—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otlmunen in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25665. Aeih- und Ieſehedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. 1 9„ 2. Lesepr'eis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Buches wird von A 5 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 3 4 n. Stun⸗ den angenomme 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprachende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe beträgt: 3 auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 Nr. 30 Pf 2 Nr.— Ff. „ 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten der Bucyer auf ihre eigenen Ko Gefal 3 9 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfer . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: n ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Ta⸗ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das We der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diej ſelben von mir geliehen, auch dafü CSämmtliche Werke V von † Alexandre Numas. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1 847. Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alerandre Numas. Aus dem Franzöſiſchen von 4 Dr. Auguſt Boller. 21— 24. Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 11 847. ——— — CXVI. Der Roman von Gilbert. Es war Gilbert, haben wir geſagt, eben ſo bleich, eben ſo troſtlos, eben ſo niedergeſchlagen, als Andrée. Bei dem Anblick eines Fremden, denn von Anfang erkannte ſie ihn durch den Schleier der Thränen, der ihren Blick verdunkelte, nicht, trocknete Andrée vaſch ihre Augen, als errothete das ſtolze Mädchen darüber, daß es geweint hatte. Sie gab ſich im Gegentheil eine feſte Haltung und verlieh wieder die Unbeweglichkeit ihren bleichen Wangen, welche einen Augenblick zuvor noch der Schauer der Verzweiflung beben gemacht hatte. Gilbert brauchte viel länger als ſie, um wieder Ruhe zu gewinnen, und ſeine Züge behielten den ſchmerzlichen Ausdruck, den Fräulein von Taverney, ſo bald ſie ihre Augen aufſchlug, in ſeiner Haltung und in ſeinem Blick wahrnehmen konnte. „Ah! es iſt abermals Herr Gilbert,“ ſagte Andrée mit dem leichten Ton, den ſie jedes Mal annahm, ſo oft ſie glaubte, der Zufall bringe ſte in die Nähe des jungen Mannes. Gilbert antwortete nichts; er war noch zu heftig be⸗ wegt. Der Schmerz, der den Leib von Andrée ſchauern +₰ machte, hatte den ſeinigen geſchüttelt. Andrée fuhr alſo fort; ſie wollte das letzte Wort dieſer Erſcheinung haben. „Aber was haben Sie denn, Herr Gilbert?“ fragte ſie;„was ſchauen Sie mich denn mit dieſer ſo betrübten 1 Miene an? Es muß Sie etwas traurig machen; ſagen 8* Sie, was macht Sie denn traurig?“ „Sie wünſchen es zu wiſſen?“ fragte ſchwermüthig Gilbert, der die unter dieſer ſcheinbaren Theilnahme ver⸗ borgenen Ironie fühlte. 3 „Iſt...— „Nun! es macht mich traurig, Sie leiden zu ſehen, mein Fräulein,“ erwiederte Gilbert. „Und wer hat Ihnen geſagt, daß ich leide, mein Herr?“ „Ich ſehe es.“ „Ich leide nicht, Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ ſagte Andrée und fuhr zum zweiten Mal mit ihrem Sack⸗ † tuch über ihr Geſicht. Gilbert fühlte, wie das Gewitter heranzog; er be⸗ ſchloß, es durch ſeine Demuth abzuwenden. „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ ſprach er,„ich habe Ihre Klagen gehört.“ „Ah! Sie horchten... noch beſſer...“ „Mein Fräulein, es iſt der Zufall,“ ſtammelte Gilbert, denn er fühlte, daß er log. „ Der Zufall! Ich bin in Verzweiflung, Herr Gilbert, daß Sie der Zufall in meine Naͤhe geführt hat; doch ich 1 wiederhole, in welcher Hinſicht konnten Sie die Klagen, † die Sie hörten, traurig machen, ſagen Sie es mir, ich bitte Sie?“ 3 „Es iſt mir unmöglich, eine Frau weinen zu ſehen,“ erwiederte Gilbert mit einem Ton, der Andrée ganz un⸗ gemein mißfiel. „Sollte ich zufällig eine Frau für den Herrn Gllbert ſein 2“ entgegnete das hochmüthige Mädchen.„Ich bettle — 8— 9 um keines Menſchen Theilnahme, doch um die von Herrn Gilbert vielleicht noch weniger, als um die von irgend Je⸗ mand.“ „Mein Fräulein,“ ſagte Gilbert den Kopf ſchüttelnd, „Sie haben Unrecht, daß Sie mich ſo hart behandeln; ich habe Sie traurig geſehen; ich habe mich darüber be⸗ trübt; ich habe Sie ſagen hören, wenn Herr Philipp ab⸗ gegangen, wären Sie allein auf der Welt: nein, nein, mein Fräͤulein, denn ich bin geblieben, und nie hat ein ergebeneres Herz für Sie geſchlagen. Nein, ich wieder⸗ hole, nie wird Fräulein von Taverney allein in der Welt ſein, ſo lange mein Kopf denken, ſo lange mein Herz ſchlagen, ſo lange mein Arm ſich ausſtrecken kann.“ Gilbert war in der That ſchön an Stärke, Adel und Hingebung, während er dieſe Worte ſprach, obgleich er es mit der ganzen Einfachheit that, welche die wahrſte Ehr⸗ furcht heiſchte. Doch es war einmal abgemacht, daß Alles an dieſem armen jungen Mann Auorée mißfallen, ſie beleidigen und zu verwundenden Erwiederungen antreiben ſollte, als wäre jede von ſeinen Kundgebungen der Ehrfurcht eine Ver⸗ letzung, jede von ſeinen Bitten eine Herausforderung ge⸗ weſen. Zuerſt wollte ſie aufſtehen, um eine härtere Ge⸗ berde mit einem freieren Wort zu finden; doch ein Ner⸗ venſchauer hielt ſie auf ihrer Bank zurück. Ueberdies bedachte ſie, daß ſie ſtehend in größerer Entfernung ge⸗ ſehen und zwar mit Gilbert ſprechend geſehen werden könnte. Sie blieb alſo auf ihrer Bank, denn einmal für allemal wollte ſie unter ihrem Fuß das Inſekt zertreten, das überläſtig wurde. Andrée erwiederte daher: „Ich glaubte Ihnen ſchon geſagt zu haben, Herr Gilbert, daß Sie mir ungemein mißfallen, daß Ihre Stimme mich ärgere, daß ihre philoſophiſchen Manieren meinen Widerwillen erregen. Warum, da ich Ihnen dies geſagt habe, wollen Sie hartnäckig mit mir ſprechen?“ „Mein Fräulein,“ erwiederte Gilbert bleich, aber an . 10 ſich haltend,„man ärgert eine redliche Frau nicht, wenn man Sympathie für ſie an den Tag legt. Ein redlicher Mann kommt jedem menſchlichen Geſchoͤpf gleich, und ich, den Sie mit ſo viel Erbitterung mißhandeln, ich verdiene vielleicht mehr als irgend ein Anderer die Sympathie, welche Sie, wie ich ſehe, zu meinem tiefen Bedauern nicht für mich empfinden.“ Bei dem zweimal wiederhotten Wort Sympathie riß Andrée die Augen weit auf und heftete ſie auf eine ver⸗ ächtliche Weiſe auf Gilbert. „Sympathie!“ ſagte ſie,„Sympathie von Ihnen gegen mich! In der That, ich täuſchte mich in Ihnen. Ich hielt Sie für einen Unverſchämten, doch Sie find weniger als dieſes: Sie ſind ein Narr.“ „Ich bin weder unverſchämt, noch ein Narr,“ ent⸗ gegnete Gilbert mit einer ſcheinbaren Nuhe, welche den uns bekannten Stolz große Ueberwindung koſten mußte. „Nein, mein Fräulein, durch die Natur bin ich Ihres Gleichen und durch den Zufall ſind Sie mir verpflichtet geworden.“ „Abermals der Zufall?“ verſetzte Andrée ſpöttiſch. „Die Vorſehung, hätte ich vielleicht ſagen ſollen. Nie würde ich hievon geſprochen haben; aber Ihre Be⸗ leidigungen erwecken mein Gedächtniß.“ „Ihnen verpflichtet? Ihnen verpflichtet, glaube ich? „Wie haben Sie das geſagt, Herr Gilbert?“ „Ich würde mich an Ihrer Stelle des Undanks ſchämen; und Gott, der Sie ſo ſchön gemacht, hat Ihnen, um Ihre Schönheit auszugleichen, ſo viele andere Fehler außer dieſem gegeben.“ Diesmal ſtand Andrée auf. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Gilbert,„zuweilen reizen Sie mich auch zu ſehr, und dann vergeſſe ich alle Theil⸗ nahme, die Sie mir einflößen.“ Andrée brach in ein ſchallendes Gelächter aus, um den Zorn von Gilbert bis zu ſeinem Paroxismus an⸗ zuſtacheln; doch zu ihrem großen Erſtaunen flammte Gilbert 83 4 2 11 noch nicht auf. Er kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt, behielt den feindſeligen und hartnäckigen Ausdruck ſeines Feuerblickes und wartete geduldig das Ende dieſes belei⸗ digenden Gelächters ab. „Mein Fräulein,“ ſprach ſodann Gilbert kalt zu Andrée,„wollen Sie eine einzige Frage beantworten. Achten Sie Ihren Vater?“ „Ich glaube in der That, Sie fragen mich, Herr Gilbert?“ rief das Mädchen mit dem äußerſten Hochmuth. „Ja, Sie achten Ihren Vater,“ fuhr Gilbert fort, „doch nicht wegen ſeiner guten Eigenſchaften, wegen ſeiner Tugenden; nein, ganz einfach, weil er Ihnen das Leben gegeben hat. Ein Vater, leider müſſen Sie das wiſſen, mein Fräulein, iſt nicht unter einem einzigen Titel achtens⸗ werth; doch dies iſt am Ende ein Titel. Mehr noch: für dieſe einzige Wohlthat des Lebens(Gilbert belebte ſich ebenfalls durch ein verächtliches Mitleid) für dieſe einzige Wohlthat find Sie verbunden, den Wohlthäter zu lieben. Wohl, mein Fräulein, iſt dies als Grundſatz feſt⸗ geſtellt, warum beleidigen Sie mich? Warum ſtoßen Sie mich zurück? Warum haſſen Sie mich, mich, der ich Sbhen allerdings das Leben nicht gegeben, aber gerettet habe?“ „Sie,“ rief Andrée,„Sie haben mir das Leben ge⸗ rettet?“. „Ah! Sie haben nicht einmal daran gedacht, oder Sie haben es vielmehr vergeſſen; das iſt ſehr natürlich, denn es iſt bald ein Jahr. Wohl, mein Fräulein, dann muß ich Sie davon unterrichten, oder Sie daran erinnern. Ja, ich habe Ihnen das Leben gerettet, indem ich das meinige preisgab.“ „Herr Gilbert,“ ſprach Andrée ſehr bleich,„Sie werden wenigſtens die Güte haben, mir zu ſagen, wo und wann?“ „An dem Tag, mein Fräulein, wo hunderttauſend Perſonen einander erdrückten, als ſie vor wildbrauſenden Pferden, vor Säbeln, welche die Menge niedermähten, * —õ——- ——— —— namen und Verwundeten beſtreut ließen.“ „Ah! am 31. Mai.“ „Ja, mein Fräulein.“ Andrée erholte ſich und nahm wieder ihr ſpöttiſches Lächeln an. „Und an dieſem Tag, behaupten Sie, haben Sie Ihr Leben preisgegeben, um das meinige zu retten, Herr Gilbert?“ „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, dies Ihnen zu agen.“ „Sie ſind alſo der Herr Baron von Balſamo? Ich bitte Sie um Verzeihung, denn ich wußte es nicht.“ „Nein, ich bin nicht der Herr Baron von Balſamo,“ erwiederte Gilbert die Augen entflammt und die Lippen bebend,„ich bin das arme Kind aus dem Volk, ich bin Gilbert, der ſo toll, ſo albern, ſo unglücklich iſt, Sie zu lieben; der, weil er Sie wie ein Wahnſinniger, wie ein Wüthender liebte, Ihnen in der Menge gefolgt iſt; ich bin Gilbert, der, einen Augenblick von Ihnen getrennt, Sie an dem gräßlichen Schrei wiedererkannte, als Sie den Boden verloren; Gilbert, der bei Ihnen niederfiel und Sie mit ſeinen Armen umſchlang, bis zwanzigtauſend Arme, auf die ſeinigen drückend, ſeine Kraft gebrochen hatten; Gilbert, der ſich an den ſteinernen Pfeiler warf, wo Sie zerquetſcht werden ſollten, um Ihnen die weichere Stütze ſeines Leichnams zu bieten; Gilbert, der, als er in der Menge den ſeltſamen Mann erblickte, welcher den an⸗ dern Menſchen zu befehlen ſchien, und deſſen Namen Sie ausgeſprochen haben, alle ſeine Kräfte, all ſein Blut, ſeine ganze Seele zuſammenraffte und Sie in ſeinen ſterbenden Armen aufhob, damit dieſer Mann Sie erblickte, Sie faßte, Sie rettete; Gilbert endlich, der von Ihnen, die er einem glücklichern Retter abtrat, nur einen Fetzen Ihres Kleides behielt, den er an ſeine Lippen drückte, und es war Zeit, denn das Blut floß alsbald nach ſeinem Herzen, nach ſeinen Schläfen und nach ſeinem Gehirn; die rollende flohen und den Boden des Platzes mit zahlloſen Leich⸗ * — 1 1 . t I n e d d 14 13 Maſſe der Henker und der Opfer bedeckte ihn wie eine Woge und begrub ihn, während Sie, wie ein Engel der Auferſtehung, aus ſeinem Abgrund zum Himmel aufſtie⸗ en 44 Gilbert hatte ſich ganz und gar geoffenbart, nämlich wild, naiv, erhaben in ſeiner Entſchloſſenheit, wie in ſeiner Liebe. Trotz ihrer Geringſchätzung konnte auch Andrée nicht umhin, ihn mit Erſtaunen anzuſchauen. Einen Au⸗ genblick wähnte er, ſeine Erzählung ſei unwiderſtehlich ge⸗ weſen, wie die Wahrheit, wie die Liebe. Doch der arme Gilbert rechnete ohne die Ungläubigkeit, dieſes Mißtrauen des Haſſes. Andrée aber, welche Gilbert haßte, hatte ſich von keiner der ſiegreichen Beweisführungen dieſes verach⸗ teten Liebhabers erſchüttern laſſen. Anfangs antwortete ſie nichts; ſie ſchaute Gilbert an, und etwas wie ein Kampf entſpann ſich in ihrem Innern. 4 Der junge Mann, dem es bei dieſem eiſigen Still⸗ ſchweigen unwohl war, ſah ſich auch genöthigt, in Form eines Schlußes beizufügen: „Mein Fräulein, haſſen Sie mich nun nicht mehr ſo ſehr, als Sie es gethan haben, denn das wäre nicht nur Ungerechtigkeit, ſondern auch Undank, wie ich Ihnen vorhin geſagt habe, und wie ich Ihnen nun wiederhole.“ Doch bei dieſen Worten hob Andrée ihren ſtolzen Kopf in die Höhe und ſprach mit dem Tone der grau⸗ ſamſten Gleichgültigkeit:. „Herr Gilbert, ich bitte, wie lange ſind Sie bei Herrn Rouſſeau in der Lehre geblieben?“ „Mein Fräulein,“ erwiederte Gilbert naiv,„ich glaube, drei Monate, die Tage meiner Krankheit in Folge des Erſtickens am 21. Mai nicht zu rechnen.“ „Sie irren ſich,“ entgegnete ſie, nich bitte Sie nicht, mir zu ſagen, ob Sie in Folge von Erſtickung krank ge⸗ weſen oder nicht geweſen... das krönt vielleicht auf eine künſtliche Weiſe Ihre Erzählung; doch mir iſt wenig daran gelegen. Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß Sie, da Sie ſich nur drei Monate bei dem berühmten Schrift⸗ ſteller aufhielten, die Zeit ſehr gut benützt haben, und daß der Zögling mit dem erſten Schlage Romane macht, vehe beinahe derer würdig ſind, die ſein Lehrer veröffent⸗ t.“ Gilbert, der mit Ruhe zugehört hatte, weil er glaubte, Andrée würde auf die leidenſchaftlichen Dinge, die er geſagt, ernſte Dinge erwiedern, fiel von der ganzen Höhe ſeiner Treuherzigkeit unter dem Streiche dieſer blu⸗ tigen Ironie herab. „Ein Roman,“ murmelte er entrüſtet,„Sie behan⸗ deln als Roman, was ich Ihnen geſagt habe?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Andrée,„ein Roman; nur haben Sie mich nicht genoͤthigt, ihn zu leſen, und dafür weiß ich Ihnen Dankb; leider aber muß ich tief be⸗ dauern, nicht bezahlen zu können, was er werth iſt, denn wide es vergebens verſuchen, da Ihr Roman unbezahl⸗ ar iſt.“ „Das iſt es alſo, was Sie mir antworten?“ ſtam⸗ melte Gilbert, das Herz zuſammengeſchnürt, die Augen erloſchen. „Ich antworte Ihnen gar nicht, mein Herr,“ ſagte Andrée, indem ſie ihn zurückſchob, um an ihm vorüber⸗ gehen zu können. In dieſem Augenblick erſchien Nicole am Ende der Allee und rief von hier aus ihrer Gebieterin, um nicht zu ungeſtüm das Geſpräch zu unterbrechen, deſſen einen Theil ſie nicht erkannt hatte, weil ſie Gilbert durch die Schatten nicht genau zu betrachten vermochte. Als ſie aber näher kam, ſah ſie den jungen Mann, erkannte ihn und war ganz erſtaunt. Sie bereute es nun, daß ſie nicht einen Umweg gemacht, um zu hören, was Gilbert Fräulein von Taverney zu ſagen gehabt haben könnte. Mit einer ſanften Stimme, als wollte ſie Gilbert den Stolz beſſer begreiflich machen, mit dem ſie zu ihm Feſhrochen⸗ wandte ſich Andrée an Nicole und fragte dieſe: ——.CE ——— * 15 „Was gibt es denn, mein Kind?“ „Der Herr Baron von Taverney und der Herr Herzog von Richelieu ſind ſo eben eingetroffen, um das Fräulein zu beſuchen.“ „Wo find ſie?“ „In der Wohnung des Fräuleins. „Komm.“ Nicole folgte ihr, doch nicht ohne bei ihrem Abgang einen ironiſchen Blick auf Gilbert zu werfen, der, weniger bleich als leichenfarbig, weniger bewegt als wahnſinnig, weniger zornig als wüthend, die Fauſt in der Richtung der Allee, durch die ſich ſeine Feindin entfernte, ausſtreckte und er die Zähne fletſchend murmelte: „Oh! Geſchopf ohne Herz, Leib ohne Seele! ich habe Dir das Leben gerettet, ich habe meine Liebe zuſammen⸗ gedrängt, ich habe jedes Gefühl ſchweigen gemacht, wel⸗ ches das verletzen konnte, was ich Deine Unſchuld nannte, denn für mich, in meinem Wahnſinn, warſt Du eine hei⸗ lige Jungfrau, wie es die Jungfrau im Himmel iſt... Nun habe ich Dich von Nahem geſehen, Du biſt nicht mehr als ein Weib, und ich bin ein Mann... Oh! früher oder ſpäter werde ich mich rächen, Andrée von Taverney; zweimal habe ich Dein Leben in meinen Hän⸗ den gehalten und zweimal habe ich Dich geſchont und geachtet; Andrée von Taverney, nimm Dich beim dritten Male in Acht!... Auf Wiederſehen, Andrée!“ eun Und er entfernte ſich durch das Gebüſch ſpringend, wie ein verwundeter junger Wolf, der ſich immer wieder umdreht und ſeine ſcharfen Zähne und ſeinen blutigen Augenſtern zeigt. CXVII. Der Vater und die Tochter. Vom Ende der Allee erblickte Andrée wirklich den Marſchall und ihren Vater, welche ſie erwartend vor dem Veſtibule auf und abgingen. Die zwei Freunde ſchienen außerordentlich heiter zu ſein; ſie gingen Arm in Arm; man hatte bei Hofe Ore⸗ ſtes und Pylades noch nicht ſo getreu dargeſtellt geſehen. Beim Anblick von Andrée wurden die zwei Greiſe noch freundlicher und machten ſich gegenſeitig auf ihre, durch den Zorn und die Schnelligkeit des Ganges erhöhte, ſtrahlende Schönheit aufmerkſam. Der Marſchall verbeugte ſich vor Andrée, wie er es nur vor der erklärten Frau von Pompadour hätte thun können. Dieſe Nuance entging Taverney nicht, der da⸗ rüber entzückt war, aber ſie ſetzte Andrée durch jene Mi⸗ ſchung von Ehrfurcht und galanter Freiheit in Erſtaunen, denn der gewandte Hofmann verſtand es, ſo viele Einzel⸗ heiten in einen Gruß zu legen, als Covrelle franzöſiſche Sätze in ein einziges türkiſches Wort zu legen wußte. Andrée machte eine Gegenverbeugung, welche eben ſo ceremonlös für ihren Vater, als für den Marſchall war; dann lud ſie Beide auf eine anmuthreiche Weiſe ein, in ihr Zimmer zu kommen. Der Marſchall bewunderte die elegante Reinlichkeit, den einzigen Luxus der Ausſtattung und der Architektur dieſes Winkels. Mit Blumen, mit ein wenig weißer Mouſſeline hatte Andrée aus ihrem traurigen Zimmer nicht einen Palaſt, wohl aber einen Tempel gemacht. Er ſetzte ſich auf ein großes, mit grünem Zitz über⸗ zogenes, Fauteuil unter ein chineſiſches Horn, aus dem 4 2 17 in Traubenform duftende Acacien⸗ und Ahornblüthen ver⸗ miſcht mit Iris und bengaliſchen Roſen herabfielen. Taverney nahm ein ähnliches Fauteuil ein; Andrée ſetzte ſich auf einen Feldſtuhl und ſtützte ihren Ellenbogen auf das Clavier, das ebenfalls mit Blumen in einer ſäch⸗ ſiſchen Vaſe geſchmückt war. „Mein Fräulein,“ ſprach der Marſchall,„ich habe Ihnen im Auftrag des Koͤnigs alle Komplimente zu ſagen, welche geſtern bei ſämmtlichen Zuhörern der Probe durch Ihre bezaubernde Stimme und Ihr muſtkaliſches Talent hervorgerufen worden find. Seine Majeſtät befürchtete Eiferſüchtige unter den Herren und Damen zu machen, wenn ſie Ihr Lob zu laut ausſprechen würde, und beauf⸗ tragte deshalb mich, Ihnen auszudrücken, welch ein großes Vergnügen Sie ihm bereitet haben.“— Völlig errothend war Andrée ſo ſchön, daß der Marſchall fortfuhr, als ſpräche er für ſeine eigene Rech⸗ nung: „Der Koͤnig verſicherte mich, er habe an ſeinem Hofe Niemand geſehen, der ſo die Gaben des Geiſtes und die des Aeußeren vereinige.“ „Sie vergeſſen die des Herzens,“ ſagte Taverney ganz hingeriſſen:„Andrée iſt das beſte Mädchen.“ Der Marſchall glaubte einen Augenblick, ſein Freund wolle weinen. Voll Bewunderung für dieſen Aufwand an väterlicher Empfindſamkeit, rief er: „Das Herz! Sie allein vermoͤgen die Zärtlichkeit zu beurtheilen, welche das Herz des Fräuleins in ſich ſchließen kann. Warum bin ich nicht erſt fünf und zwanzig Jahre, ich würde mein Leben und meine ganze Habe zu ihren Füßen legen.“ Andrée verſtand es noch nicht, die Huldigung eines Höflings leicht aufzunehmen. Richelieu erhielt von ihr nur ein Gemurmel ohne Bedeutung. „Mein Fräulein,“ ſagte er,„der König wollte Sie bitten, ihm einen Beweis ſeiner Zufriedenheit zu geſtatten, Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 2 und er hat den Herrn Baron, Ihren Vater, beauftragt, Ihnen denſelben zu überreichen. Was ſoll ich nun Seiner Majeſtät von Ihnen antworten?“ „Mein Herr,“ erwiederte Andrée, die ihr Benehmen nur als eine Folge der jeder Unterthanin ihrem König ſchuldigen Achtung entwickelte,„wollen Sie die Güte haben, Seine Majeſtät meiner ganzen Dankbarkeit zu verſichern. Sagen Sie Seiner Majeſtät, ſie ſei allzu gnädig, wenn ſie ſich mit mir beſchäftige, und ich fühle mich ſehr unwürdig der Aufmerkſamkeit eines ſo mächtigen Monar⸗ Richelieu ſchien ganz begeiſtert von dieſer Antwort, die das Mädchen mit feſter Stimme und ohne Zögern ſprach. Er nahm ihre Hand, küßte ſie ehrfurchtsvoll, ver⸗ ſchlang ſie mit ſeinen Blicken und ſagte: „Eine königliche Hand, ein Feenfuß... Der Geiſt, der Wille, die Unſchuld... Ah! Baron, welch ein Schatz!.. Es iſt nicht eine Tochter, was Sie da haben, es iſt eine Königin...“ Und nach dieſem Wort nahm er Abſchied, ließ Ta⸗ verney bei Andrée, Taverney, der ſich unmerklich vor Stolz und Hoffnung aufblähte. Wer ihn geſehen hätte, dieſen Philoſophen der alten Theorie, dieſen Skeptiker, dieſen Verächter, wie er mit langen Zügen die Luft der Gunſt aus ihrem am Mindeſten athembaren Moraſt einſchlürfte, würde ſich geſagt haben, Gott habe aus demſelben Schlamm den Geiſt und das Herz von Herrn von Taverney geknetet. Taverney allein hätte über dieſe Veränderung Antwort geben koͤnnen: „Ich habe mich nicht verändert, ſondern die Zeit.“ Er blieb alſo bei Andrée ſitzen... etwas verlegen, denn das Mädchen mit ſeiner unerſchöpflichen Lauterkeit heftete auf ihn zwei Blicke ſo tief wie das Meer in ſeinem tiefſten Abgrund. „Hat Herr von Richelieu nicht geſagt, Seine Majeſtät 05 +‿̈ 8=. 19 habe Ihnen einen Beweis ihrer Zufriedenheit anvertraut? Ich bitte, was iſt es?“ „Ah! ſagte Taverney zu ſich ſelbſt,„fie iſt intereſſirt ... Das hätte ich nicht geglaubt. Deſto beſſer, Satan, deſto beſſer.“ Langſam zog er aus ſeiner Taſche das Schmuckkäſt⸗ chen, das ihm am Tage zuvor Richelieu gegeben hatte, wie die guten Papas aus ihrem Sack Spielzeug oder Bonbons ziehen, welche die Augen des Kindes aus ihrer Taſche reißen, ehe die Hände ſich bewegt haben. „Hier,“ ſprach er. „Ah! Juwelen,“ ſagte Andree. „Sind ſie nach Deinem Geſchmack?“ Es war eine Garnitur von Perlen von bedeutendem Werth. Zwoͤlf große Diamanten verbanden unter ſich die Reihen dieſer Perlen; ein Schloß von Diamanten, Ohren⸗ ringe und eine Reihe Diamanten für die Haare gaben dieſem Geſchenk einen Werth von wenlgſtens dreißig tau⸗ ſend Thalern. „Mein Gott! mein Vater!“ rief Andrée. „Nun!“ „Das iſt zu ſchön... der Koͤnig hat ſich geirrt... Ich würde mich ſchämen, wenn ich das trüge... Hätte ich die Toiletten, die ſich mit dem Reichthum dieſer Dia⸗ manten vergleichen ließen?“ „Ich bitte, beklage Dich doch,“ ſagte Taverney ſpöttiſch. „Mein Herr, Sie verſtehen mich nicht. Ich bedaure es, daß ich dieſe Juwelen nicht tragen kann, weil Sie zu ſchön find.“ „Der Köͤnig, der Dir den Schmuck geſchenkt hat, iſt ein ſo huldvoller Herr, daß er Dir auch die Kleider ſchen⸗ ken wird.“. „Aber dieſe Güte des Königs...“ „Glaubſt Du nicht, doß ich ſie durch meine Dienſte verdient habe?“ ſagte Taverney. „Ah! verzeihen Sie, mein Herr, es iſt wahr,“ erwie⸗ 4 Nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, ſchloß S„Ich werde dieſe Diamanten nicht tragen.“ A 8 wendigen bedürfen, und weil dieſer Ueberfluß meine Augen 8 einer ehrerbietigen Unterthanin, noch die einer dankbaren N 7 „Ja, aber Du mußt mit Vergnügen gehorchen... 1 20 derte Andrée, den Kopf neigend, ohne jedoch völlig über⸗ zeugt zu ſein. ſie das Käſtchen wieder und ſagte: „Warum nicht?“ rief Taverney voll Unruhe. 1 „Weil Sie, mein Vater, und mein Bruder, des Noth⸗ veeletzt, ſeitdem ich an Ihre Beengung denke.“ Taverney drückte ihr lächelnd die Hand und ſprach: N „Oh! meine Tochter, kümmere Dich nichts um dieſes. N 8 Der König hat mehr für mich gethan, als für Dich. Wir „) ſtehen in Gunſt, liebes Kind. Es wäre weder die Sache K * Frau, vor Seiner Majeſtät ohne den Schmuck zu erſcheinen, den ſie Dir zu ſchenken die Gnade gehabt hat.“ 1 3„Ich werde gehorchen, mein Vater.“ hſ Juwelen ſcheinen nicht nach Deinem Geſchmack zu ſe n.“ N„Ich verſtehe mich nicht auf Diamanten.“ 3„Wiſſe alſo, daß die Perlen allein fünfzig tauſend Livres werth ſind.“ Andrée faltete die Hände. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„es iſt ſonderbar, daß mir 8 der König ein ſolches Geſchenk macht; bedenken Sie das wohl.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Fräulein,“ verſetzte Taverney mit trockenem Ton. f 2„Wenn ich dieſe Edelſteine trage, wird die Welt — darüber ſtaunen, das verſichere ich Sie.“ 8„Warum,“ ſagte Taverney mit demſelben Ton und 4 mit einem gebieteriſchen kalten Blick, der den von Andrbèe ſicch ſenken machte. N„Ein Bedenken...“ „Mein Fräulein, Sie werden mir zugeben, es iſt à noch viel ſeltſamer, daß ich Bedenklichkeiten da bei Ihnen 2 1 21 ber⸗) ſehen muß, wo ich ſelbſt keine ſehe... Sind die unſchul⸗ digen jungen Mädchen vorhanden, um das Uebel zu er⸗“ loß kennen und wahrzunehmen, wenn es auch ſo gut verbor⸗ gen iſt, daß es Niemand wahrgenommen hätte? Soll ein N . naives Mädchen, ſoll eine Jungfrau die alten Genadens, wie ich bin, erröthen machen?“ oth⸗ Andrée verbarg ihre Verwirrung in ihren ſchönen, 4 gen weißen Händen. N „Oh! mein Bruder,“ flüſterte ſie ganz leiſe, twarum⸗ . biſt Du ſchon ſo ferne?“ e N Hoͤrte Taverney dieſes Wort, errieth er es mit e Wir N s wohlbekannten wunderbaren Scharffinn? wir vermöch ten es nicht zu ſagen; doch er veränderte ſogleich den ren Kon, nahm die beiden Hände von Andrée und ſagte: ien,„Laß hören, Kind, iſt Dein Vater nicht ein wenig ³ ein Freund?“ Ein ſanftes Lächeln ging durch die Schatten, von X .. eenen die ſchöne Stirne von Andrée bedeckt war, zu Tage. N zu us. „Bin ich nicht da, um Dich zu lieben, um Dir zu K rathen? fühlſt Du Dich nicht ſtolz, zu dem Glück Deines N end Bruders und zu dem meinigen beitragen zu können?“ „Oh! doch,“ erwiederte Andrée. 3 Der Baron heftete auf ſeine Tochter einen ganz von 1 mir Liebkoſungen glühenden Blick. das„Wohl!“ ſprach er,„Du wirſt, wie ſo eben Herr d von Richelien ſagte, die Königin von Taverney ſein.. N tzte Der König hat Dich ausgezeichnet, die Dauphine auch,“ fügte er lebhaft bei;„im vertrauten Umgang mit dieſen— Zelt hohen Perſonen wirſt Du unſere Zukunft bauen, ineem Du ihr Leben glücklich machſt... Freundin der Dauphine, ind Freundin... des Königs...welche Herrlichkeit!...Du rée haſt ausgezeichnete Talente und eine Schönheit ohne Glei⸗ 1 chen; Du haſt einen geſupsen, von Habgier und Ehrgeizs) freien Geiſt... Oh! mein Kind, welche Rolle kannſt dns 2 iſt ſpielen... Erinnerſt Du Dich des kleinen Mädchens, das die letzten Augenblicke von Karl VI. verſüßt hat?... ————— 22 * Der Name dieſes Mädchens wurde geſegnet in Frankreich. Erinnerſt Du Dich der Agnes Sorel, welche die Ehre der Kroone Frankreichs wiederherſtellte?... Alle guten Fran-⸗ oſen verehren ihr Andenken... Andrée, Du wirſt die 1 Stütze und der Stab des Alters unſeres glorreichen Mo⸗ narchen ſein... Er wird Dich lieben wie ſeine Tochter, und Du wirſt in Frankreich regieren durch das Recht der. Schönheit, des Muthes und der Treue.“ 4 3 Andrée that ihre Augen vor Erſtaunen ganz weit auf. Der Baron aber fuhr fort, ohne ihr Zeit zum 4 Nachdenken zu laſſen:; 4„Die verworfenen Frauen, die den Thron entehren, 7 wirſt Du mit einem einzigen Blick verjagen; Deine Ge⸗ „¹ genwart wird den Hof reinigen. Deinem hochherzigen Einfluß wird der Adel des Reiches die Wiederkehr der ſchönen Sitten, der Artigkeit, der reinen Galanterie zu ⸗ verdanken haben. Meine Tochter, Du kannſt, Du wirſt 2 ein wiedergebärendes Geſtirn für dieſes Land und eine— Krone der Verherrlichung für unſern Namen ſein.“. „Aber was werde ich dann zu dieſem Ende thun müſſen?“ fragte Andrée ganz verwirrt. Der Baron träumte einige Augenblicke und erwiederte dann: 1 „Andrée, ich habe Dir oft geſagt, man muß in die⸗ ſer Welt die Leute tugendhaft zu ſein, dadurch zwingen, daß man ſie die Tugend lieben macht. Verdrießlich, trau⸗ rig, Sentenzen predigend, jagt die Tugend diejenigen in die Flucht, die am Sehnſüchtigſten ſich ihr zu nähern wünſchen. Verleihe der Deinigen alle Köder der Coquet⸗ terie, des Laſters ſogar. Das iſt leicht für ein geiſtrei⸗ z ches und ſtarkes Mädchen, wie Du biſt. Mache Dich ſo 4 ſchon, daß der Hof nur von Dir ſpricht. Mache Dich 3 ſo angenehm in den Augen des Königs, daß er Deiner nicht entbehren kann. Mache Dich ſo geheimnißvoll, ſo — e zurückhaltend gegen Alle, nur den Koͤnig ausgenommen, daß man Dir ſchnell alle Gewalt beimißt, die Du unfehl⸗ bar erlangen mußt.“.. 3 —— 23 „Dieſen letzten Rath verſtehe ich nicht ganz, ſagte Andrée. „Laß mich Dich leiten und führe aus, ohne zu be⸗ greifen, was für ein weiſes und edles Geſchoͤpf wie Du, beſſer iſt... Ah! damit Du den erſten Punkt ausführen kannſt, muß ich Deine Börſe füllen... nimm dieſe hun⸗ dert Louis d'or und ſetze Deine Toilette auf eine Weiſe in den Stand, die des Ranges würdig iſt, zu dem Du berufen biſt, ſeitdem Seine Majeſtät uns auszuzeichnen die Gnade gehabt hat.“ Taverney gab ſeiner Tochter hundert Louis d'or, küßte ihr die Hand und ging hinaus. Raſch ſchlug er wieder den Weg durch die Allee ein, durch welche er gekommen war, ohne zu bemerken, daß Nicole in der Tiefe des Gebüſches eine eifrige Unterre⸗ dung mit einem vornehmen Herrn pflog, der ihr⸗ ins Ohr ſprach. CXVIII. Was Althotas brauchte, um ſein Elixir zu vollenden. Am andern Tag nach dieſer Unterredung, gegen vier Uhr Nachmittags las Balſamo in ſeinem Cabinet in der Rüe Saint⸗Claude einen Brief, den ihm Fritz gebracht hatte. Dieſer Brief war ohne Unterſchrift: er drehte ihn in ſeinen Händen hin und her. „Ich kenne dieſe Handſchrift,“ ſagte er:„lang, unre⸗ gelmäßig, ein wenig zitternd und mit vielen orthographi⸗ ſchen Fehlern.“ Und er las noch einmal: „Herr Graf! „Eine Perſon, die Sie einige Zeit vor dem Sturze des letzten Miniſteriums um Rath gefragt hat, und die ſchon lange zuvor Ihren Rath in Anſpruch genommen hatte, wird ſich heute bei Ihnen einfinden, um eine neue Con⸗ ſultation zu erhalten. Werden Ihnen Ihre zahlreichen Geſchäfte erlauben, dieſer Perſon eine halbe Stunde zwi⸗ ſchen vier und fünf Uhr Abends zu ſchenken?“ Als er zum zweiten oder dritten Mal bis zum Ende geleſen hatte, verſank Balſamo wieder in ſein Nachſuchen. „Es iſt nicht der Mühe werih, Lorenza über ſo Ge⸗ ringes um Rath zu fragen; weiß ich übrigens nicht ſelbſt zu errathen? Die Handſchrift iſt lang, ein Zeichen der Ariſtokratie; unregelmäßig und zitternd, ein Zeichen des Alters; voll von Schreibfehlern: das iſt von einem Hofmann. „Ah! ich Dummkopf, der ich bin, es iſt von dem Herrn Herzog von Richelieu. Gewiß werde ich eine halbe Stunde für Sie haben, Herr Herzog, eine Stunde, einen Tag. Nehmen Sie meine Zeit und machen Sie die Ihrige daraus. Sind Sie nicht, ohne es zu wiſſen, einer meiner geheimnißvollen Agenten, ciner meiner vertrauten Dämone? Verfolgen wir nicht dasſelbe Werk? Erſchüttern wir nicht die Monarchie durch eine und dieſelbe Anſtrengung, Sie, indem Sie ſich zu ihrer Seele, ich, indem ich mich zu ihrem Feinde mache? „Kommen Sie, Herr Herzog, kommen Sie.“ Und Balſamo zog ſeine Uhr, um zu ſehen, wie lange er noch auf den Herzog zu warten hätte. In dieſem Augenblick erklang ein Glöckchen im Kar⸗ nieß des Plafond. 1 „Was gibt es denn?“ fragte Balſamo bebend;„Lo⸗ renza ruft mich. Sie will mich ſehen. Sollte ihr etwas Unangenehmes widerfahren ſein? Oder wäre es einer von jenen Umſchlägen des Charakters, von denen ich ſchon ſo oft Zeuge und Opfer geweſen bin? Geſtern war ſie ſehr — ——-O ⏑— ⏑— 25 nachdenkend, ſehr fügſam, ſehr ſanft; geſtern war ſie, wie ich ſie gern ſehe. Armes Kind!“ Dann ſchloß er ſein geſticktes Hemd, ſchob ſein Spitzenjabot unter ſeinen Schlafrock, warf einen letzten Blick in den Spiegel, um zu ſehen, ob ſeine Friſur nicht zu ſehr in Unordnung ſei, und ging nach der Treppe, nach⸗ dem er durch ein ähnliches Läuten das Verlangen von Lorenza erwiedert hatte., Doch ſeiner Gewohnheit gemäß, blieb Balſamo in dem Zimmer ſtehen, das vor dem der jungen Frau kam, wandte ſich mit gekreuzten Armen nach der Seite, wo er vermuthete, daß ſie ſein möchte, und befahl ihr mit jener Willensſtärke, welche kein Hinderniß kennt, zu ent⸗ ſchlummern. Dann ſchaute er durch einen beinahe unmerklichen Spalt des Täfelwerks, als ob er an ſich ſelbſt gezweifelt, oder als ob er ſeine Vorſichtsmaßregeln verdoppeln zu müſſen geglaubt hätte. Lorenza war auf einem Canapé eingeſchlafen, wo ſie ohne Zweifel, ſchwankend unter dem Willen ihres Beherr⸗ ſchers, eine Stütze geſucht hatte. Ein Maler hätte keine poetiſchere Haltung für ſie finden können. Gepreßt und keuchend unter der Laſt des raſchen Fluidums, das ihr Balſamo zugeſandt hatte, glich Lorenza einer von jenen ſchönen Arianen von Vanloo, deren Bruſt angeſchwollen, deren Rumpf voll Wogungen und Erſchütterungen, deren dfigans die Beute der Verzweiflung oder der Müdig⸗ eit iſt. Balſamo trat auf ſeinem gewöͤhnlichen Wege ein und blieb vor ihr ſtehen, um ſie zu betrachten, doch ſogleich weckte er ſie auf: ſte warx. zu gefährlich ſo. Kaum hatte ſie die Augen geöffnet, als ſie einen Blitz aus ihren Augenſternen ſpringen ließ; dann, als wollte ſie ihre noch fluthenden Gedanken feſtſtellen, glättete ſie mit ihren flachen Händen ihre Haare, trocknete ihre von Liebe feuchten Lippen, wühlte in der Tiefe 26 ihres Gedächtniſſes und ſammelte ihre zerſtreuten Erinne⸗ rungen. Balſamo ſchaute ſie mit einer Art von Angſt an. Seit langer Zeit war er an den ungeſtümen Uebergang von der Sanftmuth der Liebenden zu einer Aufwallung des Zorns, des Haſſes gewöhnt. Die Reſlerion dieſes Tages, an die er nicht gewöhnt war, die Kaltblütigkeit, mit der ihn Lorenza empfing, ſtatt wie ſonſt in Aeuße⸗ rungen des Haſſes auszubrechen, verkündigten ihm, daß es ſich diesmal um etwas handelte, was vielleicht ernſter war, als Alles, was er bis dahin geſehen hatte. Lorenza richtete ſich auf, ſchuttelte den Kopf, heftete einen langen Blick auf Balſamo und ſprach: „Ich bitte, wollen Sie ſich zu mir ſetzen.“ Balſamo bebte bei dieſer Stimme voll ungewohnter Sanftheit. „Mich ſetzen?“ ſagte er;„Du weißt wohl, daß ich keinen andern Wunſch habe, als mein Leben zu Deinen Füßen zuzubringen.“ „Mein Herr,“ erwiederte Lorenza mit demſelben Ton, „ich bitte Sie, ſich zu ſetzen, obſchon ich nicht lange mit Ihnen zu reden habe; doch mir ſcheint, ich werde beſſer mit Ihnen ſprechen, wenn Sie ſitzen.“ „Heute wie immer, meine geliebte Lorenza, werde ich nach Deinen Wünſchen thun.“ Und er ſetzte ſich auf ein Fauteuil neben Lorenza, welche auf einem Sopha ſaß. „Mein Herr,“ ſagte ſie, auf Balſamo Augen von einem engeliſchen Ausdruck heftend,„ich habe Sie ge⸗ rufen, um mir eine Gnade von Ihnen zu erbitten.“ „Oh! meine Lorenza,“ rief Balſamo immer mehr entzückt,„Alles, was Du willſt, ſprich nur, Alles.“ „Nur Eines, doch ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich es glühend wünſche.“ „Sprich, Lorenza, ſprich, und ſollte es mich mein ganzes Vermögen, ſollte es mich die Hälfte meines Lebens koſten.“ 27 „Es wird Sie nichts koſten, mein Herr, als eine Minute von Ihrer Zeit,“ erwiederte die junge Frau. Bezaubert durch die ruhige Wendung, welche das Geſpräch nahm, machte ſich Balſamo ſchon mit ſeiner thätigen Einbildungskraft einen Entwurf von den Wünſchen, welche Lorenza gebildet haben konnte, und beſonders von denjenigen, welche er zu erfüllen vermöchte. „Sie wird mich,“ ſagte er,„um eine Dienerin, oder um eine Geſellſchafterin bitten. Dieſes Opfer, das ein ungeheures iſt, da es mein Geheimniß und meine Freunde gefährdet, werde ich ihr bringen, denn das arme Kind iſt in ſeiner Einſamkeit ſehr unglücklich.“ „Sprich geſchwinde,“ ſagte er laut und mit einem Seufzer voll Liebe. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„Sie wiſſen, daß ich vor Traurigkeit und Langweile ſterbe.“— Balſamo neigte den Kopf und ſeufzte abermals, doch diesmal um ſeine Beiſtimmung zu bezeichnen. „Meine Jugend,“ fuhr Lorenza fort,„verzehrt ſich; meine Tage ſind ein langes Schluchzen, meine Nächte eine beſtändige Angſt. Ich werde alt in der Einſamkeit und im Leiden.“— „Dieſes Leben,“ erwiederte Balſamo,„iſt das, wel⸗ ches Du Dir ſelbſt gemacht haſt, und es hängt nicht von mir ab, daß dieſes Leben, das durch Deine Schuld ſo trübſelig geworden, nicht den Neid einer Königin erregt.“ „Es mag ſein. Sie ſehen auch, daß ich zu Ihnen zurückkehre.“ „Ich danke, Lorenza.“ „Sie ſind ein guter Chriſt, wie Sie mir zuweilen geſagt haben, obgleich...“ „Obgleich Sie mich für eine verlorene Seele halten... wollten Sie ſagen. Ich vollende Ihren Gedanken, Lorenza.“ „Halten Sie ſich nur an das, was ich ſage, mein Herr, und ſetzen Sie nichts Anderes voraus, ich bitte Sie.“ „Fahren Sie fort.“* „Wohl! ſtatt mich in den Abgrund des Zornes und 28 der Verzweiflung verſinken zu laſſen, bewilligen Sie mir, da ich Ihnen zu nichts nütze bin...“ Sie hielt inne, um Balſamo anzuſchauen, aber ſchon hatte er ſeine Selbſtbeherrſchung wieder erlangt, und ſte begegnete nur einem kalten Blick und einer gefalteten tirne. Sie belebte ſich unter dieſem beinahe drohenden Auge und fuhr fort: „Bewilligen Sie mir, nicht die Freiheit, ich weiß, daß mich ein Geheimniß Gottes, oder vielmehr Ihr Wille, der mir allmächtig erſcheint, zur Gefangenſchaft für mein ganzes Leben verurtheilt, bewilligen Sie mir, daß ich menſchliche Geſichter ſehen, daß ich den Ton einer andern Stimme als der Ihrigen hören darf; bewilligen Sie mir endlich auszugehen, mein Daſein zu beurkunden.“ „Ich ſah dieſen Wunſch vorher, Lorenza,“ ſagte Bal⸗ ſamo, indem er ſie bei der Hand nahm,„und Du weißt, dieſer Wunſch iſt ſeit langer Zeit auch der meinige.“ „Alſo!“ rief Lorenza. „Aber,“ fuhr Balſamo fort,„Du haſt mich ſelbſt gewarnt. Wie ein Wahnſinniger— jeder Menſch, der liebt, iſt wahnſinnig,— habe ich Dich einen Theil meiner Geheimniſſe in der Wiſſenſchaft und in der Politik ergrün⸗ den laſſen. Du weißt, daß Althotas den Stein der Weiſen gefunden hat, und das Lebenselirir ſucht: dies in Betreff der Wiſſenſchaft. Du weißt, daß ich und meine Freunde gegen die Monarchien der Welt conſpiriren; dies in Be⸗ treff der Politik. Das eine von dieſen Geheimniſſen kann bewirken, daß ich wie ein Zauberer verbrannt werde, das andere kann machen, daß man mich wie einen des Hoch⸗ verraths Schuldigen rädert. Du aber haſt mich bedroht, Lorenza, Du haſt mir geſagt, Du würdeſt Alles in der Welt verſuchen, um Deine Freiheit wieder zu erlangen, und ſobald Du dieſe Freiheit wieder erlangt, wäre der erſte Gebrauch, den Du davon machen wirdeſt, der, daß Du mich Herrn von Sartines anzeigteſt. Haſt Du das geſagt?“ 4 29 „Was willſt Du! zuweil en gerathe ich in Verzweif⸗ lung, und dann... nun! dann werde ich toll.“ „Biſt Du zu dieſer Stunde ruhig, biſt Du vernünf⸗ tig, Lorenza? Können wir mit einander reden?“ „Ich hoffe es.“ „Wenn ich Dir dieſe Freiheit gebe, die Du von mir verlangſt, werde ich in Dir eine ergebene, unterwürſige Frau, ein beſtändiges und ſanftes Gemüth ſinden? Du weißt, daß dies mein glühendſter Wunſch iſt, Lorenza? Die junge Frau ſchwieg. „Wirſt Du mich lieben?“ vollendete Balſamo mit einem Seufzer. „Ich will nur das verſprechen, was ich halten kann,“ antwortete Lorenza;„weder die Liebe noch der Haß hängen von uns ab. Ich hoffe, Gott wird zur Belohnung des guten Benehmens von Ihrer Seite geſtatten, daß der Haß verſchwinde, und daß die Liebe komme.“ „Leider iſt es nicht genug mit einem ſolchen Ver⸗ ſprechen, Lorenza, daß ich Dir vertraue. Ich muß einen unbeſchränkten, heiligen Schwur haben, deſſen Bruch ein Verbrechen gegen Gott iſt, einen Schwur, der Dich in dieſer und in jener Welt bindet, der Deinen Tod in dieſer und Deine Verdammniß in jener nach ſich zieht. Lorenza ſchwieg. „Willſt Du dieſen Schwur leiſten?“ Lorenza ließ ihren Kopf in ihre beiden Hände fallen und ihr Buſen ſchwoll an, unter dem Druck entgegenge⸗ ſetzter Gefühle. „Leiſte mir dieſen Eid, Lorenza, ſo wie ich ihn Dir vorſpreche, mit der Feierlichkeit, mit der ich Dich umgeben werde, und Du biſt frei.“ „Was ſoll ich ſchwoͤren, mein Herr?“ „Schwöre, daß nie, unter keinem Vorwand, etwas von dem, was Du über die Wiſſenſchaft von Althotas erlernt haſt, über Deine Lippen kommen wird.“ „Ja, ich werde das ſchwören.“ „Schwöre, daß nichts von dem, was Du in Be⸗ ziehung auf unſere politiſchen Verſammlungen wahrge⸗ nommen haſt, je ausgeſagt werden wird.“ „Ich werde es abermals ſchwoͤren.“ „Mit dem Eid und in der Form, die ich angeben werde?“ „Ja; iſt das Alles?“ „Nein, ſchwöre mir, und das iſt die Hauptſache, Lorenza, denn mit den andern Eiden iſt nur mein Leben verknüpft, von dieſem aber hängt mein Glück ab... Schwöre mir, daß Du Dich nie, ſei es unter dem An⸗ trieb eines fremden Willens, ſei es unter dem Antrieb Deines eigenen Willens, Dich von mir trennen wirſt, Lorenza... Schwöre, und Du biſt frei.“ Die junge Frau bebte, als ob ein eiskalter Stahl in ihr Herz eingedrungen wäre.“ „Und unter welcher Form ſoll dieſer Eid geleiſtet werden?“ „Wir gehen mit einander in eine Kirche, Lorenza; wir nehmen das Abendmahl mit derſelben Hoſtie. Auf dieſe ganze Hoſtie ſchwörſt Du, nie etwas in Beziehung auf Althatos, nie etwas in Beziehung auf meine Freunde zu enthüllen. Du ſchwöͤrſt, Dich nie von mir zu trennen. Wir brechen die Hoſtie entzwei, nehmen jedes die Hälfte davon und ſchwören beim Herrn, Du, daß Du mich nie verrathen wirſt, ich, daß ich Dich ſtets glücklich machen werde.“ „Nein,“ ſagte Lorenza,„ein ſolcher Schwur iſt ein Verbrechen gegen Gott.“ „Ein Schwur iſt nie ein Verbrechen gegen Gott, Lorenza,“ erwiederte Balſamo traurig,„nie, wenn er nicht mit der Abſicht, ihn nicht zu halten, geleiſtet wird.“ „Ich werde dieſen Schwur nicht leiſten,“ ſprach Lorenza,„ich hätte zu ſehr bange, meine Seele dem Ver⸗ derben zu überantworten.“ 6 „Ich wiederhole Dir, nicht indem Du ihn leiſteſt, ſondern indem Du zur Verrätherin daran wirſt, überant⸗ worteſt Du Deine Seele dem Verderben.“ e⸗ — 34 „Ich werde es nicht thun.“ „Dann faſſe Geduld, Lorenza,“ ſprach Balſamo ohne Zorn, aber mit einer tiefen Traurigkeit. Die Stirne von Lorenza verduͤſterte ſich, wie ein mit Blumen bedeckter Wiesgrund ſich verdunkelt, wenn zwiſchen ihm und dem Himmel eine Wolke hinzieht. „Du weiſeſt mich alſo zurück,“ ſagte ſie. „Nein, Lorenza, Du thuſt dies im Gegentheil.“ Eine nervige Bewegung deutete an, welche Ungeduld die junge Frau bei dieſen Worten unterdrückte. „Höre, Lorenza,“ ſprach Balſamo,„höre, was ich für Dich thun kann, und das iſt viel, glaube mir.“⸗ „Sprechen Sie,“ erwiederte die junge Frau mit einem bittern Lächeln.„Wir wollen ſehen, wie weit ſich dieſe Großmuth erſtreckt, der Sie einen ſo großen Werth bei⸗ legen.“ „Gott, der Zufall, oder das Verhängniß, wie Du willſt, Lorenza, haben uns mit unauflöslichen Banden mit einander verknüpft; ſuchen wir ſie alſo nicht in dieſem Leben zu brechen, da ſie der Tod allein brechen kann.“ „Ich weiß das,“ ſprach Lorenza voll Ungeduld. „Wohl, in acht Tagen, Lorenza, obgleich es mich viel Ueberwindung koſtet, und was ich auch dabei wage, indem ich thue, was ich thue, in acht Tagen ſollſt Du eine Ge⸗ ſellſchafterin haben.“ „Wo dies?“ „Hier.“ „Hier!“ rief ſie,„hinter dieſen Gittern, hinter dieſen unerbittlichen Thüren, hinter dieſen ehernen Pforten, eine Kerkergefährtin! Oh! Sie denken nicht daran, mein Herr, das iſt es nicht, was ich von Ihnen verlange.“ „Lorenza, es iſt Alles, was ich bewilligen kann.“ Die junge Frau machte eine noch ſchärfere Geberde der Ungeduld. „Meine Freundin! meine Freundin!“ ſagte Balſamo voll Sanftmuth,„zu zwei werdet Ihr leichter die Laſt dieſes nothwendigen Unglücks tragen.“ 1 32 „Sie täuſchen ſich, mein Herr, ich habe bis jetzt nur unter meinem eigenen Schmerz und nicht unter dem eines Andern gelitten. Dieſe Prüfung fehlt mir und ich begreife, daß Sie mich dieſelbe ausſtehen laſſen wollen. Ja, Sie wollen zu mir ein Opfer, wie ich, bringen, das ich ab⸗ magern, bleich werden vor Schmerz, wie ich, verſcheiden ſehen werde, das ich, wie ich es gethan habe, an dieſe Wand, an dieſe Thüre ſchlagen ſehen werde, an dieſe ver⸗ haßte Thüre, die ich tauſendmal des Tags befrage, wie ſie ſich oͤffne, wenn ſie Ihnen Durchgang gewährt; und wenn das Opfer, meine Gefährtin, ihre Nägel am Mar⸗ mor und am Holz, um es zu ſprengen, oder eine Spalte zu bereiten, abgeſtumpft haben wird, wenn ſie, wie ich, ihre Augenlider mit ihren Thränen abgenutzt haben wird; wenn ſie todt ſein wird, wie ich todt bin und Sie zwei Leichname ſtatt eines haben, ſo werden Sie in Ihrer hölliſchen Güte ſagen:„„Dieſe zwei Kinder beluſtigen ſich; ſie leiſten ſich Geſellſchaft; ſie ſind glücklich.““ Oh! nein, nein, tauſendmal nein!“ Und ſie ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. Balſamo ſuchte ſie abermals zu beſchwichtigen. „Sanft, ruhig,“ ſagte er;„ich bitte, laß uns ver⸗ nünftig ſein.“— „Er verlangt Ruhe, er verlangt Vernunft von mir; der Henker verlangt Sanftmuth von dem armen Sünder, den er peinigt, Ruhe von dem Unſchuldigen, den er martert.“ „Ja, ich verlange Ruhe und Sanftmuth von Dir, denn Dein Zorn, Lorenza, ändert nichts an unſerem Schick⸗ ſal, es macht dasſelbe nur noch ſchmerzhafter. Nimm an, was ich Dir biete, Lorenza, ich gebe Dir ein Landgut, das die Sclaverei lieben wird, weil ihm dieſe Sclaverei Deine Freundſchaft gegeben hat. Du ſollſt nicht ein trau⸗ riges, klägliches Geſicht ſehen, wie Du es befürchteſt, ſon⸗ dern im Gegentheil ein Lächeln und eine Heiterkeit, die Deine Stirne entrunzeln werden. Auf, meine gute Lorenza, 4 33 nimm an, was ich Dir biete, denn ich ſchwöre Dir, ich kann Dir nicht mehr bieten.“ „Das heißt, Sie werden eine Lohndienerin in meine Nähe bringen und ihr ſagen, es ſei hier eine Wahnſinnige, eine kranke, arme, zum Sterben verurtheilte Frau; Sie werden die Krankheit erfinden, und der Lohndienerin ſagen: Schließt Euch mit dieſer Wahnſinnigen ein, pflegt ſie und ich werde Euch für Eure Warte bezahlen, ſobald die Wahn⸗ ſinnige todt iſt.“ 1 „Oh! Lorenza, Lorenza,“ flüſterte Balſamo. „Nein, das iſt es nicht, und ich täuſche mich, nicht wahr?“ fuhr Lorenza höhniſch fort;„ich errathe ſchlecht; was wollen Sie, ich bin ſo unwiſſend; ich kenne die Welt und das Herz der Welt ſo ſchlecht. Nein, Sie werden zu dieſer Frau ſagen:„„Wacht, die Wahnſinnige iſt ge⸗ fährlich; benachrichtigt mich von allen ihren Handlungen, von allen ihren Gedanken; wacht über ihrem Leben, uͤber ihrem Schlaf;““ und Sie werden ihr Gold geben, ſo viel eruil denn das Gold koſtet Sie nichts, Sie machen es ſelbſt.“ „Lorenza, Du redeſt irre: in des Himmels Namen, Lorenza, lies beſſer in meinem Herzen. Dir eine Geſell⸗ ſchafterin geben, meine Freundin, heißt ſo große Intereſſen gefährden, daß Du darüber zittern würdeſt, wenn Du mich nicht haßteſt... Dir eine Geſellſchafterin geben, heißt, wie ich Dir ſchon geſagt habe, meine Sicherheit, meine Freiheit, mein Leben wagen, und dennoch wage ich dies Alles, um Dir einen Verdruß zu erſparen.“ „Verdruß!“ rief Lorenza, auf jene wilde furchtbare Weiſe lachend, welche Balſamo ſchauern machte...„er nennt das Verdruß.“ 1„Nun wohl, ja, Schmerzen, Du haſt Recht, Lorenza, es ſind brennende Schmerzen. Ja, Lorenza, ich wiederhole es Dir, habe Geduld, und es wird ein Tag kommen, wo alle dieſe Schmerzen ihr Ende nehmen, ein Tag, wo Du frei, ein Tag, wo Du glücklich ſein wirſt.“ Denkwuͤrdigkeiten eines Arztes. Vl.) 3 34 „Wollon Sie mir erlauben, mich in ein Kloſter zu⸗ rückzuziehen,“ ſagte ſie,„ich werde das Gelübde ablegen.“ „In ein Kloſter?“ „Ich werde beten, für Sie zuerſt, und für mich her⸗ nach. Ich werde wohl eingeſchloſſen ſein, das iſt wahr, doch ich habe am Ende einen Garten, Luft, Raum, einen Kirchhof, um unter den Gräbern ſpazieren zu gehen und zum Voraus den Platz für das meinige zu ſuchen. Ich werde Gefährtinnen haben, die durch ihr eigenes Unglück und nicht durch das meinige unglücklich ſind. Erlauben Sie mir, daß ich mich in ein Kloſter zurückziehe und ich leiſte Ihnen alle Eide, die Sie haben wollen. Ein Kloſter, Balſamo, ein Kloſter, mit gefalteten Händen bitte ich Sie darum.“ „Lorenza! Lorenza! wir können uns nicht trennen. Wir ſind gebunden, hörſt Du wohl, gebunden, für dieſe Welt, verlange nichts von mir, was die Grenzen dieſes Haunſes überſchreitet.“ Balſamo ſprach dieſe Worte mit ſo entſchiedenem und bei ſeiner Entſchiedenheit doch ſo zurückhaltendem Tone, daß Lorenza nicht weiter in ihn drang. „Sie wollen alſo nicht?“ ſagte ſie niedergeſchlagen. „Ich kann nicht.“ „Das iſt unwiderruflich?“ „Unwiderruflich, Lorenza.“ „Wohl, etwas Anderes,“ ſagte ſie mit einem Lächeln. „Oh! meine gute Lorenza, lächle abermals; abermals ſo und mit einem ſolchen Lächeln wirſt Du machen, daß ich thue, was Du haben willſt.“ „Ja, nicht wahr, ich werde machen, daß Sie thun, 1 was ich haben will, vorausgeſetzt, ich thue, was Ihnen beliebt. Gut... ich werde ſo viel als möglich vernünf⸗ tig ſein.“ „Sprich, Lorenza, ſprich.“ „So eben ſagten Sie zu mir:„„Lorenza, Du wir glücklich ſein.““ ſt eines Tags nicht mehr leiden, Du wirſt frei, Du wirſt —+ ⏑—+————,— 35 „Ohl ich habe das geſagt und ich ſchwoͤre beim Himmel, daß ich dieſen Tag mit derſelben Ungeduld erwarte, wie Du.“ „Wohl! dieſer Tag kann ſogleich kommen, Balſamo,“ ſagte die junge Frau mit einem liebkoſenden Ausdruck, den ihr Gatte während ihres Schlafs nie bei ihr geſehen hatte.„Ich bin müde, ſehen Sie, oh! ſehr müde; Sie begreifen das, noch ſo jung, habe ich ſo viel gelitten! Wohl! mein Freund, denn Sie ſagen, Sie ſeien mein Freund, hoͤren Sie mich, dieſen glücklichen Tag, geben Sie mir ihn ſogleich.“ „Ich hoͤre,“ ſagte Balſamo mit einer unausſprechli⸗ chen Unruhe. „Ich beendige meine Rede mit der Bitte, die ich von Anfang an Sie hätte richten ſollen, Acharat.“ Die junge Frau ſchauerte. „Sprich, meine Freundin.“ „Oft habe ich bemerkt, wenn Sie Verſuche an un⸗ glücklichen Thieren machten, und mir ſagten, dieſe Verſuche ſeien nothwendig für die Menſchheit, daß Sie das Ge⸗ heimniß des Todes hätten, ſei es durch einen Tropfen Gift, ſei es durch eine geöffnete Ader, und daß dieſer Tod ſanft war, daß dieſer Tod die Schnelligkeit des Blitzes hatte, daß dieſe unglücklichen, unſchuldigen, wie ich zum Leiden der Gefangenſchaft verurtheilten Geſchöpfe, plötzlich durch den Tod die erſte Wohlthat, die ſie ſeit ihrer Geburt em⸗ pfangen hatten, befreit waren. Nun!...“ Sie hielt erbleichend inne. „Nun! Lorenza?“ wiederholte Balſamo. „Was Sie zuweilen im Intereſſe der Wiſſenſchaft unglücklichen Thieren gegenüber thun, thun Sie es mir gegenüber, um den Geſetzen der Menſchheit zu gehorchen; thun Sie es für eine Freundin, welche Sie mit ihrer gan⸗ zen Seele ſegnen wird, für eine Freundin, welche Ihre Hände mit unendlicher Dankbarkeit küſſen wird, wenn Sie ihr bewilligen, was ſie verlangt. Thun Sie es, Balſamo, für mich, die ich vor Ihnen auf den Kaiden liege, für mich, die ich Ihnen bei meinem letzten Seufzer mehr Liebe 36 und Freude verſpreche, als Sie in mir während meines ganzen Lebens erblühen gemacht haben, für mich, die ich Ihnen ein offenes, ſtrahlendes Lächeln in dem Augenblick zuſage, wo ich die Erde verlaſſe. Balſamo, bei der Seele Ihrer Mutter, bei dem Blut unſeres Gottes, bei Allem, was es Süßes, Feierliches, Heiliges in der Welt der Leben⸗ digen und der Todten gibt, beſchwöre ich Sie, tödten Sie mich!“ „Lorenza!“ rief Balſamo, die junge Frau, welche bei dieſen letzten Worten aufgeſtanden war, in ſeine Arme ſchließend,„Lorenza, Du ſprichſt im Fieberwahn; ich Dich tödten? Dich, meine Liebe, mein Leben!“ Lorenza machte ſich durch eine gewaltige Anſtrengung aus den Armen von Balſamo los und ſiel auf die Kniee. „Ich werde nicht eher aufſtehen, als bis Du mir meine Bitte bewilligt haſt. Tödte mich ohne Erſchütterung, ohne Schmerz, ohne Todeskampf; gewähre mir, da Du ſagſt, Du liebeſt mich, die Gnade, mich einzuſchläfern, wie Du mich oft eingeſchläfert haſt; nur nimm mir das Er⸗ wachen, denn das iſt die Verzweiflung.“ „Lorenza, meine Freundin, mein Gott! ſiehſt Du nicht, daß Du mir das Herz durchbohrſt. Wie! Du biſt in dieſem Grad unglücklich? Auf, Lorenza, erhole Dich, überlaß Dich nicht der Verzweiflung. Ach! Du haſſeſt mich alſo ſehr?“ „Ich haſſe die Sklaverei, den Zwang, die Einſamkeit; und da Sie mich zur Sklaverei, zum Unglück und zur Einſamkeit verurtheilen, ſo haſſe ich Sie!“ „Aber ich, ich liebe Dich zu ſehr, um Dich ſterben zu ſehen, Lorenza; Du wirſt alſo nicht ſterben, und ich werde die ſchwierigſte von allen Kuren machen, die ich je gemacht habe, meine Lorenza; ich werde machen, daß Du das Leben liebſt.“ „Nein, nein, unmöglich, Sie haben gemacht, daß ich den Tod liebe.“ „Lorenza, habe Mitleid, meine Lorenza; ich verſpreche Dir, daß binnen Kurzem...“ eines e ich blick Seele llem, ben⸗ Sie bei lrme Dich gung niee. mir ung, Du wie Er⸗ Du biſt dich, iſſeſt keit; zur ben ich 5 je Du ich eche — 37 „Den Tod oder das Leben!“ rief die junge Frau, die ſich ſtufenweiſe in ihrem Zorn berauſchte.„Heute iſt der äußerſte Tag; willſt Du mir das Leben, das heißt, die Freiheit, willſt Du mir den Tod, das helßt, die Nuhe geben?“ „Das Leben, meine Lorenza, das Leben.“ „Die Freiheit alſo.“ Balſamo ſchwieg. „Den Tod, den ſüßen Tod, den Tod durch einen Liebestrank, durch einen Nadelſtich, den Tod während des Schlafes; die Ruhe! die Ruhe! die Ruhe!“ „Das Leben und die Geduld, Lorenza.“ Lorenza brach in ein gräßliches Gelächter aus, machte einen Sprung rückwärts und zog aus ihrer Bruſt ein Meſſer, mit ſcharfer ſpitziger Klinge, das wie ein Blitz in ihrer Hand funkelte. Balſamo ſtieß einen Schrei aus; doch es war zu ſpät: als er auf ſie losſtürzte, als er die Hand erreichte, hatte die Waffe ſchon ihren Zug gemacht und war auf die Bruſt von Lorenza zurückgefallen. Balſamo war von dem Blitz erſchreckt worden, der Anblick des Blutes blen⸗ dete ihn. „Er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, faßte Lorenza um den Leib, ſuchte mitten in ihrem Laufe die Waffe, welche zum zweiten Mal zurückzufallen im Begriffe war und faßte ſie mit der vollen Hand. Lorenza zog das Meſſer mit einer heftigen Anſtrengung zurück und die ſchneidende Klinge glitt zwiſchen den Fin⸗ gern von Balſamo durch. Das Blut ſprang aus ſeiner verſtümmelten Hand. Statt den Kampf fortzuſetzen, ſtreckte Balſamo dieſe blutige Hand über der jungen Frau aus und ſprach mit einer unwiderſtehlichen Stimme: „Schlafe, Lorenza, ſchlafe, ich will es haben.“ Doch diesmal war die Aufreizung ſo groß, daß der Gehorſam minder ſchnell erfolgte, als gewöͤhnlich. „Nein, nein,“ murmelte Lorenza ſchwankend, während 9 38 ſie ſich noch einmal zu treffen ſuchte.„Nein, ich werde nicht ſchlafen.“ „Schlafe, ſage ich Dir,“ wiederholte Balſamo, indem er einen Schritt gegen ſie machte,„ſchlafe, ich befehle es Dir.“ Nun war die Willenskraft von Balſamo ſo gewaltig, daß jede Gegenwirkung beſiegt wurde; Lorenza ſtieß einen Seufzer aus, das Meſſer entſchlüpfte ihr, ſie wankte und ſank auf den Sopha. Die Augen allein blieben offen, aber das düſtere Feuer dieſer Augen erbleichte allmählig und ſie ſchloßen ſich. Der krampfhaft zuſammengezogene Hals ſpannte ſich ab, der Kopf neigte ſich auf die Schulter, wie es der Kopf eines verwundeten Vogels thut; ein Nervenſchauer durchlief ihren ganzen Leib. Lorenza war entſchlummert. Nun erſt konnte Balſamo die Kleider von Lorenza offnen. Er unterſuchte ihre Wunde und ſie kam ihm leicht vor. Das Blut entſtrömte indeſſen reichlich. Balſamo drückte auf das Auge des Löwen; die Feder ſpielte, die Platte öffnete ſich; er löſte das Gegengewicht, das die Falle von Althotas herabſinken machte, ſtellte ſich 84 dieſe Falle und ſtieg in das Laboratorium des Greiſes hinauf. „Ah! Du biſt es, Acharat,“ ſagte dieſer, der immer in ſeinem Lehnſtuhl ſaß,„Du weißt, daß ich in acht Tagen hundert Jahre alt bin. Du weißt, daß ich bis dahin das Blut eines Kindes oder einer Jungfrau brauche.“ Aber Baſſamo höͤrte ihn nicht; er lief nach dem Schrank, wo ſich die magiſchen Balſame befanden, ergriff eine von dieſen Phiolen, deren Wirkſamkeit er ſo oft er⸗ probt hatte, ſtellte ſich wieder auf die Falle, ſtieß mit dem Fuß darauf, und ſank hinab. Altthotas ließ ſeinen Lehnſtuhl bis zur Oeffnung der Falle rollen, in der Abſicht, ihn bei den Kleidern zu er⸗ greifen. „Du hoͤrſt, Unglücklicher,“ ſagte er,„wenn ich in derde dem e es altig, einen und 39 acht Tagen nicht ein Kind, oder eine Jungfrau habe, um mein Elixir zu vollenden, ſo bin ich todt.” Balſamo wandte ſich um; die Augen des Greiſes ſchienen mitten in ſeinem Geſicht mit den unbeweglichen Muskeln zu ſlammen; man hätte glauben ſollen, die Augen allein leben. „Ja, ja,“ antwortete Balſamo,„ja, man wird Dir geben, was Du verlangſt.“ Dann ließ er die Feder los, und die Falle ſtieg wie⸗ der hinauf, und paßte ſich, wie eine Zierrath, an den Plafond an. Sobald dies geſchehen, eilte er in das Zimmer von Lorenza, in welches er kaum eingetreten war, als das Glöckchen von Fritz wieder erklang. „Herr von Richelieu,“ murmelte Balſamo;„oh! mei⸗ ner Treue, obgleich er Herzog und Pair iſt, muß er doch warten.“ 1 CXIX. Die zwei Waſſertropfen des Herrn Herzogs von Richelieu. Der Herzog von Richelieu verließ um halb fünf Uhr das Haus der Rue Saint⸗Claude. Was er bei Balſamo gemacht hatte, erklärt ſich ganz natürlich aus dem, was man leſen wird. Herr von Taverney ſpeiſte bei ſeiner Tochter zu Mittag: die Frau Dauphine hatte an dieſem Tag Andrée ganz Urlaub gegeben, damit ſie ihren Vater bei ſich em⸗ pfangen köoͤnnte.— Man war beim Nachtiſch, als Herr von Richelieu eintrat. Stets der Ueberbinger guter Nachrichten, theilte er ſeinem Freund mit, der König habe am Morgen erklärt, 40 daß er Philipp nicht mehr eine Compagnie, ſondern ein Regiment zu ſchenken gedenke. Taverney äußerte ſeine Freude auf eine geräuſchvolle Weiſe und Andrée dankte dem Marſchall mit einem inni⸗ gen Erguß. Das Geſpräch war ganz das, was es nach dem, was vorgefallen, ſein mußte. Richelieu ſprach beſtändig vom König, Andrée beſtändig von ihrem Bruder, Taverney be⸗ ſtändig von Andrée. 4 Dieſe bemerkte im Verlauf der Unterhaltung, ſie ſei ganz vom Dienſt bei der Frau Dauphine frei: Ihre Kö⸗ nigliche Hoheit empfange zwei deutſche Prinzen von ihrer Familie und um ohne allen Zwang einige Stunden hinzubrin⸗ gen, die ſie an den Hof von Wien erinnern würden, habe Marie Antoinette gar keinen Dienſt bei ſich haben wollen, nicht einmal den ihrer Ehrendamen, wodurch ein ſolcher Schauer bei Frau von Noailles erregt worden ſei, daß dieſe ſich dem König zu Füßen geworfen habe. 4 Taverney war, wie er ſagte, entzückt über dieſe Frei⸗ heit von Andrée, um mit ihr über ſo viele, ihr Glück und ihren Ruf betreffende Dinge plaudern zu können. Auf dieſe Bemerkung erklärte Richelieu, er werde ſich entfernen, um dem Vater und der Tochter eine größere Vertraulich⸗ keit zu geſtatten, was Fräulein von Taverney nicht an⸗ nehmen wollte. Richelieu blieb alſo. Richelieu war gerade zu einer moraliſchen Abhandlung geſtimmt: er ſchilderte ſehr beredt das Unglück, in das der Adel von Frankreich dadurch verſunken ſel, daß er ſich habe dem ſchmählichen Joche der Zufallsfavoritinnen, der Contrebandeköniginnen unterwerfen müſſen, ſtatt den Favo⸗ ritinnen früherer Zeiten huldigen zu dürfen, welche, beinahe eben ſo adelig als ihre erhabenen Liebhaber, den Fürſten durch ihre Schönheit und ihre Liebe, und die Unterthanen 3 durch ihre Geburt, durch ihren Geiſt und durch ihren 3 reinen Patriotismus beherrſchten. Andrée war erſtaunt, ſo viele Aehnlichkeit zwiſchen 41 den Worten von Richelieu und denen zu finden, welche ſie der Baron von Taverney ſeit einigen Tagen hören ließ. Richelien warf ſich dann in eine Theorie der Tugend, eine ſo geiſtreiche, ſo heidniſche, ſo franzöſiſche Theorie, daß Fräulein von Taverney zuzugeſtehen genöthigt war, ſie ſei ganz und gar nicht tugendhaft nach den Theorien von Herrn von Richelien und die wahre Tugend, wie ſie der Marſchall verſtehe, ſei die von Frau von Chateaurour, bun Fräulein de la Valliére und von Fräulein von Foſ⸗ ſeuſe. Von Folgerungen zu Folgerungen, von Beweiſen zu Beweiſen, wurde Richelieu ſo klar, daß Andrée am Ende gar nichts mehr verſtand. Das Geſpräch wurde auf dieſem Fuß ungefähr bis um ſieben Uhr Abends fortgeſetzt. Um ſieben Uhr ſtand der Marſchall auf; er war, wie er ſagte, genöthigt, dem König in Verſailles den Hof zu machen. Als er im Zimmer hin und herging, um ſeinen Hut zu holen, traf er Nicole, welche immer da, wo ſich Herr von Richelieu befand, etwas zu thun hatte. „Kleine,“ ſagte er zu ihr, indem er ihr auf die Schulter klopfte,„Du wirſt mich zurückbegleiten; Du ſollſt mir einen Strauß tragen, den Frau von Noailles in ihren Blumenbeeten hat pflücken laſſen und der Frau Gräfin von Egmonte ſchickt. Nicole machte einen Knix, wie die Bauernmädchen in den komiſchen Opern von Herrn Rouſſeau. Wonach der Marſchall vom Vater und der Tochter Abſchied nahm, mit Taverney einen bezeichnenden Blick wechſelte, ſich vor Andrée wie ein Jüngling verbeugte und wegging. 2 Wenn es uns der Leſer gütigſt erlaubt, laſſen wir den Baron und Andrée über die Philipp bewilligte neue Gunſt plaudern und folgen dem Marſchall. Dies wird für uns ein Mittel ſein, zu erfahren, was er in der Rue 42 Saint⸗Claude machte, wo er, wie man ſich erinnert, in einem ſo furchtbaren Augenblick eingetroffen war. Auch überbot die Moral des Barons noch die ſeines Freundes des Marſchalls und konnte wohl Ohren erſchrecken, welche, minder rein als die von Andrée etwas davon ver⸗ ſtehen würden. Richelieu ſtieg alſo, ſich auf die Schulter von Nicole ſtützend, die Treppe hinab und ſagte, ſobald er mit ihr bei dem Blumenbeet war, indem er ihr feſt ins Geſicht ſchaute: „Ah! wir haben alſo einen Liebhaber?“ „Ich, Herr Marſchall?“ rief Nicole, welche ganz er⸗ röthend einen Schitt rückwärts machte. „Wie!“ ſagte Herr von Richelieu,„biſt Du nicht zufällig Nicole Legay?“ „Doch, Herr Marſchall.“ „Nun wohl! Nicole Legay hat einen Liebhaber.“ „Oh! was ſagen Sie da!“ „Meiner Treue, ja, einen gewiſſen, ziemlich gut ge⸗ drechſelten Burſchen, den ſie in der Rue Coq⸗Héron em⸗ hnn, und der ihr in die Gegend von Verſallles ge⸗ folgt iſt.“ „Herr Herzog, ich ſchwöre Ihnen...“ „Eine Art von Gefreiten, Namens... Soll ich Dir ſagen, wie der Liebhaber von Mademoiſelle Nicole Legay heißt?“ Die letzte Hoffnung von Nicole war, daß der Mar⸗ ſchall den Namen dieſes glücklichen Sterblichen nicht wiſſe. „Sagen Sie es immerhin, Herr Marſchall, da Sie einmal im Zuge find,“ erwiederte ſie. „Er heißt Herr von Beauſire und ſtraft ſeinen Namen nicht zu ſehr Lügen,“ ſprach der Marſchall. Nicole faltete die Hände mit einer geheuchelten Pru⸗ deret, welche nicht den geringſten Eindruck auf den alten Marſchall hervorbrachte. „Es ſcheint, wir geben ihm Rendez⸗vous in Trianon,“ ſagte er.„Teufel! in einem königlichen Schloß das iſt ——, t, in eines ecken, ver⸗ icole t ihr eſicht 3 er⸗ nicht 43 ernſt; man wird für ſolche leichtfinnige Streiche weggejagt, mein ſchönes Kind, und Herr von Sartines ſchickt alle aus den königlichen Schlöſſern weggejagte Mädchen in die Salpetriére.“ Nicole ſing an, unruhig zu werden. „Gnädigſter Herr,“ ſagte ſie,„ich ſchwöre Ihnen, wenn ſich Herr von Beauſire rühmt, er ſei mein Geliebter, ſo iſt er ein erbärmlicher Geck, denn in der That, ich bin ſehr unſchuldig.“ „Ich leugne das nicht; doch ſprich, ja oder nein, haſt Du Rendez⸗vous gegeben?“ 1 „Herr Herzog, ein Rendez⸗vous iſt kein Beweis.“ „Haſt Du Rendez⸗vous gegeben, ja oder nein? ant⸗ worte.“ „Gnädigſter Herr... „Du haſt gegeben, gut; ich tadle Dich deshalb nicht, mein theures Kind; ich liebe die hübſchen Mädchen, die ihre Schönheit circuliren laſſen und habe die Circulation ſtets nach Kräften unterſtützt; nur warne ich Dich theil⸗ nehmend als Dein Freund, als Dein Beſchützer.“ „Man hat mich alſo geſehen?“ fragte Nicole. „Offenbar, da ich es weiß.“ „Gnädigſter Herr,“ ſprach Ntcole mit entſchloſſenem Tone,„es iſt nicht möglich, man hat mich nicht geſehen.“ „Ich weiß es nicht, doch das Gerücht iſt im Umlauf, und das iſt für Deine Gebieterin nachtheilig, und Du be⸗ greifſt, da ich noch mehr der Freund der Familie Taverney, als der Familie Legay bin, ſo iſt es meine Pflicht, von dem, was vorgeht, dem Baron ein paar Worte zu ſagen.“ „Ah! gnädigſter Herr,“ rief Nicole, erſchrocken über die Wendung, die das Geſpräch nahm,„Sie richten mich zu Grunde, ſelbſt da ich unſchuldig bin, wird man mich auf den bloßen Verdacht hin fortjagen.“ „Nun! armes Kind, dann jagt man Dich fort, denn irgend ein böſer Geiſt, der etwas gegen dieſe ganz un⸗ ſchuldigen Rendez⸗vous einzuwenden fand, hat zu dieſer Stunde ſchon Frau von Noailles in Kenntniß geſetzt.“ 1 ◻ 44 „Großer Gott! Frau von Noailles!“ „Ja, Du ſiehſt, daß die Sache dringend wird.“ Nicole ſchlug in Verzweiflung ihre Hände an ein⸗ ander. „Das iſt ein Unglück, ich weiß es wohl,“ ſagte Ni⸗ chelieu;„doch was willſt Du machen?“ „Und Sie, der Sie ſich ſo eben meinen Beſchützer nannten, Sie, der Sie mir bewieſen haben, daß Sie es waren, können Sie mich nicht mehr beſchützen?“ fragte Nicole mit der einſchmeichelnden Schlauheit einer dreißig⸗ jährigen Frau. „Bei Gott! das kann ich wohl.“ „Nun, gnädigſter Herr?... „Ja, aber ich will nicht.“ „Oh! Herr Herzog.“ 3 „Ja, Du biſt hübſch, ich weiß es wohl, und Deine ſchönen Augen ſagen mir alle möglichen Dinge; aber ich werde ein wenig blind, meine arme Nicole, und ich ver⸗ ſtehe die Sprache der ſchönen Augen nicht mehr. Früher hätte ich Dir eine Zufluchtſtätte in dem Pavillon de Ha⸗ novre vorgeſchlagen, doch wozu ſollte das heute nützen, man würde nicht einmal mehr darüber ſchwatzen.“ „Sie haben mich aber doch ſchon in den Pavillon de Hanovre mitgenommen,“ ſagte Nicole ärgerlich. „Ah! es iſt undankbar von Dir, Nicole, mir zum Vorwurf zu machen, daß ich Dich in mein Haus mitge⸗ nommen habe, während dies von mir doch nur geſchah, — um Dir einen Dienſt zu leiſten; denn geſtehe, ohne das Waſſer von Herrn Rafté, der eine reizende Brünette aus Dir gemacht hat, wäreſt Du nicht nach Trianon hinein⸗ gekommen, was doch vielleicht beſſer war, als hinausgejagt zu werden; aber warum des Teufels gibſt Du auch Herrn von Beauſire nur ſo Rendez⸗vous und zwar vollends am Gitter der Stallungen?“ 3 „Sie wiſſen alſo auch noch das!“ rief Nicole, welche wohl ſah, daß ſie ihre Taktik verändern und ſich dem Marſchall auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. 45 „Bei Gott! Du ſiehſt wohl, daß ich es weiß, und Frau von Noailles weiß es auch. Du ſollſt ſogar heute Abend Rendez⸗vous haben...“ „Das iſt richtig, Herr Herzog, doch ſo wahr ich Nicole heiße, ich komme nicht.“ „Gewiß, denn Du biſt gewarnt; doch Herr von Beauſire wird kommen, er, der nicht gewarnt iſt, und man wird ihn faſſen. Dann, da er natürlich nicht für einen Dieb, den man henkt, oder für einen Spion, den man prügelt, gelten will, ſo wird er lieber ſagen, um ſo mehr, als die Sache nicht unangenehm zu geſtehen iſt, er wird ſagen: Ich bin der Geliebte von der kleinen Nicole.“ „Herr Herzog, ich will ihn warnen laſſen.“ „Unmöͤglich, armes Kind; ich frage Dich, durch wen? Etwa durch den, welcher Dich angezeigt hat?“ „Ach! das iſt wahr,“ verſetzte Nicole, die nun die Verzweifelte ſpielte. „Wie ſchön iſt doch die Reue!“ rief der Herzog. Nicole verbarg ihr Geſicht in ihren beiden Händen, wobei ſie jedoch darauf bedacht war, zwiſchen ihren Fin⸗ gern Raum genug zu laſſen, um nicht eine Geberde, nicht einen Blick von Richelieu zu verlieren. „Du biſt in der That anbetungswürdig,“ ſagte der Herzog, dem keines von dieſen kleinen weiblichen Spielen entging;„warum zaͤhle ich nicht fünfzig Jahre weniger! Doch gleichviel, bei Gott! Nicole, ich werde Dich aus der Verlegenheit ziehen.“ „Oh! Herr Herzog, wenn Sie thun, was Sie ſagen, ſo ſoll meine Dankbarkeit...“ „Ich will dieſe nicht, Nicole. Ich leiſte Dir im Gegentheil einen Dienſt ohne Intereſſe.“ „Ah! Das iſt ſehr ſchön von Ihnen, Herr Herzog, und ich danke Ihnen aus dem Grunde meiner Seele.“ „Danke mir noch nicht... Du weißt noch nichts... was Teufels, warte erſt, bis Du weißt.“ „Oh! mir iſt Alles recht lieb, wenn mich nur Fräu⸗ lein Andrée nicht fortjagt.“ 46 „Ah; es iſt Dir alſo ungeheuer viel daran gelegen, in Trianon bleiben zu dürfen?“ „Ueber Alles, Herr Herzog.“ „Wohl! Nicole, mein hübſches Mädchen, ſtreiche die⸗ ſen erſten Punkt von Deiner Schreibtafel.“ „Aber wenn ich nicht entdeckt bin, Herr Herzog?“ 3 „Entdeckt oder nicht entdeckt, Du wirſt nichtsdeſiowe⸗ niger gehen.“ „Oh! warum dies?“ „Ich will es Dir ſagen: weil es, wenn Du von Frau von Noallles entdeckt biſt, kein Anſehen mehr gibt, ſelbſt nicht einmal das des Königs, das Dich retten kann.“ „Ah! wenn ich den König ſehen könnte!“ d „Kleine, in der That, das würde nur noch fehlen! fü Sodann weil, wenn Du nicht entdeckt biſt, ich Dich weg⸗ di bringen werde.“ m „Sie 2“„. „Auf der Stelle.“ „Wahrlich, Herr Herzog, ich verſtehe das nicht.“ u „Es iſt, wie ich Dir zu ſagen das Vergnügen habe.“ „Und das iſt Ihre Protection?“ „Wenn Du ſie nicht haben willſt, ſo iſt es immer noch Zeit; ſprich ein Wort, Nicole.“ ba⸗„Oh! doch, Herr Herzog, im Gegentheil, ich will ſie aben.“ 3 „Ich bewillige ſie Dir.“ Nun?“ „Hoͤre alſo, was ich thun werde.“ col „Sprechen Sie, gnädigſter Herr.“ „Statt Dich fortjagen und einſperren zu laſſen, mache. ich Dich frei und reich.“ die „Frei und reich?“ „Ja.“ „Und was muß ich thun, um frei und reich zu wer⸗ den? ſagen Sie es geſchwinde, Herr Marſchall.“ 3„Beinahe nichts.“ „Aber Herr Herzog...“ liel —. nie che er⸗ 47 „Was ich Dir vorſchreiben werde.“ „Iſt es ſehr ſchwierig?“ „Eine Kinderarbeit.“ „Es iſt alſo etwas zu thun?“ „Ah! bei Gott... Du kennſt den Wahlſpruch dieſer Welt: nichts umſonſt.“ „Und was zu thun iſt, iſt für mich oder für Sie?“ Der Herzog ſchaute Nicole an. „Teufel!“ ſagte er,„was das Lärvchen verſchmitzt iſt.“ „Vollenden Sie, Herr Herzog.“ „Wohl! es iſt für Dich,“ antwortete er muthig. „Ah! ah!“ ſagte Nicole, welche, da ſte begriff, daß der Marſchall ihrer bedurfte, dieſen ſchon nicht mehr fürchtete, und deren ſcharfer Geiſt thätig arbeitete, um die Wahrheit mitten unter den Umſchweifen zu entdecken, mit denen ſie der Herzog aus Gewohnheit umhüllte; „was werde ich alſo für mich thun, gnädiger Herr?“ 4Höre: Herr von Beauſire kommt um halb acht Uhr?“ „Ja, Herr Marſchall, das iſt ſeine Stunde.“ „Es iſt ſieben Uhr und zehn Minuten.“ „Das iſt abermals wahr.“ „Wenn ich will, ſo wird er gepackt.“ „Ja, aber Sie wollen nicht?“ „Nein: Du ſuchſt ihn auf und ſagſt zu ihm...“ „Ich ſage ihm?...“ „Aber vor Allem... liebſt Du dieſen Jungen, Ni⸗ „Da ich ihm Rendez⸗vous gebe...“ „Das iſt kein Grund! Du kannſt ihn heirathen wollen: die Weiber haben ſo ſeltſame Launen.“. Nicole ſchlug ein Gelächter auf. „Ich, heirathen!“ rief ſie...„ha! ha! ha!“ Richelieu war ganz erſtaunt! er hatte ſelbſt bei Hofe nicht viele Frauen von dieſer Stärke gefunden. „Nun, es ſei, Du willſt nicht heirathen; doch Du liebſt ihn alſo: deſto beſſer.“ 48 „Gut. Nehmen wir an, ich liebe Herrn von Beau⸗ ſire, Herr Herzog, und gehen wir weiter.“ „Teufel, welche Springerin!“ „Ganz gewiß. Sie begreifen, was mich intereſſirt?“ „Nun?“ „Zu wiſſen, was ich noch zu thun habe.“ „Da Du ihn liebſt, ſo wirſt Du wohl mit ihm fliehen.“ „Wenn Sie es durchaus wollen, ſo wird es ſein müſſen.“ „Oh! oh! ich will nichts; warte einen Augenblick, Kleine.“ Nicole ſah ein, daß ſie zu ſchnell zu Werke ging und daß ſie weder das Geheimniß noch das Geld ihres gewal⸗ tigen, Gegners in den Händen hatte. Sie bog ſich alſo, entſchloſſen, ſich ſpäter wieder zu erheben. „Gnädigſter Herr, ich erwarte Ihre Befehle,“ ſagte ſie. „Gut! Du ſuchſt Herrn von Beauſire auf und ſagſt zu ihm:„„Wir find entdeckt; doch ich habe einen Be⸗ ſchützer, der uns rettet, Dich von Saint⸗Lazare, mich von der Salpetriére. Laß uns gehen.““ Nicole ſchaute Richelieu an. „Laß uns gehen?“ wiederholte ſie. Wlic,NGelien begriff den ſo freien und ausdrucksvollen ick. „Bei Gott!“ ſagte er,„es verſteht ſich, daß ich für die Reiſekoſten ſorge.“ Nicole verlangte keine andere Aufklärung; ſie mußte wohl Alles wiſſen, da man ſie bezahlte. 3 Der Marſchall fühlte den Schritt, den Nicole vor⸗ wärts gethan hatte, und beeilte ſich ſeinerſeits, Alles zu ſagen, was er zu ſagen hatte, wie man ſich beeilt zu be⸗ zahlen, wenn man verloren hat, um ſpäter der Unannehm⸗ lichkeit des Bezahlens überhoben zu ſein. „Weißt Du, an was Du denkſt, Nicole?“ ſagte er „Meiner Treue, nein,“ antwortete das Mädchen;„do 4 eau⸗ 49 Sie, der Sie ſo viele Dinge wiſſen, Herr Marſchall, ich wette, Sie haben es errathen?“ „Nicole,“ ſagte er,„Du denkſt, wenn Du fliehſt, könnte Dich Deine Gebieterin, ſollte ſie zufällig Deiner bedürfen, in der Nacht rufen, und da ſie Dich nicht fände, Lärm machen, was Dich der Gefahr, wieder erwiſcht zu werden, ausſetzen würde.“ „Nein, erwiederte Nicole,„daran dachte ich nicht, weil ich, Alles wohl erwogen, Herr Herzog, lieber hier bleiben will.“ „Aber wenn man Herrn von Beauſire faßt?“ „Nun, ſo wird man ihn faſſen.“ „Aber wenn er geſteht?“ „So wird er geſtehen.“ 8 „Ah!“ ſagte Herr von Richelien, der unruhig zu werden anfing,„dann biſt Du verloren.“ „Nein, denn Fraͤulein Andrée iſt gut, und da ſie mich im Grunde liebt, ſo wird ſie mit dem König über mich ſprechen; und wenn man Herrn von Beauſire etwas thut, ſo wird man doch mir nichts thun.“ Der Marſchall biß ſich auf die Lippen. „Und ich, Nicole, erwiederte er,„ich ſage Dir, daß Du einfältig biſt; daß Fräulein Andrée mit dem Koͤnig nicht gut ſteht, und daß ich Dich auf der Stelle weg⸗ führen laſſe, wenn Du mich nicht hörſt, wie Du mich nach meinem Willen hören ſollſt; verſtehſt Du, kleine Schlange?“ „Oh! oh! gnädigſter Herr, ich habe weder einen glatten, noch einen eckigen Kopf; ich höre, doch ich mache mir meinen Vorbehalt.“ „Gut. Du gehſt alſo auf der Stelle und verab⸗ Pheßt mit Herrn von Beauſire einen Plan zu Deiner Flucht. „Aber Herr Marſchall, wie ſoll ich fliehen, da Sie mir ſelbſt ſagen, das Fräulein koͤnne erwachen, nach mir verlangen, mich rufen, was weiß ich? lauter Dinge, an Denkwürdigkeiten eines Arztes VI. 4 50 die ich Anfangs nicht dachte, die Sie aber vorhergeſehen haben, gnädigſter Herr, Sie, der Sie ein Mann von Erfahrung ſind.“ Riichelieu biß ſich zum zweiten Mal auf die Lippen, doch diesmal ſtärker, als das erſte Mal. „Wenn ich daran gedacht habe, Du närriſches Mäd⸗ chen,“ ſagte er,„ſo habe ich auch daran gedacht, wie man einem ſolchen Fall begegnen köͤnnte.“ „Und wie wollen Sie es verhindern, daß Fräulein Andrée mich ruft?“ „Dadurch, daß ich ſie aufzuwachen verhindere.“ „Bah! ſie wacht in jeder Nacht zehnmal auf; un⸗ möglich.“ „Sie hat alſo dieſelbe Krankheit wie ich?“ ſagte Richelieu ganz ruhig. „Wie Sie?“ wiederholte Nicole lachend. „Allerdings, ich wache auch zehnmal auf; nur ge⸗ brauche ich ein Mittel gegen dieſe Schlafloſigkeit. Sie wird es machen, wie ich, und wenn ſie es nicht ſo macht, nun, ſo wirſt Du es für ſie machen.“ 5„Wie dies, ich bitte, laſſen Sie hören, gnädigſter err?“ „Was nimmt Deine Gebieterin jeden Abend vor Schlafengehen zu ſich?“ „Was ſie zu ſich nimmt?“ „Ja, es iſt heut zu Tage Mode, ſo dem Durſt zu⸗ vorzukommen; die Einen nehmen Orangenade oder Limo⸗ nade, Andere Meliſſenwaſſer, wieder Andere...“ „Das Fräulein trinkt am Abend vor Schlafengehen ein Glas reines Waſſer, zuweilen wohl auch Zuckerwaſſer mit Orangenblüthe, wenn ihre Nerven krank ſind.“ „Oh! vortrefflich,“ ſagte Richelieu, gerade wie ich; nun, mein Mittel wird ihr vollkommen zuſagen.“ 1 „Wie ſo?“ 4 „Gewiß, ich gieße einen gewiſſen Tropfen von einem gewuſſe Saft in meinen Trank und ſchlafe die ganze a⸗ t.“¹ 4 ſehen von ppen, Näd⸗ man ulein 51 Nicole ſuchte und träumte, worauf dieſe Diplomatie des Marſchalls hinauslaufen dürfte. „Du antworteſt nicht?“ ſagte er. „Ich denke, das Fräulein hat nicht von Ihrem Waſſer.“ „Ich werde Dir davon geben.“ „Ah! ah!“ dachte Nicole, welche endlich Licht in dieſer Nacht erſchaute. „Du gießeſt zwei Tropfen in das Glas Deiner Ge⸗ bieterin, zwei Tropfen, hörſt Du, nicht mehr, nicht we⸗ niger, und ſie wird ſchlafen; ſie wird Dich ſo nicht rufen und Du haſt Zeit zu Deiner Flucht.“ „Oh! wenn nur das zu thun iſt, das iſt nicht ſchwierig.“ „Du wirſt alſo dieſe zwei Tropfen in das Glas gießen?“ „Gewiß.“ „Du verſprichſt es mir?“ „Mir ſcheint, es liegt in meinem Intereſſe, dies zu thun, und dann werde ich das Fräulein ſo gut ein⸗ ſchließen...“- „Nein,“ entgegnete Richelieu haſtig.„Das mußt Du gerade nicht thun, Du wirſt im Gegentheil die Thüre ihres Zimmers offen laſſen.“ „Oh!“ machte Nicole gleichſam mit einem inneren Ausbruch. „Sie hatte begriffen; Richelieu fühlte es wohl.“ „Iſt das Alles?“ fragte ſie. „Durchaus Alles. Du kannſt nun gehen und Deinem Gefreiten ſagen, daß er Anſtalten zum Aufbruch trifft.“ „Leider, gnädigſter Herr, werde ich nicht nöthig haben, ihm zu ſagen, er ſoll ſeine Boͤrſe mitnehmen.“ „Du weißt wohl, daß dies meine Sache iſt.“ hatt„Ja, ich erinnere mich, daß der Herzog die Güte hatte...“ „Wie viel brauchſt Du, Nicole?“ „Wozu?“ 52 „Um dieſe zwei Tropfen Waſſer einzugießen.“ „Um dieſe zwei Tropfen Waſſer einzugießen, nichts, gnädiger Herr, da Sie mich verſichern, es geſchehe in meinem Intereſſe; es wäre nicht billig, daß Sie mein Intereſſe bezahlen würden. Doch um die Thüre des Fräuleins offen zu laſſen, Herr Herzog... ah! ich ſage. Ihnen zum Voraus, dazu brauche ich eine runde Summe.“ „Mach' ein Ende, nenn Deine Zahl.“ „Ich brauche zwanzigtauſend Franken, gnädigſter Herr.“ Richelieu bebte. „Nicole, Du wirſt weit kommen,“ ſeufzte er. „Ich muß wohl, Herr Herzog, denn ich fange an, wie Sie glauben, daß man mir nachſetzen wird. Doch mit Ihren zwanzigtauſend Franken wird es raſch gehen.“ „Benachrichtige Herrn von Beauſire, Nicole, und ich werde Dir ſodann Dein Geld bezahlen.“ „Herr Herzog, Beauſire iſt ſehr ungläubig, und er wird mir das, was ich ihm ſage, nicht glauben wollen, 1 wenn ich ihm nicht Beweiſe gebe.“ 4 Richelieu zog aus ſeiner Taſche eine Handvoll Kaſ⸗ ſenbillets und ſagte: 1 „Nimm dies auf Abſchlag, und in dieſer Börſe ſind hundert Doppellouis d'or.“ Der Herr Herzog wird ſeine Rechnung machen und mir zuſtellen, was er mir noch ſchuldig iſt, wenn ich mit 8 Herrn von Beaufire geſprochen habe.“ „Nein, bei Gott! ich will es ſogleich abmachen. Du biſt ein ſparſames Mädchen, Nicole, und das wird Dir Glück bringen.“ t. Wonach Richelieu die verſprochene Summe ſowohl in Kaſſenbillets als in ganzen und in halben Louis d'or voll machte. 3 „Hier, iſt es ſo?“ ſagte er... „Ich glaube wohl. Nun fehlt mir noch die Haupt⸗ ſache, gnädigſter Herr.“ „Der Saft?“ —— ——— 53 „Ja, der Herr Herzog hat ohne Zweifel ein... Hts, Flacon?“. e in„Ja, ich habe den meinigen, den ich immer bei mir nein trage.“ des Nicole lächelte. ſage„ Und dann,“ ſagte ſie,„dann ſchließt man Trianon 2 jeden Abend und ich habe keinen Schlüſſel.“ „Aber ich, ich habe einen, als erſter Cavalier.“ 3„Ah! wahrhaftig.“ ſter ubter iſt ere e „Wie ſich das Alles glücklich macht,“ ſagte Nicole; man ſollte glauben, es wäre eine Reihenfolge von Wun⸗ dern. Nun Gott befohlen, Herr Herzog.“ och„Wie, Gott befohlen?“ n.“„Gewiß, ich werde den Herrn Herzog nicht mehr ich ſehen, da ich während des erſten Schlafes von Fräulein Andrée aufbreche. er„Das iſt richtig. Gott befohlen, Nicole.“ len, Und ins Fäuſtchen lachend, verſchwand Nicole in der Dunkelheit, welche immer dichter zu werden anſing. aſ⸗„Es gelingt mir abermals,“ ſprach Richelieu,„doch in der That, es iſt, als fände mich das Glück allmälig zu alt, und als diente es mir wider ſeinen. Willen. Ich bin von dieſer Kleinen geſchlagen worden; aber gleichviel, wenn ich nur die Schläge zurückgebe.“ ind und mit en. dird ohl Por pt⸗ — 54 CXX.— Die Flucht. Nicole war ein gewiſſenhaftes Mädchen. Sie gatte das Geld von Herrn von Richelieu empfangen, ſie hatte es zum Voraus empfangen, man mußte dieſes Vertrauen dadurch erwiedern, daß man es verdiente. Sie lief geraden Wegs nach dem Gitter, wo ſie zwanzig Minuten vor acht Uhr, ſtatt um halb acht Uhr ankam. An die militairiſche Disciplin gewöhnt, war Herr von Beauſire ein pünktlicher Mann: er wartete ſeit zehn Minuten. 8 Seit zehn Minuten hatte auch ungefähr Herr von Taverney ſeine Tochter verlaſſen, und ſobald Herr von Taverney weggegangen, war Andrée allein geblieben. Dieſe aber hatte, ſobald ſie allein, ihre Vorhänge ge⸗ chloſſen. Gilbert betrachtete, oder verſchlang vielmehr von ſeiner Manſarde aus Andrée. Nur wäre es ſchwierig geweſen, zu ſagen, ob die Blicke, die er auf das Mädchen heftete, von Liebe, oder von Haß funkelten. Als die Vorhänge zugezogen waren, hatte Gilbert nichts mehr zu ſehen. Dem zu Folge ſchaute er auf eine andere Seite. Als er auf eine andere Seite ſchaute, erblickte er die Hutfeder von Herrn von Beauſire, und erkannte den Ge⸗ freiten, der, um die Langweile des Wartens zu vertreiben, ein Liedchen pfeifend auf und abging. Nach Verlauf von zehn Minuten, nämlich um ſieben Uhr vierzig Minuten, erſchien Nicole: ſie ſprach ein paar Worte mit Herrn von Beauſtre, dieſer machte eine Kopf⸗ bewegung zum Zeichen, daß er verſtehe, und entfernte ſich —— 55 in der Richtung der tiefen Allee, welche nach Klein⸗Tria⸗— non führte.— „Ah! ah!“ machte Gilbert,„der Herr Gefreite und die Kammerfrau haben etwas zu ſagen oder zu thun, wo⸗ bei ſie Zeugen befürchten: gut!“ Gilbert war nicht neugierig in Beziehung auf Nicole, 4 nur ſuchte er, da er eine natürliche Feindin in ihr fühlte, atte gegen ihre Sittlichkeit eine Menge von Beweiſen zu ſam⸗ atte meln, mit denen er ſiegreich den Angriff zurückſchlagen uen könnte, wenn ihn Nicole angreifen würde.. Gilbert zweifelte nicht daran, der Feldzug müßte ſich ie jeden Augenblick eröffnen, und als vorſichtiger Soldat ihr häufte er Munition für den Krieg auf. Ein Rendez⸗vous von Nicole mit einem Mann in err Trianon ſelbſt war eine von den Waffen, welche Nicole ehn aufzuheben nicht verſäumen konnte, beſonders wenn man, wie es Nicole that, die Unklugheit hatte, ſie zu ſeinen von Füßen fallen zu laſſen. Gilbert wollte folglich den Be⸗ von weis mit ſeinen Augen ſammeln, um ihn dem der Ohren en. beizufügen, und im Flug einen compromittirenden Satz ge⸗ auffaſſen, den er ſiegreich im Augenblick des Kampfes gegen das Mädchen richten könnte. on Er ging alſo raſch von ſeiner Manſarde herab, ſchlug den Weg durch den Gang der Küchen ein, und erreichte den Garten auf der kleinen Treppe der Capelle; ſobald Gilbert im Garten war, hatte er nichts mehr zu befürch⸗ ert ten; er kannte alle Winkel deſſelben, wie ein Fuchs ſeinen ne Bau kennt. Er ſchlüpfte alſo unter die Linden, dann längs dem ſe Spalier hin und erreichte ein Gebüſch, das ſich zwanzig Hhrit von dem Ort erhob, wo er Nicole zu finden offte... Nicole war wirklich da. 4 Kaum hatte ſich Gilbert in ſeinem Gebüſch einge⸗ niſtet, als ein ſeltſames Geräuſch an ſein Ohr drang: es war das Geräuſch des Goldes auf dem Stein, es war der metalliſche Klang, von dem nichts, wenn nicht die Wirklichkeit einen richtigen Begriff zu geben vermag. Gilbert ſchlüpfte wie eine Schlange bis an die teraſ⸗ ſenförmige Mauer, die von einer Reihe von Fliederbüſchen überragt wurde, welche im Monat Mai ihren Wohlge⸗ ruch verbreiteten und ihre Blühten auf die Vorübergehenden herabſchüttelten, wenn dieſe an der Mauer der tiefen Allee, die das große Trianon von dem kleinen trennt, hingingen. Als Gilbert bei dieſem Punkte angelangt war, ſahen ſeine, an die Finſterniß gewöhnten Blicke, Nicole, welche auf einen Stein, der ſich dieſſeits des Gitters, und kluger Weiſe außer dem Bereiche der Hand von Herrn von Beauſire befand, die Boͤrſe leerte, die ihr Herr von Ri⸗ chelieü gegeben hatte. Die Louis d'or rieſelten ſpringend und glänzend dar⸗ aus, während Herr von Beauſire, das Auge entzündet, und die Hand zitternd, aufmerkſam Nicole und die Gold⸗ ſtücke anſchaute, ohne zu begreifen, wie die eine die andern beſaß. 3 Nicole ſprach: „Mehr als einmal,“ ſagte ſie,„haben Sie mir den Vorſchlag gemacht, mich zu entführen, mein lieber Herr von Beauſire.“ „Und ſogar Sie zu heirathen,“ rief der Gefreite ganz begeiſtert. 5 „Oh! was den letzteren Punkt betrifft, mein lieber Herr,“ ſagte das Mädchen,„ſo wollen wir ihn ſpäter verhandeln; für den Augenblick iſt fliehen die Hauptſache, koͤnnen wir in zwei Stunden fliehen?“ „In zehn Minuten, wenn Sie wollen.“ 4 „Nein: ich habe zuvor noch etwas zu thun, und was ich zu thun habe, erfordert zwei Stunden.“ „In zwei Stunden, wie in zehn Minuten bin ich zu Ihren Befehlen, theure Seele.“ 4 „Gut; nehmen Sie fünfzig Louis d'or(das Mädchen zählte fünfzig Louis d'or und reichte ſie durch das Gitter Herrn von Beauſire, der die Goldſtücke ohne ſie zu zäh⸗ 57 len, in ſeine Weſtentaſche ſchob); und in anderthalb Stun⸗ den ſind Sie mit einem Wagen hier.“ „Aber... entgegnete Beauſire. „Oh! wenn Sie nicht wollen, nehmen wir an, es ſei nichts zwiſchen uns verabredet worden, und geben Sie mir meine fünfzig Louis d'or wieder.“ „Ich weiche nicht zurück, theure Nicole; ich befürchte nur die Zukunft.“ „Für wen?“ „Für Sie.“ „Für mich?“ „Ja. Sind die fünfzig Louis d'or verſchwunden, und am Ende verſchwinden ſie doch wohl, ſo werden Sie zu beklagen ſein, Sie werden es bereuen, Trianon verlaſſen zu haben, Sie...“ „Oh! wie zartfühlend ſind Sie; haben Sie nicht bange, ich gehöre nicht zu den Frauen, die man unglück⸗ lich macht, laſſen Sie jedes Bedenken; wenn die fuͤnfzig Louis d'or ausgegeben ſind, werden wir übrigens ſehen.“ Und Nicole ließ andere fünfzig in der Boͤrſe klingen. Die Augen von Beauſire phosphorescirten.“ „Für Sie würde ich mich in einen feurigen Ofen ſtürzen,“ ſagte er. „Gut! gut! man verlangt nicht ſo viel von Ihnen, Herr von Beaufire; es iſt alſo abgemacht in anderthalb Stunden den Wagen, in zwei Stunden die Flucht.“ „Es iſt abgemacht,“ rief Beauſire, indem er die Hand von Nicole ergriff und an ſich zog, um ſie durch das Gitter zu küſſen. „Stille doch!“ ſagte Nicole,„ſind Sie verrückt...“ „Nein, ich bin verliebt.“ „Hm!“ machte Nicole. „Sie glauben mir nicht, theures Herz?“ „Doch, ich glaube Ihnen; ſorgen Sie hauptſächtlich für gute Pferde.“ „Oh! ja.“ Sie trennten ſich. Doch nach Verlauf einer Seeunde drehte ſich Beau⸗ fire ganz geſchäͤftig um. „Bſt! bſt!“ machte er. ⸗ „Was denn?“ fragte Nicole, welche ſchon ziemlich fern war, und die Hand vor dem Mund hielt, um ihre Stimme ohne Lärmen zu dem gewünſchten Punkte gelan⸗ gen zu laſſen. „Und das Gitter,“ fragte Beauſire,„Sie werden alſo durch das Gitter gehen?“ „Wie dumm iſt er!“ murmelte Nicole, welche in dieſem Augenblick nur zehn Schritte von Gilbert entfernt war. Dann ſagte ſie laut: „Ich habe den Schlüſſel.“ Beaufire ließ ein Ah! der Bewunderung vernehmen, und entfloh in aller Eile. Nicole kam mit geſenktem Kopf und mit flinken Beinen zu ihrer Gebieterin zurück. Gilbert, der nun allein war, ſtellte ſich folgende 4 vier Fragen: liebt? „Warum beſitzt Nicole eine ſo bedeutende Geld⸗ ſumme? „Warum hat Nicole den Schlüſſel vom Gitter? „Warum kehrt Nicole, welche ſogleich fliehen koͤnnte, zu ihrer Herrin zurück?“ Wohl fand Gilbert eine Antwort auf die Frage: arum hat Nicole Geld?“ Aber auf die andern fand er keine. 4 Bei dieſer Verneinung ſeines Scharfſinns wurde auch ſeine natüͤrliche Neugierde, ſoder das Mißtrauen, das ſich 1 bei ihm gebildet hatte, ſo mächtig erregt, daß er die Nacht, ſo kalt ſte auch war, in freier Luft unter den feuchten Bäumen zuzubringen beſchloß, um die Entwickelung dieſer Scene abzuwarten, deren Anfang er geſehen hatte. 4 Andrée hatte ihren Vater bis an die Schranken von „Warum entflieht Nicole mit Beaufire, den ſie nicht 1 59 Groß⸗Trianon geleitet. Sie kam allein und nachdenkend zurück, als Nicole in aller Eile aus der Allee hervortrat, welche zu dem Gitter führte, wo ſie alle Maßregeln mit Herrn von Beaufire verabredet hatte. Nicole blieb ſtehen, ſobald ſie ihre Gebieterin er⸗ blickte, ſtieg dann auf ein Zeichen, das ihr Andrée machte, hinter dieſer die Treppe hinauf, und folgte ihr in ihr Zimmer. Es mochte in dieſem Augenblick halb neun Uhr Abends ſein. Die Nacht war raſcher und dichter als gewöhnlich gekommen, weil eine große, ſchwarze Wolke, von Süden nach Norden laufend, den Himmel überzogen hatte, ſo daß man jenſeits Verſailles über den großen Waldungen, ſo weit das Auge reichte, das finſtere Tuch allmälig, alle kurz zuvor noch auf ihrer azurnen Kuppel funkelnden Sterne verhüllen ſehen konnte. Ein niedrig ſtreichender Wind fegte den Boden und ſandte glühende Stöße den durſtigen Blumen zu, welche ihr Haupt neigten, als wollten ſie vom Himmel das Al⸗ moſen des Regens oder des Thaus erflehen. Dieſe Drohung der Atmoſphäre hatte den Gang von Andrée durchaus nicht beſchleunigt— im Gegentheil, traurig und tiefträumeriſch ſetzte ſie wie mit Bedauern den Fuß auf jede Stufe der Treppe, welche nach ihrem Zim⸗ mer führte, und ſie blieb bei jedem Fenſter ſtehen, um zu ſchauen, ob der Himmel mit ihrer Traurigkeit harmonire und um die Rückkehr in ihre kleine Wohnung zu ver⸗ zoͤgern. Ungeduldig, ärgerlich, befürchtend, eine Laune ihrer Gebieterin könnte ſie über die Stunde aufhalten, brummte Nicole ganz leiſe eine jener Verwünſchungen, mit denen die Dienſtboten nie ihre Gebieter verſchonen, welche ſo unklug ſind, ſich die Befriedigung einer Laune auf Koſten der Launen ihrer Diener zu erlauben. Andrée ſtieß die Thüre ihres Zimmers auf, ſank auf ein Fauteuil und befahl Nicole, das Fenſter, das nach dem Hof ging, halb zu öffnen. Nicole gehorchte. Dann kehrte ſie mit der Miene der Thellnahme, der ſich die Schmeichlerin ſo gut zu bedienen wußte, zu ihrer Gebieterin zurück und ſagte: 8 „Ich befürchte, das Fräulein iſt dieſen Abend ein wenig krank; das Fräulein hat rothe, geſchwollene, nichts deſto weniger aber glänzende Augen. Ich glaube, das Fräulein bedarf ſehr der Ruhe.“ „Du glaubſt?“ fragte Andrée, welche nicht gehört atte. Und ſie ſtreckte nachläßig ihre Füße auf ein geſticktes Kiſſen aus. Nicole betrachtete dieſe Stellung als einen Befehl ihrer Gebieterin, ſie zu entkleiden, und fing an, die Bänder und Blumen ihres Kopfputzes zu löſen,— eing Art von Gebäude, das die geſchickteſte Zerſtörerin 98 einer guten Viertelſtunde nicht herunter brachte.* Andrée ſprach waͤhrend dieſer ganzen Arbeit nicht ein Sterbenswörtchen. Ihrer Willkühr überlaſſen, machte Nicole ihr Geſchäft mit der größten Eile ab und zerrte Andrée, ohne dieſe ſchrelen zu machen, ſo ſehr war ſie in ihre Gedanken vertieft, nach Gefallen an ihren Haaren. Als die Nachttoilette beendigt war, gab Andrée ihre Befehle für den andern Tag. Man mußte am Morgen nach Verſailles gehen, um einige Bücher zu holen, welche Philipp für ſeine Schweſter dahin hatte bringen laſſen; man ſollte den Stimmer benachrichtigen, er habe ſich nach Trianon zu begeben, um das Clavier in Stand zu ſetzen. Nicole antwortete ruhig, wenn man ſie in der Nacht nicht weckte, ſo würde ſie frühzeitig aufſtehen, und vor den Erwaiher des Fräuleins würden alle Aufträge be⸗ orgt ſein. „Morgen werde ich auch ſchreiben,“ fuhr Andrée mit ſich ſelbſt ſprechend fort;„ja, ich werde Philipp ſchreiben, das wird mich ein wenig erleichtern.“ „In jedem Fall,“ dachte Nicole,„in jedem Fall be⸗ ſorge ich den Brief nicht.“ — V 1 61 Und bei dieſer Betrachtung dachte auch Nicole, die noch nicht völlig verdorben war, mit einem traurigen Ge⸗ fühle daran, daß ſie zum erſten Male ihre vortreffliche Gebieterin, in deren Nähe ihr Geiſt und ihr Herz erweckt worden waren, verlaſſen wollte. Die Erinnerung an Andrée war bei ihr mit ſo vielen Erinnerungen verknüpft, daß jene berühren, die ganze Kette, welche von dieſem Tag bis zu den erſten Tagen ihrer Kindheit hinaufging, ſchütteln hieß. Während dieſe dem Character und der Lebenslage nach ſo ſehr verſchiedenen Kinder neben einander dachten, ohne daß ihre Ideen in irgend einem Zuſammenhange ſtanden, entfloh die Zeit und die Uhr von Klein⸗Trianon, welche immer der von Groß⸗Trianon vorging, ſchlug die neunte Stunde. Beauſire mußte beim Rendez⸗vous ſein, und Nicole hatte nur noch eine halbe Stunde, um ſich zu ihrem Lieb⸗ haber zu begeben. Sie kleidete ihre Gebieterin ſo raſch, als ſie konnte, vollends aus, nicht ohne einige Seufzer entſchlüpfen zu laſſen, denen Andrée keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Sie reichte ihr ein langes Nachtgewand, und als Andrée, im⸗ mer noch in Gedanken verſunken, unbeweglich und die Augen am Plafond umherirrend blieb, zog Nicole aus ihrer Bruſt den Flacon von Richelteu, warf zwei Stücke Zucker in ein Glas mit dem noͤthigen Waſſer, um ihn ſchmelzen zu machen, und goß dann, ohne zu zögern und mit der in dieſem ſo jungen Herzen ſchon ſo ſtarken Willenskraft zwei Tropfen Saft aus dem Flacon in dieſes Waſſer, das ſich ſogleich trübte und eine leichte Opal⸗ färbung annahm, die ſich allmälig wieder verlor. „Mein Fräulein,“ ſagte Nicole,„das Glas Waſſer iſt bereit, die Kleider ſind zuſammengelegt, die Nachtlampe iſt angezündet, Sie wiſſen, daß ich früh aufſtehen muß; darf ich mich nun ſchlafen legen?“ „Ja,“ antwortete Andrée zerſtreut.. Nicole verbeugte ſich, ſtieß einen letzten Seufzer aus, der wie die andern verloren ging, und zog die Thüre, die nach dem kleinen Vorzimmer führte, hinter ſich zu. Doch ſtatt zu ſich in die Zelle zu gehen, welche, wie man weiß, an den Corridor ſtieß und durch das Vorzimmer von Andrée erhellt war, entfloh ſie leicht und ließ die Thüre des Corridor am Simswerk angelehnt, ſo daß die Inſtructionen von Richelieu vollſtändig befolgt waren. Sodann ſtieg ſie, um die Aufmerkſamkeit der Nach⸗ barn nicht zu erregen, die Treppe, welche in den Garten führte, auf den Fußſpitzen hinab, ſprang über die Freitreppe und lief zu Herrn Beauſire an das Gitter. Gilbert hatte ſeinen Beobachtungspoſten nicht ver⸗ laſſen. Er hatte Nicole ſagen hören, ſie würde in zwei Stunden zurückkommen; er wartete. Da jedoch die Stunde ſeit zehn Minuten vorüber war, ſo fing er an zu befürchten, ſie würde nicht kommen. Plötzlich ſah er ſie herbeilaufen, als ob ſie verfolgt würde. Sie näherte ſich dem Gitter und reichte durch die Stangen Beauſire den Schlüſſel; Beauſire öffnete die Thüre, Nicole eilte hinaus und das Gittter ſchloß ſich wieder mit einem ſchweren Knarren. Dann wurde der Schlüſſel in das Gras im Graben geworfen, gerade unterhalb der Stelle, wo ſich Gilbert befand; der junge Mann hörte ihn mit einem matten Ton fallen und bemerkte die Stelle, wohin er gefallen war. Nicole und Beauſire gewannen während dieſer Zeit Raum; Gilbert hörte, wie ſie ſich entfernten, und vernahm, nicht das Geräuſch eines Wagens, wie ihn Nicole verlangt 3 hatte, ſondern das Stampfen eines Pferdes, das nach einigen Augenblicken, die ohne Zweifel unter den Vor⸗ zogin in einer Carroſſe weggefahren wäre, die Erde mit ſeinen vier Hufen ſchlug, welche bald auf dem Pflaſter der Landſtraße ſchollen. würfen von Nicole hingingen, welche gern wie eine Her⸗ Gilbert athmete. 4 7 Gilbert war frei; Gilbert war von Nicole, von ſeiner . — 63 Feindin befreit. Andrée blieb allein; vielleicht hatte Ni⸗ ban bei ihrem Abgang den Schlüſſel in der Thüre ſtecken aſſen. Dieſer Gedanke machte den brauſenden jungen Mann mit aller Wuth der Furcht und der Ungewißheit, der Neu⸗ gierde und des Verlangens aufſpringen. Und in umgekehrter Richtung dem Weg folgend, auf dem Nicole gekommen war, lief er nach dem Pavillon der Comunes. CXXI. Das doppelte Geſicht. Als Andrée allein war, erwachte ſie allmälig aus der moraliſchen Betäubung, welche ſie befallen hatte; und während Nicole auf dem Kreuz hinter Herrn von Beauſire floh, kniete ſie nieder und verrichtete ein inbrünſtiges Gebet für Philipp, das einzige Weſen auf der Welt, das ſie mit einer wahren und tiefen Zuneigung liebte. Sie betete in ihrem innigen Vertrauen auf Gott. Die Gebete von Andrée beſtanden gewoͤhnlich nicht aus einer Reihenfolge mit einander verknüpfter Worte; es war eine Art von göttlicher Extaſe, in der ſich die Seele bis zum Herrn erhob und in ihm ſich vermiſchte. In dieſem leidenſchaftlichen Flehen des von der Ma⸗ terie entbundenen Geiſtes war keine Beimiſchung von Egoismus. Andrée gab ſich gewiſſermaßen ſelbſt auf, dem Schiffbrüchigen gleich, der die Hoffnung verloren hat und nicht mehr für ſch ſondern nur noch für ſeine Frau und ſeine Kinder, welche Waiſen werden ſollen, betet. Dieſer innige Schmerz war bei Andröée ſeit der Ab⸗ reiſe ihres Bruders entſtanden; und dennoch war er nicht 64 ohne eine Miſchung: wie ihr Gebet, beſtand er aus zwei verſchiedenen Elementen, von denen das eine für Andrée nicht ſehr verſtändlich war. Es war wie eine Ahnung, wie das fühlbare Heran⸗ nahen eines bevorſtehenden Unglücks. Es war eine Em⸗ pfindung, den Stichen einer vernarbten Wunde ähn⸗ lich. Der anhaltende Schmerz iſt verſchwunden, aber die Erinnerung daran überlebt ihn lange, und macht auf die Gegenwart des Uebels aufmerkſam, wie es einſt die Wunde ſelbſt that. Andrée ſuchte ſich nicht einmal Nechenſchaft von dem zu geben, was ſie fühlte; ganz nur mit dem Andenken an Philipp beſchäftigt, führte ſie auf dieſen geliebten Bruder die Geſammtheit der Eindrücke zurück, die ſie bewegten. Dann ſtand ſie auf, wählte ein Buch aus ihrer be⸗ ſcheidenen Bibliothek, ſtellte das Licht in die Nähe ihrer Hand und legte ſich zu Bette. Das Buch, das ſie gewählt, oder vielmehr auf den Zufall genommen hatte, war nicht geeignet, ihre Auf⸗ merkſamkeit rege zu erhalten, es ſchläferte ſie im Gegen⸗ theil ein. Bald breitete ſich eine Anfangs durchſichtige, aber immer dichter werdende Wolke über ihrem Geſichte aus. Sie kämpfte einen Augenblick gegen den Schlaf, faßte zwei oder dreimal ihren flüchtigen Gedanken wieder auf, der ihr dann abermals entging, rückte mit dem Kopf vor, um das Licht auszublaſen, erblickte das von Nicole bereitete Glas Waſſer, ſtreckte den Arm aus, nahm es mit einer Hand, rührte mit der andern den halb geſchmolzenen Zucker mit einem Löffelchen um, und näherte, ſchon unter dem Druck des Schlafes, das Glas ihrem Mund. Plötzlich und als ihre Lippen bereits den Trank be⸗ rührten, machte eine ſeltſame Erſchütterung ihre Hand zittern; eine zugleich feuchte und brennende Laſt ſiel auf ihr Gehirn und Andrée erkannte mit Schrecken an den Wogungen des Fluidums, das über ihre Nerven hinlief, den übernatürlichen Einbruch unbekannter Empfindungen, zwei rée eran⸗ Em⸗ ähn⸗ r die f die unde dem nan ruder n. be⸗ hrer den Auf⸗ gen⸗ tige, ihte Zlaf, eder dopf cole mit enen nter be⸗ and auf den lief, gen, ——— 65 der ſchon mehrere Male ihre Kräfte beſiegt und ihre Ver⸗ nunft gelähmt hatte. Sie hatte nur noch Zeit, das Glas auf den Teller zu ſtellen und beinahe in demſelben Augenblick verlor ſie, ohne eine andere Klage als einen Seufzer, der ihrem leicht geöffneten Mund entſchlüpfte, den Gebrauch der Stimme, des Geſichtes, des Verſtandes und ſiel, wie vom Blitz getroffen, von einer tödtlichen Schlafſucht heimge⸗ ſucht, auf ihr Bett. Doch dieſe Vernichtung war nur der augenblickliche Uebergang von einem Daſein zum andern. Von todt, wie ſie war, mit ihren Augen, welche für immer geſchloſſen zu ſein ſchienen, erhob ſie ſich plötzlich wieder, öffnete die Augen mit einer furchtbaren Starrheit und ſtieg wie eine Marmorſtatue, die aus ihrem Grabe ſteigen würde, von ihrem Bett herab. Es unterlag keinem Zweifel, Andrée ſchlief jenen wunderbaren Schlaf, der ſchon mehrere Male ihr Leben unterbrochen hatte. Sie durchſchritt das Zimmer, öffnete die Glasthüre und ging in den Corridor mit der ſtrengen, feſten Haltung eines belebten Marmors. Die Treppe lag vor ihr, Stufe für Stufe, ohne zu zählen und ohne Haſt, ſtieg Andrée hinab und erſchien auf der Frelitreppe. Als Andrée den Fuß auf die oberſte Stufe ſetzte, um hinabzuſteigen, ſetzte Gilbert den Fuß auf die unterſte, um hinaufzuſteigen. Gilbert ſah alſo dieſe weiße, feierliche Frau einher⸗ ſchreiten, als ob ſie auf ihn zukäme. Er wich von ihr zurück und gelangte zurückweichend in eine Gruppe von Hagebuchen. 4 Er erinnerte ſich, Andrée ſchon ſo im Schloſſe Ta⸗ verney geſehen zu haben. Andrée ging an Gilbert vorüber, ſtreifte ihn beinahe und ſah ihn nicht. Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 5 66 Verwirrt, gelähmt, ſank der junge Mann auf ſein unter ihm gebogenes Bein nieder: er hatte bange. Da er nicht wußte, welchem Umſtand er dieſen ſelt⸗ ſo ſamen Ausgang von Andrée zuſchreiben ſollte, ſo folgte er ihr mit den Augen; aber ſeine Vernunft war verrückt, h ſein Blut peitſchte ſtürmiſch ſeine Schläfe, er war dem ie Wahnſinn näher als dem kalten Verſtand, den der Be⸗ obachter braucht. L Er blieb daher auf dem Gras, mitten unter Blätter⸗ u werk gekauert, und lauerte, wie er es that, ſeitdem dieſe unſelige Liebe in ſein Herz eingedrungen war. 5 Plöͤtzlich war ihm das Geheimniß dieſes Ausgangs erklärt. Andnée war nicht toll, nicht irre. Andrée ging mit dieſem kalten leichenartigen Schritte zu einem Rendez⸗ vous. Ein Blitz durchfurchte den Himmel. Gilbert gewahrte bei dem bläulichen Schimmer dieſes w Blitzes einen unter der dunklen Lindenallee verborgenen Mann und ſo raſch auch die Gewitterflamme geweſen war, ſo hatte er doch ſein bleiches Geſicht und ſeine in w Unordnung gebrachten Kleider von dem ſchwarzen Hinter⸗ S grunde ſich abheben ſehen. Andrée ging auf dieſen Mann zu, der einen Arm gegen ſie ausgeſtreckt hielt, als wollte er ſie zu ſich her⸗ r. anziehen. T Es war, als ob ein glühendes Eiſen durch das Herz von Gilbert führe und ihn emporzöge, damit er beſſer T ſehen könne. In dieſem Augenblick zuckte ein anderer Blitz mm 4 Himmel hin. Gilbert erkannte Balſamo, mit Schweiß und Staub bedeckt, Balſamo, der mit Hülfe eines geheimen Einver⸗ A ſtändniſſes in Trianon eingedrungen war, Balſamo end⸗ in lich, der Andrée ſo unüberwindlich, ſo unſelig an ſich zog, wie die Schlange den Vogel anziebt. Zwei Schritte von ihm blieb Andrée ſtehen. Er nahm ihre Hand. Andrée bebte am ganzen Leib. 67 „Sehen Sie?“ ſagte er. „Ja,“ antwortete Andrée,„doch indem Sie ſich mir ſo näherten, hätten Sie mich beinahe getödtet.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte Balſamo;„aber ich habe den Kopf verloren, ich gehöre nicht mehr mir an, ich werde wahnfinnig, ich ſterbe.“ „Sie leiden in der That,“ ſagte Andrée, von dem Leiden von Balſamo durch die Berührung ſeiner Hand unterrichtet.“ „Ja, ja, ich leide, und ich komme, um Troſt bei Ihnen zu ſuchen. Sie allein können mich retten.“ „Fragen Sie mich.“ „Ich frage Sie zum zweiten Male, ſehen Sie?“ „Oh! vollkommen.“ 3 „Wollen Sie mir nach Hauſe folgen, können Sie es?“ „Ich kann es, wenn Sie mich durch den Geiſt führen wollen.“ „Kommen Sie.“ „Ah!“ ſprach Andrée,„wir gelangen nach Paris, wir folgen dem Boulevard, wir vertiefen uns in eine Straße, welche nur durch eine einzige Laterne beleuchtet iſt.“ „So iſt es: laſſen Sie uns eintreten.“ „Wir find in einem Vorzimmer. Es iſt eine Treppe rechts; doch Sie ziehen mich nach der Wand fort: die Wand öffnet ſich; es bieten ſich Stufen...“ „Steigen Sie hinauf,“ rief Balſamo,„das iſt unſer eg. „Ah!“ nun ſind wir in einem Zimmer: es ſind hier Löwenhäute, Waffen. Ah! die Kaminplatte öffnet ſich.“ „Gehen wir durch; wo ſind Sie?“ „In einem ſeltſamen Zimmer, in einem Zimmer ohne Ausgänge, deſſen Fenſter vergittert ſind; ohy! wie Alles in dieſem Zimmer in Unordnung iſt!“ „Aber leer, leer, nicht wahr?“ „Leer.“ „Können Sie die Perſon ſehen, die es bewohnte?“ 68 „Ja, wenn man mir einen Gegenſtand gibt, den ſie berührt hat, der von ihr kommt, oder ihr gehoͤrt.“ „Kommen Sie, hier ſind von ihren Haaren.“ Andrée nahm die Haare und näherte ſich ihrer Perſon. „Oh! ich erkenne ſie,“ ſprach ſie;„ich habe dieſe Frau ſchon geſehen; ſie floh nach Paris.“ „So iſt es, ſo iſt es; können Sie mir ſagen, was ſie ſeit zwei Stunden gemacht hat, und wie ſie geflohen iſt?2“ „Warten Sie, ja: ſie liegt auf einem Sopha; ſie hat die Bruſt halb entblößt und unterhalb dem Buſen iſt eine Wunde.“ 3„Sehen Sie, Andrée, ſehen Sie, verlaſſen Sie ſie nicht.“ 8 7 5 „Sie iſt eingeſchlafen; ſie erwacht, ſie ſucht um ſich her; ſie zieht ein Sacktuch hervor; ſie ſteigt auf einen Stuhl; ſie befeſtigt das Sacktuch an den Gitterſtangen ihres Fenſters. Oh! mein Gott!“ „ Sie will alſo wirklich ſterben?“ „Oh! ja, ſie iſt entſchloſſen. Doch dieſer furchtbare Tod! ſie läßt das Sacktuch an die Stangen angebunden... Steige herab, arme Frau!“ „Was?“ „Oh! wie ſie weint, wie ſie leidet, wie ſie die Hände ringt; ſie ſucht eine Mauerecke, um ſich den Schädel zu zerſchmettern.“ „Oh! mein Gott! mein Gott! murmelte Balſamo. „Oh! ſie ſtürzt gegen den Kamin! der Kamiin ſtellt zwei marmorne Löwen dar; ſie wird ſich die Hirnſchaale an dem Loͤwenkopf zerſchmettern!“ „Hernach... hernach... ſehen Sie, And ée, ich will es.“ „Sie bleibt ſtehen.“ Balſamo athmete. 4 „Sie ſchaut.“ „Was ſchaut ſie?“ fragte Balſamo. „Sie hat Blut an dem Löwenauge wahrgenommen.“ ☛̈—— M&— ——, — — — 69 „Mein Gott, mein Gott!“ murmelte Balſamo. „Ja, Blut, und dennoch hat ſie ſich nicht geſtoßen. Oh! das iſt ſeltſam, dieſes Blut iſt nicht das der Frau, es iſt das Ihrige.“ „Dieſes Blut iſt das meinige?“ rief Balſamo ganz außer ſich. „Ja, das Ihrige, das Ihrige. Sie haben ſich mit einem Meſſer, mit einem Dolch in die Finger geſchnitten, und Ihren blutigen Finger auf das Löwenauge gedrückt. Ich ſehe Sie.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr. Aber wie flieht ſie?“ „Warten Sie, warten, Sie, ich ſehe ſie das Blut be⸗ trachten, nachdenken und dann ihren Finger auf die Stelle drücken, auf die Sie den Ihrigen gedrückt hatten. Ah! das Auge des Löwen gibt nach, eine Feder ſpielt. Die Kaminplatte öffnet ſich.“ „Ich Unvorſichtiger!“ rief Balſamo,„ich unſelig Unvorſichtiger, ich unglücklicher Narr, der ich bin. Ich habe mich ſelbſt verrathen.“ Andrée ſchwieg. „Und ſie geht hinaus,“ fuhr Balſamo fort,„ſie flieht?“ „Oh! man muß der armen Frau verzeihen, ſie war ſo unglücklich.“ „Wo iſt ſie, wohin geht ſie, folgen Sie ihr, Andrée, ich will es.“ „Warten Sie, ſie bleibt einen Augenblick in dem Zimmer mit den Waffen und Pelzen ſtehen; ein Schrank iſt offen, eine gewoͤhnlich in dieſem Schranke eingeſchloſſene Caſſette ſteht auf einem Tiſch. Sie erkennt die Caſſette und nimmt ſie.“ „Was enthält dieſe Caſſette?“ „Ihre Papiere, glaube ich.“ „Wie ſieht ſie aus?“ „Sie iſt mit blauem Sammet überzogen, hot filberne Naͤgel, ſilberne Beſchläge und ein filbernes Schloß.“ „Oh!“ rief Balſamo voll Zorn, mit dem Fuße ſtampfend,„ſie hat alſo dieſe Caſſette genommen?“ „Ja, ja, ſie. Sie wählt die Treppe, welche in's Vorzimmer führt, ſie öffnet die Thüre, ſie zieht die Kette, mit der man die Hausthüre öffnet und geht hinaus.“ „Iſt es ſchon ſpät?“ „Es muß ſpät ſein, denn es iſt Nacht.“. „Deſto beſſer, dann iſt ſie wohl kurz vor meiner Rückkehr weggegangen und ich werde vielleicht Zeit haben, ſie wieder einzuholen; folgen Sie ihr, Andrée.“ „Sobald ſie aus dem Hauſe iſt, läuft ſie wie toll, wie toll erreicht ſie das Boulevard... Sie länft... ſie läuft, ohne anzuhalten...“ „In welcher Richtung?“ „Gegen die Baſtille.“ „Sie ſehen ſie immer noch?“ „Ja, ſie iſt wie eine Wahnfſinnige, ſie ſtoͤßt ſich an den Vorübergehenden. Endlich bleibt ſie ſtehen, ſie ſucht zu erfahren, wo ſie iſt... ſie fragt.“ „Was ſagt Sie? Hören Sie, Andrée, hören Sie und verlieren Sie in des Himmels Namen nicht eines von ihren Worten. Sie haben geſagt, ſie frage?“ „Ja, einen ſchwarz gekleideten Mann.“ „Was fragt ſie ihn?“ „Sie fragt ihn nach der Adreſſe des Polizeilieutenant.“ „Oh! es war alſo keine leere Drohung. Nennt er ſie ihr?“ „Ja. „Was macht ſie?“ „Sie kehrt um und ſchlägt den Weg durch eine Straße ein, welche ſchräg geht; ſie ſchreitet über einen großen Platz.“ „Place Royal, das iſt der Weg. Leſen Sie in ihrer Abſicht?“ 1 „Eilen Sie, eilen Sie; ſie will Sie anzeigen. Wenn ſie vor Ihnen an Ort und Stelle kommt, wenn ſie Herr 4 von Sartines ſieht, ſind Sie verloren.“ 71 Balſamo ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, ſtürzte in das Gebüſch, eilte durch eine kleine Thüre, welche ihm eine Art von Schatten öffnete und wieder ſchloß, und ſchwang ſich auf ſein Pferd Dſcherid, das vor der Thüre die Erde ſtampfte. Zugleich durch die Stimme und die Sporen geſta⸗ chelt, ſchoß das Thier wie ein Pfeil in der Richtung von Paris fort und man hoͤrte nur noch ſeinen Hufſchlag auf dem Pflaſter, auf dem es hinflog. Andrée war kalt, ſtumm, bleich ſteben geblieben. Aber als hätte Balſamo ihr Leben mit fortgenommen, ſank ſie bald zuſammen und fiel auf den Boden. In ſeinem Eifer nur darauf bedacht, Lorenza zu ver⸗ folgen, hatte Balſamo wirklich Andrée zu wecken ver⸗ geſſen. CXXII. Starrkrampf. Andrée ſank nicht, wie wir geſagt haben, auf ein⸗ mal, ſondern in Abſtufungen nieder, die wir zu beſchreiben verſuchen wollen. Allein, verlaſſen, von der inneren Kälte erfaßt, welche auf alle wüthende Erſchütterungen des Nervenſyſtems folgt, fing Andrée bald an zu wanken und zu beben, wie bei dem Beginnen eines epileptiſchen Anfalls. Gilbert war immer noch da, ſteif, unbeweglich, vor⸗ wärts geneigt und den Blick ſtarr auf ſie geheftet. Aber für Gilbert, der in den magnetiſchen Erſcheinungen voͤllig unwiſſend war, gab es weder Schlaf noch Gewaltthat. Er hatte nichts, oder beinabe nichts von dem Geſpräch mit Balſamo gehört. Andrée ſchien nur zum zweiten Mal in Trianon wie in Taverney dem Rufe dieſes Man⸗ 72 nes zu gehorchen, der einen ſo furchtbaren und ſo ſelt⸗ ſamen Einfluß über fie gewonnen hatte; für Gilbert faßte ſich Alles in den Worten zuſammen: Fräulein Andrée hat, wenn nicht einen Liebhaber, doch wenigſtens einen Mann, den ſie liebt, und mit dem ſie Zuſammenkünfte haͤlt. Das Geſpräch zwiſchen Andrée und Balſamo hatte, obgleich es mit leiſer Stimme ſtattgefunden, allen Anſchein eines Streites gehabt. Fliehend, verwirrt, wahnſinnig, ſchien Balſamo ein in Verzweiflung gerathener Liebender zu ſein; allein geblieben, unbeweglich, ſtumm, hatte Andrée das Ausſehen einer verlaſſenen Geliebten. In dieſem Augenblick geſchah es, daß er ſie wanken, die Hände ringen und ſich um ſich ſelbſt drehen ſah; dann ſtieß ſie einigemale ein dumpfes Geröchel aus, das ihre gepreßte Bruſt zerriß; ſie ſtrengte ſich an, oder vielmehr die Natur ſtrengte ſich an, nach Außen die ſchlecht abge⸗ wogene Maſſe von Fluldum zu werfen, die ihr während des magnetiſchen Schlafes das doppelte Geſicht gegeben hatte, deſſen Erſcheinungen wir in dem vorhergehenden Kapitel ſich offenbaren ſahen. Aber die Natur wurde beſiegt; es gelang Andrée nicht, dieſen Ueberreſt von Balſamo bei ihr vergeſſenen Willens abzuſchütteln. Sie konnte die geheimnißvollen, unentwirrbaren Bande nicht löſen, die ſie ganz und gar efeſſelt hatten, und durch den Kampf gerieth ſie in jene onvulſionen, von welchen einſt die Pythien auf dem Dreifuß vor dem Volk religiöſer Frager, das im Säulen⸗ gang des Tempels ſummte und umherſchwärmte, befallen wurde. Andrée verlor das Gleichgewicht und fiel, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend, auf den Sand nieder, als ob ſie von dem Blitz getroffen worden wäre, der in dieſem Augenblick das Himmelegewölbe zerriß. Doch noch hatte ſie den Boden nicht berührt, als Gilbert mit der Behendigkeit und der Stärke des Tigers auf ſie zuſtürzte, ſie in ſeine Arme nahm, und, ohne zu bemerken, daß er eine Laſt zu halten hatte, in das Zim⸗ 73 mer trug, das ſie kaum zuvor verlaſſen, um dem Ruf von Balſamo zu gehorchen, und wo noch die Kerze bei dem aus einander gemachten Bett brannte. Gilbert fand alle Thüren offen, wie ſie Andrée ge⸗ laſſen hatte. Als er eintrat, ſtieß er ſich am Sopha und legte natürlich das kalte, lebloſe Mädchen darauf. 3 Alles war in ihm Fieber bei der Berührung dieſes lebloſen Körpers geworden, ſeine Nerven bebten, ſein Blut kochte. Sein erſter Gedanke war indeſſen keuſch und rein: man mußte vor Allem dieſe ſchöne Natur zum Leben zu⸗ rückrufen; er ſuchte mit den Augen die Flaſche, um Andrée ein paar Tropfen Waſſer ins Geſicht zu ſpritzen. Doch in dieſem Augenblick, und als ſich ſeine zit⸗ ternde Hand nach dem ſchlanken Hals der kryſtallenen Karaffe ausſtreckte, kam es ihm vor, als ob ein zugleich feſter als leichter Tritt, die von Holz und Backſtein ge⸗ baute Treppe, welche in das Zimmer von Andrée führte, krachen machte. Es war nicht Nicole, da Nicole mit Herrn von Beau⸗ ſire die Flucht ergriffen hatte; es war nicht Balſamo, da Balſamo im Galopp auf Oſcherid weggeſprengt war. Es konnte nur ein Fremder ſein. Ertappte man Gilbert, ſo wurde er weggejagt. Andrée war für ihn wie die Königinnen von Spanien, die ein Unterthan nicht einmal berühren darf, um ihnen das Leben zu retten. Alle dieſe Gedanken ſtürzten wle ein ſcharfer Hagel⸗ ſchauer auf den Geiſt von Gilbert in weniger Zeit herab, als dieſer unſelige Schritt brauchte, um ſich auf eine andere Stufe zu ſtellen. Die Entfernung dieſes Schrittes, der immer näher kam, konnte Gilbert nicht genau berechnen, einen ſolchen Lärmen machte in dieſem Augenblick der Sturm am Him⸗ mel; aber mit großer Kaltblütigkeit und einer wunder⸗ baren Klugheit ausgerüſtet, begriff der junge Mann, daß 74 ſein Platz nicht hier und daß es vor Allem für ihn wichtig war, nicht geſehen zu werden. Er blies raſch die Kerze aus, welche das Zimmer von Andrée beleuchtete, und warf ſich in das Cabinet, das Nicole bewohnt hatte. So geſtellt, ſah er durch die Glasthüre dieſes Cabinets zugleich in das Zimmer von Andrée und in das Vorzimmer. In dieſem Vorzimmer brannte eine Nachtlampe auf einem kleinen Nachttiſch. Gilbert hatte Anfangs den Ge⸗ danken, ſie wie die Kerze auszublaſen, aber es blieb ihm nicht Zeit dazu; der Schritt krachte auf dem Boden des Corridor, ein etwas gepreßtes Athemholen machte ſich be⸗ merkbar, die Geſtalt eines Mannes erſchien auf der Schwelle, ſchlüpfte ſchüchtern in das Vorzimmer, ſtieß die Thüre wieder zu und ſchloß ſie mit dem Riegel. Gilbert hatte nur Zeit, ſich in das Cabinet von Nicole zu werfen und die Glasthüre an ſich zu ziehen. Gilbert hielt ſeinen Athem an ſich und horchte mit allen ſeinen Ohren. Der Sturm brauſte feierlich in den Wolken, ſchwere Regentropfen peitſchten die Glasſcheiben von Andrée und die des Corridors, wo auch ein offengelaſſenes Fenſter auf ſeinen Angeln ächzte und von Zeit zu Zeit vom Wind zurückgeſtoßen, der ſich im Corridor fing, mit großem Lärmen an ſeinen Rahmen ſchlug. Aber der Aufruhr der Natur und der äußere Lär⸗ men, ſo furchtbar ſie auch ſein mochten, waren nichts für Gilbert; alle ſeine Gedanken, ſein ganzes Leben, ſeine ganze Seele drängte ſich in ſeinem Blick zuſammen, und ſein Blick war an dieſem Mann feſtgenietet. Dieſer Mann ging durch das Vorzimmer, kam auf zwei Schritte an Gilbert vorbei und trat ohne Zögern in das Zimmer ein. Gilbert ſah ihn tappend auf das Bett von André: zugehen, eine Geberde des Erſtaunens machen, als er das Bett verlaſſen fand, und beinahe in demſelben Augenblick ichtig mmer binet, h die von auf Ge⸗ ihm des be⸗ der 3 die 75 mit dem Arm an das auf dem Tiſch ſtehende Licht ſtoßen. Das Licht ſiel, und Gilbert hörte wie die kryſtallene Tille auf dem Marmor des Tiſches zerbrach. Dann rief der Mann zweimal mit dumpfer Stimme: „Nicole! Nicole!“ „Wie, Nicole!“ fragte ſich Gilbert aus ſeinem Ver⸗ ſteck.„Warum ruft dieſer Menſch Nicole, da er Andrée rufen müßte?“ Als aber keine Stimme auf die ſeinige antwortete, hob der Unbekannte das Licht vom Boden auf, ging auf den Fußſpitzen in das Vorzimmer und zündete es an der Nachtlampe an. Da concentrirte Gilbert ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf dieſen ſeltſamen, nächtlichen Beſuch; ſeine Augen wandten eine ſo mächtige Willenskraft auf, daß ſie eine Mauer durchdrungen hätten. Ploͤtzlich ſchauerte Gilbert und machte, ſo gut er auch verborgen war, einen Schritt rückwärts. Bei dem Scheine der zwei ſich verbindenden Flammen hatte Gilbert bebend und halb todt vor Beſtürzung in dem Mann, der das Licht in der Hand hielt, den König erkannt. 3 Nun war ihm Alles erklärlich. Die Flucht von Nicole, das zwiſchen ihr und Beauſire getheilte Geld und die offen gelaſſene Thüre, und Richelieu und Taverney, und die ganze geheimnißvolle, unſelige Intrigue, deren Mittelpunkt das Mädchen war. Gilbert begriff, warum der König Nicole gerufen hatte, Nicole, die Vermittlerin dieſes Verbrechens, welche, wie Iudas mit aller Gefälligkeit ihre Gebieterin verkauft und preisgegeben hatte. Doch bei dem Gedanken an das, was der König in dieſem Zimmer wollte, bei dem Gedanken an das, was vor ihm vorgehen ſollte, ſtieg Gilbert das Blut in die Augen und blendete ihn. Er hatte Luſt zu ſchreien; doch die Furcht, dieſes 76 unüberlegte, ſeltſame, unwiderſtehliche Gefühl, die Furcht, die er noch vor dem Mann voll Blendwerk hegte, den man den Koͤnig von Frankreich nannte, feſſelte die Zunge von Gilbert in ſeinem Hals. Ludwig XV. war indeſſen, die Kerze in der Hand, in das Zimmer zurückgekehrt. Kaum befand er ſich hier, als er Andrée in einem Nachtgewand von weißer Mouſſeline erblickte, Andrée, mehr entblößt als verhüllt, Andrée, deren Kopf auf die Lehne des Sophas zurückgeſunken war, während ein Bein auf dem Kiſſen ruhte und das Andere ſteif und ohne Bekleidung auf den Teppich herabfiel. Der König lächelte bei dieſem Anbllck. Die Kerze beleuchtete dieſes Lächeln, aber alsbald trat ein Lächeln, beinahe ſo unheilſchwanger als das königliche auf dem Geſichte von Andrée hervor. Ludwig XV. murmelte ein paar Worte, welche Gil⸗ bert als Liebesworte deutete; dann ſtellte der König ſein Licht auf den Tiſch, warf, ſich umwendend, einen Blick nach dem entflammten Himmel, kniete vor dem Mädchen nieder und küßte ſeine Hand. Gilbert wiſchte den über ſeine Stirne rieſelnden Schweiß ab. Andrée rührte ſich nicht. Als der König fühlte, wie eiskalt dieſe Hand war, nahm er ſie in die ſeinige, um ſie wieder zu erwärmen; er umſchlang mit ſeinem andern Arm dieſen ſo ſchoͤnen und ſo zarten Leib und neigte ſich, um in das Ohr von Andrée eine von den Liebesſchmeicheleien zu flüſtern, wie man ſie in das Ohr von entſchlummerten jungen Mädchen zu flüſtern pflegt. In dieſem Augenblick näherte ſich ſein Geſicht Andréèee dergeſtalt, daß es das des jungen Mädchens ſtreifte. Gilbert betaſtete ſich und athmete, als er in der Taſche ſeiner Jacke das Heft eines langen Meſſers fühlte, das ihm zum Ausputzen der Hagenbuchen diente. Das Geſicht war eiſig wie die Hand. Der König erhob ſich; ſeine Augen wandten ſich dem rcht, den inge und, nem rée, die Zein hne erze eln, dem jil⸗ ſein lick hen den ar, en; nen 77 nackten Fuß von Andrée zu, dieſem Fuß, welcher ſo weiß und klein war, wie der von Aſchenbrödel. Der König nahm ihn zwiſchen ſeine beiden Hände und ſchauerte: dieſer Fuß war kalt wie der einer Marmorſtatune. Gilbert, vor dem ſo viele Schönheiten entblößt waren, Gilbert, den die königliche Lüſternheit gleichſam mit einem Diebſtahl an ihm ſelbſt bedrohte, Gilbert knirſchte mit den Zähnen und öffnete das Meſſer, das er bis dahin feſtgehalten hatte. Doch ſchon hatte der König den Fuß von Andrée wieder losgelaſſen, wie er es mit ihrer Hand, wie er es mit ihrem Geſicht gethan, und erſtaunt über den Schlaf des Mädchens, den er Anfangs einer gefallſüchtigen Pru⸗ derie zuſchrieb, ſuchte er ſich von dieſer tödtlichen Kälte, die ſich der äußeren Theile dieſes ſchönen Körpers bemäch⸗ tigt, Rechenſchaft zu geben, und er fragte ſich, ob wirklich das Herz noch ſchlage, da Hand, Fuß und Geſicht ſo eis⸗ kalt ſeien. Er ſchob das Nachtgewand von Andrée auf die Seite, entblößte ihre jungfräuliche Bruſt, und befragte mit ſeiner zugleich furchtſamen und cyniſchen Hand das Herz, das er ſiumm fand unter vieſem Fleiſch, welches eiskalt nür wie der Alabaſter, deſſen Weiße und runde Form es atte. Gilbert ſchlüpfte halb aus der Thüre, ſein Meſſer in der Hand, das Auge funkelnd, die Zähne an einander ge⸗ preßt, entſchloſſen, wenn der König ſeine Unternehmungen foriſetzen würde, ihn zu erdolchen, und ſich ſelbſt zu er⸗ dolchen. Plötzlich machte ein furchtbarer Donnerſchlag alles Geräthe des Zimmers und ſogar den Sopha erzittern, vor dem Ludwig XV. kniete; ein neuer, violetter, ſchwefliger Blitz warf auf das Geſicht von Andr ée eine ſo bläuliche und lebhafte Flamme, daß Ludwig XV., erſchrocken über dieſe Bläße, über dieſe Unbeweglichkeit und dieſes Still⸗ ſchweigen zurückweichend murmelte:. „In der That, dieſes Mädchen iſt todt.“ 78 In demſelben Augenblick durchlief bei dem Gedanken, er habe einen Leichnam umarmt, ein Schauer die Adern des Königs. Er nahm die Kerze, kehrte zu Andrée zurück und ſchaute ſie bei dem Scheine der zitternden Flamme an. Als er dieſe violetten Lippen, dieſe ſchwarz umkreiſten Augen, dieſe zerſtreuten Haare, dieſen Hals ſah, den kein Athem aufhob, ſtieß er einen Schrei aus, ließ ſein Licht fallen, wankte und ſtolperte durch das Vorzimmer, an deſſen Scheidewand er ſich in ſeinem Schrecken ſtieß. Sogleich höͤrte man ſeine haſtigen Schritte auf der Treppe und dann auf dem Sand des Gartens; bald aber trug der Wind, der im Raume wirbelte und die einzelnen Bäume drehte, Geräuſch und Tritte in ſeinem ſtürmiſchen, mächtigen Athem fort. Nun trat Gilbert, das Meſſer in der Hand, ſtumm und düſter aus ſeinem Verſteck hervor. Er ging bis auf die Schwelle des Zimmers von Andrée und betrachtete einige Secunden lang das ſchöne, immer noch in ſeinen tiefen Schlaf verſunkene Mädchen. Während dieſer Zeit brannte die auf den Boden ge⸗ worfene Kerze auf dem Teppich ſort, und beleuchtete den ſo zarten Fuß und das ſo reine Bein dieſes anbetungs⸗ würdigen Leichnams. Gilbert ſchloß langſam ſein Meſſer, während ſein Geſicht unmerklich den Charakter einer unerbittlichen Ent⸗ ſchloſſenheit annahm, wonach er an der Thüre horchte, durch welche der König weggegangen war. Er horchte über eine volle Minute. Dann ſchloß er, wie es der König gethan hatte, die Thüre, und ſtieß den Riegel vor. Dann blies er die Nachtlampe im Vorzimmer aus. Dann endlich kehrte er mit derſelben Langſamkeit, mit demſelben düſteren Feuer in den Augen in das Zimmer von Andrée zurück und ſetzte den Fuß auf die Kerze, deren Flamme über den Boden hinwogte. Eine plötzliche Dunkelheit löſchte das unſelige Lächeln aus, das auf ſeinen Lippen erſchienen war. 79 „Andrée! Andrée!“ murmelte er,„ich habe Dir ge⸗ lobt, daß Du mir, wenn Du das dritte Mal in meine Hände falleſt, nicht entkommen würdeſt, wie die zwei erſten Male. Andrée! Andrée! Du haſt mich beſchuldigt, ich nahm einen Roman, wohl, dieſer furchtbare Roman braucht einen furchtbaren Schluß.“ Und die Arme ausgeſtreckt, ging er gerade auf den Sopha zu, auf dem Andrée, immer noch kalt, unbeweglich und jedes Gefühls beraubt, lag. CXXIII. Der Wille. Wir haben Balſamo wegeilen ſehen. Dſcherid trug ihn mit der Geſchwindigkeit des Blitzes fort. Bleich vor Ungeduld und Angſt, auf der flatternden Mähne liegend, athmete der Reiter durch ſeine halb ge⸗ öffneten Lippen die Luft ein, die Luft, die ſich vor der Bruſt des Renners theilte, wie ſich das Waſſer unter dem raſchen Vordertheil des Schiffes ſpaltet. Hinter ihm verſchwanden, wie phantaſtiſche Erſchei⸗ nungen die Bäume und die Häuſer. Kaum erblickte er im Vorbeijagen den auf ſeiner Achſe ächzenden, ſchweren Wagen, deſſen gewichtige fünf Pferde ſcheu wurden, als ſich ihnen dieſes lebendige Meteor näherte, von dem ſie nicht begreifen konnten, daß es zu derſelben Race gehören ſollte wie ſie. Balſamo machte auf dieſe Art ungefähr eine Meile, mit einem ſo ſehr entflammten Gehirn, mit ſo ſunkelnden Augen, mit ſo glühendem, geräuſchvollem Athem, daß ihn die Dichter unſerer Zeit mit jenen furchtbaren, von Feuer und Dampf ſchwangern Geiſtern, welche die ſchweren, rauchenden Maſchinen beleben und auf einer Eiſenbahn 80 hinfliegen machen, verglichen hätten. Roß und Reiter jagten in einigen Secunden durch Verſailles; die wenigen, auf den Straßen umherirrenden Einwohner hatten nur einen Streifen von Funken vorüberziehen ſehen. Balſamo ritt noch eine Meile mit derſelben Haſt fort; Dſcherid hatte nicht eine Viertelſtunde gebraucht, um dieſe zwei Meilen zurückzulegen, und dieſe Viertelſtunde war ein Jahrhundert geweſen. Plötzlich durchzuckte ein Gedanke ſeinen Geiſt. Er hielt auf ſeinen nervigen Häckſen den Renner mit den ſtählernen Muskeln kurz an. Dſcherid bog ſich, während er hielt, auf den Hinter⸗ beinen und drückte die Vorderfüße in den Sand ein. Roß und Reiter athmeten einen Augenblick. Während Balſamo athmete, erhob er den Kopf. Dann fuhr er mit dem Saaktuch über ſeine von Schweiß triefenden Schläfe und, die Naſenloͤcher erweitert im Hauche des Windes, ließ er in die Nacht foigende Worte fallen: „Oh! armer Wahnſinniger, der Du biſt, weder der Lauf Deines Pferdes, noch Dein glühendes Verlangen werden je die Geſchwindigkeit des Blitzes oder die Schnel⸗ ligkeit des elektriſchen Funkens erlangen und dennoch iſt es das, was Du brauchſt, um das über Deinem Haupte ſchwebende Unglück zu beſchwören; Du brauchſt die raſche Wirkung, den unmittelbaren Schlag, den allmächtigen Stoß, der die Bäume lähmt, deren Thätigkeit Du fürchteſt, der die Zunge bindet, vor deren Lauf Du bange haſt; Du brauchſt in der Entfernung den beſiegenden Schlaf, der Dir wieder den Beſitz der Sklavin verleiht, die ihre Feſſeln gebrochen hat. Oh! wenn ſie je wieder in meine Gewalt kommt...“ Und mit den Zähnen knirſchend machte Balſamo eine verzweifelte Geberde. „Oh! Du magſt immerhin wollen, Balſamo, Du 8 magſt immerhin rennen,“ rief er,„Lorenza iſt ſchon an Ort und Stelle; ſie iſt im Begriff zu ſprechen, ſie hat * 841 vermag nicht; ich, ich will!... Verſuchen wir es... Lorenza, Lorenza! ich will, daß Du ſchläfſt; Lorenza, an welchem Ort Du auch ſein magſt, ſchlafe, ſchlafe; ich will „Oh! nein, nein,“ murmelte er entmuthigt,„nein, ich lüge; nein, ich glaube nicht daran; nein, ich wage es nicht, darauf zu rechnen, und der Wille iſt doch Alles. Oh! ich will doch ſehr feſt, ich will mit aller Macht meines Weſens. Durchſchneide die Lüfte nach meinem höchſten Willen, durchziehe alle dieſe antipathiſchen oder gleichgültigen Willensſtrömungen; durchdringe die Mauern, die Du wie eine Kugel durchbohren mußt; verfolge ſie überall, wo ſie ſein mag; gehe, ſchlage, vernichte, Lo⸗ renza, ich will, daß Du ſchläfſt! Lorenza, ich will, daß Du ſtumm biſt.“ Und er ſtreckte einige Augenblicke ſeinen Gedanken nach dieſem Ziele aus, er drückte ihn in ſein Gehirn, als wollte er ihm mehr Schwung geben, wenn er gegen Paris ſpringen würde; und nach dieſer geheimnißvollen Operation, zu der ohne Zweifel alle göttlichen und von Gott, dem Herrn und Meiſter aller Dinge belebten Atome beitrugen, ließ Balſamo, die Zähne noch an einander geſchloſſen, die Fäuſte noch geballt, Oſcherid wieder die Zügel, doch enna ohne ihn das Knie oder den Sporn fühlen zu aſſen. 1 Es war, als wollte ſich Balſamo ſelbſt überzeugen. „Da marſchirte der edle Renner friedlich, nach der ſtillſchweigenden Erlaubniß, die ihm ſein Herr gab, und ſetzte mit der ſeiner Race eigenthümlichen Zartheit, einen Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 6 82² beinahe ſchweigenden Fuß, ſo leicht war er, auf das Pflaſter der Landſtraße auf. Während dieſer ganzen Zeit, welche oberflächlichen Blicken verloren vorgekommen wäre, entwarf Balſamo einen ganzen Vertheidigungsplan; er war damit in dem Augenblick zu Ende, wo Oſcherid das Pflaſter von Sévres berührte. Sobald er vor das Gitter des Parkes kam, hielt er an und ſchaute umher, als ob er Jemand erwartete. „Es trat in der That ein Menſch unter einem Thor weg hervor und ging auf ihn zu. „Biſt Du es, Fritz?“ fragte Balſamo. „Ja, Meiſter.“ „Duſ Du Dich erkundigt?“ „Zſ Madame Dubarry in Paris oder in Luciennes?“ „Sie iſt in Paris.“ 1 Balſamo ſchlug einen triumphirenden Blick zum Him⸗ mel auf. „Wie biſt Du hierhergekommen 24 „Mit Sultan.“ „Wo iſt er?“ „Im Hof dieſes Wirthshauſes.“ „Geſattelt?“ „Geſattelt.“ „Es iſt gut, halte Dich bereit.“ Fritz band Sultan los. Dies war eines von jenen braven deutſchen Pferden von gutem Charakter, welche wohl nie benig bei forcirten Märſchen murren, aber nichts deſto weniger gehen, ſo lang ſie noch Athem in ihren Flanken haben, und ihrem Herrn der Sporn am Abſatz blelbt. Fritz kam zu Balſamo zurück. Dieſer ſchrieb unter der Laterne, welche die Herren Beamten der Klauenſteuer die ganze Nacht hindurch für ihre fiscaliſchen Operationen angezündet hielten. „Reite nach Paris zurück,“ ſagte Balſamo zu Fritz 32 im⸗ enen ellche chts hren dſatz rren für Fritz, 8³ gübergib, wo ſie auch ſein mag, dieſes Billet Madame Dubarry in Perſon; Du haſt hiezu eine halbe Stunde, wonach Du in die Rue Saint⸗Claude zurückkehrſt, wo Du die Signora Lorenza zu erwarten haſt, welche unfehl⸗ bar nach Hauſe kommt; Du läßt ſie vorbei, ohne ihr etwas zu ſagen, und ohne ihr das geringſte Hinderniß entgegenzuſetzen: gehe, und erinnere Dich hauptſächlich, daß Dein Auftrag in einer halben Stunde beſorgt ſein muß.“ „Es iſt gut, er wird beſorgt ſein,“ ſagte Fritz. Und während er Balſamo dieſe beruhigende Antwort gab, griff er zugleich mit dem Sporn und der Peitſche Sultan an, der, erſtaunt über dieſen ungewohnten Angriff, ein ſchmerzliches Gewieher ausſtoßend, abging. Balſamo aber, welcher ſich allmälig wieder erholte, ſchlug den Weg nach Paris ein, wo er drei Viertelſtunden hernach mit beinahe friſchem Geſicht und ruhigem, oder vielmehr nachdenklichem Auge ankam. Dies war ſo, weil Balſamo Recht hatte: ſo raſch auch Dſcherid, dieſer wiehernde Sohn der Wüſte ſein mochte, ſo war doch Oſcherid im Vorzug, und ſein Wille allein konnte ſo raſch gehen, als die ihrem Gefängniß entſprun⸗ gene Lorenza. Von der Rue Saint⸗Claude war ſie nach dem Bou⸗ levard gegangen, wo ſie bald, indem ſie ſich rechts wandte, die Wälle der Baſtille erblickte; aber ſtets eingeſchloſſen, kannte Lorenza Paris nicht: überdies war ihr Haupt⸗ zweck, das verfluchte Haus zu fliehen, in welchem ſie nur einen Kerker erblickte, ihre Rache kam erſt in zweiter Linie. Sie gelangte ſo ganz unruhig, ganz bedrückt, in den Faubourg Saint⸗Antoine, als ein junger Mann auf ſie zutrat, der ihr ſeit einigen Minuten voll Erſtaunen ge⸗ folgt war. Lorenza, eine Italienerin aus der Gegend von Rom, welche beinahe immer ein ausnahmsweiſes Leben, außer⸗ halb aller Gewohnheiten der Mode, aller Trachten und aller Gebräuche der Zeit gelebt hatte, Lorenza kleidete ſich 84 mehr wie eine Frau aus dem Orient, als wie eine Euro⸗ päerin, nämlich ſtets weit, ſtets koſtbar, wodurch ſie ſehr wenig den reizenden, wie die Weſpen in einen langen Leib geſchnürten und ganz von Seide und Moeunſſeline rauſchenden Puppen glich, unter denen man vergebens einen Körper ſuchte, ſo groß war ihr Beſtreben, immateriell zu erſcheinen. Lorenza hatte alſo von der Tracht der damaligen Franzöſinnen nichts beibehalten oder vielmehr angenommen, als die Schuhe mit zwei Zoll hohen Abſätzen, dieſe un⸗ mögliche Chauſſure, welche dem Fuß eine Biegung verlieh, die Zartheit der Knöchel hervorhob und in dieſem nur ſehr wenig mythologiſchen Jahrhundert, die Flucht der von den Alpheen verfolgten Arethuſen unmöglich machte. Der Alpheus, der unſere Arethuſa verfolgte, holte ſie alſo leicht ein; er hatte dieſe göttlichen Beine unter ihren Röcken von Atlaß und Spitzen, er hatte dieſe Haare ohne Puder und dieſe von einem ſeltſamen Feuer glänzen⸗ den Augen unter einem um den Kopf und den Hals ge⸗ wickelten Mantelet geſehen; er glaubte in Lorenza eine für irgend eine Maskerade, oder für ein Liebesrendez⸗vous verkleidete Frau zu erblicken, die ſich, in⸗Ermangelung eines Fiacre zu Fuß in ein kleines Haus der Vorſtadt begebe. Er näherte ſich alſo, trat, den Hut in der Hand, an die Seite von Lorenza und ſagte: „Mein Gott! Madame, mit dieſer Fußbekleidung, welche Sie im Marſchiren hindert, werden Sie nicht weit gehen können; wollen Sie meinen Arm annehmen, bis wir einen Wagen finden, ſo werde ich die Ehre haben, Sie zu begleiten, wohin Sie gehen.“ 4 Lorenza blieb ſtehen, wandte ungeſtüm den Kopf um, ſchaute mit ihrem ſchwarzen tiefen Auge denjenigen an, welcher ihr ein Anerbieten machte, das viele Frauen für eine Unverſchämtheit gehalten hätten und ſagte: 3 „Ja, das will ich wohl.“ Der junge Mann reichte ihr artig den Arm. 2 8⁵ „Wohin gehen wir, Madame?“ fragte er. „In das Hotel des Polizeilieutenant.“ Der junge Mann bebte. „Zu Herrn von Sartines?“ fragte er. „Ich weiß nicht, ob er Herr von Sartines heißt, aber ich will mit demjenigen ſprechen, welcher Polizeilieu⸗ tenant iſt.“ Der junge Mann ſing an, nachzudenken. Dieſe junge und ſchöne Frau, welche in einer ſeltſamen Tracht um acht Uhr Abends, eine Caſſette unter dem Arm haltend, in den Straßen von Paris umherlief und nach dem Hotel des Polizeilieutenant fragte, dem ſie den Rücken zuwandte, kam ihm verdächtig vor. „Ah! Teufel!“ ſagte er,„das Hotel des Herrn Po⸗ lizeilieutenant iſt nicht hier.“ „Wo iſt es denn?“ „Im Faubourg Saint⸗Germain.“ „Und welchen Weg hat man nach dem Faubourg Saint⸗Germain zu nehmen?“ „Dorthin, Madame,“ antwortete der junge Mann ruhig und immer artig;„und wenn Sie wollen, ſo werden wir beim erſten Wagen, den wir treffen...“ „Ja, das iſt es, einen Wagen, Sie haben Recht.“ Der junge Mann führte Lorenza nach dem Boulevard zurä und rief einen Fiacre, ſobald er einen ſolchen er⸗ te. Der Kutſcher folgte dem Ruf. „Wohin ſoll ich Madame führen?“ fragte er. „In das Hotel von Herrn von Sartines?“ ſagte der junge Mann. Und mit einem Reſte von Höͤflichkeit, oder vielmehr Erſtaunen, öffnete er den Schlag, verbeugte er ſich vor Lorenza und ſchaute ihr, nachdem er ihr hatte einſteigen helfen, nach, als ſie ſich entfernte, wie man es im Traum bei einer Erſcheinung thut. Voll Ehrerbietung, als er den furchtbaren Namen 86 hörte, peitſchte der Kutſcher ſeine Pferde und fuhr in der angegebenen Richtung fort. Da kam Lorenza über die Place⸗Royale, da geſchah es, daß Andrée in ihrem magnetiſchen Schlaf ſie ſah und hörte, und Balſamo angab, was ſie ſah. In zwanzig Minuten war Lorenza vor der Thüre des Hotels. „Soll ich warten, meine ſchöne Dame?“ fragte der Kutſcher. „Ja,“ antwortete Lorenza maſchinenmäßig. Und mit leichten Schritten trat ſie unter das Portal des prachtvollen Gebäudes. CxXlv. Das Hotel von Herrn von Sartines. Sobald Lorenza in den Hof kam, ſah ſie ſich um⸗ geben von einer Welt von Gefreiten und Soldaten. Sie wandte ſich an den franzöſiſchen Garde, der am nächſten bei ihr ſtand und bat ihn, ſie zum Polizeilieute⸗ nant zu führen; dieſer Garde verwies ſie an den Schweizer, der, als er die ſo ſchöne fremdartige, ſo reich gekleidete Frau erblickte, welche eine prachtvolle Caſſette unter ihrem Arm hielt, ſogleich einſah, es dürfte dies kein müßiger Beſuch ſein, und Lorenza auf einer großen Treppe bis in ein Vorzimmer führte, wo jeder, der kam, nach einer ſcharf⸗ ſinnigen Befragung durch dieſen Schweizer zu jeder Stunde des Tags und der Nacht eine Aufklärung, eine Anzeige oder ein Verlangen bei Herrn von Sartines anbringen konnte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die zwei erſten Claſſen von Beſuchen günſtiger aufgenommen wurden als die letzte. ———+———,— —— der chah und des der ortal 87 Von einem Huiſſier befragt, antwortete Lorenza nur die Worte: „Sind Sie Herr von Sartines?“ Der Huiſſier war ſehr erſtaunt, daß man ſeinen ſchwarzen Rock und ſeine ſtählerne Kette mit dem geſtickten Frack und der Wolkenperücke des Polizeilieutenants ver⸗ wechſeln konnte; da aber ein Lieutenant ſich nie ärgert, wenn man ihn Hauptmann nennt, da er einen fremdartigen Aecent in den Worten dieſer Frau erkannte, da ihr feſtes und ſicheres Auge nichts von dem einer Wahnſinnigen hatte, ſo war er überzeugt, die Unbekannte bringe etwas Wichtiges in dem Kiſtchen, das ſie ſo ſorgfältig unter ihrem Arm ge⸗ drückt hielt. Doch da Herr von Sartines ein kluger und arg⸗ woͤhniſcher Mann war, da man ihm Fallen mit Reizen geſtellt hatte, welche nicht minder zu fürchten waren, als die der ſchönen Italienerin, ſo hielt man gut Wache um ihn. Lorenza hatte daher die Ausforſchung, die Verhöre und ängſtlichen Fragen eines halben Duzends von Schrei⸗ bern und Bedienten auszuhalten. Das Reſultat von allen dieſen Fragen und Antworten war, Herr von Sartines ſei noch nicht zurückgekehrt und Lorenza müſſe warten. Da verſchloß ſich die junge Frau in ein düſteres Stillſchweigen und ließ ihre Augen an den kahlen Wänden des geräumigen Vorzimmers umherirren. Endlich vernahm man den Klang eines Gloͤckchens: ein Wagen rollte in den Hof und ein zweiter Huiſſier verkündi gte Lorenza, Herr von Sartines erwarte ſie. Lorenza ſtand auf und durchſchritt zwei Säle voll von Menſchen mit verdaͤchtigen Geſichtern und in Trachten, welche noch viel ſeltſamer waren als die ihrige; dann wurde ſie in ein großes, achteckiges durch eine Anzahl von Kerzen erleuchtetes Cabinet eingeführt.„ Ein Mann von fünfzig bis fünf und fünfzig Jahren, in einem Schlafrock, eine ungeheure, von Puder und Friſur 88 ganz wollreiche Perücke auf dem Kopf, ſaß arbeitend vor einem Meuble von hoher Form, deſſen oberer Theil, einem Schranke ähnlich, durch zwei Füllungen mit Spiegelgläſern geſchloſſen war, in denen der Arbeiter, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, diejenigen, welche in ſein Cabinet kamen, ſah, und ihr Geſicht ſtudiren konnte, ehe ſie Zeit gehabt hatten, es nach dem ſeinigen zu componiren. Der untere Theil dieſes Meuble bildete einen Seere⸗ tärz eine Anzahl Schubladen von Roſenholz waren in der Mitte angebracht; jede von dieſen Schubladen enthielt Buchſtaben des Alphabets und Herr von Sartines ſchloß darin die Papiere und Geheimſchriften ein, die Niemand zu ſeinen Lebzeiten leſen konnte, denn das Meuble öffnete ſich nur für ihn allein, und die Niemand nach ſeinem Tode hätte entziffern können, würde er nicht in einer Schub⸗ lade, die noch geheimer war als die andern, den Schlüſſel der Geheimſchrift gefunden haben. Dieſer Schrank enthielt unter den Spiegeln ſeines obern Theiles zwolf gleichmäßig durch einen unſichtbaren Mechanismus geſchloſſene Schubladen: ausdrücklich vom Regenten erbaut zu Aufbewahrung von chemiſchen oder politiſchen Geheimniſſen, war dieſes Meuble vom Prinzen Dubois geſchenkt, und von Dubois, dem Polizeilieutenant, Herrn Dombreval, hinterlaſſen worden; von dem letzteren hatte Herr von Sartines das Meuble und das Geheimniß erhalten; Herr von Sartines bediente ſich deſſelben jedoch erſt nach dem Tode des Schenkers und zwar, nachdem er zuvor die ganze Einrichtung des Schloßes hatte verändern laſſen. Dieſes Meuble hatte einigen Ruf in der Welt, und ſchloß zu gut, wie man ſagte, als daß Herr von Sar⸗ tines nur ſeine Perücken hätte darin aufbewahren ſollen. Die Mißvergnügten, und es gab ſolche in jener Zeit in großer Anzahl, behaupteten, wenn man durch die Fül⸗ lungen dieſes Meuble hätte leſen köͤnnen, ſo würde man ſicherlich in einem von ſeinen Schubladen, die berüchtigten Verträge gefunden haben, kraft welcher Seine Majeſtät —, — 89 Konig Ludwig XV., durch die Vermittlung ſeines getreuen Agenten, des Herrn von Sartines, mit Getreide wucherte. Der Herr Polizeilieutenant ſah alſo in dem Spiegel das bleiche ernſte Geſicht von Lorenza, welche, ihr Kiſtchen unter dem Arm, auf ihn zuſchritt. Mitten im Cabinet blieb die junge Frau ſtehen. Dieſe Tracht, dieſes Geſicht, dieſer Gang, fielen ihm auf. „Wer ſind Sie?“ fragte er, ohne ſich umzuwenden, während er jedoch in den Spiegel ſchaute;„was wollen Sie von mir?“ „Bin ich vor Herrn von Sartines, dem Polizeilieu⸗ tenant?“ „Ja,“ antwortete dieſer mit kurzem Tone. „Wer gibt mir die Gewißheit?“ Herr von Sartines wandte ſich um. „Wird es für Sie ein Beweis ſein, daß ich der Manubin den Sie ſuchen, wenn ich Sie ins Gefängniß icke? 1 Lorenza antwortete nicht. Sie ſchaute nur mit jener unbeſchreiblichen Würde der Frauen ihres Landes umher, um den Stuhl zu ſuchen, den ihr Herr von Sartines nicht anbot. Er ſah ſich durch dieſen einzigen Blick beſiegt, denn er war ein gut erzogener Mann, der Herr Graf d'Alby von Sartines. „Setzen Sie ſich,“ ſagte er ungeſtüm. Lorenza ſetzte ſich in ein Fauteuil. „Sprechen Sie raſch,“ ſagte der Beamte,„laſſen Sie hören, was wollen Sie?“ „Mein Herr,“ erwiederte die junge Frau,„ich komme um mich unter Ihren Schutz zu ſtellen.“ Herr von Sartines ſchaute ſie mit dem ihm eigen⸗ thümlichen hinterhältiſchen Blick an. „Ah! ah!“ machte er. „Mein Herr,“ fuhr Lorenza fort,„ich bin meiner Familie entführt und durch eine lügneriſche Heirath einem 90 Mann unterjocht worden, der mich ſeit drei Jahren be⸗ drückt und vor Schmerz ſterben läßt.“. Herr von Sartines ſchaute das edle Geſicht an und fühlte ſich bewegt durch dieſe Stimme von einem Ausdruck, der ſo ſanft war, daß man ihn hätte für Muſik halten ſollen. „Aus welchem Lande ſind Sie?“ fragte er. „Ich bin eine Römerin.“ „Wie heißen Sie?“ „Lorenza.“ „Lorenza... und 2“ „Lorenza Jeluiani.“ „Ich kenne dieſe Familie nicht. Sind Sie Demoi⸗ elle?“ 3 Demoiſelle bedeutete in jener Zeit ein Mädchen von vornehmem Stand. In unſeren Tagen fühlt ſich eine Frau adelig genug, ſobald ſie ſich verheirathet, und ſie will nicht mehr anders genannt werden, als Madame. „Ich bin Demoiſelle,“ antwortete Lorenza. „Und hernach? was verlangen Sie?“ „Ich verlange Gerechtigkeit von dem Mane, der mich eingeſperrt, von aller Welt abgeſondert hat.“ „Das geht mich nichts an,“ erwiederte der Polizei⸗ lieutenant;„Sie find ſeine Frau?“ „Er ſagt es wenigſtens.“ „Wie, er ſagt es?“ „Ja, doch ich erinnere mich deſſen nicht, da die Hei⸗ rath während meines Schlafes vollzogen worden iſt.“ „Peſt! Sie haben einen harten Schlaf.“ „Wie beliebt?“ „Ich ſage, das gehe mich nichts an; wenden Sie ſich an einen Anwalt, und führen Sie Prozeß; ich miſche mich nicht gern in eheliche Angelegenheiten.“ Wonach Herr von Sartines eine Geberde machte, welche bedeutete: gehen Sie. Lorenza rührte ſich nicht. „Nun?“ fragte Herr von Sartines ganz erſtaunt. „Ich bin noch nicht zu Ende,“ ſagte ſie,„und wenn SO—— enn 9¹ ich hierherkomme, ſo müſſen Sie begreifen, daß ich dies nicht thue, um mich über einen unbedeutenden Gegenſtand zu beklagen; ich thue es, um mich zu rächen. Ich habe Ihnen mein Vaterland genannt; die Frauen meines Lan⸗ des rächen ſich und klagen nicht.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte Herr von Sartines, „doch beeilen Sie ſich, ſchöne Dame, meine Zeit iſt mir koſtbar.“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich komme, um Sie um Ihren Schutz zu bitten; werde ich ihn haben?“ „Schutz, gegen wen,“ „Gegen den Mann, an dem ich mich rächen will.“ „Er iſt alſo mächtig?“ „Mächtiger als ein Koͤnig.“ „Erklären wir uns, meine liebe Dame... Warum ſollte ich Ihnen meinen Schutz gegen einen Mann bewil⸗ ligen, der Ihrer Anſicht nach mächtiger iſt, als der König, und zwar für eine Handlung, welche vielleicht ein Verbrechen iſt. Haben Sie ſich an dieſem Mann zu rächen, ſo rächen Sie ſich an ihm... Das iſt mir gleich⸗ gültig, nur laſſe ich Sie, wenn Sie ein Verbrechen be⸗ gehen, verhaften, wonach wir weiter ſehen werden... Das iſt der Handel.“ 3 „Nein, mein Herr,“ entgegnete Lorenza,„nein, Sie werden mich nicht verhaften laſſen, denn meine Rache iſt von großem Nutzen für Sie, für den Koͤnig, für Frank⸗ reich. Ich räche mich dadurch, daß ich die Geheimniſſe dieſes Mannes enthülle.“ „Ah! ah! dieſer Mann hat Geheimniſſe,“ ſagte Herr von Sartines, unwillkührlich intereſſirt. „Große Geheimniſſe, mein Herr.“ „Welcher Art?“ „Politiſche.“ „Sprechen Sie.“ „Sagen Sie zuvor, werden Sie mich beſchützen?“ „Welchen Schutz verlangen Sie von mir?“ fragte 92 der Beamte mit einem kalten Lächeln:„Geld oder Ge⸗ wogenheit?“ „Mein Herr, ich verlange in ein Kloſter einzutreten, und in dieſem unbekannt, verborgen zu leben. Ich ver⸗ lange, daß dieſes Kloſter mein Grab werde; daß aber mein Grab von Niemand in der Welt verletzt werden könne.“ „Ah!“ rief der Beamte,„das iſt keine ſehr große Forderung. Sie ſollen das Kloſter haben, ſprechen Sie.“ „Sie geben mir alſo Ihr Wort, mein Herr?“ „Mir ſcheint, ich habe es Ihnen ſchon gegeben.“ „Dann nehmen Sie dieſes Kiſtchen,“ ſprach Lorenza, nes enthält Geheimniſſe, die Sie für die Sicherheit des Königs und des Reiches zittern machen werden.“ „Sie kennen dieſe Geheimniſſe?“ „Oberflächlich; doch ich weiß, daß ſie beſtehen.“ „Und daß ſie wichtig ſind?“ „Daß Sie furchtbar ſind.“ „Politiſche Geheimniſſe, ſagen Sie?“ „Haben Sie nie gehört, es beſtehe eine geheime Ge⸗ ſellſchaft?“ „Ah! die Maurer?“ „Die der Unſichtbaren.“ „Ja, aber ich glaube nicht daran.“ „Wenn Sie dieſes Kiſtchen geöffnet haben, werden Sie daran glauben.“ „Ah! wir wollen ſehen,“ rief Herr von Sartines lebhaft. Und er nahm das Kiſtchen aus den Händen von Lorenza. „Ich habe den Schlüſſel nicht.“ „Wie, Sie haben den Schlüſſel nicht? Sie bringen mir ein Kiſtchen, das die Ruhe eines Königreichs ent⸗ hält, und vergeſſen den Schlüſſel!“ ſe 93 „Iſt es denn ſchwer, ein Schloß zu öffnen?“ „Nein, wenn man es kennt.“ Dann nach einem Augenblick fuhr er fort: „Wir haben Schlüſſel für alle Schlöſſer; man wird Ihnen einen Bund geben, und Sie werden ſelbſt öffnen,“ fügte er bei, indem er ſie feſt anſchaute. „Geben Sie,“ ſagte Lorenza ganz einfach. Herr von Sartines reichte der jungen Frau einen Bund kleiner Schlüſſel von allen möglichen Formen. Sie nahm ihn. Herr von Sartines berührte ihre Hand, ſie war kalt wie eine Marmorhand. „Aber warum haben Sie den Schlüſſel vom Kiſtchen nicht mitgebracht?“ ſagte er. „Weil der Herr des Kiſtchens ſich nie von ihm trennt.“ „Und der Herr dieſes Kiſtchens, der Mann, der mächtiger iſt, als ein Koͤnig, wer iſt es?“ „Was er iſt, vermag Niemand zu ſagen; die Zeit, die er gelebt hat, weiß nur die Ewigkeit; die Thaten, die er vollbringt, ſieht nur Gott allein.“ „Aber ſein Name, ſein Rame?“ „Ich habe ihn ſeinen Namen zehnmal verändern eehen.“ „Doch wie heißt der, unter welchem Sie ihn kennen?“ „Acharat.“ „Und er wohnt?“ „In der Rue Saint...“ Plötzlich bebte, ſchauerte Lorenza und ließ das Kiſt⸗ chen, das ſie in einer Hand, und die Schlüſſel, die ſie in der andern hielt, fallen; ſie ſtrengte ſich an, um zu ant⸗ worten, ihr Mund verdrehte ſich in einer ſchmerzhaften Convulſion; ſie fuhr mit ihren beiden Händen an ihren Hals, als ob die Worte, welche eben aus ihrer Kehle hervorzugehen im Begriff waren, ſie erſticken wollten; dann hob ſie ihre zitternden Arme zum Himmel empor und ſiel, ohne daß ſie einen Laut zu artikuliren vermochte, in ihrer ganzen Höhe auf den Boden des Cabinets. 94 „Arme Kleine,“ murmelte Herr von Sartines,„was Teufels widerfährt ihr denn? Sie iſt wahrhaftig ſehr hübſch.“ „Ah! unter dieſer Rache ſteckt wohl eiferſüchtige Liebe.“ Er läutete ſogleich, und hob ſelbſt die junge Frau auf, welche mit ihren ſtarren Augen und ihren unbeweg⸗ lichen Lippen todt und ſchon von dieſem Leben geſchieden zu ſein ſchien. Zwei Bedienten traten ein. „Nehmt dieſe junge Frau und tragt ſie in das nächſte Zimmer,“ ſagte er.„Seid bemüht, daß ſie wieder zum Be⸗ wußtſein kommt, wendet aber du rchaus keine Gewalt an. Geht.“ Gehorſam trugen die Bedienten Lorenza weg. CXXV. Das Kiſtchen. Als Herr von Sartines allein war, nahm er das Kiſtchen und drehte es hin und her wie ein Menſch, der den Werth einer Entdeckung zu ſchätzen weiß. 3 Dann ſtreckte er die Hand aus und hob den Schlüſſel⸗ bund auf, welcher den Händen von Lorenza entfallen war. Er probirte alle Schlüſſel, keiner paßte. Er zog drei oder vier andere ähnliche Bunde aus einer Schublade.* Dieſe Bunde enthielten Schlüſſel von allen Größen: wohl verſtanden Schlüſſel von Schränken und Kiſtchen; man kann wohl ſager, daß Herr von Sartines vom ganz gewöhnlichen, bis zum mikroſkopiſchen Schlüſſel, ein Muſter von allen bekannten Schlüſſeln, beſaß. Er probirte zwanzig, fünfzig, hundert, keiner ließ ſich nur umdrehen. Der Beamte errieth, daß das Schloß A —— 09, nur ein Anſchein von einem Schloß, und ſeine Schlüſſel nur Trugbilder von Schlüſſe aren. Dann nahm er aus derſelben Schubla einen kleinen Meißel, einen kleinen Hammer und ſprengte mit ſeiner weißen, unter einer großen Mechler⸗Spitze ſteckenden Hand, das Schloß, den getreuen Hüter des Kiſtchens. Sogleich erſchien vor ſeinen Blicken ein Bündel Papiere, ſtatt der niederſchmetternden Maſchine, die er da⸗ rin zu finden befürchtete, oder ſtatt der Gifte, deren Aroma ſich tödtlich ausſtrömen, und Frankreich ſeines wichtigſten Beamten berauben ſollte. Das erſte, was dem Poltzeilieutenant in die Augen ſprang, waren folgende, von einer ſichtbar verſtellten Hand geſchriebenen Worte: 1„Meiſter, es iſt Zeit, den Namen Balſamo aufzu⸗ geben.“ Es war keine Unterſchrift dabei, ſondern es fanden ſich nur die drei Buchſtaben: L. P. D. „Ah! ah!“ ſagte Herr von Sartines, die Locken ſeiner Perücke umdrehend,„wenn ich die Handſchrift nicht kenne, ſo kenne ich doch wie ich glaube, den Namen Balſamo, ſuchen wir beim B.“— Er öffnete nun eine von ſelnen vier und zwanzig Schubladen und zog ein kleines Regiſter daraus hervor, in welchem in alphabetiſcher Ordnung mit einer feinen Schrift voll Abkürzungen drei bis vierhundert Namen eingeſchrieben ſtanden, denen ſehr auffallende Federſtriche vorangeſetzt oder angehängt waren. „Oh! oh!“ murmelte er,„das über Balſamo iſt lang.“* Und er las das ganze Blatt mit unzweidetuigen Zei⸗ chen der Unzufriedenheit. Dann legte er das kleine Regiſter wieder in ſeine Schublade, um die Unterſuchung des Kiſtchens fortzuſetzen. Er kam nicht weit, ohne von einem tiefen Eindruck ergriffen zu werden. Bald fand er eine Note voll von Namen und geheimen Ziffern. W 96 Die Note kam ihm wichtig vor; ſie war an den Rändern ſer ggenutzt und ganz mit Zeichen überladen, die man mit dem Bleiſtift gemacht hatte. Herr von Sartines läutete: „Der Gehülfe der Kanzlei, ſogleich,“ ſagte er. „Laſſen Sie ihn von den Bureaur durch meine Wohnung gehen, um Zeit zu erſparen.“ Der Bediente entfernte ſich wieder. Zehn Minuten nachher erſchien ein Schreiber, die Feder in der Hand, den Hut unter dem Arm, ein dickes Regiſter unter dem andern, Aermel von ſchwarzer Sarſche über den Aermeln ſeines Rockes, auf der Schwelle des Cabinets. Herr von Sartines erblickte ihn in ſeinem Spiegel⸗ ſchrank, reichte ihm das Papier über ſeine Schulter und ſagte: „Entziffern Sie mir das.“ —„Sehr wohl, gnädigſter Herr,“ antwortete der Schreiber. Dieſer Räthſellöſer war ein kleiner, hagerer Mann mit dünnen Lippen, durch das Forſchen und Suchen zu⸗ ſammengezogenen Augenbraunen, mit bleichen, oben und unten ſpitzigem Kopf, ſcharfem Kinn, zurücklaufender Stirne, vorſpringenden Backenknochen und eingefallenen trüben Augen, die ſich nur zuweilen belebten. Herr von Sartines nannte ihn la Fouine. „Setzen Sie ſich,“ ſagte der Beamte, als er ſah, daß er mit ſeinem Wörterbuch, mit ſeinem Zifferncoder, ſeiner Note und ſeiner Feder, in Verlegenheit war. La Fouine ſetzte ſich beſcheiden auf ein Tabouret, drückte ſeine Füße an einander, und ſing an auf ſeinem Schooß zu ſchreiben, wobei er in ſeinem Wörterbuch und in ſeinem Gedächtniß mit einer unempfindlichen Phyſiog⸗ nomie blätterte und ſuchte. ¹ Nach fünf Minuten hatte er geſchrieben. 97 § „Befehl, drei tauſend Brüder in Paris zu verſam⸗ § „Befehl, drei Kreiſe und ſechs Logen zu bilden. § „Befehl, eine Leibwache für den Großkophta zu bil⸗ den und ihm vier Wohnſitze auszuwirken, wovon einer in einem königlichen Hauſe. meln § „Befehl, fünfmalhundert tauſend Franken für eine Polizei zu ſeiner Verfügung zu ſtellen. § „Befehl, in den erſten der Pariſer Kreiſe die ganze Blüthe der Literatur und der Philoſophie einzureihen. § „Befehl, die Magiſtratur zu gewinnen, oder in Sold zu nehmen und ſich beſonders des Polizeilieutenants, nn Beſtechung, durch Gewalt, oder durch Liſt zu ver⸗ eern.“ La Fouine hielt einen Augenblick inne, nicht als ob der arme Menſch nachgedacht hätte, davor hütete er ſich wohl, denn das wäre ein Verbrechen geweſen, ſondern, weil ſeine Seite voll, und die Tinte noch friſch war, weshalb er, ehe er fort fuhr ein wenig warten mußte. Voll Ungeduld riß Herr von Sartines das Blatt aus ſeinen Händen und las. Bei dem letzten Paragraphen trat ein ſolcher Aus⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 7 98 druck von Schrecken in ſeinen Zügen hervor, daß er er⸗ e bleichte, ſich im Spiegel ſeines Schrankes erble ichen zu u ſehen. t Er gab das Blatt dem Schreiber nicht zurück, ſon⸗ dern reichte ihm ein ganz weißes. u Der Commis fing wieder an zu ſchreiben und zu entziffern, was er übrigens mit einer für die Ziffermacher u furchtbaren Leichtigkeit ausführte. ii Diesmal las Herr von Sartines über ſeine Schulter, Er las wie folgt: hj § 9 „In Paris den Namen Balſamo, der zu ſehr be⸗ fr kannt zu werden anfängt, ablegen, und dafür den eines S Grafen von Fö... annehmen.“ te Der Reſt des Namens war unter einem Tintenklecks 8 begraben. 1 In dem Augenblick wo Herr von Sartines die feh⸗ nc lenden Sylben ſuchte, welche das Wort bilden ſollten, w. erſcholl außen die Klingel und ein Bedienter trat ein und E meldete: „Der Herr Graf von Fönir.“ B Herr von Sartines ſtieß einen Schrei aus, faltete auf die Gefahr, das hormoniſche Gebäude ſeiner Perücke ſch zu zerſtören, die Hände über dem Kopf und entließ eiligſt ſeinen Schreiber durch eine Geheimthüre. lei Dann nahm er ſeinen Platz vor ſeinem Schreibtiſch wieder ein und hieß den Bedienten den Gemeldeten ein⸗ S führen. des Einige Secunden nachher erblickte Herr von Sartines in ſeinem Spiegel das ſtrenge Profil des Grafen, den er liz ſchon einmal flüchtig bei Hofe am Tage der Vorſtellung von Madame Dubarry geſehen hatte. Balſamo trat ohne irgend ein Zögern ein. Herr von Sartines ſtand auf, machte dem Graf Au 8 99 er⸗ eine kalte Verbeugung, kreuzte ein Bein über das andere n zu und lehnte ſich auf eine ceremoniöſe Weiſe an ſeinem Fau⸗ teuil an. ſon⸗ Mit dem erſten Blick hatte der Beamte die Urſache und den Zweck dieſes Beſuches durchſchaut. d zu Mit dem erſten Blick hatte auch Balſamo die offene icher und zur Hälfte auf den Schreibtiſch vor Herrn von Sar⸗ tines ausgeleerte Caſſette wahrgenommen. lter, Sein Blick, ſo flüchtig er auch über dem Kiſtchen hinſtreifte, entging doch dem Polizeilieutenant nicht. „Welchem Zufall verdanke ich die Ehre Ihrer Ge⸗ genwart, Herr Graf?“ fragte Sartines. 1 „Mein Herr,“ antwortete Balſamo mit einem äußerſt be⸗ freundlichen Lächeln,„ich habe die Ehre gehabt allen ines Souverains von Europa, allen Miniſtern, allen Geſand⸗ ten vorgeſtellt zu werden, doch ich habe Niemand gefun⸗ den, der mich bei Ihnen vorgeſtellt hätte, und ſtelle mich lecks daher ſelbſt vor.“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ ſagte der Polizeilieute⸗ feh⸗ nant,„Sie erſcheinen äußerſt erwünſcht, denn ich glaube, lten, wenn Sie nicht ſelbſt gekommen wären, würde ich die und Chre gehabt haben, Sie hierher rufen zu laſſen.“ „Ah! ſehen Sie, wie ſich das gut trifft,“ ſagte Balſamo. ltete Herr von Sartines verbeugte ſich mit einem ſpötti⸗ ücke ſchen Lächeln. ligſt„Mein Herr,“ fuhr Balſamo fort,„wäre ich viel⸗ leicht ſo glücklich, Ihnen nützzlich ſein zu koͤnnen?“ iſch Dieſe Worte wurden ausgeſprochen, ohne daß ein ein⸗ Schatten einer Unruhe oder Gemüthsbewegung ſein lächeln⸗ des des Geſicht verdüſterte. „Sie ſind viel gereiſt, Herr Graf?“ fragte der Po⸗ er lIieeilieutenant. ung„Sehr viel, mein Herr.“ „Ah!“ „Sie wünſchen vielleicht irgend eine geographiſche fen Auskunft? Ein Mann von Ihrem Geiſte beſchäftigt ſich 1⁰⁰ nc allein mit Frankreich, er umfaßt ganz Europa, die elt... „Geographiſch iſt nicht das Wort, Herr Graf, mo⸗ raliſch wäre richtiger.“ „Ich bitte, thun Sie ſich weder wegen des einen, noch wegen des andern Zwang an, mein Herp; ich bin ganz zu Ihren Dienſten.“ „Nun wohl! Herr Graf, denken Sie ſich, ich ſuche einen ſehr gefährlichen Menſchen, meiner Treue, einen Menſchei der zugleich Atheiſt...“ „Oh! „Verſchwörer.“ O 1 44 „Fälſcher.” Oh 1441 „Der Chebrecher, Falſchmünzer, Empyriker, Char⸗ latan, Chef einer Secte iſt, einen Menſchen, deſſen Ge⸗ ſchichte ich in meinen Regiſtern und in der Caſſette, die Sie hier ſehen, überall habe.“ t „Ohl ja, ich begreife, Sie haben die Geſchichte, aber Sie haben den Mann nicht...“ „Nein.“ „Teufel! das wäre wichtiger, wie mir ſcheint.“ „Allerdings; doch Sie werden ſehen, daß wir ihn demnächſt bekommen. Proteus hat nicht mehr Geſtalten, als dieſer Mann; Jupiter hat nicht mehr Namen als die⸗ ſer geheimnißvolle Reiſende. Acharat in Egypten, Bal⸗ ſamo in Italien, Somini in Sardinien, Marquis Anna in Malta, Marquis Pellegrini in Corſica; endlich Graf 5 von... „Graf von?“ fragte Balſamo. „Dieſen letzten Namen, mein Herr, konnte ich nicht leſen, aber ich bin überzeugt, Sie werden mir helfen, denn es iſt nicht moͤglich, daß Sie dieſen Mann nicht auf Ihren Reiſen, in einem von den Ländern, die ich Ihnen ſo eben anführte, kennen gelernt haben.“ 5 2 3 101 „Wollen Sie mich ein wenig belehren,“ ſagte Bal⸗ ſamo vollkommen ruhig. „Ah! ich verſtehe, Sie wünſchen eine Art von Sig⸗ nalement, nicht wahr, Herr Graf?“ „Ja, mein Herr, wenn es Ihnen gefällig wäre.“ „Wohl!“ ſprach Herr von Sartines, ein forſchendes Auge auf Balſamo heftend,„es iſt ein Mann von Ihrem Alter, von Ihrem Wuchs, von Ihrer Haltung, bald vor⸗ nehmer Herr, Gold ausſtreuend, bald Charlatan, die natürlichen Geheimniſſe ſuchend, bald dunkles Mitglied einer myſteriöſen Brüderſchaft, welche in der Finſterniß den Königen den Tod und den Thronen den Einſturz ſchwort.“ „Oh! das iſt ſehr unbeſtimmt,“ ſagte Balſamo. „Wie, ſehr unbeſtimmt?“— „Wenn Sie wüßten, wie viele Menſchen ich gefun⸗ den habe, die dieſem Portrait gleichen!“ „Wahrhaftig?“ 4 „Ganz gewiß; Sie würden wohl daran thun, etwas ſchärfer zu bezeichnen, wenn ich Ihnen helfen ſoll. Wiſſen Sie vor Allem, welches Land er vorzugsweiſe bewohnt?“ „Er bewohnt alle.“ „Aber, zum Beiſpiel, in dieſem Augenblick?“ „In dieſem Augenblick iſt er in Frankreich.“ „Und was macht er in Frankreich?“ „Er leitet eine ungeheure Verſchwörung.“ „Ah! das iſt eine Auskunft, ſo iſt es gut! und wenn Sie wiſſen, welche Verſchwörung er leitet, ſo haben Sie einen Faden, an deſſen Ende Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach Ihren Mann finden werden.“ „Ich glaube das wie Sie.“ „Nun, wenn Sie das glauben, warum verlangen Sie einen Rath von mir? das iſt unnöoͤthig.“ „Ah! ich frage Sie noch weiter um Rath.“ „Worüber?“. „Werde ich ihn verhaften laſſen, ja oder nein?“ „Ja oder nein?“ 102 „Ja oder nein.“ „Ich begreife das nein nicht, Herr Polizeilieutenant, venn wenn er conſpirirt... „Ja; aber wenn er durch einen Namen, durch einen Titel ein wenig geſchützt iſt...“ „Ah! ich verſtehe. Aber durch welchen Namen, durch welchen Titel? Sie müßten mir das ſagen, damit ich Sie in Ihren Nachforſchungen unterſtützen könnte, mein Herr.— „Ei! Herr Graf, ich habe Ihnen ſchon geſagt, ich weiß den Namen, unter dem er ſich verbirgt, aber...“ „Aber Sie wiſſen denjenigen nicht, unter welchem er ſich zeigt, nicht wahr?“ „Ganz richtig, ſonſt...“ „Sonſt würden Sie ihn verhaften laſſen?“ „Auf der Stelle.“ 3 3 „Wohl, mein lieber Herr von Sartines, es trifft ſich glücklich, bi Sie mir vorhin ſagten, daß ich gerade in dieſem Augenblick komme, denn ich kann Ihnen den Dienſt leiſten, den Sie von mir verlangen.“ „Sie?“ „Ja.“ „Sie werden mir ſeinen Namen ſagen?“ „Ja. „Den, Namen unter dem er ſich zeigt?“ „Ja. „Sie kennen ihn alſo.“ „Genau.“ „Und wie heißt dieſer Name?“ fragte Herr von Sartines in Erwartung einer Lüge. „Graf von Foͤnix.“ „Wie! der Name, unter dem Sie ſich haben melden laſſen?“ laſſen.“ „Ihr Name?“ „Mein Name.“ „Ja, der Name, unter dem ich mich habe melden — den on en en 103 „Dieſer Acharat, dieſer Somini, dieſer Marquis von Anna, dieſer Marquis von Pellegrini ſind Sie alſo?“ „Ja,“ antwortete Balſamo ganz einfach,„ich ſelbſt.“ Herr von Sartines brauchte eine Minute, um ſich von der Blendung zu erholen, die ihm dieſe freche Offen⸗ herzigkeit verurſachte. „Sie ſehen, ich hatte es errathen, ſagte er.„Ich kannte Sie, ich wußte, daß Balſamo und der Graf von Fönix nur eine Perſon ſind.“ „Ah! ich geſtehe, Sie ſind ein großer Miniſter,“ ſprach Balſamo. „Und Sie ein großer Unvorſichtiger,“ erwiederte Herr von Sartines, indem er ſich nach ſeinem Glöckchen wandte. „Unverſichtiger, warum?“ „Weil ich Sie verhaften laſſe.“ „Gehen Sie doch, verſetzte Balſamo, zwiſchen das Gloͤckchen und den Poltzeilieutenant tretend.„Verhaftet man mich?“ „Bei Gotz! ich frage Sie, was wollen Sie machen, um mich daran zu verhindern?“ „Sie, fragen mich das?“ „Ic. „Mein lieber Polizeilieutenant, ich zerſchmettere Ihnen die Hirnſchale.“ Und Balſamo zog aus ſeiner Taſche eine reizende, in Vermeil gefaßte Piſtole, die man für eine Arbeit von Benvenuto Cellini hätte halten koͤnnen, ſo kunſtreich war ſie eiſelirt; dieſe Piſtole richtete er ruhig nach dem Geſicht von Herrn von Sartines, der erbleichend in einen Lehn⸗ ſtuhl ſank.. 1 „Gut,“ ſagte Balſamo, indem er einen andern Stuhl zu dem des Poltzeilieutenants zog und ſich ſetzte,„gut, nun, da wir ſitzen, können wir ein wenig plaudern.“ CXXVI. Plauderei. Herr von Sartines brauchte einen Augenblick, um nach einer ſolchen Beſtürzung wieder Faſſung zu gewinnen. Er hatte, als hätte er hineinſchauen wollen, den drohen⸗ den Schlund der Piſtole geſehen; er hatte ſogar auf ſeiner Stirne die Kälte ihres eiſernen Ringes gefühlt. Endlich erholte er ſich. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich habe einer Vortheil vor Ihnen; da ich wußte, mit wem ich ſprach, ſo nahm ich die Vorſichtsmaßregeln nicht, die man gegen gewöhn⸗ liche Miſſethäter nimmt.“ „Oh! mein Herr,“ erwiederte Balſamo,„nun erzür⸗ nen Sie nicht, und die ſchweren Worte überſtrömen; Sie bemerken alſo nicht, wie ungerecht Sie ſind: ich komme, um Ihnen einen Dienſt zu leiſten.“ Herr von Sartines machte eine Bewegung. „Einen Dienſt, ja, mein Herr,“ fuhr Balſamo fort, „und Sie täuſchen ſich ganz und gar in meinen Abſich⸗ ten; Sie ſprechen mir von Verſchwörern gerade in dem Augenblick, wo ich komme, um Ihnen eine Verſchwoͤrung anzuzeigen.“ Aber Balſamo mochte ſagen, was er wollte, Herr von Sartines ſchenkte den Worten dieſes gefährlichen Be⸗ ſuches keine große Aufmerkſamkeit; ſo daß er bei dem Worte Verſchwörung, das ihn in gewöhnlichen Zeiten urploͤtzlich aufgeweckt haͤtte, kaum die Ohren ſpizte. „Sie begreifen, mein Herr, da Sie ſo gut wiſſen, wer ich bin, Sie begreifen, ſage ich, meinen Auftrag in Frankreich. Von Seiner Majeſtät dem großen Friedrich abgeſandt, nämlich mehr oder minder geheimer Botſchafter Seiner preußiſchen Majeſtät, bin ich neugierig— denn 105 wer Botſchafter ſagt, ſagt neugierig— mir, dem Neugie⸗ rigen aber ſind die Dinge, welche vorfallen, nicht unbe⸗ kannt, und eines von dieſen Dingen, die ich am beſten kenne, iſt der Kornwucher.“ So einfach Balſamo dieſe Worte geſprochen hatte, ſo wirkten ſie doch gewaltiger auf den Polizeilieutenant, als alle andern, denn ſie machten Herrn von Sartines aufmerkſam. Er hob langſam den Kopf in die Höhe. „Was meinen Sie mit der Kornangelegenheit?“ fragte er, eben ſo viel Sicherheit heuchelnd, als Balſamo am Anfang dieſer Unterredung entwickelt hatte;„wollen Sie mich nun ebenfalls belehren, mein Herr?“ „Sehr gern. Hören Sie alſo.“ „Ich höre.“ „Oh! Sie brauchen es mir nicht zu ſagen. Sehr geſchickte Speculanten haben Seine Majeſtäͤt den König voon Frankreich überredet, er müßte Speicher zu Aufbe⸗ wahrung des Getreides ſeiner Voͤlker für den Fall einer Hungersnoth bauen laſſen. Man baute alſo Speicher; während man in der Arbeit begriffen war, ſagte man ſich, es wäre beſſer, ſie groß zu machen; man ſparte nichts daran, weder die Steine, noch den Mörtel und machte ſie ſehr groß.“ „Hernach?“ „Hernach mußte man ſie füllen, leere Speicher waren unnütz; man füllte ſie alſo.“ 4 „Nun, mein Herr?“ fragte Herr von Sartines, der noch nicht klar einſah, worauf Balſamo abzielte. „Sie errathen, daß man, um ſehr große Speicher zu füllen, ein ſehr großes Quantum Getreide einlegen mußte. Iſt das nicht wahrſcheinlich?“ „Gewiß.“ „Ich fahre fort; viel Korn der Circulation entzogen, iſt ein Mittel, das Volk auszuhungern; denn bemerken Sie wohl, jeder der Circulation entzogene Werth kommt einem Mangel der Production gleich. Tauſend Säcke 106 Korn auf dem Speicher ſind tauſend Säcke weniger auf dem Platz. Multipliciren Sie dieſe tauſend Säcke nur mit zehn, ſo ſteigt das Getreide ſogleich im Preis.“ Herr von Sartines wurde von einem Reiz zum Huſten befallen. Balſamo hielt inne und wartete ruhig, bis der Huſten vorüber war. Sobald ihm aber der Polizeilteutenant Muße ließ, fuhr er fort: „Der Speculant auf dem Speicher bereichert ſich alſo durch den Zuwachs des Werthes; iſt das klar?“ „Vollkommen klar; doch, wie ich ſehe, hätten Sie die Abſicht, mir eine Verſchwörung oder ein Verbrechen anzuzeigen, deſſen Urheber Seine Majeſtät wäre?“ „Ganz richtig... Sie begreifen...“ „Das iſt keck, mein Herr, und ich bin wahrlich neugierig, zu erfahren, wie der König Ihre Anklage auf⸗ nehmen wird; ich befürchte, das Reſultat wird nicht ganz das ſein, welches ich im Auge hatte, als ich vor Ihrer Ankunft in den Papieren dieſer Caſſette blätterte; nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, das dürfte immerhin für Sie auf die Baſtille hinauslaufen. „Ah! das verſtehen Sie abermals nicht.“ „Wie ſo?“. „Mein Gott! wie ſchlecht beurtheilen Sie mich, und wie Unrecht thun Sie mir, daß Sie mich für einen Dummkopf halten. Wie, Sie bilden ſich ein, ich, ein Botſchafter, ein Neugieriger, wolle den König angreifen ... was Sie da ſagen, wäre das Werk eines Einfalts⸗ pinſels. Ich bitte, hören Sie mich alſo bis zum Ende.“ 4 Herr von Sartines machte eine Bewegung mit dem opf. „Diejenigen, welche dieſe Verſchwörung gegen das franzoͤſiſche Volk entdeckt haben...(verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen von Ihrer koſtbaren Zeit nehme, mein Herr, doch Sie werden ſogleich ſehen, daß dies keine verlorene Zeit iſt), Diejenigen, welche dieſe Verſchwörung gegen das franzöſiſche Volk entdeckt haben, ſind Oekonomen, ſehr 107 fleißige, ſehr gewiſſenhafte Leute, welche ihre Loupe for⸗ ſchend auf dieſen ſchmutzigen Handel richteten und dabei bemerkten, der König ſpiele nicht allein. Sie wiſſen wohl, daß Seine Majeſtät ein genaues Regiſter von den Korn⸗ preiſen auf den verſchiedenen Märkten hält; Sie wiſſen wohl, daß ſich Seine Majeſtät die Hände reibt, wenn ihm das Steigen acht bis zehn tauſend Thaler eingebracht hat; Sie wiſſen aber auch, daß an der Seite Seiner Majeſtät ein Menſch iſt, deſſen Stellung den Handel erleichtert, ein Menſch, der ganz natürlich in Folge ge⸗ wiſſer Dienſtverrichtungen,— Sie begreifen, es iſt ein Beamter,— die Einkäufe, die Ankunft des Getreides, die Einkaſſierungen überwacht, ein Menſch endlich, der als Mittelsperſon für den König dient; die Oekonomen aber, die Leute mit der Loupe, wie ich ſie nenne, halten ſich, in Betracht, daß es keine Dummköpfe find, nicht an den König, ſondern an den erwähnten Menſchen, mein lieber Herr, an den Beamten, an den Agenten, der für Seine Majeſtät wuchert.“ Herr von Sartines ſuchte ſeiner Perücke wieder das Gleichgewicht zu geben, doch das war vergebens. „Ich komme nun zur Sache,“ fuhr Balſamo fort. „Eben ſo, wie Sie, der Sie eine Polizei haben, wußten, daß ich der Herr Graf von Fönir bin, weiß ich, daß Sie Herr von Sartines find.“ „Nun, und was hernach?“ erwiederte der Polizei⸗ lieutenant verlegen;„ja, ich bin Herr von Sartines, das iſt leicht zu wiſſen.“ „Wohl! aber begreifen Sie doch, dieſer Herr von Sartines iſt gerade der Mann mit den Einkaufbüchern, mit den Wuchergeſchäften, mit den Einkaſſierungen, der⸗ jenige, welcher, weiß es nun der König nicht, oder hat er Kenntniß davon, mit den Magen von ſieben und zwanzig Millionen Franzoſen, die ihm ſeine Functionen unter den beſtmöglichen Bedingungen zu ernähren vorſchreiben, Handel treibt. Stellen Sie ſich nun ein wenig die Wirkung einer ſolchen Entdeckung vor! Sie find wenig beliebt beim Volk; 108 der König iſt kein Mann von ſehr zarter Natur; ſobald das Geſchrei der Ausgehungerten Ihren Kopf fordert, wird Seine Majeſtät, um jeden Verdacht einer Connivenz mit Ihnen, wenn eine ſolche ſtattfindet, zu entfernen, oder um Gerechtigkeit zu ühen, wenn keine Genoſſenſchaft obwaltet, wird Seine Majeſtät, ſage ich, ſich beeilen, Sie an einen Galgen hängen zu laſſen, dem von Enguerrand von Ma⸗ rigny ähnlich, Sie erinnern ſich?“ „Nicht genau,“ erwiederte Herr von Sartines ſehr bleich,„und Sie beweiſen, wie mir ſcheint, einen ſchlechten Geſchmack, mein Herr, daß Sie vom Galgen mit einem Mann von meiner Stellung ſprechen.“ „Oh! wenn ich davon ſpreche, mein lieber Herr,“ ſagte Balſamo,„ſo geſchieht es, weil es mir vorkommt, als ob ich ihn noch ſähe, dieſen armen Enguerrand. Ich ſchwöre Ihnen, es war ein vollkommener Edelmann aus der Normandie, von einem ſehr alten und ſehr adeligen Hauſe. Er war Kammerherr von Frankreich, Kapitän des Louvre, Intendant der Finanzen und der Gebäude; er war Graf von Longueville, was eine bedeutendere Graf⸗ ſchaft iſt, als Ihre Grafſchaft Alby. Nun, mein Herr, ich habe ihn an dem Galgen von Montfancon hängen ſehen, den er hatte erbauen laſſen, und das war, Gott ſei Dank! nicht mein Fehler, denn oft wiederholte ich ihm: „„Enguerrand, mein lieber Enguerrand, nehmt Euch in Acht, Ihr ſchneidet ſo breit in die Finanzen ein, daß Euch Karl von Valois nicht verzeihen wird.““ Er hörte nicht auf mich, und ſtarb elendiglich. Ach! wenn Sie wüßten, wie viele Polizeipräfecten ich geſehen habe, von Pontius Pilatus, der Jeſus Chriſtus verurtheilte, bis auf Herrn Bertin von Bellile, Grafen von Bourdeilhes, Herrn von Brantome, Ihren Vorgänger, der die Laternen eingeführt und die Sträuße verboten hat.“ Herr von Sartines ſtand auf; vergebens ſuchte er die Aufregung zu verbergen, der er preisgegeben war. „Nun, ſo klagen Sie mich an, wenn Sie wollen,“ 109 ſagte er;„was liegt mir an der Ausſage eines Menſchen, wie Sie ſind, der an nichts hängt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr,“ entgegnete Balſamo,„diejenigen, welche das Ausſehen haben, als hingen ſie an nichts, hängen gerade oft an Allem, und wenn ich mit allen ihren Einzelnheiten die Geſchichte dieſes Kornwuchers meinen Correſpondenten oder Friedrich ſchreibe, der, wie Sie wiſſen, ein Philoſoph iſt; wenn Friedrich eiligſt die Sache mit Bemerkungen von ſeiner Hand Herrn Arouet von Voltaire ſchreibt; wenn dieſer mit ſeiner Feder, die Sie hoffentlich wenigſtens dem Rufe nach kennen, ein drolliges Mährchen in der Art des Mannes mit den vier⸗ zig Thalern gemacht hat; wenn Herr d'Alembert, dieſer vortreffliche Arithmetiker, berechnet hat, daß man mit dem durch Sie dem öffentlichen Unterhalt entzogenen Getreide hundert Millionen Menſchen drei bis vier Jahre lang hätte nähren können; wenn Helvetius herausgeſtellt hat, daß der Preis dieſes Getreides, in Sechs⸗Livres⸗Thaler verwandelt und in Stößen aufgehäuft, bis zum Mond reichen, oder in Kaſſenbillets neben einander gelegt, ſich bis St. Peters⸗ burg ausdehnen könnte; wenn dieſe Berechnung Herrn de la Harpe ein ſchlechtes Drama, Diderot ein Geſpräch von einem Familienvater und Jean Jacques Rouſſeau von Genf, der nicht ſchlecht beißt, wenn er anfängt, eine furchtbare Auslegung dieſes Geſprächs mit Commentaren, Herrn Caron von Beaumarchais— Gott behüte Sie, daß Sie dieſem auf die Füße treten,— eine Denkſchrift, Herrn Grimm einen kleinen Brief, Herrn von Holbach einen langen Ausfall, Herrn von Marmontel, der Sie tödten wird, indem er Sie ſchlecht vertheidigt, ein liebens⸗ würdiges moraliſches Mährchen eingegeben hat; wenn man hievon im Caſé de la Régence, im Palais Royale, bei Audinot, bei den großen Tänzern des Königs ſpricht, welche, wie Sie wiſſen, von Herrn Nicolet unterhalten werden; ah! Herr Graf von Alby, dann werden Sie ein noch ganz anders kranker Polizeilieutenant ſein, als es der arme Enguerrand von Marigny, an ſeinem Galgen hän⸗ 110 gend, war, denn er nannte ſich unſchuldig, und dies mit einer ſo innigen Ueberzeugung ſeines Gewiſſens, daß ich ihm bei meinem Ehrenwort glaubte, als er es mir ſagte.“ Ohne den Anſtand länger zu berückſichtigen, nahm Herr von Sartines bei dieſen Worten ſeine Perücke vom Kopf, und wiſchte ſich ſeinen, ganz von Schweiß über⸗ ſtrömten Schädel ab. „Wohl, es mag ſein,“ ſagte er.„Doch dies Alles wird mich von nichts abhalten. Richten Sie mich zu Grunde, wenn Sie können. Sie haben Ihre Beweiſe, ich habe die meinigen. Behalten Sie Ihr Geheimniß, ich behalte die Caſſette.“ „Ei! mein Herr,“ erwiederte Balſamo,„das iſt abermals ein tiefer Irrthum, in den ich zu meinem großen Erſtaunen einen Mann von Ihrer Stärke verfallen ſehe; dieſe Caſſette...“ „Nun, dieſe Caſſette?“ „Werden Sie nicht behalten.“ „Oh!“ rief Herr von Sartines mit einem ſpöttiſchen Gelächter,„es iſt wahr, ich vergaß, daß der Herr Graf von Fönix ein Stegreifritter iſt, der die Leute mit gewaff⸗ neter Hand ausplündert. Ich ſah Ihre Piſtole nicht mehr, weil Sie ſie wieder in die Taſche geſteckt hatten. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, Herr Botſchafter.“ „Ei, mein Gott! es handelt ſich hier nicht um Pi⸗ ſtolen, Herr von Sartines; Sie glauben ſicherlich nicht, ich wolle Ihnen mit Gewalt dieſes Kiſtchen entreißen, daß ich, ſobald ich auf der Treppe wäre, Ihre Klingel ertönen und Sie ſelbſt: Diebe! ſchreien hören würde. Nein! wenn ich ſage, Sie werden das Kiſtchen nicht be⸗ halten, ſo meine ich damit, Sie werden es mir ganz frei⸗ willig ſelbſt zurückgeben.“ „Ich!“ rief der Poltzeilieutenant, indem er ſeine Fauſt mit ſolcher Gewalt auf den ſtreitigen Gegenſtand drückte, daß 4 ihn beinahe zerbrochen hätte. „Ja, Sie. „Spotten Sie immerhin, mein Herr; doch was das R&ᷣZCo SOE—+HNS 75 111 Kiſtchen betrifft, ſo ſage ich Ihnen, daß Sie es nur mit meinem Leben bekommen ſollen. Und habe ich dieſes Leben nicht tauſendmal gewagt? Bin ich es nicht bis zum letzten Blutstropfen dem Dienſte Seiner Majeſtät ſchuldig? Tödten Sie mich, das ſteht in Ihrer Macht; doch der Lärmen würde Rächer herbeiziehen und ich hätte noch genug Stimme, um Sie aller Ihrer Verbrechen zu über⸗ weiſen. Ah! ich ſoll Ihnen dieſes Kiſtchen zurückgeben,“ fügte er mit einem bitteren Gelächter bei,„und wenn es die Hölle forderte, gäbe ich es nicht zurück.“ „Ich werde mich auch nicht der Vermittlung hölli⸗ ſcher Mächte bedienen; die Vermittlung der Perſon, welche in dieſem Augenblick an Ihr Hofthor klopfen läßt, wird mir genügen.“ Es erſchollen in der That drei Schläge. „Die Vermittlung der Perſon, deren Wagen, wie Sie hören, in dieſem Augenblick in Ihren Hof fährt,“ fuhr Balſamo fort. „Es iſt, wie es ſcheint, ein Freund von Ihnen, der mir die Ehre ſeines Beſuches gönnt?“ „Wie Sie ſagen, ein Freund von mir.“ 3 Der Polizeilieutenant hatte eine Geberde erhabener Verachtung noch nicht vollendet, als ein Diener voll Eifer die Thüre öffnend meldete, die Frau Gräfin Dubarry bitte Monſeigneur um eine Audienz. Herr von Sartines bebte und ſchaute verblüfft Bal⸗ ſamo an, der ſeine ganze Selbſtbeherrſchung zu Hülfe rief, um dem ehrenwerthen Staatsbeamten nicht in's Geſicht zu lachen. In dieſem Augenblick trat hinter dem Diener eine Frau, welche keiner Erlaubniß zu bedürfen glaubte, ganz raſch und duftend ein; es war die ſchöne Gräfin, deren wogende Röcke mit einem ſanften Rauſchen an der Thüre des Cabinets anſtreiften. „Sie, gnädige Frau, Sie!“ murmelte Herr von Sartines, der mit einem Reſte von Schrecken das noch 112 offene Käſtchen in ſeine Hände genommen hatte und an ſeine Bruſt gedrückt hielt. „Guten Morgen, Sartines,“ ſagte die Gräfin mit ihrem heiteren Lächeln; dann ſich an Balſamo wendend, fügte ſie bei:„Guten Morgen, lieber Graf.“ Und ſie reichte dem letztern ihre Hand; Balſamo neigte ſich vertraulich auf dieſe weiße Hand, und drückte⸗ ſeine Lippen dahin, wo ſo oft die königlichen Lippen ge⸗ ruht hatten. Bei dieſer Bewegung fand Balſamo Zeit, der Gräfin drei bis vier Worte zuzuflüſtern, welche Herr von Sar⸗ tines nicht hören konnte. „Ah! gut, da iſt mein Kiſtchen!“ rief die Gräfin. „Ihr Kiſtchen!“ ſtammelte Herr von Sartines. „Allerdings mein Kiſtchen. Sieh da, Sie haben es geöffnet, Sie thun ſich wenig Zwang an.“ „Aber Frau Gräfin...“ „Oh! das iſt reizend... ich dachte es mir doch. Man ſtahl mir mein Kiſtchen, da ſagte ich zu mir ſelbſt: ich muß zu Herrn von Sartines gehen, er wird es mir wieder finden. Sie warteten meine Forderung nicht ab, und haben es vorher ſchon gefunden; ich danke.“ „Und der Herr hat es, wie Sie ſehen, ſogar geöffnet,“ ſagte Balſamo. „Ja, wahrhaftig!... hat man dergleichen je erlebt? Das iſt abſcheulich, Sartines.“ „Gnädige Frau, unbeſchadet der vollen Achtung, die ich für Sie habe, muß ich befürchten, daß Sie ſich impo⸗ niren laſſen,“ ſprach der Polizeilieutenant. „Imponiren laſſen, mein Herr,“ fragte Balſamo, „ſagen Sie dieſes Wort zufällig in Beziehung auf mich?“ „Ich weiß, was ſch weiß,“ erwiedetre Herr von Sartines. „Und ich weiß nichts,“ ſagte Madame Dubarry ganz leiſe zu Balſamo;„laſſen Sie hören, was gibt es, lieber Graf? Sie haben ſich auf mein Verſprechen, Ihnen die erſte Bitte zu bewilligen, die Sie an mich richten würden, 113 berufen. Ich halte mein Wort wie ein Mann, und hier bin ich.“ „Frau Gräfin,“ antwortete Balſamo laut,„Sie haben mir vor wenigen Tagen dieſe Caſſette und Alles, was ſie enthält, anvertraut.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Madame Dubarry, mit ihrem Blick den Blick des Grafen erwiedernd. „Ganz gewiß!“ rief Herr von Sartines,„Sie ſagen ganz gewiß, gnädige Frau?“ „Ja wohl, und die Frau Gräfin hat dieſe Worte laut genug ausgeſprochen, daß Sie dieſelben hören konnten.“ leiie Caſſette, welche viellelcht zehn Verſchwörungen enthält!“ Bi a Herr von Sartines, Sie wiſſen wohl, daß Sie mit dieſem Wort kein Glück haben, wiederholen Sie es alſo nicht. Die Frau Gräfin verlangt ihr Kiſtchen von Ihnen, geben Sie es ihr einfach zurück.“ „Sie verlangen es zurück, gnädige Frau?“ ſagte Herr von Sartines, vor Zorn zitternd. „Ja, lieber Polizeilieutenant.“ „Aber erfahren Sie wenigſtens...“ Balſamo ſchaute die Gräfin an.. .„Ich habe nichts zu erfahren, was ich nicht ſchon wüßte,“ entgegnete Madame Dubarry;„geben Sie mir das Kiſtchen zurück; ich habe mich nicht umſonſt hieher bemüht, verſtehen Sie?“ „Im Namen des lebendigen Gottes, im Namen der Intereſſen Seiner Majeſtät, Madame!“ Balſamo machte eine Geberde der Ungeduld. „Dieſes Kiſtchen, mein Herr!“ ſagte die Gräfin mit kurzem Tone,„dieſes Kiſtchen, ja oder nein! Bedenken Sie es wohl, ehe Sie nein ſagen.“ „Wie es Ihnen beliebt, gnädige Frau,“ antwortete Herr von Sartines demuthsvoll. Und er reichte der Gräfin das Kiſtchen, in das Bal⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. Vl. 8 114 ſamo ſchon wieder alle die auf dem Schreibtiſch zerſtreuten Papiere hineingeſchoben hatte. Madame Dubarry wandte ſich mit einem reizenden Lächeln gegen den letzteren und ſagte zu ihm: „Graf, wollen Sie mir dieſes Kiſtchen bis zu meinem Wagen tragen, und mir Ihre Hand geben, daß ich nicht allein durch alle dieſe mit ſo gemenen Geſichtern meu⸗ blirten Vorzimmer gehen muß. Ich danke, Sartines.“ Und Balſamo wandte ſich ſchon mit ſeiner Beſchützerin nach der Thüre, als er Herrn von Sartines ſich nach der Klingel wenden ſah. „Frau Gräfin,“ ſprach Balſamo, ſeinen Feind mit dem Blick zurückhaltend,„haben Sie die Güte, Herrn von Sartines, der mir ungeheuer darüber böſe iſt, daß ich Ihr Kiſtchen von ihm zurückverlangt habe, haben Sie die Güte, ihm zu ſagen, wie ſehr Sie in Verzweiflung wären, wenn mir ein Unglück durch das Benehmen des Herrn Polizeilieutenants widerführe, und wie Sie ihm ſehr ſchlechten Dank dafür wüßten.“ Die Gräfin lächelte Balſamo zu und ſprach: „Sie hoͤren, was der Herr Graf ſagt, Herr von Sartines, es iſt die reine Wahrheit; der Herr Graf iſt⸗ ein vortrefflicher Freund von mir, und ich würde Sie tödtlich haſſen, wenn Sie ihm in irgend einer Hinſicht mißfällig wären. Adien, Sartines!“ Und ihre Hand in der von Balſamo, welcher das Kiſtchen trug, verließ Madame Dubarry das Cabinet des Polizeilieutenants. 3 Herr von Sartines ließ ſie Beide weggehen, ohne die Wuth zu offenbaren, welche Balſamo bei ihm ausbrechen zu ſehen erwartete. „Gehe!“ murmelte der beſiegte Staatsbeamte,„gehe, Du haſt das Kiſtchen, aber ich habe die Frau!“ Und um ſich zu entſchädigen, läutete er, daß alle Glocken hätten zerſpringen müſſen. CXXVII. Worin Herr von Sartines zu glauben an⸗ fängt, Balſamo ſei ein Zauberer. Bei dem haſtigen Klingeln der Glocke von Herrn von Sartines lief ein Huiſſier herbei. „Nun!“ fragte der Polizeilieutenant,„dieſe Frau?“ „Welche Frau, Monſeigneur?“ „Die Frau, welche hier ohnmächtig geworden iſt, und die ich Euch anvertraut habe.“ „Monſeigneur, ſie befindet ſich ſehr wohl,“ erwiederte der Huiſſier. „Gut; bringt ſie mir.“ „Wo ſoll ich ſie ſuchen, Monſeigneur?“ „Wie? in dieſem Zimmer.“ „Sie iſt nicht mehr da, Monſeigneur.“ „Sie iſt nicht mehr da! wo iſt ſie denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Iſt ſie weggegangen?“ „Ia. „Ganz allein?“ „Ja.“ „Aber ſie konnte ſich nicht aufrecht halten.“ „Monſeigneur, es iſt wahr, ſie blieb einige Au⸗ genblicke ohnmächtig; doch fünf Minuten nachdem Herr von Fönix in das Cabinet von Monſeigneur eingeführt war, erwachte ſie aus dieſer ſeltſamen Ohnmacht, gegen die weder Eſſenzen, noch Riechſalze irgend etwas ver⸗ mochten. Da öffnete ſie die Augen, ſtand mitten unter uns auf und athmete mit einer zufriedenen Miene.“ „Hernach?“ „Hernach wandte ſie ſich gegen die Thüre, und da 116 VWonſeizneur nicht ſie zurückzuhalten befohlen hatte, ſo ging ſie weg.“ „ Sie iſt weggegangen!“ rief Herr von Sartines, „Ah! Ihr Unglückliche, die Ihr alle ſeid, ich laſſe Euch insgeſammt in Bicétre verfaulen! Geſchwinde, geſchwinde, man ſchicke mir meinen erſten Agenten.“ Der Huiſſier ging raſch hinaus, um dieſem Befehl zu gehorchen. „Der Elende iſt ein Zauberer,“ murmelte der un⸗ glückliche Staatsbeamte.„Ich bin Polizeilieutenant des Königs, er iſt Polizeilieutenant des Teufels.“ Der Leſer hat ohne Zweifel ſchon begriffen, was ſich Herr von Sartines nicht erklären konnte. Sogleich nach der Scene mit der Piſtole und während der Polizeilieute⸗ nant ſich wieder zu erholen ſuchte, hatte ſich Balſamo, dieſen Augenblick der Unterbrechung benützend, orientirt und, indem er ſich nach und nach gegen die vier Him⸗ melsgegenden, ſicher, in einer derſelben Lorenza zu treffen, gewendet, der jungen Frau aufzuſtehen, hinauszugehen und auf demſelben Weg, den ſie ſchon gewählt hatte, nämlich durch die Rue Saint⸗Claude, zurückzukehren befohlen. Sobald dieſer Wille ſich im Geiſte von Balſamo feſtgeſtellt hatte, entſtand eine magnetiſche Strömung zwi⸗ ſchen ihm und der jungen Frau, welche dem Befehl ge⸗ horchend, den ſie durch anſchauende Erkenntniß erhielt, aufſtand und ſich entfernte, ohne daß Jemand ſich ihrem Abgang zu widerſetzen wagte. Herr von Sartines legte ſich noch an demſelben Abend zu Bette und ließ ſich zur Ader: der Aufruhr war zu ſtark geweſen, als daß er ihn ungeſtraft ertragen konnte, und hätte die Sache noch eine Viertelſtunde länger ge⸗ dauert, ſo wäre er, wie der Arzt verſicherte, einem Schlag⸗ fluſſe unterlegen. Während dieſer Zeit hatte Balſamo die Gräfin an ihren Wagen zurückgeführt und es verſucht, ſich von ihr zu verabſchieden; doch ſie war nicht die Frau, die ihn ſo hätte weggehen laſſen, ohne wo möglich Aufklärung von 3 117 ihm über das ſeltſame Ereigniß, das vor ihren Augen vorgefallen war, zu erlangen. Sie bat alſo den Grafen, zu ihr einzuſteigen; der Graf gehorchte und ein Reitknecht führte Dſcherid an der Hand nach. „Sie ſehen, Graf, ob ich redlich bin,“ ſprach ſie, „und ob ich, wenn ich Jemand Freund nannte, das Wort mit dem Mund oder mit dem Herzen geſagt habe. Ich wollte nach Luciennes zurückkehren, wo mich der König, wie er mir ſagte, morgen früh beſuchen ſollte; doch da kam Ihr Brief, und ich ließ Ihnen zu Liebe Alles im Stich. Viele wären über die Worte Verſchwörungen und Verſchwörer, die uns Herr von Sartines in's Geſicht warf, erſchrocken; doch ich ſchaute Sie an, ehe ich han⸗ delte, und entſprach Ihren Wünſchen.“ „Madame,“ erwiederte Balſamo,„Sie haben mich reichlich für den kleinen Dienſt bezahlt, den ich Ihnen zu leiſten im Stande war; doch bei mir geht nichts verloren; ich weiß dankbar zu ſein, und das ſollen Sie erfahren. Glauben Sie indeſſen nicht, daß ich ein Strafbarer, ein Verſchwörer bin, wie Herr von Sartines ſagt. Dieſer theure Staatsbeamte hat aus den Händen von irgend Jemand, der mich verräth, dieſes Kiſtchen bekommen, das voll von meinen chemiſchen und hermetiſchen Geheimniſſen iſt, von Geheimniſſen, Frau Gräfin, die ich Ihnen mit⸗ theilen will, damit ſie dieſe unſterbliche, dieſe glänzende Schönheit, dieſe blendende Jugend behalten... Als nun der theure Herr von Sartines die Ziffern meiner Formeln ſah, rief er die Kanzlei zu Hülfe, welche, um ſich nicht auf einem Mangel an Kenntniſſen ertappen zu laſſen, meine Ziffern auf ihre Weiſe auslegte. Ich glaube Ihnen ſchon einmal geſagt zu haben, Madame: das Handwerk iſt noch nicht frei von allen Gefahren, die es im Mittel⸗ alter umgeben haben; nur aufgeklärte und junge Geiſter, wie der Ihrige, ſind ihm günſtig. Kurz, Frau Gräfin, Sie haben mich aus einer Verlegenheit gerettet; ich be⸗ 118 zeuge Ihnen dies und werde Ihnen meine Dankbarkeit beweiſen.“ „Aber was hätte er Ihnen denn gethan, wenn ich Ihnen nicht zu Hülfe gekommen wäre?“ „Er hätte mich, um dem König Friedrich, den Seine Majeſtät haßt, einen Streich zu ſpielen, in Vincennes oder in der Baſtille eingeſperrt. Ich weiß wohl, ich wäre wieder herausgekommen durch das Verfahren, das ich anwende, um den Stein unter dem Hauch zu ſchmelzen; doch ich hätte dabei mein Kiſtchen verloren, das, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, viele ſeltſame und unbezahlbare Formeln enthält, welche durch einen glück⸗ lichen Zufall von der Wiſſenſchaft der ewigen Finſterniß entriſſen worden ſind.“ „Ah! Graf, Sie beruhigen mich und entzücken mich zugleich, Sie verſprechen mir alſo einen Verjüngungstrank?“ „Jd. „Und wann werden Sie ihn mir geben?“ „Oh! wir haben keine Eile. Sie werden ihn in zwanzig Jahren von mir verlangen, ſchöne Gräfin. Ich denke, Sie haben jetzt keine Luſt, wieder ein Kind zu werden.“ „Sie find in der That ein bezaubernder Mann; doch noch eine letzte Frage, und ich laſſe Sie, denn ſie ſcheinen mir große Eile zu haben.“ „Sprechen Sie, Gräfin.“ „Sie ſagten mir, es habe Sie Jemand verrathen: iſt es ein Mann oder eine Frau?“ 1 „Eine Frau.“ „Ah! ah! Liebe!“ „Ach! ja, verdoppelt durch eine Eiferſucht, welche bis zur Wuth geht und die ſchönen Wirkungen hervor⸗ bringt, die Sie geſehen haben. Es iſt eine Frau, welche mich, da ſie es nicht wagte, mir einen Dolchſtoß zu geben, weil ſie weiß, daß man mich nicht tödten kann, in einem Gefängniß begraben oder zu Grunde richten wollte.“ „Wie, zu Grunde richten?“ 119 „Sie glaubte es wenigſtens.“ 4 „Graf, ich laſſe halten,“ ſagte die Gräfin lachend. „Iſt es denn das Queckſilber, das in Ihren Adern läuft, was Ihnen die Unſterblichkeit verleiht, welche macht, daß man Sie anzeigt, ſtatt Sie zu tödten 2.. Wollen Sie hier züeeigen, oder ſoll ich Sie nach Hauſe führen, wählen ie? „Nein, Madame, es wäre zu viel Güte von Ihnen, wenn Sie mir zu Liebe von Ihrem Wege abgingen. Ich habe hier mein Pferd Oſcherid.“ „Ah! das wunderbare Thier, das dem Wind an Schnelligkeit zuvorkommen ſoll.“ „Ich ſehe, daß es Ihnen gefällt, Frau Gräfin.“ „Es iſt in der That ein herrlicher Renner.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen denſelben unter der Be⸗ dingung anzubieten, daß Sie ihn allein reiten.“ „Oh! nein, ich danke; ich reite nicht, oder reite wenigſtens nur ſehr furchtſam. Ihre Abſicht hat für mich einen eben ſo großen Werth, als das Geſchenk ſelbſt.. Leben Sie wohl, lieber Graf, vergeſſen Sie in zehn Jahren nicht meinen Verjüngungstrank.“ „Ich habe zwanzig Jahre geſagt.“ „Graf, Sie kennen dab Sprüchwort: beſſer ich habe, als ich hätte. Sie können mir ihn ſogar in fünf Jahren geben... man weiß nicht, was geſchieht.“ „Wann es Ihnen beliebt, Gräfin, Sie wiſſen, daß ich ganz der Ihrige bin.“ „Ein letztes Wort, Graf.“ „Ich höre, Madame.“ „Ich muß ein großes Zutrauen zu Ihnen haben, daß ich es an Sie richte.“ Balſamo, der ſchon ausgeſtiegen war, überwand ſelne Ungeduld und näherte ſich wieder der Gräfin. „Man ſagt überall,“ fuhr Madame Dubarry fort, „der Koͤnig habe eine Neigung für die kleine Taverney?“ „Ah! Frau Gräfin, das iſt möglich!“ „Eine ſehr lebhafte Neigung, wie man behauptet, 120 Graf, Sie müſſen mir das ſagen, wenn es wahr iſt. Schonen Sie mich nicht, Graf, behandeln Sie mich als Freundin, ich beſchwöre Sie; Graf, ſagen Sie mir die Wahrheit.“. „Madame, ich werde mehr thun,“ erwiederte Bal⸗ ſamo,„ich ſtehe Ihnen dafür, daß Fräulein Andrée nie die Geliebte des Königs wird.“ „Und warum dies?“ rief Madame Dubarry. „Weil ich es nicht will,“ antwortete Balſamo. „Oh!“ machte Madame Dubarry ungläubig. „Sie zweifeln daran?“. „Iſt das nicht erlaubt?“ „Zweifeln Sie nie an der Wiſſenſchaft, Madame. Sie haben mir geglaubt, als ich Ja ſagte, glauben Sie mir auch, wenn ich Nein ſage.“ „Sie haben alſo Mittel...“ Lächelnd hielt ſie inne. „Vollenden Sie.“ „Mittel, welche im Stande ſind, den Willen des Koͤnigs zu nichte zu machen oder ſeine Laune zu be⸗ kämpfen?“ Balſamo lächelte. „Ich ſchaffe Sympathien;“ ſagte er. „Ja, ich weiß das.“ „Sie glauben auch daran.“ „Ich glaube daran.“ „Wohl, ich werde ſogar Widerwillen und im Fall der Noth Unmöglichkeiten ſchaffen. Seien Sie alſo un⸗ beſorgt, Gräfin, ich wache.“ Balſamo breitete alle dieſe Fetzen von Phraſen mit einer Zerſtreutheit aus, welche Madame Dubarry nicht, wie ſie es that, für Divination gehalten haben würde, hätte ſie den ganzen ſieberhaften Durſt gekannt, mit dem Balſamo ſo ſchnell als möglich Lorenza wieder zu finden trachtete. „Ah! Graf,“ ſprach ſie,„Sie ſind offenbar nicht nur mein Glücksprophet, ſondern auch mein Schutzengel. — 2 42— 5OS SornͤS l⸗ ie 121. Graf, merken Sie wohl auf: ich werde Sie vertheidigen, vertheidigen Sie mich. Laſſen Sie uns ein Bündniß ſchließen.“ „Es ſei,“ ſagte Balſamo. Und er küßte der Gräfin abermals die Hand. Dann ſchloß er den Schlag des Wagens, den die Gräfin in den Champs⸗CElyſées hatte halten laſſen, beſtieg ſein Pferd, das vor Freude wieherte, und verſchwand bald im Schatten der Nacht. „Nach Luciennes!“ rief Madame Dubarry getröſtet. Balſamo ließ diesmal ein ſchwaches Pfeifen hören, preßte leicht die Kniee an, und Oſcherid ſprengte im Ga⸗ lopp fort. Fünf Minuten nachher war er im Vorhauſe in der Rue Saint⸗Claude und ſchaute Fritz an. „Nun?“ fragte er voll Angſt. „Ja, Herr,“ antwortete der Diener, der in ſeinem Blick zu leſen gewohnt war. „Iſt ſie zurückgekehrt?“ „Sie iſt oben.“ 4 „In welchem Zimmer?“ „In dem Zimmer mit den Pelzen.“ „In welchem Zuſtand?“ „dOhl ſehr müde; ſie lief ſo raſch, daß ich, der ich ſie kommen ſah, weil ich auf ſie lauerte, nicht einmal Zeit hatte, ihr entgegen zu gehen.“ „In der That!“ „Ohl ich war ganz erſchrocken darüber; ſie kam hierher wie ein Sturmwind, ſtieg die Treppe hinauf, ohne Athem zu ſchopfen, und ſiel plötzlich, als ſie ins Zim⸗ mer eintrat, auf die große, ſchwarze Löwenhaut. Dort werden Sie ſie finden.“ Balſamo ging haſtig hinauf und fand in der That Lorenza, welche ſich kraftlos gegen die erſten Convulfionen einer Nervenkriſe ſträubte. Schon zu lange laſtete das Fluidum auf ihr, und es nöthigte ſie zu gewaltſamen Acten. Sie litt, ſie ſeufzte; es war, als ob ein Berg auf ihrer 122 Bruſt läge, und als ob ſie ihn mit beiden Händen wegzu⸗ ſchieben verſuchte. Balſamo ſchaute ſie einen Augenblick mit einem vor Zorn funkelnden Auge an, nahm ſie in ſeine Arme und trug ſie in ihr Zimmer, deſſen geheimnißvolle Thüre ſich hinter ihm ſchloß. 3 CXXVIII. Das Lebenselixir. Man weiß, in welcher Stimmung Balſamo in das Zimmer von Lorenza zurückgekehrt war. Er ſchickte ſich an, ſie aufzuwecken, um ihr die Vorwürfe zu machen, die ſein dumpfer Zorn ausbrütete, und er war entſchloſſen, ſie nach dem Rathe dieſes Zornes zu beſtrafen, als eine dreifache Erſchütterung des Plafond ihm verkündigte, Althotas habe ſeine Rückkehr wahrgenommen und wolle ihn ſprechen. Er wartete indeſſen noch, denn er hoffte, er habe ſich entweder getäuſcht, oder das Signal ſei nur ein zufälli⸗ ges geweſen, als der ungeduldige Greis ſeine Aufforde⸗ rung Schlag auf Schlag wiederholte, ſo daß Balſamo, befürchtete er nun, Althotas könnte, wie dies ſchon einige Male geſchehen war, herabkommen, oder Lorenza dürfte, durch einen dem ſeinigen entgegengeſetzten Einfluß aufge⸗ weckt, von einem neuen Umſtand Kenntniß bekommen, welcher für ihn nicht minder gefährlich wäre, als ſeine politiſchen Geheimniſſe, ſo daß Balſamo, ſagen wir, nach⸗ dem er, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, Lorenza mit einer abermaligen Ladung von Fluidum belaſtet hatte, wegging, um ſich zu Althotas zu begeben. Es war Zeit, daß er kam, die Fallthüre war ſchon auf halbem Weg vom Plafond, Althotas hatte ſeinen rol⸗ 8 —--———— 22 22 α — 123 lenden Stuhl verlaſſen und zeigte ſich, auf den bewegli⸗ chen Theil des Bodens gekauert, der ſich erhob und hin⸗ abſank. Er ſah Balſamo aus dem Zimmer von Lorenza kom⸗ men. In dieſer Stellung war der Greis zugleich furchtbar und häßlich anzuſchauen. Sein weißes Geſicht, das noch lebendig zu ſein ſchien, hatte an einigen Stellen purpurne Flecken vom Feuer des Zorns; ſeine mageren, knochigen, ſkelettartigen Hände zit⸗ terten und klapperten; ſeine tiefliegenden Augen ſchienen in ihren Höhlen umherzuſchweifen, und er ſtieß in einer, ſelbſt ſeinem Zögling, unbekannten Sprache die heftigſten Schmähungen gegen dieſen aus. Als er von ſeinem Lehnſtuhl aufgeſtanden war, um die Feder ſpielen zu laſſen, ſchien er nur mit Hülfe ſeiner zwei langen, magern, ſpinnenartigen Arme zu leben und ſich zu bewegen; er ging, wie geſagt, aus ſeinem für Alle, mit Ausnahme von Balſamo, unzugänglichen Zim⸗ mer und war im Begriff, ſich in das untere Zimmer zu begeben. Daß dieſer ſchwache, ſonſt ſo träge Greis ſeinen Lehnſtuhl, eine verſtändige Maſchine, die ihm jede An⸗ ſtrengung erſparte, verließ, daß er ſich entſchloß, einen der Acte des gewöhnlichen Lebens auszuführen, daß er ſich der Sorge und Anſtrengung unterzog, eine ſolche Veränderung in ſeinen Gewohnheiten zu bewerkſtelligen, dazu bedurfte es einer ganz außerordentlichen Aufregung, die ihn ſeinem beſchaulichen Leben entreißen und in das wirkliche Leben zurückzukehren zwingen mußte.. Gleichſam auf der That ertappt, zeigte ſich Balſamo zuerſt erſtaunt, dann unruhig. „Ah!“ rief Althotas,„Du biſt hier, Taugenichts; Du biſt hier, Undankbarer; Du biſt hier, Treuloſer, der Du Deinen Meiſter verläſſeſt.“ Balſamo raffte gemäß ſeiner Gewohnheit, wenn er mit dem Greiſe ſprach, ſeine ganze Geduld zuſammen. 124 „Mir ſcheint, mein Freund, Ihr habt ſo eben erſt gerufen,“ erwiederte er mit ſanftem Tone. „Dein Freund!“ rief Althotas,„Dein Freund! ge⸗ meines, menſchliches Geſchöpf! Ich glaube, Du ſprichſt mit mir in der Stellung von Deines Gleichen. Ein Freund für Dich, ich glaube wohl. Mehr als Freund, Vater; Vater, der Dich ernährt, der Dich erzogen, der Dich unter⸗ richtet, der Dich bereichert hat. Aber Freund für mich, oh, nein! denn Du haſt mich verlaſſen, denn Du hungerſt mich aus, denn Du ermordeſt mich.“ „Ruhig, Meiſter, Ihr bringt Eure Galle in Aufruhr, Ihr verderbt Euer Blut und macht Euch krank.“ „Krank! Hohn! Bin ich je krank geweſen, wenn nicht, da Du mich wider meinen Willen an einigen von den Er⸗ bärmlichkeiten der ſchmutzigen menſchlichen Lebensverhält⸗ niſſe Theil nehmen machteſt? Krank! haſt Du vergeſſen, daß ich die Anderen heile?“ „Nun, ich bin hier, Meiſter,“ entgegnete Balſamo mit kaltem Tone,„verlieren wir nicht die Zeit umſonſt.“ „Ja, ich rathe Dir, mich hieran zu erinnern; die Zeit, die Zeit, die Du mich zu ſparen noͤthigſt, mich, für den dieſer jedem andern Geſchöpf zugemeſſene Stoff weder ein Ende, noch eine Gränze haben ſollte; ja, meine Zeit geht vorüber; ja, meine Zeit verliert ſich; ja, meine Zeit fällt, wie die Zeit der Andern, Minute für Minute in die Ewigkeit, während meine Zeit die Ewigkeit ſelbſt ſein müßte.“ „Sprecht, Meiſter,“ ſagte Balſamo mit unſtörbarer Geduld, während er die Fallthüre bis auf den Boden nie⸗ derließ, während er ſich zu ihm ſetzte und an der Feder drückte, wodurch er wieder auf ſein Zimmer beſchränkt war;„ſprecht, was wollt Ihr haben? Ihr ſagt, ich hungere Euch aus; aber ſeid Ihr nicht mehr in Eurer Quarantaine vöolliger Enthaltſamkeit?“. „Ja, ja, allerdings, das Werk der Wiedergeburt hat ſeit zwei und dreißig Tagen begonnen.“ „Dann ſagt mir, worüber Ihr Euch beklagt? Ich ——,————— ——————— ,— 125 ſehe hier zwei Flaſchen Regenwaſſer, und das iſt das ein⸗ zige, das Ihr trinkt.“ 3 „Allerdings; doch bildeſt Du Dir ein, ich ſei ein Seidenwurm, um allein das große Werk der Verjüngung und Verwandlung zu vollführen? Bildeſt Du Dir ein, ich, der ich keine Kräfte mehr habe, werde allein mein Lebenselixir zu Stande bringen können? Bildeſt Du Dir ein, auf der Seite liegend, erſchlafft durch die erfriſchenden Getränke, welche meine einzige Nahrung ſind, werde ich, wenn Du mir nicht hilfſt, genug Geiſtesgegenwart haben, um, meinen Mitteln und Quellen allein überlaſſen, die ängſtliche Arbeit meiner Wiedergeburt zum Ziele zu führen, bei der ich, wie Du wohl weißt, Unglücklicher, von einem Freund unterſtützt werden muß?“ „Ich bin da, Meiſter, ich bin da; auf, antwortet,“ ſagte Balſamo, während er beinahe wider ſeinen Willen den Greis in einen Lehnſtuhl ſetzte, wie er es mit einem unartigen Kinde hätte thun können;„auf, antwortet; es hat Euch nicht an deſtillirtem Waſſer gefehlt, da ich, wie ich vorhin ſagte, zwei bis drei volle Flaſchen hier ſehe; dieſes Waſſer iſt, wie Ihr wißt, im Mai geſammelt wor⸗ den; hier ſind auch Eure Zwiebacke von Gerſte und Seſam, ich habe Cuch ſelbſt die weißen Tropfen gegeben, die Ihr verordnet habt.“ „Ja, aber das Elixir! das Elirir iſt noch nicht fertig; Du erinnerſt Dich deſſen nicht, Du warſt nicht dabei: es war Dein Vater, der treuer als Du geweſen iſt; doch bei meinem letzten Fünfzigſten machte ich das Elirir einen Monat vorher. Ich hatte mich auf den Berg Ararat zurückgezogen. Gin zude Aeferte mir für ſein Gewicht in Silber ein das noch an ſeiner Mutter ſaugte; ich ließ. 3 der Vorſchrift zur Ader, nahm die drei letzten Tropſen von ſeinem Arterienblut, und in einer Stunde war mein Elirir, dem nur noch dieſe Bei⸗ miſchung fehlte, fertig; meine Fünfziger⸗Wiedergeburt ging auch vortrefflich vor ſich; meine Haare und meine Zähne ſielen aus, während der Convulſionen, welche auf 126 die Einſaugung dieſes herrlichen Elirirs folgten, aber ſie kamen wieder, die Zähne, ich weiß es wohl, ziemlich ſchlecht, weil ich die Vorſichtsmaßregel, das Elixir in meinen Schlund durch eine goldene Röhre laufen zu laſſen, ver⸗ nachläßigte. Doch meine Haare und meine Nägel wuchſen wieder in dieſer zweiten Jugend, und ich fing an wieder aufzuleben, als ob ich erſt vierzehn Jahr alt wäre. Nun aber bin ich abermals alt geworden, nun ſtehe ich dem letzten Ziele nahe, und wenn das Elirir nicht bei der Hand, wenn es nicht in dieſer Flaſche eingeſchloſſen iſt, wenn ich nicht alle Sorgfalt auf dieſes Werk verwende, wird die Wiſſenſchaft eines Jahrhunderts mit mir vernichtet und dieſes wunderbare, erhabene Geheimniß, das ich beſitze, wird für den Menſchen, der in mir und durch mich die Gottheit berührt, verloren ſein. Oh! wenn ich meinen Zweck verfehle, oh! wenn ich mich täuſche, Acharat, ſo biſt Du, Du allein Schuld, und mein Zorn, nimm Dich in Acht, wird furchtbar ſein.“ Nachdem er dieſe letzten Worte geſprochen, welche etwas wie einen bläulichen Funken aus ſeinem ſterbenden Augenſtern hervorſpringen machten, wurde der Greis von einem Krampf geſchüttelt, auf den ein heftiger Huſtenan⸗ fall folgte. Balſamo war ſogleich auf das Eifrigſte um ihn bemüht. „Der Greis kam wieder zu ſich; ſeine Bläße war Leichenfarbe geworden. Dieſer unbedeutende Anfall hatte ſeine Kräfte dergeſtallt erſchöpft, daß man hätte glauben ſollen, er müße ſterben. „Laßt hören, Meiſter,“ ſagte Balſamo zu ihm,„ſprecht aus, was Ihr wollt.“ „Was ich will...“ erwiederte er, Balſamo ſtarr anſchauend. 1 „Ja... „Vernimm, was ich will.“ „Sprecht, ich hoͤre Euch und gehorche, wenn das, was Ihr wünſcht, möglich iſt.“ 1 ————-—————,————— —Q—— 127 „Möglich... möglich...“ murmelte der Greis mit verächtlichem Ton.„Alles iſt möglich, Du weißt es wohl.“ „Ja, gewiß, mit der Zeit und der Wiſſenſchaft.“ „Die Wiſſenſchaft habe ich, die Zeit, ich bin auf dem Punkt, ſie zu beſiegen; meine Kräfte ſind beinahe gänzlich verſchwunden; die weißen Tropfen haben die Austreibung eines Theils der Ueberreſte der gealterten Natur bewirkt. Jenem Saft der Bäume im Monat Mai ähnlich, ſteigt die Jugend unter der früheren Rinde empor und treibt, ſo zu ſagen, das alte Holz ab. Du wirſt bemerken, Acharat, daß die Symptome vortrefflich ſind; meine Stimme iſt geſchwächt, mein Geſicht hat um drei Viertel nachgelaſſen; ich fühle, daß ſich meine Ver⸗ nunft in Zwiſchenräumen verwirrt; der Uebergang von der Kälte zur Wärme iſt für mich unbemerkbar geworden; es iſt alſo dringend, daß ich mein Elixir vollende, damit ich am Tage meines zweiten Fünſzigſten ohne Verzug von hundert Jahren zu zwanzig übergehe; meine Ingredienzen für dieſes Elirir ſind bereitet, die Röhre iſt verfertigt; es fehlen nur noch die drei letzten Blutstropfen, wie ich es Dir geſagt habe.“ Balſamo machte eine Bewegung des Widerwillens. „Es iſt gut,“ ſagte Althotas,„verzichten wir auf das Kind, da dies ſo ſchwierig iſt, und da Du Dich lieber mit Deiner Geliebten einſchließen, als es mir ſuchen willſt.“ „Ihr wißt wohl, Meiſter, daß Lorenza nicht meine Geliebte iſt,“ erwiederte Balſamo. „Oh! oh! oh!“ rief Althotas,„Du denkſt, Du könn⸗ teſt mir imponiren, wie der Menge; Du willſt mich an das unbefleckte Geſchöpf glauben machen, und biſt ein Menſch!“ „Ich ſchwöre Euch, Meiſter, daß Lorenza ſo keuſch i*ſt, als die heilige Mutter Gottes; ich ſchwöre Euch, daß ich Liebe, Begierden, irdiſche Wolluſt, Alles meiner Seele geopfert habe, denn auch ich habe mein Werk der Wie⸗ 128 dergeburt, nur ſoll es, ſtatt ſich auf mich allein anzuwen⸗ den, auf die ganze Welt angewendet werden.“ „Narr, armer Narr!“ rief Althotas;„ich glaube, er ſpricht wieder von wimmelnden Milben, von Ameiſen⸗ revolutionen, während ich vom ewigen Leben, von der ewigen ngent ſpreche.“ Die ſich nur um den Preis eines furchtbaren Ver⸗ brechens erlangen läßt, und auch dann... „Du zweifelſt, ich glaube, Du zweifelſt, Unglücklicher.“ „Nein, Meiſter; doch da Ihr auf Euer Kind Ver⸗ zicht leiſtet, ſo ſagt, was Ihr wollt.“ „Ich muß das erſte unſchuldige Geſchöpf haben, das Dir unter die Hand fällt: mäͤnnlich oder weiblich, gleichviel, doch weiblich wäre beſſer: ich habe das wegen der Verwandtſchaft der Geſchlechter entdeckt; finde es mir und beeile Dich, denn es bleiben mir nicht mehr als acht Tage.“ 2G8. iſt gut, Meſſter, ¹ ſprach Balſamo;„ich werde ſehen, ich werde ſuchen.“ Ein neuer Blitz furchtbarer als der erſte zuckte aus den Augen des Greiſes. „Du wirſt ſehen, Du wirſt ſuchen,“ rief er;„oh! das iſt alſo Deine Antwort. Ich war darauf gefaßt und weiß nicht, warum ich mich darüber wundere. Und ſeit wann, Du erbärmlicher Wurm, ſpricht das Geſchöpf ſo zu ſeinem Schöpfer? Ah! Du ſiehſt, daß ich ohne Kräfte bin. Ah! Du ſiehſt, daß ich liege, Du ſiehſt, daß ich flehe, und biſt albern genug, zu glauben, ich ſei Deiner Willkühr anheimgegeben? Ja, oder nein, Acharat, und zeige in Deinen Augen weder Verlegenheit, noch Lüge, denn ich ſehe Dich und leſe in Deinem Herzen; denn ich richte Dich und werde Dich verfolgen.“ „Meiſter,“ erwiederte Balſamo,„nehmt Euch in Acht, Euer Zorn wird Euch ſchaden.“ 1„Antworte! antworte!“ „Ich vermag meinem Meiſter nur das zu ſagen, was wahr iſt; ich werde ſehen, ob ich Euch das, was * 4 2 8ͤ—n —oe e & ‿= 129 Ihr zu haben wünſcht, verſchaffen kann, ohne uns zu ſchaden, ja, ohne uns zu Grund zu richten. Ich werde einen Menſchen ſuchen, der das Geſchöpf an uns ver⸗ kauft, deſſen wir bedürfen; doch ich will das Verbrechen nicht auf mich nehmen. Das iſt Alles, was ich Euch ſagen kann.“ „Das iſt äußerſt zart!“ rief Althotas mit einem bit⸗ teren Gelächter. „Es iſt ſo, Meiſter,“ ſprach Balſamo. Althotas ſtrengte ſich ſo mächtig an, daß er ſich mit Hülfe ſeiner beiden Arme, die er auf die ſeines Lehn⸗ ſtuhles ſtützte, völlig aufrichtete. „Ja oder nein?“ fragte er. f„Meiſter, ja, wenn ich finde, nein, wenn ich nicht nde.“ „Du wirſt mich alſo dem Tod preisgeben, Elender, Du wirſt drei Tropfen Blut von einem erbärmlichen, nichtswürdigen Thier, wie das Geſchoͤpf iſt, das ich brauche, ſparen, um in den ewigen Abgrund das vollkommene Geſchöpf, das ich bin, fallen zu laſſen. Höre, Acharat, ich verlange nichts mehr von Dir,“ ſagte der Greis mit einem gräßlich anzuſchauenden Lächeln,„nein, ich verlange durchaus nichts mehr, ich werde warten; doch wenn Du mir nicht gehorchſt, ſo bediene ich mich ſelbſt; wenn Du mich verläſſeſt, ſo helfe ich mir ſelbſt. Du haſt mich ge⸗ hört, nicht wahr? Gehe nun.“ Ohne etwas auf dieſe Drohung zu antworten, be⸗ reitete Balſamo um den Greis, was dieſer noth brauchte; er ſtellte in ſeine Nähe den Trank Speiſe und entledigte ſich jeder Sorge, die e mer Diener für ſeinen Herrn, ein ergebene ſeinen Vater gehabt hätte; dann aber von Gedanken in Anſpruch genommen, als von Althotas marterte, ließ er die Fallthüre nie nabzuſteigen, ohne zu bemerken, daß ihm Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 130 Auge des Greiſes beinahe ſo welt folgte, als ſein Geiſt und ſein Herz gingen. Althotas lächelte noch wie ein böſer Geiſt, als Bal⸗ ſamo ſchon der immer noch ſchlafenden Lorenza gegen⸗ überſtand. CXXIX. Kampf. Hier blieb Balſamo ſtehen, das Herz von ſchmerzli⸗ chen Gefühlen angeſchwollen. Wir ſagen ſchmerzlich und nicht mehr heftig. Die Scene, welche zwiſchen ihm und Althotas ſtatt⸗ gefunden, hatte vielleicht, indem ſie ihn die Nichtigkeit aller menſchlichen Dinge ins Auge faſſen ließ, jeden Zorn aus ihm verjagt. Er erinnerte ſich des Verfahrens des griechiſchen Philoſophen, der das ganze Alphabet herſagte, ehe er auf die Stimme der ſchwarzen Gottheit, der Rath⸗ geberin des Achilles, hörte. Nachdem er einen Augenblick in kalter, ſtummer Be⸗ trachtung vor dem Canapé geſtanden hatte, auf dem Lo⸗ lag, ſagte er: ter bin ich, traurig, aber entſchloßen und meine durchſchauend; Lorenza haßt mich; Lorenza mich zu verrathen, und hat mich verrathen; uniß gehoͤrt nicht mehr mir; ich habe es in dieſer Frau gelaſſen, die es in den Wind gleiche dem Fuchs, der aus der Falle mit den äähnen nur den Knochen ſeines Beines ge⸗ Fleiſch und Haut darin gelaſſen hat, ſo daß andern Tag ſagen kann: 13¹1 „„Der Fuchs iſt hier gefangen worden, ich werde ihn todt oder lebendig erkennen.““ „Und dieſes unerhörte Unglück, dieſes Unglück, das ſelbſt Althotas nicht begreifen kann, weshalb ich es ihm nicht einmal erzählt habe, dieſes Unglück, das alle meine Hoffnungen auf Glück in dieſem Lande, und folglich auf dieſer Welt, deren Seele Frankreich iſt, zertrümmert, die⸗ ſem hier eingeſchlafenen Geſchöpf, dieſer ſchönen Statue mit dem ſüßen Lächeln habe ich es zu verdanken. Die⸗ ſem finſteren Engel verdanke ich die Schmach und den Ruin, bis ich ihm auch vollends die Gefangenſchaft, die Verbannung und den Tod zu verdanken habe. „Es iſt alſo,“ fuhr er ſich belebend fort,„es iſt alſo die Summe des Guten durch die des Böſen über⸗ ſchritten worden, und Lorenza iſt mir ſchädlich. „O Schlange mit den anmuthigen Windungen, die aber erſticken, mit dem goldenen Mund, der aber voll von Gift iſt, ſchlafe, denn ich werde genöthigt ſein, Dich zu toͤdten, wenn Du erwachſt.“ Und mit einem düſteren Lächeln näherte ſich Bal⸗ ſamo der jungen Frau, deren Augen, von Mattigkeit be⸗ laſtet, ſich in demſelben Maß gegen ihn erhoben, in dem er ſich ihr näherte, wie ſich die Sonnenblumen bei den erſten Strahlen, der aufgehenden Sonne oͤffnen. „Oh!l“ ſagte Balſamo,„ich werde doch auf immer dieſe Augen ſchließen müßen, die mich zu dieſer Stunde ſo zärtlich anſchauen, dieſe ſchönen Augen voll von Blitzen, ſobald ſie nicht mehr voll Liebe find.“ Lorenza lächelte ſanft, und während ſie lächelte, zeigte ſie die ſo ſüße, ſo reine Reihe ihrer Perlzähne. Und ſein Herz füllte ſich mit einem tiefen Kummer, dem ſich ſeltſamer Weiſe ein unbeſtimmtes Verlangen beimiſchte. „Nein,“ murmelte er,„nein, ich habe umſonſt ge⸗ ſchworen. Ich habe umſonſt gedroht; nein, ich werde nie den Muth haben, ſie zu tödten; nein, ſie wird leben, ab⸗ ſie wird leben, ohne je mehr wach zu ſein; ſie ſoll die 13² ſes ſcheinbare Leben leben, das für ſie das Glück ſein wird, während das andere die Verzweiflung iſt. Könnte ich ſie glücklich machen! Was liegt am Uebrigen; ſie wird nur ein Daſein haben, das, welches ich ihr gebe, das, in dem ſie mich liebt, das von welchem ſie in dieſem Augenblick lebt.“ 8 Und er erwiederte mit einem zärt icher Blick den verliebten Blick von Lorenza, während er langſam ſeine Hand auf ihren Kopf ſenkte. Lorenza, welche in dem Geiſte von Balſamo wie in einem offenen Buche zu leſen ſchien, gab in dieſem Augen⸗ blick einen langen Seufzer von ſich, erhob ſich ſachte und mit jenem anmuthigen Zoͤgern des Schlafes und legte ihre weißen, weichen Arme um die Schultern von Bal⸗ ſamo, der ihren duftenden Hauch auf zwei Finger von ſeinen Lippen fühlte. „Oh! nein, nein,“ rief Balſamo, indem er mit ſeiner Hand über ſeine glühende Stirne und ſeine geblendeten Augen fuhr;„nein, dieſes berauſchende Leben würde zum Wahnſinn führen; nein, ich vermochte nicht immer zu widerſtehen, und mit ihr, mit dieſem verſuchenden Dämon, mit dieſer Sirene würden mir der Ruhm, die Macht, die Unſterblichkeit entgehen. Nein, nein, ſie wird erwachen, ich will es, es muß ſein.“ Verwirrt, außer ſich, hatte Balſamo nur noch die Kraft, Lorenza zurückzuſchieben, die ſich von ihm los⸗ machte und wie ein ſchwebender Schleier, wie ein Schat⸗ ten, wie eine Schneeflocke auf den Sopha fſiel. Die verſchmitzteſte Coquette hätte, um ſich den Blicken ihres Geliebten darzubieten, keine berauſchendere Stellung wählen können. Verwirrt, außer ſich, hatte Balſamo die Kraft, ſich einige Schritte zu entfernen; doch wie Orpheus wandte er ſich um; wie Orpheus war er verloren! „Oh!“ dachte er,„wenn ich ſie aufwecke, beginnt der Kampf wieder; wenn ich ſie aufwecke, wird ſie ſich 133 tödten oder mich tödten, oder mich zwingen, ſie zu toͤdten. Abgrund! Abgrund!“ „Ja, das Geſchick dieſer Frau ſteht geſchrieben, es iſt mir, als läſe ich es in feurigen Charakteren! Tod, Liebe... Lorenza! Lorenza! es iſt Deine Vorherbeſtim⸗ mung, zu lieben und zu ſterben. Lorenza! Lorenza! ich halte Dein Leben und Deine Liebe in meinen Händen.“ Statt jeder Antwort ſtand die Zauberin auf, ging gerade auf Balſamo zu, ſiel zu ſeinen Füßen nieder und ſchaute ihn mit ihren in Schlaf und Wolluſt gebadeten Augen an; ſie nahm eine von ſeinen Händen und drückte ſie an ihr Herz. „Tod!“ ſagte ſie ganz leiſe, mit ihren Lippen ſo feucht und glänzend als die Koralle, wenn ſie aus dem Meer hervortritt,„Tod aber Liebe!“ Balſamo machte, den Kopf zurückgeworfen, die Hand auf ſeinen Augen, zwei Schritte rückwärts. Keuchend folgte ihm Lorenza auf den Knieen. „Tod!“ wiederholte ſie mit ihrer berauſchenden Stimme,„aber Liebe! Liebe! Liebe!“ Balſamo vermochte nicht länger zu widerſtehen; eine Flammenwolke umhüllte ihn. „Oh!“ ſagte er,„das iſt zu viel; ſo lange ein menſch⸗ liches Weſen kämpfen kann, habe ich es gethan. Teufel oder Engel der Zukunft, wer Du auch ſein magſt, Du ſollſt befriedigt werden: lange genug habe ich der Eigen⸗ liebe und dem Hochmuth alle edle Leidenſchaften, die in mir brauſen, geopfert. Oh! nein, nein, ich habe nicht das Recht, mich ſo gegen das einzige menſchliche Gefühl zu empören, das im Grunde meines Herzens gährt. Ich liebe dieſe Frau; ich liebe ſie; und dieſe leidenſchaftliche Liebe thut mehr gegen ſie, als der furchtbarſte Haß thun würde. Dieſe Liebe gibt ihr den Tod; oh! ich Feiger, ich Wahnſinniger, der ich bin, ich weiß mich nicht ein⸗ mal mit meinen Wünſchen einen Vergleich zu treffen. Wie! wenn ich den letzten Seufzer von mir gebe, wenn ich vor Gottes Thron zu erſcheinen mich anſchicken 13³⁴4 werde... ich, der Betrüger, ich, der falſche Prophet, wenn ich meinen Mantel des künſtlichen Scheins und der Heuchelei vor dem oberſten Richter abſtreife, werde ich mir nicht eine einzige edle Handlung, nicht ein Glück zu⸗ zugeſtehen haben, das mich durch die Erinnerung unter ewigen Leiden zu troſten vermöchte. 4 „Oh! nein, nein, Lorenza, ich weiß wohl, daß ich Dich liebend die Zukunft verliere. Ich weiß wohl, daß mein Offenbarungsengel zum Himmel hinaufſteigen wird, ſobald die Frau in meine Arme herabſteigt. „Aber Du willſt es, Lorenza, Du willſt es.“ „Mein Vielgeliebter!“ ſeufzte ſie. „Du, nimmſt alſo dieſes ſcheinbare Leben ſtatt des wirklichen Lebens an?“ „Auf den Knieen bitte ich Dich darum, flehe ich Dich darum an; dieſes Leben iſt die Liebe, iſt das Glück.“ „Und es wird Dir genügen, ſobald Du einmal meine Frau biſt, denn ſiehe, ich liebe Dich glühend.“ ce„„Oh! ich weiß es wohl, da ich in Deinem Herzen eſe. „ uünd nie wirſt Du mich, weder vor Gott, noch vor den Menſchen anklagen, ich habe Deinen Willen überrumpelt, ich habe Dein Herz getäuſcht.“ „Nie, nie; oh! vor den Menſchen, vor Gott werde ich Dir im Gegentheil danken, daß Du mir die Liebe, das einzige Gut, die einzige Perle, den einzigen Demant dieſes Lebens gegeben haſt.“.. „Nie wirſt Du den Verluſt Deiner Flügel beklagen, arme Taube; denn wiſſe, Du wirſt fortan nicht mehr in den glänzenden Räumen, bei Jehovah, den Strahl des Lichtes ſuchen, den er einſt auf die Stirne ſeiner Prophe⸗ ten ſetzte. Ach! ach! werde ich die Zukunft wiſſen, den Menſchen befehlen wollen, ſo wird mir Deine Stimme nicht mehr antworten; ich hatte in Dir zugleich die ge⸗ liebte Frau und den Hülfe leiſtenden Genius, ich werde coortan nur noch Eines von Beiden haben und dabei...“ „Ah! Du zweifelſt, Du zweifelſt,“ rief Lorenza; + A=NͤSᷣ —,— 135 „ich ſehe den Zweifel wie einen ſchwarzen Flecken auf Deinem Herzen.“ „Du wirſt mich immer lieben, Lorenz „Immer, immer!“ Balſamo fuhr mit ſeiner Hand über ſeine Stirne. „Wohl! es ſei,“ ſagte er.„Uebrigens...“ Er blieb einen Augenblick in ſeinen Gedanken ver⸗ ſunken. „Bedarf ich übrigens durchaus Dieſer?“ fuhr er fort. „Iſt ſie allein auf der Welt? Nein, nein; während Dieſe mich glücklich macht, wird die Andere fortfahren, mich reich und mächtig zu machen. Andrée, Andrée iſt auch prädeſtinirt, auch erleuchtet, auch ſehend wie Du. Andrée iſt jung, rein, keuſch, und ich liebe Andrée nicht, und dennoch iſt mir Andrée während ihres Schlafes unter⸗ worfen wie Du; ich habe in Andrée ein Opfer, um Dich zu erſetzen, und für mich iſt Andrée die niedrige Seele des Arztes, welche zu Experimenten dienen kann; ſie fliegt ebenſo weit, noch weiter vielleicht als Du, in die Schat⸗ ten des Unbekannten. Andrée! Andrée! ich nehme Dich für mein Königthum. Lorenza, komm in meine Arme: ich behalte Dich als meine Geliebte. Mit Andrée bin ich mächtig, mit Lorenza bin ich glücklich. Erſt von die⸗ ſer Stunde an iſt mein Leben vollſtändig; und, abgeſehen a 2 . von der Unſterblichkeit, habe ich den Traum von Althotas verwirklicht; abgeſehen von der Unſterblichkeit, bin ich den Göttern gleich!“ Und er hob Lorenza auf und öffnete ſeine keuchende Bruſt, an die ſich Lorenza ſo eng anſchmiegte, als der Epheu an die Eiche. 136 CXXX. Liebe. Ein anderes Leben hatte für Balſamo begonnen, ein bis dahin dieſer thätigen, unruhigen, vielſeitigen Criſtenz unbekanntes Leben. Seit drei Tagen gab es für ihn kei⸗ nen Zorn, keine Befürchtungen, keine Eiferſucht mehr; ſeit drei Tagen hatte er nicht mehr von Politik, von Ver⸗ ſchwörungen, von Verſchwörern ſprechen hoͤren. Bei Lo⸗ renza, die er nicht einen Augenblick verließ, vergaß er die ganze Welt. Dieſe ſeltſame, unerhörte Liebe, welche gleichſam über der Menſchheit ſchwebte, dieſe Liebe voll Trunkenheit und Geheimniß, dieſe geſpenſtiſche Liebe, denn er konnte ſich nicht verbergen, daß er mit einem Wort ſeine ſanfte Geliebte in eine unverſöhnliche Feindin ver⸗ wandeln würde, dieſe Liebe, durch eine unerklärliche Laune der Wiſſenſchaft dem Haß entriſſen, verſetzte Balſamo in eine Glückſeligkeit, welche ebenſo ſehr der Verwunderung, als dem Delirium entſproßte. Mehr als einmal, wenn er in dieſen drei Tagen aus der Schlaftrunkenheit der Liebe erwachte, ſchaute Balſamo ſeine ſtets lächelnde, ſtets erxtatiſche Gefährtin an, denn in dem Daſein, das er ihr geſchaffen hatte, ließ er ſie von ihrem ſcheinbaren Leben durch die Ertaſe, einen eben⸗ falls lügneriſchen Schlaf, ausruhen, und wenn er ſie dann ruhig, ſanft, glücklich ſah, wenn ſie ihn mit den zärtlich⸗ een Namen rief und ganz laut von ihrer geheimnißvollen Wolluſt träumte, fragte er ſich, ob Gott nicht gegen den modernen Titanen, der ihm ſeine Geheimniſſe zu rauben verſucht habe, ärgerlich geworden ſei, ob er nicht Lorenza den Gedanken, ihn durch eine Lüge zu täuſchen, zu⸗ geſchickt habe, um ſeine Wachſamkeit einzuſchläfern wenn dieſe Wachſamkeit eingeſchläfert wäre, zu entfliehen —=SS S —— ————— u— -——— u u- 137 und nur der rächenden Eumenide ähnlich wiederzuer⸗ ſcheinen.. In dieſen Augenblicken zweifelte Balſamo an der durch die Ueberlieferung aus dem Alterthum erhaltenen Wiſſenſchaft, für die er als Beweis nur Beiſpiele hatte. Aber dieſe beſtändige Flamme, dieſer Durſt nach Liebkoſungen beruhigten ihn wieder. „Wenn ſich Lorenza verſtellt hätte, wenn ſie mich zu fliehen beabſichtigte, ſo würde ſie Gelegenheiten, mich zu entfernen, auffinden, Beweggründe zur Einſamkeit ſuchen; doch hlevon weit entfernt, ſind es ſtets ihre Arme, die mich wie mit einer unauflöslichen Kette umſchließen; es iſt ſiets ihr brennender Blick, der zu mir ſagt: Gehe kicht. es iſt ſtets ihre ſanfte Stimme, die zu mir ſpricht: leibe.“ Dann gewann Balſamo wieder ſein Vertrauen zu ſich ſelbſt und zur Wiſſenſchaft. Warum ſollte in der That das magiſche Geheimniß, dem er ſeine ganze Macht zu verdanken hatte, plötzlich, ohne Uebergang, eine Chimäre, gut in den Wind hinzu⸗ geben wie eine verſchwundene Erinnerung, wie den Nauch eines erloſchenen Feuers, geworden ſein? Nie war Lorenza in Beziehung auf ihn klarer, hellſehender geweſen; alle Gedanken, die ſich in ſeinem Geiſte bildeten, alle Ein⸗ drücke, die ſein Herz beben machten, brachte Lorenza auf der Stelle wieder hervor. Es war indeſſen noch nicht entſchieden, ob dieſe Hellſichtigkeit nicht auf Sympathie beruhte, ob außer ihm und der jungen Frau, jenſeits des von ihrer Liebe gezoge⸗ nen Kreiſes, des Kreiſes, den ihre Liebe mit Licht über⸗ goß, dieſe vor der neuen Aera ſo klar ſchauenden Augen noch die Finſterniß durchdringen konnten. Balſamo wagte es nicht, eine entſcheidende Probe zu machen; er hoffte immer, und die Hoffnung bildete einen Sternenkranz für ſein Glück. Zuweilen ſagte Lorenza mit ſanfter Schwermuth zu ihm: 138 „Acharat, Du denkſt an eine andere Frau, als an mich, an eine Frau aus dem Norden, mit blonden Haa⸗ ren und blauen Augen; Acharat, Acharat, dieſe Frau geht ſtets neben mir in Deinem Geiſt.“ Dann ſchaute Balſamo Lorenza zärtlich an und fragte: „Du ſiehſt das in mir?“ „Oh! ja, ſo klar, als ich in einem Spiegel ſehen würde.“ „Dann weißt Du, ob ich aus Liebe an dieſe Frau denke,“ erwiederte Balſamo;„lies, lies in meinem Her⸗ zen, theure Lorenza.“. „Nein,“ ſprach ſie den Kopf ſchüttelnd;„nein, ich weiß es wohl, doch Du theilſt Deinen Gelſt zwiſchen uns Beiden, wie zur Zeit, wo Lorenza Feliciani Dich quälte, die böſe Lorenza, welche ſchläft, und die Du nicht wecken willſt.“. „Nein, meine Liebe, nein,“ rief Balſamo,„ich denke nur an Dich, mit dem Herzen wenigſtens; ſieh ein wenig, ob ich nicht ſeit unſerem Glück Alles vergeſſen, Alles ver⸗ nachläßigt habe: Studien, Politik, Arbeiten.“ „Und Du haſt Unrecht, denn in dieſen Arbeiten kann ich Dich unterſtützen,“ entgegnete Lorenza. „Wie?“ „Ja, haſt Du Dich nicht früher ganze Stunden in Deinem Laboratorium eingeſchloſſen?“ „Gewiß, doch ich verzichte auf alle dieſe leeren Ver⸗ ſuche; das wären eben ſo viele Stunden von meinem Da⸗ ſein abgeſchnitten, denn während dieſer Zeit würde ich Dich nicht ſehen.“ „Und warum ſollte ich Dir nicht bei Deinen Ar⸗ beiten wie bei Deiner Liebe folgen? Warum ſollte ich Dich nicht mächtig machen, wie ich Dich glücklich gemacht habe?“ „Weil meine Lorenza wahrhaftig ſchön iſt, weil aber meine Lorenza nicht ſtudirt hat... Gott verleiht Schoͤn⸗ — —————smn— 139 heit und Liebe, aber das Studium verleiht nur die Wiſſen⸗ ſchaft allein.“ „Die Seele weiß Alles.“ „Du ſiehſt alſo wirklich mit den Augen der Seele 2“ „Ja. „Und Du kannſt mich, ſagſt Du, bei dieſer großen Forſchung nach dem Steine der Weiſen leiten?“ „Ich glaube es.“ „Komm alſo.“ Und Balſamo umſchlang mit ſeinem Arm den Leib der jungen Frau und führte ſie in ſein Laboratorium. Der rieſige Ofen, den ſeit vier Tagen Niemand un⸗ terhalten hatte, war erloſchen. Die Tiegel waren auf ihren Gluthpfannen erkaltet. Lorenza ſchaute alle dieſe ſeltſamen Werkzeuge, die letzten Combinationen der verſcheidenden Alchemie ohne Erſtaunen an; ſie ſchien die Beſtimmung von jedem der⸗ ſelben zu kennen. „Du ſuchſt Gold zu machen?“ ſagte ſie lächelnd. „Ja. „Alle dieſe Tiegel enthalten Präparate von verſchie⸗ denen Graden.“ 5„Alle eingeſtellt, alle verloren; doch ich bedaure es nicht.“ „Und Du haſt Recht, denn Dein Gold wird ſtets nur gefärbter Mercur ſein; Du wirſt es vielleicht ſolid machen, aber nicht verwandeln.“ „Aber man kann doch Gold machen?“ „Nein.“ „Und Daniel von Siebenbürgen hat doch um zwan⸗ zig tauſend Dukaten an Cosmus I. das Recept für die Verwandlung der Metalle verkauft?“ „Daniel von Siebenbürgen hat Cosmus I. betrogen.“ „Doch der Sachſe Payken, der von Karl II. zum Tod verurtheilt wurde, hat ſein Leben dadurch erkauft, daß er ein Stück Blei in eine Goldſtange verwandelte, aus der man vierzig Dukaten machte, während man dabei noch 140 von dieſer Goldſtange ſo viel nahm, als man zu einer Medaille brauchte, welche zur Verherrlichung des geſchickten Alchemiſten geſchlagen wurde.“ „Der geſchickte Alchemiſt war ein geſchickter Escamo⸗ teur. Er vertauſchte nur die Goldſtange mit dem Blei. Die ſicherſte Manier, Gold zu machen, Acharat, beſteht für Dich darin, daß Du, wie Du es thuſt, die Reichthü⸗ mer, die Dir Deine Sklaven von allen vier Welttheilen bringen, zu Goldſtangen ſchmilzſt“ Balſamo blieb nachdenkend. „Die Verwandlung der Metalle iſt alſo unmöglich?“ fragte er. „Unmöglich.“ „Aber der Diamant zum Beiſpiel?“ „Ahl der Diamant, das iſt etwas Anderes,“ ſagte Lorenza. „Man kann alſo Diamant machen?“ „Ja, denn Diamant machen heißt nicht die Verwand⸗ lung eines Körpers in einen andern bewerkſtelligen; Dia⸗ mant machen heißt die einfache Veränderung eines bekann⸗ ten Elements verſuchen.“ „Aber Du kennſt alſo das Element, aus dem ſich der Diamant bildet?“ „Allerdings, der Diamant iſt die Kryſtalliſirung der reinen Kohle.“ Balſamo blieb betäubt; ein ſcharfes, unerwartetes, unerhörtes Licht ſprang in ſeine Augen; er bedeckte ſie mit ſeinen beiden Händen, als ob er von dieſer Flamme geblendet worden wäre. „Oh mein Gott!“ ſprach er,„mein Gott, Du thuſt zu viel für mich. Irgend eine Gefahr bedroht mich. Mein Gott! was iſt der koſtbare Ring, den ich in das Meer werfen kann, um Deine Eiferſucht zu beſiegen? Ge⸗ nug, genug für heute, Lorenza, genug.“. „Gehoͤre ich nicht Dir? Beſiehl, gebiete.“ „Ja, Du gehöreſt mir, komm, komm.“ Und Balſamo zog Lorenza aus dem Laboratorium, durchſchritt das Zimmer der Pelze und kehrte, ohne auf 141 ein leichtes Krachen zu merken, das er über ſeinem Haupte vernahm, mit Lorenza in die vergitterte Stube zurück. „Du biſt alſo mit Deiner Lorenza zufrieden, mein vielgeliebter Balſamo?“ fragte die junge Frau. „Oh! rief Balſamo. „Was befürchteſt Du denn? Sprich. Balſamo faltete die Hände und ſchaute Lorenza mit einem Ausdruck von Angſt an, den ſich ein Zuſchauer, der nicht in ſeiner Seele zu leſen im Stande geweſen wäre, nicht wohl hätte erklären können. „Oh!“ murmelte er,„und ich hätte dieſen Engel beinahe getödtet, und ich wäre beinahe vor Verzweiflung geſtorben, ehe ich das Problem, glücklich und zugleich mächtig zu ſein, gelöſt; und ich vergaß, daß die Grenzen des Möglichen beinahe immer den, von den gegenwärti⸗ gen Zuſtand der Wiſſenſchaft gezogenen Horizont über⸗ ſchreiten, daß die meiſten Wahrheiten, welche Thatſachen geworden ſind, damit anfingen, daß man ſie als Viſionen betrachtete... Und ich glaubte Alles zu wiſſen und wußte nichts.“ Die junge Frau laͤchelte gottlich. „Lorenza! Lorenza!“ fuhr Balſamo fort,„es iſt alſo der geheimnißvolle Plan des Schöpfers verwirklicht, der die Frau aus dem Fleiſch des Mannes entſtehen läßt und ihnen ſagt, ſie haben Beide zuſammen nur ein Herz. Eva iſt für mich wiedererweckt; Eva, welche nicht ohne mich denken wird, und deren Leben an dem Faden hängt, den ich in der Hand halte; das iſt zu viel, mein Gott, für ein einziges Geſchöpf, und ich erliege der Laſt Deiner Wohlthat.“ Und er fiel auf die Kniee und umfaßte anbetend dieſe ſüße Schönheit, die ihm zulächelte, wie man nicht auf Erden lächelt. „Nein,“ ſagte er,„nein, Du wirſt mich nicht ver⸗ laſſen; unter Deinem Blick, der die Finſterniß durchdringt, werde ich in voller Sicherheit leben; Du wirſt mich in den mühſamen Forſchungen unterſtützen, die Du allein, 14² wie Du ſagteſt, vervollſtändigen konnteſt, und die ein Wort von Dir leicht und fruchtbar machen wird; Du wirſt mir ſagen, ob ich nicht Gold machen kann, weil das Gold ein homogener Stoff, ein Urelement iſt; Du wirſt mir ſagen, in welchem Theilchen ſeiner Schöpfung Gott es verborgen hat; Du wirſt mir ſagen, wo die tau⸗ ſendjährigen Schätze in den ungeheuren Tiefen des Oceans vergraben liegen. Ich werde mit Deinen Augen die Perle in der ſchimmernden Muſchel ſich runden und den Gedanken des Menſchen unter den kothigen Lagen ſeines Fleiſches ſich ausdehnen und größer werden ſehen. Ich werde mit Deinen Ohren das dumpfe Graben des Wur⸗ mes, der den Boden unterhöhlt, und die Tritte meines Feindes, der ſich mir nähert, hören. Ich werde g ſein wie Gott und glücklicher als Gott, denn Gott hat im Himmrl nicht ſeines Gleichen und keine Gefährtin, denn Gott iſt allmächtig, aber er iſt allein in ſeiner göttlichen Majeſtät und theilt mit keinem andern Weſen, das göttlich wie er wäre, dieſe Allmacht, durch die er Gott iſt.“ Lorenza lächelte fortwährend, und indeß ſie lä⸗ chelte, erwiederte ſie die Worte durch glühende Liebko⸗ ſungen. „Und dennoch,“ flüſterte ſie, als ob ſie im Schädel ihres Geliebten jeden Gedanken geſehen hätte, der die Fibern dieſes unruhigen Gehirnes bewegte,„und dennoch zweifelſt Du, Acharat. Du zweifelſt, wie Du geſagt haſt, ob ich den Kreis unſerer Liebe überſchreiten, Du zweifelſt, ob ich in der Entfernung ſehen könne; doch Du tröſteſt Dich, indem Du Dir ſagſt, daß, wenn ich nicht ſehe, ſie ſehen werde.“ „Wer, ſie?“ „Die blonde Frau; ſoll ich Dir ihren Namen ſagen?“ „Warte... Andrée.“ „Oh! das iſt es. Ja, Du lieſeſt in meinem Geiſte; ja, eine letzte Furcht beunruhigt mich. Siehſt Du immer Bo e durch den Raum, und wäre der Raum auch von mate⸗ riellen Hinderniſſen durchſchnitten?“ „Verſuche es.“ „Gib mir die Hand, Lorenza.“ Die junge Frau ergriff leidenſchaftlich die Hand von Balſamo. „Kannſt Du mir folgen?“ „Ueberallhin.“ „Komm.“ Und durch den Geiſt von Lorenza die Rue Saint⸗ Claude verlaſſend, zog Balſamo den Geiſt von Lorenza mit ſich fort. „Wo ſind wir?“ fragte er Lorenza. 35„Wir ſind auf einem Berg,“ antwortete die junge rau. „Ja, ſo iſt es,“ ſprach Balſamo, bebend vor Freude; „doch was ſiehſt Du?“ *„Vor mir? links oder rechts?“ „Vor Dir.“ „Ich ſehe ein weites Thal, mit einem Wald auf einer, einer Stadt auf der andern Seite und einem Fluß, der ſie trennt und ſich am Horizont verliert, nachdem er ſch längs der Mauer eines großen Schloßes hingezogen at. „So iſt es, Lorenza. Dieſer Wald iſt der des Vé⸗ ſinet; dieſe Stadt iſt Saint⸗Germain, dieſes Schloß iſt das Schloß Maiſons. Laß uns in den Pavillon eintreten, der hinter uns iſt.“ „ reten wir ein.“ „Was ſiehſt Du?“ „Ah! vor Allem einen kleinen ſeltſam gekleideten Neger, der Zuckerwerk naſcht.“ „Zamore, ſo iſt es. Gehen wir weiter.“ „Ich ſehe einen leeren Salon mit glänzender Aus⸗ ſtattung, über den Thüren Gemälde, Göttinnen und Amoretten vorſtellend.“ „Der Salon iſt leer?“ 144 „Ja.“ 7. „Gehen wir weiter.“ „Ah! wir ſind in einem bewunderungswürdigen Bou⸗ doir von blauem Atlaß mit Blumen in natürlichen Farben brochirt.“ „Iſt es auch leer?“ „Nein, eine Frau liegt auf einem Sopha.“ „Wer iſt dieſe Frau.“ „Warte.“ „Kommt es Dir nicht vor, als hätteſt Du ſie ſchon geſehen?“ „Ja, hier. Es iſt die Frau Gräfin Dubarry.“ „So iſt es, Lorenza, ſo iſt es; Du wirſt mich närriſch machen. Was thut dieſe Frau?“ 4 „Sie denkt an Dich, Balſamo.“ „An mich?“ „Sa.. „Du kannſt alſo in ihrem Geiſte leſen?“ „Ja, denn ich wiederhole Dir, ſie denkt an Dich.“ „Und in welcher Hinſicht?“ „Du haſt Ihr ein Verſprechen geleiſtet.“ „Ja, welches?“ „Du haſt ihr das Schoͤnheitswaſſer verſprochen, das Venus, um ſich an Sappho zu rächen, dem Phaon ſchenkte.“ „So iſt es, ſo iſt es. Und was thut ſie, während ſie denkt?“ „Sie faßt einen Entſchluß.“ „Welchen?“ „Warte; ſie ſtreckt ihre Hand nach ihrer Glocke aus; ſie läutet, eine andere junge Frau tritt ein.“ „Braun? blond?“ „Braun.“ „Groß? klein?“ „Klein.“ „Das iſt ihre Schweſter. Höre, was ſie ſagt.“ „Sie will, daß man ihre Pferde anſpanne.“ „Um wohin zu fahren?“ „Hierher.“ „Biſt Du deſſen ſicher?“ „Sie gibt den Befehl dazu. Ah! man gehorcht; ich ſehe die Pferde, den Wagen; in zwei Stunden wird ſie hier ſein.“ Balſamo fiel auf die Kniee. „Oh!“ rief er,„wenn ſie in zwei Stunden wirklich hier iſt, ſo habe ich Dich um nichts mehr zu bitten, mein Gott, als Du mögeſt meinem Glück Dein Mitleid ange⸗ deihen laſſen.“ f„Armer Freund,“ ſprach Lorenza,„Du befürchteteſt alſo?“ „Ja, ja.“ 3 „Und was konnteſt Du befürchten? Die Liebe, die das körperliche Daſein vervollſtändigt, vervollſtändigt auch das moraliſche Daſein. Wie jede edle Leidenſchaft, bringt die Liebe der Gottheit näher, und von Gott geht alles Licht aus.“ „Lorenza, Lorenza, Du wirſt mich vor Freude wahn⸗ finnig machen,“ ſprach Balſamo und ließ ſeinen Kopf auf den Schooß der jungen Frau fallen. Balſamo wartete auf einen neuen Beweis, um voll⸗ kommen glücklich zu ſein. 4 Dieſer Beweis war die Ankunft von Madame Du⸗ arry. Die zwei Stunden des Wartens waren kurz; das Zeitmaß war für Balſamo völlig verſchwunden. Plötzlich bebte die junge Frau, ſie hielt die Hand von Balſamo. „Du zweifelſt noch,“ ſagte ſie,„und Du moͤchteſt gern wiſſen, wo ſie in dieſem Augenblick iſt?“ „Ja, das iſt wahr,“ antwortete Balſamo. „Sie folgt dem Boulevard in ſcharfem Lauf der Pferde, ſie naht, ſie fährt in die Rue Saint⸗Claude, ſie hält vor dem Hofthor, ſie klopft.“ Das Zimmer, in welchem ſich Beide befanden, war Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 10 146 ſo abgelegen, daß der Lärmen des meſſingenen Klopfers nicht bis zur Thüre drang. Doch auf ein Knie erhoben, horchte Balſamo nichts⸗ deſtoweniger. Zwei Glockenſchläge von Fritz machten ihn beben; zwei Schläge waren, wie man ſich erinnert, das Signal eines wichtigen Beſuches. „Oh!“ ſagte er,„es iſt alſo wahr.“ „Verſichere Dich, Balſamo, aber komm raſch zurück.“ Balſamo eilte nach dem Kamin. „Laß mich Dich bis zur Treppenthüre begleiten,“ ſagte Lorenza. „Komm.“ Beide gingen wieder durch das Zimmer mit den Pelzen. „Du wirſt dieſes Zimmer nicht verlaſſen?“ fragte Balſamo. v „Nein, da ich Dich erwarte. Oh! ſei unbeſorgt, die Lorenza, die Dich liebt, iſt, Du weißt es wohl, nicht die Lorenza, die Du fürchteſt. Uebrigens...“ Lächelnd hielt ſie inne. „Was?“ fragte Balſamo. „Siehſt Du denn nicht in meiner Seele, wie ich in der Deinigen ſehe?“ „Ach! nein.“ „Uebrigens befiehl mir, zu ſchlafen bis zu Deiner Rückkehr; beſiehl mir, unbeweglich auf dieſem Sopha zu bleiben, und ich werde ſchlafen und unbeweglich bleiben.“ ic„Es ſei, meine geliebte Lorenza, ſchlafe und erwarte mich.“ Schon gegen den Schlaf kämpfend, drückte Lorenza in einem letzten Kuß ihre Lippen auf die Lippen von Balſamo, ſank dann wankend auf den Sopha zurück und flüſterte: wahr? „Auf baldiges Wiederſehen, mein Balſamo, nicht 1 2 m½-ᷣ-qſ A SSͤSS 147 1 Balſamo grüßte ſie mit der Hand; Lorenza ſchlief on. Aber ſo ſchoͤn, ſo rein mit ihren langen aufgelöſten Haaren, mit ihrem leicht geöffneten Mund, mit der ſieber⸗ haften Röthe ihrer Wangen und ihren ſchwimmenden Au⸗ gen,— ſo weit entfernt, einem Weibe zu gleichen, daß Balſamo zu ihr zuruͤckkehrte, ſie bei der Hand nahm, ihre Arme und ihren Hals küßte, ihre Lippen jedoch nicht zu küſſen wagte. Abermals erſchollen zwei Schläge; die Dame wurde ungeduldig oder Fritz befürchtete, ſein Herr habe ihn nicht gehört. Balſamo eilte nach der Thüre. Als er ſie hinter ſich ſchloß, glaubte er ein zweites Krachen, dem, welches er ſchon gehört, ähnlich zu verneh⸗ men er öffnete die Thüre wieder, ſchaute umher und ſah nichts. Nichts, als Lorenza ausgeſtreckt und keuchend unter der Laſt ihrer Liebe. Balſamo ſchloß die Thüre und lief nach dem Salon, — ohne Unruhe, ohne Furcht, ohne Vorgefühl, das Para⸗ dies im Herzen mit ſich tragend. Balſamo täuſchte ſich, es war nicht allein die Liebe, was die Bruſt von Lorenza bedrückte und ihren Athem keuchend machte. Es war eine Art von Traum, der aus der Lethargie, in die ſie verſunken war, hervorzugehen ſchien, eine dem Tode benachbarte Lethargie. Lorenza träumte, und es kam ihr vor, als ſähe ſie in dem häßlichen Spiegel der finſteren Träume mitten in der Dunkelheit, welche Alles zu verdüſtern begann, den eiche⸗ nen Plafond ſich kreisförmig öͤffnen und etwas wie eine große Ginſetzroſe ſich losmachen und mit einer langſamen, abgemeſſenen, gleichmäßigen, von einem unheimlichen Pfei⸗ fen begleiteten Bewegung herabſinken; es kam ihr vor, als fehlte es ihr allmälig an Luft, als wäre ſie unter dem Drucke dieſes beweglichen Kreiſes dem Erſticken nahe. 148 Es kam ihr endlich vor, als rührte ſich auf dieſer beweglichen Fallthüre ein ungeſtaltetes Ding wie der Ca⸗ liban des Sturmes, ein Ungeheuer mit menſchlichem Ge⸗ ſicht,— ein Greis, deſſen Augen und Arme allein lebten, und der ſie mit ſeinen Schrecken einjagenden Augen an⸗ ſchaute und ſeine fleiſchloſen Arme nach ihr ausſtreckte. Und ſie, ſie, die Arme krümmte ſich und rang ver⸗ gebens, ohne fliehen zu können, ohne die Gefahr zu erra⸗ then, die ſie bedrohte, ohne etwas zu fühlen⸗ wenn nicht den Druck zweier lebenden Klammern, die mit ihrem Ende ihr weißes Kleid packten, ſie von threm Sopha aufnahmen und auf die Fallthüre legten, die ſich langſam, langſam zum Plafond erhob, mit dem peinlichen Knirſchen des Eiſens, das ſich am Eiſen reibt, und mit einem häßlichen, ſcharfen Gelächter, das aus dem ſchauderhaften Munde dieſes Ungeheuers mit dem menſchlichen Geſicht, das ſie ohne Erſchütterung und ohne Schmerz zum Himmel em⸗ portrug, zu kommen ſchien. CXXXI. Der Liebestrank. Es war, wie es Lorenza vorhergeſagt, Madame Du⸗ barry, welche an die Thüre geklopft hatte.. Die ſchöne Courtiſane war in den Salon eingeführt worden. Sie blätterte in Erwartung von Balſamo in jenem merkwürdigen Buch vom Tod, das in Mainz ge⸗ ſtochen worden iſt, und deſſen mit wunderbarer Kunſt ge⸗ zeichnete Blätter den Tod allen Handlungen des menſch⸗ lichen Lebens beiwohnend zeigen, wie er an der Thüre des Ballſaales wartet, wo der Mann die Hand der Frau gedrückt hat, die er liebt, wie er ihn in die Tiefe des Waſſers, 149 in dem er ſich badet, hinabzieht oder ſich in dem Lauf der Flinte verbirgt, die er auf die Jagd mitnimmt. Madame Dubarry war an dem Blatt, das eine ſchöne Frau darſtellt, die ſich ſchmückt und im Spiegel beſchaut, als Balſamo raſch die Thüre öffnete und ſie mit dem Lächeln des Glückes, das auf ſeinem Geſichte ver⸗ breitet war, begrüßte. „Verzeihen Sie, Madame, daß ich Sie habe warten laſſen, aber ich hatte die Entfernung ſchlecht berechnet, oder ich kannte ſchlecht die Geſchwindigkeit Ihrer Pferde und glaubte ſie noch auf der Place Louis XV.“ „Wie,“ fragte die Gräfin,„Sie wußten alſo, ich werde kommen?“ „Ja, Madame, vor ungefähr zwei Stunden habe ich geſehen, daß Sie in Ihrem Boudoir von blauem Atlaß Befehl zum Anſpannen gaben.“ „Und Sie ſagen, ich ſei in meinem Boudoir von blauem Atlaß geweſen?“ „Mit Blumen in natürlichen Farben brochirt. Ja, Gräfin, Sie lagen auf einem Sopha. Ein glücklicher Gedanke ging durch Ihren Kopf; Sie ſagten ſich, wir Belen den Grafen von Fönir beſuchen; dann läuteten e. „Und wer kam herein?“ „Ihre Schweſter, Gräfin. Iſt es ſo? Sie baten ſie, Ihre Befehle zu beſorgen, welche auch ſogleich voll⸗ zogen wurden.“ „In der That, Graf, Sie ſind ein Zauberer. Schauen Sie ſo jeden Augenblick des Tags in mein Boudoir? Davon müßten Sie mich in Kenntniß ſetzen.“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt, Gräfin, ich ſchaue nur durch die offenen Thüren.“ „Und indem Sie durch die offenen Thüren ſchauten, ſahen Sie, daß ich an Sie dachte?“ „Gewiß, und zwar in guter Abſicht.“ „Ah! Sie haben Recht, lieber Graf: ich hege für 150 Sie die beſten Abſichten der Welt; doch geſtehen Sie, daß Sie mehr verdienen als Abſichten, Sie, der Sie ſo gut, ſo nützlich ſind, Sie, der Sie beſtimmt ſcheinen, in meinem Leben die Rolle des Vormunds zu ſpielen, und das iſt die ſchwierigſte, die ich kenne.“ „In der That, Madame, Sie machen mich ſehr glücklich; ich konnte Ihnen alſo von einigem Nutzen ſein?“ „Wie!... Sie ſind Wahrſager und errathen nicht?“ „Laſſen Sie mir wenigſtens das Verdienſt der Be⸗ ſcheidenheit.“— „Es ſei, mein lieber Graf; ich will folglich zuerſt znit Ihnen von dem ſprechen, was ich für Sie gethan habe.“ „Das werde ich nicht dulden, Madame; ich bitte, ſprechen wir im Gegentheil von Ihnen.“ „Wohl, mein lieber Graf; fangen Sie vor Allem damit an, daß Sie mir den Stein leihen, der unſichtbar macht; denn ich glaubte auf meiner Fahrt, ſo raſch ſie † auch war, einen von den geheimen Bedienten von Herrn von Richelieu zu erkennen.“ „Und dieſer Bediente, Madame?“ „Folgte meinem Wagen mit einem Läufer.“ „Was denken Sie hievon? In welcher Abſicht ließ Ihnen der Herzog wohl folgen?“ „In der Abſicht, mir irgend einen boshaften Streich ſeiner Art zu ſpielen. So beſcheiden Sie auch ſind, Herr Graf von Fönir, ſo ſehen Sie doch, daß Ihnen Gott hinreichend perſönliche Vorzüge geſchenkt hat, um einen König eiferſüchtig... auf meine Beſuche bei Ihnen und 5 auf Ihre Beſuche bei mir zu machen.“ „Herr von Richelieu, Madame, kann bei keinem Zu⸗ ſammentreffen gefährlich für Sie ſein.“ 1 „Aber er war es, lieber Graf, er war es doch vor dem Ereigniß.“ Balſamo begriff, daß hier ein Geheimniß obwaltete, welches ihm Lorenza noch nicht geoffenbart hatte. Er. 1 2 2 —9 ₰ ——— 151 wagte ſich dem zu Folge nicht auf den Boden des Unbe⸗ kannten und beſchränkte ſich darauf, daß er mit einem Lächeln antwortete. 3 „Er war es,“ wiederholte die Gräfin,„und ich wäre beinahe das Opfer des gut angeſponnenen Com⸗ Veue geworden, bei dem Sie auch betheiligt waren, raf. 3„8ch! bei einem Complott gegen Sie? Nie, Ma⸗ ame!“ „Hatten denn nicht Sie Herrn von Richelieu den Zaubertrank gegeben?“ „Welchen Zaubertrank?“. „Einen Trank, der raſend verliebt macht.“ „Nein, Madame, dieſe Liebestränke bereitet Herr von Richelieu ſelbſt, denn ſeit langer Zeit kennt er das Recept; ich habe ihm nur ein einfaches narkotiſches Mit⸗ tel gegeben.“ „Ah! wahrhaftig?“ „Auf Ehre.“ „Und der Herr Herzog, warten Sie doch... An welchem Tag hat Sie der Herr Herzog um dieſes nar⸗ kotiſche Mittel gebeten? Erinnern Sie ſich des Datums, mein Herr, es iſt von Wichtigkeit.“ „Madame, es war vorigen Sonnabend, einen Tag, ehe ich die Ehre hatte, durch Fritz an Sie das kleine Billet zu überſchicken, in welchem ich Sie mich bei Herrn von Sartines aufzuſuchen bat.“ „Am Vorabend dieſes Tages?“ rief die Gräfin, „am Vorabend des Tages, wo man den König zu der kleinen Taverney gehen ſah! Oh! nun iſt mir Alles er⸗ ärt.“ „Wenn Ihnen Allles erklärt iſt, ſo müßten Sie ſehen, daß ich nur an dem narkotiſchen Mittel Theil habe.“ ,„Ja, es iſt das narkotiſche Mittel, was uns gerettet hat.“ Balſamo wartete diesmal, er wußte von nichts. 15² „Madame,“ erwiederte er,„ich fühle mich glücklich, daß ich Ihnen, ſelbſt ohne Abſicht, zu etwas dienlich bin.“ „Oh! Sie find immer vortrefflich gegen meine Per⸗ ſon. Doch Sie vermögen noch mehr für mich, als Sie bis jetzt gethan haben. Oh! Doctor, ich bin ſehr krank geweſen, um poetiſch zu ſprechen, und zu dieſer Stunde glaube ich kaum an meine Wiedergeneſung.“ „Madame,“ ſprach Balſamo,„der Doctor, da es ſich hier um einen Doctor handelt, verlangt immer die einzelnen Umſtände der Krankheit zu wiſſen, die er zu behandeln hat. Wollen Sie mir alſo die Umſtände bei dem, was Sie erfahren haben, auf das Genauſte an⸗ geben, und wenn es Ihnen möglich iſt, kein Symptom vergeſſen.“ „Nichts kann einfacher ſein, lieber Doctor, oder lieber Zauberer, wie Sie wollen. Am Vorabend des Tages, wo dieſes narkotiſche Mittel angewendet wurde, ſchlug es Seine Majeſtät aus, mich nach Luciennes zu begleiten. Sie blieb unter dem Vorwand der Müdigkeit in Tria⸗ non, dieſe lügneriſche Majeſtät, und zwar, wie ich ſeitdem erfahren habe, um mit dem Herzog von Richelieu und dem Baron von Taverney allein zu Nacht zu ſpeiſen.“ „Ah! ah!“ „Sie begreifen nun ebenfalls. Während dieſes Abendbrodes wurde der Liebestrank dem König eingege⸗ ben. Er hatte ſchon eine Neigung für Fräulein Andrée; man wußte, daß er mich am andern Tag nicht beſuchen würde. In Beziehung auf dieſe Kleine ſollte alſo der Trank wirken.“ „Nun?“ „Er wirkte auch.“ „Was geſchah ſodann?“ „Das iſt ſchwer genau zu wiſſen. Wohlunter⸗ richtete Leute ſahen Seine Majeſtät ſich nach den Com⸗ muns, das heißt nach der Wohnung von Fräulein Andrée wenden. —,— 2—— — Ss ά — 8 ͤ uu u 153 „Ich weiß, wo ſie wohnt; doch hernach?“ „Ahl hernach; Teufel! wie raſch Sie fragen, Graf. Man folgt nicht ohne Gefahr einem Köͤnig, der ſich ver⸗ birgt.“ 3„Doch endlich?“ „Alles, was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß Seine Majeſtät in einer abſcheulich ſtürmiſchen Nacht, bleich, zitternd und mit einem Fieber, das ans Delirium grenzte, nach Trianon zurückkam.“ „Und Sie glauben, es ſei nicht allein der Sturm geweſen, was dem Köͤnig bange gemacht 2“ fragte Bal⸗ ſamo lächelnd. „Nein, denn der Kammerdiener hörte ihn mehrere Male ausrufen:„„Todt! todt! todt!““ „Oh! oh!“ „Das war das narkotiſche Mittel ,“ fuhr Madame Dubarry fort;„nichts macht dem König ſo ſehr bange, als die Todten, und nach den Todten das Bild des To⸗ des. Er fand Fräulein von Taverney in einen ſeltſamen Schlaf verſunken und wird ſie für todt gehalten haben.“ „Ja, ja, in der That todt,“ ſprach Balſamo, der ſich nun erinnerte, daß er, ohne Lorenza wieder aufzu⸗ 2ꝙF wecken, entflohen war,„todt, oder wenigſtens allen At ſchein des Todes darbietend. So iſt es! ſo iſt es! Her⸗ nach, Madame, hernach?“ „Niemand erfuhr alſo, was in dieſer Nacht, oder vielmehr am Anfang dieſer Nacht vorſiel. Als der Kö⸗ nig in ſeine Gemächer zurückkehrte, wurde er von einem heftigen Fieber und von einem Nervenzittern befallen, was erſt am andern Tag vorüberging, als es der Frau Dauphine einſiel, beim König öffnen zu laſſen und Seiner Majeſtät eine ſchöne, lachende Geſtalten beleuch⸗ tende Sonne zu zeigen. Da verſchwanden alle die un⸗ bekannten Viſionen mit der Nacht, die ſie erzeugt hatte. „Um Mittag ging es beim Koͤnig beſſer, er nahm etwas Fleiſchbrühe zu ſich und aß ein Flügelchen von einem Rebhuhn, und am Abend...“ 154 „Und am Abend?“ wiederholte Balſamo. „Nun, am Abend kam Seine Majeſtät, welche ohne Zweifel nach dem Schrecken des vorhergehenden Tages nicht in Trianon bleiben wollte, am Abend kam Seine Majeſtät zu mir nach Luciennes, wo ich, mein lieber Graf, meiner Treue wahrnahm, daß Herr von Richelieu beinahe ein ebenſo großer Zauberer iſt, als Sie.“ Das triumphirende Geſicht der Gräfin, ihre Ge⸗ berde voll Anmuth und Schelmerei vollendeten ihren Ge⸗ danken und beruhigten völlig Balſamo in Beziehung auf die Macht, welche die Favoritin immer noch über den König ausübte. „Sie ſind alſo zufrieden mit mir, Madame?“ ſagte er. „Begeiſtert von Ihnen, das ſchwöre ich, Graf; Sie haben mir, als Sie von den Unmöglichkeiten ſprachen, die Sie geſchaffen, ſtreng die Wahrheit geſagt.“ Und ſie reichte ihm als Beweis ihres Dankes die ſo weiße, ſo zarte, ſo duftende Hand, die nicht ſo friſch war, wie die von Andrée, deren Wärme aber auch ihre Bexedtſamkeit beſaß. „ Und nun zu Ihnen, Graf,“ ſprach ſie. 8 Malſatno verbeugte ſich wie ein Menſch, der zu hören iſt. it „ Haben Sie mich vor einer großen Gefahr bewahrt,“ fuhr Madame Dubarry fort,„ſo glaube ich Sie vor einer nicht geringeren Gefahr beſchützt zu haben.“ „Ich,“ erwiederte Balſamo, ſeine Unruhe verbergend, „ich bedarf deſſen nicht, um Ihnen dankbar zu ſein; wollen Sie mir jedoch ſagen?...“ „Ja, das fragliche Kiſtchen.“ „Nun, Madame?“ „Es enthielt Geheimſchriften, welche Herr von Sar⸗ tines von allen ſeinen Schreibern überſetzen ließ; alle unterzeichneten ihre abgeſondert gemachte Ueberſetzung und alle Ueberſetzungen gaben dasſelbe Reſultat. Und ſo iſt Herr von Sartines dieſen Morgen, während ich gerade dort war, nach Verſailles gekommen und hat alle dieſe .— — bei Ludwig XV. durchdringt:„„Nehmen Sie ſich i beſchuldigt?“ Ueberſetzungen nebſt dem Wörterbuch der diplomatlſchen Geheimſchriften mitgebracht.“ 3 „Ah! ah! Und was hat der König⸗ geſag „Der Köͤnig ſchien Anfangs erſtaunt, dann Man findet leicht Gehöͤr bei Seiner Majeſtät, man ihr von Gefahren ſpricht. Seit dem Federmeſſer von Damiens aibt es ein Wort, mit welchem Jedermann Acht 14 1 „Herr won Sartines hat mich alſo der Complottirung „Herr von Sartines verſuchte es Anfangs, mich weggehen zu machen; doch ich weigerte mich und erklärte, da Niemand dem König anhänglicher ſei, als ich, ſo habe Niemand das Recht, mich zu entfernen, wenn man ihm von einer Gefahr ſage. Herr von Sartines drang den⸗ noch auf meine Entfernung; doch ich widerſtand, und der König ſagte lächelnd, indem er mich auf eine gewiſſe Art anſchaute, die ich gar wohl verſtehe: 8 „„Laſſen Sie die Gräfin hier, Sartines, ich kann ihr heute nichts verweigern.““ 8 „Sie begreifen, Graf, da ich da war, befürchtete Herr von Sartines, der ſich wohl unſeres ſo ſcharf aus⸗ geſprochenen Abſchieds erinnerte, er befürchtete, ſage ſichh mir zu mißfallen, wenn er Sie anklagen würde. Er ſtützte ſich auf die ſchlimme Geſinnung des Königs von Preußen gegen Frankreich, auf die Neigungen der Geiſter, ſich des Uebernatürlichen zu bedienen, um den Gang ihrer Rebellion zu erleichtern. Er klagte mit einem Wort viele Leute an und bewies, immer ſeine Zifferſchriften in der Hand, dieſe Leute ſeien ſchuldig.“ „Schuldig, welches Verbrechens?“ „Welches Verbrechens?... Graf, ſoll ich das Staatsgeheimniß ſagen?“ „Das unſer Geheimniß iſt, Madame. Oh! Sie wa⸗ gen nichts dabei! Ich habe, wie mir ſcheint, ein Intereſſe, nicht zu ſprechen.“ 156 „ Ja, Graf, ich weiß es, ein großes Intereſſe. Herr von Sartines wollte alſo beweiſen, eine zahlreiche, mäch⸗ tige, von muthigen, gewandten, entſchloſſenen Adepten ge⸗ bildete Secte untergrabe auf eine dumpfe Weiſe die Seiner königlichen Majeſtaͤt ſchuldige Ehrfurcht, indem ſie gewiſſe Geruchte über den König verbreite.“ „Welche Gerüchte?“ 6 „Sie ſage zum Beiſpiel, Seine Majeſtät hungere ſein Volk aus.“ „Was antwortete der König darauf?"“ „Der König antwortete, wie er immer antwortet, durch einen Scherz.“ Balſamo athmete. „Und was für ein Scherz war das?“ fragte er. „„Da man mich beſchuldigt, ich hungere mein Volk aus,““ ſagte er,„„ſo habe ich nur eine Antwort auf dieſe Anſchuldigung zu geben: Nähren wir es.““ „„Wie dies, Sire?““ fragte Herr von Sartines. „„Ich übernehme für meine Rechnung die Verköſti⸗ gung aller derjenigen, welche dieſes Gerücht verbreiten, und biete Ihnen überdies freie Wohnung in der Baſtille an.“ℳ Balſamo fühlte einen leichten Schauer ſeine Adern ſchlaufen, doch er blieb laͤchelnd: „Hernach?“ ſagte er. „Hernach ſchien mich der König durch ein Lächeln um Rath zu fragen.„„Sire,““ ſprach ich ſodann,„„man wird mich nie glauben machen, alle dieſe kleinen ſchwarzen Ziffern, welche Ihnen Herr von Sartines überbringt, wol⸗ len beſagen, Sie ſeien ein ſchlechter König.““ „Da ſchrie der Polizeilieutenant laut auf. „„Ebenſowenig, als Sie mir je beweiſen werden, die Schreiber Ihrer Kanzlei verſtehen zu leſen,““ fügte ich bei. . „Und was ſagte der König, Gräfin?“ fragte Bal⸗ ſamo. 3 z 3 könnte Recht haben, aber Herr von Sartines ätte nicht Unrecht. „Und ſodann?“ 157 „Sodann fertigte man viele geheime Verhaftsbefehle aus, unter denen Herr von Sartines, wie ich deutlich ſah, einen gegen Sie einſchieben wollte. Doch ich gab nicht weich und hielt ihn mit einem einzigen Wort zurück.“ „„Mein Herr,““ ſagte ich ganz laut und in Gegen⸗ wart des Königs,„„verhaften Sie ganz Paris, wenn es Ihnen gutdünkt, das iſt Ihres Amtes; aber man laſſe es ſich nicht einfallen, einen einzigen von meinen Freunden zu berühren... oder!““ „Hoho!““ rief der König,„„ſie wird ärgerlich; hü⸗ ten Sie ſich, Sartines.““ „„Aber, Sire, das Intereſſe des Königreichs.. „„Oh! Sie ſind kein Sully,““ erwiederte ich, roth vor Zorn,„„und ich bin keine Gabriele.““ „„Madame, man will den König ermorden, wie man Heinrich IV. ermordet hat.““ „Diesmal erbleichte der König, zitterte er, fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne. „Ich hielt mich für beſiegt.“ „„Sire,““ ſagte ich,„„man muß den Herrn fort⸗ fah ren laſſen, denn ſeine Commis haben ohne Zweifel auch in allen dieſen Ziffern geleſen, ich conſpirire gegen Sie.““ „Und ich ging hinaus. „Teufel! das war am andern Tag nach dem Liebes⸗ trank, Graf. Der Köͤnig zog meine Gegenwart der von Herrn Sartines vor und lief mir nach. „„Ah! ich bitte, Gräfin, ärgern Sie ſich nicht,““ ſagte er. „„Dann jagen Sie dieſen gemeinen Menſchen fort, Sire; er riecht nach dem Gefängniß.““ „„Gehen Sie, Sartines, gehen Sie,““ ſagte der Koͤnig die Achſeln zuckend. „„Und ich verbiete Ihnen in Zukunft nicht nur, bei nir erſcheinen, ſondern auch, mich zu grüßen,““ fügte ich bei 4444ʃ „Da verlor unſer Polizeilieutenant den Kopf; er kam auf mich zu und küßte mir demüthig die Hand. 158 „„Wohl, es ſei,““ ſagte er,„„ſprechen wir nicht mehr davon, ſchöne Dame; doch Sie richten den Staat zu Grund. Ihr Schützling, da Sie es durchaus ſo wollen, ſoll von meinen Agenten verſchont werden.““ Balſamo ſchien in eine tiefe Träumerei verſunken. „Wie!“ ſagte die Gräfin,„Sie danken mir nicht einmal, daß ich Ihnen die Bekanntſchaft mit der Baſtille erſpart habe, was vielleicht ungerecht, aber darum nicht minder unangenehm geweſen wäre?“ Balſamo antwortete nicht; er zog nur aus ſeiner Taſche ein Fläſchchen, das einen blutrothen Saft enthielt. „Nehmen Sie, Madame,“ ſagte er;„für die Freiheit, die Sie mir ſchenken, ſchenke ich Ihnen zwanzig Jahre Jugend mehr.“ Die Gräſin ſchob das Fläſchchen in ihren Schnür⸗ leib und entfernte ſich freudig und triumphirend. Balſamo blieb träumeriſch. „Sie waren vielleicht ohne die Coquetterie eines Weibes gerettet,“ ſagte er nach einiger Zeit.„Der kleine Fuß dieſer Courtiſane ſtürzt ſie in die tieſſte Tiefe des Abgrunds. „Gott iſt entſchieden mit uns!“ CXXXII. Das Blut. Madame Dubarry hatte noch nicht die Thüre des Hauſes hinter ſich ſchließen ſehen, als Balſamo wieder die Geheimtreppe hinaufſtieg und in das Zimmer mit den Pelzen zurückkehrte. 4 Die Unterredung mit der Gräfin hatte lange gedauert und ſein Eifer rührte von zwei Urſachen her. Die erſte war das ſehnſüchtige Verlangen, Lorenza 5 459 zu ſehen; die zweite war die Furcht, die junge Frau dürfte ermüdet ſein; denn in dem neuen Leben, das er ihr gemacht hatte, konnte es keinen Platz für die Langweile geben; ermüdet dadurch, daß ſie, wie ihr dies zuweilen kegenneie, vom magnetiſchen Schlaf zur Extaſe übergehen onnte. Auf die Ertaſe folgten beinahe immer Nervenkriſen, wenn der Dazwiſchentritt des wiederherſtellenden Fluidums nicht ein befriedigendes Gleichgewicht zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Functionen des Organismus herbeiführte. Nachdem Balſamo die Thüre geſchloſſen, warf er raſch ſeine Blicke auf den Sopha, auf dem er Lorenza gelaſſen hatte. Sie war nicht mehr da. Nur die feine Mante von Kaſchemir, worauf gol⸗ dene Blumen geſtickt, welche ſie gewöhnlich wie eine Schärpe umhüllte, war allein auf den Polſtern als ein Zeugniß für ihre Anweſenheit in dieſem Zimmer und für ihr Ruhen auf dieſem Sopha zurückgeblieben. Balſamo heftete, unbeweglich, die ſtarren Augen auf den leeren Sopha. Vielleicht hatte ſich Lorenza durch einen ſeltſamen Geruch, der ſich in dem Zimmer, aus dem ſie weggegangen, verbreitet zu haben ſchien, beläſtigt ge⸗ fühlt; vielleicht hatte ſie ſich mit einer maſchinenmäßigen Bewegung die Gewohnheiten des wirklichen Lebens zuge⸗ eignet und inſtinctartig ihren Platz verändert. Balſamo dachte zuerſt, Lorenza wäre in das Labora⸗ torium zurückgekehrt, wohin er ſie einen Augenblick zuvor begleitet hatte. Er trat in das Laboratorium ein. Beim erſten An⸗ blick ſchien es leer; doch im Schatten des rieſigen Ofens, hinter den Vorhängen mit Perſonen aus dem Orient, konnte ſich eine Frau leicht verbergen. Er hob alſo die Vorhänge auf, er ging rings um den Ofen; doch nirgends konnte er eine Spur der An⸗ weſenheit von Lorenza ſinden. 160 Es blieb das Zimmer der jungen Frau, wohin ſie ohne Zweifel zurückgekehrt war. Dieſes Zimmer war für ſie in ihrem wachen Zuſtand nur ein Gefängniß. Er lief dahin und fand die Platte geſchloſſen. Doch dies diente durchaus nicht zum Beweis, daß ſich Lorenza nicht in ihr Zimmer begeben. In der That, es widerſetzte ſich nichts dem, daß Lorenza in ihrem hellſehenden Schlaf ſich des Mechanismus erinnert und, ſich deſſelben erinnernd, den Erſcheinungen eines in ihrem Geiſte ſchlecht verwiſchten Traumes gehorcht hatte. Balſamo drückte an der Feder. Das Zimmer war leer wie das Laboratorium: Lo⸗ renza ſchien nicht einmal hineingekommen zu ſein. Ein ſchmerzlicher Gedanke, ein Gedanke, der, wie man ſich erinnert, ſchon einmal ſein Herz gefoltert hatte, verjagte nun alle Vermuthungen, alle Hoffnungen des durch die Liebe Beglückten. Lorenza habe eine Rolle geſpielt; ſie habe ſich ge⸗ ſtellt, als ſchliefe ſie; ſie habe ſo jedes Mißtrauen, jede Wachſamkeit, jede Unruhe im Geiſte ihres Gatten beſeitigt, und bei der erſten Freiheit, die ſich ihr geboten, ſei ſie abermals entflohen,— durch eine erſte, oder vielmehr uuch eine zweite Erfahrung ſicher über das, was ſie thun ollte. 3 I Balſamo fuhr bei dieſem Gedanken auf und läutete Fritz Dann, als ob dieſer für ſeine Ungeduld zu ſehr zö⸗ gerte, ſtürzte er ihm entgegen und rief, ſobald er ihn auf der Geheimtreppe traf: „Die Signora?“ „Was iſt es, Meiſter?“ fragte Fritz, der an dem Beben von Balſamo wahrnahm, daß etwas Außerordent⸗ liches vorging. „Haſt Du ſie geſehen?“ „Nein, Meiſter.“ „Sie iſt nicht weggegangen?“ 161 „Von wo?“ „Vom Haus?“ „Es iſt Niemand weggegangen, als die Gräfin, hinter der ich die Thüre geſchloſſen habe.“ Balſamo ſtieg wie ein Wahnſinniger wieder die Treppe hinauf. Er bildete ſich ein, die tolle junge Frau, welche in ihrem Schlafe ſo ſehr von dem verſchieden war, was ſie im Wachen that, habe einen ihrer Augenblicke kindiſchen Muthwillens, ſie leſe aus irgend einem Winkel, wo ſie verborgen, die Angſt in ſeinem Herzen und beluſtige ſich damit, daß ſie ihn erſchrecken wolle, um ihn nachher wieder zu beruhigen. Dann begann eine ſorgfältige Unterſuchung. Nicht ein Winkel wurde verſchont, nicht ein Schrank vergeſſen, nicht ein Windſchirm am Platz gelaſſen. Es war in dieſer Nachforſchung von Balſamo etwas vom Menſchen, der durch die Leidenſchaft verblendet iſt, vom Narren, der nicht mehr ſieht, vom Trunkenen, der wankt. Er hatte nur noch die Kraft, die Arme zu oͤffnen und auszurufen:„Lorenza! Lorenza!“ in der Hoffnung, das angebetete Geſchöpf würde ſich plötzlich mit einem Freuden⸗ ſchrei darein ſtürzen. 3 Doch nur eln Stillſchweigen allein, ein finſteres, hart⸗ näckiges Stillſchweigen antwortete ſeinem ausſchweifenden Gedanken und ſeinem wahnſinnigen Ruf. Laufen, alles Geräthe umkehren, zu den Mauern ſprechen, Lorenza rufen, ſchauen, ohne zu ſehen, horchen, ohne zu hören, beben, ohne zu leben, ſchauern, ohne zu denken, dies war der Zuſtand, in welchem Balſamo drei Minuten, das heißt drei Jahrhunderte im Todeskampf hinbrachte. Aus dieſem wirren Treiben ging er halb verrückt hervor; er tauchte ſeine Hand in ein Gefäß mit eiskaltem Waſſer, befeuchtete ſich damit die Schläͤfe, drückte eine von ſeinen Händen mit der andern zuſammen, als wollte er ſich zur Unbeweglichkeit zwingen, und vertrieb durch Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 1 162 den Willen das läſtige Geräuſch jenes Schlagens vom Blut gegen den Schädel, ein unſeliges, unabläßiges, mo⸗ notones Geräuſch, das, wenn es Bewegung und Stille iſt, das Leben anzeigt, wenn es aber ſtürmiſch und bemerk⸗ bar wird, den Tod oder den Wahnſinn bezeichnet. „Wir wollen vernünftig urtheilen,“ ſagte er;„Lorenza iſt nicht mehr da; keine falſche Vorſpiegelungen gegen mich ſelbſt; Lorenza iſt nicht mehr da, folglich iſt ſie weg⸗ gegangen, ja, ſie iſt weggegangen.“ Und er ſchaute noch einmal umher und rief noch einmal: „Weggegangen!“ wiederholte er.„Vergebens be⸗ hauptet Fritz, er habe ſie nicht geſehen. Sie iſt wegge⸗ gangen, ſicherlich weggegangen. „Zwei Fälle bieten ſich dar: „Entweder hat er wirklich nichts geſehen, was im Ganzen wohl möglich iſt, denn der Menſch kann ſich irren; oder er hat geſehen und iſt von Lorenza beſtochen worden. „Beſtochen! Fritz! „Warum nicht! Vergebens ſpricht ſeine frühere Treue gegen dieſe Annahme. Wenn Lorenza, wenn die Liebe, wenn die Wiſſenſchaft in dieſem Grad täuſchen und lügen konnten, warum ſollte die ſo gebrechliche, ſo fehlbare Matut eines menſchlichen Geſchöpfes nicht ebenfalls täu⸗ ſchen? 3„Ohl! ich werde Alles, Alles erfahren! Bleibt mir nicht Fräulein von Taverney? Ja, durch Andrée werde ich den Verrath von Fritz, durch Andrée werde ich den Verrath von Lorenza erfahren... Oh! diesmal, da die Liebe lügenhaft geweſen, da die Wiſſenſchaft ein Irrthum, da die Treue eine Falle geweſen ſein wird... ohl dies⸗ mal wird Balſamo ohne Mitleid, ohne Rückhalt ſtrafen, wie ein mächtiger Menſch, der ſich rächt, nachdem er die Barmherzigkeit verjagt und den Stolz bewahrt hat. „Es iſt nun nichts mehr Anderes zu thun, als ſo vom mo⸗ tille eerk⸗ enza egen veg⸗ noch 16³ ſchnell als moͤglich wegzugehen, Fritz nichts ahnen zu laſſen und nach Trianon zu laufen.“ Und Balſamo nahm ſeinen Hut, der zu Boden ge⸗ fallen war, und ſtürzte nach der Thüre. Doch plötzlich blieb er ſtehen... „Oh!“ ſagte er...„mein Gott! der arme Greis... ich hatte ihn vergeſſen... vor Allem muß ich Althotas ſehen; während dieſes Anfalls von Fieberwahn, ſo lange dieſer ungeheuerliche Liebeskrampf dauerte, habe ich den unglücklichen Greis ſich ſelbſt überlaſſen. Ich bin undank⸗ bar, ich bin unmenſchlich geweſen.“ Und mit jenem Fieber, das zu dieſer Stunde alle ſelne Bewegungen belebte, näherte ſich Balſamo der Feder, welche den Plafond ſpielen machte. Das beweg⸗ liche Gerüſte kam ſogleich und raſch herab. Balſamo ſtellte ſich darauf und fing an mit Hülfe des Gegengewichts hinaufzuſteigen; doch ganz und gar von der Unruhe ſeines Geiſtes und Herzens erfüllt und ohne an etwas Anderes, als an Lorenza, zu denken. Kaum berührte er das Niveau des Zimmers von Althotas, als die Stimme des Greiſes an ſein Ohr traf und ihn ſeiner ſchmerzlichen Träumerei entzog. Doch zum großen Erſtaunen von Balſamo waren ſeine erſten Worte kein Vorwurf, wie er erwartete: es war ein Ausbruch natürlicher und einfacher Heiterkeit, was ihn empfing. Der Schüler ſchaute mit erſtauntem Blick zum Meiſter empor. Der Greis war in ſeinen Stuhl mit den Federn zurückgelehnt; er athmete geräuſchvoll und mit Wonne, als ob jeder Zug einen Lebenstag gewänne; ſeine Augen, voll von einem düſteren Feuer, deſſen Ausdruck ſich jedoch durch ein um ſeine Lippen ſchwebendes Lächeln milderte, ſeine Augen hefteten ſich auf eine bedrückende Weiſe auf ſeinen Beſuch.. Balſamo raffte ſeine Kräfte zuſammen und ſammelte ſeine Gedanken, um den Meiſter, der gegen die Schwä⸗ 164 chen der Menſchheit ſo wenig nachſichtig war, ſeine Un⸗ ruhe nicht wahrnehmen zu laſſen. Während dieſer Minute, in der er ſich zu faſſen ſuchte, fühlte Balſamo einen ſeltſamen Druck auf ſeiner Bruſt laſten. Die Luft war ohne Zweifel verdorben durch eine zu beſtändige Einathmung, durch einen ſchweren faden, lauen, üblen Geruch; derſelbe Geruch, den er ſchon unten geſpürt hatte, obgleich in einem ſchwä⸗ cheren Grad, ſchwamm in der Luft und hatte, ähnlich jenen Dünſten, welche aus den Seen und Sümpfen im Herbſt bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf⸗ Feigen, einen Koͤrper angenommen und die Scheiben getrübt. In dieſer dichten, herben Atmoſphäre wurde es Bal⸗ ſamo übel, ſein Kopf gerieth in Verwirrung, ein Schwin⸗ del ergriff ihn, und er fühlte, der Athem und die Kräfte würden ihn zugleich verlaſſen. „Meiſter,“ ſprach er, während er einen feſten Stütz⸗ punkt ſuchte und ſeine Bruſt zu erweitern bemüht war, „Meiſter, Ihr könnt nicht hier leben, man athmet hier nicht mehr.“ „Findeſt Du?“ Oh!“ „Ich athme doch hier ſehr gut, und ich lebe hier, wie Du ſiehſt,“ erwiederte Althotas mit freudigem Ton. „Meiſter! Meiſter!“ ſprach Balſe mo, immer mehr betäubt,„merkt wohl auf und laßt mich ein Fenſter öͤffnen, es ſteigt von dieſem Boden wie ein L tdampf auf.“ „Blut! Ah! Du findeſt?... Blut?“ rief Althotas, in ein Gelächter ausbrechend. „Oh! ia, ja, ich fühle die Miasmen, welche ſich aus einem friſch getödteten Körper ausdünſten... ich könnte ſie wägen, ſo ſchwer ſind ſie für mein Gehirn und für mein Herz.“ „Das iſt ſo,“ ſagte der Greis mit ſeinem hoͤhniſchen Lachen,„das iſt ſo, ich habe es ſchon bemerkt; Du haſt 165 ein zartes Herz und ein ſehr ſchwächliches Gehirn, Acha⸗ at. „Meiſter,“ ſprach Balſamo, den Finger gegen den Greis ausſtreckend,„Meiſter, Ihr habt Blut an Euren Händen; Meiſter, es iſt Blut auf dieſem Tiſch; Meiſter, es iſt überall Blut, ſogar in Euren Augen, die wie zwei Flammen glaͤnzen; Meiſter, dieſer Geruch, den man hier einathmet, dieſer Geruch, der mir den Schwindel bereitet, dieſer Geruch, der mich erſtickt, iſt Blutgeruch.“ „Nun, und was dann?“ verſetzte Althotas ruhig; „ſpürſt 1 zum erſten Mal dieſen Geruch?“ „Nein.“ „Haſt Du mich nie meine Experimente machen ſehen? Haſt Du nie ſelbſt ſolche gemacht?“ „Aber menſchliches Blut!“ rief Balſamo, indem er hit der Hand über ſeine von Schweiß triefende Stirne uhr. „Ah! Du haſt einen feinen Geruch,“ ſagte Althotas. „Ich hätte nicht geglaubt, man könnte das Blut eines Menſchen von dem Blut irgend eines Thieres unter⸗ ſcheiden.“ „Das Blut eines Menſchen!“ murmelte Balſamo. Und als er ganz ſchwankend, um ſich daran zu halten, den Vorſprung irgend eines Geräthes ſuchte, erblickte er ſchauernd ein weites kupfernes Becken, deſſen glänzende Wände die purpurne Farbe von friſch vergoſſenem Blut wiederſtrahlten. Das ungeheure Gefäß war halb voll. Balſamo wich erſchrocken zurück. „Oh! dieſes Blut, woher kommt es?“ rief er. Althotas antwortete nicht; doch ſein Blick verlor nichts von den Schwankungen, von der Verwirrung, vom Schrecken von Balſamo. Plötzlich ſtieß dieſer ein wildes Gebrülle aus. „Dann ſich bückend, als ob er eine Beute faſſen wollte, ſtürzte er auf einen Punkt des Zimmers zu und hob vom 166 Boden ein ſeidenes, mit Silber brochirtes Band auf, an welchem eine lange ſchwarze Haarflechte hing. Nach dieſem ſchmerzlichen Geſchrei trat ein toͤdtliches Stillſchweigen in dem Zimmer des Greiſes ein. Balſamo hob langſam das Band auf, betrachtete ſchauernd die Haare, deren Ende eine goldene Nadel auf einer Seite an das Band befeſtigt hielt, während ſie auf der andern, ſcharf abgeſchnitten, eine Franſe zu ſein ſchie⸗ nen, welche an ihren äußerſten Theilen eine Blutwoge geſtreift hätte, denn die rothen, ſchäumenden Tropfen perlten am Ende dieſer Franſe. Je mehr Balſamo ſeine Hand aufhob, deſto mehr zitterte dieſe Hand. Je feſter Balſamo ſeinen Blick auf das befleckte Band heftete, deſto leichenfarbiger wurden ſeine Wangen. „Oh! woher kommt dies?“ murmelte er, doch laut genug, daß ſein Wort eine Frage für einen Andern, als für ihn ſelbſt, wurde. 4 „Dies?“ ſagte Althotas. „Ja, dies.“ „Es iſt ein um Haare gewickeltes ſeidenes Band.“ „Aber dieſe Haare, dieſe Haare, in was ſind ſie ge⸗ taucht worden?“ „Du ſiehſt es wohl, in Blut.“ „In welches Blut?“ „Ei! in das Blut, das ich für mein Ellrir brauchte, in das Blut, das Du mir verweigerteſt und das ich mir wegen Deiner Weigerung ſelbſt verſchaffen mußte.“ „Aber dieſe Haare, dieſe Flechte, dieſes Band, woher habt Ihr ſie? das iſt nicht der Kopfputz eines Kindes.“ „Wer ſagt Dir denn, ich habe ein Kind erwürgt?“ fragte ruhig Althotas. „Braucht Ihr nicht für Euer Elirir das Blut eines Kindes?“ rief Balſamo.„Habt Ihr mir das nicht ge⸗ ſagt?“ „Oder einer Jungfrau, Acharat, oder einer Jung⸗ rau. 167* Und Althotas ſtreckte ſeine abgemagerte Hand über dem Arm des Lehnſtuhles aus und nahm eine Phiole, an deren Inhalt er voll Wonne nippte. 3 Dann ſprach er mit dem allernatürlichſten Ton und mit ſenem liebevollſten Ausdruck: „Das iſt gut von Dir, Acharat; Du biſt weiſe und vorſichtig geweſen, daß Du dieſe Frau unter meinen Bo⸗ den, beinahe in den Bereich meiner Hand brachteſt; die Menſchheit hat ſich nicht darüber zu beklagen, das Geſetz hat nichts einzuwenden. Et! ei! Du haſt mir nicht die Jungfrau geliefert, ohne die ich geſtorben wäre; nein, ich habe ſie genommen. Ich danke Dir, mein lieber Zoͤgling, ich danke Dir, mein kleiner Acharat.“ Und er ſetzte abermals die Phiole an ſeine Lippen. Balſamo ließ die Haarflechte fallen, die er in der Hand hielt; ein gräßliches Licht hatte ſeine Augen ge⸗ blendet.. Vor ihm ſtand der Tiſch des Greiſes, dieſer unge⸗ heure Tiſch, ſtets voll von Kräutern, Büchern und Phiolen, dieſer Tiſch war bedeckt mit einem langen Tuch von weißem Damaſt mit dunkeln Blumen, auf das die Lampe von Althotas ihren röthlichen Schimmer ſo ergoß, daß ſich düſtere Formen hervorhoben, welche Balſamo Anfangs nicht bemerkt hatte. Balſamo nahm eines von den Enden des Tuches und zog es heftig an ſich. Doch da ſträubten ſich ſeine Haare, ſein offener Mund konnte nicht mehr den gräßlichen Schrei von ſich geben, der in der Tiefe ſeiner Kehle erſtickte. Er hatte unter dieſem Tuche den Leichnam von Lorenza erblickt, von Lorenza, welche auf dem Tiſch ausgeſtreckt lag... den Kopf leichenbleich, aber dennoch lächelnd, und zurückhängend, als würde er durch das Gewicht ſeiner langen Haare hinabgezogen. Eine breite Wunde öffnete ſich klaffend über dem Schlüſſelbein, ohne daß mehr ein Tropfen Blutes daraus hervorfloß. 168 Die Hände waren ten Lidern geſchloſſen. „Ja, Blut, jungfräuliches Blut, die drei letzeen Tropfen Arterienblut von einer Jungfrau; das iſt es, was ich brauchte,“ ſprach der Greis, indem er ſich zum dritten Mal ſeiner Phiole bediente. „Elender!“ rief Balſamo, deſſen Verzweiflungsgeſchrei ſich durch jede ſeiner Poren ausſtrömte;„ſtirb alſo, denn ſeit vier Tagen war ſie meine Geliebte, meine Frau! Du haſt ſie umſonſt gemordet...“ „Sie war keine Jungfrau mehr!...“ Die Augen von Althotas zitterten, als ob ſie eine elektriſche Erſchütterung in ihre Höhlen zurückſpringen gemacht hätte; ſeine Augenſterne erweiterten ſich furchtbar; ſein Zahnfleiſch knirſchte in Ermanglung der Zähne; es entſchlüpfte ſeiner Hand die Phiole, fiel auf den Boden und zerſprang in tauſend Stücke, während er ganz beſtürzt, vernichtet, zu⸗ gleich im Herzen und im Gehirn getroffen, in ſeinen Lehnſtuhl zurückſank. Balſamo aber neigte ſich ſchluchzend über den Leib von Lorenza, küßte ihre blutigen Haare und fiel ohnmäch⸗ tig nieder. CXXXIII. Der Menſch und Gott. Die Stunden, dieſe ſeltſamen Schweſtern, die ſich bei der Hand halten und mit einem ſo langſamen Flug für den unglücklichen, mit einem ſo raſchen für den glück⸗ lichen Menſchen vorübergehen, ſanken ſtillſchweigend, ihre ſchweren Flügel zuſammenziehend, auf dieſes Zimmer voll von Schluchzen und Seufzern herab. Auf der einen Seite der Tod, auf der andern der Todeskampf. ſtarr und die Augen unter violet⸗ 169 In der Mitte die Verzweiflung, ſchmerzlich wie der Todeskampf, tief wie der Tod. Balſamo hatte kein Wort mehr von ſich gegeben, ſeit dem gräßlichen Schrei, der ſeine Kehle zerriſſen. Seit dieſer niederſchmetternden Offenbarung, welche die wilde Freude von Althotas durchſchnitten, hatte Bal⸗ ſamo ſich nicht bewegt. Der häßliche Greis, der ſo gewaltſam in das Leben zurückgeworfen wurde, wie es Gott den Menſchen gemacht hat, ſchien eben ſo ſehr aus ſeiner Sphäre herausgeſchleudert, in dieſem für ihn neuen Element, als es der Vogel iſt, der, von einem Bleikorn getroffen, aus einer Wolke herab auf einen See fällt, auf deſſen Oberfläche er ſich ſträubt, Sohne daß es ihm ſeine Flügel aufzuſchwellen gelingt. Die Beſtürzung dieſes leichenbleichen, verſtörten Ge⸗ ſichtes offenbarte den unermeßlichen Umfang ſeiner Ent⸗ täuſchung. Althotas nahm ſich in der That nicht mehr die Mühe, zu denken, ſeitdem ſeine Gedanken das Ziel, nach dem ſie ſich wandten, ein Ziel, von dem ſie glaubten, es wäre feſt und unerſchütterlich wie der Felſen, wie Rauch hatten verſchwinden ſehen. Seine düſtere, ſtille Verzweiflung hatte etwas vom Stumpfſinn. Für einen Geiſt, der nicht gewohnt, den ſei⸗ nigen zu meſſen, wäre dieſes Stillſchweigen vielleicht ein Anzeichen der Forſchung geweſen; für Balſamo, der ihn übrigens nicht einmal anſchaute, war es der Todes kampf der Macht, der Vernunft, des Lebens. Althotas trennte ſich mit ſeinem Blick nicht von die⸗ ſer zerbrochenen Phiole, dem Bilde der Nichtigkeit ſeiner Hoffnungen; es war, als zählte er dieſe tauſend Trümmer die, ſich zerſtreuend, ſein Leben um ebenſo viele Tage vermindert hätten; es war, als hätte er mit dem Blick dieſen auf dem Boden ausgebreiteten koſtbaren Trank ein⸗ ſaugen wollen, und als haͤtte er einen Augenblick an die Unſterblichkeit geglaubt. Zuweilen auch, wenn der Schmerz dieſer Enttäu⸗ 170 ſchung zu lebhaft war, ſchlug der Greis ſein trübes Auge zu Balſamo auf; von Balſamo ging dann ſein Blick zu Lorenza über. Dann glich er jenen in der Falle gefangenen Thieren, welche der Jäger am Morgen am Beine feſtgepackt findet, die er lange mit dem Fuß, ohne daß ſie den Kopf um⸗ drehen, plagt, welche aber, wenn er ſie mit ſeinem Jagd⸗ meſſer ſticht, ſchief ihr blutiges, ganz mit Haß, Rache, Vorwurf und Erſtaunen beladenes Auge erheben. „Iſt es möglich,“ ſagte dieſer noch in ſeiner Stumpf⸗ heit ſo ausdrucksvolle Blick,„iſt es glaublich, daß mir ſo viel Unglück, ſo viele Niederlagen von Seiten eines Weſens zukommen, das ſo geringfügig iſt, wie der Menſch, den ich vier Schritte von mir zu den Füßen eines Gegenſtan⸗ des von ſo gewöhnlicher Art, wie dieſes todte Weib, nie⸗ dergekniet ſehe? iſt es nicht eine Verkehrung der Natur, ein Umſturz der Wiſſenſchaft, eine Entkräftung der Ver⸗ nunft, daß der ſo plumpe Zögling den ſo erhabenen Meiſter getäuſcht hat? iſt es nicht ungeheuerlich, daß das Staubkoͤrnchen das Rad des ſtolzen, raſchen Wagens in ſeinem allmächtigen, unſterblichen Lauf aufgehalten hat?“ Bei Balſamo, der gelähmt, vernichtet, ohne Stimme, ohne Bewegung, beinahe ohne Leben war, hatte noch kein menſchlicher Gedanke die blutigen Dünſte ſeines Gehirns durchbrochen. Lorenza, ſeine Lorenza! Lorenza, ſeine Frau, ſein Idol, dieſes für ihn als Engel und als Geliebte doppelt koſtbare Geſchöpf, Lorenza, das heißt das Vergnügen und der Ruhm, die Gegenwart und die Zukunft, die Kraft und der Glaube, Lorenza, das heißt Alles, was er liebte, was er wünſchte, Alles, was er in der Welt erſtrebte, Lorenza war auf immer für ihn verloren! Er weinte nicht mehr, er ſchrie nicht mehr, er ſeufzte nicht einmal mehr. Er hatte kaum Zeit, ſich darüber zu wundern, daß ein ſo furchtbares Unglück über ſein Haupt hereingebrochen war. Er glich jenen Unglücklichen, welche die Ueberſchwemmung in ihrem Bett mitten in der Fin⸗ 171 ſterniß packt, welche träumen, das Waſſer habe ſie erreicht, welche aufwachend und eine toſende Woge über ihrem Kopfe gewahrend nicht einmal mehr die Zeit haben, einen Schrei auszuſtoßen, wenn ſie vom Leben zum Tod übergehen. Drei Stunden lang glaubte ſich Balſamo in die tief⸗ ſten Abgründe des Todes verſenkt; durch ſeinen ungeheu⸗ ren Schmerz hielt er das, was ihm begegnete, für einen voon jenen finſtern Träumen, welche die Hingeſchiedenen in der ewigen, ſchweigſamen Nacht der Grüſte heimſuchen. Für ihn gab es keinen Althotas mehr, das heißt keinen Haß, keine Rache mehr. Für ihn gab es keine Lorenza, das heißt kein Leben, keine Liebe mehr. Nur Schlaf, Nacht und Vernichtung! So verging die Zeit düſter, ſchweigſam, endlos in dieſem Gemache, wo das Blut erkaltete, nachdem es ſei⸗ nen Befruchtungstheil den Atomen, die ihn fordern, zuge⸗ ſandt hatte.. Plötzlich, mitten in der ſtillen Nacht, erſcholl drei⸗ mal ein Glöckchen. Ohne Zweifel wußte Fritz, daß ſich ſein Herr bei Althotas befand, denn es ertönte ein Glöckchen im Zim⸗ mer ſelbſt. Aber es mochte immerhin dreimal mit einem ſeltſam ſtarken Geräuſch erklingen, der Ton verlor ſich im Raum. Balſamo hob nicht einmal den Kopf in die Höhe. Naach einigen Augenblicken erſcholl dasſelbe ſcharfe Klingeln zum zweiten Mal, doch ohne Balſamo mehr, als das erſte Mal, ſeiner Betäubung zu entreißen. Dann nach einem abgemeſſenen Zwiſchenraum, der jedoch minder entfernt war, als der, welcher das erſte Klingeln vom zweiten getrennt hatte, ließ die gereizte Glocke ein drittes Mal einen vielfachen Lärmen von krei⸗ ſchenden und ungeduldigen Toͤnen in das Zimmer ſpringen. Balſamo hob, ohne zu beben, langſam ſeine Stirne empor und befragte den Raum mit der kalten Feierlichkeit eines Todten, der aus ſeinem Grabe erſteht. 172 So mußte Lazarus umherſchauen, als ihn die Stimme Chriſti dreimal rief. Die Glocke hörte nicht auf zu klingeln. Seine immer mehr zunehmende Energie erweckte end⸗ lich den Verſtand bei dem Geliebten von Lorenza. 1 Er machte ſeine Hand von der Hand des Leichnams os. Alle Wärme hatte ſeinen Körper verlaſſen, ohne in den von Lorenza überzugehen. „Cine große Neuigkeit oder eine große Gefahr,“ ſagte Balſamo zu ſich ſelbſt. „Wenn es nur eine große Gefahr iſt!“ Und er erhob ſich vollends gänzlich. „Doch warum ſollte ich dieſem Ruf entſprechen?“ fuhr er fort, ohne die unheimliche Wirkung ſeiner Worte, unter dieſem düſteren Gewölbe, in dieſem Leichenzimmer wahrzunehmen;„kann mich noch etwas auf dieſer Welt intereſſiren oder erſchrecken?“ 3 Als wollte ſie ihm antworten, ſchlug nun die Glocke ſo heftig mit ihrem ehernen Schlägel an ihre bronzenen Flanken, daß der Schlägel ſich losmachte und auf eine gläſerne Retorte fiel, welche, mit einem metalliſchen Ge⸗ räuſch zerbrechend, den Boden mit ihren Trümmern be⸗ ſtreute. Balſamo widerſtand nicht länger: es war überdies wichtig, daß Niemand, ſelbſt nicht einmal Fritz, ihn da aufſuchte, wo er war. Er ging alſo mit ruhigem Schritt auf die Feder zu, drückte daran und ſtellte ſich auf die Fallthüre, welche langſam hinabſank und ihn mitten im Zimmer der Pelze abſetzte. Als er am Sopha vorüberkam, ſtreifte er an der Mante, welche von den Schultern von Lorenza gefallen war, als ſie der unbarmherzige Greis, unempfindlich wie der Tod, in ſeinen Armen aufhob. Es bereitete dieſe Berührung Balſamo einen ſchmerz⸗ lichen Schauer. — 173 Er nahm die Mante und küßte ſie, während er ſein Geſchrei mit dem Stoffe derſelben erſtickte. Dann öffnete er die Treppenthüre. Auf den oberſten Stufen wartete Fritz ganz bleich, ganz keuchend, Fritz, der in einer Hand ein Licht hielt und mit der andern in ſeiner Angſt und in ſeiner Unge⸗ duld fortwährend krampfhaft an der Klingelſchnur zog. Beim Anblick ſeines Herrn ſtieß er einen Schrei der Zufriedenheit, und dann einen zweiten Schrei des Er⸗ ſtaunens und Schreckens aus. Doch Balſamo, der die Urſache dieſes doppelten Schreis nicht kannte, antwortete nur durch eine ſtumme rage. Fritz ſagte nichts, doch er, der gewoͤhnlich ſo ehr⸗ furchtsvoll war, wagte es, ſeinen Herrn bei der Hand zu nehmen und vor den großen venetianiſchen Spiegel zu führen, der über dem Kamin angebracht war, durch den man in das Zimmer von Lorenza ging. „Oh! ſehen Sie, Ercellenz,“ ſagte er, indem er ihm ſein eigenes Bild in dem Kryſtall zeigte. Balſamo bebte. Dann zog ein Lächeln, jenes Lächeln, das der Sohn eines unausſprechlichen, unheilbaren Schmerzes iſt, über ſeine Lippen hin. Er hatte in der That Fritz begriffen. Balſamo war in einer Stunde um zwanzig Jahre älter geworden; kein Glanz mehr in den Augen, kein Blut mehr unter der Haut, ein Ausdruck von Betäubung und Stumpfſinn über allen ſeinen Zügen ausgebreitet, ein blutiger Schaum ſeine Lippen befranſend, ein großer Blut⸗ flecken auf dem ſo feinen Batiſt ſeines Hemdes. 4 Balſamo ſchaute ſich ſelbſt einen Augenblick an, ohne daß er ſich zu erkennen vermochte, dann tauchte er ent⸗ ſchloſſen ſeine Augen in die Augen des ſeltſamen Menſchen, den der Spiegel zurückwarf. „Ja, Fritz, ja,“ ſagte er,„ja, Du haſt Recht.“ 174 Als er aber die unruhige Miene des treuen Dieners bemerkte, fragte er: „Doch warum haſt Du mich gerufen?“ „Oh! Meiſter, für fie.“ „Sie?“ „Ja.“ „Sie! wer dies?“ „Excellenz,“ flüſterte Fritz, ſeinen Mund dem Ohr von Balſamo nähernd,„ſie, die fünf Meiſter.“ Balſamo bebte.. „Alle?“ fragte er. „Ja, alle.“ „Und ſie find da?“ „Da. „Allein?“ „Nein; jeder mit einem bewaffneten Bedienten, der im Hof wartet.“ „Und ſie ſind mit einander gekommen?“ „Mit einander, ja, Meiſter; und ſie werden unge⸗ duldig, deshalb habe ich ſo oft und ſo ſtark geklingelt.“ Ohne nur unter einer Falte ſeines Spitzenjabot den Blutflecken zu verbergen, ohne daß er die Unordnung in ſeinem Anzug ein wenig zu verbeſſern ſuchte, fing Bal⸗ ſamo an die Treppe hinabzuſteigen, nachdem er Fritz ge⸗ fragt hatte, ob ſeine Gäſte in den Salon oder in das große Cabinet eingeführt worden ſeien. „In den Salon,“ antwortete Fritz ſeinem Herrn folgend. Unten an der Treppe aber wagte er es, ſeinen Herrn aufzuhalten, und fragte: „Hat mir Eure Excellenz Befehle zu geben?“ „Ich habe keinen Befehl für Dich, Fritz.“ „Cure Excellenz...“ fuhr Fritz ſtammelnd fort. „Nun?“ fragte Balſamo mit unendlicher Sanftmuth. „Begibt ſich Eure Ercellenz unbewaffnet zu ihnen?“ „Unbewaffnet, ja.“ „Selbſt ohne ihren Degen?“ „Warum ſollte ich denn meinen Degen nehmen ²“ ver ners Ohr 175 „Ich weiß es nicht,“ antwortete der treue Diener, die Augen niederſchlagend,„aber ich dachte, ich glaubte, ich befürchtete...“ „Es iſt gut, gehe, Fritz.“ Fritz machte einige Schritte, um zu gehorchen, doch er kehrte wieder zurück. „Haſt Du nicht gehört?“ fragte Balſamo. „Excellenz, ich wollte Ihnen nur ſagen, Ihre Dop⸗ pelpiſtolen ſeien in dem ebenholzenen Kiſtchen auf dem vergoldeten Guéridon.“ „Gehe, ſage ich Dir,“ erwiederte Balſamo. Und er trat in den Salon. CXXXIV. Das Gericht. Fritz hatte wohl Recht, die Gäſte von Balſamo wa⸗ ren in der Rue Saint⸗Claude nicht mit einer friedlichen Ausrüſtung und ebenſowenig mit einem wohlwollenden Aeußern erſchienen. Fünf Männer zu Pferd geleiteten den Reiſewagen, in welchem die Herren ankamen; fünf Männer von ſtolzer, düſterer Miene, bis unter die Zähne bewaffnet, ſchloßen das Hofthor und bewachten es, während ſie ihre Herren zu erwarten ſchienen. Ein Kutſcher, zwei Lackeien auf dem Bocke dieſes Wagens hatten unter ihrem Mantel Hirſchfänger und Mousquetons. Alle dieſe Leute ſchienen vielmehr zu einer Expedition, als zu einem Beſuche in die Rue Saint⸗Clande gekommen zu ſein. Dieſer nächtliche Ueberfall von furchtbaren Leuten, welche Fritz erkannt hatte, dieſe Erſtürmung des Hotels jagten auch Anfangs dem Deutſchen einen unſäglichen 176 Schrecken ein. Er beabſichtigte, Jedermann den Eingang zu verwehren, als er durch ein Gitter an der Thüre die Escorte erblickte und die Waffen errieth; doch dieſe all⸗ mächtigen Zeichen, ein unleugbarer Beweis für die Rechte der Ankömmlinge, geſtatteten ihm keinen Widerſtand mehr. Kaum waren die Fremden Herren des Platzes, als ſie ſich, wie geſchickte Kapitäne, an jedem Ausgange des Hauſes aufſtellten, ohne daß ſie ſich nur die Mühe nah⸗ men, ihre ſchlimmen Abſichten zu verbergen. Die angeb⸗ lichen Diener im Hof und in den Gängen, die angebli⸗ chen Herren im Salon weiſſagten Fritz nichts Gutes: deshalb ſein ſtürmiſches Klingeln. Ohne ſich zu wun⸗ dern, ohne ſich vorzubereiten, trat Balſamo in den Salon ein, welchen Fritz, um den Fremden die Ehre zu erweiſen, wie ſie jedem Gaſte gebührt, anſtändig beleuchtet hatte. Er ſah in Fauteuils die fünf Gaͤſte ſitzen, von denen keiner, als er erſchien, aufſtand. Er, der Herr des Hauſes, begrüßte ſie höflich, als er ſie alle geſehen hatte. Nun erſt ſtanden ſie auf und erwiederten ernſt ſeinen Gruß. Er ſetzte ſich auf einen Stuhl ihnen gegenüber, ohne daß er die ſeltſame Anordnung dieſer Verſammlung be⸗ merkte oder zu bemerken ſchien. Die fünf Fauteuils bildeten in der That einen Halb⸗ kreis, dem der Tribunale des Alterthums ähnlich, wobei der Präſident die Beiſitzer überſchaute und der Stuhl von Balſamo dem des Präfidenten gegenüberſtehend den Platz einnahm, welchen man gewöhnlich dem Angeklagten in den Coneilien, oder Gerichtsſälen gab. Balſamo nahm nicht zuerſt das Wort, wie er es unter allen andern Umſtänden gethan hätte; er ſchaute, ohne gut zu ſehen, immer in Folge jener ſchmerzlichen Schlafſucht, die ihm nach dem Schlag geblieben war. „Du haſt uns verſtanden, wie es ſcheint, Bruder,“ ſagte der Präſident, oder vielmehr derjenige, welcher den mittleren Stuhl inne hatte.„Du haſt indeſſen gezögert, 177 zu kommen, und wir beriethen uns ſchon, ob wir nicht nach Dir ſchicken ſollten.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ erwiederte Balſamo ganz einfach. „Das glaubte ich nicht, als ich Dich uns gegenüber den Platz und die Haltung eines Angeklagten nehmen ſah.“ „Eines Angeklagten?“ ſtammelte Balſamo. Und er zuckte die Achſeln und fügte bei: „Ich begreife nicht.“ „Wir werden es Dir begreiflich machen, und das wird keine Schwierigkeit ſein, wenn ich Deiner bleichen Stirne, Deinen erloſchenen Augen, Deiner zitternden Stimme glauben darf: man ſollte meinen, Du höoͤrteſt nicht.“ „Doch, ich höre,“ antwortete Balſamo, den Kopf ſchüttelnd, als wollte er die Gedanken, die ihn belagerten, abfallen machen. „Bruder,“ fuhr der Präfident fort,„erinnerſt Du Dich, daß Dir bei einer ſeiner letzten Mittheilungen der oberſte Ausſchuß die Nachricht von einem Verrathe gegeben hat, den eine von den großen Stützen des Ordens beab⸗ ſichtigte?“ „Vielleicht... ja... ich ſage nicht nein.“ „Du antworteſt, wie es ſich für ein ſtürmiſches und beunruhigtes Gewiſſen geziemt. Doch erhole Dich... laß Dich nicht niederſchlagen, antworte mit der Klarheit, mit der Genauigkeit, die Dir eine furchtbare Lage gebietet; antworte mit der gewiſſen Vorausſetzung, Du koͤnneſt uns überzeugen, denn wir bringen weder Vorurtheile noch Haß hierher; wir ſind das Geſetz, und dieſes ſpricht nur, nach⸗ dem der Richter gehöͤrt hat.“ Balſamo erwiederte nichts. „Ich wiederhole Dir, Balſamo, und einmal gegeben, wird meine Kunde ſein wie der Aufruf, den die Kämpfen⸗ den gegenſeitig ergehen laſſen, ehe ſie einander angreifen: Denkwuürdigkeiten eines Arztes. Vl. 12 8 178 ich werde Dich mit redlichen, aber mächtigen Waffen an⸗ greifen, vertheidige Dich.“ Als die Anweſenden das Phlegma und die Unbeweg⸗ lichkeit von Balſamo wahrnahmen, ſchauten ſie einander nicht ohne Erſtaunen an, richteten aber bald wieder ihre Augen auf den Präſidenten. „Du hoſt mich gehoͤrt, nicht wahr?“ fragte der Letztere. Balſamo machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen. „Ich habe als ein Bruder voll Redlichkeit, voll Wohl⸗ wollen Deinen Geiſt in Kenntniß geſetzt und Dich beinahe den Zweck Deines Verhörs ahnen laſſen. Du biſt gewarnt, hüte Dich, ich fange an. „Nachdem jene Mittheilung ergangen war,“ fuhr der Präſident fort,„ordnete der Bund fünf von ſeinen Mit⸗ gliedern ab, um in Paris die Schritte desjenigen zu über⸗ wachen, den man uns als Verräther bezeichnete. „Unſere Offenbarungen ſind keinem Irrthum unter⸗ worfen; wir haben ſie gewöhnlich, wie Du ſelbſt weißt, von ergebenen Agenten unter den Menſchen, von ſichern Anzeichen unter den Dingen, oder von Symptomen und unfehlbaren Merkmalen unter den geheimnißvollen Combi⸗ nationen, welche die Natur bis jetzt nur uns enthüllt hat. Einer von uns aber hatte ſeine Viſion in Beziehung auf Dich; wir wiſſen, daß er ſich nie getäuſcht; wir ſind auf unſerer Hut geweſen und haben Dich bewacht.“ Balſamo hörte dies Alles, ohne das geringſte Zeichen von Ungeduld oder nur des Verſtehens von ſich zu geben. Der Präſident fuhr fort: „Es war nichts Leichtes, einen Menſchen, wie Du biſt, zu überwachen; Du haſt überall Eingang, es iſt Dein Auftrag, überall Fuß zu faſſen, wo unſere Feinde ein Haus oder irgend eine Gewalt haben. Du haſt zu Dei⸗ ner Verfügung alle Deine natürlichen Quellen und Mittel, die ungeheuer ſind, ſowie die, welche Dir der Bund gibt, um ſeine Sache ſiegen zu machen. Lange ſchwebten wir im Zweifel, als wir Feinde wie einen Richelieu, eine 2- G So2 ☛ — e 8e—& 8 179 Dubarry, einen Rohan zu Dir kommen ſahen. Ueberdies haſt Du in der letzten Verſammlung der Rue Platriére eine Rede gehalten, eine Rede voll geſchickter Paradoren, die uns glauben machte, Du ſpieleſt dadurch eine Nolle, daß Du mit der unverbeſſerlichen Race, um deren Aus⸗ rottung auf Erden es ſich handelt, Umgang pflegeſt, ihr ſchmeichleſt. Wir ehrten eine Zeit lang die Geheimniſſe Deines Benehmens, in der Hoffnung auf ein glückliches Reſultat; doch endlich kam die Enttäuſchung.“ Balſamo verharrte in ſeiner Unempfindlichkeit, ſo daß der Präſident am Ende ungeduldig wurde. „Vor drei Tagen,“ ſagte er,„wurden fünf geheime Verhaftsbefehle ausgefertigt. Herr von Sartines hatte ſie vom Koͤnig verlangt; ausgefüllt, ſobald ſie unterzeichnet waren, wurden ſie noch an demſelben Tage fünf von un⸗ ſeren Hauptagenten, treuen, ergebenen Brüdern, welche in Paris wohnen, präſentirt. Alle fünf traf die Verhaftung; zwei brachte man nach der Baſtille in den geheimſten Ge⸗ wahrſam, zwei nach Vincennes in die Oubliette, einen nach Bicétre in die tödtlichſte von allen Zellen. Warſt Du mit dieſem Umſtande bekannt?“ „Nein,“ antwortete Balſamo. „Das muß uns ſeltſam erſcheinen, da wir wiſſen, in welcher Verbindung Du mit den Mächtigen des Reiches ſtehſt. Doch vernimm, was noch ſeltſamer iſt.“ Balſamo horchte. „Um dieſe fünf treuen Freunde verhaften zu laſſen, mußte Herr von Sartines die einzige Note, welche die fünf Namen der Opfer lesbar enthielt, unter den Augen gehabt haben. Dieſe Note war vom oberſten Rath im Jahr 1769 an Dich gerichtet, und Du ſelbſt mußteſt die neuen Mitglieder aufnehmen und ihnen unmittelbar den Rang geben, den ihnen der oberſte Rath verlieh.“ Balſamo bedeutete durch eine Geberde, er erinnere ſich deſſen nicht. „Ich will Dein Gedächtniß unterſtützen. Die fünf Perſonen, um die es ſich handelt, waren durch fünf ara⸗ 180 biſche Charaktere dargeſtellt, und die Charaktere entſprachen auf der Dir mitgetheilten Note den Namen und Chiffern der neuen Brüder.“ „Gut,“ ſagte Balſamo. „Du erkennſt es an?“ „Was Ihr wollt.“ Der Präfident ſchaute ſeine Beiſitzer an, damit fie von dieſem Geſtändniſſe Kenntniß nähmen. „Nun!“ fuhr er fort:„auf eben dieſer Note, auf der einzigen, hörſt Du wohl, welche die Brüder hatte gefähr⸗ den können, ſtand ein ſechster Name; erinnerſt Du Dich deſſen?“ Balſamo antwortete nichts. „Dieſer Name war: Graf von Fönix.“ „Einverſtanden,“ ſagte Balſamo. „Warum, wenn die fünf Namen der Bvüder auf fünf geheimen Verhaftsbefehlen figurirten, warum wird der Deinige geachtet, geliebkoſt, mit gnädigem Ohre bei Hof oder in den Vorzimmern der Miniſter gehoͤrt? Wenn unſere Brüder das Gefängniß verdienten, ſo verdienteſt Du es auch: was haſt Du hierauf zu erwiedern?“ „Nichts.“ „Ah! ich errathe Deine Einwendung, Du kannſt ſagen, die Polizei habe durch die ihr eigenthümlichen Mittel die Namen der dunkleren Brüder ergattert, aber ſie habe den Deinigen, den Namen eines Botſchafters, eines mächtigen Mannes reſpectiren müſſen; Du wirſt ſogar ſagen, ſie habe nicht einmal Verdacht gegen einen ſolchen Namen haben koöͤnnen.“ „Ich werde gar nichts ſagen.“ „Dein Stolz währt länger, als Deine Ehre; die Polizei hat dieſe Namen nur dadurch entdeckt, daß ſie die vertrauliche Note geleſen, welche der oberſte Rath an Dich gerichtet, und ſie hat dieſelbe auf folgende Art geleſen: de hatteſt ſie in ein Kiſtchen eingeſchloſſen. Iſt das wahr?“ „Es iſt wahr.“ 8 4 —,———,—S 8 4 181 8 „Eines Tags ging eine Frau mit einem Kiſtchen unter ihrem Arm aus Deinem Hauſe. Unſere Ueberwa⸗ chungsagenten ſahen ſie und folgten ihr bis zum Hotel des Polizeilieutenants im Faubourg Saint⸗Germain. Wir 4½ konnten das Unglück in ſeiner Quelle erſticken, denn wenn wir uns des Kiſtchens bemächtigten, wenn wir dieſe Frau feſtnahmen, war Alles für uns ſicher. Doch wir gehorch⸗ ten den Artikeln der Conſtitution, welche die geheimen Mittel zu ehren gebietet, durch die gewiſſe Verbündete der Sache dienen, ſollten dieſe Mittel ſogar den Anſchein von Verrath oder Unklugheit haben.“ Balſamo ſchien dieſe Behauptung zu beſtätigen, jedoch durch eine ſo wenig ausgeprägte Geberde, daß ohne ſeine vorhergehende Unbeweglichkeit dieſe Geberde voͤllig unbe⸗ merkbar geweſen wäre. „Dieſe Frau gelangte bis zum Polizeilieutenant und Alles wurde entdeckt. Iſt das wahr?“ „Vollkommen wahr.“ Der Präſident ſtand auf. „Wer war dieſe Frau?“ rief er;„ſchön, leidenſchaft⸗ lich, mit Leib und Seele Dir ergeben, zärtlich von Dir geliebt, ſo geiſtreich, ſo gewandt, ſo geſchmeidig, als einer von den Engeln der Finſterniß, die den Menſchen unter⸗ ſtützen, daß er im Böſen ſiege... Lorenza Feliciani war dieſe Frau, Balſamo!“ Balſamo entſchlüpfte ein Schrei der Verzweiflung. „Du biſt überwieſen,“ ſagte der Präfident. „Schließt,“ ſprach Balſamo. „Ich habe noch nicht vollendet. Gine Viertelſtunde, nachdem ſie beim Polizeilieutenant eingetreten war, kamſt Du auch dahin. Sie hatte den Verrath ausgeſät, Du wollteſt die Belohnung ernten. Als gehorſame Magd hatte ſie die Begründung des Verbrechens auf ſich ge⸗ nommen; Du kamſt, um dem ſchändlichen Werke einen 3 letzten Anſtrich zu geben. Lorenza ging allein wieder hinaus. Ohne Zweifel wollteſt Du ſie verleugnen und Dich nicht dadurch, daß Du ſie begleiteteſt, gefährden; 182 Du kamſt triumphirend mit Madame Dubarry heraus, welche dahin gerufen worden war, um aus Deinem Munde die Anzeigen zu ſammeln, die Du Dir bezahlen laſſen wollteſt. Du ſtiegſt in den Wagen dieſer Buhlerin, wie der Fährmann in den Nachen mit der ſündhaften Maria der Aegypterin; Du ließeſt die Noten zurück, die uns bei Herrn von Sartines Verderben bereiteten. Aber Du nahmſt das Kiſtchen mit, das Dich bei uns ins Verderben ſtürzen konnte. Zum Glück haben wir geſehen! das Licht Gottes fehlt uns nicht bei guter Gelegenheit.“ Balſamo verbeugte ſich, ohne etwas zu ſagen. „Ich kann nun ſchließen,“ fügte der Präſident bei. „Zwei Strafbare ſind dem Orden bezeichnet worden: eine Frau, Deine Genoſſin, welche, vielleicht unſchuldig, aber factiſch der Sache durch Enthüllung unſerer Ge⸗ heimniſſe Schaden zugefügt hat; zweitens Du, der Mei⸗ ſter, Du, der Großkophta, Du, der leuchtende Strahl, der Du ſo feig warſt, Dich hinter eine Frau zu ſtellen, da⸗ mit man den Verrath minder klar ſehen möchte.“ Balſamo erhob langſam ſein bleiches Haupt und heftete auf die Abgeordneten einen Blick funkelnd von all' dem Feuer, das ſeit dem Anfange des Verhoͤrs in ſeiner Bruſt kochte. „Warum klagſt Du dieſe Frau an?“ ſagte er. „Ah! wir wiſſen, daß Du ſie zu vertheidigen ſuchen wirſt; wir wiſſen, daß Du ſie bis zur Vergoͤtterung liebſt; wir wiſſen, daß Du ſie Allem vorziehſt. Es iſt uns bekannt, daß es Dein Schatz des Wiſſens, des Glücks, des Vermögens, daß ſie für Dich ein viel koſtbareres Werkzeug iſt, als die ganze Welt.“ „Ihr wißt das?“ fragte Balſamo. „Ja, wir wiſſen es, und wir werden Dich vielmehr durch ſie, als durch Dich ſchlagen.“ 1 „Vollendet...“ Der Präſident ſtand auf. „Hoͤre den Spruch: „Joſeph Balſamo iſt ein Verräther; er hat ſeine * 183 Schwüre gebrochen; aber ſein Wiſſen iſt ungeheuer, es iſt dem Bunde nützlich, Balſamo ſoll leben für die Sache, die er verrathen; er gehört ſeinen Brüdern, obgleich er ſie verleugnet hat.“ „Ah! ah!“ rief Balſamo wild und düſter. „Ein ewiges Gefängniß wird den Bund gegen neue Treuloſigkeiten von ihm beſchützen, während es zugleich den Brüdern den Nutzen, den er aus jedem von ſeinen Mit⸗ gliedern zu erwarten berechtigt iſt, zu ziehen geſtatten ſoll. „Was Lorenza Feliclani betrifft, ſo ſoll eine furcht⸗ bare Strafe...“ „Wartet,“ ſprach Balſamo mit der größten Ruhe in ſeinem Tone...„Ihr vergeßt, daß ich mich nicht ver⸗ theidigt habe; der Angeſchuldigte muß in ſeiner Recht⸗ fertigung gehört werden... Ein Wort wird mir genü⸗ gen, ein einziger Beweis; wartet eine Minute auf mich, ich will Euch den Beweis bringen, den ich Euch ver⸗ ſpreche.“ Die Abgeordneten beriethen ſich einen Augenblick. ! Ihr fürchtet, ich könnte mich tödten,“ ſagte Balſamo mit einem bittern Lächeln...„wenn ich das hätte thun wollen, ſo wäre es geſchehen. In dieſem Ringe iſt etwas enthalten, was Euch alle Fünf zu tödten hinreichen würde, wenn ich ihn oͤffnete; Ihr befürchtet, ich könnte entfliehen; laßt mich begleiten, wenn Euch das genehm iſt.“ „Gehe!“ ſprach der Präſident. Balſamo verſchwand auf eine Minute; dann höͤrte man ihn ſchwerfällig wieder die Treppe herabſteigen: er trat ein. Er hielt auf ſeiner Schulter den ſtarren, kalten, farbloſen Leichnam von Lorenza, deren weiße Hand gegen den Boden hing. „Dieſe Frau,“ rief er,„dieſe Frau, die mein Schatz, mein einziges Gut, mein Leben war, dieſe Frau, welche, wie Ihr ſagt, verrathen hat, hier iſt ſie, nehmt ſie! Gott hat nicht auf Euch erwartet, um zu ſtrafen,“ fügte er bei. 8 184 Und durch eine Bewegung raſch wie der Blitz ließ er den Leichnahm aus ſeinen Armen gleiten und wälzte ihn auf den Boden bis zu den Füßen der Nichter, welche die kalten Haare und die trägen Hände der Todten in ihrem tiefen Schrecken ſtreiften, während man die ſchau⸗ derhaft rothe Wunde mitten an ihrem ſchwanenweißen Halſe klaffen ſah. „Sprecht nun Euer Urthell,“ fügte Balſamo bei. Von einem tiefen Grauen, von einer ſchwindelartigen Furcht erfaßt, ſtießen die Richter einen gräßlichen Schrei aus und entflohen in unbeſchreiblicher Verwirrung. Bald höͤrte man die Pferde im Hofe wiehern und ſtampfen; die Thüre knarrte auf ihren Angeln; dann lagerte ſich wieder das Stillſchweigen, das feierliche Schweigen bei der Todten, bei der Verzweiflung. CXXXV. Der Menſch und Gott. Während die hier von uns erzählte furchtbare Scene zwiſchen Balſamo und den fünf Meiſtern vorfiel, verän⸗ derte ſich ſcheinbar im übrigen Hauſe nichts; der Greis ſah nur Balſamo zurückkehren und den Leichnam von Lo⸗ renza forttragen, und dieſe neue Erſcheinung rief bei ihm das Gefühl alles deſſen, was um ihn her vorging, zurück. Als er Balſamo auf ſeine Schultern den Körper laden und in die unteren Stockwerke hinabſteigen ſah, glaubte er, es ſei der letzte, der ewige Abſchied dieſes Mannes, deſſen Herz er gebrochen, und es erfaßte ihn die Angſt vor einer Verlaſſenheit, welche für ihn, für ihn beſonders, die Schauer des Todes vermehrte. n2 Se g ————,,— 185⁵ Da er nicht wußte, in welcher Abſicht ſich Balſamo entfernte, da er nicht wußte, wohin er gegangen war, ſo fing er an zu rufen: „Acharat! Acharat!“ Dies war ſein Name in ſeiner Kinderzeit: er hoffte, es wäre derjenige, welcher am meiſten Einfluß auf den Mann bewahrt hätte, Balſamo ging indeſſen immer weiter hinab, und als er ganz unten war, dachte er nicht mehr daran, die Fall⸗ thüre hinaufſteigen zu laſſen, und verlor ſich in den Tiefen des Corridors. „Ah!“ rief Althotas,„ſo iſt der Menſch, ein blindes, undankbares Thier; komm zurück, Acharat, komm zurück; ah! Du ziehſt den lächerlichen Gegenſtand, den man Weib nennk, der Vollendung der Menſchheit, die ich ver⸗ trete, vor; Du ziehſt das Bruchſtück des Lebens der Un⸗ ſterblichkeit vor.“ „Doch nein!“ rief er nach einem Augenbltck,„nein, der Ruchloſe hat ſeinen Meiſter betrogen, er hat wie ein gemeiner Schuft mit meinem Vertrauen geſpielt; er be⸗ fürchtete, mich leben zu ſehen, mich, der ich ihn in der Wiſſenſchaft ſo weit übertreffe; er wollte das mühſame Werk erben, das ich beinahe bis zum Ziel geführt hatte; er hat mir eine Falle geſtellt, mir, ſeinem Meiſter, ſeinem Wohlthäter. Oh! Acharat.“ Und allmälig entflammte der Zorn des Greiſes, ſeine Wangen nahmen eine ſieberhafte Färbung an: in ſeinen kaum geoffneten Augen belebte ſich wieder der düſtere Glanz jener phosphorescirenden Lichter, welche die ruch⸗ loſen Kinder in die Augenhoͤhlen eines Todtenkopfes ſtellen. Da rief er: „Komm zurück, Acharat, komm zurück; nimm Dich in Acht: Du weißt wohl, daß ich Beſchwoͤrungen kenne, welche das Feuer hervorrufen und die übernatürlichen Geiſter erwecken; ich habe Satan, denjenigen, welchen die Magier Phegor nannten, in den Bergen von Gad 81 186 heraufbeſchworen, und genöthigt, ſeine finſteren Abgründe zu verlaſſen, iſt mir Satan erſchienen; ich habe mit den ſieben Engeln, den Dienern des goͤtttlichen Zorns, auf demſelben Berg geſprochen, wo Moſes die Geſetzestafeln erhielt; ich habe einzig und allein durch den Act meines Willens den großen Dreifuß mit den ſieben Flammen an⸗ gezündet, den Trajan den Juden ſtahl: nimm Dich in Acht, Acharat, nimm Dich in Acht!“ Doch nichts antwortete ihm. Da gerieth ſein Kopf immer mehr in Verwirrung: „Du ſiehſt alſo nicht,“ ſagte er mit erſtickter Stimme, „Du ſiehſt nicht, daß mich der Tod wie ein gewoͤhnliches Geſchöpf zu packen im Begriff iſt: Du kannſt zurück⸗ kommen, Acharat; ich werde Dir kein Leid zufügen; komm zurück; ich verzichte auf das Feuer, Du haſt nichts von dem ſchlimmen Geiſt zu befürchten, Du haſt nichts von den ſieben rächenden Engeln zu befürchten; ich ver⸗ zichte auf die Rache, und ich koͤnnte Dir doch einen ſolchen Schrecken einjagen, daß Du ſtumpfſinnig und kalt wür⸗ deſt, wie der Marmor, denn ich vermag das Kreiſen des Blutes aufzuhalten, Acharat; komm alſo zurück, ich werde Dir kein Leid zufügen; ſiehſt Du, ich kann Dir im Ge⸗ gentheil ſo viel Gutes thun... Acharat, ſtatt mich zu verlaſſen, wache über meinem Leben, und alle meine Schätze, alle meine Geheimniſſe gehören Dir; mache nur, daß ich lebe, Acharat, mache, daß ich lebe, damit ich ſie Dir mittheilen kann; ſchau!... ſchau!...“ Und er bezeichnete mit den Augen und mit einem zittern⸗ den Finger die Millionen von Gegenſtänden, von Papieren und Rollen, welche zerſtreut in dem weiten Gemache um⸗ herlagen. Dann wantete er und beobachtete die immer raſchere Abnahme ſeiner Kräfte. 1 „Ah! Du kommſt nicht zurück,“ fuhr er fort;„ah! Du glaubſt, ich werde ſo ſterben; Du glaubſt, durch die⸗ ſen Mord werde Alles Dir gehören, denn Du toͤdteſt mich. Wahnſinniger, wenn Du ſelbſt die Handſchriften zu leſen 187 vermöchteſt, die meine Augen allein entziffern konnten, wenn Dir ſelbſt für ein zwei oder dreimal hundertjähriges Leben der Geiſt meine Wiſſenſchaft, den Gebrauch aller der von mir geſammelten Materialien geben würde... Nein, hundertmal nein, Du würdeſt mich nicht beerben; Acharat, kehre zurück, kehre einen Augenblick zurück, und wäre es nur, um dem Untergang dieſes Hauſes beizuwohnen, wäre es nur, um das ſchöne Schauſpiel zu betrachten, das ich Dir bereite. Acharat! Acharat! Acharat!“ Nichts antwortete ihm, denn während dieſer Zeit er⸗ wiederte Balſamo die Anſchuldigung der Meiſter dadurch, daß er ihnen den Leichnam der ermordeten Lorenza zeigte; und das Geſchrei des verlaſſenen Greiſes wurde immer durchdringender und die Verzweiflung verdoppelte ſeine Kräfte und ſein heiſeres Gebrülle trug, ſich in den Gän⸗ gen verlierend, den Schrecken fernhin, wie es das Brüllen des Tigers thut, der ſeine Kette gebrochen hat oder durch das Gitter ſeines Käſigs entwichen iſt. „Ah! Du kommſt nicht zurück,“ ſchrie Althotas;„ah! Du verachteſt mich; ah! Du rechneſt auf meine Schwäche; wohl, Du ſollſt es ſehen; Feuer! Feuer! Feuer!“! Er ſtieß dieſes Geſchrei mit einer ſolchen Wuth aus, daß Balſamo, von ſeinen erſchrockenen Gäſten befreit, mitten in ſeinem Schmerz dadurch erweckt wurde; er nahm die todte Lorenza in ſeine Arme, ſtieg wieder die Treppe hinauf, legte den Leichnam auf den Sopha, wo er zwei Stunden zuvor im Schlummer geruht hatte, ſtellte ſich auf den beweglichen Boden und erſchien plötzlich vor den Augen von Althotas. „Ah! endlich,“ rief der Greis freudetrunken,„Du haſt Furcht! Du haſt geſehen, daß ich mich rächen könnte, Du biſt gekommen, und Du haſt wohl daran gethan, zu kommen, denn noch einen Augenblick, und ich hätte dieſes Zimmer in Brand geſteckt.“ Balſamo ſchaute ihn an und zuckte die Achſeln, doch ohne ihm ein Wort zu erwiedern. 188 „Ich habe Durſt,“ rief Althotas;„ich habe Durſt, gib mir zu trinken, Acharat.“ Balſamo antwortete nicht, rührte ſich nicht; er ſchaute den Sterbenden an, als ob er nichts von ſeinem Todes⸗ kampfe hätte verlieren wollen. „Hoͤrſt Du mich?“ brüllte Althotas. Dasſelbe Stillſchweigen, dieſelbe Unbeweglichkeit von Seiten des düſteren Zuſchauers. „Hörſt Du mich, Acharat?“ ſchrie der Greis, ſeine Kehle zerreißend, um dieſem letzten Ausbruch ſeines Zor⸗ nes Durchgang zu verſchaffen;„mein Waſſer, gib mir mein Waſſer!“ „Ah!“ ſagte er,„ah! Du findeſt, ich ſterbe nicht ſchnell genug; ah! Du willſt mich vor Durſt ſterben machen! Ah! Du hüteſt gierig mit Deinen Blicken meine Manuſcripte, meine Schätze! Ah! Du glaubſt ſie ſchon zu beſitzen! warte! warte!“ Und mit einer äußerſten Anſtrengung zog Althotas unter den Kiſſen ſeines Lehnſtuhles ein Fläſchchen hervor, das er entpfropfte. Bei der Berührung der Luft ſchoß eine flüſſige Flamme aus der gläſernen Vorlage, und einem magiſchen Geſchöpfe ähnlich ſchüttelte Althotas dieſe Flamme um ſich her. Die um den Lehnſtuhl des Greiſes aufgehäuften Manuſcripte, die im Zimmer zerſtreuten Bücher, die mit ſo viel Mühe den Pyramiden von Cheops und den erſten Nachgrabungen in Herculanum entriſſenen Papierrollen urſt, aute des⸗ von eine Zor⸗ mir dü⸗ iner eine ein und die lick en. cht den ine on as or, oß nd eſe en nit en en — 189 fingen ſogleich mit der Schnelligkeit des Pulvers Feuer; eine Flammenmaſſe breitete ſich auf dem marmornen Boden aus und bot den Augen von Balſamo etwas den feurigen Kreiſen der Hoͤlle, von denen Dante ſpricht, Aehn⸗ liches. Althotas erwartete ohne Zweifel, Balſamo würde ſich mitten in die Flamme ſtürzen, um dieſe erſte Erb⸗ ſchaft zu retten, die der Greis mit ſich vernichtete; doch er täuſchte ſich; Balſamo blieb ruhig, er ſtellte ſich ab⸗ geſondert auf den beweglichen Boden, ſo daß ihn die Flamme nicht erreichen konnte. Dieſe Flamme umhüllte Althotas; doch ſtatt ihn zu erſchrecken, war es, als ob ſich der Greis in ſeinem Ele⸗ ment befände, und als ob ihm die Flamme, wie ſie es bei dem an unſern alten Schloͤſſern ausgehauenen Sala⸗ mander thut, einen Kitzel bereitete, ſtatt ihn zu brennen. Balſamo ſchaute ihn fortwährend an; die Flamme erreichte das Täfelwerk und umſchloß völlig den Greis; ſie kroch nach dem Fuß des Lehnſtuhls von maſſivem Ei⸗ chenholz, in dem er ſaß, und obgleich ſie die unteren Theile ſeines Köoͤrpers ſchon verzehrte, ſchien er es ſelt⸗ ſamer Weiſe doch nicht zu fühlen. Im Gegentheil, bei der Berührung dieſes Feuers, das wohl ein läuterndes war, ſpannten ſich die Muskeln des Sterbenden nach und nach ab, und eine unbekannte Heiterkeit übergoß wie eine Maske alle Züge ſeines Ge⸗ ſichtes. In dieſer äußerſten Stunde vom Leib geſondert, ſchien der alte Prophet auf ſeinem Feuerſtuhl im Begriff, zum Himmel aufzuſteigen. Allmächtig in dieſer Stunde, vergaß der Geiſt die Materie, und ſicher, daß er nichts mehr zu erwarten hatte, ſchwang er ſich energiſch zu den höheren Sphären empor, zu denen ihn das Feuer zu ent⸗ führen ſchien. Von dieſem Augenblick faßten die Augen von Alt⸗ hotas, welche beim erſten Reflex des Feuers ihr Leben wiederzuſinden ſchienen, einen unbeſtimmen, verlorenen 190 Geſichtspunkt, der weder der Himmel noch die Erde war, der aber den ruhigen Horizont durchdringen zu wollen ſchien; wie eine letzte Stimme der Erde, ließ der alte Magier dumpf ſeinen Abſchied an die Macht, an das Leben, an die Hoffnung entſtrömen. „Auf, auf!“ ſprach er,„ich ſterbe ohne Kummer; ich habe Alles auf Erden beſeſſen; ich habe Alles ge⸗ kannt; ich habe Alles vermocht, was dem menſchlichen Geſchöpf zu vermögen gegeben iſt; ich war nahe daran, die Unſterblichkeit zu erreichen.“ Balſamo ließ ein düſteres Gelächter hören, deſſen unheimliches Geräuſch die Aufmerkſamkeit des Greiſes rege machte. Da ſchleuderte ihm Althotas durch die Flammen, die gleichſam einen Schleier für ihn bildeten, einen Blick voll wilder Majeſtät zu. „Ja, Du haſt Recht,“ ſagte er,„ich hatte Eines nicht vorhergeſehen, ich hatte Gott nicht vorhergeſehen.“ Und als ob dieſes mächtige Wort ſeine ganze Seele entwurzelt hätte, ſank Althotas in ſeinen Lehnſtuhl zurück; er hatte Gott dieſen letzten Athemzug gegeben, den er ihm zu entziehen gehofft. Balſamo ſtieß einen Seufzer aus und ſtieg, ohne daß er dem koſtbaren Scheiterhaufen, auf den ſich dieſer andere Zoroaſter zum Sterben gelegt, irgend Etwas zu entziehen verſuchte, wieder zu Lorenza hinab, ließ die Feder der Fallthüre los, die ſich raſch an den Plafond anpaßte, und verbarg ſo vor ſeinen Augen den ungeheuren glutherfüllten Ofen, der über ihm toſte und kochte, wie der Krater eines Vulkans. Die ganze Nacht hindurch ziſchte und brauſte die Flamme über dem Haupte von Balſamo wie ein Orkan, ohne daß Balſamo, unempfindlich gegen jede Gefahr bei dem unempfindlichen Leibe von Lorenza, irgend etwas that, um das Feuer auszulöſchen, oder um ihm zu ent⸗ fliehen; doch nachdem ſie Alles verzehrt, nachdem ſie das 191 Backſteingewölbe, deſſen koſtbare Zierrathen ſie vernichtete, ganz nackt und kahl gelegt hatte, erloſch die Flamme, und Balſamo höͤrte ihr letztes Brüllen, das, dem von Althotas ähnlich, ſich in Klagen verwandelte und in Seufzern hin⸗ ſtarb. CXXXVI. Worin man wieder auf die Erde herabſteigt. Der Herr Herzog von Richelieu war im Schlaf⸗ zimmer ſeines Hotels in Verſailles, wo er ſeine Vanille⸗ chocolade in Geſellſchaft von Herrn Rafté trank, der ihm eben Rechenſchaft ablegte. Sehr mit ſeinem Geſicht beſchäftigt, das er aus der Ferne in einem Spiegel betrachtete, ſchenkte der Herzog den mehr oder minder genauen Rechnungen ſeines Sec⸗ retaire nur eine geringe Aufmerkſamkeit. Plötzlich verkündigte ein gewiſſes Geräuſch von Schuhen, welche im Vorzimmer krachten, einen Beſuch, und der Herzog verſchlang raſch vollends ſeine Chocolade, während er unruhig nach der Thüre ſchaute. Es gab Stunden, wo Herr von Richelieu wie jene alten Coquetten nicht gern Jedermann empfing. Der Kammerdiener meldete Herrn von Taverney. Der Herzog war ohne Zweifel im Begriff, irgend eine Ausflucht zur Antwort zu geben, wodurch auf einen andern Tag, oder wenigſtens auf eeine andere Stunde der Beſuch ſeines Freundes verſchoben worden wäre, doch ſo⸗ bald die Thüre offen war, ſtürzte der ungeſtüme Greis ins Zimmer, reichte im Vorbeigehen dem Marſchall eine Fingerſpitze und begrub ſich haſtig in eine ungeheure Bergére, 192 welche mehr unter dem Stoß, als unter ſeinem Gewicht zte. Richelleu ſah ſeinen Freund wie einen von jenen phantaſtiſchen Menſchen vorüberſchießen, an deren Daſein uns Hoffmann ſeitdem glauben gemacht hat. Er hörte das Krachen der Bergére, er hörte einen ungeheuren Seufzer, wandte ſich gegen ſeinen Gaſt um und fragte: „Ei! Baron, was gibt es denn Neues, Du ſcheinſt mir traurig wie der Tod.“ „Traurig,“ verſetzte Taverney,„traurig?“ „Bei Gott! mir ſcheint, es war doch kein Freuden⸗ ſeufzer, was Du da von Dir gegeben haſt.“ Der Baron ſchaute den Marſchall mit einer Miene an, welche beſagen wollte, ſo lange Rafté da wäre, könnte er keine Erklärung über dieſen Seufzer geben. Rafté begriff, ohne daß er ſich umzuwenden die Mühe hatte, denn wie ſein Herr ſchaute auch er zuweilen in den Spiegel, und da er begriff, ſo entfernte er ſich be⸗ ſcheiden. Der Baron folgte ihm mit den Augen und ſprach, ſobald die Thüre hinter ihm geſchloſſen war: „Sage nicht traurig, Herzog, ſage unruhig, grauſam unruhig.“ „Bah!“ „In der That,“ rief Taverney die Hände faltend, „ich rathe Dir den Erſtaunten zu ſpielen. Seit einem Monat ſpeiſeſt Du mich mit unbeſtimmten Worten ab, als da find: Ich habe den Koͤnig nicht geſehen; oder auch: Der König hat mich nicht geſehen; oder wohl: Der Koönig ſchmollt mit mir. Alle Teufel! Herzog, ſo antwortet man einem alten Freunde nicht. Ein Monat, begreifſt Du, das iſt eine Ewigkeit!“ Die Achſeln zuckend, erwiederte Richelieu: „Nun, was ſoll ich Dir denn antworten, Baron?“ „Ei! die Wahrheit.“ „Gottes Donner! ich habe Dir die Wahrheit geſagt, 193 ich ſchreie Dir die Wahrheit in die Ohren, doch Du willſt ſie durchaus nicht glauben.“ „Wie, Du, ein Herzog und Pair, ein Marſchall von Frankreich, ein Kammerherr, willſt mich glauben machen, Du ſeheſt den König nicht, Du, der Du alle Morgen zum Lever gehſt... Stille doch!“ „Ich habe es Dir geſagt und wiederhole Dir, es iſt nicht glaublich, aber es iſt dennoch ſo; ſeit drei Wo⸗ chen gehe ich jeden Tag zum Lever, ich, der Herzog und Pair, ich, der Marſchall von Frankreich, ich, der Kammer⸗ berr!... „Und der König ſpricht nicht mit Dir,“ unterbrach ihn Taverney,„und Du ſprichſt nicht mit dem Köͤnig, und ich ſoll mir einen ſolchen Bären aufbinden laſſen!“ „Ei! Baron, mein Lieber, Du wirſt unverſchämt, zärtlicher Freund; Du ſtrafſt mich in der That Lügen, als ob wir vierzig Jahre weniger zählten und noch einen leichten Degen führen würden.“ „Oh! darüber könnte man raſend werden, Herzog.“ „Ah! das iſt etwas Anderes, werde raſend, mein Lieber, werde raſend, ich bin ſchon raſend.“ „Du biſt raſend?“ „Es iſt wohl Grund dazu vorhanden. Wenn ich Dir ſage, daß mich der König ſeit jenem Tag nicht mehr angeſchaut hat, wenn ich Dir ſage, daß mir Seine Majeſtät beſtändig den Rücken zuwendet; wenn ich Dir ſage, daß mir der Koͤnig, ſo oft ich ihm angenehm zulächeln zu müßen glaubte, mit einer abſcheulichen Grimaſſe geantwortet hat, daß ich endlich müde bin, mich in Ver⸗ ſailles ſchimpflich behandeln zu laſſen! Sprich, was ſoll ich dann thun?“ Taverney zerbiß ſich grauſam die Nägel während dieſer Antwort des Herzogs. „Das begreife ich durchaus nicht,“ ſprach er endlich. „Ich auch nicht, Baron.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 13 * 194 „Iſt es in der That glaublich, daß der König mſt. Deiner Angſt ſeinen Spaß treibt? denn im Ganzen...“ „Ja, das ſage ich mir auch, Baron. Denn im Ganzen...“ „Höre, Herzog, wir müßen aus dieſer Verlegenheit herauskommen, wir müßen nothwendig einen geſchickten Schritt thun, durch den ſich Alles aufklärt.“ „Baron, Baron,“ erwiederte Richelieu,„es iſt ge⸗ fährlich, die Erklärungen von Koͤnigen herauszufordern.“ 1 „Denkſt Du?“ „Ja. Soll ich es Dir ſagen?“ „Sprich.“ „Ich mißtraue Einem.“ „Und was denn?“ fragte hochmüthig der Baron. „Ah! Du ärgerſt Dich.“ „Ich habe wohl Grund dazu, wie mir ſcheint.“ „So ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Im Gegentheil ſprechen wir davon; doch erkläre Dich.“ „Du haſt den Teufel im Leibe mit Deinen Erklä⸗ rungen; wahrlich, das iſt eine Monomanie. Nimm Dich in Acht.“ „Ich ſinde Dich in der That herrlich, Herzog; Du ſiehſt, daß alle unſere Pläne ſtille ſtehen, daß eine uner⸗ klärliche Stockung im Gange meiner Angelegenheiten ein⸗ getreten iſt, und Du räthſt mir, zu warten.“ „Laß höoͤren, welche Stockung?“ „Hier vor Allem.“ „Ein Brief.“ „Ja, von meinem Sohn.“ „Ah! vom Oberſten.“ „Ein ſchoͤner Oberſter!“ „Gut! was weiter!“ „Seit einem Monat wartet Philipp in Rheims auf die Ernennung, die ihm der Könlg verſprochen hat; dieſe Ernennung kommt nicht, und das Regiment wird in zwet Tagen aufbrechen.“ „Teufel! das Regiment bricht auf!“ te 30 klä⸗ HDich Du rer⸗ ein⸗ 195 „Ja, nach Straßburg.“ „So daß Philipp, wenn er in zwei Tagen das Pa⸗ tent nicht erhalten hat...“ „Nun?“ „In zwei Tagen hier ſein wird.“ „Ja, ich begreife, man hat den armen Jungen ver⸗ geſſen; das geht gewöhnlich ſo bei den Bureaur, welche eingerichtet ſind, wie die des neuen Miniſteriums. Ah! wäre ich Miniſter geworden, ſo müßte das Patent abge⸗ gangen ſein.“ „Hm!“ verſetzte Taverney. „Was ſagſt Du?“. „Ich ſage, ich glaube nicht ein Wort hievon.“ „Warum?“ „Wenn Du Miniſter geworden wäreſt, hätteſt Du Philipp zu fünfhundert Teufeln geſchickt.“ „Ho!“ „Und ſeinen Vater auch.“ „Ho! ho!“ „Und ſeine Schweſter noch viel weiter.“ „Es iſt ein Vergnügen, mit Dir zu plaudern, Taver⸗ ney, Du biſt voll Witz; doch gehen wir hierüber weg.“ „Das iſt mir ganz lieb; aber mein Sohn kann nicht darüber weggehen; ſeine Stellung iſt nicht haltbar. Her⸗ zog, Du mußt durchaus den Koͤnig ſehen.“ „Ich thue nichts Anderes, ſage ich Dir.“ „Und ihn ſprechen.“ „Ei! mein Lieber, die Menſchen können nicht mit dem König ſprechen, wenn er nicht mit ihnen ſpricht.“ „Ihn nöthigen.“ 3 „Ah! ich bin nicht der Papſt.“ „Dann muß ich mich entſchließen, mit meiner Tochter zu ſprechen; denn dies Alles iſt verdächtig, Herr Herzog.“ Dieſes Wort wirkte magiſch. Richelieu hatte Taverney erforſcht, er wußte, daß er ſchlau und verſchlagen war, wie Herr Lafare oder Herr Nocé, ſeine Jugendfreunde, deren ſchöner Ruf ſich unver⸗ — ſehrt erhalten hatte. Er fürchtete das Bündniß des Va⸗ ters und der Tochter; er fürchtete etwas Unbekanntes, was ihm Ungnade zuzlehen würde. „Aergere Dich nicht,“ ſagte er;„ich werde noch einen Schritt verſuchen. Doch ich brauche einen Vorwand.“ „Dieſen Vorwand huſt Du.“ J 2 „Allerdings.“ „Welchen?“ „Der König hat ein Verſprechen geleiſtet.“ „Wem?“ „Meinem Sohne. Und dieſes Verſprechen...“ „Nun?“ „Man kann ihn daran erinnern.“ „In der That, das iſt eine Hinterthüre.“„Haſt Du den Brief 2“ „Ja. „Gib ihn mir.“ Taverney zog ihn aus ſeiner Weſtentaſche und reichte ihn dem Herzog, dem er zugleich Kühnheit und Vorſicht empfahl. wohl, daß wir ausſchweifen. Gleichviel, der Wein iſt abgezogen, man muß ihn trinken.“ Er läutete. „Man kleide mich an und ſpanne an,“ ſprach der Herzog. Dann ſich gegen Taverney umwendend, fragte er mit unruhiger Miene: „Willſt Du meiner Toilette beiwohnen, Baron?“ Taverney begriff, es würde ſeinem Freunde ſehr un: angenehm ſein, wenn er ja ſagte, und erwiederte daher: „Nein, mein Lieber, es iſt mir unmöglich, ich habe einen Gang in der Stadt zu machen; nenne mir irgend einen Ort, wo wir zuſammenkommen wollen.“ „Im Schloß.“ „Gut, im Schloß.“ „Feuer und Waſſer,“ ſprach Richelieun;„man ſieht un⸗ end * 197 „,Es iſt von Belang, daß Du Seine Majeſtät auch „Glaubſt Du?“ ſagte Taverney entzückt.. „Ich verlange es; Du ſollſt Dich ſelbſt überzeugen, wie pünktlich ich mein Wort halte.“ „Ich zweifle nicht daran; doch da Du es nun ein⸗ mal ſo haben willſt...“ „So iſt das Dir eben ſo lieb?“ „Offenherzig geſprochen, ja.“ „Wohl alſo! in der Spiegelgallerie um eilf Uhr, während ich beim König eintrete.“ „Gott befohlen.“ „Ohne Groll, mein lieber Baron,“ ſagte Richelieu, dem äußerſt viel daran lag, ſich nicht einen Feind zu machen, deſſen Stärke man nicht kannte. Taverney ſtieg wieder in ſeinen Wagen und fuhr weg, um ſodann allein und nachdenkend einen langen Spazier⸗ gang im Garten zu machen, während Richelieu, der Sorge ſeiner Kammerdiener überlaſſen, ſich nach Bequem⸗ lichkeit verjüngte, eine wichtige Beſchäftigung, welche dem errhabenen Sieger von Mahon nicht weniger als zwei Stunden wegnahm. Das war indeſſen immer noch weniger Zeit, als ihm Taverney in ſeinem Geiſte bewilligt hatte, und der Baron, der auf der Lauer ſtand, ſah auf den Schlag ellf Uhr den Marſchall vor der Freitreppe des Pallaſtes halten, wo die Officiere vom Dienſt Richelien begrüßten, während ihn die Huiſſiers einführten. Das Herz von Taverney ſchlug gewaltig; er verließ ſeinen Spaziergang und begab ſich langſam, langſamer, als ſein glühender Geiſt es geſtatten wollte, in die Spie⸗ gelgallerie, wo viele wenig begünſtigte Höflinge, Offi⸗ ciere mit Bittſchriften, und kleine ehrgeizige Edelleute wie Bildſäulen auf dem ſchlüpfrigen Boden ſtanden, der ein ganz geeignetes Pieveſtal für dieſe Claſſe in Fortuna ver⸗ liebter Menſchen bildete. Taverney verlor ſich ſeufzend in der Menge, war dabei jedoch ſo vorſichtig, einen Winkel zu wählen, wo er im Bereiche des Marſchalls wäre, wenn dieſer von Seiner Majeſtät heraus käme. „Oh!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„daß ich verurtheilt bin, mit den Strohjunkern und mit dieſen ſchmutzigen Federhüten zuſammen zu ſein; ich, der ich noch vor einem Monat unter vier Augen mit Seiner Majeſtät zu Nacht ſpeiſte.“ Und aus ſeiner zuſammengezogenen Stirne ging mehr als ein ſchändlicher Verdacht hervor, der die arme Andrée erröthen gemacht hätte. CXXXVI. Das Gedächtniß der Könige. Richelieu hatte ſich, ſeinem Verſprechen gemäß, muthig unter dem Blick Seiner Majeſtät in dem Moment auf⸗ geſtellt, wo ihr Herr von Condé das Hemd reichte. Als der König den Marſchall erblickte, machte er eine ſo ungeſtime Bewegung, um ſich abzuwenden, daß das Hemd beinahe auf den Boden gefallen wäre und daß der Prinz erſtaunt zurückwich. „Verzeihen Sie, mein Vetter,“ ſagte Ludwig XV., um dem Prinzen zu beweiſen, dieſe ungeſtüme Bewegung habe nichts Perſöͤnliches gegen ihn. Richelien begriff auch vollkommen, daß der Zorn 4 ſeiner Perſon galt. Doch da er mit dem feſten Entſchluſſe, dieſen ganzen Zorn, wenn es nöthig wäre, hervorzuruſen, um dadurch eine ernſte Erklärung herbeizuführen, gekommen war, ſo machte er eine Frontveränderung wie bei Fontenoy und — 4* 199 ſtellte ſich an den Ort, wo der König, wenn er in ſein Cabinet ging, vorüberkommen mußte. Als der König den Marſchall nicht mehr ſah, plau⸗ derte er wieder frei und freundlich fort; er kleidete ſich an, entwarf den Plan zu einer Jagd in Marly und be⸗ rieth ſich lange mit ſeinem Vetter, denn die Herren von Condé ſtanden ſtets im Ruf, gute Jäger zu ſein. Doch in dem Augenblick, wo er in ſein Cabinet gehen wollte, und als ſich ſchon Alles entfernt hatte, er⸗ blickte er Richelieu, der mit einer ihm eigenthümlichen Anmuth die reizendſte Verbeugung machte, welche ſeit Lauzun,— bekanntlich wußte dieſer ſo gut zu grüßen,— gemacht worden war. Ludwig XV. blieb, beinahe aus der Faſſung ge⸗ bracht, ſtehen.. „Immer noch hier, Herr von Richelieu?“ fragte er. „Zu den Befehlen Eurer Majeſtät, ja, Sire.“ „Sie verlaſſen alſo Verſailles nicht?“ „Seit vierzig Jahren, Sire, habe ich mich ſelten durch etwas Anderes, als durch den Dienſt Eurer Ma⸗ jeſtät bewogen entfernt.“ Der Koͤnig blieb vor dem Marſchall ſtehen und ſagte: 1 „Laſſen Sie hören, Sie wollen etwas von mir, nicht wahr?“ b„Ich, Sire,“ eutgegnete Richelieu lächelnd,„ei! was denn?“ „Aber Sie verfolgen mich, Herzog, ich muß das doch, bei Gott! wohl bemerken.“ „Ja, Sire, mit meiner Liebe und mit meiner Chr⸗ furcht. Ich danke, Sire.“ „Oh! Sie geben ſich den Anſchein, als verſtünden Sie mich nicht; doch Sie verſtehen mich vortrefflich. Nun, ſo wiſſen Sie es denn, Herr Marſchall, ich habe Ihnen nichts zu ſagen.“ „Nichts, Sire?“ „Durchaus nichts.“ Richelieu bewaffnete ſich mit einer völligen Gleich⸗ gültigkeit und ſprach: „Sire, ich habe ſtets das Glück gehabt, mir in meinem Gewiſſen ſagen zu können, melne Beharrlichkeit beim König ſei uneigennützig geweſen, und das iſt ein großer Punkt in den vierzig Jahren, deren ich gegen Eure Majeſtät erwähnte; ſelbſt die Neidiſchen werden nie behaup⸗ Ruf iſt glücklicher Weiſe in dieſer Hinſicht gegründet.“ „Eil! Herzog, verlangen Sie für ſich, wenn Sie et⸗ was brauchen, aber verlangen Sie raſch.“ „Sire, ich brauche durchaus nichts, und für den Augenblick beſchränke ich mich darauf, daß ich Eure Majeſtät bitte...“ „Was 2“ „Gnädigſt zur Dankſagung einen Mann zul aſſen zu wollen...“ „Wen denn?“ „Sire, einen Mann, der eine große Verpflichtung gegen den König hat.“ „Aber ſprechen Sie doch!“ 3„Sire, einen Mann, dem von Eurer Majeſtät die außerordentliche Ehre zu Theil geworden iſt.. Ah! wenn man die Chre gehabt hat, ſich an den Tiſch Eurer Majeſtät zu ſetzen, wenn man die ſo delicate Converſation, die ſo reizende Heiterkeit, welche aus Eurer Maje ſtät den göttlichſten Tiſchgenoſſen macht, einmal gekoſtet hat, dann Sire, vergißt man nie mehr, und man nimmt raſch eine ſo ſüße Gewohnheit an.“ „Sie ſind ein Schönredner, Herr von Richelieu.“ „Oh! Sire!“ „Kurz, von wem ſprechen Sie?“ „Von meinem Freunde Taverney.“ „Von Ihrem Freunde!“ rief der König. „Taverney!“ ſprach der König mit einem gewiſſen Schrecken, der den Herzog ſehr in Erſtaunen ſetzte. ten, der König habe mir je irgend Etwas bewilligt. Mein „Verzeihen Sie, Sire.“ 3 7 8 hat.“ 201 1„Warum nicht, Sire, es iſt ein alter Kriegskamerad.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Ein Mann, der unter Villars mit mir gedient Er hielt abermals inne. „Sie wiſſen wohl, Sire, man nennt Freund in die⸗ ſer Welt Alles, was man kennt, Alles, was nicht feindlich iſt; es iſt ein artiges Wort, das häufig keine Bedeutung hat.“ „Ein gefährdendes Wort, Herzog,“ entgegnete der König mit verdrießlicher Miene,„ein Wort, deſſen man ſich mit Vorſicht bedienen muß.“ „Die Rathſchläge Eurer Majeſtät ſind Weisheits⸗ lehren. Herr von Taverney alſo...“ „Herr von Taverney iſt ein unſittlicher Menſch.“ „Ah! Sire, ich vermuthete es, ſo wahr ich ein Edel⸗ mann bin.“ „Ein Menſch ohne Zartgefühl, Herr Marſchall.“ „Was ſein Zartgefühl betrifft, Sire, ſo werde ich vor Eurer Majeſtät nicht davon ſprechen; ich verbürge mich nur für das, was ich kenne.“ „Wie! Sie verbürgen ſich nicht für das Zartgefühl Ihres Freundes, eines alten Dieners, eines Mannes, der⸗ mit Ihnen unter Villars diente, eines Mannes, den Sie mir vorgeſtellt haben? Sie kennen ihn doch wohl?“ „Ihn, gewiß, Sire; doch ſein Zartgefühl nicht. Sully ſagte zu Ihrem Ahnherrn, Heinrich IV., er habe ſein Fieber in einen grünen Rock gekleidet herauskommen ſehen; ich geſtehe in Demuth, daß ich nie wußte, wie das Zartgefühl von Taverney ſich kleidete.“ „Nun wohl, Marſchall, ich ſage Ihnen, daß es ein garſtiger Menſch iſt, der eine garſtige Rolle geſpielt hat.“ „Oh! wenn mir Eure Majeſtät das ſagt...“ „Ja, mein Herr, ich ſage es!“ „Wohl!“ ſprach Richelieu,„es iſt mir unendlich lieb, wenn Eure Majeſtät ſich ſo äußert. Nein, ich ge⸗ ſtehe, Taverney iſt keine Blüthe des Zartgefühls, und ich habe das wohl bemerkt; doch, Sire, ſo lange Eure Ma⸗ jeſtät nicht die Gnade hatte, mich mit ihrer Meinung hierüber bekannt zu machen...“ „Hören Sie dieſe Meinung, mein Herr, ich verab⸗ ſcheue ihn.“ „Ah! der Spruch iſt gefällt, Sire; zum Glück hat dieſer Unglückliche eine mächtige Fürſprache bei Eurer Majeſtät für ſich,“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Hat der Vater das Unglück gehabt, dem König zu mißfallen...“ „Und zwar ſehr.“ 2 „Ich ſage nicht nein, Sire.“ „Was ſagen Sie denn?“ „Ich ſage, daß ein gewiſſer Engel mit blauen Augen und blonden Haaren...“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herzog.“ „Das iſt begreiflich, Sire.“ „Ich wünſchte Sie aber zu verſtehen.“ „Ein Profaner wie ich, Sire, zittert bei dem Ge⸗ danken, eine Ecke des Schleiers zu lüften, unter welchem ſo viele reizende Liebesgeheimniſſe verborgen ſind; doch ich wiederhole, welchen Dank iſt Taverney derjenigen ſchuldig, die zu ſeinen Gunſten die königliche Entrüſtung mindenit Oh! ja! ja, Fräulein Andrée muß ein Engel ſein.“ „Fräulein Andrée iſt ein kleines Ungeheuer in phy⸗ ſiſcher Hinſicht, wie ihr Vater eines in moraliſcher iſt!“ rief der Koͤnig. „Bah!“ rief Richelieu im höchſten Maße erſtaunt, „wir täuſchten uns alle, und dieſer ſchöne Anſchein...* „Sprechen Sie mir nie mehr von dieſem Mädchen, Herzog, ein Schauer überlaͤuft mich, wenn ich nur daran denke.“.. Richelieu faltete heuchleriſch ſeine Hände. „Oh! mein Gott, wie kann doch das Aeußers trügen. Wenn Euxe Majeſtaͤt, de r erſte Kenner und Schätzer des △ ee—9no S ———— 203 Königreichs, wenn Eure Majeſtät, die Unfehlbarkeit in Perſon, mich nicht deſſen verſichern würde, wie könnte ich es glauben?... Wie! Sire, in dieſem Grade miß⸗ ſtaltet?“ „Mehr als dies, mein Herr, von einer gräßlichen Krankheit befallen;.. ein Hinterhalt, Herzog. Doch um Gottes willen, kein Wort mehr über ſie, Sie machen mich ſterben.“ „Oh! Himmel!“ rief Richelieu,„ich werde den Mund nicht mehr öͤffnen, Sire. Eure Majeſtät ſterben machen! Oh! welcher Jammer! Welche Familie! Wie unglücklich muß der arme Junge ſein!“ „Von wem ſprechen Sie?“ „Oh! diesmal von einem getreuen, von einem auf⸗ richtigen, von einem ergebenen Diener Eurer Majeſtät. Oh! das iſt ein wahres Muſter, Sire, und dieſen haben Sie gut beurtheilt. Diesmal, dafür ſtehe ich, diesmal iſt Ihre Gnade nicht falſch angebracht geweſen.“ „Aber von wem reden Sie denn, Herzog? Vollenden Sie, ich habe Eile.“ „Ich ſpreche von dem Sohn des Einen, Sire, und von dem Bruder der Andern. Ich ſpreche von Philipp von Taverney, von dem braven jungen Mann, dem Eure Majeſtät ein Regiment geſchenkt hat.“ „Ich habe Jemand ein Regiment geſchenkt?“ „Ja, Sire, ein Regiment, das Philipp von Taverney allerdings noch erwartet, das Sie ihm aber immerhin Leſchen aben. „Ich glaube wohl, Sire.“ „Sie ſind ein Narr!“ „Bah!“ „Ich habe gar nichts geſchenkt, Marſchall!“ „Wahrhaftig?“ „In was des Teufels miſchen Sie ſich denn?“ Aber, Sire.. „Geht das Sie an?“ „ „Entfernt nicht.“ „Sie haben alſo geſchworen, mich mit dieſem ein⸗ fältigen Burſchen in Verzweiflung zu bringen!“ „Entſchuldigen Sie, Sire; es kam mir vor, doch ich ſehe nun, daß ich mich getäuſcht habe, es kam mir vor, als hätte Eure Majeſtät verſprochen...“ „Das iſt nicht meine Sache, Herzog. Ich habe einen Kriegsminiſter. Ich verſchenke kein Regiment. Ein Regiment! Da hat man Ihnen einen ſchönen Bären aufge⸗ bunden. Ah! Sie ſind der Advocat dieſer Brut und haben mir mit Ihrem Geſchwätz alles Blut in Aufruhr gebracht.“ „Oh! Sire.“ „Ja, in Aufruhr. Der Teufel hole den Advocaten, ich werde den ganzen Tag nicht verdauen.“ Nach dieſen Worten wandte der König dem Herzog den Rücken zu, flüchtete ſich ganz wüthend in ſein Cabinet und ließ Richelieu unglücklicher zuruͤck, als man es zu ſagen vermöchte. „Ah! diesmal weiß man, woran man ſich zu halten hat,“ brummte der Marſchall. Und er ſtäubte ſich mit ſeinem Sacktuch ab, denn in der Hitze des Gefechts hatte er ſich ganz bepudert, und wandte ſich nach der Gallerie, in deren Ecke ſein Freund mit verzehrender Ungeduld wartete. Kaum erſchien der Marſchall, als der Baron einer Spinne ähnlich, welche auf ihre Beute losſtürzt, den fri⸗ ſchen Neuigkeiten entgegenllef. „Nun, wie ſteht es?“ fragte er, die Augen und das Herz in geſpannter Erwartung. „Wie es ſtehe, mein Herr?“ erwiederte Richelieu, indem er ſich mit hochmüthigem Munde und mit einem ver⸗ ächtlichen Angriff auf ſeinen Jabot aufrichtete;„es ſteht ſo, daß ich Sie bitte, mich nicht mehr anzureden. Taverney ſchaute den Herzog ganz beſtürzt an. „Ja,“ fuhr Richelieu fort,„Sie haben dem Kö ig ües mißfallen, und wer dem König mißfällt, be di m 84* 20⁵ Taverney blieb unbeweglich in ſeinem Erſtaunen, als ob ſeine Füße im Marmor Wurzel gefaßt hätten. Richelien ging indeſſen weiter. Sobald er an die Thüre der Spiegelgallerie kam, wo ihn ſein Kammerdiener erwartete, rief er: „Nach Luciennes.“ Und er verſchwand. CXXXVII. Die Ohnmachten von Andrée. Als Taverney wieder zu ſich gekommen war und das erkannt hatte, was er ſein Unglück nannte, begriff er, es ſei der Augenblick gekommen, eine ernſte Erklärung mit der erſten Urſache ſo vieler Beſorgniſſe herbeizuführen. Kochend vor Zorn und Entrüſtung, wandte er ſich dem zu Folge nach der Wohnung von Andrée. Andrée legte eben die letzte Hand an ihre Toilette und hob ihre gerundeten Arme in die Höhe, um hinter dem Ohr zwei widerſpänſtige Haarflechten zu befeſtigen. Sie hörte den Tritt ihres Vaters im Vorzimmer in dem Augenblick, wo ſie, ihr Buch unter dem Arm, über die Schwelle ihres Zimmers zu ſchreiten im Begriff war. „Ah! guten Morgen Andrée,“ ſagte Herr von Ta⸗ verney,„Du gehſt aus?“ „ Ja, mein Vater.“ „Allein?“ „Wie Sie ſehen. „Du biſt alſo immer noch allein?“ „Seit dem Verſchwinden von Nicole habe ich kein Kammermädchen mehr angenommen.“ „Aber Du kannſt Dich nicht ankleiden, Andrée, das 206 ſchadet Dir; ein Frauenzimmer, das ſo angezogen iſt, macht kein Glück bei Hofe; ich hatte Dir etwas ganz Anderes empfohlen, Andrée.“ „Verzeihen Sie, mein Vater, die Frau Dauphine erwartet mich.“ „Ich verſichere Dich, Andrée,“ fuhr Taverney fort, der ſich, während er ſprach, immer mehr erhitzte,„ich ver⸗ ſichere Dich, daß Du mit dieſer Einfachheit am Ende hier lächerlich wirſt.“ „Mein Vater...“ „Die Lächerlichkeit tödtet überall, und mehr noch, als anderswo, bei Hofe.“ „Ich werde auf das, was Sie ſagen, bedacht ſein. Doch in Rückſicht auf den Eifer, mit dem ich mich zu ihr begebe, weiß mir die Frau Dauphine für den Augen⸗ blick ſicherlich Dank, wenn ich mich minder elegant kleide.“ „Gehe alſo und komm, ich bitte Dich, ſobald Du frei wirſt, zurück, denn ich habe in einer wichtigen Ange⸗ legenheit mit Dir zu reden.“ „Ja, mein Vater,“ ſagte Andrée. Und ſie ſuchte wegzugehen. Der Baron betrachtete ſie von allen Seiten und rief: „Warte doch, Du kannſt nicht ſo weggehen;⸗Du haſt Deine Schminke vergeſſen und biſt von einer zurü ck⸗ ſtoßenden Bläße.“ „Ich, mein Vater?“ verſetzte Ardrée ſtille ſtehend. „In der That, an was denkſt Du denn, wenn Du nicht in den Spiegel ſchauſt? Deine Wangen find weiß wie Wachs, Deine Augen ſind einen halben Fuß umkreiſt. Man geht nicht ſo aus, wenn man nicht gar den Leuten bange machen will.“ „Ich habe nicht mehr Zeit, irgend etwas an meiner Toilette zu ändern.“ „Wahrlich, das iſt abſcheulich,“ rief Taverney die Achſeln zuckend;„es gibt nur ein ſolches Frauenzimmer 207 in der Welt, und das iſt meine Tochter; welch ein Un⸗ glück! Andrée! Andrée!“ Doch Andrée war ſchon unten an der Treppe. Sie wandte ſich um. „Sage wenigſtens,“ rief Taverney,„ſage wenigſtens, Du ſeiſt krank; mache Dich intereſſant, alle Teufel! wenn Du Dich nicht ſchön machen willſt.“ „Oh! was das betrifft, mein Vater... das wird mir leicht ſein; ich kann ſagen, ich ſei krank, ohne zu lügen, denn ich fühle mich wirklich in dieſem Augenblick leidend.“ „Gut,“ brummte der Baron,„das fehlte uns nur noch, krank!“ Dann fügte er zwiſchen den Zähnen bei: „Die Peſt komme über dieſen Zieraffen.“ Und er kehrte in das Zimmer ſeiner Tochter zurück, wo er ſich ängſtlich damit beſchäftigte, Alles aufzuſuchen, was ihn in ſeinen Muthmaßungen unterſtützen und eine beſtimmte Anſicht bei ihm feſtſtellen koͤnnte. Während dieſer Zeit ging Andrée über die Eſplanade und längs den Blumenbeeten hin. Sie hob zuweilen den Kopf in die Höhe, um in der Luft kräftigeren Athem zu holen, denn der Duft der Blüthen ſtieg ihr zu gewaltig ins Gehirn und erſchütterte jede Fiber deſſelben. So angegriffen, ſchwankend unter der Sonne und nach einem Stützpunkte um ſich her ſuchend, kam Andrée, indem ſie ein unbekanntes Uebel bekämpfte, bis in die Vorzimmer von Trianon, wo Frau von Nbailles, welche auf der Schwelle des Cabinets der Dauphine ſtand, Andrée mit dem erſten Worte begreiflich machte, es ſei die Stunde und man erwarte ſie. Der Abbé***, der Titularvorleſer der Prinzeſſin, frühſtückte in der That mit Ihrer koͤniglichen Hoheit, welche häufig den Perſonen ihres vertrauteren Umgangs eine ſolche Gnade erwies. Der Abbé rühmte die Vortrefflichkeit jener Butter⸗ 208 brode, welche die deutſchen Hausfrauen ſo geſchickt um eine Taſſe Kaffee mit Sahne aufzuhäufen wiſſen. Der Abbé ſprach, ſtatt zu leſen, und erzählte der Dauphine alle Neuigkeiten von Wien, die er bei den Zei⸗ tungsſchreibern und den Diplomaten geſammelt hatte, denn in jener Zeit trieb man die Politik in der freien Luft ebenſo gut, als in den geheimſten Winkeln der Kanzleien, und es kam nicht ſelten vor, daß man im Miniſterium Neuigkeiten erfuhr, welche dieſe Herren vom Palais⸗Royal oder von den Alleen von Verſailles errathen, wenn nicht geſchaffen hatten. Der Abbé ſprach beſonders von den letzten Gerüchten über eine heimliche Meuterei in Beziehung auf die Frucht⸗ theurung, eine Meuterei, welche, wie er ſagte, von Herrn von Sartines ganz kurz dadurch gehemmt worden ſei, daß er fünf von den bedeutendſten Wucherern habe in die Baſtille bringen laſſen. Andrée trat ein: die Dauphine hatte auch ihre Tage der Laune und der Migräne; der Abbé hatte ſie inter⸗ eſſirt: das Buch von Andrée, das nach der Plauderei kam, langwellte ſie. Dem zu Folge ſagte ſie zu ihrer Vorleſerin, ſie möge in Zukunft pünktlicher ſein und nicht mehr auf ſich war⸗ ten laſſen; ſie fügte bei, was an und für ſich gut ſei, ſei es hauptſächlich zur geeigneten Zeit. Verwirrt durch dieſen Vorwurf und beſonders durch⸗ drungen von der Ungerechtigkeit deſſelben, erwiederte An⸗ drée nichts, obgleich ſie hätte ſagen koͤnnen, ſie ſei durch ihren Vater aufgehalten worden und ſie habe langſam gehen müſſen, well ſie ſich leidend fühle. Doch nein, beängſtigt, bedrückt, neigte ſie das Haupt, ſchloß, als ob ſie ſterben wollte, die Augen und verlor das Gleichgewicht.— Ohne Frau von Noailles wäre ſie gefallen. „Wie wenig Haltung haben Sie doch, mein Fräu⸗ lein!“ flüſterte ihr Frau Etiquette zu. Andrée antwortete nicht. 209 „Aber Herzogin, es iſt ihr unwohl,“ rief die Dau⸗ phine, raſch aufſtehend und auf Andrée zueilend. „Nein, nein,“ entgegnete Andrée lebhaft, die Augen voll Thränen,„nein, Eure Hoheit, ich befinde mich wohl oder wenigſtens beſſer.“ „Aber ſie iſt weiß wie ihr Sacktuch, ſehen Sie doch, Herzogin. Das iſt mein Fehler, ich habe Sie gezankt; armes Kind, ſetzen Sie ſich, ich will es haben.“ „Madame...“ „Wenn ich es befehle... Geben Sie dem Fräulein Ihren Seſſel, Abbé.“ Andrée ſetzte ſich und unter dem ſanften Einfluß die⸗ ſer Güte erheiterte ſich ihr Geiſt, färbten ſich ihre Wan⸗ gen wieder. „Können Sie nun leſen, mein Fräulein?“ fragte die Dauphine. „Ohl ja, gewiß; ich hoffe es wenigſtens.“ Andrée öffnete das Buch an der Stelle, wo ſie am Tag zuvor zu leſen aufgehört hatte, und begann mit einer Stimme, der ſie Ruhe zu verleihen ſuchte, um ſie ſo verſtändlich und angenehm, als möglich, zu machen. Doch kaum hatten ihre Augen zwei bis drei Seiten durchlaufen, als die kleinen ſchwarzen Atome vor ihren Blicken zu hüpfen, zu wirbeln, zu zittern anfingen und völlig unentzifferbar wurden. Andrée erbleichte abermals; ein kalter Schweiß ſtieg aus ihrer Bruſt auf ihre Stirne, und der ſchwarze Kreis, den Taverney den Augenlidern ſeiner Tochter ſo bitter zum Vorwurf gemacht hatte, vergrößerte ſich dergeſtalt, daß die Dauphine, welche bei dem Zögern von Andrée aufgeſchaut hatte, ausrief: „Abermals!... ſehen Sie, Herzogin, in der That, das Kind iſt krank, es verliert das Bewußtſein.“ Und diesmal nahm die Dauphine ſelbſt ihre Zuflucht zu einem Fläſchchen mit Riechſalz, das ſie ihrer Vorle⸗ ſerin an die Naſe hielt. So wiederbelebt, wollte Andrée Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 14 210 das Buch aufzuheben ſuchen, aber vergebens; ihren Hän⸗ den war ein Nervenzittern geblieben, das einige Minuten nichts zu beſchwichtigen vermochte. „Herzogin,“ ſagte die Dauphine,„Andrée iſt entſchie⸗ den leidend, und ſie ſoll ihr Uebel nicht dadurch erſchwe⸗ ren, daß ſie hier bleibt.“ „Dann muß das Fräulein raſch nach Hauſe zurück⸗ kehren,“ ſprach die Herzogin. 3„Und warum dies, Madame?“ „Weil ſo die Pocken anfangen,“ antwortete die Chrendame mit einer tiefen Verbeugung. „Die Pocken?“ „Ja, plötzliche Ohnmachten, Schauer...“ Der Abbé glaubte ſich weſentlich betheiligt bei der Gefahr, welche Frau von Noallles bezeichnete, denn er hob die Sitzung auf und machte ſich, begünſtigt durch die Freiheit, die ihm das Unwohlſein einer Frau geſtattete, auf den Fußſpitzen ſo geſchickt davon, daß Niemand ſein Verſchwinden bemerkte. Als Andrée ſich gleichſam in den Armen der Dau⸗ phine ſah, gab ihr die Scham, daß ſie in dieſem Grad eine ſo hohe Prinzeſſin beunruhigt habe, wieder Kräfte, oder vielmehr Muth; ſie näherte ſich dem Fenſter, um zu athmen. „Sie müſſen nicht ſo Luft ſchöpfen, mein liebes Fräulein,“ ſagte die Frau Dauphine;„kehren Sie in Ihre Wohnung zurück, ich werde Sie begleiten laſſen.“ „Oh! ich verſichere Sie. Madame, ich habe mich völlig erholt,“ erwiederte Andrée;„ich werde wohl allein nach Hauſe gehen, da mir Eure Hoheit gnädigſt erlaubt, mich entfernen zu dürfen.“ „Ja, ja, und ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagte die Dau⸗ phine,„man wird Sie nicht mehr zanken, da Sie ſo empfindlich ſind, liebes Mädchen!“ Gerührt von dieſer Güte, welche einer ſchweſterlichen Freundſchaft glich, küßte Andrée ihrer Beſchützerin die 211 Hand und verließ das Gemach, während ihr die Dauphine unruhig mit den Augen folgte. Als ſie unten an den Stufen war, rief ihr die Dauphine aus dem Fenſter zu: „Kehren Sie nicht ſogleich nach Hauſe zurück, mein Fräulein; gehen Sie ein wenig unter den Blumenbeeten ſpazieren, die Sonne wird Ihnen wohl thun.“ „Oh! mein Gott, Madame, wie viel Huld und Gnade!“ ſagte Andrée. „Und dann haben Sie die Güte, mir den Abbé zu⸗ rückzuſchicken, der dort in einem Gevierte von holländi⸗ ſchen Tulpen einen Curſus der Botanik macht.“ Um zu dem Abbé zu gelangen, ſah ſich Andrée zu linem Umweg genöthigt; ſie durchſchritt das Blumen⸗ eet. Sie ging geſenkten Hauptes, noch ein wenig beſchwert vom Gewicht der ſeltſamen Betäubungen, welche ſie ſeit dem Morgen leiden machten; ſie ſchenkte weder den Vö⸗ geln, die ſich ſcheu auf den Hecken und blühenden Ge⸗ ſträuchen verfolgten, noch den Bienen, die auf dem Thymian und den Fliederbüſchen ſummten, irgend eine Aufmerkſamkeit. Sie gewahrte nicht einmal zwanzig Schritte von ſich zwei Männer, welche mit einander ſprachen, und von denen der eine ihr mit einem unruhigen, ängſtlichen Blick olgte.. Dieſe zwei Männer waren Gilbert und Herr von Juſſieu. Der erſtere ſtützte ſich auf ſeinen Spaten und horchte auf den gelehrten Profeſſor, der ihm erläuterte, wie die leichten Pflanzen ſo zu begießen wären, daß das Waſſer nur die Erde durchdränge, ohne darin ſtehen zu bleiben. Gilbert ſchien die Auseinanderſetzung gierig anzu⸗ hören und Herr von Juſſieu fand dieſen Eifer für die Wiſſenſchaft ganz natürlich, denn die Erläuterung war eine von denjenigen, welche bei einem öffentlichen Curſus den lauten Beifall auf den Bänken der Schüler hervor⸗ rufen; war nun aber nicht vollends für einen armen 212 Gärtnergehülfen die Lection eines ſo großen Lehrers, in Gegenwart der Natur ſelbſt gegeben, ein unſchätzbares Glück? „Sehen Sie, mein Kind,“ ſagte Herr von Juſſieu, „Sie haben hier vier Erdarten, und wenn ich wollte, würde ich noch zehn andere entdecken, welche mit den Haupterdarten vermiſcht ſind. Aber für den Gärtner⸗ lehrling wäre die Unterſcheidung etwas zu fein. Doch immerhin iſt es gewiß, daß der Blumiſt die Erde koſten muß, wie der Gärtner die Früchte zu koſten hat. Sie verſtehen mich, nicht wahr, Gilbert?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Gilbert, die Augen ſtarr, den Mund halb geöffnet, denn er hatte Andrée ge⸗ ſehen, und ſo, wie er ſtand, konnte er ihr nachſchauen, ohne bei dem Profeſſor den Verdacht zuzulaſſen, ſeine Erläuterung werde nicht andächtig gehört und begriffen. Getäuſcht durch das geſpannte Geſicht von Gilbert fuhr Herr von Juſſieu fort: „Um die Erde zu koſten, ſchließen Sie eine Hand voll in ein geflochtenes Körbchen ein, gießen Sie ſachte ein paar Tropfen Waſſer darauf und koſten Sie dieſes Waſſer, wenn es, filtrirt durch die Erde ſelbſt, unter dem Körbchen herauskommt. Der ſalzige, oder herbe, oder fade, oder wohlriechende Geſchmack gewiſſer natürlicher Eſſenzen wird ſich vortrefflich den Saften der Pflanzen aneignen, die ſie darin wachſen laſſen wollen, denn in der Natur, ſagt Herr Rouſſeau, Ihr ehemaliger Patron, iſt Alies nur Analogie, Verähnlichung, Anſtreben zur Gleich⸗ artigkeit.“ 9, Oh mein Gott!“ rief Gilbert, indem er die Arme vor ſich ausſtreckte. „Was gibt es denn?“ „Sie wird ohnmächtig, mein Herr, ſie wird ohn⸗ mächtig!“ „Wer denn? Sind Sie ein Narr?“ „Sie, ſie.“ „Sie?“ —— 213 „Ja, eine Dame,“ antwortete Gilbert raſch. Und ſein Schrecken und ſeine Bläße würden ihn ebenſo ſehr verrathen haben, als das Wort ſie, hätte Herr von Juſſieu nicht die Augen von ihm abgewendet, um der Richtung ſeiner Hand zu folgen. Und als er dieſer Richtung folgte, ſah Herr von Juſſieu wirklich Andrée, welche ſich hinter eine Hagen⸗ buchenlaube geſchleppt hatte, und als ſie ſich hier befand, auf eine Bank gefallen war, wo ſie unbeweglich und nahe daran, den letzten Hauch von Gefühl, den ſie noch übrig hatte, zu verlieren, liegen blieb. Dies war die Stunde, in der der König der Frau⸗ Dauphine ſeinen Beſuch zu machen pflegte und, vom großen Trianon nach dem kleinen gehend, aus dem Obſt⸗ garten hervorkam. Seine Majeſtät trat alſo plötzlich hervor. Sie hielt in der Hand eine blutrothe Pfirſich und fragte ſich als wahrer ſelbſtſüchtiger Koͤnig, ob es nicht für das Glück Frankreichs beſſer wäre, wenn dieſe Pfir⸗ ſich von Seiner Majeſtät, ſtatt von der Frau Dauphine verzehrt würde. Der Eifer, mit dem Herr von Juſſieu auf Andrée zulief, welche der König mit ſeinem ſchwachen Geſicht kaum unterſchied und gar nicht erkannte, das erſtickte Ge⸗ ſchrei von Gilbert, das den tiefſten Schrecken andeutete, beſchleunigten die Schritte Seiner Majeſtät. „Was gibt es denn?“ fragte Ludwig XV., der ſich der Hagenbuchenlaube näherte, von welcher er nur noch durch die Breite einer Allee getrennt war. „Der König!“ rief Herr von Juſſieu, während er das Mädchen mit ſeinen Armen unterſtützte. „Der König!“ murmelte Andrée, völlig in Ohn⸗ macht ſinkend. „Aber wer iſt denn das?“ wiederholte Ludwig XV., weine Frau? was begegnet denn dieſer Frau?“ „Sire, eine Ohnmacht.“ „Ah! ah!“ machte Ludwig XV. 214 „Sie iſt ohne Bewußtſein, Sire,“ fügte Herr von Juſſieu bei und deutete auf das Mädchen, das ſtarr und unbeweglich auf der Bank ausgeſtreckt war, auf die er es niedergelegt hatte. Der König trat näher hinzu, erkannte AndréEe und rief ſchauernd: „Abermals!... Oh! das iſt erſchrecklich, wenn man ſolche Krankheiten hat, bleibt man zu Hauſe; es iſt nicht anſtändig, jeden Tag ſo vor den Leuten zu ſterben.“ Und hienach kehrte Ludwig XV. um und eilte nach dem Pavillon von Klein⸗Trianon, während er tauſend unangenehme Dinge gegen Andrée murmelte. Herr von Juſſieu, der die Vorgänge nicht kannte, blieb einen Augenblick ganz erſtaunt, dann wandte er ſich um und rief, als er Gilbert zehn Schritte von ſich in der Stellung des Schreckens und der Furcht ſah: „Komm hierher, Gilbert; Du biſt ſtark; Du wirſt Fräulein von Taverney nach Hauſe tragen.“ „Ich!“ rief Gilbert ſchauernd,„ich ſie tragen, ſie berühren! Nein! nein, ſie würde mir das nie verzeihen; nein, nie.“ Und er entfloh ganz verwirrt und ſchrie um Hülfe. CXXXVIII. Der Doctor Louis. Ein paar Schritte von dem Ort, wo Andrée ohn⸗ mächtig geworden war, arbeiteten zwei Gärtnergehülfen, welche auf das Geſchrei von Gilbert herbeiliefen und gemäß dem Befehl von Herrn von Juſſieu Andrée nach ihrer Wohnung trugen, während Gilbert von fern und den Kopf geſenkt dieſem trägen, ſchlaffen Koörper folgte, wie der Mörder hinter dem Leichnam ſeines Opfers geht. 3 — 2¹5 Als Herr von Juſſieu an die Freitreppe der Com⸗ muns gelangte, nahm er den Gärtnern ihre Laſt ab; Andrée hatte die Augen aufgeſchlagen. Der Lärmen der Stimmen und das bezeichnende eifrige Treiben, das um jeden Unfall her ſtattfindet, lockte Herrn von Taverney aus dem Zimmer: er ſah, wie ſich ſeine Tochter, noch ſchwankend, zu erheben ſuchte, um unterſtützt von Herrn von Juſſieu die Treppe hinauf⸗ ſteigen. Er lief hinzu und fragte wie der Koͤnig: „Was gibt es? was gibt es?“ „Nichts, mein Vater,“ erwiederte Andrée noch ſchwach,„ein Unwohlſein, eine Migräne.“ „Das Fräulein iſt Ihre Tochter, mein Herr?“ ſagte Herr von Juſſieu, den Baron grüßend. „Ja, mein Herr.“ „Ich kann alſo das Fräulein in keinen beſſeren Händen laſſen; doch in des Himmels Namen, fragen Sie einen Arzt um Rath.“ „Ohl es iſt nichts,“ ſprach Andrée. Und Taverney wiederholte: „Gewiß, es iſt nichts.“ „Ich wünſche es,“ ſagte Herr von Juſſieu;„doch in der That, das Fräulein iſt ſehr bleich.“ Und nachdem er Andrée bis oben auf die Freitreppe die Hand gegeben hatte, verabſchiedete ſich Herr von Juſſieu. Der Vater und die Tochter blieben allein. Taverney, der während der Abweſenheit von Andrée ſicherlich die Zeit zu guten Betrachtungen benützt hatte, nahm Andrée, welche ſtehen geblieben war, bei der Hand, führte ſie zu einem Sopha, ließ ſie niederſitzen und ſetzte ſich neben ſie. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Andrée,„haben Si die Güte, das Fenſter zu öffnen, es fehlt mir an uft.. „Ich wollte ein wenig ernſt mit Dir ſprechen, 216 Andrée, und in dieſem Käfig, den man Dir als Wohnung gegeben hat, hört man einen Hauch von allen Seiten; doch gleichviel, ich werde leiſe reden.“ Und er öffnete das Fenſter. Dann ſetzte er ſich wieder den Kopf ſchüttelnd zu ſeiner Tochter und ſprach: „Man muß geſtehen, der König, der uns Anfangs ſo viel Theilnahme bezeigte, legt keinen Beweis von Ga⸗ lanterie dadurch ab, daß er Dich in einer ſolchen Keiche wohnen läßt.“ „Mein Vater,“ erwiederte Andrée,„es gibt keine Wohnung in Trianon; Sie wiſſen, daß hierin der große Mangel dieſer Reſidenz liegt.“ „Wenn es keine Wohnung für Andere gäbe, ſo würde ich das am Ende begreifen, meine Tochter,“ ſagte der Baron mit einem einſchmeichelnden Lächeln,„aber für Dich... das begreife ich in der That nicht.“ „Sie haben eine zu gute Meinung von mir, und leider iſt nicht Jedermann wie Sie,“ erwiederte Andrée lächelnd. „Im Gegentheil, Alle, die Dich kennen, ſind wie ich.“ Andrée verneigte ſich, wie ſie es gethan hätte, um einem Fremden zu danken; denn dieſe Complimente von Seiten ihres Vaters fingen an ſie zu beunruhigen. „Und,“ fuhr Taverney mit der elben ſüßlichen Ton fort,„und der König kennt Dich?“ Während er dies ſagte, ſchoß er auf das Mädchen einen ganz unerträglich forſchenden Blick. „Der König kennt mich kaum,“ entgegnete Andrée duſ das Allernatürlichſte,„ich glaube, ich bin wenig für ihn.“ Dieſe Worte machten den Baron aufſpringen. „Wenig!“ rief er;„in der That, ich begreife nicht, was Du da ſagſt: wenig! ei! Du ſchlägſt Deine Perſon wahrhaftig zu einem geringen Preis an.“ c Andrée ſchaute ihrem Vater ganz erſtaunt ins Ge⸗ ſicht. 217 „Ja, ja,“ fuhr der Baron fort,„ich ſage und wie⸗ derhole es, Du biſt von einer Beſcheidenheit, welche bis zum Vergeſſen der perſönlichen Würde geht.“ „Oh! mein Herr, Sie übertreiben Alles: es iſt wahr, der König hat an dem Unglück Ihrer Familie Theil genommen! der Koͤnig hat die Gnade gehabt, et⸗ was für uns zu thun; doch es gibt ſo viel Unglück um den Thron Seiner Majeſtät, ſeiner königlichen Hand ent⸗ ſtrömt ſo viel Freigebigkeit, daß uns das Vergeſſen noth⸗ wendig nach der Wohlthat treffen mußte.“ Taverney ſchaute ſeine Tochter feſt und nicht ohne eine gewiſſe Bewunderung für ihre Zurückhaltung und ihre undurchdringliche Discretion an. „Höre,“ ſagte er, indem er ſich ihr näherte,„Dein Vater wird der erſte Bittſteller ſein, der ſich an Dich wendet, und unter dieſem Titel hoffe ich, daß Du ihn nicht zurückweiſeſt. Andrée ſchaute nun ihren Vater an wie eine Frau, die eine Erklärung verlangt. „Höre,“ fuhr er fort,„wir bitten Dich Alle, ver⸗ mittle für uns, thue etwas für unſere Familie.“ „In welcher Hinſicht ſagen Sie mir denn das? Was ſoll ich denn thun?“ rief Andrée ganz verwundert über den Ton und den Sinn dieſer Worte. „Biſt Du gene ja oder nein, etwas für mich und Deinen Bruder zu verlangen?“ „Mein Herr,“ antwortete Andrée,„ich werde Alles thun, was Sie mir zu thun befehlen; doch fürchten Sie in der That nicht, wir dürften zu gierig erſcheinen? Schon hat mir der König einen Schmuck zum Geſchenk gemacht, der, wie Sie ſagen, mehr als hundert tauſend Livres werth iſt. Seine Majeſtät hat überdies meinem Bruder ein Regiment verſprochen; wir verſchlingen auf. Veſ Art einen beträchtlichen Theil der Wohlthaten des ofes.“ Taverney konnte ſich eines ſcharfen, verächtlichen Gelächters nicht erwehren. 218 „Sie finden alſo, das ſei hinreichend bezahlt, mein Fräulein?“ ſagte er. „Ich weiß, mein Herr, daß Ihre Dienſte großen Werth haben,“ antwortete Andrée. „Eil wer Teufels ſpricht denn von meinen Dienſten?“ rief Taverney ungeduldig. „Aber wovon ſprechen Sle denn?“ „In der That, Du ſpielſt mit mir ein Spiel alberner Verſtellung!“ „Mein Gott! was habe ich denn zu verſtellen?“ fragte Andrée. „Ich weiß Alles, meine Tochter.“ „Was wiſſen Sie?“ „Alles, ſage ich Dir.“ „Was Alles, mein Herr?“ Und das Geſicht von Andrée bedeckte ſich mit einer inſtinctartigen Röthe in Folge dieſes plumpen Angriffs auf das ſchamhafteſte Gewiſſen. Die Achtung des Vaters vor der Tochter hielt Ta⸗ verney auf dem ſo jähe gewordenen Abhang ſeines Ver⸗ höres zurück.. "Immerhin! ſo lange es Dir beliebt,“ ſagte er; „Du willſt, wie es ſcheint, die Zurückhaltende, die Ge⸗ heimnißvolle ſpielen! Es ſei. Du läßt Delnen Vater und Deinen Bruder in der Dunkelheit, in der Vergeſſenheit verſumpfen, gut; doch erinnere Dich meiner Worte: wenn man die Herrſchaft nicht von Anfang an an ſich reißt, ſo ſetzt man ſich der Gefahr aus, ſie nie zu bekommen,“ ſprach Taverney und machte eine Pirouette auf dem Abſatz. „Ich verſtehe Sie nicht, mein Vater,“ ſagte Andrée. „Doch ich verſtehe mich,“ erwiederte Taverney. „Das iſt nicht hinreichend, wenn man zu zwel ſpricht.“ „Wohl! ich werde klarer reden; wende die ganze Diplomatie an, mit der Du von der Natur, als mit 219 einer Familientugend, ausgeſtattet biſt, um, während ſich die Gelegenheit bietet, das Glück Deiner Familie und das Deinige zu machen, und das erſte Mal, wo Du den König ſiehſt, ſage ihm, Dein Bruder erwarte das Patent, und Du verwelkeſt in einer Wohnung ohne Luft und ohne Licht. Mit einem Wort, ſei nicht ſo lächerlich, zu viel Liebe oder zu viel Uneigennützigkeit zu haben.“ „Aber, mein Herr...“ „Sage dies dem König ſchon dieſen Abend.“ „Wo ſoll ich es denn dem König ſagen?“ „Und füge bei, es ſei nicht einmal ſchicklich für Seine Majeſtät, hierher...“ In dem Augenblick, wo Taverney ohne Zweifel im Begriff war, den Sturm, der ſich dumpf in der Bruſt von Andrée anhäufte, zum Ausbruch zu bringen und die Erklärung hervorzurufen, die das Geheimniß enthüllt hätte, hörte man Tritte auf der Treppe. Der Baron unterbrach ſich ſogleich und lief an's Geländer, um nachzuſchauen, wer zu ſeiner Tochter käme. Andrée ſah zu ihrem Staunen, daß ihr Vater ſich nahe an die Wand zurückzog. Beinahe in demſelben Augenblick trat die Dauphine, gefolgt von einem ſchwarz gekleideten Mann, der ſich auf einen langen Stock ſtützte, in das kleine Gemach. „Eure Hoheit!“ rief Andrée, alle ihre Kräfte zu⸗ ſammenraffend, um der Dauphine entgegen zu gehen. „ Ja, kleine Kranke,“ erwiederte die Prinzeſſin,„ich bringe Ihnen den Troſt und den Arzt. Kommen Sie, Doctor. Ah! Herr von Taverney,“ fuhr die Prinzeſſin fort, als ſie den Baron erkannte,„Ihre Tochter iſt leidend und Sie ſorgen nicht für das Kind.“ „Madame,“ ſtammelte Taverney. „Kommen Sie, Doctor,“ wiederholte die Prinzeſſin mit jener bezaubernden Güte, die nur ihr eigenthümlich war;„kommen Sie, befühlen Sie den Puls, fragen Sie dieſe matten Augen und nennen Sie mir die Krankheit meines Schützlings.“ 6 220 „O Madame, wie viel Güte!“ flüſterte das Mäd⸗ chen.„Wie hätte ich es gewagt, Eure königliche Hoheit zu empfangen...“ „In dieſem elenden Neſt, wollen Sie ſagen, liebes Kind; ſchlimm genug für mich, die ich Sie ſo ſchlecht untergebracht habe, doch ich werde hierauf bedacht ſein. Auf, mein Kind, geben Sie Ihre Hand Herrn Louis, meinem Arzt, und nehmen Sie ſich in Acht: er iſt ein wheſurh, der erräth, während er zugleich als Gelehrter ſieht.“ Lächelnd reichte Andrée ihre Hand dem Doctor. Dieſer, ein noch junger Mann, deſſen verſtändige Phyſiognomie Alles hielt, was die Dauphine von ihm verſprach, hatte ſeit ſeinem Eintritt in das Zimmer ohne Unterlaß zuerſt die Kranke, dann die Oertlichkeit, dann das ſeltſame Vatergeſicht betrachtet, das Verlegenheit, aber keineswegs Unruhe verrieth. Der Gelehrte wollte ſehen, der Philoſoph hatte viel⸗ leicht ſchon errathen. 3 Der Doctor Louis ſtudirte lange den Puls von Andrée und befragte ſie über das, was ſie fühle. „Einen tiefen Ekel vor jeder Speiſe,“ antwortete Andrée,„plöͤtzliche Zuckungen, raſch in den Kopf ſteigende Hitze, Krämpfe, Zittern, Ohnmachten.“ Während Andreée ſo ſprach, wurde der Doctor immer düſterer. Er ließ am Ende die Hand des Mädchens los und wandte die Augen ab. „Nun, Doctor?“ fragte die Prinzeſſin den Arzt, „quid? wie die Conſultanten ſagen. Iſt das Kind krank, und verurtheilen Sie es zum Tod?“ DDer Doctor richtete ſeine Augen wieder auf Andrée und ſchaute ſie noch einmal ſtille prüfend an. „Madame,“ ſagte er,„die Krankheit des Fräuleins iſt eine äußerſt natürliche.“ „Und gefährlich?“ „Gewöͤhnlich nicht,“ antwortete der Doctor lächelnd. fre nie 221 „Ah! ſehr gut,“ ſagte die Prinzeſſin, die nun wieder freier athmete,„quälen Sie die Arme nicht zu ſehr.“ „Oh! ich werde ſie gar nicht quälen, Madame.“ „Wie! Sie verordnen nichts?“ „Es iſt bei der Krankheit des Fräuleins durchaus nichts zu machen.“ „Wahrhaftig?“ „Nein, Madame.“ „Nichts?“ „Nichts.“ Um eine längere Erklärung zu vermeiden, verabſchie⸗ dete ſich der Doctor von der Prinzeſſin unter dem Vor⸗ wand, ſeine Kranken warten auf ihn. „Doctor, Doctor,“ ſprach die Prinzeſſin,„wenn Sie mir das nicht nur, um mich zu beruhigen, ſagen, ſo bin ich mehr krank als Fräulein von Taverney; bringen Sie mir alſo bei Ihrem Beſuch dieſen Abend unfehlbar das Zuckerwerk, das Sie mir verſprochen haben, um mich ſchlafen zu machen.“ „Madame, ich werde es ſelbſt bereiten, ſobald ich nach Hauſe komme.“ Und er ging ab. Die Dauphine blieb bei ihrer Vorleſerin und ſprach mit einem wohlwollenden Lächeln: „Seien Sie unbeſorgt, meine liebe Andrée, Ihre Krankheit bietet nichts Beunruhigendes, da der Doctor Louis geht, ohne Ihnen etwas zu verſchreiben.“ „Deſto beſſer, Madame,“ erwiederte Andrée,„denn nichts wird dann meinen Dienſt bei Eurer königlichen Ho⸗ heit unterbrechen, und dieſe Unterbrechung war es, was ich über Alles befürchtete; möge es indeſſen dem gelehrten Doctor nicht mißfallen, ich leide ſehr, Madame, das ſchwöre ich Ihnen.“ 3 „Ein Uebel, über das der Arzt lacht, kann nicht wohl ein großes Leiden ſein. Schlafen Sie alſo, mein Kind; ich will Ihnen Jemand zu Ihrer Bedienung ſchicken, 222 denn ich ſehe, daß Sie allein ſind. Wollen Sie mich begleiten, Herr von Taverney.“ Und ſie reichte Andrée die Hand und entfernte ſich, nachdem ſie die Kranke ihrem Verſprechen gemäß getröoſtet hatte. CXXXIX. Die Wortſpiele von Herrn von NRichelien. Der Herr Herzog von Richelieu hatte ſich, wie wir geſehen, nach Luciennes mit jener raſchen Entſchloſſenheit und mit jener Sicherheit des Geiſtes begeben, welche den Botſchafter in Wien und den Sieger von Mahon charak⸗ terifirten. Er kam mit freudiger, freier Miene an, ſtieg wie ein junger Menſch die Stufen der Freitreppe hinauf, zerrte Zamore an den Ohren, wie in den ſchönen Tagen ihres guten Einvernehmens, und erzwang gleichſam die Thüre des bekannten Boudoir von blauem Atlaß, wo die arme Lorenza Madame Dubarry hatte Befehle zu ihrer Fahrt nach der Rue Saint⸗Claude geben ſehen. 5 Die Gräfin lag auf ihrem Sopha und ertheilte Herrn von Aiguillon ihre Morgenbefehle. 4 Beide wandten ſich bei dem Geräuſch um und waren nicht wenig erſtaunt, als ſie den Marſchall erblickten, „Ah! Herr Herzog,“ rief die Gräfin. „Ah! mein Oheim,“ ſagte Herr von Aigutllon. „Ja wohl, Madame; ja wohl, mein Neffe.“ „Wie, Sie ſind es?“ P „Ich bin es, ich ſelbſt in Perſon.“ „Beſſer ſpät, als gar nicht,“ ſagte die Gräfin. „Madame,“ ſprach der Marſchall,„wenn man altert, wird man launenhaft.“ 4. 4 223 „Damit wollen Sie ſagen, Sie ſeien wieder für Lu⸗ ciennes eingenommen?“ „Mit einer großen Liebe, die mich nur aus Laune verlaſſen hatte. Es iſt ganz ſo und Sie haben meinen Gedanken vortrefflich vollendet.“ „Somit kommen Sie zurück..“ „Somit komme ich zurück; ſo iſt es,“ ſagte Herr von Richelieu, indem er ſich mit aller Bequemlichkeit in das beſte Fauteuil niederließ, das er mit dem erſten Blick unterſchieden hatte. „Oh! oh!“ rief die Gräfin,„es gibt vielleicht noch etwas Anderes, was Sie nicht ſagen; die Laune iſt nicht für einen Mann wie Sie.“ „Gräfin, Sie haben Unrecht, mich zu ſchmähen, ich bin beſſer als mein Ruf; und wenn ich zurückkehre, ſehen Sie, ſo geſchieht es...“ „Es geſchieht?“ fragte die Gräfin. „Von ganzem Herzen.“ Herr von Aiguillon und die Gräfin brachen in ein Gelächter aus. „Wie glücklich find wir, daß wir ein wenig Geiſt haben, um allen Geiſt zu begreifen, den Sie beſitzen.“ „Wie ſo?“ „Ja, ich ſchwöre Ihnen, daß Schwachkoͤpſe nicht be⸗ greifen, völlig verblüfft bleiben und ganz anderswo die Urſache dieſer Rückkehr ſuchen würden; in der That, ſo wahr ich Dubarry heiße, nur Sie, mein lieber Herzog. verſtehen es, Eintritte und Abgänge zu machen; Mol é, Molé ſelbſt iſt ein hölzerner Schauſpieler in Vergleichung mit Ihnen.“ „Sie glauben alſo nicht, daß mich das Herz zurück⸗ führt,“ rief Richelien.„Gräſin, Gräfin, nehmen Sie ſich in Acht, Sie geben mir eine ſchlimme Meinung von Ihnen; oh! lachen Sie nicht, mein Neffe, oder ich nenne Sie Pierre*) und baue nichts auf Sie.“ ſetb*) Das Wortſpiel Pierre Peter und piorre Stein iſt unüber⸗ ar.* 224 „Nicht einmal ein kleines Miniſterium?“ fragte die Gräfin. Und zum zweiten Mal brach die Gräfin mit einer Treuherzigkeit, die ſie nicht einmal zu verkleiden ſuchte, in ein Gelächter aus. „Gut, ſchlagen Sie, ſchlagen Sie,“ ſprach Richelieu, „ich werde es Ihnen nicht zurückgeben, ich bin leider zu alt und habe keine Wehr mehr; mißhandeln Sie mich, Gräfin, das iſt nun ein gefahrloſes Vergnügen.“ „Nehmen Sie ſich im Gegentheil in Acht, Gräfin,“ ſagte Herr von Aiguillon:„wenn mein Oheim noch ein⸗ mal von ſeiner Schwäche ſpricht, find wir verloren. Nein, Herr Herzog, wir werden uns nicht ſchlagen, denn ſo ſchwach Sie ſind oder zu ſein behaupten, würden Sie die Stöße mit Wucher zurückgeben; nein, hören Sie die volle Wahrheit, man ſieht Sie mit Freude zurückkommen.“ „Ja,“ rief die tolle Gräfin,„und zu Ehren dieſer Rückkehr ſchießt man Böller los, läßt man Raketen ſtei⸗ gen, und Sie wiſſen, Herzog...“ „Ich weiß nichts, Madame,“ erwiederte der Mar⸗ ſchall mit der Naivetät eines Kindes. „Nun wohl! bei den Feuerwerken wird immer eine Perücke durch die Funken verſenkt, werden immer einige Hüte durch die Stäbe durchlöchert.“ Der Herzog fuhr mit der Hand nach ſeiner Perücke und ſchaute ſeinen Hut an. „ So iſt es, ſo iſt es,“ ſagte die Gräfin;„doch Sie ummen zu uns zurück, und Alles ſteht auf's Beſte; ich fur meine Perſon bin, wie Ihnen Herr von Aigulllon ſagte, von einer tollen Heiterkeit; wiſſen Sie warum?“ „Gräſin, Gräfin, Sie werden mir abermals eine Bosheit ſagen?“.. „Ja, doch das wird die letzte ſein.“ „Sprechen Sie.“ „Ich bin heiter, Marſchall, weil Ihre Rückkehr ſchönes Wetter verkündigt.“ Richelieu verbeugte ſich. nes 2. 225 „Ja,“ fuhr die Gräfin fort,„Sie ſind wie die poeti⸗ ſchen Vögel, welche die Ruhe vorherſagen; wie heißt man dieſe Vögel? Sie müſſen es wiſſen, Herr von Aiguillon, Sie, der Sie Verſe machen.“ „Alcyons*), Madame.“ „Ganz richtig! Ah! Marſchall, ich hoffe, Sie werden ſich nicht ärgern, ich vergleiche Sie mit einem Vogel, der einen ſehr hübſchen Namen hat.“ „Ich werde mich um ſo weniger ärgern, Madame,“ erwiederte Richelieu mit ſeiner kleinen Grimaſſe, welche die Zufriedenheit bezeichnete, und die Zufriedenheit von Richelieu weiſſagte immer irgend eine gute Abſcheulichkeit, „ich werde mich um ſo weniger ärgern, als die Verglei⸗ chung genau iſt.“ „Sehen Sie!“ „Ja, ich bringe gute, vortreffliche Nachrichten.“ „Ah!“ machte die Gräfin. „Welche?“ fragte Aiguillon. „Teufel! mein lieber Herzog, Sie ſind ſehr eilig,“ ſagte die Gräfin;„laſſen Sie doch dem Marſchall Zeit, ſie zu machen.“ „Nein, der Teufel ſoll mich holen, ich kann ſie Ihnen ſogleich ſagen; ſie ſind vollig gemacht und ſogar von altem Datum.“. „Marſchall, wenn Sie abgedroſchene Dinge vor⸗ bringen...“ „Ahl man kann das nehmen oder laſſen, Gräfin.“ „Wohll es ſei, nehmen wir.“— „Gräfin, es ſcheint, der König iſt in die Falle ge⸗ gangen.“ 1 „In die Falle? „Ja, vollkommen.“ „In welche Falle?“ *) Eisvögel.— Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 6 226 „In die, welche Sie ihm geſtellt haben.“ „Ich,“ verſetzte die Gräfin,„ich habe dem König eine Falle geſtellt?“ „Bei Gott! Sie wiſſen es wohl.“ „Nein, bei meinem Wort, ich weiß es nicht.“ „Ah! Gräfin, es iſt nicht liebenswürdig von Ihnen, mich ſo zu myſtificiren.“ „Wahrhaftig, Marſchall, ich verſtehe Sie nicht; ich bitte, erklären Sie ſich.“ „Ja, mein Oheim, erklären Sie ſich,“ ſprach Herr von Aiguillon, der irgend eine boshafte Abſicht unter dem zweideutigen Lächeln des Marſchalls errieth;„die Frau Gräfin wartet und iſt ganz unruhig.“ Der alte Herzog wandte ſich gegen ſeinen Neffen um. „Bei Gott!“ ſagte er,„es wäre drollig, wenn Sie die Frau Gräfin nicht in's Vertrauen gezogen hätten, mein lieber Aiguillon; ah! in dieſem Fall wäre es noch viel tiefer, als ich glaubte.“ „Mich, mein Oheim?“ „Ihn?“ „Allerdings Dich; allerdings ihn! Laſſen Sie uns offenherzig ſein, Gräfin: iſt er von Ihnen bei Ihren klei⸗ nen Verſchwoͤrungen gegen Seine Majeſtät beigezogen worden.. dieſer arme Herzog, der eine ſo große Rolle dabei geſpielt hat?“ Madame Dubarry erroͤthete: es war ſo frühe, daß ſie weder Schminke, noch Schoͤnpfläſterchen aufgelegt hatte; erröthen war alſo moͤglich. Doch erröthen war ſehr gefährlich.. „Sie ſchauen mich Beide mit Ihren ſchönen, großen, erſtaunten Augen an,“ ſagte Richelieu;„ich muß Sie alſo über Ihre eigenen Angelegenheiten unterrichten.“ „Unterrichten Sie immerhin,“ riefen gleichzeitig der Herzog und die Gräfin. „Wohl, der König wird mit ſeinem wunderbaren Scharffinn Alles ergründet und Angſt bekommen haben.“ ne ie lle 227 „Was wird er ergründet haben?“ fragte die Gräfin; Aazehaſg, Marſchall, Sie machen mich vor Ungeduld erben.“ „Ihr ſcheinbar gutes Einvernehmen mit meinem ſchö⸗ nen Neffen hier.“ Herr von Aiguillon erbleichte und ſchien mit ſeinem Blick zur Gräfin zu ſagen: „Sehen Sie, ich war ſicher, es würde eine Bosheit zu Tage kommen.“ Die Frauen ſind muthiger in ſolchen Fällen, viel muthiger als die Männer. Die Grafin ging ſogleich in den Kampf ein. 1 „Herzog,“ ſprach ſie,„ich fürchte die Räthſel, wenn Sie die Rolle des Sphinr ſpielen; denn mir ſcheint, ich werde dann, etwas früher, etwas ſpäter, unfehlbar ver⸗ ſchlungen werden; benehmen Sie mir die Unruhe, und wenn es ein Scherz iſt, erlauben Sie mir, ihn ſchlecht zu finden.“ „Schlecht, Gräfin? Er iſt im Gegentheil vortreff⸗ lich,“ rief Richelien;„wohl verſtanden, nicht der meinige, ſondern der Ihrige.“ „Ich verſtehe durchaus nicht, Marſchall,“ ſagte Ma⸗ dame Dubarry, indem ſie ſich die Lippen mit einer Unge⸗ duld knipp, die ihr muthwilliger kleiner Fuß noch viel ſichtbarer offenbarte. „Ohl keine Eitelkeit, Gräfin,“ fuhr Richelieu fort. „Gut, gut, Sie befürchteten, der König könnte ſeine Nei⸗ gung Fräulein von Taverney zuwenden. Ah! beſtreiten Sie das nicht, das iſt für mich bis zur Unleugbarkeit nachgewieſen.“ „Oh! es iſt wahr, ich verſtelle mich nicht.“ „Nun, da Sie das befürchteten, ſo wollten Sie ſo viel als möglich Selne Majeſtät ſtacheln.“ „Ich will es nicht in Abrede ziehen. Hernach?“ „Wir kommen zur Sache, Graͤfin, wir kommen zur Sache; doch um Seine Majeſtät, deren Haut etwas zähe 228 iſt, zu reizen, bedurfte es eines ſehr feinen Stachels...*) Ah! ah! da iſt mir meiner Treue ein boshaftes Wortſpiel entſchlüpft. Verſtehen Sie?“ Und der Marſchall ſchlug ein Gelächter auf, oder ſtellte ſich, als lachte er, um während dieſer krampfhaften Helterkeit die ängſtliche Phyſiognomie ſeiner zwei Opfer beſſer zu beobachten. „Welches Wortſpiel finden Sie hierin, mein Oheim?“ fragte Aiguillon, der ſich zuerſt wieder faßte und eine ge⸗ wiſſe Naivetät heuchelte. „Du haſt es nicht verſtanden?“ ſagte der Marſchall; „ah! deſto beſſer, es war abſcheulich. Nun wohl! die Frau Gräſin beabſichtigte alſo, den König eiferſüchtig zu machen, und hatte hiezu einen vornehmen Herrn von gutem Ausſehen, von Geiſt, kurz ein Wunder der Natur gewählt.“ „Wer ſagt das?“ rief die Gräfin wüthend, wie alle diejenigen, welche mächtig ſind und Unrecht haben. „Wer das ſagt? Alle Welt, Madame.“ „Alle Welt iſt Niemand, Sie wiſſen das wohl, Herzog.“ „Im Gegentheil, Madame; alle Welt ſind hundert⸗ tauſend Seelen für Verſailles allein; es ſind ſechsmal hun⸗ nert tauſend für Paris; es find fünf und zwanzig Millio⸗ nen für Frankreich; und bemerken Sie wohl, ich rechne das Haag, Hamburg, Rotterdam, London, Berlin nicht, wo ſo viele Zeitungen geſchrieben, als in Paris Witze ge⸗ macht werden.“ „Und man ſagt in Verſailles, in Paris, in Frankreich, in Rotterdam, im Haag, in Hamburg, in London und in Berlin?...“ „Man ſagt, Sie ſeien die geiſtreichſte, die reizendſte Frau Europas; man ſagt, in Folge der vortrefflich aus⸗ gedachten Kriegsliſt, mit der Sie dem Anſcheine nach einen Liebhaber angenommen...“ *) Abermals ein unüberſetzbares Wortſpiel: Aiguillon be⸗ deutet der Stachel. 8 — 229 „Einen Liebhaber!* bitte, worauf gründet man dieſe alberne Anſchuldigung?“ „Anſchuldigung! was ſagen Sie, Gräfin, Bewunde⸗ rung. Man weiß, daß im Grunde nichts daran iſt, aber man, bewundert die Kriegsliſt. Worauf man dieſe Be⸗ wunderung, dieſe Begeiſterung gründe? Man gründet ſie auf Ihr von Geiſt funkelndes Benehmen, auf Ihre geſcheite Taktik; man gründet ſie darauf, daß Sie ſich mit einer wunderbaren Kunſt ſtellten, als blieben Sie die Nacht allein, Sie wiſſen, die Nacht, wo ich bei Ihnen war, wo der Köͤnig bei Ihnen war und wo Herr von Aiguillon bei Ihnen war, die Nacht, wo ich mich als der erſte entfernte, wo der König als der zweite und Herr von Aiguillon als der dritte wegging...“ „Vollenden Sie.“ „Darauf, daß Sie ſich ſtellten, als blieben Sie allein mit Aiguillon, wie wenn er Ihr Liebhaber wäre, als ob Sie ihn am Morgen geräuſchlos weggehen ließen, immer wie wenn er Ihr Liebhaber wäre; und dies auf eine Art, daß ein paar Dummköpfe, ein paar Fliegenſchnapper, wie ich zum Beiſpiel, es ſehen ſollten, um es von den Dächern herabzuſchreien: ſo daß es der König erfahren, Angſt be⸗ kommen und ſchnell, ſchnell, um Sie nicht zu verlieren, die kleine Taverney verlaſſen haben wird.“ Madame Dubarry und Herr von Aiguillon wußten nicht mehr, welche Haltung ſie annehmen ſollten. Richelieu beengte ſie indeſſen weder durch ſeine Blicke, noch durch ſeine Geberden; ſeine Tabaksdoſe und ſein Jabot ſchienen im Gegentheil ſeine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch zu nehmen. „Denn,“ fuhr der Marſchall fort, während er zugleich ſeinem Jabot Schneller gab,„es ſcheint gewiß, daß der König die Kleine verlaſſen hat.“ „Herzog,“ ſprach Madame Dubarry, nich erkläre Ihnen, daß ich nicht ein Wort von allen Ihren Phanta⸗ ſien verſtehe, und ich bin von Einem feſt überzeugt, davon, 230 daß der König, wenn man hievon mit ihm ſpräche, eben ſo wenig davon verſtehen würde.“ „Wahrhaftig!“ rief der Herzog. „Ja, wahrhaftig; und Sie ſchreiben mir und die Welt ſchreibt mir viel mehr Einbildungskraft zu, als ich habe; nie wollte ich die Eiferſucht Seiner Majeſtät durch die von Ihnen genannten Mittel reizen.“ „Gräfin!“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Gräfin, die vollkommene Diplomatie, und es gibt keine beſſeren Diplomaten als die Frauen, die vollkommene Diplo⸗ matie geſteht nie, welche Liſt ſie gebraucht hat; denn es findet ſich ein Ariom in der Politik, ich kenne es, ich, der ich Bot⸗ ſchafter war, ein Ariom, welches ſagt: Nenne Niemand das Mittel, mit dem es dir einmal gelungen iſt, denn es kann dir zweimal mit demſelben gelingen.“ „Aber Herzog...“ „Es iſt mit dem Mittel gelungen und der König ſteht ganz ſchlecht mit allen Taverney.“ „In der That, Herzog,“ rief Madame Dubarry, „Sie haben ein Art und Weiſe, die Dinge vorauszuſetzen, die nur Ihnen eigenthümlich iſt.“ „Ah! Sie glauben nicht, der König ſei mit den Ta⸗ verney entzweit?“ verſetzte Richelien, den Streit umgehend. „Das iſt es nicht, was ich ſagen will.“ Richelieu ſuchte die Hand der Gräfin zu nehmen. „Sie find ein Vogel,“ rief er. „Und Sie eine Schlange.“ „Ahl es iſt gut, ein andermal wird man ſich beeilen, Ihnen angenehme Nachrichten zu bringen, um ſo belohnt zu werden.“ „Mein Oheim, täuſchen Sie ſich nicht,“ erwiederte raſch Herr von Aiguillon, der das ganze Gewicht des Manoeuvre von Richelieu gefühlt hatte,„Niemand ſchätzt Sie ſo ſehr, als die Frau Gräfin, und ſie ſagte mir das noch in dem Augenblick, wo man Sie meldete.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der Marſchall,„ich liebe meine 231 Freunde ungemein; ich wollte Ihnen auch zuerſt die Ver⸗ ſicherung Ihres Sieges bringen, Gräfin. Wiſſen Sie, daß Vater Taverney ſeine Tochter an den König zu verkaufen beabſichtigte?“ „Ich denke, das iſt geſchehen,“ entgegnete Madame Dubarry. „Oh! Gräfin, wie gewandt iſt dieſer Menſch! Er iſt eine Schlange; ſtellen Sie ſich vor, daß ich mich durch ſeine Mährchen von Freundſchaft, von alter Waffenbrüder⸗ ſchaft hatte einſchläfern laſſen. Man faßt mich immer beim Herzen, und dann, wie ſollte man in der That glau⸗ ben, dleſer Provinz⸗Ariſtides werde abſichtlich nach Paris kommen, um Jean Dubarry, das heißt, dem geiſtreichſten der Männer das Gras unter dem Fuß abzuſchneiden? In der That, nur meine Ergebenheit für Ihre Intereſſen, Gräfin, konnte mir ein wenig geſunden Verſtand und Hell⸗ ſichtigkeit geben: auf Ehre, ich war blind...“ „Und das iſt vorüber, wenigſtens wie Sie ſagen?“ fragte Madame Dubarry. „Oh! ganz und gar vorüber, dafür ſtehe ich Ihnen. Ich habe dieſen würdigen Lieferanten ſo ablaufen laſſen, daß er nun ſeinen Entſchluß gefaßt haben muß, und daß wir Herren des Gebietes ſind.“ „Aber der König?“ „Der⸗ König?“ 4 „Ja. „Ueber drei Punkte habe ich Seine Majeſtät Beichte gehört.“ „Der erſte Punkt iſt?“ „Der Vater.“ „Der zweite?“ „Die Tochter.“ „Und der dritte?“ „Der Sohn. Seine Majeſtät geruhte den Vater einen Wohldiener, ſeine Tochter einen Zieraffen zu nennen; den Sohn aber hat Seine Majeſtät gar nicht ge⸗ nannt, denn ſie erinnerte ſich ſeiner durchaus nicht mehr.“ 23² „Sehr gut, wir ſind alſo von dieſer ganzen Race befreit?“ „Ich glaube wohl.“ „Iſt es der Mühe werth, das in ſein Loch zurückzu⸗ ſchicken?“ „Ich denke nicht: denn damit iſt es vorbei.“ „Und Sie ſagen, dieſer Sohn, dem der Köͤnig ein Regiment verſprochen...“ „Ah! Sie haben ein beſſeres Gedächtniß als der König, Gräfin. Es iſt wahr, Herr Philipp iſt ein ſehr hübſcher Junge, der Ihnen viele und zwar ſehr mörderiſche Liebesblicke zuſandte. Er iſt nun zwar weder mehr Oberſter, noch Kapitän, noch Bruder der Favoritin; aber es bleibt ihm nch übrig, daß er von Ihnen ausgezeichnet wor⸗ den iſt.“ Indem der alte Herzog dies ſagte, wollte er ſeinen Roſſen mit den Nägeln der Eiferſucht am Herzen wund ratzen. Doch Herr von Aiguillon dachte in dieſem Augen⸗ blick nicht an Giferſucht. Er ſuchte ſich von dem Schritt des alten Herzogs Rechenſchaft zu geben und die wahre Urſache ſeiner Rück⸗ kehr zu ergründen. Nach einigem Ueberlegen hoffte er, der Wind der Gunſt habe Richelieu allein nach Luciennes getrieben. Er machte Madame Dubarry ein Zeichen, das der alte Herzog in einem Spiegel bemerkte, während er ſeine Perücke zurecht richtete, und ſogleich lud die Gräfin Riche⸗ lien ein, die Chocolade mit ihr zu nehmen. Herr von Aiguillon verabſchiedete ſich unter tauſend an ſeinen Oheim gerichteten und von dieſem erwiederten Artigkeiten. Der Marſchall blieb allein mit der Gräfin an dem Gusridon, das Zamore beladen hatte. Der alte Herzog ſchaute dieſem ganzen Treiben der Favoritin zu und murmelte dabei ganz leiſe: „Vor zwanzig Jahren hätte ich nach der Uhr geſehen 8„— A — ace 3 gegnet und war nahe genug an ihm vorübergekommen, 233 und geſagt: in einer Stunde muß ich Miniſter ſein, und ich wäre es geweſen. „Welch ein albernes Ding iſt es doch um das Leben,“ fuhr er immer mit ſich ſelbſt ſprechend fort:„während des erſten Theils ſtellt man den Körper in den Dienſt des Geiſtes; während des zweiten wird der Geiſt, der allein überlebt hat, der Knecht des Körpers: das iſt einfältig.“ „Lieber Marſchall,“ unterbrach die Gräfin den inneren Monolog ihres Gaſtes,„nun, da wir wohl Freunde, da wir beſonders unter vier Augen ſind, ſagen Sie mir, wa⸗ rum Sie ſich ſo viel Mühe gegeben haben, um dieſen klei⸗ nen Zieraffen in das Bett des Königs zu bringen?“ „Meiner Treue, Gräfin,“ antwortete Richelieu, wäh⸗ rend er mit dem Ende ſeiner Lippen an ſeiner Taſſe Choco⸗ 8 nippte,„das habe ich mich ſelbſt gefragt: ich weiß es nicht.“ CXL. Rückkehr. Herr von Richelieu wußte, wie es mit Philipp ſtand, und er hatte mit gutem Gewiſſen ſeine Rückkehr verkündi⸗ gen konnen, denn er hatte ihn am Morgen, als er von Verſailles wegfuhr, um ſich nach Luciennes zu begeben, auf der Landſtraße in der Richtung gegen Trianon be⸗ um auf ſeinem Geſichte alle Symptome der Traurigkeit und Unruhe wahrzunehmen. Nachdem Philipp jeden Grad der Gunſt, ſodann der Gleichgültigkeit und Vergeſſenheit durchgemacht, nachdem er Anfangs bis zum Ueberdruß die Zeichen der Freundſchaft von allen auf ſein Avancement eiferſüchtigen Officieren 234 ſowohl, als auch die Aufmerkſamkeiten ſeiner Oberen er⸗ halten hatte, nachdem er in demſelben Maß, in welchem die Ungnade mit ihrem Hauche dieſes glänzende Glück ge⸗ trübt, die Freundſchaften ſich in Kälte, die Aufmerk⸗ ſamkeiten in eine zurückſtoßende Behandlung hatte ver⸗ wandeln ſehen, nahm der Schmerz in ſeinem ſo zarten Gemüth alle Charaktere tiefen Kummers an. Philipp ſehnte ſich nach ſeiner Lieutenantsſtelle in Straßburg in jener Zeit zurück, wo die Dauphine in Frankreich eingezogen war; er ſehnte ſich nach ſeinen Freunden, nach ſeines Gleichen, nach ſeinen Kameraden zurück. Er ſehnte ſich beſonders nach dem ruhigen, reinen Innern des väterlichen Hauſes, nach dem Herde zurück, deſſen Oberprieſter la Brie war. Jedes peinliche Gefühl fand ſeinen Troſt in der Stille und im Vergeſſen, dieſem Schlafe thätiger Geiſter; dann hatte die Einſamkeit von Taverney, welche von dem Verfall der Dinge, wie vom Ruin der einzelnen Menſchen zeugte, etwas Philoſophiſches, was mit mächtiger Stimme zu dem Herzen des jungen Mannes ſprach. Aber was Philipp hauptſächlich beklagte, war, daß er nicht mehr den Arm ſeiner Schweſter und ihren bei⸗ nahe immer ſo richtigen Rath hatte, einen Rath, der mehr aus dem Stolz, als aus der Erfahrung hervorging. Denn edle Seelen haben das Merkwürdige und Ausge⸗ zeichnete, daß ſie unwillkührlich und gerade durch ihre Natur über dem Gemeinen, dem Gewöhnlichen ſchweben, und häufig eben durch ihre Erhabenheit der unſanften Berührung, der Verletzung, den Fallen entgehen, was den Inſekten von geringerer Klaſſe, ſo geſchickt ſie auch im Koth zu laviren und mit Liſt zu Werke zu gehen wiſſen mögen, nicht immer gelingt. Sobald ſich Philipp ſeiner Lage überdrüſſig fühlte, faßte ihn die Entmuthigung, und der junge Mann fand ſich ſo unglücklich in ſeiner Vereinzelung, daß er nicht glauben wollte, Andrée, dieſe Hälfte von ihm, konnte in 235 Verſailles glücklich ſein, waͤhrend er, die Hälfte von Andrée, ſo grauſam in Rheims litt. Er ſchrieb alſo dem Baron den uns bekannten Brief, in welchem er ihm ſeine nahe bevorſtehende Ankunft mit⸗ theilte. Dieſer Brief ſetzte Niemand in Erſtaunen, und beſonders nicht den Baron; worüber dieſer ſich wunderte, war im Gegentheil, daß Philipp die Geduld gehabt hatte, ſo lange zu warten, während er auf glühenden Kohlen ſtand und ſeit vierzehn Tagen Richelieu, ſo oft er ihn ſah, bat, auf's Gerathewohl eine Entſcheidung der Sache herbeizuführen. Als Philipp das Patent in der Friſt, die er ſelbſt feſtgeſtellt, nicht erhielt, nahm er von ſeinen Officieren Abſchied, kohne daß er ihre Verachtung und ihren Hohn zu bemerken ſchien, was indeſſen Beides durch die Höflich⸗ keit, damals noch eine franzöſiſche Tugend, und durch die natürliche Achtung, welche ein Mann von Herz ſtets ein⸗ flößt, verſchleiert war. Zur Stunde, wo er abzureiſen mit ſich ſelbſt über⸗ eingekommen war, bis zu welcher Stunde er auch mit mehr Furcht, als Verlangen die Ankunft ſeines Patents erwartet hatte, ſtieg Philipp dem zu Folge zu Pferde und ſchlug den Weg nach Paris ein. Die drei Tagemärſche, die er zu machen hatte, kamen ihm von einer tödtlichen Länge vor, und je mehr er ſich näherte, deſtv erſchreckendere Verhältniſſe nahmen das Still⸗ ſchweigen ſeines Vaters und beſonders das ſeiner Schwe⸗ ſter an, die ihm wenigſtens zweimal in der Woche zu ſchreiben verſprochen hatte. Philipp kam, wie geſagt, gegen zwei Uhr in Verſail⸗ les an, als Herr von Richelieu eben von dort wegfuhr. Err hatte ſeinen Marſch einen Theil der Nacht fortgeſetzt und nur ein paar Stunden in Melun geſchlafen; er war ſo beklommen, daß er Herrn von Richelieu in ſeinem Wagen nicht ſah und nicht einmal die Liorée erkannte. Er wandte ſich gerade nach dem Gitter des Parks, wo er am Tage ſeiner Abreiſe von Andrée Abſchied ge⸗ 236 nommen hatte, wo damals das Mädchen, ohne einen Grund der Betrübniß, denn die Wohlfahrt der Familie ſtand auf einer erfreulichen Hoͤhe, die prophetiſchen Dünſte einer unbegreiflichen Traurigkeit in ſein Gehirn ſteigen ühlte. Auch Philipp war an jenem Tage auf eine aber⸗ gläubige Weiſe von den Schmerzen von Andrée berührt worden; doch allmälig, da der Geiſt wieder ſeine Selbſt⸗ beherrſchung gewonnen, hatte er das Joch abgeſchüttelt, und durch einen ſeltſamen Zufall war es Philipp, der, im Ganzen ohne Grund, zu derſelben Stelle derſelben Bangigkeit preisgegeben zurückkehrte, und zwar leider, ohne daß er in ſeinem Innern einen wahrſcheinlichen Troſt für dieſe unüberwindliche Traurigkeit fand, welche eine Ahnung zu ſein ſchien, da ſie keine Urſache hatte. In dem Augenblick, wo ſein Pferd das Geräuſch mit den Funken aus den Kieſelſteinen der Allee hervorſpringen machte, kam Jemand, ohne Zweifel durch dieſes Geräuſch angelockt, aus den geſchnittenen Buchenwänden hervor. Es war Gilbert, der ein Gartenmeſſer in der Hand hielt. Der Gärtner erkannte ſeinen ehemaligen Herrn. Philipp erkannte ſeinerſeits Gilbert. Gilbert irrte ſo ſeit einem Monat umher; ſeit einem Monat wußte er wie eine Seele im Fegefeuer nicht, wo er Halt machen ſollte. Gewandt, wie er in Ausführung ſeiner Gedanken war, ſuchte er an dieſem Tag emſig Standpunkte in den Alleen, um den Pavillon oder das Fenſter von Andrée zu erſchauen, und um beſtändig einen Blick auf dieſes Haus zu haben, ohne daß ein anderer Blick ſeine Bangig⸗ keiten, ſeinen Schauer und ſeine Seufzer wahrnahm. Das Gartenmeſſer in der Hand, um ſich eine gewiſſe Haltung zu geben, lief er zwiſchen Buſchwerk und Rabat⸗ ten umher, ſchnitt bald mit Blüthen beladene Zweige ab, unter dem Vorwand, ſie vom Ungeziefer zu reinigen, riß bald die ganz geſunde Rinde von jungen Linden, unter 237 dem Vorwand, das Harz und den Gummi wegzunehmen, wobei er ſtets horchte, ſtets ſchaute, wünſchte und ſich ſehnte. Der junge Mann war ſeit dem abgelaufenen Monat ſehr bleich geworden; die Jugend ließ ſich in ſeinem Ge⸗ ſicht nur noch an dem ſeltſamen Feuer ſeiner Augen und an der matten und unnunterbrochenen Weiße ſeiner Haut erkennen; doch ſein durch die Verſtellung zuſammengezoge⸗ ner Mund, ſein ſchiefer Blick, die bebende Beweglichkeit ſeiner Geſichtsmuskeln gehörten ſchon den düſteren Jahren des reifen Alters an. 3 Gilbert erkannte, wie geſagt, Philipp und machte, indem er ihn erkannte, eine Bewegung, um in's Gebüſch zurückzukehren. Doch Philipp ritt auf ihn zu und rief: „Gilbert! he! Gilbert!“ Die erſte Bewegung von Gilbert war es geweſen, zu entſtiehen; noch eine Secunde, und der Schwindel des Schreckens und jenes Delirium ohne eine mögliche Erklä⸗ rung, das die Alten, die für Alles eine Urſache ſuchten, dem Gott Pan zuſchrieben, bemächtigten ſich ſeiner und rißen ihn wie einen Narren durch die Alleen, durch die Gebüſche, durch die Buchenhecken und ſogar in die Baſ⸗ ſins fort. Ein Wort voll Sanftmuth, das Philipp ſprach, wurde zum Glück von dem ſcheuen Kinde gehört und begriffen. „Du kennſt mich alſo nicht, Gilbert?“ rief ihm Philipp zu. Gilbert begriff ſeine Thorheit und blieb ſtehen. Dann kehrte er um, aber langſam und mißtrauiſch. „Nein, Herr Chevalier,“ ſagte der junge Mann ganz zitternd,„nein, ich erkannte Sie nicht; ich hielt Sie für einen von den Aufſehern, und da ich nicht bei meiner Ar⸗ beit bin, ſo befürchtete ich, wahrgenommen und zur Be⸗ ſtrafung aufgezeichnet zu werden.“ Philipp begnügte ſich mit dieſer Erklärung, ſtieg ab, ſchlang den Zügel ſeines Pferdes um ſeinen Arm, legte 238 die andere Hand auf die Schulter von Gilbert, der ſicht⸗ bar zitterte, und fragte: „Was haſt Du denn, Gilbert?“ „Nichts, gnädiger Herr,“ antwortete dieſer. Philipp lächelte traurig und ſprach: „Du liebſt uns nicht, Gilbert.“ Der junge Mann bebte zum zweiten Mal. „Ja, ich begreife,“ fuhr Philipp fort,„mein Vater hat Dich hart und ungerecht behandelt; doch ich, Gilbert?“ „Oh! Sie,“ murmelte der junge Mann. „Ich habe Dich ſtets geliebt, unterſtützt.“ „Das iſt wahr.“ „Vergiß alſo das Böſe um des Guten willen; meine Schweſter iſt auch ſtets gut gegen Dich geweſen.“ „Oh! was das betrifft, nein,“ erwiederte raſch der junge Mann mit einem Ausdruck, den Niemand hätte be⸗ greifen koͤnnen; denn er enthielt eine Anklage gegen Andrée, eine Entſchuldigung für ihn ſelbſt, denn er brach wie der Sunn hervor, während er zugleich wie ein Gewiſſensbiß eufzte. „Ja, ja,“ ſagte Philipp,„ja, ich verſtehe, meine Sihvee iſt ein wenig hoffärtig, doch im Grunde iſt e gut.“ Dann nach einer Pauſe, denn dieſes ganze Geſpraͤch fand nur ſtatt, um ein Wiederſehen zu verzoͤgern, das ihn eine Ahnung fürchten machte, fragte Philipp: „Weißt Du, wo ſie in dieſem Augenblick iſt, meine gute Andrée?“ Dieſer Name berührte auf's Schmerzlichſte das Innere von Gilbert; er antwortete mit erſtickter Stimme: „Zu Hauſe, gnädiger Herr, wie ich glaube. Doch wie ſoll ich es wiſſen...“ „Allein wie immer, und ſich langweilend; arme Schweſter!“ unterbrach ihn Philipp. ⸗ „Allein in dieſer Welt, ja, gnädiger Herr, aller Wahrſcheinlichkeit nach, denn ſeit der Flucht von Nicole...“ „Wie, Nicole iſt entflohen?“ —— 239 „Ja, mit ihrem Liebhaber.“ „Mit ihrem Liebhaber?“ „Wenigſtens ſo viel ich vermuthe,“ ſagte Gilbert, der einſah, daß er zu weit gegangen war.„Man ſprach ſo in den Communs.“ „Wahrhaftig, Gilbert, das iſt mir ganz unbegreif⸗ lich,“ verſetzte Philipp immer unruhiger.„Man muß Dir die Worte entreißen. Sei doch ein wenig liebenswürdiger. Du haſt Geiſt, es fehlt Dir nicht an natürlichem Anſtand, veerdirb dieſe guten Eigenſchaften nicht durch ein geheuchel⸗ tes zurückſtoßendes Weſen, durch eine Ungeſchlachtheit, die ſich für Deinen Stand nicht geziemt, die ſich für keinen geziemen würde.“ „Aber, gnädiger Herr, ich weiß dies Alles, was Sie mich fragen, nicht, und wenn Sie nachdenken wollen, ſo werden Sie einſehen, daß ich es nicht wiſſen kann. Ich arbeite den ganzen Tag in den Gärten, und was man im Schloß thut, iſt mir fremd.“ „Gilbert, Gilbert, ich glaubte, Du hätteſt Augen.“ „Ja, und Du nähmeſt Antheil an denjenigen, welche meinen Namen führen: denn wie ſchlecht am Ende auch die Gaſtfreundſchaft in Taverney geweſen iſt, ſo haſt Du ſie doch genoſſen.“ „Ich intereſſire mich auch ungemein für Sie, Herr Philipp,“ ſagte Gilbert mit weicherem Stimmtone, denn die Milde von Philipp und ein anderes Gefühl, das dieſer nicht begreifen konnte, hatten dieſes ſcheue Herz beſänftigt; „ja, ich liebe Sie, und deshalb ſage ich Ihnen, daß Fraͤu⸗ lein Andrée ſehr krank iſt.“ „Sehr krank! meine Schweſter ſehr krank!“ rief Philipp voll Heftigkeit;„meine Schweſter ſehr krank, und Du haſt mir das nicht ſogleich geſagt!“ Und während er ſeinen abgemeſſenen Gang in einen raſchen Lauf verwandelte, fragte er: „Mein Gott, was ſehlt ihr denn?“ „Oh! man weiß es nicht.“ 1. „Aber wie kam es?... „Ich weiß nur, daß ſie heute dreimal mitten unter den Blumenbeeten ohnmächtig geworden iſt, und zu dieſer Stunde hat ſie der Arzt der Frau Dauphine ſchon be⸗ ſucht und der Herr Baron ebenfalls.“ Philipp hörte nicht mehr; ſeine Ahnungen hatten ſich verwirklicht, und der wahren Gefahr gegenüber fand er wieder ſeinen Muth. Er ließ ſein Pferd in den Händen von Gilbert und lief in der größten Eile nach dem Gebäude der Com⸗ uns. Als Gilbert allein war, führte er raſch das Pferd in den Stall und entfloh wie jene ſcheuen oder ſchädlichen Müet. welche nie im Bereiche des Menſchen bleiben wollen. CIXL. Der Bruder und die Schweſter. Philipp fand ſeine Schweſter auf dem kleinen Sopha liegend, von dem wir ſchon zu ſprechen Gelegenheit ge⸗ habt haben. Als der junge Mann in das Vorzimmer kam, bemerkte er, daß Andrée alle Blumen ſorgfältig entfernt hatte, ſie, die dieſelben ſo ſehr liebte; denn ſeit ihrem Unwohlſein verurſachten ihr die Blumen unerträgliche Schmerzen und ſie ſchrieb dieſer Reizung der Gehirn⸗ fibern alle die Unpäßlichkeiten zu, die bei ihr ſeit vier⸗ zehn Tagen auf elnander gefolgt waren. In dem Augenblick, wo Philipp eintrat, träumte Andrée; ihre mit einer Wolke beladene Stirne war ſchwerfällig geſenkt und ihre Augen irrten in ihrer ſchmerz⸗ haften Hoͤhle. Ihre Hände hingen zu Boden, und ob⸗ gleich in dieſer Lage das Blut hätte hinabfallen müßen, imte war terz⸗ ob⸗ ßen, 241 Paten doch ihre Hände ſo weiß, wie die eines Wachs⸗ ildes. Ihre Unbeweglichkeit war ſo groß, daß ſie ſcheinbar nicht mehr lebte, und daß man, um ſich zu überzeugen, ſie ſei nicht todt, ihren Athem hoͤren mußte. Philipp war immer raſcher gegangen ſeit dem Au⸗ genblick, wo ihm Gilbert geſagt hatte, ſeine Schweſter ſei krank, ſo daß er ganz keuchend unten an die Treppe kam; doch hier hatte er einen Halt gemacht, die Ver⸗ nunft war wieder zu ihm zurückgekehrt, und er war die Stufen mit ruhigerem Schritte hinaufgeſtiegen, ſo daß er an der Schwelle des Zimmers nur noch den Fuß ge⸗ räuſchlos und beinahe ohne Bewegung auſſetzte, als wäre er ein Sylphe geweſen. Er wollte ſich durch ſich ſelbſt mit jener den Leuten, welche lieben, eigenthümlichen Beſorgniß von der Krank⸗ heit durch vie Symptome Rechenſchaft geben. Er kannte Andrée als ſo zart und ſo gut, daß er wußte, ſie würde ſogleich, nachdem ſie ihn geſehen und gehört, ihrer Ge⸗ berde und ihrer Haltung Zwang anthun, um ihn nicht zu beunruhigen. Philipp oͤffnete daher bei ſeinem Eintritt die Glas⸗ thüre ſo ſachte, daß es Andrée nicht hörte, und er befand ſich mitten im Zimmer, ehe ſie etwas vermuthete. Philipp hatte alſo Zeit, ſie anzuſchauen, ihre Bläße, dieſe Unbeweglichkeit, dieſe Lebloſigkeit wahrzunehmen; er ſah den ſeltſamen Ausdruck dieſer Augen, die ſich in den leeren Raum verſenkten, und beängſtigter, als er es ſein zu koͤnnen glaubte, faßte er ſogleich den Gedanken, das Geiſtige habe einen bedeutenden Antheil an den Leiden ſeiner Schweſter. Bei dieſem Anblick, der einen Schauer in ſeinem Herzen erregte, konnte Philipp eine Bewegung des Schreckens nicht bewältigen. Andrée ſchlug die Augen auf und erhob ſich, einen gewaltigen Schrei ausſtoßend, wie eine Todte, welche wieder Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 16 242 erwacht; und ebenfalls ganz keuchend, hing ſie ſich ihrem Bruder an den Hals. „Du, Philipp, Du,“ ſagte ſie; und die Kraft ver⸗ ließ ſie, ehe ſie mehr zu ſagen vermochte. Was hätte ſie auch Anderes ſagen ſollen, da ſie nur dieſes dachte? „Ja, ja, ich,“ antwortete Philipp, indem er ſie um⸗ armte und unterſtützte, denn er fühlte, wie ſie in ſeinen Armen zuſammenſank;„ich komme zurück und ſinde Dich krank. Ah! theure Schweſter, was haſt Du denn?“ Andrée lachte auf eine nervige Weiſe, welche Phi⸗ lipe. mehr wehe that, als beruhigte, wie dies die Kranke wollte. „Was ich habe, fragſt Du mich? ſehe ich denn krank aus, Philipp?“ „Oh! ja, Andrée, Du biſt ganz bleich und zitternd.“ „Woran haſt Du denn das geſehen? Ich bin nicht einmal unpäßlich; mein Gott! wer hat Dich denn ſo ſchlecht unterrichtet? wer hat die Albernheit begangen, Dich zu ängſtigen? Wahrhaftig, ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt, ich befinde mich ganz vortrefflich, ab⸗ geſehen von einigen leichten Schwindeln, welche vorüber⸗ gehen werden, wie ſie gekommen ſind.“ „Aber Du biſt ſo bleich, Andrée...“ „Habe ich denn gewöhnlich viel Farbe?“ „Nein, Du lebſt wenigſtens, während Du heute⸗..“ „Es iſt nichts.“ „Siehe Deine Hände, ſo eben glühten ſie noch, und nun ſind ſie kalt wie das Eis.“ „Das iſt ganz einfach, Philipp, als ich Dich ein⸗ treten ſah...“ „Nun!... „Fühlte ich mich von einer ſo lebhaften Freude er⸗ griffen, daß ſich das Blut nach dem Herzen zurück⸗ zog... nichts Anderes.“ „Aber Du wankſt, Andrée, Du hälſt Dich an mir.“ 11 243 „Nein, ich umarme Dich nur; willſt Du nicht, daß ich Dich umarme, Philipp?“ „Oh! theure Andrée!“ Und er preßte das Mädchen an ſein Herz. In demſelben Augenblick fühlte Andrée, daß ſie ihre Kräfte abermals verließen; vergebens ſuchte ſie ſich an dem Halſe ihres Bruders zu halten, ihre Hand ſank ſtarr und beinahe todt herab, und ſie ſiel wieder auf den Sopha, weißer als die Mouſſelinevorhänge, auf denen ſich ihr reizendes Antlitz hervorhob. „Siehſt Du, ſtehſt Du, daß Du mich getäuſcht haſt,“ rief Philipp.„Ah! theure Schweſter Du leideſt, Du be⸗ findeſt Dich unwohl.“ „Den Flacon! den Flacon!“ murmelte Andrée, wäh⸗ rend ſie den Ausdruck ihres Geſichtes zu einem Lächeln zwang, das ſie bis in den Tod begleitete. Und ihr mattes Auge und ihre kaum erhobene Hand bezeichneten Philipp einen Flacon, der auf einem Tiſch⸗ chen in der Nähe des Fenſters ſtand. Philipp ſtürzte nach dieſem Tiſchchen, die Augen beſtändig auf ſeine Schweſter geheftet, die er nur mit Bedauern verließ. Dann öffnete er das Fenſter, kehrte raſch zu dem Mädchen zurück und hielt den Flacon unter die krampf⸗ haft zuſammengezogene Naſe von Andrée. „Gut, gut,“ ſagte ſie, in langen Zügen Luft und Leben einathmend;„Du ſiehſt, daß ich wieder erwacht bin; ſprich, hälſt Du mich für ſehr krank?“ Doch Philipp dachte nicht einmal daran, zu ant⸗ worten, er ſchaute ſeine Schweſter an. Andrée erholte ſich allmälig, richtete ſich auf ihrem Sopha auf, nahm zwiſchen ihre feuchten Hände die Hand von Philipp, und da nun ihr Blick ſich milderte, da das Blut wieder in ihre Wangen ſtieg, erſchien ſie ſchöner, als ſie je geweſen war. „Ah! mein Gott,“ ſagte ſie,„Du ſiehſt wohl, Phi⸗ lpp, daß es vorbei iſt, und ich wette, ohne die Ueber⸗ 244 raſchung, die Du mir in ſo guter Abſicht bereitet, wären die Krämpfe nicht wleder gekommen und ich wäre gene⸗ ſen; doch ſo vor mich treten, Du begreifſt wohl, Phi⸗ lipp, vor mich, die ich Dich ſo ſehr liebe, Dich, der Du die bewegende Kraft, das Ereigniß meines Lebens biſt, das hieße mich tödten wollen, ſelbſt wenn ich mich wohl befände.“ „Ja, dies Alles iſt ſehr freundlich und artig, Andrée; doch mittlerweile ſage mir, welchem Umſtand Du dieſes Unwohlſein zuſchreibſt?“ „Was weiß ich, Freund, der Rückkehr des Frühlings, der Jahreszeit der Blumen; Du weißt, wie leicht meine Nerven angegriffen werden; ſchon geſtern hat mich der Geruch des perſiſchen Flieders im Garten beinahe erſtickt: Du weißt wie dieſe herrlichen Blumen, die ſich im Früh⸗ lingswind ſchaukeln, berauſchende Düfte verbreiten; nun! geſtern... oh! mein Gott! Philipp, ich will nicht mehr daran denken, denn das Uebel würde mich, glaube ich, wieder erfaſſen.“ „Ja, Du haſt Recht, und vielleicht iſt es das; die Blumen ſind ſehr gefährlich; Du erinnerſt Dich, daß es mir, als ich noch ein Kind war, einmal einſiel, mein Bett mit einem Gewinde von Flieder zu umgeben, den ich von der Hecke abſchnitt... es ſei dies ſo hübſch wie ein Ruhealtar, ſagten wir damals; doch am andern Tag erwachte ich nicht, Du weißt es; am andern Tag hielt mich Jedermann für todt, nur Du nicht, die Du nie begreifen wollteſt, ich habe Dich ſo verlaſſen, ohne Dir Lebewohl zu ſagen, und Du allein warſt es, arme Andrée... Du magſt damals kaum ſechs Jahre alt ge⸗ weſen ſein... Du allein warſt es, die mich durch Kuͤſſe und Thränen ins Leben zurückrief.“ „Und durch Luft, Philipp, denn die Luft iſt es, was man unter ſolchen Umſtänden braucht; an Luft ſcheint es mir immer zu fehlen.“ „Ah! meine Schweſter, meine Schweſter, Du erin⸗ 1SS—- .,— 1 245 nerteſt Dich deſſen wohl nicht mehr, und haſt Dir Blu⸗ men in Dein Zimmer bringen laſſen.“ „Nein, Philipp, nein, es ſind wahrhaftig vierzehn Tage, daß kein Maßliebchen mehr hierhergekommen iſt; ich, die ich die Blumen ſo ſehr liebte, habe ſeltſamer Weiſe einen Abſcheu dagegen gefaßt. Doch laſſen wir die Blumen. Ich hatte alſo die Migräne; Fräulein von Taverney hatte die Migräne, lieber Philipp, und was für eine glückliche Perſon iſt Fräulein von Taverney! denn um dieſer Migräne willen, welche eine Ohnmacht herbeiführte, intereſſirten ſich die Stadt und der Hof für „ 7 „Allerdings, die Frau Dauphine hatte die Güte, mich zu beſuchen. Oh! Philipp! welch eine reizende Be⸗ ſchützerin, welch eine zarte Freundin iſt die Frau Dau⸗ phine! ſie pflegte mich, ſie hätſchelte mich, ſie brachte mir ihren erſten Arzt, und als dieſer gewichtige Mann, deſſen Sprüche unfehlbar ſind, mir den Puls fühlte und die Augen und die Zunge beſchaute, weißt Du, welches äußerſte Glück ich da hatte 2“ „Nein.“ „Es fand ſich ganz einfach, daß ich nicht im Ge⸗ ringſten krank war, der Doctor Louis hatte mir nicht den unbedeutendſten Trank zu verordnen, nicht eine einzige Pille zu verſchreiben, er, der jeden Tag, wie man ſagt, Arme und Beine abſchneidet, daß es Schauder erregt; Du ſiehſt alſo, Philipp, ich befinde mich ganz wohl. Sprich nun, was hat Dich erſchreckt?“ „Der alberne kleine Gilbert, bei Gott!“ „Gilbert?“ verſetzte Andrée mit einer ſichtbaren Regung des Aergers. „Ja, er hat mir geſagt, Du ſeiſt ſehr krank.“ „Und Du haſt dieſem kleinen Dummkopf, dieſem Müßiggänger, der zu nichts taugt, als um das Böſe zu thun oder zu ſagen, geglaubt?“ „Andrée, Andrée!“ 246 „Nun?“ „Du erbleichſt abermals.“ „Nein, dieſer Gilbert reizt mich; iſt es nicht genug, daß ich ihm auf meinem Weg begegne, ich muß auch noch von ihm hören, wenn er nicht da iſt?“ „Ah! Du wirſt abermals ohnmächtig.“ „Oh! ja, ja, mein Gott!... es iſt aber auch... Und die Lippen von Andrée erbleichten und ihre Stimme ſtockte. „Das iſt ſeltſam,“ murmelte Philipp. Andrée ſtrengte ſich an und ſprach: „Nein, es iſt nichts; merke nicht auf alle dieſe Blendungen, auf dieſe Nebel, Du fiehſt, ich bin wieder auf meinen Beinen, Philipp; wenn Du mir glauben willſt, machen wir einen Gang mit einander, und in zehn Minuten bin ich geneſen.“ „Ich glaube, Du täuſcheſt Dich über Deine eigenen Kräfte, Andrée?“ „Nein, die Rückkehr von Philipp würde mir die Geſundheit geben, und wäre ich auch ſterbend; wollen wir ausgehen, Philipp?“ „Sogleich, liebe Andrée,“ ſprach Philipp, der ſeine Schweſter ſachte zurückhielt;„Du haſt mich noch nicht völlig beruhigt.. ſetze Dich.“ „Es ſei.“ Andrée ſank wieder auf den Sopha und zog Phi⸗ lipp, den ſie an der Hand hielt, zu ſich. „Und warum,“ fuhr ſie fort,„warum ſieht man Dich ſo plötzlich, ohne daß Du eine Nachricht von Dir gegeben?“ 3 „Antworte mir zuerſt, liebe Andrée, warum Du mir zu ſchreiben aufgehört haſt?“— „Ja, es iſt wahr; doch erſt ſeit einigen Tagen.“ „Seit vierzehn Tagen, Andrée.“ Andrée neigte das Haupt. „Nachläßige!“ ſagte Philipp mit einem ſanften Vor⸗ wurf. —P——,—,——— ☛ 247 „Nein, aber Leidende, Philipp. Du haſt Recht, mein Unwohlſein geht auf den Tag zurück, wo Du Nach⸗ richt von mir zu erhalten aufgehört haſt; ſeit jenem Tag haben mir die liebſten Dinge eine Anſtrengung, einen Widerwillen bereitet.“ 3 „Nun, ich bin mitten unter dem Allem ſehr erfreut über das Wort, das Du vorhin geſagt haſt.“ „Welches Wort?“ „Du haſt geſagt, Du ſeift ſehr glücklich; deſto beſſer, denn wenn man hier an Dich denkt und Dich liebt, iſt doch nicht daſſelbe für mich der Fall.“ „Für Dich?“ „Ja, für mich, der ich hier voͤllig, ſelbſt ſogar von meiner Schweſter, vergeſſen wurde.“ „Oh! Philipp.“ „Sollteſt Du es glauben, meine liebe Andrée, daß ich ſeit meiner Abreiſe, die man mir als ſo dringend be⸗ zeichnet hatte, keine Nachricht von dem angeblichen Regi⸗ ment habe, von dem ich Beſitz ergreifen ſollte, und das mir der Köoͤnig durch Herrn von Richelieu und ſelbſt durch meinen Vater verſprechen ließ?“ „Oh! das wundert mich nicht,“ ſagte Andrée. „Wie, das wundert Dich nicht?“ „Nein. Wenn Du wüßteſt, Philipp... Herr von Richelieu und mein Vater ſind ganz verwirrt, ſie ſcheinen zwei Koͤrper ohne Seele zu ſein. Ich kann das Leben von allen dieſen Leuten nicht begreifen. Am Morgen läuft mein Vater ſeinem alten Freund, wie er ihn nennt, nach; er treibt ihn nach Verſailles zum König, dann kommt er zurück, um ihn hier zu erwarten, wo er ſeine Zeit damit hinbringt, daß er Fragen an mich richtet, die ich nicht verſtehe. Der Tag vergeht, keine Nachricht. Da geräth Herr von Taverney in ſeinen großen Zorn. Der Herzog hintertreibt, der Herzog verräth, ſagt er. Was hintertreibt der Herzog? wen verräth er? das frage ich Dich, denn ich weiß nichts davon, und ich geſtehe, es liegt mir auch nichts daran, es zu erfahren. Herr von Taverney 248 lebt ſo wie ein Verdammter in ſeinem Fegefeuer, indem er immer Etwas, was man ihm nicht bringt, Einen, der nie kommt, erwartet.“ „Doch der König, Andrée, der König?“ „Wie, der Koͤnig?“ „Ja, der König, der uns ſo geneigt war?“ Andrée ſchaute furchtſam umher. „Was haſt Du?“ „Höre, der König,— laß uns leiſe ſprechen,— ich halte den König für launenhaft, Philipp. Seine Ma⸗ jeſtät bezeigte mir Anfangs viel Theilnahme, wie Dir, wie unſerem Vater, wie der Famtllie; doch ploͤtzlich er⸗ kaltete dieſe Theilnahme, ohne daß ich errathen konnte, wie oder warum. Es iſt eine Thatſache, daß mich Seine Majeſtät nicht mehr anſchaut, daß ſie mir ſogar den Rücken zuwendet, und daß ſie noch geſtern, als ich beim Blumen⸗ beet ohnmächtig wurde...“ „Ah! Du ſiehſt, Gilbert hatte Recht, Du biſt ohn⸗ mächtig geworden, Andrée?“ 2 „Dieſer elende kleine Herr Gilbert hatte in der That nöthig, Dir das zu ſagen, es vielleicht aller Welt zu ſagen. Was geht es ihn an, ob ich ohnmächtig werde, oder nicht werde. Ich weiß wohl, lieber Philipp,“ fügte Andrée lachend bei,„es iſt nicht ſchicklich, in einem könig⸗ lichen Haus in Ohnmacht zu fallen, doch man wird nicht zu ſeinem Vergnügen ohnmächtig, und ich habe es nicht abſichtlich gethan.“ „Ei! wer tadelt Dich denn deshalb?“ „Der König.“ „Der Koͤnig?“ „Ja, Seine Majeſtät kam gerade aus Großtrianon durch den Obſtgarten im unglückſeligen Augenblick hervor. Ich lag ganz albern, ganz einfältig auf einer Bank in den Armen des guten Herrn von Juſſieu ausgeſtreckt, der mir nach Kräften beiſtand, als mich der König erblickte. Du weißt, Philipp, die Ohnmacht raubt nicht jede Vor⸗ ſtellung, jedes Bewußtſein von dem, was um uns her vor⸗ 7 249 geht. Als mich der König erblickte, glaubte ich, ſo un⸗ empfindlich ich ſcheinbar war, lin Nunzeln der Stirne, einen Blick des Zorns und einige ſehr unverbindliche Worte, die der König zwiſchen den Zähnen brummelte, zu bemerken; dann entſernte ſich Seine Majeſtät in aller Eile, ſehr geärgert, wie ich glauben muß, darüber, daß ich mir in ſeinen Gärten unwohl zu werden erlaubt hatte. Doch in der That, Philipp, ich war nicht daran Schuld.“ „Armes Mädchen,“ rief Philipp, liebevoll ſeiner Schweſter die Hände drückend,„ich glaube wohl, daß Du nicht daran Schuld warſt; doch hernach?“ „Das iſt das Ganze, mein Freund; und Herr Gilbert hätte mich mit ſeinen Erläuterungen verſchonen müſſen.“ „Ah! nun ſchmähſt Du abermals das arme Kind.“ „Ja wohl, übernimm Du doch die Vertheidigung von dieſem reizenden Jungen.“ „Andrée, ich bitte Dich, ſei nicht ſo hart gegen Gil⸗ bert, Du verletzſt ihn auf das Empfindlichſte, Du gehſt mit einer ſchmerzlichen Heftigkeit gegen ihn zu Werk, wie ich ſelbſt geſehen habe.. Ohl mein Gott, mein Gott! Andrée, was haſt Du wieder?“ Diesmal ſiel Andrée rückwärts auf die Kiſſen des Sopha, ohne ein Wort von ſich zu geben; diesmal konnte ſie der Flacon nicht zu ſich bringen; man mußte warten, bis die Blendung vorüber und der Kreislauf wiederherge⸗ ſtellt war. „Offenbar,“ flüſterte Philipp,„offenbar, meine Schweſter, leideſt Du ſo, daß Du Menſchen erſchreckſt, welche muthiger ſind, als ich, wenn es ſich um Deine Schmerzen handelt; Du magſt ſagen, was Du willſt, dieſe Unpaͤßlichkeit ſcheint mir nicht ſo leicht behandelt werden zu dürfen, als Du vorgibſt.“ „Aber Philipp, da der Doctor erklärt hat...“ „Der Doctor überzeugt mich nicht und wird mich nie überzeugen, wenn ich ihn nicht ſelbſt geſprochen habe. Wo ſieht man dieſen Doctor?“ „Er kommt jeden Tag nach Trianon.“ 250 „Zu welcher Stunde? etwa am Morgen?“ „Morgens und Abends, wenn er den Dienſt hat.“ „Hat er gegenwärtig den Dienſt?“ „Ja, mein Freund, und auf den Schlag ſieben Uhr, denn er iſt ſehr pünktlich, wird er die Freitreppe hinauf⸗ gehen, die nach der Wohnung der Frau Dauphine führt.“ „Gut,“ ſagte Philipp ruhiger,„ich werde bei Dir warten.“ CxLI Jähißgriff. Philipp verlängerte das Geſpräch, ſcheinbar ohne Abſicht, während er aus dem Augenwinkel ſeine Schweſter beobachtete, welche genug Selbſtbeherrſchung zu gewinnen ſuchte, um ihn nicht durch neue Ohnmachten zu beängſtigen. Philipp ſprach viel von ſeinen Täuſchungen, vom Ver⸗ geſſen des Königs, von der Unbeſtändigkeit von Herrn von Richelieu, und als man ſieben Uhr ſchlagen hörte, ging er ungeſtüm weg, ohne ſich viel darum zu bekümmern, daß Andrée errathen dürfte, was er thun wollte. Er ſchritt gerade auf den Pavillon der Koͤnigin zu und blieb entfernt genug, um nicht von den Leuten vom Dienſt angerufen zu werden, nahe genug ſtehen, daß Nie⸗ mand vorübergehen könnte, ohne daß er, Philipp, die vorübergehende Perſon erkannte. Er war noch keine fünf Minuten da, als er die ſteife, beinahe majeſtätiſche Geſtalt des Doctors, den Andrée ihm bezeichnet hatte, auf ſich zukommen ſah. Der Tag neigte ſich, und ſo ſchwer ihm auch das Leſen werden mußte, blätterte doch der würdige Doctor in einer kurz zuvor erſt in Cöln erſchienenen Abhandlung über Magen⸗ lähmung. Allmälig wurde es immer dunkler um ihn her, 251 und der Doctor errieth ſchon mehr, als er las, da fing ein wandelnder und undurchſichtiger Koͤrper vollends das auf, was den Augen des gelehrten Arztes noch an Licht blieb. Er ſchaute empor, ſah einen Mann vor ſich und fragte: „Was gibt es?“ „Verzeihen Sie, mein Herr„“ erwiederte Philipp, „habe ich die Ehre, mit dem Herrn Doctor Louis zu reden?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Doctor ſein Buch ſchließend. 4„Dann ein Wort, wenn es Ihnen beliebt, mein exr. „Mein Herr, entſchuldigen Sie mich, mein Dienſt ruft mich zu der Frau Dauphine. Es iſt die Stunde, wo ich mich zu ihr begeben muß, und ich kann nicht auf mich warten laſſen.“ „Mein Herr...(hier machte Philipp eine Bewegung der Bitte, um ſich dem Weitergehen des Doctors zu wider⸗ ſetzen), mein Herr, die Perſon, für welche ich Ihre Be⸗ muhung in Anſpruch nehme, iſt im Dienſt der Frau Dau⸗ phine. Sis leidet ungemein, während die Frau Dauphine nicht krank iſt.“ „Von wem ſprechen Sie?“ fragte der Doctor. „Von einer Perſon, bei der Sie von der Frau Dau⸗ phine ſelbſt eingeführt worden ſind.“ „Ah! ah ſollte zufällig von Fräulein Andrée von Taverney die Rede ſein?“ „Ganz richtig, mein Herr.“ „Ah! ah!“ machte der Doctor, den Kopf erhebend, um den jungen Mann anzuſchauen. „Sie wiſſen alſo, daß ſie leidend iſt?“ „Ja, Krämpfe, nicht wahr?“ „Beſtändige Ohnmachten, ja, mein Herr. Heute iſt ſie im Verlauf von einigen Stunden drei bis viermal in meinen Armen ohnmächtig geworden.“ 25² „Geht es ſchlimmer bei der jungen Dame?“ „Ach! ich weiß es nicht; doch Sie begreifen, Doctor, wenn man die Leute liebt...“ „Sie lieben Fräulein Andrée von Taverney?“ „Oh! mehr als mein Leben, Doctor.“ Philipp ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Begei⸗ ſterung brüderlicher Liebe, daß ſich der Doctor in ihrer Bedeutung täuſchte. „Ah! ah!“ ſagte er,„Sie ſind alſo... Zögernd hielt der Doctor inne. „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr 2“ fragte Philipp. „Sie find alſo der...“ „Wer ſoll ich denn ſein, mein Herr?“. „Eil bei Gott! der Liebhaber,“ erwiederte der Doctor voll Ungeduld. Philipp machte zwei Schritte rückwärts, fuhr mit der Hand nach der Stirne und wurde bleich wie der Tod. „Mein Herr,“ ſagte er,„nehmen Sie ſich in Acht, Sie beleidigen meine Schweſter.“ „Ihre Schweſter? Fraͤulein von Taverney iſt Ihre Schweſter?“ „Ja, mein Herr, und ich glaube nichts geſagt zu haben, was auf Ihrer Seite zu einem ſo ſeltſamen Miß⸗ griff Anlaß geben konnte.“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, die Stunde, in der Sie mich angehen, das geheimnißvolle Weſen, mit dem Sie das Wort an mich richteten... ich glaubte, ich venunüiei eine zärtlichere Theilnahme, als die brüder⸗ iche... „Oh! mein Herr, ein Geliebter oder ein Gatte wird meine Schweſter nicht tiefer und inniger lieben, als ich ſie liebe.“ „Sehr gut, in dieſem Fall begreife ich, daß Sie meine Vermuthung verletzt hat, und ich bitte Sie um Entſchuldigung; wollen Sie mir erlauben, mein Herr...“ übe S rul —— 253 Hier machte der Doctor eine Bewegung, um vor⸗ überzugehen. „Doctor,“ ſprach Philipp,„ich flehe Sie an, ver⸗ laſſen Sie mich nicht, ohne mich über den Zuſtand meiner Schweſter beruhigt zu haben.“ „Aber was hat Sie denn bei dieſem Zuſtand beun⸗ ruhigt?“ „Ei! mein Gott, das, was ich ſelbſt geſehen.“ „Sie haben Symptome geſehen, welche eine Unpäß⸗ lichkeit offenbaren...“ „Eine ernſte, Doctor?“ „Je nachdem.“ „Hören Sie, Doctor, es liegt in dem Allem etwas Seltſames... man ſollte glauben, Sie wollen, Sie mögen mir nicht antworten.“ „Nehmen Sie lieber an, mein Herr, ungeduldig wie ich bin, mich zur Frau Dauphine zu begeben, die mich erwartet...“ „Doctor, Doctor,“ ſprach Philipp, mit der Hand über ſeine von Schweiß triefende Stirne fahrend,„Sie hielten mich für den Liebhaber von Fräulein von Taverney.“ „Ja, doch Sie haben mich enttäuſcht.“ „Sie denken alſo, Fräulein von Taverney habe einen Geliebten?“ „Verzeihen Sie, ich bin Ihnen keine Rechenſchaft von meinen Gedanken ſchuldig.“ „Doctor, haben Sie Mitleid mit mir; Doctor, es iſt Ihnen ein furchtbares Wort entſchlüpft, ein Wort, das in meinem Herzen geblieben iſt, wie die abgebrochene Klinge eines Dolches; Doctor, ſuchen Sie mich nicht auf eine andere Fährte zu bringen; vergebens find Sie ein zarter und gewandter Mann; Doctor, was für eine Krankheit iſt es, über die Sie dem Geliebten Auskunft ſchuldig waren, während Sie dieſelbe vor einem Bruder berbegen wollen? Doctor, ich flehe Sie an, antworten e mir.“ 254 „Ich bitte Sie im Gegentheil, mich der Antwort zu überheben, mein Herr, denn aus der Art und Weiſe, wie S mich fragen, erſehe ich, daß Sie nicht Ihrer Herr nd.“ „Oh! mein Gott, Sie begreifen alſo nicht, mein Herr, daß mich jedes Ihrer Worte weiter gegen den Ab⸗ grund treibt, den ich zu erſchauen zittere.“ „Mein Herr!“ „Doctor,“ rief Philipp mit neuer Heftigkeit,„Sie ſagen alſo hiemit, Sie haben mir ein ſo furchtbares Ge⸗ heimniß zu enthüllen, daß ich meiner ganzen Kaltblütig⸗ keit, meines ganzen Muthes bedürfe, um es anzuhören?“ „Ich weiß nicht, durch welche Vorausſetzung'Sie ſich ſo verwirren laſſen, Herr von Taverney; ich habe nichts von dem Allem geſagt.“ „Oh! Sie thun hundertmal mehr, als wenn Sie mir etwas ſagen würden!... Sie laſſen mich Dinge glauben! Oh! das iſt nicht menſchenfreundlich, Doctor; Sie ſehen, daß ich mir das Herz vor Ihnen zermartere; Sie ſehen, daß ich bitte, daß ich flehe; ſprechen Sie doch; hören Sie, ich ſchwöre Ihnen, ich habe kaltes Blut, ich habe Muth... Dieſe Krankheit, dieſe Schande viel⸗ leicht... Oh! mein Gott! Sie unterbrechen mich nicht, Doctor!“ „Herr von Taverney, ich habe weder der Frau Dau⸗ phine, noch Ihrem Vater, noch Ihnen etwas geſagt; fragen Sie mich nichts mehr.“ „Ja, ja;... doch Sie ſehen, daß ich Ihr Still⸗ ſchweigen deute; Sie ſehen, daß ich Ihrem Gedanken auf dem düſtern, unſeligen Weg, wo er ſich vertieft, folge; halten Sie mich wenigſtens auf, wenn ich irre gehe.“ „Leben Sie wohl, mein Herr,“ ſprach der Doctor. „Oh! Sie werden mich nicht ſo verlaſſen, ohne mir ja oder nein zu ſagen. Ein Wort, ein einziges Wort, das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ Der Doctor blieb ſtehen. 255 „Mein Herr,“ ſagte er,„ſo eben, und das hat den unſeligen Mißgriff herbeigeführt, der Sle beleidigt...“ „Sprechen wir nicht mehr hievon.“ „Im Gegentheil, ſprechen wir hievon; ſo eben ſagten Sie mir, Fräulein von Taverney ſei Ihre Schweſter. Doch etwas vorher haben Sie mir mit einer Begeiſterung, die meinen Irrthum veranlaßte, geſagt, Sie lieben Fräu⸗ lein Andrée mehr als Ihr Leben.“ „Das iſt wahr.“ „Wenn Ihre Liebe für ſie ſo groß iſt, ſo muß ſie dieſelbe durch eine Erwiederung belohnen.“ „Oh! mein Herr, Andrée liebt mich, wie mich Nie⸗ mand auf dieſer Welt liebt.“ „Wohl! dann kehren Sie zu ihr zurück, befragen Sie ſie auf dem Wege, wo ich ſie zu verlaſſen genothigt bin, und wenn Sie Fräulein Andrée liebt, wie Sie ſie lieben, ſo wird ſie Ihre Fragen beantworten. Es gibt viele Dinge, die man einem Freunde ſagt, die man aber einem Arzte nicht ſagt; ſie wird ſich vielleicht herbeilaſſen, Ihnen zu ſagen, was ich Sie nicht um einen Finger mmeeiner Hand durch eine Aeußerung von mir vermuthen laſſen moͤchte. Guten Abend, mein Herr.“ Und der Doctor machte abermals eine Bewegung ggeegen den Pavillon. „Oh! nein, nein, das iſt unmoͤglich!“ rief Philipp, wahnſinnig vor Schmerz und jedes ſeiner Worte durch ein Schluchzen unterbrechend;„nein, Doctor, ich habe ſüehe gehört; nein, Sie können mir das nicht geſagt haben.“ Der Doctor machte ſich ſachte los und ſprach mit einem ſanften, mitleidsvollen Weſen: „Thun Sie, was ich Ihnen gerathen habe, Herr von Toaverney, und glauben Sie mir, es iſt das Beſte, was Sie thun können.“ „Oh! bedenken Sie doch, Ihnen glauben heißt auf die Religion meines ganzen Lebens verzichten, heißt einen Engel anklagen und Gott verſuchen, Doctor; wenn Sie 256 verlangen, daß ich glauben ſoll, beweiſen Sie wenigſtens, beweiſen Si e.“ „Gott befohlen, mein Herr.“ „Doctor!“ rief Philipp in Verzweiflung. „Nehmen Sie ſich in Acht, wenn Sie mit dieſer Heftigkeit ſprechen, werden Sie bekannt machen, was ich Jedermann zu verſchweigen mir gelobt hatte, und was ich gern auch vor Ihnen verborgen hätte.“ „Ja, ja, Sie haben Recht, Doctor,“ ſagte Philipp mit ſo leiſer Stimme, daß der Hauch erſtarb, wie er von ſeinen Lippen kam;„doch die Wiſſenſchaft kann ſich täu⸗ ſchen, und Sie geſtehen, daß Sie ſich ſelbſt zuweilen ge⸗ täuſcht haben.“ „Selten, mein Herr,“ erwiederte der Doctor;„ich bin ein Mann von ernſten Studien, und mein Mund ſagt nicht ja, ſagen nicht meine Augen und mein Geiſt: ich habe geſehen, ich weiß, ich bin ſicher. Ja, gewiß, Sie haben Recht, mein Herr, zuweilen konnte ich mich täu⸗ ſchen, wie ſich jedes ſchwache Geſchöpf täuſcht; doch aller W abrſtheinchtzſ nach iſt es diesmal nicht der Fall. Ruhe, mein Herr, und trennen wir uns.“ Aber Philipp konnte ſich nicht ſo fügen; er legte ſeine Hand auf den Arm des Doctors mit einer Miene ſo tiefen Flehens, daß dieſer ſtehen blieb. „Eine letzte Bitte, mein Herr,“ ſagte Philipp;„Sie ſehen, in welcher Verwirrung ſich mein Geiſt befindet; ich fühle etwas wie Wahnſinn in mir; um zu wiſſen, ob ich leben oder ſterben ſoll, bedarf ich einer Beſtätigung der Wirklichkeit, die mich bedroht. Ich kehre zu meiner Schweſter zurück, ich werde nur mit ihr ſprechen, wenn Sie ſie noch einmal geſehen haben... überlegen Sie.. „Es iſt Ihre Sache, zu überlegen, mein Herr, denn ich habe dem, was ich geſagt, kein Wort mehr beizu⸗ fügen.“ „Mein Herr, verſprechen Sie mir... mein Gott! das iſt eine Bitte, die der Henker dem Opfer nicht ab⸗ ſchlagen würde... verſprechen Sie mir, nach Ihrem 257 Beſuch bei Ihrer Hoheit der Frau Dauphine zu meiner Schweſter zu kommen; Doctor, im Namen des Himmels verſprechen Sie mir das!“— 1 „Es iſt unnöthig, mein Herr; doch da Ihnen ſo viel daran gelegen iſt, ſo iſt es meine Pflicht, Ihrem Wunſch zu entſprechen; ſobald ich die Frau Dauphine verlaſſe, beſuche ich Ihre Schweſter.“ „Oh! Dank, Dank. Ja, kommen Sie, und Sie wer⸗ den dann ſelbſt zugeſtehen, daß Sie ſich getäuſcht haben.“ „Ich wünſche es von ganzem Herzen, mein Herr, und wenn ich mich getäuſcht, werde ich es mit Freuden be⸗ kennen. Guten Abend.“ Endlich freigegeben, entfernte ſich der Doctor und ließ Philipp auf der Eſplanade zurück, Philipp, der vor Fieber zitterte, von kaltem Schweiß übergoſſen war, und im Taumel des Wahnfinns weder den Ort, wo er ſich be⸗ fand, noch den Mann, mit dem er geſprochen, noch das Geheimniß, das er erfahren, mehr kannte. Einige Minuten lang ſchaute er, ohne zu begreifen, den Himmel, der ſich allmälig mit Sternen beſäte, und den Pavillon an, deſſen Fenſter ſich beleuchteten. CXLIII. Verhör. Sobald Philipp wieder zum Bewußtſein kam, ſobald es ihm wieder ſich zum Herrn ſeiner Vernunft zu machen gelungen war, wandte er ſich nach der Wohnung von ndrée. Doch in demſelben Maß, in welchem er dem Pavillon 4 näher kam, verſchwand allmälig das Geſpenſt ſeines Un⸗ glücks; es kam ihm vor, als hätte er einen Traum ge⸗ 7 Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 258 habt, und nicht als häͤtte er einen Augenblick mit der Wirklichkeit gekämpft. Je mehr er ſich vom Doctor ent⸗ fernte, deſto ungläubiger wurde er gegen ſeine Drohungen. Sicherlich hatte ſich die Wiſſenſchaft getäuſcht, aber die Tugend war nicht gefallen. Hatte ihm nicht der Doctor dadurch vollkommen Recht gegeben, daß er zu ſeiner Schweſter zurückzukehren ver⸗ ſprochen? Als aber Philipp Andrée gegenüberſtand, war er ſo verändert, ſo bleich, ſo entſtellt, daß nun ſeine Schweſter über ihn in Beſorgniß gerieth und. ſich fragte, wie in ſo kurzer Zeit eine ſolche Veränderung an ihm habe vorgehen können. Nur Eines konnte eine ſolche Wirkung auf Philipp hervorgebracht haben. „Mein Gott! mein Bruder,“ fragte Andrée,„ich bin alſo ſehr krank?“ „Warum?“ verſetzte Philipp. „Weil die Berathung mit dem Doctor Louis Dich erſchreckt hat.“ „Nein, meine Schweſter, der Doctor iſt nicht unruhig, und Du haſt mir die Wahrheit geſagt. Ich habe ſogar große Mühe gehabt, ihn zu beſtimmen, wiederzukommen.“ „Ahl er kommt?“ „Ja, er kommt; das wird Dir nicht unangenehm ſein, Andrée?“„ Philipp tauchte ſeine Blicke in die des Mädchens, während er dleſe Worte ſprach. „Nein,“ antwortete ſie ganz einfach,„wenn Dich nur dieſer Beſuch ein wenig beruhigt, mehr verlange ich nicht; doch ſage mir mittlerweile, woher kommt Deine furchtbare Bläſſe, die mich ſo ſehr erſchreckt?“ „Das beunruhigt Dich, Andrée?“ „Du fragſt!“ „Du liebſt mich alſo zärtlich, Andrée?“ „Was meinſt Du?“ 259 „Ich frage Dich, Andrée, ob Du mich immer noch liebeſt, wie in unſerer Jugendzelt?“ „Oh! Philipp! Philipp!“ „Ich bin alſo für Dich eines der koſtbarſten Weſen, die Du auf Erden haſt?“. „Ohl! das koſtbarſte, das einzige,“ rief Andrée. Dann fügte ſie erröthend und verwirrt bei: „Entſchuldige, Philipp, ich vergaß..“ „Nicht wahr, unſer Vater, Andrée?“ Philipp nahm ſeine Schweſter bei der Hand und ſprach, indem er ſie zärtlich anſchaute: „Andrée, glaube nicht, daß ich Dich je tadeln würde, wenn Dein Herz eine Zuneigung in ſich ſchlöße, welche weder die Liebe wäre, die Du für Deinen Vater hegſt, noch die, die Du für mich haſt...“ Dann ihr näher rückend, fuhr er fort: „Du biſt in einem Alter, Andrée, wo das Herz der Mäd⸗ chen lebhafter zu ihnen ſpricht, als ſie es ſelbſt wollen, und Du weißt, eine göttliche Vorſchrift gebietet dem Weibe Vater und Mutter zu verlaſſen, um dem Mann zu folgen.“ Andrée ſchaute Philipp einen Augenblick an, als ſpräche er eine fremde Sprache, die ſie gar nicht verſtünde. Dann lachte ſie mit einer Naivetät, die nichts wie⸗ derzugeben vermöchte, und rief: „Mein Mann! haſt Du nicht von meinem Mann geſprochen, Philipp? Ei! mein Gott! er muß noch ge⸗ boren werden, oder ich kenne ihn wenigſtens nicht.“ Bewegt durch dieſen ſo wahren Ausruf von Andrée, näherte ſich ihr Philipp, ſchloß ihre Hand in die ſeinigen und ſagte: „Ehe man einen Mann hat, meine gute Andrée, hat man einen Bräutigam, einen Geliebten.“ Andrée ſchaute Philipp ganz erſtaunt an und duldete es, daß der junge Mann ſeine gierigen Augen bis in die Tiefe ihres klaren jungfräulichen Blickes tauchte, in dem ſich ihre ganze Seele ſpiegelte. 260 „Meine Schweſter,“ ſprach Philipp,„ſeit Deiner Geburt haſt Du mich für Deinen beſten Freund gehalten; ich habe Dich meinerſeits als meine einzige Freundin be⸗ trachtet; Du weißt, nie verließ ich Dich den Spielen meiner Kameraden zu Liebe. Wir ſind mit einander groß geworden und nichts hat unſer blindes gegenſeitiges Ver⸗ trauen geſtört; Andrée, warum mußteſt Du Dich ſeit einiger Zeit ſo ohne alle Gründe und zuerſt gegen mich verändern?“ „Ich habe mich gegen Dich verändert, Philipp? Er⸗ kläre Dich. In der That, ich begreife nichts von dem, was Du mir ſagſt, ſeitdem Du zurückgekommen biſt.“ „Ja, Andrée,“ ſprach der junge Mann, während er ſie an ſeine Bruſt preßte;„ja, meine ſüße Schweſter, die Leidenſchaften der Jugend ſind auf die Neigungen der Kindheit gefolgt, und Du haſt mich nicht mehr gut oder nicht mehr ſicher genug gefunden, um mir Dein von der Liebe bewältigtes Herz zu zeigen.“ „Mein Bruder, mein Freund,“ erwiederte Andrée immer mehr erſtaunt,„was ſagſt Du mir denn da? Was ſprichſt Du denn zu mir von Liebe?“ „Andrée, ich greife muthig eine Frage voll Gefahr für Dich, voll Bangigkeit für mich ſelbſt an. Ich weiß wohl, daß ich mich in Deinem Geiſt zu Grunde richte, wenn ich mir Dein Vertrauen in dieſem Augenblick erbitte oder es von Dir fordere; doch ich will lieber, und glaube mir, es iſt grauſam für mich, dies zu ſagen, ich will lieber fühlen, daß Du mich weniger liebſt, als Dich dem Unglück bloßgeſtellt laſſen, welches Dich bedroht, einem furchtbaren Unglück, wenn Du in dem Stillſchweigen verharrſt, das ich beklage und deſſen ich Dich einem Bruder, einem Freund gegenüber nicht für fähig gehalten hätte.“ „Mein Bruder, mein Freund,“ ſagte Andrée, vich ſchwoͤre Dir, daß ich Deine Vorwürfe durchaus nicht be⸗ reife.“ 4„Andrée, ſoll ich ſie Dir begreiflich machen 2“ „Ohl ja, gewiß.“ — ——— 8S85FS‚gS= K 261 „Doch wenn ich, durch Dich ermuthigt, mit zu vlel Schärfe ſpreche, wenn ich die Roͤthe auf Deiner Stirne hervorrufe, wenn ich die Scham auf Deinem Herzen laſten mache, dann ſchreibe es nur Dir ſelbſt zu, Dir, die Du mich durch ungerechtes Mißtrauen genöthigt haſt, bis im Grunde Deiner Seele zu wühlen, um ihr Dein Ge⸗ heimniß zu entreißen.“ „Thue es, Philipp, und ich ſchwöre Dir, daß ich Dir nicht über das, was Du thun wirſt, grollen werde.“ Philipp ſchaute ſeine Schweſter an, ſtand ganz be⸗ wegt auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Es war zwiſchen der Anſchuldigung, die er in ſeinem Innern gegen ſie erhob, und der Ruhe des Mäd⸗ chens ein ſo ſeltſamer Widerſpruch, daß er nicht wußte, bei welchem Gedanken er beharren ſollte. Andrée ſchaute ihrerſeits ihren Bruder mit Erſtaunen an und erkaltete allmälig in der Berührung dieſer Feier⸗ lichkeit, welche ſo ſehr von dem ſanften brüderlichen An⸗ ſehen verſchieden war. Ehe Philipp wieder das Wort genommen hatte, ſtand Andrée ebenfalls auf und ſchlang ihren Arm um den ihres Bruders. Dann blickte ſie ihn mit unausſprechlicher Zärtlichkeit an und ſagte: „Höre, Philipp, ſchaue mich an, wie ich Dich an⸗ ſchaue!“ „Oh! ſehr gern,“ erwiederte der junge Mann, ſeine glühenden Augen auf Andrée heftend;„was willſt Du mir ſagen?“ „Ich will Dir ſagen, Philipp, daß Du immer ein wenig eiferſüchtig auf meine Freundſchaft geweſen biſt; das iſt ganz natürlich, da ich meinerſeits eiferſüchtig auf Deine Bemühungen und Deine Zuneigung war; nun! ſchaue mich an, wie ich Dir geſagt habe.“ Das Mädchen lächelte. „Siehſt Du ein Geheimniß in meinen Augen?“ fuhr ſie fort. 3 262 „Ja, ja, ich ſehe eines,“ erwiederte Philipp,„Du liebſt Jemand?“„ „Ich!“ rief vas Mädchen mit einem ſo natürlichen Erſtaunen, daß die geſchickteſte Komödiantin ſicherlich nicht im Stande geweſen wäre, den Ton dieſes einzigen Wortes nachzuahmen. Und ſie lachte abermals. „Ich liebe Jemand?“ verſetzte ſie. „Dann liebt man Dich?“ „Meiner Treue, das iſt ſchlimm, denn in Betracht, daß ſich die unbekannte Perſon nie gezeigt und folglich nie erklärt hat, iſt dies eine rein verlorene Liebe.“ Nun, da er ſeine Schweſter mit ſo viel Treuherzigkeit über dieſe Frage lachen und ſcherzen ſah, da er das ſo durchſichtige Blau ihrer Augen, ihre ſo unſchuldsvolle, ſo reine Haltung wahrnahm, ſagte ſich Philipp, der das Herz von Andrée mit einer gleichmäßigen Bewegung an ſeinem Herzen ſchlagen fühlte, ein Monat Abweſenheit könne keine ſolche Veraͤnderung im Charakter eines tadel⸗ loſen Mädchens hervorbringen; der Verdacht gegen die arme Andrée ſei unwürdig, die Wiſſenſchaft lüge; er geſtand ſich, der Doctor Louis habe eine Entſchuldigung, da er weder die Reinheit, noch die trefflichen Inſtincte von Andrée kenne, da er glauben dürfe, ſie gleiche allen den adeligen Mädchen, welche, geblendet durch unwürdige Beiſpiele oder fortgeriſſen durch die frühreife Hitze eines verdorbenen Blutes, der Jungfrauſchaft ohne Bedauern, ohne Stolz entſagen. Ein letzter Blick, den er auf Andrée warf, erklärte Philipp die Fehlbarkeit des Doctors, und er fühlte ſich über ſeine Erklärung ſo glücklich, daß er ſeine Schweſter umarmte wie jene Märtyrer, die, indem ſie die Reinheit der Jungfrau Maria bekannten, zugleich auch ihren Glauben an ihren göttlichen Sohn bekannten. In der Zeit dieſer Wogungen ſeines Innern hoͤrte Philipp auf der Treppe die Tritte des Doctor Louis, der getreu ſeinem Verſprechen im Hauſe erſchten. — ð——— -—== R 263 Andrée bebte: in der Lage, in der ſie ſich befand, wurde Alles für ſie ein Ereigniß. „Wer kommt da?“ fragte ſie. „Der Doctor Louis wahrſcheinlich,“ antwortete Philipp. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre, und der von Philipp mit ſo viel Angſt erwartete Arzt trat in der That in das Zimmer ein. Es war, wie geſagt, einer von den ernſten, redlichen Männern, für welche die Wiſſenſchaft ein Prieſterthum iſt, deſſen Geheimniſſe ſie mit religlöſer Ehrfurcht ſtudiren. In dieſer ganz materialiſtiſchen Zeit ſuchte der Doctor Louis, eine ſeltene Erſcheinung, unter den Krankheiten des Körpers die Krankheiten der Seele zu entdecken; er ſchritt geradezu und rückſichtslos auf dieſem Wege fort, kümmerte ſich wenig um Gerüchte und Hinderniſſe, und ſparte ſeine Zeit, dieſes Erbtheil der emſigen Leute, mit einem Geize, der ihn oft gegen die Müßigen und Schwätzer grob wer⸗ den ließ. Deshalb hatte er Philipp bei ihrem erſten Zuſam⸗ mentreffen auf eine ſo ungeſchlachte Weiſe behandelt; er hatte ihn für einen von jenen nur mit galanten Aben⸗ teuern beſchäftigten Höflingen gehalten, die dem Arzt ſchmei⸗ cheln, um ſich Complimente über ihre Liebesheldenthaten machen zu laſſen, und die ganz ſtolz darauf ſind, daß ſie eine Verſchwiegenheit zu bezahlen haben. Sobald ſich aber die Medaille drehte und der Doctor ſtatt des mehr oder minder verliebten Gecken das düſtere und bedrohliche Antlitz des Bruders erſcheinen ſah; ſobald an der Stelle einer Unannehmlichkeit ein Unglück ſichtbar wurde, fühlte ſich der philoſophiſche Arzt bewegt, und bei den letzten Worten von Philipp ſagte der Doctor zu ſich ſelbſt: „Ich konnte mich nicht nur täuſchen, ſondern ich wollte, ich hätte mich getäuſcht.“ Deshalb hatte er dann auch, ſelbſt ohne die dringende Bitte von Philipp, Andrée nn eſuchen beſchloſſen, um ſich durch eine ſchärfere, entſcheidendere Prüfung über die 3 264. Wahrſcheinlichkeiten Rechenſchaft zu geben, die ihm die erſte Unterſuchung geliefert. Er trat alſo ein, und ſein erſter Blick, dieſe Beſitz⸗ nahme des Arztes und des Beobachters, heftete ſich ſchon aus dem Vorzimmer auf Andreée, die er nicht mehr verließ. War es durch den Anblick des Doctors veranlaßte Aufregung, war es eine natürliche Erſcheinung, Andrée wurde gerade von einem der Anfälle erfaßt, welche Philipp erſchreckt hatten, und ſie wankte und fuhr mit einer ſchmerz⸗ lichen Geberde mit ihrem Sacktuch an ihre Lippen. Philipp, der ganz mit dem Empfang des Doctors beſchäftigt war, hatte nichts geſehen. „Doctor,“ ſagte er,„ſeien Sie willkommen und ver⸗ zeihen Sie mir mein etwas brutales Weſen; als ich Sie vor einer Stunde anredete, war ich eben ſo aufgeregt, als ich in dieſer Minute ruhig bin.“ Der Doctor hörte einen Augenblick auf, Andrée an⸗ zuſchauen, und lenkte ſeine Beobachtung auf den jungen Mann, deſſen freudiges Lächeln er analyfirte. „Sie haben mit Ihrer Fräulein Schweſter geſprochen, wie ich es Ihnen gerathen?“ fragte er. „Ja, Doctor, ja.“ „Sie ſind beruhigt?“ „Ich habe den Himmel mehr und die Hoͤlle weniger im Herzen.“ Der Doctor nahm die Hand von Andrée und fühlte dem Mädchen lange den Puls. Philipp ſchaute ihm zu und ſchien zu ſagen: „Ohl thun Sie es, Doctor, ich fürchte nun die Er⸗ klärungen des Arztes nicht mehr.“ „Nun! mein Herr?“ fragte er mit triumphirender Miene. „Herr Chevalier,“ erwiederte der Arzt,„wollen Sie mich mit Ihrer Schweſter allein laſſen.“ Ganz einfach ausgeſprochen, ſchlugen dieſe Worte den Stolz des jungen Mannes nieder. „Wie! abermals?“ ſagte er. 265 Der Doctor machte eine Geberde. „Es iſt gut, ich verlaſſe Sie, mein Herr,“ ſprach Philipp mit düſterer Miene. Dann zu ſeiner Schweſter: „Andrée ſei redlich und offen gegen den Doctor.“ Das Mädchen zuckte die Achſeln, als koͤnnte es nicht einmal begreifen, was man zu ihm ſagte. Philipp fuhr fort: „Während er Dich über Deine Geſundheitsumſtände befragt, werde ich einen Gang im Park machen. Die Stunde, auf die ich mein Pferd beſtellt habe, iſt noch nicht gekommen, ſo daß ich Dich vor meinem Abgang noch ein⸗ mal ſehen und einen Augenblick mit Dir ſprechen kann.“ la uünd er drückte Andrée die Hand und ſuchte dabei zu ächeln. Aber es war für das Mädchen etwas Krampfhaftes, Gezwungenes in dieſem Händedruck und in dieſem Lächeln. Der Doctor geleitete Philipp mit ernſter Miene bis zur Thüre, die er ſchloß. Wonach er zurückkam und ſich auf denſelben Sopha ſetzte, auf dem Andrée ſaß. CXLIV. Die Conſultation. Es herrſchte außen das tiefſte Stillſchweigen. Nicht ein Windhauch durchzog die Luft, nicht eine merſchliche Stimme ertönte; die Natur war vollkommen ruhig. Andererſeits war der ganze Dienſt von Trianon be⸗ endigt. Die Leute von den Ställen und Küchen waren in 266 ihre Zimmer zurückgekehrt; der kleine Hof war öde und verlaſſen. Andrée fühlte ſich wohl im Grunde ihres Herzens bewegt durch die Wichtigkeit, welche Philipp und der Arzt ihrer Krankheit gaben. Sie wunderte ſich wohl über die Seltſamkeit der Rückkehr des Doctor Louis, der am Morgen die Krank⸗ heit für unbedeutend und die Anwendung von Arzneimitteln für unnöbthig erklärt hatte; aber bei ihrer tiefen Unſchuld war der glänzende Spiegel ihrer Seele nicht einmal ge⸗ trübt durch den Hauch des Verdachts, der gegen Sie ent⸗ ſtanden. Plöͤtzlich, nachdem er das Licht der Lampe auf ſie gerichtet, nahm der Arzt ihre Hand wie ein Freund oder wie ein Beichtvater, und nicht mehr den Puls wie ein Arzt. Dieſe unerwartete Bewegung ſetzte die empfindliche Andrée ſehr in Erſtaunen; ſie war einen Augenblick nahe daran, ihre Hand zurückzuziehen. „Mein Fräulein,“ fragte der Arzt„haben Sie mich wiederzuſehen gewünſcht, oder habe ich, indem ich hier⸗ herkam, nur dem Wunſche Ihres Bruders nachgegeben?“ „Mein Herr,“ antwortete Andrée,„mein Bruder kehrte zurück und kündigte mir an, Sie würden wieder⸗ kommen; doch nach dem, was Sie mir dieſen Morgen über die Bedeutungsloſigkeit meiner Krankheit zu ſagen die Güte hatten, würde ich mir nicht die Freiheit genom⸗ men haben, Sie abermals zu bemühen.“ Der Doctor verbeugte ſich und fuhr fort: „Ihr Bruder ſchien erhitzt, eiferſüchtig auf ſeine Ehre und in gewiſſen Punkten unnachſichtig; deshalb wollten Sie ſich ohne Zweifel ihm nicht eröffnen?“ Andrée ſchaute den Doctor an, wie ſie Philipp an⸗ geſchaut hatte. „Auch Sie, mein Herr,“ ſprach Sie mit ſtolzer Miene.. — — 267 „Verzeihen Sie, mein Fräulein, laſſen Sie mich vollenden.“ Andrée machte eine Geberde, welche Geduld, oder vielmehr Reſignation andeutete. „Es iſt alſo natürlich,“ fuhr der Doctor fort,„daß Sie, den Schmerz des jungen Mannes bemerkend und ſeinen Zorn ahnend, hartnäckig Ihr Geheimniß bewahr⸗ ten; doch mir gegenüber, mein Fräulein, der ich, glauben Sie es mir, ebenſo ſehr der Arzt der Seelen, als der des Körpers bin, mir gegenüber, der ich ſehe und weiß, der ich Ihnen folglich die Hälfte des peinlichen Weges der Enthüllung erſpare, kann ich mit Recht mehr Offenherzig⸗ keit erwarten.“ „Mein Herr,“ erwiederte Andrée,„hätte ich nicht das Geſicht meines Bruders ſich verfinſtern und den Cha⸗ rakter eines wahren Schmerzes annehmen ſehen, befragte ich nicht Ihr ehrwürdiges Aeußeres und den Ruf des Ernſtes, in dem Sie ſtehen, ſo würde ich glauben, Sie ſeien Beide mit einander übereingekommen, eine Komödie auf meine Koſten zu ſpielen und mich in Folge der Con⸗ ſultation bewogen durch die Furcht, die Sie mir einge⸗ flößt, eine ſehr ſchwarze und ſehr bittere Arznei nehmen zu laſſen.“. Die Stirne faltend ſprach der Doctor: „Mein Fräulein, ich flehe Sie an, verharren Sie nicht auf dieſem Wege der Verſtellung.“ „Der Verſtellung!“ rief Andrée. „Iſt es Ihnen lieber, wenn ich ſage Heuchelei?“ 8„Mein Herr, Sie beleidigen mich!“ rief das Mäd⸗ hen. „Sagen Sie, ich errathe Sie.“ „Mein Herr!“ Andrée ſtand auf; doch der Doctor nöthigte ſie ſachte, ſich wieder zu ſetzen. „Nein“ fuhr er fort,„nein, mein Kind, ich beleidige Sie nicht, ich diene Ihnen; und wenn ich Sie überzeuge, rette ich Sie!... Es werden mich alſo weder Ihr zorni⸗ 268 ger Blick, noch die geheuchelte Entrüſtung, die Sie belebt, in meinem Entſchluß wankend machen.“ „Mein Gott! was wollen Sie, was verlangen Sie denn?“ „Geſtehen Sie, oder ich bekomme bei meiner Ehre eine erbärmliche Meinung von Ihnen.“ „Mein Herr, noch einmal, mein Bruder iſt nicht da, um mich zu vertheidigen, und ich ſage Ihnen, daß Sie mich verletzen, daß ich Sie nicht verſtehe, und fordere Sie auf, ſich klarer, ſchärfer über dieſe vorgebliche Kranhei zu erklären.“ „Zum letzten Mal, mein Fräulein,“ ſprach der Doc⸗ tor ganz erſtaunt,„wollen Sie mir den Schmerz, Sle erröthen zu machen, erſparen?“ „Ich begreife Sie nicht, ich begreife Sie nicht, ich begreife Sie nicht,“ wiederholte Andrée dreimal, und ſchaute dabei den Doctor mit Augen an, welche von Frage, von Herausforderung, und beinahe von Drohung funkelten. „Nun! ich, ich begreife Sie, mein Fräulein; Sie zweifeln an der Wiſſenſchaft und hoffen Ihren Zuſtand vor Jedermann zu verbergen; doch Sie täuſchen ſich, mit einem einzigen Worte ſchlage ich Ihren ganzen Stolz zu Boden: Sie ſind ſchwanger!...“ Andrée ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und fiel rückwärts auf den Sopha. Auf dieſen Schrei folgte das Geräuſch der Thüre, welche heftig aufgeſtoßen wurde, und Philipp ſprang, den Degen ind ders Fauſt, das Auge blutig, die Lippen zitternd, mitten ins Zimmer. „Elender! Sie lügen!“ rief er dem Doctor zu. Der Doctor wandte ſich langſam gegen den jungen Mann um, ohne den Puls von Andrée zu verlaſſen, welche halb todt unter ſeiner Hand bebte, und ſprach mit einer verächtlichen Miene: „Was! ich geſagt habe, habe ich geſagt, mein Herr, 269 und, entblößt oder in der Scheide, wird mich Ihr Degen nicht zu einer Lüge bewegen.“ fall„Doctor,“ murmelte Philipp und ließ ſeinen Degen allen. „Sie haben gewünſcht, daß ich durch eine zweite nterſcyund meine erſte Beobachtung noch einmal prüfe, ch habe es gethan; die Gewißheit hat ſich nun in mir feſtgeſtellt, und nichts wird ſie meinem Herzen entreißen. Ich bedaure es lebhaft, junger Mann, denn Sie haben mir ebenſo viel Theilnahme eingefloͤßt, als mir dieſes Mädchen Abneigung durch ſeine Beharrlichkeit in der Lüge einflößt.“ Andrée blieb unbeweglich; doch Philipp machte eine Bewegung. „Ich bin Familienvater, mein Herr,“ fuhr der Doc⸗ tor fort,„ich begreife, was Sie Alles leiden können, lei⸗ den müſſen. Ich biete Ihnen meine Dienſte an, wie ich Ihnen meine Verſchwiegenheit gelobe. Mein Wort iſt heilig, mein Herr, und Jedermann wird Ihnen ſagen, daß ich mehr an meinem Wort, als an meinem Leben hänge.“ „Oh! mein Herr, es iſt unmöglich!“ „Ich weiß nicht ob a unmiglih iſt, aber es iſt wahr. Gott befohlen, Herr Taverney.“— Und der Doctor ging mit demſelben langſamen, ruhi⸗ gen Schritt weg, nachdem er liebevoll den jungen Mann angeſchaut hatte, der ſich vor Schmerz krümmte, und in dem Augenblick, wo ſich die Thüre ſchloß, von den tiefſten Qualen ergriffen zwei Schritte von Andrée auf einen Stuhl ſank. Sobald ſich der Arzt entfernt hatte, ſtand Philipp auf, ſchloß die Thüre der Hausflur, die des Zimmers, die Fenſter, näherte ſich Andrée, die ihn mit Erſtaunen dieſe düſteren Vorkehrungen treffen ſah, und ſprach, die Arme über der Bruſt kreuzend: „Du haſt mich ſchändlich und albern getäuſcht; ſchändlich, weil ich Dein Bruder bin, weil ich die Schwäche 270 gehabt habe, Dich zu lieben, Dich Allem vorzuziehen, Dich höher als Alles zu ſchätzen, und weil dieſes Ver⸗ trauen von meiner Seite wenigſtens das Deinige in Er⸗ manglung von Zärtlichkeit hervorrufen mußte; albern, weil heute das abſcheuliche Geheimniß, das uns entehrt, in der Macht eines Dritten iſt, weil es ſich trotz Deiner Verſchloßenheit vielleicht andern Augen geoffenbart hat, weil ich Dich endlich, wenn Du mir gleich am An⸗ fang die Lage, in der Du Dich befindeſt, geſtanden haͤt⸗ teſt, wenn nicht aus Zuneigung, doch wenigſtens aus Selbſtſucht vor der Schande bewahrt haben würde, denn indem ich Dich rettete, ſchonte ich mich. Hierin und dadurch haſt Du Dich hauptſächlich verfehlt. Deine Ehre, ſo lange Du nicht verheirathet biſt, gehört gemein⸗ ſchaftlich denjenigen, deren Namen Du führſt, das heißt befleckſt. Ich bin nun nicht mehr Dein Bruder, da Du mir dieſen Titel abgeleugnet haſt; ich bin ein Mann, der dabei betheiligt iſt, Dir durch jedes mögliche Mittel das ganze Geheimniß zu entreißen, damit aus dieſem Geſtändniß irgend eine Genugthuung für mich hervorgehe. Ich trete alſo voll Zorn und Entſchloſſenheit vor Dich und ſage Dir: da Du ſchändlich genug warſt, Deine Hoffnung auf eine Lige zu ſeßen, ſo ſollſt Du beſtraft werden, wie man die Schä ichen beſtraft. Geſtehe mir alſo Dein Verbrechen, oder...“ „Drohungen!“ rief die ſtolze Andrée,„Drohungen einem Weibe!“— Und ſie ſtand bleich und ſelbſt drohend auf. „Ja, Drohungen, nicht einem Weibe, ſondern einem Geſchöpf ohne Treu' und Glauben, ohne Chre.“ „Drohungen!“ fuhr Andrée fort, welche allmälig in Verzweiflung gerieth;„Drohungen mir, die ich nichts weiß, die ich nichts begreife, die ich Euch Alle wie blut⸗ gierige Narren anſchaue, die ſich verbunden haben, um mich vor Kummer, wenn nicht vor Scham ſterben zu machen!“ 5 „Ja. rief Philipp,„ja, ſtirb alſo, wenn Du nicht t 271 geſtehſt; ſtirb auf der Stelle, Gott richte Dich, und ich werde Dich ſchlagen!“ Und der junge Mann raffte krampfhaft ſeinen Degen auf und ſetzte raſch wie der Gedanke die Spitze ſeiner Schweſter auf die Bruſt. „Gut, gut, tödte mich,“ rief Andrée, ohne daß ſie über den Blitz erſchrack, der aus der Künge hervorzuckte, ohne daß ſie den Schmerz des Stiches zu vermeiden ſuchte. Und ſie ſtürzte vor, wie vom Wahnſinn erfaßt, und ihr Sprung war ſo lebhaft, daß ihr der Degen die ganze Bruſt durchbohrt hätte, ohne den jähen Schrecken von Philipp und den Anblick einiger Tropfen Blutes, welche die um den Hals ſeiner Schweſter gelegte Mouſſeline be⸗ fleckten. Der junge Mann war mit ſeinen Kräften und mit ſeinem Zorn zu Ende; er wich zurück, ließ das Eiſen ſeinen Händen entſchlüpfen, fiel ſchluchzend auf die Kniee, umſchlang mit ſeinen Armen den Leib des Mädchens und rief: „Andrée! Andrée! nein, nein, ich werde ſterben. Du liebſt mich nicht mehr, Du kennſt mich nicht mehr, ich habe nichts mehr auf dieſer Welt zu thun. Oh! Du liebſt einen Andern ſo ſehr, Andrée, daß Du den Tod einem in meinen Buſen ergoſſenen Geſtändniß vorziehſt? Oh! Andrée, nicht Du ſollſt ſterben, ich werde ſterben 15 Und er machte eine Bewegung, um zu fliehen; doch ſchon hatte ihn Andrée mit ihren beiden zitternden Hän⸗ den am Halſe gefaßt, ſchon bedeckte ſie ihn mit Küſſen, ſchon benetzte ſte ihn mit ihren Thränen. „Nein, nein,“ rief ſie,„Du hatteſt von Anfang Recht: Tödte mich! tödte mich, Philipp! denn man ſagt, ich ſei ſchuldig. Doch Du, der Du ſo edel, ſo rein, ſo gut biſt, Du, den Niemand⸗ anklagt, lebe und beklage mich nur, ſtatt mich zu verfluchen.“ „Wohl, meine Schweſter,“ ſprach der junge Mann, „im Namen des Himmels, im Namen unſerer früheren Freundſchaft, befürchte nichts, weder fu ch noch für denjenigen, welchen Du liebſt; dieſer, er auch ſein 272 mag, wird mir heilig ſein, und wäre es mein grauſamſter Feind, wäre es der Letzte der Menſchen. Doch ich habe keinen Feind, Andrée; doch Du biſt ſo edlen Herzens und Geiſtes, daß Du Deinen Geliebten gut gewählt haben mußt. Ich werde den Mann Deiner Wahl aufſuchen, ich werde ihn meinen Bruder nennen. Du ſagſt nichts; eine Heirath zwiſchen Dir und ihm iſt alſo unmöglich? Willſt Du das ſagen? Gut! es ſei, ich werde mich fügen, ich werde meinen ganzen Schmerz für mich behalten, ich werde dieſe gebieteriſche Stimme der Chre, welche Blut fordert, erſticken. Ich verlange nichts mehr von Dir, nicht einmal mehr den Namen dieſes Mannes. Es ſei, dieſer Mann hat Dir gefallen, er iſt mir theuer. Nur werden wir Frankreich verlaſſen und mit einander fliehen. Der Köͤnig hat Dir, wie man mir ſagt, einen reichen Schmuck geſchenkt; wir verkaufen ihn; wir ſchicken die Hälfte des Preiſes unſerem Vater. Mit der anderen Hälfte leben wir unbekannt; ich werde dann Alles für Dich ſein, Andrée. Du wirſt Alles für mich ſein. Ich, ich liebe Niemand; Du ſiehſt, daß ich Dir ergeben bin. Andrée, Du ſiehſt, was ich thue; Du ſiehſt, daß Du auf meine Freundſchaft rechnen kannſt; ſprich, wirſt Du mir nach dem, was ich Dir geſagt habe, abermals Dein Vertrauen verweigern? Sprich, wirſt Du mich nicht Deinen Bruder nennen?“ Andrée hatte Alles, was der junge Mann geſagt, ſtillſchweigend angehört. Nur das Schlagen ihres Herzens allein bezeichnete das Leben, nur ihr Blick deutete die Vernunft an. „Philipp,“ erwiederte ſie nach einem langen Still⸗ ſchweigen,„Du dachteſt, ich liebe Dich nicht, armer Junge; Du dachteſt, ich habe einen andern Mann geliebt; Du dachteſt, ich habe das Geſetz der Chre vergeſſen, ich, die ich ein Mädchen von edlem Blute bin und begreife, welche Pflichten dieſes Wort hinſichtlich der Verirrungen aufer⸗ legt!... ie Freund, ich verzeihe es Dir; ja, ja, vergebens haſt u mich für ehrlos gehalten, vergebens eA Ŕe SnAeee be —— * 273 haſt Du mich ſchändlich genannt; ja, ja, ich verzeihe Dir; doch ich werde Dir nicht verzeihen, wenn Du mich für ſo gottlos, für ſo niederträchtig hältſt, daß Du glaubſt, ich könnte Dir einen falſchen Eid ſchwoͤren. Ich ſchwoͤre Dir, Philipp, bei dem Gott, der mich hört, bei der Seele mei⸗ ner Mutter, die mich leider, wie es ſcheint, nicht genug beſchützt hat; ich ſchwoͤre Dir bei meiner glühenden Liebe für Dich, daß nie ein Liebesgedanke meine Vernunft irrege⸗ leitet, daß nie ein Mann zu mir geſagt hat:„„Ich liebe Dich;““ daß nie ein Mund meine Hand geküßt hat; daß ich rein an Geiſt, jungfräulich an Wünſchen bin, und dies wie am Tage meiner Geburt... Nun, Philipp, nun nehme Gott meine Seele, Du haſt meinen Leib in Deinen Händen.“ „Es iſt gut,“ ſprach Philipp nach langem Stillſchwei⸗ gen,„es iſt gut, Andrée, ich danke Dir. Nun ſehe ich klar bis in die Tiefe Deines Herzens. Ja, Du biſt rein, unſchuldig, theures Opfer; doch es gibt Zaubertränke, ver⸗ giftete Liebestränke; es wird Dir einer eine ſchändliche Falle geſtellt haben; was der Lebenden Niemand hätte entreißen konnen, wird man Dir während Deines Schlafes geraubt haben. Du biſt in eine Falle gerathen, Andrée; doch nun ſind wir einig und folglich ſtark. Nicht wahr, Du wirſt mir die Sorge für Deine Ehre und die Deiner Rache anvertrauen?“ „Oh! ja, ja,“ ſprach Andrée mit einem düſteren Feuer;„ja, ja, denn wenn Du mich rächſt, wirſt Du mich wegen eines Verbrechens rächen!“ „Wohl!“ fuhr Philipp fort,„hilf mir, unterſtütze mich. Suchen wir mit einander, ſteigen wir Stunde für Stunde die abgelaufenen Tage hinauf, folgen wir dem hülflichen Faden der Erinnerung, und bei dem erſten Kno⸗ ten dieſes dunklen Gewebes...“ „Oh! das will ich, das will ich, laß uns ſuchen.“ „Sprich, haſt Du Einen bemerkt, der Dir folgte, Ddich belauerte?“ „Nein.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. VI. 18 „Niemand hat Dir geſchrieben?“ „Niemand.“ „Kein Mann hat Dir geſagt, er liebe Dich?“ „Keiner.“ „Die Frauen haben hiefür einen merkwürdigen In⸗ ſtinct; haſt Du in Ermangelung von Briefen, in Ermange⸗ lung eines Geſtändniſſes bemerkt, daß Einer nach Dir... begehrte?“ „Ich habe nie dergleichen bemerkt.“ „Liebe Schweſter, ſuche in den Umſtänden Deines Lebens, in den geheimſten Einzelnheiten.“ „Leite mich.“ „Haſt Du einen Spaziergang allein gemacht?“ „Nie, ſo viel ich mich erinnere, wenn nicht um zur Frau Dauphine zu gehen.“ „Wenn Du Dich in den Park, in den Wald begabſt?“ „Nicole begleitete mich immer.“ „Ah! was Nicole betrifft, ſie hat Dich verlaſſen?“ „Ja.“ „An welchem Tag?“ „Am Tag Deiner Abreiſe, wie ich glaube.“ „Es war ein Mädchen von verdächtigen Sitten. Haſt vun einzelnen Umſtände ihrer Flucht erfahren? Suche wohl.“ „Nein, ich weiß nur, daß ſie mit einem jungen Mann weggegangen iſt, der ſie liebte.“ „Was war Deine letzte Beziehung zu dieſem Mädchen?“ „Oh! mein Gott, gegen neun Uhr trat ſie wie ge⸗ wöhnlich in mein Zimmer; ſie kleidete mich aus, ſie be⸗ reitete mir mein Zuckerwaſſer und ging wieder weg.“ „Du haſt nicht bemerkt, daß ſie irgend Etwas in dieſes Waſſer miſchte?“. Nein; überdies hätte dieſer Umſtand keine Wichtig⸗ eeit, denn ich erinnere mich, daß ich in dem Augenblick, woo ich das Glas an meine Lippen ſetzte, eine ſeltſame Empfindung hatte.“ „Welche?“ —— 275 „Dieſelbe, die mich eines Tags in Taverney ergriff.“ „In Taverney?“ „Ja, bei der Durchreiſe des Fremden.“ „Welches Fremden?“ „Des Grafen von Balſamo.“ „Des Grafen von Balſamo? Und was für ein Ge⸗ fühl war dies?“ „Oh! etwas wie ein Schwindel, wie eine Blendung, worauf ich alle meine Sinne verlor.“ „Und Du haſt dieſen Eindruck in Taverney empfun⸗ den, ſagſt Du?“ „Ja.“ „Unter welchen Umſtänden?“ „Ich war an meinem Klavier, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe, ich ſchaute vor mich hin und erblickte den Grafen in einem Spiegel. Von dieſem Augenblick an erinnere ich mich keines Umſtandes mehr, wenn nicht, daß ich an meinem Klavier wieder erwachte, ohne die Zeit, die ich geſchlafen hatte, ermeſſen zu koͤnnen.“ „Sprich, iſt dies das einzige Mal, daß Du dieſe ſeltſame Empfindung gehabt haſt?“ „Ich hatte ſie noch einmal, am Tage oder vielmehr in der Nacht des Feuerwerks. Ich wurde von dieſer ganzen Menge auf dem Punkt, zermalmt, vernichtet zu werden, fortgeriſſen; ich raffte alle meine Kräfte zuſam⸗ men, um zu kämpfen; plötzlich ſpannten ſich meine ſteif gewordenen Arme ab, eine Wolke umhüllte meine Augen, doch ich hatte noch Zeit, durch dieſe Wolke denſelben Mann zu ſehen.“ „Den Grafen Balſamo?“ Ja 44* „Ja. „Und Du entſchliefſt?“ „Ich entſchlief oder wurde ohnmächtig. Du weißt, wie er mich forttrug und wie er mich zu meinem Vater brachte.“ „Ja, ja; und in jener Nacht, in der Nacht der Flucht von Nicole haſt Du ihn wiedergeſehen?“ „Nein; doch ich empfand alle Symptome, welche — 276 ſeine Gegenwart andeuteten: dasſelbe ſeltſame Gefühl, dieſelbe Blendung, denſelben Schwindel, dieſelbe Betäu⸗ bung, denſelben Schlaf.“ „Denſelben Schlaf?“. „Ja, einen Schlaf mit Schwindel, deſſen geheimniß⸗ vollen Einfluß ich erkannte, während ich kämpfte, und dem ich unterlegen bin.“ „Großer Gott!“ rief Philipp,„fahre fort, fahre fort.“ „Ich entſchlief.“ „Wo dies?“ „Auf meinem Bett, deſſen bin ich ſicher, und ich fand mich wieder auf dem Teppich, allein, leidend und eiskalt wie eine Todte, welche aus dem Grabe auferſteht. Als ich erwachte, rief ich Nicole, doch vergebens; Nicole war verſchwunden.“ „Und dieſer Schlaf war derſelbe?“ „Ja. „Derſelbe wie in Taverney? derſelbe wie am Tag der Feſtlichkeiten?“ „Ja, ja. „Die zwei erſten Male hatteſt Du, ehe Du unter⸗ lagſt, dieſen Joſeph Balſamo, dieſen Grafen von Fönir geſehen?“ „Vollkommen.“ „Und das dritte Mal ſahſt Du ihn nicht wlieder?“ „Nein,“ ſprach Andrée voll Angſt, denn ſie fing an zu begreifen,„nein, doch ich errieth ihn.“ „Gut!“ rief Philipp;„nun ſei ruhig, ſei unbeſorgt, ſei ſtolz, Andrée; ich kenne das Geheimniß; ich danke Dir, liebe Schweſter, ich danke Dir! Ah! wir ſind gerettet!“ Philipp nahm Andrée in ſeine Arme, drückte ſie zärt⸗ lich an ſein Herz und ſtürzte, fortgeriſſen durch das Unge⸗ ſtüm ſeines Entſchluſſes, aus dem Zimmer, ohne warten oder hören zu wollen; er lief in den Stall, ſattelte ſelbſt ſein Pferd, ſchwang ſich auf ſeinen Rücken und ſchlug in aller Haſt den Weg nach Paris ein. Ende des ſechsten Bandes⸗ 22