche ſchlecht ausſprachen. Nehmt Euch in Acht, daß die Franzoſen ſich nicht an Euch für die ficilianiſche Veſper rächen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Es ſind viele bewaffnete Menſchen auf den Stra⸗ ßen,“ fuhr dArtagnan fort;„ſeid Ihr überzengt, daß Niemand den Plan der Königin kennt?“ Mazarin dachte nach. „Es wäre ein ſchönes Geſchäft für einen Verrä⸗ ther, was Ihr mir da antragt, Monſeigneur; der Zu⸗ fall eines Angriffs würde Alles entſchuldigen.“ Mazarin ſchauerte; aber er bevachte, daß ein Menſch, der zu verrathen beabſichtigte, nicht varauf aufmerkſam machen würde. „Ich traue nicht Jedermann,“ ſagte er lebhaſt; „zum Beweiſe mag dienen, daß ich Euch gewählt habe, um mich zu geleiten.“ „Reiſt Ihr nicht mit der Königin?“ „Nein.“ „Dann reiſt Ihr nach der Königin?“ „Nein,“ erwiederte Mazarin. „Ah!“ rief dArtagnan, der zu begreifen anfing. „Ja, ich habe meine Pläne,“ fuhr Mazarin fort; „mit der Königin verdopple ich ihre ſchlimmen Chancen; nach der Königin verdoppelt ihre Abreiſe die meinigen; 7 fer wi de dr m N N 167 ferner... iſt der Hof einmal gerettet, ſo kann man mich vergeſſen; die Großen ſind undankbar.“ 8* „Das iſt wahr,“ ſagte d'Artagnan und warf un⸗ willkührlich einen Zlick auf den Diamant der Königin, den Mazarin am Finger trug.. Mazarin folgte der Richtung dieſes Blickes und drebte ſachte den Kaſten des Ringes nach Innen. „Ich will ſie alſo verhindern, undankbar gegen mich zu ſein,“ ſagte Mazarin.. „Es iſt Chriſtenpflicht, ſeinen Nächſten nicht in Verſuchung zu führen,“ ſprach d'Artagnan. „Gerade deshalb will ich vor ihnen abreiſen.“ D'Artagnan lächelte; er war ganz der Mann, dieſe italieniſche Liſt zu begreifen. lic Mazarin ſah ihn lächeln und benützte den Augen⸗ ick. 3 „Ihr werdet alſo damit anfangen, daß Ihr mich aus Paris bringt, nicht wahr, mein lieber Herr d'Ar⸗ tagnan?“ „Ein ſchwerer Auftrag,“ antwortete d'Artagnan wieder mit ernſter Miene. „Aber,“ verſetzte Mazarin und ſchaute ihn ſo auf⸗ merkſam an, daß ihm kein Ausdruck ſeiner Phyſiogno⸗ mie entgehen konnte,„aber Ihr habt nicht alle dieſe Bemerkungen in Beziehung auf den König und die Königin gemacht?“ „Der König und die Königin ſind mein König und meine Königin, Monſeigneur,“ antwortete der Musketier,„mein Leben gehört ihnen, ich bin es ihnen ſchuldig. Sie verlangen es von mir, ich habe nichts zu ſagen.“ „Das iſt richtig,“ murmelte Mazarin ganz leiſe, gaber da Dein Leben nicht mir angehört, muß ich es Dir abkaufen, nicht wahr?“ 1 Und einen Seußzer ausſtoßend, fing er an, den Kaſten des Ringes nach Außen zu drehen. D'Artagnan lächelte. ————— den end echt oſen n. tra⸗ daß rä⸗ ein rauf aſt; ählt fing. ort; cen; gen; 167 ſerner.. iſt der Hof einmal gerettet, ſo kann man mich vergeſſen; die Großen ſind undankbar.“ „Das iſt wahr,“ ſagte d'Artagnan und warf un⸗ willkührlich einen Blick auf den Diamant der Königin, den Mazarin am Finger trug. Mazarin folgte der Richtung dieſes Blickes und drehte ſachte den Kaſten des Ringes nach Innen. „Ich will ſie alſo verhindern, undankbar gegen mich zu ſein,“ ſagte Mazarin. „Ee iſt Chriſtenpflicht, ſeinen Nächſten nicht in Verſuchung zu führen,“ ſprach d'Artagnan. „Gerade deshalb will ich vor ihnen abreiſen.“ D'Artagnan lächelte; er war ganz der Mann, vieſe italieniſche Liſt zu begreifen. Mazarin ſah ihn lächeln und benützte den Augen⸗ ick. „Ihr werdet alſo damit anfangen, daß Ihr mich aus Paris bringt, nicht wahr, mein lieber Herr d'Ar⸗ tagnan?“ „Ein ſchwerer Auftrag,“ antwortete d'Artagnan wieder mit ernſter Miene. „Aber,“ verſetzte Mazarin und ſchaute ihn ſo auf⸗ merkfam an, daß ihm kein Ausdruck ſeiner Phyſiogno⸗ mie entgehen konnte,„aber Ihr habt nicht alle dieſe Bemerkungen in Beziehung auf den König und die Königin gemacht?“ „Der König und die Königin find mein König und meine Königin, Monſeigneur,“ antwortete der Musketier,„mein Leben gehört ihnen, ich bin es ihnen ſchuldig. Sie verlangen es von mir, ich habe nichts zu ſagen.“ „Das iſt richtig,“ murmelte Mazarin ganz leiſe, „aber da Dein Leben nicht mir angehört, muß ich es Dir abkaufen, nicht wahr?“ Und einen Seufzer ausſtoßend, fing er an, den Kaſten des Ringes nach Außen zu drehen. DArtagnan lächelte. 168 mit der Schlauheit; hätten ſie ſich au it dem Muthe berührt, ſo würde der Eine mit R Andern große Dinge vollführt haben. 4 „Doch Ihr begreift,“ ſprach Mazarih⸗„wenn ich dieſen Dienſt von Euch verlange, ſo der Abſicht, dankbar dafür zu ſein.“ „Iſt Monſeigneur erſt bei der Abf „Nehmt,“ ſagte Mazarin, den Finger ziehend,„hier iſt ein Diama einſt Euch gehört hat, es iſt billig, daß er zu ich zurückkehrt; nehmt, ich bitte.“ D'Artagnan machte Mazarin e Mü ihn dringen zu müſſen; er nahm ih zute de an, ob es gewiß derſelbe wäre, te den g, nachdem er ſich von der Reinheit Waſſers über⸗ zeugt hatte, mit einem unbeſchreibſtt Vergnügen an ſeinen Finger. „Ich hielt große Stücke daraußſagte Mazarin, den Diamant mit einem letzten Blich Pbegleitend,„aber Zleichojel, es macht mir Freude, Euch denſelben zu geben.“ „Und ich, Monſeigneur,“ verſetzte d'Artagnan,„ich nehme ihn, wie er mir gegeben wird. Sprechen wir nun von Euern kleinen Angelegenheiten. Ihr wollt vor allen Anderen abreiſen?“ „Ja, es iſt mir viel daran gelegen.“ „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr.“ „Und die Königin?“ „Um Mitternacht.“ „Dann iſt es möglich; ich bringe Euch aus Pa⸗ ris, ich laſſe Euch vor der Barrière und kehre zurück, um ſie abzuholen.“ „Vortrefflich; aber wie wollt Ihr mich aus Paris bringen?“ „Ohl da müßt Ihr mich machen laſſen.“ Dieſe zwei Männer berührien ſich mit 3 Spitze, geſchieht es mit 168 Dieſe zwei Männer berührten ſich mit einer Spitze, mit der Schlauheit; hätten ſie ſich auch mit dem Muthe berührt, ſo würde der Eine mit dem Andern große Dinge vollführt haben. „Doch Ihr begreift,“ ſprach Mazarin,„wenn ich dieſen Dienſt von Euch verlange, ſo geſchieht es mit der Abſicht, dankbar dafür zu ſein.“ „Iſt Monſeigneur erſt bei der Abſicht?“ „Nehmt,“ ſagte Mazarin, den Ring von ſeinem Finger ziehend,„hier iſt ein Diamant, der einſt Euch gehört hat, es iſt billig, daß er zu Euch zurückkehrt; nehmt, ich bitte.“ D'Artagnan machte Mazarin nicht die Mühe, in ihn dringen zu müſſen; er nahm ihn, ſchaute den Stein an, ob es gewiß derſelbe wäre, und fteckte den Ring, nachdem er ſich von der Reinheit des Waſſers über⸗ zeugt hatte, mit einem unbeſchreiblichen Vergnügen an ſeinen Finger. „Ich hielt große Stücke darauf,“ ſagte Mazarin, den Diamant mit einem letzten Blicke begkeitend,„aber g es macht mir Freude, Euch denſelben zu geben.“ „Und ich, Monſeigneur,“ verſetzte d'Artagnan,„ich nehme ihn, wie er mir gegeben wird. Sprechen wir nun von Euern kleinen Angelegenheiten. Ihr wollt vor allen Anderen abreiſen?“ „Ja, es iſt mir viel daran gelegen.“ „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr.“ „Und die Königin?“ „Um Mitternacht.“ „Dann iſt es möglich; ich bringe Euch aus Pa⸗ ris, ich laſſe Euch vor der Barriére und kehre zurück, um ſie abzuholen.“ „Vortrefflich; aber wie wollt Ihr mich aus Paris bringen?“ „Oh! da müßt Ihr mich machen laſſen.“ d' ſp th ſe de „Ich gebe Euch Vollmacht, nehmt eine Escorte ſo ftark, als Ihr wollt.“— D Artagnan ſchüttelte den Kopf. „Mir ſcheint es, das wäre das ficherſte Mittel,“ ſagte Mazarin.. „Ja, für Euch, Monſeigneur, aber nicht für die Königin.“ Mazarin biß ſich in die Lippen. „Aber wie wollen wir dann zu Werke gehen?“ „Ihr müßt mich machen laſſen, Monſeigneur.“ „Hm!“ brummte Mazarin. „Ihr müßt mir die Leitung des ganzen Unterneh⸗ — meng. übergeben.“ „Doch.. „Oder einen Andern damit beauftragen,“ ſagte d'Artagnan den Rücken drehend. „Eh!“ ſprach Mazarin ganz leiſe,„ich glaube, er geht mit meinem Diamant.“ Und er rief ihn zurück. „Herr d'Artagnan, mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſprach Mazarin mit ſchmeichelndem Tone. „Monſeigneur?“ „Steht Ihr mir für Alles?“ 3 6„Ich ſtehe für Nichts; ich werde mein Möglichſtes un.“ „Euer Möglichſtes?“ „Ja.“ „Nun wohl, ich verlaſſe mich auf Euch.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte d'Artagnan zu ſich „Ihr werdet alſo um halb zehn Uhr hier ſein?“ „Und ich finde Euere Eminenz bereit?“? „Ganz gewiß.“ 8 8„Abgemacht alſo. Will mich Monſeigneur nun zu der Königin führen?“ 4 „Wozu?“ 3 ſelbſt * itze, em ern ich mit em rt; in tein ing, er⸗ an rin, ber zu „ich wir ollt Pa⸗ ück, ris —— 169 „Ich gebe Euch Vollmacht, nehmt eine Escorte ſo ſtark, als Ihr wollt.“ DArtagnan ſchüttelte den Kopf. „Mir ſcheint es, das wäre das ſicherſte Mittel,“ ſagte Mazarin. „Ja, für Euch, Monſeigneur, aber nicht für die Königin.“ Mazarin biß ſich in die Lippen. „Aber wie wollen wir dann zu Werke gehen?“ „Ihr müßt mich machen laſſen, Monſeigneur.“ „Hm!“ brummte Mazarin. „Ihr müßt mir die Leitung des ganzen Unterneh⸗ mens übergeben.“ Doch „Oder einen Andern damit beauftragen,“ ſagte d'Artagnan den Rücken drehend. „Eh!“ ſprach Mazarin ganz leiſe,„ich glaube, er geht mit meinem Diamant.“ Und er rief ihn zurück. „Herr d'Artagnan, mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſprach Mazarin mit ſchmeichelndem Tone. „Monſeigneur?“ „Steht Ihr mir für Alles?“ „Ich ſtehe für Nichts; ich werde mein Möglichſtes 7 „Euer Möglichſtes?“ Ja.“ „Nun wohl, ich verlaſſe mich auf Euch.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte d'Artagnan zu ſich thun ſelbſt. „Ihr werdet alſo um halb zehn Uhr hier ſein?“ „Und ich finde Euere Eminenz bereit?“ „Ganz gewiß.“ „Abgemacht alſo. Will mich Monſeigneur nun zu der Königin führen?“ „Wozu?“ 1 1 1 3 4 170 „Ich wünſchte die Befehle Ihrer Majeſtät aus ihrem eigenen Munde zu empfangen.“ „Sie hat mich beauftragt, fie Euch zu geben. „Sie könnte etwas vergeſſen haben.“ „Es liegt Euch daran, ſie zu ſehen 2 „Es iſt unerläßlich, Monſeigneur.“ Mazarin zögerte einen Augenblick: d'Artagnan ging nicht von ſeinem Willen ab. „Nun gut,“ ſagte Mazarin,„ich will Euch führen, aber kein Wort von unſerer Unterredung.“ „Was unter uns geſprochen worden iſt, geht nur uns an, Monſeigneur.“ 2 „Ihr ſchwört mir, ſtumm zu ſein?⸗ „Ich ſchwöre nie, Monſeigneur. Ich ſage ja oder nein und halte mein Wort als Edelmann.“ „Ich ſehe, daß ich mich ganz unbedingt Euch au⸗ vertrauen muß.“ „Glaubt mir, das iſt das Beſte, Monſeigneur.“ „Kommt.“ Mazarin ließ d'Artagnan in das Betzimmer der Königin eintreten und hieß ihn warten. O Artagnan wartete nicht lange. Als er ſich fünf Minuten in dem Betzimmer befand, erſchien die Köni⸗ gin in großem Galakleide. 4 „Ihr ſeid es, Herr d'Artagnan?“ ſagte ſie freund⸗ lich lächelnd,„ich danke Euch, daß Ihr darauf beſtan⸗ den habt, mich zu ſehen.“ 3 „Ich bitte Euere Majeftät um Verzeihung,“ erwie⸗ derte d'Artagnan,„aber ich wollte ihre Befehle nur aus ihrem eigenen Munde empfangen.“ „Ihr wißt, um was es ſich handelt?⸗ „Ja, Madame.“ „Ihr übernehmt den Auftrag, den ich Euch an⸗ vertraue?“ „Dankbar übernehme ich den Auftrag.“ „Gut, ſeid um Mitternacht hier.“ „JIch werde mich einfinden. 170 „Ich wünſchte die Befehle Ihrer Majeſtät ans ihrem eigenen Munve zu empfangen.“ „Sie hat mich beauftragt, ſie Euch zu geben. „Sie könnte etwas vergeſſen haben.“ „Es liegt Euch varan, ſie zu ſehen?“ „Es iſt unerläßlich, Monſeigneur.“ Mazarin zögerte einen Augenblick; d'Artagnan ging nicht von ſeinem Willen ab. „Nun gut,“ ſagte Mazarin,„ich will Euch führen, aber kein Wort von unſerer Unterredung.“ „Was unter uns geſprochen worden iſt, geht nur uns an, Monſeigneur.“ „Ihr ſchwört mir, ſtumm zu ſein? „Ich ſchwöre nie, Monſeigneur. Ich ſage ja oder nein und halte mein Wort als Edelmann.“ „Ich ſehe, daß ich mich ganz unbedingt Euch an⸗ vertrauen muß.“ „Glaubt mir, das iſt das Beſte, Monſeigneur.“ „Kommt.“ Mozarin ließ dArtagnan in das Betzimmer der Königin eintreten und hieß ihn warten. D'Artagnan wartete nicht lange. Als er ſich fünf Minuten in dem Betzimmer befand, erſchien die Köni⸗ gin in großem Galakleide. „Ihr ſeid es, Herr d'Artagnan?“ ſagte ſie freund⸗ lich lächelnd,„ich danke Euch, daß Ihr varauf beſtan⸗ den habt, mich zu ſehen.“ „Ich bitte Euere Majeſtät um Verzeihung,⸗ erwie⸗ derte d'Artagnan,„aber ich wollte ihre Beſehle nur aus ihrem eigenen Munde empfangen.“ „Ihr wißt, um was es ſich handelt?“ „Ja, Madame.“ „Ihr übernehmt den Auftrag, den ich Euch an⸗ vertraue?“ „Dankbar übernehme ich den Auſtrag.“ „Gut, ſeid um Mitternacht hier.“ Ich werde mich einfinden.“ „Herr d'Artagnan, ich kenne zu wohl Euren un⸗ eigennützigen Charakter, um in dieſem Augenblicke von meiner Dankbarkeit zu ſprechen, aber ich ſchwöre Euch, daß ich dieſen zweiten Dienſt nicht vergeſſen werde, wie ich den erſten vergeſſen habe.“ „Es ſteht Euerer Majeſtät frei, ſich zu erinnern und zu vergeſſen, und ich weiß nicht, was ſie damit ſagen will,“ erwiederte d'Artagnan ſich verbeugend. „Geht, mein Herr,“ ſprach die Königin mit ihrem begauberndſten Lächeln,„geht und kehrt um Mitternacht zurück.“ — Sie machte ihm mit der Hand ein Zeichen des Abſchiedes, und d'Artagnan zog ſich zurück, aber wäh⸗ rend er ſich zurückzog, warf er einen Blick nach der Thüre, durch welche die Königin eingetreten war, und er bemerkte unten an dem Vorhange die Spitze eines Sammetſchuhs. „Gut,“ ſagte er,„Mazarin horchte, um zu er⸗ ſahren, ob ich ihn nicht verriethe. In der That, die⸗ ſer Schuft von einem Italiener verdient, nicht, daß ihm ein ehrlicher Mann dient.“ 4 D'Artagnan war darum nicht weniger pünktlich beim Rendezvous; um halb zehn Uhr trat er in das Vorzimmer. Bernouin wartete und führte ihn ein. Er fand den Cardinal in Reitertracht. Mazarin ſah ſehr gut aus in dieſer Kleidung, die er, wie wir erwähnten, mit großer Leichtigkeit trug; er war nur bleich und zitterte ein wenig. „Ganz allein?“ fragte Mazarin. „Ja, Monſeigneur.“ „Und der gute Herr du Vallon, werden wir uns⸗ ſeiner Geſellſchaft nicht erfreuen?“ „Allerdings, Monſeigneur, er wartet in ſeinem Wagen.“ „Wo? „Am Thore des Gartens vom Palais⸗Ro —õõõõmõ———— s 171 „Herr dArtagnan, ich kenne zu wohl Euren un⸗ eigennützigen Charakter, um in dieſem Augenblicke von meiner Dankbarkeit zu ſprechen, aber ich ſchwöre Euch, daß ich dieſen zweiten Dienſt nicht vergeſſen werde, wie ich den erſten vergeſſen habe.“ „Es ſteht Euerer Majeſtät frei, ſich zu erinnern und zu vergeſſen, und ich weiß nicht, was ſie damit ſagen will,“ erwiederte vArtagnan ſich verbengend. „Geht, mein Herr,“ ſprach die Königin mit ihrem bezauberndſten Lächeln,„geht und kehrt um Mitternacht zurück.“ Sie machte ihm mit der Hand ein Zeichen ves Abſchiedes, und d'Artagnan zog ſich zurück, aber wäh⸗ rend er ſich zurückzog, warf er einen Blick nach der Thüre, durch welche die Königin eingetreten war, und er bemerkte unien an dem Vorhange die Spitze eines Sammetſchuhs. „Gut,“ ſagte er,„Mazarin horchte, um zu er⸗ ſahren, ob ich ihn nicht verriethe. In der That, die⸗ ſer Schuſt von einem Italiener verdient nicht, daß ihm ein ehrlicher Mann dient.“ D'Artagnan war darum nicht weniger pünktlich beim Rendezvous; um halb zehn Uhr trat er in das Vorzimmer. Bernouin wartete und führte ihn ein. Er fand den Cardinal in Reitertracht. Mazarin ſah ſehr gut aus in dieſer Kleidung, die er, wie wir erwähnten, mit großer Leichtigkeit trug; er war nur bleich und zitterte ein wenig. „Ganz allein?“ fragte Mazarin. „Ja, Monſeigneur.“ „Und der gute Herr du Vallon, werden wir uns ſeiner Geſellſchaft nicht erfrenen?“ „Allerdings, Monſeigneur, er wartet in ſeinem Wagen.“ „Wo?“ „Am Thore des Gartens vom Palais⸗Royal. 172 „Wir gehen alſo in ſeinem Wagen ab?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Und ohne ein anderes Geleite, als Euch Beide?“ „Iſt das nicht genug? Einer von Beiden würde hinreichen.“ „In der That, mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſagte Mazarin,„Ihr erſchreckt mich mit Euerer Kalt⸗ blütigkeit.“ „Ich hätte eher geglaubt, ſie müßte Euch Ver⸗ trauen einflößen.“ „Und Bernouin, nehme ich ihn mit?“ „Es iſt kein Platz für ihn, er kann Euerer Emi⸗ nenz nachfolgen.“ „Gut,“ ſagte Mazarin,„da ich in Allem thun muß, wie Ihr es haben wollt.“ „Monſeigneur, es iſt noch Zeit zurückzutreten und Euere Eminenz iſt völlig frei.“ „Nein, nein, gehen wir.“ Und Beide ſtiegen die geheime Treppe hinab; Mazarin ſtützte ſich dabei auf d'Artagnan und der Musketier fühlte, wie der Arm des Cardinals zit⸗ terte. Sie durchſchritten die Höfe des Palais⸗Royal, wo noch einige Wagen verſpäteter Gäſte aufgeſtellt waren, erreichten den Garten und gelangten zu der kleinen Thüre. Mazarin verſuchte es, ſie mit Hülfe eines Schlüſ⸗ ſels, den er aus der Taſche zog, zu öffnen, aber ſeine Hand zitterte dergeſtalt, daß er das Schlüſſelloch nicht finden konnte. „Gebt,“ ſagte d'Artagnan.. Mazarin gab ihm den Schlüſſel, d'Artagnan öff⸗ nete und ſteckte dann den Schlüſſel in ſeine Taſche; er gedachte auf dieſem Wege zurückzukehren. Der Jußtritt war heruntergelaſſen, der Kutſchen⸗ 172 „Wir gehen alſo in ſeinem Wagen ab?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Und ohne ein anderes Geleite, als Euch Beide?“ „Iſt das nicht genug? Einer von Beiden würde hinreichen.“ „In der That, mein lieber Herr d'Artagnan,“ ſagte Mazarin,„Ihr erſchreckt mich mit Euerer Kalt⸗ blütigkeit.“ „Ich hätte eher geglaubt, ſie müßte Euch Ver⸗ trauen einflößen.“ „Und Bernouin, nehme ich ihn mit?“ „Es iſt kein Platz für ihn, er kann Euerer Emi⸗ nenz nachfolgen.“ „Gut,“ ſagte Mazarin,„da ich in Allem thun muß, wie Ihr es haben wollt.“ „Monſeigneur, es iſt noch Zeit zurückzutreten und Euere Eminenz iſt völlig frei.“ „Nein, nein, gehen wir.“ Und Beide ſtiegen die geheime Treppe hinab; Mazarin ſtützte ſich dabei auf dArtagnan und der Musketier fühlte, wie der Arm des Cardinals zit⸗ terte. Sie durchſchritten die Höfe des Palais⸗Royal, wo noch einige Wagen verſpäteter Gäſte aufgeſtellt waren, erreichten den Garten und gelangten zu der kleinen Thüre. Mazarin verſuchte es, ſie mit Hülfe eines Schlüſ⸗ ſels, den er aus der Taſche zog, zu öffnen, aber ſeine Hand zitterte dergeſtalt, daß er das Schlüſſelloch nicht finden konnte. „Gebt,“ ſagte dArtagnan. Mazarin gab ihm den Schlüſſel, d'Artagnan öff⸗ nete und ſteckte dann den Schlüſſel in ſeine Taſche; er gedachte auf dieſem Wege zurückzukehren. Der Fußtritt war heruntergelaſſen, der Kutſchen⸗ ſchlag offen; Mousqueton ſtand am Schlage, Porthos ſaß im Wagen. „Steigt ein, Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan. Mazarin ließ ſich das nicht zweimal ſagen und ſprang in den Wagen. D'Artagnan ſtieg hinter ihm ein; Mousqueton ſchloß den Schlag wieder und ſchwang ſich mit vielen Seufzern hinter dem Wagen auf; er hatte einige Schwierigkeit gegen die Reiſe erhoben, unter dem Vorwande, ſeine Wunde mache ihm noch Schmerzen, aber d'Artagnan entgegnete ihm: „Bleibt, wenn Ihr wollk, mein lieber Herr Mou⸗ ſton, aber ich mache Euch darauf aufmerkſam, daß Paris in dieſer Nacht abgebrannt wird.“ 8 Hienach hatte Mousqueion nichts mehr verlangt, ſondern vielmehr erklärt, er wäre bereit, ſeinem Ge⸗ bieter und Herrn d'Artagnan bis an das Ende der Welt zu folgen. Der Wagen ging in einem vernünftigen Trabe, der nicht entfernt verrieth, daß er Menſchen enthielt, welche große Eile hatten. Der Cardinal trocknete ſich 8 Him mit ſeinem Taſchentuche ab und ſchaute um er. Er hatte zu ſeiner linken Porthos, zu ſeiner rech⸗ ten d'Artagnan. Jeder bewachte einen Schlag, Jeder diente ihm als Wall. Auf dem Vorderſitze lagen zwei Paare Piſtolen, ein Paar vor Porthos, ein Paar vor d'Artagnan; die zwei Freunde hatten überdies jeder ſeinen Degen an der Seite. Hundert Schritte vom Palais⸗Royal hielt eine Patrouille den Wagen an. „Wer da?“ rief der Führer. „Mazarin!“ antwortete d'Artagnan und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. 1 Der Cardinal fühlte, wie ſich die Haare auf ſei⸗ nem Haupte ſträubten. 6 173 ſchlag offen; Mousqueton ſtand am Schlage, Porthos ſaß im Wagen. „Steigt ein, Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan. ch Mazarin ließ ſich das nicht zweimal ſagen und ſprang in den Wagen. de D'Artagnan ſtieg hinter ihm ein; Mousqueton ſchloß den Schlag wieder und ſchwang ſich mit vielen ⸗ Seufzern hinter dem Wagen auf; er hatte einige 6 Schwierigkeit gegen die Reiſe erhoben, unter dem Vorwande, ſeine Wunde mache ihm noch Schmerzen, aber d'Artagnan entgegnete ihm: „Bleibt, wenn Ihr wollt, mein lieber Herr Mou⸗ ſton, aber ich mache Euch darauf aufmerkſam, daß ni⸗ Paris in dieſer Nacht abgebrannt wird.“ Hienach hatte Mousqueton nichts mehr verlangt, un ſondern vielmehr erklärt, er wäre bereit, ſeinem Ge⸗ t bieter und Herrn dArtagnan bis an das Ende der ieß Welt zu folgen. Der Wagen ging in einem vernünftigen Trabe, 6e der nicht entfernt verrieth, daß er Menſchen enthielt, 3 welche große Eile hatten. Der Cardinal trocknete ſich i⸗ die S mit ſeinem Taſchentuche ab und ſchaute um er. 1 Er hatte zu ſeiner linken Porthos, zu ſeiner rech⸗ eli ten dArtagnan. Jeder bewachte einen Schlag, ZJeder e diente ihm als Wall. der Auf dem Vorderfitze lagen zwei Paare Piſtolen, lüſ⸗ ein Paar vor Porthos, ein Paar vor dArtagnan; die lüſ⸗ zwei Freunde hatten überdies jeder ſeinen Degen an eig der Seite ich Hundert Schritte vom Palais⸗Royal hielt eine Patrouille den Wagen an. 5„Wer da?“ rief der Führer. ff⸗„Mazarin!“ antwortete d'Artagnan und brach in zer ein ſchallendes Gelächter aus. pen⸗ Der Cardinal fühlte, wie ſich die Haare auf ſei⸗ nem Haupte ſträubten. Der Spaß kam den Bürgern vortrefflich vor, denn als fie dieſen Wagen ohne Waffen und ohne Geleite erblickten, hätten ſie nie geglaubt, eine ſolche Unklug⸗ heit wäre wirklich möglich. „Glückliche Reiſe!“ riefen ſie und ließen den Wa⸗ gen vorüberziehen. „Nun,“ ſagte d'Artagnan,„was denkt Monſeig⸗ neur von dieſer Antwort?“ „Ihr ſeid ein Mann von Geiſt!“ rief Mazarin. „Richtig,“ ſprach Porthos,„ich begreife.“ Gegen die Mitte der Rue des Petits⸗Champs hielt eine zweite Patrouille den Wagen an. „Rückt zurück, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan. Mazarin ſchob ſich dergeſtalt zwiſchen die zwei Freunde, daß er hinter ihnen verborgen völlig ver⸗ ſchwand. „Wer da?“ wiederholte dieſelbe Stimme unge⸗ vuldig. D'Artagnan fühlte zugleich, daß man ſich den Pferden an die Köpfe warf. Er beugte ſich mit dem halben Leibe zu dem Wa⸗ gen hinaus und rief: „He! Planchet.“ Der Führer näherte ſich; es war wirklich Plan⸗ chet. D'Artagnan hatte die Stimme ſeines ehemaligen Lackeien wieder erkannt. „Wie, Herr, Ihr ſeid es?“ ſagte Planchet. „Ei, mein Gott, ja, mein Freund. Der liebe Porthos hat einen Degenſtich bekommen, und ich führe ihn nach ſeinem Landhauſe in Saint⸗Cloud zurück. „Ohl wirklich?“ rief Planchet. „Porthos,“ verſetzte d'Artagnan,„theuerer Por⸗ thos, wenn Ihr noch ſprechen könnt, ſo ſagt ein Wort zu dieſem guten Planchet.“ „Planchet, mein Freund,“ ſprach Porthos mit ge⸗ preßter Stimme,„ich bin ſehr krank, und wenn Du 174 Der Spaß kam den Bürgern vortrefflich vor, denn als ſie dieſen Wagen ohne Waffen und ohne Geleite erblickten, hätten ſie nie geglaubt, eine ſolche Unklug⸗ heit wäre wirklich möglich. „Glückliche Reiſe!“ riefen ſie und ließen den Wa⸗ gen vorüberziehen. „Nun,“ ſagte dArtagnan,„was denkt Monſeig⸗ neur von dieſer Antwort?“ „Ihr ſeid ein Mann von Geiſt!“ rief Mazarin. „Richtig,“ ſprach Porthos,„ich begreife.“ Gegen die Mitte der Rue des Petits⸗Champs hielt eine zweite Patrouille den Wagen an. „Rückt zurück, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan. Mazarin ſchob ſich dergeſtalt zwiſchen die zwei Freunde, daß er hinter ihnen verborgen völlig ver⸗ ſchwand. „Wer da?“ wiederholte dieſelbe Stimme unge⸗ vuldig. BArtagnan fühlte zugleich, daß man ſich den Pferden an bie Köpfe warf. Er beugle ſich mit dem halben Leibe zu dem Wa⸗ gen hinaus und rief; „He! Planchet.“ Der Führer näherte ſich; es war wirklich Plan⸗ chet. DArtagnan hatte die Stimme ſeines ehemaligen Lackeien wieder erkannt. „Wie, Herr, Ihr ſeid es?“ ſagte Planchet. „Ei, mein Gott, ja, mein Freund. Der liebe Porthos hat einen Degenſtich bekommen, und ich führe ihn nach ſeinem Landhauſe in Saint⸗Cloud zurück. „Oh! wirklich?“ rief Planchet. „Porthos,“ verſetzte dArtagnan,„theuerer Por⸗ thos, wenn Ihr noch ſprechen könnt, ſo ſagt ein Wort zu dieſem guten Planchet.“ „Planchet, mein Freund,“ ſprach Porthos mit ge⸗ preßter Stimme,„ich bin ſehr krank, und wenn Du ein zu u n gan Ha Me ſchl wie Hor dieſ wel cher Euf Geſ halt Wa Win ohn — einen Arzt findeſt, ſo mache mir das Vergnügen, ihn zu mir zu ſchicken.“ „Ah! großer Gott,“ rief Planchet,„welch' ein Unglück. Wie iſt es denn geſchehen?“ „Ich werde es Dir erzaͤhlen,“ ſprach Mousqueion. Porthos ſtieß einen Seufzer aus. „Mache uns Platz, Planchet,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe,„oder er kommt nicht mehr lebendig nach Hauſe: die Lunge iſt verletzt, mein Freund.“ Planchet ſchüttelte den Kopf mit der Miene eines Menſchen, der ſagen will:„In dieſem Falle geht es ſchlecht.“ Dann ſich gegen ſeine Mannſchaft umwendend: „Laßt den Wagen vorbei, es ſind Freunde.“ Der Wagen fuhr weiter und Mazarin wagte es wieder zu athmen. „Bricconi!e murmelte er. Einige Schritte, ehe man zu der Porte Saint⸗ Honoré kam, begegnete man einer dritten Truppe; dieſe beſtand aus Menſchen von ſchlimmem Ausſehen, welche eher Banditen, als irgend ctwas Anderem gli⸗ chen; es waren die Leute des Bettlers von Saint⸗ Euſtache. „Aufgepaßt, Porthos,“ ſagte d'Artagnan. Porthos ſtreckte die Hand nach ſeinen Piſtolen aus. „Was gibt es?“ fragte Mazarin. „Monſeigneur, ich glaube, wir ſind in ſchlechter Geſellſchaft.“ Eiin Mann trat, eine Art von Senſe in der Hand haltend, an den Kutſchenſchlag. „Wer da?“ fragte dieſer Mann. „Ei, Burſche,“ ſagte d'Artagnan,„erkennt Ihr den Wagen des Herrn Prinzen nicht?“. „Niinz oder nicht,“ erwiederte der Andere,„öffnet. Wir haben die Thorwache und Niemand kommt durch, ohne daß wir wiſſen, wer es iſt.“ „Was iſt zu thun?“ fragte Porthos. un te g⸗ in. ps an. 175 einen Arzt finveſt, ſo mache mir das Vergnügen, ihn zu mir zu ſchicken.“ „Ah! großer Gott,“ rief Planchet,„welch' ein Unglück. Wie iſt es denn geſchehen?“ „Ich werde es Dir erzählen,“ ſprach Mousqueton. Porthos ſtieß einen Seufzer aus. „Mache uns Platz, Planchet,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe,„oder er kommt nicht mehr lebendig nach Hauſe: die Lunge iſt verletzt, mein Freund.“ Planchet ſchüttelte den Kopf mit der Miene eines der ſagen will:„In dieſem Falle geht es ſchlecht.“ Dann ſich gegen ſeine Mannſchaft umwendend: „Laßt den Wagrn vorbei, es ſind Freunde.“ Der Wagen fuhr weiter und Mazarin wagte es wieder zu athmen. „Bricconi!“ murmelte er. Einige Schritte, ehe man zu der Porte Saint⸗ Honoré kam, begegnete man einer dritten Truppe; dieſe beſtand aus Menſchen von ſchlimmem Ausſehen, welche eher Banditen, als irgend ctwas Anderem gli⸗ chen; es waren die Leute des Bettlers von Saint⸗ Euflache. „Aufgepaßt, Porthos,“ ſagte d'Artagnan. Porthos ſtreckte die Hand nach ſeinen Piſtolen aus. „Was gibt es?“ fragte Mazarin. „Monſeigneur, ich glaube, wir ſind in ſchlechter Geſellſchaft.“ Ein Mann trat, eine Art von Senſe in der Hand haltend, an den Kutſchenſchlag. „Wer da?“ fragte dieſer Mann. „Ei, Burſche,“ ſagte d'Artagnan,„erkennt Ihr den Wagen des Herrn Prinzen nicht?“ „Prinz oder nicht,“ erwiederte der Andere,„öffnet. Wir haben die Thorwache und Niemand kommi durch, ohne daß wir wiſſen, wer es iſt.“ „Was iſt zu thun?“ fragte Porthos. ——— —— 176 8 „Bei Gott, nichts Anderes, als fortzufahren,“ er⸗ wiederte d'Artagnan. „Wie dieß?“ ſagte Mazarin. „Mitten durch oder darüber weg. Kutſcher im Galopp!“ Der Kutſcher hob die Peitſche. „Keinen Schritt mehr,“ ſprach der Mann, welcher der Führer zu ſein ſchien,„oder ich ſchneide Euern Pferden die Häckſen durch.“ „Peſt,“ verſetzte Porthos,„das wäre Schade, die Thiere koſten mich zwei hundert Piſtolen.“ „Ich bezahle ſie Euch doppelt,“ ſagte Mazarin. „Ja, aber wenn man ihnen die Häckſen abge⸗ ſchnitten hat, ſo ſchneidet man uns den Hals ab.“ „Es kommt Einer auf meine Seite,“ ſprach Por⸗ thos,„ſoll ich ihn tödten?“ „Ja, mit einem Fauſtſchlage, wenn Ihr könnt; wir wollen erſt in der äußerſten Noth Feuer geben.“ „Ich kann es,“ erwiederte Porthos. „Kommt und öffnet alſo,“ ſagte d'Artagnan zu dem Mann mit der Senſe, nahm eine von ſeinen Piſto⸗ len beim Lauf und ſchickte ſich an, mit dem Kolben zu ſchlagen. Der Mann näherte ſich; während er ſich aber näherte, legte ſich d'Artagnan, um freier in ſeinen Be⸗ wegungen zu ſein, halb aus dem Schlage heraus; ſeine Augen hefteten ſich auf die des Bettlers, welchen der Schimmer einer Laterne beleuchtete. Ohne Zweifel erkannte er den Musketier, denn er wurde ſehr bleich; ohne Zweifel erkannte ihn d'Ar⸗ aßnan⸗ denn ſeine Haare ſträubten ſich auf ſeinem Haupte. weichend,„Herr d'Artagnan! laßt den Wagen vorbei. Vielleicht war d'Artagnan im Begriffe, zu ant⸗ „Herr d'Artagnan!“ rief er, einen Schritt zurück⸗ worten, als ein Schlag ertönte, dem einer Keule ähn⸗ 176 „Bei Gott, nichts Anderes, als fortzufahren,“ er⸗ wiederte d'Artagnan. „Wie dieß?“ ſagte Mazarin. „Mitten durch oder darüber weg. Kutſcher im Galvopp!“ Der Kutſcher hob die Peitſche. „Keinen Schritt mehr,“ ſprach der Mann, welcher der Führer zu ſein ſchien,„oder ich ſchneide Euern Pferden dis Häckſen durch.“ „Peſt,“ verſetzte Porthos,„das wäre Schade, die Thiere koſten mich zwei hundert Piſtolen.“ „Ich bezahle ſie Euch doppelt,“ ſagte Mazarin. „Ja, aber wenn man ihnen die Häckſen abge⸗ ſchnitten hat, ſo ſchneidet man uns den Hals ab.“ „Es kommt Einer auf meine Seite,“ ſprach Por⸗ thos,„ſoll ich ihn tödten?“ „Ja, mit einem Fauſtſchlage, wenn Ihr könnt; wir wollen erſt in der äußerſten Noth Feuer geben.“ „Ich kann es,“ erwiederte Porthos. „Kommt und öffnet alſo,“ ſagte d'Artagnan zu vem Mann mit der Senſe, nahm eine von ſeinen Piſto⸗ len beim Lauf und ſchickte ſich an, mit dem Kolben zu ſchlagen. Der Mann näherte ſich; während er ſich aber näherte, legte ſich dArtagnan, um freier in ſeinen Be⸗ wegungen zu ſein, halb aus dem Schlage heraus; ſeine Augen hefteten ſich auf die des Bettlers, welchen der Schimmer einer Laterne beleuchtete. Ohne Zweifel erkannte er den Musketier, denn er wurde ſehr bleich; ohne Zweifel erkannte ihn d'Ar⸗ tehen„ denn ſeine Haare ſträubten ſich auf ſeinem Haupte. „Herr wArtagnan!“ rief er, einen Schritt zurück⸗ weichend,„Herr dArtagnan! laßt den Wagen vorbei. Vielleicht war dArtagnan im Begriffe, zu ant⸗ worten, als ein Schlag ertönte, dem einer Keule ähn⸗ lich tho lic „A tig M nie pel rur ſuh den fün dar ⸗ lich, welche auf den Schädel eines Ochſen fällt: Por⸗ thos hatte ſeinen Mann todt zu Boden geſtreckt. D Artagnan wandte ſich um und ſah den Unglück⸗ n lichen vier Schritte vom Wagen auf der Erde liegen. „Im ſtärkſten Galopp!“ rief er dem Kutſcher zu. aAngetrieben! zugefahren 1“ r. Der Kutſcher verſetzte ſeinen Pferden einen mäch⸗ tggen Peitſchenhieb. Die edlen Thiere ſprangen auf. Man hörte ein Geſchrei, wie von Menſchen, welche e niedergeworfen werden. Dann fühlte man einen dop⸗ pelten Stoß; zwei Räder waren über einen biegſamen, runden Körper gegangen. Es wurde einen Augenblick ſtille. Der Wagen fuhr aus dem Thore. „Nach dem Cours⸗la⸗Reine,“ rief d'Artagnan dem Kutſcher zu. Dann ſich gegen Mazarin umwendend, ſagte er: „Nun, Monſeigneur, könnt Ihr fünf Pater und fünf Ave beten, um Gott für Euere Befreiung zu danken. Ihr ſeid gerettet, Ihr ſeid frei!“ 2 Mazarin antwortete nur durch ein gewiſſes Seuf⸗ n zen, er konnte kaum an ein ſolches Wunder glauben. Fünf Minuten nachher hielt der Wagen an: er war bei dem Cours⸗la⸗Reine angelangt. „Iſt Monſeigneur mit ſeiner Escorte zufrieden?“ freragte der Musketier. „Entzückt, mein Herr,“ antwortete Mazarin, und er wagte es endlich, den Kopf ein wenig aus dem Schlage u legen;„nur thut eben ſo viel für die Königin.“ 5„Das wird weniger ſchwierig ſein,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan zu Boden ſpringend.„Herr du Vallon, ich empfehle Euch Seine Eminenz.“ „Seid unbeſorgt,“ ſprach Porthos die Hand aus⸗ frreckend. 4 D Artagnan nahm die Hand von Porthos und ſchüttelte ſie. „ Zwanzig Jahre nachher. II. 12 im er ern die enmn nem rück⸗ rbei. ant⸗ ähn⸗ lich, welche auf den Schädel eines Ochſen fällt; Por⸗ thos hatte ſeinen Mann todt zu Boden geſtreckt. DArtagnan wandte ſich um und ſah den Unglück⸗ lichen vier Schritte vom Wagen auf der Erde liegen. „Im ſtärkſten Galopp!“ rief er dem Kutſcher zu. „Angetrieben! zugefahren!“ Der Kutſcher verſetzte ſeinen Pferden einen mäch⸗ tigen Peitſchenhieb. Die edlen Thiere ſprangen auf. Man hörte ein Geſchrei, wie von Menſchen, welche niedergeworfen werden. Dann fühlte man einen dop⸗ pelten Stoß; zwei Räder waren über einen biegſamen, runden Körper gegangen. Es wurde einen Augenblick ſtille. Der Wagen ſuhr aus dem Thore. „Nach dem Cours⸗la⸗Reine,“ rief dArtagnan dem Kutſcher zu. Dann ſich gegen Mazarin umwendend, ſagte er: „Nun, Monſeigneur, könnt Ihr fünf Pater und fünf Ave beten, um Gott für Euere Befreiung zu danken. Ihr ſeid gerettet, Ihr ſeid frei!“ Mazarin antwortete nur durch ein gewiſſes Seuf⸗ zen, er konnte kaum an ein ſolches Wunder glauben. Fünf Minuten nachher hielt der Wagen an er war bei dem Cours⸗la⸗Reine angelangt. „Ift Monſeigneur mit ſeiner Escorte zufrieden?“ fragte der Musketier. „Entzückt, mein Herr,“ antwortete Mazarin, und er wagte es endlich, den Kopf ein wenig aus dem Schlage zu legen;z„nur thut eben ſo viel für die Königin.“ „Das wird weniger ſchwierig ſein,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan zu Boden ſpringend.„Herr du Vallon, ich empfehle Euch Seine Eminenz.“ „Seid unbeſorgt,“ ſprach Porthos die Hand aus⸗ ſtreckend. DArtagnan nahm die Hand von Porthos und ſchüttelte ſie. Zwanzig Jahre nachher. m. 12 „Aie!“ rief Porthos. D'Artagnan ſchaute ſeinen Freund erſtaunt an und fragte ihn: 3 „Was habt Ihr denn?“ „Ich glaube, ich habe mir das Fauſtgelenk ver⸗ ſtaucht,“ erwiederte Porthos. „Den Teufel, Ihr ſchlagt auch wie ein Tauber.“ „Ich mußte wohl, mein Mann wollte eine Piſtole auf mich abdrücken; aber Ihr, wie habt Ihr Euch des Eurigen entledigt?“ „Ohl der meinige,“ ſagte d'Artagnan,„das war kein Menſch.“ „Was war es denn?“ „Es war ein Geſpenſt. „Mnd...“. „Ich habe es beſchworen.“ 3 D Artagnan nahm ohne weitere Erklärung die Piſto⸗ len, welche auf dem Vorderſitze lagen, ſteckte ſie in ſeinen Gürtel, hüllte ſich in ſeinen Mantel, und wandte ſich, da er nicht durch dieſelbe Barrisre zurückkehren wollte, durch die er herausgekommen war, nach der Porte Richelien. 4 7 XIII. Der Wagen des Herrn Coadjutars. Statt durch die Porte Sainte⸗Honoré zuruͤckzu⸗ kehren, machte d'Artagnan, welcher Zeit vor ſich hatte, einen Umweg und kehrte durch die Porte Richeliau zurück. Man erkannte ihn, und als man an ſeinem Federhut und an ſeinem galonnirten Mantel wahrnahm, daß er Offizier der Musketiere war, umgab man ihn, 178 „Aje!“ rief Porthos. DArtagnan ſchaute ſeinen Freund erſtaunt an und fragte ihn: „Was habt Ihr denn 20 „Ich glaube, ich habe mir das Fauſtgelenk ver⸗ ſtaucht,“ erwiederte Porthos. „Den Teufel, Ihr ſchlagt auch wie ein Tauber.“ „Ich mußte wohl, mein Mann wollte eine Piſtole auf mich abdrücken; aber Ihr, wie habt Ihr Euch des Eurigen entledigt?“ „Oh! der meinige,“ ſagte d'Artagnan,„das war kein Menſch.“ „Was war es denn 20 „Es war ein Geſpenſt. iit „Ich habe es beſchworen.“ DArtagnan nahm ohne weitere Erklärung die Piſto⸗ len, welche auf dem Vorderſitze lagen, ſteckte ſie in ſeinen Gürtel, hüllte ſich in ſeinen Mantel, und wandte ſich, da er nicht durch dieſelbe Barrière zurückkehren wollte, durch die er herausgekommen war, nach der Porte Richelieu. XIII. Der Wagen des Herrn Coadjutors. Statt durch die Porte Sainte⸗Honoré zuruͤckzu⸗ kehren, machte dArtagnan, welcher Zeit vor ſich hatte, einen Umweg und kehrte durch die Porte Richelien zurück. Man erkannte ihn, und als man an ſeinem Federhut und an ſeinem galonnirten Mantel wahrnahm, daß er Offizier der Musketiere war, umgab man ihn⸗ 179 in der Abſicht, ihn„Nieder mit Mazarin!“ rufen zu laſſen. Die erſte Kundgebung beunruhigte ihn An⸗ fangs nicht beſonders; als er aber hörte, um was es ſich handelte, rief er mit einer ſo ſchönen Stimme, daß auch die Schwierigſten zufrieden waren. Er folgte der Rue de Richelieu und träumte über die Art und Weiſe, wie er nun die Königin ebenfalls wegbringen ſollte, denn ſie in einem Wagen mit dem Wappen von Frankreich fortzuführen, daran war nicht zu denken, als er vor der Thüre des Hotel von Frau von Guemenée eine Equipage erblickte. Pöötzlich erleuchtete ihn ein Gedanke. „Ahl bei Gott,“ ſagte er,„das wäre dem Kriegs⸗ gebrauche gemäß.“ Er näherte ſich dem Wagen und ſchaute das Wappen an den Schlägen und die Livrée des Kutſchers an, der auf dem Bocke ſaß. Dieſe Prüfung wurde ihm um ſo leichter, als der Kutſcher feſt ſchlief. „Das iſt der Wagen des Herrn Coadjutors,“ ſprach er,„bei Gott, ich fange an zu glauben, daß die Vorſehung für uns iſt.“ Er ſtieg ſachte in den Wagen, zog an der ſeidenen Schnur, welche mit dem kleinen Finger des Kutſchers in Verbindung ſtand, und ſagte: „In das Palais⸗Royal!“ Plötzlich erweckt, wandte ſich der Kutſcher nach dem bezeichneten Punkte, ohne zu vermuthen, daß der Befehl von einem Andern, als von ſeinem Herrn herrührte. Der Portier war im Begriffe, die Gitter zu ſchließen, als er aber die prächtige Equipage er⸗ blickte, zweifelte er nicht daran, es wäre ein Beſuch von Bedeutung, und ließ den Wagen durchfahren, der unter dem Säulengange anhielt. Erſt hier bemerkte der Kutſcher, daß die Lackeien nicht hinter dem Wagen waren. 179 1 in der Abſicht, ihn„Nieder mit Mazarin!“ rufen zu an laſſen. Die erſte Kundgebung beunruhigte ihn An⸗ fangs nicht beſonders; als er aber hörte, um was es fich handelte, rief er mit einer ſo ſchönen Stimme, e⸗ daß auch die Schwierigſten zufrieden waren. Er folgte der Rue de Richelieu und träumte über r.“ die Art und Weiſe, wie er nun die Königin ebenfalls ole wegbringen ſollte, denn ſie in einem Wagen mit dem des Wappen von Frankreich fortzuführen, daran war nicht zu denken, als er vor der Thüre des Hotel von Frau var von Guemenée eine Equipage erblickte. Plötzlich erleuchtete ihn ein Gevanke. „Ah! bei Gott,“ ſagte er,„das wäre dem Kriegs⸗ gebrauche gemäß.“ Er näherte ſich dem Wagen und ſchaute das Wappen an den Schlägen und die Livrée des Kutſchers an, ſto⸗ der auf dem Bocke ſaß. S Dieſe Prüfung wurde ihm um ſo leichter, als der ndte Kutſcher feſt ſchlief. ren„Das iſt der Wagen des Herrn Cvadjutors,“ der ſprach er,„bei Gott, ich fange an zu glauben, daß die Vorſehung für uns iſt.“ Er ſtieg ſachte in den Wagen, zog an der ſeidenen Schnur, welche mit dem kleinen Finger des Kutſchers in Verbindung ſtand, und ſagte: „In das Palais⸗Royal!“ Plötzlich erweckt, wandte ſich der Kutſcher nach dem bezeichneten Punkte, ohne zu vermuthen, vaß der Befehl von einem Andern, als von ſeinem Herrn herrührte. Der Portier war im Begriffe, die Gitter zu ſchließen, als er aber die prächtige Equipage er⸗ czu⸗ blickte, zweifelte er nicht daran, es wäre ein Beſuch atte, on Bedeutung, und ließ den Wagen durchfahren, der elieu unter dem Säulengange anhielt. inem Erſt hier bemerkte der Kutſcher, daß die Lackeien ahm, nicht hinter dem Wagen waren. ihn, 180 Er glaubte der Herr Coadjutor hätte über ſie ver⸗ fügt, ſprang von ſeinem Sitze herab, ohne die Zügel loszulaſſen, und öffnete. D' Artagnan ſprang ebenfalls zu Boden, und in dem Augenblick, wo der Kutſcher, erſchrocken, als er ſeinen Herrn nicht erkannte, einen Schritt rückwärts machte, faßte er denſelben mit der linken Hand beim Kragen umd feebie ihm mit der rechten die Piſtole vor die Bruſt. „Wage es nur ein Wort zu ſprechen,“ ſagte d'Artagnan,„und Du biſt todt.“ Der Kutſcher ſah an dem Geſichtsausdrucke desje⸗ nigen, welcher mit ihm ſprach, daß er in eine Falle gegangen war, und ſperrte Mund und Augen unmä⸗ ßig weit auf. Zwei Musketiere gingen im Hofe auf und ab; d'Artagnan rief ſie bei ihren Namen. „Herr von Belliére,“ ſagte er zu dem Einen, „habt die Güte, die Zügel aus den Händen dieſes braven Mannes zu nehmen, auf den Bock der Kutſche zu ſitzen, dieſe vor die geheime Treppe zu führen und mich dort zu erwarten; es betrifft eine wichtige An⸗ gelegenheit und gehört zum Dienſte des Königs.“ Der Musketier wußte, daß ſein Lieutenant unfähig war, einen ſchlechten Spaß in Beziehung auf den Dienſt zu machen, und gehorchte, ohne ein Wort zu ſagen, obgleich jhm der Befehl ſonderbar vorkam. Dann ſich gegen den zweiten Musketier umwen⸗ dend, ſagte d'Artagnan: „Herr du Verger, helft mir dieſen Menſchen in Gewahrſam bringen.“ Der Musketier glaubte, ſein Lieutenant hätte ei⸗ nen verkleideten Prinzen verhaftet, verbeugte ſich und bedeutete durch ein Zeichen, er wäre bereit. D Artagnan ſtieg die Treppe hinauf, geſolgt von dem Gefangenen, hinter dem der Musketier ging, 180 Er glaubte der Herr Coadjutor hätte über ſie ver⸗ fügt, ſprang von ſeinem Sitze herab, ohne die Zügel loszulaſſen, und öffnete. D'Artagnan ſprang ebenfalls zu Boden, und in dem Augenblick, wo der Kutſcher, erſchrocken, als er ſeinen Herrn nicht erkannte, einen Schritt rückwärts machte, faßte er denſelben mit der linken Hand beim Kragen ihm mit der rechten die Piſtole vor die Bruſt. „Wage es nur ein Wort zu ſprechen,“ ſagte d'Artagnan,„und Du biſt todt.“ Der Kutſcher ſah an dem Geſichtsausdrucke desje⸗ nigen, welcher mit ihm ſprach, daß er in eine Falle gegangen war, und ſperrte Mund und Augen unmä⸗ ßig weit auf. Zwei Musketiere gingen im Hofe auf und ab; d»Ariagnan rief ſie bei ihren Namen. „Herr von Belliére,“ ſagte er zu dem Einen, „habt die Güte, die Zügel aus den Händen dieſes braven Mannes zu nehmen, auf den Bock der Kutſche zu ſitzen, dieſe vor die geheime Treppe zu führen und mich dort zu erwarten; es betrifft eine wichtige An⸗ gelegenheit und gehört zum Dienſte des Königs.“ Der Musketier wußte, daß ſein Lieutenant unfähig war, einen ſchlechten Spaß in Beziehung auf den Dienſt zu machen, und gehorchte, ohne ein Wort zu ſagen, obgleich ihm der Befehl ſonderbar vorkam. Dann ſich gegen den zweiten Musketier umwen⸗ dend, ſagte d'Artagnan: „Herr du Verger, helft mir dieſen Menſchen in Gewahrſam bringen.“ Der Musketier glaubte, ſein Lieutenant hätte ei⸗ nen verkleideten Prinzen verhaftet, verbeugte ſich und bedeutete durch ein Zeichen, er wäre bereit. DArkagnan ſtieg die Treppe hinauf, geſolgt von dem Gefangenen, hinter dem der Musketier ging, nen Widerſtand; er war über das, was ihm begegnete, 181 durchſchritt das Veſtibule und trat in das Vorzimmer von Mazarin. Bernouin wartete mit Ungeduld auf Nachricht von ſeinem Herrn. 8 „Nun, gnädiger Herr?“ ſagte er. 1 „Alles geht auf das Beſte, mein lieber Herr Ber⸗ nouin; aber hier iſt ein Menſch, den Ihr an einen ſichern Ort bringen ſolltet!“ 4 „Wohin, gnädiger Herr?“ „Wohin Ihr wollt, wenn nur der Ort, den Ihr wählt, Läden, die man mit dem Vorhängſchloſſe, und fine Thüre hat, die man mit dem Schlüſſel ſchließen ann. „Wir haben dies,“ erwiederte Bernouin. Und man führte den armen Kutſcher in ein Ca⸗ binet, das vergitterte Fenſter und große Aehnlichkeit mit einem Gefängniſſe hatte. „Mein Freund,“ ſagte d'Artagnan,„ich erſuche Euch nun, mir zu Liebe Euern Hut und Euern Man⸗ tel abzulegen.“ Der Kutſcher leiſtete, wie man leicht begreift, kei⸗ ſo ſehr erſtaunt, daß er wankte und ſtammelte, wie ein Betrunkener; d'Artagnan gab die Keidungsſtücke dem Kammerdiener unter den Arm. „Herr du Verger,“ ſprach d'Artagnan,„ſchließt Euch mit dieſem Menſchen ein, bis Herr Bernouin Euch die Thüre öffnet; ich weiß, die Sache wird ziem⸗ lich lang dauern und nicht ſehr beluſtigend ſein, aber Ihr begreift,“ fügte er ernſt bei,„Dienſt des Königs.“ „Zu Befehlen, mein Lieutenant,“ antwortete der Musketier, welcher ſah, daß es ſich um wichtige Dinge handelte. „Verſucht der Menſch zu fliehen oder zu ſchreien,“ ſagte d'Artagnan,„ſo ſtoßt ihm den Degen durch den Leib.“ 4 Der Musketier machte mit dem Kopfe ein Zeichen, m und von ng. — 181 durchſchritt das Veſtibule und trat in das Vorzimmer von Mazarin. Bernouin wartete mit Ungeduld auf Nachricht von ſeinem Herrn. „Nun, gnädiger Herr?“ ſagte er. „Alles geht auf das Beſte, mein lieber Herr Ber⸗ nouin; aber hier iſt ein Menſch, den Ihr an einen ſichern Ort bringen ſolltet!“ „Wohin, gnädiger Herr?“ „Wohin Ihr wollt, wenn nur der Ort, den Ihr wählt, Läden, die man mit dem Vorhängſchloſſe, und eine Thüre hat, die man mit dem Schlüſſel ſchließen kann.“ „Wir haben dies,“ erwiederte Bernouin. Und man führte den armen Kutſcher in ein Ca⸗ binet, das vergitterte Fenſter und große Aehnlichkeit mit einem Gefängniſſe hatte. „Mein Freund,“ ſagte dArtagnan,„ich erſuche Euch nun, mir zu Liebe Euern Hut und Euern Man⸗ tel abzulegen.“ Der Kutſcher leiſtete, wie man leicht begreift, kei⸗ nen Widerſtand; er war über das, was ihm begegnete, ſo ſehr erſtaunt, daß er wankte und ſtammelte, wie ein Betrunkener; d'Artagnan gab die Keidungsſtücke dem Kammerdiener unter den Arm. „Herr du Verger,“ ſprach dArtagnan,„ſchließt Euch mit dieſem Menſchen ein, bis Herr Bernouin Euch die Thüre öffnet; ich weiß, die Sache wird ziem⸗ lich lang dauern und nicht ſehr beluſtigend ſein, aber Ihr begreift,“ fügte er ernſt bei,„Dieuſt des Königs.“ „Zu Befehlen, mein Lieutenant,“ antwortete der Musketier, welcher ſah, daß es ſich um wichtige Dinge handelte. „Verſucht der Menſch zu fliehen oder zu ſchreien,“ ſagte dArtagnan,„ſo ſtoßt ihm den Degen durch den Leib.“ Der Musketier machte mit dem Kopfe ein Zeichen, 182 welches ſagen wollte, er werde pünktlich der Vorſchrift nachkommen. 4 D Artagnan entfernte ſich mit Bernouin. Es ſchlug Mitternacht. „Führt mich in das Betzimmer der Königin,“ ſagte d'Artagnan;„meldet ihr, daß ich da bin, und legt mir dieſes Päckchen mit einer gut geladenen Mus⸗ kete auf den Sitz der Kutſche, welche unten an der Geheimtreppe wartet.“. Bernouin führte d'Artagnan in das Betzimmer, wo er ſich nachdenkend niederſetzte. Alles war im Palais⸗Royal wie gewöhnlich geweſen. Um zehn Uhr hatten ſich, wie wir erzählt, alle Gäſte zurückgezogen; diejenigen, welche mit dem Hofe fliehen ſollten, hatten das Loſungswort, und Jeder wurde aufgefordert, ſich um halb ein Uhr in der Nacht im Cours⸗la⸗Reine einzufinden. Um zehn Uhr ging Anna von Oeſterreich zu dem König; man hatte Monſieur ſo eben zu Bette ge⸗ legt, und der junge Louis, welcher geblieben war, beluſtigte ſich damit, bleierne Soldaten in Schlacht⸗ ordnung aufzuſtellen, eine Unterhaltung, die ihn ſehr ergötzte. Zwei Ehrenknaben ſpielten mit ihm. „La Porte,“ ſagte die Königin,„es wäre Zeit, ſeine Maneſtät zu Bette zu bringen.“ Der König bat, noch aufbleiben zu dürfen, da er nooch keine Luſt zu ſchlafen hätte, wie er ſagte. Aber die Königin beharrte auf ihrem Willen. „Müßt Ihr nicht morgen früh um ſechs Uhr in Conflans baden, Louis? Ihr habt ſelbſt darum gebe⸗ ten.“ „Ihr habt Recht, Madame,“ ſprach der König, „und ich bin bereit, mich in mein Zimmer zu begeben, wenn Ihr mich zu küſſen die Güte gehabt habt. La Sarte, gebt den Handleuchter dem Herrn Chevalier von oislin.“ Die Königin drückte ihre Lippen auf die weiße, ———— — 182 welches ſagen wollte, er werde pünktlich der Vorſchrift nachkommen. DArtagnan entfernte ſich mit Bernouin. Es ſchlug Mitternacht. „Führt mich in das Betzimmer der Königin,“ ſagte d'Artagnan;„meldet ihr, daß ich da bin, und legt mir dieſes Päckchen mit einer gut geladenen Mus⸗ kete auf den Sitz der Kutſche, welche unten an der Geheimtreppe wartet.“ Bernouin führte d'Artagnan in das Betzimmer, wo er ſich nachdenkend niederſetzte. Alles war im Palais„Royal wie gewöhnlich geweſen. Um zehn Uhr hatten ſich, wie wir erzählt, alle Gäſte zurückgezogen; diejenigen, welche mit dem Hofe fliehen ſollten, hatten das Loſungswort, und Jeder wurde aufgefordert, ſich um halb ein Uhr in der Nacht im Cours⸗la⸗Reine einzufinden. Um zehn Uhr ging Anna von Oeſterreich zu vem König; man hatte Monſieur ſo eben zu Bette ge⸗ legt, und der junge Pouis, welcher geblieben war, beluſtigte ſich damit, bleierne Soldaten in Schlacht⸗ ordnung aufzuſtellen, eine Unterhaltung, die ihn ſehr ergötzte. Zwei Ehrenknaben ſpielten mit ihm. „La Porte,“ ſagte die Königin,„es wäre Zeit, ſeine Majeſtät zu Bette zu bringen.“ Der Fönig bat, noch aufbleiben zu dürfen, da er noch keine Luſt zu ſchlafen hätte, wie er ſagte. Aber die Königin beharrte auf ihrem Willen. „Müßt Ihr nicht morgen früh um ſechs Uhr in Conflans baden, Louis? Ihr habt ſelbſt darum gebe⸗ ten „und ich bin bereit, mich in mein Zimmer zu begeben, wenn Ihr mich zu küſſen die Güte gehabt habt. La Porte, gebt den Hanvleuchter dem Herrn Chevalier von Coislin.“ Die Königin drückte ihre Lippen auf die weiße, „Ihr habt Recht, Madame,“ ſprach der König, t 183 glatte Stirne, welche ihr das erhabene Kind mit einem Ernſte bot, an dem die Etiquette nicht zu verkennen war. „Schlaft bald ein, Louis,“ ſagte die Königin, „denn man wird Euch frühzeitig wecken.“ 8 „Ich werde mein Möglichſtes thun, um Euch zu gehorchen,“ erwiederte der junge Louis,„aber ich habe noch keine Luſt, zu ſchlafen.“ „La Porte,“ ſagte Anna von Oeſterreich ganz leiſe, „gebt dem König ein recht langweiliges Buch zu leſen, kleidet Euch aber nicht aus.“ 3 Der König entfernte ſich, begleitet von dem Che⸗ valier von Coislin, der ihm den Leuchter trug. Das andere Ehrenkind wurde in ſeine Wohnung zurückge⸗ führt. Dann begab ſich die Königin wieder in ihr Ge⸗ mach. Ihre Frauen, nämlich Frau von Bregy, Fräu⸗ lein von Beaumont, Frau von Motteville und Socra⸗ tine, ihre Schweſter, die man wegen ihrer Weisheit ſo nannte, hatten ihr in die Garderobe Ueberreſte von der Mittagstafel gebracht, welche ſie gewöhnlich zu Nacht ſpeiſte. Die Königin ertheilte ſodann ihre Befehle, ſprach von einem Mahle, das ihr für den zweiten Tag der Marquis von Villequier angeboten hatte, bezeichnete die Perſonen, welche ſie zu der Ehre, daran Theil zu nehmen, zuließ, kündigte für den nächſten Tag noch einen Beſuch in Val⸗de⸗Grace an, wo ſie ihre Andacht zu verrichten beabſichtigte, und gab Beringhen, ihrem erſten Kammerdiener, Befehl, ſie zu begleiten.. Als das Abendbrod der Damen vorüber war, ſtellte ſich die Königin ſehr müde und ging in ihr Schlaf⸗ zimmer. Frau von Motteville, welche dieſen Abend den Dienſt hatte, folgte ihr, um ſie entkleiden zu hel⸗ fen. Die Königin legte ſich zu Bette, ſprach noch einige Minuten freundlich mit ihr und entließ ſie ſodann. In dieſem Augenblick kam d'Artagnan mit dem Wagen des Coadjutors in den Hof des Palais⸗Royal. — 6 nd 8⸗ der er, lich hlt, mit ort, Uhr dem ge⸗ var, cht⸗ ſehr ſeine a er Aber rin ebe⸗ nig, ben, La Lon eiße, glatte Stirne, welche ihr das erhabene Kind mit einem Ernſte bot, an dem die Etiquette nicht zu verkennen war. „Schlaft bald ein, Louis,“ ſagte die Königin, „denn man wird Euch frühzeitig wecken.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, um Euch zu gehorchen,“ erwiederte ver junge Louis,„aber ich habe noch keine Luſt, zu ſchlafen.“ „La Porte,“ ſagte Anna von Oeſterreich ganz leiſe, „gebt dem König ein recht langweiliges Buch zu leſen, kleidet Euch aber nicht aus.“ Der König entfernte fich, begleitet von dem Che⸗ valier von Coislin, der ihm den Leuchter trug. Das r Ehrenkind wurde in ſeine Wohnung zurückge⸗ ührt. Dann begab ſich die Königin wieder in ihr Ge⸗ mach. Ihre Frauen, nämlich Frau von Bregy, Fräu⸗ lein von Beaumont, Frau von Motteville und Socra⸗ tine, ihre Schweſter, die man wegen ihrer Weisheit ſo nannte, hatten ihr in die Garderobe Ueberreſte von der Mittagstafel gebracht, welche ſie gewöhnlich zu Nacht ſpeiſte. Die Königin ertheilte ſodann ihre Befehle, ſprach von einem Mahle, das ihr für den zweiten Tag der Marquis von Villequier angeboten hatte, bezeichnete die Perſonen, welche ſie zu der Ehre, daran Theil zu nehmen, zuließ, kündigte für den nächſten Tag noch einen Beſuch in Val⸗de⸗Grace an, wo ſie ihre Andacht zu verrichten beabſichtigte, und gab Beringhen, ihrem erſten Kammerdiener, Befehl, ſie zu begleiten. Als das Abendbrod der Damen vorüber war, ſtellte ſich die Königin ſehr müde und ging in ihr Schlaf⸗ zimmer. Frau von Motteville, welche dieſen Abend den Dienſt hatte, folgte ihr, um ſie entkleiden zu hel⸗ fen. Die Königin kegte ſich zu Bette, ſprach noch einige Minuten freundlich mit ihr und entließ ſie ſodann. In dieſem Augenblick kam d'Artagnan mit dem Wagen des Cvadjutors in den Hof des Palais⸗Royal. 184 Eine Minute nachher fuhren die Wagen der Ehren⸗ damen ab und das Gitter ſchloß ſich hinter ihnen. Es ſchlug Mitternacht. Fünf Minuten ſpäter klopfte Bernouin, von dem geheimen Gange des Cardinals herkommend, an das Schlafzimmer der Königin. Anna von Oeſterreich öffnete ſelbſt. „Ihr ſeid es, Bernouin?“ ſagte ſie.„Iſt Herr d'Artagnan da?“ „Ja, Madame, in Euerem Betzimmer; er wartet, bis Euere Majeſtät bereit iſt.“ „Ich bin es. Sagt La Porte, er ſolle den König wecken und ankleiden, von dort geht zu dem Mar⸗ ſchall von Villeroy und ſetzt ihn in meinem Namen in Kenntniß.“. Bernouin verbeugte ſich und ging ab. „Die Königin trat in ihr Betzimmer, das eine ein⸗ fache Lampe von venetianiſchem Glaſe beleuchtete. Sie erblickte d'Artagnan, der auf ſie wartete. „Ihr ſeid es?“ ſagte ſie zu ihm. „Ja, Madame.“ „Ihr ſeid bereit?“ „Ich bin es.“ „Und der Herr Cardinal?“ „ſt ohne Unfall hinausgekommen; er erwartet Euere Majeſtät in Cours⸗la⸗Reine.“ „Aber in welchem Wagen gehen wir ab?“ „Ich habe Alles beſorgt, ein Wagen harrt unten Eurer Majeſtät.“ „Gehen wir zu dem König.“. D Artagnan verbeugte ſich. und folgte der Kö⸗ nigin..— Das Bett lag aufgedeckt; die Leilacken des Kö⸗ nigs waren ſo abgenutzt, daß ſie an verſchiedenen Stellen Löcher hatten. Dies war abermals Folge der Knauſerei von Mazarin.. 184 Eine Minute nachher fuhren die Wagen der Ehren⸗ damen ab und das Gitter ſchloß ſich hinter ihnen. Es ſchlug Mitternacht. Fünf Minuten ſpäter klopfte Bernouin, von dem geheimen Gange des Cardinals herkommend, an das Schlafzimmer der Königin. Anna von Oeſterreich öffnete ſelbſt. „Ihr ſeid es, Bernouin?“ ſagte ſie.„Iſt Herr d'Artagnan da?“ „Ja, Madame, in Euerem Betzimmer; er wartet, bis Euere Majeſtät bereit iſt.“ „Ich bin es. Sagt La Porte, er ſolle den König wecken und ankleiden, von dort geht zu dem Mar⸗ ſchall von Villeroy und ſetzt ihn in meinem Namen in Kenntniß.“ Bernouin verbeugte ſich und ging ab. Die Königin trat in ihr Betzimmer, das eine ein⸗ fache Lampe von venetianiſchem Glaſe beleuchtete. Sie erblickte dArtagnan, der auf ſie wartete. „Ihr ſeid es?“ ſagte ſie zu ihm. „Ja, Mabame.“ „Ihr ſeid bereit?“ „Ich bin es.“ „Und der Herr Cardinal?“ „Iſt ohne Unfall hinausgekommen; er erwartet Euere Majeſtät in Cours⸗la⸗Reine.“ „Aber in welchem Wagen gehen wir ab?“ „Ich habe Alles beſorgt, ein Wagen harrt unten Eurer Majeſtät.“ „Gehen wir zu dem König.“ DArtagnan verbeugte ſich und folgte der Kö⸗ nigin. Das Bett lag aufgedeckt; die Leilacken des Kö⸗ nigs waren ſo abgenutzt, daß ſie an verſchiedenen Stellen Löcher hatten. Dies war abermals Folge der Knauſerei von Mazarin. Kr gel rer 185 Die Königin trat ein und dArtagnan blieb auf der Schwelle ſtehen. Als das Kind die Königin er⸗ blickte, entſchlüpfte es den Händen von La Yorte und lief auf ſie zu. Die Königin machte dArtagnan ein Zeichen näher zu kommen. D'Artagnan gehorchte. „Mein Sohn,“ ſprach die Königin und deutete auf Len Musketier, welcher ruhig, aufrecht, mit ent⸗ blößtem Haupte in ihrer Nähe ſtand,„dies iſt Herr d'Artagnan, ein Mann, ſo brav, wie einer von den alten tapfern Rittern, deren Geſchichte Ihr Euch ſo gerne von meinen Frauen erzählen laßt. Erinnert Euch ſeines Namens und ſchaut ihn wohl an, um ſein Geſicht nicht aus dem Gedächtniſſe zu verlieren, denn er wird uns heute Abend einen wichtigen Dienſt leiſten.“ Der junge König ſchaute den Offizier mit ſeinem großen, ſtolzen Auge an und wiederholte: Herr d'Artagnan?“ „So iſt es, mein Sohn.“ Der junge König hob ſanßſann ſeine kleine Hand auf und reichte ſie dem n ktier3 dieſer ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte ſi „Herr d'Artagnan,“ wiederholte Louis,„es iſt gut, Madame. 2 In dieſem Augenblick hörte man, wie ſich ein Geräuſch näherte. „Was iſt das?“ ſagte die Königin. „Oh, oh!“ antwortete d'Artagnan, zu gleicher Zeit ſein feines Ohr und ſeinen ſcharfen Blick anſtren⸗ gend,„es iſt der Lärm des Volkes, das ſich empört.“ „Wir müſſen fliehen,“ ſagte die Königin. „Euere Majeſtät hat mir die Leitung dieſer An⸗ gelegenheit überlaſſen: wir müſſen bleiben und erfah⸗ ren, was man will.“ „Herr d'Artagnan!“ em das err tet, nig ar⸗ nen in⸗ Sie rtet ten nen von Die Königin trat ein und dArtagnan blieb auf der Schwelle ſtehen. Als das Kind die Königin er⸗ blickte, entſchlüpfte es den Händen von La Porte und lief auf ſie zu. Die Königin machte dArtagnan ein Zeichen näher zu kommen. DArtagnan gehorchte. „Mein Sohn,“ ſprach die Königin und deutete auf den Musketier, welcher ruhig, aufrecht, mit ent⸗ blößtem Haupte in ihrer Nähe ſtand,„dies iſt Herr dArtagnan, ein Mann, ſo brav, wie einer von den alten tapfern Rittern, deren Geſchichte Ihr Euch ſo gerne von meinen Frauen erzählen laßt. Erinnert Euch ſeines Namens und ſchaut ihn wohl an, um ſein Geſicht nicht aus dem Gedächtniſſe zu verlieren, it er wird uns heute Abend einen wichtigen Dienſt eiſten.“ Der junge König ſchaute den Offizier mit ſeinem großen, ſtolzen Auge an und wiederholte: „Herr d'Artagnan?“ „Sy iſt es, mein Sohn.“ Der junge König hob langſam ſeine kleine Hand auf und reichte ſie dem Musketier; dieſer ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte fie. „Herr dArtagnan,“ wiederholte Louis,„es iſt gut, Madame.“ In dieſem Augenblick hörte man, wie ſich ein Geräuſch näherte. „Was iſt das?“ ſagte die Königin. „Oh, oh!“ antwortete d'Artagnan, zu gleicher Zeit ſein feines Ohr und ſeinen ſcharfen Blick anſtren⸗ gend,„es iſt der Lärm des Volkes, das ſich empört.“ „Wir müſſen fliehen,“ ſagte die Königin. „Euere Majeſtät hat mir die Leitung dieſer An⸗ gelegenheit überlaſſen: wir müſſen bleiben und erfah⸗ ren, was man will.“ „Herr dArtagnan!“ 186 „Ich ſtehe für Alles.“ Nichts theilt ſich raſcher mit, als das Vertrauen. Voll Muth und Kraft, fühlte die Königin im höchſten Grade dieſe zwei Tugenden bei Andern. „Handelt,“ ſagte ſie,„ich verlaſſe mich auf Euch.“ „Will mir Euere Majeſtät erlauben, bei dieſer ganzen Angelegenheit Befehle in ihrem Namen zu geben?“ „Befehlt, mein Herr.“ „Was will denn dieſes Volk wieder?“ fragte der König. „Wir werden es erfahren, Sire,“ antwortete d'Artagnan. Und er verließ raſch das Zimmer. Der Tumult hatte zugenommen, er ſchien gleich⸗ ſam das ganze Palais⸗Royal einzuhüllen. Man hörte vom Zimmer aus Geſchrei, deſſen Sinn man nicht verſtehen konnte; offenbar fand ein Aufruhr Statt. Der König, halb gekleidet, die Königin und La Porte blieben, Jedes horchend und wartend, an dem Platze, wo ſie ſich befanden.— Comminges, der dieſe Nacht die Wache im Pa⸗ lais⸗Royal hatte, lief herbei; er hatte ungefähr zwei⸗ hundert Mann in den Höfen und Ställen und ſtellte fie zur Verfügung der Königin. „Nun?“ fragte Anna von Oeſterreich, als ſie v'Artagnan wieder erſcheinen ſah,„was gibt es?“ „Madame, es hat ſich das Gerücht verbreitet, die Königin hätte, den König mit ſich nehmend, das Pa⸗ lais⸗Royal verlaſſen, und das Volk verlangt den Be⸗ weis vom Gegentheil oder es droht, das Palais⸗ Royal zu zerſtören.“ Ahl diesmal iſt es zu ſtark und ich will ihnen beweiſen, daß ich nicht abgereiſt bin.“ D'Artagnan ſah an dem Geſichtsausdrucke der Königin, daß ſie irgend einen heftigen Befehl geben wollte. Er näherte ſich ihr und ſagte ganz leiſe: 3 8‿ ————— 156 „Ich ſtehe für Alles.“ Richts theilt ſich raſcher mit, als das Vertrauen. Voll Muth und Kraft, fühlte die Königin im höchſten Grade dieſe zwei Tugenden bei Andern. „Handelt,“ ſagte ſie,„ich verlaſſe mich auf Euch.“ „Will mir Euere Majeſtät erlauben, bei dieſer ganzen Angelegenheit Befehle in ihrem Namen zu geben?“ „Befehlt, mein Herr.“ „Was will denn dieſes Volk wieder?“ fragte der König. „Wir werden es erfahren, Sire,“ antwortete v'Artagnan. Und er verließ raſch das Zimmer. Der Tumult hatte zugenommen, er ſchien gleich⸗ ſam das ganze Palais⸗Royal einzuhüllen. Man hörte vom Zimmer aus Geſchrei, deſſen Sinn man nicht verſtehen konnte; offenbar fand ein Aufruhr Statt. Der König, halb gekleidet, die Königin und La Porte blieben, Jedes horchend und wartend, an dem Platze, wo ſie fich befanden. Eomminges, der dieſe Nacht die Wache im Pa⸗ lais⸗Royal hatte, lief herbei; er hatte ungefähr zwei⸗ hundert Mann in den Höfen und Ställen und ſtellte ſie zur Verfügung der Königin. „Nun?“ fragte Anna von Oeſterreich, als ſie dArtagnan wieder erſcheinen ſah,„was gibt es?“ „Madame, es hat ſich das Gerücht verbreitet, die Königin hätte, den König mit ſich nehmend, das Pa⸗ lais⸗Royal verlaſſen, und das Volk verlangt den Be⸗ weis vom Gegentheil oder es droht, das Palais⸗ Royal zu zerſtören.“ „Ah! diesmal iſt es zu ſtart und ich will ihnen beweiſen, daß ich nicht abgereiſt bin.“ D'Artagnan ſah an dem Geſichtsausdrucke der Königin, daß ſie irgend einen heftigen Befehl geben wollte. Er näherte ſich ihr und ſagte ganz leiſe; ge we ſei 3 187 3 „Hat Euere Majeſtät immer noch Bertrauen auß mir?“ Dieſe Stimme machte ſie beben. „Ja, mein Herr, alles Vertrauen,“ erwiederte ſie. „Wird Euere Majeſtät die Gnade haben, meinem Rathe zu folgen 22 „Sprecht.“ „Euere Majeſtät wolle Herrn von Comminges wegſchicken und ihm befehlen, ſich und ſeine Leute in der Wachtſtube und in den Ställen eingeſchloſſen zu alten.“ Comminges ſchaute d'Artagnan mit dem neidiſchen Blicke an, mit welchem jeder Höfling ein neues Glück auftauchen ſieht. „Ihr habt gehört, Comminges?“ ſprach die Kö⸗ nigin. D'Artagnan ging auf ihn zu; er hatte mit ſeiner herynlichen Scharfſichtigkeit dieſen unruhigen Blick erkannt „Herr von Comminges,“ ſagte er zu ihm,„ver⸗ gebt mir; wir ſind zwei alte Diener der Königin, nicht wahn Es iſt heute die Reihe an mir, ihr nützlich zu ein.“ Comminges verbeugte ſich und ging ab. „Wohl,“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„nun habe ich einen Feind mehr.“ „Und nun,“ ſprach die Königin, ſich an d'Artag⸗ nan wendend,„w s iſt zu thun? Denn Ihr hört, ſtatt ſich zu legen, verdoppelt ſich der Lärm.“. „Madame,“ antwortete dArtagnan, das Volk will den König ſehen, es muß ihn ſehen.“ „Wie, es muß! auf dem Balcon?“ fend. RNein, Madame, hier, in ſeinem Bette, ſchla⸗ en „Ohl Euere Majeſtät, Herr d'Artagnan hat voll⸗ kommen Recht!“ rief La Porte. Die Königin dachte einen Augenblick nach und 187 et Euere Majeſtät immer noch Vertrauen zu mir?“ Dieſe Stimme machte ſie beben. „Ja, mein Herr, alles Vertrauen,“ erwiederte ſie. „Wird Euere Majeſtät die Gnade haben, meinem Rathe zu folgen?“ „Sprecht.“ „Euere Majeſtät wolle Herrn von Comminges wegſchicken und ihm befehlen, ſich und ſeine Leute in ver Wachtſtube und in den Ställen eingeſchloſſen zu alten.“ Comminges ſchaute d'Artagnan mit dem neidiſchen Blicke an, mit welchem jeder Höfling ein neues Glück auftauchen ſieht. „Ihr habt gehört, Comminges?“ ſprach die Kö⸗ nigin. DArtagnan ging auf ihn zu; er hatte mit ſeiner Siei Scharffichtigkeit dieſen unruhigen Blick erkannt. „Herr von Comminges,“ ſagte er zu ihm,„ver⸗ gebt mir; wir find zwei alte Diener der Königin, nicht vatrs Es iſt heute die Reihe an mir, ihr nützlich zu ein.“ Comminges verbeugte ſich und ging ab. „Wohl,“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„nun habe ich einen Feind mehr.“ „Und nun,“ ſprach die Königin, ſich an dArtag⸗ nan wendend,„ws iſt zu thun? Denn Ihr hört, ſtatt ſich zu legen, verdoppelt ſich der Lärm.“ „Madame,“ antwortete dArtagnan,„das Volk will den König ſehen, es muß ihn ſehen.“ „Wie, es muß! auf dem Balcon?“ ſerd„Rein, Madame, hier, in ſeinem Bette, ſchla⸗ end. „Oh! Euere Majeſtät, Herr d'Artagnan hat voll⸗ kommen Recht!“ rief La Porte. Die Königin dachte einen Augenblick nach und 188 llächelte dann, wie eine Frau, der der Trug nicht ffremd iſt. „Es geſchehe,“ murmelte ſie. „Herr La Porte,“ ſagte d'Artagnan,„geht durch das Gitter des Palais⸗Royal, kündigt dem Volke an, es ſolle zufrieden geſtellt werden, es werde den König nicht nur ſehen, ſondern auch in ſeinem Bette 4 ſehen. Fügt bei, der König ſchlafe und die Königin bitte, man möge ſich ſtille verhalten, um den König nicht aufzuwecken.“ „Aber nicht Jedermann; eine Deputation von zwei, drei bis vier Perſonen?“ „Jedermann, Madame!“ 3 „Bedenkt doch, ſie werden uns bis zum Tage aufhalten.“ 4 „In einer Viertelſtunde ſind wir mit ihnen fertig. Ich ſtehe für Alles, Madame. Glaubt mir, ich kenne das Volk: es iſt ein großes Kind, dem man ſchmei⸗ „Geht, La Porte,“ ſagte die Königin. 2 Der junge König näherte ſich ſeiner Mutter. „Warum thut man, was dieſe Leute verlangen?“ fragte er. „Es muß ſein,“ ſprach Anna von Oeſterreich. „Aber wenn man mir ſagt: es muß ſeinl ſo bin ich nicht mehr König.“ „Sire,“ ſprach d'Artagnan,„erlaubt mir Eure man es wagte, das Wort an ihn zu richten. Die Königin drückte dem König die Hand. „Ja, mein Herr,“ erwiederte der junge König. „Erinnert ſich Eure Majeſtät, wenn ſie in dem Parke von Fontainebleau oder in den Höfen des Pa⸗ laſtes von Verſailles ſpielte, plötzlich wahrgenommen cheln muß. Vor dem entſchlummerten König wird es. ſtumm, ſanft und ſchüchtern ſein, wie ein Lamm.“ Majeſtät eine Frage?“ Ludwig XIV. wandte ſich um, ganz erſtaunt, daß „+ 2— 188 lächelte dann, wie eine Frau, der der Trug nicht fremd ift. „Es geſchehe,“ murmelte ſie. „Herr La Porte,“ ſagte d'Artagnan,„geht durch das Gitter des Palais⸗Royal, kündigt dem Volke an, es ſolle zufrieden geſtellt werden, es werde den König nicht nur ſehen, ſondern auch in ſeinem Bette ſehen. Fügt bei, der König ſchlafe und die Königin bitte, man möge ſich ſtille verhalten, um den König nicht aufzuwecken.“ „Aber nicht Jedermann; eine Deputation von zwei, drei bis vier Perſonen?“ „Jedermann, Madame!“ „Bedenkt doch, ſie werden uns bis zum Tage aufhalten.“ „In einer Viertelſtunde find wir mit ihnen fertig. Ich ſtehe für Alles, Madame. Glaubt mir, ich kenne das Volk: es iſt ein großes Kind, dem man ſchmei⸗ cheln muß. Vor dem entſchlummerten König wird es ſtumm, ſanft und ſchüchtern ſein, wie ein Lamm.“ „Geht, La Porte,“ ſagte die Königin. Der junge König näherte ſich ſeiner Mutter. „Warum thut man, was dieſe Leute verlangen?“ fragte er. „Es muß ſein,“ ſprach Anna von Oeſterreich. „Aber wenn man mir ſagt: es muß ſein! ſo bin ich nicht mehr König.“ „Sire,“ ſprach d'Artagnan,„erlaubt mir Eure Majeſtät eine Frage?“ Ludwig XIV. wandte ſich um, ganz erſtaunt, daß man es wagte, das Wort an ihn zu richten. Die Königin drückte dem König die Hand. „Ja, mein Herr,“ erwiederte der junge König. „Erinnert ſich Eure Majeſtät, wenn ſie in dem Parke von Fontainebleau oder in den Höfen des Pa⸗ laſtes von Verſailles ſpielte, plötzlich wahrgenommen zu! ner Eue ſpie auc vas es fure gen dem Ihr ſam Bre von hab öffn den eine lege reiſe Por der 189 zu haben, wie ſich der Himmel bedeckte und der Don⸗ ner zu rollen begann?“ „Allerdings.“ „Nun wohl, dieſes Rollen des Donners ſagte Euerer Majeſtät, ſo große Luſt ſie auch hatte, fortzu⸗ ſpielone kehrt zurück, Sire, es muß ſein!“ Das iſt wahr, mein Herr, aber man ſagte mir auch, das Getöſe des Donners ſei die Stimme Gottes.“ „Wohl, Sire,“ verſetzte d'Artagnan,„hört auf das Getöſe des Volkes, und Ihr werdet finden, daß es große Aehnlichkeit mit dem des Donners hat.“ In dieſem Augenblick machte ſich wirklich ein furchtbarer Lärmen, durch den Nachtwind herbeigetra⸗ gen, hörbar. Plötzlich trat eine Stille ein. „Sire,“ ſprach d'Artagnan,„man hat ſo eben dem Volke geſagt, Ihr ſchliefet, und Ihr ſeht, daß Ihr immer noch König ſeid.“ Ddie Königin ſchaute voll Erſtaunen dieſen ſelt⸗ ſamen Menſchen an, den ſein glänzender Muth den Brayſten, ſein feiner, liſtiger Geiſt Allen gleich ſtellte. La Porte kehrte zurück. 4 „Nun, La Porte?“ fragte die Königin. —„Madame,“ antwortete er,„die Prophezeihung von Herrn dArtagnan iſt in Erfüllung gegangen. Sie haben ſich wie durch einen Zauber beruhigt. Man öffnete ihnen die Pforten und in fünf Minuten wer⸗ den ſie hier ſein.“ „La Porte,“ ſagte die Königin,„wenn wir ihnen einen von Euren Söhnen an die Stelle des Königs legen würden? wir könnten während dieſer Zeit ab⸗ reiſen.“ „Wenn es Euere Majeſtät befiehlt,“ verſetzte La Porte,„ſo ſind meine Söhne wie ich zu den Dienſten der Königin.“ „Nein,“ ſprach d'Artagnan;„denn würde Einer icht urch olke den ette igin nig von age rtig. enne nei⸗ es n2 ſo ure daß Die . dem Pu⸗ men 189 zu haben, wie ſich der Himmel bedeckte und der Don⸗ ner zu rollen begann?“ „Allerdings.“ „Nun wohl, dieſes Rollen des Donners ſagte Euerer Majeſtät, ſo große Luſt ſie auch hatte, fortzu⸗ ſpielen: kehrt zurück, Sire, es muß ſein!“ „Das iſt wahr, mein Herr, aber man ſagte mir auch, das Getöſe des Donners ſei die Stimme Gottes.“ „Wohl, Sire,“ verſetzte d'Artagnan,„hört auf vas Getöſe des Volkes, und Ihr werdet finden, daß es große Aehnlichkeit mit dem des Donners hat.“ In dieſem Augenblick machte ſich wirklich ein furchtbarer Lärmen, durch den Rachtwind herbeigetra⸗ gen, hörbar. Plötzlich trat eine Stille ein. „Sire,“ ſprach d'Artagnan,„man hat ſo eben dem Volke geſagt, Ihr ſchliefet, und Ihr ſeht, vaß Ihr immer noch König ſeid.“ Die Königin ſchaute voll Erſtaunen dieſen ſelt⸗ ſamen Menſchen an, den ſein glänzender Muth den Bravſten, ſein feiner, liſtiger Geiſt Allen gleich ſtellte. La Porte kehrte zurück. „Nun, La Porte?“ fragte die Königin. „Madame,“ antwortete er,„die Prophezeihung von Herrn d'Artagnan iſt in Erfüllung gegangen. Sie haben ſich wie durch einen Zauber beruhigt. Man öffnete ihnen die Pforten und in fünf Minuten wer⸗ den ſie hier ſein.“ „La Porte,“ ſagte die Königin,„wenn wir ihnen einen von Euren Söhnen an die Stelle des Königs legen würden? wir könnten während dieſer Zeit ab⸗ reiſen.“ „Wenn es Euere Majeſtät befiehlt,“ verſetzte La Porte,„ſo ſind meine Söhne wie ich zu den Dienſten der Königin.“ „Nein,“ ſprach d'Artagnan;„denn würde Einer 190 Seine Majeſtät kennen und den Betrug wahrnehmen, ſo wäre Alles verloren.“. „Ihr habt Recht, mein Herr, immer Recht,“ ſprach Anna von Oefierreich,„bringt den Koͤnig zu Bette.“ La Porte legte den König ganz angekleidet, wie er war, in ſein Bett; dann bedeckte er ihn bis an die Schultern mit dem Leintuch. Die Königin beugte ſich über ihn herab und küßte ihn auf die Stirne. „Stellt Euch, als ob Ihr ſchliefet,“ ſprach ſie. „Ja, aber es ſoll mich keiner von dieſen Men⸗ ſchen berühren.“ „Sire, ich bin da,“ verſetzte d'Artagnan,„und ich ſtehe Euch dafür, daß der Erſte, der dieſe Keck⸗ heit hätte, es mit dem Leben bezahlen müßte.“ „Was ſoll nun geſchehen?“ fragte die Königin, „denn ich höre ſie.“ „Herr La Porte geht ihnen entgegen und empfiehlt Ihnen abermals Stillſchweigen. Madame, wartet dort an der Thüre. Ich ſtehe zu den Häupten des Kö⸗ nigs, bereit für ihn zu ſterben.“ La Porte ging ab, die Königin ſtellte ſich an die Thüre, d'Artagnan ſchlüpfte hinter den Bettvorhang. 3 Man hörte ſodann den dumpfen Tritt einer gro⸗ ßen Menge von Menſchen. Die Königin hob ſelbſt den Thürvorhang auf und legte einen Finger auf ih⸗ ren Mund, 3 Als dieſe Menſchen die Königin ſahen, blieben ſie in ehrfurchtsvoller Haltung ſtille ſtehen. 1 „Tretet ein, meine Herren, tretet ein,“ ſagte die Königin. —— Es entſtand nun unter all' dieſem Volk ein Augen⸗ blick des Zögerns ein, der einer Art von Schaam glich. Es war auf Widerſtand gefaßt; es glaubte, die Gitter ſprengen und die Wachen niederwerfen zu müſſen; dieſe Gitter hatten ſich ganz allein geöffnet 8 190 Seine Majeſtät kennen und den Betrug wahrnehmen, ſo wäre Alles verloren.“ „Ihr habt Recht, mein Herr, immer Recht,“ von Oeßterreich,„bringt den König zu ette. La Porte legte den König ganz angekleidet, wie er war, in ſein Bett; dann bedeckte er ihn bis an die Schultern mit dem Leintuch. Die Königin beugte ſich über ihn herab und küßte ihn auf die Stirne. „Stellt Euch, als ob Ihr ſchliefet,“ ſprach ſie. „Ja, aber es ſoll mich keiner von dieſen Men⸗ ſchen berühren.“ „Sire, ich bin da,“ verſetzte d'Artagnan,„und ich ſtehe Euch dafür, daß der Erſte, der dieſe Keck⸗ heit hätte, es mit dem Leben bezahlen müßte.“ „Was ſoll nun geſchehen?“ fragte die Königin, „denn ich höre ſie.“ „Herr La Porte geht ihnen entgegen und empfiehlt Ihnen abermals Stillſchweigen. Madame, wartet dort an der Thüre. Ich ſtehe zu den Häupten des Kö⸗ nigs, bereit für ihn zu ſterben.“ La Porte ging ab, die Königin ſtellte ſich an die Thüre, dArtagnan ſchlüpfte hinter den Bettvorhang. Man hörte ſodann den dumpfen Tritt einer gro⸗ ßen Menge von Menſchen. Die Königin hob ſelbſt den Thürvorhang auf und legte einen Finger auf ih⸗ ren Mund. Als dieſe Menſchen die Königin ſahen, blieben ſie in ehrfurchtsvoller Haltung ſtille ſtehen. „Tretet ein, meine Herren, tretet ein,“ ſagte die Königin. Es entſtand nun unter all' dieſem Volk ein Augen⸗ blick des Zögerns ein, der einer Art von Schaam glich. Es war auf Widerſtand gefaßt; es glaubte, die Gitter ſprengen und die Wachen niederwerfen zu müſſen; dieſe Gitter hatten ſich ganz allein geöffnet und ſche mel gefi die auf und dieſ gew die eint er wel daß hab ihn und entf erſt wur riſe deſſe habt die gleit wirl —— und der König hatte an ſeinem Bette, wenigſtens ſcheinbar, keine andere Wache, als ſeine Mutter. Die Leute, welche an der Spitze ſtanden, ſtam⸗ melten und verſuchten es zurückzuweichen.. „Tretet ein, meine Herren, da es die Königin geſtattet,“ ſagte La Porte.. Da wagte es Einer, der wohl kähner war, als die Andern, die Schwelle zu überſchreiten und ging auf der Fußſpitze vor. Alle Andere ahmten ihn nach, und das Zimmer füllte ſich ſtillſchweigend, als ob alle dieſe Menſchen die demüthigſten, ergebenſten Höflinge geweſen wären. Außerhalb der Thüre erblickte man die Köpfe von denjenigen, welche, da ſie nicht mehr eintreten konnten, ſich auf den Fußſpitzen erhoben. 2 D'Artagnan ſah Alles durch eine Oeffnung, die er im Vorhange gemacht hatte. In dem Menſchen, welcher zuerſt eintrat, erkannte er Planchet. „Mein Herr,“ ſagte die Königin, welche begriff, daß er der Anführer der ganzen Bande war,„ohr habet den König zu ſehen gewünſcht, und ich wollte ihn Euch ſelbſt zeigen. Naͤhert Euch, ſchaut ihn an und ſagt mir, ob wir ausſehen, wie Menſchen, welche entfliehon wollen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Planchet, etwas erſtaunt über die unerwartete Ehre, die ihm zu Theil wurde.— „Ihr werdet alſo meinen guten und getreuen Pa⸗ riſern ſagen,“ verſetzte Anna mit einem Lächeln, in deſſen Ausdruck d'Artagnan ſich nicht täuſchte,„Ihr habt den König ſchlafend in ſeinem Bette geſehen und die Königin bereit, ſich ebenfalls niederzulegen.“ „Ich werde es ſagen, Madame, und meine Be⸗ gleiter werden daſſelbe thun. Aber...“ „Aber was?“ fragte Anna von Oeſterreich. „Eure Majeſtät verzeihe mir, doch iſt es auch wirklich der König, der in dieſem Bette liegt?“ Anna von Oeſterreich bebte und erwiederte: ten, 5 zu wie an ißte en⸗ und deck⸗ gin, ehlt tet Kö⸗ die 3 gro⸗ elbſt eben die gen⸗ aam ubte, zu ffnet 191 und der König hatte an ſeinem Bette, wenigſtens ſcheinbar, keine andere Wache, als ſeine Mutter. Die Leute, welche an der Spitze ſtanden, ſtam⸗ melten und verſuchten es zurückzuweichen. „Tretet ein, meine Herren, da es die Königin geſtattet,“ ſagte La Porte. Da wagte es Einer, der wohl kühner war, als die Andern, die Schwelle zu überſchreiten und ging auf der Fußſpitze vor. Alle Andere ahmten ihn nach, und das Zimmer füllte ſich ſtillſchweigend, als ob alle dieſe Menſchen die demüthigſten, ergebenſten Höflinge geweſen wären. Außerhalb der Thüre erblickte man die Köpfe von denjenigen, welche, da ſie nicht mehr eintreten konnten, ſich auf den Fußſpitzen erhoben. D'Artagnan ſah Alles durch eine Oeffnung, die er im Vorhange gemacht hatte. In dem Menſchen, welcher zuerſt eintrat, erkannte er Planchet. „Mein Herr,“ ſagte die Königin, welche begriff, daß er der Anführer der ganzen Bande war,„Ihr habet den König zu ſehen gewünſcht, und ich wollte ihn Euch ſelbſt zeigen. Nähert Euch, ſchaut ihn an und ſagt mir, ob wir ausſehen, wie Menſchen, welche entfliehen wollen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Planchet, etwas erſtaunt über die unerwartete Ehre, die ihm zu Theil wurde. „Ihr werdet alſo meinen guten und getreuen Pa⸗ riſern ſagen,“ verſetzte Anna mit einem Lächeln, in deſſen Ausdruck dArtagnan ſich nicht täuſchte,„Ihr habt den König ſchlafend in ſeinem Bette geſehen und die Königin bereit, ſich ebenfalls niederzulegen.“ „Ich werde es ſagen, Madame, und meine Be⸗ gleiter werden daſſelbe thun. Aber „Aber was?“ fragte Anna von Oeſterreich. „Eure Majeſtät verzeihe mir, doch iſt es auch wirklich der König, der in dieſem Bette liegt?“ Anna von Oeſterreich bebte und erwiederte „Iſt Einer unter Euch, der den König kennt, ſo nähere er ſich und ſage, ob dies wirklich Seine Ma⸗ jeſtät iſt.“ Ein Mann in einen Mantel gehüllt, mit dem er ſich das Geſicht verbarg, trat näher, beugte ſich über das Bett und ſchaute.. Einen Augenblick glaubte d'Artagnan, dieſer Mann hätte eine ſchlimme Abſicht, und legte die Hand an ſeinen Degen. Aber bei der Bewegung, die der Mann in dem Mantel ſich bückend machte, gewahrte er einen Theil ſeines Geſichtes und d'Artagnan erkannte den Coadjutor. „Es iſt allerdings der König,“ ſprach dieſer Mann ſich erhebend,„Gott ſegne Majeſtät!“ „Ja,“ ſagte mit halber Stimme der Führer, „Gotte ſegne ſeine Majeſtät!“ Und alle dieſe Menſchen, welche wüthend herbei gekommen waren, ſegneten, vom Zorn zum Mitleid übergehend, ebenfalls das königliche Kind. „Nun laßt uns der Königin danken, meine Frreunde, und abgehen,“ ſprach Planchet. Alle verbeugten ſich und zogen allmähligund ge⸗ räuſchlos, wie ſie kamen, wieder ab. Planchet, Ir zuerſt eingetreten war, ging zuletzt weg. A Die Königin hielt ihn zurück und ſagte zu ihm: „Wie heißt Ihr, mein Freund?“ Planchet wandte ſich, ſehr erſtaunt über dieſe Frage, raſch um. 1 „Ja,“ ſprach die Königin,„ich halte mich für eben ſo geehrt, Euch empfangen zu haben, als ob Ihr ein Prinz wäret, und wünſche Eueren Namen zu wiſſen. „Ja,“ dachte Planchet,„um mich zu behandeln wie einen Prinzen, ich danke!“ D'Artagnan hatte bange, Planchet würde, ver⸗ lockt wie der Rabe in der Fabel, ſeinen Namen ſagen, 2 — 192 „Iſt Einer unter Euch, der den König kennt, ſo nähere er ſich und ſage, ob dies wirklich Seine Ma⸗ jeſtät iſt.“ Ein Mann in einen Mantel gehüllt, mit dem er fich das Geſicht verbarg, trat näher, beugte ſich über das Bett und ſchaute. Einen Augenblick glaubte d'Artagnan, dieſer Mann hätte eine ſchlimme Abſicht, und legte die Hand an ſeinen Degen. Aber bei der Bewegung, die der Mann in dem Mantel ſich bückend machte, gewahrte er einen Theil ſeines Geſichtes und dArtagnan erkannte den Cvadjutor. „Es iſt allervings der König,“ ſprach vieſer Mann ſich erhebend,„Gott ſegne Majeſtät!“ „Ja,“ ſagte mit halber Stimme der Führer, „Gotte ſegne ſeine Majeſtät!“ Und alle dieſe Menſchen, welche wüthend herbei gekommen waren, ſegneten, vom Zorn zum Mitleid übergehend, ebenfalls das königliche Kind. „Nun laßt uns der Königin danken, meine Freunve, und abgehen,“ ſprach Planchet. Alle verbeugten ſich und zogen allmähligund ge⸗ räuſchlos, wie ſie kamen, wieder ab. Planchet, der zuerſt eingetreten war, ging zuletzt weg. Die Königin hielt ihn zurück und ſagte zu ihm; „Wie heißt Ihr, mein Freund Planchet wandte ſich, ſehr erſtaunt über dieſe Frage, raſch um. „Ja,“ ſprach vie Königin,„ich halte mich für eben ſo geehrt, Euch empfangen zu haben, als ob Ihr ein Frinz wäret, und wünſche Eueren Namen zu wiſſen. „Ja,“ dachte Planchet,„um mich zu behandeln wie einen Prinzen, ich danke!“ DArtagnan hatte bange, Planchet würde, ver⸗ lockt wie der Rabe in der Fabel, ſeinen Namen ſagen, „ — — cS—————— —— N — 193 und die Königin könnte, dieſen Namen erfahrend, wiſe⸗ ſen, daß Planchet ihm gehört hätte. „Madame,“ antwortete Planchet ehrerbietig,„ich heiße Dulaurier, Euch zu dienen.“ „Ich danke, mein Herr Dulaurier,“ verſetzte die Königin,„und was treibt Ihr 2 „Madame, ich bin Tu chhändler in der Rue des Bourdonnais.“ „Mehr wollte ich nicht wiſſen,“ fagte die Köni⸗ gin.„Sehr verbunden, mein Herr Dulaurier, Ihr werdet von mir ſprechen hören.“ „Schön, ſchön,“ erwiederte d'Artagnan, hinter dem Vorhang hervortretend;„Meiſter Planchet iſt offenbar kein Dummkopf, und man fieht, daß er in guter Schnle erzogen worden iſt.“ Die verſchiedenen Darſteller dieſer ſeltſamen Scene verharrten einen Augenblick einander gegenüber, ohne ein einziges Wort zu ſprechen: die Königin bei der Thüre ſiehend, d'Artagnan halb aus ſeinem Verſtecke hervorgetreten, der König halb auf dem Ellenbogen erhoben und bereit, bei dem geringſten Ge⸗ räuſche, das die Rückkehr der Menge anzeigen würde, wieder in das Bett zurückzufallen. Statt aber näher zu kommen, entfernte ſich das Geräuſch immer mehr und erloſch am Ende gänzlich. Die Königin athmete; d Artagnan wiſchte ſich ſeine feuchte Stirne ab; der König glitt von ſeinem Bette herab und ſagte:„ Gehen wir nun.“ In dieſem Augenblick erſchien La Porte wieder. „Nun?“ ſagte die Königin. „Madame,“ antwortete der Kammerdiener,„ich bin ihnen bis an die Gitter gefolgt. Sie theilten allen ihren Kameraden mit, ſie hätten den König ge⸗ ſehen und die Königin hätte mit ihnen geſprochen, ſo daß ſie ſich ganz ſtolz und triumphirend entfernten.“ „„Ob, die Elenden!“ murmelie die Königin,„ſte ſollen ihre Kühnheit theuer bezahlen!“ Zwanzig Jahre nachher. I. 13 er bei eid ine ge⸗ der ieſe ben ein deln ver⸗ gen, 193 und die Königin könnte, vieſen Namen erfahrend, wiſ⸗ ſen, daß Planchet ihm gehört hätte. „Madame,“ antwortete Planchet ehrerbietig,„ich heiße Dulaurier, Euch zu dienen.“ Ich danke, mein Herr Dulaurier,“ verſetzte die Königin,„und was treibt Ihr 2“ „Madame, ich bin Tuchhändler in der Rue des Bourdonnais.“ „Mehr wollte ich nicht wiſſen,“ ſagte die Köni⸗ gin.„Sehr verbunden, mein Herr Dulaurier, Ihr werdet von mir ſprechen hören.“ „Schön, ſchön,“ erwiederte d'Artagnan, hinter dem Vorhang hervortretend;„Meiſter Planchet iſt offenbar kein Dummkopf, und man ſieht, daß er in guter Schule erzogen worden iſt.« Die verſchiedenen Darſteller dieſer ſeltſamen Scene verharrten einen Augenblick einander gegenüber, ohne ein einziges Wort zu ſprechen:; die Königin bei der Thüre ſtehend, d'Artagnan halb aus ſeinem Verſtecke hervorgetreten, der König halb auf dem Ellenbogen erhoben und bereit, bei dem geringſten Ge⸗ räuſche, das die Rückkehr der Menge anzeigen würde, wieder in das Bett zurückzufallen. Statt aber näher zu kommen, entfernte ſich vas Geräuſch immer mehr und erloſch am Ende gänzlich. Die Königin athmete; dArtagnan wiſchte ſich ſeine feuchte Stirne ab; der König glitt von ſeinem Bette herab und ſagte:„Gehen wir nug.“ In dieſem Augenblick erſchienh Porte wieder. „Nun?“ ſagte die Königin. „Madame,“ antwortete der Kammerdiener,„ich bin ihnen bis an die Gitter gefolgt. Sie theilten allen ihren Kameraden mit, ſie hätten den König ge⸗ ſehen und die Königin hätte mit ihnen geſprochen, ſo daß ſie ſich ganz ſtolz und triumphirend entfernten.“ „Oh, die Elenden!“ murmelte die Königin,„fie ſollen ihre Kühnheit theuer bezahlen!“ Zwanzig Jahre nachher. m. 13 ———.— Dann ſich gegen d'Artagnan umwendend: „Mein Herr, Ihr habt mir dieſen Abend die beſten Rathſchläge gegeben, die mir in meinem ganzen Leben ertheilt worden find. Fahrt fort. Was haben wir nunmehr zu thun?“ „Herr La Porte,“ ſprach d'Artagnan,„kleidet Seine Majeſtät vollends an.“ „Wir können alſo abreiſen?“ fragte die Königin. „Wann Eure Majeſtät will. Sie mag nur die geheime Treppe hinabſteigen und wird mich an der Thüre finden.“ „Geht, mein Herr,“ ſprach die Königin,„ich folge D'Artagnan ging hinab, der Wagen war an ſei⸗ nem Poſten, der Musketier ſaß auf dem Bocke. DArtagnan nahm das Päckchen, das er Ber⸗ nouin zu dem Musketiere zu legen befohlen hatte. Es enthielt, wie man ſich erinnern wird, den Hut und den Mantel des Kutſchers von Herrn von Gondy. Er nahm den Mantel um ſeine Schultern und ſetzte den Hut auf den Kopf. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„Ihr gebt Eu⸗ rem Gefährten, der den Kutſcher bewacht, wieder die Freiheit. Ihr ſteigt ſodann zu Pferde, reitet nach der Rue Tiquetonne zu dem Gaſthauſe zur Rehziege, nehmt dort mein Pferd und das von Herrn du Vallon, ſattelt und zäumt ſie kriegsmäßig, verlaßt dann Pa⸗ ris, dieſelben an der Hand führend, und begebt Euch nach dem Soure 12 Meh Findet Ihr in Cours⸗la⸗ Reine Niemand mehr, eitet Ihr bis Haint⸗Ger⸗ main. Dienſt des Königs.“ Der Musketier legte die Hand an ſeinen Hut und entfernte ſich, um die Befehle zu erfüllen, die er er⸗ halten hatte. D Artagnan ſtieg auf den Bock. Er hatte ein Paar Piſtolen in ſeinem Gürtel, 2 194 Bann ſich gegen vArtagnan umwendend: „Mein Herr, Ihr habt mir dieſen Abend die beſten Rathſchläge gegeben, die mir in meinem ganzen Leben ertheilt worden ſfind. Fahrt fort. Was haben wir nunmehr zu thun?“ „Herr La Porte,“ ſprach d'Artagnan,„kleidet Seine Majeſtät vollends an.“ „Wir können alſo abreiſen?“ fragte die Königin. „Wann Eure Majeſtät will. Sie mag nur die geheime Treppe hinabſteigen und wird mich an ver Thüre ſinden.“ „Geht, mein Herr,“ ſprach die Königin,„ich folge u— D'Artagnan ging hinab, der Wagen war an ſei⸗ nem Poſten, der Musketier ſaß auf dem Bocke. D'Artagnan nahm das Päckchen, das er Ber⸗ nouin zu dem Musketiere zu legen befohlen hatie. Es enthielt, wie man ſich erinnern wird, den Hut und den Mantel des Kutſchers von Herrn von Gondy. Er⸗ nahm den Mantel um ſeine Schultern und ſetzte den Hut auf den Kopf. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„Ihr gebt Eu⸗ rem Gefährten, der den Kutſcher bewacht, wieder die Freiheit. Ihr ſteigt ſodann zu Pferde, reitet nach der Rue Tiquetonne zu dem Gaſthauſe zur Rehziege, nehmt dort mein Pferd und das von Herrn du Vallon, ſattelt und zäumt ſie kriegsmäßig, verlaßt dann Pa⸗ ris, dieſelben an der Hand führend, und begebt Euch nach dem Cours⸗la⸗Reine. Findet Ihr in Cours⸗la⸗ Reine Niemand mehr, ſo reitet Ihr bis Saint⸗Ger⸗ main. Dienſt des Königs.“ Der Musketier legte die Hand an ſeinen Hut und entfernte ſich, um die Befehle zu erfüllen, die er er⸗ halten hatte. DArtagnan ſtieg auf den Bock. Er hatte ein Paar Piſtolen in ſeinem Gürtel, —— —— — )—„ 3 — — 882 8☛ A N u A +8A A A ☛ N 3 2 eine Muskete unter ſeinen Füßen, ſeinen bloßen Degen hinter ſich. Die Königin erſchien. Ihr folgten der König und der Herzog von Anjeu, ſein Bruder. „Der Wagen des Herrn Coadjutors!“ rief ſie, einen Schritt zurückweichend. 3 „Ja, Madame“ ſprach d'Artagnan;„aber ſteigt muthig ein, ich führe ihn.“ Die Königin ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und ſtieg in den Wagen. Der König und Mon⸗ bene ſtiegen hinter ihr ein und ſetzten ſich an ihre eite. „Kommt, La Porte,“ ſagte die Königin.. „Wie, Madame?“ rief der Kammerdiener,„in denſelben Wagen mit Curer Majeſtät?“ „Es handelt ſich dieſen Abend nicht um die könig⸗ liche Etiquette, ſondern um das Heil des Königs. Steigt ein, La Porte.“ La Porte gehorchte. „Schließt die Schirmleder,“ ſagte d'Artagnan. „Wird das nicht Mißtrauen einflößen?“ verſetzte die Könicfin. „Eure Majeſtät mag unbeſorgt ſein,“ erwiederie d'Artagnan,„ich bin auf eine Antwort gefaßt.“ Man ſchloß die Leder und entfernte ſich im Ga⸗ lopp durch die Rue de Richelieu. Als man an das Thor gelangte, rückte der Anführer des Poſten an der Spitze von etwa zwölf Mann eine Laterne in der rd⸗altend vor. Adionan bedeutete aoimn durch ein Zeichen, er möge ſich nähern. „Erkennt Ihr den Wagen?⸗ ſagte er zu dem Ser⸗ genten.. „Nein,“ antwortete dieſer. „Schaut das Wappen an.“ Der Sergent hielt ſeine Laterne an den Schlag. die zen ben ine n. die ver lge ſei⸗ er⸗ Es den Er⸗ en u⸗ die der ge, n, ⸗ a⸗ r⸗ nd r⸗ * 195 eine Muskete unter ſeinen Füßen, ſeinen bloßen Degen hinter ſich. Die Königin erſchien. Ihr folgten der König und der Herzog von Anjou, ſein Bruder. „Der Wagen des Herrn Coadjutors!“ rief ſie, einen Schritt zurückweichend. „Ja, Mabame,“ ſprach dArtagnan;„aber ſteigt muthig ein, ich führe ihn.“. Die Königin ſtieß einen Schrei des Erßaunens aus und ſtieg in ven Wagen. Der König und Mon⸗ ſieur ſtiegen hinter ihr ein und ſetzten ſich an ihre Seite. „Kommt, La Porte,“ ſagte die Königin. „Wie, Madames“ rief der Kammerdiener,„in denſelben Wagen mit Eurer Majeſtät?“ Es handelt ſich dieſen Abend nicht um die könig⸗ liche Etiquette, ſondern um das Heil des Königs. Steigt ein, La Porte.“ La Porte gehorchte. „Schließt die Schirmleder,“ ſagte dArtagnan. „Wird das nicht Mißtrauen einflößen?“ verſetzte die Königin. „Eute Mojeſtät mag unbeſorgt ſein,“ erwieberte dArtagnan, ich bin auf eine Antwort gefaßt.“ Man ſchloß die Leder und entfernte ſich im Ga⸗ lopp durch die Rue de Richelieu. Als man an das Thor gelangte, rückte der Anführer des Poſten an der Spitze von etwa zwölf Mann eine Laterne in der Hand haltend vor. DArtagnan bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge ſich nähern. „Erkennt Ihr den Wagen?“ ſagte er zu dem Ser⸗ genten. „Nein,“ antwortete dieſer. „Schaut das Wappen an.“ Der Sergent hielt ſeine Laterne an den Schlag. ————— „Es iſt das Wappen des Herrn Coadjutors,“ ant⸗ wortete er. „Stille, er ſteht in Gunſt bei Fraun von Gus⸗ menée.“ 4 Der Sergent lachte. if Defet das Thor,“ ſagte er,„ich weiß, wer es iſt.“ Dann näherte er ſich dem herabgelaſſenen Schirm⸗ leder und ſprach: „Viel Vergnügen, Monſeigneur.“ „Vorlauter!“ rief d'Artagnan,„Ihr macht, daß man mich fortiagt.“ Die Barriere ächzte auf ihren Angeln und d'Ar⸗ tagnan peitſchte, als er den Weg offen ſah, kräftig ſeine Pferde, die in ſtarkem Trabe ſich von der Stadt entfernten. Fünf Minuten nachher hatte man den Wagen des Cardinals eingeholt. „Mousqueton!“ rief d'Artagnan,„hebt die Schirm⸗ leder von dem Wagen Seiner Majeſtät auf.“ „Er iſt es!“ ſagte Porthos. „Als Kutſcher!“ rief Mazarin. „Und mit dem Wagen des Coadjutors!“ ſagte die Königin. „Corpo di Dio! Herr d'Artagnan,“ ſprach Ma⸗ zarin,„Ihr ſeid nicht mit Gold zu bezahlen!“ XIV. Wie d'Artagnan und Porlhos, der Eine 219, der Andere 215 Louisd’or durch den Verkauf von Stroh gemannen, Mazarin wollte ſogleich nach Saint⸗Germain ab⸗ reiſen, aber die Königin erklärte, daß ſie die Perſo⸗ 2,— 196 „Es iſt das Wappen des Herrn Cvadjutors,“ ant⸗ wortete er. „Stille, er ſteht in Gunſt bei Frau von Gus⸗ menée.“ Der Sergent lachte. das Thor,“ ſagte er,„ich weiß, wer es iſt.“ 1 2 Dann näherte er ſich dem herabgelaſſenen Schirm⸗ leder und ſprach: „Viel Vergnügen, Monſeigneur.“ „Vorlauter!“ rief d'Artagnan,„Ihr macht, vaß man mich fortjagt.“ Die Barriere ächzte auf ihren Angeln und d'Ar⸗ tagnan peitſchte, als er den Weg offen ſah, kräftig ſeine Pferde, die in ſtarkem Trabe ſich von der Stadt entfernten. Fünf Minuten nachher hatte man den Wagen des Cardinals eingeholt. „Mousqueton!“ rief d'Artagnan,„hebt die Schirm⸗ leder von dem Wagen Seiner Majeſtät auf.“ „Er iſt es!“ ſagte Porthos. „Als Kutſcher!“ rief Mazarin. „Und mit dem Wagen des Coadjutors!“ ſagte die Königin. „Corpo di Dio! Herr d'Artagnan,“ ſprach Ma⸗ zarin,„Ihr ſeid nicht mit Gold zu bezahlen!“ 8 XIV. Wie d'Artugnan und Porthos, der Eine 219, der Andere 215 Louisd'or durch den Perkauf ron Stroh gemannen. Mazarin wollte ſogleich nach Saint⸗Germain ab⸗ 8 reiſen, aber die Königin erklärte, daß ſie die Perſo⸗ 8 er e—— ——⁸ — 197 nen, welche ſie nach Cours⸗la⸗Reine beſchieden, er⸗ warten würde. Nur bot ſie dem Cardinal den Platz von La Porte an; der Cardinal nahm ihn an, und ging von einem Wagen in den andern. Nicht ohne Grund hatte ſich das Gerücht verbrei⸗ tet, der König ſollte in der Nacht Paris verlaſſen; zehn bis zwölf Perſonen waren ſeit ſechs Uhr Abends in das Geheimniß eingeweiht worden, und ſo ver⸗ ſchwiegen ſie auch geweſen, ſo hatten ſie doch nicht Befehle zu ihrer Abreiſe geben können, ohne daß die Sache ein wenig ruchbar wurde. Ueberdies hatte jede von dieſen Perſonen zwei bis drei andere, für welche ſie ſich intereſſirte, und da man nicht daran zweifelte, die Königin verließe Paris mit furchtbaren Rachfplänen, ſo hatte Jeder ſeine Freunde oder ſeine Verwandten in Kenntniß geſetzt, ſo daß das Gerücht den dieſer Abreiſe wie ein Lauffeuer die Stadt durch⸗ eilte. Der erſte Wagen, welcher nach dem der Königin ankam, war der Wagen des Herrn Prinzen; er ent⸗ hielt Herrn von Condé, die Frau Prinzeſſin und die Frau Prinzeſſin Wittwe. Dieſe Beide waren in der Nacht geweckt worden und wußten nicht, um was es ſich handelte. Der zweite enihielt den Herrn Herzog von Or⸗ leans, die Frau Herzogin, die Grande⸗Mademoiſelle und den Abbé de la Riviere, den unzertrennlichen Günſtling und vertrauten Rath des Prinzen. Der dritie enthielt Herrn von Longueville und den Herrn Prinzen von Conti, Bruder und Schwager des Herrn Prinzen. Sie ſtiegen aus, näherten ſich der Carroſſe des Königs und der Königin und brachten den Majeſtäten ihre Huldigung dar. Die Königin ſenkte ihren Blick in die Tieſe des Wagens, deſſen Schlag offen geblieben war, und ſah, daß Niemand mehr darin ſaß. 3 aß r⸗ tig adt es m⸗ — 197 nen, welche ſie nach Cours⸗la⸗Reine beſchieden, er⸗ warten würde. Nur bot ſie dem Cardinal den Platz von La Porte an; der Cardinal nahm ihn an, und ging von einem Wagen in den andern. Nicht ohne Grund hatte ſich das Gerücht verbrei⸗ tet, der König ſollte in der Nacht Paris verlaſſen; zehn bis zwölf Perſonen waren ſeit ſechs Uhr Abends in das Geheimniß eingeweiht worden, und ſo ver⸗ ſchwiegen ſie auch geweſen, ſo hatten ſie doch nicht Befehle zu ihrer Abreiſe geben können, ohne daß die Sache ein wenig ruchbar wurde. Ueberdies hatte jede von dieſen Perſonen zwei bis drei andere, für welche ſie ſich intereſſirte, und da man nicht daran zweifelte, die Königin verließe Paris mit furchtbaren Racheplänen, ſo hatte Jeder ſeine Freunde oder ſeine Verwandten in Kenntniß geſetzt, ſo daß das Gerücht dieſer Abreiſe wie ein Lauffeuer die Stadt durch⸗ eilte. Der erſte Wagen, welcher nach dem der Königin ankam, war der Wagen des Herrn Prinzen; er ent⸗ hielt Herrn von Condé, die Frau Prinzeſſin und die Frau Prinzeſſin Wittwe. Dieſe Beide waren in der Nacht geweckt worden und wußten nicht, um was es ſich handelte. Der zweite enthielt den Herrn Herzog von Or⸗ leans, die Frau Herzogin, die Grande⸗Mademoiſelle und den Abbé de la Riviére, den unzertrennlichen Günſtling und vertrauten Rath des Prinzen. Der dritte enthielt Herrn von Longueville und den Herrn Prinzen von Conti, Bruder und Schwager des Herrn Prinzen. Sie ſtiegen aus, näherten ſich der Carroſſe des Königs und der Königin und brachten den Majeſtäten ihre Huldigung dar. Die Königin ſenkte ihren Blick in die Tiefe des Wagens, deſſen Schlag offen geblieben war, und ſah, daß Niemand mehr darin ſaß. 198 „Aber wo iſt denn Frau von Longueville?“ fragte ſie. „In der That, wo iſt denn meine Schweſter?“ ſagte der Herr Prinz. „Frau von Longueville iſt leidend, Madame,“ antwortete der Herzog;„ſie hat mich beauftragt, ſie bei Euerer Majeſtät zu entſchuldigen.“ Anna warf einen raſchen Blick auf Mazarin, der mit einem unmerklichen Zeichen des Kopfes ant⸗ wortete. „Was ſagt Ihr dazu?“ fragte die Königin. „Ich ſage, daß es ein Geißel für die Pariſer iſt,“ erwiederte der Cardinal. „Warum iſt ſie nicht gekommen?“ fragte ganz leiſe der Herr Prinz ſeinen Bruder. „Stille,“ antwortete dieſer,„ſie hat ohne Zwei⸗ fel ihre Gründe. Pri„Sie ſtürzt uns in das Verderben,“ murmelte der rinz. 1 Die Wagen kamen in Menge an. Der Marſchall de la Meilleraie, der Marſchall von Villeroy, Gui⸗ taut, Villequier, Comminges erſchienen hinter einan⸗ der; die zwei Musketiere trafen ebenfalls, die Pferde von d'Artagnan und Porthos an der Hand führend, ein. D'Artagnan und Porthos ſchwangen ſich in den Sattel. Der Kutſcher von Porthos nahm die Stelle von d'Artagnan auf dem königlichen Bocke ein. Mous⸗ queton erſetzte den Kutſcher, er fuhr aus ihm bekann⸗ ten Urſachen ſtehend, wie der Automedon des Alter⸗ thums. Obgleich in ihren Gedanken mit tauſend Einzel⸗ heiten beſchäftigt, ſuchte doch die Königin d'Artagnan mit den Augen, aber der Gascogner hatte ſich mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Klugheit wieder unter der Menge verloren. „Wir wollen die Vorhut bilden,“ ſagte er zu Porthos,„und uns gute Quartiere in Saint⸗Ger⸗ 198 „Aber wo iſt denn Frau von Longueville?“ fragte ſie. „In der That, wo iſt denn meine Schweſter?“ ſagte der Herr Prinz. „Frau von Longueville iſt leidend, Madame,“ autwortete der Herzog;„ſie hat mich beauftragt, ſie bei Euerer Majeſtät zu entſchuldigen.“ Anna warf einen raſchen Blick auf Mazarin, der mit einem unmerklichen Zeichen des Kopfes ant⸗ wortete. „Was ſagt Ihr dazu?“ fragte die Königin. Ich ſage, daß es ein Geißel für die Pariſer iſt,“ erwiederte der Cardinal. „Warum iſt ſie nicht gekommen?“ fragie ganz leiſe der Herr Prinz ſeinen Bruder. „Stille,“ antwortete dieſer,„ſie hat ohne Zwei⸗ fel ihre Gründe. „Sie ſtürzt uns in das Verderben,“ murmelte der Prinz. Die Wagen kamen in Menge an. Der Marſchall de la Meilleraie, der Marſchall von Villeroy, Gui⸗ taut, Villequier, Comminges erſchienen hinter einan⸗ verz die zwei Musketiere trafen ebenfalls, die Pferde von dArtagnan und Porthos en der Hand führend, ein. D'Artagnan und Portöos ſchwangen ſich in den Sattel. Der Kutſcher von Porthos nahm die Stelle von d'Artagnan auf dem königlichen Bocke ein. Mous⸗ queton erſetzte den Kutſcher, er fuhr aus ihm bekann⸗ ten Urſachen ſtehend, wie der Automsdon des Alter⸗ thums. Obgleich in ihren Gedanken mit tauſend Einzel⸗ heiten beſchäftigt, ſuchte doch die Königin dArtagnan mit den Angen, aber der Gascogner hatte ſich mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Klugheit wieder unter der Menge verloren. „Wir wollen die Vorhut bilden,“ ſagte er zu Porthos,„und uns gute Quartiere in Saint⸗Ger⸗ 8 — 8(6 be thi ful fo: Ku Be gef fün Sa He um 5 199 main verſchaffen, denn Niemand wird an uns denken. Ich fühle mich ſehr müde.“ 4 „Ich ebenfalls,“ verſetzte Porthos,„ich ſinke vor Schlaf um. Wer ſollte glauben, daß wir nicht ein⸗ mal den geringſten Kampf gehabt haben? Die Pari⸗ ſer find doch wahre Dummköpfe.“ „Sind wir nicht viel mehr ſehr gewandte Leute?“ verſetzte d'Artagnan. „Vielleicht.“ „Und wie geht es mit Euerem Fauſtgelenke?“ „Beſſer; aber glaubt Ihr, daß wir ſie diesmal bekommen?“ „Was?“ „Ihr Euern Grad und ich meinen Titel?“ „Meiner Treue, ja, ich wollte darauf wetten. Wenn ſie ſich nicht erinnern, ſo werde ich ſie übrigens daran mahnen laſſen.“ „Man hört die Stimme der Königin,“ ſagte Por⸗ thos;„ich glaube, ſie will zu Pferde ſteigen.“ „Ahl ſie wollte wohl, aber...“ „Was aber?“ „Aber der Cardinal will nicht. Meine Herren,“ fuhr d'Artagnan, ſich an die zwei Musketiere wendend, fort.„begleitet die Carroſſe des Königs und verlaßt die Kutſchenſchläge nicht. Wir laſſen die Wohnungen in Bereitſchaft ſetzen.“ Und d'Artagnan ritt von Porthos begleitet gegen Saint⸗Germain. „Vorwärts, meine Herren!“ rief die Königin. Der königliche Wagen begab ſich auf den Weg, gefolgt von allen andern Carroſſen und von mehr als fünfzig Reitern. Man gelangte ohne irgend einen Unfall nach Saint⸗Germain; ausſteigend fand die Königin den Herrn Prinzen, welcher mit entblößtem Haupte wartete, um ihr die Hand zu bieten. 199 8 24 main verſchaffen, venn-Niemand wird an uns denken. 3 Ich fühle mich ſehr mübe.“ 4„Ich ebenfalls,“ verſetzte Porthos,„ich finke vor Schlaf um. Wer ſollte glauben, daß wir nicht ein⸗ e,“ mal den geringſten Kampf gehabt haben? Die Pari⸗ ſie ſer find voch wahre Dummköpfe.“ „Sind wir nicht viel mehr ſehr gewandte Leute?2“ der verſetzte d'Artagnan. nt⸗„Vielleicht. „Und wie geht es mit Euerem Fauſtgelenke?“ „Beſſer; aber glaubt Ihr, daß wir ſie diesmal ſer vbekommen?“ „Was?“ n„Ihr Euern Grad und ich meinen Titel?“ „Meiner Treue, ja, ich wollte darauf wetten. ei⸗ Wenn ſie ſich nicht erinnern, ſo werde ich ſie übrigens daran mahnen laſſen.“ F„Man hört die Stimme der Königin,“ ſagte Por⸗ thos;„ich glaube, ſie will zu Pferde ſteigen.“ all„Ahl fie wollte wohl, aber.. „Was aber?“ „Aber der Cardinal will nicht. Meine Herren,“ de fuhr d'Artagnan, ſich an die zwei Musketiere wendend, d, fort„begleitet die Carroſſe des Königs und verlaßt die en Kutſchenſchläge nicht. Wir laſſen die Wohnungen in le Bereitſchaft ſetzen.“ Und d'Artagnan ritt von Porthos begleitet gegen n. Saint⸗Germain. „Vorwärts, meine Herren!“ rief die Königin. Der königliche Wagen begab ſich auf den Weg, gefolgt von allen andern Carroſſen und von mehr als n fünfzig Reitern. i⸗ Man gelangte ohne irgend einen Unfall nach ge Saint⸗Germain; ausfteigend fand die Königin den errn Prinzen, welcher mit entblößtem Haupte wartete, E um ihr die Hand zu bieten. 1 r⸗ 4 200 „Welch' ein Erwachen für die Pariſer!“ ſprach Anna von Oeſterreich ſtrahlend. 1„Es iſt Krieg,“ ſagte der Prinz. „Wohl, es ſei Krieg! Haben wir nicht den Sieger von Rocroy, Nördlingen und Lens bei uns 2“ Der Prinz verbeugte ſich, zum Zeichen des Dankes. Es war drei Uhr Morgene. Die Königin trat zuerſt in das Schloß; Alle folgten ihr; es hatten ſie ungefähr zweihundert Perſonen bei ihrer Flucht be⸗ gleitet. „Meine Herren,“ ſagte die Königin lachend,„quar⸗ tiert Euch in dem Schloſſe ein, es iſt geräumig und es wird durchaus nicht an Platz gebrechen; aber da man nicht darauf gefaßt war, daß wir hieher kommen wür⸗ den, ſo meldet man mir, es ſeien im Ganzen nur drei Verlen vorhanden: eines für den König, eines für mich... „Und eines für Mazarin,“ ſagte ganz leiſe der Herr Prinz. „Und ich werde alſo auf dem Boden ſchlafen?“ hra Gaſton von Orleans mit ſehr unruhigem Lä⸗ eln. 1„Nein, Monſeigneur,“ erwiederte Mazarin,„denn das dritte Bett iſt für Euere Hoheit beſtimmt.“ „Aber Ihr?“ fragte der Prinz. „Ich werde nicht ſchlafen,“ antwortete Mazarin, nich habe zu arbeiten.“ 4 „. Gaſton ließ ſich das Zimmer zeigen, wo das Bett war, ohne ſich darum zu hekümmern, wie ſeine Frau und ſeine Tochter wohnen würden. „Ich werde mich niederlegen,“ ſagte d'Artagnan; „kommt mit mir, Porthos.“ Porthos folgte d'Artagnan mit dem tiefen Ver⸗ trauen, das er zu dem Verſtande ſeines Freundes hatte. Sie gingen neben einander auf dem Platzeé vor dem Schloſſe, Porthos ſchaute mit verwunderten Augen d'Artagnan an, der an ſeinen Fingern rechnete. — 200 „Welch' ein Erwachen für die Pariſer!“ ſprach Anna von Oeſterreich ſtrahlend. „Es iſt Krieg,“ ſagte der Prinz. „Wohl, es ſei Krieg! Haben wir nicht den Sieger von Roecroy, Nördlingen und Lens bei uns?“ Der Prinz verbeugte ſich, zum Zeichen des Dankes. Es war drei Uhr Morgens. Die Königin trat zuerſt in das Schloß; Alle folgten ihr; es hatten ſie zweihundert Perſonen bei ihrer Flucht be⸗ gleitet. „Meine Herren,“ ſagte die Königin lachend,„quar⸗ tiert Euch in dem Schloſſe ein, es iſt geräumig und es wird durchaus nicht an Platz gebrechen; aber da man nicht darauf gefaßt war, daß wir hieher kommen wür⸗ den, ſo meldet man mir, es ſeien im Ganzen nur drei dehen vorhanden: eines für den König, eines für mich„„ „Und eines für Mazarin,“ ſagte ganz leiſe der Herr Prinz. „Und ich werde alſo auf dem Boden ſchlafen?“ r2 Gaſton von Orleans mit ſehr unruhigem Lä⸗ eln. „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte Mazarin,„denn das dritte Bett iſt für Euere Hoheit beſtimmt.“ „Aber Ihr?“ fragte der Prinz. „Ich werde nicht ſchlafen,“ antwortete Mazarin, „ich habe zu arbeiten.“ Gaſton ließ ſich das Zimmer zeigen, wo das Bett war, ohne ſich darum zu bekümmern, wie ſeine Frau und ſeine Tochter wohnen würden. „Ich werde mich niederlegen,“ ſagte d'Artagnan; „kommt mit mir, Porthos.“ Porthos folgte d'Artagnan mit dem tiefen Ver⸗ trauen, das er zu dem Verſtande ſeines Freundes hatte. Sie gingen neben einander auf dem Platze vor dem Schloſſe, Porthos ſchaute mit verwunderten Augen d'Artagnan an, der an ſeinen Fingern rechnete. ———— — 201 „Vierhundert, das Stück zu einer Piſtole, macht vierhundert Piſtolen.“ „Za,“ ſagte Porthos,„vierhundert Piſtolen; aber was macht vierhundert Piſtolen?“ „Eine Piſtole iſt nicht genug, es iſt einen Louis⸗ v'or werth.“ „Was iſt einen Louisv'or werth?“ „Vierhundert zu einem Louisd'or macht vierhun⸗ dert Louis'dor.“ „Vierhundert,“ ſagte Porthos. „Ja, ſie ſind zu zweihundert und jede Perſon braucht wenigſtens zwei. Das macht alſo vierhundert.“ „Was vierhundert?“ „Hört,“ ſagte d'Artagnan.. Und da allerlei Leute umherſtanden, velche mit aufgeſperrtem Munde die Ankunft des Hofes betrach⸗ teten, ſo vollendete er ſeinen Satz ganz leiſe in das Ohr von Porthos. „Ich begreife,“ ſprach Porthos,„meiner Treue! ich begreife ſehr gut. Zweihundert Louisd'or für jeden, das iſt hübſch! Aber was wird man dazu ſagen?“ „Was man will. Sollte man übrigens erfahren, daß wir es ſind?“ „Aber wer wird die Vertheilung übernehmen?“ „Iſt nicht Mousqueton da?“ „Und meine Livree?“ ſagte Porthos,„man wird meine Livree erkennen.“ „Er kann ſeinen Rock umwenden.“ „Ihr habt immer Recht, mein Lieber,“ rief Por⸗ thos.„Aber wo Teufels ſchöpft Ihr denn alle Eure Gedanken?“ 3 D Artagnan lächelte. Die zwei Freunde gingen in die nächſte beſte Straße. Porthos klopfte an die Thüre des Hauſes rechts, während d'Artagnan an die des Hauſes links klopfte.„ „Stroh,“ ſagten ſie. ger kes. trat ſie be⸗ ar⸗ des nan ür⸗ rei für der 12 Lä⸗ enn in, ett rau in; er⸗ tte. vor ten te. 201 „Vierhundert, das Stück zu einer Piſtole, macht vierhundert Piſtolen.“ „Ja,“ ſagte Porthos,„vierhundert Piſtolen; aber was macht vierhundert Piſtolen?“ „Eine Piſtole iſt nicht genug, es iſt einen Louis⸗ d'or werth.“ „Was iſt einen Louisd'or werth?“ „Vierhundert zu einem Louisd'or macht vierhun⸗ dert Louis dor.“ „Vierhundert,“ ſagte Porthos. „Ja, ſie find zu zweihundert und jede Perſon braucht wenigſtens zwei. Das macht alſo vierhundert.“ „Was vierhundert?“ „Hört,“ ſagte d'Artagnan. Und da allerlei Leute umherſtanden, welche mit aufgeſperrtem Munde die Ankunft des Hofes betrach⸗ teten, ſo vollendete er ſeinen Satz ganz leiſe in das Ohr von Porthos. „Ich begreife,“ ſprach Porthos,„meiner Treue! ich begreife ſehr gut. Zweihundert Louisd'or für jeden, das iſt hübſch! Aber was wird man dazu ſagen?“ „Was man will. Sollte man übrigens erfahren, daß wir es ſind?“ „Aber wer wird die Vertheilung übernehmen?“ „Iſt nicht Mousqueton da?“ „Und meine Livree?“ ſagte Porthos,„man wird meine Livree erkennen.“ „Er kann ſeinen Rock umwenden.“ „Ihr habt immer Recht, mein Lieber,“ rief Por⸗ thos.„Aber wo Teufels ſchöpft Ihr denn alle Eure Gedanken?“ DArtagnan lächelte. Die zwei. Freunde gingen in die nächſte beſte Straße. Porthos klopfte an die Thüre des Hauſes i während d'Artagnan an die des Hauſes links opfte. „Stroh,“ ſagten ſie. 202 „Mein Herr, wir haben keines,“ antworteten die Leute, welche öffneten.„Wendet Euch an den Futter⸗ händler.“ „Wo iſt der Futterhändler?“ „Die letzte große Thüre der Straße.“ „Rechts oder links?“ „Links.“ „Sind noch andere Leute in Saint⸗Germain, bei denen man bekommen könnte?“ „Der Wirth zum gekrönten Schafe und Gros⸗ Louis, der Pächter.“ „Wo wohnen ſie?“— „In der Rue des Urſelines.“ „Beide?“ „Ja.“ „Sehr gut.“ Die zwei Freunde ließen ſich die zweite und dritte Adreſſe eben ſo genau bezeichnen, als ſie ſich hatten die erſte bezeichnen laſſen. Dann begab ſich d'Artagnan zu dem Futterhändler und kaufte von ihm die hundert und fünfzig Bunde Stroh, welche er beſaß, um die Summe von drei Piſtolen. Er ging ſodann zu dem Wirthe, wo er Porthos fand, der zweihundert Bunde für eine ähnliche Summe gekauft hatte. Der Pächter Gros⸗Louis endlich ſtellte hundert und achtzig zu ihrer Verfügung. Das machte im Ganzen vier⸗ hundert und dreißig. Saint⸗Germain hatte nicht mehr. Dieſes ganze Geſchäft nahm ihnen nicht mehr als eine halbe Stunde weg. Moyusqueton wurde gehörig unterrichtet an die Spitze des improviſirten Handels geſtellt. Man ſchärfte ihm ein, nicht ein Strohhälmchen unter einem Louis⸗ d'or den Bund aus ſeinen Händen zu geben, und ver⸗ traute ihm auf dieſe Art vierhundert und dreißig Louisd'or. ⸗ 202 „Mein Herr, wir haben keines,“ antworteten die Leute, welche öffneten.„Wendet Euch an den Fuiter⸗ händler.“ „Wo iſt der Futterhändler 2“ „Die letzte große Thüre der Straße.“ „Rechts oder links 2“. „Links.“ „Sind noch andere Leute in Saint⸗Germain, bei denen man bekommen könnte 2“ „Der Wirth zum gekrönten Schafe und Gros⸗ Louis, der Pächter.“ „Wo wohnen ſie?“ „In der Rue des Urſelines.“ „Beide?“ „Ja.“ „Sehr gut.“ Die zwei Freunde ließen ſich die zweite und dritte Adreſſe eben ſo genau bezeichnen, als ſie ſich hatten die erſte bezeichnen laſſen. Dann begab ſich d'Artagnan zu dem Futterhändler und kaufte von ihm die hundert und fünfzig Bunde Stroh, welche er beſaß, um die Summe von drei Piſtolen. Er ging ſodann zu dem Wirthe, wo er Porthos fand, der zweihundert Bunde für eine ähnliche Summe gekauft hatte. Der Pächter Gros⸗Louis endlich ſtellte hundert und achtzig zu ihrer Verfügung. Das machte im Ganzen vier⸗ hundert und dreißig. Saint⸗Germain hatte nicht mehr. Dieſes ganze Geſchäft nahm ihnen nicht mehr als eine halbe Stunde weg. Mousqueton wurde gehörig unterrichtet an vit Spitze des improvifirten Handels geſtellt. Man ſchärfte ihm ein, nicht ein Strobhälmchen unter einem Louis⸗ d'or den Bund aus ſeinen Händen zu geben, und ver⸗ traute ihm auf dieſe Art vierhundert und dreißig Louisd'or. ⸗ 203 Mousqueton ſchüttelte den Kopf und begriff nichts von der Speculation der zwei Freunde. D'Artagnan kehrte, drei Bunde Stroh mit ſich nehmend, in das Schloß zurück, und Jeder ſchaute, ſchnatternd vor Kälte und vor Schlaf umfallend, mit neidiſchen Augen den König, die Königin und Monſieur auf ihren drei Feldbetten an.. Der Eintritt von d'Artagnan in den großen Saal brachte ein allgemeines Gelächter hervor. Aber d'Ar⸗ tagnan gab ſich den Anſchein, als bemerkte er nicht einmal, daß er der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit aller Anweſenden war, und breitete mit ſo viel Ge⸗ ſchicklichkeit und Heiterkeit ſein Strohlager aus, daß allen dieſen armen Schlaftrunkenen, welche nicht ſchla⸗ fen konnten, das Waſſer im Munde zuſammenlief. „Stroh!“ riefen ſie,„Stroh! wo findet man Stroh?“ „Ich will Euch führen,“ ſprach Porthos. Und er führte die Liebhaber zu Mousqueton, der ihnen großmüthig die Bunde, zu einem Louisd'or das Stück, abgab. Man fand wohl, daß es ein wenig theuer war, aber wenn man große Luſt zu ſchlafen hat, wer würde dann nicht zwei oder drei Louisd'or für einige Stunden guten Schlummers bezahlen! D'Artagnan trat Jedem ſein Bett ab, das er zehn⸗ mal hinter einander wieder anfing, und da man glaubte, er hättte wie die Andern ſeinen Bund um ei⸗ nen Louisd'dor bezahlt, ſo hatte er auf dieſe Art in weniger als einer halben Stunde etwa dreißig Louis⸗ d'or. Um fünf Uhr Morgens koſtete das Stroh achtzig Livres das Bund, und man konnte nicht einmal mehr bekommen. D'Artagnan war darauf bedacht geweſen, vier Bunde für ſich bei Seite zu legen. Er nahm aus ſeiner Taſche den Schlüſſel des Cabinets, wo er fie verborgen hatte, und kehrte, begleitet von Porthos, zurück, um mit Mousqueton abzurechnen, der ihnen te en n ie zu rt er ig T⸗ it te 3. g 203 Mousqueton ſchüttelte den Kopf und begriff nichts von der Spechlation der zwei Freunde. D'Artagnan kehrte, drei Bunde Stroh mit ſich nehmend, in das Schloß zurück, und Zeder ſchaute, ſchnatternd vor Kätze und vor Schlaf umfallend, mit neidiſchen Augen den König, auf ihren drei Feldbetten an. die Königin und Monſienr Der Eintritt von dArtagnan in den großen Saal brachte ein allgemeines Gelächter hervor. Aber dAr⸗ tagnan gab ſich den Anßt ein, als bemerkte er nicht einmal, daß er der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit aller Anweſenden war, und breitete mit ſo viel Ge⸗ ſchicklichkeit und Heiterkeit ſein Strohlager aus, daß allen vieſen armen Schlaftrunkenen, welche nicht ſchla⸗ fen konnten, das Waſſer im Munde zuſammenlief. „Stroh!“ riefen ſie,„Stroh! wo findet man Stroh?“ „Ich will Euch führen,“ ſprach Porthos. Und er führte die Liebhaber zu Mousqueton, der ihnen großmüthig die Bunde, zu einem Louisd'or das Stück, abgab. Man fand wohl, daß es ein wenig theuer war, aber wenn man große Luſt zu ſchlafen hat, wer würde dann nicht zwei oder drei Louisd'or für einige Stunden guten Schlummers bezahlen! DArtagnan trat Jedem ſein Bett ab, das er zehn⸗ mal hinter einander wieder anfing, und da man glaubte, er hättte wie die Andern ſeinen Bund um ei⸗ nen Louisd'dor bezahlt, ſo hatte er auf dieſe Art in weniger als einer halben Stunde etwa dreißig Louis⸗ dor. Um fünf Uhr Morgens koſtete das Stroh achtzig Livkes das Bund, und man konnte nicht einmal mehr bekommen. D'Artagnan war darauf bevacht geweſen, vier Bunde für ſich bei Seite zu legen. Er nahm aus ſeiner Taſche den Schlüſſel des Cabinets, wo er ſie verborgen hatte, und kehrte, zurück, um mit Monsqueton begleitet von Porthos, abzurechnen, der ihnen * naiver Weiſe und als ein würdiger Intendant vierhun⸗ ve Louisd'or zuſtellte und noch hundert für ſich be⸗ hielt. 3 Mousqueton, der nichts von dem wußte, was ſich im Schloſſe ereignet hatte, begriff nicht, wie ihm nicht ſelbſt früher der Gedanke gekommen war, Stroh zu verkaufen. D'Artagnan legte das Gold in ſeinen Hut und rechnete ſodann im Schloſſe mit Porthos ab. Es ka⸗ men jedem von ihnen zweihundert und fünfzehn Louis⸗ v'or zu. Porthos bemerkte jetzt erſt, daß er kein Stroh für ſeine eigene Rechnung hatte. Er kehrte zu Mous⸗ queton zurück, aber Mousqueton hatte, ohne irgend etwas fur ſich ſelbſt zu behalten, das Stroh bis auf das letzte Hälmchen verkauft. Er ſuchte d'Artagnan wieder auf, der mit ſeinen vier Bunden Stroh im Zuge war, ſich das Lager zu bereiten, und zum Voraus mit wahrer Wonne ein ſo weiches, am Kopfe ſo gut aufgefülltes, am Fuße ſo vortrefflich bedecktes Bett betrachtete, ein Bett, um das ihn der König ſelbſt beneidet haben würde, wenn er nicht in dem ſeinigen ſo gut geſchlafen hätte. D'Artagnan wollte um keinen Preis ſein Bett für Porthos in Unordnung bringen, aber gegen vier Louis⸗ d'or, vie ihm dieſer bezahlte, willigte er ein, daß Por⸗ thos das Lager mit ihm theilte. Er legte ſeinen Degen über ſeinen Kopf, ſeine Piſolen an ſeine Seite, breitete ſeinen Mantel zu ſei⸗ nen Füßen aus, ſetzte ſeinen Hut auf den Mantel, und ſtreckte ſich wollüſtig auf dem kniſternden Siroh aus. Schon umſchmeichelten ihn die ſüßen Träume, welche der Be⸗ ſitz von zweihundert in einer Stunde gewonnenen Louisd'or erzeugt, als eine Stimme an der Thüre er⸗ ſcholl und ihn auffahren machte. „Herr d'Artagnan!“ rief die Stimme,„Herr d'Artagnan!“ 3 —————— 204 naiver Weiſe und als ein würdiger Intendant vierhun⸗ dert Lonisd'or zuſtellte und noch hundert für ſich be⸗ hielt. Mousqueton, der nichts von dem wußte, was ſich im Schloſſe ereignet hatte, begriff nicht, wie ihm nicht ſelbſt früher der Gedanke gekommen war, Stroh zu verkaufen. D'Artagnan legte das Gold in ſeinen Hut und rechnete ſodann im Schloſſe mit Porthos ab. Es ka⸗ S jedem von ihnen zweihundert und fünfzehn Louis⸗ or zu. Porthos bemerkte jetzt erſt, daß er kein Stroh für ſeine eigene Rechnung hatte. Er kehrte zu Mous⸗ queton zurück, aber Mousqueton hatte, ohne irgend etwas fur ſich ſelbſt zu behalten, das Stroh bis auf das letzte Hälmchen verkauft. Er ſuchte dArtagnan wieder auf, der mit ſeinen vier Bunden Stroh im Zuge war, ſich vas Lager zu bereiten, und zum Voraus mit wahrer Wonne ein ſo weiches, am Kopfe ſo gut aufgefülltes, am Fuße ſo vortrefflich bedecktes Bett betrachtete, ein Bett, um das ihn der König ſelbſt beneidet haben würde, wenn er nicht in dem ſeinigen ſo gut geſchlafen hätte. D'Artagnan wollte um keinen Preis ſein Bett für Porthos in Unordnung bringen, aber gegen vier Louis⸗ d'or, die ihm dieſer bezahlte, willigte er ein, daß Por⸗ thos das Lager mit ihm theilte. Er legte ſeinen Degen über ſeinen Kopf, ſeine Piſtolen an ſeine Seite, breitete ſeinen Mantel zu ſei⸗ nen Füßen aus, ſetzte ſeinen Hut auf den Mantel, und ſtreckte ſich wollüſtig auf demkniſternden Stroh aus. Schon umſchmeichelten ihn die ſüßen Träume, welche der Be⸗ ſitz von zweihundert in einer Stunde gewoynnenen Louisd'or erzeugt, als eine Stimme an der Thüre er⸗ ſcholl und ihn auffahren machte. „Herr d»Artagnan!“ rief die Stimme,„Herr d'Artagnan!“ 4 4 205⁵ „Hier,“ ſagte Porthos,„bier!“ 3 Porthos begriff, daß wenn d'Artagnan ginge, ihm das Bett allein bleiben würde. Ein Offizier näherte ſich. 8 D Artagnan erhob ſich auf den Ellenbogen. „Seid Ihr Herr d'ürtagnan?“ ſprach ber Offtzier. „Ja, mein Herr; was wollt Ihr?“ „Ich ſoll Euch holen.“ „In weſſen Auftrag?“ „Im Auftrage Seiner Eminenz.“. „Sagt Monſeigneur, ich wolle ſchlafen, und rathe ihm als Freund, daſſelbe zu thun.“ „Seine Eminenz hat ſich noch nicht niedergelegt und wird ſich nicht niederlegen. Sie verlangt ſogleich nach Euch.“ „Die Peſt erſticke Mazarin, der nicht zu rechter Zeit zu ſchlafen weiß,“ murmelte d'Artagnan.„Was will er von mir? Etwa mich zum Kapitän machen? Dann verzeihe ich ihm.“ Und der Musketier ſtand brummend auf, nahm ſeinen Degen, ſeinen Hut, ſeine Piſtolen, ſeinen Mantel, und folgte ſodann dem Offizier, während Porthos, nunmehr der alleinige Beſitzer des Bettes, die ſchöne Neigung ſeines Freundes nachzuahmen ſuchte. „Herr d'Artagnan,“ ſprach der Cardinal, als er den Mann erblickte, den er zu ſo ungelegener Zeit hatte holen laſſen,„ich habe nicht vergeſſen, mit wel⸗ chem Eifer Ihr mir dientet, und ich will Euch einen Beweis hievon geben.“ „Schön!“ dachte d'Artagnan,„das kündigt ſich gut an.“ 4 Mazarin betrachtete den Musketier und ſah, wie ſich ſein Geſicht erheiterte. „Herr dArtagnan,“ Luſt, Kapitän zu werden?“ „Ja, Monſeigneur.“ ſagte er,„habt Ihr große 205 „Hier,“ ſagte Porthos,„hier!“ Porthos begriff, daß wenn d'Artagnan ginge, ihm das Bett allein bleiben würde. Ein Offizier näherte ſich. DArtagnan erhob ſich auf den Ellenbogen. „Seid Ihr Herr dArtagnan?“ ſprach ber Offizier. „Ja, mein Herr; was wollt Ihr?“ „Ich ſoll Euch holen.“ „In weſſen Auftrag?“ „Im Auftrage Seiner Eminenz.“ „Sagt Monfeigneur, ich wolle ſchlafen, und rathe ihm alg Freund, daſſelbe zu thun.“ „Seine Eminenz hat ſich noch nicht niedergelegt und wird ſich nicht niederlegen. Sie verlangt ſogleich nach Euch.“ „Die Peſt erſticke Mazarin, der nicht zu rechter Zeit zu ſchlafen weiß,“ murmelte d'Artagnan.„Was will er von mir? Etwa mich zum Kapitän machen? Dann verzeihe ich ihm.“ Und der Musketier ſtand brummend auf, nahm ſeinen Degen, ſeinen Hut, ſeine Piſtolen, ſeinen Mantel, und folgte ſodann dem Offizier, während Porthos, nunmehr der alleinige Beſitzer des Beites, die ſchöne Neigung ſeines Freundes nachzuahmen ſuchte. „Herr dArtagnan,“ ſprach der Cardinal, als er den Mann erblickte, den er zu ſo ungelegener Zeit hatte holen laſſen,„ich habe nicht vergeſſen, mit wel⸗ chem Eifer Ihr mir dientet, und ich will Euch einen Beweis hievon geben.“ „Schön!“ dachte dArtagnan,„das kündigt ſich gut an.“ Mazarin betrachtete den Musketier und ſah, wie ſich ſein Geſicht erheiterte. „Herr d'Artagnan,“ ſagte er,„habt Ihr große Luſt, Kapitän zu werden2“ „Ja, Monſeigneur.“ 206 „ Und Euer Freund wünſcht immer noch Baron zu ſein?“ „In dieſem Augenblick träumt er, er ſei es, Mon⸗ ſeigneur.“ „Dann nehmt dieſen Brief und bringt ihn nach England,“ ſprach Mazarin und zog aus einem Porte⸗ huile den Brief, welchen er bereits d'Artagnan gezeigt atte. O' Artagnan ſchaute den Umſchlag an; es war keine Adreſſe darauf. „Dürfte ich nicht erfahren, wem ich ihn zuſtellen „Wenn Ihr in London ankommt, erfahrt Ihr es. Erſt in London erbrecht Ihr den doppelten Umſchlag.“ „Und meine Inſtructionen?“ „Beſtehen darin, daß Ihr in jeder Beziehung dem ſoll? iſt.“ D'Artagnan wollte neue Fragen machen, als Ma⸗ zarin beifügte: „Ihr reiſt nach Boulogne, wo Ihr im Wappen von England einen jungen Edelmann Namens Mor⸗ daunt findet.“ „Ja, Monſeigneur. Und was ſoll ich mit dieſem Edelmanne machen?“ „Ihm folgen, wohin er Euch führen wird.“ D'Artagnan ſchaute den Cardinal mit erſtaunter Miene an. 4 „Shr ſeid nun unterrichtet; geht,“ ſprach Ma⸗ arin. 1„Geht, das iſt gleich geſagt,“ verſetzte d'Artagnan. „Aber um zu gehen, muß man Geld haben, und ich habe keines.“ „Ach,“ ſprach Mazarin, ſich hinter dem Ohre kra⸗ tzend,„Ihr ſagt, Ihr habet kein Geld?“ „Nein, Monſeigneur.“ zu gehorchen habt, an welchen dieſer Brief gerichtet „Und Euer Freund wünſcht immer noch Baron zu ſein?“ „In dieſem Augenblick träumt er, er ſei es, Mon⸗ ſeigneur.“ „Dann nehmt dieſen Brief und bringt ihn nach England,“ ſprach Mazarin und zog aus einem Porte⸗ feuille den Brief, welchen er bereits d'Artagnan gezeigt hatte. D'Artagnan ſchaute den Umſchlag anz es war keine Adreſſe darauf. ich nicht erfahren, wem ich ihn zuſtellen 0“ „Wenn Ihr in London ankommt, erfahrt Ihr es. Erſt in London erbrecht Ihr den doppelten Umſchlag.“ „Und meine Inſtructionen?“ „Beſtehen darin, daß Ihr in jeder Beziehung dem e gehorchen habt, an welchen dieſer Brief gerichtet iſt.⸗ D'Artagnan wollte neue Fragen machen, als Ma⸗ zarin beifügte: „Ihr reiſt nach Boulogne, wo Ihr im Wappen von England einen jungen Edelmann Namens Mor⸗ daunt findet.“ „Ja, Monſeigneur. Und was ſoll ich mit dieſem Evelmanne machen?“ „Ihm folgen, wohin er Euch führen wird.“ DArtagnan ſchaute den Cardinal mit erſtaunter Miene an. ir „Ihr ſeid nun unterrichtet; geht ſprach Ma⸗ zarin. „Geht, das iſt gleich geſagt,“ verſetzte dArtagnan. „Aber um zu gehen, muß man Geld haben, und ich habe keines.“ „Ach, ſprach Mazarin, ſich hinter dem Ohre kra⸗ tzend,„Ihr ſagt, Ihr habet kein Geld?“ „Nein, Monſeigneur.“ ne ſot ter ſte her leiſe Hul 1 207 „Aber der Diamant, den ich Euch geſtern Abend ſchenkte?“ „Ich wünſche ihn als ein Andenken an Eurer Emi⸗ nenz zu behalten.“ 3 Mazarin ſeußte. „Es iſt in England ſehr theuer zu leben und be⸗ ſonders für einen außerordentlichen Geſandten.“ „Bah!“ verſetzte Mazarin,„es iſt ein äußerſt nüch⸗ ternes Land, wo man ſeit der Revolution in der höch⸗ ſten Einfachheit lebt. Doch gleichviel!“ 4 5 Er öffaete eine Schublade und zog eine Börſe ervor.. „Was ſagt Ihr zu dieſen tauſend Thalern? D'Artagnan ſtreckte die Unterlippe übermäßig vor. „Ich ſage, Monſeigneur, es iſt wenig; denn ich werde gewiß nicht allein reiſen.“ „Ich zähle darauf, antwortete Mazarin.„Herr du Vallon wird Euch begleiten,... der würdige Edelmann, denn nach Euch, mein lieber Herr d'Artagnan, iſt er ſicherlich derjenige Menſch, welchen ich in Frankreich am meiſten achte und ehre.“ „Dann, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan, auf die Börſe deutend, welche Mazarin noch nicht losgelaſſen hatte,„dann, wenn Ihr ihn liebt und ſchätzt, begreift Ihr wohl auch.. „Es ſei, in Berückſichtigung ſeiner Perſon, füge ich zweihundert Thaler bei.“ Filz!“ murmelte d'Artagnan.„Aber bei unſerer Rückkehr,“ fügte er laut bei,„können wir wenigſtens, Herr Porthos auf ſeine Baronie und ich auf meinen Grad zählen, nicht wahr?“ „Bei meiner Treue!“ „Ein anderer Schwur wäre mir lieber,“ ſagte leiſe d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Dann wieder laut: „Kann ich nicht Ihrer Majeſtät der Königin meine Huldigung darbringen?“ „Ibrer Majeſtät?“ antwortete Mazarin raſch⸗ nter Ma⸗ nan. ich kra⸗ 1 207 „Aber der Diamant, den ich Euch geſtern Abend ſchenkte?“ „Ich wünſche ihn als ein Andenken an Eurer Emi⸗ nenz zu behalten.“ Mazarin ſeußte. „Es iſt in England ſehr theuer zu leben und be⸗ ſonders für einen außerordentlichen Geſandten.“ „Bah!“ verſetzte Mazarin,„es iſt ein äußerſt nüch⸗ ternes Land, wo man ſeit der Revolution in der höch⸗ ſten Einfachheit lebt. Doch gleichviel!“ Er öffnete eine Schublade und zog eine Börſe ervor. „Was ſagt Ihr zu dieſen tauſend Thalern? D'Artagnan ſtreckte die Unterlippe übermäßig vor. „Ich ſage, Monſeigneur, es iſt wenig; denn ich werde gewiß nicht allein reiſen.“ „Ich zähle darauf, antwortete Mazarin.„Herr du Vallon wird Euch begleiten, der würdige Edelmann, denn nach Euch, mein lieber Herr d'Artagnan, iſt er ſicherlich derjenige Menſch, welchen ich in Frankreich am meiſten achte und ehre.“ „Dann, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan, auf die Börſe deutend, welche Mazarin noch nicht losgelaſſen hatte, dann, wenn Ihr ihn liebt und ſchätzt, vegreift Ihr wohl auch „Es ſei, in Berückfichtigung ſeiner Perſon, füge ich zwethundert Thaler bei.“ Filz!“ murmelte d'Artagnan.„Aber bei unſerer Rückkehr,“ fügte er laut bei,„können wir wenigſtens, Herr Porthos auf ſeine Baronie und ich auf meinen Grad zählen, nicht wahr?“ „Bei meiner Treue!“ „Ein anderer Schwur wäre mir lieber,“ ſagte leiſe d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Dann wieder laut: Kann ich nicht Ihrer Majeſtät der Königin meine Huldigung darbringen?“ „Ihrer Majeſtät?“ antwortete Mazarin raſch⸗ 208 Abr märt ohne Verzug abreiſen. Geht alſo, mein Herr! .„Noch ein Wort, Monſeigneur. Wenn man ſich da ſchlägt, wohin ich gehe, ſoll ich mich ſchlagen?2 „Ihr werdet Alles thun, was Euch die Perſon beſiehlt, an die ich Euch adreſſire.“ 4 „Es iſt gut, Monſeigneur,“ ſagte v'Artagnan, die Hand ausſtreckend, um den Sack in Empfang zu nehmen;„ich bezeuge Euch meine Achtung.“ D'Artagnan ſteckte langſam den Sack in ſeine weite Taſche, wandte ſich gegen den Offizier um und ſprach zu dieſem: „Mein Herr, wollt die Güte haben, Herrn du Val⸗ lon ebenfalls im Auftrage Seiner Eminenz zu wecken und ihm zu ſagen, ich erwarte ihn in den Ställen.“ Der Offizier enifernte ſich ſogleich mit einem Eifer, der etwas Intereſſirtes zu haben ſchien. Porthos hatte ſich ſo eben in ſeinem Bette ausge⸗ fireckt und fing an, ſeiner Gewohnheit gemäß, harmo⸗ niſch zu ſchnarchen, als er fühlte, daß man ihm auf die Schulter klopfte. iht glaubte, es wäre d'Artagnan, und rührte ſich nicht. „Im Auftrage des Cardinals,“ ſprach der Offizier⸗ „Wie!“ verſetzte Porthos, die Augen weit auf⸗ ſperrend,„was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, daß Euch Seine Eminenz nach England ſchickt, und daß Ihr von Herrn d'Artagnan in den Ställen erwartet werdet.“ Porthos ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſtand auf, nahm ſeinen Hut, ſeine Piſtolen, ſeinen Degen und ſeinen Mantel, und entfernte ſich, nachdem er noch einen Blick des Bedauerns auf das Bett geworfen, in welchem er ſo gut zu ſchlafen ſich verſprochen hatte. Kaum hatte er dem Offizier den Rücken gewen⸗ det, als dieſer ſein Lager einnahm, und er hatte die 208 ohne Verzug abreiſen. Geht alſo, mein ert!“ 8 „Noch ein Wort, Monſeigneur. Wenn man ſich va ſchlägt, wohin ich gehe, ſoll ich mich ſchlagen?“ „Ihr werdet Alles thun, was Euch die Perſon befiehlt, an die ich Euch adreſſire.“ „Es iſt gut, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan, die Hand ausſtreckend, um den Sack in Empfang zu nehmen;„ich bezeuge Euch meine Achtung.“ D'Artagnan ſteckte langſam den Sack in ſeine weite Taſche, wandte ſich gegen den Offizier um und ſprach zu dieſem: „Mein Herr, wollt die Güte haben, Herrn du Vol⸗ lon ebenfalls im Auftrage Seiner Eminenz zu wecken und ihm zu ſagen, ich erwarte ihn in den Ställen.“ Der Offizier entfernte ſich ſogleich mit einem Eifer, der etwas Intereſſirtes zu haben ſchien. Porthos hatte ſich ſo eben in ſeinem Bette ausge⸗ ſireckt und fing an, ſeiner Gewohnheit gemäß, harmo⸗ niſch zu ſchnarchen, als er fühlte, daß man ihm auf die Schulter klopfte. 6 glaubte, es wäre d'Artagnan, und rührte ich nicht. „Im Auftrage des Cardinals,“ ſprach der Offizier⸗ „Wie!“ verſetzte Porthos, die Augen weit auf⸗ ſperrend,„was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, vaß Euch Seine Eminenz nach England ſchickt, und daß Ihr von Herrn dArtagnan in den Ställen erwartet werdet.“ Porthos ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſtand auf, nahm ſeinen Hut, ſeine Piſtolen, ſeinen Degen und ſeinen Mantel, und entfernte ſich, nachdem er noch 1 einen Blick des Bedauerns auf das Bett geworfen, in welchem er ſo gut zu ſchlafen ſich verſprochen Kaum hatte er dem Offizier den Rücken gewen⸗ hat det, als dieſer ſein Lager einnahm, und er haite die bec * Pf Ra M des Ab me ein +—— R 209 Thürſchwelle noch nicht überſchritten, als ſein Nachfol⸗ ger ebenfalls mächtig ſchnarchte. Und dieß ging ganz natürlich zu: er war der Einzige in der ganzen Ver⸗ ſammlung, der, nebſt dem König, der Königin und Monſeigneur Gaſton von Orleans, gratis ſchlief. ö XV. Man hat Nachricht von Athos und Aramis. DArtagnan hatte ſich unmittelbar in die Ställe begeben. Der Tag graute bereits. Er erkannte ſein Pferd und das von Porthos. Beide waren an die Raufe gebunden, aber an eine leere Raufe. Er hatte Mitleid mit den armen Thieren und ging in eine Ecke des Stalles, wo er ein wenig Stroh glänzen ſah, das ohne Zweifel der Razzia der Nacht entgangen war. Aber während er dieſes Stroh mit dem Fuße zuſam⸗ menhäufte, ſtieß er mit dem Ende ſeines Stiefels auf einen runden Körper, der, ohne Zweifel an einer em⸗ pfindlichen Stelle berührt, einen Schrei von ſich gab, ſich auf die Kniee erhob und die Augen ausrieb. Es war Mousqueton, welcher, da er kein Stroh mehr für ſich ſelbſt beſaß, ſich mit dem der Pferde begnügte. „Mousqueton,“ ſprach d'Artagnan,„auf, auf, vor⸗ wärts, marſch!“ Mousqueton erkannte die Stimme des Freundes ſeines Herrn, ſtand raſch auf und ließ beim Aufſtehen einige von den Louisd'or fallen, die er unrechtmäßiger Weiſe in der Nacht gewonnen hatte.. „Oh, oh!“ ſprach d'Artagnan, einen Louisd'or auf⸗ Zwanzig Jahre nachher. Il. 14 ein Thürſchwelle noch nicht überſchritten, als ſein Nachfol⸗ ger ebenfalls mächtig ſchnarchte. Und dieß ging ganz natürlich zu: er war der Einzige in der ganzen Ver⸗ ſammlung, der, nebſt dem König, der Königin und Monſeigneur Gaſton von Orleans, gratis ſchlief. XV. Man hat Machricht von Athos und Aramis. DArtagnan hatte ſich unmittelbar in die Ställe begeben. Der Tag graute bereits. Er erkannte ſein Pferd und das von Porthos. Beide waren an die Raufe gebunden, aber an eine leere Raufe. Er hatte Mitleid mit den armen Thieren und ging in eine Ecke des Stalles, wo er ein wenig Stroh glänzen ſah, das ohne Zweifel der Rozzia der Nacht entgangen war. Aber während er dieſes Stroh mit dem Fuße zuſam⸗ menhäufte, ſtieß er mit dem Ende ſeines Stiefels auf einen runden Körper, der, ohne Zweifel an einer em⸗ pfindlichen Stelle berührt, einen Schrei von ſich gab, ſich auf die Kniee erhob und die Augen ausrieb. Es war Moucqueton, welcher, da er kein Stroh mehr für ſich ſelbſt beſaß, ſich mit dem der Pferde begnügte. „Mousqueton,“ ſprach d'Artagnan,„auf, auf, vor⸗ würts, marſch!“ Mousqueton erkannte die Stimme des Freundes ſeines Herrn, ſtand raſch auf und ließ beim Aufſtehen einige von den Louisd'or fallen, die er unrechtmäßiger Weiſe in der Nacht gewonnen hatte. h, h ſprach dArtagnan, einen Louisd'or auf⸗ Zwanzig Jahre nachher. m. 14 hebend und daran riechend,„das iſt ſonderbares Gold, es hat ganz den Geruch von Stroh.“ Mousqueton erröthete auf eine ſo ehrliche Weiſe und ſchien ſo verlegen, daß der Gascogner zu lachen anfing und zu ihm ſagte: „Porthos würde in Zorn gerathen, mein lieber Herr Mouſton, ich aber vergebe Euch; wollen wir uns erinnern, daß dieſes Gold uns als Heilmittel für unſere Wunden dienen muß, und luſtig ſein.“ Mousqueton nahm ſogleich ein ſehr heiteres Geſicht an, ſattelte behende das Pferd ſeines Herrn und beſtieg das ſeinige, ohne viel Grimaſſen zu machen. Mittlerweile erſchien Porthos mit einem ſehr ver⸗ drießlichen Geſichte und war im höchſten Maße er⸗ ſtaunt, als er d'Artagnan in ſein Schickſal ergeben und Mousqueton beinahe freudig fand. 4„Oho!“ ſagte er,„wir haben alſo, was wir wün⸗ ſchen, Ihr Euren Grad und ich meine Baronie.“ „Wir holen die Patente,“ ſagte d'Artagnan,„und bei unſerer Rückkehr wird ſie Meiſter Mazarin unter⸗ zeichnen.“ „Und wohin gehen wir?“ fragte Porthos. 3 „Zuerſt nach Paris,“ erwiederte d'Artagnan,„ich will dort einige Angelegenheiten in Ordnung bringen.“ „Alſo nach Paris,“ verſetzte Porthos. Und Beide ſchlugen den Weg nach Paris ein. Bei den Thoren anlangend, waren ſie ſehr er⸗ ſtaunt, als ſie die bedrohliche Haltung der Hauptſtadt wahrnahmen. Um eine in Stücke zerſchlagene Carroſſe ſtieß das Volk Verwünſchungen aus, während die Per⸗ ſonen, welche hatten entfliehen wollen, nämlich ein Greis und zwei Frauen, feſtgenommen wurden. Als dagegen d'Artagnan und Porthos Einlaß ver⸗ langten, gab es keine Schmeichelei, die man ihnen nicht machte. Man hielt ſie für Deſerteurs von der royaliſtiſchen Partei und wollte ſie anwerben. „Was macht der König?“ fragte man. 2¹0 hebend und daran riechend,„das iſt ſonderbares Gold, es hat ganz den Geruch von Stroh.“ Mousqueton erröthete auf eine ſo ehrliche Weiſe und ſchien ſo verlegen, daß der Gascogner zu lachen anfing und zu ihm ſagte: „Porthos würde in Zorn gerathen, mein lieber Herr Mouſton, ich aber vergebe Euch; wollen wir uns erinnern, daß dieſes Gold uns als Heilmittel für unſere Wunden dienen muß, und luſtig ſein.“ Mousqueton nahm ſogleich ein ſehr heiteres Geſicht an, ſattelte behende das Pferd ſeines Herrn und beſtieg das ſeinige, ohne viel Grimaſſen zu machen. Mittlerweile erſchien Porthos mit einem ſehr ver⸗ vrießlichen Geſichte und war im höchſten Maße er⸗ ſtaunt, als er d'Artagnan in ſein Schickſal ergeben und Mousqueton beinahe freudig fand. „Oho!“ ſagte er,„wir haben alſo, was wir wün⸗ ſchen, Ihr Euren Grad und ich meine Baronie.“ „Wir holen die Patente,“ ſagte d'Artagnan,„und bei unſerer Rückkehr wird ſie Meiſter Mazarin unter⸗ zeichnen.“ „Und wohin gehen wir?“ fragte Porthos. „Zuerſt nach Paris,“ erwiederte d'Artagnan,„ℳich will dort einige Angelegenheiten in Ordnung bringen.“ „Alſo nach Paris,“ verſetzte Porthos. Und Beide ſchlugen den Weg nach Paris ein. Bei den Thoren anlangend, waren ſie ſehr er⸗ ſtaunt, als ſie die bedrohliche Haltung der Hauptſtadt wahrnahmen. Um eine in Stücke zerſchlagene Carroſſe ſtieß das Volk Verwünſchungen aus, während die Per⸗ ſonen, welche hatten entfliehen wollen, nämlich ein Greis und zwei Frauen, feſtgenommen wurden.. Als dagegen dArtagnan und Porthos Einlaß ve langten, gab es keine Schmeichelei, die man ihn nicht machte. Man hielt ſie für Deſerteurs von der vohaliſtiſchen Partei und wollte fie anwerben. „Was macht der König?“ fragte man. N 211 „Er ſchläft.“ „Und die Spanierin?“ „Sie träumt.“ „Und der Italiener flucht?“ „Er wacht. Haltet Euch nur feſt, denn wenn ſie abgereiſt find, ſo iſt es ſicherlich aus einem beſtimm⸗ ten Grunde geſchehen. Da Ihr aber im Ganzen die Stärkeren ſeid,“ fuhr d'Artagnan fort,„ſo hängt Euch nicht an Frauen und Greiſe. Laßt dieſe Damen und greift nach wichtigeren Dingen.“ Das Volk hörte dieſe Worte mit Vergnügen und ließ die Damen gehen, welche d'Artagnan mit einem beredten Blicke dankten. „Nun vorwärts!“ ſprach d'Artagnan. Und ſie ſetzten ihren Weg fort, durchzogen die Barricaden, ſprengten über die Ketten, ſtießen, wur⸗ den geſtoßen, fragten und wurden befragt. Auf dem Paatze des Palais⸗Royal ſah d'Artagnan einen Sergenten, welcher fünf⸗ bis ſechshundert Bür⸗ ger exerciren ließ: es war Planchet, der zu Gunſten der ſtädtiſchen Miliz ſeine Erinnerungen von dem Re⸗ gimente Piemont her benützte. An d'Artagnan vorübermarſchirend, erkannte er ſeinen ehemaligen Herrn. „Guten Morgen, Herr d'Artagnan,“ ſagte Plan⸗ chet mit ſtolzer Miene. „Guten Morgen, Herr Dulaurier,“ antwortele d'Artagnan. Planchet blieb ſtille ſtehen und heftete ſeine weit aufgeriſſenen Augen auf d'Artagnan. Als die erſte Reihe ihren Führer ſtille ſtehen ſah, blieb ſie auch ſtehen und ſofort bis zu der letzten. 1 „Dieſe Bürger ſind doch abſcheulich lächerlich,“ ſagte d'Artagnan zu Porthos und ritt ſeines Weges. ünf Minuten nachher ſtiegen ſie vor dem Gaſt⸗ 3 haufe zur Rehziege ab. Die ſchöne Madeleine lief d Artagnan entgegen. 211 d,„Er ſchläft.“ „Und die Spanierin?“ eiſe„Sie träumt.“ hen„Und der Italiener flucht?“ „Er wacht. Haltet Euch nur feſt, denn wenn ſie ber abgereiſt ſind, ſo iſt es ſicherlich aus einem beſtimm⸗ wir ten Grunde geſchehen. Da Ihr aber im Ganzen die für Stärkeren ſeid,“ fuhr dArtagnan fort,„ſo hängt Euch nicht an Frauen und Greiſe. Laßt dieſe Damen und ſicht greift nach wichtigeren Dingen.“ tieg Das Volk hörte dieſe Worte mit Vergnügen und ließ die Damen gehen, welche d'Artagnan mit einem ver⸗ beredten Blicke dankten. er⸗„Nun vorwärts!“ ſprach d'Artagnan. und Und ſie ſetzten ihren Weg fort, durchzogen die Barricaden, ſprengten über die Ketten, ſtießen, wur⸗ ün⸗ den geſioßen, fragten und wurden befragt. Auf dem Platze des Palais⸗Royal ſah d'Artagnan und einen Sergenten, welcher fünf⸗ bis ſechshundert Bür⸗ ter⸗ ger ererciren ließ: es war Planchet, der zu Gunſten der ſtädtiſchen Miliz ſeine Erinnerungen von dem Re⸗ gimente Piemont her benützte. „ich An dArtagnan vorübermarſchirend, erkannte er en.“ ſeinen ehemaligen Herrn. „Guten Morgen, Herr dArtagnan,“ ſagte Plan⸗ chet mit ſtolzer Miene. „Guten Morgen, Herr Dulaurier,“ antwortete d'Artagnan. Planchet blieb ſtille ſtehen und heftete ſeine weit aufgeriſſenen Augen auf d'Artagnan. Als die erſte Reihe ihren Führer ſtitle ſtehen ſah, blieb ſie auch ſtehen und ſofort bis zu der letzten. Dieſe Bürger ſind doch abſcheulich lächerlich,“ agte d'Artagnan zu Porthos und ritt ſeines Weges. Fünf Minuten nachher ſtiegen ſie vor dem Gaſt⸗ hauſe zur Rehziege ab. Die ſchöne Madeleine lief dArtagnan entgegen. „Meine liebe Madame Turquaine,“ ſagte d'Artagnan, „wenn Ihr Geld habt, vergrabt es raſch; wenn Ihr Juwe⸗ len habt, verbergt ſie geſchwinde; wenn Ihr Schuldner habt, laßt ſie bezahlen; wenn Ihr Gläubiger habt, bezahlt ſie nicht.“ „Warum dies?“ fragte Madeleine. „Weil Paris in Aſche gelegt wird, gerade wie Babylon, wovon Ihr ohne Zweifel habt ſprechen hören.“ Slrnu Ihr verlaßt mich in einem ſolchen Augen⸗ ick?“. „Sogleich,“ ſagte d'Artagnan. „Und wohin geht Ihr?“ „Ah, wenn Ihr mir das ſagen könnt, erweiſt Ihr mir einen großen Dienſt.“ „Ah, mein Gott! mein Gott!“ „ Habt Ihr Briefe für mich?“ fragte d'Artagnan und deutete ſeiner Wirthin mit einem Zeichen an, daß ſie ſich die Weheklagen erſparen ſollte, inſoferne die⸗ ſelben überflüſſig wären. 3 „So eben iſt einer angekommen.“ Und ſie gab d'Artagnan den Brief. „Von Athos!“ rief d'Artagnan, die feſte große Handſchrift ihres Freundes erkennend. „Ah,“ ſprach Porthos,„wir wollen ein wenig ſehen, was er ſagt.“ D'Artagnan öffnete den Brief und las: „Lieber d'Artagnan, lieber du Vallon, meine gu⸗ ten Freunde, vielleicht erhaltet Ihr zum letzten Male Nachricht von mir. Aramis und ich wir ſind ſehr un⸗ glücklich. Aber Gott, unſer Muth und die Erinnerung an unſere Freundſchaft halten uns noch aufrecht. Denkt an Raoul. Ich empfehle Euch die Papiere, welche in Blois liegen, und wenn Ihr in drittehalb Monaten keine Nachricht von uns erhalten habt, nehmt Kennt⸗ niß davon. Umarmt den Vicomte von ganzem Herzen für Euern ergebenen Freund Athos.“ . 1 212 „Meine liebe Madame Turquaine,“ ſagte d'Artagnan, „wenn Ihr Geld habt, vergrabtes raſch; wenn Ihr Juwe⸗ len habt, verbergt ſie geſchwinde; wenn Ihr Schulvner habt, laßt ſie bezahlen; wenn Ihr Gläubiger habt, bezahlt ſie nicht.“ „Warum dies?“ fragte Madeleine. „Weil Paris in Aſche gelegt wird, gerade wie Babylon, wovon Ihr ohne Zweifel habt ſprechen hören.“ Ihr verlaßt mich in einem ſolchen Augen⸗ 2 i 6 „Sogleich,“ ſagte d'Artagnan. „Und wohin geht Ihr?“ „Ah, wenn Ihr mir das ſagen könnt, erweiſt Ihr mir einen großen Dienſt.“ „Ah, mein Gott! mein Gott!“ „Habt Ihr Briefe für mich?“ fragte vArtagnan und deutete ſeiner Wirthin mit einem Zeichen an, daß fie ſich die Weheklagen erſparen ſollte, inſoferne die⸗ ſelben überflüſſig wären. „So eben iſt einer angekommen.“ Und ſie gab d'Artagnan den Brieſ. „Von Athos!“ rief d'Artagnan, die feſte große Handſchrift ihres Freundes erkennend. „Ah,“ ſprach Porthos,„wir wollen ein wenig ſehen, was er ſagt.“ D'Artagnan öffnete den Brief und las: „Lieber d'Artagnan, lieber du Vallon, meine gu⸗ ten Freunde, vielleicht erhaltet Ihr zum letzten Male Nachricht von mir. Aramis und ich wir find ſehr un⸗ glücklich. Aber Gott, unſer Muth und die Erinnerun an unſere Freundſchaft halten uns noch aufrecht. Denkt an Raoul. Ich empfehle Euch die Papiere, welche in Blois liegen, und wenn Ihr in vrittehalb Monate keine Nachricht von uns erhalten habt, nehmt Ke niß davon. Umarmt den Vicomte von ganzem He für Euern ergebenen Freund Au 3 3 213 „Ich glaube bei Gott wohl, daß ich ihn umarmen werde,“ ſagte d'Artagnan.„Ueberdies iſt er auf un⸗ ſerem Wege, und wenn er das Unglück hat, unſern armen Athos zu verlieren, ſo wird er von dieſem Tage an mein Sohn.“ „Und ich mache ihn zu meinem Univerſalerben,“ ſprach Porthos. „Laßt doch ſehen, was Athos noch ſagt.“ „Trefft Ihr auf Euern Wegen einen Herrn Mor⸗ daunt, ſo mißtraut ihm; ich kann Euch nicht mehr in meinem Briefe ſagen.“ „Herr Mordaunt!“ ſagte d'Artagnan ſehr er⸗ ſtaunt. „Es iſt gut,“ ſprach Porthos,„man wird ſich ſeiner erinnern. Aber ſeht, es iſt noch eine Nachſchrift von Aramis dabei.“ 4 lns„In der That,“ verſetzte d'Artagnan, und er as: „Wir verbergen unſern Aufenthaltsort, theure Freunde, weil wir Eure brüderliche Ergebenheit ken⸗ nen und wiſſen, daß Ihr kommen würdet, um mit uns zu ſterben.“ „Sacrebleu!“ unterbrach Porthos den Leſenden mit einem Ausdrucke, der Mousqueton in die andere Ecke des Zimmers jagte.„Sind ſie denn in Todes⸗ gefahr?“ D'Artagnan fuhr fort: „Athos vermacht Euch Raoul und ich vermache Euch eine Rache. Wenn Ihr glücklicher Weiſe einen gewiſſen Mordaunt unter die Hand bekommt, ſo ſagt Porthos, er ſolle ihn in eine Ecke führen und ihm den Hals umdrehen. Ich wage es nicht, Ench in einem Briefe mehr zu ſagen. 5 Aramis.“ „Wenn es ſonft nichts iſt,“ ſprach Porthos,„das läßt ſich leicht machen.“ — — 213 „Ich glaube bei Gott wohl, daß ich ihn umarmen werde,, ſagte d'Artagnan.„Ueberdies iſt er auf un⸗ ſerem Wege, und wenn er das Unglück hat, unſern b, armen Athos zu verlieren, ſo wird er von vieſem Tage an mein Sohn.“ „Und ich mache ihn zu meinem Univerſalerben,“ ie ſprach Porthos. „Laßt doch ſehen, was Athos noch ſagt. n⸗„Trefft Ihr auf Euern Wegen einen Herrn Mor⸗ daunt, ſo mißtraut ihm; ich kann Euch nicht mehr in meinem Briefe ſagen.“ „Herr Mordaunt!“ ſagte d'Artagnan ſehr er⸗ ſtaunt. „Es iſt gut,“ ſprach Porthos,„man wird ſich ſeiner erinnern. Aber ſeht, es iſt noch eine Nachſchrift an von Aramis dabei.“ aß—„In der That,“ verſetzte d'Artagnan, und er ie⸗ as: „Wir verbergen unſern Aufenthaltsort, theure Freunde, weil wir Eure brüderliche Ergebenheit ken⸗ nen und wiſſen, daß Ihr kommen würdet, um mit e uns zu ſterben.“ „Sacrebleu!“ unterbrach Porthos den Leſenden i mit einem Ausdrucke, der Mousqueton in die anvere Ecke des Zimmers jagte.„Sind ſie denn in Todes⸗ gefahr?“ zu⸗ DArtagnan fuhr fort: ale„Athos vermacht Euch Ravul und ich vermache n Euch eine Rache. Wenn Ihr glücklicher Weiſe einen gewiſſen Mordgunt unter die Hand bekommt, ſo ſagt Porthos, er ſolle ihn in eine Ecke führen und ihm den Hals umdrehen. Ich wage es nicht, Euch in einem Briefe mehr zu ſagen. Aramis.“ „Wenn es ſonſt nichts iſt,“ ſprach Porthos,„das äßt ſich leicht machen.“ 214 ſterer Miene,„das iſt unmöglich.“ „Warum?“ „Gerade dieſen Herrn Mordaunt ſuchen wir in Boulogne auf und mit ihm gehen wir nach England.“ „Nun, wenn wir ſtatt Herrn Mordaunt aufzuſu⸗ chen unſere Freunde aufſuchten?“ rief Porthos mit ei⸗ ner Geberde, welche ein Heer in Schrecken zu ver⸗ ſetzen im Stande geweſen wäre. „Ich habe wohl daran gedacht,“ ſagte d'Artagnan; „aber der Brief hat weder Datum, noch Stempel.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Porthos. Und er fing an wie ein Verrückter im Zimmer umherzugehen, machte allerhand Geberden und zog aalle Augenblick ſeinen Degen zum dritten Theile aus dder Scheide. D'Artagnan blieb auf derſelben Stelle wie ein Beſtürzter, und der tiefſte Kummer war auf ſeinem Antlitz ausgeprägt. uns. Er will allein ſterben, das iſt ſchlimm!“ Als Mousqueton dieſe zwei großen Verzweiflun⸗ gen ſah, zerfloß er in ſeiner Ecke in Thränen. Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan,„Alles das führt zu nichts. Wir wollen abreiſen und Raoul umarmen, wie wir geſagt haben; vielleicht hat er Nachricht von Athos.“ „Das iſt ein guter Gedanke,“ ſprach Porthos. „Mein lieber d'Artagnan, ich weiß nicht, wie Ihr es alſo Raoul.“ 5 „Wehe dem, der meinen Herrn in dieſem Auge blick ſchief anſehen würde,“ ſagte Mousqueton,, wollte keinen Pfennig für ſein Leben geben.“ Man ſtieg zu Pferde und entfernte ſich. Als Freunde in die Rue Saint⸗Denis gelangten, f ſie einen großen Volksauflauf. Herr von Beauf, „Im Gegentheil,“ erwiederte d'Artagnan mit dü⸗ „Ah, das iſt ſchlimm,“ ſagte er,„Athos beleidigt macht, aber Ihr ſeid voll Gedanken. Umarmen wir 8 1 2 ich — 214 „Im Gegeniheil,“ erwiederte d'Artagnan mit dü⸗ 6 ſterer Miene,„das iſt unmöglich.“ 3 „Warum?“. „Gerade dieſen Herrn Mordaunt ſuchen wir in Boulogne auf und mit ihm gehen wir nach England.“ „Nun, wenn wir ſtatt Herrn Mordaunt aufzuſu⸗ un chen unſere Freunde aufſuchten?“ rief Porthos mit ei⸗ ner Geberde, welche ein Heer in Schrecken zu ver⸗ ſetzen im Stande geweſen wäre. „Ich habe wohl daran gedacht,“ ſagte d'Artagnan; „aber der Brief hat weder Datum, noch Stempel.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Porthos. R m Und er fing an wie ein Verrückter im Zimmer umherzugehen, machte allerhand Geberden und zog alle Augenblick ſeinen Degen zum dritten Theile aus der Scheide. u D'Artagnan blieb auf derſelben Stelle wie ein 8 Beſtürzter, und der tiefſte Kummer war auf ſeinem Antlitz ausgeprägt.. „Ah, das iſt ſchlimm,“ ſagte er,„Athos beleidigt n uns. Er will allein ſterben, das iſt ſchlimm!“ 5 Als Mousqueton dieſe zwei großen Verzweiflun⸗ A gen ſah, zerfloß er in ſeiner Ecke in Thränen. „Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan,„Alles das führt v zu nichts. Wir wollen abreiſen und Raoul umarmen, ſe wir geſagt haben; vielleicht hat er Nachricht von thos.“ „Das iſt ein guter Gedanke,“ ſprach Porthos. ſt „Mein lieber dArtagnan, ich weiß nicht, wie Ihr es macht, aber Ihr ſeid voll Gedanken. Umarmen wir T alſo Raoul.“ L „Wehe dem, der meinen Herrn in dieſem Augen⸗ 1 blick ſchief anſehen würde,“ ſagte Mousqueton,„ich wollte keinen Pfennig für ſein Leben geben.“ n Man ſtieg zu Pferde und entfernte ſich. Als die Freunde in die Rue Saint⸗Denis gelangten, fanden 3 ſie einen großen Volksauflauf. Herr von Beaufort war 2ʃ5 ſo eben aus Vendome angelangt und wurde von dem Coadjutor den freudigen Pariſern gezeigt. Mit Herrn 4 von Beaufort hielten ſie ſich nunmehr fürg umiber⸗ windlich.„ Die zwei Freunde ritten durch eine kleine Gaſſe, 4* um dem Prinzen nicht zu begegnen, und erreichten die 4 6 Barriere Saint⸗Denis. „Iſt es wahr,“ ſagten die Wachen zu den zweitte. Reitern,„daß Herr von Beaufort in Paris angekom⸗ men iſt?“ „Nichts kann wahrer ſein,“ ſprach d'Artagnan. „Es diene Euch zumn Beweiſe, daß er uns Herrn von Vendome, ſeinem Vater, entgegenſchickt, der ebenfalls kommen wird.“ 8 1„Es lebe Herr von Beaufort!“ riefen die Wachen und gingen ehrfurchtsvoll auf die Seite, um die Ab⸗ geſandten des großen Prinzen vorüber zu laſſen. DSobald ſie vor der Barriére waren, wurde die 2 Straße von dieſen Männern, welche weder Ermüdung, noch Entmuthigung kannten, gleichſam verſchlungen. Ihre Pferde flogen, und ſie hörten nicht auf, von Athos und Aramis zu ſprechen. Mousqueton litt alle erdenkliche Qualen; aber der vortreffliche Diener tröſtete ſich mit dem Gedanken, 8 ſeine zwei Herren noch ganz andere Leiden zu ertrage hätten. Er war dazu gelangt, d'Artagnan als ſeinen zweiten Herrn zu betrachten, und gehorchte ihm ſogar 5 ſchneller und pünktlicher, als Porthos. Das Lager war zwiſchen Saint⸗Omer und Lens. 2 Die zwei Freunde machten einen Umweg nach dem Lager und erfuhren bei dem Heere mit allen einzelnen Umſtänden die Nachricht von der Flucht des Königs und der Königin, welche in der Stille hier angekom⸗ maen war. Sie fanden Raoul bei ſeinem Zelte auf einem Bunde Heu liegend, von dem ſein Pferd von Zit zu Zeit ein wenig verſtohlener Weiſe herauszog. Der junge Mann hatte rotbe Angen und ſchien nieder⸗ — . 2¹5 5 ſo eben aus Vendome angelangt und wurde von dem Coadjutor den freudigen Pariſern gezeigt. Mit Herrn von Beaufort hielten ſie ſich nunmehr für unüber⸗ in windlich. Die zwei Freunde ritten durch eine kleine Gaſſe, um dem Prinzen nicht zu begegnen, und erreichten die Barriére Saint⸗Denis. r⸗„Iſt es wahr,“ ſagten die Wachen zu den zwei Ft„daß Herr von Beaufort in Paris angekom⸗ 5 men iſt?“ 3„Nichts kann wahrer ſein,“ ſprach d'Artagnan. „Es diene Euch zum Beweiſe, daß er uns Herrn von e Vendome, ſeinem Vater, entgegenſchickt, der ebenfalls og kommen wird.“ us„Es lebe Herr von Beaufort!“ riefen die Wachen und gingen ehrfurchtsvoll auf die Seite, um die Ab⸗ in geſandten des großen Prinzen vorüber zu laſſen. Sobald ſie vor der Barriéere waren, wurde die Straße von dieſen Männern, welche weder Ermüdung, igt noch Entmuthigung kannten, gleichſam verſchlungen. Ihre Pferde flogen, und ſie hörten nicht auf, von n Athos und Aramis zu ſprechen. Mousqueton litt alle erdenkliche Qualen; aber der vortreffliche Diener tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß en ſeine zwei Herren noch ganz andere Leiden zu ertragen on hätten. Er war dazu gelangt, d'Artagnan als ſeinen zweiten Herrn zu betrachten, und gehorchte ihm ſogar s. ſchneller und pünktlicher, als Porthos. es Das Lager war zwiſchen Saint⸗Omer und Lens. oir e Die zwei Freunde machten einen Umweg nach dem f Lager und erfuhren bei dem Heere mit allen einzelnen Umſtänden die Nachricht von der Flucht des Königs ich und der Königin, welche in der Stille hier angekom⸗ . men war. Sie fanden Raoul bei ſ auf die einem Bunde Hel liegend, von dem ſein Werd von 6 Zeit zu Zeit ein wenig verſtohlener Weiſe herauszog. ar Der junge Mann hatte rothe Augen und ſchien nieder⸗ geſchlagen. Der Marſchall von Grammont und der Graf von Guiche waren nach Paris zurückgekehrt und das arme Kind fand ſich ganz vereinzelt. Bald ſchlug Raoul die Augen auf und ſah die zwei Reiter, die ihn anſchauten. Er erkannte ſie und lief mit offenen Armen auf ſie zu. „Ah, Ihr ſeid es, theure Freunde!“ rief er. „Kommt Ihr, um mich zu holen? Nehmt Ihr mich mit Euch fort? Bringt Ihr mir Nachrichten von meinem Vormund?“ „Ihr habt alſo keine erhalten?“ fragte d'Artagnan den jungen Mann. „Ach! nein, mein Herr, und ich weiß in der That nicht, was aus ihm geworden iſt; ich bin ſo unruhig, daß ich weinen muß.“ 1 Und es rollten wirklich zwei ſchwere Thränen an den gebräunten Wangen des jungen Mannes herab. Porthos wandte den Kopf ab, um auf ſeinem guten, dicken Antlitz nicht ſehen zu laſſen, was in ſei⸗ nem Herzen vorging. „, Den Teufel!“ ſprach d'Artagnan, mehr bewegt, als er es ſeit geraumer Zeit geweſen war,„verzwei⸗ felt nicht, mein Freund. Wenn Ihr keinen Brief von 1 denecheafen erhalten habt, ſo haben wir doch einen er⸗ alten.... „Oh, wirklich!“ rief Raoul. „Und zwar einen ſehr beruhigenden,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan, als er die Freude wahrnahm, welche dieſe Nachricht dem jungen Manne bereitete. „Habt Ihr den Brief?“ fragte Raoul. „Ja, das heißt, ich hatte ihn,“ ſagte d'Artagnan, indem er ſich ſtellte, als ſuchte er.„Wartet, er muß hier in meiner Taſche ſein. Er ſpricht von ſeiner Rückkehr, nicht wahr, Porthos?“ 3 So ſehr d'Artagnan auch Gascogner war, ſo wollte er doch die Laſt dieſer Lüge nicht allein auf ſich nehmen. 3 ——meͤ ——— 216 geſchlagen. Der Marſchall von Grammont und der Graf von Guiche waren nach Paris zurückgekehrt und das arme Kind fand ſich ganz vereinzelt. Bald ſchlug Raoul die Augen auf und ſah die zwei Reiter, die ihn anſchanten. Er erkannte ſie und lief mit offenen Armen auf ſie zu. „Ah, Ihr ſeid es, theure Freunde!“ rief er. „Kommt Ihr, um mich zu holen? Nehmt Ihr mich i mit Euch fort? Bringt Ihr mir Nachtichten von meinem Vormund?“ d „Ihr habt alſo keine erhalten?“ fragte d'Artagnan den jungen Mann. e „Ach! nein, mein Herr, und ich weiß in der That nicht, was aus ihm geworden iſt; ich bin ſo unruhig, daß ich weinen muß.“ 8 Und es rollten wirklich zwei ſchwere Thränen an den gebräunten Wangen des jungen Mannes herab. ſt Porthos wandte den Kopf ab, um auf ſeinem guten, dicken Antlitz nicht ſehen zu laſſen, was in ſei⸗ n nem Herzen vorging. m „Den Teufel!“ ſprach d'Artagnan, mehr bewegt, als er es ſeit geraumer Zeit geweſen war,„verzwei⸗ m felt nicht, mein Freund Wenn Ihr keinen Brief von dem Grafen erhalten habt, ſo haben wir doch einen er⸗ halten.“„ te „Oh, wirklich!“ rief Raoul. „Und zwar einen ſehr beruhigenden,“ ſprach d'Ar⸗ na tagnan, als er die Freude wahrnahm, welche dieſe de Nachricht dem jungen Manne bereitete. „Habt Ihr den Brief?“ fragte Raoul. be „Ja, das heißt, ich hatte ihn,“ ſagte d'Artagnan, indem er ſich ftellte, als ſuchte er.„Wartet, er muß ein hier in meiner Taſche ſein. Er ſpricht von ſeiner die Rückkehrgicht wahr, Porthos? So rdArtagnan auch Gastoßner war, ſo ſpr wollte er doch die Laſt vieſer Lüge nicht allein auf ſich nehmen. dur ——— — ————y— durch denſelben Courier geſchickt hat. Ich ſetze voraus, 217 1 „Ja,“ erwiederte Porthos huſtend. „Oh, gebt ihn mir,“ ſagte der junge Mann. „Ah, ich las ihn doch vorhin erſt. Sollte ich ihn verloren haben? Ei, verdammt! meine Taſche hat ein Loch.“ „Ohl ja, Herr Raoul,“ ſagte Mousqueton,„und der Brief war ſogar ſehr tröſtlich. Dieſe Herren haben ihn mir vorgeleſen, und ich weinte darüber vor Freude.“ „Aber Ihr wißt doch wenigſtens, wo er iſt, Herr d'Artagnan?“ fragte Raoul halb erheitert, „Oh! bei Gott, gewiß weiß ich es. Aber es iſt ein Geheimniß.“ „Hoffentlich nicht für mich.“ „Nein, nicht für Euch. Ich will Euch auch ſa⸗ gen, wo er iſt.“ Porthos ſchaute d'Artagnan mit ſeinen großen, er⸗ ſtaunten Augen an. „Wo Teufels ſoll ich ſagen, daß er iſt, damit er nicht das Gelüſte bekommt, ihn aufſuchen zu wollen?“ murmelte d'Artagnan. „Nun, wo iſt er denn, mein Herr?“ fragte Raoul mit ſeiner ſanften, ſchmeichelnden Stimme. „Er iſt in Conſtantinopel.“ „Bei den Türken!“ rief Raoul erſchrocken.„Gu⸗ ter Gott, was ſagt Ihr mir da?“ „Nun, Euch das bange?“ ſprach d'Artag⸗ nan.„Bah! ſind die Türken für Männer, wie den Grafen de la Fére und den Abbé d'Herblay!⸗ „ Ah, ſein Freund iſt bei ihm,“ ſagte Naoul,„das beruhigt mich ein wenig.“ „Wie viel Geiſt hat er doch, dieſer Teufel von einem d'Artagnan,“ ſprach Porthos, ganz erſtaunt über die Liſt ſeines Freundes. Es drängte d'Artagnan, den Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches zu verändern, und er ſagte daher zu Raoul: „Hier find fünfzig Piſtolen, die Euch der Herr Graf —— der nb die ind eſe 217 „Ja,“ erwiederte Porthos huſtend. 2 „Oh, gebt ihn mir,“ ſagte der junge Mann. 3 „Ah, ich las ihn doch vorhin erſt. Sollte ich ihn verloren haben? Ei, verdammt! meine Taſche hat ein Loch.“ „Oh! ja, Herr Ravul,“ ſagte Mousqueton,„und der Brief war ſogar ſehr tröſtlich. Dieſe Herren haben ihn mir vorgeleſen und ich weinte darüber vor Freude.“ „Aber Ihr wißt doch wenigſtens, wo er iß, Herr d'Artagnan?“ fragte Ravul halb erheitert. „Oh! bei Gott, gewiß weiß ich es. Aber es iſt ein Geheimniß.“ „Hoffentlich nicht für mich.“ „Nein, nicht für Euch. Ich will Euch auch ſa⸗ ßen, wo er iſt.“ Porthos ſchaute d'Artagnan mit ſeinen großen, er⸗ ſtaunten Augen an. „Wo Teufels foll ich ſagen, daß er iſt, damit er nicht das Gelüſte bekommt, ihn aufſuchen zu wollen?“ murmelte d'Artagnan. „Nun, wo iſt er denn, mein Herr?“ fragte Raoul mit ſeiner ſanften, ſchmeichelnden Stimme „Er iſt in Conſtantinopel.“ „Bei den Türken!“ rief Raoul erſchrocken.„Gu⸗ ter Gott, was ſagt Ihr mir da?“ „Nun, macht Euch das bange?“ ſprach d'Artag⸗ nan. Bah! was ſind die Türken für Männer, wie den Grafen de la Fere und den Abbé d'Herblay!“ „Ah, ſein Freund iſt bei ibm,“ fagte Raoul,„das beruhigt mich ein wenig.“ „Wie viel Geiſt hat er doch, dieſer Teufel von einem d'Artagnan,“ ſprach Porthos, ganz erſtaunt über die Liſt ſeines Fre es. Es drängte dA gnan, den Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches zu verändern, und'er ſagte daher zu Raoul: „Hier find fünfzig Piſtolen, die Euch der Hert Graf durch venſelben Courier geſchickt hat. Ich ſetze voraus, daß Ihr kein Geld habt und daß ſie Euch willkommen ſein werden“ „Ich habe noch zwanzig Piſtolen, mein Herr.“ „Und wenn Ihr mehr wollt,“ verſetzte Portyos, die Hand an ſeine Taſche legend. „Ich danke,“ erwiederte Raoul erröthend,„tauſend 1 Dank, mein Herr.“ 6 In dieſem Augenblick erſchien Olivain am Horizont. „Ei, ſagt mir doch,“ ſprach d'Artagnan, ſo daß es der Lackei hörte,„ſeid Ihr mit Olivain zufrieden?2“ „Ja, ziemlich wohl.“ Olivain ſtellte ſich, als hätte er nichts gehört, und trat in das Zelt. „Was habt Ihr dieſem Burſchen vornwerfen? „Er iſt ein Freſſer,“ ſagte Raoul. „Db, gnädiger Herr!“ rief Olivain. „Er iſt ein wenig Dieb.“ 4 „u, gnädiger Herr, oh!“ „Und beſonders ein feiger Prahler!“.. „Ohl oh! ohl gnädiger Herr, Ihr entehrt mich,“ ſprach Olivain „Peſt!“ rief d'Artagnan,„erfahrt, Meiſter Oli⸗ vain, daß Leute, wie wir, ſich nicht durch Feige be⸗ dienen laſſen. Beſtehlt Euern Herrn, eßt ſein Zucker⸗ werk und trinkt ſeinen Wein; aber hei Gottes Zorn ſeid kein Feiger, oder ich ſchneide ie Ohren ab. Schaut Herrn Mouſton an, ſagt er ſolle Euch ſeine ehrenvollen Wunden zeigen, uͤlls ſeht, welche Würde ſeine Tapferkeit ſeinem Geſichte verliehen hat.“ Mousqueton war in dem dritten Him d würde d'Artagnan umarmt haben, wenn er e 3 hätte. Mittlerweile ſchwur er in ſeinem Inn ſich für ihn tödten zu laſſen, wenn ſich je Gele nhei zeigen würde. 3 „Schickt dieſen Burſchen weg, Raoul,“ ſagte d'Artagnan;„denn wenn er ein Feiger iſt, wird er 9 eines Tags entehren.“ —. 218 daß Ihr kein Geld habt und daß ſie Euch willkommen ſein werden“ „Ich habe noch zwanzig Piſtolen, mein Herr.“ „Und wenn Ihr mehr wollt,“ verſetzte Porthos, die Hand an ſeine Taſche legend. „Ich danke,“ erwiederte Raoul erröthend,„tauſend Dank, mein Herr.“ In dieſem Augenblick erſchien Olivain am Horizont. „Ei, ſagt mir doch,“ ſprach d'Artagnan, ſo daß es der Lackei hörte,„ſeid Ihr mit Olivain zufrieden?“ „Ja, ziemlich wohl.“ Slivain ſtellte ſich, als hätte er nichts gehört, und trat in das Zelt. „Was habt Ihr dieſem Burſchen vorzuwerfen?“ „Er iſt ein Freſſer,“ ſagte Raoul. „Oh, gnädiger Herr!“ rief Olivain. „Er iſt ein wenig Dieb.“ „Oh, gnädiger Herr, oh!“ „Und beſonders ein feiger Prahler!“ „Ohl ohl oh! gnädiger Herr, Ihr entehrt mich,“ ſprach Olivain. „Peſt!“ rief d'Artagnan,„erfahrt, Meiſter Oli⸗ vain, daß Leute, wie wir, ſich nicht durch Feige be⸗ dienen laſſen. Beſtehlt Euern Herrn, eßt ſein Zucker⸗ werk und trinkt ſeinen Wein; aber bei Gottes Zorn ſeid kein Feiger, oder ich ſchneide Euch die Ohren ab. Schaut Herrn Mouſton an, ſagt ihm, er ſolle Euch ſeine ehrenvollen Wunden zeigen, und ſeht, welche Würde ſeine Tapferkeit ſeinem Geſichte verliehen hat.“ Mousqueton war in dem dritten Himmel und würde dArtagnan umarmt haben, wenn er es gewagt hätte. Mittlerweile ſchwur er in ſeinem Innern, ſich für ihn tödten zu laſſen, wenn ſich je Gelegenheit zeigen würde. „Schickt dieſen Burſchen g, Raoul,“ ſagte vArtagnan;„denn wenn er ein Feiger iſt, wird er ſich eines Tags entehren.“ W 219 1„Mein Herr nennt mich feig.“ rief Olivain, 5 er ſich mit einem Cornet des Regimentes Grammont ſchlagen wollte, und ich mich weigerte, ihn zu be⸗ gleiten.“ „Herr Olivain, ein Lackei darf nie ungehorſam ſein,“ ſprach d'Artagnan mit ſtrengem Tone. 6 Dann zog er ihn in einen Winkel und ſagte zu ihm: „Du haſt wohl daran gethan, wenn Dein Herr Unrecht hatte, und hier iſt ein Thaler für Dich. Iſt er aber je beleidigt worden, und Du läßt Dich nicht neben ihm viertheilen, ſo ſchneide ich Dir die Zunge aus und fege Dir das G Behalte dies wohl.“, fu, Oliva in Moyheuess 4 rach d'Artagnan, 7 n reiſen wir, Heyt ⸗— Lich, als Botſchafter b. Ich kapg icht ſagent, zu welchem Ziele, aber wenn Ihr etwas braucht, ſo Vſchreibt an me Turquaine zur Rehziege, Ruk Tiquetonne, und zieht auf dieſe Caſſe, wie auf die eines Banquier, jedoch mit etwas Scho⸗ nung, denn ich ſage Euch zum Voraus, daß ſie nicht ſo gut geſpickt iſt, wie die von Herrn d'Emery.“ Nachdem er ſeinen Interimsmündel umhalst hatte, überga ihn den kräftigen Armen von Por⸗ thos, die i der Erde emporhoben und einen Augenblick an edle Herz des furchtbaren Rieſen gedrückt hielten. „Nun, vorwärts,“ ſprach d'Artagnan. Und ſie ſchlugen den Weg nach Boulogne ein, wo ſie gegen Abend auf Pferden, bedeckt mit Schweiß und weißem Schaum, ankamen. ehn Schritte von dem Orte, wo ſie Halt mach⸗ ten, ehe ſie in die Stadt einritten, war ein ſchwarz gekleideter junger Mann, der Jemand zu erwarten denn ich we 2¹9 „Mein Herr nennt mich feig,“ rief Olivain,„weil er ſich mit einem Cornet des Regimentes Grammont ſchlagen wollte, und ich mich weigerte, ihn zu be⸗ gleiten.“ „Herr Olivain, ein Lackei darf nie ungehorſam ſein,“ ſprach d'Artagnan mit ſtrengem Tone. Dann zog er ihn in einen Winkel und ſagte zu ihm: „Du haſt wohl daran gethan, wenn Dein Herr Unrecht hatte, und hier iſt ein Thaler für Dich. Iſt er aber je beleidigt worden, und Du läßt Dich nicht neben ihm viertheilen, ſo ſchneide ich Dir die Zunge fege Dir das Geſicht damit. Behalte dies wohl.“ Hlivain verbeugte ſich und ſteckte den Thaler in die Taſche. „Und nun, Freund Ravul,“ ſprach d'Artagnan, „reiſen wir, Herr Du Vallon und ich, als Botſchafter ab. Ich kann Euch nicht ſagen, zu welchem Ziele, denn ich weiß es ſelbſt nicht; aber wenn Ihr etwas braucht, ſo ſchreibt an Madame Turquaine zur Rehziege, Rue Tiquetonne, und zieht auf dieſe Caſſe, wie auf die eines Banquier, jedoch mit etwas Scho⸗ nung, denn ich ſage Euch zum Voraus, daß ſie nicht ſo gut geſpickt iſt, wie die von Herrn d'Emery.“ Nachdem er ſeinen Interimsmündel umhalst hatte, übergab er ihn den kräftigen Armen von Por⸗ thos, die ihn von der Erde emporhoben und einen Augenblick an das edle Herz des furchtbaren Rieſen gedrückt hielten. „Nun, vorwärts,“ ſprach d'Artagnan. Und ſie ſchlugen den Weg nach Boulogne ein, wo fie gegen Abend auf Pferden, bedeckt mit Schweiß und weißem Schaum, ankamen. Zehn Schritte von dem Orte, wo ſie Halt mach⸗ ten, ehe ſie in die Stadt einritten, war ein ſchwarz gekleideter junger Mann, der Jemand zu erwarten ſchien und von dem Momente, wo er ſie erblickt hatte, die Augen unabläßig auf ſie geheftet hielt. D Artagnan näbherte ſich ihm und ſagte, als er ſah, daß er das Auge nicht von ihm abwandte: de/ Freund, ich liebe es nicht, daß man mich mißt.“. „Mein Herr,“ ſprach der junge Mann, ohne auf. den Ruf von d'Artagnan zu antworten,„kommt Ihr nicht vielleicht von Paris?“ D'Artagnan dachte, es wäre ein Neugieriger, der Nachrichten von der Hauptſtadt zu haben wünſchte, und erwiederte mit ſanfterem Tone: „Ja, mein Herr.“ „Sollt Ihr nicht im Wappen von England — wohnen 2 „Ja, mein Herr!“ „Seid Ihr nicht mit einer Sendung von Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal von Mazarin, beauf⸗ tragt?“——. „Ja, mein Herr.“ 5 „Dann habt Ihr mit mir zu thun,“ ſprach der junge Mann;„ich bin Herr Mordaunt.“ Ah!“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe,„derjenige, von welchem mir Athos ſagt, ich ſolle ihm miß⸗ trauen.“ „Ah!“ murmelte Porthos,„ ige, von wel⸗ chem Aramiß ſchreibt, ich ſolle ih ſſeln.“ Beide ſchauten den jungen Ma ufmerkſam an. Dieſer täuſchte ſich in dem Ausdrucke ihres Blickes. 6 „Solltet Ihr an meinem Worte zweifeln? ſagte er;„ich bin in dieſem Falle bereit, Euch jeden Be⸗ weis zu liefern.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete d'Artagnan,„wir find 1 Euerer Verfügung.“ Wohl, meine Herren,“ ſprach Mordaunt,„wir werden ungeſäumt abreiſen. Es iſt heute der letzte 220 ſchlen und von dem Momente, wo er fie erblickt hatte, die Augen unabläßig auf ſie geheftet hielt. D'Artagnan näherte ſich ihm und ſagte, als er ſah, daß er das Auge nicht von ihm abwandte: Freund, ich liebe es nicht, daß man mich mißt.“ „Mein Herr,“ ſprach der junge Mann, ohne auf den Ruf von d'Artagnan zu antworten,„kommt Ihr nicht vielleicht von Paris?“ D'Artagnan dachte, es wäre ein Neugieriger, der Nachrichten von der Hauptſtadt zu haben wünſchte, und erwiederte mit ſanfterem Tone: „Ja, mein Herr.“ „Sollt Ihr nicht im Wappen von England wohnen?“ „Ja, mein Herr!“ „Seid Ihr nicht mit einer Sendung von Seiner Eminenz, dem Herrn Cardinal von Mazarin, beauf⸗ tragt?“ „Ja, mein Herr.“ „Dann habt Ihr mit mir zu thun,“ ſprach der junge Mann;„ich bin Herr Mordaunt.“ „Ah!“ fagte d'Artagnan ganz leiſe,„derjenige, von welchem mir Athos ſagt, ich ſolle ihm miß⸗ trauen.“ „Ah!“ murmelte Porthos,„derjenige, von wel⸗ chem Aramis ſchreibt, ich ſolle ihn erdroſſeln.“ Beide ſchauten den jungen Mann aufmerkſam an. Dieſer täuſchte ſich in dem Ausdrucke ihres Blickes. „Solltet Ihr an meinem Worte zweifeln?“ ſagte er;„ich bin in dieſem Falle bereit, Euch jeden Be⸗ weis zu liefern.“ 8 „Nein, mein Herr,“ antwortete d'Artagnan,„wir find zu Euerer Verfügung.“ „Wohl, meine Herren,“ ſprach Mordaunt,„wir werden ungeſäumt abreiſen. Es iſt heute der ietzte 221 Tag der Friſt, die der Herr Cardinal von mir gefor⸗ dert hatte. Mein Schiff iſt bereit, und wenn Ihr nicht gekommen wäret, ſo würde ich ohne Euch abgee⸗ gangen ſein, denn der General Oliver Cromwell muß meine Rückkehr mit Ungeduld erwarten.“ „Ah, ah,“ ſagte d'Artagnan,„wir ſind alſo an den General Oliver Cromwell abgeſandt? 9„Habt Ihr keinen Brief für ihn?“ fragte der junge Mann... „Ich habe einen Brief, deſſen doppelten Umſchlag ich erſt in London erbrechen ſollte. Da Ihr mir aber ſagt, an wen er adreſſirt iſt, ſo halte ich es für un⸗ nöthig, bis dort zu warten.“ D'Artagnan zerriß den Umſchlag des Briefes. Er war in der That adreſſirt: „An Herrn Oliver Cromwell, General der Trup⸗ pen der engliſchen Nation.“ „Ah!“ murmelte d'Artagnan,„ein ſonderbarer Auftrag.“ „Wer iſt dieſer Oliver Cromwell?“ fragte Porthos 591 e. „Ein ehemaliger Bierbrauer,“ antwortete d'Ar⸗ tagnan.. „Will etwa Mazarin eine Spekulation mit Bier machen, wie wir eine mit Stroh gemacht haben?“ fragte Porthos. 3 „Vorwärts, meine Herren,“ ſprach Mordaunt un⸗ geduldig,„gehen wir.“ „Oh, oh!“ rief Porthos,„ohne Abendbrod? kann Herr Cromwell nicht ein wenig warten?“ „Ja, aber ich..“ verſetzte Mordaunt. „Nun, Ihr?. ſagte Porthos.. „Ich habe Eile.“ „Oh, wenn es Euretwegen geſchehen ſoll!“ rief Porthos,„das geht mich nichts an, und ich werde mit Euerer Erlaubniß oder ohne dieſelbe zu Nacht ſpeiſen.“ d„ — 221 ickt Tag der Friſt, die der Herr Cardinal von mir gefor⸗ dert hatte. Mein Schiff iſt bereit, und wenn Ihr nicht gekommen wäret, ſo würde ich ohne Euch abge⸗ gangen ſein, denn der General Oliver Cromwell muß ich meine Rückkehr mit Ungeduld erwarten.“ „Ah, oh,“ ſagte d'Artagnan,„wir ſind alſo an auf den General Oliver Cromwell abgeſandt?“ Ihr 3„Habt Ihr keinen Brief für ihn?“ fragte der junge ann. der„Ich habe einen Brief, deſſen doppelten Umſchlag ind ich erſt in London erbrechen ſollte. Da Ihr mir aber ſagt, an wen er adreſſirt iſt, ſo halte ich es für un⸗ nöthig, bis dort zu warten.“ ind DArtagnan zerriß den Umſchlag des Briefes. Er war in der That adreſſirt: „An Herrn Oliver Cromwell, General der Trup⸗ ner pen der engliſchen Natton.“ uf⸗„Ah!“ murmelte vArtagnan,„ein ſonderbarer Auftrag.“ „Wer iſt dieſer Oliver Cromwell?“ fragte Porthos der leiſe. „Ein ehemaliger Bierbrauer,“ antwortete v'Ar⸗ ige, tagnan. iß⸗„Will etwa Mazarin eine Spekulativn mit Bier machen, wie wir eine mit Stroh gemacht haben?“ el⸗ fragte Porthos. „Vorwärts, meine Herren,“ ſprach Mordaunt un⸗ an. geduldig,„gehen wir.“ res„Oh, oh!“ rief Porthos,„ohne Abendbrod? kann eerr Cromwell nicht ein wenig warten?“ gte„Ja, aber ich„ verſeßte Mordaunt. Be⸗„Nun, Ihr. ſagte Porthos. „Ich habe Eile.“ wir„Oh, wenn es Euretwegen geſchehen ſoll!“ rief Portbos,„das geht mich nichts an, und ich werde wir mit Euerer Erlaubniß oder ohne dieſelbe zu Nacht etzte ſpeiſen.“ Der ſchwankende Blick des jungen Mannes ent⸗ flammte ſich und ſchien bereit, einen Blitz zu ſchleu⸗ vern, 355 er bezähmte ſich. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„man muß hungerige Reiſende entſchuldigen. Ueberdies wird Euch unſer Abendbrod nicht lange aufhalten, wir reiten raſch bis zu dem Gaſthauſe. Geht zu Fuße nach dem Hafen, wir eſſen einen Biſſen, und find beinahe zu gleicher Zeit mit Euch dort.“ „Wie es Euch gefällt, meine Herren, wenn wir nur reiſen,“ verſetzte Mordaunt. „Das iſt ein Glück,“ murmelte Porthos. „Der Name des Schiffes?“ fragte d'Artagnan. „Der Standard.“ „Gut, in einer halben Stunde ſind wir am Bord.“ Und Beide gaben ihren Pferden die Sporen und üten nach dem Gaſthofe zum„Wappen von Eng⸗ and.“ „Was ſagt Ihr zu dieſem jungen Menſchen?“ fragte d'Artagnan während des ſcharfen Rittes. „Ich ſage, daß er mir nicht im Geringſten be⸗ hagt,“ erwiederte Porthos,„und daß ich das größte Gellüſſte in mir ſpürte, den Rath von Aramis zu be⸗ folgen.“ „Davor hütet Euch wohl, mein lieber Porthos; dieſer Menſch iſt ein Abgeſandter des General Crom⸗ well, und ich glaube, wir würden uns einen erbärm⸗ lichen Empfang bereiten, wenn wir dem General mel⸗ de zenn⸗„ wir hätten ſeinem Vertrauten den Hals umge⸗ dre „Gleichviel,“ verſetzte Porthos;„ich habe immer wahrgenommen, daß Aramis ein Mann von gutem Rathe iſt.“ 4 „Hört,“ ſprach d Artagnan,„wenn unſere Bot⸗ ſſchaft beendigt iſt... „Hernach? 2 Der ſchwankende Blick des jungen Mannes ent⸗ flammte ſich und ſchien bereit, einen Blitz zu ſchlen⸗ dern, aber er bezähmte ſich. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„man muß hungerige Reiſende entſchuldigen. Ueberdies wird Euch unſer Abendbrod nicht lange aufhalten, wir reiten raſch bis zu dem Gaſthauſe. Geht zu Fuße nach dem Hafen, wir eſſen einen Biſſen, und ſind beinahe zu gleicher Zeit mit Euch dort.“ „Wie es Euch gefällt, meine Herren, wenn wir nur reiſen,“ verſetzte Mordaunt. „Das iſt ein Glück“ murmelte Porthos. „Der Name des Schiffes?“ fragte d'Artagnan. „Der Standard.“ „Gut, in einer halben Stunde ſind wir am Bord.“ Und Beide gaben ihren Pferden die Sporen und nach dem Gaſthofe zum„Wappen von Eng⸗ and.“ „Was ſagt Ihr zu dieſem jungen Menſchen 2 fragte d'Artagnan während des ſcharfen Rittes. „Ich ſage, daß er mir nicht im Geringſten be⸗ hagt,“ erwiederte Porthos,„und daß ich vas größte Gelüſte in mir ſpürte, den Rath von Aramis zu be⸗ folgen.“ „Davor hütet Euch wohl, mein lieber Porthos; vieſer Menſch iſt ein Abgeſandter des General Crom⸗ well, und ich glaube, wir würden uns einen erbärm⸗ lichen Empfang bereiten, wenn wir dem General mel⸗ wir hätten ſeinem Vertrauten den Hals umge⸗ dreht. „Gleichviel,“ verſetzte Porthos;„ich habe immer wahrgenommen, daß Aramis ein Mann von gutem Rathe iſt.“ „Hört,“ ſprach d'Artagnan,„wenn unſere Bot⸗ ſchaft beendigt iſt„ „Hernach?“ — —„——„ S t G S — 223 „Wenn er uns nach Frankreich zurückführt....“ „Nun?“ 3 „Nun, wir werden ſehen.“— Die zwei Freunde gelangten hienach zu dem Gaſt⸗ hofe zum Wappen von England, wo ſie mit gro⸗ ßem Appetit zu Nacht ſpeiſten, und begaben ſich dann ungeſäumt nach dem Hafen. Eine Brigg war bereit, unter Segel zu gehen, und auf dem Verdecke dieſer Brigg erkannten ſie Mor⸗ daunt, welcher ungeduldig auf und ab ging. „Es iſt unglaublich,“ ſprach d'Artagnan, während ſie die Barke an Bord des Standard führte,„es iſt erſtaunlich, wie ſehr dieſer junge Mann irgend Jemand gleicht, den ich gekannt habe, doch ich vermag nicht zu ſagen, wem.“— Sie gelangten zu der Treppe und waren einen Augenblick nachher eingeſchifft. Aber das Einſchiffen der Pferde dauerte etwas länger, als das der Menſchen und die Brigg konnte erſt um acht Uhr Abends die Anker lichten. Der junge Mann zitterte vor Ungeduld und be⸗. fahl, die Maſten mit Segeln zu bedecken. 3 Kreuzlahm von drei ſchlafloſen Nächten und einem ununterbrochenen Ritte von ſiebenzig Lieues zog ſich Porthos in die Kajüte zurück und ſchlief. D Artagnan überwand ſeinen Widerwillen gegen Mordaunt, ging mit ihm auf dem Verdecke auf und ab und gab hundert Geſchichten zum Beſten, um ihn zum Sprechen zu bringen. Mousqueton hatte die Seekrankheit. „ nt⸗ u⸗ muß ten em zu wir am und ng⸗ 1 2 be⸗ ößte be⸗ os; om⸗ rm⸗ mel⸗ nge⸗ mer tem Bot⸗ 223 „Wenn er uns nach Frankreich zurückführt„ „Nun?“ „Nun, wir werden ſehen.“ Die zwei Freunde gelangten hienach zu dem Gaſt⸗ hofe zum Wappen von England, wo ſie mit gro⸗ ßem Appetit zu Racht ſpeiſten, und begaben ſich dann ungeſäumt nach dem Hafen. Eine Brigg war bereit, unter Segel zu gehen, und auf dem Verdecke dieſer Brigg erkannten ſie Mor⸗ daunt, welcher ungeduldig auf und ab ging. „Es iſt unglaublich,“ ſprach d'Artagnan, während fie die Barke an Bord des Standard führte,„es iſt erſtaunlich, wie ſehr dieſer junge Mann irgend Jemand gleicht, den ich gekannt habe, doch ich vermag nicht zu ſagen, wem.“ 4 Sie gelangten zu der Treppe und waren einen Augenblick nachher eingeſchifft. Aber das Einſchiffen der Pferde dauerte etwas länger, als das der Menſchen und die Brigg konnte erſt um acht Uhr Abends die Anker lichten. Der junge Mann zitterte vor Ungeduld und be⸗ fahl, die Maſten mit Segeln zu bedecken. Kreuzlahm von drei ſchlafloſen Nächten und einem ununterbrochenen Ritte von fiebenzig Lieues zog ſich Porthos in die Kajüte zurück und ſchlief. 3 „ DArtagnan überwand ſeinen Widerwillen gegen Mordaunt, ging mit ihm auf dem Verdecke auf und ab und gab hundert Geſchichten zum Beſten, um ihn zum Sprechen zu bringen. Mousqueton hatte die Seekrankheit. XVI. Der Schotte treulos gegen Eid und Ehr, Gibt ſeinen König um einen Pfennig her. Und nun müſſen unſere Leſer den Standard ruhig, nicht gegen London, wohin d'Artagnan und Por⸗ thos zu gehen glaubten, ſondern gegen Durham ſchwim⸗ men laſſen, wohin Briefe, welche Mordaunt während ſeines Aufenthaltes in Boulogne erhielt, dieſen be⸗ ſchieden hatten, und uns in das royaliſtiſche Lager an der Tyne, unfern von der Stadt Newcaſtle, folgen. Hier zwiſchen zwei Flüſſen, an der Gränze von 4 Schottland, aber auf engliſchem Boden, breiten fich die Zelte eines kleinen Heeres aus. Es iſt Mitternacht. Männer, die man an ihren nackten Beinen, an ihren kurzen Röcken, an ihren buntſcheckigen Plaids und an f der Feder, welche ihre Mütze ziert, als Hochländer er⸗ kennt, halten nachläßig Wache. Der Mond beleuchtet durch dicke Wolken gleitend bei jedem Zwiſchenraume, den er auf ſeinem Wege findet, die Musketen der Schildwachen und hebt kräftig die Mauern, Dächer und Thürme der Stadt hervor, die Karl I. den Trup⸗ pen des Parlaments ⸗übergeben hat, gerade wie Ox⸗ ford und Newors, welche Städte in der Hoffnung auf einen Vergleich noch an ihm hielten. An einem der Enden dieſes Lagers, bei einem ungeheuern Zelte, das voll von Officieren iſt, die un⸗ 8S ter dem Vorſitze des alten Grafen von Lewen, ihres Anführers, berathſchlagen, ſchläft ein Menſch in Reitern kracht auf dem Raſen, die Hand an ſein Schwert elegt. 4 E 8 esunfzig Schritte von da plaudert ein anderer Maeenſch, ebenfalls in Reitertracht, mit einer ſchottiſchen XVI. Ver Schotte treulos gegen Eid und Ehr, Gibt ſeinen Rönig um einen Pfennig her. Und nun müſſen unſere Leſer den Standard ruhig, nicht gegen London, wohin d'Artagnan und Por⸗ thos zu gehen glaubten, ſondern gegen Durham ſchwim⸗ men laſſen, wohin Briefe, welche Mordaunt während ſeines Aufenthaltes in Boulogne erhielt, dieſen be⸗ ſchieven hatten, und uns in das royaliſtiſche Lager an der Tyne, unfern von der Stadt Neweaſtle, folgen. Hier zwiſchen zwei Flüſſen, an der Gränze von Schottland, aber auf engliſchem Boden, breiten ſich die Zelte eines kleinen Heeres aus. Es iſt Mitternacht. Männer, die man an ihren nackten Beinen, an ihren kurzen Röcken, an ihren buntſcheckigen Plaids und an der Feder, welche ihre Mütze ziert, als Hochländer er⸗ kennt, halten nachläßig Wache. Der Mond beleuchtet durch dicke Wolken gleitend bei jedem Zwiſchenraume, den er auf ſeinem Wege findet, die Musketen der Schildwachen und hebt kräftig die Mauern, Dächer und Thürme der Stadt hervor, die Karl I. den Trup⸗ pen des Parlaments übergeben hat, gerade wie Or⸗ ford und Newors, welche Städte in der Hoffnung auf einen Vergleich noch an ihm hielten. An einem der Enden dieſes Lagers, bei einem ungeheuern Zelte, das voll von Officieren iſt, die un⸗ ter dem Vorſitze des alten Grafen von Lewen, ihres Anführers, berathſchlagen, ſchläft ein Menſch in Reiter⸗ tracht auf dem Raſen, die Hand an ſein Schwert gelegt. gunßzig Schritte von da plaudert ein anderer Menſch, ebenfalls in Reitertracht, mit einer ſchottiſchen urd or⸗ im⸗ end be⸗ an von ſich ſcht. an er⸗ htet me, der icher rup⸗ Or⸗ auf nem un⸗ hres iter⸗ wert erer chen 225 Wache, und obgleich ein Fremder, ſcheint er doch hin⸗ reichend an die engliſche Sprache gewöhnt, um die Antworten zu verſtehen, die ihm der Andere im Patvis der Grafſchaft Perth gibt. Als es ein Uhr des Morgens in der Stadt New⸗ caſtle ſchlug, erwachte der Schläfer, und nachdem er alle Geberden eines Menſchen gemacht hatte, der die Augen nach tiefem Schlafe öffnet, ſchaute er aufmerk⸗ ſam um ſich her, ſtand auf, da er ſich allein ſah, machte einen Umweg und ging an dem Reiter vorbei, der mit der Schildwache plauderte. Dieſer hatte ohne Zweifel ſeine Fragen beendigt, denn nach einem Au⸗ genblick nahm er Abſchied von der Wache und ſchlug, als ob es abſichtslos geſchehen würde, denſelben Weg ein, den wir den erſten Reiter haben gehen ſehen. Im Schatten eines an der Straße aufgeſchlage⸗ nen Zeltes erwartete ihn der Andere. „Nun, mein lieber Freund 20 ſagte er im reinſten Franzöſiſch, das je von Rouen bis Tours geſprochen worden iſt.“ „Mein Freund, es iſt keine Zeit zu verlieren, man muß den König benachrichtigen.“ „Was geht denn vor?“ „Es wäre zu lang, um es Euch zu ſagen. Ueber⸗ dieß werdet Ihr es ſogleich hören. Hier geſprochen, kann das geringſte Wort Alles verderben. Wir wollen Mylord von Winter aufſuchen.“ Und Beide wanderten nach dem entgegengeſetzten Ende des Lagers. Da aber das Lager nicht mehr als eine Oberfläche von fünfhundert Quadratſchritten be⸗ deckte, ſo waren ſie bald bei dem Zelte desjenigen, welchen ſie ſuchten, angelangt. „Schläft Euer Herr, Tomy?“ fragte in engliſcher prache einer von den zwei Reitern den Diener, der in einer als Vorzimmer benützten erſten Abthei⸗ lung des Zeltes lag. Zwanzig Jahre nachher. m. 15 226 „‚Mein, Herr Graf,“ antwortete der Lackei,„ich glaube nicht, es müßte denn erſt ſeit ganz kurzer Zeit der Fall ſein, denn er iſt mehr als zwei Stunden, nachdem er den König verlaſſen, umhergegangen, und das Geräuſch ſeiner Tritte hat vor kaum zehn Minu⸗ ten aufgehört; übrigens könnt Ihr ſelbſt ſehen,“ fügte er den Vorhang aufhebend bei. Von Winter ſaß wirklich vor einer wie ein Fen⸗ ſter angebrachten Oeffnung, welche die Nachtluft ein⸗ dringen ließ, und folgte ſchwermüthig mit den Augen dem, wie wir ſo eben ſagten, unter ſchweren, ſchwar⸗ zen Wolken hinziehenden Monde. 3 Die zwei Freunde näherten ſich dem Lord, der den Kopf auf ſeine Hand geſtützt den Himmel an⸗ ſchaute; er hörte ſie nicht kommen und verharrte in derſelben Haltung bis zu dem Augenblicke, wo er fühlte, daß eine Hand auf ſeine Schulter gelegt wurde. Dann wandte er ſich um, erkannte Athos und Aramis und reichte ihnen die Hand. „Habt Ihr bemerkt,“ ſagte er zu ihnen,„wie der Mond dieſen Abend blutfarbig iſt?“ „Nein,“ erwiederte Athos,„er kam mir wie ge⸗ woöhnlich vor.“ „Schaut ihn an,“ verſetzte Lord Winter. „Ich geſtehe Euch,“ antwortete Aramis,„es geht mir wie dem Grafen de la Fore, ich ſehe nichts Be⸗ ſonderes daran.“ „Graf,“ ſprach Athos,„in einer ſo precären Lage, wie die unſere iſt, muß man die Erde prüfend betrach⸗ ten, und nicht den Himmel. Habt Ihr unſere Schott⸗ länder beobachtet und ſeid Ihr derſelben ſicher?“ „Die Schottländer?“ fragte Lord Winter;„welche Schottländer?“ —„Die unſeren, bei Gott! diejenigen, welchen der König ſich anvertraut hat. Die Schotten des Grafen von Lewen.“ 8 „Nein,“ erwiederte von Winter, und er fügte 226 „Nein, Herr Graf,“ antwortete der Lackei,„ich glaube nicht, es müßte denn erſt ſeit ganz kurzer Zeit der Fall ſein, denn er iſt mehr als zwei Stunden, nachdem er den König verlaſſen, umhergegangen, und das Geräuſch ſeiner Tritte hat vor kaum zehn Minu⸗ ten aufgehört; übrigens könnt Ihr ſelbſt ſehen,“ fügte er den Vorhang aufhebend bei. Von Winter ſaß wirklich vor einer wie ein Fen⸗ ſter angebrachten Oeffnung, welche die Nachtluft ein⸗ dringen ließ, und folgte ſchwermüthig mit den Angen dem, wie wir ſo eben ſagien, unter ſchweren, ſchwar⸗ zen Wolken hinziehenden Monde. Die zwei Freunde näherten ſich dem Lord, der den Kopf auf ſeine Hand geſtützt den Himmel an⸗ ſchaute; er hörte ſie nicht kommen und verharrte in derſelben Haltung bis zu dem Augenblicke, wo er fühlte, daß eine Hand auf ſeine Schulter gelegt wurde. Dann wandte er ſich um, erkannte Athos und Aramis und reichte ihnen die Hand. „Habt Ihr bemerkt,“ ſagte er zu ihnen,„wie der Mond dieſen Abend blutfarbig iſt?“ „Nein,“ erwiederte Athos,„er kam mir wie ge⸗ wöhnlich vor.“ „Schaut ihn an,“ verſetzte Lord Winter. „Ich geſtehe Euch,“ antwortete Aramis,„es geht mir wie dem Grafen de la Fere, ich ſehe nichts Be⸗ ſonderes daran.“ „Graf,“ ſprach Athos,„in einer ſo precären Lage, wie die unſere iſt, muß man die Erde prüfend betrach⸗ ten, und nicht den Himmel. Habt Ihr unſere Schott⸗ länder beobachtet und ſeid Ihr derſelben ſicher?“ „Die Schottländer?“ fragte Lord Winter;„welche Schottländer?“ „Die unſeren, bei Gott! diejenigen, welchen der König ſich anvertraut hat. Die Schotten des Grafen von Lewen.“ „Nein,“ erwiederte von Winter, und er fügte zut ber nig nen ein ner 227 dann bei:„Sagt mir, Ihr ſeht alſo nicht, wie ich, die röthliche Tinte, welche den Himmel bedeckt?„ „Ganz und gar nicht,“ antworteten gleichzeitig Athos und Aramis, „Sagt mir,“ fuhr der Lord ſtets mit demſelben Gedanken beſchäftigt fort,„iſt es nicht eine Sage in Frankreich, daß am Vorabend des Tages, an welchem er ermordet wurde, Heinrich IV., der mit Herrn von Baſſompierre Schach ſpielte, Blutflecken auf dem Schach⸗ brette ſah?“ „Ja/“ ſprach Athos,„der Marſchall hat es mir oftmals ſelbſt erzählt.“ „So iſt es,“ murmelte von Winter,„und am andern Tage wurde Heinrich IV. ermordet.“ „Aber in welchem Zuſammenhang ſteht dieſe Viſion von Heinrich IV. mit uns, Graf?“ fragte Aramis. „In keinem, meine Herren, und ich bin in der That ein Thor, daß ich Euch mit ſolchen Dingen un⸗ terhalte, während Euere Erſcheinung in meinem Zelte zu dieſer Stunde mir ankündigt, das Ihr irgend eine wichtige Neuigkeit zu überbringen habt.“ „Ja, Mylord,“ verſetzte Athos,„ich wünſchte den König zu ſprechen.“ „Den König? Er ſchläft.”“ „Ich habe ihm Dinge von großem Belang mit⸗ zutheilen.“ 3 „Läßt ſich die Sache nicht auf morgen verſchieben?“ „Er muß es ſogleich erfahren, und vielleicht iſt es bereits zu ſpät.“ „Gehen wir hinein, meine Herren.“ Das Zelt von Lord Winter war neben dem kö⸗ niglichen; eine Art von Corridor führte von dem ei⸗ nen in das andere. Dieſer Corridor wurde nicht von einem Soldaten, ſondern von einem vertrauten Die⸗ ner von Karl I. bewacht. „Dieſe Herren gehören zu mir,“ ſprach der Lord. * „ich Zeit den, und inu⸗ ägte en⸗ ein⸗ var⸗ — 227 dann bei:„Sagt mir, Ihr ſeht alſo nicht, wie ich, die röthliche Tinte, welche den Himmel bedeckt?“ „Ganz und gar nicht,“ antworteten gleichzeitig Athos und Aramis. „Sagt mir,“ fuhr der Lord ſtets mit demſelben Gedanken beſchäftigt fort,„iſt es nicht eine Sage in Frankreich, daß am Vorabend des Tages, an welchem er ermordet wurde, Heinrich IV., der mit Herrn von Baſſompierre Schach ſpielte, Blutflecken auf dem Schach⸗ brette ſah?“ „Ja,“ ſprach Athos,„der Marſchall hat es mir oftmals ſelbſt erzählt.“ „So iſt es,“ murmelte von Winter,„und am andern Tage wurde Heinrich IV. ermordet.“ „Aber in welchem Zuſammenhang ſteht dieſe Viſion von Heinrich W. mit uns, Graf?“ fragte Aramis. „In keinem, meine Herren, und ich bin in der That ein Thor, daß ich Euch mit ſolchen Dingen un⸗ terhalte, während Euere Erſcheinung in meinem Zelte zu dieſer Stunde mir ankündigt, daß Ihr irgend eine wichtige Neuigkeit zu überbringen habt.“ „Ja, Mylord,“ verſetzte Athos,„ich wünſchte den König zu ſprechen.“ „Den König? Er ſchläft.“ „Ich habe ihm Dinge von großem Belang mit⸗ zutheilen.“ „Läßt ſich die Sache nicht auf morgen verſchieben?“ „Er muß es ſogleich erfahren, und vielleicht iſt es bereits zu ſpät.“ „Gehen wir hinein, meine Herren.“ Das Zelt von Lord Winter war neben dem kö⸗ niglichen; eine Art von Corridor führte von dem ei⸗ nen in das andere. Dieſer Corridor wurde nicht von einem Soldaten, ſondern von einem vertrauten Die⸗ ner von Karl I. bewacht. „Dieſe Herren gehören zu mir,“ ſprach der Lord. N geh 24 228 Der Lackei verbeugte ſich und ließ ſie vorüber⸗ en. Auf einem Feldbette liegend, ein ſchwarzes Wamms auf dem Leibe, ſeine langen Stiefeln an den Beinen, den Gürtel los, den Hut neben ſich, war König Karl wirklich, einem unwiderſtehlichen Bedürfniß nachgebend, eingeſchlafen. Die drei Männer ſchritten vorwärts; Athos, welcher vorausging, betrachtete einen Au⸗ genblick ſtillſchweigend das edle, ſo bleiche Antlitz, um⸗ rahmt von langen ſchwarzen Haaren, welche der Schweiß eines unruhigen Schlummers an ſeine Schläfe klebte, und marmorartig durchzogen von dicken blauen Adern, die unter ſeinen müden Augen von Thränen aufgeſchwollen zu ſein ſchienen. Athos ſtieß einen tiefen Seufzer aus; dieſer Seuf⸗ er erweckte den König, einen ſo leichten Schlaf zcuief er. ¹*Er ſchlug die Augen auf. „Ah!“ ſagte er, ſich auf den Ellenbogen erhebend, „Ihr ſeid es, Graf de la Fère?“ „Ja, Sire,“ antwortete Athos. „Ihr wacht, während ich ſchlafe, und Ihr bringt mir irgend eine Neuigkeit?“ „Ach! Sire,“ erwiederte Athos,„Euere Majeſtät hat richtig errathen.“ „Dann iſt die Nachricht ſchlecht,“ ſprach der Kö⸗ nig ſchwermüthig lächelnd. 7 „Ja, Sire. „Gleichviel, der Bote iſt willkommen, und Ihr könnt nicht bei mir erſcheinen, ohne mir ſtets Vergnü⸗ gen zu machen, Ihr, deſſen Ergebenheit weder Vater⸗ land, noch Unglück kennt, Ihr, der Ihr mir von Hen⸗ riette geſchickt ſeid.. was auch die Nachricht ſein mag, die Ihr mir überbringt, ſprecht unumwunden.“ „Sire, Herr Cromweil iſt in dieſer Nacht in Newcaſtle eingetroffen.“ „Ab!“ rief der König,„um mich zu bekämpfen.“ 228 Der Lackei verbeugte ſich und ließ ſie vorüber⸗ gehen. Auf einem Feldbette liegend, ein ſchwarzes Wamms auf dem Leibe, ſeine langen Stiefeln an den Beinen, den Gürtel los, den Hut neben ſich, war König Karl wirklich, einem unwiderſtehlichen Bedürfniß nachgebend, eingeſchlafen. Die drei Männer ſchritten vorwärts; Athos, welcher vorausging, betrachtete einen Au⸗ genblick ſtillſchweigend das edle, ſo bleiche Antlitz, um⸗ rahmt von langen ſchwarzen Haaren, welche der Schweiß eines unruhigen Schlummers an ſeine Schläfe klebte, und marmorartig durchzogen von dicken blauen Adern, die unter ſeinen müden Augen von Thränen aufgeſchwollen zu ſein ſchienen. Athos ſtieß einen tiefen Seufzer aus; dieſer Seuf⸗ z. erweckte den König, einen ſo leichten Schlaf chlief er. Er ſchlug die Augen auf. „Ah!“ ſagte er, ſich auf den Ellenbogen erhebend, „Ihr ſeid es, Graf de la Fère?“ „Ja, Sire,“ antwortete Athos. „Ihr wacht, während ich ſchlafe, und Ihr bringt mir irgend eine Neuigkeit?“ „Achl Sire,“ erwiederte Athos,„Euere Majeſtät hat richtig errathen.“ „Dann iſt die Nachricht ſchlecht,“ ſprach der Kö⸗ nig ſchwermüthig lächelnd. „Ja, Sire.“ „Gleichviel, der Bote iſt willkommen, und Ihr könnt nicht bei mir erſcheinen, ohne mir ſtets Vergnü⸗ gen zu machen, Ihr, deſſen Ergebenheit weder Vater⸗ land, noch Unglück kennt, Ihr, der Ihr mir von Hen⸗ riette geſchickt ſeid was auch die Nachricht ſein mag, die Ihr mir überbringt, ſprecht unumwunden.“ „Sire, Herr Cromwell iſt in dieſer Nacht in Neweaſtle eingetroffen.“ „Ah!“ rief der König,„um mich zu bekämpfen.“ — 229 „Nein, um Euch zu kaufen.“ „Was ſagt Ihr? „Ich ſage, daß man dem ſchottiſchen Heere vier⸗ malhunderttauſend Pfund Sterlinge ſchuldig iſt.“ „An rückſtändigem Solde, ja, ich weiß es. Seit beinahe einem Jahre ſchlagen ſich meine braven und getreuen Schotten für die Ehre.“ Athos lächelte. „Wohl, Sire, obgleich die Ehre etwas Schönes iſt, ſo ſind ſie doch müde geworden, ſich für dieſelbe zu ſchlagen, und haben Euch in dieſer Nacht für zwei⸗ malhunderttauſend Pfund Sterlinge verkauft, das heißt für die Hälfte von dem, was man ihnen ſchuldig war.“ „Unmöglich!“ rief der König;„die Schotten ver⸗ kaufen ihren König nicht um zweimalhunderttauſend Pfund Sterlinge!? „Die Juden haben ihren Gott um dreißig Sil⸗ berlinge verkauft.“ d „Und wer iſt der Judas, der dieſen ſchändlichen Handel gemacht hat?“ „Der Graf von Lewen.“ „Wißt Ihr es gewiß?“ „Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als ob ſein Herz brechen wollte, und ließ ſein Haupt in ſeine Hände fallen. „ Ahl die Schotten!“ rief er,„die Schotten, die ich meine Treuen nannte! die Schotten, denen ich mich anvertraute, während ich nach Orxford fliehen konnte! die Schotten, meine Landsleute! die Schotten, meine Brüder! Seid Ihr Euerer Sache auch gewiß, mein Herr?“ 3 „Hinter dem Zelte des Grafen von Lewen, deſſen Leinwand ich aufhob, ſcheinbar im Schlafe liegend, habe ich Alles geſehen, Alles gehört.,.. „Und wann ſoll dieſer abſcheuliche Hundel voll⸗ zogen werden?““ ber⸗ nms nen, Karl end, irts; Au⸗ um⸗ der hläfe auen änen euf⸗ chlaf end, ringt jeſtät Kö⸗ Ihr gnü⸗ ater⸗ Hen⸗ ſein n.“ t in fen.“ 2²9 „Nein, um Euch zu kaufen.“ „Was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, daß man dem ſchottiſchen Heere vier⸗ malhunderttauſend Pfund Sterlinge ſchuldig iſt.“ „An rückſtändigem Solde, ja, ich weiß es. Seit beinahe einem Jahre ſchlagen ſich meine braven und getreuen Schotten für die Ehre.“ Athos lächelte. „Wohl, Sire, obgleich die Ehre etwas Schönes iſt, ſo find ſie doch müde geworden, ſich für dieſelbe zu ſchlagen, und haben Euch in dieſer Nacht für zwei⸗ malhunderttauſend Pfund Sterlinge verkauft, das heißt für die Hälfte von dem, was man ihnen ſchuldig war.“ „Unmöglich!“ rief der König;„die Schotten ver⸗ kaufen ihren König nicht um zweimalhunderttauſend Pfund Sterlinge!“ „Die Juden haben ihren Gott um dreißig Sil⸗ berlinge verkauft.“. „Und wer iſt der Judas, der dieſen ſchändlichen Handel gemacht hat?“ „Der Graf von Lewen.“ „Wißt Ihr es gewiß?“ „Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als ob ſein Herz brechen wollte, und ließ ſein Haupt in ſeine Hände fallen. „Ah! die Schotten!“ rief er,„die Schotten, die ich meine Treuen nannte! die Schotten, denen ich mich anvertraute, während ich nach Oxford fliehen konnte! die Schotten, meine Landsleute! die Schotten, meine Brüder! Seid Ihr Euerer Sache auch gewiß, mein Herr?“ „Hinter dem Zelte des Grafen von Lewen, deſſen Leinwand ich aufhob, ſcheinbar im Schlafe liegend, habe ich Alles geſehen, Alles gehört.“ „Und wann ſoll dieſer abſcheuliche Handel voll⸗ zogen werden?“ 230 „Heute, dieſen Morgen. Es iſt daher, wie Euere Majeſtät ſieht, keine Zeit zu verlieren.“ „Warum handeln, da Ihr ſagt, ich ſei verkauft?“ „Um über die Tyne zu ſetzen, um Schottland zu erreichen, um zu Lord Montroſe zu gelangen, der Euch nicht verkaufen wird.“ „Und was ſoll ich in Schottland thun? Einen Parteigängerkrieg anfangen? Ein ſolcher Krieg iſt eines Königs unwürdig.“ „Das Beiſpiel von Robert Bruce ſpricht Euch frei, Sire.“ „Nein! nein! ich kämpfe ſchon zu lange; haben ſie mich verkauft, ſo mögen ſie mich ausliefern, und die ewige Schmach ihres Verrathes falle auf ſie zurück.“ „Sire,“ ſprach Athos,„vielleicht ſoll ein König ſo handeln, nicht aber ein Gatte und Vater. Ich bin im Namen Euerer Gemahlin und Euerer Tochter ge⸗ kommen, und im Namen Euerer Gemahlin und Euerer Tochter und der zwei anderen Kinder, welche Ihr noch in London habt, ſage ich Euch: Lebt, Sire, Gott will es.“ Der König ſtand auf, zog ſeinen Gürtel feſt, ſchnallte ſeinen Degen um und trocknete mit einem Taſchen⸗ tuche ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne ab. „Nun,“ ſagte er,„was iſt zu thun?“ „Sire, habt Ihr beim ganzen Heere ein Regi⸗ ment, auf das Ihr Euch verlaſſen könnt?“ „Winter, baut Ihr auf die Treue des Eurigen?“ fragte der König. „Sire, es ſind nur Menſchen und die Menſchen ſind ſehr ſchwach oder ſehr bösartig geworden. Ich glaube an ihre Treue, aber ich ſtehe nicht dafür; ich würde ihnen mein Leben anvertrauen, aber ich zögere, ihnen das Euerer Majeſtät anzuvertrauen.“— „Wohl!“ ſprach Athos,„in Ermangelung eines Regiments ſind wir drei ergebene Männer, und das genügt. Euere Majeſtät ſteige zu Pferde, begebe ſich 230 „Heute, dieſen Morgen. Es iſt daher, wie Euere Majeſtät ſieht, keine Zeit zu verlieren.“ „Warum handeln, da Ihr ſagt, ich ſei verkauft?“ „Um über die Tyne zu ſetzen, um Schottland zu erreichen, um zu Lord Montroſe zu gelangen, der Euch nicht verkaufen wird.“ „Und was ſoll ich in Schottland thun? Einen Parteigängerkrieg anfangen? Ein ſolcher Krieg iſt eines Königs unwürdig.“ „Das Beiſpiel von Robert Bruce ſpricht Euch frei, Sire.“ „Nein! nein! ich kämpfe ſchon zu lange; haben ſie mich verkauft, ſo mögen ſie mich ausliefern, und die ewige Schmach ihres Verrathes falle auf ſie zurück.“ „Sire,“ ſprach Athos,„vielleicht ſoll ein König ſo handeln, nicht aber ein Gatte und Vater. Ich bin im Namen Euerer Gemahlin und Euerer Tochter ge⸗ kommen, und im Namen Euerer Gemahlin und Euerer Tochter und der zwei anderen Kinder, welche Ihr noch in London habt, ſage ich Euch: Lebt, Sire, Gott will es.“ Der König ſtand auf, zog ſeinen Gürtel feſt, ſchnallte ſeinen Degen um und trocknete mit einem Taſchen⸗ tuche ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne ab. „Nun,“ ſagte er,„was iſt zu thun?“ „Sire, habt Ihr beim ganzen Heere ein Regi⸗ ment, auf das Ihr Euch verlaſſen könnt?“ „Winter, baut Ihr auf die Treue des Eurigen?“ fragte der König. „Sire, es ſind nur Menſchen und die Menſchen find ſehr ſchwach oder ſehr bösartig geworden. Ich glaube an ihre Treue, aber ich ſtehe nicht dafür; ich würde ihnen mein Leben anvertrauen, aber ich zögere, ihnen das Euerer Majeſtät anzuvertrauen.“ „Wohl!“ ſprach Athos,„in Ermangelung eines Regiments ſind wir drei ergebene Männer, und das genügt. Euere Majeſtät ſteige zu Pferde, begebe ſich 7— ——— —$˙———— -+ 8 A A* 99 8 235 8 Frechheit über und zwei Clans Häuptlinge ſcritten von zwei Seiten auf den König zu. 2* 4 „Nun wohl, ja,“ ſagten ſie,„wir haben ver⸗ ſprochen, Schottland und England von demjenigen zu befreien, der ſeit fünfundzwanzig Jahren das Blut und das Gold von Schottland und England trinkt. Wir haben es verſprochen und halten unſer Verſprechen. König Karl Stuart, Ihr ſeid unſer Gefangener.“ Und Beide ſtreckten zu gleicher Zeit die Hand aus, um den König zu ergreifen, aber ehe die Spitze ihrer Finger ſeine Perſon berührten, ftürzten Beide, der eine todt, der andere ohnmächtig, nieder.. Athos hatte den Einen mit der Kolbe ſeiner Pi⸗ ſtole zu Boden geſchlagen, Aramis hatte dem Andern den Degen durch den Leib gerannt. Als ſodann der Graf von Lewen und die andern Häuptlinge erſchrocken vor dieſer unerwarteten Hülfe, die demijenigen, welchen ſie bereits für ihren Gefan⸗ genen hielten, vom Himmel zuzufallen ſchien, zurück⸗ wichen, zogen Athos und Aramis den König aus dem meuteriſchen Zelte, in das ſie ſich ſo unkluger Weiſe gewagt hatten, und alle Drei ſchwangen ſich auf die Pferde, welche die Lakeien bereit hielten, und ritten im Galopp nach dem königlichen Zelte zurück.— Im Vorüberreiten gewahrten ſie den Grafen von Winter, der an der Spitze ſeines Regimentes herbei⸗ eilt. Der König gab ihm ein Zeichen, ſie zu be⸗ gleiten. XVII. Der Küächer. Alle Vier traten in das Zelt; es war noch kein Plan gemacht, man mußte etwas feſtſtellen. uere ft⸗ d zu Euch inen iſt und ück.“ önig bin ge⸗ terer noch es.“ allte hen⸗ egi⸗ n ſchen 36 ich gere, ines das ſich — 231 in unſere Mitte, wir ſetzen über die Tyne, erreichen Schottland und find gerettet.“ „Iſt das auch Euere Meinung, Winter?“ fragte der König. „Ja, Sire.“ „Und die Euerige, Herr d'Herblay?“ „Ja, Sire.“ „Es geſchehe alſo, wie Ihr wollt. Gebt Befehl, Winter.“ Der Lord entfernte ſich; der König kleidete ſich mittlerweile vollends an. Die erſten Strahlen des Tages begannen durch die Oeffnungen des Zeltes zu dringen, als Lord Winter zurückkehrte. „Alles iſt bereit,“ meldete er. „Und wir?“ fragte Athos. „Grimaud und Blaiſois harren Euerer mit den geſattelten Pferden.“ „Dann wollen wir keinen Augenblick verlieren,“ ſprach Athos. „Laßt uns gehen,“ verſetzte der König. „Sire,“ ſagte Aramis,„benachrichtigt Euere Ma⸗ jeſtät nicht ihre Freunde?“ „Meine Freunde!“ erwiederte Karl l. traurig den Kopf ſchüttelnd,„ich habe noch Euch drei einen Freund von zwanzig Jahren, der mich nie vergeſſen hat, zwei Freunde von acht Tagen, die ich nie ver⸗ geſſen werde. Kommt, meine Herrn, kommt.“ Der König verließ das Zelt und fand ſein Pferd wirklich bereit. Es war ein iſabellfarbiges Roß, das er ſeit drei Jahren ritt und ungemein liebte. Das Thier wieherte vor Vergnügen, als es ihn ſah. „Ah!“ ſprach der König,„ich war ungerecht: hier iſt, wenn auch nicht ein Freund, doch ein Weſen, das 3 Du wirſt mir treu ſein, nicht wahr Ar⸗ thus?“ Und als hätte das Pferd dieſe Worte verſtanden, näherte es ſeine rauchenden Rüſtern dem Geſichte des Der König ſank in einen Lehnſtuhl und rief: „Ich bin verloren!“ „Nein, Sire,“ entgegnete Athos,„Ihr ſeid nur verrathen.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Verrathen, verrathen durch die Schottländer, in deren Mitte ich geboren bin, die ich immer den Eng⸗ ländern vorzog! Ohl die Elenden!“ „Sire,“ ſprach Athos,„es iſt nicht die Stunde zu Klagen und Anſchuldigungen, ſondern der Augen⸗ blick, wo Ihr zeigen müßt, daß Ihr König und Edel⸗ mann ſeid. Erhebt Euch, Sire! denn Ihr habt we⸗ nigſtens hier drei Männer, die Euch nicht verrathen werden,... darüber könnt Ihr unbeſorgt ſein. Ah! wenn wir nur fünf wären,“ murmelte Athos, an d'Artagnan und Porthos denkend. „Was ſagt Ihr?“ fragte Karl aufſtehend. „Ich ſage, Sire, daß es nur ein Mittel gibt. Mylord von Winter bürgt für ſein Regiment, er thut es wenigſtens ſo ungefähr, ſtreiten wir nicht um Worte; er ſtellt ſich an die Spitze ſeiner Leute, wir ſtellen uns an die Seite Seiner Majfeſtät, wir machen eine Oeffnung in die Armee von Cromwell und er⸗ reichen Schottland.“ „Es gäbe noch ein Mittel,“ verſetzte Aramis; „Einer von uns müßte die Kleidung und das Pferd des Königs nehmen. Während man dieſen mit aller Hitze verfolgte, würde der König vielleicht durch⸗ kommen.“ „Der Rath iſt gut,“ ſagte Athos,„und wenn Seine Majeſtät Einem von uns dieſe Ehre erweiſen wollte, ſo würden wir ſehr dankbar dafür ſein.“ „Was iſt Euere Anſicht von dieſem Rathe, My⸗ lord von Winter?“ ſprach der König und ſchaute da⸗ 8 bei voll Bewunderung die zwei Männer an, deren einzige Sorge es war, auf ihr Haupt die Gefahren zu häufen, die ihn bedrohten. 232 Königs, hob ſeine Lippen auf und zeigte voll Freude ſeine weißen Zähne. „Ja, ja,“ ſprach der König, das ſchöne Thier mit der Hand ſtreichelnd;„ja, es iſt gut, Arthus, ich bin zufrieden mit dir.“ Und mit der Behendigkeit, die aus dem König einen der beſten Reiter Europas machte, ſchwang ſich Farl in den Sattel und ſagte, ſich gegen Athos, Ara⸗ mis und den Grafen von Winter umdrehend: „Nun, meine Herren, ich erwarte Euch.“ Aber Athos blieb unbeweglich, ſeine Hand und ſeine Augen nach einer ſchwarzen Linie gerichtet, welche dem Tynefluſſe folgte und ſich doppelt ſo lang als das Lager ausſtreckte. „Was für eine Linie iſt dieß?“ ſprach Athos, dem die letzte Dunkelheit der Nacht, kämpfend mit den erſten Strahlen des Tages, nicht gut zu unterſcheiden ge⸗ ſtattete.„Was bedeutet dieſe Linie? Ich habe ſie geſtern nicht geſehen.“ „Ohne Zweifel iſt es der Nebel, der vom Fluſſe aufſteigt,“ erwiederte der König. „Sire, es iſt etwas Gedrängteres, als ein Dunſt.“ „In der That, es gleicht einer röthlichen Bar⸗ riere,“ verſetzte Winter. „Es iſt der Feind, der von Neweaſtle auszieht und uns umſchließt,“ rief Athos. „Der Feind!“ ſprach der König. „Ja, der Feind. Es iſt zu ſpät. Schaut! dort unter jenem Sonnenſtrahle auf der Seite der Stadi, ſeht Ihr die eiſernen Rippen glänzen?“ So nannte man die Küraſſiere, aus welchen Crom⸗ well ſeine Leibwachen gemacht hatte. „Ah!“ ſprach der König,„wir werden erfahren, ob es wahr iſt, daß mich die Schotten verrathen.“ „Was wollt Ihr thun, Sire?“ rief Athos. „Ihnen Befehl zum Angriff geben und dieſe elen⸗ den Rebellen mit ihnen niedermachen,“ 237 * „Ich denke, Sire, daß wenn es ein Mittel gibt, Euere Majeſtät zu retten, Herr d'Herblay daſſelle vorgeſchlagen hat. Ich bitte alſo Euere Majeſtät unterthänig, ſogleich ihre Wahl zu treffen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Aber willige ich ein, ſo erfolgt dadurch der Tod oder wenigſtens das Gefängniß für denjenigen, wel⸗ cher meinen Platz einnehmen wird.“ „Es entſpringt daraus die Ehre für ihn, ſeinen Kö⸗ nig gerettet zu haben!“ rief der Graf von Winter. Der König ſchaute ſeinen alten Freund mit Thrä⸗ nen in den Augen an, machte das Band des heiligen Geiſt⸗Ordens los, den er trug, um die zwei Franzo⸗ ſen zu ehren, die ihn begleiteten, und ſchlang es um den Hals von Winter, welcher knieend dieſes furcht⸗ bare Zeichen des Vertrauens und der Freundſchaft ſeines Fürſten empfing. „Es iſt richtig,“ ſagte Athos,„er dient ihm län⸗ ger, als wir.“ Der König hörte dieſe Worte, wandte ſich voll Rührung um und ſprach: „Meine Herren, wartet einen Augenblick, ich habe jedem von Euch ebenfalls ein Band zu geben.“ Dann ging er an einen Schrank, in welchem ſeine eigenen Orden eingeſchloſſen waren, und nahm zwei Inſignien des Hoſenbandordens heraus. 209„Dieſe Orden können nicht für uns ſein,“ ſprach os. „Warum nicht, mein Herr?“ verfetzte Karl. „Dieſe Orden find für Könige, und wir find nur einfache Edelleute.“ „Laßt alle Throne der Erde vorüberziehen,“ ſagte der König,„und findet mir größere Herzen, als die Euerigen. Nein, nein, Ihr laßt Euch nicht Gerech⸗ tigkeit widerfahren, meine Herren, aber ich bin da, um dies zu thun. Auf die Kniee, Graf.. Atbos kniete nieder; der König ſchlang ihm das de nit bin nig ſich ra⸗ ind che s em ten ge⸗ ſie iſſe t.“ ar⸗ eht ort dt, en, n⸗ 233 Und der König gab ſeinem Pferde die Sporen und jagte auf das Zeit des Grafen von Lewen zu. „Folgen wir ihm,“ ſprach Athos. „Vorwärts!“ rief Aramis. „Sollte der König verwundet ſein?“ fragte der Graf von Winter.„Ich ſehe Blutflecken auf dem Bo⸗ den.“ Und er ſprengte den zwei Freunden nach. Athos hielt ihn zurück. „Sammelt Euer Regiment,“ ſagte er;„ich ſehe, daß wir deſſelben ſogleich bedürfen werden.“ Der Lord wandte ſein Pferd um, und die zwei Freunde ſetzten ihren Weg fort. In zwei Sekunden hatte der König das Zelt des Grafen von Lewen, des Obergenerals der ſchottiſchen Armee, erreicht. Er ſprang zu Boden und trat ein. Der General befand ſich mitten unter den vor⸗ nehmſten Häuptlingen. „Der König!“ riefen ſie aufſtehend und ſich an⸗ ſchauend. Karl ſtand wirklich vor ihnen, den Hut auf dem Kopfe, die Stirne gefaltet und mit ſeiner Reitpeitſche an ſeine Stiefeln klopfend. „Ja,“ ſprach er,„der König, der Rechenſchaft von Euch über das fordert, was vorgeht.“ „Was geht denn vor, Sire?“ fragte der Graf von Lewen. „Mein Herr,“ ſprach der König, der ſich vom Zorn fortreißen ließ,„der General Cromwell iſt dieſe Nacht in Neweaſtle angekommen; Ihr wußtet es und ich bin davon benachrichtigt; der Feind zieht aus der Stadt und verſperrt uns den Uebergang über die Tyne; Euere Wachen mußten dieſe Bewegung ſehen, und ich bin davon in Kenntniß geſetzt; Ihr habt mich durch einen ſchändlichen Vertrag um zweimalhunderttauſend Pfund Sterlinge an das Parlament verkauft, aber dieſer Vertrag iſt mir wenigſtens bekannt. Das geht 238 Band der Gewohnheit gemäß von der Linken zur Rech⸗ ten um, hob ſein Schwert und ſprach ſtatt der her⸗ kömmlichen Formel: Ich mache Euch zum Ritter, ſeid tapfer, treu und redlich: „Ihr ſeid tapfer, treu und redlich, ich mache Euch zum Ritter, mein Herr Graf.“. Dann ſich an Aramis wendend: „Nun Ihr, Herr Chevalier.“ Und dieſelbe Ceremonie wurde mit denſelben Worten wiederholt, während Winter, von Dienern unterſtützt, ſeinen Panzer losmachte, um eher für den König gehalten zu werden. Als Karl mit Aramis, wie mit Athos geendigt hatte, umarmte er Beide. „Sire,“ ſagte Lord Winter, der im Angeſichte einer großen Entwickelung ſeine ganze Kraft und ſei⸗ nen ganzen Muth wieder gewonnen hatte,„Sire, wir find bereit.“ Der König ſchaute die drei Edelleute an und ſprach „Ich muß alſo fliehen?“ „Durch ein Heer fliehen, nennt man in allen Ländern der Welt angreifen,“ erwiederte Athos. „Ich werde mit dem Schwerte in der Hand ſter⸗ ben,“ rief Karl.„Herr Graf, Herr Chevalier, wenn ich je König bin...“ „Sire, Ihr habt uns bereits mehr geehrt, als es einfachen Edelleuten gebührte; die Dankbarkeit iſt alſo auf unſerer Seite. Aber verlieren wir keine Zeit mehr, denn wir haben bereits nur zu viel verloren.“ Der König reichte allen Dreien zum letzten Male die Hand, vertauſchte ſeinen Hut mit dem von Winter und ging hinaus. Das Regiment von Winter war auf einer Platt⸗ form aufgeſtellt, welche das Lager beherrſchte; der Kö⸗ nig wandte ſich, gefolgt von den drei Freunden, nach der Plattform. 234 vor, meine Herren, antwortet und rechtfertigt Euch, denn ich klage Euch an.“ „Sire,“ ſtammelte der Graf von Lewen,„Sire, Euere Majeſtät wird durch einen falſchen Bericht ge⸗ täuſcht worden ſein“ „Ich habe mit meinen eigenen Augen das feind⸗ liche Heer zwiſchen mir und Schottland ſich ausbreiten ſehen,“ verſetzte Karl,„und ich kann beinahe ſagen ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die Bedingungen des Vertrags berathen wurden.“ Die ſchottiſchen Häuptlinge ſchauten ſich ebenfalls die Stirne faltend an. „Sire,“ murmelte der Graf von Lewen, gebeugt unter dem Gewichte der Schande,„Sire, wir ſind be⸗ reit, Euch jeden Beweis zu geben.“ „Ich verlange nur einen einzigen,“ ſprach der König.„Stellt das Heer in Schlachtordnung auf, und wir marſchiren dem Feinde entgegen.“ „Das kann nicht ſein, Sire,“ erwiederte der Graf. „Wie! es kann nicht ſein! Und warum kann es nicht ſein?“ rief Karl l. „Euere Majeſtät weiß wohl, daß Waffenſtillſtand zwiſchen uns und dem engliſchen Heere ſtattfindet,“ antwortete der Graf. „Wenn Waffenſtillſtand ſtattfindet, ſo hat ihn das engliſche Heer dadurch gebrochen, daß es die Stadt gegen die Uebereinkunft verließ; ich aber ſage Euch, Ihr müßt Euch mit mir durch dieſes Heer ſchlagen und nach Schottland zurückkehren, und wenn Ihr es nicht thut, nun ſo wählt zwiſchen den zwei Namen, die den Menſchen der Verachtung und dem Fluche der andern Menſchen überantworten: entweder ſeid Ihr Feige oder Ihr ſeid Verräther.“ Die Augen der Schottländer flammten, aber fie ingen, wie dies ſo oft bei ſolchen Gelegenheiten ge⸗ chieht, von der äußerſten Scham zu der äußerſten c„„ Das ſchottiſche Lager ſchien endlich erwacht zu ſein; die Leute waren aus ihren Zelten und hatte ſich in Reihe und Glied geſtellt, wie zu einer Schlacht.. „Seht Ihr,“ ſprach der König,„vielleicht be⸗ reuen ſie es und ſind bereit zu marſchiren.“ „Wenn ſie bereuen,“ verſetzte Athos,„ſo werden ſie uns folgen.“ 5 „Wohl, was thun wir?“ fragte der König. „Wir wollen das feindliche Heer beobachten,“ er⸗ wiederte Athos.. Die Augen der kleinen Gruppe hefteten ſich ſo⸗ gleich auf die Linie, die man bei Tagesanbruch für Nebel gehalten hatte, und die nun die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen als ein in Schlachtordnung aufgeſtelltes Heer bezeichneten. Die Luft war rein und durchſichtig, wie es gewöhnlich zu dieſer Morgenſtunde der Fall iſt. Man unterſchied vollkommen die Regimenter, die Frandarten⸗ ſo wie die Farbe der Uniformen und der erde. Dann ſah man auf einem niedrigen Hügel, etwas vor der feindlichen Front, einen kleinen, gedrunge⸗ nen, ſchwerfälligen Mann erſcheinen; dieſer Mann war von einigen Offizieren umgeben. Er richtete ein Augenglas nach der Gruppe, zu welcher der König gehörte. „Kennt dieſer Mann Euere Majeſtät perſönlich?“ fragte Aramis.. Karl erwiederte lächelnd: „Dieſer Mann iſt Cromwell.“ „Dann ſenkt Euern Hut, Sire, damit er die Un⸗ terſchiebung nicht wahrnimmt.“ 1„Ahl ſprach Athos,„wir haben viel Zeit ver⸗ oren. „Nun den Befehl,“ erwiederte der König,„und wir ziehen ab.“ „Gebt Ihr ihn, Sire?“ fragte Athos. ch⸗ re, ge⸗ d⸗ ten die ls ugt be⸗ der uf, raf. es and das tadt uch, gen es nen, Ihr ſie E ſten 235 Frechheit über und zwei Clans Häuptlinge ſchritten von zwei Seiten auf den König zu. „Nun wohl, ja,“ ſagten ſie,„wir haben ver⸗ ſprochen, Schottland und England von demjenigen zu befreien, der ſeit fünfundzwanzig Jahren das Blut und das Gold von Schottland und England trinkt. Wir haben es verſprochen und halten unſer Verſprechen. König Karl Stuart, Ihr ſeid unſer Gefangener.“ Und Beide ſtreckten zu gleicher Zeit die Hand aus, um den König zu ergreifen, aber ehe die Spitze ihrer Finger ſeine Perſon berührten, ſtürzten Beide, der eine todt, der andere ohnmächtig, nieder. Athos hatte den Einen mit der Kolbe ſeiner Pi⸗ ſtole zu Boden geſchlagen, Aramis hatte dem Andern den Degen durch den Leib gerannt. Als ſodann der Graf von Lewen und die andern Häuptlinge erſchrocken vor dieſer unerwarteten Hülfe, die demjenigen, welchen ſie bereits für ihren Gefan⸗ genen hielten, vom Himmel zuzufallen ſchien, zurück⸗ wichen, zogen Athos und Aramis den König aus dem meuteriſchen Zelte, in das ſie ſich ſo unkluger Weiſe gewagt hatten, und alle Drei ſchwangen ſich auf die Pferde, welche die Lakeien bereit hielten, und ritten im Galopp nach dem königlichen Zelte zurück. Im Vorüberreiten gewahrten ſie den Grafen von Winter, der an der Spitze ſeines Regimentes herbei⸗ 3 Der König gab ihm ein Zeichen, ſie zu be⸗ gleiten. XVII. Der Bicher. Alle Vier traten in das Zelt; es war noch kein Plan gemacht, man mußte etwas feßiſtellen. 240 e„Nein, ich ernenne Euch zu meinem General⸗ Lieu tenant,“ ſprach der König. „Hört, alſo, Mylord von Winter,“ ſagte Athos; nentfernt Euch, Sire, ich bitte Euch; was wir ſpre⸗ chen wollen, geht Euere Majeſtät nichts an.“ Der König machte lächelnd drei Schritte rückwärts. „Folgendes iſt mein Vorſchlag,“ fuhr Athos fort: „Wir theilen Euer Regiment in zwei Schwadronen; Ihr ſtellt Euch an die Spitze der erſten; Seine Maje⸗ ſtät und wir ſtellen uns an die Spitze der zweiten; verſperrt uns nichts den Zug, ſo greifen wir alle mit einander an, um die feindliche Linie zu foreiren und uns in die Tyne zu werfen, über die wir ſchwimmend oder watend gelangen; ſtößt uns dagegen ein Hinder⸗ niß auf unſerem Zuge auf, ſo laßt Ihr und Eure Leute Euch bis auf den letzten Mann tödten, wir und der König ſetzen unſern Weg fort; ſind wir einmal am Ufer angelangt, ſo iſt das Weitere unſere Sache; und wären ſie drei Glieder hoch aufgeſtellt, wenn nur Eure Leute ihre Schuldigkeit thun.“ „Zu Pferde,“ rief Lord Winter. „Zu Pferde!“ ſprach Athos,„Alles iſt bedacht und entſchieden.“ „Vorwärts, meine Herren,“ ſagte der König, „vorwärts. Wählen wir das alte Kriegsgeſchrei der Franzoſen: Mon joie et Saint-Denis! Das Kriegs⸗ geſchrei von England wird gegenwärtig von zu vielen Verräthern wiederholt.“ 8 Man ſchwang ſich in den Sattel, der König nahm das Pferd von Winter, Winter das des Königs; Winter ſtellte ſich in das erſte Glied der erſten Schwa⸗ dron, und der König, Athos zu ſeiner Rechten und Aramis zu ſeiner Linken, in das erſte Glied der zweiten. Die ganze ſchottiſche Armee betrachtete dieſe Vor⸗ kehrungen mit der Unbeweglichkeit und dem Still⸗ ſchweigen der Scham. 236 Der König ſank in einen Lehnſtuhl und rief: „Ich bin verloren!“ „Nein, Sire,“ entgegnete Athos,„Ihr ſeid nur verrathen.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Verrathen, verrathen durch die Schottländer, in deren Mitte ich geboren bin, die ich immer den Eng⸗ ländern vorzog! Oh! die Elenden!“ „Sire,“ ſprach Athos,„es iſt nicht die Stunde zu Klagen und Anſchuldigungen, ſondern der Augen⸗ blick, wo Ihr zeigen müßt, daß Ihr König und Edel⸗ mann ſeid. Erhebt Euch, Sire! denn Ihr habt we⸗ nigſtens hier drei Männer, die Euch nicht verrathen werden, darüber könnt Ihr unbeſorgt ſein. Ah! wenn wir nur fünf wären,“ murmelte Athos, an d'Artagnan und Porthos denkend. „Was ſagt Ihr?“ fragte Karl aufſtehend. „Ich ſage, Sire, daß es nur ein Mittel gibt. Mylord von Winter bürgt für ſein Regiment, er thut es wenigſtens ſo ungefähr, ſtreiten wir nicht um Worte; er ſtellt ſich an die Spitze ſeiner Leute, wir ſtellen uns an die Seite Seiner Majeſtät, wir machen eine Oeffnung in die Armee von Cromwell und er⸗ reichen Schottland.“ „Es gäbe noch ein Mittel,“ verſetzte Aramis; „Einer von uns müßte die Kleidung und das Pferd des Königs nehmen. Während man dieſen mit aller Hitze verfolgte, würde der König vielleicht durch⸗ kommen.“ „Der Rath iſt gut,“ ſagte Athos,„und wenn Seine Majeſtät Einem von uns dieſe Ehre erweiſen wollte, ſo würden wir ſehr dankbar dafür ſein.“ „Was iſt Euere Anſicht von dieſem Rathe, My⸗ lord von Winter?“ ſprach der König und ſchaute da⸗ bei voll Bewunderung die zwei Männer an, deren einzige Sorge es war, auf ihr Haupt die Gefahren zu häufen, die ihn bedrohten. —— . 1r-——— n.— 241 Man ſah, wie einige Häuptlinge aus den Glie⸗ dern hervortraten und ihre Schwerter zerbrachen.— „Das tröſtet mich,“ ſagte der König,„ich ſehe, daß nicht Alle Verräther ſind.“ 3 In dieſem Augenblick ertönte die Stimme von Lord Winter.. „Vorwäris!“ rief er. Die erſte Schwadron ſing an, ſich in Bewegung zu ſetzen, die zweite folgte ihr und ſtieg die Plattform hinab. Ein der Zahl nach ungefähr gleich ſtarkes Regiment Küraſſiere entwickelte ſich hinter dem Hügel und ritt im ſchnellſten Galopp entgegen. Der König zeigte Athos und Aramis, was vorging. „Sire, ſprach Athos,„für dieſen Fall iſt vorher⸗ geſehen, und wenn die Leute von Lord Winter ihre Schuldigkeit thun, ſo rettet uns dieſes Ereigniß, ſtatt uns zu verderben. In dieſem Augenblick hörte man Lord Winter, allen Lärmen beherrſchend, den die galoppirenden und wiehernden Pferde machten, mit kräftiger Stimme ausrufen: „Säbel in die Hand!“ Alle Säbel fuhren aus den Scheiden und erſchienen wie Blitze. „Auf! meine Herren,“ rief der König ebenfalls, berauſcht durch das Getöſe und den Anblick;„auf, meine Herren, den Säbel in die Hand!“ Aber dieſem Befehle, wobei der König das Bei⸗ ſpiel gab, gehorchten nur Athos und Aramis. „Wir ſind verrathen,“ ſagte der König ganz leiſe. „Wir wollen noch warten,“ verſetzte Athos,„viel⸗ leicht haben ſie die Stimme Eurer Majeſtät nicht er⸗ buns und harren noch des Befehls ihres Schwadrons⸗ hefs.“ 3 Haben ſie nicht den ihres Oberſten gehört 2 * Aber ſehtl ſeht!“ rief der König, ſein Vfer mnit ei Zwanzig Jahre nachher. Ul. e 1 [⸗ 6⸗ n n 237 „Ich denke, Sire, daß wenn es ein Mittel gibt, Euere Majeſtät zu retten, Herr d'erblay daſſelbe vorgeſchlagen hat. Ich bitte alſo Euere Majeſtät unterthänig, ſogleich ihre Wahl zu treffen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Aber willige ich ein, ſo erfolgt dadurch der Tod oder wenigſtens das Gefängniß für denjenigen, wel⸗ cher meinen Platz einnehmen wird.“ „Es entſpringt daraus die Ehre für ihn, ſeinen Kö⸗ nig gerettet zu haben!“ rief der Graf von Winter. Der König ſchaute ſeinen alten Freund mit Thrä⸗ nen in den Augen an, machte das Band des heiligen Geiſt⸗Ordens los, den er trug, um die zwei Franzo⸗ ſen zu ehren, die ihn begleiteten, und ſchlang es um den Hals von Winter, welcher knieend dieſes furcht⸗ bare Zeichen des Vertrauens und der Freundſchaft ſeines Fürſten empfing. „Es iſt richtig,“ ſagte Athos,„er dient ihm län⸗ ger, als wir.“ Der König hörte dieſe Worte, wandte ſich voll Rührung um und ſprach: „Meine Herren, wartet einen Augenblick, ich habe jedem von Euch ebenfalls ein Band zu geben.“ Dann ging er an einen Schrank, in welchem ſeine eigenen Orden eingeſchloſſen waren, und nahm zwei Inſignien des Hoſenbandordens heraus. 5„Dieſe Orden können nicht für uns ſein,“ ſprach thos. „Warum nicht, mein Herr?“ verſetzte Karl. „Dieſe Orden find für Könige, und wir ſind nur einfache Edelleute.“ „Laßt alle Throne der Erde vorüberziehen,“ ſagte der König,„und findet mir größere Herzen, als die Euerigen. Nein, nein, Ihr laßt Euch nicht Gerech⸗ tigkeit widerfahren, meine Herren, aber ich bin da, um dies zu thun. Auf die Kniee, Graf.“ Athos kniete nieder; der König ſchlang ihm das 242 nem ſo gewaltigen Riſſe parirend, daß es ſich auf ſeinen Häckſen bog, und zugleich das von Athos am Zaume faſſend. „Ah, Feige! ah, Elende! ah, Verräther!“ rief Lord Winter, deſſen Stimme man deutlich hörte, wäh⸗ rend ſeine Leute, Reihe und Glied verlaſſend, ſich in der Ebene zerſtreuten. Kaum fünfzehn Mann waren um ihn gruppirt und erwarteten den Angriff der Küraſſiere von Cromwell. „Laßt uns mit ihnen ſterben!“ ſprach der König. „Laßt uns ſterben,“ wiederholten Athos und Aramis. „Herbei, Ihr treuen Herzen!“ rief Lord Winter. Dieſe Stimme gelangte bis zu den zwei Freun⸗ den, welche im Galopp hinzueilten. „Keine Gnade!“ rief in franzöſiſcher Sprache und Lord Winter antwortend eine Stimme, welche ſie be⸗ ben machte. Lord Winter wurde bei dem Klange dieſer Stimme bleich und wie verſteinert. Dieſe Stimme war die eines Reiters, der auf einem prachtvollen Rappen an der Spitze eines Regi⸗ ments chargirte, dem er in ſeinem Eifer zehn Schritte voraneilte. „Er iſt es!“ murmelte Lord Winter und ließ, die Augen ſtarr, den Säbel an ſeiner Seite hinabſinken. „Der König! der König!“ riefen mehrere Stim⸗ men, getäuſcht durch das blaue Band und das iſa⸗ bellfarbige Pferd des Lords,„fangt ihn lebendig!“ „Nein, es iſt nicht der König!“ rief der Reiter, „laßt Euch nicht täuſchen. Nicht wahr, Mylord von Winter, Ibhr ſeid nicht der König? Nicht wahr, Ihr ſeid mein Oheim?“ Und in demſelben Augenblicke richtete Mordaunt den Lauf einer Piſtole gegen Winter. Der Schuß ging los, die Kugel durchbohrte die Bruſt des alten Edel⸗ manns, der auf ſeinem Sattel aufſprang und in die 238 Band der Gewohnheit gemäß von der Linken zur Rech⸗ ten um, hob ſein Schwert und ſprach ſtatt der her⸗ kömmlichen Formel: Ich mache Euch zum Ritter, ſeid tapfer, treu und redlich: „Ihr ſeid tapfer, treu und redlich, ich mache Euch zum Ritter, mein Herr Graf.“ Dann ſich an Aramis wendend: „Nun Ihr, Herr Chevalier.“ Und dieſelbe Ceremonie wurde mit denſelben Worten wiederholt, während Winter, von Dienern unterſtützt, ſeinen Panzer losmachte, um eher für den König gehalten zu werden. Als Karl mit Aramis, wie mit Athos geendigt hatte, umarmte er Beide. „Sire,“ ſagte Lord Winter, der im Angeſichte einer großen Entwickelung ſeine ganze Kraft und ſei⸗ nen ganzen Muth wieder gewonnen hatte,„Sire, wir ſind bereit.“ Der König ſchaute die drei Edelleute an und ſprach „Ich muß alſo fliehen?“ „Durch ein Heer fliehen, nennt man in allen Ländern der Welt angreifen,“ erwiederte Athos. „Ich werde mit dem Schwerte in der Hand ſter⸗ ben,“ rief Karl.„Herr Graf, Herr Chevalier, wenn ich je König bin... „Sire, Ihr habt uns bereits mehr geehrt, als es einfachen Edelleuten gebührte; die Dankbarkeit iſt alſo auf unſerer Seite. Aber verlieren wir keine Zeit mehr, denn wir haben bereits nur zu viel verloren.“ Der König reichte allen Dreien zum letzten Male die Hand, vertauſchte ſeinen Hut mit dem von Winter und ging hinaus. Das Regiment von Winter war auf einer Platt⸗ form aufgeſtellt, welche das Lager beherrſchte; der Kö⸗ nig wandte ſich, gefolgt von den drei Freunden, nach der Plattform. ter lot wi 243 Arme von Athos und Aramis fallend nur noch die zwei Worte:„der Rächer“ murmelte. „Erinnere Dich meiner Mutter!“ brüllte Mor⸗ daunt, während er vom wüthenden Galoppe ſeines Pferdes fortgeriſſen vorüberjagte. „Elender!“ ſchrie Aramis, und drückte eine Pi⸗ ſtole auf ihn ab, als er ganz nahe an ihm vorüber⸗ ritt, aber das Zündkraut allein fing Feuer und der Schuß ging nicht los. In dieſem Augenblick fiel das ganze Regiment über die zwei Männer her, welche Stand gehalten hatten, und die zwei Franzoſen wurden umzingelt, ge⸗ preßt, eingehüllt. Nachdem ſich Athos überzeugt hatte, daß Lord Winter todt war, ließ er den Leichnam los, zog ſeinen Degen und rief:— „Auf, Aramis, für die Ehre Frankreichs!“ Und die zwei Engländer, die ſich zunächſt bei den zwei Edelleuten befanden, ſtürzten beide tödtlich ge⸗ troffen von den Pferden. 5 In demſelben Augenblick erſcholl ein furchtbares Hurrah und dreißig Klingen funkelten über ihren Häuptern. Plötzlich ſtürzt ein Menſch mitten aus den engli⸗ ſchen Reihen hervor, die er niederwirft, ſpringt auf Athos zu, umſchlingt ihn mit ſeinen nervigen Armen, entreißt ihm ſein Schwert und ſagt ihm in das Ohr: „Stille! ergebt Euch. Mir Euch ergeben, heißt nicht Euch ergeben.“ Ein Rieſe hat zugleich die Handgelenke von Ara⸗ mis ergriffen, der ſich vergebens dem furchtbaren Drucke zu entziehen ſucht. 2 „Ergebt Euch!“ ſpricht er, ihn feſt anſchauend. Aramis hebt den Kopf empor; Athos wendet ſich †. „D'Art..“ ruft Athos, dem der Gascogner mit der Hand den Mund verſchließt. um. n r⸗ n 6 ſo le er t⸗ 6⸗ —— 239 Das ſchottiſche Lager ſchien endlich erwacht zu ſein; die Leute waren aus ihren Zelten und hatten ſich in Reihe und Glied geſtellt, wie zu einer Schlacht. „Seht Ihr,“ ſprach der König,„vielleicht be⸗ reuen ſie es und find bereit zu marſchiren.“ „Wenn ſie bereuen,“ verſetzte Athos,„ſo werden ſie uns folgen.“ „Wohl, was thun wir?“ fragte der König. „Wir wollen das feindliche Heer beobachten,“ er⸗ wiederte Athos. Die Augen der kleinen Gruppe hefteten ſich ſo⸗ gleich auf die Linie, die man bei Tagesanbruch für Nebel gehalten hatie, und die nun die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen als ein in Schlachtordnung aufgeſtelltes Heer bezeichneten. Die Luft war rein und durchſichtig, wie es gewöhnlich zu dieſer Morgenſtunde der Fall iſt. Man unterſchied vollkommen die Regimenter, die S ſo wie die Farbe der Uniformen und der erde. Dann ſah man auf einem niedrigen Hügel, etwas vor der feindlichen Front, einen kleinen, gedrunge⸗ nen, ſchwerfälligen Mann erſcheinen; dieſer Mann war von einigen Offizieren umgeben. Er richtete ein 1 nach der Gruppe, zu welcher der König gehörte. „Kennt dieſer Mann Euere Majeſtät perſönlich?“ fragte Aramis. Karl erwiederte lächelnd: „Dieſer Mann iſt Cromwell.“ „Dann ſenkt Euern Hut, Sire, damit er die Un⸗ terſchiebung nicht wahrnimmt.“ ſprach Athos,„wir haben viel Zeit ver⸗ „Nun den Befehl,“ erwiederte der König,„und wir ziehen ab.“ „Gebt Ihr ihn, Sire?“ fragte Athos. 244 3„Ich ergebe mich,“ ſagte Aramis, Porthos ein Schwert reichend. 3 4 Jorihos ſ „„Feuer! Feuer!“ rief Mordaunt zu der Gruppe zurückkehrend, bei der die zwei Freunde waren. „Und warum Feuer?“ fragte der Oberſte,„Je⸗ dermann hat ſich ergeben.“ „Es iſt der Sohn von Mylady,“ ſprach Athos zu d'Artagnan. „Ich habe ihn erkannt.“ „Es iſt der Mönch,“ ſagte Porthos zu Aramis. „Ich weiß es.“ u gleicher Zeit fingen die Glieder an, ſich zu öffnen. O Artagnan hielt das Pferd von Athos, Por⸗ thos das von Aramis am Zügel. Jeder von ihnen ſuhte ſeinen Gefangenen mit vom Schlachtfelde fort⸗ zuziehen. 3 Dieſe Bewegung entblößte die Stelle, wohin der Leichnam von Winter gefallen war. Mit dem Inſtinkte des Haſſes hatte Mordaunt den Todten wiedergefunden und er betrachtete ihn, über ſein Pferd herabgebeugt, mit einem entſetzlichen Lächeln. Athos legte, bei aller ſeiner Ruhe, dir Hand an ſeine Holfter, in denen ſich ſeine Piſtolen noch befanden. „Was macht Ihr?“ ſprach d'Artagnan. „Laßt mich dieſen Menſchen tödten.“ „Keine Geberde, die auf den Glauben führen vürfte, Ihr kennet ihn, oder wir ſind alle Vier ver⸗ oren.“ af Dann ſich gegen den jungen Mann umwendend rief er: „Gute Beute, gute Beute! Freund Mordaunt. Herr du Vallon und ich, wir haben jeder unſern Mann, Ritter vom Hoſenbandorden, nicht mehr.“ „Aber mir ſcheint, es ſindFranzoſen 1“ rief Mor⸗ daunt und ſchaute Athos und Aramis mit blutgierigen Augen an. 2⁴⁰ „Nein, ich ernenne Euch zu meinem General⸗ Lieutenant,“ ſprach der König. 2 „Hört, alſo, Mylord von Winter,“ ſagte Athos; „entfernt Euch, Sire, ich bitte Euch; was wir ſpre⸗ chen wollen, geht Euere Majeſtät nichts an.“ Der König machte lächelnd drei Schritte rückwärts. „Folgendes iſt mein Vorſchlag,“ fuhr Athos fort: „Wir theilen Euer Regiment in zwei Schwadronen; Ihr ſtellt Euch an die Spitze der erſten; Seine Maje⸗ ſtät und wir ſtellen uns an die Spitze der zweiten; verſperrt uns nichts den Zug, ſo greifen wir alle mit einander an, um die feindliche Linie zu forciren und uns in die Tyne zu werfen, über die wir ſchwimmend oder watend gelangen; ſtößt uns dagegen ein Hinder⸗ niß auf unſerem Zuge auf, ſo laßt Ihr und Eure Leute Euch bis auf den letzten Mann tödten, wir und der König ſetzen unſern Weg fort; ſind wir einmal. am Ufer angelangt, ſo iſt das Weitere unſere Sache und wären ſie drei Glieder hoch aufgeſtellt, wenn nur Eure Leute ihre Schuldigkeit thun.“ „Zu Pferde,“ rief Lord Winter. „Zu Pferde!“ ſprach Athos,„Alles iſt bedacht und entſchieden.“ „Vorwärts, meine Herren,“ ſagte der König, „vorwärts. Wählen wir das alte Kriegsgeſchrei der Franzoſen: Mon joie et Saint-Denis! Das Kriegs⸗ geſchrei von England wird gegenwärtig von zu vielen Verräthern wiederholt.“ Man ſchwang ſich in den Sattel, der König nahm das Pferd von Winter, Winter das des Königs; Winter ſiellte ſich in das erſte Glied der erſten Schwa⸗ dron, und der König, Athos zu ſeiner Rechten und Aramis zu ſeiner Linken, in das erſte Glied der zweiten. Die ganze ſchottiſche Armee betrachtete dieſe Vor⸗ kehrungen mit der Unbeweglichkeit und dem Still⸗ ſchweigen der Scham. ——— geſ un all wie aus wie ber mei ſpie leic kan Che Abe 245 „Meiner Treue, ich weiß es nicht.„Seid Ihr ein Franzoſe, mein Herr?“ fragte er Athos. „Ich bin es,“ antwortet dieſer mit ernſtem Tone. „Wohl, mein lieber Herr, Ihr ſeid nun der Ge⸗ fangene eines Landsmannes.“ „Aber der König?“ ſprach Athos ängſtlich,„der König?“. „Ei, wir haben den König.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„durch einen ſchändlichen Verraih. Porthos preßte das Handgelenke ſeines Freundes gewaltig zuſammen und ſagte lächelnd zu ihm: „Ei, mein Herr, man führt den Krieg ebenſo⸗ wohl durch Geſchicklichkeit, als durch Kraft: ſchaut.“ Man ſah wirklich die Schwadron, welche den Rückzug von Karl beſchützen ſollte, den König umge⸗ bend, der allein und zu Fuße in einem großen freien Raume ging, dem engliſchen Regimente entgegenreiten. Der Fürſt war ſcheinbar ruhig, aber man gewahrte, was er leiden mußte, um ruhig zu ſcheinen; der Schweiß lief ihm über das Geſicht und er trocknete die Stirne und die Lippen mit einem Tuche ab, das ſich jedes Mal mit Blute befleckt von ſeinem Munde entfernte. „Da iſt Nebuchodonoſor,“ rief einer von den Küraſſiren von Cromwell, ein alter Puritaner, deſſen Augen ſich bei dem Anblicke des Mannes entflammten, den er den Tyrannen nannte. „Was ſagt Ihr, Nebuchodonoſor?“ ſprach Mor⸗ vaunt mit einem furchtbaren Lächeln.„Nein, es iſt König Karl J., der gute König Karl, der ſeine Unter⸗ thanen plündert, um ſie zu beerben.“ Karl ſchlug die Augen gegen den Frechen auf, der ſo ſprach; er erkannte ihn nicht, aber die ruhige und religiöſe Majeſtät ſeines Angeſichtes machte, daß Mor⸗ daunt ſeine Blicke ſenkte. „Guten Morgen, meine Herren,“ ſagte der König zu den Edelleuten, die er den einen in den Händen al⸗ os; re⸗ rts. rt: en; je⸗ en; mit nd end er⸗ ure ind al. he nur — 241 Man ſah, wie einige Häuptlinge aus den Glie⸗ dern hervortraten und ihre Schwerter zerbrachen. „Das tröſtet mich,“ ſagte der König,„ich ſehe, daß nicht Alle Verräther ſind.“ In dieſem Augenblick ertönte die Stimme von Lord Winter. „Vorwärts!“ rief er. Die erſte Schwadron fing an, ſich in Bewegung zu ſetzen, die zweite folgte ihr und ſtieg die Plattform hinab. Ein der Zahl nach ungefähr gleich ſtarkes Regiment Küraſſiere entwickelte ſich hinter dem Hügel und ritt im ſchnellſten Galopp entgegen. Der König zeigte Athos und Aramis„was vorging. „Sire, ſprach Athos,„für dieſen Fall iſt vorher⸗ geſehen, und wenn die Leute von Lord Winter ihre Schuldigkeit thun, ſo rettet uns dieſes Ereigniß, ſtatt uns zu verderben. In dieſem Augenblick hörte man Lord Winter, allen Lärmen beherrſchend, den die galoppirenden und wiehernden Pferde machten, mit kräftiger Stimme ausrufen: „Säbel in die Hand!“ Alle Säbel fuhren aus den Scheiden und erſchienen wie Blitze. „Auf! meine Herren,“ rief der König ebenfalls, berauſcht durch das Getöſe und den Anblick;„auf, meine Herren, den Säbel in die Hand!“ Aber dieſem Befehle, wobei der König das Bei⸗ ſpiel gab, gehorchten nur Athos und Aramis. „Wir find verrathen,“ ſagte der König ganz leiſe. „Wir wollen noch warten,“ verſetzte Athos,„viel⸗ leicht haben ſie die Stimme Eurer Majeſtät nicht er⸗ Enn und harren noch des Befehls ihres Schwadrons⸗ efs.“ „Haben ſie nicht den ihres Oberſten gehört? Aber ſeht! ſeht!“ rief der König, ſein Pferd mit ei⸗ Zwanzig Jahre nachher. M. 16 246 von d'Artagnan, den andern in denen von Porthos ſah.„Der Tag war unglücklich, doch das iſt, Gott ſei Dank, nicht Euer Fehler. Wo iſt mein alter Winter?“ Die zwei Edelleute wandien die Köpfe ab und „Suche, wo Straffort iſt,“ ſprach Mordaunt mit ſeiner ſcharfen Stimme. Karl bebte, der Teufel hatte gut getroffen, Straf⸗ fort war ſein ewiger Gewiſſensbiß, der Schatten ſeiner Tage, das Geſpenſt ſeiner Nächte. Der König ſchaute um ſich her und erblickte einen Leichnam zu ſeinen Füßen; es war der von Lord Winter. Karl ſtieß keinen Schrei aus, vergoß keine Thräne; es verbreitete ſich nur eine Leichenbläſſe über ſein An⸗ tlitz; er ſetzte ein Knie auf die Erde, hob den Kopf von Winter in die Höhe, küßte ihn auf die Stirne, nahm das Band des heiligen Geiſt⸗Ordens, das er ihm um den Hals geſchlungen hatte, und legte es auf ſeine Bruſt. „Lord Winter iſt alſo getödtet?“ fragte d'Artagnan, ſeine Augen auf den Leichnam heftend. „Ja,“ ſprach Athos,„und zwar von ſeinem Neffen.“ „Er iſt der Erſte von uns, welcher hingeht,“ mur⸗ melte d'Artagnan;„er war ein Braver, er ruhe im Frieden.“ „Karl Stuart,“ ſprach nun der Oberſte des eng⸗ liſchen Regiments, auf den König zureitend, der die Inſignien des Königthums wieder angenommen hatte; „Ihr ergebt Euch uns als Gefangener?“ „Oberſt Thomliſon,“ ſprach Karl,„der König er⸗ gibt ſich nicht; der Menſch weicht nur der Gewalt.“ „Euern Degen.“ 4 Der König zog ſeinen Degen und zerbrach ihn auf dem Knie.. In dieſem Augenblick lief ein Pferd von Schaum 24⁴2 nem ſo gewaltigen Riſſe parirend, daß es ſich auf ſeinen Häckſen bog, und zugleich das von Athos am Zaume faſſend. „Ah, Feige! ah, Elende! ah, Verräther!“ rief Lord Winter, deſſen Stimme man deutlich hörte, wäh⸗ rend ſeine Leute, Reihe und Glied verlaſſend, ſich in der Ebene zerſtreuten. Kaum fünfzehn Mann waren um ihn gruppirt und erwarteten den Angriff der Küraſſiere von Cromwell. „Laßt uns mit ihnen ſterben!“ ſprach der König. „Laßt uns ſterben,“ wiederholten Athos und Aramis⸗ „Herbei, Ihr treuen Herzen!“ rief Lord Winter. Dieſe Stimme gelangte bis zu den zwei Freun⸗ den, welche im Galopp hinzueilten. „Keine Gnade!“ rief in franzöſiſcher Sprache und Lord Winter antwortend eine Stimme, welche ſie be⸗ ben machte. Lord Winter wurde bei dem Klange dieſer Stimme bleich und wie verſteinert. Dieſe Stimme war die eines Reiters, der auf einem prachtvollen Rappen an der Spitze eines Regi⸗ ments chargirte, dem er in ſeinem Eifer zehn Schritte voraneilte. „Er iſt es!“ murmelte Lord Winter und ließ, die Augen ſtarr, den Säbel an ſeiner Seite hinabſinken. „Der König! der König!“ riefen mehrere Stim⸗ men, getäuſcht durch das blaue Band und das iſa⸗ bellfarbige Pferd des Lords,„fangt ihn lebendig!“ „Nein, es iſt nicht der König!“ rief der Reiter, „laßt Euch nicht täuſchen. Nicht wahr, Mylord von Winter, Ihr ſeid nicht der König? Nicht wahr, Ihr ſeid mein Oheim?“ Und in demſelben Augenblicke richtete Mordaunt den Lauf einer Piſtole gegen Winter. Der Schuß ging los, die Kugel durchbohrte die Bruſt des alten Edel⸗ manns, der auf ſeinem Sattel aufſprang und in die 2⁴7 bedeckt, die Augen entflammt, die Nüſtern weit aufge⸗ riſſen, herbei und blieb, als es ſeinen Herrn erkannte, vor Freude wiehernd ſtille ſtehen: es war Arthus. Der König lächelte, liebkoſte ihm mit der Hand, ſchwang ſich leicht in den Sattel und rief: ⸗oiärig, meine Herren, führt mich, wohin Ihr wollt.“ Dann ſich raſch umwendend: „Halt, es kam mir vor, als bewegte ſich Lord Winter; lebt er noch, ſo verlaßt dieſen edeln Mann nicht, bei Allem, was Euch heilig iſt.“ 3 „Ohl ſeid unbeſorgt,“ erwiederte Mordaunt,„die Kugel hat ihm das Herz durchbohrt.“ „Flüſtert kein Wort mehr, macht keine Geberde, wagt keinen Blick, weder was mich, noch was Porthos betrifft,“ ſagte d'Artagnan zu Athos und Aramis,„denn Mylady iſt nicht todt. Ihre Seele lebt in dem Kör⸗ per dieſes Teufels!...“ Und die Abtheilung rückte, ihren königlichen Ge⸗ fangenen mit ſich führend, gegen die Stadt zu, aber auf halbem Wege brachte ein Adjutant des General Cromwell dem Oberſten Thomliſon den Befehl, den König nach Holdenby⸗Houſe zu führen. Zu gleicher Zeit gingen die Eilboten in allen Rich⸗ tungen ab, um England und ganz Europa zu verkün⸗ digen, der König Karl Stuart ſei Gefangener des General Oliver Cromwell.. Die Schottländer betrachteten dieſe ganze Scene die Muskete bei Fuß und den Claymore in der Scheide. a s am rief wäh⸗ ich in tppirt well. önig. amis. nter. reun⸗ e und e be⸗ imme rauf Regi⸗ chritte , die ken. Stim⸗ s iſa⸗ 1 teiter, d von „Ihr nt den ging Edel⸗ in die 243 Arme von Athos und Aramis fallend nur noch die zwei Worte:„der Rächer“ murmelte. „Erinnere Dich meiner Mutter!“ brüllte Mor⸗ daunt, während er vom wüthenden Galoppe ſeines Pferdes fortgeriſſen vorüberjagte. „Elender!“ ſchrie Aramis, und drückte eine Pi⸗ ſtole auf ihn ab, als er ganz nahe an ihm vorüber⸗ ritt, aber das Zündkraut allein fing Feuer und der Schuß ging nicht los. In dieſem Augenblick fiel das ganze Regiment über die zwei Männer her, welche Stand gehalten hatten, und die zwei Franzoſen wurden umzingelt, ge⸗ preßt, eingehüllt. Nachdem ſich Athos überzeugt hatte, daß Lord Winter todt war, ließ er den Leichnam los, zog ſeinen Degen und rief: „Auf, Aramis, für die Ehre Frankreichs“ Und die zwei Engländer, die ſich zunächſt bei den zwei Edelleuten befanden, ſtürzten beide tödtlich ge⸗ troffen von den Pferden. In demſelben Augenblick erſcholl ein furchtbares Hurrah und dreißig Klingen funkelten über ihren Häuptern. Plötzlich ſtürzt ein Menſch mitten aus den engli⸗ ſchen Reihen hervor, die er niederwirft, ſpringt auf Athos zu, umſchlingt ihn mit ſeinen nervigen Frmen, entreißt ihm ſein Schwert und ſagt ihm in das Ohr: „Stille! ergebt Euch. Mir Euch ergeben, heißt nicht Euch ergeben.“ Ein Rieſe hat zugleich die Handgelenke von Ara⸗ mis ergriffen, der ſich vergebens dem furchtbaren Drucke zu entziehen ſucht. „Ergebt Euch!“ ſpricht er, ihn feſt anſchauend. Aramis hebt den Kopf empor; Athos wendet ſich um. „D'Art. ruft Athos, dem der Gascogner mit der Hand den Mund verſchließt. XVIII. Oliver Cromwmell. „Kommt Ihr zu dem General?⸗ ſagte Mordaunt zu d'Artagnan und Porthos,„Ihr wißt, daß er Euch nach dem Treffen beſchieden hat.“ „Wir wollen zuerſt unſere Gefangenen in ſicheren Gewahrſam bringen,“ ſprach d'Artagnan zu Mordaunt. „Glaubt Ihr wohl, daß jeder von dieſen Herren wenig⸗ ſtens fünfzehn hundert Piſtolen werth iſt?“ „Ohl ſeid unbeſorgt,“ erwiederte Mordaunt und ſchaute ſie mit einem Auge an, deſſen Wildheit er ver⸗ gebens zu bemeiſtern ſuchte;„meine Reiter werden ſie Eenwachen und zwar wohl bewachen, dafür ſiehe ich Euch. 3„Ich werde ſie noch beſſer ſelbſt bewachen,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan.„Was braucht man übrigens hiezu? ein gutes Zimmer mit ein paar Poſten oder ihr ein⸗ faches Wort, daß ſie nicht zu entfliehen ſuchen wollen. Ich bringe die Sache in Ordnung, und wir werden Hdamn die Ehre haben, uns bei dem General einzu⸗ nden und ihn um ſeine Befehle für Seine Eminenz zu bitten.“ „Ihr gedenkt alſo bald abzureiſen?“ fragte Mor⸗ unt. 8 „Unſere Sendung iſt vollbracht, und es hält und nichts in England zurück, als das Belieben des großen Mannes, zu dem wir abgeſchickt worden ſind.“ 3 Mordaunt biß ſich in die Lippen, neigte ſich an das Ohr des Sergenten und ſagte zu dieſem: „ Ihr folgt dieſen Männern, Ihr verliert ſie nicht aus dem Blicke, und wenn Ihr wißt, wo ſie wohnen, kehrt Ihr zurück und erwartet mich am Thore der Stadt.“— 244 „Ich ergebe mich,“ ſagte Aramis, Porthos ſein Schwert reichend. „Feuer! Feuer!“ rief Mordaunt zu der Gruppe zurückkehrend, bei der die zwei Freunde waren. „Und warum Feuer?“ fragte der Oberſte,„Je⸗ dermann hat ſich ergeben.“ „Es iſt der Sohn von Mylady,“ ſprach Athos zu d'Artagnan. „Ich habe ihn erkannt.“ „Es iſt der Mönch,“ ſagte Porthos zu Aramis. „Ich weiß es.“ Zu gleicher Zeit fingen die Glieder an, ſich zu öffnen. BArtagnan hielt das Pferd von Athos, Por⸗ thos das von Aramis am Zügel. Jeder von ihnen ſeinen Gefangenen mit vom Schlachtfelde fort⸗ zuziehen. Dieſe Bewegung entblößte die Stelle, wohin der Leichnam von Winter gefallen war. Mit dem Inſtinkte des Haſſes hatte Mordaunt den Todten wiedergefunden und er betrachtete ihn, über ſein Pferd herabgebeugt, mit einem eniſetzlichen Lächeln. Athos legte, bei aller ſeiner Ruhe, die Hand an ſeine Holfter, in denen ſich ſeine Piſtolen noch befanden. „Was macht Ihr?“ ſprach d'Artagnan. „Laßt mich dieſen Menſchen tödten.“ „Keine Geberde, die auf den Glauben führen dürfte, Ihr kennet ihn, oder wir ſind alle Vier ver⸗ loren.“ rief er: „Gute Beute, gute Beute! Freund Mordaunt. Herr du Vallon und ich, wir haben jeder unſern Mann, Ritter vom Hoſenbandorden, nicht mehr.“ „Aber mir ſcheint, es find Franzoſen!“ rief Mor⸗ daunt und ſchaute Athos und Aramis mit blutgierigen Augen an. Dann ſich gegen den jungen Mann umwendend eit fa Ki 249 Der Sergent bedeutete durch ein Zeichen, man werde gehorchen. Statt dem Haufen der Gefangenen zu folgen, die man in die Stadt führte, wandte ſich Mordaunt nun nach dem Hügel, von wo aus Cromwell dem Kampfe zugeſchaut und wo er ſo eben ſein Zelt hatte aufſchla⸗ gen laſſen. Cromwell hatte verboten, irgend Jemand bei ihm einzulaſſen; aber die Schildwache, welche Mordaunt als einen der innigſten Vertrauten des Generals kannte glaubte, das Verbot betreffe den jungen Mann niche Mordaunt ſchob alſo den Vorhang des Zeltes auf die Seite und ſah Cromwell, den Kopf zwiſchen ſeinen Händen verborgen, an einem Tiſche ſitzen; der Gene⸗ ral kehrte ihm überdies den Rücken zu. Mochte Cromwell das Geräuſch gehört haben, das Mordaunt durch ſeinen Eintritt verurſachte, oder nicht, er wandte ſich nicht um. Mordaunt blieb an der Thüre ſtehen. Endlich, nach Verlauf einiger Minuten, erhob Cromwell ſeine niedergebeugte Stirne und wandte, als hätte er inſtinktartig gefühlt, es wäre Jemand da, langſam den Kopf um. „Ich hatte Befehl gegeben, mich allein zu laſſen,“ rief er, als er den jungen Mann gewahrte. „Man glaubte, dieſes Verbot ginge mich nichts an,“ erwiederte Mordaunt;„wenn Ihr indeſſen be⸗ feblt, ſo bin ich bereit, mich zu entfernen.“ „Ah! Ihr ſeid es,“ ſprach Cromwell, wie durch die Kraft des Willens den Schleier hebend, der ſeine Augen bedeckte;„da Ihr es ſeid, ſo iſt es gut, bleibt.“ „Ich bringe Euch meine Glückwünſche.“ „Euere Glückwünſche! Wozu?“”“ „Zu der Gefangennehmung von Karl Stuart. Ihr ſeid nun der Herr von England.“ „Ich war es vor zwei Stunden viel mehr ſprach Cromwell. ſein ppe Je⸗ zu e hor⸗ nen ort⸗ der nkte nden n den. hren ver⸗ dend mnt. ann, Mor⸗ rigen — 245 „Meiner Treue, ich weiß es nicht.„Seid Ihr ein Franzoſe, mein Herr?“ fragte er Athos. „Ich bin es,“ antwortet dieſer mit ernſtem Tone. „Wohl, mein lieber Herr, Ihr ſeid nun der Ge⸗ fangene eines Landsmannes.“ der König?“ ſprach Athos ängſtlich,„der önig?“ „Ei, wir haben den König.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„durch einen ſchändlichen Verrath.“ Porthos preßte das Handgelenke ſeines Freundes gewaltig zuſammen und ſagte lächelnd zu ihm: „Ei, mein Herr, man führt den Krieg ebenſo⸗ wohl durch Geſchicklichkeit, als durch Kraft: ſchaut.“ Man ſah wirklich die Schwadron, welche den Rückzug von Karl beſchützen ſollte, den König umge⸗ bend, der allein und zu Fuße in einem großen freien Raume ging, dem engliſchen Regimente entgegenreiten. Der Fürft war ſcheinbar ruhig, aber man gewahrte, was er leiden mußte, um ruhig zu ſcheinen; der Schweiß lief ihm über das Geſicht und er trocknete die Stirne und die Lippen mit einem Tuche ab, das ſich jedes Mal mit Blute befleckt von ſeinem Munde entfernte. „Da iſt Nebuchodonoſor,“ rief einer von den Küraſſiren von Cromwell, ein alter Puritaner, deſſen Augen ſich bei dem Anblicke des Mannes entflammten, den er den Tyrannen nannte. „Was ſagt Ihr, Nebuchodonoſor?“ ſprach Mor⸗ daunt mit einem furchtbaren Lächeln.„Nein, es iſt König Karl I., der gute König Karl, der ſeine Unter⸗ thanen plündert, um ſie zu beerben.“ Karl ſchlug die Augen gegen den Frechen auf, der ſo ſprach; er erkannte ihn nicht, aber die ruhige und religiöſe Majeſtät ſeines Angeſichtes machte, daß Mor⸗ daunt ſeine Blicke ſenkte. „Guten Morgen, meine Herren,“ ſagte der König zu den Edelleuten, die er den einen in den Händen 250 „Wie ſo, General?“ 1 „England bedurfte meiner, um den Tyrannen zu faſſen; nun iſt er gefaßt... Habt Ihr ihn geſehen?“ 3„Ja, Herr.“ „Wie benimmt er ſich?“ Mordaunt zögerte, aber die Wahrheit ſchien mit Gewalt über ſeine Lippen zu treten und er erwiederte: „Ruhig und würdig.“ 4 „Was hat er geſprochen?“ „Einige Worte des Abſchieds an ſeine Freunde.“ „An ſeine Freunde!“ murmelte Cromwell,„er hat alſo Freunde?“ Dann laut: „Hat er ſich vertheidigt?“ „Nein, Herr, er war von Allen verlaſſen, mit Ausnahme von drei oder vier Männern, er konnte ſich alſo unmöglich vertheidigen.“ „Wem hat er ſeinen Degen übergeben?“ „Er hat ihn nicht übergeben, er hat ihn zer⸗ brochen.“ „Daran hat er wohl gethan, aber es wäre noch beſſer geweſen, er hätte ſich deſſelben, ſtatt ihn zu zer⸗ brechen, mit größerem Vortheile bedient.“ Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein. „Der Oberſte, der den König,. der Karl geleitete, wurde, wie mir ſcheint, getödtet?“ fragte Cromwell Mordaunt feſt anſchauend. 3„Ja, Herr.“ „Von wem?“ „Von mir?“ „Wie hieß er?“ 6 „Lord Winter.“ „Euer Oheim!“ rief Cromwell.— „Mein Oheim?“ verſetzte Mordaunt;„die Ver⸗ räther von England gehören nicht zu meiner Familie.“ Cromwell blieb einen Augenblick nachdenkend, ſchaute den jungen Mann an und ſagte ſodann mit 246 von d'Artagnan, den andern in denen von Porthos ſah.„Der Tag war unglücklich, doch das iſt, Gott ſei Dank, nicht Euer Fehler. Wo iſt mein alter Winter?“ Die zwei Edelleute wandten die Köpfe ab und ſchwiegen. „Suche, wo Straffort iſt,“ ſprach Mordaunt mit ſeiner ſcharfen Stimme. Karl bebte, der Teufel hatte gut getroffen, Straf⸗ fort war ſein ewiger Gewiſſensbiß, der Schatten ſeiner Tage, das Geſpenſt ſeiner Nächte. Der König ſchaute um ſich her und erblickte einen Leichnam zu ſeinen Füßen; es war der von Lord Winter. Karl ſtieß keinen Schrei aus, vergoß keine Thräne; es verbreitete ſich nur eine Leichenbläſſe über ſein An⸗ tlitz; er ſetzte ein Knie auf die Erde, hob den Kopf von Winter in die Höhe, küßte ihn auf die Stirne, nahm das Band des heiligen Geiſt⸗Ordens, das er ihm um den Hals geſchlungen hatte, und legte es auf ſeine Bruſt. „Lord Winter iſt alſo getödtet?“ fragte d'Artagnan, ſeine Augen auf den Leichnam heftend. „Ja,“ ſprach Athos,„und zwar von ſeinem Neffen.“ „Er iſt der Erſte von uns, welcher hingeht,“ mur⸗ melte d'Artagnan;„er war ein Braver, er ruhe im Frieden.“ „Karl Stuart,“ ſprach nun der Oberſte des eng⸗ liſchen Regiments, auf den König zureitend, der die Inſignien des Königthums wieder angenommen hatte; „Ihr ergebt Euch uns als Gefangener?“ „Oberſt Thomliſon,“ ſprach Karl,„der König er⸗ gibt ſich nicht; der Menſch weicht nur der Gewalt.“ „Euern Degen.“ Der König zog ſeinen Degen und zerbrach ihn auf dem Knie. In dieſem Augenblick lief ein Pferd von Schaum bed riſſ vo ſcht wo 251 ber tiefen Schwermuth, welche Shakeſpeare ſo gu zeichnet: 4 „Mordaunt, Ihr ſeid ein furchtbarer Diener.“ „Wenn der Herr befiehlt,“ ſprach Mordaunt,„ſo läßt ſich mit ſeinen Befehlen nicht feilſchen. Abraham hat das Meſſer über Iſaak erhoben und Iſaak war ſein Sohn.“ „Ja,“ entgegnete Cromwell,„aber der Herr ließ das Opfer nicht vollbringen.“ 1 „Ich ſchaute um mich her,“ ſagte Mordaunt,„und 8/ weder Bock noch Zicklein in den Gebüſchen der Ebene. Cromwell verbeugte ſich und ſprach: „Ihr ſeid ſtark unter den Starken, Mordaunt... Und wie haben ſich die Franzoſen benommen?“ „Als Leute von Muth, Herr.“ „Ja, ja,“ murmelte Cromwell,„die Franzoſen ſchlagen ſich und wenn mein Augenglas gut iſt, ſo habe ich ſie wirklich im erſten Gliede geſehen.“* „Sie waren dort.“ 4 „Jedoch nach Euch,“ ſagte Cromwell. „Das iſt der Fehler ihrer Pferde und nicht der ihrige.“ Es trat ein abermaliges Stillſchweigen ein. „Und die Schottländer?“ fragte Cromwell. „Sie haben ihr Wort gehalten und ſich nicht ge⸗ rührt,“ antwortete Mordaunt. „Die Elenden!“ murmelte Cromwell. „Ihre Offiziere verlangen Euch zu ſehen, Herr.“ „Ich habe keine Zeit. Hat man ſie bezahlt?“ „In dieſer Nacht.“ „Sie ſollen abziehen, in ihre Gebirge zurückkehren und ihre Schmach dort verbergen, wenn ihre Gebirge hiezu hoch genug find. Ich habe nichts mehr mit ih⸗ nen, ſie haben nichts mehr mit mir zu ſchaffen. Und nun geht, Mordaunt.“ „Ehe ich gehe,“ erwiedert Mordaunt,„habe ich s ott ter nit af⸗ ner ten or ne; opf ne, er auf an, n.“ ur⸗ im ng⸗ die te; er⸗ auf um 2⁴7 bedeckt, die Augen entflammt, die Nüſtern weit aufge⸗ riſſen, herbei und blieb, als es ſeinen Herrn erkannte, vor Freude wiehernd ſtille ſtehen: es war Arthus. Der König lächelte, liebkoſte ihm mit der Hand⸗ ſchwang ſich leicht in den Sattel und rief: „Vorwärts, meine Herten, führt mich, wohin Ihr wollt.“ Dann ſich raſch umwendend: „Halt, es kam mir vor, als bewegte ſich Lord Winter; lebt er noch, ſo verlaßt dieſen edeln Mann nicht, bei Allem, was Euch heilig iſt.“ „Oh! ſeid unbeſorgt,“ erwiederte Mordaunt,„die Kugel hat ihm das Herz durchbohrt.“ „Flüſtert kein Wort mehr, macht keine Geberde, wagt keinen Blick, weder was mich, noch was Porthos betrifft,“ ſagte d'Artagnan zu Athos und Aramis,„denn MWylady iſt nicht todt.... Ihre Seele lebt in dem Kör⸗ per dieſes Teufels!...“ Und die Abtheilung rückte, ihren königlichen Ge⸗ fangenen mit ſich führend, gegen die Stadt zu, aber auf halbem Wege brachte ein Adjutant des General Cromwell dem Oberſten Thomliſon den Befehl, den König nach Holdenby⸗Houſe zu führen. Zu gleicher Zeit gingen die Eilboten in allen Rich⸗ tungen ab, um England und ganz Europa zu verkün⸗ digen, der König Karl Stuart ſei Gefangener des General Oliver Cromwell. Die Schottländer betrachteten dieſe ganze Scene die Muskete bei Fuß und den Claymore in der Scheide, 252 noch einige Fragen an Euch zu richten, mein Herr, und eine Bitte an Euch zu thun, mein Meiſter.“ „An mich?“ Mordaunt verbeugte ſich. „Ich komme zu Euch, mein Held, mein Beſchützer, mein Vater, und frage Euch, Meiſter, ſeid Ihr mit mir zufrieden?“ Cromwell ſchaute ihn erſtaunt an. Der junge Mann blieb unempfindlich. „Ja,“ erwiederte Cromwell,„Ihr habt, ſeitdem ich Euch kenne, nicht nur Euere Pflicht gethan, Ihr ſeid ein treuer Freund, ein geſchickter Unterhändler, ein guter Soldat geweſen.“ „Erinnert Ihr Euch, Herr, daß ich zuerſt den Gedanken gehabt habe, mit den Schoitländern darüber zu unterhandeln, daß ſie ihren König verlaſſen?“ .„ Za, der Gedanke kommt von Euch, das iſt wahr; ich ging in der Verachtung der Menſchen noch nicht ſo weit.“ „Bin ich ein guter Botſchafter in Frankreich ge⸗ weſen?“ „Ja, Ihr habt von Mazarin erhalten, was ich verlangte.“ „Habe ich ſtets eifrig für Eueren Ruhm und Euere Intereſſen gekämpft?“ „Vielleicht zu eifrig, was ich Euch ſo eben erſt zum Vorwurf machte. Aber worauf zielt Ihr mit allen dieſen Fragen ab?“ „Ich will Euch damit ſagen, daß der Augenblick gekommen iſt, wo Ihr mit einem Worte alle meine Dienſte belohnen könnt.“ „Ah!“ rief Oliver mit einer leichten, verächtlichen Bewegung,„es iſt wahr, ich vergaß, daß jeder Dienſt ſeine Belohnung verdient, daß Ihr gedient habt und noch nicht belohnt ſeid.“ „Mein Herr, ich kann es ſogleich ſein und zwar über meine Wünſche:“ ————— XVIII. liver Cromwell. „Kommt Ihr zu dem General?“ ſagte Mordaunt zu d'Artagnan und Porthos,„Ihr wißt, daß er Euch nach dem Treffen beſchieden hat.“ „Wir wollen zuerſt unſere Gefangenen in ſicheren Gewahrſam bringen,“ ſprach dArtagnan zu Mordaunt. „Glaubt Ihr wohl, daß jeder von dieſen Herren wenig⸗ ſtens fünfzehn hundert Piſtolen werth iſt?“ „Oh! ſeid unbeſorgt,“ erwiederte Mordaunt und ſchaute ſie mit einem Auge an, deſſen Wildheit er ver⸗ gebens zu bemeiſtern ſuchte;„meine Reiter werden ſie und zwar wohl bewachen, dafür ſtehe ich u* „Ich werde ſie noch beſſer ſelbſt bewachen,“ ver⸗ ſetzte dArtagnan.„Was braucht man übrigens hiezu? ein gutes Zimmer mit ein paar Poſten oder ihr ein⸗ faches Wort, daß ſie nicht zu entfliehen ſuchen wollen. Ich bringe die Sache in Ordnung, und wir werden ſodann die Ehre haben, uns bei dem General einzu⸗ finden und ihn um ſeine Befehle für Seine Eminenz zu bitten.“ r gedenkt alſo bald abzureiſen?“ fragte Mor⸗ aunt. „Unſere Sendung iſt vollbracht, und es hält uns nichts in England zurück, als das Belieben des großen Mannes, zu dem wir abgeſchickt worden ſind.“ Wordaunt biß ſich in die Lippen, neigte ſich an das Ohr des Sergenten und ſagte zu dieſem: „Ihr folgt dieſen Männern, Ihr verliert ſie nicht aus dem Blicke, und wenn Ihr wißt, wo ſie wohnen, zurück und erwartet mich am Thore der ta — 253 „Wie dieß?“ „Ich habe den Preis unter der Hand, ich halte ihn beinahe.“ „Und worin beſteht der Preis?“ fragte Cromwel. „Hat man Euch Gold geboten? Verlangt Ihr einen Grad? Wünſcht Ihr eine Statthalterſchaft? „Herr, werdet Ihr meine Bitte gewähren?“ „Wir wollen zuerſt ſehen, worin ſie beſteht.“ „Herr, wenn Ihr mir ſagtet:„„Ihr werdet einen Befehl vollziehen,““ antwortete ich dann je:„„Wir wollen dieſen Befehl ſehen?““ „Wenn es jedoch unmöglich wäre, Eueren Wunſch zu verwirklichen? 29 „Wenn Ihr einen Wunſch hattet und mich mit Erfüllung deſſelben beauftragtet, erwiederte ich dann je: nEs iſt unmöglich? 2u⁴ν Bit„Aber eine mit ſo viel Vorbereitungen abgefaßte itte. „Ahi ſeid unbeſorgt,“ verſetzte Mordaunt mit ei⸗ nem düſteren Ausdrucke,„ſie wird Euch nicht in das Verderben ſtürzen.“ „Nun wohl,“ ſprach Cromwell,„ich verſpreche Euch, Euerer Bitte zu willfahren, ſo weit die Sache in merhen Macht liegt; fordert.“ Man hat dieſen Morgen zwei Gefangene ge⸗ macht“antwortete Mordaunt,„ich verlange ſie von Euch.“ „Sie haben alſo ein bedeutendes Löſegeld ange⸗ boten?? „Ich halte ſie im Gegentheil für arm.“ „Es ſind Freunde von Euch?”“ „Ja, Herr,“ rief Mordaunt,„es ſind Freunde von mir, theuere Freunde, und ich würde mein Leben für das ihrige geben.“ „Gut, Mordaunt,“ ſprach Cromwell, der mit einer gewiſſen freudigen Bewegung wieder eine beſſere Mei⸗ nung von Mordannt faßte, ut, ic Aebe ſie Euch, der 249 Der Sergent bedeutete durch ein Zeichen, man werde gehorchen. Statt dem Haufen der Gefangenen zu folgen, die man in die Stadt führte, wandte ſich Mordaunt nun nach dem Hügel, von wo aus Cromwell dem Kampfe zugeſchaut und wo er ſo eben ſein Zelt hatte aufſchla⸗ gen laſſen. Cromwell hatte verboten, irgend Jemand bei ihm einzulaſſen; aber die Schildwache, welche Mordaunt als einen der innigſten Vertrauten des Generals kannte, glaubte, das Verbot betreffe den jungen Mann nicht. Mordaunt ſchob alſo den Vorhang des Zeltes auf die Seite und ſah Cromwell, den Kopf zwiſchen ſeinen Händen verborgen, an einem Tiſche fitzen; der Gene⸗ ral kehrte ihm überdies den Rücken zu. Mochte Cromwell das Geräuſch gehört haben, das Mordaunt durch ſeinen Eintritt verurſachte, oder nicht, er wandte ſich nicht um. Mordaunt blieb an der Thüre ſtehen. Endlich, nach Verlauf einiger Minuten, erhob Cromwell ſeine niedergebeugte Stirne und wandte, als hätte er inſtinktartig gefühlt, es wäre Jemand da, langſam den Kopf um. „Ich hatte Befehl gegeben, mich allein zu laſſen,“ rief er, als er den jungen Mann gewahrte. „Man glaubte, dieſes Verbot ginge mich nichts an,“ erwiederte Mordaunt;„wenn Ihr indeſſen be⸗ fehlt, ſo bin ich bereit, mich zu entfernen.“ „Ah! Ihr ſeid es,“ ſprach Cromwell, wie durch die Kraft des Willens den Schleier hebend, der ſeine Augen bedeckte;„da Ihr es ſeid, ſo iſt es gut, bleibt.“ „Ich bringe Euch meine Glückwünſche.“ „Euere Glückwünſche! Wozu?“ „Zu der Gefangennehmung von Karl Stuart. Ihr ſeid nun der Herr von England.“ „Ich war es vor zwei Stunden viel mehr,“ ſprach Cromwell. 254 ich will ſogar nicht einmal wiſſen, wer ſie ſind, macht mit ihnen was Ihr wollt.“ „Ich danke, Herr,“ rief Mordaunt,„ich danke! mein Leben gehört von nun an Euch, und wenn ich es verliere, bin ich immer noch Euer Schuldner, Ihr habt meinen Dienſt herrlich bezahlt.“ Und er warf ſich vor Cromwell auf die Kniee und küßte ihm die Hand, unerachtet des Widerſtrebens des puritaniſchen Generals, welcher dieſe beinahe könig⸗ liche Huldigung ſich nicht erzeigen laſſen wollte oder ſehi venigſtens den Anſchein gab, als wollte er es nicht. „Wie!“ ſagte Cromwell, ihn in dem Augenblick, wo er ſich erhob, zurückhaltend,„keine andere Beloh⸗ nungen, kein Gold! keine Grade!“ „Ihr habt mir Alles gegeben, was Ihr mir ge⸗ ben konntet, Mylord, und von dieſem Tage an erkläre ich Euch für das Uebrige quitt.“ Und Mordaunt ſtürzte aus dem Zelte des Gene⸗ rals mit einer Freude, welche aus ſeinem Herzen und aus ſeinen Augen überſtrömte. Cromwell folgte ihm mit dem Blicke. „Er hat ſeinen Oheim getödtet!“ murmelte er, gach! wie ſind meine Diener beſchaffen! Vielleicht hat dieſer, welcher nichts von mir fordert oder nichts von mir zu fordern ſcheint, vor Gott mehr von mir ver⸗ langt, als diejenigen, welche das Gold der Provinzen und das Brod der Unglücklichen verlangen werden. Niemand dient mir umſonſt. Karl, der mein Gefange⸗ ner iſt, hat vielleicht noch Freunde, und ich habe keine.“ Und er verſank ſeufzend wieder in ſeine von Mor⸗ daunt unterbrochene Träumerei. V -ͤ—— 250 „Wie ſo, General?“ „England bedurfte meiner, um den Tyrannen zu faſſen; nun iſt er gefaßt. Habt Ihr ihn geſehen?“ „Jäa, Hrrr.“ „Wie benimmt er ſich?“ Mordaunt zögerte, aber die Wahrheit ſchien mit Gewalt über ſeine Lippen zu treten und er erwiederte: „Ruhig und würdig.“ „Was hat er geſprochen?“ „Einige Worte des Abſchieds an ſeine Freunde.“ „An ſeine Freunde!“ murmelte Cromwell,„er hat alſo Freunde?“ Dann laut: „Hat er ſich vertheidigt?“ „Nein, Herr, er war von Allen verlaſſen, mit Ausnahme von drei oder vier Männern, er konnte ſich alſo unmöglich vertheidigen.“ „Wem hat er ſeinen Degen übergeben?“ „Er hat ihn nicht übergeben, er hat ihn zer⸗ brochen.“ „Daran hat er wohl gethan, aber es wäre noch beſſer geweſen, er hätte ſich deſſelben, ſtatt ihn zu zer⸗ brechen, mit größerem Vortheile bedient.“ Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein. „Der Oberſte, der den König, der Karl geleitete, wurde, wie mir ſcheint, getödtet?“ fragte Cromwell Mordaunt feſt anſchauend. „Ja, Herr.“ „Von wem?“ „Von mir?“ „Wie hieß er?“ „Lord Winter.“ „Euer Oheim!“ rief Cromwell. „Mein Oheim?“ verſetzte Mordaunt;„die Ver⸗ räther von England gehören nicht zu meiner Familie.“ Cromwell blieb einen Augenblick nachdenkend, ſchaute den jungen Mann an und ſagte ſodann mit der zei läf ſeit da ſah Eb Un ſch hal ihr rüh unt hie ner nut XIX. Die Edelleute. Während Mordaunt nach dem Zelte von Erom well ging, führten d'Artagnan und Porthos ihre Ge⸗ fangenen in das Haus, das ihnen von Cromwell als Wohnung in Neweaſtle angewieſen worden war. Der Befehl, den Mordaunt dem Sergenten er⸗ theilt hatte, war dem Gascogner nicht entgangen, und er hatte deshalb Athos und Aramis mit dem Auge die ſtrengſte Klugheit empfohlen. Aramis und Athos gingen ſchweigend neben ihren Beſiegern, was ihnen nicht ſchwer wurde, denn jeder hatte ſich ſeine eigenen Gedanken zu beantworten. 1 War je ein Menſch erſtaunt, ſo war es Mousque⸗ ton, als er von der Thürſchwelle aus die vier Freunde, gefolgt von dem Sergenten und etwa einem Dutzend Leuten, herbeikommen ſah. Er rieb ſich die Augen, denn er konnte ſich nicht entſchließen, an die Erſcheinung von Athos und Aramis zu glauben, aber endlich mußte er ſich dem unwiderlegbaren Beweiſe fügen. Er war auch im Begriff, ſich in Ausrufungen Luft zu machen, als ihm Porthos mit einem von jenen Blicken, welche keinen Widerſpruch zulaſſen, Stillſchweigen auferlegte. Mousqueton blieb gleichſam an der Thüre kleben, in Erwartung der Aufklärung einer ſo ſonderbaren Sache, hauptſächlich brachte es ihn in Verwirrung, daß die Freunde das Ausſehen hatten, als wären ſie ſich gänz⸗ lich fremd. „Das Haus, in welches d'Artagnan und Porthos Athos und Aramis führten, war dasjenige, welches ſie ſeit dem vorhergehenden Tage bewohnten; es bildete die Ecke einer Straße, hatte eine Art von Garten und einen Stall rückwärts nach der andern Straße. Die Fenſter des Erdgeſchoßes waren, wie dieß it e: at tit ch T⸗ ch r⸗ ell ⸗ , nit —— d tiefen Schwermuth, welche Shakeſpeare ſo gut zeichnet: „Mordaunt, Ihr ſeid ein furchtbarer Diener.“ „Wenn der Herr befiehlt,“ ſprach Mordaunt,„ſo läßt ſich mit ſeinen Befehlen nicht feilſchen. Abraham hat das Meſſer über Iſaak erhoben und Iſaak war ſein Sohn.“ Ja,“ entgegnete Cromwell,„aber der Herr ließ das Opfer nicht vollbringen.“ „Ich ſchaute um mich her,“ ſagte Mordaunt,„und ſah weder Bock noch Zicklein in den Gebüſchen der Ebene.“ Cromwell verbeugte ſich und ſprach: „Ihr ſeid ſtark unter den Starken, Mordaunt Und wie haben ſich die Franzoſen benommen?“ „Als Leute von Muth, Herr.“ „Ja, ja,“ murmelte Cromwell,„die Franzoſen ſchlagen ſich und wenn mein Augenglas gut iſt, ſo habe ich ſie wirklich im erſten Gliede geſehen.“ „Sie waren dort.“ „Zedoch nach Euch,“ ſagte Cromwell. „Das iſt der Fehler ihrer Pferde und nicht der ihrige.“ Es trat ein abermaliges Stillſchweigen ein. „Und die Schottländer?“ fragte Cromwell. „Sie haben ihr Wort gehalten und ſich nicht ge⸗ rührt,“ antwortete Mordaunt. „Die Elenden!“ murmelte Cromwell. „Ihre Offiziere verlangen Euch zu ſehen, Herr.“ „Ich habe keine Zeit. Hat man ſie bezahlt?“ „In dieſer Nacht.“ „Sie ſollen abziehen, in ihre Gebirge zurückkehren und ihre Schmach dort verbergen, wenn ihre Gebirge biezu hoch genug ſind. Ich habe nichts mehr mit ih⸗ nen, ſie haben nichts mehr mit mir zu ſchaffen. Und nun geht, Mordaunt.“ „Ehe ich gehe,“ erwiederte Mordaunt,„habe ich 256 häufig bei den kleinen Provinzialſtädten der Fall iſt, vergittert und hatten dadurch große Aehnlichkeit mit denen eines Gefängniſſes. Die beiden Freunde ließen die Gefangenen vor ſich eintreten und blieben auf der Schwelle ſtehen, nachdem ſie Mousqueton den Befehl gegeben hatten, die vier Pferde in den Stall zu führen. „Warum gehen wir nicht mit ihnen hinein?“ ſprach Porthos. „Weil wir zuvor ſehen müſſen,“ antworte d'Ar⸗ tagnan,„was dieſer Sergent und die acht oder zehn Mann, die ihn begleiten, wollen.“ Der Sergent und die acht bis zehn Mann ſtellten ſich in dem Garten auf. D'Artagnan fragte ſie, was ſie wollten und warum ſie hier blieben. „Wir haben Befehl erhalten, Euch die Gefange⸗ nen bewachen zu helfen,“ erwiederte der Sergent. Hierüber war nichts zu ſagen, es war im Gegen⸗ theil eine zarte Aufmerkſamkeit für die man erkenntlich zu ſein ſich den Anſchein geben mußte. D'Artagnan dankte auch dem Sergenten und ſchenkte ihm eine Krone, um auf die Geſundheit des General Cromwell zu trinken. Der Sergent antwortete, die Puritaner tränken nicht, und ſteckte die Krone in ſeine Taſche. „Ah!“ ſprach Porthos,„was für ein abſcheulicher Tag, mein lieber d'Artagnan.“. „Was ſagt Ihr da, Porthos! Ihr nennt den Tag, an welchem wir unſere Freunde wiedergefunden haben, einen abſcheulichen Tag?“ „Ja, aber unter welchen Umſtänden?“ „Die Conjuncturen ſind allerdings etwas beklem⸗ mend,“ verſetzte d'Artagnan;„doch gleichviel, gehen wir immerhin zu ihnen hinein und ſuchen wir ein wenig klar in unſerer Lage zu ſehen.“ „Sie iſt ſehr vewickelt/ ſprach Porthos,„und 252 noch einige Fragen an Euch zu richten, mein Herr, und eine Bitte an Euch zu thun, mein Meiſter.“ „An mich?“ Mordaunt verbeugte ſich. „Ich komme zu Euch, mein Held, mein Beſchützer, mein Vater, und frage Euch, Meiſter, ſeid Ihr mit mir zufrieden?“ Cromwell ſchaute ihn erſtaunt an. Der junge Mann blieb unempfindlich. a, erwiederte Cromwell,„Ihr habt, ſeitdem ich Euch kenne, nicht nur Euere Pflicht gethan, Ihr ſeid ein treuer Freund, ein geſchickter Unterhändler, ein guter Soldat geweſen.“ „Erinnert Ihr Euch, Herr, daß ich zuerſt den Gedanken gehabt habe, mit den Schottländern darüber zu unterhandeln, daß ſie ihren König verlaſſen?“ „Ja, der Gedanke kommt von Euch, das iſt wahr; 5 ging, in der Verachtung der Menſchen noch nicht o weit. „Bin ich ein guter Botſchafter in Fränkreich ge⸗ weſen?“ „Ja, Ihr habt von Mazarin erhalten, was ich verlangte.“ „Habe ich ſtets eifrig für Eueren Ruhm und Euere Intereſſen gekämpft?“ „Vielleicht zu eifrig, was ich Euch ſo eben erſt zum Vorwurf machte. Aber worauf zielt Ihr mit allen dieſen Fragen ab?“ „Ich will Euch damit ſagen, daß der Augenblick gekommen iſt, wo Ihr mit einem Worte alle meine Dienſte belohnen könnt.“ „Ah!“ rief Oliver mit einer leichten, verächtlichen Bewegung,„es iſt wahr, ich vergaß, daß jeder Dienſt ſeine Belohnung verdient, daß Ihr gedient habt und noch nicht belohnt ſeid.“ „Mein Herr, ich kann es ſogleich ſein und zwar über meine Wünſche.“ . 257 ich begreife jetzt, warum mir Aramis ſo dringend den furchtbaren Mordaunt zu erwürgen empfohlen hat.“ „Stille, ſprecht dieſen Namen nicht aus.“ „Ich ſpreche doch Franzöſiſch, und ſie find Englän⸗ der,“ entgegnete Porthos. D'Artagnan ſchaute Porthos mit jener Miene der Bewunderung an, welche ein vernünftiger Menſch Un⸗ geheuerlichkeiten aller Art nicht verſagen kann. Da ihn Porthos ebenfalls anſchaute, ohne ſein Erſtaunen begreifen zu können, ſo trieb d'Artagnan ſeinen Freund an, hineinzugehen. Porthos trat zuerſt ein, d'Artagnan folgte ihm. D'Artagnan ſchloß ſorgfältig die Thüre und umarmte die Freunde nacheinander. Athos war von einer tödtlichen Traurigkeit be⸗ fallen. Aramis ſchaute abwechſelnd Porthos und d'Ar⸗ tagnan an, ohne etwas zu ſagen, aber ſein Blick war ſo ausdrucksvoll, daß d'Artagnan ihn begriff. „Ihr wollt wiſſen, wie es kommt, daß wir hier find? Eil mein Gott, das i*ſt leicht zu errathen. Ma⸗ zarin hat uns beauftragt, dem General Cromwell einen Brief zu überbringen.“ „Aber wie kommt es, daß Ihr Euch an der Seite von Mordaunt befindet,“ ſprach Athos,„von Mor⸗ daunt, von dem ich Euch ſagte, Ihr ſollet ihm miß⸗ trauen, d'Artagnan?“ „Den ich Euch zu erdroſſeln empfahl, Porthos!“ ſagte Aramis. „Abermals Mazarin. Cromwell hatte ihn an Ma⸗ zarin geſchickt, Mazarin ſchickte uns an Cromwell. Es waltet ein Unſtern in Allem dem ob.“ „Ja, Ihr habt Recht, d'Artagnan, ein Unſtern, der uns trennt und in das Verderben ſtürzt. Sprechen wir alſo nicht mehr davon, Aramis, und bereiten wir Pne darauf vor, uns dem Schickſale zu unterzie⸗ en. 1 Zwanzig Jahre nachher. IlI. 17 rr, er, mit em hr ein en ber r; cht ge⸗ ere erſt mit lick ine hen nſt ind ar — 253 „Wie dieß 24 „Ich habe den Preis unter der Hand, ich halte ihn beinahe.“ „Und worin beſteht der Preis?“ fragte Cromwell. „Hat man Euch Gold geboten? Verlangt Ihr einen Grad? Wünſcht Ihr eine Statthalterſchaft? „Herr, werdet Ihr meine Bitte gewähren?“ „Wir wollen zuerſt ſehen, worin ſie beſteht.“ „Herr, wenn Ihr mir ſagtet:„„Ihr werdet einen Befehl vollziehen,“ antwortete ich dann je;„Wir wollen dieſen Befehl ſehen?““ „Wenn es jedoch unmöglich wäre, Eueren Wunſch zu verwirklichen?“ „Wenn Ihr einen Wunſch hattet und mich mit Erfüllung deſſelben beauftragtet, erwiederte ich dann je:„„Es iſt unmöglich 2 4 „Aber eine mit ſo viel Vorbereitungen abgefaßte Bitte „Ah! ſeid unbeſorgt,“ verſetzte Mordaunt mit ei⸗ nem düſteren Ausdrucke,„ſie wird Euch nicht in das Verderben ſtürzen.“ „Nun wohl,“ ſprach Cromwell,„ich verſpreche Euch; Euerer Bitte zu willfahren, ſo weit die Sache in meiner Macht liegt; fordert.“ „Man hat dieſen Morgen zwei Gefangene ge⸗ antwortete Mordaunt,„ich verlange ſie von u. „Sie haben alſo ein bedeutendes Löſegeld ange⸗ boten?“ „Ich halte ſie im Gegentheil für arm.“ „Es ſind Freunde von Euch?“ „Ja, Herr,“ rief Mordaunt,„es ſind Freunde von mir, theuere Freunde, und ich würde mein Leben für das ihrige geben.“ „Gut, Mordaunt,“ ſprach Cromwell, der mit einer gewiſſen freudigen Bewegung wieder eine beſſere Mei⸗ nung von Mordaunt faßte,„gut, ich gebe ſie Euch, 258 „Gottes Blut!“ rief d'Artagnan,„ſprechen wir im Gegentheil davon, denn es iſt ein für allemal abge⸗ macht, daß wir immer zuſammenhalten, wenn wir auch einer entgegengeſetzten Sache dienen.“ „Ja, einer ſehr entgegengeſetzten!“ ſprach Athos lächelnd,„denn ich frage Euch, welcher Sache dien Ihr hier? Ah! d'Artagnan, ſeht, wozu Euch dieſer 2 elende Mazarin verwendet. Wißt Ihr, welches Ver⸗ brechens Ihr Euch heute ſchuldig gemacht habt? Der Gefangennehmunß des Königs, ſeiner Schmach, ſeines odes. „Oh! oh!“ verſetzte Porthos,„glaubt Ihr?“ „Ihr übertreibt, Athos,“ ſprach d'Artagnan,„wir ſind noch nicht ſo weit.“ „Ei, mein Gott, wir ſind im Gegentheil ſo weit. Warum nimmt man einen König gefangen? wenn man ihn als einen Herrn achten will, kauft man ihn nicht als einen Sklaven. Glaubt Ihr, daß ihn Crom⸗ well mit zweimal hunderttauſend Pfund Sterling be⸗ zahlt hat, um ihn wieder auf den Thron zu ſetzen? Freunde, ſeid überzeugt, ſie werden ihn tödten, und das iſt noch das geringſte Verbrechen, welches ſie be⸗ gehen können. Es iſt beſſer, einen König enthaupten, als ihn beohrfeigen.“ 7, Ich widerſpreche Euch nicht, und es iſt Allem nach möglich,“ ſagte d'Artagnan;„aber was geht das uns an. Ich bin hier, weil ich Soldat bin, weil ich meinen Herren viene, das heißt denjenigen, welche mir meinen Sold bezahlen. Ich habe den Eid des Gehor⸗ ſams geleiſtet und gehorche. Aber Ihr, die Ihr keine— Eide geleiſtet habt, warum ſeid Ihr hier und welcher Sache dient Ihr?“ 4 „Der heiligſten Sache, die es auf der Welt gibt,“ erwiederte Atbos,„der Sache des Unglücks, des König⸗ thums, der Religion. Ein Freund, eine Gattin, eine Tochter haben uns die Ehre erwieſen, uns zu Hülfe zu rufen. Wir haben ihnen nach unſern ſchwache 25⁴ ich will ſogar nicht einmal wiſſen, wer ſie ſind, macht mit ihnen was Ihr wollt.“ „Ich danke, Herr,“ rief Mordaunt,„ich danke! mein Leben gehört von nun an Euch, und wenn ich es verliere, bin ich immer noch Euer Schuldner, Ihr habt meinen Dienſt herrlich bezahlt.“ Und er warf ſich vor Cromwell auf die Kniee und küßte ihm die Hand, unerachtet des Widerſtrebens des puritaniſchen Generals, welcher dieſe beinahe könig⸗ liche Huldigung ſich nicht erzeigen laſſen wollte oder 36 wenigſtens den Anſchein gab, als wollte er es nicht. „Wie!“ ſagte Cromwell, ihn in dem Augenblick, wo er ſich erhob, zurückhaltend,„keine andere Beloh⸗ nungen, kein Gold! keine Grade!“ „Ihr habt mir Alles gegeben, was Ihr mir ge⸗ ben konntet, Mylord, und von dieſem Tage an erkläre ich Euch für das Uebrige quitt.“ Und Mordaunt ſtürzte aus dem Zelte des Gene⸗ rals mit einer Freude, welche aus ſeinem Herzen und aus ſeinen Augen überſtrömte. Cromwell folgte ihm mit dem Blicke. „Er hat ſeinen Oheim getödtet!“ murmelte er, „ach! wie ſind meine Diener beſchaffen! Vielleicht hat dieſer, welcher nichts von mir fordert oder nichts von mir zu fordern ſcheint, vor Gott mehr von mir ver⸗ langt, als diejenigen, welche das Gold der Provinzen und das Brod der Unglücklichen verlangen werden. Niemand dient mir umſonſt. Karl, der mein Gefange⸗ ner iſt, hat vielleicht noch Freunde, und ich habe keine.“ Und er verſank ſeufzend wieder in ſeine von Mor⸗ daunt unterbrochene Träumerei. — ⏑— A 8I 259 Mitteln gedient, und Gott wird uns den Willen in Ermangelung der Kraft anrechnen. Ihr könnt auf eine andere Weiſe denken, d'Artagnan, Ihr könnt die Sa⸗ chen auf eine andere Art anſehen, Freund, ich will Euch nicht davon abbringen, aber ich tadle Euch!⸗ „Oh! oh!“ ſprach d'Artagnan,„was geht es mich am Ende an, daß Cromwell, der ein Engländer iſt, ſich gegen ſeinen König, einen Schottländer, empört? Ich bin Franzoſe, alle dieſe Dinge berühren mich nicht, warum wolltet Ihr mich alſo dafür verantwortlich machen?“ „Allerdings,“ ſagte Athos,„weil alle Edelleute Brüder ſind, weil Ihr ein Edelmann ſeid, weil die Könige aller Länder die Erſten unter den Edelleuten find, weil der blinde, undankbare, alberne Pöbel im⸗ mer ein Vergnügen daran ſindet, das Erhabeng zu erniedrigen;... und Ihr, d'Artagnan, der Mann der alten Ritterlichkeit, der Mann mit dem ſchönen Na⸗ men, der Mann mit dem guten Schwerte, Ihr habt dazu beigetragen, einen König Bierbrauern, Schnei⸗ dern und Kärrnern auszuliefern. Ab! d'Artagnan, als Soldat habt Ihr vielleicht Eure Pflicht gethan, aber als Edelmann habt ihr Euch mit einer Schuld befleckt, das ſage ich Euch.“ 1 D' Artagnan kaute an einem Blumenſtängel, ant⸗ wortete nicht und fü ſich unwohl, denn als er ſei⸗ nen Blick von Athos abwandte, begegnete er den Blicke von Aramis. „Und Porthos,“ fuhr der Graf fort, als hätte er Mi mit der Verlegenheit von v'Artagnan, „Ihr, das beſte Herz, der beſte Freund, der beſte Sol⸗ dat, den ich kenne, Ihr, den ſein Gemüth würdig machte, auf den Stufen eines Thrones geboren zu ſein, und der Ihr früher oder ſpäter von einem ver⸗ ſtändigen König Euren Lohn empfangen werdet, Ihr, mein lieber Porthos, ein Edelmann durch die Sliten, — XIX. Die Edelleute. Während Mordaunt nach dem Zelte von Crom⸗ well ging, führten d'Artagnan und Porthos ihre Ge⸗ fangenen in das Haus, das ihnen von Cromwell als Wohnung in Neweaſtle angewieſen worden war. Der Befehl, den Mordaunt dem Sergenten er⸗ theilt hatte, war dem Gascogner nicht entgangen, und er hatte deshalb Athos und Aramis mit dem Auge die ſtrengſte Klugheit empfohlen. Aramis und Athos gingen ſchweigend neben ihren Beſiegern, was ihnen nicht ſchwer wurde, denn jeder hatte ſich ſeine eigenen Gedanken zu beantworten. War je ein Menſch erſtaunt, ſo war es Mousque⸗ ton, als er von der Thürſchwelle aus die vier Freunde, gefolgt von dem Sergenten und etwa einem Dutzend Leuten, herbeikommen ſah. Er rieb ſich die Augen, denn er konnte ſich nicht entſchließen, an die Erſcheinung von . und Aramis zu glauben, aber endlich mußte er fich dem unwiderlegbaren Beweiſe fügen. Er war auch im Begriff, ſich in Ausrufungen Luft zu machen, als ihm Porthos mit einem von jenen Blicken, welche keinen Widerſpruch zulaſſen, Stillſchweigen auferlegte. Mousqueton blieb gleichſam an der Thüre kleben, in Erwartung der Aufklärung einer ſo ſonderbaren Sache, bauptſächlich brachte es ihn in Verwirrung, daß die Freunde das Ausſehen hatten, als wären ſie ſich gänz⸗ lich fremd. Das Haus, in welches dArtagnan und Porthos Athos und Aramis führten, war dasjenige, welches ſie ſeit dem vorhergehenden Tage bewohnten; es bildete die Ecke einer Straße, hatte eine Art von Garten und einen Stall rückwärts nach der andern Straße. Die Fenſter des Erdgeſchoßes waren, wie dieß 260 durch den Geſchmack und durch den Muth, Ihr ſeid eben ſo ſchuldig, als d'Artagnan.“ Porthos erröthete mehr aus Vergnügen, als aus Scham, ſenkte aber doch den Kopf, als wäre er ſehs aedemüihige „Ja, ja,“ ſagte er,„ich glaube, Ihr habt Recht mein lieber Graf.“ 3 h Gi. Athos erhob ſich. „Höret,“ ſprach er, auf d'Artagnan zugehend und ihm die Hand reichend,„ſchmollt nicht, mein theurer Sohn, denn Alles, was ich Euch geſagt habe, habe ich, wenn nicht mit dem Tone, doch mit dem Herzen eines Vaters geſagt. Glaubt mir, es wäre mir leichter hewvelen„Euch dafür zu danken, daß Ihr mir das Le⸗ 4A een gerettet habt, und nicht ein Wort von meinen Gefühlen zu ſprechen.“— „Gewiß, gewiß, Athos,“ erwiederte d'Artagnan, ihm ebenfalls die Hand drückend,„Ihr habt aber auch Teufel von Gefühlen, die nicht Jedermann haben kann. Wer kann ſich einbilden, ein vernünftiger Menſch werde ſein Haus, Frankreich, ſeinen Mündel, einen reizenden jungen Menſchen, verlaſſen— wir haben ihn im Lager beſucht— um wohin zu eilen? einem ver⸗ faulten, wurmſtichigen Königthum zu Hülfe, das eines Morgens wie eine alte Barake zuſammenſtürzen wird. Das Gefühl, von dem Ihr ſprecht, iſt allerdings ſchön, ſo ſchön, daß es übermenſchlich erſcheint.“ „Wie dem ſein mag,“ erwiederte Athos, ohne in die Falle zu gehen, die d'Artagnan mit ſeiner gas⸗ cogniſchen Geſchicklichkeit ſeiner väterlichen Liebe für Raoul ſtellte,„wie dem ſein mag, Ihr wißt, daß die⸗ ſes Gefühl richtig iſt; aber ich habe Unrecht, mit mei⸗ nem Herrn zu ſtreiten,. d'Artagnan, ich bin Euer Gefangener, behandelt mich als ſolchen.“ „Ah, bei Gott!“ verſetzte d'Artagnan,„Ihr wiß nohl. daß Ihr nicht lange mein Gefangener ſein werdet.“ 3 5 256 häufig bei den kleinen Provinzialſtädten der Fall iſt, vergittert und hatten dadurch große Aehnlichkeit mit denen eines Gefängniſſes. Die beiden Freunde ließen die Gefangenen vor ſich eintreten und blieben auf der Schwelle ſtehen, nachdem ſie Mousqueton den Befehl gegeben hatten, die vier Pferde in den Stall zu führen. „Warum gehen wir nicht mit ihnen hinein?“ ſprach Porthos. „Weil wir zuvor ſehen müſſen,“ antworte d'Ar⸗ tagnan,„was dieſer Sergent und die acht oder zehn Mann, die ihn begleiten, wollen.“ Der Sergent und die acht bis zehn Mann flellten ſich in dem Garten auf. D'Artagnan fragte ſie, was ſie wollten und warum ſie hier blieben. „Wir haben Befehl erhalten, Euch die Gefange⸗ nen bewachen zu helfen,“ erwiederte der Sergent. Hierüber war nichts zu ſagen, es war im Gegen⸗ theil eine zarte Aufmerkſamkeit für die man erkenntlich zu ſein ſich den Anſchein geben mußte. D'Artagnan dankte auch dem Sergenten und ſchenkte ihm eine Krone, um auf die Geſundheit des General Cromwell zu trinken. Der Sergent antwortete, die Puritaner tränken nicht, und ſteckte die Krone in ſeine Taſche. „Ah!“ ſprach Porthos,„was für ein abſcheulicher Tag, mein lieber d'Artagnan.“ „Was ſagt Ihr da, Porthos! Ihr nennt den Tag, an welchem wir unſere Freunde wiedergefunden haben, einen abſcheulichen Tag?“ „Ja, aber unter welchen Umſtänden?“ „Die Conjuncturen find allerdings etwas beklem⸗ mend,“ verſetzte dArtagnan;„doch gleichviel, gehen wir immerhin zu ihnen hinein und ſuchen wir ein wenig klar in unſerer Lage zu ſehen.“ „Sie iſt ſehr vewickelt,“ ſprach Porthos,„und 261 5 „Nein,“ ſagie Aramis,„denn man wird uns ohne Zweifel behandeln, wie diejenigen, welche man in Phillipphaus gefangen genommen hat.“ 8. „Wie hal man dieſe behandelt?“ fragte»Ar⸗ tagnan. „Man hat die eine Hältte gehängt und die andere erſchoſſen,“ erwiederte Aramis. 3 „Wohl, ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr, ſo lange ich einen Tropfen Blut in meinen Adern habe, weder gehängt noch erſchoſſen werden ſollt,“ ſprach d'Artag⸗ nan.„Gottes Blut! ſie mögen kommen! Ueberdies, ſeht Ihr dieſe Thüre, Athos?“ „Nun?”“ „Ihr geht durch dieſe Thüre, wann Ihr wollt, denn von dieſem Augenblick ſeid Ihr und Aramis frei wie die Luft.“ 8 „Daran erkenne ich Euch, mein braver d'Artagnan,“ erwiederte Athos,„aber Ihr ſeid nicht mehr Herr von uns: dieſe Thüre wird bewacht, Ihr wißt es wohl, d' Artagnan. „Gut, Ihr ſprengt ſie,“ ſagte Porthos.„Was iſt dabei? höchſtens zehn Mann.“ „Das wäre nichts für uns Vier, es iſt aber zu viel für Zwei. Nein, ſeht, getheilt, wie wir jetzt find, müſſen wir untergehen. Erinnert Euch des unſeligen Beiſpiels: auf der Straße wurdet Ihr d'Artagnan, der Brave, und Ihr Porthos, der Muthige, Starke, geſchlagen. Heute ſind wir cs, die Reihe iſt an mir und Aramis. Nie aber iſt uns dies begegnet, wenn wir alle Vier vereinigt waren; ſterben wir alſo, wie Lord Winter geſtorben iſt; ich meinerſeits erkläre, daß ich nur zu einer Flucht einwillige, wenn wir alle Vier mit einander fliehen.“. „Unmöglich, ſprach d'Artagnan,„wir ſtehen unter dem Befehl von Mazarin.“ „Ich weiß es und dringe nicht weiter in Euch; meine Beweisgründe haben keine Folge gehabt, ohne iſt, nit or en, en, 2 lr⸗ hn ten um ge⸗ en⸗ ich an ine ell ken her ag, en, m⸗ wir nig ind 257 ich begreife jetzt, warum mir Aramis ſo dringend den furchtbaren Mordaunt zu erwürgen empfohlen hat.“ „Stille, ſprecht dieſen Namen nicht aus.“ „Ich ſpreche doch Franzöſiſch, und ſie find Englän⸗ der,“ entgegnete Porthos. DArtagnan ſchaute Porthos mit jener Miene der Bewunderung an, welche ein vernünftiger Menſch Un⸗ geheuerlichkeiten aller Art nicht verſagen kann. Da ihn Porthos ebenfalls anſchaute, ohne ſein Erſtaunen begreifen zu können, ſo trieb d'Artagnan ſeinen Freund an, hineinzugehen. Porthos trat zuerſt ein, d'Artagnan folgte ihw. DArtagnan ſchloß forgfältig die Thüre und umarmle die Freunde nacheinander. Athos war von einer tödtlichen Traurigkeit be⸗ fallen. Aramis ſchaute abwechſelnd Porthos und d'Ar⸗ tagnan an, ohne etwas zu ſagen, aber ſein Blick war ſo ausdrucksvoll, daß d'Artagnan ihn begriff. „Ihr wollt wiſſen, wie es kommt, daß wir hier find? Ei! mein Gott, das iſt leicht zu errathen. Ma⸗ zarin hat uns beauftragt, dem General Cromwell einen Brief zu überbringen.“ „Aber wie kommt es, daß Ihr Euch an der Seite von Mordaunt befindet,“ ſprach Athos,„von Mor⸗ daunt, von dem ich Euch ſagte, Ihr ſollet ihm miß⸗ trauen, d'Artagnan?“ „Den ich Euch zu erdroſſeln empfahl, Porthos!“ ſagte Aramis. „Abermals Mazarin. Cromwell hatte ihn an Ma⸗ zarin geſchickt, Mazarin ſchickte uns an Cromwell. Es waltet ein Unſtern in Allem dem ob.“ „Ja, Ihr habt Recht, d'Artagnan, ein Unſtern, der uns trennt und in das Verderben ftürzt. Sprechen wir alſo nicht mehr davon, Aramis, und bereiten wir ti vor, uns dem Schickſale zu unterzie⸗ en. Zwanzig Jahre nachher. m. 17 262 Zweifel waren ſie ſchlecht, da ſie keine Herrſchaft über ſo große Geiſter, wie die Eurigen, gewinnen konnten.“ „Hätten ſie auch eine Wirkung hervorgebracht,“ verſetzte Aramis,„ſo iſt es doch das Beſte, wir ge⸗ fährden zwei ſo vortreffliche Freunde, wie d'Artagnan und Porthos, nicht. Seid unbeſorgt, meine Herren, wir werden Euch ſterbend Ehre machen. Ich meines Theils fühle mich ganz ſiolz, den Kugeln und ſogar dem Strange mit Euch, Athos, entgegenzugehen, denn Ihr ſeid mir nie ſo groß vorgekommen, wie heute.“ D Artagnan ſagte nichts, aber nachdem er den Stängel ſeiner Blume zerkaut hatte, kaute er an den Nägeln. „Ihr denkt, man werde Euch tödten,“ ſprach er endlich.„Warum dies, wer hat ein Intereſſe bei Enrem Tode? Ueberdies ſeid Ihr unſere Gefangenen.“ „Thor, dreifacher Thor!“ entgegnete Aramis, „kennſt Du Mordaunt nicht? Ich habe nur einen Blich mit ihm gewechſelt, und in dieſem Blicke las ich, daß wir verurtheilt ſind.“ „Es thut mir in der That leid, daß ich ihn nicht erwürgte, wie Ihr es haben wolltet, Aramis,“ ver⸗ ſetzte Porthos. rief d'Artagnan;„Goites Blut! kitzelt mich dieſes Inſekt zu ſehr, ſo zermalme ich es. Flüchtet Euch alſo nicht, es iſt unnöthig, denn ich ſchwöre Euch, Ihr ſeid hier eben ſo ſehr in Sicherheit, als Ihr es vor wanzig Jahren, Ihr Athos, in der Rue Ferou, und Ihr Aramis, in der Rue Vaugirard waret.“ „Halt!“ ſprach Athos, ſeine Hand nach einem von mer erhellten,„Ihr werdet ſogleich erfahren, woran Ihr Euch u halten habt, denn er eilt eben herbei.“ er?“ „Mordaunt.“— Der Richtung ſolgend, welche die Hand von Athos „Ei, ich kümmere mich den Henker um Mordauni,“ den vergiiterten Fenſtern ausſtreckend, welche das Zim⸗ 255 „Gottes Blut!“ rief d'Artagnan,„ſprechen wir im Gegentheil davon, denn es iſt ein für allemal abge⸗ macht, daß wir immer zuſammenhalten, wenn wir auch einer entgegengeſetzten Sache dienen.“ „Ja, einer fehr entgegengeſetzten!“ ſprach Athos lächelnd,„denn ich frage Euch, welcher Sache dient Ihr hier? Ah! d'Artagnan, ſeht, wozu Euch dieſer elende Mazarin verwendet. Wißt Ihr, welches Ver⸗ brechens Ihr Euch heute ſchuldig gemacht habt? Der Gefangennehmung des Königs, ſeiner Schmach, ſeines Todes.“ „Oh! oh!“ verſetzte Porthos,„glaubt Ihr?“ „Ihr übertreibt, Athos,“ ſprach d'Artagnan,„wir find noch nicht ſo weit.“ „Ei, mein Gott, wir find im Gegentheil ſo weit. Warum nimmt man einen König gefangen? wenn man ihn als einen Herrn achten will, kauft man ihn nicht als einen Sklaven. Glaubt Ihr, daß ihn Crom⸗ well mit zweimal hunderttauſend Pfund Sterling be⸗ zahlt hat, um ihn wieder auf den Thron zu ſetzen? Freunde, ſeid überzeugt, fie werden ihn tödten, und das iſt noch das geringſte Verbrechen, welches ſie be⸗ gehen können. Es iſt beſſer, einen König enthaupten, als ihn beohrfeigen.“ „Ich widerſpreche Euch nicht, und es iſt Allem nach möglich,“ ſagte d'Artagnan;„aber was geht das uns an. Ich bin hier, weil ich Soldat bin, weil ich meinen Herren diene, das heißt denjenigen, welche mir meinen Sold bezahlen. Ich habe den Eid des Gehor⸗ ſams geleiſtet und gehorche. Aber Ihr, die Ihr keine Eide geleiſtet habt, warum ſeid Ihr hier und welcher Sache dient Ihr?“ „Der heiligſten Sache, die es auf der Welt gibt,“ erwiederte Arbos,„der Sache des Unglücks, deg König⸗ thums, der Religion. Ein Freund, eine Gattin, eine Tochter haben uns die Ehre erwieſen, uns zu Hülfe zu rufen. Wir haben ihnen nach unſern ſchwachen —— —— andeutete, ſah d'Artagnan wirklich elnen Reiter im Galopp herbeiſprengen. Es war in der That Mordaunt. D'Artagnan ſtürzte aus dem Zimmer. Porthos wollte folgen. „Bleibt,“ ſagte v'Artagnan,„und kommt erſt, wenn Ihr mit den Fingern an die Thüre trommeln hört.“ XX. Herr Jeſus! Als Mordaunt vor das Haus kam, ſah er d'Ar⸗ tagnan auf der Schwelle und die Soldaten mit ihren Waffen zerſtreut auf dem Raſen des Gartens liegend. „Holla!“ rief er mit einer in Folge ſeines ſchar⸗ ſen Rittes zuſammengeſchnürten Stimme,„ſind die Ge⸗ fangenen noch da?“ „Ja, Herr,“ ſagte der Sergent, und er ſowohl, als ſeine Leute erhoben ſich raſch und fuhren lebhaft mit der Hand an den Hut. „Gut. Vier Mann haben ſie in Empfang zu nel⸗ men und ſogleich in meine Wohnung zu führen.“ Vier Mann machten ſich bereit. 3 „Was beliebt?“ ſagte d'Artagnan mit der ſpötti⸗ ſchen Miene, welche unſere Leſer oft an ihm wahrneh⸗ men mußten, ſeitdem ſie ihn kennen.„Was gibt es, wenn ich bitten darf?“ „Mein Herr,“ antwortete Mordaunt,„ich habe vier Soldaten den Befehl ertheilt, die Gefangenen welche Ihr dieſen Morgen gemacht habt, zu übernehmen und in meine Wohnung zu führen.“ wir eit. enn ihn m⸗ be⸗ en und be⸗ ten, lem das mir or⸗ eine cher bt,“ tig⸗ ine ülfe hen 2⁵9 Mitteln gedient, und Gott wird uns den Willen in Ermangelung der Kraft anrechnen. Ihr könnt auf eine andere Weiſe denken, dArtagnan, Ihr könnt die Sa⸗ chen auf eine andere Art anſehen, Freund, ich will Euch nicht davon abbringen, aber ich tadle Euch!“ „Oh! oh!“ ſprach d'Artagnan,„was geht es mich am Ende an, daß Cromwell, der ein Engländer iſt, ſich gegen ſeinen König, einen Schottländer, empört? Ich bin Franzoſe, alle dieſe Dinge berühren mich nicht, warum wolltet Ihr mich alſo dafür verantwortlich machen?“ „Allerdings,“ ſagte Athos,„weil alle Evelleute Brüder find, weil Ihr ein Edelmann ſeid, weil die Fönige aller Länder die Erſten unter den Edelleuten find, weil der blinde, undankbare, alberne Pöbel im⸗ mer ein Vergnügen daran findet, das Erhabene zu erniedrigen; und Ihr, d'Artagnan, der Mann der alten Ritterlichkeit, der Mann mit dem ſchönen Na⸗ men, der Mann mit dem guten Schwerte, Ihr habt dazu beigetragen, einen König Bierbrauern, Schnei⸗ dern und Kärrnern auszuliefern. Ab! d'Artagnan, als Soldat habt Ihr vielleicht Eure Pflicht gethan, aber als Edelmann habt ihr Euch mit einer Schuld befleckt, das ſage ich Euch.“ D'Artagnan kaute an einem Blumenſtängel, ant⸗ wortete nicht und fühlte ſich unwohl, denn als er ſei⸗ nen Blick von Athos abwandte, begegnete er dem Blicke von Aramis. „Und Ihr, Porthos,“ fuhr der Graf fort, als hätte er Mitleid mit der Verlegenheit von dArtagnan, „Ihr, das beſte Herz, der beſte Freund, der beſte Sol⸗ dat, den ich kenne, Ihr, den ſein Gemüth würdig machte, auf den Stufen eines Thrones geboren zu ſein, und der Ihr früher oder ſpäter von einem ver⸗ ſtändigen König Euren Lohn empfangen werdet, Ihr, mein lieber Porthos, ein Edelmann durch die Sitten, „Und warum dies?“ fragte d'Artagnan.„Verzeiht meine Neunierde, aber Ihr begreift, daß ich über die⸗ ſen Gegenſtand belehrt zu ſein wünſche.“ „Weil die Gefangenen jetzt mein ſind,“ antwortete Mordaunt hochmütbig,„und weil ich nach meinem Ge⸗ fallen über ſie verfüge.“ „Erlaubt, erlaubt, mein junger Herr,“ entgegnete d'Artagnan,„Ihr ſeid im Irrthum, wie mir ſcheint. Die Gefangenen gehören gewöhnlich denjenigen, welche ſich ihrer bemäcktigt haben, und nicht den Menſchen, welche dieſelben faſſen ſehen; Ihr konntet Mylord von Wnter gefangen nehmen, der, wie die Leute ſagen, Euer Oheim war, Ihr zoget es vor, ihn zu tödten, das iſt Eure Sache; Herr du Vallon und ich konnten dieſe zwei Edelleute auch tödten, wir zogen es vor, ſie gefangen zu nehmen: Jeder nach ſeinem Geſchmack.“ Die Lippen von Mordaunt wurden weiß. 3 D'Artagnan begriff, daß die Sache bald eine ſchlimme Wendung nehmen würde, und fing an, den Marſch der Garden an der Thüre zu trommeln. Bei dem erſten Takte kam Porthos heraus und ſtellte ſich auf die andere Seite der Thüre, an welche F Dhen und unten mit der Stirne und den Füßen an⸗ ieß. Dieſes Manoeuvre entging Mordaunt nicht. „Mein Herr,“ ſagte er mit hervorbrechendem Zorne, „Ihr werdet einen vergeblichen Widerſtand leiſten; dieſe Gefangenen ſind mir ſo eben von meinem erhabenen Gebieter, dem Obergeneral Herrn Oliver Cromwell, geſchenkt worden.“ D'Artagnan wurde von dieſen Worten wie vom Blitze getroffen. Das Blut ſtieg ihm in den Kopf, eine Wolke zog vor ſeinen Augen hin, er begriff die wilde Hoffnung des jungen Menſchen, und ſeine Hand fuhr mit einer inſtinktartigen Bewegung nach dem Griffe ſeines Degens. Portyos ſchaute d'Artagnan an, um zu erfahren, 260 durch den Geſchmack und durch den Muth, Ihr ſeid eben ſo ſchuldig, als d'Artagnan.“ Porthos erröthete mehr aus Vergnügen, als aus Scham, ſenkte aber doch den Kopf, als wäre er ſehr gedemüthigt. „Ja, ja,“ ſagte er,„ich glaube, Ihr habt Recht, mein lieber Graf.“ Athos erhob ſich. „Höret,“ ſprach er, auf d'Artagnan zugehend und ihm die Hand reichend,„ſchmollt nicht, mein theurer Sohn, denn Alles, was ich Euch geſagt habe, habe ich, wenn nicht mit dem Tone, doch mit dem Herzen eines Vaters geſagt. Glaubt mir, es wäre mir leichter geweſen, Euch dafür zu danken, daß Ihr mir das Le⸗ ben gerettet habt, und nicht ein Wort von meinen Gefühlen zu ſprechen.“ „Gewiß, gewiß, Athos,“ erwiederte d'Artagnan, ihm ebenfalls die Hand drückend,„Ihr habt aber auch Teufel von Gefühlen, die nicht Jedermann haben kann. Wer kann ſich einbilden, ein vernünftiger Menſch werde ſein Haus, Frankreich, ſeinen Mündel, einen reizenden jungen Menſchen, verlaſſen— wir haben ihn im Lager beſucht— um wohin zu eilen? einem ver⸗ faulten, wurmſtichigen Königthum zu Hülfe, das eines Morgens wie eine alte Barake zuſammenſtürzen wird. Das Gefühl, von dem Ihr ſprecht, iſt allerdings ſchön, ſo ſchön, daß es übermenſchlich erſcheint.“ „Wie dem ſein mag,“ erwiederte Athos, ohne in die Falle zu gehen, die dArtagnan mit ſeiner gas⸗ cogniſchen Geſchicklichkeit ſeiner väterlichen Liebe für Ravul ſtellte,„wie dem ſein mag, Ihr wißt, daß die⸗ ſes Gefühl richtig iſt; aber ich habe Unrecht, mit mei⸗ nem Herrn zu ſtreiten, d'Artagnan, ich bin Euer Gefangener, behandelt mich als ſolchen.“ „Ah, bei Gott!“ verſetzte d'Artagnan,„Ihr wißt wohl, daß Ihr nicht lange mein Gefangener ſein werdet.“ was er thun ſollte, und um ſein Benehmen nach dem ſeines Freundes einzurichten. D Artagnan wurde durch den Blick von Porthos mehr beunruhigt, als beruhigt, und er fing an es ſich zum Vorwurfe zu machen, daß er die rohe Kraft von Porthos bei einer Angelegenheit zu Hülfe gerufen hatte, welche hauptſächlich durch Liſt geführt werden mußte. „Gewaltthätigkeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„würde uns Alle zu Grunde richten; d'Artagnan, mein Freund, beweiſe dieſer jungen Schlange, daß Du nicht nur ſtärker, ſondern auch feiner biſt, als ſie.“ „Ah!“ ſprach er mit einer tiefen Verbeugung, zwarum ſagtet Ihr das nicht gleich von Anfang an, Herr Mordaunt? Wie, Ihr kommt von Herrn Oliver Cromwell, dem berühmteſten Feldherrn unſerer Zeit?“ „Ich verließ ihn ſo eben,“ erwiederte Mordaunt, indem er abſtieg und ſein Pferd einem Soldaten zu halten gab. „Warum ſagtet Ihr dies nicht ſogleich, mein lieber Herr?“ fuhr d'Artagnan fort;„ganz England gehört Herrn Cromwell, und da Ihr meine Gefangenen in ſeinem Namen von mir fordert, ſo verbeuge ich mich, mein Herr, ſie ſind Euer, nehmt fie.“ Mordaunt rückte ſtrahlend vor, während Porthos ganz verblüfft d'Artagnan anſchaute und den Mund öffnete, um zu ſprechen. DArtagnan trat Porthos auf den Fuß, und dieſer begriff, daß ſein Freund ein Spiel trieb. Mordaunt ſatzte ſeinen Fuß auf die erſte Stufe der Thüre und ſchickte ſich den Hut in der Hand an, zwi⸗ ſchen den zwei Freunden durch zu gehen, wobei er ſei⸗ nen vier Soldaten durch ein Zeichen Befehl gab, ihm zu folgen. „Um Vergebung,“ ſprach d'Artagnan mit dem freundlichſten Lächeln und dem jungen Manne die Hand auf die Schulter legend,„wenn der erhabene General Oliver Cromwell über unſere Gefangenen zu Euern. nd er be en e⸗ en n, ch ſch en hn r⸗ es rd. n, 6⸗ ür ie⸗ ei⸗ ter ißt ein 251 „Nein, ſagte Aramis,„denn man wird uns ohne Zweifel behandeln, wie diejenigen, welche man in Pbillipphaus gefangen genommen hat.“ „Wie hat man dieſe behandelt?“ fragte d»Ar⸗ tagnan. „Man hat die eine Hälfte gehängt und die andere erſchoſſen,“ erwiederte Aramis. „Wohl, ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr, ſo lange ich einen Tropfen Blut in meinen Adern habe„ weder gehängt noch erſchoſſen werden ſollt,“ ſprach dArtag⸗ nan.„Gottes Blut! ſie mögen kommen! Ueberdies, ſeht Ihr dieſe Thüre, Athos 2“ „Nun?“. „Ihr geht vurch dieſe Thüre, wann Ihr wollt, dehn von dieſem Angenblick ſeid Ihr und Aramis frei wie die Luft.“ „Daran erkenne ich Euch, mein braver d'Artagnan,“ erwiederte Athos,„aber Ihr ſeid nicht mehr Herr von uns; dieſe Thüre wird bewacht, Ihr wißt es wohl, d'Artagnan. „Gut, Ihr ſprengt ſie,“ ſagte Porthos.„Wes iſt dabei? höchſtens zehn Mann.“ „Das wäre nichts für uns Vier, es iſt aber zu viel für Zwei. Nein, ſeht, getheilt, wie wir jetzt find, müſſen wir untergehen. Erinnert Euch des unſeligen Beiſpiels; auf der Straße wurdet Ihr d'Artagnan, der Brave, und Ihr Porthos, der Muthige, Starke, geſchlagen. Heute ſind wir es, die Reihe iſt an mir und Aramis. Nie aber iſt uns dies begegnet, wenn wir alle Vier vereinigt waren; ſterben wir alſo, wie Lord Winter geſtorben iſt; ich meinerſeits erkläre, daß ich nur zu einer Flucht einwillige, wenn wir alle Vier mit einander fliehen.“ „Unmöglich, ſprach d'Artagnan,„wir ſtehen unter dem Befehl von Mazarin.“ „Ich weiß es und dringe nicht weiter in Euch; meine Beweisgründe haben keine Folge gehabt, ohne Gunſten verfügt hat, ſo hat er Euch wohl auch eine ſchriftliche Schenkungsakte ausgeſtellt?“ 5 Der junge Mann blieb erſtaunt ſtille ſtehen. „Er hat Euch irgend ein Brieſchen für mich, den gerinaſten Fetzen Papier gegeben, worin bezeugt iſt, daß Ihr in ſeinem Namen kommt? Habt die Güte, mir dieſen Fetzen zu geben, damit ich wenigſtens durch einen Vorwand die Abtretung meiner Landsleute zu entſchuldigen vermag. Ihr begreift, daß es ſonſt eine ſchlimme Wirkung hervorbrächte, obgleich ich überzengt bin, daß General Oliver Cromwell nichts Böſes gegen ſie im Sinne hat.“— — Mordaunt wich zurück und ſchleuderte, den Streich fühlend, d'Artagnan einen furchtbaren Blick zu; aber dieſer ſchaute den Puritaner mit der liebenswürdigſten und freundſchaftlichſten Miene an, die ſich je über ſein Geſicht verbreitet hatte. „Wenn ich Euch etwas ſage, mein Herr,“ ſprach Mordaunt,„wollt Ihr mir die Beleidigung anthun, daran zu zweifeln? „Ich!“ rief d'Artagnan, ich an dem zweifeln, was Ihr ſagt! Gott ſoll mich bewahren, mein lieber Herr Mordaunt; ich halte Euch im Gegentheil für einen würdigen und vollkommenen Edelmann, dem Anſcheine nach; doch, ſoll ich offen mit Euch ſprechen, Herr?“ fuhr vAriagnan mit ſeiner treuherzigen Miene fort. „ Sprecht. „Herr du Vallon hier iſt reich, er hat vierzig⸗ tauſend Livres Renten und es iſt ihm folglich nichts am Gelde gelegen, ich ſpreche alſo nicht für ihn, ſon⸗ dern für mich.“ „Weiter, mein Herr.“ „Nun, ich bin nicht reich; in Gascogne iſt dies keine Schande, mein Herr; Niemand iſt es dort, und Heinrich IV. glorreichen Andenkens, welcher der König der Gascogner war, wie Seine Majeftät Philipp IV. „ — — —— —— ——— P,—,, 262 Zweiſel waren ſie ſchlecht, da ſie keine Herrſchaft über ſo große Geiſter, wie vie Eurigen, gewinnen konnten.“ „Hätten ſie auch eine Wirkung hervorgebracht,“ verſetzte Aramis,„ſo iſt es doch das Beſte, wir ge⸗ fährden zwei ſo vortreffliche Freunde, wie d'Artagnan und Porthos, nicht. Seid unbeſorgt, meine Herren, wir werden Euch ſterbend Ehre machen. Ich meines Theils fühle mich ganz ſiolz, den Kugeln und ſogar dem Strange mit Euch, Athos, entgegenzugehen, denn Ihr ſeid mir nie ſo groß vorgekommen, wie heute.“ D'Artagnan ſagte nichts, aber nachdem er den Stängel ſeiner Blume zerkaut hatte, kaute er an den Nägeln. „Ihr denkt, man werde Euch tödten,“ ſprach er endlich.„Warum dies, wer hat ein Intereſſe bei Eurem Tode? Ueberdies ſeid Ihr unſere Gefangenen.“ „Thor, dreifacher Tbor!“ entgegnete Rramis, „kennſt Du Mordaunt nicht? Ich habe nur einen Blick mit ihm gewechſelt, und in dieſem Blicke las ich, daß wir verurtheilt find.“ „Es thut mir in der That leid, daß ich ihn nicht erwürgte, wie Ihr es haben wolltet, Aramis,“ ver⸗ ſetzte Porthos. „Ei, ich kümmere mich den Henker um Mordaunt,“ rief dArtagnan;„Gottes Blut! kitzelt mich dieſes Inſekt zu ſehr, ſo zermalme ich es. Flüchtet Euch alſo nicht, es iſt unnöthig, denn ich ſchwöre Euch, Iyr ſeid hier eben ſo ſehr in Sicherheit, als Ihr es vor wanzig Jahren, Ihr Athos, in der Rue Ferou, und Bhr Aramis, in der Rue Vaugirard waret.“ „Halt!“ ſprach Athos, ſeine Hand nach einem von den vergiterken Fenſtern ausſtreckend, welche das Zim⸗ mer erhellten,„Ihr werdet ſogleich erfahren, woran Ihr Euch z. halten habt, denn er eilt eben herbei.“ „Wer?“ „Mordaunt.“ Der Richtung folgend, welche die Hand von Athos 7 — — ten, Euch und Euere acht Mann. Bei Gott! Herr Mor⸗ 267 der König von Spanien iſt, hatie nie einen Sou in ſeiner Taſche.“ 1 „Vollendet, Herr,“ erwiederte Mordaunt,„ich ſehe, worauf Ihr abzielt, und wenn Euch das, was ich glaube, zurückhält, ſo läßt ſich die Schwierigkeit heben.“ „Ahl ich wußte wohl, daß Ihr ein Mann von Geiſt ſeid,“ ſagte d'Artagnan.„Wohl, das iſt die Sache, hier drückt mich der Sattel, wie wir zu ſagen pflegen. Ich bin ein Glücksoffizier und nichts Anderes. Ich habe nichts, als was mir mein Degen einträgt, das heißt, mehr Schläge als Banknoten. Als ich nun dieſen Morgen zwei Franzoſen, welche mir von hoher Geburt zu ſein ſchienen, zwei Ritter vom Hoſenband⸗ orden gefangen nahm, ſagte ich mir, mein Glück iſt gemacht. Ich ſage zwei, weil Herr du Vallon, da er reich iſt, in einem ſolchen Falle mir ſtets ſeine Ge⸗ fangenen abtritt.“. Völlig getäuſcht durch die gutmüthige Geſchwätzig⸗ keit von d'Artagnan, lächelte Mordaunt wie ein Menſch, der die Gründe, die man ihm angibt, ſehr wohl be⸗ greift, und antwortete mit höflichem Tone: „Sogleich wird der Befehl unterzeichnet ſein, und mit dem Befehl erhaltet Ihr zweitauſend Piſtolen, aber Mtlergelle mein Herr, laßt mich dieſe Menſchen weg⸗ ühren.“ 3 „Nein,“ ſagte d'Artagnan;„was iſt Euch an einer Zögerung von einer halben Stunde gelegen? Ich bin ein Mann von Ordnung, mein Herr, und wir wollen die Sache den Regeln gemäß abmachen.“ „Mein Herr, ich könnte Euch zwingen,“ verſetzte Mordaunt,„denn ich befehlige hier.“ „Ahl mein Herr,“ ſprach d'Artagnan höflich lä⸗ chelnd,„ich ſehe, daß Ihr uns nicht kennt, obgleich Herr du Vallon und ich in Eurer Geſellſchaft zu rei⸗ ſen die Ehre gehabt haben. Wir ſind Edelleute, wir find Franzoſen, wir zwei find im Stande, Euch zu töd⸗ e , aß t r ,* ſes lſo r or nd on m⸗ an s 263 andeutete, ſah dArtagnan wirklich einen Relter im Galopp herbeiſprengen. Es war in der That Mordaunt. DArtagnan ſtürzte aus dem Zimmer. Porthos wollte ſolgen. „Bleibt,“ ſagte dArtagnan,„und kommt erſt, Ihr mit den Fingern an die Thüre trommeln pört.“ . XN. Berr Zeſus! Als Mordaunt vor das Haus kam, ſah er d'Ar⸗ tagnan auf der Schwelle und die Soldaten mit ihren Waffen zerſtreut auf dem Raſen des Gartens liegend. „Holla!“ rief er mit einer in Folge ſeines ſchar⸗ fen Rittes zuſammengeſchnürten Stimme,„find die Ge⸗ fangenen noch da?“ „Ja, Herr,“ ſagte der Sergent, und er ſowohl, als ſeine Leute erhoben ſich raſch und fuhren lebhaft mit der Hand an den Hut. „Gut. Vier Mann haben ſie in Empfang zu neß⸗ men und ſogleich in meine Wohnung zu führen.“ Vier Mann machten ſich bereit.. Was beliebt?“ ſagte d'Artagnan mit ver ſpötti⸗ ſchen Miene, welche unſere Leſer oft an ihm wahrneh⸗ men mußten, ſeitdem ſie ihn kennen.„Was gibt es, wenn ich bitten darf?“ „Mein Herr,“ antwortete Mordaunt,„ich habe vier Soldaten den Befehl ertheilt, die Gefangenen welche Ihr dieſen Morgen gemacht habt, zu übernehmen und in meine Wohnung zu führen.“ 268 daunt macht nicht den Hartnäckigen, denn wenn man halsſtarrig iſt, bin ich es auch, und dann ergreift mich eine wilde Widerſpänſtigkeit, und dieſer Herr hier iſt in einem ſolchen Falle noch viel halsſtarriger, noch viel wilder, als ich; abgefehen davon, daß wir von dem Herrn Cardinal Mazarin abgeſandt find, der die Stelle des Königs von Frankreich vertritt, woraus folgt, daß wir die Stelle des Königs und des Cardi⸗ nals vertreten, weshalb wir in unſerer Eigenſchaft als Botſchafter unverletzlich ſind, und Herr Cromwell, ohne Zweifel ein eben ſo guter Politiker, als er ein großer General iſt, muß dies gar wohl begreifen. Ver⸗ langt alſo den geſchriebenen Befehl von ihm. Was ko⸗ ſtet Euch dies, mein lieber Herr Mordaunt?“ „Ja, den geſchriebenen Befehl,“ ſagte Porthos, der die Abſicht von d'Artagnan zu begreifen anſing; „man fordert nichts Anderes von Euch.“ So große Luſt Mordaunt auch hatte, Gewalt zu gebrauchen, ſo war er doch der Mann, der die Gründe von d'Artagnan zu würdigen und als triftig zu erken⸗ nen wußte. Er überlegte, und da ihm die freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſe zwiſchen den vier Franzoſen völlig unbekannt waren, ſo verſchwand ſeine ganze Unruhe vor dem äußerſt glaubwürdigen Beweggrunde eines Löſegeldes. Er beſchloß daher nicht nur den Befehl, ſondern auch die zweitaufend Piſtolen zu holen, zu welchem Preiſe er die Gefangenen ſelbſt angeſchlagen hatte. 3 Mordaunt ſtieg wieder zu Pferde, und nachdem er dem Sergenten gut zu wachen empfohlen hatte, wandte er um und verſchwand. „Wohl,“ ſagte d'Artagnan,„eine Viertelſtunde um bis zu dem Zelte zu reiten, eine Viertelſtunde um zu⸗ rückzukehren, das iſt mehr, als wir brauchen.“ Dann zu Porthos zurückkehrend, ohne daß ſein Geſicht die geringſte Veränderung ausdrückte, ſo daß diejenigen, welche ihn beobachteten, hätten glauben können, er 264 „Und warum dies?“ fragte d»Artagnan.„Verzeiht meine Neugierde, aber Ihr begreift, daß ich über die⸗ ſen Gegenſtand belehrt zu ſein wünſche.“ „Weil die Gefangenen jetzt mein find,“ antwortete Mordaunt hochmüthig,„und weil ich nach meinem Ge⸗ fallen über ſie verfüge.“ „Erlaubt, erlaubt, mein junger Herr,“ entgegnete dArtagnan,„Ihr ſeid im Irrthum, wie mir ſcheint. Die Gefangenen gehören gewöhnlich denjenigen, welche ſich ihrer bemächtigt haben, und nicht den Menſchen, welche dieſelben faſſen ſehen; Ihr konntet Mylord von Winter gefangen nehmen, der, wie die Leute ſagen, Euer Oheim war, Ihr zoget es vor, ihn zu tödten, das iſt Eure Sache; Herr du Vallon und ich konnten dieſe zwei Edelleute auch tödten, wir zogen es vor, ſie gefangen zu nehmen: Jeder nach ſeinem Geſchmack.“ 8 Die Lippen von Mordaunt wurden weiß. D'Artagnan begriff, daß die Sache bald eine ſchlimme Wendung nehmen würde, und fing an, den Marſch der Garden an der Thüre zu trommeln. Bei dem erſten Takte kam Porthos heraus und ftellte ſich auf die andere Seite der Thüre, an welche und unten mit der Stirne und den Füßen an⸗ ieß. Dieſes Manveuvre entging Mordaunt nicht. „Mein Herr,“ ſagte er mit hervorbrechendem Zorne, „Ihr werdet einen vergeblichen Wiverſtand leiſten; dieſe Gefangenen find mir ſo eben von meinem erhabenen Gebieter, dem Obergeneral Herrn Oliver Cromwell, geſchenkt worden.“ DArtagnan wurde von dieſen Worten wie vom Blitze getroffen. Das Blut ſtieg ihm in den Kopf, eine Wolke zog vor ſeinen Augen hin, er begriff die wilde Hoffnung des jungen Menſchen, und ſeine Hand fuhr mit einer inſtinktartigen Bewegung nach dem Griffe ſeines Degens. Porthos ſchaute d'Artagnan an, um zu erfahren, —————+—— ⏑᷑̊ᷣA—A — — 4—— 269 ſetzte vorhergehende Geſpräch fort; ſagte er, dem Rie⸗ ſen in das Geſicht ſchauend: „Porthos, hört wohl: vor Allem kein Wort zu unſeren Freunden von dem, was Ihr vernommen habt; es iſt unnöthig, daß ſie erfahren, welchen Dienſt wir ihnen leiſten.“ „Gut,“ ſprach Porthos,„ich begreife.“ „Geht in den Stall, Ihr findet dort Mousqueton; Ihr laßt die Pferde ſatteln, Ihr ſteckt die Piſtolen in die Holfter, Ihr laßt die Thiere in die Straße unten führen, daß man nur aufſteigen darf, das Uebrige iſt meine Sache.“ Porthos machte nicht die geringſte Bemerkung, ſon⸗ dern gehorchte mit dem erhabenen Vertrauen, das er ſtets zu ſeinem Freunde hatte. „Ich gehe,“ erwiederte er,„nur ſagt mir, ob ich in das Zimmer zurückkehren ſoll, in welchem dieſe Herren ſich aufhalten?“ „Nein, das iſt unnöthig.“ „Wohl, ſo habt die Güte, meine Börſe mitzuneh⸗ men, vie ich auf dem Kamine liegen ließ.“— „Seid unbeſorgt.“ Porthos ging mit ſeinem ruhigen, gelaſſenen We⸗ ſen in den Stall und ſchritt mitten durch die Soldaten, die, obgleich er ein Franzoſe war, ſeine hohe Geſtalt nnd ſeiie kräftigen Glieder zu bewundern nicht umhin onnten. An der Ecke der Straße traf er Mousqueton, den er mit ſich nahm. D'Artagnan kehrte ſodann ein Liedchen pfeifend, das er bei dem Abgange von Porthos angefangen hatte, in das Haus zurück. 8 „Mein lieber Athos,“ ſprach er,„ich habe über Euere Bemerkungen nachgedacht und fand ſie meinem Innern entſprechend; ich bedaure, daß ich an dieſer ganzen Angelegenheit Theil gehabt habe; Mazarin iſt, wie Ihr ſagt, ein Knauſer. Ich bin alſo entſchloſſen, ht ie⸗ ete ze⸗ ete nt. che n, on n, en ſie ne en nd 26⁵ was er thun ſollte, und um ſein Benehmen nach dem ſeines Freundes einzurichten. DArtagnan wurde durch den Blick von Porthos mehr beunruhigt, als beruhigt, und er fing an es ſich zum Vorwurfe zu machen, daß er die rohe Kraft von Porthos bei einer Angelegenheit zu Hülfe gerufen hatte, welche hauptſächlich durch Liſt geführt werden mußte. „Gewaltthätigkeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„würde uns Alle zu Grunde richten; d'Artagnan, mein Freund, beweiſe dieſer jungen Schlange, daß Du nicht nur ſtärker, ſondern auch feiner biſt, als fie.“ „Ah!“ ſprach er mit einer tiefen Verbeugung, „warum ſagtet Ihr das nicht gleich von Anfang an, Herr Mordaunt? Wie, Ihr kommt von Herrn Oliver Cromwell, dem berühmteſten Feldherrn unſerer Zeit?“ „Ich verließ ihn ſo eben,“ erwiederte Mordaunt, indem er abſtteg und ſein Pferd einem Soldaten zu halten gab. „Warum ſogtet Ihr dies nicht ſogleich, mein lieber Herr?“ fuhr d'Artagnan fort;„ganz England gehört Herrn Cromwell, und da Ihr meine Gefangenen in ſeinem Namen von mir fordert, ſo verbeuge ich mich, mein Herr, ſie ſind Euer, nehmt ſie.“ Mordaunt rückte ſtrahlend vor, während Porthos ganz verblüfft d'Artagnan anſchaute und den Mund öffnete, um zu ſprechen. DArtagnan trat Porthos auf den Fuß, und dieſer begriff, daß ſein Freund ein Spiel trieb. Mordaunt ſetzte ſeinen Fuß auf die erſte Stufe der Thüre und ſchickte ſich den Hut in der Hand an, zwi⸗ ſchen den zwei Freunden durch zu gehen, wobei er ſei⸗ nen vier Soldaten durch ein Zeichen Befehl gab, ihm zu folgen. „Um Vergebung,“ ſprach d'Artagnan mit dem freundlichſten Lächeln und dem jungen Manne die Hand auf die Schulter legend,„wenn der erhabene General Oliver Cromwell über unſere Gefangenen zu Euern 270 mit Euch zu fliehen; es bedarf keiner Ueberlegung mehr, haltet Euch bereit; Euere zwei Degen find in der Ecke, vergeßt ſie nicht, es iſt ein Werkzeug, das unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, ſehr nützlich ſein kann. Doch das erinnert mich an die Börſe von Porthos; gut, hier iſt ſie.“ Und d' Artagnan ſteckte die Börſe in ſeine Ta ſche. Die zwei Freunde ſchauten ihm erſtaunt zu. „Nun, ich frage Euch, was iſt hiebei zu ſtaunen“ ſprach d'Artagnan.„Ich war blind, Athos hat mich hell ſehen gemacht, das iſt das Ganze; kommt hierher.“ Die zwei Freunde näherten ſich. „Seht Ihr jene Straße?“ ſagte d'Artagnan;„dort werden die Pferde ſein; Ihr geht durch die Thüre hin⸗ aus, Ihr wendet Euch links, ſchwingt Euch in den Sattel und Alles iſt abgemacht; kümmert Euch um gar nichts, als daß Ihr das Signal gut hört. Das Signal iſt, daß ich: Herr Jeſus! ſchreie.“ „Aber Ihr, kommt Ihr bei Euerem Worte, d'Ar⸗ tagnan?“ ſprach Athos. „Ich ſchwöre es, bei Gott.“ „Einverſtanden,“ rief Aramis.„Bei dem Rufe: Herr Zeſus! gehen wir hinaus, werfen Alles nieder, was fich uns in den Weg ſtellt, laufen nach unſern Pfer⸗ den, ſchwingen uns in den Sattel und ſtechen zu; meint Ihr es ſo?“ „Vortrefflich.“ „Seht, Aramis,“ ſprach Athos, vich ſage Euch im⸗ mer, d'Artagnan iſt der Beſte von uns.“ „Gut!“ verſetzte d'Artagnan,„Komplimente, ich mache mich aus dem Staube, Gott befohlen!“ 3„Und Ihr flieht mit uns, nicht wahr?“ 4 „Ganz gewiß. Vergeßt das Signal nicht: Herr Jeſus! 1 1 Und er ging mit demſelben Schritte hinaus, mit welchem er hereingekommen war, und fing die Melodie —— 266 Gunſten verſügt hat, ſo hat er Euch wohl auch eine ſchriftliche Schenkungsakte ausgeſtellt?“ Der junge Mann blieb erſtaunt ſtille ſtehen. „Er hat Euch irgend ein Briefchen für mich, den gerinaſten Fetzen Papier gegeben, worin bezeugt iſt, daß Ihr in ſeinem Namen kommt? Habt die Güte, mir dieſen Fetzen zu geben, damit ich wenigſtens durch einen Vorwand die Abtretung meiner Landsleute zu entſchuldigen vermag. Ihr begreift, daß es ſonſt eine ſchlimme Wirkung hervorbrächte, obgleich ich überzeugt bin, daß General Oliver Cromwell nichts Böſes gegen ſie im Sinne hat.“ Mordaunt wich zurück und ſchleuderte, den Streich ſühlend, d'Artagnan einen furchtbaren Blick zu; aber dieſer ſchaute den Puritaner mit der liebenswürdigſten und freundſchaftlichſten Miene an, die ſich je über ſein Geſicht verbreitet hatte. „Wenn ich Euch etwas ſage, mein Herr,“ ſprach Mordaunt,„wollt Ihr mir die Beleidigung anthun, daran zu zweifeln?“ „Ich!“ rief d'Artagnan,„ich an dem zweifeln, was Ihr ſagt! Gott ſoll mich bewahren, mein lieber Herr Mordaunt; ich halte Euch im Gegentheil für einen würdigen und vollkommenen Edelmann, dem Anſcheine nach; doch, ſoll ich offen mit Euch ſprechen, Herr?“ fuhr d'Artagnan mit ſeiner treuherzigen Miene fort. „Sprecht.“ „Herr du Vallon hier iſt reich, er hat vierzig⸗ tauſend Livres Renten und es iſt ihm folglich nichts am Gelde gelegen, ich ſpreche alſo nicht für ihn, ſon⸗ dern für mich.“ „Weiter, mein Herr.“ „Nun, ich bin nicht reich; in Gascogne iſt dies keine Schande, mein Herr; Piemand iſt es dort, und Heinrich IV. glorrcichen Andenkens, welcher der König der Gascogner war, wie Seine Majeſtät Philipp IV. ——— 8 ter den Soldaten der Thüre gegenüber. da zu pfeifen wieder an, wo er ſie bei ſeinem Eintritte. unterbrochen hatte. 3 Die Soldaten ſpielten oder ſchliefen, zwei ſangen auf eine klägliche Weiſe in einem Winkel den Pſalm: Super flumina Babylonis. D⸗Artagnan rief den Sergenten. „Mein lieber Herr,“ ſagte er zu ihm,„der General Cromwell hat mich durch Herrn Mordaunt rufen laſſen; ich bitte, bewacht die Gefangenen gut.“ Der Sergent bedeutete durch ein Zeichen, er ver⸗ ſtände nicht Franzöſiſch. 3— Dann ſuchte d'Artagnan durch Geberden begreiflich zu machen, was er durch Worte nicht hatte zu ver⸗ ſtehen geben können. 5 Der Sergent erwiederte, es wäre gut. D Artagnan ging in den Stall hinab: er fand die fünf Pferde geſattelt, das ſeinige, wie die andern. „Nehmet jeder ein Pferd an die wand,“ ſagte er zu Porthos und Mousqueton,„wendet Euch links, da⸗ mit Athos und Aramis Euch von ihrem Fenſter aus ſehen.“ „Sie werden alſo kommen?“ ſagte Porthos. „In einem Augenblick.“ „Ihr habt meine Börſe nicht vergeſſen?“ „Nein, ſeid unbeſorgt.“ „Gut.“ 3— Porthos und Mousqueton begaben ſich, jeder ein Pferd an der Hand führend, auf ihren Poſten. Als d'Artagnan allein war, ſchlug er Feuer, zün⸗ dete ein Stück Schwamm, zweimal ſo groß als eine Linſe an, ſtieg zu Pferde und hielt ſodann mitten un⸗ Hier ſteckte er den Schwamm dem Thiere, während er es zugleich ſtreichelte, brennend in das Ohr. Man mußte ein ſo guter Reiter ſein, als d'Arta nan dies war, um ein ſolches Mittel zu wagen, d kaum fühlte das Pferd den brennenden Zunder, als as err nen ine 2 ig⸗ his on⸗ ies ind nig IV. 267 der König von Spanien iſt, hatte nie einen Son in ſeiner Taſche.“ „Vollendet, Herr,“ erwiederte Mordaunt,„ich ſehe, worauf Ihr abzielt, und wenn Euch das, was ich glaube, zurückhält, ſo läßt ſich vie Schwierigkeit heben.“ „Ah! ich wußte wohl, daß Ihr ein Mann von Geift ſeid,“ ſagte dArtagnan.„Wohl, das iſt die Sache, hier drückt mich der Sattel, wie wir zu ſagen pflegen. Ich bin ein Grücksoffizier und nichts Anveres. Ich habe nichts, als was mir mein Degen einträgt⸗ das heißt, mehr Schläge als Banknoten. Als ich nun dieſen Morgen zwei Franzoſen, welche mir von hoher Geburt zu ſein ſchienen, zwei Ritter vom Hoſenband⸗ orden gefangen nahm, ſaßte ich mir, mein Glück iſt gemacht. Ich ſage zwei, weil Herr du Vallon, da er reich iſt, in einem ſolchen Falle mir ſtets ſeine Ge⸗ fangenen abtritt.“ Völlig getäuſcht vurch die gutmüthige Geſchwätzig⸗ keit von d'Artagnan, lächelte Mordaunt wie ein Menſch, der die Gründe, die man ihm angibt, ſehr wohl be⸗ greift, und antwortete mit höflichem Tone: „Sogleich wird der Befehl unterzeichnet ſein, und mit dem Befehl erhaltet Ihr zweitauſend Piſtolen, aber mein Herr, laßt mich dieſe Menſchen weg⸗ ühren.“ „Nein,“ ſagte dArtagnan;„was iſt Euch an einer Zögerung von einer halben Stunde gelegen? Ich bin tin Mann von Ordnung, mein Herr, und wir wollen die Siche den Regeln gemäß abmachen.“ „Mein Herr, ich könnte Euch zwingen,“ verſetzte Mordaunt,„denn ich befehlige hier.“ „Ah! mein Herr,“ ſprach d'Artagnan höflich lä⸗ chelnd,„ich ſehe, daß Ihr uns nicht kennt, obgleich Herr du Vallon und ich in Eurer Geſellſchaft zu rei⸗ ſen die Ehre gehabt haben. Wir find Edelleute, wir find Franzoſen, wir zwei find im Stande, Euch zu töd⸗ ten, Euch und Euers acht Mann. Bei Gott! Herr Mor⸗ einen Schrei des Schmerzes ausſtieß, ſich bäumte und aufſprang, als ob es toll würde. Die Soldaten, welche es niederzutreten drohte, wichen haſtig zurück. „Herbeil zu Hülfe.“ rief d'Artagnan,„haltet mein Pferd, es hat den Schwindel!“ In einem Augenblick ſchien ihm wirklich das Blut aus den Augen zu treten und es wurde weiß von Schaum. „Zu Hülfe!“ rief d'Artagnan beſtändig, ohne daß die Soldaten ihm Beiſtand zu leiſten wagten.„Zu Hülfel wollt Ihrmich denn umbringen laſſen? Herr Jeſus!“ Kaum hatte d'Artagnan dieſes Wort ausgerufen, als die Thüre ſich öffnete und Athos und Aramis den Degen in der Fauſt herausſtürzten. Aber durch die Liſt von d'Artagnan war der Weg frei. „Die Gefangenen flüchten ſich! die Gefangenen flüchten ſich!“ ried der Sergent. „Aufgehalten!“ ſchrie d'Artagnan und ließ ſeinem Pferde, das mehrere Soldaten niederwerfend fortjagte, die Zügel ſchießen. „Stop! stop!“ riefen die Soldaten nach ihren Waffen laufend. Aber die Gefangenen ſaßen ſchon im Sattel, und einmal im Sattel, verloren ſie keine Zeit und eilten nach dem nächſten Thore. Mitten auf der Straße gewahrten ſie Grimaud und Blaiſois, welche ihre Herren ſuchend zurückkamen. Mit einem Zeichen machte Athos Grimaud Alles begreiflich, und dieſer folgte der kleinen Truppe, welche ein Wirbelwind zu ſein ſchien und von deArtag⸗ nan, der von hinten herbeikam, noch durch die Stimme angefeuert wurde. Sie flogen wie Schatten durch das Thor, ohne daß die Wächter nur daran dachten, ſie aufzuhalten, und befanden ſich bald im freien Felde. 4 Während dieſer Zeit ſchrieen die Soldaten beſtän⸗ ☛☛☚£¶m ↄꝛ 268 daunt macht nicht den Hartnäckigen, denn wen man ſetz halsſtarrig iſt, bin ich es auch, und dann ergreift mich ſen eine wilde Widerſpänſtigkeit, und dieſer Herr hier iſt in einem ſolchen Falle noch viel halsſtarriger, noch unſ viel wilder, als ich; abgeſehen davon, daß wir von es dem Herrn Cardinal Mazarin abgeſandt ſind, der die ihn Stelle des Königs von Frankreich vertritt, woraus folgt, daß wir die Stelle des Königs und des Cardi⸗ nals vertreten, weshalb wir in unſerer Eigenſchaft als Ihr Botſchafter unverletzlich ſind, und Herr Cromwell, die ohne Zweifel ein eben ſo guter Politiker, als er ein füh großer General iſt, muß dies gar wohl begreifen. Ver⸗ me langt alſo den geſchriebenen Befehl von ihm. Was ko⸗ ſtet Euch dies, mein lieber Herr Mordaunt?“ der „Ja, den geſchriebenen Befehl,“ ſagte Porthos, ſtet der die Abſicht von d'Artagnan zu begreifen anſing; „man fordert nichts Anderes von Euch.“ in So große Luſt Mordaunt auch hatte, Gewalt zu He gebrauchen, ſo war er doch der Mann, der die Gründe von d'Artagnan zu würdigen und als triftig zu erken⸗ nen wußte. Er überlegte, und da ihm die freundſchaft⸗ me lichen Verhältniſſe zwiſchen den vier Franzoſen völlig unbekannt waren, ſo verſchwand ſeine ganze Unruhe vor dem äußerſt glaubwürdigen Beweggrunde eines ſen Löſegeldes. die Er beſchloß daher nicht nur den Befehl, ſondern un auch die zweitauſend Piſtolen zu holen, zu welchem kon Preiſe er die Gefangenen ſelbſt angeſchlagen hatte. Mordaunt ſtieg wieder zu Pferde, und nachdem er er dem Sergenten gut zu wachen empfohlen hatte, wandte er um und verſchwand. er „Wohl,“ ſagte d'Artagnan,„eine Viertelſtunde um in bis zu dem Zelte zu reiten, eine Viertelſtunde um zu⸗ rückukehren, das iſt mehr, als wir brauchen.“ Dann Eu zu Porthos zurückkehrend, ohne vaß ſein Geſicht die In geringſte Veränderung ausdrückte, ſo daß diejenigen, ga welche ihn beobachteten, hätten glauben können, er ʒ wi ———e— 273 dig: Stop, stop! und der Sergent, begriff allmälig, daß er ſich durch eine Liſt hatte hintergehen laſſen, und raufte ſich die Haare aus. Bald ſah man einen Reiter mit einem Papiere in der Hand herbeikommen. Es war Mordaunt mit dem Befehle. 1 „Die Gefangenen!“ rief er von ſeinem Pferde ſpringend. Der Sergent hatte nicht die Kraft zu antworten; 8 deutete auf die offen ſtehende Thüre und das leere inere. Mordaunt ſtürzte nach der Treppe, begriff Alles, ſtieß einen Schrei aus, als ob man ihm die Einge⸗ weide ausreißen würde, und fiel ohnmächtig zu Boden. XXI. Worin nachgemieſen iſt, daß in den ſchwierigſten Lagen große Herzen nie den Muth und gute Mägen nie den Appetit verlieren. Die kleine Truppe eilte ſo, ohne ein Wort zu wech⸗ ſeln, ohne rückwärts zu ſchauen, im Galopp fort, durchwatete einen kleinen Fluß, deſſen Namen Nie⸗ mand wußte, und ließ zu ihrer Linken eine Stadt, von der Athos behauptete, es wäre Durham. Endlich erblickte man ein Gehölze und gab den Pferden, ſie in dieſer Richtung lenkend, zum letzten Male die Sporen. DSobald ſie hinter einem grünen Vorhange ver⸗ ſchwunden waren, der ſie hinreichend den Blicken der Menſchen entzog, welche ſie verfolgen konnten, hielten ſie an, um zu berathſchlagen; man gab die Pferde Zwanzig Jahre nachher. UI. 18 vell, ser⸗ ko⸗ os, ng; nde ken⸗ aft⸗ Uig uhe nes ern em em te, um zu⸗ ann die en, er —— 269 ſetzte vorhergehende Geſpräch fortz ſagte er, dem Rie⸗ ſen in vas Geſicht ſchauend: „Porthos, hört wohl: vor Allem kein Wort zu unſeren Freunden von dem, was Ihr vernommen habt; es iſt unnöthig, daß ſie erfahren, welchen Dienſt wir —ihnen leiſten.“ „Gut,“ ſprach Porthos, ich begreife.“ „Geht in den Stall, Ihr findet dort Mousqueton; Ihr laßt die Pferde ſatteln, Ihr ſteckt die Piſtolen in die Holfter, Ihr laßt die Thiere in die Straße unten führen, daß man nur aufſteigen darf, das Uebrige iſt meine Sache.“ Porthos machte nicht die geringſte Bemerkung, ſon⸗ dern gehorchte mit dem erhabenen Vertrauen, das er ſtets zu ſeinem Freunde hatte. „Ich gehe,“ erwiederte er,„nur ſagt mir, ob ich in das Zimmer zurückkehren ſoll, in welchem dieſe Herren ſich aufhalten?“ „Nein, das iſt unnöthig.“ „Wohl, ſo habt die Güte, meine Börſe mitzuneh⸗ men, die ich auf dem Kamine liegen ließ.“ „Seid unbeſorgt.“ Porthos ging mit ſeinem ruhigen, gelaſſenen We⸗ ſen in den Stall und ſchritt mitten durch die Soldaten, die, obgleich er ein Franzoſe war, ſeine hohe Geſtalt und ſeine kräftigen Glieder zu bewundern nicht umhin konnten. An der Ecke der Straße traf er Monsqueton, den er mit ſich nahm. DArtagnan kehrte ſodann ein Liedchen pfeifend, das er bei dem Abgange von Porthos angefangen hatte, in das Haus zurück. „Mein lieber Athos,“ ſprach er,„ich habe über Euere Bemerkungen nachgedacht und fand ſie meinem Innern entſprechend; ich bedaure, daß ich an dieſer ganzen Angelegenheit Theil gehabt habe; Mazarin iſt, wie Ihr ſagt, ein Knauſer. Ich bin alſo entſchloſſen, fragte Athos d'Artagnan. zwei Lackeien zu halten, um ſte weder ausgezäumt noch abgeſattelt verſchnaufen zu laſſen, und ſtellte Grimand als Wache aus. „Laßt Euch vor Allem umarmen,“ ſprach Athos zu d'Artagnan,„Euch, unſern Retter, Euch, der Ihr der wahre Held unter uns ſeid.“ „Athos hat Recht und ich bewundere Euch,“ ſagte Aramis, ihn ebenfalls in ſeine Arme ſchließend;„wor⸗ auf könntet Ihr nicht bei einem verſtändigen Herrn Anſpruch machen, Ihr, das unfehlbare Auge, der ſtäh⸗ lerne Arm, der ſiegreiche Geiſt!“ „Nun, das iſt gut,“ ſagte der Gascogner,„ich nehme Alles, Umarmungen und Dankſagungen, für mich und Porthos an; wir haben ja Zeit zu verlieren... geht! geht!“ Von d'Artagnan darauf aufmerkſam gemacht, was ſie auch Porthos zu verdanken hatten, drückten die zwei Freunde dieſem ebenfalls die Hand. „Nun handelt es ſich darum, nicht auf den Zufall und wie Wahnſinnige umherzulaufen, ſondern vielmehr einen Plan feſtzuſtellen,“ ſprach Athos.„Was wollen wir thun?“ „Was wir thun wollen? bei Gott! das iſt nicht ſchwer zu ſagen.“ „Sagt es alſo, d'Artagnan.“ „Wir wollen den näa ſten Seehafen zu erreichen ſuchen, alle unſere kleinen Mittel vereinigen, ein Schiff mierhen und nach Frankreich ſteuern. Ich, was mich betrifft, werde meinen letzten Sou hiezu verwenden. Der erſte Schatz iſt das Leben und das unſere hängt offenbar nur an einem Faden.“ „Was ſagt Ihr dazu, du Vallon?“ fragte Athos. „Ich,“ erwiederte Porthos,„ich bin vollkommen der Meinung von d'Artagnan; dieſes England iſt ein abſcheuliches Land.“ 4 1 „Ihr ſeid alſo völlig entſchloſſen, es zu verlaſſen?“ 270 mit Euch zu fliehen; es bedarf keiner Ueberlegung mehr, haltet Euch bereit; Euere zwei Degen find in der Ecke, vergeßt ſie nicht, es iſt ein Werkzeug, das unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, ſehr nützlich ſein kann. Doch das erinnert mich an die Börſe von Porthos; gut, hier iſt ſie.“ Und d'Artagnan ſteckte die Börſe in ſeine Taſche. Die zwei Freunde ſchauten ihm erſtaunt zu. „Nun, ich frage Euch, was iſt hiebei zu ſtaunen 7“ ſprach d'Artagnan.„Ich war blind, Athos hat mich hell ſehen gemacht, das iſt das Ganze; kommt hierber.“ Die zwei Freunde näherten ſich. „Seht Ihr jene Straße?“ ſagte d'Artagnan;„dort werden die Pferde ſein; Ihr geht durch die Thüre hin⸗ aus, Ihr wendet Euch links, ſchwingt Euch in den Sattel und Alles iſt abgemacht; kümmert Euch um gar nichts, als daß Ihr das Signal gut hört. Das Signal ift, daß ich: Herr Zeſus! ſchreie.“ „Aber Ihr, kommt Ihr bei Euerem Worte, d'Ar⸗ tagnan?“ ſprach Athos. „Ich ſchwöre es, bei Gott.“ „Einverſtanden,“ rief Aramis.„Bei dem Rufe: Herr Jeſus! gehen wir hinaus, werfen Alles nieder, was ſich uns in den Weg ſtellt, laufen nach unſern Pfer⸗ den, ſchwingen uns in den Sattel und ftechen zu; meint Ihr es ſo?“ „Vortrefflich.“ „Seht, Aramis,“ ſprach Athos,„ich ſage Euch im⸗ mer, d'Artagnan iſt der Beſte von uns.“ „Gut!“ verſetzte d'Artagnan,„Komplimente, ich mache mich aus dem Staube, Gott befohlen!“ „Und Ihr flieht mit uns, nicht wahr?“ „Ganz gewiß. Vergeßt das Signal nicht: Herr Jeſus!“ Und er Linz mit demſelben Schritte hinaus, mit welchem er hereingekommen war, und fing die Melodie ſtät zu ſteh zu wi ſeh Pfe det Lin ter er nar kau 2 75 „Gottes Blut!“ erwiederte dieſer,„ich ſehe nicht ein, was mich zurückhalten zollte!“ Athos wechſelte einen Blick mit Aramis. „Geht alſo, meine Freunde,“ ſagte er ſeufzend. „Wie, geht!“ ſprach ſcheint es mir.“ „Nein, mein Freund,“ uns verlaſſen.“ „Euch verlaſſen!“ ſag dieſer unerwarteten Kunde. „Bah!“ rief Porthos, laſſen, da wir beiſammen d'Artagnan;„gehen wir, 2 verſetzte Athos;„Ihr müßt te Athos ganz betrübt von „warum denn einander ver⸗ ſind?“ „Weil Euere Sendung erfüllt iſt, und weil Ihr nach Frankreich zurückkehren könnt und ſogar müßt; aber die unſere iſt noch nicht erfüllt.“ „Euere Sendung iſt noch nicht erfüllt?“ ſprach d'Artagnan und ſchaute At „Nein, mein Freund,“ zugleich ſo ſanften und ſo hos voll Verwunderung an. antwortete Athos mit ſeiner feſten Stimme.„Wir find hierher gekommen, um den König Karl zu vertheidigen, wir haben ihn ſchlecht vert beidigt, und es bleibt uns noch die Aufgabe, ihn zu retten.“ „Den König retten!“ Aramis an, wie er Athos rief d'Artagnan und ſchaute angeſchaut hatte. Aramis beſchränkte ſich darauf, ein Zeichen mit mit dem Kopfe zu machen. Das Geſicht von d'Artagnan nahm einen Ausdruck tiefen Mitleids an, er gla zwei Wahnfinnigen zu thun. ubte, er hätte es am Ende „Ihr könnt nicht im Ernſte ſprechen, Athos,“ ſagte er;„der König befindet ſich in der Mitte eines Heeres, das ihn nach Lonvon führt. Dieſes Heer wird von einem Fleiſcher oder von einem Fleiſchersſohne, gleich⸗ viel, von dem Oberſten Harriſon befebligt. Es wird dem König bei ſeiner Ankunſt in London der Prozeß gemacht, dafür ſtehe ich Euch, ich habe hierüber genug hr, cke, den lich von 2“ ti ch ort in⸗ den gar nal Ar⸗ err vas fer⸗ eint err mit die — 271 da zu pfeifen wieder an, wo er ſie bei ſeinem Eintritte unterbrochen hatte. Die Soldaten ſpielten oder ſchliefen, zwet ſangen auf eine klägliche Weiſe in einem Winkel den Pſalm: Super Humina Babylonis. D'Artagnan rief den Sergenten. „Mein lieber Herr,“ ſagte er zu ihm,„der General Cromwell hat mich durch Herrn Mordaunt rufen laſſen; ich bitte, bewacht die Gefangenen gut.“ Der Sergent bedeutete durch ein Zeichen, er ver⸗ ſtände nicht Franzöſiſch. Dann ſuchte d'Artagnan durch Geberden begreiflich zu machen, was er durch Worte nicht hatte zu ver⸗ ſtehen geben können. Der Sergent erwiederte, es wäre gut. DArtagnan ging in den Stall hinab: er fand die fünf Pferde geſattelt, das ſeinige, wie die andern. „Nehmet jeder ein Pferd an die Hand,“ ſagte er zu Porthos und Mousqueton,„wendet Euch links, da⸗ pi Athos und Aramis Euch von ihrem Fenſter aus ehen. „Sie werden alſo kommen?“ ſagte Porthos. „In einem Augenblick.“ „Ihr habt meine Börſe nicht vergeſſen?“ „Nein, ſeid unbeſorgt.“ „Gut.“ Porthos und Mousqueton begaben ſich, jeder ein Pferd an der Hand führend, auf ihren Poſten. Als d'Artagnan allein war, ſchlug er Feuer, zün⸗ dete ein Stück Schwamm, zweimal ſo groß als eine Linſe an, ſtieg zu Pferde und hielt ſodann mitten un⸗ ter den Soldaten der Thüre gegenüber. Hier ſteckte er den Schwamm dem Thiere, während er es zugleich ſtreichelte, brennend in das Ohr. Man mußte ein ſo guter Reiter ſein, als d'Artag⸗ nan dies war, um ein ſolches Mittel zu wagen, denn kaum fühlte das Pferd den brennenden Zunder, als es 1 276 aus dem Munde von Herrn Oliver Cromwell gehört, um zu wiſſen, woran ich mich zu halten habe.“ Atbos und Aramis wechſelten einen zweiten Blick, „3c ſein Prozeß gemacht, ſo wird das Urtheil un⸗ geſäumt vollzogen werden,“ fuhr v'Artagnan fort.„Oh, die Herren Puritaner ſind Leute, die in ihren Geſchäf⸗ ten raſch zu Werke gehen.“. 8„Und zu welcher Strafe glaubt Ihr, daß man den König verurtheilen wird?“ fragte Athos. „Ich befürchte zur Todesſtrafe; ſie haben zu viel geegen ihn gethan, um ihm zu vergeben, und beſitzen nur noch ein Mittel... das, ihn zu tödten. Könnt Ihr das Wort von Herrn Oliver Cromwell nicht, als er nach Paris kam und man ihm den Kerker von Vincennes zeigte, in welchem Herr von Vendome eingeſperrt war?“ „Wie lautet dieſes Wort?“ „Man muß die Fürſten nur beim Kopfe berühren.“ „Ich kannte es,“ ſagte Athos. „Und Ihr glaubt, er werde ſein Maxime jetzt, nn er den König in Händen hat, nicht in Ausführung ringen?“. „Allerdings, ich bin es ſogar feſt überzeugt; aber das iſt ein Grund mehr, das bedrohte erhabene Haupt nicht zu verlaſſen.“ „Athos, Ihr werdet verrückt.“ „Nein, mein Freund,“ antwortete mit ſanftem Tone der Graf,„aber Lord Winter hat uns in Frankreich aufgeſucht und zu Frau Henriette geführt. Ihre Ma⸗ jeftät hat Herrn d'Herblay und mir die Ehre erwieſen, uns um unſere Unterſtützung für ihren Gemahl zu bit⸗ ten; wir haben ihr unſer Wort verpfändet; unſer Wort enthielt Alles,... es war unſere Kraft, es war unſer Verſtand, unſer Wiſſen, es war unſer Leben, was wir ihr verpfändeten; wir müſſen unſer Wort halten. Iſt das Eure Meinung, d'Herblay?“ „Za,“ ſprach Aramis,„wir haben es verſprochen.“ „Dann haben wir noch einen andern Grund,“ fuhr 272 einen Schrei des F. ausſtieß, ſich bäumte und aufſprang, als ob es toll würde. Die Soldaten, welche es niederzutreten drohte, wichen haſtig zurück. „Herbeil zu Hülfe.“ rief d'Artagnan, vhaltet mein Pferd, es hat Schwindel!“ In einem Augenblick ſchien ihm wirklich das Blut aus den Augen zu treten und es wurde weiß von Schaum. „Zu Hülfe!“ rief d'Artagnan beſtändig, ohne daß die Soldaten ihm Beiſtand zu leiſten wagten.„Zu Hülfel wollt Zhrmich denn umbringen laſſen? Herr Jeſus!“ Kaum hatte d'Artagnan dieſes Wort ausgerufen, als die Thüre ſich öffnete und Athos und Aramis den Degen in der Fauſt herausſtürzten. Aber durch die Liſt von d'Artagnan war der Weg frei. „Die Gefangenen flüchten ſich! die Gefangenen flüchten ſich!“ rief der Sergent. „Aufgehalten!“ ſchrie Purtagnan und ließ ſeinem Pferde, das mehrere Soldaten niederwerfend fortjagte, die Zügel ſchießen. „Stop! stop!“ riefen die Soldaten nach ihren Waffen laufend. Aber die Gefangenen ſaßen ſchon im Sattel, und einmal im Sattel, verloren ſie keine Zeit und eilten nach dem nächſten Thore. Mitten auf der Straße gewahrten ſie Grimaud und Blaiſois, welche ihre Herren ſuchend zurückkamen. Mit einem Zeichen machte Athos Grimaud Alles begreiflich, und dieſer folgte der kleinen Truppe, welche ein Wirbelwind zu ſein ſchien und von dArtag⸗ nan, der von hinten herbeikam, noch durch die Stimme angefeuert wurde. Sie flogen wie Schatten durch das Thor, ohne daß die Wächter nur daran dachten, ſie aufzuhalten, und befanden ſich bald im freien Felde. Während dieſer Zeit ſchrieen die Soldaten beſtän⸗ 277 Athos fort;„hört: Alles iſt in dieſem Augenblick in Frankreich arm und ſchmutzig. Wir haben einen König von zehn Jahren, der noch nicht weiß, was er will; wir haben eine Königin, welche eine ſpäte Leidenſchaft blind macht; wir haben einen Miniſter, der Nankreich verwaltet, wie er es mit einem großen Bauerngute machen würde, das heißt, der ſich nur damit heſchäf. tigt, daſſelbe mit italieniſcher Liſt und. Bntrigne ear⸗ beitend, viel Gold herauszuſchlagen; wir haben Prin⸗ zen, die eine perſönliche und ſelbſtſüchtige Oppoſition bilden und nichts erreichen werden, als daß ſie einige Goldſtangen, einige Brocken Gewalt den Händen von Mazarin entziehen; ich babe ihnen gedient, nicht aus Enthuſiasmus— Gott weiß, daß ich ſie nach ihrem Werthe ſchätze, und daß ſie in meiner Achtung nicht ſehr boch ſtehen— ſondern aus Grundſatz. Heute iſt es etwas Anderes, heute begegne ich auf meinem Wege einem hohen Mißgeſchick, einem königlichen Mißgeſchick, einem europäiſchen Mißgeſchick: ich verbinde mich mit demſelben. Wenn es uns gelingt, den König zu retten, ſo iſt es ſchön, ſterben wir mit ihm, ſo iſt es groß.“ „Ihr wißt zum Voraus, daß Ihr dabei zu Grunde gehen werdet,“ ſprach d'Artagnan. „Wir befürchten es, und es iſt unſer einziger Schmerz, daß wir ferne von Euch ſterben ſollen.“ hensn wollt Ihr in einem fremden, feindlichen Lande machen?“ 3 3„In meiner Jugend bin ich in England gereist; ich ſpreche Engliſch wie ein Engländer, und auch Ara⸗ mis hat einige Kenntniß von dieſer Sprache. Ahl wenn wir Euch hätten, meine Freunde! Mit Euch, d'Artag⸗ nan, mit Euch, Porthos, würden wir alle Vier zum erſten Male ſeit zwanzig Jahren vereinigt nicht allein England, ſondern allen drei Königreichen Trotz bieten.“ „Habt Ihr der Königin verſprochen, den Tower von London zu erſtürmen,“ verſetzte d'Artagnan,„hun⸗ derttauſend Soldaten zu erſchlagen, ſiegreich gegen den en, den der nen nem te, ren und lten aud en. Ules ppe, tag⸗ ume hne ten, län⸗ 273 dig: Stop, stop! und der Sergent, begriff allmälig, daß er ſich durch eine Liſt hatte hintergehen laſſen, und raufte ſich die Haare aus. Bald ſah man einen Reiter mit einem Papiere in ver Hand herbeikommen. Es war Mordaunt mit dem Befehle. „Die Gefangenen!“ rief er von ſeinem Pferde ſpringend. Der Sergent hatte nicht die Kraft zu antworten; er deutete auf die offen ſtehende Thüre und das leere Innere. Mortuunt ſtürzte nach der Treppe, begriff Alles, ſtieß einen Schrei aus, als ob man ihm die Einge⸗ weide ausreißen würde, und fiel ohnmächtig zu Boden. XXI. Worin nachgewieſen iſt, daß in den ſchwierigſten Tagen große Berzen nie den Muth und gute Mägen nie den Appetit verlieren. Die kleine Truppe eilte ſo, ohne ein Wort zu wech⸗ ſeln, ohne rückwärts zu ſchauen, im Galopp fort, durchwatete einen kleinen Fluß, deſſen Namen Nie⸗ mand wußte, und ließ zu ihrer Linken eine Stadt, von der Athos behauptete, es wäre Durham. Envlich erblickte man ein Gehölze und gab den Pferden, ſie in dieſer Richtung lenkend, zum letzten Male die Sporen. Sobald ſie hinter einem grünen Vorhange ver⸗ ſchwunden waren, der ſie hinreichend den Blicken der Menſchen entzog, welche ſie verfolgen konnten, hielten ſie an, um zu berathſchlagen; man gab die Pferde Zwanzig Jahre nachher. M. 18 278 Willen einer Nation und den Ebrgetz eines Mannes zu kämpfen, wenn dieſer Mann Cromwell heißt? Ihr habt dieſen Mann nicht geſehen, Atbos, Aramis. Es iſt ein Mann von Genie, der mich ſehr an unſern Car⸗ dinal erinnerte, an den andern, den großen, Ihr wißt, an Richelieu. Uebertreibt es alſo nicht mit Euern Pflichten. Im Namen des Himmels, Athos, keine un⸗ nütze Aufopferung! Wenn ich Euch anſchaue, kommt es mir in der That vor, als ſähe ich einen vernünftigen Menſchen; wenn Ihr mir antwortet, iſt es mir, als häite ich es mit einem Verrückten zu thun. Porthos, vereinigt Ench mit mir: was denkt Ihr von dieſer Sache, ſprecht offenherzig.“ ANiicchts Gutes,“ antwortete Porthos. ört,“ fuhr d'Artagnan fort. ungeduldig darüber, daß Athos, ſtatt ihn zu hören, auf eine Stimme zu hören ſchien, die in ſeinem Innern ſprach,„Ihr habt Euch bei meinen Rathſchlägen nie ſchlech! befunden. Nun wohl, Athos, glaubt mir, Cure Sendung iſt voll⸗ bracht, auf eine edle Welſe vollbracht: kehrt mit uns nach Frankreich zurück.“ „Freund,“ erwiederte Athos,„unſer Entſchluß iſt unerſchütterlich.“ „Jor habt alſo irgend einen andern Beweggrund, den wir nicht kennen?“ Atbos lächelte. D Artagnan ſchlug zornig auf ſeine Lenden und murmelte die überzeugendſten Gründe, die er finden konnte; aber Athos beſchränkte ſich darauf, alle dieſe Gründe mit einem ruhigen, ſanften Lächeln zu beant⸗ woorten, während Aramis nur Zeichen mit dem Kopfe machte. „Nun wohl!“ rief d'Artagnan wüthend,„nun wohll da Ihr es ſo wollt, ſo laſſen wir unſere Kno⸗ chen in dieſem häßlichen Lande, wo eine beſtändige Kälte herrſcht, wo das ſchöne Wetter Nebel, der Nebel Regen, der Regen Sündfluth iſt, wo die Sonne dem Monde 27⁴ zwei Lackeien zu halten, um ſie weder ausgezäumt noch abgeſattelt verſchnaufen zu laſſen, und ſtellte Grimaud als Wache aus. „Laßt Euch vor Allem umarmen,“ ſprach Athos zu d'Artagnan,„Euch, unſern Retter, Euch, der Ihr der wahre Held unter uns ſeid.“ „Athos hat Recht und ich bewundere Euch,“ ſagte Aramis, ihn ebenfalls in ſeine Arme ſchließend;„wor⸗ auf könntet Ihr nicht bei einem verſtändigen Herrn Anſpruch machen, Ihr, das unfehlbare Auge, der ſtäh⸗ lerne Arm, der fiegreiche Geiſt!“ „Nun, das iſt gut,“ ſagte der Gascogner,„ich nehme Alles, Umarmungen und Dankſagungen, für mich und Porthos an; wir haben ja Zeit zu verlieren. geht! geht!“ Von d'Artagnan darauf aufmerkſam gemacht, was ſie auch Porthos zu verdanken hatten, drückten die zwei Freunde dieſem ebenfalls die Hand. „Nun handelt es ſich darum, nicht auf den Zufall und wie Wahnfinnige umherzulaufen, ſondern vielmehr einen Plan feſtzuſtellen,“ ſprach Athos.„Was wollen wir thun?“ „Was wir thun wollen? bei Gott! das iſt nicht ſchwer zu ſagen.“ „Sagt es alſo, d'Artagnan.“ „Wir wollen den näa ſten Seehafen zu erreichen ſuchen, alle unſere kleinen Mittel vereinigen, ein Schiff miethen und nach Frankreich ſteuern. Ich, was mich betrifft, werde meinen letzten Sou hiezu verwenden. Der erſte Schatz iſt das Leben und das unſere pängt offenbar nur an einem Faden.“ „Was ſagt Ihr dazu, du Vallon?“ fragte Athos. „Ich,“ erwiederte Porthos,„ich bin vollkommen der Meinung von d'Artagnan; dieſes England iſt ein abſcheuliches Land.“ „Ihr ſeid alſo völlig entſchloſſen, es zu verlaſſen?“ fragte Athos dArtagnan. ei ſch ur — ————„„ 8AASa Re. ——— 279 und der Mond einer Rahmkäſe gleicht. Ob man da oder dort ſtirbt, inſofern man doch einmal ſterben muß, daran iſt wenig gelegen!“ „Nur bedenkt, theurer Freund,“ ſagte Athos,„daß es ſich darum handelt, früher zu ſterben.“ „Bahl ein wenia früher, ein wenig ſpäter, es lohf ſich nicht der Mühe, darüber ein Wort zu ver⸗ ieren.“ 4 „Wenn ich mich über Etwas wundere,“ ſagte Por⸗ thos mit ſpruchreicher Miene,„ſo iſt es darüber, daß es nicht bereits geſcheben iſt.“ „Ol es wird geſchehen, ſeid unbeſorgt, Porthos,“ verſetzte d'Artagnan.„Es iſt alſo abgemacht,“ fahr der Gascogner fort,„und wenn ſich Porthos nicht widerſetzt...“ „Ich!“ rief Porthos,„ich thue, was Ihr wollt. Ueberdieß finde ich das, was der Graf de la Fore ſo eben geſagt bat, ſehr ſchön.“ „Aber Euere Zukunft, d'Artagnan? Euer Ehrgeiz, Porthos?“ „Unſere Zukunft, unſer Ehraeiz,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan mit einer fieberhaften Zungenfertigkeit, brau⸗ chen wir uns darum zu bekümmern, da wir den König retten? Iſt der König gerettet, ſo ſammein wir ſeine Freunde, wir ſchlagen die Puritaner, wir erobern Eng⸗ land wieder, wir kehren mit ihm nach London zurück und ſetzen ihn abermals ganz breit auf ſeinen Thron.“ „Und er macht uns zu Herzögen und Pairs,“ ſprach Porthos, deſſen Augen vor Freude funkelten, wenn er dieſe Zukunft auch nur durch eine Fabel erblickte. „Oder er vergißt uns,“ verſetzte d'Artagnan. „Oh!“ rief Porthos. „Verdammt! das hat man geſehen, Freund Por⸗ thos; wir haben, wie es mir ſcheint, der Königin Anna von Oeſterreich einſt einen Dienſt geleiſtet, der nicht viel dem nachſtand, welchen wir heute Karl I. leiſten 8 S8— S8 — — 275 „Gottes Blut!“ erwiederte dieſer,„ich ſehe nicht, ein, was mich zurückhalten ollte!“ Athos wechſelte einen Blick mit Aramis. „Geht alſo, meine Freunde,“ ſagte er ſeufzend. „Wie, geht!“ ſprach dArtagnan;„gehen wir, ſcheint es mir.“ „Nein, mein Freund,“ verſetzte Athos;„Ihr müßt uns verlaſſen.“ „Euch verlaſſen!“ ſagte Athos ganz betrübt von dieſer unerwarteten Kunde. „Bah!“ rief Porthos,„warum denn einander ver⸗ laſſen, da wir beiſammen ſind?“ „Weil Euere Sendung erfüllt iſt, und weil Ihr nach Frankreich zurückkehren könnt und ſogar müßt; aber die unſere iſt noch nicht erfüllt.“ „Euere Sendung iſt noch nicht erfüllt?“ ſprach d'Artagnan und ſchaute Athos voll Verwunderung an. „Nein, mein Freund,“ antwortete Athos mit ſeiner zugleich ſo ſanften und ſo feſten Stimme.„Wir ſind hierher gekommen, um den König Karl zu vertheivigen, wir haben ihn ſchlecht vertheidigt, und es bleibt uns noch die Aufgabe, ihn zu retten.“ „Den König retten!“ rief d'Artagnan unh ſchaute Aramis an, wie er Athos angeſchaut hatte. Aramis beſchränkte ſich darauf, ein Zeichen mit mit dem Kopfe zu machen. Das Geſicht von d'Artagnan nahm einen Ausdruc tiefen Mitleids an, er glaudte, er hätte es am Ende zwei Wahnfinnigen zu thun. „Ihr könnt nicht im Ernſte ſprechen, Athos,“ ſagte er;„der König befindet ſich in der Mitte eines Heeres, das ihn nach London führt. Dieſes Heer wird von einem Fleiſcher oder von einem Fleiſchersſohne, gleich⸗ viel, von dem Oberſten Harriſon befebligt. Es wird dem König bei ſeiner Ankunft in London der Prozeß gemacht, dafür ſtehe ich Euch, ich habe hierüber genug 280 wollen, was die Königin Anna von Oeſterreich nicht abhielt, uns zwanzig Jahre lang zu vergeſſen.“ „Nun ſagt,“ ſprach Athos,„thut es Euch deſſen ungeachtet leid, ihr dieſen Dienſt geleiſtet zu haben?“ „Meiner Treue, nein,“ erwiederte d'Artagnan, „und ich geſtehe ſogar, daß ich in den Augenblicken meiner ſchlimmſten Laune einen Troſt in dieſer Erinne⸗ rung gefunden habe.“. „Ihr ſeht, d'Artagnan, die Fürſten ſind zuweilen undankbar, aber Gott iſt es nie.“ „Hört, Athos,“ rief d'Artagnan,„ich glaube, wenn Ihr den Teufel auf Erden träfet, Ihr würdet es ſo gut machen, daß Ihr ihn mit Euch in den Himmel zurückbrächtet.“ „Alſo?..“ ſprach Athos, dArtagnan die Hand reichend. „Es iſt abgemacht,“ erwiederte d'Artagnan,„ich finde, England iſt ein reizendes Land und ich bleibe hier, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ Daß man mich nicht nöthigt, Engliſch zu lernen.“ „Nun wohl,“ rief Athos triumphirend,„jetzt ſchwöre ich Euch bei dem Gotte, der uns hört, bei meinem Namen, den ich für fleckenlos halte, ich glaube, es gibt eine Macht, welche über uns wacht, und ich hege die Hoffnung, daß wir alle Vier Frankreich wie⸗ derſehen werden.“ v „Es mag ſein,“ verſetzte d'Artagnan,„aber ich geſtehe, daß ich die entgegengeſetzte Ueberzeugung habe.“ 4 Dieſer liebe d'Artagnan,“ ſprach Aramis,„er ver⸗ tritt in unſerer Mitte die Oppofition der Parlamente, welche immer nein ſagen und immer ja machen.“ „Wohl, die aber mittlerweile das Vaterland ret⸗ ten,“ ſagte Athos. „Wenn wir nun, da Alles feſtgeſtellt iſt, an das 276 aus dem Munde von Herrn Oliver Cromwell gehört, um zu wiſſen, woran ich mich zu halten habe.“ Atbos und Aramis wechſelten einen zweiten Blick. „Iſt ſein Prozeß gemacht, ſo wird das Urtheil un⸗ geſäumt vollzogen werben,“ fuhr v'Artagnan fort.„Ob, die Herren Puritaner ſind Leute, die in ihren Geſchäf⸗ ten raſch zu Werke gehen.“ Und zu welcher Strafe glaubt Ihr, daß man den König verurtheilen wird?“ fragte Athos. „Ich befürchte zur Todesſtrafe; fie haben zu viel gegen ihn gethan, um ihm zu vergeben, und beſitzen nur noch ein Mittel.. das, ihn zu tödten. Könnt Ihr das Wort von Herrn Oliver Cromwell nicht, als er nach Paris kam und man ihm den Kerker von Vincennes zeigte, in welchem Herr von Vendome eingeſperrt war?“ „Wie lautet dieſes Wort?“ „Man muß die Fürſten nur beim Kopfe berühren.“ „Ich kannte es,“ ſagte Athos. „Und Ihr glaubt, er werde ſeine Maxime jetzt, er— König in Händen hat, nicht in Ausführung ringen?“ „Allerdings, ich bin es ſogar feſt überzeugt; aber das iſt ein Grund mehr, das bedrohte erhabene Haupt nicht zu verlaſſen.“ „Athos, Ihr werdet verrückt.“ „Nein, mein Freund,“ antwortete mit ſanftem Tone der Graf,„aber Lord Winter hat uns in Frankreich aufgeſucht und zu Fran Henriette geführt. Ihre Ma⸗ jeſtät hat Herrn d'Herblay und mir die Ehre erwieſen, uns um unſere Unterflützung für ihren Gemahl zu bit⸗ ten; wir haben ihr unſer Wort verpfändet; unſer Wort enthielt Alles, es war unſere Kraſt, es war unſer Verſtand, unſer Wiſſen, es war unſer Leben, was wir ihr verpfändeten; wir müſſen unſer Wort halten. Ift das Eure Meinung, dHerblay?“ ſprach Aramis,„wir haben es verſprochen.“ „Dann haben wir noch einen andern Grund,“ fuhr —— c—— c——— 281 Mittagsbrod dächten?“ ſprach Porthos, ſich die Hände reibend.„Wir haben, wie es mir ſcheint, in den kri⸗ tiſchſten Lagen unſeres Lebens ſtets zu Mittag geſpeiſt.“ „Ahl ja, ſprecht vom Mittagsbrod in einem Lande, wo man ſtatt aller Speiſen in Waſſer gekochtes Schöp⸗ ſenfleiſch und ſtatt jedes Trankes nur Bier bekommt. Wie, Teufels, ſeid Ihr in ein ſolches Land gekommen, Athos? Ah, verzeiht,“ fügte d'Artagnan lächelnd bei, „ich vergaß, daß Ihr nicht mehr Athos ſeid. Doch gleich viel, laßt Euern Plan hinſichtlich des Mittags⸗ brodes hören, Porthos.“ „Meinen Plan? „Ja, Ihr habt doch einen Plan?“ „Nein, ich habe Hunger, ſonſt nichts.“ „Bei Gott, wenn es nur das iſt, ich habe auch Hunger, damit aber, daß man Hunger hat, iſt nicht Alles geſchehen; man muß etwas zu eſſen finden, und wenn wir nicht Gras freſſen wollen, wie unſere Pferde.“ „Ah!“ rief Aramis, der ſich nicht ſo ganz von den weltlichen Dingen abgewendet hatte wie Athos,„erin⸗ nert Ihr Euch der ſchönen Auſtern, die wir ſpeiſten, wenn wir beim Parpaillot waren?“ „Und der vortrefflichen Hammelskeulen!“ rief Porthos mit der Zunge an den Lippen leckend.— „Aber haben wir nicht unſern Freund Mousque⸗ ton, der uns in Chantilly ſo gut leben ließ, Porthos?“ verſetzte d'Artagnan. „In der That,“ ſprach Porthos,„wir haben Mous⸗ queton, aber ſeit ich ihn zum Intendanten gemacht habe, iſt er ſehr ſchwerfällig geworden;... gleichviel, wir wollen ſchmauſen.“ Und um einer freundlichen Antwort ſicher zu ſein, rief Porthos: „Hel Mouſton!“ Mouſton erſchien mit einem kläglichen Geſichte. — 277 Athos fort;„hört: Alles iſt in dieſem Augenblick in Frankreich arm und ſchmutzig. Wir haben einen König von zehn Jahren, der noch nicht weiß, was er will; wir haben eine Königin, welche eine ſpäte Leidenſchaft blind macht; wir haben einen Miniſter, der Frankreich verwaltet, wie er es mit einem großen Bauerngute machen würde, das heißt, der ſich nur damit beſchäf⸗ tigt, daſſelbe mit italieniſcher Liſt und Intrigue bear⸗ beitend, viel Gold herauszuſchlagen; wir haben Prin⸗ zen, die eine perſönliche und ſelbſtſüchtige Oppoſition bilden und nichts erreichen werden, als daß ſie einige Goldſtangen, einige Brocken Gewalt den Händen von Mazarin entziehen; ich babe ihnen gedient, nicht aus Enthufiasmus— Gott weiß, daß ich ſie nach ihrem Werthe ſchätze, und daß ſie in meiner Achtung nicht ſehr boch ſtehen— ſondern aus Grundſatz. Heute iſt es etwas Anderes, heute begegne ich auf meinem Wege einem hohen Mißgeſchick, einem königlichen Mißgeſchick, einem europäiſchen Mißgeſchick: ich verbinde mich mit demſelben. Wenn es uns gelingt, den König zu retten, ſo iſt es ſchön, ſterben wir mit ihm, ſo iſt es groß.“ „Ihr wißt zum Voraus, daß Ihr dabei zu Grunde gehen werdet,“ ſprach d'Artagnan. „Wir befürchten es, und es iſt unſer einziger Schmerz, daß wir ferne von Euch ſterben ſollen.“ „Was wollt Ihr in einem fremden, feinvlichen Lande machen?“ „In meiner Jugend bin ich in England gereist; ich ſpreche Engliſch wie ein Engländer, und auch Ara⸗ mis hat einige Kenntniß von dieſer Sprache. Ah! wenn wir Euch hätten, meine Freunde! Mit Euch, d'Artag⸗ nan, mit Euch, Porthos, würden wir alle Vier zum erſten Male ſeit zwanzig Jahren vereinigt nicht allein England, ſondern allen drei Königreichen Trotz bieten.“ „Habt Ihr der Königin verſprochen, den Tower von London zu erſtürmen,“ verſetzte dArtagnan,„hun⸗ derttauſend Soldaten zu erſchlagen, ſiegreich gegen den „Was habt Ihr denn, mein lieber Herr Mouſton?⸗ fragte d'Artagnan.„Solltet Ihr krank ſein?“ „Gnädiger Herr, ich habe Hunger.“ „Gerade deßhalb ruſen wir Euch, mein lieber Herr Mouſton. Könntet Ihr uns nicht in der Schlinge ei⸗ nige von den hübſchen Kaninchen und etliche von den reizenden Feldhühnern fangen, woraus Ihr Gibelottes und Salmis machtet.. Ihr wißt, im Gaſthofe zum... meiner Treue, ich erinnere mich des Namens dieſes Gaſthofes nicht mehr.“ „Im Gaſthofe zum..“ ſprach Porthos;„meiner Treue, ich erinnere mich auch nicht mehr.“ „Gleichviel, und mit dem Laſſo einige Flaſchen von dem alten Burgunder, der Euren Herrn ſo oft bei ſeiner Verſtauchung erquickt hat.“ „Ach! gnädiger Herr,“ ſprach Mousqueton,„ich fürchte, Alles, was Ihr da verlangt, iſt ſehr rar in dieſem abſcheulichen Lande, und ich glaube, wir würden beſſer daran thun, uns Gaſtfreundſchaft von dem Herrn eines kleinen Hauſes zu erbitten, das man vom Saume des Waldes aus erblickt.“ „Wie, es findet ſich ein Haus in der Gegend?“ fragte d'Artagnan. „Ja, gnädiger Herr.“ 3 „Gut, wir wollen uns, wie Ihr ſagt, mein Freund, Gaſtfreundſchaft von dem Eigenthümer dieſes Hauſes erbitten. Meine Herren, was denkt Ihr davon, er⸗ ſcheint Euch der Plan von Herrn Mouſton nicht ſehr ſinnreich?“ „Wenn der Eigenthümer aber ein Puritaner iſt?“ erſetzte Aramis. „Deſto beſſer, Gottes Tod!“ rief d'Artagnan,„wenn er ein Puritaner iſt, ſo erzählen wir ihm die Gefangen⸗ nehmung des Königs, und zur Verherrlichung dieſer Nachricht gibt er uns dagegen ſeine weißen Hühner.“ „Wenn er aber ein königlich Gefinnter iſt,“ ſprach Porthos.. Willen einer Nation und den Ebrgeiz eines Mannes zu kämpfen, wenn dieſer Mann Cromwell heißt? Ihr habt dieſen Mann nicht geſehen, Atbos, Aramis. Es iſt ein Mann von Genie, der mich ſehr an unſern Car⸗ dinal erinnerte, an den andern, den großen, Ihr wißt, an Richelieu. Uebertreibt es alſo nicht mit Euern Pflichten. Im Namen des Himmels, Athos, keine un⸗ nütze Aufopferung! Wenn ich Euch anſchaue, kommt es mir in der That vor, als ſäbe ich einen vernünftigen Menſchen; wenn Ihr mir antwortet, iſt es mir, als hätte ich es mit einem Verrückten zu thun. Porthos, vereinigt Euch mit mir: was dentt Ihr von dieſer Sache, ſprecht offenherzig.“ „Nichts Gutes,“ antwortete Porthos. „Hört,“ fuhr d'Artagnan fort, ungeduldig darüber, daß Athos, ſtatt ihn zu hören, auf eine Stimme zu hören ſchien, die in ſeinem Innern ſprach„Ihr habt Euch bei meinen Ratbſchlägen nie ſchlecht befunden. Nun wohl, Athos, glaubt mir, Eure Sendung iſt voll⸗ hracht, auf eine edle Weiſe vollbracht: kehrt mit uns nach Frankreich zurück.“ „Freund,“ erwiederte Athos,„unſer Entſchluß iſt unerſchütterlich.“ „Jor habt alſo irgend einen andern Beweggrund, den wir nicht kennen?“ Atbos lächelte. D'Artagnan ſchlug zornig auf ſeine Lenden und murmelte die überzeugendſten Gründe, die er finden konnte; aber Athos beſchränkte ſich varauf, alle dieſe Gründe mit einem ruhigen, ſanften Lächeln zu beant⸗ worten, während Aramis nur Zeichen mit dem Kopfe machte. „Nun wohl!“ rief dArtagnan wüthend,„nun wohli da Ihr es ſo wollt, ſo laſſen wir unſere Kno⸗ chen in dieſem häßlichen Lande, wo eine beſtändige Kälte herrſcht, wo das ſchöne Wetter Nebel, der Nebel Regen, der Regen Sündfluth iſt, wo die Sonne dem Monde c— 283 „Dann nehmen wir eine Trauermiene an und rupfen ſeine ſchwarzen Hühner.“ „Ihr ſeid ſehr glücklich,“ ſagte Atbos, unwillkürlich über den Witz des unbeugſamen Gascogners lächelnd, „denn Ihr betrachtet Alles im Scherze.“ „Was wollt Ihr?“ entgegnete d'Artagnan,„ich bin aus einem Lande, wo es keine Wolke am Himmel gi t.“ „Das iſt nicht wie in dieſem,“ ſagte Porthos und ſtreckte die Hand aus, um ſich zu überzeugen, ob eine gewiſſe Friſche, die er auf ſeiner Wange fühlte, wirklich von einem Regentropfen verurſacht würde. „Auf, auf!“ rief d'Artagnan,„ein Grund mehr, uns in Marſch zu ſetzen.. Holla, Grimaud!“ Grimaud erſchien. „Nun, Grimaud, mein Freund, habt Ihr etwas geſehen? fragte d'Artagnan. „Nichts, antwortete Grimaud. »Dieſe Dummköpfe haben uns nicht einmal ver⸗ folgt,“ ſprach Porthos.„Ohl wenn wir an ihrer Stelle geweſen wären.“ „Eil ſie baben Unrecht gehabt,“ ſagte d'Artagnan. „Ich würde Mordaunt gerne zwei Worte in dieſer klei⸗ nen Einöde ſagen. Seht, welch' ein ſchöner Platz, um einen Mann gehörig niederzuſtrecken!“ „Meiner Anſicht nach beſitzt der Soyn offenbar nicht die Kraft der Mutter,“ ſprach Aramts. „Ei, lieber Freund,“ entgegnete Athos,„wartet doch, wir haben ihn erſt vor zwei Stunden verlaſſen, und er weiß nicht, welche Richtung wir nehmen, er weiß nicht, wo wir ſind. Wir wollen ſagen, er ſei min⸗ der ſtark, als ſeine Mutter, wenn wir den Fuß auf den Boden von Frankreich ſetzen, falls wir bis dahin weder erſchlagen noch vergiftet find.“— „Mittlerweile laßt uns zu Mittag ſpeiſen,“ ſpre Porthos. 6 3 es br Es r⸗ ßt, rn n⸗ en als os, ſer er, zu abt en. oll⸗ ins iſt nd, und den iefe nt⸗ pfe nun no⸗ älte en, nde — 279 und der Mond einer Rahmkäſe gleicht. Ob man da oder dort ſtirbt, inſofern man doch einmal ſterben muß, daran iſt wenig gelegen!“ „Nur bedenkt, theurer Freund,“ ſagte Athos,„daß es ſich darum handelt, früher zu ſterben.“ „Bah! ein wenig früher, ein wenia ſpäter, es ſich nicht der Mühe, darüber ein Wort zu ver⸗ ieren.“ „Wenn ich mich über Etwas wundere,“ ſagte Por⸗ thos mit ſpruchreicher Miene,„ſo iſt es darüber, daß es nicht bereits geſcheben iſt.“ „O!l es wird geſchehen, ſeid unbeſorgt, Porthos,“ verſetzte d'Artagnan.„Es iſt alſo abgemacht,“ fohr der Gascogner fort,„und wenn ſich Porthos nicht widerſetzt. „Ich!“ rief Portbos,„ich thue, was Ihr wollt. Ueberdieß ſinde ich das, was der Graf de la Fere ſo eben geſagt hat, ſehr ſchön.“ „Aber Euere Zakunft, d»Artagnan2 Euer Ehrgeiz⸗ Porthos?“ „Unſere Zukunft, unſer Ebraeiz,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan mit einer fieberhaften Zungenfertigkeit, brau⸗ chen wir uns darum zu bekümmern, da wir den König retten? Iſt der König gerettet, ſo ſammeln wir ſeine Freunde, wir ſchlagen die Puritaner, wir erobern Eng⸗ land wieder, wir kehren mit ihm nach London zurück und ſetzen ihn abermals ganz breit auf ſeinen Tbron⸗“ „Und er macht uns zu Herzögen und Pairs,“ ſprach Porthos, deſſen Augen vor Freude funkelten, wenn er dieſe Zukunft auch nur durch eine Fabel erblickte. „Oder er vergißt uns,“ verſetzte d'Artagnan. „Oh!“ rief Porthos. „Verdammt! das hat man geſehen, Freund Por⸗ thos; wir haben, wie es mir ſcheint, der Königin Anna von Oeſterreich einſt einen Dienſt geleiſtet, der nicht viel dem nachſtand, welchen wir heute Karl I. leiſten 2 284 „Meiner Treue, ja, denn ich habe großen Hun⸗ ger,“ ſagte Athos. 3 „Ich auch,“ verſetzte d'Artagnan. „Aufgepaßt, ihr ſchwarzen Hühner,“ rief Aramis. Unnd von Mousqueton geführt, wanderten die vier Freunde nach dem erwähnten Hauſe, beinahe ihrer Sorgloſigkeit zurückgegeben, denn ſie waren nun alle Vier wieder vereinigt und einhellig, wie Athos geſagt hatte. XXII. Heil der gefallenen Majeſtät! Als unſere Flüchtlinge ſich dem Hauſe näherten, ſahen ſie die Erde zuſammengetreten, als ob eine be⸗ trächtliche Reitertruppe ihnen vorangegangen wäre; vor der Thüre war die Spur noch mehr ſichtbar; die Truppe hatte offenbar hier einen Halt gemacht. „Bei Gott! die Sache iſt klar,“ rief Mousqueton, „ der König und ſeine Escorte ſind hier vorübergekommen.“ „Teufel!“ ſprach Porthos,„ſie werden Alles ver⸗ ſchlungen haben.“ 3 „Bah!“ entgegnete d'Artagnan,„ſie haben gewiß noch ein Huhn übrig gelaſſen.“ Und er ſprang von ſeinem Pferde und klopfte an die Thürgz aber Niemand antwortete. Er ſtieß die Thüre auf, welche nicht verſchloſſen war, und fand das erſte Zimmer leer und verlaſſen. „Nun?“ fragte Porthos. 30730 ſehe Niemand,“ erwiederte d'Artagnan.„Ah, al „Was?“ 280 wollen, was die Königin Anna von Oeſterreich nicht abhielt, uns zwanzig Jahre lang zu vergeſſen.“ „Nun ſagt,“ ſprach Athos,„thut es Euch deſſen ungeachtet leid, ihr dieſen Dienſt geleiſtet zu haben?“ „Meiner Treue, nein,“ erwiederte dArtagnan, „und ich geſtehe ſogar, daß ich in den Augenblicken meiner ſchlimmſten Laune einen Troſt in dieſer Erinne⸗ rung gefunden habe.“ „Ihr ſeht, d'Artagnan, die Fürſten find zuweilen undankbar, aber Gott iſt es nie.“ „Hört, Athos,“ rief„ich glaube, wenn Ihr den Teufel auf Erden träfet, Ihr würdet es ſo gut machen, daß Ihr ihn mit Euch in den Himmel zurückbrächtet.“ „Alſo 2.. ſprach Athos, dArtagnan die Hand reichend. „Es iſt abgemacht,“ erwiederte d'Artagnan,„ich finde, England iſt ein reizendes Land und ich bleibe hier, aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß man mich nicht nöthigt, Engliſch zu lernen.“ „Nun wohl,“ rief Athos triumphirend,„jetzt ſchwöre ich Euch bei dem Gotte, der uns hört, bei meinem Namen, den ich für fleckenlos halte, ich glaube, es gibt eine Macht, welche über uns wacht, und ich hege die Hoffnung, daß wir alle Vier Frankreich wie⸗ derſehen werden.“ „Es mag ſein,“ verſetzte d'Artagnan,„aber ich heſee daß ich die entgegengeſetzte Ueberzeugung abe. „Dieſer liebe d'Artagnan,“ ſprach Aramis,„er ver⸗ tritt in unſerer Mitte die Oppoſition der Parlamente, welche immer nein ſagen und immer ja machen.“ „Wohl, die aber mittlerweile das Vaterland ret⸗ ten,“ ſagte Athos. „Wenn wir nun, da Alles feſtgeſtellt iſt, an das 285 „Blut!“ 3 Bei dieſem Worte ſprangen die drei Freunde eben⸗ falls von ihren Pferden und traten in das erſte Zim⸗ mer; aber d'Artagnan hatte bereits die Thüre des zwei⸗ ten geöffnet, und an dem Ausdrucke ſeines Geſichtes konnte man ſehen, daß er etwas Außerordentliches wahr⸗ nahm. Die drei Freunde näherten ſich und erblickten einen noch jungen Menſchen, der in einer Blutlache auf dem Boden ausgeſtreckt lag. Man ſah, daß er ſein Bett hatte erreichen wollen, aber aus Mangel an Kraft vor⸗ her niedergefallen war. Athos war der Erſte, der zu dem Unglücklichen krat er glaubte eine Bewegung an ihm bemerkt zu haben. „Nun?“ fragte d'Artagnan. „Wenn er todt iſt,“ erwiederte Athos,„ſo kann er es nicht lange ſein, denn ich fühle noch Wärme in ihm. Bei Gott, ſein Herz ſchlägt. He! Freund!“ Der Verwundete ſtieß einen Seufzer aus; d'Ar⸗ tagnan nahm Waſſer in ſeine hohle Hand und ſpritzte es ihm in das Geſicht. Der junge Mann öffnete ſeine Augen, machte eine Bewegung, um ſeinen Kopf aufzurichten und, ſiel wie⸗ der zurück. Athos ſuchte ihn auf ſeinen Schooß zu bringen, als er ſah, daß die Wunde etwas oberhalb des klei⸗ nen Gehirnes war und ihm den Schädel ſpaltete; das Blut floß in reichlichem Maße daraus hervor. Athos tauchte eine Serviette in das Waſſer und legte ſie auf die Wunde; die Friſche rief den Verwun⸗ deten zu ſich und er öffnete zum zweiten Male die Augen. Erſtaunt ſchaute er die Menſchen an, die ihn zu beklagen ſchienen und ihm, ſoweit es in ihrer Macht lag, Hülfe zu leiſten ſuchten.. „Ihr ſeid bei Freunden,“ ſagte Athos engliſch, ſen — 281 Mittagsbrod dächten?“ ſprach Porthos, ſich die Hände reibend.„Wir haben, wie es mir ſcheint, in den kri⸗ tiſchſten Lagen unſeres Lebens ſtets zu Mittag geſpeift.“ „Ah! ja, ſprecht vom Mittagsbrod in einem Lande, wo man ſtatt aller Speiſen in Waſſer gekochtes Schöp⸗ ſenfleiſch und ſtatt jedes Trankes nur Bier bekommt. Wie, Teufels, ſeid Ihr in ein ſolches Land gekommen, Athos? Ah, verzeiht,“ fügte d'Artagnan lächelnd bei, „ich vergaß, daß Ihr nicht mehr Athos ſeid. Doch geich viel, laßt Euern Plan hinſichtlich des Mittags⸗ rodes hören, Porthos.“ „Meinen Plan?“ „Ja, Ihr habt doch einen Plan?“ „Nein, ich habe Hunger, ſonſt nichts.“ „Bei Gott, wenn es nur das iſt, ich habe auch Hunger, damit aber, daß man Hunger hat, iſt nicht Alles geſchehen; man muß etwas zu eſſen finden, und S wir nicht Gras freſſen wollen, wie unſere Pferde„ „Ah!“ rief Aramis, der ſich nicht ſo ganz von den weltlichen Dingen abgewendet hatte wie Athos,„erin⸗ nert Ihr Euch der ſchönen Auſtern, die wir ſpeiſten, wenn wir beim Parpaillot waren?“ „Und der vortrefflichen Hammelskeulen!“ rief Porthos mit der Zunge an den Lippen leckend. „Aber haben wir nicht unſern Freund Mousque⸗ ton, der uns in Chantilly ſo gut leben ließ, Porthos?“ verſetzte d'Artagnan. „In der That,“ ſprach Porthos,„wir haben Mous⸗ queton, aber ſeit ich ihn zum Intendanten gemacht habe, iſt er ſehr ſchwerfällig geworden; gleichviel, wir wollen ſchmauſen.“ Und um einer freundlichen Antwort ſicher zu ſein, rief Porthos: „He! Mouſton!“ Mouſton erſchien mit einem kläglichen Geſichte. 286 „beruhigt Euch alſo, und wenn Ihr die Kraſt dazu hadt, ſo erzählt uns, was vorgefalen iſt.“. „Der König,“ murmelte der Verwundete,„der König iſt gefangen.“ „Ihr habt ihn geſehen?“ fragte Aramis in derſel⸗ ben Sprache. Der junge Mann antwortete nicht. „Seid unbeſorgt,“ verſetzte Athos,„wir ſind treue Diener ſeiner Majeſtät.“ „Iſt es wahr, was Ihr mir da ſagt?“ fragte der Verwundete. „Bei unſerem adeligen Ehrenworte.“ „Dann kann ich Euch Alles ſagen.“ „Sprecht.“ „Ich bin der Bruder von Parry, dem Kammer⸗ diener Seiner Majeſtät.“. Atgos und Aramis erinnerten ſich, daß Lord Win⸗ ter mit dieſem Namen den Diener nannte, den ſie in dem Vorplatze des königlichen Zeltes gefunden hatten. „Wir kennen ihn,“ ſprach Athos,„er verließ den König nie.“ „Ja, ſo iſt es,“ ſagte der Verwundete.„Als er den König gefangen ſah, dachte er an mich; man kam an dieſem Hauſe vorüber, er bat im Namen Gottes, daß man hier anhalten möchte. Die Bitte wurde bewilligt. Der König, ſagte man, hätte Hunger; man ließ ihn in das Zimmer eintreten, in welchem ich mich befinde, damit er ſpeiſen könnte, und ſtellte Schildwachen an die Thüren und Fenſter. Parry kannte dieſes Zimmer, denn er hatte mich wiederholt beſucht, während ſich Seine Majeſtät in Newcaſtle aufhielt. Er wußte, daß in dieſem Zimmer eine Fallthüre war, daß dieſe Fall⸗ thüre in den Keller führte und daß man von dem Kel⸗ ler in den Obſtgarten gelangen konnte. Er machte mir ein Zeichen. Ich begriff. Aber dieſes Zeichen wurde ohne Zweifel von den Wächtern des Königs bemerkt und machte ſie mißtrauiſch. Da ich nicht wußte, daß — ——O—.———— 8oy——ꝛ——,,———+— ————— — 282. „Was habt Ihr denn, mein lieber Herr Mouſton?“ fragte d'Artagnan.„Solltet Ihr krank ſein?“ „Gnädiger Herr, ich habe Hunger.“ „Gerade deßhalb ruſen wir Euch, mein lieber Herr Mouſton. Könntet Ihr uns nicht in der Schlinge ei⸗ nige von den hübſchen Kaninchen und ctliche von den reizenden Feldhühnern fangen, woraus Ihr Gibelottes und Salmis machtet. Ihr wißt, im Gaſthofe zum.. meiner Treue, ich erinnere mich des Namens dieſes Gaſthofes nicht mehr.“ „Im Gaſthofe zum...“ ſprach Porthos;„meiner Treue, ich erinnere mich auch nicht mehr.“ „Gleichviel, und mit dem Laſſo einige Flaſchen von dem alten Burgunder, der Euren Herrn ſo oft bei ſeiner Verſtauchung erquickt hat.“ „Ach! gnädiger Herr,“ ſprach Mousqueton,„ich fürchte, Alles, was Ihr da verlangt, iſt ſehr rar in dieſem abſcheulichen Lande, und ich glaube, wir würden beſſer daran thun, uns Gaſtfreundſchaft von dem Herrn eines kleinen Hauſes zu erbitten, bas man vom Saume des Waldes aus erblickt.“ „Wie, es findet ſich ein Haus in der Gegend?“ fragte d'Artagnan. „Ja, gnädiger Herr.“ „Gut, wir wollen uns, wie Ihr ſagt, mein Freund, Gaſtfreundſchaft von dem Eigenthümer vieſes Hauſes erbitten. Meine Herren, was denkt Ihr davon, er⸗ ſcheint Euch der Plan von Herrn Mouſton nicht ſehr ſinnreich?“ „Wenn der Eigenthümer aber ein Puritaner iſt?“ verſetzte Aramis. „Deſto beſſer, Gottes Tod!“ rief d'Artagnan,„wenn er ein Puritaner iſt, ſo erzählen wir ihm die Gefangen⸗ nehmung des Königs, und zur Verherrlichung dieſer Rachricht gibt er uns dagegen ſeine weißen Hühner.“ „Wenn er aber ein königlich Gefinnter iſt,“ ſprach Porthos. rup übe „de bin gib ſtre ger vor unt 287 man etwas vermutbete, ſo hatte ich nur ein Verlan⸗ gen, das, den König zu retten. Ich ſiellte mich daher, als ginge ich hinaus, um Holz zu bolen, denn ich dachte, es ware keine Zeit zu verlieren, und trat in den un⸗ terirdiſchen Gang, der in den Keller führte, welcher mit der Fallthüre in Verbindung ſtand; ich hob das Brett mit meinem Kopfe auf, und während Parry ſachte den Riegel der Thüre vorſtieß, bedeutete ich dem König durch ein Zeichen, er möge mir folgen. Ahl er wollte nicht, man hätte glauben ſollen, dieſe Flucht widerſteebe ihm. Aber Parny faltete flehend die Hande, ich bat ihn ebenfalls, eine ſolche Gelegenheit nicht entſch üpfen zu laſſen. Endlich entſchloß er ſich, mir zu folgen. Ich ging zum Glücke voraus; der König kam einige Schritte yinter mir, als ich plötzlich in dem unterirdiſchen Gange etwas wie einen großen Schatten ſich erheben ſah. Ich wollte ſchreien, um den König zu benachichtigen, aber ich hatte nicht mehr Zeit dazu. Ich fühlte einen Schlag, als ob das Haus über meinem Kopfe zuſammenſtürzte, und fiel ohnmächtig nieder.“ „Guter, rechtſchaffener Engländer! treuer Diener!“ ſprach Athos. 4 Alg ich wieder zu mir kam, lag ich auf demſel⸗ ben Platze. Ich ſchleppte mich bis in den Hof; der König und ſeine Escorte hatten ſich entfernt. Ich brauchte vielleicht eine Stunde, um vom Hofe hierher zu gelan⸗ gen; hier aber ſchwanden meine Kräfte, und ich ſiel abermals in Ohnmacht. „Und wie fühlt Ihr Euch jetzt?“ „Sehr ſchlecht,“ erwiederte der Verwundete. „Können wir etwas für Euch thun?“ fragte Athos. „Helft mir auf mein Bett, das wird mich, glaube erleichtern.“. „Habt Ihr Jemand, der Euch Beiſtond leiſtet? „Meine Frau iſt in Durham und kann jeden Au⸗ genblick zurückkommen. Aber Ihr, braucht Ihr nichts? wünſcht Ihr nichts? ich — 2 err ei⸗ den ttes ſes ner hen bei „ich in den rrn mt 7 ind, ſes er⸗ ſehr 17 enn en⸗ eſer er.“ rach 283 „Dann nehmen wir eine Trauermiene an und rupfen ſeine ſchwarzen Hühner.“ „Ihr ſeid ſehr glücklich,“ ſagte Athos, unwillkürlich über den Witz des unbeugſamen Gascogners lächelnd, „denn Ihr betrachtet Alles im Scherze.“ „Was wollt Ihr?“ entgegnete d'Artagnan,„ich eiaem Lunde, wo es keine Wolke am Himmel gibt.“ „Das iſt nicht wie in dieſem,“ ſagte Porthos und ſtreckte die Hand aus, um ſich zu überzeugen, ob eine gewiſſe Friſche, die er auf ſeiner Wange fühlte, wirklich von einem Regentropfen verurſacht würde. „Auf, aufi“ rief d'Artagnan,„ein Grund mehr, uns in Marſch zu ſetzen.. Holla, Grimaud!“ Grimaud erſchien. „Nun, Grimaud, mein Freund, habt Ihr etwas geſehen?“ fragte d'Artagnan. „Nichts, antwortete Grimaud. „Dieſe Dummköpfe haben uns nicht einmal ver⸗ folgt,“ ſprach Porthos.„Oh! wenn wir an ihrer Stelle geweſen wären.“ „Ei! ſie haben Unrecht gehabt,“ ſagte d'Artagnan. „Ich würde Mordaunt gerne zwei Worte in dieſer klei⸗ nen Einöde ſagen. Seht, welch' ein ſchöner Platz⸗ um einen Mann gehörig nier erzuſtrecken!“ „Meiner Anſicht nach beſitzt der Sohn offenbar nicht te Kraft der Mutter,“ ſprach Aramis. „Ei, lieber Freund,“ entgegnete Athos,„wartet voch, wir haben ihn erſt vor zwei Stunden verlaſſen, und er weiß nicht, welche Richtung wir nehmen, er weiß nicht, wo wir ſind. Wir wollen ſagen, er ſei min⸗ der ſtark, als ſeine Mutter, wenn wir den Fuß auf den Voden von Frankreich ſetzen, falls wir bis dahin weder erſchlagen noch vergiftet find.“ „Mittlerweile laßt uns zu Mittag ſpeiſen,“ ſprach Porthos. 288 „Wir waren in der Abſicht gekommen, Euch zu bitten, Ihr möget uns zu eſſen geben.“ „Ach! ſie haben Alles genommen, und es iſt kein Stückchen Brod mehr im Hauſe.“ „Ihr hört, d'Artagnan, wir müſſen unſer Mit⸗ tagsbrod anderswo ſuchen.“ „Das iſt mir nun gleichgültig,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan,„ich habe keinen Hunger mehr.“ „Meiner Treu', ich auch nicht,“ ſagte Porthos. Und ſie trugen den Mann auf ſein Bett. Man ließ Grimaud kommen, der ſeine Wunde verband. Grimaud hatte im Dienſte der vier Freunde ſo oft Gelegenheit gehabt, Charpie und Compreſſen zu ma⸗ chen, daß eine gewiſſe Färbung von Wundarzneikunde an ihm hängen geblieben war. Während dieſer Zeit kehrten die Flüchtlinge in das erſte Zimmer zurück, um zu berathſchlagen. „Wir wiſſen nun, woran wir uns zu halten ha⸗ ben,“ ſprach Aramis,„der König und ſeine Escorte ſind wirklich hier vorübergekommen; wir müſſen die entgegengeſetzte Richtung einſchlagen. Iſt dies auch Eure Anſicht, Athos?“ Athos antwortete nicht, er dachte nach. „Ja,“ ſprach Porthos,„wählen wir die entgegen⸗ geſetzte Richtung. Folgen wir der Escorte, ſo finden wir Alles verzehrt und müſſen am Ende Hungers ſter⸗ ben; was für ein verfluchtes Land iſt doch dieſes Eng⸗ land! Das iſt das erſte Mal, daß ich nicht zu Mittag geſpeiſt haben werde. Das Mittagsbrod iſt meine liebſte Mahlzeit.“ „Was denkt Ihr, d'Artagnan?“ fragte Aihos, „ſeid Ihr der Meinung von Aramis?“ „Nein,“ erwiederte d'Artagnan,„ich bin ganz entgegengeſetzter Meinung.“ 3 „Wie? Ihr wollt der Escorte folgen?“ rief Por⸗ thos erſchrocken. „Nein, aber mit ihr marſchiren.“ 284 „Meiner Treue, ja, denn ich habe großen Hun⸗ ger,“ ſagte Athos. „Ich auch,“ verſetzte d'Artagnan. „Aufgepaßt, ihr ſchwarzen Hühner,“ rief Aramis. Und von Mousqueton geführt, wanderten die vier Freunde nach dem erwähnten Hauſe, beinahe ihrer Sorgloſigkeit zurückgegeben, denn ſie waren nun alle Vier wieder vereinigt und einhellig, wie Athos geſagt hatte. XXII. Heil der gefallenen Majeſtät! Als unſere Flüchtlinge ſich dem Hauſe näherten, ſahen ſie die Erde zuſammengetreten, als ob eine be⸗ trächtliche Reitertruppe ihnen vorangegangen wäre; vor der Thüre war die Spur noch mehr ſichtbar; die Truppe hatte offenbar hier einen Halt gemacht. „Bei Gott! die Sache iſt klar,“ rief Mousqueton, „der König und ſeine Escorte find hier vorübergekommen.“ „Teufel!“ ſprach Porthos,„ſie werden Alles ver⸗ ſchlungen haben.“ „Bah!“ entgegnete d'Artagnan,„ſie haben gewiß noch ein Huhn übrig gelaſſen.“ Und er ſprang von ſeinem Pferde und klopfte an die Thüre; aber Niemand antwortete. Er ſtieß die Thüre auf, welche nicht verſchloſſen war, und fand das erſte Zimmer leer und verlaſſen. „Nun?“ fragte Porthos. „36 ſehe Niemand,“ erwiederte d'Artagnan.„Ah, „Was?“ nahn noch Bode hatte her trat; haber er e ihm. tagna es ihr 2 Bewe der zu 2 als er nen G Blut A legte deten Augen C beklag lag, 289 Die Augen von Athos glänzten vor Freude. „Mit der Escorte marſchiren!“ rief Aramis. „Laßt d'Artagnan reden, Ihr wißt, daß er der Mann des guten Rathes iſt,“ ſagte Athos. „Allerdings,“ ſprach d'Artagnan,„wir müſſen da⸗ hin gehen, wo man uns nicht ſuchen wird. Man wird ſich aber wohl hüten, uns unter den Puritanern zu ſuchen; gehen wir alſo unter den Puritanern.“ „Gut, Freund, gut; ein vortrefflicher Rath; ich hätte ihn gegeben, wenn Ihr mir nicht zuvorgekommen wäret,“ ſagte Athos. „Es iſt alſo auch Eure Anſicht?“ fragte Aramis. „Ja, man wird glauben, wir wollen England verlaſſen, man wird uns in den Häfen ſuchen; während dieſer Zeit gelangen wir mit dem König nach London; ſind wir einmal in London, ſo kann man uns nicht finden; unter einer Million Menſchen iſt es nicht ſchwer, ſich zu verbergen, abgeſehen von den Chancen, die uns dieſe Reiſe bietet,“ fügte Athos mit einem Blick auf Aramis bei. „Ja,“ verſetzte dieſer,„ich begreife.“ „Ich begreife nicht,“ ſprach Porthos;„doch gleich⸗ viel, da dieſe Anſicht zugleich die von d'Artagnan und Athos iſt, ſo muß ſie die beſte ſein.“ „Aber werden wir dem Oberſten Harriſon nicht verdächtig vorkommen?“ fragte Aramis. „Ei! Gottes Tod, gerade auf ihn zähle ich,“ rief d'Artagnan;„der Oberſte Harriſon gehört zu unſern Freunden; wir haben ihn zweimal bei dem General Cromwell geſehen; er weiß, daß wir von Herrn Ma⸗ zarini zu ihm geſchickt worden find, und wird uns als Freunde betrachten. Iſt er übrigens nicht der Sohn eines Fleiſchers? Ja, nicht wahr? Porthos zeigt ihm, wie man einen Ochſen mit einem Fauſtſchlage tödtet, und ich, wie man einen Stier niederwirft, indem man ihn an den Hörnern packt; dadurch werden wir ſein Vertrauen gewinnen.“ Zwanzig Jahre nachher. I. 4 19 un⸗ mis. vier hrer nun thos „Blut!“ Bei dieſem Worte ſprangen die brei Freunde eben⸗ falls von ihren Pferden und traten in das erſte Zim⸗ mer; aber d'Artagnan hatte bereits die Thüre des zwei⸗ ten geöffnet, und an dem Ausvrucke ſeines Geſichtes konnte man ſehen, daß er etwas Außerordentliches wahr⸗ nahm. Die drei Freunde näherten ſich und erblickten einen noch jungen Menſchen, der in einer Blutlache auf dem Boden ausgeſtreckt lag. Man ſah, daß er ſein Bett hatte erreichen wollen, aber aus Mangel an Kraft vor⸗ her niedergefallen war. Athos war der Erſte, der zu dem Unglücklichen zer er glaubte eine Bewegung an ihm bemerkt zu aben. „Nun?“ fragte d'Artagnan. „Wenn er todt iſt,“ erwiederte Athos,„ſo kann er es nicht lange ſein, denn ich fühle noch Wärme in ten, be⸗ vor pe ton, n. er⸗ wiß a ſſen n. Ah⸗ ihm. Vei Gott, ſein Herz ſchlägt. He! Freund!“ Der Verwundete ſtieß einen Seufzer aus; d'Ar⸗ tagnan nahm Waſſer in feine hohle Hand und ſpritzte es ihm in das Geſicht. Der junge Mann öffnete ſeine Augen, machte eine Bewegung, um ſeinen Kopf aufzurichten und, fiel wie⸗ der zurück. Athos ſuchte ihn auf ſeinen Schvoß zu bringen, als er ſah, daß die Wunde etwas oberhalb des klei⸗ nen Gehirnes war und ihm den Schädel ſpaltete; das Blut floß in reichlichem Maße daraus hervor. Athos tauchte eine Serviette in das Waſſer und legte ſie auf die Wunde; die Friſche rief den Verwun⸗ zu ſich und er öffnete zum zweiten Male die Augen. Erſtaunt ſchaute er die Menſchen an, die ihn zu beklagen ſchienen und ihm, foweit es in ihrer Macht lag, Hülfe zu leiſten ſuchten. ² „Ihr ſeid bei Freunden,“ ſagte Athos engliſch, ₰ 290 7 Athos lächelte. „Ihr ſeid der beſte Gefährte, den ich kenne, d'Ar⸗ tagnan,“ ſagte er, dem Gascogner die Hand reichend, „und ich bin glücklich, Euch wiedergefunden zu haben, mein lieber Sohn.“ Das war, wie man ſich erinnern wird, der Name, den Athos d'Artagnan bei großen Ergüſſen ſeines Her⸗ zens gab. In dieſem Augenblicke trat Grimaud aus dem andern Zimmer. Der Verwundete war verbunden und befand ſich beſſer. Die vier Freunde nahmen von ihm Abſchied und fragten ihn, ob er ihnen nicht einen Auftrag an ſeinen Bruder zu geben hätte. 4 „Sagt ihm,“ erwiederte der brave Mann,„er möge dem König zu wiſſen thun, ſie haben mich nicht ganz umgebracht; ſo wenig ich auch bin, ſo weiß ich doch, daß Seine Majeſtät mich bedauert, und ſich meinen Tod zum Vorwurf macht.“ „Seid unbeſorgt,“ ſprach d'Artagnan,„er ſoll es vor Abend erfahren.“ Die kleine Truppe ſetzte ſich wieder in Marſch; man konnte im Wege nicht irren; derjenige, welchen ſie verfolgen wollten, war ſichtbar durch die Ebene ge⸗ zogen.* Nachdem ſie zwei Stunden ſchweigend marſchirt waren, hielt d'Artagnan, der an der Spitze ritt, an der Wendung eines Weges an. 4 „Ah! ab!“ ſagte er,„hier ſind unſere Leute.“ Es erſchien wirklich eine beträchtliche Reitertruppe ungefähr eine halbe Stunde von da. „Meine lieben Freunde,“ ſprach d'Artagnan,„gebt Eure Degen Herrn Mousqgueton, der ſie Euch ſeiner Zeit und gehörigen Orts wiedergeben wird, und ver⸗ geßt nicht, daß Ihr unſere Gefangenen ſeid.“ Dann ſetzte man die Pferde, welche müde zu wer⸗ — 286 „veruhigt Euch alſo, und wern Ihr die Kraſt dazu habt, ſo erzäbit uns, was vorgefalen iſt.“ „Der König,“ murmelte der Verwundete,„der König iſt gefangen.“ „Ihr habt ihn geſehen?“ fragte Aramis in derſel⸗ ben Sprache. Der junge Mann antwortete nicht. „Seid unbeſorgt,“ verſetzte Athos,„wir find treue Diener ſeiner Majeſtät.“ „Iſt es wahr, was Ihr mir da ſagt?“ fragte der Verwundete. „Bei unſerem adeligen Ehrenworte.“ „Dann kann ich Euch Alles ſagen.“ „Sprecht.“ „Ich bin der Bruder von Parrp, dem Kammer⸗ diener Seiner Majeſtät.“ Atzos und Aramis erinnerten fich, daß Lord Win⸗ zer mit dieſem Namen den Diener nannte, den ſie in dem Vorplatze des königlichen Zeltes gefunden hatten. „Wir kennen ihn,“ ſprach Athos,„er verließ den König nie.“ „Ja, ſo iſt es,“ ſagte der Verwundete.„Als er den König gefangen ſah, dachte er an mich; man kam an dieſem Hauſe vorüber, er bat im Namen Gottes, daß man hier anhalten möchte. Die Bitte wurve bewilligt. Der König, ſagte man, hätte Hunger; man ließ ihn in das Zimmer eintreten, in welchem ich mich befinde, damit er ſpeiſen könnte, und ftellte Schildwachen an die Thüren und Fenſter. Parr kannte dieſes Zimmer, venn er hatte mich wiederholt beſucht, während ſich Seine Majeſtät in Neweaſtle aufhielt. Er wußte, daß in dieſem Zimmer eine Fallthüre war, daß vieſe Fall⸗ thüre in den Keller führte und daß man von dem Kel⸗ ler in den Obſtgarten gelangen konnte. Er machte mir ein Zeichen. Ich begriff. Aber dieſes Zeichen wurde ohne Zweifel von den Wächtern des Königs bemerkt und machte ſie mißtrauiſch. Da ich nicht wußte, daß man gen, als o6„ terir der mit Riet durc nicht ihm. ihn zu l ging hinte etwa woll ich h als und ſprat ben Köni vielle gen; aberr — 291 den anfingen, in Trab und bald hatte man die Escorte eingeholt. Der König ritt, umgeben von einem Theile des Regiments des Oberſten Harriſon, ruhig, ſtets wür⸗ dig und mit einem gewiſſen guten Willen vorwärts. Als er Athos und Aramis erblickte, von welchen Abſchied zu nehmen man ihm nicht einmal Zeit ge⸗ laſſen hatte, und als er in den Zügen der zwei Edel⸗ leute las, daß er Freunde ein paar Schritte von ſich hatte, ſtieg, obgleich er dieſe Freunde für Gefangene hielt, eine Röthe der Freude in die bleichen Wangen des Königs. D'Artagnan erreichte die Spitze der Colonne, ließ ſeine Freunde unter der Bewachung von Porthos und ritt gerade auf Harriſon zu, der ihn wirklich als einen Mann erkannte, den er bei Cromwell geſehen hatte, und ſo artig empfing, als ein Menſch von dieſen Ver⸗ hältniſſen und von dieſem Charakter irgend Jemand empfangen konnte. Was d'Artagnan vorhergeſehen hatte, geſchah: der Oberſte hatte keinen Verdacht und konnte keinen haben. Man hielt an; bei dieſem Halte ſollte der König zu. Mittag ſpeiſen. Nur wurden diesmal Vorſichts⸗ maßregeln getroffen, um jeden Fluchtverſuch zu ver⸗ hindern. In dem großen Zimmer des Gaſthauſes wur⸗ den ein kleiner Tiſch für ihn und ein großer für die Offiziere aufgeſtellt. „Speiſt Ihr mit mir?“ fragte Harriſon d'Ar⸗ tagnan. 4 4 „Teufel!“ erwiederte dieſer,„das würde mir gro⸗ ßes Vergnügen machen, aber ich habe meinen Gefähr⸗ ten, Herrn du Vallon, und meine zwei Gefangenen, welche ich nicht verlaſſen kann, was Eueren Tiſch zu ſehr überladen würde. Doch wir wollen es machen, ſo gut es geht; laßt einen Tiſch in irgend einem Win⸗ kel decken und ſchickt uns, was Euch beliebt, von dem Eurigen, denn ſonſt laufen wir Gefahr, vor Hunger * bt, der ſel⸗ eur der ner⸗ Lin⸗ e in tten. den s er kam daß lligt. ihn inde, an mer, ſich „daß Fall⸗ Kel⸗ emir vurde merkt „daß 287 man etwas vermuihete, ſo hatte ich nur ein Verlan⸗ gen, das, den König zu retten. Ich fiellte mich daher, als ginge ich hinaus, um Holz zu holen, denn ich vachte, es wäre keine Zeit zu verlieren, und trat in den un⸗ terirdiſchen Gang, der in den Keller ſührte, welcher mit der Fallthüre in Verbindung ſtand; ich hob das Brett mit meinem Kopfe auf, und während Parry ſachte den Riegel der Thüre vorſtieß, bedeutete ich dem König durch ein Zeichen, er möge mir folgen. Ah! er wollte nicht, man hätte glauben ſollen, dieſe Flucht widerſtrebe ihm. Aber Party faltete flehend die Hände, ich bat ihn ebenſalls, eine ſolche Gelegenheit nicht entſchlüpfen zu laſſen. Endlich entſchloß er ſich, mir zu folgen. Ich ging zum Glücke voraus; der König kam einige Schritte hinter mir, als ich plötzlich in dem unterirdiſchen Gange etwas wie einen großen Schatten ſich erheben ſah. Ich wollte ſchreien, um den König zu benachichtigen, aber ich hatte nicht mehr Zeit dazu. Ich fühlte einen Schlag, als ob das Haus über meinem Kopfe zuſammenſtürzte, und fiel ohnmächtig nieder.“ „Guter, rechtſchaffener Engländer! treuer Diener!“ ſprach Athos. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf demſel⸗ ben Platze. Ich ſchleppte mich bis in den Hof; der König und ſeine Escorte hatten ſich entfernt. Ich brauchte vielleicht eine Stunde, um vom Hofe hierher zu gelan⸗ gen; hier aber ſchwanden meine Kräfte, und ich ſiel abermals in Ohnmacht. „Und wie fühlt Ihr Euch jetzt?“ „Sehr ſchlecht,“ erwiederte der Verwundete. „Können wir etwas für Euch thun?“ fragte Athos. Helft mir auf mein Bett, das wird mich, glaube ich, erleichtern.“ „Habt Ihr Jemand, der Euch Beiſtand leiſtet?“ „Meine Frau iſt in Durham und kann jeden Au⸗ genblick zurücktommen. Aber Ihr, braucht Ihr nichts? wünſcht Ihr nichts?“ 292 zu ſterben. Wir ſpeiſen dann immer noch zuſammen, inſofern wir in einem Zimmer ſpeiſen.“ „Es ſei!“ ſprach Harriſon. Die Sache wurde nach dem Wunſche von d'Ar⸗ tagnan geordnet, und als er zu dem Oberſten zurück⸗ kam, fand er den König bereits an ſeinem Tiſchchen ſitzend und von Parry bedient, Harriſon und ſeine Gefährten an einer gemeinſchaftlichen Tafel und in rn Ecke die für ihn und ſeine Freunde beſtimmten ätze. Die Tafel, an welcher die puritaniſchen Offiziere ſaßen, war rund und Harriſon, mochte es Zufall oder plumpe Berechnung ſein, wandte dem König den Rücken zu. Der König ſah die vier Edelleute eintreten, ſchien ihnen aber keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie ſetzten ſich an den ihnen vorbehaltenen Tiſch und nahmen ihre Plätze ſo, daß ſie Niemand den Rücken zukehrten; ihnen gegenüber waren der Tiſch der Offiziere und der des Königs. Um ſeine Gäſte zu ehren, ſchickte ihnen Harriſon die beſten Gerichte ſeiner Tafel. Leider fehlte es den vier Freunden an Wein. Dieſe Sache ſchien Athos ganz gleichgültig, aber d'Artagnan, Porthos und Ara⸗ mis machten eine Grimaſſe, ſo oft ſie das Bier, dieſes puritaniſche Getränke, verſchlucken mußten. „Meiner Treu', Oberſter,“ ſprach d'Artagnan,„wir ſind Euch ſehr dankbar für Eure freundliche Einladung, denn ohne Euch liefen wir Gefahr, des Mittagsbrodes entbehren zu müſſen, wie wir das Frühſtück entbehren mußten, und mein Freund, Herr du Vallon hier, theilt meine Dankbarkeit, denn er hatte großen Hunger.“ „Ich habe noch Hunger,“ ſprach Porthos, ſich vor dem Oberſten Harriſon verbeugend. „Und wie hat ſich das wichtige Ereigniß zugetragen, daß Ihr des Frühſtücks entbehren mußtet?“ fragte la⸗ chend der Oberſte. „Es geſchah aus einem ganz einfachen Grunde,“ 4 4— 2⁸8 „Wir waren in der Abſicht gekommen, Euch zu bitten, Ihr möget uns zu eſſen geben.“ „Achi ſie haben Alles genommen, und es iſt kein Stückchen Brod mehr im Hauſe.“ „Ihr hört, d'Artagnan, wir müſſen unſer Mit⸗ tagsbrod anderswo ſuchen.“ „Das iſt mir nun gleichgültig,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan,„ich habe keinen Hunger mehr.“ „Meiner Treu', ich auch nicht,“ ſagte Porthos. Und ſie trugen den Mann auf ſein Bett. Man ließ Grimaud kommen, der ſeine Wunde verband. Grimaud hatte im Dienſte der vier Freunde ſo oft Gelegenheit gehabt, Charpie und Compreſſen zu ma⸗ chen, daß eine gewiſſe Färbung von Wundarzneikunde an ihm hängen geblieben war. Während dieſer Zeit kehrten die Flüchtlinge in das erſte Zimmer zurück, um zu berathſchlagen. „Wir wiſſen nun, woran wir uns zu halten ha⸗ ben,“ ſprach Aramis,„der König und ſeine Escorte find wirklich hier vorübergekommen; wir müſſen die enigegengeſetzte Richiung einſchlagen. Iſt dies auch Eure Anſicht, Athos?“ Athos antwortete nicht, er dachte nach. „Ja,“ ſprach Porthos,„wählen wir die entgegen⸗ geſetzte Richtung. Folgen wir der Escorte, ſo finden wir Alles verzehrt und müſſen am Ende Hungers ſter⸗ ben; was für ein verfluchtes Land iſt doch dieſes Eng⸗ land! Das iſt das erſte Mal, daß ich nicht zu Mittag geſpeiſt haben werde. Das Mittagsbrod iſt meine liebſte Mahlzeit.“ „Was denkt Ihr, dArtagnan?“ fragte Athos, „ſeid Ihr der Meinung von Aramis?“ „Nein,“ erwiederte dArtagnan,„ich bin ganz entgegengeſetzter Meinung.“ „Wie? Ihr wollt der Escorte folgen?“ rief Por⸗ thos erſchrocken. „Nein, aber mit ihr marſchiren.“ antwortete d'Artagnan.„Ich hatte Eile, Euch einzu⸗ holen, und um dies zu erreichen, ſchlug ich denſelben Weg ein, wie Ihr, was ich als ein alter Fourier nicht hätte thun ſollen, da ich wiſſen mußte, daß da, wo ein gutes und braves Regiment wie das Eurige durchkommt, keine Aehren mehr zu leſen ſind. Ihr könnt Euch auch unſere Enttäuſchung denken, als wir zu einem hübſchen, am Saume eines Waldes liegenden, Häuschen gelangend, das von ferne mit ſeinem rothen Dache und ſeinen grünen Läden gar vergnüglich und einladend ausſah, ſtatt der Hühner, die wir braten, und der Schinken, die wir röſten laſſen wollten, nichts fanden, als einen in Blut gebadeten armen Teufel. Ah! Gottes Tod! Oberſter, macht demjenigen von Euren Offizieren, der dieſen Streich geführt hat, mein Kompliment; das war gut geſchlagen, ſo gut geſchlagen, daß es ſogar die Bewunderung von Herrn du Vallon, meinem Freunde, erregte, der doch ſelbſt gar hübſch zu ſchlagen weiß.“ „Ja,“ ſprach Harriſon lachend und mit den Augen einen am Tiſche ſitzenden Offizier bezeichnend,„wenn Groslow dieſes Geſchäft übernimmt, ſo braucht kein Anderer nach ihm zu kommen.“ „Ahl es iſt dieſer Herr,“ ſagte d'Artagnan, den Offizier begrüßend;„ich bedaure, daß der Herr nicht Franzöſiſch ſpricht, damit ich ihm mein Kompliment machen könnte.“ „Ich bin bereit, es zu empfangen und zurückzu⸗ geben, mein Herr,“ ſagte der Offizier in ziemlich gutem frranzufäch,„denn ich habe drei Jahre in Paris ge⸗ wohnt.“ 4 8 „Wohl, ſo beeile ich mich, Euch zu ſagen,“ fuhr v'Artagnan fort,„der Schlag war ſo gut geführt, daß Ihr Euern Mann beinahe getödtet habt.“ „Ich glaubte, ihn völlig getödtet zu haben,“ er⸗ wiederte Groslow. „Nein. Es fehlte allerdings nicht viel, aber er iſt nicht todt.“ * zu ein dit⸗ Ar⸗ Nan nd. oft mde das ha⸗ orte die auch gen⸗ nden ſter⸗ ittag teine thos, ganz Por⸗ N 289 Die Augen von Athos glänzten vor Freude. „Mit der Escorte marſchiren!“ rief Aramis. „Laßt d'Artagnan reden, Ihr wißt, daß er der Mann des guten Rathes iſt,“ ſagte Athos. „Allerdings,“ ſprach d'Artagnan,„wir müſſen da⸗ hin gehen, wo man uns nicht ſuchen wird. Man wird ſich aber wohl hüten, uns unter den Puritanern zu ſuchen; gehen wir alſo unter den Puritanern.“ „Gut, Freund, gut; ein vortrefflicher Rath; ich hätte ihn gegeben, wenn Ihr mir nicht zuvorgekommen wäret,“ ſagte Athos. „Es iſt alſo auch Eure Anſicht?“ fragte Aramis. „Ja, man wird glauben, wir wollen England verlaſſen, man wird uns in den Häfen ſuchen; während dieſer Zeit gelangen wir mit dem König nach London; ſind wir einmal in London, ſo kann man uns nicht finden; unter einer Million Menſchen iſt es nicht ſchwer, ſich zu verbergen, abgeſehen von den Chancen, die uns dieſe Reiſe bietet,“ fügte Athos mit einem Blick auf Aramis bei. „Ja,“ verſetzte dieſer,„ich begreife.“ „Ich begreife nicht,“ ſprach Porthos;„doch gleich⸗ iel, da dieſe Anſicht zugleich die von d'Artagnan und Athos iſt, ſo muß fſie die beſte ſein.“ „Aber werden wir dem Oberſten Harriſon nicht verdächtig vorkommen?“ fragte Aramis. „Ei! Gottes Tod, gerade auf ihn zähle ich,“ rief d'Artagnan;„der Oberſte Harriſon gehört zu unſern Freunden; wir haben ihn zweimal bei dem General Cromwell geſehen; er weiß, daß wir von Herrn Ma⸗ zarini zu ihm geſchickt worden find, und wird uns als Freunde betrachten. Iſt er übrigens nicht der Sohn eines Fleiſchers? Ja, nicht wahr? Portbos zeigt ihm, wie man einen Ochſen mit einem Fauftſchlage tödtet, und ich, wie man einen Stier niederwirft, indem man ihn an den Hörnern packt; dadurch werden wir ſein Vertrauen gewinnen.“ Zwanzig Jahre ngchher. m. 19 Und bei dieſen Worten warf d'Artagnan Parry, der, Todesbläſſe auf der Stirne, vor dem König ſtand, einen Blick zu, um ihm anzudeuten, dieſe Kunde ſei an ihn gerichtet. Der König hatte dieſe ganze Unterredung, das Herz von unſäglicher Angſt zuſammengeſchnürt, ange⸗ hört, denn er wußte nicht, worauf der franzöſiſche Of⸗ ſizier damit abzielte, und die unter einem ſorgloſen An⸗ ſcheine verborgenen einzelnen Reden empörten ihn. Erſt bei den letzten Worten von d'Artagnan ath⸗ mete er wieder frei. „ Ahl Teufel!“ rief Groslow,„ich glaubte, es wäre mir beſſer gelungen. Wenn es nicht ſo weit von hier bis zu dem Hauſe des Elenden wäre, ſo würde ich zu⸗ rückkehren, um ihm den Garaus zu machen.“ „Und Ihr würdet wohl daran thun, wenn Ihr ſeine Rückkehr befürchtet,“ verſetzte d'Artagnan;„denn Ihr wißt, wenn die Wunden am Kopfe nicht ſogleich tödten, ſo ſind ſie nach Verlauf von acht Tagen geheilt.“ Und d'Artagnan warf einen zweiten Blick Parry zu, auf deſſen Antlitz ſich ein Ausdruck ſo großer Freude verbreitete, daß ihm Karl lächelnd die Hand reichte. Parry beugte ſich auf die Hand ſeines Gebieters herab und küßte ſie ehrfurchtsvoll. „In der That, d'Artagnan,“ ſprach Athos,„Ihr ſeid zugleich ein Mann von Wort und von Geiſt. Aber was ſagt Ihr von dem König?“ „Sein Geſicht gefällt mir ungemein,“ verſetzte d'Artagnan;„er ſieht edel und gut aus.“ 3„Ja, aber er läßt ſich gefangennehmen,“ entgeg⸗ nete Porthos,„und darin hat er Unrecht.“ ch habe Luſt, auf die Geſundheit des Königs zu trinken,“ ſagte Athos. Dann laßt mich die Geſundheit ausbringen,“ ſprach v'Artagnan. *Chut es,“ verſetzte Aramis. Porthos ſchaute d'Artagnan ganz verblüfft über die 290 Atbos lächelte. „Ihr ſeid der beſte Gefährte, den ich kenne, d'Ar⸗ tagnan,“ ſagte er, dem Gascogner die Hand reichend, „und ich bin glücklich, Euch wiedergefunden zu haben, mein lieber Sohn.“ Das war, wie man ſich erinnern wird, der Name, den Athos d'Artagnan bei großen Ergüſſen ſeines Her⸗ zens gab. In dieſem Augenblicke trat Grimand aus dem andern Zimmer. Dir Verwundete war verbunden und befand ſich beſſer. Die vier Freunde nahmen von ihm Abſchied und fragten ihn, ob er ihnen nicht einen Auftrag an ſeinen Bruder zu geben hätte. „Sogt ihm,“ erwiederte der brave Mann,„er möge dem König zu wiſſen thun, ſie haben mich nicht ganz umgebrachi; ſo wenig ich auch bin, ſo weiß ich doch, daß Seine Majeſtät mich bedauert, und ſich meinen Tod zum Vorwurf macht.“. „Seid unbeſorgt,“ ſprach d'Artagnan,„er ſoll es vor Abend erfahren.“ Die kleine Truppe ſetzte ſich wieder in Marſch; man konnte im Wege nicht irren; verjenige, welchen ſie verfolgen wollten, war ſichtbar durch die Ebene ge⸗ zogen. Rachdem ſie zwei Stunden ſchweigend marſchirt waren, hielt dArtagnan, der an der Spitze ritt, an der Wendung eines Weges an. „Ah! ah!“ ſagte er,„hier find unſere Leute.“ Es erſchien wirklich eine beträchtliche Reitertruppe ungeführ eine halbe Stunde von da. „Meine lieben Freunde,“ ſprach d'Artagnan,„gebt Eure Degen Herrn Mousqueton, der ſie Euch ſeiner Zeit und gehörigen Orts wiedergeben wird, und ver⸗ geßt nicht, daß Ihr unſere Gefangenen ſeid.“ Dann ſetzte man die Pferde, welche müde zu wer⸗ — — 295 Mittel an, die ſeinem Kameraden ſein gascogniſcher Geiſt unabläßig lieferte. DArtagnan nahm ſeinen zinnernen Becher, füllte ihn, ſtand auf und ſprach zu ſeinen Gefährten: „Trinken wir auf die Geſundheit deſſen, der bei unſerem Mahle den Vorſitz führt. Unſerem Oberſten und er mag wiſſen, daß wir ihm bis London und noch wei⸗ ter zu Dienſten ſind!“ Und da d'Artagnan, dieſe Worte ſprechend, Har⸗ riſon anſchaute, ſo glaubte dieſer, der Toaſt gelte ihm, erhob ſich und begrüßte die vier Freunde, welche, die Augen auf König Karl geheftet, gleichzeitig tranken, während Harriſon ſein Glas ohne das geringſte Miß⸗ trauen leerte. 1 Karl reichte ſein Glas Parry, der ihm einige Tro⸗ pfen Bier eingoß, denn der König wurde gerade bedient wie die Andern, ſetzte es ſodann an den Mund, ſchaute die vier Edelleute an und leerte es mit einem würde⸗ vollen Lächeln der Dankbarkeit.. „Auf, meine Herren,“ rief Harriſon, ſein Glas wieder auf den Tiſch ſetzend und ohne irgend eine Rück⸗ ſicht für den erhabenen Gefangenen, den er führte, „vorwärts!“ „Wo werden wir Nachtlager halten, Oberſter?“ „In Tirsk,“ antwortete Harriſon. „Parry,“ ſagte der König, ebenfalls aufſtehend und ſich nach ſeinem Diener umwendend,„mein Pferd. Ich will nach Tirsk reiten.“ 3 „Meiner Treu',“ ſprach d'Artagnan zu Athos,„Euer König hat mich bezaubert, und ich bin ganz zu ſeinen Dienſten.“ „Wenn das, was Ihr da ſagt, aufrichtig gemeint iſt,“ verſetzte Athos,„ſo kommt er nicht bis London.“ „Wie dies?“ „Ja, denn vor dieſem Augenblick haben wir ihn entführt.“ — S 291 ven anſingen, in Trab und bald hatte man die Escorte eingeholt. Der König ritt, umgeben von einem Theile des Regiments des Oberſten Harriſon, ruhig, ſiets wür⸗ dig und mit einem gewiſſen guten Willen vorwärts. Als er Athos und Aramis erblickte, von welchen Abſchied zu nehmen man ihm nicht einmal Zeit ge⸗ laſſen hatte, und als er in den Zügen der zwei Edel⸗ leute las, daß er Freunde ein paar Schritte von ſich hatte, ſtieg, obgleich er dieſe Freunde für Gefangene hielt, eine Röthe ver Freude in die bleichen Wangen des Königs. D'Artagnan erreichte die Spitze der Colonne, ließ ſeine Freunde unter der Bewachung von Porthos und ritt gerade auf Harriſon zu, der ihn wirklich als einen Mann erkannte, den er bei Cromwell geſehen hatte, und ſo artig empfing, als ein Menſch von dieſen Ver⸗ hältniſſen und von dieſem Charakter irgend Jemand empfangen konnte. Was d'Artagnan vorhergeſehen hatte, geſchah: der Oberſte hatte keinen Verdacht und konnte keinen haben. Man hielt an; bei dieſem Halte ſollte der Sönig zu Nittag ſpeiſen. Nur wurden diesmal Vorſichts⸗ maßregeln getroffen, um jeden Fluchtverſuch zu ver⸗ hindern. In dem großen Zimmer des Gaſthauſes wur⸗ den ein kleiner Tiſch für ihn und ein großer für vie Offiziere aufgeſtellt. „Bpeiſt Ihr mit mir?“ fragte Harriſon dAr⸗ tagnan. „Teufel!“ erwiederte vieſer,„das würde mir gro⸗ ßes Vergnügen machen, aber ich habe meinen Gefähr⸗ ten, Herrn du Vallon, und meine zwei Gefangenen, welche ich nicht verlaſſen kann, was Eueren Tiſch zu ſehr überladen würde. Doch wir wollen es machen, ſo gut es geht; laßt einen Tiſch in irgend einem Win⸗ kel decken und ſchickt uns, was Euch belicht, von dem Eurigen, denn ſonſt laufen wir Gefahr, vor Hunger 296 „Ahl diesmal ſeid Ihr bei meinem Ehrenworte ein Narr, Athos,“ ſprach d'Artagnan. „Habt Ihr denn einen feſten Plan?“ fragte Aramis. „Ei! die Sache wäre nicht unmöglich, wenn man einen guten Plan hätte,“ meinte Porthos. „Ich habe keinen,“ ſprach Athos,„aber d'Artagnan wird einen finden.“ D'Artagnan zuckte die Achſeln, und man begab ſich auf den Marſch. XXIII. DJ'Artagnan ſindet einen Plan. Athos kannte d'Artagnan vielleicht beſſer, als dieſer ſich ſelbſt kannte. Er wußte, daß man in einen aben⸗ teuerlichen Geiſt, wie ihn der Gascogner beſaß, nur einen Gedanken fallen laſſen darf, wie man in einen reichen, kräftigen Boden nur ein Samenkorn fallen läßt. Er ſah alſo ruhig zu, als ſein Freund die Achſeln zuckte, ſetzte ſeinen Weg fort und plauderte über Raoul, ein Geipräch, das er, wie man ſich erinnern wird, zu einer andern Zeit gänzlich unberückſichtigt gelaſſen hatte. Bei Einbruch der Nacht gelangte man nach Tirsk. Die vier Freunde ſchienen völlig gleichgültig gegen die Vorſichtsmaßregeln, die man nahm, um ſich der Perſon des Königs zu verſichern. Sie zogen ſich in ein Pri⸗ vathaus zurück, und da ſie jeden Augenblick für ſich ſelbſt zu fürchten hatten, ſo richteten ſie ſich in einem einzigen Zimmer ein, wobei ſie für einen Ausgang im Falle eines Angriffes beſorgt waren. Die Bedienten wurden auf verſchiedenen Poſten vertheilt. Grimaud ſchlief vor der Thüre auf einem Bund Stroh. 8 ., 292 zu ſterben. Wir ſpeiſen dann immer noch zuſammen, inſofern wir in einem Zimmer ſpeiſen.“ „Es ſei!“ ſprach Harriſon. Die Sache wurde nach dem Wunſche von d'Ar⸗ tagnan geordnet, und als er zu dem Oberſten zurück⸗ kam, fand er den König bereits an ſeinem Tiſchchen ſitzend und von Parry bedient, Harriſon und ſeine Gefährten an einer gemeinſchaftlichen Tafel und in zue Ecke die für ihn und ſeine Freunde beſtimmten ätze. Die Tafel, an welcher die puritaniſchen Offiziere ſaßen, war rund und Harriſon, mochte es Zufall oder plumpe Berechnung ſein, wandte dem König den Rücken zu. Der König ſah die vier Edelleute eintreten, ſchien ihnen aber keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie ſetzten ſich an den ihnen vorbehaltenen Tiſch und nahmen ihre Plätze ſo, daß ſie Riemand den Räcken zukehrten; ihnen gegenüber waren der Tiſch der Offiziere und der des Königs. Uum ſeine Gäſte zu ehren, ſchickte ihnen Harriſon die beſten Gerichte ſeiner Tafel. Leider fehlte es den vier Freunden an Wein. Dieſe Sache ſchien Athos ganz gleichgültig, aber d'Artagnan, Porthos und Ara⸗ mis machten eine Grimaſſe, ſo oft ſie das Bier, dieſes puritaniſche Getränke, verſchlucken mußten. „Meiner Treu', Oberſter,“ ſprach d'Artagnan,„wir find Euch ſehr dankbar für Eure freundliche Einladung, denn ohne Euch liefen wir Gefahr, des Mittagsbrodes entbehren zu müſſen, wie wir das Frühſtück entbehren mußten, und mein Freund, Herr du Vallon hier, theilt meine Dankbarkeit, denn er hatte großen Hunger.“ „Ich habe noch Hunger,“ ſprach Porthos, ſich vor dem Oberſten Harriſon verbeugend. „Und wie hat ſich das wichtige Ereigniß zugetragen, daß Ihr des Frühſtücks entbehren mußtet?“ fragte la⸗ chend der Oberſte. „Es geſchah aus einem ganz einfachen Grunde,“ 89 . 297 D'Artagnan war nachdenkend und ſchien für ei⸗ nen Augenblick ſeine gewöhnliche Geſprächigkeit ver⸗ loren zu haben. Er ſagte kein Wort, pfiff unabläſſig und ging zwiſchen ſeinem Bette und dem Kreuzſtock hin und her. Porthos, der nie etwas Anderes ſah, als die äußeren Dinge, ſprach zu ihm wie gewöhn⸗ lich. D'Artagnan antwortete äußerſt elnſylbig. Athos und Aramis ſchauten ſich lächelnd an. Der Tag war ermüdend geweſen und mit Aus⸗ nahme von Porthos, deſſen Schlummer ſo unbeugſam hijrgual⸗ ſein Appetit, ſchliefen die Freunde dennoch echt. Am andern Morgen war d'Artagnan zuerſt auf den Beinen. Er hatte bereits den Stall und die Pferd⸗ unterſucht und die nöthigen Befehle für den ag gegeben, als Aramis und Athos nicht einmal aufgeſtanden waren und Porthos noch ſchnarchte. Um acht Uhr Morgens ſetzte man ſich in derſelben Ordnung in Marſch, wie am Tage zuvor. Nur ließ d'Artagnan ſeine Freunde allein reiten und ſuchte die mit Groslow bei dem erwähnten Mittagsmahle ange⸗ knüpfte Bekanntſchaft weiter fortzuſpinnen. Durch die Lobeserhebungen des Gascogners in ſeinem Innern ungemein geſchmeichelt, empfing ihn Groslow mit einem freundlichen Lächeln. „In der That, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan zu ihm, vich bin glücklich, einen Mann zu finden, mit dem ich mich in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Herr du Vallon, mein Freund, iſt von äußerſt ſchwermüthigem Charakter, ſo daß man oft keine vier Worte den ganzen Tag aus ihm herausbringen kann; was unſre zwei Gefangenen betrifft, ſo begreift Ihr, daß ſie keine große Luſt haben, ſich in ein Geſpräch einzulaſſen.“ 3 „Es ſind wüthende Royaliſten,“ verſetzte Groslow. „Deßhalb grollen ſie uns auch ſo ſehr, daß wir 293 antwortete d'Artagnan.„Ich hatte Eile, Euch einzu⸗ holen, und um dies zu erreichen, ſchlug ich denſelben Weg ein, wie Ihr, was ich als ein alter Fourier nicht hätte thun ſollen, da ich wiſſen mußte, daß da, wo ein gutes und braves Regiment wie das Eurige durchkommt, keine Aehren mehr zu leſen find. Ihr könnt Euch auch unſere Enttäuſchung denken, als wir zu einem hübſchen, am Saume eines Waldes liegenden, Häuschen gelangend, das von ferne mit ſeinem rothen Dache und ſeinen grünen Läden gar vergnüglich und einladend ausſah, ſtatt der Hühner, die wir braten, und der Schinken, die wir röſten laſſen wollten, nichts fanden, als einen in Blut gebadeten armen Teufel. Ah! Gottes Tod! Oberſter, macht demjenigen von Euren Offizieren, der dieſen Streich geführt hat, mein Kompliment; das war gut geſchlagen, ſo gut geſchlagen, daß es ſogar die Bewunderung von Herrn du Vallon, meinem Freunde, erregte, der doch ſelbſt gar hübſch zu ſchlagen weiß.“ „Ja,“ ſprach Harriſon lachend und mit den Augen einen am Tiſche ſitzenden Offizier bezeichnend,„wenn Groslow dieſes Geſchäft übernimmt, ſo braucht kein Anderer nach ihm zu kommen.“ „Ah! es iſt dieſer Herr,“ ſagte d'Artagnan, den Offizier begrüßend;„ich bevaure, daß der Herr nicht Franzöſiſch ſpricht, damit ich ihm mein Kompliment machen könnte.“ „Ich bin bereit, es zu empfangen und zurückzu⸗ geben, mein Herr,“ ſagte der Offizier in ziemlich gutem *„denn ich habe drei Jahre in Paris ge⸗ wohnt.“ „Wohl, ſo beeile ich mich, Euch zu ſagen,“ fuhr d'Artagnan fort,„der Schlag war ſo gut geführt, daß Ihr Euern Mann beinahe getödtet habt.“ „Ich glaubte, ihn völlig getödtet zu haben,“ er⸗ wiederte Groslow. „Nein. Es fehlte allerdings nicht viel, aber er iſt nicht todt.“ 298 den Stuart gefangen genommen haben, dem Ihr hof⸗ fentlich ganz hübſch den Prozeß machen werdet?“ „Gott verdamme mich,“ erwiederte Groslow,„wir führen ihn aus dieſem Grunde nach London.“ „Und ich denke, Ihr werdet ihn nicht aus dem Geſichte verlieren.“ „Den Teufel! ich glaube wohl. Ihr ſeht,“ fügte der Offizier lachend bei,„er hat eine wahrhaft könig⸗ liche Escorte.“ 8 8 „Ohl bei Tag iſt keine Gefahr, daß er entkommen könnte, aber bei Nacht...“ 4 „Bei Nacht werden die Vorſichtsmaßregeln ver⸗ doppelt.“ „Auf welche Art laßt Ihr ihn bewachen?“ „Acht Mann bleiben beſtändig in ſeinem Zimmer.“ „Teufel!“ rief d'Artagnan,„er iſt gut bewacht, aber neben dieſen acht Mann ſtellt Ihr ohne Zweifel auch außen eine Wache auf? Man kann nicht behut⸗ ſam genug bei einem ſolchen Gefangenen ſein.“ „Ohl nein. Bedenkt doch, was können zwei un⸗ bewaffnete Menſchen gegen acht bewaffnete Männer machen?“ „Wie, zwei Menſchen?“ „Ja, der König und ſein Kammerdiener.“ 5„Man hat alſo dem Kammerdiener bei ihm zu bleiben erlaubt?“ „Ja, Stuart hat um dieſe Vergünſtigung gebeten, und der Oberſte Harriſon willigte ein. Unter dem Vorwande, daß er ein König iſt, ſcheint er ſich weder allein ankleiden noch auskleiden zu können.“ „In der That,“ ſagte d'Artagnan, entſchloſſen in Beziehung auf den engliſchen Offizier das Lobſyſtem fortzuſetzen, das ihn ſo gut unterſtützt hatte,„je mehr ich höre, deſto mehr muß ich über die leichte und zier⸗ liche Weiſe ſtaunen, mit der Ihr Franzöſiſch ſprecht. hr habt drei Jahre in Paris gewohnt? wohl, ich könnie mich mein ganzes Leben in London aufhalten, 8 —— 294 Und bei dieſen Worten warf d'Artagnan Parry, der, Todesbläſſe auf der Stirne, vor dem König ſtand, einen Blick zu, um ihm anzubeuien, dieſe Kunde ſei an ihn gerichtet. Der König halte dieſe ganze Unterredung, das Herz von unſäglicher Angſt zuſammengeſchnürt, ange⸗ pört, denn er wußte nicht, worauf der franzöſiſche Of⸗ ſizier damit abzielte, und die unter einem ſorgloſen An⸗ ſcheine verborgenen einzelnen Reden empörten ihn. Erſt bei den letzten Worten von d'Artagnan ath⸗ mete er wiever frei. „Ah! Teufel!“ rief Groslow,„ich glaubte, es wäre mir beffer gelungen. Wenn es nicht ſo weit von hier bis zu dem Hauſe des Elenden wäre, ſo würde ich zu⸗ rückkehren, um ihm den Garaus zu machen.“ „Und Ihr würdet wohl daran thun, wenn Ihr ſeine Rückkehr befürchtet,“ verſetzte d'Artagnan;„denn Ihr wißt, wenn die Wunden am Kopfe nicht ſogleich tödten, ſo ſind ſie nach Verlauf von acht Tagen geheilt.“ Und d'Artagnan warf einen zweiten Blick Parry zu, auf deſſen Antlitz ſich ein Ausdruck ſo großer Freude verbreitete, daß ihm Karl lächelnd die Hand reichie. Parry beugte ſich auf vie Hand ſeines Gebieters herab und küßte ſie ehrfurchtsvoll. „In der That, d'Artagnan,“ ſprach Athos,„Ihr ſeid zugleich ein Mann von Wort und von Geiſt. Aber was ſagt Ihr von dem König?“ „Sein Geſicht gefällt mir ungemein,“ verſetzte d'Artagnan;„er ſieht edel und gut aus.“ „Ja, aber er läßt ſich gefangennehmen,“ entgeg⸗ nete Porthos,„und varin hat er Unrecht.“ „Ich habe Luſt, auf die Geſundheit des Königs zu trinken,“ ſagte Athos. „Dann laßt mich die Geſundheit ausbringen,“ ſprach d'Artagnan. „Thut es,“ verſetzte Aramis. Porthos ſchaute d'Artagnan ganz verblüfft über die 8 —— 299 und würde es, das bin ich feſt überzeugt, nicht zu dem Grave bringen, den Ihr erreicht habt. Was machtet Ihr denn in Paris?“ „Mein Vatex, ein Handelsmann, ſchickte mich zu ſeinem Correſpondenten, der ſeiner Seits ſeinen Sohn zu meinem Vater geſchickt hatte: ein ſolcher Austauſch iſt gebräuchlich unter Handelsleuten.“ „Hat es Euch in Paris gefallen, mein Herr?⸗ „Ja. Aber Ihr hättet eine Revolution nach Art der unſern ſehr nöthig, nicht gegen Euern König, der noch ein Kind iſt, ſondern gegen den ſpitzbüdiſchen Italiener, den Geliebten Euerer Königin.“ „Ahl ich bin ganz Euerer Meinuüng, mein Lerr, und es wäre bald gethan, wenn wir nur zwölf Offi⸗ ziere, wie Ihr ſeid, vorurtheilsfreie, wachſame, unbe⸗ ſtechliche Leute, hätten; ah! wir wären bald mit dem Mazarin fertig, und würden ihm einen kurzen Prozeß machen, wie Ihr ihn Euerem König macht.“ „Aber ich glaubte, Ihr ſtündet in ſeinem Dienſte,“ verſetzte der Offizier,„und er hätte Euch an den Ge⸗ neral Cromwell abgeſchickt?“ „Das heißt, ich bin im Dienſte des Königs, und als ich erfuhr, daß er Jemand nach England ſchicken würde, bewarb ich mich um dieſe Sendung, ſo groß war mein Verlangen, den Mann von Genie kennen zu lernen, der gegenwärtig in den drei Königreichen be⸗ fiehlt. Ihr habt auch geſehen, wie wir, als er uns den Vorſchlag machte, zur Ehre von Alt⸗England das Schwert zu ziehen, mit allem Eifer dieſen Vorſchlag ergriffen.“ „Ja, ich weiß, Ihr habt an der Seite von Herrn Mordaunt angegriffen.“ „Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken, Herr. Teufel! abermals ein braver, vortrefflicher junger Mann! Wie hat er ſeinen Herrn Oheim niedergeſtrecktl Habt Ihr es geſehen?“ „Kennt Ihr ihn?“ fragte der Offizier. eie Mittel an, die ſeinem Kameraden ſein gascogniſcher Geiſt unabläßig lieferte. DActagnan nahm ſeinen zinnernen Becher, füllte ihn, ſtand auf uno ſprach zu ſeinen Gefährten: „Trinken wir auf die Geſundheit deſſen, der bei unſerem Mahle den Vorſitz führi. Unſerem Oberſten und er mag wiſſen, daß wir ihm bis London und noch wei⸗ ter zu Dienſten ſind!“ Und da d'Artagnan, dieſe Worte ſprechend, Har⸗ riſon anſchaute, ſo glaubte dieſer, der Toaſt gelte ihm, erhob ſich und begrüßte die vier Freunde, welche, die Augen auf Könitß Karl geheftet, gleichzeitig tranken, während Harriſon ſein Glas ohne das geringſte Miß⸗ trauen leerte. Karl reichte ſein Glas Parrh, der ihm einige Tro⸗ pfen Bier eingoß, denn der König wurde gerade bedient wie die Andern, ſetzte es ſodann an den Mund, ſchaute die vier Ebelleute an und leerte es mit einem würde⸗ vollen Lächeln ver Dankbarkeit. „Auf, meine Herren,“ rief Harriſon, ſein Glas wieder auf den Tiſch ſetzend und ohne irgend eine Rück⸗ ſicht für den erhabenen Gefangenen, den er führte, „vorwärts!“ „Wo werden wir Nachtlager halten, Oberſter?“ „In Tirsk,“ untwortete Hartiſon. „Parry,“ ſagte der König, ebenfalls aufſtehend und ſich nach ſeinem Diener umwendend,„mein Pferd. Ich will nach Tirsk reiten.“ „Meiner Tren',“ ſprach vArtagnan zu Athos,„Euer König hat mich bezaubert, und ich bin ganz zu ſeinen Dienſten.“ „Wenn das, was Ihr da ſagt, aufrichtig gemeint iſt,“ verſetzte Athos,„ſo kommt er nicht bis London.“ „Wie dies?“ „Ja, denn vor dieſem Augenblick haben wir ihn entführt.“ „Allerdings; ich kann ſogar ſagen, wir ſtehen in genauer Verbindung mit einander. Herr du Vallon und ich find mit ihm von Frankreich herübergekommen.“ „Es ſcheint, Ihr habt ihn lange in Boulogne warten laſſen.“ „Was wollt Ihr?“ entgegnete d'Artagnan, es ging mir wie Euch: ich hatte einen König zu be⸗ wachen.“ „Ahl ah!“ rief Groslow,„welchen König?“ „Den unſern, bei Gott! den kleinen König Lud⸗ wig XIV. Bei dieſen Worten nahm d'Artagnan den Hut ab, der Engländer that aus Höflichkeit daſſelbe. „Und wie lange habt Ihr ihn bewacht?“ „Drei Nächte und, meiner Treue, ich werde mich dieſer drei Nächte ſtets mit Vergnügen erinnern.“ „Der junge König iſt alſo ſehr liebenswürdig?“⸗ „Der König? er ſchlief mit geſchloſſenen Fäuſten.“ „Was wollt Ihr alſo damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß meine Freunde, die Offiziere bei den Garden und Musketieren, mir Geſell⸗ ſchaft leiſteten und daß wir unſere Nächte mit Spie⸗ len und Trinken hinbrachten.“ „Ahl ja, das iſt wahr,“ verſetzte der Engländer mit einem Seufzer,„Ihr ſeid luſtige Kameraden, Ihr Franzoſen.“ ſeid 7. Sditſt Ihr nicht auch, wenn Ihr auf der Wache 8 „Nie,“ ſprach der Engländer. „Dann müßt Ihr viel Langweile haben, und ich beklage Euch.“ 3ch ſehe allerdings mit einem gewiſſen Schrecken die Reihe an mich kommen. Es währt verdammt lang, wenn man eine ganze Nacht wachen muß.“ „Ja, wenn man allein oder mit albernen Sol⸗ daten wacht; wacht man aber mit einem luſtigen Ge⸗ ſellen und läßt das Gold und die Würfel über den * *⁴ 296 „Ah! diesmal ſeid Ihr bei meinem Ehrenworte ein Narr, Athos,“ ſprach dArtagnan. „Habt Ihr denn einen feſten Plan?“ fragte Aramis. „Ei! die Sache wäre nicht unmöglich, wenn man einen guten Plan hätte,“ meinte Porthos. „Ich habe keinen,“ ſprach Athos,„aber d'Artagnan wird einen finden.“ D'Artagnan zuckte die Achſeln, und man begab fi auf den Marſch. XXIII. WArtagnan ſindet einen Plan. Athos kannte d'Artagnan vielleicht beſſer, als dieſer ſich ſelbſt kannte. Er wußte, daß man in einen aben⸗ teuerlichen Geiſt, wie ihn der Gascogner beſaß, nur einen Gedanken fallen laſſen darf, wie man in einen reichen, kräftigen Boden nur ein Samenkorn fallen läßt. Er ſah alſo ruhig zu, als ſein Freund die Achſeln zuckte, ſetzte ſeinen Weg fort und plauderte über Raoul, ein Ge präch, das er, wie man ſich erinnern wird, zu einer andern Zeit gänzlich unberückſichtigt gelaſſen haite. Bei Einbruch der Nacht gelangte man nach Lirsk. Die vier Freunde ſchienen völlig gleichgültig gegen die Vorſichtsmaßregeln, die man nahm, um ſich der Perſon des Königs zu verfichern. Sie zogen ſich in ein Pri⸗ vathaus zurück, und da ſie jeden Augenblick für ſich ſelbſt zu fürchten hatten, ſo richteten ſie ſich in einem einzigen Zimmer ein, wobei ſie für einen Ausgang im Falle eines Angriffes beſorgt waren. Die Bedienten wurden auf verſchiedenen Poſten vertheilt. Grimaud ſchlief vor der Thüre auf einem Bund Stroh. ——— 4 301 Tiſch hinrollen, ſo geht die Nacht wie ein Traum vor⸗ über. Ihr liebt alſo das Spiel nicht?“ „Im Gegentheil.“ „Lanzknecht, zum Beiſpiel?“ „Ich liebe es um närriſch zu werden, und ſpielte es beinahe jeden Abend in Frankreich.“ „Und ſeitdem Ihr in England ſeid?“ „Habe ich weder einen Würfelbecher, noch eine Karte in der Hand gehabt.“ „Ich beklage Euch,“ ſprach d'Artagnan mit einer Miene tiefen Mitleids. „Hört!“ verſetzte der Engländer,„Ihr könntet etwas thun.“. 4 „Was 24 „Morgen bin ich auf der Wache.“ „Bei Stuart?“ „Ja, bringt die Nacht bei mir zu.“ „Unmöglich.“ „Unmöglich?“ „Rein unmöglich.“ „Warum?“ „Jede Nacht mache ich eine Partie mit Herrn du Vallon; zuweilen gehen wir nicht zu Bette.. ſo ſpiel⸗ ten wfr dieſen Morgen noch, als es bereits Tag war.“ „Nun?“ „Er würde ſich zu ſehr langweilen, wenn ich nicht die Partie mit ihm machte.“ 4 „Iſt er ein guter Spieler?“ „Ich habe ihn zwei tauſend Piſtolen verlieren und dabei lachen ſehen, daß die Thränen kamen.“ „Bringt ihn mit.“ „Wie kann ich dies? Unſere Gefangenen?“ „Ahl Teufel, das iſt wahr,“ ſprach der Offtzier. „Doch laßt ſie durch Euere Lackeien bewachen. „Ja, damit ſie entfliehen!“ verſetzte d'Artagnan. „Ich werde mich wohl hüten.“ —* +— —*— — 297 D'Artagnan war nachdenkend und ſchien für ei⸗ nen Augenblick ſeine gewöhnliche Geſprächigkeit ver⸗ loren zu haben. Er ſagte kein Wort, pfiff unabläſſig und ging zwiſchen ſeinem Bette und dem Kreuzſtock hin und her. Porthos, der nie etwas Anderes ſah, als die äußeren Dinge, ſprach zu ihm wie gewöhn⸗ lich. D'Artagnan antwortete äußerſt einſylbig. Athos und Aramis ſchauten ſich lächelnd an. Der Tag war ermüdend geweſen und mit Aus⸗ nahme von Porthos, deſſen Schlummer ſo unbeugſam war, als ſein Appetit, ſchliefen die Freunde dennoch ſchlecht. Am andern Morgen war d'Artagnan zuerſt auf den Beinen. Er hatte bereits den Stall und die Piro unterſucht und die nöthigen Befehle für den ag gegeben, als Aramis und Athos nicht einmal aufgeſtanden waren und Porthos noch ſchnarchte. Um acht Uhr Morgens ſetzte man ſich in derſelben Ordnung in Marſch, wie am Tage zuvor. Nur ließ d'Artagnan ſeine Freunde allein reiten und ſuchte die mit Groslow bei dem erwähnten Mittagsmahle ange⸗ knüpfte Bekanntſchaft weiter fortzuſpinnen. Durch die Lobeserhebungen des Gascogners in ſeinem Innern ungemein geſchmeichelt, empfing ihn Groolow mit einem freundlichen Lächeln. „In der That, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan zu ihm,„ich bin glücklich, einen Mann zu ſinden, mit dem ich mich in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Herr du Vallon, mein Freund, iſt von äußerſt ſchwermüthigem Charakter, ſo daß man oft keine vier Worte den ganzen Tag aus ihm herausbringen kann; was unſre zwei Gefangenen betrifft, ſo begreift Ihr, daß ſie keine große Luſt haben, ſich in ein Geſpräch einzulaſſen.“ „Es ſind wüthende Royaliſten,“ verſetzte Groslow. „Deßhalb grollen ſie uns auch ſo ſehr, daß wir 30² „Es find alſo Leute von Stand, daß Euch ſo viel daran gelegen iſt?“ „Teufel! der Eine iſt ein reicher Herr aus der Tou⸗ raine, der Andere ein Malteſer Ritter von vornehmem Hauſe. Wir haben ihr Löſegeld zu 2000 Pfund Ster⸗ linge für jeden bei der Ankunft in Frankreich feſtgeſetzt und wollen Leute, von denen unſere Lackeien wiſſen, daß es Millionäre ſind, nicht einen Augenblick verlaſ⸗ ſen. Wir durchſuchten ſie, als wir ſie gefangen nah⸗ men, wohl ein wenig, und ich geſtehe Euch ſogar, daß wir, nämlich Herr du Vallon und ich, uns jede Nacht um ihre Börſe befehden, aber ſie können uns irgend einen Edelſtein, irgend einen werthvollen Diamant ver⸗ borgen haben, und wir find wie die Geizigen, die nie von ihrem Schatze weichen; wir bewachen unſere Leute unabläſſig, und wenn ich ſchlafe, iſt Herr du Vallon auf den Beinen.“ „Ahl ah!“ rief Groslow. „Ihr begreift alſo nun, was mich nöthigt, Euere höfliche Einladung auszuſchlagen, die ich um ſo mehr bn ſchätzen weiß, als es im höchſten Maße langweilig ſt, immer mit derſelben Perſon zu ſpielen; die Wech⸗ ſelfälle gleichen ſich immer aus, und am Ende des Mo⸗ nats findet man, daß man weder Nutzen noch Schaden gehabt hat.“. „Ah!“ entgegnete Groslow mit einem Seufzer, „es gibt etwas noch Langweiligeres— gar nicht zu ſpielen.“ „Ich begreife das.“ „Aber ſprecht, ſind Euere Gefangenen gefährliche Menſchen?“ „In welcher Beziehung?“ „Sind ſie fähig, ein keckes Wagntß zu unter⸗ nehmen?“ 3 D'Artagnan brach in ein Gelächter aus. 3 „Mein Jeſus!“ rief er,„der Eine zittert vor Fie⸗ berfroſt, denn er kann ſich nicht an Euer reizendes Land — — * 298 den Stuart gefangen genommen haben, dem Ihr hof⸗ fentlich ganz hübſch den Prozeß machen werdet?“ „Gott verdamme mich,“ erwieverte Groslow,„wir führen ihn aus dieſem Grunde nach London.“ „Und ich denke, Ihr werdet ihn nicht aus dem Geſichte verlieren.“ „Den Teufel! ich glaube wohl. Ihr ſeht,“ fügte der Offizier lachend bei,„er hat eine wahrhaft könig⸗ liche Escorte.“ „Oh! bei Tag iſt keine Gefahr, daß er entkommen könnte, aber bei Nacht„ „Bei Nacht werden die Vorſichtsmaßregeln ver⸗ doppelt.“ „Auf welche Art laßt Ihr ihn bewachen?“ „Acht Mann bleiben beſtändig in ſeinem Zimmer.“ „Teufel!“ rief d'Artagnan,„er iſt gut bewacht, aber neben dieſen acht Mann ſtellt Ihr ohne Zweifel auch außen eine Wache auf? Man kann nicht behut⸗ ſam genug bei einem ſolchen Gefangenen ſein.“ „Ohl nein. Bedenkt doch, was können zwei un⸗ bewaffnete Menſchen gegen acht bewaffneie Männer machen?“ „Wie, zwei Menſchen?“ „Ja, der König und ſein Kammerdiener.“ „Man hat alſo dem Kammerdiener bei ihm zu bleiben erlaubt?“ „Ja, Stuart hat um dieſe Vergünſtigung gebeten, und der Oberſte Harriſon willigte ein. Unter dem Vorwande, daß er ein König iſt, ſcheint er ſich weder gllein ankleiden noch auskleiden zu können.“ „In der That,“ ſagte v'Artagnan, entſchloſſen in Beziehung auf den engliſchen Offizter das Lodſyſtem fortuſetzen, das ihn ſo gut unterftützt hatte,„je mehr ich höre, deſto mehr muß ich über die leichte und zier⸗ liche Weiſe ſtaunen, mit der Ihr Franzöſiſch ſprecht. Ihr habt drei Jahre in Paris gewohnt? wohl, ich fönnte mich mein ganzes Leben in London aufhalten, „ und Gre Ihr ſein zu iſt der not Ite unt zie ſtes me ——— 305 „Ich ſtelle ihn Euch dieſen Abend vor; er kommt, um mit uns zu ſpielen.“ 1 „Ohl oh!“ rief Porthos, deſſen Augen ſich bei dieſem Worte entflammten,„er iſt reich?“ „Er iſt der Sohn eines der bedeutendſten Kauf⸗ leute in London.“ „Und er kennt das Lanzknecht?“ „Er betet es an.“ „Die Baſſette?“ „Das iſt ſeine Leidenſchaft.“ „Das Biribi?“ „Er iſt bis zum Wahnfinn in daſſelbe verliebt.“ „Gut,“ ſprach Porthos,„wir werden eine ange⸗ nehme Nacht zubringen.“ „Eine um ſo angenehmere, als ſie uns eine noch viel beſſere Nacht verſpricht.“ „Wie ſo?“ „Wir geben ihm dieſen Abend eine Spielpartie, er gibt uns morgen eine.“ „Wo dies?“— „Ich werde es Euch ſagen. Wir haben uns jetzt nur damit zu beſchäftigen, daß wir die Ehre, welche uns Herr Groglow erzeigt, würdig aufnehmen. Wir halten dieſen Abend in Derby an: Mousqueton reitet voraus, findet ſich eine einzige Flaſche Wein in der gan⸗ zen Stadt, ſo kauft er ſie. Es wäre auch nicht übel, wenn er Vorkehrungen zu einem guten Abendbrode träfe, woran Ihr nicht Theil nehmt, Athos, weil Ihr das Fieber habt, und Ihr, Aramis, ebenfalls nicht, weil Ihr Malteſer Ritter ſeid und die Späße von Kriegs⸗ knechten Euch nicht gefallen und Euch erröthen machen. Hört Ihr wohl?“ „Ja,“ erwiederte Porthos,„aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich es begreife.“ 3 „Porthos, mein Freund, Ihr wißt, daß ich von väterlicher Seite von den Propheten und von mütter⸗ Zwanzig Jahre nachher. Ul. 20 —— —— ⸗ n⸗ er 209 und würde es, das bin ich feſt überzeugt, nicht u dem Grade bringen, den Ihr erreicht habt. Was machtet Ihr denn in Paris?“. „Mein Vater, ein Handelsmann, ſchickte mich zu ſeinem Correſpondenten, der ſeiner Seits ſeinen Sohn zu mei r geſchickt hatte: ein ſolcher Austauſch iſt gebrä r Handelsleuten.“ „Hat es Euch in Paris gefallen, mein Herr?“ „Ja. Aber Ihr hättet eine Revolution nach Art der unſern ſehr nöthig, nicht gegen Euern König, der noch ein Kind iſt, ſondern gegen den ſpitzbübiſchen Italiener, den Geliebten Euerer Königin.“ „Ahl ich bin ganz Euerer Meinung, mein Herr, und es wäre bald gethan, wenn wir nur zwölf Offi⸗ ziere, wie Ihr ſeid, vorurtheilsfreie, wachſame, unbe⸗ ſtechliche Leute, hätten; ah! wir wären bald mit dem Mazarin fertig, und würden ihm einen kurzen Prozeß machen, wie Ihr ihn Euerem König macht.“ „Aber ich glaubte, Ihr ſtündet in ſeinem Dienſte,“ verſctzte der Offizier,„und er hätte Euch an den Ge⸗ neral Cromwell abgeſchickt?“ „Das heißt, ich bin im Dienſte des Königs, und als ich erfuhr, daß er Jemand nach England ſchicken würde, bewarb ich mich um dieſe Sendung, ſo groß war mein Verlangen, den Mann von Genie kennen zu lernen, der gegenwärtig in den vrei Königreichen be⸗ fiehlt. Ihr habt auch geſehen, wie wir, als er uns den Vorſchlag machte, zur Ehre von Alt⸗England das Schwert zu ziehen, mit allem Eifer dieſen Vorſchlag ergriffen.“ „Ja, ich weiß, Ihr habt an der Seite von Herrn Mordaunt angegriffen.“ „Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken, Herr. Teufel! abermals ein braver, vortreffticher junger Mann! Wie hat er ſeinen Herrn Oheim niedergeſtreckt! Habt Ihr es geſehen?“ „Kennt Ihr ihn?“ fragte der Offizer. licher von den Sibyllen abſtamme, daß ich nur in Gleichniſſen und Räthſeln ſpreche: wer Ohren hat zu hören, der höre, wer Augen hat, zu ſehen, der ſehe, ich kann für den Augenblick nicht mehr ſagen.“ „Handelt nach Euerem Belieben, mein Freund,“ ſprach Athos,„ich bin überzeugt, was Ihr thut, iſt wohl gethan.“ „Und, Ihr Aramis, ſeid Ihr derſelben Anſicht?⸗ „Ganz und gar, mein lieber d'Artagnan. „Gut,“ verſetzte d'Artagnan,„das ſind die wahren Gläubigen, und es iſt ein Vergnügen Wunder für ſie zu verſuchen; ſie ſind nicht wie der ungläubige Por⸗ thos, der ſtets ſehen und berühren will, um zu glauben.“ „Ich bin allerdings ſehr ungläubig,“ ſagte Porthos mit ſchlauer Miene. D'Artagnan gab ihm einen Schlag auf die Schul⸗ ter, und da man eben zu der Frühſtücks⸗Station ge⸗ langte, ſo wurde das Geſpräch hier unterbrochen. Gegen fünf Uhr Abends ließ man, wie dies ver⸗ abredet war, Mousqueton vorausreiten. Mousqueton ſprach nicht Engliſch, ſeitdem er aber in England war, hatte er bemerkt, daß Grimaud durch ſeine Gewohnheit, nur durch Geberden zu ſprechen, das Wort vollſtändig erſetzte. Er fing alſo an, die Geberde bei Grimaud zu ſirdiren, und durch die Vortrefflichkeit des Lehrers erlangte er in wenigen Stunden eine gewiße Gewandt⸗ heit. Blaiſois vegleitete ihn. Als die vier Freunde durch die Hauptſtraße von Derby ritten, gewahrten ſie Blaiſois, der auf der Schwelle eines Hauſes von ſchönem Ausſehen ſtand; hier war ein Quartier für ſie bereit. Den ganzen Tag hatten ſie ſich aus Furcht, Ver⸗ dacht zu erregen, dem König nicht genähert, und ſtatt an der Tafel des Oberſten Harriſon zu ſpeiſen, wie ſie dies den Tag zuvor gethan, ſpeiſten ſie unter ſich zu Mittag. Zur beſtimmten Stunde erſchien Groslow. DAr⸗ 4 300 „Allerdings; ich kann ſogar ſagen, wir ſtehen in genauer Verbindung mit einander. Herr du Vallon und ich find mit ihm von Frankreich herübergekommen.“ „Es ſcheint, Ihr habt ihn lange in Boulogne warten laſſen.“ „Was wollt Ihr?“ entgegnete d'Artagnan, es ging mir wie Euch: ich hatte einen König zu be⸗ wachen.“ „Ah! ah!“ rief Groslow,„welchen König?“ „Den unſern, bei Gott!l den kleinen König Lud⸗ wig XIV. Bei dieſen Worten nahm d»Artagnan den Hut ab, der Engländer that aus Höflichkeit daſſelbe. „Und wie lange habt Ihr ihn bewacht?“ „Drei Nächte und, meiner Treue, ich werde mich dieſer drei Nächte ſtets mit Vergnügen erinnern.“ „Der junge König iſt alſo ſehr liebenswürdig? „Der König? er ſchlief mit geſchloſſenen Fäuſten.“ „Was wollt Ihr alſo damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß meine Freunde, die Offiziere bei den Garden und Musketieren, mir Geſell⸗ ſchaft leiſteten und daß wir unſere Nächte mit Spie⸗ len und Trinken hinbrachten.“ „Ah! ja, das iſt wahr,“ verſetzte der Engländer mit einem Seufzer,„Ihr ſeid luſtige Kameraden, Ihr Franzoſen.“ ſeld Ihr nicht auch, wenn Ihr auf der Wache e „Nie,“ ſprach der Engländer. „Dann müßt Ihr viel Langweile haben, und ich beklage Euch.“ „Ich ſehe allerdings mit einem gewiſſen Schrecken die Reihe an mich kommen. Es währt verdammt lang, wenn man eink ganze Nacht wachen muß.“ „Ja, wenn man allein oder mit albernen Sol⸗ vaten wacht; wacht man aber mit einem luſtigen Ge⸗ ſellen und läßt das Gold und die Würfel über den* Ziſe über es Kar Mi etw ten die da „ 3 307 8 tagnan empfing ihn, als ob er einen zwanzigjährig3en Freund einpfangen würde. Porthos maß ihn vom Scheitel vis zu den Zehen, und lächelte als er erkannte, daß derſelbe trotz des merkwürdigen Schlages, den er dem Bruder von Parry verſetzt hatte, kein Mann von ſeiner Stärke war. Athos und Aramis thaten, was in ihren Kräften lag, um den Ekel zu verbergen, den ihnen dieſe rohe, plumpe Natur einflößte. Groslow ſchien mit dem Empfang zufrieden. Athos und Aramis verhielten ſich ihren Rollen ge⸗ mäß. Um Nitternacht zogen ſie ſich in ihr Zimmer zurück, deſſen Thüre man unter dem Vorwande der Be⸗ wachung offen ließ. D'Artagnan begleitete ſie überdies und ließ Porthos im Kampfe mit Groslow zurück. Porthos gewann fünfzig Piſtolen von Groslow und fand, als dieſer ſich entfernt hatte, ſeine Geſell⸗ ſchaft wäre angenehmer, als er Anfangs geglaubt. Groslow gedachte ſich am andern Tage bei d'Ar⸗ tagnan für den Verluſt zu entſchädigen, den er bei Porthos erlitten hatte, und erinnerte den Gascogner, als er ihn verließ, an das Rendezvous am Abend. Wir ſagen am Abend, denn die Spieler trennten ſich erſt um vier Uhr Morgens. Der Tag ging wie gewöhnlich vorüber; d'Artagnan ritt vom Kapitän Groslow zum Oberſten Harriſon und vom Oberſten Harriſon zu ſeinen Freunden. Für Jeden, der ihn nicht kannte, ſchien d'Artagnan in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Gemüthsverfaſſung zu ſein, für ſeine Freunde, valih für Athos und Araͤmis, war ſeine Heiterkeit ieber. „Was kann er machiniren?“ ſagte Aramis. „Wir wollen warten,“ antwortete Athos. Porthos ſprach nichts, er zählte nur mit einer Miene der Zufriedenheit in ſeinem Sacke, eine nach der andern, die fünfzig Piftolen, die er Groslow abgewonnen hatte. Als man Abends in Ryſton ankam, verſammelte d'Artagnan ſeine Freunde. Sein Geſicht hatte den Cha⸗ n. gne es be⸗ ud⸗ Hut mich 2. en.“ die ſell⸗ pie⸗ nder Ihr zache 301 Tiſch hinrollen, ſo geht die Nacht wie ein Traum vor⸗ über. Ihr liebt alſo das Spiel nicht?“ „Im Gegentheil.“ „Lanzknecht, zum Beiſpiel?“ „Ich liebe es um närriſch zu werden, und ſpielte es beinahe jeden Abend in Frankreich.“ „Und ſeitdem Ihr in England ſeid?“ „Habe ich weder einen Würfelbecher, noch eine Karte in der Hand gehabt.“ „Ich beklage Euch,“ ſprach d'Artagnan mit einer Miene tiefen Mitleids. „Hört!“ verſetzte der Engländer,„Ihr könntet etwas thun.“ „Was 24 „Morgen bin ich auf der Wache.“ „Bei Stuart?“ „Ja, bringt die Nacht bei mir zu.“ „Unmöglich.“ „Unmöglich?“ „Rein unmöglich.“ „Warum?“ „Jede Nacht mache ich eine Partie mit Herrn du Vollon; zuweilen gehen wir nicht zu Bette.. ſo ſpiel⸗ ten S ieſen Morgen noch, als es bereits Tag war.“ „Nun?“ „Er würde ſich zu ſehr langweilen, wenn ich nicht die Partie mit ihm machte.“ „Iſt er ein guter Spieler?“ „Ich habe ihn zwei tau'end Piſtolen verlieren und dabei kachen ſehen, daß die Thränen kamen.“ „Bringt ihn mit.“ „Wie kann ich dies? Unſere Gefangenen?“ „Ah! Teufel, das iſt wahr,“ ſprach der Offizier. „Doch laßt ſie durch Euere Lackeien bewachen.“ „Ja, damit ſie entfliehen!“ verſetzte d'Artagnan. „Ich werde mich wohl hüten.“ 308 rakter ſorgloſer Heiterkeit verloren, den es den ganzen Tag hindurch als Maske trug. Athos drückte Aramis die Hand und ſagte: „Der Augenblick naht.“ „Ja,“ ſprach d'Artagnan, der es gehört hatte,„ja der Augenblick naht; dieſe Nacht, meine Herrn, retten wir den König.“ Athos bebte, ſeine Augen entflammten ſich. „DArtagnan,“ ſagte er zweifelnd, nachdem er ge⸗ hofft hatte,„nicht wahr, es iſt kein Scherz? es würde mir zu ſehr wehe thun.“ „Es iſt ſeltſam von Euch, Athos, daß Ihr an mir zweifelt,“ ſprach d'Artagnan.„Wann und wo habt Ihr mich mit dem Herzen eines Freundes und dem Leben eines Königs ſcherzen ſehen? Ich habe Euch geſagt und wiederhole es, daß wir heute Nacht Karl I. das Leben retten. Ihr habt es mir überlaſſen, das Mittel zu ſuchen,... es iſt gefunden.“ Porthos ſchaute d'Artagnan mit einem Ausdrucke tiefer Bewunderung an. Aramis lächelte wie ein Hoff⸗ ender. Athos war bleich, wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. „Sprecht,“ ſagte Athos. Porthos ſperrte die Augen weit auf; Aramis hing ſich gleichſam an die Lippen von d'Artagnan. „Wir find eingeladen, die Nacht bei Herrn Gros⸗ low zuzubringen, Ihr wißt dies?“ —„Ja,“ erwiederte Porthos,„er hat uns das Ver⸗ ſprechen abgenommen, ihm Revanche zu geben.“ „Wohl. Aber wißt Ihr, wo er uns Revanche ge⸗ ben wird?“ „Nein.“ „Bei dem König.“ „Bei dem König!“ rief Athos. „Ja, meine Herrn, bei dem König. Herr Groslow — ₰ * hat dieſen Abend die Wache bei Seiner Majeſtät, und 2 302 „Es ſind alſo Leute von Stand, vaß Euch ſo viel daran gelegen iſt?“ „Teufel! der Eine iſt ein reicher Herr aus der Tou⸗ raine, der Andere ein Molteſer Ritter von vornehmem Hauſe. Wir haben ihr Löſegeld zu 2000 Pfund Ster⸗ linge ſür jeden bei der Ankunft in Frankreich feſtgeſetzt und wollen Leute, von denen unſere Lackeien wiſſen, daß er Willionäre find, nicht einen Augenblick verlaſ⸗ ſen. Wir durchſuchten ſie, als wir ſie gefangen nah⸗ men, wohl ein wenig, und ich geſtebe Euch ſogar, daß wir, nämlich Herr du Vallon und ich, uns jede Nacht um ihre Börſe befehden, aber ſie können uns irgend einen Edelſtein, irgend einen werthvollen Diamant ver⸗ borgen haben, und wir find wie die Geizigen, die nie von ihrem Schatze weichen; wir bewachen unſere Leute unabläſſig, und wenn ich ſchlafe, iſt Herr du Vallon auf den Beinen.“ „Ah! ah!“ rief Groslow. „Ihr begreift alſo nun, was mich nöthigt, Euere höfliche Einladung auszuſchlagen, die ich um ſo mehr zu ſchätzen weiß, als es im höchſten Maße langweilig iſt, immer mit derſelben Perſon zu ſpielen; die Wech⸗ ſelfälle gleichen ſich immer aus, und am Ende des Mo⸗ nats findet man, daß man weder Rutzen noch Schaden gehabt hat.“ „Ah!“ entgegnete Groslow mit einem Seufzer, „es giht etwas noch Langweiligeres— gar nicht zu ſpielen.“ „Ich begreife das.“ „Aber ſprecht, ſind Euere Gefangenen gefährliche Menſchen?“ „In welcher Beziehung?“ „Sind ſie fähig, ein keckes Wagniß zu unter⸗ nehmen?“ DArtagnan brach in ein Gelächter aus. „Mein Zeſus!“ rief er,„ver Eine zittert vor Fie⸗ berfroſt, denn er kann ſich nicht an Euer reizendes Land ger ter — um ſich dabei etwas zu zerſtreueu, ladet er uns ein, ihm Geſellſchaft zu leiſten.“ „Alle Vier?“ ſprach Athos. „Gewiß, bei Gott! alle Vier; verlaſſen wir denn unſere Gefangenen?“ „Ah! Ah!“ rief Aramis. „Laßt hören,“ ſagte Athos zitternd. „Wir begeben uns alſo zu Groslow, wir mit un⸗ ſern Degen, Ihr mit Euern Dolchen; wir Vier über⸗ wältigen dieſe acht Dummköpfe und ihren einfältigen An führer. Herr Porthos, was ſagt Ihr dazu?“ 3 „Ich ſage, es iſt leicht,“ erwiederte Porthos. „Wir kleiden den König als Groslow; Mousque⸗ ton, Grimaud und Blaiſois halten unſere Pferde an der Wendung der erſten Straße, wir ſchwingen uns auf und vor Tag ſind wir zwanzig Stunden von hier. Nun, wie iſt das angeſponnen, Athos?“ 1 Athos legte d'Artagnan ſeine Hände auf die Schul⸗ tern, ſchaute ihn mit ſeinem ruhigen, ſanften Lächeln an und ſprach:. „Ich erkläre, Freund, daß es kein Geſchöpf unter dem Himmel gibt, das Euch an Edelſinn und Muth nahe kommt; während wir Euch für gleichgültig gegen alle unſere Schmerzen halten, die Ihr, ohne ein Ver⸗ brechen zu begehen, ganz wohl nicht theilen konntet, findet Ihr allein von uns das, was wir vergebens ſuchten. Ich wiederhole Dir alſo, d'Artagnan, Du biſt der Beſte von uns, und ich ſegne und liebe Dich, mein theurer Sohn.“. „Daß ich es nicht gefunden habe!“ ſagte Porthos und ſchlug ſich dabei vor die Stirne;„es iſt doch ganz einfach.“ „Doch wenn ich recht begriffen habe, werden wir Alles tödten, nicht wahr?“ fragte Aramis. Athos bebte und wurde ſehr bleich. „Gottes Tod!“ rief d'Artagnan,„es wird wohl ſein müſſen. Ich habe lange nachgedacht, um ein Mittel liche ter⸗ Fie⸗ and 303 gewöhnen; der Andere iſt ein Malteſer Ritter, ſo ſchüch⸗ tern, wie ein junges Mädchen, und zu größerer Sicher⸗ heit haben wir ihnen ſogar ihre Schnappmeſſer und Taſchenſcheeren weggenommen.“ „Gut, ſo bringt ſie mit,“ ſagte Groslow. „Wie, Ihr wollt?“ „Ja, ich habe acht Mann, vier bewachen Euere Gefangenen, vier bewachen den König.“ „So läßt ſich die Sache allerdings machen,“ ver⸗ ſetzte dArtagnan,„obgleich ich Euch darurch ſehr be⸗ ſchwerlich wernen muß.“ „Bah! kommt immerhin, Ihr ſollt ſehen, wie ich das ordne.“ „Oh! darüber beunruhige ich mich nicht; einem Manne, wie Ihr ſeid, überlaſſe ich mich mit geſchloſſenen Augen.“ Dieſe Schmeichelei hatte bei dem Offizier jenes kleine Lachen der Zufriedenheit zur Folge, das die Leute zu Freunden desjenigen mocht, welcher es hervor⸗ F venn es iſt ein Erguß der geſchmeicheiten Eitel⸗ eit. „Aber wenn ich bedenke,“ ſprach d'Artagnan,„was hindert uns, ſchon dieſen Abend zu beginnen?“ „Was?“ 1 „Unſere Partie.“ 2 „Nichts in der Welt,“ erwiederte Groslow. „In der That, kommt dieſen Abend zu uns, und morgen geben wir Euch Euern Beſuch zurück. Wenn Euch etwas an unſern Leuten beläſtigt, die, wie Ihr wißt, wüthende Royaliſten find, nun, es ſoll nichts ge⸗ ſagt ſein, und wir haben immerhin eine ſchöne Nacht zugebracht.“ „Vortrefflich! dieſen Abend bei Euch, morgen bei Stuart, ühermorgen bei mir.“ „Und die andern Tage in London. Ei, Gottes Tod!“ rief dArtagnan,„Ihr ſeht, man kann überall ein luſtiges Leben führen.“ 4 zu finden, dies zu vermeiden, aber ich geſtehe, daß ich keines finden konnte.“ „Es handelt ſich nicht darum, mit der Lage der Dinge zu feilſchen,“ verſetzte Aramis;„wie gehen wir zu Werke?“ „Ich habe einen doppelten Plan entworfen,“ ſagte d'Artagnan. 3 „Laßt den erſten hören,“ verſetzte Aramis. „Sind wir alle Vier vereinigt, ſo ſtoßt Ihr auf mein Signal, dieſes Signal iſt das Wort Endlich, jeder einen Dolch in das Herz des Soldaten, der ihm zunächſt ſteht, wir unſerer Seits thun dasſelbe. Dann find einmal vier Mann todt; die Partie wird alſo gleich, denn wir finden uns vier gegen fünf; dieſe Fünf ergeben ſich und wir knebeln ſie, oder ſie verthei⸗ digen ſich und man tödtet fie; ſollte zufällig unſer Be⸗ wirther ſeine Anſicht ändern und bei ſeiner Partie nur Porthos und mich zulaſſen, ſo muß man bei Gott zu den großen Mitteln greifen und doppelt ſchlagen, das wird ein wenig lang und ſtürmiſch werden; Ihr haltet Euch außen mit Dolchen und eilt auf den Lärmen herbei.“ „Aber, wenn man Euch ſelbſt ſchlüge?“ ſprach Athos. „Unmöglich,“ erwiederte d'Artagnan;„dieſe Bier⸗ trinker find zu plump und ungeſchickt; übrigens ſchlagt Ihr an die Gurgel Porthos, das tödtet eben ſo ſchnell und hindert die Leute zu ſchreien.“ „Sehr gut,“ ſprach Porthos,„das wird eine hübſche kleine Würgerei geben.“ „Gräßlich! gräßlich!“ rief Athos. „Bah! mein empfindſamer Herr,“ verſetzte d'Ar⸗ 5 tagnan,„Ihr habt wohl Anderes in einer Schlacht 3 gethan. Findet Ihr übrigens, mein Freund,“ fuhr er fort,„daß daß Leben des Königs nicht werth iſt, was 6 es koſten ſoll, ſo iſt nichts geſagt; und ich laſſe Herrn Groslow melden, ich wäre krank.“. „Nein,“ ſprach Athos,„ich habe Unrecht, mein Freund, und Ihr habt Recht; vergebt mir.“. 304 „Ja, wenn man Franzoſen findet, und zwar Fran⸗ zoſen, wie Ihr ſeid,“ erwiederte Groslow. „Und wie Herrn du Vallon; Ihr werdet ſehen, das iſt ein Burſche! ein wüthender Frondeur, ein Menſch, der Mazarin um ein Haar todtgeſchlagen hätte; man verwendet ihn nur, weil man ihn fürchtet.“ „Ja,“ ſprach Groslow,„er ſieht gut aus und mir ganz und gar, obgieich ich ihn noch nicht enne. „Kennt Ihr ihn erſt, ſo wird es noch ganz anders ſein. Ahl halt, er ruft mich. Wir ſtehen in ſo ver⸗ trauter, in ſo enger Verbindung mit einander, daß er meiner gar nicht entbehren kann. Ihr entſchuldigt mich?“ „Gewiß.“ „Dieſen Abend alſo?“ „Bei Euch.“ „Bei mir.“ Die zwei Männer begrüßten ſich gegenſeitig und d'Artagnan kam zu ſeinen Gefährten zurück. „Was, Teufels, hattet Ihr mit dieſem Bulldog zu verhandeln?“ fragte Porthos. „Mein Lieber, ſprecht nicht in dieſem Tone von Herrn Groslow, er iſt einer meiner vertrauteſten Freunde.“ „Einer Eurer Freunde!“ rief Porthos,„dieſer Bauernſchinder?“ „Stille, mein lieber Porthos. Ja, wohl, es iſt wahr, Herr Groslow iſt etwas lebhaft, aber ich habe im Grunde gute Eigenſchaften bei ihm entdeckt: er iſt dumm und ftolz.“ Porthos riß ſeine Augen voll Verwunderung auf; Athos und Aramis ſchauten ſich lächelnd anz ſie kann⸗ und wußten, daß er nichts abſichtslos at. „Aber, Ihr ſollt ihn ſelbſt beurtheilen,“ ſagte d'Artagnan. „Wie dies?“ 311 In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und es erſchien ein Soldat.— „Der Herr Kapitän Groslow,“ ſagte er in ſchlech⸗ tem Franzöſiſch,„läßt Herrn d'Artagnan und Herrn du Vallon benachrichtigen, daß er ſie erwartet.“ „Wo“ „In dem Zimmer des engliſchen Nebukadnezars,“ antwortete der Soldat, ein eingefleiſchter Puritaner. „Es iſt gut,“ erwiederte in vortrefflichem Engliſch Atbos, dem bei dieſer Beleidigung der königlichen Ma⸗ jeſtät die Röthe in das Geſicht geſtiegen war;„es iſt gut, ſagt dem Kapitän Groslow, wir kommen.“ Als der Puritaner weggegangen war, wurde den Lackeien Befehl gegeben, acht Pferde zu ſatteln und, ohne daß einer ſich von dem andern trennen oder ab⸗ ſteigen würde, an der Ecke einer Straße zu warten, welche ungefähr zwanzig Schritte von dem Hauſe lag, wo der Koönig einquartiert war. XXIV. Die Lanzknecht-Partie. Es war in der That neun Uhr Abends, die Poſten waren um acht Uhr abgelöst worden und ſeit einer Stunde hatte die Wache des Kapitän Groslow ange⸗ fangen. D Artagnan und Porthos mit ihren Degen be⸗ waffnet, Athos und Aramis, jeder einen Dolch in der Bruſt verborgen, begaben ſich nach dem Hauſe, das dieſen Abend Karl Stuart als Gefängniß diente. Die zwei Letzteren folgten ihren Siegern demüthig und ſcheinbar unbewaffnet, wie Gefangene. und dog von ſten eſer iſt ae iſt uf; mn⸗ slos agte 3 305 „Ich ſtelle ihn Euch dieſen Abend vor; er kommt, um mit uns zu ſpielen.“ „Oh! oh!“ rief Porthos, deſſen Augen ſich bei dieſem Worte entflammten,„er iſt reich?“ „Er iſt der Sohn eines der bedeutendſten Kauf⸗ leute in London.“ „Und er kennt das Lanzknecht?“ „Er betet es an.“ „Die Baſſette?“ „Das iſt ſeine Leidenſchaft.“ „Das Biribi?“ „Er iſt bis zum Wahnfinn in daſſelbe verliebt.“ „Gut,“ ſprach Porthos,„wir werden eine ange⸗ nehme Nacht zubringen.“ „Eine um ſo angenehmere, als ſie uns eine noch viel beſſere Nacht verſpricht.“ „Wie ſo?“ „Wir geben ihm dieſen Abend eine Spielpartie, er gibt uns morgen eine.“ „Wo dies?“ „Ich werde es Euch ſagen. Wir haben uns jetzt nur damit zu beſchäftigen, daß wir die Ehre, welche uns Herr Groslow erzeigt, würdig aufnehmen. Wir halten dieſen Abend in Berby an: Mousqueton reitet voraus, findet ſich eine einzige Flaſche Wein in der gan⸗ zen Stadt, ſo kauft er ſie. Es wäre auch nicht übel, wenn er Vorkehrungen zu einem guten Abendbrode träfe, woran Ihr nicht Theil nehmt, Athos, weil Ihr das Fieber habt, und Ihr, Aramis, ebenfalls nicht, weil Ihr Malteſer Ritter ſeid und die Späße von Kriegs⸗ knechten Euch nicht gefallen und Euch erröthen machen. Hört Ihr wohl?“ „Ja,“ erwiederte Porthos,„aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich es begreife.“ „Porthos, mein Freund, Ihr wißt, daß ich von väterlicher Seite von den Propheten und von mütter⸗ Zwanzig Jahre nachher. m. 20 „Meiner Treue!“ rief Groslow, als er ſie erblickte, „ich zählte nicht mehr auf Euch.“ D'Artagnan näherte ſich ihm und erwiederte leiſe: „Herr du Vallon und ich zögerten wirklich einen Augenblick, ob wir kommen ſollten.“ „Warum?“ fragte Groslow. D'Artagnan bezeichnete ihm mit dem Auge Athos und Aramis. »Ahl ahl wegen der Geſinnung? daran iſt wenig gelegen,“ ſprach Groslow.„Im Gegentheil,“ fügte er lachend bei,„wenn ſie ihren Stuart ſehen wollen, ſo werden ſie ihn ſehen.“ „ Bringen wir die Nacht in dem Zimmer des Kö⸗ nigs zu?“ fragte d'Artagnan. „Nein, aber in dem anſtoßenden Zimmer, und da die Thüre offen bleiben wird, ſo iſt es gerade, als ob wir in dem Zimmer ſelbſt wären. Ihr habt Euch mit Geld verſehen? Ich erkläre Euch, daß ich heute Abend ein Höllenſpiel zu ſpielen gedenke.“ „Hört Ihr? ſagte d'Artagnan und ließ das Gold in ſeinen Taſchen klingen. „Ah, gut!“ ſprach Groslow. Und er öffnete die Thüre des Zimmers.„Ich will Euch den Weg zeigen,“ ſagte er und ging voraus. D'Artagnan wandte ſich nach ſeinen Freunden um: Porthos war ſorglos, als ob es ſich um eine gewöhn⸗ liche Partie handelte; Athos war bleich, aber ent⸗ ſchloſſen; Aramis wiſchte mit ſeinem Sacktuche ſeine von einem leichten Schweiße befeuchtete Stirne ab. Die acht Wachen waren auf ihren Poſten; vier bpefanden ſich in dem Zimmer des Königs, zwei an der Verbindungsthüre, zwei an der Thüre, durch welche die vier Freunde eintraten. Beim Anblicke der Schwer⸗ ter lächelte Athos: es war alſo keine Schlächterei mehr, ſondern ein Kampf. Von dieſem Augenblicke an ſchien ſeine ganze gute Laune wiederbelebt. 306 licher von den Sibyllen abſtamme, vaß ich nur in Gleichniſſen und Rächſeln ſpreche: wer Ohren hat zu hören, der höre, wer Augen hat, zu ſehen, der ſehe, ich kann für den Augenblick nicht mehr ſagen.“ „Hanvelt nach Euerem Belteben, mein Freund,“ ſprach Athos,„ich bin üverzeugt, was Ihr thut, iſt wohl gethan.“ „Ued, Ihr Aramis, ſeid Ihr derſelben Anſicht?“ „Ganz und gar, wein lieber d'Artagnan.“ „Gut,“ verſetzte vArtagnan,„das ſind die wahren Gläubigen, und es iſt ein Vergnügen Wunder für ſie zu verſuchen; ſie ſind vicht wie der ungläubige Por⸗ thos, ver ſtets ſehen und berühren will, um zu glauben.“ Ich bir allervings ſehr ungläubig,“ ſagte Porthos mit ſchlauer Miene. Artagnan gab ihm einen Schlag auf die Schul⸗ ter, und da man eben zu der Früß ſtücks⸗Station ge⸗ langie ſo wurde ras Geſpräch hier unterbrochen. Gegen fünf Uhr Avends ließ mon, wie dies ver⸗ abredet war, Mousqueton vorausreiten. Mousqueton ſprach nicht Engliſch, ſeitdem er aber in England war⸗ hatte er vemen kt, daß Grimaud kurch ſeine Gewohnheit, nur vurch Geberden zu ſprechen, das Wort vollſtändig erſetzte. Er fing alſo an, die Geberde bei Grimaud zu ſtudiren, und durch die Vortrefflichkeit ves Lehrers erlangte er in wenigen Stunven eine gewiße Gewandt⸗ heit. Blaiſois begleitete ihn. Als die vier Freunde durch die Hauptſtraße von Derby ritten, gewahrten ſie Blaiſois, der auf der Schwelle eines Hauſes von ſchönem Ausſehen ſtand; hier war ein Quartier für ſie bereit. Den ganzen Tag hatten ſie fich aus Furcht, Ver⸗ dacht zu erregen, dem König nicht genähert, und ſtatt an ver Tafel des Oberſten Harriſon zu ſpeiſen, wie den Tag zuvor gethan, ſpeiſten ſie unter ſich zu ag. Zur beſtimmten Stunde erſchien Groslow. DAr⸗ e— —— e— 313 Karl, den man durch die offene Thüre erblickte, lag ganz angekleidet auf ſeinem Bette; es war nur eine wollene Decke über ihn geworfen. Zu ſeinen Häupten ſaß Parry und las mit leiſer Stimme, doch kaut genug, daß es der König, der ihm mit geſchloſſe⸗ nen Augen zuhörte, vernahm, ein Kapitel aus einer katholiſchen Bibel. Ein ſchlechtes Unſchlittlicht, das auf einem ſchwar⸗ zen Tiſche ſtand, beleuchtete das ergebene Antlitz des Königs und das unendlich weniger ruhige Geſicht ſei⸗ nes treuen Dieners. Von Zeit zu Zeit unterbrach ſich der gute Parry, im Glauben, der König ſchliefe wirklich; dann öffnete dieſer die Augen und ſagte: 4 „Fahre fort, mein guter Parry, ich höre.“ Groslow ging bis auf die Schwelle des Zimmers, ſetzte abſichtlich den Hut auf, den er in der Hand ge⸗ halten hatte, um ſeine Gäſte zu empfangen, betrachtete einen Augenblick das einfache, rührende Bild eines alten Dieners, der ſeinem gefangenen König aus der Bibel vorlas, verſicherte ſich, daß jeder Mann auf dem ihm bezeichneten Poſten war, und ſchaute ſodann, ſich gegen d'Artagnan umwendend, mit triumphirender Miene den Pranzoſen an, als wollte er ein Lob über ſeine Taktik ernten.. „Vortrefflich!“ ſagte der Gascogner,„bei Gott! Ihr wäret ein ausgezeichneter General.“ „Glaubt Ihr etwa,“ verſetzte Groslow,„der Stuart werde entweichen, ſo lange ich auf der Wache bin?“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte d'Artagnan,„wenn es ihm nicht Freunde vom Himmel regnet.“ Das Geſicht von Groslow ſtrahlte. „Da Karl während dieſer Scene ſeine Augen be⸗ ſtändig geſchloſſen hielt, ſo konnte man nicht ſagen, ob er die Frechheit des puritaniſchen Käpitäns wahrge⸗ nommen hatte. Aber ſobald er den Klang der Stimme en fie ⸗ o6 3¹9 haben ſich aus Neweaſtle geflüchtet und wollen ohne Zweifel den König entführen. Man verhafte ſie.“ „Oh! junger Mann,“ ſprach d'Artagnan, den De⸗ gen ziebend,„das iſt ein Befehl, der ſich leichter ſagen, als vollſtrecken läßt.“ Dann beſchrieb er mit ſeinem Schwerte einen furchtbaren Kreis und rief;„Abgezogen Freunde! abgezogen!“ Zu gleicher Zeit ſtürzte er nach der Thüre und warf zwei Soldaten nieder, welche dieſelbe bewachten, ehe ſie ihre Musketen anzuſchlagen vermochten; Athos und Aramis folgten ihm; Porthos bildete die Nachhut, und bevor Oberſter, Offiziere, Soldaten ſich zu er⸗ kennen Zeit gehabt haiten, waren alle Vier auf der Straße. „Feuer!“ rief Mordaunt,„ſchießt auf ſie!“ Zwei oder drei Musketen wurden wirklich abge⸗ feuerd, jedoch ohne einen andern Eſfolg, als daß ſie die vier Flüchtlinge zeigten, welche ſich unverſehrt um die Straßenecke wanbten. Die Pferde waren am bezeichneten Orte, die Be⸗ vienten hatten nur ihren Herrn die Zügel zuzuwerfen, und vieſe ſchwangen ſich mit der Leichtigkeit vollenveter Reiter in den Sattel. „Vorwärts!“ rief dArtagnan,„die Sporen ge⸗ geben, feſtgehalten!“ Und ſie ſprengten, d'Artagnan folgend, fort und ſchlugen den Weg ein, den ſie bereits am Tage ge⸗ macht hatten, das heißt, den Weg nach Schottland. Der Flecken hatte weder Thore noch Mäuern und ſie kamen folglich ohne Schwierigkeiten hinaus. Fünfzig Schritte vor vem letzten Hauſe hielt d'Ar⸗ tagnan an und rief:„Halt!⸗ „Wie, Halt?“ ſprach Porthos;„mit verhängten Zügeln, wollt Ihr ſagen?“ „Keineswegs,“ verſetzie d'Artagnan,„diesmal wird man uns verfolgen; wir wollen ſie aus dem Flecken ziehen und uns auf der Straße nach Schott⸗ d von d⸗Artagnan hörte, öffneten ſich unwillkürlich ſeine Augenlieder. Parry bebte und unterbrach ſich im Leſen. „Woran denkſt Du, daß Du Dich unterbrichſt 2 ſagte der König,„fahre fort, mein guter Parry, wenn Du nicht müde biſt.“ „Nein, Sire,“ erwiederte der Kammerdiener. Und er fuhr fort zu leſen. Im erſten Zimmer war ein Tiſch bereitet, und auf dieſem mit einem Teppich bedeckten Tiſche befan⸗ den ſich zwei brennende Lichter, Karten, zwei Becher und Würfel. „Meine Herren,“ ſagte Groglow,„ich bitte, ſetzt „Euch: ich Stuart gegenüber, den ich ſo gerne ſehe, beſonders da, wo er iſt, Ihr, Herr d'Artagnan, mir gegenüber.“ Athos wurde roth vor Zorn, d'Artagnan ſchaute ihn, die Stirne faltend, an. „Gut,“ ſprach d'Artagnan;„Ihr Herr Graf de la Fere, auf der Rechten von Herrn Groslow, Ihr Herr Chevalier d'Herblay zu ſeiner Linken, Ihr Herr du Vallon neben mir. Ihr wettet auf mich und dieſe Herren auf Herrn Groslow.“ D'Artagnan hatte ſo Porthos neben ſich und ſprach mit ihm mit dem Knie, Athos und Aramis ſich gegen⸗ über und hielt ſie unter ſeinem Blicke. Bei dem Namen des Grafen de la Fére und dem des Chevalier d'Herblay öffnete Karl ſeine Augen wie⸗ der, erhob unwillkürlich ſein edles Haupt und umfaßte mit einem Blicke alle Perſonen dieſer Scene. In dieſem Momente wandte Parry einige Blätter ſeiner Bibel um und las ganz laut folgenden Vers des Jeremias: „Der Herr ſpricht: höret die Worte der Prophe⸗ ten, meiner Knechte, welche ich mit großer Sorge ge⸗ ſchickt und zu Euch geführt habe.“ Die vier Freunde wechſelten einen Blick. Die 326 land nachreiten laſſen; haben wir ſie im Galopp vor⸗ überkommen ſehen, ſo ſchlagen wir die entgegengeſetzte Straße ein.“ Einige Schritte von dieſer Stelle floß ein Bach, über den eine Brücke gebaut war; d'Artagnan führte ſein Pferd unter den Bogen dieſer Brücke, ſeine Freunde folgten ihm. Sie waren kaum zehn Minuten hier, als ſie den raſchen Galopp einer Reitertruppe vernahmen. Fünf Minuten nachher zog dieſe Truppe über ihren Köpfen hin, weit entfernt, zu vermuthen, diejenigen, welche ſie fuchten, wären nur durch die Dicke eines Brückenge⸗ wölbes von ihnen getrennt. 315 Worte, welche Parry geleſen, deuteten ihnen an, daß ihre Anweſenheit von dem König dem wahren Be⸗ weggrunde zugeſchrieben wurde. Die Augen von d'Artagnan funkelten vor Freude⸗ „Ihr fragtet mich ſo eben, ob ich bei Geld wäre,“ 5 d'Artagnan und legte zwanzig Piſtolen auf den „Ja,“ erwiederte Groslow. „Nun wohl,“ verſetzte d'Artagnan,„ich aber ſage Euch: nehmt Euren Schatz in Acht, mein lieber Herr Groslow, denn ich ſtehe Euch dafür, wir gehen nicht von hinnen, ohne ihn Euch geraubt zu haben.“ „Das wird nicht geſchehen, ohne daß ich ihn ver⸗ theidige,“ entgegnete Groslow. 6 „Deſto beſſer,“ rief d'Artagnan.„Schlacht, mein lieber Kapitän, Schlacht! Ihr wißt oder wißt nicht, was wir verlangen.“ „Ahl ja, ich weiß es wohl,“ erwiederte Groslow, in ſein plumpes Gelächter ausbrechend;„Ihr Franzoſen ſucht nur Wunden und Beulen.“ Karl hatte wirklich Alles gehört, Alles verſtanden. Eine leichte Röthe ſtieg ihm in das Geſicht, die Sol⸗ daten ſaben ihn allmählig ſeine müden Glieder aus⸗ ſtrecken und unter dem Vorwande einer durch den glü⸗ henden Ofen erzeugten übermäßigen Hitze nach und nach die ſchottiſche Decke abwerfen, unter der er, wie geſagt, ganz angekleidet lag. Athos und Aramis bebten vor Freude, als ſie ſahen, daß der König angekleidet war. Die Partie begann. Dieſen Abend wandte ſich das Glück auf die Seite von Groslow; er hielt Alles und gewann beſtändig. Hundert Piſtolen gingen von der einen Seite des Tiſches auf die andere über, Gros⸗ low war von einer tollen Heiterkeit. Porthos, der die fünfzig Piſtolen, die er am Tage vorher gewonnen, wieder verloren hatte, und noch über dreißig von den ſeinigen dazu, war ſehr verdrießlich, und ſtieß d'Artagnan mit dem Knie, als wollte er ihn fragen, ob es noch nicht bald Zeit wäre, zu einem andern Spiele überzugehen; Athos und Aramis ſchau⸗ ten ihn auch von Zeit zu Zeit mit einem forſchenden Auge an, aber d'Artagnan blieb unempfindlich. Es ſchlug zehn Uhr. Man hörte die Runde vor⸗ überkommen. „Wie viel ſolche Runden macht Ihr?“ ſagte d'Ar⸗ tagnan, neue Piſtolen aus der Taſche ziehend. .„Fünf,“ erwiederte Groslow, valle zwei Stunden eine. „Das iſt klug,“ verſetzte d'Artagnan. Und nun warf er Athos und Aramis einen Blick zu. Man hörte die Tritte der Patrouillen, welche ſich entfernten. D'Artagnan erwiederte zum erſten Male die Knie⸗ ſtöße von Porthos mit einem ähnlichen Stoße. Angelockt durch den Reiz des Spieles und durch den auf alle Menſchen ſo mächtig wirkenden Anblick des Goldes, näherten ſich die Soldaten, welche ihrem Befehle gemäß in dem Zimmer des Königs bleiben ſollten, allmälig der Thüre, erhoben ſich auf den Fuß⸗ ſpitzen und ſchauten d'Artagnan und Porthos über die Schultern; die von der Thüre näherten ſich ebenfalls und unterſtützten auf dieſe Art die Wünſche der vier Freunde, welche ſie lieber Alle unter der Hand haben, als genöthigt ſein wollten, ihnen in alle vier Ecken des Zimmers nachzulaufen. Die zwei Wachen an der Thüre hatten beſtändig das Schwert entblößt, nur ſtüßten ſie ſich auf die Spitze und ſchauten den Spie⸗ ern zu. Athos ſchien immer ruhiger zu werden, je mehr der Augenblick herannahte; ſeine weißen, ariſtokratiſchen Hände ſpielten mit den Louisd'or, die er mit einer Leichtigkeit krümmte und wieder gerad bog, als wären ſie von Zinn geweſen; weniger ſeiner Herr, wühlte Aramis beſtändig in ſeiner Bruſt; ungeduldig, weil er — — 317 immer verlor, ließ Porthos ſein Knie mit aller Ge⸗ walt arbeiten. 1 D'Artagnan wandte ſich um, ſchaute maſchinen⸗ mäßig zurück und ſah, wie Parry zwiſchen zwei Sol⸗ daten ſtand und Karl, auf ſeinen Ellbogen geſtätzt, die Hände faltete und ein glühendes Gebet an Gott zu richten ſchien. D'Artagnan begriff, daß der Augen⸗ blick gekommen war, daß ſich Jeder an ſeinem Poſten befand und daß man nur das Wort„Endlich“ erwar⸗ tete, welches, wie man ſich erinnern wird, als Signal dienen ſollte. Er ſchleuderte Athos und Aramis einen vorberei⸗ tenden Blick zu und Beide rückten ihren Stuhl leicht zurück, um ſich frei bewegen zu können. Er gab Porthos einen zweiten Knieſtoß; dieſer ſtand halb auf, als wollte er ſeine ſteifen Beine wieder gelenk machen, und verſicherte ſich beim Aufſtehen, daß ſein Degen leicht aus der Scheide gehen würde. „Sacrebleu!“ rief d'Artagnan,„abermals zwanzig Piſtolen verloren. In der That, Kapitän Groslow, Ihr habt zu viel Glück, das kann nicht ſo fortdauern.“ 2 ſcund er zog noch zwanzig Piſtolen aus ſeiner a ſtolen auf einen Satz, auf ein einzigen, den letzten.“ „Es gilt, zwanzig daien, verſetzte Groglow. Und er ſchlug, wie dies gebräuchlich iſt, zwei kehrten um, einen König für d'Artagnan, ein Aß für „Ein König,“ ſprach d'Artagnan,„das iſt ein gutes Vorzeichen. Meiſter Groslow,“ fügte er bei, „gebt auf den König Acht!“ Trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung vibrirte die Stimme von d'Artagnan auf eine ſo ſeltſame Weiſe, daß ſein Partner bebte. Groslow fing an die Karten eine nach der andern umzuſchlagen. Schlug er zuerſt ein Aß um, ſo hatte e. „Noch einen Coup, Kapitän. Dieſe wanzig Pi⸗ er gewonnen, ſchlug er einen König um, ſo hatte er verloren.— Er ſchlug einen König um. „Eadlich!“ ſagte d'Artagnan. L““ Bei dieſem Worte erhoben ſich Athos und Aramis, ¹ Porthos wich einen Schritt zurück. Dolche und Schwer⸗ 6 ter glänzten. Aber plötzlich öffnete ſich die Thüre und Harriſon erſchien auf der Schwelle, begleitet von einem in einen Mantel gehüllten Manne. 5 Hinter dieſem Manne ſah man die Musketen von fünf bis ſechs Mann glänzen. Groslow ſchämte ſich, mitten unter Weigyflaſchen, Karten und Würfeln ertappt zu werden, und ſtand raſch auf. Harriſon ſchenkte ihm aber keine Aufmerkſamkeit, trat, gefolgt von ſeinem Gefährten, in das Zimmer des Königs und ſprach: „Karl Stuart, es iſt der Befehl eingetroffen, Euch ohne den geringſten Aufenthalt bei Tag oder bei Nacht— nach London zu führen. Bereitet Euch, ſogleich auf⸗ zubrechen.“.— „Vom wem iſt der Befehl?“ fragte der König. „Von General Oliver Cromwell,“ antwortete Harriſon,„und hier iſt Herr Mordaunt, der ihn über⸗ brichbee und beauftragt iſt, denſelben vollziehen zu aſſen.— .„Mordaunt,“ murmelten die vier Freunde, ſich gegenſeitig anſchauend. D' Artagnan raffte alles Geld zuſammen, das er und Porthos verloren hatten, und ſteckte es in ſeine weite Taſche; Athos und Aramis ſtellten ſich hinter ihn. Bei dieſer Bewegung wandte ſich Mordaunt um, erkannte ſie und ſtieß einen Schrei wilder Freude aus. 1„Ich glaube, wir ſind gefangen,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu ſeinen Freunden.. „Noch nicht,“ erwiederte Porthos. „Oberſter!“ rief Mordaunt,„laßt dieſes Haus umzingeln, Ihr ſeid verrathen. Dieſe vier Franzoſen n 83 319 haben ſich aus Neweaſtle geflüchtet und wollen ohne Zweifel den König entführen. Man verhafte ſie.“ „Ohl junger Mann,“ ſprach d'Artagnan, den De⸗ gen ziehend,„das iſt ein Befehl, der ſich leichter ſagen, als vollſtrecken läßt.“ Dann beſchrieb er mit ſeinem 6 Schwerte einen furchtbaren Kreis und rief:„Abgezogen Freundel abgezogen!“ Zu gleicher Zeit ſtürzte er nach der Thüre und warf zwei Soldaten nieder, welche dieſelbe bewachten, ehe ſie ihre Musketen anzuſchlagen vermochten; Athos und Aramis folgten ihm; Porthos bildete die Nachhut, und bevor Oberſter, Offiziere, Soldaten ſich zu er⸗ kennen Zeit gehabt hatten, waren alle Vier auf der Straße. „Feuer!“ rief Mordaunt,„ſchießt auf ſie!“ Zwei oder drei Musketen wurden wirklich abge⸗ feuert, jedoch ohne einen andern Erfolg, als daß ſie die vier Flüchtlinge zeigten, welche ſich unverſehrt um die Straßenecke wandten. 2 Die Pferde waren am bezeichneten Orte, die Be⸗ dienten hatten nur ihren Herrn die Zügel zuzuwerfen, und dieſe ſchwangen ſich mit der Leichtigkeit vollendeter Reiter in den Sattel. „Vorwärts!“ rief d'Artagnan,„die Sporen ge⸗ geben, feſtgehalten!“ Und ſie ſprengten, d'Artagnan folgend, fort und ſchlugen den Weg ein, den ſie bereits am Tage ge⸗ macht hatten, das heißt, den Weg nach Schottland. 4 Der Flecken hatte weder Thore noch Mauern und ſie 4 kamen folglich ohne Schwierigkeiten hinaus. Fünfzig Schritte vor dem letzten Hauſe hielt d'Ar⸗ tagnan an und rief:„Halt!“ e„Wie, Halt?“ ſprach Porthos;„mit verhängten Zügeln, wollt Ihr ſagen?“ „Keineswegs,“ verſetzte d'Artagnan,„diesmal wird man uns verfolgen; wir wollen ſie aus dem Flecken ziehen und uns auf der Straße nach Schott⸗ ———— mmiſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 320 land nachreiten laſſen; haben wir ſie im Galopp vor⸗ überkommen ſehen, ſo ſchlagen wir die entgegengeſetzte Straße ein.“ Einige Schritte von dieſer Stelle floß ein Bach, über den eine Brücke gebaut war; d'Artagnan führte ſein Pferd unter den Bogen dieſer Brücke, ſeine Freunde folgten ihm. Sie waren kaum zehn Minuten hier, als ſie den raſchen Galopp einer Reitertruppe vernahmen. Fünf „Miinnuten nachher zog dieſe Truppe über ihren Köpfen hin, weit entfernt, zu vermuthen, diejenigen, welche ſie ſuchten, wären nur durch die Dicke eines Brückenge⸗ wölbes von ihnen getrennt.