E, ch, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 p 83. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe d T hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 eträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. „ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 der Leſer Iumr Erſatz des Ganzen verp flichtet. 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 24. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. öD 3 Sämmtliche von Alerandre Yumas. von Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1 848. — —————— Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alerandre Yumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. 25— 27. Baͤndchen. Stutigart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. — —— ſiy———— 11 ſeinem Zimmer. Hier, hinter dem armſeligen Vorhang, den er angebracht hatte, um ſeine Spähereien zu ver⸗ kleiden, ſchärfte er alle ſeine Sinne in der Abſicht, ein Wort, eine Geberde zu erlauern, die ihm das Reſultat der Berathung offenbaren würden. Nichts erleuchtete ihn. Er erblickte nur einmal das Geſicht der Dauphine, welche ans Fenſter trat, um durch die Scheiben in den Hof zu ſchauen, den ſie vielleicht noch nie geſehen hatte. Er konnte auch wahrnehmen, wie der Doctor Louis das Fenſter öffnete, um ein wenig Luft in das Zimmer einzulaſſen. Doch Gilbert vermochte nicht zu hören, was er ſagte, er vermochte das Spiel der Phyſiognomie nicht zu ſehen: ein dichter Vorhang fiel am Fenſter herab und benahm ihm jede Möglichkeit, die Scene zu beobachten. Man kann ſich die Angſt des jungen Mannes den⸗ ken. Der Arzt mit dem Luchsauge hatte das Geheimniß entdeckt. Der Ausbruch mußte ſtattfinden; nicht unmit⸗ telbar, denn Gilbert nahm mit Recht an, die Gegenwart der Dauphine wäre ein Hinderniß dagegen, doch ſogleich, zwiſchen dem Vater und der Tochter, nach dem Abgang der zwei fremden Perſonen. Trunken vor Schmerz und Ungeduld, ſchlug Gilbert ſeinen Kopf an die Wände der Manſarde. Er ſah Herrn von Taverney mit der Frau Dauphine weggehen, und der Doctor war ſchon weggegangen. „Die Erklärung wird zwiſchen Herrn von Taverney und der Dauphine ſtattfinden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Der Baron kehrte nicht zu ſeiner Tochter zurück; Andrée blieb allein zu Hauſe und brachte die Zeit auf einem Sopha zu, bald bei einer Lecture, welche ſie Migräne und Krämpfe zu unterbrechen zwangen, bald in einer ſolchen Verſunkenheit und Unempfindlichkeit, daß Gilbert dieſen Zuſtand für Ertaſe hielt, wenn er eine ſolche Pe⸗ riode durch den Zwiſchenraum des Vorhangs, den der Wind aufhob, erſchaute. Ermüdet durch Schmerzen und Gemüthsbewegungen entſchlummerte Andrée. Gilbert benützte dieſe Friſt, um auswärts die Gerüchte und Commentare zu ſammeln. Dieſe Zeit war ihm koſtbar, weil er ſie zu Betrach⸗ tungen verwenden konnte. Die Gefahr war ſo drohend, daß er ſie durch einen raſchen heldenmüthigen Entſchluß bekämpfen mußte. Dies war der erſte Stützpunkt, auf welchem dieſer gerade durch ſeine Feinheit ſchwankende Geiſt wieder Federkraft und Ruhe gewann. Doch welchen Entſchluß ſollte er faſſen? Eine Ver⸗ änderung iſt unter ſolchen Umſtänden eine Offenbarung. Die Flucht... Ahl! ja! die Flucht, mit dieſer Thatkraft der Jugend, mit dieſer Stärke der Verzweiflung und der Angſt, welche die Kräfte eines Menſchen verdoppeln und ſie der eines Heeres gleichmachen... Sich bei Tag erbergen bei Nacht marſchiren, und endlich anlangen... 02 An welchem Ort ſich ſo gut verbergen, daß der rä⸗ chende Arm der Gerechtigkeit des Königs nicht dahin zu reichen vermöchte? Gilbert kannte die Sitten des Landes. Was hält man in beinahe öden, wilden Gegenden, denn an die Städte war nicht zu denken, was hält man in einem Flecken, in einem Dorfe von dem Fremden, der eines Tags kommt und ſein Brod bettelt, oder den man im Verdacht hat, er ſtehle es? Und dann kannte ſich Gil⸗ bert auswendig; ein merkwürdiges Geſicht, ein Geſicht, das fortan das unvertilgbare Gepräge eines furchtbaren Geheimniſſes an ſich tragen müßte, würde die Aufmerk⸗ ſamkeit des erſten des beſten Beobachters erregen. Flie⸗ hen war ſchon eine Gefahr, doch entdeckt werden war eine Schmach. Floh Gilbert, ſo mußte man ihn für ſchuldig halten; er verwarf dieſe Idee; und als hätte ſein Geiſt gerade nur Kräfte gehabt, um eine Idee zu finden, fand der Un⸗ glückliche nach der Flucht den Tod. Es war das erſte Mal, daß er hieran dachte, die SͤASESn—= ᷣ 13 Erſcheinung des düſteren Geſpenſtes, das er heraufbeſchwor, verurſachte ihm keine Angſt. „Es wird immer noch Zelt ſein, an den Tod zu denken, wenn alle Mittel erſchöpft find,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Ueberdies iſt es eine Feigheit, ſich zu tödten, wie Herr Rouſſeau ſagt; leiden iſt edler.“ Bei dieſem Paradoxron erhob Gilbert das Haupt und. fing wieder an in den Garten umherzuirren. Er war im erſten Schimmer der Sicherheit begrif⸗ fen, als ploͤtzlich Philipp durch ſeine Ankunft alle ſeine Ideen niederwarf und ihn in eine neue Reihe von Verle⸗ genheiten und Bangigkeiten ſtürzte. Der Bruder! der Bruder herbeigerufen, es war alſo ganz richtig! Die Famille war entſchloſſen, zu ſchweigen, aber mit allen den Nachforſchungen, mit dem ſcharfen Nachſpüren, mit den peinlichen Umſtänden, welche für Gilbert die ganze Bedeutſamkeit des Folterapparats der Conciergerie, des Chatelet und der Tournelles hatten. Man würde ihn vor Andrée ſchleppen, man würde ihn nöthigen, niederzuknieen, demüthig ſein Verbrechen zu be⸗ kennen und ihn wie einen Hund mit dem Stock oder mit dem Meſſer tödten. Eine geſetzliche Rache, deren Straf⸗ loſigkeit zum Voraus in einer Menge vorhergehender Abenteuer lag. Koͤnig Ludwig XV. zeigte ſich ſehr nachſichtig gegen den Adel bei ſolchen Veranlaſſungen. Und dann war Philipp der furchtbarſte Rächer, den Fräulein von Taverney hätte herbeirufen können; Philipp, der einzige der Familie, der für Gilbert Gefühle eines Menſchen, und beinahe eines Gleichgeſtellten geäußert hatte, würde Philipp den Schuldigen nicht ebenſo ſicher ne einem Wort, als mit dem Eiſen tödten, wäre dieſes ort: „Gilbert, Du haſt unſer Brod gegeſſen, und Du entehrſt uns!“ Wir haben auch Gilbert bei der erſten Erſcheinung Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 2 14 von Philipp entweichen ſehen; als er zurückkehrte, ge⸗ horchte er nur ſeinem Inſtinkt, um ſich nicht ſelbſt anzu⸗ klagen, und von die ſem Augenblick drängte er alle ſeine Kräfte nach einem Ziele zuſammen: nach dem Widerſtand. Er folgte Philipp, ſah ihn zu Andrée hinaufgehen und mit dem Doctor Louis ſprechen; er beſpähte Alles, er beurtheilte Alles, er begriff die Verzweiflung von Philipp. Er ſah dieſen Schmerz wachſen und größer werden: ſeine furchtbare Scene mit Andrée errieth er aus dem Spiel der Schatten hinter dem Vorhang. „Ich bin verloren,“ dachte er; ſeine Vernunft ver⸗ wirrte ſich; er ergriff ein Meſſer, um Philipp zu tödten, den er an ſeiner Thüre erſcheinen zu ſehen erwartete... oder um ſich ſelbſt zu tödten, wenn es ſein müßte. Philipp ſoͤhnte ſich im Gegentheil mit ſeiner Schwe⸗ ſter aus. Gilbert ſah ihn auf den Knieen, die Hände von Andrée küſſend. Dies war eine neue Hoffnung, ein Hafen der Rettung. War Philipp noch nicht mit einem Wuthgeſchrei heraufgekommen, ſo war dies der Fall, weil Andrée den Namen des Schuldigen durchaus nicht kannte. Wußte ſie, der einzige Zeuge, der einzige An⸗ kläger, nichts, ſo wußte Niemand etwas. Wenn Andrée ... tolle Hoffnung!... wußte und nichts geſagt hatte, ſo war es mehr als Rettung, es war Glück, es war Triumph. Von dieſem Augenblick ſchwang ſich Gilbert ent⸗ ſchloſſen bis zum Niveau der Lage der Dinge empor. Nichts hielt ihn mehr in ſeinem Gange auf, ſobald er ſeinen Scharfblick wieder erlangt hatte. „Wo ſind die Spuren, wenn Fräulein von Taverney mich nicht anklagt?“ ſagte er;„und ich Narr, der ich bin, würde ſie mich des Erfolges, oder des Verbrechens anſchuldigen? Sie hat mir das Verbrechen nicht vorge⸗ worfen, nichts hat mir ſeit drei Wochen angedeutet, ſie haſſe oder vermeide mich mehr als früher. „Wenn ſie alſo die Urſache nicht gekannt hat, ſo verräth nichts in der Wirkung mehr mich, als einen ———— & — 9 15 Andern. Ich habe den König ſelbſt im Zimmer von Fräulein Andrée geſehen. Ich würde es im Nothfall vor dem Bruder bezeugen, und trotz alles Leugnens Seiner Majeſtät würde man mir glauben... Ja, doch dies wäre ein ſehr gefährliches Spiel... Ich werde ſchwei⸗ gen; der Köͤnig hat zu viele Mittel, um ſeine Unſchuld zu beweiſen, oder meine Zeugſchaft niederzuſchlagen. Doch habe ich nicht in Ermanglung des Königs, deſſen Name bei dem Allem nur unter der Gefahr eines ewigen Ge⸗ fängniſſes oder des Todes angerufen werden kann, den unbekannten Mann, der Fräulein von Taverney in der⸗ ſelben Nacht in den Garten hinabſteigen machte 2. Wie wird ſich dieſer vertheidigen? Wie ſollte man ihn erra⸗ then, wie ſollte man ihn wiederfinden, wenn man ihn erriethe? Dleſer iſt nur ein gewöhnlicher Menſch, ich bin ſo viel werth als er und werde mich ſtets gut gegen ihn vertheidigen. Uebrigens denkt man nicht an mich. Gott allein hat mich geſehen,“ fügte er voll Bitterkeit lachend bei.„Doch dieſer Gott, der ſo oft meine Thrä⸗ nen und meine Schmerzen ſah, ohne etwas zu ſagen, warum ſollte er die Ungerechtigkeit begehen, mich bei dieſer Gelegenheit zu verrathen, der erſten, die er mir glücklich zu ſein geboten hat? „Ueberdies, wenn das Verbrechen beſteht, iſt es ihm zuzuſchreiben und nicht mir, und Herr von Voltaire be⸗ weiſt auf das Klarſte, daß es keine Wunder mehr gibt. Ich bin gerettet, ich bin ruhig, mein Geheimniß gehört mir, die Zukunft gehört mir.“ Nach dieſen Betrachtungen, oder vielmehr nach dieſer Uebereinkunft mit ſeinem Selbſtvertrauen, packte Gilbert ſeine Gartengeraͤthſchaften zuſammen und nahm ſein Abendbrod mit ſeinen Kameraden. Er war heiter, ſorg⸗ los, herausfordernd ſogar. Er hatte Reue, er hatte Angſt gehabt, das iſt eine Schwäche, die ein Mann, ein Philo⸗ ſoph, ſchleunigſt tilgen mußte. Nur rechnete er ohne ſein Gewiſſen. Gllbert ſchlief nicht. CXLVI. Zwei Schmerzen. Gilbert hatte die Lage der Dinge vernünftig beur⸗ theilt, als er von dem Unbekannten ſprechend, den er im Garten an dem Abend wahrgenommen, der ſo unſelig für Fräulein von Taverney geweſen war, ſagte: „Wird man ihn wiederfinden?“ Philipp wußte in der That durchaus nicht, wo Jo⸗ ſeph Balſamo, Graf von Föoͤnir, wohnte. Aber er erinnerte ſich jener Dame von Stand, der Marquiſe von Savigny, zu der Andrée am 31. Mai, um eine Pflege zu erhalten, geführt worden war. Die Stunde war nicht ſo vorgerückt, daß man nicht bei dieſer Dame erſcheinen konnte, welche in der Rue Saint⸗Honoré wohnte. Philipp bewältigte alle Aufregung ſeines Geiſtes und ſeiner Sinne; er ging zu der Dame hinauf, und die Kammerfrau gab ihm ſogleich und ohne alles Zögern die Adreſſe von Balſamo in der Rue Saint⸗ Claude im Marais. Philipp folgte auf der Stelle der angegebenen Adreſſe. Aber nicht ohne eine tiefe Bewegung berührte er den Klopfer dieſes verdächtigen Hauſes, worin ſeiner Vermu⸗ thung nach auf ewig die Ruhe und die Ehre der armen Andrée begraben waren. Doch ſeinen Willen zu Hülfe rufend, hatte er bald die Entrüſtung, die Empfindlichkeit überwunden, um ſich unverſehrt die Kräfte zu erhalten, deren er zu bedürfen glaubte. Er klopfte an das Haus mit ziemlich ſicherer Hand, und die Thüre öffnete ſich nach der Sitte des Ortes. Phitipp trat, ſein Pferd am Zügel führend, in den Hof ein. Doch er hatte nicht vier Schritte gemacht, als — 1 17 Fritz, aus dem Vorhauſe hervortretend, auf der Schwelle erſchien und ihn mit der Frage: „Was will der Herr?“ aufhielt. Philipp bebte wie bei einem unvorhergeſehenen Hin⸗ derniß. Er ſchaute den Deutſchen die Stirne faltend an, ait hätte er nicht einfach die Pflicht eines Dieners er⸗ füllt. „Ich will mit dem Herrn vom Hauſe, mit dem Grafen von Föͤnir ſprechen,“ antwortete Philipp, während er den Zaum ſeines Pferdes durch einen Ring ſchlang und auf das Haus zuging, in das er ſogleich eintrat. „Der Herr iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte Fritz, der jedoch Philipp mit jener Hoͤflichkeit des gut gezogenen Dieners vorüberließ. Philipp ſchien Alles vorhergeſehen zu haben, nur dieſe einfache Antwort nicht. Er blieb einen Augenblick verblüfft und fragte dann: „Wo werde ich ihn finden?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr.“ „Ihr müßt es aber wiſſen?“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr legt mir keine Rechenſchaft ab.“ „Mein Freund, ich muß Euren Herrn dieſen Abend ſprechen.“ „Ich bezweifle, daß dies möglich iſt.“ „Es betrifft eine höͤchſt wichtige Angelegenheit.“ Fritz verbeugte ſich, ohne zu antworten. „Er iſt alſo ausgegangen?“ fragte Philipp. „Ja, mein Herr.“ „Er wird ohne Zwelfel nach Hauſe kommen?“ „Ich glaube nicht, mein Herr.“ „Ah! Ihr glaubt nicht?“ „Nein.“ „Sehr gut,“ rief Philipp mit einem Anfang von Fieber;„mittlerweile meldet Eurem Herrn... „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen 18 der Herr ſei nicht hier,“ erwiederte Fritz mit einer un⸗ ſtörbaren Ruhe. „Ich weiß, was Verbote werth find, mein Freund, und das Eurige iſt achtbar; doch es läßt ſich in der That nicht auf mich anwenden, deſſen Beſuch Euer Herr nicht vorherſehen konnte, und der ich ausnahmsweiſe komme.“ „Das Verbot dehnt ſich auf Jedermann aus, mein Herr,“ entgegnete Fritz unbeſonnener Weiſe. „Ahl da man Euch ein Verbot gegeben hat, ſo iſt Euer Herr zu Hauſe.“ „Nun, und hernach?“ ſagte Fritz, den ſo viel Zu⸗ dringlichkeit ungeduldig zu machen anfing. „Nun! ich werde warten.“ „Der Herr iſt nicht hier, ſage ich Ihnen, das Haus iſt vor einiger Zeit in Brand gerathen und in Folge davon unbewohnbar geworden.“ „Du bewohnſt es doch, Du,“ entgegnete Philipp, ebenfalls ungeſchickt. „Ich bewohne es als Wächter.“ Philipp zuckte die Achſeln wie ein Menſch, der nicht ein Wort von dem, was man ihm ſagt, glaubt. Fritz fing an zornig zu werden und rief: „Ob übrigens der Herr Graf zu Hauſe oder nicht zu Hauſe iſt, pflegt man doch weder in ſeiner Abweſen⸗ heit, noch in ſeiner Anweſenheit mit Gewalt bei ihm ein⸗ zudringen, und wenn Sie ſich nicht in die Gewohnheiten des Hauſes fügen, ſo werde ich gezwungen ſein...“ Fritz hielt inne. „Wozu?“ fragte Philipp ſich vergeſſend. „Sie hinauszuwerfen,“ antwortete Fritz ruhig. „Du?“ rief Philipp, das Auge funkelnd. „Ich,“ erwiederte Fritz, der mit dem ſeiner Nation eigenthümlichen Charakter in demſelben Maß, in welchem ſein Zorn ſtieg, allen Anſchein der Kaltblütigkeit wieder⸗ erlangte. 4 in m 19 Und er machte einen Schritt gegen den jungen Mann, der ganz außer ſich nach ſeinem Degen griff. Ohne ſich durch den Anblick des Eiſens einſchüchtern zu laſſen, ohne um Hülfe zu rufen(vielleicht war er auch allein), nahm er von der Wand, woran eine Trophäe aufgehängt war, einen Spieß, an der ein kurzes, aber ſpitziges Eiſen, ſtürzte auf Philipp, mehr als Stock⸗ ſchwinger, denn als Fechter, los und machte mit dem er⸗ ſten Schlag den kleinen Degen in Stücke zerſpringen. Philipp ſtieß einen Schrei des Grimms aus, eilte auch nach der Trophäe und ſuchte irgend eine Waffe zu ergreifen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Geheimthüre der Hausflur, und der Graf hob ſich aus dem dunklen Rahmen hervor. „Was gibt es denn, Fritz?“ fragte er. „Nichts, mein Herr,“ erwiederte der Diener, indem er den Spieß ſenkte, aber ſich wie eine Barriere vor ſei⸗ nen Herrn ſtellte, der ihn, auf den Stufen der Geheim⸗ treppe ſtehend, um den halben Leib überragte. „Herr Graf von Fönir,“ ſprach Philipp,„iſt es eine Sitte Ihres Landes, daß die Lackeien einen Edel⸗ mann mit dem Spieß in der Hand empfangen, oder iſt das eine heſondere Vorſchrift in Ihrem edlen Hauſe?“ „Zurück, Fritz,“ ſagte Balſamo. Fritz ſenkte ſeinen Spieß und ſtellte ihn auf ein Zeichen ſeines Herrn in eine Ecke der Flur. „Wer ſind Sie, mein Herr?“ fragte der Graf, der Philipp bei dem Schein der Lampe, die das Vorhaus beleuchtete, nicht gut zu erkennen vermochte. „Ciner, der Sie durchaus ſprechen will.“ „Der will?“ .„Ja.“ „Das iſt ein Wort, das Fritz entſchuldigt, mein Herr, denn ich will Niemand ſprechen, und wenn ich in meinem Hauſe bin, geſtehe ich Niemand das Recht zu, mich ſprechen zu wollen; aber,“ fügte Balſamo mit einem 20 Seufzer bei,„ich verzeihe Ihnen, unter der Bedingung jedoch, daß Sie ſich entfernen und nicht länger meine Ruhe ſtören.“ „In der That,“ rief Philipp,„es ſteht Ihnen gut an, Ruhe zu verlangen, Ihnen, der Sie mir die meinige geraubt haben.“ „Ich habe Ihnen Ihre Ruhe geraubt?“ fragte der „Ich bin Philipp von Taverney!“ rief der junge Mann, im Glauben, dieſe Erwiederung würde für das Gewiſſen des Grafen Alles beantworten. „Philipp von Taverney?“ ſagte der Graf.„Mein Herr, ich bin bei Ihrem Vater gut aufgenommen wor⸗ den, Sie ſollen auch bei mir gut aufgenommen werden.“ „Das iſt ein Glück,“ murmelte Philipp. „Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen, mein raf Herr. Balſamo ſchloß die Thüre der Geheimtreppe, ging Philipp voran und führte ihn in den Salon, wo wir nothwendiger Weiſe einige Scenen von dieſer Geſchichte, und beſonders die neuſte von allen, die hier vorgefallen, die mit den fünf Meiſtern, ſich entwickeln ſahen. Der Salon war beleuchtet, als ob man Jemand erwartet hatte; doch dies war offenbar in Folge von einer der verſchwenderiſchen Gewohnheiten des Hauſes der Fall. „Guten Abend, Herr von Taverney,“ ſagte Balſamo mit einem ſanften und verſchleierten Ton, der Philipp die Augen zu ihm aufzuſchlagen veranlaßte.— Doch bei dem Aublick von Balſamo machte Philipp einen Schritt rückwärts. Der Graf war in der That nur noch ein Schatten von ſich ſelbſt; ſeine hohlen Augen hatten kein Licht mehr; abmagernd hatten ſeine Wangen den Mund mit zwei Falten umgeben, und kahl und knochig verlieh der Ge⸗ ſichtswinkel dem ganzen Kopf eine Aehnlichkeit mit einem Todtenkopf. 21 Philipp war ganz beſtürzt. Balſamo gewahrte ſeine Verwunderung, und ein Lächeln von einer tödtlichen Trau⸗ rigkeit ſchwebte über ſeine bleichen Lippen hin. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich habe mich wegen mei⸗ nes Dieners zu entſchuldigen; doch er befolgte in der That nur die ihm ertheilte Vorſchrift, und Sie, erlauben Sie mir dieſe Bemerkung, Sie waren im Unrecht, daß Sie Zwang anwenden wollten.“ „Mein Herr,“ entgegnete Philipp,„Sie wiſſen wohl, es gibt im Menſchenleben außerordentliche Lagen, und ich befinde mich in einer dieſer Lagen.“ Balſamo antwortete nicht. „Ich wollte Sie ſehen,“ fuhr Philipp fort,„ich wollte Sie ſprechen; um bis zu Ihnen zu dringen, würde ich dem Tod getrotzt haben.“. Balſamo ſchaute Philipp fortwährend ſtillſchweigend an und ſchien eine Aufklärung über die Worte des jungen Mannes zu erwarten, ohne daß er die Kraft oder die Neugierde hatte, eine ſolche zu fordern. „Ich habe Sie,“ fügte Philipp bei,„ich habe Sie endlich, und wir werden uns erklären, wenn es Ihnen beliebt; doch wollen Sie zuerſt dieſen Menſchen entlaſſen.“ Und er bezeichnete mit dem Finger Fritz, der den Thürvorhang aufgehoben hatte, als wollte er ſeinen Herrn nach ſeinen letzten Befehlen in Beziehung auf den über⸗ läſtigen Beſuch fragen. Balſamo heftete auf Philipp einen Blick, mit dem er ſeine Abſichten durchdringen wollte; doch da er ſich nun einem Mann gegenüberfand, der ihm an Rang und Würde gleichkam, ſo hatte Philipp ſeine Ruhe und ſeine Stärke wieder gewonnen; er war undurchdringlich. Mit einer einfachen Bewegung des Kopfes oder der Augenbrauen vielmehr entließ Balſamo Fritz, und die zwel Männer ſetzten ſich einander gegenüber, Philipp den Rücken dem Kamin zugewendet, Balſamo den Ellenbogen auf ein Tiſchchen geſtützt. „Sprechen Sie raſch und klar, wenn es Ihnen be⸗ 22 liebt, mein Herr,“ ſagte Balſamo,„denn ich höre Sie nur aus Wohlwollen an, und ich bemerke Ihnen zum Voraus, daß ich bald müde ſein werde.“ „Ich werde ſprechen, wie ich muß, und ſo, wie ich es für geeignet erachte,“ erwiederte Philipp,„und ohne Ihr Belieben werde ich mit einem Verhör beginnen.“ Bei dieſen Worten machte ein furchtbares Stirne⸗ falten einen elektriſchen Blitz aus den Augen von Bal⸗ ſamo hervorſpringen. Dieſes Wort erweckte ſolche Erinnerungen in ihm, daß Philipp gebebt haben würde, wenn er gewußt hätte, was ſich tief in dem Herzen dieſes Mannes bewegte. Nach einem Augenblick des Stillſchweigens, den er dazu anwandte, ſeine Selbſtbeherrſchung wieder zu ge⸗ winnen, ſagte Balſamo: „Fragen Sie.“ „Mein Herr,“ ſprach Philipp,„nie erklärten Sie mir genau die Verwendung Ihrer Zeit in der bekannten Nacht vom 31. Mai, von dem Augenblick an, wo Sie meine Schweſter mitten aus den Sterbenden und Todten, mit denen der ganze Platz gefüllt war, fortſchleppten.“ „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Balſamo. „Das ſoll bedeuten, daß mir Ihr Benehmen in je⸗ ner Nacht ſtets verdächtig geweſen, und daß es mir jetzt mehr als je verdächtig iſt.“ „Verdächtig?“ 4 „Ja, und daß es aller Wahrſcheinlichkeit nicht das eines Mannes von Chre geweſen iſt.“— „Mein Herr, ich verſtehe Sie nicht; Sie müſſen bemerken, daß mein Kopf angegriffen, geſchwächt iſt, und daß mich dieſe Schwäche natürlich ungeduldig macht.“ „Mein Herr!“ rief Philipp aufgebracht über den Ton voll Stolz und Ruhe, den Balſamo gegen ihn be⸗ hauptete. „Mein Herr!“ fuhr Balſamo in demſelben Ton fort,„ſeitdem ich die Ehre gehabt habe, Sie zu ſehen, iſt mir großes Unglück widerfahren; mein Haus iſt theil⸗ 23 weiſe abgebrannt und verſchiedene koſtbare, hören Sie wohl, ſehr koſtbare Gegenſtände find mir verloren gegan⸗ gen: in Folge des Kummers bin ich etwas verwirrt ge⸗ blieben; ich bitte Sie alſo, ſeien Sie ſehr klar, oder ich werde ſogleich von Ihnen Abſchied nehmen.“ „Oh! nein, mein Herr, nein; Sie werden nicht ſo leicht von mir Abſchied nehmen, wie Sie ſagen; ich werde Ihren Kummer ehren, wenn Sie ſich gegen den meinen mitleidig zeigen; auch mir iſt Unglück widerfahren, groͤße⸗ res als Ihnen, deſſen bin ich ſicher.“ „Balſamo lächelte mit jenem verzweifelten Lächeln, das Philipp ſchon über ſeine Lippen hatte ſchweben ſehen. „Ich, mein Herr,“ fuhr Philipp fort,„ich habe die Ehre meiner Familie verloren.“ „Nun, mein Herr, was vermag ich bei dieſem Un⸗ glück?“ fragte Balſamo. „Was Sie dabei vermögen?“ rief Philipp mit fun⸗ kelnden Augen. „Ja.“ 3„Sie koͤnnen mir wiedergeben, was ich verloren habe.“ „Ah! Sie ſind verrückt, mein Herr,“ rief Balſamo. Und er ſtreckte die Hand nach der Glocke aus. Doch er machte dieſe Geberde auf eine ſo gelaſſene Weiſe und mit ſo wenig Zorn, daß ihn Philipp ſogleich zurückhielt. „Ich ſoll verrückt ſein?“ rief Philipp mit ſtockender Stimme;„aber begreifen Sie denn nicht, daß es ſich um meine Schweſter handelt, um meine Schweſter, die Sie am 34. Mai ohnmächtig in Ihren Armen gehalten, die Sie in ein Ihrer Behauptung nach ehrenhaftes, nach meiner Anſicht ſchändliches Haus geführt haben... kurz um meine Schweſter, deren Ehre ich mit dem Degen in der Hand von Ihnen fordere.“ Balſamo zuckte die Achſeln. „Ei! guter Gott!“ murmelte er,„wie viel Umwege, um zu einer ſo einfachen Sache zu kommen.“ 4 24 „Sie betäuben mich: wollen Sie mir nicht ſagen, ich habe Ihre Schweſter beleidigt?“ „Ja, Feiger.“ „Abermals ein unnützer Schrei und eine unnütze Schmähung; wer Teufels ſagt Ihnen denn, ich habe Ihre Schweſter beleidigt?“ Philipp zögerte; der Ton, mit dem Balſamo dieſe Worte geſprochen hatte, ſetzte ihn in Erſtaunen. Es war der höchſte Grad von Unverſchämtheit oder der Schrei eines reinen Gewiſſens. 3 „Wer es mir geſagt habe?“ verſetzte der junge Mann. „Ja, das frage ich Sie.“ „Meine Schweſter ſelbſt, mein Herr.“ „Ei! mein Herr, Ihre Schweſter...“ 3„Was wollten Sie ſagen?“ rief Philipp mit einer drohenden Geberde. „Ich wollte ſagen, mein Herr, Sie geben mir wahr⸗ haftig einen ſehr traurigen Begriff von Ihnen und von Ihrer Schweſter. Wiſſen Sie, es iſt die häßlichſte Spe⸗ culation der Welt, die Speculation, welche gewiſſe Frauen mit ihrer Unehre machen. Sie aber find, die Drohung auf den Lippen, gekommen, wie die großmäuligen Brüder der italieniſchen Komoͤdie, um mich, den Degen in der Hand, zu zwingen, entweder Ihre Schweſter zu heirathen, was beweiſt, daß ſie ſehr eines Gatten bedarf, oder Ih⸗ nen Geld zu geben, weil Sie wiſſen, daß ich Gold mache; mein Herr, Sie haben ſich getäuſcht: Sie bekommen kein Geld und Ihre Schweſter bleibt unver⸗ heirathet.“ „Dann werde ich von Ihnen das Blut bekommen, das Sie in den Adern haben, wenn Sie haben,“ rief Philipp.. 1 „Nein, nicht einmal dieſes, mein Herr.“ 25 „Wie?“ „Das Blut, das ich habe, bewahre ich, und ich hätte, wenn ich wollte, um es zu vergießen, ein ernſteres Geſchäft, als das, welches Sie mir anbieten. Thun Sie mir alſo den Gefallen, mein Herr, kehren Sie ruhig zu⸗ rück, und wenn Sie Lärmen machen, werde ich, da mir dieſer Lärmen im Kopf wehe thut, Fritz rufen; Fritz wird kommen, und auf ein Zeichen von mir bricht er Sie ent⸗ zwei wie ein Rohr. Sie haben mich verſtanden.“ Diesmal läutete Balſamo, und als ihn Philipp daran verhindern wollte, öffnete er ein Kiſtchen von Eben⸗ holz, das auf dem Guéridon ſtand, nahm daraus eine Doppelpiſtole und ſpannte. „Das iſt mir ganz lieb,“ rief Philipp,„tödten Sie „Warum ſollte ich Sie tödten?“ „Weil Sie mich entehrt haben.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einem ſol⸗ chen Ausdruck von Wahrheit, daß ihn Balſamo mit einem Auge voll Sanftmuth anſchaute und ſagte: „Wäre es möglich, ſollten Sie in gutem Glauben handeln?“ „Sie zweifeln? Sie zweifeln an dem Wort eines Edelmanns?“ „Ich will annehmen,“ fuhr Balſamo fort,„Fräulein von Taverney allein habe den unwürdigen Gedanken ge⸗ faßt, ſie habe Sie angetrieben: ich will Ihnen alſo eine Genugthuung geben. Ich ſchwoͤre Ihnen bei meiner CEhre, daß mein Benehmen gegen Ihre Schweſter in der Nacht vom 31. Mai tadellos geweſen iſt, daß weder das Ehr⸗ gefühl, noch ein menſchliches Tribunal, noch die göttliche Gerechtigkeit irgend etwas der vollkommenen Biederkeit Entgegengeſetztes daran zu finden vermöchten; glauben Sie mir.“ „Mein Herr!“ rief der junge Mann erſtaunt. „Sie wiſſen, daß ich ein Duell nicht fürchte, nicht wahr, das lieſt ſich in den Augen? Was meine Schwäche betrifft, mich 26 ſo täuſchen Sie ſich hierin nicht, ſie iſt nur ſcheinbar. Ich habe allerdings wenig Blut im Geſicht, doch meine Muskeln haben nichts von ihrer Stärke verloren. Wollen Sie einen Beweis ſehen?“ Und Balſamo hob mit einer Hand und ohne alle Anſtrengung eine ungeheure Vaſe von Bronze auf, welche auf einem Meuble von Boule ſtand. „Wohl! es ſei, mein Herr,“ ſagte Philipp,„ich glaube Ihnen, was den 31. Mai betrifft; doch das iſt eine Ausflucht, die Sie anwenden, Sie geben Ihr Wort unter der Garantie eines Irrthums in Beziehung auf den Tag, Sie haben meine Schweſter ſeitdem wiedergeſehen!“ Balſamo zögerte ebenfalls. .„Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich habe ſie wiederge⸗ ſehen.“ 4 Und einen Augenblick aufgeklärt, verdüſterte ſich ſeine Stirne wieder auf eine furchtbare Weiſe. „Ah! Sie bemerken wohl,“ rief Philipp. „Nun! was beweiſt es gegen mich, daß ich Ihre Schweſter wiedergeſehen habe?“ „Dies beweiſt, daß Sie dieſelbe in den unerklärlichen Schlaf verſetzt haben, von dem ſie ſich ſchon dreimal bei Ihrer Annäherung befallen fühlte, und daß Sie dieſe Unempfindlichkeit benützten, um die Geheimhaltung des Verbrechens zu erlangen.“ „Ich frage Sie noch einmal, wer ſagt dies?“ rief Balſamo. „Meine Schweſter.“ „Woher weiß ſie es, da ſie ſchlief?“ „Ah! Sie geſtehen alſo, ſie eingeſchläfert zu haben?“ „Mehr noch, ich geſtehe, ſie ſelbſt eingeſchläfert zu haben.“ „Eingeſchläfert 2“ Ja.“ „Und in welcher Abſicht, wenn nicht um ſie zu ent⸗ ehren?“ 8 27 „Ach! in welcher Abſicht!“ ſagte Balſamo und ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. „Sprechen Sie, ſprechen Sie.“ „In der Abſicht, ſie ein Geheimniß enthüllen zu laſſen, das mir theurer war, als das Leben.“ „Oh! Liſt, Ausflucht!“ „Und in jener Nacht,“ fuhr Balſamo fort, der mehr ſeinen eigenen Gedanken verfolgte, als das beleidigende Verhoͤr von Philipp beantwortete,„in jener Nacht iſt Ihre Schweſter?...“ „Entehrt worden, ja, mein Herr.“ „Entehrt?“ „Meine Schweſter iſt Mutter!“ Balſamo ſtieß einen Schrei aus. „Oh! es iſt wahr, es iſt wahr,“ ſagte er,„ich erinnere mich, ich bin weggegangen, ohne ſie aufzu⸗ wecken.“ „Sie geſtehen, Sie geſtehen!“ rief Philipp. „Ja, und irgend ein Schändlicher wird in dieſer gräßlichen Nacht, oh! für uns Alle gräßlichen Nacht, ihren Schlaf benützt haben.“ „Ah! wollen Sie meiner ſpotten, mein Herr?“ „Nein, ich will Sie überzeugen.“ „Das wird ſchwierig ſein.“ 24Wo befindet ſich in dieſem Augenblick Ihre Schwe⸗ er? „Da, wo Sie dieſelbe entdeckt haben.“ „In Trianan?“ „Ja.“ 3„Ich werde mit Ihnen nach Trianon gehen, mein Herr.“ Philipp blieb unbeweglich vor Erſtaunen. „Mein Herr,“ ſprach Balſamo, nich habe einen Feh⸗ ler begangen, doch ich bin rein von jedem Verbrechen; ich habe das Kind im magnetiſchen Schlaf gelaſſen. Wohl, zur Entſchädigung für dieſen Fehler, den Sie mir gerechter Weiſe vergeben müſſen, werde ich Sie mit dem Namen des Schuldigen bekannt machen.“ „Sagen Sie ihn, ſagen Sie ihn!“ „Ich weiß ihn nicht.“ „Wer weiß ihn denn?“ „Ihre Schweſter.“ „Aber ſie hat ſich geweigert, ihn mir zu nennen.“ „Vielleicht, doch ſie wird ihn mir ſagen.“ 8 „Meine Schweſter?“ „Werden Sie Ihrer Schweſter glauben, wenn Sie Jemand anklagt?“ „Ja, denn meine Schweſter iſt ein Engel der Rein⸗ eit.“ 3 Balſamo läutete. „Fritz, einen Wagen,“ ſagte er, als er den Deutſchen erſcheinen ſah. Phue ſchritt wie ein Wahnſinniger im Salon auf und ab. 4 „Sie verſprechen mir, mich den Schuldigen wiſſen zu laſſen?“ rief er. „Mein Herr,“ ſagte Balſamo,„Ihr Degen iſt im Streit zerbrochen, wollen Sie mir erlauben, Ihnen einen andern anzubieten?“ Und er nahm von einem Stuhl einen herrlichen De⸗ gen mit einem Griff von Vermeil und ſieckte ihn in die Kuppel von Philipp. „Aber Sie?“ ſagte der junge Mann. „Ich, mein Herr,“ erwiederte Balſamo,„ich brauche keine Waffen; meine Vertheidigung iſt in Trianon, und mein Vertheidiger werden Sie ſein, wenn Ihre Schweſter geſprochen hat.“ Eine Viertelſtunde nachher ſtiegen ſie in den Wagen, und Fritz führte ſie im ſcharfen Galopp zweier vortreffli⸗ cher Pferde auf der Straße nach Verſailles fort. 4 29 CXLVII. Der Weg nach Trianon. Alle dieſe Gänge und dieſe ganze Erklärung hatten Zeit weggenommen, ſo daß es beinahe zwei Uhr Morgens war, als man aus der Rue Saint⸗Claude wegfuhr. Man brauchte eine und eine Viertelſtunde, um Ver⸗ ſailles zu erreichen, und zehn Minuten, um von da nach Trianon zu gelangen, ſo daß die zwei Männer erſt um halb vier Uhr am Orte ihrer Beſtimmung ankamen. Während des zweiten Theils der Fahrt übergoß ſchon die Morgenröthe mit ihrer roſenrothen Tinte die friſchen Waldungen und Hügel von Sévres. Als ob ein Schleier langſam vor ihren Augen aufgehoben worden wäre, hatten ſich die Teiche von Ville⸗d'Avray und die entfernteren von Buc, Splegeln ähnlich, beleuchtet. Dann waren endlich vor ihren Blicken die Colonna⸗ den und die Dächer ſchon bepurpurt von den Strahlen einer noch unſichtbaren Sonne erſchienen. Eine Scheibe, worauf ſich ein Flammenſtrahl ſple⸗ gelte, funkelte von Zeit zu Zeit und durchbohrte mit ſei⸗ nem Licht den bläulich gefärbten Morgennebel. Als ſie zu dem Ende der Allee gelangten, welche von Verſailles nach Trianon führt, ließ Philipp den Wagen halten und ſagte, ſich an Balſamo wendend, der unde ganzen Fahrt ein düſteres Stillſchweigen beobach⸗ tet hatte: 3 „Mein Herr, ich befürchte, wir werden genöthigt ſein, hier einen Augenblick zu warten. Man oͤffnet die Thore von Trianon nicht vor fünf Uhr Morgens, und wenn ich dem Befehl zuwider handelte, dürfte unſere An⸗ kunft den Aufſehern und Waͤchtern verdächtig erſcheinen. Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 3 8 Balſamo antwortete nicht, bewies aber durch eine Bewegung des Kopfes, daß er dem Vorſchlag beitrat. „Ueberdies,“ fuhr Philipp fort,„überdies wird mir dieſer Verzug Zeit laſſen, Ihnen einige Betrachtungen mitzutheilen, die ich während der Fahrt angeſtellt habe.“ Balſamo ſchaute Philipp mit einem ganz von Ueber⸗ druß und Gleichgültigkeit beladenen Blick an und erwie⸗ derte: 3 „Ganz wie es Ihnen beliebt, mein Herr, ſprechen Sie, ich höre.“ „Sie ſagten mir, mein Herr,“ fuhr Philipp ſort, „Sie haben in der Nacht vom 31. Mai meine Schweſter bei der Frau Marquiſe von Savigny niedergelegt.“ „Sie haben ſich ſelbſt hievon verſichert, da Sie die⸗ ſer Dame einen Dankſagungsbeſuch machten.“ „Sie fügten bei, da ein Diener aus den Ställen des Königs Sie von der Wohnung der Marquiſe zu uns, nämlich nach der Rue Coq⸗Héron, begleitet habe, ſo ſeien Sie nicht mit ihr allein geweſen; ich habe Ihnen dies auf Ihr Chrenwort geglaubt.“ „Und Sie haben wohl daran gethan, mein Herr.“ „Doch indem ich meine Gedanken auf neuere Um⸗ ſtände lenkte, war ich genöthigt, mir zu ſagen, daß Sie vor einem Monat in Trianon, um mit ihr in jener Nacht zu ſprechen, wo Sie ſich in den Garten einzuſchleichen Mittel fanden, in ihr Zimmer haben kommen müſſen?“ „Ich bin nie in Trianon in das Zimmer Ihrer Schweſter gekommen, mein Herr.“ „Horen Sie doch!... Sehen Sie, ehe wir vor das Antlitz von Andrée treten, müſſen alle Dinge klar ein.“. 1„Klären Sie die Dinge auf, Herr Chevalier, das iſt mir ganz lieb, denn wir ſind zu dieſem Behufe ge⸗ kommen.“ „Nun wohl, an jenem Abend, überlegen Sie Ihre Antwort, denn das, was ich Ihnen ſagen werde, iſt po⸗ ſitiv, da ich es aus dem Munde meiner Schweſter habe, 341 an jenem Abend, ſage ich, hatte ſich meine Schweſter frühzeitig niedergelegt; Sie haben ſie alſo im Bett über⸗ raſcht.“ Balſamo ſchüttelte verneinend den Kopf. „Sie leugnen; nehmen Sie ſich in Acht,“ rief Philipp. „Ich leugne nicht, mein Herr; Sie fragen, und ich antworte.“ „Ich fahre fort zu fragen, fahren Sie fort zu ant⸗ worten.“ Balſamo wurde nicht ärgerlich, ſondern machte im Gegentheil Philipp ein Zeichen, daß er warte. „Als Sie zu meiner Schweſter hinaufgingen,“ fuhr Philipp ſich immer mehr erhitzend fort,„als Sie dieſelbe überraſchten und durch Ihre hölliſche Macht einſchläferten, lag Andrée im Bett und las; ſie fühlte den Ueberfall jener Schlafſucht, welche Ihre Gegenwart immer über ſie verhängt, und verlor das Bewußtſein. Sie ſagen aber, Sie haben nichts gethan, als ſie befragt, nur, fügen Sie bei, nur haben Sie bei Ihrem Abgang ſie aufzuwecken vergeſſen, und dennoch,“ ſprach Philipp, Balſamo am Fauſtgelenk faſſend und es krampfhaft preſſend,„und den⸗ noch lag meine Schweſter, als ſie am andern Tag wieder zum Bewußtſein kam, nicht mehr in ihrem Bett, ſondern halb nackt am Fuß ihres Sopha... Antworten Sie auf dieſe Anſchuldigung und nehmen Sie keine Ausflüchte.“ Während dieſer Aufforderung vertrieb Balſamo wie ein Menſch, den man ſich ſelbſt erweckt, einen nach dem andern die ſchwarzen Gedanken, welche ſeinen Geiſt ver⸗ düſterten. „In der That, mein Herr,“ ſagte er,„Sie hätten nicht auf dieſen Gegenſtand zurückkommen und ſo einen ewigen Streit mit mir ſuchen müſſen. Ich habe mich aus Nachgiebigkeit und aus Theilnahme für Sie hierher bege⸗ ben; mir ſcheint, Sie vergeſſen das. Sie find jung, Sie ſind Officier, Sie haben die Gewohnheit, von oben herab und die Hand auf einem Degenknopf zu ſprechen: dies 4 32 Alles läßt Sie bei ernſten Umſtänden faſch ſchließen. Ich habe dort bei mir mehr gethan, als ich hätte thun müſſen, um Sie zu überzeugen und ein wenig Ruhe von Ihnen zu erlangen. Sie fangen wieder an, nehmen Sie ſich in Acht; denn wenn Sie mich ermüden, werde ich entſchlummern in der Tiefe meines Kummers, gegen den der Ihrige, das ſchwore ich Ihnen, nur toller Zeitver⸗ treib iſt; und wenn ich ſo ſchlafe, mein Herr, dann wehe dem, der mich erweckt! Ich bin nicht in das Zimmer Ihrer Schweſter eingetreten, das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann; Ihre Schweſter hat mich aus eigenem An⸗ trieb, woran, ich geſtehe es, mein Wille einen großen Antheil hatte, Ihre Schweſter, ſage ich, hat mich im Garten aufgeſucht.“ Philipp machte eine Bewegung, doch Balſamo hielt ihn zurück. „Ich habe Ihnen einen Beweis verſprochen,“ fuhr er fort,„ich werde Ihnen denſelben geben. Wollen Sie ihn ſogleich haben? Gut. Gehen wir lieber nach Tria⸗ non hinein, als daß wir die Zeit mit unnützen Worten verlieren. Ziehen Sie es vor, zu warten, ſo warten wir, doch ſchweigend und ohne Aufregung, wenn es Ihnen beliebt?“ Nachdem Balſamo dies mit der unſern Leſern be⸗ kannten Miene geſagt hatte, löſchte er den flüchtigen Blitz ſeines Blickes aus und verſank wieder in ſein Nach⸗ nnen. Philipp gab ein dumpfes Brüllen von ſich, wie es das wilde Thier thut, das ſich zu beißen anſchickt; dann plöͤtzlich die Haltung und den Gedanken wechſelnd, ſagte „Dieſen Menſchen muß man überreden, oder durch irgend eine Ueberlegenheit beherrſchen; faſſen wir Ge⸗ duld. Doch da es ihm unmöglich war, bei Balſamo ge⸗ duldig zu bleiben, ſo fing er an, in der grünen Allee auf und ab zu gehen, in der der Wagen angehalten hatte. . 33 Nach zehn Minuten fühlte Philipp, daß es ihm un⸗ moͤglich war, länger zu warten.— Er zog es daher vor, ſich das Gitter vor der Stunde öffnen zu afſen, auf die Gefahr, Verdacht zu erregen. „Ueberdies,“ murmelte Philipp, eiſten Gedanken fort⸗ ſpinnend, der ſich wiederholt ſeinem Geiſt dargeboten hatte, „welchen Verdacht kann überdies der Portier ſchöpfen, wenn ich ſage, ich ſei durch die Geſundheitsumſtände meiner Schweſter ſo ſehr beunruhigt worden, daß ich in Paris einen Arzt geholt habe und dieſen ſchon bei Son⸗ nenaufgang hierherbringe?“ Sich für dieſe Idee entſcheidend, die durch ſein Ver⸗ langen, ſie in Ausführung zu bringen, allmälig alle ihre Gefahren verloren hatte, lief er nach dem Wagen. „Ja, mein Herr,“ ſagte er,„Sie hatten Recht, es iſt unnütz, länger zu warten, kommen Sie, kommen Sie.“ Doch er mußte dieſe Aufforderung wiederholen; erſt das zweite Mal legte Balſamo den Mantel ab, in den er gehüllt war, ſchloß ſeinen Ueberrock mit den Knöpfen von polirtem Stahl und verließ den Wagen. Philipp ſchlug einen Fußpfad ein, der ihn mit aller Erſparung ſchräger Linien an das Gitter des Parkes führte. 1 „Gehen wir geſchwinde,“ ſagte er zu Balſamo. Und ſein Schritt wurde in der That ſo raſch, daß Balſamo Mühe hatte, ihm zu folgen. Das Gitter öffnete ſich; Philipp gab dem Portier ſeine Erklärung, und die zwei Männer traten ein. Als das Gitter wieder hinter ihnen geſchloßen war, blieb Philipp abermals ſtehen und ſagte: „Mein Herr, ein letztes Wort. Wir ſind an Ort und Stelle; ich weiß nicht, welche Fragen Sie meiner Schweſter vorlegen werden; erſparen Sie ihr wenigſtens die Einzelnheit der furchtbaren Scene, welche während ihres Schlafes hat vorfallen können. Schonen Sie die Reinheit der Seele, da es um die Jungfräulichkeit des Leibes geſchehen iſt.“ wohnt. Ich bin 34 „Mein Herr,“ erldederte Balſaſdo,„hören Mie mich an: Ich bin im Park nie weiter gekommen, als bis zu jener Gruppe hochſtämmiger Bäume, welche Sie dort gegenüber von, de Whänden ſehen, wo Ihre Schweſter glich nie in das Zunmer von Fräu⸗ lein von Taverney eingedrungen, wie ich Ihnen ſchon zu ſagen die Ehre gehabt habe. Was die Scene betrifft, deren Wirkung auf den Geiſt Ihrer Fraͤulein Schweſter Sie befürchten, ſo wird dieſe Wirkung nur durch Sie, und zwar auf eine entſchlummerte Perſon hervorgebracht werden, denn jetzt ſchon und auf dieſer Stelle werde ich dem Fräulein befehlen, in den magnetiſchen Schlaf zu verſinken.“ Balſamo blieb ſtehen, kreuzte die Arme, wandte ſich nach dem Pavillon, den Andrée bewohnte, und verharrte einen Augenblick in völliger Unbeweglichkeit, die Stirne gefaltet und mit dem über ſeinem ganzen Antlitz verbrei⸗ teten Ausdruck des allmächtigen Willens. „Hören Sie,“ ſagte er, indem er ſeine Arme wieder fallen ließ,„Fräulein Andrée muß zu dieſer Stunde ein⸗ geſchlafen ſein.“ Das Geſicht von Philipp drückte Zweifel aus. „Ah! Sie glauben mir nicht,“ fuhr Balſamo fort, „gut! warten Sie. Um Ihnen zu bewelſen, daß ich nicht nöthig gehabt habe, bei ihr einzutreten, will ich ihr befehlen, ganz eingeſchlafen, wie ſie iſt, zu uns unten an die Stufen zu kommen, gerade an die Stelle, wo ich ſie bei unſerem letzten Zuſammenſein geſprochen habe.“ „Es ſei,“ ſagte Philipp;„wenn ich dies ſehe, werde ich Ihnen glauben.“ „Treten wir noch näher hinzu und warten wir hin⸗ ter jenen Hagenbuchen.“ Philipp und Balſamo ſtellten ſich an den bezeichne⸗ ten Platz, Balſamo ſtreckte die Hand nach dem Zimmer von Andrée aus. AN 35 Doch er hatte kaum dieſe Haltung angenommen, als ſich ein leichtes Geräuſch in den nahen Hagenbuchen hörbar machte.. „Ein Menſch,“ ſagte Balſamo,„nehmen wir uns in Acht.“ „Wo dies?“ fragte Philipp, während er mit den Augen denjenigen ſuchte, welchen ihm der Graf bezeichnete. „Dort, im Gebüſch links,“ antwortete dieſer.— „Ah! ja, es iſt Gilbert, ein ehemaliger Diener von uns.“ „Haben Sie etwas von dieſem jungen Menſchen zu befürchten?“ „Nein, ich glaube nicht, doch gleichviel, halten Sie inne, mein Herr, wenn Gilbert aufgeſtanden iſt, können auch Andere aufgeſtanden ſein.“ Mittlerweile entfernte ſich Gilbert, der, als er Phi⸗ lipp und Balſamo beiſammen ſah, inſtinctartig begriff, daß er verloren war. „Nun, mein Herr,“ fragte Balſamo,„wozu entſchei⸗ den Sie ſich?“ „Mein Herr,“ ſagte Philipp, der unwillkührlich jenen magnetiſchen Zauber empfand, den dieſer Mann um ſich her verbreitete,„wenn Ihre Macht wirklich ſo groß iſt, daß Sie Fräulein von Taverney bis zu uns führen kön⸗ nen, ſo offenbaren Sie dieſelbe durch irgend ein Zeichen; doch führen Sie meine Schweſter nicht an einen freien Ort, wie dieſer iſt, wo der Erſte der Beſte Ihre Fragen und die Antworten des Fräuleins hören kann.“ „Es war Zeit,“ ſagte Balſamo, indem er den jungen Mann am Arm ergriff und ihm am Fenſter der Flur der Communs Andrée zeigte, welche ſchon weiß und ernſt aus ihrem Zimmer heraustrat und, dem Befehle von Balſamo gehorchend, die Treppe herabzuſteigen ſich anſchickte. „Halten Sie ſie auf,“ ſagte Philipp, zu gleicher Zeit erſtaunt und verblüfft. „Es ſei,“ ſprach Balſamo. Der Graf ſtreckte den Arm in der Richtung von ————-— 36 Fwaunein von Taverney aus und, dieſe blieb ſogleich ehen. 1 Dann, nach einem Halt von einem Augenblick, drehte ſie ſich um, wie der ſteinerne Gaſt, und kehrte in ihr Zimmer zurück. Philipp ſtürzte ihr nach; Balſamo folgte ihm. Philipp trat beinahe gleichzeitig mit ſeiner Schweſter in ihr Zimmer; er nahm das Mädchen in ſeine Arme und ſetzte es nieder. Einige Augenblicke nach Philipp trat Balſamo ein und ſchloß die Thüre hinter ſich. Dooch ſo raſch auch der Zwiſchenraum, der dieſe Ein⸗ tritte trennte, geweſen war, ſo hatte doch ein dritter Menſch Zeit gehabt, ſich zwiſchen den zwei Männern einzuſchleichen und das Cabinet von Nicole zu erreichen, wo er ſich, wohl begreifend, daß ſein Leben von dieſer Unterredung abhing, verbarg. Dieſer Dritte war Gilbert. CXLVIII. Offenbarung. Balſamo ſchloß die Thüre hinter ſich und fragte in dem Augenblick, wo Philipp ſeine Schweſter mit einer Miſchung von Neugierde und Angſt betrachtete, auf der Schwelle erſcheinend: „Sind Sie bereit, Chevalier?“ „Ja, mein Herr, ja,“ ſtammelte Philipp ganz zit⸗ ternd. „Wir koͤnnen alſo anfangen, Ihre Schweſter zu be⸗ fragen?“ „Wenn es Ihnen beliebt,“ antwortete Philipp, der —— u 37 mit ſeinem Athem das Gewicht, das ſeine Bruſt bedrückte, aufzuheben ſuchte. „Doch vor Allem ſchauen Sie Ihre Schweſter an,“ ſprach Balſamo. „Ich ſchaue ſie an, mein Herr.“ „Nicht wahr, Sie glauben, daß ſie ſchlaft?“ Ja 446 „Und daß ſie folglich kein Bewußtſein von dem hat, was hier vorgeht.“ Philipp antwortete nicht; er machte nur eine Ge⸗ berde des Zweifels. Da ging Balſamo auf den Herd zu und zündete eine Kerze an, mit der er an den Augen von Andrée vorüberfuhr, ohne daß ſie ihre Lider durch die Wirkung der Flamme ſenkte.. „Ja, ja, ſie ſchlaͤft, das iſt ſichtbar,“ ſprach Philipp, „doch, mein Gott! welch einen ſeltſamen Schlaf!“ „Nun, ſo will ich ſie befragen,“ fuhr Balſamo fort, „oder vielmehr, da Sie eine Furcht äußerten, ich könnte irgend eine indiscrete Frage an Ihre Schweſter richten, ſo fragen Sie ſelbſt, Chevaller.“ „Aber ich habe ſie ſo eben angeredet, ich habe ſie berührt: ſie ſchien mich nicht zu hoͤren, ſie ſchien mich nicht zu fühlen.“ 3 „Sie waren nicht im Rapport mit ihr; ich will dies bewerkſtelligen. Balſamo nahm die Hand von Philipp und legte ſie in die von Andrée.. Sogleich lächelte das Mädchen und murmelte: „Ah! Du biſt es, mein Bruder.“ „Sie ſehen,“ ſagte Balſamo,„ſie erkennt Sie nun.“ „Ja, das iſt ſeltſam.“ „Fragen Sie, ſie wird antworten.“ „Aber wenn ſie ſich wach nicht erinnerte, wie wird ſie ſich entſchlummert erinnern?“ „Das iſt eines der Geheimniſſe der Wiſſenſchaft,“ 38 antwortete Balſamo. Und er ſtieß einen Seufzer aus und ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, der in einer Ecke ſtand. Philivp blieb unbeweglich, ſeine Hand in der Hand von Andrée. Wie ſollte er ſeine Fragen beginnen, deren Reſultat für ihn die Gewißheit ſeiner Schande und die Offenbarung eines Schuldigen wäre, nach dem ſeine Rache vielleicht nicht greifen könnte? Andrée befand ſich in einem Zuſtand der Ruhe, der der Ertaſe nahe kam, und ihre Phyſiognomie deutete eher Sorgloſigkeit, als jedes andere Gefühl an. Ganz bebend gehorchte Philipp nichtsdeſtoweniger dem ausdrucksvollen Blick von Balſamo, der ihm ſagte, er möge ſich bereit halten. Doch in demſelben Maß, in dem er an ſein Unglück dachte, in dem ſein Geſicht ſich verdüſterte, bedeckte ſich das von Andrée mit einer Wolke, und ſie fing damit an, daß ſie ihm ſagte: „Ja, Du haſt Recht, Bruder, das iſt ein großes unglück für die Familie.“ Andrée überſetzte ſo den Gedanken, den ſie im Geiſt ihres Bruders las. Philipp war auf dieſen Eingang nicht gefaßt: er ſchauerte und fragte, ohne genau zu wiſſen, was er ſagte: „Welches Unglück?“ „Ah! Du weißt es wohl, mein Bruder.“ „Zwingen Sie Ihre Schweſter, zu ſprechen, und ſie wird ſprechen.“ „Wie kann ich ſie zwingen?“ „Sie brauchen nur zu wollen, daß ſie ſpricht.“ Philipp ſchaute ſeine Schweſter an, während er einen inneren Willen bildete. Andrée erröthete. „Oh!“ ſagte das Mädchen,„wie ſchlimm iſt es von Derß Philipp, daß Du glaubſt, Andrée habe Dich ge⸗ täuſcht.“— „Du liebſt alſo Niemand 2“ fragte Philipp. 5 „Niemand.“ 4 39 „Dann iſt es alſo kein Mitſchuldiger, ſondern ein — Schuldiger, den man zu beſtrafen hat.“ d„Ich verſtehe Dich nicht, mein Bruder.“ 1 Philipp ſchaute den Grafen an, als wollte er ihn . um Rath fragen. —„Dringen Sie ſchärfer in ſie,“ ſagte Balſamo. „Ich ſoll in ſie dringen?“ „Ja, fragen Sie unumwunden.“ „Ohne Achtung vor dem Schamgefühl dieſes Kin⸗ des?“ r„Ohl ſeien Sie unbeſorgt, bei ihrem Erwachen wird 1 ſie ſich keines Umſtandes mehr erinnern.“ „Aber wird ſie meine Frage beantworten können?“ c„Sehen Sie gut?“ fragte Balſamo Andrée. h Andrée bebte beim Ton dieſer Stimme; ſie wandte , ihren Blick ohne Strahl gegen Balſamo und erwiederte: „Minder gut, als wenn Sie mich fragen würden; 8 doch ich ſehe.“ „Wohl, meine Schweſter,“ fragte Philipp,„wenn ſt Du ſiehſt, ſo erzähle mir in ihren einzelnen Umſtänden die Nacht Deiner Ohnmacht.“ er„Fangen Sie nicht mit der Nacht vom 31. Mai an, mein Herr?“ ſagte Balſamo;„Ihr Verdacht ging, wie mir ſcheint, zu jener Nacht zurück, und die Stunde, Alles zugleich aufzuklären, iſt gekommen.“ ie„Nein, mein Herr,“ erwiederte Philipp,„das iſt un⸗ nöthig, und ſeit einem Augenblick glaube ich an Ihr Wort. Derjenige, welcher über eine Macht wie die Ih⸗ rige verfügt, macht nicht davon Gebrauch, um zu einem er gemeinen Ziele zu gelangen. Meine Schweſter,“ wieder⸗ holte Philipp,„erzähle mir Alles, was in jener Nacht Deiner Ohnmacht vorgefallen iſt.“ on„ ‚Ich erinnere mich nicht mehr,“ ſagte Andrée. e⸗„Sie hören, Herr Graf?“ „Sie muß ſich erinnern, ſie muß ſprechen; befehlen 4 Sie es ihr.“ „Aber wenn ſie im Schlaf begriffen war?“ ——————— „Die Seele wachte.“ Da ſtand Balſamo auf, ſtreckte die Hand gegen Andrée aus und ſprach mit einem Falten der Stirne, das eine Verdopplung des Willens und der Thätigkeit an⸗ deutete: „Erinnern Sie ſich, ich will es.“ „Ich erinnere mich.“ „Oh!“ machte Philipp, ſeine Stirne abwiſchend. „An wollen Sie wiſſen?“ es 44 „Von welchem Augenblick an?“ „Von dem Augenblick, wo Sie ſich niederlegten. „Sie ſehen ſich ſelbſt?“ fragte Balſamo. „Ja, ich ſehe mich; ich halte in der Hand das von Nicole bereitete Glas... Oh! mein Gott!“ „Was? was gibt es?“ „Ohl! die Elende!“ „Sprich, meine Schweſter, ſprich!“ „Dieſes Glas en thält ein Gebräu; wenn ich es trinke, bin ich verloren.“ „Ein Gebräu!“ rief Philipp,„in welcher Abſicht?“ „Warte! warte!! „Zuerſt das Gebräu.“ „Erſchien der Graf.“ „Welcher Graf?“ „Er,“ ſprach Andrée, ihre Hand nach Balſamo ausſtreckend. „Und dann?“ „Dann ſetzte ich das Glas nieder und entſchlief.“ „Hernach, hernach?“ fragte Philipp. „Ich ſtand auf und begab mich zu ihm.“ „Wo war der Graf?“ „Unter den Linden, meinem Fenſter gegenüber.“ 4¹ „Und der Graf iſt nie in Dein Zimmer gekommen, meine Schweſter 21 „Nie. Ein Blick von Balſamo an Philipp gerichtet ſagte dieſem klar: „Sie ſehen, ob ich Sie täuſchte, mein Herr?“ „Und Du ſagſt, Du habeſt Dich zu dem Grafen begeben?“ „Ja, ich gehorche ihm, wann er mich ruft.“ „Was wollte der Graf von Dir?“ Andrée zögerte. „Sprechen Sie, ſprechen Sie,“ rief Balſamo,„ich werde nicht horchen.“ Und er ſank in ſeinen Lehnſtuhl zurück und begrub ſeinen Kopf in ſeinen Händen, als wollte er es verhin⸗ dern, daß der Schall der Worte von Andrée zu ihm ge⸗ langte. „Sprich, was wollte der Graf von Dir?“ wieder⸗ holte Philipp. „Er wollte eine Auskunft von mir verlangen...“ Sie hielt abermals inne; es war, als befürchtete ſie das Herz des Grafen zu brechen. „Fahre fort, meine Schweſter, fahre fort,“ ſprach Philipp.. „Ueber eine Perſon, die aus ſeinem Hauſe entwichen war, und—“ Andrée dämpfte die Stimme—„und die ſeitdem geſtorben iſt.“ So leiſe Andrée dieſe Worte ausſprach, ſo hörte ſie Balſamo doch, oder er errieth ſie wenigſtens, denn er gab einen ſchwermüthigen Seufzer von ſich. Philipp ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann abermals: „Fahren Sie fort, fahren Sie fort, Ihr Bruder will Alles wiſſen; Ihr Bruder muß Alles wiſſen. Was that dieſer Mann, als er die Auskunft von Ihnen erhalten hatte, die er zu haben wünſchte?“ „„Er entfloh.“ „Und ließ Dich im Garten?“ fragte Philipp. „Ja. „Was machteſt Du ſodann?“ „Da er ſich von mir entfernte, da ſich die Kraft entfernte, die mich unterſtützt hatte, fiel ich nieder.“ „Ohnmächtig?“ „Nein, immer in einen Schlaf verſunken, jedoch in einen bleiernen Schlaf.“. „Kannſt Du Dich erinnern, was während dieſes Schlafes geſchah?“ „Ich werde mich bemühen.“ „Nun, was iſt geſchehen, ſprich 2“ „Ein Menſch kam aus einem Gebüſch hervor, nahm mich in ſeine Arme und trug mich fort.“ „Wohin?“. „Hierher, in mein Zimmer.“ „Ah!... Und ſiehſt Du dieſen Menſchen?“ „Warte... ja... ja... oh!“ fuhr Andrée mit einem Gefühl des Mißbehagens und des Ekels fort, „oh! es iſt abermals der kleine Gilbert.“ „Gilbert 2“ „Was machte er?“ „Er legte mich auf dieſen Sopha.“ „Hernach?“ „Warte.“ „Siehe, ſiehe, ich will, daß Du ſiehſt.“ „Er horcht... er geht ins andere Zimmer.. er weicht wie erſchrocken zurück... er tritt in das Ca⸗ binet von Nirole. Mein Gott! mein Gott!“ „Was? „Ein Mann folgt ihm; und ich kann nicht aufſtehen, kann mich nicht vertheidigen, ſchreien, ich ſchlafe!“. „Wer iſt dieſer Mann?“ „Mein Bruder! mein Bruder!“ ſtammelte Andrée, und ihr Geſicht drückte den tiefſten Schmerz aus. n, 43 „Sagen Sie, wer iſt dieſer Mann,“ befahl Balſamo, „ich will es!“ „Der König,“ flüſterte Andrée,„es iſt der Koͤnig.“ Philipp ſchauerte. 3 „Ah!“ murmelte Balſamo,„ich vermuthete es.“ „Er nähert ſich mir,“ fuhr Andrée fort,„er ſpricht mich an, er nimmt mich in ſeine Arme, er küßt mich. Oh! mein Bruder! mein Bruder!“ Schwere Thränen entſtürzten den Augen von Philipp, während ſeine Hand krampfhaft den Griff des Degens preßte, den ihm Balſamo gegeben hatte. „Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ fuhr der Graf mit immer mehr gebieteriſchem Tone fort.. „Oh! welch ein Glück! er wird unruhig... er hält inne... er ſchaut mich an... er hat Angſt... Andrée iſt gerettet.“ Philipp athmete keuchend jedes Wort ein, das aus dem Mund ſeiner Schweſter kam. „Gerettet! Andrée iſt gerettet!“ wiederholte er ma⸗ ſchinenmäßig. „Warte, mein Bruder, warte!“ ſprach Andrée. Und als wollte ſie ſich daran aufrecht halten, ſuchte Andrée die Unterſtützung des Armes von Philipp. „Hernach! hernach!“ fragte Philipp. „Ich hatte vergeſſen.“ „Was?“ „Dort, dort, im Cabinet von Nicole, ein Meſſer in der Hand...“ „Ein Meſſer in der Hand?“ „Ich ſehe ihn, er iſt bleich wie der Tod...“ Wer?“ „Gilbert.“ Philipp hielt den Athem an ſich. „Er folgt dem König,“ fuhr Andrée fort;„er ſchließt die Thüre hinter ihm; er ſetzt den Fuß auf die Resone auf dem Teppich brennt; er ſchreitet auf mich zu.!2 ————— 44 Andrée richtete ſich im Arm ihres Bruders auf. Jede Miaitt ihres Koͤrpers erſtarrte, als ob ſie hätte brechen ollen. „Ohl der Elende,“ ſagte ſie endlich. Und ſie ſank kraftlos zurück. „Mein Gott! mein Gott;“ rief Philipp. „Er iſt es, er iſt es!“ murmelte Andrée. Dann erhob ſie ſich bis an das Ohr ihres Bruders und ſprach, das Auge funkelnd, die Hand bebend: „Nicht wahr, Philipp, Du wirſt ihn tödten?“ „Ah, ja!“ rief der junge Mann aufſpringend. Und er ſtieß hinter ſich an einen mit Porzellange⸗ fäßen beladenen Tiſch, den er umwarf. Die Gefäße zerbrachen. Mit dem Lärmen dieſes Sturzes vermiſchten ſich ein dumpfes Geräuſch und eine plötzliche Erſchütterung der Scheidewände, dann ſtieß Andrée einen Schrei aus, der Alles beherrſchte. „Was iſt das?“ fragte Balſamo,„eine Thüre iſt geöffnet worden?“ „Behorchte man uns?“ rief Philipp, nach ſeinem Degen greifend. „Er war es,“ ſprach Andrée,„abermals er.“ „Wer denn?“ „Gilbert, immer Gilbert. Ah! Du wirſt ihn tödten, nicht wahr, Philipp, Du wirſt ihn toͤdten?“ „Oh! ja, ja, ja,“ rief der junge Mann. Und er ſtürzte, den Degen in der Fauſt, in's Vorzim⸗ mer, während Andrée auf den Sopha zurückſank. Balſamo eilte dem jungen Mann nach, hielt ihn am Arm zurück und ſagte: „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr; was ein Geheimniß iſt, würde öffentlich werden; es iſt Tag und das Echo der koͤniglichen Häuſer iſt geräuſchvoll.“ „Oh! Gilbert, Gilbert,“ murmelte Philipp;„und er war hier verborgen, er hoͤrte uns, ich konnte ihn toͤdten! Oh! wehe dem Unglücklichen.“ 3 ☛ 45⁵ „Ja, doch ſtillgeſchwiegen; Sie werden dieſen jungen Mann wiederfinden, mein Herr; mit Ihrer Schweſter müſſen Sie ſich beſchäftigen, mein Herr. Sie ſehen, ſie fängt an ſo vieler Erſchütterungen müde zu werden.“ „Oh! ja, ich begreife, was ſie leidet, nach dem, was ich ſelbſt leide; dieſes Unglück iſt ſo gräßlich, ſo⸗ wenig wieder gut zu machen! Oh! ich werde daran ſterben!“ „Sie werden im Gegentheil für ſie leben, Chevalier, denn ſie bedarf Ihrer, da ſie nur Sie hat: lieben Sie das unglückliche Mädchen, beklagen Sie es, erhalten Sie es. Und nun,“ fügte er bei, nachdem er einige Secun⸗ den geſchwiegen hatte,„und nun bedürfen Sie meiner wohl nicht mehr?“ „Nein, mein Herr; verzeihen Sie mir meinen Ver⸗ dacht; verzeihen Sie mir meine Beleidigungen; und dennoch kommt das ganze Uebel von Ihnen her.“ „Ich entſchuldige mich nicht, Chevalier; doch Sie vergeſſen, was Ihre Schweſter geſagt hat.“ „Was hat ſie geſagt? mein Kopf verwirrt ſich.“ „Wäre ich nicht gekommen, ſo hätte ſie den von Nicole bereiteten Trank getrunken, und dann wäre es der König geweſen. Hätten Sie das Unglück minder groß gefunden?“ „Nein, mein Herr, es wäre immer gleich groß ge⸗ weſen, und ich ſehe, wir waren verdammt... Wecken Sie meine Schweſter auf, mein Herr.“ „Aber ſie wird mich ſehen, ſie wird vielleicht begrei⸗ fen, was vorgefallen; es iſt beſſer, ich wecke ſie auf, wie ich ſie eingeſchläfert habe, aus der Entfernung.“ „Dank! Dank!“ „Dann ſage ich Ihnen Lebewohl, mein Herr.“ „Noch ein Wort, Graf. Sie ſind ein Mann von Chre?“ „Oh! die Geheimhaltung, meinen Sie?“ „Graf... Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 4 46 „Oh! das iſt eine überflüßige Ermahnung; einmal weil ich ein Mann von Ehre bin; ſodann weil ich ent⸗ ſchloßen bin, nichts mehr mit den Menſchen gemein zu haben; ich will die Menſchen und ihre Geheimniſſe ver⸗ geſſen; zählen Sie indeſſen auf mich, wenn ich Ihnen je nützlich ſein kann. Doch nein, nein, ich kann Ihnen zu nichts nützen, ich habe keine Bedeutung mehr auf Er⸗ den. Gott befohlen, mein Herr, Gott befohlen.“ Nachdem Balſamo ſo geſprochen, verbeugte er ſich vor Philipp, ſchaute noch einmal Andrée an, deren Kopf ſich mit allen Symptomen des Schmerzes und der Mü⸗ digkeit rückwärts neigte, und murmelte:— „O Viſſenſchaft, wie viele Opfer für ein werth⸗ loſes Reſultat!“ Er verſchwand. Je mehr er ſich entfernte, deſto mehr belebte ſich Andrée; ſie hob ihren bleiſchweren Kopf in die Höhe, ſchaute ihren Bruder mit erſtaunten Augen an und flüſterte: „Oh Philipp! was iſt denn vorgefallen?“ Philipp unterdrückte das Schluchzen, das ihn beinahe erſtickte, lächelte heldenmüthig und antwortete: „Nichts, meine Schweſter.“ „Nichts?“ „Nein.“ „Und dennoch iſt es mir, als hätte ich geträumt.“ „Geträumt? Und was haſt Du geträumt, theure, gute Andrée?“ „Oh! der Doctor Louis, der Doctor Louis, mein Bruder!“— „Andrée!“ rief Philipp, indem er ihr die Hand drückte,„Andrée! Du biſt rein wie das Licht des Tages; doch Du klagſt Dich an, Du ſtürzeſt Dich ins Verderben; ein furchtbares Geheimniß iſt uns Beiden auferlegt. Ich will den Doctor Louis aufſuchen, daß er der Frau Dau⸗ phine ſagt, das unerbittliche Heimweh habe Dich befallen, nur der Aufenthalt in Taverney vermöge Dich zu heilen, ——— S 47 und dann reiſen wir ab, ſei es nach Taverney, ſei es nach irgend einem andern Ort der Welt; Beide hienieden ver⸗ einzelt, uns liebend, uns tröſtend...“ „Aber, mein Bruder,“ ſprach Andrée,„wenn ich rein bin, wie Du ſagſt?“ „Liebe Andrée, ich werde Dir dies Alles erklären; mittlerweile halte Dich zur Abreiſe bereit.“ „Aber mein Vater?“ „Mein Vater,“ erwiederte Philipp mit düſterer Miene,„mein Vater, das iſt meine Sache, ich werde ihn vorbereiten.“ „Er wird uns alſo begleiten?“. „Mein Vater, oh! unmöglich, unmöglich: wir zwei, Andrée, wir zwei allein, ſage ich Dir.“— „Oh! wie erſchreckſt Du mich, Freund; wie machſt Du mir bange, mein Bruder; wie leide ich, Philipp!“ „Gott iſt am Ziele von Allem, Andrée,“ ſprach der junge Mann;„Muth alſo: ich laufe zum Doctor; was Dich krank macht, Andrée, iſt der Kummer, Taverney verlaſſen zu haben, ein Kummer, den Du der Frau Dau⸗ phine zu Liebe verbargſt. Auf! auf! ſei ſtark, meine Schweſter: es handelt ſich um unſerer Beider Ehre.“ Und er küßte haſtig ſeine Schweſter, denn es erſtickte ihn beinahe. Dann hob er ſeinen Degen auf, den er hatte fallen laſſen, ſteckte ihn mit einer zitternden Hand in die Scheide und ſtüͤrzte nach der Treppe. Eine Viertelſtunde nachher klopfte er an die Thüre des Doctor Louis, der, ſo lange ſich der Hof in Trianon aufhielt, in Verſailles wohnte. CXLIX. Der kleine Garten des Doctor Lonis. Der Doctor Louis, vor deſſen Thüre wir Philipp gelaſſen haben, ging in einem kleinen, zwiſchen vier Mauern liegenden Garten ſpazieren, der früher zu einem Urſulinerinnen⸗Kloſter gehörte, das man in ein Futter⸗ Puden für die Herren Dragoner des Königs verwandelt atte. Der Doctor Louis las die Probebogen eines neuen Werkes, das er eben drucken ließ, und bückte ſich von Zeit zu Zeit, um von dem Weg, auf dem er ging, oder von den Rabatten, die zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken hinliefen, das Unkraut auszureißen, das ſeinen Inſtinct der Symmetrie und Ordnung verletzte. Eine einzige Dienerin, eine etwas mürriſche Perſon, wle alle Dienſtboten eines Mannes der Arbeit, der nicht geſtört ſein will, beſorgte die ganze Haushaltung des Doctors. Bei dem Geräuſch, das der unter der Hand von Philipp ſchallende eherne Klopfer machte, näherte ſie ſich der Thüre und öffnete ſie ein wenig. Doch ſtatt mit der Dienerin zu unterhandeln, ſtieß der junge Mann die Thüre auf und trat ein. Sobald er auf dieſe Art Herr des Ganges war, erblickte er den Garten und im Garten den Doctor. Ohne auf die Fragen und das Geſchrei der wachſa⸗ men Hüterin des Hauſes Rückſicht zu nehmen, eilte er dann in den Garten. Als der Doctor ſeine Tritte hörte, ſchaute er auf. „Ahl ah! Sie ſind es,“ ſagte er.“ „Verzeihen Sie, Doctor, daß ich ſo gewaltſam bei — t 49 Ihnen eingedrungen bin und Sie in Ihrer Einſamkeit ſtöre; doch der Augenblick, den Sie vorhergeſehen, iſt er⸗ ſchienen; ich bedarf Ihrer und komme, um mir Ihren Beiſtand zu erbitten.“ „Ich habe Ihnen meinen Beiſtand verſprochen und wiederhole mein Verſprechen,“ erwiederte der Doctor. Philipp verbeugte ſich, zu bewegt, um die Unterredung zu beginnen. Der Doctor begriff ſein Zoͤgern. 3 „Wie befindet ſich die Kranke?“ fragte er unruhig, denn er befürchtete, es dürfte irgend eine Kataſtrophe aus dieſem Drama entſprungen ſein. „Sehr gut, Gott ſei Dank, Doctor, und meine Schweſter iſt ein ſo würdiges und ſo ehrliches Mädchen, daß es in der That ein Unrecht von Gott wäre, wenn er ihr Leiden und Gefahr ſchicken würde.“ Der Doctor ſchaute Philipp fragend an; ſeine Worte kamen ihm wie eine Reihenfolge von Verleugnungen des vorhergehenden Tages vor. „Sie iſt alſo das Opfer eines Ueberfalls oder einer— Liſt geweſen?“ „Ja, Doctor, das Opfer eines unerhörten Ueberfalls, das Opfer einer ſchändlichen Liſt.“ Der Arzt faltete die Hände, ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſprach: „Ach! wir leben in dieſer Hinſicht in einer furcht⸗ baren Zeit, und ich glaube, es iſt dringend, daß nun die Aerzte der Nationen kommen, wie ſeit langer Zeit die der einzelnen Menſchen gekommen ſind.“ 1 „Ja,“ ſagte Philipp,„ja, ſie mögen kommen, Nie⸗ mand wird ihre Ankunft mit freudigerem Geſicht begrüßen, als ich; doch müttlerweile...“ Philipp unterbrach ſich und machte eine Geberde der Drohung. „Ah! mein Herr,“ ſprach der Doctor,„Sie gehören, wie ich ſehe, zu denjenigen, welche die Genugthuung für das Verbrechen in der Gewaltthat und im Mord ſuchen.“ —. — Ja, Doctor, ja,“ antwortete Philipp ruhig,„ja, ich gehöre zu dieſen.“ „Ein Zweikampf,“ ſeufzte der Doctor,„ein Zwei⸗ kampf, der die Ehre Ihrer Schweſter nicht wiederherſtellt, falls Sie den Schuldigen tödten, und der ſie in Verzweif⸗ lung ſtürzt, wenn Sie getödtet werden. Ah! ich glaubte, Sie beſäßen einen vernünftigen Geiſt, ein verſtändiges Herz; es kam mir vor, als hätten Sie den Wunſch aus⸗ gedrückt, es möchte dieſe ganze Sache geheim gehalten werden.“ Philipp legte ſeine Hand auf den Arm des Doctors und erwiederte: „Mein Herr, Sie irren ſich ſeltſam über mich; ich habe ein ziemlich feſtes Urtheil, das aus einer tiefen Ueber⸗ zeugung und aus einem makelloſen Gewiſſen hervorgeht; ich will nicht mir Gerechtigkeit verſchaffen, ſondern Ge⸗ rechtigkeit üben; ich will nicht dadurch, daß ich mich der Gefahr, getödtet zu werden, preisgebe, meine Schweſter der Verlaſſenheit und dem Tod ausſetzen, ſondern ſie rächen, indem ich den Elenden toͤdte.“ „Sie, ein Edelmann, werden ihn tödten, Sie wer⸗ den einen Mord begehen!“ „Mein Herr, hätte ich ihn zehn Minuten vor dem Verbrechen wie einen Dieb in das Zimmer ſchleichen ſehen, in das er vermöge ſeiner erbärmlichen Lebensverhältniſſe nicht einmal einen Fuß zu ſetzen berechtigt war, und ich würde ihn dann getödtet haben, ſo hätte Jeder geſagt, ich habe wohl daran gethan, warum ſollte ich ihn nun ſchonen? hat ihn das Verbrechen vielleicht geheiligt?“ „Dieſes blutige Vorhaben iſt alſo in Ihrem Geiſte beſchloßen, in Ihrem Herzen feſtgeſtellt?“ „Beſchloßen, feſtgeſtellt! Sicherlich finde ich ihn eines Tags, obwohl er ſich verbirgt, und ich ſage Ihnen, mein Herr, an dieſem Tag toͤdte ich ihn ohne Mitleid, ohne mir ein Gewiſſen daraus zu machen, n m Hund.“ 4 51 „Dann begehen Sie ein Verbrechen, das dem, wel⸗ ches begangen worden, gleichkommt, ja vielleicht noch verabſcheuenswerther iſt, denn weiß man je, wohin ein unkluges Wort oder eine einem Weibe entſchlüpfte gefall⸗ ſüchtige Geberde das Verlangen und die Neigung des Menſchen führen können? ermorden! während Sie andere mögliche Genugthuungen haben, während eine Heirath...“ Philipp erhob das Haupt und entgegnete: „Wiſſen Sie nicht, daß die Taverney⸗Maiſon⸗Rouge aus den Kreuzzügen herſtammen? daß meine Schweſter adelig iſt wie eine Infantin oder eine Erzherzogin?“ „Ja, ich begreife, und der Schuldige iſt es nicht; es iſt ein Bauernkerl, ein gemeiner Burſche, wie Ihr Leute von Geſchlecht ſagt. Ja, ja,“ fuhr er mit bitte⸗ rem Lächeln fort,„ja, Gott hat Menſchen von einem gewiſſen geringeren Thon gemacht, um von anderen Menſchen von zarterem Thon getödtet zu werden. Oh! ja, mein Herr, Sie haben Recht, tödten Sie, tödten Sie!“ Und der Doctor wandte Philipp den Rücken zu, und riß wieder da und dort Unkraut in ſeinem Garten aus. Philipp kreuzte die Arme und ſprach: „Doctor, es handelt ſich hier nicht um einen Ver⸗ führer, den eine Gefallſüchtige mehr oder minder ermuthigt hat: es handelt ſich nicht um einen herausgeforderten Menſchen, wie Sie meinten, ſondern um einen elenden, bei uns aufgezogenen Burſchen, der, nachdem er zwanzig Jahre das Brod der Barmherzigkeit gegeſſen, bei Nacht einen ſcheinbaren Schlaf, eine Ohnmacht, ſo zu ſagen einen Tod mißbrauchend, auf eine feige, verrätheriſche Weiſe die reinſte, die heiligſte der Frauen, der er bei Tag nicht ins Geſicht zu ſchauen wagte, befleckt hat; vor einem Gericht wäre dieſer Schuldige ſicherlich zum Tod verur⸗ theilt worden; nun! ich werde ihn richten, ſo unparteiiſch als ein Tribunal, und ich werde ihn tödten; Doctor, werden Sie, den ich für ſo edelmüthig und ſo groß hielt, werden Sie mich dieſen Dienſt erkaufen laſſen, oder mir eine Bedingung auferlegen? Werden Sie, indem Sie mir ihn leiſten, es machen wie diejenigen, welche, wenn ſie einen Andern verbinden, ſich ſelbſt zu verbinden und zu befriedigen ſuchen? Wenn dem ſo ſſt, ſo ſind Sie nicht der Weiſe, den ich bewundert habe, Sie find nur ein gewoͤhnlicher Menſch, und trotz der Verachtung, die Sie mir ſo eben bezeigten, ſtehe ich höher als Sie, ich der ich Ihnen ohne einen Hintergedanken mein ganzes Geheimniß anvertraut habe.“ „Sie ſagen,“ erwiederte der Doctor nachdenkend, „Sie ſagen, der Schuldige ſei entflohen?“ „Ja, Doctor, ohne Zweifel hat er errathen, die Aufklärung würde ſtattfinden; er hat erlauſcht, daß man ihn anklagte, und ſogleich hat er die Flucht ergriffen.“ „Gut. Was wünſchen Sie nun, mein Herr?“ fragte der Doctor. „Ihren Beiſtand, um meine Schweſter von Verſailles zu entfernen, um in einem noch dichteren, noch ſtummeren Schatten das furchtbare Geheimniß zu begraben, das uns entehrt, wenn es an den Tag kommt.“ „Ich werde Ihnen nur eine einzige Frage ſtellen.“ Philipp empörte ſich. „Hören Sie mich an„“ fuhr der Doctor mit einer Geberde fort, welche Ruhe heiſchte,„hoͤren Sie mich an. Ein chriſtlicher Philoſoph, aus dem Sie einen Beicht⸗ vater gemacht haben, iſt genoͤthigt, Ihnen die Bedingung, nicht für den geleiſteten Dienſt, ſondern Kraft des Rechts des Gewiſſens aufzuerlegen. Die Menſchenfreundlichkeit iſt eine Function, mein Herr, und keine Tugend. Sie ſprechen davon, daß Sie einen Menſchen tödten wollen; ich muß Sie daran verhindern, wie ich durch jedes mir zu Gebot ſtehende Mittel, ſelbſt durch Gewalt, die Voll⸗ bringung des an Ihrer Schweſter begangenen Verbrechens verhindert hätte. Ich beſchwöre Sie alſo, mein Herr, mir einen Eid zu leiſten.“* „Ohl nie! nie!“ „Sie werden es thun,“ rief der Doctor mit großer * 1 u A—— — 53 Heftigkeit,„Sie werden es thun, Blutmenſch; erkennen Sie überall die Hand Gottes und verfälſchen Sie nie das Gewicht derſelben. Der Schuldige, ſagen Sie, war unter Ihrer Hand?“ „Ja, Doctor, die Thüre öffnend, wenn ich ſeine An⸗ weſenheit hätte errathen können, wäre ich ihm gegenüber⸗ geſtanden.“ „Nun wohl! er iſt geflohen, er zittert, ſeine Strafe beginnt. Ah! Sie lächeln, was Gott thut, kommt Ihnen ſchwach vor! die Gewiſſensfolter erſcheint Ihnen unzu⸗ länglich! warten Sie, warten Sie doch! Sie werden bei Ihrer Schweſter bleiben, und Sie verſprechen mir, den Schuldigen nie zu verfolgen. Wenn Sie ihn treffen, das heißt, wenn Gott Ihnen denſelben preisgibt... nun, ich bin auch ein Menſch, und Sie werden dann ſehen!“ „Hohn! wird er mir nicht beſtändig folgen?“ „Ei! mein Gott, wer weiß! der Mörder flieht, der Möͤrder ſucht einen Schlupfwinkel, der Mörder fürchtet das Schaffot, und dennoch zieht, als ob es magnetiſirt wäre, das Eiſen der Gerechtigkeit den Schuldigen an, der ſich unſelig unter die Hand des Henkers beugt. Handelt es ſich gegenwärtig darum, zu vernichten, was Sie auf eine ſo mühſelige Weiſe zu thun unternommen haben? Für die Welt, in der Sie leben, und der Sie die Unſchuld Ihrer Schweſter nicht erklären können, für alle die neu⸗ gierigen Müßiggänger werden Sie den Menſchen todten, und Sie werden ihre Neugierde doppelt füttern, einmal durch das Geſtändniß des Attentats, und dann durch das Aergerniß der Strafe. Nein, nein, glauben Sie mir, ſchweigen Sie und begraben Sie dieſes Unglück.“ „Oh! wer kann wiſſen, wenn ich dieſen Elenden ge⸗ tödtet habe, ob ich ihn meiner Schweſter wegen getödtet?“ „Sie werden doch wohl eine Urſache für dieſen Mord ſuchen müßen.“ „Gut, es ſei, Doctor, ich werde gehorchen, ich werde den Schuldigen nicht verfolgen, doch Gott wird gerecht ſein; oh ja, Gott wendet die Strafloſigkeit wie einen Köder an, Gott wird mir den Verbrecher zuſenden.“ „Dann wird ihn Gott verurtheilt haben. Geben Sie mir Ihre Hand, mein Herr“ „Hier iſt ſie.“ „Was ſoll ich für Fräulein von Taverney thun? Sprechen Sie.“ „Doctor, Sie müßten für ſie bei der Frau Dauphine einen Vorwand finden, mittelſt deſſen ſie ſich auf einige Zeit entfernen könnte: Heimweh, Luft, eine andere Le⸗ bensweiſe...“ „Das iſt leicht.“ „Ja, das iſt Ihre Sache, und ich verlaſſe mich auf Sie. Dann führe ich meine Schweſter von hier weg, nach irgend einem Winkel Frankreichs, nach Taverney zum Beiſpiel, fern von Aller Augen, fern von allem Verdacht.“ „Nein, nein, mein Herr, das wäre unmöglich; die Arme bedarf der fortwährenden Pflege, der beſtändigen Tröſtung; ſie wird allen Beiſtand der Wiſſenſchaft nöthig haben. Laſſen Sie mich alſo für ſie in der Nähe von hier, in einem mir bekannten Kanton, einen Winkel fin⸗ den, der hundertmal verborgener, hundertmal ſicherer iſt, als es die wilde Gegend wäre, wohin Sie ſie führen würden.“ „Oh! Doctor, Sie glauben?“ „Ja, ich glaube, und zwar mit Recht; der Argwohn ſtrebt immer darnach, ſich von den Mittelpunkten zu ent⸗ fernen, wie es jene ſich vergrößernde Kreiſe thun, welche durch das Fallen eines Steines ins Waſſer veranlaßt werden; der Stein entfernt ſich aber nicht, und wenn die Wellungen verſchwunden ſind, findet kein Blick die in der Tiefe des Waſſers begrabene Urſache.“ „Dann ſchreiten Sie ans Werk, Doctor.“ „Noch heute, mein Herr.“. „Benachrichtigen Sie die Frau Dauphine.“ „Noch dieſen Morgen.“ „Und was das Uebrige betrifft?...“ ——8——ꝗ 2—88 8 55 „In vierundzwanzig Stunden ſollen Sie meine Ant⸗ wort haben.“ 1„Oh! Dank, Dank, Doctor, Sie ſind ein Gott für mi 9. „Nun, junger Mann, nun, da Alles unter uns verab⸗ redet iſt, erfüllen Sie Ihre Sendung, kehren Sie zu Ih⸗ rer Schweſter zurück, tröſten, beſchützen Sie ſie.“. „Gott befohlen, Doctor!“ Der Doctor folgte Philipp mit den Augen, bis der junge Mann verſchwunden war, ſetzte ſeinen Spaziergang wieder fort, las in den Probebogen und reinigte ſein Gärtchen. CL. Der Vater und der Sohn. Als Philipp zu ſeiner Schweſter zurückkam, fand er ſie ſehr bewegt, ſehr unruhig. „Freund,“ ſagte ſie,„ich dachte in Deiner Abweſen⸗ heit an Alles, was mir ſeit einiger Zeit begegnet iſt; das iſt ein Abgrund, der den ganzen Reſt meiner Vernunft verſchlingen wird. Sprich, Du haſt den Doctor Louis geſehen?“ „Ich komme ſo eben von ihm, Andrée.“ „Dieſer Menſch hat eine furchtbare Klage gegen mich erhoben: iſt ſie gerecht?“ „Er hat ſich nicht getäuſcht, meine Schweſter.“ Andrée erbleichte, und ein Nervenanfall zog ihre ſo zarten, ſo weißen Finger krampfhaft zuſammen. „Der Name,“ ſagte ſie,„der Name des Elenden, der mich zu Grunde gerichtet hat?“ 56 „Meine Schweſter, Du ſollſt ihn nun und nimmer⸗ mehr erfahren.“ „Oh! Philipp, Du ſprichſt nicht die Wahrheit, Phi⸗ lipp, Du belügſt Dein eigenes Gewiſſen. Ich muß die⸗ ſen Namen erfahren, damit ich, ſo ſchwach ich auch bin, und obſchon ich nur das Gebet für mich habe, betend gegen den Ruchloſen den ganzen Zorn Gottes waffnen kann... Der Name dieſes Menſchen, Philipp!“ 3 „Meine Schweſter, ſprechen wir nie mehr hievon.“ Andrée ergriff ſeine Hand, ſchaute ihm ins Geſicht und ſprach: „Oh! das ſagſt Du mir, Du, der Du ein Schwert an Deiner Seite haſt!“ Philipp erbleichte bei dieſer Bewegung der Wuth und entgegnete, ſeinen eigenen Grimm zurückdrängend: „Andrée, ich kann Dir nicht mittheilen, was ich ſelbſt nicht weiß. Das Geheimniß iſt mir durch das Schickſal geboten, das uns niederbeugt; dieſes Geheimniß, deſſen auch nur theilweiſe Offenbarung die Ehre unſerer Familie gefährden würde, macht eine letzte Gunſt des Himmels für Alle unverletzlich.“ „Einen Mann ausgenommen, Philipp... einen Mann, der ſpottet, einen Mann, der uns trotzt!... oh! mein Gott! einen Mann, der uns vielleicht in ſeinem finſteren Schlupfwinkel hölliſch verhoͤhnt.“ Philipp ballte die Fäuſte, ſchaute den Himmel an und antwortete nicht. „Dieſer Mann,“ rief Andrée mit doppelter Entrü⸗ ſtung,„ich kenne ihn vielleicht... Erlaube mir, Phi⸗ lipp, ihn Dir zu nennen; ich habe Dir ſchon ſeinen ſelt⸗ 1 ſamen Einfluß auf mich bezeichnet; ich glaubte Dich zu ihm geſchickt zu haben. 4 „Dieſer Mann iſt unſchuldig, ich habe es geſehen, ich habe den Beweis davon... ſuche alſo nicht mehr, Andrée, ſuche nicht mehr... „Philipp, ſteigen wir mit einander über den Stand dieſes Mannes hinauf, willſt Du? Gehen wir bis zu 57 den erſten Rangſtufen der Mächtigen dieſes Reiches... gehen wir bis zum König!“ Philipp umſchloß mit ſeinen Armen das in ſeiner Unwiſſenheit und in ſeiner Entrüſtung ſo erhabene Kind. „Stille,“ ſagte er,„alle diejenigen, welche Du wach nennſt, haſt Du entſchlummert genanntw; alle diejenigen, welche Du mit dem Ungeſtüm der Tugend anklagſt, haſt Du gerechtfertigt, als Du das Verbrechen beinahe begehen ſahſt. „Ich habe den Schuldigen genannt?“ rief ſie mit flammenden Augen. „Nein,“ erwiederte Philipp,„nein. Frage mich nicht mehr; ahme mich nach, unterwirf Dich dem Verhängniß, das Unglück iſt unwiederbringlich; es verdoppelt ſich für Dich durch die Straflofigkeit des Verbrechers. Doch hoffe... hoffe... Gott ſteht über Allen, Gott behält den unglücklichen Unterdrückten eine traurige Freude vor, die man die Rache nennt.“ „Die Rache!...“ murmelte ſie, ſelbſt erſchrocken über den furchtbaren Nachdruck, den Philipp auf dieſes Wort gelegt hatte. „Mittlerweile ruhe aus, meine Schweſter, von all dem Kummer, von all der Schmach, die Dir meine tolle Neugierde verurſacht hat. Wenn ich gewußt hätte! oh! wenn ich gewußt hätte!“ Und er verbarg ſeinen Kopf mit einer gräßlichen Verzweiflung in ſeinen Händen. Dann ſich plötzlich er⸗ hebend, ſprach er mit einem Lächeln: „Worüber ſollte ich mich beklagen? meine Schweſter iſt rein, ſie liebt mich! nie hat ſie das Vertrauen oder die Freundſchaft verrathen. Meine Schweſter iſt jung wie ich, gut wie ich, wir werden mit einander leben, mit einander alt werden... Zu zwei werden wir ſtärker ſein, als die ganze Welt!“ Während er ſo von Troſt ſprach, verdüſterte ſich 8 Andrée immer mehr; ſie neigte ihre bleiche Stirne gegen die Erde und nahm die Haltung und den ſtarren Blick 58 der dumpfen Verzweiflung an, welche Philipp ſo muthig abgeſchüttelt hatte. „Du ſprichſt immer nur von uns Zweien,“ ſagte ſie, ihr ſo durchdringendes blaues Auge auf das bewegliche Antlitz ihres Bruders heftend. „Von wem ſoll ich denn ſonſt ſprechen, Andrée?“ entgegnete der junge Mann, den Blick fühlend. „Wir haben einen Vater: wie wird er ſeine Tochter behandeln?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt,“ erwiederte Philipp mit kaltem Ton,„Du ſollſt jeden Kummer, jede Furcht ver⸗ geſſen, wie der Wind einen Morgendunſt verjagt, jedes Andenken und jede Zuneigung verjagen, wären es nicht mein Andenken und meine Zuneigung... In der That, meine liebe Andrée, Du wirſt von Niemand in die er Welt geliebt, wenn nicht von mir; ich werde von Nie⸗ mand geliebt, als von Dir. Warum ſollten wir arme, verlaſſene Waiſen uns einem Joch der Verwandtſchaft oder der Dankbarkeit unterziehen? Haben wir Wohltha⸗ ten empfangen, haben wir den Schutz eines Vaters ge⸗ fühlt?... Oh!“ fügte er mit bitterem Lächeln bei,„Du kennſt aus dem Grund meinen Gedanken, Du kennſt den Zuſtand meines Herzens... Müßteſt Du denjenigen, von welchem Du ſprichſt, lieben, ſo würde ich ſagen: Liebe ihn! Ich ſchweige, Andrée; enthalte Dich.“ „Mein Bruder, ich muß alſo glauben...“ „Meine Schweſter, bei großen Unglücksfällen hört der Menſch unwillkührlich die Worte ertoͤnen, die er in ſeiner Kindheit wenig verſtanden hat:„Fürchte Gott!..“ Oh! ja, Gott hat ſich grauſam in unſere Erinnerung zu⸗ rückgerufen: Ehre Deinen Vater... Oh! meine Schwe⸗ ſter, der ſtärkſte Beweis von Ehrerbietung, den Du dem Deinigen geben kannſt, iſt, daß Du ihn aus Deinem Ge⸗ dächtniß tilgſt.“ „Es war richtig,“ flüſterte Andrée mit düſterer Miene, während ſie auf ihren Stuhl zurückſank. „Meine Freundin, verlieren wir die Zeit nicht mit u—9—— 5˙ 888Nu A — — 8 8 59 unnützen Worten: packe Alles zuſammen, was Dir ge⸗ hoͤrt; der Doctor Louis wird ſich zur Frau Dauphine be⸗ geben und ſie von Deiner Abreiſe in Kenntniß ſetzen; die Gründe, die er anzuführen hat, weißt Du... es iſt das Bedürfniß einer Luftveränderung... ein unerklär⸗ liches Leiden... Triff alle Vorkehrungen zur Abreiſe.“ Andrée ſtand auf. „Die Meubles?“ fragte ſie. „Oh nein, nein! Wäſche, Kleider, Juwelen.“ Andrée gehorchte. Sie nahm zuerſt die Wäſche aus den Schränken, die Kleider aus der Garderobe, wo ſich Gilbert verborgen hatte; dann holte ſie einige Schmuckkäſtchen, die ſie in den Hauptkoffer legen wollte. „Was iſt das?“ fragte Philipp. „Es iſt das Käſtchen mit dem Schmuck, den Seine Majeſtät mir bei meiner Vorſtellung in Trianon zu ſchicken die Gnade gehabt hat.“ Philipp erbleichte, als er den Reichthum des Ge⸗ ſchenkes ſah. „Mit dieſen Juwelen allein werden wir überall an⸗ ſtändig leben,“ ſprach Andrée...„Ich habe ſagen höoͤren, ſchon die Perlen ſeien hunderttauſend Livres werth.“ Philipp verſchloß das Käſtchen. „Sie ſind in der That zu koſtbar,“ ſagte er. Doch das Käſtchen wieder aus den Händen von Andrée nehmend, fügte er bei: „Meine Schweſter, ich glaube, Du haſt noch andere Edelſteine.“ 8 „Oh! lieber Freund, ſie ſind nicht würdig, mit die⸗ ſen verglichen zu werden; doch ſie ſchmückten vor fünf⸗ zehn Jahren die Toilette unſerer guten Mutter... Die Uhr, die Armſpangen, die Ohrgehänge ſind mit Bril⸗ lanten beſetzt. Es iſt auch das Portrait dabei. Mein Vater wollte das Ganze verkaufen, weil, wie er ſagte, nichts mehr in der Mode wäre.“ „Und dennoch iſt dies Alles, was uns bleibt,“ ſprach 60 Philipp,„es iſt unſere einzige Hülfsquelle. Meine Schwe⸗ ſter, wir laſſen die Gegenſtände von Gold einſchmelzen, wir verkaufen die Edelſteine des Portraits; wir werden für dies Alles zwanzigtauſend Livres bekommen, was eine für Unglückliche hinreichende Summe iſt.“ „Aber dieſer Perlenſchmuck gehört mir!“ entgegnete Andrée. „Berühre dieſe Perlen nie, Andrée, ſie würden Dich brennen. Jede von ihnen iſt von einer ſeltſamen Na⸗ tur, meine Schweſter, ſie machen Flecken auf den Stir⸗ nen, die ſie berühren.. 5 Andree ſchauerte. „Ich behalte dieſes Käſtchen, um es demjenigen zu⸗ rückzugeben, welcher ein Recht darauf hat. Ich ſage Dir, das iſt nicht unſer Gut; nein, und wir haben nicht Luſt, Anſpruch darauf zu machen, nicht wahr?“ ¹ „Wie es Dir beliebt, mein Bruder,“ erwiederte Andrée ganz ſchauernd vor Scham. „Liebe Schweſter, kleide Dich zum letzten Mal für Deinen Beſuch bei der Frau Dauphine an; ſei ſehr ru⸗ hig, ſehr ehrfurchtsvoll, ſehr gerührt, daß Du Dich von einer ſo edlen Beſchützerin entfernen ſollſt.“ „Oh! ja, ſehr gerührt„¹ flüſterte Andrée bewegt; „das iſt ein großer Schmerz bei meinem Unglück.“ „Ich gehe nach Paris, meine Schweſter, und kehre gegen Abend zurück; ſobald ich komme, führe ich Dich fort; bezahle hier Alles, was Du noch ſchuldig biſt.“ „Nichts, nichts; ich hatte Nicole, ſie iſt entlaufen.. Ahl ich vergaß den kleinen Gilbert.“ 3 Philipp bebte, ſeine Augen entflammten ſich. „Du biſt Gilbert etwas ſchuldig?“ rief er. „Ja,“ erwiederte Andrée mit ganz natürlichem Tone, „er hat mir ſeit dem Anfang der Jahreszeit Blumen ge⸗ liefert. Ich bin aber, wie Du mir ſelbſt geſagt haſt, zuweilen ungerecht und hart gegen dieſen Jungen geweſen, 9 geg g der im Ganzen höflich war, und ich will ihn nun belohnen.“ „Suche Gilbert nicht auf,“ murmelte Philipp. 4 61 „Warum... er muß im Garten ſein; ich werde ihn übrigens rufen laſſen.“ „Nein! nein! Du würdeſt eine koſtbare Zeit verlieren ... Ich werde ihn ihm Gegentheil, wenn ich durch die Allee gehe, treffen, ihn ſprechen und bezahlen.“ „Dann iſt es gut.“ „Ja, Gott befohlen; dieſen Abend alſo.“ Philipp küßte ſeiner Schweſter die Hand... ſie warf ſich in ſeine Arme. Er unterdrückte ſogar die Schläge ſeines Herzens bei dieſem weichen Umfangen, und fuhr ohne Verzug nach Paris, wo ihn der Wagen vor der Thüre des kleinen Hotel der Rue Coq⸗Héron abſetzte. Philipp wußte, daß er ſeinen Vater hier traf. Seit ſeinem ſeltſamen Bruch mit Richelieu hatte der Greis das Leben in Verſailles unerträglich gefunden, und er ſuchte, wie alle von Thätigkeit überſtroͤmenden Geiſter, der mora⸗ liſchen Erſtarrung durch die Aufregungen der Ortsverän⸗ derung zu begegnen. Als Philipp am Thorweg läutete, durchmaß der Baron mit furchtbaren Flüchen den kleinen Garten des Hotel und den an dieſen Garten ſtoßenden Hof. Er bebte bei dem Geräuſch der Klingel und öffnete ſelbſt. Da er Niemand erwartete, ſo brachte ihm dieſer un⸗ vorhergeſehene Beſuch eine Hoffnung: der Unglückliche hing ſich an ſeinem Sturz in allen Zweigen an. Er empfing daher Philipp zugleich mit dem Gefühl eines Aergers und einer Neugierde. Doch er hatte nicht ſobald das Geſicht des Ankom⸗ menden erſchaut, als ihm dieſe düſtere Bläße, dieſe Starr⸗ heit der Linien und das krampfhafte Zuſammenziehen des Mundes die Quelle der Fragen vereiſten, die er zu öffnen ſich anſchickte. „Du!“ ſagte er nur,„und durch welchen Zufall?“ „Ich werde die Ehre haben, es Ihnen zu erklären, mein Herr,“ erwiederte Philipp. Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 5 2 62 „Gut! iſt es wichtig?“ „Ziemlich wichtig, ja, mein Herr.“ „Dieſer Junge hat immer ſo ceremoniöſe Formen, daß man darüber in Unruhe geräth... Iſt es ein Un⸗ glück oder ein Glück, was Du mir bringſt?“ 7„Es iſt ein Unglück,“ ſprach Philipp mit ernſtem on. Der Baron wankte. „Sind wir ganz allein?“ fragte Philipp. „Ja. „Wollen wir in das Haus eintreten, mein Herr?“ „Warum nicht in freier Luft, unter dieſen Bäumen... „Weil es gewiſſe Dinge gibt, die ſich nicht im Lichte des Himmels ſagen laſſen.“ Der Baron ſchaute ſeinen Sohn an, und gehorchte ſeiner ſtummen Geberde, während er zugleich Unempfind⸗ lichkeit, ein Lächeln ſogar heuchelte. Er folgte ihm in das untere Zimmer, deſſen Thüre Philipp ſchon geöffnet hatte. Als die Thüren ſorgfältig geſchloßen waren, erwartete Philipp eine Geberde ſeines Vaters, um das Geſpräch zu beginnen, und ſagte dann, nachdem ſich der Baron bequem in das beſte Fauteuil des Zimmers geſetzt hatte: „Mein Herr, meine Schweſter und ich ſind im Be⸗ griff, von Ihnen Abſchied zu nehmen.“ „Wie ſo?“ fragte der Baron ſehr erſtaunt.„Du willſt Dich entfernen... und der Dienſt?“ „Es gibt keinen Dienſt mehr für mich: Sie wiſſen, daß ſich die Verſprechungen des Königs zum Glück nicht verwirklicht haben.“. „Das iſt ein: zum Glück, das ich nicht begreife.“ „Mein Herr...“ „Erkläre es mir: wie kannſt Du glücklich ſein, daß Du nicht Oberſter eines ſchönen Regiments geworden biſt? Sollteſt Du die Philoſophie ſo weit treiben?“ „Ich treibe ſie weit genug, um nicht die Schande dem Glück vorzuziehen. Doch gehen wir, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr, nicht in Betrachtungen dieſer Art ein. 4 63 „Gehen wir im Gegentheil darein ein!“ 4 „Ich flehe Sie an...“ erwiederte Philipp mit einer Feſtigkeit, welche bedeutete: ich will nicht! Der Baron faltete die Stirne. „Und Deine Schweſter?... Vergißt ſie auch ihre Pflichten? Ihr Dienſt bei Madame...“ „Das ſind Pflichten, die ſie andern unterordnen muß, mein Herr.“ „Von welcher Natur, wenn's beliebt?“ „Von der gebieteriſchſten Nothwendigkeit.“ Der Baron ſtand auf. „Es iſt eine alberne Gattung von Menſchen,“ brum⸗ melte er,„die Gattung der Räthſelmacher.“ „Iſt wirklich Alles, was ich da ſage, ein Räthſel für Sie?“ „Durchaus,“ erwiederte der Baron mit einer Ent⸗ ſchiedenheit, welche Philipp in Erſtaunen ſetzte. „Ich werde mich alſo erklären: meine Schweſter geht, weil ſie auch gezwungen iſt, zu fliehen, um eine Schande zu vermeiden.“ Der Baron brach in ein Gelächter aus und rief: „Bei Gott! was für Muſterkinder habe ich doch! Der Sohn läßt die Hoffnung auf ein Regiment im Stich, weil er die Schande befürchtet. Die Tochter gibt eine Hofſtelle auf, weil ſie Furcht vor der Schande hat. Wahrhaftig, ich bin in das Jahrhundert von Brutus und Lucretia zurückgekehrt. Wenn in meiner Zeit, allerdings einer ſchlechten Zeit, die nicht den Werth der ſchönen Tage der Philoſophie hatte, ein Mann von fern eine Schande kommen ſah, und er trug wie Du einen Degen, und er hatte wie Du Unterricht bei zwei Fechtmeiſtern und drei Profoßen genommen, ſo ſpießte er die erſte Schande an ſeine Degenſpitze.“ Philipp zuckte die Achſeln. 3 „Ja, was ich da ſage, iſt ziemlich armſelig für einen Philoſophen, der nicht gern Blut fließen ſieht. 64 Doch die Officiere ſind am Ende nicht gerade geboren, um Philanthropen zu ſein.“ „Mein Herr, ich habe ſo ſehr wie Sie das Bewußt⸗ ſein der Nothwendigkeiten, welche der Ehrenpunkt aufer⸗ legt; doch das vergoſſene Blut ſühnt nicht...“ „Phraſen... Phraſen eines... Philoſophen!“ rief der Greis, dergeſtalt aufgebracht, daß er beinahe maje⸗ ſtätiſch wurde.„Ich glaube, ich wollte ſagen eines Feig⸗ herzigen.“ „Sie haben wohl daran gethan, es nicht zu ſagen,“ rief Philipp bleich und bebend. Der Baron hielt ſtolz den unverſöhnlichen und dro⸗ henden Blick ſeines Sohnes aus. 4 „Ich ſagte,“ fuhr er fort,„und meine Logik iſt nicht 4 ſo ſchlecht, als man mich gern glauben machen möchte; ich ſagte, alle Schande in dieſer Welt komme nicht von einer Handlung, ſondern von einem Wort her. Ah! ſo iſt es... Sei ein Verbrecher vor Tauben, vor Blinden, oder vor Stummen, wirſt Du entehrt ſein?... Du wirſt⸗ mir mit dem albernen Vers antworten: „Der Frevel macht die Schand' und nicht das Hoch⸗ gericht. 4 „Das iſt Kindern oder Weibern gut zu ſagen, aber mit einem Mann ſpricht man beim Teufel eine andere Sprache... Ich aber bildete mir ein, einen Mann ge⸗ ſchaffen zu haben... Sieht nun der Blinde, hat der Taube hoͤren können, ſpricht der Stumme, ſo ſchlägſt Du auf das Stichblatt Deines Degens, durchbohrſt dem Einen die Augen, dem Andern das Trommelfell, und ſchneideſt dem Letzten die Zunge ab!... So erwiedert einen An⸗ griff der Schande ein Edelmann vom Namen Taverney Maiſon⸗Rouge.“ „Ein Edelmann von dieſem Namen, mein Herr, weiß immer bei den Dingen, die er zu thun hat, daß es das Eirſte iſt, keine entehrende Handlung zu begehen: des⸗ — u——— 8 u r* u— 65 halb werde ich auf Ihre Argumente nichts antworten. Nur geſchieht es zuweilen, daß die Schmach aus einem unvermeidlichen Unglück entſteht: das iſt der Fall, in dem wir, meine Schweſter und ich, uns befinden.“ „Ich gehe zu Deiner Schweſter über. Wenn nach meinem Syſtem der Mann nie eine Sache fliehen darf, die er bekämpfen und beſiegen kann, ſo muß die Frau auch feſten Fußes warten. Wozu nützt die Tugend, mein Herr Philoſoph, wenn nicht, um die Angriffe des Laſters zurückzuſchlagen?...“ fügte Taverney bei und brach abermals in ein Gelächter aus. „Fräulein von Taverney hat ſehr bange gehabt, nicht wahr?... Sie fühlt ſich alſo ſchwach... Dann...“ Philipp trat ganz nahe auf ſeinen Vater zu und ſprach: „Mein Herr, Fräulein von Taverney iſt nicht ſchwach geweſen, man hat ſie überwältigt! ſie iſt unterlegen, ſie iſt in eine Falle gerathen!“ „In eine Falle?...“— „Ja. Ich bitte, behalten Sie ein wenig von der Wärme, die Sie vorhin belebte, um die Elenden zu brand⸗ marken, welche feige den Untergang dieſer fleckenloſen Ehre complottirt haben.“ „Ich begreife nicht...“ „Sie werden begreifen... Ein Feiger, ſage ich, hat Jemand in das Zimmer von Fräulein von Taverney eingeführt.“ Der Baron erbleichte. „Ein Feiger,“ fuhr Phillpp fort,„wollte, daß der Name Taverney... der meinige... der Ihrige, mein Herr, von einem untilgbaren Flecken beſchmutzt würde... Nun! wo iſt Ihr Jünglingsdegen, um ein wenig Blut zu vergießen! Lohnt es ſich der Mühe?“ „Herr Philipp...“ „Ah! ſeien Sie unbeſorgt, ich klage Niemand an; ich kenne Niemand.. Das Verbrechen iſt in der Fin⸗ ſterniß angeſponnen, in der Finſterniß ausgeführt worden; 66 die Folge davon wird auch in der Finſterniß verſchwin⸗ den... ich will es! ich, der ich die Ehre meines Hau⸗ ſes auf meine Weiſe verſtehe.“ „Aber woher weißt Du?“ rief der Baron, der ſich von ſeinem Erſtaunen durch den Köder eines ſchändlichen CEhrgeizes, einer gemeinen Hoffnung erholte. „Das wird mich keine von den Perſonen fragen, welche meine Schweſter, Ihre Tochter, in einigen Mona⸗ ten ſehen werden, Herr Baron!“ „Aber, Philipp!“ rief der Greis, mit Augen voll Freude,„dann ſind das Glück und die Ehre des Hauſes nicht verſchwunden; dann triumphiren wir.“ „Dann find Sie wirklich der Menſch, für den ich Sie hielt,“ ſprach Philipp mit dem tiefſten Gkel;„Sie haben ſich ſelbſt verrathen, und es hat Ihnen an Geiſt vor dem Richter gefehlt, nachdem es Ihnen vor dem Sohn an Herz mangelte.“ „Unverſchämter!“ „Genug!“ erwiederte Philipp.„Fürchten Sie ſich, wenn Sie ſo laut ſprechen, den leider zu unempfindlichen Schatten meiner Mutter aufzuwecken, die, wenn ſie lebte, über ihrer Tochter gewacht haben würde.“ Der Baron ſchlug die Augen vor der blendenden Helle nieder, welche aus den Blicken ſeines Sohnes her⸗ vorſprang. „Meine Tochter,“ ſagte er nach einigen Secunden, „meine Tochter wird mich nicht ohne meinen Willen ver⸗ laſſen.“ „Meine Schweſter wird Sie nie wieder ſehen,“ ent⸗ gegnete Philipp. „Sagt ſie das?“ „Sie ſchickt mich, um es Ihnen zu erklären.“ Der Baron wiſchte mit einer zitternden Hand ſeine weiß gewordenen, feuchten Lippen ab. „Es ſei!“ ſagte er. Dann die Achſeln zuckend, rief er: ——*2— 67 „Ich habe Unglück mit meinen Kindern: ein Dumm⸗ kopf und eine einfältige Dirne!“ Philipp erwiederte nichts. „Gut, gut,“ fuhr Taverney fort,„ich bedarf Ihrer nicht mehr; gehen Sie, wenn die Theſe geſprochen iſt.“ „Ich habe Ihnen noch zwei Dinge zu ſagen.“ „Sagen Sie.“ „Einmal hat Ihnen der König einen Perlenſchmuck gegeben.“ „Ihrer Schweſter, mein Herr.“ „Ihnen, mein Herr... Uebrigens iſt daran wenig gelegen. Meine Schweſter trägt keine ſolche Juwelen... Fräulein von Taverney iſt keine Buhlerin und bittet Sie, den Schmuck dem zurückzuſtellen, der ihn gegeben hat, oder ihn zu behalten, da Sie Seine Majeſtät, die ſo viel für unſere Familie gethan, vor den Kopf zu ſtoßen be⸗ fürchten werden.“ Philipp reichte das Schmuckkäſtchen ſeinem Vater. Dieſer nahm es, öffnete es, ſchaute die Perlen an und warf es dann in einen Wandkorb. „Hernach?“ ſagte er. „Hernach, mein Herr, da wir nicht reich ſind, da Sie Alles bis auf das Gut unſerer Mutter ausgegeben oder verpfändet haben, was ich Ihnen nicht zum Vor⸗ wurf mache, Gott ſoll mich behüten...“ „Das wäre noch beſſer,“ ſagte der Baron mit den Zähnen knirſchend. „„Kurz, da wir nur Taverney haben, was von dieſer mäßigen Erbſchaft herrührt, ſo bitten wir Sie, zwiſchen „Taverney und dem kleinen Hotel, in dem wir uns in dieſem Augenblick befinden, zu wählen. Bewohnen Sie das eine, und wir werden uns in das andere zurück⸗ ziehen.“ Der Baron zerknitterte ſein Spitzenjabot mit einer Wuth, die ſich nur durch die Beweglichkeit ſeiner Finger, durch die Feuchtigkeit ſeiner Stirne und das Zittern ſeiner 68 Lippen verrieth; ſelbſt Philipp bemerkte es nicht, denn er hatte den Kopf abgewandt. „Taverney iſt mir lieber,“ erwiederte der Baron. „Dann behalten wir das Hotel.“ „Wie Sie wollen, mein Herr.“ „Wann werden Sie abreiſen?“ „Noch dieſen Abend... nein, auf der Stelle.“ Philipp verbeugte ſich. „In Taverney,“ fuhr der Baron fort,„erſcheint man mit dreitauſend Livres Rente als König... Ich werde zweimal König ſein.“ Er ſtreckte die Hand nach dem Wandkorb aus, um 435 Schmuckkäſtchen zu nehmen, das er in ſeine Taſche ſchob. Dann wandte er ſich nach der Thüre. Doch plötz⸗ lich drehte er ſich wieder um und ſagte mit einem ab⸗ ſcheulichen Lächeln: „Philipp, ich erlaube Dir, mit unſerem Namen die erſte philoſophiſche Abhandlung, die Du herausgibſt, zu unterzeichnen. Was Andrée betrifft, ſo rathe ihr, ihr erſtes Werk Louis oder Louiſe zu nennen; das iſt ein Name, der Glück bringt.“ Und er entfernte ſich mit einem Hohngelächter. Das Auge blutig, die Stirne in Flammen, drückte Philipp ſeine Hand krampfhaft an das Stichblatt ſeines Degens und murmelte: „Mein Gott! bewillige mir die Geduld, gewähre mir die Vergeſſenheit.“ —2— 1 69 *ε CLII. Der Gewiſſensfall. Nachdem er mit der ängſtlichen Sorgfalt, die ihn charakteriſirte, einige Seiten ſeiner Träumereien ei⸗ nes einſamen Spaziergängers abgeſchrieben hatte, beendigte Rouſſeau ſein einfaches Frühſtück. Obgleich ihm von Herrn von Gerardin ein Ruheſitz in den köſtlichen Gärten von Ermenonville angeboten worden war, bewohnte Rouſſeau, da er zoͤgerte, ſich der Sklaverei der Großen zu unterwerfen, wie er in ſeiner menſchenfeindlichen Monomanie ſagte, immer noch das uns bekannte Haus der Rue Platriére. Thereſe hatte ihrerſeits die kleine Haushaltung in rdnung gebracht und ihren Korb genommen, um auszu⸗ gehen und Einkäufe zu machen. Es war neun Uhr Morgens. Thereſe fragte ihrer Gewohnheit gemäß Rouſſeau, was er zum Mittagebrod zu haben wünſche. Rouſſeau entſchlug ſich ſeiner Träu⸗ merei, erhob langſam den Kopf und ſchaute Thereſe an, wie ein halbwacher Menſch. „Alles, was Sie wollen, wenn nur Kirſchen und Blumen dabei find,“ antwortete er. „Man wird ſehen, ob dies nicht zu theuer iſt,“ ſagte Thereſe. „Wohl verſtanden!“ „Denn ich weiß nicht, ob das, was Sie machen, nichts taugt, aber mir ſcheint, man bezahlt Sie nicht mehr wie früher.“ „Sie täuſchen ſich, Thereſe, man bezahlt mir den⸗ ſelben Preis; aber ich werde müde und arbeite weniger, und dann iſt mein Buchhändler um einen halben Band gegen mich im Verzug.“ 70 „Sie werden ſehen, daß dieſer noch Bankerott macht.“ „Wir wollen hoffen, daß dies nicht geſchieht, es iſt ein ehrlicher Mann.“ „Ein ehrlicher Mann, ein ehrlicher Mann... wenn L das geſagt haben, glauben Sie Alles geſagt zu haben.“ „Ich habe wenigſtens viel geſagt,“ erwiederte Rouſſeau lächelnd,„denn ich ſage es nicht von Jedermann.“ „Darüber darf man ſich nicht wundern, Sie find ſo mürriſch.“ „Thereſe, wir entfernen uns von der Frage.“ „Ja, Sie wollen Ihre Kirſchen, Feinſchmecker; ja, Sie wollen Ihre Blumen, Sybarite!“ „Warum nicht, meine gute Haushälterin,“ erwiederte Nouſſeau mit einer Engelsgeduld,„mein Herz und mein Kopf ſind ſo krank, daß ich mich, da ich nicht ausgehen kann, wenigſtens daran ergoͤtzen will, daß ich ein wenig von dem ſehe, was Gott mit vollen Händen auf die Fel⸗ der ausſtreut.“ Rouſſeau war in der That bleich und angegriffen und ſeine trägen Hände blätterten in einem Buch, das ſeine Augen nicht laſen. Thereſe ſchüttelte den Kopf. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte ſie,„ich gehe auf eine Stunde aus, erinnern Sie ſich, daß ich den Schlüßel unter die Strohmatte lege, und daß, wenn Sie ihn 44 brauchen... „Ohl ich gehe nicht aus.“ „Ich weiß wohl, daß Sie nicht ausgehen werden, da Sie ſich nicht aufrecht halten koͤnnen; doch ich ſage Ihnen dies, damit Sie ein wenig auf die Leute Achtung geben, welche kommen dürften, und damit Sie öffnen, wenn man läutet, denn wenn man läutet, können Sie ſicher ſein, daß ich es nicht bin.“ „Ich danke, meine gute Thereſe, ich danke, gehen . Sie. 3 —— y— — 71 Die Haushälterin entfernte ſich ihrer Gewohnheit gemäß brummend; doch das Geräuſch ihrer ſchwerfälligen Tritte war noch lange auf der Treppe hörbar. 3 Sobald aber die Thüre geſchloßen war, benützte Rouſſeau die Einſamkeit, um ſich behaglich auf ſeinem Stuhl auszuſtrecken, ſchaute den Vögeln zu, welche am Fenſter ein wenig Brodkrume pickten, und ergötzte ſich an der Sonne, welche zwiſchen den Kaminen der Nach⸗ barhäuſer durchdrang. Jung und raſch, fühlte ſein Geiſt nicht ſobald die Freiheit, als er ſeine Flügel öͤffnete, wie es die Sper⸗ linge nach ihrem heitern Mahle thaten. Plötzlich knarrte die Eingangsthüre auf ihren An⸗ geln und entriß den Philoſophen ſeinem ſüßen Behagen. „Wie,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſchon zurück!... ſollte ich eingeſchlafen ſein, während ich nur zu träumen glaubte?“ Rouſſeau wandte dieſer Thüre den Rücken zu; über⸗ zeugt, Thereſe käme zurück, rührte er ſich nicht einmal. Es trat eine kurze Stille ein. Mitten unter dieſer Stille ſagte eine Stimme, welche den Philoſophen beben machte: „Verzeihen Sie, mein Herr.“ Rouſſeau wandte ſich raſch um und rief: „Gilbert!“ „Ja, Gilbert... ich bitte noch einmal um Ver⸗ zeihung, Herr Rouſſeau.“ Rouſſeau heftete ſein Auge ſtarr auf den jungen ann. Es war in der That Gilbert. Doch Gilbert, hager und die Haare zerſtreut, unter ſeinen unordentlichen Kleidern nur ſchlecht ſeine zitternden, abgemagerten Glieder verbergend, Gilbert mit einem Wort, deſſen Anblick Rouſſeau beben machte und ihm einen Ausruf des Mitleids entriß, der einer Angſt glich. Gilbert hatte den ſtieren, leuchtenden Blick ausge⸗ hungerter Raubvogel; ein Lacheln geheuchelter Schüchtern⸗ 3 72² heit bildete einen Widerſpruch mit dieſem Blick, wie es mit dem Obertheil eines ernſten Adlerkopfes das Unter⸗ theil eines höhniſchen Fuchskopfes thun würde. „Was wollen Sie hier?“ rief lebhaft Rouſſeau, der die Unordnung nicht liebte und ſie bei Andern als das Anzeichen einer ſchlimmen Abſicht betrachtete. „Mein Herr, ich habe Hunger,“ antwortete Gilbert. Rouſſeau bebte, als er den Ton dieſer Stimme hörte, welche das furchtbarſte Wort der menſchlichen Sprache hervorbrachte. „Und wie ſind Sie hereingekommen? die Thüre war geſchloßen.“ „Mein Herr, ich weiß, daß Frau Thereſe gewöhnlich den Schlüßel unter die Strohmatte legt, ich wartete, bis Frau Thereſe weggegangen war, denn ſie liebt mich nicht und hätte ſich vielleicht geweigert, mich zu empfangen oder bei Ihnen einzuführen; da ich dann wußte, Sie wären allein, ging ich herauf, nahm den Schlüßel aus ſeinem Verſteck, und hier bin ich.“ „Reouſſeau erhob ſich auf den beiden Armen ſeines Lehnſtuhls. „Höoͤren Sie mich,“ ſagte Gilbert,„hören Sie mich nur einen einzigen Augenblick, ich ſchwoͤre Ihnen, daß ich Gehör verdiene.“ „Sprechen Sie,“ erwiederte Rouſſeau, von tiefem Erſtaunen beim Anblick dieſes Geſichts ergriffen, das kei⸗ nen Ausdruck der der Geſammtheit der Menſchen gemein⸗ ſchaftlichen Gefühle mehr bot. „Ich hätte Ihnen vor Allem ſagen müßen, ich ſei in eine ſolche Noth verſetzt, daß ich nicht mehr wiſſe, ob ich ſtehlen, mich umbringen, oder noch etwas Schlimme⸗ res thun ſoll.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Rouſſeau vollends und machte ſich einen Wall aus ſeinem Schreibtiſch. „Oh!l ſeien Sie unbeſorgt, mein Lehrer und mein Beſchützer,“ ſprach Gilbert mit einem Ton voll Sanft⸗ muth, ich glaube, wenn ich es recht bedenke, daß ich nicht 73 nöthig haben werde, mich ſelbſt umzubringen, und daß ich wohl ohne dieſes ſterbe; denn ſeit acht Tagen, da ich aus Trianon entflohen bin, laufe ich in den Waldungen und auf den Feldern umher, ohne etwas Anderes, als rohe Gemüſe und wilde Früchte zu eſſen. Ich bin ent⸗ kräftet und falle vor Müdigkeit und Hunger um. Was das Stehlen betrifft, ſo werde ich es nicht bei Ihnen ver⸗ ſuchen, denn ich liebe Ihr Haus zu ſehr, Herr Rouſſeau. Was aber das Dritte anbelangt, oh! um es zu voll⸗ führen...“ „Nun?“ „Bedürfte es bei mir eines Entſchlußes, den ich hier „Sind Sie verrückt?“ „Nein, mein Herr; doch ich bin ſehr unglücklich, ſehr in Verzweiflung, und ich hätte mich dieſen Morgen uche in der Seine ertränkt, wäre nicht eine Betrachtung bei mir eingetreten.“ „Welche?“ „Sie haben geſchrieben:. „„Der Selbſtmord iſt ein Diebſtahl an der Menſch⸗ heit begangen.““ Rouſſeau ſchaute den jungen Mann an, als wollte er ſagen: „Sind Sie ſo eitel, zu glauben, ich habe, als ich dies geſchrieben, an Sie gedacht?“ „Ohl ich begreife,“ murmelte Gilbert. „Ich glaube nicht,“ entgegnete Rouſſeau. „Sie wollen ſagen: Wäre der Tod von Dir Elen⸗ dem, der Du nichts biſt, der Du nichts beſitzſt, der Du nichts vermagſt, ein Ereigniß?“ „Es handelt ſich nicht um dieſes,“ ſprach Rouſſeau, der ſich ſchämte, errathen worden zu ſein;„doch ich denke, Sie haben Hunger.“ 4 „Ja, ich äußerte das.“ „Nun! da Sie wußten, wo der Schlüßel zur Thüre 74 4. liegt, ſo wiſſen Sie auch, wo das Brod iſt: gehen Sie an den Speiſeſchrank, nehmen Sie Brod und entfernen Sie ſich.“ Gilbert rührte ſich nicht. „Wenn Sie nicht Brod brauchen, ſondern Geld, ſo halte ich Sie nicht für ſo bösartig, daß Sie einen Greis, der Ihr Beſchützer war, in dem Haus, das Ihnen Zu⸗ flucht gegeben, mißhandeln würden. Begnügen Sie ſich alſo mit dem Wenigen. Hier...4 Und er ſuchte in ſeiner Taſche und reichte ihm et⸗ was Münze. Gilbert hielt ſeine Hand zurück. „Oh!“ ſprach eyemit brennendem Schmerz, p„es iſt weder von Geld, noch von Brod die Rede; Sie haben nicht begriffen, was ich meinte, als ich des Selbſtmords erwähnte. Wenn ich mich nicht tödte, ſo iſt dies ſo, weil nun mein Leben vielleicht Jemand nützlich ſein kann, weil mein Tod Jemand berauben würde. Sie, der Sie alle ſocialen Geſetze, alle natürlichen Verpflichtungen ken⸗ nen, ſagen Sie, gibt es in dieſer Welt ein Band, das einen Menſchen, der ſterben will, an das Leben zu feſſeln vermag?“ „Es gibt viele,“ ſprach Rouſſeau. „Iſt Vater ſein eines von dieſen Banden; Schauen Sie mich an, wahrend Ste mir antworten, Herr Rouſſeau, damit ich die Antwort in Ihren Augen ſehe.“ „Ja,“ ſtammelte Rouſſeau,„ja, ſicherlich. Wozu aber dieſe Frage von Ihnen?“ „Mein Herr, Ihre Worte werden ein Ausſpruch für mich ſein... wägen Sie dieſelben wohl ab, ich be⸗ ſchwöre Sie. Mein Herr, ich bin ſo unglücklich, daß ich mich gern tödten möchte; aber... aber ich habe ein Kind.“ Rouſſeau fuhr vor Erſtaunen in ſeinem Stuhle auf. „Oh! ſpotten Sie meiner nicht,“ ſagte Gilbert mit demüthigem Ton;„Sie würden nur einen Ritz an mei⸗ nem Herzen zu machen glauben, während Sie es wie! 9„..— —+/—— —— „·— 75⁵ einem Dolche öffneten: ich wiederhole Ihnen, ich habe ein Kind.“ Rouſſeau ſchaute ihn an, ohne zu antworten. 1„Sonſt waͤre ich ſchon todt,“ fuhr Gilbert fort;„in dieſem Zweifel ſagte ich mir, Sie würden mir einen guten Rath geben, und ging hierher.“ „Aber warum habe ich denn Ihnen Rathſchläge zu geben?“ fragte Rouſſeau;„haben Sie mich um Rath ge⸗ fragt, als Sie den Fehler begingen?“ „Mein Herr, dieſer Fehler...“ Gilbert näherte ſich Rouſſeau mit einem ſeltſamen Ausdruck. „Nun?“ ſagte dieſer. „Es gibt Leute, die dieſen Fehler ein Verbrechen nennen.“ „Verbrechen! ein Grund mehr, daß Sie nicht mit mir hätten ſprechen ſollen. Ich bin ein Menſch wie Sie und kein Beichtvater! Was Sie mir da ſagen, wun⸗ dert mich indeſſen nicht; ich habe immer vorhergeſehen, es würde eine ſchlechte Wendung bei Ihnen nehmen; Sie ſind eine ſchlimme Natur.“ „Nein, mein Herr,“ entgegnete Gilbert, ſchwer⸗ müthig den Kopf ſchüttelnd,„nein, Sie täuſchen ſich; mein Geiſt iſt falſch, oder vielmehr verfälſcht; ich habe viele Bücher geleſen, die mir die Gleichheit der Kaſten, den Stolz des Geiſtes, den Adel der Inſtincte predigten; dieſe Bücher, mein Herr, waren von ſo erhabenen Namen un⸗ terzeichnet, daß ein armer Bauer wie ich wohl irrege⸗ leitet werden konnte... Ich richtete mich dadurch zu Grunde.“ „Ah! ah! ich ſehe, worauf Sie abzielen, Herr Gilbert.“ „Ich“ „Ja; Sie klagen meine Lehre an... Doch haben Sie nicht den freien Willen?“ „Ich klage nicht an, mein Herr, ich ſage Ihnen, 4 daß ich geleſen habe; was ich anklage, iſt meine Leicht⸗ 76 gläubigkeit, ich habe geglaubt, und mich vergangen; es gibt zwei Urſachen meines Verbrechens: Sie ſind die erſte, und ich komme vor Allem zu Ihnen; ich werde ſo⸗ dann zu der zweiten gehen, doch hernach und wenn es Zeit iſt.“ „Sprechen Sie, was verlangen Sie von mir?“ „Weder ein Almoſen, noch Obdach, noch Brod, ob⸗ ſchon ich verlaſſen, nackt und hungrig bin; nein, ich ver⸗ lange von Ihnen eine moraliſche Stütze, ich verlange eine Sanction Ihrer Lehre, ich bitte Sie, mir durch ein Wort meine ganze Stärke wiederzugeben, welche nicht durch die Ermattung meiner Arme und Beine, ſondern durch den Zweifel in meinem Kopf und in meinem Herzen gebrochen iſt. Herr Rouſſeau, ich beſchwöre Sie alſo, mir zu ſagen, ob das, was ich ſeit acht Tagen fühle, der Schmerz des Hungers in den Muskeln meines Magens, oder ob es die Marter der Gewiſſensbiſſe in den Organen meines Geiſtes iſt. Ich habe durch ein Verbrechen ein Kind gezeugt; ſagen Sie mir nun, muß ich mir in bit⸗ terer Verzweiflung die Haare ausraufen, mich im Sande wälzen und ausrufen: Gnade! oder ſoll ich lachen, wie die Frau in der Schrift, und ſagen: Ich habe gethan, wie die Welt thut; iſt unter den Menſchen einer, der beſſer als ich, ſo ſteinige er mich? Mit einem Wort, Herr Rouſſeau, Sie, der Sie fühlen mußten, was ich gefühlt habe, beantworten Sie dieſe Frage, ſagen Sie, iſt es na⸗ türlich, daß ein Vater ſein Kind verläßt?“ Gilbert hatte nicht ſobald dieſes Wort geſprochen, als Rouſſeau ſo bleich wurde, wie Gilbert ſelbſt nicht war, alle Faſſung verlor und ſtammelte: „Mit welchem Recht ſprechen Sie ſo mit mir?“ „Well ich in Ihrem Hauſe, Herr Rouſſeau, in der Manſarde, wo Sie mir Gaſtfreundſchaft gewährten, das las, was Sie über dieſen Gegenſtand geſchrieben haben; weil Sie erklärten, die in der Armuth geborenen Kinder gehören dem Staat, der für ſie ſorgen müße; weil ich Sie endlich ſtets für einen ehrlichen Mann gehalten habe 77 obgleich Sie ſich nicht ſcheuten, die Kinder zu verlaſſen, die Ihnen geboren worden ſind.“ „Unglücklicher!“ rief Rouſſeau,„Du haſt mein Buch geleſen und führſt eine ſolche Sprache gegen mich!“ „Nun?“ „Du biſt nichts, als ein ſchlimmer Kopf verbunden mit einem ſchlimmen Herzen.“ „Herr Rouſſeau!“ „Du haſt ſchlecht in meinen Büchern geleſen, wie Du ſchlecht im menſchlichen Leben lieſeſt! Du haſt nur die Oberfläche der Blätter geſehen, wie Du nur die des Ge⸗ ſichtes ſiehſt! Ah! Du glaubſt mich Deines Verbrechens mitſchuldig zu machen, indem Du mir die Bücher an⸗ führſt, die ich geſchrieben habe, indem Du mir ſagſt: Sie geſtehen, dies gethan zu haben, folglich kann ich es auch thun! Doch Unglücklicher! was Du nicht weißt, was Du nicht in meinen Büchern geleſen, nicht errathen haſt, iſt, daß ich das ganze Leben desjenigen, welchen Du zum Beiſpiel genommen, dieſes Leben der Armuth und der Leiden, gegen ein goldenes, üppiges Daſein, gegen ein Leben voll Prunk und Luſtbarkeit vertauſchen konnte. Habe ich weniger Talent, als Herr von Voltaire, und konnte ich nicht ebenſo viel er⸗ zeugen, als er? Konnte ich nicht, weniger Fleiß darauf verwendend, als ich es thue, meine Bücher ebenſo theuer verkaufen, als er die ſeinigen verkauft, und das Geld zwingen, in meine Kaſſe zu rollen, indem ich ohne Un⸗ terlaß eine halb volle Kiſte zur Verfügung meiner Buch⸗ händler hielt? Das Gold zieht das Gold an: weißt Du das nicht? Ich hätte auch einen Palaſt gehabt, ich hätte auch muntere Pferde, ich hätte auch einen Wagen gehabt, um eine junge und ſchoͤne Geliebte ſpazieren zu führen, und glaube mir, dieſer Lurus würde in mir die uelle einer unverſiegbaren Poeſie nicht vertrocknet haben. Sprich, habe ich nicht Leidenſchaften? Schaue meine ugen an, welche noch mit ſechzig Jahren im Feuer der Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 6 78 Jugend und des Verlangens glänzen! Du, der Du meine Bücher geleſen oder abgeſchrieben haſt, ſprich, erin⸗ nerſt Du Dich nicht, daß trotz der Abnahme der Jahre, trotz ſehr ſchwerer Uebel, mein Herz, ſtets jung, um beſſer zu leiden, alle übrigen Kräfte meiner Organiſation geerbt zu haben ſcheint? Von Gebreſten niedergebeugt, die mich zu gehen verhindern, fühle ich mich kräftiger und lebens⸗ voller, um den Schmerz in mir aufzunehmen und zu ver⸗ zehren, als ich es je in der Blüthe meiner Jahre gewe⸗ ſen bin, um die ſeltenen Glückſeligkeiten zu empfahen, die ich von Gott erhalten habe.“ „Ich weiß dies Alles, mein Herr,“ ſprach Gilbert, „Ich habe Sie von Nahem geſehen und begriffen.“ „Wenn Du mich von Nahem geſehen, wenn Du mich begriffen, hat dann nicht mein Leben für Dich eine Be⸗ deutung, die es für Andere nicht hat? Dieſe Selbſtver⸗ leugnung, welche nicht in meiner Natur liegt, ſagt ſie Dir nicht, ich habe ſühnen wollen.. 4 „Sühnen!“ murmelte Gilbert. „Haſt Du nicht begriffen,“ fuhr der Philoſoph fort, „daß ich, nachdem mich dieſe Armuth Anfangs gezwun⸗ gen, einen übertriebenen Entſchluß zu faſſen, hernach keine andere Entſchuldigung mehr für dieſen Entſchluß gefunden habe, als die Uneigennützigkeit und die Ausdauer in der Armuth? Haſt Du nicht begriffen, daß ich meinen Geiſt durch die Demüthigung beſtraft habe? Denn mein Geiſt hauptſächlich war ſchuldig; mein Geiſt, der ſeine Zuflucht zu Paradoren genommen, um ſich zu rechtfertigen, wäh⸗ rend ich andererſeits mein Herz durch die Fortdauer der Reue beſtrafte.“ „Oh!“ rief Gilbert,„ſo antworten Sie mir! ſo ſtürzt Ihr Philoſophen, die Ihr dem Menſchengeſchlecht geſchriebene Lehren zuſchleudert, Euch in die Verzweife lung, indem Ihr uns verdammt, wenn wir Euch nachah⸗ men; eil was liegt mir an Ihrer Demüthigung, ſobald ſie geheim iſt, an Ihrer Reue, ſobald ſie verborgen bleibt. 79 Oh! wehe, wehe Ihnen, wehe! und moͤgen die in Ihrem Namen begangenen Verbrechen auf Ihr Haupt zurückfallen!“ „Auf mein Haupt, ſagſt Du, der Fluch und die Strafe zugleich, denn Du vergiſſeſt die Strafe, oh! das wäre zu viel! Du, der Du geſündigt haſt wie ich, ver⸗ dammſt Du Dich auch ſo ſtrenge, wie mich?“ „Noch ſtrenger,“ antwortete Gilbert,„denn meine Beſtrafung wird furchtbar ſein; doch nun, da ich an nichts mehr glaube, werde ich mich durch meinen Gegner, vder vielmehr durch meinen Feind tödten laſſen! ein Selbſt⸗ mord, den mein Elend mir räth, den mein Gewiſſen mir verzeiht, denn nun iſt mein Tod nicht mehr ein an der Menſchheit begangener Diebſtahl, und Sie haben da eine Phraſe geſchrieben, die Sie nicht dachten.“ „Halt ein, Unglücklicher,“ rief Rouſſeau,„halt ein! haſt Du nicht Böſes genug mit der einfältigen Leicht⸗ gläubigkett gethan? mußt Du noch mehr mit dem alber⸗ nen Skepticismus thun? Du haſt mir von einem Kind geſprochen, Du haſt mir geſagt, Du wäreſt Vater, oder Du ſollteſt Vater werden? „Ich habe es geſagt.“ „Weißt Du, was das heißt?“ murmelte Rouſſeau mit leiſer Stimme,„weißt Du, was es heißt, mit ſich nicht in den Tod, ſondern in die Schmach Geſchöpfe fortzureißen, welche geboren ſind, frei und rein die volle Luft der Tugend einzuathmen, die Gott als Mitgift je⸗ dem Menſchen gibt, der aus dem Schooß ſeiner Mutter hervorkommt? Höre doch, wie gräßlich meine Lage iſt: als ich meine Kinder verließ, ſah ich ein, daß die Ge⸗ ſellſchaft, welche jede Ueberlegenheit verletzt, mir dieſes Unrecht wie einen entehrenden Vorwurf ins Geſicht ſchleu⸗ dern würde; da rechtfertigte ich mich mit Paradoren; da wandte ich zehn Jahre meines Lebens dazu an, Rath⸗ öläge den Müttern für die Erzlehung ihrer Kinder, ich, der ich nicht Vater zu ſein gewußt hatte, dem Vaterland die Bildung kraͤftiger und ehrlicher Bürger zu geben, ich, der ich ſchwach und verdorben war. Oer Henker, 1 8⁰ der die Geſellſchaft, das Vaterland und die Waiſe rächt, bemächtigte ſich dann eines Tages, da er ſich meiner nicht bemächtigen konnte, meines Buches und verbrannte es als eine lebendige Schmach für das Land, deſſen Luft dieſes Buch vergiftet hatte. Wähle, errathe, urtheile: habe ich beim Handeln gut gethan? habe ich in den Büchern ſchlecht gethan? Du antworteſt nicht; Gott ſelbſt 2 wäre in Verlegenheit, Gott, der in ſeinen Händen die unbeugſame Wagſchale zwiſchen Recht und Unrecht häͤlt. Wohl! ich habe ein Herz, das dieſe Frage löſt, und die⸗ ſes Herz ſagt mir hier in der Tiefe meiner Bruſt: Wehe Dir, unnatürlicher Vater, der Du Deine Kinder verlaſſen haſt; wehe Dir, wenn Du der jungen Buhldirne begeg⸗ netſt, die an der Ecke eines Kreuzweges ſchamlos lacht, denn dieſe iſt vielleicht Deine verlaſſene Tochter, welche der Hunger in die Schande geſtürzt hat; wehe Dir, wenn Du auf der Straße den Dieb triffſt, den man noch von ſeiner Beute beſchwert verhaftet, denn dieſer iſt vielleicht Dein verlaſſener Sohn, den der Hunger zum Verbrechen angetrieben hat!“ Bei dieſen Worten ſank Rouſſeau, der ſich erhoben hatte, wieder in ſeinen Lehnſtuhl zurück. „Und dennoch,“ fuhr er mit einer gebrochenen Stimme fort, die den Ausdruck eines Gebetes hatte,„und dennoch bin ich nicht ſo ſchuldig geweſen, als man glauben koͤnnte; 4 ich habe eine herzloſe Mutter, welcher die halbe Schuld zur Laſt ſiel, vergeſſen ſehen, wie die Thiere vergeſſen, und ich ſagte mir: Gott hat geſtattet, daß die Mutter vergißt, alſo muß ſie vergeſſen. Nun, ich täuſchte mich in jenem 4 Augenblick, und heute, da Du mich Dir haſt ſagen hören, was ich nie einem Menſchen geſagt habe, heute biſt Du nicht mehr berechtigt, Dich zu täuſchen.“ „Demnach,“ fragte der junge Mann, die Stirne faß tend,„demnach würden Sie Ihre Kinder nie verla haben, wenn Sie Geld gehabt hätten, um ſie nähren?“ —— V S=SSEERRSn laube 81„ „Nur das ſtreng Nothwendige... nein, nie, das ſchwöre ich Ihnen.“ Bei dieſen Worten ſtreckte Rouſſeau feierlich ſeine Hand zum Himmel empor. „Sind zwanzig tauſend Livres hinreichend, um ſein Kind zu ernähren?“ fragte Gilbert. „Ja, das iſt genug.“ „Ich danke, mein Herr, ich weiß nun, was ich zu thun habe.“ „Und in jedem Fall können Sie als ein junger Mann, wie Sie ſind, mit Ihrer Arbeit Ihr Kind ernäh⸗ ren,“ ſagte Rouſſeau.„Doch Sie ſprachen von einem Verbrechen: man ſucht Sie, man verfolgt Sie vielleicht.“ „Ja, mein Herr.“ „Nun, ſo verbergen Sie ſich hier, die kleine Dach⸗ kammer iſt immer noch frei.“ „Sie ſind ein Mann, den ich liebe, mein Lehrer, und Ihr Anerbieten erfüllt mich mit Freude,“ rief Gilbert, ich bitte Sie in der That nur um ein Obdach, das mich ſchützt, mein Brod werde ich mir verdienen,— Sie wiſ⸗ ſen, ich bin kein Träger.“ „Nun alſo,“ ſagte Rouſſeau mit unruhiger Miene, „wenn dies ſo abgemacht iſt, ſo gehen Sie hinauf, damit Thereſe Sie nicht hier ſteht, ſie kommt nicht mehr in den Speicher hinauf, weil wir ſeit Ihrem Abgang nichts mehr dort aufbewahren; Sie finden Ihren Strohſack oben, rich⸗ ten Sie ſich ein, ſo gut Sie koͤnnen.“ „Ich danke, mein Herr, ich werde auf dieſe Art glücklicher ſein, als ich es verdiene.“ „Iſt das nun Alles, was Sie wünſchen?“ fragte Rouſſeau, der Gilbert gleichſam mit dem Blick aus dem Simmer trieb.— „Nein, mein Herr, noch ein Wort, wenn Sie er⸗ n. „Sprechen Sie.“ „ Sie beſchuldigten mich eines Tags in Luciennes, ich 8² habe Sie verrathen; ich habe Niemand verrathen, mein Herr, ich folgte meiner Liebe.“. „Reden wir nicht mehr hievon; iſt dies Alles?“ „Ja; ſagen Sie mir nur noch, Herr Rouſſeau: wenn man die Adreſſe von Jemand in Paris nicht weiß, iſt es möglich, ſich dieſelbe zu verſchaffen?“ „Gewiß, wenn dieſe Perſon bekannt iſt.“ „Diejenige, welche ich meine, iſt ſehr bekannt.“ „Ihr Name?“ „Der Herr Graf Joſeph Balſamo.“ Nouſſeau ſchauerte; er hatte die Verſammlung in der Rue Platrisre nicht vergeſſen. „Was wollen Sie von dieſem Mann?“ fragte er. „Etwas ganz Einfaches. Ich beſchuldigte Sie, mei⸗ nen Herrn und Meiſter, Sie ſeien moraliſch die Urſache meines Verbrechens, weil ich glaubte, ich habe nur dem Geſetz der Natur gehorcht.“ „Und ich habe Sie enttäuſcht?“ rief Rouſſeau zit⸗ ternd bei dem Gedanken an eine ſolche Verantwortlichkeit. „Sie haben mich wenigſtens aufgeklärt.“ „Nun, was wollen Sie mir ſagen?“ „Mein Verbrechen habe nicht nur eine moraliſche, ſondern auch eine phyſiſche Urſache gehabt.“ „Und dieſer Graf von Balſamo iſt die phyſiſche Ur⸗ ſache, nicht wahr?“ „Ja. Ich habe Beiſpiele nachgeahmt, ich habe eine Gelegenheit ergriffen und hierin, ich erkenne es nun, wie ein wildes Thier gehandelt, und nicht wie ein Menſch. Das Beiſpiel ſind Sie; die Gelegenheit iſt der Herr Graf von Balſamo. Wo wohnt er, wiſſen Sie es?“ „Ja. „So geben Sie mir ſeine Adreſſe.“ „Rue Saint⸗Claude im Marais.“ 4 „Ich danke... ich gehe auf der Stelle zu ihm. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Kind,“ rief Rouſſea Witben zurückhaltend,„das iſt ein mächtiger und tief ann.“. 4 25 83³ „Seien Sie unbeſorgt, Herr Rouſſeau, ich bin ent⸗ ſchloßen, und Sie haben mich Selbſtbeherrſchung gelehrt.“ „Geſchwinde, geſchwinde, gehen Sie hinauf,“ rief Rouſſeau,„ich höre die Gangthüre ſchließen; ohne Zwei⸗ fel kommt Thereſe zurück; verbergen Sie ſich in Ihrer Dachkammer, bis ſie hier herein iſt, dann gehen Sie aus.“ „Ich bitte, geben Sie mir den Schlüſſel.“ „Er hängt wie gewöhnlich am Nagel in der Küche.“ „Guten Tag, mein Herr.“ „Nehmen Sie Brod, ich werde Ihnen Arbeit für dieſe Nacht geben.“ „Ich danke,“ ſagte Gilbert und ſchlich ſo leicht weg, daß er ſich in ſeiner Dachkammer befand, ehe Thereſe den erſten Stock heraufgeſtiegen war. CLIII. Der Gewiſſensfall.(Fortſetzung.) Mit der koſtbaren Anweiſung verſehen, die ihm Rouſſeau gegeben hatte, brauchte Gilbert nicht lange, um ſein Vor⸗ haben auszuführen. Thereſe hatte nicht ſobald die Thüre ihres Zimmers geſchloſſen, als der junge Mann, der von der Thüre ſeiner Manſarde aus alle ihre Bewegungen beobachtet hatte, die Treppe mit einer Schnelligkeit hinabſtieg, als ob er durchaus nicht durch ein langes Faſten geſchwächt worden wäre. Gilbert hatte den Kopf voll von Gedanken der Hoffnung, des Grolls, und hinter dem Allem ſchwebte ein rächender Schatten, der ihn mit ſeinen Klagen und An⸗ ſchuldigungen ſtachelte. Er kam in die Rue Saint⸗Claude in einem ſchwer zu beſchreibenden Zuſtand. 84 Als er in den Hof eintrat, geleitete Balſamo den Prinzen von Rohan, den eine Pflicht der Artigkeit zu ſeinem großmüthigen Alchemiſten geführt hatte, bis zur Thüre zurück. Während aber der Prinz herausging und zum letzten Mal ſtehen blieb, um ſeine Dankſagung gegen Balſamo zu wiederholen, ſchlüpfte der arme, zerlumpte Burſche hinein, ohne daß er ſich umzuſchauen wagte. Der Wagen des Prinzen erwartete dieſen auf dem Boulevard; der Prälat durchſchritt leicht den Raum, der ihn von ſeiner Carroſſe trennte, die ſich raſch entfernte, ſobald der Schlag geſchloſſen war. Balſamo folgte ihm mit einem ſchwermüthigen Blick und wandte ſich nach der Freitreppe, ſobald der Wagen verſchwand. Auf dieſer Freitreppe erblickte er eine Art von Bettler in flehender Stellung. Balſamo ging auf ihn zu; obgleich ſein Mund ſtumm war, fragte doch ſein ausdrucksvoller Blick: „Ich bitte um eine Viertelſtunde Gehör, Herr Graf,“ ſprach der junge Mann mit den zerlumpten Kleidern. „Wer ſind Sie, mein Freund?“ fragte Balſamo mit außerordentlicher Sanftheit. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ „Nein; doch gleichviel, kommen Sie,“ erwiederte Balſamo, ohne ſich um die zerlumpten Kleider, das ſelt⸗ ſame Ausſehen und das Beläſtigende des Bittſtellers zu bekümmern.. Und er ging ihm voran und führte ihn in das erſte Zimmer, wo er ſich niederſetzte und, ohne Ton und Geſicht zu verändern, zu ihm ſagte: „Sie fragten mich, ob ich Sie nicht erkenne?“ „Ja, Herr Graf.“ „In der That, es kommt mir vor, als hätte ich Sie irgendwo geſehen.“ „In Taverney, mein Herr, als Sie am Tage vor der Ankunft der Dauphine dahin kamen.“ 4 4 8 + u 8⁵ „Was machten Sie in Taverney?“ „Ich wohnte dort.“ „Als Diener der Familie?“ „Nein, als Hausgenoſſe.“ „Sie haben Taverney verlaſſen?“ „Ja, vor ungefähr drei Monaten.“ „Und Sie kamen?“ „Nach Paris, wo ich Anfangs bei Herrn Rouſſeau ſtudirte, wonach ich in den Gärten von Trianon durch die Verwendung von Herrn von Juſſieu als Gärtnergehülfe angeſtellt wurde.“ „Sie führen mir da einen ſchoͤnen Namen an, mein Freund: was wollen Sie?“ „Ich werde es Ihnen ſagen,“ erwiederte er, und heftete dann, eine Pauſe machend, einen Blick auf Balſamo, dem es nicht an Feſtigkeit gebrach. „Sie erinnern ſich, daß Sie in der Nacht des großen Sturmes, Freitag vor ſechs Wochen, nach Trianon ge⸗ kommen ſind?“ fuhr er dann fort. Bis jetzt ernſt, wurde Balſamo düſter. „Ja, ich erinnere mich,“ antwortete er;„ſollten Sie mich geſehen haben?“ „Ich habe Sie geſehen.“ „Dann kommen Sie, um ſich das Geheimniß be⸗ zahlen zu laſſen?“ ſagte Balſamo mit drohendem Tone. „Nein, mein Herr, denn ich habe noch ein viel größeres Intereſſe als Sie, dieſes Geheimniß zu be⸗ wahren.“ „Sie ſind derjenige, welchen man Gilbert nennt?“ „Ja, Herr Graf.“ Balſamo ſchaute mit ſeinem tiefen, verzehrenden Blick den jungen Mann an, deſſen Namen eine ſo furchtbare Anſchuldigung mit ſich führte. Er, der ſich auf die Menſchen verſtand, war erſtaunt Wher die Sicherheit ſeiner Haltung, über die Würde ſeiner Rede. Gilbert hatte ſich an einen Tiſch geſtellt, auf den er 86 ſich nicht ſtützte; eine ſeiner zarten, obgleich ſie an ländliche Arbeiten gewoͤhnt, weißen Hände war in ſeiner Bruſt verborgen; die andere ſiel anmuthig an ſeiner Seite herab. 3 „Ich ſehe an Ihrer Haltung, was Sie hier wollen,“ ſprach Balſamo;„Sie wiſſen, daß eine furchtbare An⸗ ſchuldigung gegen Sie von Fräulein von Taverney vor⸗ gebracht worden iſt, die ich mit Hülfe der Wiſſenſchaft die Wahrheit zu ſagen gezwungen habe; Sie kommen, um mir dieſe Zeugſchaft, dieſe Enthüllung eines Geheimniſſes, das ohne mich in der Finſterniß wie in einem Grab ver⸗ borgen geblieben wäre, zum Vorwurf zu machen?“ Gilbert ſchüttelte nur den Kopf. „Sie hätten jedoch Unrecht,“ fuhr Balſamo fort; „denn angenommen, ich hätte Sie anzeigen wollen, ohne durch mein eigenes Intereſſe, da man mich beſchuldigte, dazu genöthigt zu ſein; angenommen, ich hätte Sie als Feind behandelt, ich hätte Sie angegriffen, während ich mich nur auf meine Vertheidigung beſchränkte, dies Alles angenommen, wären Sie doch nicht berechtigt, irgend Etwas zu ſagen, denn Sie haben in der That eine ſchändliche Handlung begangen.“ Gilbert wühlte mit ſeinen Nägeln in ſeiner Bruſt, aber er antwortete nicht. 4 „Der Bruder wird Sie verfolgen, die Schweſter wird Sie todten laſſen,“ ſagte Balſamo,„wenn Sie ſo unklug find, in den Straßen von Paris, wie Sie dies thun, ſpazieren zu gehen.“ „Oh! daran iſt mir nichts gelegen,“ entgegnete Gilbert. „Wie, es iſt Ihnen nichts daran gelegen?“ „Ja; ich liebte Fräulein Andrée; ich liebte ſie, wie ſie nie von einem Menſchen geliebt ſein wird; doch ſie ver⸗ achtete mich, mich, der ich ſo ehrfurchtsvolle Gefühle für ſie hegte; ſie verachtete mich, der ich ſie ſchon zweimal in meinen Armen gehalten, ohne daß ich es nur wagte, meine Lippen dem Saum ihres Kleides zu nähern.“ greifſt. Es iſt dies indeſſen kein Grund, daß ich die An⸗ 87 „So iſt es, und Sie haben ſie dieſe Chrfurcht be⸗ zahlen laſſen; Sie haben ſich für ihre Verachtung gerächt; wodurch? Durch einen hinterliſtigen Streich.“ „Oh! nein, nein, der hinterliſtige Streich kommt nicht von mir; es iſt mir eine Gelegenheit, das Verbrechen zu begehen, geboten worden.“ „Durch wen?“ „Durch Sie.“ Balſamo fuhr auf, als ob ihn eine Schlange ge⸗ ſtochen hätte, und rief: „Durch mich!“ „Durch Sie, ja, mein Herr, durch Sie,“ wiederholte Gilbert;„Sie haben Fräͤulein Andrée eingeſchläfert und find dann eutflohen; je weiter Sie ſich entfernten, deſto ſchwächer wurden ihre Beine, und ſie fiel am Ende zu Boden. Ich nahm ſie in meine Arme, um ſie in ihr Zimmer zurückzutragen; ich fühlte ihr Fleiſch an meinem Fleiſch, ein Marmor wäre lebendig geworden!... ich, ich gab meiner Liebe nach. Bin ich denn ſo ſtrafbar, als man ſagt, mein Herr, das frage ich Sie, Sie, die Urſache meines Unglücks?“ Balſamo heftete ſeinen traurigen, mitleidsvollen Blick auf Gilbert und erwiederte: „Du haſt Recht, mein Kind; ich bin die Urſache Deines Verbrechens und des Unglücks dieſes Mädchens geweſen.“ „Und ſtatt ein Mittel dagegen anzuwenden, haben Sie, der Sie ſo mächtig find und ſo gut ſein müßten, das Unglück des Maädchens erſchwert und den Tod über das Haupt des Schuldigen verhängt.“ „Das iſt wahr, und Du ſprichſt vernünftig. Siehſt Du, junger Mann, ſeit einiger Zeit bin ich ein verfluchtes Geſchöpf, und alle meine Pläne nehmen, wenn ſie aus meinem Gehirn hervorgehen, ſchädliche und bedrohliche Formen an; das ſteht im Zuſammenhang mit Unglücks⸗ fällen, die ich zu erfahren hatte, und die Du nicht be⸗ 88 deren leiden mache; laß horen, was verlangſt Du 2“ „Ich verlange von Ihnen das Mittel, Alles, Ver⸗ brechen und Unglück, wieder gut zu machen, Herr Graf.“ „Du liebſt dieſes Mädchen?“ „Oh! ja. „Es gibt viele Arten von Liebe. Mit welcher Liebe liebſt Du ſie?“ „Ehe ich ſie beſaß, liebte ich ſie bis zum Wahnſinn; heute liebe ich ſie mit Gewiſſensbiſſen, mit Wuth. Ich würde vor Schmerz ſterben, wenn ſie mich mit Zorn empfinge; ich würde vor Freude ſterben, wenn ſie mir ihre Füße zu küſſen erlaubte.“ „Sie iſt adelig, aber arm,“ ſagte Balſamo nach⸗ denkend. „Ja. „Doch ihr Bruder iſt ein Mann von Herz und, wie ich glaube, wenig von den leeren Vorrechten des Adels an⸗ geſteckt. Was würde geſchehen, wenn Du von dieſem Bruder ſeine Schweſter zur Ehe verlangteſt?“ „Er würde mich todten!“ antwortete Gilbert kalt; „doch da ich den Tod mehr wünſche, als fürchte, ſo werde ich das Verlangen ſtellen, wenn Sie mir dazu rathen.“ Balſamo dachte nach und erwiederte dann: „Du biſt ein Menſch von Geiſt, und man ſollte ſogar glauben, Du wäreſt ein Mann von Herz, obgleich Deine Handlungen, abgeſehen von meiner Mitſchuld, wahrhaft ſtrafbar ſind. Suche nicht Herrn Philipp von Taverney, den Sohn, ſondern den Baron von Taverney, ſeinen Vater, auf und ſage ihm, hörſt Du wohl, an dem Tag, wo er Dir ſeine Tochter zu heirathen erlaube, werdeſt Du Fräulein Andrée eine Mitgift bringen.“ ic„Ich kann das nicht ſagen, Herr Graf; ich habe nichts. „Und ich ſage Dir, daß Du ihr als Mitgift hunder tauſend Thaler bringſt, die ich Dir ſchenke, um das u 89 glück und das Verbrechen, wie Du es vorhin nannteſt, wieder gut zu machen.“ „Er wird mir nicht glauben, denn er weiß, daß ich arm bin.“ „Wenn er Dir nicht glaubt, zeige ihm dieſe Kaſſen⸗ billets, und ſobald er ſie ſieht, wird er nicht mehr daran zweifeln.“ Während Balſamo dieſe Worte ſprach, öffnete er die Schublade eines Tiſches und zählte dreißig Kaſſenbillets, jedes von zehntauſend Llyres. Dann übergab er ſie Gilbert und fragte den jungen Mann: 3 „Iſt das Geld? Lies.“ Gilbert warf einen gierigen Blick auf die Papiere, die er in der Hand hielt, und erkannte die Wahrheit deſſen, was ihm Balſamo ſagte. Ein Blitz der Freude glänzte in ſeinen Augen. „Wäre es moͤglich?“ rief er.„Doch nein, eine ſolche Großmuth wäre zu erhaben!“ „Du biſt mißtrauiſch,“ ſagte Balſamo,„Du haſt Recht; doch gewöhne Dich daran, Dir die Gegenſtände Deines Mißtrauens beſſer auszuwählen. Nimm alſo dieſe hunderttauſend Thaler und gehe zu Herrn von Taverney.“ „Mein Herr,“ ſprach Gilbert,„ſo lange mir eine ſolche Summe nur auf ein einfaches Wort gegeben wird, glaube ich nicht an die Wirklichkeit des Geſchenks.“ Balſamo nahm eine Feder und ſchrieb: „Ich ſchenke Gilbert als Mitgift am Tag, wo er ſeinen Heirathsvertrag mit Fräulein von Taverney unter⸗ zeichnen wird, die Summe von hunderttauſend Thalern, die ich ihm zum Voraus in der Hoffnung auf eine glück⸗ liche Unterhandlung gegeben habe. „Joſeph Balſamo.“ „Nimm dieſes Papier, gehe und zweiſle nicht mehr.“ Gilbert empfing das Papier mit zitternder Hand. 90 „Mein Herr,“ ſagte er,„wenn ich Ihnen ein ſolches Glück zu verdanken habe, ſo werden Sie der Gott ſein, den ich auf Erden anbete.“ „Es gibt nur einen Gott, den Du anbeten mußt, und dieſer bin nicht ich,“ entgegnete Balſamo mit ernſtem Tone.„Gehe, mein Freund.“ „Eine letzte Bitte, mein Herr.“ „Welche?“ „Schenken Sie mir fünfzig Livres.“ „Du bitteſt mich um fünfzig Livres, während Du dreimalhunderttauſend in den Händen haſt?“ 4 „Dieſe dreimalhunderttauſend Livres gehoͤren mir erſt an dem Tage, wo Fräulein Andrée mich zu heirathen einwilligt.“ „Was willſt Du mit fünfzig Livres machen?“ „Einen anſtändigen Rock kaufen, mit dem ich vor dem Baron erſcheinen kann.“ „Hier, mein Freund, nimm,“ ſagte Balſamo. Und er gab ihm die gewünſchten fünfzig Livres, ent⸗ ließ ihn ſodann durch ein Zeichen mit dem Kopf, und kehrte mit demſelben langſamen, traurigen Schritt in ſeine Gemäͤcher zurücc CLIV. Die Pläne von Gilbert. „Als ſich Gilbert auf der Straße befand, ließ er ſeine ſieberhafte Phantaſie ſich abkühlen, die ihn bei den letzten Worten des Grafen nicht nur über das Wahrſcheinliche, ſondern auch über das Mögliche hinaus fortgeriſſen hatte. In der Rue Paſtourel ſetzte er ſich auf einen Weich ——eSee— ſtein, ſchaute umher, ob ihn Niemand beſpähte, und zog 91 aus ſeiner Taſche die durch das Zuſammenpreſſen der Hand ganz zerknitterten Kaſſenbillets. Es war ihm ein furchtbarer Gedanke gekommen, ein Gedanke, der ihm den Schweiß auf die Stirne trieb. „Wir wollen doch bedenken,“ ſagte er, die Billets betrachtend,„wir wollen bedenken, ob mich dieſer Menſch nicht getäuſcht, ob er mir nicht eine Falle geſtellt hat, ob er mich nicht einem gewiſſen Tod, unter dem Vorwand, mir ein gewiſſes Glück zu verſchaffen, entgegenſchickt; wir wollen ſehen, ob er für mich nicht das thut, was man für das Schaf thut, welches man auf die Schlachtbank lockt, indem man ihm eine Handvoll friſches Gras bietet. Ich habe ſagen hören, es ſel eine große Anzahl von fal⸗ ſchen Kaſſenbillets im Umlauf, mit denen die Wüſtlinge des Hofs zuweilen die Mädchen von der Oper betrügen. Wir wollen ſehen, ob mich der Graf nicht für einen Thoren gehalten hat.“ Und er nahm aus dem kleinen Bündel ein Billet von zehntauſend Livres, trat bei einem Kaufmann ein und fragte nach der Adreſſe eines Banquier, um es dem Auf⸗ trage ſeines Herrn gemäß zu wechſeln. Der Kaufmann ſchaute das Billet an, drehte es mit Bewunderung, denn die Summe war pomphaft und ſein Laden äußerſt beſcheiden, hin und her, und bezeichnete in der hue Sainte⸗Avoie den Geldmann, deſſen Gilbert be⸗ urfte. Das Billet war alſo gut. Ganz freudig, ließ Gilbert ſogleich ſeiner Einbildungs⸗ kraft die Zügel ſchießen, verſchloß ſorgfältiger als zuvor die Kaſſenbillets in ſeinem Sacktuch und kaufte in der Rue Sainte⸗Avole, als er hier einen Trödler erblickte, deſſen Auslage ihm verführeriſch vorkam, für fünfund⸗ zwanzig Livres, das heißt für einen von den beiden Louis dor, die ihm Balſamo geſchenkt hatte, ein vollſtändiges Kleid von kaſtanienbraunem Tuch, das ſich ihm durch ſeine Reinlichkeit empfahl, ein Paar etwas abgetragene ſchwarze ſeidene Strümpfe und Schuhe mit glänzenden Schnallen; auch fügte er ein ziemlich feines Leinwand⸗ hemd dieſem mehr anſtändigen, als reichen Anzug bei, in welchem ſich Gilbert durch einen Blick, den er in den Spiegel des Trödlers warf, bewunderte. Dann ließ er ſeine alten Kleidungsſtücke, gleichſam als Nachſchuß zu den fünfundzwanzig Livres, zurück, ſteckte ſein koſtbares Sacktuch ein, und ging vom Laden des Trödlers in den eines Friſeur, der in einer Viertelſtunde den ſo merkwürdigen Kopf des Schützlings von Balſamo vollends zierlich und ſogar ſchoͤn machte. Als alle dieſe Operationen ausgeführt waren, trat Gilbert bei einem Bäcker ein, der in der Nähe der Place Louis XV. wohnte, und kaufte für zwei Sous Brod, das er, raſch der Straße nach Verſallles folgend, verzehrte. An einem Brunnen, den er unter Wegs traf, hielt er an, um zu trinken. Dann ging er wieder weiter und ſchlug alle Aner⸗ bietungen der Kutſcher aus, welche nicht begriffen, warum ein ſo reinlich gekleideter junger Menſch fünfzehn Sous auf Koſten ſeiner Eiweißwichſe ſparte. Was würden ſie erſt geſagt haben, hätten ſie gewußt, daß dieſer junge Menſch, der ſo zu Fuße ging, dreimal hundert tauſend Livres bei ſich trug? Doch Gilbert hatte ſeine Gründe, warum er zu Fuße ging: einmal wegen ſeines feſten Entſchluſſes, nicht um einen Liard das ſtreng Nothwendige zu überſchreiten, und dann, weil er das Bedürfniß fühlte, allein zu ſein, um ſich bequemer der Pantomime und den Monologen über⸗ laſſen zu können. Gott allein weiß, was an glücklichen Entwickelungen in dem Kopf dieſes jungen Mannes vorging, während der dritthalb Stunden, die er marſchirte. In dieſer Zeit hatte er mehr als vier Meilen zurück⸗ gelegt, und zwar ohne die Entfernung wahrzunehmen, ohne die geringſte Müdigkeit zu fühlen, ſo mächtig war die Organiſation dieſes jungen Menſchen. Alle ſeine Pläne waren entworfen, und er hatte ſich 93 über die Art und Weiſe, ſein Geſuch anzubringen, ent⸗ ſchieden. Den Vater Taverney wollte er mit prunkhaften Worten angehen; wenn er dann die Genehmigung des Barons erlangt hätte, würde er vor Fräulein Andrée mit einer Sprache von ſolcher Beredtſamkeit erſcheinen, daß ſie ihm nicht nur verzeihen, ſondern auch Achtung und Zu⸗ neigung für den Urheber der pathetiſchen Rede, die er vorbereitet, bekommen müßte. Je mehr er hieran dachte, deſto mehr gewann die Hoffnung die Oberhand vor der Furcht, und es ſchien Gilbert unmöglich, ein Mädchen würde in der Lage, in der ſich Andrée befand, die von der Liebe gebotene Genug⸗ thuung nicht annehmen, wenn ſich dieſe Liebe mit einer Summe von hunderttauſend Thalern zeigte. Gilbert war, während er dieſe Luftſchlöſſer baute, naiv und ehrlich wie das einfachſte Kind der Patriarchen; er vergaß alles Boͤſe, das er gethan hatte, was vielleicht von einem ehrlicheren Herzen zeugte, als man glauben mag. Als alle ſelne Batterien vorbereitet waren, kam er, das Herz in einem Schraubſtock, auf dem Gebiete von Trianon an. Einmal hier, war er für Alles bereit: für die erſte Wuth von Philipp, welche indeſſen ſein edel⸗ müthiger Schritt beſänftigen ſollte; für die erſte Verachtung von Andrée, welche ſeine Liebe unterwerfen müßte; für die erſten Beleidigungen des Barons, den ſein Geld beſtechen würde. So entfernt Gilbert auch von der Geſellſchaft gelebt hatte, ſo errieth er doch inſtinctartig, daß dreimal hundert tauſend Liores in der Taſche ein ſicherer Panzer ſind; was er am meiſten befürchtete, war der Anblick der Leiden von Andrée; gegen dieſes Unglück allein hatte er bange vor ſeiner Schwäͤche, einer Schwäche, die ihn eines Theils der für den Erfolg ſeiner Sache nothwendigen Mittel be⸗ raubt hätte. Er trat in den Garten ein und ſchaute nicht ohne Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 7 94 einen gewiſſen Hochmuth alle die Arbeiter an, welche geſtern noch ſeine Kameraden waren, heute aber unter ihm ſtanden. Die erſte Frage, die er machte, bezog ſich auf den Baron von Taverney. Er wandte ſich natütlich an den Aufwärter vom Dienſt in den Communs. „Der Baron iſt nicht in Trianon,“ antwortete dieſer. Gilbert zögerte einen Augenblick und fragte dann: „Und Herr Philipp?“ „Oh! Herr Philipp iſt mit Fräulein Andrée abge⸗ reiſt.“ „Abgereiſt ¹“ rief Gilbert erſchrocken. „Ja. „Fräulein Andrée iſt alſo abgereiſt 2“ „Seit fünf Tagen.“ „Nach Paris?“ Der Aufwärter machte eine Bewegung, welche be⸗ ſagen wollte: „Ich weiß es nicht.“— „Wie, Sie wiſſen es nicht?“ rief Gilbert.„Fräulein Andröée iſt abgereiſt, ohne daß man weiß, wohin? Sie kann doch nicht ohne Urſache abgereiſt ſein.“ „CEi! welche Albernheit,“ erwiederte der Aufwärter mit geringer Ehrfurcht vor Gilberts kaſtanienbraunem Kleid;„ſicherlich hat ſie ſich nicht ohne Urſache entfernt.“ „Aber warum hat ſie ſich entfernt?“ „Um eine Luftveränderung vorzunehmen.“ „Eine Luftveränderung 2 wiederholte Gilbert. „Ja, es ſcheint die Luft von Trianon war ſchlecht für ihre Geſundheit, und auf Verordnung des Arztes hat ſie auch Trianon verlaſſen.“ Es war unnöthig, mehr zu fragen; der Aufwäͤrter der Communs hatte offenbar Alles geſagt, was er über Fräulein von Taverney wußte. Und dennoch konnte Gilbert in ſeinem Erſtaunen nicht an das, was er höorte, glauben. Er lief nach dem Zimmer von Andrée und fand die Thüre geſchloſſen. 8 8— =A 95 Bruchſtücke von Glas, Heu und Strohhalme, die im Corridor umherlagen, boten ſeinem Blick alle Reſultate eines Auszugs. 4 Gilbert kehrte in ſein altes Zimmer zurück, das er ſo fand, wie er es verlaſſen hatte. 9 Das Fenſter von Andrée ſtand offen, um Luft in die Wohnung einzulaſſen; ſein Auge konnte bis in'’s Vor⸗ zimmer tauchen. Die Wohnung war vollkommen leer. Gilbert überließ ſich ſodann dem heftigſten Schmerz; er ſtieß ſeinen Kopf an die Wand, rang die Hände und waͤlzte ſich auf dem Boden. Dann ſtürzte er wie ein Wahnfinniger aus der Man⸗ ſarde, eilte die Treppe hinab, als ob er Flügel hätte, drang, die Hände in ſeinen Haaren, in den Wald ein und ſank mit Schreien und Verwünſchungen mitten im Heide⸗ kraut, das Leben und die, welche es ihm geſchenkt, ver⸗ fluchend, nieder. 4 „Oh! es iſt vorbei, es iſt vorbei,“ murmelte er. „Gott will nicht, daß ich ſie wiederfinde; Gott will, daß ich vor Reue, Verzweiflung und Liebe ſterbe; ſo werde ich mein Verbrechen ſühnen, ſo werde ich diejenige rächen, welche ich verletzt habe. „Wo mag ſie ſein?. „In Taverney! Oh! ich werde gehen, ich werde gehen! ich werde bis an das Ende der Welt gehen, ich werde bis zu den Wolken hinaufſteigen, wenn es ſein muß. Ohl ich werde ihre Spur wiederfinden und ſie verfolgen, und müßte ich auf der Hälfte des Weges vor Hunger und Midigkeit niederſtürzen!“ Doch allmälig in ſeinem Schmerz durch den Aus⸗ bruch dieſes Schmerzes erleichtert, erhob ſich Gilbert, athmete freier, ſchaute mit etwas minder ſtierem Geſicht umher und ſchlug mit langſamen Schritten wieder den ſeg nach Paris ein., Diesmal brauchte er fünf Stunden, um ihn zurück⸗ zulegen. 96 „SDer Baron,“ ſagte er zu ſich ſelbſt mit einem ge⸗ wiſſen Anſchein von Vernunft,„der Baron hat Paris vielleicht nicht verlaſſen, und ich werde ihn ſprechen. Fräu⸗ lein Andrée iſt geflohen. Sie konnte in der That nicht in Trianon bleiben; doch wohin ſie auch gegangen ſein mag, ihr Vater muß es wiſſen; ein Wort von ihm wird mir ihre Spur andeuten, und dann wird er ſeine Tochter zurückrufen, wenn es mir gelingt, ſeinen Geiz zu über⸗ zeugen.“ Geſtärkt durch dieſen neuen Gedanken, kam Gilbert nach Paris Abends um ſieben Uhr zurück, das heißt in dem Augenblick, wo die Kühle die Spaziergänger nach den Champs⸗Elyſées lockte, wo Paris zwiſchen den erſten Ne⸗ beln des Abends und den erſten Feuern jenes ſcheinbaren Tages ſchwebt, der ihm einen Tag von vierundzwanzig Stunden macht.. In Folge des von ihm gefaßten Entſchluſſes ging der junge Mann gerade auf die Thüre des kleinen Hauſes der Rue Coq⸗Héron zu und klopfte ohne einen Augenblick zu zoͤgern an. Nur ein Stillſchweigen antwortete ihm. Er verdoppelte die Stöße des Klopfers, doch ohne daß der zehnte mehr Erfolg hatte, als der erſte. Da entſchwand ihm dieſes letzte Mittel, auf das er gerechnet hatte. Wahnſinnig vor Wuth in ſeine Hände beißend, um ſeinen Körper dafür zu beſtrafen, daß er we⸗ niger litt, als ſein Geiſt, wandte ſich Gilbert ungeſtüm um die Straßenecke, drückte an der Feder der Thüre von Rouſſeau und ſtieg die Treppe hinauf. 3 Das Sacktuch, das die dreißig Kaſſenbillets enthielt, enthielt auch den Schlüſſel vom Speicher. Gilbert ſtürzte hinein, wie er ſich in die Seine ge⸗ ſtürzt hätte, wenn ſie an dieſem Ort gelaufen wäre. 8 Dann, da der Abend ſchoͤn war und die Lämmer⸗ wolken im Azur des Himmels ſpielten, da ein ſüßer Wohl⸗ geruch von den Linden und den Kaſtanienbäumen in der Abenddämmerung aufſtieg, da die Fledermaus mit ihren 1 8——— 2 97 ſchweigſamen Flügeln an die Scheibe des Fenſterchens ſchlug, näherte ſich Gilbert, durch alle dieſe Empfindungen zum Leben zurückgerufen, der Dachluke; er ſah mitten unter den Bäumen den weißen Gartenpavillon hervor⸗ treten, wo er einſt Andrée wiedergefunden, die er für immer verloren geglaubt, er fühlte ſein Herz brechen und ſank beinahe ohnmächtig, ſeine Augen in einer ſchwankenden, ünfelizgen Beſchauung verloren, auf die Lehne der Dach⸗ rinne. 3 CLV. Worin Gilbert ſieht, daß es leichter iſt, ein Verbrechen zu begehen, als ein Vorurtheil zu beſiegen. Je mehr die ſchmerzliche Empfindung abnahm, die ſich Gilberts bemächtigt hatte, deſto klarer und ſchaͤrfer wurden ſeine Gedanken. Die immer dichter werdende Finſterniß verhinderte ihn mittlerweile, etwas zu unterſcheiden; da erfaßte ihn ein unüberwindliches Verlangen, die Baume, das Haus, die Gänge zu ſehen, was die Dunkelheit in eine Maſſe vermengt hatte, über der die Luft wie über einem Abgrund ſchwebte. Er erinnerte ſich, daß er ſich eines Abends, in glück⸗ licheren Zeiten, hatte wollen Kunde von Andrée verſchaffen, ſie ſehen, ſogar ſprechen hören, und daß er ſich mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens, noch leidend an der Krankheit, die auf den 31. Mai folgte, an der Dachrinne vom erſten Stock un auf den ſeligen Boden des Gartens hatte hinabgleiten aſſen. ——QZQCQ——n’’ — — — — 98 Damals war es äußerſt gefährlich, in dieſes Haus einzudringen, das der Baron bewohnte, ug Andrée ſo gut bewacht wurde, und dennoch, trotz dieſer Gefahr, erinnerte ſich Gilbert, wie ſüß die Lage geweſen, und wie freudig, als er den Ton ihrer Stimme hörte, ſein Herz geſchlagen hatte. „Wenn ich wieder anfinge, wenn ich zum letzten Mal die Erinnerung ſuchte, wo die Gegenwart war; wenn ich noch einmal, auf den Knieen, auf dem Sande der Alleen die angebetete Spur ſuchen würde, die dort die Tritte meiner Geliebten zurücklaſſen mußten.“ Dieſes Wort, dieſes furchtbare Wort, wenn es gehört worden wäre, artikulirte Gilbert beinahe laut, denn es machte ihm ein ſeltſames Vergnügen, es auszuſprechen. Gilbert unterbrach ſein Selbſtgeſpräch, um einen tiefen Blick auf die Stelle zu heften, wo, wie er nur noch errieth, der Pavillon ſein mußte. Dann, nach einem Augenblick des Schweigens und Forſchens, fügte er bei: „Nichts deutet an, daß der Pavillon von anderen Miethsleuten bewohnt wird, weder Lichter, noch Geräuſch, noch offene Thüren; gehen wir!“ Gilbert hatte ein Verdienſt: die Raſchheit der Aus⸗ führung, wenn er einmal einen Entſchluß gefaßt hatte. Er öffnete die Thüre ſeiner Manſarde, ging tappend wie ein Sylphe an der Thüre von Rouſſeau vorbei, und ließ ſich, als er den erſten Stock erreicht hatte, von dort muthig bis in den Garten hinab, auf die Gefahr, eine alte Hoſe aus dem am Morgen noch ſo friſchen Beinkleid zu machen. Als er unten am Spalier war, durchlief er alle die Gemüthsbewegungen ſeines erſten Beſuches im Pavillon, ließ den Sand unter ſeinen Tritten krachen und erkannte die kleine Thüre, durch welche Nicole Herrn von Beauſire eingeführt hatte. Endlich ging er auf die Freitreppe zu, um ſeine Lippen auf den meſſingenen Knopf des Sommerladens zu drücken, denn er ſagte ſich, ohne Zweifel habe die Hand 99 von Andrée dieſen Knopf berührt. Das Verbrechen von Gilbert hatte ihm eine Art von Religion aus ſeiner Liebe gemacht. Ploͤtzlich machte ein Geräuſch, das aus dem Innern kam, den jungen Mann beben, ein ſchwaches, dumpfes Geräuſch, wie das eines leichten Trittes auf dem Stuben⸗ boden. Gilbert wich zurück. Sein Kopf war leichenbleich, und ſeit acht bis zehn Tagen dergeſtalt gefoltert, daß er, als er ein Licht erblickte, das durch die Thüre drang, wähnte, der Aberglaube, dieſer Sohn des Unverſtandes und der Reue, zünde eine von jenen unheimlichen Fackeln an, und dieſe Fackel ſcheine auf die Latten der Sommerläden durch. Er wähnte, mit Schreckniſſen beladen, rufe ſeine Seele eine andere Seele hervor, und die Stunde von einer jener Verblendungen der Sinne, wie ſie alle Narren und ausſchweifend leiden⸗ ſchaftliche Menſchen haben, ſei gekommen. Und dennoch kamen die Tritte und das Licht immer näher. Gilbert ſah und hörte, ohne zu glauben; doch plötzlich und in dem Augenblick, wo der junge Mann ſich näherte, um durch die Latten zu ſchauen, öffnete ſich der Laden, er wurde durch den Schlag an die Wand zurück⸗ geworfen, ſtieß einen gewaltigen Schrei aus und fiel auf ſeine Kniee nieder. Was ihn niederwarf, war weniger der Schlag, als der Anblick: in dieſem Haus, das er verlaſſen glaubte, an deſſen Thüre er, ohne daß man ihm öffnete, geklopft hatte, ſah er Andrée erſcheinen. Das Mädchen, denn Andrée war es und nicht ein Schatten, ſtieß einen Schrei aus, wie Gilbert; minder er⸗ ſchrocken, denn ohne Zweifel erwartete ſie Jemand, fragte Fräulein von Taverney ſodann: „Was gibt es? Wer ſind Sie? was wünſchen Sie?“ „Oh! ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein,“ murmelte Gilbert, das Geſicht demüthig gegen den Boden gewendet. 1 —— 2——————————— 100 „Gilbert, Gilbert hier!“ rief Andrée mit einer Ver⸗ wunderung, die von Furcht und Zorn frei war;„Gilbert in dieſem Garten! Was wollen Sie hier, mein Freund?“ Dieſe letzte Benennung klang ſchmerzlich bis in der Tiefe des Herzens von Gilbert. „Oh!“ ſagte er mit bewegter Stimme,„ſchmettern Sie mich nicht nieder, mein Fräulein, ſeien Sie barm⸗ herzig, ich habe ſo viel gelitten!“ Andrée ſchaute Gilbert ganz erſtaunt und wie eine Frrau an, welche durchaus nicht begreift, was eine ſolche Demuth bedeuten ſoll, und ſprach: „Stehen Sie vor Allem auf und erklären Sie mir, wie Sie hierherkommen.“ „Oh! mein Fränlein,“ rief Gilbert,„ich werde nicht eher aufſtehen, als bis Sie mir verziehen haben.“ „Was haben Sie denn gegen mich gethan, daß ich Ihnen verzeihen ſoll? Sprechen Sie, erklären Sie ſich; jedenfalls,“ fuhr ſie mit einem ſchwermüthigen Lächeln fort,„jedenfalls muß, da die Beleidigung nicht groß ſein kann, die Verzeihung leicht ſein. Philipp hat Ihnen den Schlüſſel gegeben.“ „Den Schlüſſel?“ „Allerdings, es war verabredet, daß ich Niemand in ſeiner Abweſenheit öffnen ſollte, und da Sie hereinge⸗ kommen ſind, ſo muß er wohl die Mittel erleichtert haben, wenn Sie nicht etwa über die Mauern kletterten.“ „Ihr Bruder, Herr Philipp?“ ſtammelte Gilbert; „nein, nein, nicht er; doch es handelt ſich nicht um Ihren Bruder, mein Fräulein.. Sie ſind alſo nicht abgereiſt? Sie haben alſo Frankreich nicht verlaſſen? O Glück, un⸗ erwartetes Glück!“ Gilbert hatte ſich auf ein Knie erhoben und dankte, die Arme geöffnet, dem Himmel mit einem ſeltſamen Ver⸗ trauen. Andrée neigte ſich zu ihm herab, ſchaute ihn unruhig an und ſagte: „Sie ſprechen wie ein Narr, Herr Gilbert, und Sie —2—— 101 werden mein Kleid zerreißen; ich bitte Sie, laſſen Sie doch mein Kleid los und machen Sie dieſer Komödie ein Ende.“ Gilbert ſtand auf und erwiederte: „Nun find Sie zornig; doch ich darf mich nicht dar⸗ über beklagen, denn ich habe es verdient; ich weiß wohl, daß ich nicht ſo hätte erſcheinen ſollen; doch was wollen Sie? es war mir voͤllig unbekannt, daß Sie dieſen Pavillon bewohnen; ich glaubte ihn leer, verödet; was ich hier ſuchte, war nichts Anderes, als die Erinnerung an Sie... Der Zufall allein... In der That, ich weiß nicht mehr, was ich ſage; entſchuldigen Sie mich; ich wollte mich vor Allem an Ihren Herrn Vater wenden; doch er war verſchwunden.“ Andrée machte eine Bewegung. „An meinen Vater,“ ſagte ſie,„und warum an meinen Vater?“ Gilbert täuſchte ſich in dieſer Frage und erwiederte: „Oh! weil ich Sie zu ſehr fürchte; und dennoch weiß ich wohl, daß es beſſer iſt, wenn Alles unter uns verhandelt wird; das iſt das ſicherſte Mittel, Alles wieder gut zu machen.“ „Gut machen! was ſoll das bedeuten?“ fragte Andrée,„ſprechen Sie, was ſoll gut gemacht werden?“ Gilbert ſchaute ſie mit Augen voll Liebe und De⸗ muth an. „Oh! erzürnen Sie ſich nicht,“ ſagte er;„ich weiß, es iſt eine große Vermeſſenheit von mir, von mir, der ich ſo wenig bin, es iſt eine große Vermeſſenheit, ſage ich, die Augen ſo hoch zu erheben; doch das unglück iſt geſchehen.“ Andrée machte eine Bewegung. „Das Verbrechen, wenn Sie wollen,“ fuhr Gilbert fort,„ja, das Verbrechen, denn es war wirklich ein großes Verbrechen. Doch klagen Sie wegen dieſes Verbrechens das Verhängniß an, mein Fräulein, aber nie mein Herz.“ „Ihr Herz... Ihr Verbrechen... das Verhäng⸗ 10⁰² niß... Sie ſind wahnſinnig, Herr Gilbert, und machen mir bange.“ „Oh! unmöglich kann ich Ihnen mit ſo viel Chrfurcht, mit ſo viel Reue, die Stirne gebeugt und die Hände ge⸗ faltet, ein anderes Gefühl einflößen, als Mitleid. Mein Fräulein, hören Sie, was ich Ihnen ſagen werde, und es iſt eine heilige Verpflichtung, die ich im Angeſicht Gottes und der Menſchen übernehme; mein ganzes Leben ſoll der Sühnung der Verirrung eines Augenblicks geweiht ſein; Ihr zukünftiges Glück ſoll ſo groß ſein, daß es alle ver⸗ gangene Schmerzen tilgt, mein Fräulein...“ Gilbert zögerte. „Mein Fräulein, geben Sie Ihre Einwilligung zu iher Heirath, welche eine ſtrafbare Verbindung heiligen wird.“ Andrée machte einen Schritt rückwärts. „Nein, nein,“ ſagte Gilbert,„ich bin kein Wahn⸗ ſinniger; ſuchen Sie nicht zu fliehen, entreißen Sie mir nicht Ihre Hände, die ich küſſe; haben Sie Gnade, haben Sie Mitleid, willigen Sie ein, meine Frau zu werden.“ „Ihre Frau!“ rief Andrée, die nun glaubte, ſie ſelbſt würde wahnſinnig. „Oh!“ fuhr Gilbert mit herzzerreißendem Schluchzen fort,„oh! ſagen Sie mir, daß Sie mir jene gräßliche Nacht verzeihen; ſagen Sie, mein Unterfangen habe Ihren Abſcheu erregt, ſagen Sie aber auch, Sie verzeihen meiner Reue, ſagen Sie, meine ſo lange unterdrückte Liebe recht⸗ fertige mein Verbrechen.“ „Elender!“ rief Andrée mit wilder Wuth,„Du warſt es alſo? Oh! mein Gott, mein Gott!“ Und ſie griff nach ihrem Kopf und preßte ihn zwi⸗ ſchen ihren Händen, als wollte ſie ihren empoͤrten Geiſt zu fliehen verhindern. Gilbert wich ſtumm und wie verſteinert vor dieſem ſchönen, bleichen Meduſenhaupte zurück, das zugleich Schrecken und Erſtaunen ausdrückte. „Mein Gott! war mir dieſes Unglück vorbehalten!“ rief das Mädchen, einer wachſenden Eraltation preisge⸗ t 103 geben;„ſoll ich ſo unglücklich ſein, meinen Namen dop⸗ pelt geſchändet zu ſehen: geſchändet durch das Verbrechen, geſchändet durch den Verbrecher? Antworte, Feiger! ant⸗ worte, Elender! Du warſt es alſo?“ „Sie wußte es nicht,“ murmelte Gilbert vernichtet. „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ rief Andrée, in ihr Zimmer zurückkehrend:„Philipp! Philipp! Philipp herbei!“ Gilbert, der ihr düſter und in Verzweiflung gefolgt war, ſchaute umher und ſuchte mit den Augen entweder einen Platz, um edel unter den Streichen, die er erwartete, zu fallen, oder eine Waffe, um ſich zu vertheidigen. Doch Niemand kam auf den Ruf von Andrée. An⸗ drée war allein in der Wohnung. „Allein! oh! allein!“ rief das Mädchen unter Zuckungen der Wuth.„Hinaus, Elender! verſuche nicht den Zorn Gottes!“ Gilbert erhob ſachte das Haupt und ſprach: „Ihr Zorn iſt für mich der furchtbarſte; haben Sie Mitleid, mein Fräulein, ſchlagen Sie mich nicht ſo nieder.“ Und er faltete flehend die Hände. „Mörder! Moͤrder! Mörder!“ ſchrie Andrée. „Sie wollen mich alſo nicht hören!“ rief Gilbert; „hören Sie mich doch wenigſtens zuerſt an und laſſen Sie mich hernach tödten, wenn Sie wollen.“ „Dich anhören, auch noch dieſe Qual!... Und was wirſt Du ſagen!“ „Was ich ſo eben ſagte: daß ich ein Verbrechen be⸗ gangen habe, ein Verbrechen, das ſehr entſchuldbar Jedem erſcheinen muß, der in meinem Herzen zu leſen vermag, und daß ich die Genugthuung für dieſes Verbrechen bringe.“ „Oh! das iſt alſo der Sinn des Wortes, das mich ſchauern machte, ehe ich es begriff... eine Heirath!... Ich glaube, Sie haben dieſes Wort ausgeſprochen?“ „Mein Fräulein!“ ſtammelte Gilbert. „Eine Heirath!“ fuhr das Mädchen mit wachſender Heftigkeit fort.„Oh! es iſt nicht Zorn, was ich gegen Sie fühle; es iſt Verachtung, es iſt Haß; bei dieſer Ver⸗ 4 104 achtung iſt ein ſo niedriges und ſo furchtbares Gefühl, daß ich nicht begreife, wie man lebend den Ausdruck ſo er⸗ tragen kann, wie ich Ihnen denſelben in’s Geſicht ſchgeudere.“ Gilbert erbleichte, zwei Thränen des Grimms glänzten an den Franſen ſeiner Augenlider. „Mein Fräulein,“ ſagte er ganz bebend,„ich bin in der Shat nicht ſo wenig, daß ich nicht den Verluſt Ihrer Ehre wieder gut zu machen im Stande wäre.“ Andrée richtete ſich auf und erwiederte mit ſtolzer Miene: „Wenn es ſich um eine verlorene Ehre handelte, mein Herr, ſo wäre dies Ihre Ehre und nicht die meinige. So wie ich bin, iſt meine Ehre unverſehrt, und wenn ich Sie heirathete, würde ich mich entehren.“ „Ich glaubte nicht,“ entgegnete Gilbert mit kaltem, einſchneidendem Ton,„ich glaubte nicht, daß eine Frau, wenn ſie Mutter geworden iſt, etwas Anderes in Betracht ziehen dürfe, als die Zukunft ihres Kindes.“ „Und ich, ich denke nicht, daß Sie es wagen, ſich hierum zu bekümmern,“ ſagte Andrée, deren Augen funkelten. „Ich bekümmere mich im Gegentheil darum,“ erwie⸗ derte Gilbert, der ſich allmälig unter dem erbitterten Fuß, der ihn niedertrat, erhob.„Ich bekümmere mich im Ge⸗ gentheil darum, denn dieſes Kind ſoll nicht Hungers Kerben, wie dies oft in den Häuſern der Adeligen geſchieht, wo die Mädchen ihre Ehre auf ihre Weiſe verſtehen. Die Menſchen ſtehen einander an Werth gleich; Männer, welche ſelbſt mehr werth waren, als die Anderen, haben dieſen Grundſatz ausgeſprochen. Daß Sie mich nicht lieben, be⸗ greife ich, denn Sie ſehen mein Herz nicht; daß Sie mich verachten, begreife ich abermals, denn Sie wiſſen nicht, was ich denke; doch daß Sie mir das Recht verweigern, mich um mein Kind zu bekümmern, werde ich nie begreifen. Ach! indem ich Sie zu heirathen ſuchte, entſprach ich nicht einem Verlangen, einer Leidenſchaft, einem Chrgeiz; ich erfüllte meine Pflicht, ich verurtheilte mich, Ihr Mann zu ſein, ich gab Ihnen mein Leben... Eil mein Gott, Sie 105 würden nie meinen Namen geführt haben, wenn Sie hätten wollen, Sie hätten mich fortwährend als Gärtner Gilben behandelt, und das wäre billig geweſen, doch Ihr Kind müßten Sie nicht opfern. Hier ſind dreimal hun⸗ derttauſend Livres, die mir mein edelmüthiger Beſchützer, der mich anders beurtheilte, als Sie, als Mitgift gegeben hat. Wenn ich Sie heirathe, gehört dieſes Geld mir; für mich aber brauche ich nichts, als ein wenig Luft, wenn ich lebe, und ein Grab in der Erde, um meinen Körper darin zu verbergen, wenn ich ſterbe. Was ich mehr habe, gebe ich meinem Kind; ſehen Sie, hier ſind dreimal hun⸗ derttauſend Livres.“ Und er legte auf den Tiſch die Maſſe der Blllets, beinahe unter die Hand von Andrée. „Mein Herr,“ ſagte dieſe,„Sie irren ſich gewaltig, Sie haben kein Kind.“ „Ich? „Von welchem Kind ſprechen Sie denn?“ fragte Andrée. „Von dem, deſſen Mutter Sie find. Haben Sie nicht vor zwei Perſonen, vor Ihrem Bruder Philipp, vor dem Grafen Balſamo bekannt, Sie ſeien in andern 6 Tmae und ich Unglücklicher ſei der Vater?“ Ah! Sie haben das gehört,“ rief Andrée;„nun! deſto beſſer, deſto beſſer; dann vernehmen Sie, was ich Ihnen antworte: Sie haben mir ſchändlicher Weiſe Gewalt Püen 4 Sie haben mich wahr, ich bin Mutter; doch mein K a Mutter, hören Sie wohl? Es iſt wahr, Sie haben S geſchändet, doch Sie ſind nicht der Vater meines Kindes. Und ſie ergriff die Billets und warf ſie verächtlich 5 aus dem Zimmer, daß ſie fliegend das bleiche Geſicht es unglücklichen Gilbert ſtreiften. Da erfaßte ihn eine Bewegung ſo düſterer Wuth, 106 daß der gute Engel von Andrée noch eiumal für ſie zit⸗ 1 tern mußte. Doch dieſe Wuth wurde gerade durch ihre Kektigkeit im Zaume gehalten, und der junge Mann ging an Andrée vorbei, ohne ihr einen Blick zuzuwerfen. Er hatte nicht ſobald die Schwelle überſchritten, als ſie ihm nachſtürzte und Thüren, Fenſter und Läden ſchloß, als ob ſie durch dieſe ungeſtüme Handlung das Weltall zwiſchen die Gegenwart und die Vergangenheit ſetzen würde! CLVI. Der Entſchluß. Wie Gilbert in ſeine Wohnung zurückkehrte, wie er, ohne vor Wuth und Schmerz zu ſterben, die Aalen de 9 Nacht aushalten konnte, wie er nicht wenigſtens mit un Haaren aufſtand, dies dem Leſer zu erklären, iee 1 nicht unternehmen.. Als es Tag war, fühlte Gilbert ein heftiges Ver⸗ langen, Andrée zu ſchreiben, um ihr alle die ſo ſtichhal⸗ tigen, ſo redlichen Beweiſe auseinanderzuſetzen, welche in der Nacht ſeinem Gehirn entſprungen waren; doch er hatte ſchon an zu vielen Umſtänden den unbeugſamen Charakter des Mädchens erfahren, und es blieb ihm keine Hoffnung mehr. Schreiben war überdies eine Einräumung, welche ſeinem Stolz widerſtrebte. Der Gedanke, ſein Brief würde zerknittert, ungeleſen vielleicht weggeworfen werde er würde nur dazu dienen, eine Meute erbitterter, unver⸗ ſtändiger Feinde auf ſeine Fährte zu bringen, dieſer G danke war ein Grund, daß er nicht ſchrieb. . —— 8 —— unu a 2 4 107 Gilbert dachte nun, ein Schritt von ihm würde beſ⸗ ſer aufgenommen werden vom Vater, der ein Habſüchtiger und ein Ehrgeiziger, vom Bruder, der ein Mann von Herz ſei und deſſen erſte Bewegung er allein zu fürchten habe.„Aber,“ ſagte er ſich,„wozu ſoll es nützen, daß mich Herr von Taverney oder Herr Philipp unterſtützt, wenn Andrée mich mit ihrem ewigen: Ich kenne Sie nicht! verfolgt. „Es iſt gut,“ fügte er in ſeinem Innern bei;„nichts bindet mich mehr an dieſe Frau; ſie ſelbſt iſt bemüht ge⸗ weſen, die Bande zu zerreißen, die uns einigten.“ Er ſagte dies, während er ſich vor Schmerz auf ſei⸗ nem Lager wälzte, während er ſich voll Wuth der gering⸗ ſten Einzelnheiten des Geſichts, der Stimme von Andrée erinnerte; er ſagte dies, während er eine unausſprech⸗ liche Marter ausſtand, denn er liebte bis zum Wahnſinn. Als die Sonne, ſchon hoch am Hortzont, in ſeine Manſarde drang, erhob ſich Gilbert ſchwankend mit der letzten Hoffnung, ſeine Feindin im Garten oder im Pavillon zu erblicken. Ddies war noch eine Freude im Unglück. Hoch plötzlich überfluthete eine bittere Woge des Aer⸗ gers, der Reue, des Zornes ſeinen Geiſt; er erinnerte ſich Alles veſſen, was ihn das Mädchen an Ekel, an Verach⸗ tung hatte ausſtehen laſſen, und ſprach, indem er mitten im Speicher durch einen Befehl, den der Wille ſtrenge der Materie gab, ſtehen blieb: „Nein! nein, Du wirſt nicht an's Fenſter gehen, um zu ſchauen; nein, Du wirſt Dir nicht mehr das Gift ein⸗ träufeln, an dem Du gern ſterben möchteſt. Es iſt eine Grauſame, die nie, wenn Du die Stirne vor ihr beugteſt, Dir zulächelte, nie ein Wort des Troſtes oder der Freund⸗ ſchaft an Dich richtete, die ein Vergnügen darin fand, mit ihren Nägeln Dein noch von Unſchuld und keuſcher Llebe erfülltes Herz zu zerreißen. Es iſt ein Geſchöpf ohne Ehre und ohne Religion, das ſeinem Kind den Vater, ſeine natürliche Stütze, verleugnet, und das arme kleine 108 Geſchöpf der Vergeſſenheit, dem Elend, dem Tod vielleicht überantwortet, weil dieſes Kind den Schooß entehrt, in dem es empfangen worden iſt. Nein, Gilbert, ſo ſtrafbar Du auch ſein magſt, ſo verliebt und feig Du auch biſt, ich verbiete Dir, an dieſe Dachluke zu gehen und einen einzigen Blick in der Richtung des Pavillon auszuſenden; ich verblete Dir, Mitleid mit dem Schickſal jener Frau zu bekommen, und die Federn Deiner Seele durch den Ge⸗ danken an Alles, was vorgefallen iſt, zu ſchwächen. Nütze Dein Leben, wie das Vieh, in der Arbeit und der Befriedigung der materiellen Bedürfniſſe ab; verbrauche die Zeit, welche zwiſchen der Schmach und der Rache vergehen wird, und erinnere Dich ſtets, daß das einzige Mittel, Dich ſelbſt zu achten und Dich über dieſen hoffär⸗ tigen Adeligen zu halten, darin beſteht, daß Du Dich adeliger benimmſt als ſie.“ Bleich, zitternd, von ſeinem Herzen nach dem Fenſter gezogen, gehorchte er dennoch dem Befehl des Geiſtes. Man hätte ihn konnen allmälig, langſam, als ob ſeine Füße auf dem Speicher Wurzel gefaßt hätten, Schritt für Schritt nach der Treppe zugehen ſehen. Endlich ging er hinaus, um ſich zu Balſamo zu begeben. Doch plötzlich ſich eines Andern beſinnend. ſagte er: „Ich Narr! ich elender Hirnloſer, der ich bin, ich ſprach, glaube ich, von Rache, und welche Rache werde ich üben? „Die Frau tödten? Oh! nein, ſie würde glücklich, mich durch eine Beleidigung mehr zu brandmarken, fallen! Sie öffentlich entehren? Oh! das wäre die Sache eines Feiglings!... Gibt es einen empfindlichen Platz in der Seele dieſes Geſchöpfes, wo mein Nadelſtich ſo ſchmerz⸗ lich trifft, als ein Dolchſtoß?... Die Demüthigung iſt es, was ſie haben muß, denn ſie iſt noch ſtolzer als ich. „Sie demüthigen... ich... wie? Ich habe nichin ich bin nichts, und ſie wird ohne Zweifel verſchwinden. Sicherlich würden ſie meine Gegenwart, häufige Erſchei⸗ nungen, ein Blick der Verachtung oder der Herausfor⸗ — +*————— ☛ ¶ ðᷣ N 109 derung grauſam beſtrafen. Ich weiß wohl, daß die Mutter ohne Gemüth eine Schweſter ohne Herz wäre, und mir ihren Bruder zuſchicken würde, um mich zu tödten; doch wer hält mich ab, einen Menſchen tödten zu lernen, wie ich vernünftig ſchließen oder ſchreiben gelernt habe; wer halt mich ab, Philipp niederzuſchlagen, ihn zu entwaffnen, dem Rächer wie der Beleidigten in's Geſicht zu lachen? Nein, dieſes Mittel iſt ein Komödienmittel; derjenige zählt auf ſeine Geſchicklichkeit und ſeine Erfahrung, welcher nicht den Dazwiſchentritt Gottes oder des Zufalls be⸗ rechnet hat... Allein, ich allein, mit meinem nackten Arm, mit einer der Einbildungskraft entkleideten Vernunft, mit der Stärke der mir durch die Natur und meinen Willen gegebenen Muskeln werde ich die Pläne dieſer Un⸗ glücklichen zu nichte machen... Was will Andrée, was beſitzt ſie, was ſtellt ſie zu ihrer Vertheidigung und zu meiner Schmach voran?... Suchen wir.“ Und er beugte ſich auf den Rand des Mauervor⸗ ſprungs und verſank, das Auge ſtarr, in tiefes Nachſinnen. „Was Andiée gefallen kann,“ ſagte er,„iſt das, was ich haſſe. Ich muß alſo Alles zerſtören, was ich haſſe. Zerſtören! oh! nein... meine Rache führe mich nie zum Böſen! ſie zwinge mich nie, das Eiſen oder das Feuer anzuwenden! Was bleibt mir dann? Ich muß die Urſache der Ueberlegenheit von Andrée ſuchen; ich muß ſehen, durch welche Feſſel ſte zugleich mein Herz und meinen Arm zurückhalten will. Oh! ſie nicht mehr ſehen! oh! nicht mehr von ihr angeſchaut werden! oh! auf zwei Schritte an dieſer Frau vorübergehen, wenn ſie lächelnd, mit ihrer frechen Schönheit, ihr Kind an der Hand führen wird, ihr Kind, das mich nie kennen lernen ſoll... Himmel und Erde!“ Gilbert begleitete dieſen Satz mit einem wüthenden Fauſtſchlag an die Wand und mit einer noch furchtbareren Verwünſchung, welche zum Himmel entflog. „Ihr Kind! das iſt das ganze Geheimniß. Sie Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 8 1¹⁰ darf nie dieſes Kind beſitzen, das ſie den Namen Gilbert verfluchen lehren würde. Sie muß im Gegentheil erfahren, daß dieſes Kind in der Verwünſchung des Namens Andrée aufwachen wird! Mit einem Wort, dieſes Kind, das ſie nicht lieben, das ſie vielleicht plagen würde, denn ſie hat ein boͤſes Herz, dieſes Kind, mit dem man mich beſtändig geißeln würde, darf Andree nie ſehen, und ſie ſoll, wenn ſie es verloren hat, ein Gebrülle ausſtoßen, ähnlich dem der Löwinnen, die man ihrer Jungen beraubt!“ Gilbert erhob ſich ſchön vor Zorn und wilder Freude. „Das iſt es,“ ſagte er, die Fauſt gegen den Pavillon von Andrée ausſtreckend;„Du haſt mich zur Schmach, zur Vereinzelung, zur Reue, zur Liebe verurtheilt... ich verurtheile Dich zum Leiden ohne Frucht, zur Vereinzelung, zur Schmach, zur Angſt, zum Haß ohne Rache. Du wirſt mich ſuchen, ich werde geflohen ſein; Du wirſt dem Kind rufen, und ſollteſt Du es zerreißen, wenn Du es wiederfändeſt; aber ich werde wenigſtens eine Wuth des BVerlangens in Deiner Seele entzündet haben; ich werde eine Künge ohne Griff in Dein Herz geſtoßen haben. Ja, ja, das Kind! „Ich werde das Kind haben, Andrée; ich werde nicht Dein Kind, wie Du ſagſt, ſondern mein Kind haben. Gilbert wird ſein Kind haben! einen durch ſeine Mutter adeligen Sohn.“ Und er belebte ſich unmerklich in den Entzückungen eines Freudenrauſches. „Auf!“ ſagte er,„es handelt ſich nicht um gemeinen Aerger, oder um kleine ſchäferliche Lamentationen; es handelt ſich um ein ſchönes und gutes Complott. Ich habe nicht mehr meinem Blick zu befehlen, den Pavillon nicht zu ſuchen, ſondern ich muß meine ganze Kraft, meine ganze Seele aufbieten, daß ſie wachen, um den Er⸗ folg meines Unternehmens zu ſichern. 3 5„Andrée,“ ſprach er, indem er ſich feierlich dem Fenſter näherte,„ich werde Tag und Nacht wachen; Du wirſt keine Bewegung mehr machen, ohne daß ich ſie be⸗ ——— NU — 111 ſpähe, Du wirſt keinen Schmerzensſchrei mehr ausſtoßen, ohne daß ich Dir einen noch ſchärferen Schmerz verſpreche; Du wirſt nicht das leichteſte Lächeln mehr auf Deine Lippen treten laſſen, ohne daß ich mit einem höhniſchen und beleidigenden Gelächter darauf antworte. Du biſt meine Beute; ein Theil von Dir gehört mir; ich wache, ich wache.“ Dann näherte er ſich der Dachluke und ſah, wie ſich die Läden des Pavillon öffneten, worauf der Schatten von Andrée, ohne Zweifel durch einen Spiegel zurückgeworfen, an den Vorhängen und an der Decke des Zimmers hin⸗ ſchlüpfte.. 4 Endlich kam Philipp, der früher aufgeſtanden war, aber in ſeinem Zimmer, das hinter dem von Andrée lag, gearbeitet hatte. Gilbert bemerkte, wie belebt das Geſpräch der Ge⸗ ſchwiſter war. Sicherlich war von ihm und von der Scene am vorhergehenden Tag die Rede. Philipp ging mit einer Art von Verlegenheit auf und ab. Die Ankunft von Gilbert hatte vielleicht etwas an den Einquartierungs⸗ plänen verändert; vielleicht wollte man anderswo den Frieden, die Dunkelheit, die Vergeſſenheit ſuchen. Bei dieſem Gedanken wurden die Augen von Gilbert leuchtende Strahlen, welche den Pavillon entzündet hätten und bis in den Mittelpunkt der Erde gedrungen wären! Doch beinahe in demſelben Augenblick trat ein Dienſt⸗ mädchen durch die Gartenthüre ein; es kam mit irgend einer Empfehlung. Andrée nahm das Mädchen an, denn es brachte ſogleich ſein kleines Päckchen mit Kleidungs⸗ ſtücken in dem Zimmer unter, das einſt Nicole bewohnt hatte; dann beſtätigten verſchiedene Einkäufe von Meubles, Geräthſchaften, Mundvorräthen, Gilbert in der Voraus⸗ ſetzung, der Bruder und die Schweſter haben hier eine friedliche Wohnung genommen. Pbhilipp unterſuchte mit der größten Sorgfalt die Schlöſſer der Gartenthüre. Was aber hauptſächlich Gilbert bewies, man habe den Verdacht, er ſei mittelſt eines Nacht⸗ 112 ſchlüſſels, den ihm vielleicht Nicole gegeben, hereingekom⸗ men, war der Umſtand, daß der Schloſſer in Philipps Gegenwart das Schloß veränderte. Das war die erſte Freude, welche Gllbert ſeit allen dieſen Ereigniſſen erlebte. Er lächelte ſpöttiſch und ſagte: „Arme Leute... ſie ſind nicht ſehr gefährlich; ſie halten ſich an das Schloß und ahnen nicht einmal, ich könne die Kraft gehabt haben, hineinzuklettern! Welch einen armſeligen Begriff haben ſie von Dir, Gilbert. Deſto beſſer. Ja, ſtolze Andrée,“ fügte er bei,„trotz der Schlöſſer Deiner Thüre konnte ich, wenn ich wollte, zu Dir dringen... Aber endlich iſt das Glück auch auf meiner Seite; ich verachte Dich... und wenn nicht die Phantaſie...“ Er pirouettirte auf den Abſätzen, die galanten Herren des Hofes nachahmend. „Doch nein,“ fuhr er bitter fort,„das iſt meiner würdiger; ich will nichts mehr von Ihnen!... Schlafen Sie ruhig; ich habe etwas Beſſeres, als Ihren Beſitz, um Sie nach Belieben zu quälen; ſchlafen Sie!“ Er verließ die Dachluke und ſtieg, nachdem er einen Blick auf ſeine Kleider geworfen hatte, die Treppe hinab, um ſich zu Balſamo zu begeben. CLVII. Am fünfzehnten December. Gilbert fand bei Fritz keine Schwierigkeit, um bei Balſamo eingeführt zu werden. Der Graf ruhte auf einem Sopha, wie es die reichen und müßigen Leute thun, von der Anſtrengung, eine ga 113 Nacht geſchlafen zu haben, aus; das dachte wenigſtens Gilbert, als er ihn zu einer ſolchen Stunde ſo ausge⸗ ſtreckt ſah. Man muß glauben, daß der Kammerdiener Befehl erhalten hatte, Gilbert, ſobald er ſich zeigen würde, einzu⸗ führen, denn er brauchte nicht einmal ſeinen Namen zu ſagen oder den Mund zu öffnen. Als er in den Salon eintrat, erhob ſich Balſamo leicht auf ſeinen Ellenbogen und ſchloß ſein Buch, das er, ohne es zu leſen, offen in der Hand hielt. „Hoho!“ ſagte er,„das iſt ein Burſche, der ſich ver⸗ heirathet.“ Gilbert antwortete nicht. „Es iſt gut,“ fuhr der Graf fort, indem er wieder ſeine gleichgültige Haltung annahm,„Du biſt glücklich, und Du biſt beinahe erkenntlich. Sehr ſchön! Du kommſt, um mir zu danken; das iſt Ueberfluß. Behalte das für neue Bedürfniſſe. Die Dankſagungen ſind eine Münze, welche viele Leute befriedigt, wenn ſie mit einem Lächeln ausgetheilt wird. Gehe, mein Freund, gehe.“ Es lag in dieſen Worten und in dem Ton, mit dem ſie Balſamo ausſprach, etwas tief Trauriges, was Gilbert zugleich wie ein Vorwurf und wie eine Offenbarung be⸗ rührte. „Nein,“ ſagte er,„nein, Sie täuſchen ſich, mein Herr; man heirathet mich gar nicht.“ „Oh!“ rief der Graf,„was willſt Du dann hier? Was iſt geſchehen?“ „Es iſt geſchehen, daß man mir die Thüre gewieſen hat,“ antwortete Gilbert. Der Graf wandte ſich völlig um. 1 „Du haſt Dich ungeſchickt benommen, mein Lieber.“ „Nein, Herr Graf, ich glaube wenigſtens nicht.“ „Wer hat Dich abgewieſen?“ „Das Fräulein.“ „Das war ſicher; warum haſt Du nicht mit dem Vuater geſprochen?“ 114 „Weil es das Verhängniß nicht wollte.“ „Ah! wir ſind Fataliſt 2“ „Ich beſitze das Mittel nicht, Glauben zu haben.“ Balſamo faltete die Stirne, ſchaute Gilbert mit einer Art von Neugierde an und erwiederte: „Sprich nicht ſo von Dingen, die Du nicht kennſt; bei den gemachten Männern iſt das Albernheit; bei den Kindern iſt es Uebermuth. Ich erlaube Dir, Hochmuth zu haben, doch nicht ein Einfaltspinſel zu ſein; ſage mir, Da beſitzeſt nicht das Mittel, ein Dummkopf zu ſein, und ich werde es billigen. Zur Sache, was haſt Du gethan?“ „Hören Sie; ich wollte wie die Dichter träumen, ſtatt zu handeln; ich wollte unter den Bäumen ſpazieren gehen, wo mir das Vergnügen zu Theil geworden, von der Liebe zu träumen, und plötzlich ſtellte ſich die Wirk⸗ lichkeit vor mich, ohne daß ich vorbereitet war; die Wirk⸗ lichkeit hat mich auf der Stelle getödtet.“ „Ganz natürlich, Gilbert, denn ein Menſch in der Lage, in der Du Dich befindeſt, gleicht den Leuten der Vorhut einer Armee: ſolche Leute dürfen nur mit der Muskete in der rechten Fauſt und mit der Blendlaterne in der linken marſchiren.“ „Kurz, ich bin geſcheitert; Fräulein Andrée nannte mich einen Ruchloſen, einen Mörder, und ſagte mir, ſie würde mich umbringen laſſen.“ „Gut, aber ihr Kind!“ „Sie ſagte mir, ihr Kind gehöre ihr und nicht mir.“ „Hernach?“ „ernach habe ich mich entfernt.“ Gilbert ſchaute empor und fragte: „Was hätten Sie gethan?“ 5 3,3c) weiß es noch nicht; ſage mir, was willſt Du thun?“ 4 „Sie für die Demüthigung beſtrafen, die ſie mich hat ausſtehen laſſen.“ 3 „Das iſt ein Wort.“ 4 115 „Nein, mein Herr, das iſt ein Entſchluß.“ „Aber Du haſt Dir vielleicht Dein Geheimniß ent⸗ reißen laſſen... Dein Geld?“ „Mein Geheimniß gehört mir, und ich laſſe es mir von Niemand nehmen; das Geld gehört Ihnen, und ich bringe es zurück.“ Heiebei öffnete Gilbert ſeine Weſte und zog die dreißig Kaſſenbillets heraus, die er auf dem Tiſch von Balſamo ausbreitete und pünktlich zählte. Der Graf nahm ſie und legte ſie zuſammen, wäh⸗ rend er beſtändig Gilbert beobachtete, deſſen Geſicht nicht die geringſte Gemüthsbewegung verrieth. „Er iſt ehrlich, er iſt nicht geizig, er hat Geiſt, Fe⸗ ſtigket... Das iſt ein Mann,“ dachte er. „Nun, Herr Graf,“ ſprach Gilbert,„nun habe ich Ihnen Rechenſchaft über die zwei Louis d'or abzulegen, die Se mir gegeben. „Uebertreibe nichts,“ erwiederte Balſamo;„es iſt ſchön, hunderttauſend Thaler zurückzugeben, es iſt kindiſch, achtundtierzig Livres zurückgeben zu wollen.“ „Ihh wollte ſie Ihnen nicht zurückgeben, ſondern nur Ihnen ſigen, was ich mit dieſen Louis d'or gemacht habe, dauit Sie wüßten, ich brauche noch mehr.“ „Das iſt etwas Anderes, Du verlangſt alſo?“ „Ich bitte.“ „Wozi²“ „Um twas von dem zu thun, was Sie ſo eben ein Wort nannten.“ „Gut. Du willſt Dich rächen?“ „Ich gaube auf eine edle Weiſe.“ „Ich zweifle nicht daran, aber grauſam, nicht wahr?* „Das iſ ſo.“ „Wie vill brauchſt Du?“ 3 „Zwanzittauſend Livres.“ „Und Di wirſt dieſe junge Frau nicht berühren?“ „Ich werie ſie nicht berühren.“ „Ihren Buder?“ 7 116 „Ebenſo wenig, und auch ihren Vater nicht.“ „Du wirſt ſie nie verleumden?“ „Ich werde nie den Mund öffnen, um ihren Namen auszuſprechen.“ „Gut, ich verſtehe Dich. Doch es kommt am Ende auf Eines heraus, ob man eine Frau mit dem Stahl er⸗ dolcht, oder ob man ſie durch beſtändige Verhöhnung tödtet... Du willſt ſie verhöhnen, indem Du Dich zeigſt, indem Du ihr folgſt, indem Du ſie durch ein Lä⸗ cheln voll Beleidigung und Haß niederbeugſt.“ „Ich will ſo wenig von dem thun, was Sie ſagen, daß ich im Gegentheil komme, um Sie, falls mich die Luſt erfaßte, Frankreich zu verlaſſen, um ein Mittel zu bitten, über das Meer zu fahren, ohne daß es mich et⸗ was koſtet.“ „Meiſter Gilbert,“ ſprach Balſamo mit ſeine zu⸗ gleich ſcharfen und einſchmeichelnden Ton, der jedoch weder Schmerz, noch Freude enthielt,„Meiſter Gilbert, mir ſcheint, Sie find nicht conſequent bei Ihrer Schau⸗ ſtellung von Uneigennützigkeit. Sie verlangen zon mir zwanzigtauſend Liores, und von dieſen zwanzgtauſend Livres können Sie nicht tauſend nehmen, um ſich ein⸗ zuſchiffen?“ 3 „Nein, mein Herr, und zwar aus zwei Gründen.“ „Laſſen Sie dieſe Gründe höͤren.“ „Einmal werde ich wirklich am Tag, vo ich mich einſchiffe, nicht mehr einen Pfennig haben; jenn merken Sie wohl, Herr Graf, nicht für mich bitte ich um dieſe Summe, ſondern vielmehr, um einen Fehle wieder gut zu machen, den Sie mir erleichterten.“ „Ah! Du biſt zähe!“ rief Balſamo. „Weil ich Recht habe; ich verlange dis Geld, um gut zu machen, und nicht um zu leben oder mich zu tröſten; nicht ein Sou von dieſen zwanzigtauſend Liores wird in meine Taſche fallen; ſie haben ihr Beſtimmung.“ „Dein Kind; ich ſehe das...“ 5 4 117 „Mein Kind, ja, mein Herr,“ erwiederte Gilbert mit einem gewiſſen Stolz. „Aber Du?“ „Ich, ich bin ſtark, frei und verſtändig; ich werde ſtets leben; ich will leben!“ „Oh! Du wirſt leben! Nie hat Gott einen Willen von dieſer Stärke Seelen gegeben, welche frühzeitig die Erde verlaſſen müßen. Gott kleidet warm die Pflanzen, welche langen Wintern trotzen ſollen; er gibt ſtählerne Panzer den Herzen, welche lange Prüfungen durchzuma⸗ chen haben. Doch Du haſt, wie mir ſcheint, zwei Gründe angegeben, warum Dir keine tauſend Livres übrig bleiben: einmal das Zartgefühl.“ „Dann die Klugheit. An dem Tag, wo ich Frank⸗ reich verlaſſe, werde ich genöthigt ſein, mich zu verber⸗ gen... Nicht alſo, indem ich einen Kapitän in einem Hafen aufſuche und ihm Geld gebe, denn ich denke, ſo macht man es, nicht, indem ich mich ſelbſt verkaufe, wird es mir gelingen, mich zu verbergen.“ „Du nimmſt alſo an, ich koͤnne Dir verſchwinden helfen?“ „Ich weiß, daß Sie es können.“ „Wer hat es Dir geſagt?“ „Oh! Sie haben über zu viel übernatürliche Mittel zu verfügen, um nicht auch das ganze Arſenal der natür⸗ lichen Mittel zu beſitzen. Ein Zauberer iſt nie ſeiner ſo ſicher, daß er nicht irgend einen guten Rettungshafen hätte.“ 1 „Gilbert,“ ſprach plötzlich Balſamo, indem er ſeine Hand über dem jungen Mann ausſtreckte,„Du biſt ein abenteuerlicher und kühner Geiſt; Du biſt von Gutem und Schlimmem zuſammengeſetzt, wie ein Weib; Du biſt ſtoiſch und redlich, ohne Ziererei; ich werde aus Dir einen großen Mann machen; bleibe bei mir... Ich glaube, daß Du der Dankbarkeit fähig biſt; bleibe hier, ſage ich Dir, dieſes Haus iſt eine ſichere Zufluchtſtätte, überdies 118 verlaſſe ich Europa in einigen Monaten, und nehme Dich dann mit.“ Gilbert horchte und erwiederte: „In einigen Monaten würde ich nicht nein antwor⸗ ten, doch heute muß ich ſagen: Ich danke, Herr Graf, Ihr Vorſchlag iſt blendend für einen Unglücklichen; doch ich weiſe ihn von mir.“ „Die Nache eines Augenblicks iſt wohl nicht eine Zukunft von fünfzig Jahren werth.“ „Mein Herr, meine Phantaſie oder meine Laune ſind für mich immer mehr werth, als das Weltall, im Augen⸗ blick, wo ich dieſe Phantaſie oder dieſe Laune habe. Ueberdies bleibt mir außer der Rache noch eine Pflicht zu erfüllen.“ —„Hier ſind Deine zwanzigtauſend Livres,“ ſprach Balſamo ohne Zögern. Gilbert nahm die zwei Kaſſenbillets, ſchaute ſeinen Wohlthäter an und ſagte: „Sie verbinden wie ein König.“ „Oh! beſſer, hoffe ich; denn ich verlange nicht ein⸗ mal, daß man mir ein Andenken bewahrt.“ „Gut, doch ich bin dankbar, wie Sie vorhin ſagten, und wenn meine Aufgabe erfüllt iſt, werde ich Ihnen dieſe zwanzigtauſend Livres bezahlen.“ „Wie dies?“ „Indem ich mich auf ſo viel Jahre in Ihren Dienſt gebe, als ein Diener braucht, um ſeinem Herrn zwanzig⸗ tauſend Livres zu bezahlen. „Ou biſt auch diesmal unlogiſch, Gilbert. Du ſag⸗ teſt mir vor einem Augenblick:„„Ich verlange von Ih⸗ nen zwanzigtauſend Livres, die Sie mir ſchuldig ſind. „Das iſt wahr; doch Sie haben mein Herz ge⸗ wonnen.“ 7 Es freut mich,“ ſprach Balſamo ohne irgend zinen Ausdruck.„Du wirſt alſo mir gehören, wenn ich will 8 „Jg.“ 119 „Was kannſt Du thun?“ „Nichts; doch es liegt Alles in mir.“ „Richtig.“ „Aber ich will in meiner Taſche ein Mittel haben, Frankreich in zwei Stunden zu verlaſſen, wenn es nöthig wäre.“ „Ah! Du läſſeſt melnen Dienſt im Stich?“ „Ich werde zu Ihnen zurückzukehren im Stande ſein.“ „Und ich werde Dich aufzufinden wiſſen. Doch ma⸗ chen wir ein Ende; das lange Sprechen ermüdet mich: rücke den Tiſch vor.“ „Gut.“ „Meiche mir die Papiere, welche in jenem Carton find.“ „Hier.“ Balſamo nahm die Papiere und las mit halber Stimme folgende Zeilen von einem Blatt, das mit drei Unterſchriften, oder vielmehr mit drei ſeltſamen Schrift⸗ zügen bedeckt war. „Am 15. December, im Havre, nach Boſton, der Adonis.“ „Was denkſt Du von Amerika, Gilbert?“ „Daß es nicht Frankreich iſt, und daß es mir ſehr angenehm ſein wird, in einem gegebenen Augenblick über's Meer d irgend einem Land zu gehen, das nicht Frank⸗ reich iſt.“ erwiederte dann: „Ganz genau.“ Balſamo nahm eine Feder und ſchrieb auf ein welßes Blatt nur folgende zwei Zeilen: „Nehmen Sie auf dem Adonis einen Paſſagier „Joſeph Balſamo.“ „Aber dieſes Papier iſt gefährlich,“ ſprach Gilbert, auf. 120 während er es anſchaute,„und ich, der ich ein Lager ſuche, könnte wohl die Baſtille finden.“ „Dadurch, daß man Geiſt hat, gleicht man oft einem Dummkopf,“ ſprach der Graf.„Der Avdonis, mein lieber ber Gilbert, iſt ein Handelsſchiff, deſſen Hauptrheder bin.“ „Verzeihen Sie, Herr Graf,“ ſagte Gilbert ſich ver⸗ beugend,„ich bin ein Elender, dem es zuweilen im Kopf ſchwindelt; doch nie zweimal hinter einander; verzeihen Sie und glauben Sie an meine ganze Dankbarkeit.“ „Gehen Sie, mein Freund.“ 2 „Leben Sie wohl, Herr Graf.“ „Auf Wiederſehen,“ ſprach Balſamo und drehte ihm den Rücken zu. CLVIII. Die letzte Audienz. Im November, mehrere Monate nach den von uns erzählten Ereigniſſen, verließ Philipp von Taverney früh⸗ zeitig am Morgen für die Jahreszeit, nämlich beim Grauen des Tages, das Haus, das er mit ſeiner Schweſter be⸗ wohnte. Schon waren unter den noch brennenden Later⸗ nen alle die kleinen Pariſer Gewerbsthätigkeiten erwacht: die kleinen dampfenden Kuchen, welche der Krämer vom Land wie einen köſtlichen Schmaus in der friſchen Mor⸗ genluft verzehrt, die Tragekorbe, beladen mit Gemüſen, die Karren voll von Fiſchen und Auſtern, welche nach der Halle eilen... und in dieſer Bewegung der fleißig Menge herrſchte eine Art von Zurückhaltung, den Arbei⸗ 121 tern auferlegt durch die Achtung vor dem Schlaf der Reichen. Philipp durchſchritt eilig das volkreiche Quartier, das er bewohnte, um die ganz öden Champs⸗Ely’ées zu erreichen. Die Blätter drehten ſich vergelbt am Gipfel der Bäume; die meiſten lagen ausgeſtreut in den Alleen des Cours⸗la⸗Reine, und zu dieſer Stunde verlaſſen, waren die Kugelſpiele unter dem dichten Teppich des rauſchenden Blätterwerkes verborgen. Der junge Mann trug, wie die wohlhabendſten Bür⸗ ger von Paris, einen Frack mit breiten Schöſſen, ein Beinkleid und Strümpfe von Seide, und einen Degen; ſeine ſehr ſorgfältige Friſur bewies, daß er ſich lange vor Tag den Händen des Perruquier, der höchſten Quelle aller Schönheit jener Zeit, überlaſſen hatte. Als Philipp wahrnahm, daß der Morgenwind ſeine Friſur in Unordnung zu bringen und den Puder zu zer⸗ ſtreuen anfing, ſchaute er auch mit einem höchſt mißver⸗ gnügten Blick in der Allee der Champs⸗Elyſées umher, um zu ſehen, ob ſich nicht ſchon einer von den für den Dienſt auf dieſer Straße beſtimmten Miethwagen auf den Weg begeben habe. Er wartete nicht lange; ein abgenutzter, anbrüchiger, verwitterter, von einer magern iſabellfarbigen Stute gezo⸗ gener Wagen fing an auf dem Wege einherzuholpern; mit wachſamem, verdrießlichem Auge ſuchte ſein Kutſcher in der Ferne einen Reiſenden unter den Bäumen, wie einſt Aeneas eines von ſeinen Schiffen auf den Wellen des thyreniſchen Meeres. Als der Automedon Philipp erblickte, ließ er ſeine Stute die Peitſche kräftiger fühlen, ſo daß der Wagen bald den Reiſenden einholte. „Richtet es ſo ein, daß ich auf den Punkt neun Uhr in Verſailles bin, und Ihr ſollt einen halben Thaler be⸗ kommen,“ ſagte Philipp zu dem Kutſcher. 3 4 Philipp hatte wirklich um neun Uhr bei der Dauphine 122 eine von den Morgenaudienzen, die ſie zu geben anfing. Die Prinzeſſin, welche frühzeitig aufſtand und ſich aller Geſetze der Etiquette überhob, pflegte am Morgen die Arbeiten zu beſuchen, die ſie in Trianon ausführen ließ, und wenn ſie auf ihrem Weg die Bittſteller fand, denen ſie eine Audienz bewilligt hatte, verhandelte ſie mit ihnen raſch mit einer Geiſtesgegenwart und einer Freundlichkeit, welche die Würde, zuweilen ſogar den Stelz, nicht aus⸗ ſchloßen, ſobald ſie wahrnahm, daß man ſich in den Er⸗ güſſen ihres Zartgefühls täuſchte. Philipp hatte Anfangs beſchloſſen, den Weg zu Fuß zu machen, denn er war auf die haͤrteſte Einſchränkung angewieſen; doch das Gefühl der Eitelkeit, oder vielmehr nur das einer Achtung, welche jeder Militär dem Oberen gegenüber nie für ſein Aeußeres verliert, noöͤthigte den jungen Mann, einen Tag der Erſparniſſe zu verwenden, um ſich in anſtändiger Kleidung nach Verſailles zu begeben. Philipp gedachte zu Fuß zurückzukehren. Von zwei entgegengeſetzten Punkten ausgehend, begegneten ſich der Patricier Philipp und der Plebejer Gilbert, wie man ſieht, auf derſelben Stufe der Leiter. Philipp ſah wieder mit gepveßtem Herzen dieſes ganze magiſche Verſailles, wo ſo viele goldene und roſige Traͤume ihn mit ihren Verheißungen bezaubert hatten. Er ſah wie⸗ der mit gebrochenem Herzen Trianon, eine Erinnerung des Unglücks und der Schmach. Auf den Schlag neun Uhr ging er, verſehen mit ſeinem Audienzbrief, längs dem kleinen Blumenbeet bei den Zugängen des Pavillon hin. Er erblickte in einer Entfernung von ungefähr hun⸗ dert Schritten die Prinzeſſin, welche, obgleich das Wetter nicht kalt war, in einen Marderpelz gehüllt, mit ihrem Baumeiſter ſprach; einem kleinen Hut auf dem Kopf, wie die Damen von Watteau, trat die Geſtalt der jungen Dauphine auf den Reihen der Bäume hervor. Zuweilen gelangte der Ton ihrer filbernen, vibrirenden Stimme bis zu Philipp und erregte in ihm Gefühle, welche gewoͤhnlich — — — S8 8 2 123 dlles bertuſſchen was in einem verwundeten Herzen Kum⸗ mer Mehrere Perſonen, denen, wie Philipp, Audienzen be⸗ willigt waren, zeigten ſich nach und nach vor der Thüre des Pavillon, in deſſen Vorzimmer ein Huiſſier ſie holte, wenn die Reihe ſie traf. Dieſe Perſonen ſtellten ſich am Weg der Prinzeſſin auf, ſo oft ſie mit Mique in ver⸗ kehrter Richtung zurückkam, und empfingen ein Wort von Marie Antoinette oder ſogar die beſondere Gunſt einiger einzeln ausgetauſchten Worte. Dann wartete die Prinzeſſin, bis ſich ein anderer Be⸗ ſuch zeigte. Philipp war der letzte. Er hatte ſchon die Augen der Prinzeſſin ſich nach ihm wenden ſehen, als ſuchte ſie ihn zu erkennen; da erroͤthete er und war bemüht, an ſeinem Platz die beſcheidenſte und geduldigſte Haltung an⸗ zunehmen. Endlich kam der Huiſſier und fragte ihn, ob er nich auch vortrete, da die Prinzeſſin bald in ihre Wohnung zu⸗ rückkehren werde und, einmal zurückgekehrt, Niemand mehr empfange. Philipp trat alſo vor. Die Dauphine verlor ihn, während der ganzen Zeit, die er brauchte, um die Ent⸗ fernung von hundert Schritten zurückzulegen, nicht aus dem Blick, und er wählte den günſtigſten Moment, um ſeine ehrfurchtsvolle Verbeugung gut anzubringen. Die Dauphine wandte ſich gegen den Huiſſier um und fragte: „Wie iſt der Name dieſes Herrn?“ Der Huiſſier las den Audienzzettel und erwiederte: „Herr Philipp von Taverney.“ „Es iſt wahr,“ ſprach die Prinzeſſin... Und ſie heftete auf den jungen Mann einen längeren und neugle⸗ rigeren Blick. Philipp wartete halb gebückt. „Guten Morgen, Herr von Taverney,“ ſagte Marie Antoinette.„Wie befindet ſich Fräulein Andréꝛ?“ 124 „Ziemlich ſchlecht, Madame,“ erwiederte der junge Mann;„doch meine Schweſter wird ſehr glücklich über dieſen Beweis der Theilnahme ſein, die ihr Cure könig⸗ liche Hoheit zu bezeigen geruht.“ Die Dauphine antwortete nicht; ſie hatte viel Leiden in dem abgemagerten, bleichen Geſicht von Philipp geleſen; ſie erkannte ſehr ſchwer unter dem beſcheidenen Kleid des Bürgers den ſchönen Officier, der ihr zuerſt auf dem Boden Frankreichs als Führer gedient hatte. „Herr Mique,“ ſagte ſie, indem ſie ſich dem Bau⸗ meiſter näherte,„wir ſind alſo über die Verzierung des Tanzſaales einverſtanden; die Anlage des nahen Gehölzes iſt entſchieden. Berzeihen Sie mir, daß ich Sie ſo lange in der Kälte aufgehalten habe.“ Dies war der Abſchied. Mique verbeugte ſich und ging weg. 2 Die Dauphine grüßte ſogleich alle Perſonen, welche in der Entfernung warteten, und dieſe zogen ſich ſchleunigſt zurück. Philipp glaubte, dieſer Gruß betreffe auch ihn wie die Andern, und ſchon litt ſein Herz, als die Prin⸗ zeſſin an ihm vorüberging und zu ihm ſprach: „Sie ſagten, mein Herr, Ihre Schweſter ſei krank 2“ „Wenn nicht krank, Madame, doch wenigſtens ange⸗ griffen,“ erwiederte Philipp raſch. „Angegriſſen!“ rief die Dauphine mit Theilnahme; „eine ſo ſchöne Geſundheit!“ Philipp verbeugte ſich. Die junge Prinzeſſin warf ihm einen von jenen forſchenden Blicken zu, wie man ſie bei einem Mann von ihrem Stamm, einen Adlerblick genannt hätte. Dann nach einer Pauſe ſagte ſie: „Erlauben Sie, daß ich ein wenig gehe, der Wind iſt kalt. Sie machte einige Schritte; Philipp blieb an ſeinem Platz. 5. Wie! Sie folgen mir nicht,“ rief Marie Antoinette ſich umwendend. Philipp war mit zwei Sprüngen neben ihr. 1 n 125 „Warum haben Sie mich denn nicht früher von dem Zuſtand von Fräulein Andrée unterrichtet, für die ich mich intereſfirte?“ „Ach!“ rief Philipp,„Eure Hoheit hat das rechte Wort geſprochen... Eure Hoheit intereſſirte ſich für meine Schweſter... aber nun...“ „Ich intereſſire mich noch für ſie, mein Herr... doch mir ſcheint, Fräulein von Taverney hat meinen Dienſt ſehr frühzeitig verlaſſen.“ „Die Nothdurft, Madame,“ ſagte Philipp ganz leiſe. „Wie! dieſes Wort iſt gräßlich; die Nothdurft!... Erklären Sie mir dieſes Wort, mein Herr.“ Philipp antwortete nicht. „Aufrichtige Thränen, Madame,“ ſprach Philipp, deſſen Herz gewaltig ſchlug,„Thränen, welche nicht ver⸗ trocknet ſind.“ „Ich glaubte zu ſehen,“ fuhr die Prinzeſſin fort, „Ihr Herr Vater habe ſeine Tochter genöthigt, an den Hof zu gehen, und dieſes Kind ſehne ſich ohne Zweifel nach Ihrer Heimath, irgend eine Zuneigung...“ „Madame, entgegnete Philipp haſtig,„meine Schweſter ſehnt ſich nur nach Eurer Hoheit.“ „Und ſie leidet.. Eine ſeltſame Krankheit, welche von der Luft der Heimath geheilt werden ſollte, und nun von der Luft der Heimath erſchwert wird.“ „Ich werde Eure Hoheit nicht täuſchen,“ ſagte Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 9 126 Philipp;„die Krankheit meiner Schweſter iſtz ein tiefer Kummer, welcher ſie in einen Zuſtand verſetzt hat, der an die Verzweiflung grenzt. Fräulein von Taverney liebt jedoch nichts in der Welt, als Eure Hoheit und mich; doch ſie fängt an, Gott allen Zuneigungen vorzuziehen, und bei der Audienz, um die ich nachzuſuchen die Chre gehabt habe, Madame, beabſichtigte ich, Sie um Ihre Protection in Beziehung auf dieſen Wunſch meiner Schweſter zu bitten.“ Die Dauphine ſchaute empor. „Sie will in ein Kloſter treten, nicht wahr?“ „Ja, Madame.“ „Und Sie werden das dulden, Sie, der Sie dieſes Kind lieben?“ „Ich glaube ihre Lage vernünftig zu beurtheilen, Madame, und dieſer Rath rührt von mir her. Ich liebe jedoch meine Schweſter ſo ſehr, daß mein Rath nicht ver⸗ dächtig ſein kann, und daß ihn die Welt nicht dem Geiz zuſchreiben wird. Ich habe nichts dabei zu gewinnen, daß Andrée in's Kloſter tritt, denn wir beſitzen Beide nichts.“ ⸗ Die Dauphine blieb ſtehen, warf aberm einen Blick auf Philipp und ſprach dann: „Das meinte ich ſo eben, als Sie mich nicht ver⸗ ſtehen wollten, mein Herr; Sie ſind nicht reich?“ „Eure Hoheit...“ 4 „Keine falſche Scham, mein Herr; es handelt ſich antworten Sie um das Glück dieſes armen Miadchens, a mir aufrichtig, wie ein ehrlicher Mann, was Sie ſicherlich nd.“ Das glänzende, redliche Auge von Phillpp begegnete dem der Prinzeſſin und ſenkte ſich nicht. 1„Ich werde antworten, Madame,“ ſprach er. „Nun! will Ihre Schweſter aus Nothdurft dieſe Welt verlaſſen? Sie ſpreche! Guter Gott! die Fürſten ſind unglücklich... Gott hat ihnen ein Herz gegeben, das Mißgeſchick zu beklagen, aber er hat ihnen jene hehre 127 Scharfſichtigkeit verweigert, die das Unglück unter dem Schleier der Verſchämtheit erräth. Antworten Sie alſo offenherzig: iſt es das?“ „Nein, Madame,“ antwortete Phllipp mit Feſtigkeit; „doch meine Schweſter wünſcht in das Kloſter von Saint⸗ Denis einzutreten, und wir beſitzen nur das Drittel der Mitgift.“ „Die Mitgift beträgt ſechzigtauſend Livres!“ rief die Prinzeſſin;„Sie haben alſo nur zwanzigtauſend Livres?“ „Kaum, Madame; doch wir wiſſen, daß Eure Hohelt mit einem Wort und ohne die Börſe zu ziehen, eine Koſt⸗ gängerin in's Kloſter bringen kann.“ „Gewiß kann ich das.“ „Das iſt die einzige Gnade, um die ich Eure Hoheit zu bitten wage, wenn ſie nicht ſchon Jemand ihre Ver⸗ mittlung bei Frau Louiſe von Frankreich zugeſagt hat.“ „Sie verſetzen mich in ein ſelſames Erſtaunen,“ ſprach Marie Antoinette;„wie! in meiner Nähe ſo viel edle Armuth! Ei! Oberſter, es iſt ſchlimm, daß man mich ſo getäuſcht hat.“ „Ich bin nicht Oberſter, Madame,“ erwiederte Philipp mit ſanftem Tone:„ich bin nichts als ein ergebener Diener Eurer Hoheit.“ „Nicht Oberſter, ſagen Sie? Und ſeit wann?“ „Ich bin es nie geweſen, Madame.“ „Der König hat in meiner Gegenwart ein Regiment für Sie verſprochen...“ „Deſſen Patent nie ausgefertigt worden iſt.“ „Aber Sie hatten einen Grad...“ „Den ich aufgegeben habe, weil ich in Ungnade ge⸗ fallen bin, Madame.“ 2 „Warum?“ „Ich weiß es nicht.“ „Oh!“ rief die Dauphine mit tiefer Traurigkeit,„oh! der Hof!“ 7 Da lächelte Philipp ſchwermüthig und ſprach: „Sie find ein Engel des Himmels, Madame, und 128 ich bedaure es ungemein, daß ich nicht dem Hauſe Frank⸗ reich diene, um Gelegenheit zu haben, für Sie zu ſterben.“ Ein ſo lebhafter und ſo glühender Blitz zuckte in den Augen der Dauphine, daß Philipp ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg. Die Prinzeſſin ſuchte ihn nicht einmal zu tröſten, oder dem Gedanken zu entziehen, der ihn in dieſem Augenblick beherrſchte. Stumm und mühſam athmend, entblätterte ſie ein paar bengaliſche Roſen, die ſie mit ihrer nervigen, unruhigen Hand von ihrem Stängel riß. Philipp kam wieder zu ſich und ſprach: „Wollen Sie mir vergeben, Madame.“ Marie Antoinette erwiederte nichts auf dieſe Worte. „Ihre Schweſter wird ſchon morgen, wenn ſie will, in Saint⸗Denis eintreten,“ ſagte ſie mit ſieberhafter Haſt, „und Sie, Sie ſtehen in einem Monat an der Spitze eines Regiments.“ „Madame, wollen Sie noch die Gnade haben, mich in meinen letzten Erklärungen anzuhören?“ erwiederte Philipp.„Meine Schweſter nimmt die Wohlthat Eurer königlichen Hoheit an, ich muß ſie ausſchlagen.“ „Sie ſchlagen es aus?“ „Ja, Madame, ich habe eine Schmach vom Hof er⸗ litten... Die Feinde, die ſie über mich verhängten, würden Mittel finden, mich noch ſtärker zu treffen, ſollten ſie mich höher geſtellt ſehen.“ „Wiel ſelbſt mit meiner Protection?“ „Beſonders mit Ihrer huldreichen Protection, Madame,“ antwortete Philipp entſchieden. „Es iſt wahr!“ murmelte die Prinzeſſin erbleichend. „Und dann, Madame; nein... ich vergaß, ich ver⸗ gaß, indem ich mit Ihnen ſprach, daß es kein. Glück mehr auf Erden gibt;... ich vergaß, daß ich, in den Schatten zurückgetreten, dieſen nicht mehr verlaſſen darf: im Schatten betet ein Menſch von Herz und erinnert ſich.. Philipp ſprach dieſe Worte mit einem Ton die Prinzeſſin beben machte. 129 „Es wird ein Tag kommen,“ ſagte ſie,„wo ich das Recht habe, auszuſprechen, was ich in dieſem Augenblick nur denken darf. Mein Herr, Ihre Schweſter kann, wann es ihr beliebt, in Saint⸗Denis eintreten.“ „Ich danke, Madame, ich danke.“ „Was Sie betrifft... ich will, daß Sie eine Bitte an mich richten...“ „Aber, Madame...“ „Ich will es.“ Philipp ſah die behandſchuhte Hand der Prinzeſſin ſich gegen ihn ſenken; dieſe Hand blieb wie in der Erwar⸗ tung ſchweben; vielleicht drückte ſie den Willen aus. Der junge Mann kniete nieder, nahm die Hand und legte langſam, mit angeſchwollenem, zitterndem Herzen ſeine Lippen darauf. „Laſſen Sie Ihre Bitte hören,“ ſagte die Dauphine ſo bewegt, daß ſie ihre Hand nicht zurückzog. Philipp beugte das Haupt. Eine Woge bitterer Ge⸗ danken überfluthete ihn, wie den Schiffbrüchigen im Sturm. ... Er blieb einige Secunden ſtumm und unbeweglich, 8 erhob er ſich, entfärbt und die Augen erloſchen, und agte: „Einen Paß, um Frankreich an dem Tag zu verlaſſen, an dem meine Schweſter in das Kloſter von Saint⸗Denis eintreten wird.“ Die Dauphine wich wie erſchrocken zurück; dann, als ſie dieſen ganzen Schmerz ſah, den ſie ohne Zweifel be⸗ griff, den ſie vielleicht theilte, fand ſie nichts Anderes zu erwiedern, als die beinahe unverſtändlichen Worte: „Es iſt gut!“ Und ſie verſchwand in einer Allee von Cypreſſen, den einzigen Bäumen, welche unverſehrt ihr ewiges Blätter⸗ werk, den Schmuck der Gräͤber, bewahrt hatten. CLIX. Das Kind ohne Vater. Der Tag der Schmerzen, der Tag der Schmach nahte endlich heran. Trotz der immer haäͤufigeren Beſuche des Doctor Louis, trotz der liebevollen Sorgfalt und der Tröſtungen von Philipp wurde Andrée von Stunde zu Stunde düſterer, wie die Verurtheilten, welche ihre letzte Stunde bedroht. Der unglückliche Bruder fand zuweilen Andrée träu⸗ meriſch und ſchauernd; ihre Augen waren trocken; ganze Tage kam kein Wort über ihre Lippen; dann ſtand ſie oft plötzlich auf, ging zwei oder dreimal mit haſtigen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, und verſuchte es, wie Dido, ſich aus ſich ſelbſt, das heißt, aus ihrem Schmerzen herauszuwerfen. Eines Abends, als er ſie bleicher, unruhiger ſah, als er bemerkte, daß ihre Nerven mehr als gewoͤhnlich ange⸗ griffen waren, ſchickte Philipp zum Doctor und ließ ihn bitten, noch in der Nacht zu kommen. 4 Dies war am 29. November. Philipp hatte die Kunſt geübt, das Wachen von Andrée ſehr zu verlängern; er hatte ſich mit ihr in die traurigſten, in die geheimſten Ge⸗ genſtände des Geſprächs eingelaſſen, in diejenigen, welche das Mädchen fürchtete, wie der Verwundete die Annäherung einer rohen und ſchweren Hand für ſeine Wunde fürchtet. Sie ſaßen beim Feuer, die Magd hatte, als ſie nach Verſailles ging, um den Doctor zu holen, die Läden 1 gen. 131 f zeebe Schweſter, haſt Du endlich Deinen Entſchluß gefaßt? „Worüber?“ erwiederte Andrée mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Ueber.. Dein Kind, meine Schweſter.“ Andrée bebte. „Der Augenblick naht heran,“ fuhr Philipp fort. „Mein Gott!“ „Und ich würde mich nicht wundern, wenn mor⸗ „Morg en!“ „Haune ſogar, liebe Schweſter.“ Andrée wurde ſo bleich, T mnng elgron ihre Hand nahm und ſie küßte.“ Doch ſie faßte ſi 89 fogleich wieder lund ſprach: „Mein Bruder, ich werde gegen Dich nicht mit jener Heuchelei zu Werke gehen, welche gemeine Seelen entehrt. Das Vorurtheil des Guten iſt bei mir mit dem Vorurtheil des Böſen vermiſcht. Was boͤſe iſt, kenne ich nicht mehr, ſeitdem ich dem, was gut iſt, mißtraue. Beurtheile mich alſo nicht ſtrenger, als man eine Tolle beurtheilt, wofern Du nicht lieber im Ernſt die Philoſophie nehmen willſt, die ich Dir ſkizziren werde, und die der vollkommene, ein⸗ zige Ausdruck meiner Gefühle, ſowie der Inbegriff meiner Empfindungen iſt.“ „Was Du auch ſagen, was Du auch thun magſt, Andrée, Du wirſt immer für mich die theuerſte, die geehr⸗ teſte der Frauen ſein.“ „Ich danke, mein einziger Freund. Ich darf wohl behaupten, daß ich deſſen, was Du mir verſprichſt, nicht unwürdig bin. Philipp, ich bin Mutter; doch Gott hat gewollt, ich glaube es wenigſtens,“ fügte ſie erroͤthend bei, „daß die Mutterſchaft bei bem Geſchöpf ein dem der Be⸗ Vruchtung bei der Pflanze ähnlicher Zuſtand ſein ſoll. Die Frrucht kommt erſt nach der Blüthe. Während des Blühens hat ſich die Pflanze vorbereitet, umwandelt; denn die Blüthe iñ nach meiner Anſicht die Liebe.“ 13² „Du haſt Recht, Andrée.“ „Ich!“ fuhr das Mädchen lebhaft fort...„ich habe weder Vorbereitung, noch Umwandlung gekannt; ich bin eine Abweichung von der Regel; ich habe nicht ge⸗ liebt, ich habe nicht gewünſcht; bei mir ſind Geiſt und Herz ſo jungfräulich als der Körper... Und dennoch! ... trauriges Wunder... was ich nicht gewünſcht, was ich nicht einmal geträumt habe, ſchickt mir Gott, er, der nie Früchte dem Baum gegeben hat, der unfruchtbar zu bleiben geſchaffen war... Wo ſind bei mir die Fähig⸗ keiten, die Inſtinete, wo find ſogar die Mittel?... Die Mutter. Ei Geburtsſchmerzen leidet, kennt und würdigt hhr Loos; weſß nichts, ſch zittere, zu denken, ich gehe dieſem letzten Tag entgegen, als ob ich auf's Schaffot ginge... Philipp, ich bin verdammt!...“ „Andrée, meine Schweſter!“ „Philipp,“ fuhr ſie mit unbeſchreiblicher Heftigkeit fort,„fühle ich nicht, daß ich dieſes Kind haſſe?... Oh! ja, ich haſſe es; mein ganzes Leben, wenn ich fortlebe, Philipp, werde ich mich des Tages erinnern, wo unter meinem Herzen zum erſten Mal der Todfeind erwachte, den ich in mir trage; ich ſchauere noch, wenn ich mich erinnere, daß das, den Müttern ſo ſüße, Leben dieſes un⸗ ſchuldigen Geſchoͤpfes in meinem Blut ein Fieber des Zorns entzündete und die Gottesläſterung auf meine bis dahin ſo reinen Lippen ſteigen machte. Philipp, ich bin eine ſchlechte Mutter! Philipp, ich bin verflucht!“ „Im Namen des Himmels, gute Andrée, beruhige Dich; verwirre Dein Herz nicht durch Deinen Geiſt. Dieſes Kind iſt Dein Leben und das Blut Deines Herzens; dieſes Kind, ich liebe es, denn es kommt von Dir.“ „Du liebſt es!“ rief ſie wüthend und leichenbleich... „Du wagſt es, mir zu ſagen, Du liebeſt meine Schande und die Deinige; Du wagſt es, mir zu erklären, Du liebeſt dieſe Erinnerung an ein Verbrechen, dieſe Darſtellung des feigen Verbrechens... Wohl! Philipp, ich habe es Dir — —— — ☛̈ οd u—=—— 8— 133 geſagt, ich bin nicht feig, ich bin nicht falſch; ich haſſe das Kind, weil es nicht mein Kind iſt und ich es nicht gerufen habe! Ich verwünſche es, weil es vielleicht ſeinem Vater gleichen wird... Sein Vater! oh! ich werde eines « Tags ſterben, während ich dieſen gräßlichen Namen ausſpreche! in Gott!“ rief ſie, indem ſie ſich auf die Kniee warf, d S kann dieſes Kind nicht bei ſeiner Geburt tödten, denn 0 haſt ihm Leben gegeben... Ich konnte mich nicht ſt toödten, während ich es unter dem Herzen trug, denn [Au haſt den Selbſtmord wie den Mord verpönt; doch ſch bitte Dich, ich flehe Dich an, ich beſchwöre Dich, wenn Du gerecht biſt, mein Gott, wenn Du Dich des Jammers dieſer Welt erbarmſt, wenn Du nicht beſchloſſen haſt, daß ich vor Verzweiſlung ſterben ſoll, nachdem ich von Schmach und Thränen gelebt habe, mein Gott! nimm N dieſes Kind wieder zu Dir, mein Gott! tödte dieſes Kind! mein Gott! befreie mich! räche mich!“ 8 Schrecklich in ihrem Zorn und erhaben in ihrem Auf⸗ ſchwung zu Gott, ſchlug ſie ihre Stirne an das marmorne Geſimſe, trotz des Widerſtrebens von Philipp, der ſie in ſeine Arme ſchloß. 8 Plötzlich öffnete ſich die Thüre: die Magd kehrte mit dem Dortor zurück, der mit dem erſten Blick die ganze Scene errieth. „Madame,“ ſagte er mit jener Ruhe des Arztes, welche ſtets den Einen den Zwang, den Anderen die Un⸗ terwerfung auferlegt;„Madame, übertreiben Sie ſich nicht die Schmerzen der Arbeit, welche bald eintreten muß. Ihr,“ ſprach er zu der Magd,„haltet Alles bereit, was ich Euch unter Weges genannt habe.“ „Sie,“ ſagte er zu Philipp,„ſeien Sie vernünftiger, als Madame, und verbinden Sie, ſtatt ihre Befürchtungen oder Schwächen zu theilen, Ihre Ermahnungen mit den meinigen.“ Andrée erhob ſich beinahe beſchämt... Philipp ſetzte ſie in einen Lehnſtuhl. Man ſah nun die Kranke erroͤthen und ſich mit einem 134 ſchmerzlichen Zuſammenziehen zurückwerfen; ihre Hände klammerten ſich krampfhaft an den Franſen des Lehnſtuhls an, und die erſte Klage ging über ihre bleichen Lippen. „Dieſer Schmerz, dieſer Fall, dieſer Zorn haben die Kriſe beſchleunigt,“ ſagte der Doctor.„Begeben Sie ſi in Ihr Zimmer, Herr von Taverney, und Muth ge⸗ aßt!“ Das Herz angeſchwollen, ſtürzte Philipp auf Andrée“ 4 zu, welche gehört hatte, zitterte und ſich trotz ihres Schmer⸗ zes erhob, um ihre Arme um den Hals ihres Bruders zu ſchlingen. Sie umſchlang ihn kräftig, drückte ihre Lippen auf die kalte Wange des jungen Mannes und ſagte ganz leiſe: „Lebe wohl!... lebe wohl!... lebe wohl!... „Doctor! Doctor!“ rief Philipp in Verzweiflung, „hören Sie?“ Louis trennte die zwei Unglücklichen mit ſanfter Ge⸗ walt, ſetzte Andrée wieder in den Lehnſtuhl, führte Phi⸗ lipp in ſein Zimmer, ſchob die Riegel vor, welche das Zimmer von Andrée bewachten, ſchloß Vorhänge und Thüren und begrub ſo, ſie zuſammendrängend, dieſe ganze Scene, welche vom Arzte zur Frau, von Gott zu Beiden vorgehen ſollte. Um drei Uhr Morgens öffnete der Doctor die Thüre, hinter der Philipp weinte und flehte, und ſprach: „Ihre Schweſter hat einen Sohn geboren.“ Philipp faltete die Hände. „Treten Sie nicht ein,“ ſagte der Arzt,„ſie ſchläft.“ „Sie ſchlaͤft... oh! Doctor, iſt es auch wahr, daß ſie ſchläft?“ „Wenn es anders wäre, mein Herr, würde ich es Ihnen ſagen: Ihre Schweſter hat einen Sohn geboren; doch dieſer Sohn hat ſeine Mutter nicht verloren... Sehen Sie übrigens ſelbſt.“ Philipp ſtreckte den Kopf vor. „Horen Sie ſie athmen?“ L- 6729! ja, ja,“ murmelte Philipp, den Arzt umar⸗ mend. „Sie wiſſen nun, daß wir eine Amme beſtellt haben. Ich habe ſie, als ich am Point⸗du⸗Jour vorbeikam, wo dieſe Frau wohnt, benachrichtigt, damit ſie ſich bereit hal⸗ ten ſollte. Doch Sie allein können ſie hierher bringen... Sie allein darf man ſehen... Benützen Sie den Schlaf der Kranken und gehen Sie mit dem Wagen ab, der mich gebracht hat.“ „Aber Sie, Doctor, Sie?“ „Ich habe auf der Place⸗Royal einen verzweifelten Kranken und will die Nacht vollends an ſeinem Bett zu⸗ bringen, um die Anwendung der Mittel und ihre Wirkung zu überwachen.“ „Die Kälte, Doctor.“ „Ich habe meinen Mantel.“ „Die Stadt iſt unſicher,“ „Zwanzigmal hat man mich ſeit zwanzig Jahren in der Nacht angehalten: ich antwortete ſtets:„„Mein Freund, ich bin Arzt und begebe mich zu einem Kranken... Wollt Ihr meinen Mantel? nehmt ihn; doch tödtet mich nicht, denn ohne mich wird mein Kranker ſterben.““ Und be⸗ merken Sie wohl, dieſer Mantel hat zwanzig Dienſtjahre. Die Diebe haben mir ihn ſtets gelaſſen.“ „Guter Doctor!... Morgen, nicht wahr?“ „Morgen um acht Uhr bin ich hier. Gott befohlen.“ Der Doctor gab der Magd einige Vorſchriften und ſchärfte ihr beſonders viel Wachſamkeit bei der Kranken ein. Er wollte das Kind neben ſeiner Mutter liegen laſſen. Philipp, der ſich der letzten Kundgebungen ſeiner Schweſter erinnerte, bat ihn, es zu entfernen. Louis brachte das Kind ſelbſt in das Zimmer der Magd und ging dann durch die Rue Montorgueil weg, während der Fiacre Philipp nach dem Roule brachte. Die Magd entſchlummerte im Lehnſtuhl neben ihrer Gebieterin. Die Entwendung. In den Zwiſchenräumen des erquickenden Schlafes, der auf große Anſtrengungen folgt, ſcheint der Geiſt eine doppelte Macht erlangt zu haben: die Fähigkeit, das Wohl⸗ behagen der Lage zu ſchätzen, und die Fähigkeit, über dem Körper zu wachen, deſſen Lähmung dem Tode ähnlich iſt. Zum Gefühl des Lebens zurückgekehrt, öffnete Andrée die Augen und ſah an ihrer Seite die ſchlummernde Magd. Sie hörte das muntere Gekniſter des Herdes und bewun⸗ derte das Stillſchweigen des Zimmers, wo Alles wie ſie uhte. Dieſe Einſicht war nicht ganz das Wachen und ebenſo wenig war es ganz der Schlaf. Andrée fand ein Ver⸗ gnügen daran, dieſen Zuſtand der Unentſchiedenheit, milder Schläfrigkeit zu verlängern; ſie ließ die Ideen, eine nach der andern, in ihrem ermüdeten Gehirn wiedererſtehen, als hätte ſie den raſchen Einbruch ihrer vollen Vernunft befürchtet. Plötzlich gelangte ein entferntes, ſchwaches, kaum be⸗ merkbares Wimmern durch die dicke Scheidewand an ihr Ohr. Dieſes Wimmern verſetzte Andrée wieder in jenes Leben, unter dem ſie ſo ſehr gelitten hatte. Es verlieh ihr wieder jene gehäſſige Bewegung, welche ſeit einigen Mo⸗ naten ihre Unſchuld und ihre Herzensgüte trübte, wie der Stoß einen Trank in den Gefäſſen trübt, worin die Hefe ſchlummert. Von dieſem Augenblick gab es für Andrée keinen Schlaf, keine Ruhe mehr; ſie erinnerte ſich, ſie haßte. Doch die Kraft der Empfindungen entſpricht gewöhn⸗ lich den koͤrperlichen Kräften. Andrée fand jene Stärke nicht mehr, die ſie in der Scene am Abend mit Philipp geoffenbart hatte. Das Geſchrei des Kindes traf Anfangs ihr Gehirn wie ein Schmerz, dann wie eine Beengung. Sie kam dazu, daß ſie ſich fragte, ob Philipp, indem er das Kind mit ſeiner gewöhnlichen Zartheit entfernt habe, nicht der Vollſtrecker eines etwas grauſamen Willens geweſen ſei. Der Gedanke an das Böſe, das man einem Geſchöpf wünſcht, widerſtrebt dem Innern nie ſo ſehr, als das Schauſpiel des Böſen. Andrée, die dieſes unſichtbare Kind, dieſe Idealität verfluchte, Andrée, welche den Tod des Kleinen wünſchte, wurde verletzt, als ſie den unglücklichen Knaben ſchreien höͤrte. „Das Kind leidet,“ dachte ſie; und ſogleich antwor⸗ tete ſie ſich:„Warum ſollte ich mich für ſeine Leiden intereſſiren... ich... das unglücklichſte der menſch⸗ lichen Geſchöpfe!“ Das Kind ſtieß abermals einen ſchärferen, ſchmerz⸗ licheren Schrei aus. Da bemerkte Andrée, daß dieſe Stimme in ihr eine unruhige Stimme zu erwecken ſchien, und ſie fühlte ihr Herz wie durch ein unſichtbares Band zu dem verlaſſenen, ſeufzenden Weſen hingezogen. Was Andrée geahnet hatte, verwirklichte ſich. Die Natur hatte eine ihrer Vorbereitungen vollbracht; der kör⸗ perliche Schmerz, dieſes mächtige Band, hatte das Herz der Mutter gleichſam an die geringſte Bewegung ihres Kindes gelöthet.„Dieſes Kind,“ dachte Andrée,„dieſe arme Waiſe, die in dieſem Augenblick ſchreit, ſoll nicht um Rache gegen mich zum Himmel ſchreien. Gott hat in dieſe kleinen, kaum aus dem Schooße hervorgegange⸗ nen Geſchöpfe die beredteſte der Stimmen gelegt!... Man kann ſie todten, das heißt, man kann ſie vom Leiden befreien; aber man hat nicht das Recht, eine Marter über ſie zu verhängen... Hätte man das Recht hiezu, ſo würde ihnen Gott nicht ſo zu klagen geſtattet haben.“ . Andrée erhob den Kopf und wollte ihrer Magd rufen; doch ihre ſchwache Stimme war nicht im Stande, die robuſte Bäuerin zu wecken: ſchon wimmerte das Kind nicht mehr. „Ohne Zweifel,“ dachte Andrée,„ohne Zweifel iſt die Amme gekommen, denn ich höre das Geräuſch der erſten Thüre... Ja, man geht im nächſten Zimmer... und das kleine Geſchöpf klagt nicht mehr; ein ſeltſamer Schutz breitet ſich ſchon über ihm aus und beſchwichtigt ſeinen ungeſtalten Verſtand. Ohl! diejenige iſt alſo die Mutter, welche für das Kind Sorge trägt... Für einige Thaler wird das Kind, das aus meinem Schooße hervor⸗ gegangen iſt, eine Mutter finden; und ſpäter, wenn es an mir vorübergeht, die ich ſo viel gelitten, an mir, deren Leben ihm das Leben bereitet hat, wird dieſes Kind mich nicht anſchauen, und: Meine Mutter! zu einer Lohn⸗ dienerin ſagen, welche edelmüthiger in ihrer eigennützigen Liebe iſt, als ich in meinem gerechten Groll. „Das ſoll nicht ſo ſein... ich habe gelitten, ich habe das Necht erkauft, dieſem Geſchöpf in's Geſicht zu ſehen; ich habe das Recht, es zu nöthigen, mich wegen meiner Sorge zu lieben und mich wegen meiner Schmerzen und meines Opfers zu achten.“ 3 Sie machte eine entſchledenere Bewegung, raffte ihre Kräfte zuſammen und rief: „Marguerite! Marguerite!“ Die Magd erwachte ſchwerfällig und ohne ſich von dem Stuhle zu rühren, an den ſie eine beinahe lethargiſche Schlafſucht gefeſſelt hielt. „Höoͤrt Ihr mich?“ ſagte Andrée. „Ja, Madame, ja,“ ſprach Marguerite, welche nun zu begreifen anfing. Und ſie näherte ſich dem Bette. „Will Madame trinken?“ „Nein.“ 4 i„Mavame will vielleicht wiſſen, wie viel Uhr es 2“ 139 Nein, nein,“ erwiederte Andrée, ohne daß ihre Augen die Thüre des anſtoßenden Zimmers verließen. „Ah! ich begreife... Madame will wiſſen, ob ihr Bruder zurückgekommen iſt?“ Man ſah Andrée gegen ihren Wunſch mit der ganzen Schwäche einer hoffärtigen Seele, mit der ganzen Energie eines warmen und edlen Herzens kämpfen. „Ich will,“ ſtammelte ſie endlich,„ich will... Oeffnet dieſe Thüre, Margüerite.“ „Ja, Madame... Ahl wie es da kalt herein⸗ kommt!... Der Wind, Madame!... Welch ein Wind!...“ Der Wind fing ſich in der That im Zimmer von Andrée und machte die Flammen der Kerze und der Nacht⸗ lampe flackern. „Die Amme wird eine Thüre oder ein Fenſter offen gelaſſen haben. Seht nach, Marguerite, ſeht nach... Das Kinv muß kalt haben.“ Marguerite wandte ſich nach dem anſtoßenden Zimmer. „Ich will es zudecken, Madame,“ ſagte ſie. „Nein, nein!“ murmelte Andrée mit kurzer, ſtockender Stimme,„bringt es mir.“ Marguerite blieb mitten im Zimmer ſtehen und ent⸗ gegnete: „Madame, Herr Philipp hat befohlen, das Kind dort zu laſſen, ohne Zweifel aus Fudcht, Madame zu beläſtigen oder eine Erſchütterung bei ihr zu verurſachen. „Bringt mir mein Kind!“ rief die junge Mutter mit einem Erguß, der ihr Herz brechen mußte; denn aus ihren Augen, welche unter den Leiden trocken geblieben waren, ſtürzten zwei Thränen, über die im Himmel die guten Schutzengel der kleinen Kinder laͤcheln mußten. Marguerite eilte ins andere Zimmer. Andrée ſetzte ſich auf und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. 100* Magd kehrte ſogleich mit erſtauntem Geſicht zurück. — ⁰—— „Nun?“ fragte Andrée. „Madame, es iſt alſo Jemand hier geweſen?“ „Wir, Jemand 2... Wer?.. 4 „Madame, das Kind iſt nicht mehr da.“ „Ich habe allerdings vorhin Geräuſch, Tritte gehört,“ ſagte Andrée...„Die Amme wird gekommen ſein, wäh⸗ rend wir ſchliefen; ſie wollte Guch nicht aufwecken... Ae mein Bruder, wo iſt er? Seht in ſeinem Zimmer nach.“ Marguerite lief in das Zimmer von Philipp. Nie⸗ mand!... „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Andrée mit einem Herz⸗ klopfen,„ſollte mein Bruder ſchon wieder ausgegangen ſein, ohne mich zu ſehen?“ „Ah! Madame,“ rief plötzlich die Magd. „Was gibt es?“ „Man hat die Hausthüre geöffnet!“ „Seht nach! ſeht nach!“ „Herr Philipp kommt zurück. Treten Sie ein, treten Sie ein!“ Philipp kam in der That. Hinter ihm trat eine in einen groben Mantel von geſtreiftem Wollenzeug gehüllte Bäuerin mit jenem wohlwollenden Lächeln ein, mit dem der Lohndiener jede neue Herrſchaft begrüßt. „Meine Schweſter! meine Schweſter! hier bin ich,“ ſagte Philipp, raſch im Zimmer erſcheinend. „Guter Bruder!... wie viel Mühe, wie viel Sorgen verurſache ich Dir! Ahl da iſt die Amme! Ich befürchtete ſehr, ſie wäre weggegangen.“ „Weggegangen?... ſie kommt erſt.“ „Sie kommt zurück, willſt Du ſagen. Nein... ich habe ſie wohl vorhin gehört, ſo leiſe und ſachte ſie auch ge⸗ gangen iſt.“ 4 „Ich weiß nicht, was Du meinſt, meine Schweſter; Niemand...“ „Ohl ich danke Dir, Philipp,“ ſprach Andrée, indem ſie ihn an ſich zog und auf jedes Wort einen beſonderen 141 Nachdruck legte;„ich danke Dir, daß Du mich ſo gut errathen haſt und dieſes Kind, nicht ohne daß ich es ge⸗ ſehen, geküßt, fortnehmen wollteſt!... Philipp, Du kennſt mein Herz... Ja, ja, ſei unbeſorgt, ich werde mein Kind lieben.“ Philipp nahm die Hand von Andrée und bedeckte ſie mit Küſſen. 5 „Sage der Amme, ſie ſoll es mir zurückgeben,“ fügte die junge Mutter bei. „Aber, mein Herr,“ ſprach die Magd,„Sie wiſſen wohl, daß das Kind nicht mehr da iſt.“ „Wie! was ſagt Ihr?“ rief Philipp. Andrée ſchaute ihren Bruder mit erſchrockenen Augen an. Der junge Mann lief nach dem Bett der Magd; er ſuchte, fand nichts und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Andrée folgte ſeinen Bewegungen im Spiegel; ſie ſah ihn bleich, die Arme ſchlaff, zurückkehren, ſie begriff einen Theil der Wahrheit, antwortete wie ein Echo mit einem Seufzer auf den Schrei ihres Bruders und ſank. bewußtlos auf ihr Kopfkiſſen zurück. Philipp war weder auf dieſes neue Unglück, noch auf dieſen ungeheuren Schmerz gefaßt, doch er raffte ſeine ganze Energie zuſammen und rief Andrée durch Liebkoſungen, durch Tröſtungen und Thränen in's Leben zurück. „Mein Kind!“ flüſterte Andrée,„mein Kind!“ „Retten wir die Mutter,“ ſagte Philipp zu ſich ſelbſt. „Meine Schweſter, meine gute Schweſter, wir ſind alle verrückt, wie es ſcheint; wir vergeſſen, daß der gute Doctor das Kind mitgenommen hat?“ „Der Doctor!“ rief Andrée mit dem Schmerz des Zweifels, mit der Freude der Hoffnung. „Ja wohl, ja wohl... Ah! man verliert ganz den Kopf hier.“. „Philipp! Du ſchwörſt mir 2...“ „Liebe Schweſter, Du biſt nicht vernünftiger, als ich 2... Wie ſoll denn dieſes Kind verſchwunden ſein?“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 10 142² Und er heuchelte ein Gelächter, das Amme und Magd anſteckte. Andrée belebte ſich wieder. „Doch ich hörte...“ ſagte ſie. „Was?“ „Tritte.“ Philipp ſchauerte. „Unmoͤglich, Du ſchliefſt.“ „Nein! nein! ich war ſehr wach; ich habe gehört!... ich habe gehoͤrt!...“ „Nun? Du haſt den guten Doctor gehoͤrt, der hinter mir, weil er für die Geſundheit des Kindes befürchtete, zurückgekommen und das Kind mit fortgenommen haben wird... er ſprach auch mit mir davon.“ „Du beruhigſt mich.“ „Warum ſollte ich Dich nicht beruhigen, das iſt ſo einfach.“ „Aber was thue ich hier?“ fragte die Amme. „Es iſt richtig... Der Doctor erwartet Euch in Eurem Hauſe.“ Oh 14 1* „Bei ſich alſo.“ „Dieſe Marguerite ſchlief ſo feſt, daß ſie nichts von dem, was der Doctor geſagt hat, gehört haben wird, oder hat der Doctor nichts ſagen wollen.“ 4 Andrée wurde ruhiger nach dieſer furchtbaren Er⸗ ſchütterung. Philipp entließ die Amme und ſchickte die Magd mit einem Befehle weg. Dann nahm er eine Lampe, unterſuchte ſorgfältig die anſtoßende Thüre, fand eine Thüre, die nach dem Garten ging, offen, ſah Fußſtapfen im Schnee und folgte dieſen Fußſtapfen bis zur Gartenthüre, wo ſie ausmündeten. „Männertritte!“ rief er,„das Kind iſt entwendet worden! wehe! wehe!“ —ÿ—— 143 CLXI. Das Dorf Haramont. Dieſe Fußſtapfen im Schnee waren die von Gilbert, der ſeit ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Balſamo ſeinem Spähergeſchäft oblag und ſich zu ſeiner Rache vorbereitete. Es hatte ihn nichts große Mühe gekoſtet. Durch viele ſüße Worte und kleine Gefaͤlligkeiten war es ihm gelungen, ſich nicht nur eine Anfnahme bei der Haushäl⸗ terin von Rouſſeau zu verſchaffen, ſondern ſich ſogar bei ihr beliebt zu machen. Das Mittel war einfach. Von den dreißig Sous täglich, welche Rouſſeau ſeinem Ab⸗ ſchreiber ausſetzte, erhob der mäßige Gilbert dreimal wö⸗ chentlich einen Livre, den er zum Ankauf eines für Thereſe beſtimmten Geſchenkes verwendete. Bald war dies ein Band für ihre Haube, bald irgend ein Naſchwerk, oder eine Flaſche ſüßer Wein. Empfänglich für Alles, was ihrem Geſchmacke oder ihrer kleinen Gitelkeit ſchmeichelte, hätte ſich die gute Dame am Ende mit den Ausrufungen begnügt, welche Gilbert bei Tiſche von ſich gab, um ihr culinariſches Talent zu loben. Es war nämlich dem Genfer Philoſophen gelungen, ſeinem jungen Schützling Zulaſſung bei Tiſch zu verſchaffen, und ſeit den zwei letzten Monaten hatte ſich Gilbert, ſo begünſtigt, zwei Louis d'or zu ſeinem Schatz geſammelt, der neben den zwanzigtauſend Livres von Balſamo unter dem Strohſack ruhte. Doch welches Daſein! welche Starrheit in der Rich⸗ tung des Benehmens und des Willens! Gilbert ſtand bei Tagesanbruch auf und ſing damit an, daß er mit ſeinem untrüglichen Auge die Lage von Andrée unterſuchte, um die geringſte Veränderung zu erkennen, welche in der ſo 144 düſteren und ſo regelmäßigen Exiſtenz der Klausnerin ein⸗ getreten ſein koͤnnte. 1 Nichts entging dann ſeinem Blick: weder der Sand Uim Garten, auf dem ſein durchdringendes Auge die Ein⸗ drücke des Fußes von Andrée maß, noch die Falte der mehr oder minder hermetiſch geſchloſſenen Vorhänge, deren ttheilweiſe Oeffnung für Gilbert ein ſicheres Anzeichen von der Laune der Gebieterin war; denn in ihren Tagen des Hinſchmachtens entzog ſich Andrée ſogar dem Anblick des Sonnenlichts... Auf dieſe Art wußte Gilbert, was in der Seele und was im Hauſe vorging. Er hatte auch Mittel gefunden, ſich alle Schritte von Philipp zu erklären, und mit der Berechnung, die er zu machen wußte, täuſchte er ſich weder über die Abſicht beim Ausgang, noch über den Erfolg bei der Rückkehr. Er trieb ſogar ſeine ängſtliche Späherei ſo weit, daß er Philipp folgte, als er den Doctor Louis in Ver⸗ ſailles aufſuchte. Dieſer Beſuch in Verſailles beunruhigte wohl ein wenig in ſeinen Gedanken den Späher; als er aber zwei Tage nachher den Doctor heimlich durch die Rue Coq⸗Héron in den Garten ſchleichen ſah, begriff er, was zwei Tage vorher ein Geheimniß für ihn geweſen war. Gilbert wußte jedes Datum, und es war ihm folglich nicht unbekannt, daß der Augenblick, der alle ſeine Hoff⸗ nungen verwirklichen ſollte, herannahte. Er hatte ſo viel Vorſichtsmaßregeln getroffen, als man braucht, um den Erfolg eines von Schwierigkeiten ſtrotzenden Unternehmens zu ſichern. Man höre, wie ſein Plan entworfen war. Die zwei Louis d'or dienten ihm dazu, daß er im Faubourg Saint⸗Denis ein Cabriolet mit zwei Pferden miethete. Dieſer Wagen ſollte am Tag, wo er ihn ver⸗ langen würde, zu ſeiner Verfügung ſtehen. Gilbert hatte überdies während eines Urlaubs von drei bis vier Tagen, den er genommen, die Umgegend von Paris durchforſcht. Während dieſes Urlaubs hatte er auch eine kleine Stadt im Soiſſonnais beſucht, die achtzehn Meilen * ——————— 145 von Paris entfernt und von einem ungeheuren Wald um⸗ geben war. Dieſes Städtchen hieß Villers⸗Cotterets. Sobald er daſelbſt ankam, begab er ſich zu Meiſter Niquet, dem ein⸗ zigen Notar des Ortes. Gilbert ſtellte ſich dem genannten Notar als der Sohn des Verwalters eines vornehmen Herrn vor. Dieſer vornehme Herr war wohlwollend für das Kind von einer ſeiner Bäuerinnen geſinnt, und hatte Gilbert beauftragt, eine Amme für dieſes Kind zu ſuchen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ſich die Freigebig⸗ keit des vornehmen Herrn nicht auf die Monate beſchränken, wo das Kind bei der Amme wäre ſondern er würde über⸗ dies in die Hände von Meiſter Niquet noch eine weitere Summe niederlegen. Da bezeichnete ihm Meiſter Niquet, der der Beſitzer von drei ſchoͤnen Jungen war, in einem eine Meile von Villers⸗Cotterets gelegenen Dörfchen, Namens Haramont, die Tochter der Amme ſeiner drei Söhne, welche, nachdem ſie ſich geſetzlich in ſeiner Schreibſtube verheirathet hatte, das Gewerbe ihrer Frau Mutter fortführte. Dieſe brave Frau hieß Madeleine Pitou und erfreute ſich eines Sohnes von vier Jahren, der alle Symtome einer guten Geſundheit bot; ſie hatte überdies abermals geboren, und ſtand ſo zur Verfügung von Gilbert an dem Tag, wo es ihm ihr den Säugling zu bringen oder zu ſchicken belieben würde. Nachdem alle dieſe Anordnungen getroffen waren, kehrte Gilbert, ſtets pünktlich, zwei Stunden vor Ablauf des erbetenen Urlaubs nach Paris zurück. Man wird uns nun fragen, warum Gilbert das Städtchen Villers⸗Cotterets im Vorzug vor einer andern Stadt gewählt habe. Hiebei, wie unter andern Umſtänden, handelte Gilbert unter dem Einfluß von Rouſſeau. Rouſſeau nannte eines Tages den Wald von Villers⸗ Cotterets als einen der reichſten in Beziehung auf Vege⸗ tation, den es gebe, und in dieſem Wald führte er drei 146 bis vier wie Neſter im tiefſten Dunkel des Blätterwerks verborgene Dörfer an. Es war folglich unmoͤglich, das Kind von Gilbert in einem dieſer Dörfer zu entdecken. Haramont beſonders war Gilbert entſprechend er⸗ ſchienen, obgleich Rouſſeau, der Menſchenfeind, Rouſſeau der Einſiedler, jeden Augenblick wiederholte: „Haramont iſt das Ende der Welt; Haramont iſt die Wüſte: man kann dort leben und ſterben, wie der Vogel, auf dem Zweig, ſo lange er lebt, unter dem Blatt, wenn er ſtirbt.“ Gilbert hörte auch den Philoſophen die Einzelnheiten vom Innern der Hütte zeichnen und mit jenen Feuerzügen, womit er die Natur belebte, Alles, vom Lächeln der Amme bis zum Blöͤken der Ziege, von dem Appetit erregenden Geruch der rohen Kohlſuppen bis zu den Düften der wil⸗ den Maulbeerbäume und des veilchenartigen Heidekrauts, ſchildern.. „Dorthin werde ich gehen,“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt;„mein Kind ſoll unter dem Schatten groß werden, wo der Meiſter Wünſche und Seufzer ausgeathmet hat.“ Für Gilbert war eine Phantaſie eine unveränderliche Regel, beſonders wenn ſich dieſe Phantaſie unter dem An⸗ ſchein moraliſcher Nothwendigkeit darbot.— Seine Freude war alſo groß, als Meiſter Niquet, ſeinen Wünſchen entgegengekommend, ihm Haramont als ein Dorf nannte, das ſeinen Abſichten entſpreche. Sobald Gilbert nach Paris zurückgekehrt war, be⸗ ſchäͤftigte er ſich mit dem Cabriolet. Das Cabriolet war nicht ſchön, wohl aber ſolid, und mehr brauchte es nicht. Die Pferde waren unterſetzte Thiere aus dem Perche; der Poſtillon ein plumper Stall⸗ tlpel; doch für Gilbert war es die Hauptſache, ans Ziel zu gelangen und beſonders keine Neugierde zu erregen. Seine Fabel hatte. übrigens Meiſter Niquet durchaus kein Mißtrauen eingeflößt; mit ſeinen neuen Kleidern ſah er gefällig genug aus, um dem Sohn eines Verwalters —*— 147 von gutem Haus zu gleichen, oder einem verkleideten Kam⸗ merdiener eines Herzogs oder eines Pair. Seine Mittheilung flößte ebenſo wenig Mißtrauen dem Kutſcher ein, denn es war dies die Zeit der Vertraulich⸗ keiten zwiſchen Volk und Edelmann; man empfing damals das Geld mit einer gewiſſen Dankbarkelt, und ohne Er⸗ kundigungen einzuziehen. Dabei waren in jener Zeit zwei Louis d'or ſo viel werth, als jetzt vier, und vier Louis d'or gewinnt man auch in unſern Tagen immerhin gern. Der Kutſcher machte ſich alſo verbindlich, wenn er zwei Stunden zuvor in Kenntniß geſetzt würde, den Wagen Gilbert zur Verfügung zu ſtellen. Dieſes Unternehmen hatte für den jungen Mann alle die Reize, welche die Einbildungskraft der Dichter und die Phantaſie der Philoſophen den ſchoͤnen Dingen und den ſchoͤnen Entſchlüſſen leihen. Das Kind einer grauſamen Mutter entziehen, das heißt, Schmach und Trauer im La⸗ ger der Feinde ausſtreuen; dann mit verändertem Geſicht in eine Hütte bei tugendhaften Landleuten, wie ſie Rouſ⸗ ſeau ſchilderte, eintreten und auf eine Wiege eine bedeutende Summe niederlegen; wie ein Schutzgott von dieſen armen Leuten betrachtet werden; für einen vornehmen Mann gel⸗ ten... das war mehr, als es brauchte, um den Stolz, den Groll, die Nächſtenliebe, den Haß gegen die Feinde zu befriedigen. Endlich kam der unſelige Tag. Er folgte auf zehn andere Tage, welche Gilbert in Bangigkeiten, auf zehn Nächte, die er ſchlaflos zugebracht hatte. Trotz der ſtren⸗ gen Kälte lag er bei offenem Fenſter im Bett, und jede Bewegung von Andrée oder von Philipp correſpondirte mit ſeinem Ohr, wie mit der Klingel die Hand, welche an der Schnur zieht. Er ſah an dieſem Tag Philipp und Andrée am Ka⸗ min mit einander reden: er ſah die Magd, welche die Läden zu ſchließen vergaß, haſtig nach Verſailles gehen. Er lief ſogleich zu ſeinem Kutſcher, um ihn zu benachrichtigen, 148 blieb vor dem Stall während der ganzen Zeit, da man anſpannte, biß ſich in die Hände und preßte ſeine Füße krampfhaft auf das Pflaſter, um die Ungeduld zu unter⸗ drücken. Endlich beſtieg der Poſtillon ſein Pferd und Gil⸗ bert ſprang in das Cabriolet, das er an der Ecke einer öden Gaſſe, in der Nähe der Halle, halten ließ. Dann kehrte er zu Rouſſeau zurück, ſchrieb einen Brief des Abſchieds an den guten Philoſophen, einen des Dankes an Thereſe, und meldete Beiden, eine kleine Erbſchaft rufe ihn nach dem Süden, doch er würde wieder kommen... Alles ohne beſtimmte Anzeige. Sein Geld in ſeiner Taſche, ſein langes Meſſer in ſeinem Aermel, wollte er ſich hierauf an der Röhre in den Garten hinablaſſen, als ihn ein Ge⸗ danke zurückhielt. Der Schnee!... Seit drei Tagen zu ſehr umhergetrieben, hatte Gilbert nicht hieran gedacht. Auf dem Schnee würde man ſeine Spuren ſehen.... Da dieſe Spuren nach dem Hauſe von Rouſſeau zuliefen, ſo würden Philipp und Andrée ohne allen Zweifel Nach⸗ forſchungen anſtellen laſſen, und da die Entwendung des Kindes mit dem Verſchwinden von Gilbert zuſammen⸗ träfe, ſo müßte dieſes ganze Geheimniß entdeckt werden. Es war alſo durchaus nothwendig, den Weg durch die Rue Coq⸗Héron zu machen und durch die kleine Gar⸗ tenthüre hineinzugehen, für welche Gilbert ſeit einem Mo⸗ nat einen Hauptſchlüſſel beſaß, eine Thüre, von der ein gebahnter Pfad ausging, wo folglich ſeine Fuße keine Spu⸗ ren zurücklaſſen würden. Er verlor keinen Augenblick und kam gerade in der Stunde an, wo der Fiacre, der den Doctor Louis brachte, vor dem Haupteingang des kleinen Hotels hielt. Gilbert öffnete vorſichtig die Thüre, ſah Niemand und verbarg ſich an der Ecke des Pavillon beim Treibhaus. Es war eine furchtbare Nacht; er konnte Alles horen; Seufzen, Stoͤhnen, durch die Qualen entriſſenes Geſchrei; er hoͤrte ſogar das erſte Gewimmer des Soh⸗ nes, der ihm geboren worden war. Auf den kahlen Stein gelehnt, empfing er, ohne es 149 zu fühlen, allen Schnee, der klein und dicht vom ſchwar⸗ zen Himmel ſiel. Sein Herz klopfte am Heft des Meſſers, das er verzweiflungsvoll an ſeine Bruſt preßte. Sein ſtarres Auge hatte die Farbe des Bluts, das Licht des Feuers. Endlich kam der Doctor heraus; endlich wechſelte Philipp die letzten Worte mit dem Doctor. Da näherte ſich Gilbert dem Laden, ſeine Spur auf dem Schneeteppich bezeichnend, der unter ſeinen Füßen bis an die Knöchel krachte. Er ſah Androée in ihrem Bett ſchlummern, Marguerite im Lehnſtuhl eingeſchlafen; er ſuchte das Kind bei ſeiner Mutter, erblickte es aber nicht. Er begriff ſogleich, wandte ſich nach der Thüre der Freitreppe, oͤffnete ſie nicht ohne ein Geräuſch, das ihn erſchreckte, drang bis zum Bett, das Nicole als Lager gedient hatte, und legte tappend ſeine eiſigen Finger auf das Geſicht des armen Kindes, dem der Schmerz die Schreie entriß, welche Andrée höͤrte. Dann wickelte er das neugeborene Kind in eine wol⸗ lene Decke und trug es fort, wobei er die Thüre halb offen ließ, um das ſo gefährliche Geräuſch nicht zu wie⸗ derholen. Eine Minute nachher erreichte er die Straße durch den Garten; er lief nach ſeinem Cabriolet, jagte den Poſtillon heraus, der unter dem Verdeck eingeſchlafen war, ſchloß den ledernen Vorhang, während jener zu Pferde ſtieg, und rief: „Einen halben Louis d'or für Dich, wenn wir in einer Viertelſtunde vor der Barriére find.“ Gut gegrifft, ſchlugen die Pferde ſogleich einen Galopp an. —— —— — — I — CLXII. Die Familie Piton. Auf dem Weg erſchreckte Gilbert Alles. Das Knarren der Wagen, welche dem ſeinigen folgten, oder ihm voranfuhren, das Stöhnen des Windes in den dürren Bäumen, alle Geräuſche kamen ihm wie eine organiſirte Verfolgung, oder wie Schreie vor, von denjenigen ausge⸗ ſtoßen, welchen das Kind genommen worden war. Nichts war indeſſen bedrohlich. Der Poſtillon that muthig ſeine Pflicht, und die zwei Pferde kamen dampfend in Dammartin zu der von Gilbert beſtimmten Stunde, nämlich vor Tagesanbruch an. Gilbert gab ſeinen halben Louis d'or, wechſelte Pferde und Poſtillon, und die raſche Fahrt wurde fortgeſetzt. Während des ganzen erſten Theiles der Reiſe fühlte das Kind, ſorgfältig in die Decke gehüllt und von Gilbert ſelbſt beſchützt, die Wirkung der Kälte nicht und gab nicht einen einzigen Schrei von ſich. Sobald der Tag erſchien und Gilbert in der Ferne das Land erblickte, wurde er muthiger und ſtimmte, um die Klagen zu übertöͤnen, welche das Kind hören zu laſſen anfing, eines von jenen ewigen Liedern an, wie er ſie in Taverney bei der Rückkehr von den Jagden ſang. Das Knarren der Achſe, das Aechzen der Hängrie⸗ men, das Eiſenwerk des ganzen Wagens, die Schellen der Pferde bildeten ihm ein teufliſches Accompagnement, deſſen Gewalt der Poſtillon dadurch erhöhte, daß er mit dem Liede von Gilbert die Töne einer durchaus nicht ver⸗ führeriſchen Bourbonnaiſe vermiſchte. Daraus ging hervor, daß der letzte Führer entfernt nicht vermuthete, Gilbert habe ein Kind in ſeinem Cab⸗ —y——— 15¹ riolet bei ſich. Er hielt ſeine Pferde vor Villers⸗Cotte⸗ rets an und empfing, wie dies verabredet war, den Preis für die Fahrt, nebſt einem Sechs⸗Livres⸗Thaler; dann nahm Gilbert ſeine ſorgfältig in die Decke gehüllte Bürde, ſtimmte ſein Lied ſo ernſt als möglich an, entfernte ſich raſch, ſprang über einen Graben und verſchwand auf einem mit Blättern beſtreuten Fußpfad, der ſich rechts von der Fuaßt abwandte und nach dem Dorfe Haramont hin⸗ ablief. Das Wetter war kälter geworden. Seit einigen Stunden fiel kein Schnee mehr; der Boden vor ihm war mit Gebüſch und dornigem Geſtrüppe bedeckt. Dar⸗ über hoben ſich ohne Bläͤtter und traurigen Anblicks die Baͤume des Waldes hervor, durch deren Aſtwerk das bleiche Azur eines noch nebeligen Himmels glänzte. Die ſo friſche Luft, die Düfte der Eichen, die Eis⸗ perlen, welche an den Enden der Zweige hingen, dieſe ganze Freiheit, dieſe ganze Poeſie berührten auf das Leb⸗ hafteſte die Einbildungskraft des jungen Mannes. Er ging raſchen und ſtolzen Schrittes durch die kleine Schlucht, ohne zu ſtraucheln, ohne zu ſuchen, denn er be⸗ fragte mitten unter den Baumgruppen den Glockenthurm des Fleckens und den blauen Rauch der Kamine, der durch das gräuliche Gitterwerk der Zweige zog. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde ſprang er über einen von Epheu und vergelbter Kreſſe begrenzten Bach, und erſuchte an der erſten Hütte die Kinder eines Feldarbei⸗ ters, ihn zu Madeleine Pitou zu führen. Stumm und aufmerkſam, ohne verdutzt oder unbe⸗ weglich zu ſein, wie andere Bauern, ſtanden die Kinder auf, ſchauten dem Fremden in die Augen und führten ihn, ſich an der Hand haltend, bis zu einem ziemlich großen Bauernhaus von gutem Ausſehen, das am Rande bes Maches lag, der an den meiſten Häuſern des Dorfes hinlief. Dieſer Bach hatte ſehr durchſichtiges und durch das erſte Schmelzen des Schnees etwas angelaufenes Waſſer. 15² EGine hölzerne Brücke, das heißt, ein breites Brett ver⸗ band die Straße mit den aus Erde gemachten Stufen, welche nach dem Hauſe führten. Eines von den Kindern, die ihm den Weg zeigten, Lhentet Gilbert mit dem Kopf, hier wohne Madeleine Pitou. „Hier?“ wiederholte Gilbert. Das Kind ſenkte ſein Kinn ohne ein Wort zu arti⸗ kuliren.. „Madeleine Pitou?“ fragte Gilbert das Kind aber⸗ mals. Und als dieſes ſeine ſtumme Bejahung wiederholt hatte, ging Gilbert über die kleine Brücke und öffnete die Thüre der Hütte, während die Kinder, die ſich wieder bei der Hand genommen, aus Leibeskräften ſchauten, was bei Madeleine dieſer ſchöne Herr mit dem braunen Frack und den Schnallenſchuhen machen dürfte. Gilbert hatte übrigens im Dorf noch keine andere lebendige Geſchöpfe geſehen, als dieſe Kinder... Haramont war wirklich die ſo ſehr gewünſchte Einöde. Sobald die Thüre geöffnet war, traf ein Schauſpiel voll Zauber, für die ganze Welt im Allgemeinen und für einen Philoſophenlehrling insbeſondere, die Blicke von Gilbert. Eine kräftige Bäuerin ſtillte ein hübſches Kind von einigen Monaten, während vor ihr knieend ein anderes Kind, ein ſtarker Junge von vier bis fünf Jahren, mit lauter Stimme ein Gebet ſprach. An einer Ecke des Kamins bei einem Fenſter, oder vielmehr bei einem Loch, das in einer Mauer angebracht und mit einer Scheibe geſchloſſen war, ſpann eine Bäuerin von fünfunddreißig bis ſechsunddreißtg Jahren Flachs; ſie hatte ihr Rädchen auf ihrer Rechten, einen hölzernen Schemel unter ihren Füßen, und auf dieſem Schemel lag ein guter fetter Pudel. Als dieſer Hund Gilbert erblickte, bellte er auf eine ziemlich gaſtfreundſchaftliche Weiſe, und nur gerade ſo viel, 153 als er brauchte, um ſeine Wachſamkeit darzuthun. Das betende Kind wandte ſich um, brach den Satz des Pater kurz ab, und die zwei Frauen gaben eine Art von Ausruf von ſich, der zwiſchen dem Erſtaunen und der Freude die Mitte hielt. Gilbert fing damit an, daß er der Amme zu⸗ lächelte. „Gute Frau Madeleine,“ ſagte er,„ich grüße Euch.“ Die Baͤuerin machte einen Sprung und erwiederte: „Der Herr kennt meinen Namen?“ „Wie Ihr ſeht; doch ich bitte, laßt Euch nicht ſtören. Statt eines Säuglings, den Ihr da habt, werdet Ihr zwei haben.“ Und er legte auf die plumpe Wiege des Bauernkindes das kleine Städterkind, das er mitgebracht hatte. „Oh!l wie hübſch es iſt!“ rief die ſpinnende Bäuerin. „Ja, Schwäͤgerin Angelique, ſehr hübſch,“ ſagte Madeleine.. „Dieſe Frau iſt Eure Schwägerin?“ fragte Gilbert, indem er die Spinnerin bezeichnete. „Ja, meine Muhme, meine Muhme Gelique,“ mur⸗ melte der kleine Burſche, der ſich, ohne aufgefordert zu ſein, in das Geſpräch miſchte. „Schweige, mein Engel, ſchweige,“ ſagte die Mutter, „Du unterbrichſt den Herrn.“ „Was ich Euch vorzuſchlagen habe, iſt ſehr einfach, gute Frau. Das Kind, das Ihr hier ſeht, iſt der Sohn eines Pächters meines Herrn... eines zu Grunde ge⸗ richteten Pächters... Mein Herr, der Pathe dieſes Kindes, will, daß es auf dem Land aufgezogen und zu einem guten Feldarbeiter gebildet werden ſoll;... gute Geſundheit . gute Sitten... Wollt Ihr das Kind übernehmen 2„ „Aber, Herr...“ „Geſtern geboren, hat es noch keine Nahrung be⸗ kommen,“ unterbrach ſie Gilbert.„Es iſt übrigens der Sänugling, von dem Meiſter Niquet, der Notar von Villers⸗ Ccotterets, mit Ench ſprechen mußte.“ 3 154 Madeleine ergriff ſogleich das Kind und gab ihm die Bruſt mit einem edlen Ungeſtüm, das Gilbert tief rührte. „Man hat mich nicht getäuſcht,“ ſagte er,„Ihr ſeid eine brave Frau. Ich vertraue Euch alſo dieſes Kind im Namen meines Herrn. Ich ſehe, daß es hier gliücklich ſein wird, und es ſoll in dieſe Hütte einen Glückstraum für den bringen, den es hier findet. Wie viel habt Ihr monatlich für die Kinder von Meiſter Niquet von Villers⸗ Cotterets genommen?“ „Zwoͤlf Livres, Herr; doch Herr Niquet iſt reich, und er fügte wohl hie und da einige Livres für den Zucker und den Unterhalt bei.“ „Mutter Madeleine,“ ſprach Gilbert ſtolz,„für dieſes Kind hier werden Guch zwanzig Livres monatlich bezahlt, und das macht jährlich zweihundert und vierzig Livres.“ „Jeſus!“ rief Madeleine,„oh! ich danke, Herr!“ „Hier für das erſte Jahr,“ ſagte Gilbert, und er breitete auf dem Tiſch zehn ſchoͤne Louis d'or aus, worüber die zwei Weiber ihre Augen weit aufſperrten, während der kleine Engel Pitou raſch ſeine verwüſtende Hand da⸗ nach ausſtreckte. „Aber, mein Herr, wenn das Kind nicht am Leben bliebe?“ fragte ſchüchtern die Amme. —„Das wäre ein großes Unglück, ein Unglück, das ſich nicht ereignen wird,“ erwiederte Gilbert.„Hiemit ſind alſo die Ammenmonate abgemacht, ſeid Ihr zufrieden?“ „Oh! ja, Herr.“ „Gehen wir zur Bezahlung eines Koſtgeldes für die anderen Jahre über.“ „ Das Kind würde bei uns bleiben?“ „Wahrſcheinlich.“ „Dann würden wir ihm Vater und Mutter ſein?“ Gilbert erbleichte. „Ja,“ ſprach er mit erſtickter Stimme. „Der arme Kleine iſt alſo verlaſſen, Herr?“ Gilbert war auf dieſe Gemüthsbewegung, auf dieſe 15⁵ Fragen nicht gefaßt. Er erholte ſich indeſſen und ant⸗ wortete: 3 3 „Ich habe Euch nicht Alles geſagt; der arme Vater iſt vor Schmerz geſtorben.“ Die zwei Weiber falteten ausdrucksvoll die Hände. „Und die Mutter?“ fragte Angelique. „Oh! die Mutter... die Mutter,“ erwiederte Gil⸗ bert, mühſam athmend,„nie durfte ihr Kind, das geboren war oder das geboren werden ſollte, auf ſie zählen.“ Sie ſprachen ſo, als der Vater Piton mit ruhi⸗ gem, freudigem Geſicht vom Felde nach Hauſe kam. Es war eine von den biederben, von Geſundheit und Freund⸗ lichkeit ſtrotzenden Naturen, wie ſie Greuze bei ſeinen guten Bildern gemalt hat. Mit einigen Worten war er auf dem Laufenden. Er begriff übrigens aus Eitelkeit die Dinge, beſonders dieje⸗ nigen, welche er nicht begriff.... Gilbert ſetzte auseinander, das Koſtgeld des Kindes ſollte bezahlt werden, bis es ein Mann geworden und fähig wäre, allein mit Hülfe ſeiner Vernunft und ſeiner Arme zu leben. „Gut,“ ſprach Pitou;„ich glaube, wir werden dieſes Kind lieben, denn es iſt niedlich.“ „Er auch!“ riefen Angelique und Madeleine,„er findet es wie wir.“ „Ich bitte, kommt mit mir zu Meiſter Niquet; ich werde bei ihm das erforderliche Geld hinterlegen, um Euch zufrieden zu ſtellen, und damit das Kind glücklich ſein kann.“ „Sogleich, Herr,“ erwiederte der Vater Pitou. Und er ſtand auf. Da nahm Gllbert von den guten Weibern Abſchied und näherte ſich der Wiege, in welche man den Ankömm⸗ ling zum Nachtheil des Kindes vom Hauſe gelegt hatte. Er bückte ſich mit düſterer Miene über die Wiege und bemerkte, zum erſten Mal ſeinem Sohn in's Geſicht ſchauend, daß dieſer Andrée glich. 1 156 Dieſer Anblick brach ſein Herz; er war genöthigt, ſich die Nägel in's Fleiſch zu preſſen, um eine Thräne verietmedräͤngen welche von dieſem Herzen zum Augenlid aufſtieg. Er drückte, ſelbſt zitternd, einen ſchüchternen Kuß auf die Wange des Neugeborenen, und trat ſchwankend zurück. Der Vater Pitou ſtand ſchon auf der Schwelle, ſei⸗ nen mit Eiſen beſchlagenen Stock in der Hand und ſein ſchönes Wamms über den Rücken geworfen. Gilbert gab dem dicken Engel Pitou, der ihm unter den Beinen umherkroch, einen halben Louis d'or, und die zwei Weiber erbaten ſich mit der rührenden Vertraulichkeit der Landleute die Ehre, ihn umarmen zu dürfen. So viele Gemüthsbewegungen griffen dieſen achtzehn⸗ jährigen Vater ſo ſehr an, daß er in Kurzem unterlegen wäre. Bleich, zitternd, fing er an den Kopf zu verlieren. „Gehen wir,“ ſagte er zu Pitou. „Wie Sie wünſchen, Herr,“ erwiederte der Bauer voranſchreitend. Und ſie entfernten ſich.B Plötzlich ſchrie Madeleine von der Schwelle aus: „Herr! Herr!“ „Was gibt es?“ fragte Gilbert. 3 „Sein Name! ſein Name! Wie ſollen wir den Knaben nennen?“ „ Er heißt Gilbert!“ antwortete der junge Vater mit männlichem Stolz. 157 CLXIII. Die Abreiſe. Das Geſchäft bei dem Notar war bald in Ordnung gebracht. Gilbert hinterlegte unter ſeinem Namen einige hundert weniger als zwanzig tauſend Livres, beſtimmt, die Koſten der Erziehung und des Unterhalts des Kindes zu tragen, ſo wie auch, um ihm eine häusliche Niederlaſſung zu geſtatten, wenn es das Mannesalter erreicht hätte. Gilbert beſtimmte Erziehung und Unterhalt auf die Summe von fünfhundert Livres jährlich, fünfzehn Jahre hindurch, und verordnete, daß der Reſt des Geldes auf irgend eine Ausſtattung, oder auf den Ankauf eines Etab⸗ liſſement oder eines Gutes verwendet werden ſollte. Nachdem er ſo an das Kind gedacht hatte, dachte Gilbert an die Pflegeeltern. Es war ſein Wille, daß zweitauſend vierhundert Livres den Piton von dem Kind, ſobald es das achtzehnte Jahr erreicht hätte, gegeben wer⸗ den ſollten. Bis dahin ſollte Meiſter Niquet ihnen nur das jährliche Koſtgeld bis zum Betrag von fünfhundert Livres ausbezahlen. Meiſter Niquet ſollte das Intereſſe des Geldes als Lohn für ſeine Mühe genießen. Gilbert ließ ſich einen Empfangſchein in guter Form für das Geld von Niquet, für das Kind von Pitou geben: Pitou controlirte die Unterſchrift von Niquet für die Summe, Niquet die von Pitou für das Kind; ſo daß Gilbert gegen die Mittagsſtunde abreiſen konnte, wobei er Niquet in Be⸗ wunderung dieſer frühreifen Weisheit, Pitou im Jubel über ein ſo unerwartetes Glück zurückließ. An, der Markung des Dorfes Haramont kam es Gil⸗ bert vor, als trennte er ſich von der ganzen Welt; nichts Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 11 158 hatte für ihn mehr Bedeutung, nichts mehr Verheißung. Er hatte ſich vom ſorgloſen Leben des jungen Mannes ge⸗ ſchieden und eine von den ernſten Handlungen vollbracht, welche die Menſchen ein Verbrechen nennen konnten, welche Gott mit einer ſchweren Strafe belegen konnte. Doch im Vertrauen auf ſeine eigenen Ideen, auf ſeine eigenen Kräfte, hatte Gilbert indeſſen den Muth, ſich den Armen von Meiſter Niquet zu entreißen, der ihn be⸗ gleitet, der eine lebhafte Freundſchaft für ihn gefaßt hatte, und ihn durch tauſend und aber tauſend Verführungsmittel verſuchte. Doch der Gelſt iſt launenhaft; die menſchliche Natur iſt Schwächen unterworfen. Je mehr ein Menſch Willen, Federkraft hat, deſto mehr ermißt er, in die Ausführung von Unternehmungen geworfen, die Entfernung, die ihn ſchon von ſeinem erſten Schritt trennt. Dann werden die Muthigſten unruhig, dann ſagen ſie ſich wie Caͤſar: „Habe ich ſchon den Nubicon überſchritten?“ Als ſich Gilbert allein am Saume des Waldes fand, wandte er noch einmal ſeine Blicke nach den Bäumen mit den röthlichen Gipfeln, die ihm ganz Haramont mit Aus⸗ nahme des Kirchthurmes verbargen. Dieſes reizende Ge⸗ mälde des Glücks und des Friedens verſetzte ihn in eine Träumerei voll Kummer und zugleich voll Wonne. „Ich Narr, der ich bin,“ ſagte er,„wohin gehe ich? Wendet ſich Gott nicht mit Zorn in der Tiefe des Him⸗ mels ab? Wiel! ein Gedanke hat ſich mir geboten; wie! ein Mann von Gott erweckt, um das Böſe zu veranlaſſen, das ich gethan, hat eingewilligt, dieſes Böſe wieder gut zu machen, und ich bin heute der Beſitzer eines Schatzes und meines Kindes! Mit zehntauſend Liores,— wobei zehntauſend andere dem Kind vorbehalten bleiben, kann ich hier wie ein glücklicher Feldbauer, unter dieſen guten Land⸗ leuten, im Schooße dieſer erhabenen und fruchtbaren Natur leben. Ich kann mich auf immer in eine ſüße Glückſelig⸗ keit begraben; arbeiten und denken; dieſe Welt vergeſſen und mich vergeſſen laſſen; ich kann, ungeheures Glück! — 159 mein Kind ſelbſt erziehen, und ſo meine Arbeit ge⸗ nießen.“ „Warum nicht? ſind mir nicht dieſe guten Möglich⸗ keiten durch Gott geſchickt? Sind ſie nicht die Entſchädi⸗ gung für alle meine vergangenen Leiden? Ohl ja, ich kann mit dieſem Kind theilen, das ich ſelbſt erzogen haben werde, wobei ich das Geld verdiene, das man Miethlingen geben müßte. Ich kann Meiſter Niquet geſtehen, daß ich ſein Vater bin. Ich kann Alles!“ Und ſein Herz füllte ſich allmälig mit einer unſäglichen Freude und mit einer Hoffnung, die er noch nie gekoſtet hatte, ſelbſt nicht in den lachendſten Trugbildern ſeiner Träume. Plötzlich erwachte der Wurm, der im Grunde dieſer ſchönen Frucht ſchlummerte, und zeigte ſein ſcheußliches Haupt; es war dies die Reue, es war die Schaam, es war das Unglück. „Ich kann nicht,“ ſagte Gilbert erbleichend zu ſich ſelbſt.„Ich habe das Kind dieſer Frau geſtohlen, wie ich ihr ihr Glück geſtohlen habe... Ich habe dieſem Mann das Geld geſtohlen, um, wie ich ſagte, eine Genugthuung damit zu leiſten... ich bin nicht mehr berechtigt, mir ſelbſt ein Glück damit zu machen; ich bin nicht mehr be⸗ rechtigt, das Kind zu behalten, da es eine Andere nicht haben wird. Es gehört uns Beiden, dieſes Kind, oder Niemand.“ Und nach dieſen Worten, die ſo ſchmerzlich einſchnitten wie tiefe Wunden, erhob ſich Gilbert in Verzweiflung; ſein Geſicht drückte die düſterſten, die gehäſſigſten Leidenſchaften aus. „Es ſei!“ ſagte er,„ich werde unglücklich ſein; es ſei! ich werde leiden; es ſei! es wird mir an Allem und an Allen fehlen; doch die Theilung, die ich mit dem Guten machen mußte, will ich auch mit dem Böſen machen. Mein Erbgut iſt fortan die Rache und das Unglück. Sei unbeſorgt, Andrée, ich werde getreulich mit Dir theilen.“ 1 160 Er wandte ſich nach rechts, und drang, nachdem er durch einen Augenblick der Ueberlegung ſich orientirt hatte, in die Wälder ein, um die Straße nach der Normandie zu erreichen, die er nach ſeiner Berechnung in vier Tage⸗ märſchen treffen mußte. Er beſaß neun Livres und einige Sous. Sein Aeuſ⸗ ſeres war anſtändig, ſein Geſicht ruhig. Ein Buch unter dem Arme, glich er ſehr einem Studenten von Familie, der in das väterliche Haus zurückkehrt. Er nahm die Gewohnheit an, bei Nacht auf den ſchönen Wegen zu marſchiren und bei Tag in den Wies⸗ gründen unter den Sonnenſtrahlen zu ſchlafen. Nur zwei⸗ mal beläͤſtigte ihn der Wind ſo ſehr, daß er ſich gezwungen ſah, in eine Hütte einzutreten, wo er auf einem Stuhl am Herde auf's Allerbeſte ſchlief, ohne zu bemerken, daß die Nacht gekommen war. Er hatte immer eine Entſchuldigung und eine Be⸗ ſtimmung.„Ich gehe nach Rouen zu meinem Oheim,“ ſagte er;„ich wollte als ein junger Menſch die Reiſe zu Fuß machen, um mich zu zerſtreuen.“ Kein Verdacht von Seiten der Bauern; das Buch verlieh damals eine geachtete Haltung. Wenn Gilbert auf dieſem oder jenem mehr zuſammengezogenen Mund einen Zweifel ſchweben ſah, ſprach er von einem Seminar, nach dem ihn ſein Beruf hinziehe. Dies war ein voll⸗ ſtändiger Ableiter für jeden ſchlimmen Gedanken. So vergingen acht Tage, während welcher Gilbert wie ein Bauer lebte, zehn Sous täglich ausgab und zehn Landmeilen zurücklegte. Er kam in der That nach Rouen, und hier hatte er nicht mehr nöͤthig, ſich zu erkundigen, oder den Weg zu ſuchen. Das Buch, das er bei ſich trug, war ein reich eingebundenes Exemplar der Neuen Heloiſe. Rouſſeau hatte ihm ein Geſchenk damit ge⸗ macht und ſeinen Namen auf das erſte Blatt des Buches geſchrieben. Nunmehr auf vier Livres und einen Sou beſchränkt, 161 riß er dieſes Blatt, das er ſorgfältig aufbewahrte, heraus und verkaufte das Buch an einen Buchhändler, der ihm drei Livres dafür gab. So gelangte der junge Mann nach drei weiteren Tagen in's Angeſicht vom Havre, wo er das Meer bei Sonnen⸗ untergang erblickte.— Seine Schuhe befanden ſich in einem nicht ſehr ent⸗ ſprechenden Zuſtand für einen jungen Mann, der bei Tag eitler Weiſe ſeidene Strümpfe anzog, um durch die Städte zu wandeln; doch Gilbert hatte abermals einen Gedanken. Er verkaufte ſeine ſeidenen Strümpfe, oder vertauſchte ſie vielmehr gegen ein paar tadelloſe Schuhe, was die Dauer⸗ haftigkeit betrifft... von der Eleganz ſprechen wir nicht. Dieſe letzte Nacht brachte er in Harfleur zu, wo er für Wohnung und Speiſe ſechzehn Sous zu bezahlen hatte. Er aß hier zum erſten Mal in ſeinem Leben Auſtern. „Ein Gericht der Reichen für den ärmſten der Men⸗ ſchen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo wahr iſt es, daß Gott immer nur das Gute gemacht hat, während die Menſchen das Böſe gemacht haben, nach dem Grundſatze von Rouſſeau.“ Um zehn Uhr Morgens, am 13. December exreichte Gilbert das Havre, und mit dem erſten Blick erſchaute er den Adonis, eine ſchöne Brigg von dreihundert Tonnen, die ſich im Baſſin ſchaukelte. Der Hafen war verlaſſen. Gilbert trat auf die ſchmale, nur aus ein paar Brettern beſtehende Brücke, die nach dem Schiffe führte. Ein Schiffsjunge näherte ſich ihm, um ihn zu be⸗ fragen. „Ich wünſchte den Kapitän zu ſprechen,“ ſagte Gilbert. Der Schiffsjunge machte ein Zeichen nach dem Zwi⸗ ſchendeck, und alsbald rief eine Stimme von unten: „Laßt ihn herabkommen.“ Gilbert ging hinab. Man führte ihn in ein kleines Zimmer, das ganz von Acajouholz gebaut und mit der groͤßten Einfachheit meublirt war. 162 Ein Mann von dreißig Jahren, bleich, nervig, mit lebhaftem, unruhigem Auge, las eine Zeitung an einem Acgjoutiſch. „Was will der Herr?“ fragte er Gilbert. Gilbert bedeutete dieſem Mann durch ein Zeichen, er moͤge ſeinen Schiffsjungen entfernen, und dieſer ging auch wirklich ſogleich ab. 8 „Sie ſind der Kapitän des Adonis, mein Herr?“ ſagte Gilbert. „Ja, mein Herr.“ „Dann iſt dieſes Papier an Sie gerichtet.“ Er reichte dem Kapitän das Billet von Balſamo. Kaum hatte der Kapitän die Handſchrift geſehen, als er haſtig zu Gilbert mit einem äußerſt freundlichen Lächeln ſagte: „Ah! Sie auch... ſo jung! gut! gut!“ Gilbert verbeugte ſich nur. „Sie wollen?... „Nach Amerika.“ „Sie reiſen ab?“ „Wann Sie ſelbſt reiſen werden.“ „Gut. In acht Tagen alſo.“ 3 „Was werde ich während dieſer acht Tage machen, Kapitän?“ „Haben Sie einen Paß?“ „Nein.“ „Dann kommen Sie dieſen Abend an Bord zurück, nachdem Sie den ganzen Tag außerhalb der Stadt, in Saint⸗Adreſſe zum Beiſpiel, ſpazieren gegangen ſind.“ „Ich muß eſſen und habe kein Geld mehr.“ „Sie werden hier zu Mittag und zu Nacht ſpeiſen.“ „Und hernach?“ „Sind Sie einmal eingeſchifft, ſo kehren Sie nicht mehr an's Land zurück; ſie bleiben hier verborgen; Sie reiſen ab, ohne den Himmel wieder geſehen zu haben... Sobald Sie zwanzig Meilen weit von hier in See ſind, ſteht es Ihnen frei, zu thun, was Sie wollen.“ 163 „Gut.“ Itehun Sie alſo Alles, was Ihnen zu thun übrig bleibt.“ „Ich habe einen Brief zu ſchreiben.“ „Schreiben Sie ihn.“ Wo 2 „Auf dieſem Tiſch... Hier haben Sie Federn, Tinte und Papier; die Poſt iſt in der Vorſtadt. Der Schiffs⸗ junge wird Sie führen.“ „Ich danke, Kapitän!“ Als Gilbert allein war, ſchrieb er einen kurzen Brief, auf den er die Aufſchrift ſetzte: „Fräulein Andrée von Taverney; Paris, Rue Coq⸗ Héron, N. 9, beim erſten Thorweg von der Rue Platrière an 71 Dann ſchob er dieſen Brief in ſeine Taſche, aß, was ihm der Kapitän ſelbſt vorſetzte, und folgte dem Schiffs⸗ jungen, der ihn nach der Poſt führte, wo er den Brief abgab. Den ganzen Tag ſchaute Gilbert vom ſteilen Ufer aus nach dem Meer hinaus. Als die Nacht einbrach kehrte er zurück. Der Kapitän wartete auf ihn und ließ ihn in das Schiff eintreten. 164 CLXIV. Der letzte Abſchied von Gilbert. Philipp hatte eine furchtbare Nacht zugebracht; die Tritte auf dem Schnee bewieſen ihm auf das Augenſchein⸗ lichſte, daß ſich Jemand in das Haus eingeſchlichen hatte, um das Kind zu entwenden; aber wen anklagen? Kein anderes Merkmal gab ihm Licht in ſeinem Verdacht. Philipp kannte ſeinen Vater ſo genau, daß er nicht an einer Mitſchuld von ſeiner Seite bei dieſer Angelegen⸗ heit zweifelte. Herr von Taverney hielt Ludwig XV. für den Vater dieſes Kindes; er mußte einen großen Werth auf dieſes lebendige Zeugniß einer vom König an Madame Dubarry begangenen Untreue legen. Der Baron mußte ebenfalls glauben, Andrée würde früher oder ſpäter ihre Zuflucht zur Gunſt nehmen, und ſie würde dann ſehr theuer nunf Hauptmittel ihres zukünftigen Glückes wieder an ſich kaufen. Auf eine ganz friſche Offenbarung des väterlichen Charakters gegründet, tröſteten dieſe Betrachtungen einiger⸗ maßen Philipp, der das Kind wiederzuerlangen für mög⸗ lich hielt, da er die Räuber kannte. Er lauerte daher um acht Uhr auf die Ankunft des Doctor Louis, dem er, auf der Straße auf⸗ und abgehend, das furchtbare Ereigniß der Nacht erzählte. Der Doctor war ein Mann von gutem Rath; er unterſuchte die Spuren im Garten und trat, nach einiger Ueberlegung, den Vermuthungen von Philipp bei. „Der Baron iſt mir hinreichend bekannt, daß ich ihn dieſer ſchlimmen Handlung fähig halte. Kann indeſſen nicht dennoch ein anderes Intereſſe, ein unmittelbares In⸗ tereſſe zu der Entwendung des Kindes beſtimmt haben?“ „Welches Intereſſe, Doctor?“. 165 „Das des wahren Vaters.“ 4 „Oh!“ rief Philipp,„ich hatte einen Augenblick die⸗ ſen Gedanken; doch der Unglückliche hat nicht einmal Brod „für ſich ſelbſt; er iſt ein Narr, ein Erxaltirter, zu dieſer Stunde ein Flüchtling, der vor meinem Schatten bange haben muß... Täuſchen wir uns nicht, Doctor, der Elende hat dieſes Verbrechen begangen, weil ſich ihm Ge⸗ legenheit geboten; doch nun, da ich vom Zorn mehr ent⸗ fernt bin, obgleich ich dieſes Verbrechen haſſe, glaube ich, daß ich ein Zuſammentreffen mit ihm vermeiden würde, um ihn nicht zu tödten. Ich glaube, er muß Gewiſſens⸗ biſſe fühlen, die ihn beſtrafen; ich glaube, daß der Hunger und die Landſtreicherei mich eben ſo wirkſam an ihm rä⸗ chen, als mein Degen.“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ ſagte der Doctor. „Theurer, vortrefflicher Freund, wollen Sie nur die Güte haben, noch zu einer Lüge einzuwilligen; denn vor Allem müſſen wir Andrée beruhigen; Sie werden ihr ſa⸗ gen, Sie ſeien geſtern über die Geſundheit des Kindes un⸗ ruhig geweſen, Sie ſeien in der Nacht zurückgekommen, um es zu holen und zu ſeiner Amme zu bringen. Das iſt die erſte Fabel, die mir in den Kopf gekommen, und die ich für Andrée improvifirt habe.“ fuch„Ich will das ſagen; doch Sie werden das Kind uchen.“ „Ich habe ein Mittel, es aufzufinden. Ich bin ent⸗ ſchloſſen, Frankreich zu verlaſſen; Andrée tritt in das Kloſter von Saint⸗Denis; ich gehe zu Herrn von Taver⸗ ney; ich ſage ihm, ich wiſſe Alles; ich nöthige ihn, als ob er ein Fremder wäre, mir den Ort zu entdecken, wo das Kind verborgen iſt. Seinen Widerſtand überwinde ich durch die Drohung einer öffentlichen Bekanntmachung, durch die Drohung mit dem Beiſtand der Frau Dauphine.“ „Und was werden Sie mit dem Kind machen, menn Ihre Schweſter im Kloſter iſt?“ „Ich thue es zu einer Amme, die Sie mir empfeh⸗ 166 len... dann ins Colleg, und wenn es groß iſt, nehme ich es zu mir, wenn ich lebe.“ „Und Sie glauben, die Mutter werde einwilligen, Sie zu verlaſſen, ihr Kind zu verlaſſen?“ „Andrée wird fortan ihre Einwilligung zu Allem geben, was mir genehm iſt. Sie weiß, daß ich einen Schritt bei der Frau Dauphine gemacht habe, die mir ihr Wort gegeben, und wird mich nicht dem ausſetzen, daß ich mich gegen die unſerer Beſchützerin ſchuldige Achtung verfehle.“ „Ich bitte, laſſen Sie uns zu der armen Mutter ge⸗ hen,“ ſagte der Doctor. Und er ging in der That zu Andrée hinein, welche, getröſtet durch die Bemühungen von Philipp, ſanft ſchlief. Ihr erſtes Wort war eine Frage an den Doctor, der ſchon durch eine lachende Miene geantwortet hatte. Andrée gewann von da an eine vollkommene Ruhe, was ihre Wiedergeneſung ſo ſehr beſchleunigte, daß ſie zehn Tage nachher aufſtand und zur Stunde, wo die Sonne auf die Scheiben ſiel, im Gewächshauſe auf⸗ und abgehen konnte. Zur Zeit dieſes erſten Spazierganges kam Philipp, der ſich auf einige Tage entfernt hatte, nach dem Hauſe der Rue Coq⸗Héron mit einem ſo düſtern Geſicht zurück, daß der Doctor, der ihm die Thüre öffnete, ein großes Unglück ahnete. „Wie iſt es?“ fragte er,„weigert ſich der Vater, das Kind zurückzugeben?“ „Der Vater,“ antwortete Philipp,„iſt von einem heftigen Fieber befallen worden, das ihn drei Tage nach ſeiner Abreiſe von Paris an ſein Bett feſſelte, und der Vater ſchwebte in der äußerſten Gefahr, als ich ankam; ich hielt dieſe ganze Krankheit für eine Liſt, für eine Finte, für einen Beweis ſeiner Theilnahme an der Entwendung. Ich drang in ihn, ich drohte, Herr von Taverney ſchwor mir bei Chriſtus, er verſtehe nicht, was ich wolle.“ „Somit kommen Sie ohne Nachricht zurück?“ „Ja, Doctor.“ 167 „Und überzeugt von der Wahrhaftigkeit des Barons?“ „Beinahe überzeugt.“ „Schlauer als Sie, hat er ſein Geheimniß nicht preis⸗ gegeben?“ „Ich drohte ihm, die Hülfe der Dauphine anzurufen, und der Baron erbleichte.„„Richte mich zu Grunde, wenn Du willſt,““ ſagte er;„„entehre Deinen Vater und Dich, das wird eine Tollheit ſein, die zu keinem Reſultat führt. Ich weiß nicht, was Du meinſt.““ „Und ſo...“ „So komme ich in Verzweiflung zurück.“ In dieſem Augenblick hörte Philipp die Stimme ſei⸗ ner Schweſter rufen: „Iſt nicht Philipp gekommen?“ „Großer Gott! hier iſt ſie... Was ſoll ich ſagen?“ flüſterte Philipp. „Stille!“ erwiederte der Doctor. Andrée trat in das Zimmer und küßte ihren Bruder mit einer freudigen Zärtlichkeit, welche das Herz des jun⸗ gen Mannes in Eis verwandelte. „Nun!“ fragte ſie,„woher kommſt Du?“ „Ich komme vor Allem von meinem Vater, wie ich Dir vorher geſagt habe.“ „Befindet ſich der Herr Baron wohl?“ „Ja, Andrée; doch das iſt nicht der einzige Beſuch, den ich gemacht habe... Ich habe auch mehrere Per⸗ ſonen wegen Deines Eintritts in Saint⸗Denis beſucht. Gott ſei Dank, es iſt nun Alles vorbereitet, Du biſt gerettet, und Du kannſt Dich nun auf eine verſtändige und ent⸗ ſchiedene Weiſe mit Deiner Zukunft beſchäftigen.“ Andrée näherte ſich ihrem Bruder und ſagte mit einem zärtlichen Lächeln:. „Theurer Freund, meine Zukunft beſchäftigt mich nicht mehr, und meine Zukunft ſoll überhaupt Niemand beſchäftigen... Die Zukunft meines Kindes iſt Alles für mich, und ich werde mich einzig und allein dem Sohn widmen, den mir Gott geſchenkt hat. Dies iſt mein Ent⸗ 168 ſchluß, den ich unwiderruflich gefaßt habe, ſeitdem ich nach der Rückkehr meiner Kräfte nicht mehr an der Feſtigkeit meines Geiſtes zweifeln konnte. Für meinen Sohn leben, durch Entbehrungen leben, arbeiten ſogar, wenn es nöthig iſt; aber ihn Tag und Nacht nicht verlaſſen, das iſt die Zukunft, die ich mir vorgezeichnet habe. Kein Kloſter, keine Selbſtſucht mehr; ich gehöre Jemand: Gott will nichts mehr von mir!“ Der Doctor ſchaute Pbilipp an, als wollte er ihn fragen: „Nun, was habe ich vorhergeſehen?“ „Meine Schweſter!“ rief der junge Mann,„meine Schweſter, was ſagſt Du?“ „Klage mich nicht an, Philipp, das iſt nicht eine Laune einer ſchwachen und eitlen Frau; ich werde Dich ih beläſtigen, ich werde Dir keinen Zwang aufer⸗ egen. 3„Aber... Andrée, ich kann nicht in Frankreich blei⸗ ben; ich habe kein Vermögen, keine Zukunft mehr; ich kann wohl einwilligen, Dich am Fuß eines Altars zurück⸗ zulaſſen, aber in der Welt, in der Armuth, bei der Arbeit, Andrée... gib wohl Acht.“ „Ich habe Alles vorhergeſehen... ich liebe Dich aufrichtig, Philipp; doch wenn Du mich verläſſeſt, ver⸗ ſchlucke ich meine Thränen und flüchte mich zu der Wiege meines Sohnes.“ Der Doctor näherte ſich und ſagte: „Das iſt Uebertreibung, das iſt Wahnſinn.“ „Ah!l Doctor, was wollen Sie?... Mutter ſein iſt ein Zuſtand des Wahnſinns... Doch dieſen Wahn⸗ finn hat mir Gott geſchickt. So lange das Kind meiner bedarf, beharre ich bei meinem Entſchluß.“ L 1Sblid und der Doctor wechſelten plötzlich einen 1— „Mein Kind,“ ſagte der Doctor zuerſt,„ich bin kein ſehr beredter Prediger, aber ich glaube mich zu erinnern, —-25 —2 2————— —.—— 169 heß Gott zu lebhafte Anhänglichkeit an das Geſchöpf ver⸗ etet.“ „Ja, meine Schweſter,“ fügte Philipp bei. „Doctor, Gott verbietet einer Mutter nicht, ihren Sohn lebhaft zu lieben, wie ich glaube.“ „Verzeihen Sie mir, meine Tochter, der Phlloſoph, der Arzt verſucht es, den Abgrund zu ermeſſen, den der Theolog für die menſchlichen Leidenſchaften gräbt. Bei jeder Vorſchrift, welche von Gott kommt, ſuchen Sie die Urſache, nicht die moraliſche, denn das iſt zuweilen eine Subtilität der Vervollkommnung, ſuchen Sie den materiel⸗ len Grund. Gott verbietet einer Mutter, ihr Kind über⸗ mäßig zu lieben, weil das Kind eine ſchwächliche, zarte, allen Uebeln, allen Leiden ausgeſetzte Pflanze iſt, und weil ein ephemeres Geſchöpf lebhaft lieben ſich der Verzweiflung ausſetzen heißt.“ „ Doctor, warum ſagen Sie mir das? Und Du, Phi⸗ lipp, warum ſchauſt Du mich mit dieſem Mitleid, mit dieſer Bläſſe an?“ „Liebe Andrée,“ erwiederte der junge Mann,„befolge meinen Rath, den Rath eines zärtlichen Freundes; Deine Geſundheit iſt wiederhergeſtellt, tritt ſobald als möglich in das Kloſter von Saint⸗Denis ein.“ „Ich!... Ich habe Dir geſagt, daß ich meinen Sohn nicht verlaſſen werde.“ „So lang er Ihrer bedürfe,“ ſprach der Doctor mit ſanftem Ton. „Mein Gott!“ rief Andrée,„was iſt es? ſprechen Sie; etwas Trauriges... Grauſames?“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ flüſterte der Doctor Phi⸗ lipp zu;„ſie iſt noch zu ſchwach, um einen entſcheidenden Schlag zu ertragen.“ „Mein Bruder, Du antworteſt nicht; erkläre Dich.“ „Liebe Schweſter, Du weißt, daß ich auf der Rück⸗ kehr durch Point⸗du⸗Jour gekommen bin, wo Dein Sohn bei einer Amme iſt.“ „Ja... und? 170 „Das Kind iſt ein wenig krank.“ „Krank... das liebe Kind! Geſchwinde, Marguerite, .. einen Wagen! ich will mein Kind ſehen.“ „Unmöglich!“ rief der Doctor;„Sie ſind nicht im Stand, auszugehen oder eine Fahrt zu ertragen.“ „Sie haben mir noch dieſen Morgen geſagt, es wäre dies möglich; Sie ſagten mir morgen, nach der Ankunft von Philipp, könnte ich den armen Kleinen beſuchen. „Ich hatte eine beſſere Anſicht von Ihrem Geſund⸗ heitszuſtand.“ „Sie täuſchen mich.“ Der Doctor ſchwieg. „Marguerite!“ wiederholte Andrée,„man gehorche mir... einen Wagen!“ „Aber das kann Dir den Tod bringen,“ unterbrach ſie Philipp. „Nun, ſo werde ich ſterben!... es liegt mir nicht ſo viel am Leben!...“ Marguerite wartete und ſchaute abwechſelnd ihre Gebie⸗ terin, ihren Herrn und den Doctor an. „Wenn ich befehle...“ rief Andrée, deren Wangen ſich mit einer plöͤtzlichen Röthe bedeckten. „Theure Schweſter!“ „Ich höre nichts mehr, und wenn man mir einen Wagen verweigert, gehe ich zu Fuß.“ „Andrée,“ ſagte Philipp, indem er ſie in ſeine Arme nahm,„Du wirſt nicht gehen, nein, Du brauchſt nicht dahin zu gehen.“ „Mein Kind iſt todt!“ ſtammelte Andrée kalt und ließ ihre Arme an dem Lehnſtuhl hinabfallen, in den Philipp und der Doctor ſie geſetzt hatten. Philipp antwortete nur dadurch, daß er eine von ihren kalten, trägen Händen küßte... Allmälig verlor der Hals von Andrée ſeine Starrheit; ſie ließ ihren Kopf auf ihren Buſen fallen und vergoß reichliche Thränen. „Gott hat gewollt, daß wir dieſes neue Unglück er⸗ fahren; Gott, der ſo gerecht, ſo groß iſt; Gott, der viel⸗ ——2— —+——+ 171 leicht andere Abſichten mit Dir hatte; Gott, der ohne Zweifel urtheilte, die Gegenwart dieſes Kindes an Deiner Seite wäre eine unverdiente Strafe...“ „Aber...“ ſeufzte die arme Mutter,„aber warum hat Gott dieſes unſchuldige Geſchöpf leiden laſſen?“ 3 „Gott hat es nicht leiden laſſen, mein Kind,“ erwie⸗ derte der Doctor;„es iſt in der Nacht ſeiner Geburt ge⸗ ſtorben... Beklagen Sie es nicht mehr, als den Schatten, der vorüberzieht und verſchwindet.“ „Seine Schreie, die ich hörte?.. „Waren ſein Abſchied vom Leben.“ Andrée verbarg ihr Geſicht in ihren Händen, wäh⸗ rend die zwei Männer, ihre Gedanken in einen beredten Blick vermengend, ihrer frommen Liſt Beifall ſpendeten. Plötzlich kehrte Marguerite, einen Brief in der Hand, zurück... Dieſer Brief war an Andrée gerichtet, und die Aufſchrift lautete wie folgt: „An Fräulein Andrée von Taverney, Rue Cog⸗Héron, die erſte Thüre nach Rue Plaſtriére.“ Philipp zeigte ihn dem Doctor über dem Kopf von Andrée, welche nicht mehr weinte, aber in ihre Schmerzen verſunken war. „Wer kann ihr hierher ſchreiben,“ dachte Philipp; „Niemand kennt ihre Adreſſe, und die Handſchrift iſt nicht die unſeres Vaters.“ „Geben Sie ihr den Brief,“ unterbrach ihn der Doctor,„das wird eine Zerſtreuung für die tiefe Träu⸗ merei ſein, die mich beunruhigt.“ „Hier iſt ein Brief für Dich, Andrée,“ ſagte Philipp. Ohne zu überlegen, ohne zu widerſtehen, ohne ſich zu wundern, zerriß Andrée den Umſchlag und entfaltete, nachdem ſie ihre Augen getrocknet, das Papier, um zu leſen; doch kaum hatte ſie die drei Zeilen durchlaufen, aus denen der Brief beſtand, als ſie einen gewaltigen Schrei ausſtieß, wie eine Wüthende auffuhr und, während ihre Arme und ihre Füße in einem furchtbaren Krampf 172 erſtarrten, ſchwer wie eine Bildſäule in die Hände von Marguerite ſiel, die ihr zuſprang. Philipp hob den Brief auf und las: Auf der See, am 15. Dec. 172+ „Ich reiſe! vertrieben durch Sie, und Sie werden mich nicht mehr ſehen; doch ich nehme mein Kind mit, das Sie nie ſeine Mutter nennen wird. „Gilbert.“ Philipp zerknitterte das Papier mit einem Gebrülle der Wuth. „Oh!“ rief er mit den Zähnen knirſchend,„ich hatte das Verbrechen des Zufalls beinahe verziehen; doch dieſes Verbrechen des Willens ſoll beſtraft werden... Bei Deinem lebloſen Haupte, Andrée, ſchwöre ich, den Elenden zu tödten, ſobald er ſich vor mir zeigt. Es wird Gottes Wille ſein, daß ich ihn treffe, denn ſein Maß iſt voll. Doctor, wird Andrée zu ſich kommen?“ „Ja, ja!“ „Doctor, Andrée muß morgen in das Kloſter von Saint⸗Denis eintreten; übermorgen muß ich im nächſten Seehafen ſein... Der Feige iſt entflohen...R ich werde ihn verfolgen... Ich muß dieſes Kind haben... Doctor, was iſt der nächſte Seehafen?“ „Das Havre.“ „In ſechs und dreißig Stunden bin ich im Havre,“ rief Philipp. —&————— — lolᷣ 8— 173 CLXV. d An Bord. Von dieſem Augenblick war das Haus von Andrée ſchweigſam und düſter wie ein Grab. Die Nachricht von dem Tod ihres Sohnes hätte Andrée vlelleicht getödtet. Es wäre einer von jenen dumpfen, langſamen Schmerzen geweſen, welche beſtändig unter⸗ graben. Der Brief von Gilbert war ein ſo heftiger Schlag, daß er übermäßig in der edlen Seele von Andrée Alles aufregte, was darin an Kräften und angreifenden Ge⸗ fühlen blieb. Wieder zu ſich gekommen, ſuchte ſie mit den Blicken ihren Bruder, und der Zorn, den ſie in ſeinen Augen las, war eine neue Quelle des Muthes für ſie. Sie wartete, bis ihre Kräfte genug wiederhergeſtellt waren, daß ihre Stimme nicht mehr zitterte; dann nahm ſie die Hand von Philipp und ſagte: „Mein Bruder, Du ſprachſt dieſen Morgen vom Kloſter von Saint⸗Denis, wo mir die Frau Dauphine eine Zelle bewilligt hat.“ „Ja, Andrée.“ „Du wirſt mich noch heute dahin führen, wenn es Dir beliebt?“ S „Ich danké⸗ meine Schweſter.“ „Sie, Doctor,“ fuhr Andrée fort,„für ſo viel Güte, Aufopferung, Menſchenfreundlichkeit wäre ein Dank eine unfruchtbare Belohnung. Ihr Lohn, Doctor, kann ſich nicht auf der Erde finden.“ Sie ging auf ihn zu, küßte ihn und ſprach: „Dieſes kleine Medaillon enthält mein Bildniß, das meine Mutter machen ließ, als ich zwei Jahre alt war; Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 12 174 es muß meinem Sohn gleichen; behalten Sie es, Doctor, damit es zuweilen von dem Kind ſpricht, das Sie an das Tageslicht gebracht haben, und von der Mutter, die durch Ihre Sorge gerettet worden iſt.“ Nach dieſen Worten vollendete Andrée, ohne ſelbſt gerührt zu werden, ihre Anſtalten zur Reiſe, und Abends um ſechs Uhr trat ſie, ohne daß ſie es wagte, den Kopf zu erheben, durch die Pforte des Kloſters von Saint⸗ Denis ein, an deſſen Gitter Philipp, unfähig, ſeine Er⸗ ſchütterung zu bemeiſtern, ihr ein vielleicht ewiges Lebe⸗ wohl ſagte. Ploͤtzlich verließen die Kräfte die arme Andrée, und ſie kehrte haſtig und mit offenen Armen zu ihrem Bruder zurück; auch er ſtreckte ſeine Arme gegen ſie aus; ſie trafen zuſammen trotz des kalten Hinderniſſes, das ihnen das Gitter entgegenſtellte, und auf ihren brennenden Wangen vermengten ſich ihre Thränen. „Lebe wohl!“ flüſterte Andrée, deren Schmerz in Schluchzen ausbrach. „Lebe wohl!“ erwiederte Phllipp, ſeine Verzweiflung erſtickend. „Wenn Du je meinen Sohn wiederfindeſt, geſtatte es nicht, daß ich ſterbe, ohne ihn umarmt zu haben,“ ſagte Andrée ganz leiſe. „Sei unbeſorgt... Gott befohlen!“ Andrée entriß ſich den Armen ihres Bruders und entfernte ſich, unterſtützt von einer Lalenſchweſter, indem ſie beſtändig in der tiefen Finſterniß des Kloſters nach ihm ſchaute. So lange ſie ihn ſehen konnte, machte ſie ihm Zeichen mit dem Kopf, dann mit ihrem Sacktuch, das ſie ſchwang. Endlich empfing er ein letztes Lebewohl, welches ſie ihm vom Hintergrund des dunklen Weges zuwarf. Und eine eiſerne Thüre ſiel mit einem unheimlichen Geräuſch zwiſchen ſie, und Alles war vorbei. Philipp nahm die Poſt in Saint⸗Denis ſelbſt; ſeinen Mantelſack auf dem Kreuz des Pferdes, eilte er die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag fort, und kam im Havre in 175 der Nacht dieſes andern Tages an. Er nahm ſein Nachtlager in dem erſten Gaſthof, der ſich an der Straße fand, und erkundigte ſich am andern Morgen bei Tagesanbruch im Hafen nach den nächſten Abfahrten für Amerika. Man antwortete ihm, die Brigg Adonis laufe noch an demſelben Tag für New⸗York aus. Philipp ſuchte den Kapitän auf, der eben die letzten Vorkehrungen traf, ließ ſich von dieſem als Paſſagier aufnehmen, und bezahlte den Preis für die Ueberfahrt; dann ſchrieb er ein letztes Mal an die Frau Dauphine, um ihr ſeine ehrfurchtsvolle Ergebenheit und ſeinen Dank auszuſprechen, ſchickte ſein Gepäcke in ſein Zimmer an Bord, und ſchiffte ſich ſelbſt zur Stunde der Fluth ein. Es ſchlug vier Uhr auf dem Thurm von Franz 1,, als der Adonis aus dem Canal mit ſeinen Marsſegeln und Fockſegeln auslief. Das Meer war dunkelblau, der Himmel roth am Horizont. Auf die Verſchanzung ge⸗ lehnt, ſchaute Philipp, nachdem er die wenigen Paſſagiere, ſeine Reiſegefährten, gegrüßt hatte, nach der Küſte von Frankreich, die ſich immer mehr in violette Dünſte hüllte, je mehr die Brigg neue Segel einſetzend raſch gegen rechts an der Hve voruͤberfuhr und die hohe See erreichte. Bald ſah Philipp nichts mehr, nicht die Küſte von Frankreich, nicht die Paſſagiere, nicht den Ocean. Die finſtere Nacht hatte Alles in ihre großen Flügel begraben, und Philipp ſchloß ſich in das kleine Bett ſeines Zimmers ein, um die Abſchrift des an die Dauphine geſandten Briefes zu leſen, der ebenſowohl für ein Gebet an den Schöpfer gerichtet, als für einen an Geſchöpfe gerichteten Abſchied gelten konnte. „Madame,“ hatte er geſchrieben,„ein Mann ohne Hoffnung und ohne Stitze entfernt ſich von Ihnen mit dem Bedauern, ſo wenig für Ihre zukünftige Majeſtät ge⸗ than zu haben. Dieſer Mann zieht hinaus in die Stürme und Ungewitter des Meeres, wäͤhrend Sie in den Gefahren und Qualen der Regierung zurückbleiben. Jung, ſchön, angebetet, umgeben von ehrfurchtsvollen Freunden und ver⸗ 176 götternden Dienern, werden Sie denjenigen vergeſſen, den Ihre königliche Hand huldvoll über die Menge erhoben hatte; ich werde Sie nie vergeſſen; ich gehe in eine neue Welt? um die Mittel zu ſtudiren, Ihnen wirkſamer auf Ihrem Thron zu dienen. Ich vermache Ihnen meine Schweſter, eine arme, verlaſſene Blume, welche keine an⸗ dere Sonne mehr haben wird, als Ihren Blick. Haben Sie die Gnade, ſich zuweilen bis zu ihr herabzulaſſen, und im Schooße Ihrer Freude, Ihrer Allmacht, im Zuſammen⸗ klang einſtimmiger Wünſche, zählen Sie, ich beſchwöre Sie, den Segen eines Verbannten, den Sie nicht hören werden, und der Sie vielleicht nie mehr ſieht.“ Nachdem er bis zu Ende geleſen, ſchnürte ſich das Herz von Philipp zuſammen. Das ſchwermüthige Geräuſch des ächzenden Schiffes, das Toſen der Wellen, die ſich aufſpringend an den Lichtpforten brachen, bildeten eine Geſammtheit, welche lachendere Phantaſien verdüſtert hätte. Die Nacht ging lang und ſchmerzlich für den jungen Mann hin. Ein Beſuch, den ihm am Morgen der Ka⸗ pitän machte, verſetzte ihn nicht in eine befriedigende gei⸗ ſtige Lage. Dieſer Officier erklärte ihm, die meiſten Paſ⸗ ſagiere fürchten das Meer und bleiben in ihrem Zimmer, die Ueberfahrt verſpreche kurz zu ſein, aber unangenehm wegen der Heftigkeit des Windes.. Philipp nahm von nun an die Gewohnheit an, mit dem Kapitän zu Mittag zu ſpeiſen, ſich ſein Frühſtück ins Zimmer bringen zu laſſen, und da er ſich ſelbſt nicht ſehr gegen die Ungemächlichkeit des Meeres abgehärtet fühlte, pflegte er einige Stunden, in ſeinen großen Offi⸗ ciersmantel gehüllt, auf dem Oberlauf liegend zuzubrin⸗ gen. Die übrige Zeit wandte er dazu an, daß er ſich einen Plan für ſein zukünftiges Benehmen machte und ſeinen Geiſt durch eine ſolide Lectüre unterſtützte. Zu⸗ weilen traf er die Paſſagiere, ſeine Reiſegefährten. Dies waren zwei Damen, welche eine Erbſchaft im Norden von Amerika einziehen wollten, und vier Männer, von denen der eine, ſchon alt, zwei Söhne bei ſich hatte. Dieſe 19 V ͤ—— — ε 4——— uA— Aαᷣ 822a g 177 ſechs Paſſagiere hatten die erſten Zimmer inne. Auf der andern Seite erblickte Philipp einmal einige Menſchen von geringerem Stande, ſo weit ſich dies nach Haltung und Kleidung beurtheilen ließ; er fand hiebei nichts, was ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Je mehr ſich die Leiden durch die Gewohnheit mil⸗ derten, deſto mehr gewann Philipp Heiterkeit, wie der Himmel. Einige ſchoͤne, reine, ſturmfreie Tage verkündig⸗ ten den Paſſagieren, daß man ſich den gemäßigteren Breiten nähere. Dann blieb man länger auf dem Ver⸗ deck. Philipp, der es ſich zum Geſetz gemacht, mit Nie⸗ mand ſich in ein Geſpräch einzulaſſen, der ſelbſt dem Kapitän ſeinen Namen verborgen hatte, damit man auf keinen der Gegenſtände, auf die er einzugehen befürchtete, zu reden käme, Philipp, ſagen wir, hörte nun von ſeinem Zimmer aus, ſelbſt bei Nacht, Tritte über ſeinem Kopf; er hörte ſogar die Stimme des Kapitäns, der ohne Zwei⸗ fel mit einem Paſſagier auf und abging. Dies war ein Grund für ihn, nicht hinaufzuſteigen. Er öffnete dann ſeine Lichtpforte, um ein wenig friſche Luft einzuathmen, und erwartete den andern Morgen. Ein einziges Mal in der Nacht, als er weder ſprechen, noch ſpazierengehen hörte, ſtieg er auf das Verdeck. Die Nacht war lau, der Himmel bewölkt, und hinter dem Schiff ſah man im Sog, mitten unter Wirbeln, tauſende von phosphoresciren⸗ den Koͤrnern entſtehen. Dieſe Nacht hatte ohne Zweifel den Paſſagieren zu ſtürmiſch und ſchwarz geſchienen, denn Phili vy ſah keinen derſelben auf dem Verdeck. Nur auf wärts ſchaute, während Philipp den Hafen reich betrauerte. 4 Philipp betrachtete lang dieſen in ſeiner Beſchauung unbeweglichen Reiſenden; dann erfaßte ihn die Morgen⸗ 178 kälte, und er ſchickte ſich an, in ſeine Kajüte zurückzukehren. Kapitän und wandte ſich um. „Sie wollen friſche Luft ſchöpfen, Kapitän?“ ſagte er. „Mein Herr, ich ſtehe ſo eben auf.“ „Ihre Paſſagiere ſind Ihnen zuvorgekommen, wie Sie ſehen.“. „Sie; doch die Officiere ſind frühzeitig wie die Ma⸗ troſen.“ Sie dort jenen Menſchen, der ſo tief träumt, nicht wahr, es iſt auch einer von Ihren Paſſagieren?“ Der Kapitän ſchaute und ſchien erſtaunt. „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragte Philipp. „Ein... Kaufmann,“ antwortete der Kapitän ver⸗ legen. Brigg geht zu langſam für ihn.“ ... Der Paſſagier am Vordertheil betrachtete indeſſe den Himmel, der ſich zu bleichen anfing. Philipp hoͤrte den „Oh! nicht ich allein,“ entgegnete Philipp;„ſehen „Der dem Glück nachjagt?“ murmelte Philipp;„die Statt etwas zu erwiedern, ging der Kapitän zu dem Paſſagier, ſagte ihm ein paar Worte, und Philipp ſah ihn im Zwiſchendeck verſchwinden. „Sie haben ſeinen Traum geſtört,“ ſprach Phili pp zum Kapitän, als dieſer zu ihm zurückkam,„mich belä⸗ ſtigte er nicht.“ „Nein, mein Herr; ich habe ihn nur darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß die Morgenkälte in dieſen Gegenden gefährlich iſt; die Paſſagiere zweiter Claſſe haben nicht, wie Sie, gute Mäntel.“ „Wo find wir, Kapitän?“ „Mein Herr, wir werden morgen die Uhoren ſehen und an ei diner derſelben etwas friſches Waſſer einnehmen, denn es wird ſehr heiß.“ 179 CLXVI. Die Azoren. Zu der vom Kapitän beſtimmten Stunde erblickte man vom Vordertheil des Schiffes, ſehr fern in der blenden⸗ den Sonne, die Küſten einiger nordöſtlich gelegenen Inſeln. Dies waren die Azoren. Der Wind ging nach dieſer Seite; die Brigg lief gut. Man kam um drei Uhr Nachmittags völlig ins An⸗ geſicht der Inſeln. Philipp ſah die hohen Spiralen der Hügel mit den ſeltſamen Formen und dem düſteren Anblick, Felſen ge⸗ ſchwärzt wie durch die Thätigkeit vulkaniſchen Feuers, Ausſchnitte mit leuchtenden Kämmen und tiefen Abgründen. Sobald man die erſte von dieſen Inſeln bis auf einen Kanonenſchuß erreicht hatte, legte die Brigg bei, und die Mannſchaft ſchickte ſich zu einer Landung an, um einige Tonnen friſches Waſſer einzunehmen, wie es der Kapitän bewilligt hatte. Alle Paſſagiere verſprachen ſich den Genuß eines Aus⸗ flugs auf dem Lande. Nach zwanzig Tagen und zwanzig Nächten einer angreifenden Schifffahrt den Fuß auf einen unbeweglichen Boden ſetzen, iſt ein Vergnügen, das nur diejenigen zu ſchätzen wiſſen, welche eine weite Seereiſe gemacht haben. „Meine Herren,“ ſagte der Kapitän zu den Paſſagieren, die er unentſchloſſen zu ſehen glaubte,„Sie können ſich fünf Stunden auf dem Lande aufhalten. Benützen Sie die Gelegenheit. Sie finden auf dieſer kleinen, nillig un⸗ bewohnten Inſel Quellen von ſiedendem Waſſer und Quel⸗ len von Eiswaſſer, wenn Sie Naturforſcher ſind; Kanin⸗ chen und Rothhühner, wenn Sie Jäger find.“ 180 Philipp nahm ſeine Flinte, Pulver und Blei. „Aber Sie, Kapitän,“ ſagte er,„Sie bleiben an Bord? Warum kommen Sie nicht mit uns?“ „Weil dort,“ erwiederte der Officier, nach dem Meer deutend,„weil dort ein Schiff von verdächtigem Ausſehen kommt; ein Schiff, das mir ſeit ungefähr vier Tagen folgt; ein ſchlimmes Geſicht von einem Schiff, wie wir ſagen⸗ und ſo muß ich Alles beobachten, was es thun wird.“ Zufrieden mit dieſer Erklärung, beſtieg Philipp ein Boot und ging nach dem Lande ab. Die Damen, mehrere Paſſagiere vom Vordertheil oder vom Hintertheil wagten es nicht, hinabzuſteigen, oder ſie warteten, bis die Reihe an ſie kam. Man ſah die zwei Boote mit den freudigen Matroſen und den noch viel freudigeren Paſſagieren abfahren. Das letzte Wort des Kapitäns war: „Um acht Uhr, meine Herren, wird Sie das letzte Boot abholen, merken Sie ſich das wohl, denn die Säu⸗ migen müßten zurückgelaſſen werden. Als alle Welt, Naturforſcher und Jäger, gelandet hatten, traten die Matroſen ſogleich in eine Höhle ein, welche hundert Schritte vom Ufer entfernt lag und eine henung bildete, als wollte ſie die Sonnenſtrahlen eehen. 3 Eine friſche Quelle von azurnem, ausgezeichnetem Waſſer glitt unter den moosbewachſenen Felſen hin und. verlor ſich, ohne aus der Grotte ſelbſt herauszukommen, auf einem Boden von feinem beweglichem Sand. Hier verweilten die Matroſen, ſagen wir, und füllten ihre Tonnen, die ſie bis zum Ufer wälzten. Philipp ſchaute ihnen zu. Er bewunderte den bläu⸗ lichen Schatten dieſer Höhle, die Friſche, das ſanfte Ge⸗ murmel des von Cascade zu Cascade gleitenden Waſſers; er ſtaunte, zuerſt die undurchdringlichſte Finſterniß und die heftigſte Kälte gefunden zu haben, während nach einigen 1 181 Minuten die Temperatur mild ſchien und der Schatten mit weichen, geheimnißvollen Hellen durchmengt war. So war er Anfangs mit ausgeſtreckten Händen und ſich an den Felswänden ſtoßend den Matroſen gefolgt, ohne ſie zu ſehen; allmälig aber hob ſich jedes Geſicht, jede Wendung erleuchtet von der Finſterniß ab, und Philipp zog das Licht dieſer Grotte dem des Himmels vor, das am Tag in die⸗ ſen Gegenden ſo ſcharf und hart iſt. Mittlerweile hörte er die Stimmen ſeiner Gefährten ſich in der Ferne verlieren. Ein paar Flintenſchüſſe er⸗ ſchollen in den Bergen, dann erloſch das Geräuſch, und Philipp blieb allein. 3 Die Matroſen hatten ihrerſeits ihre Aufgabe erfüllt und ſollten nicht mehr in die Grotte zurückkommen. Philipp ließ ſich nach und nach von dem Zauber die⸗ ſer Einſamkeit und vom Wirbel ſeiner Gedanken hinreißen; er ſtreckte ſich auf dem weichen Sand aus, lehnte ſich an die mit aromatiſchen Kräutern bedeckten Felſen an und träumte. So verliefen die Stunden. Er hatte die Welt ver⸗ geſſen. Neben ihm lag ſeine Flinte auf dem Stein, und um gemächlicher ruhen zu koͤnnen, hatte er aus ſeinen Taſchen die Piſtolen gezogen, die ihn nie verließen. Seine ganze Vergangenheit kam langſam, feierlich zu ihm zurück, wie eine Lehre oder ein Vorwurf. Seine ganze Zukunft entfloh unfreundlich, wie jene ſcheuen Voͤgel, die man zuweilen mit dem Blick, nie mit der Hand berührt. Während Philipp ſo träumte, träumte, lachte, hoffte man ohne Zweifel hundert Schritte von ihm. Er hatte eine unwillkührliche Vorſtellung von dieſer Bewegung, und mehr als einmal kam es ihm vor, als hörte er den Ru⸗ derſchlag von den Booten, die nach dem Ufer hin oder an Bord zurück Paſſagiere führten, die Einen müde des Vergnügens auf der Inſel, die Andern gierig, es auch zu genießen. Doch er war in ſeiner Betrachtung nicht geſtört wor⸗ 3 * den, mochte der Eingang der Grotte von den Einen nicht wahrgenommen worden ſein, mochten die Andern es nicht der Mühe werth erachtet haben, in dieſelbe einzudringen. Plöͤtzlich ſtellte ſich ein ſchüchterner, unentſchiedener Schatten zwiſchen das Tageslicht und die Höhle, auf die Schwelle ſelbſt. Philipp ſah einen Menſchen, die Hände voraus, den Kopf geſenkt, nach dem murmelnden Waſſer zu gehen. Dieſer Menſch ſtieß ſich ſogar einmal an den Felſen, als ſein Fuß auf dem Gras ausglitſchte. Da erhob ſich Philipp und reichte ihm die Hand, um ihm auf den guten Weg zu helfen. Bei dieſer Bewegung der Gefälligkeit trafen ſeine Finger die Hand des Reiſen⸗ 18² Beim Ton dieſer Stimme erhob der Unbekannte haſtig den Kopf, als wollte er antworten, und zeigte dabei ent⸗ blößt ſein Geſicht in dem blauen Halbſchatten der Grotte. Aber Philipp ſtieß plötzlich einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus und machte einen Sprung rückwärts. Der Unbekannte gab ſeinerſeits einen Schrei des Schreckens von ſich und wich zurück. „Gilbert!“ „Philipp!“ Dieſe zwei Worte erſchollen zu gleicher Zeit wie ein unterirdiſcher Donner. Dann hörte man nur noch etwas wie das Geräuſch eines Streites. Philipp hatte mit ſeinen beiden Händen ſeinen Feind am Kragen gepackt und zog ihn nach dem Hintergrund der Höhle. Gilbert ließ ſich fortſchleppen, ohne eine einzige Klage von ſich zu geben. An die Felſen des Umkreiſes angelehnt, konnte er nicht mehr zurückweichen. „Elender! endlich habe ich Dich!“ brüllte Philipp. „Gott überliefert Dich mir... Gott iſt gerecht!“ Gilbert war leichenbleich und machte nicht eine Ge⸗ berde; er ließ ſeine Arme an ſeinen Seiten herabfallen. — 183 „Oh! der feige Böſewicht,“ rief Philipp;„er hat nicht einmal den Inſtinct des wilden Thieres, das ſich ver⸗ theidigt!“ 72 Gilbert erwiederte mit einer Stimme voll Sanft⸗ muth: „Mich vertheidigen! warum?“ „Es iſt wahr, Du weißt wohl, daß Du in meiner Gewalt biſt... Du weißt, daß Du die furchtbarſte Strafe verdient haſt. Alle Deine Verbrechen ſind erwieſen. Du haſt eine Frau durch die Schmach erniedrigt und Du haſt ſie durch die Unmenſchlichkeit umgebracht. Es war für Dich wenig, eine Jungfrau zu beflecken, und Du wollteſt eine Mutter ermorden.“ Gilbert antwortete nicht. Philipp, der ſich allmälig im Feuer ſeines eigenen Zornes berauſchte, legte aber⸗ mals die Hände an Gilbert. Gilbert leiſtete keinen Wi⸗ derſtand. „Du biſt alſo kein Mann,“ rief Philipp, indem er ihn mit dem heftigſten Grimm ſchüttelte,„Du haſt nur das Geſicht eines Mannes... Wie! nicht einmal Wider⸗ ſtand! Aber Du ſiehſt wohl, ich erwürge Dich, wehre Dich alſo! vertheidige Dich... feiger Mörder!“ Gilbert fühlte, wie die ſcharfen Finger ſeines Feindes in ſeinen Hals eindrangen; er richtete ſich auf, ſtemmte ſich an und warf, ſtark wie ein Löͤwe, Philipp mit einer einzigen Deiweäund ſeiner Schultern fern von ſich... dann kreuzte er die Arme und ſprach: „Sie ſehen wohl, daß ich mich vertheidigen könnte, wenn ich wollte; doch wozu, nun, da Sie nach Ihrer Flinte laufen; ich will lieber von einem einzigen Schuß getödtet, als von Nägeln zerriſſen und von ſchmählichen Schlägen niedergeworfen werden.“ Phillpp hatte in der That ſeine Flinte ergriffen, doch bei dieſen Worten ſtieß er ſie zurück und murmelte: „Nein, nein.“ Dann fragte er laut: 184 „Wohin gehſt Du?... woher biſt Du gekommen?“ „Ich bin Paſſagier auf dem Adonis.“ „Du verbirgſt Dich alſo, Du hatteſt mich geſehen?“ „Ich wußte nicht, daß Sie an Bord waren.“ „Du lügſt.“ „Ich lüge nicht.“ zabe5. kommt es denn, daß ich Dich nie geſehen a e?“. „Weil ich mein Zimmer nur bei Nacht verließ.“ „Du ſiehſt! Du verbirgſt Dich!“ „Allerdings.“ „Vor mir?“ „Nein, ſage ich Ihnen, ich gehe nach Amerika mit einem Auftrag und ſoll nicht geſehen werden. Der Ka⸗ pitän hat mich deshalb abgeſondert einquartiert.“ „Du verbirgſt Dich, ſage ich Dir, um mir Deine Perſon zu entziehen... und beſonders, um mir das Kind zu verbergen, das Du geſtohlen haſt.“ „Das Kind!“ rief Gilbert. „Ja, Du haſt es geſtohlen und fortgenommen, um Dir daraus eines Tags eine Waffe zu machen, durch die Du irgend einen Vortheil ziehen willſt, Elender!“ Gilbert ſchüttelte den Kopf. „Ich habe das Kind genommen,“ ſagte er,„damit es Niemand ſeinen Vater verachten oder verleugnen lehre.“ Philipp ſchöpfte einen Augenblick Athem und ſprach nn: dann: „Wenn dies wahr wäre, wenn ich es glauben könnte, wäreſt Du minder ruchlos, als ich dachte; doch Du haſt geſtohlen, warum ſollteſt Du nicht lügen?“ „Geſtohlen! ich geſtohlen?“ „Du haſt das Kind geſtohlen.“ „Es iſt mein Sohn! es gehört mir! Man ſtiehlt nichts, mein Herr, wenn man ſein Eigenthum zurück⸗ nimmt.“ „Hoͤre,“ ſprach Philipp, bebend vor Zorn,„vorhin 185 kam mir der Gedanke, Dich zu tödten. Ich hatte es ge⸗ ſchworen, ich war berechtigt dazu.“ Gilbert antwortete nicht. „Nun erleuchtet mich Gott. Gott hat Dich auf mei⸗ nen Weg geworfen, als wollte er mir ſagen: die Rache iſt unnütz; man darf ſich nur rächen, wenn man von Gott verlaſſen iſt... Ich werde Dich nicht toͤdten; ich werde nur das Gebäude des Unglücks, das Du aufgerichtet, zer⸗ ſtören... Dieſes Kind iſt Deine Quelle für die Zu⸗ kunft, Du wirſt mir dieſes Kind ſogleich zurückgeben.“ „Aber ich habe es nicht,“ entgegnete Gilbert.„Man nimmt ein Kind von vierzehn Tagen nicht mit auf die See.“ „Du mußteſt wohl eine Amme für daſſelbe finden: warum ſollteſt Du nicht die Amme mitgenommen haben?“ „Ich ſage Ihnen, daß ich das Kind nicht mitgenom⸗ men habe.“ „Dann haſt Du es in Frankreich gelaſſen? An wel⸗ chem Ort haſt Du es gelaſſen?“ Gilbert ſchwieg. „Antworte! wo haſt Du es zu einer Amme gethan, und mit welchen Mitteln?“ Gilbert ſchwieg. „Ah! Elender, Du trotzeſt mir,“ rief Philipp;„Du fürchteſt Dich nicht, meinen Zorn wieder zu erwecken... Willſt Du mir ſagen, wo das Kind meiner Schweſter iſt? Willſt Du mir dieſes Kind zurückgeben?“ „Mein Kind gehört mir,“ murmelte Gilbert. „Böſewicht! Du ſiehſt wohl, daß Du ſterben mußt?“ „Ich will mein Kind nicht zurückgeben.“ „ GGilbert, hoͤre, ich ſpreche ſanft mit Dir; Gilbert, ich werde die Vergangenheit zu vergeſſen, ich werde Dir zu verzeihen ſuchen, Gilbert; Du begreifſt meine Groß⸗ muth, nicht wahr?.. Ich verzeihe Dir!... Alles, was Du an Schande und Unglück über unſer Haus gebracht haſt, verzeihe ich Dir; das iſt ein großes Opfer; gib mir 186 das Kind zurück. Willſt Du mehr?... Willſt Du, daß ich den gerechten Widerwillen von Andrée zu beſiegen ſuche, daß ich für Dich vermittle? Nun!... ich werde es thun ... gib mir das Kind zurück... Noch ein Wort... Andrée liebt wahnſinnig ihren Sohn... Deinen Sohn... ſie wird ſich durch Deine Reue rühren laſſen, ich verſpreche, ich geobe es Dir; doch gib das Kind zurück, Gilbert, gib es zurück.“ Gilbert kreuzte ſeine Arme, heftete einen Blick voll düſteren Feuers auf Philipp und ſprach: „Sie haben mir nicht geglaubt, ich glaube Ihnen nicht; nicht als wären Sie nicht ein ehrlicher Mann, ſon⸗ dern weil ich den Abgrund der Kaſtenvorurtheile erforſcht habe. Es iſt keine Rückkehr, keine Verzeihung mehr moͤg⸗ lich. Wir find Todfeinde... Sie ſind der Stärkere, ſeien Sie Sieger... Ich verlange Ihre Waffe nicht, verlangen Sie nicht die meinige...“ „Du geſtehſt alſo, daß es eine Waffe iſt?“ „Gegen die Verachtung, ja; gegen die Undankbar⸗ keit, ja; gegen die Beleidigung, ja!“ „Ich frage Dich noch einmal, Gilbert, willſt Du!“ rief Philind. Schaum auf dem Mund.. „Nein. „Nimm Dich in Acht.“ N i 44 „Nein. „Ich will Dich nicht ermorden: es ſoll Dir die Mög⸗ lichkeit gegeben ſein, den Bruder von Andrée zu tödten. Ein Verbrechen mehr!... Ah! ah! das iſt verlockend. Nimm dieſe Piſtole; hier iſt eine andere; zählen wir jeder bis drei und ſchießen wir!“ Und er warf eine Piſtole zu den Füßen von Gilbert. Der junge Mann blieb unbeweglich und erwiederte: „Ein Duell iſt gerade das, was ich ausſchlage.“ „Du willſt lieber, daß ich Dich tödte!“ rief Philipp, wahnſinnig vor Wuth und Verzweiflung. „Ich will lieber von Ihnen getödtet werden.“ „ 8 2 187 „Ueberlege... mein Kopf gerräth in Verwirrung.“ „Ich habe überlegt. 4 „Ich bin in meinem Recht, Gott muß mich frei⸗ ſprechen.“ „Ich weiß es. tödten Sie mich.“ „Fen. letzten Male, willſt Du Dich ſchlagen?“ N n. ;8 weigerſt Dich, Dich zu vertheidigen.“ „ Nun ſo ſtirb wie ein Boͤſewicht, von dem ich die Erde ſäubere; ſtirb wie ein Ruchloſer, ſtirb wie ein Ban⸗ dit, ſtirb wie ein Hund!“ rief Philipp. Und er drückte ſeine Piſtole auf Gilbert ab. Dieſer ſtreckte die Arme aus, neigte ſich zuerſt rückwärts, dann vorwärts und fſiel endlich auf ſein Geſicht, ohne einen Schrei von ſich zu geben. Philipp fühlte den Sand unter ſeinem Fuße ſich mit lauem Blute ſchwängern; er verlor ganz und gar die Vernunft und ſtürzte aus der Höhle. Vor ihm war das Ufer; eine Barke wartete; man hatte die Stunde der Abfahrt vom Bord auf acht Uhr angekündigt; es war acht Uhr und einige Minuten. „Ah!“ Sie find da, Herr,“ ſagten die Matroſen; „Sie ſind der Letzte; Jeder iſt an Bord zurückgefahren; was haben Sie geſchoſſen?“ Bei dieſem Wort verlor Philipp das Bewußtſein. Man brachte ihn ſo nach dem Schiffe, das ſich eben ſegelfertig machte. „Iſt Jedermann zurück?“ fragte der Kapitän. „Hier bringen wir den letzten Paſſagier,“ antworteten die Matroſen.„Er muß einen Fall gemacht haben, denn er iſt ſo eben ohnmächtig geworden.“ Der Kapitän befahl ein entſcheidendes Manoeuvre, die Brigg entfernte ſich raſch von den Azoren, gerade in dem Augenblick, wo das unbekannte Schiff, das ſie ſo lange beunruhigt hatte, unter amerikaniſcher Flagge in den Hafen einlief. 188 Der Kapitän des Adonis wechſelte ein Signal mit dieſem Schiff, ſetzte dann, wenigſtens ſcheinbar beru⸗ higt, ſeine Fahrt nach dem Weſten fort und verlor ſich bald im Schatten der Nacht. Erſt am andern Tag bemerkte man, daß ein Paſſa⸗ gier an Bord fehlte. —— Ende von Joſeph Balſamo⸗ Epilog. Der 9. Mai. Am 9. Mai das Jahres 1774 um acht Uhr Abends bot Verſailles das ſeltſamſte und intereſſanteſte Schauſpiel. Seit dem erſten Tag des Monats hütete Koͤnig Lud⸗ wig XV., von einer furchtbaren Krankheit befallen, deren ernſte Bedeutung die Aerzte ihm nicht zu geſtehen wagten, das Bett, und fing an mit den Augen um ſich her die Wahrheit oder die Hoffnung zu ſuchen. Der Arzt Bordeu hatte beim König eine äußerſt bösartige Blatternkrankheit bezeichnet, und der Arzt la Martinière, der ſie wie ſein College erkannte, war der Meinung, man müſſe den Koͤnig davon in Kenntniß ſetzen; damit er geiſtig und materiell, als König und als Chriſt, Maßregeln für ſein Heil und für das ſeines Reiches treffe. „ Der allerchriſtlichſte Koͤnig,“ ſagte er,„müßte ſich die letzte Oelung geben laſſen.“ La Martinière vertrat die Partei des Dauphin, die Oppoſition. Bordeu behauptete, ſchon durch das Zuge⸗ ſtändniß der Schwere des Uebels würde man den König kädden, und er ſeinerſeits weiche vor einem Koͤnigsmord zurück. Bordeu vertrat die Partei Dubarry. Die Religion zum König berufen hieß in der That die Favoritin austreiben. Wenn Gott durch eine Thüre eintritt, muß der Teufel wohl durch die andere hinaus⸗ gehen. Denkwürdigkeiten eines Arztes. VII. 13 4 190 Während aller dieſer inneren Spaltungen der Fa⸗ cultät, der Familie und der Parteien quartierte ſich die Krankheit bequm in dieſem gealterten, abgenutzten, durch die Schwelgerei verdorbenen Körper ein; ſie befeſtigte ſich darin dergeſtalt, daß weder Mittel, noch Verordnungen ſie daraus verjagen konnten. Schon bei den erſten Anfällen des Uebels, das von einer Untreue von Ludwig XV. herrührte, zu der Madame Dubarry gefällig die Hand gereicht hatte, ſah der Koͤnig um ſein Bett her ſeine beiden Töchter, die Favoritin und die am meiſten in Gunſt ſtehenden Höflinge ſich verſam⸗ meln. Man lachte noch und unterſtützte ſich. Plöͤtzlich erſchien in Verſailles das ſtrenge und düſtere Geſicht von Madame Louiſe von Frankreich; ſie verließ ihre Zelle in Saint⸗Denis, um ihrem Vater auch Troſt und Pflege zu ſpenden.“ Sie trat bleich und finſter ein, wie die Bildſäule des Verhängniſſes; es war nicht mehr eine Tochter für ihren Vater, eine Schweſter für ihre Schweſtern; ſie glich den Prophetinnen des Alterthums, welche an den unheilvollen Tagen des Mißgeſchicks erſchienen und den verblendeten Königen zuriefen: Wehe! wehe! wehe! Sie ſiel in Verſailles zu einer Stunde ein, wo Lud⸗ wig die Hände von Madame Dyubarry küßte und ſie wie ſanfte Liebkoſungen auf ſeine kranke Stirne, auf ſeine ent⸗ flammten Wangen legte. Bei ihrem Anblick entfloh Alles, die Schweſtern flüch⸗ teten ſich in das anſtoßende Zimmer, Madame Dubarry beugte das Knie und lief in ihre Wohnung, die bevor⸗ zugten Höflinge wichen bis in die Vorzimmer zurück, die zwei Aerzte allein blieben an der Ecke des Kamins. „Meine Tochter!“ murmelte der König, indem er ſeine durch den Schmerz und das Fieber geſchloſſenen Augen öffnete. „Ihre Tochter, ja, Sire.“ „Sie kommt...“ „Im Auftrage Gottes?“ 191 Der Koͤnig erhob ſich mit einem leichten Lächeln. „Denn Sie vergeſſen Gott,“ fuhr Frau Louiſe fort. & 4 „Ich... „Ich will Sie an ihn erinnern.“ „Meine Tochter! ich bin dem Tod nicht ſo nahe, daß eine Ermahnung dringend ſein müßte. Meine Krankheit iſt leicht: eine Steife, etwas Entzündung...“— „Eure Krankheit, Sire,“ unterbrach ihn die Prinzeſſin, „iſt diejenige, welche nach der Etiquette um das Bett Seiner Majeſtät die großen Prälaten des Reiches verſam⸗ meln ſoll. Wird ein Mitglied der koͤniglichen Familie von den Blattern befallen, ſo müſſen ihm ſogleich die Sterbe⸗ ſacramente gegeben werden.“ 3 „Madame!...“ rief der König ſehr bewegt, ſehr bleich,„was ſagen Sie?“ 4 „Madame!“ riefen die Aerzte voll Schrecken. „Ich ſage, Eure Majeſtät iſt von den Blattern be⸗ fallen,“ fuhr die Prinzeſſin fort. Der König ſtieß einen Schrei aus und entgegnete: „Die Aerzte haben es nicht geſagt.“ „Sie wagen es nicht; ich erſchaue für Eure Majeſtät ein anderes Reich, als Frankreich. Nähern Sie ſich Gott, Sire, und laſſen Sie alle Ihre Jahre vor Ihrem innern Geſicht vorübergehen.“ „Die Blattern!“ murmelte Ludwig XV.,„eine tödt⸗ liche Krankheit!... Bordeu! la Martinére... iſt es wahr?“ Die zwei Aerzte ſchauten zu Boden. „Ich bin alſo verloren,“ wiederholte der Köͤnig mehr als je erſchrocken. „Man kann von allen Krankheiten geneſen, Sire, be⸗ ſonders wenn man die Ruhe ſeines Geiſtes bewahrt,“ ſprach Bordeu, der die Initiative ergriff. „Gott gibt die Ruhe des Geiſtes und die Rettung des Körpers,“ entgegnete die Prinzeſſin. „Madame,“ ſagte Bordeu kühn, obgleich mit leiſer Stimme,„Sie tödten den König!“ 192 Die Prinzeſſin würdigte ihn keiner Antwort. Sie 5 die Hand des Kranken, bedeckte ſie mit Küſſen und prach: „Sire, brechen Sie mit der Vergangenheit und geben Sie Ihren Völkern ein Beiſpiel. Niemand warnte Sie; Sie liefen Gefahr, für die Ewigkeit verloren zu ſein. Ver⸗ ſprechen Sie, als Chriſt zu leben, wenn Sie leben; ſterben Sie als Chriſt, wenn Gott Sie zu ſich ruft.“ Sie endigte dieſe Worte mit einem neuen Kuß, den ſie auf die königliche Hand drückte, und kehrte wieder lang⸗ ſamen Schrittes nach den Vorzimmern zurück. Hier ließ ſie ihren langen ſchwarzen Schleier auf ihr Geſicht nieder, ging feierlich die Stufen hinab, ſtieg in den Wagen und hinterließ ein Erſtaunen, einen Schrecken, wovon nichts einen Begriff zu geben vermöchte. Der König erholte ſich erſt wieder durch Befragung des Aerzte; doch er war tief erſchüttert und ſprach: „Ich will nicht, daß die Scenen von Metz mit der rau Herzogin von Chateaurour ſich wiederholen; man laſſe Frau von Aiguillon holen und bitte ſie, Madame Dubarry nach Rueil zu führen.“ Dieſer Befehl war das Signal zum Ausbruch. Bordeu wollte einige Worte ſprechen, doch der König hieß ihn ſchweigen. Bordeu ſah überdies ſeinen Collegen bereit, dem Dauphin Alles zu melden; Bordeu wußte den Aus⸗ gang der Krankheit des Königs; er kämpfte nicht, ver⸗ ließ das königliche Gemach und benachrichtigte Madame Dubarry von dem Schlag, der ſie traf. Grſchrocken über den unheilſchwangern und beleidi⸗ genden Anblick, den ſchon alle Geſichter boten, beeilte ſich die Gräfin, zu verſchwinden. In einer Stunde war ſie außerhalb Verſailles, und die Herzogin von Aigulllon, eine getreue und dankbare Freundin, führte die in Ungnade Gefallene nach dem Schloſſe Rueil, das ihr durch Erb⸗ ſchaft vom großen Richelieu zugefallen war. Bordeu verſchloß die Thüre des Königs der ganzen königlichen Familie unter dem Vorwand der Anſteckung. 8 193 Das Zimmer von Ludwig XV. war fortan vermauert: es ſollte nichts mehr Eintritt haben, ale die Religion und der Tod. 1 Der König bekam an demſelben Tag die letzte Oelung, und dieſe Nachricht verbreitete ſich in Paris, wo die Un⸗ gnade der Favoritin ſchon ein an allen Orten beſprochenes Ereigniß war. Der ganze Hof ließ ſich bei dem Dauphin melden, der ſeine Thüre ſchloß und nicht einen Menſchen empfing. Doch am andern Tag befand ſich der Koͤnig beſſer, und er ſchickte den Herzog von Aiguillon zu Madame Dubarry, ab, um ihr ſeine Complimente zu überbringen. Dieſer andere Tag war der 9. Mat 1774. Der Hof verließ in aller Eile den Pavillon des Dauphin und wandte ſich in einem ſolchen Strom nach Rueil, wo die Favoritin wohnte, daß man ſeit der Verbannung von Herrn von Choiſeul nach Chanteloup keine Mhe Reihe von Carroſſen geſehen hatte. So ſtanden die Dinge. Wird der König am Lehen bleiben, und iſt Madame Dubarry immer noch Königin? Wird der König ſterben, und iſt Madame Dubarry ichts, dindenen. als eine ſchmähliche, verruchte Cour⸗ tiſane? Deshalb bot Verſailles am 9. Mai des Jahres 1774 um acht Uhr Abends ein ſo ſeltſames, ein ſo intereſſantes Schauſpiel. Auf dem Platze vor dem Palaſt hatten ſich einige Gruppen an den Gittern gebildet, gutmüthige Gruppen, beſtehend aus Leuten, die es drängte, die Neuigkeiten zu erfahren. Es waren Bürger von Verſailles oder Paris, welche mit aller erdenklichen Höflichkeit ſich nach dem Koͤnig bei den Gardes⸗du⸗corps erkundigten, die die Hände auf dem Rücken ſchweigſam im Ehrenhof auf⸗ und abgingen. Allmälig zerſtreuten ſich die Gruppen: die Leute von Paris nahmen Platz in den Patachen, um friedlich nach Hauſe zurückzukehren; ſicher, die Nachrichten von erſter 194 Hand zu erhalten, kehrten die Leute von Verſailles eben⸗ falls in ihre Wohnungen zurück. Man ſah in der Stadt nur noch die Patrouillen der Schaarwache, die ihre Pflichten ein wenig ſchlaffer als ge⸗ wöhnlich verrichteten, und dieſe rieſige Welt, die man den Palaſt von Verſailles nennt, begrub ſich nach und nach in Nacht und in Stillſchweigen. An der Ecke der mit Bäumen beſetzten Straße, welche dem Palaſt gegenüberliegt, ſaß auf einer ſteinernen Bank und unter dem ſchon üppigen, dichten Blätterwerk der Kaſtanienbäume an dieſem Abend ein Mann von vorgerücktem Alter, das Geſicht gegen das Schloß gewendet, wobei ein Stock ſeinen beiden Händen als Stütze diente, während er ſeuue nachdenkenden, poetiſchen Kopf auf ſeine Hände ützte. Es war ein gebeugter Greis von kränklichem Aus⸗ ſehen, deſſen Auge jedoch noch eine Flamme ſchleuderte, und deſſen Geiſt noch glühender loderte, als ſeine Augen. Er hatte ſich ſo ſehr in ſeine Betrachtung, in ſeine Seufzer vertieft, daß er am Ende des Platzes einen an⸗ dern Mann nicht ſah, der, nachdem er neugierig nach den Gittern geſchaut und die Gardes⸗du⸗corps befragt hatte, ſchräge über die Eſplanade ſchritt und gerade auf die Bank zuging, mit der Abſicht, darauf zu ruhen. Der Andere war ein junger Mann mit hervorſprin⸗ genden Backenknochen, eingedrückter Stirne, mit einer Adler⸗ naſe und höhniſchem Lächeln. Während er auf die Bank zuging, gab er, obgleich allein, ein Hohngelächter von ſich, das wohl das Echo zu einem geheimen Gedanken bildete. Drei Schritte von der Bank erblickte er den Greis und trat ein wenig beiſeit, während er ihn mit ſeinem verdächtigen Lachen zu recognosciren ſuchte; nur mochte er befürchten, man könnte ſeinem Blick eine Deutung geben, 8— er näherte ſich mit einer ungeſtümen Bewegung und ragte: 195 „Der Herr ſchöpft friſche Luft?“ Der Greis ſchaute empor. „Ei!“ rief der junge Mann,„das iſt mein erhabener Meiſter.“ „Und Sie ſind mein junger Arzt,“ ſagte der Greis. „Wollen Sie mir erlauben, mich an Ihre Seite zu ſetzen?“ „Sehr gern, mein Herr,“ erwiederte der Greis. Und er machte dem Andern Platz. „Es ſcheint, es geht beſſer mit dem Koͤnig,“ ſagte der junge Mann;„man freut ſich.“ Und er ſchlug ein neues Gelächter auf. Der Greis antwortete nicht. „Den ganzen Tag find die Carroſſen von Paris nach Rueil, und von Rueil nach Verſailles gerollt,“ fuhr der junge Mann fort...„Die Gräfin Dubarry wird den König heirathen, ſo bald er wiederhergeſtellt iſt.“ Und er beendigte ſeinen Satz mit einem neuen Ge⸗ lächter, das noch viel geräuſchvoller war, als das erſte. Der Greis antwortete auch diesmal noch nicht. „Verzeihen Sie mir, wenn ich auf dieſe Art lache,“ ſprach der junge Mann mit einer Bewegung voll nervoſer Reizbarkeit,„ſehen Sie, ein guter Franzoſe liebt ſeinen König, und mein Köͤnig befindet ſich beſſer.“ „Scherzen Sie nicht ſo über dieſen Gegenſtand, mein Herr,“ entgegnete der Greis mit mildem Tone,„der Tod eines Menſchen iſt immer ein Unglück für irgend Jemand, und der Tod eines Königs iſt oft ein großes Unglück für Alle.“ „Selbſt der Tod von Ludwig XV.?“ unterbrach ihn der junge Mann mit ironiſchem Ton.„Oh! mein lieber Meiſter, Sie, ein ſo mächtiger Philoſoph, Sie behaupten eine ſolche Theſe... Oh! ich kenne die Energie und die Gewandtheit Ihrer Paradoren, doch dieſes laſſe ich Ihnen nicht hingehen.“ Der Greis ſchüttelte den Kopf. „Und überdies,“ fügte der junge Mann bei,„warum 196 an den Tod des Königs denken? Wer ſpricht davon? Der König hat die Blattern... Wir wiſſen alle, was dies bedeutet; er hat Bordeu und la Martinisre, geſchickte Leute, bei ſich..Ich wette, daß Ludwig der Vielgeliebte abermals davonkommt, mein lieber Meiſter; nur erſtickt diesmal das franzöſiſche Volk nicht in den Kirchen, um neuntägige Gebete zu verrichten, wie zur Zeit ſeiner erſten Krankheit... Höoren Sie, Alles nutzt ſich ab.“ „Stille!“ verſetzte der Greis bebend,„ſtille! denn ich ſage Ihnen, Sie ſprechen von einem Mann, über den Gott in dieſem Augenblick ſeinen Finger ausſtreckt.“ Erſtaunt über dieſe ſeltſame Sprache, ſchaute der junge Mann von der Seite den Greis an, deſſen Augen die Fagade des Schloſſes nicht verließen. „Sie haben alſo genauere Nachrichten?“ fragte er. „Schauen Sie,“ ſprach der Greis, indem er nach einem der Fenſter des Palaſtes deutete;„was ſehen Sie dort?“ „Ein beleuchtetes Fenſter... meinen Sie das?“ „Ja... doch wie beleuchtet?“ ſrc„Durch eine Kerze, welche in einer kleinen Laterne eckt.“ „Ganz richtig.“ „Nun?“ „Nun! junger Mann, wiſſen Sie, was die Flamme dieſer Kerze vorſtellt?“ „Nein, mein Herr.“ „Sie ſtellt das Leben des Königs vor.“ Der junge Mann ſchaute den Greis noch ſchärfer an, als wollte er ſich verſichern, daß er ſeine volle Ver⸗ nunft beſitze. „Einer von meinen Freunden,“ fuhr der Greis fort, „Herr von Juſſieu, hat die Kerze dorthin geſtellt, und ſie wird brennen, ſo lange der König lebt.“— 8 „Es iſt alſo ein Signal?“. „Ein Signal, das der Nachfolger von Ludwig XV., hinter einem Vorhang verborgen, nicht aus den Augen 197 läßt. Dieſes Signal, das Chrgeizige von dem Augenblick unterrichten wird, wo ihre Regierung beginnt, unterrichtet auch einen armen Philoſophen, wie ich bin, von dem Nuaeebi wo Gott auf ein Jahrhundert und ein Daſein aucht.“ Der junge Mann bebte ebenfalls und näherte ſich auf der Bank ſeinem Gegenredner. „Oh!“ ſagte der Greis,„betrachten Sie wohl dieſe Nacht, junger Mann; ſehen Sie, was ſie an Wolken und Stürmen in ſich ſchließt; die Morgenroͤthe, welche darauf folgen wird, erſchaue ich ohne Zweifel, denn ich bin nicht alt genug, um den nächſten Tag nicht zu erleben. Doch eine Regierung wird vielleicht beginnen, die Sie bis zu ihrem Ende ſehen, und die wie dieſe Nacht Geheimniſſe in ſich ſchließt, die ich nicht mehr erſchaue... Es iſt alſo nicht ohne Intereſſe für mich, das Feuer jener zitternden Kerze, deren Sinn ich Ihnen ſo eben erklärt habe.“ „Es iſt wahr murmelte der junge Mann,„es iſt wahr, mein Meiſter.“ „Ludwig XIV.,“ fuhr der Greis fort,„hat drei und ſiebenzig Jahre regiert; wie viel Jahre wird Ludwig XV. regieren?“ 1 „Ah!“ rief der junge Mann, mit dem Finger nach dem Fenſter deutend, das mit einem Schlage in Finſterniß verſunken war. „Der König iſt todt!“ ſprach der Greis und ſtand mit einer Art von Schrecken auf. Und Beide beobachteten einige Minuten lang ein tiefes Stillſchweigen. Ploͤtzlich fuhr eine Carroſſe, mit acht Pferden be⸗ ſpannt, in großer Eile aus dem Hof des Palaſtes. Zwei Pigeuers ritten, Jeder eine Fackel in der Hand haltend, vooran. Im Wagen fuhren der Dauphin, Marie Antoinette und Madame Eliſabeth, die Schweſter des Königs. Das Licht der Fackeln beleuchtete auf eine unheimliche Weiſe ihre bleichen Geſichter. Der Wagen fuhr zehn Schritte von der Bank an den zwei Männern vorüber. „Es lebe der Koͤnig Ludwig XVI., es lebe die Kö⸗ nigin!“ rief der junge Mann mit einer ſo einſchneidenden Stimme, daß man hätte glauben ſollen, er wolle dieſe neue Majeſtät eher ſchmähen, als begrüßen. Der Dauphin dankte; die Koͤnigin zeigte ihr ernſtes, trauriges Geſicht. Der Wagen verſchwand.— „Mein lieber Herr Rouſſeau,N† ſügte ſodann der junge Mann,„nun iſt Madame Dubarrh⸗Witwe!“ .„Morgen wird ſie verbannt/ſein,“ ſprach der Greis. „Gott befohlen, Herr Marat...“ Ende des Epilogs. Anmerkung. Die erſte Abtheilung der Denkwürdigkeiten eines Arztes, die von der Hochzeit von Marie Antoinette bis zum Jahr 41774 abgelaufene Zeit umfaſſend, iſt beendigt. Die zweite Abtheilung, welche Alexandre Du⸗ mas ſeinen Leſern binnen Kurzem verſpricht, wird die ſechs Jahre von 1789 bis 1794, nämlich von der Einnahme der Baſtille bis zum Ende der Schreckensregierung, enthalten. Dann ſollen nach und nach das Directorium, das Kai⸗ ſerreich und die Reſtauration kommenz alle dieſe Ereig⸗ niſſe der Mitzeit werden ſo vor den Augen des Publieums vor⸗ übergehen, deſſen Neugierde ſo lebhaft durch das Leſen der erſten Abthetung der Denkwürdigkeiten eines Arztes erregt worden iſt.* Wie bis jetzt, ſo wird auch in Zukunft dieſe Uebertragung der Denkwuͤrdigkeiten eines Arztes in's Deutſche auf's Schnellſte dem Original folgen.