1 5— ———-—y —— — ——= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Cduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Wr. 50 Pf. 2 Te.— Pf. „3 6 6 5*—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekdſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 —— — Saͤmmtliche Werke von Alexrandre Dumas. Deutſch von Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhand 1845. Zwanzig Jahre nachher. Fortſetzung der Drei Musketiere. Von Alerandre Pnmas. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. Erſtes bis drittes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Zwanzig Jahre nachher. Fortſetzung Drei Musketiere. Von Alerandre Dumas. Nach dem Franzöͤſiſchen von Auguſt Zoller. Erſtes bis drittes Bändchen. 1 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Dudhandinn 1845. 1. Das Geſpenſt von Richelieu. In einem Zimmer des uns bereits bekannten Pa⸗ lais Cardinal ſaß an einem mit Papieren und Büchern beladenen Tiſche mit Ecken von Vermeil ein Mann, den Kopf in ſeine zwei Hände geſtützt. Hinter ihm war ein weiter Kamin, roth von einem Feuer, deſſen Brände auf großen vergoldeten Feuer⸗ böcken zuſammenſanken. Der Glanz der Flammen be⸗ leuchtete von hinten das prachtvolle Gewand dieſes Träu⸗ mers, den das Licht eines mit Kerzen beladenen Can⸗ delabers von vorne beſtrahlte. Beim Anblick dieſer rothen Simarre und dieſer reichen Spitzen, dieſer bleichen, unter dem Nachſinnen gebeugten Stirne, der Einſamkeit dieſes Cabinets, bei der Stille in den Vorzimmern und dem abgemeſſenen Tritte der Wachen auf der Flur, hätte man glauben können, der Schatten des Cardinal von Richelieu weile noch in dieſem Gemach. Ach! es war allerdings nur der Schatten des großen Mannes. Das geſchwächte Frankreich, das ge⸗ ſunkene Anſehen des Königs, die enkkräfteten oder auf⸗ rühreriſchen Großen, der Feind, welcher die Gränzen des Landes überſchritten hatte, Alles bewies, daß Ri⸗ chelien nicht mehr war. Was aber noch mehr zum Beweiſe diente, als Alles dieß, daß die rothe Simarre keineswegs die des alten Cardinals ſein konnte, das war dieſe Vereinze⸗ — lung, welche, wie geſagt, mehr die eines Geſpenſtes, als eines Lebendigen zu ſein ſchien, das waren die von Höflingen leeren Fluren, die von Wachen vollen Höfe, das war das ſpöttiſche Gefühl, welches von der Straße heraufkam und durch die Scheiben dieſes von dem Hauche einer ganzen gegen den Miniſter verbundenen Stadt erſchütterten Zimmers drang; das war endlich das ent⸗ fernte und unabläſſig erneute Geräuſch von Schüſſen, welche zwecklos und erfolglos abgefenert wurden, nur um den Garden, den Schweizern, den Musketieren und den Soldaten, welche das Palais Royal umga⸗ ben, denn das Palais Cardinal hatte ſelbſt ſeinen Namen verändert, zu zeigen, daß das Volk auch Waf⸗ fen beſitze. Dieſes Geſpenſt von Richelien war Mazarin. Mazarin aber war allein und fühlte ſich ſchwach. „Fremder!“ murmelte er,„Italiener! das iſt ihr großes Wort. Mit dieſem Worte haben ſie Coneini er⸗ mordet, aufgehängt, verſchlungen. Und wenn ich ſie machen ließe, würden ſie mich ermorden, hängen, ver⸗ ſchlingen, wie Jenen, obgleich ich ihnen nie etwas anderes Böſes zugefügt habe, als daß ich ein wenig Geld auspreßte. Die Dummköpfe, ſie fühlen nicht, daß ihr Feind nicht dieſer Italiener iſt, der ſchlecht Franzöſiſch ſpricht, ſondern vielmehr diejenigen, welche das Talent haben, ihre ſchönen Worte mit einem ſo reinen und guten Pariſer Accent vorzubringen.“ „Ja, ja,“ fuhr der Miniſter mit ſeinem feinen Lächeln fort, welches dießmal ſeltſam auf ſeinen bleichen Lippen erſchien,„ja, Euer Geſchrei ſagt mir, daß das Geſchick der Günſtlinge precär iſt. Aber wenn Ihr dieß wißt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, daß ich kein gewöhnlicher Günſtling bin! Der Graf von Eſſer beſaß einen glänzen⸗ den, mit Diamanten verzierten Ring, den ihm ſeine königliche Geliebte geſchenkt hatte. Ich beſitze einen einfachen Ring mit einer Chiffre und einem Datum, aber dieſer Ring iſt in der Kapelle des Palais Royal —————— ——e I. Das Geſpenſt von Kichelieu. In einem Zimmer des uns bereits bekannten Pa⸗ lais Cardinal ſaß an einem mit Papieren und Büchern beladenen Tiſche mit Ecken von Vermeil ein Mann, den Kopf in ſeine zwei Hände geſtützt. Hinter ihm war ein weiter Kamin, roth von einem Feuer, deſſen Brände auf großen vergoldeten Feuer⸗ böcken zuſammenſanken. Der Glanz der Flammen be⸗ leuchtete von hinten das prachtvolle Gewand dieſes Traͤu⸗ mers, den das Licht eines mit Kerzen beladenen Can⸗ delabers von vorne beſtrahlte. Beim Anblick dieſer rothen Simarre und dieſer reichen Spitzen, dieſer bleichen, unter dem Nachſinnen gebeugten Stirne, der Einſamkeit dieſes Cabinets, bei ¹ der Stille in den Vorzimmern und dem abgemeſſenen Tritte der Wachen auf der Flur, hätte man glauben können, der Schatten des Cardinal von Richelieu weile noch in dieſem Gemach. Ach! es war allerdings nur der Schatten des großen Mannes. Das geſchwächte Frankreich, das ge⸗ ſunkene Anſehen des Königs, die entkräfteten oder auf⸗ rühreriſchen Großen, der Feind, welcher die Gränzen des Landes überſchritten hatte, Alles bewies, daß Ri⸗ chelieu nicht mehr war.“ Was aber noch mehr zum Beweiſe diente, als Alles dieß, daß die rothe Simarre keineswegs die des alten Cardinals ſein konnte, das war dieſe Vereinze⸗ — —— Heſterreich geheirathet hatte. geſegnet wordenz*) ich werde auch nicht nach ihrem Belieben untergehen. Sie bemerken nicht, daß ich ſie mit ihrem ewigen Heſchrei:„Nieder mit Mazarin!“ bald;„es lebe Herr on Beaufort!“ bald:„s lebe der Herr Prinz!“ bald:„es lebe das Parlament!“ ſchreien laſſe. Nun wohl, Herr von Beaufort iſt in Vincennes, der Herr Prinz wird demnächſt zu ihm kommen, und das Parlament...“ Hier nahm das Lächeln des Cardinals einen Aus⸗ druck des Haſſes an, deſſen ſein ſanftes Geſicht unfähig zu ſein ſchien..„Und das Parlament.. wir werden ſehen, was wir damit machenz wir haben Orleans und Montargis! O, ich werde Zeit darauf verwenden, aber diejenigen, welche damit angefangen haben, daß ſie:„Nieder mit Mazarin!“ ſchrieen, werden mit dem Geſchrei:„Nieder mit allen dieſen Leuten!“ endigen; jeder der Reihe nach. „Richelieu, den ſie haßten, ſo lange er lebte, und von dem ſie beſtändig ſprechen, ſeit er todt iſt, war niedriger als ich, denn er iſt oft fortgejagt worden, und hat noch öfter befürchtet, fortgejagt zu werden. Die Königin wird mich nie fortjagen, und wenn ich gezwungen werde, den Folgen zu weichen, ſo wird ſie mit mir weichen; wenn ich fliehe, ſo flieht ſie mit mir, und wir werden dann ſehen, was die Rebellen ohne ihren König und ihre Königin ſind. „Oh! wenn ich nur kein Fremder, wenn ich nur Franzoſe, wenn ich nur Edelmann wäre!“ Und er verſank wieder in ſeine Träumerei. Die Lage war allerdings ſchwierig, und der ſo eben abgelaufene Tag hatte ſie noch mehr verwickelt. Beſtändig von ſeinem ſchmutzigen Geize angeſtachelt, drückte Mazarin das Volk mit Steuern zu Boden, und *) Man weiß, daß Mazarin, welcher keine von den Weihen erhalten hatte, welche die Verehelichung verbieten, Anng von als eines Lebendigen zu ſein ſchien, das waren die von Hpoöflingen leeren Fluren, die von Wachen vollen Höfe, das war das ſpöttiſche Gefühl, welches von der Straße heraufkam und durch die Scheiben dieſes von dem Hauche einer ganzen gegen den Miniſter verbundenen Stadt erſchütterten Zimmers drang; das war endlich das ent⸗ fernte und unabläſſig erneute Geräuſch von Schüſſen, welche zwecklos und erfolglos abgefeuert wurden, nur um den Garden, den Schweizern, den Musketieren und den Soldaten, welche das Palais Royal umga⸗ ben, denn das Palais Cardinal hatte ſelbſt ſeinen Namen verändert, zu zeigen, daß das Volk auch Waf⸗ fen beſitze. Dieſes Geſpenſt von Richelieu war Mazarin. Mazarin aber war allein und fühlte ſich ſchwach. „Fremder!“ murmelte er,„Italiener! das iſt ihr großes Wort. Mit dieſem Worte haben ſie Concini er⸗ mordet, aufgehängt, verſchlungen. Und wenn ich ſie machen ließe, würden ſie mich ermorden, hängen, ver⸗ ſchlingen, wie Jenen, obgleich ich ihnen nie etwas anderes Böſes zugefügt habe, als daß ich ein wenig Geld auspreßte. Die Dummköpfe, ſie fühlen nicht, daß ihr Feind nicht dieſer Italiener iſt, der ſchlecht Franzöſiſch ſpricht, ſondern vielmehr diejenigen, welche das Talent haben, ihre ſchönen Worte mit einem ſo reinen und guten Pariſer Accent vorzubringen.“ .„Ja, ja,“ fuhr der Miniſter mit ſeinem feinen Lächeln fort, welches dießmal ſeltſam auf ſeinen bleichen Lippen erſchien,„ja, Euer Geſchrei ſagt mir, daß das Geſchick der Günſtlinge precär iſt. Aber wenn Ihr dieß wißt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, daß ich kein gewöhnlicher den, mit Diamanten verzierten Ring, den ihm ſeine königliche Geliebte geſchenkt hatte. Ich beſitze einen einfachen Ring mit einer Chiffre und einem Datum, aber dieſer Ring iſt in der Kapelle des Palais Royal 8 lung, welche, wie geſagt, mehr die eines Geſpenſtes, Günſtling bin! Der Graf von Eſſex beſaß einen glänzen⸗ 4 — 10 dieſes Volk, für welches er nur die Seele blieb, wie der Staatsanwalt Talon ſagte, und auch, weil man ſeine Seele nicht im Aufſtreiche verkaufen konnte, das Volk, das man mit den Lärmen von Siegen zur Ge⸗ duld bewegen wollte, und welches fand, daß die Lor⸗ beeren kein Fleiſch waren, womit man ſich ſättigen fonnte, das Volk hatte ſeit langer Zeit angefangen zu murren. Doch das war noch nicht Alles, denn wenn nur das Volk murrt, ſo hört es der Hof nicht, da er durch die Bürgerſchaft und die Edelleute von demſelben ge⸗ trennt iſt. Aber Mazarin hatte die Unklugheit gehabt, ſich an den Beamten zu vergreifen! Er hatte zwölf Requetmeiſter⸗Patente verkauft, und da dieſe Beam⸗ ten ihre Stellen ſehr theuer bezahlten und die Beiord⸗ nung dieſer zwölf neuen Collegen den Preis finken machen mußte, ſo vereinigten ſie ſich und ſchwuren auf das Evangelium, dieſe Vermehrung nicht zu dulden und allen Verfolgungen des Hofes zu widerſtehen, mit dem gegenſeitigen Verſprechen, falls einer von ihnen durch dieſe Rebellion ſeine Stelle verlieren würde, ihm gemeinſchaftlich den Preis derſelben zurückzuzahlen. Man höre, was auf dieſen beiden Seiten vor⸗ gefallen war. Am 7. Januar hatten ſich ſieben⸗ bis achthundert Kaufleute von Paris verſammelt und ſich gegen eine neue Steuer erhoben, die man den Hausbeſitzern auf⸗ legen wollte. Sie hatten ſodann zehn von ihnen ab⸗ geordnet, um in ihrem Namen mit dem Herzog von Orleans zu ſprechen, der ſeiner alten Gewohnheit gemäß den Populären ſpielte. Der Herzog von Orleans em⸗ pfing ſie, und ſie erklärten ihm, ſie wären entſchloſſen, dieſe neue Steuer nicht zu bezahlen, und müßten ſie ſich mit bewaffneter Hand gegen die Leute des Königs ver⸗ theidigen, welche zum Eintreiben Ferſelben erſcheinen würden. Der Herzog von Orleans hörte ſie mit großer Leutſeligkeit an, gab ihnen Hoffnung auf einige Ermä⸗ w 9 geſegnet worden;*) ich werde auch nicht nach ihrem Belieben untergehen. Sie bemerken nicht, daß ich ſte mit ihrem ewigen Geſchrei:„Nieder mit Mazarin!“ bald:„es lebe Herr von Beaufort!“ bald:„es lebe der Herr Prinz!“ bald:„es lebe das Parlament!“ ſchreien laſſe. Nun wohl, Herr von Beaufort iſt in Vincennes, der Herr Prinz wird demnächſt zu ihm kommen, und das Parlament. Hier nahm das Lächeln des Cardinals einen Aus⸗ druck des Haſſes an, deſſen ſein ſanftes Geſicht unfähig zu ſein ſchien...„Und das Parlament. wir werden ſehen, was wir damit machen; wir haben S Orleans und Montargis! O, ich werde Zeit darauf verwenden, aber diejenigen, welche damit angefangen haben, daß ſie:„Nieder mit Mazarin!“ ſchrieen, werden mit dem Geſchrei:„Nieder mit allen dieſen Leuten!“ endigen; jeder der Reihe nach. „Richelieu, den ſie haßten, ſo lange er lebte, und von dem ſie beſtändig ſprechen, ſeit er todt iſt, war niedriger als ich, denn er iſt oft fortgejagt worden, und hat noch öfter befürchtet, fortgejagt zu werden. Die Königin wird mich nie fortjagen, und wenn ich gezwungen werde, den Folgen zu weichen, ſo wird ſie mit mir weichen; wenn ich fliehe, ſo flieht ſie mit mir, und wir werden dann ſehen, was die Rebellen ohne ihren Sönig und ihre Königin ſind. „Oh! wenn ich nur kein Fremder, wenn ich nur Franzoſe, wenn ich nur Edelmann wäre!“ Und er verſank wieder in ſeine Träumerei. Die Lage war allerdings ſchwierig, und der ſo eben abgelaufene Tag hatte ſie noch mehr verwickelt. Beſtändig von ſeinem ſchmutzigen Geize angeſtachelt, drückte Mazarin das Volk mit Steuern zu Boden, und *) Man weiß, daß Mazarin, welcher keine von den Weihen erhalten hatte, welche die Verehelichung verbjeten, Anna von Heſterreig geheirathet hatte. — — ₰ 11 ßigung, verſprach ihnen, mit der Königin zu reden, und entließ ſie mit dem gewöhnlichen Worte der Fürſten: „Man wird ſehen!“ Am 9. ſuchten die Requetmeiſter den Cardinal auf, und einer von ihnen, der das Wort für die andern führte, ſprach mit ſolcher Feſtigkeit und Kühnheit, daß der Cardinal ganz erſtaunt darüber war. Er entließ ſie auch, indem er wie der Herzog von Orleans ſagte, man würde ſehen. Um zu ſehen, verſammelte man ſodann den Rath und ſchickte nach dem Oberintendanten der Finanzen d'Emery. Dieſer d'Emery wurde ſehr verabſcheut von dem Volke, einmal, weil er Oberintendant der Finanzen war und weil jeder Oberintendant der Finanzen ver⸗ abſcheut ſein muß, und dann, was nicht geleugnet wer⸗ den kann, weil er es einigermaßen zu ſein verdiente. Er war der Sohn eines Banquiers in Lyon, welcher Particelli hieß und ſeinen Namen in Folge eines Ban⸗ ferottes in den Namen d'Emery verwandelte.*) Der Cardinal von Richelieu, der in ihm ein großes Finanz⸗ männsVerdienſt erkannte, hatte ihn dem König Lud⸗ wig XIII. unter dem Namen Herr d'Emery vorgeſchla⸗ gen, und da er ihn zum Intendanten der Finanzen er⸗ nennen laſſen wollte, viel Gutes von ihm geſprochen. „Ah, deſto beſſer, erwiederte damals der König, „es freut mich, daß Ihr mir Herrn d'Emery für dieſe Stelle nennt, welche einen ehrlichen Mann braucht. Man hatte mir gefagt, Ihr wolltet dieſen Schurken von Particelli dazu befördern, und ich befürchtete, Ihr würdet mich zwingen, ihn zu nehmen.“ „Ah, Sire,“ antwortete der Cardinal,„Eure *) Was den Bern Staatsanwalt Omer Talon nicht abhält, ihn nach der Gewohnheit der Zeit, die fremden Namen franzoſiſch zu machen, Herr Particelle zu nennen. * 10 dieſes Volk, für welches er nur die Seele blieb, wie der Staatsanwalt Talon ſagte, und auch, weil man ſeine Seele nicht im Aufſtreiche verkaufen konnte, das Volk, das man mit den Lärmen von Siegen zur Ge⸗ duld bewegen wollte, und welches fand, daß die Lor⸗ beeren kein Fleiſch waren, womit man ſich ſättigen konnte, das Volk hatte ſeit langer Zeit angefangen zu 3 murren. Doch das war noch nicht Alles, denn wenn nur das Volk murrt, ſo hört es der Hof nicht, da er durch die Bürgerſchaft und die Edelleute von demſelben ge⸗ trennt iſt. Aber Mazarin hatte die Unklugheit gehabt, ſich an den Beamten zu vergreifen! Er hatte zwölf Requetmeiſter⸗Patente verkauft, und da dieſe Beam⸗ ten ihre Stellen ſehr theuer bezahlten und die Beiord⸗ nung dieſer zwölf neuen Collegen den Preis ſinken machen mußte, ſo vereinigten ſie ſich und ſchwuren auf das Evangelium, dieſe Vermehrung nicht zu dulden und allen Verfolgungen des Hofes zu widerſtehen, mit dem gegenſeitigen Verſprechen, falls einer von ihnen durch dieſe Rebellion ſeine Stelle verlieren würde, ihm gemeinſchaftlich den Preis derſelben zurückzuzahlen. Man höre, was auf dieſen beiden Seiten vor⸗ gefallen war. Am 7. Januar hatten ſich ſieben⸗ bis achthundert Kaufleute von Paris verſammelt und ſich gegen eine neue Steuer erhoben, die man den Hausbeſitzern auf⸗ legen wollte. Sie hatten ſodann zehn von ihnen ab⸗ geordnet, um in ihrem Namen mit dem Herzog von Orleans zu ſprechen, der ſeiner alten Gewohnheit gemäß den Populären ſpielte. Der Herzog von Orleans em⸗ pfing ſie, und ſie erklärten ihm, ſie wären entſchloſſen, dieſe neue Steuer nicht zu bezahlen, und müßten ſie ſich mit bewaffneter Hand gegen die Leute des Königs ver⸗ — theidigen, welche zum Eintreiben d rſelben erſcheinen würden. Der Herzog von Orleans hörte ſte mit großer Leutſeligkeit an, gab ihnen Hoffnung auf einige Ermä⸗ 12 Majeſtät mag ſich beruhigen, den Particelle, von dem ſie ſpricht, hat man gehängt.“ „Deſto beſſer,“ ſprach der König,„nicht umſonſt hat man mich Ludwig den Gerechten genannt.“ Und er unterzeichnete die Ernennung von d'Emery. Es war derſelbe d'Emery, den man zum Ober⸗ intendanten der Finanzen gemacht hatte. Man hatte vom Rathe aus nach ihm geſchickt. Er lief ganz bleich und beſtürzt herbei und ſagte, ſein Sohn wäre beinahe an demſelben Tage auf der Place du Palais ermordet worden. Das Volk war ihm ent⸗ gegengetreten und hatte ihm den Lurus ſeiner Frau vorgeworfen, welche ein mit rothem Sammet und gol⸗ denen Crepinen austapezirtes Zimmer beſaß. Sie war die Tochter von Nicvlas Lecamus, dem Sekretär des Königs im Jahr 1617, der mit zwanzig Livres nach Paris gekommen war, und, während er ſich vierzig⸗ tauſend Livres Renten vorbehielt, neun Millionen unter ſeine Kinder vertheilt hatte. Der Sohn von d'Emerh war beinahe erſtickt wor⸗ den. Einer von den Meuterern machte nämlich den Vorſchlag, ihn zu preſſen, bis er das Gold, welches er verſchlungen, zurückgegeben hätte. Der Rath ent⸗ ſchied an dieſem Tage Nichts, denn der Oberintendant war zu ſehr von dieſem Ereigniß ergriffen, um den Kopf frei zu haben. Am andern Tage wurde der erſte Präſident, Ma⸗ thien Molé, deſſen Muth bei allen dieſen Angelegen⸗ heiten, ſagt der Cardinal von Retz, dem des Herrn Herzogs von Beaufort und dem des Herrn Prinzen von Condé, das heißt der zwei Männer gleich kam, welche für die Bravſten von Frankreich galten, am andern Tage, ſagen wir, wurde der erſte Präſident ebenfalls angegriffen. Das Volk drohte ihm, ſich an ſeine Per⸗ ſon wegen des Schlimmen zu halten, das man ihm zufügen wollte; aber der erſte Präſident antwortete mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe, ohne zu ſtaunen oder ſich zu 11 ßigung, verſprach ihnen, mit der Königin zu reden, und entließ ſie mit dem gewöhnlichen Worte der Fürſten: „Man wird ſehen!“ Am 9. ſuchten die Requetmeiſter den Cardinal auf, und einer von ihnen, der das Wort für die andern führte, ſprach mit ſolcher Feſtigkeit und Kühnheit, daß der Cardinal ganz erſtaunt darüber war. Er entließ ſie auch, indem er wie der Herzog von Orleans ſagte, man würde ſehen. Um zu ſehen, verſammelte man ſodann den Rath und ſchickte nach dem Oberintendanten der Finanzen d'Emery. Dieſer d'Emery wurde ſehr verabſchent von dem Volke, einmal, weil er Oberintendant der Finanzen war und weil jeder Oberintendant der Finanzen ver⸗ abſcheut ſein muß, und dann, was nicht geleugnet wer⸗ den kann, weil er es einigermaßen zu ſein verdiente. Er war der Sohn eines Banquiers in Lyon, welcher Particelli hieß und ſeinen Namen in Folge eines Ban⸗ kerottes in den Namen d'Emery verwandelte.*) Der Cardinal von Richelieu, der in ihm ein großes Finanz⸗ manns⸗Verdienſt erkannte, hatte ihn dem König Lud⸗ wig XIII. unter dem Namen Herr d'Emery vorgeſchla⸗ gen, und da er ihn zum Intendanten der Finanzen er⸗ nennen laſſen wollte, viel Gutes von ihm geſprochen. „Ah, deſto beſſer, erwiederte damals der König, „es freut mich, daß Ihr mir Herrn d'Emery für dieſe Stelle nennt, welche einen ehrlichen Mann braucht. Man hatte mir geſagt, Ihr wolltet dieſen Schurken von Particelli dazu befördern, und ich befürchtete, Ihr würdet mich zwingen, ihn zu nehmen.“ „Ah, Sire,“ antwortete der Cardinal,„Eure *⁴) Was den Herrn Staatsanwalt Omer Talon nicht abhaͤlt, ihn nach der Gerhohnheit der Zeit, die fremden Namen franzoͤſiſch zu machen, Herr Particelle zu nennen. 8 —— u S— W 5 13 1 erhitzen, wenn die Aufrührer nicht dem Willen des Königs gehorchten, ſo würde er Galgen auf den öffent⸗ lichen Plätzen errichten, um ſogleich die Meuteriſchſten unter ihnen hängen zu laſſen. Dieſe erwiederten hier⸗ auf, es wäre ihnen nichts lieber, als Galgen errichten zu ſehen, ſie würden dazu dienen, die ſchlechten Richter zu hängen, welche die Gunſt des Hofes mit dem Elend des Volkes erkauften. Das war noch nicht genug. Am 11. wurde die Königin, als ſie zu der Meſſe in Notre⸗Dame ging, was ſie regelmäßig jeden Sonnabend that, von mehr als zweihundert Frauen verfolgt, welche ſchrieen und Ge⸗ rechtigkeit forderten. Sie hatten indeſſen keine böſe Ab⸗ ſicht und wollten ſich ihr nur zu Füßen werfen, um ihr Mitleid rege zu machen. Aber die Wachen verhinderten ſie daran, und die Königin ging hochmüthig und ſtolz, ohne auf ihr Geſchrei zu hören, an ihnen vorüber. Am Nachmittag verſammelte ſich der Rath aber⸗ mals, und es wurde beſchloſſen, das Anſehen des Kö⸗ nigs aufrecht zu halten. In Folge hievon berief man das Parlament auf den nächſten Tag. An dieſem Tage, demjenigen, an deſſen Abend wir dieſe neue Geſchichke eröffnen, ließ der König, der da⸗ mals zehn Jahre alt war und kurz zuvor die Pocken gehabt hatte, unter dem Vorwande, in Notre⸗Dame ſein Dankgebet zu verrichten, ſeine Garden, ſeine Schweizer und ſeine Musketiere ausrücken, ſtellte ſie um das Palais Royal, auf den Quais und auf dem Pont Neuf auf, und begab ſich, nachdem er die Meſſe gehört hatte, in das Parlament, wo er bei einem im⸗ proviſirten Lit de Juſtice*) nicht allein ſeine früheren Ediete beſtätigte, fondern auch fünf bis ſechs neue er⸗ *²) Lit de Juſtice hieß in Frankreich ein großer Gerichtstag, welchen der Koͤnig perſoͤnlich, auf einem Throne ſitzend, im Par⸗ lament hielt. 12 Majeſtät mag ſich beruhigen, den Particelle, von dem ſie ſpricht, hat man gehängt.“ „Deſto beſſer,“ ſprach der König,„nicht umſonſt hat man mich Ludwig den Gerechten genannt.“ Und er unterzeichnete die Ernennung von d'Emery. Es war derſelbe d'Emery, den man zum Ober⸗ intendanten der Finanzen gemacht hatte. Man hatte vom Rathe aus nach ihm geſchickt. Er lief ganz bleich und beſtürzt herbei und fagte, ſein Sohn wäre beinahe an demſelben Tage auf der Place du Palais ermordet worden. Das Volk war ihm ent⸗ gegengetreten und hatte ihm den Lurus ſeiner Frau vorgeworfen, welche ein mit rothem Sammet und gol⸗ denen Crepinen austapezirtes Zimmer beſaß. Sie war die Tochter von Nicolas Lecamus, dem Sekretär des Königs im Jahr 1617, der mit zwanzig Livres nach Paris gekommen war, und, während er ſich vierzig⸗ tauſend Livres Renten vorbehielt, neun Millionen unter ſeine Kinder vertheilt hatte. Der Sohn von d'Emery war beinahe erſtickt wor⸗ den. Einer von den Meuterern machte nämlich den Vorſchlag, ihn zu preſſen, bis er das Gold, welches er verſchlungen, zurückgegeben hätte. Der Rath ent⸗ ſchied an dieſem Tage Nichts, denn der Oberintendant war zu ſehr von dieſem Ereigniß ergriffen, um den Kopf frei zu haben. Am andern Tage wurde der erſte Präſident, Ma⸗ thieu Molé, deſſen Muth bei allen dieſen Angelegen⸗ heiten, ſagt der Cardinal von Retz, dem des Herrn Herzogs von Beaufort und dem des Herrn Prinzen von Condé, das heißt der zwei Männer gleich kam, welche für die Bravſten von Frankreich galten, am andern Tage, ſagen wir, wurde der erſte Präſident ebenfalls angegriffen. Das Volk drohte ihm, ſich an ſeine Per⸗ ſon wegen des Schlimmen zu halten, das man ihm zufügen wollte; aber der erſte Präſident antwortete mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe, ohne zu ſtaunen oder ſich zu 14 ließ— eines immer verderblicher, als das andere, ſagt der Cardinal von Retz, ſo daß der erſte Präſident, der, wie man ſehen konnte, in den vorhergehenden Tagen für den Hof war, ſich dennoch kühn gegen dieſe Art und Weiſe, den König in den Palaſt zu führen, um die Stimmfreiheit zu unterdrücken, erhob. Diejenigen aber, welche ſich beſonders ſtark gegen die neuen Steuern auflehnten, waren der Präſident Blanemesnil und der Rath Bruuſſel. Nachdem dieſe Ediete erlaſſen waren, kehrte der König nach dem Palais Royal zurück. Eine große Volksmenge befand ſich auf ſeinem Wege. Da man aber wußte, daß er aus dem Parlamente kam und da es noch nicht ruchbar geworden war, ob er ſich dahin begeben hatte, um dem Volke Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen oder um daſſelbe auf's Neue zu bedrücken, ſo ertönte nicht ein Freudenruf, um ihn wegen ſeiner Wiederherſtellung zu beglückwünſchen. Alle Geſichter waren im Gegentheil düſter und unruhig, einige ſogar drohend. Trotz ſeiner Rückkehr blieben die Truppen auf dem Platze, denn man befürchtete, es würde eine Empörung ausbrechen, ſobald man das Reſultat der Parlaments⸗ ſitzung erführe, und in der That, kaum verbreitete ſich in den Straßen das Gerücht, daß der König, ſtatt die Steuern zu vermindern, dieſelben vermehrt hatte, als ſich Gruppen bildeten und von allen Seiten der Ruf erſcholl:„Nieder mit Mazarin! es lebe Brouſſel! es lebe Blaucmesnil!“ Denn das Volk wußte bereits, daß Brvuſſel und Blanemesnil zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſprochen hatten, und obgleich ihre Beredtſamkeit keinen Erfolg gehabt hatte, war es ihnen doch nicht minder dankbar. Man wollte dieſe Gruppen zerſtreuen, man wollte das Geſchrei verſtummen machen; aber wie dieß in ſolchen Fällen geſchieht, die Gruppen wurden zahl⸗ reicher und das Geſchrei verdoppelte ſich. Man hatte den 13 erhitzen, wenn die Aufrührer nicht dem Willen des Königs gehorchten, ſo würde er Galgen auf den öffent⸗ lichen Plätzen errichten, um ſogleich die Meuteriſchſten unter ihnen hängen zu laſſen. Dieſe erwiederten hier⸗ auf, es wäre ihnen nichts lieber, als Galgen errichten zu ſehen, ſie würden dazu dienen, die ſchlechten Richter zu hängen, welche die Gunſt des Hofes mit dem Elend des Volkes erkauften. Das war noch nicht genug. Am 11. wurde die Königin, als ſie zu der Meſſe in Notre⸗Dame ging, was ſie regelmaͤßig jeden Sonnabend that, von mehr als zweihundert Frauen verfolgt, welche ſchrieen und Ge⸗ rechtigkeit forderten. Sie hatten indeſſen keine böſe Ab⸗ ſicht und wollten ſich ihr nur zu Füßen werfen, um ihr Mitleid rege zu machen. Aber die Wachen verhinderten ſte daran, und die Königin ging hochmüthig und ſtolz, ohne auf ihr Geſchrei zu hören, an ihnen vorüber. Am Nachmittag verſammelte ſich der Rath aber⸗ mals, und es wurde beſchloſſen, das Anſehen des Kö⸗ nigs aufrecht zu halten. In Folge hievon berief man das Parlament auf den nächſten Tag. 3 An dieſem Tage, demjenigen, an deſſen Abend wir dieſe neue Geſchichte eröffnen, ließ der König, der da⸗ mals zehn Jahre alt war und kurz zuvor die Pocken gehabt hatte, unter dem Vorwande, in Notre⸗Dame ſein Dankgebet zu verrichten, ſeine Garden, ſeine Schweizer und ſeine Musketiere ausrücken, ſtellte ſie um das Palais Royal, auf den Quais und auf dem Pont Neuf auf, und begab ſich, nachdem er die Meſſe gehört hatte, in das Parlament, wo er bei einem im⸗ proviſirten Lit de Juſtice*) nicht allein ſeine früheren Edicte beſtätigte, ſondern auch fünf bis ſechs neue er⸗ *) Lit de Juſtice hieß in Frankreich ein großer Gerichtstag, welchen der Koußs perſoͤnlich, auf einem Throne ſitzend, im Par⸗ lament hielt. 4. 31 r, rt n nt en 15 Leibwachen des Königs und den Schweizerwachen ſo eben Befehl gegeben, nicht nur feſtzuhalten, ſondern auch in den Rues Saint⸗Denis und Saint⸗Martin Patrouillen zu machen, wo dieſe Gruppen ganz beſon⸗ ders zahlreich und aufgeregt zu ſein ſchienen, als man im Palais Royal den Prevot der Kaufleute meldete. Der Prevot wurde ſogleich eingeführt, Er kam, um zu ſagen, daß, wenn man nicht auf der Stelle dieſe feindſeligen Demonſtrationen aufgeben würde, ganz Paris in zwei Stunden unter den Waffen wäre. Man berathſchlagte, was man thun ſollte, als Comminges, Lieutenant bei den Garden, mit zerriſſe⸗ nen Kleidern und blutigem Geſichte erſchien. Sobald die Königin ihn erblickte, ſtieß ſie einen Schrei des Erſtaunens aus und fragte ihn, was er hätte. Bei dem Anblick der Garden waren die Geiſter, wie dieß der Prevot der Kaufleute vorhergeſagt hatte, völlig in Wuth gerathen. Man hatte ſich der Glocken bemächtigt und Sturm geläutet. Comminges hatte feſt gehalten, einen Mann verhaftet, der einer der Haupt⸗ aufrührer zu ſein ſchien, und, um ein Beiſpiel zu geben, befohlen, ihn an der Crvir du Trahvir auf⸗ zuhängen. Demzufolge hatten ihn die Soldaten fort⸗ geſchleppt, um dieſen Befehl auszuführen. Aber in den Hallen waren dieſe mit Steinwürfen und Helle⸗ bardenſtichen angegriffen worden. Der Rebell hakte dieſen Augenblick benützt, um zu entfliehen. Er hatte die Rue Tiquetonne erreicht und ſich in ein Haus ge⸗ worfen, deſſen Thüren man ſogleich einſtieß. Dieſe Gewaltthat war fruchtlos geweſen. Man konnte den Schuldigen nicht finden. Comminges hatte einen Poſten in der Straße gelaſſen und war mit den übrigen Soldaten ſeiner Abtheilung nach dem Palais Royal zurückgekehrt, um der Königin von dem Vorfall Meldung zu machen. Die ganze Straße entlang war er mit Geſchrei und Drohungen verfolgt worden, und man hatte mehrere von ſeinen Leuten mit Piken⸗ und ließ— eines immer verderblicher, als das andere, ſagt der Cardinal von Retz, ſo daß der erſte Präſident, der, wie man ſehen konnte, in den vorhergehenden Tagen für den Hof war, ſich dennoch kühn gegen dieſe Art und Weiſe, den König in den Palaſt zu führen, um die Stimmfreiheit zu unterdrücken, erhob. Diejenigen aber, welche ſich beſonders ſtark gegen die neuen Steuern auflehnten, waren der Präſident Blanemesnil und der Rath Brouſſel. Nachdem dieſe Ediete erlaſſen waren, kehrte der König nach dem Palais Royal zurück. Eine große Volksmenge befand ſich auf ſeinem Wege. Da man aber wußte, daß er aus dem Parlamente kam und da es noch nicht ruchbar geworden war, ob er ſich dahin begeben hatte, um dem Volke Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen oder um daſſelbe auf's Neue zu bedrücken, ſo ertönte nicht ein Freudenruf, um ihn wegen ſeiner Wiederherſtellung zu beglückwünſchen. Alle Geſichter waren im Gegentheil düſter und unruhig, einige ſogar drohend. Trotz ſeiner Rückkehr blieben die Truppen auf dem Platze, denn man befürchtete, es würde eine Empörung ausbrechen, ſobald man das Reſultat der Parlaments⸗ ſitzung erführe, und in der That, kaum verbreitele ſich in den Straßen das Gerücht, daß der König, ſtatt die Steuern zu vermindern, dieſelben vermehrt hatte, als ſich Gruppen bildeten und von allen Seiten der Ruf erſcholl:„Nieder mit Mazarin! es lebe Brouſſel! es lebe Blancmesnil!“ Denn das Volk wußte bereits, daß Brouſſel und Blanemesnil zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſprochen hatten, und obgleich ihre Beredtſamkeit keinen Brfols gehabt hatte, war es ihnen doch nicht minder dankbar. Man wollte dieſe Gruppen zerſtreuen, man wollte das Geſchrei verſtummen machen; aber wie dieß in ſolchen Fällen geſchieht, die Gruppen wurden zahl⸗ reicher und das Geſchrei verdoppelte ſich. Man hatte den ☛ ☛ ☛ d—=———„— 28 1SEA A Hellebardenſtößen verwundet. Er ſelbſt hatte einen Steinwurf an die Stirne bekommen. Die Erzählung von Comminges bekräftigte die Worte des Prevot der Kaufleute. Man war nicht im Stande, einer ernſtlichen Empörung Trotz zu bieten. Der Cardinal ließ im Volke ausſtreuen, die Truppen wären nur auf dem Quai und auf dem Pont Neuf während der Ceremonie aufgeſtellt worden und würden ſich zurückziehen. Gegen vier Uhr Abends concentrirten ſie ſich wirk⸗ lich insgeſammt nach dem Palais Royal zu. Man ſtellte einen Poſten an der Barrière des Sergens, einen andern bei den Quinze⸗Vingts, einen dritten bei der Butte Saint⸗Roch auf. Man füllte die Höfe und die Erdgeſchoſſe mit Schweizern und Musketieren und wartete. So ſtanden die Angelegenheiten, als wir unſere Leſer in das Cabinet des Cardinal Mazarin einführ⸗ ten, das einſt das des Cardinal Richelieu geweſen war. Wir haben geſehen, in welcher Beſchaffenheit des Geiſtes er das bis zu ihm dringende Gemurmel des Volkes und das Echo der Flintenſchüſſe in ſeinem Zim⸗ mer hörte. Plötzlich erhob er das Haupt; die Stirne halb gefaltet, wie ein Mann, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat, heſtete er ſeine Augen auf eine ungeheure Pendel⸗ uhr, welche eben ſechs Uhr ſchlug, nahm eine auf dem Tiſche im Bereiche ſeiner Hand liegende Pfeife und pfiff zweimal. 3 Eine unter der Tapete verborgene Thüre öffnete ſich geräuſchlos, ein ſchwarz gekleideter Mann trat ſtilſchweigend hervor und blieb aufrecht hinter dem Fauteuil ſtehen. „Bernouin,“ ſprach der Cardinal, ohne ſich um⸗ zudrehen, denn da er zweimal gepfiffen hatte, ſo wußte er, daß es ſein Kammerdiener ſein mußte,„welche Musketiere haben die Wache im Palais?“ ————————— 15 Leibwachen des Königs und den Schweizerwachen ſo eben Befehl gegeben, nicht nur feſtzuhalten, ſondern auch in den Rues Saint⸗Denis und Saint⸗Martin Patrouillen zu machen, wo dieſe Gruppen ganz beſon⸗ ders zahlreich und aufgeregt zu ſein ſchienen, als man im Palais Royal den Prevot der Kaufleute meldete. Der Prevot wurde ſogleich eingeführt. Er kam, um zu ſagen, daß, wenn man nicht auf der Stelle dieſe feindſeligen Demonſtrationen aufgeben würde, ganz Paris in zwei Stunden unter den Waffen wäre. Man berathſchlagte, was man thun ſollte, als Comminges, Lieutenant bei den Garden, mit zerriſſe⸗ nen Kleidern und blutigem Geſichte erſchien. Sobald die Königin ihn erblickte, ſtieß ſte einen Schrei des Erſtaunens aus und fragte ihn, was er hätte. Bei dem Anblick der Garden waren die Geiſter, wie dieß der Prevot der Kaufleute vorhergeſagt hatte, völlig in Wuth gerathen. Man hatte ſich der Glocken bemächtigt und Sturm geläntet. Comminges hatte feſt gehalten, einen Mann verhaftet, der einer der Haupt⸗ aufrührer zu ſein ſchien, und, um ein Beiſpiel zu geben, befohlen, ihn an der Croix du Trahoir auf⸗ zuhängen. Demzufolge hatten ihn die Soldaten fort⸗ geſchleppt, um dieſen Befehl auszuführen. Aber in den Hallen waren dieſe mit Steinwürfen und Helle⸗ bardenſtichen angegriffen worden. Der Rebell hatte dieſen Augenblick benützt, um zu entfliehen. Er hatte die Rue Tiquetonne erreicht und ſich in ein Haus ge⸗ worfen, deſſen Thüren man ſogleich einſtieß. Dieſe Gewaltthat war fruchtlos geweſen. Man konnte den Schuldigen nicht finden. Comminges hatte einen Poſten in der Straße gelaſſen und war mit den übrigen Soldaten ſeiner Abtheilung nach dem Palais Royal zurückgekehrt, um der Königin von dem Vorfall Meldung zu machen. Die ganze Straße entlang war er mit Geſchrei und Drohungen verfolgt worden, und man hatte mehrere von ſeinen Leuten mit Piken⸗ und 17 „Die ſchwarzen M i i. „Welchr Co. Monſeigneur. „Compagnie Treville.“ in Offizier von dieſer Compagnie im Vor⸗ „Der Lie mnant dArtagnan.“ „Ein G ter, glaube ich.“ „Ja,„conſeigneur.“ beim“ ih mir eine Musketier⸗Uniform und hilf mir Ankleiden.“ 5 Her Kammerdiener entfernte ſich eben ſo ſchwei⸗ 4 als er eingetreten war, und kam nach einem Au⸗ genblick mit dem verlangten Anzug zurück. Stille und nachdenkend fing nun der Cardinal an, ſich des Ceremonien⸗Gewandes zu entledigen, das er angezogen hatte, um der Parlamentsſitzung beizuwoh⸗ nen und nahm die militäriſche Kaſake, die er, durch ſeine früheren Feldzüge in Italien geübt, mit einer gewiſſen Leichtigkeit trug. Ils er vollſtändig ange⸗ kleidet war, ſagte er: „Hole mir Herrn d'Artagnan.“ Der Kammerdiener entfernte ſich dießmal durch die mittlere Thüre, aber gleich ſchweigſam und ſtumm. Man hätte glauben ſollen, es wäre ein Schatten. Als der Cardinal allein war, betrachtete er ſich mit einer gewiſſen Zufriedenheit im Spiegel; er war noch jung, denn er zählte kaum ſechsundvierzig Jahre; Mazarin war ein Mann von zierlicher Geſtalt, wenn auch etwas unter der mittleren Größe, hatte eine leb⸗ hafte ſchöne Geſichtsfarbe, einen feurigen Blick, eine große, jedoch ziemlich proportionirte Naſe, eine breite, majeſtätiſche Stirne, kaſtanienbraune, etwas krauſe Haare und einen ſehr dunfeln Bart. Dann zog er ſein Wehrgehänge an, beſchaute ſeine ſchönen, forg⸗ fältig gepflegten Hände, warf die zu der Uniform gehörigen Handſchuhe von Damhirſchleder, die er Zwanzig Jahre nachhet. 1. 2 16 Hellebardenſtößen verwundet. Er ſelbſt hatte einen Steinwurf an die Stirne bekommen. Die Erzählung von Comminges bekräftigte die Worte des Prevot der Kaufleute. Man war nicht im Stande, einer ernſtlichen Empörung Trotz zu bieten. Der Cardinal ließ im Volke ausſtreuen, die Truppen wären nur auf dem Quai und auf dem Pont Neuf während der Ceremonie aufgeſtellt worden und würden ſich zurückziehen. Gegen vier Uhr Abends concentrirten ſie ſich wirk⸗ lich insgeſammt nach dem Palais Royal zu. Man ſtellte einen Poſten an der Barriére des Sergens, einen andern bei den Quinze⸗Vingts, einen dritten bei der Butte Saint⸗Roch auf. Man füllte die Höfe und die Erdgeſchoſſe mit Schweizern und Musketieren und wartete. . So ſtanden die Angelegenheiten, als wir unſere Leſer in das Cabinet des Cardinal Mazarin einführ⸗ ten, das einſt das des Cardinal Richelieu geweſen war. Wir haben geſehen, in welcher Beſchaffenheit des Geiſtes er das bis zu ihm dringende Gemurmel des Volkes und das Echo der Flintenſchuſſe in ſeinem Zim⸗ mer hörte. Plötzlich erhob er das Haupt; die Stirne halb gefaltet, wie ein Mann, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat, heftete er ſeine Augen auf eine ungeheure Pendel⸗ uhr, welche eben ſechs Uhr ſchlug, nahm eine auf dem Tiſche im Bereiche ſeiner Hand liegende Pfeife und 4 pfiff zweimal. Eine unter der Tapete verborgene Thüre öffnete ſich geräuſchlos, ein ſchwarz gekleideter Mann trat ſtillſchweigend hervor und blieb aufrecht hinter dem Fauteuil ſtehen. 4 „Bernouin,“ ſprach der Cardinal, ohne ſich um⸗ zudrehen, denn da er zweimal gepfiffen hatte, ſo wußte er, daß es ſein Kammerdiener ſein mußte,„welche Musketiere haben die Wache im Palais?“ —— 18 bereits genommen ien bei Seite und ſchlüpfte in einfache ſeidene Handſchuhe. e Augenblicke öffnete ſich die Thüre wieder. „Herr d'Artagnan,“ ſprach der Kammerdiener. Ein Offizier trat ein. Es Mann von neununddreißig Ks zig Jahren, von kleiner Geſtalt, aber— ger, mit lebhaftem, geiſtreichem Blicke, der Pt ſc und die Haare mit Grau vermiſcht, wie dieſß cht geſchieht, wenn man das Leben zu gut oder zu W. gefunden hat, und beſonders wenn man ſehr nett iſt. D'Artagnan machte vier Schritte in das Cabi net, er erkannte in demſelben dasjenige, in welchem er einmal während der Zeit des Cardinals Richelien ge⸗ weſen war, und da er Niemand in dieſem Cabinet er⸗ blickte, als einen Musketier von ſeiner Compagnie, ſo. heftete er ſeine Augen auf dieſen, und bei dem erſten Blicke war er überzeugt, daß er den Cardinal vor ſich atte. Er blieb in einer ehrfurchtsvollen, aber würdigen Haltung ſtehen, wie es ſich für einen Mann von einer gewiſſen Stellung geziemt, der oft in ſeinem Leben gehabt hat, mit großen Herren zuſammen u ſein. Der Cardinal ſchaute ihn prüfend mit ſeinen mehr feinen, als tieſen Augen an und ſagte nach kur⸗ zem Stillſchweigen. „Sie ſind Herr d'Artagnan?“ „Ja, Monſeigneur,“ antwortete der Offizier. Der Cardinal hetrachtete noch einen Augenblick dieſen ſo geſcheiten Kopf und das Geſicht, deſſen über⸗ mäßige Beweglichkeit durch die Jahre und die Erfah⸗ rung gefeſſelt worden war; aber d'Artagnan ertrug die Prüfung als ein Mann, der einſt die Forſchung von —— 19 Augen ausgehalten hatte, welche bedeutend durchdringen⸗ der geweſen waren, als die von Mazarin. „Mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„Ihr werdet mit mir gehen, oder vielmehr, ich gehe mit Euch.“ „Zu Curen Befehlen, Monſeigneur,“ antwortete d'Artagnan. „Ich will die Poſten um das Palais Royal her ſelbſt viſitiren; glaubt Ihr, daß einige Gefahr dabei — iſt? 1 „Gefahr, Monſeigneur?“ fragte d'Artagnan,„und welche?“ „Das Volk ſoll äußerſt aufgeregt ſein.“ „Die Uniform der Musketiere des Königs iſt ſehr geachtet, Monſeigneur, und wäre ſie es nicht, ſo machte ich mich dennoch anheiſchig, zu vier hundert von die⸗ ſen Lumpenkerlen in die Flucht zu ſchlagen.“ „Ihr habt geſehen, was Comminges begegnet iſt.“ „Herr von Comminges iſt bei den Garden und nicht bei den Musketieren.“ „Womit ihr ſagen wollt,“ verſetzte der Cardinal lächelnd,„die Musketiere ſeien beſſere Soldaten als die Garden.“.. „Jeder liebt ſeine Uniform, Monſeigneur.“ „Mich ausgenommen,“ ſprach Mazarin,„denn Ihr ſeht, daß ich die meinige abgelegt habe, um die Eurige anzuziehen.“ „Peſt, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan,„das iſt Beſcheidenheit. Ich meines Theils erkläre, wenn ich die Eurer Eminenz hätte, ſo würde ich mich damit be⸗ gnügen.“ 5 „Ja, aber um dieſen Abend auszugehen, wäre ſie vielleicht nicht ſehr ſicher. Bernouin inen Hut.“ Der Kammerdiener brachte einen breitkrämpigen Uniformshut; der Cardinal ſetzte ihn ſehr unterneh⸗ mend auf und wandte ſich dann wied r zu d'Artagnan um.. 6 8* hüre vier⸗ ma⸗ warz nmer lecht abi er ge⸗ er⸗ „ſo ſten ſich gen ner ben nen nen ur⸗ lick er⸗ 1h⸗ die on 19 Augen ausgehalten hatte, welche bedeutend vurchdringen⸗ der geweſen waren, als die von Mazarin. „Mein Herr,“ ſagte der Cardinal,„Ihr werdet mit mir gehen, oder vielmehr, ich dehe mit Euch.“ „Zu Euren Befehlen, Monſeigneur,“ antwortete d'Artagnan. „Ich will die Poſten um das Palais Royal her ſelbſt viſitiren; glaubt Ihr, daß einige Gefahr dabei iſt?“ „Gefahr, Monſeigneur?“ fragte d'Artagnan,„und welche?“ „Das Volk ſoll äußerſt aufgeregt ſein.“ „Die Uniform der Musketiere des Königs iſt ſehr geachtet, Monſeigneur, und wäre ſie es nicht, ſo machte ich mich dennoch anheiſchig, zu vier hundert von die⸗ ſen Lumpenkerlen in die Flucht zu ſchlagen.“ „Ihr habt geſehen, was Comminges begegnet iſt.“ „Herr von Comminges iſt bei den Garden und nicht bei den Musketieren.“ „Womit ihr ſagen wollt,“ verſetzte der Cardinal lächeind,„die Musketiere ſeien beſſere Soldaten als die Garden.“ „Jeder liebt ſeine Uniform, Monſeigneur.“ „Mich ausgenommen,“ ſprach Mazarin,„denn Ihr ſeht, daß ich die meinige abgelegt habe, um die Eurige anzuziehen.“ „Peſt, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan,„das iſt Beſcheidenheit. Ich meines Theils erkläre, wenn ich die Eurer Eminenz hätte, ſo würde ich mich damit be⸗ gnügen.“ „Ja, aber um dieſen Abend auszugehen, wäre ſie vielleicht nicht ſehr ſicher. Bernouin, meinen Hut.“ Der Kammerdiener brachte einen breitkrämpigen Uniformshut; der Cardinal ſetzte ihn ſehr unterneh⸗ mend auf und wandte ſich dann wieder zu d'Artagnan um. 2* „Ihr habt geſattelte Pferde im Stalle, nicht wahr?“. „Ja, Monſeigneur.“ „So gehen wir.“ „Wie viel Leute befiehlt Monſeigneur?“ „Ihr ſagtet, mit vier Mann würdet Ihr Euch an⸗ heiſchig machen; hundert ſolche Lumpenkerle in die Flucht zu ſchlagen; da wir zweihundert begegnen könn⸗ ten, ſo nehmt acht.“ „Wann beliebt Eurer Eminenz?“ „Ich folge Euch ſogleich; leuchte uns, Bernouin.“ Der Kammerdiener ergriff eine Kerze; der Cardi⸗ nal nahm einen kleinen Schlüſſel von ſeinem Bureau, öffnete die Thüre einer verborgenen Treppe und be⸗ hand ſ in einem Augenblick im Hofe des Palais oyal. Il. Eine Nachtrunde. Zehn Minuten nachher entfernte ſich die kleine Truppe, durch die Rue des Bons⸗Enfans, hinter dem Schauſpielhauſe, das der Cardinal Richelieu erbaute, um Miraime darin ſpielen zu laſſen, und in wel⸗ chem der Cardinal Mazarin, mehr ein Liebhaber der Muſik als der Literatur, die erſten Opern aufführen ließ, welche in Frankreich zur Darſtellung kamen. Der Anblick der Stadt bot alle Merkmale einet großen Aufregung; zahlreiche Gruppen durchliefen die Straßen und blieben, was auch d'Artagnan geſagt hatte, ſtille ſtehen, um die Militäre mit einer Miene drohenden Spottes vorüberziehen zu ſehen, welche an⸗ deutete, daß die Bürger für den Augenblick ihre ge⸗ 3 „Ihr habt geſattelte Pferde im Stalle, nicht wahr?“ „Ja, Monſeigneur.“ „So gehen wir.“ „Wie viel Leute befiehlt Monſeigneur?“ „Ihr ſagtet, mit vier Mann würdet Ihr Euch an⸗ heiſchig machen; hundert ſolche Lumpenkerle in die Flucht zu ſchlagen; da wir zweihundert begegnen könn⸗ ten, ſo nehmt acht.“ „Wann beliebt Eurer Eminenz?“ „Ich folge Euch ſogleich; leuchte uns, Bernouin.“ Der Kammerdiener ergriff eine Kerze; der Cardi⸗ nal nahm einen kleinen Schlüſſel von ſeinem Bureau, öffnete die Thüre einer verborgenen Treppe und be⸗ ſet 65 in einem Augenblick im Hofe des Palais Royal. II. Eine Nachtrunde. Zehn Minuten nachher entfernte ſich die kleine Truppe, durch die Rue des Bons⸗Enfans, hinter dem Schauſpielhauſe, das der Cardinal Richelien erbaute, um Miraime darin ſpielen zu laſſen, und in wel⸗ chem der Cardinal Mazarin, mehr ein Liebhaber der Muſik als der Literatur, die erſten Opern aufführen ließ, welche in Frankreich zur Darſtellung kamen. Der Anblick der Stadt bot alle Merkmale einer großen Aufregung; zahlreiche Gruppen durchliefen die Straßen und blieben, was auch d'Artagnan geſagt hatte, ſtille ſtehen, um die Militäre mit einer Miene drohenden Spottes vorüberziehen zu ſehen, welche an⸗ deutete, daß die Bürger für den Augenblick ihre ge⸗ 4 6 21 wöhnliche Zahmheit gegen kriegeriſche Abſichten ver⸗ tauſcht hatten. Von Zeit zu Zeit vernahm man einen Lärmen aus dem Quartiere der Hallen. Flintenſchüſſe knallten in der Richtung der Rue Saint⸗Denis und zu⸗ weilen fing plötzlich, ohne daß man wußte warum, von der Volkslaune in Bewegung geſetzt, eine Glocke an zu ertönen. D Artagnan verfolgte ſeinen Weg mit der Sorg⸗ loſigkeit eines Mannes, auf welchen dergleichen Lappe⸗ reien keinen Eindruck machen. Hielt ſich eine Gruppe mitten in der Straße, ſo ſpornte er ſein Pferd gegen ſie, ohne Achtung zu rufen, und als ob, Rebellen oder nicht Rebellen, diejenigen, welche dieſelbe bildeten, wüß⸗ ten, mit wem ſie es zu thun hätten, öffneten ſie ſich und ließen die Patrouille durchziehen. Der Cardinal beneidete ihn um dieſe Ruhe, die er der Gewohnheit der Gefahr zuſchrieb, aber er faßte darum nicht min⸗ der für den Offizier, unter deſſen Befehle er ſich für den Augenblick geſtellt hatte, jene Achtung, welche ſelbſt die Klugheit dem ſorgloſen Muthe zugeſteht. Als man ſich dem Poſten der Barrière des Ser⸗ gens näherte, rief die Wache: Wer da? D'Artagnan antwortete, und rückte, nachdem er den Cardinal um das Loſungswort gefragt hatte, vorz das Loſungswort war Louis um Rocroy. Nachdem die Zeichen der Erkennung ausgetauſcht waren, fragte d'Artagnan, ob nicht Herr von Commin⸗ ges den Poſten befehligte. Die Wache zeigte ihm einen Oiſizier, der zu Fuß, die Hand auf den Hals des Pferdes ſeines Gegenredners geſtützt, plauderte. Es war derjenige, nach welchem d'Artagnan fragte. „Dort iſt Herr von Comminges,“ ſagte d'Artagnan, zu dem Cardinal zurückkehrend. Der Cardinal lenkte ſein Pferd gegen ihn, während v Artagnan aus Discretion zurückwich; eben aus der Art und Weiſe, wie der Offizier zu Fuß und der cht n⸗ die in⸗ di⸗ 1u, is ine em te, el⸗ der en er die gt ene n⸗ ge⸗ 21 wöhnliche Zahmheit gegen kriegeriſche Abſichten ver⸗ tauſcht hatten. Von Zeit zu Zeit vernahm man einen Lärmen aus dem Quartiere der Hallen. Flintenſchüſſe knallten in der Richtung der Rue Saint⸗Denis und zu⸗ weilen fing plötzlich, ohne daß man wußte warum, von der Volkslaune in Bewegung geſetzt, eine Glocke an zu ertönen. DArtagnan verfolgte ſeinen Weg mit der Sorg⸗ loſigkeit eines Mannes, auf welchen dergleichen Lappe⸗ reien keinen Eindruck machen. Hielt ſich eine Gruppe mitten in der Straße, ſo ſpornte er ſein Pferd gegen ſie, ohne Achtüng zu rufen, und als ob, Rebellen oder nicht Rebellen, diejenigen, welche dieſelbe bildeten, wüß⸗ ten, mit wem ſie es zu thun hätten, öffneten ſie ſich und ließen die Patrouille durchziehen. Der Cardinal beneidete ihn um dieſe Ruhe, die er der Gewohnheit der Gefahr zuſchrieb, aber er faßte darum nicht min⸗ der für den Offizier, unter deſſen Befehle er ſich für den Augenblick geſtellt hatte, jene Achtung, welche ſelbſt die Klugheit dem ſorgloſen Muthe zugeſteht. Als man ſich dem Poſten der Barrière des Ser⸗ gens näherte, rief die Wache: Wer da? DArtagnan antwortete, und rückte, nachdem er den Cardinal um das Loſungswort gefragt hatte, vor; das Loſungswort war Louis um Rocroy. Nachdem die Zeichen der Erkennung ausgetauſcht waren, fragte d'Artagnan, ob nicht Herr von Commin⸗ ges den Poſten befehligte. Die Wache zeigte ihm einen Oſfizier, der zu Fuß, die Hand auf den Hals des Pferdes ſeines Gegenredners geſtützt, plauderte. Es war derjenige, nach welchem d'Artagnan fragte. „Dort iſt Herr von Comminges,“ ſagte dArtagnan, zu dem Cardinal zurückkehrend. Der Cardinal lenkte ſein Pferd gegen ihn, während dArtagnan aus Diseretion zurückwich; eben aus der Art und Weiſe, wie der Offizier zu Fuß und der Offtzier zu Pferde ihre Hüte abnahmen, erſah er, daß ſie Seine Eminenz erkannt hatten. „Bravo, Guitaut,“ ſprach der Cardinal zu dem Reiter,„ich ſehe, daß Ihr trotz Eurer vierundſechs⸗ zig Jahre immer noch derſelbe ſeid, immer munter, immer rüſtig; was ſagtet Ihr zu dieſem jungen Manne?“ „Monſeigneur, ich ſagte ihm, daß der heutige Tag ſehr einem von den Tagen der Ligue gleiche, die ich in meinen Jugendjahren geſehen habe. Wißt Ihr, daß in den Rues Saint⸗Denis und Saint⸗Martin von nichts weniger die Rede war, als Barricaden zu errichten?“ „Und was antwortete Euch Herr von Comminges, mein lieber Guitaut?“ „Monſeigneur,“ ſprach Comminges,„ich antwor⸗ tete, um eine Ligue zu bilden, fehle es ihnen nur an Einem, was mir ziemlich weſentlich ſcheine, an einem Herzog von Guiſe; überdieß macht man nicht zweimal das Gleiche.“ „Nein, aber ſie werden eine Fronde machen, wie ſte es nennen,“ verſetzte Guitaut. „Was iſt das, eine Fronde?“ fragte Mazarin. „Monſeigneur, das iſt der Name, den ſie ihrer Partei geben.“ „Und woher kommt dieſer Name?“ „Der Rath Bachaumont ſoll vor einigen Tagen im Palaſte geſagt haben, alle Emeutenmacher gleichen den Bueſchen, welche in den Gräben von Paris mit der Schleuder ſpielen*) und ſich zerſtreuen, ſobald ſie den Polizeilieutenant erblicken, um ſich abermals zu verſammeln, wenn er vorübergegangen iſt. Sie haben das Wort aufgeſchnappt, wie dieß die Geuſen in Bruͤſſel thaten, und nannten ſich Frondeurs; heute und geſtern war Alles à la Fronde, das Brod, die Hüte, die Hand⸗ ſchuhe, die Müffe, die Fächer; doch halt, hört einmal.“ *) Frondent. Offizier zu Pferde ihre Hüte abnahmen, erſah er, daß ſie Seine Eminenz erkannt hatten. „Bravo, Guitaut,“ ſprach der Cardinal zu dem Reiter,„ich ſehe, daß Ihr trotz Eurer vierundſechs⸗ zig Jahre immer noch derſelbe ſeid, immer munter, immer rüſtig; was ſagtet Ihr zu dieſem jungen Manne?“ „Monſeigneur, ich ſagte ihm, daß der heutige Tag ſehr einem von den Tagen der Ligue gleiche, die ich in meinen Jugendjahren geſehen habe. Wißt Ihr, daß in den Rues Saint⸗Denis und Saint⸗Martin von nichts weniger die Rede war, als Barricaden zu errichten?“ „Und was antwortete Euch Herr von Comminges, mein lieber Guitaut?“ „Monſeigneur,“ ſprach Comminges,„ich antwor⸗ tete, um eine Ligue zu bilden, fehle es ihnen nur an Einem, was mir ziemlich weſentlich ſcheine, an einem Herzog von Guiſe; überdieß macht man nicht zweimal das Gleiche.“ „Nein, aber ſie werden eine Fronde machen, wie ſie es nennen,“ verſetzte Guitaut. „Was iſt das, eine Fronde?“ fragte Mazarin. „Monſeigneur, das iſt der Name, den ſie ihrer Partei geben.“ „Und woher kommt dieſer Name?“ „Der Rath Bachaumont ſoll vor einigen Tagen im Palaſte geſagt haben, alle Emeutenmacher gleichen den Butſchen, welche in den Gräben von Paris mit der Schleuder ſpielen*) und ſich zerſtreuen, ſobald ſie den Polizeilieutenant erblicken, um ſich abermals zu verſammeln, wenn er vorübergegangen iſt. Sie haben das Wort aufgeſchnappt, wie dieß die Geuſen in Brüſſel thaten, und nannten ſich Frondeurs; heute und geſtern war Alles à la Fronde, das Brod, die Hüte, die Hand⸗ ſchuhe, die Müffe, die Fächer; doch halt, hört einmal.“ *) Frondent. ſtet 23 In dieſem Augenblick öffnete ſich wirklich ein Fen⸗ ſter, ein Mann ſtellte ſich an daſſelbe und ſang: Un vent de Fronde S'est levé ce matin; Je crois qu'il gronde Contre Mazarin; Un vent de Fronde S'est levé ce matin.*) „Der Unverſchämte!“ murmelte Guitaut. „Monſeigneur,“ ſagte Comminges, der durch ſeine Wunde in uͤble Laune verſetzt war und an Wieder⸗ vergeltung dachte,„wollt Ihr, daß ich dieſem Kerl eine Kugel zuſchicke, um ihn beſſer ſingen zu lehren?“ Und er legte die Hand an das Halfter des Pfer⸗ des von ſeinem Oheim. „Nein, nein,“ rief Mazarin.„Diavolo, mein lie⸗ ber Freund, Ihr würdet Alles verderben; es geht im Gegentheil auf das Beſte. Ich kenne Eure Franzoſen von dem Erſten bis zum Letzten, wie wenn ich ſie ge⸗ macht hätte: ſte ſingen und werden bezahlen. Während der Ligue, von der Guitaut ſo eben ſprach, ſang man nur die Meſſe. Komm', Guitaut, komm, wir wollen nachſehen, ob man bei Quinze⸗Vingts eben ſo gut Wache hält, als an der Barrieère des Sergens.“ Und Comminges mit der Hand begrüßend, kehrte er zu d'Artagnan zuruͤck, der ſich wieder an die Spitze ſeiner kleinen Truppe ſtellte, unmittelbar gefolgt von Guitaut und dem Cardinal, denen ſodann der Reſt der Escorte folgte. „Das iſt richtig, murmelte Comminges, als er ihn wegreiten ſah,„wenn man ihn nur bezahlt, mehr verlangt er nicht.“ 3 Man ſchlug wieder den Weg in die Rue Saint⸗ *) Ein Fronde⸗Wind hat ſich dieſen Morgen erhoben, ich glaube, er braust gegen Mazarin. daß em chs⸗ ter, e?“ tige die hr, tin zu es, or⸗ em nal wie rer gen en nit ſie zu ben ſſel ern nd⸗ 23 In dieſem Augenblick öffnete ſich wirklich ein Fen⸗ ſter, ein Mann ſtellte ſich an daſſelbe und ſang: Un vent de Fronde S'est levé ce matin; Je crois qu'il gronde Contre Mazarin; Un vent de Fronde S'est levé ce matin. 4) „Der Unverſchämte!“ murmelte Guitaut. „Monſeigneur,“ ſagte Comminges, der durch ſeine Wunde in üble Laune verſetzt war und an Wieder⸗ vergeltung dachte,„wollt Ihr, daß ich dieſem Kerl eine Kugel zuſchicke, um ihn beſſer ſingen zu lehren?“ Und er legte die Hand an das Halfter des Pfer⸗ des von ſeinem Oheim. „Nein, nein,“ rief Mazarin.„Diavolo, mein lie⸗ ber Freund, Ihr würdet Alles verderben; es geht im Gegentheil auf das Beſte. Ich kenne Eure Franzoſen von dem Erſten bis zum Letzten, wie wenn ich ſie ge⸗ macht hätte: ſie ſingen und werden bezahlen. Während der Ligue, von der Guitaut ſo eben ſprach, ſang man nur die Meſſe. Komm', Guitaut, komm, wir wollen nachſehen, ovb man bei Quinze⸗Vingts eben ſo gut Wache hält, als an der Barriére des Sergens.“ Und Comminges mit der Hand begrüßend, kehrte er zu d'Artagnan zurück, der ſich wieder an die Spitze ſeiner kleinen Truppe ſtellte, unmittelbar gefolgt von Guitaut und dem Cardinal, denen ſodann der Reſt der Escorte folgte. „Das iſt richtig, murmelte Comminges, als er ihn wegreiten ſah,„wenn man ihn nur bezahlt, mehr verlangt er nicht.“ Man ſchlug wieder den Weg in die Rue Saint⸗ *) Ein Fronde⸗Wind hat ſich dieſen Morgen erhoben, ich glaube, er braust gegen Mozarin. ———— Honoré ein, wobei man fortwährend Gruppen ausein⸗ ander ſprengte; in dieſen Gruppen ſprach man nur von den Edicten des Tages; man beklagte den jungen Kö⸗ nig, der auf dieſe Art, ohne es zu wiſſen, ſein Volk zu Grunde richtete; man warf die ganze Schuld auf Ma⸗ zarin; man ſprach davon, ſich an den Herzog von Or⸗ leans und an den Herrn Prinzen zu wenden; man pries Blanemesnil und Brouſſel. D Artagnan ritt mitten durch dieſe Gruppen ſo ſorglos, als ob er und ſein Pferd von Eiſen wären; Mazarin und Guitaut plauderten ganz leiſe mit einander, die übrigen Musketiere, welche endlich den Cardinal erkannt hatten, folgten ſtillſchweigend. Man kam in die Rue Saint⸗Thomas⸗du⸗Louvre, wo der Poſten der Quinze⸗Vingts war. Guitaut rief einen Subaltern⸗Offizier, der ihm Meldung machte. „Nun, wie ſteht es?“ fragte Guitaut. „Ahl mein Kapitän, Alles ſteht gut auf dieſer Seite, nur glaube ich, daß in jenem Hotel etwas vorgeht.“ Und er deutete mit dem Finger auf ein prachtvolles Hotel, das gerade auf der Stelle ſtand, wo ſeitdem das Vaudeville war. „In jenem Hotel?“ ſagte Guitaut;„das iſt das Hotel Rambouillet.“ 3 „Ich weiß nicht, ob es das Hotel Rambouillet iſt,“ verſetzte der Offizier,„aber das weiß ich, daß ich ſehr viele verdächtige Leute habe hineingehen ſehen.“ „Bah!“ ſagte Guitaut und brach in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus,„das ſind lauter Dichter.“ 8 „Nun, Guitaut,“ ſprach Mazarin,„willſt Du wohl nicht mit ſolcher Unehrerbietigkeit von dieſen Her⸗ ren ſprechen; Du weißt nicht, daß ich in meiner Jugend auch Dichter geweſen bin, und daß ich Verſe machte in der Art derer von Herrn von Benſerade.“ 3 „Ihr, Monſeigneur?. „Ja, ich. Soll ich Dir davon vorſagen?“ 24 Honoré ein, wobei man fortwährend Gruppen ausein⸗ ander ſprengte; in dieſen Gruppen ſprach man nur von den Edicten des Tages; man be lagte den jungen Kö⸗ nig, der auf dieſe Art, ohne es zu wiſſen, ſein Volk zu Grunde richtete; man warf die ganze Schuld auf Ma⸗ zarin; man ſprach davon, ſich an den Herzog von Or⸗ leans und an den Herrn Prinzen zu wenden; man pries Blanemesnil und Brouſel. DArtagnan ritt mitten durch dieſe Gruppen ſo ſorglos, als ob er und ſein Pferd von Eiſen wären; Mazarin und Guitdut plauderten ganz leiſe mit einander, die übrigen Musketiere, welche endlich den Cardinal erkannt hatten, folgten ſtillſchweigend. Man kam in die Rue Saint⸗Thomas⸗du⸗Lonvre, wo der Poſten der Quinze⸗Vingts war. Guitaut rief einen Subaltern⸗Offizier, der ihm Meldung machte. „Nun, wie ſteht es?“ fragte Guitaut. „Ah! mein Kapitän, Alles ſteht gut auf dieſer Seite, nur glaube ich, daß in jenem Hotel etwas vorgeht.“ Und er deutete mit dem Finger auf ein prachtvolles Hotel, das gerade auf der Stelle ſtand, wo ſeitdem das Vaudeville war. „In jenem Hotel?“ ſagte Guitaut;„das iſt das Hotel Rambouillet.“ „Ich weiß nicht, ob es das Hotel Rambuuillet iſt,“ verſetzte der Offizier,„aber das weiß ich, daß ich ſehr viele verdächtige Leute habe hineingehen ſehen.“ „Bah!“ ſagte Guitaut und brach in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus,„das ſind lauter Dichter.“ „Nun, Guitaut,“ ſprach Mazarin,„willſt Du wohl nicht mit ſolcher Unehrerbietigkeit von dieſen Her⸗ ren ſprechen; Du weißt nicht, daß ich in meiner Jugend auch Dichter geweſen bin, und daß ich Verſe machte in der Art derer von Herrn von Benſerade.“ Monſeigneur?“ „Ja, ich. Soll ich Dir davon vorſagen?“ da m leg di ge be „ Ko dat led ſta nal wel 53h tra Kö Mo Be vier 25 „Für mich gleichviel, Monſeigneur, ich verſtehe das Italieniſche nicht.“ „Ja, aber Du verſtehſt das Franzöſiſche, nicht wahr, mein guter, braver Guttaut?“ verſetzte Mazarin und legte freundſchaftlich die Hand auf ſeine Schulter;„und Du wirſt jeden Befehl vollziehen, den man Dir in dieſer Sprache gibt?“ „Allerdings, Monſeigneur, wie ich dieß bereits gethan habe, vorausgeſetzt, er kommt mir von der Königin zu.“. „Ohl ja,“ ſagte Mazarin, ſich auf die Lippen beißend,„ich weiß, daß Du ihr ganz ergeben biſt.“ „Ich bin ſeit mehr als zwanzig Jahren Kapitän ihrer Garden.“ 3 „Vorwärts, Herr d'Artagnan„u rief der Cardinal, „Alles geht hier gut.“ D⸗Artagnan ſtellte ſich wieder an die Spitze der Kolonne, ohne ein Wort zu ſprechen und mit dem lei⸗ denden Gehorſam, der den Charakter des alten Sol⸗ daten bildet. Er ritt durch die Rue Richelieu und die Rue Vil⸗ ledo nach der Butte Saint⸗Roch, wo der dritte Poſten ſtand; dieſer war der einſamſte, denn er berührte bei⸗ nahe den Wall, und die Stadt war in dieſer Gegend wenig bevölkert. „Wer commandirt dieſen Poſten?“ „Villequier,“ antwortete Guitaut. „Teufel!“ ſagte Mazarin,„ſprecht allein mit ihm. Ihr wißt, daß wir entzweit ſind, ſeitdem Ihr den Auf⸗ trag attet, den Herzog von Beaufort zu verhaften. Er behauptete, ihm, als dem Kapitän der Garden des Königs, komme dieſe Ehre zu.“ „Ich weiß es wohl und ſagte ihm wohl hundert Mal er haͤtte Unrecht. Der Koͤnig hätte ihm dieſen * Befehl nicht geben können, weil er zu dieſer Zeit kaum vier Jahre alt geweſen wäre.“ 4 „Ja, aber ich konnte ihm dieſen Befehl geben, ich, ein⸗ von kzu ⸗ Or⸗ nan ſo en; der, nal re, rief 2 ſer vas les em s llet n⸗ Du nd te „Für mich gleichviel, Monſeigneur, ich verſtehe das Italieniſche nicht.“ „Ja, aber Du verſtehſt das Franzöſiſche, nicht wahr, mein guter, braver Guitaut?“ verſetzte Mazarin und legte freundſchaftlich die Hand auf ſeine Schulter;„und Du wirſt jeden Befehl vollziehen, den man Dir in dieſer Sprache gibt?“ „Allerdings, Monſeigneur, wie ich dieß bereits gethan habe, vorausgeſetzt, er kommt mir von der Königin zu.“ „Oh! ja,“ ſagte Mazarin, ſich auf die Lippen beißend,„ich weiß, daß Du ihr ganz ergeben biſt.“ „Ich bin ſeit mehr als zwanzig Jahren Kapitän ihrer Garden.“ „Vorwärts, Herr d'Artagnan,“ rief der Cardinal, „Alles geht hier gut.“ D'Artagnan ſtellte ſich wieder an die Spitze der Kolonne, ohne ein Wort zu ſprechen und mit dem lei⸗ denden Gehorſam, der den Charakter des alten Sol⸗ daten bildet. Er ritt durch die Rue Richelieu und die Rue Vil⸗ ledo nach der Butte Saint⸗Roch, wo der dritte Poſten ſtand; dieſer war der einſamſte, denn er berührte bei⸗ nahe den Wall, und die Stadt war in dieſer Gegend wenig bevölkert. „Wer commandirt dieſen Poſten?“ „Villequier,“ antwortete Guitaut. „Teufel!“ ſagte Mazarin,„ſprecht allein mit ihm. Ihr wißt, daß wir entzweit ſind, ſeitdem Ihr den Auf⸗ trag hattet, den Herzog von Beaufort zu verhaften. Er behauptete, ihm, als dem Kapitän der Garden des Königs, komme dieſe Ehre zu.“ „Ich weiß es wohl und ſagte ihm wohl hundert Mal, er hätte Unrecht. Der König hätte ihm dieſen Befehl nicht geben können, weil er zu dieſer Zeit kaum vier Jahre alt geweſen wäre.“ „Ja, aber ich konnte ihm dieſen Befehl geben, ich, — —ͤͤͤſͤ Giüttenf und ich zog es vor, Euch dies ausführen zu aſſen.“ Guitaut trieb, ohne zu antworten, ſein Pferd vor⸗ wärts, und ließ, nachdem er ſich der Wache zu erken⸗ nen gegeben, Herrn von Villequier rufen.. Dieſer kam heraus. „Ah, Ihr ſeid es, Guitaut,“ ſprach er mit dem bei ihm gewöhnlichen Tone ſchlechter Laune.„Was Teufels, wollt Ihr hier?“ „Ich komme, um Euch zu f Neues gebe?“. „Was Teufels ſoll es hier geben? Man ruft: es lebe der König und nieder mit Mazarin! Das iſt nichts Neues; wir ſind ſchon ſeit geraumer Zeit an dieſes Geſchrei gewöhnt.“ „Und Ihr macht Chorus dazu,“ erwiederte Gui⸗ taut lachend. „Meiner Treue, ich fühle oft große Luſt in mir, und ich finde, daß ſte ganz Recht haben, Gunitaut. Gern gäbe ich funf Jahre von meinem Gehalt, den man mir nicht ausbezahlt, wenn der König fünf Jahre älter wäre.“ „Wirklich! Und was würde geſchehen, wenn der König fünf Jahre älter wäre?“ „Es käme der Augenblick, wo der König volljährig würde und ſeine Beſehle ſeibſt geben müßte, und wahrlich, es iſt doch mehr Vergnügen dabei, dem En⸗ kel von Heinrich IV., als dem Sohne von Pieiro Ma⸗ zarin zu gehorchen. Für den König, Mord und Hölle! ließ ich mich mit Veegnügen tödten; wenn ich aber für Mazarin ge'ödtet würde, wie dies heute Eurem Neffen beinahe widerfahren wäre, ſo gäbe es kein Paradies, ſo ſchön es auch ſein dürfte, das mich jemals tröſten könnte.“ „Gut, gut, Herr von Villequier,“ ſagte Mazarin, „ſeid unbeſorgt, ich werde dem König über Eure Er⸗. ragen, ob es hier etwas gebenheit Bericht erſtatten.“ Dann, ſich gegen die Es⸗ 26 und ich zog es vor, Euch dies ausführen zu aſſen.“ Guitaut trieb, ohne zu antworten, ſein Pferd vor⸗ wärts, und ließ, nachdem er ſich der Wache zu erken⸗ nen gegeben, Herrn von Villequier rufen. Dieſer kam heraus. „Ah, Ihr ſeid es, Guitaut,“ ſprach er mit dem bei ihm gewöhnlichen Tone ſchlechter Laune.„Was Teufels, wollt Ihr hier?“. „Ich komme, um Euch zu fragen, ob es hier etwas Neues gebe?“ „Was Teufels ſoll es hier geben? Man ruft: es lebe der König und nieder mit Mazarin! Das iſt nichts Neues; wir ſind ſchon ſeit geraumer Zeit an dieſes Geſchrei gewöhnt.“ „Und Ihr macht Chorus dazu,“ erwiederte Gui⸗ taut lachend. „Meiner Treue, ich fühle oft große Luſt in mir, und ich finde, daß ſie ganz Recht haben, Guitaut. Gern gäbe ich fünf Jahre von meinem Gehalt, den man mir nicht ausbezahlt, wenn der König fünf Jahre älter wäre.“ „Wirklich! Und was würde geſchehen, wenn der König rünf Jahre älter wäre?“ „Es käme der Augenblick, wo der König volljährig würde und ſeine Beeehle ſelbſt geben müßte, und wahrlich, es iſt doch mehr Vergnügen dabei, dem En⸗ kel von Heinrich IV., als dem Sohne von Pietro Ma⸗ zarin zu gehorchen. Für den König, Mord und Hölle! ließ ich mich mit Vergnügen tödten; wenn ich aber für Mazarin getödtet würde, wie dies heute Eurem Neffen beinahe widerfahren wäre, ſo gäbe es kein Paradies, ſo ſchön es auch ſein dürfte, das mich jemals tröſten könnte.“ „Gut, gut, Herr von Villequier,“ ſagte Mazarin, „ſeid unbeſorgt, ich werde dem König über Eure Er⸗ gebenheit Bericht erſtatten.“ Dann, ſich gegen die Es⸗ bett gen ich zar er g dieſ für lebi dem gan 163 acht Gef din 27 corts umwendend, fuhr er fort:„Vorwärts, meine Herren, Alles geht gut. Kehren wir zurück.“ „Halt,“ ſagte Villequier,„Mazarin war da. Deſto beſſer! Ich hatte längſt Luſt, ihm das, was ich denke, in das Geſicht zu ſagen. Ihr habt mir die Gelegen⸗ heit dazu geliefert, Guitaut, und obgleich Eure Ge⸗ ſinnung gegen mich vielleicht nicht die beſte iſt, ſo danke ich Euch doch dafür.“ Und er wandte ſich auf den Ferſen um und kehrte, eine Fronde⸗Melodie pfeifend, in die Wachtſtube zurück. Mazarin kam ganz nachdenkend in ſeinen Palaſt zurück. Was er nach und nach von Comminges, von Guitaut und von Villequier gehört hatte, beſtärigte ihn in der Anſicht, daß er im Falle ernſter Ereigniſſe Nie⸗ mand für ſich hätte, als die Königin, und auch die Königin hatte ſo oft ihre Freunde verlaſſen, daß ihre Unterſtützung dem Miniſter, trotz der Vorſichtsmaß⸗ regeln die er getroffen, ſehr ungewiß und zweifelhaft „ vorkam. Während der ganzen Zeit dieſes nächtlichen Rittes hatte der Cardinal, indeß er abwechſelnd Comminges, Guitaut und Villequier ſtudirte, einen Mann prufend betrachtet. Dieſer Mann, welcher bei den Volksdrohun⸗ gen vollig gleichgültig geblieben war, und deſſen Ge⸗ ſicht ſich eben ſo wenig bei den Scherzen, welche Ma⸗ zarin gemacht, noch bei denjenigen, deren Gegenſtand er geweſen war, auch nur im Mindeſten verändert hatte, dieſer Menſch ſchien ihm ein ganz eigenthümliches, für die Ereigniſſe, wie man ſie in der Gegenwart er⸗ lebte, und beſonders für diejenigen, in welchen man ſich 4 demnächſt befinden würde, geſtähltes Weſen. 1 Ueberdies war ihm der Name d Artagnan nicht ganz unbekannt, und obgleich er erſt gegen 1634 oder 1635 nach Frankreich gekommen war, d. h. ſieben oder . 4 acht Jahre nach den von uns in einer vorhergehenden Geſchichte erzählten Ereigniſſen, ſo ſchien es dem Car⸗ dinal doch, als hätte er dieſen Namen als den eines zu vor⸗ fen⸗ dem Was was t eſes ui⸗ mir, ern mir iter der hrig und En⸗ Ma⸗ lle! für ffen ies, ſten rin, Er⸗ Es⸗ 27 corte umwendend, fuhr er fort:„Vorwärts, meine Herren, Alles geht gut. Kehren wir zurück.“ „Halt,“ ſagte Villequier,„Mazarin war da. Deſto beſſer! Ich harte längſt Luſt, ihm das, was ich denke, in das Geſicht zu ſagen. Ihr habt mir die Gelegen⸗ heit dazu geliefert, Guitaut, und obgleich Eure Ge⸗ ſinnung gegen mich vielleicht nicht vie beſte iſt, ſo danke ich Euch doch dafür.“ Und er wandte ſich auf den Ferſen um und kehrte, eine Fronde⸗Melodie pfeifend, in die Wachtſtube zuruck. Mazarin kam ganz nachdenkend in ſeinen Palaſt zurück. Was er nach und nach von Comminges, von Guitaut und von Villequier gehört hatte, veſtärigte ihn in der Anſicht, daß er im Falle ernſter Ereigniſſe Nie⸗ mand für ſich hätte, als die Königin, und auch die Königin hatte ſo oft ihre Freunde verlaſſen, daß ihre Unterſtützung dem Miniſter, trotz der Vorſichtsmaß⸗ regeln die er gewoffen, ſehr ungewiß und zweifethaft vorkam. Während der ganzen Zeit dieſes nächtlichen Rittes hatte der Cardinal, indeß er abwechſelnd Comminges, Guitaut und Villequier ſtudirte, einen Mann prufend betrachtet. Dieſer Mann, welcher bei den Volksdeohun⸗ gen vollig gleichgültig geblieben war, und deſſen Ge⸗ ſicht ſich eben ſo wenig bei den Scherzen, welche Ma⸗ zarin gemacht, noch bei denjenigen, deren Gegenſtand er geweſen war, auch nur im Mindeſten verändert hatte, dieſer Menſch ſchien ihm ein ganz eigenthümliches, für die Ereigniſſe, wie man ſie in der Gegenwart er⸗ leble, und beſonders für diejenigen, in welchen man ſich demnächſt befinden wurde, geſtähltes Weſen. Ueberdies war ihm der Name d'Artagnan nicht ganz unbekannt, und obgleich er erſt gegen 1634 oder 1635 nach Frankreich gekommen war, d. h. ſieben oder acht Jahre nach den von uns in einer vorhergehenden Geſchichte erzählten Ereigniſſen, ſo ſchien es dem Car⸗ dinal doch, als hätte er dieſen Namen als den eines Mannes ausſprechen hören, der ſich unter Umſtänden, welche ſeinem Geiſte nicht mehr gegenwärtig waren, als ein Muſter von Muth, Gewandtheit und Ergeben⸗ heit bemerkbar gemacht hatte. Dieſer Gedanke bemächtigte ſich ſeiner ſo ſehr, daß er ſich ungeſäumt Licht zu verſchaffen beſchloß. Aber die Auskunft, die er über d'Artagnan zu haben wünſchte, durfte er nicht von d'Artagnan ſelbſt verlangen. An den wenigen Worten, die der Lientenant der Muske⸗ tiere geſprochen hatte, erkannte der Cardinal ſeinen gascogniſchen Urſprung, und Italiener und Gascogner ſind zu ſehr mit einander vertraut und gleichen ſich zu ſehr, um gegenſeitig auf das zu bauen, was ſie ſelbſt von ſich ſagen können. Als er an die Mauern gelangte, mit denen der Garten des Palais Royal umgeben war, klopfte er an eine kleine Pforte, ungefähr an der Stelle, wo ſich jetzt das Café de Foy erhebt, und machte, nach⸗ dem er d'Artagnan gedankt und denſelben erſucht hatte, ihn im Hofe des Palais Royal zu erwarten, Guitaut ein Zeichen, ihm zu folgen. Beide ſtiegen vom Pferde, übergaben die Zügel ihrer Thiere dem Lackeien, der die Pforte geöffnet hatte, und verſchwanden im Garten. „Mein lieber Guitaut,“ ſpach der Cardinal, ſich auf den Arm des alten Kapitäns der Garden ſtützend, „Ihr ſagtet mir ſo eben, Ihr wäret bald zwanzig Jahre in dem Dienſte der Königin.“ 1 „Ja, das iſt wahr,“ antwortete Guitaut. „Mein lieber Guitaut,“ fuhr der Cardinal fort, „ich habe bemerkt, daß Ihr außer Eurem unbeſtreit⸗ baren Muthe und außer Eurer probefeſten Treue ein bewundernswürdiges Gedächtniß beſitzt.“ „Ihr habt das bemerkt, Monſeigneur,“ ſprach der Kapitaͤn der Garden.„Deſto ſchlimmer für mich.“ „Warum dies?“ „Ohne Zweifel iſt eine der erſten Eigenſchaften des Höflings, daß er zu vergeſſen weiß.“ „Aber Ihr ſeid kein Höfling, Guitaut, Ihr ſeid 28 Mannes ausſprechen hören, der ſich unter Umſtänden, ein welche ſeinem Geiſte nicht mehr gegenwärtig waren, eini als ein Muſter von Muth, Gewandtheit und Ergeben⸗ wie heit bemerkbar gemacht hatte. Dieſer Gedanke bemächtigte ſich ſeiner ſo ſehr, daß kom er ſich ungeſäumt Licht zu verſchaffen beſchloß. Aber die Auskunft, die er über dArtagnan zu haben wünſchte, mit durfte er nicht von d'Artagnan ſelbſt verlangen. An lien den wenigen Worten, die der Lieutenant der Muske⸗ tiere geſprochen hatte, erkannte der Cardinal ſeinen gascogniſchen Urſprung, und Italiener und Gascogner ſind zu ſehr mit einander vertraut und gleichen ſich zu mer ſehr, um gegenſeitig auf das zu bauen, was ſie ſelbſt von ſich ſagen können. Als er an die Mauern gelangte, mit denen der Garten des Palais Royal umgeben war, erſt klopfte er an eine kleine Pforte, ungefähr an der Stelle, wo ſich jetzt das Caſé de Foy erhebt, und machte, nach⸗ ob dem er dArtagnan gedankt und denſelben erſucht hatte, kön ihn im Hofe des Palais Royal zu erwarten, Guitaut ein Zeichen, ihm zu folgen. Beide ſtiegen vom Pferde, und übergaben die Zügel ihrer Thiere dem Lackeien, der geb die Pforte geöffnet hatte, und verſchwanden im Garten. 6 „Mein lieber Guitaut,“ ſpach der Cardinal, ſich ſein auf den Arm des alten Kapitäns der Garden ſtützend, „Ihr ſagtet mir ſo eben, Ihr wäret bald zwanzig Sol Jahre in dem Dienſte der Königin.“ der „Ja, das iſt wahr,“ antwortete Guitaut. hat „Mein lieber Guitaut,“ fuhr der Cardinal fort, tha „ich habe bemerkt, daß Ihr außer Eurem unbeſtreit⸗. baren Muthe und außer Eurer probefeſten Treue ein dür bewundernswürdiges Gedächtniß beſitzt.“ brar „Ihr habt das bemerkt, Monſeigneur,“ ſprach der Zeit Kapitän der Garden.„Deſto ſchlimmer für mich.“ aus „Warum dies?“ heit „Ohne Zweifel iſt eine der erſten Eigenſchaften des Höflings, daß er zu vergeſſen weiß.“ taut „Aber Ihr ſeid kein Höfling, Guitaut, Ihr ſeid Sp 29 ein braver Soldat, einer von den Käpitänen, wie noch einige aus der Zeit von König Heinrich IV. übrig ſind, wie aber leider bald keine mehr vorhanden ſein werden.« „Peſt, Monſeigneur, habt Ihr mich mit Euch kommen heißen, um mir die Nativität zu ſtellen?“ „Nein,“ ſagte Mazarin lachend,„ich nahm Euch mit, um Euch zu fragen, ob Ihr unſern Musketier⸗ lieutenant bemerkt habt?“ „Herrn d'Artagnan?“ „Ja.“ „Ich habe nicht mehr nöthig gehabt, ihn zu be⸗ merken, denn ich kenne ihn ſeit geraumer Zeit.“ „Was für ein Menſch iſt es?“ „Wie denn?“ ſprach Guitaut, über dieſe Frage erſtaunt.„Es iſt ein Gascogner.“ „Ja, ich weiß das, aber ich wollte Euch fragen, ob es ein Mann wäre, in den man Vertrauen ſetzen könnte?“ „Herr von Treville hält große Stücke auf ihn, und Herr von Treville iſt, wie ihr wißt, einer der er⸗ gebenſten Freunde der Königin.“ „Ich wünſchte zu wiſſen, ob es ein Mann iſt, der ſeine Prüfung erſtanden hat?“ 1 „Wenn Ihr darunter verſteht, ob er ein braver Soldat ſei, ſo kann ich Euch mit Ja antworten. Bei der Belagerung von La Rochelle, bei Perpignan hat er, wie ich hörte, mehr als ſeine Pflicht ge⸗ han.“ „Aber Ihr wißt, Guitaut, wir arme Miniſter be⸗ dürfen oft noch anderer Männer, als der Braven. Wir brauchen geſchickte Leute. War Herr d'Artagnan zur Zeit des Cardinals nicht in eine Intrigue verwickelt, aus der er ſich nach dem Gerüchte mit großer Gewandt⸗ heit gezogen hat?“ „Monſeigneur, in dieſer Beziehung,“ ſagte Gui⸗ taut, welcher wohl einſah, daß ihn der Eardinal zum Sprechen bringen wollte,„in dieſer Beziehung ſehe ich den, ren, ben⸗ daß Aber chte, An iske⸗ inen gner h zu elbſt ngte, war, elle, ach⸗ atte, taut erde, der ten. ſich end, nzig fort, reit⸗ ein der ften ſeid 29 ein braver Soldat, einer von den Käpitänen, wie noch einige aus der Zeit von König Heinrich IV. übrig ſind, wie aber leider bald keine mehr vorhanden ſein werden.“ „Peſt, Monſeigneur, habt Ihr mich mit Euch kommen heißen, um mir die Nativität zu ſtellen?“ „Nein,“ ſagte Mazarin lachend,„ich nahm Euch mit, um Euch zu fragen, ob Ihr unſern Musketier⸗ lieutenant bemerkt habt?“ „Herrn d'Artagnan?“ „Ja.“ „Ich habe nicht mehr nöthig gehabt, ihn zu be⸗ merken, denn ich kenne ihn ſeit geraumer Zeit.“ „Was für ein Menſch iſt es?“ „Wie denn?“ ſprach Guitaut, über dieſe Frage erſtaunt.„Es iſt ein Gascogner.“ „Ja, ich weiß das, aber ich wollte Euch fragen, ob es ein Mann wäre, in den man Vertrauen ſetzen könnte?“ „Herr von Treville hält große Stücke auf ihn, und Herr von Treville iſt, wie ihr wißt, einer der er⸗ gebenſten Freunde der Königin.“ „Ich wünſchte zu wiſſen, ob es ein Mann iſt, der ſeine Prüfung erſtanden hat?“ „Wenn Ihr darunter verſteht, ob er ein braver Soldat ſei, ſo kann ich Euch mit Ja antworten. Bei der Belagerung von La Rochelle, bei Perpignan er, wie ich hörte, mehr als ſeine Pflicht ge⸗ han.“ „Aber Ihr wißt, Guitaut, wir arme Miniſter be⸗ dürfen oft noch anderer Männer, als der Braven. Wir brauchen geſchickte Leute. War Herr d'Artagnan zur Zeit des Cardinals nicht in eine Intrigne verwickelt, aus der er ſich nach dem Gerüchte mit großer Gewandt⸗ heit gezogen hat?“ „Monſeigneur, in dieſer Beziehung,“ ſagte Gui⸗ taut, welcher wohl einſah, daß ihn der Cardinal zum Sprechen bringen wollte,„in dieſer Beziehung ſehe ich 30 mich genöthigt, Eurer Eminenz zu ſagen, daß ich nicht mehr weiß, als das, was dieſelbe durch öffentliche Ge⸗ rüchte erfahren konnte. Ich habe mich für meine Rechnung nie in die Intriguen gemiſcht, und wenn ich zuweilen eine vertrauliche Mittheilung hinſichtlich der Intriguen Anderer erhalten habe, ſo wird es Mon⸗ ſeigneur, da das Geheimniß nicht mir gehört, gut fin⸗ den, wenn ich es für diejenigen bewahre, die es mir anvertrauten.“„ Mazarin ſchüttelte den Kopf. 1 „Ah!“ fagte er,„auf mein Wort, es gibt ſehr glückliche Miniſter, welche Alles wiſſen, was ſie wiſſen wollen.“ „Monſeigneur,“ verſetzte Guitaut,„dies iſt der Fall, weil dieſelben nicht alle Menſchen in derſelben Wage abwägen, und weil ſte ſich an Kriegsmänner in Betreff des Krieges und an Intriganten für die In⸗ trigue zu wenden wiſſen. Wendet Euch an irgend einen Intriganten der Zeit, von der Ihr ſprecht, und Ihr werder bekommen, was Ihr haben wollt, wohl verſtan⸗ den, wenn Ihr bezahlt.“ „Ei, bei Gott,“ verſetzte Mazarin mit einer Gri⸗ maſſe, die ihm immer entfuhr, wenn man bei ihm die Geldfrage in dem Sinne von Guitaut berührte... man wird bezahlen... wenn es kein Mittel gibt, es anders zu machen.“ „Fordert mich Monſeigneur im Ernſte auf, ihm einen Mann zu nennen, der in alle Cabalen dieſer Zeit verwickelt war? „Per Bacho!“ verſetzte Mazarin, welcher nach⸗ gerade ungeduldig wurde,„ſeit einer Stunde verlange ich nichts Anderes von Euch, Ihr Eiſenkopf.“ „Es gibt Einen, für den ich Euch ſtehen kann, wenn er ſprechen will.“ „Das iſt meine Sache.“ 23 „Ah! Monſeigneur, es iſt nicht nmer ſo leicht, 8 30 mich genöthigt, Eurer Eminenz zu ſagen, daß ich nicht mehr weiß, als das, was dieſelbe durch öffentliche Ge⸗ rüchte erfahren konnte. Ich habe mich für meine Rechnung nie in die Intrignen gemiſcht, und wenn ich zuweilen eine vertrauliche Mittheilung hinſichtlich der Intriguen Anderer erhalten habe, ſo wird es Mon⸗ ſeigneur, da das Geheimniß nicht mir gehört, gut fin⸗ den, wenn ich es für diejenigen bewahre, die es mir anvertrauten.“ Mazarin ſchüttelte den Kopf. „Ah!“ ſagte er,„auf mein Wort, es gibt ſehr glückliche Miniſter, welche Alles wiſſen, was ſie wiſſen wollen.“ „Monſeigneur,“ verſetzte Guitaut,„dies iſt der Fall, weil dieſelben nicht alle Menſchen in derſelben Wage abwägen, und weil ſie ſich an Kriegsmänner in Betreff des Krieges und an Intriganten für die In⸗ trigue zu wenden wiſſen. Wendet Euch an irgend einen Intriganten der Zeit, von der Ihr ſprecht, und Ihr werdet bekommen, was Ihr haben wollt, wohl verſtan⸗ den, wenn Ihr bezahlt.“. „Ei, bei Gott,“ verſetzte Mazarin mit einer Gri⸗ maſſe, die ihm immer entfuhr, wenn man bei ihm die Geldfrage in dem Sinne von Guitaut berührte... man wird bezahlen.. wenn es kein Mittel gibt, es anders zu machen.“ „Fordert mich Monſeigneur im Ernſte auf, ihm einen Mann zu nennen, der in alle Cabalen dieſer Zeit verwickelt war? „Per Bacho!“ verſetzte Mazarin, welcher nach⸗ gerade ungeduldig wurde,„ſeit einer Stunde verlange ich nichts Anderes von Euch, Ihr Eiſenkopf.“ „Es gibt Einen, für den ich Euch ſtehen kann, wenn er ſprechen will.“ „Das iſt meine Sache.“ „Ah! Monſeigneur, es iſt nicht immer ſo leicht, die ſag we: ſcht wo zar daf wir der gro noc den ſo und ſein Au auf blic 9eg 31 die Menſchen zu veranlaſſen, das zu ſagen, was ſie nicht ſagen wollen.“ „Bah! mit Geduld gelangt man zum Ziele. Nun, wer iſt dieſer Mann?“ „Es iſt der Graf von Rochefort.“ „Der Graf von Nochefort?“ „Leider iſt er ſeit bald vier oder fünf Jahren ver⸗ ſchwunden, und ich weiß nicht, was aus ihm ge⸗ worden iſt.“ „„Ich werde es erfahren, Guitaut“ ſprach Ma⸗ zarin. „Warum beklagte ſich denn ſo eben Euer Eminenz, daß ſie nichts wüßte?“ 3 „Ihr glaubt alſo, Rochefort...“ „Er war der ergebenſte Anhänger des Cardinals, Monſeigneur. Aber ich ſage Euch zum Voraus, es. wird Euch viel koſten, der Cardinal war verſchwen⸗ deriſch gegen ſeine Creatur.“ „Ja, ja, Guitaut,“ ſagte Mazarin,„es war ein großer Mann, aber er hatte dieſen Fehler; ich danke, Guitaut, ich werde Euern Rath benützen und zwar noch dieſen Abend.“ 3 Und da in dieſem Augenblick die zwei Sprechen⸗ den zu dem Hofe des Palais Royal gelangt waren, ſo grüßte der Cardinal Guitaut mit einem Zeichen der Hand, und näherte ſich einem Offizier, den er auf⸗ und abgehen ſah.. Es war d'Artagnan, der nach dem Befehle des Cardinals ihn erwartete. „Kommt, Herr d'Arkagnan,“ ſprach Mazarin mit ſeiner flötenreichſten Stimme,„ich habe Euch einen Auftrag zu geben.“ D Artagnan verbeugte ſich, folgte dem Cardinal auf der geheimen Treppe und befand ſich einen Augen⸗ blick nachher wieder in dem Cabinet, von dem er aus⸗ gegangen war. nicht e Ge⸗ meine nn ich ch der Mon⸗ it fin⸗ s mir ſehr wiſſen t der ſelben er in e In⸗ einen Ihr rſtan⸗ Gri⸗ n die „ es ihm ieſer nach⸗ ange ann, icht, . 3¹ die Menſchen zu veranlaſſen, das zu ſagen, was ſie nicht ſagen wollen.“ „Bah! mit Geduld gelangt man zum Ziele. Nun, wer iſt dieſer Mann?“ „Es iſt der Graf von Rochefort.“ „Der Graf von Rochefort?“ „Leider iſt er ſeit bald vier oder fünf Jahren ver⸗ ſchwunden, und ich weiß nicht, was aus ihm ge⸗ worden iſt.“ „Ich werde es erfahren, Guitaut“ ſprach Ma⸗ zarin. „Warum beklagte ſich denn ſo eben Euer Eminenz, daß ſie nichts wüßte?“ „Ihr glaubt alſo, Rochefort...“ „Er war der ergebenſte Anhänger des Cardinals, Monſeigneur. Aber ich ſage Euch zum Voraus, es wird Euch viel koſten, der Cardinal war verſchwen⸗ deriſch gegen ſeine Creatur.“ „Ja, ja, Guitaut,“ ſagte Mazarin,„es war ein großer Mann, aber er hatte dieſen Fehler; ich danke, Guitaut, ich werde Euern Rath benützen und zwar noch dieſen Abend.“ Und da in dieſem Augenblick die zwei Sprechen⸗ den zu dem Hofe des Palais Royal gelangt waren, ſo grüßte der Cardinal Guitaut mit einem Zeichen der Hand, und näherte ſich einem Offizier, den er auf⸗ und abgehen ſah. Es war dArtagnan, der nach dem Befehle des Cardinals ihn erwartete. „Kommt, Herr d'Artagnan,“ ſprach Mazarin mit ſeiner flötenreichſten Stimme,„ich habe Euch einen Auftrag zu geben.“ DArtagnan verbeugte ſich, folgte dem Cardinal auf der geheimen Treppe und befand ſich einen Augen⸗ blick nachher wieder in dem Cabinet, von dem er aus⸗ gegangen war. 32 Der Cardinal ſetzte ſich an ſein Bureau, nahm ein Blatt Papier und ſchrieb einige Zeilen darauf. D'Artagnan wartete ſtehend ohne Ungeduld und ohne Neugierde. Er war ein militäriſcher Automat geworden, der durch eine Feder handelte oder vielmehr gehorchte. Der Cardinal faltete den Brief zuſammen und drückte ſein Siegel darauf. „Herr d'Artagnan,“ ſprach er,„Ihr tragt dieſe Depeſche in die Baſtille und bringt die Perſon zurück, welche der Gegenſtand derſelben iſt. Nehmet eine Car⸗ roſſe, eine Escorte und bewachet ſorgfältig den Ge⸗ fangenen.“ D'Artagnan nahm den Brief, legte die Hand an ſeinen Hut, drehte ſich auf dem Abſatze um, wie es nur der geſchickteſte Sergent beim Vorexerciren machen kann, ging hinaus, und einen Augenblick nachher berte man ihn mit ſeinem kurzen Tone comman⸗ iren: „Vier Mann Escorte, einen Wagen, mein Pferd! Fünf Minuten nachher vernahm man die Räder des Wagens urd den Hufſchlag der Pferde auf dem Pflaſter des Hofes. III. Zwei alte Feinde. D'Artagnan kam um halb neun Uhr in die Ba⸗ ſtille. Er ließ ſich bei dem Gouverneur melden, der ihm, als er erfuhr, daß er von Seiten und auf Befehl des Miniſters kam, bis auf die Freitreppe entgegen ging. Der Gouverneur der Baſtille war damals Herr 25 =,— Gg ——————P—,— 32 Der Cardinal ſetzte ſich an ſein Bureau, nahm ein Blatt Papier und ſchrieb einige Zeilen darauf. DArtagnan wartete ſtehend ohne Ungeduld und ohne Neugierde. Er war ein militäriſcher Automat geworden, der durch eine Feder handelte oder vielmehr gehorchte. Der Cardinal faltete den Brief zuſammen und drückte ſein Siegel darauf. „Herr dArkagnan,“ ſprach er,„Ihr tragt dieſe Depeſche in die Baſtille und bringt die Perſon zurück, welche der Gegenſtand derſelben iſt. Nehmet eine Car⸗ roſſe, eine Escorte und bewachet ſorgfältig den Ge⸗ fangenen.“ DArtagnan nahm den Brief, legte die Hand an ſeinen Hut, drehte ſich auf dem Abſaße um, wie es nur der geſchickteſte Sergent beim Vorererciren machen kann, ging hinaus, und einen Augenblick nachher t man ihn mit ſeinem kurzen Tone comman⸗ iren: „Vier Mann Escorte, einen Wagen, mein Pferd! Fünf Minuten nachher vernahm man die Räder des Wagens und den Hufſchlag der Pferde auf dem Pflaſter des Hofes.* . II. .* 8 Zwei alte Feinde. D'Artagnan kam um halb neun Uhr in die Ba⸗ ſtille. Er ließ ſich bei dem Gouverneur melden, der ihm, als er erfuhr, daß er von Seiten und auf Befehl des Miniſters kam, bis auf die Freitreppe entgegen ging. Der Gonverneur der Baſtille war damals Herr — du Joſe man war in it in d Zeit Her 2 33 du Tremblay, ein Bruder des berüchtigten Kapuziners Joſeph, dieſes furchtbaren Günſtlings von Richelieu, den man die graue Eminenz nannte. Als der Marſchall von Baſſompierre in der Baſtille war, wo er zwölf volle Jahre blieb, und ſeine Gefährten in ihren Freiheitsträumen ſich einander ſagten:„Ich werde in der und der Zeit hinauskommen”“...„und ich in jener Zeit..“ ſo antwortete Baſſompierre:„Und ich, meine Herren, werde hinauskommen, wenn Herr du Tremblay hinanskommt,“ womit er ſagen wollte, bei dem Tode des Cardinals müſſe Herr du Tremblay nothwendig ſeinen Platz in der Baſtille verlieren und Baſſompierre den ſei⸗ nigen wieder einnehmen. Seine Weiſſagung ſollte wirklich in Erfüllung gehen, aber auf eine andere Art, als Baſſompierre gedacht hatte;3 denn als der Cardinal todt war, gingen die Dinge gegen alle Erwartung fort, wie bisher. Herr du Tremblay ver⸗ lor ſeine Stelle nicht, und Baſſompierre ſollte nicht aus der Baſtille kommen. Herr du Tremblay war alſo noch Gouverneur der Baſtille, als d'Artagnan ſich in derſelben einfand, um den Befehl des Miniſters zu vollziehen. Er empfing ihn mit der größten Höflichkeit, und da er eben ſich zu Tiſche zu ſetzen im Begriffe war, ſo lud er d'Artagnan ein, mit ihm zu Nacht zu ſpeiſen. „Ich würde dies mit dem größten Vergnügen thun,“ ſprach d'Artagnan:„aber wenn ich mich nicht täuſche, ſteht auf dem Umſchlag des Briefes: ſehr eilig.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Herr du Tremblay.„Holla, Major, man laſſe Nro. 256 herabkommen.“ Beim Eintritt in die Baſtille hörte man auf, ein Menſch zu ſein, und wurde eine Nummer. D'Artagnan fühlte einen Schauer bei dem Geräuſche der Schlüſſel. Er blieb zu Pferde, ohne abſteigen zu wollen, betrachtete die Gitterſtangen, die tiefen Fenſter, die ungeheuern Mauern, die er nie anders als von Jenſeits 3 Zwanzig Jahre nachher. I. ein und omat mehr und dieſe trück, Car⸗ Ge⸗ d an ie es achen chher man⸗ ferd! Räder dem Ba⸗ ihm, des ging. Herr 33 du Tremblay, ein Bruder des berüchtigten Kapuziners Joſeph, dieſes furchtbaren Günſtlings von Richelieu, den man die graue Eminenz nannte. Als der Marſchall von Baſſompierte in der Baſtille war, wo er zwölf volle Jahre blieb, und ſeine Gefährten in ihren Freiheitsträumen ſich einander ſagten:„Ich werde in der und der Zeit hinauskommen“.„und ich in jener Zeit.. ſo antwortete Baſſompierre:„Und ich, meine Herren, werde hinauskommen, wenn Herr du Tremblay hinauskommt,“ womit er ſagen wollte, bei dem Tode des Cardinals müſſe Herr du Tremblay nothwendig ſeinen Platz in der Baſtille verlieren und Baſſompierre den ſei⸗ nigen wieder einnehmen. Seine Weiſſagung ſollte wirklich in Erfüllung gehen, aber auf eine andere Art, als Baſſompierre gedacht hatte; denn als der Cardinal todt war, gingen die Dinge gegen alle Erwartung fort, wie bisher. Herr du Tremblay ver⸗ lor ſeine Stelle nicht, und Baſſompierre ſollte nicht aus der Baſtille kommen. Herr du Tremblah war alſo noch Gouverneur der Baſtille, als dArtagnan ſich in derſelben einfand, um den Befehl des Miniſters zu vollziehen. Er empfing ihn mit der größten Höflichkeit, und da er eben ſich zu Tiſche zu ſetzen im Begriſſe war, ſo lud er d'Artagnan ein, mit ihm zu Nacht zu ſpeiſen. „Ich würde dies mit dem größten Vergnügen thun,“ ſprach d'Artagnan:„aber wenn ich mich nicht täuſche, ſteht auf dem Umſchlag des Briefes: ſehr eilig.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Herr du Tremblay.„Holla, Major, man laſſe Nro. 256 herabkommen.“ Beim Eintritt in die Baſtille hörte man auf, ein Menſch zu ſein, und wurde eine Nummer. DArtagnan fühlte einen Schauer bei dem Geräuſche der Schlüſſel. Er blieb zu Pferde, ohne abſteigen zu wollen, betrachtete die Gitterſtangen, die tiefen Fenſter, die ungeheuern Mauern, die er nie anders als von Jenſeits Zwanzig Jahre nachher. 1. 3 ———— 34 der Gräben geſehen und, die ihm vor etwa zwanzig Jah⸗ ren ſo bange gemacht hatten.. Es ertönte ein Glockenſchlag. „Ich verlaſſe Euch,“ ſprach Herr du Tremblay. „Man ruft mich, um den Abgang des Gefangenen zu unterzeichnen. Auf Wiederſehen, Herr d'Artagnan.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Dir Deinen Wunſch zurückgebe,“ murmelte d'Artagnan, und er be⸗ gleitete dieſen Fluch mit dem anmuthigſten Lächeln.„Schon bei einem Aufenthalt von fünf Minuten im Hofe fühle ich mich krank. Ich ſehe, daß ich lieber auf dem Stroh ſterben, was mir wahrſcheinlich wide fahren wird, als 10,000 Livres Renten ſammeln will, um Gouverneur der Baſtille zu ſein.“ Kaum hatte er dieſen Monolog vollendet, als der Gefangene eiſchien⸗ Sobald d'Artagnan ihn erblickte, machte er eine Bewegung des Eiſtaunens, die er aber ſo⸗ gleich wieder bewältigte. Der Gefangene ſtieg in den Wagen, ohne, wie es ſchien, d'Artagnan erkannt zu haben. „Meme Herren,“ ſagte d'Artagnan zu den vier Mus⸗ ketiren,„man hat mir befohlen, den Gefangenen auf das Scharfſte zu bewachen. Da nun der Wagen keine Schlöſ⸗ ſer an ſeinen Schlägen hat, ſo will ich zu ihm hinein ſteigen. Herr von Lillebonne, habt die Güte, mein Pferd. am Zügel zu führen.“ „Sehr gerne, mein Lieutenant,“ antwortete derjenige, an welchen er ſich gewandt hatte. D'Artagnan ſprang vom Pferde, gab den Zügel dem Musketier, ſtieg in den Wagen und rief in einem Tone, in welchem ſich unmöglich auch nur die geringſte Bewe⸗ gung erkennen ließ: „In das Palais Royal, im Trab!“ Sogleich entfernte ſich der Wagen, und d'Artagnan warf ſich, die Dunkelheit benützend, die in dem Gewölbe henſche, durch das man fuhr, dem Gefangenen um den Ha 8. · 34 der Gräben geſehen und, die ihm vor eiwa zwanzig Jah⸗ ren ſo bange gemacht hatten. Es ertönte ein Glockenſchlag. „Ich verlaſſe Euch,“ ſprach Herr du Tremblay. „Man ruft mich, um den Abgang des Gefangenen zu unterzeichnen. Auf Wiederſehen, Herr dArtagnan.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Dir Deinen Wunſch zurückgebe,“ murmelte d'Artagnan, und er be⸗ gleitete dieſen Fluch mit dem anmuthigſten Lächeln.„Schon bei einem Aufenthalt von fünf Minuten im Hofe fühle ich mich krank. Ich ſehe, daß ich lieber auf dem Stroh ſterben, was mir wahrſcheinlich wide fahren wird, als 10,000 Livres Renten ſammeln will, um Gouverneur der Baſtille zu ſein.“ Kaum hatte er dieſen Monolog vollendet, als der Gefangene erſchien. Sobald d'Artagnan ihn erblickte, machte er eine Bewegung des Erſtaunens, die er aber ſo⸗ gleich wieder bewältigte. Der Gefangene ſtieg in den Wagen, ohne, wie es ſchien, d'Artagnan erkannt zu haben. „Meine Herren,“ ſagte d'Artagnan zu den vier Mus⸗ ketiren,„man hat mir befohlen, den Gefangenen auf das Schärfſte zu bewachen. Da nun der Wagen keine Schlöſ⸗ ſer an ſeinen Schlägen hat, ſo will ich zu ihm hinein ſteigen. Herr von Lillebonne, habt die Güte, mein Pferd am Zügel zu führen.“ „Sehr gerne, mein Lieutenant,“ antwortete derjenige an welchen er ſich gewandt hatte. DArtagnan ſprang vom Pferde, gab den Zügel dem Musketier, ſtieg in den Wagen und rief in einem Tone, in welchem ſich unmöglich auch nur die geringſte Bewe⸗ gung erkennen ließ: „In das Palais Royal, im Trab!“ Sogleich entfernte ſich der Wagen, und vngnnn warf ſich, die Dunkelheit benützend, die in dem Gewölbe durch das man fuhr, dem Gefangenen um ven als. mich „da habe groß grab ſtille lich wahr nach Herz mach Pont eine in di Belu valier zu ſei auf d 3⁵ „Rochefort!“ rief er,„Ihr, Ihr ſeid es! Ich täuſche mich nicht!“ „D'Artagnan!“ rief Rochefort erſtaunt. „Ach, mein armer Freund,“ fuhr d⸗Artagnan fort; „da ich Euch ſeit vier bis fünf Jahren nicht geſehen habe, ſo hielt ich Euch für todt.“ „Meiner Treu!“ erwiederte Rochefort,„es iſt kein großer Unterſchied zwiſchen einem Todten und einem Be⸗ grabenen und ich bin ein Begrabener.“ „Wegen welchen Verbrechens ſeid Ihr in der Ba⸗ ſtille?“ „Soll ich Euch die Wahrheit ſagen?“ „Jdl. „Nun, ich weiß es nicht.“ „Mißtrauen gegen mich, Rochefort?“ „Nein, auf Edelmannswort, denn ich kann unmög⸗ lich aus der Urſache hier ſein, die man angibt.“ „Welche Urſache?“ „Als Nachtdieb.“ „Ihr, Nachtdieb? Rochefort, Ihr ſcherzt.“ „Ich begreife. Das heiſcht eine Erläuterung, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Nun, ſo hört, was geſchehen iſt. Eines Abends nach einer Orgie bei Reinard in den Tuilerien mit dem Herzog d'Harcourt, Fontrailles, von Rieur und Anderen machte der Herzog d'Harcourt den Vorſchlag, auf dem Pont Neuf Mäntel zu ziehen. Es iſt dies, wie Ihr wißt, eine Unterhaltung, welche der Herzog von Orleans ſehr in die Mode gebracht hat.“ „Waret Ihr ein Narr, Rochefort? in Eurem Alter?“ „Nein, ich war betrunken, und dennoch, da mir die Beluſtigung ſehr mittelmäßig vorkam, ſchlug ich dem Che⸗ valier von Rieur vor, Zuſchauer ſtatt handelnde Perſon zu ſein, und um die Scene aus der erſten Loge zu ſehen, auf das Pferd von Bronze zu ſteigen. Geſagt, gethan. * 3 zwzr56 „ 2 blay. en zu einen r be⸗ Schon fühle Stroh „ als r der s der lickte, er ſo⸗ den aben. Mus⸗ if das chlöſ⸗ hinein Pferd enige, ldem Tone, Bewe⸗ gnan wölbe den 35 „Rochefort!“ rief er,„Ihr, Ihr ſeid es! Ich täuſche mich nicht!“ „D'Artagnan!“ rief Rochefort erſtaunt. „Ach, mein armer Freund,“ fuhr d'Artagnan fortz „da ich Euch ſeit vier bis fünf Jahren nicht geſehen habe, ſo hielt ich Euch für todt.“ „Meiner Treu!“ erwiederte Rochefort,„es iſt kein großer Unterſchied zwiſchen einem Todten und einem Be⸗ grabenen und ich bin ein Begrabener.“ „Wegen welchen Verbrechens ſeid Ihr in der Ba⸗ ſtille?“ „Soll ich Euch die Wahrheit ſagen?“ „Ja.“ „Nun, ich weiß es nicht.“ „Mißtrauen gegen mich, Rochefort?“ „Nein, auf Edelmannswort, denn ich kann unmög⸗ lich aus der Urſache hier ſein, die man angibt.“ „Welche Urſache?“ „Als Nachtdieb.“ „Ihr, Nachtdieb? Rochefort, Ihr ſcherzt.“ „Ich begreife. Das heiſcht eine Erläuterung, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Nun, ſo hört, was geſchehen iſt. Eines Abends nach einer Orgie bei Reinard in den Tuilerien mit dem Herzog dHarcvurt, Fontrailles, von Rieur und Anderen machte der Herzog dHarcvurt den Vorſchlag, auf dem Pont Neuf Mäntel zu ziehen. Es iſt dies, wie Ihr wißt, eine Unterhaltung, welche der Herzog von Orleans ſehr in die Mode gebracht hat.“ „Waret Ihr ein Narr, Rochefort? in Eurem Alter?“ „Nein, ich war betrunken, und dennoch, da mir die Beluſtigung ſehr mittelmäßig vorkam, ſchlug ich dem Che⸗ valier von Rieur vor, Zuſchauer ſtatt handelnde Perſon zu ſein, und um die Scene aus der erſten Loge zu ſehen, auf das Pferd von Bronze zu ſteigen. S gethan. Mit Hulfe der Sporen, die uns als Steigbügel dienten, ſaßen wir in einem Augenblick auf dem Rücken. Wir hatten einen vortrefflichen Standpunkt. Bereits waren vier bis fünf Mäntel mit einer Geſchicklichkeit ohne Gleichen und ohne daß diejenigen, welchen man ſie nahm, ein Wort zu ſagen wagten, geſtohlen, als es irgend einem Dumm⸗ kopf, welcher etwas minder geduldig war, als die Anderen, einfiel, nach der Wache zu ſchreien, was eine Patrouille von Bogenſchützen herbeiführte. Der Herzog d'Harcourt, Fontrailles und die Andern machten ſich aus dem Staube. Von Rieur will daſſelbe thun. Ich halte ihn zurück und ſage ihm, man werde uns da, wo wir ſeien, nicht aus dem Neſte heben. Er hört nicht auf mich, ſetzt den Fuß auf den Sporn, um hinabzuſteigen; der Sporn zerbricht, er fällt, bricht ein Bein und fängt an, ſtatt zu ſchweigen, wie ein Gehängter zu ſchreien. Ich will ebenfalls herab⸗ ſpringen, aber es war zu ſpät. Ich ſpringe in die Arme der Bogenſchützen, die mich nach dem Chatelet führen, wo ich ruhig einſchlafe, feſt überzeugt, ich würde am an⸗ dern Tage entlaſſen werden. Der andere Tag geht vor⸗ über, ebenſo der zweite. Es gehen acht Tage vorüber, ich ſchreibe an den Cardinal. An demſelben Tage holt man mich ab und führt mich in die Baſtille, wo ich ſeit fünf Jahren ſitze. Glaubt Ihr, es ſei dies der Fall, weil ich das Verbrechen begangen habe, auf das Pferd hinter Hein⸗ rich IV. zu ſteigen?“ „Nein, Ihr habt Recht, mein lieber Rochefort, das kann nicht der Grund ſein, Ihr werdet ihn übrigens wahrſcheinlich erfahren.“ 1 „Ach! ja, doch ich habe vergeſſen, Euch zu fragen: wohin führt Ihr mich?“ „ u dem Cardinal.“ „Was will er von mir?“ „„Sch weiß es nicht, denn ich wußte nicht einmal, daß ich Euch holen ſollte.“ 3 — 36 Mit Hülfe der Sporen, die uns als Steigbügel dienten, ſaßen wir in einem Augenblick auf dem Rücken. Wir hatten einen vortrefflichen Standpunkt. Bereits waren vier bis fünf Mäntel mit einer Geſchicklichkeit ohne Gleichen und ohne daß diejenigen, welchen man ſie nahm, ein Wort zu ſagen wagten, geſtohlen, als es irgend einem Dumm⸗ kopf, welcher etwas minder geduldig war, als die Anderen, einfiel, nach der Wache zu ſchreien, was eine Patronille von Brogenſchützen herbeiführte. Der Herzog d'Harcourt, Fontrailles und die Andern machten ſich aus dem Staube. Von Rieur will daſſelbe thun. Ich halte ihn zurück und ſage ihm, man werde uns da, wo wir ſeien, nicht aus dem Reſte heben. Er hört nicht auf mich, ſetzt den Fuß auf den Sporn, um hinabzuſteigen; der Sporn zerbricht, er fällt, bricht ein Bein und fängt an, ſtatt zu ſchweigen, wie ein Gehängter zu ſchreien. Ich will ebenfalls herab⸗ ſpringen, aber es war zu ſpät. Ich ſpringe in die Arme der Bogenſchützen, die mich nach dem Chatelet führen, wo ich ruhig einſchlafe, feſt überzeugt, ich würde am an⸗ dern Tage entlaſſen werden. Der andere Tag geht vor⸗ über, ebenſo der zweite. Es gehen acht Tage vorüber, ich ſchreibe an den Cardinal. An demſelben Tage holt man mich ab und führt mich in die Baſtille, wo ich ſeit fünf Jahren ſitze. Glaubt Ihr, es ſei dies der Fall, weil ich das Verbrechen begangen habe, auf das Pferd hinter Hein⸗ rich IV. zu ſteigen?“ „Nein, Ihr habt Recht, mein lieber Rochefort, das kann nicht der Grund ſein, Ihr werdet ihn übrigens wahrſcheinlich erfahren.“ „Ach! ja, doch ich habe vergeſſen, Euch zu ftagen: wohin führt Ihr mich?“ „Zu dem Cardinal.“ „Was will er von mir?“ „Ich weiß es nicht, denn ich wußte nicht einmal, daß ich Euch holen ſollte.“ arme Euck noch Satz ſich! Ande bei zähle iſt ſe lateir gewu ich von Köni Gelie nach ſophi nen; fängr „Unmöglich! Ihr, ein Günſtling?“ „Ein Günſtling, ich!“ rief d'Artagnan.„Ahl mein armer Graf, ich bin mehr Gascogner Junker, als da ich n Euch vor zweiundzwazig Jahren in Meung ſah, wißt Ihr t noch? Ach! ach!“ und ein ſchwerer Seufzer endigte dieſen ⸗* Satz. „„Doch Ihr kommt mit einem Befehle.“ „Weil ich mich zufäͤllig im Vorzimmer befand, und 3 ſich der Cardinal an mich wandte, wie er ſich an jeden Andern gewendet hätte; aber ich bin immer noch Lieutenant bei den Musketieren, und dies bin ich, wenn ich richtig zähle, ſeit ungefähr ein und zwanzig Jahren.“ „Es iſt Euch doch kein Unglück widerfahren, und das iſt ſchon viel.“ „Welches Unglück ſollte mir widerfahren? Irgend ein lateiniſcher Vers, den ich vergeſſen oder vielmehr nie recht gewußt habe, ſagt: der Blitz treffe die Thäler nicht, und * ich bin ein Thal, mein lieber Rochefort, und zwar eines von den tiefſten.“ „Mazarin iſt alſo immer noch Mazarin?“ „Mehr als je, mein Lieber; man ſagt, er ſei mit der Königin verheirathet.“ 4 „Verheirathet!“ „Iſt er nicht ihr Gemahl, ſo iſt er ſicherlich ihr Geliebter.“ „Einem Buckingham widerſtehen und einem Mazarin nachgeben!“ „So ſind die Frauen,“ verſetzte d'Artagnan philo⸗ ſophiſch. —„Die Frauen wohl, aber die Königinnen!“ „Ei, mein Gott, in dieſer Hinſicht ſind die Königin⸗ nen zweimal Frauen.“— „Und Herr von Beaufort iſt immer noch im Ge⸗ fängniß?““ 1„Immer noch, warum?“ ——9—— H8 u—— ⏑⁸8*. — ienten, Wir n vier leichen Wort umm⸗ deren, rouille reourt, taube. ck und ht aus n Fuß eigen, herab⸗ Arme ühren, m an⸗ t vor⸗ er, ich t man t fünf eil ich Hein⸗ „ das rigens agen nmal/ 37 „Unmöglich! Ihr, ein Günſtling?“ „Ein Günſtling, ich!“ rief d'Artagnan.„Ah! mein armer Graf, ich bin mehr Gascogner Junker, als da ich Euch vor zweiundzwazig Jahren in Meung ſah, wißt Ihr w Ach! ach!“ und ein ſchwerer Seufzer endigte dieſen atz. „Doch Ihr kommt mit einem Befehle.“ „Weil ich mich zufällig im Vorzimmer befand, und ſich der Cardinal an mich wandte, wie er ſich an jeden Andern gewendet hätte; aber ich bin immer noch Lieutenant bei den Musketieren, und dies bin ich, wenn ich richtig zähle, ſeit ungefähr ein und zwanzig Jahren.“ „Es iſt Euch doch kein Unglück widerfahren, und das iſt ſchon viel.“ „Welches Unglück ſollte mir widerfahren? Irgend ein lateiniſcher Vers, den ich vergeſſen oder vielmehr nie recht gewußt habe, ſagt: der Blitz treffe die Thäler nicht, und ich bin ein Thal, mein lieber Rochefort, und zwar eines von den tieſſten.“ „Mazarin iſt alſo immer noch Mazarin?“ „Mehr als je, mein Lieber; man ſagt, er ſei mit der Königin verheirathet.“ „Verheirathet!“ „Iſt er nicht ihr Gemahl, ſo iſt er ſicherlich ihr Geliebter.“ „Einem Buckingham widerſtehen und einem Mazarin nachgeben!“ „So ſind die Frauen,“ verſetzte d'Artagnan philo⸗ ſophiſch. „Die Frauen wohl, aber die Königinnen!“ „Ei, mein Gott, in dieſer Hinſicht ſind die Königin⸗ nen zweimal Frauen.“ „Und Herr von Beaufort iſt immer noch im Ge⸗ fängniß?“ „Immer noch, warum?“ „Da er mir wohl wollte, ſo hätte er mich aus der ſchlimmen Geſchichte ziehen können.“ „Ihr ſeid ohne Zweifel der Freiheit näher, als er; alſo werdet Ihr ihn aus dem Unglück ziehen.“ „Und wie ſteht es mit dem Krieg?“ „Man wird haben.“ „Mit Spanien?“ „Nein, mit Paris.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Hört Ihr die Flintenſchüſſe?“ „Ja. Nun?“ „Es ſind Bürger, welche in Erwartung eines Auf⸗ ſtandes feuern.“ „Glaubt Ihr, man könnte etwas aus den Bürgern machen?“ „Gewiß, ſie verſprechen etwas; und wenn ſie einen Führer hätten, der aus allen Gruppen eine Maſſe machen würde.... „Es iſt ein Unglück, nicht frei zu ſein.“ „Ei, mein Gott, verzweifelt doch nicht. Wenn Ma⸗ zarin Euch holen läßt, ſo geſchieht es einfach, weil er CEuch braucht, und wenn er Euch braucht, nun, ſo mache ich Euch mein Compliment. Es iſt lange her, daß Nie⸗ mand meiner mehr bedurft hat; Ihr ſeht auch, wie weit ich es gebracht habe.“ „Beklagt Euch doch, ich rathe es Euch!“ „Hört, Rochefort, einen Vertrag...“ „Welchen?“ „Ihr wißt, daß wir gute Freunde ſind.“ „Bei Gott, ich trage die Mahle Eurer Freundſchaft an mir: drei Degenſtiche!...“ „Nun wohl, wenn Ihr wieder in Gunſt kommt, ver⸗ geßt mich nicht.“— „So wohr ich Nochefort heiße, aber unter der Be⸗ dingung der Gegenſeitigkeit. „Abgemacht: hier iſt meine Hand.“ „Da er mir wohl wollte, ſo hätte er mich aus der ſchlimmen Geſchichte ziehen können.“ „Ihr ſeid ohne Zweifel der Freiheit näher, als erz alſo werdet Ihr ihn aus dem Unglück ziehen.“ „Und wie ſteht es mit dem Krieg?“ „Man wird haben.“ „Mit Spanien?“ „Nein, mit Paris.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Hört Ihr die Flintenſchüſſe?“ „Ja. Nun?“ „Es ſind Bürger, welche in Erwartung eines Auf⸗ ſtandes feuern.“ „Glaubt Ihr, man könnte etwas aus den Bürgern machen?“ „Gewiß, ſie verſprechen etwas; und wenn ſie einen Führer hätten, der aus allen Gruppen eine Maſſe machen Fide „Es iſt ein Unglück, nicht frei zu ſein.“ „Ei, mein Gott, verzweifelt doch nicht. Wenn Ma⸗ zarin Euch holen läßt, ſo geſchieht es einfach, weil er Euch braucht, und wenn er Euch braucht, nun, ſo mache ich Euch mein Compliment. Es iſt lange her, daß Nie⸗ mand meiner mehr bedurft hat; Ihr ſeht auch, wie weit ich es gebracht habe.“ „Beklagt Euch doch, ich rathe es Euch!“ „Hört, Rochefort, einen Vertrag „Welchen?“ „Ihr wißt, daß wir gute Freunde ſind.“ „Bei Gott, ich trage die Mahle Eurer Freundſchaft an mir: drei Degenſtiche!.. „Nun wohl, wenn Ihr wieder in Gunſt kommt, ver⸗ geßt mich nicht.“ „So wahr ich Rochefort heiße, aber unter der Be⸗ dingung der Gegenſeitigkeit. „Abgemacht; hier iſt meine Hand.“ der ihr bar Fre unt ruh bin por Ab 39 „¶Die erſte Gelegenheit alſo, die Ihr findet, um von mir zu ſprechen....“ „Ich ſpreche von Euch: und Ihr?“ „Ebenſo.“ „Und ſoll ich auch von Euren Freunden ſprechen?“ „Von welchen Freunden?“ „Von Athos, Porthos und Aramis. Habt Ihr ſie denn vergeſſen?“ „Beinahe.“ „Was iſt aus ihnen geworden?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wirklich?“ „Ah! mein Gott ja, wir haben uns verlaſſen, wie Ihr wißt; Sie leben, das iſt Alles, was ich von ihnen ſagen kann. Von Zeit zu Zeit erhalte ich mittelbar Nach⸗ richten von ihnen; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, in welchem Winkel der Erde ſie ſich aufhalten. Nein auf Ehre! ich habe nur noch Euch zum Freunde, Rochefort.“ „Und der Herrliche, wie nanntet Ihr doch den Bur⸗ ſchen, den ich zum Sergenten im Regiment Piemont machte?“ „ Planchet.“ „Ja, ſo iſt es, der herrliche Planchet; was iſt aus ihm geworden?“ „Er hat einen Zuckerbäckerladen in der Rue des Lom⸗ bards geheirathet. Der Burſche war ſtets ein großer Freund von Süßigkeiten. Er iſt nun Bürger von Paris und treibt in dieſem Augenblick wohl ohne Zweifel Auf⸗ uhe Ihr werdet ſehen, er iſt Schöppe, ehe ich Kapitän in. „Auf! mein lieber d'Artagnan, wenn man ganz unten am Rade iſt, ſo dreht ſich das Rad und heht einen em⸗ por. Vielleicht verändert ſich Euer Schickſal noch dieſen Abend.“ 3 „Amen,“ ſprach d'Artagnan, den Wagen anhaltend. 39 us der„Die erſte Gelegenheit alſo, die Ihr findet, um von mir zu ſprechen. ls er;„Ich ſpreche von Euch: und Ihr?“ „Ebenſo.“ „Und ſoll ich auch von Euren Freunden ſprechen?“ „Von welchen Freunden?“ „Von Athos, Porthos und Aramis. Habt Ihr ſie denn vergeſſen?“ „Beinahe.“ „Was iſt aus ihnen geworden?“ „Ich weiß es nicht.“ Auf⸗„Wirklich?“ „Ahl mein Gott ja, wir haben uns verlaſſen, wie irgerm Ihr wißt; Sie leben, das iſt Alles, was ich von ihnen ſagen kann. Von Zeit zu Zeit erhalte ich mittelbar Nach⸗ einen richten von ihnen; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn achen ich weiß, in welchem Winkel der Erde ſie ſich aufhalten. Nein auf Ehre! ich habe nur noch Euch zum Freunde, Rochefort.“ Ma⸗„Und der Herrliche, wie nanntet Ihr doch den Bur⸗ eil er ſchen, den ich zum Sergenten im Regiment Piemont mache machte?“ Nie⸗„Planchet.“ weit.„Ja, ſo iſt es, der herrliche Planchet; was iſt aus ihm geworden?“ „Er hat einen Zuckerbäckerladen in der Rue des Lom⸗ bards geheirathet. Der Burſche war ſtets ein großer Freund von Süßigkeiten. Er iſt nun Bürger von Paris und treibt in dieſem Augenblick wohl ohne Zweifel Auf⸗ ſchaft 6 Ihr werdet ſehen, er iſt Schöppe, ehe ich Kapitän in. „ver⸗„Aufl mein lieber dArtagnan, wenn man ganz unten am Rade iſt, ſo dreht ſich das Rad und hebt einen em⸗ Be⸗ verändert ſich Euer Schickſal noch dieſen end. „Amen,“ ſprach dArtagnan, den Wagen anhaltend. 40 „Was macht Ihr?“ fragte Rochefort. 4„Wir ſind bald an Ort und Stelle, und man ſoll nicht ſehen, daß ich aus Eurem Wagen ausſteige. Wir kennen uns nicht.“ „Ihr habt Recht. Adieu.“ „Auf Wiederſehen. Erinnert Euch Eures Verſpre⸗ chens.“ D'Artagnan ſtieg wieder zu Pferde und ſetzte ſich an die Spitze der Escorte. Fünf Minuten nachher gelangte man in den Hof des Palais Royal. O'Artagnan führte den Geſangenen über die große Treppe und ließ ihn durch das Vorzimmer und den Cor⸗ ridor gehen. Vor der Thüre des Cabinets von Mazarin angelangt, war er eben im Begriffe, ſich melden zu laſſen, als Rochefort die Hand auf ſeine Schulter legte und lächelnd zu ihm ſagte: „D'Artagnan, ſoll ich Euch Eines ſagen, woran ich den ganzen Weg entlang dachte, als ich die Gruppen von Bürgern ſah, durch die wir fuhren und die Euch und Eure vier Leute mit flammenden Augen be rachteten?“ „Sprecht,“ antwortete d'Artagnan. „Ich durfte nur um Hülfe rufen, um Euch und Eure Paraii in Stücke hauen zu laſſen, und dann war ich rei. „Warum habt Ihr es nicht gethan?“ „Geht doch! Geſchworene Freundſchaft! Aber wenn mich ein Anderer, als Ihr, geführt hätte, ſo ſage ich nicht...“ D'Artagnan neigte das Haupt.. „Sollte Rochefort beſſer geworden ſein, als ich?“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und er ließ ſich bei dem Miniſter melden. „Laßt Herrn von Rochefort eintreten,“ rief mit un⸗ geduldigem Tone Mazarin, ſobald er dieſe zwei Namen 40 „Was macht Ihr?“ fragte Rochefort. „Wir ſind bald an Ort und Stelle, und man ſoll nicht ſehen, daß ich aus Eurem Wagen ausſteige. Wir kennen uns nicht.“ „Ihr habt Recht. Adieu.“ „Auf Wiederſehen. Erinnert Euch Eures Verſpre⸗ chens.“ D'Artagnan ſtieg wieder zu Pferde und ſetzte ſich an die Spitze der Escorte. Fünf Minuten nachher gelangte man in den Hof des Palais Royal. D'Artagnan führte den Gefangenen über die große Treppe und ließ ihn durch das Vorzimmer und den Cor⸗ ridor gehen. Vor der Thüre des Cabinets von Mazarin angelangt, war er eben im Begriffe, ſich melden zu laſſen, als Rochefort die Hand auf ſeine Schulter legte und lächelnd zu ihm ſagte: „D'Artagnan, ſoll ich Euch Eines ſagen, woran ich den ganzen Weg entlang dachte, als ich die Gruppen von Bürgern ſah, durch die wir fuhren und die Euch und Eure vier Leute mit flammenden Augen betrachteten?“ „Sprecht,“ antwortete d'Artagnan. „Ich durfte nur um Hülfe rufen, um Euch und Eure ſe in Stücke hauen zu laſſen, und dann war ich rei.“ „Warum habt Ihr es nicht gethan?“ „Geht doch! Geſchworene Freundſchaft! Aber wenn vin ein Anderer, als Ihr, geführt hätte, ſo ſage ich nicht.. DArtagnan neigte das Hanpt. „Sollte Rochefort beſſer geworden ſein, als ich?“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und er ließ ſich bei dem Miniſter melden. „Laßt Herrn von Rochefort eintreten,“ rief mit un⸗ geduldigem Tone Mazarin, ſobald er dieſe zwei Namen lant zog her 41 gehört hatte, und bittet Herrn d'Artagnan zu warten; ich bin noch nicht mit ihm fertig.“ Dieſe Worte machten d'Artagnan ganz heiter. Lange Zeit hatte, wie er ſelbſt bemerkte, Niemand ſeiner bedurft, und dieſe Aufforderung von Mazarin erſchien ihm als ein glückliches Vorzeichen. Was Rochefort betrifft, ſo brachte dieſelbe auf dieſen keine andere Wirkung hervor, als daß ſie ihm völlige Faſſung verlieh. Er trat in das Cabinet ein und fand Mazarin am Tiſche ſitzend in ſeiner gewöhnlichen Tracht, d. h. als Monſignore, was un⸗ gefähr das Gewand der Abbés jener Zeit war, aus⸗ genommen, daß er violette Strümpfe und einen violetten Mantel trug. Die Thüren ſchloſſen ſich wieder. Rochefort betrach⸗ tete Mazarin aus einem Winkel des Auges, und er er⸗ nabpie den Miniſter auf einem Blick, welcher den ſeinigen reuzte. Der Miniſter war ſtets derſelbe, gut friſirt, gut parfumirt und durch ſeine Cogquetterie jünger als ſeine wirklichen Lebensjahre. Bei Rochefort war es ein An⸗ deres, die fünf Jahre, die er im Gefängniſſe zubrachte, hatten dieſen Freund von Herrn von Richelieu ſehr alt gemacht. Seine ſchwarzen Haare waren ganz weiß ge⸗ worden und die Bronzefarbe ſeiner Geſichtshaut hatte einer Bläſſe, welche Erſchöpfung zu ſein ſchien, Platz gemacht. Bei ſeinem Anblick ſchüttelte Mazarin unmerklich den Kopf mit einer Miene, welche wohl ſagen wollte: „Dieſer Menſch ſcheint mir nicht mehr zu großen Dingen zu taugen.“ Nach einem Stillſchweigen, das in der That ziemlich lang währte, Rochefort aber wie ein Jahrhundert vorkam, zog Mazarin aus einem Stoß Papiere einen offenen Brief hervor, zeigte ihn dem Edelmann und ſagte: „Ich habe hier einen Brief gefunden, worin Ihr um — ſoll ſpre⸗ an des roße Cor⸗ zarin aſſen, und n ich von und Eure r ich wenn e ich ch 2 niſter t un⸗ amen 41 gehört hatte, und bittet Herrn d'Artagnan zu warten; ich bin noch nicht mit ihm fertig.“ Dieſe Worte machten dArtagnan ganz heiter. Lange Zeit hatte, wie er ſelbſt bemerkte, Niemand ſeiner bedurft, und dieſe Aufforderung von Mazarin erſchien ihm als ein glückliches Vorzeichen. Was Rochefort betrifft, ſo brachte dieſelbe auf dieſen keine andere Wirkung hervor, als daß ſie ihm völlige Faſſung verlieh. Er trat in das Cabinet ein und fand Mazarin am Tiſche ſitzend in ſeiner gewöhnlichen Tracht, d. h. als Monſignore, was un⸗ gefähr das Gewand der Abbés jener Zeit war, aus⸗ genommen, daß er violette Strümpfe und einen vivletten Mantel trug. Die Thüren ſchloſſen ſich wieder. Rochefort betrach⸗ tete Mazarin aus einem Winkel des Auges, und er er⸗ den Miniſter auf einem Blick, welcher den ſeinigen reuzte. Der Miniſter war ſiets derſelbe, gut friſirt, gut parfumirt und duch ſeine Coquetterie jünger als ſeine wirklichen Lebensjahre. Bei Rochefort war es ein An⸗ deres, die fünf Jahre, die er im Gefängniſſe zubrachte, hatten dieſen Freund von Herrn von Richelien ſehr alt gemacht. Seine ſchwarzen Haare waren ganz weiß ge⸗ worden und die Bronzefarbe ſeiner Geſichtshaut hatte einer Bläſſe, welche Erſchöpfung zu ſein ſchien, Platz gemacht. Bei ſeinem Anblick ſchüttelte Mazarin unmerklich den Kopf mit einer Miene, welche wohl ſagen wollte: „Dieſer Menſch ſcheint mir nicht mehr zu großen Dingen zu taugen.“ Nach einem Stillſchweigen, das in der That ziemlich lang währte, Rochefort aber wie ein Jahrhundert vorkam, zog Mazarin aus einem Stoß Papiere einen offenen Brief hervor, zeigte ihn dem Edelmann und ſagte: „Ich habe hier einen Brief gefunden, worin Ihr um Eure Freiheit nachſucht, Herr von Rochefort. Ihr ſeid alſo im Gefängniß?“ Rochefort bebte bei dieſer Frage. „Es ſcheint mir, Euere Eminenz wußte das beſſer, als irgend Jemand.“ „Ich? keineswegs. Es ſind daſelbſt noch eine Menge von Gefangenen aus der Zeit von Herrn von Richelieu, deren Namen ich nicht einmal weiß.“ „Wohl, doch bei mir iſt es etwas Anderes, Mon⸗ ſeigneur, und Ihr wußtet den meinigen, denn auf einen Befehl von Eurer Eminenz bin ich von dem Chatelet nach der Baſtille gebracht worden.“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es gewiß.“. „Ja, in der That, ich glaube mich deſſen zu erinnern. Habt Ihr Euch damals nicht geweigert, für die Königin eine Reiſe nach Brüſſel zu machen? „Ahl ah!“ ſprach Rochefort,„das iſt alſo die wahre Urſache. Ich ſuche ſie ſeit fünf Jahren. Dummkopf, der ich bin, daß ich ſie nicht gefunden habe.“ „Ich ſage nicht, daß dies die Urſache Eurer Ver⸗ haftung iſt. Verſtehen wir uns recht, ich ſtelle die Frage an Euch, und nicht mehr: Habt Ihr Euch nicht gewei⸗ gert, im Dienſte der Königin nach Brüſſel zu gehen, wäh⸗ rend Ihr einwilligtet, Euch im Dienſte des verſtorbenen Cardinals dahin zu begeben?“ „Gerade weil ich im Dienſte des verſtorbenen Car⸗ dinals dort geweſen bin, konnte ich nicht in dem der Kö⸗ nigin dahin zurückkehren. Ich war in Brüſſel in einer furchtbaren Angelegenheit. Es geſchah zur Zeit der Ver⸗ ſchwörung von Chalais, und ich hatte mich dahin begeben, um die Correſpondenz von Chalais mit dem Erzherzog zu erwiſchen und ſchon damals wäre ich, als man mich er⸗ kannte, beinahe in Stücke zerriſſen worden. Ich hätte die Königin zu Grund gerichtet, ſtatt ihr zu dienen.“ „Ihr ſeht hieraus, mein lieber Herr von Rochefort, Eure Freiheit nachſucht, Herr von Rochefort. Ihr ſeid alſo im Gefängniß?“ Rochefort bebte bei dieſer Frage⸗ „Es ſcheint mir, Euere Eminenz wußte das beſſer, als irgend Jemand.“ „Ich? keineswegs. Es ſind daſelbſt noch eine Menge von Gefangenen aus der Zeit von Herrn von Richelieu, deren Namen ich nicht einmal weiß.“ „Wohl, doch bei mir iſt es etwas Anderes, Mon⸗ ſeigneur, und Ihr wußtet den meinigen, denn auf einen Befehl von Eurer Eminenz bin ich von dem Chatelet nach der Baſtille gebracht worden.“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Ja, in der That, ich glaube mich deſſen zu erinnern. Habt Ihr Euch damals nicht geweigert, für die Königin eine Reiſe nach Brüſſel zu machen? „Ah! ah!“ ſprach Rochefort,„das iſt alſo die wahre urſache. Ich ſuche ſie ſeit fünf Jahren. Dummkopf, der ich bin, daß ich ſie nicht gefunden habe.“ „Ich ſage nicht, daß dies die Urſache Eurer Ver⸗ haftung iſt. Verſtehen wir uns recht, ich ſtelle die Frage an Euch, und nicht mehr: Habt Ihr Euch nicht gewei⸗ gert, im Dienſte der Königin nach Brüſſel zu gehen, wäh⸗ rend Ihr einwilligtet, Euch im Dienſte des verſtorbenen Cardinals dahin zu begeben?“ „Gerade weil ich im Dienſte des verſtorbenen Car⸗ dinals dort geweſen bin, konnte ich nicht in dem der Kö⸗ nigin dahin zurückkehren. Ich war in Brüſſel in einer furchtbaren Angelegenheit. Es geſchah zur Zeit der Ver⸗ ſchwörung von Chalais, und ich hatte mich dahin begeben, um die Correſpondenz von Chalais mit dem Erzherzog zu erwiſchen und ſchon damals wäre ich, als man mich er⸗ kannte, beinahe in Stücke zerriſſen worden. Ich hätte die Königin zu Grund gerichtet, ſtatt ihr zu dienen.“ „Ihr ſeht hieraus, mein lieber Herr von Rochefort, 43 wie die beſten Abſichten oft ſchlecht ausgelegt werden. Die Königin hat in Eurer Weigerung nichts Anderes geſehen, als eine einfache Weigerung. Ihre Majeſtät die Königin hatte ſich unter dem verſtorbenen Cardinal ſehr über Euch zu beklagen.“ Rochefort lächelte verächtlich. „Gerade weil ich dem Herrn Cardinal von Riche⸗ lieu gut gegen die Königin gedient hatte, mußtet Ihr, da er todt war, Monſeigneur, begreifen, daß ich Euch gegen die ganze Welt gut bedienen würde.“ „Ich, Herr von Rochefort?“ ſagte Mazarin,„ich bin nicht wie Herr von Richelieu, der auf die Allmacht ab⸗ zielte. Ich bin ein einfacher Miniſter, der keiner Diener bedarf, inſofern ich der der Königin bin. Ihre Majeſtät aber iſt ſehr empfindlich, ſie wird Eure Weigerung erfahren und ſie für eine Kriegserklärung gehalten haben, und und da ſie wußte, daß Ihr ein Mann von höheren Eigen⸗ ſchaften und folglich ſehr gefährlich ſeid, mein lieber Herr von Nochefort, ſo hat ſie mir wohl den Befehl gegeben, mich Eurer zu verſichern. Auf dieſe Art befindet Ihr Euch in der Baſtille.“ 4 „Gut, Monſeigneur,“ ſagte Rochefort,„es ſcheint 3 wenn ich in Folge eines Irrthums in der Baſtille itze... „Ja, ja,“ verſetzte Mazarin,„allerdings, das läßt ſich ordnen, Ihr ſeid ein Mann, um gewiſſe Angelegen⸗ heiten zu begreifen, und wenn Ihr ſie einmal begriffen habt, ſie gut zu betreiben.“ „Das war die Meinung des Herrn Cardinal von Richelieu, und meine Bewunderung für dieſen großen Mann vermehrt ſich noch dadurch, daß Ihr die Güte habt, mir zu ſagen, es ſei auch die Eurige. „Das iſt wahr, verſetzte Mazarin.„Der Herr Car⸗ dinal hatte viel Politik, und darin beſtand ſeine große Ueberlegenheit über mich, der ich ein ganz einfacher, ſchlichter Mann bin; was mir ſchadet, das iſt der ſeid eſſer, enge elieu, Non⸗ einen nach 43 wie die beſten Abſichten oſt ſchlecht ausgelegt werden. Die Königin hat in Eurer Weigerung nichts Anderes geſehen, als eine einfache Weigerung. Ihre Majeſtät die Königin hatte ſich unter dem verſtorbenen Cardinal ſehr über Euch zu beklagen.“ Rochefort lächelte verächtlich. „Gerade weil ich dem Herrn Cardinal von Riche⸗ lieu gut gegen die Königin gedient hatte, mußtet Ihr, da er todt war, Monſeigneur, begreifen, daß ich Euch gegen die ganze Welt gut bedienen würde.“ „Ich, Herr von Rochefort?“ ſagte Mazarin,„ich bin nicht wie Herr von Richelieu, der auf die Allmacht ab⸗ zielte. Ich bin ein einfacher Miniſter, der keiner Diener bedarf, inſofern ich der der Königin bin. Ihre Majeſtät aber iſt ſehr empfindlich, ſie wird Eure Weigerung erfahren und ſie für eine Kriegserklärung gehalten hahen, und und da ſie wußte, daß Ihr ein Mann von höheren Eigen⸗ ſchaften und folglich ſehr gefährlich ſeid, mein lieber Herr von Rochefort, ſo hat ſie mir wohl den Befehl gegeben, mich Eurer zu verſichern. Auf dieſe Art befindet Ihr Euch in der Baſtille.“ „Gut, Monſeigneur,“ ſagte Rochefort„es ſcheint ſr wen ich in Folge eines Irrthums in der Baſtille ise Ja, ja,“ verſetzte Mazarin,„allerdings, das läßt ſich ordnen, Ihr ſeid ein Mann, um gewiſſe Angelegen⸗ heiten zu begteifen, und wenn Ihr ſie einmal begriffen habt, ſie gut zu betreiben.“ „Das war die Meinung des Herrn Cardinal von Richelieu, und meine Bewunderung für dieſen großen Mann vermehrt ſich noch dadurch, daß Ihr die Güte habt, mir zu ſagen, es ſei auch die Eurige. Das iſt wahr, verſetzte Mazarin.„Der Herr Car⸗ dinal hatte viel Politik, und darin beſtand ſeine große Ueberlegenheit über mich, der ich ein ganz einfacher, ſchlichter Mann bin;z was mir ſchadet, das iſt der 44 2 nnſand, daß ich eine ganz franzöͤſiſche Offenherzigkeit be⸗ ſitze. Rochefort preßte die Lippen zuſammen, um nicht zu lachen. „Ich komme alſo zur Sache; ich bedarf guter Freunde, treuer Diener. Wenn ich ſage, ich bedarf, ſo will ich da⸗ mit ſagen, die Königin bedarf. Ich thue Alles nur auf Befehl der Königin, verſteht mich wohl; das iſt nicht wie bei dem Herrn Cardinal von Richelieu, der Alles nur aus eigener Laune that. Ich werde auch nie ein großer Mann ſein, wie er; dagegen aber bin ich ein guter Mann, Herr von Rochefort, und hoffe Euch dies zu beweiſen.“ Rochefort kannte dieſe ſeidene Stimme, durch welche ereile ein Ziſchen glitt, das dem der Schlange glich. „Ich bin ganz bereit, Monſeigneur zu glauben,“ ſagte er,„obgleich ich meines Theils wenig Beweiſe von der Gutmüthigkeit habe, von der Euere Eminenz ſpricht. Ver⸗ geſſet nicht,“ fuhr Rochefort fort, als er die Bewegung wahrnahm, welche der Miniſter zu unterdrücken verſuchte, „vergeßt nicht, daß ich ſeit fünf Jahren in der Baſtille bin, und daß; nichts die Gedanken ſo ſehr verwirrt, als nehn,man die Dinge durch das Gitter eines Gefängniſſes ſieht. „Ah! Herr von Rochefort, ich ſagte Euch bereits daß ich keinen Theil an Eurer Gefangenſchaft hatte. Die Königin(Zorn einer Frau und einer Prinzeſſin, was wollt Ihr! aber das geht, wie es kommt, und nachher deukt man nicht mehr daran)...“ 1 „Ich begreife, Monſeigneur, daß ſie nicht mehr da⸗ ran denkt, ſie, welche fünf Jahre in dem Palais Royal mitten unter Feſten und Höflingen zubrachte, aber ich, der ſie in der Baſtille zubringen mußte...“ „Ei mein Gott, Herr von Rochefort, glaubt Ihr, das Palais Royal ſei ein ſo angenehmer Aufenthaltsort? Nein, nein, ich verſichere Euch, wir haben auch gewaltiges Umſtand, daß ich eine ganz franzöſiſche Offenherzigkeit be⸗ itze. Rochefort preßte die Lippen zuſammen, um nicht zu lachen. „Ich komme alſo zur Sache; ich bedarf guter Freunde, treuer Diener. Wenn ich ſage, ich bedarf, ſo will ich da⸗ mit ſagen, die Königin bedarf. Ich thue Alles nur auf Befehl der Königin, verſteht mich wohl; das iſt nicht wie bei dem Herrn Cardinal von Richelieu, der Alles nur aus eigener Laune that. Ich werde auch nie ein großer Mann ſein, wie er; dagegen aber bin ich ein guter Mann, Herr von Rochefort, und hoffe Euch dies zu beweiſen.“ Rochefort kannte dieſe ſeidene Stimme, durch welche ein Ziſchen glitt, das dem der Schlange glich. „Ich bin ganz bereit, Monſeigneur zu glauben,“ ſagte er,„obgleich ich meines Theils wenig Beweiſe von der Gutmüthigkeit habe, von der Euere Eminenz ſpricht. Ver⸗ geſſet nicht“ fuhr Rochefort fort, als er die Bewegung wahrnahm, welche der Miniſter zu unterdrücken verſuchte, „vergeßt nicht, daß ich ſeit fünf Jahren in der Baſtille bin, und daß nichts die Gedanken ſo ſehr verwirrt, als pennm die Dinge durch das Gitter eines Gefängniſſes ieht. „Ah! Herr von Rochefort, ich ſagte Euch bereits daß ich keinen Theil an Eurer Gefangenſchaft hatte. Die Königin(Zorn einer Frau und einer Prinzeſſin, was wollt Ihr! aber das geht, wie es kommt, und nachher denkt man nicht mehr daran) 4 „Ich begreife, Monſeigneur, daß ſie nicht mehr da⸗ ran denkt, ſie, welche fünf Jahre in dem Palais Royal mitten unter Feſten und Höflingen zubrachte, aber ich, der ſie in der Baſtille zubringen mußte „Ei mein Gott, Herr von Rochefort, glaubt Ihr, das Palais Royal ſei ein ſo angenehmer Aufenthaltsort? Nein, nein, ich verſichere Euch, wir haben auch gewaltiges ſch me mu ſto gri 45 Getöſe gehabt. Doch ſprechen wir nicht mehr hievon. Ich ſpiele, wie immer offenes Spiel, und frage, Herr von Rochefort, ſeid Ihr von den Unſeren?“ „Ihr müßt begreifen Monſeigneur, daß ich nichts Beſſeres wünſchen kann, aber ich bin mit allen gegen⸗ wärtigen Angelegenheiten nicht im Mindeſten vertraut. In der Baſtille ſpricht man über Politik nur mit den Soldaten und den Gefängnißwärtern, und Ihr habt keinen Begriff, Monſeigneur, wie wenig dieſe Leute mit den Vor⸗ gängen auf dem Laufenden ſind. Ich bin noch an Herrn von Baſſompierre. Iſt er immer noch einer von den ſiebzehn Seigneurs?“ „Er iſt todt, mein Herr, und das iſt ein großer Ver⸗ luſt. Es war ein der Königin ergebener Mann, und die ergebenen Leute ſind ſelten.“ „Bei Gott, ich glaube wohl,“ ſprach Rochefort. edenn Ihr welche habt, ſo ſchickt Ihr ſie in die Ba⸗ ſtille.“ „Aber wodurch beweist ſich die Ergebenheit?“ ſagte azarin. „Durch die Thätigkeit,“ antwortete Rochefort. „Ah! ja, durch die Thätigkeit,“ verſetzte der Mini⸗ ſter nachdenkend,„aber wo finden ſich Männer von Thätigkeit?“ Rochefort zuckte die Achſeln und erwiederte: „Es fehlt nie daran, Monſeigneur; nur ſucht Ihr ſchlecht.“ „Ich ſuche ſchlecht? was wollt Ihr damit ſagen, mein lieber Herr von Rochefort? belehrt mich doch. Ihr mußtet viel in Eurem vertrauten Umgang mit dem ver⸗ ſtorbenen Herrn Cardinal lernen. Ah, das war ein ſo großer Mann!“ „ Wird ſich Monſeigneur ärgern, wenn ich ihm etwas Moral leſe?“ „Ich? niemals. Ihr wißt wohl, daß man mir be⸗ icht nde, da⸗ auf wie aus ann Herr elche ange ſagte der Ver⸗ gung chte, ſtille als niſſes daß Die wollt denkt r da⸗ Koyal ich, Ihr, sort? tiges Getöſe gehabt. Doch ſprechen wir nicht mehr hievvn. Ich ſpiele, wie immer offenes Spiel, und frage, Herr von Rochefort, ſeid Ihr von den Unſeren?“ „Ihr müßt begreifen Monſeigneur, daß ich nichts Beſſeres wünſchen kann, aber ich bin mit allen gegen⸗ wärtigen Angelegenheiten nicht im Mindeſten vertraut. In der Baſtille ſpricht man über Politik nur mit den Soldaten und den Gefängnißwärtern, und Ihr habt keinen Begriff, Monſeigneur, wie wenig dieſe Leute mit den Vor⸗ gängen auf dein Laufenden ſind. Ich bin noch an Herrn von Baſſompierre. Iſt er immer noch einer von den ſiebzehn Seigneurs?“ „Er iſt todt, mein Herr, und das iſt ein großer Ver⸗ luſt. Es war ein der Königin ergebener Mann, und die ergebenen Leute ſind ſelten.“ „Bei Gott, ich glaube wohl,“ ſprach Rocheſort. F Ihr welche habt, ſo ſchickt Ihr ſie in die Ba⸗ ille. „Aber wodurch beweist ſich die Ergebenheit?“ ſagte azarin. „Durch die Thätigkeit,“ antwortete Rochefort. „Ahl ja, durch die Thätigkeit,“ verſetzte der Mini⸗ ſter nachdenkend,„aber wo finden ſich Männer von Thätigkeit?“ zuckte die Achſeln und erwiederte: „Es fehlt nie daran, Monſeigneur; nur ſucht Ihr ſle⸗⸗ h„Monſeigneur; nur ſucht Ih Ich ſuche ſchlecht? was wollt Ihr damit ſagen, mein lieber Herr von Rochefort? belehrt mich doch. Ihr mußtet viel in Eurem vertrauten Umgang mit dem ver⸗ ſiorbenen Herrn Cardinal lernen. Ah, das war ein ſo großer Mann!“ „Wird ſich Monſeigneur ärgern, wenn ich ihm etwas Moral leſe?“ „Ich? niemals. Ihr wißt wohl, daß man mir Alles ſagen kann, mein lieber Herr von Rochefort. Ich ſuche mich beliebt und nicht gefürchtet zu machen.“ „Nun, Monſeigneur, in meinem Kerker findet ſich ein Sprichwort mit der Spitze eines Nagels an die Wand geſchrieben.“ „Und wie heißt dieſes Sprichwort?“ „Es heißt, Monſeigneur: Wie der Herr.. „Ich kenne es: ſo der Knecht.“ „Nein: ſo der Diener. Es iſt eine kleine Ver⸗ änderung, welche die ergebenen Leute, von denen ich ſo eben ſprach, zu ihrem Privatvergnügen daran vorgenom⸗ men haben.“ „Wohl, was bedeutet dieſes Sprüchwort? „Es bedeutet, daß Herr von Richelieu ergebene Diener gut zu finden wußte, und zwar dem Dutzend nach. „Er! der Zielpunkt aller Dolche! Er, der ſein Le⸗ ben damit zubrachte, alle Stöße zu pariren, die man nach ihm führte.“ „ ‚Aber er hat ſie parirt, und ſie waren doch kräftig genug geführt. Hatte er gute Feinde, ſo hatte er auch gute Freunde.“ „Mehr verlange ich auch nicht.“ „Ich habe Leute gekannt,“ fuhr Rochefort fort, denn er dachte, es ſei jetzt die Zeit gekommen, d'Artagnan Wort zu halten,„ich kannte Leute, die durch ihre Gewandtheit huntertmal den Scharfſinn des Cardinals ſcheitern gemacht, durch ihre Tapfſerkeit ſeine Leibwachen und ſeine Spione geſchlagen haben, Leute, welche ohne Geld, ohne Unter⸗ ſtützung, ohne Credit einem gekrönten Haupte eine Krone erhielten und den Cardinal dahin brachten, daß er um Verzeihung bitten mußte.“ 4 „Aber die Leute, von denen Ihr ſprecht,“ ſagte Ma⸗ zarin in ſeinem Innern lächelnd, daß Rochefort dahin gelangte, wohin er ihn führen wollte,„dieſe Leute — B—,—4 1 3y + —— 46 Alles ſagen kann, mein lieber Herr von Rochefort. Ich wa ſuche mich beliebt und nicht gefürchtet zu machen.“ kän „Nun, Monſeigneur, in meinem Kerker findet ſich ein Sprichwort mit der Spitze eines Nagels an die ſie Wand geſchrieben.“ für „Und wie heißt dieſes Sprichwort?“ „Es heißt, Monſeigneur: Wie der Herr. „Ich kenne es; ſo der Knecht.“ jen „Nein: ſo der Diener. Es iſt eine kleine Ver⸗ ten änderung, welche die ergebenen Leute, von denen ich ſo im eben ſprach, zu ihrem Privatvergnügen daran vorgenom⸗ geg men haben.“ beſi „Wohl, was bedeutet dieſes Sprüchwort?. ein „Es bedeutet, daß Herr von Richelieu ergebene von Diener gut zu finden wußte, und zwar dem Dutzend Rec nach. „Er! der Zielpunkt aller Dolche! Er, der ſein Le⸗ ger ben damit zubrachte, alle Stöße zu pariren, die man wür nach ihm führte.“ „Aber er hat ſie parirt, und ſie waren doch kräftig ren genug geführt. Hatte er gute Feinde, ſo hatte er auch nich gute Freunde.“ „Mehr verlange ich auch nicht.“ „Ich habe Leute gekannt,“ fuhr Rochefort fort, denn er dachte, es ſei jetzt die Zeit gekommen, d»Artagnan Wort ſpie zu halten,„ich kannte Leute, die durch ihre Gewandtheit huntertmal den Scharffinn des Cardinals ſcheitern gemacht, Her durch ihre Tapſerkeit ſeine Leibwachen und ſeine Spione an geſchlagen haben, Leute, welche ohne Geld, ohne Unter⸗ ler ſtützung, ohne Credit einem gekrönten Haupte eine Krone erhielten und den Cardinal dahin brachten, daß er um Verzeihung bitten mußte.“ „Aber die Leute, von denen Ihr ſprecht,“ ſagte Ma⸗ Roc zarin in ſeinem Innern lächelnd, daß Rochefort dahin gelangte, wohin er ihn führen wollte,„dieſe Leute Edel n dN 47 waren dem Cardinal nicht ergeben, da ſie gegen ihn kämpften.“ „Nein, denn ſie wären beſſer belohnt worden; aber ſie hatten das Unglück, derſelben Königin ergeben zu ſein, für die Ihr ſo eben Diener verlangtet.“ „Woher wißt Ihr dieſe Dinge?“ 4 „Ich weiß dieſe Dinge, weil dieſelben Menſchen z jener Zeit meine Feinde waren, weil ſie gegen mich kämpf⸗ ten, weil ich ihnen alles Schlimme zufügte, was ich nur immer konnte, weil ſie es mir auf das Schönſte zurück⸗ gegeben haben, weil Einer von ihnen, mit dem ich ganz beſonders zu thun hatte, mir vor ungefähr ſieben Jahren einen Degenſtich beibrachte; es war der dritte, den ich von derſelben Hand erhielt.... der Abſchluß einer alten Rechnung.“. „Ahl“ ſprach Mazarin mit bewunderungswürdi⸗ ger Gutmüthigkeit, wenn ich ſolche Menſchen kennen würde.“ „Eil Monſeigneur, Ihr habt Einen ſeit ſechs Jah⸗ ren vor Eurer Thüre und habt ihn ſeit ſechs Jahren zu nichts gut gehalten.“ 4 „Wen denn?“ „Herrn d'Artagnan.“ „Den Gascogner?“ rief Mazarin mit vortrefflich ge⸗ ſpielter Verwunderung. „Dieſer Gascogner hatte eine Königin gerettet und Herr von Richelieu mußte geſtehen, daß er ihm gegenüber an Geſchicklichkeit, Gewandtheit und Politik nur ein Schü⸗ ler wäre.“ „Wir kl ich 2 4 „Wie ich Euerer Excellenz zu ſagen die Ehre habe.“ „*Erzählt mir das ein wenig, mein lieber Herr von Rochefort.“ „Das iſt ſehr ſchwierig, Monſeigneur,“ ſagte der Edelmann lächelnd. „Dann wird er es mir ſelbſt erzählen.“ Ich ſich die . Ver⸗ ch ſo nom⸗ ebene tzend Le⸗ man äftig auch denn Wort theit acht, vione nter⸗ rone um Ma⸗ ahin Leute 47 waren dem Cardinal nicht ergeben, da ſie gegen ihn kämpften.“ „Nein, denn ſie wären beſſer belohnt worden; aber ſie hatten das Unglück, derſelben Königin ergeben zu ſein, für die Ihr ſo eben Diener verlangtet.“ „Woher wißt Ihr dieſe Dinge?“ „Ich weiß dieſe Dinge, weil dieſelben Menſchen zu jener Zeit meine Feinde waren, weil ſie gegen mich kämpf⸗ ten, weil ich ihnen alles Schlimme zufügte, was ich nur immer konnte, weil ſie es mir auf das Schönſte zurück⸗ gegeben haben, weil Einer von ihnen, mit dem ich ganz beſonders zu thun hatte, mir vor ungefähr ſieben Jahren einen Degenſtich beibrachte; es war der dritte, den ich von derſelben Hand erhielt.„ der Abſchluß einer alten Rechnung.“ „Ah!“ ſprach Mazarin mit bewunderungswürdi⸗ ger Gutmüthigkeit, wenn ich ſolche Menſchen kennen würde.“ „Ei! Monſeigneur, Ihr habt Einen ſeit ſechs Jah⸗ ren vor Eurer Thüre und habt ihn ſeit ſechs Jahren zu nichts gut gehalten.“ „Wen denn?“ „Herrn dArtagnan.“ „Den Gascogner?“ rief Mazarin mit vortrefflich ge⸗ ſpielter Verwunderung. „Dieſer Gascogner hatte eine Königin gerettet und Herr von Richelieu mußte geſtehen, daß er ihm gegenüber an Geſchickichkeit, Gewandtheit und Politit nur ein Schü⸗ ler wäre.“ „Wirklich?“ „Wie ich Euerer Ereellenz zu ſagen die Ehre habe.“ „Erzählt mir das ein wenig, mein lieber Herr von Rochefort.“ „Das iſt ſehr ſchwierig, Monſeigneur,“ ſagte der Edelmann lächelnd. „Dann wird er es mir ſelbſt erzählen.“ 1 48 „Ich zweifle daran, Monſeigneur.“ „Und warum?“ 1 „Weil das Geheimniß nicht ihm gehört, weil es, wie ich Euch geſagt habe, das einer großen Königin iſt.“ „Und er war allein, um ein ſolches Unternehmen auszuführen?“ „Nein Monſeigneur, er hatte drei Freunde, drei Brave, die ihn unterſtützten, Brave, wie Ihr ſie ſo eben ſuchtet.“ „Und dieſe vier Maͤnner waren einig, ſagt Ihr?“ „Als ob ſie nur ein Menſch geweſen wären, als ob dieſe vier Herzen in einer Bruſt geſchlagen hätten. Was haben ſie auch nicht Alles gethan, dieſe Vier!“ „Mein lieber Herr von Rochefort, in der That, Ihr ſtachelt meine Neugierde im höchſten Grade. Könntet Ihr mir dieſe Geſchichte nicht erzählen?“ „Nein, aber ich kann Euch ein Mährchen erzählen, ein wahres Feenmährchen, dafür ſtehe ich Euch Monſeig⸗ neur. „Oh! ſprecht, Herr von Rochefort; ich liebe die ährchen ungemein.“ „Ihr wollt es?“ ſagte Herr von Rochefort, indem er in dieſem feinen, liſtigen Geſicht eine Abſicht wahrzu⸗ nehmen ſuchte. „Ja.“ 8 „Nun, ſo hört. Es war einmal eine Königin... aber eine mächtige Königin, die Königin von einem der mächtigſten Königreiche der Welt, der ein Miniſter ſehr übel wollte, weil er ihr zuvor zu wohl gewollt hatte. Sucht nicht, Monſeigneur, Ihr könnt nicht er⸗ rathen, wer. Alles das ereignete ſich lange Zeit, ehe Ihr in das Königreich kamet, wo dieſe Königin re⸗ gierte. Es erſchien aber an dem Hofe ein Botſchafter, ſo brav, ſo reich und ſo artig, daß alle Frauen ſich in ihn verliebten, und die Königin ſelbſt, ohne Zweifel in Erinnerung der Art und Weiſe, wie er die Staats⸗ 48 u „Ich zweifle daran, Monſeigneur. Si „Und warum?“ er „Weil das Geheimniß nicht ihm gehört, weil es, fam wie ich Euch geſagt habe, das einer großen Königin iſt.“ zu „Und er war allein, um ein ſolches Unternehmen näch auszuführen?“ hem „Nein Monſeigneur, er hatte drei Freunde, drei fahr F die ihn unterſtützten, Brave, wie Ihr ſie ſo eben war uchtet. des „Und dieſe vier Männer waren einig, ſagt Ihr?“ di⸗ „Als ob ſie nur ein Menſch geweſen wären, als ob ſten dieſe vier Herzen in einer Bruſt geſchlagen hätten. Was haben ſie auch nicht Alles gethan, dieſe Vier!“ „Mein lieber Herr von Rochefort, in der That, Ihr ſcih ſtachelt meine Neugierde im höchſten Grade. Könntet Iht zen, mir dieſe Geſchichte nicht erzählen?“ war „Nein, aber ich kann Euch ein Mährchen erzählen, groß ein wahres Feenmährchen, dafür ſtehe ich Euch Monſeig reist neur.“ Let „Oh! ſprecht, Herr von Rochefort; ich liebe die Ziel Mährchen ungemein.“ 2ing „Ihr wollt es?“ ſagte Herr von Rochefort, indem in d er in dieſem feinen, liſtigen Geſicht eine Abſicht wahrzu ihn nehmen ſuchte. den beſti „Nun, ſo hört. Es war einmal eine Königin ſigt aber eine mächtige Königin, die Königin von einem der mächtigſten Königreiche der Welt, der ein Miniſter ſehr übel wollte, weil er ihr zuvor zu wohl gewollt hatte. Sucht nicht, Monſeigneur, Ihr könnt nicht er⸗ rathen, wer. Alles das ereignete ſich lange Zeit, eh Ihr in das Königreich kamet, wo dieſe Königin ⸗ ſagte gierte. Es erſchien aber an dem Hofe ein Botſchafter ſo brav, ſo reich und ſo artig, daß alle Frauen ſich it dieſe ihn verliebten, und die Königin ſelbſt, ohne Zweiſt 3Zo in Erinnerung der Art und Weiſe, wie er die Sia Qn—-— e —— 49 angelegenheiten behandelt hatte, die Unklugheit beging, ihm einen Schmuck zu ſchenken, der ſo merkwürdig war, daß er ſich nicht erſetzen ließ. Da dieſer Schmuck vom König kam, ſo forderte der Miniſter dieſen auf, von der Fürſtin zu verlangen, gerade die bezeichneten Inwelen bei dem nächſten Balle zu tragen. Es iſt überflüſſig, Euch zu bemerken, daß der Miniſter aus einer gewiſſen Quelle er⸗ fahren hatte, wie der Schmuck dem Botſchafter gefolgt war, welcher Botſchafter in großer Entfernung jenſeits des Meeres lebte. Die große Königin war verloren, wie die letzte ihrer Unterthaninnen, denn ſie fiel von ihrer höch⸗ ſten Höhe herab.“.f1. „Wirklich?“ 4 „Nun gut, Monſeigneur, vier Menſchen entſchloſſen ſich, ſie zu retten. Dieſe vier Menſchen waren keine Prin⸗ zen, waren keine Herzoge, waren keine mächtigen Männer, waren keine reiche Männer, es waren vier Soldaten mit großem Herzen, gutem Arme und freiem Degen. Sie reisten ab. Der Miniſter erfuhr ihre Abreiſe und ſchickte Leute auf ihren Weg aus, um ſie zu verhindern, zu ihrem Ziele zu gelangen. Drei wurden durch die zahlreichen Angriffe kampfunfähig gemacht, aber ein Einziger gelangte in den Hafen, tödtete oder verwundete diejenigen, welche ihn feſtuehmen wollten, ſchiffte über das Meer und brachte den Schmuck der großen Königin zurück, die ihn an dem beſtimmten Tage an die Schulter heften konnte. Was ſagt Ihr von dieſem Zuge, Monſeigneur?“ „Das iſt herrlich,“ ſprach Mazarin träumeriſch. „Nun, ich weiß noch ähnliche.”“ Mazarin ſprach nicht mehr, er dachte nach. Fünf bis ſechs Minuten gingen vorüber. „Ihr habt mich nichts mehr zu fragen, Monſeigneur?“ ſagte Rochefort. „Allerdigs. Und der Herr d'Artagnan war einer von dieſen vier Menſchen, ſagt Ihr?“ Zwanzig Jahre nachher. I. 4 il es, iſt.“ hmen drei eben hr?“ ls ob Was „Zhr t Ihr äh len, nſeig⸗ e die indem hrzu⸗ —. einem iniſter ewollt ht er⸗ „eh n re⸗ haftet, ich in weiſel taats⸗ 49 augelegenheiten behandelt hatte, die Unklugheit beging, ihm einen Schmuck zu ſchenken, der ſo merkwürdig war, daß er ſich nicht erſetzen ließ. Da dieſer Schmuck vom König kam, ſo forderte der Miniſter dieſen auf, von der Fürſtin zu verlangen, gerade die bezeichneten Inwelen bei dem nächſten Balle zu tragen. Es iſt überflüſſig, Euch zu bemerken, daß der Miniſter aus einer gewiſſen Quelle er⸗ fahren hatte, wie der Schmuck dem Botſchafter gefolgt war, welcher Botſchafter in großer Entfernung jenſeits des Meeres lebte. Die große Königin war verloren, wie die leßte ihrer Unterthaninnen, denn ſie fiel von ihrer höch⸗ ſten Höhe herab.“ „Wirklich?“ „Nun gut, Monſeigneur, vier Menſchen entſchloſſen ſich, ſie zu retten. Dieſe vier Menſchen waren keine Prin⸗ zen, waren keine Herzoge, waren keine mächtigen Männer, waren keine reiche Männer, es waren vier Soldaten mit großem Herzen, gutem Arme und freiem Degen. Sie reisten ab. Der Miniſter erfuhr ihre Abreiſe und ſchickte Leute auf ihren Weg aus, um ſie zu verhindern, zu ihrem Ziele zu gelangen. Drei wurden durch die zahlreichen Angriffe kampfunfähig gemacht, aber ein Einziger gelangte in den Hafen, tödtete oder verwundete diejenigen, welche ihn feſtuehmen wollten, ſchiffte über das Meer und brachte den Schmuck der großen Königin zurück, die ihn an dem beſtimmten Tage an die Schulter heſten konnte. Was ſagt Ihr von dieſem Zuge, Monſeigneur?“ „Das iſt herrlich,“ ſprach Mazarin träumeriſch. „Nun, ich weiß noch ähnliche.“ Mazarin ſprach nicht mehr, er dachte nach. Fünf bis ſechs Minuten gingen vorüber. „Ihr habt mich nichts mehr zu fragen, Monſeigneur?“ ſagte Rochefort. „Allerdigs. Und der Herr dArtagnan war einer von dieſen vier Menſchen, ſagt Ihr?“ Zwanzig Jahre nachher. 1. 4 —— 50 „Er war derjenige, welcher das ganze Unternehmen leitete.”“ „Und wer waren die Anderen?“ „Monſeigneur erlaubt, daß ich Herrn d'Artagnan die Sorge überlaſſe, ſie Euch zu nennen. Es waren ſeine Freunde und nicht die meinigen; er allein hätte einigen Einfluß auf ſie und ich kenne ſie nicht einmal unter ihren wahren Namen.“ „Ihr mißtraut mir, Herr von Rochefort. Ich will völlig offenherzig ſein: ich bedarf Euerer, ſeiner, Aller.“ „Fangen wir bei mir an, Monſeigneur, da Ihr mich habt holen laſſen und ich nun hier bin; dann möget Ihr zu ihnen übergehen. Ihr werdet Euch über meine Neu⸗ gierde nicht wundern; wenn man fünf Jahre im Gefängniß ſitzt, erfährt man nicht ungerne, wohin man geſchickt wer⸗ den ſoll.“ „Ihr, mein lieber Herr von Rochefort, ſollt einen Vertrauenspoſten bekommen, Ihr geht nach Vincennes, wo Herr von Beaufort gefangen iſt; Ihr bewacht ihn mir auf das Schärfſte. Nun, was habt Ihr denn?“ „Ihr ſchlagt mir etwas Unmögliches vor,“ ſprach Rochefort und ſchüttelte mit betrübter Miene den Kopf. „Wie! etwas Unmögliches? Und warum iſt dieſe Sache unmöglich?“ „Weil Herr von Beaufort einer meiner Freunde iſt, oder vielmehr weil ich einer der ſeinigen bin. Habt Ihr vergeſſen, Monſeigneur, daß Beaufort bei der Königin für mich gut geſtanden hat?“ „Herr von Beaufort iſt ſeit damals der Feind des Staates.“— „Ja, Monſeigneur, das iſt möglich, aber da ich weder König, noch Königin, noch Miniſter bin, ſo iſt er nicht mein Feind, und ich kann nicht annehmen, was Ihr mir anbietet.“ „Das nennt Ihr Ergebenheit? Ich wünſche Euch Glück: Eure Ergebenheit macht Euch nicht zu ſehr Bedeu⸗ tendem verbindlich, Herr von Rochefort.“ A „Er war derjenige, welcher das ganze Unternehmen leitete.“ „Und wer waren die Anderen?“ „Monſeigneur erlaubt, daß ich Herrn d'Artagnan die Sorge überlaſſe, ſie Euch zu nennen. Es waren ſeine Freunde und nicht die meinigen; er allein hätte einigen Einfluß auf ſie und ich kenne ſie nicht einmal unter ihren wahren Namen.“ „Ihr mißtraut mir, Herr von Rochefort. Ich will völlig offenherzig ſein: ich bedarf Euerer, ſeiner, Aller.“ „Fangen wir bei mir an, Monſeigneur, da Ihr mich habt holen laſſen und ich nun hier bin; dann möget Ihr zu ihnen übergehen. Ihr werdet Euch über meine Neu⸗ ierde nicht wundern; wenn man fünf Jahre im Gefängniß öt, erfährt man nicht ungerne, wohin man geſchickt wer⸗ den ſoll.“ „Ihr, mein lieber Herr von Rochefort, ſollt einen Vertrauenspoſten bekommen, Ihr geht nach Vincennes, wo Herr von Beaufort gefangen iſt; Ihr bewacht ihn mit auf das Schärfſte. Nun, was habt Ihr denn?“ „Ihr ſchlagt mir etwas Unmögliches vor,“ ſprach Rochefort und ſchüttelte mit betrübter Miene den Kopf. „Wie! etwas Unmögliches? Und warum iſt dieſe Sache unmöglich?“ „Weil Herr von Beaufort einer meiner Freunde iſ, oder vielmehr weil ich einer der ſeinigen bin. Habt Ihr vergeſſen, Monſeigneur, daß Beaufort bei der Königin fir mich gut geſtanden hat?“ „Herr von Beaufort iſt ſeit damals der Feind des Staates.“ „Ja, Monſeigneur, das iſt möglich, aber da ich weder König, noch Königin, noch Miniſter bin, ſo iſt er nicht mein Feind, und ich kann nicht annehmen, was Ihr mir anbietet.“ „Das nennt Ihr Ergebenheit? Ich wünſche Euch Glück: Eure Ergebenheit macht Euch nicht zu ſehr Bedet⸗ tendem verbindlich, Herr von Rochefort,“ e kom Her daß Luft gebt der mit Ihr Her Gla irge in1 dem wier derh vern Feir 51 „Und dann werdet Ihr begreifen,“ fuhr Rochefort fort,„daß die Baſtille verlaſſen, um nach Vincennes zu kommen, nur das Gefaängniß wechſeln heißt.“ „Sagt unumwunden, daß Ihr zu der Partei von Herrn von Beaufort gehört, das wird freimüthiger ſein.“ „Monſeigneur, ich bin ſo lange eingeſchloſſen geweſen, daß ich nur zu einer Partei, zu der Partei der friſchen Luft gehöre. Verwendet mich zu irgend etwas Anderem, gebt mir eine Sendung, beſchäftigt mich thätig, aber auf der offenen Straße, wenn es möglich iſt.“ „Mein lieber Herr von Rochefort,“ ſagte Mazarin mit ſeiner ſpöttiſchen Miene,„Euer Eifer reißt Euch fort, Ihr haltet Euch noch für einen jungen Mann, weil das derz immer noch jung iſt, aber die Kräfte fehlen Euch. laubt mir, Ihr bedürft jetzt vor Allem der Ruhe. Holla! irgend Jemand herein!“ „Ihr verfügt alſo nicht über mich?“ „Im Gegentheil, ich habe verfügt.“ Bernouin trat ein. „Rufe einen Huiſſier,“ ſprach Mazarin,„und bleibe in meiner Nähe,“ fügte er mit leiſem Tone bei. Ein Huiſſier trat ein, der Cardinal ſchrieb einige Worte, die er dieſem Manne zuſtellte, grüßte ſodann mit dem Kopfe und ſagte: „Gott befohlen, Herr von Rochefort.“ Rochefort verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Ich ſehe, Monſeigneur,“ ſagte er,„man führt mich wieder in die Baſtille.“ „Ihr ſeid geſcheit.“ „Ich kehre dahin zurück, Monſeigneur, aber ich wie⸗ derhole Euch, Ihr habt Unrecht, daß Ihr mich nicht zu verwenden wißt.“ „Euch, den Freund meiner Feinde?“ „Warum nicht, Ihr hättet mich zum Feind Eurer Feinde machen ſollen.“ „ Glaubt Ihr, es gebe nur Euch allein? Seid über⸗ itete.“ in die ſeine inigen ihren will r. mich t Ihr Neu⸗ ingniß wer⸗ einen ennes, n mir 51 „Und dann werdet Ihr begreifen,“ fuhr Rochefort fort,„daß die Baſtille verlaſſen, um nach Vincennes zu kommen, nur das Gefängniß wechſeln heißt.“ „Sagt unumwunden, daß Ihr zu der Partei von Herrn von Beaufort gehört, das wird freimüthiger ſein.“ „Monſeignenr, ich bin ſo lange eingeſchloſſen geweſen, daß ich nur zu einer Partei, zu der Partei der friſchen Luft gehöre. Verwendet mich zu irgend etwas Anderem, gebt mir eine Sendung, beſchäftigt mich thätig, aber auf der offenen Straße, wenn es möglich iſt.“ „Mein lieber Herr von Rochefort,“ ſagte Mazarin mit ſeiner ſpöttiſchen Miene,„Euer Eifer reißt Euch fort, Ihr haltet Euch noch für einen jungen Mann, weil das Herz immer noch jung iſt, aber die Kräfte fehlen Euch. Glaubt mir, Ihr bedürft jetzt vor Allem der Ruhe. Holla! irgend Jemand herein!“ „Ihr verfügt alſo nicht über mich?“ „Im Gegentheil, ich habe verfügt.“ Bernouin trat ein. „Rufe einen Huiſſier,“ ſprach Mazarin,„und bleibe in meiner Nähe,“ fügte er mit leiſem Tone bei. Ein Huiſſier trat ein, der Cardinal ſchrieb einige Worte, die er dieſem Manne zuſtellte, grüßte ſodann mit dem Kopfe und ſagte: „Gott befohlen, Herr von Rochefort.“ Rochefort verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Ich ſehe, Monſeigneur,“ ſagte er,„man führt mich wieder in die Baſtille.“ „Ihr ſeid geſcheit.“ „Ich kehre dahin zurück, Monſeigneur, aber ich wie⸗ derhole Euch, Ihr habt Unrecht, daß Ihr mich nicht zu verwenden wißt.“ „Euch, den Freund meiner Feinde?“ „Warum nicht, Ihr hättet mich zum Feind Eurer Feinde machen ſollen.“ „Glaubt Ihr, es gebe nur Euch Seid über⸗ 52 zeugt, Herr von Rochefort, ich werde Leute finden, welche ſo viel werth ſind, als Ihr.“ „Ich wünſche es Euch, Monſeigneur.“ „Schon gut; geht, geht! Ihr braucht mir ferner nicht mehr zu ſchreiben, Eure Briefe wären verlorene Briefe.“ „Ich habe die Kaſtanien aus dem Feuer geholt,“ murmelte Rochefort, indem er ſich entfernte;„iſt d'Ar⸗ tagnan nicht zufrieden, wenn ich ihm von dem Lobe er⸗ zähle, das ich ihm geſpendet habe, ſo muß ich ihn einen Undankbaren ſchelten. Aber wohin führt man mich denn, in des Teufels Namen?“ Man führte Rochefort wirklich nach der kleinen Treppe, ſtatt ihn durch das Vorzimmer gehen zu laſſen, wo d'Ar⸗ tagnan wartete. Im Hofe fand er ſeinen Wagen und ſeine vier Mann Escorte, aber er ſuchte vergebens ſeinen Freund. 1 „Ah! ah,“ ſagte Rochefort zu ſich ſelbſt,„das ver⸗ ändert die Sache auf eine furchtbare Weiſe; wenn noch ſo viel Volk auf den Straßen iſt, ſo wollen wir es ver⸗ ſuchen, Herrn von Mazarin zu beweiſen, daß wir, Gott ſei Dank, noch zu etwas ganz Anderem taugen, als zur Bewachung eines Gefangenen. Und er ſprang ſo leicht in den Wagen, als ob er erſt fünf und zwanzig Jahre alt wäre. IV. Anna von Oeſterreich mit ſechsundvierzig Jahren. Allein mit Bernouin, blieb Mazarin einen Augen⸗ blick nachdenkend; er wußte viel, aber er wußte immer noch nicht genug. Mazarin war Betrüger im Spiel. Das iſt ein Umſtand, den uns Brienne aufbewahrt hat: er h dies ſeinen Vortheil nehmen. Er beſchloß die Partie mi —,=. 1111 52 zeugt, Herr von Rochefort, ich werde Leute finden, welche ſo viel werth ſind, als Ihr.“ „Ich wünſche es Euch, Monſeigneur.“ „Schon gut; geht, geht! Ihr braucht mir ferner nicht mehr zu ſchreiben, Eure Brieſe wären verlorene Briefe.“ „Ich habe die Kaſtanien aus dem Feuer geholt,“ murmelte Rochefort, indem er ſich entfernte;„iſt d'Ar⸗ tagnan nicht zufrieden, wenn ich ihm von dem Lobe er⸗ zähle, das ich ihm geſpendet habe, ſo muß ich ihn einen Undankbaren ſchelten. Aber wohin führt man mich denn, in des Teufels Namen?“ Man führte Rochefort wirklich nach der kleinen Treppe, ſtatt ihn durch das Vorzimmer gehen zu laſſen, wo d'Ar⸗ tagnan wartete. Im Hofe fand er ſeinen Wagen und ſeine vier Mann Escorte, aber er ſuchte vergebens ſeinen Freund. „Ah! ah,“ ſagte Rochefort zu ſich ſelbſt,„das ver⸗ ändert die Sache auf eine furchtbare Weiſe; wenn noch ſo viel Volk auf den Straßen iſt, ſo wollen wir es ver⸗ ſuchen, Herrn von Mazarin zu beweiſen, daß wir, Gott ſei Dank, noch zu etwas ganz Anderem taugen, als zut Bewachung eines Gefangenen. Und er ſprang ſo leicht in den Wagen, als ob er erſt fünf und zwanzig Jahre alt wäre. IV. Anna von Oeſterreich mit ſechsundvierzig Jahren. Allein mit Bernouin, blieb Mazarin einen Augen⸗ blick nachdenkend; er wußte viel, aber er wußte immer noch nicht genug. Mazarin war Betrüger im Spiel. Das iſt ein Umſtand, den uns Brienne aufbewahrt hat: er hieß dies ſeinen Vortheil nehmen. Er beſchloß die Partie mit d'A ſein gehe Zim mer ſich hen wele trau über melt in i auf track ches tenbr welc wuß geme oder Qui die( zimn Stir d'Artagnan nicht eher anzufangen, als bis er alle Karten ſeines Gegners genau kennen würde. „Monſeigneur hat nichts zu befehlen?“ ſagte Bernouin. „Allerdings,“ antwortete Mazarin,„leuchte mir, ich gehe zu der Königin.“ 3 1 Bernouin nahm eine Kerze und marſchirte voraus. Es war ein geheimer Gang vorhanven, der von den Zimmern und dem Cabinet von Mazarin nach den Zim⸗ mern der Königin ausmündete. Durch dieſen Gang begab ſich der Cardinal, ſo oft er zu Anna von Oeſterreich ge⸗ hen wollte. Als Bernouin in das Schlafzimmer gelangte, nach welchem dieſer Gang führte, traf er Madame Beauvais. Madame Beauvais und Bernouin waren die innigen Ver⸗ trauten dieſer veralteten Liebe, und Madame Beauvais übernahm es, den Cardinal bei Anna von Oeſterreich zu melden, welche ſich mit ihrem Sohne, König Ludwig XIV., in ihrem Betzimmer befand. In einem großen Lehnſtuhle ſitzend, den Ellbogen auf den Tiſch und den Kopf auf die Hand geſtützt, be⸗ trachtete Anna von Oeſterreich das königliche Kind, wel⸗ ches, auf dem Boden liegend, in einem großen Schlach⸗ tenbuche blätterte. Anna von Oeſterreich war die Königin, welche ausgezeichnet gut ſich mit Majeſtät zu langweilen wußte. Sie blieb zuweilen Stunden lang in ihr Schlaf⸗ gemach oder in ihr Betzimmer zurückgezogen, ohne zu leſen oder zu beten. Das Buch, mit welchem der König ſpielte, war ein Quintus Curtius, reich mit Kupferſtichen ausgeſtattet, welche die Großthaten von Alerander darſtellten. Madame Beauvais erſchien an der Thüre des Bet⸗ zimmers und meldete den Cydinal Mazarin. Das Kind erhob ſich uf einem Knie und ſchaute die Stirne runzelnd ſeine Mutter an. „Warum kommt er ſo,“ ſagte es,„ohne um Audienz zu bitten 2 welche nicht riefe.“ holt,“ d'Ar⸗ be er⸗ einen denn, revpe, d'Ar⸗ und ſeinen ver⸗ och ſo ver⸗ Goit s zut ob er ig ugen⸗ noch as iſt hieß e mit 53 dArtagnan nicht eher anzufangen, als bis er alle Karten ſeines Gegners genau kennen würde. „Monſeigneur hat nichts zu befehlen?“ ſagte Bernouin. „Allerdings,“ antwortete Mazarin,„leuchte mir, ich gehe zu der Königin.“ Bernouin nahm eine Kerze und marſchirte voraus. Es war ein geheimer Gang vorhanven, der von den Zimmern und dem Cabinet von Mazarin nach den Zim⸗ mern der Königin ausmündete. Durch dieſen Gang begab ſich der Cardinal, ſo oft er zu Anna von Oeſterreich ge⸗ hen wollte. Als Bernouin in das Schlafzimmer gelangte, nach welchem dieſer Gang führte, traf er Madame Beauvats⸗ Madame Beauvais und Bernouin waren die innigen Ver⸗ trauten dieſer veralteten Liebe, und Madame Beauvais übernahm es, den Cardinal bei Anna von Oeſterreich zu melven, welche ſich mit ihrem Sohne, König Ludwig XIN., in ihrem Betzimmer befand. In einem großen Lehnſtuhle ſitzend, den Ellbogen auf den Tiſch und den Kopf auf die Hand geſtützt, be⸗ trachtete Anna von Oeſterreich das königliche Kind, wel⸗ ches, auf dem Boden liegend, in einem großen Schlach⸗ tenbuche blätterte. Anna von Oeſterreich war die Königin, welche ausgezeichnet gut ſich mit Majeſtät zu langweilen wußte. Sie blieb zuweilen Stunden lang in ihr Schlaf⸗ gemach uder in ihr Betzimmer zurückgezogen, ohne zu leſen oder zu beten. Das Buch, mit welchem der König ſpielte, war ein Quintus Curtins, reich mit Kupferſtichen ausgeſtattet, welche die Großthaten von Alerander darſtellten. Madame Beauvais erſchien an der Thüre des Bet⸗ zimmers und meldete den Cardinal Mazarin. Das Kind erhob ſich auf einem Knie und ſchaute die Stirne runzelnd ſeine Mutter an. „Warum kommt er ſo,“ ſagte es,„ohne um Audienz zu bitten?“ —y * ren würde.“ 54„ Anna erröthete leicht. „Es iſt wichtig,“ verſetzte ſie,„daß ein erſter Mi⸗ niſter in Zeiten, wie ſie jetzt ſind, zu jeder Stunde von dem, was vorgeht, der Königin Bericht erſtatten kann, ohne daß er die Neugierde oder die Commentare des gan⸗ zen Hofes anzuregen nöthig hat.“ „Aber es ſcheint mir, Herr von Richelien kam nicht ſo?“ ſprach das unbeugſame Kind. „Wie erinnert Ihr Euch, was Herr von Richelieu that? Ihr konntet es nicht wiſſen, denn Ihr waret noch zu jung.“ „Ich erinnere mich deſſen nicht, ſondern ich fragte, und man ſagte es mir.“ „Und wer ſagte es Euch?“ verſetzte Anna von Oeſter⸗ reich mit einer Bewegung ſchlecht verborgener böſer Laune. „Ich weiß, daß ich nie die Perſonen neunen darf, welche die Fragen beantworten, die ich an ſie richte,“ ant⸗ wortete das Kind,„oder daß ich ſonſt nichts mehr erfah⸗ 8 4 In dieſem Augenblick trat Mazarin ein. Der König ſtand vollends auf, nahm ſein Buch, ſchloß es und trug es auf den Tiſch, bei welchem er aufrecht ſtehen blieb, um Mazarin zu nöthigen, ebenfalls zu ſtehen. Mazarin beobachtete mit ſeinem geiſtreichen Auge dieſe ganze Scene, von welcher er die Erklärung der vorher⸗ gegangenen zu verlangen ſchien. Er bückte ſich ehrfurchtsvoll vor der Königin, machte eine tiefe Verbeugung vor dem König, der ihm mit einem ziemlich ſtolzen Nicken des Kopfes dankte; aber ein Blick ſeiner Mutter machte es ihm zum Vorwurf, daß er ſich den Gefühlen des Haſſes hingab, die Ludwig XIV. ſeit ſeinen Kinderjahren gegen den Cardinal hegte, und er empfing, ein Lächeln auf den Lippen, das Compliment des Miniſters. Anna von Oeſterreich war bemüht, auf dem Antli⸗ von Mazarin die Urſache dieſes unvorhergeſehenen Be 54 Anna erröthete leicht. ſu „Es iſt wichtig,“ verſetzte ſie,„daß ein erſter Mi⸗ zu niſter in Zeiten, wie ſie jetzt ſind, zu jeder Stunde von dem, was vorgeht, der Königin Bericht erſtatten kam, de ohne daß er die Neugierde oder die Commentare des gan⸗ 6 zen Hofes anzuregen nöthig hat.“ „Aber es ſcheint mir, Herr von Richelien kam nicht La ſo?“ ſprach das unbeugſame Kind. bi „Wie erinnert Ihr Euch, was Herr von Richelien 6. that? Ihr konntet es nicht wiſſen, denn Ihr waret noch 4 zu jung.“ wi „Ich erinnere mich deſſen nicht, ſondern ich fragte, und man ſagte es mir.“ „Und wer ſagte es Euch?“ verſetzte Anna von Oeſter⸗ t reich mit einer Bewegung ſchlecht verborgener böſer Laune⸗ 8 „Ich weiß, daß ich nie die Perſonen nennen darf,. welche die Fragen beantworten, die ich an ſie richte,“ ant⸗ wortete das Kind,„oder daß ich ſonſt nichts mehr erfah⸗§ ren würde.“ In dieſem Augenblick trat Mazarin ein. Der König ſtand vollends auf, nahm ſein Buch, ſchloß es und trug ze es auf den Tiſch, bei welchem er aufrecht ſtehen blieb, um fü Mazarin zu nöthigen, ebenfalls zu ſtehen. Mazarin bevbachtete mit ſeinem geiſtreichen Auge dieſe ganze Scene, von welcher er die Erklärung der vorher⸗ gegangenen zu verlangen ſchien. ſie Er bückte ſich ehrfurchtsvoll vor der Königin, machte eine tiefe Verbeugung vor dem König, der ihm mit einem ziemlich ſtolzen Nicken des Kopfes dankte; aber ein Blick ſeiner Mutter machte es ihm zum Vorwurf, daß er ſich den Gefühlen des Haſſes hingab, die Ludwig XIV. ſeit M ſeinen Kinderjahren gegen den Cardinal hegte, und er empfing, ein Lächeln auf den Lippen, das Compliment des tr Miniſters. Anna von Oeſterreich war bemüht, auf dem Antliß von Mazarin die Urſache dieſes unvorhergeſehenen 56 eit 5⁵ ſuches zu errathen, denn der Cardinal kam gewöhnlich nur zu ihr, wenn ſich alle Welt zurückgezogen hatte. Der Miniſter machte ein unmerkliches Zeichen mit dem Kopf, die Königin wandte ſich an Madame Beau⸗ vais und ſagte: „Es iſt Zeit, daß ſich der König ſchlafen legt. Ruft La Porte.“ 8 Die Königin hatte bereits dem jungen Ludwig drei⸗ bis viermal geſagt, er möge ſich ſchlafen legen, und ſtets hatte das Kind mit zärtlichen Bitten darauf beſtanden, es wünſche zu bleiben. Diesmal aber machte es keine Be⸗ merkung; es biß ſich nur in die Lippen und erbleichte. Einen Augenblick nachher trat La Porte ein. Das Kind ging gerade auf ihn zu, ohne ſeine Mut⸗ ter zu umarmen. „Nun, Louis,“ ſagte Anna,„warum umarmt Ihr mich nicht?“ „Ich glaubte, Ihr wäret böſe gegen mich, Madame, Ihr jagt mich fort.“ „Ich jage Euch nicht fort. Ihr habt nur vor Kur⸗ zem erſt die Blattern gehabt, ſeid noch leidend und ich fürchte, das lange Wachen könnte Euch anſtrengen.“ „Ihr habt nicht daſſelbe befürchtet, als Ihr mich heute in den Palaſt gehen hießet, um die abſcheulichen Edicte zu erlaſſen, welche das Volk ſo ſehr murren machten.“ „Sire,“ ſprach La Porte, um abzulenken,„wem be⸗ fiehlt Eure Majeſtät, daß ich die Kerze geben ſoll.“ „Wem Du willſt, La Porte,“ antwortete das Kind, „vorausgeſetzt,“ fügte es bei,„es ſei nicht Herr Man⸗ cini.. Herr Mancini war ein Neffe des Cardinals, den Mazarin als Ehrenknaben zu dem König gebracht hatte und auf welchen Ludwig XIV. einen Theil des Haſſes über⸗ trug, der ihn gegen ſeinen Miniſter erfüllte. Und der König entfernte ſich, ohne ſeine Mutter zu umarmen und ohne den Cardinal zu grüßen. 3 r Mi⸗ e n kann, gan⸗ nicht chelien noch fragte, eſter⸗ Laune⸗ darf, ant⸗ erfah⸗ König tg b, um dieſe orher⸗ nachte einem Blick r ſich ſeit d er nt des Antlitz Be⸗ 55 ſuches zu errathen, denn der Cardinal kam gewöhnlich nur zu ihr, wenn ſich alle Welt zurückgezogen hatte. Der Miniſter machte ein unmerkliches Zeichen mit dem Kopf, die Königin wandte ſich an Madame Beau⸗ vais und ſagte: „Es iſt Zeit, daß ſich der König ſchlafen legt. Ruft La Porte.“ Die Königin hatte bereits dem jungen Ludwig drei⸗ bis viermal geſagt, er möge ſich ſchlafen legen, und ſtets hatte das Kind mit zärtlichen Bitten darauf beſtanden, es wünſche zu bleiben. Diesmal aber machte es keine Be⸗ merkung; es biß ſich nur in die Lippen und erbleichte. Einen Augenblick nachher trat La Porte ein. Das Kind ging gerade auf ihn zu, ohne ſeine Mut⸗ ter zu umarmen. „Nun, Louis,“ ſagte Anna,„warum umarmt Ihr mich nicht?“ „Ich glaubte, Ihr wäret böſe gegen mich, Madame, Ihr jagt mich fort.“ „Ich jage Euch nicht fort. Ihr habt nur vor Kur⸗ zem erſt die Blattern gehabt, ſeid noch leidend und ich fürchte, das lange Wachen könnte Euch anſtrengen.“ „Ihr habt nicht daſſelbe befürchtet, als Ihr mich heute in den Palaſt gehen hießet, um die abſcheulichen Edicte zu erlaſſen, welche das Volk ſo ſehr murren machten.“ „Sire,“ ſprach La Porte, um abzulenken,„wem be⸗ fiehlt Eure Majeſtät, daß ich die Kerze geben ſoll.“ „Wem Du willſt, La Porte,“ antwortete das Kind, „orausgeſetzt,“ fügte es bei,„es ſei nicht Herr Man⸗ eini. Herr Maneini war ein Neffe des Cardinals, den Mazarin als Ehrenknaben zu dem König gebracht hatte und auf welchen Ludwig XIV. einen Theil des Haſſes über⸗ trug, der ihn gegen ſeinen Miniſter erfüllte. Und der König entfernte ſich, ohne ſeine Mutter zu nmarmen und ohne den Cardinal zu grüßen. „Ganz gut,“ ſprach Mazarin,„ich ſehe es gerne, daß man Seine Majeſtät mit Abſcheu vor der Heuchelei erzieht.“ „Warum dies?“ fragte die Königin mit beinahe ſchüch⸗ ternem Tone. „Es ſcheint mir, der Abgang des Königs bedarf kei⸗ ner Commentare; Seine Majeſtät gibt ſich keine Mühe, die geringe Zuneigung zu verbergen, die er für mich hat, was mich indeſſen nicht abhält, ſeinem Dienſte, ſo wie dem Eurer Majeſtät, völlig ergeben zu ſein.“ „Ich bitte Euch für ihn um Vergebung,“ erwiederte die Königin.„Es iſt ein Kind, das noch nicht alle ſeine Verpflichtungen gegen Euch wiſſen kann.“ Der Cardinal lächelte. „Aber,“ fuhr die Königin fort,„Ihr ſeid ohne Zweifel in einer wichtigen Angelegenheit gekummen. Was gibt es?“ Mazarin ſetzte ſich, oder lehnte ſich vielmehr in einen deeſie Stuhl zurück und ſprach mit einer ſchwermüthigen iene:. „Was es gibt? Aller Wahrſcheinlichkeit nach werden wir bald gezwungen ſein, uns zu verlaſſen, wenn Ihr nicht Eure Ergebenheit für mich ſo weit treiben wollt, mir nach Italien zu folgen?“ „Und warum dies,“ fragte die Königin. „Weil, wie es in der Oper Thisbe heißt: „Die ganze Welt verſchworen iſt, zu trennen unſre Liebe.“ „Ihr ſcherzt, Herr,“ agte die Königin mit einem Verſuche, ihre ehemalige Würde wieder anzunehmen. „Ach nein, Madame,“ ſprach Mazarin,„ich ſcherze nicht im Geringſten. Glaubt mir, ich würde eher weinen, denn merkt Euch wohl, was ich geſagt habe: „Die ganze Welt verſchworen iſt, zu trennen unſre Liebe.“ „Da Ihr nun einen Theil dieſer ganzen Welt bildet, ſo will ich Euch ſagen, daß Ihr mich auch verlaßt.“ — 56 „Ganz gut,“ ſprach Mazarin,„ich ſehe es gerne, daß man Seine Majeſtät mit Abſchen vor der Heuchelei erzieht.“ „Warum dies?“ fragte die Königin mit beinahe ſchüch⸗ ternem Tone. „Es ſcheint mir, der Abgang des Königs bedarf kei⸗ ner Commentare; Seine Majeſtät gibt ſich keine Mühe, die geringe Zuneigung zu verbergen, die er für mich hat, was mich indeſſen nicht abhält, ſeinem Dienſte, ſo wie dem Emer Majeſtät, völlig ergeben zu ſein.“ „Ich bitte Euch für ihn um Vergebung,“ erwiederte die Königin.„Es iſt ein Kind, das noch nicht alle ſeine Verpflichtungen gegen Euch wiſſen kann.“ Der Cardinal lächelte. „Aber,“ fuhr die Königin fort,„Ihr ſeid ohne Zweifel in einer wichtigen Angelegenheit gekommen. Was gibt es?“ Mazarin ſetzte ſich, oder lehnte ſich vielmehr in einen Stuhl zurück und ſprach mit einer ſchwermüthigen iene: „Was es gibt? Aller Wahrſcheinlichkeit nach werden wir bald gezwungen ſein, uns zu verlaſſen, wenn Ihr nicht Eure Ergebenheit für mich ſo weit treiben wollt, mir nach Italien zu folgen?“ „Und warum dies„“ fragte die Königin. „Weil, wie es in der Oper Thisbe heißt: „Die ganze Welt verſchworen iſt, zu trennen unſre Liebe.“ „Ihr ſcherzt, Herr,“ ſagte die Königin mit einem Verſuche, ihre ehemalige Würde wieder anzunehmen. „Ach nein, Madame,“ ſprach Mazarin,„ich ſcherze nicht im Geringſten. Glaubt mir, ich würde eher weinen, denn merkt Euch wohl, was ich geſagt habe: „Die ganze Welt verſchworen iſt, zu trennen unſte Liebe.“ „Da Ihr nun einen Theil dieſer ganzen Welt bildet, ſo will ich Euch ſagen, daß Ihr mich auch verlaßt.“ 57 „Cardinal!“* „Ci, mein Gott! habe ich Euch nicht eines Tages ganz angenehm dem Herrn Herzog von Orleans oder viel⸗ mehr dem, was er Euch ſagte, zulächeln ſehen?“ „Und was ſagte er mir?“ „Er ſagte Euch, Madame:„„Euer Mazarin iſt der Stein des Anſtoßes, er entferne ſich und Alles wird gut gehen.““ „Was ſollte ich machen?“ „Ohl Madame, es ſcheint mir, Ihr ſeid die Königin.“ „Ein ſchönes Königthum, der Gnade des erſten beſten Dintenklekſers vom Palais Royal oder des elendeſten Stroh⸗ junkers im Reiche preisgegeben!“ „Ihr ſeid indeſſen ſtark genug, um die Leute von Euch zu entfernen, die Euch mißfallen.“ „Das heißt, die Euch mißfallen,“ antwortete die Königin. „Mir?“ „Allerdings. Wer hat Frau von Chevreuſe fortge⸗ ſchickt, welche zwölf Jahre lang unter der vorhergehenden Regierung verfolgt worden war?“ „Eine Intrigantin, welche gegen mich die Cabalen. fortſetzen wollte, die ſie gegen Herrn von Richelieu ange⸗ fangen hatte.“ „Wer hat Frau von Hautefort fortgeſchickt, dieſe Frau, welche eine ſo vollkommene Freundin war, daß ſie die Gnade des Königs ausſchlug, um in der meinigen zu bleiben?“ „ine Heuchlerin, die Euch jeden Abend beim Aus⸗ kleiden ſagte, einen Prieſter lieben, heiße ſeine Seele verderben;z als ob man Prieſter wäre, weil man Car⸗ dinal iſt!“ „Wer hat Herrn von Beaufort verhaften laſſen?“ „Ein Brauſekopf, der von nichts weniger ſprach, als von meiner Ermordung.“ „Ihr ſeht wohl, Cardinal,“ verſetzte die Königin, „daß Eure Feinde auch die meinigen ſind.“ , daß ieht.“ hüch⸗ f kei⸗ Nühe, hat, wie derte ſeine ohne Was einen igen erden Ihr mir be.“ nem erze nen, be.“ det, 57 „Cardinal!“ „Ei, mein Gott! habe ich Euch nicht eines Tages ganz angenehm dem Herrn Herzog von Orleans oder viel⸗ mehr dem, was er Euch ſagte, zulächeln ſehen 2“ „Und was ſagte er mir?“ „Er ſagte Euch, Madame:„„Euer Mazarin iſt der Stein des Anſtoßes, er entferne ſich und Alles wird gut gehen.““ „Was ſollte ich machen?“ „Oh! Madame, es ſcheint mir, Ihr ſeid die Königin.“ „Ein ſchönes Königthum, der Gnade des erſten beſten Dintenklekſers vum Palais Royal oder des elendeſten Stroh⸗ junkers im Reiche preisgegeben!“ „Ihr ſeid indeſſen ſtark genug, um die Leute von Euch zu entfernen, die Euch mißfallen.“ „Das heißt, die Euch mißfallen,“ antwortete die Königin. „Mir?“ „Allerdings. Wer hat Frau von Chevreuſe fortge⸗ ſchickt, welche zwölf Jahre lang unter der vorhergehenden Regierung verfolgt worden war?“ „Eine Intrigantin, welche gegen mich die Cabalen fortſetzen wollte, die ſie gegen Herrn von Richelieu ange⸗ fangen hatte.“ „Wer hat Frau von Hautefort fortgeſchickt, dieſe Frau, welche eine ſo vollkommene Freundin war, daß ſie die Gnade des Königs ausſchlug, um in der meinigen zu bleiben?“ „Eine Heuchlerin, die Euch jeden Abend beim Aus⸗ kleiden ſagte, einen Prieſter lieben, heiße ſeine Seele verderben; als ob man Prieſter wäre, weil man Car⸗ dinal iſt!“ „Wer hat Herrn von Beaufort verhaften laſſen?2“ „Ein Brauſekopf, der von nichts weniger ſprach, als von meiner Etmordung.“ „Ihr ſeht wohl, Cardinal,“ verſetzte die Königin, „daß Eure Feinde auch die meinigen ſind.“ 58 „Das iſt nicht genug, Madame. Eure Freunde müſſen auch die meinigen ſein.“ „Meine Freunde? Herr!“ ſprach die Königin und ſchüttelte den Kopf.„Ach, ich habe keine mehr!“ „Wie, Ihr habt keine Freunde mehr im Glück, wäh⸗ rend Ihr viele im Unglück hattet?“ „Weil ich im Gluͤck dieſe Freunde vergaß, mein Herr, weil ich es gemacht habe, wie die Königin Maria von Medicis, die, aus ihrer erſten Verbannung zurückgekehrt, alle diejenigen mit Verachtung behandelte, welche für ſie gelitten hatten, und die zum zweiten Male geächtet, von aller Welt und ſogar von ihrem Sohne verlaſſen, denn alle Welt verachtete ſie jetzt, in Köln ſtarb.“ „Beednkt,“ ſprach Mazarin,„wäre es nicht mehr Zeit, das Uebel gut zu machen? Sucht unter Euren Freun⸗ den, unter Euren älteſten Freunden.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr?“ „Nichts Anderes, als was ich ſage, ſuchet.“ „Ach! ich mag immerhin um mich her ſchauen, ich habe auf Niemand mehr Einfluß. Monſieur wird wie immer von ſeinem Günſtling geleitet; geſtern war es Choiſy, heute iſt es la Rivière, morgen wird es ein An⸗ derer ſein. Der Herr Prinz wird von Frau von Longue⸗ ville geleitet, welche ihrerſeits den Willen des Prinzen von Marſillac, ihres Liebhabers, thut. Herr von Conti wird von dem Coadjutor geleitet, der ſich von Frau von Gué⸗ mené lenken läßt.“ „Ich ſage Euch auch nicht, Madame, Ihr ſolltet Euch unter Euren Freunden von heute umſchauen, ſon⸗ dern unter Euren ehemaligen Freunden.“ „Unter meinen ehemaligen Freunden?“ fragte die Königin. „Ja, unter Euren ehemaligen Freunden, unter den⸗ jenigen, welche Euch gegen den Herrn Herzog von Riche⸗ lieu kämpfen und ihn ſogar beſiegen halfen.“ 4 58 „Das iſt nicht genug, Madame. Eure Freunde muͤſſen auch die meinigen ſein.“ „Meine Freunde? Herr!“ ſprach die Königin und ſchüttelte den Kopf.„Ach, ich habe keine mehr!“ „Wie, Ihr habt keine Freunde mehr im Glück, wäh⸗ rend Ihr viele im Unglück hattet?“ „Weil ich im Gluͤck dieſe Freunde vergaß, mein Hert, weil ich es gemacht habe, wie die Königin Maria von Medicis, die, aus ihrer erſten Verbannung zurückgekehrt, alle diejenigen mit Verachtung behandelte, welche für ſie gelitten hatten, und die zum zweiten Male geächtet, von aller Welt und ſogar von ihrem Sohne verlaſſen, denn alle Welt verachtete ſie jetzt, in Köln ſtarb.“ „Beednkt,“ ſprach Mazarin,„wäre es nicht mehr Zeit, das Uebel gut zu machen? Sucht unter Euren Freun⸗ den, unter Euren älteſten Freunden.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr?“ „Nichts Anderes, als was ich ſage, ſuchet.“ „Ach! ich mag immerhin um mich her ſchauen, ich habe auf Niemand mehr Einfluß. Monſieur wird wie immer von ſeinem Günſtling geleitet; geſtern war es Choiſy, heute iſt es la Riviére, morgen wird es ein An⸗ derer ſein. Der Herr Prinz wird von Frau von Longue⸗ ville geleitet, welche ihrerſeits den Willen des Prinzen von Marſillac, ihres Liebhabers, thut. Herr von Conti wird von dem Coadjutor geleitet, der ſich von Frau von Gus⸗ mené lenken läßt.“ „Ich ſage Euch auch nicht, Madame, Ihr ſolltet Euch unter Euren Freunden von heute umſchauen, ſon⸗ dern unter Euren ehemaligen Freunden.“ „Unter meinen ehemaligen Freunden?“ fragte die Königin. „Ja, unter Euren ehemaligen Freunden, unter den⸗ jenigen, welche Euch gegen den Herrn Herzog von Riche⸗ lien kämpfen und ihn ſogar beſiegen halfen.“ „Wo will er hinaus?“ murmelte die Königin und d ſchaute den Cardinal unruhig an. „Ja,“ fuhr dieſer fort,„unter gewiſſen Umſtänden; mit dem mächtigen, feinen Geiſte, der Eure Majeſtät NR „ charakteriſirt, wußtet Ihr mit Hülfe Eurer Freunde die Angriffe dieſes Gegners zurückzuſchlagen.“ n„Ich?“ ſagte die Koͤnigin,„ich habe nur gelitten.“ t„Ja,“ ſprach Mazarin,„wie die Frauen leiden, in⸗ 4 dem ſie ſich rächen. Kommen wir zur Sache. Kennt Ihr n Herrn von Rochefort?“. n„Herr von Rochefort gehört nicht zu meinen Freun⸗ den,“ amtwortete die Königin,„ſondern im Gegentheil zu v meinen erbittertſten Feinden. Er war einer der treueſten 3 Diener des Cardinals. Ich glaubte, Ihr wüßtet es.“ 8„Ich weiß es ſo gut,“ antwortete Mazarin,„daß wir ihn in die Baſtille ſetzen ließen.“ .„Iſt er herausgekommen?“ fragte die Königin. 3„Nein, beruhigt Euch, er iſt immer noch daſelbſt; ie aber ich ſpreche nur von ihm, um auf einen Andern zu 8 kommen. Kennt Ihr Herrn d'Artagnan?“ fuhr Mazarin, 6 der Königin in das Geſicht ſchauend, fort. * Anna von Oeſterreich empfing den Stoß mitten im Herzen. n 5„Sollte der Gascogner geſchwatzt haben?“ murmelte d ſie. Dann fügte ſie laut bei: 4„OArtagnan? wartet doch. Ja gewiß, dieſer Name iſt mir bekannt; d'Artagnan, ein Musketier, welcher eine et 2 von meinen Frauen liebte. Armes kleines Geſchöpf, das meinetwegen an Gift ſtarb.“ „Iſt dies Alles?“ fragte Mazarin. ſe Die Königin ſchaute den Cardinal erſtaunt an. „Aber, mein Herr,“ ſagte ſie,„es ſcheint mir, Ihr unterwerft mich einem Verhör.“ „Bei dem Ihr jedenfalls,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem ewigen Lächeln und ſeinem ſtets ſüßen Tone,„nur nach Eurer Phantaſie antwortet.“ Druͤckt Euren Wunſch klar aus, mein Herr, und eunde und wäh⸗ Herr, von kehrt, ür ſie von denn mehr reun⸗ „ich wie r es An⸗ ngue⸗ von wird Gus⸗ ſolltet ſon⸗ die den⸗ tiche⸗ 59 „Wo will er hinaus?“ mutmelte die Königin und ſchaute den Cardinal unruhig an. „Ja,“ fuhr dieſer fort,„unter gewiſſen Umſtänden; mit dem mächtigen, feinen Geiſte, der Eure Majeſtät charakteriſirt, wußtet Ihr mit Hülfe Eurer Freunde die Angriffe dieſes Gegners zurückzuſchlagen.“ „Ich?“ ſagte die Königin,„ich habe nur gelitten.“ „Ja,“ ſprach Mazarin,„wie die Frauen leiden, in⸗ dem ſie ſich rächen. Kommen wir zur Sache. Kennt Ihr Herrn von Rochefort?“ „Herr von Rochefort gehört nicht zu meinen Freun⸗ den,“ anwortete die Königin,„ſondern im Gegentheil zu meinen erbittertſten Feinden. Er war einer der treueſten Diener des Cardinals. Ich glaubte, Ihr wüßtet es.“ „Ich weiß es ſo gut,“ antwortete Mazarin,„daß wir ihn in die Baſtille ſetzen ließen.“ „It er herausgekommen?“ fragte die Königin. „Nein, beruhigt Euch, er iſt immer noch daſelbſt; aber ich ſpreche nur von ihm, um auf einen Andern zu kommen. Kennt Ihr Herrn dArtagnan?“ fuhr Mazarin, der Königin in das Geſicht ſchauend, fort. Anna von Oeſterreich empfing den Stoß mitten im Herzen. „Sollte der Gascogner geſchwatzt haben?“ murmelte ſie. Dann fügte ſie laut bei: DArtagnan? wartet doch. Ja gewiß, dieſer Name iſt mir bekannt; d'Artagnan, ein Musketier, welcher eine von meinen Frauen liebte. Armes kleines Geſchöpf, das meinetwegen an Gift ſtarb.“ „Iſt dies Alles?“ fragte Mazarin. Die Königin ſchaute den Cardinal erſtaunt an. „Aber, mein Herr,“ ſagte ſie,„es ſcheint mir, Ihr unterwerft mich einem Verhör.“ „Bei dem Ihr jedenfalls,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem ewigen Lächeln und ſeinem ſtets ſüßen Tone,„nur nach Eurer Phantaſie antwortet.“ „Drückt Euren Wunſch klar aus, mein Herr, und ich werde ebenſo antworten,“ ſagte die Königin, welche ungeduldig zu werden anfing. „Wohl, Madame, antwortete Mazarin, ſich verbeu⸗ gend.„Ich wünſchte, Ihr ließet mich an Euren Freun⸗ den Antheil nehmen, wie ich Euch an dem Bischen Ge⸗ wandtheit und Talent Antheil nehmen ließ, womit mich⸗ der Himmel begabt hat. Die Umſtände ſind von ernſter Bedeutung und man muß energiſch handeln.“ „Abermals!“ ſprach die Königin,„ich glaubte, mit Herrn von Beaufort wären wir quitt.“ „Ihr habt nur den Strom geſehen, der Alles nieder⸗ reißen wollte, und das ſtehende Waſſer nicht wahrgenom⸗ men. Es gibt jedoch in Frankreich ein Sprichwort über das ſtehende Waſſer.“ „Vollendet,“ ſagte die Königin. „Nun wohl,“ fuhr Mazarin fort;„ich dulde alle Tage Unverſchämtheiten, die ſich Eure Prinzen und Eure betitelten Knechte gegen mich erlauben, lauter Automaten, die nicht ſehen, daß ich ihren Faden in der Hand halte, und die unter meinem geduldigen Ernſte das Lachen des gereizten Mannes nicht errathen, der ſich ſelbſt zugeſchwo⸗ ren hat, eines Tags der ſtärkſte zu ſein. Wir haben aller⸗ dings Herrn von Beaufort verhaften laſſen, aber das war der am mindeſten Gefährliche von Allen. Noch iſt der Herr Prinz vorhanden.“ „Der Sieger von Rocroir? Ihr denkt nicht daran!“ 4 „Ja, Madame, und zwar ſehr oft, aber Pacienza, wie wir Italiener ſagen. Dann nach Herrn von Condé iſt der Herr Herzog von Orleans da.“ 1 „Was ſagt Ihr? der erſte Prinz von Geblüt, der Oheim des Königs!“ „Nicht der erſte Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, ſondern der feige Meuterer, der unter der vorigen Regierung, angetrieben von ſeinem launenhaften, phantaſtiſchen Charakter, zernagt von erbärmlichem Aerger, verzehrt von einem plattel khrgeize, eiferſüchtig auf Alles, —— 60 ich werde ebenſo antworten,“ ſagte die Königin, welche ungeduldig zu werden anfing. „Wohl, Madame, antwortete Mazarin, ſich verbeu⸗ gend.„Ich wünſchte, Ihr ließet mich an Euren Freun⸗ den Antheil nehmen, wie ich Euch an dem Bischen Ge⸗ wandtheit und Talent Antheil nehmen ließ, womit mich der Himmel begabt hat. Die Umſtände ſind von ernſter Bedeutung und man muß energiſch handeln.“ „Abermals!“ ſprach die Königin,„ich glaubte, mit Herrn von Beaufort wären wir quitt.“ „Ihr habt nur den Strom geſehen, der Alles nieder⸗ reißen wollte, und das ſtehende Waſſer nicht wahrgenom⸗ men. Es gibt jedoch in Frankreich ein Sprichwort über das ſtehende Waſſer.“ „Vollendet,“ ſagte die Königin. „Nun wohl,“ fuhr Mazarin fort;„ich dulde alle Tage Unverſchämtheiten, die ſich Eure Prinzen und Eure betitelten Knechte gegen mich erlauben, lauter Automaten, die nicht ſehen, daß ich ihren Faden in der Hand halte, und die unter meinem geduldigen Ernſte das Lachen des gereizten Mannes nicht errathen, der ſich ſelbſt zugeſchwo⸗ ren hat, eines Tags der ſtärkſte zu ſein. Wir haben aller⸗ dings Herrn von Beaufort verhaften laſſen, aber das war der am mindeſten Gefährliche von Allen. Noch iſt der Herr Prinz vorhanden.“ „Der Sieger von Rocroir? Ihr denkt nicht daran!“ „Ja, Madame, und zwar ſehr oft, aber Pacienza, wie wir Italiener ſagen. Dann nach Herrn von Condé iſt der Herr Herzog von Orleans da.“ „Was ſagt Ihr? der erſte Prinz von Geblüt, der Oheim des Königs!“ „Nicht der erſte Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, ſondern der feige Meuterer, der unter der vorigen Regierung, angetrieben von ſeinem launenhaften, phantaſtiſchen Charafter, zernagt von erbärmlichem Aerger, verzehrt von einem platten Ehrgeize, eiferſüchtig auf Alles, 61 was ihn an ritterlichem Sinn und Muth übertraf, auf⸗ gebracht darüber, daß er wegen ſeiner inneren Hohlheit nichts war, ſich zum Echo aller ſchlechten Gerüchte, zur Seele aller Cabalen machte, that als ob er allen den braven Leuten entgegenkäme, welche die Albernheit hatten, an das Wort eines Mannes von königlichem Blute zu glauben, und ſie verläugnete, wenn ſie das Schaffot be⸗ ſtiegen! Nicht der erſte Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, ich wiederhole es, ſondern der Mörder von Chalais, Montmorency und von Cinq⸗Mars, welcher ge⸗ genwärtig daſſelbe Spiel zu ſpielen verſucht und ſich ein⸗ bildet, er werde die Partie gewinnen, weil er den Gegner verhindert hat, ſtatt ſich gegenüber einen Menſchen zu haben, der droht, einen Mann ſieht, welcher lächelt. Aber er täuſcht ſich, er wird verloren haben, und es liegt nicht in meinem Intereſſe, bei der Königin dieſen Gährungsſtoff der Uneinigkeit zu dulden, mit welchem der verſtorbene Herr Cardinal die Galle des Königs zwanzig Jahre lang in Aufruhr erhalten hat.“ Anna erröthete und verbarg ihren Kopf in ihren Händen. 3 „Ich will Eure Majeſtät nicht demüthigen,“ fuhr Mazarin mit etwas ruhigerem Tone, aber zugleich mit ſeltſamer Feſtigkeit fort.„Man ſoll die Königin ehren und ihren Miniſter achten, denn in Aller Augen bin ich nur dieſes. Eure Majeſtät weiß, daß ich nicht, wie viele Leute behaupten, ein aus Italien gekommener Straßenläufer bin; alle Welt ſoll dieß wiſſen, wie Eure Majeſtät.“ „Was ſoll ich denn thun?“ fragte Anna von Oeſter⸗ reich, gebeugt unter dieſer gebietenden Stimme. „Ihr ſollt in Eurem Gedächtniß den Namen der treuen, ergebenen Menſchen ſuchen, welche trotz Herrn von Richelieu über das Meer gefahren ſind, Spuren ihres Blutes die ganze Straße entlang zurücklaſſend, um Euerer elche beu⸗ eun⸗ Ge⸗ mich nſter mit der⸗ om⸗ über alle Fure ten, alte, des wo⸗ ller⸗ war der n Ma, n6 der eim der ten, ger, les, 61 was ihn an ritterlichem Sinn und Muth übertraf, auf⸗ gebracht darüber, daß er wegen ſeiner inneren Hohlheit nichts war, ſich zum Echo aller ſchlechten Gerüchte, zur Seele aller Cabalen machte, that als ob er allen den braven Leuten entgegenkäme, welche die Albernheit hatten, an das Wort eines Mannes von königlichem Blute zu glauben, und ſie verläugnete, wenn ſie das Schaffot be⸗ ſtiegen! Nicht der erſte Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, ich wiederhole es, ſondern der Mörder von Chalais, Montmorench und von Cinq⸗Mars, welcher ge⸗ genwärtig daſſelbe Spiel zu ſpielen verſucht und ſich ein⸗ bildet, er werde die Partie gewinnen, weil er den Gegner verhindert hat, ſtatt ſich gegenüber einen Menſchen zu haben, der droht, einen Mann ſieht, welcher lächelt. Aber er täuſcht ſich, er wird verloren haben, und es liegt nicht in meinem Intereſſe, bei der Königin dieſen Gährungsſtoff der Uneinigkeit zu dulden, mit welchem der verſtorbene Herr Cardinal die Galle des Königs zwanzig Jahre lang in Aufruhr erhalten hat.“ Anna erröthete und verbarg ihren Kopf in ihren Händen. „Ich will Eure Majeſtät nicht demüthigen,“ fuhr Mazarin mit etwas ruhigerem Tone, aber zugleich mit ſeltſamer Feſtigkeit fort.„Man ſoll die Königin ehren und ihren Miniſter achten, denn in Aller Augen bin ich nur dieſes. Eure Majeſtät weiß, daß ich nicht, wie viele Leute behaupten, ein aus Italien gekommener Straßenläufer bin; alle Welt ſoll dieß wiſſen, wie Eure Majeſtät.“ „Was ſoll ich denn thun?“ fragte Anna von Oeſter⸗ reich, gebeugt unter dieſer gebietenden Stimme. „Ihr ſollt in Eurem Gevächtniß den Namen der treuen, ergebenen Menſchen ſuchen, welche trotz Herrn von Richelieu über das Meer gefahren ſind, Spuren ihres Blutes die ganze Straße entlang zurücklaſſend, um Euerer Majeſtät einen gewiſſen Schmuck zu bringen, den ſie Herrn von Buckingham gegeben hatte.“ Anna von Oeſterreich erhob ſich majeſtätiſch und zornig, als ob eine Feder ſie aufgeſchnellt hätte, und ſchaute den Cardinal mit dem Stolze und der Würde an, wodurch ſie in den Tagen ihrer Jugend ſo mächtig ge⸗ weſen war. „Ihr beleidigt mich, Herr,“ ſagte ſie. 3 „Ich will,“ fuhr Mazarin fort, den Gedanken voll⸗ endend, den die Bewegung der Königin durchſchnitten hatte,„ich will, daß Ihr fuͤr Euern Gatten thut, was Ihr einſt für Euern Liebhaber gethan habt.“ „Abermals dieſe Verläumdung?“ rief die Königin, „ich hielt ſie für todt und erſtickt, denn Ihr hattet ſie mir bis jetzt erſpart. Jetzt ſprecht Ihr mir aber eben⸗ falls davon. Deſto beſſer, denn die Frage wird nun unter uns abgemacht werden, und Alles iſt abgemacht, verſteht Ihr mich?“ „Aber, Madame,“ ſprach Mazarin erſtaunt über dieſe Rückkehr der Kraft,„ich verlange gar nicht, daß Ihr mir Alles ſagen ſollt.“ „Und ich will Euch Alles ſagen“ entgegnete Anna von Oeſterreich.„Hört alſo: Es gab wirklich zu jener Zeit vier ergebene Herzen, vier ritterliche Seelen, vier treue Degen, die mir mehr als das Leben, die mir die Ehre retteten.“ „Ohl Ihr geſteht!“ rief Mazarin. „Iſt nur die Ehre der Schuldigen auf das Spiel geſetzt, mein Herr, und kann man nicht einen Menſchen, eine Frau beſonders, dem Scheine nach entehren? Ja, der Schein war gegen mich und ich ſollte entehrt werden, und dennoch, ich ſchwöre es Euch, war ich nicht ſchuldig. Ich ſchwöre es..“ ſchwören könnte, zog aus einem unter der Tapete verbor⸗ genen Schranke ein kleines, mit Silber ineruſtirtes, Kiſtchen — Die Königin ſuchte nach etwas Heiligem, worauf ſie —, — — ——,—-„ & G=— ᷣ 62 Majeſtät einen gewiſſen Schmuck zu bringen, den ſie Herrn von Buckingham gegeben hatte.“ Anna von Oeſterreich erhob ſich majeſtätiſch und zornig, als vb eine Feder ſie aufgeſchnellt hätte, und ſchaute den Cardinal mit dem Stolze und der Würde an, wodurch ſie in den Tagen ihrer Jugend ſo mächtig ge⸗ weſen war. „Ihr beleidigt mich, Herr,“ ſagte ſie. „Ich will,“ fuhr Mazarin fort, den Gedanken voll⸗ endend, den die Bewegung der Königin durchſchnitten hatte,„ich will, daß Ihr für Euern Gatten thut, was Ihr einſt für Euern Liebhaber gethan habt.“ „Abermals dieſe Verläumdung?“ rief die Königin, „ich hielt ſie für todt und erſtickt, denn Ihr hattet ſie mir bis jetzt erſpart. Jetzt ſprecht Ihr mir aber eben⸗ falls davon. Deſto beſſer, denn die Frage wird nun unter uns abgemacht werden, und Alles iſt abgemacht, verſteht Ihr mich?“ „Aber, Madame,“ ſprach Mazarin erſtaunt über dieſe Nückkehr der Kraft,„ich verlange gar nicht, daß Ihr mir Alles ſagen ſollt.“ „Und ich will Euch Alles ſagen,“ entgegnete Anna von Oeſterreich.„Hört alſo: Es gab wirklich zu jener Zeit vier ergebene Herzen, vier ritterliche Seelen, vier treue Degen, die mir mehr als das Leben, die mir die Ehre retteten.“ „Oh! Ihr geſteht!“ rief Mazarin. „Iſt nur die Ehre der Schuldigen auf das Spiel geſetzt, mein Herr, und kann man nicht einen Menſchen, eine Frau beſonders, dem Scheine nach entehren? Ja, der Schein war gegen mich und ich ſollte entehrt werden, und dennoch, ich ſchwöre es Euch, war ich nicht ſchuldig. Ich ſchwöre es Die Königin ſuchte nach etwas Heiligem, worauf ſie ſchwören könnte, zog aus einem unter der Tapete verbot⸗ genen Schranke ein kleines, mit Silber incruſtirtes, Kiſtchen in das Kiſtchen. 63 von Roſenholz hervor, ſtellte es auf den Altar und fuhr fort: „Ich ſchwöre auf dieſe heilige Reliquie, ich liebte Herrn von Buckingham, aber Herr von Buckingham war nicht mein Liebhaber.“ „Und was für eine Reliquie iſt es, auf die Ihr die⸗ ſen Eid leiſtet?“ ſprach Mazarin lächelnd;„denn ich muß geſtehen, als ein Römer bin ich ungläubig; es iſt ein Unterſchied unter den Reliquien.“ Die Königin machte einen kleinen goldenen Schluͤſſel von ihrem Halſe los und übergab ihn dem Cardinal. „Oeffnet, mein Herr,“ ſprach ſie,„und ſeht ſelbſt.“ Mazarin nahm erſtaunt den Schlüſſel und öffnete das Kiſtchen, worin er nur ein vom Roſt zerfreſſenes Meſſer und zwei Briefe fand, von denen der eine mit Blut be⸗ fleckt war. „Was iſt das?“ fragte Mazarin. „Was das iſt, mein Herr?“ ſprach Anna von Oeſter⸗ reich mit ihrer königlichen Geberde und über dem geöffneten Kiſtchen einen Arm ausſtreckend, welcher trotz der Jahre vollkommen ſchön geblieben war.„Ich will es Euch ſa⸗ gen: dieſe zwei Briefe ſind die einzigen, die ich ihm je geſchrieben habe; dieſes Meſſer iſt dasjenige, mit welchem ihn Felton ermordet hat. Leſet die Briefe, mein Herr, und Ihr werdet ſehen, ob ich gelogen habe.“ Trotz der ihm von der Königin ertheilten Erlaubniß nahm Mazarin, in einem natürlichen Gefühle, ſtatt die Briefe zu leſen, das Meſſer, welches Buckingham ſter⸗ bend aus ſeiner Wunde geriſſen und durch La Porte der Königin geſchickt hatte. Die Klinge war ganz zerfreſſen, denn das Blut hatte ſich in Roſt verwandelt; nachdem er es einen Augenblick angeſchaut, während die Königin ſo weiß wurde, als das Tuch des Altars, worauf ſie ſich ſtützte, legte er es mit unwillkürlichem Schaudern wieder Herrn und und e an, 8 ge⸗ voll⸗ nitten was tigin, et ſie eben⸗ nun acht, dieſe Ihr Anna jenet vier r die Spiel chen, Ja, rden, ldig. f ſie bot⸗ tchen 63 von Roſenholz hervor, ſtellte es auf den Altar und fuhr fort: „Ich ſchwöre auf dieſe heilige Reliquie, ich liebte Herrn von Buckingham, aber Herr von Buckingham war nicht mein Liebhaber.“ „Und was für eine Reliquie iſt es, auf die Ihr die⸗ ſen Eid leiſtet?“ ſprach Mazarin lächelndz„denn ich muß geſtehen, als ein Römer bin ich ungläubig; es iſt ein Unterſchied unter den Reliquien.“ Die Königin machte einen kleinen goldenen Schlüſſel von ihrem Haiſe los und übergab ihn dem Cardinal. „Oeffnet, mein Herr,“ ſprach ſie,„und ſeht ſelbſt.“ Mazarin nahm erſtaunt den Schlüſſel und öffnete das Kiſichen, worin er nur ein vom Roſt zerfreſſenes Meſſer und zwei Briefe fand, von denen der eine mit Blut be⸗ fleckt war. „Was iſt das 2“ fragte Mazarin. „Was das iſt, mein Herr?“ ſprach Anna von Oeſter⸗ reich mit ihrer königlichen Geberde und über dem geöffneten Kiſtchen einen Arm ausſtreckend, welcher trotz der Jahre vollkommen ſchön geblieben war.„Ich will es Euch ſa⸗ gen; dieſe zwei Briefe ſind die einzigen, die ich ihm je geſchrieben habe; dieſes Meſſer iſt dasjenige, mit welchem ihn Felton ermordet hat. Leſet die Briefe, mein Herr, und Ihr werdet ſehen, ob ich gelogen habe.“ Trotz der ihm von der Königin ertheilten Erlaubniß nahm Mazarin, in einem natürlichen Gefühle, ſtatt die Briefe zu leſen, das Meſſer, welches Buckingham ſter⸗ bend aus ſeiner Wunde geriſſen und durch La Porte der Königin geſchickt hatte. Die Klinge war ganz zerfreſſen, denn das Blut hatte ſich in Roſt verwandelt; nachdem er es einen Augenblick angeſchaut, während die Königin ſo weiß wurde, als das Tuch des Altars, worauf ſie ſich ſtützte, legte er es mit unwillfürlichem Schaudern wieder in das Kiſtchen. 64. „Es iſt gut, Madame,“ ſagte er,„ich baue auf Euern Eid.“ „Nein, nein, leſet,“ rief die Königin, die Stirne faltend,„leſet, ich will es, damit meinem Entſchluſſe gemäß, Alles diesmal abgemacht ſei und wir nicht wie⸗ der auf dieſen Gegenſtand zurückkommen. Glaubt Ihr,“ fügte ſie mit furchtbarem Lächeln bei,„ich ſei geneigt, dieſes Kiſtchen bei jeder von Euern zukünftigen Anklagen wieder zu öffnen?“ Durch dieſe Energie beherrſcht, gehorchte Mazarin beinahe maſchinenmäßig und las die zwei Briefe. Der eine war derjenige, durch welchen die Königin von Bucking⸗ ham ihre Neſtelſtifte zurückverlangte; es war das Schrei⸗ ben, das d'Artagnan nach England gebracht hatte, wo es zu rechter Zeit ankam; der andere Brief war der von La Porte dem Herzog zugeſtellte, worin ihn die Königin be⸗ nachrichtigte, man wolle ihn ermorden, dieſer aber war zu ſpät gekommen. „Es iſt gut, Madame,“ ſprach Mazarin,„hierauf läßt ſich nichts erwiedern.“ „Ja, mein Herr,“ ſprach die Königin, das Kiſtchen wieder verſchließend und ihre Hand darauf legend;„wenn ſich etwas darauf erwiedern läßt, ſo iſt es, daß ich ſtets undankbar gegen diejenigen geweſen bin, welche mich gerettet haben und Alles thaten, um ihn zu retten; daß ich dem braven d'Artagnan, von dem Ihr ſo eben ſpracht, nichts gegeben habe, als meine Hand zu küſſen und dieſen Diamant.“ Die Königin ſtreckte ihre ſchöne Hand gegen den Car⸗ dinal aus und zeigte Vhrn einen herrlichen Edelſtein, der an ihrem Finger funkelte.. „Er hat ihn, wie es ſcheint, in einem Augenblick der Verlegenheit verkauft; er hat ihn verkauft, um mich zum zweiten Male zu retten, denn es geſchah, damit ich einen er ermordet werden ſollte.“. „OArtagnan wußte es alſo.“ Boten an den Herzog ſchicke und ihn benachrichtige, daß 64 „Es iſt gut, Madame,“ ſagte er,„ich baue auf Euern Eid.“ „Nein, nein, leſet,“ rief die Königin, die Stirne faltend,„leſet, ich will es, damit meinem Entſchluſſe gemäß, Alles diesmal abgemacht ſei und wir nicht wie⸗ der auf dieſen Gegenſtand zurückkommen. Glaubt Ihr,“ fügte ſie mit furchtbarem Lächeln bei,„ich ſei geneigt, dieſes Kiſtchen bei jeder von Euern zukünftigen Anklagen wieder zu öffnen?“ Durch dieſe Energie beherrſcht, gehorchte Mazarin beinahe maſchinenmäßig und las die zwei Briefe. Der eine war derjenige, durch welchen die Königin von Bucking⸗ ham ihre Neſtelſtifte zurückverlangte; es war das Schrei⸗ ben, das d'Artagnan nach England gebracht hatte, wo es zu rechter Zeit ankam; der andere Brief war der von La Porte dem Herzog zugeſtellte, worin ihn die Königin be⸗ nachrichtigte, man wolle ihn ermorden, dieſer aber war zu ſpät gekommen. „Es iſt gut, Madame,“ ſprach Mazarin,„hierauf läßt ſich nichts erwiedern.“ „Ja, mein Herr,“ ſprach die Königin, das Kiſichen wieder verſchließend und ihre Hand darauf legend;„wenn ſich etwas darauf erwiedern läßt, ſo iſt es, daß ich ſtets undanfbar gegen diejenigen geweſen bin, welche mich gerettet haben und Alles thaten, um ihn zu retten; daß ich dem hraven dArtagnan, von dem Ihr ſo eben ſpracht, nichts gegeben habe, als meine Hand zu küſſen und dieſen Diamant.“ Die Königin ſtreckte ihre ſchöne Hand gegen den Car⸗ dinal aus und zeigte ihm einen herrlichen Edelſtein, der an ihrem Finger funkelte. 3 „Er hat ihn, wie es ſcheint, in einem Augenblick der Verlegenheit verkauft; er hat ihn verkauft, um mich zum zweiten Male zu retten, denn es geſchah, damit ich einen Boten an den Herzog ſchicke und ihn benachrichtige, daß er ermordet werden ſollte.“ 5 „D'Artagnan wußte es alſo.“ Kur deſſe der gebt das zu! Eur Auf von einſe mir Euck ſelbſ die And Ihr ſaml Ihr dürfe zärtl das ob d mit 65 „Er wußte Alles. Wie er dies machte, weiß ich nicht. urz er verkaufte den Ring an Herrn des Eſſarts, an deſſen Finger ich ihn ſah, und von welchem ich ihn wie⸗ der kaufte; doch dieſer Diamant gehört ihm, mein Herr, gebt ihm denſelben in meinem Namen zurück, und da Ihr das Glück habt, einen ſolchen Menſchen in Eurer Nähe zu beſitzen, ſo ſucht Vortheil daraus zu ziehen.“ „Ich danke, Madame,“ ſprach Mazarin,„ich Werde Euren Rath benützen.“ „Und nun,“ ſagte die Königin, als hätte ſie die Aufregung völlig entkräftet„„habt Ihr noch etwas Anderes von mir zu fordern?“ „Nichts, Madame,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem einſchmeichelndſten Tone,„ich habe Euch nur zu bitten, mir meinen ungerechten Verdacht zu vergeben, aber ich liebe Euch ſo unendlich, daß man nicht ſtaunen darf, weng ich ſelbſt über die Vergangenheit eiferſüchtig bin.“ Ein Lächeln von unbeſchreiblichem Ausdruck umſpielte die Lippen der Königin. „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte ſie,„wenn Ihr nichts Anderes mehr von mir zu fordern habt, ſo laßt mich allein; Ihr begreift, daß ich nach einer ſolchen Scene der Ein⸗ ſamkeit bedarf.“ Mazarin verbeugte ſich. „Ich entferne mich, Madame,“ ſprach er,„erlaubt Ihr mir wiederzukommen?“ „Ja, aber morgen; ich werde dieſer ganzen Zeit be⸗ dürfen, um wieder Ruhe zu gewinnen.“ Der Cardinal nahm die Hand der Königin, küßte ſie zärtlich und zog ſich zurück. 8. Kaum hatte er ſich entfernt, als ſich die Königin in das Gemach ihres Sohnes begab und La Porte fragte, ob der König zu Bette gegangen wäre. La Porte deutete mit der Hand auf das ſchlafende Kind. Anna von Oeſterreich ſtieg auf die Stufen des Bettes, näherte ihre Lippen der gefaltenen Stirne ihres Sohnes Zwanzig Jahre nachher. I. 5⁵5 auf tirne uſſe wie⸗ hr,“ aen zarin Der king⸗ hrei⸗ vo es nLa n be⸗ ar zu erauf ſichen wenn ſtets erettet dem nichts ant.“ Car⸗ „der ck der zum einen daß 65 „Er wußte Alles. Wie er dies machte, weiß ich nicht, Kurz er verkaufte den Ring an Herrn des Eſſarts, an deſſen Finger ich ihn ſah, und von welchem ich ihn wie⸗ der kaufte; doch dieſer Diamant gehört ihm, mein Herr, gebt ihm denſelben in meinem Namen zurück, und da Ihr das Glück habt, einen ſolchen Menſchen in Eurer Nähe zu beſitzen, ſo ſucht Vortheil daraus zu ziehen.“ „Ich danke, Madame,“ ſprach Mazarin,„ich werde Euren Rath benützen.“ „Und nun,“ ſagte die Königin, als hätte ſie die Aufregung völlig entkräftet„„habt Ihr noch etwas Anderes von mir zu fordern?“ Michts, Madame,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem einſchmeichelndſten Tone,„ich habe Euch nur zu bitten, mir meinen ungerechten Verdacht zu vergeben, aber ich liebe Euch ſo unendlich, daß man nicht ſtaunen darf, wenn ich ſelbſt über die Vergangenheit eiferſüchtig bin.“ Eein Lächeln von unbeſchreiblichem Ausdruck umſpielte die Lippen der Königin. „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte ſie,„wenn Ihr nichts Anderes mehr von mir zu fordern habt, ſo laßt mich allein; Ihr begreift, daß ich nach einer ſolchen Scene der Ein⸗ ſamkeit bedarf.“ Mazarin verbeugte ſich. „Ich entferne mich, Madame,“ ſprach er,„erlaubt Ihr mir wiederzukommen?“ Ja, aber morgen; ich werde dieſer ganzen Zeit be⸗ dürfen, um wieder Ruhe zu gewinnen.“ Der Cardinal nahm die Hand der Königin, küßte ſie zärtlich und zog ſich zürück. Kaum hatte er ſich entfernt, als ſich die Königin in das Gemach ihres Sohnes begab und La Porte fragte, ob der König zu Bette gegangen wäre. La Porte deutete mit der Hand auf das ſchlafende Kind. Anna von Oeſterreich ſtieg auf die Stufen des Bettes, näherte ihre Lippen der gefaltenen Stirne ihres Sohnes Zwanzig Jahre nachher. I. 5 66 und drückte ſachte einen Kuß darauf; dann ging ſie ſtille, wie ſie gekommen war, wieder weg, wobei ſie ſich begnügte, zu dem Kammerdiener zu ſagen: „Seid bemüht, mein lieber La Porte, daß der König dem Herrn Cardinal, gegen den er und ich ſo große Ver⸗ bindlichkeiten haben, ein beſſeres Geſicht macht.“ V. Gascogner und Jtaliener. Während dieſer Zeit war der Cardinal in ſein Ca⸗ binet zurückgekehrt, an deſſen Thüre Bernouin wachte, den er fragte, ob nichts Neues vorgefallen und ob keine Mel⸗ dune don Außen gekommen ware. Auf ſeine verneinende Antwort hieß er ihn durch ein Zeichen ſich entfernen.. Allein geblieben öffnete er die Thüre des Corridors und dann die des Vorzimmers. D'Artagnan ſchlief er⸗ müdet auf einer Bank. „Herr d'Artagnan!“ ſprach er mit leiſer Stimme. D Artagnan rührte ſich nicht. 4 „Herr d'Artagnan!“ ſprach er lauter. D' Artagnan fuhr fort zu ſchlafen. Der Cardinal näherte ſich ihm und berührte ſeine Schulter mit der Fingerſpitze. Dießmal fuhr d'Artagnan zuſammen, erwachte und ſtand erwachend auch aufrecht, wie ein Soldat unter den Waffen. d 5 „Hier!“ ſagte er„„wer ruſt mich?“ 4 „Ich,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem freundlichſten Geſichte. 3 „Ich bitte Eure Eminenz um Vergebung,“ ſprach d'Artagnan, aber ich war ſo müde...“ „Bittet nicht um Vergebung, mein Herr ℳ erwiedertee Mazgrin,„denn Ihr habt Euch in meinem Dienſte ermüdet.“ ——— ——————— 66 und drückte ſachte einen Kuß darauf; dann ging ſie ſtille, wie ſie gekommen war, wieder weg, wobei ſie ſich begnügte, zu dem Kammerdiener zu ſagen: „Seid bemüht, mein lieber La Porte, daß der König dem Herxn Cardinal, gegen den er und ich ſo große Ver⸗ bindlichkeiten haben, ein beſſeres Geſicht macht.“ Gascogner und Italiener. Während dieſer Zeit war der Cardinal in ſein Ca⸗ binet zurückgekehrt, an deſſen Thüre Bernouin wachte, den er fragte, ob nichts Neues vorgefallen und ob keine Mel⸗ dung von Außen gekommen wäre. Auf ſeine verneinende Antwort hieß er ihn durch ein Zeichen ſich entfernen. Allein geblieben öffnete er die Thüre des Corridors und dann die des Vorzimmers. D'Artagnan ſchlief er⸗ müdet auf einer Bank. „Herr dArtagnan!“ ſprach er mit leiſer Stimme. D'Artagnan rührte ſich nicht. „Herr dArtagnan!“ ſprach er lauter. D'Artagnan fuhr fort zu ſchlafen. Der Cardinal näherte ſich ihm und berührte ſeine Schulter mit der Fingerſpitze. Dießmal fuhr vArtagnan zuſammen, erwachte und ſtand erwachend auch aufrecht, wie ein Soldat unter den Waffen. „Hier!“ ſagte er, wer ruſt mich 2 „Ich,“ erwiederte Mazarin mit ſeinem freundlichſten Geſichte. „Ich bitte Eure Eminenz um Vergebung,“ ſprach dArtagnan, aber ich war ſo müde „Bittet nicht um Vergebung, mein Herr„ erwiederte Mazarin,„denn Ihr habt Euch in meinem Dienſte ermüdet 4 „ mir er her geſe gen mut ſich bůc Con Mu Frer nich nenz unte nert günſ nete ſo ſi 67 D'Artagnan bewunderte die anmuthige Miene des Miniſters. „Oho!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„iſt das Sprichwort wahr, welches ſagt: Das Gute kommt im Schlafe?“ „Folgt mir, mein Herr,“ ſagte Mazarin. „Vortrefflich,“ murmelte d'Artagnan,„Rochefort hat mir Wort gehalten; nur moͤchte ich wiſſen, wo des Teufels er herausgekommen iſt?“ Und er ſchaute in allen Winkeln des Cabinets um⸗ her, aber es war kein Rochefort da. „Herr d'Artagnan,“ ſagte Mazarin, nachdem er ſich geſetzt und eine bequeme Stellung in ſeinem Fauteuil ein⸗ genommen hatte,„Ihr ſeid mir immer als ein braver, muthiger Mann vorgekommen.“ „Das iſt möglich,“ dachte d'Artagnan,„abe hat ſich Zeit gelaſſen, es mir zu ſagen.“ Deſſen un tet bückte er ſich vor Mazarin bis auf den Boden, um ſein Compliment zu erwiedern. „Nun wohl,“ fuhr Mazarin fort,„der Augenblick iſt gekommen, um aus Eurem Talente und aus Eurem Muthe Nutzen zu ziehen.“ Die Augen des Offtziers ſchleuderten gleichſam einen Freudenblitz, der ſogleich wieder erloſch, denn er wußte nicht, wo Mazarin hinaus wollte. „Befehlt, Monſeigneur, ich bin bereit, Eurer Emi⸗ nenz zu gehorchen.“ „Herr d'Artagnan,“ fuhr Mazarin fort,„Ihr habt unter der letzten Regierung gewiſſe Thaten vollbracht..“ „Cure Eminenz iſt zu gut, daß ſie ſich deſſen erin⸗ nert.. Es iſt wahr, ich habe den Krieg mit ziemlich 7 günſtigem Erfolg mitgemacht.... „Ich ſpreche nicht von Euren Kriegsthaten,“ entgeg⸗ nete Mazarin,„denn obgleich ſie einiges Aufſehen machten, ſo ſind ſie doch von andern übertroffen worden.“ OArtagnan ſpielte den Erſtaunten⸗. 5. ſtille, mügte, dönig Ver⸗ 1Ca⸗ e, den Mel⸗ inende ridors ef er⸗ ne. ſeine e und er den lichſten ſprach iedett nüdet⸗ 67 D'Artagnan bewunderte die anmuthige Miene des Miniſters. „Oho!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„iſt das Sprichwort wahr, welches ſagt:; Das Gute kommt im Schlafe?“ „Folgt mir, mein Herr,“ ſagte Mazarin. „Vortrefflich,“ murmelte dArtagnan,„Rochefort hat mir Wort gehalten; nur möchte ich wiſſen, wo des Teufels er herausgekommen iſt?“ Und er ſchaute in allen Winkeln des Cabinets um⸗ her, aber es war kein Rochefort da. „Herr dArtagnan,“ ſagte Mazarin, nachdem er ſich geſetzt und eine bequeme Stellung in ſeinem Fauteuil ein⸗ genommen hatte,„Ihr ſeid mir immer als ein braver, muthiger Mann vorgekommen.“ „Das iſt möglich,“ vachte dArtagnan,„aber er hat ſich Zeit gelaſſen, es mir zu ſagen.“ Deſſen ungeachtet bückte er ſich vor Mazarin bis auf den Boden, um ſein Compliment zu erwiedern. „Nun wohl,“ fuhr Mazarin fort,„der Augenblick iſt gekommen, um aus Eurem Talente und aus Eurem Muthe Nutzen zu ziehen.“ Die Augen des Offiziers ſchleuderten gleichſam einen Freudenblitz, der ſogleich wieder erloſch, denn er wußte nicht, wo Mazarin hinaus wollte. „Befehlt, Monſeigneur, ich bin bereit, Eurer Emi⸗ nenz zu gehorchen.“ „Herr dArtagnan,“ fuhr Mazarin fort,„Ihr habt unter der letten Regierung gewiſſe Thaten vollbracht. „Eure Eminenz iſt zu gut, daß ſie ſich deſſen erin⸗ nert Es iſt wahr, ich habe den Krieg mit ziemlich günſtigem Erfolg mitgemacht „Ich ſpreche nicht von Euren Kriegsthaten,“ entgeg⸗ nete Mazarin,„denn obgleich ſie einiges Aufſehen machten, ſo ſind ſie doch von andern übertroffen worden.“ DArtagnan ſpielte den Erſtannten. 5 68 „Wie?“ ſprach Mazarin,„Ihr antwortet nicht?“ „Ich warte darauf,“ verſetzte d'Artagnan,„daß Mon⸗ ſeigneur mir ſagt, von welchen Thaten er zu ſprechen die Gnade hat.“ „ Ich ſpreche von den Abenteuern in... Ihr wißt wohl, was ich ſagen will?“ „Ach nein, Monſeigneur,“ antwortete d'Artagnan ganz erſtaunt. 3 „Ihr ſeid verſchwiegen? deſto beſſer! Ich ſpreche von jenem Abenteuer der Königin, von den Neſtelſtiften, von der Reiſe, die Ihr mit drei von Euren Freunden ge⸗ macht habt.“ „He, he!“ dachte der Gascogner,„iſt das eine Falle? Da müſſen wir feſt halten.“ Und er bewaffnete ſeine Züge mit einem Erſtaunen, um ihn Mondori und Belleroſe, die zwei beſten Schau⸗ ſpieler jener Zeit, beneidet hätten. „Sehr gut!“ rief Mazarin lachend.„Bravo! man hat mir wohl geſagt, Ihr wäret der Mann, deſſen ich be⸗ durfe. Laßt hören, was würdet Ihr wohl für mich thun?“ „Alles, was Eure Eminenz mir zu thun befehlen wird,“ antwortete d'Artagnan. „Werdet Ihr für mich thun, was Ihr einſt für eine Königin gethan habt?“ .„Es iſt entſchieden,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt, „man will mich zum Sprechen bringen. Laſſen wir ihn immerhin herankommen. Der Teufel iſt nicht feiner, als Nichelieu.“— „Für eine Königin, Monſeigneur? ich begreife nicht!“ „Ihr begreift nicht, daß ich Eurer und Eurer drei Freunde bedarf?“ 4 „Welcher Freunde, Monſeigneur?“ „Eurer drei ehemaligen Freunde.“ „Ehemals hatte ich nicht drei, ſondern fünfzig Freunde, Monſeigneur,“ antwortete d'Artagnan.„Mit zwanzig Jah⸗ ren nennt man alle Menſchen ſeine Freunde.“ 68 „Wie?“ ſprach Mazarin,„Ihr antwortet nicht?“ „Ich warte darauf,“ verſetzte dArtagnan,„daß Mon⸗ ſeigneur mir ſagt, von welchen Thaten er zu ſprechen die Gnade hat.“ „Ich ſpreche von den Abenteuern in.. Ihr wißt wohl, wäs ich ſagen will?“ „Ach nein, Monſeigneur„ antwortete dArtagnan ganz erſtaunt. „Ihr ſeid verſchwiegen? deſto beſſer! Ich ſpreche von jenem Abenteuer der Königin, von den Neſtelſtiften, von der Reiſe, die Ihr mit drei von Euren Freunden ge⸗ macht habt.“ „He, he!“ dachte der Gascogner,„iſt das eine Falle? Da müſſen wir feſt halten.“ Und er bewaffnete ſeine Züge mit einem Erſtaunen, um das ihn Mondori und Belleroſe, die zwei beſten Schau⸗ ſpieler jener Zeit, beneidet hätten. „Sehr gut!“ rief Mazarin lachend.„Bravo! man hat mir wohl geſagt, Ihr wäret der Mann, deſſen ich be⸗ dürfe. Laßt hören, was würdet Ihr wohl für mich thun?“ „Alles, was Eure Eminenz mir zu thun befehlen wird,“ antwortete d'Artagnan. „Werdet Ihr für mich thun, was Ihr einſt für eine Königin gethan habt?“ „Es iſt entſchieden,“ ſagte dArtagnan zu ſich ſelbſt, „man will mich zum Sprechen bringen. Laſſen wir ihn immerhin herankommen. Der Teufel iſt nicht feiner, als Richelien.“ „Für eine Königin, Monſeigneur? ich begreife nicht!“ „Ihr begreift nicht, daß ich Eurer und Eurer drei Freunde bedarf?“ „Welcher Freunde, Monſeigneur?“ „Eurer drei ehemaligen Freunde.“ „Ehemals hatte ich nicht drei, ſondern fünfzig Freunde, Monſeigneur,“ antwortete dArtagnan.„Mit zwanzig Jah⸗ ren nennt man alle Menſchen ſeine Freunde.“ me gor alſ Eu ner ihr Ih erk unt ihn geſ Die ſpie Eu mei lan gut Fre R— 69 „Gut, gut, Herr Offizier,“ ſagte Mazarin; die Ver⸗ 8 ſchwiegenheit iſt eine ſchöne Sache, aber heute könntet Ihr es bereuen, zu verſchwiegen geweſen zu ſein.“ „Monſeigneur, Pythagoras ließ ſeine Schüler fünf Jahre lang Stillſchweigen beobachten, um ſie ſchweigen zu lehren.“ „Und Ihr habt es zwanzig Jahre lang beobachtet, mein Herr, das iſt fünfzehn Jahre mehr, als ein pytha⸗ goräiſcher Philoſoph, was mir hinreichend erſiheint. Sprecht alſo heute immerhin, denn die Königin ſelbſt entbindet Euch Eures Schwures.“ „Die Königin!“ ſagte d'Artagnan mit einem Erſtau⸗ nen, das diesmal nicht geſpielt war. „Ja, die Königin. Und zum Beweiſe, daß ich in ihrem Namen mit Euch ſpreche, hat ſie mich beauftragt, Euch dieſen Diamant zu zeigen, von welchem ſie behauptet, Ihr kennet ihn, und den ſie von Herrn des Eſſarts wieder erkauft hat.“ Mazarin ſtreckte die Hand nach dem Offizier aus, und dieſer ſeufzte, als er den Ring wieder erkannte, den ihm die Königin am Abend des Balles im Stadthauſe geſchenkt hatte. „Es iſt wahr,“ ſagte d'Artagnan,„ich erkenne dieſen Diamant, welcher der Königin gehört hat.“ „Ihr ſeht alſo wohl, daß ich in ihrem Namen mit Euch ſpreche. Antwortet mir, ohne fernerhin Komödie zu ſpielen. Ich habe Euch ſchon geſagt und wiederhole, daß Ener Glück davon abhängt.“— „Meiner Treu, Monſeigneur, ich habe es ſehr nöthig, mein Glück zu machen. Eure Eminenz vergaß mich ſo lange!“. „Es braucht nicht mehr, als acht Tage, um dies gut zu machen. Ihr ſeid einmal hier; aber wo ſind Eure Freunde?“ „Ich weiß es nicht, Monſeigneur.“ „Wie, Ihr wißt es nicht?“ kon⸗ die wißt gnan von von g⸗ alle? unen, chau⸗ man hbe⸗ un?“ ehlen eine ſelbſt, r ihn „als icht!“ rdrei eunde, Jah⸗ 69 „Gut, gut, Herr Offizier,“ ſagte Mazarin;„die Ver⸗ ſchwiegenheit iſt eine ſchöne Sache, aber heute könntet Ihr es bereuen, zu verſchwiegen geweſen zu ſein.“ „Monſeigneur, Pythagorck ließ ſeine Schüler fünf Jahre lang Stillſchweigen beobachten, um ſie ſchweigen zu lehren.“ „Und Ihr habt es zwanzig Jahre lang beobachtet, mein Herr, das iſt fünfzehn Jahre mehr, als ein pytha⸗ gpräiſcher Philoſoph, was mir hinreichend erſcheint. Sprecht alſo heute immerhin, denn die Königin ſelbſt entbindet Euch Eures Schwures.“ „Die Königin!“ ſagte d'Artagnan mit einem Erſtau⸗ nen, das diesmal nicht geſpielt war. „Ja, die Königin. Und zum Beweiſe, daß ich in ihrem Namen mit Euch ſpreche, hat ſie mich beauftragt, Euch dieſen Diamant zu zeigen, von welchem ſie behauptet, Ihr kennet ihn, und den ſie von Herrn des Eſſarts wieder erkauft hat.“ Mazarin ſtreckte die Hand nach dem Ofſizier aus, und dieſer ſeufzte, als er den Ring wieder erkannte, den ihm die Königin am Abend des Balles im Stadthauſe geſchenkt hatte. „Es iſt wahr,“ ſagte d'Artagnan,„ich erkenne dieſen Diamant, welcher der Königin gehört hat.“ „Ihr ſeht alſo wohl, daß ich in ihrem Namen mit Euch ſpreche. Antwortet mir, ohne fernerhin Komödie zu ſpielen. Ich habe Euch ſchon geſagt und wiederhole, daß Euer Glück davon abhängt.“ „Meiner Treu, Monſeigneur, ich habe es ſehr nöthig, mein Glück zu machen. Eure Eminenz vergaß mich ſo lange!“ „Es braucht nicht mehr, als acht Tage, um dies gut zu machen. Ihr ſeid einmal hier; aber wo ſind Eure Freunde?“ „Ich weiß es nicht, Monſeigneur.“ „Wie, Ihr wißt es nicht?“ 70 „Nein, wir ſind ſeit geraumer Zeit getrennt, denn alle Drei haben den Dienſt verlaſſen.“ „Aber wo werdet Ihr ſie wiederfinden?“ „Ueberall, wo ſie ſich aufhalten; das iſt meine Sache.“ „Gut... Eure Bedingung?“ „Geld, Monſeigneur, ſo viel, als unſere Unterneh⸗ mungen fordern. Ich erinnere mich zuweilen nur zu gut, wie ſehr wir ohne Geld gehemmt waren, und ohne dieſen Diamant, den ich zu verkaufen mich genöthigt ſah, wären wir auf dem Wege liegen geblieben.“ „Teufel! Geld, und zwar viel,“ ſprach Mazarin. „Wie raſch Ihr darauf losgeht, Herr Offizier! Wißt Ihr, daß in den Kaſſen des Königs kein Geld iſt?“ „Macht es wie ich, Monſeigneur, verkauft die Dia⸗ manten der Krone. Glaubt mir, wir wollen nicht han⸗ deln; man führt große Dinge nur ſchlecht aus mit kleinen Mitteln.“ „Nun wohl,“ ſprach Mazarin,„wir werden Euch zu befriedigen ſuchen.“ 1 „Richelieu,“ dachte d'Artagnan,„hätte mir bereits fünfhundert Piſtolen Handgeld gegeben.“ „Ihr gehört alſo mein?“ „Ja, wenn meine Freunde wollen.“ „Aber falls ſie ſich weigern, kann ich auf Euch zaͤhlen?“ „Ich habe nie etwas Gutes ganz allein gethan,“ antwortete d'Artagnan, den Kopf ſchüttelnd. „Sucht ſie alſo auf.“. „Was ſoll ich ihnen ſagen, um ſie zu beſtimmen, Eurer Eminenz zu dienen?“ „Ihr kennt ſie beſſer als ich; nach ihren Charakteren verſprechet ihnen.“ „Was ſoll ich ihnen verſprechen?“ „Sie mögen mir dienen, wie ſie der Königin gedient haben, und meine Dankbarkeit wird glänzend ſein.“ „Was ſollen wir thun?“ 70 „Nein, wir ſind ſeit geraumer Zeit getrennt, denn alle Drei haben den Dienſt verlaſſen.“ „Aber wo werdet Ihr ſie wiederfinden?“ „Ueberall, wo ſie ſich aufhalten; das iſt meine Sache.“ „Gut„ Eure Bedingung?“ „Geld, Monſeigneur, ſo viel, als unſere Unterneh⸗ mungen fordern. Ich erinnere mich zuweilen nur zu gut, wie ſehr wir vhne Geld gehemmt waren, und ohne dieſen Diamant, den ich zu verkaufen mich genöthigt ſah, wären wir auf dem Wege liegen geblieben.“ „Teufel! Geld, und zwar viel,“ ſprach Mazarin. „Wie raſch Ihr darauf losgeht, Herr Offizier! Wißt Ihr, daß in den Kaſſen des Königs kein Geld iſt?“ „Macht es wie ich, Monſeigneur, verkauft die Dia⸗ manten der Krone. Glaubt mir, wir wollen nicht han⸗ deln; man führt große Dinge nur ſchlecht aus mit kleinen Mitteln.“ „Nun wohl,“ ſprach Mazarin,„wir werden Euch zu befriedigen ſuchen.“ „Richelien,“ dachte dArtagnan,„hätte mir bereits fünfhundert Piſtolen Handgeld gegeben.“ „Ihr gehört alſo mein 2 „Ja, wenn meine Freunde wollen.“ „Aber falls ſie ſich weigern, kann ich auf Euch zählen?“ „Ich habe nie etwas Gutes ganz allein gethan,“ antwortete d'Artagnan, den Kopf ſchüttelnd. „Sucht ſie alſo auf.“ „Was ſoll ich ihnen ſagen, um ſie zu beſtimmen, Gurer Eminenz zu dienen?“ „Ihr kennt ſie beſſer als ich; nach ihren Charakteren verſprechet ihnen.“ „Was ſoll ich ihnen verſprechen?“ „Sie mögen mir dienen, wie ſie der Königin gedient haben, und meine Dankbarkeit wird glänzend ſein.“ „Was ſollen wir thun?“ 7 — au d — e 71 „Alles, denn es ſcheint, Ihr wißt Alles zu thun. „Monſeigneur, wenn man Vertrauen zu den Men⸗ ſchen hat und man will, daß ſie Vertrauen zu uns haben ſollen, ſo unterrichtet man ſie beſſer, als dies Eure Emi⸗ nenz thut.“ „Iſt der Augenblick gekommen,“ verſetzte Mazarin, „ſo werdet Ihr alle meine Gedanken erfahren, darüber ſeid unbeſorgt.“ „Und bis dahin?“ „Wartet und ſucht Eure Freunde.“ „Monſeigneur, vielleicht ſind ſie nicht in Paris; ja dies iſt ſogar wahrſcheinlich, ich werde reiſen müſſen. Ich bin nur ein ſehr armer Musketierlieutenant und die Reiſen ſind theuer.“ „Es liegt nicht in meiner Abſicht,“ ſagte Mazarin, „daß Ihr mit einem großen Gefolge erſcheint. Meine Pläne bedürfen des Geheimniſſes und würden unter einer großen Equipage leiden.“ „Ich wiederhole, Monſeigneur, ich kann nicht mit meinem Solde reiſen, da man bei mir mit drei Mo⸗ naten im Rückſtande iſt, und ich kann auch nicht mit meinem Erſparniſſen reiſen, inſofern ich ſeit zweiund⸗ zwanzig Jahren, die ich im Dienſte bin, nur Schulden erſpart habe.“ Mazarin blieb einen Augenblick nachdenkend, als ob ſich ein gewaltiger Kampf in ſeinem Innern entſpänne. Dann ging er auf einen dreifach geſchloſſenen Schrank zu und zog einen Sack hervor, den er wiederholt in der Hand wog, ehe er ihn d'Artagnan gab. „Nehmt dieß,“ ſprach er mit einem Seufzer, es iſt für die Reiſe.“ „Wenn es ſpaniſche Dublonen oder Goldthaler ſind,“ dachte d'Artagnan,„ſo können wir noch ein Geſchäft mit einander machen.“ Er verbeugte ſich vor dem Cardinal und ſchob den Sack in ſeine weite Taſche⸗ * enn e.“ teh⸗ gut,* eſen iren rin. Ihr, Dia⸗ han⸗ einen h zu ereits Euch han,“ nmen, kteren edient 71 „Alles, denn es ſcheint, Ihr wißt Alles zu thun.“ „Monſeigneur, wenn man Vertrauen zu den Men⸗ ſchen hat und man will, daß ſie Vertrauen zu uns haben ſollen, ſo unterrichtet man ſie beſſer, als dies Eure Emi⸗ nenz thut.“ „Iſt der Angenblick gekommen,“ verſetzte Mazarin, „ſo werdet Ihr alle meine Gedanken erfahten, darüber ſeid unbeſorgt.“ „Und bis dahin?“ „Wartet und ſucht Eure Freunde.“ „Monſeigneur, vielleicht ſind ſie nicht in Paris; ja dies iſt ſogar wahrſcheinlich, ich werde reiſen müſſen. Ich bin nur ein ſehr armer Musketierlieutenant und die Reiſen ſind theuer.“ „Es liegt nicht in meiner Abſicht“ ſagte Mazarin, „daß Ihr mit einem großen Gefolge erſcheint. Meine Pläne bedürfen des Geheimniſſes und würden unter einer großen Equipage leiden.“ „Ich wiederhole, Monſeigneur, ich kann nicht mit meinem Solde reiſen, da man bei mir mit drei Mo⸗ naten im Rückſtande iſt, und ich kann auch nicht mit meinem Erſparniſſen reiſen, inſofern ich ſeit zweiund⸗ zwanzig Jahren, die ich im Dienſte bin, nur Schulden erſpart habe.“ Mazarin blieb einen Augenblick nachdenkend, als ob ſich ein gewaltiger Kampf in ſeinem Innern entſpänne⸗ Dann ging er auf einen dreifach geſchloſſenen Schrank zu und zog einen Sack hervor, den er wiederholt in der Hand wog, ehe er ihn d'Artagnan gab. „Nehmt dieß,“ ſprach er mit einem Seufzer, es iſt für die Reiſe.“ „Wenn es ſpaniſche Dublonen oder Goldthaler ſind,“ dachte dArtagnan,„ſo können wir noch ein Geſchäft mit einander machen.“ Er verbeugte ſich vor dem Cardinal und ſchob den Sack in ſeine weite Taſche⸗ 72 „Nun, das iſt abgemacht,“ verſetzte der Cardinal, 8 „Ihr reiſet.“ 3 „Ja, Monſeigneur.“. „Schreibt mir alle Tage und gebt mir Nachricht von Eurer Unterhandlung.“ „Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun, Mon⸗ 6 ſeigneur.“— „Gut. Doch halt, der Name Eurer Freunde..2“ „Der Name meiner Freunde?“ wiederholte dArta⸗ gnan mit einem Reſte von Unruhe. „Ja, während Ihr Curerſeits ſuchet, werde ich mich 4 meinerſeits erkundigen und vielleicht erfahre ich etwas.“ „Der Herr Graf de la Fore, ſonſt Athos genannt, Herr du Vallon, ſonſt Porthos genannt, und der Herr Chevalier d'Herblay, gegenwärtig Abbé d'Herblay, früher Aramis genannt.“ Der Cardinal lächelte. „Junker,“ ſprach er,„die ſich unter falſchen Namen unter den Musketieren hatten aufnehmen laſſen, um nicht ihre Familiennamen zu compromittiren... lange Stoß⸗ degen, leichte Börſen. Man kennt das.“ „Wenn es Gottes Wille iſt, daß dieſe Stoßdegen in den Dienſt Eurer Eminenz treten,“ erwiederte d'Artagnan, „ſo wage ich den Wunſch auszudrücken, die Börſe Eurer Eminenz möge leicht und die ihrige dafür ſchwer werden; denn mit dieſen drei Männern und mit mir kann Euere Eminenz ganz Frankreich und ſogar ganz Europa in Be⸗ wegung ſetzen, wenn es Euch beliebt.“ „Dieſe Gascogner,“ ſprach Mazarin lächelnd,„kom⸗ men den Italienern in der Prahlerei gleich.“ „In jedem Fall,“ ſagte d'Artagnan mit einem Lächeln, ähnlich dem des Cardinals,„in jedem Fall ſtehen ſie über ihnen, was das Schwert betrifft.“ Und er trat ab, nachdem er um einen Urlaub gebeten hatte, der ihm ſogleich bewilligt und von dem Cardinal ſelbſt unterzeichnet wurde. 3 —,— 72 „Nun, das iſt abgemacht,“ verſetzte der Cardinal, „Ihr reiſet.“ „Ja, Monſeigneur.“ „Schreibt mir alle Tage und gebt mir Nachricht vvn es Eurer Unterhandlung.“ „Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun, Mon⸗ ſeigneur.“ „Gut. Doch halt, der Name Eurer Freunde.2 um „Der Name meiner Freunde?“ wiederholte d'Arta⸗ wo gnan mit einem Reſte von Unruhe. Di „Ja, während Ihr Eurerſeits ſuchet, werde ich mich 6 a meinerſeits erkundigen und vielleicht erfahre ich etwas.“ „Der Herr Graf de la Fére, ſonſt Athos genannt, ner Herr du Vallon, ſonſt Porthos genannt, und der Herr Chevalier d'Herblay, gegenwärtig Abbé d'Herblay, früher Aramis genannt.“ Der Cardinal lächelte. „Junker,“ ſprach er,„die ſich unter falſchen Namen — S unter den Musketieren hatten aufnehmen laſſen, um nicht ſich ihre Familiennamen zu compromitiiren.. lange Stoß⸗ der degen, leichte Börſen. Man kennt das.“ ſch „Wenn es Gottes Wille iſt, daß dieſe Stoßdegen in wel den Dienſt Eurer Eminenz treten,“ erwiederte d'Artagnan, Uh „ſo wage ich den Wunſch auszudrücken, die Börſe Eurer Eminenz möge leicht und die ihrige dafür ſchwer werden; denn mit dieſen drei Männern und mit mir kann Euere Eminenz ganz Frankreich und ſogar ganz Europa in Be⸗ gef wegung ſetzen, wenn es Euch beliebt.“ hai „Dieſe Gascogner,“ ſprach Mazarin lächelnd,„kom⸗ men den Italienern in der Prahlerei gleich.“ „In jedem Fall,“ ſagte dArtagnan mit einem Lächeln, ähnlich dem des Cardinals,„in jedem Fall ſtehen ſie über ihnen, was das Schwert betrifft.“ und er trat ab, nachdem er um einen Urlaub gebeten 6 hatte, der ihm ſogleich bewilligt und von dem Cardinal ſelbſt unterzeichnet wurde. —yy— Kaum war er außen, ſo näherte er ſich einer Laterne, welche er im Hofe fand, und ſchaute raſch in den Sack. „Silberthaler!“ rief er verächtlich,„ich vermuthete es! Ach, Mazarin, Mazarin! Du haſt kein Vertrauen zu mir. Deſto ſchlimmer! das wird Dir Ungluͤck bringen.“ Während dieſer Zeit rieb ſich der Cardinal die Hände. „Hundert Piſtolen!“ murmelte er,„hundert Piſtolen! um hundert Piſtolen habe ich ein Geheimniß erhandelt, wofür Herr Richelien zwanzig tauſend Thaler bezahlt hätte. Dieſen Diamant nicht zu rechnen,“ fügte er bei und warf einen verliebten Blick auf den Ring, den er behalten hatte, ſtatt ihn d'Artagnan zu geben,„dieſen Ring nicht zu rech⸗ nen, welcher wenigſtens zehntauſend Livres werth iſt.“ Und der Cardinal kehrte in ſein Zimmer zurück, ganz freudig über dieſen Abend, an welchem er einen ſo ſchönen Vortheil gemacht hatte, legte den Ring in ein mit Brillan⸗ ten aller Art ausgeſtattetes Etui, denn Mazarin hatte Geſchmack für Edelſteine, und rief ſodann Bernouin, um ſich auskleiden zu laſſen, ohne ſich weiter um den Laͤrmen, der fortwährend, gleichſam in Windſtößen an die Fenſter⸗ ſcheiben ſchlug, und um die Flintenſchüſſe zu bekümmern, welche noch in Paris erſchollen, obgleich es bereits eilf Uhr vorüber war. Wiaährend dieſer Zeit ging d'Artagnan in die Rue Tiquetonne, wo er in der Herberge zur Rehziege wohnte. Wir wollen mit wenigen Worten erzählen, wie es ieune war, daß d'Artagnan dieſes Quartier gewählt atte. al, on on⸗ 7. ta⸗ nich nnt, err her men icht toß⸗ in nan, urer den; nere Be⸗ om⸗ heln, über eten inal 73 Kaum war er außen, ſo näherte er ſich einer Laterne, welche er im Hofe fand, und ſchaute raſch in den Sack. „Silberthaler!“ rief er verächtlich,„ich vermuthete es! Ach, Mazarin, Mazarin! Du haſt kein Vertrauen zu mir. Deſto ſchlimmer! das wird Dir Unglück bringen.“ Während dieſer Zeit rieb ſich der Cardinal die Hände. „Hundert Piſtolen!“ murmelte er,„hundert Piſtolen! um hundert Piſtolen habe ich ein Geheimniß erhandelt, wofür Herr Richelien zwanzig tauſend Thaler bezahlt hätte. Dieſen Diamant nicht zu rechnen,“ fügte er bei und warf einen verliebten Blick auf den Ring, den er behalten hatte, ſtatt ihn d'Artagnan zu geben,„dieſen Ring nicht zu rech⸗ nen, welcher wenigſtens zehntauſend Livres werth iſt.“ Und der Cardinal kehrte in ſein Zimmer zurück, ganz freudig über dieſen Abend, an welchem er einen ſo ſchönen Vortheil gemacht hatte, legte den Ring in ein mit Brillan⸗ ten aller Art ausgeſtattetes Etui, denn Mazarin hatte Geſchmack für Edelſteine, und rief ſodann Bernvuin, um ſich auskleiden zu laſſen, ohne ſich weiter um den Lärmen, der fortwährend, gleichſam in Windſtößen an die Fenſter⸗ ſcheiben ſchlug, und um die Flintenſchüſſe zu bekümmern, welche noch in Paris erſchollen, obgleich es bereits eilf Uhr vorüber war. Während dieſer Zeit ging dArtagnan in die Rue Tiquetonne, wo er in der Herberge zur Rehziege wohnte. Wir wollen mit wenigen Worten erzählen, wie es war, daß d'Artagnan dieſes Quartier gewählt atte. D'Artagnan mit vierzig Jahren. „Achl ſeit der Zeit, wo wir in unſerem Romane der drei Musketiere d'Artagnan in der Rue des Foſſoyeurs Nro. 12 verließen, waren viele Dinge und beſonders viele Jahre vorübergegangen. D'Artagnan hatte ſich nicht gegen die Umſtände ver⸗ fehlt, wohl aber verfehlten ſich die Umſtände gegen d'Ar⸗ tagnan. So lang ſeine Freunde ihn umgaben, war d'Ar⸗ tagnan in ſeiner Jugend und in ſeiner Poeſie geblieben⸗ Er war eine von den feinen und geiſtreichen Naturen, welche ſich leicht mit den Eigenſchaften Anderer in Ein⸗ klang ſetzten. Athos gab ihm von ſeiner Größe, Porthos von ſeinem Feuer, Aramis von ſeiner Eleganz. Hätte d'Artagnan ortwährend mit dieſen drei Männern gelebt, ſo wäre in erhabener Menſch geworden. Athos ver⸗ ließ ihn zuerſt, um ſich auf ein kleines Landgut zurückzu⸗ ziehen, das er in der Gegend von Blois geerbt hatte; ſodann Porthos, um ſeine Procuratorin zu heirathen, und endlich Aramis, um wirklich in den geiſtlichen Stand ein⸗ zutreten und ſich zum Abbé machen zu laſſen. Von dieſem Augenblick an fand ſich d'Artagnan, der ſeine Zukunft mit der dieſer drei Freunde vermiſcht zu haben ſchien, verein⸗ zelt und ſchwach, ohne den Muth, eine Laufbahn zu ver⸗ folgen, auf der er, wie er fühlte, nur unter der Bedin⸗ gung etwas werden konnte, daß ihm jeder von ſeinen drei Freunden, wenn man ſo ſagen darf, einen Theil des elek⸗ triſchen Fluidums, das er vom Himmel erhalten hatte, abtreten würde. Obgleich Lieutenant der Musketiere geworden, ſah ſich d'Artagnan darum nicht minder vereinzelt. Er war nicht von hinreichend hoher Geburt, wie Athos, daß ſich die großen Häuſer vor ihm geöffnet hätten. Er war nicht ————— ——-——— ———+ —— ₰ ½——,—— 74 VI. Y'Artagnan mit vierzig Zahren. Ach! ſeit der Zeit, wo wir in unſerem Romane der drei Musketiere dArtagnan in der Rue des Foſſoyeurs Nro. 12 verließen, waren viele Dinge und beſonders viele Jahre vorübergegangen. D'Artagnan hatte ſich nicht gegen die Umſtände ver⸗ fehlt, wohl aber verfehlten ſich die Umſtände gegen dAr⸗ tagnan. So lang ſeine Freunde ihn umgaben, war d'Ar⸗ tagnan in ſeiner Jugend und in ſeiner Poeſie geblieben⸗ Er war eine von den feinen und geiſtreichen Naturen, welche ſich leicht mit den Eigenſchaften Anderer in Ein⸗ klang ſetzten. Athos gab ihm von ſeiner Größe, Porthos von ſeinem Feuer, Aramis von ſeiner Eleganz. Hätte dArtagnan fortwährend mit dieſen drei Männern gelebt, ſo wäre er ein erhabener Menſch geworden. Athos ver⸗ ließ ihn zuerſt, um ſich auf ein kleines Landgut zurückzu⸗ ziehen, das er in der Gegend von Blois geerbt hatte; ſodann Porthos, um ſeine Proeuratorin zu heirathen, und endlich Aramis, um wirklich in den geiſtlichen Stand ein⸗ zutreten und ſich zum Abbé machen zu laſſen. Von dieſem Augenblick an fand ſich dArtagnan, der ſeine Zukunft mit der dieſer drei Freunde vermiſcht zu haben ſchien, verein⸗ zelt und ſchwach, ohne den Muth, eine Laufbahn zu ver⸗ folgen, auf der er, wie er fühlte, nur unter der Bedin⸗ gung etwas werden konnte, daß ihm jeder von ſeinen drei Freunden, wenn man ſo ſagen darf, einen Theil des elel⸗ triſchen Fluidums, das er vom Himmel erhalten hatte, abtreten würde. Oögleich Lieutenant der Musketiere geworden, ſah ſich dArtagnan darum nicht minder vereinzelt. Er war nicht von hinreichend hoher Gebmt, wie Achos, daß ſich die großen Häuſer vor ihm geöffnet hätten. Er war nicht AQε☛ N N A *ᷣ᷑ Aà — AS8NRS NN N R „* N S 5 und nicht auf die großen Dinge des Lebens angewendet, werde ihm ſeinen Degen durch den Leib rennen, war dieſer 75 4 eitel genug, wie Porthos, um glauben zu machen, er ſehe die vornehme Geſellſchaft. Er war nicht Edelmann genug, wie Aramis, um ſich, die Elemente hiezu aus ſich ſelbſt ziehend, in ſeiner natürlichen Eleganz zu erhalten. Eine Zeit lang hatte die reizende Erinnerung an Madame Bo⸗ nacieur dem Geiſte des jungen Lieutenants das Gepräge einer gewiſſen Poeſie verliehen; aber wie die Erinnerung an alle Dinge dieſer Welt vergänglich iſt, ſo verwiſchte ſich auch dieſe allmälig; das Garniſonsleben iſt ſehr nach⸗ theilig, ſelbſt für ariſtokratiſche Organiſationen. Von den zwei entgegengeſetzten Naturen, welche die Individualität von d'Artagnan bildeten, trug die materielle Natur endlich den Sieg davon, und ganz ſachte war d'Artagnan, ſtets in Garniſon, ſtets im Lager, ſtets zu Pferde, das gewor⸗ den, was man gegenwärtig(ich weiß nicht, wie man es zu jener Zeit nannte), einen wahren Cavaleriſten nennt.* Darum hatte d'Artagnan nicht gerade ſeine urſprüng⸗ liche Feinheit verloren, nein, durchaus nicht. Dieſe Fein⸗ heit hatte ſich im Gegentheil vielleicht noch vermehrt oder erſchien wenigſtens doppelt merkwürdig unter einer etwas plumpen Hülle; aber er hatte dieſe Feinheit auf die kleinen auf den materiellen Wohlſtand, was die Soldaten darunter verſtehen, d. h. auf den Beſitz eines guten Lagers, einer guten Tafel, einer guten Wirthin. Und d'Artagnan hatte Alles dies ſeit ſechs Jahren in der Rue Tiquetonne unter dem Schilde der Rehziege gefunden. 4 In der erſten Zeit ſeines Aufenthalts in dieſem Gaſt⸗ hofe verliebte ſich die Wirthin, eine ſchöne, friſche Flamän⸗ derin von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren, ſterblcch in ihn. Nach einigen Liebſchaften, welche ſehr durch einen unbequemen Gatten durchkreuzt wurden, dem d'Artagnan zehnmal zum Scheine gedroht hatte, er der eurs viele ver⸗ Ar⸗ Ar⸗ ben⸗ wen, Ein⸗ thos ätte lebt, ver⸗ ckzu⸗ atte; und ein⸗ eſem mit rein⸗ ver⸗ edin⸗ drei elek⸗ hatte, ſich nicht h die nicht eitel genug, wie Porthos, um glauben zu machen, er ſehe die vornehme Geſellſchaft. Er war nicht Edelmann genug, wie Aramis, um ſich, die Elemente hiezu aus ſich ſelbſt ziehend, in ſeiner natürlichen Eleganz zu erhalten. Eine Zeit lang hatte die reizende Erinnerung an Madame Bo⸗ nacieur dem Geiſte des jungen Lieutenants das Gepräge einer gewiſſen Poeſie verliehen; aber wie die Erinnerung an alle Dinge dieſer Welt vergänglich iſt, ſo verwiſchte ſich auch dieſe allmälig; das Garnifonsleben iſt ſehr nach⸗ theilig, ſelbſt für ariſtokratiſche Organiſationen. Von den zwei entgegengeſetzten Naturen, welche die Individualität von dArtagnan bildeten, trug die materielle Natur endlich den Sieg davon, und ganz ſachte war d'Artagnan, ſiets in Garniſon, ſtets im Lager, ſtets zu Pferde, das gewor⸗ den, was man gegenwärtig(ich weiß nicht, wie man es zu jener Zeit nannte), einen wahren Cavaleriſten nennt. Darum hatte d'Artagnan nicht gerade ſeine urſprüng⸗ liche Feinheit verloren, nein, durchaus nicht. Dieſe Fein⸗ heit hatte ſich im Gegentheil vielleicht noch vermehrt oder erſchien wenigſtens doppelt merkwürdig unter einer etwas plumpen Hülle; aber er hatte dieſe Feinheit auf die kleinen und nicht auf die großen Dinge des Lebens angewendet, auf den materiellen Wohlſtand, was die Soldaten darunter verſtehen, d. h. auf den Beſitz eines guten Lagers, einer guten Tafel, einer guten Wirthin. nd dArtagnan hatte Alles dies ſeit ſechs Jahren in der Rue Tiquetonne unter dem Schilde der Rehziege gefunden. In der erſten Zeit ſeines Aufenthalts in dieſem Gaſt⸗ hofe verliebte ſich die Wirthin, eine ſchöne, friſche Flamän⸗ derin von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren, ſterblich in ihn. Nach einigen Liebſchaften, welche ſehr durch einen unbequemen Gatten durchkreuzt wurden, dem dArtagnan zehnmal zum Scheine gedroht hatte, er werde ihm ſeinen Degen durch den Leih rennen, war dieſer Gatte an einem ſchönen Morgen verſchwunden, um für immer zu deſertiren, nachdem er heimlicher Weiſe einige Fäſſer Wein verkauft und das Geld und die Juwelen mit⸗ genommen hatte. Man hielt ihn für todt, ſeine Frau be⸗ ſonders, die ſich mit dem ſüßen Gedanken des Wittwen⸗ ſtandes ſchmeichelte, behauptete keck, er wäre hinüberge⸗ gangen. Endlich nach drei Jahren einer Verbindung, welche d'Artagnan zu brechen ſich wohl hütete, denn er fand je⸗ des Jahr ſeine Geliebte und ſein Lager angenehmer als zuvor, hatte die Herrin des Hauſes die auffallende An⸗ maßung, wieder in den Eheſtand treten zu wollen, und machte d'Artagnan den Antrag, ſie zu heirathen. „Ah, pfui!“ antwortete d'Artagnan,„Doppelehe, meine Liebe! Stille, Ihr denkt nicht daran.“ „Aber er iſt todt, ich bin es feſt überzeugt.“ „Es war ein ärgerlicher Schuft und er würde ſicher⸗ lich zurückkommen, um uns hängen zu laſſen.“ „Nun wohl, wenn er zurückkommt, ſo tödtet Ihr ihn; Ihr ſeid ſo muthig und ſo geſchickt!“ „Peſt, mein Kätzchen, das iſt ein zweites Mittel, um gehängt zu werden.) „Alſo Ihr weist meine Bitte zurück?“ „Allerdings, ganz und gar.“. Die ſchöne Wirthin war in Verzweiflung; ſie hätte gerne aus Herrn d'Artagnan nicht nur ihren Gatten, ſon⸗ dern auch ihren Gott gemacht. Er war ein ſo ſchöner Mann und ein ſo ſtolzer Schnurrbart! Gegen das vierte Jahr dieſer Verbindung kam die Erpedition nach Franche⸗Comté! d'Artagnan wurde zur Theilnahme bezeichnet und ſchickte ſich an, auszumarſchiren. Da gab es große Schmerzen, Thränen ohne Ende, feier⸗ liche Verſprechungen, treu zu bleiben: Alles von Seiten der Wirthin, wohlverſtanden. D'Artagnan war zu ſehr vornehmer Mann, um etwas zu geloben; auch verſprach er nur, zu thun, was in ſeinen Kräften läge, um den Ruhm ſeines Namens zu erhöhen. A OnA SSO—- AX——— —“ ———-— — — 76 Gatte an einem ſchönen Morgen verſchwunden, um für immer zu deſertiren, nachdem er heimlicher Weiſe einige Fäſſer Wein verkauft und das Geld und die Juwelen mit⸗ genommen hatte. Man hielt ihn für todt, ſeine Frau be⸗ ſonders, die ſich mit dem ſüßen Gedanken des Wittwen⸗ ſtandes ſchmeichelte, behauptete keck, er wäre hinüberge⸗ gangen. Endlich nach drei Jahren einer Verbindung, welche d»Artagnan zu brechen ſich wohl hütete, denn er fand je⸗ des Jahr ſeine Geliebte und ſein Lager angenehmer als zuvor, hatte die Herrin des Hauſes die auffallende An⸗ maßung, wieder in den Eheſtand treten zu wollen, und machte dArtagnan den Antrag, ſie zu heirathen. „Ah, pfui!“ antwortete d'Artagnan,„Doppelehe, eine Liebe! Stille, Ihr denkt nicht daran.“ „Aber er iſt todt, ich bin es feſt überzeugt.“ „Es war ein ärgerlicher Schuft und er würde ſicher⸗ lich zurückkommen, um uns hängen zu laſſen.“ „Nun wohl, wenn er zurückfommt, ſo tödtet Ihr ihn; Ihr ſeid ſo muthig und ſo geſchickt!“ „Peſt, mein Kätzchen, das iſt ein zweites Mittel, um gehängt zu werden.“ „Alſo Ihr weist meine Bitte zurück?“ „Allerdings, ganz und gar.“ Die ſchöne Wirthin war in Verzweiflung; ſie hätte gerne aus Herrn d'Artagnan nicht nur ihren Gatten, ſon⸗ dern auch ihren Gott gemacht. Er war ein ſo ſchöner Mann und ein ſo ſtolzer Schnurrbart! Gegen das vierte Jahr dieſer Verbindung kam die Erpedition nach Franche⸗Comté! dArtagnan wurde zur Theilnahme bezeichnet und ſchickte ſich an, auszumarſchiren. Da gab es große Schmerzen, Thränen ohne Ende, feier⸗ liche Verſprechungen, treu zu bleiben: Alles von Seiten der Wirthin, wohlverſtanden. DArtagnan war zu ſehr vornehmer Mann, um etwas zu gelöben; auch verſprach er nur, zu thun, was in ſeinen Kräften läge, um den Ruhm ſeines Namens zu erhöhen.. 77 In dieſer Hinſicht kennt man den Muth von d'Ar⸗ tagnan. Er bezahlte auf eine bewunderungswürdige Weiſe mit ſeiner Perſon. Und als er an der Spitze ſeiner Compagnie angriff, erhielt er eine Kugel durch die Bruſt, die ihn auf das Schlachtfeld niederſtreckte. Man ſah ihn vom Pferde fallen, man ſah, daß er ſich nicht wieder er⸗ hob, man hielt ihn für todt, und alle diejenigen, welche Hoffnung hatten, ihm in ſeinem Grade zu folgen, ſagten auf gut Glück, er wäre es. Man glaubt gern an das, was man wünſcht, denn von den Diviſionsgeneralen, welche den Tod des Obergenerals wünſchten, bis zu den Solda⸗ ten, die den Tod der Corporale wünſchen, wünſcht in der Armee Jedermann den Tod von irgend Jemand. Aber d'Artagnan war nicht der Mann, der ſich nur ſo tödten ließ. Nachdem er während der Tageshitze ohn⸗ mächtig auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war, be⸗ wirkte die Kühle der Nacht, daß er wieder zu ſich kam. Er erreichte ein Dorf, klopfte an die Thüre des ſchönſten Hauſes und wurde aufgenommen, wie überall und immer die Franzoſen aufgenommen werden„ wenn ſie verwundet ſind; man verband, pflegte und heilte ihn und, ſich beſſer befindend als je, ſchlug er an einem ſchönen Morgen den Weg nach Frankreich ein, einmal in Frankreich, die Straße nach Paris, und einmal in Paris die Richtung der Rue Tiquetonne. Aber d'Artagnan ſand ſein Zimmer von einem voll⸗ ſtändigen Männer⸗Kleiderſtänder beſetzt, abgeſehen von einem Degen, der an der Wand befeſtigt war. 3 „Er wird zurückgekommen ſein,“ dachte er; deſto ſchlimmer und deſto beſſer.“ Es verſteht ſich, d'Artagnan dachte immer an den Gatten. 1— Er erkundigte ſich: neue Kellner, nene Magd, die Herrin des Hauſes war auf die Promenade gegangen. „Allein?“ fragte d'Artagnan. „Mit dem Herrn.“ für nige mit⸗ be⸗ ven⸗ rge⸗ elche je⸗ als An⸗ und lehe, her⸗ Ihr um hätte ſon⸗ öner die zur iren. eier⸗ eiten ſehr rach den 77 In dieſer Hinſicht kennt man den Muth von dAr⸗ tagnan. Er bezahlte auf eine bewunderungswürdige Weiſe mit ſeiner Perſon. Und als er an der Spitze ſeiner Compagnie angriff, erhielt er eine Kugel durch die Bruſt, die ihn auf das Schlachtfeld niederſtreckte. Man ſah ihn vom Pferde fallen, man ſah, daß er ſich nicht wieder er⸗ hob, man hielt ihn für todt, und alle diejenigen, welche Hoffnung hatten, ihm in ſeinem Grade zu folgen, ſagten auf gut Glück, er wäre es. Man glaubt gern an das, was man wünſcht, denn von den Diviſionsgeneralen, welche den Tod des Obergenerals wünſchten, bis zu den Solda⸗ ten, die den Tod der Corporale wünſchen, wünſcht in der Armee Jedermann den Tod von irgend Jemand. Aber d'Artagnan war nicht der Mann, der ſich nur ſo tödten ließ. Nachdem er während der Tageshitze ohn⸗ mächtig auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war, be⸗ wirkte die Kühle der Nacht, daß er wieder zu ſich kam. Er erreichte ein Dorf, klopfte an die Thüre des ſchönſten Hauſes und wurde aufgenommen, wie überall und immer die Franzoſen aufgenommen werden, wenn ſie verwundet ſind; man verband, pflegte und heilte ihn und, ſich beſſer befindend als je, ſchlug er an einem ſchönen Morgen den Weg nach Frankreich ein, einmal in Frankreich, die Straße nach Paris, und einmal in Paris die Richtung der Rue Tiquetonne. Aber d'Artagnan fand ſein Zimmer von einem voll⸗ ſtändigen Männer-Kleiderſtänder beſetzt, abgeſehen von einem Degen, der an der Wand befeſtigt war. „Er wird zurückgekommen ſein,“ dachte er; deſto ſchlimmer und deſto beſſer.“ Es verſteht ſich, d'Artagnan dachte immer an den atten. Er erkundigte ſich; neue Kellner, neue Magd, die Herrin des Hauſes war auf die Promenade gegangen. „Allein?“ fragte dArtagnan. „Mit dem Herrn.“ 78 „Der Herr iſt alſo zurückgekehrt?“ „Allerdings,“ antwortete naiv die Magd. „ Wenn ich Geld hätte,“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„ſo würde ich gehen, aber ich habe keines. Ich muß bleiben und bei Durchkreuzung der ehelichen Pläne dieſes ungelegenen Gaſtes den Rath mein Wirthin befolgen.“ Er vollendete eben dieſen Monolog, was zum Be⸗ weiſe dient, daß unter großartigen Umſtänden nichts natür⸗ licher iſt, als der Monolog, da rief plötzlich die Magd, welche an der Thüre lungerte: „Ahl ſieh da, hier kommt gerade Madame mit dem Herrn.“ D'Artagnan warf einen Blick weit in die Straße hinaus und ſah wirklich an der Biegung der Rue Mont⸗ martre die Wirthin, welche, am Arme eines ungeheuern Schweizers hängend, zurückkehrte. Der Schweizer wiegte ſich im Gehen mit einer Miene, welche Porthos auf eine angenehme Weiſe ſeinem Freunde in das Gedächtniß zu⸗ rückrief. „Das iſt der Herr?“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt.„Oh! ohl er iſt gewaltig gewachſen, wie es mir ſcheint.“ 4 Und er ſetzte ſich in dem Saal an eine Stelle, wo er völlig ſichtbar war. Die Wirthin bemerkte d'Artagnan bei ihrem Eintritte ſogleich und ſtieß einen kurzen Schrei aus. Bei dieſem Schrei ſtand v'Artagnan, der ſich für erkannt hielt, raſch auf, lief auf ſie zu und umarmte ſie zärtlich. Der Schweizer ſchaute mit einer erſtaunten Miene die Wirthin an, welche ganz bleich blieb. „Ah, Ihr ſeid es, Herr! was wollt Ihr von mir?“ fragte ſie in der größten Unruhe. „Der Herr iſt Euer Vetter?“ der Herr iſt Euer Bru⸗ der?“ ſprach d'Artagnan, ohne ſich im Geringſten aus 78 „Der Herr iſt alſo zurückgekehrt?“ „Allerdings,“ antwortete naiv die Magd. „Wenn ich Geld hätte,“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt,„ſo würde ich gehen, aber ich habe keines. Ich muß bleiben und bei Durchkreuzung der ehelichen Pläne dieſes ungelegenen Gaſtes den Rath mein Wirthin befolgen.“ Er vollendete eben dieſen Monolog, was zum Be⸗ weiſe dient, daß unter großartigen Umſtänden nichts natür⸗ licher iſt, als der Monolog, da rief plötzlich die Magd, welche an der Thüre lungerte: „Ah! ſieh da, hier kommt gerade Madame mit dem Herrn.“ D'Artagnan warf einen Blick weit in die Straße hinaus und ſah wirklich an der Biegung der Rue Mont⸗ martre die Wirthin, welche, am Arme eines ungeheuern Schweizers hängend, zurückkehrte. Der Schweizer wiegte ſich im Gehen mit einer Miene, welche Porthos auf eine Weiſe ſeinem Freunde in das Gedächtniß zu⸗ rückrief. „Das iſt der Herr?“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt.„Oh! 2 er iſt gewaltig gewachſen, wie es mir ſcheint.“ ℳ Und er ſetzte ſich in dem Sagl an eine Stelle, wo er völlig ſichtbar war. Die Wirthin bemerkte d'Artagnan bei ihrem Eintritte ſogleich und ſtieß einen kurzen Schrei aus. Bei dieſem Schrei ſtand d'Artagnan, der ſich für erkannt hielt, raſch auf, lief auf ſie zu und umarmte ſie zärtlich. Wirthin an, welche ganz bleich blieb. „Ah, Ihr ſeid es, Herr! was wollt Ihr von mir?“ fragte ſie in der größten Unruhe. „Der Herr iſt Euer Vetter?“ der Herr iſt Euer Bru⸗ der?“ ſprach dArtagnan, ohne ſich im Geringſten aus Der Schweizer ſchaute mit einer erſtaunten Miene die de Ar de thi ſof rat n 8— N UNSNͤS ρι 79 der Rolle bringen zu laſſen, die er ſpielte, und ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, warf er ſich in die Arme des Helvetiers, der ihn mit großer Kälte gewähren ließ. „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragte dieſer. Die Wirthin antwortete nur mit krampfhaften Zuckungen. „Wer iſt dieſer Schweizer?“ fragte d⸗Artagnan. „Der Herr will mich heirathen,“ antwortete die Wir⸗ thin zwiſchen zwei Krämpfen. „ECuer Gatte iſt alſo endlich geſtorben?“ „Was geht das Euch an?“ entgegnete der Schweizer. „Es geht mich viel an,“ ſprach d'Artagnan,„in⸗ ſofern Ihr dieſe Frau ohne meine Einwilligung nicht hei⸗ rathen könnt, und inſofern..“ „Und inſofern?“ fragte der Schweizer. „Und inſofern ich ſie nicht gebe, antwortete der Musketier. Der Schweizer wurde purpurroth, wie eine Gichtroſe. Er trug ſeine ſchöne mit Gold beſetzte Uniform; d'Artagnan war in eine Art von grauem Mantel gehuͤllt. Der Schwei⸗ zer maß ſechs Fuß; d'Artagnan kaum über fünf. Der Schweizer glaubte ſich zu Hauſe; d'Artagnan erſchien ihm als ein Eindringling. „Wollt Ihr Euch wohl von hier entfernen?“ ſagte der Schweizer und ſtampfte heftig mit dem Fuße, wie ein Menſch, der im Ernſte zornig zu werden anfängt. „Ich? keineswegs,“ ſagte d'Artagnan. „Aber man braucht nur Wache herbeizuholen!“ rief ein Kellner, der nicht begreifen konnte, wie es dieſer kleine Menſch wagte, dem ſo großen Manne Len Platz ſtreitig zu machen. „Du,“ ſagte d'Artagnan, den der Zorn ebenfalls an den Haaren zu faſſen anfing, indem er den Kellner beim Ohre nahm.„Du bleibſt auf dieſer Stelle, oder ich reiße Dir aus, was ich in der Hand halte. Ihr aber, erhabener Abkömmling von Wilhelm Tell, Ihr macht einen wo tritte für e ſie die ir?“ gru⸗ aus 79 der Rolle bringen zu laſſen, die er ſpielte, und ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, warf er ſich in die Arme des Helvetiers, der ihn mit großer Kälte gewähren ließ. „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragte dieſer. Die Wirthin antwortete nur mit krampfhaften Zuckungen. „Wer iſt dieſer Schweizer?“ fragte d'Artagnan. „Der Herr will mich heirathen,“ antwortete die Wir⸗ thin zwiſchen zwei Krämpfen. „Euer Gatte iſt alſo endlich geſtorben?“ „Was geht das Euch an?“ entgegnete der Schweizer. „Es geht mich viel an,“ ſprach dArtagnan,„in⸗ ſofern Ihr dieſe Frau ohne meine Einwilligung nicht hei⸗ rathen könnt, und inſofern. „Und inſofern?“ fragte der Schweizer. „Und inſofern ich ſie nicht gebe, antwortete der Musketier. Der Schweizer wurde purpurroth, wie eine Gichtroſe. Er trug ſeine ſchöne mit Gold beſetzte Uniform; d'Artagnan war in eine Art von grauem Mantel gehüllt. Der Schwei⸗ zer maß ſechs Fuß; d'Artagnan kaum über fünf. Der Schweizer glaubte ſich zu Hauſe; d'Artagnan erſchien ihm als ein Eindringling. „Wollt Ihr Euch wohl von hier entfernen?“ ſagte der Schweizer und ſtampfte heftig mit dem Fuße, wie ein Menſch, der im Ernſte zornig zu werden anfängt. „Ich? keineswegs,“ ſagte dArtagnan. „Aber man braucht nur Wache herbeizuholen!“ rief ein Kellner, der nicht begreifen konnte, wie es dieſer kleine Menſch wagte, dem ſo großen Manne den Platz ſtreitig zu machen. „Du,“ ſagte d'Artagnan, den der Zorn ebenfalls an den Haaren zu faſſen anfing, indem er den Kellner beim Ohre nahm.„Du bleibſt auf dieſer Stelle, oder ich reiße Dir aus, was ich in der Hand halte. Ihr aber, echabener Abkömmling von Wilhelm Tell, Ihr macht einen und mich beläſtigen, Herberge auf.“ Der Schweizer „Ich, gehen!“ „Ah, das iſt ſehe, daß Ihr das erklären.“ kannte, fing an zu raufen. „So ſchickt ihn Zeit bedurft hatte, ſchlage d'Artagnan's daß Ihr mir zumuth Majeſtät,“ ſprach d der Beziehung über zuerſt zurück iſt, nim agen. Montmartre. Es w Zimmer abzutreten 80 Pack aus Euern Kleidern, die in meinem Zimmer ſind und ſucht Euch ſchleunigſt eine andere brach in ein ſchallendes Gelächter aus. ſagte er,„und warum?“ gut,“ erwiederte d'Artagnan,„ich Franzöſiſche verſteht. Dann macht einen Gang mit mir, und ich werde Euch das Uebrige Die Wirthin, welche d'Artagnan als eine feine Klinge weinen und ſich die Haare auszu⸗ D'Artagnan wandte ſich nach der Seite der ſchönen Thränenreichen um und ſagte: fort, Madame.“ „Bah!“ verſetzte der Schweizer, der einer gewiſſen um ſich Rechenſchaft von dem Vor⸗ zu geben,„bah! Ihr ſeid ein Narr, eett, einen Gang mit Euch zu machen.“ „Ich bin Lieutenant bei den Musketieren Seiner „Artagnan,„und ſtehe folglich in je⸗ Euch. Nur handelt es ſich hier nicht um den Grad, ſondern um Einquartierungsbillets, und Ihr kennt den Gebrauch; holt das Eurige, und wer mt ſein Zimmer wieder hier ein.“ D'Artagnan führte den Schweizer fort, trotz der Wehklagen der Wirthin, die ihr Herz wieder zu ihrer alten Liebe ſich hinneigen fühlte, aber nicht ungerne dem ſtolzen Musketier eine Lection gegeben haben würde, der ihr die Schmach angethan hatte, ihre Hand auszu-⸗ Die zwei Gegner gingen geradezu nach den Foſſés ar Nacht, als ſie dieſelben erreich⸗ ten. D Artagnan bat den Schweizer höflich, ihm das und nicht mehr zurückzukommen. Pack aus Euern Kleidern, die in meinem Zimmer find und mich beläſtigen, und ſucht Euch ſchleunigſt eine andere Herberge auf.“ Der Schweizer brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ich, gehen!“ ſagte er,„und warumt“ „Ah, das iſt gut,“ erwiederte d'Artagnan,„ich ſehe, daß Ihr das Franzöſiſche verſteht. Dann macht einen Gang mit mir, und ich werde Euch das Uebrige erklären.“ Die Wirthin, welche d'Artagnan als eine feine Klinge kannte, fing an zu weinen und ſich die Haare auszu⸗ raufen. D'Artagnan wandte ſich nach der Seite der ſchönen Thränenreichen um und ſagte: „So ſchickt ihn fort, Madame.“ „Bah!“ verſetzte der Schweizer, der einer gewiſſen Zeit bedurft hatte, um ſich Rechenſchaft von dem Vor⸗ ſchlage d'Artagnan's zu geben,„bah! Ihr ſeid ein Narr, daß Ihr mir zumuthet, einen Gang mit Euch zu machen.“ „Ich bin Lieutenant bei den Musketieren Seiner Majeſtät,“ ſprach d'Artagnan,„und ſtehe folglich in je⸗ der Beziehung über Euch. Nur handelt es ſich hier nicht um den Grad, ſondern um Einquartierungsbillets, und Ihr kennt den Gebrauch; holt das Eurige, und wer zuerſt zurück iſt, nimmt ſein Zimmer wieder hier ein.“ D'Artagnan führte den Schweizer fort, trotz der Wehklagen der Wirthin, die ihr Herz wieder zu ihrer alten Liebe ſich hinneigen fühlte, aber nicht ungerne dem ſtolzen Musketier eine Lection gegeben haben würde, en ihr die Schmach angethan hatte, ihre Hand auszu⸗ agen. Die zwei Gegner gingen geradezu nach den Foſſés Montmartre. Es war Nacht, als ſie dieſelben erreich⸗ ten. D'Artagnan bat den Schweizer höflich, ihm das Zimmer abzutreten und nicht mehr zurückzukommen. „ 81 Dieſer weigerte ſich mit einem Zeichen des Kopfes und zog ſeinen Degen.. „Dann werdet Ihr hier ruhen,“ ſprach d'Artagnan. „Es iſt eine häßliche Lagerſtätte, aber das iſt nicht mein Fehler, denn Ihr habt es ſo gewollt.“ Bei dieſen Worten zog er ebenfalls vom Leder und kreuzte den Degen mit ſeinem Gegner. Er hatte es mit einer rauhen Fauſt zu thun, aber ſeine Geſchmeidigkeit war über jede Kraft erhaben. Der Stoßdegen des Schweizers fand nie den des Musketiers. Der Schweizer erhielt zwei Degenſtiche und nahm es An⸗ fangs nicht wahr; plötzlich aber nöthigten ihn der Blut⸗ verluſt und die Schwäche, welche dieſer zur Folge hatte, ſich zu ſetzen. „Seht!“ ſprach d'Artagnan,„hab' ich es Euch nicht vorher geſagt? Ihr ſeid nun weit vorgerückt, Ihr hals⸗ ſtarriger Menſch. Zum Glücke habt Ihr nur für vierzehn Tage. Bleibt hier und ich werde Euch Eure Kleider durch den Aufwärter ſchicken. Auf Wiederſehen! Doch, halt! quartiert Euch in der Rue Montorgueil in der ſpielenden Katze ein.„Ihr bekommt dort vortreff⸗ r Kſ⸗ wenn es immer noch dieſelbe Wirthin iſt. ieu uUnd hienach kehrte er ganz heiter in die Wohnung zurück und ſchickte wirklich die Kleider dem Schweizer, welchen der Aufwärter auf demſelben Platze ſitzend, wo ihn dArtagnan gelaſſen hatte, und noch ganz verblüfft über das kecke Benehmen ſeines Gegners fand. Der Aufwärter, die Wirthin und das ganze Haus legten gegen d'Artagnan die Achtung an den Tag, die man Herkules zollen würde, wenn er auf die Erde zu⸗ rückkäme, um ſeine zwölf Arbeiten wieder zu beginnen. Als er aber mit der Wirthin allein war, ſagte er: „Nun, ſchöne Madeleine, Ihr wißt, welcher Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Schweizer und einem Edelmann Zwanzig Jahre nachher. J. ſattfindet, Ihr aber habt Euch wie eine Schenkwirthin . 5 4 6 3 ſind mndere aus. „ich macht brige linge uszu⸗ hönen viſſen Vor⸗ Narr, hen.“ Seiner in je⸗ hier d wer . der ihrer dem vürde, uszu⸗ Foſſs reich⸗ das nmen⸗ 81¹ Dieſer weigerte ſich mit einem Zeichen des Kopfes und zog ſeinen Degen. „Dann werdet Ihr hier ruhen,“ ſprach dArtagnan. „Es iſt eine häßliche Lagerſtätte, aber das iſt nicht mein Fehler, denn Ihr habt es ſo gewollt.“ Bei dieſen Worten zog er ebenfalls vom Leder und kreuzte den Degen mit ſeinem Gegner. Er hatte es mit einer rauhen Fauſt zu thun, aber ſeine Geſchmeidigkeit war über jede Kraft erhaben. Der Stoßdegen des Schweizers fand nie den des Musketiers. Der Schweizer erhielt zwei Degenſtiche und nahm es An⸗ jine nicht wahr; plötzlich aber nöthigten ihn der Blut⸗ verluſt und die Schwäche, welche dieſer zur Folge hatte, ſich zu ſetzen. „Seht!“ ſprach dArtagnan,„hab' ich es Euch nicht vorher geſagt? Ihr ſeid nun weit vorgerückt, Ihr hals⸗ ſtarriger Menſch. Zum Glücke habt Ihr nur für vierzehn Tage. Bleibt hier und ich werde Euch Eure Kleider durch den Aufwärter ſchicken. Auf Wiederſehen! Doch, halt! quartiert Euch in der Rue Montorgueil in der ſpielenden Katze ein. Ihr bekommt dort vortreff⸗ liche Koſt, wenn es immer noch dieſelbe Wirthin iſt. Adien!“ Und hienach kehrte er ganz heiter in die Wohnung zurück und ſchickte wirklich die Kleider dem Schweizer, welchen der Aufwärter auf demſelben Platze ſitzend, wo ihn dArtagnan gelaſſen hatte, und noch ganz verblüfft über das kecke Benehmen ſeines Gegners fand. Der Aufwärter, die Wirthin und das ganze Haus legten gegen dArtagnan die Achtung an den Tag, die man Herkules zollen würde, wenn er auf die Erde zu⸗ rücktäme, um ſeine zwölf Arbeiten wieder zu beginnen. Als er aber mit der Wirthin allein war, ſagte er: „Nun, ſchöne Madeleine, Ihr wißt, welcher Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Schweizer und einem Edelmann ſtattindet, Ihr aber habt Euch wie eine Schenkwirthin Zwanzig Jahre nachher. I. 6 2 82 benommeu. Deſto ſchlimmer für Euch; denn unter dieſen Umſtänden verliert Ihr meine Achtung und meine Kundſchaft. Ich habe den Schweizer fortgejagt, um Euch zu demüthigen; aber ich werde nicht hier wohnen. Ich nehme mein Lager nicht da, wo ich verachte. Holla! Aufwärter! Man bringe mein Felleiſen in die Liebes⸗ tonne, Rue des Bourdonnais. Gott befohlen, Ma⸗ dame!“ D Artagnan war, wie es ſcheint, während er dieſe Worte ſprach, zugleich majeſtätiſch und rührend. Die Wir⸗ thin warf ſich ihm zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und hielt ihn mit ſüßer Gewalt zurück. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Der Bratſpieß drehte ſich, der Ofen ſummte, die ſchöne Madeleine weinte: d'Artagnan fühlte, wie ſich Hunger, Kälte und Liebe zu gleicher Zeit wieder in ihm regten: er vergab, und nachdem er vergeben hatte, blieb er. So kam es, daß d'Artagnan in der Rue Tiquetonne, in der Herberge zur Rehziege wohnte. VII. V'Artagnan iſt in Verlegenheit, aber einer nen L. unſern alten Bekannten kommt ihm zu Hül D'Artagnan kehrte alſo, ganz in Gedanken verſunken, zurück; er fand ein lebhaftes Vergnügen daran, den Sack des Cardinal Mazarin zu tragen, und dachte an den ſchönen Diamant, der ihm gehoͤrt, und den er einen Au⸗ genblick an dem Finger des erſten Miniſters hatte glänzen ſehen. „Wenn dieſer Diamant je wieder in meine Hände fiele,“ ſagte er,“ ſo würde ich ihn ſogleich zu Geld ma⸗ chen. Ich kaufte mir einige Grundſtücke in der Umgebung des Schloſſes meines Vaters, das ein hübſches Wohn⸗ gebäude iſt, als Zugehör aber nichts hat, als einen + 1ͤg 82 benommeu. Deſto ſchlimmer für Euch; denn unter dieſen Umſtänden verliert Ihr meine Achtung und meine Kundſchaft. Ich habe den Schweizer fortgejagt, um Euch⸗ zu demüthigen; aber ich werde nicht hier wohnen. Ich nehme mein Lager nicht da, wo ich verachte. Holla! Aufwärter! Man bringe mein Felleiſen in die Liebes⸗ tonne, Rue des Bourdonnais. Gott befohlen, Ma⸗ dame!“ D'Artagnan war, wie es ſcheint, während er dieſe Worte ſprach, zugleich majeſtätiſch und rührend. Die Wir⸗ thin warf ſich ihm zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und hielt ihn mit ſüßer Gewalt zurück. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Der Bratſpieß drehte ſich, der Ofen ſummte, die ſchöne Madeleine weinte: d'Artagnan fühlte, wie ſich * Hunger, Kälte und Liebe zu gleicher Zeit wieder in ihm regten: er vergab, und nachdem er vergeben hatte, blieb er. So kam es, daß d'Artagnan in der Rue Tiquetonne, in der Herberge zur Rehziege wohnte. VII. „ DArtagnan iſt in Verlegenheit, aber einer von unſern alten Bekannten kommt ihm zu hülfe. D'Artagnan kehrte alſo, ganz in Gedanken verſunken, zurück; er fand ein lebhaftes Vergnügen daran, den Sack des Cardinal Mazarin zu tragen, und dachte an den ſchönen Diamant, der ihm gehört, und den er einen Au⸗ an dem Finger des erſten Miniſters hatte glänzen ehen. „Wenn dieſer Diamant je wieder in meine Hände fiele,“ ſagte er,“ ſo würde ich ihn ſogleich zu Geld ma⸗ chen. Ich kaufte mir einige Grundſtücke in der Umgebung des Schloſſes meines Vaiers, das ein hübſches Wohn⸗ gebäude iſt, als Zugehör aber nichts hat, als einen 83 Garten, der kaum ſo groß iſt, wie der Eimetiére des In⸗ nocens, und dort würde ich in meiner Majeſtät warten, bis irgend eine reiche Erbin mich heirathete; dann hätte ich drei Knaben: aus dem einen würde ich einen vor⸗ nehmen Herrn wie Athos, aus dem zweiten einen ſchönen Soldaten wie Porthos, und aus dem dritten einen leut⸗ ſeligen Abbé wie Aramis machen. Meiner Treue das wäre viel mehr Werth, als das Leben, das ich führe. Aber Monſignore Mazarin iſt ein Filz, der ſich ſeines Diamants nicht zu meinen Gunſten entäußern wird.“ Was würde d'Artagnan geſagt haben, wenn er ge⸗ wußt hätte, daß dieſer Diamant von der Königin Maza⸗ rin anvertraut worden war, damit er ihm denſelben zurückgebe. Als er in die Rue Tiquetonne kam, bemerkte er daß ein großer Lärmen ſtattfand, und er ſah eine be⸗ trächtliche Zuſammenrottung in der Gegend ſeiner Woh⸗ nung. „Ohl oh!“ ſprach er,„ſollte Feuer im Hotel zur Rehziege ausgebrochen ſein, oder wäre der Mann der ſchönen Madeleine wirklich zurückgekommen?“ Es war weder das Eine nach das Andere: als d'Ar⸗ uh ſich näherte, ſah er, daß die Zuſammenrottung nicht vor ſeinem Gaſthofe, ſondern vor dem benachbarten Hauſe ſtattfand. Man ſtieß ein gewaltiges Geſchrei aus, man lief mit Fackeln umher, und beim Schimmer dieſer Fackeln gewahrte d'Artagnan Uniformen. Er fragte, was vorginge. 4 Man antwortete ihm: ein Bürger hätte einen von den Garden des Herrn Cardinals escortirten Wagen mit 8 etwa zwanzig von ſeinen Freunden angegriffen; aber es wäre eine Verſtärkung hinzu gekommen und man hätte die Bürger in die Flucht geſchlagen. Der Anführer der Rotte hätte ſich in das Haus zunächſt dem Gaſthofe geflüchtet, und man durchſuchte nun dieſes Hans. unter meine Euch“ Ich olla! bes⸗ Ma⸗ dieſe Wir⸗ und noch nmte, e ſich * ihm blieb tonne, von mken, Sack den Au⸗ änzen Hände ma⸗ ebung zohn⸗ einen 83 Garten, der kaum ſo groß iſt, wie der Cimetière des In⸗ nocens, und dort würde ich in meiner Majeſtät warten, bis irgend eine reiche Erbin mich heirathete; dann hätte ich drei Knaben: aus dem einen würde ich einen vor⸗ nehmen Herrn wie Athos, aus dem zweiten einen ſchönen Soldaten wie Porthos, und aus dem dritten einen leut⸗ ſeligen Abbé wie Aramis machen. Meiner Treue das wäre viel mehr Werth, als das Leben, das ich führe. Aber Monſignore Mezarin iſt ein Filz, der ſich ſeines Diamants nicht zu meinen Gunſten entäußern wird.“ Was würde d'Artagnan geſagt haben, wenn er ge⸗ wußt hätte, daß dieſer Diamant von der Königin Maza⸗ rin anvertraut worden war, damit er ihm denſelben zurückgebe. Als er in die Rue Tiquetonne kam, bemerkte er daß ein großer Lärmen ſtattfand, und er ſah eine be⸗ trächtliche Zuſammenrottung in der Gegend ſeiner Woh⸗ nung. „Oh! oh!“ ſprach er,„ſollte Feuer im Hotel zur Rehziege ausgebrochen ſein, oder wäre der Mann der ſchönen Madeleine wirklich zurückgekommen?“ Es war weder das Eine nach das Andere: als d'Ar⸗ tagnan ſich näherte, ſah er, daß die Zuſammenrottung nicht vor ſeinem Gaſthofe, ſondern vor dem benachbarten Hauſe ſtattfand. Man ſtieß ein gewaltiges Geſchrei aus, man lief mit Fackeln umher, und beim Schimmer dieſer Fackeln gewahrte d'Artagnan Uniformen. Er fragte, was vorginge. Man antwortete ihm: ein Bürger hätte einen von den Garden des Herrn Cardinals escortirten Wagen mit etwa zwanzig von ſeinen Freunden angegriffen; aber es wäre eine Verſtärkung hinzu gekommen und man hätte die Bürger in die Flucht geſchlagen. Der Anführer der Rotte hätte ſich in das Haus zunächſt dem Gaſthofe geflüchtet, und man durchſuchte nun dieſes Hans. In ſeiner Jugend wäre d'Artagnan dahin gelaufen, wo er Uniformen geſehen hätte, und würde den Soldaten gegen die Bürger Beiſtand geleiſtet haben. Aber er war von allen dieſen Hitzköpfigkeiten zurückgekommen. Ueber⸗ dies hatte er in ſeiner Taſche die hundert Piſtolen des Cardinals und wollte ſich nicht in eine Zuſammenrottung wagen. Er trat in das Gaſthaus, ohne andere Fragen zu machen. Sonſt wollte d'Artagnan ſtets Alles wiſſen, jetzt wußte er ſtets genug.. hatte, er würde die Nacht im Louvre zubringen. Sie Ruckkehr, die ihr diesmal um ſo willkommener war, als ſie große Angſt über das hatte, was in der Straße vor⸗ ging, und als ſie keinen Schweizer mehr beſaß, der ſie be⸗ ſchützt haben würde.* S ie wollte alſo ein Geſpräch mit ihm anknüpfen und ihm erzählen, was vorgefallen war. Aber d'Artagnan dachte nach und hatte folglich keine Luſt zu plaudern. Sie zeigte ihm das dampfende Abendbrod, aber d'Arta⸗ gnan hieß ſie das Abendbrod in ſein Zimmer bringen und eine Flaſche alten Burgunder beifügen. Die ſchöne Madeleine war zum militäriſchen Ge⸗ horſam abgerichtet, das heißt, ſie war gewohnt, auf ein Zeichen zu gehorchen. Diesmal hatte d'Artagnan zu ſpre⸗ chen ſich herabgelaſſen, und man befolgte daher ſeine Be⸗ fehle mit verdoppelter Geſchwindigkeit. D'Artagnan nahm ſeinen Schlüſſel und ſeinen Leuch⸗ ter und ſtieg in ſein Zimmer hinauf. Um der Ver⸗ miethung nicht zu ſchaden, hatte er ſich mit einem Zim⸗ mer im vierten Stocke begnügt. Die Achtung, welche wir unter dem Dache lag. Er fand die ſchöne Madeleine, welche ihn nicht er⸗ wartete, denn ſie glaubte, wie es ihr d'Artagnan geſagt zeigte ſich daher ſehr erfreut über dieſe unvorhergeſehene für die Wahrheit hegen, nöthigt uns ſogar zu bemerken, daß das Zimmer unmittelbar über der Dachrinne und —— ————— — ½ — G 84 In ſeiner Jugend wäre dArtagnan dahin gelaufen, wo er Uniformen geſehen hätte, und würde den Soldaten gegen die Bürger Beiſtand geleiſtet haben. Aber er war von allen dieſen Hitzköpfigkeiten zurückgekommen. Ueber⸗ dies hatte er in ſeiner Taſche die hundert Piſtolen des Cardinals und wollte ſich nicht in eine Zuſammenrottung wagen. Er trat in das Gaſthaus, ohne andere Fragen zu machen. Sonſt wollte d'Artagnan ſtets Alles wiſſen, jetzt wußte er ſtets genug. Er fand die ſchöne Madeleine„welche ihn nicht er⸗ wartete, denn ſie glaubte, wie es ihr dArtagnan geſagt hatte, er würde die Nacht im Louvre zubringen. Sie zeigte ſich daher ſehr erfteut über dieſe unvorhergeſehene Rückkehr, die ihr diesmal um ſo willkommener war, als ſie große Angſt über das hatte, was in der Straße vor⸗ ging, und als ſie keinen Schweizer mehr beſaß, der ſie be⸗ ſchützt haben würde. Sie wollte alſo ein Geſpräch mit ihm anknüpfen und ihm erzählen, was vorgefallen war. Aber dArtaguan dachte nach und hatte folglich keine Luſt zu plandern. Sie zeigte ihm das dampfende Abendbrod, aber d'Arta⸗ gnan hieß ſie das Abendbrod in ſein Zimmer bringen und eine Flaſche alten Burgunder beifügen. Die ſchöne Madeleine war zum militäriſchen Ge⸗ horſam abgerichtet, das heißt, ſie war gewohnt, auf ein Zeichen zu gehorchen. Diesmal hatte dArtagnan zu ſpre⸗ chen ſich herabgelaſſen, und man befolgte daher ſeine Be⸗ fehle mit verdoppelter Geſchwindigkeit. D'Artagnan nahm ſeinen Schlüſſel und ſeinen Leuch⸗ ter und ſtieg in ſein Zimmer hinauf. Um der Ver⸗ miethung nicht zu ſchaden, hatte er ſich mit einem Zim⸗ mer im vierten Stocke begnügt. Die Achtung, welche wir für die Wahrheit hegen, nöthigt uns ſogar zu bemerken, daß das Zimmer unmittelbar über der Dachrinne und unter dem Dache lag. — 85 Das war ſein Achilleszelt. D'Artagnan ſchloß ſich in dieſes Zimmer ein, wenn er die ſchöne Madeleine durch ſeine Abweſenheit beſtrafen wollte.. Es war ſeine erſte Sorge, in einem alten Secretär, bei dem nur das Schloß allein neu war, ſeinen Sack zu verſchließen, den er nicht zu unterſuchen nöthig hatte, um ſich von der Summe, die er enthielt, Rechenſchaft zu ge⸗ ben. Als einen Augenblick nachher ſein Abendbrod auf⸗ getragen und die Flaſche Wein herbeigebracht war, ent⸗ ließ er den Aufwärter, ſchloß die Thüre und ſetzte ſich zu Ciſche. Es geſchah nicht, um zu überlegen, wie man denken könnte, ſondern d'Artagnan meinte, man mache die Dinge nur gut wenn man ſie der Reihe nach mache. Er hatte Hunger, und verzehrte ſein Abendbrod; nach dem Abend⸗ brod legte er ſich nieder. D Artagnan gehörte auch nicht zu den Leuten, welche der Anſicht ſind, die Nacht bringe guten Rath: Nachts ſchlief er. Aber, ganz friſch fand er dagegen am Morgen die beſten Eingebungen. Seit langer Zeit hatte er nicht mehr Gelegenheit gehabt, am Morgen zu denken, aber er hatte ſtets in der Nacht geſchlafen. Bei Tagesanbrach erwachte er, ſprang mit militäri⸗ ſcher Entſchloſſenheit aus dem Bette und ging nachdenkend in ſeinem Zimmer umher. „Im Jahre 43,“ ſagte er,„ungefähr ſechs Monate vor dem Tode des ſeligen Cardinals, habe ich einen Brief von Athos erhalten. Wo dies? Laß ſehen... Ah! es war bei der Belagerung von Beſancon, ich erinuere mich... ich war im Laufgraben. Was ſchrieb er mir? Er wohne auf einem kleinen Landgute, ja, ſo iſt es, auf einem kleinen Landgute; aber wo? So weit war ich gekom⸗ men, als ein Windſtoß den Brief fortnahm. Früher hätte ich ihn geſucht, obgleich ihn der Wind an einen ſehr bloß⸗ geſtellten Ort getragen hatte. Aber die Jugend iſt ein großer Fehler... wenn man nicht mehr jung iſt. Ich ließ meinen Brief die Adreſſe von Athos zu den Spaniern ufen, aten war eber⸗ des tung chen. jetzt er⸗ ſagt Sie hene als vor⸗ be⸗ und nan ern. rta⸗ und He⸗ ein r Be⸗ ch⸗ er⸗ im⸗ vir en, ind 85 Das war ſein Achilleszelt. DArtagnan ſchloß ſich in dieſes Zimmer ein, wenn er die ſchöne Madeleine durch ſeine Abweſenheit beſtrafen wollte. Es war ſeine erſte Sorge, in einem alten Secretär, bei dem nur das Schloß allein neu war, ſeinen Sack zu verſchließen, den er nicht zu unterſuchen nöthig hatte, um ſich von der Summe, die er enthielt, Rechenſchaft zu ge⸗ ben. Als einen Augenblick nachher ſein Abendbrod auf⸗ getragen und die Flaſche Wein herbeigebracht war, ent⸗ 4 er den Aufwärter, ſchloß die Thüre und ſetzte ſich zu Tiſche. Es geſchah nicht, um zu überlegen, wie man denken könnte, ſondern d'Artagnan meinte, man mache die Dinge nur gut wenn man ſie der Reihe nach mache. Er hatte Hunger, und verzehrte ſein Abendbrod; nach dem Abend⸗ brod legte er ſich nieder. D'Artagnan gehörte auch nicht zu den Leuten, welche der Anſicht find, die Nacht bringe guten Rath: Nachts ſchlief er. Aber, ganz friſch fand er dagegen am Morgen die beſten Eingebungen. Seit langer Zeit hatte er nicht mehr Gelegenheit gehabt, am Morgen zu denken, aber er hatte ſtets in der Nacht geſchlafen. Bei Tagesanbrach erwachte er, ſprang mit militäri⸗ ſcher Entſchloſſenheit aus dem Bette und ging nachdenkend in ſeinem Zimmer umher. „Im Jahre 43,“ ſagte er,„ungefähr ſechs Monate vor dem Tode des ſeligen Cardinals, habe ich einen Brief von Athos erhalten. Wo dies2 Laß ſehen.. Lh!l es war bei der Belagerung von Beſangon, ich erinnere mich ich war im Laufgraben. Wos ſchrieb er mir? Er wohne auf einem kleinen Landgute, ja, ſo iſt es, auf einem kleinen Landgute; aber wo2 So weit war ich gekom⸗ men, als ein Windſtoß den Brief fortnahm. Früher hätte ich ihn geſucht, obgleich ihn der Wind an einen ſehr bloß⸗ geſtellten Ort getragen hatte. Aber die Jugend iſt ein großer Fehler... wenn man nicht mehr jung iſt. Ich ließ meinen Brief die Adreſſe von Athos zu den Spaniern 86 bringen, welche nichts damit thun konnten und mir ihn zurückſchicken ſollten. Ich kann alſo nicht an Athos den⸗ ken. Weiter. Porthos. „Ich habe einen Brief von ihm erhalten. Er lud mich zu einer großen Jagd für den Monat September 1646 ein. Da ich zu dieſer Zeit wegen des Todes meines Vaters in Bearn war, ſo wurde mir der Brief unglück⸗ ſeliger Weiſe nachgeſchickt. Ich war abgereist, als er an⸗ kam. Aber er verfolgte mich und erreichte Montmedy einige Tage, nachdem ich dieſe Stadt verlaſſen hatte. End⸗ lich traf er mich im Monat April. Da er mir aber erſt im April 1647 zukam, und die Einladung für den Monat September 46 war, ſo konnte ich keinen Gebrauch davon machen. Wir wollen dieſen Brief einmal holen; er muß bei meinen Eigenthumstiteln liegen.“ D'Artagnan öffnete eine kleine alte Truhe, welche in einem Winkel ſtand, und voll von Pergamenten bezüglich auf das Gut von d'Artagnan war, deſſen Grundſtücke ſeine Familie ſeit 200 Jahren verloren hatte. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, denn er erkannte die breite Handſchrift von Porthos und darunter einige Spinnenfüße, von der trockenen Hand ſeiner würdigen Gemahlin gekritzelt. D'Artagnan ergötzte ſich nicht an dem Durchleſen dieſes Briefes, er wußte, was er enthielt, und eilte des lb zur Adreſſe. Die Adreſſe war Schloß du Vallon. Porthos hatte jede andere Auskunft vergeſſen. In ſeinem Stolze glaubte er, Jedermann kenne das Schloß, dem er ſeinen Namen gegeben haite. „Zum Teufel mit dem eitlen Burſchen,“ ſprach d'Ar⸗ lagnan.„Immer derſelbe! Es ſtünde mir übrigens gut an, bei ihm anzufangen, inſofern er kein Geld nöthig haben dürfte, er, der 800,000 Livres von Herrn Coquenard ge⸗ erbt hat. Das iſt gerade das, was mir fehlt. Athos wird durch das Trinken ein Narr geworden ſein. Aramis muß ſich in ſeine Adachtsübungen verſenkt haben.“ 86 bringen, welche nichts damit thun konnten und mir ihn zurücſchicken ſollten. Ich kann alſo nicht an Athos den⸗ fen. Weiter Porthos. „Ich habe einen Brief von ihm erhalten. Er lud mich zu einer großen Jagd für den Monat September 1646 ein. Da ich zu dieſer Zeit wegen des Todes meines Vaters in Bearn war, ſo wurde mir der Brief unglück⸗ ſeliger Weiſe nachgeſchickt. Ich war abgereist, als er an⸗ kam. Aber er verfolgte mich und erteichte Montmedy einige Tage, nachdem ich dieſe Stadt verlaſſen hatte. End⸗ lich traf er mich im Monat April. Da er mir aber etſt im April 1647 zukam, und die Einladung für den Monat September 46 war, ſo konnte ich keinen Gebrauch davon machen. Wir wollen dieſen Brief einmal holen; er muß bei meinen Eigenthumstiteln liegen.“ DArtagnan öffnete eine kleine alte Truhe, welche in einem Winkel ſtand, und voll von Pergamenten bezüglich auf das Gut von d'Artagnan war, deſſen Grundſtücke ſeine Familie ſeit 200 Jahren verloren hatte. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, denn er erkannte die breite Handſchrift von Porthos und darunter einige Spinnenfüße, von der trockenen Hand ſeiner würdigen Gemahlin gekritzelt. D'Artagnan ergötzte ſich nicht an dem Durchleſen dieſes Briefes, er wußte, was er enthielt, und eilte deshalb zur Adreſſe. Die Adreſſe war Schloß du Vallon. Porthos hatte jede andere Auskunft vergeſſen. In ſeinem Stolze glaubte er, Jedermann kenne das Schloß, dem er ſeinen Namen gegeben hatte. „Zum Teufel mit dem eitlen Burſchen,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan.„Immer derſelbe! Es ſtünde mir übrigens gut an, bei ihm anzufangen, inſofern er kein Geld nöthig haben dürfte, er, der 800,000 Livres von Herrn Coquenard ge⸗ — * 3 † erbt hat. Das iſt gerade das, was mir fehlt. Athos wird durch das Trinken ein Narr geworden ſein. Aramis muß ſich in ſeine Avachtsübungen verſenkt haben.“ 87 D'Artagnan warf noch einen Blick auf den Brief von Porthos. Er hatte eine Nachſchrift, und dieſe Nach⸗ ſchrift enthielt folgende Worte: „Ich ſchreibe mit demſelben Courier an unſern wür⸗ digen Aramis in ſein Kloſter.“ Ja, in ſein Kloſter; aber in welchem Kloſter iſt er? Es gibt 200 in Paris und 3000 in Frankreich. Und als er ſich in's Kloſter begab, hat er vielleicht zum dritten Male ſeinen Namen gewechſelt. Ah! wenn ich in der Theologie bewandert wäre und mich nur des Gegenſtands ſeiner Theſen erinnerte, über die er in Crevecveur mit dem Pfarrer von Montdidier und dem Superior der Je⸗ ſuiten ſo gut disputirte, ſo würde ich wiſſen, welcher Doctrine er ſich angeſchloſſen hat, und ich entnähme da⸗ raus, welchem Heiligen er ſich widmen konnte. Wie, wenn ich zu dem Cardinal ginge, und mir von ihm einen Ge⸗ leitsbrief in alle möglichen Klöſter, ſogar in die Nonnen⸗ klöſter, erbäte? Das wäre ein Gedanke, und dielleicht würde ich ihn wiederfinden, wie Achilles. Ja, aber das hieße gleich von vorne herein meine Ohnmacht zugeſtehen, und beim erſten Schlage wäre ich in dem Geiſte des Car⸗ dinals verloren. Die Großen ſind nur dankbar, wenn man das Unmögliche für ſie gethan hat. Wäre es mög⸗ lich geweſen, ſagen ſie zu uns, ſo hätte ich es ſelbſt ge⸗ than, und die Großen haben Recht. Aber nur Geduld, wir wollen ſehen. Ich habe von ihm, dem lieben Freunde, auch einen Brief bekommen. Er bat mich um einen klei⸗ nen Dienſt, den ich ihm auch leiſtete. Aber wohin habe ich dieſen Brief gelegt?“ D'Artagnan dachte einen Augenblick nach und gingg dann an den Ständer, an welchem ſeine alten Kleider hingen. Er ſuchte ſein Wamms vom Jahre 1648, und da dieſer d'Artagnan ein ordnungsliebender Mann war, ſo fand er es an ſeinem Nagel. Er ſteckte die Hand in die Taſche und zog ein Papier heraus. Es war gerade der Brief von Aramis. 8 ihn den⸗ lud nber ines lück⸗ an⸗ nedy End⸗ erſt onat avon muß e in glich ſeine inen hrift der leſen halb In loß, »Ar⸗ an, aben ge⸗ lthos amis 87 D'Artagnan warf noch einen Blick auf den Brief von Porthos. Er hatte eine Nachſchrift, und dieſe Nach⸗ ſchrift enthielt folgende Worte: „Ich ſchreibe mit demſelben Courier an unſern wür⸗ digen Aramis in ſein Kloſter.“ Ja, in ſein Kloſter; aber in welchem Kloſter iſt er? Es gibt 200 in Paris und 3000 in Frankreich. Und als er ſich in's Kloſter begab, hat er vielleicht zum dritten Male ſeinen Namen gewechfelt. Ah! wenn ich in der Theologie bewandert wäre und mich nur des Gegenſtands ſeiner Theſen erinnerte, über die er in Crevecbeur mit dem Pfarrer von Montdidier und dem Superior der Je⸗ ſuiten ſo gut disputirte, ſo würde ich wiſſen, welcher Dortrine er ſich angeſchloſſen hat, und ich entnähme da⸗ raus, welchem Heiligen er ſich widmen konnte. Wie, wenn ich zu dem Cardinal ginge, und mir von ihm einen Ge⸗ leitsbrief in alle möglichen Klöſter, ſogar in die Nonnen⸗ klöſter, erbäte? Das wäre ein Gedanke, und vielleicht würde ich ihn wiederfinden, wie Achilles. Ja, aber das hieße gleich von vorne herein meine Ohnmacht zugeſtehen, und beim erſten Schlage wäre ich in dem Geiſte des Car⸗ dinals verloren. Die Großen ſind nur dankbar, wenn man das Unmögliche für ſie gethan hat. Wäre es mög⸗ lich geweſen, ſagen ſie zu uns, ſo hätte ich es ſelbſt ge⸗ than, und die Großen haben Recht. Aber nur Geduld, wir wollen ſehen. Ich habe von ihm, dem lieben Freunde, auch einen Brief bekommen. Er bat mich um einen klei⸗ nen Dienſt, den ich ihm auch leiſtete. Aber wohin habe ich dieſen Brief gelegt?“ DArtagnan dachte einen Augenblick nach und ging dann an den Ständer, an welchem ſeine alten Kleider hingen. Er ſuchte ſein Wamms vom Jahre 1648, und da dieſer dArtagnan ein ordnungsliebender Mann war, ſo fand er es an ſeinem Nagel. Er ſteckte die Hand in die Taſche und zog ein Papier heraus, Es war gerade der Brief von Aramis. 88 „Herr d'Artagnan,“ ſchrieb ihm dieſer,„Ihr wißt, daß ich Streit mit einem gewiſſen Edelmann gehabt habe, der mit mir dieſen Abend auf der Place Royale zu⸗ ſammentreffen will. Da ich zu der Kirche gehöre und die Sache mir ſchaden könnte, wenn ich ſie einem Andern mit⸗ theilte, als einem ſo ſichern Freunde, wie Ihr ſeid, ſo ſchreibe ich Euch, damit Ihr mir als Secundant dienen möget. „Ihr kommt durch die Rue Neuve⸗Sainte⸗Catherine hereinz unter dem zweiten Scheinwerfer rechts findet Ihr Euern Gegner. Unter dem dritten werde ich mit dem meinigen ſein. Ganz der Eurige, Aramis.“ Hier war nicht einmal ein Gott befohlen beigefügt. D'Artagnan ſuchte ſeine Erinnerungen in ſich rege zu machen. Er war nach dem beſtimmten Orte der Zuſam⸗ menkunft gegangen, hatte den bezeichneten Gegner gefun⸗ den, deſſen Namen ihm nie bekannt wurde, und demſelben einen ſchönen Degenſtich in den Arm beigebracht. Dann war er auf Aramis zugeſchritten, der ihm entgegenkam, deenn er hatte ſeine Sache bereits abgemacht. „Es iſt geſchehen,“ hatte Aramis geſagt.„Ich gglaube, ich habe den Unverſchämten getödtet. Doch, lieber Euch ganz ergeben bin.“ Worauf ihm Aramis die Hand gedrückt hatte und verſchwunden war. Er wußte alſo eben ſo wenig, wo Aramis war, als wo Athos und Porthos ſich aufhielten. Und die Sache iinng an ziemlich bedenklich zu werden, als er das Geräuſche einer Glasſcheibe, die man in ſeinem Zimmer zerbrach, zu hören glaubte. Er dachte ſogleich an ſeinen Sack, der in ſeinem Seeretär eingeſchloſſen war, und ſtürzte aus dem Cabinet. Er hatte ſich nicht getäuſcht: in dem Augenblick, wo er durch die Thüre eintrat, kam ein Mann durch das Feaanſter herein. Freund, wenn Ihr meiner bedürft, ſo wißt Ihr, daß ich ————— vo er 88 „Herr dArtagnan,“ ſchrieb ihm dieſer,„Ihr wißt, daß ich Streit mit einem gewiſſen Edelmann gehabt habe, t der mit mir dieſen Abend auf der Place Rohale zu⸗ ſammentreffen will. Da ich zu der Kirche gehöre und die Sache mir ſchaden könnte, wenn ich ſie einem Andern mit⸗ theilte, als einem ſo ſichern Freunde, wie Ihr ſeid, ſo o ſchreibe ich Euch, damit Ihr mir als Serundant dienen» b möget. h „Ihr kommt durch die Rue Neuve⸗Sainte⸗Catherine ſe herein; unter dem zweiten Scheinwerfer rechts findet Ihr Euern Gegner, Unter dem dritten werde ich mit dem meinigen ſein. Ganz der Eurige, Aramis.“ Hier war nicht einmal ein Gvott befohlen beigefügt. T D'Artagnan ſuchte ſeine Erinnerungen in ſich rege zu re machen. Er war nach dem beſtimmten Orte der Zuſam⸗ menkunft gegangen, hatte den bezeichneten Gegner gefun⸗ fa den, deſſen Namen ihm nie befannt wurde, und demſelben ni einen ſchönen Degenſtich in den Arm beigebracht. Dann war er auf Aramis zugeſchritten, der ihm entgegenkam, ſte denn er hatte ſeine Sache bereits abgemacht.— „Es iſt geſchehen,“ hatte Aramis geſagt.„Ich glaube, ich habe den Unverſchämten getödtet. Doch, lieber Freund, wenn Ihr meiner bedürft, ſo wißt Ihr, daß ich Euch ganz ergeben bin.“ Pl Worauf ihm Aramis die Hand gedrückt hatte und verſchwunden war. Er wußte alſo eben ſo wenig, wo Aramis war, als wo Athos und Porthos ſich aufhielten. Und die Sache fing an ziemlich bedenklich zu werden, als er das Geräuſche W einer Glasſcheibe, die man in ſeinem Zimmer zerbrach, zu. hören glaubte. Er dachte ſogleich an ſeinen Sack, der in vot ſeinem Secretär eingeſchloſſen war, und ſtürzte aus dem Cabinet. Er hatte ſich nicht getäuſcht: in dem Augenblick wo er durch die Thüre eintrat, kam ein Mann durch das er Fenſter herein. 5 ——— B—E 8&⏑ ᷣ& 89 „Ah, Elender!“ rief nach dem Degen greifend d'Ar⸗ naa„ welcher den Eindringling für einen Räuber hielt. „In des Himmels Namen, Herr,“ rief der Mann, „ſteckt Euern Degen in die Scheide und tödtet mich nicht, ohne mich zu hören. Ich bin gewiß kein Räuber; ich bin ein ehrlicher Bürger, der ſein Haus in der Straße hat, und heiße... Doch ich täuſche mich nicht, Ihr ſeid Herr d'Artagnan.“ „Und Du Planchet!“ rief der Lieutenant. „Euch zu dienen, Herr,“ ſprach Planchet im höchſten Grade entzückt,„wenn es mir möglich waͤre.“ 6 „Vielleicht,“ erwiederte d'Artagnan.„Aber was Teufels läufſt Du um ſieben Uhr Morgens in dieſer Jah⸗ reszeit auf den Dächern umher?“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Planchet,„Ihr ſollt es er⸗ fahren. Doch im Ganzen, nein, Ihr ſollt es vielleicht nicht erfahren.“ „Wie, laß hören,“ ſprach d'Artagnan.„Aber zuerſt ſtecke eine Serviette vor das Fenſter und ziehe den Vor⸗ hang vor,“ Planchet gehorchte. „Nun, ſo ſprich,“ ſagte d'Artagnan. „Gnadiger Herr, vor allen Dingen,“ ſagte der kluge Planchet,„wie ſteht Ihr mit Herrn von Rochefort?“ „Vortrefflich. Warum denn Rochefort? Du weißt wohl, daß er jetzt einer meiner beſten Freunde iſt. „Ah, deſto beſſer!“ „Aber was hat denn Rochefort mit dieſer Art und Weiſe in mein Zimmer zu dringen gemein?“ „Ah, gnädiger Herr, ich muß Euch zuerſt ſagen, Herr von Rochefort iſt..“ Planchet zögerte. „Bei Gott,“ ſagte d'Artagnan, ſich weiß es wohl, er iſt in der Baſtille,“ wißt, habe, zu⸗ die mit⸗ „ſo enen erine Ihr dem fügt. zu am⸗ fun⸗ lben ann am, eber ich und als che ſche in em lick, das 89 „Ah, Elender!“ rief nach dem Degen greifend dAr⸗ i welcher den Eindringling für einen Räuber hielt. „In des Himmels Namen, Herr,“ rief der Mann, „ſteckt Euern Degen in die Scheide und tödtet mich nicht, ohne mich zu hören. Ich bin gewiß kein Räuber; ich bin ein ehrlicher Bürger, der ſein Haus in der Straße hat, und heiße. Doch ich täuſche mich nicht, Ihr ſeid Herr dArtagnan.“ „Und Du Planchet!“ rief der Lieutenant. „Euch zu dienen, Herr,“ ſprach Planchet im höchſten Grade entzückt,„wenn es mir möglich wäre.“ Vielleicht,“ erwiederte d'Artagnan.„Aber was Teufels läufſt Du um ſieben Uhr Morgens in dieſer Jah⸗ reszeit auf den Dächern umher?“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Planchet,„Ihr ſollt es er⸗ fahren. Doch im Ganzen, nein, Ihr ſollt es vielleicht nicht erfahren.“ „Wie, laß hören,“ ſprach d'Artagnan.„Aber zuerſt ſtecke eine Serviette vor das Fenſter und ziehe den Vor⸗ hang vor.“ Planchet gehorchte. „Nun, ſo ſprich,“ ſagte d»Artagnan. „Gnädiger Herr, vor allen Dingen,“ ſagte der kluge Planchet,„wie ſteht Ihr mit Herrn von Rochefort?“ „Vortrefflich. Warum denn RNochefort? Du weißt wohl, daß er jetzt einer meiner beſten Freunde iſt. „Ah, deſto beſſer!“ „Aber was hat denn Rochefort mit dieſer Art und Weiſe in mein Zimmer zu dringen gemein?“ „Ah, gnädiger Herr, ich muß Euch zuerſt ſagen, Herr von Rochefort iſt Planchet zögerte. „Bei Goit,“ ſagte d'Artagnan,„ich weiß es wohl, er iſt in der Baſtille.“ 90 „Das heißt, er war darin,“ erwiederte Planchet. „Wie, er war darin?“ rief d'Artagnan,„ſollte er das Glück gehabt haben, ſich zu flüchten?“ „Ah, Herr, wenn Ihr das ein Glück nennt,“ rief Planchet, ſo ſteht Alles gut. Ich muß Euch alſo ſagen, daß man geſtern, wie es ſcheint, Leute abſchickte, um Herrn von Rochefort aus der Baſtille zu holen.“ 4 „Ei, das weiß ich wohl! Ich habe ihn ſelbſt ab⸗ geholt.“ „Aber zum Glücke für ihn habt Ihr ihn nicht zu⸗ rückgeführt, denn wenn ich Euch unter der Escorte er⸗ kannt hätte— glaubt mir, gnädiger Herr, ich habe immer zu viel Achtung vor Euch.... „Vollende, Schafskopf! ſprich, was iſt geſchehen?“ Nun, es iſt geſchehen, daß in der Rue de la Fe⸗ ronnerie, als der Wagen von Herrn von Rochefort durch eine Volksgruppe fuhr und die Leute von der Escorte die Bürger grob behandelten, ein Gemurmel ſich erhob. Der Gefangene dachte wohl, die Gelegenheit wäre ſchöͤn, nannte ſich und rief um Hülfe. Ich war da und hörte den Namen des Grafen von Rochefort. Ich erinnerte mich, daß er mich zum Sergenten in dem Regiment Piemont gemacht hatte. Ich ſagte ganz laut, es wäre ein Gefangener, ein Freund des Herrn Herzogs von Beaufort. Es entſtand eine Meuterei. Man hielt die Pferde feſt und warf die Escorte nieder. Während dieſer Zeit öffnete ich den Kutſchenſchlag, Herr von Ro⸗ chefort ſprang heraus und verlor ſich in der Menge. Lei⸗ der kam in dieſem Augenblick eine Patrouille voruͤber; ſie vereinigte ſich mit den Garden und rief uns an. Ich zog mich fechtend nach der Rue Tiquetonne zurück. Man verfolgte mich auf den Ferſen und ich flüchtete mich in das Haus hier neben an. Man umzingelte und durch⸗ ſuchte daſſelbe, aber vergebens: ich hatte im fünften Stocke eine mitleidige Perſon gefunden, die mich zwiſchen zwei 2———,——4———.—— 90 „Das heißt, er war darin,“ erwiederte Planchet. V „Wie, er war darin?“ rief d'Artagnan,„ollte er das ge Glück gehabt haben, ſich zu flüchten?“ R „Ah, Herr, wenn Ihr das ein Glück nennt,“ rief di Planchet, ſo ſteht Alles gut. Ich muß Euch alſo ſagen, A daß man geſtern, wie es ſcheint, Leute abſchickte, um Herrn w von Rochefort aus der Baſtille zu holen.“ „Ei, das weiß ich wohl! Ich habe ihn ſelbſt ab⸗ ie geholt.“ „Aber zum Glücke für ihn habt Ihr ihn nicht zu⸗ rückgeführt, denn wenn ich Euch unter der Escorte er⸗ F kannt hätte— glaubt mir, gnädiger Herr, ich habe immer D zu viel Achtung vor Euch. oh „Vollende, Schafskopf! ſprich, was iſt geſchehen?“ Nun, es iſt geſchehen, daß in der Rue de la Fe⸗ es ronnerie, als der Wagen von Herrn von Rochefort durch ich eine Volksgruppe fuhr und die Leute von der Escorte W die Bürger grob behandelten, ein Gemurmel ſich erhob. be Der Gefangene dachte wohl, die Gelegenheit wäre ſchön, nannte ſich und rief um Hülfe. Ich war da und hörte ich den Namen des Grafen von Rochefort. Ich erinnerte we mich, daß er mich zum Sergenten in dem Regiment ge Piemont gemacht hatte. Ich ſagte ganz laut, es wäre 6 ein Gefangener, ein Freund des Herrn Herzogs von Le Beaufort. Es entſtand eine Meuterei. Man hielt die Pferde feſt und warf die Escorte nieder. Während we dieſer Zeit öffnete ich den Kutſchenſchlag, Herr von R⸗ ve chefort ſprang heraus und verlor ſich in der Menge. Lei⸗ ich der kam in dieſem Augenblick eine Patrouille vorüber;z ſie R vereinigte ſich mit den Garden und rief uns an. Ich A zog mich fechtend nach der Rue Tiquetonne zurück. Man ſch verfolgte mich auf den Ferſen und ich flüchtete mich in das Haus hier neben an. Man unzingelte und durch⸗ ſch ſuchte daſſelbe, aber vergebens: ich hatte im fünften Stock ſch eine mitleidige Perſon gefunden, die mich zwiſchen zwei ni O 91 Matratzen verbarg. In dieſem Verſtecke blieb ich bis Ta⸗ gesanbruch, und da ich dachte, man würde am Abend die Nachforſchungen wieder anfangen, ſo wagte ich mich auf die Dachrinnen, um zuerſt einen Fingang und dann einen Ausgang in irgend einem Hauſe zu finden, das nicht be⸗ wacht wäre. Dies iſt meine Geſchichte und auf Ehre, gnädiger Herr, ich würde in Verzweiflung gerathen, wenn ſie Euch unangenehm wäre.“ „Nein,“ ſprach d'Artagnan,„im Gegentheil, und bei meiner Treue es freut mich ſehr, daß Nochefort ſeine Freiheit erlangt hat. Aber weißt Du wohl etwas? wenn Du in die Hände der Leute des Königs fällſt, wirſt Du ohne Gnade und Barmherzigkeit gehenkt.“ „Bei Gott, ich weiß es,“ rief Planchet;„das iſt es auch, was mich nicht wenig beunruhigt, und warum ich ſo erfreut geweſen bin, daß ich Euch getroffen habe. Wenn Ihr mich verbergen wollt, ſo kann dies Niemand beſſer, als Ihr.“— „Ja,“ ſagte d'Artagnan, das will ich auch, obgleich ich nicht mehr und nicht weniger wage, als meinen Grad, wenn es bekannt würde, daß ich einem Rebellen Zuflucht gegeben habe.“— „Ah! gnädiger Herr, Ihr wißt wohl, daß ich mein Leben für Euch wagen würde.“ „Du könnteſt ſogar beifügen, Du habeſt es ge⸗ wagt, Planchet. Ich vergeſſe nur die Dinge, die ich vergeſſen muß, und was dieſe Sache betrifft, ſo will ich mich derſelben erinnern. Setze Dich und ſpeiſe in Nuhe, denn ich ſehe, daß Du die Ueberreſte meines Abendbrods mit einem ſehr ausdrucksvollen Blicke an⸗ ſchauſt.“— „Allerdings, gnädiger Herr, denn der Speiſe⸗ ſchrank der Nachbarin war in ſaftigen Dingen ſehr ſchlecht ausgerüſtet, und ich habe ſeit geſtern Mittag nichts gegeſſen, als ein Stück Brod und Zuckerwerk. Obgleich ich die Süßigkeiten nicht verachte, wenn ſie das rief agen, errn t zu⸗ er⸗ nmer Fe⸗ durch corte rhob. chön, hörte merte iment wäre von die hrend Ro⸗ Lei⸗ Man ch in urch⸗ Stocke zwei 94 Matratzen verbarg. In dieſem Verſtecke blieb ich bis Ta⸗ gesanbruch, und da ich dachte, man würde am Abend die Nachforſchungen wieder anfangen, ſo wagte ich mich auf die Dachrinnen, um zuerſt einen Eingang und dann einen Ausgang in irgend einem Hauſe zu findep, das nicht be⸗ wacht wäre. Dies iſt meine Geſchichte und auf Ehre, gnädiger Herr, ich würde in Verzweiflung gerathen, wenn ſie Euch unangenehm wäre.“ „Nein,“ ſprach d'Artagnan,„im Gegentheil, und bei meiner Treue es freut mich ſehr, daß Rochefort ſeine Freiheit erlangt hat. Aber weißt Du wohl etwas? wenn Du in die Hände der Leute des Königs fällſt, wirſt Du ohne Gnade und Barmherzigkeit gehenkt.“ „Bei Gott, ich weiß es,“ rief Planchet;„das iſt es auch, was mich nicht wenig beunruhigt, und warum ich ſo erfreut geweſen bin, daß ich Euch getroffen habe. Wenn Ihr mich verbergen wollt, ſo kann dies Niemand beſſer, als Ihr.“ „Ja,“ ſagte d'Artagnan, das will ich auch, obgleich ich nicht mehr und nicht weniger wage, als meinen Grad, wenn es bekannt würde, daß ich einem Rebellen Zuflucht gegeben habe.“ „Ah! gnädiger Herr, Ihr wißt wohl, daß ich mein Leben für Euch wagen würde.“ „Du könnteſt ſogar beifügen, Du habeſt es ge⸗ wagt, Planchet. Ich vergeſſe nur die Dinge, die ich vergeſſen muß, und was dieſe Sache betrifft, ſo will ich mich derſelben erinnern. Setze Dich und ſpeiſe in Ruhe, denn ich ſehe, daß Du die Ueberreſte meines Abendbrods mit einem ſehr ausdrucksvollen Blicke an⸗ ſchauſt.“ „Allerdings, gnädiger Herr, denn der Speiſe⸗ ſchrank der Nachbarin war in ſaftigen Dingen ſehr ſchlecht ausgerüſtet, und ich habe ſeit geſtern Mittag nichts gegeſſen, als ein Stück Brod und Zuckerwerk. Obgleich ich die Süßigkeiten nicht verachte, wenn ſie 92 gehörigen Ortes erſcheinen, ſo fand ich doch das Abend⸗ brod ein wenig zu leicht.“ dich„Armer Junge!“ ſagte d Artagnan,„nun ſo ſetze 4.0099 gnädiger Herr, Ihr rettet mir zweimal das Und er ſetzte ſich zu Tiſche und fing an zu ſchlin⸗ gen, wie in den ſchönen Tagen der Rue des Foſſoyeurs. D'Artagnan ging fortwährend im Zimmer auf und ab. Er ſuchte in ſeinem Geiſte, welchen Nutzen er unter den Umſtänden, in denen er ſich befand, aus Planchet ziehen könnte. Während dieſer Zeit arbeitete Planchet aus „Leibeskräften, um die verlorenen Stunden wieder gut zu machen. Endlich ſtieß er jenen Befriedigungsfeufzer des aus⸗ gehungerten Menſchen aus, welcher anzeigt, daß er, nach⸗ dem er eine ernſte und ſolide Abſchlagszahlung genommen hat, einen Halt machen will. „Nun ſprich,“ ſagte d'Artagnan, welcher dachte, es wäre der Augenblick gekommen, das Verhör zu beginnen. Welſehren wir der Ordnung nach:„weißt Du, wo Athos iſt? „Nein, gnädiger Herr,“ antwortete Planchet. „Teufel! Weißt Du, wo Porthos iſt?“ „Eben ſo wenig!“ „Teufel, Teufel! Und Aramis?“ „Auch nicht.“ „Teufel! Teufel! Teufel! „Aber,“ verſetzte Planchet mit ſeinem klugen Tone, „ich weiß, wo Bazin iſt.“ „Wie, Du weißt, wo Bazin iſt?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Und wo iſt er? „In Notre⸗Dame.“. „Und was macht er in Notre⸗Dame?“ „Er iſt Meßner.“ . — t — 92 gehörigen Ortes erſcheinen, ſo fand ich doch das Abend⸗ brod ein wenig zu leicht.“ „Armer Junge!“ ſagte d Artagnan,„nun ſo ſetze Dich.“ „Ach, gnädiger Herr, Ihr rettet mir zweimal das Leben.“ Und er ſetzte ſich zu Tiſche und fing an zu ſchlin⸗ gen, wie in den ſchönen Tagen der Rue des Fvſſoheuts. D'Artagnan ging fortwährend im Zimmer auf und ab. Er ſuchte in ſeinem Geiſte, welchen Nutzen er unter den Umſtänden, in denen er ſich befand, aus Planchet ziehen könnte. Während dieſer Zeit arbeitete Planchet aus Leibeskräften, um die verlorenen Stunden wieder gut zu machen. Endlich ſtieß er jenen Befriedigungsfeufzer des aus⸗ gehungerten Menſchen aus, welcher anzeigt, daß er, nach⸗ dem er eine ernſte und ſolide Abſchlagszahlung genommen hat, einen Halt machen will. „Nun ſprich,“ jagte d'Artagnan, welcher dachte, es wäre der Augenblick gekommen, das Verhör zu beginnen. eſren wir der Ordnung nach:„weißt Du, wo Athos iſt? „Nein, gnädiger Herr,“ antwortete Planchet. „Teufel! Weißt Du, wo Porthos iſt?“ „Eben ſo wenig!“ „Teufel, Teufel! Und Aramis?“ „Auch nicht.“ „Teufel! Teufel! Teufel! „Aber,“ verſetzte Planchet mit ſeinem klugen Tone, „ich weiß, wo Bazin iſt.“ „Wie, Du weißt, wo Bazin iſt?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Und wo iſt er? „In Notre⸗Dame.“ „Und was macht er in Notre⸗Dame?“ „Er iſt Meßner.“ 9 ein bin ge ne, 93 „Bazin Meßner in Notre⸗Dame? Weißt Du es gewiß?“ „Ganz gewiß; ich habe ihn geſehen, ich habe ihn geſprochen.“ „Er muß wiſſen, wo ſein Herr iſt.“ „Ohne Zweifel.“ D'Artagnan dachte nach. Dann nahm er ſeinen Mhante und ſeinen Degen und ſchickte ſich an fortzu⸗ gehen. „Gnädiger Herr,“ ſagte Planchet mit kläglicher Miene,„wollt Ihr mich ſo verlaſſen. Bedenkt, daß ich nur auf Euch meine Hoffnung ſetze.“ „Man wird Dich hier nicht holen,“ entgegnete d'Ar⸗ tagnan. „Aber wenn man hieher käme,“ verſetzte der kluge Planchet,„bedenkt, daß ich für die Leute des Hauſes, die mich nicht haben herein gehen ſehen, ein Dieb wäre.“ „Das iſt richtig. Sprichſt Du irgend ein Patois?“ „Ich ſpreche noch etwas Beſſeres, als dies, ich ſpreche eine Sprache, ich ſpreche Flamändiſch.“ „Wo Teufels! haſt Du das gelernt?“ „In Artois, wo ich zwei Jahre im Felde geweſen bin. Hört: Goeden Morgen, mynheer, ith hen be- geercy ie weenten tho ge sond heets omstan.“ „Das heißt?“ „Guten Morgen, mein Herr, ich beeile mich, Sie nach dem Stande Ihrer Geſundheit zu fragen.“ 5 „Das nennt er eine Sprache! Doch gleichviel,“ ſagte d'Artagnan;„es kommt ganz gelegen.“ D'Artagnan ging an die Thüre, rief einen der Auf⸗ wärter und befahl ihm, der ſchönen Madeleine zu ſagen, ſie möge heraufkommen. „Was macht Ihr, Herr?“ rief Planchet,„Ihr wollt unſer Geheimniß einer Frau anvertrauen!“ „Sei ruhig, dieſe wird nicht davon ſchnaufen.“ In dieſem Augenblick trat die Wirthin ein. Sie bend⸗ ſetze das hlin⸗ eurs. ab. den iehen aus it zu aus⸗ ach⸗ imen „es inen. thos one, 93 „Bazin Meßner in Notre⸗Dame? Weißt Du es gewiß?“ „Ganz gewiß; ich habe ihn geſehen, ich habe ihn geſprochen.“ „Er muß wiſſen, wo ſein Herr iſt.“ „Ohne Zweifel.“ DArtagnan dachte nach. Dann nahm er ſeinen und ſeinen Degen und ſchickte ſich an fortzu⸗ gehen. „Gnädiger Herr,“ ſagte Planchet mit kläglicher Miene,„wollt Ihr mich ſo verlaſſen. Bedenkt, daß ich nur auf Euch meine Hoffnung ſetze.“ „Man wird Dich hier nicht holen,“ entgegnete dAr⸗ tagnan. „Aber wenn man hieher käme,“ verſetzte der kluge Planchet,„bedenkt, daß ich für die Leute des Hauſes, die mich nicht haben herein gehen ſehen, ein Dieb wäre.“ „Das iſt richtig. Sprichſt Du irgend ein Patvis?“ „Ich ſpreche noch etwas Beſſeres, als dies, ich ſpreche eine Sprache, ich ſpreche Flamändiſch.“ „Wo Teufels; haſt Du das gelernt?“ „In Artvis, wo ich zwei Jahre im Felde geweſen bin. Hört: Goeden Morgen, mynheer, ith hen pe- geerch ie weenten tho ge sond heets omstan.“ „Das heißt?“ „Guten Morgen, mein Herr, ich beeile mich, Sie nach dem Stande Ihrer Geſundheit zu fragen.“ „Das nennt er eine Sprache! Doch gleichviel,“ ſagte dArtagnan;„es kommt ganz gelegen.“ DArtagnan ging an die Thüre, rief einen der Auf⸗ wärter und befahl ihm, der ſchönen Madeleine zu ſagen, ſie möge heraufkommen. „Was macht Ihr, Herr?“ rief Planchet,„Ihr wollt unſer Geheimniß einer Frau anvertrauen!“ „Sei ruhig, dieſe wird nicht davon ſchnaufen.“ In dieſem Augenblick trat die Wirthin ein. Sie 94 lief mit lachender Miene herbei; denn ſie hoffte, dAr⸗ tagnan allein zu finden; als ſie aber Planchet erblickte, wich ſie mit erſtaunender Miene zurück, 4 „Meine liebe Wirthin,“ ſagte d'Artagnan,„ich ſtelle Euch hier Euern Herrn Bruder vor. Er kommt von Flan⸗ dern und ich nehme ihn einige Tage in meine Dienſte.“ „Meinen Bruder,“ ſprach die Wirthin, immer mehr erſtaunt. Wünſcht doch Eurer Schweſter guten Morgen, Mei⸗ ſter Peter.“ „Wilkom zuster,“ ſagte Planchet. „Goeden dag, broer,“? ſprach die Wirthin voll Ver⸗ wunderung. „So iſt es gut,“ ſagte d'Artagnan,„der Herr iſt Euer Bruder, den Ihr vielleicht nicht kennt, den ich aber kenne. Er kommt von Amſterdam. Ihr kleidet ihn in meiner Abweſenheit. Wenn ich zurückkehre, das heißt in einer Stunde, ſtellt Ihr ihn mir vor, und obgleich er kein Wort Franzöſiſch ſpricht, nehme ich ihn doch auf Eure Empfehlung, da ich Euch nichts abſchlagen kann, in meine Dienſte. Ihr verſteht?“ „Das heißt, ich errathe, was Ihr wünſcht, und mehr braucht es nicht,“ erwiederte Madeleine. 3 „Ihr ſeid eine koſtbare Frau, meine ſchöne Wirthin, ich baue ganz auf Euch.“ Hienach machte d'Artagnan Planchet ein Zeichen des Einverſtändniſſes und verließ das Zimmer, um ſich nach Notre⸗Dame zu begeben. n.=2——,— —,— 94 lief mit lachender Miene herbei; denn ſie hoifte, d'Ar⸗ tagnan allein zu finden; als ſie aber Planchet erblickte, wich ſie mit erſtaunender Miene zurück. „Meine liebe Wirthin„ ſagte d'Artagnan,„ich ſtelle Euch hier Euern Herrn Bruder vor. Er kommt von Flan⸗ dern und ich nehme ihn einige Tage in meine Dienſte“ „Meinen Bruder,“ ſprach die Wirthin, immer mehr erſtaunt. Wünſcht doch Eurer Schweſter guten Morgen, Mei⸗ ſter Peter.“ „Wilkom zuster,“ ſagte Planchet. „Goeden dag, broer,“ ſprach die Wirthin voll Ver⸗ wunderung. —— — „So iſt es gut,“ ſagte dArtagnan,„der Herr iſt Guer Bruder, den Ihr vielleicht nicht kennt, den ich aber fenne. Er kommt von Anmſterdam. Ihr kleidet ihn in meiner Abweſenheit. Wenn ich zurückkehre, das heißt in einer Stunde, ſtellt Ihr ihn mir vor, und obgleich er kein Wort Franzöſiſch ſpricht, nehme ich ihn doch auf Eure Empfehlung, da ich Euch nichts abſchlagen kann, in meine Dienſte. Ihr verſteht?“ „Das heißt, ich errathe, was Ihr wünſcht, und meht braucht es nicht,“ erwiederte Madeleine. „Ihr ſeid eine koſtbare Frau, meine ſchöne Wirthin, ich baue ganz auf Euch.“ Hienach machte d'Artagnan Flanchet ein Zeichen des Einverſtändniſſes und verließ das Zimmer, um ſich nach Notre⸗Dame zu begeben. —„——— — 95⁵ VIII. Ueber die verſchiedenen Einflüſſe, welche eine halbe Piſtole auf einen Meßner und auf einen Chorknaben ausüben kann. D'Artagnan ſchlug den Weg nach dem Pont⸗Neuf ein; er war ſehr erfreut, daß er Planchet wieder gefunden hatte; denn obgleich es ausſah, als leiſtete er dieſem würdigen Burſchen einen Dienſt, ſo war es doch in Wirk⸗ lichkeit d'Artagnan, welcher einen Dienſt von Planchet erhielt. Nichts konnte ihm in dieſem Augenblicke ange⸗ nehmer ſein, als ein braver und verſtändiger Lackei. Plan⸗ chet ſollte freilich aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht lange in ſeinem Dienſte bleiben. Indem aber Planchet ſeine ge⸗ ſellſchaftliche Stellung in der Rue des Lombards wieder einnahm, blieb er d'Artagnan zu Dank verpflichtet, denn dieſer hatte ihm, ihn in ſeinem Hauſe verbergend, das Leben gerettet oder doch wenigſtens ungefähr gerettet, und es war d'Artagnan nicht unerwünſcht, Verbindungen in der Bürgerſchaft in dem Momente zu haben, wo dieſe ſich anſchickte, dem Hofe den Krieg zu machen. Es war ein Einverſtändniß im feindlichen Lager, und bei einem ſo ſeinen Manne, wie d'Artagnan, konnten die kleinſten Dinge zu großen führen. In einer mit dem Zufall und mit ſich ſelbſt zufriedenen geiſtigen Stimmung erreichte alſo d'Artagnan Notre⸗Dame. Er ſtieg die Freitreppe hinauf, trat in die Kirche, wandte ſich an einen Sacriſtan, welcher eine Kapelle ausfegte, und fragte ihn, ob er Herrn Bazin kenne. „Herrn Bazin, den Meßner?“ ſprach der Sa⸗ eriſtan. „Ihn ſelbſt.“ Ar⸗ ickte, ſtelle lan⸗ iſte.“ 3 mehr Mei⸗ Ver⸗ r iſt aber n in heißt ch er auf m, in meht n des nach 95 VIII. Ueber die verſchiedenen Einflüſſe, welche eine halbe Piſtole auf einen Meßner und auf einen Chorknaben ausüben kann. D'Artagnan ſchlug den Weg nach dem Pont⸗Reuf ein; er war ſehr erfreut, daß er Flanchet wieder gefunden hatte; denn obgleich es ausſah, als leiſtete er dieſem würdigen Burſchen einen Dienſt, ſo war es doch in Wirk⸗ lichkeit d'Artagnan, welcher einen Dienſt von Planchet erhielt. Nichts konnte ihm in dieſem Augenblicke ange⸗ nehmer ſein, als ein braver und verſtändiger Lackei. Plan⸗ chet ſollte freilich aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht lange in ſeinem Dienſte bleiben. Indem aber Planchet ſeine ge⸗ ſellſchaftliche Stellung in der Rue des Lombards wieder einnahm, blieb er dArtagnan zu Dank verpflichtet, denn dieſer hatte ihm, ihn in ſeinem Hauſe verbergend, das Leben gerettet oder doch wenigſtens ungefähr gerettet, und es war d'Artagnan nicht unerwünſcht, Verbindungen in der Bürgerſchaft in dem Momente zu haben, wo dieſe ſich anſchickte, dem Hofe den Krieg zu machen. Es war ein Einverſtändniß im feindlichen Lager, und bei einem ſo ſeinen Manne, wie d'Artagnan, konnten die kleinſten Dinge zu großen führen. In einer mit dem Zufall und mit ſich ſelbſt zufriedenen geiſtigen Stimmung erreichte alſo dArtagnan Notre⸗Dame. Er ſtieg die Freitreppe hinauf, trat in die Kirche, wandte ſich an einen Sacriſtan, welcher eine Kapelle ausſegte, und fragte ihn, ob er Herrn Bazin kenne. „Herrn Bazin, den Meßner?“ ſprach der Sa⸗ criſtan. „Ihn ſelbſt.“ 96 „Er bedient da unten die Meſſe in der Kapelle der Jungfrau.“ D'Artagnan zitterte vor Freude. Es kam ihm vor, als ſollte er, was auch Planchet geſagt hatte, Bazin nie finden. Nun aber, da er ein Ende des Fadens in der Hand hatte, machte er ſich wohl anheiſchig, das andere zu erreichen. Er kniete vor der Kapelle nieder, um ſeinen Mann nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Es war zum Glücke eine ſtille Meſſe, welche bald endigen mußte. D'Arta⸗ gnan, der ſeine Gebete vergeſſen und ein Meßbuch mit⸗ zunehmen verſäumt hatte, benützte ſeine Muße, um Bazin prüfend zu betrachten. Man darf wohl behaupten, Bazin trug ſein Gewand mit eben ſo viel Majeſtät als Glückſeligkeit, Man ſah, daß er zum Gipfel ſeines Ehrgeizes gelangt war, und daß der mit Silber verzierte Fiſchbeinſtab, den er in der Hand hielt, ihm eben ſo ehrenvoll vorkam, als der Commando⸗ ſtab, den Condé in der Schlacht von Freiburg in die feind⸗ lichen Reihen warf oder nicht warf. Sein Aeußeres hatte eine ſeiner Tracht vollkommen entſprechende Veränderung erlitten. Sein ganzer Körper hatte ſich abgerundet und gleichſam canoniſirt. Die hervorſpringenden Theile ſeines Geſichtes ſchienen verſchwunden zu ſein. Er hatte immer noch ſeine Naſe, aber aufſchwellend hatte jede von ſeinen Wangen einen Theil derſelben an ſich gezogen. Das Kinn verlor ſich unter dem Halſe. Etwas, das nicht mehr Fett, ſondern Aufdunſung war, hatte ſeine Augen ein⸗ geſchloſſen. Viereckig und heilig geſchnittene Haare be⸗ deckten die Stirne bis auf drei Linien von den Augen⸗ brauen. Eilen wir beizufügen, die Stirne von Bazin war ſelbſt zur Zeit ihrer größten Entblößung nie über anderthalb Zoll hoch geweſen. „Deer Geiſtliche endigte ſeine Meſſe zu gleicher Zeit wie d'Artagnan ſeine Prüfung. Er ſprach die Worte 4 des Sacraments und zog ſich zurück, indem er zu 88 S A—O X½ X „Er bedient da unten die Meſſe in der Kapelle der Jungfrau.“ D'Artagnan zitterte vor Freude. Es kam ihm vor, als ſollte er, was auch Planchet geſagt hatte, Bazin nie finden. Nun aber, da er ein Ende des Fadens in der Hand hatte, machte er ſich wohl anheiſchig, das andere zu erreichen. Er kniete vor der Kapelle nieder, um ſeinen Mann nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Es war zum Glücke eine ſtille Meſſe, welche bald endigen mußte. D'Arta⸗ gnan, der ſeine Gebete vergeſſen und ein Meßbuch mit⸗ zunehmen verſäumt hatte, benützte ſeine Muße, um Bazin prüfend zu betrachten. Man darf wohl behaupten, Bazin trug ſein Gewand mit eben ſo viel Majeſtät als Glückſeligkeit. Man ſah, daß er zum Gipfel ſeines Ehrgeizes gelangt war, und daß der mit Silber verzierte Fiſchbeinſtab, den er in der Hand hielt, ihm eben ſo ehrenvoll vorkam, als der Commando⸗ ſtab, den Condé in der Schlacht von Freiburg in die feind⸗ lichen Reihen warf oder nicht warf. Sein Aeußeres hatte eine ſeiner Tracht vollkommen entſprechende Veränderung 5 erlitten. Sein ganzer Körper hatte ſich abgerundet und gleichſam canoniſirt. Die hervorſpringenden Theile ſeines Geſichtes ſchienen verſchwunden zu ſein. Er hatte immer noch ſeine Naſe, aber aufſchwellend hatte jede von ſeinen Wangen einen Theil derſelben an ſich gezogen. Das Kinn verlor ſich unter dem Halſe, Etwas, das nicht mehr Fett, ſondern Aufdunſung war, hatte ſeine Augen ein⸗ geſchloſſen. Viereckig und heilig geſchnittene Haare be⸗ deckten die Stirne bis auf drei Linien von den Augen⸗ brauen. Eilen wir beizufügen, die Stirne von Bazin war ſelbſt zur Zeit ihrer größten Entblößung nie über anderthalb Zoll hoch geweſen. Der Geiſtliche endigte ſeine Meſſe zu gleicher Zeit wie dArtagnan ſeine Prüfung. Er ſprach die Worte des Sacraments und zog ſich zurück, indem er zu 1 — Jec ahr zu mel me dert das Ba thig faß „ſo Cht arb abn tagt ſtoß „da zerſi wär hin müf 97 dem großen Erſtaunen von d'Artagnan ſeinen Segen gab, den jeder knieend empfing. Aber das Erſtaunen von d'Artagnan hörte auf, als er in dem Geiſtlichen den Coadjutor ſelbſt erkannt hatte, das heißt, den bekannten Jean⸗Frangois de Gondi, der zu dieſer Zeit, die Rolle ahnend, die er ſpielen ſollte, ſich durch Almoſen populär zu machen bemüht war. Um dieſe Popularität zu ver⸗ mehren, las er von Zeit zu Zeit eine von den Morgen⸗ meſſen, denen das Volk allein beizuwohnen pflegt. D'Artagnan warf ſich auf die Kniee, wie die An⸗ dern, empfing ſeinen Theil von dem Segen und machte das Zeichen des Kreuzes; aber in dem Augenblick, wo Bazin, die Augen zum Himmel aufgeſchlagen und demü⸗ thig als der Letzte einherſchreitend, an ihm vorüberging, faßte ihn d'Artagnan unten an ſeinem Rocke. Bazin ſchaute nieder und machte einen Sprung rück⸗ wärts, als ob er eine Schlange geſehen hätte. „Herr d'Artagnan!“ riefer,„vale retro Satanas 1...“ „Wie, mein lieber Bazin,“ ſagte der Officier lachend, „ſo nehmt Ihr einen alten Freund auf!“ „Herr,“ antwortete Bazin,„die wahren Freunde des Chriſten ſind diejenigen, welche ihm an ſeinem Heile arbeiten helfen, und nicht diejenigen, welche ihn davon abwenden.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Bazin,“ anwortete d'Ar⸗ tagnan,„und ſehe nicht ein, wie ich ein Stein des An⸗ ſtoßes für Euer Heil ſein kann.“ „Ihr vergeßt, gnädiger Herr,“ antwortete Bazin, „daß Ihr beinahe für immer das meines armen Gebieters zerſtört hättet, und daß Ihr nicht die Urſache waret, wenn er ſich nicht verdammte, indem er Musketier geblieben vare⸗ indeß ihn ſein Beruf ſo mächtig zu der Kirche inzog. „Mein lieber Bazin,“ verſetzte d'Artagnan.„Ihr müßt an dem Orte, wo Ihr mich findet, erkennen, daß Zwanzig Jahre nachher, I. 7 97 dem großen Erſtaunen von dArtagnan ſeinen Segen gab, der den jeder knieend empfing. Aber das Erſtaunen von dArtagnan hörte auf, als er in dem Geiſtlichen den vor, Cvadjutor ſelbſt erkannt hatte, das heißt, den bekannten nie Jean⸗Frangois de Gondi, der zu dieſer Zeit, die Rolle der ahnend, die er ſpielen ſollte, ſich durch Almoſen populär dere, zu machen bemüht war. Um dieſe Popularität zu ver⸗ mehren, las er von Zeit zu Zeit eine von den Morgen⸗ ann meſſen, denen das Volk allein beizuwohnen pflegt. ücke D'Artagnan warf ſich auf die Kniee, wie die An⸗* rta⸗ dern, empfing ſeinen Theil von dem Segen und machte ni⸗ das Zeichen des Kreuzes; aber in dem Augenblick, wo azin Bazin, die Augen zum Himmel aufgeſchlagen und demü⸗ thig als der Letzte einherſchreitend, an ihm vorüberging, and faßte ihn d'Artagnan unten an ſeinem Rocke. ſah, Bazin ſchaute nieder und machte einen Sprung rück⸗ daß wärts, als ob er eine Schlange geſehen hätte. and„Herr dArtagnan!“ riefer,„vade retro Satanas!...“ do⸗„Wie, mein lieber Bazin,“ ſagte der Officier lachend, ind⸗„ſo nehmt Ihr einen alten Freund auf!“ atte„Herr,“ antwortete Bazin,„die wahren Freunde des ung Chriſten ſind diejenigen, welche ihm an ſeinem Heile und arheiten helfen, und nicht diejenigen, welche ihn davon ines abwenden.“ mer„Ich verſtehe Euch nicht, Bazin,“ anwortete dAr⸗ nen tagnan,„und ſehe nicht ein, wie ich ein Stein des An⸗ das ſtoßes für Euer Heil ſein kann.“ ehr„Ihr vergeßt, gnädiger Herr,“ antwortete Bazin, ein⸗„daß Ihr beinahe für immer das meines armen Gebieiers be⸗ zerſtört hättet, und daß Ihr nicht die Urſache waret, wenn en⸗ er ſich nicht verdammte, indem er Musketier geblieben zin indeß ihn ſein Beruf ſo mächtig zu der Kirche ber inzog. „Mein lieber Bazin,“ verſetzte d'Artagnan.„Ihr Zeit müßt an dem Orte, wo Ihr mich findet, erkennen, daß orte Zwanzig Jahre nachher, I. 7 zu 98 —,, ich mich in allen dieſen Dingen bedeutend verändert habe, und da ich nicht daran zweifle, daß Euer Herr auf dem beſten Weg iſt, ſein Heil zu gründen, ſo komme ich, um Euch zu fragen, wo er ſich aufhält, damit er mir durch ſeinen Rath das meinige machen hilft.“ „Sagt lieber, um Ihn mit Euch in die Welt zu- rückzuführen. Zum Glücke,“ fügte Bazin bei,„weiß ich nicht, wo er iſt, denn da wir an einem heiligen Orte ſind, würde ich keine Lüge wagen.“ 3 „Wie!“ rief d'Artagnan ſehr ärgerlich,„Ihr wißt nicht, wo Aramis iſt?“ „Einmal iſt Aramis ſein Name des Verderbens; in Aramis findet man Simara und dies iſt ein Teufels⸗ name; zu ſeiner Ehre hat er dieſen Namen für immer aufgegeben.“ „Ich ſuchte auch nicht Aramis,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan, entſchloſſen bis zum Ende geduldig zu bleiben, „ſondern den Abbé d'Herblay. Nun, mein lieber Bazin, ſagt mir, wo er iſt.“ „Habt Ihr nicht gehört, Herr d'Artagnan, daß ich Euch antwortete, ich wüßte es nicht?“ „ Ja, allerdings, aber hierauf erwiedere ich Euch, daß dies unmöglich iſt.“— „Es iſt dennoch die Wahrheit, gnädiger Herr, die reine Wahrheit, die Wahrheit des guten Gottes.“ DArtagnan ſah ein, daß er von Bazin nichts her⸗ ausbringen würde. Bazin log offenbar, aber er log mit ſo viel Eifer und Feſtigkeit, daß man leicht errathen konnte, er würde nicht von ſeiner Lüge abgehen. d „Wohl, Bazin,“ ſagte d'Artagnan;„da Ihr nicht L wißt, wo Euer Herr ſich aufhält, ſo ſprechen wir nicht weiter davon. Wir wollen uns als gute Freunde tren⸗ nen. Nehmt dieſe halbe Piſtole und trinkt auf meine Ge⸗ d ſundheit.“ 1 „ Ich trinke nicht, Herr,“ ſagte Bazin, majeſtätiſch 4 — —. &O — 20=— 8 —,— ⸗ 98 ich mich in allen dieſen Dingen bedeutend verändert habe, d und da ich nicht daran zweifle, daß Euer Herr auf dem L beſten Weg iſt, ſein Heil zu gründen, ſo komme ich, um Euch zu fragen, wo er ſich aufhält, damit er mir durch 4 ſeinen Rath das meinige machen hilft.“ „Sagt lieber, um Ihn mit Euch in die Welt zu⸗ d rückzuführen. Zum Glücke,“ fügte Bazin bei,„weiß ich, 9 nicht, wo er iſt, denn da wir an einem heiligen Orte d ſind, würde ich keine Lüge wagen.“ „Wie!“ rief dArtagnan ſehr ärgerlich,„Ihr wißt nicht, wo Aramis iſt?“ ⸗ 9 „Einmal iſt Aramis ſein Name des Verderbens; in i Aramis findet man Simara und dies iſt ein Teufels⸗ ſi name; zu ſeiner Ehre hat er dieſen Namen für immer aufgegeben.“ 2 „Ich ſuchte auch nicht Aramis,“ erwiederte d'Ar⸗ 6 tagnan, entſchloſſen bis zum Ende geduldig zu bleiben, „ſondern den Abbé dHerblay. Nun, mein lieber Bazin, ſagt mir, wo er iſt.“ „Habt Ihr nicht gehört, Herr dArtagnan, daß ich Euch antwortete, ich wüßte es nicht?“ f „Ja, allerdings, aber hierauf erwiedere ich Euch, daß dies unmöglich iſt.“ „Es iſt dennoch die Wahrheit, gnädiger Herr, die reine Wahrheit, die Wahrheit des guten Gottes.“ D'Artagnan ſah ein, daß er von Bazin nichts her⸗ ausbringen würde. Bazin log offenbar, aber er log mit ſo viel Eifer und Feſtigkeit, daß man leicht errathen 3 konnte, er würde nicht von ſeiner Lüge abgehen. „Wohl, Bazin,“ ſagte dArtagnan;„da Ihr nicht wißt, wo Euer Herr ſich aufhält, ſo ſprechen wir nicht weiter davon. Wir wollen uns als gute Freunde tren⸗ de nen. Nehmt dieſe halbe Piſtole und trinkt auf meine Ge⸗ ſundheit.“ „Ich trinke nicht, Herr,“ ſagte Bazin, majeſtütiſch „ „ 4 5 frei war 2 99 de Hand des Offiziers zurückſtoßend,„das iſt gut für die aien. „Unbeſtechlich,“ murmelte d'Ariagnan;„in der That, ich ſpiele ſehr unglücklich.“ Und da d'Artagnan, in ſeine Betrachtungen verſunken, den Rock von Bazin los ließ, ſo benützte dieſer die Gele⸗ genheit, um ſich raſch in die Sacriſtei zurückzuziehen, in der er ſich nicht eher in Sicherheit glaubte, als bis er die Thüre hinter ſich zugeſchloſſen hatte. D Artagnan blieb unbeweglich, nachdenkend, die Au⸗ gen auf die Thüre geheftet, welche eine Schranke zwiſchen ihm und Bazin gezogen hatte, als er fühlte, daß man ſeine Schulter leicht mit der Fingerſpitze berührte. Er wandte ſich um und war im Begriffe, einen Ausruf des Erſtaunens von ſich zu geben, als derjenige, welcher ihn mit der Spitze des Fingers berührt hatte, eben dieſen Finger zum Zeichen des Stillſchweigens auf ſeinen Mund legte.. „Ihr hier, mein lieber Rochefort,“ ſagte d'Artagnan halblaut. e, erwiederte Rochefort.„Wußtet Ihr, daß ich „Ich habe es aus erſter Hand erfahren.“ „Und von wem?“ „Von Planchet.“ „Wie? von Planchet?“ „Allerdings, er hat Euch gerettet.“ „Planchet?... In der That, ich glaubte ihn wie⸗ der zu erkennen. Das beweist, mein Lieber, daß eine Wohlthat nie verloren geht.“ „Was macht Ihr hier?“ „Ich habe Gott für meine glückliche Befreiung ge⸗ dankt,“ ſagte Rochefort. „Was weiter? denn ich nehme an, das iſt nicht Alles.“ „Und dann kam ich, um die Befehle des Coadjutors 7 382B habe, dem um durch zu⸗ ß ich Orte wißt ; in ufels⸗ mmer dAr⸗ eiben, azin, Euch, „die her⸗ g mit athen nicht nicht tren⸗ e Ge⸗ tätiſch 99 die Hand des Offiziers zurückſtoßend,„das iſt gut für die Laien.“ „Unbeſtechlich,“ murmelte d'Artagnan;„in der That, ich ſpiele ſehr unglücklich.“ Und da dArtagnan, in ſeine Betrachtungen verſunken, den Rock von Bazin los ließ, ſo benützte dieſer die Gele⸗ genheit, um ſich raſch in die Saeriſtei zurückzuziehen, in der er ſich nicht eher in Sicherheit glaubte, als bis er die Thüre hinter ſich zugeſchloſſen hatte. DArtagnan blieb unbeweglich, nachdenkend, die Au⸗ gen auf die Thüre geheftet, welche eine Schranke zwiſchen ihm und Bazin gezogen hatte, als er fühlte, daß man ſeine Schulter leicht mit der Fingerſpitze berührte. r wandte ſich um und war im Begriffe, einen Ausruf des Erſtaunens von ſich zu geben, als derjenige, welcher ihn mit der Spitze des Fingers berührt hatte, eben dieſen Finger zum Zeichen des Stillſchweigens auf ſeinen Mund legte. „Ihr hier, mein lieber Rochefort,“ ſagte d'Artagnan halblaut. „St!“ erwiederte Rochefort.„Wußtet Ihr, daß ich frei war?“ „Ich habe es aus erſter Hand erfahren.“ „Und von wem?“ „Von Planchet.“ „Wie? von Planchet?“ „Allerdings, er hat Euch gerettet.“ „Planchet?.. In der That, ich glaubte ihn wie⸗ der zu erkennen. Das beweist, mein Lieber, daß eine Wohlthat nie verloren geht.“ „Was macht Ihr hier?“ „Ich habe Gott für meine glückliche Befreiung ge⸗ dankt,“ ſagte Rochefort. „Was weiter? denn ich nehmean, das iſt nicht Alles.“ Und dann kam ich, um die Befehle d Coadjutors 100 einzuholen und zu ſehen, ob wir nicht etwas thun kön⸗ nen, um den Mazarin in Wuth zu bringen.“ „Schlimmer Kopf! Ihr werdet machen, daß man Euch noch einmal in die Baſtille ſteckt.“ Oh! was das betrifft... ich werde wohl auf mei⸗ ner Hut ſein; dafür ſtehe ich Euch. Die friſche Luft iſt ſo gut! Auch gedenke ich,“ fuhr Rochefort mit voller Bruſt athmend fort:„auch gedenke ich eine Spazierfahrt auf das Land, eine Reiſe in die Provinz zu machen.“ „Ich ebenfalls,“ ſagte d'Artagnan. „Darf man Euch, ohne unbeſcheiden zu ſein, fragen, wohin Ihr geht?“ „Ich ſuche meine Freunde auf.“ „Welche Freude?“ „Diejenigen, von welchen ich Euch geſtern Kunde ge⸗ ben ſollte.“ „Athos, Porthos und Aramis? Ihr ſucht ſie?“ Ja.“ 1 „Auf Ehre?“ „Was iſt denn darüber zu erſtaunen?“ „Nichts... Das iſt komiſch... Und in welchem Auftrage ſucht Ihr ſie?“ „Ihr vermuthet es nicht?“ „Allerdings.“ „Leider weiß ich nicht, wo ſie find.“ „Und Ihr habt kein Mittel, Nachricht von Ihnen zu bekommen? Wartet acht Tage, und ich gebe Euch Auskunft.“ „Acht Tage, das iſt zu viel; ich muß ſie vor drei Tagen gefunden haben.“ „Drei Tage, das iſt kurz,“ ſagte Rochefort,„und Frankreich iſt groß.“ „Gleichviel. Ihr kennt das Wort: es muß ſein, Mit dieſem Wort macht man viele Dinge.“ „Und wann geht Ihr auf Nachforſchungen aus?“ „Ich thue dies bereits.“ 1 100 einzuholen und zu ſehen, ob wir nicht etwas thun kön⸗ nen, um den Mazarin in Wuth zu bringen.“ „Schlimmer Kopf! Ihr werdet machen, daß man Euch noch einmal in die Baſtille ſteckt.“ Oh! was das bekrifft.. ich werde wohl auf mei⸗ ner Hut ſein; dafür ſtehe ich Euch. Die friſche Luft iſt ſo gut! Auch gedenke ich,“ fuhr Rochefort mit voller Bruſt athmend fort:„auch gedenke ich eine Spazierfahrt auf das Land, eine Reiſe in die Provinz zu machen.“ „Ich ebenfalls,“ ſagte d'Artagnan. „Darf man Euch, ohne unbeſcheiden zu ſein, fragen, wohin Ihr geht?“ „Ich ſuche meine Freunde auf.“ „Welche Freude?“ „Diejenigen, von welchen ich Euch geſtern Kunde ge⸗ ben ſollte.“ „Athos„Porthos und Aramis? Ihr ſucht ſie?“ a „J· „Auf Ehre?“ „Was iſt denn darüber zu erſtaunen?“ „Nichts.. Das iſt komiſch„ Und in welchem Auftrage ſucht Ihr ſie?“ „Ihr vermuthet es nicht?“ „Allerdings.“ „Leider weiß ich nicht, wo ſie ſind.“ „Und Ihr habt kein Mittel, Nachricht von Ihnen zu bekommen? Wartet acht Tage, und ich gebe Euch Auskunft.“ „Acht Tage, das iſt zu viel; ich muß ſie vor drei Tagen gefunden haben.“ „Drei Tage, das iſt kurz,“ ſagte Rochefort,„und Frankreich iſt groß.“ „Gleichviel. Ihr kennt das Wort: es muß ſein. Mit dieſem Wort macht man viele Dinge.“ „Und wann geht Ihr auf Nachforſchungen aus?“ „Ich thue dies bereits.“ ge⸗ 101 „Gut Glück!“ „Und Euch glückliche Reiſe!“ „Vielleicht treffen wir uns auf dem Wege.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich.“ „Wer weiß! der Zufall iſt ſo launenhaft.“ „Gott befohlen!“ „Auf Wiederſehen! Doch halt, wenn Mazarin mit Euch ſpricht, ſo ſagt ihm, ich habe Euch beauftragt, ihm mitzutheilen, er werde binnen Kurzem ſehen, ob ich zum Handeln zu alt ſei.“ Und Rochefort entfernte ſich mit dem teufliſchen Lächeln, das d'Artagnan einſt ſo oft beben gemacht hatte. Aber d'Artagnan ſchaute ihn dießmal ohne Bangigkeit und lä⸗ chelnd mit einem Ausdrucke von Schwermuth an, den nur dieſe Erinnerung allein ſeinem Geſichte geben konnte. „Geh', geh', Teufel,“ ſprach er,„und mache, was Du willſt. Mir liegt nichts daran: es gibt keine zweite Conſtanze in der Welt!“ Sich umwendend erblickte d'Artagnan Bazin, der, nach⸗ dem er ſeine kirchlichen Kleider abgelegt hatte, mit dem Sacriſtan plauderte, mit welchem d'Artagnan bei ſeinem Eintritt in die Kirche geſprochen hatte. Bazin ſchien ſehr aufgeregt und machte mit ſeinem kurzen, dicken Arme allerlei Geberden. D Artagnan begriff, daß er ihm aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die größte Verſchwiegenheit in Beziehung auf ſeine Perſon empfahl. D' Artagnan benützte die eifrige Unterredung dieſer zwei Männer, um aus der Kathedrale zu ſchlüpfen und ſich an der Ecke der Rue des Canettes in Hinterhalt zu legen. Bazin konnte, von dem Punkte aus, wo d'Artagnan ver⸗ borgen war, nicht herausgehen, ohne daß man ihn ſah. Fünf Minuten nachher erſchien Bazin auf dem Vor⸗ platz. Er ſchaute rings umher, um ſich zu verſichern, ob er nicht beobachtet würde; aber er erblickte unſern Offizier nicht, deſſen Kopf allein vor die Ecke eines Hauſes fünfzig Schritte von da hervorſah. Durch den Anſchein en ch rei 5 101 „Gut Glück!“ „Und Euch glückliche Reiſe!“ „Vielleicht treffen wir uns auf dem Wege.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich.“ „Wer weiß! der Zufall iſt ſo launenhaft.“ „Gott befohlen!“ „Auf Wiederſehen! Doch halt, wenn Mazarin mit Euch ſpricht, ſo ſagt ihm, ich habe Euch beauftragt, ihm mitzutheilen, er werde binnen Kurzem ſehen, ob ich zum Handeln zu alt ſei.“ Und Rochefortentfernte ſich mit dem teufliſchen Lächeln, das d'Artagnan einſt ſo oft beben gemacht hatte. Aber dArtagnan ſchaute ihn dießmal ohne Bangigkeit und lä⸗ chelnd mit einem Ausdrucke von Schwermuth an, den nur dieſe Erinnerung allein ſeinem Geſichte geben konnte. „Geh', geh', Teufel,“ ſprach er,„und mache, was Du willſt. Mir liegt nichts daran: es gibt keine zweite Conſtanze in der Welt!“ Sich umwendend erblickte dArtagnan Bazin, der, nach⸗ dem er ſeine kirchlichen Kleider abgelegt hatte, mit dem Sacriſtan planderte, mit welchem dArtagnan bei ſeinem Eintritt in die Kirche geſprochen hatte. Bazin ſchien ſehr aufgeregt und machte mit ſeinem kurzen, dicken Arme allerlei Geberden. D'Artagnan begriff, daß er ihm aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die größte Veiſchwiegenheit in Beziehung auf ſeine Perſon empfahl. DArtagnan benützte die eifrige Unterredung dieſer zwei Männer, um aus der Kathedrale zu ſchlüpfen und ſich an der Ecke der Rue des Canettes in Hinterhalt zu legen. Bazin konnte, von dem Punkte aus, wo d'Artagnan ver⸗ borgen war, nicht herausgehen, ohne daß man ihn ſah. Fünf Minuten nachher erſchien Bazin auf dem Vor⸗ vlatz. Er ſchaute rings umher, um ſich zu verſichern, ob er nicht beobachtet würde; aber er erblickte unſern Offizier nicht, deſſen Kopf allein vor die Ecke eines Hauſes fünfzig Schritte von da hervorſah. Durch den Anſchein 102 beruhigt, wagte er ſich in die Nue Notre⸗Dame. D'Ar⸗ tagnan ſtürzte aus ſeinem Verſteck hervor und kam noch zeitig genug an, um ihn in die Rue de la Juiverie ein⸗ biegen und in der Rue de la Calandre in ein Haus von auſtändigem Aeußern eintreten zu ſehen. Unſer Offtzier zweifelte nicht daran, daß der würdige Meßner in dieſem Hauſe wohne. D'Artagnan erkundigte ſich nicht in dieſem Hauſe. Der Concierge, wenn es einen gab, mußte bereits in Kenntniß geſetzt ſein; war keiner vorhanden, an wen ſollte er ſich dann wenden? Er trat in eine kleine Schenke, welche die Ecke der Rue Saint⸗Eloi und der Rue de la Calandre bildete und verlangte ein Maß Gewürzwein. Dieſes Getränke zu bereiten, bedurfte es einer guten halben Stunde. D'Artagnan hatte alle Zeit, um Bazin zu beſpähen, ohne Verdacht zu erregen. Er erblickte in der Schenke einen kleinen Jungen von zwölf bis fünfzehn Jahren mit aufgeweckter Miene, in welchem er Einen zu erkennen glaubte, den er zwanzig Minuten vorher unter dem Gewande eines Chorknaben geſehen hatte. Er befragte ihn, und da der Diaconats⸗ lehrling kein Intereſſe bei der Verheimlichung hatte, ſo erfuhr d'Artagnan von ihm, daß er von ſechs bis neun Uhr Morgens das Geſchäft eines Chorknaben und von neun Uhr bis Mitternacht das eines Kellners trieb. Waͤhrend d'Artagnan mit dem Kinde plauderte, führte man ein Pferd vor die Thüre des Hauſes von Bazin. Das Pferd war völlig geſattelt und gezäumt. Einen Augenblick nachher kam Bazin herab. „Halt,“ ſagte das Kind,„unſer Meßner begibt ſich auf den Weg.“ „Wohin geht er?“ fragte d'Artagnan. „Bei Gott, ich weiß es nicht.“ 1 7 Fhe halbe Piſtole, wenn Du es in Erfahrung ngſt.“ f 102 beruhigt, wagte er ſich in die Nue Notre⸗Dame. D'Ar⸗ tagnan ſtürzte aus ſeinem Verſteck hervor und kam noch zeitig genng an, um ihn in die Rue de la Juiverie ein⸗ biegen und in der Rue de la Calandre in ein Haus von anſtändigem Aeußern eintreten zu ſehen. Unſer Offizier zweifelte nicht daran, daß der würdige Meßner in dieſem Hauſe wohne. D'Artagnan erkundigte ſich nicht in dieſem Hauſe. Der Concierge, wenn es einen gab, mußte bereits in Kenntniß geſetzt ſein; war keiner vorhanden, an wen ſollte er ſich dann wenden? Er trat in eine kleine Schenke, welche die Ecke der Rue Saint⸗Elvi und der Rue de la Calandre bildete und verlangte ein Maß Gewürzwein. Dieſes Getränke zu bereiten, bedurfte es einer guten halben Stunde. D'Artagnan hatte alle Zeit, um Bazin zu beſpähen, ohne Verdacht zu erregen. Er erblickte in der Schenke einen kleinen Jungen von zwölf bis fünfzehn Jahren mit aufgeweckter Miene, in welchem er Einen zu erkennen glaubte, den er zwanzig Minuten vorher unter dem Gewande eines Chorknaben geſehen hatte. Er befragte ihn, und da der Diaconats⸗ lehrling kein Intereſſe bei der Verheimlichung hatte, ſo erfuhr d'Artagnan von ihm, daß er von ſechs bis neun Uhr Morgens das Geſchäft eines Chorknaben und von neun Uhr bis Mitternacht das eines Kellners trieb. Während dArtagnan mit dem Kinde plauderte, führte man ein Pferd vor die Thüre des Hanſes von Bazin. Das Pferd war völlig geſattelt und gezäumt. Einen Augenblick nachher kam Bazin herab. „Halt,“ ſagte das Kind,„unſer Meßner begibt ſich auf den Weg.“ „Wohin geht er?“ fragte dArtagnan. „Bei Gott, ich weiß es nicht.“ „Eine halbe Piſtole, wenn Du es in Erfahrung bringſt.“ 2 ung „Für mich?“ rief der Knabe, deſſen Augen vor Freude funkelten,„wenn ich in Erfahrung bringe, wohin Herr Bazin geht? Das iſt nicht ſchwierig! Ihr treibt nicht Euern Spott mit mir?“ 3 „Nein, auf Offizierswort; halt, hier iſt die halbe Piſtole.“.. Und er zeigte ihm die Beſtechungsmünze, aber ohne ſie ihm wirklich zu geben. 8 „Ich will ihn fragen.“ „Das iſt gerade das Mittel, um nichts zu erfahren,“ erwiederte d'Artagnan,„warte, bis er weggeritten iſt. Dann forſche, frage, unterrichte Dich. Das iſt Deine Sache; die halbe Piſtole iſt hier.“ Und er ſteckte ſie wieder in ſeine Taſche. „Ich begreife,“ ſagte das Kind mit einem liſtigen Lächeln, das nur den Pariſer Straßenjungen eigenthümlich iſt. Nun, ich werde warten.“ Man hatte nicht lange zu warten. Nach fünf Mi⸗ nuten ritt Bazin, ſein Pferd mit dem Regenſchirme an⸗ treibend, in kurzem Trabe weg.. Es war ſtets die Gewohnheit von Bazin geweſen, einen Regenſchirm in Form einer Reitpeitſche zu tragen. Kaum hatte er ſich um die Ecke der Rue de la Jui⸗ verie gewendet, als ſich das Kind wie ein Leithund auf eine Spur ſtürzte. D'Artagnan nahm ſeinen Platz wieder an dem Tiſche, an den er ſich bei ſeinem Eintritt geſetzt hatte, vollkommen überzeugt, er würde vor zehn Minuten erfahren, was er wiſſen wollte. Das Kind kehrte in der That, ehe dieſe Zeit ab⸗ gelaufen war, zurück. 3 „Nun?“ fragte d'Artagnan. „Nun,“ ſagte der Junge,„man weiß es! „Wohin iſt er geritten?“ „Die halbe Piſtole iſt immer noch für mich?“ „Ganz gewiß. Antworte,“ Ar⸗ och in⸗ on zier em iſe. in llte der und zu nan zu von in zig ben ats⸗ ſo eun von hrte zin. inen ſich cung 103 „Für mich?“ rief der Knabe, deſſen Augen vor Freude funkelten,„wenn ich in Erfahrung bringe, wohin Herr Bazin geht? Das iſt nicht ſchwierig! Ihr treibt nicht Euern Spott mit mir?“ z auf Offizierswort; halt, hier iſt die halbe ble. Und er zeigte ihm die Beſtechungsmünze, aber ohne ſie ihm wirklich zu geben. „Ich will ihn fragen.“ „Das iſt gerade das Mittel, um nichts zu erfahren,“ erwiederte d'Arkagnan,„warte, bis er weggeritten iſt. Dann forſche, frage, unterrichte Dich. Das iſt Deine Sache; die halbe Piſtole iſt hier.“ Und er ſteckte ſie wieder in ſeine Taſche. „Ich begreife,“ ſagte das Kind mit einem liſtigen Lächeln, das nur den Pariſer Straßenjungen eigenthümlich iſt. Nun, ich werde warten.“ Man hatte nicht lange zu warten. Nach fünf Mi⸗ nuten ritt Bazin, ſein Pferd mit dem Regenſchirme an⸗ treibend, in kurzem Trabe weg. Es war ſtets die Gewohnheit von Bazin geweſen, einen Regenſchirm in Form einer Reitpeitſche zu tragen. Kaum hatte er ſich um die Ecke der Rue de la Jui⸗ verie gewendet, als ſich das Kind wie ein Leithund auf eine Spur ſtürzte. D'Artagnan nahm ſeinen Platz wieder an dem Tiſche, an den er ſich bei ſeinem Eintritt geſetzt hatte, vollkommen überzeugt, er würde vor zehn Minuten erfahren, was er wiſſen wollte. Das Kind kehrte in der That, ehe dieſe Zeit ab⸗ gelaufen war, zurück. „Nun?“ fragte d'Artagnan. „Nun,“ ſagte der Junge,„man weiß es!“ „Wohin iſt er geritten?“ „Die halbe Piſtole iſt immer noch für mich?“ „Ganz gewiß. Antworte.“ 104 „Ich will ſie ſehen. Gebt ſie mir, daß ich ſchauen kann, ob ſie nicht falſch iſt.“ „Hier iſt ſie.“ „e, Meiſter“ ſprach das Kind,„der Herr wünſcht Münze zu haben.“ Der Wirth ſaß an ſeinem Zahltiſche, gab Münze und nahm die Piſtole. Das Kind ſteckte die Münze in ſeine Taſche. „Und nun, wohin iſt er gegangen?“ ſprach derta⸗ gnan, der lachend ſeinem Treiben zugeſehen hatte. „Nach Noiſy.“ „Woher weißt Du dies?“ „Ah! bei Gott, ich brauchte nicht viel Witz, um es zu erfahren. Ich erkannte in dem Pferde das eines Flei⸗ ſchers, welcher es zuweilen Herrn Bazin leiht. Ich dachte nun, der Fleiſcher leihe ihm ſein Pferd nicht, ohne zu fragen, wohin er reite, obgleich er Herrn Bazin wohl nicht für fähig hält, das Pferd zu übertreiben.“ „Und er antwortete Dir, Herr Bazin..“ „Begebe ſich nach Noiſy. Dies ſcheint übrigens ſeine ſewohnheit zu ſein, denn er reitet drei⸗ bis viermal in der Woche dahin.“ „Kennſt Du Noiſy?“ „Ganz gewiß; meine Amme iſt dort.“ „Iſt ein Kloſter daſelbſt?“ „Ein prächtiges, ein Jeſuiten⸗Kloſter.“ „Gut,“ murmelte d'Artagnan;„es unterliegt keinem Zweifel mehr.“ „Ihr ſeid alſo zufrieden?“ „Ja. Wie heißt Du?“ „Friquet.“ „ D Artagnan nahm ſeine Schreibtaſel und ſchrieb den Namen des Knaben und die Adreſſe der Schenke auf. „Sagt mir, Herr Offizier,“ ſprach das Kind,„ſind noch mehr halbe Piſtolen zu verdienen?“ Vielleicht,“ antwortete d'Artagnan. 104 „Ich will ſie ſehen. Gebt ſie mir, daß ich ſchauen kann, ob ſie nicht falſch iſt.“ „Hier iſt ſie.“ „He, Meiſter“ ſprach das Kind,„der Herr wünſcht Münze zu haben.“ Der Wirth ſaß an ſeinem Zahltiſche, gab Münze und nahm die Piſtole. 35 Das Kind ſteckte die Münze in ſeine Taſche. „Und nun, wohin iſt er gegangen?“ ſprach d'Arta⸗ gnan, der lachend ſeinem Treiben zugeſehen hatte. „Nach Noiſy.“ „Woher weißt Du dies?“ „Ahl bei Gott, ich brauchte nicht viel Witz, um es zu erfahren. Ich erkannte in dem Pferde das eines Flei⸗ ſchers, welcher es zuweilen Herrn Bazin leiht. Ich dachte nun, der Fleiſcher leihe ihm ſein Pferd nicht, ohne zu fragen, wohin er reite, obgleich er Herrn Bazin wohl nicht für fähig hält, das Pferd zu übertreiben.“ „Und er antwortete Dir, Herr Mzin „Begebe ſich nach Noiſy. Dies ſcheint übrigens ſeine Gewohnheit zu ſein, denn er reitet drei⸗ bis viermal in der Woche dahin.“ „Kennſt Du Noiſy?“ „Ganz gewiß; meine Amme iſt dort.“ „Iſt ein Kloſter daſelbſt?“ „Ein prächtiges, ein Jeſuiten⸗Kloſter.“ „Gut,“ murmelte dArtagnan;„es unterliegt keinem Zweifel mehr.“ „Ihr ſeid alſo zufrieden?“ „Ja. Wie heißt Du?“ „Friquet.“ „DArtagnan nahm ſeine Schreibtafel und ſchrieb den Namen des Knaben und die Adreſſe der Schenke auf. „Sagt mir, Herr Offizier,“ ſprach das Kind,„ſind noch mehr halbe Piſtolen zu verdienen?“ „Vielleicht,“ antwortete dArtagnan. ——„8—— ten — Und da er wußte, was er wiſſen wollte, ſo bezahlte er den Gewürzwein, den er nicht getrunken hatte, und ſchlug raſch wieder den Weg nach der Rue Tiquetonne ein. IX. Wie d'Artagnan, während er Aramis ſehr ferne ſuchte, wahrnahm, daß er hinter Planchet auf dem Pferde ſaß. Als d'Artagnan eintrat, ſah er einen Mann an der Ecke des Kamins ſitzen: es war Planchet; aber Planchet, ſo gut metamorphoſirt durch die alten Kleider, die der Eheherr zurückgelaſſen hatte, daß er ſelbſt Mühe hatte, ihn wieder zu erkennen. Madeleine ſtellte ihn im Angeſicht aller Aufwärter vor. Planchet wandte ſich an den Ofſizier mit einer ſchönen flamändiſchen Phraſe. Der Ofſizier ant⸗ wortete ihm mit einigen Worten, welche keiner Sprache angehörten, und der Handel war abgeſchloſſen. Der Bruder der Madeleine trat in den Dienſt von d'Artagnan. Der Plan von d'Artagnan war vollkommen feſtgeſtellt; aus Furcht, erkannt zu werden, wollte er nicht bei Tage in Noiſy ankommen. Er hatte alſo Zeit vor ſich, denn Noiſy lag nur drei bis vier Lieues von Paris auf der Straße nach Meaur. Er fing damit an, daß er ein tüchtiges Frühſtück zu ſich nahm, was ein ſchlimmes Debut ſein kann, wenn man mit dem Kopfe handeln will, was jedoch eine vortreffliche Vorſichtsmaßregel iſt, wenn man mit ſeinem Körper zu handeln gedenkt; hienach wechſelte er ſeine Kleider, befürch⸗ tend, die Kaſake des Lieutenants der Musketiere könnte auen nſcht ünze Urta⸗ m es Flei⸗ achte e zu wohl ſeine lem den ind —,— Und da er wußte, was er wiſſen wollte, ſo bezahlte er den Gewürzwein, den er nicht getrunken hatte, und ſchlug raſch wieder den Weg nach der Rue Tiquetonne ein. IX. wie dArtagnan, während er Aramis ſehr ferne ſuchte, wahrnahm, daß er hinter Planchet auf dem Pferde ſaß. Als d'Artagnan eintrat, ſah er einen Mann an der Ecke des Kamins ſitzen: es war Planchet; aber Planchet, ſo gut metamorphoſirt durch die alten Kleider, die der Eheherr zurückgelaſſen hatte, daß er ſelbſt Mühe hatte, ihn wieder zu erkennen. Madeleine ſtellte ihn im Angeſicht aller Aufwärter vor. Planchet wandte ſich an den Offizier mit einer ſchönen flamändiſchen Phraſe. Der Ofſizier ant⸗ wortete ihm mit einigen Worten, welche keiner Sprache angehörten, und der Handel war abgeſchloſſen. Der Bruder der Madeleine trat in den Dienſt von dArtagnan. Der Plan von d'Artagnan war vollkommen feſtgeſtellt; aus Furcht, erkannt zu werden, wollte er nicht bei Tage in Noiſy ankommen, Er hatte alſo Zeit vor ſich, denn Noiſy lag nur drei bis vier Lieues von Paris auf der Straße nach Meaur. Er fing damit an, daß er ein tüchtiges Frühſtück zu ſich nahm, was ein ſchlimmes Debut ſein kann, wenn man mit dem Kopfe handeln will, was jedoch eine vortreffliche Vorſichtsmaßregel iſt, wenn man mit ſeinem Körper zu handeln gedenkt; hienach wechſelte er ſeine Kleider, befürch⸗ tend, die Kaſake des Lieutenants der Musketiere könnte 3 zudenken. D'Artagnan dachte alſp nach und Planchet Mißtrauen einflößen. Dann nahm er den ſtärkſten und ſolideſten von ſeinen drei Degen, den er nur an feſtlichen Tagen zu wählen pflegte, und endlich gegen zwei Uhr ließ er zwei Pferde ſatteln und ritt, von Planchet gefolgt, durch die Barriere de la Vilette hinaus. In dem Hauſe neben dem Gaſthofe zur Rehziege ſtellte man immer noch die thätigſten Nachforſchungen an, um Planchet aufzufinden. Anderthalb Lieues von Paris hielt d'Artagnan an, da er ſah, daß er in ſeiner Ungeduld immer noch zu früh abgegangen war, und ließ die Pferde verſchnaufen. Die Herberge war voll von Leuten von verdächtigem Ausſehen. Sie ſchienen im Begriff zu ſein, eine nächtliche Unterneh⸗ mung zu verſuchen. Ein in einen Mantel gehüllter Menſch erſchien an der Thüre. Als er aber einen Fremden ſah, machte er ein Zeichen mit der Hand und zwei Trinker gingen mit ihm hinaus, um ſich mit ihm zu beſprechen. D'Artagnan näherte ſich auf eine ganz gleichgültige Weiſe der Herrin des Hauſes, lobte ihren Wein, einen abſcheulichen Krätzer von Montreuil, machte einige Fragen an ſie über Noiſy und erfuhr, daß es in dieſem Dorfe nur zwei Häuſer von großartigem Ausſehen gebe; das eine gehöre dem Erzbiſchof von Paris und werde in dieſem Augenblick von ſeiner Nichte, der Frau Herzogin von Longueville, bewohnt; das andere ſei ein Jeſuitenkloſter und der Gewohnheit gemäß das Eigenthum dieſer würdigen Väter. Man konnte ſich alſo nicht täuſchen. 3 Um vier Uhr begab ſich d'Artagnan wieder auf den. Weg; er ließ ſein Pferd nur noch im Schritte marſchiren, denn er wollte erſt, wenn es völlig Nacht geworden wäre, an Ort und Stelle kommen. Wenn man aber im Schritt reitet, an einem Wintertage, bei einem nebeligen Wetter, in einer Gegend, wo man keinen Unfall zu befuͤrchten hat, ſo hat man kaum etwas Beſſeres zu thun, als das, was, wie Lafontaine ſagt, der Haſe in ſeinem Lager thut, nach⸗ 106 Mißtrauen einflößen. Dann nahm er den ſtärkſten und ſolideſten von ſeinen drei Degen, den er nur an feſtlichen Tagen zu wählen pflegte, und endlich gegen zwei Uhr ließ er zwei Pferde ſatteln und ritt, von Planchet gefolgt, durch die Barriere de la Vilette hinaus. In dem Hauſe neben dem Gaſthofe zur Rehziege ſtellte man immer noch die thätigſten Nachforſchungen an, um Planchet aufzufinden. Anderthalb Lieues von Paris hielt d'Artagnan an, da er ſah, daß er in ſeiner Ungeduld immer noch zu früh abgegangen war, und ließ die Pferde verſchnaufen. Die Herberge war voll von Leuten von verdächtigem Ausſehen. Sie ſchienen im Begriff zu ſein, eine nächtliche Unterneh⸗ mung zu verſuchen. Ein in einen Mantel gehüllter Menſch erſchien an der Thüre. Als er aber einen Fremden ſah, machte er ein Zeichen mit der Hand und zwei Trinker gingen mit ihm hinaus, um ſich mit ihm zu beſprechen. DArtagnan näherte ſich auf eine ganz gleichgültige Weiſe der Herrin des Hauſes, lobte ihren Wein, einen abſcheulichen Krätzer von Montreuil, machte einige Fragen an ſie über Noiſy und erfuhr, daß es in dieſem Dorfe nur zwei Häuſer von großartigem Ausſehen gebe; das eine gehöre dem Eczbiſchof von Paris und werde in dieſem Augenblick von ſeiner Nichte, der Frau Herzogin von Longueville, bewohnt; das andere ſei ein Jeſuitenkloſter und der Gewohnheit gemäß das Eigenthum dieſer würdigen Väter. Man konnte ſich alſo nicht täuſchen. Um vier Uhr begab ſich dArtagnan wieder auf den Wegz er ließ ſein Pferd nur noch im Schritte marſchiren, denn er wollte erſt, wenn es völlig Nacht geworden wäre, an Ort und Stelle kommen. Wenn man aber im Schritt reitet, an einem Wintertage, bei einem nebeligen Wetter, in einer Gegend, wo man keinen Unfall zu befürchten hat ſo hat man kaum etwas Beſſeres zu thun, als das, was, wie Lafontaine ſagt, der Haſe in ſeinem Lager thut, nach⸗ zudenken. D'Artagnan dachte alſo nach und Planchet ſi e — n —— * 3 107 ebenfalls; nur waren ihre Träumereien, wie man ſehen wird, verſchiedener Natur. Ein Wort der Wirthin hatte den Gedanken von d'Ar⸗ tagnan eine beſondere Richtung gegeben. Dieſes Wort war der Name der Frau von Longueville. Frau von Longueville hatte in der That Alles, was zum Nachdenken veranlaſſen kann: es war eine der vor⸗ nehmſten Damen des Königreichs, es war eine der ſchönſten Frauen des Hofes. An den alten Herzog von Longueville verheirathet, den ſie nicht liebte, galt ſie Anfangs für die Geliebte von Coligny, der ſich in einem Zweikampfe auf der Place⸗Royale von dem Herzog von Guiſe für ſie tödten ließ. Dann ſprach man von einer etwas zu zärtlichen Freundſchaft, welche ſie für den Prinzen von Condé gehabt haben ſoll, worüber ſich die furchtſamen Seelen des Hofes ſcandaliſirten. Ferner ſagte man auch, ein wahrer und aufrichtiger Haß ſei auf dieſe Freundſchaft gefolgt, und die Herzogin von Longueville ſtehe in dieſem Augenblicke, wie man ebenfalls ſagte, in einer politiſchen Verbindung mit dem Prinzen von Marfillac, dem älteſten Sohne des alten Herzogs de la Rochefaucoult, aus welchem ſie einen Feind des Herrn Herzogs von Condé, ihres Bruders, zu machen beſtrebt war. D'Artagnan dachte an alle dieſe Dinge. Er dachte daran, daß er im Louvre oft die ſchöne Frau von Longue⸗ ville ſtrahlend und blendend an ſich hatte vorüber gehen ſehen. Er dachte an Aramis, der, ohne mehr zu ſein als er, einſt der Geliebte von Frau von Chevreuſe geweſen war, die an dem früheren Hofe dieſelbe Stellung einge⸗ nommen hatte, welche an dem gegenwärtigen Frau von Longueville einnahm. Er fragte ſich, warum es in der Welt Menſchen gebe, welche Alles erreichen, was ſie wuünſchen, dieſe im Punkte des Ehrgeizes, jene im Punkte der Liebe, während Andere, ſei es aus Zufall, ſei es aus Mifßßgeſchick, ſei es in Folge eines von der Natur in ſie nd en eß ch en die da üh ie en. eh⸗ ſch ah, ker tige nen gen orfe das ſem von und igen den ren, äre, hritt tter, hat, was, ach⸗ nchet — ð 107 ebenfalls; nur waren ihre Träumereien, wie man ſehen wird, verſchiedener Natur. Ein Wort der Wirthin hatte den Gedanken von d'Ar⸗ tagnan eine beſondere Richtung gegeben. Dieſes Wort war der Name der Frau von Longueville. Frau von Longueville hatte in der That Alles, was zum Nachdenken veranlaſſen kann: es war eine der vor⸗ nehmſten Damen des Königreichs, es war eine der ſchönſten Frauen des Hofes. An den alten Herzog von Longueville verheirathet, den ſie nicht liebte, galt ſie Anfangs für die Geliebte von Coligny, der ſich in einem Zweikampfe auf der Place⸗Royale von dem Herzog von Guiſe für ſie tödten ließ. Dann ſprach man von einer etwas zu zärtlichen Freundſchaft, welche ſie für den Prinzen von Condé gehabt haben ſoll, worüber ſich die furchtſamen Seelen des Hofes ſcandaliſirten. Ferner ſagte man auch, ein wahrer und aufrichtiger Haß ſei auf dieſe Freundſchaft gefolgt, und die Herzogin von Longueville ſtehe in dieſem Augenblicke, wie man ebenfalls ſagte, in einer pvlitiſchen Verbindung mit dem Prinzen von Marfillac, dem älteſten Sohne des alten Herzogs de la Rochefaucoult, aus welchem ſie einen Feind des Herrn Herzogs von Condé, ihres Bruders, zu machen beſtrebt war. D'Artagnan dachte an alle dieſe Dinge. Er dachte daran, daß er im Louvre oft die ſchöne Frau von Longue⸗ ville ſtrahlend und blendend an ſich hatte vorüber gehen ſehen. Er dachte an Aramis, der, uhne mehr zu ſein als er, einſt der Geliebte von Frau von Chevreuſe geweſen war, die an dem früheren Hofe dieſelbe Stellung einge⸗ nommen hatte, welche an dem gegenwärtigen Frau von Longueville einnahm. Er fragte ſich, warum es in der Welt Menſchen gebe, welche Alles erreichen, was ſie wünſchen, dieſe im Punkte des Ehrgeizes, jene im Punkte der Liebe, während Andere, ſei es aus Zufall, ſei es aus Mißgeſchick, ſei es in Folge eines von der Natur in ſie 108 gelegten Hinderniſſes, auf dem halben Wege aller ihrer Hoffnungen bleiben. Er mußte ſich zugeſtehen, daß er trotz ſeines Geiſtes, trotz ſeiner Geſchicklichkeit von dieſen letzteren wäre und bleiben würde, als Planchet ſich ihm naͤherte und ſagte: „Ich wette, gnädiger Herr, Ihr denkt an daſſelbe, wie ich.“ „Ich zweifle, Planchet,“ erwiederte d'Artagnan lä⸗ chelnd.„Doch woran denkſt Du? laß hören.“ „Ich denke an die verdächtig ausſehenden Leute, welche in der Herberge tranken, wo wir anhielten. „Stets klug, Planchet.“ „Gnädiger Herr, das iſt Inſtinkt.“ Flun„ſprich: was ſagt Dein Inſtinkt in dieſer Hin⸗ ſicht „Mein Inſtinkt ſagte mir: dieſe Leute wären in einer ſchlimmen Abſicht in der Herberge verſammelt, und ich überlegte mir das, was mir mein Inſtinkt in dem dun⸗ kelſten Winkel des Stalles ſagte, als ein in einen Mantel eingehüllter Mann, gefolgt von zwei andern Männern, in eben dieſen Stall eintrat.“ 8 „Ah, Ah!“ rief d'Artagnan, denn die Erzählung von Planchet ſtand im Zuſammenhang mit ſeinen vorher⸗ gehenden Bemerkungen.„Nur weiter?“ „Der eine von den zwei Männern ſagte: „„Er muß ſicherlich in Noiſy ſein oder heute Abend dahin kommen, denn ich habe ſeinen Bedienten erkannt.““ 3 „„Du biſt Deiner Sache gewiß?““ fragte der Mann im Mantel. „„Ja, mein Prinz.““ 8 „Mein Prinz?“ unterbrach ihn d'Artagnan. „Ja, mein Prinz, doch hört:„„Wenn er dort iſt, was ſollen wir dann thun?““ ſprach der andere Trinker.“„ „„Was man thun ſoll?““ ſagte der Prinz. 4 „„Ja, er iſt nicht der Mann, der ſich ſo fangen läßt; er wird gehörig mit dem Degen ſpielen.““ . 12 108 gelegten Hinderniſſes, auf dem halben Wege aller ihrer Hoffnungen bleiben. Er mufßte ſich zugeſtehen, daß er trotz ſeines Geiſtes, trotz ſeiner Geſchicklichkeit von dieſen letzteren wäre und bleiben würde, als Planchet ſich ihm näherte und ſagte: „Ich wette, gnädiger Herr, Ihr denkt an daſſelbe, wie ich.“ „Ich zweifle, Planchet,“ erwiederte d'Artagnan lä⸗ chelnd.„Doch woran denkſt Du? laß hören.“ „Ich denke an die verdächtig uſehenben Leute, welche in der Herberge tranken, wo wir anhielten.“ „Stets klug, Planchet.“ „Gnädiger Herr, das iſt Inſtinkt.“ „Nun, ſprich: was ſagt Dein Inſtinkt in ſe Hin⸗ ſicht?“ „Mein Inſtinkt ſagte mir: dieſe Leute wären in einer ſchlimmen Abſicht in der Herberge verſammelt, und ich überlegte mir das, was mir mein Inſtinkt in dem dun⸗ kelſten Winkel des Stalles ſagte, als ein in einen Mantel eingehüllter Mann, gefolgt von zwei andern Männern, in eben dieſen Stall eintrat. 4 h Ah!“ rief dArtagnan, denn die Erzählung von Planchet ſtand im Zuſammenhang, mit ſeinen vorher⸗ gehenden Bemerkungen.„Nur weiter?“ „Der eine von den zwei Männern ſagte: „„Er muß ſicherlich in Noiſy ſein oder heute Abend dahin kommen, denn ich habe ſeinen Bedienten erkannt.““ „„Du biſt Deiner Sache gewiß?““ fragte der Mann im Mantel. „„Ja, mein Prinz. „Mein Prinz?“ unterbrach ihn d'Artagnan. . „Ja, mein Prinz, doch hört:„„Wenn er dort iſt,. was ſollen wir dann thun?““ ſprach der andere Trinker.“ „Was man thun ſoll?““ ſagte der Prinz. „„Ja, er iſt nicht der Mann, der ſich ſo fangen läßt; er wird gehörig mit dem Degen ſpielen.““ ben um Mi iſt Ta iſt diet ziel kon bez alle det h tier „ick mie Zei * 109 „„Nun, man muß es machen, wie er, dabei aber bemüht ſein, ihn lebendig zu bekommen. Habt Ihr Stricke, um ihn zu binden, und einen Knebel, um ihn in ſeinen Mund zu ſtecken?““ „„Wir haben Alles dies.““ „„Seid auf Eurer Hut, aller Wahrſcheinlichkeit nach iſt er als Cavalier verkleidet.““ „„Ja, ja, Monſeigneur, ſeid unbeſorgt.““ „„Uebrigens werde ich dabei ſein und Euch führen.““ „„Ihr ſteht dafür, daß die Gerichte... 2ℳ „„Ich ſtehe für Alles““ ſagte der Prinz.“ „„Gut, wir werden unſer Möglichſtes thun.““ „Und hienach verließen ſie den Stall.“ „Nun,“ ſprach d'Artagnan,„was geht das uns an? Das iſt eine von den Unternehmungen, wie man ſie alle Tage macht.“ n 2„Wißt Ihr gewiß, daß ſie nicht gegen uns gerichtet „Gegen uns! und warum?“ „Erinnert Euch ihrer Worte:„„Ich habe ſeinen Be⸗ dienten erkannt,““ ſagte der Eine, was ich auf mich be⸗ ziehen könnte.“. „Weiter?“ „„Er muß in Noiſy ſein oder heute Abend dahin kommen,““ ſagte der Andere, was ſich wohl auf Euch beziehen könnte.“ „Ferner?“ „Dann ſprach der Prinz:„„Seid auf Eurer Hut, aller Wahrſcheinlichkeit, nach iſt er als Cavalier geklei⸗ det,““ was mir keinen Zweifel mehr übrig zu laſſen ſcheint, Ihr ſeid als Cavalier und nicht als Offizier der Muske⸗ tiere gekleidet. Nun was ſagt Ihr hiezu?“ „Ach!“ ſprach d'Artagnan einen Seufzer ausſtoßend „ich bin leider nicht mehr in der Zeit, wo die Prinzen mich ermorden laſſen wollen. Ah, das war eine ſchöͤne Zeit. Sei unbeſorgt, dieſe Leute wollen nicht an uns. — 109 „„Nun, man muß es machen, wie er, dabei aber bemüht ſein, ihn lebendig zu bekommen. Habt Ihr Stricke, hrer um ihn zu binden, und einen Knebel, um ihn in ſeinen Mund zu ſtecken?““ ſtes,„„Wir haben Alles dies.““ und„„Seid auf Eurer Hut, aller Wahrſcheinlichkeit nach gte:„ iſt er als Cavalier verkleidet.““ elbe,„„Ja, ja, Monſeigneur, ſeid unbeſorgt.““ 2„„Uebrigens werde ich dabei ſein und Euch führen.““ l⸗„„Ihr ſteht dafür, daß die Gerichte 20 „„Ich ſtehe für Alles““ ſagte der Prinz.“ lche„„Gut, wir werden unſer Möglichſtes thun.““ „Und hienach verließen ſie den Stall.“ „Nun,“ ſprach dArtagnan,„was geht das uns an? 55 Das iſt eine von den Unternehmungen, wie man ſie alle in⸗ Tage macht.“ i Ihr gewiß, daß ſie nicht gegen uns gerichtet iner iſt? ich„Gegen uns! und warum?“ un⸗„Erinnert Euch ihrer Worte:„„Ich habe ſeinen Be⸗ ntel dienten erkannt,“ ſagte der Eine, was ich auf mich be⸗ in ziehen könnte.“ „Weiter?“ ung„„Er muß in Noiſy ſein oder heute Abend dahin her⸗ kommen,““ ſagte der Andere, was ſich wohl auf Euch beziehen könnte.“ „Ferner?“ 6„Dann ſprach der Prinz:„„Seid auf Eurer Hut, aller Wahrſcheinlichkeit nach iſt er als Cavalier geklei⸗ nn, det, was mir keinen Zweifel mehr übrig zu laſſen ſcheint, Ihr ſeid als Cavalier und nicht als Offizier der Muske⸗ tiere gekleidet. Nun was ſagt Ihr hiezu?“ „Ach!“ ſprach d'Artagnan einen Seufzer ausſtoßend, iſt, vich bin leider nicht mehr in der Zeit, wo die Prinzen r. mich ermorden laſſen wollen. Ah, das war eine ſchöne Zeit. Sei unbeſorgt, dieſe Leute wollen nicht an uns.“ gen 110 „ Iſt der gnädige Herr deſſen gewiß?“ „ Ich ſtehe dafür.“ „Dann iſt es gut, ſprechen wir nicht mehr davon.“ Und Planchet nahm wieder ſeinen Platz hinter d'Ar⸗ tagnan mit dem erhabenen Vertrauen ein, das er immer zu ſeinem Herrn gehabt hatte, und das durch eine Tren⸗ nung von fünfzehn Jahren nicht geſchwächt worden war. So machte man eine Meile. Nach dieſer Meile näherte ſich Planchet d'Artagnan und ſagte zu ihm: „Gnädiger Herr!“.. „Was gibt es?“ „Schaut auf dieſe Seite. Kommt es Euch nicht vor, als erblicktet Ihr etwas wie Schatten mitten durch die Nacht hinziehen. Horcht! es kommt mir vor, man höre Pferdetritte.“ „Unmöglich,“ ſagte d'Artagnan,„die Erde iſt durch den Regen aufgeweicht. Aber es ſcheint mir auch, als ſähe ich etwas.“ Und er hielt an, um zu ſchauen und zu horchen. „Wenn man nicht die Tritte von Pferden hört, ſo hört man wenigſtens ihr Gewieher.“ Es ſchlug wirklich das Gewieher eines Pferdes, den Raum und die Dunkelheit durchdringend, an das Ohr von d'Artagnan. „Unſere Leute ſind im Felde,“ ſagte er,„aber das geht uns nichts an. Setzen wir unſern Weg fort.“ Und ſie ritten weiter. Eine halbe Stunde nachher erreichten ſie die erſten Häuſer von Noiſy. Es mochte etwa halb neun Uhr Abends ſein. Nach den dörflichen Gewohnheiten hatte ſich ſchen alle Welt niedergelegt und kein Licht glänzte mehr im Orie. D Artagnan und Planchet ſetzten ihren Weg fortß rechts und links von ihrer Straße hob ſich auf dem dü⸗ ſtern Grau des Himmels der noch düſterere Zahnſchnitt 110 „Iſt der gnädige Herr deſſen gewiß?“ „Ich ſtehe dafür.“ „Dann iſt es gut, ſprechen wir nicht mehr davon.“ Und Planchet nahm wieder ſeinen Platz hinter d'Ar⸗ tagnan mit dem erhabenen Vertrauen ein, das er immer zu ſeinem Herrn gehabt hatte, und das durch eine Tren⸗ nung von fünfzehn Jahren nicht geſchwächt worden war. So machte man eine Meile. Nach dieſer Meile näherte ſich Planchet d'Artagnan und ſagte zu ihm: „Gnädiger Herr!“ „Was gibt es?“ „Schaut auf dieſe Seite. Kommt es Euch nicht vor, als erblicktet Ihr etwas wie Schatten mitten durch die Nacht hinziehen. Horcht! es kommt mir vor, man höre Pferdetritte.“ „Unmöglich,“ ſagte dArtagnan,„die Erde iſt duich den Regen aufgeweicht. Aber es ſcheint mir auch, als ſähe ich etwas.“„ Und er hielt an, um zu ſchauen und zu horchen. „Wenn man nicht die Tritte von Pferden hörk, ſo hört man wenigſtens ihr Gewieher.“ Es ſchlug wirklich das Gewieher eines Pferdes, den Raum und die Dunkelheit durchdringend, an das Ohr von d'Artagnan. „Unſere Leute ſind im Felde,“ ſagte er,„aber das geht uns nichts an. Setzen wir unſern Weg fort.“ Und ſie ritten weiter. Eine halbe Stunde nachher erreichten ſie die erſten Hänſer von Noiſy. Es mochte etwa halb neun Uhr Abends ſein. Nach den dörflichen Gewohnheiten hatte ſich ſchon alle Welt niedergelegt und kein Licht glänzte mehr im Orte. D'Artagnan und Planchet ſetzten ihren Weg fort rechts und links von ihrer Straße hob ſich auf dem dü⸗ ſtern Grau des Himmels der noch düſterere Zahnſchnit r—,—— —„——— — — 111 der Dächer hervor. Von Zeit zu Zeit kläffte ein 3 weckter Hund hinter einer Thüre oder eine erſchrockene Katze verließ eiligſt die Mitte des Pflaſters, um ſich in einen Haufen von Reisbüſchel zu flüchten, wo man wie Karfunkel ihre Augen glänzen ſah. Das waren die einzigen leben⸗ digen Weſen, welche das Dorf zu bewohnen ſchienen. Ungefähr gegen die Mitte des Fleckens erhob ſich, den Hauptplatz beherrſchend und vereinzelt wiſchen zwei Geaſſen, eine dunkle Maſſe, von deren Facade ungeheure Linden ihre entblätterten Aeſte ausbreiteten. D'Artagnan beſchaute das Gebäude aufmerkſam. „Das muß das Schloß des Erzbiſchofs ein,“ ſagte er zu Planchet.„Hier wohnt die ſchöne Frau von Longueville. Aber wo iſt das Kloſter?“ „Das Kloſter?“ erwiederte Planchet,„das Kloſter iſt am Ende des Dorfes, ich kenne es.“ „Nun wohl, ſprach d'Artagnan,„im Galopp bis dahin, Planchet, während ich den Gurt meines Pferdes feſter anziehe, und komme dann zurück, wenn Du ein er⸗ leuchtetes Fenſter bei den Jeſuiten ſiehſt.“ 4 Planchet gehorchte und entfernte ſich in der Dunkel⸗ heit, während d'Artagnan abſtieg und, wie er geſagt hatte, den Gurt ſeines Pferdes zurecht machte. Nach fünf Minuten kam Planchet zurück. „Gnädiger Herr, ſprach er,„es iſt ein einziges Fenſter auf der Seite, welche nach dem Felde geht, er⸗ leuchtet.“ „Hml! wenn ich ein Frondeur wäre, ſo klopfte ich hier an und wäre überzeugt, daß ich ein gutes Lager be⸗ käme; wenn ich ein Mönch wäre, klopfte ich da unten an und wäre ebenfalls überzeugt, daß ich ein gutes Abend⸗ brod bekäme, während es im Gegentheil leicht möglich iſt, daß wir zwiſchen dem Schloſſe und dem Kloſter vor Hunger und Durſt ſterbend auf der harten Erde lieg müſſen.“ „Ja;“ fügte Planchet bei,„wie der berühmte E von.“ d'Ar⸗ mmer Tren⸗ ar. Meile nicht h die höre duich „als t, den vn rdas erſten Uhr ſchon* r im fort dü⸗ 111 der Dächer hervor. Von Zeit zu Zeit kläffte ein aufge⸗ weckter Hund hinter einer Thüre oder eine erſchrockene Katze verließ eiligſt die Mitte des Pflaſters, um ſich in einen Haufen von Reisbüſchel zu flüchten, wo man wie Karfunkel ihre Augen glänzen ſah. Das waren die einzigen leben⸗ digen Weſen, welche das Dorf zu bewohnen ſchienen. Ungefähr gegen die Mitte des Fleckens erhob ſich, den Hauptplatz beherrſchend und vereinzelt wiſchen zwei Gaſſen, eine dunkle Maſſe, von deren Fagade ungeheure Linden ihre entblätterten Aeſte ausbreiteten. D'Artagnan beſchaute das Gebäude aufmerkſam. „Das muß das Schloß des Erzbiſchofs ein,“ ſagte er zu Planchet.„Hier wehnt die ſchöne Frau von Longueville. Aber wo iſt das Kloſter?“ „Das Kloſter?“ erwiederte Planchet,„das Kloſter iſt am Ende des Dorfes, ich kenne es.“ „Nun wohl, ſprach d'Artagnan,„im Galopp bis dahin, Planchet, während ichaden Gurt meines Pferdes feſter anziehe, und komme dann zurück, wenn Du ein er⸗ leuchtetes Fenſter bei den Jeſuiten ſiehſt.“ Planchet gehorchte und entfernte ſich in der Dunkel⸗ heit, während d'Artagnan abſtieg und, wie er geſagt hatte, den Gurt ſeines Pferdes zurecht machte. Nach fünf Minuten kam Planchet zurück. „Gnädiger Herr, ſprach er,„es iſt ein einziges Fenſter auf der Seite, welche nach dem Felde geht, er⸗ leuchtet.“ m! wenn ich ein Frondeur wäre, ſo klopfte ich hier an und wäre überzeugt, daß ich ein gutes Lager be⸗ käme;z wenn ich ein Mönch wäre, klopfte ich da unten an und wäre ebenfalls überzeugt, daß ich ein gutes Abend⸗ brod bekäme, während es im Gegentheil leicht möglich iſt, daß wir zwiſchen dem Schloſſe und dem Kloſter vor Hunger und Durſt ſterbend auf der harten Erde liegen müſſen.“ „Ja,“ fügte Planchet bei,„wie der berühmte Eſel 112 4 von Buridan. Doch mittlerweile wollt Ihr, daß ich klopfe 2 4„St!“ ſagte d'Artagnan,„das einzige Fenſter, wel⸗ 81 4 ches erleuchtet war, iſt dunkel geworden.“ w „Hört Ihr, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet. „In der That, was für ein Geräuſch iſt dies?“ te Es war wie das Toſen eines herannahenden Stur⸗ m mes; in demſelben Augenblick kamen zwei Reitertruppe, w jeder von zehn Mann, aus jeder von den zwei Gaſſen hervor, welche ſich an dem Hauſe hinzogen, und umzin⸗ gelten, jeden Ausgang verſchließend, d'Artagnan und w Planchet. 1 „Oho“ ſagte d'Artagnan, indem er ſeinen Degen ſf zog und ſich hinter ſein Pferd zurückſtellte, während Plan⸗ al 2 chet daſſelbe Manöver ausführte.„Sollteſt Du richtig ta gedacht haben? ſollte man wirklich an uns wollen?“ „Hier iſt er, wir haben ihn!“ ſprachen die Reiter, ſich mit bloßem Degen auf d'Artagnan ſtürzend. „Verfehlt ihn nicht,“ rief eine hohe Stimme. „Nein, Monſeigneur, ſeid unbeſorgt.“ es D'Artagnan glaubte, es wäre der Augenblick für ihn fe gekommen, ſich in das Geſpräch zu miſchen. Hollah! meine Herren!“ rief er mit ſeinem gascogni⸗ ſchen Accente,„was wollt Ihr? was verlangt Ihr?“ „Du ſollſt es erfahren,“ brüllten die Reiter im Chor. „Halt halt!“ ſchrie derjenige, welchen ſie Monſeig⸗ neur genannt hatten,„haltet ein, wenn Euch Euer Kopf lieb iſt. Das iſt nicht ſeine Stimme.“ „Ei, meine Herren,“ ſprach d'Artagnan,„iſt man 4 zufällig in Noiſy wahnſinnig geworden? Nehmt Euch wohl in Acht, denn ich ſage Euch, daß ich dem Erſten, der ſich mir auf die Länge meines Degens nähert, und mein Degen iſt lang, den Bauch auſſchlitze.“ Der Anführer näherte ſich. „ Was macht Ihr hier?“ ſagte er mit einem hoch⸗ müthigen und an das Befehlen gewöhnten Tone. 112 von Buridan. Doch mittlerweile wollt Ihr, daß ich klopfe 2“ „St!“ ſagte dArtagnan,„das einzige Fenſter, wel⸗ ches erleuchtet war, iſt dunkel geworden.“ „Hört Ihr, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet. „In der That, was für ein Geräuſch iſt dies?“ Es war wie das Toſen eines herannahenden Stur⸗ mes; in demſelben Augenblick kamen zwei Reitertruppe, jeder von zehn Mann, aus jeder von den zwei Gaſſen hervor, welche ſich an dem Hauſe hinzogen, und umzin⸗ gelten, jeden Ausgang verſchließend, dArtagnan und Planchet. „Oho“ ſagte d'Artagnan, indem er ſeinen Degen zog und ſich hinter ſein Pferd zurückſtellte, während Plan⸗ chet daſſelbe Manöver ausführte.„Sollteſt Du richtig gedacht haben? ſollte man wirklich an uns wollen?“ „Hier iſt er, wir haben ihn!“ ſprachen die Reiter, ſich mit bloßem Degen auf dAriagnan ſtürzend. „Verfehlt ihn nicht,“ rief eine hohe Stimme. „Nein, Monſeigneur, ſeid unbeſorgt.“ DArtagnan glaubte, es wäre der Augenblick für ihn gekommen, ſich in das Geſpräch zu miſchen. Hollah! meine Herren!“ rief er mit ſeinem gascogni⸗ ſchen Accente,„was wollt Ihr? was verlangt Ihr?“ „Du ſollſt es erfahren,“ brüllten die Reiter im Chor. „Halt halt!“ ſchrie derjenige, welchen ſie Monſeig⸗ neur genannt hatten,„haltet ein, wenn Euch Euer Kopf lieb iſt. Das iſt nicht ſeine Stimme.“ „Ei, meine Herren,“ ſprach dArtagnan,„iſt man zufällig in Noiſy wahnfinnig geworden? Nehmt Euch wohl in Acht, denn ich ſage Euch, daß ich dem Erſten, der ſich mir auf die Länge meines Degens nähert, und mein Degen iſt lang, den Bauch aufſchlitze.“ Der Anführer näherte ſich. „Was macht Ihr hier?“ ſagte er mit einem hoch⸗ müthigen und an das Befehlen gewöhnten Tone. 5 113 ich„Was macht Ihr hier?“ entgegnete d'Artagnan. „Seid höflich oder man wird Euch auf die gehörige zel⸗ Weiſe ſtriegeln, denn obgleich man ſich nicht nennen will, wünſcht man doch ſeinem Range gemäß reſpectirt zu werden. „Ihr wollt nicht erkannt ſein, weil Ihr einen Hin⸗ terhalt leitet,“ ſagte d'Artagnan;„aber ich, der ich ruhig ur⸗ mit meinem Lackeien reiſe, ich habe nicht dieſelben Urſachen, pe, wie Ihr, meinen Namen zu verſchweigen.“ ſſen„Genug! genug! wie heißt Ihr?“ in⸗„Ich ſage Euch meinen Namen, damit Ihr wißt, ind wo Ihr mich finden könnt. Mein Herr, Monſeigneur oder mein Prinz, wie Ihr Euch nennen laſſen möget,“ gen ſprach der Gascogner, der nicht das Ausſehen haben wollte, an⸗ als wiche er einer Drohung,„kennt Ihr Herrn d'Ar⸗ dtig tagnan. „Lieutenant bei den Musketieren?“ fragte die Stimme. ter,„Denſelben.“ „Allerdings.“ „Nun wohl,“ fuhr der Gascogner fort, Ihr müßt es gehört haben, daß er ein feſtes Fauſtgelenk und eine ihn feine Klinge iſt.“ .„Ihr ſeid Herr d'Artagnan?“ ni⸗*„ch bin es.“ 3„Dann kommt Ihr hieher, um ihn zu vertheidigen.“ vr.„Wen, ih n? 44 6 ig⸗„Denjenigen, welchen wir ſuchen.“ pf„Es ſcheint,“ erwiederte d'Artagnan, während ich nach Noiſy zu kommen glaubte, bin ich, ohne es zu ver⸗ mmuthen, in das Königreich der Räthſel gelangt.“ ohl„Antwortet,“ ſprach dieſelbe hochmüthige Stimme. Erwartet Ihr ihn unter dieſen Fenſtern? Kommt Ihr nach Noiſy, um ihn zu vertheidigen?“ „Ich erwarte Niemand,“ erwiederte d'Artagnan, welcher ungeduldig zu werden anfing.„Ich will Niemand ver⸗ theidigen, als mich; aber dieſen mich werde ich kräftig vertheidigen, das ſage ich Euch zum Voraus.“ Zwanzig Jahre nachher. J 8 ich wel⸗ tur⸗ ppe, ſſen zin⸗ und gen an⸗ htig ter, ihn ni⸗ hr. ig⸗ opf ian ohl der ein 113 „Was macht Ihr hier?“ entgegnete dArtagnan. „Seid höflich oder man wird Euch auf die gehörige Weiſe ſtriegeln, denn obgleich man ſich nicht nennen will, wünſcht man doch ſeinem Range gemäß reſpectirt zu werden. „Ihr wollt nicht erkannt ſein, weil Ihr einen Hin⸗ terhalt leitet,“ ſagte d'Artagnan;„aber ich, der ich ruhig mit meinem Lackeien reiſe, ich habe nicht dieſelben Urſachen, wie Ihr, meinen Namen zu verſchweigen.“ „Genug! genug! wie heißt Ihr?“ „Ich ſage Euch meinen Namen, damit Ihr wißt, wo Ihr mich finden könnt. Mein Herr, Monſeigneur oder mein Prinz, wie Ihr Euch nennen laſſen möget,“ ſprach der Gascogner, der nicht das Ausſehen haben wollie, als wiche er einer Drohung,„kennt Ihr Herrn dAr⸗ tagnan. „Lieutenant bei den Musketieren?“ fragte die Stimme. „Denſelben.“ „Allerdings.“ „Nun wohl,“ fuhr der Gascogner fort, Ihr müßt es gehört haben, daß er ein feſtes Fauſtgelenk und eine feine Klinge iſt.“ „Ihr ſeid Herr dArtagnan?“ „Ich bin es.“ „Dann kommt Ihr hieher, um ihn zu vertheidigen.“ „Wen, ihn?“ „Denjenigen, welchen wir ſuchen.“ „Es ſcheint,“ erwiederte dArtagnan, während ich nach Noiſy zu kommen glaubte, bin ich, ohne es zu ver⸗ muthen, in das Königreich der Räthſel gelangt.“ „Antwortet,“ ſprach dieſelbe hochmüthige Stimme. Erwartet Ihr ihn unter dieſen Fenſtern? Kommt Ihr nach Noiſy, um ihn zu vertheidigen?“ „Ich erwarte Niemand,“ erwiederte dArtagnan, welcher ungeduldig zu werden anfing.„Ich will Niemand ver⸗ theidigen, als mich; aber dieſen mich werde ich kräftig vertheidigen, das ſage ich Euch zum Voraus.“ Zwantig Johre nachher, 1. 8 4 114 8 „Gut,“ ſprach die Stimme,„entfernt Euch von hier, räumt uns den Platz.“ 4 „Mich von hier entfernen,“ ſagte d'Artagnan, dem dieſer Befehl ſeine Pläne durchkreuzte,„dies iſt nicht ſo leicht, in Betracht, daß ich vor Müdigkeit umſinke und mein Pferd ebenſo. Ihr müßtet denn geneigt ſein, mir Abendbrod und ein Lager in der Gegend anzubieten.“ „Halunke!“ „Herr!“ rief d'Artagnan„nehmt Euch in Acht mit Euern Worten, ich bitte Euch, denn wenn Ihr noch ein zweites Wort wie dieſes gebrauchtet, ſo würde ich es Euch, wäret Ihr nun Marquis, Herzog oder Prinz, in den Bauch zurückſtoßen; verſteht Ihr?“ „Ganz richtig,“ ſprach der Anführer,„man kann ſich nicht täuſchen, es iſt ein Gascogner, der hier ſpricht, und folglich nicht der Mann, den wir ſu⸗ chen. Wir haben unſern Streich für dieſen Abend ver⸗ fehlt und können nichts Beſſeres thun, als uns zurück⸗ zuziehen... Wir werden uns wiederfinden, Neiſter PAragnn, fügte der Anführer, den Ton verſtärkend, ei.. „Ja, aber nie mit denſelben Vortheilen,“ ſagte der Gascogner ſpottend;„denn wenn Ihr mich wieder findet ſeid Ihr vielleicht allein und es iſt Tag.“ „Gut, gut,“ ſprach die Stimme;„vorwärts, meine Herren!“ Murrend verſchwand die Truppe in der Finſterniß und Tehete, wie es ſchien, in der Richtung von Paris zurück. D'Artagnan und Planchet blieben noch einen Au⸗ genblick in der Defenſive. Als ſich aber das Geräuſch immer mehr entfernte, ſteckten ſie ihre Degen wieder in die Scheide. „Du ſiehſt wohl, Dummkopf,“ ſprach d'Artagnan ruht⸗ zu Planchet,„daßiſie nicht an uns wollten.. 22S —— 114 „Gut,“ ſprach die Stimme,„entfernt Euch von hier, räumt uns den Platz.“ „Mich von hier entfernen,“ ſagte d'Artagnan, dem dieſer Befehl ſeine Pläne durchkreuzte,„dies iſt nicht ſo leicht, in Betracht, daß ich vor Müdigkeit umſinke und mein Pferd ebenſo. Ihr müßtet denn geneigt ſein, mir, Abendbrod und ein Lager in der Gegend anzubieten.“ „Halunke!“ „Herr!“ rief d'Artagnan„nehmt Euch in Acht mit Euern Worten, ich bitte Euch, denn wenn Ihr noch ein zweites Wort wie dieſes gebrauchtet, ſo würde ich es Euch, wäret Ihr nun Marquis, Herzog oder Prinz, in den Bauch, zurückſtoßen; verſteht Ihr?“ „Ganz richtig,“ ſprach der Anführer,„man kann ſich nicht täuſchen, es iſt ein Gascogner, der hier ſpricht, und folglich nicht der Mann, den wir ſiu⸗ chen. Wir haben unſern Streich für dieſen Abend ver⸗ fehlt und können nichts Beſſeres thun, als uns zurück⸗ zuziehen. Wir werden uns wiederfinden, Meiſter dArtagnan,“ fügte der Anführer, den Ton verſtärkend, bei. „Ja, aber nie mit denſelben Vortheilen,“ ſagte det Gascogner ſpottend;„denn wenn Ihr mich wieder findet ſeid Ihr vielleicht allein und es iſt Tag.“ „Gut, gut,“ ſprach die Stimme;„vorwärts, meine Herren!“ Murrend verſchwand die Truppe in der Finſterniß und wie es ſchien, in der Richtung von Paris zurück. D'Artagnan und Flanchet blieben noch einen Au⸗ genblick in der Defenſive. Als ſich aber das Geräuſch immer mehr entfernte, ſteckten ſie ihre Degen wieder in die Scheide. „Du ſiehſt wohl, Dummkopf,“ ſprach dArtagnan ruhig zu Planchet,„daß ſie nicht an uns wollten.“ hit der zu 115 ier,„Aber an wen denn ſonſt?“ ſagte Planchet. Meiner Treue, ich weiß es nicht und es liegt mir dem auch nichts daran. Für mich iſt die Hauptſache, in das ſo Jeſuitenkloſter zu kommen. Zu Pferde alſo und dann ind angeklopft. Es mag koſten, was es will, ſie werden uns nir nicht freſſen.“ Und d'Artagnan ſchwang ſich wieder in den Sattel. Planchet that daſſelbe, als eine unerwartete Laſt auf mit daas Hintertheil ſeines Pferdes fiel. ein„He, Herr!“ rief Planchet, ich habe einen Mann ich, hinter mir!“ uch D'Artagnan wandte ſich um und ſah wirklich zwei menſchliche Formen auf dem Pferde von Planchet. inn„Es ſcheint, der Teufel verfolgt uns,“ rief er, zog dier den Degen und war im Begriffe, den Unerwarteten an⸗ ſu⸗ zugreifen. er⸗„Nein, nein, mein lieber d'Artagnan,“ ſagte dieſer, ick⸗„es iſt nicht der Teufel: ich bin es, Aramis. Im ter Galopp, Planchet, und am Ende des Dorfes links ge⸗ nd, halten.“ Und Aramis auf dem Kreuze fortführend, ritt Plan⸗ der chet im Galopp davon, gefolgt von d'Artagnan, welcher zu det glauben anfing, er mache einen phantaſtiſchen, unzuſam⸗ menhängenden Traum. X. V Der Abbé d'Herblay. Am Ende des Dorfes wandte ſich Planchet links, wie es ihm Aramis beſohlen hatte, und hielt unter dem erleuchteten Fenſter. Aramis ſprang zu Boden und ſchlug 8. hier, dem ht ſo und mit t mit h ein Euch, Bauch kann hier ſi⸗ ver⸗ urück⸗ keiſter rkend, te der findet meine terniß Paris Au⸗ räuſch er in ruhig 11⁵ „Aber an wen denn ſonſt?“ ſagte Planchet. Meiner Treue, ich weiß es nicht und es liegt mir auch nichts daran. Für mich iſt die Hauptſache, in das Jeſuitenkloſter zu kommen. Zu Pferde alſo und dann angeklopft. Es mag koſten, was es will, ſie werden uns nicht freſſen.“ Und dArtagnan ſchwang ſich wieder in den Sattel. Planchet that daſſelbe, als eine unerwartete Laſt auf das Hintertheil ſeines Pferdes fiel. „He, Herr!“ rief Planchet, ich habe einen Mann hinter mir!“ DArtagnan wandte ſich um und ſah wirklich zwei menſchliche Formen auf dem Pferde von Planchet. „Es ſcheint, der Teufel verfolgt uns,“ rief er, zog den Degen und war im Begriffe, den Unerwarteten an⸗ zugreifen. „Nein, nein, mein lieber dArtagnan,“ ſagte dieſer, „es iſt nicht der Teufel: ich bin es, Aramis. Im Galopp, Planchet, und am Ende des Dorfes links ge⸗ halten.“ Und Aramis auf dem Kreuze fortführend, ritt Plan⸗ chet im Galopp davon, gefolgt von dArtagnan, welcher zu glauben anfing, er mache einen phantaſtiſchen, unzuſam⸗ menhängenden Traum. X. Der Abbé d'herblay. Am Ende des Dorfes wandte ſich Planchet links, wie es ihm Aramis befohlen hatte, und hielt unter dem erleuchteten Fenſter. Aramis ſprang zu Boden und ſchlug 8 116 dreimal in ſeine Hände. Sogleich öffnete ſich das Fenſter und eine Strickleiter ſiel herab. „Mein Lieber,“ ſagte Aramis,„wenn Ihr hinauf⸗ ſteigen wollt, ſo wird es mich ſehr freuen, Euch zu em⸗ pfangen.“ „Ah, ſo kehrt man bei Euch nach Hauſe,“ ſprach d'Artagnan. „Wenn es neun Uhr vorüber iſt, muß man es bei Gott ſo machen,“ erwiederte Aramis.„Die Kloſterord⸗ nung iſt äußerſt ſtreng.“ „Um Vergebung, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan, „ich glaube, Ihr habt bei Gott geſagt.“ „Ihr glaubt,“ verſetzte Aramis lachend,„das iſt wohl möglich. Ihr könnt Euch nicht denken, wie viel ſchlechte Gewohnheiten man in dieſen verdammten Klöſtern an⸗ nimmt, und was für abſcheuliche Manieren alle dieſe Kirchenleute haben, mit denen ich zu leben genöthigt bin. Aber Ihr ſteigt nicht hinauf?“ „Steigt voraus, ich folge Euch.“ „Wie der ſelige Cardinal zu dem ſeligen König ſagte:„„Um Euch den Weg zu zeigen, Sire.““ Und Aramis ſtieg leicht die Leiter hinauf und hatte in einem Augenblick das Fenſter erreicht. D'Artagnan folgte ihm, aber langſamer; man ſah, daß er mit ſolchen Wegen weniger vertraut war, als ſein Freund. „Verzeiht,“ ſagte Aramis, als er ſeine Ungeſchicklich⸗ keit wahrnahm;„wenn ich gewußt hätte, daß ich mit einem Beſuche von Euch beehrt würde, ſo hätte ich die Leiter des Gärtners bringen laſſen. Für mich allein iſt dieſe genügend.“ „Gnädiger Herr,“ rief Planchet, als er ſah, daß d'Artagnan auf dem Punkte war, ſeine Aufgeigung zu vollenden,„das geht gut für Herrn Aramis, das geht auch gut für Euch, es würde ſtreng genommen auch ———:õ———& ☚ — 8,— —„ 116 dreimal in ſeine Hände. Sogleich öffnete ſich das Fenſter und eine Strickleiter fiel herab. „Mein Lieber,“ ſagte Aramis,„wenn Ihr hinauf⸗ ſteigen wollt, ſo wird es mich ſehr freuen, Euch zu em⸗ pfangen.“ „Ah, ſo kehrt man bei Euch nach Hauſe,“ ſprach d'Artagnan. „Wenn es neun Uhr vorüber iſt, muß man es bei Gott ſo machen,“ erwiederte Aramis.„Die Kloſterord⸗ nung iſt äußerſt ſtreng.“ „Um Vergebung, mein Freund,“ ſagte dArtagnan, „ich glaube, Ihr habt bei Gvott geſagt.“ „Ihr glaubt,“ verſetzte Aramis lachend,„das iſt wohl wöglich. Ihr könnt Euch nicht denken, wie viel ſchlechte Gewohnheiten man in dieſen verdammten Klöſtern an⸗ nimmt, und was für abſcheuliche Manieren alle dieſe Kirchenleute haben, mit denen ich zu leben genöthigt bin. Aber Ihr ſteigt nicht hinauf?“ „Steigt voraus, ich folge Euch.“ „Wie der ſelige Cardinal zu dem ſeligen König ſagte:„„Um Euch den Weg zu zeigen, Sire.““ Und Aramis ſtieg leicht die Leiter hinauf und hatte in einem Angenblick das Fenſter erreicht. D'Artagnan folgte ihm, aber langſamer; man ſah, daß er mit ſolchen Wegen weniger vertraut war, als ſein Freund. „Verzeiht,“ ſagte Aramis, als er ſeine Ungeſchicklich⸗ keit wahrnahm;„wenn ich gewußt hätte, daß ich mit einem Beſuche von Euch beehrt würde, ſo hätte ich die Leiter des Gärtners bringen laſſen. Für mich allein iſt dieſe genügend.“ „Gnädiger Herr,“ rief Planchet, als er ſah, daß dArtagnan auf dem Punkte war, ſeine Aufſteigung zu vollenden,„das geht gut für Herrn Aramis, das geht auch gut für Euch, es würde ſtteng genommen auch » „ für ſag Eb für Eut Mo Hu 117 für mich gehen, aber die zwei Pferde können nicht wohl an der Strickleiter hinaufſteigen.“ „Führt ſie unter jenen Schoppen, mein Freund, ſagte Aramis und deutete auf eine Hütte, welche in der Ebene ſichtbar war.„Ihr findet dort Stroh und Haber für ſie.“ „Aber für mich?“ „Ihr kommt unter dieſes Fenſter, klatſcht dreimal in Eure Hände, und wir laſſen Euch Lebensmittel herab. Mord und Tod! ſeid unbeſorgt, man ſtirbt hier nicht Hungers.“ Aramis zog die Leiter zurück und ſchloß das Fenſter. D'Artagnan betrachtete das Zimmer. Nie hatte er eine zugleich kriegeriſchere und elegantere Stube geſehen. In jeder Ecke des Zimmers waren Waf⸗ fentrophäen, welche dem Blicke und der Hand Schwerter aller Art boten, und vier große Gemälde ſtellten in ihren Schlachtrüſtungen den Cardinal von Lothringen, den Car⸗ dinal von Richelieu, den Cardinal von Lavalette und den Erzbiſchof von Bordeaur dar. Nichts deutete die Woh⸗ nung eines Abbé an. Die Tapeten waren von Damaſt, die Teppiche kamen von Alençon und das Bett beſonders hatte mehr das Ausſehen des Bettes einer Favoritin, mit ſeiner Spitzenverzierung und ſeiner geſtickten Fußdecke, als das eines Lagers von einem Manne, der das Gelübde ge⸗ than hatte, den Himmel durch Geißelung und Enthalt⸗ ſamkeit zu gewinnen. „Ihr ſchaut mein Kämmerchen an?“ ſagte Aramis. „Ah, mein Lieber, entſchuldigt, ich wohne wie ein Kart⸗ häuſer. Aber was ſucht Ihr denn mit Euren Augen?“ Ich ſuche die Perſon, die Euch die Leiter zugeworfen hat; ich ſehe Niemand, und ſie kann doch nicht ganz allein herabgekommen ſein.“ „Nein, nein, Bazin hat es gethan.“. „Ah, ah!“ rief d'Artagnan. 18 enſter nauf⸗ em⸗ rach bei ord⸗ nan, vohl chte an⸗ ieſe bin. nig atte ah, ſein ich⸗ mit iter ieſe daß zu eht uch 117 für mich gehen, aber die zwei Pferde können nicht wohl an der Strickleiter hinaufſteigen.“ „Führt ſie unter jenen Schoppen, mein Freund, ſagte Aramis und deutete auf eine Hütte, welche in der Ebene ſichtbar war.„Ihr findet doit Stroh und Haber für fie.“ „Aber für mich?“ „Ihr kommt unter dieſes Fenſter, klatſcht dreimal in Eure Hände, und wir laſſen Euch Lebensmittel herab. Mord und Tod! ſeid unbeſorgt, man ſtirbt hier nicht Hungers.“ Aramis zog die Leiter zurück und ſchloß das Fenſter. DArtagnan brtrachtete das Zimmer. Nie hatte er eine zugleich kriegeriſchere und elegantere Stube geſehen. In jeder Ecke des Zimmers waren Waf⸗ fentrophäen, welche dem Blicke und der Hand Schwerter aller Art boten, und vier große Gemälde ſtellten in ihren Schlachtrüſtungen den Cardinal von Lothringen, den Car⸗ dinal von Richelieu, den Cardinal von Lavalette und den Erzbiſchof von Bordeaur dar. Nichts deutete die Woh⸗ nung eines Ablé an. Die Tapeten waren von Damaſt, die Teppiche kamen von Alengon und das Bett beſonders hatte mehr das Ausſehen des Bettes einer Favoritin, mit ſeiner Spitzenverzierung und ſeiner geſtickten Fußdecke, als das eines Lagers von einem Manne, der das Gelübde ge⸗ than hatte, den Himmel durch Geißelung und Enthalt⸗ ſamkeit zu gewinnen. „Ihr ſchaut mein Kämmerchen an?“ ſagte Aramis. „Ah, mein Lieber, entſchuldigt, ich wohne wie ein Kart⸗ häuſer. Aber was ſucht Ihr denn mit Euren Augen?“ Ich ſuche die Perſon, die Euch die Leiter zugeworfen hat; ich ſehe Niemand, und ſie kann doch nicht ganz allein herabgekommen ſein.“ „Nein, nein, Bazin hat es gethan.“ „Ah, ah!“ rief dArtagnan. 118 „Mein Bazin iſt ein guter, abgerichteter Burſche,“ fuhr Aramis fort;„da er ſah, daß ich nicht allein kam, zog er ſich aus Discretion zurück. Doch ſetzt Euch, mein Lieber, und laßt uns plaudern.“ Und hienach ſtieß Aramis gegen d'Artagnan einen weiten Lehnſtuhl vor, in den ſich dieſer warf. „Vor Allem, Ihr nehmt Abendbrod mit mir, nicht ſo?“ fragte Aramis. „Ja, wenn Ihr wollt,“ ſagte d'Artagnan,„und zwar mit großem Vergnügen, das geſtehe ich Euch. Der Ritt hat mir einen teufliſchen Appetit gemacht.“ „Ach, mein armer Freund, Ihr findet magere Koſt, denn man erwartete Euch nicht.“ „Werde ich etwa mit dem Eierkuchen von Creve⸗ cveur und mit Theobromen bedroht? Nicht wahr, ſo nann⸗ tet Ihr einſt den Spinat?“ „Es läßt ſich hoffen,“ ſagte Aramis,„daß wir mit der Hülfe Gottes und Bazins etwas Beſſeres in der Speiſekammer der würdigen Väter Jeſuiten finden. zmiin⸗ mein Freund,“ rief Aramis,„Bazin, komm' hier⸗ er! Die Thüre öffnete ſich und Bazin erſchien. Als er aber d'Artagnan gewahr wurde, gab er einen Ausruf von ſich, der einem Schrei der Verzweiflung glich. „Mein lieber Bazin,“ ſprach d'Artagnan,„ich ſehe mit Vergnügen, mit welcher bewunderungswürdigen Hal⸗ tung Ihr ſelbſt in der Kirche lügt.“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte Bazin,„ich habe von den würdigen Vätern Jeſuiten gelernt, es ſei erlaubt zu lügen, wenn man in einer guten Abſicht lüge.“ „Wohl, wohl, Bazin, d'Artagnan ſtirbt vor Hunger, und ich auch. Trage uns ein Abendbrod auf, ſo gut Du immer kannſt, und bringe uns vor Allem von dem beſten Wein, der ſich findet.“ Bazin verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams, ſtieß 8 3 einen ſchweren Genſzer aus und entfernte ſich. —— —— —.-—————-—— 118 „Mein Bazin iſt ein guter, abgerichteter Burſche,“ fuhr Aramis fort;„da er ſah, daß ich nicht allein kam, zog er ſich aus Diseretivn zuück. Doch ſetzt Euch, mein Lieber, und laßt uns plaudern.“ Und hienach ſtieß Aramis gegen d'Artagnan einen weiten Lehnſtuhl vor, in den ſich dieſer warf. „Vor Allem, Ihr nehmt Abendbrod mit mir, nicht ſo?“ fragte Aramis.* „Ja, wenn Ihr wollt,“ ſagte d'Artagnan,„und zwar mit großem Vergnügen, das geſtehe ich Euch. Der Ritt hat mir einen teufliſchen Appetit gemacht.“ „Ach, mein armer Freund, Ihr findet magere Koſt, denn man erwartete Euch nicht.“ „Werde ich etwa mit dem Eierkuchen von Creve⸗ eveur und mit Theobromen bedroht? Nicht wahr, ſo nann⸗ tet Ihr einſt den Spinat?“ „Es läßt ſich hoffen,“ ſagte Aramis,„daß wir mit der Hülfe Gottes und Bazins etwas Beſſeres in der Speiſekammer der würdigen Väter Jeſuiten finden. Bazin, mein Freund,“ rief Aramis,„Bazin, komm' hier⸗ her! Die Thüre öffnete ſich und Bazin erſchien. Als er aber d'Artagnan gewahr wurde, gab er einen Ausruf von ſich, der einem Schrei der Verzweiflung glich. „Mein lieber Bazin,“ ſprach d'Artagnan,„ich ſehe mit Vergnügen, mit welcher bewunderungswürdigen Hal⸗ tung Ihr ſelbſt in der Kirche lügt.“ ₰ „Gnädiger Herr,“ erwiederte Bazin,„ich habe von den würdigen Vätern Jeſuiten gelernt, es ſei erlaubt zu“ lügen, wenn man in einer guten Abſicht lüge.“ „Wohl, wohl, Bazin, d'Artagnan ſtirbt vor Hunger, und ich auch. Trage uns ein Abendbrod auf, ſo gut Du immer kannſt, und bringe uns vor Allem von dem beſten Wein, der ſich findet.“ Bazin verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams, ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und entfernte ſich. 119 „Jetzt da wir allein ſind, mein lieber Aramis,“ ſagte d'Artagnan, ſeine Augen vom Zimmer auf den Eigen⸗ thümer wendend und die bei den Meubles angefangene Unterſuchung bei den Kleidern endigend,„ſagt mir, wo Teufels Ihr herkamt, als Ihr hinter Planchet auf das Kreuz fielet?“ „Ei, Ihr ſeht wohl, vom Himmel!“ erwiederte Aramis. „Vom Himmel?“ verſetzte d'Artagnan den Kopf ſchüttelnd.„Ihr ſcheint eben ſo wenig dort her zu kom⸗ men, als dahin zu gehen.“ „Mein Lieber,“ ſagte Aramis mit einer geckenhaften Miene, welche d'Artagnan zur Zeit, da er noch Musketier war, nie an ihm bemerkt hatte,„wenn ich nicht vom Himmel kam, ſo kam ich wenigſtens aus dem Paradies, was ſich ſehr ähnlich iſt.“ „Die Gelehrten ſind alſo hierüber einig“ ſprach d'Ar⸗ tagnan.„Bis jetzt hatte man ſich nie über die wirkliche Lage des Paradieſes verſtändigen können, die Einen ſetzten es auf den Berg Ararat, die Andern zwiſchen den Tigris und den Euphrat. Es ſcheint, man ſuchte es ſehr ferne, während es ſehr nahe liegt. Das Paradies iſt in Noiſy⸗ le⸗Sec auf der Stelle, wo das Schloß des Herrn Erz⸗ biſchofs von Paris liegt. Man kommt aus demſelben nicht durch die Thüre, ſondern durch das Fenſter. Man ſteigt nicht auf den Marmorſtufen eines Säulenganges, ſondern an den Aeſten einer Linde herab, und der Engel⸗ mit dem feurigen Schwerte, der es bewacht, hat ganz das Ausſehen, als hätte er ſeinen himmliſchen Namen Gabriel in den irdiſcheren des Prinzen von Marſillac verwandelt.“ Aramis brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ihr ſeid immer noch der luſtige Kamerad, mein Lie⸗ ber,“ ſprach er,„und Eure vortreffliche gascogniſche Laune hat Euch noch nicht verlaſſen. Es iſt wohl etwas an Allem dem, was Ihr da ſagt. Nur wollt nicht glauben, ich ſei in Frau von Longueville verliebt,“ ſche“ kam, mein einen nicht zwar Ritt Koſt, reve⸗ tann⸗ r mit der nden. hier⸗ ls er von ſehe Hal⸗ von t zu* nger, tDu beſten ſß 119 „Jetzt da wir allein ſind, mein lieber Aramis,“ ſagte dArtagnan, ſeine Augen vom Zimmer auf den Eigen⸗ thümer wendend und die bei den Meubles angefangene Unterſuchung bei den Kleidern endigend,„ſagt mir, wo Teufels Ihr herkamt, als Ihr hinter Planchet auf das Kreuz ſielet?“ „Ei, Ihr ſeht wohl, vom Himmel 1“ etwiederte Aramis. „Vom Himmel?“ verſetzte dArtagnan den Kopf ſchüttelnd.„Ihr ſcheint eben ſo wenig dort her zu kom⸗ men, als dahin zu gehen.“ „Mein Lieber,“ ſagte Aramis mit einer geckenhaften Miene, welche dArtagnan zur Zeit, da er noch Musketier war, nie an ihm bemerkt hatte,„wenn ich nicht vom Himmel kam, ſo kam ich wenigſtens aus dem Paradies, was ſich ſehr ähnlich iſt.“ „Die Gelehrten ſind alſo hierüber einig“ ſprach dAr⸗ tagnan.„Bis jetzt hatte man ſich nie über die wirkliche Lage des Paradieſes verſtändigen können, die Einen ſetzten es auf den Berg Ararat, die Audern zwiſchen den Tigris und den Euphrat. Es ſcheint, man ſuchte es ſehr ferne, während es ſehr nahe liegt. Das Paradies iſt in Noiſy⸗ le⸗Sec auf der Stelle, wo das Schloß des Herrn Erz⸗ biſchofs von Paris liegt. Man kommt aus demſelben nicht durch die Thüre, ſondern durch das Fenſter. Man ſteigt nicht auf den Marmorſtufen eines Säulenganges, ſondern an den Aeſten einer Linde herab, und der Engel mit dem feurigen Schwerte, der es bewacht, hat ganz das Ausſehen, als hätte er ſeinen himmliſchen Namen Gabriel in den irdiſcheren des Prinzen von Marſillac verwandelt.“ Aramis brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ihr ſeid immer noch der luſtige Kamerad, mein Lie⸗ ber,“ ſprach er,„und Eure vortreffliche gascogniſche Laune hat Euch noch nicht verlaſſen. Es iſt wohl etwas an Allem dem, was Ihr da ſagt. Nur wollt nicht glauben, ich ſei in Frau von Longneville verliebt.“ 120 „Den Teufel, ich werde mich wohl hüten,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.„Nachdem Ihr ſo lange in Frau von Chevreuſe verliebt geweſen ſeid, werdet Ihr nicht verſucht ſein, Euer Herz ihrer tödtlichſten Feindin darzubringen.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Aramis mit einer treuher⸗ zigen Miene.„Ja, ich habe dieſe arme Herzogin einſt ſehr geliebt, und ich muß ihr die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, ſie iſt uns äußerſt nützlich geweſen. Aber was wollt Ihr? Sie wurde genöthigt, Frankreich zu verlaſſen. Es war ein harter Zänker, dieſer verdammte Cardinal,“ fuhr Aramis fort, und warf einen Blick auf das Bild des ehemaligen Miniſters.„Er hatte den Be⸗ fehl gegeben, ſie zu verhaften und nach dem Schloſſe Loches zu führen. Meiner Treue, er hätte ihr wie Chalais, Montmorency und Cinq⸗Mars den Kopf abſchneiden laſſen. Aber ſie flüchtete ſich als Mann verkleidet mit ihrer Kam⸗ merfrau, der armen Ketty. Wie ich ſagen hörte, iſt ihr in irgend einem Dorfe ein ſeltſames Abenteuer mit irgend einem Geiſtlichen begegnet, von dem ſie Gaſtfreundſchaft forderte, und der, da er nur ein Zimmer hatte und ſie für einen Cavalier hielt, ihr das Anerbieten machte, dieſes Zimmer mit ihr zu theilen. Sie trug mit unglaublicher Gewandtheit Männerkleider, dieſe arme Marie. Ich kenne nur eine Frau, die ſie eben ſo gut trägt. Man hatte auch einen Vers auf ſie gemacht.“ Und Aramis ſtimmte das Lied an: „Laboiſſisre, ſagt mir doch, Geh' ich nicht wie ein Mann?7 9 „Bravo!“ rief d'Artagnan,„Ihr ſingt immer noch vortrefflich, mein Lieber, und ich ſehe, daß Euch die Meſſe die Stimme nicht verdorben hat.“ 4 „Mein Lieber, Ihr begreift wohl, zur Zeit, wo ich Musketier war, bezog ich die Wache ſo wenig, als ich nur konnte; heute, wo ich Abbé bin, leſe ich ſo wenig Meſſen, als ich kann. Doch auf die arme Herzogin zurückzukom⸗ men..“ —2 S— ☛¶ Sͤ 120 „Den Teufel, ich werde mich wohl hüten,“ ſagte dAr⸗ tagnan.„Nachdem Ihr ſo lange in Frau von Chevreuſe verliebt geweſen ſeid, werdet Ihr nicht verſucht ſein, Euer Herz ihrer tödtlichſten Feindin darzubringen.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Aramis mit einer treuher⸗ zigen Miene.„Ja, ich habe dieſe arme Herzogin einſt ſehr geliebt, und ich muß ihr die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, ſie iſt uns äußerſt nützlich geweſen. Aber was wollt Ihr? Sie wurde genöthigt, Frankreich zu verlaſſen. Es war ein harter Zänker, dieſer verdammte Cardinal,“ fuhr Aramis fort, und warf einen Blick auf das Bild des ehemaligen Miniſters.„Er hatte den Be⸗ fehl gegeben, ſie zu verhaften und nach dem Schloſſe Loches zu führen. Meiner Treue, er hätte ihr wie Chalais, Montmorency und Cing⸗Mats den Kopf abſchneiden laſſen. Aber ſie flüchtete ſich als Mann verkleidet mit ihrer Kam⸗ merfrau, der armen Ketty. Wie ich ſagen hörte, iſt ihr in irgend einem Dorfe ein ſeltſames Abenteuer mit irgend einem Geiſtlichen begegnet, von dem ſie Gaſtfreundſchaft forderte, und der, da er nur ein Zimmer hatte und ſie für einen Cavalier hielt, ihr das Anerbieten machte, dieſes Zimmer mit ihr zu theilen. Sie trug mit unglaublicher Gewandtheit Männerkleider, dieſe arme Marie. Ich kenue nur eine Frau, die ſie eben ſo gut trägt. Man hatte auch einen Vers auf ſie gemacht.“ Und Aramis ſtimmte das Lied an: „Labviſſire, ſagt mir doch, Geh' ich nicht wie ein Mann?“ „Bravo)“ rief dArtagnan,„Ihr ſingt immer noch vortrefflich, mein Lieber, und ich ſehe, daß Euch die Meſſe die Stimme nicht verdorben hat.“ „Mein Lieber, Ihr begreift wohl, zur Zeit, wo ich Musketier war, bezog ich die Wache ſo wenig, als ich nur konnte; heute, wo ich Abbé bin, leſe ich ſo wenig Meſſen, als ich kann, Doch auf die arme Herzogin zurückzukom⸗ men„ —— 5— 121 1 auf die Herzogin von Longueville?“ „Mein Lieber, bereits habe ich Euch geſagt, es fände nichts zwiſchen mir und der Herzogin von Longueville ſtatt: Coquetterieen vielleicht, und nicht mehr. Habt Ihr ſie ſeit ihrer Ruckkehr von Brüſſel nach dem Tode des Königs geſehen?“ „Ja, gewiß und ſie war noch ſehr ſchön.“ 3 „Allerdings,“ ſagte Aramis,„ich habe ſie zu dieſer Zeit auch ein wenig geſehen und ihr vortreffliche Rath⸗ ſchläge gegeben. Ich ſchwor bei meinem Leben, Mazarin wäre der Geliebte der Königin. Sie wollte mir nicht glauben, und ſagte, ſie kenne Anna von Oeſterreich, ſie ware zu ſtolz, um einen ſolchen Schurken zu lieben. Mitt⸗ lerweile warf ſie ſich, in die Cabalen des Herzogs von Beaufort, der Schurke ließ den Herrn Herzog von Beau⸗ font verhaften und verbannte Frau von Chevreuſe.“ „Ihr wißt,“ ſagte d'Artagnan,„daß ſie die Erlaub⸗ niß erhalten hat, zurückzukehren?“ „Ja und auch, daß ſie zurückgekommen iſt.... Sie wird abermals dumme Streiche machen.“ „Oh, diesmal wird ſie wohl Euern Rath befolgen.“ „Diesmal habe ich ſie nicht wieder geſehen; ſie hat ſich gewaltig verändert.“) „Es iſt nicht wie bei Euch, mein lieber Aramis, denn Ihr ſeid immer derſelbe. Ihr habt immer noch Cure ſchönen ſchwarzen Haare, Eure zierliche Taille, Eure Frauenhände, welche bewunderungswürdige Prälatenhände geworden ſind.“ „Ja“ ſagte Aramis,„das iſt wahr, ich pflege mich ſehr. Wißt Ihr, mein Lieber, daß ich mich alt mache. Ich bin bald ſiebenunddreißig Jahre.“ „Hört, mein Lieber,“ ſagte d'Artagnan lächelnd, da wir uns hier wieder finden, ſo wollen wir über einen Punkt übereinkommen, nämlich über das Alter, das wir in Zukunft haben werden.“ „Auf welche? Auf die Herzogin von Chevreuſe oder — —— ⸗ —ꝛ 121 „Auf welche? Auf die Herzogin von Chevreuſe oder auf die Herzogin von Longueville 2“ „Mein Lieber, bereits habe ich Euch geſagt, es fände nichts zwiſchen mir und der Herzogin von Longueville ſtatt: Coquetterieen vielleicht, und nicht mehr. Habt Ihr ſie ſeit ihrer Rückkehr von Brüſſel nach dem Tode des Königs geſehen?“ „Ja, gewiß und ſie war noch ſehr ſchön.“ „Allerdings,“ fagte Aramis,„ich habe ſie zu dieſer Zeit auch ein wenig geſehen und ihr vortreffliche Rath⸗ ſchläge gegeben. Ich ſchwor bei meinem Leben, Mazarin wäre der Geliebte der Königin. Sie wollte mir nicht glauben, und ſagte, ſie kenne Anna von Oeſterreich, ſie wäre zu ſtolz, um einen ſolchen Schurken zu lieben. Mitt⸗ lerweile warf ſie ſich, in die Cabalen des Herzogs von Beaufort, der Schurke ließ den Herrn Herzog von Beau⸗ fort verhaften und verbannte Frau von Chevreuſe.“ „Ihr wißt,“ ſagte dArtagnan,„daß ſie die Erlaub⸗ niß erhalten hat, zurückzukehren?“ „Ja und auch, daß ſie zurückgekommen iſt. Sie wird abermals dumme Streiche machen.“ „Oh, diesmal wird ſie wohl Euern Rath befolgen.“ „Diesmal habe ich ſie nicht wieder geſehen; ſie hat ſich gewaltig verändert.“ „Es iſt nicht wie bei Euch, mein lieber Aramis, denn Ihr ſeid immer derſelbe. Ihr habt immer noch Eure ſchönen ſchwarzen Haare, Eure zierliche Taille, Eure Frauenhände, welche bewunderungswürdige Prälatenhände geworden ſind.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„das iſt wahr, ich pflege mich ſehr. Wißt Ihr, mein Lieber, daß ich mich alt mache. Ich bin bald ſiebenunddreißig Jahre.“ „Hört, mein Lieber,“ ſagte d'Artagnan lächelnd, da wir uns hier wieder finden, ſo wollen wir über einen Punkt übereinkommen, nämlich über das Alter, das wir in Zukunft haben werden.“ 122 „Wie ſo?“ verſetzte Aramis. „ Ja, früher war ich zwei bis drei Jahre jünger als Segeurh i irre mich nicht, ich habe vierzig Jahre wohl⸗ gezählt. „Wirklich?“ ſagte Aramis,„dann irre ich mich, denn Ihr ſeid ſtets ein vortrefflicher Mathematiker gewe⸗ ſen, mein Lieber. Eurer Rechnung nach wäre ich alſo drei und vierzig. Teufel! Teufel! mein Lieber, ſagt es nicht im Hotel Rambouillet, das würde mir ſchaden.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte d'Artagnan,„ich komme nicht dahin.“ „Ei, ei!“ rief Aramis,„was macht denn das Thier von einem Bazin. Bazin, beeilen wir uns. Wir werden wüthend vor Hunger und Durſt.“ Bazin, der in dieſem Augenblicke eintrat, hob ſeine Hände, von denen jede mit einer Flaſche beladen war, zum Himmel empor. „Endlich,“ ſagte Aramis,„ſind wir einmal fertig?“ „Ja, gnädiger Herr, ſogleich,“ ſagte Bazin.„Aber ich brauchte Zeit, um alle dieſe...“ „Weil Du immer glaubſt, Du habeſt Deine Meß⸗ ner⸗Simarre auf dem Rücken,“ unterbrach ihn Aramis, „und weil Du Dein ganzes Leben damit hinbringſt, Dein Brevier zu leſen. Aber ich ſage Dir, daß ich, a Du dadurch, daß Du fortwährend die Gegenſtände den Capellen polirſt, meinen Degen zu putzen verlernſt, ein großes Feuer aus allen Deinen geweihten Bildern mache und Dich darauf röſten laſſe.“ Voll frommen Aergers machte Bazin das Zeichen des Kreuzes mit der Flaſche, die er in der Hand hielt. Mehr als je erſtaunt über den Ton und die Manieren des Abbé d'Herblay, welche ſo ſehr mit denen des Musketiers Aramis contraſtirten, blieb d'Artagnan mit aufgeſperrten Augen ſeinem Freunde gegenüber. Bazin bedeckte raſch den Tiſch mit einem Damaſt⸗ tuche und ordnete auf dieſem Tuche ſo viele vergoldete, ——— —,— 122 „Wie ſo?“ verſetzte Aramis. „Ja, früher war ich zwei bis drei Jahre jünger als Ihr, und ich irre mich nicht, ich habe vierzig Jahre wohl⸗ gezählt.“ „Wirklich?“ ſagte Aramis,„daun irre ich mich, denn Ihr ſeid ſtets ein vortrefflicher Mathematiker gewe⸗ ſen, mein Lieber. Eurer Rechnung nach wäre ich alſo drei und vierzig. Teufel! Teufel! mein Lieber, ſagt es nicht im Hotel Rambvuillet, das würde mir ſchaden.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte d'Artagnan,„ich komme nicht dahin.“ „Ei, ei!“ rief Aramis,„was macht denn das Thier von einem Bazin. Bazin, beeilen wir uns. Wir werden wüthend vor Hunger und Durſt.“ Bazin, der in dieſem Augenblicke eintrat, hob ſeine Hände, von denen jede mit einer Flaſche beladen war, zum Himmel empor- „Endlich,“ ſagte Aramis,„ſind wir einmal fertig?“ „Ja, gnädiger Herr, ſogleich,“ ſagte Bazin.„Aber ich brauchte Zeit, um alle dieſe.. „Weil Du immer glaubſt, Du habeſt Deine Meß⸗ ner⸗Simarre auf dem Rücken,“ unterbrach ihn Aramis, „und weil Du Dein ganzes Leben damit hinbringſt, Dein Brevier zu leſen. Aber ich ſage Dir, daß ich, wenn Du dadurch, daß Du fortwährend die Gegenſtände in den Capellen polirſt, meinen Degen zu putzen verlernſt, ein großes Feuer aus allen Deinen geweihten Bildern mache und Dich darauf röſten laſſe.“ Voll frommen Aergers machte Bazin das Zeichen des Kreuzes mit der Flaſche, die er in der Hand hielt. Mehr als je erſtaunt über den Ton und die Manieren des Abbe dHerblay, welche ſo ſehr mit denen des Musketiers Aramis contraſtirten, blieb d'Artagnan mit aufgeſperrten Augen ſeinem Freunde gegenüber. Bazin bedeckte raſch den Tiſch mit einem Damaſt⸗ tuche und ordnete auf dieſem Tuche ſo viele vergoldete, 123 parfumirte und leckere Dinge, daß d'Argnan ganz verblüfft war. „Ihr wartetet auf Jemand?“ fragte der Offtzier. „Ah, ich habe immer einigen Vorrath. Dann wußte ich auch, daß Ihr mich aufſuchen würdet.“ „Von wem?“ „Von Meiſter Bazin, der Euch für den Teufel hielt, mein Lieber, und herbei lief, um mich von der Gefahr zu benachrichtigen, die meine Seele bedrohte, wenn ich ſo ſchlechte Geſellſchaft, wie die eines Musketieroffiziers, ſehen würde.“ „Ach gnädiger Herr!“ rief Bazin, die Hände gefalten und mit flehender Miene. „Stille, keine Heuchelei, Du weißt, daß ich ſie nicht liebe. Du wirſt beſſer daran thun, ein Fenſter zu öffnen und ein Brod, ein Huhn und eine Flaſche Wein Deinem Freunde Planchet hinabzulaſſen, der ſich ſeit einer Stunde zu Tode klatſcht.“ Planchet, welcher ſeinen Pferden Häckerling und Ha⸗ ber gegeben hatte, war wirklich unter das Fenſter zurück⸗ gekehrt und hatte zwei oder dreimal das angegebene Zeichen wiederholt. Bazin gehorchte, band an das Ende eines Strickes die dra genannten Gegenſtände und ließ ſie Planchet hinat⸗ der ganz zufrieden damit ſich unter ſeinen Schoppen zurückzog. 3 „Nun wollen wir zu Nacht ſpeiſen,“ ſagte Aramis. Die zwei Freunde ſetzten ſich zu Tiſche und Aramis fing an, mit völlig gaſtronomiſcher Geſchicklichkeit junge Feldhühner und Schinken zu zerlegen. „Teufel,“ ſagte d'Artagnan,„wie Ihr Euch füttert?“ „Ja, ziemlich gut. Ich habe für die Faſttage Dis⸗ pens von Rom, die mir der Herr Coadjutor meiner Ge⸗ ſundheit wegen verſchafft hat. Dann habe ich zum Koch den Erkoch von Lafolonne genommen, Ihr wißt, von dem ehemaligen Freunde des Cardinals, dem berühmten Gour⸗ s l⸗ h e⸗ ſo es ier en ne ar, ber eß⸗ nis, ein Du den ein ache des dehr bbe mis gen naſt⸗ dete, 123 parfumirte und leckere Dinge, daß d»Argnan ganz verblüfft war. „Ihr wartetet auf Jemand?“ fragte der Offizier. „Ah, ich habe immer einigen Vorrath. Dann wußte ich auch, daß Ihr mich aufſuchen würdet.“ „Von wem?“ „Von Meiſter Bazin, der Euch für den Teufel hielt, mein Lieber, und herbei lief, um mich von der Gefahr zu benachrichtigen, die meine Seele bedrohte, wenn ich ſo ſchlechte Geſellſchaft, wie die eines Musketieroffiziers, ſehen würde.“ „Ach gnädiger Herr!“ rief Bazin, die Hände gefalten und mit flehender Miene. „Stille, keine Heuchelei, Du weißt, daß ich ſie nicht liebe. Du wirſt beſſer daran thun, ein Fenſter zu öffnen und ein Brod, ein Huhn und eine Flaſche Wein Deinem Freunde Planchet hinabzulaſſen, der ſich ſeit einer Stunde zu Tode klatſcht.“ Plauchet, welcher ſeinen Pferden Häckerling und Ha⸗ ber gegeben hatte, war wirklich unter das Fen ſter zurück⸗ gekehrt und hatte zwei oder dreimal das angegebene Zeichen wiederholt. Bazin gehorchte, band an das Ende eines Strickes die drei genannten Gegenſtände und ließ ſie Planchet hinab, der ganz zufrieden damit ſich unter ſeinen Schoppen zurückzog. „Nun wollen wir zu Nacht ſpeiſen,“ ſagte Aramis. Die zwei Freunde ſetzten ſich zu Tiſche und Aramis fing an, mit völlig gaſtronomiſcher Geſchicklichkeit junge Feldhühner und Schinken zu zerlegen. „Teufel,“ ſagte dArtagnan,„wie Ihr Euch füttert?“ „Ja, ziemlich gut. Ich habe für die Faſttage Dis⸗ pens von Rom, die mir der Herr Cvadjutor meiner Ge⸗ ſundheit wegen verſchafft hat. Dann habe ich zum Koch den Erkoch von Lafolonne genommen, Ihr wißt, von dem ehemaligen Freunde des Cardinals, dem berühmten Gour⸗ 124 mand, der ſtatt jedes Gebetes nach ſeinem Mittagsmahle ſagte:„„Mein Gott, habe die Gnade, gut zu verdauen, was ich ſo gut gegeſſen habe.““ „Was ihn indeſſen nicht abhielt, an einer Unverdau⸗ lichkeit zu ſterben.“ „Was wollt Ihr?“ verſetzte Aramis mit ergebener Miene,„man kann ſeinem Geſchicke nicht entfliehen.“ „Mein Lieber, vergebt die Frage, die ich an Euch machen will,“ verſetzte d'Artagnan. „Macht ſie immerhin, Ihr wißt, unter Freunden gibt es keine Indiscretion.“ 3 „Ihr ſeid alſo reich geworden?“ „Ohl mein Gott, nein; ich mache mir ein Dutzend tauſend Livres jährlich, abgeſehen von einer kleinen Rente von tauſend Thalern, die mir der Herr Prinz hat zu⸗ kommen laſſen.“ „Und womit macht Ihr Euch dieſe 12,000 Livres?“ ſagte d'Artagnan.„Mit Euern Gedichten?“ „Nein, ich habe auf die Poeſie Verzicht geleiſtet, wenn ich nicht zuweilen einige Trinklieder, einige galante Sonette oder ein unſchuldiges Epigramm dichte. Ich mache Reden, mein Lieber.“ „Wie, Neden?“ „Ja, aber vortreffliche Reden, wenigſtens ſcheint es ſv.“ „Die ihr predigt?“ 8 „Nein, die ich verkaufe.“ „An wen?“ „An diejenigen von meinen Collegen, welche durchaus große Redner ſein wollen.“ „Wirklich! Und Ihr habt nicht nach dieſem Ruhme geſtrebt?“ „Allerdings, mein Lieber. Aber die Natur hat den Sieg davon getragen. Wenn ich auf der Kanzel ſtehe, und es ſchaut mich zufällig eine Frau an, ſo ſchaue ich ſie auch an, wenn ſie lächet, lächle ich auch. Dann fange —————— 124 mand, der ſtatt jedes Gebetes nach ſeinem Mittagsmahle ſagte:„„Mein Gott, habe die Gnade, gut zu verdauen, was ich ſo gut gegeſſen habe.““ „Was ihn indeſſen nicht abhielt, an einer Unverdau⸗ lichkeit zu ſterben.“ „Was wollt Ihr?“ verſetzte Aramis mit ergebener Miene,„man kann ſeinem Geſchicke nicht entfliehen.“ „Mein Lieber, vergebt die Frage, die ich an Euch machen will,“ verſetzte dArtagnan. „Macht ſie immerhin, Ihr wißt, unter Freunden gibt es keine Indiscretion.“ „Ihr ſeid alſo reich geworden?“ „Oh! mein Gott, nein; ich mache mir ein Dutzend tauſend Livres jährlich, abgeſehen von einer kleinen Rente von tauſend Thalern, die mir der Herr Prinz hat zu⸗ kommen laſſen.“ „Und womit macht Ihr Cuch dieſe 12,000 Livres?“ ſagte d'Artagnan.„Mit Euern Gedichten?“ „Nein, ich habe auf die Poeſie Verzicht geleiſtet, wenn ich nicht zuweilen einige Trinklieder, einige galante Sonette oder ein unſchuldiges Epigramm dichte. Ich mache Reden, mein Lieber.“„ „Wie, Reden?“ „Ja, aber vortreffliche Reden, wenigſtens ſcheint es ſo.“ „Die ihr predigt?“ „Nein, die ich verkaufe.“ „An wen?“ „An diejenigen von meinen Collegen, welche durchaus große Redner ſein wollen.“ „Wirklich! Und Ihr habt nicht nach dieſem Ruhme geſtrebt?“ „Allerdings, mein Lieber. Aber die Natur hat den Sieg davon getragen. Wenn ich auf der Kanzel ſtehe, und es ſchaut mich zufällig eine Frau an, ſo ſchaue ich ſie auch an, wenn ſie lächet, lächle ich auch. Dann fange ich an zu fabeln. Statt von den Qualen der Hölle zu ſprechen, ſpreche ich von den Freuden des Paradieſes. Dies iſt mir eines Tages in der Kirche Saint Lonis im Marais begegnet. Ein Cavalier lachte mir in das Ge⸗ ſicht, ich unterbrach mich, um ihm zu ſagen, er wäre ein alberner Tropf. Das Volk ging hinaus, um Steine zu⸗ ſammen zu raffen; aber während dieſer Zeit wandte ich den Geiſt der Anweſenden ſo gut um, daß ſie ihn ſteinig⸗ ten. Allerdings fand er ſich am andern Tage bei mir ein; er glaubte, er hätte es mit einem Abbé zu thun, wie alle andern Abbés ſind.“ „Und was war der Erfolg ſeines Beſuches?“ ſprach d'Artagnan, ſich vor Lachen die Hüften haltend. „Der Erfolg war, daß wir uns den andern Tag auf der Place Royale zuſammen beſtellten. Bei Gott, Ihr wißt davon.“ „Sollte ich zufällig gegen dieſen Unverſchämten Euch als Secundant gedient haben?“ fragte d'Artagnan. „Allerdings, Ihr wißt, wie ich ihn zurichtete.“ „Iſt er geſtorben?“ „ Ich weiß es nicht, aber ich habe ihm die Abſolution in articulo mortis gegeben. Es iſt hinreichend, den Kör⸗ ver zu tödten, ohne die Seele zu tödten.“. Bazin machte ein Zeichen der Verzweiflung, welches wohl ſagen wollte: er billige vielleicht dieſe Moral, er mißbillige aber ſehr den Ton, mit dem ſie ausgeſprochen werde. „Bazin, mein Freund, Du bemerkſt nicht, daß ich Dich in dieſem Spiegel ſehe, und daß ich Dir ein für allemal jedes Zeichen der Billigung oder der Mißbilligung unterſagt habe. Du wirſt mir alſo das Vergnügen machen uns ſpaniſchen Wein zu ſerviren und Dich zurückzuziehen denn mein Freund d'Artagnan hat mir etwas Geheimes mitzutheilen; nicht wahr, d'Artagnan?“ DArtagnan machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen, und Bazin zog ſich zurück, nachdem er den ſpa⸗ niſchen Wein auf den Tiſch geſtellt hatte. ————————— 7 125 ich an zu fabeln. Statt von den Qualen der Hölle zu ſprechen, ſpreche ich von den Freuden des Paradieſes. Dies iſt mir eines Tages in der Kirche Saint Lonis im Marais begegnet. Ein Cavalier lachte mir in das Ge⸗ ſicht, ich unteibrach mich, um ihm zu ſagen, er wäre ein alberner Tropf. Das Volk ging hinaus, um Steine zu⸗ ſammen zu raffen; aber während dieſer Zeit wandte ich den Geiſt der Anweſenden ſo gut um, daß ſie ihn ſteinig⸗ ten. Allerdings fand er ſich am andern Tage bei mir ein; er glaubte, er hätte es mit einem Abbé zu thun, wie alle andern Abbés ſind.“ „Und was war der Erfolg ſeines Beſuches?“ ſprach dArtagnan, ſich vor Lachen die Hüften haltend. „Der Erfolg war, daß wir uns den andern Tag auf der Place Royale zuſammen beſtellten. Bei Gott, Ihr wißt davon.“ „Sollte ich zufällig gegen dieſen Unverſchämten Euch als Secundant gedient haben?“ fragte d'Artagnan. „Allerdings, Ihr wißt, wie ich ihn zurichtete.“ „Iſt er geſtorben?“ Ich weiß es nicht, aber ich habe ihm die Abſolution in articulo mortis gegeben. Es iſt hinreichend, den Kör⸗ per zu tödten, ohne die Stele zu tödten.“ Bazin machte ein Zeichen der Verzweiflung, welches wohl ſagen wolite; er billige vielleicht dieſe Moral, er mißbillige aber ſehr den Ton, mit dem ſie ausgeſprochen werde. „Bazin, mein Freund, Du bemerkſt nicht, daß ich Dich in dieſem Spiegel ſehe, und daß ich Dir ein für allemal jedes Zeichen der Billigung oder der Mißbilligung unterſagt habe. Du wirſt mir alſo das Vergnügen machen uns ſpaniſchen Wein zu ſerviren und Dich zurückzuziehen denn mein Freund dArtagnan hat mir etwas Geheimes mitzutheilen; nicht wahr, dArtagnan?“ D'Artagnan machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen, und Bazin zog ſich zurück, nachdem er den ſpa⸗ niſchen Wein auf den Tiſch geſtellt hatte. 126 Als die zwei Freunde allein waren, blieben ſie einen Augenblick ſtillſchweigend einander gegenüber. Aramis ſchien eine ſüße Verdauung zu erwarten. D'Artagnan dachte über einen Eingang nach. Jeder von ihnen wagte einen verſtohlenen Blick, wenn der Andere ihn nicht an⸗ ſchaute. Aramis brach zuerſt das Stillſchweigen. XI. Die zwei Caſpars. „Woran denkt Ihr, d'Artagnan,“ ſagte Aramis,„und welcher Gedanke macht Euch lächeln?“ „Ich denke, mein Lieber, daß Ihr Euch, ſo lange Ihr Musketier waret, ſtets dem Abbé zuwandtet, und jetzt, da Ihr Abbé ſeid, Euch bedeutend dem Musketi er zuzu⸗ wenden ſcheint.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Aramis lachend.„Der Menſch, wie Ihr wißt, iſt ein ſeltſames Thier und beſteht ganz aus Contraſten. Seitdem ich Abbé bin, denke ich nur an Schlachten.“ „Das ſieht man an der Ausſtattung Eurer Wohnung. Ihr habt Raufdegen von allen Arten und für jeden Ge⸗ ſchmack. Fechtet Ihr immer noch gut?“ Ich fechte wie Ihr einſt fochtet, und beſſer vielleicht noch, denn dies iſt meine Beſchäftigung den ganzen Tag hindurch.“ „Mit wem? „Mit einem vortrefflichen Fechtmeiſter, den wir hier haben.“ 4 3. „Wie, hier? 3 „Ja, hier in dieſem Kloſter, mein Lieber. Es gibt von Allem in einem Jeſuitenkloſter.“ 4 ——————— 126 Als die zwei Freunde allein waren, blieben ſie einen Augenblick ſtillſchweigend einander gegenüber. Aramis ſchien eine ſüße Verdauung zu erwarten. D'Artagnan dachte über einen Eingang nach. Jeder von ihnen wagte einen verſtohlenen Blick, wenn der Andere ihn nicht an⸗ ſchaute. Aramis brach zuerſt das Stillſchweigen. XI. 5 Die zwei Caſpars. „Woran denkt Ihr, dArtagnan,“ ſagte Aramis,„und welcher Gedanke macht Euch lächeln?“ „Ich denke, mein Lieber, daß Ihr Euch, ſo lange Ihr Musketier waret, ſtets dem Abbs zuwandtet, und jetzt, da Ihr Abbö ſeid, Euch bedeutend dem Musketi er zuzu⸗ wenden ſcheint.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Aramis lachend.„Der Menſch, wie Ihr wißt, iſt ein ſeitſames Thier und beſteht ganz aus Cyntraſten. Seitdem ich Abbé bin, denke ich nur an Schlachten.“ „Das ſieht man an der Ausſtattung Eurer Wohnung. Ihr habt Raufdegen von allen Arten und für jeden Ge⸗ ſchmack. Fechtet Ihr immer noch gut?“ Ich ſechte wie Ihr einſt fochtet, und beſſer vielleicht noch, denn dies iſt meine Beſchäftigung den ganzen Tag hindurch.“ „Mit wem? einem vortrefflichen Fechtmeiſter, den wir hier „Wie, hier? „Ja, hier in dieſem Kloſter, mein Lieber. Es gibt von Allem in einem Jeſuitenkloſter.“ „Ihr hättet alſo Herrn von Marſillae getödtet, wenn er Euch allein angegriffen haben würde, ſtatt an der Spitze von zwanzig Mann zu kommen?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Aramis,„und ſelbſt an der Spitze von zwanzig Mann, wenn ich hätte vom Leder ziehen können, ohne erkannt zu werden.“ „Gott vergebe mir, ich glaube, er iſt noch mehr Gas⸗ cogner geworden, als ich,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe, und er fügte dann laut bei: „Nun, mein lieber Aramis, Ihr fragtet mich, warum ich Euch aufgeſucht habe?“ „Nein, mein Lieber, ich fragte Euch nicht, ſondern ich erwartete, daß Ihr es mir ſagen würdet.“ „Wohl, ich ſuchte Euch auf, um Euch ganz einfach ein Mittel zu bieten, Herrn von Marſillac zu tödten, wenn es Euch Vergnügen macht, obgleich er ein Prinz iſt.“ „Halt, halt, halt!“ ſagte Aramis,„das iſt ein Ge⸗ danke.“ „Den ich Euch zu benützen einlade, mein Lieber. Laßt hören, ſeid Ihr bei Eurer Pfründe von tauſend Tha⸗ lern und bei den zwölf tauſend Livres, die Ihr Euch macht, reich? Sprecht offenherzig.“ „Ich bin arm, wie Hiob, und wenn Ihr alle Taſchen und Koffer durchwühlt, werdet Ihr, wie ich glaube, keine hundert Piſtolen hier finden.“ „Peſt! hundert Piſtolen!“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu ſich ſelbſt.„Er nennt das arm, wie Hiob. Ich würde mich für ſo reich halten, wie Cröſus, wenn ich ſie immer vor mir hätte.“ Dann ganz laut: „Seid Ihr ehrgeizig?“ „Wie Encelade.“ 8 „Nun wohl, mein Freund, ich bringe Euch etwas, wwodurch Ihr reich, mächtig werden, und Euch die Freiheit verſchaffen könnt, Alles zu thun, was Ihr wollt.“ Der Schatten einer Wolke zog uber die Stirne 2— — en is an te n⸗ ind nge etzt. zu⸗ ſch, aus an ng. Ge⸗ icht Tag hier gibt 127 „Ihr hättet alſo Herrn von Marſillae getödtet, wenn er Euch allein angegriffen haben würde, ſtatt an der Spitze von zwanzig Mann zu kommen?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Aramis,„und ſelbſt an der Spitze von zwanzig Mann, wenn ich hätte vom Leder ziehen können, ohne erkannt zu werden.“ „Gvott vergebe mir, ich glaube, er iſt noch mehr Gas⸗ cogner geworden, als ich,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe, und er fügte dann laut bei: „Nun, mein lieber Aramis, Ihr fragtet mich, warum ich Euch aufgeſucht habe?“ „Nein, mein Lieber, ich fragte Euch nicht, ſondern ich erwartete, daß Ihr es mir ſagen würdet.“ „Wohl, ich ſuchte Euch auf, um Euch ganz einfach ein Mittel zu bieten, Herrn von Marſillac zu tödten, wenn es Euch Vergnügen macht, obgleich er ein Prinz iſt.“ „Halt, halt, halt!“ ſagte Aramis,„das iſt ein Ge⸗ danke.“ „Den ich Euch zu benützen einlade, mein Lieber. Laßt hören, ſeid Ihr bei Eurer Pfründe von tauſend Tha⸗ lern und bei den zwölf tauſend Livres, die Ihr Euch macht, reich? Sprecht offenherzig.“ „Ich bin arm, wie Hiob, und wenn Ihr alle Taſchen und Koffer durchwühlt, werdet Ihr, wie ich glaube, keine hundert Piſtolen hier finden.“ „Peſt! hundert Piſtolen!“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu ſich ſelbſt.„Er nennt das arm, wie Hiob. Ich würde mich für ſo reich halten, wie Cröſus, wenn ich ſie immer vor mir hätte.“ Dann ganz laut: „Seid Ihr ehrgeizig?“ „Wie Encelade.“ „Nun wohl, mein Freund, ich bringe Euch etwas, wodurch Ihr reich, mächtig werden, und Euch die Freiheit verſchaffen könnt, Alles zu thun, was Ihr wollt.“ Der Schatten einer Wolke zog über die Stirne 128 von Aramis hin, ſo raſch, wie die Wolke, welche im m Auguſt über die Getreidefelder ſchwebt; aber ſo raſch, ſie 4 auch war, ſo entging ſie doch d'Artagnan nicht. „Sprecht,“ ſagte Aramis. li g fie, ebe noch eine Frage. Beſchäftigt Ihr Euch mit w oliti 4 Ein Blitz zuckte aus den Augen von Aramis, raſch, 1 wie der Schatten, der über ſeine Stirne gezogen war, aber nicht ſo raſch, daß es d'Artagnan nicht geſehen hätte. u „Nein,“ antwortete Aramis.. 1 „Dann werden Euch alle Vorſchläge genehm ſein, S da Ihr für den Augenblick keinen andern Herrn habt, als Gott,“ ſagte lachend der Gascogner. „Das iſt möglich.“ „Mein lieber Aramis, habt Ihr zuweilen an die ſc ſchönen Tage unſerer Jugend gedacht, die wir lachend, trinkend und uns ſchlagend zubrachten?“ „Ja, gewiß, ich habe ſie mehr als einmal bedauert. A Es war eine glückliche Zeit. Delectabile tempus!"“„ „Ei, mein Lieber, dieſe ſchönen Tage können wieder kom⸗ ſ men, dieſe glückliche Zeit kann zurückkehren. Ich habe den 1 Auftrag erhalten, meine Kameraden aufzuſuchen, und fing bei Euch an, der Ihr die Seele unſerer Verbindung waret.“ Aramis verbeugte ſich mehr höflich, als liebevoll. 9 „Ich ſoll mich wieder in die Politik machen?“ ſprach er mit erlöſchender Stimme und ſich in ſeinem Stuhle zurück⸗ ſe biegend.„Ah, lieber d'Artagnan, ſeht doch, wie ich regel⸗ maßg und bequem lebe. Wir haben Undankbarkeit von r den Großen erfahren, wie Ihr wißt.“— 4 n „Das iſt wahr,“ erwiederte d'Artagnan; vielleicht be⸗ reuen die Großen ihren Undank.“ „In dieſem Falle wäre es etwas Anderes, ſprach 3 Aramis.„Barmherzigkeit jedem Sünder. Ueberdies habt 4 Ihr in einem Punkte Recht, wenn uns die Luſt er⸗ faßte, uns in die Staatsangelegenheiten zu miſchen, ſo wäre, glaube ich, der rechte Augenblick gekommen. von Aramis hin, ſo raſch, wie die Wolke, welche im Auguſt über die Getreidefelder ſchwebtz aber ſo raſch, ſie mit auch war, ſo entging ſie doch d'Artagnan nicht. 3 „Sprecht,“ ſagte Aramis. liti „Vorher noch eine Frage. Beſchäftigt Ihr Euch mit ma Politik?“ wä Ein Blitz zuckte aus den Augen von Aramis, raſch, mie wie der Schatten, der über ſeine Stirne gezogen war, aber ju utt nicht ſo raſch, daß es dArtagnan nicht geſehen hätte. „Nein,“ antwortete Aramis. „Dann werden Euch alle Vorſchläge genehm ſein, ſieh da Ihr für den Augenblick keinen andern Herrn habt, als So Gott,“ ſagte lachend der Gascogner. „Das iſt möglich.“ „Mein lieber Aramis, habt Ihr zuweilen an die ſag ſchönen Tage unſerer Jugend gedacht, die wir lachend, trinkend und uns ſchlagend zubrachten?“ „Ja, gewiß, ich habe ſie mehr als einmal bedauert. nän Es war eine glückliche Zeit. Pelectabile tempus!“ Aus „Ei, mein Lieber, dieſe ſchönen Tage können wieder kom⸗ ſche men, dieſe glückliche Zeit kann zurückkehren. Ich habe den mar Auſtrag erhalten, meine Kameraden aufzuſuchen, und fing bei der Euch an, der Ihr die Seele unſerer Verbindung waret.“ 5 d Aramis verbeugte ſich mehr höflich, als liebevoll. „Ich ſoll mich wieder in die Politik machen?“ ſprach er mit erlöſchender Stimme und ſich in ſeinem Stuhle zurück⸗ ſetzt biegend.„Ah, lieber d'Artagnan, ſeht doch, wie ich regel⸗ mäßig und bequem lebe. Wir haben Undankbarkeit von gew den Großen erfahren, wie Ihr wißt.“ abet „Das iſt wahr,“ erwiederte d'Artagnanz vielleicht be⸗ am reuen die Großen ihren Undank.“ mac „In dieſem Falle wäre es etwas Anderes, ſprach zu Aramis.„Barmherzigkeit jedem Sünder. Ueberdies habt Ihr in einem Punkte Recht, wenn uns die Luſt er⸗ faßte, uns in die Staatsangelegenheiten zu miſchen, Ma ſo wäre, glaube ich, der rechte Augenblick gekommen“ 3r ſein, „als die hend, nert. kom⸗ e den ach er rrück⸗ regel⸗ von „Woher wißt Ihr dies, Ihr, der Ihr Euch nicht mit Politik beſchäftigt?“ „Ei, mein Gott, ohne mich perſönlich mit der Po⸗ litik zu beſchäftigen, lebe ich doch in einer Welt, in der man ſich damit abgibt. Während ich die Poeſie pflegte, waͤhrend ich Liebesgeſchichten unterhielt, verband ich mich mit Herrn Sarraſin, der Herrn von Conti gehört, mit Herrn Voiture, der ein getreuer Anhänger des Coad⸗ jutors iſt, und mit Herrn Bois⸗Robert, welcher, ſeitdem er nicht mehr im Dienſte des Cardinal von Richelieu ſteht, Niemand oder Jedermann gehört, wie Ihr wollt. So iſt mir die politiſche Bewegung nicht ganz entgangen.“ „Ich vermuthete es wohl,“ ſagte d'Artagnan. lebrigens, mein Lieber, nehmt das, was ich Euch ſage, nur für Worte eines Kloſterpfaffen, eines Mannes, der wie ein Echo ſpricht, und ganz einfach das wiederholt, was er ſagen gehört hat,“ verſetzte Aramis.„Ich habe nämlich gehört, der Cardinal Mazarin wäre in dieſem Augenblick ſehr unruhig über den Gang der Dinge. Es ſcheint, man hat für ſeine Befehle nicht alle Achtung, die man einſt für die unſerer ſeligen Vogelſcheuche hatte, von der Ihr hier das Porträt ſeht; denn was man auch ſagen mag, mein Lieber, man muß geſtehen: Richelieu war ein großer Mann.“ 4 „Ich widerſpreche Euch in dieſer Hinſicht nicht,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan,„er hat mich zum Lieutenant gemacht.“ „Meine erſte Meinung war ganz für den Cardinal geweſen; ich hatte mir geſagt, ein Miniſter ſei nie geliebt, aber mit dem Genie, das man dieſem zugeſteht, müſſe er am Ende über ſeine Feinde triumphiren und ſich gefürchtet machen, was vielleicht noch mehr werth iſt, als ſich geliebt zu machen.“ D'Artagnan machte ein Zeichen mit dem Kopf, was wohl ſagen mochte, er billige ganz dieſe zweifelhafte Marime. Zwanzig Jahre nachher. I. 9 im ſie mit ſch, ber ein, als 129 „Woher wißt Ihr dies, Ihr, der Ihr Euch nicht mit Politik beſchäftigt?“ „Ei, mein Gott, ohne mich perſönlich mit der Po⸗ litik zu beſchäſtigen, lebe ich doch in einer Welt, in der man ſich damit abgibt. Während ich die Poeſie pflegte, während ich Liebesgeſchichten unterhielt, verband ich mich mit Herrn Sarraſin, der Herrn von Conti gehört, mit Herrn Voiture, der ein getreuer Anhänger des Coad⸗ jutors iſt, und mit Herrn Bvis⸗Robert, welcher, ſeitdem er nicht mehr im Dienſte des Cardinal von Richelien ſteht, Niemand oder Jedermann gehört, wie Ihr wollt. So iſt mir die politiſche Bewegung nicht ganz entgangen.“ „Ich vermuthete es wohl,“ ſagte d'Artagnan. „Uebrigens, mein Lieber, nehmt das, was ich Euch ſage, nur für Worte eines Kloſterpfaffen, eines Mannes, der wie ein Echo ſpricht, und ganz einfach das wiederholt, was er ſagen gehört hat,“ verſetzte Aramis.„Ich habe nämlich gehört, der Cardinal Mazarin wäre in dieſem Augenblick ſehr unruhig über den Gang der Dinge. Es ſcheint, man hat für ſeine Befehle nicht alle Achtung, die man einſt für die unſerer ſeligen Vogelſcheuche hatte, von der Ihr hier das Porträt ſeht; denn was man auch ſagen mag, mein Lieber, man muß geſtehen: Richelieu war ein großer Mann.“ „Ich widerſpreche Euch in dieſer Hinſicht nicht,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan,„er hat mich zum Lieutenant gemacht.“ „Meine erſte Meinung war ganz für den Cardinal geweſen; ich hatte mir geſagt, ein Miniſter ſei nie geliebt, aber mit dem Genie, das man dieſem zugeſteht, müſſe er am Ende über ſeine Feinde triumphiren und ſich gefürchtet machen, was vielleicht noch mehr werth iſt, als ſich geliebt zu machen.“ D'Artagnan machte ein Zeichen mit dem Kopf, was wohl ſagen mochte, er billige ganz dieſe zweifelhafte Marime. Zwanzig Jahre nachher, J⸗ 9 130 „Dies war alſo meine erſte Meinung,“ fuhr Aramis fort.„Da ich aber völlig in dieſen Dingen unwiſſend bin, und da die Demuth, welche ich als mein Gewerbe treibe, mir es zum Geſetz macht, mich nicht auf mein eigenes Urtheil zu verlaſſen, ſo habe ich mich unterrichtet. Nun, mein lieber Freund...“ Aramis machte eine Pauſe. „Was nun?“ fragte d'Artagnan. 3 „Nun wohl,“ verſetzte Aramis,„ich muß meinen Stolz beugen, ich muß geſtehen, daß ich mich täuſchte.“ „Wirkiich?“ „Ja, ich habe mich unterrichtet, wie ich Euch ſagte, und mehrere Perſonen von verſchiedenartigem Geſchmack und Ehrgeiz antworteten mir, Herr von Mazarin ſei kein Mann von Genie, wie ich es glaubte.“ „Bah!“ rief d'Artagnan., „Nein, es iſt ein Mann von Nichts, der Bedienter des Cardinal Bentivoglio war und ſich durch die Intrigue hervorgearbeitet hat, ein Emporkömmling, ein Mann ohne Namen, welcher in Frankreich nur einen Parteigängerweg machen wird. Er wird viele Thaler aufhäufen, die Ein⸗ künfte des Königs verſchleudern, ſich ſelbſt alle Penſionen bezahlen, welche der verſtorbene Cardinal Richelieu an alle Welt bezahlte; aber nie durch das Recht des Stärkſten, des Größten, oder des Geehrteſten herrſchen. Es ſcheint über⸗ dies, dieſer Miniſter iſt nicht Edelmann von Manier und von Herz; er iſt eine Art von Boufſon, von Puleinell, von Pantalon. Kennt Ihr ihn? ich keune ihn nicht.“ „Gewiß,“ ſprach d'Artagnan,„es iſt etwas Wahres in Dem, was Ihr ſagt.“ „Ihr erfüllt mich mit Stolz, mein Lieber, wenn ich durch einen gewiſſen gewöhnlichen Scharfſinn, mit dem ich ausgerüſtet bin, mit einem Manne zuſammentreffen konnte, wie Ihr ſeid, der Ihr am Hofe lebt.“ 3 „Aber Ihr habt von ihm perſönlich, und nicht von ſeiner Partei und ſeinen Mitteln geſprochen.“ 4 4 * 130 „Dies war alſo meine erſte Meinung,“ fuhr Aramis fort.„Da ich aber völlig in dieſen Dingen unwiſſend bin, und da die Demuth, welche ich als mein Gewerbe treibe, mir es zum Geſetz macht, mich nicht auf mein eigenes Urtheil zu verlaſſen, ſo habe ich mich unterrichtet. Nun, mein lieber Freund. Aramis machte eine Pauſe. „Was nun?“ fragte d'Artagnan. „Run wohl,“ verſetzte Aramis,„ich muß meinen Stolz beugen, ich muß geſtehen, daß ich mich täuſchte.“ „Wirklich?“ „Ja, ich habe mich unterrichtet, wie ich Euch ſagte, und mehrere Perſonen von verſchiedenartigem Geſchmack und Ehegeiz antworteten mir, Herr von Mazarin ſei kein Mann von Genie, wie ich es glaubte.“ „Bah!“ rief d'Artagnan. „Nein, es iſt ein Mann von Richts, der Bedienter des Cardinal Bentivoglio war und ſich durch die Intrigue hervorgearbeitet hat, ein Emporkömmling, ein Mann ohne Namen, welcher in Frankreich nur einen Parteigängerweg machen wird. Er wird viele Thaler aufhäufen, die Ein⸗ künfte des Königs verſchleudern, ſich ſelbſt alle Penſionen bezahlen, welche der verſtorbene Cardinal Richelieu an alle Welt bezahlte; aber nie durch das Recht des Stärkſten, des Größten, oder des Geehrteſten herrſchen. Es ſcheint über⸗ dies, dieſer Miniſter iſt nicht Edelmann von Manier und von Herz; er iſt eine Art von Bouffon, von Puleinell, von Pantalon. Kennt Ihr ihn? ich kenne ihn nicht.“ „Gewiß,“ ſprach dArtagnan,„es iſt etwas Wahres in Dem, was Ihr ſagt.“ „Ihr erfüllt mich mit Stolz, mein Lieber, wenn ich durch einen gewiſſen gewöhnlichen Scharfſinn, mit dem ich ausgerüſtet bin, mit einem Manne zuſammentreffen konnte, wie Ihr ſeid, der Ihr am Hofe lebt.“ „Aber Ihr habt von ihm perſönlich, und nicht von ſeiner Partei und ſeinen Mitteln geſprochen.“ di linen 74 . agte, mack kein enter rigue ohne rweg Ein⸗ onen alle des iber⸗ und nell, hres* 131 „Es iſt wahr. Er hat die Königin für ſich. 5 „Das iſt etwas, wie es mir ſcheint.“ 3 „Aber er hat den König nicht für ſich.“ „Ein Kind!“ „Das in vier Jahren volljährig ſein wird.“ „Das iſt die Gegenwart.“ „Ja, aber es iſt nicht die Zukunft, und in der Ge⸗ genwart hat er weder das Parlament, noch das Volk, das heißt, er hat das Geld nicht für ſich; er hat weder den Adel, noch die Prinzen, das heißt, er hat das Schwert nicht für ſich.“ D'Artagnan kratzte ſich hinter dem Ohre; er mußte ſich ſelbſt zugeſtehen, daß dies nicht nur umfaſſend, ſon⸗ dern auch richtig gedacht war. „Seht„mein armer Freund, ob ich immer noch mit meinem gewoͤhnlichen Scharfſinn ausgerüſtet bin. Ich ſage Euch, daß ich vielleicht Unrecht habe, ſo offenherzig mit Euch zu ſprechen, denn es ſcheint mir, Ihr neigt Euch auf die Seite von Mazarin.“ „Ich!“ rief d'Artagnan;„ich! ganz und gar nicht!“ „Ihr ſpracht von einem Auftrage.“ „Sprach ich von einem Auftrage? Ich hatte Unrecht. Nein, ich ſagte mir, wie Ihr Euch ſagt: die Angelegen⸗ heiten verwickeln ſich. Wohl, werfen wir die Feder in die Luft, gehen wir in der Richtung, in welcher der Wind ſie fortträgt, fangen wir unſer abenteuerliches Leben wieder an. Wir waren vier muthige Ritter, vier zärtlich ver⸗ einigte Herzen; vereinigen wir abermals, zen, denn dieſe waren nie getrennt, ſondern unſer Glück und unſern Muth. Die Gelegenheit iſt günſtig, um etwas Beſſeres zu erobern, als einen Diamant.“ „Ihr hattet Recht, d'Artagnan, immer Recht,“ er⸗ wiederte Aramis,„zum Beweiſe mag dienen, daß ich den⸗ ſelben Gedanken hatte, nur mußte er mir, der ich uttht die glühende, fruchtbare Einbildungskraft beſitze⸗ wie Ihr, 9 4 3 —— nicht unſere Her⸗ nis end ibe, nes un, nen gte, nack kein nter igue hne weg Fin⸗ nen alle des ber⸗ und nell, hres ich nte, von 131 „Es iſt wahr. Er hat die Königin für ſich. „Das iſt etwas, wie es mir ſcheint.“ „Aber er hat den König nicht für ſich.“ „Ein Kind!“ „Das in vier Jahren volljährig ſein wird.“ „Das iſt die Gegenwart.“ „Ja, aber es iſt nicht die Zukunft, und in der Ge⸗ genwart hat er weder das Parlament, noch das Volk, das heißt, er hat das Geld nicht für ſich; er hat weder den Adel, noch die Prinzen, das heißt, er hat das Schwert nicht für ſich.“ D'Artagnan kratzte ſich hinter dem Ohrez er mußte ſich ſelbſt zugeſtehen, daß dies nicht nur umfaſſend, ſon⸗ dern auch richtig gedacht war. „Seht, mein armer Freund, ob ich immer noch mit meinem gewöhnlichen Scharfſinn ausgerüſtet bin. Ich ſage Euch, daß ich vielleicht Unrecht habe, ſo offenherzig mit Euch zu ſprechen, denn es ſcheint mir, Ihr neigt Euch auf die Seite von Mazarin.“ „Ich!“ rief dArtagnan;„ich! ganz und gar nicht!“ „Ihr ſpracht von einem Auſtrage.“ „Sprach ich von einem Auftrage? Ich hatte Unrecht. Nein, ich ſagte mir, wie Ihr Euch ſagt: die Angelegen⸗ heiten verwickeln ſich. Wohl, werfen wir die Feder in die Luft, gelhen wir in der Richtung, in welcher der Wind ſie fortträgt, fangen wir unſer abenteuerliches Leben wieder an. Wir waren vier muthige Ritter, vier zärtlich ver⸗ einigte Herzen; vereinigen wir abermals, nicht unſere Her⸗ zen, denn dieſe waren nie getrennt, ſondern unſer Glück und unſern Muth. Die Gelegenheit iſt günſtig, um etwas Beſſere?; zu erobern, als einen Diamant.“ „Ihr hattet Recht, d'Artagnan, immer Recht,“ er⸗ wieder te Aramis,„zum Beweiſe mag dienen, daß ich den⸗ ſelber Gedanken hatte, nur mußte er mir, der ich nicht die glühende, fruchtbare Einbildungsfraft eſt wie Ihr, 132 eingegeben werden; alle Welt bedarf gegenwärtig der Hilfs⸗ truppen; man hat mir Anträge gemacht, es blickte etwas von unſeren berühmten Waffenthaten in früheren Zeiten durch, und ich muß Euch frei geſtehen, daß mich der Coadjutor zum Sprechen brachte.“ „Herr von Conti, der Feind des Cadinals!“ rief d'Artagnan. „Nein, der Freund des Königs, verſteht Ihr! Wenn es ſich darum handelt, dem König zu dienen, was die Pflicht jedes Edelmanns iſt.“ „Der König hält es mit Herrn von Mazarin, mein Lieber.“ „Der That nach, nicht dem Willen nach, dem Scheine nach, nicht dem Herzen nach, und das iſt gerade die Falle, welche die Feinde des Königs dem armen Kinde ſtellen.“ „Was Ihr mir da vorſchlagt, iſt ganz einfach der Bürgerkrieg, mein lieber Aramis.“ „Der Krieg für den König.“ „Aber der Koͤnig wird an der Spitze der Armee ſte⸗ hen, bei der auch Mazarin iſt.“ Er wird mit dem Herzen bei dem Heere ſein, das Herr von Beaufort befehligt.“ 8 3 „Herr von Beaufort? er iſt in Vincennes.“ „Habe ich Herr von Beaufort geſagt?“ verſetzte Ara⸗ mis;„Herr von Beaufort oder ein Anderer. Herr von Beaufort oder der Herr Prinz.“ „Der Herr Prinz geht zu der Armee ab und iſt ganz auf der Seite des Cardinals.“ „Ho, ho!“ rief Aramis,„bis auf dieſen Augenblick haben ſie einigen Streit mit einander. Doch wenn es nicht der Prinz iſt, ſo iſt es Herr von Conti.“ „Herr von Conti ſoll Cardinal werden; man verlangt den Hut für ihn.“ „Gibt es nicht ſehr kriegeriſche Cardinäle?“ entgeg⸗ nete Aramis.„Seht, um Euch her ſind vier Cardinäle, 132 eingegeben werden; alle Welt bedarf gegenwärtig der Hilfs⸗ 5 truppen; man hat mir Anträge gemacht, es blickte etwas 5 von unſeren berühmten Waffenthaten in früheren Zeiten durch, und ich muß Euch frei geſtehen, daß mich der Cvavjutor zum Sprechen brachte.“ „Herr von Conti, der Feind des Cadinals!“ rief ſe d'Artagnan. „Rein, der Freund des Königs, verſteht Ihr! Wenn d es ſich darum handelt, dem König zu dienen, was die Pflicht jedes Edelmanns iſt.“ „Der König hält es mit Herrn von Mazarin, mein Lieber.“ P „Der That nach, nicht dem Willen nach, dem Scheine nach, nicht dem Herzen nach, und das iſt gerade die Falle, welche die Feinde des Königs dem armen Kinde ſlellen.“ „Was Ihr mir da vorſchlagt, iſt ganz einfach der Bürgerkrieg, mein lieber Aramis.“ „Der Krieg für den König.“ gu „Aber der König wird an der Spitze der Armee ſte⸗ z hen, bei der auch Mazarin iſt.“ S „Er wird mit dem Herzen bei dem Heere ſein, das A Herr von Beaufort befehligt.“ „Herr von Beaufort? er iſt in Vincennes.“ „Habe ich Herr von Beaufort geſagt?“ verſetzte Ara⸗ z. mis;„Herr von Beaufort vder ein Anderer. Herr von Beaufort oder der Herr Prinz.“ riſ „Der Herr Prinz geht zu der Armee ab und iſt ganz auf der Seite des Cardinals.“ „Ho, ho!“ rief Aramis,„bis auf dieſen Augenblick di haben ſie einigen Streit mit einander. Doch wenn es e nicht der Prinz iſt, ſo iſt es Herr von Conti.“ „Herr von Conti ſoll Cardinal werden; man verlangt v den Hut für ihn.“. „Gibt es nicht ſehr kriegeriſche Cardinäle?“ entgeg⸗ b nete Aramis.„Seht, um Euch her ſind vier Cardinäle, nie ₰ — N 133 welche an der Spitze von Heeren ſo viel werth waren, als Herr von Guebriant und Herr von Gaſſion.“ „Aber ein buckeliger General.“ 4 „Unter ſeinem Küraß wird man den Buckel nicht ſehen. Erinnert Euch, daß Alerander hinkte und Hannibal einäugig war.“ „Seht Ihr große Vortheile bei dieſer Partie?“ fragte d'Artagnan. 4 1 „Ich ſehe darin die Protection mächtiger Prinzen.“ „Mit der Proſcription der Regierung.“ „Für nichtig erklärt durch die Parlamente und die Meutereien.“ „Alles könnte ſich ſo machen, wie Ihr ſagt, wenn es gelänge, den König von ſeiner Mutter zu trennen.“ „Dazu wird es kommen.“ „Nie!“ rief d'Artagnan, dießmal zu ſeiner Ueberzeu⸗ gung zurückkehrend.„Ich berufe mich auf Euch, Aramis, auf Euch, der Ihr Anna von Oeſterreich ſo gut kennt, wie ich. Glaubt Ihr, ſie könnte je vergeſſen, daß ihr Sohn ihre Sicherheit, ihr Palladium, das Pfand ihrer Achtung, ihres Glückes, ihres Lebens iſt? Mazarin ver⸗ laſſend, müßte ſie mit dem König auf die Partei der Prin⸗ zen übergehen, aber Ihr wißt beſſer, als irgend Jemand, daß ſie mächtige Gründe hat, ihn nie zu verlaſſen.“ „Ihr habt vielleicht Recht,“ ſagte Aramis träume⸗ riſch;„ich werde mich alſo zu nichts verpflichten.“ „Bei Ihnen,“ verſetzte d'Artagnan;„aber bei mir?“ „Bei Niemand. Ich bin Prieſter, was habe ich mit der Politik zu thun; ich leſe kein Brevier, aber ich habe eine kleine Kundſchaft von geiſtreichen, ſpitzbübiſchen Abbés und reizenden Frauen; je mehr ſich die Angelegenheiten⸗ verwirren, deſto weniger werden meine Streiche Aufſehen machen; Alles geht vortrefflich, ohne daß ich mich darein miſche, und, mein lieber Freund, ich bin entſchieden, mich nicht darein zu miſchen.““ „Schön, mein Wertheſter ſprach d'Artagnan;„auf fs⸗ vas iten der rief enn die ein eine lle, n. der ſte⸗ das lra⸗ vvn anz lick es ngt eg⸗ äle, 133 welche an der Spitze von Heeren ſo viel werth waren, als Herr von Guebriant und Herr von Gaſſion.“ „Aber ein buckeliger General.“ „Unter ſeinem Küraß wird man den Buckel nicht ſehen. Erinnert Euch, daß Alerander hinkte und Hannibal einäugig war.“ „Seht Ihr große Vortheile bei dieſer Partie?“ fragte d'Artagnan. „Ich ſehe darin die Protection mächtiger Prinzen.“ „Mit der Proſecription der Regierung.“ „Für nichtig erklärt durch die Parlamente und die Meutereien.“ „Alles könnte ſich ſo machen, wie Ihr ſagt, wenn es gelänge, den König von ſeiner Mutter zu trennen.“ „Dazu wird es kommen.“ „Nie!“ rief d'Artagnan, dießmal zu ſeiner Ueberzeu⸗ gung zurückkehrend.„Ich berufe mich auf Euch, Aramis, auf Euch, der Ihr Anna von Oeſterreich ſo gut kennt, wie ich. Glaubt Ihr, ſie könnte je vergeſſen, daß ihr Sohn ihre Sicherheit, ihr Palladium, das Pfand ihrer Achtung, ihres Glückes, ihres Lebens iſt? Mazarin ver⸗ laſſend, müßte ſie mit dem König auf die Partei der Prin⸗ zen übergehen, aber Ihr wißt beſſer, als irgend Jemand, daß ſie mächtige Gründe hat, ihn nie zu verlaſſen.“ „Ihr habt vielleicht Recht,“ ſagte Aramis träume⸗ riſch;„ich werde mich alſo zu nichts verpflichten.“ „Bei Ihnen,“ veiſetzte d'Artagnan;„aber bei mir?“ „Bei Niemand. Ich bin Prieſter, was habe ich mit der Politik zu thun; ich leſe kein Brevier, aber ich habe eine kleine Kundſchaft von geiſtreichen, ſpitzbübiſchen Abbés und reizenden Frauen; je mehr ſich die Angelegenheiten verwirren, deſto weniger werden meine Streiche Aufſehen machen; Alles geht vortrefflich, ohne daß ich mich darein miſche, und, mein lieber Freund, ich bin entſchieden, mich nicht darein zu miſchen.“ „Schön, mein Wertheſter,“ ſprach dArtagnan;„auf 134 Ehre, Eure Philoſophie ſteckt mich an, und ich weiß nicht, welcher Teufel von einer Ehrgeizfliege mich geſtochen hatte; ich habe eine Art von Stelle, die mich ernährt, ich kann bei dem Tode des armen Herrn von Treville, der ſich alt macht, Kapitän werden; das iſt ein hübſcher Marſchalls⸗ ſtab für einen Junker aus Gascogne, und ich ſehe, daß ich an den Reizen des beſcheidenen, aber täglichen Brodes hänge: ſtatt Abenteuern nachzulaufen, nehme ich die Ein⸗ ladungen von Porthos an und jage auf ſeinen Gütern; Ihr wißt, daß Porthos Güter beſitzt?“ „Ganz gewiß weiß ich es; er beſitzt zehn Meilen Wälder, Sümpfe und Thäler und prozeſſirt über Lehens⸗ rechte mit dem Biſchof von Noyon.“ „Gut,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„das wollte iih wiſſen, Porthos iſt in der Picardie.“ Dann fügte er aut bei: „Und er hat ſeinen alten Namen du Vallon wieder angenommen.“ „Welchem er den Namen Bracieur beifügte, von einem Gute, das baroniſirt worden iſt.“ 3 „Alſo werden wir Porthos als Baron ſehen.“ „Ich zweifle nicht daran; beſonders die Baronin Por⸗ thos wird bewunderungswürdig ſein.“ Die zwei Freunde brachen in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. 4 3 „Ihr wollt alſo nicht zu Mazarin übergehen?“ fragte d'Artagnan. „Und Ihr nicht zu den Prinzen?“ „Nein. Gehen wir zu Niemand über und bleiben wir Freunde. Wir wollen weder Cardinaliſten, noch Fron⸗ deurs werden.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„ſeien wir Musketiere.“ „Sogar mit dem kleinen Kragen?“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. „Beſonders mit dem kleinen Kragen,“ rief Aramis, 3 „„das iſt gerade das Reizende davon.“ 134 Ehre, Eure Philoſophie ſteckt mich an, und ich weiß nicht, welcher Teufel von einer Ehrgeizfliege mich geſtochen hatte; ich habe eine Art von Stelle, die mich ernährt, ich kann bei dem Tode des armen Herrn von Treville, der ſich alt macht, Kapitän werden; das iſt ein hübſcher Marſchalls⸗ ſtab für einen Junker aus Gascogne, und ich ſehe, daß ich an den Reizen des beſcheidenen, aber täglichen Brodes hänge; ſtatt Abenteuern nachzulaufen, nehme ich die Ein⸗ ladungen von Porthos an und jage auf ſeinen Gütern; Ihr wißt, daß Porthos Güter beſitzt?“ „Ganz gewiß weiß ich es; er beſitzt zehn Meilen Wälder, Sümpfe und Thäler und prozeſſirt über Lehens⸗ rechte mit dem Biſchof von Noyon.“ „Gut,“ ſagte d'Artagnan zu ſich felbſt,„das wollte i6 i Porthos iſt in der Pieardie.“ Dann fügte er aut bei: „Und er hat ſeinen alten Namen du Vallon wieder angenommen.“ „Welchem er den Namen Bracieur beifügte, von einem Gute, das baroniſirt worden iſt.“ „Alſo werden wir Porthos als Baron ſehen.“ „Ich zweifle nicht daran; beſonders die Baronin Por⸗ thos wird bewunderungswürdig ſein.“ Die zwei Freunde brachen in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. „Ihr wollt alſo nicht zu Mazarin übergehen?“ fragte d'Artagnan. „Und Ihr nicht zu den Prinzen?“ „Nein. Gehen wir zu Niemand über und bleiben wir Freunde. Wir wollen weder Cardinaliſten, noch Fron⸗ deurs werden.“ „Ja,“ ſagte Aramis,„ſeien wir Musketiere.““ „Sogar mit dem kleinen Kragen?“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. „Beſonders mit dem kleinen Kragen,“ rief Aramis, „das iſt gerade das Reizende davon.“ eir ni ter fer ei ei — 13⁵ „Gott befohlen, alſo,“ ſprach d'Artagnan...4* „Ich halte Euch nicht zurück, mein Lieber,“ erwiederte Aramis,„in Betracht, daß ich nicht wüßte, wo ich Euch eine Lagerſtätte geben ſollte, und ich Euch ſchicklicher Weiſe nicht die Hälfte von dem Schoppen von Planchet anbie⸗ en kann.“. „Ueberdies bin ich nur drei Lieues von Paris ent⸗ fernt. Die Pferde ſind ausgeruht und in weniger als einer Stunde bin ich zurück.“ Und d'Artagnan ſchenkte ſich ein letztes Glas Wein ein und ſprach: 4 „Auf unſere alte Zeit!“ „Ja,“ verſetzte Aramis,„leider iſt es eine vergan⸗ gene Zeit: lugit irreparabile tempus.“ „Bah!“ rief d'Artagnan,„ſie wird wiederkehren. In jedem Falle, wenn Ihr meiner beduͤrft, Rue Tiquetonne, Gaſthaus zur Rehziege⸗“ „Und mich findet Ihr im Kloſter der Jeſuiten; von ſechs Uhr Morgens bis acht Uhr Abends durch die Thüre, von acht Uhr Abends bis ſechs Uhr Morgens durch das Fenſter.“ „Adieu, mein Lieber.“ „Ohl ich verlaſſe Euch nicht ſo; erlaubt, daß ich Euch zurück geleite.“ Und er nahm ſeinen Degen und ſeinen Mantel. „Er will ſich verſichern, daß ich gehe,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan zu ſich ſelbſt.. Aramis pfiff Bazin; aber Bazin ſchlief im Vorzim⸗ mer über den Reſten ſeines Abendbrodes, und Aramis war genöthigt, ihn am Ohre zu ſchütteln, um ihn aufzuwecken. Bazin ſtreckte die Arme aus, rieb ſich die Augen und ſuchte wieder einzuſchlafen. 4 „Auf, auf! Meiſter Schläfer, die Leiter.“ „Aber,“ ſagte Bazin gähnend,„daß ſich die Kinn⸗ backen häiten ausrenken ſollen,„die Leiter iſt am Fenſter geblieben.“ 3 135 eiß„Gott befohlen, alſo,“ ſprach d'Artagnan. hen„Ich halte Euch nicht zurück, mein Lieber,“ erwiederte ich Aramis,„in Betracht, daß ich nicht wüßte, wo ich Euch ſich eine Lagerſtätte geben ſollte, und ich Euch ſchicklicher Weiſe s⸗ nicht die Hälfte von dem Schoppen von Planchet anbie⸗ daß ten kann.“ des„Ueberdies bin ich nur drei Lieues von Paris ent⸗ in⸗ fernt. Die Pferde ſind ausgeruht und in weniger als rn; einer Stunde bin ich zurück.“ und dArtagnan ſchenkte ſich ein letztes Glas Wein ilen ein und ſprach: ns⸗„Auf unſere alte Zeit!“ „Ja,“ verſetzte Aramis,„leider iſt es eine vergan⸗ te gene Zeit:(ugit irreparabile tempus.“ er„Bah!“ rief dArtagnan,„ſie wird wiederkehren. In jedem Falle, wenn Ihr meiner bedürft, Rue Tiquetonne, eder Gaſthaus zur Rehziege.“ „Und mich findet Ihr im Kloſter der Jeſuiten; von em ſechs Uhr Morgens bis acht Uhr Abends durch die Thüre, von acht Uhr Abends bis ſechs Uhr Morgens durch das Fenſter.“ or⸗„Adien, mein Lieber.“ „Oh! ich verlaſſe Euch nicht ſo; erlaubt, daß ich ich⸗ Euch zurück geleite.“ Und er nahm ſeinen Degen und ſeinen Mantel. agte„Er will ſich verſichern, daß ich gehe,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan zu ſich ſelbſt. Aramis pfiff Bazin; aber Bazin ſchlief im Vorzim⸗ wir mer über den Reſten ſeines Abendbrodes, und Aramis war n⸗ genöthigt, ihn am Ohre zu ſchütteln, um ihn aufzuwecken. Bazin ſtreckte die Arme aus, rieb ſich die Augen und ſuchte wieder einzuſchlafen. Ar⸗„Auf, aufl Meiſter Schläfer, die Leiter.“ „Aber,“ ſagte Bazin gähnend,„daß ſich die Kinu⸗ mis, backen hätten ausrenken ſollen,„die Leiter iſt am Fenſter geblieben.“ 136 „Die andere, die vom Gärtner: haſt Du nicht wahr⸗ genommen, daß d'Artagnan Mühe hatte, heraufzuſteigen, und daß er noch größere Mühe haben wird, hinabzuſteigen.“ D'Artagnan wollte Aramis verſichern, er würde ſehr gut hinabſteigen, als ihm ein Gedanke kam; dieſer Ge⸗ danke machte, daß er ſchwieg. Bazin ſtieß einen tiefen Seufzer aus und entfernte ſich, um die Leiter zu ſuchen. Einen Augenblick nachher ſtand eine feſte hölzerne Leiter am Fenſter. „Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan;„das nennt man ein Verbindungsmittel; eine Frau würde an einer ſolchen Lei⸗ ter auf⸗ und abſteigen.“ Ein durchdringender Blick von Aramis ſchien den Gedanken ſeines Freundes bis in der Tiefe ſeines Herzens ſuchen zu wollen, aber d'Artagnan hielt dieſen Blick mit bewunderungswürdiger Naivetät aus. In zwei Sekunden war er auf dem Boden. Bazin blieb am Fenſter. „Bleibe hier,“ ſagte Aramis,„ich komme zurück.“ Alle Beide gingen auf den Schoppen zu; als ſie ſich demſelben näherten, kam Planchet, die zwei Pferde an den Zügeln haltend, heraus. „Schön,“ ſagte Aramis,„das iſt ein thätiger, wach⸗ ſamer Diener, nicht wie der träge Bazin, der zu nichts mehr taugt, ſeitdem er Kirchenmenſch geworden iſt. Folgt uns; Planchet, wir gehen plaudernd bis an das Ende des Dorfes.“—.„ Die zwei Freunde durchwanderten wirklich, über gleich⸗ gültige Dinge plaudernd, das ganze Dorf; als ſie die letzten Häuſer erreicht hatten, ſagte Aramis: 1 „Geht, lieber Freund, verfolgt Euere Laufbahn, das Glück lächelt Euch, laßt es nicht entſchlüpfen, erinnert Euch, daß es eine Courtiſane iſt und behandelt es darnach; ich bleibe in meiner Niedrigkeit und Trägheit; Gott befohlen.“ 4„Es iſt alſo entſchieden,“ verſetzte d'Artagnan,„was ich Euch anbiete, ſagt Euch nicht zu?“ — e ee —&&ᷣ& — ☛ 136 „Die andere, die vom Gärtner: haſt Du nicht wahr⸗ genommen, daß d'Artagnan Mühe hatte, heraufzuſteigen, und daß er noch größere Mühe haben wird, hinabzuſteigen.“ D'Artagnan wollte Aramis verſichern, er würde ſehr gut hinabſteigen, als ihm ein Gedanke kam; dieſer Ge⸗ danke machte, daß er ſchwieg. Bazin ſtieß einen tiefen Seufzer aus und entfernte ſich, um die Leiter zu ſuchen. Einen Augenblick nachher ſtand eine feſte hölzerne Leiter am Fenſter. „Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan;„das nennt man ein Verbindungsmittel; eine Frau würde an einer ſolchen Lei⸗ ter auf⸗ und abſteigen.“ Ein durchdringender Blick von Aramis ſchien den Gedanken ſeines Freundes bis in der Tiefe ſeines Herzens ſuchen zu wollen, aber d'Artagnan hielt dieſen Blick mit bewunderungswürdiger Naivetät aus. In zwei Sekunden war er auf dem Boden. Bezin blieb am Fenſter. „Bleibe hier,“ ſagte Aramis, ich komme zurück.“ Alle Beide gingen auf den Schoppen zu; als ſie ſich demſelben näherten, kam Planchet, die zwei Pferde an den Zügeln haltend, heraus. „Schön,“ ſagte Aramis,„das iſt ein thätiger, wach⸗ ſamer Diener, nicht wie der träge Bazin, der zu nichts mehr taugt, ſeitdem er Kirchenmenſch geworden iſt. Folgt uns; Planchet, wir gehen plaudernd bis an das Ende des Dorfes.“ Die zwei Freunde durchwanderten wirklich, über gleich⸗ gültige Dinge plaudernd, das ganze Dorf; als ſie die letzten Häuſer erreicht hatten, ſagte Aramis: „Geht, lieber Freund, verfolgt Euere Laufbahn, das Glück lächelt Euch, laßt es nicht entſchlüpfen, erinnert Euch, daß es eine Courtiſane iſt und behandelt es darnach; ich bleibe in meiner Niedrigkeit und Trägheit; Gott befohlen.“ „Es iſt alſo entſchieden,“ verſetzte d'Artagnan,„was ich Euch anbiete, ſagt Euch nicht zu?“ — S—„07—— — a— —— de rer der — 137 „Es würde mir im Gegentheil ſehr zuſagen, wenn ich ein Menſch wäre, wie Andere; aber ich wiederhole Euch, ich bin aus Contraſten zuſammengeſetzt; was ich heute haſſe, werde ich morgen anbeten, und vice versa... Ihr ſeht wohl, daß ich mich nicht verpflichten kann, wie Ihr, zum Beiſpiel, da Ihr feſte Anſichten habt.“ „Du lügſt, Duckmäuſer,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt;„Du biſt im Gegentheil der Einzige, der ſich ein Ziel zu wählen weiß und im Finſtern darauf losgeht.“ Sie umarmten ſich. Planchet war bereits zu Pferde, d'Artagnan ſchwang ſich ebenfalls in den Sattel, und ſie drückten ſich noch einmal die Hand. Aramis blieb unbeweglich mitten auf der Straße ſtehen, bis er ſie aus dem Geſichte verloren hatte. Aber nach zweihundert Schritten hielt d'Artagnan plötz⸗ lich an, ſprang zu Boden, warf den Zügel ſeines Pferdes Planchet über den Arm, nahm ſeine Piſtolen aus den Halftern und ſteckte ſie in den Gürtel. „Was habt Ihr, gnädiger Herr?“ fragte Planchet ganz erſchrocken. „Was ich habe?“ ſagte d'Artagnan;„ſo ſchlau er auch ſein mag, ſo werde ich darum doch nicht ſein Thor ſein. Bleibe hier und rühre Dich nicht; ſtelle Dich nur auf die Feldſeite des Weges und erwarte mich.“ Bei dieſen Worten ſprang d'Artagnan auf die andere Seite des Grabens und eilte durch die Ebene, um das Dorf zu umgehen. Er hatte zwiſchen dem von Frau von Longueville bewohnten Hauſe und dem Jeſuitenkloſter einen leeren Raum bemerkt, der nur mittelſt einer Hecke geſchloſ⸗ ſen war.— Eine Stunde vorher hätte er vielleicht Mühe gehabt, dieſe Hecke wieder aufzufinden, aber der Mond war ſo eben aufgegangen, und obgleich er von Zeit zu Zeit von den Wolken bedeckt wurde, ſo ſah man doch ſogar wäh⸗ rend dieſer Verdunkelungen hell genug, um den Weg wie⸗ der zu finden. ————— 137 „Es würde mir im Gegentheil ſehr zuſagen, weun ich ein Menſch wäre, wie Andere; aber ich wiederhole Euch, ich bin aus Contraſten zuſammengeſetzt; was ich heute haſſe, werde ich morgen anbeten, und vice versa„ Ihr ſeht wohl, daß ich mich nicht verpflichten kann, wie Ihr, zum Beiſpiel, da Ihr feſte Anſichten habt.“ „Du lügſt, Duckmäuſer,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt;„Du biſt im Gegentheil der Einzige, der ſich ein Ziel zu wählen weiß und im Finſtern darauf losgeht.“ Sie umarmten ſich. Planchet war bereits zu Pferde, d'Artagnan ſchwang ſich ebenfalls in den Sattel, und ſie drückten ſich noch einmal die Hand. Aramis blieb unbeweglich mitten auf der Straße ſtehen, bis er ſie aus dem Geſichte verloren hatte. Aber nach zweihundert Schritten hielt d'Artagnan plötz⸗ lich an, ſprang zu Boden, warf den Zügel ſeines Pferdes Planchet über den Arm, nahm ſeine Piſtolen aus den Halftern und ſteckte ſie in den Gürtel. „Was habt Ihr, gnädiger Herr?“ fragte Planchet ganz erſchrocken. „Was ich habe?“ ſagte dArtagnan;„ſo ſchlau er auch ſein mag, ſo werde ich darum doch nicht ſein Thor ſein. Bleibe hier und rühre Dich nicht; ſtelle Dich nur auf die Feldſeite des Weges und erwarte mich.“ Bei dieſen Worten ſprang dArtagnan auf die andere Seite des Grabens und eilte durch die Ebene, um das Dorf zu umgehen. Er hatte zwiſchen dem von Frau von Longueville bewohnten Hauſe und dem Jeſuitenkloſter einen Raum bemerkt, der nur mittelſt einer Hecke geſchloſ⸗ en war. Eine Stunde vorher hätte er vielleicht Mühe gehabt, dieſe Hecke wieder aufzufinden, aber der Mond war ſo eben aufgegangen, und obgleich er von Zeit zu Zeit von den Wolken bedeckt wurde, ſo ſah man doch ſogar wäh⸗ rend dieſer Verdunkelungen hell genug, um den Weg wie⸗ der zu finden. 138 D'Artagnan erreichte die Hecke und verbarg ſich hin⸗ ter derſelben. Als er an dem Hauſe vorüberkam, wo die von uns eerzählte Scene ſtattgefunden hatte, bemerkte er, daß daſſelbe Fenſter abermals erleuchtet war, und er über⸗ zeugte ſich dadurch, daß Aramis noch nicht in ſeine Woh⸗ nung zurückgekehrt ſein konnte, und daß er, wenn er zu⸗ rückkehrte, nicht allein zurückkehren würde. Nach ein paar Minuten hörte er wirklich Tritte, die ſich näherten, und etwas wie ein Geräuſch von Stimmen, welche halblaut mit einander ſprachen. Am Anfange der Hecke hielten die Tritte an. D'Artagnan kniete mit einem Fuße nieder und ſuchte die dickſte Stelle der Hecke, um ſich dahinter zu verbergen. In dieſem Augenblick erſchienen zwei Männer, zum großen Erſtaunen von d'Artagnan; bald aber entſchwand ſein Erſtaunen, denn er hörte eine weiche, harmoniſche Stimme vibriren; der eine von den zwei Männern war eine als Cavalier verkleidete Frau. „Seid ruhig, mein lieber René,“ ſprach die weiche Stimme,„dieſelbe Sache wird ſich nicht wiederholen; ich habe eine Art von Gang entdeckt, der unter der Erde hin⸗ läuft, und wir dürfen nur eine von den Planen wegneh⸗ men, welche vor der Thüre ſind, um Euch einen Eingang und einen Ausgang zu öffnen.“ „Oh!“ ſprach eine andere Stimme, in welcher d'Ar⸗ tagnan die von Aramis erkannte;„ich ſchwöre Euch, Prinzeſſin, wenn Euer Ruf nicht von allen dieſen Vor⸗ ſichtsmaßregeln abhinge und ich nur mein Leben dabei wagte..“ Ji Zn, ich weiß, daß Ihr muthig und verwegen ſeid, wie irgend ein Weltmann; aber Ihr gehört nicht mir allein, Ihr gehört unſerer Partei. Seid alſo klug, ſeid behutſam.“ 3 „Ich gehorche immer, Madame,“ ſagte Aramis, wenn man mir mit einer ſo ſüßen Stimme zu befehlen weiß. 4 1 D'Artagnan erreichte die Hecke und verbarg ſich hin⸗ ter derſelben. Als er an dem Hauſe vorüberkam, wo die von uns erzählte Scene ſtattgefunden hatte, bemerkte er, daß daſſelbe Fenſter abermals erleuchtet war, und er über⸗ zeugte ſich dadurch, daß Aramis noch nicht in ſeine Woh⸗ nung zurückgekehrt ſein konnte, und daß er, wenn er zu⸗ rückkehrte, nicht allein zurückkehren würde. Nach ein paar Minuten hörte er wirklich Tritte, die ſich näherten, und etwas wie ein Geräuſch von Stimmen, welche halblaut mit einander ſprachen. Am Anfange der Hecke hielten die Tritte an. DArtagnan kniete mit einem Fuße nieder und ſuchte die dickſte Stelle der Hecke, um ſich dahinter zu verbergen. In dieſem Augenblick erſchienen zwei Männer, zum großen Erſtaunen von d'Artagnan; bald aber entſchwand ſein Erſtaunen, denn er hörte eine weiche, harmoniſche Stimme vibriren; der eine von den zwei Männern war eine als Cavalier verkleidete Frau. „Seid ruhig, mein lieber René,“ ſprach die weiche Stimme,„dieſelbe Sache wird ſich nicht wiederholen; ich habe eine Art von Gang entdeckt, der unter der Erde hin⸗ läuft, und wir dürfen nur eine von den Planen wegneh⸗ men, welche vor der Thüre ſind, um Euch einen Eingang und einen Ausgang zu öffnen.“ „Oh!“ ſprach eine andere Stimme, in welcher d'Ar⸗ tagnan die von Aramis erkannte;„ich ſchwöre Euch, Prinzeſſin, wenn Euer Ruf nicht von allen dieſen Vor⸗ ſichtmaßregeln abhinge und ich nur mein Leben dabei wagte„. „Ja, ich weiß, daß Ihr muthig und verwegen ſeid, wie irgend ein Weltmann; aber Ihr gehört nicht mir allein, Ihr gehört unſerer Partei. Seid alſo klug, ſeid behutſam.“ „Ich gehorche immer, Madame ſagte Aramis, „wenn man mir mit einer ſo ſüßen Stimme zu befehlen weiß. — —.——— ——— — ,— 139 Und er küßte ihr zärtlich die Hand. „Ah!“ rief der Cavalier mit der weichen Stimme. „Was gibt es?“ fragte Aramis. 3 „Seht Ihr denn nicht, daß der Wind meinen Hut fortgenommen hat?“ Aramis ſturzte dem flüchtigen Hute nach. D'Artag⸗ nan benützte dieſen Umſtand, um eine minder dichte Stelle der Hecke zu ſuchen, von wo ſein Blick frei bis zu dem problematiſchen Cavalier dringen konnte. Vielleicht eben ſo neugierig, wie der Offizier, trat der Mond gerade in dieſem Momente hinter einer Wolke hervor, und bei ſeiner indiscreten Helle erkannte d'Artagnan die großen blauen Augen, die goldenen Haare und den edlen Kopf der Her⸗ zogin von Longueville. Aramis kehrte lachend, einen Hut auf dem Kopfe und einen unter dem Arme, zurück und Beide ſetzten ihren Weg nach dem Jeſuitenkloſter fort. „Gut!“ ſagte d'Artagnan ſich erhebend und ſein Knie abbürſtend,„nun habe ich Dich, Du biſt Frondeur und der Geliebte von Frau von Longueville.“ XII. Herr Porthos du Vallon de Bracieur de Pierrefonds. Durch die Erkundigungen, welche d'Artagnan bei Aramis einzog, hatte er, bereits damit vertraut, daß ſich Porthos nach ſeinem Familiennamen nannte, auch erfah⸗ ren, daß er ſich nach ſeinem Gutsnamen de Bracieur hieß und wegen dieſes Gutes einen Proceß mit dem Biſchof von Noyon führte.“ r, r⸗ h⸗ u⸗ ie n, te n. m nd che ar che ich in⸗ eh⸗ ng Ar⸗ ich, or⸗ bei eid, mir ſeid nis, hlen Und er küßte ihr zärtlich die Hand. „Ah!“ rief der Cavalier mit der weichen Stimme. „Was gibt es?“ fragte Aramis. „Seht Ihr denn nicht, daß der Wind meinen Hut fortgenommen hat?“ Aramis ſtürzte dem flüchtigen Hute nach. D'Artag⸗ nan benützte dieſen Umſtand, um eine minder dichte Stelle der Hecke zu ſuchen, von wo ſein Blick frei bis zu dem problematiſchen Cavalier dringen konnte. Vielleicht eben ſo neugierig, wie der Offizier, trat der Mond gerade in dieſem Momente hinter einer Wolke hervor, und bei ſeiner indisereten Helle erkaunte d'Artagnan die großen blauen Augen, die goldenen Haare und den edlen Kopf der Her⸗ zogin von Longueville. Aramis kehrte lachend, einen Hut auf dem Kopfe und einen unter dem Arme, zurück und Beide ſetzten ihren Weg nach dem Jeſuitenkloſter fort. „Gut!“ ſagte d'Artagnan ſich erhebend und ſein Knie abbürſtend,„nun habe ich Dich, Du biſt Frondeur und der Geliebte von Frau von Longueville.“ XII. Herr Porthos du Pallon de Brarieur de Pierrefonds. Durch die Erkundigungen, welche d'Artagnan bei Aramis einzog, hatte er, bereits damit vertraut, daß ſich Porthos nach ſeinem Familiennamen nannte, auch erfah⸗ ren, daß er ſich nach ſeinem Gutsnamen de Bracieur hieß und wegen dieſes Gutes einen Proceß mit dem Biſchof von Noyon führte. 140 Er mußte alſo dieſes Gut in der Gegend von Noyon, das heißt an der Gränze der Picardie aufſuchen. Sein Reiſeplan war bald feſtgeſtellt. Er gedachte ſich nach Damartin zu begeben, wo zwei Straßen zuſam⸗ menlaufen, von denen die eine nach Soiſſons, die andere nach Compiégne führt. Dort wollte er ſich nach dem Gute ſeines Freundes erkundigen und je nachdem die Ant⸗ wort ausfiel, gerade aus reiten oder den Weg links ein⸗ ſchlagen. Planchet, welcher in Beziehung auf ſeinen letzten Streich noch nicht ganz ruhig war, erklärte, er würde d'Artagnan bis an das Ende der Welt folgen, möchte dieſer gerade aus reiten oder den Weg links einſchlagen. Er bat nur ſeinen ehemaligen Herrn, Abends abzureiſen, inſoferne die Finſterniß mehr Sicherheit böte. D Artagnan ſchlug ihm nun vor, ſeine Frau hievon in Kenntniß zu ſetzen, um ſie wenigſtens über ſein Schickſal zu beruhigen. Planchet aber antwortete mit viel Klugheit, er wäre über⸗ zeugt, ſeine Frau würde nicht vor Unruhe ſterben, wenn ſie nicht wüßte, wo er ſich aufhielte, während er, bekannt mit der Zungenfeſſelloſigkeit, von der ſie zuweilen befallen würde, vor Unruhe ſterben müßte, wenn ſie es wüßte. Dieſe Gründe erſchienen d'Artagnan ſo gut, daß er nicht ferner darauf beſtand, gegen acht Uhr Abends in dem Augenblick, wo der Nebel ſich in den Straßen zu verdicken anfing, das Gaſthaus zur Rehziege verließ und gefolgt von Planchet ſich durch die Porte Saint⸗Denis aus der Hauptſtadt entfernte. Um Mitternacht befanden ſich die zwei Reiſenden in Damartin. Es war zu ſpät, um Erkundigungen einzuziehen. Der Wirth zum Schwan vom Kreuze lag bereits im Bett. D'Artagnan verſchob alſo die Sache auf den andern Tag.— 3 Am andern Tage ließ er den Wirth kommen. Es war einer von den liſtigen Normannen, welche weder Ja ————ꝛ—xx——— V 140 Er mußte alſo dieſes Gut in der Gegend von Noyon, 1 das heißt an der Gränze der Picardie aufſuchen. Sein Reiſeplan war bald feſigeſtellt. Er gedachte ſich nach Damartin zu begeben, wo zwei Straßen zuſam⸗ menlaufen, von denen die eine nach Soiſſons, die andere zu nach Compiègne führt. Dort wollte er ſich nach dem„ n Gute ſeines Freundes erkundigen und je nachdem die Ant⸗ 5. wort ausfiel, gerade aus reiten oder den Weg links ein⸗ ſchlagen. Planchet, welcher in Beziehung auf ſeinen letzten g Streich noch nicht ganz ruhig war, erklärte, er würde d'Artagnan bis an das Ende der Welt folgen, möchte t dieſer gerade aus reiten oder den Weg links einſchlagen. 1 Er bat nur ſeinen ehemaligen Herrn, Abends abzureiſen,. inſoferne die Finſterniß mehr Sicherheit böte. D'Artagnan i ſchlug ihm nun vor, ſeine Frau hevon in Kenntniß zu ie ſhen um ſie wenigſtens über ſein Schickſal zu beruhigen. Planchet aber antwortete mit viel Klugheit, er wäre über⸗. zeugt, ſeine Frau würde nicht vor Unruhe ſterben, wenn ſie nicht wüßte, wo er ſich aufhielte, während er, bekannt 3 mit der Zungenfeſſelloſigkeit, von der ſie zuweilen befallen würde, vor Unruhe ſterben müßte, wenn ſie es wüßte. An Dieſe Gründe erſchienen d'Artagnan ſo gut, daß er 6 nicht ferner darauf beſtand, gegen acht Uhr Abends in 9 dem Augenblick, wo der Nebel ſich in den Straßen zu. verdicken anfing, das Gaſthaus zur Rehziege verließ und un gefolgt von Planchet ſich durch die Porte Saint⸗Denis lu aus der Hauptſtadt entfernte. na Um Mitternacht befanden ſich die zwei Reiſenden in Damartin. D Es war zu ſpät, um Erkundigungen einzuziehen. ge Der Wirth zum Schwan vom Kreuze lag bereits 2 im Bett. D'Artagnan verſchob alſo die Sache auf den andern Tag. Am andern Tage ließ er den Wirth kommen. Es war einer von den liſtigen Normannen, welche weder Ja b V 4 141 noch Nein ſagen und ſich immer zu compromittiren glau⸗ ben, wenn ſie unmittelbar auf die Frage antworten, die man an ſie richtet. D'Artagnan glaubte jedoch zu ver⸗ ſtehen, er müſſe gerade aus reiten, und begab ſich auf eine ziemlich zweideutige Auskunft wieder auf den Weg. Um neun Uhr Morgens war er in Nanteuil. Hier hielt er an, um zu frühſtücken. Diesmal war der Wirth ein gu⸗ ter, offenherziger Picarde, der, in Planchet einen Lands⸗ mann erkennend, keine Schwierigkeit machte, ihm die gewünſchte Auskunft zu ertheilen. Das Gut Bracieur lag einige Meilen*) von Villers⸗Cotterets entfernt. D'Artagnan kannte Villers⸗Cotterets, wohin er zwei oder drei mal dem Hof gefolgt war; denn zu jener Zeit war Villers⸗Cotterets eine königliche Reſidenz. Er ritt alſo nach dieſer Stadt zu und ſtieg in ſeinem gewöhn⸗ lichen Gaſthauſe, das heißt im goldenen Delphin, ab. Hier fielen die Mittheilungen befriedigender aus. Er erfuhr, daß das Gut Bracieur vier Meilen von dieſer Stadt lag, daß er aber Porthos dort nicht ſuchen dürfte. Porthos lag wirklich im Streite mit dem Biſchof wegen des Gutes Pierrefonds, welches an das ſeinige grenzte, und um alle dieſe Gerichtshändel zu endigen, von denen er nichts verſtand, hatte er Pierrefonds gekauft und hier⸗ nach dieſen neuen Namen ſeinen alten beigefügt. Er nannte ſich nun du Vallon de Bracieur de Pierrefonds und wohnte auf ſeinem neuen Eigenthum. In Ermange⸗ lung einer andern Illuſtration trachtete Porthos offenbar nach der des Marquis von Carabas. Man mußte abermals bis zum andern Morgen warten. Die Pferde hatten zehn Meilen in einem Tage zurück⸗ gelegt und waren müde. Allerdings hätte man andere '») So lange wir in Frankreich ſind, verſtehen wir unter Meile immer eine lieue, franzöſiſche Meile, gleich ſtarken Stunde.. Der Neberſ. n, hte m⸗ ere em nt⸗ in⸗ ten ede in en. its en Es Ja 141 noch Nein ſagen und ſich imwer zu compromittiren glat⸗ ben, wenn ſie unmittelbar auf die Frage antworten, die man an ſie richtet. D'Artagnan glaubte jedoch zu ver⸗ ſtehen, er müſſe gerade aus reiten, und begab ſich auf eine ziemlich zweidentige Auslunft wieder auf den Weg. Um neun Uhr Morgens war er in Nanteuil. Hier hielt er an, um zu frühſtucken. Diesmal war der Wirth ein gu⸗ ter, offenherziger Picarde, der, in Planchet einen Lands⸗ mann erkennend, keine Schwierigkeit machte, ihm die gewünſchte Auskunft zu ertheilen. Das Gut Bracieur lag einige Meilen*) von Villers⸗Cotterets entfernt. D'Artagnan kannte Villere⸗Cotterets, wohin er zwei oder drei mal dem Hof gefolgt war; denn zu jener Zeit war Villers⸗Cotterets eine königliche Reſidenz. Er ritt alſo nach dieſer Stadt zu und ſtieg in ſeinem gewöhn⸗ lichen Gaſthauſe, das heißt im goldenen Delphin, ab. Hier fielen die Mittheilungen befriedigender aus. Er erfuhr, daß das Gut Bracieur vier Meilen von dieſer Stadt lag, daß er aber Porthos dort nicht ſuchen dürfte. Porthos lag wirklich im Streite mit dem Biſchof wegen des Gutes Pierrefonds, welches an das ſeinige grenzte, und um alle dieſe Gerichtshändel zu endigen, von denen er nichts verſtand, hatte er Pierrefonds gekauft und hier⸗ nach dieſen neuen Namen ſeinen alten beigefügt. Er nannte ſich nun du Vallon de Bracieur de Pierrefonds und wohnte auf ſeinem neuen Eigenthum. In Ermange⸗ lung einer andern Illuſtrativn trachtete Porthos offenbar nach der des Marquis von Carabas. Man mußte abermals bis zum andern Morgen warten. Die Pferde hatten zehn Meilen in einem Tage zurück⸗ gelegt und waren müde. Allerdings hätte man andere *) So lange wir in Frankreich ſind, verſtehen wir unter Meile immer eine lieue, franzöſiſche Meile, gleich einer ſtarken Stunde. Der Ueberſ. 142 nehmen können, aber man mußte durch einen großen Wald reiten und Planchet liebte bekanntlich die Wälder bei Nacht nicht.: Es gab noch etwas Anderes, was Planchet nicht liebte: er ritt nicht gerne mit leerem Magen aus. Als d'Artagnan erwachte, fand er auch ſein Frühſtück völlig bereit. Ueber eine ſolche Aufmerkſamkeit durfte man ſich nicht beklagen. D'Artagnan ſetzte ſich zu Tiſche. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Planchet, indem er ſeine alten Functionen wieder aufnahm, auch ſeine alte Demuth wie⸗ der annahm und ſich nicht mehr ſchämte, die Ueberreſte von d'Artagnan zu ſpeiſen, als Frau von Motteville und Frau von Fargis ſich ſchämten, wenn ſie die von Anna von Oeſterreich verzehrten. Man konnte alſo erſt gegen neun Uhr abreiſen. Eine Täuſchung war nicht möglich; man hatte der Straße zu folgen, welche von Villers⸗Cotterets nach Compiegne führt, und beim Austritt aus dem Walde den Weg rechts einzu⸗ ſchlagen. Es war ein ſchöner Frühlingsmorgen. Die Vögel ſangen in den großen Bäumen, breite Sonnenſtrahlen ſchoſſen durch die Lichtungen und erſchienen wie Vorhänge von Goldgaze. An andern Stellen drang das Licht kaum durch das dicke Gewölbe der Blätter und die Füße der alten Eichen, an denen bei dem Anblicke der Reiſenden behende Eichhörnchen raſch hinaufjagten, waren in Schatten getaucht. Aus dieſer ganzen Morgennatur kam ein herz⸗ erquickender Wohlgeruch von Kräutern, Blumen und Blät⸗ tern hervor. Der üblen Ausdünſtungen in Paris müde, ſagte ſich d'Artagnan: wenn man drei auf einander ge⸗ ſpießte Güͤternamen führe, müſſe man in einem ſolchen Paradieſe ſehr glücklich ſein. Dann ſchüttelte er den Kopf und ſprach:„Wenn ich Porthos wäre und d'Artag⸗ nan käme zu mir und machte mir einen Vorſchlag, wie was ich ich ihn Porthos machen will, ſo wüßte ich w d'Artagnan antworten würde.“ 8 142 nehmen können, aber man mußte durch einen großen Wald reiten und Planchet liebte bekanntlich die Wälder bei Nacht nicht. Es gab noch etwas Anderes, was Planchet nicht liebte: er ritt nicht gerne mit leerem Magen aus. Als d'Artagnan erwachte, fand er auch ſein Frühſtück völlig bereit. Ueber eine ſolche Aufmerkſamkeit durfte man ſich nicht beklagen. D'Artagnan ſetzte ſich zu Tiſche. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Planchet, indem er ſeine alten Funetionen wieder aufnahm, auch ſeine alte Demuth wie⸗ der annahm und ſich nicht mehr ſchämte, die Ueberreſte von d'Artagnan zu ſpeiſen, als Frau von Motteville und Frau von Fargis ſich ſchämten, wenn ſie die von Anna von Oeſterreich verzehrten. Man konnte alſo erſt gegen neun Uhr abreiſen. Eine Täuſchung war nicht möglich; man hatte der Straße zu folgen, welche von Villers⸗Cotterets nach Compiégne führt, und beim Austritt aus dem Walde den Weg rechts einzu⸗ ſchlagen. Es war ein ſchöner Frühlingsmorgen. Die Vögel ſangen in den großen Bäumen, breite Sonnenſtrahlen ſchoſſen durch die Lichtungen und erſchienen wie Vorhänge von Goldgaze. An andern Stellen drang das Licht kaum durch das dicke Gewölbe der Blätter und die Füße der alten Eichen, an denen bei dem Anblicke der Reiſenden behende Eichhörnchen raſch hinaufjagten, waren in Schatten getaucht. Aus dieſer ganzen Morgennatur kam ein herz⸗ erquickender Wohlgeruch von Kräutern, Blumen und Blät⸗ tern hervor. Der üblen Ausdünſtungen in Paris müde, ſagte ſich d'Artagnan: wenn man drei auf einander ge⸗ ſpießte Güternamen führe, müſſe man in einem ſolchen Paradieſe ſehr glücklich ſein. Dann ſchüttelte er den Kopf und ſprach:„Wenn ich Porthos wäre und d'Artag⸗ nan käme zu mir und machte mir einen Vorſchlag, wie ich ihn Porthos machen will, ſo wüßte ich wohl, was ich d'Artagnan antworten würde.“ 143 Planchet dachte nichts, er verdaute. Am Saume des Waldes gewahrte d'Artagnan den Weg, den man ihm bezeichnet hatte, und am Ende des Weges die Thürme eines ungeheuren feudalen Schloſſes. „Oh, oh!“ murmelte er,„es ſcheint mir, dieſes Schloß gehörte dem älteren Zweige von Orleans. Sollte Porthos mit dem Herzog von Longueville unterhandelt haben?“. „Meiner Treue, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet,„das ſind gut gebaute Grundſtücke, und wenn ſie Herrn Porthos gehören, ſo werde ich ihm mein Compliment machen.“ „Peſt!“ rief d'Artagnan,„nenne ihn nicht Porthos, auch nicht einmal du Vallon, ſondern de Bracieur oder de Pierrefonds. Meine Botſchaft iſt ſonſt verfehlt.“ Je mehr ſich d'Artagnan dem Schloſſe näherte, das Anfangs ſeine Blicke auf ſich gezogen hatte, deſto klarer war es ihm, daß ſein Freund hier nicht wohnen konnte: obgleich feſt und dem Scheine nach wie geſtern gebaut, waren die Thürme offen und gleichſam ausgewei⸗ det; man hätte glauben ſollen ein Rieſe habe ſie mit Hackenſtreichen geſchlitzt. Am Ende des Weges angelangt, beherrſchte d'Ar⸗ tagnan mit dem Blicke ein reizendes Thal, in deſſen Hinter⸗ grund man an einem niedlichen kleinen See einige zer⸗ ſtreute Häuſer ruhen ſah, welche, niedrig und theils mit Ziegeln, theils mit Stroh bedeckt, als ſouveränen Gebieter ein hübſches, in der Zeit von Heinrich IV. erbautes, von Wetterfahnen überragtes Schloß anzuerkennen ſchienen. Diesmal zweifelte d'Artagnan nicht, daß er die Wohnung „voon Porthos erſchaute. Der Weg führte geradezu nach dem hübſchen Schloſſe, welches im Vergleiche mit ſeinem Ahnherrn, dem Schloſſe auf dem Berge, das war, als was ein Modeherrchen aus der Coterie des Herrn Herzogs von Enghien, im Ver⸗ glleiche mit einem eiſengeharniſchten Ritter aus der Zeit voon Karl VII. erſchien. DLlrtagnan ſetzte ſein Pferd in — 143 Planchet dachte nichts, er verdaute. Am Saume des Waldes gewahrte d'Artagnan den Weg, den man ihm bezeichnet hatte, und am Ende des Weges die Thürme eines ungeheuren feudalen Schloſſes. „Oh, oh!“ murmelte er,„es ſcheint mir, dieſes Schloß gehörte dem älteren Zweige von Orleans. Sollte Porthos mit dem Herzog von Longueville unterhandelt haben?“ „Meiner Treue, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet,„das ſind gut gebaute Grundſtücke, und wenn ſie Herrn Porthos gehören, ſo werde ich ihm mein Compliment machen.“ „Peſt!“ rief d'Artagnan,„nenne ihn nicht Porthos, auch nicht einmal du Vallon, ſondern de Bracieur oder de Pierrefonds. Meine Botſchaft iſt ſonſt verfehlt.“ Je mehr ſich dArtagnan dem Schloſſe näherte, das Anfangs ſeine Blicke auf ſich gezogen hatte, deſto klarer war es ihm, daß ſein Freund hier nicht wohnen konnte: obgleich feſt und dem Scheine nach wie geſtern gebaut, waren die Thürme offen und gleichſam ausgewei⸗ det; man hätte glauben ſollen ein Rieſe habe ſie mit Hackenſtreichen geſchlitzt. Am Ende des Weges angelangt, beherrſchte d'Ar⸗ tagnan mit dem Blicke ein reizendes Thal, in deſſen Hinter⸗ grund man an einem niedlichen kleinen See einige zer⸗ ſtreute Häuſer ruhen ſah, welche, niedrig und theils mit Ziegeln, theils mit Stroh bedeckt, als ſouveränen Gebieter ein hübſches, in der Zeit von Heinrich IV. erbautes, von Wetterfahnen überragtes Schloß anzuerkennen ſchienen. Diesmal zweifelte dArtagnan nicht, daß er die Wohnung von Porthos erſchaute. Der Weg führte geradezu nach dem hübſchen Schloſſe, welches im Vergleiche mit ſeinem Ahnherrn, dem Schloſſe auf dem Berge, das war, als was ein Modeherrchen aus der Coterie des Herrn Herzogs von Enghien, im Ver⸗ gleiche mit einem eiſengeharniſchten Ritter aus der Zeit von Karl VII. erſchien. D'Artagnan ſetzte ſein Pferd in 144 Trab und folgte dem Wege; Planchet regelte den Schritt ſeines Kleppers nach dem ſeines Herrn. Nach zehn Minuten fand ſich d'Artagnan am Ende einer regelmäßig gepflanzten Allee von ſchönen Pappel⸗ bäumen, die nach einem eiſernen Gitter ausmündete, deſſen Spieße und Querbänder vergoldet waren. Mitten in dieſer Allee hielt ſich ein Herr, welcher grün und golden anzuſchauen war, wie das Gitter. Er ſaß auf einem dicken Roſſe. Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken waren zwei auf allen Naͤhten galonirte Be⸗ dienten. Eine große Anzahl von Schluckern, die ſich um ihn verſammelt hatten, machten ehrfurchtsvolle Verbeugun⸗ gen vor ihm. „Ah,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„ſollte dies der edle Herr du Vallon de Bracieur de Pierrefonds ſein? Ei, mein Gott, wie er zuſammengeſchrumpft iſt, ſeit er ſich nicht mehr Porthos nennt.“ „Vielleicht iſt er es nicht,“ ſprach Planchet, das beantwortend, was d'Artagnan zu ſich ſelbſt geſagt hatte. „Herr Porthos war beinahe ſechs Fuß hoch, und dieſer hat kaum fünf.“ Man macht indeſſen ſehr tiefe Verbeugungen vor die⸗ ſem Herrn,“ verſetzte d'Artagnan. Nach dieſen Worten ritt d'Artagnan auf den bedeu⸗ tenden Mann und ſeine Bedienten zu. Je näher er kam, deſto mehr ſchien es ihm, als erkenne er die Züge der Hauptperſon. „Jeſus Chriſtus, gnädiger Herr,“ rief Planchet, der dieſelbe ebenfalls zu erkennen glaubte. Bei dieſem Ausrufe wandte ſich der Mann zu Pferde langſam und mit ſehr vornehmer Miene um, und die zwei Reiſenden konnten die großen funkelnden Augen, das paus⸗ bäckige Geſicht und das ſo beredte Lächeln von Mousque⸗ ton ſehen. 3 In der That, es war Mousqueton, Mousqueton ſpeckfett, ſtrotzend von Geſundheit, welcher, d'Artagnan 144 Trab und folgte dem Wege; Planchet regelte den Schritt ſeines Kleppers nach dem ſeines Herrn. Nach zehn Minuten fand ſich d'Artagnan am Ende einer regelmäßig gepflanzten Allee von ſchönen Pappel⸗ bäumen, die nach einem eiſernen Gitter ausmündete, deſſen Spieße und Querbänder vergoldet waren. Mitten in dieſer Allee hielt ſich ein Herr, welcher grün und golden anzuſchauen war, wie das Gitter. Er ſaß auf einem dicken Roſſe. Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken waren zwei auf allen Nähten galonirte Be⸗ dienten. Eine große Anzahl von Schluckern, die ſich um ihn verſammelt hatten, machten ehrfurchtsvolle Verbeugun⸗ gen vor ihm. „Ah,“ ſagte dArtagnan zu ſich ſelbſt,„ollte dies der edle Herr du Vallon de Bracieur de Pierrefonds ſein? Ei, mein Gott, wie er zuſammengeſchrumpft iſt, ſeit er ſich nicht mehr Porthos nennt.“ „Vielleicht iſt er es nicht,“ ſprach Planchet, das beantwortend, was d'Artagnan zu ſich ſelbſt geſagt hatte. „Herr Porthos war beinahe ſechs Fuß hoch, und dieſer hat kaum fünf.“ Man macht indeſſen ſehr tiefe Verbeugungen vor die⸗ ſem Herrn,“ verſetzte d'Artagnan. Nach dieſen Worten ritt d'Artagnan auf den bedeu⸗ tenden Mann und ſeine Bedienten zu. Je näher er kam, deſto mehr ſchien es ihm, als erkenne er die Züge der Hauptperſon. „Jeſus Chriſtus, gnädiger Herr,“ rief Planchet, der dieſelbe ebenfalls zu erkennen glaubte. Bei dieſem Ausrufe wandte ſich der Mann zu Pferde langſam und mit ſehr vornehmer Miene um, und die zwei Reiſenden konnten die großen funkelnden Augen, das paus⸗ bäckige Geſicht und das ſo beredte Lächeln von Mousque⸗ ton ſehen. In der That, es war Mousqueton, Mousqueton ſpeckfett, ſtrotzend von Geſundheit, welcher, d'Artagnan erk her näl ten din que Ei me ſpr ein lige mie es Au ich ma ken und „D mic Ere 14⁵ erkennend, ganz das Gegentheil von dem heuchleriſchen Bazin, als er d'Artagnan erkannte, von ſeinem Pferde herabglitt und ſich, den Hut in der Hand, dem Offtziere näherte, ſo daß die Ehrfurchtsbezeigungen der Verſammel⸗ ten ſich der neuen Sonne zuwandten, welche die alte ver⸗ dunkelte. „Herr d'Artagnan, Herr d'Artagnan!“ rief Mous⸗ queton fortwährend mit ſeinen dicken Backen und vor Eifer von Schweiß triefend.„Ah, welche Freude für meinen gnädigen Herrn und Meiſter, Herrn du Vallon de Bracieur de Pierrefonds!“ „Der gute Mousqueton! Dein Herr iſt alſo hier!“ „Ihr ſeid auf ſeinen Beſitzungen.“ „Aber wie ſchön, wie ſett, wie blühend Du ausſiehſt!“ ſprach d'Artagnan, unermüdlich die Veränderungen aus⸗ einanderſetzend, welche die Glücksumſtände bei dem ehema⸗ ligen Ausgehungerten hervorgebracht hatten. „Ah, ja, Gott ſei Dank, gnädiger Herr, ich befinde mich ziemlich wohl,“ ſprach Musqueton. „Aber Du ſagſt gar nichts zu Deinem Freunde Planchet?“ „Zu meinem Freunde Planchet! Planchet, ſollteſt Du es zufällig ſein?“ rief Mousqueton, die Arme geöffnet, die Augen mit Thränen gefüllt. „Ich ſelbſt,“ erwiederte Plauchet, ſtets behutſam„aber ich wollte ſehen, ob Du nicht ſtolz geworden wäreſt.* „Stolz geworden gegen einen alten Freund? Nie⸗ mals, Planchet. Du haſt Das nicht gedacht, oder Du kennſt Mousqueton nicht.“ „Dann iſt es gut,“ ſagte Planchet, ſtieg vom Pferde und ſtreckte ebenfalls die Arme nach Mousqueton aus. „Der iſt nicht, wie der Schurke von einem Bazin, welcher mich zwei Stunden unter einem Schoppen ließ, ohne nur Miene zu machen, als kenne er mich.“ Planchet und Mousqueton umarmten ſich mit einem Erguſſe, welcher die Umſtehenden ſehr rüihrte indem er d0db Zwanzig Jahre nachher. I. ritt nde p el⸗ ſſen cher Er zu Be⸗ um un⸗ dies in? er das tte. eſer die⸗ eu⸗ am, der der erde wei us⸗ ſue⸗ ton nan 145 erkennend, ganz das Gegentheil von dem heuchleriſchen Bazin, als er dArtagnan ertannte, von ſeinem Pferde herabglitt und ſich, den Hut in der Hand, dem Offiziere näherte, ſo daß die Ehrfurchtsbezeigungen der Verſammel⸗ ten ſich der neuen Sonne zuwandten, welche die alte ver⸗ dunkelte. „Herr d'Artagnan, Herr d'Artagnan!“ rief Mous⸗ queton fortwährend mit ſeinen dicken Backen und vor Eifer von Schweiß triefend.„Ah, welche Freude für meinen gnädigen Herrn und Meiſter, Herrn du Vallon de Bracieur de Pierrefonds!“ „Der gute Mousqueton! Dein Herr iſt alſo hier!“ „Ihr ſeid auf ſeinen Beſitzungen.“ „Aber wie ſchön, wie fett, wie blühend Du ausſiehſt!“ ſprach d'Artagnan, unermüdlich die Veränderungen aus⸗ einanderſetzend, welche die Glücksumſtände bei dem ehema⸗ ligen Ausgehungerten hervorgebracht hatten. „Ah, ja, Gott ſei Dank, gnädiger Herr, ich befinde mich ziemlich wohl,“ ſprach Musqueton. „Aber Du ſagſt gar nichts zu Deinem Freunde Planchet?“ „Zu meinem Freunde Planchet! Planchet, ſollteſt Du es zufällig ſein?“ rief Mousqueton, die Arme geöffnet, die Augen mit Thränen gefüllt. „Ich ſelbſt,“ erwiederte Planchet, ſtets behutſam„aber ich wollte ſehen, ob Du nicht ſtolz geworden wäreſt.“ „Stolz geworden gegen einen alten Freund? Nie⸗ mals, Planchet. Du haſt Das nicht gedacht, oder Du kennſt Mousqueton nicht.“ „Dann iſt es gut,“ ſagte Planchet, ſtieg vom Pferde und ſtreckte ebenfalls die Arme nach Mousqueton aus. „Der iſt nicht, wie der Schurke von einem Bazin, welcher mich zwei Stunden unter einem Schoppen ließ, ohne nur Miene zu machen, als kenne er mich.“ Planchet und Mousgueton umarmten ſich mit einem Erguſſe, welcher die Umſtehenden ſehr rührte, indem er Zwanzig Jahre nachher. I. 10⁰ 146 ihnen zugleich den Glauben beibrachte, Planchet wäre ein verkleideter Vornehmer, ſo ſehr ſchlugen ſie zu ihrem höch⸗ ſten Werthe die Stellung vyvu Mousqueton an. „Und nun, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, ſich von der Umarmung von Planchet losmachend, der es ver⸗ gebens verſucht hatte, ſeine Hände hinter dem Rücken ſei⸗ 1 nes Freundes zuſammen zu bringen,„und nun, gnädiger Herr, erloubt mir, Euch zu verlaſſen, denn mein Gebieter ſoll die Kunde von Eurer Ankunft von keinem Andern, als von mir erhalten. Er würde mir nie vergeben, wenn ich einen Andern zuvorkommen ließe.“ 4 „Dieſer liebe Freund,“ ſagte d'Artagnan, indem er es vermied, Porthos ſeinen alten oder ſeinen neuen Namen zu geben,„er hat mich alſo nicht vergeſſen? „Vergeſſen! er!“ rief Mousqueton,„das heißt, es iſt kein Tag vergangen, an welchem wir nicht zu hören er⸗ warteten, Ihr wäret entweder an der Stelle von Herrn von Gaſſion oder an der von Herrn von Baſſompierre zum Marſchall ernannt worden.“ D'Artagnan ließ über ſeine Lippen jenes ſeltene, ſchwermüthige Lächeln ſchweben, welches in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens die Enttäuſchung ſeiner Jugendjahre überlebt hatte. „Und Ihr, Bauern,“ fuhr Mousqgueton fort,„bleibt bei dem Herrn Graſen d'Artagnan, und erweist ihm jede Ehre, während ich den gnädigen Herrn auf ſeine Ankunft vorbereite.“ Und mit Hülfe zweier wohlthätigen Seelen wieder ſein kräftiges Pferd beſteigend, während Planchet, flinker beſchaffen, allein das ſeinige beſtieg, ließ Mousqueton auf dem Raſen einen kleinen Galopp anſchlagen, welcher mehr zu Gunſien der Nieren, als der Beine des Vierfüßigen rach. 3 ſ„Ah, das kündigt ſich gut an,“ ſagte d'Artagnan. „Hier finden ſich keine Geheimniſſe, keine Mäntel, keine olitik. Man lacht aus vollem Halſe, man weint vor 146 ihnen zugleich den Glauben beibrachte, Planchet wäre ein verkleideter Vornehmer, ſo ſehr ſchlugen ſie zu ihrem höch⸗ ſten Werthe die Stellung vvu Mousqueton an. „Und nun, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton, ſich von der Umarmung von Planchet losmachend, der es ver⸗ gebens verſucht hatte, ſeine Hände hinter dem Rücken ſei⸗ nes Freundes zuſammen zu bringen,„und nun, gnädiger Herr, erlaubt mir, Euch zu verlaſſen, denn mein Gebieter ſoll die Kunde von Eurer Ankunft von keinem Andern, als von mir erhalten. Er würde mir nie vergeben, wenn ich einen Andern zuvorkommen ließe.“ „Dieſer liebe Freund,“ ſagte d'Artagnan, indem er es vermied, Porthos ſeinen alten oder ſeinen neuen Namen zu geben,„er hat mich alſo nicht vergeſſen 2 „Vergeſſen! er!“ rief Mousqueton,„das heißt, es iſt kein Tag vergangen, an welchem wir nicht zu hören er⸗ warteten, Ihr wäret entweder an der Stelle von Herrn von Gaſſion oder an der von Herrn von Baſſompierre zum Marſchall ernannt worden.“ D'Artagnan ließ über ſeine Lippen jenes ſeltene, ſchwermüthige Lächeln ſchweben, welches in der tieſſten Tiefe ſeines Herzens die Enttäuſchung ſeiner Jugendjahre überlebt hatte. „Und Ihr, Bauern,“ fuhr Mousqueton fort,„bleibt bei dem Herrn Grafen d'Artagnan, und erweist ihm jede Ehre, während ich den gnädigen Herrn auf ſeine Ankunft vorbereite.“ Und mit Hülfe zweier wohlthätigen Seelen wieder ſein kräftiges Pferd beſteigend, während Planchet, flinker beſchaffen, allein das ſeinige beſtieg, ließ Mousqueton auf dem Raſen einen kleinen Galopp anſchlagen, welcher mehr zu Gunſten der Nieren, als der Beine des Vierfüßigen ſprach. „Ah, das kündigt ſich gut an,“ ſagte d'Artagnan. „Hier finden ſich keine Geheimniſſe, keine Mäntel, keine Politik. Man lacht aus vollem Halſe, man weint vor 147 Freude; ich ſehe nur ellenbreite Geſichter; die Natur ſelbſt kommt mir feſttäglich vor, es iſt mir, als wären die Bäume, ſtatt mit Blüthen und Blättern, mit kleinen grü⸗ nen und roſenfarbigen Bändern bedeckt.“ „Und mir,“ ſagte Planchet,„mir kommt es vor, als röche ich von hier aus den köſtlichſten Bratenduft, als er⸗ blickte ich Küchenjungen, welche ſich in Reihe und Glied aufſtellen, um uns vorüberziehen zu ſehen. Ahl gnädiger Herr, welchen Koch muß Herr de Pierrefonds haben, der ſchon ſo gerne gut und viel aß, als man ihn nur Herr Porthos nannte.“ „Halt!“ ſagte d'Artagnan,„Du machſt mir bange. Wenn die Wirklichkeit dem Anſcheine entſpricht, ſo bin ich verloren. Ein ſo glücklicher Mann wird ſeine herr⸗ liche Lage nie verlaſſen, und ich ſcheitere bei ihm, wie ich bei Aramis geſcheitert bin.“ XIII. Wie d'Artagnan, als er Porthos wiederſah, wahrnahm, daß das Vermögen nicht immer glücklich macht. .D Artagnan ritt durch das Gitter und befand ſich vor dem Schloſſe. Er ſprang zu Boden, als eine Art von Rieſen auf der Freitreppe erſchien. Um d'Artagnan Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir mittheilen, daß ihm, jede Selbſtſucht bei Seite geſetzt, bei dem An⸗ blicke dieſer hohen Geſtat und des martialiſchen Geſichtes wodurch er an einen braven, guten Mann erinnert wurde, das Herz gewaltig ſchlug. Er lief auf Porthos zu und ſtürzte ſich in ſeine Arme. In einem Kreiſe von ehrerbietiger Entfernung ſchaute das ganze Geſinde mit demüthiger Neugien zu. e ein höch⸗ „ſich ver⸗ ſei⸗ diger bieter wern, wenn m er amen es iſt n er⸗ Herrn pierre ltene, efſten jae bleibt jede kunft vieder linker n auf mehr ßigen gnan. keine t vor 147 Freude; ich ſehe nur ellenbreite Geſichter; die Natur ſelbſt kommt mir feſttäglich vor, es iſt mir, als wären die Bäume, ſtatt mit Blüthen und Blättern, mit kleinen grü⸗ nen und roſenfarbigen Bändern bedeckt.“ „Und mir,“ ſagte Planchet,„mir kommt es vor, als röche ich von hier aus den köſtlichſten Bratenduft, als er⸗ blickte ich Küchenjungen, welche ſich in Reihe und Glied aufſtellen, um uns vorüberziehen zu ſehen. Ah! gnädiger Herr, welchen Koch muß Herr de Pierrefonds haben, der ſchon ſo gerne gut und viel aß, als man ihn nur Herr Porthos nannte.“ „Halt!“ ſagte d'Artagnan,„Du machſt mir bange. Wenn die Wirklichkeit dem Anſcheine entſpricht, ſo bin ich verloren. Ein ſo glücklicher Mann wird ſeine herr⸗ liche Lage nie verlaſſen, und ich ſcheitere bei ihm, wie ich bei Aramis geſcheitert bin.“ XIII. Wie d'Artagnan, als er Porthos wiederſah, wahrnahm, daß das Vermögen nicht immer glücklich macht. D'Artagnan ritt durch das Gitter und befand ſich vor dem Schloſſe. Er ſprang zu Boden, als eine Art von Rieſen auf der Freitreppe erſchien. Um d'Atagnan Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir mittheilen, daß ihm, jede Selbſtſucht bei Seite geſetzt, bei dem An⸗ blicke dieſer hohen Geſtat und des martialiſchen Geſichtes wodurch er an einen braven, guten Mann erinnert wurde, das Herz gewaltig ſchlug. Er lief auf Porthos zu und ſtürzte ſich in ſeine Arme. In einem Kreiſe von ehrerbietiger Entfernung ſchaute das ganze Geſinde mit demüthiger Neugietde zu. 10 148 Mousqueton trocknete ſich in der erſten Reihe die Augen. Der arme Junge hörte nicht auf zu weinen, ſeitdem er d'Artagnan und Planchet wiedererkannt hatte. Porthos nahm ſeinen Freund beim Arme. „Ahl welche Freude, Euch wieder zu ſehen, lieber d'Artagnan!“ rief er mit einer Stimme, welche ſich von Bariton in Baß verwandelt hatte.„Ihr habt mich alſo nicht vergeſſen?“ .„Euch vergeſſen! ah, lieber du Vallon, vergißt man die ſchönſten Tage ſeiner Jugend, ſeine ergebenſten Freunde und die gemeinſchaftlich beſtandenen Gefahren. Wahrend ich Euch wiederſehe, gibt es keinen Augenblick unſerer alten Freundſchaft, der ſich nicht vor meinen Geiſt ſtellte.“ „Ja, ja, ſprach Porthos, und verſuchte es, ſeinem Schnurrbart die coquette Biegung zu geben, die er in der Einſamkeit verloren hatte.„Ja, wir haben unſerer Zeit ſchöne Dinge gemacht und dem Cardinal Faden aufzu⸗ drehen gegeben.“ — Und er ſtieß einen Seufzer aus. D'Artagnan ſchaute ihn an. „In jedem Fall,“ fuhr Porthos mit betrübtem Tone fort,„ſeid mir willkommen, mein Freund. Ihr werdet mir helfen die Freude wieder finden. Wir jagen morgen den herrlichen Waldungen. Ich beſitze vier Windhunde, welche für die leichteſten der Provinz gelten, und eine Meute, die ihres Gleichen auf zwanzig Meilen in der Runde nicht hat. Und Porthos ſtieß einen zweiten Seuſzer aus. *„Ohl oh,“ ſagte d'Artagnan ganz leiſe zu ſich ſelbſt, „ſollte mein Bruder minder glücklich ſein, als es den An⸗ ſchein hat.“ Dann fügte er laut bei: „Vor Allem werdet Ihr mich Madame du Vallon unten einige Zeilen beizufügen die Güte hatte.“ 8 vorſtellen; denn ich erinnere mich eines gewiſſen ſehr ver⸗ bindlichen Einladungsſchreibens von Eurer Hand, dem ſie 8 Haſen in meinen ſchönen Feldern oder das Reh in meinen —— — 148 Mousqueton trocknete ſich in der erſten Reihe die Augen. Der arme Junge hörte nicht auf zu weinen, ſeitdem er d'Artagnan und Planchet wiedererkannt hatte. Porthos nahm ſeinen Freund beim Arme. „Ah! welche Freude, Euch wieder zu ſehen, lieber d'Artagnan!“ rief er mit einer Stimme, welche ſich von Bariton in Baß verwandelt hatte.„Ihr habt mich alſo nicht vergeſſen?“ „Euch vergeſſen! ah, lieber du Vallon, vergißt man die ſchönſten Tage ſeiner Jugend, ſeine ergebenſten Freunde und die gemeinſchaftlich beſtandenen Gefahren. Während ich Euch wiederſehe, gibt es keinen Augenblick unſerer alten Freundſchaft, der ſich nicht vor meinen Geiſt ſtellte.“ „Ja, ja, ſprach Porthos, und verſuchte es, ſeinem Schnurrbart die coquette Biegung zu geben, die er in der Einſamkeit verloren hatte.„Ja, wir haben unſerer Zeit ſchöne Dinge gemacht und dem Cardinal Faden aufzu⸗ drehen gegeben.“ Und er ſtieß einen Seufzer aus. D'Artagnan ſchaute ihn an. „In jedem Fall,“ fuhr Porthos mit betrübtem Tone fort,„ſeid mir willkommen, mein Freund. Ihr werdet mir helfen die Freude wieder finden. Wir jagen morgen den Haſen in meinen ſchönen Feldern oder das Reh in meinen herrlichen Waldungen. Ich beſitze vier Windhunde, welche für die leichteſten der Provinz gelten, und eine Meute, die ihres, Gleichen auf zwanzig Meilen in der Runde nicht at. Und Porthos ſtieß einen zweiten Seufzer aus. „Oh! oh,“ ſagte dArtagnan ganz leiſe zu ſich ſelbſt, „ſollte mein Bruder minder glücklich ſein, als es den An⸗ ſchein hat.“ Dann fügte er laut bei: „Vor Allem werdet Ihr mich Madame du Vallon vorſtellen; denn ich erinnere mich eines gewiſſen ſehr ver⸗ bindlichen Einladungsſchreibens von Eurer Hand, dem ſie unten einige Zeilen beizufügen die Güte hatte.“ lore De um wel Ma Gri Ch We hab ſtüe luft von Ge ver mo lich Co we Ko ich tre liches.“ Dritter Seufzer von Porthos. „Ich habe Madame du Vallon vor zwei Jahren ver⸗ loren,“ ſprach er,„worüber ich noch ganz betrübt bin. Deshalb verließ ich mein Schloß du Vallon bei Corbeil, um auf dem Gute Bracieur zu wohnen, eine Veränderung, welche mich veranlaßte, dieſes Gut hier zu kaufen. Arme Madame du Vallon!“ fuhr Porthos mit einer kläglichen Grimaſſe fort.„Es war keine. Frau von gleichmäßigem Charakter, aber ſie hatte ſich endlich an meine Art und Weiſe gewöhnt und ſich in meinen Willen gefügt.“ „Ihr ſeid alſo reich und frei?“ ſprach d'Artagnan. „Ach!“ erwiederte Porthos,„ich bin Wittwer und habe vierzig tauſend Livres Renteng Wollen wir früh⸗ ſtücken?“ 3 „Ich will ſehr,“ ſagte d'Artagnan,„die Morgen⸗ luſt hat mir Appetit gemacht.“ „Ja,“ verſetzte Porthos,„meine Luft iſt vortrefflich.“ Sie traten in das Schloß. Es war nichts als Gold von oben bis unten. Die Karnieße waren vergoldet, die Geſimſe waren vergoldet, die Geſtelle der Lehnſtuͤhle waren vergoldet. Die Tafel war mit Allem, was man ſich wünſchen mochte, bedeckt. „Ihr ſeht,“ ſagte Porthos,„das iſt mein Gewöhn⸗ 7 „Peſt!“ ſprach d'Artagnan,„ich mache Euch mein Compliment. Der König hat nichts Aehnliches.“ „Ja,“ erwiederte Porthos,„ich habe ſagen hören, er werde von Herrn von Mazarin ſehr ſchlecht genährt⸗ Koſtet dieſes Nippchen, mein lieber d'Artagnan, es iſt von meinen Schöpſen.“ „Ihr habt zarte Schöpſen“, ſagte d'Artagnan,„und ich beglückwünſche Euch dazu.“ 5 a, man weidet ſie auf meinen Wieſen, wel trefflich ſind.“ „Gebt mir noch mehr davon.“ ugen. m er lieber on aſo man eunde hrend alten einem n der Zeit ufzu⸗ haute Tone t mir nden teinen velche e, die nicht ſelbſt, An⸗ allon ver⸗ m ſie 149 Dritter Seufzer von Porthos. „Ich habe Madame du Vallon vor zwei Jahren ver⸗ loren,“ ſprach er,„worüber ich noch ganz betrübt bin⸗ Deshalb verließ ich mein Schloß du Vallon bei Corbeil, um auf dem Gute Bracieur zu wohnen, eine Veränderung, welche mich veranlaßte, dieſes Gut hier zu kaufen. Arme Madame du Vallon!“ fuhr Porthos mit einer kläglichen Grimaſſe fort.„Es war keine Frau von gleichmäßigem Charakter, aber ſie hatte ſich endlich an meine Art und Weiſe gewöhnt und ſich in meinen Willen gefügt.“ „Ihr ſeid alſo reich und frei?“ ſprach d'Artagnan. „Ach!“ erwiederte Porthos,„ich bin Wittwer und habe vierzig tauſend Livres Renten. Wollen wir früh⸗ ſtücken?“ „Ich will ſehr,“ ſagte d'Artagnan,„die Morgen⸗ luſt hat mir Appetit gemacht.“ „Ja,“ verſetzte Porthos,„meine Luft iſt vortrefflich.“ Sie traten in das Schloß. Es war nichts als Gold von oben bis unten. Die Karnieße waren vergoldet, die Geſimſe waren vergoldet, die Geſtelle der Lehnſtühle waren vergoldet. Die Tafel war mit Allem, was man ſich wünſchen mochte, bedeckt. „Ihr ſeht,“ ſagte Porthos,„das iſt mein Gewöhn⸗ iches.“ „Peſt!“ ſprach d'Artagnan,„ich mache Euch mein Compliment. Der König hat nichts Aehnliches.“ „Ja,“ erwiederte Porthos,„ich habe ſagen hören, er werde von Herrn von Mazarin ſehr ſchlecht genährt. Koſtet dieſes Rippchen, mein lieber d'Artagnan, es iſt von meinen Schöpſen.“ „Ihr habt zarte Schöpſen,“ ſagte dArtagnan,„und ich beglückwünſche Euch dazu.“ „Ja, man weidet ſie auf meinen Wieſen, welche vor⸗ trefflich ſind.“ „Gebt mir noch mehr davvn.“ „Nein, nehmt lieber von dieſem Haſen, den ich geſtern in einem von meinen Gehegen erlegt habe.“ „Ah, den Teufel, welch' ein Geſchmack! Es ſcheint, Ihr füttert Eure Haſen nur mit Quendel.“. „Und was denkt Ihr von meinem Wein?“ fragte Porthos.„Nicht wahr, er iſt angenehm?“ „Er iſt köſtlich.“ „Es iſt Wein aus der Gegend.“ „Wirklich?“. „Ja, ein kleiner Weingarten gegen Süden, da unten auf meinem Berge. Er trägt zwanzig Tonnen.“ „Das iſt ja eine wahre Weinleſe.“ „Porthos ſtieß einen fünften Seufzer aus. D'Arta⸗ gnan hatte die Seufzer von Porthos gezählt. „Mein Freund,“ ſagte er, begierig das Räthſel zu ergründen,„man ſollte glauben, es betrübe Euch etwas. Solltet Ihr leidend ſein?.. Iſt dieſe Geſundheit....“ b „Vortrefflich, beſſer als je. Ich würde einen Ochſen 2 mit einem Fauſtſchlage tödten.“ „Familienkummer alſo?“ „Familienkummer? zum Glücke habe ich nur mich auf dieſer Welt.“ „Was macht Euch denn ſeufzen?“ G „Mein Lieber,“ ſagte Porthos,„ich werde offenherzig gegen Euch ſein: ich bin nicht glücklich.“ „Ihr nicht glucklich, Porthos? Ihr, der Ihr ein Schloß, Wiesgründe, Berge, Wälder beſitzt; Ihr, der Ihr vierzigtauſend Livres Renten habt, Ihr ſeid nicht glück⸗ 6 lich?“ „Mein Lieber, ich habe Alles dies, es iſt wahr, aber ich bin allein mitten unter dieſen Dingen.“ 3 8 „Ah, ich begreife, Ihr ſeid von Schluckern umgeben, die Ihr nicht anſehen könnt, ohne daß es Euch graut.“ Pporthos erbleichte leicht und leerte ein ungeheures Glas von ſeinem eigenen Weinberg. 15⁰ „Nein, nehmt lieber von dieſem Haſen, ten ich geſtern in einem von meinen Gehegen erlegt habe.“ „Ah, den Teufel, welch' ein Geſchmack! Es ſcheint, Ihr füttert Eure Haſen nur mit Quendel.“ „Und was denkt Ihr von meinem Wein?“ fragte Porthos.„Nicht wahr, er iſt angenehm?“ „Er ii köſtlich. „Es iſt Wein aus der Gegend.“ „Wirklich?“ „Ja, ein kleiner Weingarten gegen Süden, da unten auf meinem Berge. Er trägt zwanzig Tonnen.“ „Das iſt ja eine wahre Weinleſe.“ „Porthos ſtieß einen fünften Seufzer aus. D'Arta⸗ gnan hatte die Seufzer von Porthos gezähtt. „Mein Freund,“ ſagte er, begierig das Räthſel zu ergründen,„man ſollte glauben, es betrübe Euch etwas. Solltet Ihr leidend ſein?... Iſt dieſe Geſundheit „Vortrefflich, beſſer als je. Ich würde einen Ochſen mit einem Fauſtſchlage tödten.“ „Familienkummer alſo?“ „Familienkummer? zum Glücke habe ich nur mich auf dieſer Welt.“ „Was macht Euch denn ſeufzen?“ „Mein Lieber,“ ſagte Porthos, ich, werde offenherzig gegen Euch ſein; ich bin nicht glücklich.“ „Ihr nicht glucklich, Porthos? 5 der Ihr ein Schloß, Wiesgrunde, Berge, Wälder beſitzt; Ihr, der Ihr iieti vierzigtauſend Livres Renten habt, Ihr ſeid nicht glück⸗ lich?“ ich bin allein mitten unter dieſen Dingen.“ „Mein Lieber, ich habe Alles dies, es iſt wahr, aber „Ah, ich begreife, Ihr ſeid von Schluckern umgeben, die Ihr nicht anſehen könnt, ohne daß es Euch graut.“ Porthos erbleichte leicht und leerte ein ungeheures Glas von ſeinem eigenen Weinberg. ſind und Hug ich t nähe Vall ſeine zwei Euch eura geſa dreif zwei wurt habe weil und Eur liche gni zöge com Kire nich ſein „ah — „Nein,“ ſagte er,„im Gegentheil; denkt Euch, es ſind Dorfjunker, welche alle Grund und Boden beſitzen, und von Pharamond, Karl dem Großen oder wenigſtens Hugy Capet abzuſtammen behaupten. Im Anfang war ich der zuletzt Gekommene und mußte mich folglich ihnen nähern; ich that es; aber Ihr wißt, Madame du Vallon...“ Als Porthos dieſe Worte ſprach, ſchien er mit Mühe ſeinen Speichel zu verſchlucken. „... Madame du Vallon,“ fuhr er fort,„war von zweifelhaftem Adel. Sie hatte in erſter Ehe(ich glaube Euch nichts Neues mittzutheilen, d'Artagnan) einen Pro⸗ curator geheirathet. Sie fanden das ekelhaft. Sie haben geſagt ekelhaft. Ihr begreift, das war ein Wort, um dreißigtauſend Mann umbringen zu machen, Ich habe zwei getödtet;. das bewog die Andern, zu ſchweigen. Ich wurde dadurch aber nicht ihr Freund. Auf dieſe Weiſe habe ich keine Geſellſchaft mehr, ich lebe allein, ich lang⸗ weile mich, ich kümmere mich ab.“ D'Artagnan lächelte: er ſah den Fehler am Küraß und ſchickte ſich zum Stoße an. „Nun aber,“ ſagte er,„ſeid Ihr für Euch allein und Eure Frau kann Euch nicht mehr Eintrag thun.“ „Ja, aber Ihr begreift, da ich nicht von geſchicht⸗ lichem Adel bin, wie die Coucy, welche ſich damit be⸗ gnügten, Sires zu ſein, und die Rohan, die keine Her⸗ zöge ſein wollten, ſo haben alle dieſe Leute, welche Vi⸗ comtes oder Grafen ſind, den Vortritt vor mir in der Kirche, bei öffentlichen Feierlichkeiten überall, und ich kann nichts dagegen ſagen. Wäre ich nur...“ „Barxon, nicht wahr?“ ſprach d'Artagnan, den Satz ſeines Freundes vollendend. „Ah!“ rief Porthos, deſſen Züge ſich ausdehnten, „ah, wenn ich Baron wäre!“ .„Gut!“ dachte d'Artagnan,„es wird mir ge ng ſtern eint, rcgte nten lrta⸗ l zu was. . hſ en mich erzig ein Ihr lück⸗ aber ben, ures 15¹ „Nein,“ ſagte er,„im Gegentheil; denkt Euch, es ſind Dorfjunker, welche alle Grund und Boden beſitzen, und von Pharamond, Karl dem Großen oder wenigſtens Hugo Capet abzuſtammen behaupten. Im Anfang war ich der zuletzt Gekommene und mußte mich folglich ihnen nähern; ich that es; aber Ihr wißt, Madame du Vallon Als Porthos dieſe Worte ſprach, ſchien er mit Mühe ſeinen Speichel zu verſchlucken. „ Madame du Vallon,“ fuhr er fort,„war von zweifelhaftem Adel. Sie hatte in erſter Ehe(ich glaube Euch nichts Neues mittzutheilen, d'Artagnan) einen Pro⸗ curator geheirathet. Sie fanden das ekelhaft. Sie haben geſagt ekelhaft. Ihr begreift, das war ein Wort, um dreißigtauſend Mann umbringen zu machen, Ich habe zwei getödtet; das bewog die Andern, zu ſchweigen. Ich wurde dadurch aber nicht ihr Freund. Auf dieſe Weiſe habe ich keine Geſellſchaft mehr, ich lebe allein, ich lang⸗ weile mich, ich kümmere mich ab.“ D'Artagnan lächelte: er ſah den Fehler am Küraß und ſchickte ſich zum Stoße an. „Nun aber,“ ſagte er,„ſeid Ihr für Euch allein und Eure Frau kann Euch nicht mehr Eintrag thun.“ „Ja, aber Ihr begreift, da ich nicht von geſchicht⸗ lichem Adel bin, wie die Coucy, welche ſich damit be⸗ gnügten, Sires zu ſein, und die Rohan, die keine Her⸗ zöge ſein wollten, ſo haben alle dieſe Leute, welche Vi⸗ comtes oder Grafen ſind, den Vortritt vor mir in der Kirche, bei öffentlichen Feierlichkeiten überall, und ich kann nichts dagegen ſagen. Wäre ich nur... „Baron, nicht wahr?“ ſprach d'Artagnan, den Satz ſeines Freundes vollendend. „Ah!“ rief Porthos, deſſen Züge ſich ausdehnten, „ah, wenn ich Baron wäre!“ „Gut!“ dachte dArtagnan, s wird mir gelingen.“ 152 5 Dann fügte er laut bei: „Wohl!, mein lieber Freund, Ihr wünſcht, ich möchte ten Euch heute dieſen Titel bringen?“ Porthos machte einen Sprung, der den ganzen Saal erſchütterte. Mehrere Flaſchen verloren das Gleichgewicht, B fielen auf den Boden und zerbrachen. Mousqueton lief vor bei dem Geräuſche herbei, und man erblickte in der Perſpective Planchet mit vollem Munde und die Serviette in der Hand. „Monſeigneur ruft mich?“ fragte Mousqueton. Porthos machte ein Zeichen mit der Hand und ſei Mousqueton ſammelte die Scherben von den Flaſchen. au „Ich ſehe mit Vergnügen,“ ſagte d'Artagnan,„daß un Ihr dieſen braven Burſchen immer noch bei Euch habt.“ „Er iſt mein Intendant,“ erwiederte Porthos; dann di die Achſeln zuckend:„Der Junge hat ſeine Geſchäfte m gemacht, man ſieht es wohl; aber,“ fuhr er leiſe fort,„er m iſt ſehr anhänglich an mich und würde mich um keinen m Preis der Welt verlaſſen.“ n „Und er nennt ihn Monſeigneur,“ dachte d'Ar⸗ tagnan. 1 „Tretet ab, Mouſton,“ ſagte Porthos. i „Ihr nennt ihn Mouſton? Ah, ja, zur Abkürzung: Mousqueton war zu lang zum Ausſprechen.“ „Allerdings,“ ſagte Porthos, und dann roch das auf t eine Meile nach dem Quartiermeiſter.„Aber wir ſpra⸗ chen von Geſchäften, als dieſer Burſche eintrat... ℳ „ Ja,“ erwiederte d'Artagnan,„verſchieben wir jedoch dieſes Geſpräch auf ſpäter. Eure Leute könnten etwas argwöhnen; es gibt vielleicht Spione in der Gegend, Ihr Waihet Porthos, es handelt ſich um ſehr wichtige Dinge.. „Den Teufel,“ rief Porthos. Nun, ſo wollen wir zur Verdauung in meinem Parke ſpazieren gehen.) Sehr gerne.“ 152 Dann fügte er laut bei: „Wohl, mein lieber Freund, Ihr wünſcht, ich möchte Euch heute dieſen Titel bringen?“ Porthos machte einen Sprung, der den ganzen Saal erſchütterte. Mehrere Flaſchen verloren das Gleichgewicht, fielen auf den Boden und zerbrachen. Mönsqueton lief bei dem Geräuſche herbei, und man erblickte in der Perſpective Planchet mit vollem Munde und die Serviette in der Hand. „Monſeigneur ruft mich?“ fragte Mousqueton. Porthos machte ein Zeichen mit der Hand und Mousqueton ſammelte die Scherben von den Flaſchen. „Ich ſehe mit Vergnügen,“ ſagte d'Artagnan,„daß Ihr dieſen braven Burſchen immer noch bei Euch habt.“ „Er iſt mein Intendant,“ erwiederte Porthos; dann die Achſeln zuckend:„Der Junge hat ſeine Geſchäfte gemacht, man ſieht es wohl; aber,“ fuhr er leiſe fort,„er iſt ſehr anhänglich an mich und würde mich um keinen Preis der Welt verlaſſen.“ „Und er nennt ihn Monſeigneur,“ dachte dAr⸗ tagnan. „Tretet ab, Mouſton,“ ſagte Porthos. „Ihr nennt ihn Mouſton? Ah, ja, zur Abkürzung: Mousquetun war zu lang zum Ausſprechen.“ „Allerdings,“ ſagte Porthos, und dann roch das auf eine Meile nach dem Quartiermeiſter.„Aber wir ſpra⸗ chen von Geſchäften, als dieſer Burſche eintrat... „Ja,“ erwiederte d'Artagnan,„verſchieben wir jedoch dieſes Geſpräch auf ſpäter. Eure Leute könnten etwas argwöhnen; es gibt vielleicht Spione in der Gegend, Ihr errathet, Porthos, es handelt ſich um ſehr wichtige Dinge.“ „Den Teufel,“ rief Porthos. Nun, ſo wollen wir zur Verdauung in meinem Parke ſpazieren gehen.“ „Sehr gerne.“ Und als Beide hinreichend gefrühſtückt hatten, mach⸗ ten ſie einen Gang in einen herrlichen Garten. Alleen von Kaſtanienbäumen und Linden ſchloſſen einen Raum von wenigſtens dreißig Morgen ein. Um die dicht ver⸗ wachſenen Gebüſche ſah man Kaninchen laufen, welche von Zeit zu Zeit ſpielend unter dem hohen Graſe ver⸗ ſcchwanden. „Meiner Treue,“ rief d'Artagnan,„der Park ent⸗ ſpricht allem Uebrigen und wenn es ſo viele Fiſche in CEurem Teiche, als Kaninchen in Euren Gehegen gibt, ſo ſeid Ihr ein glücklicher Mann, mein lieber Porthos, vor⸗ ausgeſetzt, Ihr habt den Geſchmack für die Jagd bewahrt und den für die Fiſcherei erhalten.“ 4„Mein Freund,“ erwiederte Porthos,„ich überlaſſe die Fiſcherei Mousqueton; das iſt ein Vergnügen für ge⸗ meine Leute. Aber ich jage zuweilen, das heißt, wenn ich mich langweile, ſetze ich mich auf eine von dieſen Mar⸗ morbänken, laſſe mir meine Flinte bringen, Gredinet, mei⸗ nen Lieblingshund, herbeiführen und ſchieße Kaninchen.“ „ Das iſt ſehr unterhaltend,“ ſprach d'Artagnan. „Ja,“ antwortete Porthos mit einem Seufzer,„das iſt ſehr unterhaltend.“ D⸗Artagnan zählte die Seufzer nicht mehr. „Dann ſucht Gredinet die Kaninchen,“ fügte Por⸗ thos bei,„und bringt ſie dem Koch; er iſt dazu dreſſirt.“ „Ach, das vortreffliche Thier!“ rief d'Artagnan. „Laſſen wir Gredinet,“ verſetzte Porthos⸗„ich ſchenke ihn Euch, wenn Ihr ihn haben wollt, denn ich werde ddeſſelben überdrüſſig, und kehren wir zu unſerer Angelegen⸗ hieeit zurück.— 1„Mit Vergnügen,“ ſprach d'Artagnan.„Nur ſage ih Gach, lieber Freund, damit Ihr nicht behauptet, ich haabe Euch als Verräther überfallen, Ihr müßt Cuer Leben voöllig verändern.“ „Wie ſo?“ g: auf ra⸗ och vas hr ige wir 153 Und als Beide hinreichend gefrühſtückt hatten, mach⸗ ten ſie einen Gang in einen herrlichen Garten. Alleen von Kaſtanienbäumen und Linden ſchloſſen einen Raum von wenigſtens dreißig Morgen ein. Um die dicht ver⸗ wachſenen Gebüſche ſah man Kaninchen laufen, welche von Zeit zu Zeit ſpielend unter dem hohen Graſe ver⸗ ſchwanden. „Meiner Treue,“ rief d'Artagnan,„der Park ent⸗ ſpricht allem Uebrigen und wenn es ſo viele Fiſche in Eurem Teiche, als Kaninchen in Euren Gehegen gibt, ſo ſeid Ihr ein glücklicher Mann, mein lieber Porthos, vor⸗ ausgeſetzt, Ihr habt den Geſchmack für die Jagd bewahrt und den für die Fiſcherei erhalten.“ „Mein Freund,“ erwiederte Porthos,„ich überlaſſe die Fiſcherei Mousqueton; das iſt ein Vergnügen für ge⸗ meine Leute. Aber ich jage zuweilen, das heißt, wenn ich mich langweile, ſetze ich mich auf eine von dieſen Mar⸗ morbänken, laſſe mir meine Flinte bringen, Gredinet, mei⸗ nen Lieblingshund, herbeiführen und ſchieße Kaninchen.“ „Das iſt ſehr unterhaltend,“ ſprach d'Artagnan. „Ja,“ antwortete Porthos mit einem Seufzer,„das iſt ſehr unterhaltend.“ D'Artagnan zählte die Seufzer nicht mehr. „Dann ſucht Gredinet die Kaninchen,“ fügte Por⸗ thos bei,„und bringt ſie dem Koch; er iſt dazu dreſſirt.“ „Ach, das vortreffliche Thier!“ rief d'Artagnan. „Laſſen wir Gredinet,“ verſetzte Porthos,„ich ſchenke ihn Euch, wenn Ihr ihn haben wollt, denn ich werde deſſelben überdrüſſig, und kehren wir zu unſerer Angelegen⸗ heit zmück. „Mit Vergnügen,“ ſprach d'Aktagnan.„Nur ſage ich Euch, lieber Freund, damit Ihr nicht behauptet, ich habe Euch als Verräther überfallen, Ihr müßt Euer Leben völlig verändern.“ „Wie ſo?“ Dann fügte er laut bei: „Wohl, mein lieber Freund, Ihr wünſcht, ich möchte Euch heute dieſen Titel bringen?“ Porthos machte einen Sprung, der den ganzen Saal erſchütterte. Mehrere Flaſchen verloren das Gleichgewicht, fielen auf den Boden und zerbrachen. Mousqueton lief bei dem Geräuſche herbei, und man erblickte in der Perſpertive Planchet mit vollem Munde und die Serviette in der Hand. „Monſeigneur ruft mich?“ fragte Mousqueton. Porthos machte ein Zeichen mit der Hand und Mousqueton ſammelte die Scherben von den Flaſchen. „Ich ſehe mit Vergnügen,“ ſagte d'Artagnan,„daß Ihr dieſen braven Burſchen immer noch bei Euch habt.“ „Er iſt mein Intendant,“ erwiederte Porthos; dann die Achſeln zuckend:„Der Junge hat ſeine Geſchäfte gemacht, man ſieht es wohl; aber,“ fuhr er leiſe fort,„er iſt ſehr anhänglich an mich und würde mich um keinen Preis der Welt verlaſſen.“ „Und er nennt ihn Monſeigneur,“ dachte d'Ar⸗ tagnan. „Tretet ab, Mouſton,“ ſagte Porthos. „Ihr nennt ihn Mouſton? Ah, ja, zur Abkürzung: Mousqueton war zu lang zum Ausſprechen.“ „Allerdings,“ ſagte Porthos, und dann roch das auf eine Meile nach dem Quartiermeiſter.„Aber wir ſpra⸗ chen von Geſchäften, als dieſer Burſche eintrat.“ „Ja,“ erwiederte d'Artagnan,„verſchieben wir jedoch dieſes Geſpräch auf ſpäter. Eure Leute könnten etwas argwöhnen; es gibt vielleicht Spione in der Gegend, Ihr errathet, Porthos, es handelt ſich um ſehr wichtige Dinge.“. „Den Teufel,“ rief Porthos. Nun, ſo wollen wir ur Verdauung in meinem Parke ſpazieren gehen.“ „Sehr gerne.“ 154 „Ihr müßt den Harniſch wieder nehmen, den Degen umſchnallen, Abenteuer nachlaufen, etwas Fleiſch auf den Straßen laſſen, wie in vergangenen Zeiten; Ihr wißt unſere Art und Weiſe von ehemals.“ „Ah, Teufel!“ rief Porthos. „Ja, ich begreife, Ihr ſeid verweichlicht, Ihr habt Bauch bekommen und die Fauſt hat nicht mehr die Ela⸗ ſticität, von der die Leibwachen des Herrn Cardinals ſo viele Proben erhielten.“ „Ah! die Fauſt iſt noch gut, das ſchwöre ich Euch,“ erwiederte Porthos und ſtreckte eine Hand aus, ähnlich einem Hammelsbug. „Deſto beſſer.“ „Wir ſollen alſo Krieg machen?“ „Ei, mein Gott, ja.“ „Und gegen wen?“ „Seid Ihr der Politik gefolgt, mein Freund?“ „Ich? nicht im Geringſten.“ „Seid Ihr für Mazarin oder für die Prinzen?“ „Ich? ich bin für Niemand.“ „Das heißt, Ihr ſeid für uns. Deſto beſſer, Porthos, das iſt die ſchönſte Lage, um ſeine Geſchäfte zu machen. Wohl, mein Lieber, ich ſage Euch, daß ich im Auftrage des Cardinals komme.“ Dieſes Wort machte eine Wirkung auf Porthos, als ob man im Jahre 1640 geweſen wäre und es ſich um den wahren Cardinal gehandelt hätte. „Oh, oh!“ rief er,„was will Seine Eminenz von mir?“ „Seine Eminenz will Euch in ſeinen Dienſten haben.“ „Und wer hat von mir bei Seiner Eminenz ge⸗ ſprochen?“ „Rochefort, Ihr erinnert Euch.“ „Ja, bei Gott, derjenige, welcher uns in der Zeit ſo viel Aerger bereitet hat und uns ſo oft auf den Straßen umher laufen machte, derſelbe, dem Ihr nach und nach m ni Und als Beide hinreichend gefrühſtückt hatten, mach⸗ ten ſie einen Gang in einen herrlichen Garten. Alleen von Kaſtanienbäumen und Linden ſchloſſen einen Raum von wenigſtens dreißig Morgen ein. Um die dicht ver⸗ wachſenen Gebüſche ſah man Kaninchen laufen, welche von Zeit zu Zeit ſpielend unter dem hohen Graſe ver⸗ ſchwanden. „Meiner Treue,“ rief d'Artagnan,„der Park ent⸗ ſpricht allem Uebrigen und wenn es ſo viele Fiſche in Eurem Teiche, als Kaninchen in Euren Gehegen gibt, ſo ſeid Ihr ein glücklicher Mann, mein lieber Porthos, vor⸗ ausgeſetzt, Ihr habt den Geſchmack für die Jagd bewahrt und den für die Fiſcherei erhalten.“ —„Mein Freund„ erwiederte Porthos, ich überlaſſe die Fiſcherei Mousqueton; das iſt ein Vergnügen für ge⸗ meine Leute. Aber ich jage zuweilen, das heißt, wenn ich mich langweile, ſetze ich mich auf eine von dieſen Mar⸗ morbänken, laſſe mir meine Flinte bringen, Gredinet, mei⸗ nen Lieblingshund, herbeiführen und ſchieße Kaninchen.“ „ Das iſt ſehr unterhaltend,“ ſprach d'Artagnan. „Ja,“ antwortete Porthos mit einem Seufzer,„das iſt ſehr unterhaltend.“ D⸗Artagnan zählte die Seufzer nicht mehr. „Dann ſucht Gredinet die Kaninchen,“ fügte Por⸗ thos bei,„und bringt ſie dem Koch; er iſt dazu dreſſirt.“ „Ach, das vortreffliche Thier!“ rief d'Artagnan. „Laſſen wir Gredinet,“ verſetzte Porthos,„ich ſchenke ihn Euch, wenn Ihr ihn haben wollt, denn ich werde deſſelben überdrüſſig, und kehren wir zu unſerer Angelegen⸗ heit zurück. „Mit Vergnügen,“ ſprach d'Artagnan.„Nur ſage ich Euch, lieber Freund, damit Ihr nicht behauptet, ich habe Euch als Verräther überfallen, Ihr müßt Euer Leben völlig verändern.“ „Wie ſo?“ 4 en en ißt bt a⸗ 1 ich beibrachtet, die er übrigens nicht geſtohlen hat. „Ihr wißt, daß er unſer Freund geworden iſt?“ ſagte d'Artagnan. „Nein, ich wußte es nicht. Ah, er hat keinen Groll mehr.“ „Ihr täuſcht Euch, Porthos,“ verſetzte d'Artagnan, „ich habe keinen mehr.“ Porthos begriff nicht ganz, aber man erinnert ſich, das Begreifen war nicht ſeine Stärke. „Ihr ſagt alſo, der Graf von Rochefort habe von mir mit dem Cardinal geſprochen?“ „Ja, und dann die Königin.“ „Wie, die Königin?“ „Um uns Vertrauen einzuflößen, gab ſie ihm den bekannten Diamant, den ich, wie Ihr wißt, an Herrn des Eſſarts verkauft hatte, und der, ich weiß nicht wie, wieder in ihren Beſitz gelangt iſt.“ „Aber mir ſcheint,“ ſprach Porthos mit ſeinem plum⸗ pen Menſchenverſtand,„ſie hätte beſſer daran gethan, Euch denſelben wieder zu geben.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ erwiederte dArta⸗ gnan,„doch, was wollt Ihr, die Könige und die Königin⸗ nen haben ſonderbare Launen. Da ſie es aber im Gan⸗ zen ſind, welche Reichthümer und Ehrenſtellen in den Händen haben, Geld und Titel vertheilen, ſo iſt man ihnen ergeben.“ „Ja, man iſt ihnen ergeben,“ ſagte Porthos.„Ihr ſeid alſo ergeben in dieſem Augenblick?.. „Dem König, der Königin und dem Cardinal und habe mich überdies für Eure Ergebenheit verbürgt.“ „Und Ihr ſagt, Ihr habet gewiſſe Bedingungen für mich gemacht?“ „Herrliche, mein Lieber, herrliche, Ihr habt Geld, nicht wahr? Vierzigtauſend Livres Renten, wie Ihr ſagt.“ Porthos wurde mißtrauiſch. 1⁵5⁶ i, mein Gott,“ verſetzte er,„man beſitzt nie ge⸗ nug Geld. Madame du Vallon hat eine etwas ver⸗ wickelte Erbſchaft hinterlaſſen. Ich bin kein großer Schrei⸗ ber und lebe ſomit gewiſſermaßen von einem Tag in den andern.“ „Er fürchtet, ich ſei gekommen, Geld von ihm zu entlehnen,“ dachte d'Artagnan. „Ah, mein Freund,“ ſagte er laut,„deſto beſſer, wenn Ihr beengt ſeid.“ „Wie, deſto beſſer?“ fragte Porthos. „Ja, Seine Eminenz gibt Alles, was man will, Güter, Geld, Titel.“ „Ah, ah, ah!“ rief Porthos, die Augen bei dem letz⸗ ten Worte weit aufſperrend. „Unter dem vorigen Cardinal,“ fuhr d'Artagnan fort, „verſtanden wir nicht, das Glück zu benützen. Ich ſage das nicht Euretwegen, der Ihr Eure vierzigtauſend Livres Nhnnenahaht und der glücklichſte Menſch der Welt zu ſein ſcheint. Porthos ſeufzte. „Demnach, ſprach d'Artagnan,„trotz Eurer vierzig⸗ tauſend Livres Renten und vielleicht gerade wegen Eurer vierzigtauſend Livres Renten ſcheint es mir, als ob ſich eine kleine Krone gar nicht übel auf Eurer Carroſſe machen würde. Wie?“ Allerdings,“ antwortete Porthos. „Nun wohl, mein Lieber, gewinnt ſie, ſie hängt an Eurer Degenſpitze. Wir werden uns nicht ſchaden. Euer Ziel iſt ein Titel, mein Ziel iſt Geld. Wenn ich hin⸗ reichend gewinne, um Artagnan wieder aufzubauen, das meine durch die Kreuzzüge verarmten Vorältern ſeit jener Zeit in Trümmer zerfallen ließen, und um etliche dreißig Morgen Landes umher zu kauſen, ſo brauche ich nicht mehr; ich ziehe mich zurück und ſterbe in Ruhe.“ „und ich,“ ſprach Porthos,„ich will Baron ſein.“ „Ihr werdet es.“ da „Ei, mein Gott,“ verſetzte er,„man beſitzt nie ge⸗ nug Geld. Madame du Vallon hat eine etwas ver⸗ wickelte Erbſchaft hinterlaſſen. Ich bin kein großer Schrei⸗ ber und lebe ſomit gewiſſermaßen von einem Tag in den andern.“ „Er fürchtet, ich ſei gekommen, Geld von ihm zu entlehnen,“ dachte dArtagnan. „Ah, mein Freund,“ ſagte er laut,„deſto beſſer, wenn Ihr beengt ſeid.“ „Wie, deſto beſſer?“ fragte Porthos. „Ja, Seine Eminenz gibt Alles, was man will, Güter, Geld, Titel.“ „Ah, ah, ah!“ rief Porthos, die Augen bei dem letz⸗ ten Worte weit aufſperrend. „Unter dem vorigen Cardinal,“ fuhr d'Artagnan fort, „verſtanden wir nicht, das Glück zu benützen. Ich ſage das nicht Euretwegen, der Ihr Eure vierzigtauſend Livres Renten habt und der glücklichſte Menſch der Welt zu ſein ſcheint.“ Porthos ſeufzte. „Demnach, ſprach d'Artagnan,„trotz Eurer vierzig⸗ tauſend Livres Renten und vielleicht gerade wegen Eurer vierzigtauſend Livres Renten ſcheint es mir, als ob ſich eine kleine Krone gar nicht übel auf Eurer Carroſſe machen würde. Wie?“ „Allerdings,“ antwortete Porthos. „Nun wohl, mein Lieber, gewinnt ſie, ſie hängt an Eurer Degenſpitze. Wir werden uns nicht ſchaden. Euer Ziel iſt ein Titel, mein Ziel iſt Geld. Wenn ich hin⸗ reichend gewinne, um Artagnan wiever aufzubauen, das meine durch die Kreuzzüge verarmten Vorältern ſeit jener Zeit in Trümmer zerfallen ließen, und um etliche dreißig Morgen Landes umher zu kaufen, ſo brauche ich nicht mehr; ich ziehe mich zurück und ſterbe in Ruhe.“ „Und ich,“ ſprach Porthos,„ich will Baron ſein.“ „Ihr werdet es.“ n eit ſic al er — B 157 „Habt Ihr nicht auch an unſere andern Freunde ge⸗ dacht?“ fragte Porthos. 1 „Allerdings, ich habe Aramis geſehen.“— „Und was will er, Biſchof werden?“ „Aramis,“ erwiederte d'Artagnan, welcher Porthos nicht entzaubern wollte,„Aramis, ſtellt Euch vor, mein Lieber, iſt Mönch und Jeſuit geworden. Er lebt wie ein Bär und denkt nur an ſein Seelenheil. Meine An⸗ erbietungen konnten ihn nicht beſtimmen.“ 6 „Deſto ſchlimmer,“ ſagte Porthos.„Er hatte Geiſt. Und Athos?“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen, werde ihn aber be⸗ ſuchen, wenn ich Euch verlaſſe. Wißt Ihr, wo ich ihn finden kann?“ „Bei Blois, auf einem kleinen Landgute, das er, ich weiß nicht von welchem Verwandten, geerbt hat.“ „Und dieſes heißt?“ „Bragelonne. Begreift Ihr wohl, mein Lieber, Athos, welcher adelig war, wie der Kaiſer, und ein Gut erbt, das den Grafſchaftstitel hat! Was wird er mit allen dieſen Grafſchaften machen? Grafſchaft La Fere, Grafſchaft Bra⸗ gelonne?“ „Dabei hat er keine Kinder? fragte d'Artagnan. „Ol rief Porthos,„man hat mir geſagt, er habe einen jungen Menſchen angenommen, der ihm dem Ge⸗ ſichte nach äußerſt ähnlich ſei.“ 8. „Athos, unſer Athos, welcher tugendhaſt war, wie Scipio. Habt Ihr ihn geſehen 24 „Nein.“ „Ich werde ihm morgen Kunde von Euch bringen. Unter uns geſagt, ich befürchte, der Wein hat ihn ſehr alt gemacht und entartet.“ „Ja“ ſprach Porthos,„es iſt wahr, er trank viel.“ „Und dann war er älter, als wir Alle.“ 4 Nur um einige Jahre,“ verſetzte Porthos. Seine ernſte Miene gab ihm ein ſo altes Ausſehen.“ ge⸗ er⸗ ei⸗ den 157 „Habt Ihr nicht auch an unſere andern Freunde ge⸗ dacht?“ fragte Porthos. „Allerdings, ich habe Aramis geſehen.“ „Und was will er, Biſchof werden?“ „Aramis,“ erwiederte d'Artagnan, welcher Porthos nicht entzaubern wollte,„Aramis, ſtellt Euch vor, mein Lieber, iſt Mönch und Jeſuit geworden. Er lebt wie ein Bär und denkt nur an ſein Seelenheil. Meine An⸗ ntte ihn nicht beſtimmen.“ „Deſto ſchlimmer,“ ſagte Porthos.„Er hatte Geiſt. und Athos?“ „Ich habe ihn noch nicht geſehen, werde ihn aber be⸗ ſuchen, wenn ich Euch verlaſſe. Wißt Ihr, wo ich ihn finden kann?“ „Bei Blois, auf einem kleinen Landgute, das er, ich weiß nicht von welchem Verwandten, geerbt hat.“ „Und dieſes heißt?“ „Bragelonne. Begreift Ihr wohl, mein Lieber, Athos, welcher adelig war, wie der Kaiſer, und ein Gut erbt, das den Grafſchaftstitel hat! Was wird er mit allen dieſen Grafſchaften machen? Grafſchaft La Fere, Grafſchaft Bra⸗ gelonne?“ „Dabei hat er keine Kinder? fragte dArtagnan. „O! rief Porthos,„man hat mir geſagt, er habe einen jungen Menſchen angenommen, der ihm dem Ge⸗ ſichte nach äußerſt ähnlich ſei.“ „Athos, unſer Athos, welcher tugendhaſt war, wie Seipiv. Habt Ihr ihn geſehen?“ „Nein. „Ich werde ihm morgen Kunde von Euch bringen. Unter uns geſagt, ich befürchte, der Wein hat ihn ſehr alt gemacht und entartet.“ „Ja,“ ſprach Porthos,„es iſt wahr, er trank viel.“ „Und dann war er älter, als wir Alle.“ „Nur um einige Jahre,“ verſetzte Porthos.„Seine ernſte Miene gab ihm ein ſo altes Ausſehen.“ 2 „Ihr habt Recht. Wenn wir Athos haben, deſto beſſer; wenn nicht, ſo werden wir ihn zu entbehren wiſſen. Wir zwei ſind ſo viel Werth, als zehn. „Ja,“ ſprach Porthos lächelnd in der Erinnerung an ſeine alten Heldenthaten; aber wir vier wären ſo viel werth geweſen, als ſechs und dreißig, um ſo mehr, als das Hand⸗ werk rauh ſein wird, wie Ihr ſagt.“ „Rauh für Rekruten, ja, aber für uns, nein.“ „Wird es lange währen?“. „Gott verdamme mich, es kann drei bis vier Jahre dauern.“ „Wird man ſich viel ſchlagen?“ „Ich hoffe es.“ „Deſto beſſer!“ rief Porthos.„Ihr habt keinen Be⸗ griff, mein Lieber, wie mir die Knochen krachen, ſeitdem ich hier bin. Wenn ich Sonntags aus der Meſſe komme, jage ich zuweilen in den Feldern und auf den Gütern der Nachbarn umher, um einen guten kleinen Streit zu be⸗ kommen, denn ich fühle, daß ich deſſen bedarf, aber nichts, mein Lieber! Mag man mich nun achten der fürchten, das Letztere iſt wahrſcheinlicher, man läͤßt mich mit mei⸗ nen Hunden den Klee zertreten, den Leuten gleichſam über den Bauch reiten, und ich komme ärgerlicher als zuvor zmück. Sagt mir wenigſtens, ſchlägt man ſich etwas leichter in Paris?“ „In dieſer Beziehung ſind die Verhältniſſe reizend. Keine Edicte, keine Leibwachen des Cardinals, keine Juſſac und andere Spürhunde mehr. Seht Ihr, unter einer La⸗ terne, in einer Herberge; überall ſeid Ihr für Mazarin, ſeid Ihr Frondeur, man zieht vom Leder, und Alles iſt 4 geſagt. Herr von Guiſe hat Herrn von Coligny auf dem offenen Platze getödtet und damit war es aus.. „Ah! das iſt ſchön,“ rief Porthos. „Und dann binnen Kurzem,“ fuhr d'Artagnan fort, „werden wir Schlachten in Reihe und Glied, Kanonen, 5 Brände haben, darin liegt Abwechſelung.“ 5 158 ſe 158 „Ihr habt Recht. Wenn wir Athos haben, deſto beſſer; wenn nicht, ſo werden wir ihn zu entbehren wiſſen. Wir zwei ſind ſo viel Werth, als zehn. „Ja,“ ſprach Porthos lächelnd in der Erinnerung an ſeine alten Heldenthaten; aber wir vier wären ſo viel werth geweſen, als ſechs und dreißig, um ſo mehr, als das Hand⸗ werk rauh ſein wird, wie Ihr ſagt.“ „Rauh für Rekruten, ja, aber für uns, nein.“ „Wird es lange währen?“ „Gott verdamme mich, es kann drei bis vier Jahre dauern.“ „Wird man ſich viel ſchlagen?“ „Ich hoffe es.“ „Deſto beſſer!“ rief Porthos.„Ihr habt keinen Be⸗ griff, mein Lieber, wie mir die Knochen krachen, ſeitdem ich hier bin. Wenn ich Sonntags aus der Meſſe komme, jage ich zuweilen in den Feldern und auf den Gütern der Nachbarn umher, um einen guten kleinen Streit zu be⸗ kommen, denn ich fühle, daß ich deſſen bedarf, aber nichts, mein Lieber! Mag man mich nun achten oder fürchten, das Letztere iſt wahrſcheinlicher, man laßt mich mit mei⸗ nen Hunden den Klee zertreten, den Leuten gleichſam über den Bauch reiten, und ich komme ärgerlicher als zuvor zuück. Sagt mir wenigſtens, ſchlägt man ſich etwas leichter in Paris?“ „In dieſer Beziehung ſind die Verhältniſſe reizend. Keine Ediete, keine Leibwachen des Cardinals, keine Juſſac und andere Spürhunde mehr. Seht Ihr, unter einer La⸗ terne, in einer Herberge; überall ſeid Ihr für Mazarin, ſeid Ihr Frondeur, man zieht vom Leder, und Alles iſt geſagt, Herr von Guiſe hat Herrn von Coligny auf dem offenen Platze getödtet und damit war es aus.“ „Ah! das iſt ſchön,“ rief Porthos. „Und dann binnen Kuczem,“ fuhr dArtagnan fort, „werden wir Schlachten in Reihe und Glied, Kanonen, Brände haben, darin liegt Abwechſelung.“ — ſe in an we d' tro für kle rec 159 „Dann bin ich entſchieden.“ ſie„Ich habe alſo Euer Wort?“. „Ja, es iſt abgemacht. Ich werde für Mazarin haauen und ſtoßen; aber...“ u„Aber?“ fih„Aber er muß mich zum Baron machen.“ d⸗„Eil bei Gott!“ rief d'Artagnan,„das iſt zum Vor⸗ aaus feſtgeſtellt. Ich habe es Euch geſagt und wiederhole: ich verbürge mich für Eure Baronie.“. b Auf dieſes Verſprechen ſchlug Porthos, welcher nie hre an einem Worte ſeines Freundes gezweifelt hatte, wieder den Weg nach dem Schloſſe ein. e Bee— em ne, 5 der be⸗ XIV. ts, 2 4 1. en, Worin nachgewieſen iſt, daß, wenn Porthos mit d ſeinem Verhältniſſe unzufrieden war, Mousqueton vor ſich mit dem ſeinigen ſehr zufrieden fühlte. as 4 Gegen das Schloß zurückkehrend, während Porthos d. in ſeinen Baronenträumen ſchwamm, dachte d'Artagnan 4 s Elend dieſer armen menſchlichen Natur, welche Pinzufrieden iſt mit dem, was ſie hat, und das wünſcht, d was ſie nicht hat. An der Stelle von Porthos hätte ſich d'Artagnan als den glücklichſten Menſchen der Erde be⸗ tachtet, und damit Porthos glücklich wäre, was fehlte ihm? fünf Buchſtaben vor alle ſeine Namen zu ſetzen und eine kleine Krone an ſeinen Wagen malen laſſen zu dürſen. Ich werde mein ganzes Leben damit hinbringen, rechts und links zu ſchauen,“ ſagte d'Artagnan zu ſich eſto ſſen. an erth nd⸗ ahre Be⸗ dem ume, der be⸗ hts, ſten, nei⸗ über wor was end. ſſac La⸗ rin, iſt dem ort, en, 159 „Dann bin ich entſchieden.“ „Ich habe alſo Euer Wort?“ „Ja, es iſt abgemacht. Ich werde für Mazarin hauen und ſtoßen; aber.. „Aber?“ „Aber er muß mich zum Baron machen.“ „Ei! bei Gott!“ rief dArtagnan,„das iſt zum Vor⸗ aus feſtgeſtellt. Ich habe es Euch geſagt und wiederhole: ich verbürge mich für Eure Baronie.“ Auf dieſes Verſprechen ſchlug Porthos, welcher nie an einem Worte ſeines Freundes gezweifelt hatte, wieder den Weg nach dem Schloſſe ein. XIV. Worin nachgewieſen iſt, daß, wenn Porthos mit ſeinem Verhältniſſe unzufrieden war, Mousqueton ſich mit dem ſeinigen ſehr zufrieden fühlte. Gegen das Schloß zurückkehrend, während Porthos in ſeinen Baronenträumen ſchwamm, dachte d'Artagnan an das Elend dieſer armen menſchlichen Natur, welche ſtets unzufrieden iſt mit dem, was ſie hat, und das wünſcht, was ſie nicht hat. An der Stelle von Porthos hätte ſich d'Artagnan als den glücklichſten Menſchen der Erde be⸗ trachtet, und damit Porthos glücklich wäre, was fehlte ihm? fünf Buchſtaben vor alle ſeine Namen zu ſetzen und eine kleine Krone an ſeinen Wagen malen laſſen zu dürfen. „Ich werde mein ganzes Leben damit hinbringen, rechts und links zu ſchauen,“ ſagte dArtagnan zu ſich fabſt nohne das Geſicht eines völlig glücklichen Menſchen zu ſehen. Er ſtellte dieſe philoſophiſche Betrachtung an, als die Vorſehung ihn Lügen ſtrafen zu wollen ſchien. In dem Augenblick, wo ihn Porthos verließ, um ſeinem Koche einige d'A Befehle zu geben, ſah er Mousqueton auf ſich zukommen. verg Das Geſicht des braven Burſchen, abgeſehen von einer ich leichten Bewegung, welche wie eine Sommerwolke ſeine 1 Phyſignomie mehr überflorte, als verſchleierte, ſchien das mir eines vollkommen glücklichen Menſchen zu ſein. mei „Das iſt es, was ich ſuchte,“ ſprach d'Artagnan viel zu ſich ſelbſt;„aber, ach! der arme Burſche weiß nicht, warum ich gekommen bin.“ 6 ſehr Mousqueton hielt ſich in einiger Entfernung. D'Ar⸗ ich tagnan ſetzte ſich auf eine Bank und bedeutete ihm durch gen ein Zeichen, er möge näher kommen. „Mein Herr Lieutenant,“ ſprach Mousgueton die M Erlaubniß benußand,„ich habe Euch um eine Gnade zu zur bitten.“ 2 „Sprich, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan.. „Ich wage es nicht, denn ich fürchte, Ihr könntet denken, das Glück habe mich verdorben.“ „Du biſt alſo glücklich?“ „So glücklich, als man möglicher Weiſe ſein kann, und dennoch könntet Ihr mich glücklicher machen.“ „Nun wohl, ſprich, und wenn es von mir abhängt, ſo ſoll es geſchehen.“. tag „Ohl gnädiger Herr, es hängt nur von Euch ab.’) „Laß hören.“. „Die Gnade, um die ich Euch bitte, beſteht darin, mich nicht mehr Mousqueton, ſondern Mouſton zu nennen. Seitdem ich Intendant meines gnädigen Herrn bin, habe men ich dieſen Namen angenommen, welcher würdiger erſcheint 8 und dazu dient, mir Achtung bei meinen Untergebenen 5 affen. Ihr wißt, wie nothwendig die Subordinatio em Geſinde iſt..) 160 ſelbſt,„ohne das Geſicht eines völlig glücklichen Menſchen zu ſehen.“ Er ſtellte dieſe philoſophiſche Betrachtung an, als die Vorſehung ihn Lügen ſtrafen zu wollen ſchien. In dem Augenblick, wo ihn Porthos verließ, um ſeinem Koche einige Befehle zu geben, ſah er Monsqueton auf ſich zukommen. Das Geſicht des braven Burſchen, abgeſehen von einer leichten Bewegung, welche wie eine Sommerwolke ſeine Phyſignomie mehr überflorte, als verſchleierte, ſchien das eines vollkommen glücklichen Menſchen zu ſein. „Das iſt es, was ich ſuchte,“ ſprach d»Artagnan zu ſich ſelbſt;„aber, ach! der arme Burſche weiß nicht, warum ich gekommen bin.“ Mousqueton hielt ſich in einiger Entfernung. D'Ar⸗ tagnan ſetzte ſich auf eine Bank und bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge näher kommen. „Mein Herr Lieutenant,“ ſprach Mousqueton die Si benützend,„ich habe Euch um eine Gnade zu itten.“ „Sprich, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan. „Ich wage es nicht, denn ich fürchte, Ihr könntet denken, das Glück habe mich verdorben.“ „Du biſt alſo glücklich?“ „So glücklich, als man möglicher Weiſe ſein kann, und dennoch könntet Ihr mich glücklicher machen.“ „Nun wohl, ſprich, und wenn es von mir abhängt, ſo ſoll es geſchehen.“ „Oh! gnädiger Herr, es hängt nur von Euch ab.“ „Laß hören.“ „Die Gnade, um die ich Euch bitte, beſteht darin, mich nicht mehr Mousqueton, ſondern Mouſton zu nennen. Seitdem ich Intendant meines gnädigen Herrn bin, habe ich dieſen Namen angenommen, welcher würdiger erſcheint und dazu dient, mir Achtung bei meinen Untergebenen zu verſchaffen. Ihr wißt, wie nothwendig die Subordination bei dem Geſinde iſt.“ me hen die dem nige nen. iner eine das nan icht, Ar⸗ urch die 2 zu intet ann, 161 D'Artagnan lächelte, Porthos verlängerte ſeinen Na⸗ men, Mousqueton verkürzte den ſeinigen. „Nun, gnädiger Herr?“ ſprach Mousqueton zitternd. „Nun wohl, ja, mein lieber Mouſton„“ erwiederte d'Artagnan,„ſei unbeſorgt, ich werde Dein Geſuch nicht vergeſſen. Und wenn es Dir Vergnügen macht, ſo werde ich Dich ſogar nicht mehr duzen.“ „Oh!* rief Mousqueton, roth vor Freude, wenn Ihr mir eine ſolche Ehre erweiſen würdet, ſo wäre ich Euch mein ganzes Leben dankbar. Aber das hieße vielleicht zu viel verlangen.“ „Ach,“ ſagte d'Artagnan in ſeinem Innern,„das iſt ſehr wenig, den unerwarteten Plackereien gegenüber, die ich dieſem armen Teufel bringe, der mich ſo gut empfan⸗ gen hat.“ „und der gnädige Herr bleibt lange bei uns?“ ſprach Mousqueton, deſſen Angeſicht, zu ſeiner vollen Heiterkeit zurückgekehrt, wie eine Gichtroſe aufblühte. „Ich reiſe morgen ab, mein Freund,“ antwortete d'Artagnan. „Ah, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton„Ihr ſeid alſo nur gekommen, um uns Kummer zu machen?“ „Ich befürchte es,“ ſprach d'Artagnan ſo leiſe, daß Mousqueton, der ſich mit einer Verbeugung zurückzog, es nicht hören konnte. Ein Gewiſſensbiß regte ſich im Innern von d'Ar⸗ tagnan, obgleich ſein Herz ſich bedeutend verhärlet hatte⸗ Er bedauerte es nicht, Porthos auf eine Bahn zu verſetzen, wo ſein Leben und ſein Vermögen gefährdet werden ſollten, denn Porthos wagte Alles dies freiwillig für einen Baro⸗ naentitel, den er ſeit fünfzehn Jahren zu erlangen trachtete. Aber Mousqueton, der nichts wünſchte, als Mouſton ge⸗ nannt zu werden, war es nicht grauſam, dieſen ſeinem koſtbaren Leben, der Hülle und Fülle zu entziehen? Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn, als Porthos wieder erſchien. „Zu Tiſche!“ ſprach Porthos. Zwanzig Jahre nachher. I. 11 iſchen s die dem einige men. einer ſeine das gnan nicht, Ar⸗ durch die e ze nntet kann, ängt, arin, men. habe heint n zu tion 161 DArtagnan lächelte, Porthos verlängerte ſeinen Na⸗ men, Mousqueton verkürzte den ſeinigen. „Nun, gnädiger Herr?“ ſprach Mousqueton zitternd. „Nun wohl, ja, mein lieber Mouſton,“ erwiederte dArtagnan,„ſei unbeſorgt, ich werde Dein Geſuch nicht vergeſſen. Und wenn es Dir Vergnügen macht, ſo werde ich Dich ſogar nicht mehr duzen.“ „Oh!“ rief Mousqueton, roth vor Freude, wenn Ihr mir eine ſolche Ehre erweiſen würdet, ſo wäre ich Euch mein ganzes Leben dankbar. Aber das hieße vielleicht zu viel verlangen.“ „Ach,“ ſagte d'Artagnan in ſeinem Innern,„das iſt ſehr wenig, den unerwarteten Plackereien gegenüber, die vich dieſem armen Teufel bringe, der mich ſo gut empfan⸗ gen hat.“ „Und der gnädige Herr bleibt lange bei uns?“ ſprach Mousqueton, deſſen Angeſicht, zu ſeiner vollen Heiterkeit zurückgekehrt, wie ine Gichtroſe aufblühte. „Ich reiſe morgen ab, mein Freund,“ antwortete d'Artagnan. „Ah, gnädiger Herr,“ ſagte Mousqueton„Ihr ſeid alſo nur gekommen, um uns Kummer zu machen?“ „Ich befürchte es,“ ſprach d'Artagnan ſo leiſe, daß Mousqueton, der ſich mit einer Verbeugung zurückzog, es nicht hören konnte. Ein Gewiſſensbiß regte ſich im Innern von d'Ar⸗ tagnan, obgleich ſein Herz ſich bedeutend verhärtet hatte. Er bedauerte es nicht, Porthos auf eine Bahn zu verſetzen, wo ſein Leben und ſein Vermögen gefährdet werden ſollten, denn Porthos wagte Alles dies freiwillig für einen Baro⸗ nentitel, den er ſeit fünfzehn Jahren zu erlangen trachtete. Aber Mousqueton, der nichts wünſchte, als Mouſton ge⸗ nannt zu werden, war es nicht grauſam, dieſen ſeinem koſtbaren Leben, der Hülle und Fülle zu entziehen? Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn, als Porthos wieder erſchien. „Zu Tiſche!“ ſprach Porthos. Zwanzig Jahre nachher. 1. 1¹ „Wie, zu Tiſche?“ fragte d'Artagnan.„Wie viel Uhr iſt es denn?“ „Ei, mein Lieber, es iſt ein Uhr vorüber.“ la „Euer Wohnort iſt ein wahres Paradies, Porthos, man vergißt die Zeit. Ich folge Euch, aber ich habe keinen Hunger.“. „Kommt, wenn man nicht immer eſſen kann, ſo kann de man doch wenigſtens immer trinken. Das iſt eine von den „ Marimen des armen Athos, deren Richtigkeit ich anerkannt habe, ſeitdem ich mich langweile.“ er D'Artagnan, den ſeine gascogniſche Natur ſtets ziem⸗ lich nüchtern gelaſſen hatte, ſchien nicht eben ſo ſehr, wie 4 ſein Freund, von der Wahrheit des Arioms von Athos ſe überzeugt. Nichtsdeſtoweniger that er, was er konnte, um N ſich auf der Höhe ſeines Wirthes zu erhalten. Während 8 er indeſſen Porthos beim Eſſen zuſchaute und nach Kräften d trank, kam d'Artagnan wieder der Gedanke an Mousqueton 2 und zwar um ſo ſtärker, als Mousqueton, ohne ſelbſt bei Tiſche zu ſerviren, was unter ſeiner neuen Stellung ge⸗ weſen wäre, von Zeit zu Zeit an der Thure erſchien und t ſeine Dankbarkeit gegen d'Artagnan durch das Alter und das Gewachſe der Weine, die er auftragen ließ, kundgab. Bei dem Deſſert, als Porthos auf ein Zeichen von t 3 d'Artagnan ſeine Lackeien weggeſchickt hatte und ſich die zwei Freunde allein befanden, ſagte d'Artagnan: „Porthos, wer wird Euch bei Euren Feldzügen be⸗ gleiten?“ 1 Porthos antwortete natürlich: „Mouſton, wie es mir ſcheint.“. Das war ein Schlag für d'Artagnan. Er ſah be⸗ reits das wohlwollende Lächeln des Intendanten ſich in eine Grimaſſe des Schmerzes verwandeln.— „Doch, mein Freund“ verſetzte d'Artagnan,„Mou⸗ ſton ſcheint mir nicht mehr in der erſten Jugend zu ſtehen. Ueberdies iſt er ſehr dick geworden und hat vielleicht die Gewohnheit des ſelbſtthätigen Dienſtes verleren.“ 162 „Wie, zu Tiſche?“ fragte dArtagnan.„Wie viel Uhr iſt es denn?“ „Ei, mein Lieber, es iſt ein Uhr vorüber.“ „Euer Wohnort iſt ein wahres Paradies, Porthos, man vergißt die Zeit. Ich folge Euch, aber ich habe keinen Hunger.“ „Kommt, wenn man nicht immer eſſen kann, ſo kann man doch wenigſtens immer trinken. Das iſt eine von den Marimen des armen Athos, deren Richtigkeit ich anerkannt habe, ſeitdem ich mich langweile.“ DArtagnan, den ſeine gascogniſche Natur ſtets ziem⸗ lich nüchtern gelaſſen hatte, ſchien nicht eben ſo ſehr, wie ſein Freund, von der Wahrheit des Arioms von Athos überzeugt. Nichtsdeſtoweniger that er, was er konnte, um ſich auf der Höhe ſeines Wirthes zu erhalten. Während er indeſſen Porthos beim Eſſen zuſchaute und nach Kräſten trank, kam d'Artagnan wieder der Gedanke an Mousqueton und zwar um ſo ſtärker, als Mousqueton, ohne ſelbſt bei Tiſche zu ſerviren, was unter ſeiner neuen Stellung ge⸗ weſen wäre, von Zeit zu Zeit an der Thüre erſchien und ſeine Dankbarkeit gegen d'Artagnan durch das Alter und das Gewächſe der Weine, die er auftragen ließ, kundgab. Bei dem Deſſert, als Porthos auf ein Zeichen von d'Artagnan ſeine Lackeien weggeſchickt hatte und ſich die zwei Freunde allein befanden, ſagte d'Artagnan: „Porthos, wer wird Euch bei Euren Feldzügen be⸗ gleiten?“ Porthos antwortete natürlich: „Mouſton, wie es mir ſcheint.“ Das war ein Schlag für d'Artagnan. Er ſah be⸗ reits das wohlwollende Lächeln des Intendanten ſich in eine Grimaſſe des Schmerzes verwandeln. „Doch, mein Freund,“ verſetzte d'Artagnan,„Mou⸗ ſton ſcheint mir nicht mehr in der erſten Jugend zu ſtehen. Ueberdies iſt er ſehr dick geworden und hat vielleicht die Gewohnheit des ſelbſtthätigen Dienſtes verloren.“ 163 „Ich weiß es,“ erwiederte Porthos;„aber ich bin an ihn gewöhnt, und überdies würde er mi t laſſen. Er liebt mich zu ſehr.“— „O blinde Eitelkeit!“ dachte d'Artagnan. „Und dann,“ ſprach Porthos,„habt Ihr nicht im⸗ mer noch denſelben Lackeien in Eurem Dienſte, den guten, den braven, den geſcheiten... Wie nauntet Ihr ihn doch?“ „Planchet. Ja, ich habe ihn wiedergefunden. Aber er iſt nicht mehr Lackei.“ „Was iſt er denn?“ „Mit ſeinen ſechszehnhundert Liores, Ihr wißt, die ſechszehnhundert Livres, die er bei der Belagerung von La Rochelle durch die Ueberbringung eines Briefes an Lord Winter gewonnen hat, hat er einen kleinen Laden Rue des Lombards eröffnet und iſt Zuckerbäcker.“ „Ah, er iſt Zuckerbäcker in der Rue des Lombards? Aber wie kommt es, daß er Euch folgt?“ „Er hat einige Streiche gemacht,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan,„und befürchtet deßhalb beunruhigt zu werden.“ „Nun wohl, wenn man Euch einſt geſagt hätte, mein Lieber, Planchet würde eines Tages Rochefort ret⸗ ten, und Ihr würdet ihn deßhalb verbergen?“ „So hätte ich es nicht geglaubt. Aber was wollt Ihr? die Ereigniſſe ändern die Menſchen.“ „ Nichts iſt wahrer,“ ſagte Porthos.„Aber was ſich nicht ändert, oder was ſich vielmehr nur ändert, um beſſer zu werden, das iſt der Wein. Koſtet einmal dieſen. Es iſt ein ſpaniſches Gewächs, das unſer Freund Athos ſehr achtete, es iſt Xeres.“— In dieſem Augenblick kam der Intendant, um ſeinen Herrn uber den Küchenzettel des andern Tages und auch über die beabſichtigte Jagdpartie zu befragen. „Sage mir, Mouſton,“ ſprach Porthos,„meine Waffen ſind in gutem Stande?“ 11u 6. 163 viel„Ich weiß es,“ erwiederte Porthos;„aber ich bin an ihn gewöhnt, und überdies würde er mich nicht gerne ver⸗ laſſen. Er liebt mich zu ſehr.“ thos,„O blinde Eitelkeit“ dachte d'Artagnan. habe„Und dann,“ ſprach Porthos,„habt Ihr nicht im⸗ mer noch denſelben Lackeien in Eurem Dienſte, den guten, kann den braven, den geſcheiten.. Wie nanntet Ihr ihn den doch?“ annt„Planchet. Ja, ich habe ihn wiedergefunden. Aber er iſt nicht mehr Lackei.“ iem⸗„Was iſt er denn?“ wie„Mit ſeinen ſechszehnhundert Livres, Ihr wißt, die lthos ſechszehnhundert Livres, die er bei der Belagerung von La um Rochelle durch die Ueberbringung eines Briefes an Lord rend Winter gewonnen hat, hat er einen kleinen Laden Rue äſten des Lombards eröffnet und iſt Zuckerbäcker.“ leton„Ah, er iſt Zuckerbäcker in der Rue des Lombards? t bei Aber wie kommt es, daß er Euch folgt?“ ge⸗„Er hat einige Streiche gemacht,“ erwiederte d'Ar⸗ und tagnan,„und befürchtet deßhalb beunruhigt zu werden.“ und„Nun wohl, wenn man Euch einſt geſagt hätte, gab. mein Lieber, Planchet würde eines Tages Rochefort ret⸗ von ten, und Ihr würdet ihn deßhalb verbergen?“ ie„So hätte ich es nicht geglaubt. Aber was wollt Ihr? die Ereigniſſe ändern die Menſchen.“ be⸗„Nichts iſt wahrer,“ ſagte Porthos.„Aber was ſich nicht ändert, oder was ſich vielmehr nur ändert, um beſſer zu werden, das iſt der Wein. Koſtet einmal dieſen. Es iſt ein ſpaniſches Gewächs, das unſer Freund Athos e ſehr achtete, es iſt Keres.“ in In dieſem Augenblick kam der Intendant, um ſeinen Herrn über den Küchenzettel des andern Tages und auch Nou⸗ über die beabſichtigte Jagdpartie zu befragen. he„Sage mir, Mouſton,“ ſprach Porthos,„meine Waffen t die ſind in gutem Stande?“ 14* D alalag an fing an auf dem Tiſche zu trommeln, um ſeine Verlegenheit zu verbergen. „Was für Waffen, gnädiger Herr?“ fragte Mouſton. „Meine Kriegswaffen.“ „Ja, gnädiger Herr. Ich glaube wenigſtens.“ al „Du wirſt Dich morgen überzeugen und ſie putzen d laſſen, wenn es nothwendig iſt.“ „Welches von meinen Pferden iſt der beſte Renner?“ 6 „Vulcan.“ 9 „Welches iſt am beſten für Strapatzen?“ „Bayard.“ 1 n „Welches Pferd liebſt Du für Deine Perſon?“ 3 „Ich liebe Ruſtaud, gnädiger Herr. Es iſt ein gutes Thier, mit dem ich mich am beſten verſtändige.“ d „Es iſt kräftig, nicht wahr?“ 4 „Normanne mit Mecklenburger gekreuzt. Er würde 3 Tag und Nacht gehen.“ 8 „So iſt es gut. Du läßt die drei Thiere gehörig 1 ſtärken, putzeſt meine Waffen oder läßt ſie putzen, dann Piſtolen für Dich und ein Jagdmeſſer.“ „Wir reiſen alſo, gnädiger Herr?“ ſprach Mous⸗ G queton, bereits ſehr unruhig. D⸗Artagnan, welcher bis jetzt nur unzuſammenhängende Dinge getrommelt hatte, ſchlug einen Marſch. „Noch etwas Beſſeres, Mouſton,“ antwortete Porthos. „Wir machen eine Erpedition, gnädiger Herr 2 ſprach der Intendant, deſſen Roſen ſich in Lilien zu verwandeln anfingen.. „ Wir treten wieder in den Dienſt, Mouſton,“ er⸗ wiederte Porthos, indem er ſeinem Schnurrbart die mar⸗ tialiſche Biegung zu geben verſuchte, die er verloren hatte. Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als Mous⸗ queton von einem Zittern befallen wurde, das ſeine dicken, geaderten Backen ſchüttelte. Er ſchaute d'Artagnan mit einer unbeſchreitlichen Miene zarten Vorwurfs an, die der Offizier nicht ertragen konnte, ohne ſich gerührt zu fühlen. 164 D'Artagnan fing an auf dem Tiſche zu trommeln, um ſeine Verlegenheit zu verbergen. „Was für Waffen, gnädiger Herr?“ fragte Monſton. „Meine Kriegswaffen.“ „Ja, gnädiger Herr. Ich glaube wenigſtens.“ „Du wirſt Dich morgen überzeugen und ſie putzen laſſen, wenn es nothwendig iſt.“ „Welches von meinen Pferden iſt der beſte Renner?“ „Vulcan.“ „Welches iſt am beſten für Strapatzen?“ „Bayard.“ „Welches Pferd liebſt Du für Deine Perſon?“ „Ich liebe Ruſtand, gnädiger Herr. Es iſt ein gutes Thier, mit dem ich mich am beſten verſtändige.“ „Es iſt kräftig, nicht wahr?“ „Normanne mit Mecklenburger gekreuzt. Er würde Tag und Nacht gehen.“ „So iſt es gut. Du läßt die drei Thiere gehörig ſtärken, putzeſt meine Waffen oder läßt ſie putzen, dann Piſtolen für Dich und ein Jagdmeſſer.“ „Wir reiſen alſo, gnädiger Herr?“ ſprach Mous⸗ queton, bereits ſehr unruhig. D'Artagnan, welcher bis jetzt nur unzuſammenhängende Dinge getrommelt hatte, ſchlug einen Marſch. „Noch etwas Beſſeres, Mouſton,“ antwortete Porthos. „Wir machen eine Erpedition, gnädiger Herr?“ ſprach der Intendant, deſſen Roſen ſich in Lilien zu verwandeln anfingen. „Wir treten wieder in den Dienſt, Mouſton,“ er⸗ wiederte Porthos, indem er ſeinem Schnurrbart die mar⸗ tigliſche Biegung zu geben verſuchte, die er verloren hatte. Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als Mous⸗ queton von einem Zittern befallen wurde, das ſeine dicken, geaderten Backen ſchüttelte. Er ſchaute dArtagnan mit einer unbeſchreiblichen Miene zarten Vorwurfs an, die der Offizier nicht ertragen konnte, ohne ſich gerührt zu fühlen. —— 165 Dann wankte er und ſprach mit einer beinahe erſtickten Stimme:. „Dienſt, Dienſt bei der Armee des Königs?“ „Ja oder nein. Wir ziehen wieder in's Feld, ſuchen allerlei Abenteuer und fangen das Leben von ehemals wie⸗ der an.“. Dieſes Wort fiel wie ein Blitzſtreich auf Mousqueton, es war dieſes furchtbare Ehemals, was das Jetzt ſo an⸗ genehm machte. 3 „Oh, mein Gott! was höre ich?“ ſprach Mousqueton, mit einem immer mehr flehenden Blicke an die Adreſſe von d'Artagnan gerichtet. 3 „Was wollt Ihr, mein armer Monſton?“ ſprach d'Artagnan.„Das Schickſal.. ℳ Trotz der Vorſicht von d'Artagnan, ihn nicht zu du⸗ zen und ſeinem Namen das von ihm gewünſchte Maß zu geben, empfing Mousqueton nichtsdeſtoweniger den Schlag, und dieſer Schlag war ſo furchtbar, daß er ganz nieder⸗ geſchmettert hinausging, wobei er die Thüre zu ſchließen vergaß. „Dieſer gute Mousqueton! er kennt ſich nicht vor Freude!“ ſagte Porthos mit dem Tone, deſſen ſich Don Quirote wohl bediente, als er Sancho Panſa aufforderte, ſeinen Eſel zu einem letzten Feldzuge zu ſatteln. Die zwei Freunde, die nun allein waren, fingen an von der Zukunft zu ſprechen und Luftſchlöſſer zu bauen. Der gute Wein von Mousqueton ließ d'Artagnan eine glänzende Perſpective von Quadrupeln und Piſtolen, Por⸗ thos das blaue Band und den Herzogsmantel erſchauen. Es iſt nicht zu verbergen, daß ſie auf dem Tiſche ſchliefen, als man kam und ſie aufforderte, zu Bette zu gehen. Doch am andern Morgen wurde Mousqueton eini⸗ germaßen von d'Artagnan getröſtet, der ihm mittheilte, der Krieg wurde wahrſcheinlich im Herzen von Paris und im Bereiche des Schloſſes du Vallon, welches unferne 165 Dann wankte er und ſprach mit einer beinahe erſtickten Stimme: „Dienſt, Dienſt bei der Armee des Königs?“ „Ja oder nein. Wir ziehen wieder in's Feld, ſuchen allerlei Abenteuer und fangen das Leben von ehemals wie⸗ der an. Dieſes Wort fiel wie ein Blitzſtreich auf Mousqueton, es war dieſes furchtbare Ehemals, was das Jetzt ſo an⸗ genehm machte. „Oh, mein Gott! was höre ich?“ ſprach Mousqueton, mit einem immer mehr flehenden Blicke an die Adreſſe von d'Artagnan gerichtet. „Was wollt Ihr, mein armer Mouſton?“ ſprach d'Artagnan.„Das Schickſal Trotz der Vorſicht von dArtagnan, ihn nicht zu du⸗ zen und ſeinem Namen das von ihm gewünſchte Maß zu geben, empfing Mousqueton nichtsdeſtoweniger den Schlag, und dieſer Schlag war ſo furchtbar, daß er ganz nieder⸗ hinausging, wobei er die Thüre zu ſchließen vergaß. „Dieſer gute Mousqueton! er kennt ſich nicht vor Freude!“ ſagte Porthos mit dem Tone, deſſen ſich Don Quirote wohl bediente, als er Sancho Panſa aufforderte, ſeinen Eſel zu einem letzten Feldzuge zu ſatteln. Die zwei Freunde, die nun allein waren, fingen an von der Zukunft zu ſprechen und Luftſchlöſſer zu bauen. Der gute Wein von Mousqueton ließ d'Artagnan eine glänzende Perſpective von Quadrupeln und Piſtolen, Por⸗ thos das blaue Band und den Herzogsmantel erſchauen. Es iſt nicht zu verbergen, daß ſie auf dem Tiſche ſchliefen, als man kam und ſie aufforderte, zu Bette zu gehen. Doch am andern Morgen wurde Mousqueton eini⸗ germaßen von dArtagnan getröſtet, der ihm mittheilte, der Krieg würde wahrſcheinlich im Herzen von Paris und im Bereiche des Schloſſes du Vallon, welches unferne 166 von Corbeille lag, von Bracieur, welches bei Melun, und von Pierrefonds, welches zwiſchen Compiègne und Villers⸗Cotterets war, geführt werden. Aber es ſcheint mir, daß ehemals...“ ſprach Mous⸗ queton ſchüchtern. k „Oh,“ ſagte d'Artagnan,„man führt den Krieg nicht mehr auf die Weiſe, wie ehemals. Gegenwärtig ſind es diplomatiſche Angelegenheiten, fragt nur Planchet!“ Mousqueton zog Erkundigungen bei ſeinem alten Freunde ein, welcher in jeder Beziehung das, was d'Ar⸗ .tagnan geſagt hatte, beſtätigte. Nur, fügte er bei, lau⸗ fen in dieſem Kriege die Gefangenen Gefahr, gehenkt zu werden. „Peſt!“ ſprach Mousqueton,„ich glaube, die Bela⸗ gerung von La Rochelle wäre mir lieber.“ Porthos, nachdem er ſeinen Gaſt ein Reh hatte er⸗ legen laſſen, nachdem er ihn von ſeinen Waldungen auf ſeinen Berg, von ſeinem Berg an ſeine Teiche geführt, nachdem er ihn ſeine Windhunde, ſeine Meute, Gredinet, kurz Alles, was er beſaß, gezeigt und ihm darauf weitere verſchwenderiſche Mahle gegeben hatte, forderte von d'Ar⸗ tagnan, der ihn nun verlaſſen mußte, um ſeinen Weg fortzuſetzen, beſtimmte Inſtruktionen. „So hört, mein Freund,“ erwiederte der Bote,„ich brauche vier Tage von hier nach Blois, einen Tag bleibe ich dort, drei bis vier Tage brauche ich zur Rückkehr nach Paris. Reiſet alſo in einer Woche mit Euerer Equipage ab; nehmt Euer Abſteigquartier in der Rue Tiquetonne im Waſhoſe zur Rehziege und erwartet dort meine Rück⸗ kehr. 4 „Abgemacht,“ ſprach Porthos. „Ich mache eine Reiſe ohne Hoffnung zu Athos,“ ſagte d'Artagnan;„aber obgleich ich ihn fuͤr unfähig ge⸗ worden halte, ſo muß man doch gewiſſe Rückſichten gegen ſeine Freunde beobachten.“ 166 von Corbeille lag, von Bracieur, welches bei Melun, und von Pierrefonds, welches zwiſchen Compiegne und Villers⸗Cotterets war, geführt werden. Aber es ſcheint mir, daß ehemals. ſprach Mous⸗ 1 queton ſchüchtern. „h, ſagte dArtagnan,„man führt den Krieg nicht mehr auf die Weiſe, wie ehemals. Gegenwärtig ſind es diplomatiſche Angelegenheiten, fragt nur Planchet!“ Mousqueton zog Erkundigungen bei ſeinem alten Freunde ein, welcher in jeder Beziehung das, was dAr⸗. tagnan geſagt hatte, beſtätigte. Nur, fügte er bei, lau⸗ fen in dieſem Kriege die Gefangenen Gefahr, gehenkt zu werden. „Peſt!“ ſprach Mousqueton,„ich glaube, die Bela⸗ gerung von La Rochelle wäre mir lieber.“ Porthos, nachdem er ſeinen Gaſt ein Reh hatte er⸗ legen laſſen, nachdem er ihn von ſeinen Waldungen auf ſeinen Berg, von ſeinem Berg an ſeine Teiche geführt, nachdem er ihn ſeine Windhunde, ſeine Meute, Gredinet, kurz Alles, was er beſaß, gezeigt und ihm darauf weitere verſchwenderiſche Mahle gegeben hatte, forderte von d'Ar⸗ tagnan, der ihn nun verlaſſen mußte, um ſeinen Weg fortzuſetzen, beſtimmte Inſtruktionen. „So hört, mein Freund,“ erwiederte der Bote,„ich brauche vier Tage von hier nach Blvis, einen Tag bleibe ich dort, drei bis vier Tage brauche ich zur Rückkehr nach Paris. Reiſet alſo in einer Woche mit Euerer Equipage ab; nehmt Euer Abſteigquartier in der Rue Tiquetonne im Gaſthofe zur Rehziege und erwartet dort meine Rück⸗ kehr.“ „Abgemacht,“ ſprach Porthos. „Ich mache eine Reiſe ohne Hoffnung zu Athos,“ ſagte d'Artagnan;„aber obgleich ich ihn für unfähig ge⸗ worden halte, ſo muß man doch gewiſſe Rückſichten gegen ſeine Freunde beobachten.“ 167 „Wenn ich mit Euch ginge,“ verſetzte Porthos,„es würde mich vielleich rſtreuen.“. „Es iſt möglich, antwortete d'Artagnan,„und mich auch; aber Ihr hättet keine Zeit mehr, um Cuere Vorbe⸗ reitungen zu treffen.“ „Das iſt wahr. Geht alſo und guten Muth. Ich, was mich betrifft, bin voll Eifer.“ „Vortrefflich!“ ſprach d'Artagnan. Und ſie trennten ſich auf der Grenze des Gebietes von Pierrefonds, bis an welche Porthos ſeinen Freund begleitete. „Wenigſtens„“ ſprach d'Artagnan, den Weg nach Villers⸗Cotterets einſchlagend,„wenigſtens werde ich nicht allein ſein. Dieſer Teufel von einem Porthos beſitzt noch tüchtige Kräfte. Kommt Athos hinzu, ſo ſind wir zu Drei und können über Aramis, dieſen kleinen Glücksjager, ſpotten.“ In Villers⸗Cotterets ſchrieb er an den Cardinal. „Monſeigneur, ich kann Euerer Eminenz bereits Einen anbieten, und dieſer Eine iſt zwanzig Mann werth.— Ich reiſe nach Blois ab, der Graf de la Fore wohnt in der Nähe dieſer Stadt im Schloſſe Bragelonne.“ Und hienach ſchlug er, ſich mit Planchet berathend, der ihm während ſeiner langen Reiſe ſehr zur Zerſtreuung diente, den Weg nach Blois ein. XV. Bwei Engelsköpfe. Es handelte ſich um einen langen Weg, d'Artagnan küͤmmerte ſich aber nicht darum; er wußte, daß ſich ſeine un, ind us⸗ ieg ind ten lr⸗ u⸗ r⸗ uf rt, et, re r⸗ 167 „Wenn ich mit Euch ginge,“ verſetzte Porthos,„es würde mich vielleicht zerſtreuen.“ „Es iſt möglich,“ antwortete dArtagnan,„und mich auch; aber Ihr hättet keine Zeit mehr, um Euere Vorbe⸗ reitungen zu treffen.“ „Das iſt wahr. Geht alſo und guten Muth. Ich, was mich betrifft, bin voll Eifer.“ „Vortrefflich!“ ſprach d'Artagnan. Und ſie trennten ſich auf der Grenze des Gebietes von Pierrefonds, bis an welche Porthos ſeinen Freund begleitete. „Wenigſtens,“ ſprach d'Artagnan, den Weg nach Villers⸗Cotterets einſchlagend,„wenigſtens werde ich nicht allein ſein. Dieſer Teufel von einem Porthos beſitzt noch tüchtige Kräfte. Kommt Athos hinzu, ſo ſind wir zu Drei und können über Aramis, dieſen kleinen Glücksjäger, ſpotten.“ In Villers⸗Cotterets ſchrieb er an den Cardingl. „Monſeigneur, ich kann Euerer Eminenz bereits Einen anbieten, und dieſer Eine iſt zwanzig Mann werth.— Ich reiſe nach Blois ab, der Graf de la Fere wohnt in der Nähe dieſer Stadt im Schloſſe Bragelonne.“ Und hienach ſchlug er, ſich mit Planchet berathend, der ihm während ſeiner langen Reiſe ſehr zur Zerſtreuung diente, den Weg nach Blois ein. XV. 8 Zwei Engelsköpfe. Es handelte ſich um einen langen Weg, d'Artagnan kümmerte ſich aber nicht darum; er wußte, daß ſich ſeine 168 Pferde an den reichen Raufen des Gebieters von Bracieur geſtärkt hatten. Er unternahm alſo mit vollem Vertrauen die vier oder fünf Tagemärſche, die er, gefolgt von dem treuen Planchet, zu machen hatte. Um die Langeweile zu vertreiben, ritten dieſe zwei Männer beſtändig neben einander und plauderten. D'Ar⸗ tagnan hatte allmälig den Herrn anſgegeben und Planchet hatte völlig die Lackeienhaut abgeſtreift. Es war dies ein Schlaukopf, der ſeit ſeinem improviſirten Bürgerthum die freien Biſſen der Landſtraße, ſo wie das Geſpräch und die glänzende Geſellſchaft von Edelleuten oft beklagt hatte und in einem Gefühle perſönlicher Würde darunter litt, daß er ſich durch die beſtändige Berührung mit Leuten von plat⸗ ten Ideen entwerthet werden ſah. Er erhob ſich alſo bald bei Demjenigen, welchen er noch ſeinen Herrn nannte, zum Range eines Vertrauten. D'Artagnan hatte ſeit langen Jahren ſein Herz nicht er⸗ ſchloſſen. So kam es, daß dieſe zwei Männer, als ſie ſich wiederfanden, ſich auf eine bewunderungswürdige Weiſe zu verſtändigen wußten. Planchet war kein ganz gewöhnlicher Gefährte bei Abenteuern. Er war ein Mann von gutem Rathe; ohne die Gefahr zu ſuchen, wich er nicht vor Streichen zuruͤck, wie d'Artagnan wiederholt zu bemerken die Gelegenheit gehabt hatte. Er war Soldat geweſen und die Waffen adelten. Und dann mehr als Alles dies, wenn d'Artagnan ſeiner bedurfte, ſo war Planchet ihm auch nicht unnütz. D'Artagnan und Planchet gelangten ſo gleichſam auf dem Fuße von guten Freunden nach Blaiſois. Auf dem Wege ſagte d'Artagnan, den Kopf ſchüt⸗ telnd und auf den Gedanken zurückkommend, der ihn be⸗ ſtändig beſchäftigte: „Ich weiß wohl, daß mein Schritt bei Athos ver⸗ geblich und albern iſt, aber ich bin dieſes Verfahren einem alten Freunde, einem Manne ſchuldig, der den 8 Pferde an den reichen Raufen des Gebieters von Bracieur geſtärkt hatten. Er unternahm alſo mit vollem Vertrauen die vier vder fünf Tagemärſche, die er„gefolgt von dem treuen Planchet, zu machen hatte. Um die Langeweile zu vertreiben, ritten dieſe zwei Männer beſtändig neben einander und plauderten. D'Ar⸗ tagnan hatte allmälig den Herrn aufgegeben und Planchet hatte völlig die Lackeienhaut abgeſtreift. Es war dies ein Schlaukopf, der ſeit ſeinem improvifirten Bürgerthum die freien Biſſen der Landſtraße, ſo wie das Geſpräch und die glänzende Geſellſchaft von Edelleuten oft beklagt hatte und in einem Gefühle perſönlicher Würde darunter litt, daß er ſich durch die beſtändige Berührung mit Leuten von plat⸗ ten Ideen entwerthet werden ſah. Er erhob ſich alſo bald bei Demjenigen, welchen er noch ſeinen Herrn nannte, zum Range eines Vertrauten. DArtagnan hatte ſeit langen Jahren ſein Herz nicht er⸗ ſchloſſen. So kam es, daß dieſe zwei Männer, als ſie ſich wiederfanden, ſich auf eine bewunderungswürdige Weiſe zu verſtändigen wußten. Planchet war kein ganz gewöhnlicher Gefährte bei Abenteuern. Er war ein Mann von gutem Rathe; ohne die Gefahr zu ſuchen, wich er nicht vor Streichen zurück, wie d'Artagnan wiederholt zu bemerken die Gelegenheit gehabt hatte. Er war Soldat geweſen und die Waffen adelten. Und dann mehr als Alles dies„wenn d'Artagnan ſeiner bedurfte, ſo war Planchet ihm auch nicht unnütz. DArtagnan und Planchet gelangten ſo gleichſam auf dem Fuße von guten Freunden nach Blaiſois. Auf dem Wege ſagte d'Artagnan, den Kopf ſchüt⸗ telnd und auf den Gedanken zurückkommend, der ihn be⸗ ſtändig beſchäftigte: „Ich weiß wohl, daß mein Schritt bei Athos ver⸗ geblich und albern iſt, aber ich bin dieſes Verfahren einem alten Freunde, einem Manne ſchuldig, der den ——— 169 Stoff zu dem hochherzigſten, zu dem edelmuthigſten von allen Menſchen in ſich trug.“ „Oh, Herr Athos war ein tüchtiger, ſtolzer Edel⸗ mann!“ rief Planchet. „Nicht wahr?“ verſetzte d'Artagnan. 3 „Ein Herr, der Geld ausſtreute, wie der Himmel hageln läßt,“ fuhr Planchet fort,„ein Mann, der das Schwert mit königlichem Anſehen in die Hand nahm. Erinnert Ihr Euch, Herr, des Zweikampfes mit den Eng⸗ ländern in der Umfriedung des Karmeliterkloſters. Ach, wie ſchön und herrlich anzuſchauen war Herr Athos an dieſem Tage, als er zu ſeinem Gegner ſagte: „Ihr habt verlangt, daß ich Euch meinen Namen ſage, mein Herr, deſto ſchlimmer für Euch, denn ich werde genöthigt ſein, Euch zu tödten.“ Ich war in ſeiner Nähe und höͤrte ihn. Dies iſt Wort für Wort ſeine Rede. Und dieſer Blick, als er ſeinen Gegner berührte, wie er es geſagt hatte, und als ſein Gegner fiel, ohne nur ein Uf zu ſagen. Ach, gnädiger Herr, ich wieder⸗ hole, es war ein tüchtiger, ſtolzer Edelmann.“ „Ja,“ verſetzte d'Artagnan,„Alles dies iſt wahr, wie das Evangelium. Aber durch einen einzigen Fehler wird er alle ſeine ſchönen Eigenſchaften verloren haben.“ „Ich erinnere mich,“ erwiederte Planchet.„Er liebte den Trunk, oder vielmehr: er trank. Aber er trank nicht wie Andere. Seine Augen ſagten nichts, wenn er das Glas an die Lippen ſetzte. In der That, nie war ein Stillſchweigen ſo ſprechend. Mir kam es vor als hörte ich ihn murmeln:„„Tritt ein, Trank, u ge meinen Kummer.““ Und wenn er den Fuß eines Glaſes oder den Hals einer Flaſche zerbrach, ſo gab es nur ihn, der es ſo machen konnte.“ 3 „Wohl,“ verſetzte d'Artagnan,„aber welch' ein trau⸗ riges Schanuſpiel harrt unſerer heute. Dieſer treffliche Edelmann mit dem ſtolzen Auge, dieſer ſchöne Cavalier, acieur rauen dem zwei Ar⸗ nchet s ein die d die und ß er plat⸗ ner ten. er ſie Leiſe bei hne ück, heit ffen nan ütz. em üt⸗ be⸗ er⸗ ren en —— 169 Stoff zu dem hochherzigſten, zu dem edelmüthigſten von allen Menſchen in ſich trug.“ „Oh, Herr Athos war ein tüchtiger, ſtolzer Edel⸗ mann!“ rief Planchet. „Nicht wahr?“ verſetzte d'Artagnan. „Ein Herr, der Geld ausſtreute, wie der Hiünmel hageln läßt,“ fuhr Planchet fort,„ein Mann, der das Schwert mit königlichem Anſehen in die Hand nahm. Erinnert Ihr Euch, Herr, des Zweikampfes mit den Eng⸗ ländern in der Unftiedung des Karmeliterkloſters. Ach, wie ſchön und herrlich anzuſchauen war Herr Athos an dieſem Tage, als er zu ſeinem Gegner ſagte: „Ihr habt verlangt, daß ich Euch meinen Namen ſage, mein Herr, deſto ſchlimmer für Euch, denn ich werde genöthigt ſein, Euch zu tödten.“ Ich war in ſeiner Nähe und hörte ihn. Dies iſt Wort für Wort ſeine Rede. Und dieſer Blick, als er ſeinen Gegner berührte, wie er es geſagt hatte, und als jein Gegner fiel, ohne nur ein Uf zu ſagen. Ach, gnädiger Herr, ich wieder⸗ hole, es war ein tüchtiger, ſtolzer Edelmann.“ „Ja,“ verſetzte dArtagnan,„Alles dies iſt wahr, wie das Evangelium. Aber durch einen einzigen Fehler wird er alle ſeine ſchönen Eigenſchaften verloren haben.“ „Ich erinnere mich,“ erwiederte Planchet.„Er liebte den Trunk, vder vielmehr: er trank. Aber er trank nicht wie Andere. Seine Augen ſagten nichts, wenn er das Glas an die Lippen ſetzte. In der That, nie war ein Stillſchweigen ſo ſprechend. Mir kam es vor, als hörte ich ihn murmeln:„Tritt ein, Trank, und verjage meinen Kummer.““ Und wenn er den Fuß eines Glaſes oder den Hals einer Flaſche zerbrach, ſo gab es nur ihn, der es ſo machen konnte.“ „Wohl,“ verſetzte d'Artagnan,„aber welch' ein trau⸗ riges Schauſpiel harrt unſerer heute. Dieſer treffliche Edelmann mit dem ſtolzen Auge, dieſer ſchöne Cavalier, . 170 der unter den Waffen ſo glänzend ausſah, daß man ſich ſtets wunderte, daß er einen einfachen Degen ſtatt eines Commandoſtabes in der Hand hielt, er wird in einen ge⸗ krümmten Greis mit rother Naſe und triefenden Augen verwandelt worden ſein. Wir werden ihn auf irgend einem Raſen liegend finden, von wo er uns mit matten Augen anſchaut und vielleicht nicht erkennt. Gott iſt mein Zeuge,“ fügte d'Artagnan bei,„ich würde dieſes traurige Schau⸗ ſpiel fliehen, wenn mir nicht daran läge, dem glorreichen Schatten des erhabenen Grafen de la Fére, den wir ſo ſehr liebten, meine Achtung zu bezeugen.“ Planchet ſchüttelte den Kopf und ſagte nichts, man ſah, daß er die Befürchtungen ſeines Herrn theilte. „Und dann,“ fuhr d'Artagnan fort,„dieſe Hinfällig⸗ keit, denn Athos iſt jetzt alt; auch Armuth vielleicht,... er wird das Wenige, was er beſaß, vernachläſſigt haben. Und dann der ſchmutzige Grimaud, ſtummer als je, und mehr Trunkenbold, als ſein Herr.... Höre, Planchet, Alles dies ſchneidet mir in das Herz.“ „Es iſt mir, als ſehe ich ihn vor mir, lallend und wankend,“ ſprach Planchet in kläglichem Tone. „Ich muß geſtehen,“ verſetzte d'Artagnan,„ich fürchte nur, Athos nimmt meinen Antrag in einem Augenblick kriegeriſcher Trunkenheit an. Das wäre für Porthos und mich ein großes Unglück und beſonders eine wahre Verle⸗ genheit. Aber während ſeiner erſten Orgie verlaſſen wir ihn, dann hat die Geſchichte ein Ende. Wenn er wieder zu ſich kommt, wird er es wohl begreifen.“ „Jedenfalls, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet,„wer⸗ den wir bald hierüber Licht bekommen, denn ich glaube, jene hohen Mauern, welche in der untergehenden Sonne erröthen, ſind die Mauern von Blois.“ .„Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſprach d'Artagnan. „Reiten wir in die Stadt hinein?“ fragte Planchet. „Allerdings, um Erkundigungen einzuziehen.“ —,— X B ̃ 2 der unter den Waffen ſo glänzend ausſah, daß man ſich ſtets wunderte, daß er einen einfachen Degen ſtatt eines Commandoſtabes in der Hand hielt, er wird in einen ge⸗ krümmten Greis mit rother Naſe und triefenden Augen verwandelt worden ſein. Wir werden ihn auf irgend einem Raſen liegend finden, von wo er uns mit matten Augen anſchaut und vielleicht nicht erkennt. Gott iſt mein Zeuge,“ fügte d'Artagnan bei,„ich würde dieſes traurige Schau⸗ ſpiel fliehen, wenn mir nicht daran läge, dem glorreichen Schatten des erhabenen Grafen de la Fére, den wir ſo ſehr liebten, meine Achtung zu bezeugen.“ Planchet ſchüttelte den Kopf und ſagte nichts, man ſah, daß er die Befürchtungen ſeines Herrn theilte. „Und dann,“ fuhr dArtagnan fort,„dieſe Hinfällig⸗ keit, denn Athos iſt jetzt alt; auch Armuth vielleicht,. er wird das Wenige, was er beſaß, vernachläſſigt haben. Und dann der ſchmutzige Grimaud, ſtummer als je, und mehr Trunkenbold, als ſein Herr.... Höre, Planchet, Alles dies ſchneidet mir in das Herz.“ „Es iſt mir, als ſehe ich ihn vor mir, lallend und ſchän 5 wankend,“ ſprach Planchet in kläglichem Tone. „Ich muß geſtehen,“ verſetzte dArtagnan,„ich fürchte nur, Athos nimmt meinen Antrag in einem Angenblick kriegeriſcher Trunkenheit an. Das wäre für Porthos und mich ein großes Unglück und beſonders eine wahre Verle⸗ genheit. Aber während ſeiner erſten Orgie verlaſſen wir ihn, dann hat die Geſchichte ein Ende. Wenn er wieder zu ſich kommt, wird er es wohl begreifen.“ „Jedenfalls, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet,„wer⸗ den wir bald hierüber Licht bekommen, denn ich glaube, jene hohen Mauern, welche in der untergehenden Sonne erröthen, ſind die Mauern von Blois.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſprach d'Artagnan. „Reiten wir in die Stadt hinein?“ fragte Planchet. „Allerdings, um Erkundigungen einzuziehen.“ — komn dener nicht Stell mit Walt der L die E begle Peitſ ſein Baue Rein! Plac Feère unter oh! ſeine Neſt dieſer 171 „Gnädiger Herr, ich rathe Euch, wenn wir dahin kommen, von gewiſſen Créme⸗Töpfen zu genießen, von denen ich viel habe ſprechen hören, welche man aber leider nicht nach Paris kommen laſſen kann und an Ort und Stelle genießen muß.“ „Gut, ſei unbeſorgt, wir werden davon eſſen.“ In dieſem Augenblick kam einer von den ſchweren, mit Ochſen beſpannten Wagen, die das in den ſchönen Waldungen der Gegend gefäͤllte Holz bis nach den Häfen der Loire führen, auf einem Wege voll von Geleiſen auf die Straße, welche die zwei Reiter verfolgten. Ein Mann begleitete dieſen Wagen, er hatte in der Hand eine lange Peitſche, woran ein Nagel befeſtigt war, mit welchem er ſein langſames Geſpann antrieb. 3 „He, Freund,“ rief Planchet dem Ochſentreiber zu. „Was ſteht zu Dienſt, meine Herren?“ ſagte der Bauer mit der den Leuten dieſer Gegend eigenthumlichen Reinheit der Sprache, welche die ſtädtiſchen Puriſten der „Place de la Sorbonne und der Rue de l'Univerſité be⸗ ſchaͤmen würde. „Wir ſuchen das Haus des Herrn Grafen de la Fore,“ ſprach d'Artagnan.„Kennt Ihr dieſen Namen unter den hohen Herren der Umgegend?“ Der Bauer nahm den Hut ab und antwortete: „Meine Herren, dieſes Holz, welches ich fahre, gehört ihm. Ich habe es in ſeinem Walde gefällt und bringe es nach dem Schloſſe.“ D'Artagnan wollte dieſen Menſchen nicht befragen; es widerſtrebte ihm, von einem Andern ſagen zu hören, was er ſelbſt zu Planchet geſagt hatte. „Das Schloß,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„das Schloß! oh! ich begreife, Athos iſt nicht ſehr duldſam; er wird ſeine Bauern genöthigt haben, ihn Monſeigneur und ſein Neſt ein Schloß zu nennen. Er beſaß eine ſchwere Hand, dieſer liebe Athos, beſonders wenn er geirunken hatte.“ ſich eines ge⸗ lugen einem lugen uge,“ chau⸗ eichen ir ſo man ällig⸗ aben. und nchet, ——— und irchte nblick und erle⸗ wir vieder wer⸗% laube, Sonne . nechet. „Gnädiger Herr, ich rathe Euch, wenn wir dahin kommen, von gewiſſen Créme⸗Töpfen zu genießen, von denen ich viel habe ſprechen hören, welche man aber leider nicht nach Paris kommen laſſen kann und an Ort und Stelle genießen muß.“ „Gut, ſei unbeſorgt, wir werden davon eſſen.“ In dieſem Augenblick kam einer von den ſchweren, mit Ochſen beſpannten Wagen, die das in den ſchönen Waldungen der Gegend gefällte Holz bis nach den Häfen der Loire führen, auf einem Wege voll von Geleiſen auf die Straße, welche die zwei Reiter verfolgten. Ein Mann begleitete dieſen Wagen, er hatte in der Hand eine lange Peitſche, woran ein Nagel befeſtigt war, mit welchem er ſein langſames Geſpann antrieb. „He, Freund,“ rief Planchet dem Ochſentreiber zu. „Was ſteht zu Dienſt, meine Herren?“ ſagte der Bauer mit der den Leuten dieſer Gegend eigenthümlichen Reinheit der Sprache, welche die ſtädtiſchen Puriſten der Place de la Sorbonne und der Rue de lUniverſité be⸗ ſchämen würde. „Wir ſuchen das Haus des Herrn Grafen de la Feère,“ ſprach d'Artagnan.„Kennt Ihr dieſen Namen unter den hohen Herren der Umgegend?“ Der Bauer nahm den Hut ab und antwortete: „Meine Herren, dieſes Holz, welches ich fahre, gehört ihm. Ich habe es in ſeinem Walde gefällt und bringe es nach dem Schloſſe.“ D'Artagnan wollte dieſen Menſchen nicht befragen; es widerſtrebte ihm, von einem Andern ſagen zu hören, was er ſelbſt zu Planchet geſagt hatte. „Das Schloß,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„das Schloß! oh! ich begreife, Athos iſt nicht ſehr duldſam; er wird ſeine Bauern genöthigt haben, ihn Monſeigneur und ſein Neſt ein Schloß zu nennen. Er beſaß eine ſchwere Hand, dieſer liebe Athos, beſonders wenn er getrunken hatte.“ 172 Die Ochſen rückten langſam vorwärts. D'Artagnan und Planchet marſchirten hinter dem Wagen; dieſer Gang machte ſie ungeduldig. „Dies iſt alſo der Weg?“ fragte d'Artagnan den Ochſentreiber,„und wir können ihm, ohne Furcht uns zu verirren, folgen?“ „Oh! mein Gott, ja, Herr,“ ſprach der Mann, „Ihr könnt ihm ruhig folgen, ohne Euch in Begleitung dieſer trägen Thiere zu langweilen. Ihr habt nur eine halbe Meile zurückzulegen und werdet dann rechts ein Schloß erblicken. Man ſieht es hier noch nicht wegen einer Wand von Pappelbäumen, die es verbirgt. Dieſes Schloß iſt nicht Bragelonne, ſondern La Valliére. Ihr reitet daran vorbei; aber drei Büͤchſenſchüſſe weiter iſt ein großes weißes Haus mit einem Schieferdache, auf einem von un⸗ geheuren Maulbeerfeigenbäumen beſchatteten Hügel erbaut. Dies iſt das Schloß des Herrn Grafen de la Fere.“ „Iſt die halbe Meile ſehr lang?“ fragte d'Artagnan, denn es gibt in dem ſchönen Frankreich gar verſchieden⸗ artige Meilen. „Zehn Minuten Wegs, Herr, für die zarten Beine Eures Pferdes.“ D'Artagnan dankte dem Ochſentreiber und gab ſei⸗ nem Roſſe die Sporen. Aber unwillkürlich beunruhigt durch den Gedanken, den ſeltſamen Mann wiederzuſehen, den er ſo ſehr geliebt, der ſo viel durch ſeine Rathſchläge und ſein Beiſpiel zu ſeiner edelmänniſchen Erziehung bei⸗ getragen hatte, ließ er ſein Pferd wieder langſamer gehen und ſenkte den Kopf wie ein Träumer. Planchet hatte ebeufalls in dem Begegnen und in der Haltung dieſes Bauern Stoff zu ernſten Betrachtungen gefunden. Nie hatte er in der Normandie, in Franche⸗ Comté, in Artois, in Picardie, in dieſen Ländern, in welchen er ſich hauptſächtlich aufgehalten hatte, bei den Dorfbewohnern dieſes leichte Weſen, dieſes artige Be⸗ 172 Die Ochſen rückten langſam vorwärts. D'Artagnan i v und Planchet marſchirten hinter dem Wagen; dieſer Gan geſche machte ſie ungeduldig. er, ge „Dies iſt alſo der Weg?“ fragte dArtagnan dn Ochſentreiber,„und wir können ihm, ohne Furcht uns zu Lallie verirren, folgen?“ Angen „Oh! mein Gott, ja, Herr,“ ſprach der Mann,. „Ihr könnt ihm ruhig folgen, ohne Euch in Begleitun tne dieſer trägen Thiere zu langweilen. Ihr habt nur ein halbe Meile zurückzulegen und werdet dann rechts ein Schloß beſtren erblicken. Man ſieht es hier noch nicht wegen einer Wan von Pappelbäumen, die es verbirgt. Dieſes Schloß iſ lich n nicht Bragelonne, ſondern La Valliere. Ihr reitet dara Untuh vorbei; aber drei Büchſenſchüſſe weiter iſt ein großs zas ge weißes Haus mit einem Schieferdache, auf einem von un chet geheuren Maulbeerfeigenbäumen beſchatteten Hügel erbau jatte Dies iſt das Schloß des Herrn Grafen de la Fére.“ wech „Iſt die halbe Meile ſehr lang?“ ftagte dArtagnan 4 denn es gibt in dem ſchönen Frankreich gar verſchieden befund artige Meilen. gearbei „Zehn Minuten Wegs, Herr, für die zarten Bein ichne Eures Pferdes.“ 4 DArtagnan dankte dem Ochſentreiber und gab ſei ten K nem Roſſe die Sporen. Aber unwillkürlich beunruhigt nehrer durch den Gedanken, den ſeltſamen Mann wiederzuſehen, ſchiede den er ſo ſehr geliebt, der ſo viel durch ſeine Rathſchläg zwei und ſein Beiſpiel zu ſeiner edelmänniſchen Erziehung be⸗ 5 getragen hatte, ließ er ſein Pferd wieder langſamer gehen tünſcht und ſenkte den Kopf wie ein Träumer. knn. Planchet hatte ebeufalls in dem Begegnen und in de ſeines Haltung dieſes Bauern Stoff zu ernſten Betrachtunge kundig gefunden. Nie hatte er in der Normandie, in Franch den P Comté, in Artvis, in Picardie, in dieſen Ländern, in J welchen er ſich hauptſächtlich aufgehalten hatte, bei den Dorfbewohnern dieſes leichte Weſen, dieſes artige Be⸗ ehme „ 173 nehmen, dieſe gereinigte Sprache wahrgenommen. Er war verſucht zu glauben, er hätte irgend einen Edelmann geſehen, einen Frondeur, der aus politiſchen Gründen, wie er, genöthigt geweſen wäre, ſich zu verkleiden. An der Biegung des Weges erſchien das Schloß La Vallière, wie es der Ochſentreiber geſagt hatte, vor den Augen der Reiſenden, dann eine Viertelmeile weiter hob ſich das weiße Haus, umgeben von ſeinen Maulbeerfeigen⸗ bäumen, auf dem Grunde einer dicken Gruppe von Bäu⸗ men hervor, welche der Frühling mit einem Blüthenſchnee beſtreut hatte. Bei dieſem Anblicke fühlte d'Artagnan, der gewöhn⸗ lich nur ſehr wenig in Aufregung gerieth, eine ſeltſame Unruhe in der Tiefe ſeines Herzens. So mächtig ſind das ganze Leben hindurch die Jugenderinnerungen. Plan⸗ chet, der nicht dieſelben Motive zu ſolchen Eindrücken hatte, ſchaute, erſtaunt, ſeinen Herrn ſo bewegt zu ſehen, abwechſelnd d'Artagnan und das Haus an. Der Musketier ritt noch einige Schritte vorwärts und befand ſich vor einem Gitter, das mit dem Geſchmacke gearbeitet war, welcher die Gießereien jener Zeit aus⸗ zeichnete. Man ſah durch dieſes Gitter einen ſorgfältig gepfleg⸗ ten Küchengarten, einen geräumigen Hof, in welchem mehrere Reitpferde ſtampften, die von Bedienten in ver⸗ ſchiedenen Livreen gehalten wurden, und einen Wagen mit zwei Pferden beſpannt. „Wir täuſchen uns, oder dieſer Mann hat uns ge⸗ täuſcht, ſagte d'Artagnan,„hier kann Athos nicht woh⸗ nen. Mein Gott, ſollte er todt ſein und dieſes Gut einem ſeines Namens gehören? Steig' ab, Planchet, und er⸗ kundige Dich. Ich geſtehe, daß ich meines Theils nicht den Muth dazu habe.“ Planchet ſtieg ab. „Du fügſt bei“ ſagte d'Artagnan, ein vorüber⸗ 173 nehmen, dieſe gereinigte Sprache wahrgenommen. Er ttagnan war verſucht zu glauben, er hätte irgend einen Edelmann rGang geſehen, einen Frondeur, der aus politiſchen Gründen, wie er, genöthigt geweſen wäre, ſich zu verkleiden. an den An der Biegung des Weges erſchien das Schloß La uns Valliére, wie es der Ochſentreiber geſagt hatte, vor den Angen der Reiſenden, dann eine Viertelmeile weiter hob Mann ſich das weiße Haus, umgeben von ſeinen Maulbeerfeigen⸗ gleitun ſtäumen, auf dem Grunde einer dicken Gruppe von Bäu⸗ ur eut men hervor, welche der Frühling mit einem Blüthenſchnee Schlaf heſtreut hatte. Wi Bei dieſem Anblicke fühlte d'Artagnan, der gewöhn⸗ hloß it lich nur ſehr wenig in Aufregung gerieth, eine ſeltſame tdarat Unruhe in der Tiefe ſeines Herzens. So mächtig ſind großts das ganze Leben hindurch die Jugenderinnerungen. Plan⸗ on u chet, der nicht dieſelben Motive zu ſolchen Eindrücken erbou hatte, ſchaute, erſtaunt, ſeinen Herrn ſo bewegt zu ſehen, abwechſelnd d'Artagnan und das Haus an. tagnan Der Musketier ritt noch einige Schritte vorwärts und hieden hefund ſich vor einem Gitter, das mit dem Geſchmacke gearbeitet war, welcher die Gießereien jener Zeit aus⸗ Bein zichnete. Man ſah durch dieſes Gitter einen ſorgfältig gepfleg⸗ ab ſih un Küchengarten, einen geräumigen Hof, in welchem nruhig mehrere Reitpferde ſtampften, die von Bedienten in ver⸗ zuſehen ſchiedenen Livreen gehalten wurden, und einen Wagen mit ſchläg zwei Pferden beſpannt. ng bet„Wir täuſchen uns, oder dieſer Mann hat uns ge⸗ gehn tſcht, ſagte d'Artagnan,„hier kann Athos nicht woh⸗ nen. Mein Gott, ſollte er todt ſein und dieſes Gut einem in d ſeines Namens gehören? Steig ab, Planchet, und er⸗ ſtunge kundige Dich. Ich geſtehe, daß ich meines Theils nicht ranch“ den Muth dazu habe.“ rn, i Planchet ſtieg ab. 5.„Du fügſt bei,“ ſagte d'Artagnan, ein vorüber⸗ — ꝗ—— . 174 ziehender Edelmann wünſche die Ehre zu haben, den Herrn Grafen de la Fore zu begrüßen, und wenn Du mit der Auskunft, die Du erhältſt, zufrieden biſt, ſo nennſt Du mich.“ Sein Pferd am Zügel führend, näherte ſich Planchet dem Thore, ließ die Glocke des Gitters ertönen, und als⸗ bald erſchien ein Mann vom Dienſte mit weißem Haare, aber von gerader Geſtalt, und empfing Planchet. „Wohnt hier der Herr Graf de la Fore?“ fragte Planchet. „Ja, Herr, ſo iſt es,“ antwortete der Diener, wel⸗ cher keine Livree trug. „Ein Seigneur, der ſich vom Dienſt zurückgezogen hat, nicht wahr?“ „Ganz richtig.“ „Und der einen Lackeien Namens Grimaud hatte,“ verſetzte Planchet, welcher mit ſeiner gewöhnlichen Klug⸗ heit nicht genug Erkundigungen einziehen zu können glaubte. „Herr Grimaud iſt in dieſem Augenblicke vom Schloſſe abweſend,“ erwiederte der Diener und begann, an ſolche Verhöre nicht gewöhnt, Planchet vom Kopfe bis zu den Füßen zu betrachten. „Dann ſehe ich,“ rief Planchet ſtrahlend,„daß es derſelbe Graf de la Fore iſt, den wir ſuchen. Wollt mir alſo öffnen, denn ich wünſche dem Herrn Grafen meinen Herrn, einen ihm befreundeten Edelmann, zu melden, der ihn zu begrüßen beabſichtigt.“ „Warum ſagtet ihr mir das nicht früher?“ ſprach der Diener, das Gitter öffnend.„Aber Euer Herr, wo iſt er?“ „Hinter mir, er folgt mir.“ Der Diener ging Planchet voraus und dieſer machte d'Artagnan ein Zeichen, welcher mit pochendem Herzen in den Hof einritt. 174 ziehender Edelmann wünſche die Ehre zu haben, den Herrn Grafen de la Fére zu begrüßen, und wenn Du mit der Auskunft, die Du erhaltſt, zuftieden biſt, ſo nennſt. Du mich.“ Sein Pferd am Zügel führend, näherte ſich Planchet dem Thore, ließ die Glocke des Gitters ertönen, und als⸗ bald erſchien ein Mann vom Dienſte mit weißem Haare, aber von gerader Geſtalt, und empfing Planchet. „Wohnt hier der Herr Graf de la Fére?“ fragie Planchet. „Ja, Herr, ſo iſt es,“ antwortete der Diener, wel⸗ cher keine Livree trug. „Ein Seigneur, der ſich vom Dienſt zurückgezogen hat, nicht wahr?“ „Ganz richtig.“ „Und der einen Lackeien Namens Grimaud hatte, verſetzte Planchet, welcher mit ſeiner gewöhnlichen Klug⸗ nicht genug Erkundigungen einziehen zu können glaubte. „Herr Grimaud iſt in dieſem Augenblicke vom Schloſt abweſend,“ erwiederte der Diener und begann, an ſolch Verhöre nicht gewöhnt, Planchet vom Kopfe bis zu den Füßen zu betrachten. „Dann ſehe ich,“ rief Planchet ſtrahlend,„daß es derſelbe Graf de la Fére iſt, den wir ſuchen. Wollt mi alſo öffnen, denn ich wünſche dem Herrn Grafen meinen Herrn, einen ihm befreundeten Edelmann, zu melden, der ihn zu begrüßen beabſichtigt.“ 3 „Warum ſagtet ihr mir das nicht früher?“ ſprach der Firsi das Gitter öffnend.„Aber Euer Herr, w iſt er?“ „Hinter mir, er folgt mir.“ Der Diener ging Planchet voraus und dieſer machl d'Artagnan ein Zeichen, welcher mit pochendem Herzen in den Hof einritt. war Als Planchet auf der Freitreppe war, hörte er eine Stimme, welche aus einem untern Saale kam und ſagte: „Nun, wo iſt denn dieſer Edelmann und warum wird er nicht hierher geführt?“ Dieſe Stimme, welche bis zu d'Artagnan drang, erweckte in ſeinem Innern tauſend vergeſſene Erinnerun⸗ gen, tauſend Gefühle. Er ſprang raſch vom Pferde, während Planchet, ein Lächeln auf den Lippen, auf den Herrn des Hauſes zuging. „Ah, ich kenne dieſen Burſchen, ſagte Athos, als er Planchet auf der Schwelle erblickte. „Oh ja, Herr Graf, Ihr kennt mich und ich kenne Euch auch ſehr gut. Ich bin Planchet, Herr Graf, Plan⸗ chet, Ihr wißt wohl...“ Der ehrliche Diener konnte nicht mehr ſprechen, ſo war er betroffen von dem uner⸗ warteten Anblick des Edelmanns. „Wie, Planchet!“ rief Athos.„Sollte Herr d'Ar⸗ tagnan hier ſein?“ „Hier bin ich, Freund, hier bin ich, theurer Athos,“ rief d'Artagnan ſtammelnd und beinahe wankend. Bei dieſen Worten trat eine ſichtbare Bewegung auf dem ſchönen Antlitz und den ruhigen Zügen von Athos hervor. Er machte raſch zwei Schritte gegen d'Artagnan, ohne ihn aus dem Blicke zu verlieren, und ſchloß ihn zärtlich in ſeine Arme. D'Artagnan, welcher ſich etwas von ſeiner Unruhe erholte, drückte ihn mit einer Herzlich⸗ i, die in Thränen in ſeinen Augen glänzte, an ſeine ruſt. 4 Athos nahm ihn nun an der Hand und führte ihn in den Salon, wo mehrere Perſonen verſammelt waren. Alle Anweſenden ſtanden auf. „Ich ſtelle Euch,“ ſprach Athos,„den Herrn Che⸗ valier d'Artagnan, Lieutenant bei den Musfetieren Seiner Majeſtät des Königs, vor, einen ſehr ergebenen Freund und einen der bravſten und liebenswürdigſten Cdelleute, ddie ich kennen gelernt habe.“ „ den un Du nennſt lanchet id als⸗ Haare, fragie wel⸗ ezogen Klug⸗ können loß ſolch zu den daß es llt mit neinen n, derß ſprach r, w + macht zen in Als Planchet auf der Freitreppe war, hörte er eine Stimme, welche aus einem untern Saale kam und ſagte: „Nun, wo iſt denn dieſer Edelmann und warum wird er nicht hierher geführt?“ Dieſe Stimme, welche bis zu dArtagnan drang, erweckte in ſeinem Innern tauſend vergeſſene Erinnerun⸗ gen, tauſend Gefühle. Er ſprang raſch vom Pferde, während Planchet, ein Lächeln auf den Lippen, auf den Herrn des Hauſes zuging. „Ah, ich kenne dieſen Burſchen, ſagte Athos, als er Planchet auf der Schwelle erblickte. „Oh ja, Herr Graf, Ihr kennt mich und ich kenne Euch auch ſehr gut. Ich bin Planchet, Herr Graf, Plan⸗ chet, Ihr wißt wohl..“ Der ehrliche Diener konnte nicht mehr ſprechen, ſo war er betroffen von dem uner⸗ warteten Anblick des Edelmanns. „Wie, Planchet!“ rief Athos.„Sollte Herr d'Ar⸗ tagnan hier ſein?“ „Hier bin ich, Freund, hier bin ich, theurer Athos,“ rief d'Artagnan ſtammelnd und beinahe wankend. Bei dieſen Worten trat eine ſichtbare Bewegung auf dem ſchönen Antlitz und den ruhigen Zügen von Athos hervor. Er machte raſch zwei Schritte gegen dArtagnan, ohne ihn aus dem Blicke zu verlieren, und ſchloß ihn zärtlich in ſeine Arme. D'Artagnan, welcher ſich etwas von ſeiner Unruhe erholte, drückte ihn mit einer Herzlich⸗ i in Thränen in ſeinen Augen glänzte, an ſeine ruſt. Athos nahm ihn nun an der Hand und führte ihn in den Salon, wo mehrere Perſonen verſammelt waren. Alle Anweſenden ſtanden auf. „Ich ſtelle Euch,“ ſprach Athos,„den Herrn Che⸗ valier dArtagnan, Lieutenant bei den Musketieren Seiner Majeſtät des Königs, vor, einen ſehr ergebenen Freund und einen der bravſten und liebenswürdigſten Edelleute, die ich kennen gelernt habe.“ Dem Gebrauche gemäß empfing d'Artagnan die Com⸗ plimente der Verſammelten, gab ſie nach Kräften zurück, nahm im Kreiſe Platz und fing an, Athos prüfend anzu⸗ ſchauen, während das einen Augenblick unterbrochene Ge⸗ ſpräch wieder allgemein wurde. Seltſamer Weiſe hatte Athos kaum gealtert. Frei von den blauen Kreiſen, welche Nachtwachen und Orgien hervorbringen, ſchienen ſeine ſchönen Augen größer und von einem reineren Glanze, als zuvor; ſein etwas ver⸗ längertes Geſicht hatte das an Majeſtät gewonnen, was es an fieberhafter Aufregung verloren hatte; ſeine trotz der Weichheit des Fleiſches immer noch bewunderungs⸗ würdige nervige Hand trat blendend unter einer Manchette hervor, wie gewiſſe Hände von Titian und Van Dyk; er war ſchlanker, als früher; ſeine breiten, gut geformten Schultern kündigten ungewöhnliche Stärke an; ſeine nun langen, wenig mit grauen durchſtreuten, ſchwarzen Haare fielen zierlich und wellenförmig in natürlicher Biegung auf die Schultern herab; ſeine Stimme war ſo friſch, wie die eines fünfundzwanzigjährigen Mannes, und ſeine präch⸗ tigen, weiß und unverletzt erhaltenen, Zäͤhne verliehen ſeinem Lächeln einen unausſprechlichen Zauber. Die Gäſte des Grafen, welche an der unmerklichen Kälte der Unterhaltung wahrnahmen, daß die zwei Freunde vor Begierde allein zu ſein brannten, ſchickten ſich mit der ganzen Kunſt und Artigkeit früherer Zeiten zum Abgange an, zu dieſer wichtigen Angelegenheit der Leute von der großen Welt, ſo lange es noch eine große Welt gab, als man im Hofe einen gewaltigen Lärmen von Hunden ver⸗ nahm und mehrere Perſonen zu gleicher Zeit ſagten:: „Ah! Ravul kehrt zurück.“ Athos ſchaute bei dem Namen Naoul d'Artagnan an und ſchien die Neugierde zu beybachten, welche dieſer Name auf ſeinem Geſichte hervorbringen müßte. Aber d'Artagnan begriff noch nichts; er hatte ſich von ſeinem 176 Dem Gebrauche gemäß empfing dArtagnan die Com⸗ plimente der Verſammelten, gab ſie nach Kräften zurück, nahm im Kreiſe Platz und fing an, Athos prufend anzu⸗ ſchauen, während das einen Augenblick unterbrochene Ge⸗ ſpräch wieder allgemein wurde. Seltſamer Weiſe hatte Athos kaum gealtert. Frei von den blauen Kreiſen, welche Nachtwachen und Orgien hervorbringen, ſchienen ſeine ſchönen Augen größer und von einem reineren Glanze, als zuvor; ſein etwas ver⸗ längertes Geſicht hatte das an Majeſtät gewonnen, was es an fieberhafter Aufregung verloren hatte; ſeine trotz der Weichheit des Fleiſches immer noch bewunderungs⸗ würdige nervige Hand trat blendend unter einer Manchette hervor, wie gewiſſe Hände von Titian und Van Dyk; er war ſchlanker, als ftüher; ſeine breiten, gut geformien Schultern kündigten ungewöhnliche Stärke an; ſeine nun langen, wenig mit grauen durchſtreuten, ſchwarzen Haare fielen zierlich und wellenförmig in natürlicher Biegung auf die Schultern herab; ſeine Stimme war ſo friſch, wie die eines fünfundzwanzigfährigen Mannes, und ſeine präch⸗ tigen, weiß und unverletzt erhaltenen, Zähne verliehen ſeinem Lächeln einen unausſprechlichen Zauber. Die Gäſte des Grafen, welche an der unmerklichen Kälte der Unterhaltung wahrnahmen, daß die zwei Freunde vor Begierde allein zu ſein brannten, ſchickten ſich mit der ganzen Kunſt und Artigkeit früherer Zeiten zum Abgange an, zu dieſer wichtigen Angelegenheit der Leute von der großen Welt, ſo lange es noch eine große Welt gab, als man im Hofe einen gewaltigen Lärmen von Hunden ver⸗ nahm und mehrere Perſonen zu gleicher Zeit ſagten: „Ah! Ravul kehrt zurück.“ Athos ſchaute bei dem Namen Ravul d'Artagnan an und ſchien die Neugierde zu beobachten, welche dieſer Name auf ſeinem Geſichte hervorbringen müßte. Aber dArtagnan begriff noch nichts; er hatte ſich von ſeinem fri vie ſto ni ve be nan ieſer Aber nem 177 Staunen noch nicht erholt und wandte ſich daher beinahe maſchinenmäßig um, als ein hübſcher junger Menſch, ein⸗ fach, aber geſchmackvoll gekleidet, ſeinen mit langen rothen Federn geſchmückten Hut anmuthig abnehmend, in den Salon eintrat. Dieſe neue, ganz unerwartete Erſcheinung berührte ihn übrigens ungemein. Eine ganze Welt von Gedanken ſtellte ſich vor ſeinen Geiſt und erläuterte ihm durch alle OQuellen ſeines Verſtandes die Veränderung von Athos, welche ihm unerklärlich vorgekommen war. Eine ſeltſame Aehnlichkeit zwiſchen dem Edelmann und dem Kinde ent⸗ räthſelte ihm das Geheimniß dieſes wiedergeborenen Lebens. Er wartete ſchauend und horchend. „Ihr ſeid zurück, Raoul,“ ſprach der Graf. „Ja, Herr,“ antwortete der Jüngling ehrfurchtsvoll, „und ich habe mich des Auftrags entledigt, den Ihr mir gegeben.“ „Aber was habt Ihr?“ fragte Athos beſorgt;„Ihr ſeid bleich und ſcheint aufgeregt?“ „Es rührt davon her,“ erwiederte der Jüngling,„daß unſerer kleinen Nachbarin ein Unglück widerfahren iſt.“ lebh„Dem Fräulein de la Valliére?“ verſetzte Athos ebhaft. „Was denn?“ fragten mehre Stimmen. „Sie ging mit ihrer guten Marceline in der Ein⸗ friedung ſpazieren, wo die Holzfäller ihre Bäume ab⸗ vieren, als ich vorüberreitend ſie wahrnahm und anhielt. Sie bemerkte mich ebenfalls und wollte von einem Holz⸗ ſtoß, auf den ſie geſtiegen war, herabſpringen, aber der Fuß des armen Kindes ſiel falſch auf und ſie konnte ſich nicht mehr erheben. Sie hat ſich, glaube ich, den Knöchel verſtaucht.“ 1 „Oh, mein Gott!“ rief Athos,„und Frau von Saint⸗Remy, ihre Mutter, iſt ſie davon benachrichtigt?“ Nein, Herr. Frau von Saint⸗Remy iſt in Blois bei der Frau Herzogin von Orleans. Ich fürchtete, Zwanzig Jahre nachher. J. 12 trück, anzu⸗ Ge⸗ Frei rgien und ver⸗ was trotz ungs⸗ chette Dyk; mten nun aare gung wie räch⸗ iehen ichen unde t der ane tder als ver⸗ gnan ieſer Aber inem Staunen noch nicht erholt und wandte ſich daher beinahe maſchinenmäßig um, als ein hübſcher junger Menſch, ein⸗ fach, aber geſchmackvoll gekleidet, ſeinen mit langen rothen Federn geſchmückten Hut anmuthig abnehmend, in den Salon eintrat. Dieſe neue, ganz unerwartete Erſcheinung berührte ihn übrigens ungemein. Eine ganze Welt von Gedanken ſtellte ſich vor ſeinen Geiſt und erläuterte ihm durch alle Quellen ſeines Verſtandes die Veränderung von Athos, welche ihm unerklärlich vorgekommen war. Eine ſeltſame Aehnlichkeit zwiſchen dem Edelmann und dem Kinde ent⸗ räthſelte ihm das Geheimniß dieſes wiedergeborenen Lebens. Er wartete ſchauend und horchend. „Ihr ſeid zurück, Ravul,“ ſprach der Graf. „Ja, Herr,“ antwortete der Jüngling ehrfurchtsvoll, „und ich habe mich des Auftrags entledigt, den Ihr mir gegeben.“ „Aber was habt Ihr?“ fragte Athos beſorgt;„Ihr ſeid bleich und ſcheint aufgeregt?“ „Es rührt davon her,“ erwiederte der Jüngling,„daß unſerer kleinen Nachbarin ein Unglück widerfahren iſt.“ „Dem Fräulein de la Valliere?“ verſetzte Athos lebhaft. „Was denn?“ fragten mehre Stimmen. „Sie ging mit ihrer guten Marceline in der Ein⸗ friedung ſpazieren, wo die Holzfäller ihre Bäume ab⸗ vieren, als ich vorüberreitend ſie wahrnahm und anhielt. Sie bemerkte mich ebenfalls und wollte von einem Holz⸗ ſtoß, auf den ſie geſtiegen war, herabſpringen, aber der Fuß des armen Kindes fiel falſch auf und ſie konnte ſich nicht mehr erheben. Sie hat ſich, glaube ich, den Knöchel verſtaucht.“ „Oh, mein Gott!“ rief Athos,„und Frau von Saint⸗Remy, ihre Mutter, iſt ſie davon benachrichtigt?“ „Nein, Herr. Frau von Saint⸗Remy iſt in Blois bei der Frau Herzogin von Orleans. Ich fürchtete, Zwanzig Jahre nachher. 1. 12 178 die erſte Hülfe könnte ſchlecht angewendet werden, und eilte hieher, um Euch um Nath zu fragen.“ „Schickt geſchwinde nach Blois, Raoul, oder viel⸗ mehr nehmt Euer Pferd und reitet ſchleunigſt ſelbſt dahin.“ Raoul verbeugte ſich. „Aber wo iſt Louiſe?“ fuhr der Graf fort. „Ich habe ſie bis hierher gebracht und bei der Frau von Charlot abgeſetzt, welche ſie mittlerweile den Fuß in Eiswaſſer ſtecken ließ.“ Nach dieſer Erklärung, welche eine Gelegenheit zum Aufbruche bot, nahmen die Gäſte von Athos Abſchied von dieſem; der alte Herzog von Barbé allein, der in Folge einer zwanzigjährigen Freundſchaft mit dem Hauſe de la Vallière vertraulich zu Werke ging, ſuchte die kleine Louiſe auf, welche weinte, aber, als ſie Raoul erblickte, ihre ſchö⸗ nen Augen abtrocknete und wieder lächelte. . Der Herzog machte nun den Vorſchlag, ſie in ſeinem Wagen nach Blois zu führen. 4 „Ihr habt Recht, gnädiger Herr,“ ſagte Athos,„ſie wird früher bei ihrer Mutter ſein; Ihr, Raoul, werdet wohl unbeſonnen gehandelt haben und ſeid an dieſem Unfall ſchuld.“ „Ohl nein, nein, Herr, ich ſchwöre es Euch!“ rief das Mädchen, während der junge Mann bei dem Ge⸗ danken, vielleicht die Urſache dieſes Unfalls zu ſein, er⸗ bleichte. „Ohl Herr, ich verſichere Euch,“ murmelte Raoul. „Ihr geht nichtsdeſtoweniger nach Blois,“ fuhr der Graf wohlwollend fort, und entſchuldigt Euch und mich bei Frau von Saint⸗Remy; dann kehrt Ihr zurück.“ Die Farben erſchienen wieder auf den Wangen des Jünglings; nachdem er mit den Augen den Grafen gefragt hatte, nahm er in ſeine bereits kräftigen Arme das kleine Mädchen, deſſen hübſcher, vom Schmerze bewegter und zugleich lächelnder Kopf auf ſeinen Schultern ruhte, 4 und trug es ſachte in den Wagen; dann ſprang er mit 7 die erſte Hülfe könnte ſchlecht angewendet werden, und eilte hieher, um Euch um Rath zu fragen.“ „Schickt geſchwinde nach Blois, Ravul, oder viel⸗ mehr nehmt Euer Pferd und reitet ſchleunigſt ſelbſt dahin.“ Ravul verbeugte ſich. „Aber wo iſt Lyuiſe?“ fuhr der Graf fort. „Ich habe ſie bis hierher gebracht und bei der Frau von Charlot abgeſetzt, welche ſie mittlerweile den Fuß in Eiswaſſer ſtecken ließ.“ Nach dieſer Erklärung, welche eine Gelegenheit zum Aufbruche bot, nahmen die Gäſte von Athos Abſchied von dieſem; der alte Herzog von Barbé allein, der in Folge einer zwanzigjährigen Freundſchaft mit dem Hauſe de la Valliöte vertraulich zu Werke ging, ſuchte die kleine Louiſe auf, welche weinte, aber, als ſie Ravul erblickte, ihre ſchö⸗ nen Augen abtrocknete und wieder lächelte. Der Herzog machte nun den Vorſchlag, ſie in ſeinem Wagen nach Blvis zu führen. „Ihr habt Recht, gnädiger Herr,“ ſagte Athos,„ſie wird früher bei ihrer Mutter ſein 5 Ihr, Raoul, werdet wohl unbeſonnen gehandelt haben und ſeid an dieſem Unfall ſchuld.“ „Oh! nein, nein, Herr, ich ſchwöre es Euch!“ rief das Mädchen, während der junge Mann bei dem Ge⸗ ⸗ vielleicht die Urſache dieſes Unfalls zu ſein, er⸗ eichte. „Oh! Herr, ich verſichere Euch,“ murmelte Ravul. „Ihr geht nichtsdeſtoweniger nach Blois,“ fuhr der Graf wohlwollend fort, und entſchuldigt Euch und mich bei Fran von Saint⸗Remy; dann kehrt Ihr zurück.“ Die Farben erſchienen wieder auf den Wangen des Jünglings; nachdem er mit den Augen den Grafen gefragt hatte, nahm er in ſeine bereits kräſtigen Arme das kleine Mädchen, deſſen hübſcher, vom Schmerze bewegter und zugleich lächelnder Kopf auf ſeinen Schultern ruhte, und trug es ſachte in den Wagen; dann ſprang er mit —,——— — 179 der Leichtigkeit und Eleganz eines vollendeten Stallmeiſters zu Pferde, begrüßte Athos und d'Artagnan und entfernte ſich raſch, neben dem Schlage des Wagens reitend, in deſſen Inneres ſeine Blicke beſtändig geheftet blieben. XVI. Das Schloß Bragelonne. D'Artagnan war während dieſer ganzen Scene gleich⸗ ſam Augen und Mund aufgeſperrt geblieben; er fand die Dinge ſo wenig ſeiner Vorherſehung entſprechend, daß er ſich von ſeinem Erſtaunen gar nicht erholen konnte. Athos reichte ihm den Arm und führte ihn in den Garten. „Während man uns Abendbrod bereitet,“ ſagte er lächelnd,„wird es Euch nicht unangenehm ſein, nicht wahr, mein lieber Freund, ein wenig Licht über dieſes ganze Geheimniß zu bekommen, das Euch in Träume verſenkt?“ „Allerdings, Herr Graf,“ erwiederte d'Artagnan, welcher fühlte, wie Athos allmälig die ungeheure Ueber⸗ legenheit der Ariſtokratie wieder über ihn gewann, die er immer gehabt hatte. Athos ſchaute ihn mit ſeinem ſanften Lächeln an. „Vor Allem, mein lieber d'Artagnan,“ ſprach er, „gibt es hier keinen Herrn Grafen. Wenn ich Euch Che⸗ valier nannte, ſo geſchah es, weil ich Euch meinen Gäſten vorſtellte und damit ſie wüßten, wer Ihr wäret, aber für Euch bin ich hoffentlich ſtets Athos, Euer Gefährte, Euer und viel⸗ hin.“ Frau uß in zum von Folge de la ouiſe ſcho inem „ſie erdet eſem rief Ge⸗ er⸗ wul. der nich gen afen das gter hte, mit 179 der Leichtigkeit und Eleganz eines vollendeten Stallmeiſters zu Pferde, begrüßte Athos und dArtagnan und entfernte ſich raſch, neben dem Schlage des Wagens reitend, in deſſen Inneres ſeine Blicke beſtändig geheftet blieben. XVI. Das Schloß Bragelonne. D'Artagnan war während dieſer ganzen Scene gleich⸗ ſam Augen und Mund aufgeſperrt geblieben; er fand die Dinge ſo wenig ſeiner Vorherſehung entſprechend, daß er ſich von ſeinem Erſtaunen gar nicht erholen konnte. Athos reichte ihm den Arm und führte ihn in den Garten. „Während man uns Abendbrod bereitet,“ ſagte er lächelnd,„wird es Euch nicht unangenehm ſein, nicht wahr, mein lieber Freund, ein wenig Licht über dieſes ganze Geheimniß zu bekommen, das Euch in Träume verſenkt?“ „Allerdings, Herr Graf,“ erwiederte d'Artagnan, welcher fühlte, wie Athos allmälig die ungeheure Ueber⸗ legenheit der Ariſtokratie wieder über ihn gewann, die er immer gehabt hatte. t Achos ſchaute ihn mit ſeinem fanften Lächeln an. „Vor Allem, mein lieber d'Artagnan,“ ſprach er, „gibt es hier keinen Herrn Grafen. Wenn ich Euch Che⸗ valier nannte, ſo geſchah es, weil ich Euch meinen Gäſten vorſtellte und damit ſie wüßten, wer Ihr wäret, aber für Euch bin ich hoffentlich ſtets Athos, Euer Gefährte, Euer 180 Freund. Oder zieht Ihr vielleicht das Ceremoniel vor, weil Ihr mich minder liebt.“ „Oh! Gott behüte mich!“ rief der Gascogner mit einem von den loyalen Jugend⸗Ausbrüchen wie man ſie ſo ſelten im reiferen Alter wieder findet. „Dann wollen wir zu unſeren Gewohnheiten zurück⸗ kehren und, um damit anzufangen, offenherzig ſein. Alles ſetzt Euch hier in Erſtaunen?“ „In ein tiefes Erſtaunen.“ „Aber worüber Ihr Euch am meiſten wundert,“ ſagte Athos lächelnd,„das bin ich, geſteht es nur.“ „Ich geſtehe es.“ „Ich bin noch jung, nicht wahr, trotz meiner neunund⸗ vierzig Jahre? Ich bin noch zu erkennen.“ „Ganz im Gegentheil,“ erwiederte d'Artagnan, bereit die Aufforderung von Athos, oſſenherzig zu ſein, zu über⸗ treiben,„Ihr ſeid es nicht mehr.“ „Ahl ich begreife,“ ſprach Athos leicht erröthend, „Alles hat ſein Ende, d'Artagnan, die Narrheit, wie jede andere Sache.“ Sodann iſt eine Veränderung in Euren Vermögens⸗ umſtänden vorgegangen. Ihr ſeid herrlich quartirt: dieſes Haus gehört Euch, wie ich vorausſetze.“ 3 „Ja, das iſt das kleine Gut, Ihr wißt, mein Freund, von dem ich, als ich den Dienſt verließ, Euch ſagte, ich hätte es geerbt.“ „Ihr habt einen Park, Pferde, Equipagen.“ Athos lächelte und erwiederte: „Der Park hat zwanzig Morgen, wozu der Küchen⸗ garten und die Geſindewohnungen gehören. Die Zahl meiner Pferde beläuft ſich auf zwei, wobei ich, wohl ver⸗ ſtanden, den Stumpfohr meines Bedienten nicht rechne. Meine Equipagen beſchränken ſich auf vier Leithunde, zwei Windhunde und einen Hühnerhund. Und dieſer ganze Meute⸗Lurus iſt nicht einmal für mich,“ fügte Athos lächelnd bei. ju ———— 180 Freund. Oder zieht Ihr vielleicht das Ceremoniel vor, weil Ihr mich minder liebt.“ „Oh! Gott behüte mich!“ rief der Gascogner mit einem von den loyalen Jugend⸗Ausbrüchen wie man ſie ſo ſelten im reiferen Alter wieder findet. „Dann wollen wir zu unſeren Gewohnheiten zurück⸗ kehren und, um damit anzufangen, offenherzig ſein. Alles ſetzt Euch hier in Erſtaunen?“ „In ein tiefes Erſtaunen.“ „Aber worüber Ihr Euch am meiſten wundert,“ ſagte Athos lächelnd,„das bin ich, geſteht es nur.“ „Ich geſtehe es.“ „Ich bin noch jung, nicht wahr, trotz meiner neunund⸗ vierzig Jahre? Ich bin noch zu erkennen.“ „Ganz im Gegentheil,“ erwiederte d'Artagnan, bereit die Aufforderung von Athos, ofſenherzig zu ſein, zu über⸗ treiben,„Ihr ſeid es nicht mehr.“ „Ah! ich begreife,“ ſprach Athos leicht erröthend, „Alles hat ſein Ende, d'Artagnan, die Narrheit, wie jede andere Sache.“ Sodann iſt eine Veränderung in Euren Vermögens⸗ umſtänden vorgegangen. Ihr ſeid herrlich quartirt: dieſes Haus gehört Euch, wie ich vorausſetze.“ „Ja, das iſt das kleine Gut, Ihr wißt, mein Freund, von dem ich, als ich den Dienſt verließ, Euch ſagte, ich hätte es geerbt.“ „Ihr habt einen Park, Pferde, Equipagen.“ Athos lächelte und erwiederte: „Der Park hat zwanzig Morgen, wozu der Küchen⸗ garten und die Geſindewohnungen gehören. Die Zahl meiner Pferde beläuft ſich auf zwei, wobei ich, wohl ver⸗ ſtanden, den Stumpfohr meines Bedienten nicht rechne. Meine Equipagen beſchränken ſich auf vier Leithunde, zwei Windhunde und einen Hühnerhund. Und dieſer ganze Meute⸗Lurus iſt nicht einmal für mich,“ fügte Athos lächelnd bei. ju ihn der wie me kon Ge nic wie den Lec mel Di die Ich iſt es en⸗ ahl der⸗ ne. wei nze hos 181 „Ich begreife,“ verſetzte d'Artagnan,„er iſt fuür den jungen Menſchen, für Raoul.“ Und d'Artagnan ſchaute Athos unwillkürlich lächelnd an. „Ihr habt es errathen, mein Freund,“ ſprach Athos. „Und der junge Menſch iſt Euer Tiſchgenoſſe, Euer Taufpathe, vielleicht Euer Vetter! Ah! wie habt Ihr Euch doch verändert, mein lieber Athos.“ „Dieſer junge Menſch,“ erwiederte Athos ruhig,„dieſer junge Menſch iſt eine Waiſe, d'Artagnan, die ſeine Mutter bei einem armen Landpfarrer zurückgelaſſen hatte; ich habe ſie aufgezogen.“ „Der Knabe muß ſehr anhänglich an Euch ſein?“ „Ich glaube, er liebt mich, als wäre ich ſein Vater.“ „Er iſt ſehr dankbar?“ „Ohl was die Dankhbarkeit betrifft,“ verſetzte Athos, „ſie iſt gegenſeitig, ich bin ihm eben ſo viel ſchuldig, als er mir, und, ich ſage es ihm nicht, aber Euch, ich bin ihm noch verflichtet.“ „Wie dies?“ fragte der Musketier erſtaunt. „Ei, mein Gott, ja! Er hat in mir die Verän⸗ derung hervorgebracht, die Ihr wahrnehmet, ich verdorrte, wie ein armer, vereinzelter Baum, welcher durch kein Band mehr mit der Erde zuſammenhängt; nur eine tiefe Neigung konnte mich wieder im Leben Wurzel ſchlagen laſſen. Eine Geliebte? ich war zu alt. Freunde? ich hatte Euch nicht mehr bei mir. Dieſer Knabe ließ mich nun Alles wiederfinden, was ich verloren hatte; ich hatte nicht mehr den Muth, für mich zu leben, ich lebte für ihn. Die Lectionen ſind viel für ein Kind; das Beiſpiel iſt noch mehr werth. Ich gab ihm das Beiſpiel, d'Artagnan. Die Fehler, welche ich hatte, legte ich ab, die Tugenden, die ich nicht hatte, gab ich mir den Anſchein zu beſitzen. Ich glaube nicht, 4ßch mich täuſche, d'Artagnan, Raoul iſt beſtimmt, ein ſo vollkommener Edelmann zu ſein, als es unſerem verarmten Zeitalter einen zu liefern vergönnt iſt.“ vor, mit e ſo ück⸗ lles gte d⸗ eit er⸗ id, de 18¹ „Ich begreife,“ verſetzte dArtagnan,„r iſt für den jungen Menſchen, für Ravul.“ Und d'Artagnan ſchaute Athos unwillkürlich lächelnd an. „Ihr habt es errathen, mein Freund,“ ſprach Athos. „Und der junge Menſch iſt Euer Tiſchgenoſſe, Euer Taufpathe, vielleicht Euer Vetter! Ah! wie habt Ihr Euch doch verändert, mein lieber Athos.“ „Dieſer junge Menſch,“ erwiederte Athos ruhig,„dieſer junge Menſch iſt eine Waiſe, d'Artagnan, die ſeine Mutter bei einem armen Landpfarrer zurückgelaſſen hatte; ich habe ſie aufgezogen.“ „Der Knabe muß ſehr anhänglich an Euch ſein?“ „Ich glaube, er liebt mich, als wäre ich ſein Vater.“ „Er iſt ſehr dankbar?“ „Oh! was die Dankbarkeit betrifft,“ verſetzte Athos, „ſie iſt gegenſeitig, ich bin ihm eben ſo viel ſchuldig, als er mir, und, ich ſage es ihm nicht, aber Euch, ich bin ihm noch verflichtet.“ „Wie dies?“ fragte der Musketier erſtaunt. „Ei, mein Gott, ja! Er hat in mir die Verän⸗ derung hervorgebracht, die Ihr wahrnehmet, ich verdorrte, wie ein armer, vereinzelter Banm, welcher durch kein Band mehr mit der Erde zuſammenhängt; nur eine tiefe Neigung konnte mich wieder im Leben Wurzel ſchlagen laſſen. Eine Geliebte? ich war zu alt. Freunde? ich hatte Euch nicht mehr bei mir. Dieſer Knabe ließ mich nun Alles wiederfinden, was ich verloren hatte; ich hatte nicht mehr den Muth, für mich zu leben, ich lebte für ihn. Die Lectionen ſind viel für ein Kind; das Beiſpiel iſt noch mehr werth. Ich gab ihm das Beiſpiel, d'Artagnan. Die Fehler, welche ich hatte, legte ich ab, die Tugenden, die ich nicht hatte, gab ich mir den Anſchein zu beſitzen. Ich glaube nicht, daß ich mich täuſche, d'Artagnan, Ravul iſt beſtimmt, ein ſo vollkommener Edelmann zu ſein, als es unſerem verarmten Zeitalter einen zu liefern vergönnt iſt.“ 182 D'Artagan ſchaute Athos mit wachſender Bewun⸗ derung an; ſie ſpazierten unter einer ſchattigen, kühlen Allee, durch welche ſchräg einige Strahlen der unterge⸗ henden Sonne ſchoſſen. Einer von dieſen goldenen Strah⸗ len beleuchtete das Antlitz von Athos, und ſeine Augen ſchienen das ruhige Feuer des Abends, welches ſie em⸗ pfingen, wieder von ſich zu geben. Der Gedanke an Mylady regte ſich in dem Geiſte von d'Artagnan. „Und Ihr ſeid glücklich?“ ſagte er zu ſeinem Freunde. G Das ſcharfe Auge von Athos drang bis in die Tiefe des Herzens von d'Artagnan und ſchien darin ſeine Gedanken zu leſen. „So glucklich, als es einem Geſchöpfe Gottes auf Erden zu ſein geſtattet iſt. Aber vollendet Euren Gedanken, d'Artagnan, Ihr habt ihn mir nicht ganz geſagt.“ „Ihr ſeid furchtbar, Athos, und man kann Euch nichts verbergen. Nun wohl, ja, ich wollte Euch fragen, ob Ihr nicht zuweilen unerwartete Regungen von Schrecken habt, welche...“ 1 „Gewiſſensbiſſen gleichen?“ fuhr Athos fort.„Ich vollende Euern Satz, mein Freund. Ja oder nein, ich habe keine Gewiſſensbiſſe, weil jene Frau, wie ich glaube, die Strafe verdiente, die ſie ausſtehen mußte. Ich habe keine Gewiſſensbiſſe, denn, wenn wir ſie hätten leben laſſen, ſo würde ſie ohne Zweifel ihr Zerſtörungswerk fortgeſetzt haben; damit iſt aber nicht geſagt, mein Freund, ich hege die Ueberzeugung, wir ſeien berechtigt geweſen, das zu thun, was wir thaten. Vielleicht heiſcht jedes vergoſſene Blut eine Sühnung; ſie hat die ihrige vollendet, möglicher Weiſe kommt die Reihe auch noch an uns, ſie zu vollenden.“ „Zuweilen dachte ich wie Ihr⸗ os.“ „Sie hatte einen Sohn, dieſe Frau?“ & 4 „Ja⸗ „Habt Ihr von ihm ſprechen hören?“ „Nie.“ S — ——————— 182 DArtagan ſchaute Athos mit wachſender Bewun⸗ derung an; ſie ſpazierten unter einer ſchattigen, kühlen Allee, durch welche ſchräg einige Strahlen der unterge⸗ henden Sonne ſchoſſen. Einer von dieſen goldenen Strah⸗ len beleuchtete das Antlitz von Athos, und ſeine Augen ſchienen das ruhige Feuer des Abends, welches ſie em⸗ pfingen, wieder von ſich zu geben. Der Gedanke an Mylady regte ſich in dem Geiſte von d'Artagnan. „Und Ihr ſeid glücklich?“ ſagte er zu ſeinem Freunde. Das ſcharfe Auge von Athos drang bis in die Tiefe des Herzens von d'Artagnan und ſchien darin ſeine Gedanken zu leſen. „So glücklich, als es einem Geſchöpfe Gottes auf Erden zu ſein geſtattet iſt. Aber vollendet Guren Gedanken, d'Artagnan, Ihr habt ihn mir nicht ganz geſagt.“ „Ihr ſeid furchtbar, Athos, und man kann Euch nichts verbergen. Nun wohl, ja, ich wollte Euch fragen, ob Ihr nicht zuweilen unerwartete Regungen von Schrecken habt, welche„ „Gewiſſensbiſſen gleichen?“ fuhr Athos fort.„Ich vollende Euern Satz, mein Freund. Ja oder nein, ich habe keine Gewiſſensbiſſe, weil jene Frau, wie ich glaube, die Strafe verdiente, die ſie ausſtehen mußte. Ich habe keine Gewiſſensbiſſe, denn, wenn wir ſie hätten leben laſſen, ſo würde ſie ohne Zweifel ihr Zerſtörungswerk fortgeſetzt haben; damit iſt aber nicht geſagt, mein Freund, ich hege die Ueberzeugung, wir ſeien berechtigt geweſen, das zu thun, was wir thaten. Vielleicht heiſcht jedes vergoſſene Blut eine Sühnung; ſie hat die ihrige vollendet, möglicher Weiſe kommt die Reihe auch noch an uns, ſie zu vollenden.“ „Zuweilen dachte ich wie Ihr, Athos.“ „Sie hatte einen Sohn, dieſe Frau?“ „Ja.“ „Habt Ihr von ihm ſprechen hören?“ „Nie.“ d' 183 „Er muß drei und zwanzig Jahre ſein,“ mur⸗ melte Athos.„Ich denke oft an dieſen jungen Mann, d'Artagnan.“ 4 „Das iſt ſonderbar. Ich hatte ihn vergeſſen.“ Athos lächelte ſchwermüthig.. „Und Lord Winter, habt Ihr Nachricht von ihm?“ „Ich weiß, daß er bei Karl I. ſehr in Gunſt war.“ „'Er wird ſeinem Glücke gefolgt ſein, und dieſes iſt jetzt ſchlecht. Halt' d'Artagnan,“ fuhr Athos fort,„das gehört zu dem, was ich Euch ſo eben ſagte: er ließ das Blut von Strafford vergießen; Blut heiſcht Blut. Und die Königin?“ „Welche Königin?“ „Frau Henriette von England, die Tochter von Heinrich IV.?2“ „Sie iſt im Louvre, wie Ihr wißt.“ „Ja, wo es ihr an Allem gebricht, nicht wahr? Während der großen Kälte in dieſem Winter war ihre kranke Tochter, wie man mir geſagt hat, in Ermangelung von Holz genöthigt, im Bette liegen zu bleiben. Be⸗ greift ihr das?“ fügte Athos die Achſeln zuckend bei. „Die Tochter von Heinrich IV. ſchnatternd, weil es ihr an Holz gebricht! Warum hat ſie nicht den Erſten, Beſten von uns um Gaſtfreundſchaft gebeten, ſtatt Mazarin da⸗ rum zu bitten! es würde ihr an nichts gefehlt haben.“ „Kennt Ihr ſie denn, Athos?“ „Nein, meine Mutter hat ſie als Kind geſehen. Habe ich Euch nie geſagt, daß meine Mutter Chrendame von Maria von Medicis geweſen iſt?“ „Nie. Ihr ſprecht von dergleichen Dingen nicht.“ „Ahl mein Gott, doch, wie Ihr ſeht,“ verſetzte Athos,„aber es 1us ſich eine Gelegenheit dazu bieten.“ „Porthos würde nicht ſo geduldig warten,“ ſagte d'Artagnan lächelnd. „Jeder hat ſeine eigene Natur, mein lieber d'Ar⸗ wun⸗ ihlen erge⸗ rah⸗ ugen em⸗ zeiſte nde. die eine auf iken, Fuch gen, cken Ich ich ube, abe en, ſetzt ege un, lut her n „Er muß drei und zwanzig Jahre alt ſein,“ mut⸗ melte Athos.„Ich denke oft an dieſen jungen Mann, d'Artagnan.“ „Das iſt ſonderbar. Ich hatte ihn vergeſſen.“ Athos lächelte ſchwermüthig. „Und Lord Winter, habt Ihr Nachricht von ihm?“ „Ich weiß, daß er bei Karl I. ſehr in Gunſt war.“ „Er wird ſeinem Glücke gefolgt ſein, und dieſes iſt jetzt ſchlecht. Halt' d'Artagnan,“ fuhr Athos fort,„das gehört zu dem, was ich Euch ſo eben ſagte: er ließ das Blut von Strafford vergießen; Blut heiſcht Blut. Und die Königin?“ „Welche Königin?“ „Frau Henriette von England, die Tochter von Heinrich IV. 2“ „Sie iſt im Louvre, wie Ihr wißt.“ „Ja, wo es ihr an Allem gebricht, nicht wahr? Während der großen Kälte in dieſem Winter war ihre kranke Tochter, wie man mir geſagt hat, in Ermangelung von Holz genöthigt, im Bette liegen zu bleiben. Be⸗ greift ihr das?“ fügte Athos die Achſeln zuckend bei. „Die Tochter von Heinrich IV. ſchnatternd, weil es ihr an Holz gebricht! Warum hat ſie nicht den Erſten, Beſten von uns um Gaftffreundſchaft gebeten, ſtatt Mazarin da⸗ rum zu bitten! es würde ihr an nichts gefehlt haben.“ „Kennt Ihr ſie denn, Athos?“ „Nein, meine Mutter hat ſie als Kind geſehen. Habe ich Euch nie geſagt, daß meine Mutter Ehrendame von Maria von Medicis geweſen iſt?“ „Nie. Ihr ſprecht von dergleichen Dingen nicht.“ „Ah! mein Gott, doch, wie Ihr ſeht,“ verſetzte Athos,„aber es muß ſich eine Gelegenheit dazu bieten.“ „Porthos würde nicht ſo geduldig warten,“ ſagte d'Artagnan lächelnd. „Jeder hat ſeine eigene Natur, mein lieber d'Ar⸗ tagnan.„Porthos beſitzt trotz einiger Eitelkeit vortreff⸗ liche Eigenſchaften. Habt Ihr ihn wiedergeſehen?“ „Ich verließ ihn vor fünf Tagen,“ antwortete d'Ar⸗ tagnan. Und nun erzählte er mit dem Erguß ſeiner gascog⸗ niſchen Laune alle Herrlichkeiten von Porthos in ſeinem Schloſſe Pierreſonds, und während er ſeinen Freund durchſiebte, ſchoß er zugleich zwei bis drei Pfeile auf die Geſchicklichkeit des vortrefflichen Herrn Mouſton ab. „Ich bewundere,“ ſprach Athos, lächelnd über dieſe Heiterkeit, die ihn an ihre ſchönen Tage erinnerte,„ich bewundere, daß wir durch Zufall eine Geſellſchaft von Männern gebildet haben, welche trotz einer zwanzigjährigen Trennung noch ſo eng mit einander verbunden ſind. Die Freundſchaft ſchlägt tiefe Wurzeln in redlichen Herzen, d'Artagnan; glaubt mir, nur ſchlechte Menſchen leugnen die Freundſchaft, weil ſie dieſelbe nicht kennen. Und Aramis?“ 1 „Ich habe ihn auch geſehen,“ antwortete d'Artagnan, „er iſt mir ſehr kalt vorgekommen.“ „Ah! Ihr habt ihn auch geſehen,“ verſetzte Athos, d'Artagnan mit ſeinen forſchenden Augen anſchauend. „Aber Ihr macht eine wahre Pilgerfahrt nach dem Tem⸗ pel der Freundſchaft, wie die Dichter ſagen würden.“ „Allerdings,“ erwiederte d'Artagnan verlegen. „Aramis, wie Ihr wißt,“ fuhr Athos fort,„iſt von Natur kalt; dann iſt er immer in Weiberintriguen ver⸗ wickelt.“ „Ich glaube, gerade in dieſem Augenblick in eine ſehr ausgedehnte,“ ſprach d'Artagnan. Athos antwortete nicht. „Er iſt neugierig,“ dachte d'Artagnan. Athos antwortete nicht nur nicht, udern er gab auch dem Geſpräche eine andere Richtung. „Ihr ſeht,“ ſagte er, indem er d'Artagnan darauf aufmerkſam machte, daß ſie nach einem Spaziergang von 184 tagnan.„Porthos beſitzt trotz einiger Eitelkeit vortreff⸗ liche Eigenſchaften. Habt Ihr ihn wiedergeſehen?“ „Ich verließ ihn vor fünf Tagen,“ antwortete dAr⸗ tagnan. Und nun erzählte er mit dem Erguß ſeiner gascog⸗ niſchen Laune alle Herrlichkeiten von Porthos in ſeinem Schloſſe Pierrefonds, und während er ſeinen Freund durchſiebte, ſchoß er zugleich zwei bis drei Pfeile auf die Geſchicklichkeit des vortrefflichen Herrn Mouſton ab. „Ich bewundere,“ ſprach Athos, lächelnd über dieſe Heiterkeit, die ihn an ihre ſchönen Tage erinnerte,„ich bewundere, daß wir durch Zufall eine Geſellſchaft von Männern gebildet haben, welche trotz einer zwanzigjährigen Trennung noch ſo eng mit einander verbunden ſind. Die Freundſchaft ſchlägt tiefe Wurzeln in redlichen Herzen, dArtagnan; glaubt mir, nur ſchlechte Menſchen leugnen die Freundſchaft, weil ſie dieſelbe nicht kennen. Und Aramis?“ „Ich habe ihn auch geſchen,“ antwortete d'Artagnan, „er iſt mir ſehr kalt vorgekommen.“ „Ah! Ihr habt ihn auch geſehen,“ verſetzte Athos, dArtagnan mit ſeinen forſchenden Augen anſchauend. „Aber Ihr macht eine wahre Pilgerfahrt nach dem Tem⸗ pel der Freundſchaft, wie die Dichter ſagen würden.“ „Allerdings,“ erwiederte dArtagnan verlegen. „Aramis, wie Ihr wißt,“ fuhr Athos fort,„iſt von Natur falt; dann iſt er immer in Weiberintriguen ver⸗ wickelt.“ „Ich glaube, gerade in dieſem Augenblick in eine ſehr ausgedehnte,“ ſprach d'Artagnan. Athos antwortete nicht. „Er iſt neugierig,“ dachte d'Artagnan. Athos antwortete nicht nur nicht, ſondern er gab auch dem Geſpräche eine andere Richtung. „Ihr ſeht,“ ſagte er, indem er d'Artagnan darauf aufmerkſam machte, daß ſie nach einem Spaziergang von N ur tet mi 185⁵ einer Stunde zu dem Schloſſe zurückgekommen waren; „wir haben die Runde auf allen meinen Beſitzungen ge⸗ macht.“ 5 „Alles iſt hier reizend, und beſonders hat Alles ein adeliges Ausſehen,“ erwiederte d'Artagnan. In dieſem Augenblick hörte man den Tritt eines Pferdes. „Naoul kehrt zurück,“ ſprach Athos,„wir bekommen Nachricht von der armen Kleinen.“ 3 Der junge Menſch erſchien wirklich an dem Gitter und ritt ganz mit Staub bedeckt in den Hof ein, ſprang dann von ſeinem Pferde, das er den Händen eines Knech⸗ tes überließ, und begrüßte den Grafen und d'Artagnan mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit. „Dieſer Herr,“ ſagte Athos, ſeine Hand auf die Schulter von d'Artagnan legend, dieſer Herr iſt d'Arta⸗ gnan, von dem Du mich ſo oft ſprechen hörteſt, Raoul.“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Raoul, ſich abermals und noch tiefer verbeugend,„der Herr Graf hat Euern Namen mir als Beiſpiel genannt, ſo oft er einen unerſchrockenen, hochherzigen Edelmann bezeichnen wollte.“ Dieſes kleine Kompliment machte einen angenehmen Eindruck auf d'Artagnan, ſein Herz gerieth in eine ſanfte „Bewegung; er reichte Raoul eine Hand und ſprach: „Alle Lobeserhebungen, die man mir ſpenden mag, müſſen auf den Herrn Grafen zurückgehen, denn er hat meine Erziehung in allen Dingen gemacht, und es iſt nicht ſein Fehler, wenn ſie der Zögling ſchlecht benützte. Aber ich bin überzeugt, es wird ihm bei Euch beſſer ge⸗ lingen. Ich liebe Euere Erſcheinung, Raoul, und Euere Artigkeit hat mich gerührt.“ Athos war unbeſchreiblich entzückt; er ſchaute d'Ar⸗ tagnan dankbar an und heftete dann auf Raoul jenes ſeltſame Lächeln, worauf die Jünglinge ſtolz ſind, wenn ſie es erſchauen. „Nun,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt, denn das rtreff⸗ dAr⸗ scog⸗ inem teund f die dieſe „ich von igen Die rzen, nen Und tan, os, end. em⸗ on er⸗ ehr ————————————————— . 185 einer Stunde zu dem Schloſſe zurückgekommen waren; „wir haben die Runde auf allen meinen Beſitzungen ge⸗ macht.“ „Alles iſt hier reizend, und beſonders hat Alles ein adeliges Ausſehen,“ erwiederte d'Artagnan. In dieſem Augenblick hörte man den Tritt eines Pferdes. „Navul kehrt zurück,“ ſprach Athos,„wir bekommen Nachricht von der armen Kleinen.“ Der junge Menſch erſchien wirklich an dem Gitter und ritt ganz mit Staub bedeckt in den Hof ein, ſprang dann von ſeinem Pferde, das er den Händen eines Knech⸗ tes überließ, und begrüßte den Grafen und d'Artagnan mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit. „Dieſer Herr,“ ſagte Athos, ſeine Hand auf die Schulter von d'Artagnan legend, dieſer Herr iſt d»Arta⸗ gnan, von dem Du mich ſo vft ſprechen hörteſt, Raoul.“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Raoul, ſich abermals und noch tiefer verbeugend,„der Herr Graf hat Euern Namen mir als Beiſpiel genannt, ſo oft er einen unerſchrockenen, hochherzigen Edelmann bezeichnen wollte.“ Dieſes kleine Kompliment machte einen angenehmen Eindruck auf dArtagnan, ſein Herz gerieth in eine ſanfte Bewegung; er reichte Raoul eine Hand und ſprach: „Alle Lobeserhebungen, die man mir ſpenden mag, müſſen auf den Herrn Grafen zurückgehen, denn er hat meine Erziehung in allen Dingen gemacht, und es iſt nicht ſein Fehler, wenn ſie der Zögling ſchlecht benützte. Aber ich bin überzeugt, es wird ihm bei Euch beſſer ge⸗ lingen. Ich liebe Euere Erſcheinung, Ravul, und Euere Artigkeit hat mich gerührt.“ Athos war unbeſchreiblich entzückt; er ſchaute d'Ar⸗ tagnan dankbar an und heftete dann auf Raoul jenes ſeltſame Lächeln, worauf die Jünglinge ſtolz ſind, wenn ſie es erſchauen. „Nun,“ ſagte d'Artagnan zu ſich ſelbſt, denn das ſtumme Mienenſpiel war ihm nicht entgangen,„nun bin ich meiner Sache gewiß.“ „Laßt hören,“ ſprach Athos,„der Unfall wird hof⸗ fentlich keine Folge haben?“ 4„Man weiß es noch nicht, Herr, der Arzt konnte wegen der Geſchwulſt nichts ſagen; er fürchtet jedoch, es werde ein Nerv verletzt ſein.“ Ihr ſeid nicht länger bei Frau von Saint⸗Remy ge⸗ blieben?“ „Ich hatte bange, zur Stunde Eures Abendbrods nicht zurück zu ſein,“ erwiederte Raoul,„und Euch folglich warten zu laſſen.“ In dieſem Augenblick meldete ein kleiner Junge, halb Bauer, halb Lackei, das Abendbrod ſei aufgetragen. Athos führte ſeinen Gaſt in einen ſehr einfachen Speiſeſaal, deſſen Fenſter jedoch auf der einen Seite nach dem Garten, auf der andern nach einem Gewächshauſe gingen, in welchem herrliche Pflanzen blühten. D'Artagnan warf einen Blick auf den Tiſch; das Geſchirr war prachtvoll; man ſah, es war von dem alten Silberzeug der Familie. Auf einem Schenktiſche ſtand eine wundervolle ſilberne Waſſerkanne. D'Artagnan blieb ſtehen, um ſie zu betrachten. „Ohl das iſt göttlich gearbeitet,“ rief er. „Ja,“ erwiederte Athos,„es iſt ein Meiſterwerk von einem großen florentiniſchen Künſtler, Namens Benvenuto Cellini.“ „Und die Schlacht, die es vorſtellt?“ „Iſt die Schlacht von Marignan. Es iſt der Augen⸗ blick, wo einer meiner Ahnen ſein Schwert Franz I. gibt, der das ſeinige zerbrochen hat. Bei dieſer Gelegenheit wurde Enguerrand de la Fore, mein Ahnherr, Ritter vom Sanct Michaels⸗Orden. Fünfzehn Jahre ſpäter gab ihm der König, denn et hatte nicht vergeſſen, daß er noch drei Stunden mit dem Schwerte ſeines Freundes Enguerrand gekfochten, ohne daß es abſprang, gab ihm der König, 2 ———— SO 2&ú 186 ſtumme Mienenſpiel war ihm nicht entgangen,„nun bin ich meiner Sache gewiß.“ „Laßt hören,“ ſprach Athos,„der Unfall wird hof⸗ fentlich keine Folge haben?“ „Man weiß es noch nicht, Herr, der Arzt konnte wegen der Geſchwulſt nichts ſagen; er fürchtet jedoch, es werde ein Nerv verletzt ſein.“ Ihr ſeid nicht länger bei Frau von Saint⸗Remy ge⸗ blieben?“ „Ich hatte bange, zur Stunde Eures Abendbrods nicht zurück zu ſein,“ erwiederte Ravul,„und Euch folglich warten zu laſſen.“ In dieſem Angenblick meldete ein kleiner Junge, halb Bauer, halb Lackei, das Abendbrod ſei aufgetragen. Athos führte ſeinen Gaſt in einen ſehr einfachen Speiſeſaal, deſſen Fenſter jedoch auf der einen Seite nach dem Garten, auf der andern nach einem Gewächshauſe gingen, in welchem herrliche Pflanzen hlühten. D'Artagnan warf einen Blick auf den Tiſch; das Geſchirr war prachtvoll; man ſah, es war von dem alten Silberzeug der Familie. Auf einem Schenktiſche ſtand eine wundervolle ſilberne Waſſerkanne. D'Artagnan blieb ſtehen, um ſie zu betrachten. „Oh! das iſt göttlich gearbeitet,“ rief er. „Ja,“ erwiederte Athos,„es iſt ein Meiſterwerk von Sin großen florentiniſchen Künſtler, Namens Benvenuto Cellini.“ „Und die Schlacht, die es vorſtellt?“ „Iſt die Schlacht von Marignan. Es iſt der Augen⸗ blick, wo einer meiner Ahnen ſein Schwert Franz J. gibt, der das ſeinige zerbrochen hat. Bei dieſer Gelegenheit wurde Enguerrand de la Feére, mein Ahnherr, Ritter vom Sanct Michaels⸗Orden. Fünfzehn Jahre ſpäter gab ihm der König, denn er hatte nicht vergeſſen, daß er noch drei Stunden mit dem Schwerte ſeines Freundes Enguerrand gefochten, ohne daß es abſprang, gab ihm der König, ſa ein S ſer mi kle mi he Ar pfe ble gn ſel un ds ich alb hen ach uſe das ten and lieb von nuto gen⸗ zibt, iheit vom ihm drei rand nig, 187 ſage ich, dieſe Waſſerkanne und ein Schwert, das Ihr einſt vielleicht bei mir geſehen habt, auch ein ſchönes Stück von Goldſchmiedkunſt. Dus war die Zeit der Rie⸗ ſen,“ fuhr Athos fort;„wir ſind Zwerge im Vergleich mit dieſen Männern. Doch wir wollen uns ſetzen und ſpeiſen, d'Artagnan. He! Junge,“ ſprach Athos zu dem kleinen Lackeien, der die Suppe aufgetragen hatte,„rufe mir Charlot.“ Das Kind entfernte ſich, und einen Augenblick nach⸗ her erſchien der Mann, an den ſich die Reiſenden bei ihrer Ankunſt gewendet hatten. „Mein lieber Charlot,“ ſagte Athos zu ihm,„ich em⸗ pfehle Dir ganz beſonders für die ganze Zeit, die er hier bleiben wird, Planchet, den Lackeien von Herrn d'Arta⸗ gnan. Er liebt den guten Wein; Du haſt die Kellerſchlüſ⸗ ſel. Er hat lange Zeit auf der harten Erde geſchlafen und muß einem guten Bette nicht abgeneigt ſein; ſorge auch hiefür.“ 4 Charlot verbeugte ſich und trat ab. „Charlot iſt ein braver Mann,“ ſagte Athos,„er dient mir ſeit neunzehn Jahren.“ „Ihr denkt an Alles,“ ſprach d'Artagnan,„und ich danke Euch im Namen von Planchet, mein lieber Athos.“ „Der Jüngling machte große Augen, als er dieſen Namen hörte, und ſchaute, ob d'Artagnan wirklich mit dem Grafen ſpräche. „Dieſer Name kommt Dir ſeltſam vor, nicht wahr, Raoul,“ ſprach Athos lächelnd. Es war mein Kriegs⸗ name zur Zeit, da Herr d'Artagnan, zwei brave Freunde und ich unter dem verſtorbenen Cardinal und unter Herrn von Baſſompierre, der nun auch todt iſt, unſere Helden⸗ thaten bei La Rochelle verrichteten. Der Herr hat die Güte, dieſen Freundſchaftsnamen für mich beizubehalten, und ſo oft ich ihn höre, iſt mein Herz freudig darüber. „Dieſer Name war berühmt,“ ſagte d'Artagnan,„und hof⸗ nnte „es rods glich halb chen ach auſe das lten and lieb von uto en⸗ ibt, ſeit um m rei nd ig, ——— ſage ich, dieſe Waſſerkanne und ein Schwert, das Ihr einſt vielleicht bei mir geſehen habt, auch ein ſchönes Stück von Goldſchmiedkunſt. Das war die Zeit der Rie⸗ ſen,“ fuhr Athos fort;„wir ſind Zwerge im Vergleich mit dieſen Männern. Doch wir wollen uns ſetzen und ſpeiſen, dArtagnan. He! Junge,“ ſprach Athos zu dem kleinen Lackeien, der die Suppe aufgetragen hatte,„rufe mir Charlot.“ Das Kind entfernte ſich, und einen Augenblick nach⸗ her erſchien der Mann, an den ſich die Reiſenden bei ihrer Ankunft gewendet hatten. „Mein lieber Charlot,“ ſagte Athos zu ihm,„ich em⸗ pfehle Dir ganz beſonders für die ganze Zeit, die er hier bleiben wird, Planchet, den Lackeien von Herrn dArta⸗ gnan. Er liebt den guten Wein; Du haſt die Kellerſchlüſ⸗ ſel. Er hat lange Zeit auf der harten Erde geſchlafen und muß einem guten Bette nicht abgeneigt ſein; ſorge auch hiefür.“ Charlot verbeugte ſich und trat ab. „Charlot iſt ein braver Mann,“ ſagte Athos,„er dient mir ſeit neunzehn Jahren.“ „Ihr denkt an Alles,“ ſprach d'Artagnan,„und ich danke Euch im Namen von Planchet, mein lieber Athos.“ „Der Jüngling machte große Augen, als er dieſen Namen hörte, und ſchaute, ob d'Artagnan wirklich mit dem Grafen ſpräche. „Dieſer Name kommt Dir ſeltſam vor, nicht wahr, Raoul,“ ſprach Athos lächelnd. Es war mein Kriegs⸗ name zur Zeit, da Herr d'Artagnan, zwei brave Freunde und ich unter dem verſtorbenen Cardinal und unter Herrn von Baſſompierre, der nun auch todt iſt, unſere Helden⸗ thaten bei La Rochelle verrichteten. Der Herr hat die Güte, dieſen Freundſchaftsnamen für mich beizubehalten, und ſo oft ich ihn höre, iſt mein Herz freudig darüber. „Dieſer Name war berühmt,“ ſagte d'Artagnan,„und 188 2) wurde ihm eines Tages die Ehre des Triumphes zu eil. „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr?“ fragte Raoul mit ſeiner jugendlichen Neugierde.. „Meiner Treue, ich weiß es nicht,“ verſetzte Athos. „Ihr habt die Baſtei Saint⸗Gervais vergeſſen, Athos, und die Serviette, aus der drei Kugeln eine Fahne machten? Ich beſitze ein beſſeres Gedächtniß, als Ihr, erinnere mich der Geſchichte ganz genau und will ſie Euch erzählen, Jüngling.“ Und er erzählte ihm die ganze Geſchichte von der Baſtei, wie ihm Athos die ſeines Ahnherrn mitgetheilt hatte. Bei dieſer Erzählung glaubte der Jüngling, er ſehe eine von den Waffenthaten vor ſich enthüllen, wie wir ſie in Taſſo und Arioſt leſen, Thaten, welche der Zauber⸗ zeit des Ritterthums angehören. „Aber d'Artagnan ſagt Dir nicht,“ ſprach Athos,„daß er einer der beſten Degen ſeiner Zeit war; eiſerne Knie⸗ beuge, ſtählerne Handwurzel, ſicherer, brennender Blick, das war es, was er ſeinem Gegner bot; er war achtzehn Jahre alt, drei Jahre älter, als Du, Raoul, als er zum erſten Male und zwar gegen erprobte Männer an das Werk ging.“ „Und Herr d'Artagnan blieb Sieger?“ fragte der Jüngling, deſſen Augen während dieſes Geſpräches glänzten und um die Mittheilung aller Einzelheiten zu bitten ſchienen. „Ich tödtete Einen, glaube ich,“ antwortete d'Arta⸗ nan, Athos mit dem Blicke befragend.„Den Andern entwaffnete oder verwundete ich, ich erinnere mich nicht mehr genau.“ „Ja, Ihr verwundetet ihn. O! Ihr waret ein mäch⸗ tiger Athlet.“ „Und ich habe noch nicht viel davon verloren,“ verſetzte d'Artagnan mit ſeinem kleinen gascogniſchen Lächeln 4 voll Selbſtzufriedenheit,„und noch vor Kurzem erſt....“ 188 ihm eines Tages die Ehre des Triumphes zu heil. „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr?“ fragte Ravul mit ſeiner jugendlichen Neugierde. „Meiner Treue, ich weiß es nicht,“ verſetzte Athos. „Ihr habt die Baſtei Saint⸗Gervais vergeſſen, Athos, und die Servietie, aus der drei Kugeln eine Fahne machten? Ich beſitze ein beſſeres Gedächtniß, als Ihr, erinnere mich der Geſchichte ganz genau und will ſie Euch erzählen, Jüngling.“ Und er erzählte ihm die ganze Geſchichte von der Baſtei, wie ihm Athos die ſeines Ahnherrn mitgetheilt hatte. Bei dieſer Erzählung glaubte der Jüngling, er ſehe eine von den Waffenthaten vor ſich enthüllen, wie wir ſie in Taſſo und Arioſt leſen, Thaten, welche der Zauber⸗ zeit des Ritterthums angehören. „Aber d'Artagnan ſagt Dir nicht,“ ſprach Athos,„daß er einer der beſten Degen ſeiner Zeit war; eiſerne Knie⸗ beuge, ſtählerne Handwurzel, ſicherer, brennender Blick, das war es, was er ſeinem Gegner bot; er war achtzehn Jahre alt, drei Jahre älter, als Du, Ravul, als er zum erſten Male und zwar gegen erprobte Männer an das Werk ging.“ „Und Herr dArtagnan blieb Sieger?“ fragte der Jüngling, deſſen Augen während dieſes Geſpräches glänzten und um die Mittheilung aller Einzelheiten zu bitten ſchienen. „Ich tödtete Einen, glaube ich,“ antwortete dArta⸗ nan, Athos mit dem Blicke befragend.„Den Andern entwaffnete oder verwundete ich, ich erinnere mich nicht mehr genau.“ „Ja, Ihr verwundetet ihn. O! Ihr waret ein mäch⸗ tiger Athlet.“ „Und ich habe noch nicht viel davon verloren,“ verſetzte dArtagnan mit ſeinem kleinen gascogniſchen Lächeln voll Selbſtzufriedenheit,„und noch vor Kurzem erſt 189 Ein Blick von Athos verſchloß ihm den Mund. „Du ſollſt erfahren, Ravul,“ ſprach Athos,„Du, der Du Dich für einen feinen Degen hältſt und deſſen Eitel⸗ keit eines Tages eine grauſame Enttäuſchung erleiden dürfte. Du ſollſt erfahren, wie gefährlich der Mann iſt, der Kalt⸗ blütigkeit mit Behendigkeit verbindet, denn ich vermöchte Dir nie ein ſchlagenderes Beiſpiel zu bieten: bitte morgen Herrn d'Artagnan, wenn er nicht zu müde iſt, Dir eine Lection zu geben.“ „Peſt! mein lieber Athos, Ihr ſeid doch ein guter Meiſter, beſonders hinſichtlich der Eigenſchaften, die Ihr von mir rühmt. Heute noch ſprach Planchet von dem bekannten Zweikampfe bei den Karmelitern mit Lord Win⸗ ter und ſeinen Gefährten. Ah! Jüngling,“ fuhr d'Arta⸗ gnan fort, es muß hier irgendwo ein Schwert ſein, das ich oft das beſte des Königreichs nannte.“ „Ol ich werde meine Hand mit dieſem Kinde ver⸗ dorben haben,“ ſagte Athos. 3 „Es gibt Hände, die ſich nie verderben, mein lieber Athos,“ entgegnete d'Artagnan,„welche aber andere ge⸗ waltig verderben.“ Der Jüngling hätte gerne das Geſpräch die ganze Nacht hindurch ausgedehnt, aber Athos bemerkte, ihr Gaſt müſſe müde ſein und der Ruhe bedürfen. D'Artagnan widerſetzte ſich aus Höflichkeit, doch Athos beſtand darauf, daß d'Artagnan von ſeinem Zimmer Beſitz ergreife. Raoul geleitete den Gaſt, und da Athos dachte, er würde ſo lange als möglich bei d'Artagnan bleiben, um ſich von ihm alle Heldenthaten ihrer früheren Zeiten erzählen zu laſſen, ſo holte er ihn einige Minuten nachher ſelbſt ab, und ſchloß dieſen ſchönen Abend mit einem freundſchaftlichen Händedruck und einer guten Nacht, die er dem Musketier wünſchte. es zu Ravul os. lthos, hten? mich hlen, der atte. ſehe wir ber⸗ „daß nie⸗ lick, zehn zum das der zten en. ta⸗ ern icht — Ein Blick von Athos verſchloß ihm den Mund. „Du ſollſt erfahren, Ravul,“ ſprach Athos,„Du, der Du Dich für einen feinen Degen hältſt und deſſen Eitel⸗ keit eines Tages eine grauſame Enttäuſchung erleiden dürfte. Du ſollſt erfahren, wie gefährlich der Mann iſt, der Kalt⸗ blütigkeit mit Behendigkeit verbindet, denn ich vermöchte Dir nie ein ſchlagenderes Beiſpiel zu bieten: bitte morgen Herrn dArtagnan, wenn er nicht zu müde iſt, Dir eine Lection zu geben.“ „Peſt! mein lieber Athos, Ihr ſeid doch ein guter Meiſter, beſonders hinſichtlich der Eigenſchaften, die Ihr von mir rühmt. Heute noch ſprach Planchet von dem bekannten Zweikampfe bei den Karmelitern mit Lord Win⸗ ter und ſeinen Gefährten. Ah! Jüngling,“ fuhr dArta⸗ gnan fort, es muß hier irgendwo ein Schwert ſein, das ich oft das beſte des Königreichs nannte.“ „O! ich werde meine Hand mit dieſem Kinde ver⸗ dorben haben,“ ſagte Athos. „Es gibt Hände, die ſich nie verderben, mein lieber Athos,“ entgegnete d'Artagnan,„welche aber andere ge⸗ waltig verderben.“ Der Jüngling hätte gerne das Geſpräch die ganze Nacht hindurch ausgedehnt, aber Athos bemerkte, ihr Gaft müſſe müde ſein und der Ruhe bedürfen. D'Artagnan widerſetzte ſich aus Höflichkeit, doch Athos beſtand darauf, daß dArtagnan von ſeinem Zimmer Beſitz ergreife. Raoul geleitete den Gaſt, und da Athos dachte, er würde ſo lange als möglich bei dArtagnan bleiben, um ſich von ihm alle Heldenthaten ihrer früheren Zeiten erzählen zu laſſen, ſo holte er ihn einige Minuten nachher ſelbſt ab, und ſchloß dieſen ſchönen Abend mit einem freundſchaſtlichen Händedruck und einer guten Nacht, die er dem Musketier wünſchte. XVII. Die Diplomatie von Athos. zu D'Artagnan legte ſich zu Bette, weniger um zu ver ſchlafen, als um allein zu ſein und an Alles das zu den⸗ ſch ken, was er an dieſem Abend geſehen und gehört hatte. El Da er gutmüthiger Natur war und ganz von Anfang zu un a Athos eine inſtinktartige Zuneigung gefaßt hatte, welche ra in eine aufrichtige Freundſchaft übergegangen war, ſo Pü fühlte er ſich entzückt, einen Mann glänzend an Geiſt und Körperkraft ſtatt des verdumpften Trunkenbolds zu finden, den er auf irgend einem Düngerhaufen ſeinen Rauſch aus⸗ ſchlafen zu ſehen erwartet hatte. Er nahm ſogar, ohne ſich dagegen zu ſträuben, die beſtändige Ueberlegenheit von gl Athos über ihn an, und ſtatt Eiferſucht und Aerger da⸗ ſo rüber zu fühlen, wie dies bei einer minder edelmüthigen F Natur der Fall geweſen ſein dürfte, ſühlte er in ſich eine innige, redliche Freude, die ihn die günſtigſten Hoffnungen au für ſein Unternehmen faſſen ließ. To Indeſſen kam es ihm vor, als fände er Athos nicht ne offenherzig und klar über alle Punkte. Wer war der junge Menſch, welchen er adoptirt zu haben behauptete, und der eine ſo große Aehnlichkeit mit ihm hatte? Was ku bedeutete dieſe Rückkehr zum Leben der Geſellſchaft und dieſe übertriebene Mäßigkeit, welche er bei Tiſche wahr⸗ di genommen hatte? Eine ſcheinbar geringfügige Sache, dieſe C Abweſenheit von Grimaud, von dem ſich Athos einſt nicht A trennen konnte, und deſſen Name trotz der Eröffnungen F in dieſer Hinſicht nicht einmal genannt worden war.... 96 Alles dies beunruhigte d'Artagnan. Er beſaß alſo das ei Vertrauen ſeines Freundes nicht mehr, oder Athos war v an eine unſichtbare Kette gebunden oder gar zum Voraus gegen den Beſuch, den er ihm machte, eingenommen. XVII. Die Diplomatie von Athos. D'Artagnan legte ſich zu Bette, weniger um zu ſchlafen, als um allein zu ſein und an Alles das zu den⸗ ken, was er an dieſem Abend geſehen und gehört hatte. Da er gutmüthiger Natur war und ganz von Anfang zu Athos eine inſtinktartige Zuneigung gefaßt hatte, welche in eine aufrichtige Freundſchaft übergegangen war, ſo fühlte er ſich entzückt, einen Mann glänzend an Geiſt und Körperkraft ſtatt des verdumpften Trunkenbolds zu finden, den er auf irgend einem Düngerhaufen ſeinen Rauſch aus⸗ ſchlafen zu ſehen erwartet hatte. Er nahm ſogar, ohne ſich dagegen zu ſträuben, die beſtändige Ueberlegenheit von Athos über ihn an, und ſtatt Eiferſucht und Aerger da⸗ rüber zu fühlen, wie dies bei einer minder edelmüthigen Natur der Fall geweſen ſein dürfte, fühlte er in ſich eine innige, redliche Freude, die ihn die günſtigſten Hoffnungen für ſein Unternehmen faſſen ließ. Indeſſen kam es ihm vor, als fände er Athos nicht offenherzig und klar über alle Punkte. Wer war der junge Menſch, welchen er adoptirt zu haben behauptete, und der eine ſo große Aehnlichkeit mit ihm hatte? Was bedeutete dieſe Rückkehr zum Leben der Geſellſchaft und dieſe übertriebene Mäßigkeit, welche er bei Tiſche wahr⸗ genommen hatte? Eine ſcheinbar geringfügige Sache, dieſe Abweſenheit von Grimaud, von dem ſich Achos einſt nicht trennen konnte, und deſſen Name trotz der Eröffnungen in dieſer Hinſicht nicht einmal genannt worden war.. Alles dies beunruhigie dArtagnan. Er beſaß alſo das Vertrauen ſeines Freundes nicht mehr, oder Athos war an eine unſichtbare Kette gebunden oder gar zum Voraus gegen den Beſuch, den er ihm machte, eingenommen. ohne von da⸗ igen eine ngen nicht der ötete, Was und ahr⸗ dieſe nicht ngen das war raus — Tage lang die Bekanntſchaften von Athos ſtudiren 191 Unwillkürlich dachte er an Rochefort und an das, was ihm dieſer in der Notre⸗Dame⸗Kirche geſagt hatte. Sollte Rochefort d'Artagnan bei Athos zuvorgekommen ſein. D'Artagnan hatte keine Zeit mit langen Studien zu verlieren. Er beſchloß auch, ſchon am andern Tage eine Erklärung herbeizuführen. Das geringe, ſo geſchickt verkleidete Vermögen von Athos deutete die Begierde zu ſcheinen an und verrieth einen Reſt leicht zu erregenden Ehrgeizes. Die Geiſteskraft und die Schärfe der Gedan⸗ ken von Athos machten aus ihm einen Mann, der ſich raſcher erregen ließ, als ein anderer. Er müßte in die Pläne des Miniſters mit um ſo größerem Eifer eingehen, als ſeine natürliche Thätigkeit durch eine Doſis Nothwen⸗ digkeit verdoppelt würde. Dieſe Gedanken hielten d'Artagnan trotz ſeiner Mü⸗ digkeit wach. Er entwarf ſeinen Angriffsplan, und ob⸗ gleich er wußte, daß Athos ein hartnäckiger Gegner war, ſo ſtellte er doch die Action auf den andern Tag nach dem Frühſtück feſt. Indeſſen ſagte er ſich auch andererſeits, daß man auf einem neuen Terrain mit Klugheit vorrücken une ſeine neuen Gewohnheiten verfolgen und ſich klar machen, aus dem naiven jungen Menſchen, ſei es bei Fechtübungen, ſei es irgend einem Wildpret nachjagend, vermittelnde Aus⸗ kunft, die ihm fehlte, um Athos von Einſt mit Athos von Jetzt zu verbinden, zu erhalten bemüht ſein müſſe, und dies könne nicht ſchwer werden, denn der Lehrer müſſe Einfluß auf den Geiſt und das Herz ſeines Zöglings ausüben. Aber d'Artagnan, der ein Mann von großer Feinheit war, begriff auch ſogleich, welche Chancen er gegen ſich geben würde, falls ein übereiltes Wort oder eine Ungeſchicklichkeit ſeine Manöver dem geübten Auge von Athos bloßſtellen würde. Dann iſt noch zu bemerken, daß d'Artagnan, obgleich m zu u den⸗ hatte. ng zu welche r, ſo ſt und inden, aus⸗ ohne it on r da⸗ thigen heine ungen nicht r der ptete, Was und vahr⸗ dieſe nicht mgen das war raus Unwillkürlich dachte er an Rochefort und an das, was ihm dieſer in der Notre⸗Dame⸗Kirche geſagt hatte. Sollte Rochefort dArtagnan bei Athos zuvorgekommen ſein. DArtagnan hatte keine Zeit mit langen Studien zu verlieren. Er beſchloß auch, ſchon am andern Tage eine Erklärung herbeizuführen. Das geringe, ſo geſchickt verkleidete Vermögen von Athos deutete die Begierde zu ſcheinen an und verrieth einen Reſt leicht zu erregenden Ehrgeizes. Die Geiſteskraft und die Schärfe der Gedan⸗ ken von Athos machten aus ihm einen Mann, der ſich raſcher erregen ließ, als ein anderer. Er müßte in die Pläne des Miniſters mit um ſo größerem Eifer eingehen, als ſeine natürliche Thätigkeit durch eine Doſis Nothwen⸗ digkeit verdoppelt würde. Dieſe Gedanken hielten dArtagnan trotz ſeiner Mü⸗ digkeit wach. Er entwarf ſeinen Angriffsplan, und ob⸗ gleich er wußte, daß Athos ein hartnäckiger Gegner war, ſo ſtellte er doch die Action auf den andern Tag nach dem Frühſtück feſt. Indeſſen ſagte er ſich auch andererſeits, daß man auf einem neuen Terrain mit Klugheit vorrücken, mehrere Tage lang die Bekanntſchaften von Athos ſtudiren, ſeine neuen Gewohnheiten verfolgen und ſich klar machen, aus dem naiven jungen Menſchen, ſei es bei Fechtübungen, ſei es irgend einem Wildpret nachjagend, vermittelnde Aus⸗ kunft, die ihm fehlte, um Athos von Einſt mit Athos von Jetzt zu verbinden, zu erhalten bemüht ſein müſſe, und dies könne nicht ſchwer werden, denn der Lehrer müſſe Einfluß auf den Geiſt und das Herz ſeines Zöglings ausüben. Aber dArtagnan, der ein Mann von großer Feinheit war, begriff auch ſogleich, welche Chancen er gegen ſich geben würde, falls ein übereiltes Wort oder eine Ungeſchicklichkeit ſeine Manöver dem geübten Ange von Athos bloßſtellen würde. Dann iſt noch zu bemerken, daß dArtagnan, obgleich 192 ganz bereit, ſich der Liſt gegen die Feinheit von Aramis oder die Eitelkeit von Porthos zu bedienen, ſich ſchämte, krumme Wege bei Athos, dem offenherzigen Manne, dem rechtſchaffenen Gemüthe, einzuſchlagen. Es kam ihm vor, als ob Aramis und Porthos, in ihm ihren Meiſter der Diplomatie erkennend, ihn noch mehr ſchätzen würden, während Athos im Gegentheil ihn weniger ſchätzen müßte. „Und warum iſt Grimaud, der ſchweigſame Gri⸗ maud, nicht hier?“ ſagte d'Artagnan.„Es gibt viele Dinge in ſeinem Stillſchweigen, die ich verſtanden hätte. Grimaud beſaß ein ſo beredtes Stillſchweigen. Mittlerweile hatte alles Geräuſch in dem Hauſe auf⸗ gehört. D'Artagnan hatte Thüren und Läden ſchließen hören. Die Hunde antworteten einander noch eine Zeit lang im Felde und ſchwiegen dann. Eine in einer Baumgruppe verborgene Nachtigall ſang noch mitten in der Nacht ihre harmoniſchen Tonleitern und entſchlummerte ſodann. Es war im Schloſſe nur noch das Geräuſch eines gleichmäßigen, monotonen Trittes unter ſeinem Zimmer zu vernehmen. Er dachte, es wäre dieß das Gemach von Athos. „Er geht auf und ab und überlegt,“ dachte d'Arta⸗ gnan;„aber was? Das kann man unmöglich wiſſen. Man konnte das Uebrige errathen, dies aber nicht.“ Endlich legte ſich Athos ohne Zweifel zu Bette und dieſes letzte Geräuſch erloſch. Die Stille und die Müdigkeit beſiegten im Vereine d'Artagnan. Er ſchloß ebenfalls die Augen und bei⸗ nahe in derſelben Sekunde bemeiſterte ſich ſeiner der Schlummer. D'Artagnan war kein Schläfer. Kaum hatte die Morgenröthe ſeine Vorhänge vergoldet, als er aus dem Bette ſprang und ſeine Fenſter öffnete: es kam ihm vor, als ſähe er durch den Laden einen Menſchen im Hofe umhergehen, der es vermeide, Lärm zu machen. Ge⸗ — EE SOSASͤ SS 1 192 ganz bereit, ſich der Liſt gegen die Feinheit von Aramis oder die Eitelkeit von Porthos zu bedienen, ſich ſchämte, krumme Wege bei Athos, dem offenherzigen Manne, dem rechtſchaffenen Gemüthe, einzuſchlagen. Es kam ihm vor, als ob Aramis und Porthos, in ihm ihren Meiſter der Diplomatie erkennend, ihn noch mehr ſchätzen würden, Athos im Gegentheil ihn weniger ſchätzen müßte. „Und warum iſt Grimaud, der ſchweigſame Gri⸗ maud, nicht hier?“ ſagte d'Artagnan.„Es gibt viele Dinge in ſeinem Stillſchweigen, die ich verſtanden hätte. Grimaud beſaß ein ſo beredtes Stillſchweigen. Mittlerweile hatte alles Geräuſch in dem Hauſe auf⸗ gehört. DArtagnan hatte Thüren und Läden ſchließen hören. Die Hunde antworteten einander noch eine Zeit lang im Felde und ſchwiegen dann. Eine in einer Baumgruppe verborgene Nachtigall ſang noch mitten in der Nacht ihre harmoniſchen Tonleitern und entſchlummerte ſodann. Es war im Schloſſe nur noch das Geräuſch eines gleichmäßigen, monotonen Trittes unter ſeinem Zimmer zu vernehmen. Er dachte, es wäre dieß das Gemach von Athos. „Er geht auf und ab und überlegt,“ dachte d'Arta⸗ gnanz;„aber was? Das kann man unmöglich wiſſen. Man konnte das Uebrige errathen, dies aber nicht.“ Endlich legte ſich Athos ohne Zweifel zu Bette und dieſes letzte Geräuſch erloſch. Die Stille und die Müdigkeit beſiegten im Vereine d»Artagnan. Er ſchloß ebenfalls die Augen und bei⸗ nahe in derſelben Sekunde bemeiſterte ſich ſeiner der Schlummer. D'Artagnan war kein Schläfer. Kaum hatte die Morgenröthe ſeine Vorhänge vergoldet, als er aus dem Bette ſprang und ſeine Fenſter öffnete: es kam ihm vor, als ſähe er durch den Laden einen Menſchen im Hofe umhergehen, der es vermeide, Lärm zu machen. Ge⸗ mäß vori wär los, Haa die am ie gehe Fuß wied unte Zwe Pfat der! Atho Er noch birgt oder iſt ſe es er in d wach im 6 Loire folge zu e des 3w mis nte, dem vor, der den, tzen Gri⸗ viele ätte. auf⸗ ren. 193 mäß ſeiner Gewohnheit, nichts, was in ſein Bereich kam, vorübergehen zu laſſen, ohne ſich zu verſichern, was es wäre, beobachtete d'Artagnan aufmerkſam, aber geräuſch⸗ los, und erkaunte das dunkelrothe Wamms und die braunen Haare von Raoul. Der junge Menſch, denn er war es wirklich, öffnete die Stallthüre, zog das braunrothe Pferd heraus, das er am Tage vorher geritten hatte, ſattelte und zäumte es mit eben ſo viel Geſchicklichkeit, als Geſchwindigkeit, ließ das Thier ſodann durch den geraden Gang des Gemüſegartens gehen, ſtieß eine kleine Seitenthüre auf, welche nach einem Fußpfade führte, zog ſein Pferd hinaus, verſchloß die Thüre wieder und d'Artagnan ſah ihn nun wie einen Pfeil ſich unter den herabhängenden und mit Blüthen beſetzten Zweigen der Akazien und Ahornbäume bückend hinſchießen. D'Artagnan hatte am Tage zuvor bemerkt, daß dieſer Pfad nach Blois führen mußte. „Ei, ei,“ ſagte der Gascogner,„das iſt ein Spitzbube, der bereits ſeine eigenen Wege geht und mir den Haß von Athos gegen das ſchöne Geſchlecht nicht zu theilen ſcheint. Er zieht nicht auf die Jagd, denn er hat weder Gewehr noch Hunde. Er vollſtreckt keinen Auftrag, denn er ver⸗ birgt ſich. Vor wem verbirgt er ſich?... Vor mir oder vor ſeinem Vater? denn ich bin uberzeugt, der Graf iſt ſein Vater. Bei Gott, was das betrifft, ſo werde ich es erfahren, denn ich ſpreche ohne alle Umſtände mit Athos.“ Der Tag nahm zu. Alles Geräuſch, das d'Artagnan in der Nacht nach und nach hatte erlöſchen hören, er⸗ wachte wieder. Der Vogel in den Zweigen, der Hund im Stalle, die Schafe in den Feldern, ſogar die in der Looire angebundenen Nachen ſchienen wieder zu erwachen, ſich vom Ufer zu löſen und dem Zuge des Waſſers zu folgen. D'Artagnan blieb am Fenſter, um Niemand zu erwecken; als er aber die Thüren und die Läden des Schloſſes ſich öffnen gehört hatte, gab er ſeinen Zwanzig Jahre nachher. I. 13 ramis ämte, „dem vor, er der ürden, hätzen Gri⸗ viele hätte. auf⸗ hören. igim rue t ihre Es igen, hmen. Arta⸗ viſſen. e und ereine bei⸗ der e die dem vor, Hofe ————— 193 mäß ſeiner Gewohnheit, nichts, was in ſein Bereich kam, vorübergehen zu laſſen, vhne ſich zu verſichern, was es wäre, beobachtete dArtagnan aufmerkſam, aber geräuſch⸗ los, und erkannte das dunkelrothe Wamms und die braunen Haare von Ravul. Der junge Menſch, denn er war es wirklich, öffnete die Stallthüre, zog das braunrothe Pferd heraus, das er am Tage vorher geritten hatte, ſattelte und zäumte es mit eben ſo viel Geſchicklichkeit, als Geſchwindigkeit, ließ das Thier ſodann durch den geraden Gang des Gemüſegartens gehen, ſtieß eine kleine Seitenthüre auf, welche nach einem Fußpfade führte, zog ſein Pferd hinaus, verſchloß die Thüre wieder und dArtagnan ſah ihn nun wie einen Pfeil ſich unter den herabhängenden und mit Blüthen beſetzten Zweigen der Akazien und Ahornbäume bückend hinſchießen. D'Artagnan hatte am Tage zuvor bemerkt, daß dieſer Pfad nach Blois führen mußte. „Ei, ei,“ ſagte der Gascogner,„das iſt ein Spitzbube, der bereits ſeine eigenen Wege geht und mir den Haß von Athos gegen das ſchöne Geſchlecht nicht zu theilen ſcheint. Er zieht nicht auf die Jagd, denn er hat weder Gewehr noch Hunde. Er vollſtreckt keinen Auftrag, denn er ver⸗ birgt ſich. Vor wem verbirgt er ſich? Vor mir oder vor feinem Vater? denn ich bin überzeugt, der Graf iſt ſein Vater. Bei Gott, was das betrifft, ſo werde ich es erfahren, denn ich ſpreche ohne alle Umſtände mit Athos.“ Der Tag nahm zu. Alles Geräuſch, das dArtagnan in der Nacht nach und nach hatte erlöſchen hören, er⸗ wachte wieder. Der Vogel in den Zweigen, der Hund im Stalle, die Schafe in den Feldern, ſogar die in der Loire angebundenen Nachen ſchienen wieder zu erwachen, ſich vom Ufer zu löſen und dem Zuge des Waſſers zu folgen. DArtagnan blieb am Fenſter, um Niemand zu erwecken; als er aber die Thüren und die Läden des Schloſſes ſich öffnen gehört hatte, gab er ſeinen Zwanzig Sahre nachher. 1. 1³ 194 Haaren einen letzten Strich, ſeinem Schnurrbart eine letzte Biegung, bürſtete aus Gewohnheit die Aufſchläge ſeines Hutes mit dem Aermel ſeines Wammſes und ging hinab. Kaum war er die letzte Stufe der Freitreppe hinabgeſtiegen, als er Athos gegen den Boden gebückt und in der Stel⸗ dund eines Mannes erblickte, der einen Thaler im Sande ucht. „Ei, guten Morgen, lieber Wirth„ ſagte d'Arta⸗ nan. 4„Guten Morgen, lieber Freund; war die Nacht gut?“ Vortrefflich, Athos, wie Euer Bett, wie Euer Abend⸗ brod geſtern, das mich zum Schlafe führen mußte, wie Euer Empfang bei meiner Ankunft. Aber was betrachtet Ihr ſo aufmerkſam? Solltet Ihr etwa zufällig Liebhaber von Tulpen geworden ſein?“ „Ihr muüßt deshalb meiner nicht ſpotten. Auf dem Lande verändert ſich der Geſchmack und man gelangt am Ende dazu, ohne daß man es gewahr wird, die ſchönen Dinge zu lieben, welche der Blick Gottes aus den Erd⸗ boden hervorkommen läßt und die man in den Städten verachtet. Ich betrachte ganz einfach einige Iris, welche „Wer iſt denn hier dieſen Morgen hinaus?“ fragte 194 Haaren einen letzten Strich, ſeinem Schnurrbart eine letzte Biegung, bürſtete aus Gewohnheit die Aufſchläge ſeines Hutes mit dem Aermel ſeines Wammſes und ging hinab. Kaum war er die letzte Stufe der Freitreppe hinabgeſtiegen, als er Athos gegen den Boden gebückt und in der Stel⸗ i eines Mannes erblickte, der einen Thaler im Sande ucht. nan. „Guten Morgen, lieber Freund; war die Nacht gut?“ Vortrefflich, Athos, wie Euer Bett, wie Euer Abend⸗ brod geſtern, das mich zum Schlafe führen mußte, wie Euer Empfang bei meiner Ankunft. Aber was betrachtet Ihr ſo aufmerkſam? Solltet Ihr etwa zufällig Liebhaber von Tulpen geworden ſein?“ „Ihr müßt deshalb meiner nicht ſpotten. Auf dem Lande verändert ſich der Geſchmack und man gelangt am Ende dazu, ohne daß man es gewahr wird, die ſchönen Dinge zu lieben, welche der Blick Gottes aus den Erd⸗ boden hervorkommen läßt und die man in den Städten verachtet. Ich betrachte ganz einfach einige Iris, welche ich bei dieſem Becken gepflanzt hatte und die mir dieſen Morgen niedergetreten worden ſind. Dieſe Gärtner ſind doch die ungeſchickteſten Leute der Welt. Nachdem ſie das Pferd zum Trinken geführt, ließen ſie es ohne Zweifel in die Rabatten treten.“ DArtagnan lächelte. „Ah“ ſagte er,„Ihr glaubt?“ Und er führte ſeinen Freund die Allee entlang, ww eine gute Anzahl von Tritten zu bemerken war, denen ähnlich, welche die Iris niedergetreten hatten.“ „Hier ſieht man ſie auch, wie es mir ſcheint, Athos,“ ſagte dArtagnan mit gleichgültigem Tone.. „Ja, und zwar ganz friſch.“ „Ganz friſch,“ wiederholte dArtagnan. „Wer iſt denn hier dieſen Morgen hinaus?“ fragte „Ei, guten Morgen, lieber Wirth,“ ſagte d'Arta⸗ ſich entſ „der daß Fin ſch a leich nach Val Fuß Hab voll es 2 Häl klein Ang Dieſ dieſe und ſchaf 19⁵ ſich Athos unruhig;„ſollte ein Pferd aus dem Stalle 3 entſprungen ſein?“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich,“ entgegnete d'Artagnan, „denn die Tritte ſind ganz gleich und ganz ruhig.“ „Wo iſt Raoul?“ rief Athos,„und wie kommt es, daß ich ihn noch nicht geſehen habe?“ 8 „Stille,“ ſagte d'Artagnan und legte lächelnd ſeinen Finger auf den Mund. „Was gibt es denn?“ fragte Athos. D'Artagnan erzählte, was er geſehen hatte, und ſchaute dabei forſchend ſeinem Wirthe in das Geſicht. „Ah, ich errathe jetzt Alles,“ ſagte Athos mit einer leichten Bewegung der Schultern.„Der arme Junge iſt nach Blois geritten.“ „Was dort thun?“ „Ei, mein Gott, um Nachricht über die kleine La Vallière einzuziehen. Ihr wißt, das Kind, daß ſich den Fuß verſtaucht hat.“. „Ihr meint?“ verſetzte d'Artagnan ungläubig. „Ich meine nicht nur, ſondern ich weiß es gewiß. Habt Ihr nicht bemerkt, daß Naoul verliebt iſt?“ „Gut! In wen? In dieſes ſiebenjährige Kind?“ „Mein Lieber, im Alter von Raoul iſt das Herz ſo voll, daß man es auf irgend etwas ausdehnen muß, ſei es Traum oder Wirklichkeit. Nun, ſeine Liebe gehört zur Hälfte zu dem einen, zur Hälfte zu dem andern.“ „Ihr ſcherzt! Dieſes kleine Mädchen...“ „Habt Ihr es nicht angeſchaut, es iſt das niedlichſte kleine Geſchöpf der Welt. Silberblonde Haare und blaue Augen, zugleich eigenſinnig und ſchmachtend.“ „Aber was ſagt Ihr zu dieſer Liebe?“ M„Sch ſage nichts, ich lache und ſpotte über Raoul. Dieſe erſten Bedürfniſſe des Herzens ſind ſo gebieteriſch, dieſes Aufkeimen der verliebten Schwermuth iſt ſo ſüß und ſo bitter, daß es zuweilen alle Charaktere der Leiden⸗ ſchaft zu haben ſcheint. Ich erinnere mich, d ich mich 4 . letzte ſeines inab. iegen, Stel⸗ ande Arta⸗ ut?“ bend⸗ wie ichtet aber dem am önen Erd⸗ dten elche eſen ſind das in nen s, gte 195 ſich Athos unruhig;„ſollte ein Pferd aus dem Stalle entſprungen ſein?“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich,“ entgegnete d'Artagnan, „denn die Tritte ſind ganz gleich und ganz ruhig.“ „Wo iſt Ravul?“ rief Athos,„und wie kommt es, daß ich ihn noch nicht geſehen habe?“ „Stille,“ ſagte d'Artagnan und legte lächelnd ſeinen Finger auf den Mund. „Was gibt es denn?“ fragte Athos. D'Artagnan erzählte, was er geſehen hatte, und ſchaute dabei forſchend ſeinem Wirthe in das Geſicht. „Ah, ich errathe jetzt Alles,“ ſagte Athos mit einer leichten Bewegung der Schultern.„Der arme Junge iſt nach Blois geritten.“ „Was dort thun?“ „Ei, mein Gott, um Nachricht über die kleine La Valliere einzuziehen. Ihr wißt, das Kind, daß ſich den Fuß verſtaucht hat.“ „Ihr meint?“ verſetzte d'Artagnan ungläubig. „Ich meine nicht nur, ſondern ich weiß es gewiß. Habt Ihr nicht bemerkt, daß Ravul verliebt iſt?“ „Gut! In wen? In dieſes ſiebenjährige Kind?“ „Mein Lieber, im Alter von Ravul iſt das Herz ſo voll, daß man es auf irgend etwas ausdehnen muß, ſei es Traum oder Wirklichkeit. Nun, ſeine Liebe gehört zur Hälfte zu dem einen, zur Hälfte zu dem andern.“ „Ihr ſcherzt! Dieſes kleine Mädchen.. „Habt Ihr es nicht angeſchaut, es iſt das niedlichſte kleine Geſchöpf der Welt. Silberblonde Haare und blaue Angen, zugleich eigenſinnig und ſchmachtend.“ „Aber was ſagt Ihr zu dieſer Liebe?“ „Ich ſage nichts, ich lache und ſpotte über Raoul. Dieſe erſten Bedürfniſſe des Herzens ſind ſo gebieteriſch, dieſes Aufkeimen der verliebten Schwermuth iſt ſo ſüß und ſo bitter, daß es zuweilen alle Charaktere der Leiden⸗ ſchaft zu haben ſcheint. Ich erinnere mich, 2 ich mich 13 196 im Alter von Naoul in eine griechiſche Statue verliebte, welche der gute König Heinrich IV. meinem Vater geſchenkt hatte, und daß ich vor Schmerz verrückt zu werden glaubte, als man mir ſagte, die Geſchichte von Pygmalion wäre nur eine Fabel.“ „Das iſt Folge des Müßiggangs. Ihr beſchäftigt Raoul nicht genug, und er ſucht ſich ſeinerſeits zu be⸗ ſchäftigen.“ „Nichts Anderes. Auch gedenke ich ihn von hier zu entfernen.“ „Und ihr thut wohl daran.“ „Allerdings, aber es wird ihm das Herz brechen und er wird ſo viel leiden, wie bei einer wahren Liebe. Seit drei bis vier Jahren und gleichſam ſelbſt noch ein Kind, hat er ſich daran gewöhnt, das kleine Idol, das er eines Tages anbeten würde, wenn er hier bliebe, zu ſchmücken und zu bewundern. Dieſe Kinder träumen jeden Tag mit einander und plaudern über tauſend ernſthafte Dinge, als ob es ein zwanzigjähriges Liebespaar wäre. Lange Zeit hat dieſe Geſchichte die Aeltern der kleinen La Valliére lachen gemacht. Aber ich glaube, ſie fangen an die Stirne zu runzeln.“ „Kinderei, Raoul bedarf der Zerſtreuung. Entfernt ihn raſch von hier, oder Ihr macht nie einen Mann aus ihm. „Ich glaube,“ ſprach Athos,„ich werde ihn nach Paris ſchicken.“ „Ah!“ rief d'Artagnan. Und er dachte, der Augenblick zur Eröffnung der Feindſeligkeiten wäre gekommen.. „Wenn Ihr wollt,“ ſprach er,„ſo können wir dieſem jungen Menſchen ein Schickſal machen.“. Ah!“ rief Athos ebenfalls. ⸗ „Ich will Euch ſogar über etwas um Rath fragen, * was mir im Kopf umher geht.“ „Thut es.“ .——— —+,n im Alter von Raoul in eine griechiſche Statue verliebte, welche der gute König Heinrich IV. meinem Vater geſchenkt hatte, und daß ich vor Schmerz verrückt zu werden glaubte, als man mir ſagte, die Geſchichte von Pygmalion wäre nur eine Fabel.“ „Das iſt Folge des Müßiggangs. Ihr beſchäftigt Raoul nicht genug, und er ſucht ſich ſeinerſeits zu be⸗ ſchäftigen.“ „Nichts Anderes. Auch gedenke ich ihn von hier zu entfernen.“ „Und ihr thut wohl daran.“ „Allerdings, aber es wird ihm das Herz brechen und er wird ſo viel leiden, wie bei einer wahren Liebe. Seit drei bis vier Jahren und gleichſam ſelbſt noch ein Kind, hat er ſich daran gewöhnt, das kleine Idol, das er eines Tages anbeten würde, wenn er hier bliebe, zu ſchmücken und zu bewundern. Dieſe Kinder träumen jeden Tag mit einander und plaudern über tauſend ernſthafte Dinge, als ob es ein zwanzigjähriges Liebespaar wäre. Lange Zeit hat dieſe Geſchichte die Aeltern der kleinen La Valliére lachen gemacht. Aber ich glaube, ſie fangen an die Stirne zu runzeln.“ „Kinderei, Ravul bedarf der Zerſtreuung. Entfernt ihn raſch von hier, oder Ihr macht nie einen Mann aus ihm. „Ich glaube,“ ſprach Athos,„ich werde ihn nach Paris ſchicken.“ „Ah!“ rief d'Artagnan. Und er dachte, der Augenblick zur Eröffnung der Feindſeligkeiten wäre gekommen. „Wenn Ihr wollt,“ ſprach er,„ſo können wir dieſem jungen Menſchen ein Schickſal machen.“ Ah!“ rief Athos ebenfalls. „Ich will Euch ſogar über etwas um Rath fragen, was mir im Kopf umher geht.“ „Thut es.“ neh eher kön es unſi Jug und den gnar der Köni 197 „Glaubt Ihr, die Zeit ſei gekommen, um Dienſt zu nehmen?“ „Aber Ihr ſeid ja noch im Dienſte, d'Artagnan.“ „Verſtehen wir uns recht, thätigen Dienſt. Hat das ehemalige Leben nichts mehr für Euch, was Euch reizen könnte, und wenn Euch wirklich Vortheile erwarteten, wäre es Euch nicht angenehm, in meiner Geſellſchaft und in der unſeres Freundes Porthos die Unternehmungen unſerer Jugend wieder zu beginnen?“ „Macht Ihr mir einen Vorſchlag,“ ſagte Athos. „Frei und offenherzig.“ „Um wieder in das Feld zu ziehen?“ „Ja.“ „Von wem und gegen wen?“ fragte Athos plötzlich und heftete ſein ſo klares und ſo wohlwollendes Auge auf den Gascogner. „Ah, Teufel! Ihr ſeid dringend.“ 4 „Und beſonders genau. Hört mich wohl, d'Arta⸗ gnan. Es gibt nur eine Perſon, oder vielmehr eine Sache, der ein Mann wie ich nützlich ſein kann: die Sache des Königs.“ „Das iſt es gerade,“ ſprach der Musketier. „Aber verſtändigen wir uns,“ verſetzte Athos ernſt. „Wenn Ihr unter der Sache des Königs die Sache von Herrn von Mazarin verſteht, ſo hören wir auf, uns zu begreifen.“ „Ich ſage das nicht gerade,“ antwortete der Gascog⸗ ner verlegen. „Hört, d'Artagnan,“ ſprach Athos,„ſpielen wir nicht bis zu Ende. Euer Zögern, Eure Umwege ſagen mir, von welcher Seite Ihr kommt. Dieſe Sache wagt man allerdings nicht laut zu geſtehen, und wenn man für die⸗ ſelbe wirbt, ſo thut man es mit geſenktem Ohre und mit verlegenem Tone.“ „Ah, mein lieber Athos!“ rief d'Artagnan. „Ei, Ihr wißt wohl)“ verſetzte Athos, daß ich nicht liebte, chenkt aubte, wäre äftigt u be⸗ er zu und Seit dind, eines ücken mit als Zeit liöre tirne ernt aus iach der ſem en, ———.— 197 „Glaubt Ihr, die Zeit ſei gekommen, um Dienſt zu nehmen?“ „Aber Ihr ſeid ja noch im Dienſte, dArtagnan.“ „Verſtehen wir uns recht, thätigen Dienſt. Hat das ehemalige Leben nichts mehr für Euch, was Euch reizen könnte, und wenn Euch wirklich Vortheile erwarteten, wäre es Euch nicht angenehm, in meiner Geſellſchaft und in der unſeres Freundes Rorthos die Unternehmungen unſerer Jugend wieder zu beginnen?“ „Macht Ihr mir einen Vorſchlag,“ ſagte Athos. „Frei und vffenherzig.“ 5„Um wieder in das Feld zu ziehen?“ „Ja. „Von wem und gegen wen?“ fragte Athos plötzlich und heftete ſein ſo klares und ſo wohlwollendes Auge auf den Gascogner. „Ah, Teufel! Ihr ſeid dringend.“ „Und beſonders genau. Hört mich wohl, d'Arta⸗ gnan. Es gibt nur eine Perſon, oder vielmehr eine Sache, der ein Mann wie ich nützlich ſein kann: die Sache des Königs.“ „Das iſt es gerade,“ ſprach der Musketier. „Aber verſtändigen wir uns,“ verſetzte Athos ernſt. „Wenn Ihr unter der Sache des Königs die Sache von Herrn von Mazarin verſteht, ſo hören wir auf, uns zu begreifen.“ „Ich ſage das nicht gerade,“ antwortete der Gascog⸗ ner verlegen. „Hört, dArtagnan,“ ſprach Athos,„ſpielen wir nicht bis zu Ende. Euer Zögern, Eure Umwege ſagen mir, von welcher Seite Ihr kommt. Dieſe Sache wagt man allerdings nicht laut zu geſtehen, und wenn man für die⸗ ſelbe wirbt, ſo thut man es mit geſenktem Ohre und mit verlegenem Tone.“ „Ah, mein lieber Athos!“ rief d'Artagnan. „Ei, Ihr wißt wohl,“ verſetze Athos, daß ich nicht 198 von Euch ſpreche, der Ihr die Perle der braven, kühnen Männer ſeid. Ich ſpreche von dem ſchmutzigen, intrigan⸗ ten Italiener, von dem Pedanten, der eine Krone auf ſein Haupt zu ſetzen verſucht, die er unter einem Kopfkiſſen ge⸗ ſtohlen hat, von dem Schurken, der ſeine Partei die Partei des Königs nennt und die Prinzen von Geblüt in das Gefängniß zu ſtecken trachtet, da er es nicht wagt, ſie zu tödten, wie es unſer Cardinal machte, der große Cardinal; ein Wucherer, der ſeine Goldthaler abwägt und die be⸗ ſchnittenen behält, aus Furcht, obgleich er betrügt, ſie beim Spiele am nächſten Tage zu verlieren; ein Schuft, der die Königin mißhandelt, wie man verſichert— übrigens deſto ſchlimmer für ſiel— und in drei Monaten einen Bürgerkrieg anfangen wird, um ſeine Penſionen zu behalten. Das iſt der Herr, den Ihr mir vorſchlagt, d'Artagnan? Großen Dank!. „Gott vergebe mir, Ihr ſeid lebhafter, als früher,“ ſprach d'Artagnan,„und die Jahre haben Euer Blut er⸗ hitzt, ſtatt es abzukühlen. Wer ſagt Euch, daß dies mein Herr iſt, und daß ich Euch denſelben aufdringen will?“ „Teufel!“ hatte der Gascogner zu ſich geſagt,„einem ſo ſchlecht geſtimmten Manne wollen wir unſere Geheim⸗ niſſe nicht anvertrauen.“ „Aber, mein lieber Freund,“ verſetzte Athos,„worin beſtehen dann Eure Vorſchläge?“ „Ei, mein Gott, nichts iſt einfacher. Ihr lebt auf Euern Gütern und ſeid, wie es ſcheint, glücklich auf Eurer goldenen Mittelſtraße. Porthos hat vielleicht 50 bis 60,000 Livres Renten; Aramis hat immer noch fünfzehn Herzoginnen, die ſich um den Prälaten ſtreiten; wie ſie ſich um den Musketier ſtritten; er iſt immer noch ein ver⸗ dorbenes Kind des Schickſals. Aber ich, was thue ich in der Welt? Ich trage meinen Küraß und mein Büffelleder ſeid zwanzig Jahren an den ungenügenden Grad an⸗ geklammert, ohne vorzurücken, ohne zurückzuweichen, ohne zu leben. Ich bin todt mit einem Worte. Wenn es ſich — 198 von Euch ſpreche, der Ihr die Perle der braven, kühnen Männer ſeid. Ich ſpreche von dem ſchmutzigen, intrigan⸗ ten Italiener, von dem Pedanten, der eine Krone auf ſein Haupt zu ſetzen verſucht, die er unter einem Kopfkiſſen ge⸗ ſtohlen hat, von dem Schurken, der ſeine Partei die Partei des Königs nennt und die Prinzen von Geblüt in das Gefängniß zu ſtecken trachtet, da er es nicht wagt, ſie zu tödten, wie es unſer Cardinal machte, der große Cardinal; ein Wucherer, der ſeine Goldthaler abwägt und die he⸗ ſchnittenen behält, aus Furcht, obgleich er betrügt, ſie beim Spiele am nächſten Tage zu verlieren; ein Schuft, der die Königin mißhandelt, wie man verſichert— übrigens deſto ſchlimmer für ſie!— und in drei Monaten einen Bürgerkrieg anfangen wird, um ſeine Penſivnen zu behalten. Das iſt der Herr, den Ihr mir vorſchlagt, d'Artagnan? Großen Dank! „Gott vergebe mir, Ihr ſeid lebhafter, als früher,“ ſprach d'Artagnan,„und die Jahre haben Euer Blut er⸗ hitzt, ſtatt es abzukühlen. Wer ſagt Euch, daß dies mein Herr iſt, und daß ich Euch denſelben aufdringen will?“ „Teufel!“ hatte der Gascogner zu ſich geſagt,„einem ſo ſchlecht geſtimmten Manne wollen wir unſere Geheim⸗ niſſe nicht anvertrauen.“ „Aber, mein lieber Freund,“ verſetzte Athos,„worin beſtehen dann Eure Vorſchläge?“ „Ei, mein Gott, nichts iſt einfacher. Ihr lebt auf Euern Gütern und ſeid, wie es ſcheint, glücklich auf Eurer goldenen Mittelſtraße. Porthos hat vielleicht 50 bis 60,000 Livres Renten; Aramis hat immer noch fünfzehn Herzoginnen, die ſich um den Prälaten ſtreiten; wie ſie ſich um den Musketier ſtritten; er iſt immer noch ein ver⸗ dorbenes Kind des Schickſals. Aber ich, was thue ich in der Welt? Ich trage meinen Küraß und mein Büffelleder ſeid zwanzig Jahren an den ungenügenden Grad an⸗ geklammert, ohne vorzurücken, ohne zurückzuweichen, vhne zu leben. Ich bin todt mit einem Worte. Wenn es ſich 2 für kon iſt He fint dre we um wa wi hä ort un oh S ſ 199 nen f für mich darum handelt, wieder ein wenig zu erwachen, ſo an⸗ kommt Ihr alle und ſagt mir: Es iſt ein Schurke! es ſein iſt ein Schuft! es iſt ein Wucherer! es iſt ein ſchlechter ge⸗ Herr! Ei, bei Gott! ich bin auch Eurer Meinung, aber rtei findet mir einen beſſern oder macht mir Renten!’“. das Athos dachte drei Sekunden nach, und nach dieſen zu drei Sekunden begriff er die Liſt von d'Artagnan, der, nal; weil er von Anfang zu weit gegangen war, nun abbrach, be⸗ um ſein Spiel zu verbergen. Er ſah deutlich, daß die eim Vorſchläge, die man ihm gemacht hatte, ernſt gemeint der waren, und ſich in ihrer ganzen Entwicklung erklärt haben gens hiaden, wenn er ihnen etwas länger ſein Ohr geliehen nen ätte. ten.„Gut,“ ſagte er ſich,„d'Artagnan iſt Mazarin.“ an? Von dieſem Augenblick an beobachtete er ihn mit außer⸗ ordentlicher Klugheit. er,“ DArtagnan ſeinerſeits ſpielte verſchloſſener, als je. er⸗„Aber Ihr habt einen Gedanken?“ fuhr Athos fort. nein„Allerdings, ich wollte von Euch Allen Rath einholen, 4 um darauf bedacht zu ſein, etwas zu thun, denn die Einen nem ohne die Andern ſind wir immer unvollſtändig.“ eim⸗„Allerdings. Ihr ſpracht mir von Porthos; habt 1 Ihr ihn beſtimmt, Vermögen zu ſuchen. Aber er beſitzt orin Vermögen?“ Ganz gewiß, er beſitzt. Doch der Menſch iſt einmal auf ſo, er wünſcht immer etwas Anderes.“ kurer„Und was wünſcht Porthos?“. bis„Baron zu ſein.“ 3. zehn„Ah, das iſt wahr; ich hatte es vergeſſen ſprach e ſie Athos lachend. ver⸗„Es iſt wahr?“ dachte d'Artagnan,„und woher hat h in er es erfahren? Sollte er mit Aramis im Brieſwechſel leder ſtehen? Ahl wenn ich das wüßte, ſo wüßte ich Alles.“ an⸗ Hier endigte die Unterredung, denn gerade in dieſem ohne Augenblick erſchien Raoul⸗ Athos wollte ihn ohne Bitter⸗ ſich eit zanken, aber der junge Menſch ſah ſo betrübt aus, ühnen rigan⸗ if ſein n ge⸗ Partei n das ſie zu dinal; ie be⸗ beim der rigens einen alten. nan? üher,“ ut er⸗ mein 12“ einem heim⸗ worin bt auf Eurer bis nfzehn ie ſie ver⸗ ich in elleder dan⸗ ohne s ſich ¹199 für mich darum handelt, wieder ein wenig zu erwachen, ſo kommt Ihr alle und ſagt mir: Es iſt ein Schurke! es iſt ein Schuft! es iſt ein Wucherer! es iſt ein ſchlechter Herr! Ei, bei Gottl ich bin auch Eurer Meinung, aber findet mir einen beſſern oder macht mir Renten!“ Athos dachte drei Sekunden nach, und nach dieſen drei Sekunden begriff er die Liſt von d'Artagnan, der, weil er von Anfang zu weit gegangen war, nun abbrach, um ſein Spiel zu verbergen. Er ſah deutlich, daß die Vorſchläge, die man ihm gemacht hatte, ernſt gemeint waren, und ſich in ihrer ganzen Entwicklung erklärt haben i wenn er ihnen etwas länger ſein Ohr geliehen hätte. „Gut,“ ſagte er ſich,„d'Artagnan iſt Mazarin.“ Von dieſem Augenblick an beobachtete er ihn mit außer⸗ ordentlicher Klugheit. DArtagnan ſeinerſeits ſpielte verſchloſſener, als je. „Aber Ihr habt einen Gedanken?“ fuhr Athos fort. „Allerdings, ich wollte von Euch Allen Rath einholen, um darauf bedacht zu ſein, etwas zu thun, denn die Einen ohne die Andern ſind wir immer unvollſtändig.“ „Allerdings. Ihr ſpracht mir von Porthos; habt Ihr ihn beſtimmt, Vermögen zu ſuchen. Aber er beſitzt Vermögen?“ Ganz gewiß, er beſitzt. Doch der Menſch iſt einmal ſo, er wünſcht immer etwas Anderes.“ „Und was wünſcht Porthos?“ „Baron zu ſein.“ „Ah, das iſt wahr; ich hatte es vergeſſen ſprach Athos lachend. „Es iſt wahr?“ dachte d'Artagnan,„und woher hat er es erfahren? Sollte er mit Aramis im Briefwechſel ſtehen? Ah! wenn ich das wüßte, ſo wüßte ich Alles.“ Hier endigte die Unterredung, denn gerade in dieſem Augenblick erſchien Ravul. Athos wollte ihn ohne Bitter⸗ keit zanken, aber der junge Menſch ſah ſo betrübt aus, daß er nicht den Muth hatte und ſich unterbrach, um ihn zu fragen, was ihm wäre. „Sollte es bei unſerer jungen Nachbarin ſchlimmer gehen?“ ſprach d'Artagnan. „Ach! Herr,“ verſetzte Raoul, beinahe unter dem Schmerze erſtickend,„ihr Fall iſt ſehr ernſt und der Arzt befürchtet, ſie werde, wenn auch ohne ſcheinbare Mißſtaltung, ihr ganzes Leben hinken.“ „Ah, das wäre furchtbar!“ ſprach Athos. D Artagnan hatte einen Scherz auf den Lippen, als er aber ſah, welchen Antheil Athos an dem Unglück nahm, hielt er ihn zurück. „O, Herr, was mich am meiſten hiebei in Verzweif⸗ lung bringt,“ verſetzte Ravul,„iſt der Umſtand, daß ich die Urſache dieſes Unglücks bin.“ „Wie Du, Raoul?“ fragte Athos.“ „Allerdings: iſt ſie nicht, um zu mir zu laufen, von dem Holzſtoße herabgeſprungen?“ 4 „Es bleibt Euch kein anderes Mittel, mein lieber NMadul als ſie zur Sühnung zu heirathen,“ ſagte d'Ar⸗ agnan.. „Mein Herr,“ entgegnete Raoul,„Ihr ſcherzt mit einem wahren Kummer: das iſt ſchlimm! Und Raoul, der der Einſamkeit bedurfte, um nach Belieben weinen zu können, ging in ſein Zimmer, das er erſt zur Frühſtücksſtunde wieder verließ. Das gute Einverſtändniß der zwei Freunde hatte ſich nicht im Mindeſten durch das Scharmützel am Morgen verändert: ſie frühſtückten mit dem beſten Appetit und ſchau⸗ ten von Zeit zu Zeit den armen Raoul an, der, die Augen feucht, das Herz ſchwer, kaum die Speiſen berührte. Am Ende des Fruühſtücks kamen zwei Brieſe, welche Athos mit der größten Aufmerkſamkeit las, ohne ſich wie⸗ derholt eines Bebens enthalten zu können. D'Artagnan, der ihn dieſe Briefe von der Seite des Tiſches an der andern leſen ſah und deſſen Geſicht äußerſt ſcharf war ☛ — ☛— 200 daß er nicht den Muth hatte und ſich unterbrach, um ihn zu fragen, was ihm wäre. „Sollte es bei unſerer jungen Nachbarin ſchlimmer gehen?“ ſprach d'Artagnan. „Ach! Herr,“ verſetzte Ravul, beinahe unter dem Schmerze erſtickend,„ihr Fall iſt ſehr ernſt und der Atzt befürchtet, ſie werde, wenn auch ohne ſcheinbare Mißſtaltung, ihr ganzes Leben hinken.“ „Ah, das wäre furchtbar!“ ſprach Athos. DArtagnan hatte einen Scherz auf den Lippen, als er aber ſah, welchen Antheil Athos an dem Unglück nahm, hielt er ihn zurück. „O, Herr, was mich am meiſten hiebei in Verzweif⸗ lung bringt,“ verſetzte Ravul,„iſt der Umſtand, daß ich die Urſache dieſes Unglücks bin.“ „Wie Du, Ravul?“ fragte Athos.“ „Allerdings: iſt ſie nicht, um zu mir zu laufen, von dem Holzſtoße herabgeſprungen?“ „Es bleibt Euch kein anderes Mittel, mein lieber Ravul, als ſie zur Sühnung zu heirathen,“ ſagte dAr⸗ tagnan. „Mein Herr,“ entgegnete Ravul,„Ihr ſcherzt mit einem wahren Kummer: das iſt ſchlimm! Und Raoul, der der Einſamkeit bedurfte, um nach Belieben weinen zu können, ging in ſein Zimmer, das er erſt zur Frühſtuͤcksſtunde wieder verließ. Das gute Einverſtändniß der zwei Freunde hatte ſich nicht im Mindeſten durch das Scharmützel am Morgen verändert: ſie frühſtückten mit dem beſten Appetit und ſchau⸗ ten von Zeit zu Zeit den armen Raoul an, der, die Augen ſeucht, das Herz ſchwer, kaum die Speiſen berührte. Am Ende des Frühſtücks kamen zwei Brieſe, welche Athos mit der größten Aufmerkſamkeit las, ohne ſich wie⸗ derholt eines Bebens enthalten zu können. DArtagnan, der ihn dieſe Briefe von der Seite des Tiſches an der andern leſen ſah und deſſen Geſicht äußerſt ſcharf war we leic 3h wo — 201 ſchwor, er erkenne auf eine untrügliche Weiſe die kleine Handſchrift von Aramis. Bei dem andern Briefe nahm er eine lange, ſchwankende Frauenhandſchrift wahr. „Kommt,“ ſagte d'Artagnan zu Raoul, als er ſah, daß Athos allein zu bleiben wünſchte, entweder, um die Briefe zu beantworten oder um darüber nachzudenken;„kommt, wir wollen einen Gang in dem Fechtſaale machen, das wird Euch zerſtreuen.“ Der junge Menſch ſchaute Athos an, welcher ſei⸗ nen Blick mit einem Zeichen der Beiſtimmung beant⸗ wortete. D'Artagnan und Raoul gingen in einen Saal, in welchem Rappiere, Handſchuhe, Bruſtſtücke und ähnliche zum Fechten gehörige Gegenſtände aufgehängt waren. „Nun?“ fragte Athos, als er nach einer Viertelſtunde im Saale erſchien. „Es iſt bereits Euere Hand, mein lieber Athos,“ antwortete d'Artagnan,„und wenn es auch Euer kaltes Blut wird, ſo habe ich Euch nur mein Compliment zu machen.“ Der junge Menſch war etwas beſchämt. Für die paar Male, die er d'Artagnan am Arm oder am Schen⸗ kel berührt hatte, hatte ihn dieſer zwanzigmal auf den vollen Leib getroffen. In dieſem Augenblick trat Charlot ein und überbrachte einen ſehr eiligen Brief für d'Artagnan, den ein Bote ſo eben abgegeben hatte. Nun war die Reihe an Athos, aus einem Winkel des Auges zu beobachten. D Artagnan las den Brief ohne eine ſcheinbare Be⸗ wegung und ſagte, nachdem er ihn geleſen hatte, mit einem leichten Schütteln des Kopfes: „Seht, mein lieber Freund, was der Dienſt iſt, und Ihr habt meiner Treue Necht, nicht wieder eintreten zu woollen: Herr von Treville iſt krank geworden, die Com⸗ 201 ihn ſchwor, er erkenne auf eine untrügliche Weiſe die kleine Handſchrift von Aramis. Bei dem andern Briefe nahm mer er eine lange, ſchwankende Frauenhandſchrift wahr. „Kommt,“ ſagte d'Artagnan zu Raoul, als er ſah, daß dem Athos allein zu bleiben wünſchte, entweder, um die Briefe Arzt zu beantworten oder um darüber nachzudenken;„kommt, ung, wir wollen einen Gang in dem Fechtſaale machen, das wird Euch zerſtreuen.“ Der junge Menſch ſchaute Athos an, welcher ſei⸗ als nen Blick mit einem Zeichen der Beiſtimmung beant⸗ hm, wortete. D'Artagnan und Ravul gingen in einen Saal, in eif⸗ welchem Rappiere, Handſchuhe, Bruſtſtücke und ähnliche ich zum Fechten gehörige Gegenſtände aufgehängt waren. „Nun?“ fragte Athos, als er nach einer Viertelſtunde im Saale erſchien. von„Es iſt bereits Euere Hand, mein lieber Athos,“ antwortete d'Artagnan,„und wenn es auch Euer kaltes eber Blut wird, ſo habe ich Euch nur mein Compliment zu Ar⸗ machen.“ Der junge Menſch war etwas beſchämt. Für die mit paar Male, die er d'Artagnan am Arm oder am Schen⸗ eeel berührt hatte, hatte ihn dieſer zwanzigmal auf den ach vollen Leib getroffen. das In dieſem Augenblick trat Charlot ein und überbrachte einen ſehr eiligen Brief für dArtagnan, den ein Bote ſo ich eben abgegeben hatte. en Nun war die Reihe an Athos, aus einem Winkel m⸗ des Auges zu beobachten. en DArtagnan las den Brief ohne eine ſcheinbare Be⸗ wegung und ſagte, nachdem er ihn geleſen hatte, mit einem cheleichten Schütteln des Kopfes: „Seht, mein lieber Freund, was der Dienſt iſt, und hr habt meiner Treue Recht, nicht wieder eintreten zu er wollen: Herr von Treville iſt krank geworden, die Com⸗ ar vagnie kann meiner nicht entbehren und mein Urlaub geht ſomit verloren.“ haft„Ihr kehrt nach Paris zurück?“ ſprach Athos leb⸗ haft. „Ei, mein Gott! ja,“ erwiederte d'Artagnan;„aber kommt Ihr nicht auch ſelbſt dahin?“ 6 Athos erröthete ein wenig und antwortete: „Wenn ich dahin käme, würde ich mich ſehr glück⸗ lich ſchätzen, Euch zu ſehen.“ „Holla! Planchet!“ rief d'Artagnan aus der Thüre, „wir reiſen in zehn Minuten: gib den Pferden Haber.“ Dann ſich gegen Athos umwendend: „Es iſt mir, als feſſelte mich etwas hier und es thut mir in der That unendlich leid, Euch verlaſſen zu müſſen, ohne den guten Grimand geſehen zu haben.“ „Grimaud?“ verſetzte Athos.„Ach! es iſt wahr, ich wunderte mich, daß Ihr Euch nicht nach ihm erkun⸗ digtet. Ich habe ihn einem von meinen Freunden ge⸗ liehen.“. „Der ſein Zeichen verſteht?“ ſagte d'Artagnan. „Ich hoffe es.“ Die zwei Freunde umarmten ſich herzlich. D'Arta⸗ gnan drückte Raoul die Hand, nahm Athos das Ver⸗ ſprechen ab, ihn zu beſuchen, wenn er nach Paris käme, und ihm zu ſchreiben, wenn er nicht käme. Planchet, pünktlich wie immer, ſaß bereits im Sattel. „Kommt Ihr nicht mit mir?“ ſprach d'Artagnan lachend zu Ravul;„ich reite durch Blois.“ Ravul wandte ſich gegen Athos um, der ihn durch ein unmerkliches Zeichen zurückhielt.. „Mein Herr,“ antwortete der Jüngling,„ich bleibe bei dem Herrn Grafen.“ „In dieſem Falle lebt wohl, alle Beide,“ ſprach d'Artagnan und drückte ihnen zum letzten Male die Hand, „und GSott beſchütze Euch, wie wir ſagten, ſo oft wir uns zur Zeit des ſeligen Cardinals trennten.“ — 202 vagnie kann meiner nicht entbehren und mein Urlaub geht ſomit verloren.“ „Ihr kehrt nach Paris zwück?“ ſprach Athos leb⸗ haft. „Ei, mein Gott! ja,“ erwiederte d'Artagnan;„aber kommt Ihr nicht auch ſelbſt dahin?“ Athos erröthete ein wenig und antwortete: „Wenn ich dahin käme, würde ich mich ſehr glück⸗ lich ſchätzen, Euch zu ſehen.“ „Holla! Planchet!“ rief d'Artagnan aus der Thüre, „wir reiſen in zehn Minuten: gib den Pferden Haber.“ Dann ſich gegen Athos umwendend: „Es iſt mir, als feſſelte mich etwas hier und es thut mir in der That unendlich leid, Euch verlaſſen zu müſſen, ohne den guten Grimaud geſehen zu haben.“ „Grimaud?“ verſetzte Athos.„Ach! es iſt wahr, ich wunderte mich, daß Ihr Euch nicht nach ihm erkun⸗ digtet. Ich habe ihn einem von meinen Freunden ge⸗ liehen.“ „Der ſein Zeichen verſteht?“ ſagte d'Artagnan. „Ich hoffe es.“ Die zwei Freunde umarmten ſich herzlich. D'Arta⸗ gnan drückte Ravul die Hand, nahm Athos das Ver⸗ ſprechen ab, ihn zu beſuchen, wenn er nach Paris käme, und ihm zu ſchreiben, wenn er nicht käme. Planchet, pünktlich wie immer, ſaß bereits im Sattel. „Kommt Ihr nicht mit mir?“ ſprach d'Artagnan lachend zu Ravul;„ich reite durch Blois.“ Raoul wandie ſich gegen Athos um, der ihn durch ein unmerkliches Zeichen zurückhielt. „Mein Herr,“ antwortete der Jüngling,„ich bleibe bei dem Herrn Grafen.“ „In dieſem Falle lebt wohl, alle Beide,“ ſprach dArtagnan und drückte ihnen zum letzten Male die Hand, „und Gott beſchütze Euch, wie wir ſagten, ſo oft wir uns zur Zeit des ſeligen Cardinals trennten.“ 1 1—— — ₰ —— 203 Athos machte ihm ein Zeichen mit der Hand, Raoul eine Verbeugung und d'Artagnan entfernte ſich mit Planchet. Der Graf folgte ihnen mit den Augen, die Hand auf die Schulter des jungen Menſchen geſtützt, deſſen Höhe beinahe der ſeinigen gleichkam, aber ſobald ſie hinter der Mauer verſchwunden waren, ſagte Athos: „Raoul, wir reiſen dieſen Abend nach Paris.“ „Wie!“ rief der Jüngling erbleichend. „Du kannſt Dein Lebewohl und das meinige Frau von Saint⸗Remy vermelden. Ich erwarte Dich hier um ſieben Uhr.“ 4 Der Jüngling verbeugte ſich mit einem von Schmerz und Dankbarkeit gemiſchten Ausdrucke und ging weg, um ſein Pferd zu ſatteln. D⸗Artagnan war kaum aus dem Blicke, als er den Brief aus der Taſche zog, um ihn noch einmal zu leſen: „Kommt auf der Stelle nach Pasls, zuaüik. & „Der Brief iſt trocken,“ murmelte d'Artagnan,„und wenn nicht eine Nachſchrift dabei wäre, hätte ich ihn viel⸗ leicht nicht verſtanden, aber zum Glücke findet ſich eine Nachſchrift.“ Und er las die herrliche Nachſchrift, die ihn die Trocken⸗ heit des Briefes vergeſſen ließ. N. S. Geht zu dem Schatzmeiſter des Königs in Blois, nennt ihm Euern Namen und zeigt ihm dieſen Brief; Ihr werdet zweihundert Piſtolen erhalten.“ „Dieſe Proſa liebe ich,“ ſprach d'Artagnan,„und der Cardinal ſchreibt beſſer, als ich glaubte. Vorwärts, Planchet, wir wollen dem Herrn Schatzmeiſter des Königs einen Beſuch machen, und dann die Sporen ein⸗ geſetzt!“ „ Nach Paris, gnädiger Herr?“ „ Nach Paris.“ 5 X 203 geht Athos machte ihm ein Zeichen mit der Hand, Raoul leb⸗ eine Verbeugung und d'Artagnan entfernte ſich mit Planchet. Der Graf folgte ihnen mit den Augen, die Hand auf Kr die Schulter des jungen Menſchen geſtützt, deſſen Höhe heinahe der ſeinigen gleichkam, aber ſobald ſie hinter der Maer verſchwunden waten, ſagte Athos: lück⸗„Naoul, wir reiſen dieſen Abend nach Paris.“ hüre„Wie!“ rief der Jüngling erbleichend. .„Du kannſt Dein Lebewohl und das meinige Frau von Saint⸗Remy vermelden. Ich erwarte Dich hier um thut ſieben Uhr.“ 3 iſſen Der Jüngling verbeugte ſich mit einem von Schmerz und Dankbarkeit gemiſchten Ausdrucke und ging weg, um ſein Pferd zu ſatteln. ht⸗ D'Artagnan war kaum aus dem Blicke, als er den Brief aus der Taſche zog, um ihn noch einmal zu leſen: g„Kommt auf der Stelle nach Paris zurück. J M „Der Brief iſt trocken,“ murmelte d'Artagnan,„und wenn nicht eine Nachſchriſt dabei wäre, hätte ich ihn viel⸗ Ver⸗ ie ih„aber zum Glücke findet ſich eine kachſchrift. Und er las die herrliche Nachſchrift, die ihn die Trocken⸗ heit des Briefes vergeſſen ließ. ſn N. S. Geht zu dem Schatzmeiſter des Königs in 8 Blois, nennt ihm Euern Namen und zeigt ihm dieſen durch Brief; Ihr werdet zweihundert Piſtolen erhalten.“ „Dieſe Proſa liebe ich,“ ſprach d'Artagnan,„und hleibe der Cardinal ſchreibt beſſer, als ich glaubte. Vorwärts, Planchet, wir wollen dem Herrn Schatzmeiſter des prach Kigh einen Beſuch machen, und dann die Sporen ein⸗ geſetzt! S„Nach Paris, gnädiger Herr?“ „Nach Paris.“ 204 Und Beide ritten in ſtarkem Trabe die Straße ent⸗ lang. XVII. Herr von Beaufort. Man vernehme, was ſich ereignet hatte und was die Urſachen waren, welche die Rückkehr von d'Artagnan nach Paris nothwendig machten. Als ſich eines Abends Mazarin, ſeiner Gewohnheit gemäß, zu einer Stunde, wo ſich alle Welt entfernt hatte, zu der Königin begab und an dem Saale der Wachen vorüber kam, deſſen eine Thüre nach dem Vorzimmer ging, hörte er laut in dieſem Saale ſprechen; er wollte wiſſen, worüber die Soldaten ſich unterhielten, näherte ſich, eben⸗ falls ſeiner Gewohnheit gemäß, mit Wolfstritten, ſtieß die Phäne etwas auf und ſteckte durch die Oeffnung den Kopf inein. Es war ein Streit unter den Wachen. „Und ich erwiedere Euch,“ ſprach Einer von den Soldaten,„wenn Coyſel dies vorhergeſagt hat, ſo iſt die Sache ſo gewiß, als ob ſie bereits geſchehen wäre. Ich kenne ihn nicht, aber ich habe gehört, er wäre nicht nur ein Aſtrolog, ſondern auch ein Magier.“ „Peſt! mein Lieber, wenn er zu Deinen Freunden gehört, ſo nimm Dich in Acht, Du leiſteſt ihm einen ſchlechten Dienſt.“ „Warum dies?“ 3 „Weil man ihm leicht den Prozeß machen könnte.“ „Ah, bahl man verbrennt heut zu Tage die Zau⸗ berer nicht mehr.“ „Nicht? Es ſcheint mir jedoch, es iſt noch nicht ſo lange her, daß der verſtorbene Cardinal Urbain Grandier — 204 Und Beide ritten in ſtarkem Trabe die Straße ent⸗ lang. XVII. Herr von Beaufort. Man vernehme, was ſich ereignet hatte und was die Urſachen waren, welche die Rückkehr von dArtagnan nach Paris nothwendig machten. Als ſich eines Abends Mazarin, ſeiner Gewohnheit gemäß, zu einer Stunde, wo ſich alle Welt entfernt hatte, zu der Königin begab und an dem Saale der Wachen vorüber kam, deſſen eine Thüre nach dem Vorzimmer ging, hörte er laut in dieſem Saale ſprechenz er wollte wiſſen, worüber die Soldaten ſich unterhielten, näherte ſich, eben⸗ falls ſeiner Gewohnheit gemäß, mit Wolfstritten, ſtieß die Thüre etwas auf und ſteckte durch die Oeffnung den Kopf hinein. Es war ein Streit unter den Wachen. „Und ich erwiedere Euch,“ ſprach Einer von den Soldaten,„wenn Coyſel dies vorhergeſagt hat, ſo iſt die Sache ſo gewiß, als ob ſie bereits geſchehen wäre. Ich kenne ihn nicht, aber ich habe gehört, er wäre nicht nur ein Aſtrolog, ſondern auch ein Magier.“ „Peſt! mein Lieber, wenn er zu Deinen Freunden gehört, ſo nimm Dich in Acht, Du leiſteſt ihm einen ſchlechten Dienſt.“ „Warum dies?“ „Weil man ihm leicht den Prozeß machen könnte.“ „Ah, bah! man verbrennt heut zu Tage die Zau⸗ berer nicht mehr.“ „Nicht? Es ſcheint mir jedoch, es iſt noch nicht ſo lange her, daß der verſtorbene Cardinal Urbain Grandier ver wa ſon Gr die abe blie iſt, ———— 20⁵ verbrennen ließ. Ich weiß etwas davon zu erzählen, ich war Wache bei dem Scheiterhaufen und ſah ihn röſten.“ „Mein Lieber, Urbain Grandier war kein Zauberer, ſondern ein Gelehrter, das iſt ganz etwas Anderes. Urbain Grandier weiſſagte nicht die Zukunft, ſondern er kannte die Vergangenheit, was zuweilen noch viel ſchlimmer iſt.“ Mazarin ſchüttelte beipflichtend den Kopf. Da er aber wiſſen wollte, über welche Weiſſagung man ſtritt, ſo blieb er auf der Stelle. „Ich ſage Dir nicht,“ verſetzte der Soldat,„Coyſel ſei kein Zauberer, ſondern ich ſage Dir, daß wenn er ſeine Weiſſagung zum Voraus bekannt macht, dies das Mittel iſt, daß ſie nicht in Erfüllung geht.“ „Warum?“ „Ganz gewiß, wenn wir uns mit einander ſchlagen und ich ſage Dir, ich will Dir eine Terze oder ich will Dir eine Sekunde beibringen, ſo parirſt Du natürlich. Wenn nun Coyſel ſo laut ſagt, daß es der Cardinal hört, an dem und dem Tag wird ſich der und der Ge⸗ fangene flüchten, ſo wird der Cardinal offenbar ſeine Maßregeln ſo gut nehmen, daß ſich der Gefangene nicht flüchten kann. Ei, mein Gott,“ ſprach ein Anderer, der, auf einer Bank gelagert, zu ſchlafen ſchien und trotz ſeines ſchein⸗ baren Schlafes kein Wort von dem Geſpräche verlor, „glaubt Ihr, die Menſchen können ihrem Geſchicke ent⸗ gehen? Wenn es da oben geſchrieben ſteht, daß Herr von Beaufort ſich flüchten ſoll, ſo wird er ſich flüchten, und alle Vorſichtsmaßregeln des Cardinals können es nicht ver⸗ hindern.“ Mazarin bebte. Er war Italiener, das heißt, aber⸗ gläubiſch. Raſch trat er mitten unter die Wachen, welche, ihn gewahr werdend, ihr Geſpräch unterbrachen. „Was ſagtet Ihr, meine Herren,“ ſprach er mit ſeinem ſchmeichelnden Lächeln.„Ich glaubte, Herr von Beaufort wäre entwichen.“ ent⸗ die nach heit atte, chen ing, ſſen, ben⸗ die dopf den die Ich nur den nen au⸗ ier verbrennen ließ. Ich weiß etwas davon zu erzählen, ich war Wache bei dem Scheiterhaufen und ſah ihn röſten.“ „Mein Lieber, Urbain Grandier war kein Zauberer, ſondern ein Gelehrter, das iſt ganz etwas Anderes. Urbain Grandier weiſſagte nicht die Zukunft, ſondern er kannte die Vergangenheit, was zuweilen noch viel ſchlimmer iſt.“ Mazarin ſchüttelte beipflichtend den Kopf. Da er aber wiſſen wollte, über welche Weiſſagung man ſtritt, ſo blieb er auf der Stelle. „Ich ſage Dir nicht,“ verſetzte der Soldat,„Coyſel ſei kein Zauberer, ſondern ich ſage Dir, daß wenn er ſeine Weiſſagung zum Voraus bekannt macht, dies das Mittel iſt, daß ſie nicht in Erfüllung geht.“ „Warum?“ „Ganz gewiß, wenn wir uns mit einander ſchlagen und ich ſage Dir, ich will Dir eine Terze oder ich will Dir eine Sekunde beibringen, ſo parirſt Du natürlich. Wenn nun Coyſel ſo laut ſagt, daß es der Cardinal hört, an dem und dem Tag wird ſich der und der Ge⸗ fangene flüchten, ſo wird der Cardinal vffenbar ſeine Maßregeln ſo gut nehmen, daß ſich der Gefangene nicht flüchten kann. Ei, mein Gott,“ ſprach ein Anderer, der, auf einer Bank gelagert, zu ſchlafen ſchien und trotz ſeines ſchein⸗ baren Schlafes kein Wort von dem Geſpräche verlor, „glaubt Ihr, die Menſchen können ihrem Geſchicke ent⸗ gehen? Wenn es da oben geſchrieben ſteht, daß Herr von Beaufort ſich flüchten ſoll, ſo wird er ſich flüchten, und alle Vorſichtsmaßregeln des Cardinals können es nicht ver⸗ hindern.“ Mazarin bebte. Er war Italiener, das heißt, aber⸗ gläubiſch. Raſch trat er mitten unter die Wachen, welche, ihn gewahr werdend, ihr Geſpräch unterbrachen. „Was ſagtet Ihr, meine Herren,“ ſprach er mit ſeinem ſchmeichelnden Lächeln.„Ich glaubte, Herr von Beaufort wäre entwichen.“ 206 „Ohl nein, Monſeigneur,“ ſprach der ungläubige Soldat, für den Augenblick iſt noch keine Gefahr. Man ſagte nur, er ſollte entweichen.“ „Und wer ſagt dies?“ „Wiederholt Eure Geſchichte, Saint⸗Laurent,“ ſagte der Garde, ſich gegen den Erzähler umwendend. 4 „Monſeigneur,“ ſprach dieſer,„ich erzählte ganz ein⸗ fach dieſen Herren, was ich von der Weiſſagung eines gewiſſen Coyſel gehört habe, welcher behauptet, ſo gut auch Herr von Beaufort bewacht ſei, ſo werde er doch vor Pfingſten entkommen.“ „Und dieſer Coyſel iſt ein Träumer? ein Narr?“ verſetzte der Cardinal, beſtändig lächelnd. „Nein,“ antwortete der Garde, hartnäckig in ſeiner Gläubigkeit.“ Er weiſſgte viele Dinge, welche geſchehen ſind, z. B., die Königin würde einen Sohn gebären, Co⸗ ligny in einem Duell mit dem Herzog von Guiſe ge⸗ tödtet, der Coadjutor zum Cardinal ernannt werden. Die Königin gebar nicht nur einen erſten Sohn, ſondern auch zwei Jahre ſpäter einen zweiten und Herr von Coligny wurde getödtet.“ „Ja,“ ſagte Mazarin,„aber der Herr Coadjutor iſt noch nicht Cardinal.“ 1 „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte der Garde,„aber er wird es werden.“ Mazarin machte eine Grimaſſe, welche ſagen wollte: er hat das Baret noch nicht. Dann fügte er bei: 4 „Es iſt alſo Eure Meinung, mein Freund, Herr von Beaufort ſolle ſich flüchten.“ 2* „Dieß iſt ſo ſehr meine Meinung, Monſeigneur,“ ſprach der Soldat,„daß ich, wenn Eure Eminenz mir zu dieſer Stunde die Stelle von Herrn von Chavigny, das heißt, die des Gouverneurs im Schloſſe Vincennes anböte, Pfingſten wäre es etwas Anderes.“ Es gibt nichts Ueberzengenderes, als eine große Ueber⸗ . 4 ich dieſelbe nicht annehmen würde. Ja, am Tage nach 206 „Oh! nein, Monſeigneur,“ ſprach der ungläubige Soldat, für den Augenblick iſt noch keine Gefahr. Man ſagte nur, er ſollte entweichen.“ „Und wer ſagt dies?“ „Wiederholt Eure Geſchichte, Saint⸗Laurent,“ ſagte der Garde, ſich gegen den Erzähler umwendend. „Monſeigneur,“ ſprach dieſer,„ich erzählte ganz ein⸗ fach dieſen Herren, was ich von der Weiſſagung eines gewiſſen Coyſel gehört habe, welcher behauptet, ſo gut auch Herr von Beaufort bewacht ſei, ſo werde er doch vor Pfingſten entkommen.“ „Und dieſer Coyſel iſt ein Träumer? ein Narr?“ verſetzte der Cardinal, beſtändig lächelnd. „Nein,“ antwortete der Garde, hartnäckig in ſeiner Gläubigkeit.“ Er weiſſagte viele Dinge, welche geſchehen ſind, z. B., die Königin würde einen Sohn gebären, Co⸗ ligny in einem Duell mit dem Herzog von Guiſe ge⸗ tödtet, der Cvadjutor zum Cardinal ernannt werden. Die Königin gebar nicht nur einen erſten Sohn, fondern auch zwei Jahre ſpäter einen zweiten und Herr von Coligny wurde getödtet.“ „Ja,“ ſagte Mazarin,„aber der Herr Cvadjutor iſt noch nicht Cardinal.“ „Nein, Monſeigneur,“ erwiederte der Garde,„aber er wird es werden.“ Mazarin machte eine Grimaſſe, welche ſagen wollte: er hat das Baret noch nicht. Dann fügte er bei: „Es iſt alſp Eure Meinung, mein Freund, Herr von Beaufort ſolle ſich flüchten.“ „Dieß iſt ſo ſehr meine Meinung, Monſeigneur,“ ſprach der Soldat,„daß ich, wenn Eure Eminenz mir zu dieſer Stunde die Stelle von Herrn von Chavigny, das heißt, die des Gonverneurs im Schloſſe Vincennes anböte, ich dieſelbe nicht annehmen würde. Ja, am Tage nach Pfingſten wäre es etwas Anderes.“ Es gibt nichts Ueberzeugenderes, als eine große Ueber⸗ —— 207 zeugung. Sie übt ſogar ihren Einfluß auf Ungläubige aus, und weit entfernt, ungläubig zu ſein, war Mazarin, wie geſagt, vielmehr abergläubiſch. Er entfernte ſich alſo ganz in Gedanken verſunken. „Der Knauſer!“ ſprach der Garde, welcher an der Wand lehnte.„Er ſtellte ſich, als glaubte er nicht an Euern Magier, Saint⸗Laurent, damit er Euch nichts zu geben brauchte. Aber ſobald er in ſeine Wohnung zu⸗ rückgekehrt iſt, wird er Eure Weiſſagung benützen. Statt ſeinen Weg nach dem Zimmer der Königin 3 fortzuſetzen, kehrte Mazarin wirklich nach ſeinem Cabinet zurück, rief Bernouin und gab Befehl, man ſolle ihm am andern Morgen bei Tagesanbruch den Gefreiten holen, den er Herrn von Beaufort beigegeben habe, und ihn wecken, ſo bald er kommen würde. Ohne es zu vermuthen, hatte der Garde die ſchmerz⸗ lichſte Wunde des Cardinals mit dem Finger berührt. Seit den fünf Jahren, die Herr von Beaufort im Ge⸗ fängniſſe ſaß, verging kein Tag, an welchem Mazarin nicht dachte, Herr von Beaufort werde früher oder ſpäter entkommen. Man konnte einen Enkel von Heinrich IV. nicht ſein ganzes Leben lang gefangen halten, beſonders wenn dieſer Enkel von Heinrich IV. kaum dreißig Jahre alt war. Aber wie er den Kerker verlaſſen mochte, welchen Haß mußte er nicht in ſeiner Gefangenſchaft gegen den⸗ jenigen angehäuft haben, welchem er dieſelbe zu danken hatte,... der ihn, reich, tapfer, berühmt, von den Frauen geliebt, von den Männern gefürchtet, gefaßt hatte, um von ſeinem Leben die ſchönſten Jahre abzuſchneiden, denn im Gefängniß leben iſt kein Daſein. Mittlerweile verdoppelte azarin ſeine Wachſamkeit gegen Herrn von Beaufort, nur war er dem Geizigen in der Fabel ähnlich, der neben ſeinem Schatze nicht ſchlafen konnte. Oft erwachte er plötzlich in der Nacht bei dem Traume, man habe ihm Herrn von Beaufort geſtohlen. Dann erkundigte er ſich F bige Man ſagte ein⸗ eines auch vor rr?“ einer een Co⸗ ge⸗ Die auch ligny jutor „aber llte: von ur,“ ir zu das böte, nach eber⸗ 207 zeugung. Sie übt ſogar ihren Einfluß auf Ungläubige aus, und weit entfernt, ungläubig zu ſein, war Mazarin, wie geſagt, vielmehr abergläubiſch. Er entfernte ſich alſo ganz in Gedanken verſunken. „Der Knauſer!“ ſprach der Garde, welcher an der Wand lehnte.„Er ſtellte ſich, als glaubte er nicht an Fuern Magier, Saint⸗Laurent, damit er Euch nichts zu geben brauchte. Aber ſobald er in ſeine Wohnung zu⸗ rückgekehrt iſt, wird er Eure Weiſſagung benützen. Statt ſeinen Weg nach dem Zimmer der Königin fortzuſetzen, kehrte Mazarin wirklich nach ſeinem Cabinet zurück, rief Bernouin und gab Befehl, man ſolle ihm am andern Morgen bei Tagesanbruch den Gefreiten holen, den er Herrn von Beaufort beigegeben habe, und ihn wecken, ſo bald er kommen würde. Ohne es zu vermuthen, hatte der Garde die ſchmetz⸗ lichſte Wunde des Cardinals mit dem Finger berührt. Seit den ſünf Jahren, die Herr von Beaufort im Ge⸗ fängniſſe ſaß, verging kein Tag, an welchem Mazarin nicht dachte, Herr von Beaufort werde früher oder ſpäter entkommen. Man fonnte einen Enkel von Heinrich IW. nicht ſein ganzes Leben lang gefangen halten, beſonders wenn dieſer Enkel von Heinrich W. kaum dreißig Jahre alt war. Aber wie er den Kerker verlaſſen mochte, welchen Haß mußte er nicht in ſeiner Gefangenſchaft gegen den⸗ jenigen angehäuft haben, welchem er dieſelbe zu danken hatte,„der ihn, reich, tapfer, berühmt, von den Frauen geliebt, von den Männern gefürchtet, gefaßt hatte, um von ſeinem Leben die ſchönſten Jahre abzuſchneiden, denn im Gefängniß leben iſt kein Daſein. Mittlerweile verdoppelte Mazarin ſeine Wachſamkeit gegen Herrn von Beaufort, nur war er dem Geizigen in der Fabel ähnlich, der neben ſeinem Schatze nicht ſchlafen konnte. Oft erwachte er glötzlich in der Nacht bei dem Traume, man habe ihm Herrn von Beaufort geſtohlen. Dann erkundigte er ſich 208 nach ihm, und bei jeder Erkundigung, die er einzog, mußte er zu ſeinem Schmerze erfahren, der Gefangene ſpiele, trinke, ſinge und befinde ſich ganz vortrefflich. Aber mit⸗ ten im Spielen, Trinken und Singen unterbreche er ſich immer wieder, um zu ſchwören, Mazarin ſoll ihm das Vergnügen, das er ihn in Vincennes zu genießen nöthige, heuer bezahlen. Dieſer Gedanke beſchäftigte den Miniſter ganz ge⸗ waltig. Als Bernouin Morgens ſieben Uhr in ſein Zim⸗ mer trat, um ihn aufzuwecken, war auch ſein erſtes Wort: „He, was gibt es? Iſt Herr von Beaufort aus Vin⸗ cennes entwichen?“ „Ich glaube nicht, Monſeigneur,“ antwortete Ber⸗ nouin, deſſen officielle Ruhe ſich nie verleugnete.„Aber in jedem Fall bekommt Ihr Nachricht von ihm, denn der Gefreite La Ramée, den man dieſen Morgen in Vincen⸗ 8— nes geholt hat, iſt da und erwartet die Befehle Eurer Eminenz.“ „Oeffnet und laßt ihn eintreten,“ ſprach Mazarin, und legte ſeine Kiſſen ſo zurecht, daß er ihn im Bette ſitzend empfangen konnte. Der Offizier“) trat ein. Es war ein großer, dicker, pausbäckiger Mann von gutem Ausſehen. Er hatte eine gewiſſe ruhige Miene, welche Mazarin beunruhigte. „Dieſer Burſche ſieht ganz aus, wie ein Dummkopf,“ murmelte er. der Thüre ſtehen. „Nähert Euch, mein Herr,“ ſagte Mazarin. Der Gefreite gehorchte. 5 *) Gefreiter— Exempt— hatte in Frankreich einen viel wei⸗ teren Umfang. Der Gefreite bei den Garden zum Beiſpiel hatte Rittmeiſters oder Hauptmanns Rang. 1 Der Gefreite blieb aufrecht und ſtillſchweigend an na 208 nach ihm, und bei jeder Erkundigung, die er einzog, mußte er zu ſeinem Schmerze erfahren, der Gefangene ſpiele, trinke, ſinge und befinde ſich ganz vortrefflich. Aber mit⸗ ten im Spielen, Trinken und Singen unterbreche er ſich immer wieder, um zu ſchwören, Mazarin ſoll ihm das Vergnügen, das er ihn in Vincennes zu genießen nöthige, theuer bezahlen. Dieſer Gedanke beſchäftigte den Miniſter ganz ge⸗ waltig. Als Bernouin Morgens ſieben Uhr in ſein Zim⸗ mer trat, um ihn aufzuwecken, war auch ſein erſtes Wort: „He, was gibt es? Iſt Herr von Beaufort aus Vin⸗ cennes entwichen?“ „Ich glaube nicht, Monſeigneur,“ antwortete Ber⸗ nouin, deſſen officielle Ruhe ſich nie verleugnete.„Aber in jedem Fall bekommt Ihr Nachricht von ihm, denn der Gefreite La Ramée, den man dieſen Morgen in Vincen⸗ nes geholt hat, iſt da und erwartet die Befehle Eurer Eminenz.“ „Oeffnet und laßt ihn eintreten,“ ſprach Mazarin, und legte ſeine Kiſſen ſo zurecht, daß er ihn im Bette ſitzend empfangen konnte. Der Offizier?“) trat ein. Es war ein großer, dicker, pausbäckiger Mann von gutem Ausſehen. Er hatte eine gewiſſe ruhige Miene, welche Mazarin beunruhigte. „Dieſer Burſche ſieht ganz aus, wie ein Dummkopf,“ murmelte er. Der Gefreite blieb aufrecht und ſtillſchweigend an— der Thüre ſtehen. „Nähert Euch, mein Herr,“ ſagte Mazarin. Der Gefreite gehorchte. *) Gefreiter— Exempt— hatte in Frankreich einen viel wei⸗ leren Umfang. Der Gefreite bei den Garden zum Beiſpiel hatte Rittmeiſters oder Hauptmanns Rang. nal wei⸗ iſpiel 209 „Wißt Ihr, was man hier ſagt?“ fuhr der Cardi⸗ nal fort. „Nein, Monſeigneur.“ „Nun wohl, man ſagt, Herr von Beaufort werde aus Vincennes entweichen, wenn er es nicht bereits gethan hat.“ 4 Das Geſicht des Officiers drückte das tiefſte Erſtau⸗ nen aus. Er öffnete zugleich ſeine kleinen Augen und ſeinen großen Mund, um den Scherz beſſer zu koſten, den ſeine Eminenz an ihn zu richten ihm die Ehre erwies. Da er bei einer ſolchen Vorausſetzung den Ernſt nicht länger behaupten konnte, ſo brach er in ein ſo mächtiges Gelächter aus, daß ſeine dicken Glieder wie von einem hef⸗ tigen Fieber bei dieſer Heiterkeit geſchüttelt wurden⸗ Mazarin war entzückt über dieſen nicht ſehr reſpekt⸗ vollen Ausbruch; aber er behielt deſſenungeachtet ſeine ernſte Miene bei. Als La Ramée genug gelacht und ſich die Augen abgetrocknet hatte, dachte er, es wäre Zeit, zu ſprechen, um die Unſchicklichkeit ſeines Lachens zu entſchuldigen. „Entweichen,“ ſprach er,„entweichen?„Euere Emi⸗ nenz weiß alſo nicht, wo Herr von Beaufort iſt?“ „Allerdings, mein Herr, ich weiß, daß er im Kerker von Vincennes iſt.“ „Ja, Monſeigneur, in einem Zimmer, deſſen Mauern ſieben Fuß tief ſind, mit Fenſtern mit gekreuzten Gittern, an denen jede Stange ſo dick iſt, wie ein Arm.“ „Mein Herr,“ ſagte Mazarin,„mit Geduld dringt man durch alle Mauern, und mit einer Uhrfeile durch⸗ ſägt man eine eiſerne Stange.“ „Aber Monſeigneur weiß nicht, daß er acht Wachen bei ſich hat, vier in ſeinem Vorzimmer und vier in ſeinem Zimmer, und daß dieſe Wachen ihn nie ver⸗ laſſen.“ Zwangig Jahre nachher. I. 14 nußte ſpiele, mit⸗ ſich das thige, ge⸗ Zim⸗ Port: Vin⸗ Ber⸗ „Aber n der incen⸗ Eurer zarin, Bette dicker, eine kopf,“ d an l wei⸗ zeiſpiel „Wißt Ihr, was man hier ſagt?“ fuhr der Cardi⸗ nal fort. „Nein, Monſeigneur.“ „Nun wohl, man ſagt, Herr von Beaufort werde entweichen, wenn er es nicht bereits gethan hat. Das Geſicht des Officiers drückte das tieſſte Erſtau⸗ nen aus. Er öffnete zugleich ſeine kleinen Augen und ſeinen großen Mund, um den Scherz beſſer zu koſten, den ſeine Eminenz an ihn zu richten ihm die Ehre erwies. Da er bei einer ſolchen Vorausſetzung den Ernſt nicht länger behaupten konnte, ſo brach er in ein ſo mächtiges Gelächter aus, daß ſeine dicken Glieder wie von einem hef⸗ tigen Fieber bei dieſer Heiterkeit geſchüttelt wurden⸗ Mazarin war entzückt über dieſen nicht ſehr reſpekt⸗ vollen Ausbruch; aber er behielt deſſenungeachtet ſeine ernſte Miene bei. Als La Ramée genug gelacht und ſich die Augen abgetrocknet hatte, dachte er, es wäre Zeit, zu ſprechen, um die Unſchicklichkeit ſeines Lachens zu entſchuldigen. „Entweichen,“ ſprach er,„entweichen?„Euere Emi⸗ nenz weiß alſo nicht, wo Herr von Beaufort iſt?“ „Allerdings, mein Herr, ich weiß, daß er im Kerker von Vincennes iſt.“ „Ja, Monſeigneur, in einem Zimmer, deſſen Mauern ſieben Fuß tief ſind, mit Fenſtern mit gekreuzten Gittern, an denen jede Stange ſo dick iſt, wie ein Arm.“ „Mein Herr,“ ſagte Mazarin,„mit Geduld dringt man durch alle Mauern, und mit einer Uhrfeile durch⸗ ſägt man eine eiſerne Stange.“ „Aber Monſeigneur weiß nicht, daß er acht Wachen bei ſich hat, vier in ſeinem Vorzimmer und vier in ſeinem Zimmer, und daß dieſe Wachen ihn nie ver⸗ laſſen.“ Zwanzig Jahre nachher. 1. 14 210 3„Aber er verläßt ſein Zimmer, treibt das Kolbenſpiel oder das Ballſpiel.“ „Monſeigneur, ſolche Unterhaltungen ſind den Ge⸗ fangenen geſtattet; wenn jedoch Seine Eminenz will, ſo wird man ihm dieſelbe entziehen.“ 4„Nein, nein,“ ſagte Mazarin, welcher befürchtete, wenn man ihm dieſe Vergnügungen entzöge und ſein Ge⸗ fangener jemals Vincennes verließe, ſo würde er es noch mehr gegen ihn aufgebracht, verlaſſen.„Ich frage nur, mit wem er ſpielt?“ „Monſeigneur, er ſpielt mit dem Officier von der Wache, oder mit mir, oder auch mit den andern Ge⸗ fangenen.“ „Aber nähert er ſich beim Spiele nicht den Mauern? „Monſeigneur, Euere Eminenz kennt die Mauern nicht? Die Mauern ſind ſechzig Fuß hoch, und ich zweifle, ob Herr von Beaufort ſo ſehr des Lebens müde iſt, daß er es wagen würde, von oben herabſpringend den Hals zu brechen.“ 8 „Hm)“ ſagte der Cardinal, der nun ruhiger zu wer⸗ den anfing,„Ihr meint alſo, mein lieber La Ramée...“ „Wenn Herr von Beaufort nicht Mittel findet, ſich 8 einen kleinen Vogel zu verwandeln, ſo ſtehe ich fuͤr ihn. „Nehmt Cuch in Acht, Ihr behauptet zu viel,“ ver⸗ ſetzte Mazarin.„Herr von Beaufort ſagte zu den Wa⸗ chen, welche ihn nach Vincennes führten, er habe oft an den Fall, daß man ihn einkerkern wuͤrde, gedacht und habe für dieſen Fall vierzigerlei Manieren gefunden, aus dem Gefängniß zu entkommen.“ „Monſeigneur, wenn unter den vierzig Manieren eine gute wäre,“ antwortete La Ramée,„glaubt mir, ſo wäre er längſt heraus.“ „Er iſt nicht ſo dumm, als ich wähnte,“ murmelte Mazarin. 15 „Ueberdies vergißt Monſeigneur, daß Herr von Co— „Aber er verläßt ſein Zimmer, treibt das Kolbenſpiel oder das Ballſpiel.“ „Monſeigneur, ſolche Unterhaltungen ſind den Ge⸗ fangenen geſtattet; wenn jedoch Seine Eminenz will, ſo wird man ihm dieſelbe entziehen.“ „Nein, nein,“ ſagte Mazarin, welcher befürchtete, wenn man ihm dieſe Vergnügungen entzöge und ſein Ge⸗ fangener jemals Vincennes verließe, ſo würde er es noch; mehr gegen ihn aufgebracht verlaſſen.„Ich frage nur, mit wem er ſpielt?“ „Monſeigneur, er ſpielt mit dem Officier von der Wache, oder mit mir, oder auch mit den andern Ge⸗ fangenen.“ „Aber nähert er ſich beim Spiele nicht den Mauern?“ „Monſeigneur, Euere Eminenz kennt die Mauern nicht? Die Mauern ſind ſechzig Fuß hoch, und ich zweifle, ob Herr von Beaufort ſo ſehr des Lebens müde iſt, daß er es wagen würde, von oben herabſpringend den Hals zu brechen.“ „Hm,“ ſagte der Cardinal, der nun ruhiger zu wer⸗ den anfing,„Ihr meint alſo, mein lieber La Ramée... „Wenn Herr von Beaufort nicht Mittel findet, ſich einen kleinen Vogel zu verwandeln, ſo ſtehe ich für hn. „Nehmt Euch in Acht, Ihr behauptet zu viel,“ ver⸗ ſetzte Mazarin.„Herr von Beaufort ſagte zu den Wa⸗ chen, welche ihn nach Vincennes führten, er habe oft an Fre Ste jeſt ich. non mac kan wel eine gez loſi tra den Fall, daß man ihn einkerkern würde, gedacht und habe für dieſen Fall vierzigerlei Manieren gefunden, aus dem Gefängniß zu entkommen.“ „Monſeigneur, wenn unter den vierzig Manieren eine gute wäre,“ antwortete La Ramée,„glaubt mir, ſo wäre er längſt heraus.“ „Er iſt nicht ſo dumm, als ich wähnte,“ mumelte Mazarin. wä ver hal ſchl Ack „Ueberdies vergißt Monſeigneur, daß Herr von 211 Chavigny Gouverneur von Vincennes iſt,“ fuhr La Ra⸗ mée fort, und daß Herr von Chavigny nicht zu den Freunden von Herrn von Beaufort gehört.“ „Aber Herr von Chavigny entfernt ſich.“ „Wenn er ſich entfernt, bin ich da.“— „Aber wenn Ihr Eunch ſelbſt entfernt.“* „Oh, wenn ich mich ſelbſt entferne, ſo iſt an meiner Stelle ein kluger Burſche da, der Gefreiter Seiner Ma⸗ jeſtät zu werden trachtet und gute Wache hält, dafür ſtehe ich. Seit ich ihn vor drei Wochen in meinen Dienſt ge⸗ nommen habe, kann ich ihm nur Eines zum Vorwurf machen, daß er zu hart gegen den Prinzen iſt.“ „Und wer iſt dieſer Cerberus?“ fragte der Cardinal. „Ein gewiſſer Herr Grimaud, Monſeigneur.“ Was machte er, ehe er zu Euch nach Vincennes kam?“ „Er war in der Provinz, wie mir derjenige ſagte, welcher mir ihn empfohlen hat. Er hat ſich dort wegen eines böſen Streites irgend eine ſchlimme Geſchichte zu⸗ gezogen und es wäre ihm vielleicht erwünſcht, ſich Straf⸗ loſigkeit unter der Uniform des Königs zuzuziehen.“ „Und wer hat ihn Euch empfohlen?“ „Der Intendant des Herrn Herzogs von Grammont.“ „Man kann alſo Eurer Meinung nach auf ihn ver⸗ trauen?“ „Wie auf mich ſelbſt, Monſeigneur.“ r iſt kein Schwätzer?“ „Jeſus Chriſtus, Monſeigneur, ich glaubte lange, er wäre ſtumm. Er ſpricht und antwortet nur durch Zeichen. Es ſcheint, ſein früherer Herr hat ihn ſo abgerichtet.“. „Nun wohl, ſagt ihm, mein lieber Herr La Ramée,“ verſetzte der Cardinal,„wenn er gut und getreulich Wache halte, ſo werde man die Augen über ſeinen Provinzſtreichen ſchließen, ihm eine Uniform auf den Rücken legen, um ihm Achtung zu verſchaffen, und in die Taſchen ieſr Uniſorin nſpiel Ge⸗ , ſo chtete, Ge⸗ noch nur, der Ge⸗ n auern veifle, aß er ls zu wer⸗ ſich 13 Wa⸗ ft an habe dem tieren ſo melte von ———.— 21¹¹ Chavigny Gouverneur von Vincennes iſt,“ fuhr La Ra⸗ mée fort, und daß Herr von Chavigny nicht zu den Freunden von Herrn von Beaufort gehört.“ „Aber Herr von Chavigny entfernt ſich.“ „Wenn er ſich entfernt, bin ich da.“ „Aber wenn Ihr Euch ſelbſt entfernt.“ „Oh, wenn ich mich ſelbſt entferne, ſo iſt an meiner Stelle ein kluger Burſche da, der Gefreiter Seiner Ma⸗ jeſtät zu werden trachtet und gute Wache hält, dafür ſtehe ich. Seit ich ihn vor drei Wochen in meinen Dienſt ge⸗ nommen habe, kann ich ihm nur Eines zum Vorwurf machen, daß er zu hart gegen den Prinzen iſt.“ „Und wer iſt dieſer Cerberus?“ fragte der Cardinal. „Ein gewiſſer Herr Grimaud, Monſeigneur.“ Was machte er, ehe er zu Euch nach Vincennes kam?“ „Er war in der Provinz, wie mir derjenige ſagte, welcher mir ihn empfohlen hat. Er hat ſich dort wegen eines böſen Streites irgend eine ſchlimme Geſchichte zu⸗ gezogen und es wäre ihm vielleicht erwünſcht, ſich Straf⸗ loſigkeit unter der Uniform des Königs zuzuziehen.“ „Und wer hat ihn Euch empfohlen?“ „Der Intendant des Herrn Herzogs von Grammont.“ „Man kann alſo Eurer Meinung nach auf ihn ver⸗ trauen?“ „Wie auf mich ſelbſt, Monſeigneur.“ „Er iſt kein Schwätzer?“ „Jeſus Chriſtus, Monſeigneur, ich glaubte lange, er wäre ſtumm. Er ſpricht und antwortet nur durch Zeichen. Es ſcheint, ſein früherer Herr hat ihn ſo abgerichtet.“ „Nun wohl, ſagt ihm, mein lieber Herr La Ramée,“ verſetzte der Cardinal,„wenn er gut und getreulich Wache halte, ſo werde man die Augen über ſeinen Provinzſtreichen ſchließen, ihm eine Uniform auf den Rücken legen, um ihm Achtung zu verſchaffen, und in die Taſchen 212 einige Piſtolen ſtecken, daß er auf die Geſundheit des Königs trinken könne.“ Mazarin ging ſehr weit in Verſprechungen. Er war gerade das Gegentheil von dem von La Ramée gerühmten bien Peren Grimaud, welcher wenig ſprach und viel handelte. Der Cardinal machte noch eine Menge Fragen an La Ramée über den Gefangenen, über ſeine Nahrungsmittel, ſeine Wohnung, ſein Bett, und La Ramée beantwortete dieſe Fragen ſo genugend, daß er ihn beinahe beruhigt entließ. Da es neun Uhr Morgens war, ſo ſtand er auf, parfümirte, kleidete ſich und ging zu der Königin, um ihr die Urſachen mitzutheilen, die ihn in ſeiner Wohnung zu⸗ rückgehalten hatten. Die Königin, welche Herrn von Beaufort kaum weniger fürchtete, als den Cardinal ſelbſt, und beinahe eben ſo abergläubiſch war, wie er, ließ ihn Wort für Wort alle Verſprechungen von La Ramée und alle Lobeserhebungen wiederholen, die dieſer ſeinem Ge⸗ hülfen geſpendet hatte. Sobald der Cardinal damit zu Ende war, ſagte ſie mit halber Stimme zu ihm: „Ach! Herr, daß wir nicht einen Grimaud bei jedem Prinzen haben.“— „Geduld,“ ſprach Mazarin, mit ſeinem italieniſchen Lächeln;„das wird vielleicht eines Tags kommen, aber mittlerweile...“ „Nun mittlerweile?“ „Werde ich immerhin meine Vorſichtsmaßregeln nehmen.“ Und hienach hatte er d'Artagnan geſchrieben, er möge ſeine Rückkehr beſchleunigen. 3 212 einige Piſtolen ſtecken, daß er auf die Geſundheit des Königs trinken köune.“ Mazarin ging ſehr weit in Verſprechungen. Er war gerade das Gegentheil von dem von La Ramöe gerühmten guten Herrn Grimaud, welcher wenig ſprach und viel handelte. Der Cardinal machte noch eine Menge Fragen an La Ramée über den Gefangenen, über ſeine Nahrungsmittel, ſeine Wohnung, ſein Bett, und La Ramée beantwortete dieſe Fragen ſo genügend, daß er ihn beinahe beruhigt entließ. Da es neun Uhr Morgens war, ſo ſtand er auf, parfümirte, kleidete ſich und ging zu der Königin, um ihr die Urſachen mitzutheilen, die ihn in ſeiner Wohnung zu⸗ rückgehalten hatten. Die Königin, welche Herrn von Beaufort kaum weniger fürchtete, als den Cardinal ſelbſt, und beinahe eben ſo abergläubiſch war, wie er, ließ ihn Wort für Wort alle Verſprechungen von La Ramée und alle Lobeserhebungen wiederholen, die dieſer ſeinem Ge⸗ hülfen geſpendet hatte. Sobald der Cardinal damit zu Ende war, ſagte ſie mit halber Stimme zu ihm: „Ach! Herr, daß wir nicht einen Grimaud bei jedem Prinzen haben.“ „Geduld,“ ſprach Mazarin, mit ſeinem italieniſchen Lächeln;„das wird vielleicht eines Tags kommen, aber mittlerweile.. „Nun mittlerweile?“ „Werde ich immerhin meine Vorſichtsmaßregeln nehmen.“ Und hienach hatte er d'Artagnan geſchrieben, er möge ſeine Rückkehr beſchleunigen. — mac zen die die Rac Sch ſoge rau dem derr Mi rich und bede dem wig der ſein Unt übe ſag Gu dieſ lege Kör und 213 XVIII. Woran ſich der Herzog von Beaufort im Kerker ergötzte. Der Gefangene, der dem Herrn Cardinal ſo Vange* machte, und deſſen Entweichungsmittel die Ruhe des gan⸗ zen Hofes ſtörten, hatte kaum eine Ahnung von der Angſt, die man ſeinetwegen im Palais Royal empfand. Er ſah ſich ſo bewunderungswürdig bewacht, daß er die Fruchtloſigkeit ſeiner Verſuche erkannte; ſeine ganze Rache beſtand darin, daß er zahllovſe Verwünſchungen und Schmähworte gegen Mazarin ausſtieß. Er verſuchte es ſogar, Verſe zu machen, leiſtete aber ſehr bald wieder da⸗ rauf Verzicht. Herr von Beaufort hatte nicht nur von dem Himmel die Gabe der Dichtkunſt nicht erhalten, ſon⸗ dern er drückte ſich ſogar oft in Proſa mit der größten Mühe aus. Der Herzog von Beaufort war der Enkel von Hein⸗ rich IV. und Gabriele d'Eſtrées, eben ſo gut, eben ſo brav und beſonders eben ſo Gascogner, wie ſein Großvater, aber bedeutend weniger in den Wiſſenſchaften bewandert. Nach⸗ dem er eine Zeit lang nach dem Tode von König Lud⸗ wig XIII. der Günſtling, der Mann des Vertrauens, kurz der Erſte am Hofe geweſen war, mußte er eines Tages ſeinen Platz Mazarin abtreten und wurde der Zweite. Und am Tage nachher, da er ſo wahnſinnig war, ſich über dieſe Verſetzung zu ärgern, und ſo unklug, es zu ſagen, ließ ihn die Königin verhaften und durch denſellben Guitaut nach Vincennes führen, den wir am Anfange dieſer Geſchichte geſehen haben, und wieder zu finden Ge⸗ legenheit haben werden. Wohl verſtanden, wer ſagt: die Königin, ſagt: Mazarin. Man hatte ſich ſeiner Perſon und ſeiner Anſprüche nicht nur entledigt, ſondern man be 1 1 * irrerr eirgleer n des war mten viel n La ittel, ortete uhigt auf, ihr u⸗ von elbſt, ihn und Ge⸗ t zu dem chen aber geln töge —————— 213 XVIII. Woran ſich der Herzog von Beaufort im Rerker ergötzte. Der Gefangene, der dem Herrn Cardinal ſo bange machte, und deſſen Entweichungsmittel die Ruhe des gan⸗ zen Hofes ſtörten, hatte kaum eine Ahnung von der Angſt, die man ſeinetwegen im Palais Royal empfand. Er ſah ſich ſo bewunderungswürdig bewacht, daß er die Fruchtloſigkeit ſeiner Verſuche erkannte; ſeine ganze Rache beſtand darin, daß er zahlloſe Verwünſchungen und Schmähworte gegen Mazarin ausſtieß. Er verſuchte es ſogar, Verſe zu machen, leiſtete aber ſehr bald wieder da⸗ rauf Verzicht. Herr von Beaufort hatte nicht nur von dem Himmel die Gabe der Dichtkunſt nicht erhalten, ſon⸗ dern er drückte ſich ſogar oft in Proſa mit der größten Mühe aus. Der Herzog von Beaufort war der Enkel von Hein⸗ rich IV. und Gabriele d'Eſtrées, eben ſo gut, eben ſo brav und beſonders eben ſo Gascogner, wie ſein Großvater, aber bedeutend weniger in den Wiſſenſchaften bewandert. Nach⸗ dem er eine Zeit lang nach dem Tode von König Lud⸗ wig IIII. der Günſtling, der Mann des Veitrauens, kurz der Erſte am Hofe geweſen war, mußte er eines Tages ſeinen Platz Mazarin abtreten und wurde der Zweite. Und am Tage nachher, da er ſo wahnſinnig war, ſich über dieſe Verſetzung zu ärgern, und ſo unklug, es zu ſagen, ließ ihn die Königin verhaften und durch denſelben Guitaut nach Vincennes führen, den wir am Anfange dieſer Geſchichte geſehen haben, und wieder zu finden Ge⸗ legenheit haben werden. Wohl verſtanden, wer ſagt: die Königin, ſagt: Mazarin. Man hatte ſich ſeiner Perſon und ſeiner Anſprüche nicht nur entledigt, ſondern man be⸗ 8 214 rückſichtigte ihn auch gar nicht mehr, ein ſo populärer Prinz er auch war, und ſeit fünf Jahren bewohnte er ein ſehr wenig königliches Zimmer in dem Thurme von Vincennes. Dieſer Zeitraum, welcher die Ideen jedes Andern, als des Herrn von Beaufort, gereift hätte, ging über inem Haupte hin, ohne irgend eine Veränderung zu be⸗ 9 werkſtelligen. Ein Anderer würde in der That bedacht haben, daß er, wenn er nicht ſeinen Stolz darein geſetzt hätte, dem Cardinal zu trotzen, die Prinzen zu verachten und allein zu gehen, ohne andere Parteigaͤnger, als, wie der Cardinal von Retz ſagt, einige ſchwermüthige Träumer, ſeit fünf Jahren ſeine Freiheit oder Vertheidiger haben müßte. Dieſe Betrachtungen entſtanden wahrſcheinlich nicht in dem Geiſte des Herzogs, den ſeine lange Ge⸗ fangenſchaft nur noch mehr in ſeiner Starrköpfigkeit be⸗ feſtigte, und jeden Tag erhielt der Cardinal Nachrichten von ihm, die ſeiner Eminenz im höchſten Grade unan⸗ genehm waren. 3 Nachdem Herr von Beaufort in der Poeſie geſcheitert war, verſuchte er es in der Malerei, und da ſeine ziem⸗ lich mittelmäßigen Talente in dieſer Kunſt es ihm nicht geſtatteten, eine geoße Aehnlichkeit zu erreichen, ſo ſchrieb er, um keinen Zweifel über das Original des Porträts Raum zu geben, unter daſſelbe,„Ritratto dell' illustris- simo Facchino Mazarini.“ Herr von Chavigny, hievon in Kenntniß geſetzt, machte dem Herzog einen Beſuch und bat ihn, ſich einen andern Zeitvertreib zu wählen oder wenigſtens Porträte ohne Legenden zu machen. Am an⸗ dern Tage war das Zimmer voll von Legenden und Por⸗ träten. Herr von Beaufort glich, wie übrigens alle Ge⸗ fangene, den Kindern, welche nur hartnäckig auf Dingen beſtehen, die man ihnen verbietet. Herr von Chavigny wurde von dieſem Zuwachs von Profilen unterrichtet. Seiner nicht hinreichend ſicher, um den Kopf de face zu wagen, hatte Herr von Beaufort 55 Z —— 214 rückſichtigte ihn auch gar nicht mehr, ein ſo populärer“ aus Prinz er auch war, und ſeit fünf Jahren bewohnte er Dies ein ſehr wenig königliches Zimmer in dem Thurme von Tag Vincennes. Schi Dieſer Zeitraum, welcher die Ideen jedes Andern, Zim als des Herrn von Beaufort, gereift hätte, ging über ſeinem Haupte hin, ohne irgend eine Veränderung zu be⸗ diest werkſtelligen. Ein Anderer würde in der That bedacht dieſe haben, daß er, wenn er nicht ſeinen Stolz darein geſetzt Car hätte, dem Cardinal zu trotzen, die Prinzen zu verachten und allein zu gehen, ohne andere Parteigänger, als, wie Mal der Cardinal von Retz ſagt, einige ſchwermüthige Träumer, Car ſeit fünf Jahren ſeine Freiheit oder Vertheidiger haben war. müßte. Dieſe Betrachtungen entſtanden wahrſcheinlich nicht in dem Geiſte des Herzogs, den ſeine lange Ge⸗ die fangenſchaft nur noch mehr in ſeiner Starrföpfigkeit be⸗ Nan feſtigte, und jeden Tag erhielt der Cardinal Nachrichten von ihm, die ſeiner Eminenz im höchſten Grade unan⸗ das genehm waren. ſtehl Nachdem Herr von Beaufort in der Poeſie geſcheitert. war, verſuchte er es in der Malerei, und da ſeine ziem⸗ 3c lich mittelmäßigen Talente in dieſer Kunſt es ihm nicht wig geſtatteten, eine große Aehnlichkeit zu erreichen, ſo ſchrieb Sue er, um keinen Zweifel über das Original des Porträts die Raum zu geben, unter daſſelbe,„Ritratto dell' illustris- simo Facchino Mazarini.“ Herr von Chavigny, hievon kat in Kenntniß geſetzt, machte dem Herzog einen Beſuch und un bat ihn, ſich einen andern Zeitvertreib zu wählen oder Inſ wenigſtens Porträte ohne Legenden zu machen. Am an⸗ dern Tage war das Zimmer voll von Legenden und Por⸗ teäten. Herr von Beaufort glich, wie übrigens alle Ge⸗ 3 fangene, den Kindern, welche nur hartnäckig auf Dingen er beſtehen, die man ihnen verbietet. Herr von Chavigny wurde von dieſem Zuwachs von Se Profilen unterrichtet. Seiner nicht hinreichend ſicher um lich den Kopf de face zu wagen, hatte Herr von Beaufort wer XX R SR = . 215 aus ſeinem Zimmer einen wahren Ausſtellungsſaal gemacht. Diesmal ſagte der Gouverneur nichts; als aber eines Tages Herr von Beaufort Ball ſpielte, ließ er mit dem Schwamm über alle dieſe Zeichnungen fahren und das Zimmer mit Waſſerfarbe bemalen. Herr von Beaufort dankte Herrn von Chavigny, theilte diesmal ſein Zimmer in Felder und widmete jedes von dieſen Feldern einem Zuge aus dem Leben des beruͤhmten Cardinals von Mazarin. Das erſte Feld ſollte den hochwürdigſten Schurken Mazarini darſtellen, wie er eine Tracht Prügel von dem Cardinal Bentivoglio empfing, deſſen Bedienter er geweſen war. Das zweite den hochwürdigen Schurken Mazarini, die Rolle von Ignaz von Loyola in der Tragödie dieſes Namens ſpielend. Das dritte den hochwürdigſten Schurken Mazarini, das Portefeuille des erſten Miniſters Herrn von Chavigny ſtehlend, der es bereits in den Händen zu haben glaubte. Das vierte endlich den hochwürdigſten Schurken Ma⸗ zarini, wie er La Porte, dem Kammerdiener von Lud⸗ wig XIV. Leintücher verweigert und behauptet, es ſei für einen König von Frankreich hinreichend, alle Vierteljahre die Leintücher zu wechſeln. Es waren dies großartige Compoſitionen, welche offen⸗ bar den Umfang des Talentes des Gefangenen überſtiegen, und ſo begnügte er ſich, die Rahmen zu zeichnen und die Inſchriften hinein zu ſetzten. Aber dieſe Rahmen und die Inſchriften genügten, um die Empfindlichkeit von Herrn von Chavigny zu erregen, welcher Herrn von Beaufort in Kenntniß ſetzen ließ, wenn er nicht auf die beabſichtigten Gemälde Verzicht leiſte, ſo werde er ihm jedes Mittel zur Ausführung entziehen. Herr von Beaufort antwortete, da man ihn der Mög⸗ lichkeit beraube, ſich einen Ruf durch die Waffen zu er⸗ werben, ſo wolle er ſich einen ſolchen in der Malerei 21¹5 aus ſeinem Zimmer einen wahren Ausſtellungsſaal gemacht. i Diesmal ſagte der Gouverneur nichts; als aber eines von Tages Herr von Beaufort Ball ſpielte, ließ er mit dem Schwamm über alle dieſe Zeichnungen fahren und das dern, Zimmer mit Waſſerfarbe bemalen. über Herr von Beaufort dankte Herrn von Chavigny, theilte be⸗ diesmal ſein Zimmer in Felder und widmete jedes von acht dieſen Feldern einem Zuge aus dem Leben des berühmten eſetzt Cardinals von Mazarin. hten Das erſte Feld ſollte den hochwürdigſten Schurken wie Mazarini darſtellen, wie er eine Tracht Prügel von dem mer, Cardinal Bentivoglio empfing, deſſen Bedienter er geweſen war. be Das zweite den hochwürdigen Schurken Mazarini, Ge⸗ die Rolle von Ignaz von Loyola in der Tragödie dieſes be Namens ſpielend. hten Das dritte den hochwürdigſten Schurken Mazarini, an⸗ das Portefeuille des erſten Miniſters Heirn von Chavigny ſtehlend, der es bereits in den Händen zu haben glaubte. itert Das vierte endlich den hochwürdigſten Schurken Ma⸗ em⸗ zarini, wie er La Porte, dem Kammerdiener von Lud⸗ icht wig XIV. Leintücher verweigert und behauptet, es ſei für rieh einen König von Frankreich hinreichend, alle Vierteljahre its die Leintücher zu wechſeln. is- Es waren dies großartige Compoſitionen, welche offen⸗ von bar den Umfang des Talentes des Gefangenen uberſtiegen⸗ ind und ſo begnügte er ſich, die Rahmen zu zeichnen und die der Inſchriften hinein zu ſetzten. 4 an⸗ Aber dieſe Rahmen und die Inſchriften genügten, um Empfindlichkeit von Herrn von Chaviguy zu erregen, e⸗ welcher Herrn von Beaufort in Kenntniß ſeßen ließ, wenn gen er nicht auf die beabſichtigten Gemälde Verzicht leiſte, ſo werde er ihm jedes Mittel zur Ausführung entziehen. n Herr von Beaufort antwortete, da man ihn der Mög⸗ um lichkeit beraube, ſich einen Ruf durch die Waffen zu er⸗ ort werben, ſo wolle er ſich einen ſolchen in der Malerei 216 machen; da er kein Bayard oder Trivulce werden könne, ſo wolle er ein Michel Angelo oder Raphael werden. Als Herr von Beaufort eines Tages im Gefängnißgarten ſpa⸗ zieren ging, nahm man ihm ſein Feuer, mit ſeinem Feuer ſeine Kohle, mit ſeiner Kohle ſeine Aſche weg, ſo daß er nicht den geringſten Gegenſtand mehr fand, woraus er einen Zeichenſtift hätte machen können. Herr von Beaufort ſchwor, tobte, heulte und ſagte, man wolle ihn vor Kälte und Feuchtigkeit ſterben laſſen, wie Puylaurens, der Marſchall Ornano und der Groß⸗ prior von Vendome geſtorben ſeien, worauf Herr von Chavigny antwortete, er habe nur ſein Wort zu geben, er wolle auf das Zeichnen Verzicht leiſten, oder zu ver⸗ ſprechen, er wolle keine hiſtoriſchen Gemälde mehr machen, und man werde ihm Holz und Alles zurückſchaffen, was er brauche, um es anzuzünden. Herr von Beaufort wollte ſein Wort nicht geben und blieb die übrige Zeit des Win⸗ ters ohne Feuer. Mehr noch, während der Gefangene einſt ausging, kratzte man die Inſchriften ab, und das Zimmer war wieder weiß und kahl und ohne irgend eine Spur von einer Freske.. Herr von Beaufort kaufte nun einem von ſeinen Wächtern einen Hund, Namens Piſtache, ab; da nichts entgegenſtand, daß die Gefangenen einen Hund hatten, ſo gab Herr von Chavigny die Erlaubniß, daß das vier⸗ füßige Thier ſeinen Herrn wechsle. Herr von Beaufort blieb oft Stunden lang mit ſeinem Hunde eingeſchloſſen. Man vermuthete wohl, daß ſich der Gefangene während dieſer Stunden mit der Erziehung von Piſtache beſchäftigte, aber man wußte nicht, in welcher Richtung er dies that. Als Piſtache hinreichend abgerichtet war, lud Herr von Beaufort eines Tages Herrn von Chavigny und die Offi⸗ ziere von Vincennes zu einer großen Vorſtellung ein, die er in ſeinem Zimmer gab. Die Eingeladenen erſchienen, — 216 machen; da er kein Bayard oder Trivulce werden könne, ſo wolle er ein Michel Angelo vder Raphael werden. Als Herr von Beaufort eines Tages im Gefängnißgarten ſpa⸗ zieren ging, nahm man ihm ſein Feuer, mit ſeinem Feuer ſeine Kohle, mit ſeiner Kohle ſeine Aſche weg, ſo daß er nicht den geringſten Gegenſtand mehr fand, woraus er einen Zeichenſtift hätte machen können. Herr von Beaufort ſchwor, tobte, heulte und ſagte, man wolle ihn vor Kälte und Feuchtigkeit ſterben laſfen, wie Puylaurens, der Marſchall Ornano und der Gryß⸗ prior von Vendome geſtorben ſeien, worauf Herr von Chavigny antwortete, er habe nur ſein Wort zu geben, er wolle auf das Zeichnen Verzicht leiſten, oder zu ver⸗ ſprechen, er wolle keine hiſtoriſchen Gemälde mehr machen, und man werde ihm Holz und Alles zurückſchaffen, was er brauche, um es anzuzünden. Herr von Beaufort wollte ſein Wort nicht geben und blieb die übrige Zeit des Win⸗ ters ohne Feuer. Mehr noch, während der Gefangene einſt ausging, kratzte man die Inſchriften ab, und das Zimmer war wieder weiß und kahl und ohne irgend eine Spur von einer Freske. Herr von Beaufort kaufte nun einem von ſeinen Wächtern einen Hund, Namens Piſtache, ab; da nichts entgegenſtand, daß die Gefangenen einen Hund hatten, ſo gab Herr von Chavigny die Erlaubniß, daß das vier⸗ füßige Thier ſeinen Herrn wechsle. Herr von Beaufort blieb oft Stunden lang mit ſeinem Hunde eingeſchloſſen. Man vermuthete wohl, daß ſich der Gefangene während dieſer Stunden mit der Erziehung von Piſtache beſchäſtigte, aber man wußte nicht, in welcher Richtung er dies that. Als Piſtache hinreichend abgerichtet war, lud Herr von Beaufort eines Tages Herrn von Chavigny und die Offi⸗ ziere von Vinrennes zu einer großen Vorſtellung ein, die er in ſeinem Zimmer gab. Die Eingeladenen erſchienen, das Ue gel Lit au ſic Kl der tär dre S Er üb S üb Ul wo der kor be ne we — 217 das Zimmer war mit ſo vielen Kerzen beleuchtet, alz Herr von Beanfort ſich hatte verſchaffen können. Die Uebungen begannen. Der Gefangene hatte mit einem von der Mauer ab⸗ gelösten Stücke Gyps mitten durch das Zimmer eine lange Linie, einen Strick darſtellend, gezogen. Piſtache ſetzte ſich auf den erſten Befehl ſeines Herrn auf dieſe Linie, ſtellte ſich ſodann auf ſeine Hinterpfoten und fing an, einen Kleiderausklopfſtock zwiſchen ſeinen Vorderpfoten haltend, der Linie mit allen Windungen zu folgen; die ein Seil⸗ tänzer macht. Nachdem er die Länge der Linie zwei⸗ oder dreimal vor⸗ und rückwärts durchlaufen hatte, gab er den Stock Herrn von Beaufort zurück und machte dieſelben Evolutionen ohne Balancirſtange. Das geſcheite Thier wurde mit Beifallsbezeugungen überhäuft. Das Schauſpiel war in drei Abtheilungen getheilt. Sobald die erſte beendigt war, ging man zu der zweiten über. Es handelte ſich zuerſt darum, anzugeben, wie viel Uhr es war. Herr von Chavigny zeigte Piſtache ſeine Uhr. Es war halb ſieben Uhr. Piſtache hob und ſenkte die Pfote ſechsmal und bei dem ſiebenten Male blieb dieſelbe in der Luft. Man konnte unmöglich klarer ſein. Eine Sonnenuhr hätte nicht beſſer geantwortet. Wie Jedermann weiß, hat die Son⸗ nenuhr den Nachtheil, daß ſie die Stunde nur angibt, wenn die Sonne ſcheint. Dann handelte es ſich darum, zu erkennen, wer der beſte Kerkermeiſter aller Gefängniſſe von Frankreich wäre. Der Hund machte dreimal die Runde und legte ſich auf die ehrfurchtsvollſte Weiſe Herrn von Chavigny zu K Füßen. 1 2 Herr von Chavigny ſtellte ſich, als fände er den Scherz vortrefflich und lachte aus vollem Halſe. Als er nne, Als ſpa⸗ euer ß er er gte, ſſen, roß⸗ von ben, ver⸗ hen, was Ulte in⸗ ng, der ner nen hts en, er⸗ ort en. end te, at. on die en, — ———— 217 das Zimmer war mit ſo vielen Kerzen beleuchtet, als Herr von Beaufort ſich hatte verſchaffen können. Die Uebungen begannen. Der Gefangene hatte mit einem von der Mauer ab⸗ gelösten Stücke Gyps mitten durch das Zimmer eine lange Linie, einen Strick darſtellend, gezogen. Piſtache ſetzte ſich auf den erſten Befehl ſeines Herrn auf dieſe Linie, ſtellte ſich ſodann auf ſeine Hinterpfoten und fing an, einen Kleiderausklopfſtock zwiſchen ſeinen Vorderpfoten haltend, der Linie mit allen Windungen zu folgen, die ein Seil⸗ tänzer macht. Nachdem er die Länge der Linie zwei⸗ oder dreimal vor- und rückwärts durchlaufen hatte, gab er den Stock Herrn von Beaufort zurück und machte dieſelben Evolutionen ohne Balancirſtange. Das geſcheite Thier wurde mit Beifallsbezeugungen überhäuft. Das Schauſpiel war in drei Abtheilungen getheilt. Sobald die erſte beendigt war, ging man zu der zweiten über. Es handelte ſich zuerſt darum, anzugeben, wie viel Uhr es war. Herr von Chavigny zeigte Piſtache ſeine Uhr. Es war halb ſieben Uhr. Piſtache hob und ſenkte die Pfote ſechsmal und bei dem ſiebenten Male blieb dieſelbe in der Luft. Man konnte unmöglich klarer ſein. Eine Sonnenuhr hätte nicht beſſer geantwortet. Wie Jedermann weiß, hat die Son⸗ nenuhr den Nachtheil, daß ſie die Stunde nur angibt, wenn die Sonne ſcheint. Dann handelte es ſich darum, zu erkennen, wer der beſte Kerkermeiſter aller Gefängniſſe von Frankreich wäre. Der Hund machte dreimal die Runde und legte ſich auf die ehrfurchtsvollſte Weiſe Herrn von Chavigny zu Füßen. Herr von Chavigny ſtellte ſich, als fände er den Scherz vortrefflich und lachte aus vollem Halſe. Als er 218 genug gelacht hatte, biß er ſich auf die Livpen und fing an die Stirne zu runzeln. Endlich legte Herr von Beaufort Piſtache die ſo ſchwer zu löſende Frage vor: wer der größte Dieb in der Welt wäre? Piſtache machte die Runde im Zimmer, hielt aber vor Niemand ſtille, ſondern ging an die Thüre und fing an zu kratzen und zu winſeln. „Seht, meine Herren,“ ſprach der Prinz,„da dieſes intereſſante Thier hier nicht findet, was ich wiſſen will, ſo beabſichtigt es außen zu ſuchen. Aber ſeid unbeſorgt, ſeine Antwort ſoll Euch deshalb nicht entzogen ſein. Piſtache, mein Freund,“ fuhr der Herzog fort,„komme hieher.“ Der Hund gehorchte.„Iſt der größte Dieb der bekannten Welt,“ ſprach der Prinz,„der Herr Secretär des Königs, Le Camus, der mit zwanzig Livres nach Paris gekommen iſt und jetzt ſechs Millionen beſitzt?“ Der Hund ſchüttelte den Kopf zum Zeichen der Ver⸗ neinung. „Iſt es,“ fuhr der Prinz fort,„Herr d'Emery, der ſeinem Sohne, Herrn Thoré bei ſeiner Verheirathung 300,000 Livres Renten und ein Hotel gegeben hat, neben dem die Tuilerien eine Barake und der Louvre ein Ratten⸗ neſt ſind?“ Der Hund ſchüttelte abermals den Kopf. „Der iſt es auch nicht,“ ſprach der Prinz.„Nun, wir wollen ſuchen. Sollte es zufällig der hochwürdigſte Facchino Mazarini di Piseina ſein?“ Piſtache machte die eifrigſten Zeichen der Bejahung, indem er den Kopf acht bis neun mal hob und ſenkte. „Meine Herren, Ihr ſeht,“ ſprach Herr von Beau⸗ fort zu den Anweſenden, die diesmal nicht zu lachen wag⸗ ten,„der hochwürdigſte Facchino Mazarini die Piscina iſt der größte Dieb der bekannten Welt. Piſtache behauptet es wenigſtens.“ 4 .„Gehen wir zu einer andern Uebung über.“ 218 genug gelacht hatte, biß er ſich auf die Lippen und fing an die Stirne zu runzeln. Endlich legte Herr von Beaufort Piſtache die ſo ſchwer zu löſende Frage vor: wer der größte Dieb in der Welt wäre? Piſtache machte die Runde im Zimmer, hielt aber vor Niemand ſtille, ſondern ging an die Thüre und fing an zu fratzen und zu winſeln. „Seht, meine Herren,“ ſprach der Prinz,„da dieſes intereſſante Thier hier nicht findet, was ich wiſſen will, ſo beabſichtigt es außen zu ſuchen. Aber ſeid unbeſorgt, ſeine Antwort ſoll Euch deshalb nicht entzogen ſein. Piſtache, mein Freund,“ fuhr der Herzog fort,„komme hieher.“ Der Hund gehorchte.„Iſt der größte Dieb der bekannten Welt,“ ſprach der Prinz,„der Herr Secretär des Königs, Le Camus, der mit zwanzig Livres nach Paris gekommen iſt und jetzt ſechs Millionen beſitzt?“ Der Hund ſchüttelte den Kopf zum Zeichen der Ver⸗ neinung. „Iſt es,“ fuhr der Prinz fort,„Herr d'Emerh, der ſeinem Sohne, Herrn Thors bei ſeiner Verheirathung 300,000 Livres Reuten und ein Hotel gegeben hat, neben dem die Tuilerien eine Barake und der Louvre ein Ratten⸗ neſt ſind 2“ Der Hund ſchüttelte abermals den Kopf. „Der iſt es auch nicht,“ ſprach der Prinz.„Nun, wir wollen ſuchen. Sollte es zufällig der hochwürdigſte Facchino Mazarini di Piscina ſein?“ Piſtache machte die eifrigſten Zeichen der Bejahung, indem er den Kopf acht bis neun mal hob und ſenkte. „Meine Herren, Ihr ſeht,“ ſprach Herr von Beau⸗ fort zu den Anweſenden, die diesmal nicht zu lachen wag⸗ ten,„der hochwürdigſte Facchino Mazarini di Piscina iſt der größte Dieb der bekannten Welt. Piſtache behauptet es wenigſtens.“ „Gehen wir zu einer andern Uebung über.“ höl 219 „Meine Herren,“ fuhr Herr von Beaufort fort, ein großes Stillſchweigen benützend und das Programm der dritten Abtheilung der Abendunterhaltung verkündigend, „Ihr wißt, daß der Herr Herzog von Guiſe alle Hunde von Paris für Fräulein de Pons, die er für die Schönſte der Schönen erklärte, ſpringen lehrte. Nun, meine Her⸗ ren, das war nichts; denn dieſe Thiere gehorchten maſchi⸗ nenmäßig und wußten keinen Unterſchied zwiſchen denjenigen zu machen, für welche ſie nicht ſpringen ſollten. Piſtache wird Euch, ſo wie dem Herrn Gouverneur zeigen, daß er hoch über ſeinen Genoſſen ſteht. Herr von Chavigny, habt die Güte, mir Euern Stock zu leihen.“ Herr von Chavigny reichte Herrn von Beaufort ſeinen Stock. hoi Herr von Beaufort hielt ihn wagrecht einen Fuß och. „Piſtache, mein Freund,“ ſagte er,„mache mir das Vergnügen und ſpringe für Frau Montbazon.“ Jedermann lachte. Man wußte, daß der Herzog von Beaufort im Augenblick ſeiner Verhaftung der erklärte Liebhaber von Frau von Montbazon geweſen war. Piſtache machte keine Schwierigkeit und ſprang luſtig über den Stock. „Aber es ſcheint mir,“ ſagte Herr von Chavigny, „Piſtache thut gerade das, was ſeine Genoſſen thaten, wenn ſie für Fraͤulein de Pons ſprangen.“ „Wartet,“ ſagte der Prinz. „Piſtache, mein Freund,“ fuhr er fort, ſpringe für die Königin,“ und er hob den Stock ſechs Zoll höher. Der Hund ſprang ehrfurchtsvoll über den Stock. „Piſtache, mein Freund,“ ſagte der Herzog und er⸗ höhte den Stock abermals um ſechs Zoll,„ pringe für den König.“. Der Hund nahm einen Anſatz und ſprang trotz der Sohe leicht hinüber. ÿ, ————— „Meine Herren,“ fuhr Herr von Beaufort fort, ein großes Stillſchweigen benützend und das Programm der dritten Abtheilung der Abendunterhaltung verkündigend, „Ihr wißt, daß der Herr Herzog von Guiſe alle Hunde von Paris für Fräulein de Pons, die er für die Schönſte der Schönen erklärte, ſpringen lehrte. Nun, meine Her⸗ ren, das war nichts; denn dieſe Thiere gehorchten maſchi⸗ nenmäßig und wußten keinen Unterſchied zwiſchen denjenigen zu machen, für welche ſie nicht ſpringen ſollten. Piſtache wird Euch, ſo wie dem Herrn Gouverneur zeigen, daß er hoch über ſeinen Genoſſen ſteht. Herr von Chavigny, habt die Güte, mir Euern Stock zu leihen.“ Herr von Chavigny reichte Herrn von Beaufort ſeinen Stock. zch Herr von Beaufort hielt ihn wagrecht einen Fuß hoch. „Piſtache, mein Freund,“ ſagte er,„mache mir das Vergnügen und ſpringe für Frau Montbazon.“ Jedermann lachte. Man wußte, daß der Herzog von Beaufort im Augenblick ſeiner Verhaftung der erklärte Liebhaber von Frau von Montbazon geweſen war. Piſtache machte keine Schwierigkeit und ſprang luſtig über den Stock. „Aber es ſcheint mir,“ ſagte Herr von Chavigny, „Piſtache thut gerade das, was ſeine Genoſſen thaten, wenn ſie für Fräulein de Pons ſprangen.“ „Wartet,“ ſagte der Prinz. „Piſtache, mein Freund,“ fuhr er fort, ſpringe für die Königin,“ und er hob den Stock ſechs Zoll höher. Der Hund ſprang ehrfurchtsvoll über den Stock. „Piſtache, mein Freund,“ ſagte der Herzog und er⸗ höhte den Stock abermals um ſechs Zoll,„ſpringe für den König.“ Der Hund nahm einen Anſatz und ſprang trotz der Höhe leicht hinüber. 220 „und nun, aufgemerkt,“ ſagte der Herzog und er⸗ niedrigte den Stock beinahe bis zum Niveau des Bodens. „Piſtache, mein Freund, ſpringe für den hochwürdigſten Facchino Mazarini di Piscina.“ Der Hund wandte dem Stock den Rücken zu. „Nun, was iſt das?“ ſagte Herr von Beaufort, in⸗ dem er einen Halbkreis von dem Schweife zum Kopfe des Thieres beſchrieb, und ihm abermals den Stock darreichte. „Springe doch, Herr Piſtache!“ Aber Piſtache machte abermals eine halbe Wendung und bot dem Stock den Rücken. 5 Herr von Beaufort wiederholte ſeine Bewegung und ſeine Worte. Doch diesmal war die Geduld des Thieres zu Ende. Er warf ſich wüthend auf den Stock, riß ihn dem Prinzen aus den Händen und zerbrach ihn zwiſchen ſeinen Zähnen. Herr von Beaufort nahm ihm die zwei Stücke aus der Schnauze, überreichte ſie Herrn von Chavigny unter tauſend Entſchuldigungen und ſagte, die Abendunterhal⸗ tung wäre nun geſchloſſen; wenn er aber in drei Monaten einer zweiten Vorſtellung beiwohnen wollte, ſo würde Pi⸗ ſtache neue Stücke gelernt haben.— Drei Tage nachher war Piſtache vergiftet. Man ſuchte den Schuldigen, der Schuldige aber blieb, wie ſich wohl denken läßt, unbekannt. Herr von Beaufort ließ ihm ein Grabmahl mit fol⸗ gender Inſchrift errichten:. „Hier ruht Piſtache, einer der geſcheiteſten Hunde, welche je gelebt haben.“ Es war nichts gegen dieſes Lob einzuwenden und Herr von Chavigny konnte es nicht verhindern. . Der Herzog ſagte nun ganz laut, man habe an ſeinem Hunde den Verſuch mit der Drogue gemacht, der man ſich gegen ihn bedienen wolle, und eines Tags legte ſich nach dem Mittagsbrod zu Bette und ſchrie, 220 „Und nun, aufgemerkt,“ ſagte der Herzog und er⸗ niedrigte den Stock beinahe bis zum Niveau des Bodens. „Piſtache, mein Freund, ſpringe für den hochwürdigſten Facchino Mazarini di Piseina.“ Der Hund wandte dem Stock den Rücken zu. „Nun, was iſt das?“ ſagte Herr von Beaufort, in⸗ dem er einen Halbkreis von dem Schweife zum Kopfe des Thieres beſchrieb, und ihm abermals den Stock darreichte. „Springe doch, Herr Piſtache!“ Aber Piſtache machte abermals eine halbe Wendung und bot dem Stock den Rücken. Herr von Beaufort wiederholte ſeine Bewegung und ſeine Worte. Doch diesmal war die Geduld des Thieres zu Ende. Er warf ſich wüthend auf den Stock, riß ihn dem Prinzen aus den Händen und zerbrach ihn zwiſchen ſeinen Zähnen. Herr von Beaufort nahm ihm die zwei Stücke aus der Schnauze, überreichte ſie Herrn von Chavigny unter tauſend Entſchuldigungen und ſagte, die Abendunterhal⸗ tung wäre nun geſchloſſen; wenn er aber in drei Monaten einer zweiten Vorſtellung beiwohnen wollte, ſo würde Pi⸗ ſtache neue Stücke gelernt haben. Drei Tage nachher war Piſtache vergiftet. Man ſuchte den Schuldigen, der Schuldige aber blieb, wie ſich wohl denken läßt, unbefannt. Herr von Beaufort ließ ihm ein Grabmahl mit fol⸗ gender Inſchrift errichten: „Hier ruht Piſtache, einer der geſcheiteſten Hunde, welche je gelebt haben.“ Es war nichts gegen dieſes Lob einzuwenden und Herr von Chavigny konnte es nicht verhindern. Der Herzog ſagte nun ganz laut, man habe an ſeinem Hunde den Verſuch mit der Drogue gemacht, der man ſich gegen ihn bedienen wolle, und eines Tags legte er ſich nach dem Mittagebrod zu Bette und ſchrie, er ———————— 221 habs Kolik und Herr von Mazarin habe ihn vergiften aſſen. Dieſer neue Muthwille kam dem Cardinal zu Ohren und machte ihm große Angſt. Der Kerker von Vincennes galt für ſehr ungeſund und Frau von Ramboulllet ſagte einſt, das Zimmer, in welchem Puylaurens, der Marſchall Ornano und der Großprior von Vendome geſtorben, ſei Arſenik werth, und dieſes Witzwort machte Glück. Er be⸗ fahl daher, daß der Gefangene nichts mehr genießen ſolle, ohne daß man zuvor den Wein und die Speiſen verſucht habe. Der Gefreite La Ramée wurde ſofort unter dem Titel eines Vorkoſters zu ihm gebracht. Herr von Chavigny hatte indeſſen die Beleidigungen, welche dem unſchuldigen Piſtache das Leben koſteten, dem Herzog nicht vergeben. Herr von Chavigny war eine Creatur des verſtorbenen Cardinals. Man ſagte ſogar, er ſei ſein Sohn. Er mußte ſich alſo einigermaßen auf Tyrannei verſtehen. Herr von Chavigny fing an, Herrn von Beaufort ſeine Kränkungen zurückzugeben. Er nahm ihm, was man ihm bis dahin gelaſſen hatte, die eiſernen Meſſer und die ſilbernen Gabeln, und ließ ihm dafür ſil⸗ berne Meſſer und hölzerne Gabeln geben. Herr von Beaufort beklagte ſich, aber Herr von Chavigny ließ ihm antworten: er ſei benachrichtigt worden, der Cardinal habe Frau von Vendome geſagt, ihr Sohn müſſe ſein ganzes Leben im Kerker von Vincennes bleiben, und er habe be⸗ fürchtet, bei dieſer unglücklichen Kunde könnte ſein Ge⸗ fangener ſich zu einem Selbſtmordsverſuche verleiten laſſen. Vierzehn Tage nachher fand Herr von Beaufort zwei Reihen Bäume, ſo dick wie ein kleiner Finger, an den Weg gepflanzt, der zum Ballſpiele führte. Er fragte, was ddies zu bedeuten hätte, und man antwortete ihm, es wäre, um ihm eines Tages Schatten zu geben. Eines Morgens endlich ſuchte ihn der Gärtner auf und meldete ihm unter dem Anſchein, ihm gefallen zu wollen, man lege Spar⸗ gelbeete für ihn an. Allgemein aber iſt es bekannt, daß 221 er⸗ e Kolik und Herr von Mazarin habe ihn vergiften aſſen. ier Dieſer neue Muthwille kam dem Cardinal zu Ohren und machte ihm große Angſt. Der Kerker von Vincennes galt für ſehr ungeſund und Frau von Rambovillet ſagte einſt, das Zimmer, in welchem Puylaurens, der Marſchall fahl daher, daß der Gefangene nichts mehr genießen ſolle, ng ohne daß man zuvor den Wein und die Speiſen verſucht habe. Der Gefreite La Ramée wurde ſofort unter dem Titel eines Vorkoſters zu ihm gebracht. 3 Drnano und der Großprior von Vendome geſtorben, ſei hte Arſenik werth, und dieſes Witzwort machte Glück. Er be⸗ 3 Herr von Chavigny hatte indeſſen die Beleidigungen, ihn welche dem unſchuldigen Piſtache das Leben koſteten, dem en Herzog nicht vergeben. Herr von Chavigny war eine Creatur des verſtorbenen Cardinals. Man ſagte ſogar, er ſei ſein Sohn. Er mußte ſich alſo einigermaßen auf k Tyrannei verſtehen. Herr von Chavigny fing an, Herrn ⸗ von Beaufort ſeine Kränkungen zurückzugeben. Er nahm e ihm, was man ihm bis dahin gelaſſen hatte, die eiſernen i⸗ Meſſer und die ſilbernen Gabeln, und ließ ihm dafür ſil⸗ berne Meſſer uud hölzerne Gabeln geben. Herr von Beaufort beklagte ſich, aber Herr von Chavigny ließ ihm antworten; er ſei benachrichtigt worden, der Cardinal habe Frau von Vendome geſagt, ihr Sohn müſſe ſein ganzes l⸗ Leben im Kerker von Vincennes bleiben, und er habe be⸗ fürchtet, bei dieſer unglücklichen Kunde könnte ſein Ge⸗ fangener ſich zu einem Selbſtmordsverſuche verleiten laſſen. Vietzehn Tage nachher fand Herr von Beaufort zwei f Reihen Bäume, ſo dick wie ein kleiner Finger, an den d Weg gepflanzt, der zum Ballſpiele führte. Er fragte, was dies zu bedeuten hätte, und man antwortete ihm, es wäre, i um ihm eines Tages Schatten zu geben. Eines Morgens endlich ſuchte ihn der Gärtner auf uud meldete ihm unter 3 dem Anſchein, ihm gefallen zu wollen, man lege Spar⸗ gelbeete für ihn an. Allgemein aber iſt es bekannt, daß 222 dieſe Beete, um genießbare Pflanzen zu treiben, gegen⸗ wärtig vier Jahre brauchen, während ſie damals, wo die Gärtnerei minder vervollkommt war, fünf Jahre brauchten. Dieſe Höflichkeit ſetzte Herrn von Beaufort in Wuth. Herr von Beaufort dachte nun zu einem von ſeinen vierzig Mitteln Zuflucht zu nehmen und verſuchte es zuerſt mit dem einfachſten, mit dem, La Ramée zu beſtechen. Aber La Ramée, der ſeine Gefreitenſtelle um 1500 Thaler gekauft hatte, hielt große Stücke auf ſein Amt. Statt in die Abſicht des Gefangenen einzugehen, eilte er ſtehenden Fußes zu Herrn von Chavigny und machte ihm Meldung. Sogleich ſtellte Herr von Chavigny acht Mann in das Zimmer des Prinzen, verdoppelte die Wachen und ver⸗ dreifachte die Poſten. Von dieſem Augenblick an ging der Prinz nur noch wie ein Theaterkönig einher, nämlich mit vier Mann vor ſich und vier Mann hinter ſich, diejenigen nicht zu rechnen, welche in einem Hintergliede marſchirten. Herr von Beaunfort lachte Anfangs viel über dieſe Strenge, welche ihm eine Zerſtreuung bereitete. Er wie⸗ derholte ſo oft als möglich:„Das beluſtigt mich, das er⸗ götzt mich!“ Dann fügte er bei:„Wenn ich mich übri⸗ gens Euern Ehrenbezeigungen entziehen wollte, ſo hätte ich noch neununddreißig andere Mittel.“ Aber dieſe Zerſtreuung wurde am Ende eine Lang⸗ weile. Aus Prahlerei hielt es Herr von Beaufort ſechs Monate aus. Als er aber nach Ablauf von ſechs Mo⸗ naten ſah, daß die acht Mann ſich ſetzten, wenn er ſich ſetzte, aufſtanden, wenn er aufſtand, ſtehen blieben, wenn er ſtehen blieb, ſo fing er an, die Stirne zu runzeln und die Tage zu zählen. Ddieſe neue Verfolgung führte eine Verdoppelung des Haſſes gegen Mazarin herbei. Der Prinz ſchwur vom Morgen bis zum Abend und ſprach nur von Zerhacken und Einmachen Mazariniſcher Ohren. Das war zum Schauern. Der Cardinal, welcher Alles erfuhr, was in * 222 dieſe Beete, um genießbare Pflanzen zu treiben, gegen⸗ wärtig vier Jahre brauchen, während ſie damals, wo die Gärtnerei minder vervollkommt war fünf Jahre brauchten. Dieſe Höflichkeit ſetzte Herrn von Beaufort in Wuth. Herr von Beaufort dachte nun zu einem von ſeinen vierzig Mitteln Zuflucht zu nehmen und verſuchte es zuerſt mit dem einfachſten, mit dem, La Ramée zu beſtechen. Aber La Ramée, der ſeine Gefreitenſtelle um 1500 Thaler gekauft hatte, hielt große Stücke auf ſein Amt. Statt in die Abſicht des Gefangenen einzugehen, eilte er ſtehenden Fußes zu Herrn von Chavignh und machte ihm Meldung. Sogleich ſtellte Herr von Chavigny acht Mann in das Zimmer des Prinzen, verdoppelte die Wachen und ver⸗ dreifachte die Poſten. Von dieſem Augenblick an ging der Prinz nur noch wie ein Theaterkönig einher, nämlich mit vier Mann vor ſich und vier Mann hinter ſich, diejenigen nicht zu rechnen, welche in einem Hintergliede marſchirten. Herr von Beaufort lachte Anfangs viel über dieſe Strenge, welche ihm eine Zerſtreuung bereitete. Er wie⸗ derholte ſo vft als möglich:„Das beluſtigt mich, das er⸗ götzt mich!“ Dann fügte er bei:„Wenn ich mich übri⸗ gens Euern Ehrenbezeigungen entziehen wollte, ſo hätte ich noch neununddreißig andere Mittel.“ Aber dieſe Zerſtreuung wurde am Ende eine Lang⸗ weile. Aus Prahlerei hielt es Herr von Beaufort ſechs Monate aus. Als er aber nach Ablauf von ſechs Mo⸗ naten ſah, daß die acht Mann ſich ſetzten, wenn er ſich ſetzte, auſſtanden, wenn er aufſtand, ſtehen blieben, wenn er ſtehen blieb, ſo fing er an, die Stirne zu runzeln und die Tage zu zählen. Dieſe neue Verfolgung führte eine Verdoppelung des Haſſes gegen Mazarin herbei. Der Prinz ſchwur vom Morgen bis zum Abend und ſprach nur von Zerhacken und Einmachen Mazariniſcher Ohren. Das war zum Schauern. Der Cardinal, welcher Alles erfuhr, was in 223 Vincennes vorging, druͤckte unwillkürlich ſein Baret bis zum Halſe hinab. 12 Eines Tages verſammelte Herr von Beaufort die Wächter und hielt, trotz der ſprüchwörtlichen Schwierigkeit, mit der er ſich ausdrückte, folgende Rede, welche allerdings von ihm vorbereitet worden war: „Meine Herren, werdet Ihr es dulden, daß ein Enkel des guten Heinrich IV. mit Beleidigungen und Schmach überhäuft wird. Ventre-Saint-grisl wie mein Großvater ſagte, ich habe in Paris beinahe geherrſcht, wißt Ihr! Ich habe ein ganzes Jahr lang den König und Monſieur zur Bewachung gehabt. Die Königin ſchmeichelte mir da⸗ mals und nannte mich den rechtſchaffenſten Mann des Reiches. Meine Herren Bürger, bringt mich jetzt hinaus: ich gehe geraden Wegs nach Louvre. Ich drehe dem Ma⸗ zarin den Hals um, Ihr werdet meine Leibwache, ich mache Euch alle zu Offizieren, und zwar mit guten Pen⸗ ſionen. Ventre-Saint-gris! vorwärts, marſch!“ Aber ſo pathetiſch auch die Beredtſamkeit des Enkels von Heinrich IV. war, ſo rührte ſie doch dieſe Stein⸗ herzen nicht; nicht Einer bewegte ſich von der Stelle. Als Herr von Beaufort dies ſah, ſagte er ihnen, ſie wären ins⸗ geſammt Lumpenkerle, und machte ſich dadurch grauſame Feinde aus ihnen. Wenn ihn zuweilen Herr von Chavigny beſuchte, was er unfehlbar zwei bis drei mal in der Woche that, ſo benützte der Herzog dieſe Gelegenheit, ihn zu bedrohen. „Was werdet Ihr thun, mein Herr,“ ſprach er zu ihm,„wenn Ihr eines Tages ein Heer bis unter die Zähne bewaffneter Pariſer erſcheinen ſeht, welche kommen, um mich zu befreien?“ „Monſeigneur,“ antwortete Herr von Chavigny, in⸗ dem er ſich tief vor dem Prinzen verbeugte,„ich habe auf meinen Wällen zwanzig Feldſtücke und in meinen Caſematten dreißigtauſend Schuſſe: ich werde ſie nach Kräſten mit meinen Kanonen bearbeiten.“ gen⸗ die ten. inen terſt hen. ler t in den ng. das er⸗ der mit gen en. ieſe ie⸗ er⸗ wi⸗ itte ig⸗ o⸗ ich un nd es m en m 223 Vincennes vorging, drückte unwillkürlich ſein Baret bis zum Halſe hinab. Eines Tages verſammelte Herr von Beaufort die Wächter und hielt, trotz der ſprüchwörtlichen Schwierigkeit, mit der er ſich ausdrückte, folgende Rede, welche allerdings von ihm vorbereitet worden war: „Meine Herren, werdet Ihr es dulden, daß ein Enkel des guten Heinrich W. mit Beleidigungen und Schmach überhäuft wird. Ventre-Saint-grisl wie mein Großvater ſagte, ich habe in Paris beinahe geherrſcht, wißt Ihr! Ich habe ein ganzes Jahr lang den König und Monſieur zur Bewachung gehabt. Die Königin ſchmeichelte mir da⸗ mals und nannte mich den rechtſchaffenſten Mann des Reiches. Meine Herren Bürger, bringt mich jetzt hinaus: ich gehe geraden Wegs nach Louvre. Ich drehe dem Ma⸗ zarin den Hals um, Ihr werdet meine Leibwache, ich mache Euch alle zu Offizieren, und zwar mit guten Pen⸗ ſionen. Ventre-Saint-gris! vorwärts, marſch!“ Aber ſo pathetiſch auch die Beredtſamkeit des Enkels von Heinrich IV. war, ſo rührte ſie doch dieſe Stein⸗ herzen nicht; nicht Einer bewegte ſich von der Stelle. Als Herr von Beaufort dies ſah, ſagte er ihnen, ſie wären ins⸗ geſammt Lumpenkerle, und machte ſich dadurch grauſame Feinde aus ihnen. Wenn ihn zuweilen Herr von Chavigny beſuchte, was er unfehlbar zwei bis drei mal in der Woche that, ſo benützte der Herzog dieſe Gelegenheit, ihn zu bedrohen. „Was werdet Ihr thun, mein Herr,“ ſprach er zu ihm,„wenn Ihr eines Tages ein Heer bis unter die Zähne bewaffneter Pariſer erſcheinen ſeht, welche kommen, um mich zu befreien?“ „Monſeigneur,“ antwortete Herr von Chavigny, in⸗ dem er ſich tief vor dem Prinzen verbeugte,„ich habe auf meinen Wällen zwanzig Feldſtücke und in meinen Caſematten dreißigtauſend Schüſſe: ich werde ſie nach Kräſten mit meinen Kanonen bearbeiten.“ 224 „Ja, aber wenn Ihr Eure dreißigtauſend Schüſſe abgefeuert habt, ſo werden ſie den Thurm nehmen, und wenn ſie den Thurm genommen haben, ſo bin ich genö⸗ thigt, Euch von ihnen hängen zu laſſen, was mir aller⸗ dings ſehr leid thun wird.“ 24 Und der Prinz verbeugte ſich ebenfalls mit der größ⸗ ten Höflichkeit vor Herrn von Chavigny. „Ich aber, Monſeigneur,“ verſetzte Herr von Cha⸗ vigny,„wäre, ſobald der erſte Schlucker die Schwelle meiner Schlupfpforten betreten oder den Fuß auf meinen Wall ſetzen würde, zu meinem größten Bedauern genöthigt, Euch mit eigener Hand zu tödten, inſofern Ihr mir ganz beſonders anvertraut ſeid, und ich Euch todt oder lebendig zurückgeben muß.“ 3 Und er verbeugte ſich abermals vor ſeiner Hoheit. „Ja,“ fuhr der Herzog fort;„da aber dieſe braven Leute ſicherlich nicht hieher kommen würden, ohne vorher Herrn Giuliv Mazarini gehenkt zu haben, ſo würdet Ihr Euch wohl hüten, Hand an mich zu legen, und ließet mich wohl leben, aus Furcht, auf Befehl der Pariſer von vier Pferden zerriſſen zu werden, was noch viel unan⸗ genehmer iſt, als das Henken.“ Dieſe ſüßſauren Scherze gingen ſo zehn Minuten, eine Viertelſtunde, zwanzig Minuten höchſtens fort und endigten ſtets auf folgende Weiſe. 4 Herr von Chavigny wandte ſich nach der Thüre um und rief:. Holla, La Ramée!“ La Ramsée trat ein. „La Ramée!“ fuhr Herr von Chavigny fort,„ich empfehle Euch ganz beſonders Herrn von Beaufort. Behandelt ihn mit aller ſeinem Range und ſeinem Namen ſchuldigen Rückſicht und verliert ihn zu dieſem Behufe nicht einen Augenblick aus dem Geſichte.“ Dann eutfernte er ſich, Herrn von Beaufort mit 224 „Ja, aber wenn Ihr Eure dreißigtauſend Schüſſe abgefeuert habt, ſo werden ſie den Thurm nehmen, und wenn ſie den Thurm genommen haben, ſo bin ich genö⸗ thigt, Euch von ihnen hängen zu laſſen, was mir aller⸗ dings ſehr leid thun wird.“ Und der Prinz verbeugte ſich ebenfalls mit der größ⸗ ten Höflichkeit vor Herrn von Chavigny. „Ich aber, Monſeigneur,“ verſetzte Herr von Cha⸗ vigny,„wäre, ſobald der erſte Schlucker die Schwelle meiner Schlupfpforten betreten oder den Fuß auf meinen Wall ſetzen würde, zu meinem größten Bedauern genöthigt, Euch mit eigener Hand zu tödten, inſofern Ihr mir ganz beſonders anvertraut ſeid, und ich Euch todt oder lebendig zurückgeben muß.“ Und er verbeugte ſich abermals vor ſeiner Hoheit. „Ja,“ fuhr der Herzog fort;„da aber dieſe braven Leute ſicherlich nicht hieher kommen würden, ohne vorher Herrn Giulio Mazarini gehenkt zu haben, ſo würdet Ihr Euch wohl hüten, Hand an mich zu legen, und ließet mich wohl leben, aus Furcht, auf Befehl der Pariſer von vier Pferden zerriſſen zu werden, was noch viel unau⸗ genehmer iſt, als das Henken.“ Dieſe fäßſauren Scherze gingen ſo zehn Minuten, eine Viertelſtunde, zwanzig Minuten höchſtens fort und endigten ſtets auf folgende Weiſe. Herr von Chavignh wandte ſich nach der Thüre um und rief: „Holla, La Ramée!“ La Ramée trat ein. „La Ramée!“ fuhr Herr von Chavigny fort,„ich empfehle Euch ganz beſonders Herrn von Beaufort. Behandelt ihn mit aller ſeinem Range und ſeinem Namen ſchuldigen Rückſicht und verliert ihn zu dieſem Behufe nicht einen Augenblick aus dem Geſichte.“ Dann entfernte er ſich, Herrn von Beaufort mit ein ma 225 einer ironiſchen Höflichkeit grüßend, die dieſen ſo zornig machte, daß er blau wurde. La Ramée war alſo der obligate Tiſchgenoſſe des Prinzen, ſein ewiger Wächter, der Schatten ſeines Leibes geworden. Man muß aber dabei geſtehen, die Geſellſchaft von La Ramée, einem heiteren Lebemann, einem offenher⸗ zigen Gaſte, einem anerkannten Trinker, einem großen Ball⸗ ſpieler, einem guten Teufel im Grunde ſeines Herzens, der für Herrn von Beaufort keinen andern Fehler hatte, als daß er ſich nicht beſtechen ließ, war für den Prinzen mehr eine Zerſtreuung, als eine Pein. Leider war nicht daſſelbe der Fall bei Meiſter La Ramée, und obgleich er die Ehre mit einem Gefangenen von ſo hoher Bedeutung eingeſchloſſen zu ſein, bis auf einen gewiſſen Grad zu ſchätzen wußte, ſo glich doch das Vergnügen, im vertraulichen Umgange mit dem Enkel Heinrich IV. zu leben, nicht das aus, welches er gehabt haben würde, wenn er von Zeit zu Zeit hätte ſeiner Fa⸗ milie einen Beſuch machen dürfen. Man kann zugleich ein vortrefflicher Gefreiter des König und ein guter Gatte und Vater ſein. Meiſter La Ramée aber betete ſeine Frau und ſeine Kinder an, welche er nur von der Höhe der Mauer herab ſah, wenn ſie, um ihm dieſen natür⸗ lichen und ehelichen Troſt zu geben, auf der andern Seite des Grabens ſpazieren gingen. Das war entſchieden zu wenig für ihn, und La Ramée fühlte, daß ſeine heitere Laune, die er als die Urſache ſeiner guten Geſundheit be⸗ trachtet hatte, ohne zu berechnen, daß es im Gegentheil ohne Zweifel nur das Reſultat davon war, nicht lange eine ſolche Oednung der Dinge aushalten würde. Dieſe Ueber⸗ zeugung nahm in ihm nur zu, als die Verhältniſſe von Herrn von Beaufort und Herrn von Chavigny ſich all⸗ mählig dergeſtalt zur Bitterkeit ſteigerten, daß ſie am Ende ganz und gar ſich zu ſehen aufhörten. La Ramée fühlte die Verantwortlichkeit ſtärker auf ſeinem Haupte laſten, Zwanzig Jahre nachher. I. 15 hüſſe und en⸗ ller⸗ röß⸗ Sha⸗ velle inen igt, anz ndig ven rher Ihr nich von an⸗ ten, und um ich rt. en ufe nit einer ironiſchen Hözlichkeit grüßend, die dieſen ſo zornig machte, daß er blau wurde. La Ramée war alſo der obligate Tiſchgenoſſe des Prinzen, ſein ewiger Wächter, der Schatten ſeines Leibes geworden. Man muß aber dabei geſtehen, die Geſellſchaft von La Ramée, einem heiteren Lebemann, einem offenher⸗ zigen Gaſte, einem anerkannten Trinker, einem großen Ball⸗ ſpieler, einem guten Teufel im Grunde ſeines Herzens, der für Herrn von Beaufort keinen andern Fehler hatte, als daß er ſich nicht beſtechen ließ, war für den Prinzen mehr eine Zerſtreuung, als eine Pein. Leider war nicht daſſelbe der Fall bei Meiſter La Ramée, und obgleich er die Ehre mit einem Gefangenen von ſo hoher Bedeutung eingeſchloſſen zu ſein, bis auf einen gewiſſen Grad zu ſchätzen wußte, ſo glich doch das Vergnügen, im vertraulichen Umgange mit dem Enkel Heinrich IV. zu leben, nicht das aus, welches er gehabt haben würde, wenn er von Zeit zu Zeit hätte ſeiner Fa⸗ milie einen Beſuch machen dürfen. Man kann zugleich ein vortrefflicher Gefreiter des König und ein guter Gatte und Vater ſein. Meiſter La Ramée aber betete ſeine Frau und ſeine Kinder an, welche er nur von der Höhe der Mauer herab ſah, wenn ſie, um ihm dieſen natür⸗ lichen und ehelichen Troſt zu geben, auf der andern Seite des Grabens ſpazieren gingen. Das war entſchieden zu wenig für ihn, und La Ramée fühlte, daß ſeine heitere Laune, die er als die Urſache ſeiner guten Geſundheit be⸗ trachtet hatte, ohne zu berechnen, daß es im Gegentheil ohne Zweifel nur das Reſültat davon war, nicht lange eine ſolche Ordnung der Dinge aushalten würde. Dieſe Ueber⸗ zeugung nahm in ihm nur zu, als die Verhältniſſe von Herrn von Beaufort und Herrn von Chavigny ſich all⸗ mählig dergeſtalt zur Bitterkeit ſteigerten, daß ſie am Ende ganz und gar ſich zu ſehen aufhörten. La Ramée fühlte die Verantwortlichkeit ſtärker auf ſeinem Haupte laſten, Zwanzig Jahre nachher. I. 1⁵ 226 und da er gerade aus den von uns angegebenen Gründen Erleichterung ſuchte, ſo ergriff er mit allem Eifer das Anerbieten ſeines Freundes, des Intendanten des Herrn Mar⸗ ſchall von Grammont, ihm einen Gehulfen zu verſchaffen. Sogleich ſprach er hierüber mit Herrn von Chavigny, welcher ihm erwiederte, daß er durchaus nichts dagegen einzuwenden habe, vorausgeſetzt, das betreffende Subject ſage ihm zu. Wir halten es für durchaus überflüſſig, unſern Leſern das phyſiſche und moraliſche Porträt von Grimaud zu entwerfen. Wenn ſie, wie wir hoffen, den erſten Theil dieſes Werkes nicht gänzlich vergeſſen haben, ſo muß ihnen in ihrem Gedächtniß ziemlich genau dieſe ſchätzens⸗ werthe Perſon geblieben ſein, bei der keine Veränderung vorgegangen war, als daß ſie zwanzig Jahre mehr zählte; ein Zuwachs, der Grimaud nur ſtiller, ſchweigſamer ge⸗ macht hatte, vbgleich ihm Athos ſeit der Umwandlung einer eigenen Perſon volle Erlaubniß zu ſprechen gegeben atte. Aber zu dieſer Zeit ſchwieg Grimaud bereits zwölf bis fünfzehn Jahre und eine Gewohnheit von zwölf bis fünfzehn Jahren iſt eine andere Natur geworden. XIX. Grimaud tritt in Function. Grimaud fand ſich alſo mit ſeinem günſtigen Aeußern im Thurme von Vincennes ein. Herr von Chavigny bil⸗ dete ſich ein, ein unfehlbares Auge zu haben, was zu dem Glauben führen könnte, er wäre wirklich der Sohn des Cardinal von Richelieu geweſen, deſſen ewige Anmaßung. dies ebenfalls war. Er prüfte alſo aufmerkſam den Be⸗ werber und ſchloß aus der Anſchauung, daß die nahe 226 und da er gerade aus den von uns angegebenen Gründen Erleichterung ſuchte, ſo ergriff er mit allem Eifer das Anerbieten ſeines Freundes, des Intendanten des Herrn Mar⸗ ſchall von Grammont, ihm einen Gehulfen zu verſchaffen. Sogleich ſprach er hierüber mit Herrn von Chavigny, welcher ihm erwiederte, daß er durchaus nichts dagegen einzuwenden habe, vorausgeſetzt, das betreffende Subject ſage ihm zu. Wir halten es für durchaus überflüſſig, unſern Leſern das phyſiſche und moraliſche Porträt von Grimaud zu entwerfen. Wenn ſie, wie wir hoffen, den erſten Theil dieſes Werkes nicht gänzlich vergeſſen haben, ſo muß ihnen in ihrem Gedächtniß ziemlich genau dieſe ſchätzens⸗ werthe Perſon geblieben ſein, bei der keine Veränderung vorgegangen war, als daß ſie zwanzig Jahre mehr zählte; ein Zuwachs, der Grimaud nur ſtiller, ſchweigſamer ge⸗ macht hatte, obgleich ihm Athos ſeit der Umwandlung eigenen Perſon volle Erlaubniß zu ſprechen gegeben atte. Aber zu dieſer Zeit ſchwieg Grimaud bereits zwölf bis fünfzehn Jahre und eine Gewohnheit von zwölf bis fünfzehn Jahren iſt eine andere Natur geworden. XIX. Grimaud tritt in Lunttion. Grimaud fand ſich alſo mit ſeinem günſtigen Aeußern im Thurme von Vincennes ein. Herr von Chavigny bil⸗ dete ſich ein, ein unfehlbares Auge zu haben, was zu dem Glauben führen könnte, er wäre wirklich der Sohn des Cardinal von Richelien geweſen, deſſen ewige Anmaßung dies ebenfalls war. Er prüfte alſo aufmerkſam den Be⸗ werber und ſchloß aus der Anſchauung, daß die nahe —— - — 227 zuſammenlaufenden Augenbrauen, die dünnen Lippen, die hakenförmige Naſe und die hervorſtehenden Backenknochen vollkommen genügende Anzeigen wären. 8 Er richtete nur zwölf Worte an ihn, Grimaud ant⸗ wortete vier. „Das iſt ein ausgezeichneter Burſche, und ſo habe ich ihn auch ſogleich beurtheilt,“ ſprach Herr von Cha⸗ vigny.„Geht zu Herrn La Ramée und ſagt ihm, Ihr entſprechet mir in jeder Beziehung.“ Grimaud wandte ſich auf dem Abſatze um und un⸗ terwarf ſich der viel ſtrengeren Inſpection von La Ramée. Was dieſe Sache ſchwieriger machte, war der Umſtand, daß Herr von Chavigny wußte, daß er ſich auf ihn ver⸗ laſſen konnte, und daß er ſich wollte auf Grimaud ver⸗ laſſen können. Grimaud beſaß gerade die Eigenſchaften, welche einen Gefreiten verführen können, der einen Untergefreiten zu haben wünſcht. Nach tauſend Fragen, von denen jede nur eine Viertelsantwort erhielt, rieb ſich La Namée, be⸗ zaubert durch dieſe Mäßigkeit in Worten, die Hände und nahm Grimaud an. „Der Befehl?“ fragte Grimaud. „Folgendes: den Gefangenen nie allein laſſen, ihm jedes ſtechende oder ſchneidende Inſtrument nehmen, ihn verhindern, den Leuten außen Zeichen zu machen oder zu lange mit ſeinen Wächtern zu ſprechen.“ „Dieß iſt Alles?“ fragte Grimand. „Alles für den Augenblick,“ antwortete La Ramée. „Neu eintretende Umſtände führen neue Befehle herbei.“ „Gut,“ antwortete Grimaud. 3 Und er trat bei dem Herzog von Beaufort ein. Der Herzog war eben im Zuge, ſeinen Bart zu kämmen, den er, ſo wie ſeine Haupthaare, wachſen ließ, um Mazarin mit der Schauſtellung ſeines Elends und mit Paradirung ſeines ſchlechten Ausſehens bange zu machen. Da er aber einige Tage vorher von der Höhe ſeines Thurmes herab den das ar⸗ fen. ny, gen ject ern aud heil muß ns⸗ ing te; ge⸗ mg ben ölf bis rn il⸗ em es ng e⸗ —— — 227 zuſammenlaufenden Augenbrauen, die dünnen Lippen, die hakenförmige Naſe und die hervorſtehenden Backenknochen vollkommen genügende Anzeigen wären. Er richtete nur zwölf Worte an ihn, Grimaud ant⸗ wortete vier. „Das iſt ein ausgezeichneter Burſche, und ſo habe ich ihn auch ſogleich beurtheilt,“ ſprach Herr von Cha⸗ vigny.„Geht zu Herrn La Ramée und ſagt ihm, Ihr entſprechet mir in jeder Beziehung.“ Grimaud wandte ſich auf dem Abſatze um und un⸗ terwarf ſich der viel ſtrengeren Inſpection von La Ramée. Was dieſe Sache ſchwieriger machte, war der Umſtand, daß Herr von Chavigny wußte, daß er ſich auf ihn ver⸗ laſſen konnte, und daß er ſich wollte auf Grimaud ver⸗ laſſen können. Grimaud beſaß gerade die Eigenſchaften, welche einen Gefreiten verführen können, der einen Untergefreiten zu haben wünſcht. Nach tauſend Fragen, von denen jede nur eine Viertelsantwort erhielt, rieb ſich La Ramée, be⸗ zaubert durch dieſe Mäßigkeit in Worten, die Hände und nahm Grimaud an. „Der Befehl?“ fragte Grimaud. „Folgendes: den Gefangenen nie allein laſſen, ihm jedes echende oder ſchneidende Inſtrument nehmen, ihn verhindern, den Leuten außen Zeichen zu machen oder zu lange mit ſeinen Wächtern zu ſprechen.“ „Dieß iſt Alles?“ fragte Grimaud. „Alles für den Augenblick,“ antwortete La Ramée. „Neu eintretende Umſtände führen neue Befehle herbei.“ „Gut,“ antwortete Grimaud. Und er trat bei dem Herzog von Beaufort ein. Der Herzog war eben im Zuge, ſeinen Bart zu kämmen, den er, ſo wie ſeine Haupthaare, wachſen ließ, um Mazarin mit der Schauſtellung ſeines Elends und mit Paradirung ſeines ſchlechten Ausſehens bange zu machen. Da er aber einige Tage vorher von der Höhe ſeines Thurmes herab 228 im Hintergrunde eines Wagens die ſchone Frau von Montbazon, deren Andenken ihm immer noch theuer war, zu ſehen geglaubt hatte, ſo wollte er für ſie nicht das ſein, was er fuͤr Mazarin war, und verlangte einen bleiernen Kamm, der ihm auch bewilligt wurde. Herr von Beaufort verlangte einen bleiernen Kamm, weil er, wie alle Blonde, einen röthlichen Bart hatte; er färbte ihn, indem er ihn kämmte. Grimaud ſah bei ſeinem Eintritte den Kamm, den der Prinz ſo eben auf den Tiſch gelegt hatte; er nahm denſelben mit einer Verbeugung. Der Herzog ſchaute dieſe ſeltſame Figur ſtaunend an. Die Figur ſteckte den Kamm in ihre Taſche. „Holla, he! Was iſt das!“ rief der Herzog.„Wer iſt dieſer Burſche?“ Grimand antwortete nicht, ſondern verbeugte ſich zum zweiten Male. „Biſt Du ſtumm?“ rief der Herzog. Grimaud machte ein verneinendes Zeichen. „Was biſt Du denn? Antwort! Ich befehle es Dir,“ ſagte der Herzog. „Wächter,“ antwortete Grimaud. „Wächter!“ rief der Herzog,„gut, es fehlte mir nur noch dieſes Galgengeſicht zu meiner Sammlung. Holla! La Ramée! Herbei!“ La Ramée erſchien. Zum Unglück für den Prinzen war er, auf Grimand bauend, im Begriffe, ſich nach Paris zu begeben. Er befand ſich bereits im Hofe und kam unzufrieden zurück. „Was gibt es, mein Prinz?“ fragte er. „Wer iſt dieſer Halunke, der meinen Kamm nimmt und ihn in ſeine Taſche ſteckt?“ fragte Herr von Beau⸗ ort. ſon„Einer von Euern Wächtern, Monſeigneur, ein Burſche voll Verdienſt, den Ihr, wie ich uͤberzeugt bin, ſchätzen werdet, wie Herr von Chavigny und ich..“ 228 im Hintergrunde eines Wagens die ſchöne Frau von Montbazon, deren Andenken ihm immer noch theuer war, zu ſehen geglaubt hatte, ſo wollte er für ſie nicht das ſein, was er für Mazarin war, und verlangte einen bleiernen Kamm, der ihm auch bewilligt wurde. Herr von Beaufort verlangte einen bleiernen Kamm, weil er, wie alle Blonde, einen röthlichen Bart hatte; er färbte ihn, indem er ihn kämmte. Grimaud ſah bei ſeinem Eintritte den Kamm, den der Prinz ſo eben auf den Tiſch gelegt hatte; er nahm denſelben mit einer Verbeugung. Der Herzog ſchaute dieſe ſeltſame Figur ſtaunend an. Die Figur ſteckte den Kamm in ihre Taſche. „Holla, he! Was iſt das!“ rief der Herzog.„Wer iſt dieſer Burſche?“ Grimaud antwortete nicht, ſondern verbeugte ſich zum zweiten Male. „Biſt Du ſtumm?“ rief der Herzog. Grimaud machte ein verneinendes Zeichen. „Was biſt Du denn? Antwort! Ich befehle es Dir,“ ſagte der Herzog. „Wächter,“ antwortete Grimaud. „Wächter!“ rief der Herzog,„gut, es fehlte mir nur noch dieſes Galgengeſicht zu meiner Sammlung. Holla! La Ramée! Herbei“ La Ramée erſchien. Zum Unglück für den Prinzen war er, auf Grimaud bauend, im Begriffe, ſich nach Paris zu begeben. Er befand ſich bereits im Hofe und kam unzufrieden zurück. „Was gibt es, mein Prinz?“ fragte er. „Wer iſt dieſer Halunke, der meinen Kamm nimmt und ihn in ſeine Taſche ſteckt?“ ftagte Herr von Beau⸗ ort. „Einer von Euern Wächtern, Monſeigneur, ein Burſche voll Verdienſt, den Ihr, wie ich überzeugt bin, ſchätzen werdet, wie Herr von Chavigny und ich.“ 229 „Warum nimmt er mir meinen Kamm?“ „In der That,“ ſagte La Ramée,„warum nehmt Ihr den Kamm von Monſeigneur?“ Grimaud zog den Kamm aus ſeiner Taſche, ſtrich mit dem Finger darüber, betrachtete und zeigte den dicken Zahn und ſprach nur das einzige Wort: „Stechend!“ „Das iſt wahr,“ ſagte La Ramée. „Was ſpricht dieſes Thier?“ fragte der Herzog. „Es ſei jedes ſtechende Inſtrument Monſeigneur von dem König verboten.“ „Ei, ſeid Ihr verrückt, La Ramée? Ihr ſelbſt habt mir dieſen Kamm gegeben.“ „Und ich hatte großes Unrecht, Monſeigneur, denn ich ſetzte mich dadurch in Widerſpruch mit dem Befehl.“ Der Herzog ſchaute Grimand, welcher den Kamm La Ramée übergeben hatte, wüthend an. „Ich ſehe vorher, daß mir dieſer Burſche ungeheuer mißfallen wird,“ murmelte der Prinz. In der That, im Gefängniß gibt es kein in der Mitte liegendes Gefühl; wie einem Alles, Menſchen und Dinge, Freund oder Feind iſt, ſo liebt oder haßt man zu⸗ weilen mit Vernunft, aber noch viel häufiger aus Inſtinkt. Aus dem einfachen Grunde aber, daß Grimaud bei dem erſten Blick Herrn von Chavigny und La Namée gefallen hatte, mußte er, inſofern die Eigenſchaften, welche in den Augen des Gouverneurs und des Gefreiten gut erſchienen, Maͤngel in den Augen des Gefangenen wurden, gleich von Anfang an Herrn von Beaufort mißfallen. Grimaud aber wollte nicht ſchon am erſten Tage un⸗ mittelbar mit dem Gefangenen brechen. Er bedurfte keines improviſirten Widerſtrebens, ſondern eines ſchönen, guten, feſthaltenden Haſſes. Er entfernte ſich alſo, um vier Wachen Platz zu machen, welche, vom Frühſtücke zurück⸗ kommend, ihren Dienſt wieder bei dem Prinzen verſehen konnten. 4 in, en en m n. r 1 — „Warum nimmt er mir meinen Kamm?“ „In der That,“ ſagte La Ramée,„warum nehmt Ihr den Kamm von Monſeigneur?“ Grimaud zog den Kamm aus ſeiner Taſche, ſtrich mit dem Finger darüber, betrachtete und zeigte den dicken Zahn und ſprach nur das einzige Wort; „Stechend!“ „Das iſt wahr,“ ſagte La Ramée. „Was ſpricht dieſes Thier?“ fragte der Herzog. „Es ſei jedes ſtechende Inſtrument Monſeigneur von dem König verboten.“ „Ei, ſeid Ihr verrückt, La Ramée? Ihr ſelbſt habt mir dieſen Kamm gegeben.“ „Und ich hatte großes Unrecht, Monſeigneur, denn ich ſetzte mich dadurch in Widerſpruch mit dem Befehl.“ Der Herzog ſchaute Grimaud, welcher den Kamm La Ramée übergeben hatte, wüthend an. „Ich ſehe vorher, daß mir dieſer Burſche ungeheuer mißfallen wird,“ murmelte der Prinz. In der That, im Gefängniß gibt es kein in der Mitte liegendes Gefühl; wie einem Alles, Menſchen und Dinge, Freund oder Feind iſt, ſo liebt oder haßt man zu⸗ weilen mit Vernunft, aber noch viel häufiger aus Inſtinkt. Aus dem einfachen Grunde aber, daß Grimaud bei dem erſten Blick Herrn von Chavigny und La Namée gefallen hatte, mußte er, inſofern die Eigenſchaften, welche in den Augen des Gouverneurs und des Gefreiten gut erſchienen, Maͤngel in den Angen des Gefangenen wurden, gleich von Anfang an Herrn von Beaufort mißfallen. Grimaud aber wollte nicht ſchon am erſten Tage un⸗ mittelbar mit dem Gefangenen brechen. Er bedurfte keines improviſirten Widerſtrebens, ſondern eines ſchönen, guten, feſthaltenden Haſſes. Er entfernte ſich alſo, um vier Wachen Platz zu machen, welche, vom Frühſtücke zurück⸗ ihren Dienſt wieder bei dem Prinzen verſehen onnten. 230 Der Prinz hatte ſeinerſeits einen neuen Spaß zu voll⸗ führen, auf den er große Stücke hielt. Er hatte für ſein Frühſtück am andern Tage Krebſe verlangt und gedachte den laufenden Tag mit Verfertigung eines kleinen Galgens zuzubringen, an welchen er den ſchönſten mitten in ſeinem Zimmer hängen wollte. Die rothe Farbe, die ihm das Sieden geben müßte, würde keinen Zweifel über die An⸗ ſpielung übrig laſſen, und ſo hätte er das Vergnügen, den Cardinal in efligie zu hängen, in Erwartung der Zeit, wo er wirklich gehenkt würde, ohne daß man ihm zum Vorwurf machen könnte, er habe etwas Anderes gehenkt, als einen Krebs. Der Tag wurde zu den Vorbereitungen zur Hinrich⸗ tung verwendet. Man wird ſehr kindiſch im Gefängniß, und Herr von Beaufort hatte den Charakter, um es mehr zu werden, als jeder Andere. Er ging wie gewöhnlich ſpazieren, brach einige kleine Zweige ab, welche dazu be⸗ ſtimmt waren, eine Rolle bei der Hinrichtung zu ſpielen, und er fand, nachdem er lange geſucht hatte, ein Stück zerbrochenes Glas, ein Fund, der ihm das größte Ver⸗ gnügen machte. In ſein Zimmer zurückgekehit, ſaſerte er ſein Sacktuch aus. Keiner von dieſen einzelnen Umſtänden entging dem beobachtenden Auge von Grimaud. Am andern Morgen war der Galgen bereit; um ihn mitten in ſeinem Zimmer aufſchlagen zu können, ſchabte Herr von Beaufort eines von ſeinen Enden mit ſeinem zerbrochenen Glaſe ab. La Ramée ſchaute ſeinem Treiben mit der Neugierde eines Vaters zu, welcher glaubt, er werde vielleicht ein neues Spielzeug für ſeine Kinder entdecken. Die vier Wachen betrachteten die Sache mit der müßiggängeriſchen Miene, welche zu jener Zeit, wie heut zu Tage, der Haupt⸗ charakter der Phyſiognomie des Soldaten bildete. 4 Grimaud trat ein, als der Prinz ſo eben ſein Stück „Glas niedergelegt hatte, obgleich das Zuſpitzen des Galgen⸗ 230 Der Prinz hatte ſeinerſeits einen neuen Spaß zu voll⸗ führen, auf den er große Stücke hielt. Er hatte für ſein Frühſtück am andern Tage Krebſe verlangt und gedachte den laufenden Tag mit Verfertigung eines kleinen Galgens zuzubringen, an welchen er den ſchönſien mitten in ſeinem Zimmer hängen wollte. Die rothe Farbe, die ihm das Sieden geben müßte, würde keinen Zweifel über die An⸗ ſpielung übrig laſſen, und ſo hätte er das Vergnügen, den Cardinal in efägie zu hängen, in Erwartung der Zeit, wo er wirklich gehenkt würde, ohne daß man ihm zum Vorwurf machen könnte, er habe etwas Anderes gehenkt, als einen Krebs. Der Tag wurde zu den Vorbereitungen zur Hinrich⸗ tung verwendet. Man wird ſehr findiſch im Gefängniß, und Herr von Beaufort hatte den Charakter, um es mehr zu werden, als jeder Andere. Er ging wie gewöhnlich ſpazieren, brach einige kleine Zweige ab, welche dazu be⸗ ſtimmt waren, eine Rolle bei der Hinrichtung zu ſpielen, und er fand, nachdem er lange geſucht hatte, ein Stück zerbrochenes Glas, ein Fund, der ihm das größte Ver⸗ gnügen machte. In ſein Zimmer zurückgekehrt, faſerte er ſein Sacktuch aus. Keiner von dieſen einzelnen Umſtänden entging dem beobachtenden Auge von Grimaud. Am andern Morgen war der Galgen bereit; um ihn mitten in ſeinem Zimmer aufſchlagen zu fönnen, ſchabte Herr von Beaufort eines von ſeinen Enden mit ſeinem zerbrochenen Glaſe ab. La Ramée ſchaute ſeinem Treiben mit der Neugierde eines Vaters zu, welcher glaubt, er werde vielleicht ein neues Spielzeug für ſeine Kinder entdecken. Die vier Wachen betrachteten die Sache mit der müßiggängeriſchen Miene, welche zu jener Zeit, wie heut zu Tage, der Haupt⸗ charakter der Phyſtognomie des Soldaten bildete. Grimaud trat ein, als der Prinz ſo eben ſein Stück Glas niedergelegt hatte, obgleich das Zuſpitzen des Galgen⸗ —— — 8 — 0 — fußes noch nicht vollendet war; er hatte ſich unterbrochen, um den Faden an das entgegengeſetzte Ende des Galgens zu binden. Er warf auf Grimand einen Blick, in welchem ſich ein Ueberreſt der böſen Laune vom vorhergehenden Tage offenbarte. Da er aber zum Voraus mit dem Erfolge, der ſeiner neuen Erfindung nicht entgehen konnte, ſehr zu⸗ frieden war, ſo ſchenkte er ihm keine weitere Aufmerkſamkeit. Erſt als er einen Schifferknoten an ein Ende ſeines Fa⸗ dens und einen laufenden Knoten an das andere gemacht, nachdem er einen Blick auf die Platte mit Krebſen ge⸗ worfen und mit dem Auge den majeſtätiſchſten ausgeſucht hatte, wandte er ſich zurück, um ſein Stück Glas zu ſuchen. Das Stück Glas war verſchwunden. „Wer hat mir mein Stuck Glas genommen?“ fragte der Prinz, die Stirne runzelnd. Grimaud machte ein Zeichen, daß er es wäre. „Wie? Du abermals! warum haſt Du es mir ge⸗ nommen?“ „Ja,“ fragte La Ramée,„warum habt Ihr Seiner Hoheit das Stück Glas genommen?“ Grimand, der das Glasbruchſtück in der Hand hielt, fuhr mit dem Finger darüber und ſagte: „Schneidend.“ „Das iſt richtig, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée. „Teufel, was für einen koſtbaren Mann haben wir da bekommen.“ 4 „Herr Grimaud,“ rief der Prinz,„in Eurem eigenen Intereſſe beſchwöre ich Euch, ſeid darauf bedacht, nie in das Bereich meiner Hand zu kommen.“ Grimaud machte eine Verbeugung und zog ſich an das Ende des Zimmers zurück. „Stille, ſeille, Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„gebt mir Enren Galgen, ich will ihn mit meinem Meſſer zu⸗ ſpitzen.“ 8 „Ihr?“ ſagte der Herzog lachend. in m n te m de n er t⸗ fußes noch nicht vollendet war; er hatte ſich unterbrochen, um den Faden an das entgegengeſetzte Ende des Galgens zu binden. Er warf auf Grimaud einen Blick, in welchem ſich ein Ueberreſt der böſen Laune vom vorhergehenden Tage offenbarte. Da er aber zum Voraus mit dem Erfolge, der ſeiner neuen Erfindung nicht entgehen konnte, ſehr zu⸗ frieden war, ſo ſchenkte er ihm keine weitere Aufmerkſamkeit. Erſt als er einen Schifferknoten an ein Ende ſeines Fa⸗ dens und einen laufenden Knoten an das andere gemacht, nachdem er einen Blick auf die Platte mit Krebſen ge⸗ worfen und mit dem Auge den majeſtätiſchſten ausgeſucht hatte, wandte er ſich zurück, um ſein Stück Glas zu ſuchen. Das Stück Glas war verſchwunden. „Wer hat mir mein Stück Glas genommen?“ fragte der Prinz, die Stirne runzelnd. Grimaud machte ein Zeichen, daß er es wäre. „Wie? Du abermalsl warum haſt Du es mir ge⸗ nommen?“ „Ja,“ fragte La Ramée,„warum habt Ihr Seiner Hoheit das Stück Glas genommen?“ Grimaud, der das Glasbruchſtück in der Hand hielt, fuhr mit dem Finger darüber und ſagte: „Schneidend.“ „Das iſt richtig, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée. „Teufel, was für einen koſtbaren Mann haben wir da bekommen.“ „Herr Grimaud,“ rief der Prinz,„in Eurem eigenen Iutereſſe beſchwöre ich Euch, ſeid darauf bedacht, nie in das Bereich meiner Hand zu kommen.“ Grimaud machte eine Verbeugung und zog ſich an das Ende des Zimmers zurück. „Stille, ſtille, Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„gebt mir Euren Galgen, ich will ihn mit meinem Meſſer zu⸗ ſpitzen.“ „Ihr?“ ſagte der Herzog lachend⸗ „Ja, ich; war es nicht das, was Ihr wünſchtet?“ „Allerdings.“ „Schön, das wird im Ganzen nur noch drolliger werden ſprach der Herzog.„Hier mein lieber La Ra⸗ mée. La Ramée, welcher den Ausruf des Prinzen nicht verſtanden hatte, ſpitzte den Fuß des Galgens auf das Niedlichſte zu. „Gut,“ ſagte der Herzog;„macht mir nun ein klei⸗ bes Loch in den Boden, wahrend ich den armen Sünder ole. La Ramée kniete mit einem Fuße nieder und höhlte den Boden aus. Während dieſer Zeit hing der Prinz ſeinen Krebs an den Faden. Dann pflanzte er den Galgen mitten im Zimmer auf und brach in ein lautes Gelächter aus. La Ramée lachte auch aus vollem Herzen, ohne recht zu wiſſen, warum er lachte, und die Wachen machten Chorus. Grimaud allein lachte nicht. Er näherte ſich La Namée, deutete auf den Krebs, der ſich am Ende des Fadens drehte und ſagte:. „Cardinal.“ „Gehenkt von ſeiner Hoheit, dem Herzog von Beau⸗ fort,“ verſetzte der Prinz immer ſtärker lachend,„und von Meiſter Jacques Chryſoſtome La Ramée, Gefreiten des Königs.“ La Ramée ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und ſtürzte nach dem Galgen, den er aus der Erde riß und in einige kleine Stücke zerbrach, die er zum Fenſter hin⸗ aus warf. Er war im Begriffe, daſſelbe mit dem Krebs zu thun, dergeſtalt hatte er den Verſtand verloren, als Grimaud ihm denſelben aus den Händen nahm und ſagte: „Gut zum Eſſen.“ 3 Und er ſteckte den Krebs in ſeine Taſche. 232 „Ja, ich; war es nicht das, was Ihr wünſchtet?“ „Allerdings.“ „Schön, das wird im Ganzen nur noch drolliger werden“ ſprach der Herzog.„Hier mein lieber La Ra⸗ mée. La Ramée, welcher den Ausruf des Prinzen nicht verſtanden hatte, ſpitzte den Fuß des Galgens auf das Niedlichſte zu. „Gut,“ ſagte der Herzog;„macht mir nun ein klei⸗ Loch in den Boden, während ich den armen Suͤnder ole. La Ramée kniete mit einem Fuße nieder und höhlte den Boden aus. Während dieſer Zeit hing der Prinz ſeinen Krebs an den Faden. Dann pflanzte er den Galgen mitten im Zimmer auf und brach in ein lautes Gelächter aus. La Ramée lachte auch aus vollem Herzen, ohne recht zu wiſſen, warum er lachte, und die Wachen machten Chorus. Brimaud allein lachte nicht. Er näherte ſich La Namée, deutete auf den Krebs, der ſich am Ende des Fadens drehte und ſagte: „Cardinal.“ „Gehenkt von ſeiner Hoheit, dem Herzog von Beau⸗ fort,“ verſetzte der Prinz immer ſtärker lachend,„und von Meiſter Jacques Chiyſoſtome La Ramée, Gefreiten des Königs.“ La Ramée ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und ſtürzte nach dem Galgen, den er aus der Erde riß und in einige kleine Stücke zerbrach, die er zum Fenſter hin⸗ aus warf. Er war im Begriffe, daſſelbe mit dem Krebs zu thun, dergeſtalt hatte er den Verſtand verloren, als Grimaud ihm denſelben aus den Händen nahm und ſagte: „Gut zum Eſſen.“ Und er ſteckte den Krebs in ſeine Taſche. an er lau Wäa Grr nah deſt eine auc Tie mül vert zwe eine er: blic bei ſpre ſich die Tor * deu Pri Pri Diesmal hatte der Herzog ſo großes Vergnügen an dieſer Scene geſunden, daß er Grimand die Rolle, die er dabei ſpielte, beinahe verzieh. Als er jedoch im Ver⸗ laufe des Tages über die Abſicht nachdachte, welche ſein Wächter dabei gehabt hatte, und dieſe Abſicht ihm im Grunde ſchlecht vorkam, ſo fühlte er eine merkliche Zu⸗ nahme ſeines Haſſes gegen ihn. Aber die Geſchichte von dem Krebſe fand nichts⸗ deſtoweniger zur größten Verzweiflung von La Ramée einen ungeheuren Wiederhall im Innern des Thurmes und auch außerhalb deſſelben. Herr von Chavigny, der in der Tiefe ſeines Herzens den Cardinal verabſcheute, war be⸗ müht, die Anecdote einigen wohlgeſinnten Freunden anzu⸗ vertrauen, die ſie ſogleich verbreiteten. Mit dieſer Geſchichte brachte Herr von Beaufort zwei bis drei Tage zu. Mittlerweile hatte der Herzog unter ſeinen Wachen einen Mann von ziemlich gutem Ausſehen bemerkt, den er um ſo mehr liebkoste, als ihm Grimaud jeden Augen⸗ blick mehr mißfiel. Eines Morgens, als er dieſen Mann bei Seite genommen hatte und mit ihm einige Zeit allein ſprach, trat Grimaud ein, betrachtete, was vorging, näherte ſich ehrfurchtsvoll der Wache und dem Prinzen und nahm die Wache beim Arme. 2„Was wollt Ihr?“ fragte der Prinz mit hartem one. 1 Grimaud führte die Wache einige Schritte weg, deutete auf die Thüre und ſagte: „Geht.“ Die Wache gehorchte. Pri„Aber Ihr ſeid mir ganz unerträglich!“ rief der rinz. Grimand vexrbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Ich breche Euch die Knochen entzwei,“ ſchrie der Prinz in Verzweiflung. Grimaud verbeugte ſich zurückweichend. 2 ger ka⸗ cht as ei⸗ der lte bs uf cht en La es U⸗ en nd nd n⸗ bs ls Diesmal hatte der Herzog ſo großes Vergnügen an dieſer Scene gefunden, daß er Grimaud die Rolle, die er dabei ſpielte, beinahe verzieh. Als er jedoch im Ver⸗ laufe des Tages über die Abſicht nachdachte, welche ſein Wächter dabei gehabt hatte, und dieſe Abſicht ihm im Grunde ſchlecht vorkam, ſo fühlte er eine merkliche Zu⸗ nahme ſeines Haſſes gegen ihn. Aber die Geſchichte von dem Krebſe fand nichts⸗ deſtoweniger zur größten Verzweiflung von La Ramée einen ungeheuren Wiederhall im Innern des Thurmes und auch außerhalb deſſelben. Herr von Chavigny, der in der Tiefe ſeines Herzens den Cardinal verabſcheute, war be⸗ müht, die Anecdote einigen wohlgeſinnten Freunden anzu⸗ vertrauen, die ſie ſogleich verbreiteten. Mit dieſer Geſchichte brachte Herr von Beaufort zwei bis drei Tage zu. Mittlerweile hatte der Herzog unter ſeinen Wachen einen Mann von ziemlich gutem Ausſehen bemerkt, den er um ſo mehr liebkoste, als ihm Grimaud jeden Augen⸗ blick mehr mißfiel. Eines Morgens, als er dieſen Mann bei Seite genommen hatte und mit ihm einige Zeit allein ſprach, trat Grimaud ein, betrachtete, was vorging, näherte ſich ehrfurchtsvoll der Wache und dem Prinzen und nahm die Wache beim Arme. „Was wollt Ihr?“ fragte der Prinz mit hartem Tone. Grimaud führte die Wache einige Schritte weg, deutete auf die Thüre und ſagte: „Geht.“ Die Wache gehorchte. „Aber Ihr ſeid mir ganz unerträglich!“ rief der Prinz. Grimaud verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Ich breche Euch die Knochen entzwei,“ ſchrie der Prinz in Verzweiflung. Grimaud verbeugte ſich zurückweichend. „Herr Spion,“ fuhr der Herzog fort,„ich erdroßle Euch mit meinen Händen.“ Grimaud verbeugte ſich abermals und immer mehr zurückweichend.„ „Und zwar,“ verſetzte der Prinz, welcher dachte, es wäre das Beſte, ſogleich ein Ende zu machen,„nicht ſpäter, u als in dieſem Augenblick.“.8 Und er ſtreckte ſeine krampfhaft zuſammengezogenen f Hände gegen Grimaud aus, der nun die Wache hinaus⸗ ſtieß und die Thüre hinter ihr ſchloß. In dieſem Augen⸗ blick fühlte er, wie die Hände des Prinzen ſich auf ſeine eiſernen Schultern herabſenkten. Aber ſtatt zu rufen oder g ſich zu vertheidigen, beſchränkte er ſich darauf, langſam 8 ſeinen Zeigefinger in die Höhe ſeiner Lippen zu führen und, ſein Geſicht mit ſeinem reizendſten Lächeln färbend, das D Wort:„Stille!“ mit halber Stimme zu ſprechen. 2 Ein Lächeln, eine Geberde und ein Wort von Gri⸗ 1 maud war etwas ſo Seltenes, daß Seine Hoheit plötzlich„ voll Staunen inne hielt. Grimaud benützte dieſen Augenblick, um aus dem Futter ſeines Wammſes ein reizendes kleines Billet mit ariſtokratiſchem Siegel hervorzuziehen, dem ſein langer Aufenthalt in den Kleidern von Grimaund ſeinen erſten Wohlgeruch nicht hatte benehmen können, und reichte es dem Herzog, ohne ein Wort zu ſprechen. Immer mehr erſtaunt, ließ der Herzog Grimaud los, nahm das Billet und rief, die Handſchrift erkennend: „Von Frau von Montbazon!“ 4 Grimand machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. 4 U Der Herzog zerriß raſch den Umſchlag, fuhr mit der Hand über die Augen und las, wie folgt: „Mein lieber Herzog! „Ihr könnt Euch vollkommen dem braven Burſchen anvertrauen, der Euch dieſes Billet zuſtellt, denn er iſt der Bediente eines Edelmanns, welcher uns gehört und für ihn als einen durch zwanzigjährige ene erprobten 2—2 A —& 234 „Herr Spion,“ fuhr der Herzog ſort,„ich erdroßle Man Euch mit meinen Händen.“ Grimaud verbeugte ſich abermals und immer mehr zurückweichend.§ „Und zwar,“ verſetzte der Prinz, welcher dachte, es wäre das Beſte, ſogleich ein Ende zu machen,„nicht ſpäter, und als in dieſem Augenblick.“ Und er ſtreckte ſeine krampfhaſt zuſammengezogenen Hände gegen Grimaud aus, der nun die Wache hinaus⸗ ſtieß und die Thüre hinter ihr ſchloß. In dieſem Augen⸗ blick fühlte er, wie die Hände des Prinzen ſich auf ſeine eiſernen Schultern herabſenkten. Aber ſtatt zu rufen oder ſich zu vertheidigen, beſchränfte er ſich darauf, langſam ſeinen Zeigefinger in die Höhe ſeiner Lippen zu führen und, ſein Geſicht mit ſeinem reizendſten Lächeln färbend, das Wort:„Stille!“ mit halber Stimme zu ſprechen. Ein Lächeln, eine Geberde und ein Wort von Gri⸗ maud war etwas ſo Seltenes, daß Seine Hoheit plötzlich voll Staunen inne hielt. Grimaud benützte dieſen Augenblick, um aus dem Futter ſeines Wammſes ein reizendes kleines Billet mit ariſtokratiſchem Siegel hervorzuziehen, dem ſein langer Aufenthalt in den Kleidern von Grimaud ſeinen erſten Wohlgeruch nicht hatte benehmen können, und reichte es dem Herzog, ohne ein Wort zu ſprechen. Immer mehr erſtaunt, ließ der Herzog Grimaud los, nahm das Billei und rief, die Handſchrift erkennend: „Von Frau von Montbazon!“ Grimand machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. Der Herzog zerriß raſch den Unſchlag, fuhr mit der Hand über die Augen und las, wie folgt: „Mein lieber Herzog! „Ihr könnt Euch vollfommen dem braven Burſchen anvertrauen, der Euch dieſes Billet zuſtellt, denn er iſt der Bediente eines Edelmanns, welcher uns gehört und für ihn als einen durch zwanzigjährige Treue erprobten Gefre zuſch vorzu alle für G roße guß Was Dien lich er es ſtaun einm hatte, Wag mich das ſieht. helfe * 24 „ 23⁵ Mann bürgt. Er hat eingewilligt, in den Dienſt Eures Gefreiten zu treten und ſich mit Euch in Vincennes ein⸗ zuſchließen, um Eure Flucht, mit der wir uns beſchäftigen, vorzubereiten und zu unterſtützen. „Der Augenblick der Befreiung iſt nahe; faßt Geduld und Muth und bedenkt, daß trotz Zeit und Abweſenheit alle Eure Freunde die Gefühle bewahrt haben, welche ſie für Euch hegten. „Euere ſtets und immer wohlgeneigte 4„Marie von Montbazon.“ „N. S. Ich unterzeichne alle Briefe, weil es zu große Citelkeit wäre, zu denken, Ihr würdet nach fünf Jahren meine Anfangsbuchſtaben wieder erkennen.“ Der Herzog blieb einen Augenblick wie betäubt. Was er ſeit fünf Jahren ſuchte, ohne es zu finden, einen Diener, einen Beiſtand, einen Freund, das fiel ihm plötz⸗ lich vom Himmel zu, und zwar in einem Augenblick, wo er es am wenigſten erwartete. Er ſchaute Grimaud er⸗ ſtaunt an, kehrte zu ſeinem Briefe zurück und las ihn noch einmal von Anfang bis zu Ende. „Oh! theure Marie,“ murmelte er, als er geendigt hatte,„ſie iſt es alſo geweſen, die ich im Hintergrunde ihres Wagens wahrgenommen habe. Wie, ſie denkt noch an mich nach einer Trennung von fünf Jahren! Bei Gott, das iſt eine Beſtändigkeit, wie man ſie nur in der Aſträa ſieht.“ 4. Dann ſich gegen Grimaud umwendend, fügte er bei: „Und Du, mein braver Junge, Du willſt uns alſo helfen?“ Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Du biſt nur deshalb hieher gekommen?“ Grimaud wiederholte ſein Zeichen. „und ich wollte Dich erdroſſeln!“ rief der Herzog. Grimaud lächelte. „Doch halt,“ ſprach der Herzog. Und er ſuchte in ſeinen Taſchen. roßle mehr „es äter, enen aus⸗ gen⸗ ſeine oder ſam und, das Hri⸗ zlich dem mit nger ſten es los, 235 Mann bürgt. Er hat eingewilligt, in den Dienſt Eures Gefreiten zu treten und ſich mit Euch in Vincennes ein⸗ zuſchließen, um Eure Flucht, mit der wir uns beſchäftigen, vorzubereiten und zu unterſtützen. „Der Augenblick der Befreiung iſt nahe; faßt Geduld und Muth und bedenkt, daß trotz Zeit und Abweſenheit alle Eure Freunde die Gefühle bewahrt haben, welche ſie für Euch hegten. „Euere ſtets und immer wohlgeneigte „Marie von Montbazon.“ „N. S. Ich unterzeichne alle Briefe, weil es zu große Eitelkeit wäre, zu denken, Ihr würdet nach fünf Jahren meine Anfangsbuchſtaben wieder erkennen.“ Der Herzog blieb einen Augenblick wie betäubt. Was er ſeit fünf Jahren ſuchte, ohne es zu finden, einen Diener, einen Beiſtand, einen Freund, das fiel ihm plötz⸗ lich vom Himmel zu, und zwar in einem Augenblick, wo er es am wenigſten erwartete. Er ſchaute Grimaud er⸗ ſtaunt an, kehrte zu ſeinem Briefe zurück und las ihn noch einmal von Anfang bis zu Ende. „Oh! theure Marie,“ murmelte er, als er geendigt hatte,„ſie iſt es alſo geweſen, die ich im Hintergrunde ihres Wagens wahrgenommen habe. Wie, ſie denkt noch an mich nach einer Trennung von fünf Jahren! Bei Gott, e iſt eine Beſtändigkeit, wie man ſie nur in der Aſträa ieht. Dann ſich gegen Grimaud umwendend, fügte er bei: „Und Du, mein braver Junge, Du willſt uns alſo helfen?“ Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Du biſt nur deshalb hieher gekommen?“ Grimaud wiederholte ſein Zeichen. „Und ich wollte Dich erdroſſeln!“ rief der Herzog. Grimaud lächelte. „Doch halt,“ ſprach der Herzog. Und er ſuchte in ſeinen Taſchen. 236 „Warte,“ fuhr der Herzog ſeinen fruchtloſen Ver⸗ ſuch erneuernd fort,„man ſoll nicht ſagen, eine ſolche bhnſerfenmng für einen Enkel Heinrichs IV. bleibe unbe⸗, ſpr ohnt. 3 Die Ber des Herzogs von Beaufort deutete die beſte Abſicht t an. Aber es war eine der Vor⸗— gel ſichtsmaßregeln in Vincennes, den Gefangenen kein Geld zu laſſen. 4 Als Grimaud die Enttäuſchung und den Aerger des ſte Herzogs bemerkte, zog er aus ſeiner Taſche eine Börſe voll 1 Gold, überreichte ſie ihm und ſagte: „Das iſt es, was Ihr ſucht.“ 8 Der Herzog öffnete die Börſe und wollte ſie in die erl Hände von Grimaud leeren, Grimaud aber ſchüttelte den zu Kopf und ſprach zurückweichend: „Ich danke, Monſeigneur, ich bin bezahlt.“ Der Herzog fiel aus einem Erſtaunen in das andere. Der Herzog reichte ihm die Hand; Grimaud näherte Te ſich und küßte ſie ehrfurchtsvoll. Die vornehmen Manie⸗ die ren von Athos waren eine Schule für Grimaud geweſen. Ae „Und nun,“ fragte der Herzog,„was werden wir wo thun?“.— do „Es iſt eilf Uhr,“ verſetzte Grimaud.„Um zwei Uhr verlange Monſeigneur eine Partie Ball mit La Ra⸗ nt mée zu ſpielen und ſchleudere zwei bis drei Bälle über w den Wall.“ w „Wohl, hernach?“ „Hernach.... wird ſich Monſeigneur der Mauer„ nähern und einem Manne, der im Graben arbeitet, zu⸗— R rufen, er ſolle ſie ihm zurückwerfen.“ „Ich begreife,“ ſagte der Herzog. Das Antlitz von Grimand ſchien eine lebhafte Be⸗ friedigung auszudrücken; bei dem geringen Gebrauch, den er von der Gewohnheit der Sprache machte, wurde ihm das Reden ſchwer. 3 Er ſchickte ſich an, abzugehen. 2 8.—ä— —— ꝗ ͦ ͦͦ— ——— 236 „Warte,“ fuhr der Herzog ſeinen fruchtloſen Ver⸗ ſuch erneuernd fort,„man ſoll nicht ſagen, eine ſolche Aufopferung für einen Enkel Heinrichs IV. bleibe unbe⸗ lohnt.“ Die Bewegung des Herzogs von Beaufort deutete die beſte Abſicht der Welt an. Aber es war eine der Vor⸗ ſichtsmaßregeln in Vincennes, den Gefangenen kein Geld zu laſſen. Als Grimaud die Enttäuſchung und den Aerger des Herzogs bemerkte, zog er aus ſeiner Taſche eine Börſe voll Gold, überreichte ſie ihm und ſagte: „Das iſt es, was Ihr ſucht.“ Der Herzog öffnete die Börſe und wollte ſie in die Hände von Grimaud leeren, Grimaud aber ſchüttelte den Kopf und ſprach zurückweichend: „Ich danke, Monſeigneur, ich bin bezahlt.“ Der Herzog fiel aus einem Erſtaunen in das andere. Der Herzog reichte ihm die Hand; Grimaud näherte ſich und küßte ſie ehrfurchtsvoll. Die vornehmen Manie⸗ ren von Athos waren eine Schule für Grimaud geweſen. „Und nun,“ fragte der Herzog,„was werden wir thun?“ „Es iſt eilf Uhr,“ verſetzte Grimaud.„Um zwei Uhr verlange Monſeigneur eine Partie Ball mit La Ra⸗ mée zu ſpielen und ſchleudere zwei bis drei Bälle über den Wall.“ „Wohl, hernach?“ „Hernach. wird ſich Monſeigneur der Mauer nähern und einem Manne, der im Graben arbeitet, zu⸗ rufen, er ſolle ſie ihm zurückwerfen.“ „Ich begreife,“ ſagte der Herzog. Das Antlitz von Grimaud ſchien eine lebhafte Be⸗ friedigung auszudrücken; bei dem geringen Gebrauch, den er von der Gewohnheit der Sprache machte, wurde ihm das Reden ſchwer. Er ſchickte ſich an, abzugehen. . ſprech E gehen ſo lär zu we ſtens Cdeln 7 erbitte zu ver 2 E Taſche dieß Aerge war L von u L und e willen wahrn . 1. von C Neuig wird.“ G zu ma war,! ſprechen.“ 237 „Du willſt alſo nichts annehmen?“ ſprach der Herzog. „Ich wünſchte, Monſeigneur würde mir eines ver⸗ „Wass? ſprich.“) „Daß ich, wenn wir fliehen, immer zuerſt hinaus⸗ gehen darfz denn wenn man Monſeigneur wieder erwiſcht, ſo läuft er höchſtens Gefahr, in das Gefängniß gebracht zu werden, während ich, wenn man mich erwiſcht, wenig⸗ ſtens gehenkt werde.“ „Das iſt nur zu richtig,“ erwiederte der Herzog,„auf Edelmannswort, es ſoll geſchehen, wie Du verlangſt.“ „Nun habe ich mir von Monſeigneur nur noch zu erbitten, daß er mir fortwährend die Ehre erweiſe, mich zu verabſcheuen, wie bisher.“ „Ich werde mich bemühen,“ ſprach der Herzog. Man klopfte an die Thuͤre. Der Herzog ſteckte ſein Billet und ſeine Börſe in die Taſche und warf ſich auf ſein Bett. Man wußte, daß dieß ſeine Zuflucht in ſeinen großen Augenblicken des Aergers und der Langweile war. Grimaud öffnete; es war La Ramée, welcher vom Cardinal zurückkehrte, wo die von uns erzählte Scene vorgefallen war. La Ramée warf einen forſchenden Blick um ſich her, und als er immer noch dieſelben Symptome des Wider⸗ willens zwiſchen dem Gefangenen und ſeinem Wächter wahrnahm, lächelte er voll innerer Zufriedenheit. Dann wandte er ſich nach Grimaud um und ſagte: „Gut, mein Freund, gut; man hat geeigneten Ortes von Euch geſprochen, und ich hoffe, Ihr ſollt bald eine Neuigkeit erfahren, die Euch nicht unangenehm ſein wird.“ Grimaud grüßte mit einer Miene, die er freundlich zu machen ſuchte, und entfernte ſich, was ſeine Gewohnheit war, wenn ſein Vorgeſetzter eintrat. 5 „Nun, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée mit ſeinem 237 „Du willſt alſo nichts annehmen?“ ſprach der Herzog. Ver⸗„Ich wünſchte, Monſeigneur würde mir eines ver⸗ ſolche ſprechen.“ unbe⸗„Was? ſprich.“ „Daß ich, wenn wir fliehen, immer zuerſt hinaus⸗ te die gehen darf; denn wenn man Monſeigneur wieder etwiſcht, Vor⸗ ſo läuft et höchſtens Geſahr, in das Gefängniß gebracht Geld zu werden, während ich, wenn man mich erwiſcht, wenig⸗ ſtens gehenkt werde.“ r des„Das iſt nur zu richtig,“ erwiederte der Herzog,„auf voll Edelmaunswort, es ſoll geſchehen, wie Du verlangſt.“ „Nun habe ich mir von Monſeigneur nur noch zu eerbitten, daß er mir fortwährend die Ehre erweiſe, mich n die zu verabſcheuen, wie bisher.“ e den„Ich werde mich bemühen,“ ſprach der Herzog. Man klopfte an die Thüre. Der Herzog ſteckte ſein Billet und ſeine Börſe in die dere. Taſche und warf ſich auf ſein Bett. Man wußte, daß iherte dieß ſeine Zuflucht in ſeinen großen Augenblicken des anie⸗ Aergers und der Langweile war. Grimaud öffnete; es eſen. war La Ramée, welcher vom Cardinal zurückkehrte, wo die wir von uns erzählte Scene vorgefallen war. La Ramée warf einen forſchenden Blick um ſich her, zwei und als er immer noch dieſelben Symptome des Wider⸗ Ra⸗ willens zwiſchen dem Gefangenen und ſeinem Wächter über wahrnahm, lächelte er voll innerer Zufriedenheit. Dann wandte er ſich nach Grimaud um und ſagte: „Gut, mein Freund, gut; man hat geeigneten Ortes auer ſuon Euch geſprochen, und ich hoffe, Ihr ſollt bald eine zu⸗ Neuigkeit erfahren, die Euch nicht unangenehm ſein wird.“ Grimaud grüßte mit einer Miene, die er freundlich Be⸗ zu machen ſuchte, und entfernte ſich, was ſeine Gewohnheit den war, wenn ſein Vorgeſetzter eintrat. ihm„Nun, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée mit ſeinem 238 plumpen Lachen,„Ihr ſchmollt immer noch mit dieſem armen Burſchen „Ah! Ihr ſeid es, La Ramée,“ ſagte der Herzog, „meiner Treu', es war Zeit, daß Ihr kamet. Ich hatte mich auf mein Bett geworfen und die Naſe der Wand zugedreht, um der Verſuchung nicht nachzugeben, anein Wort zu halten und dieſen Schurken Grimaud zu er⸗ droſſeln. „Ich zweifle,“ erwiederte La Ramée mit einer geiſt⸗ reichen Anſpielung auf die Stummheit ſeines Untergeord⸗ neten,„daß er Euerer Hoheit etwas Unangenehmes ge⸗ ſagt hat.“ „Bei Gott, ich glaube wohl; ein Stummer aus dem Orient. Ich ſchwöre es Euch, es war Zeit, daß Ihr zu⸗ rückkamet, La Ramée, und es drängte mich, Euch wieder zu ſehen.“ „Monſeigneur iſt zu gut,“ verſetzte La Ramée, von dem Complimente geſchmeichelt. „Ja,“ fuhr der Herzog fort,„in der That, ich fühle mich heute von einer Ungeſchicklichkeit, die Euch Vergnügen gewähren wird. „Wir machen alſo eine Partie Ball?“ ſagte La Ra⸗ mée maſchinenmäßig. „Wenn Ihr wollt.“ „Ich bin Monſeigneur zu Befehl.“ „Das heißt, mein lieber Ramée,“ ſprach der Herzog, „Ihr ſeid ein ſehr artiger Mann, und ich möchte gern ewig in Vincennes bleiben, um das Vergnügen zu haben, mit Euch mein Leben zuzubringen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte La Ramée,„ich glaube, es hängt nicht von dem Cardinal ab, wenn Eure Wünſche nicht erfüllt werden.“ 3 „Wie ſo? habt Ihr ihn ſeit Kurzem geſehen?“ „Er hat mich dieſen Morgen holen laſſen. „Wirklich! um Euch über mich zu ſprechen.“ 238 plumpen Lachen,„Ihr ſchmollt immer noch mit dieſem armen Burſchen „Ah! Ihr ſeid es, La Ramée,“ ſagte der Herzog, „meiner Treu', es war Zeit, daß Ihr kamet. Ich hatte mich auf mein Bett geworfen und die Naſe der Wand zugedreht, um der Verſuchung nicht nachzugeben, mein Wort zu halten und dieſen Schurken Grimaud zu er⸗ droſſeln. „Ich zweifle,“ erwiederte La Namée mit einer geiſt⸗ reichen Anſpielung auf die Stummheit ſeines Untergeord⸗ neten,„daß er Euerer Hoheit etwas Unangenehmes ge⸗ ſagt hat.“ „Bei Gott, ich glaube wohl; ein Stummer aus dem Orient. Ich ſchwöre es Euch, es war Zeit, daß Ihr zu⸗ rückkamet, La Ramée, und es drängte mich, Euch wieder zu ſehen.“ „Monſeigneur iſt zu gut,“ verſetzte La Ramée, von dem Complimente geſchmeichelt. „Ja,“ fuhr der Herzog fort,„in der That, ich fühle mich heute von einer Ungeſchicklichkeit, die Euch Vergnügen gewähren wird. „Wir machen alſo eine Partie Ball?“ ſagte La Ra⸗ mée maſchinenmäßig. „Wenn Ihr wollt.“ „Ich bin Monſeigneur zu Befehl.“ „Das heißt, mein lieber Ramée,“ ſprach der Herzog, „Ihr ſeid ein ſehr artiger Mann, und ich möchte gern ewig in Vincennes bleiben, um das Vergnügen zu haben, mit Euch mein Leben zuzubringen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte La Ramée,„ich glaube, es hängt nicht von dem Cardinal ab, wenn Eure Wünſche nicht erfüllt werden.“ „Wie ſo? habt Ihr ihn ſeit Kurzem geſehen?“ „Er hat mich dieſen Morgen holen laſſen.“ „Wirklich! um Euch über mich zu ſprechen.“ Monſ ⸗ 6 La R Ding tig ſe Euch, niß ſ komn hören des F zweite zwiſch Ram⸗ ſchein ginge mich, wiede der 4 ſprac auf 2 ſagt: unrul komm kommen.“ 239 „Worüber ſoll er mit mir ſprechen? In der That, Monſeigneur, Ihr ſeid ſein Alp.“ Der Herzog laͤchelte bitter. 4 „Ach! wenn Ihr mein Anerbieten annehmen wolltet, La Ramée...“. „Stille, Monſeigneur, warum abermals von dieſen Dingen ſprechen; Ihr ſeht wohl, daß Ihr nicht vernünf⸗ tig ſeid.“ „La Ramée, ich habe Euch geſagt und wiederhole Euch, ich würde Euer Glück machen.“ „Womit? Ihr werdet nicht ſobald aus dem Gefäng⸗ niß ſein, als man Eure Güter confisciren wird.“ „Ich werde nicht ſobald aus dem Gefängniß ent⸗ kommen, als ich Herr von Paris ſein werde.“ „Stille, ſtille doch! Kann ich denn ſolche Dinge an⸗ hören? Das iſt eine ſchöne Sprache gegen einen Offizier des Königs! Ich ſehe wohl, Monſeigneur, ich muß einen zweiten Grimaud ſuchen.“ „Gut, ſprechen wir nicht mehr davon. Es war alſo zwiſchen Dir und dem Cardinal die Rede von mir? La Ramée, Du ſollteſt eines Tages, wenn Du bei ihm er⸗ ſcheinen mußt, mich Deine Kleider anlegen laſſen. Ich ginge an Deiner Stelle, würde ihn erdroſſeln und ſtellte miich, wenn es Bedingung wäre, auf Edelmannswort ſelbſt wieder im Gefängniß.“ „Monſeigneur, ich ſehe wohl, ich muß Grimaud rufen.“ „Ich habe Unrecht. Und was hat er Dir geſagt, der Philiſter?“ „Ich laſſe Euch das Wort gelten, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée mit ſeiner Miene,„weil es ſich reimt auf Miniſter. Was er mir geſagt hat? Er hat mir ge⸗ ſagt: ich ſolle Euch überwachen.“ „Und warum mich überwachen?“ fragte der Herzog unruhig.. „Weil ein Aſtrolog prophezeit hat, Ihr würdet ent⸗ 239 eſem„Worüber ſoll er mit mir ſprechen? In der That, WMonſeigneur, Ihr ſeid ſein Alp.“ rzog, Der Herzog lächelte bitter. hatte„Ach! wenn Ihr mein Anerbieten annehmen wolltet, Band La Ramée. mein„Stille, Monſeigneur, warum abermals von dieſen er⸗ S ſprechen; Ihr ſeht wohl, daß Ihr nicht vernünf⸗ tig ſeid.“ geiſt⸗„La Ramée, ich habe Euch geſagt und wiederhole eord⸗ Euch, ich würde Euer Glück machen.“ ge⸗„Womit? Ihr werdet nicht ſobald aus dem Gefäng⸗ niß ſein, als man Eure Güter confisciren wird.“ dem„Ich werde nicht ſobald aus dem Gefängniß ent⸗ zu⸗ kommen, als ich Herr von Paris ſein werde.“ ieder„Stille, ſtille doch! Kann ich denn ſolche Dinge an⸗ hören? Das iſt eine ſchöne Sprache gegen einen Offizier von des Königs! Ich ſehe wohl, Monſeigneur, ich muß einen zweiten Grimaud ſuchen.“ fühle„Gut, ſprechen wir nicht mehr davon. Es war alſo ügen zwiſchen Dir und dem Cardinal die Rede von mir? La Ramée, Du ſollteſt eines Tages, wenn Du bei ihm er⸗ Ra⸗ ſcheinen mußt, mich Deine Kleider anlegen laſſen. Ich ginge an Deiner Stelle, würde ihn erdroſſeln und ſtellte mich, wenn es Bedingung wäre, auf Edelmannswort ſelbſt wieder im Gefängniß.“ rzog,„Monſeigneur, ich ſehe wohl, ich muß Grimaud rufen.“ ewig„Ich habe Unrecht. Und was hat er Dir geſagt, mit der Philiſter?“ „Ich laſſe Euch das Wort gelten, Monſeigneur,“ mube, ſprach La Ramée mit ſeiner Miene,„weil es ſich reimt ſche auf Miniſter. Was er mir geſagt hat? Er hat mir ge⸗ ſagt: ich ſolle Euch überwachen.“ „Und warum mich überwachen?“ fragte der Herzog unruhig. „Weil ein Aſtrolog prophezeit hat, Ihr würdet ent⸗ kommen.“ 240 Ach! ein Aſtrolog hat dies prophezeiht,“ ſagte der 2 Herzog unwillkührlich bebend. Pn han „Oh, mein Gott, ja ſie wiſſen nicht, was ſie erſin⸗ nen ſollen, dieſe Dummköpfe von Magiern, um ehrwürdige Leute zu plagen.“ „„und was haſt Du der hochwürdigſten Eminenz ge⸗ antwortet. „Wenn der fragliche Aſtrolog Almanache mache, ſo rathe ich ihr nicht, ſolche zu kaufen.“ „Warum?“ „Weil Ihr, um zu entfliehen, Fink oder Zaunkönig werden müßtet.“ „Du haſt leider ſehr Recht. Doch wir wollen eine Partie Ball ſpielen, La Ramée.“ „Monſeigneur, ich bitte Eure Hoheit um Vergebung, aber ich bedarf der Friſt von einer halben Stunde. „Und warum dies?“ „Weil Monſeigneur Mazarin, obgleich nicht von ſo guter Geburt, doch viel ſtolzer iſt, als Ihr, und mich zum Frühſtück einzuladen vergeſſen hat.“ laferaen wohl, ſo will ich Dir Frühſtück hieher bringen „Nein, Monſeigneur, ich muß Euch ſagen, daß der Paſtetenbäcker, welcher dem Schloſſe gegenüber wohnte und den man den Vater Marteau nannte...“ „Nun? „Vor acht Tagen ſein Beſitzthum an einen Paſte⸗ tenbäcker von Paris verkauft hat, dem die Aerzte, wie es ſcheint, die Landluft anriethen.“ „Was geht das mich an?“ „Wartet doch, Monſeignenr. Dieſer verdammte Pa⸗ ſtetenbäcker hat vor ſeiner Bude eine Maſſe von Dingen, die einem den Mund wäſſern machen.“ „Leckermaul!“ „Ci, mein Gott, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée, „man iſt nicht Leckermaul, wenn man gerne gut — ⸗—————— 240 „Ach! ein Aſtrolog hat dies prophezeiht,“ ſagie der Herzog unwillkührlich bebend. „Oh, mein Gott, ja ſie wiſſen nicht, was ſie erſin⸗ nen ſollen, dieſe Dummköpfe von Magiern, um ehrwürdige Leute zu plagen.“ „Und was haſt Du der hochwürdigſten Eminenz ge⸗ antwortet. „Wenn der fragliche Aſtrolog Almanache mache, ſo rathe ich ihr nicht, ſolche zu kaufen.“ „Warum?“* „Weil Ihr, um zu entflichen, Fink oder Zaunkönig werden müßtet.“ „Du haſt leider ſehr Recht. Doch wir wollen eine Partie Ball ſpielen, La Ramée.“ „Monſeigneur, ich bitte Eure Hoheit um Vergebung, aber ich bedarf der Friſt von einer halben Stunde. „Und warum dies?“ „Weil Monſeigneur Mazarin, obgleich nicht von ſp guter Geburt, doch viel ſtolzer iſt, als Ihr, und mich zum Frühſtück einzuladen vergeſſen hat.“ laſſen. Paſtetenbäcker, welcher dem Schloſſe gegenüber wohnte und den man den Vater Marteau nannte.. „Nun?“ „Vor acht Tagen ſein Beſitzthum an einen Paſte⸗ tenbäcker von Paris verkauft hat, dem die Aerzte, wie es ſcheint, die Landluft anriethen.“ „Was geht das mich an?“ „Wartet doch, Monſeignenr. Dieſer verdammte Pa⸗ etenbäcker hat vor ſeiner Bude eine Maſſe von Dingen, die einem den Mund wäſſern machen.“ „Leckermaul!“ „Run wohl, ſo will ich Dir Frühſtück hieher bringen „Nein, Monſeigneur, ich muß Euch ſagen, daß der — „Ei, mein Gott, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée, „man iſt nicht Leckermaul, wenn man gerne gut der ſin⸗ dige ge⸗ ſo 241 ißt. Es liegt in der Natur des Menſchen, daß er die Vollkommenheit in Paſteten, wie in allen andern Dingen ſucht. Dieſer Spitzbube von einem Paſtetenbäcker, Mon⸗ ſeignenr, kam nun, als er mich vor ſeiner Auslage ſtille ſtehen ſah, mit einem dummdreiſten Weſen auf mich zu, und ſagte mir:„„Herr La Ramée, ich muß die Kund⸗ ſchaft der Gefangenen des Thurmes bekommen. Ich habe dieſes Etabliſſement von meinem Vorgänger gekauft, weil er mir die Verſicherung gab, er liefere für das Schloß, und auf meine Ehre, Herr von Chavigny hat ſeit den acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Toͤrtchen bei mir holen laſſen.““ „Dies iſt ohne Zweifel der Fall,“ antwortete ich ihm,„weil Herr von Chavigny befürchtet, Euer Gebäcke ſei nicht gut.“ „Nicht gut, mein Gebäcke!“ nun wohl, Herr La Ra⸗ mée, Ihr ſollt ſelbſt Richter ſein und zwar auf der Stelle!“ „Ich kann nicht,“ antwortete ich,„denn ich muß ſogleich in's Schloß zurückkehren.“ „Nun wohl,““ ſagte er,„„ſo macht Eure Geſchäfte ab, da Ihr Eile zu haben ſcheint, und kommt in einer halben Stunde wieder.““ „In einer halben Stunde?“ „„Ja. Habt Ihr gefrühſtückt?““ „Meiner Treue, nein!“ „„Seht, hier iſt eine Paſtete, die Euch mit einer Flaſche Burgunder erwartet.“ „Und Ihr begreift, Monſeigneur, da ich noch ganz vüchin bin, ſo möchte ich mit Erlaubniß Euerer Ho⸗ eit... Und La Ramse verbeugte ſich. „Geh alſo, Thier,“ ſprach der Herzog,„aber merke Dir wohl, ich gebe Dir nur eine halbe Stunde.“ „Darf ich dem Nachfolger von Vater Marteau Eure Kundſchaft verſprechen?“ „Ja, vorausgeſetzt, er thut mir keine Schwämme Zwanzig Jahre nachher. I. 16 der rſin⸗ rdige Be⸗ „ſo önig eine ung, nde. n ſo zum ngen der und aſte⸗ ie es Po⸗ igen, mée, gut — 241 ißt. Es liegt in der Natur des Menſchen, daß er die Vollkommenheit in Paſteten, wie in allen andern Dingen ſucht. Dieſer Spitzbube von einem Paſtetenbäcker, Mon⸗ ſeignenr, kam nun, als er mich vor ſeiner Auslage ſtille ſtehen ſah, mit einem dummdreiſten Weſen auf mich zu, und ſagte mir:„„Herr La Ramée, ich muß die Kund⸗ ſchaft der Gefangenen des Thurmes bekommen. Ich habe dieſes Etabliſſement von meinem Vorgänger gekauft, weil er mir die Verſicherung gab, er liefere für das Schloß, und auf meine Ehre, Herr von Chavigny hat ſeit den acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Törtchen bei mir holen laſſen.““ „Dies iſt ohne Zweifel der Fall,“ antwortete ich ihm,„weil Herr von Chavigny befürchtet, Euer Gebäcke ſei nicht gut.“ „Nicht gut, mein Gebäcke!“ nun wohl, Herr La Ra⸗ mée, Ihr ſollt ſelbſt Richter ſein und zwar auf der Stelle!“ „Ich kann nicht,“ antwortete ich,„denn ich muß ſogleich in's Schloß zurückkehren.“ „„Nun wohl,“ ſagte er,„ſo macht Eure Geſchäfte ab, da Ihr Eile zu haben ſcheint, und kommt in einer halben Stunde wieder.““ „In einer halben Stunde?“ „„Ja. Habt Ihr gefrühſtückt?““ „Meiner Treue, nein!“ „„Seht, hier iſt eine Paſtete, die Euch mit einer Flaſche Burgunder erwartet.“ „Und Ihr begreift, Monſeigneur, da ich noch ganz nüchtern bin, ſo möchte ich mit Erlaubniß Euerer Ho⸗ he Und La Ramée verbeugte ſich. „Geh alſo, Thier,“ ſprach der Herzog,„aber merke Dir wohl, ich gebe Dir nur eine halbe Stunde.“ „Darf ich dem Nachfolger von Vater Marteau Eure Kundſchaft verſprechen?“ „Ja, vorausgeſetzt, er thut mir keine Schwämme Zwanzig Jahre nachher. I. 16 242 in ſeine Paſteten. Du weißt,“ fügte der Prinz bei,„daß die Schwämme aus dem Walde von Vincennes meiner Familie tödtlich ſind.“ La Ramée entfernte ſich, ohne die Anſpielung zu er⸗ wiedern, und fünf Minuten nach ſeinem Abgang trat der Offizier von der Wache ein, unter dem Vorwande, ſich die Ehre zu geben, dem Prinzen Geſellſchaft zu leiſten, in Wirklichkeit aber, um die Befehle des Cardinals zu er⸗ füllen, welcher, wie wir geſagt haben, einſchärfte, den Ge⸗ fangenen nicht aus dem Geſicht zu verlieren. Aber während der fünf Minuten, die der Herzog allein geblieben war, hatte er Zeit gehabt, noch einmal das Billet von Frau von Montbazon zu leſen, welches dem Gefangenen bewies, daß ihn ſeine Freunde nicht ver⸗ geſſen hatten, und daß ſie ſich mit ſeiner Befreiung be⸗ ſchäftigten; auf welche Weiſe, das wußte er nicht; aber er gelobte ſich, Grimaud, wie ſtumm er auch ſein mochte, endlich zum Sprechen zu bringen. Er ſetzte um ſo grö⸗ ßeres Vertrauen in dieſen Mann, als er ſich jetzt ſein Be⸗ nehmen klar machte und nun begriff, daß er alle die klei⸗ nen Verfolgungen, mit denen er den Herzog heimſuchte, nur erfunden hatte, um ſeinen Wächtern jeden Gedanken zu benehmen, er könnte ſich mit ihm verſtändigen. Dieſe Liſt gab dem Herzog einen hohen Begriff von dem Verſtande von Grimaud, welchem er ſich gänzlich an⸗ zuvertrauen beſchloß. XX. Was die Paſteten des Nachfolgers vom Vater . Marteau enthielten. Eine halbe Stunde nachher kehrte La Ramée munter und vergnügt zurück, wie ein Menſch, der gut gegeſſen 242 in ſeine Paſteten. Du weißt,“ fügte der Prinz bei,„daß die Schwämme aus dem Walde von Vincennes meiner Familie tödtlich ſind.“ La Ramée entfernte ſich, ohne die Anſpielung zu er⸗ wiedern, und fünf Minuten nach ſeinem Abgang trat der Offizier von der Wache ein, unter dem Vorwande, ſich die Ehre zu geben, dem Prinzen Geſellſchaft zu leiſten, in Wirklichkeit aber, um die Befehle des Cardinals zu er⸗ füllen, welcher, wie wir geſagt haben, einſchärfte, den Ge⸗ fangenen nicht aus dem Geſicht zu verlieren. Aber während der fünf Minuten, die der Herzog allein geblieben war, hatte er Zeit gehabt, noch einmal das Billet von Frau von Montbazon zu leſen, welches dem Gefangenen bewies, daß ihn ſeine Freunde nicht ver⸗ geſſen hatten, und daß ſie ſich mit ſeiner Befreiung be⸗ ſchäftigten; auf welche Weiſe, das wußte er nicht; aber er gelobte ſich, Grimaud, wie ſtumm er auch ſein mochte, endlich zum Sprechen zu bringen. Er ſetzte um ſo grä⸗ ßeres Vertrauen in dieſen Mann, als er ſich jetzt ſein Be⸗ nehmen klar machte und nun begriff, daß er alle die klei⸗ nen Verfolgungen, mit denen er den Herzog heimſuchte, nur erfunden hatte, um ſeinen Wächtern jeden Gedanken zu benehmen, er könnte ſich mit ihm verſtändigen. Dieſe Liſt gab dem Herzog einen hohen Begriff von dem Verſtande von Grimaud, welchem er ſich gänzlich an⸗ zuvertrauen beſchloß. ⸗ XX. Was die Paſteten des Vachfolgers vom Vater Marteau enthielten. Eine halbe Stunde nachher kehrte La Ramée munter und vergnügt zurück, wie ein Menſch, der gut gegeſſen 243 und beſonders gut getrunken hat. Er hatte vortreffliche Paſteten und köſtlichen Wein gefunden. Das Wetter war ſchön und geſtattete die beabſich⸗ tigte Partie. Das Ballſpiel von Vincennes war ein Lang⸗ ballſpiel, das heißt in freier Luft. Nichts war alſo für den Herzog leichter, als das zu thun, was ihm Grimaud em⸗ pfohlen hatte, daß heißt, die Bälle in den Graben zu ſchleudern. So lange es indeſſen nicht zwei Uhr geſchlagen hatte, war der Herzog nicht zu ungeſchickt, denn zwei Uhr war die beſtimmte Stunde. Er verlor jedoch die bis dahin eingegangenen Partien, was ihm zornig zu werden und das zu thun geſtattete, was man in ſolchen Fällen thut, nämlich Fehler auf Fehler zu machen. Als es zwei Uhr ſchlug, fingen die Bälle an, den Weg nach dem Graben zu nehmen und zwar zur großen Freude von La Ramée, welcher bei jedem Hinaus, das der Prinz machte, fünfzehn markirte. Die Hinaus nahmen ſo zu, daß es bald an Bällen fehlte. La Ramée ſchlug nun vor, Jemand hinab zu ſchicken, um ſie aus dem Graben zu holen. Aber der Herzog bemerkte vernünftiger Weiſe, das wäre verlorene Zeit, näherte ſich dem Walle, der an dieſer Stelle, wie der Gefreite geſagt hatte, wenigſtens fünfzig Fuß hoch war, und erblickte einen Mann, der in einem von den tauſend Gärtchen arbeitete, welche die Bauern auf der andern Seite des Grabens anlegten. „He, Freund!“ rief der Herzog. Der Mann ſchaute empor, und der Prinz war im Begriff, einen Schrei des Erſtaunens auszuſtoßen. Dieſer Mann, dieſer Bauer, dieſer Gärtner war Rochefort, den der Prinz in der Baſtille glaubte. „Nun, was gibt es da oben?“ fragte der Mann. „Habt die Gefälligkeit, unſere Bälle zurückzuwerfen,“ rief der Herzog. Der Gärtner machte ein Zeichen mit den Kopfe und er ter und beſonders gut getrunken hat. Er hatte vortreffliche Paſteten und köſtlichen Wein gefunden. Das Wetter war ſchön und geſtattete die beabſich⸗ tigte Partie. Das Ballſpiel von Vincennes war ein Lang⸗ ballſpiel, das heißt in freier Luft. Nichts war alſo für den Herzog leichter, als das zu thun, was ihm Grimaud em⸗ pfohlen hatte, daß heißt, die Bälle in den Graben zu ſchleudern. So lange es indeſſen nicht zwei Uhr geſchlagen hatte, war der Herzog nicht zu ungeſchickt, denn zwei Uhr war die beſtimmte Stunde. Er verlor jedoch die bis dahin eingegangenen Partien, was ihm zornig zu werden und das zu thun geſtattete, was man in ſolchen Fällen thut, nämlich Fehler auf Fehler zu machen. Als es zwei Uhr ſchlug, fingen die Bälle an, den Weg nach dem Graben zu nehmen und zwar zur großen Freude von La Ramée, welcher bei jedem Hinaus, das der Prinz machte, fünfzehn markirte. Die Hinaus nahmen ſo zu, daß es bald an Bällen fehlte. La Ramée ſchlug nun vor, Jemand hinab zu ſchicken, um ſie aus dem Graben zu holen. Aber der Herzog bemerkte vernünftiger Weiſe, das wäre verlorene Zeit, näherte ſich dem Walle, der an dieſer Stelle, wie der Gefreite geſagt hatte, wenigſtens fünfzig Fuß hoch war, und erblickte einen Mann, der in einem von den tauſend Gärtchen arbeitete, welche die Bauern auf der andern Seite des Grabens anlegten. „He, Freund!“ rief der Herzog. Der Mann ſchaute empor, und der Prinz war im Begriff, einen Schrei des Erſtaunens auszuſtoßen. Dieſer Mann, dieſer Bauer, dieſer Gärtner war Rochefort, den der Prinz in der Baſtille glaubte. „Nun, was gibt es da oben?“ fragte der Mann. „Habt die Gefälligkeit, unſere Bälle zurückzuwerfen,“ rief der Herzog. Der Gärtner machte ein Zeichen mit 50 Kopfe und 244 fing an, die Bälle zurückzuwerfen, welche La Ramée und die Wachen aufhoben. Einer derſelben fiel vor die Füße des Herzog und da dieſer offenbar für ihn beſtimmt war, ſo ſteckte er ihn in ſeine Taſche. Dann machte er dem Gärtner ein Zeichen des Dan⸗ kes und kehrte zu ſeiner Partie zurück. Der Herzog hatte aber offenbar ſeinen ſchlimmen Tag. Die Bälle flogen fortwährend in's Weite, ſtatt ſich in den Gränzen des Spieles zu halten. Zwei oder drei kehrten in den Graben zurück, da aber der Gärtner nicht mehr da war, um ſie wieder hinauf zu ſchleudern, ſo gingen ſie verloren. Dann erklärte der Herzog, er ſchäme . ſhai großer Ungeſchicklichkeit und wolle nicht weiter pielen. La Ramée war entzückt, einen Prinzen von Geblüt völlig geſchlagen zu haben. Der Prinz kehrte in ſein Zimmer zurück und legte ſich nieder. Das that er beinahe den ganzen Tag, ſeitdem man ihm ſeine Bücher genommen hatte. La Ramée nahm die Kleider des Prinzen, unter dem Vorwande, ſie wären mit Staub bedeckt und er müßte ſie ausbürſten laſſen, in Wirklichkeit aber, um ſicher zu ſein, daß ſich der Prinz nicht von der Stelle bewegte. Es war ein vorſichtiger Mann, dieſer La Ramée. Glücklicher Weiſe hatte der Prinz Zeit gehabt, den Ball unter ſeinem Kopfpfühl zu verbergen. Sobald die Thüre geſchloſſen war, zerriß der Herzog den Ueberzug des Balles mit ſeinen Zähnen, denn man ließ ihm kein ſchneidendes Inſtrument: zum Eſſen hatte er nur Meſſer mit ſilbernen Klingen, welche nicht ſchnitten. Unter dem Ueberzug war ein Brief, welcher folgende Zeilen enthielt: „Monſeigneur, Eure Freunde wachen und die Stunde Eurer Befreiung naht. Verlangt übermorgen eine Pa⸗ ſtete zu eſſen, gemacht von dem neuen Paſtetenbäcker, wel⸗ cher den Laden des früheren gekauft hat, und niemand 244 fing an, die Bälle zurückzuwerfen, welche La Ramée und die Wachen aufhoben. Einer derſelben fiel vor die Füße des Herzog und da dieſer offenbar für ihn beſtimmt war, ſo ſteckte er ihn in ſeine Taſche. Dann machte er dem Gärtner ein Zeichen des Dan⸗ kes und kehrte zu ſeiner Partie zurück. Der Herzog hatte aber offenbar ſeinen ſchlimmen Tag. Die Bälle flogen fortwährend in's Weite, ſtatt ſich in den Gränzen des Spieles zu halten. Zwei oder drei kehrten in den Graben zurück, da aber der Gärtner nicht mehr da war, um ſie wieder hinauf zu ſchleudern, ſo gingen ſie verloren. Dann erklärte der Herzog, er ſchäme großer Ungeſchicklichkeit und wolle nicht weiter pielen. La Ramée war entzückt, einen Prinzen von Geblüt völlig geſchlagen zu haben. Der Prinz kehrte in ſein Zimmer zurück und legte ſich nieder. Das that er beinahe den ganzen Tag, ſeitdem man ihm ſeine Bücher genommen hatte. La Ramée nahm die Kleider des Prinzen, unter dem Vorwande, ſie wären mit Staub bedeckt und er müßte ſie ausbürſten laſſen, in Wirklichkeit aber, um ſicher zu ſein, daß ſich der Prinz nicht von der Stelle bewegte. Es war ein vorſichtiger Mann, dieſer La Ramée. Glücklicher Weiſe hatte der Prinz Zeit gehabt, den Ball unter ſeinem Kopfpfühl zu verbergen. . Sobald die Thüre geſchloſſen war, zerriß der Herzog den Ueberzug des Balles mit ſeinen Zähnen, denn man ließ ihm kein ſchneidendes Inſtrument: zum Eſſen hatte er nur Meſſer mit ſilbernen Klingen, welche nicht ſchnitten. Unter dem Ueberzug war ein Brief, welcher folgende Zeilen enthielt: „Monſeigneur, Eure Freunde wachen und die Stunde Eurer Befreiung naht. Verlangt übermorgen eine Pa⸗ ſtete zu eſſen, gemacht von dem neuen Paſtetenbäcker, wel⸗ cher den Laden des früheren gekauft hat, und niemand 245 Anderes iſt, als Noirmont, Euer Haushofmeiſter. Oeffnet. die Paſtete erſt, wenn Ihr allein ſeid. Ich hoffe, Ihr werdet mit dem, was ſie enthält, zufrieden ſein. Der ſtets ergebene Diener Eurer Hoheit, in der Baſtille wie anderswo, . Graf von Rochefort. „N. S. Eure Hoheit kann Grimaud in jeder Be⸗ ziehung trauen. Es iſt ein ſehr geſcheiter und uns er⸗ gebener Burſche.“. Der Herzog von Beaufort, dem man ſein Feuer zu⸗ rückgegeben hatte, ſeitdem er auf die Malerei Verzicht ge⸗ leiſtet, verbrannte den Brief, wie er dies zu ſeinem großen Bedauern mit dem von Frau von Montbazon gethan hatte, und er war im Begriff, daſſelbe mit dem Balle zu thun, als es ihm einfiel, er könnte ihm nützlich ſein, um ſeine Antwort zu Rochefort gelangen zu laſſen. Er war wohl bewacht, denn in dem Augenblick, wo er es gethan hatte, trat La Ramée ein. „Bedarf Monſeigneur etwas?“ ſagte er. „Ich hatte kalt,“ antwortete der Herzog,„und ſchürte das Feuer an, damit es mehr Wärme gebe. Ihr wißt, mein Lieber, die Zimmer des Thurmes von Vincennes ſind berühmt wegen ihrer Friſche. Man könnte Eis darin aufbewahren und ſammelt Salpeter in denſelben. Dieje⸗ nigen, in welchem Puylaurens, Marſchall von Ornano und der Großprior, mein Oheim, ſtarben, waren Arſenik werth, wie Frau von Rambouillet ſagte.“ Und der Herzog legte ſich, ſeinen Ball unter den Kopfpfühl ſteckend, wieder nieder. La Ramée lächelte. Es war im Grunde ein braver Mann, der eine große Vorliebe für ſeinen erhabenen Gefangenen gefaßt hatte und in Verzweiflung gerathen wäre, wenn er ihm hätte ein Unglück begegnen ſehen müſſen. Die Unglücksfälle aber, welche hinter einander die drei genannten Perſonen betroffen hatten, waren unbeſtreitbar. 8 245 Anderes iſt, als Noirmont, Euer Haushofmeiſter. Seffnet die Paſtete erſt, wenn Ihr allein ſeid. Ich hoffe, Ihr werdet mit dem, was ſie enthält, zufrieden ſein. Der ſtets ergebene Diener Eurer Hoheit, in der Baſtille wie anderswo, Graf von Rochefort. „N. S. Eure Hoheit kann Grimaud in jeder Be⸗ ziehung trauen. Es iſt ein ſehr geſcheiter und uns er⸗ gebener Burſche.“ Der Herzog von Beaufort, dem man ſein Feuer zu⸗ rückgegeben hatte, ſeitdem er auf die Malerei Verzicht ge⸗ leiſtet, verbrannte den Brief, wie er dies zu ſeinem großen Bedauern mit dem von Frau von Montbazon gethan hatte, und er war im Begriff, daſſelbe mit dem Balle zu thun, als es ihm einfiel, er könnte ihm nützlich ſein, um ſeine Antwort zu Rochefort gelangen zu laſſen. Er war wohl bewacht, denn in dem Augenblick, wo er es gethan hatte, trat La Ramée ein. „Bedarf Monſeigneur etwas?“ ſagte er. „Ich hatte kalt,“ antwortete der Herzog,„und ſchürte das Feuer an, damit es mehr Wärme gebe. Ihr wißt, mein Lieber, die Zimmer des Thurmes von Vincennes ſind berühmt wegen ihrer Friſche. Man könnte Eis darin aufbewahren und ſammelt Salpeter in denſelben. Dieje⸗ nigen, in welchem Puylaurens, Marſchall von Ornano und der Großprior, mein Oheim, ſtarben, waren Arſenik werth, wie Frau von Rambvuillet ſagte.“ Und der Herzog legte ſich, ſeinen Ball unter den Kopfpfühl ſteckend, wieder nieder. La Ramée lächelte. Es war im Grunde ein braver Mann, der eine große Vorliebe für ſeinen erhabenen Gefangenen gefaßt hatte und in Verzweiflung gerathen wäre, wenn er ihm hätte ein Unglück begegnen ſehen müſſen. Die Unglücksfälle aber, welche hinter einander die drei genannten Perſonen betroffen hatten, waren unbeſtreitbar. 216 „ Monſeigneur,“ ſagte er,„man muß ſich nicht ſol⸗ chen Gedanken hingeben. Solche Gedanken ſind es, welche tödten, und nicht der Salpeter.“ „Ei, mein Lieber,“ ſprach der Herzog,„Ihr ſeid entzückend. Wenn ich, wie Ihr, zu dem Nachfolger von Vater Marteau gehen und Paſteten eſſen und Burgunder⸗ weein trinken könnte, das würde mich zerſtreuen.“ „Es iſt wahr, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée, ſeine Paſteten ſind ausgezeichnet und ſein Wein iſt vor⸗ trefflich.“ „Jeden Falls,“ verſetzte der Herzog, brauchen ſich ſein Keller und ſeine Küche nicht anzuſtrengen, um mehr werth zu ſein, als Keller und Küche von Herrn von Chavigny.“ „Nun wohl, Monſeigneur,“ ſagte La Ramée in die Falle gehend,„wer hindert Euch, davon zu koſten? Ueber⸗ dies habe ich ihm Eure Kundſchaft verſprochen.“ „Du haſt Recht,“ ſprach der Herzog,„wenn ich lebenslänglich hier bleiben ſoll, wie Monſignore Mazarini zu verſtehen zu geben die Güte gehabt hat, ſo muß ich mir für meine alten Tage eine Zerſtreuung ſchaffen; ich muß mich zum Gourmand machen.“ „Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée,„hört auf einen guten Nath, wartet zu dieſem Behufe nicht, bis Ihr alt geworden ſeid.“ „Gut,“ ſagte der Herzog von Beaufort zu ſich ſelbſt, „um ſeine Seele oder ſeinen Leib zu verlieren, muß jeder Menſch von der himmliſchen Großmuth eine von den ſieben Todſünden empfangen haben, wer nicht gar zwei empfangen hat. Es ſcheint, daß die des Meiſter La Ra⸗ mée Leckerhaftigkeit iſt. Es ſei, wir werden Nutzen da⸗ raus ziehen.“. „Wohl, mein lieber La Ramée,“ ſügte er laut bei, übermorgen iſt Feſttag.“ „Ja, Monſeigneur, es iſt das Pfingſtfeſt.“ „Wollt Ihr mir übermorgen eine Lection geben?“ „Worin?"²) ——:—:;ʒ3—— „Monſeigneur,“ ſagte er,„man muß ſich nicht ſol⸗ chen Gedanken hingeben. Solche Gedanken ſind es, welche tödten, und nicht der Salpeter.“ „Ei, mein Lieber,“ ſprach der Herzog,„Ihr ſeid entzückend. Wenn ich, wie Ihr, zu dem Nachfolger von Vater Marteau gehen und Paſteten eſſen und Burgunder⸗ wein trinken könnte, das würde mich zerſtreuen.“ „Es iſt wahr, Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée, ſeine Paſteten ſind ausgezeichnet und ſein Wein iſt vor⸗ trefflich.“ „Jeden Falls,“ verſetzte der Herzog, brauchen ſich ſein Keller und ſeine Küche nicht anzuſtrengen, um mehr werth zu ſein, als Keller und Küche von Herrn von Chavigny.“ „Nun wohl, Monſeigneur ſagte La Ramée in die Falle gehend,„wer hindert Euch, davon zu koſten? Ueber⸗ dies habe ich ihm Eure Kundſchaft verſprochen.“ „Du haſt Recht,“ ſprach der Herzog,„wenn ich lebenslänglich hier bleiben ſoll, wie Monſignore Mazarini zu verſtehen zu geben die Güte gehabt hat, ſo muß ich mir für meine alten Tage eine Zerſtreuung ſchaffen; ich muß mich zum Gourmand machen.“ „Monſeigneur,“ verſetzte La Ramée,„hört auf einen guten Rath, wartet zu dieſem Behufe nicht, bis Ihr alt geworden ſeid.“ „Gut,“ ſagte der Herzog von Beaufort zu ſich ſelbſt, „um ſeine Seele oder ſeinen Leib zu verlieren, muß jeder Menſch von der himmliſchen Großmuth eine von den ſieben Todſünden empfangen haben, wer nicht gar zwei empfangen hat. Es ſcheint, daß die des Meiſter La Ra⸗ mée Leckerhaftigkeit iſt. Es ſei, wir werden Nutzen da⸗ raus ziehen.“ „Wohl, mein lieber La Ramee,“ fügte er laut bei, übermorgen iſt Feſttag.“ „Ja, Monſeigneur, es iſt das Pfingſtfeſt.“ „Wollt Ihr mir übermorgen eine Lection geben?“ „Worin?“ „———— e„—— S c— he on 247 „In der Leckerhaftigkeit.“ „Sehr gerne, Monſeigneur. „Aber eine Lection unter vier Augen. Wir ſchicken die Wachen in das Speiſezimmer von Herrn von Cha⸗ vigny und machen hier ein Abendbrod, deſſen Leitung ich Euch überlaſſe. „Hm,“ ſagte La Ramée. Das Anerbieten war verführeriſch, aber La Ramée, was auch der Herr Cardinal, als er ihn ſah, Unvortheil⸗ haftes von ihm gedacht haben mag, war ein alter Aus⸗ gelernter, der alle Fallen kannte, welche ein Gefangener zu ſtellen vermag. Herr von Beaufort hatte, wie er ſagte, vierzig Mittel vorbereitet, um aus dem Gefängniß zu ent⸗ fliehen. Verbarg dieſes Abendbrod nicht eine Liſt? Er dachte einen Augenblick nach. Aber das Reſultat ſeiner Betrachtungen war, daß er die Speiſen und den Wein befehlen würde und daß folglich kein Pulver auf die Speiſen geſtreut und kein Trank in den Wein gemiſcht werden könnte. Was das ihn betrunken machen betrifft, ſo konnte der Herzog nicht wohl eine ſolche Abſicht haben, und er lachte bei dieſem Gedanken. Dann kam ihm eine Idee, welche Alles ausglich. Der Herzog war den inneren Selbſtgeſprächen von La Ramée mit ziemlich unruhigem Auge gefolgt. Endlich aber erleuchtete ſich das Antlitz des Gefreiten. „Nun“ fragte der Herzog,„geht 25 2 „Ja, Monſeigneur, unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß uns Grimaud bei Tafel ſervirt.“ Nichts konnte den Prinzen angenehmer ſein. Er hatte jedoch die Gewalt über ſich, ſein Geſicht eine ſehr ſtark hervortretende Färbung von übler Laune annehmen zu laſſen. „Zum Teufel, mit Eurem Grimaud!“ rief er,„er wird mir den ganzen Schmaus verderben.“ „Ich befehle ihm, ſich hinter Eurer Hoheit zu 74 247 „In der Leckerhaftigkeit.“ „Sehr gerne, Monſeigneur.“ „Aber eine Lection unter vier Augen. Wir ſchicken d die Wachen in das Speiſezimmer von Herrn von Cha⸗ vigny und machen hier ein Abendbrod, deſſen Leitung ich ⸗ Euch überlaſſe. „Hm,“ ſagte La Ramée. Das Anerbieten war verführeriſch, aber La Ramée, was auch der Hert Cardinal, als er ihn ſah, Unvortheil⸗ haftes von ihm gedacht haben mag, war ein alter Aus⸗ gelernter, der alle Fallen kannte, welche ein Gefangener r zu ſtellen vermag. Herr von Beaufort hatte, wie er ſagte, n vierzig Mittel vorbereitet, um aus dem Gefängniß zu ent⸗ fliehen. Verbarg dieſes Abendbrod nicht eine Liſt? ie Er dachte einen Augenblick nach. Aber das Reſultat ⸗ ſeiner Betrachtungen war, daß er die Speiſen und den Wein befehlen würde und daß folglich kein Pulver auf h die Speiſen geſtreut und kein Trank in den Wein gemiſcht ni werden fönnte. Was das ihn betrunken machen betrifft, ir ſo konnte der Herzog nicht wohl eine ſolche Abſicht haben, und er lachte bei dieſem Gedanken. Dann kam ihm eine Idee, welche Alles ausglich. en Der Herzog war den inneren Selbſtgeſprächen von ut La Ramée mit ziemlich unruhigem Auge gefolgt. Endlich aber erleuchtete ſich das Antlitz des Gefreiten. ſt,„Nun,“ fragte der Herzog,„geht es 2 er„Ja, Monſeigneur, unter einer Bedingung.“ en„Unter welcher?“ vei 5„Daß uns Grimaud bei Tafel ſervirt.“ a⸗ Nichts konnte den Prinzen angenehmer ſein. Er hatte a⸗ jedoch die Gewalt über ſich, ſein Geſicht eine ſehr ſtark hervortretende Färbung von übler Laune annehmen zu laſſen. ei,„Zum Teufel, mit Eurem Grimaud!“ rief er,„er wird mit den ganzen Schmaus verderben.“ „Ich befehle ihm, ſich hinter Eurer Hoheit zu 248 halten, und da er kein Wort ſpricht, ſo wird ihn Eure Hoheit weder ſehen noch hören und mit etwas gutem Wil⸗ len ſich einbilden, er ſei hundert Meilen entfernt.“ „Mein Lieber,“ entgegnete der Herzog,„wißt Ihr, was ich am klarſten in Allem dem ſehe? Daß Ihr mir mißtraut.“ „Monſeigneur, es iſt übermorgen Pfingſten. „Was geht mich Pfingſten an? Habt Ihr bange, der heilige Geiſt könnte in der Geſtalt einer feurigen Zunge herabſteigen, um mir die Thüre meines Kerkers zu öffnen?“ „Nein, Monſeigneur, aber Ihr wißt, was der Ma⸗ gier prophezeiht hat.“.. „Und was hat er prophezeit?“ „Der Pfingſttag werde nicht vorübergehen, ohne daß Eure Hoheit ſich außerhalb Vincennes befände.“ „Du glaubſt alſo an Magier, Dummkopf?“ „Ich?“ ſagte La Ramée,„ich kümmere mich nicht ſo viel darum,“ und er ließ ſeine Finger ſchnalzen,„aber Monſignor Giulio kümmert ſich darum: als Italiener iſt er abergläubiſch.“ Der Herzog zuckte die Achſeln. „Nun wohl, es ſei,“ ſagte er mit vortrefflich ge⸗ geſpielter Gutmüthigkeit,„ich nehme Grimaud an, denn ohne dieſes würde die Sache nie zu Ende kommen; aber ich will Niemand außer Grimaud. Ihr beſorgt Alles und beſtellt ein Abendbrod, wie Ihr es für gut findet; das einzige Gericht, welches ich bezeichne iſt eine von den Pa⸗ ſteten, von denen Ihr geſprochen habt. Ihr beſtellt ſie für mich, damit der Nachfolger von Vater Marteau ſich ſelbſt ubertrifft, und Ihr verſprecht ihm meine Kundſchaft, nicht nur für die ganze Zeit, die ich im Kerker bleibe, ſondern auch für den Augenblick, wo ich denſelben ver⸗ laſſen haben werde.“ ——— 248 halten, und da er kein Wort ſpricht, ſo wird ihn Eure Hoheit weder ſehen noch hören und mit etwas gutem Wil⸗ len ſich einbilden, er ſei hundert Meilen entfernt.“ „Mein Lieber,“ entgegnete der Herzog,„wißt Ihr, was ich am klarſten in Allem dem ſehe? Daß Ihr mir mißtraut.“ „Monſeigneur, es iſt übermorgen Pfingſten. „Was geht mich Pfingſten an? Habt Ihr bange, der heilige Geiſt könnte in der Geſtalt einer feurigen Zunge herabſteigen, um mir die Thüre meines Kerkers zu öffnen?“ „Nein, Monſeigneur, aber Ihr wißt, was der Ma⸗ gier prophezeiht hat.“ „Und was hat er prophezeit?“ „Der Pfingſttag werde nicht vorübergehen, ohne daß Eure Hoheit ſich außerhalb Vincennes befände.“ „Du glaubſt alſo an Magier, Dummkopf?“ „Ich?“ ſagte La Ramée,„ich kümmere mich nicht ſo viel darum,“ und er ließ ſeine Finger ſchnalzen,„aber Monſignor Giulio kümmert ſich darum: als Italiener iſt er abergläubiſch.“ Der Herzog zuckte die Achſeln. „Nun wohl, es ſei,“ ſagte er mit vortrefflich ge⸗ geſpielter Gutmüthigkeit,„ich nehme Grimaud an, denn ohne dieſes würde die Sache nie zu Ende kommen; aber ich will Niemand außer Grimaud. Ihr beſorgt Alles und beſtellt ein Abendbrod, wie Ihr es für gut findet; das einzige Gericht, welches ich bezeichne iſt eine von den Pa⸗ ſteten, von denen Ihr geſprochen habt. Ihr beſtellt ſie für mich, damit der Nachfolger von Vater Marteau ſich ſelbſt übertrifft, und Ihr verſprecht ihm meine Kundſchaft, nicht nur für die ganze Zeit, die ich im Kerker bleibe, ſondern auch für den Augenblick, wo ich denſelben ver⸗ laſſen haben werde.“ ——— ————.— 249 „Ihr glaubt alſo immer noch, Ihr werdet hinaus⸗ ommen?“ verſetzte La Ramée.„ „Bei Gott,“ rief der Prinz,„und wäre es erſt bei dem Tode des Mazarin; ich bin fünfzehn Jahre jünger als er. Allerdings,“ fügte er bei,„allerdings lebt man in Vincennes raſcher.“ „Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„Monſeigneur!...“ „Oder man ſtirbt früher,“ fügte der Herzog von Beaufort bei,„was auf daſſelbe hinauslauft.“ „Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„ich will das Abendbrod beſtellen.“ „Und Ihr glaubt, Ihr werdet etwas aus Eurem Zög⸗ ling machen können?“ „Ich hoffe es,“ antwortete La Namée. „Ich laſſe Euch Zeit dazu,“ murmelte der Herzog. „Was ſagt Monſeigneur?“ fragte La Ramée. „Monſeigneur ſagt, Ihr ſollt die Börſe des Herrn Cardinals nicht ſchonen, der meine Penſion zu übernehmen die Güte gehabt hat.“ La Ramée blieb an der Thüre ſtehen. „Wen befiehlt Monſeigneur hieher zu ſchicken?“ „Wen Ihr wollt, nur Grimaud nicht.“ „Den Offizier der Wache alſo. Mit ſeinem Schach⸗ ſpiel?“ „Ja.“ La Ramée entfernte ſich. Fünf Minuten nachher trat der Offizier der Wache ein und der Herzog ſchien ganz vertieft in die ſeltſamen Combinationen des Schachſpiels. 5 Es iſt ein ſeltſames Ding um den Geiſt, und, welche Revolutionen bringen ein Zeichen, ein Wort, eine Hoff⸗ nung darin hervor. Der Herzog war ſeit fünf Jahren im Gefängniß, und ein Blick rückwärts geworfen, ließ ihm dieſe fünf Jahre, welche jedoch ſehr langſam abgelaufen waren, minder lang erſcheinen, als die acht und vierzig 8 * ———— 249 „Ihr glaubt alſo immer noch, Ihr werdet hinaus⸗ ommen?“ verſetzte La Ramée. „Bei Gott,“ rief der Prinz,„und wäre es erſt bei dem Tode des Mazarin; ich bin fünfzehn Jahre jünger als er. Allerdings,“ fügte er bei,„allerdings lebt man in Vincennes raſcher.“ „Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„Monſeigneur!...“ „Oder man ſtirbt früher,“ fügte der Herzog von Beaufort bei,„was auf daſſelbe hinauslauft.“ „Monſeigneur,“ ſagte La Ramée,„ich will das Abendbrod beſtellen.“ „Und Ihr glaubt, Ihr werdet etwas aus Eurem Zög⸗ ling machen können?“ „Ich hoffe es,“ antwortete La Ramée. „Ich laſſe Euch Zeit dazu,“ murmelte der Herzog. „Was ſagt Monſeigneur?“ fragte La Ramée. „Monſeigneur ſagt, Ihr ſollt die Börſe des Herrn Cardinals nicht ſchonen, der meine Penſion zu übernehmen die Güte gehabt hat.“ La Ramée blieb an der Thüre ſtehen. „Wen befiehlt Monſeigneur hieher zu ſchicken?“ „Wen Ihr wollt, nur Grimaud nicht.“ „Den Offizier der Wache alſo. Mit ſeinem Schach⸗ ſpiel?“ „Ja. La Ramée entfernte ſich. Fünf Minuten nachher trat der Offizier der Wache ein und der Herzog ſchien ganz vertieft in die ſeltſamen Combinationen des Schachſpiels. „Es iſt ein ſeltſames Ding um den Geiſt, und, welche Revolutionen bringen ein Zeichen, ein Wort, eine Hoff⸗ nung darin hervor. Der Herzog war ſeit fünf Jahren im Gefänguez, und ein Blick rückwärts geworfen, ließ ihm dieſe fünf Jahre, welche jedoch ſehr langſam abgelaufen waren, minder lang erſcheinen, als die acht und vierzig 250 Stunden, die ihn noch von der zu ſeiner Entweichung be⸗ ſtimmten Stunde trennten. 4 Dann war ein Umſtand, der ihn furchtbar beſchäf⸗ tigte; auf welche Weiſe ſollte ſich dieſe Flucht bewerk⸗ ſtelligen? Man hatte ihn auf ein günſtiges Reſultat hoffen laſſen, aber dabei verborgen, was im Einzelnen die geheimnißvolle Paſtete enthalten ſollte. Welche Freunde harrten ſeiner? Er hatte alſo noch Freunde nach fünf⸗ jähriger Gefangenſchaft? In dieſem Fall war er ein be⸗ vorzugter Prinz.. Er vergaß auch nicht, daß außer ſeinen Freunden, was etwas ſehr Seltenes iſt, eine Frau ſich ſeiner erinnert hatte; vielleicht war ſie ihm nicht ſehr gewiſſenhaft treu geweſen, aber ſie hatte ihn wenigſtens nicht vergeſſen, und das war viel. Das war mehr, als es bedurfte, um den Herzog in Anſpruch zu nehmen, es ging auch beim Schach, wie beim langen Ball. Herr von Beaufort machte Fehler über Fehler und der Offizier ſchlug ihn am Abend, wie ihn La Ramée am Morgen geſchlagen hatte. Aber ſeine fortwährenden Niederlagen hatten einen Vortheil; es waren drei Stunden gewonnen, dann ſollte die Nacht kommen und mit der Nacht der Schlaf. So dachte der Herzog wenigſtens; aber der Schlaf iſt eine ſehr launenhafte Gottheit, und gerade, wenn man ſie ruft, läßt ſie auf ſich warten; der Herzog erwartete den Schlaf bis Mitternacht, drehte ſich wieder und immer wieder auf ſeiner Matratze um, wie der heilige Lorenz auf ſeinem Roſte. Endlich entſchlummerte er. Aber bei Ta⸗ gesanbruch erwachte er wieder; er hatte phantaſtiſche Träume gehabt; es waren ihm Flügel gewachſen; er wollte ganz natürlich entfliehen, und Anfangs unterſtützten ihn ſeine Flügel vollkommen; als er aber eine gewiſſe Höhe erreicht hatte, fehlte ihm plötzlich dieſe ſeltſame Stütze, ſeine Flügel waren gebrochen und es kam ihm vor, als ſtürze er in bodenloſe Abgründe, und er erwachte, ͤ———— 2— S— e= 250 Stunden, die ihn noch von der zu ſeiner Entweichung be⸗ ſtimmten Stunde trennten. Dann war ein Umſtand, der ihn furchtbar beſchäf⸗ tigte; auf welche Weiſe ſollte ſich dieſe Flucht bewerk⸗ ſtelligen? Man hatte ihn auf ein günſtiges Reſultat hoffen laſſen, aber dabei verborgen, was im Einzelnen die geheimnißvolle Paſtete enthalten ſollte. Welche Freunde harrten ſeiner? Er hatte alſo noch Freunde nach fünf⸗ jähriger Gefangenſchaft? In dieſem Fall war er ein be⸗ vorzugter Prinz. Er vergaß auch nicht, daß außer ſeinen Freunden, was etwas ſehr Seltenes iſt, eine Frau ſich ſeiner erinnert hatte; vielleicht war ſie ihm nicht ſehr gewiſſenhaft treu geweſen, aber ſie hatte ihn wenigſtens nicht vergeſſen, und das war viel. Das war mehr, als es bedurfte, um den Herzog in Anſpruch zu nehmen, es ging auch beim Schach, wie beim langen Ball. Herr von Beaufort machte Fehler über Fehler und der Offizier ſchlug ihn am Abend, wie ihn La Ramée am Morgen geſchlagen hatte. Aber ſeine fortwährenden Niederlagen hatten einen Vortheil; es waren drei Stunden gewonnen, dann ſollte die Nacht kommen und mit der Nacht der Schlaf. So dachte der Herzog wenigſtens; aber der Schlaf iſt eine ſehr launenhafte Gottheit, und gerade, wenn man ſie ruft, läßt ſie auf ſich warten; der Herzog erwartete den Schlaf bis Mitternacht, drehte ſich wieder und immer wieder auf ſeiner Matratze um, wie der heilige Lorenz auf ſeinem Roſte. Endlich entſchlummerte er. Aber bei Ta⸗ gesanbruch erwachte er wieder; er hatte phantaſtiſche Träume gehabt; es waren ihm Flügel gewachſen; er wollte ganz natürlich entfliehen, und Anfangs unterſtützten ihn ſeine Flügel vollkommen; als er aber eine gewiſſe Höhe erreicht hatte, fehlte ihm plötzlich dieſe ſeltſame Stütze, ſeine Flügel waren gebrochen und es kam ihm vor, als ſtürze er in bodenloſe Abgründe, und er erwachte, Schweiß auf der Stirne und gerädert, als ob er wirklich einen Sturz durch die Luft gemacht hätte. Dann entſchlummerte er abermals, um auf's Neue in einem Irrſale von Träumen umherzuſchweifen, von denen der eine immer unſinniger war, als der andere. Kaum waren ſeine Augen gefchloſſen, als ſein Geiſt, nach einem Ziele hingezogen, nach ſeiner Flucht, dieſe Flucht wieder zu verſuchen anfing. Dann geſtaltete ſich etwas Anderes: man hatte einen unterirdiſchen Gang gefunden, der aus Vincennes hinausführen ſollte; er drang in dieſen Gang ein und Grimaud marſchirte, eine Laterne in der Hand, vor ihm her, aber allmälig verengte ſich der Gang und dennoch ſetzte der Herzog ſeinen Weg fort. Endlich wurde das unterirdiſche Gewoͤlbe ſo eng, daß der Flücht⸗ ling vergebens weiter zu gehen ſuchte; die Wände ſchloſſen ſich an einander an und preßten ſich, er machte unerhörte Anſtrengungen, um vorzurücken, es war unmöglich; dabei ſah er jedoch in der Ferne, ſeine Laterne in der Hand, Grimaud vor ſich, der immer vorwärts marſchirte; er wollte ihm rufen, daß er ihm aus dieſem Engpaß, der ihn erſtickte, ſich hervorarbeiten helfe, aber er war nicht im Stande, ein Wort auszuſprechen. Dann vernahm er am andern Ende, an dem, wo er hereingekommen war, die Tritte derjenigen, welche ihn verfolgten; dieſe Tritte kamen immer näher, er war entdeckt, er hatte keine Hoffnung, zu entfliehen. Die Mauer ſchien mit ſeinen Feinden einver⸗ ſtanden zu ſein; ſie preßte ihn um ſo mehr, je mehr er der Flucht bedurfte; endlich hörte er die Stimme von La Ramée; er hörte ihn, er ſah ihn. La Ramée ſtreckte die Hand aus und legte ihm, in ein ſchallendes Gelächter ausbrechend, die Hand auf die Schulter; er war wieder gefangen und wurde in das niedere gewölbte Zimmer ge⸗ geführt, in welchem der Marſchall Ornano, Puylaurens und ſein Oheim geſtorben waren; ihre drei Gräber ragten über den Boden empor, ein viertes Grab war geöffnet und ſchien nur einen Leichnam zu erwarten. — — 251 Schweiß auf der Stirne und gerädert, als ob er wirklich einen Sturz durch die Luft gemacht hätte. Dann entſchlummerte er abermals, um auf's Neue in einem Irrſale von Träumen umherzuſchweifen, von denen der eine immer unſinniger war, als der andere. Kaum waren ſeine Augen geſchloſſen, als ſein Geiſt, nach einem Ziele hingezogen, nach ſeiner Flucht, dieſe Flucht wieder zu verſuchen anfing. Dann geſtaltete ſich etwas Anderes: man hatte einen unterirdiſchen Gang gefunden, der aus Vincennes hinausführen ſollte; er drang in dieſen Gang ein und Grimaud marſchirte, eine Laterne in der Hand, vor ihm her, aber allmälig verengte ſich der Gang und dennoch ſetzte der Herzog ſeinen Weg fort. Endlich wurde das unterirdiſche Gewölbe ſo eng, daß der Flücht⸗ ling vergebens weiter zu gehen ſuchte; die Wände ſchloſſen ſich an einander an und preßten ſich, er machte unerhörte Anſtrengungen, um vorzurücken, es war unmöglich; dabei ſah er jedoch in der Ferne, ſeine Laterne in der Hand, Grimaud vor ſich, der immer vorwärts marſchirte; er wollte ihm rufen, daß er ihm aus dieſem Engpaß, der ihn erſtickte, ſich hervorarbeiten helſe, aber er war nicht im Stande, ein Wort auszuſprechen. Dann vernahm er am andern Ende, an dem, wo er hereingekommen war, die Tritte derjenigen, welche ihn verfolgten; dieſe Tritte kamen immer näher, er war entdeckt, er hatte keine Hoffnung, zu entfliehen. Die Mauer ſchien mit ſeinen Feinden einver⸗ ſtanden zu ſein; ſie preßte ihn um ſo mehr, je mehr er der Flucht bedurfte; endlich hörte er die Stimme von La Ramee; er hörte ihn, er ſah ihn. La Rameée ſtreckte die Hand aus und legte ihm, in ein ſchallendes Gelächter ausbrechend, die Hand auf die Schulter; er war wieder gefangen und wurde in das niedere gewölbte Zimmer ge⸗ geführt, in welchem der Marſchall Ornano, Puylaurens und ſein Oheim geſtorben waren; ihre drei Gräber ragten über den Boden empor, ein viertes Grab war geöffnet und ſchien nur einen Leichnam zu erwarten. 252 Als der Herzog abermals erwachte, gab er ſich eben ſo viel Mühe, wach zu bleiben, als er ſich gegeben hatte, um einzuſchlafen, und als La Ramée eintrat, fand er ihn ſo bleich und abgemattet, daß er ihn fragte, ob er krank wäre. „In der That,“ ſprach eine von den Wachen, welche im Zimmer gelegen war und wegen eines Zahnwehs in Folge der Feuchtigkeit nicht hatte ſchlafen können,„Mon⸗ ſeigneur hat eine ſehr unruhige Nacht gehabt und zwei oder drei mal im Traume um Hülfe gerufen.“ „Was fehlt denn, Monſeigneur?“ fragte La Ramée. „Du biſt es, Dummkopf,“ ſagte der Herzog,„der Du mit Deinem albernen Entweichungs⸗Geſchwätz mir geſtern den Kopf verwirrt haſt; Du biſt die Urſache, daß ich träumte, ich fliehe und breche mir auf der Flucht den als. 5 La Ramée brach in ein Gelächter aus. „Ihr ſeht Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„das iſt eine Verkündigung des Himmels; ich hoffe auch, Mon⸗ ſeigneur wird nie Unklugheiten begehen, wie man ſie träumt.“ „Und Ihr habt Recht, mein lieber La Ramée, er⸗ wiederte der Herzog den Schweiß abtrocknend, der noch über ſeine Stirne lief, obgleich er völlig wach war,„ich will nur noch an Eſſen und Trinken denken.“ „St!“ flüſterte La Namée. Und er entfernte die Wachen eine nach der andern unter irgend einem Vorwand. 1 „Nun?“ fragte der Herzog, als ſie allein waren. „Euer Mahl iſt beſtellt,“ antwortete La Ramée. „Und worin wird es beſtehen? laßt hören, mein Herr Oberſthofmeiſter.“. „Monſeigneur hat verſprochen, ſich auf mich zu ver⸗ laſſen.“ Es wird eine Paſtete dabei ſein?“ „Ich glaube wohl, ſo dick, wie ein Thurm.“„ „Gemacht von dem Nachfolger des Vaters Marteau? p 252 Als der Herzog abermals erwachte, gab er ſich eben ſo viel Mühe, wach zu bleiben, als er ſich gegeben hatte, um einzuſchlafen, und als La Ramée eintrat, fand er ihn ſo bleich und abgemattet, daß er ihn fragte, ob er krank wäre. „In der That,“ ſprach eine von den Wachen, welche im Zimmer gelegen war und wegen eines Zahnwehs in Folge der Feuchtigkeit nicht hatte ſchlafen können„„Mon⸗ ſeigneur hat eine ſehr unruhige Nacht gehabt und zwei oder drei mal im Traume um Hülfe gerufen.“ „Was fehlt denn, Monſeigneur?“ fragte La Ramée. „Du biſt es, Dummkopf,“ ſagte der Herzog,„der Du mit Deinem albernen Entweichungs⸗Geſchwätz mir geſtern den Kopf verwirrt haſt; Du biſt die Urſache, daß ich träumte, ich fliehe und breche mir auf der Flucht den als. * La Ramée brach in ein Gelächter aus. „Ihr ſeht Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„das iſt eine Verkündigung des Himmels; ich hoffe auch, Mon⸗ ſeigneur wird nie Unklugheiten begehen, wie man ſie träumt.“ „Und Ihr habt Recht, mein lieber La Ramée, er⸗ wiederte der Herzog den Schweiß abtrocknend, der noch über ſeine Stirne lief, obgleich er völlig wach war,„ich will nur noch an Eſſen und Trinken denken.“ „St!“ flüſterte La Namée. Und er entfernte die Wachen eine nach der andern unter irgend einem Vorwand. „Nun?“ fragte der Herzog, als ſie allein waren. „Euer Mahl iſt beſtellt,“ antwortete La Ramée. „Und worin wird es beſtehen? laßt hören, mein Herr Oberſthofmeiſter.“ „Monſeigneur hat verſprochen, ſich auf mich zu ver⸗ laſſen.“ Es wird eine Paſtete dabei ſein?“ „Ich glaube wohl, ſo dick, wie ein Thurm.“ „Gemacht von dem Nachfolger des Vaters Marteau?“ —— 253 „Befohlen.“ „Und Du haſt geſagt, es ſei für mich?“ „Ich habe es ihm geſagt.“ „Und was antwortete er?“ „Er würde thun, was in ſeinen Kräften läge, um Eure Hoheit zufrieden zu ſtellen. „Baͤktrefflich!“ rief der Herzog ſich die Hände reibend. „Teufel! Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„wie Ihr Euch plötzlich auf ein leckeres Mahl freut; ſeit fünf Jahren habe ich Euch nie ſo vergnügt geſehen, wie in dieſem Augenblick.“ Der Herzog ſah, daß er ſich nicht genug bemeiſtert hatte; aber in dieſem Momente, als hätte er gehorcht und begriffen, es wäre dringend, La Ramée von ſeinen Gedanken abzubringen, trat Grimaud ein und bedeutete La Ramée durch ein Zeichen, er hätte ihm etwas zu ſagen. La Ramée näherte ſich Grimaud, der ganz leiſe mit ihm ſprach. Der Herzog gewann mittlerweile wieder ſeine Ruhe und ſagte: „Ich habe dieſem Menſchen bereits verboten, ſich hier ohne meine Erlaubniß zu zeigen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte La Ramée,„man muß ihm vergeben, denn ich habe ihn beſtellt.“ „Warum habt Ihr ihn beſtellt?.... weil Ihr wißt, daß er mir mißfällt?“ .„Monſeigneur erinnert ſich, was verabredet worden iſt,“ erwiederte La Ramée,„und daß er uns bei dem be⸗ kannten Abendbrod bedienen muß. Monſeigneur hat das Abendbrod vergeſſen.“ „Nein. Aber ich hatte Herrn Grimaud vergeſſen.“ „Monſeigneur weiß, daß es ohne ihn kein Abendbrod gibt.“ „Nun, ſo macht es, wie Ihr wollt.“ „Tretet näher, mein Lieber,“ ſprach La Ramée,„und hört, was ich Euch ſage. en e, n e he in 1⸗ ei er ir ß — N X —— w 253 „Befohlen.“ „Und Du haſt geſagt, es ſei für mich?“ „Ich habe es ihm geſagt.“ „Und was antwortete er?“ „Er würde thun, was in ſeinen Kräften läge, um Eure Hoheit zufrieden zu ſtellen. „Vortrefflich!“ rief der Herzog ſich die Hände reibend. „Teufel! Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„wie Ihr Euch plötzlich auf ein leckeres Mahl freut; ſeit fünf Jahren habe ich Euch nie ſo vergnügt geſehen, wie in dieſem Augenblick.“ Der Herzog ſah, daß er ſich nicht genug bemeiſtert hatte; aber in dieſem Momente, als hätte er gehorcht und begriffen, es wäre dringend, La Ramée von ſeinen Gedanken abzubringen, trat Grimaud ein und bedeutete La Ramée durch ein Zeichen, er hätte ihm etwas zu ſagen. La Ramée näherte ſich Grimaud, der ganz leiſe mit ihm ſprach. Der Herzog gewann mittlerweile wieder ſeine Ruhe und ſagte: „Ich habe dieſem Menſchen bereits verboten, ſich hier ohne meine Erlaubniß zu zeigen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte La Ramée,„man muß ihm vergeben, denn ich habe ihn beſtellt.“ „Warum habt Ihr ihn beſtellt? weil Ihr wißt, daß er mir mißfällt?“ „Monſeigneur erinnert ſich, was verabredet worden iſt,“ erwiederte La Ramée,„und daß er uns bei dem be⸗ kannten Abendbrod bedienen muß. Monſeigneur hat das Abendbrod vergeſſen.“ „Nein. Aber ich hatte Herrn Grimaud vergeſſen.“ §„Monſeigneur weiß, daß es ohne ihn kein Abendbrod „Nun, ſo macht es, wie Ihr wollt.“ „Tretet näher, mein Lieber,“ ſprach La Ramée,„und hört, was ich Euch ſage. 8 254 Grimaud näherte ſich mit ſeinem grießgrämigſten Geſichte. La Ramee fuhr fort: „Monſeigneur erweiſt mir die Ehre, mich auf mor⸗ gen zum Abendbrod unter vier Augen einzuladen.“ 3 Grimaud machte ein Zeichen, durch das er ſagen wallr⸗ er wiſſe nicht, in welcher Beziehung dies ihn an⸗ gehe. „Doch, doch,“ erwiederte La Ramée, die Sache geht Euch allerdings an, denn Ihr ſollt die Ehre haben, uns zu ſerviren, abgeſehen davon, daß, ſo guten Appetit und ſo großen Durſt wir auch haben werden, immer noch etwas im Grunde der Platten und auf dem Boden der Flaſchen zurückbleiben wird, und dieſes Etwas iſt für Euch.“ Grimaud verbeugte ſich zum Danke. „Und nun, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„bitte ich Eure Hoheit um Entſchuldigung, es ſcheint, Herr von Chavigny entfernt ſich auf einige Tage, und er läßt mir ſagen„er habe vor ſeiner Abreiſe noch einige Beſehle zu eeben. 7 3 Der Herzog verſuchte es, mit Grimaud einen Blick zu wechſeln, aber Grimaud's Auge war ohne Blick. „Geht,“ ſagte der Herzog zu La Ramée,„und kommt bald zurück.“ „Will Monſeigneur Revanche für die Ballpartie von geſtern haben?“ Grimaud machte ein unmerkliches Zeichen von oben nach unten. „Ja,“ ſagte der Herzog, aber nehmt Euch in Acht, mein lieber La Ramée, die Tage folgen ſich, aber gleichen ſich nicht; heute bin ich entſchloſſen, Euch gehörig zu ſchlagen.“— 4 La Ramée entfernte ſich, Grimaud folgte ihm mit den Augen, ohne daß ſein übriger Körper nur um eine Linie von ſeiner Richtung abging; als er die Thüre wieder Grimaud näherte ſich mit ſeinem grießgrämigſten Geſichte. La Rameée fuhr fort: „Monſeigneur erweiſt mir die Ehre, mich auf mor⸗ gen zum Abendbrod unter vier Augen einzuladen.“ Grimaud machte ein Zeichen, durch das er ſagen er wiſſe nicht, in welcher Beziehung dies ihn an⸗ gehe. „Doch, doch,“ erwiederte La Ramée, die Sache geht Euch allerdings an, denn Ihr ſollt die Ehre haben, uns zu ſerviren, abgeſehen davon, daß, ſo guten Appetit und ſo großen Durſt wir auch haben werden, immer noch etwas im Grunde der Platten und auf dem Voden der Flaſchen zurückbleiben wird, und dieſes Etwas iſt für Euch.“ Grimaud verbeugte ſich zum Danke. „Und nun, Monſeigneur,“ ſprach La Ramée,„bitte ich Eure Hoheit um Entſchuldigung, es ſcheint, Herr von Chavigny entfernt ſich auf einige Tage, und er läßt mir ſagen, er habe vor ſeiner Abreiſe noch einige Befehle zu geben.“ Der Herzog verſuchte es, mit Grimaud einen Blick zu wechſeln, aber Grimaud's Auge war vhne Blick. „Geht,“ ſagte der Herzog zu La Ramée,„und kommt bald zurück.“ „Will Monſeigneur Revanche für die Ballpartie von geſtern haben?“ Grimaud machte ein unmerkliches Zeichen von oben nach unten. „Ja,“ ſagte der Herzog, aber nehmt Euch in Acht, mein lieber La Ramée, die Tage folgen ſich, aber gleichen ſich nicht; heute bin ich entſchloſſen, Euch gehörig zu ſchlagen.“ La Ramée entfernte ſich, Grimaud folgte ihm mit den Augen, ohne daß ſein übriger Körper nur um eine Linie von ſeiner Richtung abging; als er die Thüre wieder ——— 255 geſchloſſen ſah, zog er raſch aus ſeiner Taſche einen Blei⸗ ſtift und ein Blatt Papier und ſagte: „Schreibt, Monſeigneur.“ „Und was ſoll ich ſchreiben?“ Grimaud machte ein Zeichen mit dem Finger und dictirte: „Alles iſt für morgen Abend bereit; 3 habt Acht von ſieben Uhr bis neun Uhr, bringet zwei Reitpferde mit Cuche, wir ſteigen durch das erſte Fenſter der Gallerie hinab.“ „Weiter,“ ſprach der Herzog. „Weiter, Monſeigneur?“ erwiederte Grimand er⸗ ſtaunt.„Weiter? unterzeichnet.“ „Und das iſt Alles?“ „Was wollt Ihr mehr, Monſeigneur ſprach Gri⸗ maud, der ſehr für die Kürze eingenommen war. Der Herzog unterzeichnete. „Hat Monſeigneur den Ball verloren?“ fragte Gri⸗ maud. „Welchen Ball?“ „Denjenigen, welcher den Brief enthielt.“ „Nein, ich dachte, er könnte uns nützlich ſein. Hier iſt er.“ Und der Herzog zog den Ball unter dem Kopfpfühl hervor und reichte ihn Grimaud. Grimaud lächelte ſo angenehm, als es ihn nur im⸗ mer möglich war. „Nun?“ fragte der Herzog. „Ich nähe das Papier in den Ball, und wen Shr ſpielt, werft Ihr denſelben in den Graben.„ „Aber vielleicht geht er verloren?“ „Seid unbeſorgt, es iſt Einer da, der ihn ufhxui, „Ein Gärtner?“ Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Derſelbe wie geſtern?“ ten or⸗ en n⸗ eht uns ind vas hen itte von mir zu lick nmt von ben cht, hen zu mit eine eder 255 geſchloſſen ſah, zog er raſch aus ſeiner Taſche einen Blei⸗ ſtift und ein Blatt Papier und ſagte: „Schreibt, Monſeigneur.“ „Und was ſoll ich ſchreiben?“ 15 Grimaud machte ein Zeichen mit dem Finger und diectirte: „Alles iſt für morgen Abend bereit; habt Acht von ſieben Uhr bis neun Uhr, bringet zwei Reitpferde mit Euch, wir ſteigen durch das erſte Fenſter der Gallerie hinab.“ „Weiter,“ ſprach der Herzog. „Weiter, Monſeigneur?“ erwiederte Grimaud er⸗ ſtaunt.„Weiter? unterzeichnet.“ „Und das iſt Alles?“ „Was wollt Ihr mehr, Monſeigneur,“ ſprach Gri⸗ maud, der ſehr für die Kürze eingenommen war. Der Herzog unterzeichnete. „Hat Monſeigneur den Ball verloren?“ fragte Gri⸗ maud⸗ „Welchen Ball?“ „Denjenigen, welcher den Brief enthielt.“ „Nein, ich dachte, er könnte uns nützlich ſein. Hier iſt er.“ Und der Herzog zog den Ball unter dem Kopfpfühl hervor und reichte ihn Grimaud. Grimaud lächelte ſo angenehm, als es ihm nur im⸗ mer möglich war. „Nun?“ fragte der Herzog. „Ich nähe das Papier in den Ball, und wenn Ihr ſpielt, werft Ihr denſelben in den Graben.“ „Aber vielleicht geht er verloren?“ „Seid unbeſorgt, es iſt Einer da, der ihn aufhebt.“ „Ein Gärtner?“ Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Derſelbe wie geſtern?“ 256 Grimaud wiederholte ſein Zeichen. „Der Graf von Rochefort alſo?“ Grimaud machte zum dritten Male ein bejahendes 5 5 Seichen. „Aber ſage mir doch etwas über die Art und Weiſe, wie wir fliehen ſollen,“ ſprach der Herzog. „Es iſt mir vor dem Augenblick der Ausführung ver⸗ boten.“ „Wer ſind diejenigen, welche mich auf der andern Seite des Grabens erwarten werden?“ „Ich weiß es nicht, Monſeigneur.“ enthalten wird, wenn Du nicht willſt, daß ich verrückt werden ſoll?“ „Monſeigneur, ſie wird zwei Dolche, einen Strick mit Knoten und eine Maulbirne*) enthalten.“ „Gut, ich begreife.“ „Monſeigneur ſieht, daß für Alles geſorgt iſt.“ „Wir nehmen für uns die Dolche und den Strick,“ ſagte der Herzog. „ und laſſen La Ramée die Birne eſſen,“ verſetzte Grimaud. „Mein lieber Grimaud,“ ſprach der Herzog,„Du ſprichſt nicht oft, aber man muß Dir Gerechtigkeit wider⸗ fahren Aaſſen, wenn Du ſprichſt, ſprichſt Du goldene Worte. *) Die Maulbirne war ein vervollkommneter Knebel; er hatte die Form einer Birne, wurde in den Mund geſchoben und mittelſt einer Feder ſo ſehr erweitert, daß er den Mund und die Kinn⸗ backen ſo weit als möglich auseinanderzog. „Aber theile mir doch wenigſtens mit, was die Paſtete Grimaud wiederholte ſein Zeichen. „Der Graf von Rochefort alſo?“ Grimaud machte zum dritten Male ein bejahendes Zeichen. „Aber ſage mir doch etwas über die Art und Weiſe, wie wir fliehen ſollen,“ ſprach der Herzog. „Es iſt mir vor dem Augenblick der Ausführung ver⸗ boten.“ „Wer ſind diejenigen, welche mich auf der andern Seite des Grabens erwarten werden?“ „Ich weiß es nicht, Monſeigneur.“ „Aber theile mir doch wenigſtens mit, was die Paſtete enthalten wird, wenn Du nicht willſt, daß ich verrückt werden ſoll?“ „Monſeigneur, ſie wird zwei Dolche, einen Bidick mit Knoten und eine Maulbirne*) enthalten.“ „Gut, ich begreife.“ „Monſeigneur ſieht, daß für Alles geſorgt iſt.“ „Wir nehmen für uns die Dolche und den Strick,“ ſagte der Herzog. „Und laſſen La Ramée die Birne eſſen,“ verſetzte Grimaud. „Mein lieber Grimaud,“ ſprach der Herzog,„Du ſprichſt nicht oft, aber man muß Dir Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, wenn Du ſprichſt, ſprichſt Du goldene Worte.“ *) Die Maulbirne war ein vervollkommneter Knebel; er hatte die Form einer Birne, wurde in den Mund geſchoben und mittelſt einer Feder ſo ſehr erweitert daß er den Mund und die Kinn⸗ backen ſo weit als möglich auseinanderzog. — in⸗ ———