— — —--—--—- Leihbibliothek 1 N deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. F 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. 1„— 5. Auswärtige Aponnenten haben für Hin- und Zurückſt endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ — Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — — 5 4. Abonn⸗ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. SAuswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ünd Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkis, ſo iſt der Leſer iun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben 5 E. 1 Alerandre Dumas. von Auguſt Zoller. Deutſch — Stuttgart. 1845. Puanzig Jahre nachher. f Fortſetzung der Drei Musketiere. Von Alerandre Pnmas. 6 Nach dem Franzöſiſchen . von Auguſt Zoller. . Viertes bis Sechstes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Zwanzig Jahre nachher. Fortſetzung der Drei Musketiere. Von Alerandre Dumas. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. Viertes bis Sechstes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. . Ein Abenteuer von Marie Michon. Ungefähr um dieſelbe Stunde, wo die Entweichungs⸗ pläne zwiſchen dem Herzog von Beaufort und Grimaud entworfen und angeſponnen wurden, ritten zwei Männer, gefolgt von einem Bedienten, durch die Rue Faubvurg⸗ Saint⸗Marcel in Paris ein. Dieſe zwei Männer waren der Graf de la Fere und der Vicomte von Bragelonne. Der junge Mann kam zum erſten Male nach Paris und Athos hatte keine große Eitelkeit darein geſetzt, indem er ihm die Hauptſtadt, ſeine alte Freundin, von dieſer Seite zeigte. In der That, das letzte Dorf der Tourraine war lieblicher anzuſchauen, als Paris von dem Geſichtspunkte aus betrachtet, unter dem der Jüng⸗ ling Blvis anſchaute. Zur Schande von Paris muß man auch geſtehen, daß es nur einen mittelmäßigen Eindruck auf den jungen Menſchen hervorbrachte. Athos hatte ſtets ſeine heitere, ſorgloſe Miene. In Saint⸗Medard angelangt, ſchlug Athos, der in dieſem großen Labyrinth ſeinem Reiſegefährten als Füh⸗ rer diente, zuerſt den Weg in die Rue des Poſtes, dann in die de[Eſtrapade, dann in die des Fvoſſés⸗Saint⸗ Michel, dann in die Rue des Vaugirards ein. Zur 8 Rue Feron gelangt, ritten die Reiſenden durch dieſe. Ungefähr in der Mitte derſelben hob Athos lächelnd die Augen empor, deutete auf ein Haus von bürger⸗ lichem Ausſehen und ſagte zu dem Jüngling: „Sieh, Raoul, hier iſt ein Haus, wo ich die ſieben ſüßeſten und ſieben grauſamſten Jahre meines Lebens zugebracht habe.⸗ Der junge Mann lächelte ebenfalls und begrüßte das Haus. Die fromme Achtung, die er für ſeinen Beſchützer hegte, gab ſich in allen Verhältniſſen ſeines Lebens kund. Die Reiſenden hielten in der Rue du Vieur⸗Co⸗ lombier vor dem Gaſthofe zum grünen Fuchſe an. Athos kannte die Taverne ſeit geraumer Zeit. Hun⸗ dertmal war er mit ſeinen Freunden dahin gekommen; aber ſeit zwanzig Jahren waren, bei den Wirthsleuten anzufangen, vieifache Veränderungen in dieſem Hotel vorgegangen. Die Reiſenden überließen ihre Pferde den Händen der Knechte, und da es Thiere von edler Race waren, ſo befahlen ſie, fehr für dieſelben beſorgt zu ſein, ihnen nur Stroh und Haber zu geben und die Bruſt und die Beine mit warmem Weine zu waſchen. Sie hatten zwanzig Meilen in einem Tage zurückgelegt. Nachdem ſie ſich, wie dies wahre Cavaliere thun müſſen, zuerſt mit ihren Pferden beſchäftigt hatten, verlangten ſie zwei Zimmer für ſich. „Ihr werdet Toilette machen, Raoul;“ ſprach Athos, „ich ſtelle Euch Jemand vor.“ „Heute, Herr?“ fragte der Jüngling. „In einer halben Stunde.“ Der Jüngling verbeugte ſich. Minder unermüdlich, als Athos, welcher von Eiſen zu ſein ſchien, würde er vielleicht ein Bad in dem Seinefluſſe vorgezogen haben, von dem er ſo viel hatte ſprechen hören, und den er geringer als die Loire zu finden ſich gelobte. Dann wäre ihm wohl ein Bett eit 1 I. Ein Abenteuer von Marie Michon. Ungeſähr um dieſelbe Stunde, wo die Entweichungs⸗ pläne zwiſchen dem Herzog von Beaufort und Grimaud entworfen und angeſponnen wurden, ritten zwei Män⸗ ner, gefolgt von einem Bedienten, durch die Rue du Faubourg⸗Saint⸗Marcel in Paris ein. Dieſe zwei Männer waren der Graf de La Fore und der Vicomte von Bragelonne. Der junge Mann kam zum erſten Male nach Paris und Athos hatte keine große Eitelkeit darein geſetzt, indem er ihm die Hauptſtadt, ſeine alte Freundin, von dieſer Seite zeigte. In der That, das letzte Dorf der Tourraine war lieblicher anzuſchauen, als Paris von dem Geſichtspunkte aus betrachtet, unter dem der Jüng⸗ ling Blois anſchaute. Zur Schande von Paris muß man auch geſtehen, daß es nur einen mittelmäßigen Eindruck auf den jungen Menſchen hervorbrachte. Athos hatte ſtets ſeine heitere, ſorgloſe Miene. In Saint⸗Medard angelangt, ſchlug Athos, der in dieſem großen Labyrinth ſeinem Reiſegefährten als Füh⸗ rer diente, zuerſt den Weg in die Rue des Poſtes, dann in die de l'Eſtrapade, dann in die des Foſſés⸗Saint⸗ Michel, dann in die Rue des Vaugirards ein. Zur eſe. lnd er⸗ ben ens ßte nen nes Co⸗ un⸗ en; ten otel den ren, nen die tten dem erſt wei s, iſen dm viel ire gett 9 willkommener geweſen, aber der Graf de la Féère hatte geſprochen, und er dachte nur daran, ihm zu gehorchen. „Kleidet Euch ſorgfältig, Raoul,“ ſagte Athos, „man ſoll Euch ſchön finden.“ „Ich hoffe, Herr,“ erwiederte der Jüngling lächelnd, „es handelt ſich nicht um eine Heirath. Ihr kennt meine Verbindung mit Louiſe.“ Athos lächelte ebenfalls. „Nein, ſeid ruhig,“ ſprach er,„obgleich ich Euch einer Frau vorſtellen werde.“ „Einer Frau?“ ſagte Raoul. „Ja, ich wünſche ſogar, daß Ihr ſie liebtet.“ Der junge Menſch ſchaute den Grafen mit einer gewiſſen Unruhe an; aber das Lächeln von Athos be⸗ ruhigte ihn bald wieder. „Und wie alt iſt ſie?“ fragte der Vicomte von Bragelonne. Mein lieber Raoul, lernt ein für allemal,“ ſagte Athos, daß dies eine Frage iſt, welche man nie macht. Wenn Ihr auf dem Antlitz einer Frau ihr Alter leſen fönnt, ſo iſt es unnütz, ſie zu fragen, könnt Ihr es nicht, ſo iſt es indiseret.“ „Iſt ſie ſchön?“ „Vor ſechszehn Jahren galt ſie nicht nur für die ſchönſte, ſondern auch für die anmuthigſte Frau von Frankreich.“ Dieſe Antwort beruhigte den Vicomte völlig. Athos konnle keinen Plan mit ihm und mit einer Frau haben, welche ein Jahr früher, als er auf die Welt kam, für die hübſcheſte und anmuthigſte von Frankreich galt. Er zog ſich alſo in ſein Zimmer zurück und be⸗ mühte ſich, mit der Coquetterie, welche der Jugend ſo gut ſteht, dem Auftrage von Athos Folge zu leiſten, das heißt, ſich ſo ſchön als möglich zu machen. Bei dem aber, was die Natur für ihn gethan hatte, war dies ein Leichtes. Zwanzig Jahre nachher. 1I. 2 — 4 8. Rue Ferou gelangt, ritten die Reiſenden durch dieſe. Ungefähr in der Mitte derſelben hob Athos lächelnd die Augen empor, deutete auf ein Haus von bürger⸗ lichem Ausſehen und ſagte zu dem Jüngling: „Sieh, Raoul, hier iſt ein Haus, wo ich die ſieben füßeſten und ſieben grauſamſten Jahre meines Lebens zugebracht habe.“ Der junge Mann lächelte ebenfalls und begrüßte das Haus, Die fromme Achtung, die er für ſeinen Beſchützer hegte, gab ſich in allen Verhältniſſen ſeines Lebens kund. Die Reiſenden hielten in der Rue du Vieux⸗Co⸗ lombier vor dem Gaſthofe zum grünen Fuchſe an. Athos kannte die Taverne ſeit geraumer Zeit. Hun⸗ dertmal war er mit ſeinen Freunden dahin gekommen; aber ſeit zwanzig Jahren waren, bei den Wirthsleuten anzufangen, vielfache Veränderungen in dieſem Hotel vorgegangen. Die Reiſenden überließen ihre Pferde den Händen der Knechte, und da es Thiere von edler Race waren, ſo befahlen ſie, ſehr für dieſelben beſorgt zu ſein, ihnen nur Stroh und Haber zu geben und die Bruſt und die Beine mit warmem Weine zu waſchen. Sie hatten zwanzig Meilen in einem Tage zurückgelegt. Nachdem ſie ſich, wie dies wahre Cavaliere thun müſſen, zuerſt mit ihren Pferden beſchäftigt hatten, verlangten ſie zwei Zimmer für ſich. „Ihr werdet Toilette machen, Raoul;“ ſprach Athos,„ich ſtelle Euch Jemand vor.“ „Heute, Herr?“ fragte der Jüngling. „In einer halben Stunde.“ 4 Der Jüngling verbeugte ſich. 8 Minder unermüdlich, als Athos, welcher von Eiſen zu ſein ſchien, würde er vielleicht ein Bad in dem Seinefluſſe vorgezogen haben, von dem er ſo viel hatte ſprechen horen, und den er geringer als die Loire zu finden ſich gelobte. Dann ware ihm wohl ein Bett 10 Als er wieder erſchien, empfing ihn Athos mit dem väterlichen Lächeln, mit welchem er einſt d'Arta⸗ gnan empfangen hatte, worin ſich aber eine noch tiefere Zärtlichkeit für Raoul abſpiegelte. Athos warf einen Blick auf ſeine Füße, auf ſeine Hände und auf ſeine Haare, dieſe drei Race⸗Zeichen. Seine ſchwarzen Haare waren gleichmäßig abgetheilt, wie man ſie in jener Zeit trug, und fielen, ſein Geſicht umrahmend, auf die Schultern herab. Handſchuhe von gräulichem Damhirſchleder, welche mit ſeinem Hute im Einklange ſtanden, hoben eine feine, elegante Hand her⸗ vor, während ſeine Stiefeln von derſelben Farbe, wie ſeine Handſchuhe und ſein Hut, einen Fuß umſpannten, welcher der eines zehnjährigen Kindes zu ſein ſchien. „Gut,“ murmelte er;„wenn ſie nicht ſtolz auf ihn iſt, fo muß ſie ſehr häkelig ſein.“ Es war drei Uhr Nachmittags, das heißt, die ſchickliche Stunde zu Beſuchen. Die zwei Reiſenden gingen nach der Rue de Grenelle zu, ſchlugen den Weg nach der Rue Rouſſiers ein, traten in die Rue Saint⸗ Dominique und hielten vor einem prachtvollen Hotel an, das den Jacobinern gegenüber lag und von dem Wappen von Luynes überragt war. „Hier iſt es,“ ſprach Athos. Er trat in das Hotel mit dem feſten, ſichern Schritte, der dem Portier andeutet, daß der Eintretende das Recht hat, ſo zu handeln. Er ſtieg die Treppe hinauf, wandte ſich an einen Bedienten, welcher in großer Livrée wartete, und fragte, ob die Frau Herzogin von Chevreuſe ſichtbar wäre und den Herrn Grafen de la Fére em⸗ pfangen könnte. Einen Augenblick nachher kam der Lakei zurück und 8 agte: Obgleich die Frau Herzogin von Chevreuſe nicht die Ehre hätte, den Herrn Grafen de la Fére zu ken⸗ nen, ſo bäte ſie ihn doch, eintreten zu wollen. Athos folgte dem Bedienten, der ihn eine lange ſen viel ire willkommener geweſen, aber der Graf de la Fore hatte geſprochen, und er dachte nur daran, ihm zu gehorchen. „Kleidet Euch ſorgfältig, Raoul,“ ſagte Athos, „man ſoll Euch ſchön finden.“ „Ich hoffe, Herr,“ erwiederte der Jüngling lächelnd, „es handelt ſich nicht um eine Heirath. Ihr kennt meine Verbindung mit Louiſe.“ Athos lächelte ebenfalls. „Nein, ſeid ruhig,“ ſprach er,„obgleich ich Euch einer Frau vorſtellen werde.“ „Einer Frau?“ ſagte Raoul. „Ja, ich wüͤnſche ſogar, daß Ihr ſie liebtet.“ Der junge Menſch ſchaute den Grafen mit einer gewiſſen Unruhe an; aber das Lächeln von Athos be⸗ ruhigte ihn bald wieder. 1 „Und wie alt iſt ſie?“ fragte der Vicomte von Bragelonne. Mein lieber Raoul, lernt ein für allemal,“ ſagte Athos, daß dies eine Frage iſt, welche man nie macht. Wenn Ihr auf dem Antlitz einer Frau ihr Alter leſen könnt, ſo iſt es unnütz, ſte zu fragen, könnt Ihr es nicht, ſo iſt es indiscret.“ „Iſt ſie ſchön?“ „Vor ſechszehn Jahren galt ſie nicht nur für die ſchönſte, ſondern auch für die anmuthigſte Frau von Frankreich.“ Dieſe Antwort beruhigte den Vicomte völlig. Athos konnte keinen Plan mit ihm und mit einer Frau haben, welche ein Jahr früher, als er auf die Welt kam, für V V 4 dies ein Leichtes. die hübſcheſte und anmuthigſte von Frankreich galt. Er zog ſich alſo in ſein Zimmer zurück und be⸗ mühte ſich, mit der Coquetterie, welche der Jugend ſo gut ſteht, dem Auftrage von Athos Folge zu leiſten, das heißt, ſich ſo ſchön als möglich zu machen. Bei dem aber, was die Natur für ihn gethan hatte, war Zwanzig Jahre nachher. II. 2 f, 6e ſe n⸗ nd ht n⸗ 11 Reihe von Zimmern durchwandern ließ, und blieb end⸗ lich vor einer geſchloſſenen Thüre ſtehen. Man befand ſich in einem Salvn. Athos machte dem Vicomte von Bragelonne ein Zeichen, da zu verweilen, wo er war. Der Lackei öffnete und meldete den Herrn Grafen de la Fére. Frau von Chevreuſe, von der wir ſo oft in unſerer Geſchichte von den drei Musketieren ſprachen, ohne je die Gelegenheit gehabt zu haben, ſie in die Scene zu bringen, galt immer noch für eine ſehr ſchöne Frau. Obgleich ſie zu dieſer Zeit 44 bis 45 Jahre alt war, ſo ſchien ſie doch kaum 38 bis 39 zu ſein. Sie beſaß immer noch ihre ſchönen blonden Haare, ihre großen, lebhaften, verſtändigen Augen, welche die In⸗ trigne ſo oft geöffnet und die Liebe ſo oft geſchloſſen hatte, und ihren Nymphenwuchs, welcher bewirkte, daß ſie, wenn man ſie von hinten ſah, immer noch das junge Mädchen zu ſein ſchien, das mit Anna von Oeſterreich in dem Graben der Tuilerien umherſprang, wodurch 1623 die Krone von Frankreich eines Erben beraubt wurde. Es war übrigens immer noch das tolle Geſchöpf, vas ſeinen Liebſchaften ein ſolches Gepräge von Ori⸗ ginalität verliehen hatte, daß dieſelben beinahe zur Verherrlichung ihrer Familie dienten. Die Herzogin befand ſich in einem kleinen Bou⸗ dvir, deſſen Fenſter auf den Garten ging. Dieſes Bou⸗ doir war nach einer Mode, welche Frau von Ram⸗ bouillet herbeigeführt hatte, als ſie ihr Haus baute, mit einer Art von blauem Damaſt mit Roſablumen und goldenem Laubwerk austapeziert. Es war eine große Coquetterie für eine Frau von dem Alter der Herzogin von Cheſuſe⸗ in einem ſolchen Boudvir zu verweilen, und beſonders ſo, wie ſie es war, auf ein Sofa ge⸗ lagert und den Kopf an die Wand gelehnt. Sie hielt in der Hand ein halb geöffnetes Buch 10 Als er wieder erſchien, empfing ihn Athos mit dem väterlichen Lächeln, mit welchem er einſt d'Arta⸗ 3 gnan empfangen hatte, worin ſich aber eine noch tiefere Zärtlichkeit für Raoul abſpiegelte. Athos warf einen Blick auf ſeine Füße, auf ſeine Hände und auf ſeine Haare, dieſe drei Nace⸗Zeichen.. Seine ſchwarzen Haare waren gleichmäßig abgetheilt,„ wie man ſie in jener Zeit trug, und ſielen, ſein Geſicht umrahmend, auf die Schultern herab. Handſchuhe von gräulichem Damhirſchleder, welche mit ſeinem Hute im Einklange ſtanden, hoben eine feine, elegante Hand her⸗ vor, während ſeine Stiefeln von derſelben Farbe, wie ſeine Handſchuhe und ſein Hut, einen Fuß umſpannten, welcher der eines zehnjährigen Kindes zu ſein ſchien. „Gut,“ murmelte er;„wenn ſie nicht ſtolz auf ihn iſt, ſo muß ſie ſehr häkelig ſein.“ Es war drei Uhr Nachmittags, das heißt, die ſchickliche Stunde zu Beſuchen. Die zwei Reiſenden gingen nach der Rue de Grenelle zu, ſchlugen den Weg nach der Rue Rouſſiers ein, traten in die Rue Saint⸗ Dominique und hielten vor einem prachtvollen Hotel an, das den Jacobinern gegenüber lag und von dem Wappen von Luynes überragt war. 1 „Hier iſt es,“ ſprach Athos.. Er trat in das Hotel mit dem feſten, ſichern Schritte, der dem Portier andeutet, daß der Eintretende das Recht hat, ſo zu handeln. Er ſtieg die Treppe hinauf, wandte ſich an einen Bedienten, welcher in großer Livrée wartete, und fragte, ob die Frau Herzogin von Chevreuſe 1 ſichtbar wäre und den Herrn Grafen de la Fère eume⸗ pfangen könnte. Einen Augenblick nachher kam der Lakei zurückund agte: 4 Obgleich die Frau Herzogin von Chevreuſe nicht die Ehre hätte, den Herrn Grafen de la Fore zu ken nen, ſo bäte ſie ihn doch, eintreten zu wollen. Athos folgte dem Bedienten, der ihn eine lang Buch hielt. Bei der Ankündigung des Bedienten erhob ſie ſich ein wenig und reckte neugierig den Kopf vor. Athos erſchien. Er war in veilchenblauen Sammet mit ähnlichen Poſſamenten gekleidet. Die Neſteln waren von mattem Silber, ſein Mantel hatte nur eine goldene Stickerei und eine einzige veilchenblaue Feder ſchwankte an ſeinem ſchwarzen Hut. Er trug Stiefeln von ſchwarzem Leder und an ſeinem gefirnißten Gürtel hing der Degen mit dem prachtvollen Griffe, den Porthos ſo oft in der Rue Féron bewundert hatte, und welchen ihm Athos nie hatte leihen wollen. Herrliche Spitzen bildeten den zurückgeſchlagenen Kragen ſeines Hemdes, Spitzen fielen auch an ſeinen Stiefeln herab. In der ganzen Perſon desjenigen, welchen man unter einem, Frau von Chevreuſe völlig unbekannten, Namen gemeldet hatte, trat ein ſo vollſtändig edel⸗ männiſcher Ausdruck hervor, daß ſie ſich halb erhob und ihm mit einem anmuthigen Zeichen bedeutete, er möge ſich in ihrer Nähe niederſetzen. Athos grüßte und gehorchte. Der Lackei war im Begriff, ſich zurückzuziehen, als ihn Athos durch ein Zeichen bleiben hieß. „Madame,“ ſprach er zu der Herzogin,„ich habe die Kühnheit gehabt, mich in Eurem Hotel einzufinden, ohne Euch bekannt zu ſein. Dieſe Kühnheit iſt mir gelungen, pfangen; nun wage ich es noch, Euch um eine Unter⸗ redung von einer halben Stunde zu bitten.“ „Ich bewillige Euch dieſelbe, mein Herr,“ ant⸗ wortete Frau von Chevreuſe mit ihrem reizendſten Lächeln. bin ein gewa und hatte ein Kiſſen, um den Arm zu ſtützen, der das denn Ihr hattet die Gnade, mich zu em⸗ Doch das iſt noch nicht Alles, Madame; oh! ich ltig ehrgeiziger Menſch, ich weiß es wohl. — Reihe von Zimmern durchwandern ließ, und blieb end⸗ 11 lich vor einer geſchloſſenen Thüre ſtehen. Man befand ſich in einem Salon. Athos machte dem Picomte von Bragelonne ein Zeichen, da zu verweilen, wo er war. Der Lackei öffnete und meldete den Herrn Grafen de la Fore. Frau von Chevreuſe, von der wir ſo oft in unſerer Geſchichte von den drei Musketieren ſprachen, ohne je die Gelegenheit gehabt zu haben, ſie in die Scene zu bringen, galt immer noch für eine ſehr ſchöne Frau. Obgleich ſie zu dieſer Zeit 44 bis 45 Jahre alt war, ſo ſchien ſie doch kaum 38 bis 39 zu ſein. Sie beſaß immer noch ihre ſchönen blonden Haare, ihre großen, lebhaften, verſtändigen Augen, welche die In⸗ trigue ſo oft geöffnet und die Liebe ſo oft geſchloſſen hatte, und ihren Nymphenwuchs, welcher bewirkte, daß ſie, wenn man ſie von hinten ſah, immer noch das junge Mädchen zu ſein ſchien, das mit Anna von Oeſterreich in dem Graben der Tuilerien umherſprang, wodurch 1623 die Krone von Frankreich eines Erben⸗ beraubt wurde. 4 3 Es war übrigens immer noch das tolle Geſchöpf, das ſeinen Liebſchaften ein ſolches Gepräge von Ori⸗ ginalität verliehen hatte, daß dieſelben beinahe zur Verherrlichung ihrer Familie dienten. Die Herzogin befand ſich in einem kleinen Bou⸗ doir, deſſen Fenſter auf den Garten ging. Dieſes Bou⸗ doir war nach einer Mode, welche Frau von Ram⸗ bouillet herbeigeführt hatte, als ſie ihr Haus baute, mit einer Art von blauem Damaſt mit Roſablumen und goldenem Laubwerk austapeziert. Es war eine große Coquetterie für eine Frau von dem Alter der Herzogin von Chevreuſe, in einem ſolchen Boudoir zu verweilen, und beſonders ſo, wie ſie es war, auf ein Sofa ge⸗ lagert und den Kopf an die Wand gelehnt. Sie hielt in der Hand ein halb geöffnetes Buch n n, b er in be n, ir t⸗ en l. — 13 Die Unterredung, die ich mir von Euch erbitte, iſt eine Unterredung unter vier Augen, in der ich nicht unterbrochen zu werden wünſchen muß.“ „Ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſagte die Her⸗ zogin von Chevreuſe zu dem Bedienten;„geht!“ Der Lackei entfernte ſich. Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein, wäh⸗ rend deſſen dieſe zwei Perſonen, welche bei dem erſten Blicke gegenſeitig ſo gut ihren hohen Urſprung erkann⸗ ten, ſich ohne eine Verkegenheit von der einen oder der andern Seite prüfend betrachteten. Die Herzogin von Chevreuſe unterbrach zuerſt das Stillſchweigen. „Nun, mein Herr,“ ſagte ſie lächelnd,„ſeht Ihr nicht, daß ich mit Ungeduld warte?“ Und ich, Madame,“ erwiederte Athos,„ſchaue mit Bewunderung.“ „Mein Herr,“ ſprach Frau von Chevrenſe,“ ent⸗ ſchuldigt mich, aber ich wünſchte ſogleich zu wiſſen, mit wem ich ſpreche. Ihr ſeid ein Mann vom Hofe, das iſt unbeſtreitbar, und dennoch habe ich Euch nie bei Hofe geſehen. Kommt Ihr vielleicht zufällig aus der Baſtille?“ „Nein, Madame,“ antwortete Athos lächelnd,„aber vielleicht bin ich auf dem Wege, der dahin führt.“ „Ah, dann ſagt mir geſchwinde, wer Ihr ſeid, und geht,“ erwiederte die Herzogin mit dem luſtigen Tone, der bei ihr einen ſo großen Zauber ausübte;„denn ich bin in dieſer Beziehung bereits hinreichend compromit⸗ tirt und kann mich nicht noch mehr compromittiren.“ „Wer ich bin, Madame? Man hat Euch meinen Namen geſagt: der Graf de la Fére. Dieſen Namen habt Ihr nie gekannt; ich führte einſt einen andern, 6 Ihr vielleicht gewußt, aber ſicherlich vergeſſen ha 0 „Nennt ihn immerhin, mein Herr.“ Früher,“ verſetzte der Graf de la Fere,„nannte ich mich Athos.“ und hatte ein Kiſſen, um den Arm zu ſtützen, der das Buch hielt. Bei der Ankündigung des Bedienten erhob ſie ſich ein wenig und reckte neugierig den Kopf vor. Athos erſchien. Er war in veilchenblauen Sammet mit ähnlichen Poſſamenten gekleidet. Die Neſteln waren von mattem Silber, ſein Mantel hatte nur eine goldene Stickerei und eine einzige veilchenblaue Feder ſchwankte an ſeinem ſchwarzen Hut. Er trug Stiefeln von ſchwarzem Leder und an ſeinem gefirnißten Gürtel hing der Degen mit dem prachtvollen Griffe, den Porthos ſo oft in der Rue Férou bewundert hatte, und welchen ihm Athos nie hatte leihen wollen. Herrliche Spitzen bildeten den zurückgeſchlagenen Kragen ſeines Hemdes, Spitzen fielen auch an ſeinen Stiefeln herab. In der ganzen Perſon desjenigen, welchen man unter einem, Frau von Chevreuſe völlig unbekannten, Namen gemeldet hatte, trat ein ſo vollſtändig edel⸗ männiſcher Ausdruck hervor, daß ſie ſich halb erhob und ihm mit einem anmuthigen Zeichen bedeutete, er möge ſich in ihrer Nähe niederſetzen. Athos grüßte und gehorchte. Der Lackei war im Begriff, ſich zurückzuziehen, als ihn Athos durch ein Zeichen bleiben hieß. .„Madame,“ ſprach er zu der Herzogin,„ich habe die Kühnheit gehabt, mich in Eurem Hotel einzufinden, ohne Euch bekannt zu ſein. Dieſe Kühnheit iſt mir gelungen, denn Ihr hattet die Gnade, mich zu em⸗ pfangen; nun wage ich es noch, Euch um eine Unter⸗ redung von einer halben Stunde zu bitten.“ „Ich bewillige Euch dieſelbe, mein Herr,“ ant⸗ wortete Frau von Chevreuſe mit ihrem reizendſten Lächeln. bin ein gewaltig ehrgeiziger Menſch, ich weiß es wohl. d „Doch das iſt noch nicht Alles, Madame; ohl ich 8 — Frau von Chevreuſe machte große, verwunderte Augen. Offenbar hatte ſich dieſer Rame in ihrem Ge⸗ dächtniſſe nicht ganz verwiſcht, obgleich er mit vielen alten Erinnerungen vermengt war. „Athos?“ ſagte ſie,„wartet doch ein wenig..“ Und ſie legte ihre zwei Hände an ihre Stirne, als wollte ſie die tauſend flüchtigen Gedanken, welche dieſelbe enthielt, nöthigen, einen Augenblick ſtehen zu bleiben, um ſie klar in dem buntſcheckigen, glänzenden Haufen ſchauen zu laſſen. „Soll ich Euch helfen, Madame?“ ſagte Athos lächelnd. „Ja doch,“ erwiederte die Herzogin, des Suchens bereits müde;„Ihr thut mir einen Gefallen damit.“ „Dieſer Athos ſtand in Verbindung mit drei jun⸗ gen Musketieren, und dieſe drei Musketiere hießen d'Artagnan, Porthos und Akhos hielt inne. „Und Aramis,“ ſprach die Herzogin lebhaft. „Und Aramis, ſo iſt es,“ verſetzte Athos.„Ihr habt alſo dieſen Namen nicht gänzlich vergeſſen?“ Nein,“ ſprach ſie,„nein! Armer Aramis! er war ein reizender Cavalier, zierlich, verſchwiegen, und machte artige Verſe. Ich glaube, es hat eine ſchlimme Wendung mit ihm genommen.“ „Aeußerſt ſchlimm: er iſt Abbé geworden.“ „Ah, welch' ein Unglück!“ rief Frau von Chevreuſe, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend.„In der That, mein Herr, ich danke Euch.“ „Wofür, Madame?“ „Daß Ihr dieſe Erinnerung in mir zurückgerufen habt, denn ſie gehört zu den angenehmſten Erinnerungen meiner Ingend.“ „Dann erlaubt Ihr mir alſo, eine zweite in Euch zurückzurufen?“ „Welche mit dieſer in Verbindung ſteht?“ „Ja oder nein.“ 13 1 Die Unterredung, die ich mir von Euch erbitte, iſt eine Unterredung unter vier Augen, in der ich nicht unterbrochen zu werden wünſchen muß.“ „Ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſagte die Her⸗ zogin von Chevreuſe zu dem Bedienten;„geht!“ Der Lackei entfernte ſich.. Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein, wäh⸗ rend deſſen dieſe zwei Perſonen, welche bei dem erſten Blicke gegenſeitig ſo gut ihren hohen Urſprung erkann⸗ ten, ſich ohne eine Verlegenheit von der einen oder der andern Seite prüfend betrachteten. Die Herzogin von Chevreuſ unterbrach zuerſt das Stillſchweigen. „Nun, mein Herr,“ ſagte ſie lächelnd,„ſeht Ihr nicht, daß ich mit Ungeduld warte?“ „Und ich, Madame,“ erwiederte Athos,„ſchaue mit Bewunderung.“ „Mein Herr,“ ſprach Frau von Chevreuſe,“ ent⸗ ſchuldigt mich, aber ich wünſchte ſogleich zu wiſſen, mit wem ich ſpreche. Ihr ſeid ein Mann vom Hofe, das iſt unbeſtreitbar, und dennoch habe ich Euch nie bei Hofe geſehen. Kommt Ihr vielleicht zufällig aus der Baſtille?“ 6„Nein, Madame,“ antwortete Athos lächelnd,„aber vielleicht bin ich auf dem Wege, der dahin führt.“ „Ah, dann ſagt mir geſchwinde, wer Ihr ſeid, und geht,“ erwiederte die Herzogin mit dem luſtigen Tone, der bei ihr einen ſo großen Zauber ausübte;„denn ich bin in dieſer Beziehung bereits hinreichend compromit⸗ tirt und kann mich nicht noch mehr compromittiren.“ „Wer ich bin, Madame? Man hat Euch meinen Namen geſagt: der Graf de la Fère. Dieſen Namen habt Ihr nie gekannt; ich führte einſt einen andern, dent Ihr vielleicht gewußt, aber ſicherlich vergeſſen abt.“. „Nennt ihn immerhin, mein Herr.“ Fruͤher,“ verſetzte der Graf de la Fere,„nannte ich mich Athos.“ hr ar nd ne ſe, at, fen gen uch 15 „Meiner Treue,“ verſetzte Frau von Chevreuſe, „ſprecht immerhin. Bei einem Manne, wie Ihr ſeid, wage ich Alles.“ Athos verbeugte ſich. „Aramis,“ fuhr er fort,„ſtand in Verbindung mit einer Nähterin in Tours. „Mit einer Nähterin in Tours?“ fragte Frau von Chevreuſe. „Ja, einer Verwandtin von ihm, welche Marie Michon hieß.“ „Ah, ich kenne ſie!“ rief Frau von Chevreuſe;„es iſt diejenige, an welche er von der Belagerung von La Rochelle ſchrieb, um ſie von einem Complott in Kennt⸗ niß zu ſetzen, das man gegen den armen Buckingham angeſponnen hatte.“ „Ganz richtig; wollt Ihr mir erlauben, von ihr zu ſprechen?“ Frau von Chevrenſe ſchaute Athos an und ſagte nach kurzem Stillſchweigen: „Ja, vorausgeſetzt, daß Ihr mir nicht zu viel Schlimmes von ihr ſagt.“ Ich wäre ein Undankbarer,“ erwiederte Athos, „und ich betrachte den Undank nicht als einen Mangel oder als ein Verbrechen, ſondern als ein Laſter, was noch ſchlimmer iſt.“ „Ihr, undankbar gegen Marie Michon!“ rief Frau von Chevreuſe, und ſuchte in den Augen von Athos zu leſen.„Wie könnte dies ſein? Ihr habt ſie nie perſönlich gekannt.“ „Ei, Madame, wer weiß!“ verſetzte Athos.„Ein Volksſprüchwort ſagt: nur die Berge kommen nicht zu⸗ ſammen, und die Volksſprüchwörter find zuweilen un⸗ glaublich wahr.“ „Oh! fahrt fort, mein Herr, fahrt fort,“ ſagte Frau von Chevreuſe lebhaft.„Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr mich dieſe Unterhaltung beluſtigt.“ „Ihr ermuthigt mich, und ich fahre fort. Dieſe Frau von Chevreuſe machte große, verwunderte Augen. Offenbar hatte ſich dieſer Name in ihrem Ge⸗ dächtniſſe nicht ganz verwiſcht, obgleich er mit vielen alten Erinnerungen vermengt war. „Athos?“ ſagte ſie,„wartet doch ein wenig...“ Und ſie legte ihre zwei Hände an ihre Stirne, als wollte ſie die tauſend flüchtigen Gedanken, welche dieſelbe enthielt, nöthigen, einen Augenblick ſtehen zu bleiben, um ſie klar in dem buntſcheckigen, glänzenden Haufen ſchauen zu laſſen. „Soll ich Euch helfen, Madame?“ ſagte Athos lächelnd. „Ja doch,“ erwiederte die Herzogin, des Suchens bereits müde;„Ihr thut mir einen Gefallen damit.“ „Dieſer Athos ſtand in Verbindung mit drei jun⸗ gen Musketieren, und dieſe drei Musketiere hießen d'Artagnan, Porthos und...“ Athos hielt inne. „Und Aramis,“ ſprach die Herzogin lebhaft. „Und Aramis, ſo iſt es,“ verſetzte Athos.„Ihr habt alſo dieſen Namen nicht gänzlich vergeſſen?“ „Nein,“ ſprach ſie,„nein! Armer Aramis! er war ein reizender Cavalier, zierlich, verſchwiegen, und machte artige Verſe. Ich glaube, es hat eine ſchlimme Wendung mit ihm genommen.“ „Aeußerſt ſchlimm: er iſt Abbé geworden.“ „Ah, welch' ein Unglück!“ rief Frau von Chevreuſe, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend.„In der That, mein Herr, ich danke Euch.“ „Wofür, Madame?“ „Daß Ihr dieſe Erinnerung in mir zurückgerufen habt, denn ſie gehört zu den angenehmſten Erinnerungen meiner Jugend.“ „Dann erlaubt Ihr mir alſo, eine zweite in Euch zurückzurufen?“ „Welche mit dieſer in Verbindung ſteht?“ „Ja oder nein.“ 16 Baſe von Aramis, dieſe Marie Michon, dieſe junge Rähterin hatte trotz ihres niedrigen Standes die höch⸗ ſten Bekanntſchaften. Sie nannte die vornehmſten Da⸗ men des Hofes ihre Freundinnen, und die Königin, ſo ſtolz ſie auch in ihrer doppelten Eigenſchaft als Oeſter⸗ reicherin und Spanierin war, nannte ſie ihre Freundin.“ „Oh!“ ſprach Frau von Chevreuſe mit einem leich⸗ ten Seufzer und einer kleinen Bewegung der Augen⸗ brauen, die nur ihr eigenthümlich war,„die Dinge haben ſich ſeit jener Zeit gewaltig verändert.“ „Und die Königin hatte Recht,“ fuhr Athos fort, „denn ſie war ihr ſehr ergeben, ergeben bis zu einem Grade, daß ſie ihr als Vermittlerin mit ihrem Bruder, dem Könige von Spanien, diente.“ „Was ihr jetzt als ein großes Verbrechen ange⸗ rechnet ward,“ verſetzte die Herzogin. „So,“ fuhr Athos fort,„ſo, daß der Cardinal, der wahre Cardinal, der andere, an einem ſchönen Morgen beſchloß, die arme Marie Michon verhaften und nach dem Schloſſe Loges führen zu laſſen. Glücklicher Weiſe ließ ſich die Sache nicht ſo geheim ausführen, daß der Plan nicht ruchbar geworden wäre. Man hatte für den Fall vor⸗ hergeſehen: wenn Marie Michon von irgend einer Ge⸗ fahr bedroht wäre, ſollte ihr die Königin ein in grü⸗ nen Sammet gebundenes Gebetbuch zuſchicken.“ „So iſt es, mein Herr, Ihr ſeid gut unterrichtet.“ „Eines Morgens kam das Buch, überbracht von dem Prinzen von Marſillac. Es war keine Zeit zu verlieren. Glücklicher Weiſe wußten Marie Michon und eine Dienerin, die ſie hatte, Namens Ketty, ſich auf eine bewunderungswürdige Weiſe in Männerklei⸗ dern zu bewegen. Der Prinz verſchaffte ihnen ſolche, Marie Michon eine Cavalierstracht und Ketty einen Lackeienanzug, und übergab ihnen zwei Pferde. Die Flüchtigen verließen raſch Tours und erreichten Spa⸗ nien, zitternd bei dem geringſten Geräuſche, Fußpfaden im Walde folgend, weil ſie es nicht wagten, auf der ——— ———— 9 15 „Meiner Treue,“ verſetzte Frau von Chevreuſe, „ſprecht immerhin. Bei einem Manne, wie Ihr ſeid, wage ich Alles.“ Athos verbeugte ſich. „Aramis,“ fuhr er fort,„ſtand in Verbindung mit einer Nähterin in Tours.“ „Mit einer Nähterin in Tours 2“ fragte Frau von Chevreuſe. „Ja, einer Verwandtin von ihm, welche Marie Michon hieß.“ „Ah, ich kenne ſte!“ rief Frau von Chevreuſe;„es iſt diejenige, an welche er von der Belagerung von La Rochelle ſchrieb, um ſie von einem Complott in Kennt⸗ niß zu ſetzen, das man gegen den armen Buckingham angeſponnen hatte.“ „Ganz richtig; wollt Ihr mir erlauben, von ihr zu ſprechen?“ Frau von Chevreuſe ſchaute Athos an und ſagte nach kurzem Stillſchweigen: „Ja, vorausgeſetzt, daß Ihr mir nicht zu viel Schlimmes von ihr ſagt.“. „Ich wäre ein Undankbarer,“ erwiederte Athos, „und ich betrachte den Undank nicht als einen Mangel oder als ein Verbrechen, ſondern als ein Laſter, was noch ſchlimmer iſt.“ „Ihr, undankbar gegen Marie Michon!“ rief Frau von Chevreuſe, und ſuchte in den Augen von Athos zu leſen.„Wie könnte dies ſein? Ihr habt ſie nie perſönlich gekannt.“ „Ei, Madame, wer weiß!“ verſetzte Athos.„Ein Volksſprüchwort ſagt: nur die Berge kommen nicht zu⸗ ſammen, und die Volksſprüchwörter ſind zuweilen un⸗ glaublich wahr.“ „Ohl fahrt fort, mein Herr, fahrt fort,“ ſagte Frau von Chevreuſe lebhaft.„Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr mich dieſe Unterhaltung beluſtigt.“ „Ihr ermuthigt mich, und ich fahre fort. Dieſe 17 Landſtraße zu reiſen, und Gaftfreundſchaft anſprechend, wenn ſie keine Herberge fanden.“ „In der That, es iſt durchaus ſo,“ rief Frau von Chevreuſe in die Hände klatſchend;„es wäre wirklich ſeltſam..“ ſie hielt inne. „Wenn ich den zwei Flüchtlingen bis an das Ende ihrer Reiſe folgte?“ ſprach Athos.„Nein, Madame, ich werde Ihre Augenblicke nicht ſo ſehr mißbrauchen, und wir begleiten ſie nur bis in ein kleines Dorf im Limouſin zwiſchen Tulle und Angouléme, in ein kleines Dorf, das man Roche⸗l'Abeille nennt.“ Frau von Chevreuſe ſtieß einen Schrei des Er⸗ ſtaunens aus und betrachtete Athos mit einem Aus⸗ drucke von Verwunderung, der den ehemaligen Musketier lächeln machte. „Geduld, Madame,“ fuhr Athos fort;„denn was ich Euch noch zu ſagen habe, iſt viel ſeltſamer, als das bereits Geſagte.“ „Mein Herr,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„ich halte Euch für einen Zauberer und bin auf Alles ge⸗ faßt. Aber gleichviel, fahrt nur fort.“ „Diesmal war die Tagreiſe lang und ermüdend geweſen. Es herrſchte bereits eine läſtige Kälte, es war am 11. Oktober. Dieſes Dorf bot weder ein Schloß noch eine Herberge. Die Bauernhöfe ſahen arm⸗ ſelig und ſchmutzig aus. Marie Michon war eine ſehr ariſtokratiſche Perſon und, wie die Königin, ihre Schwe⸗ ſter, an gute Gerüche und feine Wäſche gewöhnt. Sie beſchloß alſo, ſich Gaſtfreundſchaft im Pfarrhauſe zu erbitten.“ Athos machte eine Pauſe. „Oh, fahrt fort,“ ſprach die Herzogin,„ich ſagte Euch bereits, ich wäre auf Alles gefaßt.“ „Die zwei Reiſenden klopften an die Thüre. Es war ſpät, der Prieſter hatte ſich bereits zu Bette ge⸗ legt, er rief ihnen zu, ſie mögen eintreten. Sie tra⸗ ten ein, denn die Thüre war nicht geſchloſſen; das 16 2 Baſe von Aramis, dieſe Marie Michon, dieſe junge Nähterin hatte trotz ihres niedrigen Standes die höch⸗ ſten Bekanntſchaften. Sie nannte die vornehmſten Da⸗ men des Hofes ihre Freundinnen, und die Königin, ſo ſtolz ſie auch in ihrer doppelten Eigenſchaft als Oeſter⸗ reicherin und Spanierin war, nannte ſie ihre Freundin.“ „Oh!“ ſprach Frau von Chevreuſe mit einem leich⸗ ten Seufzer und einer kleinen Bewegung der Augen⸗ brauen, die nur ihr eigenthümlich war,„die Dinge haben ſich ſeit jener Zeit gewaltig verändert.“ „Und die Königin hatte Recht,“ fuhr Athos fort, „denn ſie war ihr ſehr ergeben, ergeben bis zu einem Grade, daß ſie ihr als Vermittlerin mit ihrem Bruder, dem Könige von Spanien, diente.“ „Was ihr jetzt als ein großes Verbrechen ange⸗ rechnet ward,“ verſetzte die Herzogin. „So,“ fuhr Athos fort,„ſo, daß der Cardinal, der wahre Cardinal, der andere, an einem ſchönen Morgen beſchloß, die arme Marie Michon verhaften und nach dem Schloſſe Loges führen zu laſſen. Glücklicher Weiſe ließ ſich die Sache nicht ſo geheim ausführen, daß der Plan nicht ruchbar geworden wäre. Man hatte für den Fall vor⸗ hergeſehen: wenn Marie Michon von irgend einer Ge⸗ fahr bedroht wäre, ſollte ihr die Königin ein in grü⸗ nen Sammet gebundenes Gebetbuch zuſchicken.“ 6„So iſt es, mein Herr, Ihr ſeid gut unterrichtet.“ „Eines Morgens kam das Buch, überbracht von dem Prinzen von Marſtllac. Es war keine Zeit zu verlieren. Glücklicher Weiſe wußten Marie Michon und eine Dienerin, die ſie hatte, Namens Ketty, ſich auf eine bewunderungswürdige Weiſe in Männerklei⸗ dern zu bewegen. Der Prinz verſchaffte ihnen ſolche, Marie Michon eine Cavalierstracht und Ketty einen Lackeienanzug, und übergab ihnen zwei Pferde. Die Flüchtigen verließen raſch Tours und erreichten Spa⸗ nien, zitternd bei dem geringſten Geräuſche, Fußpfaden im Walde folgend, weil ſie es nicht wagten, auf der * —— Vertrauen in den Dörfern iſt groß. Es brannte eine Lampe in dem Zimmer, in welchem ſich der Prieſter befand; Marie Michon ſpielte den reizendſten Cavalier der Welt, ſtieß die Thüre auf, ſteckte den Kopf hinein und verlangte Gaſtfreundſchaft.“ „„Sehr gerne, mein junger Cavalier,““ ſprach der Prieſter,„wenn Ihr Euch mit den Ueberreſten von meinem Abendbrod und der Hälfte meines Zimmers begnügen wollt. „Die zwei Reiſenden beriethen ſich einen Augen⸗ blick. Der Prieſter hörte, wie ſie in ein Gelächter aus⸗ brachen; dann erwiederte der Herr oder vielmehr die Herrin: „„Ich danke, Herr Pfarrer, und nehme es „„Dann ſpeiſt und macht ſo wenig als möglich Geräuſch,““ verſetzte der Prieſter, denn ich bin auch den ganzen Tag umhergelaufen und es wäre mir nicht unangenehm, dieſe Nacht ſchlafen zu können.““ Frau von Chevreuſe ging offenbar von Verwun⸗ derung zu Erſtaunen und von Erſtaunen zu Verwun⸗ derung über. Ihr Antlitz nahm, während ſie Athos anſchaute, einen Ausdruck an, der ſich nicht wohl be⸗ ſchreiben läßt. Man ſah, daß ſie gerne geſprochen hätte, und dennoch ſchwieg ſie aus Furcht, eines von ſeinen Worten zu verlieren. „Hernach?“ fragte ſie. „Hernach,“ ſagte Athos,„ah! das iſt gerade das Schwierige.“ „Sprecht, ſprecht, ſprecht! man kann mir Alles ſagen. Ueberdies geht es nicht mich an; es iſt die Geſchichte von Mademoiſelle Marie Michon.“ „Ah, das iſt richtig,“ verſetzte Athos...„Nun alſo, Marie Michon verzehrte die Ueberreſte des Abend⸗ brodes mit ihrer Dienerin und kehrte, nachdem ſie ge⸗ geſſen hatte, der ihr gegebenen Erlaubniß zu Folge in das Zimmer zurück, wo ihr Wirth ruhte, während deß ſich Ketth in einem Lehnſtuhle in dem erſten Zimmer, d 9 E — 3 H* 17 Landſtraße zu reiſen, und Gaſtfreundſchaft anſprechend, wenn ſie keine Herberge fanden.“ „In der That, es iſt durchaus ſo,“ rief Frau von Chevreuſe in die Hände klatſchend;„es wäre wirklich ſeltſam...“ ſie hielt inne. „Wenn ich den zwei Flüchtlingen bis an das Ende ihrer Reiſe folgte?“ ſprach Athos.„Nein, Madame, ich werde Ihre Augenblicke nicht ſo ſehr mißbrauchen, und wir begleiten ſie nur bis in ein kleines Dorf im Limouſin zwiſchen Tulle und Angouleme, in ein kleines Dorf, das man Roche⸗l'Abeille nennt.“ Frau von Chevreuſe ſtieß einen Schrei des Er⸗ ſtaunens aus und betrachtete Athos mit einem Aus⸗ drucke von Verwunderung, der den ehemaligen Musketier lächeln machte. „Geduld, Madame,“ fuhr Athos fort;„denn was ich Euch noch zu ſagen habe, iſt viel ſeltſamer, als das bereits Geſagte.“ „Mein Herr,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„ich halte Euch für einen Zauberer und bin auf Alles ge⸗ faßt. Aber gleichviel, fahrt nur fort.“. „Diesmal war die Tagreiſe lang und ermüdend geweſen. Es herrſchte bereits eine läſtige Kälte, es war am 11. Oktober. Dieſes Dorf bot weder ein Schloß noch eine Herberge. Die Bauernhöfe ſahen arm⸗ ſelig und ſchmutzig aus. Marie Michon war eine ſehr ariſtokratiſche Perſon und, wie die Königin, ihre Schwe⸗ ſter, an gute Gerüche und feine Wäſche gewöhnt. Sie beſchluf alſo, ſich Gaſtfreundſchaft im Pfarrhauſe zu erbitten.“ Athos machte eine Pauſe.. „Oh, fahrt fort,“ ſprach die Herzogin,„ich ſagte Euch bereits, ich wäre auf Alles gefaßt.“ „Die zwei Reiſenden klopften an die Thüre. Es war ſpät, der Prieſter hatte ſich bereits zu Bette ge⸗ legt, er rief ihnen zu, ſie mögen eintreten. Sie tra⸗ ten ein, denn die Thüre war nicht geſchloſſen; das — 19 das heißt in demjenigen, wo man geſpeiſt hatte, be⸗ quem machte.“ „In der That, mein Herr,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„wenn Ihr nicht der Teufel in Perſon ſeid, ſo weiß ich nicht, wie Ihr alle dieſe einzelnen Umſtände zu kennen vermöget.“ „Es war eine reizende Frau, dieſe Marie Michon,“ fuhr Athos fort,„eines von den tollen Geſchöpfen, denen unabläſſig die ſeltſamſten Gedanken in den Kopf kommen, eines von den Weſen, welche geboren ſind, uns Allen die Verdammniß zu bringen. Während ſie nun bedachte, daß ihr Wirth ein Prieſter war, kam es der Coquette in den Kopf, es möchte mitten unter ſo vielen luſtigen Erinnerungen, die ſie hatte, eine ſehr luſtige Erinnerung für ihr Alter ſein, einen Abbé in die Ver⸗ dammniß gebracht zu haben.“. „Graf!“ rief die Herzogin,„auf mein Ehrenwort, Ihr erſchreckt mich!“ „Ach,“ verſetzte Athos,„der arme Abbé war kein heiliger Ambroſius, und ich wiederhole, Marie Michon war ein anbetungswürdiges Geſchöpf.“ „Mein Herr,“ ſprach die Herzogin und ergriff Athos bei den Händen,„ſagt mir ſogleich, woher Ihr alle dieſe Umſtände wißt, oder ich laſſe einen Mönch aus dem Auguſtinerkloſter kommen und Euch beſchwören.“ Athos brach in ein Gelächter aus. „Nichts leichter, Madame. Ein Cavalier, der mit einer wichtigen Sendung beauftragt war, kam eine Stunde vor Marie Michon in das Pfarrhaus und er⸗ bat ſich Gaſtfreundſchaft, und zwar in dem Augenblicke, wo der Pfarrer, zu einem Sterbenden gerufen, nicht nur ſein Haus, ſondern das Dorf für die ganze Nacht verließ. Voll Vertrauen zu ſeinem Gaſte, der übrigens ein Edelmann war, hatte der Geißtliche dieſem ſein Haus, ſein Abendbroh und ſein Zimmer überlaſſen. Es war alſo der Gaſt des guten Abbé und nicht der Vertrauen in den Dörfern iſt groß. Es brannte eine Lampe in dem Zimmer, in welchem ſich der Prieſter befand; Marie Michon ſpielte den reizendſten Cavalier der Welt, ſtieß die Thüre auf, ſteckte den Kopf hinein und verlangte Gaſtfreundſchaft.“ „Sehr gerne, mein junger Cavalier,““ ſprach der Prieſter,„„wenn Ihr Euch mit den Ueberreſten von meinem Abendbrod und der Hälfte meines Zimmers begnügen wollt.““ „Die zwei Reiſenden beriethen ſich einen Augen⸗ blick. Der Prieſter hörte, wie ſie in ein Gelächter aus⸗ brachen; dann erwiederte der Herr oder vielmehr die Herrin: „„Ich danke, Herr Pfarrer, und nehme es an.“⸗⸗ „„Dann ſpeiſt und macht ſo wenig als möglich Geräuſch,““ verſetzte der Prieſter, denn ich bin auch den ganzen Tag umhergelaufen und es wäre mir nicht unangenehm, dieſe Nacht ſchlafen zu können.““ Frau von Chevreuſe ging offenbar von Verwun⸗ derung zu Erſtaunen und von Erſtaunen zu Verwun⸗ derung über. Ihr Antlitz nahm, während ſie Athos anſchaute, einen Ausdruck an, der ſich nicht wohl be⸗ ſchreiben läßt. Man ſah, daß ſie gerne geſprochen hätte, und dennoch ſchwieg ſie aus Furcht, eines von ſeinen Worten zu verlieren. „Hernach?“ fragte ſie. „Hernach,“ ſagte Athos,„ahl das iſt gerade das Schwierige.“ „Sprecht, ſprecht, ſprecht! man kann mir Alles ſagen. Ueberdies geht es nicht mich an; es iſt die Geſchichte von Mademoiſelle Marie Michon.“ „Ah, das iſt richtig,“ verſetzte Athos...„Nun alſo, Marie Michon verzehrte die Ueberreſte des Abend⸗ brodes mit ihrer Dienerin und kehrte, nachdem ſie ge⸗ geſſen hatte, der ihr gegebenen Erlaubniß zu Folge in das Zimmer zurück, wo ihr Wirth ruhte, während deß ſich Ketty in einem Lehnſtuhle in dem erſten Zimmer, 20 ⸗ ſh⸗ von dem Marie Michon Gaſtfreundſchaft orderte.“ „Und dieſer Cavalier, dieſer Gaſt, dieſer Edel⸗ mann, der vor ihr ankam?“ „War ich, der Graf de la Fere,“ ſprach Athos aufſtehend und ſich ehrfurchtsvoll vor der Herzogin von Chevreuſe verbeugend. Die Herzogin blieb einen Augenblick ganz verblüfft; dann fing ſie plötzlich an, laut zu lachen. „Ahi meiner Treue,“ ſagte ſie,„das iſt drollig. Und dieſe tolle Marie Michon fand es beſſer, als ſie erwartet hatte. Setzt Euch, lieber Graf, und fahrt in Eurer Erzählung fort.“ „Nun bleibt mir nur noch übrig, mich anzuklagen, Madame. Ich ſagte Euch vorhin, daß ich ſelbſt in einer dringenden Sendung reiſte. Schon bei Tages⸗ anbruch ging ich geränſchlos aus dem Zimmer und ließ meinen reizenden Lagergefährten ſchlafen. „In dem erſten Zimmer ſchlief ebenfalls, den Kopf auf einen Lehnſtuhl zurückgelegt, die Kammerfrau, in Allem ihrer Gebieterin wuͤrdig. Ihr hübſches Geſicht fiel mir auf, ich näherte mich ihr und erkannte die kleine Ketty, welche unſer Freund Aramis bei ihr unter⸗ gebracht hatte. So erfuhr ich, die ſchöne Reiſende wäre „Marie Michon,“ fiel Frau von Chevreuſe leb⸗ haft ein. „Marie Michon,“ verſetzte Athos.„Ich verließ nun das Haus, ging in den Stall, fand mein Pferd geſattelt und meinen Bedienten bereit; wir reiſten ab.“ „Und Ihr ſeid nie mehr durch dieſes Dorf gekom⸗ men?“ fragte Frau von Chevreuſe. „Ein Zahr nachher, Maudame.“ „Nun?“ „Nun, ich wollte den guten Pfarrer wieder be⸗ ſuchen. Er war ſehr bekümmert wegen eines Ereig⸗ niſſes, das er nicht begreifen konnte. Er hatte acht L⸗ 19 das heißt in demjenigen, wo man geſpeiſt hatte, be⸗ quem machte.“ „In der That, mein Herr,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„wenn Ihr nicht der Teufel in Perſon ſeid, ſo weiß ich nicht, wie Ihr alle dieſe einzelnen Umſtände zu kennen vermöget.“ „Es war eine reizende Frau, dieſe Marie Michon,“ fuhr Athos fort,„eines von den tollen Geſchöpfen, denen unabläſſig die ſeltſamſten Gedanken in den Kopf kommen, eines von den Weſen, welche geboren ſind, uns Allen die Verdammniß zu bringen. Während ſie nun bedachte, daß ihr Wirth ein Prieſter war, kam es der Coquette in den Kopf, es möchte mitten unter ſo vielen luſtigen Erinnerungen, die ſie hatte, eine ſehr luſtige Erinnerung für ihr Alter ſein, einen Abbé in die Ver⸗ dammniß gebracht zu haben.“ „Graf!“ rief die Herzogin,„auf mein Ehrenwort, Ihr erſchreckt mich!“ „Ach,“ verſetzte Athos,„der arme Abbé war kein heiliger Ambroſtus, und ich wiederhole, Marie Michon war ein anbetungswürdiges Geſchöpf.“ „Mein Herr,“ ſprach die Herzogin und ergriff Athos bei den Händen,„ſagt mir ſogleich, woher Ihr alle dieſe Umſtände wißt, oder ich laſſe einen Mönch aus dem Auguſtinerkloſter kommen und Euch beſchwören.“ Athos brach in ein Gelächter aus. „Nichts leichter, Madame. Ein Cavalier, der mit einer wichtigen Sendung beauftragt war, kam eine Stunde vor Marie Michon in das Pfarrhaus und er⸗ bat ſich Gaſtfreundſchaft, und zwar in dem Augenblicke, wo der Pfarrer, zu einem Sterbenden gerufen, nicht nur ſein Haus, ſondern das Dorf für die ganze Nacht verließ. Voll Vertrauen zu ſeinem Gaſte, der übrigens ein Edelmann war, hatte der Geiſtliche dieſem ſein Haus, ſein Abendbrod und ſein Zimmer überlaſſen. Es war alſo der Gaſt des guten Abbé und nicht der 21 Tage vorher in einer kleinen Wiege einen reizenden Knaben von drei Monaten mit einer Börſe voll Geld und einem Billet erhalten, in welchem nur die einfachen Worte ſtanden: 11. Oktober 1633.“ „Das war das Ende des ſeltſamen Abenteuers,“ verſetzte Frau von Chevreuſe. „Ja, aber er begriff nichts davon, als daß er dieſe Nacht bei einem Sterbenden zugebracht hatte; denn Mgrie Michon verließ ſelbſt das Pfarrhaus vor ſeiner Rückkehr.“ „Ihr wißt, mein Herr, daß Marie Michon, als ſie im Jahr 1643 wieder nach Frankreich kam, ſogleich Kunde über dieſes Kind einziehen ließ. Als Flüchtling konnte ſie es nicht behalten; aber nach Paris zurück⸗ gekehrt, wollte ſie es bei ſich erziehen laſſen.“ „Und was ſagte ihr der Abbs?“ fragte Athos. „Ein vornehmer Herr, den er nicht kenne, habe das Kind, ſich für ſeine Zukunft verbürgend, überneh⸗ men wollen und mit ſich fortgeführt.“ „Es war die Wahrheit.“ „Ah, dann begreife ich. Dieſer Herr waret Ihr, es war ſein Vater.“ „Stille, ſprecht nicht ſo laut, Madame. Er iſt da!“ „Er iſt da!“ rief Frau von Chevreuſe raſch auf⸗ ſtehend,„er iſt da, mein Sohn, der Sohn von Marie Michon iſt da! Aber ich will ihn ſogleich ſehen.“ „Gebt wohl Acht, Madame, er kennt weder ſeinen Vater, noch ſeine Mutter.“ „Ihr habt das Geheimniß bewahrt und bringt ihn mir hieher, weil Ihr denkt, Ihr machet mich ſehr glücklich. Oh! ich danke, ich danke, mein Herr,“ rief Frau von Chevreuſe, faßte ſeine Hand und ſuchte ſie an ihre Lippen zu führen,„ich danke, Ihr ſeid ein edles Herz.“ „Ich bringe ihn Euch,“ ſagte Athos, ſeine Hand zurückziehend,„damit Ihr ebenfalls etwas für ihn thun möget. Bis jetzt ſorgte ich allein für ſeine Erziehung 20 Abbé ſelbſt, von dem Marie Michon Gaſtfreundſchaft forderte.“ „Und dieſer Cavalier, dieſer Gaſt, dieſer Edel⸗ mann, der vor ihr ankam?“ „War ich, der Graf de la Fere,“ ſprach Athos aufſtehend und ſich ehrfurchtsvoll vor der Herzogin von Chevreuſe verbeugend. Die Herzogin blieb einen Augenblick ganz verblüfft; dann fing ſie plötzlich an, laut zu lachen. „ Ahl meiner Treue,“ ſagte ſie,„das iſt drollig. Und dieſe tolle Marie Michon fand es beſſer, als ſie erwartet hatte. Setzt Euch, lieber Graf, und fahrt in Eurer Erzählung fort.“ „Nun bleibt mir nur noch übrig, mich anzuklagen, Madame. Ich ſagte Euch vorhin, daß ich ſelbſt in einer dringenden Sendung reiſte. Schon bei Tages⸗ anbruch ging ich geräuſchlos aus dem Zimmer und ließ meinen reizenden Lagergefährten ſchlafen. 5 „In dem erſten Zimmer ſchlief ebenfalls, den Kopf auf einen Lehnſtuhl zurückgelegt, die Kammerfrau, in Allem ihrer Gebieterin würdig. Ihr hübſches Geſicht fiel mir auf, ich näherte mich ihr und erkannte die kleine Ketty, welche unſer Freund Aramis bei ihr unter⸗ gebracht hatte. So erfuhr ich, die ſchöne Reiſende wäre.. „Marie Michon,“ fiel Frau von Chevreuſe leb⸗ haft ein. „Marie Michon,“ verſetzte Athos.„Ich verließ nun das Haus, ging in den Stall, fand mein Pferd geſattelt und meinen Bedienten bereit; wir reiſten ab.“ 3„Und Ihr ſeid nie mehr durch dieſes Dorf gekom⸗ men?“ fragte Frau von Chevreuſe. „Ein Jahr nachher, Madame.“ „Nun?“ „Nun, ich wollte den guten Pfarrer wieder be⸗ ſuchen. Er war ſehr bekümmert wegen eines Ereig⸗ niſſes, das er nicht begreifen konnte. Er hatte acht 22 und ich habe, glaube ich, einen vollendeten Edelmann aus ihm gemacht; aber der Augenblick iſt gekommen, in welchem ich mich abermals genöthigt ſehe, das um⸗ herirrende, gefährliche Leben eines Parteigängers zu ergreifen. Schon morgen werfe ich mich in eine gefähr⸗ liche Angelegenheit; dann hat er Niemand mehr als Euch, um in der Welt vorwärts gebracht zu werden, in welcher er eine Stelle einzunehmen berufen iſt.“ „Oh ſeid ruhig,“ rief die Herzogin;„leider habe ich nicht mehr viel Anſehen, aber was mir davpn übrig geblieben iſt, gehört ihm. Was ſein Vermögen und ſeinen Titel betrifft... „Darüber peunruhigt Euch nicht, Madame. Ich habe ihn zum Nacherben von Bragelonne eingeſetzt, wodurch er den Titel Vicomte und 10,000 Livres Ren⸗ ten bekommt.“ „Bei meiner Seele, mein Herr,“ ſprach die Her⸗ zogin,„Ihr ſeid ein wahrhafter Edelmann. Aber es drängt mich, unſern jungen Vicomte zu ſehen; wo iſt er denn?“ „Dort in dem Salon; ich will ihn holen, wenn Ihr wollt.“ Athos machte eine Bewegung nach der Thüre. Frau von Chevreuſe hielt ihn zurück. „Iſt er hübſch?“ fragte ſie. Athos lächelte und etwiederte: „Er gleicht ſeiner Mutter.“ Hienach machte er dem jungen Menſchen ein Zei⸗ chen und dieſer erſchien auf der Schwelle. Frau von Chepreuſe konnte ſich eines Freudenſchreis nicht enthalten, als ſie einen ſo reizenden Cavalier er⸗ blickte, der ihre ſtolzeſten Hoffnungen übertraf. „Vicomte, nähert Euch,“ ſagte Athos;„Frau von 6 Chevreuſe erlaubt Euch, ihr die Hand zu küſſen.“ Der Jüngling näherte ſich mit ſeinem reizenden Lächeln und mit entblößtem Kopfe, ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte die Hand von Frau von Chevreuſe⸗ e—— ½ ————,— 21 Tage vorher in einer kleinen Wiege einen reizenden Knaben von drei Monaten mit einer Börſe voll Geld und einem Billet erhalten, in welchem nur die einfachen Worte ſtanden: 11. Oktober 1633.“ „Das war das Ende des ſeltſamen Abenteuers,“ verſetzte Frau von Chevreuſe. „Ja, aber er begriff nichts davon, als daß er dieſe Nacht bei einem Sterbenden zugebracht hatte; denn Marie Michon verließ ſelbſt das Pfarrhaus vor ſeiner Rückkehr.“. „Ihr wißt, mein Herr, daß Marie Michon, als ſie im Jahr 1643 wieder nach Frankreich kam, ſogleich Kunde uber dieſes Kind einziehen ließ. Als Flüchtling konnte ſie es nicht behalten; aber nach Paris zurück⸗ gekehrt, wollte ſie es bei ſich erziehen laſſen.“ „Und was ſagte ihr der Abbé?“ fragte Athos. „Ein vornehmer Herr, den er nicht kenne, habe das Kind, ſich für ſeine Zukunft verbürgend, überneh⸗ men wollen und mit ſich fortgeführt.“ „Es war die Wahrheit.“ „Ah, dann begreife ich. Dieſer Herr waret Ihr, es war ſein Vater.“ „Stille, ſprecht nicht ſo laut, Madame. Er iſt da!“ „Er iſt da!“ rief Frau von Chevreuſe raſch auf⸗ ſtehend,„er iſt da, mein Sohn, der Sohn von Marie Michon iſt da! Aber ich will ihn ſogleich ſehen.“ „Gebt wohl Acht, Madame, er kennt weder ſeinen Vater, noch ſeine Mutter.“. „Ihr habt das Geheimniß bewahrt und bringt ihn mir hieher, weil Ihr denkt, Ihr machet mich ſehr glücklich. Oh!l ich danke, ich danke, mein Herr,“ rief Frau von Chevreuſe, faßte ſeine Hand und ſuchte ſie an ihre Lippen zu führen,„ich danke, Ihr ſeid ein edles Herz.“. „ Ich bringe ihn Euch,“ ſagte Athos, ſeine Hand zurückziehend,„damit Ihr ebenfalls etwas für ihn thun möget. Bis jetzt ſorgte ich allein für ſeine Erziehung i⸗ eis er⸗ n den auf uſe. 23 „Nun, Herr Graf,“ ſprach er, ſich gegen Athos umwendend,„habt Ihr mir nicht, um meine Schüch⸗ ternheit zu ſchonen, geſagt, Madame wäre die Her⸗ zogin von Chevreuſe, und iſt es nicht vielmehr die Königin?“ „Nein, Vicomte,“ erwiederte Frau von Chevreuſe, nahm ihn ebenfalls bei der Hand, hieß ihn zu ſich ſitzen und ſchaute ihn mit Augen an, welche vor Vergnügen glänzten.„Nein, leider bin ich nicht die Königin, denn wenn ich es wäre, ſo würde ich ſogleich Alles für Euch thun, was Ihr verdient. Aber ſagt mir, ſo wie ich bin,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich kaum ent⸗ halten konnte, ihre Lippen auf ſeine ſo reine Stirne zu drücken,„ſagt mir, welche Laufbahn wünſcht Ihr einzuſchlagen?“ Athos ſchaute, dabei ſtehend, Beide mit einem Aus⸗ drucke unausſprechlichen Glückes an. „Madame,“ ſagte der Jüngling mit ſeiner zugleich weichen und ſonoren Stimme,„es ſcheint mir, es gibt für einen Edelmann nur eine Laufbahn, die der Waffen. Der Herr Graf hat mich, wie ich glaube, in der Ab⸗ ſicht erzogen, einen Soldaten aus mir zu machen, und er gab mir die Hoffnung, in Paris mich irgend Einem vorzuſtellen, der mich vielleicht dem Herrn Prinzen empfehlen könnte.“ a, ich begreife, es ſteht einem jungen Soldaten, wie Ihr ſeid, gut an, unter einem jungen General zu dienen, wie er iſt. Doch Geduld... perſönlich bin ich durchaus nicht mit ihm befreundet, wegen der Strei⸗ tigkeiten von Frau von Montbazon, meiner Schwieger⸗ mutter, mit Frau von Longueville. Aber durch den Prinzen von Marfillae... Ei, wahrhäftig, Graf, das iſt es. Der Herr Prinz von Marſillac iſt ein alter Freund von mir, er wird unſern jungen Freund an Frau von Longueville empfehlen, die ihm einen Brief an ihren Bruder, den Herrn Prinzen, gibt, welcher ſie 22 und ich habe, glaube ich, einen vollendeten Edelmann aus ihm gemacht; aber der Augenblick iſt gekommen, in welchem ich mich abermals genöthigt ſehe, das um⸗ herirrende, gefährliche Leben eines Parteigängers zu ergreifen. Schon morgen werfe ich mich in eine gefähr⸗ liche Angelegenheit; dann hat er Niemand mehr als Euch, um in der Welt vorwärts gebracht zu werden, in welcher er eine Stelle einzunehmen berufen iſt.“ „Ohl ſeid ruhig,“ rief die Herzogin;„leider habe ich nicht mehr viel Anſehen, aber was mir davon übrig geblieben iſt, gehört ihm. Was ſein Vermögen und ſeinen Titel betrifft...“ „Darüber beunruhigt Euch nicht, Madame. Ich habe ihn zum Nacherben von Bragelonne eingeſetzt, wodurch er den Titel Vicomte und 10,000 Livres Ren⸗ ten bekommt.“ „Bei meiner Seele, mein Herr,“ ſprach die Her⸗ zogin,„Ihr ſeid ein wahrhafter Edelmann. Aber es drängt mich, unſern jungen Vicomte zu ſehen; wo iſt er denn?“ „Dort in dem Salon; ich will ihn holen, wenn Ihr wollt.“ Athos machte eine Bewegung nach der Thüre. Frau von Chevreuſe hielt ihn zurück. „Iſt er hübſch?“ fragte ſie. Athos lächelte und erwiederte: „Er gleicht ſeiner Mutter.“ Hienach machte er dem jungen Menſchen ein Zei⸗ chen und dieſer erſchien auf der Schwelle. Frau von Chevreuſe konnte ſich eines Freudenſchreis nicht enthalten, als ſte einen ſo reizenden Cavalier er⸗ blickte, der ihre ſtolzeſten Hoffnungen übertraf. „Vicomte, nähert Euch,“ ſagte Athos;„Frau von Chevreuſe erlaubt Euch, ihr die Hand zu küſſen.“ Der Jüngling näherte ſich mit ſeinem reizenden 4 Lächeln und mit entblößtem Kopfe, ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte die Hand von Frau von Chevreuſe 24 e zu zärtlich liebt, um nicht ſogleich für ſie Alles zu niöſ thun, was ſie von ihm verlangen wird.“ „Nun wohl, das geht vortrefflich,“ ſprach der„we Graf;„nur nehme ich mir die Freiheit, Euch den größ⸗ ein ten Eifer anzuempfehlen. Ich habe Gründe, zu wün⸗ ſchen, daß der Vicomte morgen Abend nicht mehr in Paris ſei.“ „Soll man wiſſen, daß Ihr Euch für ihn intereſ⸗ ſirt, Herr Graf?“ „Fs wäre vielleicht beſſer für ſeine Zukunſt, wenn man gar nicht wüßte, daß er mich je gekannt hat.“ „Oh! Herr,“ rief der Jüngling. „Ihr wißt, Bragelonne,“ ſprach der Graf,„daß ich nie etwas ohne Grund thue.“ „Ja,“ antwortete der Jüngling,„ich weiß, daß die höchſte Weisheit in Euch herrſcht, und werde Euch gehorchen, wie ich dies gewohnt bin.“ „Nun wohl, Graf, überlaßt ihn mir,“ ſagte die kar Herzogin;„ich will Befehl geben, daß man den Prin⸗ ein zen von Marfillac aufſucht, der glücklicher Weiſe in dieſem Augenblick in Paris iſt, und ich gehe nicht eher von ihm, als bis die Angelegenheit zu Ende gebracht iſt.“ „Schön ſo, Frau Herzogin, tauſend Dank. Ich habe ſelbſt heute mehrere Gänge zu machen, und bei meiner Rückkehr, das heißt, gegen ſechs Uhr Abends, tat erwarte ich ihn im Hotel. me „Was macht Ihr dieſen Abend?“ iei „Wir gehen zu dem Abbé Searron, an welchen M ich einen Brief habe, und bei welchem ich einen von ei meinen Freunden finden ſoll.“ er „Das iſt gut,“ ſagte die Herzogin von Chevreuſe, ve „ich werde ſelbſt einen Augenblick dahin kommen; ver⸗ W laßt alſo ſeinen Salon nicht eher, als bis Ihr mich h ar geſehen habt.“ 3 Athos verbeugte ſich vor Frau von Chevreuſe und ſchickte ſich an, wegzugehen. „Wie, Herr Graf,“ ſagte die Herzogin lachend, — — 8 —— 23 4 „Nun, Herr Graf,“ ſprach er, ſich gegen Athos umwendend,„habt Ihr mir nicht, um meine Schüch⸗ ternheit zu ſchonen, geſagt, Madame wäre die Her⸗ zogin von Chevreuſe, und iſt es nicht vielmehr die Köoͤnigin?“ „Nein, Vicomte,“ erwiederte Frau von Chevreuſe, nahm ihn ebenfalls bei der Hand, hieß ihn zu ſich ſitzen und ſchaute ihn mit Augen an, welche vor Vergnügen glänzten.„Nein, leider bin ich nicht die Koͤnigin, denn wenn ich es wäre, ſo würde ich ſogleich Alles für Euch thun, was Ihr verdient. Aber ſagt mir, ſo wie ich bin,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich kaum ent⸗ halten konnte, ihre Lippen auf ſeine ſo reine Stirne zu drücken,„ſagt mir, welche Laufbahn wünſcht Ihr einzuſchlagen?“ Athos ſchaute, dabei ſtehend, Beide mit einem Aus⸗ drucke unausſprechlichen Glückes an. „Madame,“ ſagte der Jüͤngling mit ſeiner zugleich weichen und ſonoren Stimme,„es ſcheint mir, es gibt für einen Edelmann nur eine Laufbahn, die der Waffen. Der Herr Graf hat mich, wie ich glaube, in der Ab⸗ ſicht erzogen, einen Soldaten aus mir zu machen, und er gab mir die Hoffnung, in Paris mich irgend Einem vorzuſtellen, der mich vielleicht dem Herrn Prinzen empfehlen könnte.“ ¹ Ja, ich begreife, es ſteht einem jungen Soldaten, wie Ihr ſeid, gut an, unter einem jungen General zu dienen, wie er iſt. Doch Geduld... perſönlich bin ich durchaus nicht mit ihm befreundet, wegen der Strei⸗ tigkeiten von Frau von Montbazon, meiner Schwieger⸗ mutter, mit Frau von Longueville. Aber durch den Prinzen von Marſillac... Et, wahrhaftig, Graf, das iſt es. Der Herr Prinz von Marſillac iſt ein alter Freund von mir, er wird unſern jungen Freund an Frau von Longueville empfehlen, die ihm einen Brief an ihren Bruder, den Herrn Prinzen, gibt, welcher ſie M— — , — 25 „verläßt man ſeine alten Freunde auf eine ſo eeremo⸗ niöſe Weiſe?“ „Ah,“ murmelte Athos, ihr die Hand küſſend, „wenn ich früher gewußt hätte, Marie Michon wäre ein ſo reizendes Geſchöpf..“ Und er entfernte ſich ſeufzend. II. Der Abbé Srarron. Es gab in der Rue des Tournelles eine Wohnung, welche alle Sänftenträger und alle Lackeien von Paris kannten, und dennoch war dieſe Wohnung weder die eines vornehmen Herrn, noch die eines Finanzmannes. Man ſpeiſte daſelbſt nicht, man ſpielte nicht, und man tanzte wohl auch nicht. Dennoch war es der Sammelplatz der ſchönen Welt, und ganz Paris begab ſich dahin. Dieſe Wohnung war die des kleinen Searron. Man lachte ſo viel bei dieſem witzigen Searron, man gab ſo viele Neuigkeiten zum Beſten, dieſe Neuig⸗ keiten waren ſo ſchnell commentirt, zerriſſen und in Mährchen oder Epigramme verwandelt, daß Jedermann eine Stunde bei dem kleinen Scarron zubringen, was er ſagte, hören, und was er geſagt hatte, anderswohin verbreiten wollte. Viele brannten vor Begierde, ihren Witz dort anzubringen; war er gut, ſo konnten ſie ſich auf eine freundliche Aufnahme gefaßt machen⸗ Der kleine Abbé Scarron, Zwanzig Jahre nachher. U. welcher übrigens nicht b war, weil er eine geiſtliche Pfründe beſaß, und 3 * 24 zu zärtlich liebt, um nicht ſogleich für ſie Alles zu thun, was ſie von ihm verlangen wird.“ „Nun wohl, das geht vortrefflich,“ ſprach der Graf;„nur nehme ich mir die Freiheit, Euch den größ⸗ ten Eifer anzuempfehlen. Ich habe Gründe, zu wün⸗ ſchen, daß der Vicomte morgen Abend nicht mehr in Paris ſei.“ „Soll man wiſſen, daß Ihr Euch für ihn intereſ⸗ ſirt, Herr Graf?“. „Es wäre vielleicht beſſer für ſeine Zukunft, wenn man gar nicht wüßte, daß er mich je gekannt hat.“ „Ohl Herr,“ rief der Jüngling. „Ihr wißt, Bragelonne,“ ſprach der Graf,„daß ich nie etwas ohne Grund thue.“ „Ja,“ antwortete der Jüngling,„ich weiß, daß die höchſte Weisheit in Euch herrſcht, und werde Euch gehorchen, wie ich dies gewohnt bin.“. „Nun wohl, Graf, überlaßt ihn mir,“ ſagte die Herzogin;„ich will Befehl geben, daß man den Prin⸗ zen von Marftllac aufſucht, der glücklicher Weiſe in dieſem Augenblick in Paris iſt, und ich gehe nicht eher von ihm, als bis die Angelegenheit zu Ende gebracht iſt.“ „Schön ſo, Frau Herzogin, tauſend Dank. Ich habe ſelbſt heute mehrere Gänge zu machen, und bei meiner Rückkehr, das heißt, gegen ſechs Uhr Abends, erwarte ich ihn im Hotel. „Was macht Ihr dieſen Abend?“ „Wir gehen zu dem Abbé Scarron, an welchen ich einen Brief habe, und bei welchem ich einen von meinen Freunden finden ſoll.“ „Das iſt gut,“ ſagte die Herzogin von Chevreuſe, „ich werde ſelbſt einen Augenblick dahin kommen; ver⸗ laßt alſo ſeinen Salon nicht eher, als bis Ihr mich geſehen habt.“ 5 Athos verbeugte ſich vor Frau von Chevreuſe und ſchickte ſich an, wegzugehen. „Wie, Herr Graf,“ ſagte die Herzogin lachend, 4. 4 „ 26 ebenſowenig, weil er zu einem geiſtlichen Orden ge⸗ hörte, war einſt einer der zierlichſten Präbendare der Stadt Mans geweſen, wo er wohnte. An einem Car⸗ nevalstage aber wollte er über die Maßen dieſe gute Stadt genießen, deren Seele er war. Er ließ ſich da⸗ her von ſeinem Bedienten mit Honig überſtreichen, öff⸗ nete ſodann ein Federbett, in welchem er ſich um⸗ wälzte, und wurde ſo der groteskeſte Vogel, den man ſehen konnte. Er fing damit an, daß er Beſuche bei ſeinen Freunden und Freundinnen in dieſem ſeltfamen Coſtüme abſtattete. Anfangs folgte man ihm mit Ver⸗ wunderung, dann mit Geziſche, dann beleidigten ihn die Arbeiter auf den Straßen, dann warfen die Kin⸗ der Steine nach ihm, und endlich war er genöthigt, die Flucht zu ergreifen, um den Wurfgeſchoſſen zu ent⸗ gehen. Von dem Augenblicke an, wo er floh, wurde er von allen Seiten verfolgt, gedrängt, beworfen. Scarron fand kein anderes Mittel, ſeinem Geleite ju entkommen, als ſich in den Fluß zu werfen. r ſchwamm wie ein Fiſch, aber das Waſſer war eiſig. Scarron trof von Schweiß. Die Kälte ergriff ihn, un als er das andere Ufer errichte, war er glieder⸗ ahm. Man verſuchte es durch alle mögliche bekannte Mittel, ihm den Gebrauch ſeiner Glieder wieder zu geben; er hatte durch die Behandlung ſo viel auszu⸗ ſtehen, daß er alle Aerzte fortſchickte, mit der Erklärung, er wolle lieber krank ſein und krank bleiben. Dann kam er nach Paris, wo ſein Ruf als Mann von Geiſt bereits gegründet war. Hier ließ er ſich einen Stuhl von ſeiner eigenen Erfindung verfertigen, und als er eines Tages in dieſem Stuhle der Königin Anna von Oeſterreich einen Beſuch machte, fragte ihn dieſe, ent⸗ zückt über ſeinen Witz, ob er nicht irgend einen Titel wünſche? „Ja, Euere Majeſtät, es gibt einen, nach welchem ich von ganzer Seele trachte,“ antwortete Scarron. gir ſein Leb din jut ein ————& n* „ 25 „verläßt man ſeine alten Freunde auf eine ſo ceremo⸗ niöſe Weiſe?“ „Ah,“ murmelte Athos, ihr die Hand küſſend, „wenn ich früher gewußt hätte, Marie Michon wäre ein ſo reizendes Geſchöpf...“ Und er entfernte ſich ſeufzend. 4 I. Der Abbé Scarron. Es gab in der Rue des Tournelles eine Wohnung, welche alle Sänftenträger und alle Lackeien von Paris kannten, und dennoch war dieſe Wohnung weder die eines vornehmen Herrn, noch die eines Finanzmannes. Man ſpeiſte daſelbſt nicht, man ſpielte nicht, und man tanzte wohl auch nicht. Dennoch war es der Sammelplatz der ſchönen Welt, und ganz Paris begab ſich dahin. Dieſe Wohnung war die des kleinen Scarron. Man lachte ſo viel bei dieſem witzigen Scarron, man gab ſo viele Neuigkeiten zum Beſten, dieſe Neuig⸗ keiten waren ſo ſchnell commentirt, zerriſſen und in Mährchen oder Epigramme verwandelt, daß Jedermann eine Stunde bei dem kleinen Scarron zubringen, was er ſagte, hören, und was er geſagt hatte, anderswohin verbreiten wollte. Viele brannten vor Begierde, ihren Witz dort anzubringen; war er gut, ſo konnten ſie ſich auf eine freundliche Aufnahme gefaßt machen. Der kleine Abbé Scarron, welcher übrigens nicht Abbs war, weil er eine geiſtliche Pfründe beſaß, und Zwanzig Jahre nachher. II. 3 27 ge⸗„und welcher iſt dies?“ fragte Anna von Oeſterreich. der„Der Eures Kranken,“ erwiederte der Abbé. Car⸗ Und Scarron wurde zum Kranken der Köni⸗ gute gin mit einer Penſion von 1500 Livres ernannt. da⸗ Von dieſem Augenblicke an führte Scarron, dem öff⸗ ſeine Zukunft keine Sorgen mehr machte, ein luſtiges um⸗ Leben und verſpeiſte Kapital und Zins. man Eines Tags jedoch gab ihm ein Emiſſär des Car⸗ bei dinals zu verſtehen, er hätte Unrecht, den Herrn Coad⸗ amen jutor zu empfangen. Ver⸗„uͤnd warum dies?“ fragte Scarron,„iſt es nicht ihn ein Mann von Geburt?“ Kin⸗„Allerdings.“ higt,„Liebenswürdig?“ ent⸗„Unbeſtreitbar.“ vurde„Witzig?“ orfen.„Er hat leider nur zu viel Witz.“ te zu„Nun wohl,“ verſetzte Scarron,„warum ſoll ich Er einen ſolchen Mann nicht ferner ſehen?“ eiſig.„Weil er ſchlecht denkt.“ ihn,„Wirklich? und von wem?“. ieder⸗„Vom Cardinal.“ „Wie!“ rief Scarron;„ich ſehe fortwährend Herrn annte Gileb Depréaur, und Ihr wollt', ich ſolle aufhören, er zu den Herrn Coadjutor zu ſehen, weil er ſchlecht von uszu⸗ einem Andern denkt? Unmöglich!“ rung, Hiemit endigte das Geſpräch, und Scarron ſah Dann aus Widerſpruchsgeiſt Herrn von Conti nur noch öſter. Geiſt An dem Morgen aber, zu welchem wir gelangt Stuhl ſind, war der Verfalltag ſeiner vierteljährigen Penſion. ls er Scarron ſchickte ſeiner Gewohnheit gemäß durch ſeinen a vvn Bedienten den Empfangsſchein ab, um das betreffende ent⸗ Geld bei der Penſionskaſſe einziehen zu laſſen; aber Titel man antwortete ihm: „Der Staat hätte kein Geld für den Herrn Abbé elchem Searron.“ on. Als der Lackei dieſe Antwort Searron brachte, 26 ebenſowenig, weil er zu einem geiſtlichen Orden ge⸗ hörte, war einſt einer der zierlichſten Präbendare der Stadt Mans geweſen, wo er wohnte. An einem Car⸗ nevalstage aber wollte er über die Maßen dieſe gute Stadt genießen, deren Seele er war. Er ließ ſich da⸗ her von ſeinem Bedienten mit Honig überſtreichen, öff⸗ nete ſodann ein Federbett, in welchem er ſich um⸗ wälzte, und wurde ſo der groteskeſte Vogel, den man ſehen konnte. Er fing damit an, daß er Beſuche bei ſeinen Freunden und Freundinnen in dieſem ſeltſamen Coſtüme abſtattete. Anfangs folgte man ihm mit Ver⸗ wunderung, dann mit Geziſche, dann beleidigten ihn die Arbeiter auf den Straßen, dann warfen die Kin⸗ der Steine nach ihm, und endlich war er genöthigt, die Flucht zu ergreifen, um den Wurſgeſchoſſen zu ent⸗ gehen. Von dem Augenblicke an, wo er floh, wurde er von allen Seiten verfolgt, gedrängt, beworfen. Scarron fand kein anderes Mittel, ſeinem Geleite zu entkommen, als ſich in den Fluß zu werfen. Er ſchwamm wie ein Fiſch, aber das Waſſer war eiſig. Scarron trof von Schweiß. Die Kälte ergriff ihn, v als er das andere Ufer errichte, war er glieder⸗ lahm. Man verſuchte es durch alle mögliche bekannte Mittel, ihm den Gebrauch ſeiner Glieder wieder zu geben; er hatte durch die Behandlung ſo viel auszu⸗ ſtehen, daß er alle Aerzte fortſchickte, mit der Erklärung, er wolle lieber krank ſein und krank bleiben. Dann kam er nach Paris, wo ſein Ruf als Mann von Geiſt bereits gegründet war. Hier ließ er ſich einen Stuhl von ſeiner eigenen Erfindung verfertigen, und als er eines Tages in dieſem Stuhle der Königin Anna von Oeſterreich einen Beſuch machte, fragte ihn dieſe, ent⸗ zückt über ſeinen Witz, ob er nicht irgend einen Titel wünſche? „Ja, Euere Majeſtät, es gibt einen, nach wolchem ich von ganzer Seele trachte,“ antwortete Scarron. 28 war gerade der Herzog von Longueville bei ihm, der ihm eine Penſion doppelt ſo groß anbot, als die von Mazarin entzogene geweſen war; aber der ſchlaue Gliederlahme hütete ſich wohl, ſie anzunehmen. Er machte ſeine Sache ſo gut, daß um vier Uhr Nach⸗ mittags die ganze Stadt die Weigerung des Cardinals kannte. Es war gerade Donnerſtag, Empfangstag bei dem Abbé. Man kam in Maſſe zu ihm und ſchmähte wüthend in der ganzen Stadt. Athos traf in der Rue Saint⸗Honoré zwei Edel⸗ leute, die er nicht kannte, zu Pferde, wie er, gefolgt von einem Lackei, wie er, und denſelben Weg machend, wie er. Der Eine von ihnen nahm den Hut in die Hand und ſagte zu ihm: „Solltet Ihr wohl glauben, mein Herr, daß der Knauſer Mazarin dem armen Searron die Penſion entzogen hat?“ „Das iſt abſcheulich,“ ſprach Athos, die zwei Ca⸗ valiere ebenfalls begrüßend. „Man ſieht, daß Ihr ein ehrlicher Mann ſeid, Herr,“ erwiederte derjenige, welcher bereits das Wort 6 ſie gerichtet hatte;„dieſer Mazarin iſt eine wahre eißel.“ „Ach! mein Herr,“ ſprach Athos,„wem ſagt Ihr ies?“ Und ſie trennten ſich unter vielen Höflichkeitsbe⸗ zeigungen. „Es kommt gerade recht, daß wir dieſen Abend dahin gehen ſollen,“ ſprach Athos zu dem Vicomte; „wir machen dem armen Mann unſer Kompliment.“ „Aber wer iſt denn dieſer Herr Searron, der ganz Paris in Aufruhr bringt?“ fragte Raoul.„Irgend ein in Ungnade gefallener Miniſter?“ „Nein, v mein Gott, nein, Vicomte, es iſt ganz einfach ein kleiner Edelmann von großem Geiſt, wel⸗ cher bei dem Cardinal in Ungnade gefallen ſein wird, —Ku—— n ſind, war der Verfalltag ſeiner viert 27 „Und welcher iſt dies?“ fragte Anna von Oeſterreich. „Der Eures Kranken,“ erwiederte der Abbo. Und Scarron wurde zum Kranken der Köni⸗ gin mit einer Penſion von 1500 Livres ernannt. Von dieſem Augenblicke an führte Scarron, dem ſeine Zukunft keine Sorgen mehr machte, ein Inſtiges Leben und verſpeiſte Kapital und Zins. Eines Tags jedoch gab ihm ein Emiſſär des Car⸗ dinals zu verſtehen, er hätte Unrecht, den Herrn Coad⸗ jutor zu empfangen... „Und warum dies?“ fragte Scarron,„iſt es nicht ein Mann von Geburt?“— „Allerdings.“— „Liebenswürdig?“„ „Unbeſtreitbar.“ „Witzig?“ „Er hat leider nur zu viel Witz.“. „Nun wohl,“ verſetzte Scarron,„warum ſoll ich einen ſolchen Mann nicht ferner ſehen?“ „Weil er ſchlecht denkt.“ „Wirklich? und von wem?“ „Vom Cardinal.“ „Wie!“ rief Scarron;„ich ſehe fortwährend Herrn Giles Depréaux, und Ihr wollt', ich ſolle aufhören, den Herrn Coadjutor zu ſehen, weil er ſchlecht von einem Andern denkt? Unmöglich!“ 3 Hiemit endigte das Geſpräch, und Scarron ſah aus Widerſpruchsgeiſt Herrn von Conti nur noch öſter. An dem Morgen aber, zu welchem wir gelangt eljährigen Penſton. Scarron ſchickte ſeiner Gewohnheit gemäß durch ſeinen Bedienten den Empfangsſchein ab, um das betreffende Geld bei der Penſionskaſſe einziehen zu laſſen; aber man antwortete ihm: „Der Staat hätte kein Geld für den Herrn Abbé Searron.“. Als der Lackei dieſe Antwort Scarron brachte, der von laue Er ach⸗ nals bei tähte Fdel⸗ folgt hend, die ß der nſion i Ca⸗ ſeid, Wort wahre t Ihr itsbe⸗ Abend omte; nt.“ ganz rgend ganz wel⸗ wird, 29 weil er wahrſcheinlich irgend eine gereimte Strophe gegen ihn geſchrieben hat.“ „Schreiben denn Edelleute Verſe?“ fragte Raoul naiv;„ich glaubte, es wäre wider ihre Standesgeſetze.“ „Ja, mein lieber Vicomte,“ verſetzte Athos la⸗ chend,„wenn man ſie ſchlecht macht; aber wenn man ſie gut macht, ſo adelt es noch mehr. Schaut nur Herrn von Rotrou an. Doch,“ fuhr Athos in dem Tone fort, mit welchem man einen heilſamen Rath gibt,„ich glaube, es iſt beſſer, keine zu machen.“ „Dieſer Herr Searron iſt alſo Dichter?“ ſagte Raoul. „Ja, Ihr wißt es nun, Vicomte. Gebt wohl Achtung in dieſem Hauſe. Sprecht nicht durch Geber⸗ den, ſondern hört vielmehr.“ „Ja, Herr,“ antwortete Ravul. „Ihr werdet mich viel mit einem mir befreundeten Edelmann plaudern ſehen: das iſt der Abbé d'Herblay, von dem ich oft mit Euch ſprach.“ „Ich erinnere mich.“ „Nähert Euch zuweilen, als ob Ihr mit uns ſpre⸗ chen wolltet, ſprecht aber nicht, hört auch nicht. Die⸗ ſ Spiel ſoll dazu dienen, daß nicht Ungelegene uns ören.“ „Sehr gut, ich werde Euch Punkt für Punkt ge⸗ horchen.“ Athos machte noch zwei Beſuche in Paris. Um ſieben Uhr wandten ſie ſich gegen die Rue des Tour⸗ nelles. Die Stkaße war beinahe verſperrt durch Sänf⸗ tenträger, Pferde und Bedienten. Athos bahnte ſich einen Weg und trat, gefolgt von dem jungen Men⸗ ſchen, ein. Die erſte Perſon, welche er beim Eintritte erblickte, wat Aramis, der ſich neben einem weiten, mit einem Tapetenhimmel bedeckten, Rollſtuhle aufhielt, unter welchem ſich, in eine Brocatdecke gehüllt, ein ziemlich junges, ziemlich lachendes Geſicht bewegte, das jedoch zuweilen erbleichte, ohne daß ſeine Augen war gerade der Herzog von Longueville bei ihm, der ihm eine Penſion doppelt ſo groß anbot, als die von Mazarin entzogene geweſen war; aber der ſchlaue Gliederlahme hütete ſich wohl, ſie anzunehmen. Er machte ſeine Sache ſo gut, daß um vier Uhr Nach⸗ nittags die ganze Stadt die Weigerung des Cardinals fannte. Es war gerade Donnerſtag, Empfangstag bei dem Abbé. Man kam in Maſſe zu ihm und ſchmähte wüthend in der ganzen Stadt. Athos traf in der Rue Saint⸗Honoré zwei Edel⸗ leute, die er nicht kannte, zu Pferde, wie er, gefolgt von einem Lackei, wie er, und denſelben Weg machend, wie er. Der Eine von ihnen nahm den Hut in die Hand und ſagte zu ihm: 3„Solltet Ihr wohl glauben, mein Herr, daß der Knauſer Mazarin dem armen Scarron die Penſion entzogen hat?“— „Das iſt abſcheulich,“ ſprach Athos, die zwei Ca⸗ valiere ebenfalls begrüßend. Man ſieht, daß Ihr ein ehrlicher Mann ſeid, Herr,“ erwiederte derjenige, welcher bereits das Wort an Athos gerichtet hatte;„dieſer Mazarin iſt eine wahre Geißel.“ „Ach! mein Herr,“ ſprach Athos,„wem ſagt Ihr ddies? Und ſie trennten ſich unter vielen Höflichkeitsbe⸗ zeigungen. „Es kommt gerade recht, daß wir dieſen Abend dahin gehen ſollen,“ ſprach Athos zu dem Vicomte; „wir machen dem armen Mann unſer Kompliment.“ „Aber wer iſt denn dieſer Herr Searron, der ganz Paris in Aufruhr bringt?“ fragte Raoul.„Irgend ein in Ungnade gefallener Miniſter?“ „Nein, o mein Gott, nein, Vicomte, es iſt ganz einfach ein kleiner Edelmann von großem Geiſt, wel⸗ cher bei dem Cardinal in Ungnade gefallen ſein wird, 30 ein lebhaftes, witziges oder anmuthiges Gefühl auszu⸗ drücken aufhörten. Das war der Abbé Scarron, be⸗ ſtändig lachend, ſpottend, komplimentirend, leidend und ſich mit einem kleinen Stäbchen kratzend. Um dieſes Rolizelt drängte ſich eine Menge von Herren und Damen. Das Zimmer war ſehr reinlich und anſtändig ausgeſtattet. Große ſeidene, mit Blumen geſtickte, Vorhänge, welche einſt lebhafte Farben gehabt hatten, nun aber etwas verſchoſſen waren, ſielen an beiden Fenſtern herab; die Tapezierung war beſcheiden, zeugte aber von gutem Geſchmack. Zwei ſehr artige, zu guten Manieren abgerichtete, Bediente verſahen den Dienſt im Salon. Sobald Aramis Athos erblickte, ging er auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und ſtellte ihn Herrn Searron vor, welcher dem neuen Gaſt eben ſo viel Freude als Achtung bezeigte und ihm ein ſehr geiſt⸗ reiches Kompliment über den Vicomte machte. Raoul blieb verblüfft, denn er hatte ſich nicht auf die Maje⸗ ſtät des ſchönen Geiſtes vorbereitet; er verbeugte ſich jedoch mit viel Anmuth. Athos empfing ſodann die Komplimente von mehreren adeligen Herren, welchen Aramis ihn vorſtellte. Bald aber verwiſchte ſich das kleine Geräuſche bei ſeinem Eintritt wieder und das Geſpräch wurde allgemein. Nach vier oder fünf Minuten, welche Ravul dazu anwandte, Ruhe zu gewinnen und topographiſche Kennt⸗ niſſe von der Verſammlung zu erlangen, öffnete ſich die Thüre wieder und ein Lackei kündigte Fräulein Paulet an. Athos berührte mit der Hand die Schulter des Vicomte. „Schau dieſe Frau an, Ravul,“ ſagte erz„es iſt eine hiſtoriſche Perſon. Zu ihr begab ſich König Hein⸗ rich IV., als er ermordet wurde.“ Raoul bebte. Seit einigen Tagen hob ſich vor ihm jeden Augenblick irgend ein Vorhang, der ihm eine hüb geke ſie ein 29 weil er wahrſcheinlich irgend eine gereimte Strophe gegen ihn geſchrieben hat.“.“ „Schreiben denn Edelleute Verſe?“ fragte Raouk naiv;„ich glaubte, es wäre wider ihre Standesgeſetze. „Ja, mein lieber Vicomte,“ verſetzte An hos l chend,„wenn man ſie ſchlecht macht; ab ſte gut macht, ſo adelt es noch mehr. Herrn von Rotrou an. Doch,“ fuhr Au Tone fort, mit welchem man einen hellſa gibt, ich glaube, es iſt beſſer, keine zu „Dieſer Herr Scarron iſt alſo⸗ Raoul. 8 „Ja, Ihr wißt es nun, 2 te. Gebt wohl Achtung in dieſem Hauſe. Sprecht nicht durch Geber⸗ den, ſondern hört vielmehr.“ „Ja, Herr,“ antwortete Raoul. „Ihr werdet mich viel mit einem mir befreundeten Edelmann plaudern ſehen: das iſt der Abbé d'Herblay, von dem ich oft mit Euch ſprach.“ „Ich erinnere mich.“ „Nähert Euch zuweilen, als ob Ihr mit uns ſpre⸗ chen wolltet, ſprecht aber nicht, hört auch nicht. Die⸗ ſes Spiel ſoll dazu dienen, daß nicht Ungelegene uns ören.“ „Sehr gut, ich werde Euch Punkt für Punkt ge⸗ horchen.“ 3 Athos machte noch zwei Beſuche in Paris. Um ſieben Uhr wandten ſie ſich gegen die Rue des Tour⸗ nelles. Die Straße war beinahe verſperrt durch Sänf⸗ tenträger, Pferde und Bedienten. Athos bahnte ſich einen Weg und trat, gefolgt von dem jungen Men⸗ ſchen, ein. Die erſte Perſon, welche er beim Eintritte erblickte, war Aramis, der ſich neben einem weiten, mit einem Tapetenhimmel bedeckten, Rollſtuhle aufhielt, unter welchem ſich, in eine Brocatdecke gehuüllt, ein ziemlich junges, ziemlich lachendes Geſicht bewegte, das jedoch zuweilen erbleichte, ohne daß ſeine Augen zu⸗ be⸗ und von lich men abt an den, ige, den ihn errn viel eiſt⸗ avul aje⸗ ſich die chen das das dazu ennt⸗ ſich ulein des s iſt ein⸗ vor ihm 31 einen herviſchen Anblick enthüllte. Die noch junge und hübſche Frau, welche eben eintrat, hatte Heinrich W. gekannt und mit ihm geſprochen! Jedermann drängte ſich um die Ankommende, denn ſie war immer noch ſehr in der Mode; es war⸗ eine große Perſon von ſeiner, wellenförmiger Taille, mit einem Walde goldener Haare, wie ſie Raphael liebte und Titian allen ſeinen Magdalenen gab. Dieſe gelb⸗ liche Farbe oder vielleicht auch die Königswürde, die ſie den andern Frauen gegenüber erlangt hatte, brachte ihr den Beinamen: die Löwin. Unſere ſchönen Damen von heute, welche nach die⸗ ſem faſhionablen Titel trachten, wiſſen nun, daß er ihnen nicht von England zukommt, ſondern von dem ſchönen und geiſtreichen Fräulein Paulet. Mademoiſelle Paulet ging mitten unter dem Ge⸗ murmel, das ſich von allen Seiten bei ihrer Ankunft erhob, gerade auf Scarron zu. „Nun, mein Reber Abbé,“ ſprach ſie mit ihrem ruhigen Tone,„Ihr ſeid alſo arm? Wir haben es heute Nachmittag bei Frau von Rambvuillet erfahren; Herr von Graſſe erzählte es uns.“ „Ja, aber der Staat iſt jetzt reich,“ erwiederte Scarron;„man muß ſich dem Vaterlande zu opfern wiſſen.“ „Der Herr Cardinal wird ſich um 1500 Livres mehr Pommaden und Parfums jährlich kaufen,“ ſprach ein Frondeur, in welchem Athos den Edelmann er⸗ zunne den er in der Rue Saint⸗Honoré getroffen atte. „Aber die Muſe, was wird die Muſe ſagen?“ verſetzte Aramis mit ſeiner Honigſtimme;„die Muſe, welche der goldenen Mittelſtraße bedarf? Denn im Ganzen: Si Virgilio puer aut tolerabile desit, Hospitium caderent omnes à crinibus hydri.“ „Gut,“ ſprach Scarron und reichte Fräulein Paulet ⸗ 30 ein lebhaftes, witziges oder anmuthiges Gefühl auszu⸗ drücken aufhörten. Das war der Abbé Scarron, be⸗ ſtändig lachend, ſpottend, komplimentirend, leidend und ſich mit einem kleinen Stäbchen kratzend. Um dieſes Rollzelt drängte ſich eine Menge von Herren und Damen. Das Zimmer war ſehr reinlich und anſtändig ausgeſtattet. Große ſeidene, mit Blumen geſtickte, Vorhänge, welche einſt lebhafte Farben gehabt hatten, nun aber etwas verſchoſſen waren, ſtelen an beiden Fenſtern herab; die Tapezierung war beſcheiden, zeugte aber von gutem Geſchmack. Zwei ſehr artige, zu guten Manieren abgerichtete, Bediente verſahen den Dienſt im Salon. Sobald Aramis Athos erblickte, ging er auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und ſtellte ihn Herrn Scarron vor, welcher dem neuen Gaſt eben ſo viel Freude als Achtung bezeigte und ihm ein ſehr geiſt⸗ reiches Kompliment über den Vicomte machte. Raoul blieb verblüfft, denn er hatte ſich nicht auf die Maje⸗ ſtät des ſchönen Geiſtes vorbereitet; er verbeugte ſich jedoch mit viel Anmuth. Athos empfing ſodann die Koomplimente von mehreren adeligen Herren, welchen Aramis ihn vorſtellte. Bald aber verwiſchte ſich das kleine Geräuſche bei ſeinem Eintritt wieder und das Geſpräch wurde allgemein. Nach vier oder fünf Minuten, welche Raoul dazu anwandte, Ruhe zu gewinnen und topographiſche Kennt⸗ niſſe von der Verſammlung zu erlangen, öffnete ſich die Thüre wieder und ein Lackei kuͤndigte Fräulein Paulet an. 3 Athos berührte mit der Hand die Schulter des Vicomte. „Schau' dieſe Frau an, Raoul,“ ſagte er;„es iſt eine hiſtoriſche Perſon. Zu ihr begab ſich König Hein⸗ rich IV., als er ermordet wurde.“ Raoul bebte. Seit einigen Tagen hob ſich vor ihm jeden Augenblick irgend ein Vorhang, der ihm 32 die Hand.„Aber wenn ich meine Schlange nicht mehr habe, ſo bleibt mir wenigſtens meine Löwin.“ Alle Worte von Scarron, alle ſeine Witze er⸗ ſchienen dieſen Abend vortrefflich; das iſt das Vorrecht der Verfolgung. Herr Menage machte Sprünge vor Begeiſterung. Fräulein Paulet nahm ihren gewöhnlichen Platz wieder ein; ehe ſie ſich aber ſetzte, ließ ſie von ihrer Höhe herab einen Blick über die ganze Verſammlung ſpazieren und ihre Augen hefteten ſich auf Ravul. Athos lächelte und ſagte zu Ravul: „Ihr ſeid von Fräulein Paulet bemerkt worden, Vieomte, geht hin und begrüßt ſie. Gebt Euch als das, was Ihr ſeid, als ein offenherziger Provinzmenſch; aber hütet Euch wohl, von Heinrich IW. mit ihr zu ſprechen.“ Der Vicomte näherte ſich erröthend der Löwin und vermiſchte ſich bald mit den Herren, welche ihren Stuhl umgaben. Dies bildete bereits zwei ſehr ausgezeichnete Grup⸗ pen, diejenige, welche Herrn Menage umgab, und die, welche ſich um Fräulein Paulet aufgeſtellt hatte. Scar⸗ ron lief von der einen zu der andern, indem er ſeinen Rollſtuhl mitten durch die Geſellſchaft mit ſo viel Ge⸗ ſchicklichkeit manövrirte, wie dies ein erfahrener Lootſe mit einer Barke durch ein mit Klippen durchſtreutes Meer machen würde. „Wann ſprechen wir mit einander?“ ſagte Athos zu Aramis. „Sogleich,“ antwortete dieſer;„es ſind noch nicht Leute genug vorhanden und man würde uns bemerken.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Lackei kündigte den Herrn Coadjutor an. Bei dieſem Namen wandte ſich Jedermann um, denn es war ein Name, welcher ſehr berühmt zu wer⸗ den anfing. nen war Piſt gere wor ſaß in ihn erſt alſ ror der ret zu G 31 einen heroiſchen Anblick enthüllte. Die noch junge und hübſche Frau, welche eben eintrat, hatte Heinrich IV. gekannt und mit ihm geſprochen! 1 Jedermann drängte ſich um die Ankommende, denn ſie war immer noch ſehr in der Mode; es war eine große Perſon von ſeiner, wellenförmiger Taille, mit einem Walde goldener Haare, wie ſie Raphael liebte und Titian allen ſeinen Magdalenen gab. Dieſe gelb⸗ liche Farbe oder vielleicht auch die Königswürde, die ſie den andern Frauen gegenüber erlangt hatte, brachte ihr den Beinamen: die Löwin. Unſere ſchönen Damen von heute, welche nach die⸗ ſem faſhionablen Titel trachten, wiſſen nun, daß er ihnen nicht von England zukommt, ſondern von dem ſchönen und geiſtreichen Fräulein Paulet. 4 Mademoiſelle Paulet ging mitten unter dem Ge⸗ murmel, das ſich von allen Seiten bei ihrer Ankunft erhob, gerade auf Scarron zu.. „Nun, mein lieber Abbé,“ ſprach ſie mit ihrem ruhigen Tone,„Ihr ſeid alſo arm? Wir haben es heute Nachmittag bei Frau von Rambouillet erfahren; Herr von Graſſe erzählte es uns.“ „Ja, aber der Staat iſt jetzt reich,“ erwiederte Benenon;„man muß ſich dem Vaterlande zu opfern wiſſen.“ 3 „Der Herr Cardinal wird ſich um 1500 Livres mehr Pommaden und Parfums jährlich kaufen,“ ſprach ein Frondeur, in welchem Athos den Edelmann er⸗ ants, den er in der Rue Saint⸗Honoré getroffen atte.. „Aber die Muſe, was wird die Muſe ſagen?“ verſetzte Aramis mit ſeiner Honigſtimme;„die Muſe, welche der goldenen Mittelſtraße bedarf? Denn im Ganzen: Si Virgilio puer aut tolerabile desit, Hospitium caderent omnes a crinibus hydri,“ „Gut,“ ſprach Scarron und reichte Fräulein Paulet 33 Athos machte es wie die Andern. Er kannte den Abbé von Conti nur dem Namen nach. Er ſah einen kleinen, ſchwarzen, ſchlecht gewachſe⸗ nen Mann eintreten, deſſen Hände zu Allem ungeſchickt waren, außer um damit den Degen zu ziehen oder Piſtolen zu ſchießen. Der Ankömmling ging Anfangs gerade auf einen Tiſch zu, welchen er beinahe umge⸗ worfen hätte; bei all' dieſer Ungeſchicklichkeit aber be⸗ ſaß er etwas Erhabenes, Stolzes in ſeinem Geſichte. Scarron wandte ſich nach ihm um und kam ihm in ſeinem Stuhle entgegen. Fräulein Paulet begrüßte ihn von ihrem Platze aus mit der Hand. „Nun,“ ſprach der Cvadjutor, welcher Scarron erſt erblickte, als er ganz vor ihm ſtand,„Ihr ſeid alſo in Ungnade, Abbé?“ Dies war eine Phraſe, welche man an dieſem Abend wohl hundertmal ausgeſprochen hatte, und Sear⸗ ron war bereits an ſeinem hundertſten Bonmot über denſelben Gegenſtand. Beinahe wäre ihm auch nichts mehr eingefallen, aber eine verzweifelte Anſtrengung rettete ihn. „Der Herr Cardinal hat die Güte gehabt, an mich zu denken,“ ſagte er. „Vortrefflich!“ rief Menage. „Aber wie wollt Ihr uns noch fernerhin empfangen?“ fuhr der Coadjutor fort.„Wenn Eure Renten ſinken, ſo werde ich genöthigt ſein, Euch zum Canonicus von Notre⸗Dame zu ernennen.“ „Oh! nein,“ verſetzte Scarron,„ich würde Euch zu ſehr compromittiren.“ „Dann habt Ihr Quellen, die wir nicht kennen.“ „Ich entlehne von der Königin.“ „Aber Ihre Majeſtät hat ſelbſt nichts,“ ſprach Aramis.„Lebt ſie nicht unter der Verwaltung der Gemeinheit?“ Der Coadjutor wandte ſich um und lächelte Aramis 32 die Hand.„Aber wenn ich meine Schlange nicht mehr habe, ſo bleibt mir wenigſtens meine Löwin.“ Alle Worte von Scarron, alle ſeine Witze er⸗ ſchienen dieſen Abend vortrefflich; das iſt das Vorrecht der Verfolgung. Herr Menage machte Sprünge vor Begeiſterung. Fräulein Paulet nahm ihren gewöhnlichen Platz wieder ein; ehe ſie ſich aber ſetzte, ließ ſie von ihrer Höhe herab einen Blick über die ganze Verſammlung ſpazieren und ihre Augen hefteten ſich auf Raoul. . Athos lächelte und ſagte zu Raoul: „Ihr ſeid von Fräulein Paulet bemerkt worden, Vicomte, geht hin und begrüßt ſie. Gebt Euch als das, was Ihr ſeid, als ein offenherziger Provinzmenſch; Frechön e Euch wohl, von Heinrich IV. mit ihr zu prechen.“ Der Vicomte näherte ſich erröthend der Löwin und vermiſchi⸗ ſich bald mit den Herren, welche ihren Stuhl umgaben. Ddies bildete bereits zwei ſehr ausgezeichnete Grup⸗ pen, diejenige, welche Herrn Menage umgab, und die, welche ſich um Fräulein Paulet aufgeſtellt hatte. Scar⸗ von lief von der einen zu der andern, indem er ſeinen Rollſtuhl mitten durch die Geſellſchaft mit ſo viel Ge⸗ ſchicklichkeit manövrirte, wie dies ein erfahrener Lootſe mit einer Barke durch ein mit Klippen durchſtreutes Meer machen würde. „Wann ſprechen wir mit einander?“ ſagte Athos zu Aramis. „Sogleich,“ antwortete dieſer;„es ſind noch nicht Leute genug vorhanden und man würde uns bemerken.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Lackei kündigte den Herrn Coadjutor an. Bei dieſem Namen wandte ſich Jedermann um, denn es war ein Name, welcher ſehr berühmt zu wer⸗ den anfing. 5 —— zu, indem er ihm zugleich mit der Fingerſpitze ein Freundſchaftszeichen machte. „Verzeiht, mein lieber Abbé,“ ſagte er zu ihm, „Ihr ſeid im Rückſtand und ich muß Euch ein Geſchenk machen.“ „Womit?“ fragte Aramis. „Mit einer Hutſchnur.“ Jedermann wandte ſich nach dem Coadjutor um, der aus ſeiner Taſche eine ſeidene Schnur von ſonder⸗ barer Form zog. „Das iſt eine Schleuder,“*) ſagte Scarron. „Ganz richtig,“ erwiederte der Cvadjutor,„man macht gegenwärtig Alles à la fronde. Fräulein Pau⸗ let, ich habe für Euch einen Fächer à la fronde. gebe Euch meinen Handſchuhhändler, d'Herblay, er macht Handſchuhe à la kronde; und Euch, Scarron, meinen Bäcker mit einem unbeſchränkten Credit, er macht vortreffliche Brode à la fronde.“ 6 nahm das Band und knüpfte es um ſeinen u In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Lackei rief mit lanter Stimme: „Die Frau Herzogin von Chevreuſe.“ Bei dem Namen von Frau von Chevreuſe erhoben ſich alle Anweſende. Scarron wandte raſch ſeinen Stuhl der Thüre zu. Athos machte Aramis ein Zeichen, und dieſer ſtellte ſich in eine Fenſtervertiefung. Mitten unter dieſen achtungsvollen Begrüßungen⸗ welche man der Herzogin zollte, ſuchte ſie irgend Je⸗ mand oder irgend Etwas. Endlich bemerkte ſie Ravul und ihre Augen funkelten; ſie erblickte Athos und wurde träumeriſch; ſie ſah Aramis in ſeiner Fenſtervertiefung und machte eine kaum wahrnehmbare Bewegung des Erſtaunens hinter ihrem Fächer. 3 „Ei, ſagt doch,“ ſprach ſie, als wollte ſie die Ge⸗ ————————— *) Une fronde, es der hat Bei erw lieg 33 Athos machte es wie die Andern. Er kannte den Abbé von Conti nur dem Namen nach. Er ſah einen kleinen, ſchwarzen, ſchlecht gewachſe⸗ nen Mann eintreten, deſſen Hände zu Allem ungeſchickt waren, außer um damit den Degen zu ziehen oder Piſtolen zu ſchießen. Der Ankömmling ging Anfangs gerade auf einen Tiſch zu, welchen er beinahe umge⸗ worfen hätte; bei all' dieſer Ungeſchicklichkeit aber be⸗ ſaß er etwas Erhabenes, Stolzes in ſeinem Geſichte. Scarron wandte ſich nach ihm um und kam ihm in ſeinem Stuhle entgegen. Fräulein Paulet begrüßte ihn von ihrem Platze aus mit der Hand. „Nun,“ ſprach der Coadjutor, welcher Scarron erſt erblickte, als er ganz vor ihm ſtand,„Ihr ſeid alſo in Ungnade, Abbé?“ Dies war eine Phraſe, welche man an dieſem Abend wohl hundertmal ausgeſprochen hatte, und Scar⸗ ron war bereits an ſeinem hundertſten Bonmot über denſelben Gegenſtand. Beinahe wäre ihm auch nichts mehr eingefallen, aber eine verzweifelte Anſtrengung rettete ihn.. „Der Herr Cardinal hat die Güte gehabt, an mich zu denken,“ ſagte er. „Vortrefflich!“ rief Menage. „Aber wie wollt Ihr uns noch fernerhin empfangen?“ fuhr der Coadjutor fort.„Wenn Eure Renten ſinken, ſo werde ich genöthigt ſein, Euch zum Canonicus von Notre⸗Dame zu ernennen.“ „Ohl nein,“ verſetzte Scarron,„ich würde Euch zu ſehr compromittiren.“ „Dann habt Ihr Quellen, die wir nicht kennen.“ „Ich entlehne von der Königin.“ „Aber Ihre Majeſtät hat ſelbſt nichts,“ ſprach Aramis.„Lebt ſie nicht unter der Verwaltung der Gemeinheit?“ Der Coadjutor wandte ſich um und lächelte Aramis ein m, enk um, der⸗ man au⸗ ron, t inen und oben tuhl und ngen, e tavul vurde efung des e Ge⸗ danken vertreiben, die ſich ihrer unwillkürlich bemei⸗ ſterten,„wie geht es dem armen Voiture? wißt Ihr es vielleicht, Scarron?“ „Wie, Herr Voiture iſt krank?“ fragte der Herr, der mit Athos in der Rue Saint⸗Honoré geſprochen hatte;„wie iſt das gekommen?“ „Er ſpielte, ohne ſo vorſichtig zu ſein, von ſeinem Bedienten Hemden zum Wechſeln mitnehmen zu laſſen,“ erwiederte der Coadjutor;„ſo hat er ſich erkältet und liegt auf den Dod krank.“ „Wo dies?“ „Ei, mein Gott, bei mir. Denkt Euch, der arme Voiture hatte ein feierliches Gelübde gethan, nicht mehr zu ſpielen. Nach drei Tagen kann er es nicht mehr aushalten und begibt ſich nach dem erzbiſchöflichen Palaſt, um ſich von ſeinem Gelübde entbinden zu laſſen. Zum Unglück war ich in dieſem Angenblick in ſehr wichtigen Angelegenheiten mit dem guten Rath Brouſſel im Innerſten meiner Wohnung beſchäftigt, als Voiture den Marquis von Luynes, an einem Tiſche einen Spieler erwartend, erblickte. Der Marquis ruft ihn und ladet ihn ein, ſich an den Tiſch zu ſetzen; Voiture antwortet, er könne nicht eher ſpielen, als bis ich ihn ſeines Gelübdes entbunden habe. Luynes macht ſich in meinem Namen hiezu anheiſchig und nimmt die Sünde vorläufig auf ſich; Voiture ſetzt ſich an den Tiſch und verliert vierhundert Thaler, erkältet ſich bei ſeinem Abgang und legt ſich nieder, um nie mehr auf⸗ zuſtehen.“ „Steht es ſo ſchlimm mit dem lieben Voiture?“ fragte Aramis, halb hinter ſeinem Fenſtervorhang ver⸗ borgen. „Ach!“ antwortete Herr Menage,„es ſteht ſehr ſchlimm, der große Mann wird uns wahrſcheinlich ver⸗ laſſen, deseret orbem.“ „Gut!“ ſprach Fräulein Paulet mit einer gewiſſen Bitterkeit;„er ſterben? das hat keine Noth! er iſt um⸗ 34 zu, indem er ihm zugleich mit der Fingerſpitze ein Freundſchaftszeichen machte. „Verzeiht, mein lieber Abbé,“ ſagte er zu ihm, u3r ſeid im Rückſtand und ich muß Euch ein Geſchenk machen.“ 3„Womit?“ fragte Aramis. „Mit einer Hutſchnur.“ Jedermann wandte ſich nach dem Coadjutor um, der aus ſeiner Taſche eine ſeidene Schnur von ſonder⸗ barer Form zog. „Das iſt eine Schleuder,“*) ſagte Scarron. „Ganz richtig,“ erwiederte der Coadjutor,„man macht gegenwärtig Alles à la fronde. Fräulein Pau⸗ let, ich habe für Euch einen Fächer à la fronde. Ich gebe Euch meinen Handſchuhhändler, d'Herblay, er macht Handſchuhe à la fronde; und Euch, Scarron, meinen Bäcker mit einem unbeſchränkten Credit, er macht vortreffliche Brode à la fronde.“ Aramis nahm das Band und knüpfte es um ſeinen ut. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Lackei rief mit lauter Stimme: „Die Frau Herzogin von Chevreuſe.“ Bei dem Namen von Frau von Chevreuſe erhoben ſich alle Anweſende. Scarron wandte raſch ſeinen Stuhl der Thüre zu. Athos machte Aramis ein Zeichen, und dieſer ſtellte ſich in eine Fenſtervertiefung. Mitten unter dieſen achtungsvollen Begrüßungen, welche man der Herzogin zollte, ſuchte ſie irgend Je⸗ mand oder irgend Etwas. Endlich bemerkte ſte Raoul und ihre Augen funkelten; ſie erblickte Athos und wurde träumeriſch; ſie ſah Aramis in ſeiner Fenſtervertiefung und machte eine kaum wahrnehmbare Bewegung des Erſtaunens hinter ihrem Fächer. „Ei, ſagt doch,“ ſprach ſie, als wollte ſie die Ge⸗ *) Une fronde. —&—— —— 4 geben von Sultaninnen, wie ein Türke. Frau von Saintot iſt herbeigelaufen und gibt ihm Fleiſchbrühe, die Renaudot wärmt ihm ſeine Tücher, und alle Welt, unſere Freundin, die Marquiſe von Rambuuillet, nicht ausgenommen, ſchickt ihm Tiſanen.“ „Ihr liebt ihn nicht, meine liebe Parthenie,“ ſagte Secarron lachend. „O! welche ungerechtigkeit, mein lieber Kranker, ich haſſe ihn ſo wenig, daß ich mit Vergnügen Meſſen für die Ruhe ſeiner Seele leſen laſſen würde.“ „Nicht umſonſt nennt man Euch die Löwin, meine Liebe,“ ſagte Frau von Chevreuſe,„Ihr beißt ſcharf.“ „Ihr mißhandelt einen großen Dichter, wie es mir ſcheint,“ wagte Raoul zu bemerken. „Ein großer Dichter, er?.. geht; man ſieht wohl, Vicomte, daß Ihr aus der Provinz kommt, wie Ihr mir vorhin ſagtet, und daß Ihr ihn nie geſehen habt. Er! ein großer Dichter? er mißt kaum fünſ Fuß.“ „Bravo! bravo!“ rief ein langer, vertrockneter, ſchwarzer Mann mit einem ſtolzen Schnurrbart und einem ungeheuren Raufdegen.„Bravo, ſchöne Paulet; es iſt endlich Zeit, dieſen kleinen Voiture auf ſeinen Flatz zu verweiſen. Ich erkläre unumwunden, daß ich mich auf die Poeſie zu verſtehen glaube und daß ich die ſeinige immer abſcheulich gefunden habe.“ Athos. Herr von Seudery.“ „Der Verfaſſer der Clélin und des Grand Cyrus.“ „Werke, die er auf halbe Rechnung mit ſeiner Schweſter gemacht hat, welche in dieſem Augenblick mit der hübſchen Perſon da unten neben Herrn Searron plaudert.“ Ravul wandte ſich lebhaft um und ſah wirklich zwei neue Erſcheinungen, die er zuvor nicht bemerkt hatte; die eine war reizend, aber ſchwächlich und traurig, „Wer iſt denn dieſer Großſprecher?“ fragte Raoul 35 danken vertreiben, die ſich ihrer unwillkürlich bemei⸗ ſterten,„wie geht es dem armen Voiture? wißt Ihr es vielleicht, Scarron?“ „Wie, Herr Voiture iſt krank?“ fragte der Herr, der mit Athos in der Rue Saint⸗Honoré geſprochen hatte;„wie iſt das gekommen?“ „Er ſpielte, ohne ſo vorſichtig zu ſein, von ſeinem Bedienten Hemden zum Wechſeln mitnehmen zu laſſen,“ erwiederte der Coadjutor;„ſo hat er ſich erkältet und liegt auf den Tod krank.“ 1 „Wo dies?“ „Ei, mein Gott, bei mir. Denkt Euch, der arme Voiture hatte ein feierliches Gelübde gethan, nicht mehr zu ſpielen. Nach drei Tagen kann er es ni mehr aushalten und begibt ſich nach dem erzbiſchöflichen Palaſt, um ſich von ſeinem Geluͤbde entbinden zu laſſen. Zum Unglück war ich in dieſem Augenblick in ſehr wichtigen Angelegenheiten mit dem guten Rath Brouſſel im Innerſten meiner Wohnung beſchäftigt, als Voiture den Marquis von Luynes, an einem Tiſche einen Spieler erwartend, erblickte. Der Marquis ruft ihn und ladet ihn ein, ſich an den Tiſch zu ſetzen; Voiture antwortet, er könne nicht eher ſpielen, als bis ich ihn ſeines Gelübdes entbunden habe. Luynes macht ſich in meinem Namen hiezu anheiſchig und nimmt die Sünde vorläufig auf ſich; Voiture ſetzt ſich an den Tiſch und verliert vierhundert Thaler, erkältet ſich bei ſeinem Abgang und legt ſich nieder, um nie mehr auf⸗ zuſtehen.“ „Steht es ſo ſchlimm mit dem lieben Voiture?“ ſragte Aramis, halb hinter ſeinem Fenſtervorhang ver⸗ orgen. „Ach!“ antwortete Herr Menage,„es ſteht ſehr ſchlimm, der große Mann wird uns wahrſcheinlich ver⸗ laſſen, deseret orbem.“ „Gut!“ ſprach Fräulein Paulet mit einer gewiſſen Bitterkeit;„er ſterben? das hat keine Noth! er iſt um⸗ * n e, it, ht te er, ſen ine nir eht wie hen ß.“ 1 und let; nen ich ich aoul und iner mit rron klich merkt urig, von hübſchen ſchwarzen Haaren umrahmt, mit blauen, ſammetartigen Augen, den ſchönen Dreifaltigkeitsblumen ähnlich, unter denen ein goldener Kelch glänzt; die andere Frau ſchien dieſe gleichſam zu bevormunden, ſah kalt, vertrocknet und gelb aus, ein wahres Duennen⸗ oder Andächtlerinnen-Geſicht. Ravul gelobte ſich, den Salon nicht zu verlaſſen, ohne mit dem hübſchen jungen Mädchen mit den Sam⸗ metaugen geſprochen zu haben, das ihn durch ein ſelt⸗ ſames Gedankenſpiel, obgleich es ihr nicht ähnlich war, an ſeine arme kleine Louiſe erinnerte, die er leidend im Schloſſe la Vallisre zurückgelaſſen und mitten unter dieſer Welt einen Augenblick vergeſſen hatte. Während dieſer Scene näherte ſich Aramis dem Coadjutor, der ihm mit lachender Miene ein paar Worte in das Ohr ſagte. Aramis konnte ſich trotz ſei⸗ ner Selbſtbeherrſchung einer leichten Bewegung nicht enthalten. „Lacht doch,“ ſagte Herr von Retz,„man beobachtet uns.“ Und er verließ ihn, um mit Frau von Chevreuſe zu plaudern, welche einen großen Kreis um ſich ver⸗ ſammelt hatte. Aramis ſtellte ſich, als lachte er, um die Aufmerk⸗ ſamkeit einiger neugierigen Zuhörer abzulenken, und da er bemerkte, daß Athos ſich in die Vertiefung des Fen⸗ ſters zurückgezogen hatte, an welchem er einige Zeit geblieben war, ſo ſchleuderte er ein paar Worte rechts und links und ging dann wieder zu ihm, mit einem Weſen, als ob dies ohne irgend eine Abſicht geſchähe. Sobald ſie wieder beiſammen waren, knüpften ſie ein von vielen Geberden begleitetes Geſpräch an. Raoul näherte ſich ihnen, wie ihm Athos aufge⸗ tragen hatte. „Der Herr Abbs gibt mir ein Ringelgedicht von Voiture zum Beſten,“ ſagte Athos mit lauter Stimme, „und ich finde es ganz unvergleichlich.“ Raoul blieb einige Augenblicke in ihrer Nähe und 36 geben von Sultaninnen, wie ein Türke. Frau von Saintot iſt herbeigelaufen und gibt ihm Fleiſchbrühe, die Renaudot wärmt ihm ſeine Tücher, und alle Welt, unſere Freundin, die Marquiſe von Rambouillet, nicht ausgenommen, ſchickt ihm Tiſanen.“ „Ihr liebt ihn nicht, meine liebe Parthenie,“ ſagte Scarron lachend. „O! welche Ungerechtigkeit, mein lieber Kranker, ich haſſe ihn ſo wenig, daß ich mit Vergnügen Meſſen für die Ruhe ſeiner Seele leſen laſſen würde.“ „Nicht umſonſt nennt man Euch die Löwin, meine Liebe,“ ſagte Frau von Chevreuſe,„Ihr beißt ſcharf.“ „Ihr mißhandelt einen großen Dichter, wie es mir ſcheint,“ wagte Raoul zu bemerken. „Ein großer Dichter, er?... geht; man ſieht wohl, Vicomte, daß Ihr aus der Provinz kommt, wie Ihr mir vorhin ſagtet, und daß Ihr ihn nie geſehen habt. Er! ein großer Dichter? er mißt kaum fünf Fuß.“ „Bravo! bravo!“ rief ein langer, vertrockneter, ſchwarzer Mann mit einem ſtolzen Schnurrbart und einem ungeheuren Raufdegen.„Bravo, ſchöne Paulet; es iſt endlich Zeit, dieſen kleinen Voiture auf ſeinen Platz zu verweiſen. Ich erkläre unumwunden, daß ich mich auf die Poeſie zu verſtehen glaube und daß ich die ſeinige immer abſcheulich gefunden habe.“ „Wer iſt denn dieſer Großſprecher?“ fragte Raoul Athos. „Herr von Scudery.“ „Der Verfaſſer der Clélin und des Grand Cyrus.“ 5 „Werke, die er auf halbe Rechnung mit ſeiner Schweſter gemacht hat, welche in dieſem Augenblick mit der hübſchen Perſon da unten neben Herrn Scarron plaudert.“ Raoul wandte ſich lebhaft um und ſah wirklich zwei neue Erſcheinungen, die er zuvor nicht bemerkt hatte; die eine war reizend, aber ſchwächlich und traurig, vermiſchte ſich dann mit der Gruppe von Frau von Chevreuſe, zu der Fräulein Paulet von der einen Seite und Fräulein von Seudery von der andern getreten waren. „Ich, meines Theils,“ ſagte der Coadjutor,„ich würde mir die Freiheit nehmen, nicht ganz der Mei⸗ nung von Herrn von Seudery zu ſein; ich finde im Gegentheil, daß Herr von Voiture ein Dichter iſt, aber ein reiner Dichter. Die politiſchen Gedanken fehlen ihm ganz und gar.“ „Alſo?“ fragte Athos. „Morgen,“ erwiederte Aramis haſtig. „Um wie viel Uhr?“ „Um Uhr.“ „In Saint⸗Mandé.“ „Wer hat es Euch geſagt?“ „Der Graf von Rochefort.“ Es näherte ſich Jemand. „Und die philoſophiſchen Ideen? ſie fehlten dieſem armen Voiture ebenfalls. Ich ſchließe mich der Anſicht des Herrn Coadjutor an: ein reiner Dichter. „Ja, gewiß, in der Poeſie war er vortrefflich,“ ſprach Menage,„und doch wird ihm die Nachwelt, wäh⸗ rend ſie ihn bewundert, Eines zum Vorwurf machen: daß er in das Verſedichten zu große Freiheit brachte; er hat die Freiheit getödtet, ohne es zu wiſſen.“ „Getödtet? das iſt das richtige Wort,“ ſagte Seudery. „Doch welche Meiſterwerke ſind ſeine Briefe?“ ſprach Frau von Chevreuſe. „Oh! in dieſer Beziehung,“ verſetzte Fräulein von Seudery,„iſt er eine wahre Erhabenheit.“ „Allerdings,“ ſprach Fräulein Paulet,„aber nur fo lange er ſcherzt; denn im ernſten Briefe iſt er in der That höchſt kläglich, und wenn er die Dinge nicht auf 37 von hübſchen ſchwarzen Haaren umrahmt, mit blauen, ſammetartigen Augen, den ſchönen Dreifaltigkeitsblumen ähnlich, unter denen ein goldener Kelch glänzt; die andere Frau ſchien dieſe gleichſam zu bevormunden, ſah kalt, vertrocknet und gelb aus, ein wahres Duennen⸗ oder Andächtlerinnen⸗Geſicht. Raoul gelobte ſich, den Salon nicht zu verlaſſen, ohne mit dem hübſchen jungen Mädchen mit den Sam⸗ metaugen geſprochen zu haben, das ihn durch ein ſelt⸗ ſames Gedankenſpiel, obgleich es ihr nicht ähnlich war, an ſeine arme kleine Louiſe erinnerte, die er leidend im Schloſſe la Valliére zurückgelaſſen und mitten unter dieſer Welt einen Augenblick vergeſſen hatte. Während dieſer Seene näherte ſich Aramis dem Coadjutor, der ihm mit lachender Miene ein paar Worte in das Ohr ſagte. Aramis konnte ſich trotz ſei⸗ ner Selbſtbeherrſchung einer leichten Bewegung nicht enthalten. „Lacht doch,“ ſagte Herr von Retz,„man beobachtet uns.“ Und er verließ ihn, um mit Frau von Chevreuſe zu plaudern, welche einen großen Kreis um ſich ver⸗ ſammelt hatte. Aramis ſtellte ſich, als lachte er, um die Aufmerk⸗ ſamkeit einiger neugierigen Zuhörer abzulenken, und da er bemerkte, daß Athos ſich in die Vertiefung des Fen⸗ ſters zurückgezogen hatte, an welchem er einige Zeit geblieben war, ſo ſchleuderte er ein paar Worte rechts und links und ging dann wieder zu ihm, mit einem Weſen, als ob dies ohne irgend eine Abſicht geſchähe. Sobald ſie wieder beiſammen waren, knüpften ſte ein von vielen Geberden begleitetes Geſpräch an. Raoul näherte ſich ihnen, wie ihm Athos aufge⸗ tragen hatte. „Der Herr Abbé gibt mir ein Ringelgedicht von Voiture zum Beſten,“ ſagte Athos mit lauter Stimme, „und ich finde es ganz unvergleichlich.“ 8 Raoul blieb einige Augenblicke in ihrer Nähe und n te ch i⸗ m er en em cht 53 ih⸗ en: te; gte 22 von r fo der auf 39 eine rauhe, grobe Weiſe ſagen darf, ſo müßt Ihr zu⸗ geſtehen, daß er ſie ſehr ſchlecht ſagt.“ „Aber Ihr müßt auch wenigſtens bekennen, daß er im Scherze unnachahmlich iſt.“ „Ja, gewiß,“ rief Seudery, ſeinen Schnurrbart drehend;„aber ich ſfinde nur ſeine Komik gezwungen und ſeinen Scherz zu vertraulich. Man ſehe ſeinen Brief des Karpfen am Spieße.“ „Abgeſehen davon,“ verſetzte Menage,„daß ſeine beſten Eingebungen ihm vom Hotel Rambyuillet zu⸗ famen. Leſt nur Zelide und Alcidolée.“ „Was mich betrifft,“ ſprach Aramis, indem er ſich dem Kreiſe näherte und ſich ehrfurchtsvoll vor Frau von Chevreuſe verbengte, welche ſeinen Gruß mit einem ehrfurchtsvollen Lächeln erwiedertez„was mich betrifft, ſo klage ich ihn noch an, daß er ſich zu frei gegen die Großen benommen hat. Er verfehlte ſich oft gegen die Frau Prinzeſſin, gegen den Herrn Marſchall d'Albret, gegen Herrn von Schomberg und ſogar gegen die Koͤnigin.“ „Wie, gegen die Königin?“ fragte Seudery, das rechte Bein ausſtreckend, als wollte er in einem Zwei⸗ kampfe ausfallen.„Mord und Tod! das wußte ich nicht! Und wie hat er ſich gegen die Königin verfehlt?“ „Kennt Ihr nicht ſein Gedicht: Je pensais?“ „Nein,“ ſagte Frau von Chevreuſe. „Nein,“ ſagte Fräulein von Seuderh. „Nein,“ fagte Fränlein Paulet. „In der That, ich glaube, die Königin hat es nur wenigen Perſonen mitgetheilt; aber ich habe es aus ſichern Händen.“ „Und Ihr wißt es auswendig?“ „Ich werde mich, glaube ich, erinnern.⸗ „Laßt hören, laßt hören!“ riefen alle Stimmen. „Man vernehme, bei welcher Gelegenheit es ge⸗ macht wurde,“ ſagte Aramis.„Herr von Voiture be⸗ fand ſich im Wagen der Königin, welche unter vier 38 vermiſchte ſich dann mit der Gruppe von Frau von Chevreuſe, zu der Fräulein Paulet von der einen Seite und Fräulein von Scudery von der andern getreten waren. „Ich, meines Theils,“ ſagte der Coadjutor,„ich würde mir die Freiheit nehmen, nicht ganz der Mei⸗ nung von Herrn von Seudery zu ſein; ich finde im Gegentheil, daß Herr von Voiture ein Dichter iſt, aber ein reiner Dichter. Die politiſchen Gedanken fehlen ihm ganz und gar.“ „Alſo?“ fragte Athos. „Morgen,“ erwiederte Aramis haſtig. „Um wie viel Uhr?“ „Um ſechs Uhr.“ Wo?“ „In Saint⸗Mandé.“ „Wer hat es Euch geſagt?“ „Der Graf von Rochefort.“ Es näherte ſich Jemand. 4 „Und die philoſophiſchen Ideen? ſie fehlten dieſem armen Voiture ebenfalls. Ich ſchließe mich der Anſicht des Herrn Coadjutor an: ein reiner Dichter. „Ja, gewiß, in der Poeſie war er vortrefflich,“ ſprach Menage,„und doch wird ihm die Nachwelt, wäh⸗ rend ſie ihn bewundert, Eines zum Vorwurf machen: daß er in das Verſedichten zu große Freiheit brachte; der hat die Freiheit getödtet, ohne es zu wiſſen.“ „Getödtet? das iſt das richtige Wort,“ ſagte Seudery. „Doch welche Meiſterwerke ſind ſeine Briefe?“ ſprach Frau von Chevreuſe. 4 „Ohl in dieſer Beziehung,“ verſetzte Fräulein von Secudery,„iſt er eine wahre Erhabenheit.“ „Allerdings,“ ſprach Fräulein Paulet,„aber nur ſo lange er ſcherzt; denn im ernſten Briefe iſt er in der That höchſt kläglich, und wenn er die Dinge nicht auf d v e ſe x 8 g 5 2 t — ⏑△ 40 Augen mit ihm im Walde von Fontainebleau ſpazieren fuhr. Er ſtellte ſich, als dächte er, damit ihn die Kö⸗ nigin frage, woran er dächte, was auch nicht ausblieb. Woran denkt Ihr, Herr Voiture?““ ſagte Ihre Voilure lächelte, gab ſich den Anſchein, als über⸗ legte er fünf Secunden, damit man glauben möchte, er improviſire und erwiederte: Je pensais que la destinée, Aprés tant d'injustes malheurs, Vous a justement couronnée De gloire, d'éclat et dhonneurs; Mais que vous étiez plus hereuse Lorsque vous 6tiez autrefois, Je ne dirai pas amoureuse... La reine le veut toutefois.*) Seudery, Menage und Fräulein Paulet zuckten die Achſeln. „Geduld, Geduld,“ ſprach Aramis,„es hat drei Strophen.“ „Oh, ſagt lieber drei Couplets,“ verſetzte Fräu⸗ lein von Seudery,„es iſt höchſtens ein Lied.“ Je pensais que ce pauvre Amour, Qui toujours vous préta ses armes, Est hanni loin de votre cour, Sans ses traits, son arc et ses charmes; *) Ich dachte, ſchoͤne Koͤnigin, Dab nach ſo vielen Schickſals⸗Dunkeln Nun endlich Glanz und Ruhm und Ehr' Um Eure wuͤrd'ge Krone funkeln. Doch ſchoͤner waren Eure Tage, Dem Berzen ſuͤßeren Gewinn Bot Dir— ich will nicht Liebe ſagen, Doch ſelber will's die Koͤnigin. R Gr ab ver nic Kr der hal h 39 eine rauhe, grobe Weiſe ſagen darf, ſo müßt Ihr zu⸗ geſtehen, daß er ſie ſehr ſchlecht ſagt.“ AAber Ihr müßt auch wenigſtens bekennen, daß er im Scherze unnachahmlich iſt.“ „Ja, gewiß,“ rief Seudery, ſeinen Schnurrbart drehend;„aber ich finde nur ſeine Komik gezwungen und ſeinen Scherz zu vertraulich. Man ſehe ſeinen Brief des Karpfen am Spieße.“ „Abgeſehen davon,“ verſetzte Menage,„daß ſeine beſten Eingebungen ihm vom Hotel Ramböouillet zu⸗ kamen. Leſt nur Zelide und Alceidolée.“ „Was mich betrifft,“ ſprach Aramis, indem er ſich dem Kreiſe näherte und ſich ehrfurchtsvoll vor Frau von Chevreuſe verbeugte, welche ſeinen Gruß mit einem ehrfurchtsvollen Lächeln erwiederte;„was mich betrifft, ſo klage ich ihn noch an, daß er ſich zu frei gegen die Großen benommen hat. Er verfehlte ſich oft gegen die Frau Prinzeſſin, gegen den Herrn Marſchall d'Albret, gegen Herrn von Schomberg und ſogar gegen die Königin.“ „Wie, gegen die Königin?“ fragte Seudery, das rechte Bein ausſtreckend, als wollte er in einem Zwei⸗ kampfe ausfallen.„Mord und Tod! das wußte ich nicht! Und wie hat er ſich gegen die Königin verfehlt?“ „Kennt Ihr nicht ſein Gedicht: Je pensais?“ „Nein,“ ſagte Frau von Chevreuſe. „Nein,“ ſagte Fräulein von Seudery. „Nein,“ ſagte Fränlein Paulet. „In der That, ich glaube, die Königin hat es nur wenigen Perſonen mitgetheilt; aber ich habe es aus ſichern Händen.“ „Und Ihr wißt es auswendig?“ „Ich werde mich, glaube ich, erinnern.“ „Laßt hören, laßt hören!“ riefen alle Stimmen. „Man vernehme, bei welcher Gelegenheit es ge⸗ macht wurde,“ ſagte Aramis.„Herr von Voiture be⸗ fand ſich im Wagen der Königin, welche unter vier eren ieb. Fhre ber⸗ hte, 41 Et de quoi je puis proſiter En passant prés de vous, Marie, Si vous pouvez si maltraiter Ceux qui vous ont si bien servie. 4) „Oh, was den letzten Zug betrifft,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„ſo weiß ich zwar nicht, ob er den Regeln der Poeſie entſpricht, aber ich bitte dafür um Gnade, weil es eine Wahrheit iſt. Und Frau von Hautefort und Frau von Senecey werden ſich mit mir, abgeſehen von Herrn von Beaufort, nöthigen Falls verbinden.“ „Geht, geht,“ ſprach Scarron,„das kümmert mich nicht. Seit dieſem Morgen bin ich nicht mehr ihr Kranker.“ „Und das letzte Couplet?“ ſagte Fräulein von Seuderh;„laßt das letzte Couplet hören.“ „Sogleich,“ erwiederte Aramis;„es hat dieſes den Vortheil, daß es ſich der Eigennamen bedient, weß⸗ halb man ſich nicht täuſchen kann.“ Je pensais— nous autres poötes, Nous pensons exRtravagammant,— Ce que dans Thumeur ou vous étes Vous feriez si dans ce moment *) Ich dachte, ach, der arme Amor Iſt weit verbannt von Euch gezogen, Einſt wohl der treuſte Waffenknecht Irrt er jetzt ohne Pfeil und Bogen; Und was als Waffe mir ſoll dienen, Wenn ich Euch nahe, Königin, Da Ihr der treuſten Diener Berzen So oft gequält mit ſtolzem Sinn. Zwanzig Jahre nachher. II. 4 40 Augen mit ihm im Walde von Fontainebleau ſpazieren fuhr. Er ſtellte ſich, als dächte er, damit ihn die Kö⸗ nigin frage, woran er dächte, was auch nicht ausblieb. „„Woran denkt Ihr, Herr Voiture?““ ſagte Ihre Majeſtät. Voiture lächelte, gab ſich den Anſchein, als über⸗ legte er fünf Secunden, damit man glauben möchte, er improviſire und erwiederte: Je pensais que la destinée, Aprés tant d'injustes malheurs, Vous a justement couronnée De gloire, d'éclat et d'honneurs; Mais que vous étiez plus hereuse Lorsque vous étiez autrefois, Je ne dirai pas amoureuse.... La reine le veut toutefois.*) Scudery, Menage und Fräulein Paulet zuckten die Achſeln. „Geduld, Geduld,“ ſprach Aramis,„es hat drei Strophen.“ „Oh, ſagt lieber drei Couplets,“ verſetzte Fräu⸗ lein von Seudery,„es iſt höchſtens ein Lied.“ 3* Je pensais que ce pauvre Amour, Qui toujours vous prèêta ses armes, Est banni loin de votre cour, Sans ses traits, son arc et ses charmes; **) Ich dachte, ſchoͤne Koͤnigin, Daß nach ſo vielen Schickſals⸗Dunkeln Nun endlich Glanz und Ruhm und Ehr' . Um Eure wuͤrd'ge Krone funkeln. Doch ſchoͤner waren Eure Tage, Dem Herzen ſuͤßeren Gewinn Bot Dir— ich will nicht Liebe ſagen, Doch ſelber will's die Koͤnigin. 42 Vous avisiez en cette place Venir le duc de Buckingham, Et lequel serait en disgräce Du duc ou du pére Vincent. 2) Bei dieſer letzten Strophe erſcholl nur ein Schrei über die Unverſchämtheit von Voiture. „Ich habe das Unglück, dieſe Verſe reizend zu finden,“ ſprach das junge Mädchen mit den Sammet⸗ augen. Das war auch die Meinung von Raoul, der ſich Searron näherte und erröthend zu ihm ſprach: „Herr Scarron, erweist mir die Ehre und ſagt mir gefälligſt, wer die junge Dame iſt, die allein ihre Meinung gegen dieſe ganze erhabene Verſammlung ausſpricht.“ „Ah, ah, mein junger Vicomte,“ erwiederte Scar⸗ ron,„ich glaube, Ihr habt Luſt, ihr eine Vertheidi⸗ gungs⸗ und Angriffs⸗Allianz anzubieten.“ Raoul erröthete abermals und ſagte:„Ich geſtehe, ich finde dieſe Verſe ſehr hübſch.“ „Sie find es auch,“ verſetzte Searron,„aber ſtille unter Dichtern ſpricht man ſolche Dinge nicht aus.“ „Aber ich bin kein„Dichter,“ entgegnete Ravul, „und ich fragte Euch.. „Es iſt wahr, wer die junge Dame wäre; nicht ſo? Es iſt die ſchöne Indianerin.“ **) Ich dachte,— wir Poeten folgen Der wilden Phantaſieen Spiel,— Was in der Laune heitrem Treiben Euch wohl zu wählen jetzt gefiel: Wenn plotzlich Bucngbem hier ſtünde, Wer mehr verpoͤnt an dieſem Ort, An dem zu weilen mir vergoͤnnt, Ob Pater Vincent, 1) ob der Lord. 4) Der Beſichtvater der Koͤnigin. 28 c = 8 2 3 8 41 Et de quoi je puis proſiter En passant près de vous, Marieᷣ Si vous pouvez si maltraiter Ceux qui vous ont si bien servie.*) „Oh, was den letzten Zug betrifft,“ ſprach Frau von Chevreuſe,„ſo weiß ich zwar nicht, ob er den Regeln der Poeſie entſpricht, aber ich bitte dafür um Gnade, weil es eine Wahrheit iſt. Und Frau von Hautefort und Frau von Senecey werden ſich mit mir, abgeſehen von Herrn von Beaufort, nöthigen Falls verbinden.“. „Geht, geht,“ ſprach Secarron,„das kümmert mich nicht. Seit dieſem Morgen bin ich nicht mehr ihr „Und das letzte Couplet?“ ſagte Fräulein von Scudery;„laßt das letzte Couplet hören.“ „Sogleich,“ erwiederte Aramis;„es hat dieſes den BVortheil, daß es ſich der Eigennamen bedient, weß⸗ halb man ſich nicht täuſchen kann.“ 5 Je pensais— nous autres poëtes, Nous pensons extravagammant,— Ce que dans l'humeur oùð vous étes Vous feriez si dans ce moment 4*) Ich dachte, ach, der arme Amor Iſt weit verbannt von Euch gezogen, Einſt wohl der treuſte Waffenknecht Irrt er jetzt ohne Pfeil und Bogen; Und was als Waſſe mir ſoll dienen, Wenn ich Euch nahe, Koͤnigin, Da Ihr der treuſten Diener Herzen So oft gequölt mit ſiolzem Sinn. Zwanzig Jahre nachher. II. 4 hrei zu met⸗ ſich ſagt ihre lung car⸗ eidi⸗ tehe, aber nicht wul, nicht 43 „Wollt mich entſchuldigen, mein Herr,“ ſagte Raoul erröthend,„aber ich weiß nicht mehr als zuvvr. Ach, ich bin ein Provinzbewohner.“ „Womit Ihr ſagen wollt, Ihr verſtehet nicht viel von dem Bombaſt, der hier von allen Lippen fließt. Deſto beſſer, junger Mann, deſto beſſer! Sucht es nicht zu verſtehen, Ihr verliert dabei nur Eure Zeit, und wenn Ihr es einmal verſteht, wird man hoffentlich nicht mehr ſo ſprechen.“ „Ihr verzeiht mir alſo, Herr,“ verſetzte Raoul, „und habt die Güte, mir zu ſagen, wer die Perſon iſt, die Ihr die ſchöne Indianerin nennt.“ „Ja, gewiß, es iſt eines von den reizendſten Seitr⸗ die da leben: Fränlein Frangoiſe dAu⸗ igné.“. „Gehört ſie zu der Familie des bekannten Agrippa, des Freundes von König Heinrich Iv.2“ „Sie iſt ſeine Enkelin und kommt von Martinique, weßhalb ich ſie die ſchöne Indianerin nenne.“ Raoul öffnete weit ſeine großen Augen und ſie begegneten denen der jungen Dame, welche lächelte. Man ſprach immer noch von Voiture. „Mein Herr,“ ſagte Fräulein d Aubigné, ſich eben⸗ falls an Scarron wendend, als wollte ſie in das Ge⸗ ſpräch eintreten, das er mit dem jungen Viecomte führte,„bewundert Ihr nicht die Freunde des armen Voiture? Aber hört doch, wie ſie ihm die Federn aus⸗ rupfen, während ſie ihn loben! Der Eine nimmt ihm den geſunden Menſchenverſtand, der Andere die Poeſie, der Dritte die Originalität, ein Anderer die Komik⸗ und wieder ein Anderer die Unabhängigkeit u. ſ. f. Ei, mein Gott, was werden ſie dieſer vollkommenen Er⸗ habenheit, wie ihn Fräulein von Seudery nannte, noch laſſen?“ Searron lachte und Ravoul ebenfalls. Erſtaunt über die Wirkung, die ſie hervorgebracht ſchlug 42² Venir le duc de Buckingham, Et lequel serait en disgräce Du duc ou du pere Vincent.*) Bei dieſer letzten Strophe erſcholl nur ein Schrei über die Unverſchämtheit von Voiture. 4 „Ich habe das Unglück, dieſe Verſe reizend zu finden,“ ſprach das junge Mädchen mit den Sammet⸗ augen. 3 Das war auch die Meinung von Raoul, der ſich Scarron näherte und erröthend zu ihm ſprach: „Herr Scarron, erweist mir die Chre und ſagt mir gefälligſt, wer die junge Dame iſt, die allein ihre Meinung gegen dieſe ganze erhabene Verſammlung ausſpricht.“ 3 „Ah, ah, mein junger Vieomte,“ erwiederte Scar⸗ ron,„ich glaube, Ihr habt Luſt, ihr eine Vertheidi⸗ gungs⸗ und Angriffs⸗Allianz anzubieten.“ Raoul erröthete abermals und ſagte:„Ich geſtehe, ich finde dieſe Verſe ſehr hübſch.“ „Sie ſind es auch,“ verſetzte Scarron,„aber ſtille; unter Dichtern ſpricht man ſolche Dinge nicht aus.“ „Aber ich bin kein Dichter,“ entgegnete Raoul, „und ich fragte Euch...“.. „Es iſt wahr, wer die junge Dame wäre; nicht ſo?„Es iſt die ſchöne Indianerin.“ *) Ich dachte,— wir Poeten folgen Der wilden Phantaſieen Spiel,— Was in der Laune heitrem Treiben Euch wohl zu waͤhlen jetzt gefiel: Wenn ploͤtzlich Buckingham hier ſtünde, Wer mehr verpoͤnt an dieſem Ort, An dem zu weilen mir vergoͤnnt, Ob Pater Vincent, 1) ob der Lord. 1) Der Beichtvater der Koͤnigin. Vous avisiez en cette place die ſchöne Indianerin die Augen nieder und nahm wie⸗ der ihre naive Miene an. „Das iſt eine geiſtreiche Perſon,“ ſagte Raoul. Immer noch in der Fenſtervertiefung ſchweifte Athos, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, mit den Augen über dieſe Scene hin. „Ruft doch den Herrn Grafen de la Fere,“ ſagte Frau von Chevreuſe zu dem Coadjutor,„ich muß ihn ſprechen.“ „Und ich, erwiederte der Cvadjutor,„muß glauben machen, ich ſpreche nicht mit ihm. Ich liebe und be⸗ wundere ihn, denn ich kenne ſeine früheren Abenteuer, wenigſtens einige davon; aber ich kann ihn nicht wohl vor übermorgen begrüßen.““ „Und warum übermorgen?“ fragte Frau von Chevreuſe.“ „Ihr ſollt es morgen Abend erfahren,“ antwortete der Coadjutor lachend. „In der That, mein lieber Conti,“ ſagte die Herzogin,„Ihr ſprecht wie die Apokalypſe. Herr d'Her⸗ blay,“ fügte ſie, ſich nach Aramis umwendend, bei: „wollt Ihr wohl dieſen Abend noch einmal mein Die⸗ ner ſein?... „Wie, Herzogin,“ ſagte Aramis,„dieſen Abend? morgen, immer, befehlt!“ „Wohl, ſo holt mir den Grafen de la Fére, ich will mit ihm ſprechen.“ Aamte nherze ſich Athos und kehrte mit ihn zurück. einen Brief zuſtellend,„hier iſt das, was ich Euch ver⸗ ſprochen habe. Unſer Schützling wird eine vortreffliche Aufnahme finden.“ „Madame,“ ſprach Athos,„er iſt ſehr glücklich, daß er Euch etwas zu verdanken hat.“ „Ihr habt ihn in dieſer Beziehung nicht zu benei⸗ den; denn ich verdanke Euch ſeine Bekanntſchaft,“ ver⸗ Mein Herr Graf,“ ſagte die Herzogin, Athos ai 43 „Wollt mich entſchuldigen, mein Herr,“ ſagte Raoul erröthend,„aber ich weiß nicht mehr als zuvor. Ach, ich bin ein Provinzbewohner.“ „Womit Ihr ſagen wollt, Ihr verſtehet nicht viel von dem Bombaſt, der hier von allen Lippen fließt. Deſto beſſer, junger Mann, deſto beſſer! Sucht es nicht zu verſtehen, Ihr verliert dabei nur Eure Zeit, und wenn Ihr es einmal verſteht, wird man hoffentlich nicht mehr ſo ſprechen.“ „Ihr verzeiht mir alſo, Herr,“ verſetzte Raoul, „und habt die Güte, mir zu ſagen, wer die Perſon iſt, die Ihr die ſchöne Indianerin nennt.“ 4 „Ja, gewiß, es iſt eines von den reizendſten Geſchöpfen, die da leben: Fräulein Francoiſe d'Au⸗ bigné.“ 19„Gehört ſie zu der Familie des bekannten Agrippa, des Freundes von König Heinrich IV.?“ „Sie iſt ſeine Enkelin und kommt von Martinique, weßhalb ich ſie die ſchöne Indianerin nenne.“ Raoul öffnete weit ſeine großen Augen und ſie begegneten denen der jungen Dame, welche lächelte. Man ſprach immer noch von Voiture. „Mein Herr,“ ſagte Fräulein d'Aubigné, ſich eben⸗ falls an Scarron wendend, als wollte ſie in das Ge⸗ ſpräch eintreten, das er mit dem jungen Vicomte führte,„bewundert Ihr nicht die Freunde des armen Voiture? Aber hört doch, wie ſie ihm die Federn aus⸗ rupfen, während ſie ihn loben! Der Eine nimmt ihm den geſunden Menſchenverſtand, der Andere die Poeſie, der Dritte die Originalität, ein Anderer die Komik, und wieder ein Anderer die Unabhängigkeit u. ſ. f. Ei, mein Gott, was werden ſie dieſer vollkommenen Er⸗ habenheit, wie ihn Fräulein von Scudery nannte, noch laſſen?“. Scarron lachte und Raoul ebenfalls. Erſtaunt über die Wirkung, die ſie hervorgebracht Beite, ſchlug vie⸗ hos, igen agte ihn ben be⸗ uer, vohl rtete die Her⸗ bei: Die⸗ end? ich thos ver⸗ liche klich, enei⸗ ver⸗ 4⁵ ſetzte die boshafte Frau mit einem Lächeln, das Athos und Aramis an Marie Michon erinnerte. Und bei dieſen Worten ſtand ſie auf und befahl ihren Wagen. Fräulein Paulet war bereits wegge⸗ gangen, Fräulein von Seudery ging eben weg. „Vicomte,“ ſagte Athos, ſich an Rauul wendend, „folgt der Frau Herzogin von Chevreuſe, bittet ſie um die Gnade, beim Hinabſteigen Eure Hand zu nehmen und bedankt Euch bei ihr.“ Die ſchöne Indianerin näherte ſich Scarron, um ſich von ihm zu verabſchieden. „Ihr geht ſchon?“ ſagte er. „Ich bin eine von den Letzten, wie Ihr ſeht. Wenn Ihr Nachricht von Herrn Voiture bekommt und dieſelbe erfreulich iſt, ſo habt die Güte, mir ſie morgen zu⸗ kommen zu laſſen.“ „Oh, nun kann er ſterben!“ rief Scarron. „Wie ſo?“ ſagte das Mädchen mit den Sammet⸗ augen. „Ganz gewiß; ſeine Lobrede iſt gemacht.“ Und man trennte ſich lachend. Das junge Mädchen wandte ſich, um den armen Lahmen theilnehmend an⸗ zuſchauen. Der arme Lahme folgte ihr voll Liebe mit den Augen. Allmälig lichteten ſich die Gruppen. Scarron ſtellte ſich, als bemerkte er nicht, daß einige von ſeinen Gäſten geheimnißvoll mit einanber geſprochen hatten, daß Briefe für mehrere gekommen waren und daß ſeine Abendgeſellſchaft überhaupt einen geheimen Zweck ge⸗ habt zu haben ſchien, der ſich weit von der Literatur entfernte, über die indeſſen ſo viel Lärmen gemacht worden war. Aber was lag Scarron daran, man konnte jetzt in ſeinem Hauſe nach Gefallen ſchmähen und intriguiren: ſeit dieſem Morgen war er, wie er geſagt hakte, nicht mehr der Kranke der Königin. Ravul begleitete wirklich die Herzogin bis zu ihrem agen, wo ſie Platz nahm, indem ſie ihm ihre Hand 44 die ſchöne Indianerin die Augen nieder und nahm wie⸗ der ihre naive Miene an. „Das iſt eine geiſtreiche Perſon,“ ſagte Raoul. Immer noch in der Fenſtervertiefung ſchweifte Athos, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, mit den Augen über dieſe Scene hin. „Ruft doch den Herrn Grafen de la Fère,“ ſagte Frau von Chevreuſe zu dem Coadjutor,„ich muß ihn ſprechen.“ „Und ich, erwiederte der Coadjutor,„muß glauben machen, ich ſpreche nicht mit ihm. Ich liebe und be⸗ wundere ihn, denn ich kenne ſeine früheren Abenteuer, wenigſtens einige davon; aber ich kann ihn nicht wohl vor übermorgen begrüßen.“ „Und warum übermorgen 2“ fragte Frau von Chevreuſe.“. „Ihr ſollt es morgen Abend erfahren,“ antwortete der Coadjutor lachend. „In der That, mein lieber Conti,“ ſagte die Herzogin,„Ihr ſprecht wie die Apokalypſe. Herr d'Her⸗ blay,“ fügte ſie, ſich nach Aramis umwendend, bei: „wollt Ihr wohl dieſen Abend noch einmal mein Die⸗ ner ſein?... „Wie, Herzogin,“ ſagte Aramis,„dieſen Abend? morgen, immer, befehlt 1“ „Wohl, ſo holt mir den Grafen de la Fore, ich will mit ihm ſprechen.“ Aramis näherte ſich Athos und kehrte mit ihm zurück. „Mein Herr Graf,“ ſagte die Herzogin, Athos einen Brief zuſtellend,„hier iſt das, was ich Euch ver⸗ ſprochen habe. Unſer Schützling wird eine vortreffliche Aufnahme finden.“ „Madame,“ ſprach Athos,„er iſt ſehr glücklich, daß er Euch etwas zu verdanken hat.“ „Ihr habt ihn in dieſer Beziehung nicht zu benei⸗ den; denn ich verdanke Euch ſeine Bekanntſchaft,“ ver⸗ —2 46 zu küſſen gab⸗ Dann aber ergriff ſie ihn in einer von den tollen Launen, die ſie ſo anbetungswürdig und be⸗ ſonders ſo gefährlich machten, plötzlich beim Kopfe, küßte ihn auf die Stirne und ſprach: „Vicomte, möchten Euch meine Wünſche und die⸗ ſer Kuß Gläck bringen.“ Hienach ſtieß ſie ihn wieder zurück und befahl ihrem Kutſcher, nach dem Hotel Luynes zu fahren. Der Wagen entfernte ſich. Frau von Chevreuſe machte dem jungen Manne ein letztes Zeichen durch den Schlag, und Ravul ſtieg ganz verblüfft wieder die Treppe hinauf. Athos begriff, was vorgegangen war. „Kommt, Vicomte,“ ſagte er, es iſt Zeit zum Rückzuge. Ihr reist morgen zu der Armee des Herrn Prinzen ab; ſchlaft Eure letzte bürgerliche Nacht gut.“ „Ich werde alſo Soldat,“ ſagte der Jüngling. „Ohi Herr, Dank, aus vollem Herzen Dank!“ „Adieu, Graf,“ ſprach der Abbé d'Herblay;„ich kehre in mein Kloſter zurück.“ „Adien, Abbé,“ ſagte der Coadjutor;„ich predige morgen und habe mich dieſen Abend noch über zwanzig Texte zu beſinnen.“ „Adieu, meine Herren,“ rief der Graf,„ich werde vier und zwanzig Stunden hinter einander ſchlafen, venn ich ſinke vor Müdigkeit beinahe um.“ Die drei Männer begrüßten ſich und gingen weg, nachdem ſie einen letzten Blick gewechſelt haiten. Searron folgte ihnen aus einem Winkel ſeines Auges durch die Thürvorhänge ſeines Salons. „Keiner von ihnen thut, was er ſagte,“ murmelte er mit ſeinem affenartigen Lächeln;„aber ſie mögen es ſo halten, die braven Leute! Wer weiß, ob ſie nicht arbeiten, daß ich meine Penſion zurückbekomme? Sie fönnen die Arme bewegen, das iſt viel! Ach! ich habe nur die Zunge, aber ich werde zu beweiſen ſuchen, daß dies auch etwas iſt. Holla! Champnois, es hat — „ 2, AN ——. 4⁵ ſetzte die boshafte Frau mit einem Lächeln, das Athos und Aramis an Marie Michon erinnerte. Und bei dieſen Worten ſtand ſie auf und befahl ihren Wagen. Fräulein Paulet war bereits wegge⸗ gangen, Fräulein von Scudery ging eben weg. „Vicomte,“ ſagte Athos, ſich an Raoul wendend, „folgt der Frau Herzogin von Chevreuſe, bittet ſie um die Gnade, beim Hinabſteigen Eure Hand zu nehmen und bedankt Euch bei ihr.“ Die ſchöne Indianerin näherte ſich Scarron, um ſich von ihm zu verabſchieden. „Ihr geht ſchon?“ ſagte er. „Ich bin eine von den Letzten, wie Ihr ſeht. Wenn Ihr Nachricht von Herrn Voiture bekommt und dieſelbe erfreulich iſt, ſo habt die Güte, mir ſie morgen zu⸗ kommen zu laſſen.“ „Oh, nun kann er ſterben!“ rief Scarron. „Wie ſo?“ ſagte das Mädchen mit den Sammet⸗ augen. „Ganz gewiß; ſeine Lobrede iſt gemacht.“ Und man trennte ſich lachend. Das junge Mädchen wandte ſich, um den armen Lahmen theilnehmend an⸗ zuſchauen. Der arme Lahme folgte ihr voll Liebe mit den Augen. Allmälig lichteten ſich die Gruppen. Scarron ſtellte ſich, als bemerkte er nicht, daß einige von ſeinen Gäſten geheimnißvoll mit einander geſprochen hatten, daß Briefe für mehrere gekommen waren und daß ſeine Abendgeſellſchaft überhaupt einen geheimen Zweck ge⸗ habt zu haben ſchien, der ſich weit von der Literatur entfernte, über die indeſſen ſo viel Lärmen gemacht worden war. Aber was lag Scarron daran, man konnte jetzt in ſeinem Hauſe nach Gefallen ſchmähen und intriguiren: ſeit dieſem Morgen war er, wie er geſagt hatte, nicht mehr der Kranke der Königin. Raoul begleitete wirklich die Herzogin bis zu ihrem Wagen, wo ſie Platz nahm, indem ſte ihm ihre Hand 2—— on be⸗ fe, ie⸗ em gen gen oul zum rrn ut.“ ing. „ich dige nzig erde afen, weg, ines nelte ögen nicht Sie habe chen, hat 47 eilf Uhr geſchlagen; rolle mich nach meinem Bette. In der That, das Fräulein dAubigné iſt ſehr reizend!“ Hienach verſchwand der arme Lahme in ſeinem Schlafzimmer, deſſen Thüre ſich hinter ihm ſchloß, und die Lichter erloſchen eines nach dem andern in dem Salon der Rue des Tuurnelles. III. Soaint-Denis. Der Tag graute, als Athos aufſtand und ſich an⸗ kleiden ließ; an ſeiner außergewöhnlichen Bläſſe und an den Spuren, welche die Ruheloſigkeit auf ſeinem Antlitz zurückgelaſſen hatte, ließ ſich leicht erkennen, daß er beinahe die ganze Nacht ohne zu ſchlafen zugebracht haben mußte. Gegen die Gewohnheit dieſes ſo feſten und entſchiedenen Mannes lag an dieſem Morgen etwas Langſames, Unentſchloſſenes in ſeinem ganzen Weſen. Es war ſo, weil er ſich mit den Vorbereitungen zu der Abreiſe von Raoul beſchäftigte und Zeit zu ge⸗ winnen ſuchte. Zuerſt putzte er ſelbſt ein Schwert, das er aus einem Etui von parfumirtem Leder nahm, un⸗ terſuchte, ob der Griff gehörig läge und ob die Klinge gut am Griffe befeſtigt wäre. Dann warf er in ein für den jungen Mann be⸗ ſtimmtes Felleiſen ein Säckchen voll Louisd'or, rief OHlivain— ſo hieß der Lackei, der ihm von Blois ge⸗ folgt war— und ließ ihn den Mantelſack in ſeiner Gegenwart packen, wobei er genau darüber wachte, daß alle für einen in das Feld ziehenden jungen Menſchen erforderliche Gegenſtände hineingelegt wurden. Nachdem er beinahe eine Stunde auf alle dieſe . 46 zu küſſen gab. Dann aber ergriff ſie ihn in einer von den tollen Launen, die ſie ſo anbetungswürdig und be⸗ ſonders ſo gefährlich machten, plötzlich beim Kopfe, küßte ihn auf die Stirne und ſprach: „Vicomte, möchten Euch meine Wünſche und die⸗ ſer Kuß Glück bringen.“ Hienach ſtieß ſie ihn wieder zurück und befahl ihrem Kutſcher, nach dem Hotel Luynes zu fahren. Der Wagen entfernte ſich. Frau von Chevreuſe machte dem jungen Manne ein letztes Zeichen durch den Schlag, und Rabul ſtieg ganz verblüfft wieder die Treppe hinauf. Athos begriff, was vorgegangen war. „Kommt, Vicomte,“ ſagte er,„es iſt Zeit zum Rückzuge. Ihr reist morgen zu der Armee des Herrn Prinzen ab; ſchlaft Eure letzte bürgerliche Nacht gut.“ „Ich werde alſo Soldat,“ ſagte der Jüngling. „Oh! Herr, Dank, aus vollem Herzen Dank!“ „Adieu, Graf,“ ſprach der Abbé d'Herblay;„ich kehre in mein Kloſter zurück.“ „Adieu, Abbé,“ ſagte der Coadjutor;„ich predige morgen und habe mich dieſen Abend noch über zwanzig Texte zu beſinnen.“ „Adieu, meine Herren,“ rief der Graf,„ich werde vier und zwanzig Stunden hinter einander ſchlafen, denn ich ſinke vor Müdigkeit beinahe um.“— Die drei Männer begrüßten ſich und gingen weg, nachdem ſie einen letzten Blick gewechſelt hatten. Searron folgte ihnen aus einem Winkel ſeines Auges durch die Thürvorhänge ſeines Salons. „Keiner von ihnen thut, was er fagte,“ murmelte er mit ſeinem affenartigen Lächeln;„aber ſie mögen es ſo halten, die braven Leute! Wer weiß, ob ſie nicht arbeiten, daß ich meine Penſion zurückbekomme? Sie können die Arme bewegen, das iſt viel! Ach! ich habe nur die Zunge, aber ich werde zu, beweiſen ſuchen, daß dies auch etwas iſt. Holla! Champnois, es hat —— 48 Dinge verwendet hatte, öffnete er die Thüre, welche in das Zimmer des Vicomte führte, und trat ſachte ein. Die bereits ſtrahlende Sonne drang in das Zimmer durch die breiten Fenſterflügel, deren Vorhänge zu ſchließen Ravul, ſpät zurückgekehrt, vergeſſen hatte. Den Kopf anmuthig auf den Arm gelehnt, ſchlief er noch. Seine langen, ſchwarzen Haare bedeckten halb ſeine reizende Stirne, welche feucht war von dem Dunſte, der in Perlen an den Wangen des müden Kindes herabrollte. Athos näherte ſich und ſchaute, den Körper vor⸗ gebeugt in einer Haltung voll zarter Schwermuth, lange den Jüngling mit dem lächelnden Munde, mit den halb geſchloſſenen Augenlidern an, deſſen Traum ſüß, deſſen Schlaf leicht ſein mußte, ſo viel Liebe und Sorg⸗ falt verwandte ſein Schutzengel auf ſeine ſtumme Be⸗ wachung. Allmälig ließ ſich Athos zu dem Zauber ſei⸗ ner Träumerei in Gegenwart dieſer ſo reichen, ſo reinen Jugend hinziehen. Seine Jugend tauchte wieder in ſeinem Innern auf, mit allen ihren ſüßen Erinnerungen, welche mehr Wohlgerüche ſind, als Gedanken. Zwiſchen dieſer Vergangenheit und der Gegenwart lag eine Kluft. Aber die Einbildungskraft hat den Flug des Engels und us Blitzes; ſie überſpringt die Meere, wo wir beinahe Schiffbruch gelitten hätten, durchdringt die Finſterniß, in der ſich unſere Illuſtonen verloren haben, fliegt über die Abgründe, in die unſer Glück geſtürzt iſt. Er dachte daran, daß der ganze erſte Theil ſeines Lebens von einer Frau zertrümmert worden war, und er überlegte ſich mit Schrecken, welchen Einfluß die Liebe auf eine zugleich ſo zarte und ſo kräftige Organiſation haben könnte. Während er ſich deſſen erinnerte, was er gelitten hatte, ſah er im Geiſte das voraus, was Ravul leiden konnte, und der Ausdruck zärtlichen, tiefen Mitleids, welches ſein Herz erfüllte, verbreitete ſich in dem feuch⸗ ten Blicke, mit dem er den Jüngling anſchaute. unt Th „Ut beſ wer Atl übe Lac Ath 47 eilf Uhr geſchlagen; rolle mich nach meinem Bette. In der That, das Fräulein d'Aubigné iſt ſehr reizend!“ Hienach verſchwand der arme Lahme in ſeinem Schlafzimmer, deſſen Thüre ſich hinter ihm ſchloß, und die Lichter erloſchen eines nach dem andern in dem Salon der Rue des Tournelles. III. Saint-Denis. Der Tag graute, als Athos aufſtand und ſich an⸗ kleiden ließ; an ſeiner außergewöhnlichen Bläſſe und an den Spuren, welche die Ruheloſigkeit auf ſeinem Antlitz zurückgelaſſen hatte, ließ ſich leicht erkennen, daß er beinahe die ganze Nacht ohne zu ſchlafen zugebracht haben mußte. Gegen die Gewohnheit dieſes ſo feſten und entſchiedenen Mannes lag an dieſem Morgen etwas Langſames, Unentſchloſſenes in ſeinem ganzen Weſen. Es war ſo, weil er ſich mit den Vorbereitungen zu der Abreiſe von Raoul beſchäftigte und Zeit zu ge⸗ winnen ſuchte. Zuerſt putzte er ſelbſt ein Schwert, das er aus einem Etui von parfumirtem Leder nahm, un⸗ terſuchte, ob der Griff gehörig läge und ob die Klinge gut am Griffe befeſtigt wäre. Dann warf er in ein für den jungen Mann be⸗ ſtimmtes Felleiſen ein Säckchen voll Louisd'or, rief Olivain— ſo hieß der Lackei, der ihm von Blois ge⸗ ſolgt war— und ließ ihn den Mantelſack in ſeiner Gegenwart packen, wobei er genau darüber wachte, daß alle für einen in das Feld ziehenden jungen Menſchen erforderliche Gegenſtände hineingelegt wurden. Nachdem er beinahe eine Stunde auf alle dieſe er or⸗ en üß, rg⸗ Ze⸗ ei⸗ len en, hen ft. ind ahe iß, ber hte von gte ine ben ten den ds, ich⸗ 49 In dieſem Augenblick erwachte Raoul, mit jenem Erwachen ohne Wolken, ohne Finſterniß und ohne Müdigkeit, das gewiſſe Organiſationen ſo zart wie die des Vogels charakteriſirt. Seine Augen hefteten ſich auf die von Athos, und er begriff ohne Zweifel Alles, was in dem Herzen dieſes Mannes vorging, der ſein Erwachen erwarkete, wie ein Liebender auf das Er⸗ wachen der Geliebten harrt, denn ſein Blick nahm nun ebenfalls den Ausdruck unendlicher Liebe an. „Ihr waret hier?“ ſprach er ehrfurchtsvoll. „Ja, Ravul, ich war hier,“ erwiederte der Graf. „Und Ihr wecktet mich nicht?“ „Ich wollte Euch noch einige Augenblicke dieſem guten Schlafe überlaſſen, mein Freund. Ihr müßt müde ſein von dem geſtrigen Tage her, der ſich bis in die Nacht hinein verlängert hat.“ „O Herr, wie gut ſeid Ihr!“ rief Raoul. Athos lächelte und ſagte: „Wie befindet Ihr Euch?“ „Vollkommen wohl, Herr, und völlig ausgeruht und heiter.“ „Ihr wachst noch,“ fuhr Athos mit der väterlichen Theilnahme des reifen Mannes für den Jüngling fort, „und die Anſtrengungen wirken doppelt in Eurem Alter.“ „Ah! Herr, ich bitte um Vergebung,“ ſprach Rauul, beſchämt durch ſo große Zuvorkommenheit,„aber ich werde in einem Augenblick angekleidet ſein.“ Athos rief Olivain, und nach Verlauf von zehn Minuten war der Jüngling mit der Pünktlichkeit, welche Athos im Militärdienſte erlernt und auf ſeinen Mündel übertragen hatte, zum Aufbruche bereit. „Nun beſorge mein Gepäcke,“ ſagte Raoul zu dem Lackeien. „Euer Gepäcke erwartet Euch, Ravul,“ ſprach thos;„ich habe Euer Felleiſen unter meinen Augen packen laſſen, und es wird Euch nichts fehlen. Es muß bereits, ſo wie der Mautelſack des Lackeien, auf den 48 Dinge verwendet hatte, öffnete er die Thüre, welche in das Zimmer des Vicomte führte, und trat ſachte ein. Die bereits ſtrahlende Sonne drang in das Zimmer durch die breiten Fenſterflügel, deren Vorhänge zu ſchließen Raoul, ſpät zurückgekehrt, vergeſſen hatte. Den Kopf anmuthig auf den Arm gelehnt, ſchlief er noch. Seine langen, ſchwarzen Haare bedeckten halb ſeine reizende Stirne, welche feucht war von dem Dunſte, der in Perlen an den Wangen des müden Kindes herabrollte.. Athos näherte ſich und ſchaute, den Körper vor⸗ gebeugt in einer Haltung voll zarter Schwermuth, lange den Jüngling mit dem lächelnden Munde, mit den halb geſchloſſenen Augenlidern an, deſſen Traum ſüß, deſſen Schlaf leicht ſein mußte, ſo viel Liebe und Sorg⸗ falt verwandte ſein Schutzengel auf ſeine ſtumme Be⸗ wachung. Allmälig ließ ſich Athos zu dem Zauber ſei⸗ ner Träumerei in Gegenwart dieſer ſo reichen, ſo reinen Jugend hinziehen. Seine Jugend tauchte wieder in ſeinem Innern auf, mit allen ihren ſüßen Erinnerungen, welche mehr Wohlgerüche ſind, als Gedanken. Zwiſchen dieſer Vergangenheit und der Gegenwart lag eine Kluft. Aber die Einbildungskraft hat den Flug des Engels und des Blitzes; ſie überſpringt die Meere, wo wir beinahe Schiffbruch gelitten hätten, durchdringt die Finſterniß, in der ſich unſere Illuſtonen verloren haben, fliegt über die Abgründe, in die unſer Glück geſtürzt iſt. Er dachte daran, daß der ganze erſte Theil ſeines Lebens von einer Frau zertrümmert worden war, und er überlegte ſich mit Schrecken, welchen Einfluß die Liebe auf eine zugleich ſo zarte und ſo kräftige Organiſation haben könnte. 4. Während er ſich deſſen erinnerte, was er gelitten hatte, ſah er im Geiſte das voraus, was Raoul leiden konnte, und der Ausdruck zärtlichen, tiefen Mitleids, welches ſein Herz erfüllte, verbreitete ſich in dem feuch⸗ ten Blicke, mit dem er den Jüngling anſchaute. 4——— 50 Pferden ſein, wenn man die Befehle, die ich gegeben, befolgt hat.“ „Alles iſt nach dem Willen des Herrn Grafen ge⸗ ſchehen,“ ſagte Olivain,„und die Pferde harren unten.“ „Und ich ſchlief!“ rief Raoul,„während Ihr, Herr, die Güte hattet, Euch mit allen dieſen einzelnen Din⸗ gen zu beſchäftigen. Oh, in der That, Ihr überhäuft mich mit Wohlthaten!“ „Ihr liebt mich alſo ein wenig, wie ich hoffe?“ verſetzte Athos mit beinahe gerührtem Tone. „O Herr!“ rief Ravul, welcher, um die innere Erſchütterung nicht durch einen Ausſtrom von Zärtlich⸗ keit kundzugeben, ſich bis zum Erſticken zuſammenhielt. „Oh, Gott iſt mein Zeuge, daß ich Euch liebe und verehre!“ „Seht, ob nichts vergeſſen iſt,“ ſprach Athos und gab ſich den Anſchein, als ſuchte er umher, um ſeine Rührung zu verbergen. „Nein, Herr,“ ſprach Ravul. Ber Lackei näherte ſich Athos mit einem gewiſſen Zögern und ſagte leiſe zu ihm: „Der Herr Vicomte hat keinen Degen, denn der Herr Graf hieß mich geſtern den, welchen er ablegte, wegnehmen.“ „Schon gut,“ antwortete Athos,„das iſt meine 7. — Sache. Ravul ſchien dieſen Zwieſprach nicht zu bemerken⸗ Er ſtieg hinab und ſchaute dabei jeden Angenblick den Grafen an, um zu ſehen, ob der Augenblick des Schei⸗ dens gekommen wäre. Aber das Geſicht von Athos ver⸗ änderte ſich nicht im Geringſten. Als Rdoul die Freitreppe erreichte, erblickte er drei Pferde. „O Herr!“ rief er ganz ſtrahlend,„Ihr begleitet mich alſo?“ 5 „Ich will Euch ein wenig führen,“ antwortete Athos. ackeien. 49 In dieſem Augenblick erwachte Raoul, mit jenem Erwachen ohne Wolken, ohne Finſterniß und ohne Müdigkeit, das gewiſſe Organiſationen ſo zart wie die des Vogels charakteriſirt. Seine Augen hefteten ſich auf die von Athos, und er begriff ohne Zweifel Alles, was in dem Herzen dieſes Mannes vorging, der ſein Erwachen erwartete, wie ein Liebender auf das Er⸗ wachen der Geliebten harrt, denn ſein Blick nahm nun ebenfalls den Ausdruck unendlicher Liebe an. „Ihr waret hier?“ ſprach er ehrfurchtsvoll. „Ja, Raoul, ich war hier,“ erwiederte der Graf. „Und Ihr wecktet mich nicht?“ 1 „Ich wollte Euch noch einige Augenblicke dieſem guten Schlafe überlaſſen, mein Freund. Ihr müßt müde ſein von dem geſtrigen Tage her, der ſich bis in die Nacht hinein verlängert hat.“ „O Herr, wie gut ſeid Ihr!“ rief Raoul. Athos lächelte und ſagte: „Wie befindet Ihr Euch?“ „Vollkommen wohl, Herr, und völlig ausgeruht und heiter.“ 1 „Ihr wachst noch,“ fuhr Athos mit der väterlichen Theilnahme des reifen Mannes für den Jüngling fort, „und die Anſtrengungen wirken dopelt in Eurem Alter.“ „Ahl Herr, ich bitte um Vergebung,“ ſprach Raoul, beſchämt durch ſo große Zuvorkommenheit,„aber ich werde in einem Augenblick angekleidet ſein.“ „Athos rief Olivain, und nach Verlauf von zehn Minuten war der Jüngling mit der Pünktlichkeit, welche Athos im Militärdienſte erlernt und auf ſeinen Mündel übertragen hatte, zum Aufbruche bereit. „Nun beſorge mein Gepäcke,“ ſagte Raoul zu dem „Euer Gepäcke erwartet Euch, Raonl,“ ſprach Athos;„ich habe Euer Felleiſen unter meinen Augen packen laſſen, und es wird Euch nichts fehlen. Es muß bereits, ſo wie der Mantelſack des Lackeien, auf den en, ge⸗ in⸗ iuft e2. nere ich⸗ ielt. und und eine iſſen der egte, neine rken. den chei⸗ ver⸗ te er leitet ortete 51 Die Freude glänzte in den Augen von Ravul, und er ſchwang ſich leicht auf ſein Pferd. Athos beſtieg langſam das ſeinige, nachdem er zuvor leiſe ein Wort zu dem Lackeien geſagt hatte, der, ſtatt unmittelbar zu folgen, ſich wieder in die Wohnung zurückbegab. Entzückt, in der Geſellſchaft des Grafen zu ſein, bemerkte Ravul nichts oder ſtellte ſich wenig⸗ ſtens, als bemerkte er nichts. Die zwei Edelleute ſchlugen den Weg nach dem Pont neuf ein, folgten dann den Quais, oder vielmehr dem, was man damals die Pepintränke nannte, und ritten an den Mauern des Grand Chatelet hin. Sie gelangten eben an die Rue Saint⸗Denis, als der Lackei ſie wieder einholte. Der Weg wurde ſtillſchweigend zurückgelegt. Raoul fühlte wohl, daß der Augenblick der Trennung heran⸗ nahte. Der Graf hatte am Abend vorher verſchiedene Befehle in Beziehung auf Dinge gegeben, welche den Verlauf des Tages betrafen. Ueberdies verdoppelten ſeine Blicke das Maß ihrer Zärtlichkeit. Von Zeit zu Zeit entſchlüpften ihm eine Betrachtung oder ein Rath, und ſeine Worte waren voll wohlwollender Fürſorge. Nachdem ſie den Pont Saint⸗Denis hinter ſich hat⸗ ten und auf die Höhe des Recollecten⸗Kloſters gelangt waren, warf Athos einen Blick auf das Pferd des Vicomte und ſagte:„Nehmt Euch wohl in Acht, Ravul, Ihr habt eine ſchwere Hand, ich hab' es Euch oft ge⸗ ſagt, Ihr müßt das nicht vergeſſen, denn das iſt ein großer Fehler für einen Reiter. Seht, Euer Pferd iſt bereits müde, es ſchäumt, während das meinige gerade aus dem Stalle zu kommen ſcheint. Ihr macht ihm ein hartes Maul, wenn Ihr das Gebiß ſo ſtark anzieht, und könnt es dann nicht mit der erforderlichen Behen⸗ digkeit manövriren laſſen. Das Glück eines Reiters hängt zuweilen von dem raſchen Gehorſam ſeines Pfer⸗ des ab. Bedenkt wohl, in acht Tagen manövrirt 50 Pferden ſein, wenn man die Befehle, die ich gegeben, befolgt hat.“ „Alles iſt nach dem Willen des Herrn Grafen ge⸗ eehhen,“ ſagte Olivain,„und die Pferde harren unten.“ „Und ich ſchlief!“ rief Raoul,„während Ihr, Herr, die Güte hattet, Euch mit allen dieſen einzelnen Din⸗ gen zu beſchäftigen. Oh, in der That, Ihr überhäuft mich mit Wohlthaten!“ „Ihr liebt mich alſo ein wenig, wie ich hoffe?“ verſetzte Athos mit beinahe gerührtem Tone. „O Herr!“ rief Raoul, welcher, um die innere Erſchütterung nicht durch einen Ausſtrom von Zärtlich⸗ keit kundzugeben, ſich bis zum Erſticken zuſammenhielt. „Oh, Gott iſt mein Zeuge, daß ich Euch liebe und verehre!“ „Seht, ob nichts vergeſſen iſt,“ ſprach Athos und gab ſich den Anſchein, als ſuchte er umher, um ſeine Rührung zu verbergen. „Nein, Herr,“ ſprach Raoul. 5 Der Lackei näherte ſich Athos mit einem gewiſſen Zögern und ſagte leiſe zu ihm: „Der Herr Vicomte hat keinen Degen, denn der Herr Graf hieß mich geſtern den, welchen er ablegte, wegnehmen.“ „Schon gut,“ antwortete Athos,„das iſt meine e.¹. Naoul ſchien dieſen Zwieſprach nicht zu bemerken. Er ſtieg hinab und ſchaute dabei jeden Augenblick den Grafen an, um zu ſehen, ob der Augenblick des Schei⸗ dens gekommen wäre. Aber das Geſicht von Athos ver⸗ änderte ſich nicht im Geringſten. Als Raoul die Freitreppe erreichte, erblickte er drei Pferde. „O Herr!“ rief er ganz ſtrahlend,„Ihr begleitet mich alſo?“ 119„Ich will Euch ein wenig führen,“ antwortete thos. 3 d 1 g —„— 80—— * —— — 52 Ihr nicht mehr in einer Reitſchule, ſondern au einem S ue Dann fügte er plötzlich bei, um dieſer Bemerkung 3 kein zu trauriges Gewicht zu geben: te „Seht, Raoul, was fuͤr ein ſchönes Feld für die ſia Hühnerjagd!“ Der Jüngling benützte die Lection und bewunderte* beſonders die Zartheit, mit der ſie gegeben wurde. De „Ich habe eines Tags noch etwas Anderes bemerkt,“ ſprach Athos.„Ihr haltet beim Piſtolenſchießen den feſ Arm zu geſtreckt; durch dieſe Spannung verliert der je Schuß die Pünktlichkeit. Unter zwölf Mal verfehltet we Ihr auch dreimal das Ziel.“ ſ „Das Ihr zwölfmal trafet,“ erwiederte lächelnd die Ravul. ge „Weil ich den Arm etwas bog und ſo die Hand Hr auf meinem Ellenbogen ruhen ließ. Begreift Ihr wohl, ſch was ich damit ſagen will?“ ſi „Ja, Herr, ich habe ſeitdem, Euern Rath beach⸗ tend, allein geſchoſſen, und meine Bemühungen waren M vom günſtigſten Erfolge begleitet.“ „Seht,“ verſetzte Athos,„das iſt gerade wie beim Fechten;„Ihr greift Euern Gegner zu ſehr an. Ich an weiß wohl, das iſt ein Fehler Eures Alters, aber die zu Bewegung des Körpers beim Angreifen bringt ſiets den Degen von der Linie ab, und wenn Ihr es mit als einem Manne von kaltem Blute zu thun hättet, ſo würde er Euch bei Eurem erſten Schritte durch ein⸗ ein faches Losmachen Eurer Klinge überwinden.“ wa „Ja, Herr, wie Ihr es oft gethan habt. Aber nicht Jedermann beſitzt Eure Eeſchicklichkeit und Euren wa Muth.“ „Welch' ein friſcher Wind!“ ſprach Athos,„das her iſt eine Erinnerung an den Winter. Doch hört, wenn Ihr in das Feuer geht, und das wird ſo kommen, denn Ihr ſeid einem jungen General empfohlen, der das Pulver ungemein liebt, ſo erinnert Euch wohl: 3 Die Freude glänzte in den Augen von Raoul, und er ſchwang ſich leicht auf ſein Pferd. Athos beſtieg langſam das ſeinige, nachdem er zuvor leiſe ein Wort zu dem Lackeien geſagt hatte, der, ſtatt unmittelbar zu folgen, ſich wieder in die Wohnung zurückbegab. Entzückt, in der Geſellſchaft des Grafen zu ſein, bemerkte Raoul nichts oder ſtellte ſich wenig⸗ ſtens, als bemerkte er nichts. Die zwei Edelleute ſchlugen den Weg nach dem Pont neuf ein, folgten dann den Quais, oder vielmehr dem, was man damals die Pepintränke nannte, und ritten an den Mauern des Grand Chatelet hin. Sie gelangten eben an die Rue Saint⸗Denis, als der Lackei ſie wieder einholte. Der Weg wurde ſtillſchweigend zurückgelegt. Raoul fühlte wohl, daß der Augenblick der Trennung heran⸗ nahte. Der Graf hatte am Abend vorher verſchiedene Befehle in Beziehung auf Dinge gegeben, welche den Verlauf des Tages betrafen. Ueberdies verdoppelten ſeine Blicke das Maß ihrer Zärtlichkeit. Von Zeit zu Zeit entſchlüpften ihm eine Betrachtung oder ein Rath, und ſeine Worte waren voll wohlwollender Fürſorge. Nachdem ſie den Pont Saint⸗Denis hinter ſich hat⸗ ten und auf die Höhe des Recollecten⸗Kloſters gelangt waren, warf Athos einen Blick auf das Pferd des Vieomte und ſagte:„Nehmt Euch wohl in Acht, Raoul, Ihr habt eine ſchwere Hand, ich hab' es Euch oft ge⸗ ſagt, Ihr müßt das nicht vergeſſen, denn das iſt ein großer Fehler für einen Reiter. Seht, Euer Pferd iſt bereits müde, es ſchäumt, während das meinige gerade aus dem Stalle zu kommen ſcheint. Ihr macht ihm ein hartes Maul, wenn Ihr das Gebiß ſo ſtark anzieht, und könnt es dann nicht mit der erforderlichen Behen⸗ digkeit manövriren laſſen. Das Glück eines Reiters hängt zuweilen von dem raſchen Gehorſam ſeines Pfer⸗ des ab. Bedenkt wohl, in acht Tagen manöyrirt nem ung die erte 5 den der hltet end Hand vohl, each⸗ aren beim 3ch r die ſtets mtt t, ſo ein⸗ Aber Furen „das wenn nmen, „ der hl in 53 einem Einzelkampfe, wie dies ſo oft beſonders uns Ca⸗ valieren begegnet, ſchießt nie zuerſt; wer zuerſt ſchießt, trifft ſelten ſeinen Mann, denn er ſchießt in der Furcht einem bewaffneten Feinde gegenüber entwaffnet zu blei⸗ ben. Dann wenn Euer Gegner ſchießt, laßt Euer Pferd ſich bäumen; dieſes Manöver hat mir zwei oder drei mal das Leben gerettet.“ „Ich werde es anwenden, und wäre es nur aus Dankbarkeit.“ „Ei, ſind das nicht Wildſchützen, die man da unten feſtnimmt?“ Ja, wahrhaftig! Dann noch etwas Wich⸗ tiges, Raoul: wenn Ihr bei einem Angriffe verwundet werdet, wenn Ihr vom Pferde fallt, und es bleibt Euch noch etwas Kraft, ſo ſchleppt Euch von der Linie ab, die Euer Regiment verfolgt hat; denn es kann zurück⸗ geführt werden, und die Pferde zertreten Euch mit den Hufen. Jedenfalls ſchreibt mir ſogleich oder laßt mir ſchreiben, wenn Ihr verwundet ſeid; wir verſtehen uns auf Wunden,“ fügte Athos bei. „Ich danke Euch, Herr,“ antwortete der junge Menſch ganz bewegt. „Ah, wir ſind in Saint⸗Denis,“ murmelte Athos. Sie gelangten wirklich zu dem Thore dieſer Stadt, an dem zwei Soldaten Wache ſtanden. Der eine ſagte zu dem andern: Das iſt ein junger Edelmann, welcher ausſieht, als wollte er ſich zum Heere begeben.“ Athos wandte ſich um. Alles, was ſich, ſelbſt auf eine nur mittelbare Weiſe, mit Raoul beſchäftigte, ge⸗ wann ſogleich ein Intereſſe in ſeinen Augen. „Woran ſeht Ihr dies?“ fragte er. „An ſeiner Miene, Herr,“ antwortete die Schild⸗ n„Ueberdies hat er das Alter, das iſt der Zweite 2 „Es iſt dieſen Morgen ſchon ein junger Men wie ich hier durchgekommen?“ fagte Rabuls 6 „Ja, meiner Treue, von vornehmem Ausſehen 52 Ihr nicht mehr in einer Reitſchule, ſondern auf einem Schlachtfelde. Dann fügte er plötzlich bei, um dieſer Bemerkung kein zu trauriges Gewicht zu geben: „Seht, Raoul, was fur ein ſchönes Feld für die Hühnerjagd!“ Der Jüngling benützte die Lection und bewunderte beſonders die Zartheit, mit der ſie gegeben wurde. „Ich habe eines Tags noch etwas Anderes bemerkt,“ ſprach Athos.„Ihr haltet beim Piſtolenſchießen den Arm zu geſtreckt; durch dieſe Spannung verliert der Schuß die Pünktlichkeit. Unter zwölf Mal verfehltet Ihr auch dreimal das Ziel.“ „Das Ihr zwölfmal trafet,“ erwiederte lächelnd Raoul. „Weil ich den Arm etwas bog und ſo die Hand auf meinem Ellenbogen ruhen ließ. Begreift Ihr wohl, was ich damit ſagen will?“ „Ja, Herr, ich habe ſeitdem, Euern Nath beach⸗ tend, allein geſchoſſen, und meine Bemühungen waren vom günſtigſten Erfolge begleitet.“ „Seht,“ verſetzte Athos,„das iſt gerade wie beim Fechten;„Ihr greift Euern Gegner zu ſehr an. Ich weiß wohl, das iſt ein Fehler Eures Alters, aber die Bewegung des Körpers beim Angreifen bringt ſtets den Degen von der Linie ab, und wenn Ihr es mit einem Manne von kaltem Blute zu thun hättet, ſo würde er Euch bei Eurem erſten Schritte durch ein⸗ faches Losmachen Eurer Klinge überwinden.“ „Ja, Herr, wie Ihr es oft gethan habt. Aber Vicht, eemun beſitzt Eure Geſchicklichkeit und Euren Muth.“ 3 „Welch' ein friſcher Wind!“ ſprach Athos,„das iſt eine Erinnerung an den Winter. Doch hört, wenn Ihr in das Feuer geht, und das wird ſo kommen, denn Ihr ſeid einem jungen General empfohlen, der das Pulver ungemein liebt, ſo erinnert Euch wohl: in 54 und glänzender Rüſtung. Er hatte ganz das Weſen eines Sohnes von gutem Hauſe.“ a wird ein Reiſegefährte für mich ſein,“ ver⸗ ſetzte Ravul weiter reitend.„Aber ach! er wird mich denjenigen, welchen ich verliere, nicht vergeſſen machen.“ Ich glaube nicht, daß Ihr ihn einholt, Raoul; denn ich habe mit Euch zu ſprechen, und das, was ich„ Euch ſagen muß, dauert vielleicht ſo lange, daß dieſer Edelmann einen großen Vorſprung vor Euch gewinnt.“ „Wie es Euch gefällig iſt Herr.“ So plaudernd zog man durch die Straßen, welche des Feſttags wegen voll Menſchen waren, und man elangte vor die alte Baſilika, in der eine erſte Meſſe geleſen wurde⸗ „Steigt ab, Raoul,“ ſprach Athos.„Du, Oli⸗ vain, bewache unſere Pferde und gib mir den Degen.“ Athos nahm den Degen in die Hand, den ihm ver Lackei reichte, und die beiden Edelleute traten in die Kirche. 3 Athos bot Ravul Weihwaſſer. In gewiſſen Herzen liegt etwas von der zuvorkommenden Zärtlichkeit, die der Liebende für ſeine Geliebte hat. Der Jüngling berührte die Hand von Athos und bekrenzte ſich. Athos ſagte ein Wort zu einem von den Wächtern; dieſer verbeugte ſich und ſchritt der Gruft zu. „Kommt, Ravul,“ ſagte Athos,„wir wollen die⸗ ſem Manne folgen.“ Der Wächter öffnete das Gitter der königlichen Gräber und blieb auf der oberſten Stufe ſtehen, wäh⸗ rend Athos und Ravul hinabſtiegen. Die Grufttreppe war in der Tiefe von einer ſilbernen Lampe beleuchtet, welche auf der unterſten Stufe brannte, und gerade über dieſer Lampe ruhte, in einen weiten, mit goldenen Lilien beſtreuten, Mantel von veilchenblauem Sammet gehüllt, ein von eichenen Geſtellen getragener Katafalk⸗ Auf dieſe Lage durch den Zuſtand ſeines eigenen 53 einem Einzelkampfe, wie dies ſo oft beſonders uns Ca⸗ valieren begegnet, ſchießt nie zuerſt; wer zuerſt ſchießt, trifft ſelten ſeinen Mann, denn er ſchießt in der Furcht einem bewaffneten Feinde gegenüber entwaffnet zu blei⸗ ben. Dann wenn Euer Gegner ſchießt, laßt Euer Pferd ſich bäumen; dieſes Manoͤver hat mir zwei oder drei mal das Leben gerettet.“ „Ich werde es anwenden, und wäre es nur aus Dankbarkeit.“ „Ei, ſind das nicht Wildſchützen, die man da unten feſtnimmt?“ Ja, wahrhaftig! Dann noch etwas Wich⸗ tiges, Raoul: wenn Ihr bei einem Angriffe verwundet werdet, wenn Ihr vom Pferde fallt, und es bleibt Euch noch etwas Kraft, ſo ſchleppt Euch von der Linie ab, die Euer Regiment verfolgt hat; denn es kann zurück⸗ geführt werden, und die Pferde zertreten Euch mit den Hufen. Jedenfalls ſchreibt mir ſogleich oder laßt mir ſchreiben, wenn Ihr verwundet ſeid; wir verſtehen uns auf Wunden,“ fügte Athos bei. „Ich danke Euch, Herr,“ antwortete der junge Menſch ganz bewegt. „Ah, wir ſind in Saint⸗Denis,“ murmelte Athos. Sie gelangten wirklich zu dem Thore dieſer Stadt, an dem zwei Soldaten Wache ſtanden. Der eine ſagte zu dem andern:. Das iſt ein junger Edelmann, welcher ausſieht, als wollte er ſich zum Heere begeben.“ „Athos wandte ſich um. Alles, was ſich, ſelbſt auf eine nur mittelbare Weiſe, mit Raoul beſchäftigte, ge⸗ wann ſogleich ein Intereſſe in ſeinen Augen. 8 „Woran ſeht Ihr dies?“ fragte er. „An ſeiner Miene, Herr,“ antwortete die Schild⸗ hanhe.„Ueberdies hat er das Alter, das iſt der Zweite eute.“ 9s iſt dieſen Morgen ſchon ein junger Menſch wie ich hier durchgekommen?“ ſagte Raoul. 5 „Ja, meiner Treue, von vornehmem Ausſehen 55 Herzens voll Traurigkeit, durch die Majeſtät der Kirche, welche er durchwandelt hatte, vorbereitet, war der Jüngling mit langſamem, feierlichem Schritte hinab⸗ geſtiegen und ſtand mit entblößtem Haupte vor dieſer ſterblichen Hülle des letzten Königs, der ſich erſt mit ſeinen Ahnen vereinigen ſollte, wenn ſein Nachfolger ſich mit ihm vereinigen würde, und der hier zu weilen ſchien, um dem ſo leicht auf dem Throne zu erregenden Stolze zu ſagen:„Irdiſcher Staub, ich harre Dein!“ Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen. Dann hob Athos die Hand auf und deutete mit dem Finger auf den Sarg. 5 „Dieſes unſichere Grab,“ ſprach er,„iſt das eines ſchwachen, aller Größe ermangelnden Menſchen, der jedoch eine Regierung voll ungeheurer Ereigniſſe hatte; denn über dieſem König wachte der Geiſt eines andern Mannes, wie die Lampe hier über dieſem Sarge wacht und ihn beleuchtet. Dieſer war der wahre König, Raoul; der Andere war nur ein Phantom, in das er ſeine Seele legte. Und dennoch iſt die monarchiſche Majeſtät ſo mächtig bei uns, daß dieſer Mann nicht einmal die Ehre eines Grabes zu den Füßen desjenigen genießt, für welchen er ſein ganzes Leben aufgebraucht hat. Denn erinnert Euch dieſes Umſtandes wohl, Ravul, wenn dieſer Mann den König klein gemacht hat, ſo hat er das Königthum groß gemacht, und es⸗ gibt zwei Dinge, welche im Palaſte des Louvre ein geſchloſſen find: der König, welcher ſtirbt, und das Königthum, welches nicht ſtirbt. Dieſe Regierung iſt vorüber, Ravul. Der von ſeinem Herrn ſo gefürchtete, ſo gehaßte Miniſter iſt in das Grab geſtiegen, den König nach ſich ziehend, den er nicht allein leben laſſen wollte, ohne Zweifel aus Angſt, er könnte ſein Werk zerſtören; denn ein König baut nur, wenn er entweder Gott ſelbſt oder den Geiſt Gottes in ſeiner Nähe hat. Alle Welt betrachtete den Tod des Cardinals als eine Befreiung, und ich ſelbſt, ſo blind ſind die Zeitge⸗ 54 und glänzender Rüſtung. Er hatte ganz das Weſen eines Sohnes von gutem Hauſe.“ „Das wird ein Reiſegefährte für mich ſein,“ ver⸗ ſetzte Raoul weiter reitend.„Abex ach! er wird mich denjenigen, welchen ich verliere, nicht vergeſſen machen.“ Ich glaube nicht, daß Ihr ihn einholt, Raonl; denn ich habe mit Euch zu ſprechen, und das, was ich Euch ſagen muß, dauert vielleicht ſo lange, daß dieſer Edelmann einen großen Vorſprung vor Euch gewinnt.“ „Wie es Euch gefällig iſt, Herr.“ So plaudernd zog man durch die Straßen, welche des Feſttags wegen voll Menſchen waren, und man gelangte vor die alte Baſilika, in der eine erſte Meſſe geleſen wurde. „Steigt ab, Raoul,“ ſprach Athos.„Du, Oli⸗ vain, bewache unſere Pferde und gib mir den Degen.“ Athos nahm den Degen in die Hand, den ihm der Lackei reichte, und die beiden Edelleute traten in die Kirche. 3 Athos bot Raoul Weihwaſſer. In gewiſſen Herzen liegt etwas von der zuvorkommenden Zaͤrtlichkeit, die der Liebende für ſeine Geliebte hat. Der Jüngling berührte die Hand von Athos und bekreuzte ſich. Athos ſagte ein Wort zu einem von den Wächtern; dieſer verbeugte ſich und ſchritt der Gruft zu. „Kommt, Raoul,“ ſagte Athos,„wir wollen die⸗ ſem Manne folgen.“ Der Wäͤchter öffnete das Gitter der königlichen räber und blieb auf der oberſten Stufe ſtehen, wäh⸗ rend Athos und Raoul hinabſtiegen. Die Grufttreppe war in der Tiefe von einer ſilbernen Lampe beleuchtet, welche auf der unterſten Stufe brannte, und gerade über dieſer Lampe ruhte, in einen weiten, mit goldenen Lilien beſtreuten, Mantel von veilchenblauem Sammet gehüllt, ein von eichenen Geſtellen getragener Katafalk. Auf dieſe Lage durch den Zuſtand ſeines eigenen 9 h 9 h 9 9 F v ſe f u 36 C 2 5 uoſſen, durchkr euzte oft die Pläne des Mannes, welcher Frankreich in ſeinen Händen hielt, und der, je nachdem er ſie zuſammenpreßte oder öffnete, das Reich erſtickte oder ihm nach Belieben friſche Luft gab. Wenn er mi nicht zermalmte, mich und meine Freunde, wenn er uns in ſeinem furchtbaren Zorne nicht zermalmte, ſo geſchah es ohne Zweifel nur, damit ich Euch heute ſagen könnte: Ravul, verſteht ſtets den König von dem Koͤnigthum zu unterſcheiden; der König iſt nur ein Menſch, das Königthum iſt der Geiſt Gottes. Wenn Ihr im Zweifel darüber ſeid, wem Ihr dienen ſollt, ſo verlaßt den materiellen Schein des ſichtbaren Prin⸗ cipes, denn das unſichtbare Prineip iſt Alles. Got wollte dieſes Princip fühlbar machen, indem er daſſelbe die menſchliche Natur annehmen ließ. Raoul, es iſt mir, als erblickte ich Eure Zukunft wie durch eine Wolke; ſie iſt, glaube ich, beſſer, als die unſere. Ganz im Gegentheil von uns, die wir einen Miniſter ohne König hatten, werdet Ihr einen König ohne i⸗ niſter haben. Ihr könnt alſo dem König dienen, ihn lieben und achten. Iſt dieſer König ein Thrann, denn die Allmacht hat ihren Schwindel, der ſie zur Tyrannei antreibt, ſo dient dem Königthum, das heißt, der un⸗ fehlbaren Sache, dem Geiſte Gottes auf Erden, die⸗ ſem himmliſchen Funken, der den Staub ſo groß und ſo heilig macht, daß wir Edelleute, wenn auch von hoher Geburt, doch ſo wenig vor dieſem auf der oberſten Stufe dieſer Leiter ausgebreiteten Körper ſind, a dieſer Körper ſelbſt vor dem Throne Gottes.“ ſprach Ravoul; „Ich werde Gott anbeten, Herr, „ich werde das Königthum ehren, dem König dienen und danach trachten, daß ich, wenn ich ſterbe, für den König, für das Königthum oder für Gott ſterbe. Habe ich Euch wohl begriffen?“ Athos lächelte und ſprach: „Ihr ſeid eine edle Ratur, hier iſt Euer Degen“ Ravul ſetzte ein Knie auf die Erde. à 5⁵ Herzens voll Traurigkeit, durch die Majeſtät der Kirche, welche er durchwandelt hatte, vorbereitet, war der Jüngling mit langſamem, feierlichem Schritte hinab⸗ geſtiegen und ſtand mit entblößtem Haupte vor dieſer ſterblichen Hülle des letzten Königs, der ſich erſt mit ſeinen Ahnen vereinigen ſollte, wenn ſein Nachfolger ſich mit ihm vereinigen würde, und der hier zu weilen ſchien, um dem ſo leicht auf dem Throne zu erregenden Stolze zu ſagen:„Irdiſcher Staub, ich harre Dein!“ Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen. Dann hob Athos die Hand auf und deutete mit dem Finger auf den Sarg. „Dieſes unſichere Grab,“ ſprach er,„iſt das eines ſchwachen, aller Größe ermangelnden Menſchen, der jedoch eine Regierung voll ungeheurer Ereigniſſe hatte; denn über dieſem König wachte der Geiſt eines andern Mannes, wie die Lampe hier über dieſem Sarge wacht und ihn beleuchtet. Dieſer war der wahre König, Raoul; der Andere war nur ein Phantom, in das er ſeine Seele legte. Und dennoch iſt die monarchiſche Majeſtät ſo mächtig bei uns, daß dieſer Mann nicht einmal die Ehre eines Grabes zu den Füßen desjenigen genießt, für welchen er ſein ganzes Leben aufgebraucht hat. Denn erinnert Euch dieſes Umſtandes wohl, Raoul, wenn dieſer Mann den König klein gemacht hat, ſo hat er das Königthum groß gemacht, und es⸗ gibt zwei Dinge, welche im Palaſte des Louvre ein geſchloſſen ſind: der König, welcher ſtirbt, und das Königthum, welches nicht ſtirbt. Dieſe Regierung iſte vorüber, Raoul. Der von ſeinem Herrn ſo gefürchtete, ſo gehaßte Miniſter iſt n das Grab geſtiegen, den König nach ſich ziehend, den er nicht allein leben laſſen wollte, ohne Zweifel aus Angſt, er könnte ſein Werk zerſtören; denn ein König baut nur, wenn er entweder Gott ſelbſt oder den Geiſt Gottes in ſeiner Nähe, hat. Alle Welt betrachtete den Tod des Cardinals als eine Befreiung, und ich ſelbſt, ſo blind ſind die Zeitge⸗ 57 „Er wurde getragen von meinem Vater, einem wackern Edelmanne; ich habe ihn ebenfalls getragen und ihm zuweilen Ehre gemacht, wenn ſein Griff in meiner Hand lag und ſeine Scheide an meiner Seite hing. Iſt Eure Hand noch zu ſchwach, um dieſen De⸗ gen zu führen, Raoul, deſto beſſer, Ihr werdet Zeit haben, um ihn nur ziehen zu lernen, wenn er den Tag ſehen ſoll.“ „Herr,“ ſprach Raoul, den Degen aus der Hand des Grafen empfangend,„ich habe Euch Alles zu ver⸗ danken, doch dieſes Schwert iſt das koſtbarſte Geſchenk, das Ihr mir gemacht habt. Ich ſchwöre Euch, ich werde ihn als ein Dankbarer tragen.“ Und er näherte ſeine Lippen dem Griffe, den er ehrfurchtsvoll küßte. „Gut,“ ſprach Athos.„Steht auf, Vicomte, und umarmen wir uns.“ Raoul ſtand auf und warf ſich mit dem vollen Ausſtrome ſeiner Gefühle in die Arme von Athos. „Gott befohlen,“ murmelte der Graf, der ſein Zerſchmelzen fühlte,„Gott befohlen und denkt an mich.“ „ „Oh! ewig! ewig!“ rief der Jüngling.„Oh! ich ſchwöre Euch, Herr, wenn mir Unglück widerfährt, iſt Euer Name der letzte Name, den ich ausſpreche, die Erinnerung an Euch mein letzter Gedanke.“ Athos ſtieg raſch wieder die Treppe hinauf, um die heftige Bewegung ſeines Gemüthes zu verbergen, gab dem Wächter der Gräber ein Goldſtück, verbengte ſich vor dem Altar und erreichte mit großen Schritten die Kirchenpforte, vor der Olivain mit den zwei an⸗ dern Pferden wartete. „Olivain,“ ſagte er, auf das Wehrgehänge von Ravul deutend,„ziehe die Schnalle von dieſem Degen an, er fällt ein wenig zu tief. Gut. Nun begleiteſt Du den Herrn Vicomte, bis Grimaud Euch eingeholt Zwanzig Jahre nachher. U. 5 und danach trachten, daß ich, 56 noſſen, durchkreuzte oft die Pläne des Mannes, welcher Frankreich in ſeinen Händen hielt, und der, je nachdem er ſie zuſammenpreßte oder öffnete, das Reich erſtickte oder ihm nach Belieben friſche Luft gab. Wenn er mich nicht zermalmte, mich und meine Freunde, wenn er uns in ſeinem furchtbaren Zorne nicht zermalmte, ſo geſchah es ohne Zweifel nur, damit ich Euch heute ſagen könnte: Raoul, verſteht ſtets den König von dem Koͤnigthum zu unterſcheiden; der König iſt nur ein Menſch, das Königthum iſt der Geiſt Gottes. Wenn Ihr im Zweifel darüber ſeid, wem Ihr dienen ſollt, ſo verlaßt den materiellen Schein des ſichtbaren Prin⸗ cipes, denn das unſichtbare Princip iſt Alles. Gott wollte dieſes Princip fühlbar machen, indem er daſſelbe die menſchliche Natur annehmen ließ. Raoul, es iſt mir, als erblickte ich Eure Zukunft wie durch eine Wolke; ſie iſt, glaube ich, beſſer, als die unſere. Ganz im Gegentheil von uns, die wir einen Miniſter ohne König hatten, werdet Ihr einen König ohne Mi⸗ niſter haben. Ihr könnt alſo dem König dienen, ihn lieben und achten. Iſt dieſer König ein Tyrann, denn die Allmacht hat ihren Schwindel, der ſie zur Tyrannei antreibt, ſo dient dem Königthum, das heißt, der un⸗ fehlbaren Sache, dem Geiſte Gottes auf Erden, die⸗ ſem himmliſchen Funken, der den Staub ſo groß und ſo heilig macht, daß wir Edelleute, wenn auch von hoher Geburt, doch ſo wenig vor dieſem auf der oberſten Stufe dieſer Leiter ausgebreiteten Körper ſind, als — dieſer Körper ſelbſt vor dem Throne Gottes.“ — Ich werde Gott anbeten, Herr,“ ſprach Raoul; 7 „ich werde das Königthum ehren, dem König dienen wenn ich ſterbe, für den König, für das Königthum oder für Gott ſterbe. Habe ich Euch wohl begriffen?“ Athos lächelte und ſprach: „Ihr ſeid eine edle Natur, hier iſt Euer Degen.“ Raoul ſetzte ein Knie auf die Erde. 83 hat; iſt er gekommen, ſ Vicomte. Ihr ver Diener voll Muth und folgen.“ o verläſſeſt du den Herrn ſteht, Raoul, Grimaud iſt ein alter Klugheit; Grimaud wird Ench „Ja, Herr,“ ſprach Ravul. „Auf, zu Pferde, daß ich Euch wegreiten ſehe.“ Ravul gehorchte. „Gott befohlen, Raoul, Gott befohlen, mein lie⸗ bes Kind!“ „Gott befohlen, Herr!⸗ rief Raoul,„Gott befoh⸗ len, mein vielgeliebter Beſchützer!“ Athos machte ein Zeichen mit der Hand, denn er wagte es nicht mehr zu ſprechen, und Ravul entfernte ſich mit entblößtem Haupte. Athos blieb unbeweglich und ſchaute bis zu dem Augenblick nach, wo er an der Biegung der Straße verſchwand. Dann warf der Graf die Zügel ſeines Pferdes einem Bauern zu, ſtieg langſam wieder die Stufen hinauf, kehrte in die Kirche zurück, kniete in dem dun⸗ kelſten Winkel nieder und betete. IWV. Eines von den vierzig Entweichungsmitteln von Herrn von Beaufort. Die Zeit verlief indeſſen für den Gefangenen, wie für diejenigen, welche ſich mit ſeiner Flucht beſchäftig⸗ ten: nur verlief ſie viel langſamer. Gan und gar nicht wie andere Menſchen, welche mit allem Feuer 57 „Er wurde getragen von meinem Vater, einem wackern Edelmanne; ich habe ihn ebenfalls getragen und ihm zuweilen Ehre gemacht, wenn ſein Griff in meiner Hand lag und ſeine Scheide an meiner Seite hing. Iſt Eure Hand noch zu ſchwach, um dieſen De⸗ gen zu fuͤhren, Raoul, deſto beſſer, Ihr werdet Zeit haben, um ihn nur ziehen zu lernen, wenn er den Tag ſehen ſoll.“ „Herr,“ ſprach Raoul, den Degen aus der Hand des Grafen empfangend,„ich habe Euch Alles zu ver⸗ danken, doch dieſes Schwert iſt das koſtbarſte Geſchenk, das Ihr mir gemacht habt. Ich ſchwöre Euch, ich werde ihn als ein Dankbarer tragen.“ Und er näherte ſeine Lippen dem Griffe, den er ehrfurchtsvoll küßte. „Gut,“ ſprach Athos.„Steht auf, Vicomte, und umarmen wir uns.“ Raoul ſtand auf und warf ſich mit dem vollen Ausſtrome ſeiner Gefühle in die Arme von Athos. „Gott befohlen,“ murmelte der Graf, der ſein Herj zerſchmelzen fühlte,„Gott befohlen und denkt an mich.“ „Oh! ewig! ewig!“ rief der Juͤngling.„Ohl ich ſchwöre Euch, Herr, wenn mir Unglück widerfährt, iſt Euer Name der letzte Name/ den ich ausſpreche, die Erinnerung an Euch mein letzter Gedanke.“ Althos ſtieg raſch wieder die Treppe hinauf, um die heftige Bewegung ſeines Gemüthes zu verbergen, gab dem Wächter der Gräber ein Goldſtück, verbeugte ſich vor dem Altar und erreichte mit großen Schritten die Kirchenpforte, vor der Olivain mit den zwei an⸗ dern Pferden wartete. 3 „Olivain,“ ſagte er, auf das Wehrgehänge von Raoul deutend,„ziehe die Schnalle von dieſem Degen an, er fällt ein wenig zu tief. Gut. Nun begleiteſt Du den Herrn Vicomte, bis Grimaud Euch eingeholt Zwanzig Jahre nachher. II. 5 / r h te em ße des fen un⸗ von „wie iftig⸗ gar Fener 59 einen gefahrvollen Entſchluß faſſen und immer mehr erkalten, je näher der Augenblick der Ausführung kommt, ſchien der Herzog von Beaufort, deſſen ſprudelnder Muth ſprüchwörtlich geworden war, die Zeit vorwärts zu treiben, unb rief mit den heißeſten Wünſchen die Stunde der Thätigkeit herbei. Es lagen in ſeiner Ent⸗ weichung ſelbſt, abgeſehen von den Plänen, die er für die Zukunft nährte, allerdings noch ziemlich unbeſtimmte, ungewiſſe, Entwürfe, es lag darin ein Anfang der Rache, die ihm das Herz ausdehnte. Einmal war ſeine Flucht ein böſes Ereigniß für Herrn von Chavigny, den er haßte wegen der kleinlichen Verfolgungen, wel⸗ chen er ihn unterworfen hatte; dann ein noch viel ſchlimmeres Ereigniß für Mazarin, den er verabſcheute wegen der ſchweren Vorwürfe, die er ihm zu machen hatte. Man ſieht, daß das richtige Verhältniß bei den Gefühlen des Gefangenen gegen den Gouverneur und den Miniſter, den Untergebenen und den Herrn, beob⸗ achtet war. Dann brachte Herr von Beaufort, der, mit dem Innern des Palais Royal vertraut, die Verbindung des Cardinals und der Königin kannte, in die Scene ſeines Gefängniſſes die ganze dramatiſche Bewegung, welche erfolgen müßte, wenn von dem Cabinet des Miniſters in das Zimmer der Königin das Gerücht erſchallen würde:„Herr von Beaufort iſt entflohen!“ Indem Herr von Beaufort ſich dieß ſagte, lächelte er ſanft; er glaubte ſchon die Luft von Wald und Flur zu athmen und, ein kräftiges Roß zwiſchen den Beinen, mit lauter Stimme zu rufen:„Ich bin frei!“ Wieder zu ſich kommend fand er ſich allerdings zwiſchen ſeinen vier Wänden, ſah er allerdings zehn Schritte von ſich La Ramée, der ſeine Daumen um einander drehte, und im Vorzimmer ſeine acht Wachen, welche lachten oder tranken. Das Einzige, was ſeinen Blick itrheſ häß⸗ 58 hat; iſt er gekommen, ſo verläſſeſt du den Herrn Vicomte. Ihr verſteht, Raoul, Grimaund iſt ein alter Dioine voll Muth und Klugheit; Grimaud wird Euch olgen. 2 „Ja, Herr,“ ſprach Raoul. „Auf, zu Pferde, daß ich Euch wegreiten ſehe.“ Raoul gehorchte. „Gott befohlen, Raoul, Gott befohlen, mein lie⸗ bes Kind!“ 1 „Gott befohlen, Herr!“ rief Raoul,„Gott befoh⸗ len, mein vielgeliebter Beſchützer!“ Athos machte ein Zeichen mit der Hand, denn er wagte es nicht mehr zu ſprechen, und Raoul entfernte ſich mit entblößtem Haupte. Athos blieb unbeweglich und ſchaute bis zu dem Augenblick nach, wo er an der Biegung der Straße verſchwand. Dann warf der Graf die Zügel ſeines Pferdes einem Bauern zu, ſtieg langſam wieder die Stufen hinauf, kehrte in die Kirche zurück, kniete in dem dun⸗ kelſten Winkel nieder und betete. * IV. 5. 8 4 Eines von den vierzig Entweichungsmitteln von Herrn vnn Beaufort. Die Zeit verlief indeſſen für den Gefangenen, wie für diejenigen, welche ſich mit ſeiner Flucht beſchäͤftig⸗ ten: nur verlief ſie viel langſamer. Ganz und gar nicht wie andere Menſchen, welche mit allem Feuer eit er ſch M zu S w di ut R F d ch ſe w h C d a —,———=—, 5 ——, lichen Gemälde ausruhen ließ, ſo groß iſt die Unbe⸗ ſtändigkeit des menſchlichen Geiſtes, war das gerunzelte Geſicht von Grimaud, das ihn Anfangs mit Haß er⸗ füllt hatte und jetzt ſeine einzige Hoffnung war. Gri⸗ maud kam ihm wie ein Antinvus vor. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß Alles dieß ein Spiel der fieberhaften Einbildungskraft des Ge⸗ fangenen war. Grimaud blieb immer derſelbe; er hatte ſich auch das volle Vertrauen ſeines Vorgeſetzten La Ramée erhalten, der ſich jetzt mehr auf ihn, als auf ſich ſelbſt verließ, denn La Rameée fühlte ſich, wie ge⸗ ſagt, im Grunde ſeines Herzens etwas ſchwach gegen Herrn von Beaufort. Dieſer gute La Ramée freute ſich auch ungemein auf das kleine Abendbrod mit dem Gefangenen. La Ramée hatte nur einen Fehler, er war Gourmand; er hatte die Paſteten gut, die Weine vortrefflich ge⸗ funden. Der Nachfolger von Vater Marteau hatte ihm nun eine Faſanenpaſtete ſtatt einer Hühnerpaſtete, Cham⸗ bertin ſtatt Macon⸗Wein verſprochen. Alles dieß, erhöht durch die Anweſenheit des vortrefflichen Prinzen, der im Ganzen ſo gut war, der ſo drollige Streiche gegen Herrn von Chavigny und ſo vortreffliche Späſſe gegen Mazarin erfand, machte für La Ramée aus dem Pfingſt⸗ tage, welcher kommen ſollte, eines von den vier großen Feſten des Jahres. La Raimse erwartete die ſechste Abendſtunde mit eben ſo viel Ungeduld als der Prinz. Schon am Morgen beſchäftigte er ſich mit allen Einzelnheiten, und da er ſich in dieſer Beziehung nur auf ſich ſelbſt verließ, ſo machte er dem Nachfolger des Vater Marteau in Perſon einen Beſuch. Dieſer hatte ſich ſelbſt übertroffen, er zeigte ihm eine wahre Ungeheuerpaſtete, auf dem Decke verziert mit dem Wappen des Herrn von Beaufort. Die Paſtete war noch leer, aber neben ihr lagen ein Faſan und zwei Feldhühner, ſo niedlich geſpickt, daß ſie aus⸗ ſahen, wie ein Nadelkiſſen. Das Waſſer lief La Ramée n er 59 einen gefahrvollen Entſchluß faſſen und immer mehr erkalten, je näher der Augenblick der Ausführung kommt, ſchien der Herzog von Beaufort, deſſen ſprudelnder Muth ſprüchwörtlich geworden war, die Zeit vorwärts zu treiben, unb rief mit den heißeſten Wünſchen die Stunde der Thätigkeit herbei. Es lagen in ſeiner Ent⸗ weichung ſelbſt, abgeſehen von den Plänen, die er für die Zukunft nährte, allerdings noch ziemlich unbeſtimmte, ungewiſſe, Entwürfe, es lag darin ein Anfang der Rache, die ihm das Herz ausdehnte.. Einmal war ſeine Flucht ein böſes Ereigniß für Herrn von Chavigny, den er haßte wegen der kleinlichen Verfolgungen, wel⸗ chen er ihn unterworfen hatte; dann ein noch viel ſchlimmeres Ereigniß für Mazarin, den er verabſcheute wegen der ſchweren Vorwürfe, die er ihm zu machen hatte. Man ſieht, daß das richtige Verhältniß bei den Gefühlen des Gefangenen gegen den Gonverneur und den Miniſter, den Untergebenen und den Herrn, beob⸗ achtet war. Dann brachte Herr von Beaufort, der, mit dem Innern des Palais Royal vertraut, die Verbindung des Cardinals und der Königin kannte, in die Scene ſeines Gefängniſſes die ganze dramatiſche Bewegung, welche erfolgen müßte, wenn von dem Cabinet des Miniſters in das Zimmer der Königin das Gerücht erſchallen würde:„Herr von Zeaufort iſt entflohen!“ Indem Herr von Beaufort ſich dieß ſagte, lächelte er ſanft; er glaubte ſchon die Luft von Wald und Flur zu athmen und, ein kräftiges Roß zwiſchen den Beinen, mit lauter Stimme zu rufen:„Ich bin frei!“ Wieder zu ſich kommend fand er ſich allerdings zwiſchen ſeinen vier Wänden, ſah er allerdings zehn Schritte von ſich La Ramée, der ſeine Daumen um einander drehte, und im Vorzimmer ſeine acht Wachen, welche lachten oder tranken. Das Einzige, was ſeinen Blick von Reſem haß. e⸗ te r⸗ ri⸗ eß e⸗ tte uf ge⸗ rſon aus⸗ 61 im Munde zuſammen und er kehrte, ſich die Hände reibend, in das Zimmer des Herzogs zurück. Um das Maß des Glückes voll zu machen, hatte Herr von Chavigny, wie wir erzählt haben, auf La Ramée bauend, eine kleine Reiſe unternommen und ſich auch bereits an demſelben Morgen entfernt, wo⸗ durch La Ramée Untergouverneur des Schloſſes gewor⸗ den war. Grimaud ſah verdrießlicher als je aus. Herr von Beaufort hatte am Morgen mit La Ra⸗ mée eine Partie Ball geſpielt, und Grimaud hatte ihm hiebei durch ein Zeichen zu verſtehen gegeben, er möge auf Alles Achtung geben. Vorwärts marſchirend bezeichnete Grimaud den Weg, welchen man am Abend verfolgen ſollte. Das Ballſpiel war an dem Orte, den man den Bezirk des innern Hofes vom Schloſſe nannte. Es war eine ziem⸗ lich verlaſſene Stelle, welche nur in dem Augenblick mit Wachen beſetzt wurde, wo Herr von Beaufort ſeine Partie machte. Bei der Höhe der Mauer ſchien ſogar dieſe Vorſichtsmaßregel überflüſſig. Man hatte drei Thüren zu öffnen, ehe man zu dieſem Bezirke gelangte. Jede von dieſen Thüren wurde mit einem andern Schlüſſel geöffnet. La Ramée trug dieſe drei Schlüſſel bei ſich. Als Grimaud in den Bezirk kam, ſetzte er ſich maſchinenmäßig in eine Schießſcharte und ließ die Beine außen an der Mauer hinabhängen. Offenbar ſollte hier die Strickleiter befeſtigt werden. Dieſes ganze, für den Herzog von Beaufort wohl⸗ begreifliche Manöver war, wie man leicht einſehen wird, für La Ramée nicht verſtändlich. Die Partie begann. Dießmal war Herr von Beaufort im Zuge, und man hätte glauben ſollen, er lege mit der Hand die Bälle dahin, wohin ſie nach ſeinem Willen fallen ſollten. La Ramée wurde völlig geſchlagen. lichen Gemälde ausruhen ließ, ſo groß iſt die Unbe⸗ ſtändigkeit des menſchlichen Geiſtes, war das gerunzelte Geſicht von Grimaud, das ihn Anfangs mit Haß er⸗ füllt hatte und jetzt ſeine einzige Hoffnung war. Gri⸗ maud kam ihm wie ein Antinous vor. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß Alles dieß ein Spiel der fieberhaften Einbildungskraft des Ge⸗ fangenen war. Grimand blieb immer derſelbe; er hatte ſich auch das volle Vertrauen ſeines Vorgeſetzten La Ramée erhalten, der ſich jetzt mehr auf ihn, als auf ſich ſelbſt verließ, denn La Ramée fühlte ſich, wie ge⸗ ſagt, im Grunde ſeines Herzens etwas ſchwach gegen Herrn von Beaufort. Dieſer gute La Ramée freute ſich auch ungemein auf das kleine Abendbrod mit dem Gefangenen. La Rameée hatte nur einen Fehler, er war Gourmand; er hatte die Paſteten gut, die Weine vortrefflich ge⸗ funden. Der Nachfolger von Vater Marteau hatte ihm nun eine Faſanenpaſtete ſtatt einer Hühnerpaſtete, Cham⸗ bertin ſtatt Macon⸗Wein verſprochen. Alles dieß, erhöht durch die Anweſenheit des vortrefflichen Prinzen, der im Ganzen ſo gut war, der ſo drollige Streiche gegen Herrn von Chavigny und ſo vortreffliche Späſſe gegen Mazarin erfand, machte für La Ramée aus dem Pfingſt⸗ tage, welcher kommen ſollte, eines von den vier großen Feſten des Jahres. La Ramée erwartete die ſechste Abendſtunde mit eben ſo viel Ungeduld als der Prinz. Schon am Morgen ſchäftigte er ſich mit allen Einzelnheiten, und da er in dieſer Beziehung nur auf ſich ſelbſt verließ, ſo machte er dem Nachfolger des Vater Marteau in Perſon einen Beſuch. Dieſer hatte ſich ſelbſt übertroffen, er zeigte ihm eine wahre Ungehenerpaſtete, auf dem Deckel verziert mit dem Wappen des Herrn von Beaufort. Die Paſtete war noch leer, aber neben ihr lagen ein Faſan und zwei Feldhühner, ſo niedlich geſpickt, daß ſte aus⸗ ſahen, wie ein Nadelkiſſen. Das Waſſer lief La Ramée 5— ͤree —— —+—— —ᷣ——— 2 +₰— 62 Vier von den Wachen waren Herrn von Beaufort gefolgt und hoben die Bälle auf. Als das Spiel vor⸗ über war, bot Herr von Beaufort La Ramée, ihn wegen ſeiner ungeſchicklichkeit verſpottend, für die Wachen zwei Louisdor an, um mit ihren vier andern Kameraden auf ſeine Geſundheit zu trinken. Die Wachen baten um Erlaubniß hiezu bei La* Ramée, der ſie ihnen auch ertheilte, aber nur für den Abend. Bis dahin mußte ſich La Ramée mit wichtigen Dingen beſchäſtigen. Da er Gänge zu machen hatte, ſo wünſchte er, daß man während ſeiner Abweſenheit den Gefangenen nicht aus dem Geſichte verliere. Hätte Herr Beaufort die Sachen ſelbſt angeordnet, er wuͤrde ſie ohne Zweifel weniger zu ſeiner Zufrieden⸗ heit abgemacht haben, als dieß ſein Wächter that. Endlich ſchlug es ſechs Uhr; obgleich man ſich erſt um ſieben Uhr zu Tiſche ſetzen ſollte, ſo war das Abend⸗ brod doch ſchon bereit und aufgelragen. Auf einem Schenktiſche ſtand die coloſſale Paſtete mit dem Wap⸗ pen des Herzogs und, wie es ſchien, gahr gebacken, wenn man nach der goldenen Farbe der Kruſte urtheilen durfte. Das Uebrige des Abendbrods war ganz im Verhältniß zu der Paſtete. Alle Welt war ungeduldig: die Wachen, trinken zu gehen, La Ramée, ſich zu Tiſche zu ſetzen, und Herr von Beaufort, zu entweichen. Grimaud allein war gleich geduldig. Man hätte glauben ſollen, Athos habe ihn in der Vorausſicht dieſes großen Ereigniſſes erzogen. Es gab Augenbliche, wo der Herzog von Beau⸗ fort, wenn er ihn anſchaute, ſich fragte, ob er nicht“ träumte, und ob dieſes Marmorgeſicht wirklich ihm zu Dienſte ſei und ſich im gegebenen Momente beleben würde. La Ramée entließ die Wachen, indem er ihnen noch empfahl, auf die Geſundheit des Prinzen zu trin⸗ ken. Sobald ſie weggegangen waren, ſchloß er die 61 im Munde zuſammen und er kehrte, ſich die Hände reibend, in das Zimmer des Herzogs zurück. Um das Maß des Glückes voll zu machen, hatte Herr von Chavigny, wie wir erzählt haben, auf La Ramée bauend, eine kleine Reiſe unternommen und ſich auch bereits an demſelben Morgen entfernt, wo⸗ durch La Ramée Untergouverneur des Schloſſes gewor⸗ den war.. Grimaud ſah verdrießlicher als je aus. Herr von Beaufort hatte am Morgen mit La Ra⸗ mée eine Partie Ball geſpielt, und Grimand hatte ihm hiebei durch ein Zeichen zu verſtehen gegeben, er möge auf Alles Achtung geben. Vorwärts marſchirend bezeichnete Grimand den Weg, welchen man am Abend verfolgen ſollte. Das Ballſpiel war an dem Orte, den man den Bezirk des innern Hofes vom Schloſſe nannte. Es war eine ziem⸗ lich verlaſſene Stelle, welche nur in dem Augenblick mit Wachen beſetzt wurde, wo Herr von Beaufort ſeine Partie machte. Bei der Höhe der Mauer ſchien ſogar dieſe Vorſichtsmaßregel überflüſſig. Man hatte drei Thüren zu öffnen, ehe man zu dieſem Bezirke gelangte. Jede von dieſen Thüren wurde mit einem andern Schlüſſel geöffnet. La Ramée trug dieſe drei Schlüſſel bei ſich. Als Grimand in den Bezirk kam, ſetzte er ſich maſchinenmäßig in eine Schießſcharte und ließ die Beine außen an der Mauer hinabhängen. Offenbar ſollte hier die Strickleiter befeſtigt werden. Dieſes ganze, für den Herzog von Beaufort wohl⸗ begreifliche Manöver war, wie man leicht einſehen wird, für La Ramtee nicht verſtändlich. Die Partie begann. Dießmal war Herr von Beaufort im Zuge, und man hätte glauben ſollen, er lege mit der Hand die Bälle dahin, wohin ſie nach ſeinem Willen fallen ſollten. La Ramée wurde völlig geſchlagen. 8 rt r⸗ hn en en La en en te, eit et, en⸗ erſt nd⸗ em ap⸗ enn fte. niß nzu err ätte ſicht eau⸗ icht ihm eben nen trin⸗ die 63 Thüren, ſteckte die Schlüſſel in ſeine Taſche, deutete, gegen den Prinzen gewendet, mit einer Miene auf den Tiſch, welche ſagen wollte: „Wenn es Monſeigneur gefällig wäre?“ Der Prinz ſchaute Grimaud an. Grimaud ſchaute die Uhr an. Es war erſt ein Viertel auf ſieben Uhr, die Flucht war auf ſieben Uhr beſtimmt. Man hatte alſo noch drei Viertelſtunden zu warten. Um eine Viertelſtunde Zeit zu gewinnen, ſchützte der Prinz eine Lectüre vor, die ihn ſehr anſpräche, und bat, das Capitel vollenden zu dürfen. La Ramée näherte ſich, ſchaute ihm über die Schulter, um zu ſehen, was für ein Buch einen ſo großen Einfluß auf den Prinzen ausübte, daß es ihn abhielt, ſich zu Tiſche zu ſetzen, während das Abendbrod aufgetragen war. Es waren die Commentare von Cäſar, welche er ſelbſt gegen die Befehle von Chavigny, dem Prinzen vor drei Tagen verſchafft hatte. La Ramée gelobte ſich, nie mehr der Gefängniß⸗ ordnung zuwider zu handeln. Mitckerweile öffnete er die Flaſchen und roch an der Paſtete. Um halb ſieben Uhr erhob ſich der Prinz und ſagte mit großem Ernſte: „„Cäſar war entſchieden der größte Mann des Alter⸗ ums.“ „Ihr findet dies, Monſeigneur?“ ſprach La Ramée. Ja „Nun wohl, und ich,“ verſetzte La Ramée,„ich ziehe Hannibal vor.“ „Und warum dies, Meiſter La Ramse?“ fragte der Herzog. „Weil er keine Commentare hinterlaſſen hat,“ er⸗ wiederte La Ramée mit einem ſchweren Seufzer. Der Herzog begriff die Anſpielung, ſetzte ſich zu 62 Vier von den Wachen waren Herrn von Beaufort gefolgt und hoben die Bälle auf. Als das Spiel vor⸗ über war, bot Herr von Beaufort La Ramée, ihn wegen ſeiner Ungeſchicklichkeit verſpottend, für die Wachen zwei Louisd'or an, um mit ihren vier andern Kameraden auf ſeine Geſundheit zu trinken. Die Wachen baten um Erlaubniß hiezu bei La Ramée, der ſie ihnen auch ertheilte, aber nur für den Abend. Bis dahin mußte ſich La Ramée mit wichtigen Dingen beſchäftigen. Da er Gänge zu machen hatte, ſo wünſchte er, daß man während ſeiner Abweſenheit den Gefangenen nicht aus dem Geſichte verliere. Hätte Herr Beaufort die Sachen ſelbſt angeordnet, er würde ſie ohne Zweifel weniger zu ſeiner Zufrieden⸗ heit abgemacht haben, als dieß ſein Wächter that. Endlich ſchlug es ſechs Uhr; obgleich man ſich erſt um ſieben Uhr zu Tiſche ſetzen ſollte, ſo war das Abend⸗ brod doch ſchon bereit und aufgetragen. Auf einem Schenktiſche ſtand die coloſſale Paſtete mit dem Wap⸗ pen des Herzogs und, wie es ſchien, gahr gebacken, wenn man nach der goldenen Farbe der Kruſte urtheilen durfte. Das Uebrige des Abendbrods war ganz im Verhältniß zu der Paſtete. Alle Welt war ungeduldig: die Wachen, trinken zu gehen, La Ramée, ſich zu Tiſche zu ſetzen, und Herr von Beaufort, zu entweichen. Grimand allein war gleich geduldig. Man hätte glauben ſollen, Athos habe ihn in der Vorausſicht dieſes großen Ereigniſſes erzogen. Es gab Augenblicke, wo der Herzog von Beau⸗ fort, wenn er ihn anſchaute, ſich fragte, ob er nicht träumte, und ob dieſes Marmorgeſicht wirklich ihm zu Dienſte ſei und ſich im gegebenen Momente beleben würde.. La Ramée entließ die Wachen, indem er ihnen noch empfahl, auf die Geſundheit des Prinzen zu trin⸗ ken. Sobald ſie weggegangen waren, ſchloß er die 8 Tiſche und bedeutete La Ramse, er möge ihm gegen⸗ über Platz nehmen. Der Gefreite ließ ſich dies nicht zweimal ſagen⸗ Es gibt kein ſo ausdrucksvolles Geſicht, wie das eines Gourmand, der ſich vor einer guten Tafel be⸗ findet. Als La Ramée aus den Händen von Grimaud ſeinen Suppenteller empfing, ſtellte ſein Geſicht das Gefühl vollkommener Glückſeligkeit dar. Der Herzog ſchaute ihn lächelnd an. „Ventre⸗Saint⸗Gris! La Rameée!“ rief er;„wißt Ihr, daß ich, wenn man mir ſagte, es gäbe in dieſem Frankreich einen glücklicheren Menſchen als Ihr, es nicht glauben würde.“ „Und meiner Treu'! Ihr hättet Recht, Mon⸗ ſeigneur,“ ſprach La Ramée;„ich geſtehe, daß ich Hunger habe. Ich kenne keinen lieblicheren Anblick, als eine wohlbeſtellte Tafel, und wenn Ihr beifügt,“ fuhr La Ramce fort,„daß derjenige, welcher die Hon⸗ neurs dieſer Tafel macht, der Enkel von Heinrich dem Großen iſt, ſo werdet Ihr begreifen, Monſeigneur, daß die Ehre, welche Einem zu Theil wird, das Vergnügen, das man genießt, verdoppelt.“ Der Prinz verbengte ſich, und ein unmerkliches Lächeln erſchien auf dem Antlitz von Grimand, der⸗ hinter La Ramée ſtand. „Mein lieber La Ramée,“ ſprach der Herzog,„in der That, nur Ihr verſteht es, ein Compliment zu drehen.“ „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte La Ramse in dem Erguſſe ſeiner Seele, nein, in Wahrheit, ich ſpreche aus, was ich denke. Es liegt kein Compliment in dem, 3 was ich Euch hier ſage.“ „Alſo ſeid Ihr mir zugethan?“ fragte der Prinz. „Das heißt,“ erwiederte la Ramée,„ich wäre untröſtlich, wenn Eure Hoheit Vincennes verließe.“ „Eine ſonderbare Manier, Eure Zuneigung kund⸗ zugeben.“ v ——————— d U e 1 ——— 63 Thüren, ſteckte die Schlüſſel in ſeine Taſche, deutete, gegen den Prinzen gewendet, mit einer Miene auf den Tiſch, welche ſagen wollte: „Wenn es Monſeigneur gefällig wäre?“ Der Prinz ſchaute Grimaud an. Grimaud ſchaute die Uhr an. Es war erſt ein Viertel auf ſieben Uhr, die Flucht war auf ſieben Uhr beſtimmt. Man hatte alſo noch drei Viertelſtunden zu warten. Um eine Viertelſtunde Zeit zu gewinnen, ſchützte der Prinz eine Lectüre vor, die ihn ſehr anſpräche, und bat, das Capitel vollenden zu duͤrfen. La Ramée näherte ſich, ſchaute ihm über die Schulter, um zu ſehen, was für ein Buch einen ſo großen Einfluß auf den Prinzen ausübte, daß es ihn abhielt, ſich zu Tiſche zu ſetzen, während das Abendbrod aufgetragen war. Es waren die Commentare von Cäſar, welche er ſelbſt gegen die Befehle von Chavigny, dem Prinzen vor drei Tagen verſchafft hatte. La Ramée gelobte ſich, nie mehr der Gefängniß⸗ ordnung zuwider zu handeln. 5 Mittlerweile öffnete er die Flaſchen und roch an der Paſtete. Um halb ſieben Uhr erhob ſich der Prinz und ſagte mit großem Ernſte:„ „Cäſar war entſchieden der größte Mann des Alter⸗ thums.“ „Ihr findet dies, Monſeigneur?“ ſprach La Ramée. a 44 „Ja. „Nun wohl, und ich,“ verſetzte La Ramée,„ich ziehe Hannibal vor.“ 3 „Und warum dies, Meiſter La Ramée?“ fragte der Herzog.. „Weil er keine Commentare hinterlaſſen hat,“ er⸗ wiederte La Ramée mit einem ſchweren Seufßzer. Der Herzog begriff die Anſpielung, ſetzte ſich zu E 65 „Aber, Monſeigneur,“ entgegnete La Ramée,„was würdet Ihr außen machen? Irgend eine Tollheit, durch die Ihr Euch mit dem Hofe überwerfen würdet, brächte Euch in die Baſtille, ſtatt nach Vincennes. Herr von Chavigny, ich gebe es zu, iſt nicht liebenswürdig,“ fuhr La Ramée, ein Glas Madeira ſchlürfend, fort; „Herr du Tremblay iſt noch viel ſchlimmer.“ „In der That?“ ſprach der Herzog, der ſich über die Wendung beluſtigte, welche das Geſpräch nahm, und von Zeit zu Zeit auf die Pendeluhr ſch ute, deren Zeiger mit verzweiflungsvoller Langſamkeit vorrückte. „Was wollt Ihr von dem Bruder eines in der Schule des Cardinal von Richelieu gefütterten Capu⸗ ziners mehr erwarten? Ah! Monſeigneur, es iſt ein großes Glück, daß die Königin, die Euch ſtets wohl⸗ wollte, wie ich wenigſtens ſagen hörte, die Idee hatte, Euch hierher zu ſchicken, wo es einen ſchönen Spazier⸗ gang, Ballſpiel, gute Tafel, gute Luft gibt.“ „In der Thak,“ ſprach der Herzog,„wenn man Euch hört, La Ramée, bin ich ſehr undankbar, daß ich einen Augenblick den Gedanken gehabt habe, mich von hier zu entfernen.“ „Oh! Monſeigneur, das iſt der höchſte Grad von Undankbarkeit,“ verſetzte La Ramée;„aber Eure Ho⸗ heit hat wohl nie im Ernſte daran gedacht.“ „Allerdings,“ ſprach der Herzog,„und ich muß Euch geſtehen, es iſt vielleicht eine Thorheit, ich leugne es nicht, aber ich denke von Zeit zu Zeit noch daran.“ „Immer durch eines von Euren vierzig Mitteln, onſeigneur?“ „Gewiß, verſetzte der Herzog. „Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„da wir unſere Herzen gerade ſo erſchließen, ſo nennt mir doch eines den vierzig Mitteln, welche Eure Hoheit erſonnen a..* „Gerne,“ ſprach der Herzog.„Grimaud, gebt mir die Paſtete.“ 8 64 Tiſche und bedeutete La Ramée, er möge ihm gegen⸗ über Platz nehmen.— Der Gefreite ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Es gibt kein ſo ausdrucksvolles Geſicht, wie das eines Gourmand, der ſich vor einer guten Tafel be⸗ findet. Als La Ramée aus den Händen von Grimaud ſeinen Suppenteller empfing, ſtellte ſein Geſicht das Gefühl vollkommener Glückſeligkeit dar. Der Herzog ſchaute ihn laͤchelnd an. „Ventre⸗Saint⸗Gris! La Ramée!“ rief er;„wißt Ihr, daß ich, wenn man mir ſagte, es gäbe in dieſem Frankreich einen glücklicheren Menſchen als Ihr, es nicht glauben würde.“ „Und meiner Treu'! Ihr hättet Recht, Mon⸗ ſeigneur,“ ſprach La Ramée;„ich geſtehe, daß ich Hunger habe. Ich kenne keinen lieblicheren Anblick, als eine wohlbeſtellte Tafel, und wenn Ihr beifügt,)“ fuhr La Ramée fort,„daß derjenige, welcher die Hon⸗ neurs dieſer Tafel macht, der Enkel von Heinrich dem Großen iſt, ſo werdet Ihr begreifen, Monſeigneur, daß die Ehre, welche Einem zu Theil wird, das Vergnügen, das man genießt, verdoppelt.“ Der Prinz verbeugte ſich; und ein unmerkliches Lächeln erſchien auf dem Antlitz von Grimand, der hinter La Ramée ſtand. „Mein lieber La Ramée,“ ſprach der Herzog,„in der That, nur Ihr verſteht es, ein Compliment zu drehen.“ „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte La Ramée in dem Erguſſe ſeiner Seele, nein, in Wahrheit, ich ſpreche aus, was ich denke. Es liegt kein Compliment in dem, was ich Euch hier ſage.“ 3 3 „Alſo ſeid Ihr mir zugethan?“ fragte der Prinz. „Das heißt,“ erwiederte la Ramée,„ich wäre untröſtlich, wenn Eure Hoheit Vincennes verließe.“ „Eine ſonderbare Manier, Eure Zuneigung kund⸗ zugeben.“ 66 „Ich höre,“ ſagte La Ramée, lehnte ſich in ſeinem Stuhle zurück, hob ſein Glas in die Höhe und blin⸗ zelte mit dem Auge, um die untergehende Sonne durch den flüſſigen Rubin zu ſehen, den es enthielt. Der Herzog warf einen Blick auf die Pendeluhr. Noch zehn Minuten, und es ſollte ſieben Uhr ſchlagen. Grimand ſtellte die Paſtete vor den Prinzen, der ſein Meſſer mit der ſilbernen Klinge nahm, um den Deckel abzuheben. Aber La Ramée, welcher befürchtete, es könnte dieſem ſchönen Stücke Unheil widerfahren, dem Herzog ſein Meſſer, das eine eiſerne Klinge hatte. „Ich danke, La Ramée,“ ſprach der Herzog und griff nach dem Meſſer. „Nun, Monſeigneur,“ ſagte der Gefreite,„das ausgezeichnete Mittel?“ „Soll ich es Euch nernen?“ verſetzte der Herzog, „dasjenige, auf welches ich am meiſten rechnete, das Rittel, welches ich zuerſt anzuwenden entſchloſſen war?“ „Ja, eben dieſes,“ antwortete La Ramée. „Gut,“ ſprach der Herzog, mit einer Hand die Paſtete aufhebend und mit der andern mittelſt ſeines Meſſers Kreiſe beſchreibend.„Ich hoffte vor Allem zum Wächter einen braven Burſchen zu haben, wie Ihr ſeid, Herr La Ramée.“ „Schön,“ ſagte La Ramée,„Ihr habt ihn, Mon⸗ ſeigneur. Hernach?“ 3 „Und ich freue mich darüber.“ 3 La Ramée verbeugte ſich. „Ich ſagte mir,“ fuhr der Prinz fort;„habe ich einmal in meiner Nähe einen braven Burſchen, wie, La Ramée, ſo werde ich darnach trachten, ihm durch einen Freund von mir, von dem er nicht weiß, daß ich in Verbindung mit ihm ſtehe, einen Menſchen empfeh⸗ len zu laſſen, der mir ergeben iſt, und mit welchem ich mich über die Vorkehrungen zu meiner Flucht ver⸗ ſtändigen kann.“ 65 „Aber, Monſeigneur,“ entgegnete La Ramée,„was würdet Ihr außen machen? Irgend eine Tollheit, durch die Ihr Euch mit dem Hofe überwerfen würdet, brächte Euch in die Baſtille, ſtatt nach Vincennes. Herr von Chavigny, ich gebe es zu, iſt nicht liebenswürdig,“ fuhr La Ramée, ein Glas Madeira ſchlürfend, fort; „Herr du Tremblay iſt noch viel ſchlimmer.“ „In der That?“ ſprach der Herzog, der ſich über die Wendung beluſtigte, welche das Geſpräch nahm, und von Zeit zu Zeit auf die Pendeluhr ſchaute, deren Zeiger mit verzweiflungsvoller Langſamkeit vorrückte. „Was wollt Ihr von dem Bruder eines in der Schule des Cardinal von Richelieu gefütterten Capu⸗ ziners mehr erwarten? Ah! Monſeigneur, es iſt ein großes Glück, daß die Königin, die Euch ſtets wohl⸗ wollte, wie ich wenigſtens ſagen hörte, die Idee hatte, Euch hierher zu ſchicken, wo es einen ſchönen Spazier⸗ gang, Ballſpiel, gute Tafel, gute Luft gibt.“ „In der That,“ ſprach der Herzog,„wenn man Euch hört, La Ramee, bin ich ſehr undankbar, daß ich einen Augenblick den Gedanken gehabt habe, mich von hier zu entfernen.“ „Oh! Monſeigneur, das iſt der höchſte Grad von Undankbarkeit,“ verſetzte La Ramée;„aber Eure Ho⸗ heit hat wohl nie im Ernſte daran gedacht.“ „Allerdings,“ ſprach der Herzog,„und ich muß Euch geſtehen, es iſt vielleicht eine Thorheit, ich leugne es nicht, aber ich denke von Zeit zu Zeit noch daran.“ „Immer durch eines von Euren vierzig Mitteln, Monſeigneur?“ „Gewiß, verſetzte der Herzog. „Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„da wir unſere Herzen gerade ſo erſchließen, ſo nennt mir doch eines von den vierzig Mitteln, welche Eure Hoheit erſonnen ha 4. 8 „Gerne.“ ſprach der Herzog.„Grimaud, gebt mir die Paſtete.“ em in⸗ rch hr. en. der den ete, en, nge und das z0g, r die ines zum ſeid, Mon⸗ e ich wie durch ß ich pfeh⸗ — ſchen t ver⸗ 67 „Gut, gut,“ ſagte„La Ramée, gar nicht übel er⸗ ſonnen.“ „Nicht wahr?“ verſetzte der Prinz,„zum Beiſpiel den Diener irgend eines braven Edelmannes, eines Feindes von Mazarin, wie jeder Edelmann ſein muß.“ Stille, Monſeigneur, ſprechen wir nicht über Po⸗ itik.“ „Habe ich dieſen Menſchen bei mir,“ fuhr der Herzog fort,„und er iſt geſchickt und weiß meinem Wächter Vertrauen einzuflößen, ſo wird dieſer ſich auf ihn verlaſſen, und ich erhalte Nachricht von außen.“ „Ah ja, aber wie dies, Nachricht von außen?“ fragte La Ramée. „Oh! nichts leichter,“ antwortete der Herzog von Beaufort,„bei einer Ballpartie zum Beiſpiel.“ „Beim Ballſpiele!“ rief La Ramse, der mit der größten Aufmerkſamkeit dem Herzog zuzuhören anfing. „Ja, hört. Ich ſchleudere einen Ball in den Gra⸗ ben; es iſt ein Menſch da, der ihn aufhebt. Der Ball enthält einen Brief. Statt den Ball zurückzuwerfen, um den ich ihn gebeten habe, wirft er mir einen an⸗ dern zurück. Dieſer Ball enthält auch einen Brief. Auf dieſe Art tauſchen wir unſere Gedanken aus, und Niemand hat etwas davon geſehen.“ „Teufel! Teufel!“ ſagte La Ramée, ſich hinter den Ohren kratzend,„Ihr thut wohl daran, es mir zu ſagen. Ich werde die Ballaufheber überwachen.“ Der Herzog lächelte. „Aber im Ganzen,“ fuhr La Ramse fort,„iſt die⸗ ſes nur ein Mittel, zu correſpondiren.“ „Mir ſcheint, das iſt ſchon viel.“ „Doch noch nicht genug.“ „Ich bitte um Vergebung. Zum Beiſpiel, ich ſchreibe meinen Freunden: findet Euch an dem und dem Tag, zu der und der Stunde mit zwei Reitpferden jenſeits des Grabens ein.“ „Nun, und hernach?“ ſagte La Ramée mit einer 66 „ Ich höre,“ ſagte La Ramée, lehnte ſich in ſeinem Stuhle zurück, hob ſein Glas in die Höhe und blin⸗ zelte mit dem Auge, um die untergehende Sonne durch den flüſſigen Rubin zu ſehen, den es enthielt. Der Herzog warf einen Blick auf die Pendeluhr. Noch zehn Minuten, und es ſollte ſieben Uhr ſchlagen. Grimand ſtellte die Paſtete vor den Prinzen, der ſein Meſſer mit der ſilbernen Klinge nahm, um den Deckel abzuheben. Aber La Ramée, welcher befürchtete, es könnte dieſem ſchönen Stücke Unheil widerfahren, Trichte dem Herzog ſein Meſſer, das eine eiſerne Klinge hatte. „Ich danke, La Ramée,“ ſprach der Herzog und griff nach dem Meſſer. „Nun, Monſeigneur,“ ſagte der Gefreite,„das ausgezeichnete Mittel?“ „Soll ich es Euch nennen?“ verſetzte der Herzog, „dasjenige, auf welches ich am meiſten rechnete, das Mittel, welches ich zuerſt anzuwenden entſchloſſen war?“ „Ja, eben dieſes,“ antwortete La Ramée. „Gut,“ ſprach der Herzog, mit einer Hand die Paſtete aufhebend und mit der andern mittelſt ſeines Meſſers Kreiſe beſchreibend.„Ich hoffte vor Allem zum Wächter einen braven Burſchen zu haben, wie Ihr ſeid, Herr La Ramée.“ „Schön,“ ſagte La Ramée,„Ihr habt ihn, Mon⸗ ſeigneur. Hernach?“ „Und ich freue mich darüber.“ La Ramee verbeugte ſich. „Ich ſagte mir,“ fuhr der Prinz fort;„habe ich einmal in meiner Nähe einen braven Burſchen, wie La Ramée, ſo werde ich darnach trachten, ihm durch einen Freund von mir, von dem er nicht weiß, daß ich in Verbindung mit ihm ſtehe, einen Menſchen empfeh⸗ len zu laſſen, der mir ergeben iſt, und mit welchem ich mich über die Vorkehrungen zu meiner Flucht ver⸗ ſtändigen kann.“ 68 gewiſſen Unruhe,„wenn dieſe Pferde nicht Flugel haben, um den Wall zu erſteigen und Euch abzuholen.“ „Ei, mein Gott,“ erwiederte der Prinz mit nach⸗ läſſigem Tone,„es ha ndelt ſich nicht darum, daß die Pierde Flügel haben; um den Wall zu erſteigen, ſon⸗ dern, daß ich ein Mittel habe, um hinabzukommen.“ „Welches?“ „Eine Strickleiter . „Ja, wohl,“ verſetzte La Ramée und ſuchte zu lachen;„aber eine Strickleiter ſchickt man nicht wie einen Brief in einem „Nein, aber man Balle.“ ſchickt ſie in etwas Anderem.“ „In etwas Anderem! in was denn?“ „In einer Paſtete zum Beiſpiel.“ „In einer Paſtete?“ „Ja; denkt Euch einmal, mein Haushofmeiſter Noirmont habe den kauft.“ Laden des Vater Marteau ge⸗ „Und dann?“ fragte La Ramée ſchaudernd. „La Ramée, ein Gourmand, erblickt ſeine Paſte⸗ ten, findet, daß ſie beſſer ausſehen, als die ſeiner Vor⸗ gänger, und erbietet ſich, mich davon koſten zu laſſen. Ich nehme es an unt er der Bedingung, daß La Ra⸗ mée mit mir davon koſtet. Zu größerer Bequemlichkeit entfernt La Ramée die Wachen und behält nur Gri⸗ maud, um uns zu bedienen. Grimaud iſt der Mann, den mir einer von meinen Freunden gegeben hat, der treue Diener, mit den in jeder Beziehung nich mich verſtändige, bereit, mich zu unterſtützen. Als Augenblick meiner Flucht iſt ſteben Uhr bezeichnet. Einige Minuten vor ſieben Uhr... „Einige Minuten vor ſieben Uhr?“ verſetzte La Ramée, dem der Schweiß auf der Stirne zu perlen anfing. „Einige Minnten vor ſieben Uhr,“ antwortete der Herzog, die That mit dem Worte verbindend, nehme ich den Deckel von der Paſtete ab. Ich finde darin 67 „Gut, gut,“ ſagte„La Ramse, gar nicht übel er⸗ ſonnen.“ „Nicht wahr?“ verſetzte der Prinz,„zum Beiſpiel den Diener irgend eines braven Edelmannes, eines Feindes von Mazarin, wie jeder Edelmann ſein muß.“ 3 Stille, Monſeigneur, ſprechen wir nicht über Po⸗ itik.“ „Habe ich dieſen Menſchen bei mir,“ fuhr der Herzog fort,„und er iſt geſchickt und weiß meinem Wächter Vertrauen einzuflößen, ſo wird dieſer ſich auf ihn verlaſſen, und ich erhalte Nachricht von außen.“ „Ah ja, aber wie dies, Nachricht von außen?“ fragte La Ramée. „Ohl nichts leichter,“ antwortete der Herzog von Beaufort,„bei einer Ballpartie zum Beiſpiel.“ „Beim Ballſpiele!“ rief La Ramée, der mit der größten Anufmerkſamkeit dem Herzog zuzuhören anfing. „Ja, hört. Ich ſchleudere einen Ball in den Gra⸗ ben; es iſt ein Menſch da, der ihn aufhebt. Der Ball enthält einen Brief. Statt den Ball zurückzuwerfen, um den ich ihn gebeten habe, wirft er mir einen an⸗ dern zurück. Dieſer Ball enthält auch einen Brief. Auf dieſe Art tauſchen wir unſere Gedanken aus, und Niemand hat etwas davon geſehen.“ „Teufel! Teufel!“ ſagte La Ramse, ſich hinter den Ohren kratzend,„Ihr thut wohl daran, es mir zu ſagen. Ich werde die Ballaufheber überwachen.“ Der Herzog lächelte. „Aber im Ganzen,“ fuhr La Ramsée fort,„iſt die⸗ ſes nur ein Mittel, zu correſpondiren.“ 3— „Mir ſcheint, das iſt ſchon viel.“ „Doch noch nicht genug.“ „Ich bitte um Vergebung. Zum Beiſpiel, ich ſchreibe meinen Freunden: findet Euch an dem und dem Tag, zu der und der Stunde mit zwei Reitpferden jenſeits des Grabens ein.“ „Nun, und hernach?“ ſagte La Ramée mit einer n, h⸗ ie n zu vie ſter ge⸗ uſte⸗ Jor⸗ ſſen. Ra⸗ hkeit Hri⸗ ann, der mich blick ten e La erlen e der ehme darin 69 5 zwei Dolche, eine Strickleiter und einen Knebel. Ich ſetze einen von den Dolchen La Ramée auf die Bruſt und ſage zu ihm:„Mein Freund, es thut mir un⸗ endlich leid, aber wenn Du nur eine Geberde wagſt, i Du den geringſten Schrei ausſtößt, biſt Du ver⸗ oren.““ Der Herzog hatte, wie geſagt, während er die letzten Worte ausſprach, die That mit den Worten ver⸗ bunden. Er ſtand bei La Ramée und hielt ihm die Spitze ſeines Dolches mit einem Ausdrucke auf die Bruſt, der demjenigen, an welchen er ſich wandte, kei⸗ nen Zweifel an ſeinem Entſchluß übrig ließ. Während dieſer Zeit zog Grimaud, immer ſchwei⸗ gend, aus der Paſtete einen zweiten Dolch, die Strick⸗ leiter und die Maulbirne hervor. La Ramée folgte jedem von dieſen Gegenſtänden mit wachſendem Schrecken. „Oh, Monſeigneur!“ rief er und ſchaute den Her⸗ zog mit einem Erſtaunen an, worüber dieſer in jedem andern Augenblick in ein Gelächter ausgebrochen wäre, „Ihr ſeid nicht der Mann, mich zu tödten.“ ſi„wenn Du Dich nicht meiner Flucht wider⸗ etzeſt.“ „Aber, Monſeigneur, wenn ich Euch fliehen laſſe, in ich verloren.“ „Ich zahle Dir den Preis Deiner Stelle zurück.“ „Ihr ſeid feſt entſchloſſen, den Thurm zu ver⸗ n?“ „Bei Gott!“ „Alles, was ich Euch zu ſagen vermag, iſt nicht im Stande, eine Aenderung in Eurem Entſchluß her⸗ beizuführen?“ „Ich will noch dieſen Abend frei ſein.“ „Und wenn ich mich vertheidige, wenn ich rufe, wenn ich ſchreie?“ 5„So tödte ich Dich, ſo wahr ich ein Ebelmann in.“ laſſe 68 gewiſſen Unruhe,„wenn dieſe Pferde nicht Flügel haben, um den Wall zu erſteigen und Euch abzuholen.“ „Ei, mein Gott,“ erwiederte der Prinz mit nach⸗ läſſigem Tone,„es handelt ſich nicht darum, daß die Pferde Flügel haben, um den Wall zu erſteigen, ſon⸗ dern, daß ich ein Mittel habe, um hinabzukommen.“ „Welches?“ „Eine Strickleiter.“ 8 „Ja, wohl,“ verſetzte La Ramée und ſuchte zu lachen;„aber eine Strickleiter ſchickt man nicht wie einen Brief in einem Balle.“ „Nein, aber man ſchickt ſie in etwas Anderem.“ „In etwas Anderem! in was denn?“ „In einer Paſtete zum Beiſpiel.“ „In einer Paſtete?“ „Ja; denkt Euch einmal, mein Haushofmeiſter Nuütnant habe den Laden des Vater Marteau ge⸗ kauft.“ „Und dann?“ fragte La Ramée ſchaudernd. „La Ramée, ein Gourmand, erblickt ſeine Paſte⸗ ten, findet, daß ſie beſſer ausſehen, als die ſeiner Vor⸗ gänger, und erbietet ſich, mich davon koſten zu laſſen. Ich nehme es an unter der Bedingung, daß La Ra⸗ mée mit mir davon koſtet. Zu größerer Bequemlichkeit entfernt La Ramée die Wachen und behält nur Gri⸗ maud, um uns zu bedienen. Grimaud iſt der Mann, den mir einer von meinen Freunden gegeben hat, der treue Diener, mit dem ich mich verſtändige, bereit, mich in jeder Beziehung zu unterſtützen. Als Augenblick meiner Flucht iſt ſieben Uhr bezeichnet. Einige Minuten vor ſieben Uhr...“ „Einige Minuten vor ſieben Uhr?“ verſetzte La Ramée, dem der Schweiß auf der Stirne zu perlen anfing. „Einige Minnten vor ſieben Uhr,“ antwortete der Herzog, die That mit dem Worte verbindend, nehme ich den Deckel von der Paſtete ab. Ich finde darin 1 —.—., 70 In dieſem Augenblick ſchlug die Uhr. „Sieben Uhr!“ ſagte Grimaud, der noch kein Wort geſprochen hatte. „Sieben Uhr!“ rief der Herzog,„Du ſiehſt, ich bin noch zurück.“ La Ramée machte eine Bewegung, gleichſam zur Befreiung ſeines Gewiſſens. Der Herzog runzelte die Stirne und der Gefreite fühlte, daß die Klinge des Dolches, welche ſeine Klei⸗ der durchdrungen hatte, nun auch ſeine Bruſt durch⸗ dringen wollte. „Gut, Monſeigneur,“ ſagte er,„das genügt, ich werde mich nicht ruͤhren.“ „Beeilen wir uns,“ ſprach der Herzog. „Monſeigneur, eine letzte Gnade.“ „Welche? Sprich geſchwinde!“ „Bindet mich gut, Monſeigneur.“ „Warum Dich binden?“ půlt„Damit man mich nicht für Euren Schuldgenoſſen ält.“ „Die Hände,“ ſagte Grimaud. „Nicht von vorne, von hinten.“ „Aber womit,“ ſagte der Herzog. „Mit Eurem Gürtel, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée. Der Herzog machte ſeinen Gürtel los und gab ihn Grimaud, der La Ramée auf die gewünſchte Weiſe die Hände band. „Die Füße,“ ſprach Grimand. La Ramée ſtreckte ſeine Beine aus. Grimaud nahm eine Serviette, zerriß ſie in Streifen und band La Ramée. „Nun meinen Degen,“ ſprach La Ramée,„bindet den Griff.“ Der Herzog riß eines von den Bändern ſeiner Beinkleider ab und erfüllte das Verlangen ſeines Wärters. u ie 69 zwei Dolche, eine Strickleiter und einen Knebel. Ich ſetze einen von den Dolchen La Ramée auf die Bruſt und ſage zu ihm:„„Mein Freund, es thut mir un⸗ endlich leid, aber wenn Du nur eine Geberde wagſt, bhen Du den geringſten Schrei ausſtößt, biſt Du ver⸗ oren.““ Der Herzog hatte, wie geſagt, während er die letzten Worte ausſprach, die That mit den Worten ver⸗ bunden. Er ſtand bei La Ramée und hielt ihm die Spitze ſeines Dolches mit einem Ausdrucke auf die Bruſt, der demjenigen, an welchen er ſich wandte, kei⸗ nen Zweifel an ſeinem Entſchluß übrig ließ. Während dieſer Zeit zog Grimand, immer ſchwei⸗ gend, aus der Paſtete einen zweiten Dolch, die Strick⸗ leiter und die Maulbirne hervor. La Ramée folgte jedem von dieſen Gegenſtänden mit wachſendem Schrecken. „Oh, Monſeigneur!“ rief er und ſchaute den Her⸗ zog mit einem Erſtaunen an, worüber dieſer in jedem andern Augenblick in ein Gelächter ausgebrochen wäre, „Ihr ſeid nicht der Mann, mich zu tödten.“ ſes fdein, wenn Du Dich nicht meiner Flucht wider⸗ ſe e. „Aber, Monſeigneur, wenn ich Euch fliehen laſſe, bin ich verloren.“ 4 „Ich zahle Dir den Preis Deiner Stelle zurück.“ laſf„Ihr ſeid feſt entſchloſſen, den Thurm zu ver⸗ aſſe 2“ 3 „Bei Gott!“ AAlles, was ich Euch zu ſagen vermag, iſt nicht im Stande, eine Aenderung in Eurem Entſchluß her⸗ beizuführen?“ „Ich will noch dieſen Abend frei ſein.“ „Und wenn ich mich vertheidige, wenn ich rufe, wenn ich ſchreie?“ „So tödte ich Dich, ſo wahr ich ein Edelmann bin. ſſen La ihn die naud band indet einer eines 71 „Jetzt die Maulbirne,“ ſprach der arme La Ramse; „ich verlange ſie, denn man würde mir ſonſt den Pro⸗ zeß machen, weil ich nicht geſchrieen habe. Drückt ſie hinein, Monſeigneur, drückt ſie hinein!“ Grimaud ſchickte ſich an, den Wunſch des Gefrei⸗ ten zu erfüllen, welcher durch eine Bewegung andeu⸗ tete, er habe noch etwas zu ſagen. „Sprecht,“ rief der Herzog. „Monſeigneur,“ antwortete La Ramée,„wenn mir Euretwegen ein Unglück widerfährt, ſo vergeßt nicht, daß ich eine Frau und vier Kinder habe.“ „Sei ruhig. Stopfe zu, Grimaud!“ In einer Sekunde war La Ramée geknebelt und auf den Boden gelegt. Einige Stühle wurden umge⸗ worfen, als hätte ein Kampf ſtattgefunden. Grimaud nahm aus den Taſchen des Gefreiten alle Schlüſſel, welche ſie enthielten, öffnete zuerſt die Thüre des Zim⸗ mers, verſchloß ſie dann wieder doppelt, als ſie hin⸗ ausgegangen waren, und Beide ſchlugen den Weg nach der Gallerie ein, welche in den kleinen Hofbezirk führte. Die drei Thüren wurden nach und nach mit einer Be⸗ hendigkeit geöffnet und geſchloſſen, welche Grimaud zur Ehre gereichte. Endlich gelangte man auf den Ball⸗ ſpielplatz; er war völlig verlaſſen, keine Wachen, Nie⸗ mand am Fenſter. Der Herzog lief nach dem Walle und erblickte jen⸗ ſeits des Grabens drei Reiter mit zwei Handpferden. Er wechſelte ein Zeichen mit ihnen; ſie waren wirklich ſeinetwegen da. „Während dieſer Zeit band Grimaud die Strick⸗ leiter an. „Vorwärts,“ ſprach der Herzog. „Ich zuerſt, Monſeigneur?“ fragte Grimaud. „Allerdings,“ antwortete der Herzog.„Wenn man mich erwiſcht, ſo wage ich nicht mehr, als das Gefäng⸗ niß. Erwiſcht man Dich, ſo wirſt Du gehenkt.“ 70 In dieſem Augenblick ſchlug die Uhr. „Sieben Uhr!“ ſagte Grimaud, der noch kein Wort geſprochen hatte. „Sieben Uhr!“ rief der Herzog,„Du ſtehſt, ich bin noch zurück.“ La Ramée machte eine Bewegung, gleichſam zur Befreiung ſeines Gewiſſens. Der Herzog runzelte die Stirne und der Gefreite fühlte, daß die Klinge des Dolches, welche ſeine Klei⸗ der durchdrungen hatte, nun auch ſeine Bruſt durch⸗ dringen wollte. „Gut, Monſeigneur,“ ſagte er,„das genügt, ich werde mich nicht ruͤhren.“ „Beeilen wir uns,“ ſprach der Herzog. „Monſeigneur, eine letzte Gnade.“ „Welche? Sprich geſchwinde!“ „Bindet mich gut, Monſeigneur.“ „Warum Dich binden?“ 1:Dumit man mich nicht für Euren Schuldgenoſſen „Die Hände,“ ſagte Grimaud. „Nicht von vorne, von hinten.“ „Aber womit,“ ſagte der Herzog. „Mit Curem Guürtel, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée. Der Herzog machte ſeinen Gürtel los und gab ihn Grimaud, der La Ramée auf die gewünſchte Weiſe die Hände band. „Die Füße,“ ſprach Grimaud. La Ramée ſtreckte ſeine Beine aus. Grimaud nahm eine Serviette, zerriß ſie in Streifen und band La Ramée. „Nun meinen Degen,“ ſprach La Ramse,„bindet den Griff.“ Der Herzog riß eines von den Bändern ſeiner Beinkleider ab und erfüllte das Verlangen ſeines Wärters. —— Z——SRGS=SS=S=—P l 72 „Das iſt richtig,“ ſagte Grimaud und fing ſogleich ſein gefahrvolles Hinabſteigen an. Der Herzog folgte ihm mit den Augen mit einer unwillkürlichen Bangig⸗ keit; er hatte bereits drei Viertheile der Mauer er⸗ reicht, als plötzlich der Strick zerriß... Grimaud ſtürzte in den Graben. Der Herzog ſtieß einen Schrei aus; aber Grimaud ließ keinen Seufzer vernehmen, und dennoch mußte er ſchwer verwundet ſein, denn er blieb auf der Stelle liegen, auf die er gefallen war. Sogleich ließ einer von den Männern, welche jen⸗ ſeits warteten, ſich in den Graben herabgleiten, band unter den Schultern von Grimaud das Ende eines Strickes an, und die zwei Andern, welche das entgegen⸗ geſetzte Ende hielten, zogen Grimaud zu ſich hinauf. „Steigt herab, Monſeigneur!“ rief der Menſch, welcher im Graben war.„Die Entfernung beträgt nicht über fünfzehn Fuß, und der Raſen iſt weich.“ Der Herzog war bereits am Werke. Er hatte eine ſchwierige Arbeit, denn durch den Bruch waren die Stützpunkte theilweiſe verloren gegangen; er konnte nur mit Hülfe ſeiner Fauſtgelenke herabkommen, und dieß von einer Höhe von mehr als fünfzig Fuß. Aber der Prinz war, wie geſagt, geſchickt, kräftig und kalt⸗ blütig; in weniger als fünf Minuten befand er ſich am Ende des Strickes. Er ließ den Anhalt los und ſiel auf ſeine Füße, ohne ſich zu beſchädigen. Sogleich ſtieg er die Böſchung des Grabens hinan, auf deſſen Höhe er Rochefort fand; die zwei andern Edelleute waren ihm unbekannt. Den ohnmächtigen Grimaud hatte man bereits auf ein Pferd gebunden. „Meine Herren,“ ſprach der Prinz,„ich werde Ihnen ſpäter danken, aber jetzt iſt kein Augenblick zu verlieren. Vorwärts alſo, vorwärts, wer mich licbt, folge mir!“ und er ſchwang ſich auf ein Pferd, ritt im ge⸗ 71 „Jetzt die Maulbirne,“ ſprach der arme La Ramée; „ich verlange ſie, denn man wurde mir ſonſt den Pro⸗ zeß machen, weil ich nicht geſchrieen habe. Drückt ſie hinein, Monſeigneur, drückt ſie hinein!“ Grimand ſchickte ſich an, den Wunſch des Gefrei⸗ ten zu erfüllen, welcher durch eine Bewegung andeu⸗ tete, er habe noch etwas zu ſagen. „Sprecht,“ rief der Herzog. „Monſeigneur,“ antwortete La Ramée,„wenn mir Euretwegen ein Unglück widerfährt, ſo vergeßt nicht, daß ich eine Frau und vier Kinder habe.“ „Sei ruhig. Stopfe zu, Grimand!“ In einer Sekunde war La Ramée geknebelt und auf den Boden gelegt. Einige Stühle wurden umge⸗ worfen, als hätte ein Kampf ſtattgefunden. Grimaud nahm aus den Taſchen des Gefreiten alle Schlüſſel, welche ſie enthielten, öffnete zuerſt die Thüre des Zim⸗ mers, verſchloß ſie dann wieder doppelt, als ſie hin⸗ ausgegangen waren, und Beide ſchlugen den Weg nach der Gallerie ein, welche in den kleinen Hofbezirk führte. Die drei Thüren wurden nach und nach mit einer Be⸗ hendigkeit geöffnet und geſchloſſen, welche Grimaud zur Chre gereichte. Endlich gelangte man auf den Ball⸗ ſpielplatz; er war völlig verlaſſen, keine Wachen, Nie⸗ mand am Fenſter. * Der Herzog lief nach dem Walle und erblickte jen⸗ ſeits des Grabens drei Reiter mit zwei Handpferden. Er wechſelte ein Zeichen mit ihnen; ſte waren wirklich ſeinetwegen da. Während dieſer Zeit band Grimaud die Strick⸗ leiter an. „Vorwärts,“ ſprach der Herzog. „Ich zuerſt, Monſeigneur?“ fragte Grimaud. „Allerdings,“ antwortete der Herzog.„Wenn man mich erwiſcht, ſo wage ich nicht mehr, als das Gefäng⸗ niß. Erwiſcht man Dich, ſo wirſt Du gehenkt.“ „ 73 ich ſtreckten Galopp von dannen, athmete mit voller Bruſt gte und rief mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Freude: ig⸗„Frei!. freil. frei!...“ er⸗ zte ud„ er lle v. DArtagnan kommt gernde zu rechter Zeit. 8 4 DArtagnan nahm in Blois die Summe in Em⸗ . pfang, welche Mazarin, bewogen durch ſein Verlangen, ſch, ihn wieder bei ſich zu ſehen, demſelben für ſeine zu⸗ ägt künftigen Dienſte zu geben ſich entſchloſſen hatte. Von Blois nach Paris waren es vier Tagereiſen ine für einen gewöhnlichen Reiter. D'Artagnan langte um die vier Uhr Nachmittags am dritten Tage vor der Bar⸗ nte riere Saint⸗Denis an. In früheren Zeiten hätte er ind nur zwei gebraucht. Wir haben bereits geſehen, daß ber Athos drei Stunden nach ihm abgereiſt, aber vierund⸗ lt⸗ zwanzig Stunden vor ihm angekommen war. ſich Planchet hatte die Gewohnheit forcirter Ritte ver⸗ und machte ihm ſeine Weichlichkeit zum orwurf. an,„Ei, Herr, vierzig Meilen in drei Tagen, ich ern finde, das iſt ſehr hübſch für einen Menſchen, der mit gen gebrannten Mandeln handelt.“ n„Biſt Du wirklich Kaufmann geworden, Planchet, erde und gedenkſt Du im Ernſte, jetzt, da wir uns wieder⸗ zu gefunden haben, in Deinem Laden zu vegetiren?“ ebt*„Ach,“ verſetzte Planchet,„Ihr allein ſeid für ein Sie thätiges Leben geſchaffen. Seht Herrn Athos an; wer ge⸗ ſollte glauben, es ſei der abenteuerliche Rittersmann, Zwanzig Jahre nachher. I. 6 72 „Das iſt richtig,“ ſagte Grimand und fing ſogleich ſein gefahrvolles Hinabſteigen an. Der Herzog folgte ihm mit den Augen mit einer unwillkürlichen Bangig⸗ keit; er hatte bereits drei Viertheile der Mauer er⸗ reicht, als plötzlich der Strick zerriß... Grimaud ſtürzte in den Graben. Der Herzog ſtieß einen Schrei aus; aber Grimaud ließ keinen Seufzer vernehmen, und dennoch mußte er ſchwer verwundet ſein, denn er blieb auf der Stelle liegen, auf die er gefallen war. Sogleich ließ einer von den Männern, welche jen⸗ ſeits warteten, ſich in den Graben herabgleiten, band unter den Schultern von Grimaud das Ende eines Strickes an, und die zwei Andern, welche das entgegen⸗ geſetzte Ende hielten, zogen Grimaud zu ſich hinauf. „Steigt herab, Monſeigneur!“ rief der Menſch, welcher im Graben war.„Die Entfernung beträgt nicht über fünfzehn Fuß, und der Raſen iſt weich.“ Der Herzog war bereits am Werke. Er hatte eine ſchwierige Arbeit, denn durch den Bruch waren die Stützpunkte theilweiſe verloren gegangen; er konnte nur mit Hülfe ſeiner Fauſtgelenke herabkommen, und dieß von einer Höhe von mehr als fünfzig Fuß. Aber der Prinz war, wie geſagt, geſchickt, kräftig und kalt⸗ blütig; in weniger als fünf Minuten befand er ſich am Ende des Strickes. Er ließ den Anhalt los und fiel auf ſeine Füße, ohne ſich zu beſchädigen. Sogleich ſtieg er die Böſchung des Grabens hinan, auf deſſen Höhe er Rochefort fand; die zwei andern Edelleute waren ihm unbekannt. Den ohnmächtigen Grimaud hatte man bereits auf ein Pferd gebunden. WMeine Herren,“ ſprach der Prinz,„ich werde Ihnen ſpäter danken, aber jetzt iſt kein Augenblick zu verlieren. Vorwärts alſo, vorwärts, wer mich liebt, folge mir!“, Und er ſchwang ſich auf ein Pferd, ritt im ge⸗ 74 als welchen wir ihn gekannt haben. Er lebt jetzt als wahrer Landedelmann, als wahrer Bauernbeherrſcher. Gnädiger Herr, es gibt in der That nichts Wünſchens⸗ wertheres, als ein ruhiges Daſein.“ „Heuchler!“ ſprach d'Artagnan,„man ſieht wohl, daß Du Dich Paris näherſt und daß es in Paris für Dich einen Galgen und einen Strick gibt.“ Als ſie ſo weit in ihrem Geſpräche gelangt waren, erreichten die zwei Reiſenden die Barriere. Planchet drückte ſeinen Hut in das Geſicht, bedenkend, daß er durch Straßen ziehen ſollte, wo er ſehr bekannt war, und d'Artagnan ſtrich ſeinen Bart in die Höhe, ſich erinnernd, daß ihn Porthos in der Rue Tiquetonne erwarten müßte. Er dachte an die Mittel, ihn ſeine Herrenwürde in Bracieut und die homeriſchen Küchen in Pierrefonds vergeſſen zu machen. Als er ſich um die Ecke der Rue Montmartre wandte, erblickte er an einem von den Fenſtern des Gaſthauſes zur Rehziege Porthos in ein herrliches,. himmelblaues, überall mit Silber geſticktes Wamms gehüllt und gähnend, daß er ſich beinahe die Kinnbacken ausgerenkt hatte. Alle Vorübergehende betrachteten mit einer gewiſſen ehrfurchtsvollen Bewunderung dieſen ſo ſchönen und reichen Edelmann, den ſein Reichthum und ſeine Größe ſo ſehr zu langweilen ſchienen. Kaum hatten dArtagnan und Planchet um die Ecke gebogen, als Porthos ſie erkannte. „Ah, d»Artagnan!“ rief er,„Gott ſei gelobt! Ihr ſeid es.“ „Ei, guten Tag, lieber Freund„„ antwortete d'Artagnan. Shnentt ine Schaar von Müßiggängern pildete ſch bald um die Pferde, welche die Knechte des Hauſes be⸗ reits am Zügel hielten, und um die Reiter, die noch einen Augenblick mit einander beſprachen, aber ein Stirnefalten von d'Artagnan und einige ſchlimme Geberden von Planchet, welche von den ümſtehenden — 73 ſtreckten Galopp von dannen, athmete mit voller Bruſt und rief mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Freude: „Frei... freil... frei!.. D'Artagnan kommt gerade zu rechter Beit. D'Artagnan nahm in Blois die Summe in Em⸗ pfang, welche Mazarin, bewogen durch ſein Verlangen, ihn wieder bei ſich zu ſehen, demſelben für ſeine zu⸗ kuͤnftigen Dienſte zu geben ſich entſchloſſen hatte. Von Blois nach Paris waren es vier Tagereiſen für einen gewöhnlichen Reiter. D'Artagnan langte um vier Uhr Nachmittags am dritten Tage vor der Bar⸗ rière Saint⸗Denis an. In früheren Zeiten hätte er nur zwei gebraucht. Wir haben bereits geſehen, daß Athos drei Stunden nach ihm abgereiſt, aber vierund⸗ zwanzig Stunden vor ihm angekommen war. Planchet hatte die Gewohnheit forcirter Ritte ver⸗ loren. D'Artagnan machte ihm ſeine Weichlichkeit zum Vorwurf. „Ei, Herr, vierzig Meilen in drei Tagen, ich finde, das iſt ſehr hübſch für einen Menſchen, der mit gebrannten Mandeln handelt.“. „Biſt Du wirklich Kaufmann geworden, Planchet, und gedenkſt Du im Ernſte, jetzt, da wir uns wieder⸗ gefunden haben, in Deinem Laden zu vegetiren?“ „Ach,“ verſetzte Planchet,„Ihr allein ſeid für ein thätiges Leben geſchaffen. Seht Herrn Athos an; wer ſollte glauben, es ſei der abenteuerliche Rittersmann, Zwanzig Jahre nachher. II. 6 als her. ns⸗ ohl, für ren, chet var, ſich onne eine chen artre des „ ches, nms. acken mit en ſo und die Ihr ortete e ſich“ es be⸗ e ſich aber imme enden hauſes. 75 wohl begriffen wurden, zerſtreuten den Haufen, der um ſo dichter zu werden anfing, als er noch nicht wußte, warum man verſammelt war. Porthos ſtand bereits auf der Schwelle des Gaſt⸗ „Ah, mein lieber Freund,“ ſagte er,„wie ſchlecht ſind meine Pferde hier!“ „In der That!“ verſetzte d'Artagnan,„es thut mir unendlich leid für dieſe ſchönen Thiere.“ „Und ich auch,“ ſprach Porthos,„ich war auch ſchlecht hier, und wäre nicht die Wirthin,“ fuhr er, ſich mit ſeiner ſelbſtzufriedenen Miene auf den Beinen wiegend, fort,„welche ziemlich zuvorkommend iſt und einen Spaß verſteht, ſo würde ich anderswo ein Lager geſucht haben.“ Die ſchöne Madeleine, die ſich während dieſes Geſpräches genähert hatte, machte einen Schritt rück⸗ wärts und wurde bleich wie der Tod, als ſie die Worte von Porthos hörte. Sie glaubte, die Scene mit dem Schweizer würde ſich wiederholen, aber zu ihrem großen Erſtaunen veränderte dArtagnan keine Miene und ſagte, ſtatt ſich zu ärgern, lachend zu Porthos: „Ja, ich begreife, lieber Freund, die Luft der Rue Tiquetonne iſt nicht ſo viel werth, als die im Thale von Pierrefonds. Aber beruhigt Euch, Ihr ſollt eine beſſere bekommen.“ „Wann dies?“ „Meiner Treue, bald, hoffe ich.“ „Ah, deſto beſſer!“ Auf dieſen Ausruf erfolgte ein tiefer, langer Seuf⸗ zer, welcher aus der Ecke einer Thüre hervorkam. D'Artagnan, der abgeſtiegen war, erblickte jetzt als Relief auf der Mauer den ungeheuren Bauch von Mousqueton, deſſen trübſeligem Munde dumpfe Klagen entſtiegen. „Und Ihr auch, mein armer Herr Mouſton, Ihr ſeid auch nicht an Eurem Platze in 74 als welchen wir ihn gekannt haben. Er lebt jetzt als wahrer Landedelmann, als wahrer Bauernbeherrſcher. Gnädiger Herr, es gibt in der That nichts Wünſchens⸗ wertheres, als ein ruhiges Daſein.“ „Heuchler!“ ſprach d'Artagnan,„man ſieht wohl, daß Du Dich Paris näherſt und daß es in Paris für Dich einen Galgen und einen Strick gibt.“ Als ſie ſo weit in ihrem Geſpräche gelangt waren, erreichten die zwei Reiſenden die Barrière. Planchet drückte ſeinen Hut in das Geſicht, bedenkend, daß er durch Straßen ziehen ſollte, wo er ſehr bekannt war, und dArtagnan ſtrich ſeinen Bart in die Höhe, ſich erinnernd, daß ihn Porthos in der Rue Tiquetonne erwarten müßte. Er dachte an die Mittel, ihn ſeine Herrenwürde in Bracieur und die homeriſchen Küchen in Pierrefonds vergeſſen zu machen. Als er ſich um die Ecke der Rue Montmartre wandte, erblickte er an einem von den Fenſtern des Gaſthauſes zur Rehziege Porthos in ein herrliches, himmelblaues, überall mit Silber geſticktes Wamms, gehüllt und gähnend, daß er ſich beinahe die Kinnbacken ausgerenkt haͤtte. Alle Vorübergehende betrachteten mit einer gewiſſen ehrfurchtsvollen Bewunderung dieſen ſo ſchönen und reichen Edelmann, den ſein Reichthum und ſeine Größe ſo ſehr zu langweilen ſchienen. Kaum hatten d'Artagnan und Planchet um die Ecke gebogen, als Porthos ſie erkannte. feid„Ah, d'Artagnan!“ rief er,„Gott ſei gelobt! Ihr eid es.“ „Ei, guten Tag, lieber Freund,“ antwortete d'Artagnan. Eine kleine Schaar von Müßiggängern bildete ſich bald um die Pferde, welche die Knechte des Hauſes be⸗ reits am Zügel hielten, und um die Reiter, die ſich noch einen Augenblick mit einander beſprachen, aber ein Stirnefalten von d'Artagnan und einige ſchlimme* Geberden von Planchet, welche von den Umſtehenden M 76 Herberge?“ ſagte d'Artagnan mit dem ſpöttiſchen Tone, der ebenſowoht Mitleid als Hohn ſein konnte. „Er findet die Küche abſcheulich,“ antwortete Porthos. „Nun,“ verſetzte d'Artagnan,„warum macht er es nicht, wie in Chantilly?“ Ah! gnädiger Herr, ich hatte hier nicht mehr, wie da unten, die Teiche des Herrn Prinzen, um die ſchönen Karpfen darin zu ſiſchen, und die Waldungen Seiner 3 Hoheit, um die fetten Rebhühner darin am Kragen zu faſſen. Den Keller habe ich auch ſehr genau unter⸗ ſucht und in der That, es iſt ſehr wenig darin.“ 2 „Herr Monſton,“ ſprach d'Artagnan,„ich würde 4 Euch wirklich beklagen, wenn ich für den Augenblick nicht etwas viel Dringenderes zu thun hätte.“„ Dann Porthos bei Seite nehmend, fuhr er fort; „Mein lieber Du Vallon, Ihr ſeid ganz angekleidet, und das trifft ſich glücklich, denn ich führe Euch auf der Stelle zum Cardinal.“ „Bah! wirklich?“ fragte Porthos, die Augen weit aufreißend. „Ja, mein Freund.“ 5 „Eine Vorſtellung?“ „Erſchreckt Euch das?“ „Nein, aber es bringt mich in Verwirrung.“ „Oh! ſeid unbeſorgt, Ihr habt es nicht mehr mit n dem früheren Cardinal zu thun, und dieſer wird Euch nicht durch ſeine Majeſtät niederſchmettern.“ ſ „Gleichviel, Ihr begreift, d'Artagnan, der Hof!“ „Ei, mein Freund, es gibt keinen Hof mehr.“ „Die Königin!“ „Ich wollte ſagen, es gibt keine Königin mehr. Die Königin? Beruhigt Euch, wir werden ſie nicht ehen.“ ſ„Und Ihr ſagt, wir gehen auf der Stelle in das Palais Royal.“ „ — — a—— S— —.,— wohl begriffen wurden, zerſtreuten den Haufen, der um ſo dichter zu werden anfing, als er noch nicht wußte, waruͤm man verſammelt war. Porthos ſtand bereits auf der Schwelle des Gaſt⸗ hauſes.. „Ah, mein lieber Freund,“ ſagte er,„wie ſchlecht ſind meine Pferde hier!“ „In der That!“ verſetzte d'Artagnan,„es thut mir unendlich leid für dieſe ſchönen Thiere.“ „Und ich auch,“ ſprach Porthos,„ich war auch ſchlecht hier, und wäre nicht die Wirthin,“ fuhr er, ſich mit ſeiner ſelbſtzufriedenen Miene auf den Beinen wiegend, fort,„welche ziemlich zuvorkommend iſt und einen Spaß verſteht, ſo würde ich anderswo ein Lager geſucht haben.“ Die ſchöne Madeleine, die ſich während dieſes Geſpräches genähert hatte, machte einen Schritt rück⸗ wärts und wurde bleich wie der Tod, als ſie die Worte von Porthos hörte. Sie glaubte, die Scene mit dem Schweizer würde ſich wiederholen, aber zu ihrem großen Erſtaunen veränderte d'Artagnan keine Miene und ſagte, ſtatt ſich zu ärgern, lachend zu Porthos: „Ja, ich begreife, lieber Freund, die Luft der Rue Tiquetonne iſt nicht ſo viel werth, als die im Thale von Pierrefonds. Aber beruhigt Euch, Ihr ſollt eine beſſere bekommen.“. „Wann dies?“— „Meiner Treue, bald, hoffe ich.“. „Ah, deſto beſſer!“ Auf dieſen Ausruf erfolgte ein tiefer, langer Seuf⸗ zer, welcher aus der Ecke einer Thüre hervorkam. D'Artagnan, der abgeſtiegen war, erblickte jetzt als Relief auf der Mauer den ungeheuren Bauch von Mousqucton, deſſen trübſeligem Munde dumpfe Klagen entſtiegen. „Und Ihr auch, mein armer Herr Mouſton, Ihr ſeid auch nicht an Eurem Platze in dieſer gebrechlichen mit uch of!“ ehr. icht das * 77 „Auf der Stelle. Nur werde ich, um nicht zögern zu müſſen, eines von Euern Pferden entlehnen.“ „Nach Belieben, ſie ſtehen Euch alle vier zu Dienſt.“ „Ah, ich bedarf in dieſem Augenblick nur Eines.“ „Nehmen wir unſere Bedienten nicht mit?“ „Ja, nehmt Mousqueton, das wird nicht übel ſein. Planchet hat ſeine Gründe, nicht an den Hof zu gehen.“. „Und warum dies?“ „Er ſteht ſchlecht mit ſeiner Eminenz.“ „Monſton,“ ſprach Porthos,„ſattelt Vulcan und Bayard!“ „Und ich, gnädiger Herr, ſoll ich Ruſtaud nehmen? „Nein, nehmt ein Luruspferd, Phöbus oder Su⸗ perbe. Wir reiten in Ceremonie.“ „Ah,“ ſprach Mousqueton aufathmend,„es han⸗ delt ſich alſo nur um einen Beſuch.“ „Ei, mein Gott, ja, Mouſton, um nichts Ande⸗ res. Nur ſteckt für jeden möglichen Fall Piſtolen in die Halfter; Ihr findet die meinigen geladen an meinem Sattel.“ Monuſton ſtieß einen Seufzer aus. Er verſtand nichts von den Ceremonienbeſuchen, die man bis an die Zähne bewaffnet macht. „Ihr habt im Ganzen Recht,“ ſprach Porthos, der mit Wohlgefallen ſeinem alten Diener nachſchaute; „Ihr habt Recht, d'Artagnan, Mouſton genügt, Mou⸗ ſton hat ein hübſches Ausſehen.“ DArtagnan lächelte. „Und Ihr?“ ſagte Porthos,„kleidet Ihr Euch nicht um?“ „Nein, ich bleibe, wie ich bin.“ „Aber Ihr ſeid mit Schweiß und Stanb über⸗ zogen und Eure Stiefeln ſind ganz ſchmutzig.“ „„Dieſes Reiſenegligs wird zum Beweiſe für den Eifer dienen, mit dem ich dem Befehle des Cardinals Folge leiſtete.“ 76 Herberge?“ ſagte d'Artagnan mit dem ſpöttiſchen Tone, der ebenſowohl Mitleid als Hohn ſein konnte. „Er findet die Küche abſcheulich,“ antwortete Porthos. „Nun,“ verſetzte d'Artagnan,„warum macht er es nicht, wie in Chantilly?“ Ahl] gnädiger Herr, ich hatte hier nicht mehr, wie da unten, die Teiche des Herrn Prinzen, um die ſchönen Karpfen darin zu fiſchen, und die Waldungen Seiner Hoheit, um die fetten Rebhühner darin am Kragen zu faſſen. Den Keller habe ich auch ſehr genau unter⸗ ſucht und in der That, es iſt ſehr wenig darin.“ „Herr Mouſton,“ ſprach d'Artagnan,„ich würde Euch wirklich beklagen, wenn ich fuͤr den Augenblick nicht etwas viel Dringenderes zu thun hätte.“ Dann Porthos bei Seite nehmend, fuhr er fort; „Mein lieber Du Vallon, Ihr ſeid ganz angekleidet, und das trifft ſich glücklich, denn ich führe Euch auf der Stelle zum Cardinal.“ ⸗ „Bah! wirklich?“ fragte Porthos, die Augen weit aufreißend. „Ja, mein Freund.“ „Eine Vorſtellung?“ „Erſchreckt Euch das?“ „Nein, aber es bringt mich in Verwirrung.“ „Ohl ſeid unbeſorgt, Ihr habt es nicht mehr mit dem früheren Cardinal zu thun, und dieſer wird Euch nicht durch ſeine Majeſtät niederſchmettern.“ „Gleichviel, Ihr begreift, d'Artagnan, der Hof!“ „Ei, mein Freund, es gibt keinen Hof mehr.“ „Die Königin!“ 4 „Ich wollte ſagen, es gibt keine Königin mehr. Die Königin? Beruhigt Euch, wir werden ſie nicht ſehen.“ Palais Royal.“ „Und Ihr ſagt, wir gehen auf der Sielle in das 78 In dieſem Augenblick kam Mousqueton mit den drei Pferden zurück. DArtagnan ſchwang ſich in den Sattel, als ob er ſeit drei Tagen ausgeruht hätte. „Oh,“ ſagte er zu Planchet,„meinen langen Degen!“ „Ich?“ verſetzte Porthos, auf einen kleinen Pa⸗ radedegen mit einem vergoldeten Stichblatte deutend, „Ich habe meinen Hofdegen.“ „Nehmt Euern Raufdegen, mein Freund.“ „Und warum?“ „Ich weiß es nicht, aber nehmt ihn immerhin, glaubt mir.“ „Meinen Raufdegen, Mouſton,“ ſprach Porthos. „Aber das iſt ja ein ganzer Kriegsaufzug, gnä⸗ diger Herr,“ erwiederte dieſer.„Ziehen wir denn in das Feld? Dann ſagt es mir ſogleich und ich werde meine Vorſichtsmaßregeln dem gemäß nehmen.“ — „Bei uns, Mouſton, erwiederte d'Artagnan,„ſind die Vorſichtsmaßregeln immer ſehr anzuempfehlen; denn wir haben nicht die Gewohnheit, unſere Nächte auf Bällen und mit Serenaden hinzubringen. „Ach! das iſt wahr,“ ſprach Mousqueton, ſich von den Zehen bis zum Scheitel bewaffnend,„aber ich hatte es vergeſſen.“ Sie entfernten ſich im raſchen Zuge und gelangten gegen ein Viertel auf acht Uhr nach dem Palais⸗Car⸗ dinal. Es trieb ſich eine Menge von Menſchen in den Straßen umher, denn es war gerade das Pfingſtfeſt. Und dieſe Menge ſah mit Erſtaunen die zwei Cavaliere vorüberziehen, von denen der eine ſo friſch war, daß er aus einer Schachtel gekommen ſchien, und der andere ſo beſtaubt, daß man hätte glauben ſollen, er kehre unmittelbar von dem Schlachtfelde zurück. Mousqueton zog ebenfalls die Blicke der Müßiggänger auf ſich, und da der Roman Don Quixote damals ſehr viel geleſen wurde, ſo ſagten Einige, es wäre Sancho Panſa, „Auf der Stelle. Nur werde ich, um nicht zögern zu müſſen, eines von Euern Pferden entlehnen.“ „Nach Belieben, ſie ſtehen Euch alle vier zu Dienſt.“ „Ah, ich bedarf in dieſem Augenblick nur Eines.“ „Nehmen wir unſere Bedienten nicht mit?“ „Ja, nehmt Mousqueton, das wird nicht übel ſein. Planchet hat ſeine Gründe, nicht an den Hof zu gehen.“ „Und warum dies?“ „Er ſteht ſchlecht mit ſeiner Eminenz.“ „Mouſton,“ ſprach Porthos,„ſattelt Vulcan und Bayard!“ „Und ich, gnädiger Herr, ſoll ich Ruſtand nehmen? „Nein, nehmt ein Luruspferd, Phöbus oder Su⸗ perbe. Wir reiten in Ceremonie.“ „Ah,“ ſprach Mousqueton aufathmend,„es han⸗ delt ſich alſo nur um einen Beſuch.“ „Ei, mein Gott, ja, Mouſton, um nichts Ande⸗ res. Nur ſteckt für jeden möglichen Fall Piſtolen in die Halfter; Ihr findet die meinigen geladen an meinem Sattel.“ Monſton ſtieß einen Seufzer aus. Er verſtand nichts von den Ceremonienbeſuchen, die man bis an die Zähne bewaffnet macht.„ „Ihr habt im Ganzen Recht,“ ſprach Porthos, der mit Wohlgefallen ſeinem alten Diener nachſchaute; „Ihr habt Recht, d'Artagnan, Mouſton genügt, Mou⸗ ſton hat ein hübſches Ausſehen.“ 8 D' Artagnan lächelte. „Und Ihr?“ ſagte Porthos,„kleidet Ihr Euch nicht um?“ „Nein, ich bleibe, wie ich bin.“ „Aber Ihr ſeid mit Schweiß und Staub über⸗ zogen und Eure Stiefeln ſind ganz ſchmutzig.“ „Dieſes Reiſenegligé wird zum Beweiſe für den Eifer dienen, mit dem ich dem Befehle des inals Folge leiſtete.““ n, 3. ä⸗ in rde ind enn auf ich ich ten ar⸗ den feſt. iere daß dere ehre eton ſich, viel inſa, — 79 der, nachdem er einen Herrn verloren, zwei gefunden ätte. Als ſie in das Vorzimmer gelangten, fand ſich dArtagnan wieder im bekannten Lande. Musketiere von ſeiner Compagnie hielten gerade Wache. Er ließ den Huiſſier rufen und zeigte ihm den Brief des Car⸗ dinals, der ihm einſchärfte, ohne eine Sekunde zu ver⸗ lieren, zurückzukehren. Der Huiſſier verbeugte ſich und trat bei Seiner Eminenz ein. DArtagnan wandte ſich gegen Porthos um und glaubte ein leichtes Zittern an ihm wahrzunehmen. Er lächelte, näherte ſich ſeinem Ohre und ſagte zu ihm: „Guten Muth, mein braver Freund, laßt Euch nicht einſchüchtern; glaubt mir, das Auge des Adlers iſt geſchloſſen und wir haben es nur mit einem ein⸗ fachen Reiher zu thun. Haltet Euch aufrecht, wie an dem Tage der Baſtei Saint Gervais, und verbeugt Euch nicht zu tief vor dieſem Italiener; das würde ihm einen armſeligen Begriff von Euch geben.“ „Gut, gut,“ antwortete Porthos. Der Huiſſier erſchien wieder und ſagte: . ein, mein Herr, Seine Eminenz erwartet uch.“ Mazarin ſaß wirklich in ſeinem Cabinet und ar⸗ beitete daran, ſo viel als immer möglich, Namen von einer Penſionen⸗ und Unterſtützungsliſte zu ſtreichen. Er ſah aus einem Winkel ſeines Auges d'Artagnan und Porthos eintreten, und obgleich ſein Blick bei der Meldung des Huiſſier gefunkelt hatte, ſo ſchien er doch nicht im Geringſten bewegt. „Ah, Ihr ſeid es, mein Herr Lieutenant?“ ſagte er.„Ihr habt Euch beeilt; gut, ſeid willkommen.“ „Ich danke, Monſeigneur. Ich bin hier auf Be⸗ fehl Eurer Eminenz, und eben ſo Herr Du Vallon, derjenige von meinen ehemaligen Freunden, welcher ſeinen Adel unter dem Namen Porthos verbarg.“ Porthos verbeugte ſich vor dem Cardinal. 78 In dieſem Augenblick kam Mousqueton mit den drei Pferden zurück. D'Artagnan ſchwang ſich in den Sattel, als ob er ſeit drei Tagen ausgeruht hätte. „Oh,“ ſagte er zu Planchet,„meinen langen Degen!“ „Ich?“ verſetzte Porthos, auf einen kleinen Pa⸗ radedegen mit einem vergoldeten Stichblatte deuteno, „Ich habe meinen Hofdegen.“ 4 „Nehmt Euern Raufdegen, mein Freund.“ „Und warum?“ „Ich weiß es nicht, aber nehmt ihn immerhin, glaubt mir.“ „Meinen Raufdegen, Mouſton,“ ſprach Porthos. „Aber das iſt ja ein ganzer Kriegsaufzug, gnä⸗ diger Herr,“ erwiederte dieſer.„Ziehen wir denn in das Feld? Dann ſagt es mir ſogleich und ich werde meine Vorſichtsmaßregeln dem gemäß nehmen.“ „Bei uns, Mouſton, erwiederte d'Artagnan,„ſind die Vorſichtsmaßregeln immer ſehr anzuempfehlen; denn wir haben nicht die Gewohnheit, unſere Nächte auf Bällen und mit Serenaden hinzubringen. „Ach! das iſt wahr,“ ſprach Mousqueton, ſich von den Zehen bis zum Scheitel bewaffnend,„aber ich hatte es vergeſſen.“ Sie entfernten ſich im raſchen Zuge und gelangten gegen ein Viertel auf acht Uhr nach dem Palais⸗Car⸗ dinal. Es trieb ſich eine Menge von Menſchen in den Straßen umher, denn es war gerade das Pfingſtfeſt. Und dieſe Menge ſah mit Erſtaunen die zwei Cavaliere vorüberziehen, von denen der eine ſo friſch war, daß er aus einer Schachtel gekommen ſchien, und der andere ſo beſtaubt, daß man hätte glauben ſollen, er kehre unmittelbar von dem Schlachtfelde zurück. Mousqueton zog ebenfalls die Blicke der Muͤßiggänger auf ſich, und da der Roman Don Ouixote damals ſehr viel geleſen wurde, ſo ſagten Einige, es wäre Sancho Panſa, 80 „Ein herrlicher Cavalier,“ ſprach Mazarin. Porthos drehte den Kopf rechts und links und machte Schulterbewegungen voll Würde. „Der beſte Degen des Königreichs, Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan.„Dies wiſſen viele Leute, welche es nicht ſagen und nicht ſagen können.“ Porthos verbeugte ſich vor d'Artagnan. Mazarin liebte die ſchönen Soldaten beinahe eben ſo ſehr, als ſie ſpäter der König Friedrich von Preußen liebte. Er bewunderte die nervigen Hände, die breiten Schultern und das feſte Auge von Porthos. Es kam ihm vor, als hätte er das Heil ſeines Miniſteriums und des Königreichs aus Fleiſch und Knochen geſchnit⸗ ten vor ſich. Das erinnerte ihn an die alte Verbindung der Mustetiere, welche aus vier Perſonen beſtanden atte. „Und Eure zwei anderen Freunde?“ ſagte Mazarin. Porthos öffnete den Mund, denn er glaubte, es wäre für ihn jetzt Zeit, auch ein Wort anzubringen. D'Artagnan machte ihm aus dem Augenwinkel ein Zeichen. „Unſere anderen Freunde ſind in dieſem Augen⸗ büig⸗ verhindert; ſie werden ſpäter mit uns zuſammen⸗ reffen.“ Mazarin huſtete leicht. „Und dieſer Herr iſt wohl freier, als ſie, und tritt gerne wieder in den Dienſt?“ fragte Mazarin. „Ja, Monſeigneur, und zwar aus reiner Ergeben⸗ heit, denn Herr de Bracieux iſt reich.“ „Reich?“ ſagte Mazarin, dem dieſes einzige Wort ſtets große Achtung einflößte. „Fünfzigtauſend Livres Renten,“ ſagte Porthos. war das erſte Wort, welches er ausgeſprochen atte. „Aus reiner Ergebenheit,“ verſetzte Mazarin mit ſeinem feinen Lächeln,„aus reiner Ergebenheit?“ 79 der, nachdem er einen Herrn verloren, zwei gefunden ätte. 3 Als ſte in das Vorzimmer gelangten, fand ſich d'Artagnan wieder im bekannten Lande. Musketiere von ſeiner Compagnie hielten gerade Wache. Er ließ den Huiſſter rufen und zeigte ihm den Brief des Car⸗ dinals, der ihm einſchärfte, ohne eine Sekunde zu ver⸗ lieren, zurückzukehren. Der Huiſſier verbeugte ſich und trat bei Seiner Eminenz ein. D' Artagnan wandte ſich gegen Porthos um und glaubte ein leichtes Zittern an ihm wahrzunehmen. Er lächelte, näherte ſich ſeinem Ohre und ſagte zu ihm: „Guten Muth, mein braver Freund, laßt Euch nicht einſchüchtern; glaubt mir, das Auge des Adlers iſt geſchloſſen und wir haben es nur mit einem ein⸗ fachen Reiher zu thun. Haltet Euch aufrecht, wie an dem Tage der Baſtei Saint Gervais, und verbeugt Euch nicht zu tief vor dieſem Italiener; das würde ihm einen armſeligen Begriff von Euch geben.“ „Gut, gut,“ antwortete Porthos. I. Der Huiſſter erſchien wieder und ſagte: 3 Se let ein, mein Herr, Seine Eminenz erwartet uch.“ Mazarin ſaß wirklich in ſeinem Cabinet und ar⸗ beitete daran, ſo viel als immer möglich, Namen von einer Penſtonen⸗ und Unterſtützungsliſte zu ſtreichen. Er ſah aus einem Winkel ſeines Auges d'Artagnan und Porthos eintreten, und obgleich ſein Blick bei der Meldung des Huiſſier gefunkelt hatte, ſo ſchien er doch nicht im Geringſten bewegt. „Ah, Ihr ſeid es, mein Herr Lieutenant?“ ſagte er.„Ihr habt Euch beeilt; gut, ſeid willfommen.“ „Ich danke, Monſeigneur. Ich bin hier auf Be⸗ fehl Eurer Eminenz, und eben ſo Herr Du Vallon, derjenige von meinen ehemaligen Freunden, welcher ſeinen Adel unter dem Namen Porthos verbarg.“ Porthos verbeugte ſich vor dem Cardinal. en nit — ——— 3 81 „Monſeigneur glaubt vielleicht nicht viel an dieſes Wort?“ fragte dArtagnan. „Und Ihr, Herr Goscogner?“ ſagte Mazarin, ſeine zwei Ellenbogen auf ſeinen Schreibtiſch und ſein Kinn auf ſeine zwei Hände ſtützend. „Ich,“ erwiederte d'Artagnan,„glaube an die Er⸗ gebenheit, wie an einen Taufnamen z. B., auf den natürlich ein irdiſcher Name folgen muß. Man hat allerdings eine mehr oder minder ergebene Natur; aber am Ende jeder Ergebenheit muß immer irgend Etwas ſein.“ „Und Euer Freund z. B., was würde er am Ende ſeiner Ergebenheit wünſchen?“ „Monſeigneur, mein Freund hat drei herrliche Güler: das Gut Du Vallon bei Corbeille, Bracieux bei Soiſſons und Pierrefonds in Valois. Er wünſchte nun, Monſeigneur, daß eines von dieſen drei Gütern zu einer Baronie erhoben würde.“ „Nicht mehr, als dieſes?“ ſagte Mazarin, deſſen Augen vor Freude glänzten, als er ſah, daß er die Ergebenheit von Porthos belohnen konnte, ohne die Börſe zu öffnen.„Nur dieſes? die Sache wird ſich machen laſſen.“ „Ich werde Baron!“ rief Porthos und that einen Schritt vorwärts. „Ich habe es Euch geſagt,“ verſetzte dArtagnan, indem er ihn bei der Hand zurückhielt,„und Mon⸗ ſeigneur wiederholt es Euch.“ „Und Ihr, Herr d'Artagnan, was wünſcht Ihr?“ „Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan,„im nächſten Monat September ſind es zwanzig Jahre, daß mich der Herr Cardinal von Richelieu zum Lieutenant bei den Musketieren gemacht hat.“ „Und Ihr wollt, daß Euch der Cardinal Mazarin zum Kapitän mache?“ DArtagnan verbeugte ſich. „Nun wohl, Alles dies iſt nicht unmöglich. Man 80 „Ein herrlicher Cavalier,“ ſprach Mazarin. Porthos drehte den Kopf rechts und links und machte Schulterbewegungen voll Würde. „Der beſte Degen des Königreichs, Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan.„Dies wiſſen viele Leute, welche es nicht ſagen und nicht ſagen können.“ Porthos verbeugte ſich vor d'Artagnan. Mazarin liebte die ſchönen Soldaten beinahe eben ſo ſehr, als ſie ſpäter der König Friedrich von Preußen liebte. Er bewunderte die nervigen Hände, die breiten Schultern und das feſte Auge von Porthos. Es kam ihm vor, als hätte er das Heil ſeines Miniſteriums und des Königreichs aus Fleiſch und Knochen geſchnit⸗ ten vor ſich. Das erinnerte ihn an die alte Verbindung der Musketiere, welche aus vier Perſonen beſtanden atte. „Und Eure zwei anderen Freunde?“ ſagte Mazarin. Porthos öffnete den Mund, denn er glaubte, es wäre für ihn jetzt Zeit, auch ein Wort anzubringen. D'Artagnan machte ihm aus dem Augenwinkel ein Zeichen. „Unſere anderen Freunde ſind in dieſem Augen⸗ ife verhindert; ſie werden ſpäter mit uns zuſammen⸗ treffen.“ Mazarin huſtete leicht. „Und dieſer Herr iſt wohl freier, als ſie, und tritt gerne wieder in den Dienſt?“ fragte Mazarin. „Ja, Monſeigneur, und zwar aus reiner Ergeben⸗ heit, denn Herr de Bracieur iſt reich.“ „Reich?“ ſagte Mazarin, dem dieſes einzige Wort ſtets große Achtung einflößte. „Fünfzigtauſend Livres Renten,“ ſagte Porthos. 5 keits war das erſte Wort, welches er ausgeſprochen hatte. 3* „Aus reiner Ergebenheit,“ verſetzte Mazarin mit ſeinem feinen Lächeln,„aus reiner Ergebenheit?“ 82 wird ſehen, meine Herren, man wird ſehen. Sagt nun, Herr Du Vallon,“ ſprach Mazarin,„welchen Dienſt zieht Ihr vor? den in der Stadt? den im Felde?“ Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. „Monſeigneur,“ ſagte dArtagnan.„Herr Du Val⸗ lon iſt, wie ich, er liebt den außerordentlichen Dienſt, d. h. die Unternehmungen, welche man für toll und unmöglich erachtet.“ Dieſe Gasconnade mißſiel Mazarin nicht. „Doch ich geſtehe, daß ich Euch habe kommen laſ⸗ ſen, um Euch einen ſitzenden Poſten zu geben. Ich hege eine gewiſſe Unruhe. Nun, was iſt das?“ ſprach Mazarin. Man vernahm in der That einen gewaltigen Lär⸗ men im Vorzimmer, und beinahe zu gleicher Zeit öff⸗ nete ſich die Thüre des Cabinets und ein mit Staub bedeckter Mann ſtürzte herein und ſchrie: „Herr Cardinal! Wo iſt der Herr Cardinal?“ Mazarin glaubte, man wollte ihn ermorden, und wich, ſeinen Stuhl vor ſich ſchiebend, zurück. DAr⸗ tagnan und Porthos machten eine Bewegung, welche ſie zwiſchen den Eindringling und den Cardinal ſtellte. „Ei, mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„was gibt es denn, daß Ihr hier eintretet, wie in die Hallen?“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Offttier, an wel⸗ chen dieſer Vorwurf gerichtet war,„ich wünſchte Euch ſogleich und insgeheim zu ſprechen. Ich bin Herr de Poins, Ofſtzier bei den Wachen im Dienſte des Ge⸗ ſängniſſes von Vincennes.“ Der Offizier war ſo bleich, ſo entſtellt, daß Ma⸗ zarin, überzeugt, er wäre der Ueberbringer einer wich⸗ tigen Nachricht, dArtagnan und Porthos durch ein Zeichen bedeutete, ſie ſollten dem Boten Platz machen. D'Artagnan und Porthos zogen ſich in einen Win⸗ kel des Cabinets zurück. ———6———,—— 81 „Monſeigneur glaubt vielleicht nicht viel an dieſes Wort?“ fragte d'Artagnan. „Und Ihr, Herr Goscogner?“ ſagte Mazarin, ſeine zwei Ellenbogen auf ſeinen Schreibtiſch und ſein Kinn auf ſeine zwei Hände ſtützend. „Ich,“ erwiederte d'Artagnan,„glaube an die Er⸗ gebenheit, wie an einen Taufnamen z. B., auf den natürlich ein irdiſcher Name folgen muß. Man hat allerdings eine mehr oder minder ergebene Natur; aber am Ende jeder Ergebenheit muß immer irgend Etwas ſein.“ „Und Euer Freund z. B., was würde er am Ende ſeiner Ergebenheit wünſchen?“ „Monſeigneur, mein Freund hat drei herrliche Güter: das Gut Du Vallon bei Corbeille, Bracieux bei Soiſſons und Pierrefonds in Valois. Er wünſchte nun, Monſeigneur, daß eines von dieſen drei Gütern zu einer Baronie erhoben würde.“ „Nicht mehr, als dieſes?“ ſagte Mazarin, deſſen Augen vor Freude glänzten, als er ſah, daß er die Ergebenheit von Porthos belohnen konnte, ohne die Börſe zu öffnen.„Nur dieſes? die Sache wird ſich machen laſſen.“ „Ich werde Baron!“ rief Porthos und that einen Schritt vorwärts. 3 „Ich habe es Euch geſagt,“ verſetzte d'Artagnan, indem er ihn bei der Hand zurückhielt,„und Mon⸗ ſeigneur wiederholt es Euch.“ 1 1 „Und Ihr, Herr d'Artagnan, was wünſcht Ihr?“ „Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan,„im nächſten Monat September ſind es zwanzig Jahre, daß mich der Herr Cardinal von Richelieu zum Lieutenant bei den Musketieren gemacht hat.“ „Und Ihr wollt, daß Euch der Cardinal Mazarin zum Kapitän mache?“ D. Artagnan verbeugte ſich. „Nun wohl, Alles dies iſt nicht unmöglich. Man 83 „Sprecht, mein Herr, ſprecht geſchwinde,“ ſagte Mazarin,„was gibt es?“ „Monſeigneur,“ antwortete der Bote,„Herr von Beaufort iſt ſo eben aus dem Schloſſe Vincennes ent⸗ wichen.“ Mazarin ſtieß einen Schrei aus und wurde noch bleicher, als derjenige, welcher ihm dieſe Nachricht überbrachte. Er fiel beinahe vernichtet in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl zurück. 2 „Entwichen!“ ſagte er,„Herr von Beaufort ent⸗ wichen?“ „Monſeigneur, ich habe ihn von der Terraſſe herab entfliehen ſehen.“ „Und ihr habt nicht auf ihn ſchießen laſſen?“ „Er war außerhalb der Schußweite.“ „Aber was that Herr von Chavigny?“ „Er war abweſend.“ „Und La Ramée?“ „Man fand ihn gebunden in dem Zimmer des Ge⸗ fangenen, einen Knebel in ſeinem Munde und einen Dolch neben ihm.“ „Aber der Menſch, den er ſich beigegeben hatte?“ „Er war ein Genoſſe des Herzogs und entſprang mit ihm.“ Mazarin ſtieß einen Seufzer aus. „Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan und machte einen Schritt gegen den Cardinal. „Was?“ fragte Mazarin. „Es ſcheint mir, Eure Eminenz verliert eine koſt⸗ bare Zeit.“ „Wie ſo?“ „Wenn Eure Eminenz Befehl ertheilte, dem Ge⸗ fangenen nachzuſetzen, ſo könnte man ihn vielleicht noch einholen. Frankreich iſt groß und die nächſte Gränze ſechig Meilen entfernt.“ fn „Und wer wird ihm nachſetzen?“ rie azarin. „Ich, bei Sb 82 wird ſehen, meine Herren, man wird ſehen. Sagt nun, Herr Du Vallon,“ ſprach Mazarin,„welchen Dienſt zieht Ihr vor? den in der Stadt? den im Felde?“ Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. „Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan.„Herr Du Val⸗ lon iſt, wie ich, er liebt den außerordentlichen Dienſt, d. h. die Unternehmungen, welche man für toll und unmöglich erachtet.“ 8 Dieſe Gasconnade mißfiel Mazarin nicht. „Doch ich geſtehe, daß ich Euch habe kommen laſ⸗ ſen, um Euch einen ſitzenden Poſten zu geben. Ich hege eine gewiſſe Unruhe. Nun, was iſt das?“ ſprach Mazarin. Man vernahm in der That einen gewaltigen Lär⸗ men im Vorzimmer, und beinahe zu gleicher Zeit öff⸗ nete ſich die Thüre des Cabinets und ein mit Staub bedeckter Mann ſtürzte herein und ſchrie: „Herr Cardinal! Wo iſt der Herr Cardinal?“ Mazarin glaubte, man wollte ihn ermorden, und wich, ſeinen Stuhl vor ſich ſchiebend, zurück. D'Ar⸗ tagnan und Porthos machten eine Bewegung, welche ſie zwiſchen den Eindringling und den Cardinal ſtellte. „Ei, mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„was gibt es denn, daß Ihr hier eintretet, wie in die Hallen?“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Offizier, an wel⸗ chen dieſer Vorwurf gerichtet war,„ich wünſchte Euch ſogleich und insgeheim zu ſprechen. Ich bin Herr de Poins, Offizier bei den Wachen im Dienſte des Ge⸗ fängniſſes von Vincennes.“ Der Offizier war ſo bleich, ſo entſtellt, daß Ma⸗ zarin, überzeugt, er wäre der Ueberbringer einer wich⸗ tigen Nachricht, d'Artagnan und Porthos durch ein Zeichen bedeutete, ſie ſollten dem Boten Platz machen. D'Artagnan und Porthos zogen ſich in einen Win⸗ kel des Cabinets zurück. — 8⁴ „Und Ihr würdet ihn feſtnehmen?“ „Warum nicht?“ „Ihr würdet den Herzog im Felde bewaffnet feſt⸗ nehmen?“ „Wenn Monſeigneur mir Befehl ertheilte, den Teufel zu verhaften, ſo faßte ich ihn bei den Hörnern und führte ihn hierher.“ „Ich auch,“ ſprach Porthos. „Ihr auch?“ verſetzte Mazarin und ſchaute die zwei Männer voll Erſtaunen an.„Aber der Herzog wird ſich nicht ohne einen blutigen Kampf ergeben?“ „Es ſei!“ rief d'Artagnan, deſſen Augen ſich ent⸗ flammten.„Zur Schlacht! Wir haben uns ſeit langer Zeit nicht mehr geſchlagen; nicht wahr, Porthos?“ „Zum Kampſfe!“ ſprach Porthos. „Und ihr glaubt ihn wieder einzuholen?“ „Ja, wenn wir beſſer beritten ſind, als er.“ „Dann nehmt, was Ihr von Wachen hier findet, und eilt ihm nach.“ „Ihr befehlt es, Monſeigneur?“ „Ich unterzeichne,“ ſprach Mazarin, nahm ein Papier und ſchrieb einige Zeilen. „Fügt bei, Monſeigneur, daß wir alle Pferde neh⸗ men können, die wir auf dem Wege treffen.“ „Ja, ja,“ ſagte Mazarin,„Dienſt des Königs. Nehmt und eilt!“ „Gut, Monſeigneur.“ „Herr Du Vallon,“ fügte Mazarin bei,„Eure Barvonie ſitzt hinter dem Herzog von Beaufort auf dem Roſſe; Ihr braucht ihn nur zu faſſen. Was Euch be⸗ trifft, mein lieber dArtagnan, Euch verſpreche ich nichts, aber, wenn Ihr ihn zurückbringt, todt oder lebendig, ſo mögt ihr fordern, was Ihr haben wollt.“ „Zu Pferde, Porthos!“ rief d Artagnan und faßte ſeinen Freund bei der Hand. „Hier,“ antwortete Porthos mit ſeiner erhabenen Kaltblütigkeit. ſechzig Meilen entfernt.“ 83 „Sprecht, mein Herr, ſprecht geſchwinde,“ ſagte Mazarin,„was gibt es?“ „Monſeigneur,“ antwortete der Bote,„Herr von Beaufort iſt ſo eben aus dem Schloſſe Vincennes ent⸗ wichen.“ Mazarin ſtieß einen Schrei aus und wurde noch bleicher, als derjenige, welcher ihm dieſe Nachricht überbrachte. Er ſiel beinahe vernichtet in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl zurück. „Entwichen!“ ſagte er,„Herr von Beaufort ent⸗ wichen?“ „Monſeigneur, ich habe ihn von der Terraſſe herab entfliehen ſehen.“ „Und ihr habt nicht auf ihn ſchießen laſſen?“ „Er war außerhalb der Schußweite.“ „Aber was that Herr von Chavigny?“ „Er war abweſend.“ „Und La Ramée?“ „Man fand ihn gebunden in dem Zimmer des Ge⸗ fangenen, einen Knebel in ſeinem Munde und einen Dolch neben ihm.“ „Aber der Menſch, den er ſich beigegeben hatte?“ „Er war ein Genoſſe des Herzogs und entſprang mit ihm.“ 7 Mazarin ſtieß einen Seufzer aus. „Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan und machte einen Schritt gegen den Cardinal. „Was?“ fragte Mazarin. „Es ſcheint mir, Eure Eminenz verliert eine koſt⸗ bare Zeit.“ „Wie ſo?“ „Wenn Eure Eminenz Befehl ertheilte, dem Ge⸗ fangenen nachzuſetzen, ſo könnte man ihn vielleicht noch einholen. Frankreich iſt groß und die nächſte Gränze „Und wer wird ihm nachſetzen?“ rief Mazarin. „Ich, bei Gott!“ 8 n ie 8 t⸗ er t, re m e⸗ , ig, jte * 85 Und ſie ſtiegen die große Treppe hinab, nahmen die Wachen mit, welche ſie auf ihrem Wege fanden, und riefen:„Zu Pferde! zu Pferde!“ Etwa zehn Mann fanden ſich verſammelt. D'Artagnan und Porthos ſchwangen ſich, der Eine auf Vulcan, der Andere auf Bahard, Mousqueton ſetzte ſich auf Phöbus. „Folgt mir,“ rief dArtagnan. „Marſch,“ ſprach Porthos. Und ſie ſtießen die Sporen in die Flanken ihrer edlen Renner, und dieſe flogen wie der Sturmwind durch die Rue Saint⸗Honoré. „Nun, Herr Baron, ich hatte Euch Leibesübung verſprochen, Ihr ſeht, daß ich Wort halte.“ „Ja, mein Kapitän,“ antwortete Porthos.. Sie wandten ſich um; Mousqueton hielt ſich, mehr ſchwitzend, als ſein Pferd, in ſchuldiger Entfernung. Hinter Mousqueton galoppirten die zehn Garden. Die erſtaunten Bürger traten auf ihre Thürſchwel⸗ len und die zornig werdenden Hunde folgten bellend den Reitern. An der Ecke des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes warf d'Ar⸗ tagnan einen Mann nieder, aber es war dies ein zu geringfügiges Ereigniß, um Leute, welche ſo große Eile hatten, aufzuhalten. Die galoppirende Truppe ſetzte ihren Weg fort, als hätten ihre Pferde Flügel. Ach! es gibt keine kleinen Ereigniſſe in der Welt, und wir werden ſehen, daß durch dieſes beinahe die Monarchie verloren gegangen wäre. 84 „Und Ihr würdet ihn feſtnehmen?“ „Warum nicht?“— „Ihr würdet den Herzog im Felde bewaffnet feſt⸗ nehmen?“ „Wenn Monſeigneur mir Befehl ertheilte, den Teufel zu verhaften, ſo faßte ich ihn bei den Hörnern und führte ihn hierher.“ 5 „Ich auch,“ ſprach Porthos. „Ihr auch?“ verſetzte Mazarin und ſchaute die zwei Männer voll Erſtaunen an.„Aber der Herzog wird ſich nicht ohne einen blutigen Kampf ergeben?“ „Es ſei!“ rief d'Artagnan, deſſen Augen ſich ent⸗ flammten.„Zur Schlacht! Wir haben uns ſeit langer Zeit nicht mehr geſchlagen; nicht wahr, Porthos?“ „Zum Kampfe!“ ſprach Porthos. „Und ihr glaubt ihn wieder einzuholen?“ „Ja, wenn wir beſſer beritten ſind, als er.“ „Dann nehmt, was Ihr von Wachen hier findet, und eilt ihm nach.“ „Ihr befehlt es, Monſeigneur?“ „Ich unterzeichne,“ ſprach Mazarin, nahm ein Papier und ſchrieb einige Zeilen. „Fügt bei, Monſeigneur, daß wir alle Pferde neh⸗ men können, die wir auf dem Wege treffen.“ „Ja, ja,“ ſagte Mazarin,„Dienſt des Königs. Nehmt und eilt!“ „Gut, Monſeigneur.“ „Herr Du Vallon,“ fügte Mazarin bei,„Eure Baronie ſitzt hinter dem Herzog von Beaufort auf dem Roſſe; Ihr braucht ihn nur zu faſſen. Was Euch be⸗ trifft, mein lieber d'Artagnan, Euch verſpreche ich nichts, aber, wenn Ihr ihn zurückbringt, todt oder lebendig, ſo mögt ihr fordern, was Ihr haben wollt.“ „Zu Pferde, Porthos!“ rief d'Artagnan und faßte ſeinen Freund bei der Hand. 4 4 „Hier,“ antwortete Porthos mit ſeiner erhabenen Kaltblütigkeit. —— VI. Die lange Straße. Sie ritten in gleicher Eile durch den ganzen Fau⸗ bourg Saint⸗Antvine und den Weg nach Vincennes entlang. Bald befanden ſie ſich außerhalb der Stadt, bald in dem Walde, bald im Angeſichte des Dorfes. Die Pferde ſchienen ſich bei jedem Schritte immer mehr und mehr zu beleben und ihre Nüſtern fingen an roth zu werden, wie glühende Heſen. DArtagnan, die Sporen im Bauche ſeines Pferdes, war höchſtens zwei Fuß vor Porthos voraus. Mousqueton folgte auf zwei Pferdelängen, die Garden ritten in einer Entfernung je nach dem Werthe ihrer Thiere. Von einer Anhöhe herab erblickte d'Artagnan eine Gruppe von Perſonen, welche auf der andern Seite des Grabens ſtanden, vor demjenigen Theile des Thur⸗ mes, der eine Ausſicht nach Saint⸗Maur bot. Er be⸗ griff, daß der Gefangene in dieſer Richtung entflohen war und daß er hier Auskunft erhalten würde. In fünf Minuten gelangte er zu dieſem Punkte, wo ihn nach und nach die Garden wieder einholten. Alle Menſchen, welche die Gruppe bildeten, waren ſehr beſchäftigt. Sie betrachteten den nahe an der Schieß⸗ ſcharte hängenden und zwanzig Fuß vom Boden abge⸗ brochenen Strick; ſie maßen mit ihren Augen die Höhe und tauſchten allerlei Vermuthungen aus. Oben au dem gingen Wachen mit beſtürzter Miene auf und ab. Ein Poſten von Soldaten, von einem Sergenten befehligt, entfernte die Bürger von der Stelle, wo der Herzog zu Pferde geſtiegen war. DArtagnan ritt gerade auf den Sergenten zu. ri de e 6 85 Und ſie ſtiegen die große Treppe hinab, nahmen die Wachen mit, welche ſie auf ihrem Wege fanden, und riefen:„Zu Pferde! zu Pferde!“ Etwa zehn Mann fanden ſich verſammelt. D'Artagnan und Porthos ſchwangen ſich, der Eine auf Vulcan, der Andere auf Bayard, Mousqueton ſetzte ſich auf Phöbus. „Folgt mir,“ rief d'Artagnan. „Marſch,“ ſprach Porthos. Und ſte ſtießen die Sporen in die Flanken ihrer edlen Renner, und dieſe flogen wie der Sturmwind durch die Rue Saint⸗Honoré. „Nun, Herr Baron, ich hatte Euch Leibesübung verſprochen, Ihr ſeht, daß ich Wort halte.“ „Ja, mein Kapitän,“ antwortete Porthos. Sie wandten ſich um; Mousqueton hielt ſich, mehr ſchwitzend, als ſein Pferd, in ſchuldiger Entfernung. Hinter Mousqueton galoppirten die zehn Garden. Die erſtaunten Bürger traten auf ihre Thürſchwel⸗ len und die zornig werdenden Hunde folgten bellend den Reitern. An der Ecke des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes warf d'Ar⸗ tagnan einen Mann nieder, aber es war dies ein zu geringfügiges Ereigniß, um Leute, welche ſo große Eile hatten, aufzuhalten. Die galoppirende Truppe ſetzte ihren Weg fort, als hätten ihre Pferde Flügel. Ach! es gibt keine kleinen Ereigniſſe in der Welt, und wir werden ſehen, daß durch dieſes beinahe die Monarchie verloren gegangen wäre. 87 „Mein Offizier,“ ſprach der Sergent,„man darf ſich nicht hier aufhalten.“ „Dieſer Befehl iſt nicht für mich,“ erwiederte dArtagnan.„Hat man die Flüchtlinge verfolgt?“ „Ja, mein Offizier; aber leider ſind ſie gut be⸗ ritten.“ „Wie viele ſind es?“ „Vier Geſunde und ein Fünfter, den ſie verwun⸗ det mitgenommen haben.“ „Vier!“ ſprach d'Artagnan, und ſchaute dabei Por⸗ thos an.„Hört Ihr, Baron? es find ihrer nur vier.“ Ein freudiges Lächeln erleuchtete das Antlitz von Porthos. „Und wie viel haben ſie Vorſprung?“ „Zwei und eine Viertelſtunde, mein Offizier.“ „Zwei und eine Viertelſtunde? das iſt nichts. Wir ſind gut beritten; nicht wahr Porthos?“ Porthos ſtieß einen Seufzer aus; er dachte an das, was ſeiner armen Pferde harrte. „Sehr gut,“ ſagte d'Artagnan;„und nun ſprecht, in welcher Richtung ſind ſie weggeritten?“ „Was das betrifft, mein Offizier, ſo hat man ver⸗ boten, es zu ſagen.“ D'Artagnan zog aus ſeiner Taſche ein Papier und erwiederte: „Befehl des Königs!“ „Dann ſprecht mit dem Gouverneur.“ „Und wo iſt der Gouverneur?“ „Im Felde.“ Der Zorn ſtieg dArtagnan in's Geſicht, ſeine Stirne faltete ſich; ſeine Schläfe wurden blutroth. „Ah, Elender!“ ſagte er zu dem Sergenten. Er öffnete das Papier, bot es mit einer Hand dem Sergenten und nahm mit der andern aus ſeinen Halftern eine Piſtole, die er ſpannte. „Befehl des Königs, ſage ich Dir. Lies und ant⸗ VI. Die lange Straße. Sie ritten in gleicher Eile durch den ganzen Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine und den Weg nach Vincennes entlang. Bald befanden ſie ſich außerhalb der Stadt, bald in dem Walde, bald im Angeſichte des Dorfes. Die Pferde ſchienen ſich bei jedem Schritte immer mehr und mehr zu beleben und ihre Nüſtern fingen an roth zu werden, wie glühende Oefen. D'Artagnan, die Sporen im Bauche ſeines Pferdes, war höchſtens zwei Fuß vor Porthos voraus. Mousqueton folgte auf zwei Pferdelängen, die Garden ritten in einer Entfernung je nach dem Werthe ihrer Thiere. Von einer Anhöhe herab erblickte d'Artagnan eine Gruppe von Perſonen, welche auf der andern Seite des Grabens ſtanden, vor demjenigen Theile des Thur⸗ mes, der eine Ausſicht nach Saint⸗Maur bot. Er be⸗ griff, daß der Gefangene in dieſer Richtung entflohen war und daß er hier Auskunft erhalten würde. In fünf Minuten gelangte er zu dieſem Punkte, wo ihn nach und nach die Garden wieder einholten. Alle Menſchen, welche die Gruppe bildeten, waren ſehr beſchäftigt. Sie betrachteten den nahe an der Schieß⸗ ſcharte hängenden und zwanzig Fuß vom Boden abge⸗ brochenen Strick; ſie maßen mit ihren Augen die Hoͤhe und tauſchten allerlei Vermuthungen aus. Oben auf dem Walte gingen Wachen mit beſtürzter Miene auf und ab. Ein Poſten von Soldaten, von einem Sergenten befehligt, entfernte die Bürger von der Stelle, wo der Herzog zu Pferde geſtiegen war. — DArtagnan ritt gerade auf den Sergenten zu. 88 worte: oder ich zerſchmettere Dir die Hirnſchale. Wel⸗ chen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ Der Sergent ſah, daß d'Artagnan ernſthaft ſprach. „Straße nach Vendome,“ antwortete er. „Und durch welches Thor jind ſie entflohen?“ „Durch das Thor von Saint⸗Maur.“ „Wenn Du mich täuſcheſt, Elender,“ ſprach d'Ar-„ tagnan,„ſo wirſt Du morgen gehenkt.“ „Und wenn Ihr ſie einholt, ſo kommt Ihr nicht wieder, um mich hängen zu laſſen.“ 6 DArtagnan zuckte die Achſeln, machte ſeiner Es⸗ corte ein Zeichen und ritt weiter. „Hier durch, meine Herren, hier durch,“ rief er, und wandte ſich nach dem Thore des bezeichneten Parkes. Aber nun, da der Herzog entkommen war, hatte es der Concierge für geeignet erachtet, das Thor dop⸗ pelt zu verſchließen. Man mußte ihn zwingen, es zu öffnen, wie man den Sergenten gezwungen hatte, und dadurch gingen wieder zehn Minuten verloren. Als das letzte Hinderniß überwunden war, ſetzte die Truppe ihren Lauf mit derſelben Geſchwindigkeit fort. Doch nicht alle Pferde bewährten denſelben Eifer; einige konnten den ungemeſſenen Lauf nicht lange aus⸗ halten. Drei hielten nach einem Marſch von einer Stunde inne; eines fiel. D'Artagnan, der den Kopf nicht umwandte, be⸗ merkte es nicht einmal. Porthos ſagte es ihm mit ſeiner ruhigen Miene. „Wenn wir nur zu zwei ankommen,“ erwiederte dArtagnan,„mehr braucht es nicht, da ſie nur zu vier ſind.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Porthos. und er ſtieß ſeinem Pferde die Sporen wieder in den Bauch. Rach zwei Stunden hatten die Pferde zwölf Mei⸗ len, ohne anzuhalten, gemacht. Ihre Beine fingen an zu zittern und der Schaum, den ſie ausſchnaubten, be⸗ ) 8 — 5— 87 „Mein Ofſizier,“ ſprach der Sergent,„man darf ſich nicht hier aufhalten.“ 3 „Dieſer Befehl iſt nicht für mich,“ erwiederte d'Artagnan.„Hat man die Flüchtlinge verfolgt?“ „Ja, mein Offtzier; aber leider ſind ſie gut be⸗ en.“ „Wie viele ſind es?“ ritt „Vier Geſunde und ein Fünfter, den ſie verwun⸗ det mitgenommen haben.“. „Vier!“ ſprach d'Artagnan, und ſchaute dabei Por⸗ thos an.„Hört Ihr, Baron? es ſind ihrer nur vier.“ Ein freudiges Lächeln erleuchtete das Antlitz von Porthos. „Und wie viel haben ſte Vorſprung?“ „Zwei und eine Viertelſtunde, mein Offizier.“ „Zwei und eine Viertelſtunde? das iſt nichts. Wir ſind gut beritten; nicht wahr Porthos?“ Porthos ſtieß einen Seuſzer aus; er dachte an das, was ſeiner armen Pferde harrte. „Sehr gut,“ ſagte d'Artagnan;„und nun ſprecht, in welcher Richtung ſind ſie weggeritten?“ „Was das betrifft, mein Offizier, ſo hat man ver⸗ boten, es zu ſagen.“ 4 D'Artagnan zog aus ſeiner Taſche ein Papier und erwiederte: „Befehl des Königs!“ „Dann ſprecht mit dem Gouverneur.“ „Und wo iſt der Gouverneur?“ „Im Felde.“ 8—. Der Zorn ſtieg d'Artagnan in's Geſicht, ſeine Stirne faltete ſich; ſeine Schläfe wurden blutroth. „Ah, Elender!“ ſagte er zu dem Sergenten. Er öffnete das Papier, bot es mit einer Hand dem Sergenten und nahm mit der andern aus ſeinen Halftern eine Piſtole, die er ſpannte.. „Befehl des Königs, ſage ich Dir. Lies und ant⸗ Ar⸗ icht Es⸗ e, kes. atte dop⸗ ze und ſetzte fort. ifer; aus⸗ einer be⸗ ene. derte vier er in Mei⸗ en an be⸗ 89 fleckte die Wämmſer der Reiter, während der Schweiß durch ihre Hoſen drang.. „Ruhen wir einen Augenblick, um dieſe unglück⸗ lichen Thiere Athem holen zu laſſen,“ ſagte Porthos. „Tödten wir ſie im Gegentheil,“ rief d'Artagnan, „und erreichen wir das Ziel. Ich ſehe friſche Spuren; es iſt nicht mehr, als eine Viertelſtunde, daß ſie hier vorübergekommen ſind.“ Die Oberfläche der Straße war wirklich von Pferde⸗ tritten verarbeitet. Man ſah die Spuren bei den letz⸗ ten Strahlen des Tages. Sie ſetzten ſich wieder in Warſch; aber nach zwei Meilen ſtürzte das Pferd von Mousqueton. „Gut!“ ſprach Porthos,„Phöbus iſt verloren.“ pr„Der Cardinal wird ihn mit tauſend Piſtolen be⸗ zahlen.“ „Oh,“ rief Porthos,„darüber bin ich weg.“ „Reiten wir wieder und im Galopp.“ „Ja, wenn wir können.“ Has Pferd von d'Artagnan weigerte ſich wirklich, weiter zu gehen: es athmete nicht mehr. Ein letzter Spornſtreich machte, daß es fiel, ſtatt vorzurücken. „Ah, Teufel,“ ſagte Porthos,„Vulkan iſt ver⸗ ſchlagen.“ „Mord und Teufel!“ ſchrie dArtagnan und faßte ſich mit der vollen Fauſt bei den Haaren.„Man ſoll alſo hier ſtille halten! Gebt mir Euer Pferd, Porthos. Doch was Teufels macht Ihr?“ „Ei, bei Gott! ich falle,“ erwiederte Porthos,„oder Bayard bricht vielmehr zuſammen.“ DArtagnan wollte ihn wieder aufſtehen machen, während ſich Porthos, ſo gut er konnte, aus den Steig⸗ bügeln zog; aber er bemerkte, daß ihm das Blut aus den Nüſtern ſchoß. „Drei find hin!“ ſagte er.„Nun iſt Alles vorbei!“ n dieſem Augenblick ließ ſich ein Wiehern ver⸗ en. Zwanzig Jahre nachher. 1. 7 88 worte: oder ich zerſchmettere Dir die Hirnſchale. Wel⸗ chen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ Der Sergent ſah, daß d'Artagnan ernſthaft ſprach. „Straße nach Vendome,“ antwortete er. „Und durch welches Thor ſind ſie entflohen?“ „Durch das Thor von Saint⸗Maur.“ „Wenn Du mich täuſcheſt, Elender,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan,„ſo wirſt Du morgen gehenkt.“ „Und wenn Ihr ſie einholt, ſo kommt Ihr nicht wieder, um mich hängen zu laſſen.“ D' Artagnan zuckte die Achſeln, machte ſeiner Es⸗ corte ein Zeichen und ritt weiter. „Hier durch, meine Herren, hier durch,“ rief er, und wandte ſich nach dem Thore des bezeichneten Parkes. Aber nun, da der Herzog entkommen war, hatte es der Concierge für geeignet erachtet, das Thor dop⸗ pelt zu verſchließen. Man mußte ihn zwingen, es zu öffnen, wie man den Sergenten gezwungen hatte, und dadurch gingen wieder zehn Minuten verloren. Als das letzte Hinderniß überwunden war, ſetzte die Truppe ihren Lauf mit derſelben Geſchwindigkeit fort. Doch nicht alle Pferde bewährten denſelben Eifer; einige konnten den ungemeſſenen Lauf nicht lange aus⸗ halten. Drei hielten nach einem Marſch von einer Stunde inne; eines fiel. 3 DArtagnan, der den Kopf nicht umwandte, be⸗ merkte es nicht einmal. Porthos ſagte es ihm mit ſeiner ruhigen Miene. „Wenn wir nur zu zwei ankommen,“ erwiederte d Artagnan,„mehr braucht es nicht, da ſie nur zu vier ſind.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Porthos. Ünd er ſtieß ſeinem Pferde die Sporen wieder in den Bauch. Nach zwei Stunden hatten die Pferde zwölf Mei⸗ len, ohne anzuhalten, gemacht. Ihre Beine fingen an zu zittern und der Schaum, den ſie ausſchnaubten, be⸗ 90 „Stille!“ ſprach dArtagnan. „Was gibt es?“ „Ich höre ein Pferd.“ „Es iſt das von einem unſerer Kameraden, die uns einzuholen ſuchen.“ „Nein,“ verſetzte d'Artagnan,„es iſt voraus.“ „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſprach Porthos, und er horchte ebenfalls, das Ohr in der von d'Arta⸗ gnan angegebenen Richtung vorſtreckend. „Gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, der, nach⸗ dem er ſein Pferd auf der Straße zurückgelaſſen hatte, ſeinen Herrn zu Fuß einholte,„gnädiger Herr, Phoͤ⸗ bus konnte nicht wieder ſtehen, und...“ „Stille doch,“ verſetzte Porthos. In dieſem Augenblick drang wirklich ein zweites Gewieher, von dem Nachtwinde herbeigetragen, zu der kleinen Gruppe. „Das iſt fünfhundert Schritte von hier! Vor⸗ wärts!“ rief d'Artagnan. „In der That, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, Schritte von uns liegt ein kleines Jäger⸗ haus.“ „Mousqueton, Deine Piſtolen!“ „Ich habe ſie in der Hand.“ „Porthos, nehmt die Eurigen aus Euern Half⸗ „Ich habe ſie.“ „Gut,“ ſprach dArtagnan, indem er ebenfalls nach den ſeinigen griff. „Ihr verſteht nun, Porthos?“ „Nicht ganz.“ „Wir ien im Dienſte des Königs.“ 5 u 2“ „Für den Dienſt des Koͤnigs verlangen wir dieſe Pferde.“ „So iſt es,“ ſprach Porthos. „Dann kein Wort mehr und zum Werke.“ tern. 89 fleckte die Wämmſer der Reiter, während der Schweiß durch ihre Hoſen drang. „Ruhen wir einen Augenblick, um dieſe unglück⸗ lichen Thiere Athem holen zu laſſen,“ ſagte Porthos. „Tödten wir ſie im Gegentheil,“ rief d'Artagnan, „und erreichen wir das Ziel. Ich ſehe friſche Spuren; es iſt nicht mehr, als eine Viertelſtunde, daß ſie hier vorübergekommen ſind.“ Die Oberfläche der Straße war wirklich von Pferde⸗ tritten verarbeitet. Man ſah die Spuren bei den letz⸗ ten Strahlen des Tages. Sie ſetzten ſich wieder in Marſch; aber nach zwei Meilen ſtürzte das Pferd von Mousqueton. „Gut!“ ſprach Porthos,„Phöbus iſt verloren.“ „Der Cardinal wird ihn mit tauſend Piſtolen be⸗ zahlen.“ „Oh,“ rief Porthos,„darüber bin ich weg.“ „Reiten wir wieder und im Galopp.“ „Ja, wenn wir können.“ Das Pferd von d'Artagnan weigerte ſich wirklich, weiter zu gehen: es athmete nicht mehr. Ein letzter Spornſtreich machte, daß es ſiel, ſtatt vorzurücken. „Ah, Teufel,“ ſagte Porthos,„Vulkan iſt ver⸗ ſchlagen.“ „Mord und Teufel!“ ſchrie d'Artagnan und faßte ſich mit der vollen Fauſt bei den Haaren.„Man ſoll alſo hier ſtille halten! Gebt mir Euer Pferd, Porthos. Doch was Teufels macht Ihr?“ „Ei, bei Gott! ich falle,“ erwiederte Porthos,„oder Bayard bricht vielmehr zuſammen.“ D Artagnan wollte ihn wieder aufſtehen machen, während ſich Porthos, ſo gut er konnte, aus den Steig⸗ ügeln zog; aber er bemerkte, daß ihm das Blut aus den Nüſtern ſchoß. „Drei ſind hin!“ ſagte er.„Nun iſt Alles vorbei!“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein Wiehern ver⸗ nehmen. wwanzig Jahre nachher. II. 9¹ Alle drei rückten in der Nacht ſchweigſam wie Geſpenſter vor. An einer Wendung der Straße ſahen ſie ein Licht mitten unter Bäumen glänzen. die„Hier iſt das Haus, ſprach d'Artagnan ganz leiſe; „laßt mich gewähren, Porthos, und macht es, wie ich es machen werde.“ * , Sie ſchlichen von Baum zu Baum und gelangten, ta⸗ ohne geſehen zu werden, bis auf zwanzig Schritte zu dem Hauſe. In dieſer Entfernung erblickten ſie durch ach⸗ eine unter einem Schoppen aufgehängte Laterne vier tte, Pferde von ſchönem Ausſehen. Ein Knecht ſtriegelte hö⸗ ſie. Neben ihm lagen ihre Sättel und Zäume. DArtagnan näherte ſich raſch und machte dabei ſeinen zwei Gefährten ein Zeichen, ſich einige Schritte ites hinter ihm zu halten. der„Ich kaufe dieſe Pferde,“ ſagte er zu dem Knechte. Dieſer wandte ſich erſtaunt um, jedoch ohne etwas Bor⸗ zu ſprechen. „Haſt Du nicht gehört, Burſche?“ verſetzte d'Ar⸗ ton, tagnan. ger⸗„Allerdings,“ erwiederte er. „Warum antworteſt Du nicht?“ „Weil dieſe Pferde nicht zu verkaufen ſind.“ „Dann nehme ich ſie.“ alf⸗ ünd er legte die Hand an dasjenige, welches in ſeinem Bereiche war. Seine Gefährten erſchienen in dieſem Angenblick und thaten daſſelbe. nach Aber, meine Herren,“ rief der Lackei,„ſie haben eine Strecke von ſechs Meilen zurückgelegt und ſind kaum eine halbe Stunde abgeſattelt.“ „„Eine halbe Stunde Ruhe genügt,“ verſetzte dAr⸗ tagnan,„und ſie find dann nur um ſo beſſer im Athem.“ Der Knecht rief um Hülfe. dieſe Eine Art von Verwalter kam gerade in dem Au⸗ genblick heraus, wo dArtagnan und ſeine Genoſſen den Pferden die Sättel auf den Rücken legten. Der Verwalter wollte Lärm nicen 90 „Stille!“ ſprach d'Artagnan. „Was gibt es?“ „Ich hoͤre ein Pferd.“ „Es iſt das von einem unſerer Kameraden, die uns einzuholen ſuchen.“ „Nein,“ verſetzte d'Artagnan,„es iſt voraus.“ „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſprach Porthos, und er horchte ebenfalls, das Ohr in der von d'Arta⸗ gnan angegebenen Richtung vorſtreckend. „Gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, der, nach⸗ dem er ſein Pferd auf der Straße zurückgelaſſen hatte, ſeinen Herrn zu Fuß einholte,„gnädiger Herr, Phö⸗ bus konnte nicht wieder ſtehen, und...“ „Stille doch,“ verſetzte Porthos. In dieſem Augenblick drang wirklich ein zweites Gewieher, von dem Nachtwinde herbeigetragen, zu der kleinen Gruppe. „Das iſt fünfhundert Schritte von hier! Vor⸗ wärts!“ rief d'Artagnan.„ „In der That, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, ii under Schritte von uns liegt ein kleines Jäger⸗ aus.“ „Mousqueton, Deine Piſtolen!“ „Ich habe ſie in der Hand.“ 3 1„Porthos, nehmt die Eurigen aus Euern Half⸗ ern.“ „Ich habe ſie.“ „Gut,“ ſprach d'Artagnan, indem er ebenfalls nach den ſeinigen griff. „Ihr verſteht nun, Porthos?“ „Nicht ganz.“ „Wir reiſen im Dienſte des Königs.“ „Nun?“. 8 „Für den Dienſt des Koͤnigs verlangen wir dieſe Pferde.“ 1— „So iſt es,“ ſprach Porthos.— „Dann kein Wort mehr und zum Werke.. 92 „Mein lieber Freund,“ ſagte d'Artagnan,„wenn ſhrrein Wort ſprecht, zerſchmettere ich Euch die Hirn⸗ ale.“ Und er zeigte ihm den Lauf einer Piſtole, die er ſogleich wieder unter ſeinen Arm ſteckte, um ſein Ge⸗ ſchäft fortzuſetzen. „Aber, mein Herr,“ ſagte der Verwalter,„wiſſet Ihr, daß dieſe Pferde dem Herrn von Montbazon ge⸗ hören?“ „Deſto beſſer,“ erwiederte d'Artagnan,„es müſſen gute Thiere ſein!“ „Herr,“ ſprach der Verwalter, während er Schritt für Schritt zurückwich und die Thüre zu erreichen ſuchte, „ich ſage Euch, daß ich meine Leute rufe.“ „Und ich die meinigen,“ antwortete d'Artagnan, „ich bin Lieutenant bei den Musketieren des Königs, habe zehn Wachen, die mir folgen, und Ihr.. halt... hört Ihr ſie galoppiren? Wir wollen doch ſehen!“ Man hörte nichts, aber der Verwalter fürchtete ſich, etwas zu hören. „Seid Ihr fertig, Porthos?“ fragte dArtagnan. „Ich bin fertig.“ „Und Ihr, Monſton?“ „Ich auch.“ „Dann zu Pferde, und vorwärts!“ Alle drei ſchwangen ſich auf ihre Roſſe. „Herbei!“ rief der Verwalter.„Herbei, Bedienten, und die Carabiner heraus!“ „Vorwärts!“ ſprach d'Artagnan;„es könnte hier Musketenfeuer geben.“ Und alle Drei ritten wie der Wind davon. „Zu Hülfe!“ brüllte der Verwalter, während der Knecht nach dem benachbarten Hauſe lief. „Hütet Euch, Eure Pferde zu tödten!“ rief dAr⸗ tagnan und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Feuer!“ antwortete der Verwalter. Ein Schimmer, dem eines Blitzes ähnlich, beleuch⸗ eſe 91 Alle drei rückten in der Nacht ſchweigſam wie „Geſpenſter vor. An einer Wendung der Straße ſahen ſie ein Licht mitten unter Bäumen glänzen. „Hier iſt das Haus, ſprach d'Artagnan ganz leiſe; „laßt mich gewähren, Porthos, und macht es, wie ich es machen werde.“ Sie ſchlichen von Baum zu Baum und gelangten, ohne geſehen zu werden, bis auf zwanzig Schritte zu dem Hauſe. In dieſer Entfernung erblickten ſie durch eine unter einem Schoppen aufgehängte Laterne vier Pferde von ſchönem Ausſehen. Ein Knecht ſtriegelte ſie. Neben ihm lagen ihre Sättel und Zäume.— D'Artagnan näherte ſich raſch und machte dabei ſeinen zwei Gefährten ein Zeichen, ſich einige Schritte hinter ihm zu halten. „Ich kaufe dieſe Pferde,“ ſagte er zu dem Knechte. Dieſer wandte ſich erſtaunt um, jedoch ohne etwas zu ſprechen. „Haſt Du nicht gehört, Burſche?“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. 3 „Allerdings,“ erwiederte er. „Warum antworteſt Du nicht?“ 1 „Weil dieſe Pferde nicht zu verkaufen ſind.“ „Dann nehme ich ſie.“ Und er legte die Hand an dasjenige, welches in ſeinem Bereiche war. Seine Gefährten erſchienen in dieſem Augenblick und thaten daſſelbe. „Aber, meine Herren,“ rief der Lackei,„ſte haben eine Strecke von ſechs Meilen zurückgelegt und ſind kaum eine halbe Stunde abgeſattelt.“— „Eine halbe Stunde Ruhe genügt,“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan,„und ſie ſind dann nur um ſo beſſer im Athem.“ Der Knecht rief um Hülfe. Eine Art von Verwalter kam gerade in dem Au⸗ genblick heraus, wo d'Artagnan und ſeine Genoſſen den Pferden die Sättel auf den Rücken legten. Der Verwalter wollte Lärm machen. 93 * in tete den Weg und zu gleicher Zeit mit dem Knalle n⸗ hörten die drei Reiter die Kugeln pfeifen, welche ſich in der Luft verloren. er„Sie ſchießen wie Bedientenvolk,“ ſagte Porthos; e⸗„zur Zeit des Cardinal von Richelieu ſchoß man beſſer. Erinnert Ihr Euch der Straße nach Crevecveur, Mous⸗ et„ queton?“ e⸗„Ja, gnädiger Herr, der rechte Hinterbacke thut mir noch weh.“ en„Wißt Ihr gewiß, daß wir auf der Spur find, dArtagnan?“ fragte Porthos. itt„Bei Gott! habt Ihr denn nicht gehört?“ te,„Was?“ „Daß dieſe Pferde Herrn von Montbazon gehören?“ n,„Nun?“ ,„Nun! Herr von Montbazon iſt der Gatte von Frau von Montbazon.“ „Weiter?“ ete„Und Frau von Montbazon iſt die Geliebte von Herrn von Beaufort.“ .„Ah, ich begreife,“ ſagte Porthos,„ſie hatte Re⸗ lais gelegt.“ „Richtig!“ „Und wir eilen dem Herzog mit den Pferden nach, die er zurückgelaſſen hat.“ „Mein lieber Porthos, Ihr beſitzt wirklich einen en, erhabenen Verſtand,“ ſprach d'Artagnan mit ſeiner halb ſüßen, halb ſauren Miene. ier„Bah!“ ſagte Porthos,„wie ich bin, ſo bin ich.“ So ritt man eine Stunde, die Pferde waren weiß „ vom Schaum und das Blut floß ihnen vom Bauch. der„He! was habe ich da unten geſehen?“ ſagte d'Artagnan. Ar⸗„Ihr ſeid ſehr glücklich, wenn Ihr in einer ſolchen Nacht etwas ſeht!“ verſetzte Porthos. „Funken!“ ch⸗„Ich habe ſie auch geſehen,“ ſprach Mousqueton. 9² „Mein lieber Freund,“ ſagte d'Artagnan,„wenn Fhrlen Wort ſprecht, zerſchmettere ich Euch die Hirn⸗ a e 44 Und er zeigte ihm den Lauf einer Piſtole, die er ſogleich wieder unter ſeinen Arm ſteckte, um ſein Ge⸗ ſchäft fortzuſetzen. „Aber, mein Herr,“ ſagte der Verwalter,„wiſſet Uar. daß dieſe Pferde dem Herrn von Montbazon ge⸗ ören?“ „Deſto beſſer,“ erwiederte d'Artagnan,„es müſſen gute Thiere ſein!“ „Herr,“ ſprach der Verwalter, während er Schritt für Schritt zurückwich und die Thüre zu erreichen ſuchte, „ich ſage Euch, daß ich meine Leute rufe.“ „Und ich die meinigen,“ antwortete d'Artagnan, „ich bin Lieutenant bei den Musketieren des Königs, habe zehn Wachen, die mir folgen, und Ihr... halt... hört Ihr ſie galoppiren? Wir wollen doch ſehen!“ Man hörte nichts, aber der Verwalter fürchtete ſich, etwas zu hören. „Seid Ihr fertig, Porthos?“ fragte d'Artagnan. „Ich bin fertig.“ „Und Ihr, Mouſton?“ „Ich auch.“ „Dann zu Pferde, und vorwärts!“ Alle drei ſchwangen ſich auf ihre Roſſe. „Herbei!“ rief der Verwalter.„Herbei, Bedienten, und die Carabiner heraus!“ „Vorwärts!“ ſprach d'Artagnan;„es könnte hier Musketenfeuer geben.“ Und alle Drei ritten wie der Wind davon. „Zu Hülfe!“ brüllte der Verwalter, während der Knecht nach dem benachbarten Hauſe lief. „Hütet Euch, Enre Pferde zu tödten!“ rief d'Ar⸗ tagnan und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Feuer!“ antwortete der Verwalter. Ein Schimmer, dem eines Blitzes ähnlich, beleuche 94 „Ah, ah! ſollten wir ſie eingeholt haben?“ „Gut, ein todtes Pferd,“ ſagte dArtagnan, indem er ſein Noß von einer Wendung zurücklenkte, die es gemacht hatte.„Es ſcheint, ſie ſind auch mit ihrem Athem zu Ende.“ „Es kommt mir vor, als hörte ich das Geräuſch einer Truppe von Reitern,“ ſprach Porthos, auf die Mähne ſeines Pferdes vorgebeugt.“ „Unmöglich; ſie ſind zahlreich.“ „Dann iſt es etwas Anderes.“ „Noch ein Pferd,“ ſagte Porthos. „Todt?“ „Nein, verendend.“ „Geſattelt oder abgeſattelt.“ „Geſattelt.“ „Dann ſind ſie es!“ „Muth! wir haben ſie!“ „Aber ſie find zahlreich,“ ſprach Mousqueton.„Wir ſind es nicht, die ſie haben, ſondern ſie ſind es, die uns haben.“ „Bah!“ verſetzte dArtagnan,„ſie werden uns für ſtärker halten, da wir ſie verfolgen; dann wird ſie die Furcht erfaſſen und wir werden ſie zerſtreuen.“ „Das iſt ſicher,“ ſagte Porthos. „Ah, ſeht Ihr!“ rief dArtagnan. „Ja, abermals Funken. Diesmal habe ich ſie auch wahrgenommen,“ ſprach Porthos. „Vorwärts, vorwärts!“ ſagte dArtagnan mit ſei⸗ ner ſcharfen Stimme,„und in fünf Minuten werden wir lachen.“ Und ſie jagten abermals fort. Wüthend vor Schmerz und Wetieifer flogen die Pferde auf der finſteren Land⸗ ſtraße hin, auf deren Mitte man eine düſtrere, dunklere Maſſe, als der übrige Horizont, zu erblicken anfing. ————— N 93 tete den Weg und zu gleicher Zeit mit dem Knalle hörten die drei Reiter die Kugeln pfeifen, welche ſich in der Luft verloren. 5 „Sie ſchießen wie Bedientenvolk,“ ſagte Porthos; „zur Zeit des Cardinal von Richelieu ſchoß man beſſer. Erinnert Ihr Euch der Straße nach Crepecveur, Mous⸗ queton?“ „Ja, gnädiger Herr, der rechte Hinterbacke thut mir noch weh.“ „Wißt Ihr gewiß, daß wir auf der Spur ſind, d'Artagnan?“ fragte Porthos. „Bei Gott! habt Ihr denn nicht gehört?“ „Was?“ „Daß dieſe Pferde Herrn von Montbazon gehören?“ „Nun?“ „Nun! Herr von Montbazon iſt der Gatte von Frau von Montbazon.“ „Weiter?“ „Und Frau von Montbazon iſt die Geliebte von Herrn von Beaufort.“ 4 „Ah, ich begreife,“ ſagte Porthos,„ſte hatte Re⸗ lais gelegt.“: „Richtig!“ 5 „Und wir eilen dem Herzog mit den Pferden nach, die er zuruͤckgelaſſen hat.“ „Mein lieber Porthos, Ihr beſitzt wirklich einen erhabenen Verſtand,“ ſprach d'Artagnan mit ſeiner halb ſüßen, halb ſauren Miene. „Bah!“ ſagte Porthos,„wie ich bin, ſo bin ich.“ So ritt man eine Stunde, die Pferde waren weiß vom Schaum und das Blut floß ihnen vom Bauch. „He! was habe ich da unten geſehen?“ ſagte d'Artagnan. „Ihr ſeid ſehr glücklich, wenn Ihr in einer ſolchen Nacht etwas ſeht!“ verſetzte Porthos. *„Funken!“ 2 1 „Ich habe ſie auch geſehen,“ ſprach Mousqueton. wir die für die uch ſei⸗ den nerz nd⸗ lere g. 97 Zu gleicher Zeit machten zwei Knalle nur einen Schlag; es waren Porthos und ſein Gegner, welche auf einander ſchoſſen. D'Artagnan wandte ſich um und ſah Porthos ganz in ſeiner Nähe. „Bravo, Porthos,“ ſagte er,„es ſcheint mir, Ihr habt ihn getödtet.“ „Ich habe nur das Pferd getroffen,„antwortete Porthos. „„Was wollt Ihr, mein Lieber? man trifft nicht mit jedem Schlage eine Fliege, und darf ſich nicht be⸗ klagen, wenn einmal ein Stich verloren geht.“ „Was Teufels hat Euer Pferd?“ ſagte Porthos, und hielt das ſeinige an. Das Pferd von dArtagnan ſtolperte wirklich und i die Kniee, röchelte ſodann und ſtreckte ſich ieder. Es hatte in die Bruſt die Kugel des erſten Geg⸗ ners von d'Artagnan erhalten. DArtagnan ſtieß einen Fluch aus, daß der Him⸗ mel hätte berſten ſollen. züt der gnädige Herr ein Pferd?“ ſagte Mous⸗ on. „Bei Gott! ob ich eines will?“ rief d'Artagnan. „Hier,“ verſetzte Mousqueton. „Wie Teufels, kommſt Du zu zwei Handpferden?“ ſtrg d'Artagnan und ſchwang ſ auf eines der⸗ n. „Ihre Herren ſind todt; ich dachte, ſie könnten uns nützlich ſein und nahm ſie Während dieſer Zeit hatte Porthos ſeine Piſtolen wieder geladen. ſprach d'Artagnan,„hier ſind wieder „Ei, bei Gott, ich denke, das geht bis morgen ſo fort,“ rief Porthos. 3 94 „Ah, ah! ſollten wir ſie eingeholt haben?“ „Gut, ein todtes Pferd,“ ſagte d'Artagnan, indem er ſein Roß von einer Wendung zuruͤcklenkte, die es gemacht hatte.„Es ſcheint, ſie ſind auch mit ihrem Athem zu Ende.“. „Es kommt mir vor, als hörte ich das Geräuſch einer Truppe von Reitern,“ ſprach Porthos, auf die Mähne ſeines Pferdes vorgebeugt.“ „Unmöglich; ſie ſind zahlreich.“ „Dann iſt es etwas Anderes.“ „Noch ein Pferd,“ ſagte Porthos. „Todt?“ „Nein, verendend.“ „Geſattelt oder abgeſattelt.“ „Geſattelt.“ „‚Dann ſind ſie es!“ „Muth! wir haben ſie!“ „Aber ſie ſind zahlreich,“ ſprach Mousqueton.„Wir ſind es nicht, die ſie haben, ſondern ſie ſind es, die uns haben.“ „Bah!“ verſetzte d'Artagnan,„ſie werden uns für ſtärker halten, da wir ſie verfolgen; dann wird ſie die Furcht erfaſſen und wir werden ſie zerſtreuen.“ „Das iſt ſicher,“ ſagte Porthos. „Ah, ſeht Ihr!“ rief d'Artagnan. „Ja, abermals Funken. Diesmal habe ich ſie auch wahrgenommen,“ ſprach Porthos. „Vorwärts, vorwärts!“ ſagte d'Artagnan mit ſei⸗ ner ſcharfen Stimme,„und in fünf Minuten werden wir lachen.“ Und ſie jagten abermals fort. Wüthend vor Schmerz und Wetteifer flogen die Pferde auf der finſteren Land⸗ ſtraße hin, auf deren Mitte man eine düſtrere, dunklere Maſſe, als der übrige Horizont, zu erblicken anfing. * 8—.—— 98 Wirklich rückten zwei weitere Reiter in Eile heran. „He, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton,„der⸗ jenige, welchen Ihr niedergeworfen habt, erhebt ſich wieder.“ „Warum haſt Du es nicht gemacht, wie mit dem Erſten?“ „Ich hatte keine freie Hand, weil ich die zwei Pferde hielt.“ „Es wurde ein Schuß abgefeuert. Mousqueton ſtieß ein Schmerzgeſchrei aus. „Ah, gnädiger Herr,“ rief er,„in den andern, gerade in den andern! Dieſer Schuß gibt das Seiten⸗ ſtück zu dem auf der Straße von Amiens.“ Porthos wandte ſich wie ein Löwe um und jagle auf den abgeſeſſenen Reiter zu, welcher ſeinen Degen zu ziehen verſuchte; aber ehe er aus der Scheide war, hatte ihm Porthos einen ſo furchtbaren Schlag mit ſeinem Schwertknaufe beigebracht, daß er zuſammen⸗ ſtürzte, wie der Ochſe unter der Art des Fleiſchhauers. Seufzend hatte ſich Mousqueton von ſeinem Pferde herabgelaſſen, denn die Wunde, die er erhalten, ge⸗ ſtattete ihm nicht mehr, auf dem Sattel zu bleiben. Als d'Artagnan die Reiter erblickte, hielt er ſtille und lud ſeine Piſtole wieder. Ueberdieß hatte ſein neues Pferd einen Karabiner am Sattel befeſtigt. „Hier bin ich,“ ſagte Porthos,„warten wir ode greifen wir an?“ „Greifen wir an!“ ſprach dArtagnan. „Angegriffen!“ wiederholte Porthos. Sie ſtießen ihren Pferden die Sporen in den Bauch Die Reiter waren nur noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt. „Im Namen des Königs!“ rief d'Artagnan,„laßt uns vorüber!“ König hat hier nichts zu thun “erwiederte Polke zu ki unter über⸗ der von riß von eine: ſelbe gege ju Ath bäu D2 und die tiſc kein geg VII. Das Zuſammentreffen. So rannte man noch ungefähr zehn Minuten. Plötzlich löſten ſich zwei ſchwarze Punkte von der Maſſe, traten hervor, wurden immer dicker und nah⸗ men, je dicker ſie wurden, immer mehr die Form von zwei Reitern an. „Oho!“ ſprach d'Artagnan,„man kommt uns ent⸗ gegen.“ „Deſto ſchlimmer für die Kommenden,“ verſetzte Porthos.- „Wer da?“ rief eine rauhe Stimme. Die drei Reiter hielten nicht an und antworteten auch nicht. Man hörte nur das Geräuſch von Degen, die aus der Scheide gezogen wurden, und das Knarren von Piſtolenhahnen, welche die zwei ſchwarzen Ge⸗ ſpenſter ſpannten. „Zügel in die Zähne!“ ſagte d'Artagnan. Porthos begriff, und d'Artagnan und er zogen jeder mit der linken Hand eine Piſtole aus ihren Half⸗ tern und ſpannten ebenfalls. „Wer da?“ rief man zum zweiten Male.„Keinen Schritt mehr oder Ihr ſeid des Todes!“ „Bah!“ antwortete Porthos, beinahe erſtickt durch den Staub und an ſeinem Zügel kauend, wie ſein Pferd am Gebiß kaute.„Bah! wir haben wohl ſchon Andere geſehen.“ Bei dieſen Worten verſperrten die zwei Schatten den Weg und man ſah beim Mondſchein den Lauf ihrer geſenkten Piſtolen glänzen. „Zurück!“ rief d'Artagnan,„oder Ihr ſeid des Todes“ 3 Eile der⸗ ſich dem zwei dern, iten⸗ jagte egen war, mit men⸗ uers. ferde „ge⸗ en. ſtille ſein ode gauch⸗ e von „laßt iederte zu kommen ſchien, denn der Reiter war von oben bis unten in Staub gehüllt. „Es iſt gut, wir werden ſehen, ob der König nicht überall durchkommt,“ verſetzte d Artagnan. „Seht immerhin!“ rief dieſelbe Stimme. Zwei Piſtolenſchüſſe gingen beinahe gleichzeitig los, der eine von d'Artagnan, der andere von dem Gegner von Porthos abgefenert. Die Kugel von d'Artagnan riß ſeinem Feinde den Hut fort, die Kugel des Gegners von Porthos drang in den Hais ſeines Pferdes, das einen Seufzer ausſtieß und todt niederſtürzte. „Zum letzten Male, wohin wollt Ihr?“ fragte die⸗ ſelbe Stimme. „Zum Teufel!“ antwortete d»Artagnan. „Gut, dann ſeid ruhig, Ihr werdet zu ihm kommen.“ DArtagnan ſah, wie ſich der Lauf einer Muskete gegen ihn ſenkte. Er hatte nicht Zeit, in ſeine Halfter zu greifen, erinnerte ſich jedoch eines Rathes, den ihm Athos einſt gegeben hatte und ließ ſein Pferd ſich bäumen. Die Kugel ſchlug dem Thier in den vollen Bauch. D'Artagnan fühlte, daß es unter ihm zuſammenbrach, und warf ſich mit ſeiner wunderbaren Behendigkeit auf die Seite. „Ei, bei Gott!“ ſprach dieſelbe vibrirende, ſpöt⸗ tiſche Stimme,„das iſt eine Pferdeſchlächterei, und kein Männerkampf, was wir da machen. Zum Schwerte gegriffen, mein Herr!“ Und er ſprang von ſeinem Pferde. „Zum Schwerte gegriffen! es ſei! Das iſt ganz meine Sache!“ Mit zwei Sprüngen war d'Artagnan ſeinem Feinde gegenüber, deſſen Eiſen er an dem ſeinigen fühlte. DArtagnan hatte mit ſeiner gewöhnlichen Geſchicklich⸗ keit den Degen in Terz gelegt, was ſeine Lieblings⸗ lage war. Während dieſer Zeit hielt Porthos hinter ſeinem 96 Zwei Piſtolenſchüſſe antworteten auf dieſe Dro⸗ ung Aber die zwei Angreifenden kamen mit einer ſol⸗ chen Geſchwindigkeit heran, daß ſie in demſelben Au⸗ genblick vor ihren Gegnern waren. Es krachte ein dritter Piſtolenſchuß, von d'Artagnan abgefeuert, und ſein Feind ſiel. Porthos ſtieß mit ſolcher Heftigkeit auf den Andern, daß er, obgleich ſein Degen abgewen⸗ det war, ihn mit einem Stoße zehn Schritte vom Pferde ſchleuderte. „Mach' fertig, Mousqueton,“ ſagte Porthos. Und er jagte vorwärts an der Seite ſeines Freun⸗ en welcher bereits ſeine Verfolgung wieder fortgeſetzt hatte. „Nun?“ fragte Porthos. 85 „Ich habe ihm den Kopf zerſchmettert,“ erwiederte d'Artagnan;„und Ihr?“ „Ich habe ihn nur niedergeworfen. Doch halt!“ Man hörte einen Karabinerſchuß. Es war Mous⸗ queton, der im Vorüberreiten den Befehl ſeines Herrn vollſtreckte. „Friſch auf!“ ſprach d'Artagnan.„Das geht gut; die erſte Partie haben wir gewonnen!“. „Ah, ah!“ verſetzte Porthos;„hier ſind noch an⸗ dere Spieler.“ Es erſchienen in der That zwei neue Reiter, welche ſich von der Hauptgruppe getrennt hatten, um abermals den Weg zu verſperren. Jetzt wartete d'Ar⸗ tagnan nicht einmal, bis man das Wort an ihn richtete. „Platz!“ rief er,„Platz!“ „Was wollt Ihr?“ fragte eine Stimme. „Den Herzog!“ brüllten Porthos und d'Artagnan zugleich. Ein ſchallendes Gelächter antwortete, endigte je⸗ doch in einem Seufzer. D'Artagnan hatte den Lacher mit ſeinem Degen durchbohrt. 7 2*α 100 Pferde knieend, welches ſich in Zuckungen des Todes⸗ kampfes ausſtreckte, in jeder Hand eine Piſtole. Mittlerweile hatte der Kampf zwiſchen dArtagnan und ſeinem Gegner begonnen. DArtagnan griff feiner Gewohnheit gemäß heftig an; aber er fand diesmal ein Spiel und eine Handwurzel, wodurch er zum Nach⸗ denken gebracht wurde. Zweimal in Quart gefaßt, machte dArtagnan einen Schritt rückwärts; ſein Gegner rührte ſich nicht. DArtagnan kehrte zurück und legte abermals in Terz aus. Es wurden mehrere Stöße von der einen und der andern Seite ohne Reſultate geführt. Die Funken ſpran⸗ gen in Garben von den Degen auf.— Endlich dachte d'Artagnan, es wäre der geeignete Augenblick, ſeine Lieblingsfinte zu benützen. Er führte ſie mit Geſchicklichkeit herbei und ſtieß mit Blitzesge⸗ ſchwindigkeit und mit ſolcher Kraſt, daß er ſich für unwiderſtehlich hielt. Der Stoß wurde parirt. Accent. Bei dieſem Ausrufe ſprang ſein Gegner zurück, neigte das entblößte Haupt und bemühte ſich, durch die Finſterniß das Geſicht vond Artagnan zu unterſcheiden. DArtagnan, welcher eine Finte befürchtete, hielt ſich in der Defenſive. „Nehmt Euch in Acht,“ ſprach Porthos zu ſeinem Gegner,„ich habe noch meine zwei Piſtolen geladen.“ „Ein Grund mehr für Euch, zuerſt zu ſchießen,“ antwortete dieſer. Porthos ſchoß: Ein Blitz erleuchtete die Wahlſtätte. Bei dieſem Schimmer ſtießen die zwei andern Kämpfer jeder einen Schrei aus. „Athos!“ ſagte d'Artagnan. „D'Artagnan!“ ſprach Athos. Athos hob ſeinen Degen in die Höhe, d'Artagnan ſenkte den ſeinigen. „Mordious“ rief er mit ſeinem gaseogniſchen 2*α 97 Zu gleicher Zeit machten zwei Knalle nur einen Schlag; es waren Porthos und ſein Gegner, welche auf einander ſchoſſen. 4 D'Artagnan wandte ſich um und ſah Porthos ganz in ſeiner Nähe. „Bravo, Porthos,“ ſagte er,„es ſcheint mir, Ihr habt ihn getödtet.“ „Ich habe nur das Pferd getroffen,„antwortete Porthos. „Was wollt Ihr, mein Lieber? man trifft nicht mit jedem Schlage eine Fliege, und darf ſich nicht be⸗ klagen, wenn einmal ein Stich verloren geht.“ „Was Teufels hat Euer Pferd?“ ſagte Porthos, und hielt das ſeinige an. Das Pferd von d'Artagnan ſtolperte wirklich und fiel. auf die Kniee, röchelte ſodann und ſtreckte ſich nieder. Es hatte in die Bruſt die Kugel des erſten Geg⸗ ners von d'Artagnan erhalten. D Artagnan ſtieß einen Fluch aus, daß der Him⸗ mel hätte berſten ſollen. Sil der gnädige Herr ein Pferd?“ ſagte Mous⸗ queton. „Bei Gott! ob ich eines will?“ rief d'Artagnan. „Hier,“ verſetzte Mousqueton. „Wie Teufels, kommſt Du zu zwei Handpferden?“ fragte d'Artagnan und ſchwang ſich auf eines der⸗ elben. „Ihre Herren ſind todt; ich dachte, ſie könnten uns nützlich ſein und nahm ſie mit.“ „Während dieſer Zeit hatts Porthos ſeine Piſtolen wieder geladen. 3 „Raſch!“ ſprach d'Artagnan,„hier ſind wieder zwei.“ 5 „Ei, bei Gott, ich denke, das geht bis morgen ſo fort,“ rief Porthos.. es⸗ nan ner ein ch⸗ aßt, ner egte der an⸗ tete rte ge⸗ für an 101 „Aramis!“ rief Athos,„ſchießt nicht!“ „Ah! ah! Ihr ſeid es, Aramis?“ ſagte Porthos. Und er warf ſeine Piſtole weg. Aramis ſtieß die ſeinige in ſeine Halfter, und ſteckte den Degen wieder in die Scheide. „Mein Sohn,“ ſprach Athos und reichte d'Arta⸗ gnan die Hand. Dies war der Name, den er ihm einſt in ſeinen zärtlichen Augenblicken gab. „Athos,“ erwiederte d'Artagnan, die Hände rin⸗ gend,„Ihr vertheidigt ihn alſo? Und ich habe ge⸗ ſchworen, ihn todt oder lebendig zurückzubringen. Ah! ich bin entehrt!“ „Tödtet mich,“ entgegnete Athos, ſeine Bruſt ent⸗ blößend,„wenn Eure Ehre meines Todes bedarf.“ „Oh! wehe über mir! wehe über mir! Es gab nur einen Menſchen auf dieſer Welt, der mich aufhalten konnte, und das Unglück bringt mir gerade dieſen in den Weg! Ah! was werde ich dem Cardinal ſagen!“ „Ihr werdet ihm ſagen, mein Herr,“ antwortete eine Stimme, welche das Schlachtfeld beherrſchte, er habe gegen mich die zwei einzigen Menſchen geſchickt, welche fähig wären, vier Männer niederzuwerfen, Leib an Leib ohne Nachtheil gegen den Grafen de la Feére und den Chevalier d'Herblay zu kämpfen und ſich nur an fünfzig Mann zu ergeben.“ „Der Prinz!“ ſprachen zu gleicher Zeit Athos und Aramis und bewegten ſich etwas auf die Seite, um den Prinzen frei zu ſtellen, während d'Artagnan und Porthos einen Schritt rückwärts machten. „Fünfzig Reiter!“ murmelten dArtagnan und orthos. X „Schaut um Euch her, wenn Ihr daran zweifelt,“ ſagte der Herzog. DArtagnan und Porthos ſchauten umher, ſie waren wpichhgan umhüllt von einem Truppe von Männern erde. 98 Wirklich rückten zwei weitere Reiter in Eile heran. „He, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton,„der⸗ jenige, welchen Ihr niedergeworfen habt, erhebt ſich wieder.“ 2 „Warum haſt Du es nicht gemacht, wie mit dem Erſten?“ 3 „Ich hatte keine freie Hand, weil ich die zwei Pferde hielt.“ „Es wurde ein Schuß abgefeuert. 1 Mousqueton ſtieß ein Schmerzgeſchrei aus. „Ah, gnädiger Herr,“ rief er,„in den andern, erade in den andern! Dieſer Schuß gibt das Seiten⸗ ück zu dem auf der Straße von Amiens.“ Porthos wandte ſich wie ein Löwe um und jagte auf den abgeſeſſenen Reiter zu, welcher ſeinen Degen zu ziehen verſuchte; aber ehe er aus der Scheide war, hatte ihm Porthos einen ſo furchtbaren Schlag mit ſeinem Schwertknaufe beigebracht, daß er zuſammen⸗ ſtürzte, wie der Ochſe unter der Art des Fleiſchhauers. Seufzend hatte ſich Mousqueton von ſeinem Pferde herabgelaſſen, denn die Wunde, die er erhalten, ge⸗ ſtattete ihm nicht mehr, auf dem Sattel zu bleiben. Als dArtagnan die Reiter erblickte, hielt er ſtille und lud ſeine Piſtole wieder. Ueberdieß hatte ſein neues Pferd einen Karabiner am Sattel befeſtigt. „Hier bin ich,“ ſagte Porthos,„warten wir oder greifen wir an?“ „Greifen wir an!“ ſprach d'Artagnan. „Angegriffen!“ wiederholte Porthos. Sie ſtießen ihren Pferden die Sporen in den Bauch. Die Reiter waren nur noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt. „Im Namen des Königs!“ rief d'Artagnan,„laßt uns vorüber!“ Der König hat hier nichts zu thun,“ erwiederte eine düſtere, vibrirende Stimme, welche aus einer Wolke 102 „Bei dem Geräuſche Eures Kampfes, mein Herr,“ ſagte der Herzog,„glaubte ich, Ihr wäret wenigſtens zu zwanzig Mann, und ich bin mit allen Denen, welche mich umgaben, zurückgekehrt, müde, beſtändig zu fliehen, und begierig, ebenfalls ein wenig das Schwert zu ziehen; Ihr waret Eurer nur zwei?“ „Ja, Monſeigneur,“ verſetzte Athos;„aber, wie Ihr geſagt habt, zwei, welche ſo viel werth ſind, als zwanzig.“ „Vorwärts, meine Herren, Eure Degen,“ ſprach der Herzog. „Unſere Degen!“ rief d'Artagnan, den Kopf er⸗ hebend und wieder erwachend.„Unſere Degen?“ Nie!“ „Nie!“ wiederholte Porthos. Einige Männer machten eine Bewegung. „Einen Augenblick, Monſeigneur,“ ſprach Athos, „nur zwei Worte.“ Und er näherte ſich dem Prinzen, der ſich zu ihm herabneigte, und ſagte ihm leiſe einige Worte in das Ohr. „Wie Ihr wollt, Graf,“ ſprach der Prinz,„ich habe zu große Verbindlichkeiten gegen Euch, um Euch Eure erſte Bitte abzuſchlagen. Entfernt Euch, meine Herren,“ ſagte er zu den Männern ſeiner Escorte. Herren d'Artagnan und Du Vallon, Ihr ſeid rei.“ Der Befehl wurde ſogleich ausgeführt und dArta⸗ gnan und Porthos bildeten den Mittelpunkt eines wei⸗ ten Kreiſes. „Nun d'Herblay,“ ſprach Athos,„ſteigt vom Pferde und kommt.“ Aramis ſtieg ab und näherte ſich Porthos, wäh⸗ rend Athos ſich d'Artagnan näherte. Alle vier waren nun vereinigt. „Freund,“ ſagte Athos,„bedauert Ihr immer noch, unſer Blut nicht vergoſſen zu haben?“ b „ „Nein,“ antwortete dArtagnan;„ich bedaure, uns gegen einander zu ſehen, uns, die wir ſtets ſo 2 * 99 zu kommen ſchien, denn der Reiter war von oben bis unten in Staub gehüllt. z „Es iſt gut, wir werden ſehen, ob der König nicht überall durchkommt,“ verſetzte d'Artagnan. *„Seht immerhin!“ rief dieſelbe Stimme. Zwei Piſtolenſchüſſe gingen beinahe gleichzeitig los, der eine von d'Artagnan, der andere von dem Gegner von Porthos abgefeuert. Die Kugel von d'Artagnan riß ſeinem Feinde den Hut fort, die Kugel des Gegners von Porthos drang in den Hals ſeines Pferdes, das einen Seufzer ausſtieß und todt niederſtürzte. „Zum letzten Male, wohin wollt Ihr?“ fragte die⸗ ſelbe Stimme. 3 Zum Teufel!“ antwortete d'Artagnan. „Gut, dann ſeid ruhig, Ihr werdet zu ihm kommen.“ DArtagnan ſah, wie ſich der Lauf einer Muskete gegen ihn ſenkte. Er hatte nicht Zeit, in ſeine Halfter zu greifen, erinnerte ſich jedoch eines Rathes, den ihm Athos einſt gegeben hatte und ließ ſein Pferd ſich bäumen. Die Kugel ſchlug dem Thier in den vollen Bauch. D'Artagnan fühlte, daß es unter ihm zuſammenbrach, und warf ſich mit ſeiner wunderbaren Behendigkeit auf die Seite.„ „Ei, bei Gott!“ ſprach dieſelbe vibrirende, ſpöt⸗ tiſche Stimme,„das iſt eine Pferdeſchlächterei, und kein Männerkampf, was wir da machen. Zum Schwerte gegriffen, mein Herr!“ Und er ſprang von ſeinem Pferde. „Zum Schwerte gegriffen! es ſei! Das iſt ganz meine Sache!“ Mit zwei Sprüngen war d'Artagnan ſeinem Feinde gegenüber, deſſen Eiſen er an dem ſeinigen fühlte. D Artagnan hatte mit ſeiner gewöhnlichen Geſchicklich⸗ keit den Degen in Terz gelegt, was ſeine Lieblings⸗ lage war. Während dieſer Zeit hielt Porthos hinter ſeinem „ r. 7 ns che en, n vie als ach er⸗ 1 103 ſchön vereinigt waren; ich bedaure, uns in zwei feind⸗ lichen Lagern zu treffen. Ah, fortan wird uns nichts mehr gelingen!“ „Oh, mein Gott, nein! das iſt vorbei!“ verſetzte Porthos! „Wohl, ſo ſeid von den Unſeren!“ ſprach Aramis. „Stille, d'Herblay!“ ſagte Athos.„Man macht Männern, wie dieſen hier, keine ſolche Vorſchläge. Sind ſie auf die Partei von Mazarin getreten, ſo geſchah es, weil ſie ihr Gewiſſen auf dieſe Seite trieb, wie uns das unſere auf die Seite des Prinzen trieb.“ „Indeſſen aber ſind wir Feinde!“ rief Porthos. „Gottes Blut! wer hätte dies je geglaubt!“ DArtagnan ſprach nichts, aber er ſtieß einen Seufzer aus. 5 Athos ſchaute ſie an und nahm ihre Hände in die ſeinigen. „Meine Herren,“ ſprach er,„dieſe Sache iſt ſehr ernſter Natur, und mein Herz leidet, als ob Ihr es durchſtochen hättet. Ja, wir find getrennt, das iſt die große, die traurige Wahrheit. Aber wir haben uns den Krieg noch nicht erklärt; vielleicht haben wir uns noch Bedingungen zu machen; eine letzte Unterredung iſt unerläßlich.“ „Ich, was mich betrifft, ich fordere ſie,“ ſprach Aramis. „Ich nehme ſie an,“ erwiederte dArtagnan ſtolz. Porthos neigte das Haupt als Zeichen der Ein⸗ willigung. „Wählen wir einen Verſammlungsort,“ fuhr Athos fort,„der im Bereiche von uns Allen liegt, und ord⸗ nen wir auf eine beſtimmte Weiſe bei einer letzten Zu⸗ ſammenkunft unſere gegenſeitige Stellung und das Be⸗ nehmen, das wir gegen einander zu beobachten haben.“ „Gut,“ ſprachen die drei Andern. „Ihr ſeid alſo meiner Meinung?“ fragte Athos. „Vollkommen.“ Accent. — 100 ⸗ Pferde knieend, welches ſich in Zuckungen des Todes⸗ kampfes ausſtreckte, in jeder Hand eine Piſtole. Mittlerweile hatte der Kampf zwiſchen d'Artagnan und ſeinem Gegner begonnen. D'Artagnan griff ſeiner Gewohnheit gemäß heftig an; aber er fand diesmal ein Spiel und eine Handwurzel, wodurch er zum Nach⸗ denken gebracht wurde. Zweimal in Quart gefaßt, machte d'Artagnan einen Schritt rückwärts; ſein Gegner rührte ſich nicht. D'Artagnan kehrte zurück und legte abermals in Terz aus. Es wurden mehrere Stöße von der einen und der andern Seite ohne Reſultate geführt. Die Funken ſpran⸗ gen in Garben von den Degen auf. Endlich dachte d'Artagnan, es wäre der geeignete Augenblick, ſeine Lieblingsfinte zu benützen. Er führte ſie mit Geſchicklichkeit herbei und ſtieß mit Blitzesge⸗ ſchwindigkeit und mit ſolcher Kraft, daß er ſich für unwiderſtehlich hielt. Der Stoß wurde parirt. „Mordious!“ rief er mit ſeinem gascogniſchen Bei dieſem Ausrufe ſprang ſein Gegner zurück, neigte das entblößte Haupt und bemühte ſich, durch die Finſterniß das Geſicht von d Artagnan zu unterſcheiden. D'Artagnan, welcher eine Finte befürchtete, hielt ſich in der Defenſive. „Nehmt Euch in Acht,“ ſprach Porthos zu ſeinem Gegner,„ich habe noch meine zwei Piſtolen geladen.“ „Ein Grund mehr für Euch, zuerſt zu ſchießen,“ antwortete dieſer. Porthos ſchoß: Ein Blitz erleuchtete die Wahlſtätte. Bei dieſem Schimmer ſtießen die zwei andern Kämpfer jeder einen Schrei aus. „Athos!“ ſagte d'Artagnan. „D Artagnan!“ ſprach Athos. Athos hob ſeinen Degen in die Höhe, d'Artagnan ſenkte den ſeinigen. 10⁴ „Nun wohl, der Ort?“ „Place Rohale, wenn es Euch zuſagt,“ verſetzte d'Artagnan. „In Paris?“ a . Ithos und Aramis ſchauten ſich an. Aramis machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Billigung. „Place Royale, es ſei!“ ſprach Athos. „Und wann dies?“ „Morgen Abend, wenn Ihr wollt.“ „Seid Ihr bis dahin zurück?“ 7 a. „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr Nachts, wenn es Euch genehm iſt.“ „Ganz gut.“ „Hievon,“ verſetzte Athos,„wird der Krieg oder der Friede ausgehen, aber unſere Ehre, meine Freunde, iſt dann wenigſtens unverletzt.“ „Ach,“ murmelte d'Artagnan,„unſere Soldaten⸗ ehre iſt verloren!“ „DArtagnan,“ ſprach Athos ernſt,„ich ſchwöre Euch, daß Ihr mir wehe thut, hieran zu denken, wäh⸗ rend ich nur an Eines denke, daran, daß wir gegen einander die Schwerter gekreuzt haben. Ja,“ fuhr er, ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd, fort,„ja, Ihr habt es geſagt, das Unglück iſt über uns. Kommt, Aramis.“ „Und wir, Porthos?“ ſagte dArtagnan,„kehren wir zurück und bringen wir dem Cardinal unſere Schande.“ „Und ſagt ihm vor Allem,“ rief eine Stimme, ieat ich nicht zu alt ſei für einen Mann der Thätig⸗ eit.“ D'Artagnan erkannte die Stimme von Rochefort. „Vermag ich etwas für Euch?“ fragte der Prinz. „Zeugſchaft leiſten, daß wir gethan haben, wa wir konnten, Monſeigneur.“ —* 101 „Aramis!“ rief Athos,„ſchießt nicht!“ „Ah! ah! Ihr ſeid es, Aramis?“ ſagte Porthos. Und er warf ſeine Piſtole weg. Aramis ſtieß die ſeinige in ſeine Halfter, und ſteckte den Degen wieder in die Scheide. „Mein Sohn,“ ſprach Athos und reichte d'Arta⸗ gnan die Hand. 3 Dies war der Name, den er ihm einſt in ſeinen zärtlichen Augenblicken gab. „Athos,“ erwiederte d'Artagnan, die Hände rin⸗ gend,„Ihr vertheidigt ihn alſo? Und ich habe ge⸗ ſchworen, ihn todt oder lebendig zurückzubringen. Ah! ich bin entehrt!“ „Tödtet mich,“ entgegnete Athos, ſeine Bruſt ent⸗ blößend,„wenn Eure Ehre meines Todes bedarf.“ „Ohl! wehe über mir! wehe über mir! Es gab nur einen Menſchen auf dieſer Welt, der mich aufhalten konnte, und das Unglück bringt mir gerade dieſen in den Weg! Ahl was werde ich dem Cardinal ſagen!“ „Ihr werdet ihm ſagen, mein Herr,“ antwortete eine Stimme, welche das Schlachtfeld beherrſchte, er habe gegen mich die zwei einzigen Menſchen geſchickt, welche fähig wären, vier Männer niederzuwerfen, Leib an Leib ohne Nachtheil gegen den Grafen de la Fére und den Chevalier d'Herblay zu kaͤmpfen und ſich nur an fünfzig Mann zu ergeben.“ „Der Prinz!“ ſprachen zu gleicher Zeit Athos und Aramis und bewegten ſich etwas auf die Seite, um den Prinzen frei zu ſtellen, während d'Artagnan und Porthos einen Schritt rückwärts machten.. —„Fünfzig Reiter!“ murmelten d'Artagnan und Porthos. „Schaut um Euch her, wenn Ihr daran zweifelt,“ ſagte der Herzog. D Artagnan und Porthos ſchauten umher, ſie waren wirklich ganz umhüllt von einem Truppe von Männern zu Pferde. tzte hte ſt.“ der de, ten⸗ öre äh⸗ gen abt is.“ ren ſere me, tig⸗ rt. inz. was — 10⁵ „Seid unbeſorgt, es wird geſchehen. Gott befoh⸗ len, meine Herren. In einiger Zeit ſehen wir uns wieder, wie ich hoffe.. vor Paris oder vielleicht in Paris, und dann könnt Ihr Eure Entſchädigung nehmen.“ Bei dieſen Worten grüßte der Herzog mit der Hand, ſetzte ſein Pferd wieder in Galopp und verſchwand, ge⸗ folgt von ſeiner Escorte, deren Anblick ſich in der Dunkelheit verlor, während ſich ihr Geräuſch im weiten Raume auflöste. D'Artagnan und Porthos befanden ſich allein auf der Landſtraße, mit einem Manne, der zwei Pferde an der Hand hielt. Sie glaubten, es wäre Mousqueton, und näher⸗ ten ſich ihm. „Was ſehe ich!“ rief d»Artagnan,„Du biſt es, Grimaud?“ „Grimaud!“ ſagte Porthos. Grimaud bedeutete den zwei Freunden durch ein Zeichen, daß ſie ſich nicht täuſchten. „Und wem gehören die Pferde?“ fragte d'Artagnan. „Wer gibt ſie uns?“ fragte Porthos. „Der Herr Graf de la Feére.“ „Athos, Athos!“ murmelte d'Artagnan,„Ihr denkt an Alles, und ſeid bei Gott der wahre Edelmann.“ „Vortrefflich!“ ſagte Porthos.„Ich hatte bereits bange, den Marſch zu Fuß machen zu müſſen.“ Und er ſchwang ſich in den Sattel. D Artagnan ſaß bereits zu Pferde. „Nun, wo gehſt Du hin, Grimaud? Du verläßt Deinen Herrn?“ „Ja,“ antwortete Grimaud,„ich begebe mich wie⸗ der zu dem Herrn Vicomte von Bragelonne bei der Armee in Flandern.“ Sie machten nun ſchweigend einige Schritte auf der Landſtraße nach Paris; aber plötzlich hörten ſie Klagen, welche aus einem Graben zu kommen ſchienen⸗ wanzig Jahre nächher. I. 8 10² 2„Bei dem Geräuſche Eures Kampfes, mein Herr,“ ſagte der Herzog,„glaubte ich, Ihr wäret wenigſtens zu zwanzig Mann, und ich bin mit allen Denen, welche mich umgaben, zurückgekehrt, müde, beſtändig zu fliehen, und begierig, ebenfalls ein wenig das Schwert zu ziehen; Ihr waret Eurer nur zwei?“ „Ja, Monſeigneur,“ verſetzte Athos;„aber, wie Ihr geſagt habt, zwei, welche ſo viel werth ſind, als zwanzig.“ 4 „Vorwärts, meine Herren, Eure Degen,“ ſprach der Herzog. „Unſere Degen!“ rief d'Artagnan, den Kopf er⸗ hebend und wieder erwachend.„Unſere Degen?“ Nie!“ „Nie!“ wiederholte Porthos. Einige Männer machten eine Bewegung. „Einen Augenblick, Monſeigneur,“ ſprach Athos, „nur zwei Worte.“ 3 Und er näherte ſich dem Prinzen, der ſich zu ihm herabneigte, und ſagte ihm leiſe einige Worte in das Ohr. „Wie Ihr wollt, Graf,“ ſprach der Prinz,„ich habe zu große Verbindlichkeiten gegen Euch, um Euch Eure erſte Bitte abzuſchlagen. Entfernt Euch, meine Herren,“ ſagte er zu den Männern ſeiner Escorte. Meine Herren d'Arkagnan und Du Vallon, Ihr ſeid Der Befehl wurde ſogleich ausgeführt und d'Arta⸗ gnan und Porthos bildeten den Mittelpunkt eines wei⸗ ten Kreiſes. „Nun d'Herblay,“ ſprach Athos,„ſteigt vom Pſerde und kommt.“. Aramis ſtieg ab und näherte ſich Porthos, waͤh⸗ rend Athos ſich d'Artagnan näherte. Alle vier waren nun vereinigt. „Freund,“ ſagte Athos,„bedauert Ihr immer noch, unſer Blut nicht vergoſſen zu haben?“ Mein,“ antwortete d'Artagnan;„ich bedaure, uns gegen einander zu ſehen, uns, die wir ſtets ſo ——— 106 „Was iſt das?“ fragte d'Artagnan. „Das iſt Mousqueton,“ antwortete Porthos. „Ja wohl, gnädiger Herr, ich bin es,“ rief eine klägliche Stimme, während ſich eine Art von Schatten am Rande der Straße erhob. Porthos ritt auf ſeinen Intendanten zu, welchen er wirklich ſehr lieb hatte. „Sollteſt Du gefährlich verwundet ſein, mein lie⸗ ber Mouſton?“ fragte er. „Mouſton!“ verſetzte Grimaud und riß voll Er⸗ ſtaunen ſeine Augen auf. „Nein, gnädiger Herr, ich glaube nicht; aber ich bin auf eine ſehr unbequeme Weiſe verwundet.“ „Du kannſt alſo nicht zu Pferde ſteigen?“ „Ah, was ſchlagt Ihr mir da vor?“ „Kannſt Du zu Fuß gehen?“ „Ich werde es verſuchen bis zum erſten Hanſe.“ „Was iſt zu thun?“ ſprach dArtagnan.„Wir müſſen doch nach Paris zurückkehren.“ Ich übernehme Mousqueton,“ verſetzte Grimand. „Ich danke, mein guter Grimaud,“ ſagte Porthos. Grimaud ſtieg ab und gab den Arm ſeinem alten Freunde, der ihn, Thränen in den Augen, annahm, ohne daß jedoch Grimaud genau wiſſen konnte, ob dieſe Thränen von der Freude des Wiederſehens herrührten, ſer von dem Schmerze, den ihm ſeine Wunde verur⸗ ſachte. D'Artagnan und Porthos ſetzten ſtillſchweigend ihren Weg nach Paris fort. Drei Stunden nachher wurden ſie von einem mit Staub bedeckten Eilboten überholt; es war ein Mann von dem Herzog abgeſchickt, der dem Cardinal einen Brief überbrachte, in welchem der Prinz ſeinem Ver⸗ 7/ ſprechen gemäß von dem, was Porthos und d'Artagnan gethan hatten, Zeugſchaft leiſtete. Mazarin brachte eine ſehr ſchlimme Nacht zu, als er dieſen Brief empfing, in welchem ihm der Prinz an⸗ — 103 ſchön vereinigt waren; ich bedaure, uns in zwei feind⸗ lichen Lagern zu treffen. Ah, fortan wird uns nichts mehr gelingen!“ „Oh, mein Gott, nein! das iſt vorbei!“ verſetzte Porthos! „Wohl, ſo ſeid von den Unſeren!“ ſprach Aramis. „Stille, d'Herblay!“ ſagte Athos.„Man macht Männern, wie dieſen hier, keine ſolche Vorſchläge. Sind ſie auf die Partei von Mazarin getreten, ſo geſchah es, weil ſie ihr Gewiſſen auf dieſe Seite trieb, wie uns das unſere auf die Seite des Prinzen trieb.“ „Indeſſen aber ſind wir Feinde!“ rief Porthos. „Gottes Blut! wer hätte dies je geglaubt!“ D'Artagnan ſprach nichts, aber er ſtieß einen Seufzer aus. Athos ſchaute ſie an und nahm ihre Hände in die ſeinigen. „Meine Herren,“ ſprach er,„dieſe Sache iſt ſehr ernſter Natur, und mein Herz leidet, als ob Ihr es durchſtochen hättet. Ja, wir ſind getrennt, das iſt die große, die traurige Wahrheit. Aber wir haben uns den Krieg noch nicht erklärt; vielleicht haben wir uns noch Bedingungen zu machen; eine letzte Unterredung iſt unerläßlich.“ „Ich, was mich betrifft, ich foͤrdere ſie,“ ſprach Aramis. 3 „Ich nehme ſie an,“ erwiederte d'Artagnan ſtolz. Porthos neigte das Haupt als Zeichen der Ein⸗ willigung. „Wählen wir einen Verſammlungsort,“ fuhr Athos fort,„der im Bereiche von uns Allen liegt, und ord⸗ nen wir auf eine beſtimmte Weiſe bei einer letzten Zu⸗ ſammenkunft unſere gegenſeitige Stellung und das Be⸗ nehmen, das wir gegen einander zu beobachten haben.“ „Gut,“ ſprachen die drei Andern. „Ihr ſeid alſo meiner Meinung?“ fragte Athos. „Vollkommen.“ 3 — 107 kündigte, er wäre in Freiheit und im Begriff, einen Krieg auf Leben und Tod mit ihm zu beginnen. Der Cardinal las ihn zwei⸗ bis dreimal, faltete ihn dann zuſammen und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Was mich tröſtet,“ ſagte er,„da d'Artagnan ihn verfehlt hat, iſt, daß dieſer wenigſtens in ſeiner Haſt Brouſſel niederritt. Der Gascogner iſt offenbar ein foſtbarer Mann und dient mir fogar bei ſeinen Unge⸗ ſchicklichkeiten.“ Der Cardinal ſpielte auf den Mann an, den d'Ar⸗ tagnan an der Ecke des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes nieder⸗ geworfen hatte, und der kein Anderer war, als der Rath Bronſſel. VIII. PVer gute Brouſſel. Aber zum Unglück für den Cardinal, welcher in dieſem Angenblick ſeine Periode der Widerwärtigkeiten hatte, war der gute Brouſſel nicht zu Tode getreten worden. Er ging wirklich ruhig durch die Rue Saint⸗Gonoré, als das Pferd von dArtagnan ihn an die Schulter traf und in den Koth warf⸗ DArtagnan hatte, wie wir erwähnten, auf dieſes kleine Ereigniß nicht Acht gegeben. Er theilte die tiefe und verächtliche Gleichgülkigkeit, welche der Adel und beſonders der militäriſche Adel in jener Zeit gegen das Bürgerthum offenbarte. Er war alſo gegen das dem kleinen ſchwarzen Manne widerfahrene Unglück völlig unempfindlich geblieben, obgleich er ſich als die Urſache dieſes Unglücks bekennen mußte, und der arme 10⁴ „Nun wohl, der Ort?“. „Place Royale, wenn es Euch zuſagt,“ verſetzte d'Artagnan. „In Paris?“ 2 „Ja.“ Athos und Aramis ſchauten ſich an. Aramis machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Billigung. „Place Royale, es ſei!“ ſprach Athos. „Und wann dies?“ „Morgen Abend, wenn Ihr wollt.“ „Seid Ihr bis dahin zurück?“ „Ja. „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr Nachts, wenn es Euch genehm iſt.“ „Ganz gut.“ „Hievon,“ verſetzte Athos,„wird der Krieg oder der Friede ausgehen, aber unſere Ehre, meine Freunde, iſt dann wenigſtens unverletzt.“ „Ach,“ murmelte d'Artagnan,„unſere Soldaten⸗ ehre iſt verloren!“ „D'Artagnan,“ ſprach Athos ernſt,„ich ſchwöre Euch, daß Ihr mir wehe thut, hieran zu denken, wäh⸗ rend ich nur an Eines denke, daran, daß wir gegen einander die Schwerter gekreuzt haben. Ja,“ fuhr er, ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd, fort,„ja, Ihr habt es geſagt, das Unglück iſt über uns. Kommt, Aramis.“ „Und wir, Porthos?“ ſagte d'Artagnan,„kehren wir zurück und bringen wir dem Cardinal unſere 44 „Und ſagt ihm vor Allem,“ rief eine Stimme, „daß ich nicht zu alt ſei für einen Mann der Thätig⸗ keit.“. DArtagnan erkannte die Stimme von Rochefort. „Vermag ich etwas für Euch?“ fragte der Prinz. „Zeugſchaft leiſten, daß wir gethan haben, was wir konnten, Monſeigneur.“ „1 108 Brouſſel Zeit gehabt hatte, einen Schrei auszuſtoßen, war der ganze Sturm der bewaffneten Renner vorüber⸗ gezogen. Dann erſt konnte der Verwundete gehört und aufgehoben werden. Man lief herbei, man ſah dieſen ſtöhnenden Mann, man fragte ihn um ſeinen Namen, um ſeine Adreſſe, um ſeinen Titel, und ſobald er geſagt hatte, er hieße Brouſſel, wäre Rath im Parlament und wohnte in der Rue Saint⸗Landry, erhob ſich ein Schrei aus dieſer Menge, ein furchtbar drohender Schrei, der dem Ver⸗ wundeten ſo bange machte, als der Orkan, welcher ſo eben über ſeinen Leib hingefahren war. „Bruuſſel!“ rief man,„Brouſſel, unſer Vater! Der Mann, welcher unſere Rechte gegen Mazarin ver⸗ theidigt! Brouſſel, der Freund des Volkes, getödtet, mit den Füßen zerſtampft von dieſen Schurken von Car⸗ dinaliſten! Zu Hülfe! Zu den Waffen! Tod dieſen Schurken!“ 1 In einem Augenblick wurde der Haufen ungeheuer; man hielt einen Wagen ein zu legen; aber ein Mann aus dem Volke machte die Bemerkung, bei dem Zuſtande des Verwundeten müßte die Bewegung der Carroſſe das Uebel nur noch verſchlimmern; es thaten Fanatiker den Vorſchlag, ihn auf den Armen zu tragen, und dieſer Vorſchlag wurde mit Begeiſterung begrüßt und einſtimmig angenommen. Geſagt, gethan! Das Volk erhob ſich zugleich drohend und ſanft und trug ihn fort, dem Rieſen aus dem fan⸗ taſtiſchen Mährchen ähnlich, welcher fortwährend brummt und murrt, während er einen Zwerg auf ſeinen Armen liebkost und wiegt. Brouſſel vermuthete wohl bereits dieſe Anhäng⸗ lichkeit der Pariſer an ſeine Perſon; er hatte nicht drei Jahre lang die Oppoſition ausgeſtreut, ohne die Boffnung, eines Tags Popularität dafür zu ernten. 6 Dieſe Kundgebung zur geeigneten Zeit machte ihm Vergnügen und er war ſtolz darauf; denn ſie gab ihHm um den kleinen Rath hin⸗ 105 „Seid unbeſorgt, es wird geſchehen. Gott befoh⸗ len, meine Herren. In einiger Zeit ſehen wir uns wieder, wie ich hoffe... vor Paris oder vielleicht in Paris, und dann könnt Ihr Eure Entſchädigung nehmen.“ Bei dieſen Worten grüßte der Herzog mit der Hand, ſetzte ſein Pferd wieder in Galopp und verſchwand, ge⸗ von ſeiner Escorte, deren Anblick ſich in der Dunkelheit verlor, während ſich ihr Geräuſch im weiten Raume auflöste. 6 DArtagnan und Porthos befanden ſich allein auf der Landſtraße, mit einem Manne, der zwei Pferde an der Hand hielt. Sie glaubten, es wäre Mousqueton, und näher⸗ een ſich ihm. 3 „Was ſehe ich!“ rief d'Artagnan,„Du biſt es, Grimaud?“ „Grimaud!“ ſagte Porthos. Grimaud bedeutete den zwei Freunden durch ein geichen, daß ſie ſich nicht täuſchten. „Und wem gehören die Pferde?“ fragte d'Artagnan. „Wer gibt ſie uns?“ fragte Porthos. 3 „Der Herr Graf de la Fore.“ „Athos, Athos!“ murmelte d'Artagnan,„Ihr denkt an Alles, und ſeid bei Gott der wahre Edelmann.“ „Vortrefflich!“ ſagte Porthos.„„Ich hatte bereits bange, den Marſch zu Fuß machen zu müſſen.“ Und er ſchwang ſich in den Sattel. DArtagnan ſaß bereits zu Pferde. „Nun, wo gehſt Du hin, Grimaud? Du verläßt Deinen Herrn?“ „Ja,“ antwortete Grimaud,„ich begebe mich wie⸗ der zu dem Herrn Vicomte von Bragelonne bei der Armee in Flandern.“ Sie machten nun ſchweigend einige Schritte auf der Landſtraße nach Paris; aber plötzlich hörten ſie Klagen, welche aus einem Graben zu kommen ſchienen. Zwanzig Jahre nachher. II. ie m 109 den Maßſtab ſeiner Gewalt. Aber auf der andern Seite wurde dieſer Triumph durch eine gewiſſe Unruhe getrübt. Außer den Quetſchungen, welche ihm Schmer⸗ zen verurſachten, befürchtete er, an jeder Straßenecke eine Schwadron von Garden und Musketieren hervor⸗ brechen zu ſehen, um die Menge anzugreifen, und was ſollte dann aus dem Triumphator bei dieſem Volks⸗ auflaufe werden? Er hatte unabläſſig vor ſeinen Augen den Wirbel von Männern, den Sturm mit dem eiſernen Fuße, der ihn mit einem Athemzuge gleichſam umgeſtürzt hatte. Mehrmals wiederholte er mit erloſchener Stimme: „Eilen wir, meine Kinder, denn in der That, ich leide ſehr.“ Und bei jeder von ſeinen Klagen erhoben ſich ver⸗ doppelte Verwünſchungen. Nicht ohne Mühe gelangte man zu dem Hauſe von Brouſſel. Die Menge, welche vor ihm in die Straße gedrungen war, hatte bereits das ganze Quar⸗ tier an die Kreuzſtöcke und auf die Thürſchwellen ge⸗ jogen An einem Fenſter eines Hauſes mit ſehr ſchma⸗ em Eingange nahm man eine alte Dienerin wahr, welche ſich auf das Heftigſte geberdete und aus Leibes⸗ kräften ſchrie, und ebendaſelbſt eine bereits betagte Frau, welche in Thränen ausgebrochen war. Dieſe zwei Perſonen befragten mit einer ſichtbaren, obgleich verſchiedenartig ausgedrückten, Unruhe das Volk, wel⸗ ches ihnen ſtatt jeder Antwort verworrenes, unverſtänd⸗ liches Geſchrei zuſandte. Als aber der Rath, von acht Männern getragen, ganz bleich und mit ſterbendem Auge ſeine Wohnung, ſeine Frau und ſeine Dienerin betrachtend, erſchien, fiel die gute Dame Brouſſel in Ohnmacht und die Magd ſtürzte, die Arme zum Himmel erhebend, auf die Treppe, um ihrem Herrn entgegenzugehen, und ſchrie: 106 „Was iſt das?“ fragte d'Artagnan. „Das iſt Mousqueton,“ antwortete Porthos. „Ja wohl, gnädiger Herr, ich bin es,“ rief eine klägliche Stimme, während ſich eine Art von Schatten am Rande der Straße erhob. Porthos ritt auf ſeinen Intendanten zu, 24 u. er wirklich ſehr lieb hatte. „Sollteſt Du gefährlich verwundet ſein, mein lie⸗ ber Mouſton?“ fragte er. „Mouſton!“ verſetzte Grimaud und riß voll Er⸗ ſtaunen ſeine Augen auf. „Nein, gnädiger Herr, ich glaube nicht aber ich bin auf eine ſehr unbequeme Weiſe verwun „Du kannſt alſo nicht zu Pferde ſteige „Ah, was ſchlagt Ihr mir da vor?“ „Kannſt Du zu Fuß gehen?“ 3 Ich werde es verſuchen bis zum erſten Hauſe.“ „Was iſt zu thun?“ ſprach d'Artagnan.„Wir müſſen doch nach Paris zurückkehren.“ 4 „Ich übernehme Mousqueton,“ verſetzte Grimaud „Ich danke, mein guter Grimand,“ ſagte Porthos Grimaud ſtieg ab und gab den Arm ſeinem alten Freunde, der ihn, Thränen in den Augen, annahm, ohne daß jedoch Grimaud genau wiſſen konnte, ob dieſe Thränen von der Freude des Wiederſehens herrührten, oder von dem Schmerze, den ihm ſeine Wunde verur⸗ ſachte. 1— D'Artagnan und Porthos ſetzten ſtillſchweigend ihren Weg nach Paris fort. Drei Stunden nachher wurden ſte von einem mit 8 Staub bedeckten Eilboten überholt: es war ein Mann von dem Herzog abgeſchickt, der dem Cardinal einen Brief überbrachte, in welchem der Prinz ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß von dem, was Porthos und d'Artagnan gethan hatten, Zeu ſchaft leiſtete. Mazarin brachte eine ſehr ſchlimme Nacht zu, als er dieſen Brief empfing, in welchem ihm der Prinz an⸗ 8* 1¹⁰ „Oh mein Gott! mein Gott! wenn nur Frigquet da wäre, um einen Wundarzt zu holen!“ Friquet war da. Wo iſt ein Pariſer Straßenjunge nicht? Friquet hatte natürlich den Pfingſttag benützt, um ſich von dem Herrn der Taverne Urlaub zu erbitten, einen Urlaub, der ihm nicht verweigert werden konnte, in Betracht, daß es in ſeinem Vertrag ausdrücklich beſtimmt war, an den großen Feſttagen des Jahres ſollte er frei haben. Friquet war an der Spitze des Zuges. Wohl kam ihm gleich von Anfang der Gedauke, einen Wundarzt zu holen; aber er fand es beluſtigender, aus vollem Halſe zu ſchreien:„Sie haben Herrn Brouſſel getödtet! Herrn Brouſſel, den Vater des Volkes! Es lebe Herr Bronſſel!“ als ganz allein durch verſchiedene Straßen zu gehen und ganz einfach zu einem ſchwarzen Manne zu fagen:„Kommt, Herr Wundarzt, der Rath Brouſſel bedarf Eurer.“ Zum Unglücke für Friquet, der eine wichtige Rolle bei dem Zuge ſpielte, beging er die Unklugheit, ſich an die Gitter der Fenſter im Erdgeſchoſſe anzuklammern, um die Menge zu beherrſchen. Dieſer Ehrgeiz richtete ihn zu Grunde. Seine Mutter bemerkte ihn und ſchickte ihn nach dem Arzte. 2 Dann nahm ſie den guten Mann in ihre Arme und wollte ihn bis in das oberſte Stockwerk tragen; aber unten an der Treppe ſtellte ſich der Rath wieder auf ſeine Beine und exklärte, er fühle ſich ſtark genug, um allein hinaufzuſteigen. Er bat auch Gervaiſe(das war der Name der Magd), ſie möge das Volk zu be⸗ wegen ſuchen, daß es ſich zurückziehe, aber Gervaiſe hörte nicht auf ihn. „Oh mein armer Herr! mein lieber Herr!“ rief ſie. „Ja, meine Gute, ja, Gervaiſe,“ murmelte Brouſ⸗ ſel, um ſie zu beſchwichtigen;„ſei unbeſorgt, es wird nichts ſein.“ „ 107 kündigte, er wäre in Freiheit und im Begriff, einen Krieg auf Leben und Tod mit ihm zu beginnen. Der Cardinal las ihn zwei⸗ bis dreimal, faltete ihn dann zuſammen und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Was mich tröſtet,“ ſagte er,„da d'Artagnan ihn verfehlt hat, iſt, daß dieſer wenigſtens in ſeiner Haſt Brouſſel niederritt. Der Gascogner iſt offenbar ein koſtbarer Mann und dient mir ſogar bei ſeinen Unge⸗ ſchicklichkeiten.“ Der Cardinal ſpielte auf den Mann an, den d'Ar⸗ tagnan an der Ecke des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes nieder⸗ geworfen hatte, und der kein Anderer war, als der Rath Brouſſel. VIII. Der gute Brouſſel. Aber zum Unglück für den Cardinal, welcher in dieſem Augenblick ſeine Periode der Widerwärtigkeiten hatte, war der gute Brouſſel nicht zu Tode getreten worden. Er ging wirklich ruhig durch die Rue Saint⸗Honoré, als das Pferd von d'Artagnan ihn an die Schulter traf und in den Koth warf. D Artagnan hatte, wie wir erwähnten, auf dieſes kleine Ereigniß nicht Acht gegeben. Er theilte die tiefe und verächtliche Gleichgültigkeit, welche der Adel und beſonders der militäriſche Adel in jener Zeit gegen das Bürgerthum offenbarte. Er war alſo gegen das dem kleinen ſchwarzen Manne widerfahrene Unglück völlig unempfindlich geblieben, obgleich er ſich als die Urſache dieſes Unglücks bekennen mußte, und ehe der arme 11¹ p „Daß ich mich beruhige, während Ihr gerädert, zertreten, zermalmt ſeid.“ e„Nein, nein, entgegnete Brouſſel,„es iſt nichts, beinahe nichts.“ m„Nichts? und Ihr ſeid mit Koth bedeckt! Nichts, n, und Ihr habt Blut an Euren Haaren! Ah, mein Gott, e, mein Gott! mein armer Herr!“ c„Stille doch!“ ſagte Brouſſel,„ſtille!“ es„Blut, mein Gott, Blut!“ rief Gervaiſe. „Einen Arzt! einen Wundarzt! einen Doctor!“ m prüllie die Menge.„Der Rath Brouſſel ſtirbt. Die zt Mazariner haben ihn getödtet!“ „Mein Gott!“ ſprach Brouſſel voll Verzweiflung, t„die Unglücklichen werden machen, daß mein Haus ab⸗ rr gebrannt wird.“ en„Stellt Euch an das Fenſter und zeigt Euch!“ ne„Peſt! ich werde mich wohl hüten; es iſt gut für ſel den König, ſich zu zeigen. Sage ihnen, Gervaiſe, es gehe beſſer mit mir. Sage ihnen, ich wolle mich nicht lle an das Fenſter, ſondern in das Bett legen, und ſie an mögen ſich entfernen.“ rn„„Aber, warum ſollen ſie ſich entfernen? Es macht ete Euch Ehre, wenn ſie da ſind.“ kte„Oh! ſiehſt Du nicht,“ ſprach Brouſſel, deſſen WVerzweiflung immer mehr zunahm,„ſie machen, daß me man mich verhaftet, daß man mich hängt! Ach, ſieh' n; da, meine Frau iſt unwohl.“ der„Broufſel! Brouſſel! rief die Menge.„Es lebe ug Brouſſel! Einen Wundarzt für Brouſſel!“ as Sie machten ſo viel Lärmen, daß das, was Brouſ⸗ be⸗ ſel vorhergeſehen hatte, wirklich geſchah. Eine Ab⸗ iſe theilung von Wachen trieb mit Musketenkolben dieſen übrigens harmloſen Haufen aus einander. Aber bei dem ſie. erſten Geſchrei:„Die Wache, die Soldaten!“ ſteckte uſ⸗ ſich Brouſſel, welcher zitterte, man könnte ihn für den ird Anſtifter dieſes Auflaufes halten, ganz angekleidet in ſein Bett. Brouſſel Zeit gehabt hatte, einen Schrei auszuſtoßen, war der ganze Sturm der bewaffneten Renner vorüber⸗ ezogen. Dann erſt konnte der Verwundete gehört und aufgehoben werden. Man lief herbei, man ſah dieſen ſtöhnenden Mann, man fragte ihn um ſeinen Namen, um ſeine Adreſſe, um ſeinen Titel, und ſobald er geſagt hatte, er hieße Brouſſel, wäre Rath im Parlament und wohnte in der Rue Saint⸗Landry, erhob ſich ein Schrei aus dieſer Menge, ein furchtbar drohender Schrei, der dem Ver⸗ wundeten ſo bange machte, als der Orkan, welcher ſo eben über ſeinen Leib hingefahren war. „Brouſſel!“ rief man,„Brouſſel, unſer Vater! Der Mann, welcher unſere Rechte gegen Mazarin ver⸗ theidigt! Brouſſel, der Freund des Volkes, getödtet, mit den Füßen zerſtampft von dieſen Schurken von Car⸗ dinaliſten! Zu Hülfe! Zu den Waffen! Tod dieſen Schurken!“ In einem Augenblick wurde der Haufen ungeheuer; man hielt einen Wagen an, um den kleinen Rath hin⸗ ein zu legen; aber ein Mann aus dem Volke machte die Bemerkung, bei dem Zuſtande des Verwundeten müßte die Bewegung der Carroſſe das Uebel nur noch verſchlimmern; es thaten Fanatiker den Vorſchlag, ihn auf den Armen zu tragen, und dieſer Vorſchlag wurde mit Begeiſterung begrüßt und einſtimmig angenommen. Geſagt, gethan! Das Volk erhob ſich zugleich drohend und ſanft und trug ihn fort, dem Rieſen aus dem fan⸗ taſtiſchen Mährchen ähnlich, welcher fortwährend brummt und murrt, während er einen Zwerg auf ſeinen Armen liebkost und wiegt. Brouſſel vermuthete wohl bereits dieſe Anhäng⸗ lichkeit der Pariſer an ſeine Perſon; er hatte nicht drei Jahre lang die Oppoſition ausgeſtreut, ohne die Hoffnung, eines Tags Popularität dafür zu ernten. Dieſe Kundgebung zur geeigneten Zeit machte ihm Vergnügen und er war ſtolz darauf; denn ſie gab ihm 112 In Folge dieſer Fegerei gelang es der alten Ger⸗ vaiſe, auf den dreimal wiederholten Befehl von Brouſ⸗ ſel, die Thüre nach der Straße zu ſchließen. Aber kaum war ſie geſchloſſen und Gervaiſe wieder zu ihrem Herrn hinaufgegangen, als man ſtark an eben dieſe Thüre klopfte. Wieder zu ſich gekommen, zog MadameBrouſſel am ganzen Leibe zitternd ihrem Gatten die Schuhe aus. „Seht, wer klopft,“ ſagte Brouſſel;„öffnet aber nur vertrauten Freunden, Gervaiſe.“ Gervaiſe ſah nach. „Es iſt der Herr Präſident Blanemesnil,“ ſprach ſie. „Dann iſt es gut,“ erwiederte Brouſſel,„öffnet immerhin.“ „Laßt hören!“ ſprach der Präſident, als er eintrat. „Was haben ſie Euch gethan, mein lieber Brouſſel? Ich höre, Ihr wäret beinahe ermordet worden.“ Es iſt nicht zu leugnen, man führte ohne Zweifel gegen mein Leben etwas im Schilde,“ antwortete Brouſſel mit einer Feſtigkeit, die ſtviſch zu ſein ſchien. „Mein armer Freund, ſie wollten mit Euch an⸗ fangen; aber die Reihe wird an jeden von uns kom⸗ men, und da ſie uns nicht in Maſſe beſiegen können, uns Einen nach dem Andern zu zerſtören ſuchen.“ „Wenn ich davon komme,“ ſagte Brouſſel,„ſo will ich ſie alle unter dem Gewichte meines Wortes zermalmen.“ „Ihr werdet davon kommen,“ erwiederte Blanc⸗ mesnik,„um ſie ihren Angriff theuer bezahlen zu laſſen.“ Madame Brouſſel weinte heiße Thränen. Gervaiſe war in Verzweiflung. 3 „Was gibt es denn?“ rief ein hübſcher junger Mann mit kräftigen Formen, in das Zimmer ſtürzend. „Mein Vater verwundet!“ „Ihr ſeht ein Opfer der Thrannei, junger Menſch,“ ſprach Blanemesnil, als wahrer Spartaner. — ꝗ u ͤ— — & 109 den Maßſtab ſeiner Gewalt. Aber auf der andern Seite wurde dieſer Triumph durch eine gewiſſe Unruhe getrübt. Außer den Quetſchungen, welche ihm Schmer⸗ zen verurſachten, befürchtete er, an jeder Straßenecke eine Schwadron von Garden und Musketieren hervor⸗ brechen zu ſehen, um die Menge anzugreifen, und was ſollte dann aus dem Triumphator bei dieſem Volks⸗ auflaufe werden? Er hatte unabläſſig vor ſeinen Augen den Wirbel von Männern, den Sturm mit dem eiſernen Fuße, der ihn mit einem Athemzuge gleichſam umgeſtürzt hatte. Mehrmals wiederholte er mit erloſchener Stimme: „Eilen wir, meine Kinder, denn in der That, ich leide ſehr.“ Und bei jeder von ſeinen Klagen erhoben ſich ver⸗ doppelte Verwünſchungen. Nicht ohne Mühe gelangte man zu dem Hauſe von Brouſſel. Die Menge, welche vor ihm in die Straße gedrungen war, hatte bereits das ganze Quar⸗ tier an die Kreuzſtöcke und auf die Thürſchwellen ge⸗ zogen. An einem Fenſter eines Hauſes mit ſehr ſchma⸗ lem Eingange nahm man eine alte Dienerin wahr, welche ſich auf das Heftigſte geberdete und aus Leibes⸗ kräften ſchrie, und ebendaſelbſt ine bereits betagte Frau, welche in Thränen usgehrochen war. Dieſe zwei Perſonen befragten mit einer ſichtbaren, obgleich verſchiedenartig ausgedrückten, Unruhe das Volk, wel⸗ ches ihnen ſtatt jeder Antwort verworrenes, unverſtänd⸗ liches Geſchrei zuſandte. Als aber der Rath, von acht Männern getragen, ganz bleich und mit ſterbendem Auge ſeine Wohnung, ſeine Frau und ſeine Dienerin betrachtend, erſchien, ſiel die gute Dame Brouſſel in Ohnmacht und die Magd ſtürzte, die Arme zum Himmel erhebend, auf die Treppe, um ihrem Herrn entgegenzugehen, und ſchrie: D — —„ 113 „Wehe denen, welche Euch berührt haben, mein Vater,“ verſetzte der junge Mann und wandte ſich nach der Thüre. „Jacques,“ ſprach der Rath,„hole lieber einen rzt.“ „Ich höre das Geſchrei des Volkes,“ rief die Alte, ohne Zweifel iſt es Friquet, der einen bringt. Aber nein, es iſt eine Carroſſe!“ Blanemesnil ſchaute durch das Fenſter. „Der Coadjutor,“ ſagte er. „Der Herr Cvadjutor!“ wiederholte Brouſſel.„Ei, mein Gott, wartet doch, daß ich ihm entgegengehe!“ Und ſeine Wunde vergeſſend, war der Rath im Begriff, Herrn von Retz entgegen zu laufen, wenn ihn Blanemesnil nicht aufgehalten hätte. „Nun, mein lieber Brouſſel,“ ſagte der Coadjutor. eintretend,„was gibt es denn? Man ſpricht von Hin⸗ terhalt, von Ermordung. Guten Morgen, Herr Blane⸗ mesnil. Ich habe im Vorüberfahren einen Arzt mit⸗ genommen und bringe ihn.“ „Ah, gnädiger Herr,“ ſagte Brouſſel,„wie viel Gnade bin ich Euch ſchuldig. Es iſt wahr, ich bin grauſam niedergeworfen und von den Musketieren des Königs mit Füßen getreten worden.“ „Sagt des Catdinals,“ ſprach der Cvadjutor,„ſagt des Mazarin. Aber wir wollen ihn Alles dies theuer Siie laſſen, ſeid unbeſorgt. Nicht wahr, Herr von Blanemesnil?“ Blancmesnil verbengte ſich, als die Thüre von einem Laufer aufgeſtoßen wurde. Ein Lackei in großer Livree folgte ihm und meldele:„Der Herr Herzog von Longueville.“ „Wie!“ rief Brouſſel,„der Herr Herzog hier! Welche Ehre für mich! Ah, Monſeigneur!“ „Mein Herr,“ ſagte der Herzog, ich komme ſeuf⸗ zend über das Schickſal unſeres bravſten Vertheidigers. Seid Ihr denn verwundet, mein lieber Rath?“ „Oh mein Gott! mein Gott! wenn nur Friquet da wäre, um einen Wundarzt zu holen!“ ceſeiäntt war da. Wo iſt ein Pariſer Straßenjunge nicht? Friquet hatte natürlich den Pfingſttag benützt, um ſich von dem Herrn der Taverne Urlaub zu erbitten, einen Urlaub, der ihm nicht verweigert werden konnte, in Betracht, daß es in ſeinem Vertrag ausdrücklich beſtimmt war, an den großen Feſttagen des Jahres ſollte er frei haben. Friquet war an der Spitze des Zuges. Wohl kam ihm gleich von Anfang der Gedauke, einen Wundarzt zu holen; aber er fand es beluſtigender, aus vollem Halſe zu ſchreien:„Sie haben Herrn Brouſſel getödtet! Herrn Brouſſel, den Vater des Volkes! Es lebe Herr Brouſſel!“ als ganz allein durch verſchiedene Straßen zu gehen und ganz einfach zu einem ſchwarzen Manne zu ſagen:„Kommt, Herr Wundarzt, der Rath Brouſſel bedarf Eurer.“ Zum Unglücke für Friquet, der eine wichtige Rolle bei dem Zuge ſpielte, beging er die Unklugheit, ſich an die Gitter der Fenſter im Erdgeſchoſſe anzuklammern, um die Menge zu beherrſchen. Dieſer Ehrgeiz richtete ihn zu Grunde. Seine Mutter bemerkte ihn und ſchickte ihn nach dem Arzte. Dann nahm ſie den guten Mann in ihre Arme und wollte ihn bis in das oberſte Stockwerk tragen; aber unten an der Treppe ſtellte ſich der Rath wieder auf ſeine Beine und erklärte, er fühle ſich ſtark genug, um allein hinaufzuſteigen. Er bat auch Gervaiſe(das war der Name der Magd), ſie möge das Volk zu be⸗ wegen ſuchen, daß es ſich zurückziehe, aber Gervaiſe hörte nicht auf ihn. 3 „Oh mein armer Herr! mein lieber Herr!“ rief ſie. „Ja, meine Gute, ja, Gervaiſe,“ murmelte Brouſ⸗ ſel, um ſie zu beſchwichtigen;„ſei unbeſorgt, es wird nichts ſein.“ — „Wenn ich es wäre, Monſeigneur, ſo würde mich Euer Beſuch heilen.“ „Ihr leidet jedoch?“ „Sehr,“ ſagte Bruuſſel. Ich habe einen Arzt mitgebracht,“ verſetzte der Herzag;„erlaubt Ihr ihm einzutreten?“ „Ganz gewiß.“ » Der Herzog machte ſeinem Lackeien ein Zeichen und dieſer einen ſchwarzen Mann ein. Prinz,“ ſprach der Cvadjutor. Die zwei Aerzte ſchauten ſich an. „Ah, Ihr ſeid es, mein Herr Coadjutor,“ ſagte der Herzog.„Die Freunde des Volkes treffen ſich au dem wahren Gebiete.“ ch hatte denſelben Gedanken, wie Ihr, mein 3 4 3 „Das Geſchrei hatte mich erſchreckt und ich eilte herbei. Aber ich glaube, es wäre das Dringendſte, daß die Aerzte unſern braven Rath unterſuchten.“ „Vor Euch, meine Herren?“ ſprach Brouſſel ganz ſchüchtern. „Warum nicht, mein Lieber?“ „Wir wollen eiligſt erfahren, wie es mit Euch ſteht.“ „Ei, mein Gott,“ ſagte Madame Brouſſel,„was ſoll dieſer neue Lärm bedeuten?“ „Man ſollte glauben, es wäre Beifallsgeſchrei,“ ſprach Blanemesnil und lief an das Fenſter. „Wie!“ rief Brouſſel erbleichend,„was gibt es denn noch?“ „Die Livree des Herrn Prinzen von Conti,“ ſprach Blancmesnil.„Der Herr Prinz von Conti ſelbſt.“ Der Coadjutor und Herr von Longueville hatten ungeheure Luſt zu lachen. Die Aerzte waren im Begriff, die Decke von Brouſſel aufzuheben. Brouſſel hielt ſie zurück. In dieſem Augenblick trat der Prinz von Conti ein⸗ 111 „Daß ich mich beruhige, während Ihr gerädert, zertreten, zermalmt ſeid.“ „Nein, nein,“ entgegnete Brouſſel,„es iſt nichts, beinahe nichts.“ „Nichts? und Ihr ſeid mit Koth bedeckt! Nichts, und Ihr habt Blut an Euren Haaren! Ah, mein Gott, mein Gott! mein armer Herr!“ „Stille doch!“ ſagte Brouſſel,„ſtille!“ „Blut, mein Gott, Blut!“ rief Gervaiſe. „Einen Arzt! einen Wundarzt! einen Doctor!“ brüllte die Menge.„Der Rath Brouſſel ſtirbt. Die Mazariner haben ihn getödtet!“ „Mein Gott!“ ſprach Brouſſel voll Verzweiflung, „die Unglücklichen werden machen, daß mein Haus ab⸗ gebrannt wird.“ „Stellt Euch an das Fenſter und zeigt Euch!“ „Peſt! ich werde mich wohl hüten; es iſt gut für den König, ſich zu zeigen. Sage ihnen, Gervaiſe, es gehe beſſer mit mir. Sage ihnen, ich wolle mich nicht an das Fenſter, ſondern in das Bett legen, und ſie mögen ſich entfernen.“ „Aber, warum ſollen ſie ſich entfernen? Es macht Euch Ehre, wenn ſie da ſind.“ „Oh! ſiehſt Du nicht,“ ſprach Brouſſel, deſſen Verzweiflung immer mehr zunahm,„ſie machen, daß man mich verhaftet, daß man mich hängt! Ach, ſieh' da, meine Frau iſt unwohl.“ „Brouſſel! Brouſſel! rief die Menge.„Es lebe Brouſſel! Einen Wundarzt für Brouſſel!“ Sie machten ſo viel Lärmen, daß das, was Brouſ⸗ ſel vorhergeſehen hatte, wirklich geſchah. Eine Ab⸗ theilung von Wachen trieb mit Musketenkolben dieſen übrigens harmloſen Haufen aus einander. Aber bei dem erſten Geſchrei:„Die Wache, die Soldaten!“ ſteckte ſich Brouſſel, welcher zitterte, man könnte ihn für den Anſtifter dieſes Auflaufes halten, ganz angekleidet in ſein Bett. 1¹⁵ „Ah, meine Herren,“ ſagte er, als er den Cvad⸗ utor erblickte,„Ihr ſeid mir zuvorgekommen! Doch Ihr müßt mir deßhalb nicht grollen, mein lieber Herr Brouſſel. Als ich Euren Unfall erfuhr, glaubte ich, es würde Euch vielleicht an einem Arzte fehlen, und machte einen Umweg, um den meinigen mitzunehmen. Doch wie iſt es mit dem Mordverſuche?“ Brouſſel wollte ſprechen, aber es fehlte ihm an Worten. Er erſtickte beinahe unter dem Gewichte der Ehrenbezeigungen, mit denen man ihn überhäufte. „Ei, mein guter Doctor, ſeht nach,“ ſagte der Prinz zu einem ſchwarzen Manne, der ihn begleitete. „Meine Herren,“ ſprach einer von den Aerzten, „es iſt alſo eine Conſultation?“ „Wie Ihr wollt, doch beruhigt mich geſchwinde über den Zuſtand des lieben Rathes.“ Die drei Aerzte näherten ſich dem Bette, Brouſſel zog die Decke mit aller Gewalt an ſich, wurde aber, trotz ſeines Wjperſtandes entblößt und unterſucht. Er hatte nur eine Quetſchung am Arme und eine andere am Schenkel. Die drei Aerzte ſchauten ſich an, denn ſie begriffen nicht, wie man hatte die drei gelehrteſten Männer der Pariſer Farultät wegen einer ſolchen Erbärmlichkeit vereinigen können. „Nun?“ ſagte der Coadjutor. „Nun?“ ſagte der Herzog. „Nun?“ ſagte der Prinz. „Wir hoffen, der Unfall wird keine Folgen haben,“ ſprach einer von den drei Aerzten,„und wollen uns zum Behuf einer Verordnung in das nächſte Zimmer zurückziehen.“ „Brouſſel! Kunde von Bruufſel!“ rief das Volk. „Wie geht es Brouſſel?“ Der Coadjutor lief an das Fenſter; bei ſeinem Anblick ſchwieg das Volk. „Meine Freunde,“ ſagte er,„beruhigt Euch. Herr 112 In Folge dieſer Fegerei gelang es der alten Ger⸗ vaiſe, auf den dreimal derterholten Befehl von Brouſ⸗ ſel, die Thüre nach der Straße zu ſchließen. Aber kaum war ſie geſchloſſen und Gervaiſe wieder zu ihrem Herrn hinaufgegangen, als man ſtark an eben dieſe Thüre klopfte. Wieder zu ſich gekommen, zog Madame Brouſſel am ganzen Leibe zitternd ihrem Gatten die Schuhe aus. „Seht, wer klopft,“ ſagte Brouſſel;„öffnet aber nur vertrauten Freunden, Gervaiſe.“ Gervaiſe ſah nach. „Es iſt der Herr Präſident Blanemesnil,“ ſprach ſie. „Dann iſt es gut,“ erwiederte Brouſſel,„öffnet immerhin.“ „Laßt hören!“ ſprach der Präſident, als er eintrat. „Was haben ſie Euch gethan, mein lieber Brouſſel? Ich höre, Ihr wäret beinahe ermordet worden.“ Es iſt nicht zu leugnen, man führte ohne Zweifel gegen mein Leben etwas im Schilde,“ antwortete Brouſſel mit einer Feſtigkeit, die ſtoiſch zu ſein ſchien. „Mein armer Freund, ſie wollten mit Euch an⸗ fangen; aber die Reihe wird an jeden von uns kom⸗ men, und da ſie uns nicht in Maſſe beſtegen können, ſo werden ſie uns Einen nach dem Andern zu zerſtören ſuchen.“ „Wenn ich davon komme,“ ſagte Brouſſel,„ſo will ich ſie alle unter dem Gewichte meines Wortes zermalmen.“ „Ihr werdet davon kommen,“ erwiederte Blanc⸗ mesnil,„um ſie ihren Angriff theuer bezahlen zu laſſen.“ 4 Madame Brouſſel weinte heiße Thränen. Gervaiſe war in Verzweiflung. „Was gibt es denn?“ rief ein hübſcher junger Mann mit kräftigen Formen, in das Zimmer ſtuͤrzend. „Mein Vater verwundet!“ „Ihr ſeht ein Opfer der Tyrannei, junger Menſch,“ ſprach Blancmesnil, als wahrer Spartaner. —, 1¹6 Brouſſel iſt außer Gefahr. Seine Wunde iſt jedoch be⸗ deutend und die Ruhe ſehr nothwendig für ihn.“ Der Ruf:„Es lebe Brouſſel! Es lebe der Coad⸗ jutor!“ erſcholl ſogleich auf der Straße. Herr von Longueville war eiferſüchtig und ging auch an das Fenſter. ful„Es lebe Herr von Longueville!“ rief man eben⸗ alls. „Meine Freunde,“ ſagte der Herzog, mit der Hand grüßend,„entfernt Euch im Frieden und gönnt unſern Feinden nicht das Vergnügen einer Unordnung.“ „Schön, Herr Herzog, ſprach Brouſſel von ſeinem Bette aus.„Das heiße ich als guter Franzoſe ſprechen.“ „Ja, meine Herren Pariſer,“ rief der Prinz von Conti, ebenfalls an das Fenſter tretend, um ſeinen Antheil an dem Beifall zu bekommen.„Ja, Herr Brouſſel bittet Euch. Ueberdies bedarf er der Ruhe, und der Lärm könnte ihn beläſtigen.“ „Es lebe der Herr Prinz von Conti!“ ſchrie die Menge. Der Prinz grüßte. Alle drei verabſchiedeten ſich nun von dem Rath, und die Menge, welche ſie im Namen von Bryuſſel weggeſchickt hatten, bildete ihr Geleite. Sie waren bereits auf dem Quai, als Brouſſel, immer noch von ſeinem Bette aus, Komplimente machte. Die alte Magd ſchaute ihren Herrn mit Bewun⸗ derung an. Der Rath war in ihren Augen um einen Fuß größer geworden. „So geht es, wenn man ſeinem Vaterlande nach ſeinem Gewiſſen dient,“ ſagte Brouſſel mit Befriedigung. Die Aerzte entfernten ſich, nachdem ſie ſich eine Stunde lang berathen und für die Quetſchungen Um⸗ ſchläge mit Waſſer und Salz verordnet hatten. Es war den ganzen Tag eine Wallfahrt von Car⸗ roſſen. Die ganze Fronde ließ ſich bei Bronſſel ein⸗ ſchreiben. „Wehe denen, welche Euch berührt haben, mein Vater,“ verſetzte der junge Mann und wandte ſich nach der Thüre. 3 wiaeguts. ſprach der Rath,„hole lieber einen r 24* 4„Ich höre das Geſchrei des Volkes,“ rief die Alte, ohne Zweifel iſt es Friguet, der einen bringt. Aber nein, es iſt eine Carroſſe!“ 3 Blanemesnil ſchaute durch das Fenſter. „Der Coadjutor,“ ſagte er. „Der Herr Coadjutor!“ wiederholte Brouſſel.„Ei, mein Gott, wartet doch, daß ich ihm entgegengehe!“ Und ſeine Wunde vergeſſend, war der Rath im Begriff, Herrn von Retz entgegen zu laufen, wenn ihn Blanemesnil nicht aufgehalten hätte. „Nun, mein lieber Brouſſel,“ ſagte der Coadjutor eintretend,„was gibt es denn? Man ſpricht von Hin⸗ terhalt, von Ermordung. Guten Morgen, Herr Blanc⸗ mesnil. Ich habe im Voruüberfahren einen Arzt mit⸗ genommen und bringe ihn.“. „ Ah, gnädiger Herr,“ ſagte Brouſſel,„wie viel Gnade bin ich Euch ſchuldig. Es iſt wahr, ich bin grauſam niedergeworfen und von den Musketieren des Königs mit Füßen getreten worden.“ „Sagt des Cardinals,“ ſprach der Coadjutor,„ſagt des Mazarin. Aber wir wollen ihn Alles dies theuer bezahlen laſſen, ſeid unbeſorgt. Nicht wahr, Herr von Blanemesnil?“ Blanemesnil verbeugte ſich, als die Thüre von einem Laufer aufgeſtoßen wurde. Ein Lackei in großer Livree folgte ihm und meldete:„Der Herr Herzog von Longueville.“ „Wie!“ rief Brouſſel,„der Herr Herzog hier! Welche Ehre für mich! Ah, Monſeigneur!“ „Mein Herr,“ ſagte der Herzog, ich komme ſeuf⸗ zend über das Schickſal unſeres brapſten Vertheidigers. Seid Ihr denn verwundet, mein lieber Rath?“ 4* be⸗ ad ing ben⸗ nd ſern nem en.“ von inen Herr und die tath, uſſel aren von wun⸗ einen nach ung. eine Um⸗ Car⸗ ein⸗ 117 „Welch' ein ſchöner Triumph, mein Vater,“ ſagte der junge Mann, der den wahren Beweggrund nicht begriff, welcher alle dieſe Leute zu ſeinem Vater trieb, und die Kundgebung der Großen, der Prinzen und ihrer Freunde im Ernſte nahm. „Ach! mein lieber Jacques!“ erwiederte Brouſſel, „ich bin ſehr bange, dieſen Triumph etwas theuer bezahlen zu müſſen. Wenn ich mich nicht täuſche, iſt Herr von Mazarin zu dieſer Stunde damit beſchäftigt, mir die Rechnung fur den Aerger zu machen, den ich ihm verurſache.“ Friquet kehrte um Mitternacht zurück; er hatte keinen Arzt finden können. IX. pier alte Freunde ſchicken ſich zu einem Wieder- ſehen an. „Nun?“ ſagte, in dem Hofe des Gaſthauſes zur Rehziege ſitzend, Porthos zu ſeinem Freunde d'Artagnan, welcher mit langem, verdrießlichem Geſichte aus dem Palais⸗Cardinal zurückkehrte,„nun, er hat Euch ſchlecht empfangen, mein braver d'Artagnan?“ „Meiner Treue, ja! dieſer Menſch iſt offenbar ein abſcheuliches Weſen. Was eſſet Ihr da, Porthos?“ Ei, Ihr ſeht es wohl, ich tauche etwas Zwieback in ſpaniſchen Wein. Macht es ebenſo.“ „Ihr habt Recht. Gimblou, ein Glas!“ Der mit dieſem harmoniſchen Namen angerufene Kellner brachte das verlangte Glas, und d'Artagnan ſetzte ſich zu ſeinem Freunde⸗ „Wenn ich es wäre, Monſeigneur, ſo wuͤrde mich Euer Beſuch heilen.“ „Ihr leidet jedoch?“ „Sehr,“ ſagte Brouſſel. „Ich habe einen Arzt mitgebracht,“ verſetzte der Herzog;„erlaubt Ihr ihm einzutreten?“ „Ganz gewiß.“ 3 Der Herzog machte ſeinem Lackeien ein Zeichen und dieſer führte einen ſchwarzen Mann ein. 5 atte denſelben Gedanken, wie Ihr, mein Prinz,“ ſprach der Coadjutor. Die zwei Aerzte ſchauten ſich an. „Ah, Ihr ſeid es, mein Herr Coadjutor,“ ſagte der Herzog.„Die Freunde des Volkes treffen ſich auf dem wahren Gebiete.“ „Das Geſchrei hatte mich erſchreckt und ich eilte yerbei. Aber ich glaube, es wäre das Dringendſte, daß die Aerzte unſern braven Rath unterſuchten.“ „Vor Euch, meine Herren?“ ſprach Brouſſel ganz „Warum nicht, mein Lieber 24 3 „Wir wollen eiligſt erfahren, wie es mit Euch „Ei, mein Gott,“ ſagte Madame Brouſſel,„was ſoll dieſer neue Lärm bedeuten?“ „Man ſollte glauben, es wäre Beifallsgeſchrei,“ ſprach Blanemesnil und lief an das Fenſter. denn noch?“ „Die Livree des Herrn Prinzen von Conti,“ ſprach Blanemesnil.„Der Herr Prinz von Conti ſelbſt.“ Der Coadjutor und Herr von Longueville hatten ungeheure Luſt zu lachen. S Die Aerzte waren im Begriff, die Decke von Brouſſel aufzuheben. Brouſſel hielt ſie zurück. In dieſem Augenblick trat der Prinz von Conti ein. ———— „Wie hat ſich die Sache gemacht?“ „Gott verdamme mich, es gab nicht zwei Mittel, die Geſchichte darzuſtellen; ich trat ein, er ſchaute mich von der Seite an, ich zuckte die Achſeln und ſagte zu ihm: „Monſeigneur, wir ſind nicht die Stärkeren ge⸗ weſen.““ Ja, ich weiß Alles, aber erzählt mir die ein⸗ t . zelnen Umſtände. „Ihr begreift, Porthos, ich konnte die Einzelheiten nicht erzählen, ohne unſere Freunde zu nennen, und ſie nennen, hieße ſie zu Grunde richten.“ „Bei Gott!“ „Monſeigneur,“ ſagte ich,„ſie waren zu fünfzig, und wir waren zu zwei.““ „Ja,““ antwortete er,„aber das verhinderte kei⸗ neswegs einen Austauſch von Piſtolenſchüſſen, wie ich gehört habe.““ „Allerdings find von der einen, wie von der an⸗ dern Seite einige Patronen verbrannt worden.““ „Und die Schwerter haben den Tag geſehen?““ fügte er bei. Das heißt, die Nacht, Monſeigneur,““ antwor⸗ tete ich. „Ah! ja,“ fuhr der Cardinal fort;„ich hielt Euch für einen Gascogner, mein Lieber.““ „Ich bin nur Gascogner, wenn ich ſiege, Mon⸗ ſeigneur.““ „Dieſe Antwort gefiel ihm, denn er lachte.“ „Das dient mir zur Lehre,“ ſprach er,„„daß ich meinen Garden beſſere Pferde gebe, denn wenn ſie Euch hätten folgen können, und jeder würde ſo viel gethan haben, wie Ihr und Euer Freund, ſo hättet Ihr Euer Wort gehalten und mir ihn todt oder leben⸗ dig gebracht.““ „Das kommt mir gar nicht ſchlimm vor,“ verſetzte Porthos. „Mein Gott, nein, aber ſo wurde es geſagt. Es iſt halt eine bra wel mic ſchl Pot iſt geh 35 an. ſtec auf ein hat tel — 115 „Ah, meine Herren,“ ſagte er, als er den Coad⸗ jutor erblickte,„Ihr ſeid mir zuvorgekommen! Doch Ihr müßt mir deßhalb nicht grollen, mein lieber Herr Brouſſel. Als ich Euren Unfall erfuhr, glaubte ich, es würde Euch vielleicht an einem Arzte fehlen, und machte einen Umweg, um den meinigen mitzunehmen. Doch wie iſt es mit dem Mordverſuche?“ Brouſſel wollte ſprechen, aber es fehlte ihm an Worten. Er erſtickte beinahe unter dem Gewichte der Ehrenbezeigungen, mit denen man ihn überhäufte. „Ei, mein guter Doctor, ſeht nach,“ ſagte der Prinz zu einem ſchwarzen Manne, der ihn begleitete. „Meine Herren,“ ſprach einer von den Aerzten, „es iſt alſo eine Conſultation?“ „Wie Ihr wollt, doch beruhigt mich geſchwinde über den Zuſtand des lieben Rathes.“ Die drei Aerzte näherten ſich dem Bette, Brouſſel zog die Decke mit aller Gewalt an ſich, wurde aber, trotz ſeines Widerſtandes entblößt und unterſucht. Er hatte nur eine Quetſchung am Arme und eine andere am Schenkel. Ddie drei Aerzte ſchauten ſich an, denn ſie begriffen nicht, wie man hatte die drei gelehrteſten Männer der Pariſer Facultät wegen einer ſolchen Erbärmlichkeit vereinigen können. 4 „Nun?“ ſagte der Coadjutor. „Nun?“ ſagte der Herzog. „Nun?“ ſagte der Prinz. „Wir hoffen, der Unfall wird keine Folgen haben,“ ſprach einer von den drei Aerzten,„und wollen uns zum Behuf einer Verordnung in das nächſte Zimmer zurückziehen.“ „Brouſſel! Kunde von Brouſſel!“ rief das Volk. „Wie geht es Brouſſel?“ Der Coadjutor lief an das Fenſter; bei ſeinem Anblick ſchwieg das Volk. „Meine Freunde,“ ſagte er,„beruhigt Euch. Herr tel, nich hm: ge⸗ ein⸗ iten und fzig, kei⸗ ich an⸗ 12 wor⸗ hielt Ron⸗ „daß n ſie viel hättet eben⸗ ſetzte Es 1¹9 iſt doch unglaublich, wie viel Wein dieſe Zwiebacke halten; es ſind wahre Schwämme. Gimblou, noch eine Flaſche.“ Die Flaſche wurde mit einer Geſchwindigkeit ge⸗ bracht, die als Beweis für den Grad der Achtung diente, welche d'Artagnan in der Herberge genoß. Er fuhr fort: „Ich war im Begriff, mich zu entfernen, als er mich zurückrief. „„Drei von Euern Pferden ſind todt oder ver⸗ ſchlagen?““ fragte er. „Ja, Monſeigneur.““ „„Wie viel waren ſie werth?““ „Das war, ſcheint mir, ein guter Klang,“ ſprach Porthos. „„Tauſend Piſtolen,“ antwortete ich. „Tauſend Piſtolen?“ ſagte Porthos,„oh! oh! das iſt viel, er verſteht ſich auf die Pferde und wird wohl gehandelt haben.“ „Meiner Treue, er hatte Luſt dazu, der Filz, denn er machte einen furchtbaren Sprung und ſchaute mich an. Ich ſchaute ihn auch an; dann begriff er die Sache, ſteckte die Hand in einen Schrank und zog Anweiſungen auf die Bank von Lyon heraus.“ „Für tauſend Piſtolen?“ „Für tauſend Piſtolen... der Knauſer, nicht eine einzige mehr.“ „Ihr habt ſie?“ „Hier ſind ſie.“ „Meiner Treue, ich finde, das iſt anſtändig ge⸗ handelt,“ ſprach Porthos. „Anſtändig! gegen Leute, welche nicht nur unmit⸗ telbar vorher ihre Haut gewagt, ſondern ihm einen großen Dienſt geleiſtet haben!“ „Einen großen Dienſt! und welchen?“ fragte Porthos. „Bei Gott, es ſcheint, ich habe ihm einen Rath vom Parlament zertreten.“ Brouſſel iſt außer Gefahr. Seine Wunde iſt jedoch be⸗ deutend und die Ruhe ſehr nothwendig für ihn.“ Der Ruf:„Es lebe Brouſſel! Es lebe der Coad⸗ jutor!“ erſcholl ſogleich auf der Straße. Herr von Longueville war eiferſüchtig und ging auch an das Fenſter. nal„Es lebe Herr von Longueville!“ rief man eben⸗ alls. „Meine Freunde,“ ſagte der Herzog, mit der Hand grüßend,„entfernt Euch im Frieden und gönnt unſern Feinden nicht das Vergnügen einer Unordnung.“ „Schön, Herr Herzog, ſprach Brouſſel von ſeinem Bette aus.„Das heiße ich als guter Franzoſe ſprechen.“ „Ja, meine Herren Pariſer,“ rief der Prinz von Conti, ebenfalls an das Fenſter tretend, um ſeinen Antheil an dem Beifall zu bekommen.„Ja, Herr Brouſſel bittet Euch. Ueberdies bedarf er der Ruhe, und der Lärm könnte ihn beläſtigen.“. „Es lebe der Herr Prinz von Conti!“ ſchrie die Menge. Der Prinz grüßte. Alle drei verabſchiedeten ſich nun von dem Rath, und die Menge, welche ſie im Namen von Brouſſel weggeſchickt hatten, bildete ihr Geleite. Sie waren bereits auf dem Quai, als Brouſſel, immer noch von ſeinem Bette aus, Komplimente machte. Die alte Magd ſchaute ihren Herrn mit Bewun⸗ derung an. Der Rath war in ihren Augen um einen Fuß größer geworden. „So geht es, wenn man ſeinem Vaterlande nach ſeinem Gewiſſen dient,“ ſagte Brouſſel mit Befriedigung. Die Aerzte entfernten ſich, nachdem ſie ſich eine Stunde lang berathen und für die Quetſchungen Um⸗ ſchläge mit Waſſer und Salz verordnet hatten. Es war den ganzen Tag eine Wallfahrt von Car⸗ roſſen. Die ganze Fronde ließ ſich bei Brouſſel ein⸗ ſſcchreiben. „Wie, den kleinen ſchwarzen Mann, den wir an va Se des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes niedergeworfen aben?“ „Ganz richtig, mein Lieber. Dieſer Menſch war ihm unbequem. Leider habe ich ihn nicht ganz platt getreten, er wird davon kommen und ihm abermals unbequem ſein. Doch hätte mir ihn der Filz in jedem Falle bezahlen müſſen.“ „Verdammt!“ ſprach Porthos,„da er nicht einmal ganz zerſchmettert war!“ „Ah! Herr von Richelieu hätte geſagt:„Fünf⸗ hundert Thaler für den Rath!““ Doch ſprechen wir nicht ferner davon. Wie viel koſteten Euch Euere Thiere, Porthos?“ „Ah! mein Freund, wenn der arme Mousqueton ſ. wäre, er könnte es Euch bei Heller und Pfennig agen.“ „Gleichviel, ſchätzt ſie zehn Thaler mehr oder we⸗ niger.“„ „Vulcan und Bayard koſteten mich jeder ungefähr zweihundert Piſtolen, ſchlage ich Phöbus auf hundert⸗ und fünfzig an, ſo wird die Rechnung ungefähr heraus⸗ kommen.“ „Dann bleiben alſo vierhundert und fünfzig Piſtv⸗ len,“ ſprach dArtagnan ziemlich zufrieden. „Ja,“ verſetzte Porthos,„aber Sattel und Zeug.“ „Das iſt bei Gott wahr. Wie viel hiefür?“ „Wenn ich hundert Piſtolen für alle drei rechne...“ „Gut, hundert Piſtolen,“ ſprach d'Artagnan.„Dann bleiben noch dreihundert und fünfzig Piſtolen.“ Porthos nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Beiſtimmung. „Geben wir die fünfzig Piſtolen unſerer Wirthin für unſere ganze Zeche,“ ſprach d'Artagnan,„und thei⸗ len wir die übrigen dreihundert.“ „Theilen wir ſie.“ ſtee —— 117 „Welch' ein ſchöner Triumph, mein Vater,“ ſagte der junge Mann, der den wahren Beweggrund nicht begriff, cher alle dieſe Leute zu ſeinem Vater trieb, und die Kundgebung der Großen, der Prinzen und ihrer Freunde im Ernſte nahm. 8 „Ach! mein lieber Jacques!“ erwiederte Brouſſel, „ich bin ſehr bange, dieſen Triumph etwas theuer bezahlen zu müſſen. Wenn ich mich nicht täuſche, iſt Herr von Mazarin zu dieſer Stunde damit beſchäftigt, mir die Rechnung für den Aerger zu machen, den ich ihm verurſache.“ Friquet kehrte um Mitternacht zurück: er hatte keinen Arzt finden können. IX. Vier alte Freunde ſchicken ſich zu einem wieder- ſehen an. „Nun?“ ſagte, in dem Hofe des Gaſthauſes zur Rehziege ſitzend, Porthos zu ſeinem Freunde d'Artagnan, welcher mit langem, verdrießlichem Geſichte aus dem Palais⸗Cardinal zurückkehrte,„nun, er hat Euch ſchlecht empfangen, mein braver d'Artagnan?“ „Meiner Treue, jal dieſer Menſch iſt offenbar ein abſcheuliches Weſen. Was eſſet Ihr da, Porthos?“ 3„Ei, Ihr ſeht es wohl, ich tauche etwas Zwieback in ſpaniſchen Wein. Macht es ebenſo.“. „Ihr habt Recht. Gimblou, ein Glas!“ Der mit dieſem harmoniſchen Namen angerufene Kellner brachte das verlangte Glas, und d'Artagnan ſetzte ſich zu ſeinem Freunde. 65 an rfen war latt nals dem mal ünf⸗ wir uere teton nnig we⸗ „ efähr dert⸗ raus⸗ ßiſto⸗ eug.“ Dann n der irthin thei⸗ 12¹ „Schofelige Geſchichte!“ murmelte d'Artagnan und ſteckte ſeine Billets ein. „Ach! das iſt immer ſo,“ verſetzte Porthos.„Doch, ſagt mir, hat er gar nichts von mir geſprochen?“ „Gewiß!“ rief d'Artagnan, der ſeinen Freund zu entmuthigen befürchtete, wenn er ihm bekennen würde, der Cardinal habe ſeiner nicht mit einer Sylbe er⸗ wähnt,„gewiß, er hat geſagt.. „Er hat geſagt?“ „Wartet nur, ich muß mir ſeine Worte zurückru⸗ fen; ganz richtig, er ſagte:„Was Euern Freund be⸗ trifft, ſo verkündigt ihm, er möge ſich ruhig auf das Ohr legen.““ „Gut,“ verſetzte Porthos;„das bedeutet ſo klar, wie der Tag, daß er mich immer noch zum Baron zu machen gedenkt.“ In dieſem Augenblick ſchlug es neun Uhr auf der benachbarten Kirche. D'Artagnan bebte. „Ah, es iſt wahr,“ ſagte Porthos,„es ſchlägt neun Uhr und um zehn Uhr ſollen wir auf der Place Royale zuſammentreffen.“ „Ah! Porthos, ſchweigt!“ rief d'Artagnan mit einer Bewegung der Ungeduld;„erinnert mich nicht hieran, das hat mich ſeit geſtern verdrießlich gemacht. Ich gehe nicht dahin.“ „Und warum?“ fragte Porthos. „Weil es eine ſchmerzliche Sache iſt, zwei Män⸗ ner zu ſehen, welche unſere Unternehmung ſcheitern gemacht haben.“ „Es hat jedoch weder der Eine noch der Andere den Sieg davon getragen. Ich hatte noch eine gela⸗ dene Piſtole, und Ihr ſtandet Euch, den Degen in der Hand, gegenüber.“ „Ja,? ſprach d'Artagnan,„aber wenn dieſe Zu⸗ ſammenkunft etwas verbirgt?“ „Oho! entgegnete Porthos, das glaubt Ihr nicht, d'Artagnan.“ Zwanzig Jahre nachher. U. 6 118 „Wie hat ſich die Sache gemacht?“ „Gott verdamme mich, es gab nicht zwei Mittel, die Geſchichte darzuſtellen; ich trat ein, er ſchaute mich von der Seite an, ich zuckte die Achſeln und ſagte zu ihm: „„Monſeigneur, wir ſind nicht die Stärkeren ge⸗ weſen.““ .„„Ja, ich weiß Alles, aber erzählt mir die ein⸗ zelnen Umſtände.““ „Ihr begreift, Porthos, ich konnte die Einzelheiten nicht erzählen, ohne unſere Freunde zu nennen, und ſie nennen, hieße ſie zu Grunde richten.“ „Bei Gott!“ dr . „„Monſeigneur,““ ſagte ich,„„ſie waren zu fünfzig, und wir waren zu zwei.““ „Ja,““ antwortete er,„„aber das verhinderte kei⸗ neswegs einen Austauſch von Piſtolenſchüſſen, wie ich gehört habe.““ „„Allerdings ſind von der einen, wie von der an⸗ dern Seite einige Patronen verbrannt worden.““ 4 i welinh, bie Schwerter haben den Tag geſehen?““ kügte er bei. 4 77as heißt, die Nacht, Monſeigneur,““ antwor⸗ ete ich. „„Ah! ja,““ fuhr der Cardinal fort;„nich hielt Euch für einen Gascogner, mein Lieber.““ „„Ich bin nur Gascogner, wenn ich ſiege, Mon⸗ ſeigneur.“”“ „Dieſe Antwort geſiel ihm, denn er lachte.“ „„Das dient mir zur Lehre,““ ſprach er,„„daß ich meinen Garden beſſere Pferde gebe, denn wenn ſte Euch hätten folgen können, und jeder würde ſo viel gethan haben, wie Ihr und Euer Freund, ſo hättet Ihr Euer Wort gehalten und mir ihn todt oder leben⸗ „dig gebracht.““ p ihda⸗ kommt mir gar nicht ſchlimm vor,“ verſetzte orthos.. 23 „Mein Gott, nein, aber ſo wurde es geſagt. Es 122 fähig, ſich einer Liſt zu bedienen; aber er ſuchte einen Vorwand, dieſe Zuſammenkunft zu vermeiden. Wir müſſen dahin gehen,“ fuhr der ſtolze Grund⸗ herr von Bracieur fort;„ſie würden glauben, wir hätten Angſt. Ei, mein lieber Freund, wir haben wohl, fünfzig Feinden auf der Landſtraße Trotz geboten, wir werden auch wohl zwei Freunden auf der Place Royale Trotz bieten.“ „Ja, ja,“ ſagte d'Artagnan,„ich weiß es; aber Das war ſo. D'Artagnan hielt Athos nicht für weil ſchw den ſie haben die Partei der Prinzen ergriffen, ohne uns davon in Kenntniß zu ſetzen; Athos und Aramis trie⸗ ben ein Spiel mit mir, das mich empört. Geſtern haben wir die Wahrheit entdeckt; wozu ſoll es dienen, heute noch etwas Anderes zu erfahren?“ „Ihr mißtraut alſo wirklich?“ „Aramis allerdings, ſeitdem er Abbé geworden iſt. Er ſieht uns auf dem Wege, der ihn zum Bisthum führen ſoll, und es wäre ihm vielleicht nicht unan⸗ genehm, uns auf die Seite zu ſchaffen.“ „Ah! bei Aramis iſt es etwas Anderes„ ſprach Porthos,„das würde mich nicht in Erſtaunen ſetzen.“ „Herr von Beaufort kann es auch verſuchen, uns faſſen zu laſſen.“ 1 „Bah! er hatte uns in der Hand und ließ uns wieder ziehen. Uebrigens wollen wir auf der Hut ſein, uns bewaffnen und Planchet mit ſeinem Karabi⸗ ner mitnehmen.“ „Planchet iſt Frondeur,“ ſagte d'Artagnan. „Zum Teufel mit den Bürgerkriegen!“ rief Por⸗ thos,„man kann weder auf ſeine Freunde noch auf ſeine Lackeien mehr rechnen. Ah! wenn der arme Mous⸗ queton da wäre! Das iſt ein Menſch, der mich nie verlaſſen wird.“ „Ja, ſo lange Ihr reich ſeid. Ei! mein Lieber, es ſind nicht die Bürgerkriege, die uns ent weien; es geſchieht, weil wir nicht mehr zwanzig Juß re zählen, Sel Por gen bin nan ang 8 Ra ihn gef vor vil me ha jet ——— —— 119 iſt doch unglaublich, wie viel Wein dieſe Zwiebacke halten; es ſind wahre Schwämme. Gimblou, noch eine Flaſche.“ 1 Die Flaſche wurde mit einer Geſchwindigkeit ge⸗ bracht, die als Beweis für den Grad der Achtung diente, welche d'Artagnan in der Herberge genoß. Er fuhr fort: „Ich war im Begriff, mich zu entfernen, als er mich zurückrief. „„Drei von Euern Pferden ſind todt oder ver⸗ ſchlagen?““ fragte er. „„Ja, Monſeigneur.““ „„Wie viel waren ſie werth?““ 9 hs war, ſcheint mir, ein guter Klang,“ ſprach orthos. „„Tauſend Piſtolen,““ antwortete ich. 4 „Tauſend Piſtolen?“ ſagte Porthos,„ohl! ohl das iſt viel, er verſteht ſich auf die Pferde und wird wohl gehandelt haben.“ „Meiner Treue, er hatte Luſt dazu, der Filz, denn er machte einen furchtbaren Sprung und ſchaute mich an. Ich ſchaute ihn auch an; dann begriff er die Sache, ſteckte die Hand in einen Schrank und zog Anweiſungen auf die Bank von Lyon heraus.“ „Für tauſend Piſtolen?“. „Für tauſend Piſtolen... der Knauſer, nicht eine einzige mehr.“ „Ihr habt ſte?“ „Hier ſind ſie.“ „Meiner Treue, ich finde, das iſt anſtändig ge⸗ handelt,“ ſprach Porthos. „Anſtändig! gegen Leute, welche nicht nur unmit⸗ telbar vorher ihre Haut gewagt, ſondern ihm einen gsroßen Dienſt geleiſtet haben!“ „Einen großen Dienſt! und welchen?“ fragte Porthos. „Bei Gott, es ſcheint, ich habe ihm einen Rath vom Parlament zertreten.“ 3 123 für wveil die ritterlichen Aufwallungen der Jugend ver⸗ nen ſchwunden ſind, um dem Gemurmel des Eigennutzes, den Eingebungen des Ehrgeizes, den Rathſchlägen der nd⸗ Selbſtſucht Platz zu machen. Ja, Ihr habt Recht, wir Porthos, gehen wir dahin, aber wohl bewaffnet. Gin⸗ ohl, gen wir nicht, ſo würden ſie ſagen, wir hätten Angſt.“ wir„Holla! Planchet,“ rief d'Artagnan. ale Planchet erſchien. „Laß die Pferde ſatteln und nimm Deinen Kara⸗ ber hiner.“ uns„Aber, gnädiger Herr, gegen wen ziehen wir?“ rie⸗„Wir ziehen gegen Niemand,“ antwortete d'Artag⸗ tern nan,„es iſt eine reine Vorſichtsmaßregel, falls wir nen, angegriffen würden.“ „Ihr wißt, gnädiger Herr, daß man den guten Rath Brouſſel, den Vater des Volkes,“ umbringen wollte. „Wirklich?“ rief d'Artagnan. hum„Ja, aber er wurde ſchön gerächt. Das Volk hat nan⸗ ihn auf ſeinen Armen nach Hauſe getragen. Seit geſtern wird ſeine Wohnung nicht mehr leer. Er hat rach on dem Herrn Coadjutor, von Herrn von Longue⸗ Si ville und von dem Prinzen von Conti Beſuch befvm⸗ uns men. Frau von Chevreuſe und Frau von Vendome haben ſich bei ihm einſchreiben laſſen, und wenn er uns jetzt wollte...“ „Nun, wenn er wollte..“ rabi⸗ Flanchet fing an zu trällern: Un vent de fronde Por⸗ S'est levé ce matin auf Je crois qu'il gronde ous⸗ Contre Mazarin. henie Un vent de fronde S'est levé ce matin. ieber,„Es wundert mich nicht mehr,“ ſagte d'Artagnan z es ganz leiſe zu Porthos,„daß es Mazarin lieber geweſen hlen, wäre, ich hätte ſeinen Rath ganz zermalmt. 9 120 „Wie, den kleinen ſchwarzen Mann, den wir an ven Eck⸗ des Saint⸗Jean⸗Kirchhofes niedergeworfen aben?“ „Ganz richtig, mein Lieber. Dieſer Menſch war ihm unbequem. Leider habe ich ihn nicht ganz platt getreten, er wird davon kommen und ihm abermals unbequem ſein. Doch hätte mir ihn der Filz in jedem Falle bezahlen müſſen.“ „Verdammt!“ ſprach Porthos,„da er nicht einmal ganz zerſchmettert war!“ „Ahl Herr von Richelieu hätte geſagt:„„Fünf⸗ hundert Thaler für den Rath!““ Doch ſprechen wir nicht ferner davon. Wie viel koſteten Euch Euere Thiere, Porthos?“ „Ah! mein Freund, wenn der arme Mousqueton 5 wäre, er könnte es Euch bei Heller und Pfennig agen.“ „Gleichviel, ſchätzt ſie zehn Thaler mehr oder we⸗ niger.“ 1 3„Vulcan und Bayard koſteten mich jeder ungefähr zweihundert Piſtolen, ſchlage ich Phöbus au hundert⸗ und fünfzig an, ſo wird die Rechnung ungefaͤhr heraus⸗ kommen.“ „Dann bleiben alſo vierhundert und fünfzig Piſto⸗ len,“ ſprach d'Artagnan ziemlich zufrieden. „Ja,“ verſetzte Porthos,„aber Sattel und Zeug.“ „Das iſt bei Gott waſr. Wie viel hiefür?“ „Wenn ich hundert Piſtolen für alle drei rechne...“ „Gut, hundert Piſtolen,“ ſprach d'Artagnan.„Dann bleiben noch dreihundert und fünfzig Piſtolen.“ Porthos nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Beiſtimmung. „Geben wir die fünfzig Piſtolen unſerer Wirthin für unſere ganze Zeche,“ ſprach d'Artagnan,„und thei⸗ len wir die übrigen dreihundert.“ „Theilen wir ſie.“ 124 „Ihr begreift alſo, gnädiger Herr,“ ſprach Plan⸗ et,„daß, wenn Ihr mich zu einer Unternehmung, ähnlich der gegen den guten Rath Brouſſel, meinen Karabiner zu nehmen erſuchtet...“ „Nein, ſei unbeſorgt; aber von wem weißt Du alle dieſe Umſtände?“ „Oh! aus einer guten Quelle, gnädiger Herr. Ich weiß es von Friquet.“ „Von Friquet? Dieſer Name iſt mir bekannt.“ „Es iſt der Sohn der Magd von Herrn Brouſſel, ein Spitzbube, der bei einer Meuterei ſeinen Theil nicht den Hunden geben würde, dafür ſtehe ich Euch.“ „Iſt er nicht Chorknabe bei Notre⸗Dame?“ „Allerdings; Bazin iſt ſein Beſchützer.“ 3 „Ah! ah! ich weiß, und Kellner in einer Schenke unferne davon?“ „Ganz richtig.“ „Was hattet Ihr mit dieſem kleinen Burſchen zu ſchaſſen?“ fragte Porthos. Er hat mir gute Kunde gegeben,“ antwortete dArtagnan,„und dürfte mir bei Gelegenheit noch mehr geben.“ „Euch, der Ihr ſeinen Herrn beinahe zermalmt hättet?“ „Wer wird es ihm ſagen?“ „Da habt Ihr Recht.“ In demſelben Augenblick ritten Athos und Aramis durch den Faubourg Saint⸗Antvine in Paris ein. Sie hatten ſich auf dem Wege geſtärkt und eilten, um zur Zuſammenkunft nicht zu ſpät zu kommen. Bazin allein folgte ihnen, denn Grimaud war, wie man ſich erinnern wird, zurückgeblieben, um Mousqueton zu pflegen, und ſollte ſich dann unmittelbar zu dem jungen Grafen von Bragelonne begeben, der zu dem Heere nach Flan⸗ dern ging. „Nun müſſen wir irgend eine Herberge aufſuchen,“ ſagte Athos,„um ein ſtädtiſches Gewand anzuziehen, Piſt ten mir ſont nach glat derl Ken dine uns Por Har Nie auf mal Jah ſam lun Ihr zwe ihn Ant getr We 121 „Schofelige Geſchichte!“ murmelte d'Artagnan und ſteckte ſeine Billets ein. „Ach! das iſt immer ſo,“ verſetzte Porthos.„Doch, ſagt mir, hat er gar nichts von mir geſprochen?“ „Gewiß!“ rief d'Artagnan, der ſeinen Freund zu entmuthigen befürchtete, wenn er ihm bekennen würde, der Cardinal habe ſeiner nicht mit einer Sylbe er⸗ wähnt,„gewiß, er hat geſagt...“ „Er hat geſagt?“ „Wartet nur, ich muß mir ſeine Worte zurückru⸗ fen; ganz richtig, er ſagte:„„Was Euern Freund be⸗ trifft, ſo verkündigt ihm, er möge ſich ruhig auf das Ohr legen.““ „Gut,“ verſetzte Porthos;„das bedeutet ſo klar, wie der Tag, daß er mich immer noch zum Baron zu machen gedenkt.“ 4. In dieſem Augenblick ſchlug es neun Uhr auf der benachbarten Kirche. D'Artagnan bebte. „Ah, es iſt wahr,“ ſagte Porthos,„es ſchlägt neun Uhr und um zehn Uhr ſollen wir auf der Place Royale zuſammentreffen.“ „Ah!l Porthos, ſchweigt!“ rief d'Artagnan mit einer Bewegung der Ungeduld;„erinnert mich nicht hieran, das hat mich ſeit geſtern verdrießlich gemacht. Ich gehe nicht dahin.“ „Und warum?“ fragte Porthos. „Weil es eine ſchmerzliche Sache iſt, zwei Män⸗ ner zu ſehen, welche unſere Unternehmung ſcheitern gemacht haben.“ „Es hat jedoch weder der Eine noch der Andere den Sieg davon getragen. Ich hatte noch eine gela⸗ dene Piſtole, und Ihr ſtandet Euch, den Degen in der Hand, gegenüber.“ „Ja,“ ſprach d'Artagnan,„aber wenn dieſe Zu⸗ ſammenkunft etwas verbirgt?“ „Oho!“ entgegnete Porthos, das glaubt Ihr nicht, d'Artagnan.“ Zwanzig Jahre nachher. II. 9 lan⸗ ung, inen alle err. ſel, heil ch.“ enke zu rtete noch lmt mis Sie ur nern und afen lan⸗ en,“ hen, 12⁵ Piſtolen und Raufdegen abzulegen und unſern Bedien⸗ ten zu entwaffnen.“ „Oh! keines Wegs, mein lieber Graf; erlaubt mir, vielleicht nicht nur nicht Euerer Meinung zu ſein, ſondern Euch zu der meinigen zu bringen.“ „Und warum dies?“ „Weil wir zu einer Kriegszuſammenkunft gehen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Aramis?“ „Daß die Place Royale die Folge der Landſtraße nach Vendome und nichts Anderes iſt.“ „Wie, unſere Freunde...“ „Sind unſere gefährlichſten Feinde geworden; Athos, glaubt mir, wir dürfen nicht trauen.“ „Oh! d'Herblay!“ „Wer ſagt Euch, daß d'Artagnan nicht ſeine Nie⸗ derlage auf uns geworfen und den Cardinal davon in Kenntniß geſetzt hat? Wer ſagt Euch, daß der Car⸗ dinal nicht dieſe Zuſammenkunft benützen wird, um uns faſſen zu laſſen?“ „Wie, Aramis, könnt Ihr denken, d'Artagnan und Porthos würden zu einer ſolchen Niederträchtigkeit die Hand bieten?“ „Ihr habt Recht, unter Freunden wäre es eine Niederträchtigkeit, aber unter Feinden iſt es eine Liſt.“ Athos kreuzte die Arme und ließ ſein ſchönes Haupt auf die Bruſt fallen. „Was wollt Ihr, Athos, die Menſchen ſind ein⸗ mal ſo beſchaffen und zählen nicht immer zwanzig Jahre,“ ſagte Aramis.„Wir haben auf eine grau⸗ ſame Weiſe die Eitelkeit verletzt, welche blind die Hand⸗ lungen des Menſchen leitet. Eriſt beſtegt worden. Habt Ihr nicht gehört, wie er auf der Landſtraße in Ver⸗ zweiflung gerieth? Was Porthos betrifft, ſo hing für ihn vielleicht der Baronentitel vom Gelingen dieſer Angelegenheit ab. Er hat uns nun auf dem Wege getroffen und wird für diesmal noch nicht Baron ſein. Wer weiß, ob dieſe Baronie nicht in Verbindung mit Das war ſo. D'Artagnan hielt Athos nicht für fähig, ſich einer Liſt zu bedienen; aber er ſuchte einen Vorwand, dieſe Zuſammenkunft zu vermeiden. Wir müſſen dahin gehen,“ ſuhr der ſtolze Grund⸗ herr von Bracieux fort;„ſie würden glauben, wir hätten Angſt. Ei, mein lieber Freund, wir haben wohl, fünfzig Feinden auf der Landſtraße Trotz geboten, wir werden auch wohl zwei Freunden auf der Place Royale Trotz bieten.“ „Ja, ja,“ ſagte d'Artagnan,„ich weiß es; aber ſie haben die Partei der Prinzen ergriffen, ohne uns davon in Kenntniß zu ſetzen; Athos und Aramis trie⸗ ben ein Spiel mit mir, das mich empört. Geſtern haben wir die Wahrheit entdeckt; wozu ſoll es dienen, heute noch etwas Anderes zu erfahren?“ 4 „Ihr mißtraut alſo wirklich?“ „Aramis allerdings, ſeitdem er Abbé geworden iſt. Er ſieht uns auf dem Wege, der ihn zum Bisthum führen ſoll, und es wäre ihm vielleicht nicht unan⸗ genehm, uns auf die Seite zu ſchaffen.“ „Ahl bei Aramis iſt es etwas Anderes,“ ſprach Porthos,„das würde mich nicht in Erſtaunen ſetzen.“ „Herr von Beaufort kann es auch verſuchen, uns faſſen zu laſſen.“ „Bah! er hatte uns in der Hand und ließ uns wieder ziehen. Uebrigens wollen wir auf der Hut ſein, uns bewaffnen und Planchet mit ſeinem Karabi⸗ Ler mitnehmen.“ „Planchet iſt Frondeur,“ ſagte d'Artagnan. „Zum Teufel mit den Bürgerkriegen!“ rief Por⸗ thos,„man kann weder auf ſeine Freunde noch auf ſeine Lackeien mehr rechnen. Ah! wenn der arme Mous⸗ queton da wäre! Das iſt ein Menſch, der mich nie verlaſſen wird.“ „Ja, ſo lange Ihr reich ſeid. Ei! mein Lieber, es ſind nicht die Bürgerkriege, die uns entzweien; es geſchieht, weil wir nicht mehr zwanzig Jahre zählen, 126 unſerer Zuſammenkunft ſteht! Wir wollen auf unſerer Hut ſein, Athos.“ „Aber, wenn ſie ohne Waffen kämen? Welche Schmach für uns, Aramis!“ „Oh! ſeid unbeſorgt, mein Lieber, ich ſtehe Euch dafür, es wird nicht ſo ſein. Ueberdies haben wir eine Entſchuldigung: wir kommen von der Reiſe und ſind Rebellen.“ „Eine Entſchuldigung für uns! Wir müßten für den Fall vorherſehen, wo wir einer Entſchuldigung, d'Artagnan, Porthos gegenüber, bedürften! Oh! Ara⸗ mis, Aramis,“ fuhr Athos traurig den Kopf ſchüttelnd fort,„bei meiner Seele, Ihr macht mich zum unglück⸗ lichſten Menſchen! Ihr entzaubert ein Herz, das für die Freundſchaft nicht ganz abgeſtorben war; ſeht, Aramis, es wäre mir beinahe eben ſo lieb, wenn man es mir aus der Bruſt reißen würde, das ſchwöre ich Euch. Geht hin, wie Ihr wollt, Aramis; ich gehe ohne Waffen.“ „Nein, ich laſſe Euch ſo nicht gehen. Es iſt nicht mehr ein einzelner Mann, es iſt nicht mehr Athos, es iſt ſelbſt nicht mehr der Graf de la Fere, den Ihr durch dieſe Schwäche verrathen würdet, nein, es iſt ganze Partei, der Ihr angehört und die auf Euch ählt.“ 1„Es geſchehe, wie Ihr ſagt,“ antwortete Athos. hnd ſie ſetzten in trüber Stimmung ihren Weg ort. Kaum gelangten ſie durch die Rue du Pas⸗de⸗la⸗ Mule zu den Gittern des verlaſſenen Platzes, als ſie unter der Arcade an der Mündung der Rue Sainte⸗ Catherine drei Reiter erblickten. Es waren dArtagnan und Porthos, welche in ihre Mäntel gehüllt, unter denen die Schwerter hervor⸗ ſahen, herbeiritten. Hinter ihnen kam Planchet, die Muskete am Schenkel. Athos und Aramis ſtiegen vom Pferde, als ſie dArtagnan und Porthos erblickten. D'Artagnan 123 weil die ritterlichen Aufwallungen der Jugend ver⸗ ſchwunden ſind, um dem Gemurmel des Eigennutzes, den Eingebungen des Ehrgeizes, den Rathſchlägen der Selbſtſucht Platz zu machen. Ja, Ihr habt Recht, Porthos, gehen wir dahin, aber wohl bewaffnet. Gin⸗ gen wir nicht, ſo würden ſie ſagen, wir hätten Angſt.“ „Holla! Planchet,“ rief d'Artagnan. Planchet erſchien. u„Laß die Pferde ſatteln und nimm Deinen Kara⸗ iner.“ „Aber, gnädiger Herr, gegen wen ziehen wir?“ „Wir ziehen gegen Niemand,“ antwortete d'Artag⸗ nan,„es iſt eine reine Vorſichtsmaßregel, falls wir angegriffen würden.“ „Ihr wißt, gnädiger Herr, daß man den guten Rath Brouſſel, den Vater des Volkes,“ umbringen wollte. „Wirklich?“ rief d'Artagnan. „Ja, aber er wurde ſchön gerächt. Das Volk hat ihn auf ſeinen Armen nach Hauſe getragen. Seit geſtern wird ſeine Wohnung nicht mehr leer. Er hat von dem Herrn Coadjutor, von Herrn von Longue⸗ ville und von dem Prinzen von Conti Beſuch bekom⸗ men. Frau von Chevreuſe und Frau von Vendome haben ſich bei ihm einſchreiben laſſen, und wenn er jetzt wollte...“— „Nun, wenn er wollte...“ Planchet fing an zu trällern: Un vent de fronde S'est levé ce matin Je crois qu'il gronde Contre Mazarin. Un vent de fronde S'est levé ce matin. „Es wundert mich nicht mehr,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu Porthos,„daß es Mazarin lieber geweſen wäre, ich hätte ſeinen Rath ganz zermalmt.“ 8 3 127 erer bemerkte, daß die drei Pferde, ſtatt von Bazin gehalten zu werden, an die Ringe der Arcaden gebunden wur⸗ elche den. Er befahl Planchet zu thun, wie Bazin that. Dann gingen ſie zwei und zwei, von den Bedienten Fuch gefolgt, einander entgegen und grüßten ſich höflich. wir„Wo beliebt Euch, die Unterredung zu pflegen, und, meine Herren?“ ſprach Athos, da er wahrnahm, daß mehre Perſonen ſtille ſtanden, als ob es ſich um einen für von den berühmten Zweikämpfen handelte, welche noch ung, in dem Gedächtniß der Pariſer und beſonders der Be⸗ Ara⸗ wohner der Place Royale lebten. telnd„Das Gitter iſt geſchloſſen,“ ſagte Aramis,„aber lück⸗ wenn dieſe Herren die Kühle unter den Bäumen und die eine unverletzliche Einſamkeit lieben, ſo hole ich den mis, Schlüſſel im Hotel Rohan, und wir werden uns vor⸗ mir trefflich finden.“ Heht„D'Artagnan tauchte ſeinen Blick in die Dunkel⸗ fen.“ heit des Platzes, und Porthos ſteckte ſeinen Kopf durch nicht zwei Stangen, um die Finſterniß zu ſondiren. 3, es„Zieht Ihr einen andern Ort vor,“ ſprach Athos Ihr mit ſeinem edlen, überzeugenden Tone,„ſo wählt ſelbſt.“ s iſt„Kann ſich Herr d'Herblay den Schlüſſel verſchaffen, Euch ſe wird dieſer Platz, glaube ich, die geeignetſte Stelle ein.“ thos. Aramis entfernte ſich ſogleich, forderte aber Athos Weg zuvor noch auf, nicht ſo allein im Bereiche von d'Ar⸗ tagnan und Porthos zu bleiben, aber derjenige, wel⸗ e⸗la⸗ chem er dieſen Rath gab, lächelte nur verächtlich und s ſie machte einen Schritt gegen ſeine alten Freunde, welche inte⸗ beide auf ihrem Platze blieben. Aramis klopfte wirklich an dem Hotel Rohan an; ihre bald erſchien er wieder mit einem Manne, welcher ſagte: vor⸗„Ihr ſchwört mir, Herr?“ die„Nehmt,“ erwiederte Aramis und gab ihm einen Louisd'or. s ſie„Ahl Ihr wollt nicht ſchwören, gnädiger Herr?“ gnan verſetzte der Haushofmeiſter den Kopf ſchüttelnd. „Ihr begreift alſo, gnädiger Herr,“ ſprach Plan⸗ chet,„daß, wenn Ihr mich zu einer Unternehmung, ähnlich der gegen den guten Rath Brouſſel, meinen Karabiner zu nehmen erſuchtet...“ „Nein, ſei unbeſorgt; aber von wem weißt Du alle dieſe Umſtände?“ „Ohl aus einer guten Quelle, gnädiger Herr. Ich weiß es von Friquet.“ „Von Friquet? Dieſer Name iſt mir bekannt.“ „Es iſt der Sohn der Magd von Herrn Brouſſel, ein Spitzbube, der bei einer Meuterei ſeinen Theil nicht den Hunden geben würde, dafür ſtehe ich Euch.“ „Iſt er nicht Chorknabe bei Notre⸗Dame?“. „Allerdings; Bazin iſt ſein Beſchützer.“ „Ah! ah! ich weiß, und Kellner in einer Schenke unferne davon?“ „Ganz richtig.“ „Was hattet Ihr mit dieſem kleinen Burſchen zu ſchaſſen?“ fragte Porthos. „Er hat mir gute Kunde gegeben,“ antwortete d'Artagnan,„und dürfte mir bei Gelegenheit noch mehr geben.“ „Euch, der Ihr ſeinen Herrn beinahe zermalmt hättet?“ „Wer wird es ihm ſagen?“ „Da habt Ihr Recht.“. In demſelben Augenblick ritten Athos und Aramis durch den Faubourg Saint⸗Antoine in Paris ein. Sie hatten ſich auf dem Wege geſtärkt und eilten, um zur Zuſammenkunft nicht zu ſpät zu kommen. Bazin allein folgte ihnen, denn Grimaud war, wie man ſich erinnern wird, zurückgeblieben, um Mousqueton zu pflegen, und ſollte ſich dann unmittelbar zu dem jungen Grafen von Bragelonne begeben, der zu dem Heere nach Flan⸗ dern ging. 4„Nun müſſen wir irgend eine Herberge aufſuchen,“ ſagte Athos,„um ein ſtädtiſches Gewand anzuziehen, 1²8 „Ei! kann man denn auf Nichts ſchwören?“ ſprach Aramis.„Ich verſichere Euch nur, daß zu dieſer Stunde dieſe Herren unſere Freunde ſind.“ „Ja, gewiß,“ ſagten mit kaltem Tone Athos, d'Artagnan und Porthos. DArtagnan hatte das Geſpräch gehört und ver⸗ ſtanden. „Ihr ſeht,“ ſagte er zu Porthos. „Was ſehe ich?“ „Daß er nicht ſchwören wollte.“ „Schwören, worauf?“ „Dieſer Mann wollte, Aramis ſollte ihm ſchwören, wir gehen nicht auf die Place Royale, um uns zu ſchlagen.“ „Und Aramis wollte nicht ſchwören?“ „Nein.“ „Dann wohl Acht gegeben!“ Athos verlor die zwei Redenden nicht aus dem Auge. Aramis öffnete das Thor und ging auf die Seite, damit d'Artagnan und Porthos eintreten konnten. Beim Eintreten brachte d'Artagnan den Griff ſeines Degens in das Gitter und war genöthigt, ſeinen Man⸗ tel wegzuſchieben. Während er den Mantel wegſchob, entblößte er die glänzenden Kolben ſeiner Piſtolen, auf welchen ſich ein Strahl des Mondes abſpiegelte. „Seht Ihr,“ ſagte Aramis, indem er mit der einen Hand die Schulter von Athos berührte und mit der andern auf das Arſenal deutete, das d'Artagnan an ſeinem Gürtel trug. „Ah! ja,“ ſprach Athos mit einem tiefen Seußzer. Und er war der Dritte, welcher eintrat. Aramis trat zuletzt ein und verſchloß das Gitter hinter ſich. Die zwei Diener blieben außen, aber, als ob ſie ſich ebenfalls mißtrauten, in einer gewiſſen Entfernung von einander. 25 S a(— — 1 125 Piſtolen und Raufdegen abzulegen und unſern Bedien⸗ ten zu entwaffnen.“ „Oh! keines Wegs, mein lieber Graf; erlaubt mir, vielleicht nicht nur nicht Euerer Meinung zu ſein, ſondern Euch zu der meinigen zu bringen.“ „Und warum dies?“ „Weil wir zu einer Kriegszuſammenkunft gehen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Aramis?“ „Daß die Place Royale die Folge der Landſtraße nach Vendome und nichts Anderes iſt.“ „Wie, unſere Freunde...“ „Sind unſere gefährlichſten Feinde geworden; Athos, glaubt mir, wir dürfen nicht trauen.“ „Oh! d'Herblay!“ „Wer ſagt Euch, daß d'Artagnan nicht ſeine Nie⸗ derlage auf uns geworfen und den Cardinal davon in Kenntniß geſetzt hat? Wer ſagt Euch, daß der Car⸗ dinal nicht dieſe Zuſammenkunft benützen wird, um uns faſſen zu laſſen?“ „Wie, Aramis, könnt Ihr denken, d'Artagnan und Porthos würden zu einer ſolchen Niederträchtigkeit die Hand bieten?“ „Ihr habt Recht, unter Freunden wäre es eine Niederträchtigkeit, aber unter Feinden iſt es eine Liſt.“ Athos kreuzte die Arme und liaß ſein ſchönes Haupt auf die Bruſt fallen. „Was wollt Ihr, Athos, die Menſchen ſind ein⸗ mal ſo beſchaffen und zählen nicht immer zwanzig Jahre,“ ſagte Aramis.„Wir haben auf eine grau⸗ ſame Weiſe die Eitelkeit verletzt, welche blind die Hand⸗ lungen des Menſchen leitet. Er iſt beſtegt worden. Habt Ihr nicht gehört, wie er auf der Landſtraße in Ver⸗ zweiflung gerieth? Was Porthos betrifft, ſo hing für ihn vielleicht der Baronentitel vom Gelingen dieſer Angelegenheit ab. Er hat uns nun auf dem Wege getroffen und wird für diesmal noch nicht Baron ſein. Wer weiß, ob dieſe Baronie nicht in Verbindung mit eſer s, er⸗ en, zu em die en. nes an⸗ ob, auf der mit an zer. nis ſich on X. Die Plare Boyale. Man ging ſtillſchweigend bis in die Mitte des Platzes. Da aber in dieſem Augenblick der Mond aus den Wolken hervortrat, ſo bedachte man, daß man an dieſer entblößten Stelle zu leicht geſehen werden könnte, und zog ſich unter die Linden, wo der Schatten ſtärker war. Es waren Bänke in beſtimmter Entfernung von einander aufgeſtellt. Die vier Männer hielten vor einer derſelben an. Athos machte ein Zeichen; d'Ar⸗ tagnan und Porthos ſetzten ſich; Athos und Aramis blieben vor ihnen ſtehen. Nach einem kurzen Stillſchweigen, bei welchem jeder die Verlegenheit fühlte, in die ihn das Anfangen der Erörterung ſetzte, ſprach Athos: „Meine Herren, ein Beweis der Macht unſerer alten Freundſchaft iſt unſere Gegenwart an dieſem Ort. Keiner hatte gefehlt, Keiner hatte ſich alſo einen Vorwurf zu machen.“ „Hört, Herr Graf,“ erwiederte dArtagnan,„ſtatt uns Komplimente zu ſagen, die wir vielleicht, weder die Einen noch die Andern verdienen, erklären wir uns als Leute von Herz.“ „Das iſt ganz mein Wunſch,“ antwortete Athos. „Ich weiß, daß Ihr offenherzig ſeid; ſprecht auch mit Eurer ganzen Offenherzigkeit: Habt Ihr mir, oder dem Herrn Abbé d'Herblah etwas vorzuwerfen?“ „Ja,“ ſprach d»Artagnan.„Als ich die Ehre hatte, Euch in Eurem Schloſſe Bragelonne zu beſuchen, über⸗ brachte ich Euch Anträge, die Ihr wohl begriffen habt. Statt mir zu antworten, wie einem Freunde, ſpieltet Ihr mit mir, wie mit einem Kinde, und dieſe Freund⸗ 126 unſerer Zuſammenkunft ſteht! Wir wollen auf unſerer Hut ſein, Athos.“ ſt ſeß j unf „Aber, wenn ſte ohne Waffen kämen? Welche Schmach für uns, Aramis!“ „Oh! ſeid unbeſorgt, mein Lieber, ich ſtehe Euch dafür, es wird nicht ſo ſein. Ueberdies haben wir eine Entſchuldigung: wir kommen von der Reiſe und ſind Rebellen.“ „Eine Entſchuldigung für uns! Wir müßten für den Fall vorherſehen, wo wir einer Entſchuldigung, d'Artagnan, Porthos gegenüber, bedürften! Oh! Ara⸗ mis, Aramis,“ fuhr Athos traurig den Kopf ſchüttelnd fort,„bei meiner Seele, Ihr macht mich zum unglück⸗ lichſten Menſchen! Ihr entzaubert ein Herz, das für die Freundſchaft nicht ganz abgeſtorben war; ſeht, Aramis, es wäre mir beinahe eben ſo lieb, wenn man es mir aus der Bruſt reißen würde, das ſchwöre ich Euch. Geht hin, wie Ihr wollt, Aramis; ich gehe ohne Waffen.“ „Nein, ich laſſe Euch ſo nicht gehen. Es iſt nicht mehr ein einzelner Mann, es iſt nicht mehr Athos, es iſt ſelbſt nicht mehr der Graf de la Fere, den Ihr durch dieſe Schwäche verrathen würdet, nein, es iſt bnt ganze Partei, der Ihr angehört und die auf Euch zählt.“ „Es geſchehe, wie Ihr ſagt,“ antwortete Athos. t nd ſte ſetzten in trüber Stimmung ihren Weg ort. Kaum gelangten ſie durch die Rue du Pas⸗de⸗la⸗ Mule zu den Gittern des verlaſſenen Platzes, als ſie unter der Arcade an der Mündung der Rue Sainte⸗ Catherine drei Reiter erblickten. Es waren d'Artagnan und Porthos, welche in ihre Mäntel gehüllt, unter denen die Schwerter hervor⸗ ſahen, herbeiritten. Hinter ihnen kam Planchet, die Muskete am Schenkel. Athos und Aramis ſtiegen vom Pferde, als ſie d'Artagnan und Porthos erblickten. D'Artagnan ſchaft, welche Ihr ſo ſehr rühmt, hat ſich nicht durch das Zuſammenſtoßen unſerer Schwerter, ſondern durch Eure Heuchelei in Eurem Schloſſe gebrochen.“ „D'Artagnan!“ ſagte Athos mit einem Tone ſanf⸗ ten Vorwurfes. „Ihr habt Offenherzigkeit von mir verlangt,“ ſprach d'Artagnan,„hier iſt ſie. Ihr fragt mich, was ich denke, ich ſage es Euch. Und nun habe ich Euch, Herr Abbé d'Herblay, daſſelbe zu eröffnen. Ich han⸗ delte eben ſo bei Euch und Ihr habt mich ebenfalls getäuſcht.“ „In der That, mein Herr, Ihr ſeid ſeltſam,“ ſprach Aramis.„Ihr kamet zu mir, um mir Vor⸗ ſchläge zu machen. Aber habt Ihr mir ſie auch ge⸗ macht? Nein; Ihr habt mich nur ausgeforſcht, und weiter nicht. Nun, was habe ich Euch geſagt? Ma⸗ zarin wäre ein Knauſer, und ich würde Mazarin nicht dienen. Das iſt das Ganze. Sagte ich Euch, ich würde keinem Andern dienen? Im Gegentheil, ich gab Euch, glaube ich, zu verſtehen, daß ich den Prinzen gehörte. Wir haben ſogar, wenn ich mich nicht täuſche, ganz angenehm über den ſehr wahrſcheinlichen Fall geſcherzt, daß Ihr von dem Cardinal den Auftrag er⸗ halten würdet, mich zu verhaften. Waret Ihr Partei⸗ mann? Ja, allerdings. Nun wohl, warum ſollten wir unſerer Seits nicht auch Parteimänner ſein. Ihr hattet Euer Geheimniß, wie wir das unſere hatten. Wir haben dieſelben nicht ausgetauſcht: deſto beſſer. Das beweiſt, daß wir unſere Geheimniſſe zu bewahren wiſſen.“ „Ich mache Euch keinen Vorwurf, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan;„nur weil der Herr Graf de la Fére von Freundſchaft geſprochen hat, unterwerfe ich Euer Benehmen einer Prüfung.“ „Und was findet Ihr dabei?“ fragte Aramis ſtolz. Das Blut ſtieg d Artagnan auch in den Kopfz er erhob ſich und antwortete: „Ich ſinde, es iſt das Benehmen eines Zůglings 3 der Jeſuiten.“ bemerkte, daß die drei Pferde, ſtatt von Bazin gehalten zu werden, an die Ringe der Arcaden gebunden wur⸗ den. Er befahl Planchet zu thun, wie Bazin that. Dann gingen ſie zwei und zwei, von den Bedienten gefolgt, einander entgegen und grüßten ſich höflich. „Wo beliebt Euch, die Unterredung zu pflegen, meine Herren?“ ſprach Athos, da er wahrnahm, daß mehre Perſonen ſtille ſtanden, als ob es ſich um einen von den berühmten Zweikämpfen handelte, welche noch in dem Gedächtniß der Pariſer und beſonders der Be⸗ wohner der Place Royale lebten. „Das Gitter iſt geſchloſſen,“ ſagte Aramis,„aber wenn dieſe Herren die Kühle unter den Bäumen und eine unverletzliche Einſamkeit lieben, ſo hole ich den Schlüſſel im Hotel Rohan, und wir werden uns vor⸗ trefflich finden.“ 3 „D'Artagnan tauchte ſeinen Blick in die Dunkel⸗ heit des Platzes, und Porthos ſteckte ſeinen Kopf durch zwei Stangen, um die Finſterniß zu ſondiren. „Zieht Ihr einen andern Ort vor,“ ſprach Athos mit ſeinem edlen, überzeugenden Tone,„ſo wählt ſelbſt.“ „Kann ſich Herr d'Herblay den Schlüſſel verſchaffen, ſe wird dieſer Platz, glaube ich, die geeignetſte Stelle ein.“ Aramis entfernte ſich ſogleich, forderte aber Athos zuvor noch auf, nicht ſo allein im Bereiche von d'Ar⸗ tagnan und Porthos zu bleiben, aber derjenige, wel⸗ chem er dieſen Rath gab, lächelte nur verächtlich und machte einen Schritt gegen ſeine alten Freunde, welche beide auf ihrem Platze blieben. Aramis klopfte wirklich an dem Hotel Rohan an; bald erſchien er wieder mit einem Manne, welcher ſagte: „Ihr ſchwört mir, Herr?“ „Nehmt,“ erwiederte Aramis und gab ihm einen Louisd'or. „Ah! Ihr wollt nicht ſchwören, gnädiger Herr?“ verſetzte der Haushofmeiſter den Kopf ſchüttelnd. 131 rch Als Porthos d'Artagnan ſich erheben ſah, erhob rch er ſich ebenfalls. Die vier Männer ſtanden alſo einan⸗ der aufrecht und drohend gegenüber. nf⸗ Bei der Antwort von d'Artagnan machte Aramis eine Bewegung, als wollte er die Hand an ſein Schwert 14 legen. s Athos hielt ihn zurück und ſprach: ch,„D'Artagnan, Ihr kommt heute noch ganz wüthend an⸗ über unſer geſtriges Abentener hieher. DArtagnan, ls ich hielt Euch für ſo hochherzig, daß eine Freundſchaft von zwanzig Jahren bei Euch eine Niederlage der n Eitelkeit von einer Viertelſtunde überſtehen müßte. or⸗ Laßt hören, ſagt mir: glaubt Ihr mir alſo etwas ge⸗ vorwerfen zu können? Habe ich gefehlt, ſo werde ich ind meinen Fehler geſtehen.“ ka⸗ Die ernſte, klangreiche Stimme von Athos übte cht immer noch über dArtagnan ihren alten Einfluß aus, ich während die von Aramis, in den Augen ſeiner ſchlech⸗ ab ten Laune ſchrill und ſpitzig werdend, ihn aufbrachte. zen Er antwortete auch Athos: he,„Ich glaube, mein Herr Graf, Ihr hättet mir in all Eurem Schloſſe Bragelonne eine vertrauliche Mitthei⸗ er⸗ lung zu machen gehabt, und dieſer Herr,“ fuhr er, ei⸗ Aramis bezeichnend, fort,„hätte mir eine ähnliche in vir ſeinem Kloſter machen ſollen. Ich würde mich dann hr nicht in ein Abenteuer geworfen haben, wo Ihr mir en. den Weg verſperren mußtet. Weil ich jedoch diseret s war, muß man mich nicht ganz und gar für einen Dummkopf halten. Hätte ich die Verſchiedenheit der Leute, welche Herr d'Herblay auf einer Strickleiter la empfängt, von der der Menſchen, welche er auf einer ich hölzernen Leiter empfängt, ergründen wollen, ſo würde ich ihn wohl zum Sprechen genöthigt haben.“ lz.„In was miſcht Ihr Euch?“ rief Aramis bleich er vor Zorn bei dem Zweifel, der ſich in ſeinem Innern erhob, er könnte, von dArtagnan beſpäht, mit Frau 8 von Longueville geſehen worden ſein. „Ei! kann man„5 ſchwören?“ ſprach Aramis.„Ich verſichere Euch nur, daß zu dieſer Stunde dieſe Herren unſere Freunde ſind.“ „Ja, gewiß,“ ſagten mit kaltem Tone Athos, d'Artagnan und Porthos. D Artagnan hatte das Geſpräch gehört und ver⸗ dandeie ngte— 4 „Ihr ſeht,“ ſagte er zu Porthos. „Was ſehe ich?“ ni ort⸗ „Daß er nicht ſchwören wollte.“ „Schwören, worauf?“. „Dieſer Mann wollte, Aramis ſollte ihm ſchwören, wir gehen nicht auf die Place Royale, um uns zu ſchlagen.“ „Und Aramis wollte nicht ſchwören?“ „Nein.“ 1 „Dann wohl Acht gegeben!“„ Athos verlor die zwei Redenden nicht aus dem Auge. Aramis öffnete das Thor und ging auf die Seite, damit d'Artagnan und Porthos eintreten konnten. Beim Eintreten brachte d'Artagnan den Griff ſeines Degens in das Gitter und war genöthigt, ſeinen Man⸗ tel wegzuſchieben. Während er den Mantel wegſchob, entblößte er die glänzenden Kolben ſeiner Piſtolen, auf welchen ſichein Strahl des Mondes abſpiegelte. „Seht Ihr,“ ſagte Aramis, indem er mit der einen Hand die Schulter von Athos berührte und mit der andern auf das Arſenal deutete, das d'Artagnan an ſeinem Gürtel trug. „Ah! ja,“ ſprach Athos mit einem tiefen Seußzer. Und er war der Dritte, welcher eintrat. Aramis trat zuletzt ein und verſchloß das Gitter hinter ſich. Die zwei Diener blieben außen, aber, als ob ſie ſich ebenfalls mißtrauten, in einer gewiſſen Entfernung von einander. 132 „Ich miſche mich in das, was mich angeht, und gebe mir das Anſehen, als hätte ich nicht bemerkt, was mich nicht angeht. Aber ich haſſe die Heuchler, und in dieſe Kategorie ſetze ich die Musketiere, welche die Abbeés ſpielen, und die Abbés, welche die Musketiere ſpielen. Und dieſer Herr,“ fügte er, ſich gegen Porthos wendend, bei,„dieſer Herr iſt meiner Meinung.“. Porthos, welcher noch nicht geſprochen hatte, ant⸗ wortete nur mit einer Sylbe und mit einer Geberde. Er ſagte:„Ja!“ und legte die Hand an den Degen. Aramis machte einen Sprung rückwärts und zog den ſeinigen. D'Artagnan beugte ſich, bereit zur Verthei⸗ digung oder zum Angriff. Nun ſtreckte Athos mit der Geberde des oberſten Befehles, welche nur ihm eigenthümlich war, die Hand aus, zog langſam den Degen aus der Scheide, zer⸗ brach das Eiſen über ſeinem Knie und warf die zwei Stücke zu ſeiner Rechten. Dann ſich gegen Aramis wendend, ſagte er die⸗ ſem:„Zerbrecht Euern Degen.“ Aramis zögerte. „Es muß ſein,“ ſprach Athos und fügte mit lei⸗ ſerem, ſanfterem Tone bei:„Ich will es.“ Noch bleicher, aber beherrſcht durch dieſe Geberde, beſiegt durch dieſe Stimme, zerbrach Aramis in ſeinen Händen die biegſame Klinge, kreuzte die Arme und wartete bebend vor Wuth. Dieſe Bewegung veranlaßte d'Artagnan und Por⸗ thos, zurückzuweichen. DArtagnan zog ſeinen Degen nicht, Porthos ſteckte den ſeinen wieder in die Scheide. „Nie,“ ſprach Athos, langſam ſeine rechte Hand zum Himmel erhebend,„nie, ich ſchwöre es vor Gott, der uns in dieſer feierlichen Nacht hört und ſieht, nie wird mein Schwert die Eurigen berühren, nie wird mein Auge einen Blick des Zornes, nie mein Herz einen Schlag des Haſſes für Euch haben. Wir haben 7 u — u Q X. Die Plare Koyale. Man ging ſtillſchweigend bis in die Mitte des Platzes. Da aber in dieſem Augenblick der Mond aus den Wolken hervortrat, ſo bedachte man, daß man an dieſer entblößten Stelle zu leicht geſehen werden könnte, und zog ſich unter die Linden, wo der Schatten ſtärker war.— Es waren Bänke in beſtimmter Entfernung von einander aufgeſtellt. Die vier Männer hielten vor einer derſelben an. Athos machte ein Zeichen; d'Ar⸗ tagnan und Porthos ſetzten ſich; Athos und Aramis blieben vor ihnen ſtehen. Nach einem kurzen Stillſchweigen, bei welchem jeder die Verlegenheit fühlte, in die ihn das Anfangen der Erörterung ſetzte, ſprach Athos: „Meine Herren, ein Beweis der Macht unſerer alten Freundſchaft iſt unſere Gegenwart an dieſem Ort. Keiner hatte gefehlt, Keiner hatte ſich alſo einen Vorwurf zu machen.“ „Hört, Herr Graf,“ erwiederte d'Artagnan,„ſtatt uns Komplimente zu ſagen, die wir vielleicht, weder die Einen noch die Andern verdienen, erklären wir uns als Leute von Herz.“ „Das iſt ganz mein Wunſch,“ antwortete Athos. „Ich weiß, daß Ihr offenherzig ſeid; ſprecht auch mit Eurer ganzen Offenherzigkeit: Habt Ihr mir, oder dem Herrn Abbé d'Herblay etwas vorzuwerfen?“ „Ja,“ ſprach d'Artagnan.„Als ich die Ehre hatte, Euch in Eurem Schloſſe Bragelonne zu beſuchen, über⸗ brachte ich Euch Anträge, die Ihr wohl begriffen habt. Statt mir zu antworten, wie einem Freunde, ſpieltet Ihr mit mir, wie mit einem Kinde, und dieſe Freund⸗ —— M— —„ 133 mit einander gelebt, mit einander gehaßt und geliebt. Wir haben unſer Blut vergoſſen und vermiſcht, und vielleicht, füge ich noch bei, beſteht zwiſchen uns ein noch mächtigeres Band, als das der Freundſchaft, viel⸗ leicht beſteht der Vertrag des Verbrechens; denn wir haben alle vier ein menſchliches Weſen verurtheilt und hingerichtet, das wir von dieſer Welt auszuſcheiden wohl nicht berechtigt waren, obgleich es mehr der Hölle als dieſer Welt anzugehören ſchien. D'Artagnan, ich habe Euch immer wie meinen Sohn geliebt. Por⸗ thos, wir haben zehn Jahre Seite an Seite geſchla⸗ fen; Aramis iſt Euer Bruder, wie der meinige, denn Aramis hat Euch geliebt, wie ich Euch noch liebe, wie ich Euch ſtets lieben werde. Was kann der Cardinal für uns ſein, die wir die Hand und das Herz eines Mannes wie Richelieu bezwungen haben! Was kann dieſer oder jener Prinz für uns ſein, die wir die Krone auf dem Haupte eines Königs befeſtigt haben? D'Artagnan, ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich geſtern den Degen mit Euch gekreuzt habe. Aramis thut daſſelbe für Porthos. Und nun haßt mich, wenn Ihr könnt; aber ich, ich ſchwöre Euch, daß ich trotz Eures Haſſes nur Achtung und Freundſchaft für Euch haben werde. Nun wiederholt meine Worte, Aramis, und wenn ſie wollen und Ihr wollt, ſo verlaſſen wir unſere alten Freunde auf immer.“ Es herrſchte einen Augenblick ein feierliches Still⸗ ſchweigen, welches von Aramis unterbrochen wurde. 3 ſchwöre,„ſagte er mit ruhiger Miene und redlichem Blicke, aber mit einer Stimme, in welcher ein letztes Zittern der Aufregung vibrirte,„ich ſchwöre, daß ich keinen Haß mehr gegen diejenigen hege, welche meine Freunde waren; ich ſchwöre, daß ich es bedaure, Euren Degen berührt zu haben, Porthos; ich ſchwöre endlich, daß ſich nicht nur der meinige nicht mehr ge⸗ gen Eure Bruſt wenden, ſondern daß in der Tiefe meiner geheimſten Gedanken für die Zukunft nicht ein⸗ 130 ſchaft, welche Ihr ſo ſehr rühmt, hat ſich nicht durch das Zuſammenſtoßen unſerer Schwerter, ſondern durch Eure Heuchelei in Eurem Schloſſe gebrochen.“ „D'Artagnan!“ ſagte Athos mit einem Tone ſanf⸗ ten Vorwurfes. „Ihr habt Offenherzigkeit von mir verlangt,“ ſprach d'Artagnan,„hier iſt ſte. Ihr fragt mich, was ich denke, ich ſage es Euch. Und nun habe ich Euch, Herr Abbé d'Herblay, daſſelbe zu eröffnen. Ich han⸗ delte eben ſo bei Euch und Ihr habt mich ebenfalls getäuſcht.“ „In der That, mein Herr, Ihr ſeid ſeltſam,“ ſprach Aramis.„Ihr kamet zu mir, um mir Vor⸗ ſchläge zu machen. Aber habt Ihr mir ſie auch ge⸗ macht? Nein; Ihr habt mich nur ausgeforſcht, und weiter nicht. Nun, was habe ich Euch geſagt? Ma⸗ zarin wäre ein Knauſer, und ich würde Mazarin nicht dienen. Das iſt das Ganze. Sagte ich Euch, ich würde keinem Andern dienen? Im Gegentheil, ich gab Euch, glaube ich, zu verſtehen, daß ich den Prinzen gehörte. Wir haben ſogar, wenn ich mich nicht täuſche, ganz angenehm über den ſehr wahrſcheinlichen Fall geſcherzt, daß Ihr von dem Cardinal den Auftrag er⸗ halten würdet, mich zu verhaften. Waret Ihr Partei⸗ mann? Ja, allerdings. Nun wohl, warum ſollten wir unſerer Seits nicht auch Parteimänner ſein. Ihr hattet Ener Geheimniß, wie wir das unſere hatten. Wir haben dieſelben nicht ausgetauſcht: deſto beſſer. Das beweiſt, daß wir unſere Geheimniſſe zu bewahren wiſſen.“ „Ich mache Euch keinen Vorwurf, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan;„nur weil der Herr Graf de la Fére von Freundſchaft geſprochen hat, unterwerfe ich Euer Benehmen einer Prüfung.“ „Und was findet Ihr dabei?“ fragte Aramis ſtolz. Das Blut ſtieg d⸗Artagnan auch in den Kopf; er erhob ſich und antwortete: „Ich finde, es iſt das Benehmen eines Zöglings der Jeſuiten.“ 3 „.—...— 134 mal ein Schein von feindſeligen Geſühlen gegen Euch mehr übrig bleiben wird. Kommt, Athos.⸗ Athos machte eine Bewegung, um ſich zu ent⸗ fernen. „Oh! nein, nein! geht nicht“ rief d'Artagnan, hingeriſſen von einer der unwiderſtehlichen Aufwallun⸗ gen welche die Wärme ſeines Blutes und die ange⸗ borene Rechtſchaffenheit ſeiner Seele verriethen;„geht nicht, denn ich habe auch einen Eid zu leiſten. ſchwöre, daß ich den letzten Tropfen meines Blutes, den letzten Fetzen meines Fleiſches geben würde, um die Achtung eines Mannes, wie Ihr, Athos, die eines Mannes, wie Ihr, Aramis, zu er⸗ alten.“ Und er ſtürzte in die Arme von Athos. „Mein Sohn!“ rief Athos, ihn an ſein Herz drückend. „Und ich,“ ſagte Porthos,„ſchwöre nichts; aber ich erſticke, Sacrebleu! Wenn ich mich gegen Euch ſchlagen müßte, ich glaube, ich würde mich durchbohren laſſen, denn ich habe auf der ganzen Welt nur Euch geliebt.“ während er ſich Aramis in die Arme warf. „Meine Freunde,“ ſprach Athos,„das iſt es, was ich erwartete, das, was ich von zwei Herzen wie die Eurigen hoffte; ja, ich habe es geſagt und wiederhole es; unſere Geſchicke ſind unwiderruflich verbunden, obgleich wir verſchiedenen Wegen folgen. Ich achte Eure Meinung, dArtagnan; ich ehre Eure Ueberzeu⸗ gung Porthos; aber obgleich wir uns für entgegen⸗ geſetzte Sachen ſchlagen, bleiben wir doch Freunde. Die Miniſter, die Prinzen werden wie ein Strom hin⸗ ziehen, der Bürgerkrieg wird wie eine Flamme er⸗ löſchen, aber wir, wir werden bleiben, das ſagt mir ein Vorgefühl.“ „Ja,“ ſprach dArtagnan,„ſeien wir ſtets Mus⸗ btt per ehrliche Porihos zerſteß in hran ket 131 Als Porthos d'Artagnan ſich erheben ſah, erhob er ſich ebenfalls. Die vier Männer ſtanden alſo einan⸗ der aufrecht und drohend gegenüber. Bei der Antwort von d'Artagnan machte Aramis kine Bewegung, als wollte er die Hand an ſein Schwert egen. Athos hielt ihn zurück und ſprach: „D'Artagnan, Ihr kommt heute noch ganz wüthend über unſer geſtriges Abenteuer hieher. D'Artagnan, ich hielt Euch für ſo hochherzig, daß eine Freundſchaft von zwanzig Jahren bei Euch eine Niederlage der Eitelkeit von einer Viertelſtunde überſtehen müßte. Laßt hören, ſagt mir: glaubt Ihr mir alſo etwas vorwerfen zu können? Habe ich gefehlt, ſo werde ich meinen Fehler geſtehen.“ Die ernſte, klangreiche Stimme von Athos übte immer noch über d'Artagnan ihren alten Einfluß aus, während die von Aramis, in den Augen ſeiner ſchlech⸗ ten Laune ſchrill und ſpitzig werdend, ihn aufbrachte. Er antwortete auch Athos: „Ich glaube, mein Herr Graf, Ihr hättet mir in Eurem Schloſſe Bragelonne eine vertrauliche Mitthei⸗ lung zu machen gehabt, und dieſer Herr,“ fuhr er, Aramis bezeichnend, fort,„hätte mir eine ähnliche in ſeinem Kloſter machen ſollen. Ich würde mich dann nicht in ein Abenteuer geworfen haben, wo Ihr mir den Weg verſperren mußtet. Weil ich jedoch diseret war, muß man mich nicht ganz und gar für einen Dummkopf halten. Hätte ich die Verſchiedenheit der Leute, welche Herr d'Herblay auf einer Strickleiter empfängt, von der der Menſchen, welche er auf einer hölzernen Leiter empfängt, ergründen wollen, ſo würde ich ihn wohl zum Sprechen genöthigt haben.“ „In was miſcht Ihr Euch?“ rief Aramis bleich vor Zorn bei dem Zweifel, der ſich in ſeinem Innern erhob, er könnte, von d'Artagnan beſpäht, mit Frau von Longueville geſehen worden ſein. 135 ketiere, und behalten wir als einzige Fahne die be⸗ rühmte Serviette der Baſtei Saint⸗Gervais, auf welche der große Cardinal drei Lilien ſticken ließ.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„Cardinaliſten oder Fron⸗ deurs, was liegt uns daran! Finden wir nur wieder unſere guten Secundanten für die Zweikämpfe, unſere ergebenen Freunde für die wichtigen Angelegenheiten, unſere luſtigen Gefährten für das Vergnügen.“ „Und jedes Mal,“ rief Athos,„ſo oft wir uns im Gefechte treffen, nehmen wir bei dem einzigen Worte: Place Royale! den Degen in die linke Hand und reichen uns die Rechte, und wäre es mitten im Blutbade!“ „Ihr ſprecht zum Entzücken,“ ſagte Porthos. „Ihr ſeid der größte Mann,“ erwiederte d'Arta⸗ gnan,„und überragt uns um zehn Ellen.“ Athos lächelte mit einem Ausdrucke unbeſchreib⸗ licher Freude. „Dies iſt alſo abgemacht,“ ſprach er.„Auf, meine Herren, Eure Hand. Seid Ihr ein wenig Chriſten?“ „Bei Gott!“ verſetzte dArtagnan. „Wir werden es bei dieſer Gelegenheit ſein, um unſerem Schwure treu zu bleiben,“ ſagte Aramis. „Ah, ich bin bereit, bei Allem zu ſchwören, was man nur will, ſelbſt bei Mahomet! Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je ſo glücklich geweſen bin, als in dieſem Augenblick.“ Und der gute Porthos trocknete ſeine noch feuch⸗ ten Augen. „Hat Einer von Euch ein Kreuz?“ fragte Athos. Porthos und d'Artagnan ſchauten ſich an, wie Menſchen, welche unverſehens gefaßt werden. Aramis lächelte und zog aus ſeiner Bruſt ein Kreuz von Diamanten, welches an einer Perlenſchnur an ſeinem Halſe hing. „Hier iſt eines,“ ſagte er. „Nun wohl,“ verſetzte Athos,„ſchwören wir auf dieſes Kreuz, das trotz ſeines Stoffes immerhin ein 132 „Ich miſche mich in das, was mich angeht, und gebe mir das Anſehen, als hätte ich nicht bemerkt, was mich nicht angeht. Aber ich haſſe die Heuchler, und in dieſe Kategorie ſetze ich die Musketiere, welche die Abbés ſpielen, und die Abbés, welche die Musketiere ſpielen. Und dieſer Herr,“ fügte er, ſich gegen Porthos wendend, bei,„dieſer Herr iſt meiner Meinung.“ Porthos, welcher noch nicht geſprochen hatte, ant⸗ wortete nur mit einer Sylbe und mit einer Geberde. Er ſagte:„Ja!“ und legte die Hand an den Degen. Aramis machte einen Sprung rückwärts und zog den ſeinigen. D'Artagnan beugte ſich, bereit zur Verthei⸗ digung oder zum Angriff. Nun ſtreckte Athos mit der Geberde des oberſten Befehles, welche nur ihm eigenthümlich war, die Hand aus, zog langſam den Degen aus der Scheide, zer⸗ brach das Eiſen über ſeinem Knie und warf die zwei Stücke zu ſeiner Rechten. Dann ſich gegen Aramis wendend, ſagte er die⸗ ſem:„Zerbrecht Euern Degen.“ 3 3 Aramis zögerte. „Es muß ſein,“ ſprach Athos und fügte mit lei⸗ ſerem, ſanfterem Tone bei:„Ich will es.“ Noch bleicher, aber beherrſcht durch dieſe Geberde, beſtegt durch dieſe Stimme, zerbrach Aramis in ſeinen Händen die biegſame Klinge, kreuzte die Arme und wartete bebend vor Wuth. Dieſe Bewegung veranlaßte d'Artagnan und Por⸗ thos, zurückzuweichen. D Artagnan zog ſeinen Degen nicht, Porthos ſteckte den ſeinen wieder in die Scheide. „Nie,“ ſprach Athos, langſam ſeine rechte Hand zum Himmel erhebend,„nie, ich ſchwöre es vor Gott, der uns in dieſer feierlichen Nacht hört und ſieht, nie wird mein Schwert die Eurigen berühren, nie wird mein Auge einen Blick des Zornes, nie mein Herz einen Schlag des Haſſes für Euch haben. Wir haben —— ——— ͤ——————————— 8 136 Kreuz iſt, ſchwören wir, unter allen Umſtänden und immer vereinigt zu ſein, und möchte dieſer Schwur nicht nur uns allein, ſondern auch unſere Nachkommen binden. Iſt dieſer Eid Euch genehm?“ „Ja,“ antworteten ſie einſtimmig. „Ah! Verräther,“ ſagte ganz leiſe dArtagnan, in⸗ dem'er ſich an das Ohr von Aramis neigke,„Ihr hope uns auf das Cruecifir einer Frondeuſe ſchwören aſſen.“ XI. Die Füähre. Wir hoffen, der Leſer hat den jungen Reiſenden nicht ganz vergeſſen, den wir auf der Straße nach Flandern ließen. Sobald Raoul ſeinen Beſchützer, der ihm mit den Augen, vor der Baſfilica ſtehend, folgte, aus dem Blicke vertor, gab er ſeinem Pferde die Sporen, einmal, um ſeinen ſchmerzlichen Gedanken zu entfliehen, und dann um vor Olivain die Bewegung zu verhergen, welche mächtig auf ſeinen Zügen hervorkrat. Eine Stunde raſchen Marſches zerſtreute jedoch bald alle die düſteren Dünſte, welche die ſo reiche Einbildungskraft des Jünglings in Betrübniß verſetzt hatten. Das unbekannte Vergnügen, frei zu ſein, ein Vergnügen, das ſeine Süßigkeit ſelbſt für diejenigen hat, welche nie unter einer Abhängigkeit litten, ver⸗ goldete für Raoul den Himmel und die Erde, und be⸗ fonders den fernen, azurblauen Horizont des Lebens, den man Zukunft nennt. Er bemerkte jedoch nach verſchiedenen Verſuchen eines Geſpräches mit Olivain, daß lange Tage auf die ſo in geb unt den nac erb ohn —— 133 mit einander gelebt, mit einander gehaßt und geliebt. Wir haben unſer Blut vergoſſen und vermiſcht, und vielleicht, füge ich noch bei, beſteht zwiſchen uns ein noch mächtigeres Band, als das der Freundſchaft, viel⸗ leicht beſteht der Vertrag des Verbrechens; denn wir haben alle vier ein menſchliches Weſen verurtheilt und hingerichtet, das wir von dieſer Welt auszuſcheiden wohl nicht berechtigt waren, obgleich es mehr der Hölle als dieſer Welt anzugehören ſchien. D'Artagnan, ich habe Euch immer wie meinen Sohn geliebt. Por⸗ thos, wir haben zehn Jahre Seite an Seite geſchla⸗ fen; Aramis iſt Euer Bruder, wie der meinige, denn Aramis hat Euch geliebt, wie ich Euch noch liebe, wie ich Euch ſtets lieben werde. Was kann der Cardinal für uns ſein, die wir die Hand und das Herz eines Mannes wie Richelieu bezwungen haben! Was kann dieſer oder jener Prinz für uns ſein, die wir die Krone auf dem Haupte eines Königs befeſtigt haben? DArtagnan, ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich geſtern den Degen mit Euch gekreuzt habe. Aramis thut daſſelbe für Porthos. Und nun haßt mich, wenn Ihr könnt; aber ich, ich ſchwöre Euch, daß ich trotz Eures Haſſes nur Achtung und Freundſchaft für Euch haben werde. Nun wiederholt meine Worte, Aramis, und wenn ſie wollen und Ihr wollt, ſo verlaſſen wir unſere alten Freunde auf immer.“ Es herrſchte einen Augenblick ein feierliches Still⸗ ſchweigen, welches von Aramis unterbrochen wurde. „Ich ſchwöre,„ſagte er mit ruhiger Miene und redlichem Blicke, aber mit einer Stimme, in welcher ein letztes Zittern der Aufregung vibrirte,„ich ſchwöre, daß ich keinen Haß mehr gegen diejenigen hege, welche meine Freunde waren; ich ſchwöre, daß ich es bedaure, Euren Degen berührt zu haben, Porthos; ich ſchwöre endlich, daß ſich nicht nur der meinige nicht mehr ge⸗ gen Eure Bruſt wenden, ſondern daß in der Tiefe meiner geheimſten Gedanken für die Zukunft nicht ein⸗ und vur nen in⸗ Ihr ren iden nach den licke nn elche doch eiche rſetzt ein igen ver⸗ be⸗ ens, ichen auf 137 vieſe Art zugebracht, ſehr traurig ſein müßten, und die ſo ſanfte, ſo überzeugende Rede des Grafen kam ihm in das Gedächtniß, in Beziehung auf die Städte, die man durchzog, worüber Niemand koſtbarere Auskunft geben konnte, als ihm von und unterhaltendſten von allen Führern, ertheilt wor⸗ den war. Noch ein anderes Andenken machte Raonl traurig; nach Louves gelangend, hatte er, hinter einem Vor⸗ hange von Pappelbäumen verloren, ein kleines Schloß erblickt, das ihn ſo ſtark an la Valliére erinnerte, daß er ſtille hielt, um es wenigſtens zehn Minuten anzu⸗ ſchauen, und ſodann ſeufzend ſeinen Weg fortſetzte, ohne nur Olivain zu antworten, der ihn nach der Ur⸗ ſache dieſer Aufmerkſamkeit fragte. Der Anblick der äußeren Gegenſtände iſt ein geheimnißvoller Conductor, welcher mit den Fibern des Gedächtniſſes in Verbin⸗ vung ſteht; iſt dieſer Faden einmal erregt, wie der der Ariadne, ſo führt er in ein Labhrinth von Gedanken, worin man ſich verirrt, wenn man dem Schatten der Vergangenheit folgt, den man Erinnerung nennt. Der Anblick dieſes Schloſſes hatte Raoul fünfzig Meilen nach Weſten zu geworfen, und ihn in ſeinem Leben zurückgehen laſſen, von dem Augenblick, wo er von der kleinen Louiſe Abſchied nahm, bis zu dem, wo er ſie zum erſten Male geſehen hatte, und jedes Eichengebüſch, jede Wetterfahne auf einem Schieferdache erſchaut, erin⸗ nerte ihn daran, daß er, ſtatt zu den Freunden ſeiner Kindheit zurückzukehren, ſich ben entfernte, und daß er ſie vielleicht für immer ver⸗ laſſen hatte. Das Herz aufgeſchwollen, er Olivain, die Pferde in eine die er an der Landſtraße, ungefähr in einer halben Büchſenſchußweite vorwärts von dem Orte erblickte, zu welchem man gelangt war. Zwanzig Jahre nachher. 1l. Athos, dem gelehrteſten immer mehr von denſel⸗ den Kopf ſchwer, befahl kleine Herberge zu führen, Er ſelbſt ſtieg ab, blieb 10 134 mal ein Schein von feindſeligen Geſühlen gegen Euch mehr übrig bleiben wird. Kommt, Athos.“ Athos machte eine Bewegung, um ſich zu ent⸗ fernen. „Ohl nein, nein! geht nicht“ rief d⸗Artagnan, hingeriſſen von einer der unwiderſtehlichen Aufwallun⸗ gen welche die Wärme ſeines Blutes und die ange⸗ borene Rechtſchaffenheit ſeiner Seele verriethen;„geht nicht, denn ich habe auch einen Eid zu leiſten. Ich ſchwöre, daß ich den letzten Tropfen meines Blutes, den letzten Fetzen meines Fleiſches geben würde, um die Achtung eines Mannes, wie Ihr, Athos, die Frundihafe eines Mannes, wie Ihr, Aramis, zu er⸗ alten.“ Und er ſtürzte in die Arme von Athos. „Mein Sohn!“ rief Athos, ihn an ſein Herz drückend. „Und ich,“ ſagte Porthos,„ſchwöre nichts; aber ich erſticke, Sacrebleu! Wenn ich mich gegen Euch ſchlagen müßte, ich glaube, ich würde mich durchbohren laſſen, denn ich habe auf der ganzen Welt nur Euch geliebt.“ und der ehrliche Porthos zerfloß in Thränen, während er ſich Aramis in die Arme warf. „Meine Freunde,“ ſprach Athos,„das iſt es, was ich erwartete, das, was ich von zwei Herzen wie die Eurigen hoffte; ja, ich habe es geſagt und wiederhole es; unſere Geſchicke ſind unwiderruflich verbunden, obgleich wir verſchiedenen Wegen folgen. Ich achte Eure Meinung, d'Artagnan; ich ehre Eure Ueberzeu⸗ gung Porthos; aber obgleich wir uns für entgegen⸗ geſetzte Sachen ſchlagen, bleiben wir doch Freunde. Die Miniſter, die Prinzen werden wie ein Strom hin⸗ ziehen, der Bürgerkrieg wird wie eine Flamme er⸗ löſchen, aber wir, wir werden bleiben, das ſagt mir ein Vorgefühl.“ 3 „Ja,“ ſprach d'Artagnan,„ſeien wir ſtets Mus⸗ 138 unter einer ſchönen Gruppe von blühenden Kaſtanien⸗ bäumen, um welche zahlloſe Bienen ſummten, und beauftragte Olivain, ihm durch den Wirth Briefpapier und Dinte auf einen Tiſch bringen zu laſſen, der wie zum Schreiben aufgeſtellt zu ſein ſchien. Stivain gehorchte und ſetzte ſeinen Weg fort, wäh⸗ rend Ravul die Ellbogen auf den Tiſch geſtützt da ſaß, mit den Blicken hinausſchweifend über dieſe ſchöne, ganz mit grünen Feldern und Baumgruppen durchſtreute Landſchaft, indeß von Zeit zu Zeit Blüthen wie Schnee⸗ flocken auf ſein Haupt herabfielen. Ravul verweilte hier ungefähr ſeit zehn Minuten und war etwa fünf in ſeine Träumereien verfunken, als er in dem Kreiſe, welchen ſeine zerſtreuten Blicke umfaßten, eine röthliche Figur ſich bewegen ſah, die, eine Serviette unter dem Arm, eine weiße Mütze auf dem Kopfe, ſich mit Papier, Dinte und Feder ihm näherte. „Ah! ah!“ ſprach die Erſcheinung,„man ſieht, alle Edelleute haben dieſelben Gedanken, denn vor kaum einer Viertelſtunde hat ein junger Seigneur, gut be⸗ ritten, wie Ihr, von vornehmen Ausſehen, wie Ihr, und ungefähr von Euerem Alter, vor dieſer Baum⸗ gruppe Halt gemacht; er befahl dieſen Tiſch und die⸗ ſen Stuhl zu bringen, ſpeiſte hier mit einem alten Herrn, der ſein Hofmeiſter zu ſein ſchien, eine Paſtete, von der ſie kein Stückchen übrig ließen, und trank mit ſeinem Begleiter eine Flaſche alten Macon⸗Wein, von der nicht ein Tropfen übrig blieb; zum Glücke haben wir noch von demſelben Wein und ähnliche Paſteten, und wenn der gnädige Herr befehlen wollte.“ „Nein, mein Freund,“ antworiete Raoul lächelnd, „ich danke Euch, ich bedarf für jetzt nur der Dinge, die ich habe verlangen laſſen; freilich würde es mir ſehr lieb ſein, wenn die Dinte ſchwarz, und die Feder gut wäre; in dieſem Falle würde ich für die Feder den Preis der Flaſche, und für die Dinte den Preis der Paſtete bezahlen.“ 5 „da Bet und ſein beg gab gib We ſich mit rei Sc im der rüc 135 ketiere, und behalten wir als einzige Fahne die be⸗ rühmte Serviette der Baſtei Saint⸗Gervais, auf welche der große Cardinal drei Lilien ſticken ließ.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„Cardinaliſten oder Fron⸗ deurs, was liegt uns daran! Finden wir nur wieder unſere guten Secundanten für die Zweikämpfe, unſere ergebenen Freunde für die wichtigen Angelegenheiten, unſere luſtigen Gefährten für das Vergnügen.“ „Und jedes Mal,“ rief Athos,„ſo oft wir uns im Gefechte treffen, nehmen wir bei dem einzigen Worte: Place Royale! den Degen in die linke Hand und reichen uns die Rechte, und wäre es mitten im Blutbade!“— „Ihr ſprecht zum Entzücken,“ ſagte Porthos. „Ihr ſeid der größte Mann,“ erwiederte d'Arta⸗ gnan,„und überragt uns um zehn Ellen.“ Athos lächelte mit einem Ausdruͤcke unbeſchreib⸗ licher Freude. „Dies iſt alſo abgemacht,“ ſprach er.„Auf, meine Herren, Eure Hand. Seid Ihr ein wenig Chriſten?“ „Bei Gott!“ verſetzte d'Artagnan. „Wir werden es bei dieſer Gelegenheit ſein, um unſerem Schwure treu zu bleiben,“ ſagte Aramis. „Ah, ich bin bereit, bei Allem zu ſchwören, was man nur will, ſelbſt bei Mahomet! Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je ſo glücklich geweſen bin, als in dieſem Augenblick.“ Und der gute Porthos trocknete ſeine noch feuch⸗ ten Augen. „Hat Einer von Euch ein Kreuz?“ fragte Athos. Porthos und d'Artagnan ſchauten ſich an, wie Menſchen, welche unverſehens gefaßt werden. Aramis lächelte und zog aus ſeiner Bruſt ein Kreuz von Diamanten, welches an einer Perlenſchnur an ſeinem Halſe hing. „Hier iſt eines,“ ſagte er. „Nun wohl,“ verſetzte Athos,„ſchwören wir auf dieſes Kreuz, das trotz ſeines Stoffes immerhin ein 139 36„Ganz wohl, gnädiger Herr,“ ſprach der Wirth, P„dann will ich die Paſtete und die Flaſche Euerem pie Bedienten geben; Ihr bekommt auf dieſe Art die Feder wie und die Dinte in den Kauf.“ zh⸗„Macht es, wie Ihr wollt,“ erwiederte Raoul, der ſeine Lehrebei dieſer ganz beſondern Klaſſe der Geſellſchaft ſa begann, welche, als es auf den Landſtraßen noch Räuber eu gab, mit dieſen aſſoeirt war, und ſeitdem es keine mehr gibr, dieſelben auf eine vortheilhafte Weiſe erſetzt hat. Ueber ſeine Einnahme beruhigt, legte der Wirth ien Papier, Dintenfaß und Feder auf den Tiſch. Zufälliger fen Weiſe war die Feder ziemlich gut und Ravul ſchickte licke ſich an, zu ſchreiben. die Der Wirth blieb vor ihm ſtehen und betrachtete au mit einer Art von unwillkürlicher Bewunderung dieſes reizende, ſo ſanfte und zugleich ſo ernſte Antlitz. Die Fi Schönheit iſt ſtets eine Königin geweſen und wird immer eine ſein. 3„Das iſt kein Gaſt, wie der von vorhin,“ ſagte Ihr der Wirth zu Olivain, welcher wieder zu Ravul zu⸗ rückgekehrt war, um zu ſehen, ob er nichts bedürfe, „und Euer junger Herr hat keinen Appetit.“ ltei„Der Herr hatte noch vor drei Tagen, aber ſeit ſteie vorgeſtern hat er ihn verloren.“ nit Und Olivain und der Wirth wandelten nach der p Herberge zurück, wobei Olivain, nach Art der über abet ihre Lage glück ichen Bedienten, dem Herbergvater eten Alles erzählte, was er in Bezichung auf den jungen Edelmann ſagen zu können glaubte. Mittlerweile ſchrieb Ravul: iut„Mein Herr! .„Nach einem Marſche von vier Stunden halte ich Feder an, um Euch zu ſchreiben, denn Ihr fehlt mir jeden enblick, und ich bin immer im Begriff, den Kopf um⸗ 5 zudrehen, wie um zu antwortèn, wenn Ihr mit mir ſprachet. Ich war ſo betäubt von Euerem Abgang und wurde über unſere Trennung dergeſtalt von Kummer 10* ——= . 136 „* 84 Kreuz iſt, ſchwören wir, unter allen Umſtänden und 4 10 immer vereinigt zu ſein, und moͤchte dieſer Schwur nicht nur uns allein, ſondern auch unſere Nachkommen in binden. Iſt dieſer Eid Euch genehm?“ un „Ja,“ antworteten ſie einſtimmig. ge „Ahl Verräther,“ ſagte ganz leiſe d'Artagnan, in⸗ 5 dem er ſich an das Ohr von Aramis neigte,„Ihr habt uns auf das Crueifir einer Frondeuſe ſchwören 1 laſſen.“ 1 3 — er XI. Die Fähre.. ol 1 d Wir hoffen, der Leſer hat den jungen aeſena i 8 nicht ganz vergeſſen, den wir auf der Straße nach. Flandern ließen. A Sobald Raoul ſeinen Beſchützer, der ihm mit den Augen, vor der Baftlica ſtehend, folgte, aus dem Blicke verlor, gab er ſeinem Pferde die Sporen, einmal, um ſeinen ſchmerzlichen Gedanken zu entfliehen, und dann. zu um vor Olivain die Bewegung zu verbergen, welche 4 mächtig auf ſeinen Zügen hervortrat. Eine Stunde raſchen Marſches zerſtreute jedoch K bald alle die düſteren Dünſte, welche die ſo reiche be Einbildungskraft des Jünglings in Betrübniß verſetzt o. hatten. Das unbekannte Vergnügen, frei zu ſein, ein Vergnügen, das ſeine Süßigkeit ſelbſt für diejenigen hat, welche nie unter einer Abhängigkeit litten, ver⸗ goldete für Raoul den Himmel und die Erde, und be⸗ ſonders den fernen, azurblauen Horizont des Lebens, den man Zukunft nennt. Er bemerkte jedoch nach verſchiedenen Verſuchen eines Geſpräches mit Olivain, daß lange Tage auf —— ½ S 140 ergriffen, daß ich Euch nur ſchwach Alles das ausge⸗ drückt hade, was ich an Zärtlichkeit und Dankbarkeit für Euch fühle. Ihr werdet mich entſchuldigen, denn Euer Herz iſt ſo edel, daß Ihr Alles begreift, was in dem meinigen vorging. Schreibt mir doch, ich bitte Euch, denn Euere Rathſchläge bilden einen Theil mei⸗ nes Daſeins; und dann, wenn ich es Euch geſtehen darf, bin ich unruhig: es kam mir vor, als ſchicktet Ihr Euch ſelbſt zu einer gefahrvollen Unternehmung an, äber welche ich Euch nicht zu befragen wagte, weil Ihr mir nichts davon ſagtet. Ihr ſeht, ich bedarf ſehr der Kunde von Euch. Seitdem ich Euch nicht mehr bei mir habe, befürchte ich jeden Augenblick zu fehlen. Ihr unterſtütztet mich mächtig, Herr, und heute, ich ſchwöre es Euch, fühle ich mich ſehr allein. „Wolltet Ihr wohl die Gefälligkeit haben, wenn Ihr Nachricht von Blois bekommt, mir einige Worte don meiner kleinen Freundin, Fräulein de la Valliere, zu ſchreiben, deren Geſundheit, wie Ihr wißt, bei un⸗ ſerer Abreiſe zu einiger Beſorgniß Anlaß geben konnte. Ihr begreift, mein Herr und theuerer Beſchützer, wie die Erinnerungen aus der Zeit, die ich bei Euch zuge⸗ bracht habe, mir ſo koſtbar und weſentlich ſind. Ich hoffe, Ihr werdet auch zuweilen an mich denken, und wenn ich Euch zu gewiſſen Stunden fehle, wenn Ihr etwas wie einen kleinen Kummer über meine Abweſen⸗ heit fühlt, ſo wird mich Freude bei dem Gedanken erfüllen, daß Ihr meine Liebe und Ergebenheit für Euch empfunden habt, und daß ich ſie Euch begreiflich zu machen verſtand, während ich das Glück genoß, in Euerer Nähe zu leben.“ Als dieſer Brief dollendet war, fühlte ſich Naoul ruhiger. Er ſchaute umher, ob Olivain und der Wirth ihn nicht betrachteten, drückte einen Kuß auf dieſes Papier, eine ſtumme, rührende Liebkoſung, welche Athos, den Brief öffnend, zu errathen fähig war. Während birſet Zeit hatte Hlivain ſeine Flaſche ε& 137 dieſe Art zugebracht, ſehr traurig ſein müßten, und die ſo ſanfte, ſo überzeugende Rede des Grafen kam ihm in das Gedächtniß, in Beziehung auf die Städte, die man durchzog, worüber Niemand koſtbarere Auskunft geben konnte, als ihm von Athos, dem gelehrteſten und unterhaltendſten von allen Führern, ertheilt wor⸗ den war. Noch ein anderes Andenken machte Raoul traurig; nach Louves gelangend, hatte er, hinter einem Vor⸗ hange von Pappelbäumen verloren, ein kleines Schloß erblickt, das ihn ſo ſtark an la Valliére erinnerte, daß er ſtille hielt, um es wenigſtens zehn Minuten anzu⸗ ſchauen, und ſodann ſeufzend ſeinen Weg fortſetzte, ohne nur Otivain zu antworten, der ihn nach der Ur⸗ ſache dieſer Aufmerkſamkeit fragte. Der Anblick der äußeren Gegenſtände iſt ein geheimnißvoller Conductor, welcher mit den Fibern des Gedächtniſſes in Verbin⸗ dung ſteht; iſt dieſer Faden einmal erregt, wie der der Ariadne, ſo führt er in ein Labyrinth von Gedanken, worin man ſich verirrt, wenn man dem Schatten der „Vergangenheit folgt, den man Erinnerung nennt. Der Anblick dieſes Schloſſes hatte Raoul fünfzig Meilen nach Weſten zu geworfen, und ihn in ſeinem Leben zurückgehen laſſen, von dem Augenblick, wo er von der kleinen Louiſe Abſchied nahm, bis zu dem, wo er ſie zum erſten Male geſehen hatte, und jedes Eichengebüſch, jede Wetterfahne auf einem Schieferdache erſchaut, erin⸗ nerte ihn daran, daß er, ſtatt zu den Freunden ſeiner Kindheit zurückzukehren, ſich immer mehr von denſel⸗ ben entfernte, und daß er ſie vielleicht für immer ver⸗ laſſen hatte. Das Herz aufgeſchwollen, den Kopf ſchwer, befahl er Olivain, die Pferde in eine kleine Herberge zu führen, die er an der Landſtraße, ungefähr in einer halben Büchſenſchußweite vorwärts von dem Orte erblickte, zu welchem man gelangt war. Er ſelbſt ſtieg ab, blieb Zwanzig Jahre nachher. II. 10 141 ge⸗ geleert und ſeine Paſtete gegeſſen; die Pferde waren keit erfriſcht; Raoul machte dem Wirth ein Zeichen, herbei⸗ enn zukommen, warf einen Thaler auf den Tiſch, ſtieg wie⸗ was der zu Roß und gab in Senlis den Brief auf die oſt. mei⸗ Die Ruhe, welche Pferde und Reiter genoſſen hat⸗ ehen ten, erlaubte ihnen, den Marſch ohne Aufenthalt fort⸗ cktet zuſetzen. In Verberie befahl Raoul HOlivain, ſich nach an, dem jungen Edelmann zu erkundigen, der ihm voraus Ihr reiſte. Man hatte ihn vor drei Viertelſtunden durch⸗ der kommen ſehen; aber er war gut beritten, wie der Wirth bei geſagt hatte, und marſchirte in raſchem Zuge. Men.„Wir wollen dieſen Edelmann einzuholen ſuchen,“ ich ſprach Ravul zu Olivain;„er geht, wie wir, zum Heere, und wird eine angenehme Geſellſchaft für uns ſein.“ venn Es war vier Uhr Nachmittags, als Raoul nach zorte Compiegne gelangte; er ſpeiſte mit gutem Appetit zu isre, Mittag und erkundigte ſich abermals nach dem jungen un⸗ Edelmann, der ihm vorausritt; er hatte, wie Raoul, nnte. im Gaſthofe zur Glocke und Flaſche angehalten, wel⸗ wie cher der beſte in Compiegne war, und ſodann ſeine zuge⸗ Reiſe mit der Bemerkung fortgeſetzt, er wolle in Noyon Ich über Nacht bleiben. und„Bleiben wir auch in Noyon,“ ſprach Raoul. Ihr„Gnädiger Herr,“ erwiederte ehrfurchtsvoll Oli⸗ eſen⸗ vain,„erlaubt mir zu bemerken, wir haben dieſen inken Morgen unſere Pferde bereits ſehr angeſtrengt. Es Euch wäre, glaube ich, gut, hier zu übernachten und morgen ch zu frühzeitig weiter zu reiſen. Achtzehn Meilen genügen für eine erſte Etappe.“ „Der Herr Graf de la Fére wünſcht, daß ich mich avul beeile,“ antwortete Ravul,„und ich ſoll am Morgen Pirth des vierten Tages den Herrn Prinzen eingeholt haben. ieſes Reiten wir noch bis Noyon, das iſt dann eine Etappe thos, der ähnlich, welche wir bei unſerer Reiſe von Blois nach Paris gemacht haben. Wir kommen um acht Uhr laſche an; die Pferde haben die ganze Nacht, um auszu⸗ unter einer ſchönen Gruppe von blühenden Kaſtanien⸗ bäumen, um welche zahlloſe Bienen ſummten, und beauftragte Olivain, ihm durch den Wirth Briefpapier und Dinte auf einen Tiſch bringen zu laſſen, der wie zum Schreiben aufgeſtellt zu ſein ſchien. Olivain gehorchte und ſetzte ſeinen Weg fort, wäh⸗ rend Raoul die Ellbogen auf den Tiſch geſtützt da ſaß, mit den Blicken hinausſchweifend uͤber dieſe ſchöne, ganz mit grünen Feldern und Baumgruppen durchſtreute Landſchaft, indeß von Zeit zu Zeit Blüthen wie Schnee⸗ flocken auf ſein Haupt herabfielen. Raoul verweilte hier ungefähr ſeit zehn Minuten und war etwa fünf in ſeine Träumereien verſunken, als er in dem Kreiſe, welchen ſeine zerſtreuten Blicke umfaßten, eine röthliche Figur ſich bewegen ſah, die, eine Serviette unter dem Arm, eine weiße Mütze auf dem Kopfe, ſich mit Papier, Dinte und Feder ihm näherte. „Ahl ah!“ ſprach die Erſcheinung,„man ſieht, alle Edelleute haben dieſelben Gedanken, denn vor kaum einer Viertelſtunde hat ein junger Seigneur, gut be⸗ ritten, wie Ihr, von vornehmen Ausſehen, wie Ihr, und ungefähr von Euerem Alter, vor dieſer Baum⸗ gruppe Halt gemacht; er befahl dieſen Tiſch und die⸗ ſen Stuhl zu bringen, ſpeiſte hier mit einem alten Herrn, der ſein Hofmeiſter zu ſein ſchien, eine Paſtete, von der ſie kein Stückchen übrig ließen, und trank mit ſeinem Begleiter eine Flaſche alten Macon⸗Wein, von der nicht ein Tropfen übrig blieb; zum Glücke haben wir noch von demſelben Wein und ähnliche Paſteten, und wenn der gnädige Herr befehlen wollte...“ „Nein, mein Freund,“ antwortete Raoul lächelnd, „ich danke Euch, ich bedarf für jetzt nur der Dinge, die ich habe verlangen laſſen; freilich würde es mir ſehr lieb ſein, wenn die Dinte ſchwarz, und die Feder gut wäre; in dieſem Falle würde ich für die Feder den Preis der Flaſche, und für die Dinte den Preis der Paſtete bezahlen.“ 142 ruhen, und morgen früh um fünf Uhr ſetzen wir uns wieder in Marſch.“ Olivain wagte es nicht, ſich dieſem Entſchluſſe zu widerſetzen, aber er folgte murrend. „Geht, geht,“ ſprach er durch die Zähne;„werft Euer Feuer am erſten Tage weg. Morgen macht Ihr ſtatt eines Marſches von zwanzig Meilen einen von zehn, übermorgen einen von fünf und in drei Tagen liegt Ihr im Bette. Ah! Ihr hättet ſehr der Ruhe nöthig; alle dieſe jungen Leute ſind Prahler.“ Man ſieht, daß Olivain in der Schule der Plan⸗ chet und Grimaud erzogen worden war. Ravul fühlte ſich wirklich müde; aber er wünſchte ſeine Kräfte zu verſuchen, und, genährt von den Grund⸗ ſätzen von Athos, ſeſt überzeugt, daß er ihn tauſend⸗ mal von Etappen von fünf und zwanzig Stunden hatte ſprechen hören, wollte er nicht unter ſeinem Muſter⸗ bilde bleiben. DArtagnan, dieſer Mann von Eiſen, welcher ganz von Nerven und Muskeln gebaut zu ſein ſchien, hatte ſeine Bewunderung hervorgerufen. Er ritt alſo immer fort, wobei er von Zeit zu Zeit den Gang ſeines Pferdes, trotz der Bemerkungen don Olivain, zu beſchleunigen ſuchte und einer reizen⸗ den ſchmalen Straße folgte, welcher zu einer Fähre führte und den Weg um eine Meile abkürzte, wie man ihn verſichert hatte, als er, den Gipfel eines Hügels erreichend, den Fluß vor ſich erblickte. Eine kleine Truppe von Männern zu Pferde hielt am Ufer, bereit, ſich einzuſchiffen. Ravul zweifelte nicht, es wäre der Evelmann und ſein Geleite. Er rief, war aber noch zu weit entfernt, um gehört zu werden. Raoul ſetzte ſein Pferd, ſo müde es auch war, in Galopp, doch eine wellenförmige Erhöhung des Bodens entzog ihm bald den Anblick der Reiſenden, und als er auf eine neue Anhöhe gelangte, hatte die Fähre das Ufer ver⸗ und ſchwamm nach dem entgegengeſetzten Ge⸗ ape⸗ ₰ 139 „Ganz wohl, gnädiger Herr,“ ſprach der Wirth⸗ „dann will ich die Paſtete und die Flaſche Euerem Bedienten geben; Ihr bekommt auf dieſe Art die Feder und die Dinte in den Kauf.“ „Macht es, wie Ihr wollt,“ erwiederte Raoul, der ſeine Lehre bei dieſer ganz beſondern Klaſſe der Geſellſchaft begann, welche, als es auf den Landſtraßen noch Räaͤuber gab, mit dieſen aſſocirt war, und ſeitdem es keine mehr gibt, dieſelben auf eine vortheilhafte Weiſe erſetzt hat. Ueber ſeine Einnahme beruhigt, legte der Wirth Papier, Dintenfaß und Feder auf den Tiſch. Zufälliger Weiſe war die Feder ziemlich gut und Raoul ſchickte ſich an, zu ſchreiben. Der Wirth blieb vor ihm ſtehen und betrachtete mit einer Art von unwillkürlicher Bewunderung dieſes reizende, ſo ſanfte und zugleich ſo ernſte Antlitz. Die Schönheit iſt ſtets eine Königin geweſen und wird immer eine ſein.. „Das iſt kein Gaſt, wie der von vorhin,“ ſagte der Wirth zu Olivain, welcher wieder zu Raoul zu⸗ rückgekehrt war, um zu ſehen, ob er nichts bedürfe, „und Euer junger Herr hat keinen Appetit.“ „Der Herr hatte noch vor drei Tagen, aber ſeit vorgeſtern hat er ihn verloren.“ Und Olivain und der Wirth wandelten nach der Herberge zurück, wobei Olivain, nach Art der über ihre Lage glücklichen Bedienten, dem Herbergvater Alles erzählte, was er in Beziehung auf den jungen Edelmann ſagen zu können glaubte. Mittlerweile ſchrieb Raoul: „Mein Herr! „Nach einem Marſche von vier Stunden halte ich an, um Euch zu ſchreiben, denn Ihr fehlt mir jeden Augenblick, und ich bin immer im Begriff, den Kopf um⸗ zudrehen, wie um zu antworten, wenn Ihr mit mir ſprachet. Ich war ſo betäubt von Euerem Abgang und wurde über unſere Trennung dergeſtalt von Kummer 143 uns Als Ravul ſah, daß er nicht zeitig genug hinab⸗ gelangen konnte, um mit den Reiſenden über den Fluß zu zu ſetzen, hielt er an und wartete auf Olivain. In dieſem Augenblick hörte man einen Schrei, erft welcher vom Fluſſe zu kommen ſchien. Ravul wandte Ihr ſich auf die Seite, von wo der Schrei erſcholl, hielt von die Hand über ſeine Augen, welche die untergehende gen Sonne blendete, und rief: tuhe„Olivain, was ſeh' ich da unten!“ Ein zweiter, noch durchdringenderer Schrei er⸗ lan⸗ ſcholl unten. „Ci, gnädiger Herr,“ ſagte Hlivain,„das Seil ſchte der Fähre iſt gebrochen und das Schiff fällt ab. Aber und⸗ was ſeh' ich im Waſſer? Es kämpft!“ end⸗„Allerdings!“ rief Raoul, ſeine Blicke auf einen atte Punkt im Fluſſe heftend, welchen die Sonnenſtrahlen ſter⸗ glänzend beleuchteten,„ein Pferd, ein Reiter!“ iſen,„Sie ſinken!“ rief Olivain. ſein Es war ſo, und Raoul hatte die Gewißheit er⸗ langt, daß ein Unfall geſchehen war und daß ein it zu Menſch mit den Wellen kämpfe. Er ließ ſeinem Pferde ngen die Zügel ſchießen, drückte ihm die Sporen in den Leib, izen⸗ und das Thier ſprang, vom Schmerze geſtachelt, über ähre eine Art von Geländer, welches den Landungsplatz man umgab, und fiel in den Fluß, wobei Schaumwogen in igels die Ferne ſpritzten. leine„Ah, gnädiger Herr!“ rief Olivain,„was macht ereit, Ihr? Mein Gott und Vater!“ e der Ravul lenkte ſein Pferd nach dem Unglücklichen, noch der in Gefahr ſchwebte. Es war dies übrigens ein ſetzte ihm bekanntes Manöver. An den Ufern der Lvire doch geboren, war er gleichſam in ihren Wellen gewiegt ihm worden; hundertmal hatte er ſie zu Pferde, tauſend⸗ eine mal ſchwimmend durchzogen. Die Zeit vorherſehend, ver⸗ wo er aus dem Vicomte einen Soldaten machen würde, Ge⸗ hatte Athos ihn an alle dieſe Unternehmungen ge⸗ wöhnt.. 140 ergriffen, daß ich Euch nur ſchwach Alles das ausge⸗ drückt habe, was ich an Zärtlichkeit und Dankbarkeit für Euch fühle. Ihr werdet mich entſchuldigen, denn Euer Herz iſt ſo edel, daß Ihr Alles begreift, was in dem meinigen vorging. Schreibt mir doch, ich bitte Euch, denn Euere Rathſchläge bilden einen Theil mei⸗ nes Daſeins; und dann, wenn ich es Euch geſtehen darf, bin ich unruhig: es kam mir vor, als ſchicktet Ihr Euch ſelbſt zu einer gefahrvollen Unternehmung an, über welche ich Euch nicht zu befragen wagte, weil Ihr mir nichts davon ſagtet. Ihr ſeht, ich bedarf ſehr der Kunde von Euch. Seitdem ich Euch nicht mehr bei mir habe, befürchte ich jeden Augenblick zu fehlen. Ihr unterſtütztet mich mächtig, Herr, und heute, ich ſchwöre es Euch, fühle ich mich ſehr allein. „Wolltet Ihr wohl die Gefälligkeit haben, wenn Ihr Nachricht von Blois bekommt, mir einige Worte von meiner kleinen Freundin, Fräulein de la Vallieère, zu ſchreiben, deren Geſundheit, wie Ihr wißt, bei un⸗ ſerer Abreiſe zu einiger Beſorgniß Anlaß geben konnte. Ihr begreift, mein Herr und theuerer Beſchützer, wie die Erinnerungen aus der Zeit, die ich bei Euch zuge⸗ bracht habe, mir ſo koſtbar und weſentlich ſind. Ich hoffe, Ihr werdet auch zuweilen an mich denken, und wenn ich Euch zu gewiſſen Stunden fehle, wenn Ihr etwas wie einen kleinen Kummer über meine Abweſen⸗ heit fühlt, ſo wird mich Freude bei dem Gedanken erfüllen, daß Ihr meine Liebe und Ergebenheit für Euch empfunden habt, und daß ich ſie Euch begreiflich zu machen verſtand, während ich das Glück genoß, in Euerer Nähe zu leben.“ Als dieſer Brief vollendet war, fühlte ſich Raoul ruhiger. Er ſchaute umher, ob Olivain und der Wirth ihn nicht betrachteten, drückte einen Kuß auf dieſes Papier, eine ſtumme, rührende Liebkoſung, welche Athos, den Brief öffnend, zu errathen fähig war. Während dieſer Zeit hatte Olivain ſeine Flaſche 144 „O mein Gott!“ fuhr Olivain ganz in Verzweif⸗ lung fort, was würde der Herr Graf ſagen, wenn er Euch erblickte!“ „Der Herr Graf hätte es gemacht, wie ich,“ ant⸗ wortete Ravul, ſein Pferd kräſtig antreibend. „Aber ich, aber ich!“ rief Slivain, der ſich ganz bleich am Ufer hin und hertrieb,„wie ſoll ich hinüber⸗ kommen?“ „Spring, Haſenherz!“ rief Raoul, beſtändig ſchwimmend. Dann ſich an den Reiſenden wendend, der ſich zwanzig Schritte vor ihm abarbeitete, ſprach er: „Muth, mein Herr, Muth, man kommt Euch zu Hülfe!“ Olivain ritt vor und wich wieder zurück, ließ ſein Pferd ſich bäumen und ſich winden und ſtürzte endlich, von der Scham im Herzen ergriffen, wie Ravul in den Fluß, wobei er aber wiederholte:„Ich bin todt! wir ſind verloren!“ Die Fähre lief indeſſen raſch, von der Strömung erfaßt, den Fluß hinab, und man hörte diejenigen, welche ſie forttrug, laut um Hülfe rufen. Ein Mann mit grauen Haaren war von der Fähre in den Fluß geſprungen und ſchwamm kräftig gegen die Perſon, welche dem Ertrinken nahe war. Aber er rückte nur langſam vorwärts, denn er mußte gegen den Strom ſchwimmen. Ravul ſetzte ſeinen Weg fort, und kam ſichtbar weiter; aber das Pferd und der Reiter, die er nicht aus dem Blicke verlor, ſanken offenbar immer mehr unter. Das Pferd hatte nur noch die Nüſtern über dem Waſſer und der Reiter, welcher bei der Anſtren⸗ gung gegen die Wellen die Zügel los ließ, ſtreckte die Arme aus und hielt ſeinen Kopf vorwärts. Noch eine Minute und Alles verſchwand. „Muth!“ rief Ravul,„Muth!“ 4 141 geleert und ſeine Paſtete gegeſſen; die Pferde waren erfriſcht; Raoul machte dem Wirth ein Zeichen, herbei⸗ zukommen, warf einen Thaler auf den Tiſch, ſtieg wie⸗ der zu Roß und gab in Senlis den Brief auf die b 1 Die Ruhe, welche Pferde und Reiter genoſſen hat⸗ ten, erlaubte ihnen, den Marſch ohne Aufenthalt fort⸗ zuſetzen. In Verberie befahl Raoul Olivain, ſich nach dem jungen Edelmann zu erkundigen, der ihm voraus reiſte. Man hatte ihn vor drei Viertelſtunden durch⸗ kommen ſehen; aber er war gut beritten, wie der Wirth geſagt hatte, und marſchirte in raſchem Zuge. 3„Wir wollen dieſen Edelmann einzuholen ſuchen,“ ſprach Raoul zu Olivain;„er geht, wie wir, zum Heere, und wird eine angenehme Geſellſchaft für uns ſein.“ Es war vier Uhr Nachmittags, als Raoul nach Compiègne gelangte; er ſpeiſte mit gatem Appetit zu Mittag und erkundigte ſich abermals nach dem jungen Edelmann, der ihm vorausritt; er hatte, wie Raoul, im Gaſthofe zur Glocke und Flaſche angehalten, wel⸗ cher der beſte in Compiègne war, und ſodann ſeine Reiſe mit der Bemerkung fortgeſetzt, er wolle in Noyon über Nacht bleiben. „Bleiben wir auch in Noyon,“ ſprach Raoul. „Gnädiger Herr,“ erwiederte ehrfurchtsvoll Oli⸗ vain,„erlaubt mir zu bemerken, wir haben dieſen Morgen unſere Pferde bereits ſehr angeſtrengt. Es wäre, glaube ich, gut, hier zu übernachten und morgen frühzeitig weiter zu reiſen. Achtzehn Meilen genügen für eine erſte Etappe.“ „Der Herr Graf de la Fore wünſcht, daß ich mich beeile,“ antwortete Raoul,„und ich ſoll am Morgen des vierten Tages den Herrn Prinzen eingeholt haben. Reiten wir noch bis Noyon, das iſt dann eine Etappe der ähnlich, welche wir bei unſerer Reiſe von Blois nach Paris gemacht haben. Wir kommen um acht Uhr an; die Pferde haben die ganze Nacht, um auszu⸗ 14⁵ Das Waſſer lief über den Kopf des Ertrinkenden und erſtickte ſeine Stimme im Munde. Ravul warf ſich von ſeinem Pferde, dem er die Sorge für ſeine Selbſterhaltung überließ, und in drei bis vier Stößen war er bei dem Edelmann. Er er⸗ griff ſogleich das Pferd bei der Kinnkette und hob ihm den Kopf über das Waſſer; das Thier athmete nun freier und verdoppelte ſeine Anſtrengungen, als ob es begriffen hätte, man käme ihm zu Hülfe. Raoul faßte zu gleicher Zeit eine von den Händen des jungen Man⸗ nes und führte ſie an die Mähne, an welcher ſie ſich mit der Feſtigkeit des Ertrinkenden anklammerte. Ueber⸗ zeugt, daß der Reiter nicht mehr loslaſſen würde, be⸗ ſchaͤftigte ſich Raoul nur noch mit dem Pferde, das er nach dem entgegengeſetzten Ufer lenkte, wobei er es im Durchſchneiden des Waſſers unterſtützte und mit der Zunge ermuthigte. Bald ſtieß das Thier auf einen feſten Grund und faßte Fuß auf dem Sande. „Gerettet!“ rief der Mann mit den grauen Haa⸗ ren, welcher nun ebenfalls Fuß faßte. „Gerettet!“ murmelte maſchinenmäßig der Edel⸗ mann, ließ die Mähne los und glitt über den Sattel herab in die Arme von Raoul. Raoul war nur zehn Schritte vom ufer entfernt. Er trug den ohnmächtigen Jüngling dahin, legte ihn auf das Gras, riß die Schnüre ſeines Kragens auf und löſte die Spangen ſeines Wamnſes. Eine Minute nachher war der Mann mit den grauen Haaren bei ihm. Hlivain hatte ebenfalls nach vielen Bekreuzungen das Ufer erreicht, und die Leute von der Fähre lenkten dieſe, ſo gut ſie konnten, mit Hülfe einer Stange, — ſich zufällig in dem Schiffe befand, nach dem ande. Allmählig kehrte durch die Bemühungen von Raoul und dem Manne, welcher den jungen Cavalier begleitete, 142 ruhen, und morgen früh um fünf Uhr ſetzen wir uns wieder in Marſch.“ Dilivain wagte es nicht, ſich dieſem Entſchluſſe zu widerſetzen, aber er folgte murrend. „Geht, geht,“ ſprach er durch die Zähne;„werft Euer Feuer am erſten Tage weg. Morgen macht Ihr ſtatt eines Marſches von zwanzig Meilen einen von zehn, übermorgen einen von fünf und in drei Tagen liegt Ihr im Bette. Ah! Ihr hättet ſehr der Ruhe nölhig; alle dieſe jungen Leute ſind Prahler.“ Man ſieht, daß Olivain in der Schule der Plan⸗ chet und Grimand erzogen worden war. Raoul fühlte ſich wirklich müde; aber er wünſchte ſeine Kräfte zu verſuchen, und, genährt von den Grund⸗ ſätzen von Athos, feſt überzeugt, daß er ihn tauſend⸗ mal von Etappen von fünf und zwanzig Stunden hatte ſprechen hören, wollte er nicht unter ſeinem Muſter⸗ bilde bleiben. D'Artagnan, dieſer Mann von Eiſen, welcher ganz von Nerven und Muskeln gebaut zu ſein ſchien, hatte ſeine Bewunderung hervorgerufen. Er ritt alſo immer fort, wobei er von Zeit zu Zeit den Gang ſeines Pferdes, trotz der Bemerkungen von Olivain, zu beſchleunigen ſuchte und einer reizen⸗ den ſchmalen Straße folgte, welcher zu einer Fähre führte und den Weg um eine Meile abkürzte, wie man ihn verſichert hatte, als er, den Gipfel eines Hügels erreichend, den Fluß vor ſich erblickte. Eine kleine Truppe von Männern zu Pferde hielt am Ufer, bereit, ſich einzuſchiffen. Raoul zweifelte nicht, es wäre der Edelmann und ſein Geleite. Er rief, war aber noch 3 zu weit entfernt, um gehört zu werden. Raoul ſetzte ſein Pferd, ſo müde es auch war, in Galopp, doch eine wellenförmige Erhöhung des Bodens entzog ihm bald den Anblick der Reiſenden, und als er auf eine neue Anhöhe gelangte, hatte die Fähre das Ufer ver⸗ tußen und ſchwamm nach dem entgegengeſetzten Ge⸗ ade. 146 das Leben auf die bleichen Wangen des Sterbenden zurück, welcher nun die Augen wieder öffnete, ganz verwirrt umherſchaute, dann aber bald ſeine Blicke auf denjenigen heftete, welcher ihn gerettet hatte. Ah, mein Herr!“ rief er,„Euch ſuchte ich: ohne Euch wäre ich todt, dreimal todt!“ „Aber man erwacht wieder, wie Ihr ſeht, mein Herr,“ antwortete Ravul,„und wir ſind mit einem Bade davon gekommen.“ „Welchen Dank ſind wir Euch ſchuldig!“ rief der Mann mit dem grauen Haare. „Ihr ſeid hier, mein guter dArminges! ich habe Euch ſehr bange gemacht, nicht wahr? Aber das iſt Euer Fehler: Ihr waret mein Lehrer, warum habt Ihr mich nicht beſſer ſchwimmen gelehrt?“ „Ah, Herr Graf,“ ſprach der Greis,„wenn Euch Unheil widerfahren wäre, ich hätte es nie wieder gewagt, mich vor dem Herrn Marſchall zu zeigen!“ „Aber wie hat ſich denn dieſe Sache ereignet?“ fragte Raoul. „Mein Herr, auf die einfachſte Weiſe,“ antwor⸗ tete derjenige, welchem man den Grafentitel gegeben hatte.„Wir hatten ungefähr den dritten Theil des Fluſſes erreicht, als das Seil der Fähre zerriß. Bei dem Geſchrei und den Bewegungen der Ruderer ſcheute mein Pferd und ſprang in den Fluß. Ich ſchwimme ſchlecht und wagte es nicht, mich in das Waſſer zu werfen. Statt die Bewegungen meines Roſſes zu un⸗ terſtützen, lähmte ich ſie und war nahe daran, auf das Allerſchönſte zu ertrinken, als Ihr gerade zur rechten Zeit kamet, um mich aus dem Fluſſe zu ziehen. Wenn Ihr wollt, mein Herr, ſo gehören wir uns von nun an auf Leben und Tod.“ „Mein Herr,“ ſprach Ravul, ſich verbeugend,„ich bin, das verſichere ich Euch, ganz und gar Euer Diener.“ „Ich heiße Graf von Guiche,“ fuhr der Reiter 143 Als Raoul ſah, daß er nicht zeitig genug hinab⸗ gelangen konnte, um mit den Reiſenden über den Fluß zu ſetzen, hielt er an und wartete auf Olivain. In dieſem Augenblick hörte man einen Schrei, welcher vom Fluſſe zu kommen ſchien. Raoul wandte ſich auf die Seite, von wo der Schrei erſcholl, hielt die Hand über ſeine Augen, welche die untergehende Sonne blendete, und rief: „Olivain, was ſeh' ich da unten!“ Ein zweiter, noch durchdringenderer Schrei er⸗ ſcholl unten.. „Ei, gnädiger Herr,“ ſagte Olivain,„das Seil der Fähre iſt gebrochen und das Schiff fällt ab. Aber was ſeh' ich im Waſſer? Es kämpft!“ „Allerdings!“ rief Raoul, ſeine Blicke auf einen Punkt im Fluſſe heftend, welchen die Sonnenſtrahlen glänzend beleuchteten,„ein Pferd, ein Reiter!“ „Sie ſinken!“ rief Olivain. Es war ſo, und Raoul hatte die Gewißheit er⸗ langt, daß ein Unfall geſchehen war und daß ein Menſch mit den Wellen kaͤmpfe. Er ließ ſeinem Pferde die Zügel ſchießen, drückte ihm die Sporen in den Leib, und das Thier ſprang, vom Schmerze geſtachelt, über eine Art von Geländer, welches den Landungsplatz umgab, und ſiel in den Fluß, wohei Schaumwogen in die Ferne ſpritzten. „Ah, gnädiger Herr!“ rief Olivain,„was macht Ihr? Mein Gott und Vater!“ 3 Raoul lenkte ſein Pferd nach dem Unglücklichen, der in Gefahr ſchwebte. Es war dies übrigens ein ihm bekanntes Manöver. An den Ufern der Loire geboren, war er gleichſam in ihren Wellen gewiegt worden; hundertmal hatte er ſie zu Pferde, tauſend⸗ mal ſchwimmend durchzogen. Die Zeit vorherſehend, wo er aus dem Vicomte einen Soldaten machen würde, baute Athos ihn an alle dieſe Unternehmungen ge⸗ woͤhnt.. 4 en 3— ke in m bt nun der 24 or⸗ en des ei ute me un⸗ as ten enn lun 147 fort.„Mein Vater iſt Marſchall von Grammont. Und nun, da Ihr wißt, wer ich bin, ſo werdet Ihr nir wohl die Ehre erzeigen, mir zu ſagen, wer Ihr eid.“ „Ich bin der Vicomte von Bragelonne,“ ſprach Raoul, erröthend, daß er ſeinen Vater nicht nennen konnte, wie es der Graf von Guiche gethan hatte. „Vicomte, Euer Antlitz, Eure Güte und Euer Muth ziehen mich zu Euch hin, Ihr habt bereits meine ganze Dankbvarkeit. Umarmen wir uns, ich bitte Euch um Eure Freundſchaft.“ „Mein Herr,“ erwiederte Raoul, dem Grafen ſeine Umarmung zurückgebend,„auch ich liebe Euch bereits mit meinem ganzen Herzen. Gebraucht mich, ich bitte Euch, wie einen ergebenen Freund.“ „Und nun, wohin geht Ihr?“ fragte von Guiche. „Zu dem Heere des Herrn Prinzen, Graf.“ „Ich ebenfalls,“ rief der junge Mann, im höchſten Maße erfreut.„Schön, ſchön, wir thun den erſten Piſtolenſchuß mit einander.“ „So iſt es gut; liebt Euch!“ ſprach der Hofmei⸗ ſter.„Beide noch jung, habt Ihr ohne Zweifel ein Geſtirn und mußtet Euch treffen.“ Die zwei jungen Leute lächelten mit dem Ver⸗ trauen der Jugend. „Nun aber,“ ſprach der Hofmeiſter,„müßt Ihr die Kleider wechſeln. Eure Lackeien, denen ich in dem Augenblick, wo ſie die Fähre verließen, Befehl gege⸗ ben habe, müſſen bereits im Gaſthofe angelangt ſein. Friſche Wäſche und Wein erwärmen. Kommt!“ Die jungen Leute hatten gegen dieſen Vorſchlag keine Einwendung zu machen; ſie fanden denſelben im Gegentheil vortrefflich, ſtiegen wieder zu Pferde und ſchauten ſich beide einander bewundernd an: es waren in der That zwei ſchmucke Reiter von ſchlankem, hohem Wuchſe, zwei edle Geſichter mit freier Stirne, ſanftem, ſtolzem Blicke, redlichem, feinem Lächeln. Von 1⁴⁴ „O mein Gott!“ fuhr Olivain ganz in Verzweif⸗ lung fort, was würde der Herr Graf ſagen, wenn er Euch erblickte!“ „Der Herr Graf hätte es gemacht, wie ich,“ ant⸗ wortete Raoul, ſein Pferd kräftig antreibend. „Aber ich, aber ich!“ rief Olivain, der ſich ganz bleich am Ufer hin und hertrieb,„wie ſoll ich hinüber⸗ kommen?“ „Spring, Haſenherz!“ rief Raoul, beſtändig ſchwimmend. Dann ſich an den Reiſenden wendend, der ſich zwanzig Schritte vor ihm abarbeitete, ſprach er: „Muth, mein Herr, Muth, man kommt Euch zu Hülfe!“ Olivain ritt vor und wich wieder zurück, ließ ſein Pferd ſich bäumen und ſich winden und ſtürzte endlich, von der Scham im Herzen ergriffen, wie Raoul in den Fluß, wobei er aber wiederholte:„Ich bin todt! wir ſind verloren!“ Die Fähre lief indeſſen raſch, von der Strömung erfaßt, den Fluß hinab, und man höͤrte diejenigen, welche ſie forttrug, laut um Hülfe rufen. Ein Mann mit grauen Haaren war von der Fähre in den Fluß geſprungen und ſchwamm kräftig gegen die Perſon, welche dem Ertrinken nahe war. Aber er rückte nur langſam vorwärts, denn er mußte gegen den Strom ſchwimmen. Raoul ſetzte ſeinen Weg fort, und kam ſichtbar weiter; aber das Pferd und der Reiter, die er nicht aus dem Blicke vertor, ſanken offenbar immer mehr unter. Das Pferd hatte nur noch die Nüſtern über dem Waſſer und der Reiter, welcher bei der Anſtren⸗ gung gegen die Wellen die Zügel los ließ, ſtreckte die Arme aus und hielt ſeinen Kopf vorwärts. Noch eine Minute und Alles verſchwand. „Muth!“ rief Raoul,„Muth!“ — 8—&—- Red —— 148 Guiche mochte ungefähr achtzehn Jahre alt ſein, aber pba kaum größer als Ravul, welcher erſt fünfzehn Zählte. Sie reichten ſich mit einer unwillkürlichen Bewe⸗ gung die Hand, ſpornten ihre Pferde und ritten neben einander von dem Fluſſe nach dem Gaſthofe. Der Eine fand dieſes Leben, welches er beinahe hätte verlaſſen müſſen, ſchön und lachend; der Andere dankte Gott, daß er bereits hinreichend gelebt hatte, um im Stande geweſen zu ſein, Etwas zu thun, wodurch er ſeinen Beſchützer erfreuen würde. Olivain war der Einzige, den dieſe ſchöne Hand⸗ lung ſeines Herrn nicht völlig befriedigte. Er drehte die Aermel und Schöſſe ſeines Kleides und dachte dabei, daß ein Halt in Compiogne ihn nicht allein vor dem Unfalle, welchem er nun entgangen war, ſondern auch vor Bruſtflüſſen und Rheumatismen geſchützt hätte, welche eine natürliche Folge ſeines Bades ſein müßten⸗ XI. Das Scharmützel. Der Aufenthalt in Noyon war kurz. Jeder ſchlief daſelbſt einen guten Schlaf. Ravul hatte Befehl ge⸗ geben, ihn zu wecken, wenn Grimaud ankäme; aber Grimaud kam nicht. Die Pferde wußten wohl ebenfalls die acht Stun⸗ den vollkommener Ruhe und die ausgezeichnete Streu zu ſchätzen, die ihnen vergönnt waren. Der Graf Guiche wurde um fünf Uhr von Raoul geweckt, der ihm einen guten Morgen wünſchte. Man frühſtückte eilig und hatte um ſechs Uhr bereits zwei Meilen zurückgelegt. —— ren, welcher nun ebenfalls Fuß faßte. 145 Das Waſſer lief über den Kopf des Ertrinkenden und erſtickte ſeine Stimme im Munde. Raoul warf ſich von ſeinem Pferde, dem er die Sorge für ſeine Selbſterhaltung überließ, und in drei bis vier Stößen war er bei dem Edelmann. Er er⸗ griff ſogleich das Pferd bei der Kinnkette und hob ihm den Kopf über das Waſſer; das Thier athmete nun freier und verdoppelte ſeine Anſtrengungen, als ob es begriffen hätte, man käme ihm zu Hülfe. Raoul faßte zu gleicher Zeit eine von den Händen des jungen Man⸗ nes und führte ſie an die Maͤhne, an welcher ſie ſich mit der Feſtigkeit des Ertrinkenden anklammerte. Ueber⸗ zeugt, daß der Reiter nicht mehr loslaſſen würde, be⸗ ſchaftigte ſich Raoul nur noch mit dem Pferde, das er nach dem entgegengeſetzten Ufer lenkte, wobei er es im Durchſchneiden des Waſſers unterſtützte und mit der Zunge ermuthigte.. Bald ſtieß das Thier auf einen feſten Grund und faßte Fuß auf dem Sande. „Gerettet!“ rief der Mann mit den grauen Haa⸗ „Gerettet!“ murmelte maſchinenmäßig der Edel⸗ mann, ließ die Mähne los und glitt über den Sattel herab in die Arme von Raounl. Raoul war nur zehn Schritte vom Uſer entfernt. Er trug den ohnmächtigen Jüngling dahin, legte ihn auf das Gras, riß die Schnüte ſeines Kragens auf und löſte die Spangen ſeines Wammſes. Eine Minute nachher war der Mann mit den grauen Haaren bei ihm. Ditivain hatte ebenfalls nach vielen Bekreuzungen das Ufer erreicht, und die Leute von der Fähre lenkten dieſe, ſo gut ſie konnten, mit Hulfe einer Stange, welche ſich zufällig in dem Schiffe befand, nach dem Lande. Allmählig kehrte durch die Bemühungen von Raoul und dem Manne, welcher den jungen Cavalier begleitete, 149 ber Die Unterhaltung des jungen Grafen war äußerſt hn anziehend für Ravul. Ravul hörte viel und der junge Graf erzählte fortwährend. Er war in Paris erzogen, we⸗ welches Ravul nur ein einziges Mal geſehen hatte, an ben p einem Hofe, den Ravul nie erblickt, und ſo bildeten ine ſeine Pagenſtreiche und zwei Duelle, die er bereits ſen trotz der Edicte und trotz ſeines Hofmeiſters gefunden ott, hatte, Dinge von dem höchſten Intereſſe für Raoul. nde Ravul war nur bei Herrn Searron geweſen; er nannte nen Guiche die Perſonen, die er dort geſehen hatte. Guiche fannte Jedermann: Frau von Neuillan, Fräulein d'Au⸗ nd⸗ bigns, Fräulein von Seudery, Fräulein Paulet, Frau hre von Chevreuſe. Er ſpottete über alle Welt mit Geiſt hte und Raoul dachte mit Zittern, er könnte auch über Frau vor von Chevreuſe ſpotten, für die er eine wahre und tiefe ern Sympathie hegte; aber mag es Inſtinkt, mag es Vor⸗ tte, liebe für die Herzogin von Chevreuſe geweſen ſein, er en. ſagte alles mögliche Gute von ihr. Die Freundſchaft von Ravul verdoppelte ſich durch dieſe Lobeserhebungen. Dann kam der Artikel der Galanterien und Lieb⸗ ſchaften. In dieſer Beziehung hatte Bragelonne auch mehr zu hören, als zu ſagen. Er hörte alſo und es kam ihm vor, als erblickte er durch zwei bis drei ziemlich durchſichtige Abenteuer, daß der Graf, wie er, im Grunde ſeines Herzens ein Geheimniß verbarg. Von Guiche war, wie geſagt, am Hofe erzogen worden und die Intriguen des ganzen Hofes waren lief ihm bekannt. Es war der Hof, von dem Raoul den Gra⸗ ge⸗ fen de la Fere hatte ſprechen hören; nur hatte der⸗ ber ſelbe ſeit der Zeit, wo ihn Athos ſelbſt geſehen, be⸗ deutend die Geſtalt verändert. Die ganze Erzählung un⸗ des Grafen von Guiche war daher neu für ſeinen Reiſe⸗ reu gefährten. Spöttiſch und witzig ließ der junge Graf che alle Welt die Revue paſſiren. Er erzählte von den nen ehemaligen Liebſchaften von Frau von Longueville mit tte Colignyh und dem Duelle des Letzteren auf der Place Royale, welches für ihn ein ſo unſeliges Ende nahm; 146 das Leben auf die bleichen Wangen des Sterbenden zurück, welcher nun die Augen wieder öffnete, ganz verwirrt umherſchaute, dann aber bald ſeine Blicke auf denjenigen heftete, welcher ihn gerettet hatte. Ah, mein Herr!“ rief er,„Euch ſuchte ich: ohne Euch wäre ich todt, dreimal todt!“ 4 „Aber man erwacht wieder, wie Ihr ſeht, mein Herr,“ antwortete Ravul,„und wir ſind mit einem Bade davon gekommen.“ 3 „Welchen Dank ſind wir Euch ſchuldig!“ rief der Mann mit dem grauen Haare. „Ihr ſeid hier, mein guter d'Arminges! ich habe Euch ſehr bange gemacht, nicht wahr? Aber das iſt Euer Fehler: Ihr waret mein Lehrer, warum habt Ihr mich nicht beſſer ſchwimmen gelehrt?“ „Ah, Herr Graf,“ ſprach der Greis,„wenn Euch Unheil widerfahren wäre, ich hätte es nie wieder gewagt, mich vor dem Herrn Marſchall zu zeigen!“ „Aber wie hat ſich denn dieſe Sache ereignet?“ fragte Raoul. „Mein Herr, auf die einfachſte Weiſe,“ antwor⸗ tete derjenige, welchem man den Grafentitel gegeben hatte.„Wir hatten ungefähr den dritten Theil des Fluſſes erreicht, als das Seil der Fähre zerriß. Bei dem Geſchrei und den Bewegungen der Ruderer ſcheute mein Pferd und ſprang in den Fluß. Ich ſchwimme ſchlecht und wagte es nicht, mich in das Waſſer zu werfen. Statt die Bewegungen meines Roſſes zu un⸗ terſtützen, lähmte ich ſie und war nahe daran, auf das Allerſchönſte zu ertrinken, als Ihr gerade zur rechten Zeit kamet, um mich aus dem Fluſſe zu ziehen. Wenn Ihr wollt, mein Herr, ſo gehören wir uns von nun an auf Leben und Tod.“. „Mein Herr,“ ſprach Raoul, ſich verbeugend,„ich bin, das verſichere ich Euch, ganz und gar Euer Diener.“ „Ich heiße Graf von Guiche,“ fuhr der Reiter 150 von den neuen Liebſchaften Frau von Longueville mit dem Prinzen von Marſillae, welcher ſo eiferſüchtig war, wie man ſagte, daß er alle Welt zu tödten trach⸗ tete, ſogar ſeinen Gewiſſensrath, den Abbé d'Herblay; von der Liebſchaft des Prinzen von Wales mit Ma⸗ demviſelle, die man ſpäter die große Mademoiſelle nannte und die ſeitdem durch ihre geheime Verheirathung mit Lauzun ſo berühmt geworden iſt; die Königin ſelbſt wurde nicht verſchont und Mazarin bekam auch ſeinen Theil von dem Spotte. Der Tag ging raſch wie eine Stunde vorüber, der Hofmeiſter des Graſen, ein Lebemann, ein Welt⸗ mann, ein Gelehrter bis unter die Zähne, wie ſein Zögling ſagte, erinnerte Ravul wiederholt an die tiefe Bildung und den geiſtreichen, beißenden Witz von Athos. Aber was die Anmuth, die Zartheit und den Adel der äuß ren Erſcheinung betrifft, ſo konnte in dieſer Be⸗ ziehung Niemand mit dem Grafen de la Fere verglichen werden. Mehr geſchont, als am Tage zuvor, hielten die Pferde gegen vier Uhr Abends in Arras an. Man näherte ſich dem Kriegsſchauplatze und beſchloß, bis am andern Tag in dieſer Stadt zu bleiben, da Abtheilungen von Spaniern zuweilen die Nacht benützten, um Streifzüge bis an die Gegend von Arras zu machen. Das franzöſiſche Heer hielt ſich von Pont⸗à⸗Mare bis Valenciennes. Man ſagte, der Prinz ſelbſt ſei in Bethune. Das feindliche Heer erſtreckte ſich von Caſſel bis Courtray. und da es keine Art von Plünderungen und Gewaltthaten gab, welche es nicht verübte, ſo ver⸗ ließen die armen Bewohner der Flecken ihre verein⸗ zelten Wohnungen und ſuchten Zuflucht in den befeſtig⸗ ten Städten, welche ihnen Schutz verhießen. Man ſprach von einer nahe bevorſtehenden Schlacht, welche entſcheidend werden ſollte, während der Herr Prinz nur in Erwartung von Verſtärkungen, die ihm 147 fort.„Mein Vater iſt Marſchall von Grammont. Und nun, da Ihr wißt, wer ich bin, ſo werdet Ihr wir wohl die Ehre erzeigen, mir zu ſagen, wer Ihr eid.“ 2* „Ich bin der Vicomte von Bragelonne,“ ſprach Raoul, erröthend, daß er ſeinen Vater nicht nennen konnte, wie es der Graf von Guiche gethan hatte. „Vicomte, Euer Antlitz, Eure Güte und Euer Muth ziehen mich zu Euch hin, Ihr habt bereits meine ganze Dankbarkeit. Umarmen wir uns, ich bitte Euch um Eure Freundſchaft.“„ „Mein Herr,“ eerwiederte Raoul, dem Grafen ſeine Umarmung zurückgebend,„auch ich liebe Euch bereits mit meinem ganzen Herzen. Gebraucht mich, ich bitte Euch, wie einen ergebenen Freund.“ „Und nun, wohin geht Ihr?“ fragte von Guiche. 4 „Zu dem Heere des Herrn Prinzen, Graf.“ „Ich ebenfalls,“ rief der junge Mann, im höchſten Maße erfreut.„Schön, ſchön, wir thun den erſten Piſtolenſchuß mit einander.“ „So iſt es gut; liebt Euch!“ ſprach der Hofmei⸗ ſter.„Beide noch jung, habt Ihr ohne Zweifel ein Geſtirn und mußtet Euch treffen.“ Die zwei jungen Leute lächelten mit dem Ver⸗ trauen der Jugend.. „Nun aber,“ ſprach der Hofmeiſter,„müßt Ihr die Kleider wechſeln. Eure Lackeien, denen ich in dem Augenblick, wo ſie die Fähre verließen, Befehl gege⸗ ben habe, müſſen bereits im Gaſthofe angelangt ſein. Friſche Wäſche und Wein erwärmen. Kommt!“ „Die jungen Leute hatten gegen dieſen Vorſchlag keine Einwendung zu machen; ſie fanden denſelben im Gegentheil vortrefflich, ſtiegen wieder zu Pferde und ſchauten ſich beide einander bewundernd an: es waren in der That zwei ſchmucke Reiter von ſchlankem, hohem Wuchſe, zwei edle Geſichter mit freier Stirne, ſanftem, ſtolzem Blicke, redlichem, feinem Lächeln. Von ille ig ch⸗ ay; Ra⸗ ſelle ung lbſt nen ber, elt⸗ ſein tiefe hos. der chen die erte dern von üge kare i in bis und ver⸗ ein⸗ ſtig⸗ acht, Herr ihm 151 zukommen ſollten, manövrirt hatte. Die jungen Leute freuten ſich, gerade zu rechter Zeit anzukommen. Sie ſpeiſten mit einander zu Nacht und ſchliefen in demſelben Zimmer. Sie waren in dem Alter raſcher Freundſchaften. Es kam ihnen vor, als kennten ſie ſich ſeit ihrer Geburt und als wäre es ihnen unmög⸗ lich, ſich je wieder zu verlaſſen. Der Abend wurde zu Geſprächen über den Krieg benützt; die Lackeien putzten die Waffen, die jungen Leute luden ihre Piſtolen für den Fall eines Schar⸗ mützels, und ſie erwachten in Verzweiflung, denn Beide hatten geträumt, ſie kämen zu ſpät, um an der Schlacht Theil zu nehmen. Am Morgen verbreitete ſich das Gerücht, der Prinz von Condé habe Bethune geräumt, um ſich nach Car⸗ vin zuruckzuziehen, jedoch nicht ohne eine Garniſon in erſterer Stadt zu laſſen. Da aber dieſe Nachricht nichts Beſtimmtes ausdrückte, ſo beſchloſſen die jungen Leute, ihren Weg nach Bethune fortzuſetzen, da es ihnen frei ſtünde, wenn ſie unterwegs beſtimmte Kunde erhielten, ſchräg abzureiten und nach Carvin zu marſchiren. Der Hofmeiſter des Grafen von Gyuiche kannte das Land vollkommen. Er ſchlug daher vor, einen Weg zu wählen, welcher die Mitte zwiſchen der Straße nach Lens und der nach Bethune hielt, wobei man in Albain Erkundigungen einziehen ſollte. Für Grimaud wurde eine Marſchroute zurückgelaſſen. Man brach um ſieben Uhr Morgens auf. Von Guiche, welcher jung und begeiſtert war, ſprach zu Raoul: „Wir ſind drei Herren und drei Knechte; unſere Knechte ſind gut bewaffnet und der Eurige ſcheint mir ein Starrkopf zu ſein.“ „Ich habe ihn nie bei der Arbeit geſehen,“ antwortete Ravul,„aber er iſt ein Bretagner und das verſpricht etwas.“ „Ja, ja,“ verſetzte von Guiche,„ich bin überzeugt, 148 Guiche mochte ungefähr achtzehn Jahre alt ſein, aber puer kaum größer als Raoul, welcher erſt fünfzehn zählte. Sie reichten ſich mit einer unwillkürlichen Bewe⸗ gung die Hand, ſpornten ihre Pferde und ritten neben einander von dem Fluſſe nach dem Gaſthofe. Der Eine fand dieſes Leben, welches er beinahe hätte verlaſſen muüſſen, ſchön und lachend; der Andere dankte Gott, daß er bereits hinreichend gelebt hatte, um im Stande geweſen zu ſein, Etwas zu thun, wodurch er ſeinen Beſchützer erfreuen würde. Olivain war der Einzige, den dieſe ſchöne Hand⸗ lung ſeines Herrn nicht völlig befriedigte. Er drehre die Aermel und Schöſſe ſeines Kleides und dachte dabei, daß ein Halt in Compiegne ihn nicht allein vor dem Unfalle, welchem er nun entgangen war, ſondern aauch vor Bruſtflüſſen und Rheumatismen geſchützt hätte, weͤlche eine natürliche Folge ſeines Bades ſein müßten. XII. Das Scharmützel. Der Aufenthalt in Noyon war kurz. Jeder ſchlief daſelbſt einen guten Schlaf. Raoul hatte Befehl ge⸗ geben, ihn zu wecken, wenn Grimaud ankäme; aber Grimaud kam nicht. 1 Die Pferde wußten wohl ebenfalls die acht Stun⸗ den vollkommener Ruhe und die ausgezeichnete Streu zu ſchätzen, die ihnen vergönnt waren. Der Graf Guiche wurde um fünf Uhr von Raoul geweckt, der ihm einen guten Morgen wünſchte. Man frühſtückte eilig und hatte um ſechs Uhr bereits zwei Meilen zurückgelegt. —„—„ 7 4 15² er würde bei Gelegenheit einen Musketenſchuß thun. Ich, was mich betrifft, habe zwei ſichere Männer, welche mit meinem Vater den Krieg machten. Wir bilden auf dieſe Art ſechs ſchlagfertige Männer. Wenn wir eine kleine Truppe von Parteigängern, der unſerigen an Anzahl gleich oder ſogar überlegen fänden, würden wir nicht angreifen, Ravul?“ „Holla! Ihr jungen Leute, holla!“ ſprach der Hof⸗ meiſter, ſich in das Geſpräch miſchend.„Wie raſch geht Ihr doch?— Gottes Blut! Und meine Inſtructionen, Herr Graf? Vergeßt Ihr, daß ich Befehl habe, Euch geſund und wohlbehalten zu dem Herrn Prinzen zu füh⸗ ren? Seid Ihr einmal bei dem Heere, ſo mögt Ihr Euch tödten laſſen, wenn es Euch Vergnügen macht. Aber bis dahin erkläre ich Euch, daß ich in meiner Eigenſchaft als Heerführer den Rückzug befehle und bei der erſten Feder, die ich erblicke, den Rücken wende.“ Von Guiche und Raoul blickten ſich lächelnd aus dem Augenwinkel an. Das Land wurde ziemlich be⸗ deckt und man traf von Zeit zu Zeit kleine Truppen von Bauern, welche, ihr Vieh vor ſich hertreibend und ihre koſtbarſten Gegenſtände in Karren führend oder auf den Armen tragend, ſich zurückzogen. Man kam ohne Unfall nach Albain. Hier erkun⸗ -—— digte man ſich und erfuhr, der Herr Prinz habe ſich wirklich von Vethune entfernt und halte ſich zwiſchen Cambrin und Venthie. Man ſchlug nun, beſtändig eine Anweiſung für Grimaud zurücklaſſend, einen Querweg ein, welcher in einer halben Stunde die kleine Truppe an das Ufer eines ſchmalen Baches führte, der ſich in die Lys ergießt. Das Land war reizend von ſmaragdgrünen Thä⸗ lern durchſchnitten. Von Zeit zu Zeit fand man kleine Gehölze, durch welche ſich der Pfad zog, dem die Reiter folgten. Bei jedem von dieſen Gehölzen ließ der Hof⸗ meiſter aus Furcht vor einem Hinterhalte zwei Lackeien des Grafen an die Spitze reiten, welche ſo die Vorhut bil den ver n. ſagte alles mögliche Gute von ihr. Die Freundſchaft 3 von Raoul verdoppelte ſich durch dieſe Lobeserhebungen. Dann kam der Artikel der Galanterien und Lieb⸗ 3 ſchaften. In dieſer Beziehung hatte Bragelonne auch mmehr zu horen, als zu ſagen. Er hörte alſo und es kam ihm vor, als erblickte er durch zwei bis drei iemlich durchſichtige Abenteuer, daß der Graf, wie er, im Grunde ſeines Herzens ein Geheimniß verbarg. Von Guiche war, wie geſagt, am Hofe erzogen worden und die Intriguen des ganzen Hofes waren ef. ihm bekannt. Es war der Hof, von dem Raoul den Gra⸗ e⸗ fen de la Fore hatte ſprechen hören; nur hatte der⸗ er ſelbe ſeit der Zeit, wo ihn Athos ſelbſt geſehen, be⸗ 3 deutend die Geſtalt verändert. Die ganze Erzählung d⸗ des Grafen von Guiche war daher neu für ſeinen Reiſe⸗ aun gefährten. Spöttiſch und witzig ließ der junge Graf he alle Welt die Revue paſſiren. Er erzählte von den en ehemaligen Liebſchaften von Frau von Longueville mit te Coligny und dem Duelle des Letzteren a der Place Royale, welches für ihn ein ſo unſeliges Ende nahm; 1⁴9 er Die Unterhaltung des jungen Grafen war äußerſt )n anziehend für Raoul. Raoul hörte viel und der junge Graf erzählte fortwährend. Er war in Paris erzogen, welches Raoul nur ein einziges Mal geſehen hatte, an en einem Hofe, den Raoul nie erblickt, und ſo bildeten e ſeine Pagenſtreiche und zwei Duelle, die er bereits :en trotz der Edicte und trotz ſeines Hofmeiſters gefunden t, hatte, Dinge von dem höchſten Intereſſe für Raoul. de Raoul war nur bei Herrn Scarron geweſen; er nannte n Guiche die Perſonen, die er dort geſehen hatte. Guiche kannte Jedermann: Frau von Neuillan, Fräulein d'Au⸗ ⸗ bigné, Fräulein von Scudery, Fräulein Paulet, Frau te von Chevreuſe. Er ſpottete über alle Welt mit Geiſt te und Raoul dachte mit Zittern, er könnte auch über Frau r von Chevreuſe ſpotten, für die er eine wahre und tiefe n Sympathie hegte; aber mag es Inſtinkt, mag es Vor⸗ e, liebe für die Herzogin von Chevreuſe geweſen ſein, er iner bei de.“ aus be⸗ pen und oder —½— kun⸗ ſchen eine rweg uppe h in Thä⸗ leine eiter Bof⸗ keien rhut 153 bildeten. Der Hofmeiſter ſelbſt und die jungen Leute ſtellten das Armeecops vor, und Olivain, den Cara⸗ biner auf dem Knie, das Auge auf der Lauer, bewachte den Rücken. Seit einiger Zeit erblickte man ein ziemlich dichtes Gehölze am Horizont. Bis auf hundert Schritte zu demſelben gelangt, traf Herr dArminges ſeine gewöhn⸗ lichen Vorſichtsmaßregeln und ſchickte die zwei Lackeien des Grafen voraus. Die Lackeien verſchwanden unter den Bäumen, die jungen Leute und der Hofmeiſter folgten lachend und plaudernd ungefähr auf hundert Schritte. Olivain hielt ſich in gleicher Entfernung hinter dieſen, als plötzlich fünf bis ſechs Musketenſchüſſe erſchollen. Der Hofmeiſter ſchrie Halt, die jungen Leute gehorchten und parirten ihre Pferde. In demſelben Augenblicke ſah man die zwei Lackeien im Galopp zurückkehren. ungeduldig, die Urſache dieſes Musketenfeuers zu erfahren, ritten die zwei jungen Leute den Lackeien entgegen. Der Hofmeiſter folgte ihnen. „Seid Ihr angehalten worden?“ fragten lebhaft die jungen Leute. „Nein,“ antworteten die Lackeien;„wir ſind ſo⸗ ar wahrſcheinlich nicht geſehen worden. Die Flinten⸗ ſhnſſe erſchollen ungefähr hundert Schritte vor uns in dem dickſten Theile des Gehölzes, und wir ſind zurück⸗ gekommen, um Befehl einzuholen.“ „Meine Meinung,“ ſprach Herr d'Arminges,„und im Falle der Noth mein Wille iſt, daß wir uns zu⸗ rückziehen. Dieſes Gehölze kann einen Hinterhalt verbergen. „Habt Ihr denn nichts geſehen?“ fragte der Graf einen Lackeien. „Es kam mir vor,“ antwortete dieſer,„als er⸗ blickte ich gelb gekleidete Reiter, welche nach dem Bette des Baches eilten.“ Zwanzig Jahre nachher. 1l. 11 150 von den neuen Liebſchaften Frau von Longueville mit dem Prinzen von Marftllae, welcher ſo eiferſüchtig war, wie man ſagte, daß er alle Welt zu tödten trach⸗ tete, ſogar ſeinen Gewiſſensrath, den Abbé d'Herblay; von der Liebſchaft des Prinzen von Wales mit Ma⸗ demoiſelle, die man ſpäter die große Mademoiſelle nannte und die ſeitdem durch ihre geheime Verheirathung mit Lauzun ſo berühmt geworden iſt; die Königin ſelbſt wurde nicht verſchont und Mazarin bekam auch ſeinen Theil von dem Spotte. Der Tag ging raſch wie eine Stunde vorüber, der Hofmeiſter des Grafen, ein Lebemann, ein Welt⸗ mann, ein Gelehrter bis unter die Zähne, wie ſein Zögling ſagte, erinnerte Raoul wiederholt an die tiefe Bildung und den geiſtreichen, beißenden Witz von Athos. Aber was die Anmuth, die Zartheit und den Adel der äußeren Erſcheinung betrifft, ſo konnte in dieſer Be⸗ 3 ziehung Niemand mit dem Grafen de la Foͤre verglichen werden. Mehr geſchont, als am Tage zuvor, hielten die Pferde gegen vier Uhr Abends in Arras an. Man näherte ſich dem Kriegsſchauplatze und beſchloß, bis am andern Tag in dieſer Stadt zu bleiben, da Abtheilungen von Spaniern zuweilen die Nacht benützten, um Streifzüge bis an die Gegend von Arras zu machen. Das franzöſiſche Heer hielt ſich von Pont⸗à⸗Marc bis Valeneiennes. Man ſagte, der Prinz ſelbſt ſei in Bethune. Das feindliche Heer erſtreckte ſich von Caſſel bis Courtray, und da es keine Art von Plünderungen und Gewaltthaten gab, welche es nicht verübte, ſo ver⸗ ließen die armen Bewohner der Flecken ihre vereine⸗ zelten Wohnungen und ſuchten Zuflucht in den befeſtigg ten Städten, welche ihnen Schutz verhießen. Man ſprach von einer nahe bevorſtehenden Schlacht, welche entſcheidend werden ſollte, während der Herr Prinz nur in Erwartung von Verſtärkungen, die ihm ——,———,=— —— —— 2—— ———--o—.,————— 15⁴ „So iſt es,“ ſprach der Hofmeiſter,„wir ſind in eine Abtheilung von Spaniern gefallen. Zurück, meine Herren, zurück! Die jungen Leute berathſchlagten aus dem Augen⸗ winkel und in derſelben Secunde hörte man einen Piſtolenſchuß, worauf ein zwei⸗ oder dreimaliges Hülfe⸗ rufen erfolgte. Die zwei jungen Leute verſicherten ſich durch einen letzten Blick, daß jeder von ihnen geneigt war, nicht zurückzuweichen, und da der Hofmeiſter bereits ſein Pferd umgedreht hatte, ſo ritten ſie raſch vorwärts, Raoul rief:„Herbei, Olivain!“ der Graf von Guiche rief:„Herbei, Urbain und Blanchet!“— Und ehe ſich der Hoſmeiſter von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, waren ſie im Walde verſchwunden. Zu derſelben Zeit, wo ſie ihren Pferden die Spo⸗ gaben, nahmen die jungen Leute die Piſtole in die auſt. Fünf Minuten nachher waren ſie an der Stelle, von der der Lärm gekommen zu ſein ſchien. Dann ließen ſie ihre Pſerde langſam gehen und rückten vor⸗ ſichtig vor. Stille,“ ſagte von Guiche,„Reiter!“ ſind. „Was machen ſie? Seht Ihr?“ „Ja, es ſcheint mir, ſie durchſuchen einen Verwun⸗ deten oder Todten.“ „Das iſt eine feige Mordthat,“ ſprach von Guiche. „Es ſind jedoch Soldaten,“ verſetzte Bagelonne. „Wohl, aber Parteigänger, das heißt Straßen⸗ räuber.“ „Vorwärts!“ ſagte Raoul. „Marſch!“ ſprach von Guiche. Herren, in des Himmels Namen!..“ Aber die jungen Leute hörten nicht. Sie waren „Meine Herren!“ rief der arme Hofmeiſter,„meine — „Ja, drei zu Pferde und drei, welche abgeſtiegen - 2+2 SK8An 472A — N M A& 151 zukommen ſollten, manövrirt hatte. Die jungen Leute freuten ſich, gerade zu rechter Zeit anzukommen. Sie ſpeiſten mit einander zu Nacht und ſchliefen in demſelben Zimmer. Sie waren in dem Alter raſcher Freundſchaften. Es kam ihnen vor, als kennten ſie ſich ſeit ihrer Geburt und als wäre es ihnen unmög⸗ lich, ſich je wieder zu verlaſſen. 4 Der Abend wurde zu Geſprächen über den Krieg benützt; die Lackeien putzten die Waffen, die jungen Leute luden ihre Piſtolen für den Fall eines Schar⸗ mützels, und ſie erwachten in Verzweiflung, denn Beide hatten geträumt, ſie kämen zu ſpät, um an der Schlacht Theil zu nehmen. Am Morgen verbreitete ſich das Gerücht, der Prinz von Condé habe Bethune geräumt, um ſich nach Car⸗ vin zurückzuziehen, jedoch nicht ohne eine Garniſon in erſterer Stadt zu laſſen. Da aber dieſe Nachricht nichts Beſtimmtes ausdrückte, ſo beſchloſſen die jungen Leute, ihren Weg nach Bethune fortzuſetzen, da es ihnen frei ſtünde, wenn ſie unterwegs beſtimmte Kunde erhielten, ſchräg abzureiten und nach Carvin zu marſchiren. Der Hofmeiſter des Grafen von Guiche kannte das Land vollkommen. Er ſchlug daher vor, einen Weg zu wählen, welcher die Mitte zwiſchen der Straße nach Lens und der nach Bethune hielt, wobei man in Albain Erkundigungen einziehen ſollte. Fuͤr Grimaud wurde eine Marſchroute zurückgelaſſen. Man brach um ſieben Uhr Morgens auf. Von Guiche, welcher jung und begeiſtert war, ſprach zu Raoul: „Wir ſind drei Herren und drei Knechte; unſere Knechte ſind gut bewaffnet und der Eurige ſcheint mir ein Starrkopf zu ſein.“ „Ich habe ihn nie bei der Arbeit geſehen,“ antwortete Raoul,„aber er iſt ein Bretagner und das verſpricht etwas.“ „Ja, ja,“ verſetzte von Guiche,„ich bin überzeugt, 155 d in wetteifernd fortgeſprengt, uud das Geſchrei des Hof⸗ rück, meiſters hatte keinen andern Erfolg, als daß es die Spanier aufmerkſam machte. gen⸗ Die drei Parteigänger zu Pferde galoppirten ſo⸗ inen gleich den jungen Leuten enigegen, während die drei ülfe⸗ andern die zwei Reiſenden vollends plünderten, denn, der Grupve näher kommend, bemerkten die jungen inen Leute, daß ſtatt eines Körpers zwei ausgeſtreckt waren. nicht Auf zehn Schritte von den Spauiern ſchoß von ſein Guiche zuerſt und fehlte ſeinen Mann. Der Spanier, ärts, welcher Ravul entgegenritt, ſchoß ebenfalls, und Raoul uiche fuͤhlte am linken Arme einen Schmerz, einem Peitſchen⸗ hiebe ähnlich. Auf vier Schritte drückte Raoul ab unen und der Spanier ſtreckte, mitten in die Bruſt getroffen, die Arme aus und ſiel rücklings auf ſein Pferd, wel⸗ Spo⸗ ches ſich umwandte und ihn forttrug. ndie In dieſem Augenblick ſah Ravul durch eine Wolke einen Musketenlauf nach ſich richten. Er erinnerte ſich telle, des Rathes von Athos und ließ durch eine Bewegung, Hann raſch wie der Blitz, ſein Roß ſich bäumen; der Schuß vor⸗ ging los. Das Pferd machte einen Seitenſprung und ſtürzte, das Bein von Roul unter ſich druckend, nieder. iegen Der Spanier warf ſich, ſeine Muskete beim Laufe nehmend, um Ravul mit dem Kolben den Schädel ein⸗ zuſchlagen, vorwärts. wun⸗ Unglücklicher Weiſe konnte Roul in ſeiner Lage weder den Degen aus der Scheide noch die Piſtole aus uiche. dem Halfter ziehen. Er ſah den Kolben über ſeinem n Haupte ſchwingen und drückte unwillkürlich ſeine Au⸗ aßen⸗ gen zu, als Guiche mit einem Sprunge zu dem Spa⸗ ſ gelangte und dieſem die Piſtole an die Kehle etzte. „Ergebt Euch,“ ſagte er,„oder Ihr ſeid des meine Todes!“ Die Muskete entfiel den Händen des Soldaten waren und dieſer ergab ſich in demſelben axihl⸗ er würde bei Gelegenheit einen Musketenſchuß thun. Ich, was mich betrifft, habe zwei ſichere Männer, welche mit meinem Vater den Krieg machten. Wir bilden auf dieſe Art ſechs ſchlagfertige Männer. Wenn wir eine kleine Truppe von Parteigängern, der unſerigen an Anzahl gleich oder ſogar überlegen fänden, würden wir nicht angreifen, Raoul?“ „Holla! Ihr jungen Leute, holla!“ ſprach der Hof⸗ meiſter, ſich in das Geſpräch miſchend.„Wie raſch geht Ihr doch?— Gottes Blut! Und meine Inſtructionen, Herr Graf? Vergeßt Ihr, daß ich Befehl habe, Euch geſund und wohlbehalten zu dem Herrn Prinzen zu füh⸗ ren? Seid Ihr einmal bei dem Heere, ſo mögt Ihr Euch tödten laſſen, wenn es Euch Vergnügen macht. Aber bis dahin erkläre ich Euch, daß ich in meiner Eigenſchaft als Heerführer den Rückzug befehle und bei der erſten Feder, die ich erblicke, den Rücken wende.“ Von Guiche und Raoul blickten ſich lächelnd aus dem Augenwinkel an. Das Land wurde ziemlich be⸗ deckt und man traf von Zeit zu Zeit kleine Truppen von Bauern, welche, ihr Vieh vor ſich hertreibend und ihre koſtbarſten Gegenſtände in Karren führend oder auf den Armen tragend, ſich zurückzogen. Man kam ohne Unfall nach Albain. Hier erkun⸗ digte man ſich und erfuhr, der Herr Prinz habe ſich wirklich von Bethune entfernt und halte ſich zwiſchen Cambrin und Venthie. Man ſchlug nun, beſtändig eine Anweiſung für Grimaud zurücklaſſend, einen Querweg ein, welcher in einer halben Stunde die kleine Truppe an das Ufer eines ſchmalen Baches führte, der ſich in die Lys ergießt. Das Land war reizend von ſmaragdgrünen Thä⸗ lern durchſchnitten. Von Zeit zu Zeit fand man kleine folgten. Bei jedem von dieſen Gehölzen ließ der Hof⸗ meiſter aus Furcht vor einem Hinterhalte zwei Lackeien des Grafen an die Spitze reiten, welche ſo die Vorhut ——=ͤ ͤ— N ——,—,— 156 Guiche rief einen von ſeinen Lackeien, übergab ihm den Gefangenen zur Bewachung, mit dem Befehl, ihm den Hirnſchädel zu zerſchmettern, wenn er eine Vewegung zur Flucht machen würde, ſprang von ſei⸗ nem Pferde und näherte ſich Raoul. „Meiner Treue, Herr!“ ſagte Ravul lachend, ob⸗ gleich ſeine Bläſſe die unvermeidliche Aufregung einer erſten Affaire verrieth,„Ihr bezahlt Eure Schulden ſchnell und wolltet keine lange Verbindlichkeit gegen mich haben; ohne Euch„ fügte er, die Worte des Grafen wiederholend, bei,„wäre ich todt, dreimal todt!“ „Mein Feind ließ mir, die Flucht ergreifend, die Möglichkeit, Euch zu Hülfe zu kommen,“ antwortete von Guiche.„Aber ſeid Ihr ernſtlich verwundet? Ich ſehe Euch ganz voll Blut.“ „Ich glaube,“ erwiederte Raoul,„ich habe etwas wie eine Schramme am Arm. Helft mir, daß ich mich unter dem Pferde vorziehe, und ich hoffe, wir werden unſere Reiſe ſogleich wieder fortſetzen können.“ Herr d'Arminges und Olivain waren bereits ab⸗ geſtiegen und ſuchten das Pferd aufzuheben, welches ſich im Todeskampfe zerarbeitete. Es gelang Raoul, ſeinen Fuß aus dem Steigbügel und ſein Bein unter dem Pferde hervorzuziehen, und in einem Augenblick ſtand er aufrecht. „Nichts gebrochen?“ fragte Guiche. „Meiner Treue, dem Himmel ſei Dank, nichts,“ antwortete Ravul. „Aber was iſt aus den unglücklichen geworden, welche die Elenden tödteten?“ „Wir ſind zu ſpät gekommen, ſie haben die Armen, wie ich glaube umgebracht und, ihre Beute mit ſich ſchleppend, die Flucht ergriffen; meine zwei Lackeien ſind bei den Leichnamen.“ „Wir wollen ſehen, ob ſie völlig todt ſind oder ob man ihnen nicht vielleicht Hülfe leiſten kann,“ ſprach Ravul.„Olivain, wir haben zwei Pferde geerbt, aber bei la a 153 bildeten. Der Hofmeiſter ſelbſt und die jungen Leute ſtellten das Armeecops vor, und Olivain, den Cara⸗ biner auf dem Knie, das Auge auf der Lauer, bewachte den Rücken. Seit einiger Zeit erblickte man ein ziemlich dichtes Gehölze am Horizont. Bis auf hundert Schritte zu demſelben gelangt, traf Herr d'Arminges ſeine gewöhn⸗ lichen Vorſichtsmaßregeln und ſchickte die zwei Lackeien des Grafen voraus. Die Lackeien verſchwanden unter den Bäumen, die jungen Leute und der Hofmeiſter folgten lachend und plaudernd ungefähr auf hundert Schritte. Olivain hielt ſich in gleicher Entfernung hinter dieſen, als plötzlich fünf bis ſechs Musketenſchüſſe erſchollen. Der Hofmeiſter ſchrie Halt, die jungen Leute gehorchten und parirten ihre Pferde. In demſelben Augenblicke ſah man die zwei Lackeien im Galopp zurückkehren. Ungeduldig, die Urſache dieſes Musketenfeuers zu erfahren, ritten die zwei jungen Leute den Lackeien entgegen. Der Hofmeiſter folgte ihnen. „Seid Ihr angehalten worden?“ fragten lebhaft die jungen Leute. „Nein,“ antworteten die Lackeien;„wir ſind ſo⸗ gar wahrſcheinlich nicht geſehen worden. Die Flinten⸗ ſchüſſe erſchollen ungefähr hundert Schritte vor uns in dem dickſten Theile des Gehölzes, und wir ſind zurück⸗ gekommen, um Befehl einzuholen.“ „Meine Meinung,“ ſprach Herr d'Arminges,„und im Falle der Noth mein Wille iſt, daß wir uns zu⸗ rückziehen. Dieſes Gehölze kann einen Hinterhalt verbergen. „Habt Ihr denn nichts geſehen?“ fragte der Graf einen Lackeien.— „Es kam mir vor,“ antwortete dieſer,„als er⸗ blickte ich gelb gekleidete Reiter, welche nach dem Bette des Baches eilten.“ Zwanzig Jahre nachher. II. 11 157 e ich habe das meinige verloren; nimm das beſſere von heiden für Dich und gib mir das Deinige.“ ſei⸗ Und ſie näherten ſich dem Orte, wo die Opfer ſei lagen. ob⸗ iner lden egen de XI. dt!“ „die Der Wönch. rtete Ich Zwei Menſchen waren ausgeſtreckt,. der Eine unbeweglich, das Geſicht nach dem Boden, von drei twas Fugeln durchbohrt und in ſeinem Blute ſchwimmend. mich Dieſer war todt. erden Der Andere, von den zwei Lackeien, an einen Baum gelehnt, ſchlug die Augen zum Himmel auf, ab⸗ faltete die Hände und verrichtete ein heißes Gebet... lches Eine Kugel hatte ihm den Overſchenkel zerſchmettert. avul, Die jungen Leute gingen zuerſt zu dem Todten unter und ſchauten ſich erſtaunt an. nblick„Es iſt ein Prieſter,“ ſprach Bragelonne,„er hat die Tonſur. Oh, die Verfluchten! welche Hand an die Diener Gottes legen!“ hts,„Kommt hieher, gnädiger Herr,“ ſagte Urbain, ein alter Soldat, der alle Feldzüge mit dem Cardinal⸗ den, Herzog gemacht hatte,„kommt hieher. es iſt nichts mehr mit dem Andern zu machen, während man dieſen rmen, vielleicht noch retten kann!“ t ſich Der Verwundete lächelte traurig. ckeien„Mich retten? Nein,“ ſprach er,„aber mir ſterben helfen, ja!“* er ob„Seid Ihr ein FPrieſter?“ fragte Raoul. ſprach„Nein, Herr.“ aber„Euer unglücklicher Gefährte ſchien mir der Kirche anzugehören,“ verſetzte Ravul. 154 „So iſt es,“ ſprach der Hofmeiſter,„wir ſind in eine Abtheilung von Spaniern gefallen. Zurück, meine Herren, zurückt! Die jungen Leute berathſchlagten aus dem Augen⸗ winkel und in derſelben Secunde hörte man einen Piſtolenſchuß, worauf ein zwei⸗ oder dreimaliges Hülfe⸗ rufen erfolgte. Die zwei jungen Leute verſicherten ſich durch einen letzten Blick, daß jeder von ihnen geneigt war, nicht zuruckzuweichen, und da der Hofmeiſter bereits ſein Pferd umgedreht hatte, ſo ritten ſie raſch vorwärts, Raoul rief:„Herbei⸗ Olivain!“ der Graf von Guiche rief:„Herbei, Urbain und Blanchet!“ Und ehe ſich der Hofmeiſter von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, waren ſte im Walde verſchwunden. Zu derſelben Zeit, wo ſie ihren Pferden die Spo⸗ e gaben, nahmen die jungen Leute die Piſtole in die auſt. Fünf Minuten nachher waren ſte an der Stelle, von der der Lärm gekommen zu ſein ſchien. Daun ließen ſie ihre Pferde langſam gehen und rückten vor⸗ ſichtig vor. „Stille,“ ſagte von Guiche,„Reiter!“ „Ja, drei zu Pferde und drei, welche abgeſtiegen ſind. Was machen ſie? Seht Ihr?“ 77 7 7. „Ja, es ſcheint mir, ſie durchſuchen einen Verwun⸗ deten oder Todten.“ „Das iſt eine feige Mordthat,“ ſprach von Guiche. „Es ſind jedoch Soldaten,“ verſetzte Bragelonne. „Wohl, aber Parteigänger, das heißt Straßen⸗ räuber.“ „Vorwärts!“ ſagte Raoul. „Marſch!“ ſprach von Guiche. „Meine Herren!“ rief der arme Hofmeiſter,„meine Herren, in des Himmels Namen!..“ Aber die jungen Leute hörten nicht. Sie waren 4 158 „Es iſt der Pfarrer von Bethune, mein Herr. Er trug an ſichern Ort die heiligen Gefäße ſeiner Kirche und den Schatz des Kapitels, denn der Herr Prinz hat geſtern unſere Stadt verlaſſen, und vielleicht iſt morgen der Spanier darin. Da man aber wußte, daß feindliche Parteien im Lande umherzogen, und die Sen⸗ dung gefährlich war, ſo wagte es Niemand, ihn zu begleiten, da bot ich mich an.“ „Und dieſe Elenden haben Euch angegriffen! Dieſe Schufte haben auf einen Prieſter geſchoſſen!“ „Meine Herren,“ ſagte der Verwundete, um ſich herſchauend,„ich leide ſehr, wünſchte aber dennoch in irgend ein Haus gebracht zu werden.“ „Wo Ihr Beiſtand finden könntet?“ ſagte von Guiche. „Nein, wo ich beichten könnte.“ „Aber vielleicht ſeid Ihr nicht ſo ſchwer verwun⸗ det, als Ihr glaubt,“ ſprach Raoul. „Mein Herr,“ antwortete der Verwundete,„glaubt mir, es iſt keine Zeit zu verlieren. Die Kugel hat den Schenkelknochen oben zerſchmettert und iſt bis in die Eingeweide gedrungen. „Seid Ihr Arzt?“ ſagte von Guiche. „Nein,“ antwortete der Sterbende,„aber ich ver⸗ ſtehe mich ein wenig auf Wunden und die meinige iſt tödtlich. Verſucht es alſo, mich irgendwohin bringen zu laſſen, wo ich einen Prieſter finden könnte, oder habt die Güte, mir irgend einen hieher zu führen, und Gott wird Euch für dieſe fromme Handlung, belohnen. Meine Seele muß gerettet werden, denn mein Leib iſt verloren.“ „Bei einer guten Handlung ſterben iſt unmöglich, und Gott wird Euch beiſtehen.“ „Meine Herren, im Namen des Himmels,“ ſagte der Verwundete, alle ſeine Kräfte ſammelnd, als wollte er auſſtehen, verlieren wir die Zeit nicht mit un⸗ nützen Worten. Helft mir wenigſtens, daß ich das 155 wetteifernd fortgeſprengt, und das Geſchrei des Hof⸗ meiſters hatte keinen andern Erſolg, als daß es die Spanier aufmerkſam machte. Die drei Parteigänger zu Pferde galoppirten ſo⸗ gleich den jungen Leuten enigegen, während die drei andern die zwei Reiſenden vollends plünderten, denn, der Grupve näher kommend, bemerkten die jungen Leute, daß ſtatt eines Koͤrpers zwei ausgeſtreckt waren. Auf zehn Schritte von den Spaniern ſchoß von Guiche zuerſt und fehlte ſeinen Mann. Der Spanier, welcher Naoul entgegenritt, ſchoß ebenfalls, und Raoul fühlte am linken Arme einen Schmerz, einem Peitſchen⸗ hiebe ähnlich. Auf vier Schritte drückte Raoul ab und der Spanier ſtreckte, mitten in die Bruſt getroffen, die Arme aus und fiel rücklings auf ſein Pferd, wel⸗ ches ſich umwandte und ihn forttrug. In dieſem Augenblick ſah Raoul durch eéine Wolke einen Musketenlauf nach ſich richten. Er erinnerte ſich des Rathes von Athos und ließ durch eine Bewegung, raſch wie der Blitz, ſein Roß ſich bäumen; der Schuß ging los. Das Pferd machte einen Seitenſprung und ſtürzte, das Bein von Roul unter ſich drückend, nieder. Der Spanier warf ſich, ſeine Muskete beim Laufe nehmend, um Raoul mit dem Kolben den Schädel ein⸗ zuſchlagen, vorwärts. Unglücklicher Weiſe konnte Roul in ſeiner Lage weder den Degen aus der Scheide noch die Piſtole aus dem Halfter ziehen. Er ſah den Kolben über ſeinem Haupte ſchwingen und drückte unwillkürlich ſeine Au⸗ gen zu, als Guiche mit einem Sprunge zu dem Spa⸗ ne gelangte und dieſem die Piſtole an die Kehle etzte. 4„Ergebt Euch,“ ſagte er,„oder Ihr ſeid des odes!“ 4 Die Muskete entſtel den Händen des Soldaten, und dieſer ergab ſich in demſelben Angenhlic Er nächſte Dorf erreiche, oder ſchwört mir bei Eurem rche Seelenheile, daß Ihr mir den erſten Mönch, den erſten rinz Prieſter, den erſten Pfarrer hieher ſchickt, den Ihr fin⸗ iſt det. Aber,“ fügte er mit dem Tone der Verzweiflung daß bei,„vielleicht wird es Niemand wagen, denn man en⸗ weiß, daß die Spanier in der Gegend umherſtreiſen, und ich werde ohne Abſolutivn ſterben. Mein Gott, mein Gott!“ rief der Verwundete mit einem Aus⸗ ieſe drucke des Schreckens, der die jungen Leute beben machte, nicht wahr, Ihr werdet das nicht zugeben? Es wäre ſich zu ſchrecklich!“ in„Mein Herr, beruhigt Euch,“ antwortete von Guiche, ich ſchwöre Euch, daß Ihr den Troſt haben von ſollt, nach dem Ihr verlangt. Sagt uns nur, wo ein Haus iſt, in welchem wir Beiſtand fordern, und wo ein Dorf, wo wir einen Prieſter bekommen können.“ un⸗„Ich danke und Gott vergelte es Euch. Eine halbe Meile von hier, wenn Ihr dieſen Weg verfolgt, ubt findet ſich eine Herberge, und ungefähr eine halbe hat Meile jenſeits der Herberge liegt das Dorf Greny. z in Sucht dort den Pfarrer auf. Iſt derſelbe nicht zu Hauſe, ſo geht in das Auguſtiner⸗Kloſter, welches das letzte Haus des Fleckens rechts iſt, und führt mir einen ver⸗ Bruder herbei; gleichviel, Mönch oder Prieſter, wenn e iſt er nur von unſerer heiligen Kirche die Fähigkeit er⸗ gen halten hat, in articulo mortis zu abſolviren.“ oder„Herr d'Arminges,“ ſprach von Guiche,„bleibt und bei dieſem Unglücklichen und wacht darüber, daß er ſo nen. ſanft als möglich transportirt wird. Macht eine iſt Tragbahre aus Baumzweigen, legt alle unſere Mäntel darauf. Zwei von unſern Lackeien tragen ihn, wäh⸗ lich, rend ſich der dritte bereit hält, den Platz desjenigen einzunehmen, welcher müde wird. Der Vicomte und agte ich ſuchen einen Prieſter auf.“ ollte„Geht, Herr Graf,“ ſprach der Hofmeiſter,„aber un⸗ im Ramen des Himmels ſetzt Euch keiner Gefahr aus.“ das 156 Guiche rief einen von ſeinen Lackeien, übergab ihm den Gefangenen zur Bewachung, mit dem Befehl, ihm den Hirnſchädel zu zerſchmettern, wenn er eine Bewegung zur Flucht machen würde, ſprang von ſei⸗ nem Pferde und näherte ſich Raoul. „Meiner Treue, Herr!“ ſagte Raoul lachend, ob⸗ gleich ſeine Bläſſe die unvermeidliche Aufregung einer erſten Affaire verrieth,„Ihr bezahlt Eure Schulden ſchnell und wolltet keine lange Verbindlichkeit gegen mich haben; ohne Euch,“ fügte er, die Worte des Grafen wiederholend, bei,„wäre ich todt, dreimal todt!“ „Mein Feind ließ mir, die Flucht ergreifend, die Möglichkeit, Euch zu Hülfe zu kommen,“ antwortete von Guiche.„Aber ſeid Ihr ernſtlich verwundet? Ich ſehe Euch ganz voll Blut.“ „Ich glaube,“ erwiederte Raoul,„ich habe etwas wie eine Schramme am Arm. Helft mir, daß ich mich unter dem Pferde vorziehe, und ich hoffe, wir werden unſere Reiſe ſogleich wieder fortſetzen können.“. Herr d'Arminges und Olivain waren bereits ab⸗ geſtiegen und ſuchten das Pferd aufzuheben, welches ſich im Todeskampfe zerarbeitete. Es gelang Raoul, ſeinen Fuß aus dem Steigbugel und ſein Bein unter dem Pferde hervorzuziehen, und in einem Augenblick and er aufrecht. „Nichts gebrochen?“ fragte Guiche. „Meiner Treue, dem Himmel ſei Dank, nichts,“ antwortete Raoul. „Aber was iſt aus den Unglücklichen geworden, welche die Elenden tödteten?“ „Wir ſind zu ſpät gekommen, ſie haben die Armen, wie ich glaube umgebracht und, ihre Beute mit ſich ſchleppend, die Flucht ergriffen; meine zwei Lackeien ſind bei den Leichnamen.“ „Wir wollen ſehen, ob ſie völlig todt ſind oder ob man ihnen nicht vielleicht Hülfe leiſten kann,“ ſprach Raoul.„Olivain, wir haben zwei Pferde geerbt, aber 160 „Seid unbeſorgt. Ueberdies ſind wir fuür heute gerettet: Ihr kennt das Axiom: non bis in idem.“ „Guten Muth, Herr,“ ſprach Raoul zu dem Ver⸗ wundeten,„wir vollführen Euern Wunſch.“ „Gott ſegne Euch, meine Herren,“ antwortete der Sterbende mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Dankbarkeit. Und die jungen Leute ſprengten im Galopp in der angegebenen Richtung fort, während der Hofmeiſter des Grafen von Guiche die Verfertigung der Trag⸗ bahre überwachte. Nach einem Ritte von zehn Minuten erblickten die jungen Leute die Herberge. Raoul rief, ohne vom Pferde zu ſteigen, den Wirth, benachrichtigte ihn, daß man ihm einen Verwundeten bringen werde, und bat ihn, mittlerweile Alles vorzu⸗ bereiten, was zum Verbinden nothwendig ſein dürfte, das heißt, ein Bett, Binden, Charpie, forderte ihn da⸗ bei auf, wenn er in der Umgegend einen Arzt, einen Wundarzt oder Operateur kenne, denſelben holen zu laſſen, und übernahm es, den Boten zu belohnen. Der Wirth, welcher zwei reich gekleidete, vornehme junge Herren vor ſich ſah, verſprach Alles, was ſie von ihm verlangten, und unſere zwei Reiter, nachdem ſie die Vorbereitungen zu der Aufnahme hatten begin⸗ nen ſehen, entfernten ſich abermals und eilten nach Greny. Sie hatten mehr als eine Meile gemacht und er⸗ blickten bereits die erſten Häuſer des Dorfes, deren mit röthlichen Ziegeln bedeckte Dächer kräftig aus den grünen Bäumen, von denen ſie umgeben waren, her⸗ vortraten, als ſie, auf einem Maulthiere reitend, einen armen Mönch auf ſich zukommen ſahen, den ſie nach ſeinem breiten Hute und ſeinem Rocke von grauer Wolle für einen Auguſtinerbruder hielten. Diesmal ſchien ihnen der Zufall zu ſchicken, was ſie ſuchten. Sie näherten ſich dem Mönche. unt gen vor der wel ſeit ſeit 157 ich habe das meinige verloren; nimm das beſſere von beiden für Dich und gib mir das Deinige.“ 3 Und ſie näherten ſich dem Orte, wo die Opfer agen. Der Mönch. Zwei Menſchen waren ausgeſtreckt,... der Eine unbeweglich, das Geſicht nach dem Boden, von drei Kugeln durchbohrt jund in ſeinem Blute ſchwimmend. Dieſer war todt. 4 Der Andere, von den zwei Lackeien, an einen Baum gelehnt, ſchlug die Augen zum Himmel auf, faltete die Hände und verrichtete ein heißes Gebet... Eine Kugel hatte ihm den Oberſchenkel zerſchmettert. Die jungen Leute gingen zuerſt zu dem Todten und ſchauten ſich erſtaunt an. „Es iſt ein Prieſter,“ ſprach Bragelonne,„er hat die Tonſur. Oh, die Verfluchten! welche Hand an die Diener Gottes legen!“— „Kommt hieher, gnädiger Herr,“ ſagte Urbain, ein alter Soldat, der alle Feldzüge mit dem Cardinal⸗ Herzog gemacht hatte,„kommt hieher.... es iſt nichts mehr mit dem Andern zu machen, während man dieſen vielleicht noch retten kann!“ 1 Der Verwundete lächelte traurig. 3 „Mich retten? Nein,“ ſprach er,„aber mir ſterben helfen, ja!“ „Seid Ihr ein Prieſter?“ fragte Raoul. .„Nein, Herr 4 85— „Euer unglücklicher Gefährte ſchien mir der Kirche anzugehören,“ verſetzte Ravul. ute er⸗ der von der ſter ag⸗ die th⸗ ten zu⸗ fte, da⸗ nen me ſie em in⸗ ach er⸗ ren den er⸗ nen ach uer mal Es war ein Mann von zweiundzwanzig bis drei⸗ undzwanzig Jahren, den jedoch die ascetiſchen Uebun⸗ gen merklich gealtert hatten. Er war bleich, aber nicht von der matten Bläſſe, welche eine Schönheit iſt, ſon⸗ dern von dem galligen Gelb. Seine kurzen Haare, welche kaum ein wenig über den Kreis gingen, den ſein Hut um ſeine Stirne zog, waren hellblond und ſeine blauen Angen ſchienen des Blickes zu entbehren. „Mein Herr,“ ſagte Ravul mit ſeiner gewöhnli⸗ chen Höflichkeit,„ſeid Ihr ein Prieſter?“ „Warum fragt Ihr mich dieß?“ ſprach der Fremde mit beinahe unhöflicher Unempfindlichkeit. Um es zu wiſſen,“ antwortete der Graf von Guiche mit ſtolzem Tone. Der Fremde berührte ſein Maulthier mit dem Abſatze und ſetzte ſeinen Weg fort. Von Guiche war mit einem Sprunge vor ihm und verſperrte ihm den Weg. „Antwortet, Herr,“ ſagte er.„Man hat Euch höf⸗ lich gefragt, und jede Frage iſt einer Antwort werth.“ „Es ſteht mir, denke ich, frei, den nächſten beſten zwei Perſonen, welche die Laune haben, mich auszu⸗ forſchen, zu ſagen, wer ich bin, oder es nicht zu ſagen.“ Von Guiche unterdrückte mit großer Mühe ſeine wüthende Luſt, dem Mönche die Knochen zu zerbrechen. „Einmal,“ ſprach er mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung gegen ſich ſelbſt,„ſind wir nicht die nächſten beſten zwei Perſonen; mein Freund hier iſt der Vi⸗ comte von Bragelonne und ich bin der Graf von Guiche; dann fragen wir nicht aus Laune, ſondern ein verwundeter, ſterbender Mann verlangt die Hülfe der Kirche. Seid Ihr Prieſter, ſo fordere ich Euch im Namen der Menſchheit auf, mir zu folgen, um dieſem Manne Beiſtand zu leiſten. Seid Ihr es nicht, dann iſt es etwas Anderes. Ich ſage Euch übrigens im Na⸗ men der Höflichkeit, die Ihr ganz und gar nicht zu ——OõB— 158 „Es iſt der Pfarrer von Bethune, mein Herr. Er trug an ſichern Ort die heiligen Gefäße ſeiner Kirche und den Schatz des Kapitels, denn der Herr Prinz hat geſtern unſere Stadt verlaſſen, und vielleicht iſt morgen der Spanier darin. Da man aber wußte, daß feindliche Parteien im Lande umherzogen, und die Sen⸗ . dung gefährlich war, ſo wagte es Niemand, ihn zu begleiten, da bot ich mich an.“ „Und dieſe Elenden haben Euch angegriffen! Dieſe Schufte haben auf einen Prieſter geſchoſſen!“ „Meine Herren,“ ſagte der Verwundete, um ſich herſchauend,„ich leide ſehr, wünſchte aber dennoch in irgend ein Haus gebracht zu werden.“ „Wo Ihr Beiſtand finden könntet?“ ſagte von Guiche. 3. „Nein, wo ich beichten könnte.“ „Aber vielleicht ſeid Ihr nicht ſo ſchwer verwun⸗ det, als Ihr glaubt,“ ſprach Raoul.„ „Mein Herr,“ antwortete der Verwundete,„glaubt mir, es iſt keine Zeit zu verlieren. Die Kugel hat den Schenkelknochen oben zerſchmettert und iſt his in die Eingeweide gedrungen. „Seid Ihr Arzt?“ ſagte von Guiche. 4 „Nein,“ antwortete der Sterbende,„aber ich ver⸗ ſtehe mich ein wenig auf Wunden und die meinige iſt tödtlich. Verſucht es alſo, mich irgendwohin bringen zu laſſen, wo ich einen Prieſter finden könnte, oder habt die Güte, mir irgend einen hieher zu führen, und Gott wird Euch für dieſe fromme Handlung belohnen. Meine Seele muß gerettet werden, denn mein Leib iſt verloren.“ 6 „Bei einer guten Handlung ſterben iſt unmöglich, und Gott wird Euch beiſtehen.“ „Meine Herren, im Namen des Himmels,“ ſagte der Verwundete, alle ſeine Kräfte ſammelnd, als wollte 4 er auſſtehen,„verlieren wir die Zeit nicht mit un⸗ nützen Worten, Helft mir wenigſtens, daß ich das 1 8 1 3 kennen ſcheint, daß ich Euch für Eure Unverſchämtheit beſtrafen werde.“ Die Bläſſe des Mönches wurde leichenartig, und er lächelte auf eine ſo ſeltſame Weiſe, daß Ravul, der ihn mit den Augen nicht verließ, fühlte, daß ihm dieſes Lächeln das Herz wie eine Beleidigung zuſam⸗ menſchnürte. „Es iſt ein ſpaniſcher oder flämiſcher Spion,“ ras er und legte die Hand an den Kolben ſeiner iſtole. Ein drohender, einem Blitze ähnlicher Blick ant⸗ wortete Raoul. „Nun, Herr,“ ſagte Guiche,„werdet Ihr ſprechen?“ „Ich bin Prieſter, meine Herren,“ antwortete der junge Mann, und ſein Geſicht nahm wieder ſeine gleichgültige Miene an. „Dann, mein Vater,“ ſprach Raoul, ließ ſeine Piſtole wieder in die Halfter fallen und gab ſeinen Worten einen ehrfurchtsvollen Ausdruck, der nicht von gutem Herzen kam,„wenn Ihr Prieſter ſeid, ſo findet Ihr, wie mein Freund Euch geſagt hat, eine Gelegen⸗ heit, Euer Amt auszuüben. Ein unglücklicher Ver⸗ wundeter wird uns entgegengetragen und ſoll in der nächſten Herberge anhalten. Er fordert den Beiſtand von einem Diener Gottes. Unſere Leute begleiten ihn.“ „Ich begebe mich dahin,“ ſprach der Mönch. Und er gab ſeinem Maulthiere einen Abſatz. „Wenn Ihr nicht dahin geht, mein Herr,“ ſagte von Guiche,„glaubt mir, wir haben Pferde, welche im Stande ſind, Euer Maulthier einzuholen, hinrei⸗ chend Anſehen, um Euch überall, wö Ihr ſein möget, ergreifen zu laſſen, und dann, ich ſchwöre es Euch, iſt Euer Prozeß bald gemacht: ein Baum und ein Strick finden ſich aller Orten.“ Das Auge des Mönches funkelte abermals, aber das war Alles; er wiederholte ſeine Worte:„Ich be⸗ gebe mich dahin!“ und entfernte ſich. Au Au SNSnn* 159 nächſte Dorf erreiche, oder ſchwört mir bei Eurem Seelenheile, daß Ihr mir den erſten Mönch, den erſten Prieſter, den erſten Pfarrer hieher ſchickt, den Ihr fin⸗ det. Aber,“ fügte er mit dem Tone der Verzweiflung bei,„vielleicht wird es Niemand wagen, denn man weiß, daß die Spanier in der Gegend umherſtreiſen, und ich werde ohne Abſolution ſterben. Mein Gott, mein Gott!“ rief der Verwundete mit einem Aus⸗ drucke des Schreckens, der die jungen Leute beben machte, nicht wahr, Ihr werdet das nicht zugeben? Es wäre zu ſchrecklich!“ 2 „Mein Herr, beruhigt Euch,“ antwortete von Guiche, ich ſchwöre Euch, daß Ihr den Troſt haben ſollt, nach dem Ihr verlangt. Sagt uns nur, wo ein Haus iſt, in welchem wir Beiſtand fordern, und wo ein Dorf, wo wir einen Prieſter bekommen können.“ „Ich danke und Gott vergelte es Euch. Eine halbe Meile von hier, wenn Ihr dieſen Weg verfolgt, findet ſich eine Herberge, und ungefähr eine halbe Meile jenſeits der Herberge liegt das Dorf Greny. Sucht dort den Pfarrer auf. Iſt derſelbe nicht zu Hauſe, ſo geht in das Auguſtiner⸗Kloſter, welches das letzte Haus des Fleckens rechts iſt, und führt mir einen Bruder herbei; gleichviel, Mönch oder Prieſter, wenn er nur von unſerer heiligen Kirche die Fähigkeit er⸗ halten hat, in articulo mortis zu abſolviren.“ „Herr d'Arminges,“ ſprach von Guiche,„bleibt bei dieſem Unglücklichen und wacht darüber, daß er ſo ſanft als moͤglich transportirt wird. Macht eine Tragbahre aus Baumzweigen, legt alle unſere Mäntel darauf. Zwei von unſern Lackeien tragen ihn, wäh⸗ rend ſich der dritte bereit hält, den Platz desjenigen einzunehmen, welcher müde wird. Der Vicomte und ich ſuchen einen Prieſter auf.“ „Geht, Herr Graf,“ ſprach der Hofmeiſter,„aber im Namen des Himmels ſetzt Euch keiner Gefahr aus.“ heit und oul, ihm am⸗ n,“ iner ant⸗ n?“ der eine eine nen von ndet en ber⸗ der and n gte lche rei⸗ get, iſt rick ber be⸗ 163 „Folgen wir ihm,“ ſagte von Guiche,„das wird ſicherer ſein.“ Und die jungen Leute ritten fort, wobei ſie ihre Schritte nach dem des Mönches richteten, dem ſie etwa auf Piſtolenſchußweite folgten. Nach fünf Minuten wandte ſich der Mönch, um ſich zu verſichern, ob ſie ihm folgen oder nicht. „Seht,“ ſprach Raonl,„wir haben wohl daran gethan.“ „Ein furchtbares Geſicht, das des Mönches!“ ſagte der Graf von Guiche. „Furchtbar,“ erwiederte Raoul, beſonders was den Ausdruck betrifft. Dieſe gelblichen Haare, dieſe matten Augen, dieſe Lippen, welche bei dem geringſten Worte, das er ausſpricht, verſchwinden...“ „Ja, ja,“ ſprach von Guiche, welcher von allen dieſen Einzelheiten weniger berührt worden war, inſo⸗ ferne Raonl den Mönch prüfend anſchaute, während von Euiche ſprach.„Ja, ein ſeltſames Geſicht; aber dieſe Mönche ſind auch ſo entartenden Uebungen unter⸗ worfen; das ewige Faſten macht ſie bleich, die Dis⸗ ciplinſchäge machen ſie zu Heuchlern, und durch das viele Weinen über die Güter des Lebens, welche ſie verloren haben, während wir dieſelben genießen, werden ihre Augen matt.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Raoul;„doch dieſer arme Mann bekommt ſeinen Prieſter. Aber der Reumüthige ſieht aus, als beſäße er ein beſſeres Gewiſſen, als der Prieſter. Ich geſtehe, ich bin gewohnt, Prieſter von einem ganz andern Anblicke zu ſehen.“ „Ah,“ ſagte von Guiche,„begreift Ihr? dieſer iſt einer von den fahrenden Brüdern, welche auf den Land⸗ ſtraßen umher betteln, bis zu dem Tage, wo ihnen ein Benefiz vom Himmel zufällt. Es ſind meiſtens Fremde, Schöttländer, Irländer, Dänen. Man hat mir zuwei⸗ len ähnliche gezeigt.“ „Eben ſo häßliche?“ 160 „Seid unbeſorgt. Ueberdies ſind wir für heute gerettet: Ihr kennt das Ariom: non bis in idem.“ „Guten Muth, Herr,“ ſprach Raoul zu dem Ver⸗ wundeten,„wir vollführen Euern Wunſch.“ „Gott ſegne Euch, meine Herren,“ antwortete der Sterbende mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Dankbarkeit. Und die jungen Leute ſprengten im Galopp in der angegebenen Richtung fort, während der Hofmeiſter des Grafen von Guiche die Verfertigung der Trag⸗ bahre überwachte. Nach einem Ritte von zehn Minuten erblickten die jungen⸗Leute die Herberge. Raoul rief, ohne vom Pferde zu ſteigen, den Wirth, benachrichtigte ihn, daß man ihm einen Verwundeten bringen werde, und bat ihn, mittlerweile Alles vorzu⸗ bereiten, was zum Verbinden nothwendig ſein dürfte, das heißt, ein Bett, Binden, Charpie, forderte ihn da⸗ bei auf, wenn er in der Umgegend einen Arzt, einen Wundarzt oder Operateur kenne, denſelben holen zu ſie die Vorbereitungen zu der Aufnahme hatten begin⸗ nen ſehen, entfernten ſich abermals und eilten nach Greny. Sie hatten mehr als eine Meile gemacht und er⸗ blickten bereits die eerſten Häuſer des Dorfes, deren mit röthlichen Ziegeln bedeckte Dächer kräftig aus den grünen Bäumen, von denen ſie umgeben waren, her⸗ vortraten, als ſie, auf einem Maulthiere reitend, einen armen Mönch auf ſich zukommen ſahen, den ſie nach ſeinem breiten Hute und ſeinem Rocke von grauer Wolle für einen Auguſtinerbruder hielten. Diesmal ſchien ihnen der Zufall zu ſchicken, was ſie ſuchten. Sie näherten ſich dem Mönche. 164 „Nein, aber wenigſtens gehörig häßliche.“ „Welch' ein Ungluͤck für den Verwundeten, daß er ſuten Armen eines ſolchen Kuttenmenſchen ſterben o 4 „Bah! ſagte von Guiche, die Abſolution kommt nicht von demjenigen, welcher ſie gibt, ſondern von Gott. Doch ſoll ich es Euch ſagen, ich würde lieber ohne Abſolution ſterben, als es mit einem ſolchen Beichtvater zu thun zu haben. Ihr ſeid auch meiner Meinung, Vicomte, nicht wahr? Ich ſah Euch den Kolben Eurer Piſtole liebkoſen, als ob Ihr verſucht geweſen wäret, ihm dem Schädel zu zerſchmettern.“ „Ja, Graf, es mag ſeltſam erſcheinen und Ihr werdet darüber erſtaunen, ich fühlte bei dem Anblick dieſes Menſchen einen unbeſchreiblichen Abſcheu. Habt e auf Eurem Wege eine Schlange aufge⸗ jag*. „Nie,“ antwortete der Graf von Guiche. „Nun, mir iſt dies manchmal in unſern Waldun⸗ gen in der Heimath begegnet, und ich erinnere mich, daß ich bei dem Anblicke der erſten, die mich mit ihren trockenen Augen, den Kopf wiegend und die Zunge hef⸗ tig bewegend, auf ſich ſelbſt gewunden anſchaute, bleich, ſtarr, gleichſam bezaubert bis zu dem Augenblicke blieb, wo der Graf de la Feére...“ „Euer Vater?“ fragte von Guiche. „Nein, mein Beſchützer,“ antwortete Ravul er⸗ röthend. „Sehr gut.“ 7 „Bis zu dem Augenblicke,“ fuhr Raoul fort,„wo der Graf de la Fére mir ſagte:„Auf, Bragelonne, den Degen gezogen.““ Dann erſt lief ich auf die Schlange zu und hieb ſie entzwei, gerade in dem Mo⸗ mente, wo ſie ſich ziſchend auf dem Schweife erhob, um mir entgegen zu fahren. Ich ſchwöre Euch, daß mich daſſelbe Gefühl bei dem Anblicke dieſes Menſchen ergriff, als er, mich anſchauend, ſagte:„Warum fragt Ihr mich dies?““ 161 Es war ein Mann von zweiundzwanzig bis drei⸗ undzwanzig Jahren, den jedoch die ascetiſchen Uebun⸗ gen merklich gealtert hatten. Er war bleich, aber nicht von der matten Bläſſe, welche eine Schönheit iſt, ſon⸗ dern von dem galligen Gelb. Seine kurzen Haare, welche kaum ein wenig über den Kreis gingen, den ſein Hut um ſeine Stirne zog, waren hellblond und ſeine blauen Augen ſchienen des Blickes zu entbehren. „Mein Herr,“ ſagte Raoul mit ſeiner gewöhnli⸗ chen Höflichkeit,„ſeid Ihr ein Prieſter?“ „Warum fragt Ihr mich dieß?“ ſprach der Fremde mit beinahe unhöflicher Unempfindlichkeit. Um es zu wiſſen,“ antwortete der Graf von Guiche mit ſtolzem Tone. Der Fremde berührte ſein Maulthier mit dem Abſatze und ſetzte ſeinen Weg fort. Von Guiche war mit einem Sprünge vor ihm und verſperrte ihm den Weg. „Antwortet, Herr,“ ſagte er.„Man hat Euch höf⸗ lich gefragt, und jede Frage iſt einer Antwort werth.“ „Es ſteht mir, denke ich, frei, den nächſten beſten zwei Perſonen, welche die Laune haben, mich auszu⸗ forſchen, zu ſagen, wer ich bin, oder es nicht zu ſagen.“ Von Guiche unterdrückte mit großer Mühe ſeine wüthende. Luſt, dem Mönche die Knochen zu zerbrechen. „Einmal,“ ſprach er mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung gegen ſich ſelbſt,„ſind wir nicht die nächſten beſten zwei Perſonen; mein Freund hier iſt der Vi⸗ comte von Bragelonne und ich bin der Graf von Guiche; dann fragen wir nicht aus Laune, ſondern ein verwundeter, ſterbender Mann verlangt die Hülſe der Kirche. Seid Ihr Prieſter, ſo fordere ich Euch im Namen der Menſchheit auf, mir zu folgen, um dieſem Manne Beiſtand zu leiſten. Seid Ihr es nicht, dann iſt es etwas Anderes. Ich ſage Euch übrigens im Na⸗ men der Höflichkeit, die Ihr ganz und gar nicht zu ß er rben nmt von eber iner den ucht Ihr lick abt fge⸗ un⸗ ich, ren hef⸗ eich, ieb, er⸗ „wo nne, die Ro⸗ hob, daß chen 165 „Dann müßt Ihr es Euch zum Vorwurf machen, e Ihr ihn nicht wie Eure Schlange entzwei gehauen habt.“ „Meiner Treue, ja,“ antwortete Raoul. In dieſem Augenblick kam man in die Nähe der kleinen Herberge, und man erblickte jenſeits derſelben das Geleite des Verwundeten, der unter Anführung von Herrn dArminges herbeigebracht wurde. Zwei Männer trugen den Sterbenden, der dritte führte die Pferde an der Hand. Die zwei jungen Leute ſpornten ihre Roſſe. „Dort iſt der Verwundete,“ ſagte von Guiche, an dem Auguſtinerbruder vorüber reitend, habt die Güte, Euch ein wenig zu beeilen, Herr Mönch.“ Ravul entfernte ſich von dem Bruder auf die ganze Breite der Straße und ritt, den Kopf mit Ekel a wendend, vorbei. Nun waren die jungen Leute vor dem Beichtvater, ſtatt ihm zu folgen; ſie gingen dem Sterbenden ent⸗ gegen und theilten ihm die gute Kunde mit. Dieſer erhob ſich, um in der angegebenen Rich⸗ tung zu ſchauen, ſah den Mönch, der, den Schritt ſeines Maulthieres beſchleunigend, ſich näherte, und fiel, das Geſicht von einem Freudenſtrahle erleuchtet, auf die Tragbahre zurück. „Wir haben nun,“ ſagten die jungen Leute,„Alles für Euch gethan, was wir zu thun im Stande waren⸗ und da es uns drängt, zu dem Heere des Herrn Prin⸗ zen zu gelangen, ſo ſetzen wir unſern Marſch fort; Ihr werdet uns entſchuldigen, nicht wahr, Herr? Man ſagt, es ſoll eine Schlacht geſchlagen werden, und wir wünſchten nicht den Tag nachher anzukommen.“ „Geht, meine jungen Herren,“ erwiederte der Ver⸗ wundete,„und ſeid Beide für Euer Mitleid geſegnet. Ihr habt in der That, wie Ihr ſagtet, Alles ge⸗ than, was Ihr zu thun im Stande waret. Ich kann 162 kennen ſcheint, daß ich Euch für Eure Unverſchämtheit beſtrafen werde.“ Die Bläſſe des Mönches wurde leichenartig, und er lächelte auf eine ſo ſeltſame Weiſe, daß Raoul, der ihn mit den Augen nicht verließ, fühlte, daß ihm dieſes Lächeln das Herz wie eine Beleidigung zuſam⸗ menſchnürte. „Es iſt ein ſpaniſcher oder flämiſcher Spion,“ ſprach er und legte die Hand an den Kolben ſeiner Piſtole. Ein drohender, einem Blitze ahnlicher Blick ant⸗ wortete Raoul. „Nun, Herr,“ ſagte Guiche,„werdet Ihr ſprechen?“ „Ich bin Prieſter, meine Herren,“ antwortete der junge Mann, und ſein Geſicht nahm wieder ſeine gleichgültige Miene an. „ Dann, mein Vater,“ ſprach Raoul, ließ ſeine Piſtole wieder in die Halfter fallen und gab ſeinen Worten einen ehrfurchtsvollen Ausdruck, der nicht von utem Herzen kam,„wenn Ihr Prieſter ſeid, ſo findet hr, wie mein Freund Euch geſagt hat, eine Gelegen⸗ heit, Euer Amt auszuüben. Ein unglücklicher Ver⸗ wundeter wird uns entgegengetragen und ſoll in der nächſten Herberge anhalten. Er fordert den Beiſtand von einem Diener Gottes. Unſere Leute begleiten ihn.“ „Ich begebe mich dahin,“ ſprach der Mönch. Und er gab ſeinem Maulthiere einen Abſatz. „Wenn Ihr nicht dahin geht, mein Herr,“ ſagte von Guiche,„glaubt mir, wir haben Pferde, welche im Stande ſind, Euer Maulthier einzuholen, hinrei⸗ chend Anſehen, um Euch überall, wo Ihr ſein möget, ergreifen zu laſſen, und dann, ich ſchwoͤre es Euch, iſt Euer Prozeß bald gemacht: ein Baum und ein Strick finden ſich aller Orten.“ Das Auge des Mönches funkelte abermals, aber das war Alles; er wiederholte ſeine Worte:„Ich be⸗ gebe mich dahin!“ und entfernte ſich. 166 nur wiederholen: Gott beſchütze Euch, Euch und dieje⸗ nigen, welche Euch theuer ſind.“ „Mein Herr,“ ſprach von Guiche zu ſeinem Hof⸗ meiſter,„wir reiten voraus, Ihr holt uns auf der Straße nach Cambrin ein.“ Der Wirth ſtand unter ſeiner Thüre. Er hatte Alles vorbereitet, Bett, Binden und Charpie, und ein Knecht war nach Lens, der nächſten Stadt, gegangen, um einen Arzt zu holen. „Hier die Bezahlung, ſorgt für den Verwundeten, ſagte von Guiche zu dem Wirth und warf ihm Geld zu. „Gut,“ ſprach der Wirth, es ſoll geſchehen, wie Ihr wünſcht. Aber haltet Ihr nicht an, gnädiger Herr, um Eure Wunde zu verbinden?“ ſetzte er, ſich an Bragelonne wendend, bei. Ah, meine Wunde iſt durchaus von keiner Bedeu⸗ tung, und es iſt Zeit, daß ich mich um den nächſten Halt kümmere. Habt nur die Güte, wenn Ihr einen Reiter vorüberkommen ſeht, und dieſer Reiter ſich nach einem jungen Manne auf einem Fuchſen und gefolgt von einem Lackei, erkundigt, ihm zu ſagen: Ihr habet mich wirklich geſehen, ich aber habe meinen Weg fort⸗ geſetzt und gedenfe in Mazingarde zu Miitag zu ſpei⸗ ſen und zu Cambrin über Nacht zu bleiben. Dieſer Reiter iſt mein Bedienter.“ „Wäre es nicht beſſer und ſicherer, wenn ich ihn um ſeinen Namen fragte und ihm den Eurigen nen⸗ nen würde,“ entgegnete der Wirth. „Dieſer Zuwachs von Vorſicht kann nicht ſchaden,“ ſprach Ravul,„ich heiße Vicomte von Bragelonne und er Grimaud.“ In dieſem Augenblick kam der Verwundete von der einen Seite und der Mönch von der andern. Die zwei jungen Leute wichen zurück, um die Tragbahre vorüber ziehen zu laſſen. Der Mönch ſtieg von ſeinem Maulthiere av und befahl, daſſelbe in den Stall zu führen, ohne es abzuſatteln. ke et er . gte ei⸗ et, ber be⸗ ric 163 „Folgen wir ihm,“ ſagte von Guiche,„das wird ſicherer ſein.“ Und die jungen Leute ritten fort, wobei ſie ihre Schritte nach dem des Mönches richteten, dem ſie etwa auf Piſtolenſchußweite folgten. Nach fünf Minuten wandte ſich der Mönch, um ſich zu verſichern, ob ſie ihm folgen oder nicht. „Seht,“ ſprach Raoul,„wir haben wohl daran gethan.“ „Ein furchtbares Geſicht, das des Mönches!“ ſagte der Graf von Guiche. „Furchtbar,“ erwiederte Raoul, beſonders was den Ausdruck beteifft. Dieſe gelblichen Haare, dieſe matten Augen, dieſe Lippen, welche bei dem geringſten Worte, das er ausſpricht, verſchwinden...“ „Ja, ja,“ ſprach von Guiche, welcher von allen dieſen Einzelheiten weniger berührt worden war, inſo⸗ ferne Raoul den Moͤnch prüfend anſchaute, während von Guiche ſprach.„Ja, ein ſeltſames Geſicht; aber dieſe Mönche ſind auch ſo entartenden Uebungen unter⸗ worfen; das ewige Faſten macht ſie bleich, die Dis⸗ ciplinſchläge machen ſie zu Heuchlern, und durch das viele Weinen über die Güter des Lebens, welche ſie verloren haben, während wir dieſelben genießen, werden ihre Augen matt.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Raoul;„doch dieſer arme Mann bekommt ſeinen Prieſter. Aber der Reumüthige ſieht aus, als beſäße er ein beſſeres Gewiſſen, als der Prieſter. Ich geſtehe, ich bin gewohnt, Prieſter von einem ganz andern Anblicke zu ſehen.“ „Ah,“ ſagte von Guiche,„begreift Ihr? dieſer iſt einer von den fahrenden Brüdern, welche auf den Land⸗ ſtraßen umher betteln, bis zu dem Tage, wo ihnen ein Benefiz vom Himmel zufällt. Es ſind meiſtens Fremde, Schöttländer, Irländer, Dänen. Man hat mir zuwei⸗ len ähnliche gezeigt.“ „Eben ſo häßliche?“ ieje⸗ der hatte ein gen, eten, zu. wie err, an deu⸗ ſten inen nach olgt 8 ort⸗ pei⸗ eſer ihn en⸗ en,“ und von Die hre tem zu „ 167 „Herr Mönch,“ ſprach von Guiche, hört dieſen braven Mann wohl Beichte und kümmert Euch nicht um Eure Zeche und um die Eures Thieres; Alles iſt bezahlt.“ „Ich danke, mein Herr,“ antwortete der Mönch mit dem Lächeln, das Bragelonne bebend gemacht hatte. „Kommt, Graf,“ ſprach Raoul, welcher inſtinkt⸗ artig die Gegenwart des Auguſtiners nicht ertragen zu können ſchien,„kommt, ich fühle mich unheimlich hier.“ „Ich danke noch einmal, meine ſchönen jungen Herren, ſagte der Verwundete,„und vergeßt mich nicht in Eurem Gebete.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte von Guiche und ſpornte ſein Pferd, um Bragelonne einzuholen, der bereits zwanzig Schritte voraus war. In dieſem Augenblicke wurde die Tragbahre von den zwei Lackeien in das Haus gebracht. Der Wirth und ſeine Frau, welche nun auch herbei gelaufen war. ſtanden auf den Stufen der Treppe. Der unglückliche Verwundete ſchien furchtbare Schmerzen auszuſtehen, und dennoch beſchäftigte er ſich nur damit, nachzuſehen, ob ihm der Mönch folgte. Bei dem Anblick dieſes bleichen, blutigen Mannes ergriff die Frau ihren Mann heftig beim Arme. „Nun, was gibt es?“ fragte dieſer,„befindeſt Du, Dich etwa unwohl?“ „Nein, aber ſchau,“ erwiederte die Wirthin, auf den Verwundeten deutend. „Bei Gott,“ ſagte der Wirth, er ſcheint mir ſehr krank zu ſein!“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen will,“ fuhr die Frau zitternd fort;„ich frage Dich, ob Du ihn er⸗ kennſt?“ „Dieſen Menſchen? Warte doch. „Ah, ich ſehe, daß Du ihn erkennſt,“ ſagte die Frau,„denn Du erbleichſt ebenjalls.“ „In der That!“ rief der Wirth.„Wehe unſerem Haufe, es iſt der ehemalige Henker von Bethune!“ 164 „Nein, aber wenigſtens gehörig häßliche.“ „Welch' ein Unglück für den Verwundeten, daß er ſu den Armen eines ſolchen Kuttenmenſchen ſterben 0 14 „Bah! ſagte von Guiche, die Abſolution kommt nicht von demjenigen, welcher ſie gibt, ſondern von Gott. Doch ſoll ich es Euch ſagen, ich würde lieber ohne Abſolution ſterben, als es mit einem ſolchen Beichtvater zu thun zu haben. Ihr ſeid auch meiner Meinung, Vicomte, nicht wahr? Ich ſah Euch den Kolben Eurer Piſtole liebkoſen, als ob Ihr verſucht geweſen wäret, ihm dem Schädel zu zerſchmettern.“ „Ja, Graf, es mag ſeltſam erſcheinen und Ihr werdet darüber erſtaunen, ich fühlte bei dem Anblick dieſes Menſchen einen unbeſchreiblichen Abſcheu. Habt Ihr zuweilen auf Eurem Wege eine Schlange aufge⸗ ag 7 74 5 4„Nie,“ antwortete der Graf von Guiche. „Nun, mir iſt dies manchmal in unſern Waldun⸗ en in der Heimath begegnet, und ich erinnere mich, daß ich bei dem Anblicke der erſten, die mich mit ihren trockenen Augen, den Kopf wiegend und die Zunge hef⸗ tig bewegend, auf ſich ſelbſt gewunden anſchaute, bleich, ſtarr, gleichſam bezaubert bis zu dem Augenblicke blieb, wo der Graf de la Féère...“. „Euer Vater?“ fragte von Guiche. „Nein, mein Beſchützer,“ antwortete Raoul er⸗ röthend. „Sehr gut.“ „Bis zu dem Augenblicke,“ fuhr Raoul fort,„wo der Graf de la Fere mir ſagte:„„Auf, Bragelonne, den Degen gezogen.““ Dann erſt lief ich auf die Schlange zu und hieb ſie entzwei, gerade in dem Mo⸗ mente, wo ſie ſich ziſchend auf dem Schweife erhob, um mir entgegen zu fahren. Ich ſchwöre Euch, daß mich daſſelbe Gefühl bei dem Anblicke dieſes Menſchen „ fragt Ihr mich dies?““ — ergriff, als er, mich anſchauend, ſagte:„„Warum 4 168 „Der ehemalige Henker von Bethune,“ murmelte der junge Mönch, und machte eine Bewegung, als wollte er ſtille ſtehen, während auf ſeinem Geſichte das Gefühl des Widerſtrebens hervortrat, das ihm ſein Bußfertiger einflößte. Herr dArminges, der ſich an der Thüre hielt, be⸗ merkte ſein Zögern. „Herr Mönch, ſagte er,„mag dieſer Unglückliche Henker ſein oder geweſen ſein, ſo iſt er darum doch nicht minder Menſch. Leiſtet ihm alſo den letzten Dienſt, den er von Euch heiſcht, und Euer Werk wird nur um ſo verdienſtlicher ſein.“ Der Mönch antwortete nicht, ſondern ſetzte ſchwei⸗ gend ſeinen Weg nach dem unteren Zimmer fort, wo die zwei Bedienten den Sterbenden bereits auf ein Bett gelegt hatten. Als die zwei Lackeien den Mann Gottes ſich dem Lager des Verwundeten nahen ſahen, entfernten ſie ſich und ſchloſſen die Thüre vor dem Mönche und dem Sterbenden. DArminges und Hlivain harrten ihrer, ſtiegen wieder zu Pferde und alle vier entfernten ſich im Trab, dem Wege folgend, an deſſen Ende Raoul und ſein Gefährte bereits verſchwunden waren. In dem Augenblick, wo der Hofmeiſter und ſein Gefolge ebenfalls verſchwanden, hielt ein neuer Rei⸗ ſender an der Schwelle des Wirthshauſes. „Was wünſcht der Herr,“ fragte der Wirth, noch und zitternd von der Entdeckung, die er gemacht atte. Der Reiſende machte das Zeichen eines Mannes, welcher trinkt, ſtieg ab, deutete auf ſein Pferd und machte das Zeichen eines Reibenden. „Ah, Teufel! ſagte der Wirth zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, dieſer Menſch iſt ſtumm.— ünd wo wolli Ihr trinken?“ fragte er. ma ein He in: des net ein bat un! Sc 165 A „Dann müßt Ihr es Euch zum Vorwurf machen, baß Ihr ihn nicht wie Eure Schlange entzwei gehauen a t.“ 2 —„Meiner Treue, ja,“ antwortete Raoul. In dieſem Augenblick kam man in die Nähe der kleinen Herberge, und man erblickte jenſeits derſelben das Geleite des Verwundeten, der unter Anführung von Herrn d'Arminges herbeigebracht wurde. Zwei Männer trugen den Sterbenden, der dritte führte die Pferde an der Hand. Die zwei jungen Leute ſpornten ihre Roſſe. „Dort iſt der Verwundete,“ ſagte von Guiche, an dem Auguſtinerbruder vorüber reitend, habt die Güte, Euch ein wenig zu beeilen, Herr Mönch.“ Raoul entfernte ſich von dem Bruder auf die ganze Breite der Straße und ritt, den Kopf mit Ekel ab⸗ wendend, vorbei. Nun waren die jungen Leute vor dem Beichtvater, ſtatt ihm zu folgen; ſie gingen dem Sterbenden ent⸗ gegen und theilten ihm die gute Kunde mit. Dieſer erhob ſich, um in der angegebenen Rich⸗ tung zu ſchauen, ſah den Mönch, der, den Schritt ſeines Maulthieres beſchleunigend, ſich näherte, und fiel, das Geſicht von einem Freudenſtrahle erleuchtet, auf die Tragbahre zurück. „Wir haben nun,“ ſagten die jungen Leute,„Alles für Euch gethan, was wir zu thun im Stande wars und da es uns drängt, zu dem Heere des Herrn 2 zen zu gelangen, ſo ſetzen wir unſern Marſch fort; Ihr werdet uns entſchuldigen, nicht wahr, Herr? Man ſagt, es ſoll eine Schlacht geſchlagen werden, und wir wunſchten nicht den Tag nachher anzukommen.“ „Geht, meine jungen Herren,“ erwiederte der Ver⸗ wundete,„und ſeid Beide für Euer Mitleid geſegnet. Ihr habt in der That, wie Ihr ſagtet, Alles ge⸗ than, was Ihr zu thun im Stande waret. Ich kann 169 antwortete der Reiſende, auf einen Tiſch Wier deutend. „Ich täuſchte mich,“ ſprach der Wirth,„er iſt ſein nicht ganz ſtumm.“ Und er verbeugte ſich, holte eine Flaſche Wein „be⸗ und Zwieback und ſetzte Beides dem ſchweigſamen — — 5 S Gaſte vor. liche„Beliebt dem Herrn ſonſt noch Etwas?“ fragte er. doch„Allerdings,“ ſprach der Reiſende. tzten„Was wünſcht der Herr?“ wird„Zu wiſſen, ob Ihr nicht habt einen jungen Ebel⸗ mann von fünfzehn Jahren auf einem Fuchſen und von wei einem Lackei gefolgt vorüber reiten ſehen?“ wo e von Bragelonne?“ ſagte der Wirth. „Dann heißt Ihr Herr Grimaud?“ dem Der Reiſende machte ein bejahendes Zeichen. nſie„Nun wohl,“ ſprach der Wirth,„Euer junger dem Berr war erſt vor einer Viertelſtunde hier. Er wird in Mazingarde zu Mittag ſpeiſen und in Cambrin über egen Nacht bleiben.“ rab,„Wie weit von hier nach Mazingarde?“ ſein„Zwei und eine halbe Meile.“ „Danke.“ ſein Gewiß, daß er ſeinen jungen Herrn am Ende Rei⸗ des Tages treffen würde, ſchien Grimaud ruhiger, trock⸗ nete ſich die Stirne ab und ſchenkte ſich ein Glas Wein noch ein, das er ſchweigend trank. acht Er hatte ſein Glas auf den Tiſch geſetzt und ſchickte ſich an, es zum zweiten Male zu füllen, als ein furcht⸗ nes, barer Schrei aus dem Innern drang, wo ſich der Mönch und und der Sterbende befanden. Grimaud ſtand raſch auf. „es„Was iſt das?“ ſagte er,„und woher kommt der Ihr Schrei?“ „Aus dem Zimmer des Verwundeten.“ Zwanzig Jahre nachher. 1I. 12 nur wiederholen: Gott beſchütze Euch, Euch und dieje⸗ 1 nigen, welche Euch theuer ſind.“ „Mein Herr,“ ſprach von Guiche zu ſeinem Hof⸗ meiſter,„wir reiten voraus, Ihr holt uns auf der Straße nach Cambrin ein.“ Der Wirth ſtand unter ſeiner Thüre. Er hatte Alles vorbereitet, Bett, Binden und Charpie, und ein Knecht war nach Lens, der nächſten Stadt, gegangen, um einen Arzt zu holen. „Hier die Bezahlung, ſorgt für den Verwundeten, ſagte von Guiche zu dem Wirth und warf ihm Geld zu. „Gut,“ ſprach der Wirth, es ſoll geſchehen, wie Ihr wünſcht. Aber haltet Ihr nicht an, gnädiger Herr, um Eure Wunde zu verbinden?“ ſetzte er, ſich an Bragelonne wendend, bei. Ah, meine Wunde iſt durchaus von keiner Bedeu⸗ tung, und es iſt Zeit, daß ich mich um den nächſten Halt kümmere. Habt nur die Güte, wenn Ihr einen Reiter vorüberkommen ſeht, und dieſer Reiter ſich nach einem jungen Manne auf einem Fuchſen und gefolgt von einem Lackei, erkundigt, ihm zu ſagen: Ihr habet mich wirklich geſehen, ich aber habe meinen Weg fort⸗ geſetzt und gedenke in Mazingarde zu Miitag zu ſpei⸗ ſen und zu Cambrin über Nacht zu bleiben. Dieſer Reiter iſt mein Bedienter.“ „Wäre es nicht beſſer und ſicherer, wenn ich ihn um ſeinen Namen fragte und ihm den Eurigen nen⸗ nen würde,“ entgegnete der Wirth. „Dieſer Zuwachs von Vorſicht kann nicht ſchaden,“ ſprach Raoul,„ich heiße Vicomte von Bragelonne und er Grimaud:“ 3 In dieſem Augenblick kam der Verwundete von der einen Seite und der Mönch von der andern. Die zwei jungen Leute wichen zurück, um die Tragbahre vorüber ziehen zu laſſen. Der Mönch ſtieg von ſeinen Maulthiere ab und befahl, daſſelbe in den Stall zu führen, ohne es abzuſatteln. „Wer iſt der Verwundete?“ fragte Grimaud. „Der ehemalige Henker von Bethune, der, von ſpaniſchen Parteigängern auf den Tod verwundet, hieher gebracht worden iſt und in dieſem Augenblicke einem Auguſtinermönche beichtet. Es ſcheint, er leidet e „Der ehemalige Henker von Bethune?“ murmelte Grimaud, ſeine Erinnerungen zuſammenfaſſend... „ein Mann von fünfundfünfzig bis ſechszig Jahren... groß, kräftig, von dunkler Geſichtsfarbe, mit ſchwarzem Bart und ſchwarzen Haaren?“ „So iſt es, nur ſind ſeine Barthaare grau und ſeine Haupthaare weiß geworden. Kennt Ihr ihn?“ fragte der Wirth. „Ich habe ihn einmal geſehen,“ antwortete Gri⸗ maud, deſſen Stirne ſich bei dem Gemälde, das ſich vor ſeine Erinnerung ſtellte, verfinſterte. Die Frau lief ganz zitternd herbei. „Haſt Du gehört?“ ſagte ſie zu ihrem Manne. „Ja,“ antwortete der Wirth und ſchaute unruhig nach der Thüre. In dieſem Augenblick vernahm man einen Schrei, etwas minder ſtark, als der erſte, aber gefolgt von einem langen, gedehnten Seufzer. Die drei Perſonen ſchauten ſich bebend an. „Man muß ſehen, was es iſt,“ ſagte Grimaud. „Man ſollte glauben, es wäre der Schrei eines Menſchen, den man erdroſſelt,“ murmelte der Wirth. „Jeſus!“ rief die Wirthin, ſich bekreuzend. Wenn Grimaud wenig ſprach, ſo handelte er da⸗ gegen viel, wie man weiß. Er ſtürzte nach der Thüre und rüttelte mit aller Gewalt daran; aber ſie war durch einen innern Riegel verſchloſſen. „Oeffnet!“ rief der Wirth,„öffnet, Herr Mönch! Oeffnet ſogleich!“ Niemand antwortete. 5 — me we ra ſet die ſor der „ he die un ſei in di um ebe ma in bei 167 „Herr Mönch,“ ſprach von Guiche, hört dieſen braven Mann wohl Beichte und kümmert Euch nicht um fur Zeche und um die Eures Thieres; Alles iſt bezahlt.“ 4„Ich danke, mein Herr,“ antwortete der Mönch mit dem Lächeln, das Bragelonne bebend gemacht hatte. „Kommt, Graf,“ ſprach Raoul, welcher inſtinkt⸗ artig die Gegenwart des Auguſtiners nicht ertragen zu koͤnnen ſchien,„kommt, ich fühle mich unheimlich hier.“ „Ich danke noch einmal, meine ſchönen jungen Herren, ſagte der Verwundete,„und vergeßt mich nicht in Eurem Gebete.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte von Guiche und ſpornte ſein Pferd, um Bragelonne einzuholen, der bereits zwanzig Schritte voraus war. In dieſem Augenblicke wurde die Tragbahre von den zwei Lackeien in das Haus gebracht. Der Wirth und ſeine Frau, welche nun auch herbei gelaufen war. ſtanden auf den Stufen der Treppe. Der unglückliche Verwundete ſchien furchtbare Schmerzen auszuſtehen, und dennoch beſchäftigte er ſich nur damit, nachzuſehen, ob ihm der Mönch folgte. Bei dem Anblick dieſes bleichen, blutigen Mannes ergriff die Frau ihren Mann heftig beim Arme. „Nun, was gibt es?“ fragte dieſer,„befindeſt Du, Dich etwa unwohl?“ „Nein, aber ſchau,“ erwiederte die Wirthin, auf den Verwundeten deutend. „Bei Gott,“ ſagte der Wirth, er ſcheint mir ſehr krank zu ſein!“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen will,“ fuhr die Frau zitternd fort;„ich frage Dich, ob Du ihn er⸗ kennſt?“ 3 „Dieſen Menſchen? Warte doch...“ „Ah, ich ſehe, daß Du ihn erkennſt,“ ſagte die Frau,„denn Du erbleichſt ebenfalls.“ „In der That!“ rief der Wirth.„Wehe unſerem Hauſe, es iſt der ehemalige Henker von Bethune!“ 471 „Oeffnet, oder ich ſprenge die Thüre!“ rief Gri⸗ aud. Daſſelbe Stillſchweigen. icke Grimaud ſchaute umher und erblickte eine Stange, eidet welche zufällig in einem Winkel lag. Er faßte ſie rraſch, und ehe der Wirth ſich ſeinem Vorhaben wider⸗ ſetzen konnte, hatte er die Thüre eingeſtoßen. Das Zimmer war von Blut überſtrömt, das durch die Matratze drang. Der Verwundete ſprach nicht, rzem ſondern röchelte. Der Mönch war verſchwunden. „Der Mönch! wo iſt der Mönch?“ rief der Wirth. und Grimaud lief nach einem offenen Fenſter, das nach hn? dem Hofe ging. „Er wird hier hinaus entflohen ſein!“ rief er. Gri⸗„Ihr glaubt?“ ſprach der Wirth ganz beſtürzt. ſich„Hausknecht, ſeht nach, ob das Maulthier des Mön⸗ ches im Stalle iſt?“ „Kein Maulthier mehr,“ antwortete dieſer. e. Grimaud runzelte die Stirne, der Wirth faltete ruhig die Hände und ſchaute mißtrauiſch um ſich her. Die Frau hatte es nicht gewagt, in das Zimmer zu treten, chrei, und verharrte voll Schrecken an der Thüre. von Grimaud näherte ſich dem Verwundeten und ſchaute ſeine rauhen Züge an, welche eine furchtbare Erinnerung in ihm hervorriefen. Nach einem Augenblicke ſtummer, ud. düſterer Betrachtung ſagte er: eines„Es unterliegt keinem Zweifel, er iſt es!“ irth.„Lebt er noch?“ fragte der Wirth. Ohne zu antworten, öffnete Grimaud ſein Wamms, r da⸗ um ihm das Herz zu befühlen, während ſich der Wirth hüre, ebenfalls näherte. Aber plötzlich wichen Beide, der durchf Wirth einen Schrei des Schreckens ausſtoßend, Gri⸗ maud erbleichend, zurück. önch!! Die Klinge eines Dolches war bis an das Heft in die linke Seite der Bruſt des Henkers geſtoßen. „Lauft nach Hülfe!“ ſprach Grimaud;„ich bleibe bei ihm.“ 12* m 2 — — — — 168 „Der ehemalige Henker von Bethune,“ murmelte der junge Mönch, und machte eine Bewegung, als wollte er ſtille ſtehen, während auf ſeinem Geſichte das Gefühl des Widerſtrebens hervortrat, das ihm ſein Bußfertiger einflößte. Herr d'Arminges, der ſich an der Thüre hielt, be⸗ merkte ſein Zögern. „Herr Moͤnch, ſagte er,„mag dieſer Unglückliche Henker ſein oder geweſen ſein, ſo iſt er darum do nicht minder Menſch. Leiſtet ihm alſo den letzten Dienſt, den er von Euch heiſcht, und Euer Werk wird nur um ſo verdienſtlicher ſein.“. Der Mönch antwortete nicht, ſondern ſetzte ſchwei⸗ gend ſeinen Weg nach dem unteren Zimmer fort, wo die zwei Bedienten den Sterbenden bereits auf ein Bett gelegt hatten. Als die zwei Lackeien den Mann Gottes ſich dem Lager des Verwundeten nahen ſahen, entfernten ſie ſich und ſchloſſen die Thüre vor dem Mönche und dem Sterbenden. D'Arminges und Olivain harrten ihrer, ſtiegen wieder zu Pferde und alle vier entfernten ſich im Trab, dem Wege folgend, an deſſen Ende Raoul und ſein Gefährte bereits verſchwunden waren. In dem Augenblick, wo der Hofmeiſter und ſein Gefolge ebenfalls verſchwanden, hielt ein neuer Rei⸗ ſender an der Schwelle des Wirthshauſes. „Was wünſcht der Herr,“ fragte der Wirth, noch bud und zitternd von der Entdeckung, die er gemacht atte. Der Reiſende machte das Zeichen eines Mannes, welcher trinkt, ſtieg ab, deutete auf ſein Pferd und machte das Zeichen eines Reibenden. 3 „Ah, Teufel! ſagte der Wirth zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, dieſer Menſch iſt ſtumm.— Und wo wollt Ihr trinken?“ fragte er. — 172 Der Wirth eilte ganz beſtürzt aus dem Zimmer. Die Frau war bei dem Schrei ihres Mannes entflohen. jun Be wel Xv. . der Die Abſolution. nic auf Man höre, was geſchehen war. 3 Wir haben geſehen, daß der Mönch nicht durch eine Wirkung ſeines eigenen Willens, ſondern im Ge⸗ gentheil ganz gegen ſeinen Wunſch den Verwundeten ſa geleitete, der ihm auf eine ſo ſeltſame Weiſe empfohlen 3 wurde. Vielleicht hätte er zu fliehen geſucht, wenn er eine Möglichkeit geſehen haben würde, aber die Dro⸗ hungen der zwei jungen Edelleute, ihr Gefolge, das hinter ihm geblieben war und ohne Zweifel Weiſungen hir erhalten hatte, und eine ſchärfere Ueberlegung beſtimmten S den Mönch, ohne zu viel böſen Willen durchſcheinen Go— zu laſſen, ſeine Beichtiger⸗Rolle bis zum Ende zu ſpie⸗ len. Sobald er in dem Zimmer war, näherte er ſich felt dem Kopfkiſſen des Verwundeten. Mit dem raſchen, denjenigen, welche zu ſterben vas im Begriffe ſind und folglich keine Zeit zu verlieren G haben, eigenthümlichen Blicke betrachtete der Henker diri das Geſicht desjenigen, welcher ſein Tröſter werden 3 ſollte; er machte eine Bewegung des Erſtaunens und uſſ „Ihr ſeid ſehr jung, mein Vater.“ wiß „Die Leute meines Gewandes haben kein Alter,“ antwortete trocken der Mönch. i' „Ach, ſprecht doch etwas ſanfter, mein Vater,“ be verſetzte der Verwundete,„ich bedarf eines Freundes Leh in meinen letzten Augenblicken.“ 1 „Ihr leidet viel?“ ſagte der Mönch. „Ja, aber mehr in der Seele, als im Leibe.“ 6 — 4 169 „Hier,“ antwortete der Reiſende, auf einen Tiſch deutend. „Ich täuſchte mich,“ ſprach der Wirth, ver iſt nicht ganz ſtumm.“ Und er verbeugte ſich, holte eine Flaſche Wein und Zwieback und ſetzte Beides dem ſchweigſamen Gaſte vor. „Beliebt dem Herrn ſonſt noch Etwas?“ fragte er. „Allerdings,“ ſprach der Reiſende. „Was wünſcht der Herr?“ 1 „Zu wiſſen, ob Ihr nicht habt einen jungen Edel⸗ mann von fünfzehn Jahren auf einem Fuchſen und von einem Lackei gefolgt vorüber reiten ſehen?“ „en d aſen von Bragelonne?“ ſagte der Wirth. „Richtig.“ „Dann heißt Ihr Herr Grimaud?“ Der Reiſende machte ein bejahendes Zeichen. „Nun wohl,“ ſprach der Wirth,„Euer junger Herr war erſt vor einer Viertelſtunde hier. Er wird in Mazingarde zu Mittag ſpeiſen und in Cambrin über Nacht bleiben.“ „Wie weit von hier nach Mazingarde?“ „Zwei und eine halbe Meile.“ „Danke.“ Gewiß, daß er ſeinen jungen Herrn am Ende des Tages treffen würde, ſchien Grimaud ruhiger, trock⸗ nete ſich die Stirne ab und ſchenkte ſich ein Glas Wein ein, das er ſchweigend trank. Er hatte ſein Glas auf den Tiſch geſetzt und ſchickte ſich an, es zum zweiten Male zu füllen, als ein furcht⸗ barer Schrei aus dem Innern drang, wo ſich der Mönch und der Sterbende befanden. Grimaud ſtand raſch auf. Sch„Was iſt das?“ ſagte er,„und woher kommt der rei?“ 4 „Aus dem Zimmer des Verwundeten.“ Zwanzig Jahre nachher. II. 12 ner. hen. 173 „Wir werden Eure Seele retten,“ erwiederte der junge Mann;„aber ſeid Ihr wirklich der Henker von Bethune, wie dieſe Leute ſagten?“ „Das heißt, antwortete lebhaft der Verwundete, welcher wohl bange hatte, der Name des Henkers könnte von ihm die letzte Hülfe entfernen, die er for⸗ derte,„das heißt, ich bin es geweſen, bin es aber nicht mehr. Ich habe vor fünfzehn Jahren mein Amt aufgegeben, wohne Hinrichtungen noch bei, ſchlage aber nicht mehr. O nein!“ „Ihr habt alſo Abſchen vor Eurem Stande?“ Der Henker ſtieß einen tiefen Seufzer aus und a6te „So lange ich nur im Namen des Geſetzes und der Gerechtigkeit geſchlagen habe, ließ mich mein Stand, geſchützt wie ich unter der Gerechtigkeit und dem Geſetze war, ruhig ſchlafen; aber ſeit der furcht⸗ baren Nacht, wo ich als Werkzeug für eine Privatrache diente und mein Schwert mit Haß auf ein Geſchöpf Gottes erhob, ſeit dieſer Nacht...“ Der Henker hielt inne und ſchüttelte mit verzwei⸗ felter Miene den Kopf. „Sprecht,“ ſagte der Mönch, der ſich unten an das Bett des Verwundeten geſetzt hatte und an einer Erzählung, die ſich auf eine ſo ſeltſame Weiſe ankün⸗ digte, Intereſſe zu nehmen anfing. „Ach!“ rief der Sterbende mit dem ganzen Er⸗ guſſe eines lange zurückgehaltenen Schmerzes, der ſich endlich Luft macht,„ach! ich habe jedoch dieſe Ge⸗ wiſſensbiſſe durch zwanzig Jahre guter Werke zu erſticken geſucht. Ich habe denjenigen, welche das Blut ver⸗ gießen, die natürliche Wildheit genommen; bei jeder Gelegenheit habe ich mein Leben ausgeſetzt, um das Leben derer zu retten, welche in Gefahr ſchweb⸗ ten. Ich habe der Erde menſchliche Eriſtenzen erhal⸗ ten, im Austauſche gegen diejenigen, welche ich ihr geraubt hatte. Das iſt noch nicht Alles; das in der 170 „Wer iſt der Verwundete?“ fragte Grimaud. „Der ehemalige Henker von Bethune, der, von ſpaniſchen Parteigängern auf den Tod verwundet, hieher gebracht worden iſt und in dieſem Augenblicke einem Auguſtinermönche beichtet. Es ſcheint, er leidet ſehr.“ „Der ehemalige Henker von Bethune?“ murmelte Grimaud, ſeine Erinnerungen zuſammenfaßent.. „ein Mann von fünfundfünfzig bis ſechszig Jahren.... groß, kräftig, von dunkler Geſichtsfarbe, mit ſchwarzem Bart und ſchwarzen Haaren?“ „So iſt es, nur ſind ſeine Barthaare grau und ſeine Haupthaare weiß geworden. Kennt Ihr ihn?“ fragte der Wirth. „Ich habe ihn einmal geſehen,“ antwortete Gri⸗ maud, deſſen Stirne ſich bei dem Gemälde, das ſich vor ſeine Erinnerung ſtellte, verfinſterte. Die Frau lief ganz zitternd herbei. „Haſt Du gehört?“ ſagte ſie zu ihrem Manne. „Ja,“ antwortete der Wirth und ſchaute unruhig nach der Thüre. In dieſem Augenblick vernahm man einen Schrei, etwas minder ſtark, als der erſte, aber gefolgt von einem langen, gedehnten Seufzer. Die drei Perſonen ſchauten ſich bebend an. „Man muß ſehen, was es iſt,“ ſagte Grimaud. „Man ſollte glauben, es wäre der Schrei eines Menſchen, den man erdroſſelt,“ murmelte der Wirth. „Jeſus!“ rief die Wirthin, ſich bekreuzend. Wenn Grimaud wenig ſprach, ſo handelte er da⸗ gegen viel, wie man weiß. Er ſtürzte nach der Thüre und rüttelte mit aller Gewalt daran; aber ſie war durch einen innern Riegel verſchloſſen. „Oeffnetl“ rief der Wirth,„öffnet, Herr Mönch! Oeffnet ſogleich!“ Niemand antwortete. 174 Ausübung meines Gewerbes von mir errungene Ver⸗ mögen habe ich unter die Armen vertheiltz ich bin ein beſtändiger Kirchengänger geworden; die Leute, welche mich fruͤher flohen, gewöhnten ſich an meinen Anblick. Alle haben mir vergeben, Einige liebten mich ſogar. Aber ich glaube, daß mir Gott nicht verziehen hat; denn die Erinnerung an jene Hinrichtung verfolgt mich beſtändig, und es kommt mir jede Nacht vor, als ſaͤhe — Geſpenſt jener Frau vor meinen Augen ſich erheben.“ „Einer Frau? Ihr habt alſo eine Frau ermordet?“ rief der Mönch. „Und Ihr auch?“ erwiederte der Henker;„Ihr be⸗ dient Euch auch des Ausdrucks, der ſo furchtbar in meinem Ohre klingt? Ermordet! Ich habe alſo gemor⸗ det und nicht hingerichtet! Ich bin alſo ein Mörder und nicht ein Nachrichter!“ Und er ſchloß die Augen und ſtieß einen Seuf⸗ zer aus. Der Mönch befürchtete ohne Zweifel, er könnte ſterben, ohne mehr zu ſagen; denn er verſetzte lebhaft: „Fahrt fort, ich weiß nichts, und wenn Ihr Eure Erzählung geendigt habt, werden Gott und ich richten.“ „Oh! mein Vater,“ fuhr der Henker fort, ohne die Augen wieder zu öffnen, als hätte er bange, beim Oeffnen einen furchtbaren Gegenſtand zu ſehen,„be⸗ ſonders bei Nacht und wenn ich über einen Fluß ſetze, iſt dieſer Schrecken, den ich nicht überwinden kann, gräßlich. Es kommt mir vor, als erſchwerte ſich meine Hand, als läge mein Schwert darin. Das Waſſer nimmt die Farbe des Blutes an, und alle Stimmen der Natur, das Rauſchen der Bäume, das Murmeln des Windes, das Schlagen der Wellen, vereinigen ſich, um eine weinende, verzweifelte, gräßliche Stimme zu bilden, die mir zuruft:„Laſſe die Gerechtigkeit Got⸗ tes walten.““ on bei ihm.“ 171 „Oeffnet, oder ich ſprenge die Thüre!“ rief Gri⸗ aud. Daſſelbe Stillſchweigen. Grimaud ſchaute umher und erblickte eine Stange, welche zufällig in einem Winkel lag. Er faßte ſie raſch, und ehe der Wirth ſich ſeinem Vorhaben wider⸗ ſetzen konnte, hatte er die Thüre eingeſtoßen. Das Zimmer war von Blut überſtrömt, das durch die Matratze drang. Der Verwundete ſprach nicht, ſondern röchelte. Der Mönch war verſchwunden. „Der Mönch! wo iſt der Mönch?⸗ rief der Wirth. Grimaud lief nach einem offenen Fenſter, das nach dem Hofe ging. „Er wird hier hinaus entflohen ſein!“ rief er. „Ihr glaubt?“ ſprach der Wirth ganz beſtürzt. „Hausknecht, ſeht nach, ob das Maulthier des Mön⸗ ches im Stalle iſt?“ 3 „Kein Maulthier mehr,“ antwortete dieſer. Grimaud runzelte die Stirne, der Wirth faltete die Hände und ſchaute mißtrauiſch um ſich her. Die Frau hatte es nicht gewagt, in das Zimmer zu treten, und verharrte voll Schrecken an der Thüre. Grimaud näherte ſich dem Verwundeten und ſchaute ſeine rauhen Züge an, welche eine furchtbare Erinnerung in ihm horvorriefen. Nach einem Augenblicke ſtummer, düſterer Betrachtung ſagte er: 3 „Es unterliegt keinem Zweifel, er iſt es!“ „Lebt er noch?“ fragte der Wirth. 8 Ohne zu antworten, öffnete Grimaud ſein Wamms, um ihm das Herz zu befühlen, während ſich der Wirth ebenfalls näherte. Aber plötzlich wichen Beide, der m Wirth einen Schrei des Schreckens ausſtoßend, Gri⸗ mand erbleichend, zurück. Die Klinge eines Dolches war bis an das Heft in die linke Seite der Bruſt des Henkers geſtoßen. „Lauft nach Hülfe!“ ſprach Grimaud;„ich bleibe 12 ⅔ 175 „Delirium!“ murmelte der Mönch und ſchüttelte ebenfalls das Haupt. Der Henker öffnete die Augen, machte eine Bewe⸗ gung, um ſich nach dem jungen Mann umzuwenden, und faßte ihn beim Arme. „Delirium,“ wiederholte er,„ſagt Ihr? Oh, nein, denn es geſchah in der Nacht; ich warf ihren Körper in den Fluß; die Worte, welche mir meine Gewiſſens⸗ biſſe wiederholen, dieſe Worte habe ich in meinem Stolze ausgeſprochen: nachdem ich das Werkzeug der menſchlichen Gerechtigkeit geweſen war, glaubte ich das der Gerechtigkeit Gottes zu ſein.“ „Laßt hören! wie kam dies? ſprecht!“ ſagte der Mönch. „An einem Abend erſchien ein Mann bei mir und zeigte mir einen Befehl. Ich folgte. Vier andere vor⸗ nehme Herren erwarteten mich; ſie führten mich mas⸗ kirt mit ſich. Ich behielt mir immer vor, zu wider⸗ ſtehen, wenn das, was man von mir fordern würde, mir ungerecht vorkäme. Wir machten fünf oder ſechs Meilen, düſter, ſchweigſam und beinahe ohne ein Wort auszutauſchen. Dann zeigten ſie mir durch die Fenſter einer kleinen Hütte eine mit dem Ellbogen auf den Tiſch gelehnte Frau und ſagten zu mir:„Dieſe habt Ihr hinzurichten.““ „Gräßlich!“ ſprach der Mönch.„Und Ihr ge⸗ horchtet?“ „Mein Vater, dieſe Frau war ein Ungeheuer. Sie hatte, wie man ſagte, ihren zweiten Gatten vergiftet, ihren Schwager, welcher ſich unter dieſen Männern befand, zu vergiften geſucht. Sie hatte kurz zuvor eine junge Frau, welche ihre Nebenbuhlerin war, vergiftet, und ehe ſie England verließ, wie man ſagte, Bucking⸗ ham, den Liebling des Königs, erdolchen laſſen.“ „Buckingham?“ rief der Mönch. „Ja, Buckingham, ſo iſt es.“ „Dieſe Frau war alſo eine Engländerin?“ 172 Der Wirth eilte ganz beſtürzt aus dem Zimmer. 3 Die Frau war bei dem Schrei ihres Mannes entflohen. XIV. Die Abſolution. Man höre, was geſchehen war. Wir haben geſehen, daß der Mönch nicht durch eine Wirkung ſeines eigenen Willens, ſondern im Ge⸗ gentheil ganz gegen ſeinen Wunſch den Verwundeten geleitete, der ihm auf eine ſo ſeltſame Weiſe empfohlen wurde. Vielleicht hätte er zu fliehen geſucht, wenn er eine Möglichkeit geſehen haben würde, aber die Dro⸗ hungen der zwei jungen Edelleute, ihr Gefolge, das hinter ihm geblieben war und ohne Zweifel Weiſungen erhalten hatte, und eine ſchärfere Ueberlegung beſtimmten den Mönch, ohne zu viel böſen Willen durchſcheinen zu laſſen, ſeine Beichtiger⸗Rolle bis zum Ende zu ſpie⸗ len. Sobald er in dem Zimmer war, näherte er ſich dem Kopfkiſſen des Verwundeten. 8 Mit dem raſchen, denjenigen, welche zu ſterben im Begriffe ſind und folglich keine Zeit zu verlieren haben, eigenthümlichen Blicke, betrachtete der Henker das Geſicht desjenigen, welcher ſein Tröſter werden ſpllte⸗ er machte eine Bewegung des Erſtaunens und ſagte: 3„Ihr ſeid ſehr jung, mein Vater.“ „Die Leute meines Gewandes haben kein Alter,“ antwortete trocken der Mönch. „Ach, ſprecht doch etwas ſanfter, mein Vater,“ verſetzte der Verwundete,„ich bedarf eines Freundes in meinen letzten Augenblicken.“ „Ihr leidet viel?“ ſagte der Mönch. „Ja, aber mehr in der Seele, als im Leibe.“ 176 „Nein, ſte war eine Franzöſin, aber in England verheirathet.“ „Der Mönch erbleichte, trocknete ſeine Stirne und verſchloß die Thüre mit einem Riegel. Der Henker glaubte, er wollte ihn verlaſſen, und fiel ſeufzend auf ſein Bett zurück. „Nein, nein, hier bin ich,“ verſetzte der Mönch, raſch zu ihm zurückkehrend:„fahrt fort, wer waren dieſe Männer?“ „Der Eine war ein Fremder, ein Engländer, glaube ich. Die Andern waren Franzoſen und trugen die Uniform der Musketiere.“ „Ihre Namen?“ fragte der Mönch. „Ich kenne ſie nicht;„ich weiß nur, daß die vier andern Herren den Engländer Mylord nannten.“ „Und die Frau war ſchön?“ „Schön und jung! Oh! ja, beſonders ſchön. Ich ſehe ſie noch, wie ſie auf den Knieen vor mir, den Kopf zurückgeworfen, flehte. Nie habe ich ſeitdem be⸗ griffen, wie ich den ſo ſchönen und ſo bleichen Kopf abſchlagen konnte.“ Der Mönch ſchien von einer ſeltſamen Bewegung ergriffen. Er zitterte an allen Gliedern; man ſah, daß er eine Frage machen wollte, daß er es aber nicht wagte. Endlich nach einer heftigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt ſagte er: „Der Name dieſer Frau?“ „Ich weiß ihn nicht. Sie hatte ſich, wie ich Euch ſagte, zweimal verheirathet, einmal in Frankreich, das zweitemal in England.“ „Und ſie war jung, ſagt Ihr?“ „Fünfundzwanzig Jahre.“ ön?“ „Jum Entzücken.“ „Blond?“ ½ 7. „Id mi: n. ſagte: 173 „Wir werden Eure Seele retten,“ erwiederte der junge Mann;„aber ſeid Ihr wirklich der Henker von Bethune, wie dieſe Leute ſagten?“ „ Das heißt, antwortete lebhaft der Verwundete, welcher wohl bange hatte, der Name des Henkers könnte von ihm die letzte Hülfe entfernen, die er for⸗ derte,„das heißt, ich bin es geweſen, bin es aber nicht mehr. Ich habe vor fünfzehn Jahren mein Amt aufgegeben, wohne Hinrichtungen noch bei, ſchlage aber nicht mehr. O nein!“ „Ihr habt alſo Abſcheu vor Eurem Stande?“ Der Henker ſtieß einen tiefen Seufzer aus und „So lange ich nur im Namen des Geſetzes und der Gerechtigkeit geſchlagen habe, ließ mich mein Stand, geſchützt wie ich unter der Gerechtigkeit und dem Geſetze war, ruhig ſchlafen; aber ſeit der furcht⸗ baren Nacht, wo ich als Werkzeug für eine Privatrache diente und mein Schwert mit Haß auf ein Geſchöpf Gottes erhob, ſeit dieſer Nacht...“ Der Henker hielt inne und ſchüttelte mit verzwei⸗ felter Miene den Kopf. „Sprecht,“ ſagte der Mönch, der ſich unten an das Bett des Verwundeten geſetzt hatte und an einer Erzählung, die ſich auf eine ſo ſeltſame Weiſe ankün⸗ digte, Intereſſe zu nehmen anfing. „Ach!“ rief der Sterbende mit dem ganzen Er⸗ guſſe eines lange zurückgehaltenen Schmerzes, der ſich endlich Luft macht,„ach! ich habe jedoch dieſe Ge⸗ wiſſensbiſſe durch zwanzig Jahre guter Werke zu erſticken geſucht. Ich habe denjenigen, welche das Blut ver⸗ gießen, die natürliche Wildheit genommenz; bei jeder Gelegenheit habe ich mein Leben ausgeſetzt, um das Leben derer zu retten, welche in Gefahr ſchweb⸗ ten. Ich habe der Erde menſchliche Exiſtenzen erhal⸗ ten, im Austauſche gegen diejenigen, welche ich ihr geraubt hatte. Das iſt noch nicht Alles: das in der 177 and„Lange Haare, nicht wahr... die ihr bis auf die Schultern herabfielen?“ und nker„Große Augen von wunderbarem Ausdruck?“ auf„Wenn ſie wollte. Oh! ja, ſo iſt es.“ „Eine Stimme von ſeitſamer Weichheit?“ nch,„Woher wißt Ihr dies?“ ren Der Henker ſtützte ſich mit dem Ellbogen auf ſein Bett und heftete ſeinen erſchrockenen Blick auf den ube Mönch, welcher leichenblaß wurde. die„Und Ihr habt ſie getödtet!“ ſprach der Mönch; „Ihr habt als Werkzeug für iiſe eien gedient, die ſie nicht ſelbſt zu tödten wagten! Ihr habt mit dieſer vier Jugend, mit dieſer Schönheit, mit dieſer Schwäche kein Mitleid gehabt! Ihr habt dieſe Frau getödtet!“ „Ach!“ verſetzte der Henker,„ich habe es Euch ge⸗ Ich ſagt, mein Vater, dieſe Frau verbarg unter einer himm⸗ den liſchen Hülle einen hölliſchen Geiſt, und als ich ſie ſah be⸗ und mich alles des Böſen erinnerte, das ſie mir zu⸗ opf gefügt hatte...“ 5 „Euch? Und was hatte ſie Euch thun können? ung Laßt hören.“ daß„Sie hatte meinen Bruder, der ein Prieſter war, icht verführt und zu Grunde gerichtet; ſie war mit ihm aus ihrem Kloſter entflohen.“ ſich„Mit Eurem Bruder?“ „Ja. Mein Bruder war ihr erſter Liebhaber; ſie war die Urſache des Todes meines Bruders. Oh! mein uch Vater! mein Vater! ſchaut mich nicht ſo an! Ohl ich das 6 alſo ſehr ſchuldig. Oh! Ihr vergebt mir alſo ni t!“ Der Mönch verzog ſein Geſicht. „Doch wohl, ich werde Euch vergeben, wenn Ihr mir Alles ſagt.“ „Oh!“ rief der Henker,„Alles! Alles! Alles!“ „So antwortet alſo... Wenn ſie Euren Bruder 174 Ausübung meines Gewerbes von mir errungene Ver⸗ mögen habe ich unter die Armen vertheilt; ich bin ein beſtändiger Kirchengänger geworden; die Leute, welche mich fruͤher flohen, gewöhnten ſich an meinen Anblick. Alle haben mir vergeben, Einige liebten mich ſogar. Aber ich glaube, daß mir Gott nicht verziehen hat; denn die Erinnerung an jene Hinrichtung verfolgt mich beſtändig, und es kommt mir jede Nacht vor, als ſaͤhe ich das Geſpenſt jener Frau vor meinen Augen ſich erheben.“ „Einer Frau? Ihr habt alſo eine Frau ermordet?“ rief der Mönch. „Und Ihr auch?“ erwiederte der Henker;„Ihr be⸗ dient Euch auch des Ausdrucks, der ſo furchtbar in meinem Ohre klingt? Ermordet, Ich habe alſo gemor⸗ det und nicht hingerichtet! Ich bin alſo ein Mörder und nicht ein Nachrichter!“ Und er ſchloß die Augen und ſtieß einen Seuf⸗ zer aus... Der Mönch befürchtete ohne Zweifel, er könnte ſterben, ohne mehr zu ſagen; denn er verſetzte lebhaft: „Fahrt fort, ich weiß nichts, und wenn Ihr Cure Erzählung geendigt habt, werden Gott und ich richten.“ Ohl mein Vater,“ fuhr der Henker fort, ohne die Augen wieder zu öffnen, als hätte er bange, beim Oeffnen einen furchtbaren Gegenſtand zu ſehen,„be⸗ ſonders bei Nacht und wenn ich über einen Fluß ſetze, iſt dieſer Schrecken, den ich nicht überwinden kann, gräßlich. Es kommt mir vor, als erſchwerte ſich meine Hand, als läge mein Schwert darin. Das Waſſer nimmt die Farbe des Blutes an, und alle Stimmen der Natur, das Rauſchen der Bäume, das Murmeln des Windes, das Schlagen der Wellen, vereinigen ſich, tes walten.““ um eine weinende, verzweifelte † räßliche Stimme zu bilden, die mir zuruft:„„Laſſe die Gerechtigkeit Got⸗ — 178 verführt hat... Ihr ſagt, ſie habe ihn verführt, nicht wahr?“ „Wenn ſie ſeinen Tod veranlaßt hat... Ihr ſagt, ſie habe ſeinen Tod veranlaßt, nicht wahr?“ „Ja,“ wiederholte der Henker. „So müßt Ihr ihren Namen als Mädchen kennen.“ bi „Oh! mein Gott!“ ſprach der Henker,„mein Gott! ich glaube, ich ſterbe. Die Abſolution, mein Vater, die Abſolution!“ „Sage mir ihren Namen!“ rief der Mönch,„und ba ich gebe ſie Dir!“ „Sie hieß... mein Gott, habe Gnade mit mir!“ N murmelte der Henker und ſank bleich, zitternd, einem we Menſchen in der Seecunde des Sterbens ähnlich, auf ſein Bett zurück. gel „Ihren Namen!“ wiederholte der Mönch und beugte ſich über ihn, als gedächte er ihm dieſen Na⸗ Ar men zu entreißen, wenn er denſelben nicht nennen wollte;„ihren Namen!... ſprich oder keine Abſo⸗ ha lution!“ ſei Der Sterbende ſchien alle ſeine Kräfte zuſammen⸗ zuraffen. het Die Augen des Mönches funkelten. „Anna von Beuil,“ murmelte der Sterbende. „Anna von Beuil!“ rief der Mönch, ſich hoch auf⸗ wo richtend und ſeine Hände zum Himmel erhebend;„Anna„ von Beuil, Du haſt geſagt, Anna von Beuil, nicht lin wahr?“ Di „Ja, ja, das war ihr Name, und jetzt abſolvirt. öf mich, denn ich ſterbe.“ ſch „Ich Dich abſolviren?“ rief der Mönch mit einem ſid Lachen, das die Haare auf dem Haupte des Sterbenden hö ſträuben machte;„ich Dich abſolviren? ich bin kein rieſter!“ 8 „Ihr ſeid kein Prieſter!“ rief der Henker;„aber haä was ſeid Ihr denn?“ 175 „Delirium!“ murmelte der Mönch und ſchüttelte ebenfalls das Haupt. Der Henker öffnete die Augen, machte eine Bewe⸗ gung, um ſich nach dem jungen Mann umzuwenden, und faßte ihn beim Arme. „Delirium,“ wiederholte er,„ſagt Ihr? Oh, nein, denn es geſchah in der Nacht; ich warf ihren Körper in den Fluß; die Worte, welche mir meine Gewiſſens⸗ biſſe wiederholen, dieſe Worte habe ich in meinem Stolze ausgeſprochen: nachdem ich das Werkzeug der menſchlichen Gerechtigkeit geweſen war, glaubte ich das der Gerechtigkeit Gottes zu ſein.“ „Laßt hören! wie kam dies? ſprecht!“ ſagte der Mönch. „An einem Abend erſchien ein Mann bei mir und zeigte mir einen Befehl. Ich folgte. Vier andere vor⸗ nehme Herren erwarteten mich; ſie führten mich mas⸗ kirt mit ſich. Ich behielt mir immer vor, zu wider⸗ ſtehen, wenn das, was man von mir fordern würde, mir ungerecht vorkäme. Wir machten fünf oder ſechs Meilen, düſter, ſchweigſam und beinahe ohne ein Wort auszutauſchen. Dann zeigten ſie mir durch die Fenſter einer kleinen Hütte eine mit dem Ellbogen auf den Tiſch gelehnte Frau und ſagten zu mir:„„Dieſe habt Ihr hinzurichten.““ „Gräßlich!“ ſprach der Mönch.„Und Ihr ge⸗ horchtet?“— „Mein Vater, dieſe Frau war ein Ungeheuer. Sie hatte, wie man ſagte, ihren zweiten Gatten vergiftet, ihren Schwager, welcher ſich unter dieſen Männern befand, zu vergiften geſucht. Sie hatte kurz zuvor eine junge Frau, welche ihre Nebenbuhlerin war, vergiftet, und ehe ſie England verließ, wie man ſagte, Bucking⸗ 3 ham, den Liebling des Königs, erdolchen laſſen.“ „Buckingham?“ rief der Mönch. „Ja, Buckingham, ſo iſt es.. Dieſe Frau war alſo eine Engländerin?“ 179 „Ich werde es Dir ſagen, Elender!“ „Ah! Herr! mein Gott!“ igt„Ich bin John Francis Winter.“ „Ich kenne Euch nicht!“ rief der Henker. „Warte, warte, Du ſollſt mich kennen lernen; ich n bin John Franeis Winter, und jene Frau...„ „Nun, jene Frau?“ et„War meine Mutter.“ Der Henker ſtieß den erſten Schrei aus, den furcht⸗ und baren Schrei, welchen man außen gehört hatte. „Oh! vergebt mir, vergebt mir, wenn nicht im ir“ Namen Gottes, doch wenigſtens in Eurem Namen, nem wenn nicht als Prieſter, doch wenigſtens als Sohn.“ auf„Dir vergeben!“ rief der falſche Mönch,„Dir ver⸗ geben! Gott wird es vielleicht thun, ich nie!“ und„Habt Mitleid!“ ſprach der Henker und ſtreckte die Na⸗ Arme nach ihm aus. nei„Kein Mitleid für den, der kein Mitleid gehabt ſo⸗ hat; ſtirb unbußfertig, ſtirb in Verzweiflung; ſtirb und ſei verdammt.“ en⸗ Und er zog einen Dolch unter ſeinem Gewande hervor, bohrte ihm denſelben in die Bruſt und ſprach: „Hier haſt Du Deine Abſolution!“ Da hörte man den zweiten, ſchwächeren Schrei, uf⸗ worauf ein langes Seufzen gefolgt war. nna Der Henker, welcher ſich erhoben hatte, fiel rück⸗ icht lings auf ſein Bett zurück. Der Mönch lief, ohne den Dolch aus der Wunde zu ziehen, nach dem Fenſter, virt öffnete es, ſprang auf die Blumen eines Gärtchens, 5 ſchlüpfte in den Stall, nahm ſein Maulthier, entfernte em ſich durch eine Hinterthüre, eilte zu dem nächſten Ge⸗ den hölze, zog aus ſeinem Felleiſen eine vollſtändige Rei⸗ ein tertracht, kteidete ſich darein, erreichte zu Fuß die 3 nächſte Poſt, miethete ein Pferd und ſetzte mit ver⸗ ber hängten Zügeln ſeinen Weg nach Paris fort. 176 „Nein, ſie war eine Franzöſin, aber in England verheirathet.“ Der Mönch erbleichte, trocknete ſeine Stirne und verſchloß die Thüre mit einem Riegel. Der Henker glaubte, er wollte ihn verlaſſen, und ſiel ſeufzend auf ſein Bett zurück. „Nein, nein, hier bin ich,“ verſetzte der Mönch, raſch zu ihm zurückkehrend:„fahrt fort, wer waren dieſe Männer?“ „Der Eine war ein Fremder, ein Engländer, glaube ich. Die Andern waren Franzoſen und trugen die Uniform der Musketiere.“ „Ihre Namen?“ fragte der Mönch. „Ich kenne ſie nicht;„ich weiß nur, daß die vier andern Herren den Engländer Mylord nannten.“ „Und die Frau war ſchön?“ „Schön und jung! Ohl ja, beſonders ſchön. Ich ſehe ſie noch, wie ſie auf den Knieen vor mir, den Kopf zurückgeworfen, flehte. Nie habe ich ſeitdem be⸗ griffen, wie ich den ſo ſchönen und ſo bleichen Kopf abſchlagen konnte.“ 4 4 Der Mönch ſchien von einer ſeltſamen Bewegung ergriffen. Er zitterte an allen Gliedern; man ſah, daß er eine Frage machen wollte, daß er es aber nicht wagte. Endlich nach einer heftigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt ſagte er:„ „Der Name dieſer Frau?“ Ich weiß ihn nicht. Sie hatte ſich, wie ich Euch ſagte, zweimal verheirathet, einmal in Frankreich, das zweitemal in England.“ „Und ſie war jung, ſagt Ihr?“ „Fünfundzwanzig Jahre.“ „Schön?“ „Zum Entzücken.“ „Blond?“ ————, ö — 180 H al XW wi Grimaud ſpricht. Grimaud blieb allein bei dem Henker. Der Wirth rief nach Hülfe, die Frau betete. Nach einem Augenblick ſchlug der Verwundete die ſto Augen wieder auf. „Hülfe!“ murmelte er,„Hülfe! Oh, mein Gott, ſollte ich nicht einen einzigen Freund finden, der mir ſic leben oder ſterben helfen würde!“ Und er führte mit großer Anſtrengung ſeine Hand an ſeine Bruſt; ſeine Hand traf den Griff des Dolches. „Oh! ſagte er, wie ein Menſch, der ſich eines Umſtandes erinnert, und er ließ den Arm wieder zu⸗ rückfallen. ho „Habt Muth,“ ſprach Grimaud,„man iſt bereits it weggelaufen, um Hülfe zu ſuchen.“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Verwundete und hef⸗ tete auf Grimaud ſeine weit aufgeriſſenen Angen. „Ein alter Bekannter,“ antwortete Grimaud. En „Ihr?“ „Der Verwundete ſuchte ſich der Züge desjenigen, welcher mit ihm ſprach, zu erinnern. „Unter welchen Umſtänden haben wir uns getroffen?“ ger ſagte er. „In einer Nacht vor zwanzig Jahren. Mein Herr ſta hatte Euch in Bethune geholt und führte Euch nach 7 Armentiéres.“ „Nun erkenne ich Euch wieder,“ verſetzte der Hen⸗ ker;„Ihr ſeid einer von den vier Lackeien.“ „So iſt es.“ ihr „Woher kommt Ihr?“ „Ich zog auf dieſer Straße und hielt hier an, pei um mein Pferd zu erfriſchen. Man erzählte mir, der 2— —4j, u—— ———— —‿ 177 „Lange Haare, nicht wahr... die ihr bis auf die Schultern herabſtelen?“ a 44 „Große Augen von wunderbarem Ausdruck?“ „Wenn ſie wollte. Oh! ja, ſo iſt es.. „Eine Stimme von ſeltſamer Weichheit?“ „Woher wißt Ihr dies?“ Der Henker ſtützte ſich mit dem Ellbogen auf ſein Bett und heftete ſeinen erſchrockenen Blick auf den Mönch, welcher leichenblaß wurde. „Und Ihr habt ſie getödtet!“ ſprach der Mönch; „Ihr habt als Werkzeug für dieſe Feigen gedient, die ſie nicht ſelbſt zu tödten wagten! Ihr habt mit dieſer Jugend, mit dieſer Schönheit, mit dieſer Schwäche kein Mitleid gehabt! Ihr habt dieſe Frau getödtet!“ „Ach!“ verſetzte der Henker,„ich habe es Euch ge⸗ ſagt, mein Vater, dieſe Frau verbarg unter einer himm⸗ liſchen Hülle einen hölliſchen Geiſt, und als ich ſie ſah und mich alles des Böſen erinnerte, das ſie mir zu⸗ gefügt hatte...“ „Euch? Und was hatte ſie Euch thun können? Laßt hören.“ „Sie hatte meinen Bruder, der ein Prieſter war, verführt und zu Grunde gerichtet; ſie war mit ihm aus ihrem Kloſter entflohen.“ „Mit Eurem Bruder?“ „Ja. Mein Bruder war ihr erſter Liebhaber; ſie war die Urſache des Todes meines Bruders. Oh! mein Vater! mein Vater! ſchaut mich nicht ſo an! Oh! ich bin alſo ſehr ſchuldig. Oh! Ihr vergebt mir alſo nicht!“ Der Mönch verzog ſein Geſicht. „Doch wohl, ich werde Euch vergeben, wenn Ihr mir Alles ſagt.“ „Oh!“ rief der Henker,„Alles! Alles! Alles!“ „So antwortet alſo... Wenn ſie Euren Bruder an, der 181 Henker von Bethune läge in dieſem Hauſe verwundet, als Ihr zwei Schreie ausſtießet. Bei dem erſten liefen wir herbei, bei dem zweiten brachen wir die Thüre ein.“ „Und der Mönch,“ ſprach der Henker,„habt Ihr den Mönch geſehen?“ „Welchen Mönch?“ „Den Mönch, welcher mit mir eingeſchloſſen war.“ „Nein, er war bereits nicht mehr da; es ſcheint, a durch dieſes Fenſter entflohen. Hat er Euch ge⸗ ochen?“ „Ja,“ erwiederte der Henker. Grimaud machte eine Bewegung, als wollte er ſich entfernen. „Was wollt Ihr thun?“ fragte der Verwundete. „Man muß ihm nachſetzen.“ „Hütet Euch wohl!“ „Und warum?“ „Er hat ſich gerächt und wohl daran gethan. Nun hoffe ich, Gott wird mir verzeihen, denn die Sühnung iſt geſchehen.“ „Erklärt Euch deutlicher,“ ſprach Grimaud. „Dieſe Frau, welche ich auf Eurer Herren und auf Euer Geheiß tödtete...“ „Mylady...“ „Ja, Mylady, es iſt wahr, ſo nanntet Ihr ſie.“ „Was haben Mylady und der Mönch mit einander gemein?“ „Es war ſeine Mutter.“ Grimaud wankte und ſchaute den Sterbenden mit ſtarrem Auge an. „Seine Mutter!“ wiederholte er. „Ja, ſeine Mutter.“ „Er weiß alſo dieſes Geheimniß?“ „Ich hielt ihn für einen Mönch und enthüllte es ihm in der Beichte.“ „Unglücklicher!“ rief Grimaud, deſſen Haare ſchon bei dem Gedanken an die Folgen, welche eine ſolche * 178 ver ührt hat... Ihr ſagt, ſte habe ihn verführt, nicht a.“* 4 Wenn ſie ſeinen Tod veranlaßt hat... Ihr ſagt, ſie habe ſeinen Tod veranlaßt, nicht wahr?“. „Ja,“ wiederholte der Henker. „So müßt Ihr ihren Namen als Mädchen kennen.“ „Ohl mein Gott!“ ſprach der Henker,„mein Gott! ich glaube, ich ſterbe. Die Abſolution, mein Vater, die Abſolution!“ „Sage mir ihren Namen!“ rief der Mönch,„und ich gebe ſte Dir!“ „Sie hieß... mein Gott, habe Gnade mit mir!“ murmelte der Henker und ſank bleich, zitternd, einem Menſchen in der Secunde des Sterbens ähnlich, auf ſein Bett zurück.* „Ihren Namen!“ wiederholte der Mönch und beugte ſich über ihn, als gedächte er ihm dieſen Na⸗ men zu entreißen, wenn er denſelben nicht nennen wollte;„ihren Namen!... ſprich oder keine Abſo⸗ lution!“ Der Sterbende ſchien alle ſeine Kraͤfte zuſammen⸗ zuraffen. Die Augen des Mönches funkelten. „Anna von Beuil,“ murmelte der Sterbende. „Anna von Beuil!“ rief der Möoͤnch, ſich hoch auf⸗ richtend und ſeine Hände zum immel erhebend;„Anna von Weuil, Du haſt geſagt, Anna von Beuil, nicht wahr?“ a, ja, das war ihr Name, und jetzt abſolvirt mich, denn ich ſterbe.“ 6 „Ich Dich abſolviren?“ rief der Mönch mit einem Lachen, das die Haare auf dem Haupte des Sterbenden 7, „ ſich ſträuben machte;„ich Dich abſolviren? ich bin kein Prieſter!“ was ſeid Ihr denn?“ Ihr ſeid kein Prieſter!“ rief der Henker;„aber * 182 Enthüllung haben konnte, ſich in Schweiß badeten. „Unglücklicher! Ihr habt hoffentlich Niemand genannt.“ „Ich habe keinen Namen ausgeſprochen, denn ich kannte keinen, außer dem Mädchennamen ſeiner Mutter, und hieran hat er ſie erkannt; aber er weiß, daß ſein Oheim unter der Zahl der Richter war.“ Und der Verwundete ſank erſchöpft zurück. Grimaud wollte ihm Hülfe leiſten und ſtreckte ſeine Hand nach dem Griffe des Dolches aus. „Berührt mich nicht,“ ſprach der Henker;„wenn man den Dolch herauszöge, würde ich ſterben.“ Grimand verharrte die Hand ausgeſtreckt; dann ſchlug er ſich plötzlich vor die Stirne und ſagte: „Ah, wenn dieſer Menſch erfährt, wer die Andern ſind, ſo muß mein Herr untergehen!“ „Verliert keine Zeit!“ rief der Henker, henach⸗ richtigt ihn, wenn er noch lebt, benachrichtigt ſeine Freunde. Glaubt mir, mein Tod wird nicht die Löſung dieſes furchtbaren Abenteuers ſein.“ „Wohin reiſte er?“ fragte Grimaud. „Nach Paris.“ 6 „Wer hat ihn angehalten?“ „Zwei junge Edeileute, die ſich zu der Armee be⸗ gaben, und von denen der eine, ich hörte ſeinen Namen von ſeinem Kameraden ausſprechen, Vicomte von Bra⸗ gelonne heißt. „Und dieſer junge Menſch hat Euch den Mönch debracht Grimaud ſchlug die Augen zum Himmel auf und prach: 5%, war der Wille Gottes.“ „Sicherlich,“ verſetzte der Verwundete. „Ah, das iſt furchtbar,“ murmelte Grimaud,„und dennoch hatte dieſe Frau ihr Schickſal verdient. Iſt dies nicht mehr Eure Anſicht?“ „Im Augenblick des Sterbens,“ antwortete der ſag wu zer: ein wä die dra wu ath Ste ma wel Gr zu wü: t 179 „Ich werde es Dir ſagen, Elender!“ „Ah! Herr! mein Gott!“ „Ich bin John Francis Winter.“ „Ich kenne Euch nicht!“ rief der Henker. „Warte, warte, Du ſollſt mich kennen lernen; ich bin John Francis Winter, und jene Frau...“ „Nun, jene Frau?“ „War meine Mutter.“ Der Henker ſtieß den erſten Schrei aus, den furcht⸗ baren Schrei, welchen man außen gehört hatte. „Oh! vergebt mir, vergebt mir, wenn nicht im Namen Gottes, doch wenigſtens in Eurem Namen, wenn nicht als Prieſter, doch wenigſtens als Sohn.“ „Dir vergeben!“ rief der falſche Mönch,„Dir ver⸗ geben! Gott wird es vielleicht thun, ich nie!“ „Habt Mitleid!“ ſprach der Henker und ſtreckte die Arme nach ihm aus.. „Kein Mitleid für den, der kein Mitleid gehabt hat; ſtirb unbußfertig, ſtirb in Verzweiflung; ſtirb und ſei verdammt.“ Und er zog einen Dolch unter ſeinem Gewande hervor, bohrte ihm denſelben in die Bruſt und ſprach: „Hier haſt Du Deine Abſolution!“ Da hörte man den zweiten, ſchwächeren Schrei, worauf ein langes Seufzen gefolgt war. Der Henker, welcher ſich erhoben hatte, ſiel rück⸗ lings auf ſein Bett zurück. Der Moͤnch lief, ohne den Dolch aus der Wunde zu ziehen, nach dem Fenſter, öffnete es, ſprang auf die Blumen eines Gärtchens, ſchlüpfte in den Stall, nahm ſein Maulthier, entfernte ſich durch eine Hinterthüre, eilte zu dem nächſten Ge⸗ hölze, zog aus ſeinem Felleiſen eine vollſtändige Rei⸗ tertracht, kleidete ſich darein, erreichte zu Fuß die nächſte Poſt, miethete ein Pferd und ſetzte mit ver⸗ hängten Zügeln ſeinen Weg nach Paris fort. 183 eten. Henker,„betrachtet man die Verbrechen Anderer in int.“ Vergleichung mit ſeinen eigenen.“ ich Und er ſank erſchöpft zurück und ſchloß die Augen. 3 tter, Grimaud ſchwankte zwiſchen dem Mitleid, das ihm 3 ſein dieſen Menſchen ohne Hülfe zu laſſen verbot, und der Furcht, die ihm ſogleich abzureiſen und dieſe Nachricht dem Grafen de la Fere zu überbringen befahl, als er eine Geräuſch in der Hausflur hörte und einen Augenblick darauf den Wirth ſah, der mit dem Wundarzte, den enn man gefunden hatte, endlich zurückkehrte. Mehrere Neugierige folgten. Das Gerücht von ann dem ſeltſamen Abenteuer fing an ſich zu verbreiten. Der Wundarzt näherte ſich dem Sterbenden, wel⸗ dern cher ohnmächtig zu ſein ſchien. „Man muß zuerſt das Eiſen aus der Bruſt ziehen,“ ach⸗ ſagte er und ſchüttelte aufeinebezeichnende Weiſe den Kopf. eine Grimaud erinnerte ſich der Prophezeiung des Ver⸗ ung wundeten und wandte die Augen ab. Der Wundarzt ſchob das Wamms auf die Seite, zerriß das Hemd und entblößte die Bruſt. Der Dolch war, wie geſagt, bis an das Stichblatt S eingedrungen. be⸗ Der Chirurg nahm ihn am Ende des Griffes; men während er ihn an ſich zog, öffnete der Verwundete„ ra⸗ die Augen mit einer furchtbaren Starrheit. Als die Klinge ganz aus der Wunde gezogen war, önch drang ein röthlicher Schaum aus dem Munde des Ver⸗ wundeten hervor; dann in dem Augenblicke, wo er athmete, ſprang eine Blutwelle aus der Oeffnung der und Wunde; mit einem halb erſtickten Röcheln heftete der Sterbende einen Blick von ſeltſamem Ausdruck auf Gri⸗ maud und verſchied. Grimaud faßte den mit Blut überzogenen Dolch, welcher im Zimmer lag und bei allen Anweſenden Grauen erregte, machte dem Wirthe ein Zeichen, ihm zu folgen, bezahlte die Zeche mit einer ſeines Herrn würdigen Großmuth und ſtieg wieder zu Pferde. XV. Grimaud ſpricht. „ Grimaud blieb allein bei dem Henker. Der Wirth rief nach Hülfe, die Frau betete. Nach einem Augenblick ſchlug der Verwundete die Augen wieder auf. „Hülfe!“ murmelte er,„Hülfe! Oh, mein Gott, ſollte ich nicht einen einzigen Freund finden, der mir leben oder ſterben helfen würde!“ und er führte mit großer Anſtrengung ſeine Hand an ſeine Bruſt; ſeine Hand traf den Griff des Dolches. „Ohl ſagte er, wie ein Menſch, der ſich eines Umſtandes erinnert, und er ließ den Arm wieder zu⸗ rückfallen. „Habt Muth,“ ſprach Grimaud,„man iſt bereits weggelaufen, um Hülfe zu ſuchen.“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Verwundete und hef⸗ tete auf Grimaud ſeine weit aufgeriſſenen Augen. „Ein alter Bekannter,“ antwortete Grimaud. Ihr?“ welcher mit ihm ſprach, zu erinnern. „Unter welchen Umſtänden haben wir uns getroffen?“ ſagte er. „In einer Nacht vor zwanzig Jahren. Mein Herr hatte Euch in Bethune geholt und führte Euch nach Armentieéres.“ „Nun erkenne ich Euch wieder,“ verſetzte der Hen⸗ ker;„Ihr ſeid einer von den vier Lackeien.“ „So iſt es.“ „Woher kommt Ihr?“ „Ich zog auf dieſer Straße und hielt hier an, 7 „Der Verwundete ſuchte ſich der Züge desjenigen, um mein Pferd zu erfriſchen. Man erzählte mir, der 184 Grimaud gedachte Anfangs geraden Wegs nach Paris zurückzukehren, aber es fiel ihm die Unruhe ein, welche ſeine verlängerte Abweſenheit bei Ravul verurſachen mußte. Er erinnerte ſich, daß Raoul nur zwei Meilen von dem Orte entfernt war, an welchem er ſelbſt ſich befand, daß er in einer Stunde bei ihm ſein könnte und zum Hin⸗ und Herreiten und zu einer Erklärung nur einer Stunde bedürfte. Er ſetzte deß⸗ halb ſein Pferd in Galopp und ſtieg zehn Minuten nachher im gekrönten Mauleſel, der einzigen Herberge von Mazingarde, ab. ei den erſten Worten, die er mit dem Wirthe austauſchte, erlangte er die Gewißheit, daß er den⸗ jenigen, welchen er ſuchte, eingeholt hatte. Ravul ſaß mit dem Grafen von Guiche und ſeinem Hofmeiſter bei Tiſche; aber das düſtere Abenteuer vom Morgen ließ auf den zwei jungen Stirnen eine Trau⸗ rigkeit zurück, welche das heitere Weſen von Herrn d'Arminges, der mehr Philoſoph war, als ſie, denn er hatte ſich längſt an ſolche Schauſpiele gewöhnt, nicht zu zerſtreuen vermochte. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und Grimaud er⸗ ſchien, bleich, beſtaubt, noch bedeckt von dem Blute des unglücklichen Verwundeten. „Grimaud, mein guter Grimaud, Du biſt endlich hier? Entſchuldigt, meine Herren, es iſt kein Diener, ſondern ein Freund.“ Und er ſtand auf, lief auf ihn zu und fuhr fort: „Wie geht es dem Herrn Grafen? Vermißt er mich ein wenig? Haſt Du ihn ſeit unſerer Trennung ge⸗ ſehen? Aber ich habe Dir auch viele Dinge mitzu⸗ theilen. Seit drei Tagen ſind uns viele Abenteuer be⸗ gegnet. Doch was haſt Du? Wie bleich ſiehſt Du aus? Blut! Warum dieſes Blut?“ „In der That, er hat Blut an ſich,“ ſprach der Graf, ſich erhebend.„Seid Ihr verwundet, mein Freund?“ 181 Henker von Bethune läge in dieſem Hauſe verwundet, als Ihr zwei Schreie ausſtießet. Bei dem erſten liefen wir herbei, bei dem zweiten brachen wir die Thüre ein.“ „Und der Moͤnch,“ ſprach der Henker,„habt Ihr den Mönch geſehen?“ „Welchen Mönch?“ 4 3 „Den Mönch, welcher mit mir eingeſchloſſen war.“ „Nein, er war bereits nicht mehr da; es ſcheint, er iſt durch dieſes Fenſter entflohen. Hat er Euch ge⸗ ſtochen?“ „Ja,“ erwiederte der Henker. Grimaud machte eine Bewegung, als wollte er ſich entfernen.. „Was wollt Ihr thun?“ fragte der Verwundete. „Man muß ihm nachſetzen.“ „Hütet Euch wohl!“— „Und warum?“ 3 „Er hat ſich gerächt und wohl daran gethan. Nun hoffe ich, Gott wird mir verzeihen, denn die Sühnung iſt geſchehen.“ „Erklärt Euch deutlicher,“ ſprach Grimaud. „Dieſe Frau, welche ich auf Eurer Herren und auf Euer Geheiß tödtete...“ „Mylady...“ „Ja, Mylady, es iſt wahr, ſo nanntet Ihr ſie.“ „Was haben Mylady und der Mönch mit einander gemein?“ „Es war ſeine Mutter.“ Grimaud wankte und ſchaute den Sterbenden mit ſtarrem Auge an. 1 „Seine Mutter!“ wiederholte er. „Ja, ſeine Mutter.“ „Er weiß alſo dieſes Geheimniß?“ „Ich hielt ihn für einen Mönch und enthüllte es ihm in der Beichte.“ „Unglücklicher!“ rief Grimaud, deſſen Haare ſchon bei dem Gedanken an die Folgen, welche eine ſolche nach nruhe kavul lnur ſchem ihm einer deß⸗ muten berge irthe den⸗ inem vom rau⸗ errn denn nicht er⸗ lute dlich ort: 185 „Nein, gnädiger Herr,“ antwortete Grimaud, „dieſes Blut iſt nicht das meinige.“ „Weſſen denn?“ fragte Raoul. „Es iſt das Blut des Unglücklichen, den Ihr in der Herberge zurückgelaſſen habt, und der in meinen Armen verſchieden iſt.“ „Dieſer Menſch in Deinen Armen! Weißt Du, wer er war?“ „Ja,“ erwiederte Grimaud. „Es war der ehemalige Henker von Bethune.“ „Ich weiß es.“ „Du kannteſt ihn?“ „Ich kannte ihn.“ „Und er iſt todt?“ „Ja,“ ſprach Grimaud. Die zwei jungen Leute ſchauten ſich an. „Was wollt Ihr, meine Herren,“ ſagte d'Armin⸗ ges,„es iſt das gemeinſchaftliche Geſetz, und man iſt nicht davon befreit, wenn man Henker war. In dem Augenblick, wo ich ſeine Wunde geſehen habe, hatte ich eine ſchlechte Anſicht davon, und Ihr wißt, es war ſeine eigene Meinung, da er einen Mönch verlangte.“ Bei dem Worte Mönch erbleichte Grimaud⸗ „Zu Tiſche, zu Tiſche!“ rief d'Arminges, welcher, wie alle Männer dieſer Epoche und beſonders ſeines die Empfindlichkeit zwiſchen zwei Gängen nicht zuließ. „Ja, mein Herr, Ihr habt Recht,“ ſprach Raoul. „Vorwärts, Grimaud, laß Dir auftragen, beſtelle, befiehl, und wenn Du ausgeruht haſt, ſprechen wir mit einander.“ „Nein, Herr, nein,“ entgegnete Grimaud,„ich kann mich nicht einen Augenblick aufhalten, ich muß ſogleich nach Paris zurücktehren.“ „Wie! Du kehrſt nach Paris zurück? Du täuſcheſt Dich; Olivain geht ab, Du bleibſt.“ Zwanzig Jahre nachher. M. 13 182 Enthüllung haben konnte, ſich in Schweiß badeten. H unglücklicher! Ihr habt hoffentlich Niemand genannt.“ V „ Ich habe keinen Namen ausgeſprochen, denn ich kannte keinen, außer dem Mädchennamen ſeiner Mutter, und hieran hat er ſie erkannt; aber er weiß, daß ſein di Oheim unter der Zahl der Richter war.“ F —Und der Verwundete ſank erſchöpft zurück. de Grimaud wollte ihm Hülfe leiſten und ſtreckte ſeine G Hand nach dem Griffe des Dolches aus. de „Berührt mich nicht,“ ſprach der Henker;„wenn m man den Dolch herauszöge, würde ich ſterben.“ Grimaud verharrte die Hand ausgeſtreckt; dann d ſchlug er ſich plötzlich vor die Stirne und ſagte: „Ah, wenn dieſer Menſch erfährt, wer die Andern ch ſind, ſo muß mein Herr untergehen!“ „Verliert keine Zeit!“ rief der Henker,„benach⸗ ſe richtigt ihn, wenn er noch lebt, benachrichtigt ſeine Freunde. Glaubt mir, mein Tod wird nicht die Löſung n dieſes furchtbaren Abenteuers ſein.“ „Wohin reiſte er?“ fragte Grimaud. 36 „Nach Paris.“ „Wer hat ihn angehalten?“ 3 e „Zwei junge Cdelleute, die ſich zu der Armee be⸗ gaben, und von denen der eine, ich hörte ſeinen Namen n von ſeinem Kameraden ausſprechen, Vicomte von Bra⸗ d gelonne heißt. „Und dieſer junge Menſch hat Euch den Mönch d gebracht?“ „Ja.“ 3 Wrinnand ſchlug die Augen zum Himmel auf und prach:. G „Es war der Wille Gottes.“. „Sicherlich,“ verſetzte der Verwundete. 4 „Ah, das iſt furchtbar,“ murmelte Grimaud,„und 4 dennoch hatte dieſe Frau ihr Schickſal verdient. Itt dies nicht mehr Eure Anſicht?“ 3 „Im Augenblick des Sterbens,“ antwortete der 8 186 „Olivain bleibt, im Gegentheil, und ich reiſe; ich deßhalb gekommen, um es Euch mitzu⸗ theilen.“ „Aber warum dieſe Veränderung?“ „Ich kann es Euch nicht ſagen.“ „Erkläre Dich!“ „Ich kann mich nicht erklären.“ „Was ſoll dieſer Scherz bedeuten?“ „Der Herr Vicomte weiß, daß ich nie ſcherze.“ „Ja, ich weiß aber auch, daß der Herr Graf de la Fere geſagt hat, Du würdeſt bei mir bleiben und Olivain würde nach Paris zurückkehren. Ich werde die Befehle des Herrn Grafen befolgen.“ „Unter dieſen Umſtänden nicht.“ ſe„„Sollteſt Du mir zufälliger Weiſe ungehorſam i „Ja, gnädiger Herr, denn ich muß.“ „Du beharrſt alſo darauf?“ „Ja, ich gehe. Alles Glück, Herr Vicomte.“ Und Grimaud verbeugte ſich und wandte ſich nach der Thüre, um wegzugehen; zugleich wüthend und be⸗ uihhigt⸗ lief ihm Raoul nach, hielt ihn beim Arme und rief: „Grimaud bleibe, ich will es haben.“ „Dann wollt Ihr, daß ich den Herrn Grafen tödten laſſe?“ ſprach Grimaud. Grimaud grüßte und ſchickte ſich an, wegzugehen. „Grimaud, mein Freund,“ ſagte der Vicomte, „Du wirſt nicht ſo weggehen, wirſt mich nicht in einer ſolchen Unruhe laſſen. Grimaud, ſprich, ſprich, in des Himmels Namen!“ Raoul wankte und fiel auf einen Stuhl zurück. „Ich kann Euch nur Eines ſagen, gnädiger Herr, denn das Geheimniß, das Ihr wiſſen wollt, iſt nicht 1ig Ihr ſeid einem Mönche begegnet, nicht wahr?“ „Ja.“ 183 Henker,„betrachtet man die Verbrechen Anderer in Vergleichung mit ſeinen eigenen.“ Und er ſank erſchöpft zurück und ſchloß die Augen Grimaud ſchwankte zwiſchen dem Mitleid, das ih dieſen Menſchen ohne Hülfe zu laſſen verbot, und der Furcht, die ihm ſogleich abzureiſen und dieſe Nachricht dem Grafen de la Fore zu überbringen befahl, als er Geräuſch in der Hausflur hoͤrte und einen Augenblick darauf den Wirth ſah, der mit dem Wundarzte, den man gefunden hatte, endlich zurückkehrte. Mehrere Neugierige folgten. Das Gerücht von dem ſeltſamen Abenteuer fing an ſich zu verbreiten. Der Wundarzt näherte ſich dem Sterbenden, wel⸗ cher ohnmächtig zu ſein ſchien. „Man muß zuerſt das Eiſen aus der Bruſt ziehen,“ ſagte er und ſchuͤttelte aufeinebezeichnende Weiſe den Kopf. Grimaud erinnerte ſich der Prophezeiung des Ver⸗ wundeten und wandte die Augen ab. Der Wundarzt ſchob das Wamms auf die Seite, zerriß das Hemd und entblößte die Bruſt. Der Dolch war, wie geſagt, bis an das Stichblatt eingedrungen. Der Chirurg nahm ihn am Ende des Griffes; während er ihn an ſich zog, öffnete der Verwundete die Augen mit einer furchtbaren Starrheit. Als die Klinge ganz aus der Wunde gezogen war, drang ein röthlicher Schaum aus dem Munde des Ver⸗ wundeten hervor; dann in dem Augenblicke, wo er athmete, ſprang eine Blutwelle aus der Oeffnung der Wunde; mit einem halb erſtickten Röcheln heftete der Sterbende einen Blick von ſeltſamem Ausdruck auf Gri⸗ maud und verſchied. Grimaud faßte den mit Blut überzogenen Dolch, welcher im Zimmer lag und bei allen Anweſenden Grauen erregte, machte dem Wirthe ein Zeichen, ihm zu folgen, bezahlte die Zeche mit einer ſeines Herrn würdigen Großmuth und ſtieg wieder zu Pferde. ; ich itzu⸗ 3 af de und verde rſam nach be⸗ rme afen hen. mte, iner in err, icht icht 187 Die zwei jungen Leute ſchauten ſich erſchrocken an, „Ihr habt ihn zu dem Verwundeten geſührt?“ 5 d.“ „₰ 8 „Ihr habt alſo Zeit gehabt, ihn zu ſehen?“ Ja „ „Und vielleicht würdet Ihr ihn wiedererkennen, ſolltet Ihr ihn je treffen?“ „O ja, ich ſchwöre es.“ „Und ich auch,“ ſprach von Guiche. „Nun wohl, wenn Ihr ihn je trefft,“ ſagte Gri⸗ maud,„wo es auch ſein mag, im freien Felde, in der Straße einer Stadt, in einer Kirche, wo er ſein wird und wo Ihr ſein werdet, ſetzt den Fuß auf ihn und zertretet ihn ohne Mitleid, wie Ihr es mit einer Viper, mit einer Schlange, mit einer Natter machen würdet, zertretet ihn und verlaßt ihn nicht eher, als bis er todt iſt. So lange er lebt, iſt auch das Leben von fünf Menſchen für mich zweifelhaft.“ Und ohne ein Wort beizufügen, benützte Grimaud das ſchreckensvolle Erſtaunen, in das er diejenigen ver⸗ ſett hatte, welche ihm zuhörten, um ſich eiligſt zu ent⸗ ernen. „Seht, Graf,“ ſprach Raoul, ſich nach Guiche umwendend,„hatte ich Euch nicht geſagt, dieſer Mönch mache den Eindruck einer Schlange auf mich!“ Zwei Minuten nachher hörte man auf der Straße den Galopp eines Pferdes. Ravul lief an das Fenſter. Es war Grimaud, welcher wieder den Weg nach Paris einſchlug. Er grüßte den Vicomte, den Hut igei⸗ und verſchwand bald an der Biegung der traße. Auf dem Wege dachte Grimaud an zwei Dinge: erſtens, daß ihn ſein Pferd bei der Schnelligkeit mit der er ritt, nicht zehn Meilen bringen würde, zweitens daran, daß er kein Geld hatte. Aber Grimaud beſaß eine um ſo fruchtbarere Ein⸗ bildungskraft, je weniger er ſprach. 184 Grimaud gedachte Anfangs geraden Wegs nach Paris zurückzukehren, aber es ſiel ihm die Unruhe eine welche ſeine verlängerte Abweſenheit bei Raoul verurſachen mußte. Er erinnerte ſich, daß Raoul nur wei Meilen von dem Orte entfernt war, an welchem der ſelbſt ſich befand, daß er in einer Stunde bei ihm ſein könnte und zum Hin⸗ und Herreiten und zu einer Erklärung nur einer Stunde bedürfte. Er ſetzte deß⸗ halb ſein Pferd in Galopp und ſtieg zehn Minuten nachher im gekrönten Mauleſel, der einzigen Herberge von Mazingarde, ab. Bei den erſten Worten, die er mit dem Wirthe austauſchte, erlangte er die Gewißheit, daß er den⸗ jenigen, welchen er ſuchte, eingeholt hatte. Raoul ſaß mit dem Grafen von Guiche und ſeinem Hofmeiſter bei Tiſche; aber das düſtere Abenteuer vom Morgen ließ auf den zwei jungen Stirnen eine Trau⸗ rigkeit zurück, welche das heitere Weſen von Herrn d'Arminges, der mehr Philoſoph war, als ſie, denn er hatte ſich längſt an ſolche Schauſpiele gewöhnt, nicht zu zerſtreuen vermochte. Plötzlich öffnete ſich die Thüre und Grimaud er⸗ ſchien, bleich, beſtaubt, noch bedeckt von dem Blute des unglücklichen Verwundeten. „Grimaud, mein guter Grimaud, Du biſt endlich hier? Entſchuldigt, meine Hexren, es iſt kein Diener, ſondern ein Freund.“ Und er ſtand auf, lief auf ihn zu und fuhr fort: „Wie geht es dem Herrn Grafen? Vermißt er mich ein wenig? Haſt Du ihn ſeit unſerer Trennung ge⸗ ſehen? Aber ich habe Dir auch viele Dinge mitzu⸗ theilen. Seit drei Tagen ſind uns viele Abenteuer be⸗ gegnet. Doch was haſt Du? Wie bleich ſiehſt Du aus? Blut! Warum dieſes Blut?“ „In der That, er hat Blut an ſich,“ ſprach der Graf, ſich erhebend.„Seid Ihr verwundet, mein Freund?“ 188 Bei dem erſten Relais, das er traf, verkaufte er ſein Pferd, und mit dem Gelde für ſein Pferd nahm er die Poſt. XVI. Der Tag vor der Schlacht. Raoul wurde ſeinen düſteren Betrachtungen durch den Wirth entzogen, der heftig in das Zimmer trat, in welchem die von uns erzählte Scene vorgefallen war und ausrief:„Die Spanier! die Spanier!“ Dieſer Rufwar ernſt genug, daß jede andere Unruhe verſchwinden mußte, um derjenigen Platz zu machen, welche der Name der Spanier verurſachen ſollte. Die jungen Leute zogen Erkundigungen ein und erfuhren, der Feind rücke wirklich durch Houdain und Bethune vor. Während Herr d'Arminges Befehle gab, daß die Pferde, welche ſich eben erfriſchten, marſchfertig gemacht würden, begaben ſich die jungen Leute an das höchſte Fenſter des Hauſes, das die Umgegend beherrſchte, und ſahen wirklich auf der Seite von Merſin und Sains ein zahlreiches Corps von Fußgängern und Reitern zum Vorſchein kommen. Diesmal war es nicht mehr eine nomadiſche Gruppe von Parteigängern, es war ein ganzes Heer. Es ließ ſich nun nichts Anderes thun, als dem weiſen Rathe von Herrn d'Arminges zu folgen und ſich zurückzuziehen. 6 Die jungen Leute ſtiegen raſch hinab, Herr d'Ar⸗ minges war bereits zu Pferde. Olivain hielt die zwei Thiere der jungen Leute an der Hand und die Lackeien des Grafen von Guiche bewachten ſorgfältig den 185 „Nein, gnädiger Herr,“ antwortete Grimaud, „dieſes Blut iſt nicht das meinige.“ „Weſſen denn?“ fragte Raoul. „Es iſt das Blut des Unglücklichen, den Ihr in der Herberge zurückgelaſſen habt, und der in meinen Armen verſchieden iſt.“ „Dieſer Menſch in Deinen Armen! Weißt Du, wer er war?“ „Ja,“ erwiederte Grimaud. „Es war der ehemalige Henker von Bethune.“ „Ich weiß es.“ „Du kannteſt ihn?“ „Ich kannte ihn.“ „Und er iſt todt?“ „Ja,“ ſprach Grimaud. Die zwei jungen Leute ſchauten ſich an. „Was wollt Ihr, meine Herren,“ ſagte d'Armin⸗ ges,„es iſt das gemeinſchaftliche Geſetz, und man iſt nicht davon befreit, wenn man Henker war. In dem Augenblick, wo ich ſeine Wunde geſehen habe, hatte ich eine ſchlechte Anſicht davon, und Ihr wißt, es war ſeine eigene Meinung, da er einen Mönch verlangte.“ Bei dem Worte Mönch erbleichte Grimaud. „Zu Tiſche, zu Tiſche!“ rief d'Arminges, welcher, wie alle Männer dieſer Epoche und beſonders ſeines Aliee die Empfindlichkeit zwiſchen zwei Gaͤngen nicht zuließ. 8 a, mein Herr, Ihr habt Recht,“ ſprach Raoul. „Vorwärts, Grimaud, laß Dir auftragen, beſtelle, befiehl, und wenn Du ausgeruht haſt, ſprechen wir mit einander.“ „Nein, Herr, nein,“ entgegnete Grimaud,„ich kann mich nicht einen Augenblick aufhalten, ich muß ſogleich nach Paris zurückkehren.“ „Wiel Du kehrſt nach Paris zurück? Du täuſcheſt Dich; Olivain geht ab, Du bleibſt.“ Zwanzig Jahre nachher. HI. 13 189 gefangenen Spanier, welcher auf einem Kl pper ritt, den man zu dieſem Behufe gekauft hatte. Zu weiterer Vorſicht waren ihm die Hände gebunden. Die kleine Truppe ſchlug den Weg nach Cambrin ein, wo man den Prinzen zu finden glaubte; aber er war ſeit dem vorhergehenden Tage nicht mehr hier und hatte ſich, getäuſcht durch die falſche Nachricht, der Feind müßte in Eſſaire über die Lys ſetzen, nach Baſſée zurückgezogen. Die Nachricht hatte wirklich den Prinzen bewo⸗ gen, ſeine Truppen von Bethune zu entfernen und alle urch ſeine Streitkräfte zwiſchen Vieille⸗Chapelle und Ven⸗ rat, thie zuſammenzuziehen. Er ſelbſt aber war nach einer llen Recognoseirung auf der ganzen Linie mit dem Mar⸗ ſchall von Grammont zurückgekehrt und befragte die uhe Oſffiziere, welche an ſeiner Seite ſaßen, über die Er⸗ en, kundigungen, welche jeder von ihnen einzuziehen über⸗ Die nommen hatte; Keiner aber wußte beſtimmte Kunde ren, zu geben. Die feindliche Armee war ſeit achtundvier⸗ or. zig Stunden völlig verſchwunden. die Nun iſt aber nie ein feindliches Heer ſo nahe und cht folglich ſo bedrohlich, als wenn es gänzlich verſchwun⸗ hſte den iſt. Der Prinz war gegen ſeine Gewohnheit ver⸗ hie, drießlich und ſorgenvoll, als ein Offizier vom Dienſte und eintrat und dem Marſchall von Grammont meldete, und es wünſche ihn Jemand zu ſprechen. icht Der Herzog von Grammont bat mit dem Blicke es den Prinzen um Erlaubniß und entfernte ſich. Der Prinz folgte ihm mit den Augen, und ſeine em Blicke blieben auf die Thüre geheftet. Niemand wagte ſich ſprechen, aus Furcht, ihn in ſeinen Gedanken zu ſtören. Ar⸗ Plötzlich erſcholl ein dumpfer Lärm, der Prinz wei erhob ſich lebhaft und ſtreckte die Hand nach der Ge⸗ ien gend aus, von welcher der Lärm kam. den Dieſer Lärm war ihm wohl bekannt, es war der der Kanone. 5* e hm 186 „Olivain bleibt, im Gegentheil, und ich reiſe; ich bh len3e deßhalb gekommen, um es Euch mitzu⸗ theilen.“ „Aber warum dieſe Veränderung?“ „Ich kann es Euch nicht ſagen.“ „Erkläre Dich!“ „Ich kann mich nicht erklären.“ „Was ſoll dieſer Scherz bedeuten?“ „Der Herr Vicomte weiß, daß ich nie ſcherze.“ „Ja, ich weiß aber auch, daß der Herr Graf de la Fere geſagt hat, Du würdeſt bei mir bleiben und Olivain würde nach Paris zurückkehren. Ich werde die Befehle des Herrn Grafen befolgen.“ „Unter dieſen Umſtänden nicht.“ „Sollteſt Du mir zufälliger Weiſe ungehorſam ſein?“—. „Ja, gnädiger Herr, denn ich muß.“ „Du beharrſt alſo darauf?“ 5 „Ja, ich gehe. Alles Glück, Herr Vicomte.“ Und Grimaud verbeugte ſich und wandte ſich nach der Thüre, um wegzugehen; zugleich wüthend und be⸗ unruhigt, lief ihm Raoul nach, hielt ihn beim Arme und rief: „Grimaud bleibe, ich will es haben.“ „Dann wollt Ihr, daß ich den Herrn Grafen tödten laſſe?“ ſprach Grimaud. 83 Grimaud grüßte und ſchickte ſich an, wegzugehen.. „Grimand, mein Freund,“ ſagte der Vicomte, „Du wirſt nicht ſo weggehen, wirſt mich nicht in einer ſolchen Unruhe laſſen. Grimand, ſprich, ſprich, in des Himmels Namen!“ Raoul wankte und ſiel auf einen Stuhl zurück. „Ich kann Euch nur Eines ſagen, gnädiger Herr, denn das Geheimniß, das Ihr wiſſen wollt, iſt nich das meinige. Ihr ſeid einem Mönche begegnet, nicht wahr?“, 1 190 Alle hatten ſich erhoben. In dieſem Augenblick wurde die Thüre wieder geöffnet. Monſeigneur,“ ſprach der Marſchall von Gram⸗ mont ſtrahlend,„erlaubt Eure Hoheit, daß Ihr mein Sohn, der Graf von Guiche, und ſein Reiſegefährte, der Vicomte von Bragelonne, die Kunde vom Feinde geben, die wir ſuchen und ſie gefunden haben?“ „Wie?“ ſprach der Prinz lebhaft,„ob ich es er⸗ laube? Ich erlaube es nicht nur, ſondern ich wünſche, ſie mögen eintreten.“ Der Marſchall führte die zwei jungen Leute ein, und dieſe befanden ſich dem Prinzen gegenüber. „Sprecht, meine Herren,“ ſagte der Prinz, ſie be⸗ grüßend,„ſprecht zuerſt, dann wollen wir uns die üblichen Complimente machen. Das Dringendſte für iiit jetzt, zu erfahren, wo der Feind ſteht und was er thut.“ Dem Grafen von Guiche kam natürlich das Wort zu. Er war nicht nur der ältere von den beiden jun⸗ gen Leuten, ſondern auch bereits dem Prinzen von ſeinem Vater vorgeſtellt. Ueberdies kannte er den Prinzen ſeit geraumer Zeit, während ihn Raoul zum erſten Male ſah. Er erzählte alſo dem Prinzen, was ſie in dem Gaſthauſe zu Mazingarde geſehen hatten. Während dieſer Zeit betrachtete Ravul den jungen General, welcher ſich bereits durch die Schlachten von Roeroy, Freiburg und Nördlingen ſo großen Ruhm erworben atte. Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, den man ſeit dem Tode von Heinrich von Bourbon, ſeinem Vater, durch Abkürzung und nach der Gewohnheit der Herr Prinz nannte, war ein junger Mann von höch⸗ ſtens ſechsundzwanzig bis ſiebenundzwanzig Jahren, mit einem Adlerblicke, agl' occhi Crilagni, wie Dante ſagt, mit einer gebogenen Naſe, mit langen, in Locken herabflatternden Haaren, von mütlerem, aber ſchönem h) 1⸗ am 8 bildungskraft, je weniger er ſprach. 187 Die zwei jungen Leute ſchauten ſich erſchrocken an, „Ihr habt ihn zu dem Verwundeten geſührt?“ „Ja. „Ihr habt alſo Zeit gehabt, ihn zu ſehen?“ 1.* „Ja.. „Und vielleicht würdet Ihr ihn wiedererkennen, ſolltet Ihr ihn je treffen?“ „O ja, ich ſchwöre es.“ „Und ich auch,“ ſprach von Guiche. „Nun wohl, wenn Ihr ihn je trefft,“ ſagte Gri⸗ maud,„wo es auch ſein mag, im freien Felde, in der Straße einer Stadt, in einer Kirche, wo er ſein wird und wo Ihr ſein werdet, ſetzt den Fuß auf ihn und zertretet ihn ohne Mitleid, wie Ihr es mit einer Viper, mit einer Schlange, mit einer Natter machen würdet, zertretet ihn und verlaßt ihn nicht eher, als bis er todt iſt. So lange er lebt, iſt auch das Leben von fünf Menſchen für mich zweifelhaft.“ Und ohne ein Wort beizufügen, benützte Grimaud das ſchreckensvolle Erſtaunen, in das er diejenigen ver⸗ ene hatte, welche ihm zuhörten, um ſich eiligſt zu ent⸗ ernen. „Seht, Graf,“ ſprach Raoul, ſich nach Guiche umwendend,„hatte ich Euch nicht geſagt, dieſer Mönch mache den Eindruck einer Schlange auf mich!“ Zwei Minuten nachher hörte man auf der Straße den Galopp eines Pferdes. Naoul lief an das Fenſter. Es war Grimaud, welcher wieder den Weg nach Paris einſchlug. Er grüßte den Vicomte, den Hut ſchwingend, und verſchwand bald an der Biegung der Straße. Auf dem Wege dachte Grimaud an zwei Dinge: erſtens, daß ihn ſein Pferd bei der Schnelligkeit mit der er ritt, nicht zehn Meilen bringen würde, zweitens daran, daß er kein Geld hatte. Aber Grimaud beſaß eine um ſo fruchtbarere Ein⸗ 13* lick am⸗ ein rte, nde che, ein, be⸗ die für was ort un⸗ von den zum dem end ral, roy, ben nan nem der öch⸗ ren, ante cken nem 191 Wuchſe. Er beſaß alle Eigenſchaften eines großen Kriegers, d. h. Blick, raſche Entſcheidung, fabelhaften Muth, was ihn übrigens nicht abhielt, zu gleicher Zeit ein Mann von Eleganz und Witz zu ſein, ſo daß er außer der Revolution, die er durch neue Einrichtun⸗ gen und ſtrategiſche Erfindungen in den Krieg brachte, auch in Paris eine Revolution unter den jungen Leu⸗ ten des Hofes gemacht hatte, deren natürlicher Führer er war, und die man im Gegenſatze gegen die Elegants des alten Hofes, für welche Baſfompierre, Bellegarde und der Herzog von Angouléme als Muſter gedient hatten, Petits⸗Maitres nannte. Bei den erſten Worten des Grafen von Guiche und aus der Richtung, von der der Lärm der Kanonen kam, hatte der Prinz Alles begriffen. Der Feind mußte in Saint⸗Venant über die Lys geſetzt haben, und mar⸗ ſchirte gegen Lens, ohne Zweifel in der Abſicht, ſich dieſer Stadt zu bemächtigen und das franzöfiſche Heer zu trennen. Aber von welcher Stärke war dieſe Truppe? War es ein Corps, beſtimmt, eine einfache Diverſion zu bewirfen, war es die ganze Armee? Dies war die letzte Frage des Prinzen, welche von Guiche nicht zu beantworten vermochte. Da ſie aber dem Prinzen als die wichtigſte er⸗ ſchien, ſo hätte derſelbe auf dieſe eine genaue, pünkt⸗ liche, beſtimmte Antwort zu haben gewünſcht. Raoul überwand nun das ſehr natürliche Gefühl der Schüchternheit, das ſich ſeiner Perſon dem Prin⸗ zen gegenüber bemächtigte, und ſprach, ſich ihm nähernd: „Wird mir Monſeigneur erlauben, einige Worte über dieſen Gegenſtand zu wagen, welche ihn vielleicht der Verlegenheit entziehen?“ Der Prinz wandte ſich um und ſchien den jungen Menſchen ganz und gar gleichſam in einen einzigen Blick 188 Bei dem erſten Relais, das er traf, verkaufte er ge ſein Pferd, und mit dem Gelde für ſein Pferd nahm d er die Poſt. V ei 1 n u . d 3 XVI. 2 Der Tag vor der Schlacht. Raoul wurde ſeinen düſteren Betrachtungen durch den Wirth entzogen, der heftig in das Zimmer trat, in welchem die von uns erzählte Scene vorgefallen war und ausrief:„Die Spanier! die Spanier!“. Dieſer Ruf war ernſt genug, daß jede andere Unruhe verſchwinden mußte, um derjenigen Platz zu machen, welche der Name der Spanier verurſachen ſollte. Die. jungen Leute zogen Erkundigungen ein und erfuhren, der Feind rücke wirklich durch Houdain und Bethune vor. Während Herr d'Arminges Befehle gab, daß die Pferde, welche ſich eben erfriſchten, marſchfertig gemacht würden, begaben ſich die jungen Leute an das höchſte Fenſter des Hauſes, das die Umgegend beherrſchte, und ſahen wirklich auf der Seite von Merſin und Sains ein zahlreiches Corps von Fußgängern und Reitern zum Vorſchein kommen. Diesmal war es nicht mehr eine nomadiſche Gruppe von Parteigängern, es war ein ganzes Heer. Es ließ ſich nun nichts Anderes thun, als dem weiſen Rathe von Herrn d'Arminges zu folgen und ſich zurückzuziehen. Die jungen Leute ſtiegen raſch hinab, Herr d'A minges war bereits zu Pferde. Olivain hielt die zwei Thiere der jungen Leute an der Hand und die Lackeien des Grafen von Guiche bewachten ſorgfältig d 192 zu hüllen. Er lächelte, als er in ihm ein Kind von kaum fünfzehn Jahren erkannte. „Allerdings, mein Herr, ſprecht,“ ſagte er, ſeine kräftige Stimme ſänftigend, als richte er das Wort an eine Frau. „Monſeigneur könnte den gefangenen Spanier be⸗ fragen,“ erwiederte Raoul erröthend. „Ihr habt einen Spanier zum Gefangenen ge⸗ macht?“ rief der Prinz. „Ja, Monſeigneur.“ „Ah, es iſt wahr!“ verſetzte von Guiche,„ich hatte es vergeſſen.“ „Das iſt ganz einfach, denn Ihr habt ihn gefan⸗ gen genommen,“ ſprach Rauul lächelnd. Der alte Marſchall wandte ſich gegen den Vicomte um, dankbar für das ſeinem Sohne geſpendete Lob, während der Prinz ausrief: „Dieſer Jüngling hat Recht, man führe den Spa⸗ nier herbei.“ Mittlerweile nahm der Prinz von Guiche bei Seite und befragte ihn über die Art und Weiſe, wie ſie den Spanier zum Gefangenen gemacht hatten, und wer dieſer Jüngling wäre. „Mein Herr,“ ſagte der Prinz, zu Raoul zurück⸗ kehrend,„ich weiß, daß Ihr einen Brief von meiner Schweſter, der Frau von Longueville, bei Euch habt; aber ich ſehe, daß Ihr es vorzoget, Euch durch einen uen Rath, den Ihr mir ertheiltet, ſelbſt zu em⸗ pfehlen.“ „Monſeigneur,“ verſetzte Ravul erröthend,„ich wollte Eure Hoheit nicht in dem ſo wichtigen Geſpräche Herrn Grafen unterbrechen; doch hier iſt der ief „Es iſt gut,“ entgegnete der Prinz;„Ihr werdet ihn mir ſpäter geben. Hier kommt der Gefangene. Denken wir an das Wichtigere.“ Man brachte wirklich den Parteigänger. in Str der hat nig wuf lich der Ihr „M wen ſpri Eut une fen tior ſtili gen was wie Ace on ine ort er er t; en n⸗ er et e. 193 Es war einer von den Condottieri, wie man ſie in jener Zeit noch fand, Leute, gealtert in ſchlimmen Streichen aller Art, ihr Blut verkaufend an Jeden, der es bezahlen wollte. Seitdem er gefangen war, hatte er kein einziges Wort geſprochen, ſo daß dieje⸗ nigen, welche ihn feſtgenommen hatten, nicht einmal wußten, welcher Nation er angehörte. Der Prinz ſchaute ihn mit einer Miene unbeſchreib⸗ lichen Mißtrauens an. „Von welcher Nation biſt Du?“ fragte der Prinz. Der Gefangene erwiederte einige Worte in frem⸗ der Sprache. „Ah, ah! es ſcheint, er iſt ein Spanier. Sprecht Ihr Spaniſch, Grammont?“ „Meiner Treue, Monſeigneur, ſehr wenig.“ „Und ich gar nicht,“ ſagte der Prinz lachend. „Meine Herren,“ fügte er, ſich gegen ſeine Umgebung wendend, bei,„iſt Einer unter Euch, der Spaniſch ſpricht und mir als Dolmetſcher dienen will?“ „Ich, Monſeigneur,“ antwortete Raoul. „Ah, Ihr ſprecht Spaniſch?“ „Hinreichend, wie ich glaube, um die Befehle Eurer Hoheit bei dieſem Falle zu vollziehen.“ 5 Während dieſer ganzen Zeit war der Gefangene unempfindlich geblieben, als hätte er gar nicht begrif⸗ fen, wovon es ſich handelte. „Monſeigneur läßt Euch fragen, von welcher Na⸗ tion Ihr ſeid?“ fragte der Jüngling im reinſten Ca⸗ ſtilianiſch. „Ich bin ein Deutſcher,“ antwortete der Gefan⸗ gene. „Was Teufels, ſagte er?“ fragte der Prinz,„und was für ein neues Kauderwälſch iſt das?“ „Er ſagt, er ſei ein Deutſcher, Monſeigneur,“ er⸗ wiederte Ravul,„ich zweifle jedoch daran, denn ſein Accent iſt ſchlecht und ſeine Ausſprache mangelhaft.“ „Ihr ſprecht alſo auch Deutſch?“ fragte der Prinz. Alle hatten ſich erhoben. In dieſem Augenblik—2 wurde die Thüre wieder geöffnet. 5 Monſeigneur,“ ſprach der Marſchall von Gram⸗ mont ſtrahlend,„erlaubt Eure Hoheit, daß Ihr mein Sohn, der Graf von Guiche, und ſein Reiſegefährte, der Vicomte von Bragelonne, die Kunde vom Feinde geben, die wir ſuchen und ſie gefunden haben?“ „Wie?“ ſprach der Prinz lebhaft,„ob ich es er⸗ laube? Ich erlaube es nicht nur, ſondern ich wünſche, ſte mögen eintreten.“ Der Marſchall führte die zwei jungen Leute ein, 4 ———&e. und dieſe befanden ſich dem Prinzen gegenüber. „Sprecht, meine Herren,“ ſagte der Prinz, ſie be⸗ grüßend,„ſprecht zuerſt, dann wollen wir uns die üblichen Complimente machen. Das Dringendſte für uns iſt jetzt, zu erfahren, wo der Feind ſteht und was er thut.“ 4. Dem Grafen von Guiche kam natürlich das Wort F 1 1 1 — zu. Er war nicht nur der ältere von den beiden jun⸗ gen Leuten, ſondern auch bereits dem Prinzen von ſeinem Vater vorgeſtellt. Ueberdies kannte er den Prinzen ſeit geraumer Zeit, während ihn Raoul zum erſten Male ſah. Er erzählte alſo dem Prinzen, was ſie in eemm Gaſthauſe zu Mazingarde geſehen hatten. Während 3 dieſer Zeit betrachtete Raoul„den jungen General, welcher ſich bereits durch die Schlachten von Rocroy, 2 Freiburg und Nördlingen ſo großen Ruhm erworben hatte. 1 Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, den man 3 ſeit dem Tode von Heinrich von Bourbon, ſeinem Vater, durch Abkürzung und nach der Gewohnheit der Herr Prinz nannte, war ein junger Mann von höch⸗ ſtens ſechsundzwanzig bis ſiebenundzwanzig Jahren, mit einem Adlerblicke, agl' occhi Grikagni, wie Dante ſagt, mit einer gebogenen Naſe, mit langen, in Locken herabflatternden Haaren, von mittlerem, aber ſchönem * 5 4 5 194 „Ja, Monſeigneur,“ antwortete Raoul. „Genug, um ihn in dieſer Sprache zu befragen?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Fragt ihn alſo.“ Raoul begann ſein Verhör, aber die Thatſache unterſtützte ſeine Meinung. Der Gefangene hörte nicht oder ſtellte ſich, als hörte er nicht, was Ravul ihm ſagte, und Ravul verſtand nur ſchlecht ſeine mit Flä⸗ miſchem und Elſäſſiſchem vermiſchten Antworten. Doch trotz der Anſtrengung des Gefangenen, um ein regelmäßiges Verhör zu vereiteln, erkannte Ravul den natürlichen Accent dieſes Menſchen. „Non siete Spagnuolo,“ ſagte er,„non siete Tedesco, siete Italiano?“ Der Gefangene machte eine Bewegung und biß ſich in die Lippen. Ah, das verſtehe ich vortrefflich,“ ſprach der Prinz von Condé,„und da er ein Italiener iſt, ſo will ich das Verhör fortſetzen. Ich danke, Vicomte,“ fügte der Prinz lachend bei;„ich ernenne Euch von dieſem Augenblick an zu meinem Dolmetſcher.“ Aber der Gefangene war eben ſo wenig geneigt, italieniſch, als in den andern Sprachen zu antworten. Er trachtete nur darnach, die Fragen zu umgehen und zu vereiteln. Auch wußte er weder die Zahl des Fein⸗ des, noch die Namen derjenigen, welche ihn befehlig⸗ ten, noch den Zweck des Marſches der Armee. „Es iſt gut,“ ſprach der Prinz, der die Urſache dieſer Unwiſſenheit wohl begriff,„dieſer Menſch iſt plündernd und mordend gefangen genommen worden. Er hätte ſein Leben durch Sprechen erkaufen konnen; er will nicht ſprechen. Führt ihn weg und laßt ihn über die Klinge ſpringen.“ Der Gefangene erbleichte. Die zwei Soldaten, welche ihn herbeigebracht hatten, nahmen ihn jeder bei einem Arme und führten ihn gegen die Thüre, während der Prinz, ſich nach dem Marſchall von Grammont 191 Wuchſe. Er beſaß alle Eigenſchaften eines großen Kriegers, d. h. Blick, raſche Entſcheidung, fabelhaften Muth, was ihn übrigens nicht abhielt, zu gleicher Zeit ein Mann von Eleganz und Witz zu ſein, ſo daß er außer der Revolution, die er durch neue Einrichtun⸗ gen und ſtrategiſche Erfindungen in den Krieg brachte, auch in Paris eine Revolution unter den jungen Leu⸗ ten des Hofes gemacht hatte, deren natürlicher Führer er war, und die man im Gegenſatze gegen die Elegants des alten Hofes, für welche Baſſompierre, Bellegarde und der Herzog von Angouléème als Muſter gedient hatten, Petits⸗Maitres nannte. Bei den erſten Worten des Grafen von Guiche und aus der Richtung, von der der Lärm der Kanonen kam, hatte der Prinz Alles begriffen. Der Feind mußte in Saint⸗Venant über die Lys geſetzt haben, und mar⸗ ſchirte gegen Lens, ohne Zweifel in der Abſicht, ſich dieſer Stadt zu bemächtigen und das franzöſtſche Heer zu trennen. Aber von welcher Stärke war dieſe Truppe? War. es ein Corps, beſtimmt, eine einfache Diverſion zu bewirken, war es die ganze Armee? 4 8 Dies war die letzte Frage des Prinzen, welche 5 von Guiche nicht zu beantworten vermochte. Da ſie aber dem Prinzen als die wichtigſte er⸗ ſchien, ſo hätte derſelbe auf dieſe eine genaue, pünkt⸗ liche, beſtimmte Antwort zu haben gewunſcht. Raoul überwand nun das ſehr natürliche Gefühl der Schüchternheit, das ſich ſeiner Perſon dem Prin⸗ zen gegenüber bemächtigte, und ſprach, ſich ihm nähernd: 4„Wird mir Monſeigneur erlauben, einige Worte über dieſen Gegenſtand zu wagen, welche ihn vielleicht der Verlegenheit entziehen?“ — Der Prinz wandte ſich um und ſchien den jungen Meenſchen ganz und gar gleichſam in einen einzigen Bli 17“ che icht hm lä⸗ um oul ete biß inz igte ſem igt, ten. und in⸗ ig⸗ iche iſt en. en; ihn ten, bei end ont 195 umwendend, bereits den von ihm ertheilten Befehl vergeſſen zu haben ſchien. Auf der Thürſchwelle blieb der Gefangene ſtille ſtehen. Die Soldaten, welche nur ihren Befehl kann⸗ ten, wollten ihn zwingen, weiter zu gehen. „Einen Augenblick,“ ſagte der Gefangene franzö⸗ ſiſch; ich bin bereit zu ſprechen, Monſeigneur.“ „Ah, ah!“ rief der Prinz,„ich wußte wohl, daß wir damit endigen würden. Ich habe ein vortreffliches Mittel, die Zungen zu löſen. Benützt es, Ihr jungen Leute, in der Zeit, wo Ihr befehligen werdet.“ „Aber unter der Bedingung,“ fuhr der Gefangene fort,„daß mir Eure Hoheit durch einen Eid mein Le⸗ ben ſichert.“ „Auf mein adeliges Ehrenwort,“ ſprach der Prinz. „Dann fragt, Monſeigneur.“ „Wo iſt das Heer über die Lys geſetzt?“ „Zwiſchen Saint⸗Venant und Aire.“ „Von wem wird es befehligt?“ „Von dem Grafen von Fuenſaldagna, von dem General Beck und von dem Erzherzog in Perſon.“ „Aus wie viel Mann beſteht es?“ „Aus 18,000 Mann und 36 Feldſtücken.“ „Und es marſchirt?“ „Gegen Lens.“ „Ihr ſeht, meine Herren!“ rief der Prinz, ſich mit kriumphirender Miene gegen den Marſchall von Grammont und die übrigen Offiziere umwendend. „Ja, Monſeigneur,“ ſagte der Marſchall,„Ihr habt errathen, was dem menſchlichen Genie zu errathen möglich iſt.“ „Ruft le Pleſſis⸗Bellieve, Villequier und d'Erlac zurück,“ ſagte der Prinz;„ruft alle Truppen zurück, welche dieſſeits der Lys ſtehen; ſie ſollen ſich bereit halten, noch in dieſer Nacht zu marſchiren. Morgen greifen wir aller Wahrſcheinlichkeit nach den Feind an.“ „Aber bedenkt, Monſeigneur,“ ſprach der Mar⸗ 192 zu hüllen. Er lächelte, als er in ihm ein Kind von kaum fünfzehn Jahren erkannte. 3 „Allerdings, mein Herr, ſprecht,“ ſagte er, ſeine kräftige Stimme ſänftigend, als richte er das Wort an eine Frau. „Monſeigneur könnte den gefangenen Spanier be⸗ fragen,“ erwiederte Raoul erröthend. „Ihr habt einen Spanier zum Gefangenen ge⸗ macht?“ rief der Prinz. „Ja, Monſeigneur.“ „Ah, es iſt wahr!“ verſetzte von Guiche,„ich hatte es vergeſſen.“ „Das iſt ganz einfach, denn Ihr habt ihn gefan⸗ gen genommen,“ ſprach Raoul lächelnd. Der alte Marſchall wandte ſich gegen den Vicomte um, dankbar für das ſeinem Sohne geſpendete Lob, während der Prinz ausrief: „Dieſer Jüngling hat Recht, man führe den Spa⸗ nier herbei.“ Mittlerweile nahm der Prinz von Guiche bei Seite und befragte ihn über die Art und Weiſe, wie ſie den Spanier zum Gefangenen gemacht hatten, und wer dieſer Jüngling wäre. „Mein Herr,“ ſagte der Prinz, zu Raoul zurück⸗ kehrend,„ich weiß, daß Ihr einen Brief von meiner Schweſter, der Frau von Longueville, bei Euch habt; aber ich ſehe, daß Ihr es vorzoget, Euch durch einen guten Rath, den Ihr mir ertheiltet, ſelbſt zu em⸗ pfehlen.“ w „Monſeigneur,“ verſetzte Raoul erröthend,„ich woollte Eure Hoheit nicht in dem ſo wichtigen Geſpräche Nit dem Herrn Grafen unterbrechen; doch hier iſt der rief.““ „Es iſt gut,“ entgegnete der Prinz;„Ihr werdet ihn mir ſpäter geben. Hier kommt der Gefangene. Denken wir an das Wichtigere.“ Man brachte wirklich den Parteigänger.* 196 ſchall von Grammont,„daß wir, wenn wir unſere ganze verfügbare Mannſchaft ſammeln, kaum die Zahl von 13,000 Mann erreichen werden.“ „Mein Herr Marſchall,“ entgegnete der Prinz mit dem bewunderungswürdigem Blicke, der nur ihm an⸗ gehörte,„mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlachten.“ Dann ſich gegen den Gefangenen umwendend: „Man führe dieſen Menſchen weg und bewache ihn ſorgfältig. Sein Leben hängt von den Nachrichten ab, die er uns gegeben hat. Sind ſie wahr, ſo iſt er frei; find ſie falſch, ſo erſchieße man ihn.“ Man führte den Gefangenen weg. „Graf von Guiche,“ verſetzte der Prinz;„Ihr habt lange Zeit Euern Vater nicht geſehen; bleibt bei ihm. Mein Herr,“ fuhr er, ſich an Raoul wendend, fort,„wenn Ihr nicht zu müde ſeid, ſo folgt mir.“ „Bis an das Ende der Welt, Monſeigneur!“ rief Ravul, der für dieſen jungen General, welcher ihm ſeines Rufes ſo würdig zu ſein ſchien, eine unbewußte Begeiſterung fühlte. Der Prinz lächelte. Er verachtete die Schmeichler, aber er ſchätzte die Enthuſtiaſten. „Vorwärts, mein Herr,“ ſagte er,„Ihr ſeid gut im Rathe, wir haben ſo eben einen Beweis davon er⸗ halten; morgen werden wir ſehen, wie Ihr bei der That ſeid...“ „Und ich, Monſeigneur,“ ſprach der Marſchall, „was ſoll ich thun?“ „Bleibt,“ um die Truppen zu empfangen. Ent⸗ weder werde ich ſie ſelbſt holen, oder ich ſchicke einen Eilboten, damit Ihr mir ſie zuführt. Zwanzig gut berittene Wachen, das iſt Alles, was ich zu meinem Geleite brauche.“ „Das iſt ſehr wenig,“ verſetzte der Marſchall. „Genug,“ entgegnele der Prinz.„Habt Ihr ein gutes Pferd, Herr von Bragelonne?“ un Ne vie da zer die bie At tra ſen mi die der wo en en be. tut Er der 193 Es war einer von den Corndottieri, wie man ſie in jener Zeit noch fand, Leute, gealtert in ſchlimmen Streichen aller Art, ihr Blut verkaufend an Jeden, hatte er kein einziges Wort geſprochen, ſo daß dieje⸗ nigen, welche ihn feſtgenommen hatten, nicht einmal wußten, welcher Nation er angehörte. Der Prinz ſchaute ihn mit einer Miene unbeſchreib⸗ lichen Mißtrauens an. „Von welcher Nation biſt Du?“ fragte der Prinz. Der Gefangene erwiederte einige Worte in frem⸗ der Sprache. „Ah, ah! es ſcheint, er iſt ein Spanier. Sprecht Ihr Spaniſch, Grammont?“ „Meiner Treue, Monſeigneur, ſehr wenig.“ „Und ich gar nicht,“ ſagte der Prinz lachend. „Meine Herren,“ ſügte er, ſich gegen ſeine Umgebung wendend, bei,„iſt Einer unter Euch, der Spaniſch ſpricht und mir als Dolmetſcher dienen will?“ „Ich, Monſeigneur,“ antwortete Raoul. „Ah, Ihr ſprecht Spaniſch?“ 4„Hinreichend, wie ich glaube, um die Befehle Eurer Hoheit bei dieſem Falle zu vollziehen.“ Während dieſer ganzen Zeit war der Gefangene unempfindlich geblieben, als hätte er gar nicht begrif⸗ fen, wovon es ſich handelte. „Monſeigneur läßt Euch fragen, von welcher Na⸗ tion Ihr ſeid?“ fragte der Jüngling im reinſten Ca⸗ ſtilianiſch. „Ich bin ein Deutſcher,“ antwortete der Gefan⸗ gene. „Was Teufels, ſagte er?“ fragte der Prinz,„und was für ein neues Kauderwälſch iſt das?“ „Er ſagt, er ſei ein Deutſcher, Monſeigneur,“ er⸗ wiederte Ravul,„ich zweiſte jedoch daran, denn ſein Accent iſt ſchlecht und ſeine Ausſprache mangelhaft.“ „Ihr ſprecht alſo auch Deutſch?“ fragte der Prinz. der es bezahlen wollte. Seitdem er gefangen war, ere ahl nit an⸗ die d: hn ab, hr bei id, ief m jte ut r⸗ er ll, t⸗ en ut m n 197 „Das meinige iſt dieſen Morgen getödtet worden, und ich reite einſtweilen das von meinem Bedienten.“ „Verlangt und wählt ſelbſt in meinen Ställen ein Pferd, welches Euch zuſagt. Keine falſche Scham. Nehmt, was Euch am beſten dient. Ihr braucht es vielleicht dieſen Abend und morgen ganz gewiß.“ Ravul ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er wußte, daß bei den Oberen, beſonders wenn die Oberen Prin⸗ zen ſind, die äußerſte Höflichkeit darin beſteht, daß man ohne Zögern und Abwägen gehorcht. Er ging in die Ställe hinab, wählte ein andaluſiſches iſabellfar⸗ biges Pferd und ſattelte und zäumte es ſelbſt; denn Athos hatte ihm anempfohlen, im Augenblicke der Gefahr ein ſo wichtiges Geſchäft Niemand anzuver⸗ trauen. Er kehrte zu dem Prinzen zurück, der in die⸗ ſem Augenblick zu Pferde ſtieg. S „Nun, mein Herr,“ ſagte er zu Raoul,„wollt mir den Brief geben, deſſen Ueberbringer Ihr ſeid.“ Raoul reichte den Brief dem Prinzen. vieſ„Haltet Euch in meiner Nähe, mein Herr,“ ſagte ieſer. Der Prinz gab ſeinem Pferde die Sporen, hing den Zaum auf den Sattelknopf, wie dies ſeine Ge⸗ wohnheit war, wenn er die Hände frei haben wollte, entſiegelte den Brief von Frau von Longueville und entfernte ſich im Galopp auf der Straße nach Lens, begleitet von Raoul, während die Boten, welche die Truppen zurückrufen ſollten, in entgegengeſetzten Rich⸗ tungen mit verhängten Zügeln fortſprengten. Der Prinz las während ſeines eiligen Rittes. „Mein Herr,“ ſprach er nach einem Augenblick, „man ſagt mir alles mögliche Gute von Euchz ich habe Euch nur Eines zu bemerken, nämlich, daß ich nach dem Wenigen, was ich von Euch geſehen und gehört habe, noch mehr von Euch denke, als man mir ſagt.“ Raoul verbeugte ſich. 194 „Ja, Monſeigneur,“ antwortete Raoul. ur „Genug, um ihn in dieſer Sprache zu befragen?“ ve „Ja, Monſeigneur.“ „Fragt ihn alſo.“ ſte Raoul begann ſein Verhör, aber die Thatſache te unterſtützte ſeine Meinung. Der Gefangene hörte nicht oder ſtellte ſich, als hörte er nicht, was Raoul ihm ſi ſagte, und Raoul verſtand nur ſchlecht ſeine mit Flä⸗ miſchem und Elſäſſiſchem vermiſchten Antworten. w Doch trotz der Anſtrengung des Gefangenen, um A ein regelmäßiges Verhör zu vereiteln, erkannte Raoul L den natürlichen Accent dieſes Menſchen. „Non siete Spagnuolo,“ ſagte er,„non siete f Tedesco, siete Italiano?““ b Der Gefangene machte eine Bewegung und biß. ſich in die Lippen. 1 4 Ah, das verſtehe ich vortrefflich,“ ſprach der Prinz von Condé,„und da er ein Italiener iſt, ſo will ich das Verhör fortſetzen. Ich danke, Vicomte,“ fügte der Prinz lachend bei;„ich ernenne Euch von dieſemn Augenblick an zu meinem Dolmetſcher.“ 6 Aber der Gefangene war eben ſo wenig geneigt, italieniſch, als in den andern Sprachen zu antworten. Er trachtete nur darnach, die Fragen zu Eumgehen und zu vereiteln. Auch wußte er weder die Zahl des Fein⸗ des, noch die Namen derjenigen, welche ihn befehlig⸗ ten, noch den Zweck des Makſches der Armee. „Es iſt gut,“ ſprach der Prinz, der die Urſache dieſer Unwiſſenheit wohl begriff,„dieſer Menſch iiſt plündernd und mordend gefangen genommen worden. Er hätte ſein Leben durch Sprechen erkaufen konnen; er will nicht ſprechen. Führt ihn weg und laßt ihn über die Klinge ſpringen.“: Der Gefangene erbleichte. Die zwe Soldaten, welche ihn herbeigebracht hatten, nahmen ihn jeder bei einem Arme und führten ihn gegen die Thüre, währ der Prinz, ſich nach dem Marſchall von Grammoß 198 Bei jedem Schritte, der die kleine Truppe gegen Lens führte, erſchollen indeſſen die Kanonenſchüſſe näher und näher. Der Blick des Prinzen war gegen dieſes Geräuſch mit der Starrheit eines Raubvogels gerichtet. Man hätte glauben ſollen, er beſäße die Macht, die Vorhänge von Bäumen zu durchdringen, welche ſich vor ihm ausdehnten und den Horizont be⸗ gränzten. Von Zeit zu Zeit dehnte ſich die Naſe des Prin⸗ zen aus, als drängte es ihn, den Pulverdampf einzu⸗ athmen, und er ſchnaufte wie ein Pferd. Endlich hörte man den Donner der Kanonen ſo nahe, daß man offenbar nur noch eine Meile von dem Schlachtfelde entfernt war. An der Wendung der Straße erblickte man wirklich das kleine Dorf Aunah. Die Bauern waren in großer Beſtürzung. Das Ge⸗ rücht von den Grauſamkeiten. der Spanier hatte ſich verbreitet und ſtürzte Jeden in Schrecken. Die Wei⸗ ber waren bereits gegen Vitry geſlohen; einige Män⸗ ner blieben allein. Bei dem Anblicke des Prinzen liefen ſie herbei. Einer derſelben erkannte ihn. „Ach! Monſeigneur,“ ſprach er,„kommt Ihr, um alle dieſe Schurken von Spaniern und alle dieſe Räu⸗ ber von Lothringern zu verjagen?“ „Ja,“ antwortete der Prinz,„wenn Du mir als Führer dienen willſt.“ „Gerne, Monſeigneur; wohin ſoll ich Eure Ho⸗ heit führen?“ „An einen erhabenen Ort, von wo aus ich Lens und ſeine Umgebung ſehen kann.“ „Das ſoll geſchehen, und was weiter?“ „Kann ich mich Dir anvertrauen? Biſt Du ein guter Franzoſe?“ „Ich bin ein alter Soldat von Rocroy, Monſeig⸗ neur. „Halt,“ ſagte der Prinz und gab ihm ſeine Börſe, ſeir alt Gi gar mei die der gen gen ſeit aut Fei 195 umwendend, bereits den von ihm ertheilten Befehl vergeſſen zu haben ſchien. Auf der Thürſchwelle blieb der Gefangene ſtille ſtehen. Die Soldaten, welche nur ihren Befehl kann⸗ ten, wollten ihn zwingen, weiter zu gehen. „Einen Augenblick,“ ſagte der Gefangene franzö⸗ ſiſch; ich bin bereit zu ſprechen, Monſeigneur.“ „Ah, ah!“ rief der Prinz,„ich wußte wohl, daß wir damit endigen würden. Ich habe ein vortreffliches Mittel, die Zungen zu löſen. Benützt es, Ihr jungen Leute, in der Zeit, wo Ihr befehligen werdet.“ „Aber unter der Bedingung,“ fuhr der Gefangene fort,„daß mir Eure Hoheit durch einen Eid mein Le⸗ ben ſichert.“ 33„Auf mein adeliges Ehrenwort,“ ſprach der Prinz. „Dann fragt, Monſeigneur.“ 3„Wo iſt das Heer über die Lys geſetzt?“ )„Zwiſchen Saint⸗Venant und Aire.“ .„Von wem wird es befehligt?“ n„Von dem Grafen von Fuenſaldagna, von dem General Beck und von dem Erzherzog in Perſon.“ .„Aus wie viel Mann beſteht es?“ .„Aus 18,000 Mann und 36 Feldſtücken.“ d„Und es marſchirt?“ ⸗„Gegen Lens.“ Ihr ſeht, meine Herren!“ rief der Prinz, ſich mit triumphirender Miene gegen den Marſchall von e Grammont und die übrigen Oiſtziere umwendend. ſt„Ja, Monſeigneur,“ ſagte der Marſchall,„Ihr n. habt errathen, was dem menſchlichen Genie zu errathen 13 möglich iſt.“ 3 dn„Ruft le Pleſſis⸗Belliève, Villequier und d'Erlac zurück,“ ſagte der Prinz;„ruft alle Truppen zurück, n, welche dieſſeits der Lys ſtehen; ſie ſollen ſich bereit reifen wir aller Wahr ei halten, noch in dieſer Nacht zu marſchiren. Morgen 18 ſcheinlichkeit nach den Feind an.“ „ Aber bedenkt, Monſeigneur,“ ſprach der Mar⸗ gen üſſe gen gels die en, be⸗ rin⸗ zu⸗ ſo dem der ayh. Ge⸗ ei⸗ än⸗ bei. um äu⸗ als öo⸗ ens 199 „das iſt für Rocroy. Willſt Du nun ein Pferd oder ziehſt Du es vor, zu Fuße zu gehen?“ „Zu Fuße, Monſeigneur, zu Fuße, ich habe im⸗ mer bei der Infanterie gedient. Ueberdies gedenke ich Eure Hoheit auf Wegen zu führen, wo Sie ſelbſt abzu⸗ ſteigen genöthigt ſein werden.“ „Vorwärts,“ ſprach der Prinz,„und keine Zeit verloren.“ Der Bauer lief vor dem Pferde des Prinzen her; hundert Schritte vom Dorfe ſchlug er einen kleinen Weg ein, der ſich durch ein hübſches Thal zog. Eine halbe Meile marſchirte man ſo unter einer Bedeckung von Bäumen. Die Kanonen erſchollen ſo nahe, daß man bei jedem Schuſſe hätte glauben ſollen, man höre die Kugel pfeifen. Endlich fand man einen Fußpfad, der vom Wege abging und ſich auf der Seite eines Berges hinzog. Der Bauer wählte dieſen Fuß⸗ pfad und forderte den Prinzen auf, ihm zu folgen. Dieſer ſtieg ab, befahl einem ſeiner Adjutanten und Ravul, daſſelbe zu thun, und den Andern, ſeine Be⸗ fehle zu erwarten, dabei aber ſehr auf ihrer Hut zu ſein, und fing an, den Fußpfad zu erſteigen. Nach zehn Minuten war man in die Ruinen eines alten Schloſſes gelangt. Dieſe Ruinen bekränzten den Gipfel eines Hügels, von deſſen Höhe aus man die ganze Umgegend beherrſchte. Auf kaum eine Viertel⸗ meile erſchaute man Lens hart bedrängt und vor Lens die ganze feindliche Armee. Mit einem Blicke umfaßte der Prinz die ganze Strecke, welche ſich vor ſeinen Au⸗ gen ausdehnte, von Lens bis Vismy. In einem Au⸗ genblick entrollte ſich die Wahlſtätte, welche am andern Tage Frankreich vor einer Invaſion retten ſollte, vor ſeinem Geiſte. Er nahm ein Bleiſtift, riß ein Blatt aus ſeiner Schreibtaſche und ſchrieb: „Mein lieber Marſchall! „In einer Stunde wird Lens in der Gewalt des Feindes ſein. Kommt zu mir, bringt das ganze Heer 196 ſchall von Grammont,„daß wir, wenn wir unſere ganze verfügbare Mannſchaft ſammeln, kaum die Zahl von 13,000 Mann erreichen werden.“ „Mein Herr Marſchall,“ entgegnete der Prinz mit dem bewunderungswürdigem Blicke, der nur ihm an⸗ gehörte,„mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlachten.“. Dann ſich gegen den Gefangenen umwendend: „Man führe dieſen Menſchen weg und bewache ihn ſorgfältig. Sein Leben hängt von den Nachrichten ab, die er uns gegeben hat. Sind ſie wahr, ſo iſt er frei; ſind ſte falſch, ſo erſchieße man ihn.“ Man führte den Gefangenen weg. „Graf von Gniche,“ verſetzte der Prinz,„Ihr habt lange Zeit Euern Vater nicht geſehen; bleibt bei ihm. Mein Herr,“ fuhr er, ſich an Raoul wendend, fort,„wenn Ihr nicht zu müde ſeid, ſo folgt mir.“ „Bis an das Ende der Welt, Monſeigneur!“ rief Raoul, der für dieſen jungen General, welcher ihm ſeines Rufes ſo würdig zu ſein ſchien, eine unbewußte Begeiſterung fühlte. Der Prinz lächelte. Er verachtete die Schmeichler, aber er ſchätzte die Enthuſtaſten. „Vorwärts, mein Herr,“ ſagte er,„Ihr ſeid gut im Rathe, wir haben ſo eben einen Beweis davon er⸗ halten; morgen werden wir ſehen, wie Ihr bei der That ſeid..“. „Und ich, Monſeigneur,“ ſprach der Marſchall, „was ſoll ich thun?“ „Bleibt,“ um die Truppen zu empfangen. Ent⸗ weder werde ich ſie ſelbſt holen, oder ich ſchicke einen Eilboten, damit Ihr mir ſie zuführt. Zwanzig gut berittene Wachen, das iſt Alles, was ich zu meinem Geleite brauche.“ „Das iſt ſehr wenig,“ verſetzte der Marſchall. „Genug,“ entgegnete der Prinz.„Habt Ihr ein gutes Pferd, Herr von Bragelonne?“ — 2 —-= C, 200 mit Euch. Ich werde in Vendrin ſein, um es ſeine Stellung faſſen zu laſſen. Morgen haben wir Lens wieder eingenommen und den Feind geſchlagen.“ Dann ſich gegen Ravul umwendend, ſagte er: „Geht, Herr, jagt mit verhängten Zügeln und ſtellt dieſen Brief Herrn von Grammont zu.“ Ravul verbeugte ſich, nahm das Papier, ſtieg raſch den Berg hinab, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt im Galopp davon. Eine Viertelſtunde nachher war er bei dem Mar⸗ ſchal langt. Den Reſt erwartete man jeden Augenblick. Der Marſchall von Grammont ſtellte ſich an die Spitze aller verfügbaren Infanterie und Cavallerie und ließ den Herzog von Chatillon zurück, um die übrigen Fruppen zu erwarten und nachzuführen. Die ganze Artillerie war zum Aufbruch bereit und ſetzte ſich in Marſch. Es war ſieben Uhr Abends, als der Marſchall am Sammelplatze anlangte. Der Prinz erwartete ihn Bereits war eine Abtheilung von Truppen ange⸗ daſelbſt; denn er hatte es geſagt, Lens war beinahe unmittelbar nach dem Abgange von Raoul in die Ge⸗ walt des Feindes gefallen. Das Einſtellen der Kano⸗ nade hatte überdies dieſes Ereigniß verkündigt. Man erwartete die Nacht. Mit dem Eintritt der Finſterniß langten nach und nach die von dem Prinzen herbeigerufenen Truppen an. Es wurde Befehl gege ben, daß keine derſelben die Trommel rühren oder die Trompete blaſen laſſen ſollte. Um neun Uhr war es völlig Nacht geworben. Eine letzte Abenddämmerung erleuchtete indeſſen die Ebene. Man ſetzte ſich ſchweigend in Marſch. Der Prinz befehligte die Colonne. Jenſil Aunay angelangt, erblickte bas Heer Lens. Einige Häuſer ſtanden in Flammen und ein dumpfes Geräuſch, das den Todeskampf einer im Sturme 197 „Das meinige iſt dieſen Morgen getädtet worden, und ich reite einſtweilen das von meinem Bedienten.“ „Berlangt und wählt ſelbſt in meinen Ställen ein Pferd, welches Euch zuſagt. Keine falſche Scham. Nehmt, was Euch am beſten dient. Ihr braucht es vielleicht dieſen Abend und morgen ganz gewiß.“ Naoul ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er wußte, daß bei den Oberen, beſonders wenn die Oberen Prin⸗ zen ſind, die außerſte Höflichkeit darin beſteht, daß man ohne Zögern und Abwägen gehorcht. Er ging in die Ställe hinab, wählte ein andaluſiſches iſabellfar⸗ biges Pferd und ſattelte und zäumte es ſelbſt; denn Athos hatte ihm anempfohlen, im Augenblicke der Gefahr ein ſo wichtiges Geſchäft Niemand anzuver⸗ trauen. Er kehrte zu dem Prinzen zurück, der in die⸗ ſem Augenblick zu Pferde ſtieg. „Nun, mein Herr,“ ſagte er zu Raoul,„wollt mir den Brief geben, deſſen Ueberbringer Ihr ſeid.“ Raoul reichte den Brief dem Prinzen. dieſ„Haltet Euch in meiner Nähe, mein Herr,“ ſagte ieſer. Der Prinz gab ſeinem Pferde die Sporen, hing den Zaum auf den Sattelknopf, wie dies ſeine Ge⸗ wohnheit war, wenn er die Hände frei haben wollte, entſtegelte den Brief von Frau von Longueville und entfernte ſich im Galopp auf der Straße nach Lens, begleitet von Raoul, während die Boten, welche die Truppen zurückrufen ſollten, in entgegengeſetzten Rich⸗ tungen mit verhängten Zügeln fortſprengten. Der Prinz las während ſeines eiligen Rittes. „Mein Herr,“ ſprach er nach einem Augenblick, „man ſagt mir alles mögliche Gute von Euch; ich habe Euch nur Eines zu bemerken, nämlich, daß ich nach dem Wenigen, was ich von Euch geſehen und gehört Habe, noch mehr von Euch denke, als man mir ſagt.“ Raoul verbeugte ſich. 201 ſe Stadt andeutete, drang bis zu den Sol⸗ aten. Der Prinz bezeichnete Jedem ſeinen Poſten. Der Marſchall von Grammont ſollte die äußerſte Linke halten und ſich an Mericourt anlehnen. Der Herzog von Chatillon bildete das Centrum, der Prinz den rechten Flügel. Die Schlachtordnung vom andern Tage ſollte die⸗ ſelbe ſein, wie die der am Tage vorher eingenommenen Stellung. Jeder ſollte ſich auf dem Terrain befinden, worauf er zu manövriren hätte. Die Bewegung wurde in der tiefſten Stille und mit der größten Pünktlichkeit ausgeführt. Um zehn Uhr nahm Jeder ſeine Stellung ein. Um halb eilf Uhr durchlief der Prinz die Poſten und gab die Parole für den andern Tag. Drei Dinge waren vor Allem den Führern empfoh⸗ len, welche darüber wachen ſollten, daß die Soldaten dieſelben gewiſſenhaft beobachteten. Erſtens, daß die verſchiedenen Corps ſich bei dem Marſche wohl beobachteten, damit die Reiterei und die Infanterie auf derſeiben Linie wäre und daß jede die beſtimmte Entfernung einhielte; Zweitens, nur im Schritte anzugreifen; Drittens, den Feind zuerſt ſchießen zu laſſen. Der Prinz gab den Grafen von Guiche ſeinem Vater und behielt Bragelonne für ſich; aber die zwei jungen Leute baten um Erlaubniß, die Nacht mit ein⸗ ander zubringen zu dürfen, was ihnen auch bewilligt wurde. 2 Es wurde für ſie ein Zelt in der Nähe des für den Marſchall beſtimmten aufgeſchlagen. Obgleich der Tag ermüdend geweſen war, ſo fühlte doch weder der Eine noch der Andere ein Bedürfniß zu ſchlafen. Ueberdies iſt es eine wichtige, ernſte Sache, ſelbſt für die alten Soldaten, der Vorabend einer Schlacht, Zwanzig Jahre nachher. II. 14 198 Bei jedem Schritte, der die kleine Truppe gegen Lens führte, erſchollen indeſſen die Kanonenſchüſſe näher und näher. Der Blick des Prinzen war gegen dieſes Geräuſch mit der Starrheit eines Raubvogels gerichtet. Man hätte glauben ſollen, er beſäße die Macht, die Vorhänge von Bäumen zu durchdringen, welche ſich vor ihm ausdehnten und den Horizont be⸗ gränzten. Von Zeit zu Zeit dehnte ſich die Naſe des Prin⸗ zen aus, als drängte es ihn, den Pulverdampf einzu⸗ athmen, und er ſchnaufte wie ein Pferd. Endlich hörte man den Donner der Kanonen ſo nahe, daß man offenbar nur noch eine Meile von dem Schlachtfelde entfernt war. An der Wendung der Straße erblickte man wirklich das kleine Dorf Aungy. Die Bauern waren in großer Beſtürzung. Das Ge⸗ rücht von den Grauſamkeiten der Spanier hatte ſich verbreitet und ſtürzte Jeden in Schrecken. Die Wei⸗ ber waren bereits gegen Vitry geflohen; einige Män⸗ ner blieben allein. Bei dem Anblicke des Prinzen liefen ſie herbei. Einer derſelben erkannte ihn. 3 „Ach! Monſeigneur,“ ſprach er,„kommt Ihr, um alle dieſe Schurken von Spaniern und alle dieſe Räu⸗ ber von Lothringern zu verjagen?“ „Ja,“ antwortete der Prinz,„wenn Du mir als Führer dienen willſt.“ „Gerne, Monſeigneur; wohin ſoll ich Eure Ho⸗ heit führen?“. „An einen erhabenen Ort, von wo aus ich Lens und ſeine Umgebung ſehen kann.“ „Das ſoll geſchehen, und was weiter?“ „Kann ich mich Dir anvertrauen? Biſt Du ein guter Franzoſe?“ „ SIch bin ein alter Soldat von Rocroy, Monſeig⸗ neur 74. 9 „Halt,“ ſagte der Prinz und gab ihm ſeine Börſe, —,— HAESSnS — —— FeeDd 202 und noch viel wichtiger für zwei junge Leute, die dieſes furchtbare Schauſpiel zum erſten Male ſehen ſollten. Am Vorabend einer Schlacht denkt man an tau⸗ ſend Dinge, die man bis dahin vergeſſen hatte, und die einem jetzt in den Kopf kommen; am Vorabend einer Schlacht werden die Gleichgültigen Freunde, die Freunde Brüder. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, wenn man im Grunde ſeines Herzens ein zärtliches Gefühl hegt, dieſes Gefühl ganz natürlich den höchſten Grad der Begeiſterung erreicht, den es zu erreichen im Stande iſt. Es iſt zu glauben, daß jeder von den zwei jungen Leuten von einem ſolchen Gefühle bewegt wurde; denn nach wenigen Augenblicken ſetzte ſich jeder von ihnen an ein Ende des Zeltes und fing an auf dem Schooße zu ſchreiben. Die Briefe wurden lang, die vier Seiten bedeckten ſich nach und nach mit feinen und gedrängten Buch⸗ ſtaben. Von Zeit zu Zeit ſchauten ſich die jungen Leute lächelnd an. Sie verſtanden ſich, ohne etwas zu ſpre⸗ chen. Dieſe zwei zartfühlenden, ſympathiſchen Naturen waren beſtimmt, einander zu verſtehen, ohne zu ſprechen. Sobald die Briefe vollendet waren, legte jeder den ſeinigen in zwei Umſchläge, wo keiner den Namen der Perſon leſen konnte, an welche er ihn gerichtet hatte, er müßte denn den erſten Umſchlag zerreißen. Dann näherten ſie ſich einander und tauſchten ihre Briefe lächelnd aus. „Wenn mir Unglück widerfahren würde...“ ſagte Bragelonne. „Wenn ich getödtet würde...“ ſprach von Guiche. „Seid unbeſorgt,“ ſagten alle Beide. Hierauf umarmten ſie ſich, wie zwei Brüder, hüll⸗ ten ſich jeder in ſeinen Mantel ein und ſchliefen den jungen, lieblichen Schlaf, den die Vögel, die Blumen und die Kinder ſchlafen. 199 „das iſt für Roeroy. Willſt Du nun ein Pferd oder ziehſt Du es vor, zu Fuße zu gehen?“ „Zu Fuße, Monſeigneur, zu Fuße, ich habe im⸗ mer bei der Infanterie gedient. Ueberdies gedenke ich Eure Hoheit auf Wegen zu ſühren, wo Sie ſelbſt abzu⸗ ſteigen genöthigt ſein werden.“ „Vorwärts,“ ſprach der Prinz,„und keine Zeit verloren.“ Der Bauer lief vor dem Pferde des Prinzen her; hundert Schritte vom Dorfe ſchlug er einen kleinen Weg ein, der ſich durch ein hübſches Thal zog. Eine halbe Meile marſchirte man ſo unter einer Bedeckung von Bäumen. Die Kanonen erſchollen ſo nahe, daß man bei jedem Schuſſe hätte glauben ſollen, man höre die Kugel pfeifen. Endlich fand man einen Fußpfad, der vom Wege abging und ſich auf der Seite eines Berges hinzog. Der Bauer wählte dieſen Fuß⸗ pfad und forderte den Prinzen auf, ihm zu folgen. Dieſer ſtieg ab, befahl einem ſeiner Adjutanten und Raoul, daſſelbe zu thun, und den Andern, ſeine Be⸗ fehle zu erwarten, dabei aber ſehr auf ihrer Hut zu ſein, und fing an, den Fußpfad zu erſteigen. Nach zehn Minuten war man in die Ruinen eines alten Schloſſes gelangt. Dieſe Ruinen bekränzten den Gipfel eines Hügels, von deſſen Höhe aus man die ganze Umgegend beherrſchte. Auf kaum eine Viertel⸗ meile erſchaute man Lens hart bedrängt und vor Lens die ganze feindliche Armee. Mit einem Blicke umfaßte der Prinz die ganze Strecke, welche ſich vor ſeinen Au⸗ gen ausdehnte, von Lens bis Vismy. In einem Au⸗ genblick entrollte ſich die Wahlſtätte, welche am andern Tage Frankreich vor einer Invaſton retten ſollte, vor ſeinem Geiſte. Er nahm ein Bleiſtift, riß ein Blatt aus ſeiner Schreibtaſche und ſchrieb: „Mein lieber Marſchall! In einer Stunde wird Lens in der Gewalt des Feindes ſein. Kommt zu mir, bringt das ganze Heer ——— — — eſes und en die enn fühl rad im igen enn nen voße kten uch⸗ eute pre⸗ uren chen. eder men chtet ßen. ihre agte den men au⸗ iche. XVII. Ein Abendbrod von Ehemals. Die zweite Zuſammenkunft der alten Musketiere war nicht prunkend und bedrohlich, wie die erſte. Athos dachte mit ſeiner ſtets erhabenen Vernunft, die Tafel wäre der raſcheſte und vollſtändigſte Vereini⸗ gungspunkt; und in dem Augenblick, wo ſeine Freunde, ſeine Mäßigkeit befürchtend, nicht von einem von den guten Mahlen von Ehemals zu ſprechen wagten, wie ſie ſolche im Tannenapfel oder bei dem Parpaillot ein⸗ genommen hatten, ſchlug er zuerſt vor, ſich bei einer gut beſtellten Tafel einzufinden und ſich jeder ſeinem Charakter und ſeinen Manieren ohne Rückhalt hinzu⸗ geben, eine Hingebung, welche das gute Einverſtänd⸗ niß unter ihnen erhalten und ihnen den Beinamen der Unzertrennlichen gebracht hatte. Der Vorſchlag war Allen angenehm, beſonders d'Artagnan, welcher ein großes Verlangen hatte, den guten Geſchmack und die Heiterkeit der Unterhaltungen ſeiner Jngend wieder zu finden, denn ſeit geraumer Zeit hatte ſein feiner, für die Freude empfänglicher Geiſt nur ungenügende Befriedigung, ein gemeines Fut⸗ ter, wie er es ſelbſt nannte, gefunden. Im Begriff, Baron zu werden, war Porthos entzückt, dieſe Gele⸗ genheit zu finden, in Athos und Aramis den Ton und die Manieren der Leute von Stand zu ſtudiren. Ara⸗ mis wollte Neuigkeiten aus dem Palais⸗Royal in Er⸗ fahrung bringen und ſich für jeden Fall ergebene Freunde bewahren, welche einſt mit ſo raſchen und unüber⸗ windlichen Schwertern ſeine Streitigkeiten unterſtützt atten. Athos war der Einzige, der von den Andern nicht zu empfangen und nichts zu nwnt und 200 mit Euch. Ich werde in Vendrin ſein, um es ſeine Stellung faſſen zu laſſen. Morgen haben wir Lens wieder eingenommen und den Feind geſchlagen.“ Dann ſich gegen Raoul umwendend, ſagte er: „Geht, Herr, jagt mit verhängten Zügeln und ſtellt dieſen Brief Herrn von Grammont zu.“ Raoul verbeugte ſich, nahm das Papier, ſtieg raſch den Berg hinab, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt im Galopp davon. ſc ine Viertelſtunde nachher war er bei dem Mar⸗ all. Bereits war eine Abtheilung von Truppen ange⸗ langt. Den Reſt erwartete man jeden Augenblick. Der Marſchall von Grammont ſtellte ſich an die Spitze aller verfügbaren Infanterie und Cavallerie und ließ den Herzog von Chatillon zurück, um die übrigen Truppen zu erwarten und nachzuführen. Die ganze Artillerie war zum Aufbruch bereit und ſetzte ſich in Marſch. Es war ſieben Uhr Abends, als der Marſchall am Sammelplatze anlangte. Der Prinz erwartete ihn daſelbſt; denn er hatte es geſagt, Lens war beinahe unmittelbar nach dem Abgange von Raoul in die Ge⸗ walt des Feindes gefallen. Das Einſtellen der Kano⸗ nade hatte überdies dieſes Ereigniß verkündigt. Man erwartete die Nacht. Mit dem Eintritt der Finſterniß langten nach und nach die von dem Prinzen herbeigerufenen Truppen an. Es wurde Befehl gege⸗ ben, daß keine derſelben die Trommel rühren oder die Trompete blaſen laſſen ſollte. 3 Um neun Uhr war es völlig Nacht geworden. Eine letzte Abenddämmerung erleuchtete indeſſen die Ebene. Man ſetzte ſich ſchweigend in Marſch. Der Prinz befehligte die Colonne. Jenſeits Aunay angelangt, erblickte das Heer Lens. Einige Häuſer ſtanden in Flammen und ein dum Geraͤuſch, das den Todeskampf einer im Wpfee 8 204 nur von einem Gefühle einfacher Größe und reiner Freundſchaft bewegt wurde. Man kam dahin überein, daß Jeder ganz genau ſeine Adreſſe geben und daß bei dem Bedürfniſſe von einem der Verbündeten die Verſammlung bei einem berühmten Traiteur der Rue de la Monnaie mit dem Schilde zur Einſiedelei zuſammenberufen werden ſollte. Die erſte Verſammlung wurde auf den folgenden Mitt⸗ woch Abends acht Uhr anberaumt. Die vier Freunde kamen wirklich an dieſem Tage pünktlich zur bezeichneten Stunde und jeder von ſeiner Seite. Porthos hatte ein neues Pferd probiren müſſen; d'Artagnan kam von der Wache im Louvre ab; Ara⸗ mis hatte eine von ſeinen Reuerinnen in der Nähe be⸗ ſuchen müſſen und Athos, der ſein Quartier in der Rue Guensgaud genommen hatte, ſpeiste gewöhnlich in dieſem Hauſe. Sie waren alſo ſehr erſtaunt, ſich vor der Thüͤre der Einſiedelei zuſammenzufinden, Athos über den Pont⸗Neuf, Porthos durch die Rue du Roule, dArtagnan durch die Rue de Foſſés⸗Saint⸗Germain⸗ l'Auxerrvis, Aramis durch die Rue de Bethiſy herbei⸗ kommend. Die erſten Worte, welche die vier Freunde austauſchten, waren gerade durch den Eifer, welchen jeder in ſeine Kundgebungen legte, etwas gezwungen, und das Mahl begann mit einer gewiſſen Steifheit. Man ſah, daß d'Artagnan ſich anſtrengte, um zu lachen, Athos, um zu trinken, Aramis, um zu erzäh⸗ len, und Porthos, um zu ſchweigen. Athos gewahrte dieſe Verlegenheit und beſtellte, um ein raſches Gegen⸗ mittel anzuwenden, vier Flaſchen Champagner. Bei dieſem mit der gewöhnlichen Ruhe von Athos gegebenen Befehl ſah man das Antlitz des Gascogners i5 entrunzeln und die Stirne von Porthos ſich auf⸗ hellen. Aramis war erſtaunt; er wußte nicht nur, daß Athos nicht mehr trank, ſondern auch, daß er einen gewiſſen Widerwillen gegen den Wein empfand. Dieſes Erf ein tri ebet an. Ma von eifi im fing anz und Bal zwe dieß nen Koſt zu t gehe nan ten ein über lach klat ding erzei 201 denommenen Stadt andeutete, drang bis zu den Sol⸗ daten. Der Prinz bezeichnete Jedem ſeinen Poſten. Der Marſchall von Grammont ſollte die äußerſte Linke halten und ſich an Mericourt anlehnen. Der Herzog von Chatillon bildete das Centrum, der Prinz den rechten Flügel. Die Schlachtordnung vom andern Tage ſollte die⸗ ſelbe ſein, wie die der am Tage vorher eingenommenen Stellung. Jeder ſollte ſich auf dem Terrain befinden, worauf er zu manövriren hätte. Die Bewegung wurde in der tiefſten Stille und mit der größten Pünktlichkeit. ausgeführt. Um zehn Uhr nahm Jeder ſeine Stellung ein. Um halb eilf Uhr durchlief der Prinz die Poſten und gab die Parole für den andern Tag. Drei Dinge waren vor Allem den Führern empfoh⸗ len, welche darüber wachen ſollten, daß die Soldaten dieſelben gewiſſenhaft beobachteten. Erſtens, daß die verſchiedenen Corps ſich bei dem Marſche wohl beobachteten, damit die Reiterei und die Infanterie auf derſelben Linie wäre und daß jede die beſtimmte Entfernung einhielte; Zweitens, nur im Schritte anzugreifen; Drittens, den Feind zuerſt ſchießen zu laſſen. Der Prinz gab den Grafen von Guiche ſeinem Vater und behielt Bragelonne für ſich; aber die zwei jungen Leute baten um Erlaubniß, die Nacht mit ein⸗ ander zubringen zu dürfen, was ihnen auch bewilligt wurde. Es wurde für ſie ein Zelt in der Nähe des für den Marſchall beſtimmten aufgeſchlagen. Obgleich der Tag ermüdend geweſen war, ſo fühlte doch weder der Eine noch der Andere ein Bedürfniß zu ſchlafen. Ueberdies iſt es eine wichtige, ernſte Sache, ſelbſt fuür die alten Soldaten, der Vorabend einer Schlacht, gwanzig Jahre nachher. 1I. 14 205 Erſtaunen wuchs, als er Athos ſich ein volles Glas einſchenken und mit der Begeiſterung von Ehemals trinken ſah. D'Artagnan füllte und Jeerte ſein Glas ebenfalls. Porthos und Aramis ſtießen mit den ihrigen an. In einem Augenblick waren die vier Flaſchen leer. Man hätte glauben ſollen, es drängte die Gäſte, ſich von ihren Hintergedanken zu trennen. In einem Augenblick hatte dieſes vortreffliche ſpe⸗ eifiſche Mittel auch die kleinſte Wolke zerſtreut, welche im Grunde ihres Herzens zurückbleiben konnte. Sie fingen an, lauter zu ſprechen, ohne daß Einer um anzufangen wartete, bis der Andere vollendet hatte, und Jeder nahin ſeine Lieblingsſtellung bei Tiſche ein⸗ Bald knüpfte Aramis— eine unerlebte Erſcheinung— zwei Neſteln von ſeinem Wammſe auf; als Porthos dieß ſah, öffnete er alle die ſeinigen. Die Schlachten, die langen Ritte, die empfange⸗ nen und gegebenen Stiche und Stöße hatten die erſten Koſten der Unterhaltung zu tragen. Dann ging man zu den Kämpfen über, die man gegen denjenigen aus⸗ gehalten hatte, welchen man jetzt den großen Cardinal nannte. „Meiner Treue!“ ſagte Aramis lachend,„die Tod⸗ ten ſind nun ſattſam gelobt, laßt uns die Lebenden ein wenig durch die Hechel ziehen. Ich möchte gerne über Mazarin herfallen. Iſt es erlaubt?“ „Immerhin,“ erwiederte dArtagnan, ebenfalls lachend,„immerhin; erzählt Euere Geſchichte und ich klatſche Euch Beifall, wenn ſie gut iſt.“ „Ein großer Fürſt,“ ſprach Aramis,„mit dem Mazarin eine Verbindung zu ſchließen ſuchte, wurde von dieſem aufgefordert, ihm das Verzeichniß der Be⸗ dingungen zu ſchicken, unter denen er ihm die Ehre erzeigen würde, ſich mit ihm zu vertragen. Der Fürſt, dem es einigermaßen widerſtrebte, mit einem ſolchen Knauſer zu unterhandeln, machte nur ungerne ſein Verzeichniß und ſchickte es ihm. In dieſem Verzeichniß —— G 202 und noch viel wichtiger für zwei junge Leute, die dieſes furchtbare Schauſpiel zum erſten Male ſehen ſollten. Am Vorabend einer Schlacht denkt man an tau⸗ ſend Dinge, die man bis dahin vergeſſen hatte, und die einem jetzt in den Kopf kommen; am Vorabend einer Schlacht werden die Gleichgültigen Freunde, die Freunde Brüder. Es verſteht ſich von felbſt daß, wenn man im Grunde ſeines Herzens ein zärtliches Gefühl hegt, dieſes Gefühl ganz natürlich den höchſten Grad der Begeiſterung erreicht, den es zu erreichen im Stande iſt. Es iſt zu glauben, daß jeder von den zwei jungen Leuten von einem ſolchen Gefühle bewegt wurde; denn nach wenigen Augenblicken ſetzte ſich jeder von ihnen an ein Ende des Zeltes und fing an auf dem Schooße zu ſchreiben. Die Briefe wurden lang, die vier Seiten bedeckten ſich nach und nach mit feinen und gedrängten Buch⸗ ſtaben. Von Zeit zu Zeit ſchauten ſich die jungen Leute lächelnd an. Sie verſtanden ſich, ohne etwas zu ſpre⸗ ———— chen. Dieſe zwei zartfühlenden, ſympathiſchen Naturen waren beſtimmt, einander zu verſtehen, ohne zu ſprechen. Sobald die Briefe vollendet waren, legte jeder den ſeinigen in zwei Umſchläge, wo keiner den Namen der Perſon leſen konnte, an welche er ihn gerichtet hatte, er müßte denn den erſten Umſchlag zerreißen. Dann näherten ſie ſich einander und tauſchten ihre Briefe lächelnd aus. „Wenn mir Unglück widerfahren würde...“ ſagte Bragelonne. 3 „Wenn ich getödtet würde...“ ſprach von Guiche. „Seid unbeſorgt,“ ſagten alle Beide. Hierauf umarmten ſie ſich, wie zwei Brüder, hüll⸗ ten ſich jeder in ſeinen Mantel ein und ſchliefen den jungen, lieblichen Schlaf, den die Vögel, die Blumer und die Kinder ſchlafen. —————,——,——,o 2=S— 8———dͤe — Sec— 206 ſtanden drei Dinge, welche Mazarin mißfielen; er ließ dem Fürſten zehntauſend Thaler anbieten, wenn er darauf Verzicht leiſten würde.“ „Ah! ah! ah!“ riefen die drei Freunde,„das war nicht theuer, und er hatte nicht zu befürchten, beim Worte genommen zu werden. Was that der Fürſt?“ Der Fürſt ſchickte ſogleich 50,000 Livres an Ma⸗ zarin, erſuchte denſelben, nie mehr an ihn zu ſchreiben, und bot ihm zugleich noch 20,000 Livres mehr, wenn er ſich verbindlich machen würde, nie mehr mit ihm zu ſprechen.“ „Was that Mazarin?“ „Er ärgerte ſich,“ ſprach Athos. „Er ließ den Boten prügeln,“ ſagte Porthos. „Er nahm die Summe an,“ verſetzte d'Artagnan. „Ihr habt es errathen, d'Artagnan,“ erwiederte Aramis. Und ſie brachen insgeſammt in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß der Wirth heraufkam und nach⸗ fragte, ob die Herren etwas nöthig hätten. Er hatte geglaubt, man ſchlage ſich. Endlich wurde es wieder etwas ruhiger. „Darf man auch Herrn von Beaufort etwas kol⸗ ben?“ ſprach d'Artagnan,„ich habe große Luſt dazu.“ „Thut es,“ antwortete Aramis, der ganz genau dieſen feinen und muthigen gascogniſchen Geiſt kannte, welcher nie auch nur einen Schritt auf irgend einem Gebiete zurückwich. „Und Ihr, Athos?“ ſagte dArtagnan. „Ich ſchwöre Euch, ſo wahr ich ein Edelmaun bin, daß wir lachen, wenn Ihr komiſch ſeid.“ „Ich fange an,“ ſprach d'Artagnan.„Als Herr von Beaufort eines Tages mit einem von ſeinen Freun⸗ den von dem Herrn Prinzen ſprach, ſagte er ihm, er habe ſich bei den erſten Streitigkeiten zwiſchen Maza⸗ rin und dem Parlament mit Herrn von Chavigny im Widerſpruch gefunden, und als er geſehen, daß er ein — G———— XVII. Ein Abendbrod von Ehemals. Dile zweite Zuſammenkunft der alten Musketiere war nicht prunkend und bedrohlich, wie die erſte. Athos dachte mit ſeiner ſtets erhabenen Vernunft, die Tafel wäre der raſcheſte und vollſtändigſte Vereini⸗ gungspunkt; und in dem Augenblick, wo ſeine Freunde, ſeine Mäßigkeit befürchtend, nicht von einem von den guten Mahlen von Ehemals zu ſprechen wagten, wie ſie ſolche im Tannenapfel oder bei dem Parpaillot ein⸗ genommen hatten, ſchlug er zuerſt vor, ſich bei einer gut beſtellten Tafel einzufinden und ſich jeder ſeinem Charakter und ſeinen Manieren ohne Rückhalt hinzu⸗ geben, eine Hingebung, welche das gute Einverſtänd⸗ niß unter ihnen erhalten und ihnen den Beinamen der Unzertrennlichen gebracht hatte.— Der Vorſchlag war Allen angenehm, beſonders d'Artagnan, welcher ein großes Verlangen hatte, den guten Geſchmack und die Heiterkeit der Unterhaltungen ſeiner Jugend wieder zu finden, denn ſeit geraumer Zeit hatte ſein feiner, für die Freude empfänglicher Geiſt nur ungenügende Befriedigung, ein gemeines Fut⸗ ter, wie er es ſelbſt nannte, gefunden. Im Begriff, Baron zu werden, war Porthos entzückt, dieſe Gele⸗ genheit zu finden, in Athos und Aramis den Ton und die Manieren der Leute von Stand zu ſtudiren. Ara⸗ mis wollte Neuigkeiten aus dem Palais⸗Royal in Er⸗ fahrung bringen und ſich für jeden Fall ergebene Freunde bewahren, welche einſt mit ſo raſchen und unüber⸗ windlichen Schwertern ſeine Streitigkeiten unterſtützt hatten. Athos war der Einzige, der von den Andern nicht zu empfangen und nichts zu erwarten, hatte, und er enn var eim . Na⸗ en, enn hm an. erte des ach⸗ kol⸗ nau nte, nem aun err un⸗ er iza⸗ im ein 207 großer Anhänger des neuen Cardinals geweſen, den⸗ ſelben auf gehörige Weiſe gourmirt. „Dieſer Freund, welcher von Herrn von Beaufort wußte, daß er eine ſehr leichte Hand hatte, war nicht we⸗ nig über dieſen Umſtand erſtaunt und lief ſpornſtreichs zu dem Herrn Prinzen. Die Sache wird ruchbar und Jedermann wendet Chavigny den Rücken zu. Dieſer forſcht nach einer Erklärung der allgemeinen Kälte. Man zögert, ihm den Grund mitzutheilen. Endlich wagt es Einer, ihm zu ſagen, Jedermann ſei ſehr er⸗ ſtaunt darüber, daß er ſich von Herrn von Beaufort, obgleich dieſer ein Prinz, habe gourmiren laſſen. „„Und wer ſagt, der Prinz habe mich gour⸗ mirt?““ fragte Chavigny. „„Der Prinz ſelbſt,“ antwortete der Freund. Man geht an die Quelle zurück und findet die Perſon, zu welcher der Prinz dieſes Wort geſprochen hatte; bei ihrer Ehre aufgefordert, die Wahrheit zu ſagen, wiederholt und beſtätigt ſie das Gerücht. „In Verzweiflung über eine ſolche Verleumdung, die er durchaus nicht begreift, erklärt Chavigny ſeinen Freunden, er werde eher ſterben, als eine ſolche Belei⸗ digung ertragen. In Folge hievon ſchickt er zwei Zeugen zu dem Prinzen, mit dem Auftrage, ihn zu fragen, ob er ſich wirklich geäußert, er habe Herrn von Chavigny gourmirt?“ „Ich habe es geſagt und wiederhole es,““ ant⸗ wortete der Prinz,„es iſt die Wahrheit.“ „Monſeigneur,““ ſprach hierauf einer von den Ab⸗ geordneten von Chavigny,„erlaubt mir, Eurer Hoheit zu bemerken, daß Schläge, einem Edelmann ertheilt, ebenſo denjenigen, welcher ſie gibt, als den Empfänger entwürdigen. Der König Ludwig KIII. wollte keine adeligen Kammerdiener haben, um berechtigt zu ſein, ſeine Kammerdiener zu ſchlagen.““ „„Ei, ſo ſagt mir doch,“ ſprach Herr von Beau⸗ 204 nur von einem Gefühle einfacher Größe und reiner Freundſchaft bewegt wurde. Man kam dahin überein, daß Jeder ganz genau ſeine Adreſſe geben und daß bei dem Bedurfniſſe von einem der Verbündeten die Verſammlung bei einem berühmten Traiteur der Rue de la Monnaie mit dem Schilde zur Einſiedelei zuſammenberufen werden ſollte. Die erſte Verſammlung wurde auf den folgenden Mitt⸗ woch Abends acht Uhr anberaumt. Die vier Freunde kamen wirklich an dieſem Tage pünktlich zur bezeichneten Stunde und jeder von ſeiner Seite. Porthos hatte ein neues Pferd probiren müſſen; d'Artagnan kam von der Wache im Louvre ab; Ara⸗ mis hatte eine von ſeinen Reuerinnen in der Nähe be⸗ ſuchen müſſen und Athos, der ſein Quartier in der Rue Gnenégaud genommen hatte, ſpeiste gewöhnlich in dieſem Hauſe. Sie waren alſo ſehr erſtaunt, ſich vor der Thuͤre der Einſtedelei zuſammenzufinden, Athos über den Pont⸗Neuf, Porthos durch die Rue du Roule, d'Artagnan durch die Rue de Foſſés⸗Saint⸗Germain⸗ l'Auxerrois, Aramis durch die Rue de Bethiſy herbei⸗ kommend. Die erſten Worte, welche die vier Freunde austauſchten, waren gerade durch den Eifer, welchen jeder in ſeine Kundgebungen legte, etwas gezwungen, und das Mahl begann mit einer gewiſſen Steifheit. Man ſah, daß d'Artagnan ſich anſtrengte, um zu lachen, Athos, um zu trinken, Aramis, um zu erzäh⸗ len, und Porthos, um zu ſchweigen. Athos gewahrte dieſe Verlegenheit und beſtellte, um ein raſches Gegen⸗ mittel anzuwenden, vier Flaſchen Champagner. Bei dieſem mit der gewöhnlichen Ruhe von Athos gegebenen Befehl ſah man das Antlitz des Gascogners in entrunzeln und die Stirne von Porthos ſich auf⸗ ellen. Aramis war erſtaunt; er wußte nicht nur, daß Athos nicht mehr trank, ſondern auch, daß er einen gewiſſen Widerwillen gegen den Wein empfand. Dieſes— 208 fort erſtaunt,„wer hat Schläge bekommen und wer ſpricht vom Schlagen?““ „„Ihr, Monſeigneur, der Ihr behauptet, geſchla⸗ gen zu haben.““ „„Wen?““ „„Herrn von Chavigny.““ „„Ich „Habt Ihr nicht, wenigſtens wie Ihr ſagt, Herrn von Chavigny gourmirt?““ „„Ja. „„Nun, er leugnet es.““ „„Ah!““ ſprach der Prinz,„ich habe ihn aller⸗ dings gvurmirt und ſage Euch hier meine eigenen Worte,““ fügte Herr von Beaufort mit der ganzen ihm eigenthümlichen Majeſtät bei: „„Mein lieber Chavigny, Sie ſind ſehr tadelns⸗ Ketth⸗ daß Sie einen Burſchen wie Mazarin unter⸗ ützen.““ „Ah, Monſeigneur,““ rief der Andere,„„ich be⸗ greife, gourmandirt wolltet Ihr ſagen.““*) „Gourmandiren, gourmirenſ was thut das?““ ſprach der Prinz,„iſt es nicht daſſelbe? In der That, Eure Wortmacher ſind große Schulfüchſe.““ Man lachte viel über dieſen philologiſchen Irr⸗ thum von Herrn von Beaufort, deſſen Verſtöße in die⸗ ſer Hinſicht ſprüchwörtlich zu werden anfingen, und es wurde beſchloſſen, daß inſofern der Parteigeiſt für immer aus dieſen freundſchaftlichen Verſammlungen verbannt bleiben müßte, d'Artagnan und Porthos die ¹) Wir mußten darauf Verzicht leiſten, für dieſe Anekdote ein deutſches Wortſpiel aufzufinden, und konnten nur die fran⸗ zoͤſiſchen Ausdrücke mit der üblichen Abaänderung der End⸗ ſylben gebrauchen. Der Prinz von Beaufort iſi hiſtoriſch bekannt durch beſtändige Verwechslung ähnlich lautender Woͤrter. Er gebraucht hier den Ausdruck gourmer: mit Fäuſten ſchlagen, fuͤr das Wort gourmandr: ausſchelten. laſ hä ner kön ein ner At! ſchi wer wa 82 N AAS ————— 5¶rer,: REE — 205 Erſtaunen wuchs, als er Athos ſich ein volles einſchenken und mit der Begeiſterung von Ehemal trinken ſah. D'Artagnan füllte und leerte ſein Glas ebenfalls. Porthos und Aramis ſtießen mit den ihrigen an. In einem Augenblick waren die vier Flaſchen leer. Man hätte glauben ſollen, es drängte die Gäſte, ſich von ihren Hintergedanken zu trennen. In einem Augenblick hatte dieſes vortreffliche ſpe⸗ ciſiſche Mittel auch die kleinſte Wolke zerſtreut, welche im Grunde ihres Herzens zurückbleiben konnte. Sie fingen an, lauter zu ſprechen, ohne daß Einer um anzufangen wartete, bis der Andere vollendet hatte, und Jeder nahm ſeine Lieblingsſtellung bei Tiſche ein. Bald knüpfte Aramis— eine unerlebte Erſcheinung— zwei Neſteln von ſeinem Wammſe auf; als Porthos dieß ſah, öffnete er alle die ſeinigen. Die Schlachten, die langen Ritte, die empfange⸗ nen und gegebenen Stiche und Stöße hatten die erſten Koſten der Unterhaltung zu tragen. Dann ging man zu den Kämpfen über, die man gegen denjenigen aus⸗ gehalten hatte, welchen man jetzt den großen Cardinal nannte.. „Meiner Treue!“ ſagte Aramis lachend,„die Tod⸗ ten ſind nun ſattſam gelobt, laßt uns die Lebenden ein wenig durch die Hechel ziehen. Ich möchte gerne über Mazarin herfallen. Iſt es erlaubt?“ „Immerhin,“ erwiederte d'Artagnan, ebenfalls lachend,„immerhin; erzählt Euere Geſchichte und ich klatſche Euch Beifall, wenn ſie gut iſt.“ „Ein großer Fürſt,“ ſprach Aramis,„mit dem Mazarin eine Verbindung zu ſchließen ſuchte, wurde von dieſem aufgefordert, ihm das Verzeichniß der Be⸗ dingungen zu ſchicken, unter denen er ihm die Ehre erzeigen würde, ſich mit ihm zu vertragen. Der Fürſt, dem es einigermaßen widerſtrebte, mit einem ſolchen Knauſer zu unterhandeln, machte nur ungerne ſein Verzeichniß und ſchickte es ihm. In dieſem Verzeichniß 5 ——— wer hla⸗ rrn er⸗ nen zen ns⸗ wahr.“ 209 Prinzen verſpotten könnten, unter der Bedingung, daß es Athos und Aramis geſtattet ſein ſollte, Mazarin zu gourmiren. „Meiner Treue,“ ſagte d'Artagnan zu ſeinen zwei Freunden,„Ihr habt Recht, dieſem Mazarin zu grol⸗ len, denn ich ſchwöre Euch, daß er Euch ebenfalls nicht wohl will.“ „Wirklich?“ ſagte Athos;„würde ich glauben, dieſer Burſche kenne mich dem Namen nach, ſo ließe ich mich umtaufen, aus Furcht, man könnte annehmen, ich kenne auch ihn.“ „Er kennt Euch nicht bei Eurem Namen, ſondern durch Eure Thaten. Er weiß, daß es zwei Edelleute gibt, welche ganz beſonders zu der Flucht von Herrn von Beaufort beigetragen haben, und er läßt ſie ſehr thätig ſuchen, dafür ſtehe ich Euch.“ „Durch wen?“ „Durch mich.“ „Wie, durch Euch?“ „Ja, er hat mich noch an dieſem Morgen holen ſen um mich zu fragen, ob ich irgend eine Kunde ätte.“ „Ueber dieſe zwei Edelleute?“ „Und was habt Ihr ihm geantwortet?“ „Ich hätte keine, aber ich würde mit zwei Perſo⸗ nen zu Mittag ſpeiſen, die mir wohl Auskunft geben könnten.“ „Dies habt Ihr ihm geſagt?“ ſprach Porthos, und eine unbeſchreibliche Heiterkeit verbreitete ſich über ſei⸗ nem Antlitz.„Bravo, und das macht Euch nicht bange, Athos?“ „Nein,“ ſagte Athos,„es iſt nicht eine Nachfor⸗ ſchung von Mazarin, was ich befürchte.“ Ihr S Aramis.„Sagt mir doch ein wenig, was Ihr fürchtet!“ „Nichts, in dieſem Augenblick wenigſtens, das iſt ——— 206 ſtanden drei Dinge, welche Mazarin mißfielen; er ließ dem Fürſten zehntauſend Thaler anbieten, wenn er darauf Verzicht leiſten würde.“. V 9 —õõ 1 „Ah! ah! ah!“ riefen die drei Freunde,„das war nicht theuer, und er hatte nicht zu befürchten, beim Worte genommen zu werden. Was that der Fürſt?“ Der Fürſt ſchickte ſogleich 50,000 Livres an Ma⸗ zarin, erſuchte denſelben, nie mehr an ihn zu ſchreiben, und bot ihm zugleich noch 20,000 Livres mehr, wenn er ſich verbindlich machen würde, nie mehr mit ihm zu ſprechen.“ 3„Was that Mazarin?“ „Er ärgerte ſich,“ ſprach Athos. „Er ließ den Boten prügeln,“ ſagte Porthos. „Er nahm die Summe an,“ verſetzte d'Artagnan. „Ihr habt es errathen, d'Artagnan,“ erwiederte Aramis. Und ſie brachen insgeſammt in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß der Wirth heraufkam und nach⸗ fragte, ob die Herren etwas nöthig hätten. Er hatte geglaubt, man ſchlage ſich. Endlich wurde es wieder etwas ruhiger. „Darf man auch Herrn von Beaufort etwas kol⸗ ben?“ ſprach d'Artagnan,„ich habe große Luſt dazu.“ „Thut es,“ antwortete Aramis, der ganz genau dieſen feinen und muthigen gascogniſchen Geiſt kannte, welcher nie auch nur einen Schritt auf irgend einem Gebiete zurückwich. —— ¹ „Und Ihr, Athos?“ ſagte d'Artagnan. 3 „Ich ſchwöre Euch, ſo wahr ich ein Edelmaun bin, daß wir lachen, wenn Ihr komiſch ſeid.“ „Ich fange an,“ ſprach d'Artagnan.„Als Herr von Beaufort eines Tages mit einem von ſeinen Freun⸗ den von dem Herrn Prinzen ſprach, ſagte er ihm, er habe ſich bei den erſten Streitigkeiten zwiſchen Maza⸗ rin und dem Parlament mit Herrn von Chavigny im Widerſpruch gefunden, und als er geſehen, daß er ein 9 9. — 2¹0 „Und in der Vergangenheit?“ ſagte Porthos. „Ah, in der Vergangenheit, das iſt etwas Ande⸗ res,“ ſprach Athos mit einem Seufzer;„in der Ver⸗ gangenheit und in der Zukunft.“ „Fürchtet Ihr etwa für Euern jungen Raoul?“ fragte Aramis. „Bah!“ rief d'Artagnan,„man wird nie im erſten Gefechte getödtet.“ „Und auch nicht in dem zweiten,“ verſetzte Aramis. „Und eben ſo wenig in dem dritten,“ ſprach Por⸗ thos.„Ueberdies kommt man zurück, wenn man todt iſt, der Beweis davon ſind wir.“ „Nein,“ entgegnete Athos,„es iſt auch nicht Ravul, was mich beunruhigt, denn er wird ſich hof⸗ fentlich wie ein Edelmann betragen, und ſtirbt er, ſo wird es der Tod des Tapfern ſein. Doch hört, wenn ihm dieſes Unglück begegnete..“ Athos fuhr mit der Hand über ſeine bleiche Stirne. „Nun?“ fragte Aramis. „Wohl, ich würde dieſes Unglück als eine Süh⸗ nung betrachten.“ „Ah, ah!“ rief d'Artagnan,„ich weiß, was Ihr ſagen wollt.“ „Und ich auch,“ ſprach Aramis,„aber man muß 6 daran denken, Athos. Was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ehen.“ 6„Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte Porthos. „Die Geſchichte von Armentisres,“ flüſterte d'Ar⸗ tagnan. „Die Geſchichte von Armentisres!“ ſagte Por⸗ os „Mylady...“ „Ah ja, das hatte ich vergeſſen.“ Athos ſchaute ihn mit ſeinem tiefen Auge an und ſprach: „Ihr habt es vergeſſen, Porthos?“ „Meiner Treue, ja, es iſt ſchon lange her.“ g 5 u a r u e m —— — 207 großer Anhänger des neuen Cardinals geweſen, den⸗ ſelben auf gehörige Weiſe gourmirt. „Dieſer Freund, welcher pon Herrn von Beaufort wußte, daß er eine ſehr leichte Hand hatte, war nicht we⸗ nig über dieſen Umſtand erſtaunt und lief ſpornſtreichs zu dem Herrn Prinzen. Die Sache wird ruchbar und Jedermann wendet Chavigny den Rucken zu. Dieſer forſcht nach einer Erklärung der allgemeinen Kälte. Man zögert, ihm den Grund mitzutheilen. Endlich wagt es Einer, ihm zu ſagen, Jedermann ſei ſehr er⸗ ſtaunt darüber, daß er ſich von Herrn von Beaufort, obgleich dieſer ein Prinz, habe gourmiren laſſen. „„Und wer ſagt, der Prinz habe mich gour⸗ mirt?““ fragte Chavigny.: „„Der Prinz ſelbſt,““ antwortete der Freund. Man geht an die Quelle zurück und ſindet die Perſon, zu welcher der Prinz dieſes Wort geſprochen hatte; bei ihrer Ehre auf eefordert, die Wahrheit zu ſagen, wiederholt und beſtäͤtigt ſie das Gerücht. „In Verzweiflung über eine ſolche Verleumdung, die er durchaus nicht begreift, erklärt Chavigny ſeinen Freunden, er werde eher ſterben, als eine ſolche Belei⸗ digung ertragen. In Folge hievon ſchickt er zwei Zeugen zu dem Prinzen, mit dem Auftrage, ihn zu fragen, ob er ſich wirklich geäußert, er habe Herrn von Chavigny gourmirt?“ „„Ich habe es geſagt und wiederhole es,““ ant⸗ wortete der Prinz,„es iſt die Wahrheit.“ „„Monſeigneur,““ ſprach hierauf einer von den Ab⸗ geordneten von Chavigny,„„erlaubt mir, Eurer Hoheit zu bemerken, daß Schläge, einem Edelmann ertheilt, ebenſo denjenigen, welcher ſie gibt, als den Empfänger entwürdigen. Der König Ludwig XIII. wollte keine adeligen Kammerdiener haben, um berechtigt zu ſein, ſeine Kammerdiener zu ſchlagen.““ „„Ei, ſo ſagt mir doch,““ ſprach Herr von Beu⸗ 211 e„Die Sache laſtet alſo nicht auf Eurem Gewiſſen.“ „Meiner Treue, nein,“ antwortete Porthos. „Und bei Euch, Aramis?“ ½„Ich denke zuweilen daran, wie an einen von den Gewiſſensfällen, welche ſich ganz beſonders zur Dis⸗ euſſion eignen.“ en„Und Ihr, d'Artagnan?“ is.„Ich geſtehe, wenn mein Geiſt bei dieſer furcht⸗ 2 baren Epoche ſtille ſteht, ſo habe ich nur Erinnerun⸗ odt gen für den eiſigen Körper der armen Madame Bona⸗ cieur. Ja, ja,“ murmelte er,„ich habe oft ein Be⸗ cht dauern wegen des Opfers, nie Gewiſſensbiſſe für die of⸗ Mörderin gehabt.“ Athos ſchüttelte zweifelhaft den Kopf. .„Bedenkt,“ ſagte Aramis,„daß dieſe Frau, wenn n Ihr die götiliche Gerechtigkeit und ihre Theilnahme an den Dingen dieſer Welt zugebt, nach dem Willen Gottes beſtraft worden iſt.“ ih⸗„Aber der freie Wille des Menſchen, Aramis?“ „Was thut der Richter? Er hat auch ſeinen freien hr Willen und verurtheilt ohne Furcht. Was thut der Henker? Er iſt Herr ſeiner Arme und ſchlägt dennoch uß ohne Gewiſſensbiſſe.“ „Der Henker,“ murmelte Athos, und man ſah, 8 daß ihn eine Erinnerung feſſelte. „Ich weiß, daß es furchtbar iſt,“ ſagte dArta⸗ Ar⸗ gnan,„aber wenn ich bedenke, daß wir Engländer, Rocheller, Spanier, ſogar Franzoſen tödteten, die 5 uns nichts Schlimmeres zufügten, als daß ſie auf uns anſchlugen und uns fehlten, daß ſie kein anderes Un⸗ recht gegen uns hatten, als daß ſie den Degen mit uns kreuzten und nicht ſchnell zur Parade kamen, ſo ind entſchuldigen wir uns über den Tod dieſer Frau bei meiner Ehre.“ „Nun,“ ſagte Porthos,„da Ihr die Erinnerung in mir hervorgerufen habt, Athos, ſo ſehe ich die Scene vor mir, als ob ich noch dabei ſtünde. Mylady war f 208 fort erſtaunt,„wer hat Schläge bekommen und ver ſpricht vom Schlagen?““ „„Ihr, Monſeigneur, der Ihr behauptet, geſchla⸗ gen zu haben.““ „„Wen 24 /„Herrn von Chavigny.““ „„J. u „„Habt Ihr nicht, wenigſtens wie Ihr ſagt, Herrn von Chavigny gourmirt?““ 3 .„Jq.. „„Nun, er leugnet es.““ „„Ah!““ ſprach der Prinz,„„ich habe ihn aller⸗ dings gourmirt und ſage Euch hier meine eigenen Worte,““ fügte Herr von Beaufort mit der ganzen ihm eigenthümlichen Majeſtät bei: 4 „„Mein lieber Chavigny, Sie ſind ſehr tadelns⸗ werth, daß Sie einen Burſchen wie Mazarin unter⸗ ützen.““ „„Ah, Monſeigneur,““ rief der Andere,„„ich be⸗ greife, Foukmandirt wolltet Ihr ſagen.““* „„Gourmandiren, gourmiren! was thut das?““ ſprach der Prinz,„„iſt es nicht daſſelbe? In der That, Eure Wortmacher ſind große Schulfüchſe.““ Man lachte viel über dieſen philologiſchen Irr⸗ thum von Herrn von Beaufort, deſſen Verſtöße in die⸗ ſer Hinſicht ſprüchwörtlich zu werden anfingen, und es wurde beſchloſſen, daß inſofern der Parteigeiſt für immer aus dieſen freundſchaftlichen Verſammlungen verbannt bleiben müßte, d'Artagnan und Porthos die *¹*) Wir mußten darauf Verzicht leiſten, fuͤr dieſe Anekdote ein deutſches Wortſpiel aufzufinden, und konnten nur die fran⸗ zoͤſiſchen Ausdrücke mit der uͤblichen Abaͤnderung der End⸗ ſylben gebrauchen. Der Prinz von Beauſort iſt hiſtoriſch bekannt durch beſtaͤndige Verwechslung aͤhnlich lautender Moͤrter. Er gebraucht hier den Ausdruck gourmer: mit . Küuſen ſchlagen, fuͤr das Wort gourmander: ausſchelten. —— 212 dort, wo Ihr ſeid(Athos erbleichte), ich war an dem Platze, wo ſich dArtagnan befindet; ich hatte an mei⸗ ner Seite ein Schwert, welches ſchnitt wie ein Da⸗ mascener. Ihr erinnert Euch, Aramis, denn Ihr nann⸗ tet es meinen Balizardo? Nun wohl, ich ſchwöre Euch allen Dreien, wenn der Henker von Bethune nicht da geweſen wäre... nicht wahr, von Bethune, ſo würde ich dieſer Verbrecherin, ohne mich zu beſinnen oder ſogar auch mit Vorbedacht, den Kopf abgeſchlagen haben.“ „Und dann,“ ſagte Aramis mit dem Tone ſorglo⸗ ſer Philoſophie, den er angenommen hatte, ſeitdem er der Kirche angehörte, und worin viel mehr Atheismus als Vertrauen zu Gott lag,„wozu ſoll es nützen, an Alles das zu denken? Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Wir beichten dieſe Handlung in der letzten Stunde und Gott wird beſſer wiſſen, als wir, ob es ein Ver⸗ brechen, ein Fehler oder eine verdienſtliche Handlung war. Es bereuen, ſagt Ihr? Meiner Treue, nein! Auf Ehre und auf das Kreuz, ich bereue es nur, weil es eine Frau war.“ „Das Beruhigendſte bei Allem dem iſt, daß von dieſem Vorfall keine Spur mehr übrig bleibt,“ ſprach d'Artagnan. „Sie hatte einen Sohn,“ ſagte Athos. „Ah! ja, ich weiß es,“ verſetzte d'Artagnan,„Ihr habt mir davon geſprochen. Aber wer weiß, was'aus ihm geworden iſt. Todt die Schlange, todt die Brut! Glaubt Ihr, von Winter, ſein Oheim, werde dieſe junge Schlange aufgezogen haben? Lord Winter hat ſicherlich den Sohn verdammt, wie er die Mutter ver⸗ dammte.“ „Dann wehe Lord Winter, denn das Kind hatte ihm nichts gethan.“ „Das Kind iſt todt oder der Teufel ſoll mich ho⸗ len,“ rief Porthos.„Es gibt ſo viel Nebel in dieſem abſcheulichen Lande, wie dArtagnan verſicchert...“ ge la eir wi wo der dig ba ha kon mů d'A der 209 Prinzen verſpotten könnten, unter der Bedingung, daß es Athos und Aramis geſtatiet ſein ſollte, Mazarin zu gourmiren. „Meiner Treue,“ ſagte d'Artagnan zu ſeinen zwei Freunden,„Ihr habt Recht, dieſem Mazarin zu grol⸗ len, denn ich ſchwöre Euch, daß er Euch ebenfalls nicht wohl will.“ „Wirklich?“ ſagte Athos;„würde ich glauben, deeſer Burſche kenne mich dem Namen nach, ſo ließe ich mich umtaufen, aus Furcht, man könnte annehmen, ich kenne auch ihn.“ „Er kennt Euch nicht bei Eurem Namen, ſondern durch Eure Thaten. Er weiß, daß es zwei Edelleute gibt, welche ganz beſonders zu der Flucht von Herrn von Beaufort beigetragen haben, und er läßt ſie ſehr thätig ſuchen, dafür ſtehe ich Euch.“ „Durch wen?“ „Durch mich.“ „Wie, durch Euch?“ „Ja, er hat mich noch an dieſem Morgen holen— laſſen, um mich zu fragen, ob ich irgend eine Kunde hätte.“. 3„Ueber dieſe zwei Edelleute?“ „Und was habt Ihr ihm geantwortet?“ „Ich hätte keine, aber ich würde mit zwei Perſo⸗ nen zu Mittag ſpeiſen, die mir wohl Auskunft geben könnten.“ „ Dies habt Ihr ihm geſagt?“ ſprach Porthos, und eine unbeſchreibliche Heiterkeit verbreitete ſich über ſei⸗ nen Antlit.„Bravo, und das macht Euch nicht bange, Athos?“ 3 „Nein,“ ſagte Athos,„es iſt nicht eine Nachfor⸗ ſchung von Mazarin, was ich befürchte.“ „Ihr?“ verſetzte Aramis.„Sagt mir doch ein wenig, was Ihr fürchtet!“ 3 „Nichts, in dieſem Augenblick wenigſtens, das iſt wahr.“ 213 In dem Augenblicke, wo dieſer Schluß von Porthos auf die mehr oder minder verdüſterten Stirnen vielleicht die Heiterkeit zurückgeführt hätte, vernahm man das Geräuſch von Tritten auf der Treppe, und es wurde an die Thüre geklopft. „Herein!“ ſagte Athos. „Meine Herren,“ ſprach der Wirth,„es iſt ein Mann da, welcher große Eile hat und einen von Euch zu ſprechen wünſcht.“ „Welchen?“ fragten die vier Freunde. „Denjenigen, welcher ſich Graf de la Fére nennt.“ „Das bin ich,“ ſagte Athos.„Und wie heißt der Burſche?“ „Grimaud.“ „Ah,“ murmelte Athos erbleichend,„was iſt Bra⸗ gelonne begegnet.“ „Laßt ihn eintreten,“ ſprach d'Artagnan. Aber Grimaud war bereits die Treppe heraufge⸗ laufen und wartete auf der Schwelle. Bald ſtürzte er in das Zimmer und ſchickte ſogleich den Wirth mit einer Geberde weg. Der Wirth verſchloß die Thüre wieder. Die vier Freunde harrten in geſpannter Er⸗ wartung— die Aufregung von Grimaud, ſeine Bläſſe, der Schweiß, der über ſein Geſicht lief, der Staub, mit dem ſeine Kleider überzogen waren. Alles kün⸗ digte an, daß er ſich zum Boten einer wichtigen, furcht⸗ baren Nachricht gemacht hatte. „Meine Herren,“ ſagte er,„dieſe Frau hatte ein Kind, das Kind iſt ein Mann geworden. Die Tigerin hatte ein Junges, der Tiger iſt aufgeſchoſſen. Er kommt, ſeid auf Eurer Hut.“ Athos ſchaute ſeine Freunde mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln an; Porthos ſuchte ſein Schwert, das an der Wand hing; Aramis ergriff ſein Meſſer; d'Artagnan ſtand auf. „Was willſt Du damit ſagen, Grimaud?“ fragte der letztere. 20 V „Und in der Vergangenheit?“ ſagte Porthos. „Ah, in der Vergangenheit, das iſt etwas Ande⸗ res,“ ſprach Athos mit einem Seufzer;„in der Ver⸗ gangenheit und in der Zukunft.“ „Fürchtet Ihr etwa für Euern jungen Raoul?“ fragte Aramis. „Bah!“ rief d'Artagnan,„man wird nie im erſten Gefechte getödtet.“ 4 „Und auch nicht in dem zweiten,“ verſetzte Aramis. „Und eben ſo wenig in dem dritten,“ ſprach Por⸗ thos.„Ueberdies kommt man zurück, wenn man todt iſt, der Beweis davon ſind wir.“ „Nein,“ entgegnete Athos,„es iſt auch nicht Raoul, was mich beunruhigt, denn er wird ſich hof⸗ fentlich wie ein Edelmann betragen, und ſtirbt er, ſo wird es der Tod des Tapfern ſein. Doch hört, wenn ihm dieſes Unglück begegnete...“ Athos fuhr mit der Hand über ſeine bleiche Stirne. 4 „Nun?“ fragte Aramis. —— „Wohl, ich würde dieſes Unglück als eine Süh⸗ nung betrachten.“ „Ah, ahl“ rief d'Artagnan,„ich weiß, was Ihr ſagen wollt.“ „Und ich auch,“ ſprach Aramis,„aber man muß nicht daran denken, Athos. Was geſchehen iſt, iſt gee ſchehen.“ 8 „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte Porthos. „Die Geſchichte von Armentiéres,“ flüſterte d'Ar⸗ tagnan. „Die Geſchichte von Armentieères!“ ſagte Por⸗ os. 5 „Mylady..“ „Ah ja, das hatte ich vergeſſen.“ Athos ſchaute ihn mit ſeinem tiefen Auge an und ſprach: 3 hr habt es vergeſſen, Porthos?“ „Meiner Treue, ja, es iſt ſchon lange her.“ 214 „Daß der Sohn von Mylady England verlaſſen hat, daß er ſich in Frankreich befindet, daß er nach Paris kommt, wenn er nicht ſchon hier iſt.“ Dieſe Erklärung wurde mit einem langen Sti ſchweigen aufgenommen. Grimaud war ſo keuchend, ſo ermattet, daß er auf einen Stuhl ſank. te füllte ein Glas mit Champagner und brachte es ihm. „Nun, im Ganzen, ſagte d'Artagnan,„wenn er lebte, wenn er nach Paris käme... wir haben wohl ſchon Andere geſehen. Er mag kommen!“ „Ja,“ verſetzte Porthos, mit ſeinem an der Wand aufgehängten Degen liebäugelnd,„er mag kommen!“ „Ueberdies iſt es nur ein Kind,“ ſprach Aramis. Grimaud ſtand auf. „Ein Kind!“ rief er.„Wißt Ihr, was dieſes Kind gethan hat? Als Mönch verkleidet, hat es die ganze Geſchichte, den Henker von Bethune Beichte hö⸗ rend, entdeckt, und nachdem es die Beichte gehört und Alles von ihm erfahren hatte, hat es ihm zur Abſo⸗ lution dieſen Dolch in das Herz geſtoßen. Seht, er iſt noch roth und feucht; denn es ſind nicht mehr als dreißig Stunden, daß man ihm demſelben aus der Wunde gezogen hat.“ Und Grimaud warf den von dem Mönche in der Vnnre des Henkers zurückgelaſſenen Dolch auf den Tiſch. D'Artagnan, Porthos und Aramis erhoben ſich und liefen mit einer gleichzeitigen Bewegung nach ihren De Stuhle. „Und Du ſagſt, er ſei als Mönch gekleidet, Gri⸗ maud?“ „Ja, als Auguſtinermönch.“ „Was für ein Menſch iſt es?“ „Von meinem Wuchſe, wie mir der Wirth mit⸗ .— gen. Athos allein blieb ruhig und träumeriſch auf ſeinem N -⸗ d —— — 211 „Die Sache laſtet alſo nicht auf Eurem Gewiſſen.“ „Meiner Treue, nein,“ antwortete Porthos. „Und bei Euch, Aramis?“ „Ich denke zuweilen daran, wie an einen von den Gewiſſensfällen, welche ſich ganz beſonders zur Dis⸗ cuſſion eignen.“ „Und Ihr, d'Artagnan?“ „Ich geſtehe, wenn mein Geiſt bei dieſer furcht⸗ baren Epoche ſtille ſteht, ſo habe ich nur Erinnerun⸗ gen für den eiſigen Körper der armen Madame Bona⸗ eieux. Ja, ja,“ murmelte er,„ich habe oft ein Be⸗ dauern wegen des Opfers, nie Gewiſſensbiſſe für die Mörderin gehabt.“ Athos ſchüttelte zweifelhaft den Kopf. „Bedenkt,“ ſagte Aramis,„daß dieſe Frau, wenn Ihr die göttliche Gerechtigkeit und ihre Theilnahme an den Dingen dieſer Welt zugebt, nach dem Willen Gottes beſtraft worden iſt.“ „Aber der freie Wille des Menſchen, Aramis?“ „Was thut der Richter? Er hat auch ſeinen freien Willen und verurtheilt ohne Furcht. Was thut der Henker? Er iſt Herr ſeiner Arme und ſchlägt dennoch ohne Gewiſſensbiſſe.“ „Der Henker,“ murmelte Athos, und man ſah, daß ihn eine Erinnerung feſſelte. „Ich weiß, daß es furchtbar iſt,“ ſagte d'Arta⸗ gnan,„aber wenn ich bedenke, daß wir Engländer, Rocheller, Spanier, ſogar Franzoſen tödteten, die uns nichts Schlimmeres zufügten, als daß ſie auf uns anſchlugen und uns fehlten, daß ſie kein anderes Un⸗ recht gegen uns hatten, als daß ſie den Degen mit uns kreuzten und nicht ſchnell zur Parade kamen, ſo entſchuldigen wir uns über den Tod dieſer Frau bei meiner Ehre.“ „Nun,“ ſagte Porthos,„da Ihr die Erinnerung in mir hervorgerufen habt, Athos, ſo ſehe ich di ene vor mir, als ob ich noch dabei ſtünde. Mylady war 3 ———— —— der der den ſich ren tem ri⸗ it⸗ 2¹⁵ getheilt hat, mager, bleich, mit hellblauen Augen und blonden Haaren.“ „Und.. er hat Raoul nicht geſehen?“ „Im Gegentheil, ſie haben ſich begegnet und der Virointe ſelbſt führte ihn an das Bett des Sterbenden.“ Athos ſtand auf, ohne ein Wort zu ſprechen, und 5 nahm ebenfalls ſeinen Degen von der Wand. „Ah, meine Herren!“ rief d'Artagnan und ver⸗ ſuchte es zu lachen,„wißt Ihr, daß wir ausſehen, wie alberne Weibsbilder, wir vier Männer, die wir, ohne eine Miene zu verziehen, Heeren Stand gehalten haben, wir zittern vor einem Kinde!“ „Ja,“ ſprach Athos,„aber dieſes Kind kommt im Namen Gottes.“ Und ſie verließen ſchleunigſt die Gaſtwirthſchaft. XVIII. Der Brief von Karl J. Nun muß der Leſer mit uns über die Seine ſetzen und uns in das Carmeliterinnen⸗Kloſter der Rue⸗Saint⸗ Jacques folgen. Es iſt eilf Uh gens und die frommen Schwe⸗ neine Meſſe für den Erfolg der arl I. gehalten. Von der Kirche ge Frau und ein junges Mädchen, beide ſchwarz gekleidet, die Eine wie eine Wittwe, die Andere wie eine Waiſe, in ihre Zelle zurückgekehrt. Die Frau iſt vor ein gemaltes hölzernes Betpult niedergekniet und einige Schritte von ihr ſteht, auf einen Stuhl geſtützt, das junge Mädchen und weint. 212 dort, wo Ihr ſeid(Athos erbleichte), ich war an dem Platze, wo ſich d'Artagnan befindet; ich hatte an mei⸗ ner Seite ein Schwert, welches ſchnitt wie ein Da⸗ mascener. Ihr erinnert Euch, Aramis, denn Ihr nann⸗ tet es meinen Balizardo? Nun wohl, ich ſchwöre Euch allen Dreien, wenn der Henker von Bethune nicht da geweſen wäre... nicht wahr, von Bethune, ſo würde ich dieſer Verbrecherin, ohne mich zu beſinnen oder ſogar auch mit Vorbedacht, den Kopf abgeſchlagen haben.“ „Und dann,“ ſagte Aramis mit dem Tone ſorglo⸗ ſer Philoſophie, den er angenommen hatte, ſeitdem er der Kirche angehörte, und worin viel mehr Atheismus als Vertrauen zu Gott lag,„wozu ſoll es nützen, an Alles das zu denken? Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Wir beichten dieſe Handlung in der letzten Stunde und Gott wird beſſer wiſſen, als wir, ob es ein Ver⸗ brechen, ein Fehler oder eine verdienſtliche Handlung war. Es bereuen, ſagt Ihr? Meiner Treue, nein! Auf Ehre und auf das Kreuz, ich bereue es nur, weil es eine Frau war.“ „Das Beruhigendſte bei Allem dem iſt, daß von dieſem Vorfall keine Spur mehr übrig bleibt,“ ſprach d'Artagnan. „Sie hatte einen Sohn,“ ſagte Athos. „Ah! ja, ich weiß es,“ verſatzte d'Artagnan,„Ihr habt mir davon geſprochen. Aber wer weiß, was aus ihm geworden iſt. Todt die Schlange, todt die Brut! Glaubt Ihr, von Winter, ſein Oheim, werde dieſe junge Schlange aufgezogen haben? Lord Winter hat ſicherlich den Sohn verdammt, wie er die Mutter ver⸗ dammte.“ „Dann wehe Lord Winter, denn das Kind hatte ihm nichts gethan.“ „Das Kind iſt todt oder der Teufel ſoll mich ho⸗ len,“ rief Porthos.„Es gibt ſo viel Nebel in dieſem abſcheulichen Lande, wie d'Artagnan verſichert....“ 4 216 Die Frau muß ſchön geweſen ſein, aber man ſteht, daß die Zähren ſie alt gemacht haben. Das junge Mädchen iſt reizend und die Thränen verſchönern es noch. Die Fran ſcheint vierzig, das Mädchen vierzehn Jahre alt zu ſein. „Mein Gott, ſprach die knieende Beterin,„erhalte meinen Gatten, erhalte meinen Sohn und nimm mein ſo trauriges, ſo elendes Leben.“ „Mein Gott,“ ſprach das junge Mädchen,„er⸗ halte mir meine Muiter!“. „Deine Mutter vermag nichts mehr für Dich in dieſer Welt, Henriette,“ ſprach, ſich umwendend, die betrübte Frau;„Deine Mutter hat weder Thron, noch Gemahl, noch Sohn, noch Freunde. Deine Mutter, mein armes Kind, iſt von der ganzen Welt verlaſſen.“ Und in die Arme ihrer Tochter ſtürzend, brach die Frau in ein lautes Schluchzen aus. „Meine Mutter, faſſet Muth,“ rief das junge Mädchen. „Ah, die Könige ſind unglücklich in dieſem Jahre,“ ſprach die Mutter und legte ihr Haupt auf die Schul⸗ ter des Kindes.„Niemand denkt an uns in dieſem Lande, denn Jeder denkt nur an ſeine eigenen Angele⸗ genheiten. So lange Dein Bruder noch bei uns war, unterſtützte er mich, aber Dein Bruder iſt abgereist und gegenwärtig nicht einmal im Stande, Dir oder ſeinem Vater Nachricht zu geben. Ich habe meine letzten Juwelen verpfändet, meine Kleider und die Dei⸗ nigen verkauft, um die Gehalte ſeiner Diener zu be⸗ zahlen, welche ſich weigerten, ihn zu begleiten, wenn ich nicht dieſes Opfer gebracht hätte. Nun find wir darauf beſchränkt, auf Koſten der Töchter des Herrn zu leben. Wir ſind Arme, auf die Hülfe Gottes an⸗ gewieſen.“ „Aber warum wendet Ihr Euch nicht an die Kö⸗ nigin, Eure Schweſter?“ fragte das Mädchen. „Ah,“ antwortete die Bekümmerte, die Königin, In dem Augenblicke, wo dieſer Schluß von Porthos auf die mehr oder minder verdüſterten Stirnen vielleicht die Heiterkeit zurückgeführt hätte, vernahm man das Geräuſch von Tritten auf der Treppe, und es wurde an die Thüre geklopft. „Herein!“ ſagte Athos. 8 „Meine Herren,“ ſprach der Wirth,„es iſt ein Mann da, welcher große Eile hat und einen von Euch zu ſprechen wünſcht.“ „Welchen?“ fragten die vier Freunde. „Denjenigen, welcher ſich Graf de la Fère nennt.“ „Das bin ich,“ ſagte Athos.„Und wie heißt der Burſche?“ 3 „Grimaud.“ „Ah,“ murmelte Athos erbleichend,„was iſt Bra⸗ gelonne begegnet.“ „Laßt ihn eintreten,“ ſprach d'Artagnan.. Aber Grimaud war bereits die Treppe heraufge⸗ laufen und wartete auf der Schwelle. Bald ſtürzte er in das Zimmer und ſchickte ſogleich den Wirth mit einer Geberde weg. Der Wirth verſchloß die Thüre wieder. Die vier Freunde harrten in geſpannter Er⸗ wartung— die Aufregung von Grimand, ſeine Bläſſe, der Schweiß, der über ſein Geſicht lief, der Staub, mit dem ſeine Kleider überzogen waren. Alles kün⸗ digte an, daß er ſich zum Boten einer wichtigen, furcht⸗ baren Nachricht gemacht hatte. „Meine Herren,“ ſagte er,„dieſe Frau hatte ein Kind, das Kind iſt ein Mann geworden. Die Tigerin hatte ein Junges, der Tiger iſt aufgeſchoſſen. Er kommt, ſeid auf Eurer Hut.“ Athos ſchaute ſeine Freunde mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln an; Porthos ſuchte ſein Schwert, das an der Wand hing; Aramis ergriff ſein Meſſer; d'Artagnan ſtand auf. „Was willſt Du damit ſagen, Grimaud?“ fragte der letztere. 217 meine Schweſter, iſt nicht mehr Königin, mein Kind, und ein Anderer regiert in ihrem Namen. Eines Tags wirſt Du das begreifen.“ Alſo an den König, Euern Neffen; ſoll ich mit ihm ſprechen? Ihr wißt, wie ſehr er mich liebt, meine Mutter.“ „Ach, der König, mein Neffe, iſt noch nicht König, und ihm ſelbſt, wie Du weißt, La Porte hat es uns zwanzig Mal geſagt, fehlt es an Allem.“ „Dann wollen wir uns an Goft wenden,“ ſprach das junge Mädchen. Und es kniete neben ſeine Mutter nieder. Die zwei Frauen, welche ſo neben einander vor demſelben Betpulte knieten, waren die Tochter und die Enkelin von Heinrich IW., die Frau und die Tochter von Karl J. Sie hatten ſo eben ihr Doppelgebet vollendet, als eine Nonne ſachte an die Thüre klopfte.. „Herein, meine Schweſter,“ ſprach die Aeltere von den Frauen, indem ſie ihre Thränen abtrocknete und ſich erhob. Die Nonne öffnete ehrfurchtsvoll die Thüre. „Eure Majeſtät wolle mich gnädigſt entſchuldigen, wenn ich ſie in ihren Betrachtungen ſtöre,“ ſagte ſie; „aber es iſt ein Fremder im Sprechzimmer, der von England kommt und ſich die Ehre erbittet, Eurer Ma⸗ jeſtät einen Brief übergeben zu dürfen.“ „Ah, einen Brief! einen Brief vom König viel⸗ leicht! Hörſt Du? ohne Zweifel Nachrichten von Dei⸗ nem Vater, Henriette.“ „Ja, Madame, ich höre und hoffe.“ „Und wer iſt der Herr, ſprecht.“ „Ein Edelmann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren.“ „Hat er ſeinen Namen genannt?“ „Mylord von Winter.“ Zwanzig Jahre nachher. 1I. 15 214 „Daß der Sohn von Mylady England verlaſſen hat, daß er ſich in Frankreich befindet, daß er nach Paris kommt, wenn er nicht ſchon hier iſt.“ Dieſe Erklärung wurde mit einem langen Still⸗ ſchweigen aufgenommen. Grimaud war ſo keuchend, 5 ſo ermattet, daß er auf einen Stuhl ſank. Athos füllte ein Glas mit Champagner und brachte n X es ihm. 5„Nun, im Ganzen, ſagte d'Artagnan,„wenn er ſ lebte, wenn er nach Paris käme... wir haben wohl n ſchon Andere geſehen. Er mag kommen!“ b „Ja,“ verſetzte Porthos, mit ſeinem an der Wand h aufgehängten Degen liebäugelnd,„er mag kommen!“ „Ueberdies iſt es nur ein Kind,“ ſprach Aramis. 2 Grimaud ſtand auf. „Ein Kind!“ rief er.„Wißt Ihr, was dieſes Kind gethan hat? Als Mönch verkleidet, hat es die ganze Geſchichte, den Henker von Bethune Beichte hö⸗ rend, entdeckt, und nachdem es die Beichte gehört und Alles von ihm erfahren hatte, hat es ihm zur Abſo⸗ lution dieſen Dolch in das Herz geſtoßen. Seht, er iſt noch roth und feucht; denn es ſind nicht mehr als dreißig Stunden, daß man ihm demſelben aus der Wunde gezogen hat.“ Und Grimaud warf den von dem Mönche in der Made des Henkers zurückgelaſſenen Dolch auf den Tiſch. D'Artagnan, Porthos und Aramis erhoben ſich und liefen mit einer gleichzeitigen Bewegung nach ihren Degen. Athos allein blieb ruhig und träumeriſch auf ſeinem Stuhle.* „Und Du ſagſt, er ſei als Mönch gekleidet, Gri⸗ mand?“ „Ja, als Auguſtinermönch.“ „Was für ein Menſch iſt es?“ 4 3 „Von meinem Wuchſe, wie mir der Wirth mit⸗ 2¹8 „Mylord von Winter!“ rief die Königin,„der Freund meines Gatten? O laßt ihn eintreten!“ Und die Königin lief dem Boten entgegen und faßte ihn bei der Hand. Lord Winter kniete in die Zelle eintretend nieder und übergab der Königin einen in einem goldenen Etui verwahrten Brief. „Ah, Mylord,“ ſprach die Königin,„Ihr bringt uns drei Dinge, die wir ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen haben: Gold, eine ergebene Seele und einen Brief von unſerem Gemahl und Herrn.“ „Lord Winter verbeugte ſich, aber er vermochte nicht zu antworten, ſo erſchüttert war er. „Mylord,“ ſprach die Königin auf den Brief deu⸗ tend,„Ihr begreift, daß es mich drängt, zu erfahren, was dieſes Papier enthält.“ „Ich entferne mich, Madame,“ ſprach der Lord. „Nein, bleibt,“ ſagte die Königin,„wir werden vor Euch leſen. Begreift Ihr nicht, daß ich tauſend Fragen an Euch zu machen habe?“ Der Lord ging einige Schritte zurück und blieb dann ſchweigend ſtille ſtehen. Die Mutter und die Tochter zogen ſich in eine Fenſtervertiefung zurück und laſen gierig, die Tochter auf den Arm der Mutter geſtützt, folgenden Brief: „Madame und theure Gemahlin! „Wir ſind am Ziele angelangt. Alle Quellen, welche mir Gott gelaſſen hat, ſind in dem Lager von Naſeby concentrirt, von wo aus ich Euch in Eile ſchreibe. Hier erwarte ich das Heer meiner meuteriſchen Unter⸗ thanen und ich werde zum letzten Male gegen ſie ſtrei⸗ ten. Bin ich Sieger, ſo ſetze ich den Kampf auf lange Zeiten fort, werde ich beſiegt, ſo bin ich gänzlich ver⸗ loren. In letzterem Falle lach! in unſerer Lage muß man Alles vorherſehen) will ich die Küſte von Frank⸗ reich zu erreichen ſuchen; aber kann man dort, will man einen unglücklichen König aufnehmen, der ein ſo 215 getheilt hat, mager, bleich, mit hellblauen Augen und blonden Haaren.“ „Und... er hat Raoul nicht geſehen?“ „Im Gegentheil, ſie haben ſich begegnet und der Vicomte ſelbſt führte ihn an das Bett des Sterbenden.“ Athos ſtand auf, ohne ein Wort zu ſprechen, und nahm ebenfalls ſeinen Degen von der Wand.— „Ah, meine Herren!“ rief d'Artagnan und ver⸗ ſuchte es zu lachen,„wißt Ihr, daß wir ausſehen, wie alberne Weibsbilder, wir vier Männer, die wir, ohne eine Miene zu verziehen, Heeren Stand gehalten haben, wir zittern vor einem Kinde!“ „Ja,“ ſprach Athos,„aber dieſes Kind kommt im Namen Gottes.“ Und ſie verließen ſchleunigſt die Gaſtwirthſchaft. XVIII. Der Brief von Karl I. Nun muß der Leſer mit uns über die Seine ſetzen und uns in das Carmeliterinnen⸗Kloſter der Rue⸗Saint⸗ Jacques folgen. 4 Es iſt eilf Uhr Morgens und die frommen Schwe⸗ ſtern haben ſo eben eine Meſſe für den Erfolg der Waffen von König Karl IJ. gehalten. Von der Kirche aus ſind eine junge Frau und ein junges Mädchen, beide ſchwarz gekleidet, die Eine wie eine Wittwe, die Andere wie eine Waiſe, in ihre Zelle zurückgekehrt. Die Frau iſt vor ein gemaltes hölzernes Betpult niedergekniet und einige Schritte von ihr ſteht, auf einen Stuhl geſtützt, das junge Mädchen und weint. d r ti n d b te r 1, 2¹9 trauriges Beiſpiel in ein bereits durch bürgerliche Zwiſtigkeiten aufgeregtes Land bringt?“ Eure Weisheit und Eure Liebe ſollen mir als Führer dienen. Der Ueberbringer dieſes Briefes, Madame, wird Euch ſagen, was ich nicht der Gefahr eines Zufalls anvertrauen kann. Er wird Euch erklären, welchen Schritt ich von Euch erwarte. Ich beauſtrage ihn auch mit meinem Segen für meine Kinder und mit allen Gefühlen mei⸗ nes Herzens für Euch, Madame und theure Gemahlin.“ Der Brief war unterzeichnet ſtatt Karl König— Karl noch König. So traurig das Leſen dieſes Briefes war, deſſen Eindrücke Winter auf dem Geſichte der Königin ver⸗ folgte, ſo brachte es doch in ihre Augen einen Strahl der Hoffnung. „Er mag nicht mehr König ſein,“ rief ſie,„er mag beſiegt, verbannt, geächtet werden, er lebe nur. Ach, der Thron iſt heut' zu Tage ein zu gefährlicher Poſten, als daß ich wünſchen könnte, er möchte auf demſelben bleiben. Doch ſagt mir, Mylord,“ fuhr die Königin fort,„verhehlt mir nichts: wo iſt der König? Iſt ſeine Lage ſo verzweifelt, als er denkt?“ „Ach, Madame, noch verzweifelter, als er ſelbſt glaubt. Seine Majeſtät hat ein ſo gutes Herz, daß er den Haß nicht begreift. Der König iſt ſo ritterlich, daß er den Verrath nicht ahnet. England iſt von einem Schwindelgeiſte befallen, der, ich befürchte es, nur im Blute erlöſchen wird.“ „Aber Lord Montroſe,“ antwortete die Königin, „ich hörte von raſchen und großen Siegen, von Schlach⸗ ten, gewonnen in Inverlashy, in Alfort und in Kil⸗ ſyth, ich hörte ſagen, er marſchire an die Gränze, um ſich mit dem König zu verbinden?“ „Ja, Madame, aber an der Gränze traf er Lesly; er hatte den Sieg durch übermenſchliche Unternehmungen ermüdet; der Sieg verließ ihn. In Phillipaugh ge⸗ ſchlagen, war Montroſe genöthigt, ſeines 5 41 216 Die Frau muß ſchön geweſen ſein, aber man ſieht, daß die Zähren ſte alt gemacht haben. Das junge Mädchen iſt reizend und die Thränen verſchönern es noch. Die Fran ſcheint vierzig, das Mädchen vierzehn Jahre alt zu ſein. „Mein Gott, ſprach die knieende Beterin,„erhalte meinen Gatten, erhalte meinen Sohn und nimm mein ſo trauriges, ſo elendes Leben.“ „Mein Gott,“ ſprach das junge Mädchen,„er⸗ halte mir meine Mutter!“ 3„Deine Mutter vermag nichts mehr für Dich in dieſer Welt, Henriette,“ ſprach, ſich umwendend, die betrübte Frau;„Deine Mutter hat weder Thron, noch Gemahl, noch Sohn, noch Freunde. Deine Mutter, mein armes Kind, iſt von der ganzen Welt verlaſſen.“ Und in die Arme ihrer Tochter ſtürzend, brach die Frau in ein lautes Schluchzen aus. „Meine Mutter, faſſet Muth,“ rief das junge Mädchen. „Ah, die Könige ſind unglücklich in dieſem Jahre,“. ſprach die Mutter und legte ihr Haupt auf die Schul⸗ ter des Kindes.„Niemand denkt an uns in dieſem Lande, denn Jeder denkt nur an ſeine eigenen Angele⸗ genheiten. So lange Dein Bruder noch bei uns war, unterſtützte er mich, aber Dein Bruder iſt abgereist und gegenwärtig nicht einmal im Stande, Dir oder ſeinem Vater Nachricht zu geben. Ich habe meine letzten Juwelen verpfändet, meine Kleider und die Dei⸗ nigen verkauft, um die Gehalte ſeiner Diener zu be⸗ zahlen, welche ſich weigerten, ihn zu begleiten, wenn ich nicht dieſes Opfer gebracht hätte. Nun ſind wir darauf beſchränkt, auf Koſten der Töchter des Herrn zu leben. Wir ſind Arme, auf die Hülfe Gottes an⸗ ewieſen.“ 3„Aber warum wendet Ihr Euch nicht an die Kö⸗ nigin, Eure Schweſter?“ fragte das Mädchen. „Ah,“ antwortete die Bekümmerte, die Königin, 250 220 Heeres zu verabſchieden und als Bedienter verkleidet zu fliehen. Er befindet ſich in Bergen in Norwegen.“ „Gott beſchütze ihn!“ ſprach die Königin;„es iſt wenigſtens ein Troſt, zu wiſſen, daß diejenigen, welche ſo oft ihr Leben für uns gewagt haben, in Sicherheit ſind. Und nun, Mylord, da ich die Lage des Königs ſo ſehe, wie ſie iſt, d. h. verzweifelt, ſo ſagt mir, was Ihr mir im Auftrage meines königlichen Gemahls mit⸗ zutheilen habt.“ „Wohl, Madame,“ antwortete Winter,„der König, Euer Gemahl, wünſcht, daß Ihr die Stimmung des Königs und der Königin in Beziehung auf ihn erfor⸗ ſchen möget.“ „Ach, Ihr wißt es,“ antwortete die Königin,„der König iſt nur ein Kind und die Königin eine Frau und zwar eine ſehr ſchwache. Herr von Mazarin iſt Alles.“ „Sollte er in Frankreich die Rolle ſpielen wollen, welche Cromwell in England ſpielt?“ „Oh nein; es iſt ein geſchmeidiger, verſchlagener Italiener, dem es vielleicht von Verbrechen träumt, der es aber nie wagt, ſie zu begehen, und gerade im Gegenſatz gegen Cromwell, welcher über zwei Kammern verfügt, hat Mazarin im Parlament nur die Königin zur Stütze.“ „Ein Grund mehr, daß er einen König beſchützt, den die Parlamente verfolgen.“ Die Königin ſchüttelte voll Bitterkeit den Kopf. „Wenn ich meinem eigenen Urtheile trauen darf,“ ſagte ſie,„ſo wird der Cardinal nichts thun oder viel⸗ mehr gegen uns ſein. Meine Gegenwart und die mei⸗ ner Tochter beläſtigen ihn bereits; um ſo mehr wird ihm die des Königs zur Laſt ſein. Mylord,“ fügte Henriette ſchwermüthig lächelnd bei:„es iſt traurig und beinahe ſchmählich, zu bekennen, daß wir den Winter im Lonvre ohne Geld, ohne Wäſche, faſt ohne Brod zugebracht haben und zuweilen in Ermanglung von Holz nicht aufgeſtanden ſind.“ 7— Ln meine Schweſter, iſt nicht mehr Königin, mein Kind, und ein Anderer regiert in ihrem Namen. Eines Tags wirſt Du das begreifen.“ Alſo an den König, Euern Neffen; ſoll ich mit jhm ſorechen; Ihr wißt, wie ſehr er mich liebt, meine utter.“ „Ach, der König, mein Neffe, iſt noch nicht König, und ihm ſelbſt, wie Du weißt, La Porte hat es uns zwanzig Mal geſagt, fehlt es an Allem.“ „Dann wollen wir uns an Gott wenden,“ ſprach das junge Mädchen. Und es kniete neben ſeine Mutter nieder. Die zwei Frauen, welche ſo neben einander vor demſelben Betpulte knieten, waren die Tochter und die Enkelin von Heinrich IV., die Frau und die Tochter von Karl I.. Sie hatten ſo eben ihr Doppelgebet vollendet, als eine Nonne ſachte an die Thüre klopfte. „Herein, meine Schweſter,“ ſprach die Aeltere von den Frauen, indem ſie ihre Thränen abtrocknete und ſich erhob. Die Nonne öffnete ehrfurchtsvoll die Thüre. „Eure Majeſtät wolle mich gnädigſt entſchuldigen, wenn ich ſie in ihren Betrachtungen ſtöre,“ ſagte ſie; „aber es iſt ein Fremder im Sprechzimmer, der von England kommt und ſich die Ehre erbittet, Eurer Ma⸗ jeſtät einen Brief übergeben zu dürfen.“ „Ah, einen Brief! einen Brief vom König viel⸗ leicht! Hörſt Du? ohne Zweifel Nachrichten von Dei⸗ nem Vater, Henriette.“ 3— „Ja, Madame, ich höre und hoffe.“ „Und wer iſt der Herr, ſprecht.“ „Ein Edelmann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren.“ „Hat er ſeinen Namen genannt?“ „Mylord von Winter.“ Zwanzig Jahre nachher. II. 15 — N—— — S— . n n n — ——— —— 221 „Schauderhaft!“ rief der Lord,„die Tochter von Heinrich IV., die Frau von König Karl. Warum wandtet Ihr Euch nicht an den erſten Beſten von uns?“ „Das iſt die Gaſtfreundſchaft, welche einer Königin Sii gibt, von dem ſie ein König verlangen will.“ „Aber ich hörte von einer Heirath zwiſchen Seiner Hoheit, dem Prinzen von Wales, und Mademoiſelle von Orleans ſprechen,“ ſagte der Lord. „Ja, ich hatte einen Augenblick Hoffnung dazu; die Kinder liebten ſich; aber die Königin, welche An⸗ fangs zu dieſer Liebe die Hände bot, hat ihre An⸗ ſichten verändert; der Herr Herzog, der das Entſtehen ihrer Vertraulichkeit ermuthigt hatte, verbot ſeiner Tochter, ferner an dieſe Verbindung zu denken. Ah, Mylord,“ fuhr die Königin fort, ohne daß ſie daran dachte, ihre Thränen zu trocknen,„es iſt beſſer, zu kämpfen, wie es der König gethan hat, und zu ſterben, wie er es vielleicht thun wird, denn als Bettlerin zu leben, wie ich es thue. „Muth, Madame,“ ſprach Lord Winter,„Muth, verzweifelt nicht. Es liegt in den in dieſem Augenblick ſo ſehr erſchütterten Intereſſen von Frankreich, den Aufruhr bei dem ihm benachbarten Volke zu bekämpfen. Mazarin iſt ein Staatsmann und er wird dieſe Noth⸗ wendigkeit begreifen.“ „Aber ſeid Ihr ſicher,“ ſagte die Königin,„daß man Euch nicht zuvorkommen wird?“ „Wer ſoll mir zuvorkommen?“ „Joye, Pridge, Cromwell.“ „Ein Schneider, ein Krämer, ein Bierbrauer! Ach, ich hoffe, Madame, der Cardinal würde mit ſolchen Menſchen nicht in Verbindung treten.“ „Ei, was iſt er denn ſelbſt,“ fragte Henriette. „Aber für die Ehre des Königs, für die der Kö⸗ nigin...“ „Wir wollen hoffen, daß er etwas für dieſe Ehre 218 „Mylord von Winter!“ rief die Königin,„der Freund meines Gatten? O laßt ihn eintreten!“ Und die Königin lief dem Boten entgegen und faßte ihn bei der Hand. Lord Winter kniete in die Zelle eintretend nieder und übergab der Königin einen in einem goldenen Etui verwahrten Brief. 4 „Ah, Mylord,“ ſprach die Königin,„Ihr bringt uns drei Dinge, die wir ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen haben: Gold, eine ergebene Seele und einen Brief von unſerem Gemahl und Herrn.“ „Lord Winter verbeugte ſich, aber er vermochte nicht zu antworten, ſo erſchüttert war er. „Mylord,“ ſprach die Königin auf den Brief deu⸗ tend,„Ihr begreift, daß es mich drängt, zu erfahren, was dieſes Papier enthält.“ „Ich entferne mich, Madame,“ ſprach der Lord. „Nein, bleibt,“ ſagte die Königin,„wir werden vor Euch leſen. Begreift Ihr nicht, daß ich tanſend Fragen an Euch zu machen habe?“ Der Lord ging einige Schritte zurück und blieb dann ſchweigend ſtille ſtehen. 4 Die Mutter und die Tochter zogen ſich in eine Fenſtervertiefung zurück und laſen gierig, die Tochter auf den Arm der Mutter geſtützt, folgenden Brief: „Madame und theure Gemahlin! „Wir ſind am Ziele angelangt. Alle Quellen, welche mir Gott gelaſſen hat, ſind in dem Lager von Naſeby concentrirt, von wo aus ich Euch in Eile ſchreibe. Hier erwarte ich das Heer meiner meuteriſchen Unter⸗ thanen und ich werde zum letzten Male gegen ſie ſtrei⸗ ten. Bin ich Sieger, ſo ſetze ich den Kampf auf lange Zeiten fort, werde ich beſtegt, ſo bin ich gänzlich ver⸗ loren. In letzterem Falle(ach! in unſerer Lage muß man Alles vorherſehen) will ich die Küſte von Frank⸗ reich zu erreichen ſuchen; aber kann man dort, will man einen unglücklichen König aufnehmen, der ein ſo 222 thut,“ erwiederte Henriette.„Ein Freund beſitzt eine ſo gute Beredtſamkeit, daß Ihr mich beruhigt. Gebt mir alſo Eure Hand und gehen wir zu dem Miniſter.“ „Madame,“ ſprach der Lord ſich verbeugend,„dieſe Ehre macht mich ganz verwirrt.“ „Aber wenn er ſich weigerte,“ ſagte Henriette ſtille ſtehend,„und wenn der König die Schlacht ver⸗ löre?“ „So würde Seine Majeſtät nach Holland fliehen, wo, wie ich vernommen habe, Seine Hoheit, der Prinz von Wales, verweilt.“ „Könnte Seine Majeſtät für die Flucht auf viele ſo treue Diener zählen, wie Ihr ſeid?“ „Ach nein, Madame, aber es iſt für den Fall vor⸗ hergeſehen, und ich habe Verbündete in Frankreich.“ 6„Verbündete?“ ſprach die Königin den Kopf ſchüt⸗ elnd. „Madame, wenn ich alte Freunde wiederfinde, die ich einſt gehabt habe, ſo ſtehe ich für Alles.“ „Vorwärts, Mylord,“ ſagte die Königin, mit dem peinigenden Zweifel von Leuten, welche lange Zeit un⸗ geweſen ſind;„gehen wir, und Gott erhöre u Die Königin ſtieg in den Wagen und der Lord begleitete ſie zu Pferde, gefolgt von zwei Lackeien. XIX. Der Brief von Cromwell. In dem Augenblick, wo Madame Henriette die Carmeliter verließ, um ſich in das Palais⸗Royal zu begeben, ſtieg ein Reiter vor dem Thore dieſes könig⸗ lichen Wohngebäudes vom Pferde und kündigte den ————— —— ———N— uu wu/ 2 219 trauriges Beiſpiel in ein bereits durch bürgerliche Zwiſtigkeiten aufgeregtes Land bringt?“ Eure Weisheit und Eure Liebe ſollen mir als Fuührer dienen. Der Ueberbringer dieſes Briefes, Madame, wird Euch ſagen, was ich nicht der Gefahr eines Zufalls anvertrauen kann. Er wird Euch erklären, welchen Schritt ich von Euch erwarte. Ich beauſtrage ihn auch mit meinem Segen für meine Kinder und mit allen Gefühlen mei⸗ nes Herzens für Euch, Madame und theure Gemahlin.“ Der Brief war unterzeichnet ſtatt Karl König— Karl noch König. So traurig das Leſen dieſes Briefes war, deſſen Eindrücke Winter auf dem Geſichte der Königin ver⸗ folgte, ſo brachte es doch in ihre Augen einen Strahl der Hoffnung. 3 „Er mag nicht mehr König ſein,“ rief ſie,„er mag beſiegt, verbannt, geächtet werden, er lebe nur. Ach, der Thron iſt heut' zu Tage ein zu gefährlicher Poſten, als daß ich wünſchen könnte, er möchte auf demſelben bleiben. Doch ſagt mir, Mylord,“ fuhr die Königin fort,„verhehlt mir nichts: wo iſt der König? Iſt ſeine Lage ſo verzweifelt, als er denkt?“ „Ach, Madame, noch verzweifelter, als er ſelbſt glaubt. Seine Majeſtät hat ein ſo gutes Herz, daß er den Haß nicht begreift. Der König iſt ſo ritterlich, daß er den Verrath nicht ahnet. England iſt von einem Schwindelgeiſte befallen, der, ich befürchte es, nur im Blute erlöſchen wird.“ „Aber Lord Montroſe,“ antwortete die Königin, „ich hörte von raſchen und großen Siegen, von Schlach⸗ ten, gewonnen in Inverlashy, in Alfort und in Kil⸗ ſyth, ich hörte ſagen, er marſchire an die Gränze, um ſich mit dem König zu verbinden?“ 5 „Ja, Madame, aber an der Gränze traf er Lesly; er hatte den Sieg durch übermenſchliche Unternehmungen ermüdet; der Sieg verließ ihn. In Phillipaugh ge⸗ ſchlagen, war Montroſe genöthigt, die Neite ſeines ———— 223 Wachen an, er habe dem Cardinal Mazarin etwas Wichtiges mitzutheilen. Obgleich der Cardinal oft Furcht hatte, ſo warer doch ziemlich zugänglich, denn er bedurfte noch viel öfter des Rathes und der Auskunft. Man fand nicht an der erſten Thüre die wahre Schwierigkeit, ſelbſt die zweite öffnete ſich leicht; aber an der dritten wachte außer ſeiner Garde und den Huiſſiers der getreue Ber⸗ nouin, der Cerberus, den kein Wort zu biegen, kein Stab, und wäre er von Gold geweſen, zu bezaubern vermochte. An der dritten Thüre mußte alſo derjenige, wel⸗ cher um eine Audienz bat oder dieſe forderte, ſich einem förmlichen Verhöre unterziehen. Der Reiter ließ ſein Pferd an einem Gitter im Hofe gebunden, ſtieg die große Treppe hinaufund ſagte, ſich an die Wachen im erſten Saale wendend: „Der Herr Cardinal Mazarin?“ „Geht weiter!“ antworteten die Wachen, ohne aufzuſchauen; die Einen beugten ſich über ihre Karten, die Andern über ihre Würfel, und ſie waren insge⸗ ſammt darüber erfreut, daß ſie zu verſtehen geben ion⸗ ſie hätten nicht den Dienſt der Lackeien zu un. Der Reiter trat in den zweiten Saal. Dieſer war von den Musketieren und den Huiſſiers bewacht. Er wiederholte ſeine Bitte. „Ihr habt einen Audienzbrief?“ fragte ein Huiſ⸗ ſier ihm entgegentretend. „Ich habe einen, aber nicht von dem Cardinal von Mazarin.“ „Geht hinein und fragt Herrn Bernouin, ſprach der Huiſſier. Und er öffnete die Thüre des dritten Zimmers. Mag es Zufall ſein, mag er ſich auf ſeinem ge⸗ wöhnlichen Poſten befunden haben, Bernonin ſtand hinter dieſer Thüre und hatte Alles gehört. 220 Heeres zu verabſchieden und als Bedienter verkleidet zu fliehen. Er befindet ſich in Bergen in Norwegen.“ „Gott beſchütze ihn!“ ſprach die Königin;„es iſt wenigſtens ein Troſt, zu wiſſen, daß diejenigen, welche ſo oft ihr Leben für uns gewagt haben, in Sicherheit ſind. Und nun, Mylord, da ich die Lage des Königs ſo ſehe, wie ſie iſt, d. h. verzweifelt, ſo ſagt mir, was Ihr mir im Auftrage meines königlichen Gemahls mit⸗ zutheilen habt.“ „Wohl, Madame,“ antwortete Winter,„der König, Euer Gemahl, wünſcht, daß Ihr die Stimmung des Königs und der Königin in Beziehung auf ihn erfor⸗ ſchen möget.“ „Ach, Ihr wißt es,“ antwortete die Konigin,„der König iſt nur ein Kind und die Königin eine Frau und zwar eine ſehr ſchwache. Herr von Mazarin iſt Alles.“ „Sollte er in Frankreich die Rolle ſpielen wollen, welche Cromwell in England ſpielt?“ „Oh nein; es iſt ein geſchmeidiger, verſchlagener Italiener, dem es vielleicht von Verbrechen träumt, der es aber nie wagt, ſte zu begehen, und gerade im Gegenſatz gegen Cromwell, welcher über zwei Kammern verfügt, hat Mazarin im Parlament nur die Königin zur Stütze.“ „Ein Grund mehr, daß er einen König beſchützt, den die Parlamente verfolgen.“ Die Königin ſchüttelte voll Bitterkeit den Kopf. „Wenn ich meinem eigenen Urtheile trauen darf,“ ſagte ſie,„ſo wird der Cardinal nichts thun oder viel⸗ mehr gegen uns ſein. Meine Gegenwart und die mei⸗ ner Tochter beläſtigen ihn bereits; um ſo mehr wird ihm die des Königs zur Laſt ſein. Mylord,“ fügte Henriette ſchwermüthig lächelnd bei:„es iſt traurig und beinahe ſchmählich, zu bekennen, daß wir den Winter im Louvre ohne Geld, ohne Wäſche, faſt ohne Brod zugebracht haben und zuweilen in Ermanglung von Holz nicht aufgeſtanden find.“ — 224 „Ihr ſucht mich, mein Herr?“ ſprach er.„Von wem iſt der Brief, den Ihr Seiner Eminenz bringt? „Vom General Oliver Cromwell,“ antwortete der Reiter.„Wollt dieſen Namen Seiner Eminenz ſagen, und mir dann eröffnen, ob Monſeigneur mich empfangen will, oder nicht.“ Und er verharrte in der düſteren, ſtolzen, den Pu⸗ ritanern eigenthümlichen Haltung. Nachdem Bernouin den jungen Mann von oben bis unten mit einem forſchenden Blicke angeſchaut hatte, ging er in das Cabinet des Cardinals, dem er die Worte des Boten überbrachte. „Ein Menſch, der einen Brief von Oliver Crom⸗ ringt⸗ ſagte Mazarin,„und was für ein Menſch iſt es?“ „Ein wahrer Engländer, Monſeigneur. Haare blond, roth, mehr roth als blond; Augen grau, blau, mehr grau als blau. Im Uebrigen Stolz und Steif⸗ viti“ „Laß Dir den Brief von ihm geben.“ „Monſeigneur verlangt den Brief,“ ſprach Ber⸗ nouin, aus dem Cabinet wieder in das Vorzimmer tretend. „Monſeigneur wird den Brief nicht ohne den Trä⸗ ger ſehen,“ antwortete der junge Mann;„aber um Euch zu überzeugen, daß ich wirklich der Träger eines Briefes bin, ſchaut, hier iſt er.“ Bernonin betrachtete das Siegel, und als er ſah, daß der Brief vom General Oliver Cromwell kam, ſchickte er ſich an, zu Mazarin zurückzukehren. „Fügt bei,“ ſagte der junge Mann,„daß ich nicht ein gewöhnlicher Bote, ſondern ein außerordentlicher Geſandter bin.“ Bernouin kehrte in das Cabinet zurück und kam nach einigen Secunden wieder heraus. „Tretet ein, mein Herr,“ ſagte er, die Thüre offen haltend.“ ————* 221 „Schauderhaft!“ rief der Lord,„die Tochter von Heinrich IV., die Frau von König Karl. Warum wandtet Ihr Euch nicht an den erſten Beſten von uns?“ „Das iſt die Gaſtfreundſchaft, welche einer Königin derlaniniſer gibt, von dem ſie ein König verlangen will.“ G „Aber ich hörte von einer Heirath zwiſchen Seiner. Hoheit, dem Prinzen von Wales, und Mademoiſelle von Orleans ſprechen,“ ſagte der Lord. „Ja, ich hatte einen Augenblick Hoffnung dazu; die Kinder liebten ſich; aber die Königin, welche An⸗ fangs zu dieſer Liebe die Hände bot, hat ihre An⸗ ſichten verändert; der Herr Herzog, der das Entſtehen ihrer Vertraulichkeit ermuthigt hatte, verböt ſeiner Tochter, ferner an dieſe Verbindung zu denken. Ah, Mylord,“ fuhr die Königin fort, ohne daß ſie daran dachte, ihre Thränen zu trocknen,„es iſt beſſer, zu kämpfen, wie es der König gethan hat, und zu ſterben, wie er es vielleicht thun wird, denn als Bettlerin zu leben, wie ich es thue. „Muth, Madame,“ ſprach Lord Winter,„Muth, verzweifelt nicht. Es liegt in den in dieſem Augenblick ſo ſehr erſchütterten Intereſſen von Frankreich, den Aufruhr bei dem ihm benachbarten Volke zu bekämpfen. Mazarin iſt ein Staatsmann und er wird dieſe Noth⸗ wendigkeit begreifen.“ „Aber ſeid Ihr ſicher,“ ſagte die Königin,„daß man Euch nicht zuvorkommen wird?“ „Wer ſoll mir zuvorkommen?“ „Joye, Pridge, Cromwell.“ „Ein Schneider, ein Krämer, ein Bierbrauer! Ach, ich hoffe, Madame, der Cardinal würde mit ſolchen Menſchen nicht in Verbindung treten.“ „Ei, was iſt er denn ſelbſt,“ fragte Henriette. „ Aber für die Ehre des Königs, für die der Kö⸗ nigin...“ „Wir wollen hoffen, daß er etwas für dieſe Ehre — W * — 22⁵ Mazarin bedurfte alles dieſes Hin⸗ und Hergehens, um die Aufregung einigermaßen zu beſchwichtigen, die ihm die Ankündigung dieſes Briefes verurſacht hatte. So ſcharfſichtig ſein Geiſt auch war, ſo ſuchte er doch vergebens nach dem Beweggrunde, welcher Cromwell mit ihm in Verbindung zu treten veranlaßt haben dürfte. Der junge Mann erſchien auf der Schwelle des Cabinets. Er hielt ſeinen Hut in einer Hand und den Brief in der andern. Mazarin ſtand auf. „Ihr habt ein Beglaubigungsſchreiben für mich, mein Herr?“ „Hier iſt es, Monſeigneur.“ Mazarin nahm den Brief, entſiegelte ihn und las: „Herr Mordaunt, einer meiner Secretäre wird Seiner Eminenz, dem Cardinal Mazarin in Paris, dieſes Einführungsſchreiben überreichen. Er iſt außer⸗ dem der Ueberbringer eines vertraulichen Briefes für Seine Eminenz. Oliver Cromwell.“ „Sehr gut, Herr Mordaunt,“ ſprach Mazarin; „gebt mir den zweiten Brief und ſetzt Euch.“ Der junge Mann zog einen zweiten Brief aus ſei⸗ ner Taſche, gab ihn dem Cardinal und ſetzte ſich. Ganz in Gedanfen verſunken hatte der Cardinal mittlerweile den Brief genommen und drehte denſelben, ohne ihn zu entſiegeln, in ſeiner Hand hin und her. Um aber den Boten von jeder Betrachtung abzubrin⸗ gen, fing er an, ihn ſeiner Gewohnheit gemäß zu be⸗ fragen, und ſagte, durch die Erfahrung überzeugt, daß es nur wenigen Menſchen gelang, ihm etwas zu ver⸗ bergen, wenn er zugleich fragte und anſchaute: „Ihr ſeid ſehr jung, Herr Mordaunt, für das harte Geſchäft eines Boiſchafters, wobei zuweilen die älteſten Diplomaten ſcheitern.“ „Monſeigneur, ich zähle drei und zwanzig Jahre, aber Eure Eminenz täuſcht ſich, wenn ſie mir ſagt, 222 thut,“ erwiederte Henriette.„Ein Freund beſitzt eine ſo gute Beredtſamkeit, daß Ihr mich beruhigt. Gebt mir alſo Eure Hand und gehen wir zu dem Miniſter.“ „Madame,“ ſprach der Lord ſich verbeugend,„dieſe Ehre macht mich ganz verwirrt.“ „Aber wenn er ſich weigerte,“ ſagte Henriette ſtille, ſtehend,„und wenn der König die Schlacht ver⸗ löre?“ „So würde Seine Majeſtät nach Holland fliehen, wo, wie ich vernommen habe, Seine Hoheit, der Prinz von Wales, verweilt.“ „Koͤnnte Seine Majeſtät für die Flucht auf viele ſo treue Diener zählen, wie Ihr ſeid?“ „Ach nein, Madame, aber es iſt für den Fall vor⸗ hergeſehen, und ich habe Verbündete in Frankreich.“ „Verbündete?“ ſprach die Königin den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Madame, wenn ich alte Freunde wiederfinde, die ich einſt gehabt habe, ſo ſtehe ich für Alles.“ „Vorwärts, Mylord,“ ſagte die Königin, mit dem peinigenden Zweifel von Leuten, welche lange Zeit un⸗ glücklich geweſen ſind;„gehen wir, und Gott erhöre Euch.“ Die Königin ſtieg in den Wagen und der Lord begleitete ſie zu Pferde, gefolgt von zwei Lackeien. XIX. Der Brief von Cromwell. In dem Augenblick, wo Madame Henriette die Carmeliter verließ, um ſich in das Palais⸗Royal zu begeben, ſtieg ein Reiter vor dem Thore dieſes könig⸗ lichen Wohngebäudes vom Pferde und kündigte den . 8 226 ich ſei ſehr jung; ich bin älter als ſie, obgleich ich nicht ihre Weisheit beſitze.“ „Wie ſo, mein Herr?“ ſprach Mazarin,„ich ver⸗ ſtehe Euch nicht.“ „Monſeigneur, die Leidensjahre zählen doppelt, und ich leide ſeit zwanzig Jahren.“ „Ah, ja, ich begreife,“ ſagte Mazarin;„Ihr habt kein Vermögen, nicht wahr, Ihr ſeid arm?“ Dann fügte er in ſeinem Innern bei:„Dieſe eng⸗ e Revolutionäre ſind lauter Bettler und Bauern⸗ rle „Monſeigneur, ich ſollte eines Tags ein Vermögen von ſechs Millionen beſitzen, aber man hat es mir ge⸗ nommen.“** „Ihr ſeid alſo kein Mann aus dem Volke?“ fragte Mazarin erſtaunt. „Würde ich meinen Titel führen, ſo wäre ich Lord, würde ich meinen Namen führen, ſo hättet Ihr einen der erhabenſten Namen Englands gehört.“ „Wie heißt Ihr denn?“ „Ich heiße Herr Mordaunt,“ ſprach der junge Mann ſich verbeugend. Mazarin begriff, daß der Abgeſandte von Crom⸗ well ſein Incognito zu bewahren wünſchte. Er ſchwieg einen Augenblick, aber während dieſes Augenblicks ſchaute er ihn mit noch größerer Aufmerk⸗ ſamkeit an, als er es das erſte Mal gethan hatte. Der junge Mann blieb völlig kalt und unem⸗ pfindlich. Zum Teufel mit dieſen Puritanern!“ ſagte Ma⸗ zarin ganz leiſe;„ſie ſind aus Marmor gehauen.“ Und ganz laut fügte er bei: „Aber Ihr habt noch Verwandte?“ „Ja, einen, Monſeigneur.“ „Er wird Euch unterſtützen.“ „Ich habe mich dreimal zu ihm begeben, um ihn 6 1 —— ———— — O—*—— — ——— — 223 Wachen an, er habe dem Cardinal Mazarin etwas Wichtiges mitzutheilen. Obgleich der Cardinal oft Furcht hatte, ſo war er doch ziemlich zugänglich, denn er bedurfte noch viel öfter des Rathes und der Auskunft. Man fand nicht an der erſten Thüre die wahre Schwierigkeit, ſelbſt die zweite öffnete ſich leicht; aber an der dritten wachte außer ſeiner Garde und den Huiſſters der getreue Ber⸗ nouin, der Cerberus, den kein Wort zu biegen, kein Stab, und wäre er von Gold geweſen, zu bezaubern vermochte. An der dritten Thüre mußte alſo derjenige, wel⸗ cher um eine Audienz bat oder dieſe forderte, ſich einem förmlichen Verhöre unterziehen. Der Reiter ließ ſein Pferd an einem Gitter im Hofe gebunden, ſtieg die große Treppe hinauf und ſagte, ſich an die Wachen im erſten Saale wendend: „Der Herr Cardinal Mazarin?“ „Geht weiter!“ antworteten die Wachen, ohne aufzuſchauen; die Einen beugten ſich über ihre Karten, die Andern über ihre Würfel, und ſie waren insge⸗ ſammt darüͤber erfreut, daß ſie zu verſtehen geben nunten⸗ ſte hätten nicht den Dienſt der Lackeien zu un. Der Reiter trat in den zweiten Saal. Dieſer war von den Musketieren und den Huiſſiers bewacht. Er wiederholte ſeine Bitte. „Ihr habt einen Audienzbrief?“ fragte ein Huiſ⸗ ſter ihm entgegentretend. „Ich habe einen, aber nicht von dem Cardinal von Mazarin.“ „Geht hinein und fragt Herrn Bernouin, ſprach der Huiſſier. Und er öffnete die Thüre des dritten Zimmers. Mag es Zufall ſein, mag er ſich auf ſeinem ge⸗ wöhnlichen Poſten befunden haben, Bernonin hinter dieſer Thüre und hatte Alles gehört. 227 um ſeine Unterſtützung zu bitten, und dreimal ließ er mich durch ſeine Bedienten fortjagen.“ „Oh, mein Gott, mein lieber Herr Mordaunt,“ ſprach Mazarin in der Hoffnung, ihn durch ſein fal⸗ ſches Mitleid in irgend eine Falle zu bringen;„mein Gott, Eure Erzählung intereſſirt mich ſehr. Ihr kennt alſo Eure Geburt nicht?“ „Ich kenne ſie erſt ſeit kurzer Zeit.“ „Und bis zu dem Augenblick, wo Ihr ſie kennen lerntet?“ „Betrachtete ich mich als ein verlaſſenes Kind.“ „Ihr habt alſo Eure Mutter nie geſehen?“ „Doch wohl, Monſeigneur. Als ich noch ein klei⸗ nes Kind war, kam ſie dreimal zu meiner Amme. Ihrer düſtern Erſcheinung erinnere ich mich, als ob es heute wäre.“ „Ihr habt ein gutes Gedächtniß,“ ſprach Mazarin. „O ja, Monſeigneur,“ antwortete der junge Mann mit einer ſo ſeltſamen Betonung, daß dem Cardinal ein Schauer durch die Adern lief. „Und wer hat Euch aufgezogen?“ „Eine franzöſiſche Amme, die mich fortſchickte, als ich fünf Jahre alt war, weil ſie Niemand mehr be⸗ zahlte. Sie nannte mir den Verwandten, von dem meine Mutter oft mit mir geſprochen hatte.“ „Was wurde dann aus Euch?“ „Da ich auf der Landſtraße weinte und bettelte, nahm mich ein Pfarrer von Kingston auf, unterrichtete mich in der calviniſchen Religion, ertheilte mir die ganze Wiſſenſchaft, die er ſelbſt beſaß, und unterſtützte mich in meinen Nachforſchungen nach meiner Familie.“ „Und dieſe Nachforſchungen?“ „Blieben fruchtlos; der Zufall that Alles.“ „Ihr entdecktet, was das Schickſal Eurer Mutter geweſen war?“ „Ich erfuhr, daß ſie dieſer Verwandte mit Hülfe von vier Freunden ermordet hatte. Aber ich wußte 224 „Ihr ſucht mich, mein Herr?“ ſprach er.„Von wem iſt der Brief, den Ihr Seiner Eminenz bringt? „Vom General Oliver Cromwell,“ antwortete der Reiter.„Wollt dieſen Namen Seiner Eminenz ſagen, und mir dann eröffnen, ob Monſeigneur mich empfangen will, oder nicht.“ J Und er verharrte in der düſteren, ſtolzen, den Pu⸗ ritanern eigenthümlichen Haltung. . Nachdem Bernouin den jungen Mann von oben bis unten mit einem forſchenden Blicke angeſchaut hatte, ging er in das Cabinet des Cardinals, dem er die Worte des Boten überbrachte. „Ein Menſch, der einen Brief von Oliver Crom⸗ wel bringt? ſagte Mazarin,„und was für ein Menſch iſt es?“ „Ein wahrer Engländer, Monſeigneur. Haare blond, roth, mehr roth als blond; Augen grau, blau, mehe grau als blau. Im Uebrigen Stolz und Steif⸗ ei. h„Laß Dir den Brief von ihm geben.“ „Monſeigneur verlangt den Brief,“ ſprach Ber⸗ nouin, aus dem Cabinet wieder in das Vorzimmer tretend. „Monſeigneur wird den Brief nicht ohne den Trä⸗ ger ſehen,“ antwortete der junge Mann;„aber um Euch zu überzeugen, daß ich wirklich der Träger eines Briefes bin, ſchaut, hier iſt er.“ Bernonin betrachtete das Siegel, und als er ſah, daß der Brief vom General Oliver Cromwell kam, ſchickte er ſich an, zu Mazarin zurückzukehren. „Fügt bei,“ ſagte der junge Mann,„daß ich nicht ein gewöhnlicher Bote, ſondern ein außerordentlicher Geſandter bin.“ Bernouin kehrte in das Cabinet zurück und kam nach einigen Secunden wieder heraus. „Tretet ein, mein Herr,“ ſagte er, die Thüre offen haltend.“— 228 bereits, daß ich des Adels verluſtig war und daß mich der König Karl I. aller meiner Güter beraubt hatte.“ „Ah, ich begreife jetzt, warum Ihr Herrn Crom⸗ well dient. Ihr haßt den König?“ „Ja, Monſeigneur, ich haſſe ihn,“ antwortete der junge Mann. Mazarin gewahrte mit Erſtaunen den teufliſchen Ausdruck, mit dem der junge Mann dieſe Worte ſprach; während ſich die gewöhnlichen Geſichter mit Blut fär⸗ ben, färbte ſich ſein Geſicht mit Galle und wurde lei⸗ chenblaß. „Eure Geſchichte iſt furchtbar, Herr Mordaunt, und rührt mich im höchſten Maße; aber zu Eurem Glücke dient Ihr einem allmächtigen Herrn; er muß Euch in Euren Nachforſchungen unterſtützen.“ „Monſeigneur, einem guten Racehunde muß man nur das eine Ende einer Fährte zeigen, damit er ſicher zu dem andern gelangt.“ „Aber der Verwandte, deſſen Ihr erwähnt habt, wollt Ihr, daß ich mit ihm ſpreche?“ fragte Mazarin, dem daran lag, ſich einen Freund bei Cromwell zu machen. „Ich danke, Monſeigneur, ich werde ſelbſt mit ihm ſprechen.“ „Sagtet Ihr mir nicht, er habe Euch mißhandelt?“ „Das erſte Mal, wo ich ihn nun ſehe, wird er mich beſſer behandeln.“ „Ihr habt alſo ein Mittel, ihn zu erweichen?“ „Ich habe ein Mittel, mich gefürchtet zu machen.“ Mazarin ſchaute den jungen Mann an, aber bei dem Blitze, der aus ſeinen Augen zuckte, ſenkte er den Kopf undöffnete, verlegen, dieſes Geſpräch fortzuſetzen, den Brief von Cromwell. Allmälig wurden die Augen des jungen Mannes wieder matt, glaſig, wie gewöhnlich, und er verſank in eine tiefe Träumerei. Nachdem Mazarin die erſten Zeilen geleſen hatte, wagte er es, verſtohlen zu ſchauen, — e—— 3„—— — c———— e——— 3—————— . „ 225 Mazarin bedurfte alles dieſes Hin⸗ und Hergehens, um die Aufregung einigermaßen zu beſchwichtigen, die ihm die Ankündigung dieſes Briefes verurſacht hatte. So ſcharfſichtig ſein Geiſt auch war, ſo ſuchte er doch vergebens nach dem Beweggrunde, welcher Cromwell mit ihm in Verbindung zu treten veranlaßt haben dürfte. Der junge Mann erſchien auf der Schwelle des Cabinets. Er hielt ſeinen Hut in einer Hand und den Brief in der andern. 3 Mazarin ſtand auf. „Ihr habt ein Beglaubigungsſchreiben für mich, mein Herr?“ „Hier iſt es, Monſeigneur.“ Mazarin nahm den Brief, entſiegelte ihn und las: „Herr Mordaunt, einer meiner Secretäͤre wird Seiner Eminenz, dem Cardinal Mazarin in Paris, dieſes Einführungsſchreiben überreichen. Er iſt außer⸗ dem der Ueberbringer eines vertraulichen Briefes für Seine Eminenz. Oliver Cromwell.“ „Sehr gut, Herr Mordaunt,“ ſprach Mazarin; „gebt mir den zweiten Brief und ſetzt Euch.“ Der junge Mann zog einen zweiten Brief aus ſei⸗ ner Taſche, gab ihn dem Cardinal und ſetzte ſich. Ganz in Gedanken verſunken hatte der Cardinal mittlerweile den Brief genommen und drehte denſelben, ohne ihn zu entſiegeln, in ſeiner Hand hin und her. Um aber den Boten von jeder Betrachtung abzubrin⸗ gen, fing er an, ihn ſeiner Gewohnheit gemäß zu be⸗ fragen, und ſagte, durch die Erfahrung überzeugt, daß es nur wenigen Menſchen gelang, ihm etwas zu ver⸗ bergen, wenn er zugleich fragte und anſchaute: „Ihr ſeid ſehr jung, Herr Mordaunt, für das harte Geſchäft eines Botſchafters, wobei zuweilen die älteſten Diplomaten ſcheitern.“ „Monſeigneur, ich zähle drei und zwanzig Jahre, aber Eure Eminenz täuſcht ſich, wenn ſie mir ſagt, m ei en es nk en 229 ob Mordaunt ſeine Phyſiognomie nicht beobachtete; als er ſeine Gleichgültigkeit wahrnahm, ſagte er: unmerk⸗ lich die Achſeln zuckend: „Laßt nur Eure Angelegenheiten von Leuten be⸗ ſorgen, die zugleich die ihrigen betreiben! Doch ſehen wir, was der Brief von mir will.“ Wir geben hier dieſen Brief wortgetreu. „An Seine Eminenz Monſeigneur den Cardinal Mazarini. „Ich wünſchte Eure Abſichten in Beziehung auf die gegenwärtigen Angelegenheiten von England zu kennen. Die zwei Königreiche ſind ſich zu nahe, als daß ſich Frankreich nicht mit unſerer Lage beſchäftigen ſollte, wie wir uns mit der von Frankreich beſchäfti⸗ gen. Die Engländer ſind beinahe insgeſammt einhellig für die Bekämpfung der Tyrannei von König Karl I. und ſeinen Parteigängern. Durch das öffentliche Vertrauen an die Spitze dieſer Bewegung geſtellt, weiß ich beſſer als irgend Jemand die Natur der Sache und ihre Conſequenzen zu ſchätzen. Gegenwär⸗ tig führe ich Krieg und bin im Begriffe, König Karl I. eine entſcheidende Schlacht zu liefern. Ich werde ſie gewinnen, denn die Hoffnungen der Nation und der Geiſt des Herrn ſind für mich. Iſt dieſe Schlacht gewonnen, ſo hat der König weder in Eng⸗ land noch in Schottland mehr Hülfsquellen, und wenn er nicht gefangen genommen oder getödtet wird, ver⸗ ſucht er es, nach Frankreich überzugehen, um Soldaten zu rekrutiren und ſich Waffen und Geld zu verſchaffen. Bereits hat Frankreich die Königin Henriette aufge⸗ nommen und, ohne Zweifel unwillkürlich, einen Herd des unauslöſchlichen Bürgerkrieges in meinem Lande unterhalten. Aber die Königin Henriette iſt eine Tochter von Frankreich, und Frankreich war ihr wenig⸗ ſtens Gaſtfreundſchaft ſchuldig. Was aber den König Karl betrifft, ſo nimmt die Frage ein anderes Geſicht 226 ich ſei ſehr jung; ich bin älter als ſie, obgleich ich nicht hee Meiahen Lenige „Wie ſo, mein Herr?“ ſprach Mazarin„ich ver⸗ ſtehe Euch nicht.“ ſprach 3„rich „Monſeigneur, die Leidensjahre zählen doppelt, und ich leide ſeit zwanzig Jahren.“ „Ah, ja, ich begreife,“ ſagte Mazarin;„Ihr habt kein Vermoͤgen, nicht wahr, Ihr ſeid arm?“ 3 Dann fügte er in ſeinem Innern bei:„Dieſe eng⸗ liſchen Revolutionäre ſind lauter Bettler und Bauern⸗ erle.“ „Monſeigneur, ich ſollte eines Tags ein Vermögen von ſechs Millionen beſitzen, aber man hat es mir ge⸗ nommen.“ „Ihr ſeid alſo kein Mann aus dem Volke?“ fragte Mazarin erſtaunt. „Würde ich meinen Titel führen, ſo wäre ich Lord, würde ich meinen Namen führen, ſo hättet Ihr einen der erhabenſten Namen Englands gehört.“ „Wie heißt Ihr denn?“ „Ich heiße Herr Mordaunt,“ ſprach der junge Mann ſich verbeugend. Mazarin begriff, daß der Abgeſandte von Crom⸗ well ſein Incognito zu bewahren wunſchte. Er ſchwieg einen Augenblick, aber während dieſes Augenblicks ſchaute er ihn mit noch größerer Aufmerk⸗ ſamkeit an, als er es das erſte Mal gethan hatte. Der junge Mann blieb völlig kalt und unem⸗ pfindlich. Zum Teufel mit dieſen Puritanern!“ ſagte Ma⸗ zarin ganz leiſe;„ſie ſind aus Marmor gehauen.“ und ganz laut fügte er bei: „Aber Ihr habt noch Verwandte?“ „Ja, einen, Monſeigneur.“ „Er wird Euch unterſtützen.“ 4 3 Ich habe mich dreimal zu ihm begeben, um ihn / 230 an. Empfinge und unterſtützte Frankreich den König, ſo würde es die Handlungen des engliſchen Volkes mißbilligen und England und namentlich dem Gange der Regierung ſo weſentlich ſchaden, daß ein ſolcher Zuſtand wirklichen Feindſeligkeiten gleich käme.“ In dieſem Augenblick hörte Mazarin, ſehr beun⸗ ruhigt durch die Wendung, die der Brief nahm, zu leſen auf und ſchaute den jungen Mann verſtohlen an. Er träumte immer noch. Mazarin fuhr fort: Es iſt alſo dringend, Monſeigneur, daß ich er⸗ fahre, woran ich mich in Beziehung auf die Abſichten von Frankreich zu halten habe. Die Intereſſen dieſes Königreichs und die von England ſind, obgleich in umgekehrtem Sinne gelenkt, ſich näher, als man glau⸗ ben ſollte. England bedarf der innern Ruhe, um die Vertreibung ſeines Königs zu vollenden. Frankreich bedarf dieſer Ruhe, um den Thron ſeines jungen Monarchen zu befeſtigen. Ihr habt dieſen innern Frie⸗ den ſo ſehr wie wir nöthig, dieſen Frieden, den wir durch die Energie unſerer Regierung bereits berühren. „Eure Streitigkeiten mit dem Parlament, Eure Zwiſtigkeiten mit den Prinzen, welche heute für Euch und morgen gegen Euch kämpfen, die Hartnäckigkeit des von dem Kr dem Präſidenten Blanemesnil und dem Rath Brouſſel angeführten Volkes, dieſe ganze Unordnung endlich, welche die verſchiedenen Stufen des Staates durchläuft, muß Euch mit Unruhe die Möglichkeit eines fremden Krieges betrachten laſ⸗ ſen; denn dann würde England, im höchſten Maße aufgeregt durch die neuen Ideen, ſich mit Spanien verbinden, das bereits auf eine ſolche Allianz abzielt. Bekannt mit Eurer Klugheit, Monſeigneur, und mit der ganz perſönlichen Stellung, die Euch die Ereig⸗ niſſe gegenwärtig geben, dachte ich, Ihr würdet lieber Eure Kräfte im Innern von Frankreich concentriren . —c 227 um ſeine Unterſtützung zu bitten, und dreimal ließ er mich durch ſeine Bedienten fortjagen.“ „Oh, mein Gott, mein lieber Herr Mordaunt,“ ſprach Mazarin in der Hoffnung, ihn durch ſein fal⸗ ſches Mitleid in irgend eine Falle zu bringen;„mein Gott, Eure Erzählung intereſſirt mich ſehr. Ihr kennt alſo Eure Geburt nicht?“ „Ich kenne ſie erſt ſeit kurzer Zeit.“ „Und bis zu dem Augenblick, wo Ihr ſie kennen lerntet?“ „Betrachtete ich mich als ein verlaſſenes Kind.“ „Ihr habt alſo Eure Mutter nie geſehen?“ „Doch wohl, Monſeigneur. Als ich noch ein klei⸗ nes Kind war, kam ſie dreimal zu meiner Amme. Ihrer düſtern Erſcheinung erinnere ich mich, als ob es heute wäre.“ „Ihr habt ein gutes Gedächtniß,“ ſprach Mazarin. „O ja, Monſeigneur,“ antwortete der junge Mann mit einer ſo ſeltſamen Betonung, daß dem Cardinal ein Schauer durch die Adern lief. „und wer hat Euch aufgezogen?“ „Eine franzöſiſche Amme, die mich fortſchickte, als ich fünf Jahre alt war, weil ſie Niemand mehr be⸗ zahlte. Sie nannte mir den Verwandten, von dem meine Mutter oft mit mir geſprochen hatte.“ „Was wurde dann aus Euch?“ „Da ich auf der Landſtraße weinte und bettelte, nahm mich ein Pfarrer von Kingston auf, unterrichtete mich in der calviniſchen Religion, ertheilte mir die ganze Wiſſenſchaft, die er ſelbſt beſaß, und unterſtützte mich in meinen Nachforſchungen nach meiner Familie.“ „Und dieſe Nachforſchungen?“ „Blieben fruchtlos; der Zufall that Alles.“ „Ihr entdecktet, was das Schickſal Eurer Mutter geweſen war?“ „Ich erfuhr, daß ſie dieſer Verwandte mit Hülfe von vier Freunden ermordet hatte. Aber ich wußte — — 8 231 und die neue Regierung von England den ihrigen überlaſſen. Dieſe Neutralität beſteht nun darin, daß Ihr den König Karl von dem Gebiete Frankreichs ent⸗ fernt und dieſen Eurem Lande völlig fremden König weder durch Waffen, noch durch Geld, noch durch Trup⸗ pen unterſtützt. „Mein Brief iſt alſo ganz vertraulicher Natur, und ich ſchicke Euch denſelben durch einen Mann, der mein volles Zutrauen beſitzt. Er geht in Folge eines Gefühles, das Eure Eminenz zu ſchätzen wiſſen wird, den Maßregeln voraus, die ich je nach den Ereigniſſen nehmen werde. Oliver Cromwell hat es für beſſer er⸗ achtet, mit einem verſtändigen Geiſte, wie mit dem von Mazarin zu verhandeln, als mit einer Königin von allerdings bewunderungswürdiger Feſtigkeit, welche jedoch den eitlen Vorurtheilen der Geburt und der gött⸗ lichen Gewalt unterworfen iſt. „Gott befohlen, Monſeigneur. Habe ich in vier⸗ zehn Tagen keine Antwort, ſo werde ich meinen Brief als nicht geſchehen betrachten. Oliver Cromwell.“ „Herr Mordaunt,“ ſagte der Cardinal, die Stimme erhebend, als wollte er den Träumer wecken;„meine Antwort auf dieſen Brief wird um ſo befriedigender für den General Cromwell ausfallen, je mehr ich über⸗ zeugt ſein kann, daß man nicht wiſſen wird, ich habe e gegeben. Erwartet ſie alſo in Boulogne⸗ſür⸗Mer und verſprecht mir, morgen früh abzureiſen.“ „Ich verſpreche es Euch, Monſeigneur,“ antwor⸗ tete Mordaunt;„aber wie lange wird mich Eure Ex⸗ cellenz auf dieſe Antwort warten laſſen?“ „Wenn Ihr ſie in zehn Tagen nicht erhalten habt, könnt Ihr abgehen.“ Mordaunt verbeugte ſich. „Das iſt noch nicht Alles, mein Herr,“ fuhr Ma⸗ zarin fort.„Eure perſönlichen Abenteuer haben mich lebhaft gerührt. Ueberdies macht Euch der Brief von 228 bereits, daß ich des Adels verluſtig war und daß mich der König Karl I. aller meiner Güter beraubt hatte.“ „Ah, ich begreife jetzt, warum Ihr Herrn Crom⸗ well dient. Ihr haßt den König?“ „Ja, Monſeigneur, ich haſſe ihn,“ antwortete der junge Mann. Mazarin gewahrte mit Erſtaunen den teufliſchen Ausdruck, mit dem der junge Mann dieſe Worte ſprach; während ſich die gewöhnlichen Geſichter mit Blut fär⸗ ben, färbte ſich ſein Geſicht mit Galle und wurde lei⸗ chenblaß. „Eure Geſchichte iſt furchtbar, Herr Mordaunt, und rührt mich im höchſten Maße; aber zu Eurem Glücke dient Ihr einem allmächtigen Herrn; er muß Euch in Euren Nachforſchungen unterſtützen.“ „Monſeigneur, einem guten Racehunde muß man nur das eine Ende einer Fährte zeigen, damit er ſicher zu dem andern gelangt.“ „Aber der Verwandte, deſſen Ihr erwähnt habt, wollt Ihr, daß ich mit ihm ſpreche?“ fragte Mazarin, dem daran lag, ſich einen Freund bei Cromwell zu machen. 5 „Ich danke, Monſeigneur, ich werde ſelbſt mit ihm ſprechen.“ „Sagtet Ihr mir nicht, er habe Euch mißhandelt?“ „Das erſte Mal, wo ich ihn nun ſehe, wird er mich beſſer behandeln.“ „Ihr habt alſo ein Mittel, ihn zu erweichen?“ „Ich habe ein Mittel, mich gefürchtet zu machen.“ Mazarin ſchaute den jungen Mann an, aber bei dem Blitze, der aus ſeinen Augen zuckte, ſenkte er den Kopf und öffnete, verlegen, dieſes Geſpräch fortzuſetzen, den Brief von Cromwell. Allmälig wurden die Augen des jungen Mannes wieder matt, glaſig, wie gewöhnlich, und er verſank in eine tiefe Träumerei. Nachdem Mazarin die erſten Zeilen geleſen hatte, wagte er es, verſtohlen zu ſchauen, 7 2 ͤSeen eͤ ece— 232 Cromwell in meinen Augen ſo wichtig, wie einen Vot⸗ ſchafter. Laßt hören, ich wiederhole es, was kann ich für Euch thun?“ Mordaunt überlegte einen Augenblick. Nach einem ſichtbaren Zögern war er im Begriff, den Mund zu öffnen, um zu ſprechen, als Bernouin haſtig eintrat, ſich an das Ohr des Cardinals neigte und ihm zuflüſterte: „Monſeigneur, die Königin Henriette erſcheint ſo eben in Begleitung eines engliſchen Edelmanns im Palais⸗Royal.“ Mazarin machte auf ſeinem Stuhle eine heſtige Bewegung, welche dem jungen Manne nicht entging und die vertrauliche Eröffnung zurückdrängte, die er ohne Zweifel machen wollte. „Mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„nicht wahr, Ihr habt gehört? Ich beſtimme Euch Boulogne, weil ich denke, es wird Euch jede Stadt von Frankreich gleichgültig ſein. Ziehet Ihr eine andere vor, ſo nennt dieſelbe; aber Ihr begreift leicht, daß ich, umgeben von Einflüſſen, denen ich nur durch Diseretion ent⸗ gehe, wünſchen muß, daß Eure Anweſenheit in Paris unbekannt bleibe.“ „Ich werde abreiſen, Monſeigneur,“ ſprach Mor⸗ daunt und machte einige Schritte nach der Thüre, durch die er eingetreten war. „Ich bitte Euch, nicht hier durch,“ rief der Car⸗ dinal lebhaft;„wollt durch dieſe Gallerie gehen, von wo aus Ihr das Veſtibule erreicht. Man ſoll Euch nicht ſehen; unſere Zuſammenkunft muß geheim bleiben.“ Mordaunt folgte Bernouin, der ihn in einen an⸗ ſtoßenden Saal treten ließ, wo er ihn einem Huiſſier, demſelben eine Ausgangsthüre bezeichnend, übergab. Dann kehrte er eilig zu ſeinem Herrn zurück, um die Königin Henriette einzuführen, welche bereits durch die Glasgallerie herbeikam. — 229 ob Mordaunt ſeine Phyſtognomie nicht beobachtete; als er ſeine Gleichgültigkeit wahrnahm, ſagte er: unmerk⸗ lich die Achſeln zuckend: „Laßt nur Eure Angelegenheiten von Leuten be⸗ ſorgen, die zugleich die ihrigen betreiben! Doch ſehen wir, was der Brief von mir will.“ Wir geben hier dieſen Brief wortgetreu. „An Seine Eminenz Monſeigneur den Cardinal Mazarini. „Ich wünſchte Eure Abſichten in Beziehung auf die gegenwärtigen Angelegenheiten von England zu kennen. Die zwei Königreiche ſind ſich zu nahe, als daß ſich Frankreich nicht mit unſerer Lage beſchäftigen ſollte, wie wir uns mit der von Frankreich beſchäfti⸗ gen. Die Engländer ſind beinahe insgeſammt einhellig für die Bekämpfung der Tyrannei von König Karl I. und ſeinen Parteigängern. Durch das oͤffentliche Vertrauen an die Spitze dieſer Bewegung geſtellt, weiß ich beſſer als irgend Jemand die Natur der Sache und ihre Conſequenzen zu ſchätzen. Gegenwär⸗ tig führe ich Krieg und bin im Begriffe, König Karl I. eine entſcheidende Schlacht zu liefern. Ich werde ſie gewinnen, denn die Hoffnungen der Nation und der Geiſt des Herrn ſind für mich. Iſt dieſe Schlacht gewonnen, ſo hat der König weder in Eng⸗ land noch in Schottland mehr Hülfsquellen, und wenn er nicht gefangen genommen oder getödtet wird, ver⸗ ſucht er es, nach Frankreich überzugehen, um Soldaten zu rekrutiren und ſich Waffen und Geld zu verſchaffen. Bereits hat Frankreich die Königin Henriette aufge⸗ nommen und, ohne Zweifel unwillkürlich, einen Herd des unauslöſchlichen Bürgerkrieges in meinem Lande unterhalten. Aber die Königin Henriette iſt eine Tochter von Frankreich, und Frankreich war ihr wenig⸗ ſtens Gaſtfreundſchaft ſchuldig. Was aber den König Karl betrifft, ſo nimmt die Frage ein anderes Geſicht 230 an. Empfinge und unterſtützte Frankreich den König, ſo würde es die Handlungen des engliſchen Volkes mißbilligen und England und namentlich dem Gange der Regierung ſo weſentlich ſchaden, daß ein ſolcher Zuſtand wirklichen Feindſeligkeiten gleich käme.“ In dieſem Augenblick hörte Mazarin, ſehr beun⸗ ruhigt durch die Wendung, die der Brief nahm, zu leſen auf und ſchaute den jungen Mann verſtohlen an. Er träumte immer noch. Mazarin fuhr fort: Es iſt alſo dringend, Monſeigneur, daß ich er⸗ fahre, woran ich mich in Beziehung auf die Abſichten von Frankreich zu halten habe. Die Intereſſen dieſes Königreichs und die von England ſind, obgleich in umgekehrtem Sinne gelenkt, ſich näher, als man glau⸗ ben ſollte. England bedarf der innern Ruhe, um die Vertreibung ſeines Königs zu vollenden. Frankreich bedarf dieſer Ruhe, um den Thron ſeines jungen Monarchen zu befeſtigen. Ihr habt dieſen innern Frie⸗ den ſo ſehr wie wir nöthig, dieſen Frieden, den wir durch die Energie unſerer Regierung bereits berühren. „Eure Streitigkeiten mit dem Parlament, Eure Zwiſtigkeiten mit den Prinzen, welche heute für Euch und morgen gegen Euch kämpfen, die Hartnäckigkeit des von dem Coadjutor, dem Präſidenten Blanemesnil und dem Rath Brouſſel angeführten Volkes, dieſe ganze Unordnung endlich, welche die verſchiedenen Stufen des Staates durchläuft, muß Euch mit Unruhe die Möglichkeit eines fremden Krieges betrachten laſ⸗ ſen; denn dann würde England, im höchſten Maße aufgeregt durch die neuen Ideen, ſich mit Spanien verbinden, das bereits auf eine ſolche Allianz abzielt. Bekannt mit Eurer Klugheit, Monſeigneur, und mit der ganz perſönlichen Stellung, die Euch die Ereig⸗ niſſe gegenwärtig geben, dachte ich, Ihr würdet lieber Eure Kräfte im Innern von Frankreich concentriren —————— —— SO—+——— 231 und die neue Regierung von England den ihrigen überlaſſen. Dieſe Neutralität beſteht nun darin, daß Ihr den König Karl von dem Gebiete Frankreichs ent⸗ fernt und dieſen Eurem Lande völlig fremden König weder durch Waffen, noch durch Geld, noch durch Trup⸗ pen unterſtützt. „Mein Brief iſt alſo ganz vertraulicher Natur, und ich ſchicke Euch denſelben durch einen Mann, der mein volles Zutrauen beſitzt. Er geht in Folge eines Gefühles, das Eure Eminenz zu ſchätzen wiſſen wird, den Maßregeln voraus, die ich je nach den Ereigniſſen nehmen werde. Oliver Cromwell hat es für beſſer er⸗ achtet, mit einem verſtändigen Geiſte, wie mit dem von Mazarin zu verhandeln, als mit einer Königin von allerdings bewunderungswürdiger Feſtigkeit, welche jedoch den eitlen Vorurtheilen der Geburt und der gött⸗ lichen Gewalt unterworfen iſt. „Gott befohlen, Monſeigneur. Habe ich in vier⸗ zehn Tagen keine Antwort, ſo werde ich meinen Brief als nicht geſchehen betrachten. Oliver Cromwell.“ „Herr Mordaunt,“ ſagte der Cardinal, die Stimme erhebend, als wollte er den Träumer wecken;„meine Antwort auf dieſen Brief wird um ſo befriedigender für den General Cromwell ausfallen, je mehr ich über⸗ zeugt ſein kann, daß man nicht wiſſen wird, ich habe e gegeben. Erwartet ſie alſo in Boulogne⸗für⸗Mer und verſprecht mir, morgen früh abzureiſen.“ „Ich verſpreche es Euch, Monſeigneur,“ antwor⸗ tete Mordaunt;„aber wie lange wird mich Eure Er⸗ cellenz auf dieſe Antwort warten laſſen?“. „Wenn Ihr ſie in zehn Tagen nicht erhalten habt, könnt Ihr abgehen.“* Mordaunt verbeugte ſich. „Das iſt noch nicht Alles, mein Herr,“ fuhr Ma⸗ zarin fort.„Eure perſönlichen Abenteuer haben mich lebhaft gerührt. Ueberdies macht Euch der Brief von 232 Cromwell in meinen Augen ſo wichtig, wie einen Bot⸗ ſchafter. Laßt hören, ich wiederhole es, was kann ich für Euch thun?“ 1 Mordaunt überlegte einen Augenblick. Nach einem ſichtbaren Zögern war er im Begriff, den Mund zu öffnen, um zu ſprechen, als Bernouin haſtig eintrat, ſich an das Ohr des Cardinals neigte und ihm zuflüſterte: „Monſeigneur, die Königin Henriette erſcheint ſo eben in Begleitung eines engliſchen Edelmanns im Palais⸗Royal.“ Mazarin machte auf ſeinem Stuhle eine heſtige Bewegung, welche dem jungen Manne nicht entging und die vertrauliche Eröffnung zurückdrängte, die er ohne Zweifel machen wollte. „Mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„nicht wahr, Ihr habt gehört? Ich beſtimme Euch Boulogne, weil ich denke, es wird Euch jede Stadt von Frankreich gleichgültig ſein. Ziehet Ihr eine andere vor, ſo nennt dieſelbe; aber Ihr begreift leicht, daß ich, umgeben von Einflüſſen, denen ich nur durch Discretion ent⸗ gehe, wünſchen muß, daß Eure Anweſenheit in Paris unbekannt bleibe.“ „Ich werde abreiſen, Monſeigneur,“ ſprach Mor⸗ daunt und machte einige Schrikte nach der Thüre, durch die er eingetreten war.„ „Ich bitte Euch, nicht hier durch,“ rief der Car⸗ dinal lebhaft;„wollt durch dieſe Gallerie gehen, von wo aus Ihr das Veſtibule erreicht. Man ſoll Euch nicht ſehen; unſere Zuſammenkunft muß geheim bleiben.“ Mordaunt folgte Bernouin, der ihn in einen an⸗ ſtoßenden Saal treten ließ, wo er ihn einem Huiſſier, demſelben eine Ausgangsthüre bezeichnend, übergab. Dann kehrte er eilig zu ſeinem Herrn zurück, um die Königin Henriette einzuführen, welche bereits durch die Glasgallerie herbeikam.