4 5A— ee—. Leihbibliothek 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.. 5 Eduard Okftmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 ſe 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme D.. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ dhinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3 f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücker: 3 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. L 8. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung ſe der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——y a Sämmtliehe Werke von 4 Alexandre Yumas. Deutſch von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart.— Verlag der Franckh'ſchen Vuchhandluuge— 1 847. Denkwürdigkeiten eines f Arztes. Von b Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. 17— 20. Bändchen. — 23 O Eee Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1 8 47. ——— Der alte Marſchall ſollte alſo ſeinerſelts den Weih⸗ rauch der Lobeserhebungen, der Schmeicheleien und der Liebkoſungen einathmen, welchen jeder Intereſſirte ohne Unterſcheidung vor dem Götzen des Tags anzündete. Herr von Richelieu erwartete indeſſen nicht Alles, was ihm begegnen ſollte; doch er erhob ſich am Morgen des Tages, zu dem wir nunmehr gelangt ſind, mit dem feſten Entſchluß, ſeine Naſenlöcher gegen den Weihrauch zu verſtopfen, wie einſt Ulyſſes ſein Ohr mit Wachs gegen den Geſang der Sirenen verſtopfte.. Das Reſultat ſollte für ihn erſt am andern Tag eintreten; es ſollte wirklich am andern Tage erſt die Er⸗ nennung des neuen Miniſterlums vom König ſelbſt be⸗ kannt gemacht und veröffentlicht werden. Das Erſtaunen des Marſchalls war alſo groß, als er beim Erwachen, oder vielmehr durch ein gewaltiges Geräuſch von Wagen erweckt von ſeinem Kammerdiener erfuhr, die Höfe des Hotel ſeien wie die Vorzimmer und Salons überfüllt.. „Oh! oh!“ ſagte er,„ich mache Lärmen, wie es ſcheint.“ 3 „Es iſt ſehr frühzeitig, Herr Marſchall,“ ſagte der Kammerdiener, als er ſah, mit welcher Haſt der Herzog ſeine Nachtmütze von ſich warf. „Fortan,“ ſprach der Herzog,„fortan gibt es keine Stunde mehr für mich, erinnern Sie ſich deſſen.“ „Ja, Monſeigneur.“ „Was hat man den Beſuchen geantwortet?“ „Monſeigneur ſei noch nicht aufgeſtanden.“ „Ganz einfach?“. „Ganz einfach.“ „Das iſt eine Albernheit; man hätte beifügen ſollen, ich habe ſehr lange gewacht, oder vielmehr, ich müſſe... Sagen Sie, wo iſt Rafté?“ 8 „Herr Rafté ſchläft,“ antwortete der Kammerdiener. „Wie, er ſchlaft! man wecke den Unglücklichen.“ „Gut, gut!“ ſagte ein noch friſcher Greis, welcher lächelnd auf der Schwelle erſchien,„hier iſt Rafté, was will man von ihm?“ 3 5 Die ganze Aufgeblaſenheit des Herzogs ſiel vor dieſen Worten. „Ah! ich ſagte doch, Du ſchlafeſt nicht mehr.“ „Und wenn ich geſchlafen hätte, wäre das zum Er⸗ ſtaunen geweſen? Es iſt kaum Tag.“ 4 „Aber mein lieber Rafté, Du ſiehſt, daß ich nicht mehr ſchlafe.“ „Das iſt etwas Anderes, Sie ſind Miniſter, Sie; wie ſollten Sie ſchlafen?“ „Ah! ich glaube, Du willſt mich zanken,“ ſagte der Marſchall, während er vor dem Spiegel Grimaſſen machte;„biſt Du nicht zufrieden?“ „Ich! was habe ich davon? Sie werden ſich ſehr ermüden und krank ſein. In Folge hievon werde ich ſodann den Staat regieren, und das iſt durchaus nicht beluſtigend, Monſeigneur.“ „Oh! wie alt biſt Du geworden, Rafté.“ „Ich bin gerade vier Jahre jünger als Sie, Mon⸗ ſeigneur. Ohl ja, ich bin alt.“ 3 Der Marſchall ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuß.. „Biſt Du durch das Vorzimmer gekommen?“ fragte er. „Ja. „Wer iſt dort?“ „Jedermann.“ „Was ſagt man?“ „Sie erzählen ſich gegenſeitig, was ſie von Ihnen verlangen wollen.“ „Das iſt ganz natürlich. Doch von meiner Ernen⸗ nung, haſt Du nicht hievon ſprechen hören 2“ „Ohl ich will Ihnen lieber nicht wiederholen, was man davon ſagt.“ „Den Teufel! ſchon die Kritik?“ „Und zwar unter denjenigen, welche Ihrer bedürfen! „ e Wie wird es erſt bei denjenigen ſein, deren Sie bedürfen, Monſeigneur!“ 8 „Ah! höre, Rafté,“ rief der Marſchall, der ſich den Anſchein gab, als lachte er,„wenn Jemand behaupten wollte, Du ſchmeichelſt I... „Ei! Monſeigneur,“ entgegnete Rafté,„warum haben Sie ſich an den Karren angeſpannt, den man das Mini⸗ ſterium nennt? Sie ſind es alſo müde, glücklich zu ſein und zu leben?“ „Mein Lieber, ich habe Alles gekoſtet, nur das nicht.“ „Sie haben nie Arſenik gekoſtet, warum verſchlingen Sie nicht aus Neugierde in Ihrer Chocolade?“ „Rafté, Du biſt nur ein Träger; Du erräthſt, daß Du als mein Secretaire viele Geſchäfte haben wirſt, und weichſt zurück...; Du haſt es übrigens ſelbſt geſagt.“ Der Marſchall ließ ſich ſorgfältig ankleiden. „Gib mir eine militäriſche Tournure,“ empfahl er dem Kammerdiener„und reiche mir meine militäriſchen Orden.“ „Es ſcheint, wir ſind beim Krieg?“ fragte Rafté. „Mein Gott, ja, es ſcheint, wir ſind hiebei.“ „Ah!“ fuhr Rafté fort,„ich habe die Ernennung des Königs nicht geſehen, das iſt nicht in Ordnung.“ „Sie wird ohne Zweifel kommen.“ „Ohne Zweifel i*ſt heute das officielle Wort. „Wie unangenehm biſt Du alternd geworden, Rafté. Du biſt Formaliſt und Puriſt; wenn ich das gewußt häͤtte, ſo hätte ich Dich nicht meine Eintrittsrede bei der Aca⸗ demie machen laſſen, dadurch biſt Du Pedant geworden.“ „Hören Sie dech, Monſeigneur, da wir die Regie⸗ rung bilden, ſo müſſen wir regelmäßig zu Werke gehen... Es iſt ſeltſam.“ „Was iſt eltſam?“ „Der Her Graf de la Vaudraye, der auf der Straße mit mir geſprochen hat, ſagte mir, es ſei noch nichts für das Miniſterium geſchehen.“ Lächelnd erwiederte Richelieu: 11 „Herr de la Vaudraye hat Recht... Doch Du biſt alſo ſchon ausgegangen?“ „Bei Gott! ich mußte wohl; der wüthende Lärmen von Carroſſen weckte mich auf, ich ließ mich ankleiden, nahm auch meine militäriſchen Orden und machte einen Gang durch die Stadt.“ „Ah! Herr Rafté beluſtigt ſich auf meine Koſten 2“ „Oh! Monſeigneur, Gott bewahre mich; ich ſage dies nur...“ „Warum?“. „Weil ich auf meinem Spaziergang noch Jemand begegnete.“ „Wem?“ „Dem Secretaire des Abbé Terray.“ „Nun?“ „Er ſagte mir, ſein Herr habe das Portefeuille des Kriegs.“ „Oh! oh!“ verſetzte Richelieu mit ſeinem ewigen n. „Was ſchließt Monſeigneur daraus?“ „Daß, wenn Herr Terray das Portefeuille des Kriegs hat, ich es nicht bekomme; daß, wenn er es nicht hat, ich es vielleicht bekomme.“ 1 Nafté hatte für ſein Gewiſſen genug gethan; es war dies ein kühner, unermüdlicher, eehrgeiziger Mann, ebenſo geiſtreich als ſein Herr, und viel mehr bewaffnet als er. Als Rafté ſeinen Herrn ſo ſicher ſah, glaubte er, er habe nichts mehr zu befürchten. „Auf, Monſeigneur,“ ſagte er,„beeilen Sie ſich, laſſen Sie nicht zu lange warten, das wäre ein ſchlim⸗ mes Vorzeichen.“ 20“3ch bin bereit; doch ich frage noch einmal, wer iſt „Hier iſt die Liſte.“ 5 3 Und er reichte eine lange Liſte ſeinem Herrn, der zu ſeiner großen Zufriedenheit die erſten Namen des Adels, der Geiſtlichkeit und der Finanzen las. 12 „Wenn ich populär würde, wie, Rafté?“ ie„Wir leben in der Zeit der Wunder,“ erwiederte dieſer. „Ah! Taverney!“ rief der Marſchall, der fortwäh⸗ rend las...„was will er hier?“ „Ich weiß es nicht, Herr Marſchall; doch beeilen Sie ſich, treten Sie ein.“ 4 Und der Secretaire zwang beinahe ſeinen Herrn in den großen Salon zu gehen. Nichelieu mußte zufrieden ſein. Der Empfang, der ihm zu Theil wurde, wäre nicht unter dem Ehrgeiz und der Eitelkeit eines Prinzen von Geblüt geweſen. 3 Doch die ganze, ſo zarte, ſo geſchickte, ſo ſchlaue Artigkeit jener Zeit und jener Geſellſchaft wurde ſchlecht vom Zufall bedient, der Richelieu eine herbe Myſtification vorbehielt. Aus Schicklichkeit und aus Achtung vor der Etiquette enthlelt ſich dieſe ganze Menge, vor Richelieu das Wort Miniſterium auszuſprechen; einige kühnere Männer gingen bis zu dem Wort Compliment; dieſe wußten, daß man leicht über das Wort hinſchlüpfen mußte, und daß Riche⸗ lieu kaum darauf antwortete. Für Jedermann war dieſer Beſuch bei Sonnenauf⸗ gang eine einfache Demonſtration, wie man zum Beiſpiel zum Neujahr Glück wünſcht. In jener Zeit war es nicht ſelten, daß die unfaß⸗ baren Nuancen durch Maſſen und einſtimmig begriffen erden. Einige Höflinge wagten es, während des Geſprächs einen Wunſch, eine Hoffnung auszudrücken. Der Eine ſagte, er hätte ſein Gouvernement näher bei Paris gewünſcht. 1 4 Hierüber plauderte er mit einem Mann, deſſen An⸗ ſehen beinahe ſo groß war, als das des Herrn von Nichelieu. Ein Anderer behauptete, er ſei dreimal von Herrn von Choiſeul bei Beförderungen zum Ordensritter über⸗ —— 13 gangen worden; er rechnete auf das gefällige Gedächtniß von Herrn von Richelieu, um das des Königs aufzufri⸗ ſchen, nun, da ſich kein Hinderniß mehr dem guten Willen Seiner Majeſtät entgegenſtellte. Kurz, hundert mehr oder minder gierige Forderungen, alle aber mit außerordentlicher Kunſt umhüllt, wurden zu den entzückten Ohren des Marſchalls gebracht. Allmälig entfernte ſich die Menge; man wollte, wie man ſagte, den Herrn Marſchall ſeinen wichtigen Geſchäften überlaſſen. Ein einziger Mann blieb im Salon. Er hatte ſich nicht mit den Andern genähert, er hatte nichts verlangt, er hatte ſich nicht einmal ſelbſt vorgeſtellt. Als die Reihen gelichtet waren, ging dieſer Mann, ein Lächeln auf den Lippen, auf den Herzog zu. „Ah; ah! Herr von Taverney,“ ſagte der Marſchall; „entzückt! entzückt!“ „Ich wartete, Herzog, um Dir mein Compliment zu machen, und zwar ein wirkliches Compliment, ein aufrichtiges Compliment.“ „Ah! wahrhaftig; un worüber denn?“ erwiederte gleichſam geheimnißvoll Richelieu, den die Zurückhaltung ſeiner Beſuche ſelbſt in die Nothwendigklit, diseret zu ſein, verſetzt hatte. 3 „Mein Compliment zu Deiner neuen Würde, Herzog.“ „St! ſt!“ machte der Marſchall,„wir wollen nicht hierüber ſprechen... es iſt noch nichts geſchehen, es iſt nur eine Sage.“ „Aber, mein lieb Marſchall, es ſind viele Leute meiner Anſicht, denn Deine Salons waren voll.“ 3 „ Ich weiß nicht warum.“ „Oh! ich weiß es wohl.“ „Wer denn, was denn?“ „Ein einziges Wort von mir... „Welches?“ 3— „Geſtern hatte ich in Trianon die Ehre, Seiner Majeſtät meinen Hef zu machen. Der König ſprach mit 4& 14 mir von meinen Kindern und ſagte am Ende zu mir: „„Ich glaube, Sie kennen Herrn von Richelieu; machen Sie ihm Ihre Complimente.““ „Ah! Seine Majeſtät hat Ihnen das geſagt,“ er⸗ wiederte Richelieu mit funkelndem Stolz, als ob dieſe 3 Worte das officielle Patent geweſen wären, deſſen Ueber⸗ ſendung Rafté verdächtigte, oder deſſen Verzögerung 4 der beklagte. „Somit vermuthete ich die Wahrheit,“ fuhr Taverney fort;„das war nicht ſchwierig, wenn man den Eifer von ganz Verſailles ſah, und ich lief herbei, um Dir, gehor⸗ ſam dem König, meine Complimente zu machen und, mei⸗ nem Privatgefühle gehorchend, unſere alte Freundſchaft 3 zu empfehlen.“ Der Herzog war bis zum Rauſche gelangt: das iſt ein Naturfehler, vor dem ſich die beſten Geiſter nicht 3 immer hüten koͤnnen. Er ſah in Taverney nur einen von 1 jenen Bittſtellern letzten Ranges, arme, auf dem Wege 3 der Gunſt verſpätete Leute, die man durchaus nicht zu beſchützen braucht, die durch ihr Wiſſen völlig unnütz ſind, 3 und denen man es zum Vorwurf macht, daß ſie nach zwanzig Jahren aus ihrer Finſterniß auferſtehen, um ſich — in beſondere von meiner ſchöͤnen Andrée, ſpreche ich nicht, Herzog, ihr Weg iſt gemacht, ihr Glück iſt in gutem Zug; haſt Du 15 meine Tochter geſehen? Habe ich ſie Dir nicht irgendwo vorgeſtellt? Haſt Du nicht von ihr ſprechen hören?“ „Bah! ich weiß nicht,“ machte Richelieu mit gleich⸗ gültigem Tone;„vielleicht.“ 1„Gleichviel,“ fuhr Taverney fort,„meine Tochter iſt alſo untergebracht. Ich, ſiehſt Du, brauche nichts, denn deer König hat mir eine Penſion gegeben, von der ich leben kann. Doch ich geſtehe, ich hätte gern irgend eine Rente gehabt, um Maiſon⸗Rouge wieder aufzubauen, wohin ich mich am Ende zurückziehen will; mit Deinem Anſehen, mit dem meiner Tochter...“ 3 „Ei!“ machte ganz leiſe Richelieu, der verloren, wie er war, in die Betrachtung ſeiner eigenen Größe nicht bis dahin gehört hatte und durch die Worte:„das An⸗ ſehen meiner Tochter,“ ploͤtzlich erweckt wurde;...„ei! ei! Deine Tochter... das iſt eine junge Schönheit, welche die gute Gräfin in Schatten ſtellt; es iſt ein klei⸗ ner Scorpion, der ſich unter den Flügeln der Dauphine erwärmt, um irgend Jemand in Luciennes zu beißen. Ah! ah! wir wollen nicht ſchlimm Freund ſein, und was die Dankbarkeit betrifft, ſo wird die liebe Gräfin, die mich zum Miniſter gemacht hat, ſehen, ob ich ſie im Falle der Noth verletze.“ Dann ſprach er mit hochmüthigem Tone zum Baron von Taverney: „Fahren Sie fort.“ „Meiner Treue, ich komme zum Ziele,“ ſagte dieſer, entſchloſſen, in ſeinem Innern über den geckenhaften Mar⸗ ſcchall zu lachen, wenn er nur von ihm das erhalten würde, was er haben wollte;„ich denke alſo nur noch an meinen Sohn Philpip, der einen ſehr ſchönen Namen führt, dem es aber ſtets an Gelegenheit fehlen wird, dieſen Namen glän⸗ zen zu machen, wenn ihm Niemand hilft. Philipp iſt ein braver und bedachtſamer Junge, vielleicht ein wenig zu gedachtſam, doch das iſt eine Folge ſeiner beengten Lage: das Pferd, das man zu kurz hält, bückt den Kopf, wie Du weißt.“ 16 „Was geht das mich an,“ dachte der Marſchall mit ven unzweideutigſten Zeichen des Aergers und der Unge⸗ duld. „Ich müßte,“ fuhr Taverney unbarmherzig fort,„ich müßte einen hochgeſtellten Mann, wie Du biſt, haben, da⸗ mit Philipp eine Compagnie bekäme... Die Frau Dau⸗ phine hat ihn bei ihrem Einzug in Straßburg zum Ka⸗ pitän ernennen laſſen; ja, aber es fehlen ihm nur hundert tauſend Livres, um eine ſchöne Compagnie in irgend einem bevorzugten Cavalerieregiment zu bekommen. Mache, daß ich dies erhalte, mein alter Freund.“ „Ihr Sohn,“ ſagte Richelieu,„iſt der junge Mann, der der Frau Dauphine einen Dienſt geleiſtet hat, nicht wahr?“ „Einen großen!“ rief Taverney;„er hat auf der letzten Station die Pferde Ihrer königlichen Hoheit zurück⸗ gehalten, welche der Dubarry mit Gewalt nehmen wollte.“ „O weh!“ ſagte Richelien in ſeinem Innern,„das iſt es gerade; das Verhaßteſte, was es unter den Feinden der Gräfin gibt... Er kommt ſchoͤn an, dieſer Taverney! er nimmt als Gnadentitel die Titel förmlichen Ausſchluſſes.“ „Sie antworten mir nicht, Herzog,“ ſprach Taverney ein wenig erbittert durch das hartnäckige Stillſchweigen des Marſchalls. „Dies Alles iſt unmöglich, mein lieber Herr Ta⸗ verney,“ erwiederte der Marſchall, der nun aufſtand, um damit zu bezeichnen, die Audienz ſei beendigt. „Unmöglich? eine ſolche Erbärmlichkeit unmöglich? Das ſagt mir ein alter Freund!“ „Warum nicht?... Iſt es ein Grund, weil man Freund iſt, wie Sie ſagen, daß man den Einen zu einer Ungerechtigkeit, den Andern zu einem Mißbrauch des Wortes Freundſchaft zu veranlaſſen ſucht? Sie haben mich zwanzig Jahre nicht beſucht, ich war nichts; nun bin ich Miniſter, und Sie kommen.“ „Herr von Richelieu, Sie ſind es, der in dieſem Augenblick eine Ungerechtigkeit begeht.“ — 3 8 AAAN D 8 8 2 — — — STaverney, 17 „Nein, mein Lieber, nein; ich will nicht, daß Sie ſich in den Vorzimmern umherſchleppen; ich bin ein wahrer Freund, folglich...“ „Sie haben einen Grund, um mich abzuweiſen?“ „Ich!“ rief Richelieu, ſehr unruhig über den Ver⸗ dacht, den Taverney haben konnte;„ich! einen Grund..“ „Ja, ich habe Feinde.“. Der Herzog konnte antworten offenbarte er aber dem Baron, da 1 r nicht um ein Ka antwortete daher eiligſt dem Bar „Sie haben keinen Feind, mein lieber Freund; doch 2 ich, ich habe; ſogleich und ohne Prüfung der Anſprüche ſolche Gunſtbezeugungen bewilligen, hieße mich der Gefahr ausſetzen, daß man ſagte, ich fahre fort wie Choiſeul. Mein Lieber, ich will Spuren meiner Thätigkeit in den öffentlichen Angelegenheiten zurücklaſſen. Seit zwanzig Jahren brüte ich über Fortſchritten; ſie werden zu Tage ausgehen; das Günſtlingsweſen richtet Frankr ch will mich mit Verdienſt be ſind Facke nur eines M anderen.. hn, He n, ſo nicht weil ſe iſt, nach deſſen Plan, nach dem ich ver⸗ Nämlich Ihr Curſus der Philoſophie,“ erwiedertee der alte Baron, der ſich vor Wuth die Spitze der Finger ernagte und auf ſeinem Groll das ganze Gewicht einer Unterredung laſten ließ, die ihn ſo viel Unterwürfigkeit, ſo viel kleine Feigheiten gekoſtet hatte. 4 „Philoſophie, es mag ſein, mein Herr, das iſt ein ſchönes Wort.“ *„Das von vielen Dingen freiſpricht, nicht wahr, Herr Marſchall?“ „Sie ſind ein ſchlechter Höfling,“ erwiederte Richelieu mit kaltem Lächeln. „Die Leute von meinem Stand ſind nur Höͤflinge 1 —— Æ☛ 2 ☛ B ⸗ R8 . — „Ei! was Ihren Stand betrifft, Herr Rafté, mein 3 täglich in meinen Vor⸗ zimmern, ſprach Richelieu,„und ſie kommen, ich weiß nicht aus welchem Loch der Provinz, wo man unhöflich während man über den Einklang predigt. h Maiſon⸗Rouge, deſſen ſich nicht ſo gut auf den Einklang verſteht, als Vignerot der Spielmann.“ Der Marſchall hatte mehr Geiſt als Taverney. Er konnte ihn zum Fenſter hinauswerfen laſſen, aber er begnügte ſich, die Achſeln zu zucken und zu erwiedern: „Sie ſind noch zu weit zurück, mein Herr aus den Kreuzzügen; Sie ſind erſt ſchein der Parlamente im Jahr 1720, die n - 19 „Wo iſt er, der liebe Herzog?“ Dieſer Mann mit geröthetem Geſicht, mit Augen er⸗ weitert durch die Zufriedenheit, mit Armen gerundet durch das Wohlbehagen, war nicht mehr und nicht weniger als Jean Dubarry. Beim Anblick des Eintretenden wich Taverney vor Erſtaunen und Aerger zurück.. Jean ſah dieſe Geberde, er erkannte dieſen Kopf und wandte den Rücken. „Ich glaube zu verſtehen und entferne mich,“ ſprach ruhig der Baron,„ich laſſe den Herrn Miniſter in voll⸗ kommener Geſellſchaft.“ Und er ging mit edlem Anſtand hinaus. XCI. Entzauberung. Wüthend über dieſen Abgang voll Herausforderung, machte Jean zwei Schritte hinter dem Baron, zuckte aber dann die Achſeln und kehrte zum Marſchall zurück.. „Sie empfangen das in Ihrem Hauſe?“ ſagte er. „Ei! mein Herr, Sie täuſchen ſich, ich jage das im Gegentheil fort.“ „Sie wiſſen, wer dieſer Herr iſt?“ „Leider! ja.“ 3 „Aber wiſſen Sie es auch genau?“ „Es iſt ein Taverney.“ „Es iſt ein Herr, der ſeine Tochter in das Bett des Koͤnigs bringen will.“ „Gehen Sie doch!“ „Ein Herr, der uns ausſtechen will und alle Wege zu dieſem Ende einſchlägt...Ja, doch Jean iſt da, und Jean ſieht klar.“ 4 8 „Sie glauben, er wolle...“ „Nicht wahr, das iſt ſehr ſchwer zu ſehen 2... Partei des Dauphin, mein Lieber... und man hat ſeinen Man hat einen jungen Menſchen, der ganz dazu dreſſirt iſt, den Leuten in die Waden zu beißen, einen Raufer, der Jean, dem armen Jean, Degenſtiche in die „Ihnen 2... Es i*ſt alſo ein perſönlicher Feind von Ihnen, mein lieber Graf?“ fragte Richelieu, der den Er⸗ „Ah! Sie ſehen, we che Sympathie! ich wußte das nicht und ließ ihn mit allen ſeinen Bitten abfahren; nur würde ich ihn, hätte ich es gewußt, nicht abgewieſen, ſon⸗ dern fortgejagt haben... Seien Sie unbeſorgt, Graf, nun iſt dieſer würdige Naufer unter meiner Fauſt, und er ſoll das ſpüren.“ 1 „Ja, Sie koͤnnen machen, daß er den Geſchmack au Angriffen auf der Landſtraße verliert... Doch ich habe Ihnen noch nicht meinen Glückwunſch ausgeſprochen.“— „Ja wohl, Graf; es ſcheint, die Sache iſt definitir entſchieden.“ „Oh! ganz und gar... Erlauben Sie, daß ich Sie umarme?“ „Von ganzem Herzen.“ 8 „Meiner Treue, man hat einen boͤſen Standpunkt gehabt; doch das Böſe iſt nichts, wenn man durchdringt. Sie find zufrieden, nicht wahr?“ „Soll ich offenherzig mit Ihnen ſprechen?... ja, ich glaube, ich werde nützlich ſein können.. 4 3 „Zweifeln Sie nicht daran; doch es iſt ein ſtarker Schlag, und man wird brüllen.“ 3. „Bin ich im Publicum nicht beliebt?“ * nkt 21 „Sie 2... Man iſt weder für Sie noch gegen Sie; er iſt verhaßt.“ „Er 2...“ verſetzte Richelieu erſtaunt;„wer, er?“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Jean.„Oh! die Parla⸗ mente werden ſich empoͤren, das iſt eine Wiederholung der Peitſche von Ludwig XIV.; ſie find gepeitſcht, Herzog, ſie find es!“ „Erklären Sie mir...“ „Das erklärt ſich durch den Haß der Parlamente gegen den Urheber ihrer Verfolgung.“ „Ah! Sie glauben, daß...“ „Ich bin deſſen gewiß, wie ganz Frankreich. Gleich⸗ viel, Herzog, Sie haben ſehr wohl daran gethan, ihn kommen zu laſſen, ſo lange die Luft noch ganz warm war.“ „Wen denn 2... aber wen denn, Graf? Ich ſtehe auf Dornen und begreife nicht ein Wort von dem, was Sie mir da ſagen.“ „Ich ſpreche von Herrn von Aiguillon, von Ihrem Neffen.“ „Nun, hernach?“ „Ich ſage, daß Sie ſehr wohl daran gethan haben, ihn kommen zu laſſen.“ „Ah! ſehr wohl, ſehr wohl... er werde mir helfen, wollen Sie ſagen.“ „Er wird uns Allen helfen... Sie wiſſen, daß er auf’s Beſte mit Jeannette ſteht?“ „Wahrhaftig?“ ⸗ „Auf's Beſte. Sie haben ſchon mit einander geſpro⸗ chen und verſtehen ſich vortrefflich, darauf wette ich.“ „Sie wiſſen das?“ „Das iſt leicht. Jeannette iſt die trägſte Schläferin der Welt.“ „Ah!“ „Und ſie verläßt das Bett nie vor neun Uhr, zehn Uhr oder eilf Uhr.“ „Ja; und dann?“ „Nun, dieſen Morgen in Luciennes war es höchſtens 84 22 ſechs Uhr, als ich den Wagen von Herrn von Aiguillon 3 wegfahren ſah.“ „Um ſechs Uhr!“ rief Richelieu lächelnd. a. „Am Morgen, dieſen Morgen?“ „Am Morgen, dieſen Morgen. Sie können ſich denken, um ſo frühzeitig aufzuſtehen und zu einer ſolchen 3 Stunde Audienz zu geben, muß Jeanne in Ihren theuren Neffen vernarrt ſein.“ „Ja, ja,“ ſagte Richelien, ſich, die Hände reibend; „um ſechs Uhr. Bravo! Aiguillon!“ „Die Audienz muß um fünf Uhr angefangen haben... In der Nacht! das iſt wunderbar!...“ „Das iſt wunderbar!...“ wiederholte der Marſchall. „In der That wunderbar, mein lieber Jean!“ „Und Ihr drei ſeid nun wie Oraſtes, Pilades und noch ein anderer Pilades.“ In dieſem Augenblick, und indeß ſich der Marſchall auf das Freudigſte die Hände rieb, trat Aiguillon in den 1 Salon. 3 Der Neffe verbeugte ſich vor dem Oheim mit einer Miene des Bedauerns, welche für Richelieu genügte, wenn 4 nicht um die Wahrheit zu begreifen, doch wenigſtens um den größeren Theil derſelben zu errathen. Er erbleichte, als ob er eine tödtliche Wunde erhalten hätte: ſogleich kam ihm der Gedanke, daß es bei Hof weder Freunde noch Verwandte gebe, und daß Jeder ſeinen Vortheil an ſich reiße. „Ich war ein großer Dummkopf,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Nun, Herr von Aiguillon?“ fragte er, einen ſchweren Seufzer unterdrückend. 4 „Nun, Herr Marſchall?“ 5 „Das iſt ein ſtarker Schlag für die Parlamente,, ſprach Richelieu, die Worte von Jean wiederholend. Aiguillon erröthete. 1 8 3„Sie wiſſen?“ ſagte er. „Der Herr Graf hat mir Alles mitgetheilt, ſelbſt 23 Ihren Beſuch in Luciennes, an dieſem Morgen vor Tages⸗ anbruch; Ihre Ernennung iſt ein Triumph für meine Familie.“ „Glauben Sie mir, Herr Marſchall, zu meinem ganzen Bedauern.“ „Was Teufels ſagt er da?“ murmelte Jean, die Arme kreuzend. „Wir verſtehen uns,“ unterbrach ihn Richelieu,„wir verſtehen uns.“ „Das iſt etwas Anderes; aber ich, ich verſtehe... Ihr Bedauern nicht; ah! doch, ja, weil er nicht ſogleich als Miniſter anerkannt werden wird. Ja, ja... ſehr „Ah! es wird ein Interim ſtattfinden,“ ſagte der Marſchall, der die Hoffnung, dieſen ewigen Gaſt des Chr⸗ geizigen und des Liebenden, in ſein Herz zurückkehren fühlte. „Ein Interim, ja, Herr Marſchall.“ „Aber mittlerweile,“ rief Jean,„iſt er ſo ziemlich gut bezahlt: das ſchönſte Commando von Verſailles.“ „Ah!“ ſagte Richelieu, von einer neuen Wunde durch⸗ drungen,„ein Commando?“ „Herr Dubarry übertreibt vielleicht,“ ſprach der Her⸗ zog von Aiguillon. „Aber was für ein Commando iſt es denn?“ „Die Chevaurlegers des Königs.“ Richelieu fühlte, wie abermals Bläſſe ſein runzeliges Geſicht überſtrömte. „Ohl ja,“ ſagte er mit einem Lächeln, deſſen Aus⸗ druck nichts zu ſchildern vermöchte,„ja, das iſt ſehr wenig für einen ſo reizenden Mann; doch was wollen Sie, Her⸗ zog, das ſchönſte Mädchen der Welt kann nur geben, was es hat, und wäre es die Geliebte des Königs.“ Jean ſchaute die ſchönen Murillo des Marſchalls an. Nichelieu ſchlug ſeinen Neffen auf die Schulter und fuhr fort: 1 „Zum Glück haben Sie das Verſprechen eines nahe 24 bevorſtehenden Avancement.. Meine Glückwünſche, Her⸗ zog, meine aufrichtigen Glückwünſche... Ihre Gewandt⸗ heit, Ihre Geſchicklichkeit in Unterhandlungen kommen Ihrem Glück gleich... Gott befohlen, ich habe Geſchäfte, vergeſſen Sie mich nicht, ſo lange Sie in Gunſt ſtehen, mein lieber Miniſtter.“ Aiguillon antwortete nur: .„Sie, das bin ich, Herr Marſchall, ich, das ſind Sie. Und er verbeugte ſich vor ſeinem Oheim und ging hinaus, die ihm natürliche Würde behauptend, indem er ſich ſo aus einer der ſchwierigſten Lagen ſeines mit ſo vielen Schwierigkeiten beſäten Lebens herauszog, „Was gut an ihm iſt,“ ſagte Richelien haſtig, als er weggegangen war, zu Jean, der nicht wußte, was er von dem Austauſch von Höflichkeiten zwiſchen Oheim und Neffen halten ſollte,„was bewunderungswürdig an Aiguil⸗ lon iſt, das iſt ſeine Naivetät. Er iſt ein Mann von Geiſt und unſchuldig, er kennt den Hof und iſt ehrlich wie ein junges Mädchen.“ „Und dann liebt er Sie!“ „Wie ein Lamm.“ „Ei! mein Gott!“ rief Jean,„das iſt eher Ihr Sohn, als Herr von Fonſac.“ „Meiner Treue, ja, Graf...“ Während Richelieu dies antwortete, ging er ganz aufgeregt um ſeinen Lehnſtuhl; er ſuchte und fand nicht.“ „Marſchall,“ ſprach Jean voll Schlauheit,„wir Vier werden mit einander das berühmte Bündel des Alterthums bilden; Sie wiſſen das, welches man nicht zerreißen konnte.“ „Wir Vier? Wie ſoll ich das verſtehen, mein lieber Herr Jean?“ „Jeanne die Macht, Aiguillon das Anſehen, Sie den Rath und ich die Wachſamkeit.““ „Sehr gut! ſehr gut!“ „Dann komme man und greife Jeanne an! Ich for⸗ dere Alles und Alle heraus.“ 25 „„Bei Gott!“ rief Richelieu, deſſen Gehirn kochte. „Man ſtelle nun Nebenbuhler entgegen!“ rief Jean, trunken von ſeinen Plänen und ſeinen fiegreichen Ideen. l„Oh!“ ſprach Richelieu, indem er ſich vor den Kopf ſchlug. „Was denn! was ergreift Sie denn, lieber Mar⸗ ſchall?“ „„Nichts, ich finde Ihren Bündnißgedanken vortreff⸗ „Nicht wahr?“ „Und ich trete mit Händen und Füßen in Ihre Mei⸗ nung ein.“ „Bravo!“ „Wohnt Taverney mit ſeiner Tochter in Trianon?“ „Nein, er wohnt in Paris.“ „Iſt ſie ſchön, dieſe Tochter, lieber Graf?“ „Wäre ſie ſchön wie Kleopatra, oder wie... Jeanne, ich fürchte ſie nicht mehr, ſobald wir verbunden ſind.“ „Sie ſagen, Taverney wohne in Paris, in der Rue Saint⸗Honoré, glaube ich?“ lich. „Ich habe nicht geſagt in der Rue Saint⸗Honoré: eer wohnt in der Rue Coq⸗Héron. Haben Sie zufällig eine Idee, um die Taverney zu züchtigen?“ „Ich glaube, ja, Graf, ich glaube, ich habe eine Idee. „Sie ſind ein unvergleichlicher Mann; ich verlaſſe Sie und verſchwinde, um ein wenig zu erfahren, was man in der Stadt ſpricht.“ „Adieu alſo, Graf... Ah! Sie haben mir das neue Miniſterium nicht genannt.“ 8„Oh! Zugvögel: Terray, Bertin, ich weiß nicht mehr wer... Das Interim, bis Herr von Aiguillon, der ver⸗ tagte Miniſter, auftritt.“ DDer es auch vielleicht unbeſtimmte Zeit iſt,“ dachte Niichelien, während er Jean ſein anmuthigſtes Lächeln als Abſchiedsſchmeichelei zuſandte. 3 Jean ging weg. Rafté trat wieder ein. Er hatte . 26 Alles gehört und wußte, wie die Dinge ſtanden: ſein ganzer Verdacht hatte ſich verwirklicht. Er ſagte nicht ein Wort zu ſeinem Herrn, denn er kannte ihn zu gut. 4 Er rief nicht einmal den Kammerdiener, ſondern klei⸗ dete ihn ſelbſt aus und führte ihn zu ſeinem Bett, in das ſich der alte Marſchall alsbald verſenkte, nachdem er eine Pille genommen hatte, die ihn ſein Secretaire verſchlucken ließ. Rafté ſchloß die Vorhänge und ging hinaus. Das Vorzimmer war voll von eifrigen, horchenden Bedienten. Rafté nahm den erſten Kammerdiener beim Arm und ſagte zu ihm: „Pflege wohl den Herrn Marſchall, er leidet. Er hat dieſen Morgen einen heftigen Aerger gehabt; er mußte dem Koͤnig ungehorſam ſein.“ „Dem Koͤnig ungehorſam ſein?“ rief der Kammer⸗ niener erſchrocken. „Ja, Seine Majeſtät ſchickte Monſeigneur ein Porte⸗ feuille; der Marſchall wußte, daß dies durch die Vermitt⸗ lung der Dubarry geſchah, und er ſchlug es aus! Oh! das iſt herrlich, und die Pariſer ſind ihm einen Triumph⸗ bogen ſchuldig; der Schlag war hart und unſer Herr iit krank; pflege ihn wohl!“ Nach dieſen paar Worten, von denen er wußte, wie gewichtig ſie waren, wenn ſie in Umlauf kamen, kehrte Rafté in ſein Cabinet zurück. 3 Eine Viertelſtunde nachher kannte ganz Verſailles das edle Benehmen eund die hochherzige Vaterlandsliebe des Marſchalls, der einen tiefen Schlaf auf der Volksthum⸗ 1 f lichkeit ſchlief, die ihm ſein Secretaire erbaut hatte. —— 27 XCII. Das kle ine Convert des Herrn Dauphin. An demſelben Tag verließ Fräulein von Taverney um drei Uhr ihr Zimmer, um ſich zu der Frau Dauphine zu bchelhn, welche ſich vor der Mittagstafel vorleſen zu laſſen pflegte. Der Abbé, der erſte Vorleſer J. K. H. übte dieſe Function nicht mehr. Er hielt ſich an die höhere Politik, ſeit ge⸗ wiſſen diplomatiſchen Intriguen, bei denen er ein ſchönes Talent für dergleichen Angelegenheiten entwickelt hatte. Fräulein von Taverney verließ ihr Zimmer ziemlich geputzt, um ſich an ihren Poſten zu begeben. Sie mußte, wie alle Gäſte von Trianon, mit den Schwierigkeiten einer etwas ungeſtümen Einquartierung kämpfen. Sie hatte nichts organifirt, weder ihre Bedienung, noch die Aus⸗ ſtattung ihres kleinen Mobiliars, und ſie wurde vorläufig von einer Kammerfrau von Frau von Noailles angeklei⸗ det, von dieſer wunderlichen Dame, welche die Dauphine Madame l'etiquette nannte. Andrée trug ein Kleid von blauer Seide mit langer, ſpitzig zulaufender Taille, wie der Leib einer Spinne; die⸗ ſes Kleid öffnete und theilte ſich vorn, um ein Unterkleid von Mouſſeline mit drei Reihen geſtickter Einſätze ſehen zu laſſen; kurze, ebenfalls geſtickte Aermel von feſtonnirter und von den Schultern übereinandergeſetzter Mouſſeline begleiteten das geſtickte Halstuch, das ſchamhaft den Buſen des Mädchens verbarg. Fräulein Andrée hatte einfach ihre ſchoͤnen Haare mit einem blauen, ihrem Kleide aͤhn⸗ lichen Band aufgeſchlagen; dieſe Haare, welche von ihren Wangen auf ihren Hals und auf ihre Schultern in langen, dicken Locken herabſielen, erhöhten viel mehr als die Federn, die Zitternadeln und die Spitzen, die man damals trug, die ſtolze und zugleich beſcheidene Miene des ſchönen Mäd⸗ chens mit der matten, reinen Geſichtshaut, welche die Schminke nie befleckt hatte. Während ſie ging, ſteckte Andrée in ihre Fäuſtlinge 28 die zarteſten und gerundetſten Finger, die man ſehen konnte, 4 während ſie in den Sand des Gartens die Spitze des hohen Abſatzes ihrer Pantoffeln von zartblauem Atlaß eindrückte. Sie erfuhr, als ſie in den Pavillon von Trianon kam, die Frau Dauphine mache einen Spaziergang mit ihrem Baumeiſter und ihrem Obergärtner. Man hörte 3 jedoch im oberen Stock das Rad der Drehbank ſchwirren, auf der der Herr Dauphin ein Sicherheitsſchloß für eine Lade machen ließ, die er beſonders liebte. Um zu der Dauphine zu gelangen, ging Andrée durch den Blumengarten, wo, trotz der vorgerückten Jahreszeit, bei Nacht ſorgfältig bedeckte Blumen ihr bleiches Haupt emporſtreckten, um die flüchtigen Strahlen einer Sonne einzuſaugen, welche noch bleicher war als ſie. Und da ſchon der Abend anbrach, denn in dieſer Jahreszeit kommt die Nacht um ſechs Uhr, ſo waren Gärtner damit be⸗ ſchäftigt, daß ſie gläſerne Glocken auf vie empfindlichſten Pflanzen jeder Rabatte ſetzten. 5 8 An der Biegung einer Allee von grünen Bäumen, welche, zu Hecken geſchnitten und von bengaliſchen Roſen⸗ ſtöcken begränzt, nach einem ſchönen Raſenſtück ausmünde⸗ ten, erblickte ploͤtzlich Andrée einen von dieſen Gärtnern, der ſich, als er ſie ſah, auf ſeinen Spaten erhob und ſie mit einer gewandteren und verſtändigeren Artigkeit grüßte, als es die Artigkeit des Volkes iſt. 8 Sie ſchaute und erkannte in dieſem Arbeiter Gilbert, ddeeſſen Hände trotz der Arbeit noch weiß genug waren, um Herrn von Taverney zur Verzweiflung zu gereichen. Andrée erröthete unwillkührlich; es kam ihr vor, als wäre die Gegenwart von Gilbert das Reſultat einer ſelt⸗ ſamen Gefälligkeit des Schickſals. 3 Gilbert verdoppelte ſeinen Gruß und Andrée erwie⸗ derte ihn, während ſie ihres Weges ging. Doch ſie war ein zu redliches und zu muthiges Ge⸗ ſchöpf, um einer Bewegung ihres Gemüths zu widerſtehen und eine Frage ihres unruhigen Geiſtes ohne Antwort zu laſſen⸗ 29 Sie wandte ſich um, und Gilbert, der ſchon bleich geworden war und ihr mit finſterem Blicke folgte, kehrte plötzlich wieder zum Leben zurück und machte einen Sprung, um ſich ihr zu nähern. „Sie hier?“ ſagte Andrée mit kaltem Tone. „Ja, mein Fräulein.“ „Durch welchen Zufall?“ „Mein Fräulein, man muß wohl leben und ehrlich leben.“ „Wiſſen Sie, daß Sie Glück haben?“ „Oh! viel, mein Fräulein,“ rief Gilbert. „Wie beliebt?“ „Ich ſage, mein Fräulein, daß ich, wie Sie denken, viel Glück habe.“ „Wer hat Sie hier in den Dienſt gebracht?“ „Herr von Juſſieu, ein Beſchützer von mir.“ „Ah!“ verſetzte Andrée erſtaunt,„Sie kennen Herrn von Juſſieu?“ „Er war der Freund von meinem erſten Beſchützer, von meinem Herrn, von Herrn Rouſſeau.“ 5„Guten Muth, Herr Gilbert,“ ſagte Andrée, die ſich weiter zu gehen anſchickte. „Sie befinden ſich beſſer, mein Fräulein?“ fragte Gilbert mit einer ſo zitternden Stimme, daß man errieth, ſie habe ſich ermüdet auf dem Weg von ſeinem Herzen, von dem ſie jede Vibrirung offenbarte. „Beſſer? Wie ſo?“ ſagte Andrée kalt. „Der Unfall?...“ „Ah! ja...; ich danke, Herr Gilbert, ich befinde mich beſſer, es war nichts.“ „Oh! Sie wären beinahe umgekommen,“ ſprach Gil⸗ bert, im höchſten Maße erſchüttert,„die Gefahr war furchtbar.“ In dieſem Augenblick dachte Andrée, es waͤre wohl Zeit, das Geſpräch mit einem Arbeiter mitten im koͤnig⸗ lichen Park abzukürzen. „Guten Tag, Herr Gilbert,“ ſagte ſie. „Will das Fräulein nicht eine Noſe annehmen?“ fragte Gilbert zitternd und mit Schweiß bedeckt. „Mein Herr,“ entgegnete Andrée,„Sie bieten mir an, was nicht Ihnen gehört.“ Erſtaunt, niedergeſchmettert, erwiederte Gilbert nichts. Er beugte das Haupt, und als ihn Andrée mit einer ge⸗ wiſſen Freude, daß ſie ihre Ueberlegenheit kundgegeben, anſchaute, erhob er ſich wieder, riß einen ganzen blühen⸗ den Zweig von dem ſchönen Roſenſtock ab, und ſing an die Roſen mit einer edlen Kaltblütigkeit zu entblättern, welche ihren Eindruck auf das Mädchen nicht verfehlte. Sie war zu billig und zu gut, um nicht einzuſehen, daß Sie willkührlich einen Niedrigeren beleidigt hatte, dem nur das Verbrechen einer Artigkeit zur Laſt ſiel. Sie ſetzte auch, wie alle ſtolze Menſchen, die ſich eines Unrechts ſchuldig fühlen, ihren Spaziergang fort, ohne ein Wort beizufügen, während vielleicht eine Entſchuldigung oder eine Genugthuung auf ihren Lippen ſchwebte. Gilbert fügte auch kein Wort bei; er warf den Roſen⸗ zweig weg und nahm wieder ſeinen Spaten; doch in ſeiner Natur war der Stolz mit der Liſt verbunden; er bückte ſich, ohne Zweifel, um zu arbeiten, aber auch, um Andrée weggehen zu ſehen, welche an der Biegung einer Allee zurückzuſchauen ſich nicht erwehren konnte. Sie war Weib. Gilbert begnügte ſich mit dieſer Schwäche, um ſich zu ſagen, er habe bei dieſem neuen Streit den Sieg davon getragen.. „Sie iſt weniger ſtark als ich, und ich werde ſie be⸗ herrſchen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Stolz auf ihre Schön⸗ heit, auf ihren Namen, auf ihr wachſendes Glück, anmaßend durch meine Liebe, die ſie vielleicht erräth, iſt ſie nur um ſo wünſchenswerther für den armen Arbeiter, der zittert, wenn er ſie anſchaut. Ohl dieſes Zittern, dieſen eines Mannes unwürdigen Schauer, oh! die Feigheiten, die ſie mich zu begehen zwingt, ſie ſoll ſie eines Tags bezahlen; ich habe genug gearbeitet,“ fügte er bei, nich habe den 1 31 Feind beſiegt. Ich, der ich hätte ſchwächer ſein müſſen, weil ich liebe, ich bin zehnmal ſtärker geweſen.“ Er wiederholte noch einmal dieſe Worte mit einer wilden Freude und mit einer Hand auf ſeiner geſcheiten Stirne, von der er ſeine ſchönen ſchwarzen Haare zurückſtrich; er ſtieß kräftig ſeinen Spaten in die Rabatte, eilte wie ein Reh durch eine Reihe von Cypreſſen und Eibenbäumen, durchſchritt, leiſe wie der Wind, eine Gruppe von Pflan⸗ zen unter Glocken, von denen er, trotz der wüthenden Ge⸗ ſchwindigkeit ſeines Laufes, nicht eine berührte, und ſtellte ſich am Ende der Diagonale auf, die er beſchrieben hatte, um den Weg zu vermeiden, dem Andrée folgte. Hier ſah er ſie in der That abermals nachdenkend und beinahe gedehmüthigt, ihre ſchönen Augen zur Erde niedergeſchlagen, ihre Hand, feucht und träge, ſachte auf ihrem rauſchenden Kleide geſchaukelt; er hörte ſie, hinter den dichten Hagenbuchen verborgen, zweimal ſeufzen, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche. Endlich ging ſie ſo nahe an den Bäumen vorüber, daß Gilbert, ſeinen Arm ausſtreckend, den von Andrée hätte berühren können, wie es ihm ein wahnſinniges, ſchwindelartiges Fieber zu thun rieth. Doch er faltete die Stirne mit einer Bewegung des Willens, die dem Haße glich, legte eine krampfhaft zuſam⸗ mengezogene Hand an ſein Herz und ſagte zu ſich ſelbſt: 3„Abermals feig...“ Dann ſügte er leiſe bei: „Sie iſt auch ſo ſchön!“ Gilbert wäre vielleicht lange in ſeiner Betrachtung verharrt, denn die Allee war ausgedehnt und der Gang oon Andrée ſehr langſam und abgemeſſen; aber dieſe Allee hatte Gegenalleen, aus denen ein Ueberläſtiger hervorkom⸗ men konnte, und der Zufall behandelte Gilbert ſo ſchlimm, daß wirklich ein Ueberläſtiger aus der erſten Seitenallee links, nämlich der Baumgruppe gegenüber, wo ſich Gilbert verborgen hielt, hervorkam. DOdieſer Ueberläſtige ging methodiſchen und abgemeſſe⸗ nen Schrittes einher; er trug den Kopf hoch, hielt ſeinen Hut unter dem rechten Arm und die linke Hand auf dem Degen. Er hatte einen Sammetrock unter einem mit Zobel⸗ pelz gefütterten Mantel und ſtreckte beim Marſchiren ein Bein, das er ſchön, und eine Fußbiege aus, die er hoch beſaß, wie ein Nacemenſch. Dieſer Herr erblickte, während er einherſchritt, Andrée, und die Tournure des Mädchens kam ihm ohne Zweifel angenehm vor, denn er verdoppelte den Schritt, ſchräge einſchneidend, um ſich auf der Linie zu finden, der Andrée folgte, und ſie ſo bald als möglich zu kreuzen. Als Gilbert dieſe Perſon erblickte, ſtieß er unwill⸗ kührlich einen kleinen Schrei aus und entfloh wie eine Amſel, die man unter dem Sumach erſchreckt hat. Dem Ueberläſtigen gelang ſein Manoeuvre; er war ohne Zweifel daran gewoͤhnt, und ehe drei Minuten ver⸗ gingen, ſchritt er Andrée voran, der er drei Minuten zu⸗ vor in ziemlich großer Entfernung gefolgt war. Als Andrée dieſen Schritt hinter dem ihrigen hörte, trat ſie zuerſt ein wenig auf die Seite, um den Mann vorübergehen zu laſſen; als er vorübergegangen war, ſchaute ſie nach ſeiner Seite. Der Herr ſchaute auch und zwar mit allen ſeinen Augen; er blieb ſogar ſtehen, um beſſer zu ſehen, und ſagte ſich umwendend, nachdem er geſehen hatte, mit ganz liebens⸗ würdigem Tone: 8 ſch„Ah! mein Fräulein, ich bitte, wohin laufen Sie ſo ra 2—- Beim Ton dieſer Stimme erhob Andrée den Kopf und ſah dreißig Schritte hinter ſich zwei Officiere von den Garden, welche langſam gingen; ſie ſah unter dem Zobel⸗ pelz desjenigen, welcher ſie angeſprochen hatte, das blaue Band und ſagte ganz bleich, ganz ü leſ unerwartete Zuſammentreffen und die huldvoll brechung, indem ſie ſich tief verbeugte: „Der König!“ „Mein Fräulein,“ fuhr Ludwig XV. näher hinzu⸗ tretend fort,„verzeihen Sie, ich habe ſo ſchlechte Augen, daß ich genöthigt bin, Sie um Ihren Namen zu fragen.“ 5 7 33 „Fräulein von Taverney,“ flüſterte Andrée ſo ver⸗ wirrt, ſo zitternd, daß ſie ſich kaum ſelbſt hörte. „Ah! ah! Sie machen eine glückliche Neiſe in Tria⸗ non, mein Fräulein,“ ſagte der König. „Ich wollte mich zu Ihrer königlichen Hoheit der Frau Dauphine begeben, die mich erwartet,“ erwiederte Andrée, immer mehr zitternd. „Mein Fräulein, ich werde Sie zu ihr geleiten,“ ſagte Ludwig XV.,„denn ich bin im Begriff, meiner Tochter als Landnachbar einen Beſuch zu machen.“ Andrée fühlte es wie eine Wolke über ihr Geſicht hinziehen und in wirbelnden Wellen mit ihrem Blut bis in ihr Herz hinabſteigen. In der That, eine ſolche Ehre für das arme Maädchen, der Arm des Königs, dieſes ſou⸗ veränen Herrn Aller, eine ſo unerwartete, ſo unglaubliche Huld, eine Gunſt, um die ſie ein ganzer Hof beneidet hätte! Sie machte auch eine ſo tiefe und ſo fromm ſchüch⸗ terne Verbeugung, daß der König ſich verbunden glaubte, ſie noch einmal zu grüßen. Fiel es Ludwig XV. ein, ſich Ludwig XIV. zu erinnern, ſo geſchah es ſtets in Fra⸗ gen des Ceremoniels und der Höflichkeit. Dieſe Ueber⸗ lieferungen der Hoͤflichkeit kamen übrigens von ferner her, ſie kamen von Heinrich IV.. Er bot alſo ſeine Hand Andrée, dieſe legte das äußerſte Ende ihrer brennenden Finger auf den Handſchuh des Königs, und Beide ſetzten ihren Gang nach dem Pa⸗ villon fort, wo der König, wie man ihm geſagt hatte, die Dauphine mit ihrem Baumeiſter und mit ihrem Ober⸗ gärtner finden ſollte. Wir können verſichern, daß Ludwig XV., der übrigens nicht gern viel feilſchte, den längſten Weg wählte, um Andrée nach Klein⸗Trianon zu führen. Es iſt eine That⸗ ſache, daß die zwei Officiere, welche hinter ihm gingen, den Irrthum Seiner Majeſtät bemerkten und ſich im Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 3 Stillen darüber beklagten, denn ſie waren leicht gekleidet, und das Wetter wurde kalt. ESie kamen ſpät an, da ſie die Dauphine nicht an dem Punkt fanden, wo man ſie zu finden hoffte; Marie Antoinette war weggegangen, um den Dauphin nicht war⸗ ten zu laſſen, der gern zwiſchen ſechs und ſieben Uhr Abendbrod nahm. Ihre königliche Hoheit traf alſo genau zur beſtimm⸗ ten Stunde ein, und da der Dauphin, der ſehr pünktlich war, ſchon auf der Schwelle des Salon ſtand, um raſcher im Spelſeſaal zu ſein, wenn der Haushofmeiſter erſcheinen würde, ſo warf die Dauphine ihren Mantel einer Kammerfrau zu, nahm heiter den Arm des Dauphin und zog ihn in den Speiſeſaal. ſull Die Tafel war für die zwei erhabenen Wirthe be⸗ ellt. Sie nahmen jedes die Mitte des Tiſches ein und ließen ſo das obere Ende frei, das man ſeit gewiſſen Ueberraſchungen des Königs nie mehr beſetzte, ſogar nicht einmal mehr bei einer Tafel voll von Gäſten. An dieſem oberen Ende nahm das Couvert des Königs, mit ſeinem Tafelbeſteck, einen großen Raum in Anſpruch, aber der Haushofmeiſter, der nicht mehr auf dieſen Gaſt rechnete, ſervirte von dieſ 3 Hinter dem Stuhl der Dauphine, digen Raum, daß die Bedienten kreiſen ihrer ganzen Steifheit Frau vo Alles, was man a bei Gelegenheit eine men hatte. Bei Frau von Noailles waren die anderen Damen, denen ihre Stellung bei Hofe das Recht einräumte oder die Gunſt gewährte, dem Abendbrod Ihrer königlichen Hoheiten beizuwohnen. 3 . Dreimal in der Woche ſpeiſte Frau von Noailles an derſelban Tafel mit dem Herrn Dauphin und der Frat ——— apbgemattet war, veränderte er den Text und ſetzte 3⁵ Dauphine. Doch an den Tagen, wo ſie nicht hier ſpeiſte, hätte ſie ſich wohl gehütet, dem Abendbrod nicht beizu⸗ wohnen: es war dies zugleich ein Mittel gegen die Aus⸗ ſchließung an vier Tagen von ſieben zu proteſtiren. Der Herzogin von Noallles gegenüber hielt ſich auf Kie ungefähr gleichen Stufe der Herr Herzog von Ri⸗ elieu. Auch er war ein ſtrenger Beobachter des Wohlan⸗ ſtands, nur blieb ſeine Etiquette allen Augen nſichtbar da ſie ſich beſtändig unter der vollkommenſten Eléganz und zuweilen ſogar unter dem feinſten Spott verbarg. Aus dieſem Gegenſatz zwiſchen dem Kammerherrn und der erſten Ehrendame Ihrer königlichen Hoheit der Frau Dauphine ging hervor, daß das Geſpräch, immer⸗ während von Frau von Noallles verlaſſen, unabläſſig von Herrn von Richelieu wieder aufgenommen wurde. Der Marſchall hatte alle Höfe Europas beſucht und bei jedem derſelben den Ton der Eleganz angenommen, der ſich am beſten für ſeine Natur eignete, ſo daß er, be⸗ wunderungswürdig in Takt und Schicklichkeitsgefühl, zu⸗ gleich alle Anekdoten kannte, die ſich an der Tafel junger Infanten und beim kleinen Abendbrod von Madame Du⸗ barry erzählen ließen. Er bemerkte an dieſem Abend, daß die Dauphine mit Appeti ſpeiſte und daß der Dauphin ſchlang. Er dachte, ſie würden ihm beim Geſpräch nicht Widerpart halten, und man könne ganz wohl Frau von Noailles eine Stunde vorempfangenen Fegefeuers zubringen laſſen. Er fing an von Philoſophie, von Theater zu ſprechen, ein doppelter Gegenſtand der Converſation, der der ehr⸗ würdigen Herzogin doppelt widerwärtig waͤur. Er erzählte die Veranlaſſung von einem der letzten philantropiſchen Einfälle des Philoſophen von Ferney, wie man damals ſchon den Verfaſſer der Henriade nannte, und als er ſah, daß die Herzogin gehörig 36 2 1 4. Alles auseinander, was er in ſeiner Eigenſchaft als Kam: merherr Stachelndes hatte, um die gewohnlichen Damen Komöͤdiantinnen des Königs mehr oder minder ſchlecht ſpielen zu laſſen. Die Dauphine liebte die Künſte, ſie hatte ein voll⸗ ſtändiges Coſtume der Klytemneſtra Mademoiſelle Rancourt geſchickt; ſie hörte alſo Herrn von Richelieu nicht nur 1 mit Nachſicht, ſondern ſogar mit Vergnügen an. Da ſah man, wie die arme Ehrendame mit Hintan⸗ ſetzung der Etiquette ſich heftig auf ihrer Stufe geberdete, ſich laut ſchneuzte und ihr erhabenes Haupt ſchüttelte, ohne an die Puderwolke zu denken, welche bei jeder ihrer Bewegungen ihre Stirne umhüllte, wie bei jedem Stoß des Nordoſtwinds eine Schneewolke den Gipfel des Mont⸗ blanc umhüllt. Doch es war nicht Alles damit gethan, daß man die Frau Dauphine beluſtigte, man mußte auch dem Herrn Dauphin gefallen. Richelieu verließ alſo die Frage des Theaters, für welche der Erbe der Krone Frankreichs nie eine große Sympathie gehabt hatte, um von humanitärer Philoſophie zu ſprechen. Er offenbarte in Beziehung auf die Engländer die ganze Wärme, welche Rouſſeau wie ein lebendiges Fluidum auf die Perſon von Eduard Bomſton wirft. Frau von Noailles haßte aber die Engländer ebenſo ſehr als die Philoſophen. 3 1 Ein neuer Gedanke war eine Anſtrengung für ſie, und eine Anſtrengung ſtorte die Oekonomie ihrer ganzen Perſon; Frau von Noailles, welche ſich zur Erhaltung geſchaffen füh te, heulte bei den neuen Gedanken wie die Hunde bei der Masken. 3. Richelieu hatte einen doppelten Zweck, indem er dieſes Spiel ſpielte: er folterte Madame l'etiquette, was der Frau Dauphine ein merkliches Vergnügen bereitete, und fand da und dort einige tugendhafte Lehrſprüche, einige Ariome aus der Mathematik, welche vom Herrn Dauphin, 37 einem Prinzen, der die eracten Dinge liebte, freudig auf⸗ genommen wurden. „Er machte alſo vortrefflich ſeinen Hof, wobei er mit allen ſeinen Augen Jemand ſuchte, den er hier zu ſehen hoffte, den er aber nicht fand, als ein Ruf unten von der Treppe in bas ſonore Gewölbe aufſtieg und von zwei ande⸗ ren Stimmen zuerſt auf dem Ruheplatz und dann auf der Treppe ſelbſt wiederholt wurde.. „Der Köͤnig!“. Bei dieſem magiſchen Wort erhob ſich Frau von Noailles, als ob eine Stahlfeder ſie von ihrer Stufe auf⸗ geſchnellt hätte. Richelieu ſtand langſam auf, der Dau⸗ phin wiſchte ſich haſtig den Mund mit ſeiner Serviette ab und ſtellte ſich vor ſeinen Platz, das Geſicht nach der Thüre gewendet. Die Frau Dauphine eilte dem König auf die Treppe entgegen, um ihm die Honneurs des Hauſes zu machen. XCIII. Die Haare der Königin. Der König hielt Fräulein von Taverney noch bei der Hand, als er auf den Ruheplatz kam, und erſt auf dieſem Platz grüßte er ſie ſo artig, ſo lang, daß Richelieu Zeit hatte, den Gruß zu ſehen, das Huldvolle deſſelben zu be⸗ wundern und ſich zu fragen, an welche g klahe Sterb⸗ liche er wohl gerichtet geweſen. Seine Unwiſſenhenheit dauerte nicht lange. Lud⸗ wig XV. nahm den Arm der Dauphine, welche Alles ge⸗ ſehen und Andrée ſchon vollkommen erkannt hatte. „Meine Tochter,“ ſagte er,„ich komme ohne Umſtände und bitte Sie um Abendbrod. Ich habe den ganzen Park durchwandert und unter Weges Fräulein von Taverney getroffen, die ich mir Geſellſchaft zu leiſten bat.“ .„Fräulein von Taverney,“ murmelte Richelieu beinahe betäubt durch dieſen unvorhergeſehenen Schlag...„Bei meiner Treue! ich habe zu viel Glück 16 „Somit,“ ſagte anmuthreich die Dauphine,„ſomit werde ich dem Fräulein, das der Saumſeligkeit ſchuldig war, nicht nur keine Vorwürfe machen, ſondern ich werde ihm danken, daß es uns Eure Majeſtät gebracht Hat.“ Roth wie eine von den ſchoͤnen Kirſchen, welche mitten unter Blumen den Tafelaufſatz verzierten, verbeugte ſich Andrée, ohne zu antworten. 5 „Teufel! Teufel! ſie iſt in der That ſchön,“ ſprach Richelten zu ſich ſelbſt;„und der alte Burſche, der Ta⸗ verney, hat nicht mehr von ihr geſagt, als ſie verdient.“ Schhon ſaß der König bei Tiſche, nachdem er die Begrüßung des Herrn Dauphin entgegengenommen hatte. Wie ſein Großvater mit einem gefälligen Appetit ausge⸗ rüſtet, machte der Monarch dem improviſirten Mahl, das der Haushofmeiſter wie durch Zauber vor ihm aufſtellte, alle Ehre.: Doch während der König, der der Thüre den Rücken zuwandte, ſpeiſte, ſchien er irgend etwas, oder vielmehr irgend Jemand zu ſuchen.— Fräulein von Taverney, welche kein Vorrecht genoß, da ihre Stellung bei der Frau Dauphine noch nicht feſt beſtimmt, war nicht in den Speiſeſaal eingetreten und hatte ſich nach einer tiefen Verbeugung in Erwiederung der des Königs in das Zimmer der Frau Dauphine begeben, welche ſich von ihr ſchon einige Male, ehe ſie ſich zu Bett begeben, hatte vorleſen laſſen. 4 Die Frau Dauphine begriff, daß es ſeine ſchöne Reiſegefährtin war, was der Blick des Königs ſuchte. „Herr von Coigny,“ ſagte ſie zu einem jungen Officier von den Garden, der hinter dem Koͤnig ſtand, „ich bitte Sie, laſſen Sie, mit der Erlaubniß von Frau 39 von Noailles, Fräulein von Taverney eintreten; wir wollen heute Abend von der Etiquette abgehen.“ Herr von Coigny ging hinaus und kam einen Augen⸗ blick nachher mit Andree zurück, welche dieſe Reihenfolge ungewöhnlicher Gunſtbezeugungen nicht begreifen konnte und ganz zitternd eintrat. „Nehmen Sie Ihren Platz hier, mein Fräulein,“ ſagte die Dauphine,„neben der Frau Herzogin.“& f be ſtieg ſchüchtern auf die Stufe Nfie war ſo verwirrt, daß ſie die Keckheit hatte, ſich auf nur einen Fuß von der Chrendame zu ſetzen. Sie bekam auch einen ſo niederſchmetternden Blick von dieſer, daß die Arme, als wäre ſie mit einer ſtark ge⸗ ladenen Leydner Flaſche in Berührung geſetzt worden, mindeſtens vier Fuß zurückwich. 3 König Ludwig XV. ſchaute ſie an und lächelte. „Ah!“ dachte der Herzog von Richelieu,„ich brauche mir kaum die Mühe zu machen, mich darein zu miſchen, die Dinge gehen beinahe von ſelbſt ihren Gang.“ Der Koͤnig wandte ſich um und erblickte den Mar⸗ ſchall, der ganz bereit war, dieſen Blick auszuhalten. „Guten Abend, Herr Herzog,“ ſagte Ludwig XV., „führen Sie eine friedliche Ehe mit Frau von Noailles?“ „Sire,“ ewiederte der Marſchall,„die Frau. Her⸗ zogin erweiſt mir immer die Ehre, mich wie einen un⸗ beſonnenen Burſchen zu mißhandeln.“ „Sind Sie auch auf der Straße nach Chanteloup geweſen, Herzog?“ „ Ich, Sire! meiner Treue, nein, hiezu bin ich zu glücklich durch die Güte Eurer Majeſtät für mein Haus.“ Der Koͤnig erwartete dieſen Schlag nicht; er ſchickte ſich an, zu ſpotten, man kam ihm entgegen. „Was habe ich denn gethan, Herzog?“ „Sire, Eure Majeſtät hat das Commando ihrer Chevaurlegers dem Herrn Herzog von Aiguillon über⸗ tragen.“ 1 „Ja, das iſt wahr, Herzog.“ aa eue e au⸗ „Und hiezu bedurfte es der ganzen Energie, der ganzen Gewandtheit Eurer Majeſtät, denn es iſt beinahe ein Staatsſtreich.“. Man war am Ende des Mahls; der König wartete einen Augenblick und ſtand von der Tafel auf. 4 Das Geſpräch hätte ihn in Verlegenheit bringen können, aber Richelieu war eniſchloſſen, ſeine Beute nicht loszulaſſen. Als ſich der König in eine Plauderei mit der Dauphine, Frau von Noailles und Fräulein von Baverney einließ, manoeuvrirte Richelien ſo geſchickt, daß er ſich bald wieder im Mittelpunkt der Converſation fand, die er nach ſeinem Belieben lenkte. „Sire,“ ſprach der Herzog,„Eure Majeſtät weiß, daß die glücklichen Erfolge kühn machen.“ „Wollen Sie uns damit ſagen, Sie ſeien kühn, Herzog?“ „Nein, ich will Cure Majeſtät um eine neue Gnade bitten, nach der, welche mir der König zu erweiſen geruht hat; einer meiner Freunde, ein alter Diener Eurer Ma⸗ jeſtät, hat einen Sohn bei den Gendarmen. Der junge Mann iſt voll Verdienſt, aber arm. Er hat von einer erhabenen Prinzeſſin ein Kapitänspatent erhalten, doch es fehlt ihm eine Compagnie.“ „Die Prinzeſſin iſt meine Tochter?“ fragte der König ſich gegen die Dauphine umwendend. „Ja, Sire,“ erwiederte Richelieu,„und der Vater dieſes jungen Mannes heißt Baron von Taverney.“ „Mein Vater!“ rief Andrée unwillkührlich,„Philippgp für Philipp, Herr Herzog, bitten Sie um eine Compagnie?“? Dann ſich ſchämend, daß ſie ſo die Etiquette ver⸗ geſſen, machte Andrée einen Schritt rückwärts, mit Purpur übergoſſen und die Hände gefaltet.. 4 Der Koͤnig wandte ſich, um die Röthe, die Erſchüt⸗ terung des ſchönen Mädchens zu bewundern; er kehrte auch zu Richelien mit einem wohlwollenden Blick zurück, der den Höfling belehrte, wie angenehm ſein Geſuch war, der Gelegenheit wegen, die es bot., — 41 „ In der That,“ ſagte die Dauphine,„dieſer junge Mann iſt reizend, und ich hatte die Verbindlichkeit über⸗ nommen, ſein Glück zu machen... Wie unglücklich ſind doch die Fürſten,... wenn Gott ihnen den Willen gibt, ſo benimmt er ihnen das Gedächtniß oder die Ueberlegung; mußte ich nicht bedenken, daß dieſer junge Mann arm, daß es nicht genug war, ihm die Epaulette zu geben, daß man ihm auch die Compagnie geben muß.“ „Ei! Madame, wie hätte Eure Hoheit das wiſſen ſollen?“ „Oh! ich wußte es,“ ſagte raſch die Dauphine mit einer Geberde, welche Andrée an das ſo kahle, ſo be⸗ ſcheidene und dennoch ſo glückliche Haus ihrer Kindheit erinnerte;„ja, ich wußte es und glaubte Alles dadurch gethan zu haben, daß ich Herrn Philipp von Taverney einen Grad gab... Nicht wahr, er heißt Philipp, mein Fräulein?“— 8.„Ja, Madame.“ Der König ſchaute alle dieſe ſo edlen, ſo offenen Ge⸗ ſichter an; dann heftete er ſeinen Blick auf das von Ri⸗ chelieu, der ſich auch mit einem Refler von Edelmuth be⸗ leuchtete, den er ohne Zweifel von ſeiner erhabenen Nach⸗ barin entlehnte. 9. „Ah! Herzog,“ ſagte er mit halber Stimme,„ich werde mich mit Luciennes entzweien.“ Dann fügte er lebhaft gegen Andrée bei: „Sagen Sie, es mache Ihnen Vergnügen, mein Fräulein.“ „Ah! Sire,“ ſprach Andrée, die Hände faltend,„ich flehe Sie an.“ „Bewilligt,“ ſagte Ludwig XV.;„Sie wählen eine Compagnie für den armen jungen Mann, Herzog, und ich gebe die Mittel, wenn ſie nicht ſchon ganz bezahlt und ganz vacant iſt.“ Ddieſe gute Handlung erfreute alle Anweſenden: ſie trug dem König ein himmliſches Lächeln von Andrée, ſie trug Richelieun einen Dank von dieſem ſchönen Mund ein, 42 von dem er in ſeiner Jugend, eitel und habgierig, wie er war, noch mehr verlangt hätte. Es kamen hinter einander mehrere Beſuche; unter ihnen der Cardinal von Rohan, der, ſeitdem die Dauphine in Trianon wohnte, beſtändig hier ſeinen Hof machte. Aber der König hatte den ganzen Abend hindurch nur Rückſichten und angenehme Worte für Richelieu. Er ließ ſich ſogar von ihm begleiten, als er von der Dau⸗ phine Abſchied nahm, um nach ſeinem Trianon zurückzu⸗ kehren. Der alte Marſchall folgte dem König bebend vor Freude. 3 Während Seine Majeſtät mit dem Herzog und ſeinen zwei Offieteren durch die düſteren Alleen wanderte, welche nach dem Palaſt ausmündeten, wurde Andrée von der Dauphine entlaſſen..* 3„Sie müſſen dieſe gute Kunde nach Paris ſchreiben und können ſich zurückziehen, mein Fräulein,“ ſagte die Prinzeſſin. B. Und einen Bedienten voran, der eine Laterne 360 ging das Mädchen über die Esplanade von hundert Schritten, welche Trianon von den Communs trennt. 3 Vor ihr ſprang von Gebüſch zu Gebüſch im Blätter⸗ mk ein Schatten, der jeder Bewegung des Mädchens mit funkelnden Augen folgte: dies war Gilbert. Als Andrée die Freitreppe erreicht hatte und die ſtei⸗ nernen Stufen hinaufzuſteigen anfing, kehrte der Bediente in die Vorzimmer von Trianon zurück. Gilbert ſchlüpfte ſeinerſeits nun auch in das Vor⸗ haus, kam in die Höfe der Stallungen⸗ und kletterte auf einer kleinen Treppe, ſo ſteil wie eine Leiter, in ſeine Manſarde hinauf, welche gegenüber den Fenſtern des Zimmers von André: in einer Ecke der Gebäude lag. Er ſah, wie Andrée eine Kammerjungfer von Frau Noailles, welche ihr Zimmer in demſelben Gange hatte, rief. Als aber dieſes Mädchen bei Andrée eintrat, ſielen die Fenſtervorhänge wie ein undurchdringlicher Schleier 1 —yyÿ44— 43 zwiſchen die glühenden Wünſche des jungen Mannes und den Gegenſtand ſeiner Gedanken. Im Pallaſt blieb nur noch Herr von Rohan, der ſeine Galanterie bei der Frau Dauphine verdoppelte, die ihn aber ziemlich kalt behandelte. Der Prälat befürchtete am Ende unbeſcheiden zu ſein, um ſo mehr, als ſich der Herr Dauphin ſchon zurückge⸗ zogen hatte. Er verabſchiedete ſich alſo von Ihrer könig⸗ lichen Hoheit mit den Merkmalen der tiefſten und zarteſten CEhrfurcht. In dem Augenblick, wo er in ſeine Carroſſe ſtieg, näherte ſich ihm eine Kammerfrau der Dauphine und trat beinahe bis in den Wagen. „Hier,“ ſagte ſie und ſteckte dem Prälaten ein ſei⸗ denes Papierchen in die Hand, deſſen Berührung ihn ſchauern machte. „Hier,“ erwiederte der Cardinal und legte in die Hand dieſer Frau eine ſchwere Börſe, welche leer eine anſtändige Belohnung geweſen wäre. Ohne Zeit zu verlieren, befahl der Cardinal dem Kutſcher, nach Paris zu fahren und an der Barriére neue Befehle einzuholen. Auf dem ganzen Weg befühlte und küßte er in der Dunkelheit des Wagens wie ein trunkener Verliebter, den Inhalt des Papieres. 4 3 Sobald er an der Barrisre war, rief er: „Rue Saint⸗Claude.“ Bald durchſchritt er den geheimnißvollen Hof und fand den kleinen Salon wieder, wo ſich Fritz, der Ein⸗ führer mit den ſchweigſamen Manieren, aufhielt. Balſamo ließ eine Viertelſtunde auf ſich warten und gab dem Cardinal als Grund ſeines Zöͤgerns die vorge⸗ rückte Stunde an, die ihm zu glauben geſtattete, es würde kein Beſuch mehr zu ihm kommen. Es war in der That beinahe zwölf Uhr. 1„Das iſt wahr, Herr Baron,“ ſagte der Cardinal, „und ich bitte um Vergebung, daß ich Sie ſo ſtöre. Doch 68 8 44 erinnern Sie ſich, mir eines Tags geſagt zu haben, um gewiſſer Geheimniſſe ſicher zu ſein.. 4 „Bedürfe ich der Haare von der Perſon, von der wir damals ſprachen,“ unterbrach ihn Balſamo, der ſchon das Papierchen in den Händen des naiven Prälaten ge⸗ ſehen hatte. „Ganz richtig, Herr Baron.“ „Und Sie bringen dieſe Haare, Monſeigneur?“ „Hier ſind ſie. Glauben Sie, daß man ſie nach dem Experiment wieder bekommen könnte?“ „Wenn nicht das Feuer nöthig wäre, in welchem „Allerdings, allerdings,“ ſagte der Cardinal;„ich werde mir andere zu verſchaffen wiſſen. Kann ich eine Aufloͤſung haben?“ „Heute?“ Sie wiſſen, ich bin ungeduldig.“ „Man muß es zuerſt verſuchen, Monſeigneur.“ Baſann nahm die Haare und ſtieg haſtig zu Lorenza hinauf. „Ich werde alſo das Geheimniß dieſer Monarchie erfahren,“ ſagte er auf dem Wege zu ſich ſelbſt,„ich werde alſo den verborgenen Plan Gottes erfahren 1 Er ſchläferte von der andern Seite der Wand, ohne nur die geheimnißvolle Thüre geöffnet zu haben, Lorenza ein. Die junge Frau empfing ihn daher mit einer zärt⸗ lichen Umarmung. 4 Balſamo entriß ſich mühſam ihren Armen. Es wäre ſchwierig zu ſagen geweſen, was dem armen Baron ſchmerzlicher war, die Vorwürfe der ſchoͤnen Italienerin, wenn ſie wachte, oder ihre Liebkoſungen, wenn ſie ſchlief. Endlich, als es ihm gelungen war, die Kette zu lö⸗ ſen, welche die ſchönen Arme der jungen Frau um ſeinen Hals geſchlungen hatten, ſprach er, indem er ihr das Papier in die Hand ſteckte: „Meine theure Lorenza, kannſt Du mir ſagen, vo wem dieſe Haare ſind?“ 2* * 1 7 1 45 Lorenza nahm ſie, legte ſie auf ihre Bruſt und ſo⸗ dann auf ihre Stirne; obgleich ihre beiden Augen offen waren, ſah ſie während ihres Schlafes durch die Bruſt und durch die Stirne. „Oh!“ ſprach ſie,„es iſt eine erhabene Perſon, von der man ſie entwendet hat.“ „Nicht wahr... Sage, eine glückliche Perſon?“ „Sie kann es ſein.“ „Suche wohl, Lorenza.“ „Ja, ſie kann es ſein; es ruht noch kein Schatten auf ihrem Leben.“ „Sie iſt jedoch verheirathet?“ „Oh!“ machte Lorenza mit einem ſüßen Lächeln. „Nun! was? was will meine Lorenza damit ſagen?“ „Sie iſt verheirathet, lieber Balſamo,“ fügte die junge Frau bei,„und dennoch...“ „Und dennoch...“ „Und dennoch?...“ Lorenza lächelte abermals. „Ich bin auch verheirathet,“ ſagte ſie. „Allerdings.“ „Und dennoch..“ Balſamo ſchaute Lorenza mit tiefem Erſtaunen an; trotz des Schlafes der jungen Frau, breitete ſich eine ſchamhafte Röthe über ihrem Antlitz aus. „Und dennoch?“ wiederholte Balſamo,„vollende.“ Sie ſchlang abermals ihre Arme um den Hals ihres Geliebten und ſprach, ihr Geſicht an ſeiner Bruſt ver⸗ bergend: „Und dennoch bin ich Jungfrau.“ „Und dieſe Frau, dieſe Prinzeſſin, dieſe Koͤnigin,“ rief Balſamo,„obgleich verheirathet?“ „Dieſe Frau, dieſe Prinzeſſin, dieſe Königin,“ wie⸗ derholte Lorenza,„iſt eben ſo rein und jungfräulich als ich; Peher und jungfräulicher ſogar, denn ſie liebt nicht wie ich. 46 „Oh! Verhängniß!“ murmelte Balſamo.„Ich danke, Lorenza, ich weiß Alles, was ich wiſſen wollte.“ Er küßte ſie, ſteckte die Haare vorſichtig in ſeine Taſche, ſchnitt Lorenza ein kleines Büſchel von ihren ſchwarzen Haaren ab, verbrannte es am Licht und ſam⸗ melte die Aſche in dem Papier, in welchem die Haare der Dauphine enthalten geweſen waren. Dann ſtieg er wieder hinab und weckte, während er ging, die junge Frau auf. Ganz zitternd vor Ungeduld, wartete, zweifelte der Prälat. „Nun! Herr Baron?“ ſagte er. „Nun! Monſeigneur.“ „Das Orakel?“ „Das Orakel hat geſagt, Sie könnten hoffen.“ „Es hat dies geſagt?“ rief der Prinz entzückt. „Schließen Sie wenigſtens, wie es Ihnen beliebt, Monſeigneur, da das Orakel geſagt hat, dieſe Frau liebe ihren Gemahl nicht.“ „Oh!“ machte Herr von Rohan freudetrunken. „Was die Haare betrifft, ſo mußte ich ſie verbrennen um die Offenbarung durch die Eſſenz zu erhalten; hier iſt die Aſche, die ich Ihnen gewiſſenhaft zurückgebe, nachdem ich ſie geſammelt, als ob jedes Theilchen eine Million werth wäre.“ 3 „Ich danke, mein Herr, ich danke, nie werde ich mich meiner Schuld gegen ſie entledigen können.“ „Sprechen wir nicht hievon, Monſeigneur; ich em⸗ pfehle Ihnen nur Eines, verſchlucken Sie die Aſche nicht im Wein, wie es zuweilen die Verliebten thun, das iſt eine ſo gefährliche Sympathie, daß Ihre Liebe unheilbar würde, während das Herz der Liebenden erkaltete.“ „Ah! ich werde mich wohl hüten,“ rief der Präla beinahe erſchrocken.„Gute Nacht, Herr Baron, gut Nacht.“ Zwanzig Minuten nachher kreuzte der Wagen Se ner Eminenz an der Ecke der Rue des Petits⸗Champ de Wagen von Herrn von Richelieu, den er beinahe in eines von den ungeheuren Löcher geworfen hätte, welche durch die Erbauung eines Hauſes ausgehöhlt worden waren. Die beiden Herren erkannten ſich. „Ei! Prinz!“ rief Richelieu mit einem Lächeln. -.„Ei! Herzog!“ erwiederte Herr Louis von Nohan einen Finger auf den Mund legend. Und ſie fuhren in entgegengeſetzter Richtung weiter. r—— XCIV. Herr von Richelien ſchätzt Nicole. 1 Herr von Richelieu begab ſich geraden Wegs nach c dem kleinen Hotel von Herrn von Taverney in der Rue Coq⸗Héron. Vermoͤge des Privilegiums, das wir auf halbe Rech⸗ . nung mit dem hinkenden Teufel beſitzen, und das uns die ſt Leichtigkeit gibt, in jedes geſchloſſene Haus einzudringen, wiſſen wir vor Herrn von Richelieu, daß der Baron vor 1 ſſeinem Kamin, die Füße auf ungeheuren Feuerboͤcken, unter denen ein Ueberreſt von Gluth hinſtarb, Nicole predigte, h wobei er ſie zuweilen am Kinn nahm, obgleich das Mäd⸗ chen immer wieder auf eine rebelliſche und verächtliche ⸗ Weieeſſe das Geſicht verzog. 5 t„Nicole würde ſich in die Liebkoſung ohne die Predigt ſt gefügt haben, oder ſie hätte vielmehr die Predigt ohne r Liebkoſung vorgezogen, was wir nicht genau zu behaupten vermögen. 8 Das Geſpräch drehte ſich zwiſchen dem Hertn und der Dienerin um einen wichtigen Punkt, nämlich darum, daß Nicole zu gewiſſen Stunden des Abends nie pünkt⸗ lich beim Läuten der Glocke kam, daß ſie immer etwas im Garten oder im Treibhaus zu thun hatte, und daß ſie 48 ſer zwei Orte, den Dienſt ſchlecht überall, mit Ausnahme die verſah. Worauf Nicole, ſich mit einer ganz reizenden, ganz wollüſtigen Anmuth hin und herdrehend, erwiederte: „Schlimm genug!... ich langweile mich hier: man hatte mir verſprochen, ich dürfe mit dem Fräulein nach Trianon gehen.“ Hierauf hatte ihr Herr von Taverney freundlich das Kinn und die Wangen ſtreicheln zu müſſen geglaubt, ohne Zweifel, um ſie zu zerſtreuen. Nicole aber verfolgte ihr Thema, wies jeden Troſt und beklagte ihr unglückliches Schickſal. „Es iſt wahr ¹“ ſeufzte ſie,„ich bin zwiſchen vier abſcheulichen Wänden, ich habe keine Geſellſchaft, ich habe beinahe keine Luft, es war mir eine Ausſicht auf Unterhaltung und auf eine Zukunft eröffnet.“ Was denn?“ ſagte der Baron. „Trianon!“ erwiederte Nicole;„Trianon, wo ich Welt geſehen, wo ich Luxus geſehen, wo ich angeſchaut haͤtte und angeſchaut worden wäre.“ „Ohl oh! kleine Nicole,“ rief der Baron. „Ei! mein Herr, ich bin Weib und ſo viel werth als eine Andere.“— „Bei Gott! das nenne ich ſprechen,“ ſagte halblaut der Baron.„Das lebt, das rührt ſich, oh! wenn ich jung, wenn ich reich wäre!“ und er konnte ſich nicht enthalten, einen Blick der Bewunderung und der Gierde auf ſo viel Jugend, Saſt und Schönheit zu werfen. Nicole träumte und wurde zuweilen ungeduldig. „Vorwärts, gnädiger Herr,“ ſagte ſie,„gehen Sie zu Bette, daß ich mich auch niederlegen kann.“ „Noch ein Wort, Nicole.“. Plötzlich machte die Klingel der Hausthüre Taverney beben und Nicole aufſpringen. „Wer kann noch um halb zwoͤlf Uhr Abends korn men?“ ſagte der Baron;„ſieh nach, meine Kleine.“ zurück 49 Nicole öffnete, fragte nach dem Namen des Beſuches und ließ die Hausthüre angelehnt. Durch dieſe Oeffnung entſchlüpfte ein Schatten, der vom Hof kam, nicht ohne hinreichend Lärmen zu machen, daß der Marſchall denn er war es ſich umwandte und die Flucht ſah. Nicole ging ihm, die Kerze in der Hand und mit ganz ſtrahlendem Geſicht voran. „Halt! halt! halt!“ ſagte der Marſchall, der ihr lächelnd in den Salon folgte,„dieſer alte Schelm von einem Taverney, ſprach nur von ſeiner Tochter.“ Der Herzog war einer von den Menſchen, welche nicht zweimal zu ſchauen brauchen, um geſehen, und zwar vollſtändig geſehen zu haben. Der entfliehende Schatten machte, daß er an Nicole, daß Nicole an den Schatten dachte. Er verrieth aus dem hübſchen Geſichte von dieſer, was der Schatten hier gemacht hatte, und ſobald er das ſo boshafte Auge, die ſo weißen Zähne und den ſo feinen Wuchs der Sou⸗ brette geſehen hatte, brauchte er nichts mehr über ihren Charakter und ihren Geſchmack zu erfahren. Nicole meldete nicht ohne Herzklopfen beim Eingang des Salon: „Der Herr Herzog von Nichelieu!“ Dieſer Name war beſtimmt, an dieſem Abend Sen⸗ fation zu machen. Er brachte auch eine ſolche Wirkung auf den Baron hervor, daß er ſich aus ſeinem Lehnſtuhl erhob und gerade auf die Thüre zuging, ohne ſeinem Ohr glauben zu können. Doch ehe er die Thüre erreicht hatte, erblickte er Herrn von Richelieu im Halbſchatten der Hausflur. „Der Herzog!...“ ſtammelte er. „Ja, theurer Freund, der Herzog ſelbſt,“ erwiederte Nichelien mit ſeinem liebenswürdigſten Tone.„Oh! das ſetzt Dich in Erſtaunen, nach dem Beſuch von neulich. 4 Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 50 Und dennoch kann nichts wahrer ſein. Gib mir nun die Hand, wenn es Dir beliebt.“ „Herr Herzog, Sie überhäufen mich... „Du biſt nicht vernünftig, mein Lieber ,“ ſagte der alte Marſchall, während er ſeinen Hut und ſeinen Stock Nicole reichte, um ſich bequemer in ein Fauteuil nieder⸗ laſſen zu können,„Du faſelſt, Du machſt ungereimtes Zeug; es ſcheint, Du kennſt Deine Welt nicht mehr.“ „Mir ſcheint,“ entgegnete Taverney ſehr bewegt, „Dein Empfang neulich war ſo bezeichnend, daß man ſich nicht darin täuſchen konnte.“ „Höre, mein alter Freund,“ ſagte Richelieu,„damals haſt Du Dich benommen wie ein Schüler, und ich wie ein Pedant. Du willſt ſprechen, ich werde Dir die Mühe erſparen; Du wäreſt im Stande, eine Albernheit zu ſagen, und ich, Dir mit einer andern zu antworten. Springen wir alſo von neulich auf heute über. Weißt Du, warum ich dieſen Abend komme?“ „Wahrhaftig nicht.“ „Ich bringe Dir die Compagnie, die Du vorgeſtern von mir verlangteſt und die der König Deinem Sohn ge⸗ geben hat. Was Teufels, begreife doch die Nuancen; vorgeſtern war ich Quaſiminiſter, verlangen war eine Un⸗ gerechtigkeit; heute, da ich das Portefeuille ausgeſchlagen habe und wieder der einfache Richelieu von ehemals bin, wäre es thöricht von mir, nicht zu verlangen. Ich habe verlangt, ich habe erhalten, ich bringe.“. „Herzog, iſt das wirklich wahr, dieſe Güte von Dei⸗ ner Seite?“ 3 „Iſt eine natürliche Wirkung meiner Freundespflicht. Der Miniſter weigerte ſich, Richelieu bittet und gibt.. „Ah! Herzog, Du bezauberſt mich, Du biſt alſo ein wahrer Freund?“ „Bei Gott!“ „Aber der König, der Koͤnig, der mir eine ſe 44 Gunſt erzeigt.“ 4 ben; wei ſchließung ten aller 51 „Wenn mich nicht Alles täuſcht, weiß der König nicht nur was er thut, ſondern er weiß ſogar ſehr gut, was er thut.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß Seine Majeſtät ohne Zweifel in dieſem Augenblick einen Grund hat, Madame Dubarry zu mißfallen, und daß Du mehr dieſem Grund, als meinem Einfluß, die Gnade, die er Dir bewilligt, zu⸗ ſchreiben mußt.“ „Du glaubſt?“ „Ich bin deſſen ſicher, ich helfe dabei. Du weißt, daß ich wegen dieſer Perſon das Portefeuille ausgeſchla⸗ gen habe.“ „Man hat es mir geſagt; aber...“ „Aber Du glaubſt nicht daran. Immer zu, ſprich es gerade aus.“ „Nun! ich muß geſtehen...“ „Damit willſt Du ſagen, Du habeſt mich ohne Be⸗ denklichkeiten gekannt, nicht wahr?“ „Damit will ich wenigſtens ſagen, daß ich Dich ohne Vorurtheil gekannt habe.“ „Mein Lieber, ich werde alt, und ich liebe die hüb⸗ ſchen Frauen nur für mich... Und dann habe ich noch andere Gedanken... Doch kommen wir auf Deinen Sohn zurück, es iſt ein reizender Junge?“ „Er ſteht ſehr ſchlecht mit Dubarry, der zu Dir kam, als ich mich bei Dir einzufinden ſo ungeſchickt war.“ „36 weiß es, und deshalb bin ich nicht Miniſter.“ „Gut.“ 1 „Ganz gewiß, mein Freund.“ Du haſt das Portefeuille ausgeſchlagen, um meinem Sohn nicht zu mißfallen?“ Wenn ich das Dir ſagte, würdeſt Du es nicht glau⸗ z es iſt dem nicht ſo. Ich habe es ausgeſchlagen, l die Forderungen der Dubarry, welche mit der Aus⸗ ines Sohnes anfingen, auf Ungeheuerlichkei⸗ hinausgelaufen wären.“ t 52 „Du biſt alſo mit dieſen Leuten entzweit?“ „Ja oder nein: ſie fürchten mich, ich verachte ſie, das gleicht ſich aus.“ „Das iſt heldenmüthig, aber unklug.“ „Warum denn?“ „Die Gräfin hat Anſehen.“ „Bah!“ machte Richelieu. „Wie Du das ſagſt?“ „Ich ſage das wie ein Menſch, der die Schwäche ſeiner Lage fühlt, und der, wenn es ſein müßte, den Mi⸗ nirer an den guten Ort ſtellen würde, um den Platz zu ſprengen.“ „Ich ſehe die Wahrheit, Du leiſteſt meinem Sohn einen Dienſt, um die Dubarry ein wenig zu reizen.“ „Sehr viel deshalb, und Deine Scharfſichtigkeit irrt ſich nicht; Dein Sohn dient mir als Granate, durch ihn zünde ich an... Doch ſprich, Baron, haſt Du nicht auch eine Tochter 2“ & „Jd „Jung?“ „Sechzehn Jahre.“ „Schön? 4 3 „Wie Venus. 3 „Sie wohnt in Trianon!“ „Du kennſt ſie alſo?“ „Ich habe den Abend mit ihr zugebracht und eine Stunde mit dem Koͤnig von ihr geſprochen.“ 3 „Mit dem Koͤnig?“ rief Taverney, deſſen Wangen ſich mit Purpur übergoßen. „In Perſon?“ „Der König hat von meiner Tochter geſprochen, von Fräulein Andrée von Taverney ². „Die er mit den Augen verſchlingt, ja, mein Lieber.“ „Ah! wahrhaftig?“ „Ich aärgere Dich, daß ich Dir das ſage?“ Nein, gewiß nicht; der König ehrt mich, wenn meine Tochter anſchaut... Aber...“ 53 „Was aber?“ „Der König...“ „Hat ſchlechte Sitten, willſt Du das ſagen?“ „Gott behüte mich, daß ich ſchlimm von Seiner Ma⸗ jeſtät ſpreche, ſie hat wohl das Recht, Sitten zu haben, wie es ihr beliebt.“ „Nun! was bedeutet denn dieſes Erſtaunen? Willſt Du etwa machen, daß Fräulein Andrée nicht eine voll⸗ kommene Schönheit iſt, und daß ſie daher der König nicht mit verliebten Augen anſchaut?“ Taverney antwortete nicht, er zuckte nur die Achſeln und verſank in eine Träumerei, in der ihn der unbarmherzig forſchende Blick von Richelieu verfolgte. „Gut, ich errathe, was Du ſagen würdeſt, wenn Du, ſtatt leiſe zu denken, laut ſprächeſt,“ fuhr der alte Marſchall fort, indem er ſein Fauteuil näher zu dem des Barons rückte;„Du würdeſt ſagen, der König ſei an ſchlechte Geſellſchaft gewöhnt, er encanailliſire ſich, wie man bei den Porcherons ſagt, und werde ſich deshalb wohl hüten, ſeine Augen dieſem edlen Mädchen mit der ſcham⸗ haften Haltung, mit der keuſchen Liebe zuzuwenden, und folglich den Schatz an Anmuth und Reizen aller Art nicht bemerken, er, der nur Geſchmack an ausgelaſſenen Späßen, an lockeren Liebäugeleien und Kammerjungfernwitzen ſinde.“ „Herzog, Du biſt entſchieden ein großer Mann.“ „Warum dies?“ „Weil Du richtig errathen haſt.“ „Geſtehe jedoch, Baron,“ fuhr Richelieu fort,„es wäre Zeit, daß unſer Herr uns nicht mehr zwänge, uns Edelleute, uns Pairs und Gefährten des Königs von Frankreich, die platte, gemeine Hand einer Courtiſane ddieſer Art zu küſſen; es wäre Zeit, daß er uns in unſerer Luft verſammelte und, nachdem er von der Chateaurour, welche Marquiſe und von einem Holze war, aus dem man Herzoginnen macht, auf die Pompadour, die Frau und Tochter eines Pächters, und von der Pompadour auf die Dubarry, welche ganz einfach Jeanneton heißt, gefallen war, nicht von der Dubarry auf irgend eine Maritorne aus der Küche, oder auf eine Goton aus dem Bauernvolk fiele; es iſt demüthigend für uns, Baron, für uns, die wir eine Krone am Helm haben, das Haupt vor ſolchen Weibsbildern zu beugen.“ „Oh! das ſind gut geſprochene Wahrheiten,“ mur⸗ melte Taverney;„und wie klar iſt es, daß durch die neuen Manieren dieſe Leere bei Hof entſtanden iſt!“ „Keine Königin mehr, keine Frauen mehr; keine Frauen mehr, keine Courtiſanen mehr; der König unter⸗ hält eine Griſette, und das Volk iſt auf dem Thron vertreten durch Mademoiſelle Jeanne Vaubernier, Wäſche⸗ rin von Paris.“ 2 „Und das iſt doch ſo.. 35 „Siehſt Du, Baron,“ unterbrach ihn der Marſchall, „es wäre eine ſchöne Rolle für eine Frau von Geiſt, welche zu dieſer Stunde in Frankreich regieren wollte.“ „Allerdings,“ ſagte Taverney, deſſen Herz gewaltig ſchlug;„doch leider iſt der Platz genommen.“ „Für eine Frau,“ fuhr der Marſchall fort,„welche, ohne die Laſter dieſer Buhlerin zu haben, die Kühnheit, die Berechnung und den Blick derſelben hätte; für eine Frau, welche ihr Glück ſo weit emportreiben würde, daß man noch von ihr ſpräche, ſelbſt wenn die Monarchie nicht mehr beſtünde. Weißt Du, ob Deine Tochter Geiſt hat, Baron?“ 4 „Viel, und beſonders geſunden Verſtand.“ „Sie iſt ſehr ſchön!“ 3 „Nicht wahr?“ „Schön auf jene reizende, wollüſtige Weiſe, die de Männern ſo ſehr gefällt, ſchön durch jene Reinheit, je Blüthe der Jungfräulichkeit, die ſelbſt den Frauen Ch⸗ furcht einflößt... Man muß dieſen Schatz wohl bewa ren, mein alter Freund.“ „Du ſprichſt mir hierüber mit einem Feuer... „Ich! ich bin närriſch in ſie verliebt und würde 5 44 5⁵ morgen ohne meine vier und ſiebzig Jahre heirathen; doch iſt ſie dort gut geſtellt? hat ſie wenigſtens den Lurus, der einer ſo ſchönen Blume gebührt?... Bedenke, Baron, dieſen Abend iſt ſie allein nach Hauſe gegangen, ohne Kammerfrauen, ohne Jäger, mit einem Lackei des Dauphin, der eine Laterne vor ihr hertrug.“ 14„Was willſt Du, Herzog, Du weißt, ich bin nicht reich. „Reich oder nicht reich, mein Lieber, Deine Tochter muß wenigſtens eine Kammerfrau haben.“ Traverney ſeufzte. „Ich weiß es wohl,“ ſagte er,„ſie muß eine haben, oder ſie müßte vielmehr eine haben.“ „Wie! haſt Du keine?“ Der Baron antwortete nicht. „Wer war denn das hübſche Mädchen, das Du vor⸗ hin bei Dir hatteſt?“ fuhr Richelieu fort;„meiner Treue, hübſch und fein.“ „Ig, aber... „Was, Baron?“ „Ich kann ſie gerade nicht nach Trianon ſchicken.“ „Warum denn? Mir ſcheint, ſie taugt im Gegen⸗ theil vortrefflich zu dieſem Geſchäft; das wird eine ganz zierliche Soubrette ſein.“ „Du haſt alſo ihr Geſicht nicht angeſchaut, Herzog?“ „Ich habe nichts Anderes gethan.“ „Du haſt ſie angeſchaut und ihre ſeltſame Aehnlich⸗ keit nicht herausgefunden?“ „Mit?“ „Mit... Suche, ſieh einmal!... Kommen Sie hierher, Nicole.“ Nicole trat ein; ſie hatte als wahre Marton an der Thüre gehorcht. Der Herzog nahm ſie bei beiden Armen und ſchloß in die ſeinigen die Kniee des Mädchens, das der freche Blick des vornehmen Herrn durchaus nicht einſchüchterte und nicht eine Secunde beengte. 56— „Ja,“ ſagte er,„ja, ſie hat eine Aehnlichkeit, es iſiſt wahr.“. „Du weißt, mit wem, und Du ſiehſt, daß es folglich unmöglich iſt, das Glück unſeres Hauſes einer ſolchen Ungeſchicklichkeit des Zufalls auszuſetzen. Es iſt ſehr ange⸗ nehm, daß dieſer kleine, ſchlecht geflickte Strumpf von einer Mademoiſelle Nicole der vornehmſten Dame von Frankreich gleicht.“ „Ohl oh!“ rief mit ſpitzigem Tone Nicole, indem ſie ſich losmachte, um Herrn von Taverney beſſer widerſpre⸗ chen zu können, niſt es gewiß, daß der kleine, ſchlecht geflickte Strumpf genau der vornehmen Dame gleicht? Hat die vornehme Dame auch die niedrige Schulter, das lebhafte Auge, das runde Bein und den fleiſchigen Arm dieſes kleinen, ſchlecht geflickten Strumpfes? In jedem Fall, Herr Baron,“ vollendete ſie zornig,„wenn Sie mich ſo herabſchätzen, ſo geſchieht es nicht auf eine Probe, wie mir ſcheint!“ Nicole war roth vor Wuth und folglich von einer glänzenden Schönheit.. Der Herzog drückte abermals ihre ſchönen Hände, ſchloß zum zweiten Mal ihre Kniee ein und ſagte mit einem Blicke voll von Liebkoſungen und Verſprechungen: „Baron, Nicole hat ſicherlich nicht ihres Gleichen bei Hofe; ich wenigſtens denke das. Was die vornehme Dame betrifft, mit der ſie, ich geſtehe es, einen Anſchein von Aehnlichkeit hat, ſo wollen wir alle Eitelkeit bei Seite ſetzen. Sie haben blonde Haare von einer bewunderungs⸗ wuͤrdigen Farbe, Mademoiſeille Nicole, Sie hahen Augen⸗ brauen und eine Naſe von einer ganz kaiſerlichen Zeich⸗ nung; nun wohl, ſetzen Sie ſich eine Viertelſtunde vor eine Toilette, und dieſe Unvollkommenheiten, der Herr Baron beurtheilt ſie ſo, werden verſchwinden. Nico mein Kind, möchten Sie gern in Trianon ſein? „Oh!“ rief Nicole, deren ganze Seele voll Begierde und Verlangen in dieſe einzige Sylbe überging. „Sie werden alſo nach Trianon kommen, meine Lie 57 Sie werden dahin kommen und ihr Glück machen, ohne in irgend einer Hinſicht dem Glück Anderer Eintrag zu thun. Baron, ein letztes Wort.“ „Sprich, mein lieber Herzog.“ „Gehe, mein ſchönes Kind, und laß uns einen Augen⸗ blick plaudern,“ ſagte Richelieu. Nicole ging hinaus, der Herzog näherte ſich dem Baron und ſprach zu ihm: „Wenn ich ſo in Dich dringe, Deiner Tochter eine Kammerfrau zu ſchicken, ſo geſchieht es, weil es dem Kö⸗ nig Vergnügen machen wird. Seine Majeſtät liebt die Armuth nicht und die hübſchen Geſichter jagen ihm keine Angſt ein. Kurz, ich verſtehe mich darauf.“ „Nicole, gehe alſo nach Trianon, da Du denkſt, es werde dem Koͤnig Vergnügen machen,“ erwiederte der Baron mit ſeinem Aegipans⸗Lächeln. „Wenn Du mir die Erlaubniß dazu gibſt, ſo nehme ich ſie miüt, ſie kann den Wagen benützen.“ „Doch ihre Aehnlichkeit mit der Frau Dauphine! man müßte das überlegen, Herzog.“ „Ich habe es überlegt. Dieſe Aehnlichkeit wird unter den Händen von Rafté in einer Viertelſtunde verſchwinden, dafür ſtehe ich Dir... Schreibe alſo eine Zeile an Deine Tochter, Baron, um ihr zu ſagen, welches Gewicht Du darauf legeſt, daß ſie eine Kammerfrau habe, und daß dieſe Kammerfrau Nicole heiße.“ „Du glaubſt, es ſei dringend, daß ſie Nicole heiße?“ „Ich glaube es.“ „Daß eine andere als Nicole?“ „Den Platz nicht ſo gut ausfüllen würde; bei meiner Ehre, das glaube ich.“ „Dann ſchreibe ich auf der Stelle.“ Und der Baron ſchrieb ſogleich einen Brief, den er Richelieu übergab. „Und die Inſtructionen, Herzog?“ „Ich übernehme es, ſie Nicole zu geben. Sie iſt verſtändig.“ . 58 Der Baron lächelte. 1 „Du willſt ſie mir alſo anvertrauen, nicht wahr?“ ſagte Richelieu. „Meiner Treue! das iſt Deine Sache, Herzog; Du haſt ſie Dir von mir erbeten, ich gebe ſie Dir; mache damit, was Du kannſt.“ „Mademoiſelle, kommen Sie mit mir,“ ſagte der Herzog aufſtehend,„kommen Sie geſchwinde.“ Nicole ließ ſich das nicht wiederholen. Ohne den Baron nur um ſeine Einwilligung zu fragen, machte ſie in fünf Minuten. ein Päckchen Kleidungsſtücke zuſammen und eilte mit ſo leichten Schritten, daß man hätte glauben ſollen, ſie fliege, zu dem Kutſcher von Monſeigneur. 3 Richelieu nahm ſodann Abſchied von ſeinem Freund, der ihm ſeinen Dank für den Dienſt wiederholte, den er Philipp von Taverney geleiſtet hatte. Von Andrée kein Wort, davon ließ ſich jetzt nicht mehr ſprechen. XCV. Verwandlung. Nicole fühlte ſich unausſprechlich wohlbehaglich; Ta⸗ verney zu verlaſſen, um ſich nach Paris zu begeben, war für ſie kein ſo großer Triumph geweſen, als Paris gegen Trianon vertauſchen zu dürfen. Sie benahm ſich ſo artig gegen den Kutſcher von Herrn von Richelieu, daß der Ruf der neuen Kammer⸗ frau am andern Tag in allen Remiſen und in allen etwas ariſtokratiſchen Vorzimmern von Verſailles und Paris ge⸗ macht war. Als man zum Pavillon de Hanovre kam, nahn Herr von Richelieu die Kleine bei der Hand und führ 59 ſie ſelbſt in den erſten Stock, wo ihn Herr Rafté erwar⸗ bee der viele Briefe für Rechnung ſeines gnädigſten Herrn chrieb. Unter allen Attributen des Herrn Marſchalls ſpielte der Krieg die größte Rolle, und Rafté war wenigſtens in der Theorie ein ſo geſchickter Kriegsmann geworden, daß Polybius und der Chevalier von Fobard, wären ſie noch am Leben geweſen, ſich ſehr glücklich geſchätzt hätten, einen von den kleinen Aufſätzen über Fortification und Mahdeühris zu erhalten, wie Rafté jede Woche einen ſchrieb. Rafté war alſo mit dem Entwurf eines Kriegsplanes gegen die Engländer auf dem Mittelländiſchen Meer be⸗ ſchäftigt, als der Marſchall eintrat und zu ihm ſprach: „Höre, Rafté, ſchaue mir dieſes Kind an.“ Nafté ſchaute und erwiederte mit einer äußerſt be⸗ zeichnenden Bewegung der Lippen: „Sehr liebenswürdig.“ „Ja, aber die Aehnlichkeit? Rafté, ich ſpreche von der Aehnlichkeit.“ „Ah! es iſt wahr; ah, Teufel!“ „Nicht wahr, Du findeſt?“ „Das iſt außerordentlich, das wird ihr zum Verder⸗ ben oder zum Glück gereichen.“ „Zuerſt zum Verderben; doch wir wollen die Sache in Ordnung bringen; ſie hat blonde Haare, wie Du ſiehſt, Rafté; doch nicht wahr, das iſt nicht von Bedeu⸗ tung?“ „Man braucht ſie nur ſchwarz zu machen, Monſeig⸗ neur,“ erwiederte Rafté, der die Gewohnheit angenommen hatte, den Gedanken ſeines Herrn zu vervollſtändigen und oft ſogar ganz für ihn⸗zu denken. „Komm an meine Tollette, Kleine,“ ſprach der Mar⸗ ſchall,„dieſer Herr iſt äußerſt geſchickt, er wird aus Dir die ſchönſte und unkenntlichſte Soubrette Frankreichs machen.“ Zehn Minuten hernach färbte wirklich Rafté mit einer Compoſition, der ſich der Marſchall jede Woche bediente, 4 60 um ſeine weißen Haare unter ſeiner Perücke zu ſchwärzen, ſo dunkel wie Gagath die ſchönen aſchblonden Haare von Nicole; dann fuhr er über ihre dicken blonden Augen⸗ brauen mit einer am Feuer einer Kerze geſchwärzten Nadel; er gab ſo ihrer munteren Phyſiognomie eine ſo phantaſtiſche Färbung, ihren lebhaften klaren Augen ein ſo glühendes und zuweilen ſo düſteres Feuer, daß man hätte glauben ſollen, eine Fee komme durch die Kraft der Be⸗ ſchwörung aus einem magiſchen Schranke hervor, in dem ſie ihr Zauberer gefangen gehalten. „Nun, meine Schöne,“ ſprach Richelieu, nachdem er der erſtaunten Nicole einen Spiegel gegeben,„ſchauen Sie, wie reizend und beſonders wie wenig Sie die Nicole von vorhin ſind, Sie haben keine Köͤnigin mehr zu fürch⸗ ten, ſondern nur ein Glück zu machen.“ „Oh! gnädigſter Herr,“ rief das Mädchen. „Ja, und man braucht ſich zu dieſem Ende nur zu Sie hören mich?“ 3 „Ja, gnädigſter Herr,“ ſtammelte Nicole, die ſie ſchämte, daß ſie ſich aus Eitelkeit ſo getäuſcht hatte. Das Geſpräch von Herrn von Nichelien mit Ra und Nicole dauerte eine volle Stunde, wonach der Herzo die kleine Perſon mit dem Kammermädchen des Hote ſchlafen gehen hieß. 4 Rafts ſetzte ſich wieder an ſein millitäriſches Memeire, Herr von Nichelieu legte ſich zu Bette, nachdem er Brief L 2P o Ae S—9 e —-— ———,3——— —— 61 durchblättert hatte, die ihn von allen Schritten der Pro⸗ vinzparlamente gegen Herrn von Aiguillon und die Dubarry⸗ Cabale unterrichteten. Am andern Morgen führte einer ſeiner Wagen ohne Wappen Nicole nach Trianon, ſetzte ſie vor dem Gitter mit ihrem kleinen Päckchen ab und verſchwand. Die Stirne hoch, den Geiſt frei und Hoffnung in den Augen, klopfte Nicole, nachdem ſie ſich zuvor erkundigt hatte, an die Thüre der Communs. Es war zehn Uhr Morgens; ſchon aufgeſtanden und angekleidet, ſchrieb Andrée an ihren Vater, um ihn von dem glücklichen Ereigniß des vorhergehenden Tags zu unterrichten, zu deſſen Bote ſich, wie wir geſehen, Herr von Richelien gemacht hatte. Unſere Leſer haben nicht vergeſſen, daß eine ſteinerne Freitreppe von den Gärten nach der Kapelle von Klein⸗ Trianon führt, daß auf dem Ruheplatz dieſer Kapelle eine Treppe rechts in den erſten Stock hinaufſteigt, nämlich zu den Zimmern der Damen vom Dienſt, welche Zimmer ein langer, von den Gärten aus erleuchteter Corridor wie eine Allee begrenzt. Das Zimmer von Andrée war das erſte rechts in dieſem Corridor. Es war ziemlich geräumig, gut beleuch⸗ tet vom großen Hof der Ställe, und vor demſelben kam ein kleines Zimmer, an deſſen Seiten je rechts und links ein Cabinet. 9 Ungenügend, wenn man die gewöhnlichen Anſprüche der Genoſſen eines glänzenden Hofes in Betracht zieht, wurde dieſes Zimmer eine reizende Zelle, ſehr wohnlich und ſehr lachend als ein Winkel, um ſich dahin nach den Aufregungen der Welt, die den Pallaſt bevölkerte, zurück⸗ zuziehen. Dahin konnte ſich auch eine ehrgeizige Seele flüchten, um die Beſchimpfungen oder Täuſchungen des Tages mit ſich zu verzehren; hier konnte auch in der Stille und Einſamkeit, nämlich in der Abſonderung von un Groͤße, eine demüthige und melancholiſche Seele aus⸗ ruhen. 3 62 In der That, keine höheren Mächte, keine Pflichten, keine Repräſentation mehr, wenn man einmal dieſe Frei⸗ treppe überſchritten und die Treppe der Kapelle erſtiegen hatte. Ebenſo viel Ruhe als im Kloſter, ebenſo viel materielle Freiheit als im Leben des Gefängniſſes. Der Sklave des Palaſtes kehrte als Herr in ſein Zimmer zurück. „Eine ſanfte, ſtolze Seele wie die von Andrée fand ſich befriedigt in allen dieſen kleinen Rechnungen, nicht weil ſie von einem getäuſchten ehrgeizigen Beſtreben oder von den Anſtrengungen einer ungeſättigten Laune ausruhen wollte, ſondern Andrée konnte mehr nach ihrer Bequemlich⸗ keit denken in dem engen Gevierte ihres Zimmers, als in den reichen Salons von Trianon, auf dieſen Platten, die ihr Fuß mit ſo großer Schüchternheit betrat, daß man es hätte für Schrecken halten ſollen. Aus dieſem dunklen Winkel, wo ſie ſich an ihrem Platze fühlte, betrachtete das Mädchen ohne Unruhe alle Größen, welche den Tag hindurch ihre Augen geblendet hatten. Inmitten ihrer Blumen, mit ihrem Klavier, um⸗ geben von deutſchen Büchern, welche eine ſo ſüße Geſell⸗ ſchaft für Leute ſind, die mit dem Herzen leſen, forderte Andrée das Schickſal heraus, ihr einen Kummer zu ſchicken mer zu frühſtücken, niß war ihr ſehr koſtbar. um Mittag zu Hauſe bleiben, w zu einer Vorleſung oder zu e 63 rufen ließ. War ſie ſo an ſchönen Tagen frei, ſo ging ſie am Morgen mit einem Buche aus und durchwanderte allein die Waldungen, die von Trianon bis Verſailles gehen; nachdem ſie ſo zwei Stunden ſpazieren gegangen war, nachgeſonnen und geträumt hatte, kehrte ſie zuruck, um zu frühſtücken, häufig, ohne irgend einen Herrn, irgend einen Lackei, einen Menſchen, oder eine Livree geſehen zu haben. 4 Fing die Wärme an, unter dem dicken Blätterwerk durchzudringen, ſo hatte Andrée ihr kleines, durch die doppelte Luft des Fenſters und der Gangthüre ſo friſches Zimmer. Ein kleiner mit Kattun überzogener Sopha, vier ähnliche Stühle, ihr keuſches Bett mit rundem Him⸗ mel, von dem Vorhänge, ebenfalls von Kattun, herabfielen, zwei chineſiſche Vaſen auf dem Kamin, ein viereckiger Tiſch mit meſſingenen Füßen: hieraus beſtand dieſes kleine Univerſum, auf deſſen Grenzen Andrée alle ihre Hoffnun⸗ gen, alle ihre Wünſche beſchränkte. Andrée ſaß, wie geſagt, in ihrem Zimmer und ſchrieb ihrem Vater, als ein kleines beſcheidenes Klopfen an die Thüre des Corridor ihre Aufmerkſamkeit erregte. Sie hob den Kopf in die Höhe, da ſie die Thüre ſich offnen ſah, und ſtieß einen leichten Schrei des Erſtaunens aus, als das ſtrahlende Geſicht von Nicole, aus dem klei⸗ nen Vorzimmer hereinkommend, erſchien. 64 XCVI. Wie, was den Einen Frende bereitet, den Andern zur Verzweiflung gereicht. „Guten Morgen, mein Fränlein, ich bin es,“ ſagte Nicole mit einem helteren Knix, welcher jedoch bei der Kenntniß, die dieſes Mädchen von dem Charakter ſeiner Gebieterin hatte, nicht ganz von Unruhe frei war. „Sie hier! und durch welchen Zufall?“ ſagte Andrée⸗, die ihre Feder niederlegte, um dem Geſpräch, das ſich ſo entſpann, beſſer folgen zu können.— „Das Fräulein vergaß mich und ich bin gekommen. „Wenn ich Sie vergaß, Mademoiſelle, ſo hatte ich meine Gründe hiezu. Wer hat Ihnen erlaubt, zu kommen 2“ „Der Herr Baron ohne Zweifel, mein Fräulein, ant⸗ wortete Nicole, indem ſie mit ziemlich unzufriedener Miene die ſchönen ſchwarzen Augbrauen zuſammenzog, die ſie der Großmuth von Herr Rafté zu verdanken hatte. 1 1 „Mein Vater braucht Sie in Paris und ich brauche Sie hier nicht. Sie können zurückkehren, mein Kind.“ „Ohl das Fräulein hat gar keine Anhänglichkeit,“ ſagte Nicole.„Ich glaubte dem Fräulein mehr gefallen zu haben... Man liebe doch, daß man es einem auf dieſe Art zurückgibt!“ fügte Nicole philoſophiſch bei. Und ihre ſchönen Augen ſtrengten ſich ganz gewal an, um eine Thräne an ihre Augenlider zu ziehen. 3 Es lag genug Herzlichkeit und Empfindung in dem Vorwurf, um das Mitleid von Andrée rege zu machen „Mein Kind,“ ſprach ſie,„man bedient mich und ich kann mir nicht erlauben, das Haus der Frau Dauphine mit einem Mund mehr zu überladen.“ „Gut! als ob dieſer Mund ſo groß wäre!“ ſagte Nicole mit einem reizenden Lächeln. 1 65 „Gleichviel, Nicole, Deine Gegenwart hier iſt un⸗ möglich.“ „Wegen der Aehnlichkeit?“ fragte das Mädchen, „Sie haben alſo mein Geſicht nicht angeſchaut, mein Fräulein?“ „Du kommſt mir in der That verändert vor.“ „Ich glaube es wohl; ein ſchoͤner Herr, derjenige, welcher Herrn Philipp einen Grad verſchafft hat, kam geſtern zu uns, und als er ſah, daß der Herr Baron traurig war, weil er Sie ohne Kammerfrau laſſen ſollte, meinte er, nichts wäre leichter, als mich von weiß in ſchwarz zu verwandeln. Er nahm mich mit, ließ mich friſiren, wie Sie mich ſehen, und hier bin ich.“ Lächelnd erwiederte Andrée: „Du liebſt mich alſo ſehr, da Du Dich um jeden Preis in Trianon einſchließen willſt, wo ich beinahe ge⸗ fangen bin?“ Nicole warf einen raſchen, aber verſtändigen Blick umher. „Dieſes Zimmer iſt nicht heiter,“ ſagte ſie,„doch Sie bleiben nicht beſtändig hier?“ „Ich, allerdings,“ erwiederte Andrée,„doch Du?“ „Nun, ich?“ „Du wirſt nicht in den Salon zur Frau Dauphine gehen; Du wirſt weder Spiel, noch Spaziergang, noch Cercle haben; Du, die Du immer hier bleiben wirſt, läufſt Gefahr, vor Langweile zu ſterben.“ „Oh!“ ſagte Nicole,„es wird wohl ein Fenſterchen geben, und man wird wohl ein Winkelchen dieſer Welt, und wäre es nur durch den Rahmen einer Thüre, ſehen konnen. Sieht man, ſo kann man geſehen werden... Das iſt Alles, was ich brauche.“ „Ich wiederhole Dir, Nicole, nein; ich kann Dich nicht ohne einen ausdrücklichen Befehl aufnehmen.“ „Von wem?“ „Von meinem Vater.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. Vv. 5 66 „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Ja, es iſt mein letztes.“ Ricole zog aus ihrem Koller den Brief des Baron von Taverney. „Gut,“ ſagte ſie,„da meine Bitten und meine Er⸗ gebenheit keine Wirkung hervorbringen, ſo wollen wir ſehen, ob die Empfehlung, die ich Ihnen hier übergebe, mehr Macht hat.“ Andrée las den Brief, welcher alſo abgefaßt war: „Ich weiß, und man bemerkt, meine liebe Andrée, daß Du in Trianon nicht den Staat hältſt, welchen zu halten Dein Rang gebieteriſch vorſchreibt; Du ſollteſt zwei Kammerfrauen und einen Bedienten haben, wie ich zwanzig tauſend Livres Rente; doch da ich mich mit tauſend Livres begnüge, ſo ahme mich nach und nimm Nicole, welche für ſich allein ſo viel werth iſt, als alles Geſinde, das Dir nothwendig wäre. „Nicole iſt behende, verſtändig und ergeben; ſie wird raſch den Ton und die Manieren der Oertlichkeit anneh⸗ men; Du wirſt beſorgt ſein müſſen, ihren guten Willen, nicht anzuſtacheln, ſondern ihm Feſſeln anzulegen. Behalte 4 ſie alſo und glaube nicht, daß ich ein Opfer bringe. Soll⸗ teſt Du das glauben, ſo erinnere Dich, daß Seine Maje⸗ ſtät, welche die Güte hatte, an uns zu denken, als ſie Dich ſah, bemerkte,— ein guter Freund hat mir dies anvertraut,— es fehle Dir an Toilette und Reprä⸗ ſeition. Bedenke dies wohl; es iſt von hoher Wich tigkeit. Dein wohlgewogener Vater. Dieſer Brief verſetzte Andrée in eine ſchmerzlich Verlegenheit. 3 Sie ſollte alſo bis in ihre neue Wohlfahrt durch eine Armuth verfolgt werden, welche ſie allein nicht als eine Manget fühlte, während ihr Alles dieſelbe als einen Jlecke vorwarf. 4 3 8 8———,—— — A ☛ 8 N R u u 67 Sie war im Begriff, ihre Feder im Zorn zu zer⸗ ſtoßen und den angefangenen Brief zu zerreißen, um dem Baron irgend eine ſchöne philoſophiſche Tirade voll von Uneigennützigkeit zu erwiedern, welche Philipp mit beiden Händen unterſchrieben hätte. 3 Doch es kam ihr vor, als ſähe ſie das ironiſche Lä⸗ cheln des Barons, wenn er ihr Meiſterwerk leſen würde, und ſogleich verſchwand ihr ganzer Entſchluß. Sie be⸗ gnügte ſich alſo, dem Baron durch einen Paragraph zu antworten, den ſie den Neuigkeiten beifügte, welche ſie ihm von Trianon meldete. „Mein Vater,“ fügte ſie bei,„Nicole erſcheint in die⸗ ſem Augenblick und ich nehme ſie auf Ihren Wunſch an; was Sie mir aber über dieſelbe geſchrieben haben, bringt mich in Verzweiflung. Sollte ich minder lächerlich mit dieſem kleinen Dorfmädchen als Kammerfrau ſein, als ich es allein unter dieſen Reichen des Hofes war? Nicole wird unglücklich ſein, wenn ſie mich gedemüthigt ſieht, ſie wird mir ſchlechten Dank dafür wiſſen, denn die Diener ſind ſtolz oder demüthig für ſich, je nach dem Lurus oder der Einfachheit ihrer Gebieter. Was die Bemerkung Seiner Majeſtät betrifft, mein Vater, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß der König zu viel Geiſt beſitzt, um mir meine Unmacht, die große Dame zu ſpielen, zu verargen, und daß Seine Majeſtät überdies zu viel Herz hat, um meine Armuth wahrzunehmen oder zu kritiſiren, ſtatt ſie in einen Wohlſtand zu verwandeln, zu dem Ihr Name und Ihre Verdienſte in Aller Augen berechtigen würden.“ Dies war die Antwort des Mädchens, und man muß geſtehen, daß dieſe reine Unſchuld, daß dieſer edle Stolz ſehr leicht gegen die Schlauheit und die Verdorbenheit ihrer Verſucher Necht hatte. Andrée ſprach nicht mehr von Nicole. Sie behielt ſie, ſo daß dieſe— ſie wußte warum— auf der Stelle ein kleines Bett in dem Cabinet rechts, das auf das Vor⸗ zimmer ging, aufſchlug und ſich ganz winzig, ganz luftig, *. 68 ganz zart machte, um in keiner Hinſicht ihre Gebieterin durch ihre Gegenwart in dieſem beſcheidenen Winkel zu beläſtigen; man hätte glauben ſollen, ſie wolle das Roſen⸗ blatt nachahmen, das die perſiſchen Gelehrten auf ein Ge⸗ fäß voll Waſſer fallen ließen, um zu zeigen, man könne noch etwas beifügen, ohne den Inhalt überſtrömen zu machen. Andrée ging gegen ein Uhr nach Trianon ab. Nie war ſie raſcher und reizender angekleidet geweſen. Nicole hatte ſich übertroffen: Gefälligkeiten, Aufmerkſamkeiten und Beſtrebungen, nichts hatte bei ihrem Dienſte gefehlt. Als Fräulein von Taverney weggegangen war, fühlte ſich Nicole Herrin des Platzes und nahm eine genaue Revue vor. Alles unterlag ihrer Unterſuchung, von den Briefen bis zum letzten Flitterkram der Toilette, vom Ka⸗ min bis zum geheimſten Winkel der Cabinets. Und dann ſchaute ſie durch das Fenſter, um die Luft der Nachbarſchaft ein wenig zu prüfen. Unten ein geräumiger Hof, wo die Neitknechte die Luruspferde der Frau Dauphine ſtriegelten. Reitknechte, pfui doch! Nicole wandte den Kopf ab. Rechts eine Reihe von Fenſtern auf der Höhe des Fenſters von Andrée. Einige Köpfe erſchienen daran, Köpfe von Kammerjungfern und Bohnern. Nicole ging verächtlich zu einer andern Unterſuchung über. 3 Gegenüber hielt der Muſikmeiſter in einem großen Zimmer mit Choriſten und Inſtrumentiſten eine Probe zu einer Meſſe für den heiligen Ludwig. Während Nicole ausſtäubte, trällerte ſie zu ihrer Beluſtigung auf ihre Weiſe, ſo daß der Mufikmeiſter ſich zerſtreute und die Choriſten unverſchämt falſch ſangen. Doch dieſer Zeitvertreib genügte nicht lange für die Eitelkeit von Mademoiſelle Nicole; als Meiſter und Schüler ſich gehoͤrig geſtritten und getäuſcht hatten, ging die kleine Perſon zur Revue des oberen Stockwerks über. le Fenſter waren geſchloſſen, überdies waren es Man⸗ arden. 4 — 69 Nicole ſing wieder an auszuſtäuben; doch einen Au⸗ genblick nachher war eine von dieſen Manſarden offen, ohne daß man hatte ſehen können, durch welchen Mecha⸗ nismus, denn Niemand erſchien. Jemand hatte indeſſen dieſes Fenſter geöffnet; dieſer Jemand hatte Nicole geſehen und blieb nicht, um ſie anzuſchauen: das war ein ſehr unverſchämter Jemand. So dachte wenigſtens Nicole; um es nicht zu ver⸗ fehlen, das Geſicht eines Unverſchämten zu ſtudiren, kehrte auch Nicole, welche ſo gewiſſenhaft ſtudirte, bei dem ge⸗ ringſten Gang, den ſie im Zimmer von Andrée machte, hartnäckig zu dem Fenſter zurück, um einen Blick nach der Manſarde zu werfen, nämlich nach dieſem offenen Auge, das den Reſpert gegen ſie verfehlte, indem es ſie in Ermangelung der Augenſterne ſeines Blickes entbehren ließ. Einmal glaubte ſie zu bemerken, man ſei entflohen, als ſie ſich genähert: dies war nicht glaublich und ſie glaubte es auch nicht. Ein anderes Mal erhielt ſie hierüber beinahe Sicher⸗ heit, da ſie den Rücken des Flüchtigen geſehen, der durch eine ſchnellere Rückkehr, als er ſie erwartet, überraſcht worden war. Da bediente ſich Nicole einer Liſt: ſie verbarg ſich hinter dem Vorhang und ließ dabei das Fenſter weit offen, um keinen Verdacht zu erregen. Sie wartete lange, doch endlich erſchienen ſchwarze Haare, dann furchtſame Hände, welche einen vorſichtig geneigten Körper ſtützten, und endlich zeigte ſich deutlich und ganz offen das Geſicht: Nicole wäre beinahe rück⸗ wärts gefallen und zerkrümpelte völlig den Vorhang. Es was das Geſicht von Herrn Gilbert, der oben aus dieſer Manſarde herabſchaute. Als Gilbert den Vorhang zittern ſah, begriff er die Liſt und erſchien nicht wieder. Mehr noch, das Fenſter der Manſarde ſchloß ſich. Kein Zweifel, Gilbert hatte Nicole geſehen, er war erſtaunt geweſen, er hatte ſich von der Gegenwart dieſer 7⁰ Feindin überzeugen wollen, und war, als er ſich ſelbſt entdeckt ſah, voll Unruhe und Zorn entflohen. So wenigſtens erklärte ſich Nicole die Scene. Gilbert hätte in der That lieber den Teufel als Ni⸗ cole geſehen; er ſchmiedete ſich tauſend Schreckniſſe aus der Ankunft dieſer Aufpaſſerin. Er hatte einen alten Sauerteig der Eiferſucht gegen ſie; ſie wußte ſein Geheim⸗ niß vom Garten der Rue Coq⸗Héron. Gilbert entfloh voll Unruhe, nicht allein voll Unruhe, ſondern voll Zorn, und indem er ſich vor Wuth in die Finger biß. „Was liegt mir nun,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„was liegt mir nun an der albernen Entdeckung, auf die ich ſo ſtolz war!... Mag Nicole dort einen Liebhaber haben, das Uebel iſt geſchehen, und man wird ſie deshalb hier nicht wegſchicken, während ſie, wenn ſie ſagt, was ich in der Rue Coq⸗Héron gethan habe, machen kann, daß man mich aus Trianon wegſchickt. Ich habe Nicole nicht in den Händen, Nicole hat mich in den Händen. Oh! Wuth!“ Und die ganze Citelkeit von Gilbert diente als Auf⸗ ſtachlungsmittel für ſeinen Haß und machte all ſein Blut mit einer unerhörten Heftigkeit kochen. Es kam ihm vor, als hätte Nicole durch ihren Ein⸗ tritt in dieſes Zimmer mit einem teufliſchen Lächeln alle die glücklichen Träume daraus vertrieben, welche Gilbert von ſeiner Manſarde jeden Tag mit ſeinen Wünſchen, mit ſeiner glühenden Liebe und mit ſeinen Blumen dahin ſandte. 4 Hatte Gilbert zu viel zu denken, um ſich bis dahin mit Nicole zu beſchäftigen, oder hatte er dieſen Gedanken durch den Schrecken entfernt, den ſie ihm einflößte? Das wer⸗ den wir nicht entſcheiden. Mit Gewißheit aber können wir verſichern, daß der Anblick von Nicole für ihn eine weſentlich unangenehme Ueberraſchung war. 3 Er fühlte wohl, es würde ſich der Krieg zwiſchen ihm und Nicole früher oder ſpäter erklären; doch da Gil⸗ bert ein kluger und politiſcher Mann war, ſo ſollte dieſer half 71 Krieg nach ſeinem Willen nicht eher beginnen, als bis er im Stande wäre, ihn gut und energiſch zu führen. Er beſchloß alſo, den Todten nachzumachen, bis ihm der Zufall eine günſtige Gelegenheit geben würde, aufzu⸗ erſtehen, oder bis Nicole aus Schwäche oder aus Bedürf⸗ niß einen Schritt gegen ihn wagte, durch den ſie ihre Vortheile verlieren würde. Deshalb hielt er ſich, ganz Auge, ganz Ohr für Andrée, aber ohne Unterlaß vorſichtig, wachſam auf dem Laufenden über die inneren Angelegenheiten des erſten Zimmers vom Corridor, ohne daß ihm Nicole ein einzi⸗ ges Mal in den Gärten zu begegnen im Stande war. Zum Unglück von Nicole war dieſe nicht vorwurfsfrei, und wäre ſie es auch für die Gegenwart geweſen, ſo fand ſich doch in ihrer Vergangenheit ein Stein des Anſtoßes, über den man ſie ſtolpern machen konnte. Dies geſchah nach Verlauf von acht Tagen. Gilbert, der am Abend), der in der Nacht lauerte, erblickte endlich durch das Gitter eine Hutfeder, die ihm nicht unbekannt war. Dieſe Feder plauderte zu Nicole von den unaufhörlichen Zerſtreuungen, denn es war die von Herrn Beauſire, welcher dem Hofe folgend von Paris nach Trianon ausgewandert war. Lange Zeit ſpielte Nicole die Grauſame, lange ließ ſie Herrn Beauſire in der Kälte ſchnattern, oder in der Hitze zerſchmelzen, und dieſe Tugend brachte Gilbert in Verzweiflung; eines Abends jedoch, da Herr Beaufire ohne Zweifel die Gränzen der mimiſchen Cloquenz über⸗ ſchritten und die Ueberredung gefunden hatte, benützte Nicole den Augenblick, wo Andrée im Pavillon mit Frau von Noailles ſpeiſte, um in den Hof hinabzugehen, und mit Herrn Beauſire zuſammenzukommen, der ſeinem Freund, dem Stallaufſeher, ein kleines irländiſches Pferd dreſſiren Vom Hof ging man in den Garten, und vom Gar⸗ ten in die ſchattige Allee, welche nach Verſailles führt. Gilbert folgte dem Liebespaar mit der wilden Freude 72² eines Tigers, der eine Spur wittert. Er zaͤhlte ihre Schritte, ihre Seufzer, lernte auswendig, was er von ihren Worten hörte, und man muß glauben, daß er mit dem Reſultat ſehr zufrieden war, denn am andern Morgen zeigte er ſich frei von allem Zwang, wohlüberlegt und trällernd an ſeiner Manſarde, ohne daß er mehr von Ni⸗ cole geſehen zu werden befürchtete, ſondern im Gegentheil mit einer Miene, als trotzte er ihrem Blick. Dieſe ſtopfte an einem geſtickten ſeidenen Fäuſtling ihrer Gebieterin; bei dem Lärmen ſeines Singens ſchaute ſie empor und erblickte Gilbert. Ihre erſte Kundgebung war ein gewiſſes verächtliches Mundverziehen, das gar ſauer ausſah und auf eine Stunde nach ihrer feindſeligen Stimmung roch... Doch Gilbert hielt dieſen Blick und dieſe Miene mit einem ſeltſamen Lächeln aus und legte ſo viel Herausforderndes in ſeine Haltung und ſeine Art und Weiſe zu fingen, daß Nicole den Kopf ſenkte und erröthete. „Sie hat mich begriffen,“ ſagte Gilbert;„das iſt Alles, was ich wünſchte.“ Seitdem fing er immer wieder dasſelbe Manveuvre an, und es war nun Nicole, welche zitterte; ſie kam ſo weit, daß ſie ſich eine Zuſammenkunft mit Gilbert wünſchte, um ihr Herz von der Laſt zu erleichtern, das die ironi⸗ ſchen Blicke des jungen Gärtners darauf geworfen hatten. Gilbert bemerkte, daß man ihn ſuchte. Er konnte ſich in dem kleinen trockenen Huſten, der beim Fenſter ertoͤnte, wenn ihn Nicole in ſeiner Manſarde wußte, er konnte ſich im Hin⸗ und Hergehen des Mädchens im Corridor nicht täuſchen, wenn es vermuthen durfte, er würde herabkom⸗ men oder hinaufgehen. ſeinem Geiſt d ſo ſcharf auf ihn, —9&x&ᷣ A —₰ & 2—— 73 weiter; ſie zog eines Abends ihre hübſchen Pantoffeln mit den hohen Abſätzen, eine Erbſchaft von Andrée, aus und wagte ſich zitternd und raſch in den Dachſtuhl, in deſſen Hintergrund man die Thüre von Gilbert erblickte. Es war noch hell genug, daß der Letztere, von dem Herannahen des Mädchens unterrichtet, Nicole deutlich durch die Spalten der Bretter unterſcheiden konnte. Sie klopfte an ſeine Thüre, wohl wiſſend, daß er im Zimmer war. 1 Gilbert antwortete nicht. Es war dies indeſſen eine gefahrvolle Verſuchung für ihn. Er konnte nach ſeinem Gefallen diejenige demüthigen, welche zu ihm kam, um ſich ſeine Vergebung zu erbitten. Er war allein, glühend und ſchauernd jede Nacht bei der Erinnerung an Taverney, das Auge an die Thüre gedrückt, die bezaubernde Schönheit dieſes wollüſtigen Mädchens verſchlingend; übermäßig aufgereizt durch die vorläufige Empfindung ſeiner Citelkeit, erhob er ſchon die Hand, um den Riegel zu ziehen, den er mit ſeiner gewoͤhnlichen Vor⸗ ſicht und Umſicht vorgeſchoben hatte, um nicht überraſcht zu werden. „Nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„nein, es iſt nur Be⸗ rechnung bei ihr; aus Furcht und aus Intereſſe will ſie mich bitten. Sie würde alſo etwas dabei gewinnen; wer weiß, was ich verloͤre?“ Und auf dieſe Betrachtung hin, ließ er ſeine Hand wieder an ſeiner Seite herabfallen. Nicole aber entfernte ſich, die Stirne faltend, nachdem ſie zwei oder dreimal an die Thure geklopft hatte, Gillbert bewahrte ſich alſo alle ſeine Vortheile; Nicole verdoppelte ihre Liſt, um die ihrigen nicht gänzlich zu ver⸗ lieren. Endlich beſchränkten ſich ſo viele Pläne und Ge⸗ genminen auf folgende Worte, welche die zwei kriegführen⸗ den Parteien eines Abends vor der Thüre der Kapelle, wo ſie der Zufall zuſammenführte, austauſchten: hie 17²““ guten Abend, Herr Gilbert; Sie ſind alſo 74 „Ei! guten Abend, Mademoiſelle Nicole; Sie ſind alſo in Trianon?“— „Wie Sie ſehen, als Kammerjungfer des Fräuleins.“ „Und ich als Gärtnergehülfe.“ Hienach machte Nicole Gilbert einen ſchönen Knix, diaſet chelht ſie wie ein Mann von Hof, und ſie trenn⸗ ten ſich. Gilbert ſtieg in ſeine Wohnung hinauf und ſtellte ſich, als ginge er ſeines Wegs. Nicole kam aus ihrer Wohnung herab und ſetzte ihren⸗ Weg fort; nur kehrte Gilbert leiſe um und folgte Nicole, dem er dachte, ſie würde wieder Herrn Beaufire auf⸗ uchen. Unter dem Schatten der Allee wartete wirklich ein Mann; Nicole näherte ſich ihm; es war ſchon zu düſter, daß Gilbert Herrn Beaufire erkennen konnte, und der Mangel der Feder machte ihn ſo neugierig, daß er Nicole nach ihrer Wohnung zurückkehren ließ und dem Unbe⸗ kanten vom Rendez⸗vous bis zum Gitter von Trianon 3 folgte. 3 Es war nicht Herr Beauſire, ſondern ein Mann von einem gewiſſen Alter, mit der Tournure eines vornehmen Herrn und einem trotz vorgerückter Jahre lebhaften Gang; als ſich ihm Gilbert, der mit einer großen Unverſchäm heit beinahe unter ſeiner Naſe vorüberging, näherte, er⸗ kannte er den Herzog von Richelieu. „Peſt!“ ſagte er,„nach dem Gefreiten der Mar⸗ ſchan von Frankreich: Mademoiſelle Nicole ſteigt i rad.“ 5 XCVII. Die Parlamente. Während alle dieſe untergeordneten, unter den Linden und in den Blumen von Trianon ausgebrüteteten Intriguen ein ziemlich belebtes Daſein für die Milben dieſer kleinen Welt . bildeten, öfſneten die großen Intriguen der Stadt als dro⸗ hende Stürme ihre weiten Flügel über dem Pallaſte der Themis, wie Herr Jean Dubarry mythologiſcher Weiſe ſeiner Schweſter ſchrieb. Die Parlamente, ein entarteter Ueberreſt der alten franzoͤſiſchen Oppoſition, hatten unter der launenhaften Hand von Ludwig XV. wieder Luft geſchöpft; doch ſeitdem war ihr Protector, Herr von Choiſeul, gefallen; ſie fühlten die Gefahr herannahen und ſchickten ſich an, ſie durch ſo energiſche Maßregeln, als es die Umſtände erlaubten, zu beſchwören. 3 4 Jede große allgemeine Erſchütterung ertzündet ſich durch eine perſönliche Frage, wie die großen Schlachten von ganzen Heeren mit den Gefechten vereinzelter Blänkler beginnen. Seit Herr de la Chalotais, Herrn von Aiguillon um den Leib faſſend, den Kampf der dritten Partei gegen die Feudalität perſönlich gemacht hatte, beharrte der öffent⸗ liche Geiſt hiebei und duldete es nicht, daß die Frage ver⸗ rückt wurde. Der König aber, den das Parlament von Bretagne und von ganz Frankreich unter eine Sündfluth von mehr oder minder unterwürfigen und kindlichen Vorſtellungen getaucht hatte, der König hatte in Folge des Einfluſſes von Madame Dubarry der Feudalität gegen die dritte Partei durch die Ernennung von Herrn von Aiguillon zum Commandeur ſeiner Chevaurlegers Recht gegeben. Herr Jean Dubarry hatte ſich ganz richtig darüber 76 ausgedrückt, es war ein harter Backenſtreich für die lieben und getreuen Herren Räthe vom Parlamentshof. Wie würde dieſer Backenſtreich aufgenommen werden? Dies war die Frage, die ſich der Hof und die Stadt jeden Morgen bei Sonnenaufgang ſtellten.. Die Leute vom Parlament ſind geſchickte Leute, und dn, wo viele Andere in Verlegenheit gerathen, ſehen ſie ar. Sie fingen damit an, daß ſie ſich unter ſich über die Anwendung und das Reſultat des Backenſtreichs verſtän⸗ digten, wonach ſie, als es ſich beſtimmt herausgeſtellt hatte, daß der Backenſtreich gegeben und empfangen worden war, folgenden Entſchluß faßten: Der Parlamentshof wird ſich über das Benehmen des Exgouverneur der Bretagne berathen und ſofort ſeine Anſicht ausſprechen. Doch der Koͤnig parirte den Schlag dadurch, daß er den Pairs und Prinzen das Verbot einſchärfte, ſich in den Palaſt zu begeben, um irgend einer Herrn von Aiguillon betreffenden Berathung beizuwohnen; dieſe Herren gehorch⸗ ten buchſtäblich. 3 Entſchloſſen, ſeine Sache ſelbſt abzumachen, erließ das Parlament nun einen Spruch, in welchem es erklärte, daß der Herzog von Aiguillon verdächtig und beſchuldigt verſchiedener Handlungen und Thatſachen, welche ſeine Ehre befleckten, von ſeinen Functionen als Pair ſuspendirt werde, bis er ſich durch ein vom Pairshof in den Formen und mit allen durch die Geſetze und Ordonanzen des K nigreichs, welche nichts ergänzen könne, vorg ſchriebenen Feierlichkeiten ausgeſprochenes Urtheil vollig von den ſeine Ehre befleckenden Anklagen und Verdachts⸗ gründen gereinigt habe. 3 Doch ein ſolcher Spruch im Parlamentshof vor den Intereſſirten gegeben und in die Regiſter eingetragen war noch nichts, es bedurfte der Oeffentlichkeit, des allgemeinen Bekanntwerdens; es bedurfte jenes Scandals, den das Lied in Frankreich zu erheben nie ſich ſcheut, wodurch das 77 Lied ſouverän wird und Menſchen und Ereigniſſe beherrſcht. Wun mußte dieſen Beſcheid zur Macht des Liedes empor⸗ treiben. 6 Paris wollte nichts Anderes, als ſich bei dem Scan⸗ dal betheiligen; wenig geneigt für den Hof, wenig für das Parlament, erwartete dieſes in beſtändiger Aufwallung be⸗ griffene Paris einen guten Stoff zum Lachen, als Ueber⸗ gang von all den Gegenſtänden der Thränen, die man ihm ſeit hundert Jahren lieferte. Der Spruch war alſo in gehöriger Form abge⸗ faßt; das Parlament ernannte Commiſſäre, um ihn vor ihren Augen drucken zu laſſen. Man zog zehn tauſend Exemplare davon ab, deren Vertheilung in einem Augen⸗ blick angeordnet war. Wonach, da den Formen gemäß der Hauptbetheiligte von dem, was der Parlamentshof mit ihm machte, unter⸗ richtet werden mußte, ebendieſelben Commiſſäre ſich nach dem Hotel des Herrn Herzogs von Aiguillon begaben, der zu einer gebieteriſchen Zuſammenkunft ſo eben in Paris eingetroffen war. Dieſe Zuſammenkunft hatte keinen andern Zweck, als eine nothwendig gewordene, offene und unum⸗ wundene Erklärung zwiſchen dem Herzog und dem Mar⸗ ſchall, ſeinem Oheim. Durch die Thätigkeit von Rafté hatte ganz Verſailles in einer Stunde den edlen Widerſtand des alten Herzogs gegen die Befehle des Königs in Beziehung auf das Por⸗ tefeuille von Herrn von Choiſeul erfahren. Durch Ver⸗ ſaailles erfuhr ganz Paris und ganz Frankreich dieſelbe Neuigkeit, ſo daß ſich Herr von Richelieu ſeit einiger Zeit auf den Schild der Volksthümlichkeit erhoben ſah, von wo aus er Madame Dubarry und ſelbſt ſeinem theuren Neffen politiſche Grimaſſen machte. Dieſe Stellung war nicht gut für den bereits ſchon 3 ſehr unpopulären Herrn von Aiguillon. Der Marſchall, Pe verhaßt beim Volk, aber gefürchtet, weil er der leben⸗ dige Ausdruck des unter Ludwig XV. ſo geachteten und ſo achtenswerthen Adels war; der Marſchall, ſo veränder⸗ —— 78 lich, daß man ihn, nachdem er eine Partei erwählt hatte, ohne Schonung darüber herfallen ſah, wenn es die Um⸗ ſtände erlaubten, oder wenn ein Witz daraus entſpringen 3 konnte, Richelieu, ſagen wir, war ein ärgerlicher Freund, um ihn zu behalten, um ſo mehr, als die ſchlimmere Seite ſeiner Feindſchaft darin beſtand, daß er an ſich hielt, um das zu machen, was er Ueberraſchungen nannte. Der Herzog von Aiguillon hatte ſeit ſeiner Zuſammen⸗ kunft mit Madame Dubarry zwei Blößen am Panzer. Da er errieth, was Alles Richelieu an Groll und Rach⸗ gier unter der ſcheinbaren Gleichheit ſeiner Laune verbarg, ſo that er, was man im Falle eines Sturmes thun muß: er zerſprengte die Wetterſäule mit Kanonenſchüſſen, über⸗ zeugt, die Geſahr wäre minder groß, wenn man ſich ihr entgegenwerfen würde. Er bemühte ſich alſo, ſeinen Oheim überall aufzu⸗ ſuchen, um eine ernſte Unterredung mit ihm zu pflegen; doch nichts war ſo ſchwierig, ſeitdem der Marſchall ſeinen Wunſch gewittert hatte. 3 Es begannen Märſche und Gegenmärſche; ſobald der Marſchall ſeinen Neffen von fern erblickte, ſchoß er ihm wie einen Pfeil ein Lächeln zu, und umgab ſich ſo⸗ gleich mit Leuten, welche jede Verbindung unmöglich machten; er trotzte ſo dem Feinde wie in einer unein⸗ nehmbaren Feſtung. ſau Der Herzog von Aiguillon zerſprengte die Wetter⸗ äule. 1 Aber Rafté, der an ſeinem kleinen Fenſter im Hotel, das auf den Hof ging, Schildwache ſtand, erkannte die Livree des Herzogs und benachrichtigte ſeinen Herrn. Der Herzog drang bis in das Schlafzimmer Marſchalls; er fand hier Rafté, der mit einem ganz von Vertraulichkeit angeſchwollenen Läͤcheln die Indiscret beging, dieſem Neffen zu erzählen, ſein Oheim hal Nacht außerhalb des Hotels zugebrach. Herr von Aiguillon biß ſich auf die Lippen und nahr einen guten Rückzug. 8 79 Sobald er zu Hauſe war, ſchrieb er an den Mar⸗ ſchall und bat ihn um eine Audienz. Der Marſchall konnte vor einer Antwort nicht zurüͤck⸗ weichen. Er konnte, wenn er antwortete, die Audienz . nicht verweigern, und wenn er die Audienz bewilligte, 1 wie ſollte er eine gute Erklärung verweigern? Herr von Aiguillon glich zu ſehr jenen höflichen, artigen Raufern, welche ihre ſchlimmen Abſichten unter einer bewunderungs⸗ würdigen Freundlichkeit verbergen, ihren Mann unter 3 Verbeugungen auf den Kampfplatz führen und hier ohne 1 Barmherzigkeit niederſtechen. . Der Marſchall war nicht eitel genug, um ſich eine Alluſion zu machen, er kannte die ganze Stärke ſeines r. Neffen. Einmal ihm gegenüber, würde ihm dieſer Wider⸗ ſacher entweder eine Verzeihung oder eine Einräumung — entreißen. Richelieu aber verzieh nie, und Einräumungen linem Feinde gegenüber find ſtets Todfehler in der Po⸗ ti 2. „Er ſtellte ſich alſo beim Empfang des Briefes von iulln⸗ als hätte er Paris auf mehrere Tage ver⸗ aſſen. 3 Rafté, den er über dieſen Punkt um Rath fragte, ſprach ſeine Anſicht dahin aus: 1 3„Wir ſind auf dem Weg, Herrn von Aiguillon zu Grunde zu richten. Unſere Freunde in den Parlamenten machen das Geſchäft ab. Kann Herr von Aiguilllon, der dies vermuthet, Ihrer vor der Erploſion habhaft wer⸗ den, ſo wird er Ihnen das Verſprechen entreißen, ihm im Faalle eines Unglücks beizuſtehen, denn Ihre Empfindlich⸗ keit iſt eine von denjenigen, welche Sie nicht laut vor einem Familienintereſſe konnen geltend machen; weigern Sie ſich im Gegentheil, ſo geht Herr von Aiguillon, nennt Sie ſeinen Feind, ſchreibt Ihnen das Uebel zu, und er geht erleichtert, wie man es immer iſt, ſo oft man die Urſache des Uebels gefunden hat, wenn auch das Uebel nicht geheilt iſt.) Das iſt vollkommen richtig,“ erwiederte Richelieu, „doch ich kann mich nicht ewig verbergen. Tage vor der Exrploſſion?“ „Sechs, gnädigſter Herr.“ „Iſt das ſicher?“ Rafté zog aus ſeiner Taſche einen Brief von einem Rath im Parlament. Dieſer Brief enthielt nur folgende zwei Zeilen: „Es iſt entſchieden, daß der Spruch gefällt werden ſoll. Donnerſtag wird die letzte von dem Gerichtscolle⸗ gium anberaumte Friſt ſein.“ „Dann iſt nichts einfacher,“ ſagte der Marſchall. „Schicke dem Herzog ſeinen Brief mit einem Billet von Deiner Hand zurück.“” „Herr Herzog!“ „„Sie werden die Abreiſe des Herrn Marſchalls nach““* erfahren haben. Dieſe Luftveränderung iſt von dem Arzt des Herrn Herzogs, der ihn ein wenig ermüdet findet, als unerläßlich errachtet worden. Wenn Sie, wie ich nach Wie viele war bald gefunden, nur ging der Herr Herzog von Ri⸗ chelieu, der ſich ungemein langweilte, eines Abends aus, um Nicole in Trianon zu ſprechen. Er wagte nichts, oder er glaubte nichts zu wagen, da er wußte, daß der Herr Herzog von Aiguillon im Pavillon von Luciennes war. Aus dieſem Manoeuvre ging hervor, daß Herr v. Aiguillon, wenn er etwas vermuthete, wenigſtens de Schlag, von dem er bedroht war, nicht zuvorkommen konnte, da ihm der Degen ſeines Feindes entging, d er hätte müſſen begegnen koͤnnen. 8¹1 Die Friſt von Donnerſtag befriedigte ihn, er reiſte an dieſem Tag von Verſailles in der Hoffnung ab, endlich dieſen ungreifbaren Widerſacher zu treffen und zu be⸗ kämpfen. m Es war, wie geſagt, an dem Tag, wo das Parlament ſeinen Spruch erlaſſen hatte. 4 Eine noch dumpfe, aber für den Pariſer, der das en Niveau ſeiner Wellen ſo gut kennt, verſtändliche Gährung le⸗ herrſchte in den großen Straßen, durch welche der Wagen von Herrn von Aiguillon fuhr. ll. Man ſchenkte ihm keine Aufmerkſamkeit, denn er war on ſo vorſichtig, in einem Wagen ohne Wappen mit zwei Grauſchimmeln zu fahren, als ob es ſich um ein Liebes⸗ abenteuer handelte. Er ſah wohl da und dort geſchäftige Leute, die ſich rzt ein Papier zeigten, es unter vielen Geſticulationen laſen ls und in Gruppen wirbelten, wie Ameiſen um ein Stückchen ich Zucker, das zur Erde gefallen iſt; doch es war dies die ſr⸗ Zeit der harmloſen Bewegungen: das Volk gruppirte ſich ſo wegen elner Getreidetare, wegen eines Artikels der holländiſchen Zeitung, wegen eines Verſes von Voltaire, oder wegen eines Liedes gegen die Dubarry oder gegen Herrn von Maupeou. Herr von Aiguillon begab ſich geradezu nach dem Hotel von Herrn von Richelieu. Er fand nur Rafté. as Der Herr Marſchall, ſagte dieſer, werde jeden Au⸗ eck genblick erwartet; irgend eine Zögerung der Poſt halte ti⸗ ihn an den Barridren zurück. 1s, Herr von Aiguillon beſchloß zu warten, während er ts, einige böſe Laune gegen Rafté kundgab, denn er nahm err die Entſchuldigung als eine neue Niederlage. Es war noch viel ſchlimmer, als ihm Rafté erwie⸗ derte; der Marſchall würde, wenn er zurückkäme, in Ver⸗ zweiflung ſein, daß man Herrn von Aiguillon habe war⸗ ten laſſen; er dürfte überdies nicht in Paris ſchlafen, wie es Anfangs verabredet geweſen; ohne Zweifel würde er ODeunkwürdigkeiten eines Arztes. v. 6. — nicht allein vom Lande zurückkommen und nur durch Paris fahren und dabei die Neuigkeiten von ſeinem Hotel mitnehmen. Herr von Aiguillon dürfte deshalb wohl da⸗ ran thun, nach Hauſe zurüͤckzukehren, wo ihn ſodann der Marſchall im Vorbeifahren einen Augenblick aufſuchen würde. 3 „Hoͤren Sie, Rafté,“ ſagte Herr von Aiguillon, der während dieſer dunklen Erklärung ſehr düſter geworden war,„Sie ſind das Gewiſſen meines Oheims, antworten Sie als ehrlicher Mann. Man hintergeht mich, nicht wahr, und der Herr Marſchall will mich nicht ſehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Rafté, Sie ſind oft für mich ein guter Rath geweſen, und ich konnte für Sie ſein, was ich abermals ſein werde, ein guter Freund; ſoll ich nach Verſailles zurückkehren?“ „Herr Herzog, auf Ehre, Sie werden, ehe eine Stunde vergeht, den Beſuch des Herrn Marſchalls em⸗ pfangen.“ 8 5 „Da warte ich aber lieber hier, da er zurückkommen wird.“ 5 habe die Chre gehabt, Ihnen zu ſagen, er werde vielleicht nicht allein kommen.“ 8 „Ich verſtehe... und ich habe Ihr Wort, Rafté. Hienach entſernte ſich der Herzog ganz träumeriſch aber mit einer ſo edlen und ſo anmuthigen Miene, da das Geſicht des Marſchalls, als er nach dem Abgang ſe nes Neffen aus einem mit einer Glasthüre verſehene Cabinet hervorkam, gerade den Gegenſatz davon bildete. Der Marſchall lächelte wie einer von jenen häßl chen Dämonen, welche Callot in ſeine Verſuchungen ei geſtreut hat. 4 5 „Er vermuthet nichts, Rafté,“ ſagte er. „Nichts, Monſeigneur.“ „Wie viel Uhr iſt es?“ „Die Stunde thut nichts zur Sache, Monſeigneur, man muß warten, bis unſer kleiner Anwalt vom C 83 mich benachrichtigt hat. Die Commiſſäre ſind noch beim rucken.“ Rafté hatte noch nicht vollendet, als ein Kammer⸗ diener durch eine geheime Thüre einen ziemlich fettigen, ziemlich häßlichen, ziemlich ſchwarzen Menſchen, eine von jenen lebendigen Federn eintreten ließ, gegen welche Herr Dubarry eine ſo heftige Antipathie äußerte. Rafté ſchob den Marſchall ins Cabinet und ging dieſem Menſchen lächelnd entgegen, „Ah! Sie ſind es, Meiſter Flageot!“ ſagte er,„Ihr Beſuch entzückt mich.“ „Ihr Diener, Herr von Rafté; nun, die Sache iſt gethan.“ „Es iſt gedruckt?“ „Und fünftauſendmal abgezogen. Die erſten Proben laufen ſchon durch die Stadt, die andern trocknen.“ „Welch ein Unglück, lieber Herr Flageot, welche Verzweiflung für die Familie des Herrn Marſchalls.“ Um ſich des Antwortens, daß heißt des Lügens zu überheben, zog Herr Flageot aus ſeiner Taſche eine große filberne Doſe, aus der er langſam eine Priſe ſpaniſchen Taback ſchnupfte. „Und was macht man hernach?“ fuhr Rafté fort. „Die Form, lieber Herr Raſté. Sicher des Abzugs und der Vertheilung, werden die Herren Commiſſäre unmit⸗ telbar in den W agen ſteigen, der ſie vor der Thüre der Druckerei erwartet, um den Spruch dem Herrn Herzog von Aiguillon mitzutheilen, welcher ſich gerade, ſehen Sie das Glück, nämlich das Unglück, Herr Rafté, in ſeinem Hotel in Paris befindet, wo man mit ſeiner Perſon wird ſprechen können.“ Rafté machte eine ungeſtüme Bewegung, um auf einem Schrank einen ungeheuren Aktenſack zu erreichen, den er Meiſter Flageot mit den Worten übergab: Hier ſind die Aktenſtücke, von denen ich ſprach, mein Monſeigneur der Marſchall hat das größte Ver⸗ zu Ihren Einſichten und überläßt Ihnen dieſe An⸗ gelegenheit, welche ſehr vortheilhaft für Sie ſein muß. Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienſte bei dieſem be⸗ klagenswerthen Conſlict von Herrn von Aiguillon mit dem allmächtigen Parlament von Paris, meinen Dank für ——— Ihren guten Nath.“ Und er ſchob Meiſter Flageot, der über ſeine Akten⸗ laſt entzückt war, ſanft, aber mit einer gewiſſen Haſt nach der Thüre des Vorzimmers. Dann befreite er ſogleich den Marſchall aus ſeinem Gefängniß und ſagte zu ihm: „Vorwärts, gnädigſter Herr, zu Wagen! Sie haben keine Zeit zu verlieren, wenn Sie der Vorſtellung beiwoh⸗ nen wollen. Laſſen Sie Ihre Pferde raſcher gehen, als die der Herren Commiſſäre.“ XCVIIll. Worin nachgewieſen wird, daß der Weg zum 1 Miniſterium nicht mit Noſen beſtreut iſt. Die Pferde von Herrn von Richelieu gingen raſcher,“ als die der Herren Commiſſäre, und der Marſchall fuhr folglich zuerſt in den Hof des Hotel Aiguillon. Der Herzog erwartete ſeinen Oheim nicht mehr und ſchickte ſich an, nach Luciennes zurückzufahren, um Me dame Dubarry mitzutheilen, der Feind habe ſich entlarve doch der Huiſſier, all meldete, erweck dieſen entmuthigten Der Herzog ſeine Hände mit einer Affectation von Zäͤr n ganz daß Maaß der Furcht hielt, die er gehabt hatte Der Marſchall gab ſich hin wie der Herzog: Gemälde war rührend. Man ſah jedoch Herrn v Aiguillon den Augenblick der Erklärungen beſchleunig 85 während ihn der Marſchall, ſo gut er konnte, verſchob, indem er bald ein Gemälde, bald ein Bronze, bald ein Tapetenwerk anſchaute, und ſich dabei über eine tödtliche Miüdigkeit beklagte. Der Herzog ſchnitt den Rückzug ſeinem Oheim kurz ab, indem er ihn in einen Lehnſtuhl einſchloß, wie Herr von Villars den Prinzen Eugen in Marchiennes einge⸗ ſchloſſen hatte, und als Angriff zu ihm ſagte: „Mein Oheim, iſt es wahr, daß Sie, der geiſtreichſte Mann von Frankreich, mich ſchlecht genug beurtheilt haben, um zu glauben, ich treibe den Egoismus nicht für uns Beide?“ Es ließ ſich nicht mehr zurückweichen. Richelieu faßte ſeinen Entſchluß. „Was ſagſt Du da,“ erwiederte er,„und worin ſiehſt Du, daß ich Dich gut oder ſchlecht beurtheilt habe, mein Lieber?“ „Mein Oheim, Sie ſchmollen mit mir?“ 1 „Ich, worüber?“ 8. „Oh! keine ſolche Ausweichungen, Herr Marſchall; Sie vermeiden mich, während ich Ihrer bedarf, damit iſt Alles geſagt.“ 3 „Auf Ehre, ich begreife nicht.“ „So will ich es Ihnen erklären. Der König wollte Sie nicht zum Miniſter ernennen, und da ich annahm, ich nämlich die Chevaurlegers, ſo vermuthen Sie, ich habe Sie verlaſſen, verrathen. Die liebe Gräfin, die Sie ſo ſehr in ihrem Herzen trägt!“ Hier horchte Richelieu, doch nicht allein auf die Worte ſeines Neffen. „Du ſagſt mir, ſie trage mich im Herzen, die liebe Gräfin?“ fragte er. „Und ich werde es beweiſen.“ „Mein Theurer, ich bezweifle es nicht. Ich laſſe Dich kommen, um mit mir am Rad zu treiben. Du biſt . jünger, folglich ſtärker; es gelingt Dir, ich ſcheitere; das 4 iſt in der Ordnung, und bei meiner Treue, ich begreif —————.ͤ——- voon mir?“ erwiederte der Herzog, wenig beruhigt durch 86 nicht, warum Du alle dieſe Bedenklichkeiten faſſeſt; haſt 4 Du in meinen Intereſſen gehandelt, ſo billige ich es hun⸗ dertmal; haſt Du gegen mich gehandelt, nun! ſo werde ich Dir den Puff zurückgeben... Verdient dies, daß man ſich darüber erklärt?“ „Mein Oheim, in der That...“ „Du biſt ein Kind, Herzog. Deine Stellung iſt d herrlich: Pair von Frankreich, Herzog, Commandant der Chevauxlegers, in ſechs Wochen Miniſter, mußt Du über jeder gemeinen Erbärmlichkeit ſtehen; der Erfolg ſpricht. frei, mein liebes Kind. Nimm an... ich liebe die Apo⸗ 5 loge... nimm an, wir ſeien die zwei Maulthiere aus der Fabel... Aber was höre ich denn da unten?“ „Nichts, mein Oheim, fahren Sie fort. „Doch, ich hoͤre einen Wagen im Hof.“ 8 „Mein Oheim, unterbrechen Sie ſich nicht, ich bitte Sie; Ihre Rede intereſſirt mich über alle Maßen; ich liebe auch die Apologe.“.. „Nun wohl, mein lieber, ich wollte Dir ſagen, Du werdeſt im Glück nie den Vorwurf Dir gegenüber finden, nie den Aerger der Neidiſchen zu befürchten haben; doch wenn Du hinkſt, wenn Du lahm gehſt... ah! Teufel! nimm Dich in Acht, in dieſem Augenblick greift der Wolf an; doch ſtehſt Du, ich ſagte es Dir wohl, es iſt Ge⸗ räuſch in Deinen Vorzimmern; man kommt ohne Zweifel, um Dir das Portefeuille zu überbringen. Die kleine Gräfin wird für Dich im Alkoven gearbeitet haben.“ Der Huiſſier trat ein. 2 „Die Herren Commiſſäre des Parlaments,“ ſagte e unruhig. 8 8 „Sieh!“ machte Richelieu. „Commiſſäre der Parlaments hier? Was will man das Lächeln ſeines Oheims. „Auf Befehl des Königs!“ ſprach eine ſonore Stimm am Ende des Vorzimmers. 3 „Oh! oh!“ rief Richelieu. 87 4 Herr von Aiguillon ſtand ganz bleich auf und trat 3 auf die Schwelle des Salon, um ſelbſt die zwei Commiſ⸗ ſäre einzuführen, hinter denen zwei Huiſſters mit unempfind⸗ lichen Geſichtern und dann eine Legion von erſchrockenen Dienern erſchienen. „ Was will man von mir?“ fragte der Herzog mit 8 bewegter Stimme. „Haben wir die Ehre, mit dem Herrn Herzog von Aijgguillon zu ſprechen?“ ſagte einer von den Commiſſ ären, .„Ich din der Herzog von Aiguillon, ja, meine Herren.“ 5— Sogleich zog der Commiſſär mit einer tiefen Verbeu⸗ “ gung aus ſeinem Gürtel eine Akte in guter Form, die er mit lauter und verſtändlicher Stimme vorlas. Es war der ausführliche und vollſtändige Spruch, der den Herzog f von Aiguillon als ernſtlich verdächtig und beſchuldigt ver⸗ ſchiedener Handlungen und Thatſachen, die ſeine Ehre be⸗ fleckten, erklärte und ihn von ſeinen Functionen als Pair . des Reiches ſuspendirte. . Der Herzog hoͤrte dieſe Vorleſung, wie ein vom Blitz getroffener Menſch das Rollen des Donners hört. Er rührte ſich nicht mehr als eine Bildſäule auf einem Piede⸗ ſtal und ſtreckte nicht einmal die Hand aus, um die Ab⸗ ſchrift des Spruches zu nehmen, die ihm der Commiſſär . des Parlaments bot. Es war der Marſchall, der, ebenfalls ſtehend, aber 5 munter und behende, das Papier nahm und den Gruß 3 der Räthe erwiederte. . Dieſe waren ſchon fern, als der Herzog noch in dem⸗ ſelben Erſtaunen verharrte. Das iſt ein harter Schlag,“ ſagte Richelieu;„Du biſt nicht mehr Pair von Frankreich, das iſt demüthigend.“ 8 Der Herzog wandte ſich gegen ſeinen Oheim um, als ob er jetzt erſt das Leben und den Gedanken wieder ekommen hätte. „Du warſt nicht hierauf gefaßt?“ ſagte Richelieu mit nſelben Ton. »Und Sie, mrin Oheim?“ entgegnete Aiguillon. 88 3 1 „Wie ſoll man vermuthen, das Parlament werde ſo p hart auf den Günſtling des Königs und der Favoritin ein⸗ ſchlagen... Dieſe Leute werden machen, daß man ſie zu Staub zermalmt.“. Der Herzog ſetzte ſich, die Hand auf ſeiner brennen⸗ den Wange. „Siehſt Du,“ fuhr der alte Marſchall, den Dolch 3 tiefer in die Wunde drückend, fort,„wenn Dich das Parla⸗ ment der Pairie entſetzt, weil Du zum Commandeur der Chevaurlegers ernannt worden biſt, ſo wird es am Tage Deiner Ernennung zum Miniſter Deine Verhaftung decre⸗ tiren und Dich zum Feuertod verurtheilen.“ Der Herzog hielt dieſen furchtbaren Spott mit der Standhaftigkeit eines Helden aus; ſein Unglück erhoͤhte ihn, es läuterte ſeine Seele. Richelieu glaubte, dieſe Standhaftigkeit wäre Unem⸗ pfindlichkeit, Unverſtand vielleicht, und die Stiche wären nicht tief genug gegangen. „Da Du nicht mehr Palr biſt,“ ſagte er,„ſo biſt Du vielleicht weniger dem Haß dieſer Schwarzroͤcke aus⸗ geſetzt... flüchte Dich auf einige Jahre in die Dunkel⸗ heit. Siehſt Du übrigens, die Dunkelheit, Deine Schutz⸗ wache, wird Dir zukommen, ohne daß Du es willſt; Deiner Functionen als Pair entſetzt, gelangſt Du ſchwieriger zum Miniſterium, das wird Dich aus der Verlegenheit ziehen, während Du, wenn Du kämpfen willſt, mein Freund... Du haſt Madame Dubarry für Dich, ſie trägt Dich im Herzen und das iſt eine ſolide Stütze.“ Herr von Aiguillon ſtand auf. Er gab dem Mar⸗ ſchall nicht einmal einen Blick des Zornes für alle die Leiden zurück, die er ihn ausſtehen ließ. „Sie haben Recht, mein Oheim,“ erwiederte er ruhig, „und Ihre Weisheit leuchtet in dieſer letzten Anſicht durch. Die Frau Gräfin Dubarry, der Sie mich vorzuſtellen die Güte hatten, und der Sie ſo viel Gutes mit ſo viel He tigkeit von mir ſagten, daß Jedermann in Luciennes davo Zeugſchaft leiſten kann, die Frau Gräͤſin Dubarry wird 89 F mich vertheidigen. Sie liebt mich, Gott ſei Dank, ſie iſt muthig und hat jede Gewalt über den Geiſt Seiner Maje⸗ ſtät. Ich danke, mein Oheim, für Ihren Rath und flüchte mich in denſelben, wie in einen Rettungshafen. Meine Pferde, Bourguignon, nach Luciennes!“ Der Marſchall blieb gleichſam in einem untermalten 3 Lächeln. Herr von Aiguillon verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor ſeinem Oheim und entfernte ſich aus dem Salon, wo er den Marſchall ſehr intriguirt und über Alles verwirrt durch die Erbitterung zurückließ, mit der er in dieſes edle, leben⸗ dige Fleiſch gebiſſen hatte. Es lag einiger Troſt für den alten Marſchall in der tollen Freude der Pariſer, als ſie am Abend die zehn tau⸗ ſend Eremplare vom Spruch laſen, die man ſich auf der Straße aus den Händen riß. Doch er konnte ſich eines Seufzers nicht erwehren, als ihm Rafté Rechenſchaft von ſeinem Abend abforderte. Err erzählte ihm denſelben jedoch, ohne etwas zu ver⸗ ſchweigen. „Der Stoß iſt alſo varirt?“ fragte der Secretaire. „Ja oder nein, Rafté; doch der Stoß iſt nicht todt⸗ lich und wir haben in Trianon etwas Beſſeres, was ich nicht einzig und allein gepflegt zu haben mir zum Vor⸗ das iſt eine große Thorheit... „Warum, wenn man den guten nimmt?“ erwiederte Rafté.— „Eil mein Lieber, der gute, erinnere Dich deſſen, iſt ſtets derjenige, welchen man nicht genommen hat, und für den, welchen man nicht hat, würde man immer den an⸗ den, nämlich den, welchen man in ſeinen Händen hält, geben.“ Nafts zuckte die Achſeln, und dennoch hatte Herr von Niichelieu nicht Unrecht. Sie glauben, Herr von Aiguillon werde da heraus⸗ kommen?“ ſagte er. wurf mache. Wir haben zwei Haſen gejagt, Rafté... —;’’:— —— — —— 90 „Glaubſt Du, daß der König herauskommt, Einfalts⸗ pinſel?“ 3 „Oh! der König macht überall ein Loch; doch es handelt ſich nicht mehr um den Koͤnig, ſo viel ich weiß.“ „Wo der König durchkommt, wird auch Madame Dubarry durchkommen, welche ſo nahe am König hält... Und wo Madame Dubarry durchgekommen iſt, wird auch Herr von Aiguillon durchkommen. Doch Du verſtehſt Dich nicht auf Politik.“ Slagene ee das iſt nicht die Anſicht von Meiſter „Gut! was ſagt dieſer 2 Keiſter Flageot? Und wer iſt das vor Allem?“ „Es iſt ein Anwalt, gnädigſter Herr.“ „Hernach?“ „Nun! Herr Flageot behauptet, der König ſelbſt werde ſich nicht herausziehen.“ „Oh, oh! wer wird dem Loͤwen ein Hinderniß ent⸗ gegenſtellen?“ „Monſeigneur, die Ratte wird es ſein.“ „Meiſter Flageot alſo?“ „Er ſagt, ja.“ 4 „Und Du glaubſt es?“ 3 „Ich glaube immer einem Anwalt, der das Böſe zu thun verſpricht.“ „Wir werden ſehen, Rafté, welche Mittel Meiſter Flageot beſitzt.“ „Das ſage ich mir auch, Monſeigneur.“ „Komm zum Abendbrod, damit ich mich niederlegen kann. Es hat mich ganz umgedreht, ſehen zu müſſen daß mein armer Neffe nicht mehr Pair von Frankreich iſt und nicht Miniſter werden ſoll. Man iſt Oheim Rafté, oder iſt es nicht.“ Herr von Richelieu ſeufzte ein wenig und lachte ſo dann. „Sie haben doch wohl das, was man braucht um Miniſter zu ſein,“ ſagte Rafté. XCIX. Herr von Aiguillon nimmt ſich ſeine Genugthuung. — Am andern Morgen nach dem Tage, wo der furcht⸗ hare Spruch des Parlaments Paris und Verſailles mit Lärmen erfuͤllt hatte, als Jedermann in großer Erwar⸗ tung lebte, was die Folge dieſes Spruches ſein würde, ſah Herr von Richelien, der ſich nach Verſailles begeben und ſein regelmäßig unregelmäßiges Leben wieder begon⸗ naen hatte, Rafté einen Brief in der Hand haltend bei 4 ſich eintreten. Der Secretaire roch an dieſem Brief und wog ihn 4 8 einer Unruhe ab, die ſich raſch ſeinem Herrn mit⸗ lheilte. 3„Was iſt das wieder, Rafté?“ fragte der Marſchall. „Monſeigneur, ich bilde mir ein, es iſt etwas nicht ſehr Angenehmes in dieſem Briefe enthalten.“ „Warum bildeſt Du Dir das ein?“ „Weil der Brief von Herrn von Aiguillon iſt.“ Ah! ah!“ machte der Herzog,„von meinem Neffen.“ „Ja, Herr Marſchall; am Ende der Sitzung des koͤniglichen Rathes kam ein Huiſſier der Kammer und brachte mir dieſes Schreiben für Sie; ſeit zehn Minuten drehe ich es hin und her und kann mich nicht erwehren, eine ſchlimme Nachricht darin zu ſehen.“ Der Herzog ſtreckte die Hand aus. „Gib,“ ſagte er,„ich bin muthig.“ Sch bemerke Ihnen,“ unterbrach ihn Rafté,„daß der Huiſſter, als er mir das Papier übergab, aus vollem Halſe lachte.“ ceufel! das iſt beunruhigend; gib immerhin,“ er⸗ bdiederte der Marſchall. „ Und daß er beifügte:„nder Herr Herzog von Aiguil⸗ 292 lon empfiehlt, dem Herrn Marſchall dieſe Botſchaft auf der Stelle zu übergeben. 35 „Schmerz! du kannſt nicht verlangen, daß ich be⸗ haupte, du ſeiſt ein Uebel!“ rief der alte Marſchall, das Siegel mit feſter Hand erbrechend. Und er las. „Ei! ei! Sie machen Grimaſſen,“ ſagte Raſté, der als Beobachter die Hände auf den Rücken legte. de„Iſt es möglich!“ murmelte Richelieu unter dem eſen. „Das iſt ernſt, wie es ſcheint?“ „Du ſiehſt ganz entzückt aus 2“ „Gewiß, ich ſehe, daß ich mich nicht getäuſcht . Der Marſchall las weiter. 3 „Der König iſt gut,“ ſagte er nach einem Augen⸗ hab blick. 3 „Er ernennt Herrn von Aiguillon zum Miniſter?“ „Noch etwas Beſſeres.“ „Oh! oh! was denn?“ „Lies und erkläre.“ 0 Rafté las den Brief ebenfalls; er war eigenhändig an Herzog geſchrieben und in folgenden Worten abge⸗ aßt: 3 „Mein lieber Oheim, „Ihr Rath hat Früchte getragen: ich habe meinen zummer der vortrefflichen Freundin Ihres Hauſes, der Frau Gräfin Dubarry, anvertraut, welche mein Geſtänd⸗ niß in den Buſen Seiner Mäjeſtät niederzulegen dig Güt hatte. Der Koͤnig war entrüſtet über die Gewal ätig keit der Herren vom Parlamente gegen mich, der ich mich ſo getreulich ſeinem Dienſte gewidmet habe, und noch in ſeinem Rath vom heutigen Tage hat Seine Majeſtät de Spruch des Parlaments caſſirt und mich beauftrag meine Functionen als Pair von Frankreich fortzuſetzen mein lieber Oheim, da ich weiß, welch ein großes Ver 93 gnügen Ihnen dieſe Nachricht bereitet, ſo überſchicke ich Ihnen den Inhalt der Entſcheidung, welche Seine Maje⸗ ſtät heute im Rathe genommen hat. Ich habe ſie durch einen Secretaire abſchreiben laſſen, und Sie erhalten Mittheilung davon vor irgend Jemand in der Welt. „Wollen Sie der Verſicherung meiner zärtlichen Ehrfurcht glauben, mein lieber Oheim, und mich fort⸗ während mit Ihrer Gunſt und Ihren guten Rathſchlägen erfreuen. „Herzog von Aiguillon.“ „Er treibt noch obendrein ſein Geſpötte mit mir,“ rief Richelieu. „Meiner Treue, ich glaube es auch, Monſeigneur.“ „Der König! der Koͤnig! er wirft ſich in das Weſpenneſt!“ „Sie wollten geſtern nicht glauben.“ „Ich habe nicht geſagt, er würde ſich nicht hinein⸗ werfen, Herr Rafté, ich habe geſagt, er würde ſich her⸗ ausziehen... Du ſiehſt aber, daß er ſich herauszieht.“ „Das Parlament iſt unleugbar geſchlagen.“ 4 „Und ich auch.“ „Für den Augenblick, ja.“ „Für immer! Geſtern hatte ich ein Vorgefühl, und Du tröſteteſt mich ſo ſehr, daß mir nothwendig Unan⸗ nehmlichkeiten zuſtoßen mußten.“ „Gnädigſter Herr, Sie laſſen ſich ein wenig zu früh entmuthigen, wie mir ſcheint.“ „Meiſter Rafté, Sie ſind ein Dummkopf. Ich bin geſchlagen und werde die Buße bezahlen. Sie begreifen vielleicht nicht Alles, was Unangenehmes für mich darin liegt, daß ich zu dieſer Stunde das Gelächter von Lucien⸗ nes bin: der Herzog verſpottet mich in den Armen von Madame Dubarry, Mademoiſelle Chon und Herr Jean Dubarry verhöhnen mich, und der Neger ſtopft ſich voll mit Bonbons und ſchlaͤgt mir dabei ein Schnippchen. ——y—ÿ— ——y —— 94 Alle Teufel! ich habe einen guten Charakter, doch dieſe ganze Geſchichte macht mich wüthend.“ „Wüthend, Monſeigneur?“ 3 „Ich habe das Wort geſagt, wüthend.“ „Dann hätten Sie nicht thun ſollen, was Sie ge⸗ than haben,“ erwiederte philoſophiſch Nafté. „Sie haben mich dazu angetrieben, mein Herr Sec⸗ retaire.“. „Ich ²² „Ja, Sie.“ „Ci! was liegt mir daran, ob Herr von Aiguillen Pair von Frankreich iſt, oder nicht iſt, frage ich Sie, Monſeigneur? Ihr Neffe thut mir keinen Eintrag, wie mir ſcheint.“ 3 „Herr Nafté, Sie ſind ein Unverſchämter.“ „Das ſagen Sie mir ſeit neun und vierzig Jahren, gnädigſter Herr.“ „Und ich werde es Ihnen wiederholen.“ „Nicht neun und vierzig Jahre, das beruhigt mich.“ „Rafté, ſo nehmen Sie meine Intereſſen?“ „Die Intereſſen Ihrer kleinen Leidenſchaften, Hern Herzog, nein, niemals... Obgleich Sie ein Mann von Geiſt ſind, begehen Sie doch Albernheiten, die ich einem Pedanten, wie ich bin, nicht verzeihen würde.“ „Erklären Sie ſich, Herr Rafté, und wenn ich Un⸗ recht habe, werde ich es zugeſtehen.“ „Sie bedurften geſtern einer Rache, nicht wahr? Sie wollten die Demüthigung Ihres Neffen ſehen. S wollten ihm gleichſam den Spruch des Parlaments übe bringen und die Zuckungen und Bebungen Ihres Opfers anſchauen, wie Herr von Crebillon, der Sohn, ſa Ei! Herr Marſchall, dergleichen Schauſpiele bezahlt me theuer; ſolche Befriedigungen koſten viel... Sie ſind reich, bezahlen Sie, Herr Marſchall, bezahlen Sie.“ „Was hätten Sie an meiner Stelle gethan, laſſe Sie hören, mein Herr Schöngeiſt?“ 95 „Nichts... ich hätte gewartet, ohne ein Lebens⸗ zeichen von mir zu geben.“ Ein Knurren des Marſchalls war deſſen Antwort. „Nun,“ fuhr Rafté fort,„das Parlament war ge⸗ 4 hörig von Ihnen beohrfeigt, um zu thun, was es gethan hat; als der Spruch gefällt war, boten Sie Ihre Dienſte — Ihrem Neffen an, der nichts vermuthet hatte.“ „Das war ſchön und gut, und ich gebe zu, daß ich Unrecht hatte; doch dann hätten Sie mich warnen ſollen.“ 4„Ich, das Vollbringen des Schlimmen verhindern! Sie nehmen mich für einen Andern, Herr Marſchall; Sie d wiederholen gegen Jedermann, ich ſei Ihre Creatur, Sie „ haben mich dreſfirt, und Sie wollen, ich ſoll nicht entzückt b ſein, wenn ich eine Albernheit begehen oder ein Unglück kommen ſehe!... Stille doch!“ „Es wird alſo ein Unglück geſchehen, Herr Zauberer?“ „Gewiß.“ „Welches?“ „ Sie werden hartnäckig ſein, und Herr von Aiguillon wird das Gelenk zwiſchen dem Parlament und Madame Dubarry faſſen; an dieſem Tag wird er Miniſter, und Sie werden verbannt.. oder in der Baſtille ſein.“ Der Marſchall warf aus Wuth den ganzen Inhalt ſeiner Taba ksdoſe auf den Teppich. „In der Baſtille!“ rief er, die Achſeln zuckend: niſt Ludwig XV. Ludwig XIV.*“ 4„Nein; doch Madame Dubarry wird, durch Herrn von Aiguillon verdoppelt, Frau von Maintenon an Stärke gleichkommen. Nehmen Sie ſich in Acht, ich kenne heut zu Tage keine Prinzeſſin von Geblüt, die Ihnen Bonbons und den Gänſepfeffer dahin bringen wird.“ „Das ſind genug Vorzeichen,“ erwiederte der Mar⸗ ſchall nach langem Stillſchweigen...„Sie leſen in der Zurunfti doch ſprechen Sie von der Gegenwart, wenn’'s be 4 Nathſchläͤge geben könnte.“ „Der Herr Marſchall iſt zu weiſe, als daß man ihm ich Dich nicht verſtehe, ſo mache Dich verſtändlich.“ 96 „Sprich doch, alter Burſche, willſt Du auch meiner ſpotten?“ „Merken Sie wohl auf, Herr Marſchall, Sie ver⸗ wechſeln die Data; einen Menſchen, der vierzig Jahre vorüber iſt, nennt man nicht mehr Burſche, und ich bin ſieben und ſechzig.“ 3 „Gleichviel... ziehe mich da heraus, und zwar geſchwinde, geſchwinde.“ „Durch einen Rath?“ „Durch was Du willlſt.“ „Es iſt noch nicht Zeit.“ „Du ſcherzeſt offenbar.“ 4 „Geſiele es Gott!... Wenn ich ſcherzte, ſo wäre Umſtände ſcherzhafter Natur, und leider ſind ſie diies nicht.“— „Wie iſt es mit dieſer Niederlage... es iſt nicht Zeit 2* „Nein, Monſeigneur, es iſt nicht Zeit. Wenn die Eröffnung des königlichen Beſcheids nach Paris gelangt wäre, dann etwa... Wollen wir einen Courier an d Herrn Präſidenten d'Aligre abſchicken?“ „Daß man noch mehr über uns ſpottet.“ „Welche lächerliche Eitelkeit, Herr Marſchall, S koͤnnten machen, daß ein Heiliger den Kopf verlöre.. Laſſen Sie mich meinen Plan einer Landung in England vollenden und tauchen Sie vollends in Ihre Portefeuille⸗ Intrigue, da das Geſchäft halb abgemacht iſt.“ Der Marſchall kannte die ſchwarze Laune von Herrn Rafté; er wußte, daß der Secretaire, wenn ſich einmal ſeine Melancholie erklärt hatte, nicht mehr mit eiſernen Stangen zu berühren war. „Ruhig, ſchmolle mir nicht,“ ſagte er,„und we “ „Monſeigneur will alſo, daß ich ihm einen Plan Benehmens vorzeichne.“ „Gewiß, da Du behaupteſt, ich wiſſe mich nicht ſell zu benehmen.“ 3“ R Flageot begegnen wird?“ 97 „Wohl, es ſei, hören Sie.“ „Ich höre.“ „Gut,“ ſprach Rafté mit mürriſchem Tone,„Sie ſchicken an Herrn d'Aligre den Brief von Herrn von Ai⸗ guillon und fügen den vom König in ſeinem Rath gefaßten Beſcheid bei. Sie warten, bis ſich das Parlament hier⸗ über verſammelt und berathen hat, was augenblicklich ge⸗ ſchehen wird; wonach Sie in Ihre Carroſſe ſteigen und Ihrem Anwalt, Meiſter Flageot, einen kleinen Beſuch machen werden.“ „Wie beliebt!“ rief Richelieu, den dieſer Name wie am Tage vorher aufſpringen machte.„Abermals Herr Flageot; was Teufels hat Meiſter Flageot in dem Allem zu ſchaffen, und was werde ich bei einem Meiſter Flageot thun?“ „Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, Mon⸗ ſeigneur, Meiſter Flageot ſei Ihr Anwalt.“ „Nun, und hernach?“ 1 „Wenn er Ihr Anwalt iſt, hat er Aktenpäcke... Brazefe von Ihnen, Sie erkundigen ſich nach Ihrem rozeß.“. „Morgen?“ „Ja, Herr Marſchall, morgen.“ „Aber das iſt Ihr Geſchäft, Herr Rafté.“. „Nein, nein... Wenn Herr Flageot ein einfacher Papierkratzer wäre, gut, dann könnte ich mit ihm als mit meines Gleichen verhandeln; doch da von morgen an Meiſter Flageot ein Attila, eine Geißel der Könige, nicht mehr, nicht minder iſt, ſo iſt ein Herzog und Pair, ein Marſchall von Frankreich, nicht zu viel, um mit dieſem Allmächtigen zu verhandeln.“ „Dies Alles iſt ſeltſam, oder ſpielen wir Komödie?“ „Sie werden morgen ſehen, ob es ernſt iſt, Mon⸗ ſeigneur.“ 3 „Aber ſage mir doch, was mir bei Deinem He Denkwürdigkeiten eines Arztes. v. 7 zum Voraus errathen... Guten Abend, Herr Marſchall. 3 ſtube und Kundſchaft gegen die Summe von fünf und 98 „Ich würde darüber ſehr ärgerlich werden;.. Sie würden mir morgen beweiſen wollen, Sie haben Alles Erinnern Sie ſich an Folgendes: ein Courier an Herrn d' Aligre ſogleich, ein Beſuch bei Herrn Flageot morgen. Ahl die Adreſſe. Der Kutſcher weiß ſie, er hat mich ſeit acht Tagen oft genug dahin geführt.“ 4 C. Worin der Leſer einen ſeiner alten Bekann⸗ ten wiederfinden wird, den er verloren glaubte, und den er vielleicht nicht bedauerte. Der Leſer wird uns vielleicht fragen, warum Meiſter Flageot, der eine ſo majeſtätiſche Rolle ſpielen ſoll, An⸗ walt ſtatt Advokat genannt wurde; da der Leſer Recht hat, ſo wollen wir ſeiner Frage entſprechen. 3 Die Vacanzen wiederholten ſich ſeit einiger Zeit im Parlament, und die Advokaten ſprachen ſo wenig, daß es 3 nicht der Mühe werth war, davon zu ſprechen.— Meiſter Flageot, der den Augenblick vorherſah, wo man gar nicht mehr plaidiren würde, traf einige Anord⸗ nungen mit Meiſter Guildon, dem Anwalt, der ihm Schreib⸗ — zwanzigtauſend Franken, einmal bezahlt, abtrat. So kam es, daß Meiſter Flageot Anwalt war. Fragt man uns nun, wie er die fünf und zwanzigtauſend Lvres bezahlt habe, ſo antworten wir: dadurch, daß er Mademoiſelle Marguerite heirathete, der dieſe Summe als Erbſchaft gegen das Ende des Jahres 1770, drei Monate vor de Berbannung von Herrn von Choiſeul, zuſiel. Meiſter Flageot hatte ſich ſeit langer Zeit durch 99 Beharrlichkeit, mit der er zur Partei der Oppoſition hielt, bemerkbar gemacht. Sobald er Anwalt war, verdoppelte er ſeine Heftigkeit, und durch dieſe Heftigkeit erlangte er einen gewiſſen Ruf. Dieſer Ruf, verbunden mit der Ver⸗ öͤffentlichung einer mordbrenneriſchen Denkſchrift über den Streit von Herrn von Aiguillon mit Herrn de la Chalo⸗ tais, ecregte die Aufmerkſamkeit von Herrn Rafté, der ſich über die Angelegenheiten des Parlaments im Laufen⸗ den erhalten mußte. Doch trotz ſeiner neuen Würde und ſeiner zunehmen⸗ den Wichtigkeit, verließ Meiſter Flageot die Rue du Petit⸗ Lion⸗Saint⸗Sauveur nicht. Es wäre zu grauſam für Made⸗ moiſelle Marguerite geweſen, ſich nicht von den Nachbarinnen Madame Flageot nennen zu hoͤren und ſich nicht durch die Schreiber von Meiſter Guildon, welche in den Dienſt des neuen Anwalts übergegangen waren, reſpectirt zu ſehen. Man erraͤth, was Herr von Nichelieu litt, als er durch Paris fuhr, durch das ſtinkende Paris dieſer Zone, um zu dem abſcheulichen Loch zu gelangen, welches das Bauherrnamt von Paris mit dem Namen einer Straße ſchmückte. Vor der Thüre von Meiſter Flageot wurde der Wagen von Herrn von Richelieu durch einen andern Wagen auf⸗ gehalten, der ebenfalls vorfuhr. Der Marſchall erblickte einen weiblichen Kopfputz, der aus dieſem Wagen ausſtieg, und da ihm ſeine fünf und ſiebenzig Jahre das Handwerk eines Galant nicht entleidet hatten, ſo beeilte er ſich, ſeine Füße in den ſchwarzen Koth zu tauchen, um dieſer Dame, welche allein ausſtieg, ſeine Hand zu bieten. Doch der Marſchall hatte an dieſem Tag Unglück, ein dürres Bein, das ſich auf den Fußtritt ausſtreckte, verrieth eine alte Frau. Ein runzliges, unter einer rothen Linie braungelbes Geſicht bewies ihm vollends, daß dieſe Frau nicht nur alt, ſondern hinfällig war. 3 Es ließ ſich jedoch nicht mehr zurückweichen; der Marſchall hatte die Bewegung gemacht, und die Bewegung 100 war geſehen worden; überdies war Herr von Richelieu nicht jung. Die Prozeßkrämerin, denn welche Frau in einem Wagen würde in dieſe Straße gekommen ſein, wäre ſie nicht eine ſolche geweſen; die Prozeßkrämerin, ſagen wir, ahmte indeſſen das Zögern des Herzogs nicht nach, ſie legte ihre Pfote mit einem furchtbaren Lächeln in die Hand von Richelien. 3 „Ich habe dieſes Geſicht irgendwo geſehen,“ ſagte 5 leiſe der Marſchall. Und dann fragte er laut: „Geht Madame auch zu Meiſter Flageot hinauf?“ „Ja, Herr Herzog,“ erwiederte die Alte. „Ah! ich habe die Ehre, Ihnen bekannt zu ſein 2“ rief unangenehm überraſcht der Herzog, indem er auf der Schwelle des ſchwarzen Ganges ſtehen blieb. „Wer kennt nicht den Herrn Marſchall Herzog von Richelieu?“ erwiederte ſie,„man müßte keine Frau ſein.“ „Dieſe Meerkatze glaubt alſo, ſie ſei eine Frau,“ murmelte der Sieger von Mahon. Und er verbeugte ſich auf das Allerartigſte und fügte bei: „Darf ich wohl meinerſeits fragen, mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe?“ „Ich bin die Gräfin von Bearn, Ihre Dienerin,“ erwiederte die Alte, indem ſie einen tiefen Hofbückling auf dem kothigen Boden des Ganges, drei Zoll von der offenen Thüre eines Kellers, machte, wobei der Marſchall boshafter Weiſe hoffte, er würde ſie bei ihrer dritten Biegung ver⸗ ſchwinden ſehen. 3 „Entzückt, Madame, entzückt,“ ſprach er,„ich ſage dem Himmel tauſendfachen Dank für den Zufall; Sie haben alſo auch Prozeſſe, Frau Gräfin?“ „Eil Herzog, ich habe nur einen einzigen; doch welch einen Prozeß! Haben Sie denn nicht davon ſprechen hören?“ 1 „Doch wohl, doch; der große Prozeß... es iſt 101 wahr, verzeihen Sie. Wie Teufels konnte ich das ver⸗ geſſen?“ „Gegen die Saluces.“ „Gegen die Saluces, ja, Frau Gräfin; der Prozeß, auf den man das Lied gemacht hat.“ 3 AEin Lied?...“ verſetzte die Alte gereizt,„welches ied?“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame, es iſt hier eine Vertiefung,“ ſagte der Herzog, als er ſah, die Alte würde offenbar nicht in das Loch ſtürzen;„faſſen Sie das „Geländer, nämlich den Strick.“ Die Alte ſtieg die erſten Stufen hinauf. Der Herzog folgte ihr. „Ja, ein ziemlich drolliges Lied,“ ſagte er. „Ein ziemlich drolliges Lied über meinen Prozeß?“ „Bei Gott! ich mache Sie ſelbſt zur Richterin... doch Sie kennen es vielleicht?“ „Keines Wegs.“ „Es geht auf die Melodie der Bourbonnaiſe; es iſt geſagt: „Madame la comtesse, Faites-moi politesse, Je suis dans l'embarras.*) „Verſtehen Sie, Madame Dubarry ſpricht.“ „Das iſt unverſchämt gegen ſie.“ „Was wollen Sie, die Liederſchreiber... ſie achten nichts. Götter, wie ſchmutzig iſt dieſer Strick! Dann antworten Sie Folgendes: 52 „Je suis vieille et téetue Un gros procès me tue; Qui me le gagnera?“5*) *) Frau Gräfin, ſeien Sie artig— ich bin in Verlegenheit. *⁸) Ich bin alt und halsſtarrig; ein großer Prozeß tödtet mich, wer wird ihn mir gewinnen? 10² „Ei! mein Herr, das iſt ſchändlich!“ rief die Grä⸗ fin;„man beleidigt nicht auf dieſe Art eine Frau von Stand.“ „Madame, entſchuldigen Sie mich, wenn ich falſch geſungen habe, dieſe Treppe erhitzt mich... Ahl wir ſind nun an Ort und Stelle; erlauben Sie mir, daß ich an dieſem Rehfuß ziehe.“ Die Alte ließ brummend den Herzog vorangehen. Der Marſchall läͤutete, und Madame Flageot, welche, weil ſie Anwaltin geworden, darum nicht Thürhüterin und Köchin zu ſein aufgehört hatte, öffnete. Als die zwei Clienten in das Cabinet von Herrn Flageot eingeführt wurden, fanden ſie einen Mann, der wüthend mit den Händen focht, während er, die Feder in den Zähnen, ſeinem erſten Schreiber einen furchtbaren Aufſatz dictirte. „Mein Gott! Meiſter Flageot, was gibt es denn?“ rief die Gräſin, bei deren Stimme ſich der Anwalt um⸗ drehte. „Ah! Madame, Ihr Diener von ganzem Herzen. Einen Stuhl für die Frau Gräfin von Bearn. Der Herr iſt mit Ihnen, Madame?... Ei! wenn ich mich nicht täuſche, der Herr Herzog von Richelieu bei mir!... Noch einen Stuhl, Bernardet!“. „Meiſter Flageot,“ ſagte die Gräfin,„wie ſteht es mit meinem Prozeß, ich bitte Sie?“ „Ah! gnädige Frau, in dieſem Augenblick beſchäftige ich mich damit!“ „Sehr gut, Meiſter Flageot, ſehr gut.“ „Und zwar auf eine Weiſe, Frau Gräfin, welche, wie ich hoffe, Lärmen machen wird.“ 3 „Hm! nehmen Sie ſich in Acht. 4 ſchonen.“ dem Herrn Herzog Audienz geben.“ dem zog 3 „Oh! Frau Gräfin, man braucht nichts mehr zu* „Wenn Sie ſich mit mir beſchäftigen, ſo können Sie — abbrachte. 103 „Herr Herzog, entſchuldigen Sie mich,“ ſagte Meiſter Flageot; doch Sie ſind zu ari, um nicht zu begreifen.“ „Ich begreife, Meiſter F lageot, ich begreife.“ „Nun gehöre ich ganz Ihnen.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich werde Ihre Güte nicht mißbranchen: Sie werden wiſſen, was mich zu Ihnen führt? 1 „Die Actenpäcke, welche mir Herr Rafté kürzlich zu⸗ geſtellt hat.“ „Einige Actenſtücke in Beziehung auf meinen Prozeß über... auf meinen Prozeß über... was Teufels. Sie müſſen wiſſen, welchen Prozeß ich meine, Meiſter Flageot.“ „Ihren Prozeß über das Gut Chapenat.“ „Ich ſage nicht nein... Und Sie werden ihn mir Beninven Das wäre ſehr artig von Ihnen.“ „Herr Herzog, das iſt eine auf die lange Bank ge⸗ ſchobene Angelegenheit.“ „Gut! und warum?“ „Sie wird nicht vor einem Jahr zur Verhandlung kommen.“ „Der Grund, wenn's beliebt?“ „Die Umſtände, Herr Herzog, die Umſtände... Sie kennen den Spruch Seiner Majeſtät?“ „Ich glaube, ja... welchen? Seine Majeſtät er⸗ läßt viele Sprüche.“ „Denjenigen, welcher den unſern für nichtig erklärt.“ „Sehr gut. Hernach?“ „Nun wohl, Herr Herzog, wir werden parauf ant⸗ worten, indem wir unſere Schiffe verbrennen.“ „Indem Sie Ihre Schiffe verbrennen, mein Lieber, verbrennen Sie die Schiffe des Parlaments? Das iſt nicht ganz klar, und ich ußt nicht, daß das Parlament Schiffe hat.“ 3 „Die erſte Kammer weigert ſich vielleicht einzure⸗ giſtriren?“ fragte Frau von Bearn, welche der Prozeß von Herrn von Richelieu durchaus nicht von dem ihrigen 104 „Noch beſſer.“ „Die zweite auch?“ 3 „Das wäre nichts... Die zwei Kammern haben den Beſchluß gefaßt, kein Urtheil zu fällen, ehe der Kö⸗ nig Herrn von Aiguillon zurückgenommen hat.“. „Bah!“ rief der Marſchall in die Hände ſchlagend. „Kein Urtheil mehr fällen... wie?“ fragte die Gräfin bewegt. „Aber die Prozeſſe, Madame.“ „Man ſollte kein Urtheil in meinem Prozeß fällen!“ rief Frau von Bearn mit einem Schrecken, den ſie nicht einmal zu verbergen ſuchte. „Eben ſo wenig im Ihrigen, Madame, als in dem des Herrn Herzogs.“— „Aber das iſt ungerecht, das iſt Rebellion gegen die Befehle Seiner Majeſtät.“ „Madame,“ erwiederte der Anwalt majeſtätiſch,„der 1 König hat ſich vergeſſen, wir vergeſſen auch.“ 3 „Herr Flageot, Sie werden machen, daß man Sie in die Baſtille ſetzt, das ſage ich Ihnen.“ „Ich gehe ſingend dahin, Madame, und wenn ich gehe, folgen mir alle meine Collegen Palmen tragend. „Er iſt raſend!“ ſagte die Gräfin zu Richeliau. „Wir ſind alle ſo,“ erwiederte der Anwalt. „Oh! oh!“ machte der Marſchall,„das wird ſeltſam.” „Aber mein Herr, Sie ſagten mir ſo eben, Sie be⸗ ſchäftigen ſich mit mir,“ ſprach Frau von Bearn. „Ich habe es geſagt und es iſt wahr. Sie, Madame, 8 find das erſte Beiſpiel, das ich in meiner Erzählung aufe führe; hier iſt der Paragraph, der Ste betrifft.“ Und er entriß den Händen eines Schreibers das be⸗ gonnene Factum, klemmte ſeine Naſe mit ſeiner Brill Giphafe: 6* 105 Händen, von der das Vermögen eines der erſten Häuſer des Königreichs abhängt; durch ſeine Bemühungen, durch ſeinen Fleiß, durch ſein Talent, er wagt es zu behaupten, nahm dieſe Angelegenheit einen guten Gang und das Recht 3 der hochgeborenen und hochmächtigen Dame Angelique .. Charlotte Véronique Gräfin von Bearn ſollte anerkannt, abaederchen werden, als ſich der Sturm der Zwietracht erhob...“ „Dabei bin ich geblieben, Madame,“ ſagte der An⸗ walt, ſich in die Bruſt werfend,„und ich glaube, daß 3 dieſe redneriſche Figur ſchlagend wirken wird.“ 1„Herr Flageot,“ ſagte die Gräfin von Bearn,„es ſind vierzig Jahre, daß ich zum erſten Mal Ihren Herrn Vuater, einen würdigen Mann, in meinem Prozeß arbeiten 1 ließ; ich übertrug Ihnen meine Kundſchaft und Sie haben zehn bis zwölf tauſend Livres mit meinen Angelegenheiten gewonnen; Sie hätten vielleicht noch einmal ſo viel da⸗ mit gewonnen.“ „Schreiben Sie, ſchreiben Sie dies Alles,“ ſagte Flageot raſch zu ſeinem Schreiber,„das iſt eine Zeug⸗ 5 ſchaft, es iſt ein Beweis: man wird es in die Beſtätigung 3 einfügen.“ „Nun aber,“ unterbrach ihn die Gräfin,„nun ent⸗ eehe ich Ihnen meinen Prozeß; von dieſem Augenblick an „ haben Sie mein Vertrauen verloren.“ 3 Durch dieſe Ungnade wie vom Donner gerührt, blieb MNieiſtter Flageot einen Augenblick ganz verblufft; doch er eerhob ſich wieder unter dem Streich wie ein Märtyrer, . der ſeinen Gott bekennt, und ſprach: „Es ſei, Bernardet, geben Sie die Acten Madame zurück, und Sie werden den Thatumſtand aufzeichnen,“ fügte er bei,„daß der Erponent ſein Gewiſſen ſeinem Vermögen vorgezogen hat... Verzeihen Sie. Gräfin,“ flüſterte der Maſchall Frau von Veuun in’s Ohr,„aber Sie haben nicht überlegt, wie e nt.“.„ 3 3 „Was, Herr Herzog 26 106 „Sie entziehen Ihren Prozeß dieſem braven Prote⸗ ſtanten, aber warum denn 2“ „Um ihn einem andern Advokaten zu übergeben, rief die Gräfin. 3 Meiſter Flageot ſchlug die Augen mit einem düſteren Lächeln der Selbſtverleugnung, ſtoiſcher Reſignation zum Himmel auf. „Aber,“ fuhr der Herzog, immer der Gräfin ins Ohr ſprechend, fort,„da es entſchieden iſt, daß die Kamm⸗ mern kein Urtheil fällen werden, meine liebe Dame, ſo wird ein anderer Anwalt nicht mehr für Sie vermögen, 3 als Meiſter Flageot.“ 3 „Das iſt alſo eine Ligue?“ 1 „Bei Gott! glauben Sie, Meiſter Flageot wäre ſo dumm, allein als Proteſtant aufzutreten, um allein ſeine Etude*) zu verlieren, wenn ſeine Collegen es nicht wie er machen und ihn folglich unterſtützen würden!“ „Aber Sie, Herr Herzog, was thun Sie?“ „Ich erkläre, daß Meiſter Flageot ein ſehr ehrlicher Anwalt iſt, und daß meine Acten eben ſo gut bei ihm als bei mir liegen... Dem zu Folge laſſe ich ihm dieſel⸗ ben, während ich ihn bezahle, wohlverſtanden, als ob er fortfahren würde.“. „Herr Marſchall,“ rief Meiſter Flageot,„mit Recht ſagt man, Sie ſeien ein edler Geiſt, ein großmüthiger Mann! Ich werde Ihren Ruhm verbreiten, Herr Herzog.“ „Sie überhäufen mich mit Güte, mein lieber Herr Anwalt,“ erwiederte Richelien ſich verbeugend. „Bernardet,“ rief der Anwalt voll Begeiſterung ſeinem Schreiber zu,„als Schluß der Rede fügen Sie eine Lobes⸗ erhebung des Herrn Marſchall von Richelieu bei. „Nein, nein, Meiſter Flageot, ich bitte Sie,“ gegnete raſch der Marſchall;„Teufel! was wollen da machen? Ich liebe die Geheimhaltung bei dem, man gute Handlungen zu nennen pflegt... Beleidi *) In Frankreich Schreibſtube der Advokaten mit Kundſch 107 Sie mich nicht, Meiſter Flageot; Sehen Sie, ich würde leugnen, ich würde Sie Lügen ſtrafen, meine Beſcheiden⸗ heit iſt ſehr empfindlich. Nun, Gräfin, was ſagen Sie?“ „Ich ſage, daß in meinem Prozeß ein Urtheil geſpro⸗ chen werden wird, daß ich ein Urtheil brauche.“ „Und ich ſage, daß, wenn man in Ihrem Prozeß ein — Urtheil fällt, Madame, der König zuvor die Schweizer, 3die Chevaurlegers und zwanzig Kanonen in den großen Saal geſchickt haben wird,“ erwiederte Meiſter Flageot . mit einer kriegeriſchen Miene, welche die alte Prozeßkrä⸗ . merin vollends verblüffte. „Sie glauben alſo nicht, daß ſich der König aus dieſer Klemme herausziehen kann?“ fragte Richelien leiſe 0 Meiſter Flageot. ſe„Unmöglich, Herr Marſchall; das iſt ein unerhörter e Fall; keine Gerechtigkeit mehr in Frankreich iſt gerade, 3 als ob es kein Brod mehr gäbe.“ „Selbſt zum Tod, Herr Marſchall; weil man eine Robe trägt, hat man darum doch nicht minder ein Herz.“ Und Meiſter Flageot ſchlug kräftig an ſeine Bruſt. In der That,“ ſagte Nichelien zu ſeiner Gefährtin: „ich glaube, das iſt ein ſchlimmer Standpunkt für das Miniſterium.“ 3 „Oh! ja,“ erwiederte nach kurzem Stillſchweigen die alte Gräfin,„und es iſt ſehr traurig für mich, die ich mich in nichts von Allem dem, was vorgeht, miſche, daß ich in dieſen Conflict verwickelt werde.“ 5 Meiner Anſicht nach, Madame,“ ſagte der Mar⸗ ſchall,„eriſtirt in der Welt irgend Jemand, der Ihnen Maächtiges... doch wird dieſe Perſon wollen?“ „Glauben Sie?“ 8 „Sie werden es ſehen.“. „Aber der König wird aufgebracht werden.“ „Wir ſind zu Allem entſchloſſen.“ 1 „Selbſt zur Verbannung?“ 5 bei dieſer Angelegenheit helfen koͤnnte, irgend Jemand ſehr —— ————— ———— 108 „Wäre es zu viel Neugierde, Herr Herzog, wenn ich Sie nach dem Namen dieſer Macht fragen würde? „Ihre Pathin,“ ſagte der Herzog. „Oh!l oh! Madame Dubarry 20. „Sie ſelbſt.“ „Das iſt im Ganzen wahr...; Sie geben mir einen Gedanken.“ Der Herzog biß ſich auf die Lippen. „Sie würden nach Luciennes gehen 2u ſagte er. „Aber die Gräfin Dubarry wird die Oppoſition des „Ich werde ihr ſagen, daß ich meinen Prozeß ent⸗ ſchieden ſehen will, und da ſie mir nach dem Dienſte, den rd ſie gläubigkeit, welche di abzubringen vermochte. Mittlerweile hatte der Herzog überlegt. „Nun wohl, da Sie nach Luciennes gehen, Madame, wollen Sie die Güte haben, dort meine unterthänige Achtung zu bezeugen?“ „Sehr gern, Herr Herzog. „Wir ſind Unglücksgefährten; Ihr Prozeß leidet, der meinige leidet auch; was Sie für den Ihrigen thun, the Sie auch für mich... Ueberdies koͤnnen Sie dort beſtäti⸗ gen, welches Mißvergnügen mir dieſe viereckigen Par mentsköpfe bereiten, und beifügen, ich habe Ihnen Nath gegeben, ſich an die Gottheit von Luciennes wenden.“ 109 „Ich werde nicht ermangeln, dies zu thun, Herr Her⸗ zog... Leben Sie wohl, meine Herren.“ „Erweiſen Sie mir die Ehre, meine Hand bis zu Ihrem Wagen anzunehmen. Noch einmal, Gott befohlen, Meiſter Flageot, ich überlaſſe Sie Ihren Geſchäften.“ Der Marſchall führte die Gräfin an ihren Wagen. „Rafté hatte Recht,“ ſagte er,„die Flageots werden eine Revolution machen. Gott ſei Dank! ich bin nun von beiden Seiten geſtützt... Ich bin vom Hof und bin Parlamentär. Madame Dubarry wird ſich in die Politik einlaſſen und ganz allein fallen; wiederſteht ſie, ſo habe ich meine kleine Mine in Trianon. Dieſer Teufel von einem Rafté iſt offenbar von meiner Schule, und ich mache ihn am Tage, wo ich Miniſter werde, zu meinem Cabinetschef.“ CI. Worin ſich die Dinge immer mehr ver⸗ wirren. Frau von Bearn benützte buchſtäblich den Rath von Nichelieu; zwei und eine halbe Stunde, nachdem ſie der Herzog verlaſſen hatte, befand ſie ſich im Vorzimmer in Luciennes, in Geſellſchaft von Zamore. Man hatte ſie ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr bei Radame Dubarry geſehen; ihre Gegenwart erregte auch eine große Neugierde in dem Boudoir der Gräfin, als man ihren Namen hier meldete. 3. SHeerr von Aigulllon verlor ſeine Zeit auch nicht, und mplottirte eben mit der Favoritin, als Chon Gehör au von Bearn verlangte. 3 er Herzog wollte ſich entfernen, Madame Dubarry 110 „Nein,“ ſagte ſie,„es iſt mir lieber, wenn Sie da ſind, falls meine Almoſenſammlerin ein Anlehen bei mir machen wollte; Sie werden mir ſehr nützlich ſein, denn ſie wird weniger verlangen.“ Der Herzog blieb. Frau von Bearn nahm mit einem dem Umſtänden entſprechenden Geſicht der Gräfin gegenüber den Lehn⸗ ſtuhl, den dieſe ihr anbot, und als die erſten Hoͤflichkeiten ausgetauſcht waren, fragte Madame Dubarry: „Darf ich wiſſen, welcher erfreuliche Zufall Sle hierherführt, Madame?“ 4 „Ah! Madame,“ erwiederte die alte Prozeßkrämerin, „ein großes Unglück.“ „Was denn, Madame?“ „Eine Neuigkeit, welche Seine Majeſtät ſehr betrüben wird.“ „Sprechen Sie geſchwinde, Madame.“ „Die Parlamente...“ „Ah! ah!“ brummelte der Herzog von Aiguillon. „Der Herr Herzog von Aiguillon,“ ſagte haſtig die Gräfin, ihren Gaſt der Alten vorſtellend, aus Furcht, es könnte ein Mißgriff geſchehen. 43 Doch die alte Gräfin war ſo ſein wie alle Höflinge mit einander und ſie machte nur Mißgriffe mit gutem Vorbedacht, und wenn ihr der Mißgriff nützlich ſchien. „Ja,“ ſagte ſie,„ich kenne die Schändlichkeiten d ſer Schreiberſeelen und weiß, wie wenig ſie Achtung vor dem Verdienſt und der Geburt haben.. 3 Dieſes Compliment, das gerade auf den Herzog lo gedrückt wurde, zog der alten Dame eine ſchöne Ver gung von dieſem zu; ſie ſtand auf und erwiederte d ſelbe. „Aber,“ fuhr ſie fort,„es handelt ſich nicht um den Herrn Herzog, es handelt ſich um die g völkerung. Die Parlamente weigern ſich, zu functio „In der That!“ rief Madame Dubarry ſi 111 a den Sopha zurückwerfend,„es wird keine Gerechtigkeit ir mehr in Frankreich geben... Nun! hernach... welche n Veränderung wird das hervorbringen?“ Der Herzog lächelte... Statt die Sache ſcherz⸗ haft zu nehmen, verdüſterte Frau von Bearn ihr ver⸗ en drießliches Geſicht noch mehr. 8„SDas iſt ein großes Unglück, Madame,“ ſagte ſie. en„Ah! wahrhaftig?“ erwiederte die Favoritin. „Man ſieht wohl, Frau Gräfin, daß Sie ſo glück⸗ ſe lich ſind, keinen Prozeß zu haben.“ „Hm!“ machte Herr von Aiguillon, um die Auf⸗ n, merkſamkeit von Madame Dubarry zu erregen, welche end⸗ lich die Abſicht der Prozeßkrämerin begriff. „Ach! Madame,“ rief ſie auf der Stelle,„es iſt en wahr, Sie erinnern mich daran, daß, wenn ich keinen Prozeß habe, Sie einen wichtigen Prozeß haben.“ „Oh! ja!.. Madame, und jeder Verzug richtet zu „Arme Dame!“ „Frau Gräfin, der König müßte einen Beſchluß aſſen „Ei! Madame, Seine Majeſtät i*ſt ſehr geneigt, ſie wird die Herren Räthe verbannen, und dann iſt Alles aopbgemacht.“ 8„Madame, das iſt dann nur eine Vertagung auf un⸗ beſtimmte Zeit.“— „ Wiſſen Sie ein anderes Mittel, Madame? wollen ie es uns nennen?“ Die Prozeßkrämerin verbarg ſich unter ihrem Kopf⸗ putz, wie der verſcheidende Caͤſar unter ſeiner Toga. „s gäbe wohl ein Mittel,“ ſagte Herr von Aiguil⸗ l„doch Seine Majeſtät würde ſich vielleicht ſcheuen, nzuwenden.“ 3 „Welches?“ ſprach die Alte voll Angſt. 8 „Das gewöhnliche Mittel des Königthums, wenn rankreich ein wenig zu ſehr genirt iſt: nämlich ein 112 Lit de juſtice*) zu halten und zu ſagen: Ich will! während. alle Opponenten denken: Ich will nicht.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief Frau von Bearn mit Begeiſterung. „Aber man dürfte es nicht bekannt werden laſſen, bemerkte Herr von Aiguillon feiner Weiſe und mit einer Geberde, welche Frau von Bearn begriff. 3 „Oh! Madame,“ ſprach nun die Alte,„Madame, Sie, die Sie ſo viel über Seine Majeſtät vermögen, bringen Sie es dahin, daß ſie ſagt: Ich will, daß man den Prozeß von Frau von Bearn entſcheide. Ueberdies wiſſen Sie, daß dies eine verſprochene und zwar längſt verſprochene Sache iſt.“ 83 Herr von Aigulllon kniff ſich die Lippen, grüßte Ma⸗ dame Dubarry mit dem Blick und verließ das Boudoir. Er hatte im Hof den Wagen des Königs gehört. 4 „Hier kommt der König!“ ſprach Madame Dubarry) indem ſie aufſtand, um die Alte zu entlaſſen. „Oh! Madame, warum erlauben Sie mir nicht, daß ich mich Seiner Majeſtät zu Füßen werfe?“ 3 „Um ein Lit de juſtice von ihm zu verlangen,“ er⸗ wiederte raſch die Gräfin,„das will ich wohl. Bleibe Sie hier, Madame, da dies Ihr Wunſch iſt.“ 6 Kaum hatte Frau von Bearn ihren Kopfputz zurecht gerichtet, als der König eintrat. „Ah?“ ſagte er,„Sie haben Beſuch, Gräfin?.. „Frau von Bearn, Sire.“ „Sire, Gerechtigkeit!“ rief die alte Dame, währe ſie eine tiefe Verbeugung machte. „Oho!“ rief Ludwig XV. mit einem für Jeden, der ihn nicht kannte, unverſtändlichen Spott;„ſollte Sie mand beleidigt haben, Maddame? 3 *) Eine feierliche Sitzung des Königs von Frankreich, wo er dem Parlament vom Throne aus perſönlich den Befehl ertheit ein Cdict zu regiſtriren, gegen welches ſich das Parlament lehnend erklärt hatte, welche Regiſtrirung ſodann geſchah. war dies ſtets eine Handlung der Gewalt. 5 „ 113 „Sire, ich verlange Gerechtigkeit.“ „Gegen wen?“ „Gegen das Parlament.“ „Ah, gut!...“ ſagte der König, ſeine Hände an 3 einander ſchlagend;„Sie beklagen ſich über meine Parla⸗ ¹ mente. Ei! machen Sie mir doch das Vergnügen, ſie zur 5 Vernunft zu bringen. Ich habe mich auch darüber zu 3 beklagen und verlange ebenfalls Gerechtigkeit von Ihnen,“ 4 fügte er, den Bückling der Gräfin nachahmend, bei. .„Sire, Sie ſind der König, Sie ſind der, Herr.“ 8„Der König, ja; der Herr nicht immer.“ t„Sire, ſprechen Sie Ihren Willen aus.“ „Dies thue ich jeden Abend, Madame; und ſie ſpre⸗ chen auch jeden Morgen ihren Willen aus. Da aber dieſe beiden Willen ſchnurſtracks einander entgegengeſetzt ſind, ſo ſiſſt es bei uns wie bei der Erde und dem Mond, die ſich „ immer einander nachlaufen, ohne ſich je zu treffen.“ „Sire, Ihre Stimme iſt mächtig genug, um alles Geſchrei dieſer Menſchen zu übertäuben.“ „ Sie täuſchen ſich, ich bin nicht Advokat, ich, und ſie ſind es. Sage ich ja, ſo ſagen ſie nein, und ſo iſt es unmöglich, ſich zu verſtändigen... Ah! wenn ich ja geſagt habe, und Sie finden ein Mittel, ſie zu verhindern, nein zu ſagen, ſo ſchließe ich ein Bündniß mit Ihnen.“ „Sire, dieſes Mittel habe ich.“ „Nennen Sie es mir ſogleich.“ „Das werde ich thun, Sire. Halten Sie ein Lit de ee. iuſt Das iſt eine andere Verlegenheit,“ ſprach der König,„ein Lit de juſtice... bedenken Sie wohl, Ma⸗ dame, das iſt gleichſam eine Revolution.“ 3 (Es iſt ein Mittel, dieſen rebelliſchen Leuten ins Ge⸗ ſicht zu ſagen, daß Sie der Herr ſind. Sie wiſſen, Sire, daß der König, wenn er ſo ſeinen Willen kundgibt, allein das Recht hat, zu ſprechen, Niemand antwortet. Sie Denkwürdigkeiten eines Arztes. Vv. 8. — ⅓¼, ſagen ihnen: Ich will, und ſie werden das Haupt nei⸗ † en.“ 3„Der Gedanke iſt allerdings prachtvoll,“ ſagte die Gräfin Dubarry. .„Prachtvoll, ja,“ erwiederte Ludwig XV.;„gut,. nein.“ 1 „Das iſt doch ſchön,“ fuhr Madame Dubarry mit. Wärme fort,„der Cortége, die Edelleute, die Pairs, alle Haustruppen des Königs, dann eine ungeheure Menge Volks, und endlich das Lit de juſtice ſelbſt, beſtehend aus fünf mit goldenen Lilien beſtreuten Kopffiſſen... Das wäre eine ſchöne Ceremonie.“ „Sie glauben,“ ſagte der König, ein wenig in ſeiner Ueberzeugung erſchüttert. „Und das prächtige Gewand des Königs, der mit Hermelin gefütterte Mantel, die Diamanten der Krone, das goldene Scepter, dieſe ganze Herrlichkeit, wie ſie ei⸗ nem erhabenen und ſchönen Geſichte gebührt. Oh! Si wären ſtrahlend, Sire.“ „Man hat ſeit langer Zeit kein Lit de juſtice meh geſehen,“ ſprach Ludwig XV. mit einer geheuchelte Gleichgültigkeit. „Seit Ihrer Kindheit, Sire,“ ſagte Frau von Bear „die Erinnerung an Ihre glänzende Schönheit iſt in A Herzen geblieben.“ 4 „Und dann,“ fügte Madame Dubarry bei, dann wäre es eine ſchöne Gelegenheit für den Her! Kanzler, ſeine ſtrenge, einſchneidende Beredtſamkeit zu 4 wickeln, um dieſe Leute unter der Wahrheit, unter Würde, unter dem Anſehen niederzuſchmettern.“ 3 „Ich muß die erſte Uebelthat des Parlaments a warten, dann werde ich ſehen,“ ſagte Ludwig XV. „Was können Sie denn Ungeheuerlicheres erwarte als ſchon geſchehen iſt?“ 8 3„Was hat es denn gethan?“ 3 „Sie wiſſen es nicht?“ ö“ „Es hat Herrn von Aiguillon ein wenig an 115 * Ohren genommen, das iſt kein Fall, der das Henken ver⸗ dient, obgleich,“ ſagte der König, Madame Dubarry an⸗ ſchauend,„obgleich der liebe Herzog zu meinen Freunden gehört. Haben aber die Parlamente den Herzog etwas geſchüttelt, ſo habe ich ihre Bosheit durch meinen Spruch 1 von geſtern oder vorgeſtern, ich weiß es nicht mehr, wie⸗ der gut gemacht. Wir ſtehen alſo gleich auf gleich.“ „Nun, Sire,“ ſagte raſch Madame Dubarry,„die 3 Frau Gräfin kam hierher und theilte uns mit, die ſchwar⸗ zen Herren haben dieſen Morgen ſchöne Streiche gemacht.“ 3„Wie ſo?“ fragte der König die Stirne faltend. „Sprechen Sie, Madame, der König erlaubt es,“ r ſagte die Favoritin. 4„Sire, die Herren Räthe haben beſchloſſen, keinen t Parlamentshof mehr zu halten, bis ihnen Seine Majeſtät ihr Recht habe angedeihen laſſen.“ „Wie beliebt? Sie täuſchen ſich, Madame, das wäre eine Handlung des Aufruhrs, und mein Parlament wird es hoſſentlich nicht wagen, ſich zu empoͤren.“ „ Sire, ich verſichere Sie.“ „Oh! Madame, das ſind Gerüchte.“ „Will mich Eure Majeſtät hören?“ „Sprechen Sie, Gräfin.“ „Nun wohl! mein Anwalt hat mir dieſen Morgen die Acten von meinem Prozeß zurückgegeben; er plaidirt nicht mehr, da man nicht mehr richtet.“ „Gerüchte, ſage ich Ihnen; Verſuch, Vogelſcheuche.“ Und waͤhrend der König ſo ſprach, ging er ganz be⸗ wegt im Boudoir auf und ab. „Sire, wird Eure Majeſtät Herrn von Richelieu mehr lauben als mir? Nun! man hat in meiner Gegenwart ern von Richelieu ſeine Prozeßakten wie mir zurückge⸗ , und Herr von Richelieu hat ſich ganz zornig ent⸗ 1... 4 „Man kratzt an der Thüre,“ ſagte der König, um Geſpräch zu verändern. „s iſt Zamore, Sire.“ ——— — —— 116 4 Zamore trat ein. 8 „Ein Brief,“ ſagte er. 4 „Sie erlauben, Sire,“ fragte die Eräfin. „Ahl mein Gott!“ rief ſie plötzlich. „Was denn?“ 4 „Vom Herrn Kanzler, Sire, Herr von Meaupeou: da er wußte, daß Eure Majeſtät mich beſuchen wollte, bittet er um meine Vermittlung, um einen Augenblick Audienz zu erhalten.“ 8 „Was gibt es denn wieder?“ „Laſſen Sie Herrn von Meaupeou eintreten.“ Die Gräfin von Bearn ſtand auf und wollte Abſchied nehmen. „Sie ſind nicht zu viel, Madame,“ ſagte der König. „Guten Tag, Herr von Meaupeou, was gibt es Neues 22. „Sire,“ ſprach der Kanzler ſich verbeugend,„das Parlament beläſtigte Sie; Sie haben kein Parlament mehr.“ „Wie ſo? Sind ſie Alle todt? Haben ſie Arſenik verſchlungen?“ „Gefiele es dem Himmel!... Nein, Sire, ſie leben, doch ſie wollen nicht mehr Sitzung halten und geben ihre Entlaſſungen ein; ich habe ſie ſo eben in Maſſe empfangen.“ „Die Näthe?“ 3 „Nein, Sire, die Eatlaſſungen.“ „Ich ſagte Ihnen doch, Sire, es wäre ernſt,“ ſpra die Gräfin mit halber Stimme. „‚Sehr ernſt,“ erwiederte Ludwig XV. ungeduld „Nun! Herr Kanzler, was haben Sie gethan??“ „Sire, ich bin gekommen, um die Befehle Eu 3 Majeſtät einzuholen.“ 4„Verbannen wir dieſe Leute, Meaupeon.“ „Sire, ſie werden in der Verbannung eben ſo r zu Gericht ſitzen.“* 3* „Schärfen wir ihnen ein, daß ſie richten... die Einſchärfungen ſind verbraucht.. „ Ah! Sire, diesmal muß man Willen zeige „Ja, Sie haben Recht.“““ 117 „Muth,“ ſagte leiſe Frau von Bearn zu Frau von 3 Dubarry. „Und den Herrn zeigen, nachdem man zu oft den Vater gezeigt hat!“ rief die Gräfin. „Kanzler,“ ſprach der Koͤnig langſam,„ich weiß nur : noch ein Mittel: es iſt ernſt, aber wirkſam. Ich will ein . Lit de juſtice halten; dieſe Leute ſollen einmal gehörig zittern.“ „Ah!“ rief der Kanzler,„das heiße ich ſprechen; ſie mögen ſich biegen oder brechen!“ „Madame,“ fügte der König ſich an die alte Gräfin d wendend bei,„Sie ſehen, wenn in Ihrem Prozeß kein Urtheil gefällt wird, ſo iſt es nicht meine Schuld.“ .„Sire, Sie ſind der größte Koͤnig der Welt.“ 4 3„Oh! ja...“ ſprachen im Echo die Gräfin, Chon 8 und der Kanzler. „Das ſagt übrigens die Welt nicht,“ murmelte der ik Koönig. CIl. Das Lit de juſtice. Es fand ſtatt, dieſes Lit de juſtice mit allem Ge⸗ prränge, das einerſeits der königliche Stolz und anderer⸗ ſeits die Intriguen heiſchten, die den Herrn zu dieſem Staatsſtreich antrieben. 5 Ddie koͤniglichen Haustruppen wurden unter die Waffen geſtellt, eine Menge von Bogenſchützen, Soldaten von der Scharwache und Polizeiagenten waren beſtimmt, den Herrn zler zu beſchützen, der wie ein General an einem ent⸗ heidenden Tag ſeine geheiligte Perſon für den Erfolg Unternehmens ausſetzen ſollte. 9 Der Herr Kanzler war ſehr verhaßt; er wußte es, 118 und wenn ihn ſeine Ettelkeit einen Mord befürchten ließ, ſo konnten ihm die über die Stimmung des Publicums beſſer unterrichteten Leute eine ſchöne und gute Beſchim⸗ pfung oder wenigſtens ein Ausziſchen prophezeien. Dieſelbe Einnahme war auch Herrn von Aiguillon geſichert, der auf eine dumpfe Weiſe den durch die Debat⸗ ten des Parlaments etwas vervollkommten Volksinſtinct zurückſtieß. Der König heuchelte Heiterkeit; er war in⸗ deſſen nicht ruhig. Aber man ſah ihn ſich in ſeinem pracht⸗ vollen königlichen Gewand bewundern und unmittelbar die Betrachtung anſtellen, nichts beſchütze ſo ſehr, als die Ma⸗ jeſtät. Er hätte können beiſügen: Und die Liebe der Völker; doch das war eine Phraſe, die man ihm ſo oft in Metz während ſeiner Krankheit wiederholt hatte, daß er ſie nicht, ohne des Plagiats beſchuldigt zu werden, wiederholen zu konnen glaubte. Die Dauphine, für die dieſes Schauſpiel neu war und die es im Grunde vielleicht zu ſehen wünſchte, nahm am Morgen ihre koͤnigliche Miene an, und dieſe behielt ſie auch auf dem ganzen Weg zur Ceremonie, was di öffentliche Meinung ſehr günſtig für ſie ſtimmte. Madame Dubarry war muthig. Sie beſaß das Ver trauen, das die Jugend und die Schönheit verleihen. Hatt man übrigens nicht Alles von ihr geſagt und was wa noch beizufügen? Sie erſchien ſtrahlend, als ob ein Refle des erhabenen Glanzes ihres Liebhabers auf ſie über ſpränge. 1. Der Herr Herzog von Aiguillon marſchirte kühn unte der Zahl der Pairs, die dem König vorangingen. Geſicht voll Adel und Charakter offenbarte keine Spu von Kummer und Unzufriedenheit. Er trug den Ko nicht als Triumphator. Wenn man ihn ſo erſ ſah, hätte Niemand die Schlacht errathen, die König und die Parlamente auf dem Boden ſönlichkeit geliefert. 4 Man zeigte ihn ſich im Volk mit dem Fir 1 3 3 1 ³ 4 119 ſchleuderte ihm furchtbare Blicke aus den Reihen der Par⸗ lamentsmitglieder zu, und das war Alles. Der Saal des Parlaments war zum Ueberſtrömen voll, Intereſſirte und Intereſſante bildeten eine Summe von mehr als dreitauſend Perſonen. Durch die Stäbe der Huiſſiers, durch die Stoͤcke und die Maſſen der Bogenſchützen im Zaume gehalten, verrieth die Menge ihre Gegenwart nur durch das unüberſetzbare Geſumme, das keine Stimme i*ſt, das nichts articulirt, ſich aber dennoch hörbar macht und richtig das Geräuſch der Volkswogungen genannt werden könnte. Dieſelbe Stille in dem großen Saal, als das Ge⸗ 1 n eꝙ— nenun]— a— — . räuſch der Tritte aufgehört, als Jeder ſeinen Platz genom⸗ 3 men und der König majeſtätiſch und düſter ſeinem Kanz⸗ 3 ler das Wort zu ergreifen befohlen hatte. Die Parlamentsmitglieder wußten zum Voraus, was ihnen das Lit de juſtice bringen ſollte. Sie begriffen, warum man ſie zuſammenberufen hatte. Das geſchah, um ſie wenig gemäßigte Willensmeinungen hören zu laſſen; 1 aber ſie kannten die Langmuth, um nicht zu ſagen die Schüchternheit des Königs, und wenn ſie bange hatten, 3 ſo war es mehr vor den Folgen des Lit de juſtice, als vor der Sitzung ſelbſt. Der Kanzler nahm das Wort. Er war ein Schön⸗ redner. Der Eingang ſeiner Nede war geſchickt, und die Liebhaber vom demonſtrativen Styl fanden hier eine reich⸗ liche Weide. Irndeſſen artete die Rede in einen ſo ſcharfen Ver⸗ weis aus, daß dem Adel das Lächeln auf die Lippen trat, und die Parlamentsmitglieder ſich ziemlich unbehaglich zu fühlen anfingen. 3. Der Koͤnig befahl durch den Mund des Kanzlers, alle Angelegenheiten der Bretagne, an denen er genug abe, kurz abzubrechen. Er befahl dem Parlament, ſich nit dem Herrn Herzog von Aiguillon auszuſöhnen, deſſen enſt ihm wohlgefalle; den Dienſt des Gerichts nicht mehr enterbrechen, mittelſt deſſen Alles gehen würde, wie im 120 glücklichen goldenen Zeitalter, wo die Bäche hinliefen, in⸗ dem ſie Reden in fünf Punkten murmelten, wo die Bäume mit Säcken voll von Prozeßakten im Bereiche der Herren Advocaten oder Anwälte beladen waren, welche ſie als ihnen gehörige Früchte zu pflücken das Recht hatten. Dieſe Leckerbiſſen ſöhnten das Parlament eben ſo wenig mit Herrn von Meaupeou, als mit dem Herrn Her⸗ zog von Aiguillon aus. Aber die Rede war gehalten und keine Antwort moͤglich. Im höchſten Maße aufgebracht, nahmen alle Parla⸗ mentsmitglieder mit jener bewunderungswürdigen Gemein⸗ ſchaftlichkeit, welche den conſtituirten Körpern ſo viel Stärke verleiht, eine ruhige und gleichgültige Haltung an, die Seiner Majeſtät und der ariſtokratiſchen Welt der Tribunen mißfiel. dieſer junge erf zu ſehen; nden haben, 121 Die Bläſſe und die gekniffenen Lippen der Dauphine e offenbarten ihm ſogleich, was in dieſer Seele vorging. e Als Gegengewicht beobachtete er das Geſicht von e Madame Dubarry; ſtatt des triumphirenden Lächelns, das 1 er darauf zu finden erwartete, ſah er nur eine heftige Begierde, die Blicke des Königs auf ſich zu ziehen, als o wollte ſie beurtheilen, was er dächte. Nichts ſchüchtert ſchwache Geiſter ſo ſehr ein, als d wenn ſie durch den Geiſt und den Willen Anderer überflügelt werden. Sehen ſie ſich durch einen ſchon gefaßten Ent⸗ ſchluß beobachtet, ſo ſchließen fie daraus, ſie haben nicht — genug gethan, ſie werden lächerlich ſein, oder ſeien es ſchon e geweſen, man habe das Recht, mehr von ihnen zu verlan⸗ e gen, als ſie gethan. 1 Dann gehen ſie zu Ertremen über, der Schüchterne ein Zeichen mit der Hand ſprechen wolle. Plötzlich verwandelte ſich die Aufmerkſamkeit in ein tiefes Erſtaunen. Man ſah alle Köpfe der Parlamentäre ſich mit der Präͤciſton der Bewegung einer Reihe unter⸗ richteter Soldaten gegen das Lit de juſtice umwenden. Die Prinzen, die Pairs, d Militäre fühlten ſich bewegt. Es war nicht anders möglich: nach ſo vielen guten Dingen, welche geſagt worden, mußte Seine aller⸗ chriſtlichſte Majeſtät nothwendig eine gute Ueberflüßigkeit ſprechen. Ihre Achtung verhinderte ſie, auf eine andere Weiſe zu bezeichnen, was aus dem Mund des Königs konmen konnte. * 9 Man ſah Herrn von Richelieu, wie er, der ſich ſcheinlich fern von ſeinem Neffen gehalten hatte, ſich ——— ——,——— — — 122 in dieſem Augenblick den oppontrendſten Parla nentsmit⸗. gliedern näherte, ſich ihnen beſonders durch den Blick und die geheimnißvolle Verwandtſchaft des Einverſtändniſſes näherte. 3 Aber ſein Blick, der meuteriſch zu werden anfing, begegnete dem klaren Blick von Madame Dubarry. Ri⸗ chelieu beſaß mehr als irgend Jemand die koſtbare Kunſt der Uebergänge; er ging vom ironiſchen Ton zum bewun⸗ dernden üuber und wählte die Gräfin zum Durchſchnitts⸗ punkt zwiſchen den Diagonallinien der beiden Ertreme. Es war alſo ein Lächeln des Glückwunſches und der Artigkeit, was er im Vorübergehen an Madame Dubarry richtete; doch dieſe ließ ſich nicht dadurch bethoͤren, um ſo mehr, als der alte Marſchall, der ſeine Correſpondenz mit den Parlamentsmitgliedern und den Prinzen von der Op⸗ poſition anzuſpinnen begonnen hatte, dieſe fortzuſetzen ſich genöthigt ſah, um nicht zu ſcheinen, was er in Wirklicha keit war. 3 Wie viel Perſpectiven in einem Tropſen Waſſer bietet dieſer Ocean für den Beobachter! wie viel Jahrhunderte in einer Secunde bietet dieſe unumfaßbare Ewigkeit! Alles, was wir hier ſagen, ging in dor Zeit vor, welche Seine Majeſtät Koͤnig Ludwig XV. brauchte, um ſich zum Spre chen und zum Oeffnen des Mundes vorzubereiten. 4 „Sie haben gehört,“ ſprach er mit feſter Stimm „Sie haben gehöort, was Ihnen mein Kanzler von meine Willensmeinungen zu wiſſen gethan hat. Seien Sie dar auf bedacht, dieſelben zu vollziehen, denn dies ſind mein Weſaanngen und ich werde nie eine Aenderung eintrete laſſen.— Ludwig XV. ließ dieſe letzten Worte mit dem G räuſch und der Stärke des Donners fallen. Ddie ganze Verſammlung war auch buchſtäblich vor Donner gerührt.“ Ein Schauer durchlief alle Parlamentsmitglieder, Schauer, der ſich unmittelbar der Menge mittheilte der elektriſche Funke raſch bis an das Ende des Drahte 123 . läuft. Derſelbe Schauer berührte auch die Anhänger des d Koͤnigs. Das Erſtaunen und die Bewunderung waren 5 auf allen Stirnen und in allen Herzen. Elektriſirt, konnte ſich Madame Dubarry nicht ent⸗ halten, aufzuſtehen, und ſie würde in die Hände geklatſcht . haben, hätte ſie nicht die natürliche Furcht abgehalten, beim Ausgang geſteinigt zu werden, oder am andern Tag hundert Lieder, das eine immer gehäſſiger als das andere, zu erhalten. 5 Ludwig XV. durfte ſich von dieſem Augenblick an ſeines Triumphes erfreuen. Die Parlamentsmitglieder beugten ihre Stirne ſtets mit derſelben Gemeinſchaftlichkeit. 8 Der König erhob ſich auf ſeinen mit Lilien geſtickten 4 Kiſſen. Scogleich erhoben ſich auch der Kapitän der Garden, der Commandant der Haustruppen und alle Edelleute. Die Trommeln raſſelten, die Trompeten ſchmetterten außen. Das beinahe ſchweigſame Beben des Volkes bei der Ankunft verwandelte ſich in ein Toſen, welches in der 4 darn von den Soldaten und Bogenſchützen unterdrückt, lerloſch.. 3 Der König durchſchritt ſtolz den Saal, ohne auf ſeinem Wege etwas Anderes zu ſehen, als gebeugte Stirnen. Herr von Aiguillon ſchritt fortwährend Seiner Ma⸗ jeſtät voran, ohne ſeinen Triumph zu mißdrauchen. Als der Kanzler vor die Thüre des Saales kam und in der Ferne dieſes Volk ſah, erſchrack er über alle dieſe Blitze, welche trotz der Entfernung bis zu ihm gelangten; er ſagte zu den Bogenſchützen: 4 Schließt Guch mir an.“ Herr von Richelieu, vor dem ſich der Herzog von Aiguillon ehrfurchtsvoll verbeugte, ſagte zu ſeinem Neffen: „Das find ſehr tiefe Stirnen, Herzog, ſie werden ſich eines Tags teufelmäßig hoch erheben müſſen. Nehmen Sie ſich in Acht.“ 8 Madame Dubariy, welche in dieſem Augenblick mit u— u— n————— 124 ihrem Schwager, mit der Marſchallin von Mirepoix und. mehreren Damen durch den Gang kam, hörte die Worte des alten Marſchalls, und da ſie im Ganzen weniger Groll, als Luſt zu einer raſchen Erwiederung hatte, ſo ſprach ſie: „Oh! es iſt nichts zu befürchten, Marſchall, haben Sie die Worte Seiner Majeſtät nicht gehört? Der König ſagte, wie mir ſcheint, er würde nie eine Aenderung ein⸗ treten laſſen.“ „In der That furchtbare Worte, Madame,“ entgeg⸗ nete der alte Herzog mit einem Lächeln;„doch dieſe armen Parlamentsmitglieder haben zum Glück für Sie nicht ge⸗ 4 ſehen, daß der König, als er ſagte, er würde nie eine Aenderung eintreten laſſen, Sie anſchaute.“ Und er endigte dieſes Madrigal mit einer jener un⸗ nachahmlichen Verbeugungen, welche man heut zu Tage nicht einmal mehr auf dem Theater zu machen weiß. Madame Dubarry war Frau, und keines Wegs poli⸗ tiſch, ſie ſah nur das Compliment, da wo Herr von Ai⸗ uflion vollkommen den ſcharfen Witz und die Drohung fühlte. Sie antwortete auch mit einem Lächeln, während ſich ihr Verbündeter auf die Lippen biß und erbleichte, als er den Groll des Marſchalls fortdauern ſah. Die Wirkung des Lit de juſtice war unmittelbag günſtig für die königliche Sache. Aber häufig betäubt ein großer Schlag nur, und es iſt zu bemerken, daß nach den Betäubungen das Blut mit mehr Stärke und Rein⸗ heit fließt. 4 Dies war wenigſtens die Betrachtung, we ſie den König mit ſeinem prunkhaften Gefolge ſah, eine kleine Gruppe einfach gekleideter und als3 obachter an der Ecke des Quai aur fleurs und der de la Barillerie aufgepflanzter Leute anſtelte. Dieſe Leute waren ihrer drei. Der Zufall hatte an dieſer Ecke zuſammengeführt, und von hier aus ſchien ſie mit großer Theilnahme die Eindrücke der Menge folgt zu haben, und ohne ſich zu kennen, hatten ſie ſi 125 . ſobald ſie durch einige ausgetauſchte Worte mit einander in Berührung gebracht waren, Rechenſchaft von der Sitzung gegeben, ehe dieſe ihr Ende erreichte. „Die Leidenſchaften ſind ſehr gereift,“ ſprach einer voon ihnen, ein Greis mit glänzenden Augen und ſanftem, Welchem Geſicht...„Ein Lit de juſtice iſt ein großes erk. „Ja,“ erwiederte voll Bitterkeit lächelnd ein junger Mann,„ja, wenn das Werk ſtreng die Worte verwirk⸗ licht.“ „Mein Herr,“ ſagte der Greis ſich umwendend,„mir ſcheint, ich kenne Sie. Ich habe Sie, glaube ich, ſchon geſehen?“ „In der Nacht vom 31. Mai. Sie täuſchen ſich nicht, Herr Rouſſeau.“ „Ah! Sie ſind jener junge Wundarzt, mein Landsmann, Herr Marat.“ Die zwei Männer verbengten ſich gegenſeitig. Der Dritte hatte noch nicht das Wort genommen. Mann von edlem Antlitz, der zen Ceremonie nur die Haltung der „“ ſagte der Unbekannte, die Stimme dämpfend, n Abend in der Rue Platriére, Herr Rouſſeau; Der Philoſoph bebte, als ob ſich ein Geſpenſt vor hhoben hätte. Sein gewöhnlich bleiches Geſicht wurde 126 leichenfarbig; er wollte dieſem Mann antworten, aber er war ſchon verſchwunden. 3 CIII. Vom Einfluß der Worte des Unbekannten auf J. J. Nouſſean. Nachdem er dieſe ſeltſamen, von einem Mann, den er nicht kannte, ausgeſprochenen Worte gehört hatte, durch⸗ ſchritt Rouſſeau zitternd und unglücklich die Gruppen und machte ſich Raum, ohne daß er ſich erinnerte, daß er alt war und die Menge fürchtete. Bald hatte er den Pont Notre⸗Dame erreicht; dann durchſchritt er, immer träu⸗ mend und ſich ſelbſt befragend, das Quartier der Gréoe, durch das er mehr unmittelbar zu dem ſeinigen gelangte „So iſt denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„dieſes G heimniß, das jeder Eingeweihte mit Gefahr ſeines Lebens bewahrt, im Beſitz des Erſten des Beſten. Dies gewinnen die geheimnißvollen Verbindungen, wenn ſie durch Siebtuch des Volkes gehen. Ein Menſch kennt mich er weiß, daß ich ſein Verbündeter und vielleicht ſei Mit⸗ ſchuldiger dort ſein werde... Ein ſolcher Zuſtand de Dinge iſt albern und unerträglich. Während Rouſſeau dieſe Worte ſprach, ging er ſeh ſchnell, er, der ſich gewöhnlich ſo vorſichtig benahm, be ſonders ſeit ſeinem Unfall in der Rue Ménil⸗Montant. So,“ fuhr der Philoſoph fort,„ſo hätte ich aus dem Grunde die Pläne menſchlicher Wiedergeb kennen mögen, welche gewiſſe Geiſter beabſichtigen, die it dem Litel Illuminaten ſchmücken; ich hätie die heit begangen, zu glauben, es können gute Gedanken Deutſchland, au i d der Ne ich u 127 . ren oder einiger Ränkeſchmiede, denen er als Mantel, um ihre Dummheiten zu bedecken, dienen wird, compromittirt haben. Oh! nein, das ſoll nicht ſo ſein; nein, ein Blitz hat mir den Abgrund gezeigt; ich werde mich nicht mit heiterem Herzen hineinwerfen.“ — Und er ſtand einen Augenblick ſtille und unbeweglich mitten in der Straße und ſchöpfte, auf ſeinen Stock ge⸗ ſtützt, Athem. „Es war indeſſen,“ fuhr der Philoſoph fort,„eine ſchöne Chimäre: die Freiheit in der Sklaverei, die Zukunft ohne Erſchütterung und ohne Geränſch erobert; das ge⸗ heimnißvolle Garn ausgeſpannt, während des Schlafes der yrannen der Erde...; das war zu ſchön und ich bin in Thor geweſen, daß ich daran glaubte.“ „Ich will keine Befürchtungen, keinen Verdacht, kei⸗ t nen Argwohn, das iſt eines freien Geiſtes und eines unab⸗ hingigen Körpers unwürdig.“ Er war bei dieſen Worten und hatte ſeinen Lauf wieder fortgeſetzt, als der Andlick von einigen Agenten von Herrn von Sartines, welche mit ihren aufgeſperrten Augen umherſchweiften, den ſreien Geiſt erſchreckte und dem nabhängigen Körper einen ſolchen Impuls gab, daß er ſich in der tiefſten Tiefe des Schattens der Pfeiler, unter deenen er fortſchritt, verlor. 3 Von hier aus bis nach der Rue Platriére war es iem Zimmer, n Thereſe antworten konnte. dlich gab er ſich Re es ——— 128 Mann nicht ein naſſes Huhn ſein, das beim geringſten Lärmen ſcheu werde. Rouſſeau hatte auf letzteres Argument, das er ſo oft mit anderen Ausdrücken laut ausgeſprochen, nichts zu erwiedern. Thereſe fügte bei, dieſe Philoſophen, dieſe Leute der Einbildungskraft ſeien wohl alle dieſelben...; in ihren Schriften ſtoßen ſie unabläſſig mit aller Gewalt ins Horn; ſie verkündigen, daß ſie vor nichts Furcht haben, Gott und die Menſchen ſeien ihnen wenig; aber bei dem geringſten Bellen des kleinſten Hündchens rufen ſie um Hülfe, bei dem unbedeutendſten Fieberanfall ſchreien ſie:„Mein Gott! ich bin todt!“. Es war dies eines von den Lieblingsthematen von Thereſe, dasjenige, welches ihre Beredtſamkeit am meiſten glänzen machte, das, worauf Rouſſeau, von Natur ſchüch⸗ tern, die ſchlechteſten Antworten fand. Rouſſeau ließ mich bei den Tönen dieſer ſcharfen Muſik ſeinen Gedanken, der gewiß ſo viel werth war, als der von Thereſe, verſtummen trotz aller Schmähungen, welche dieſe Frau an ihn v ſchwendete.— „Das Glück beſteht aus Wohlgerüchen und aus G ſumme,“ ſagte er;„das Geräuſch und der Geruch ſin Wer kann mit Beſtimmt⸗ 129 n nehm iſt, ſo iſt es die eines Fehlers; für die guten Eigen⸗ ſchaften mag es noch hingehen... it Thereſe, welche die Mannheit, die Leibesbeſchaffenheit, n den Geiſt und die Gewohnheiten von Nouſſeau tief ver⸗ er achtete, Thereſe, die ihn alt, häßlich und leidend fand, be⸗ en fürchtete nicht, man könnte ihr ihren Mann entführen; ſie 1. dachte nicht, die Frauen dürften ihn mit anderen Augen nd aanſchauen, als ſie ſelbſt. Doch da es eine der leckerſten en Martern für eine Frau iſt, die Marter durch die Eiferſucht, ei ſo bereitete ſie ſich zuweilen dieſes Vergnügen. 4 t! 3 Als ſie ſah, daß ſich Rouſſeau häufig dem Fenſter naherte, träumte und nicht an einem Platz zu bleiben ver⸗ vn mochte, ſagte ſie: er„Gut! ich begreife Ihre ganze Aufregung; Sie haben ſo eben Jemand verlaſſen.“ „. Rouſſeau ſchaute ſie mit erſchrockener Miene an, was ein Anzeichen mehr für ſie war. „Jemand, den Sie wiederzuſehen ſuchen,“ fuhr ſie fort. „Wie beliebt?“ ſagte Rouſſeau. „Wir haben Rendez⸗vous, wie es ſcheint?“ „Oh!“ rief Rouſſean, der nun begriff, daß von Eifer⸗ ſucht die Rede war,„Rendez⸗vous, Sie ſind toll, Thereſe!“ Ich weiß wohl, daß dies eine Thorheit wäre,“ er⸗ wiederte ſie;„gehen Sie, gehen Sie mit Ihrer Pappen⸗ deckelgeſichtsfarbe, mit Ihrem trockenen Huſten, mit Ihrem Herzklopfen, machen Sie Eroberungen: das iſt ein gutes Mittel, ſich weiter zu bringen.“— „Thereſe, Sie wiſſen wohl, daß dem nicht ſo iſt,“ ſprach Rouſſeau ärgerlich;„laſſen Sie mich doch ruhig träumen. SKSie ſind ein Leichtfertiger,“ ſagte Thereſe mit dem ßten Ernſte der Welt.. Nouſſeau erröthete, als ob man ihm eine Wahrheit ein Compliment geſagt hätte. „Thereſe glaubte ſich nun berechtigt, ein furcht zeigen, die Wirthſchaft umzukehren die Thuren 5 digkeiten eines Arztes. v. 6 130 klappern zu laſſen und mit der Ruhe von Rouſſeau zu ſpielen, wie die Kinder mit den metallenen Ringen ſpielen, die ſie in Schachteln ſchließen und dann mit gewaltigem Geräuſch ſchütteln. Rouſſeau flüchtete ſich in ſein Cabinet. Dieſer Lär⸗ men hatte ſeine Ideen etwas geſchwächt. Er bedachte, daß es ohne Zweifel gefährlich wäre, der geheimnißvollen Ceremonie, von der der Fremde an der Ecke des Quai geſprochen, nicht beizuwohnen.„Gibt es Strafen gegen die Ausplauderer, ſo muß es auch gegen die Lauen oder gegen die Nachläſſigen geben,“ dachte er. „Ich habe noch immer bemerkt, daß die großen Ge⸗ fahren eben ſo wenig ſind, als die großen Drohungen; die Fälle der Strafanwendung oder der Vollziehung ſind bei ſolchen Umſtänden höchſt ſelten; aber vor den kleinen Rachehandlungen, vor den duckmäuſeriſchen Streichen, vor den Myſtſicationen und anderer kleiner Münze muß man Einen Angenblick nachher änderte Nouſſeau ſeine Nun, ſagte er zu ſich ſelbſt,„wo iſt der Mut wo iſt die Ehre? Ich werde vor mir ſelbſt Angſt hal Ich werde in meinem Spiegel das Geſicht eines Fe 131 1 und eines Schelms ſehen... Nein, dem ſoll nicht ſo ſ ſein... Sollte ſich das Weltall zu meinem Unglück verbinden, ſollte das Gewölbe dieſer Straße über mir ein⸗ ſtürzen, ich gehe... Schöne Betrachtungen übrigens, 3 welche die Furcht erzeugt. Seit meiner Rückkehr drehe ich mich, wie ich bemerke, wegen des Zuſammentreffens mit jenem Menſchen, beſtändig in einem Kreiſe von Ungereimt⸗ heiten. Ich zweifle an Allen und an mir ſelbſt! Das iſt nicht logiſch... Ich kenne mich, ich bin kein Enthuſiaſt: wenn ich Wunder in der beabſichtigten Verbindung zu ſehen glaubte, ſo war dies der Fall, weil es dabei Wun⸗ der gibt... Wer ſagt mir, ich werde nicht der Rege⸗ nerator des Menſchengeſchlechts ſein, ich, den man aufge⸗ ſucht, ich, den die geheimnißvollen Agenten einer unbe⸗ gränzten Gewalt auf den Glauben an meine Schriften um Rath gefragt haben! ich ſollte zurückweichen, wenn es ſich darum handelt, mein eigenes Werk zu vollenden und die Anwendung an die Stelle der Theorie zu ſetzen!“ Rouſſeau belebte ſich. „Was kann es Schöneres geben! Die Zeitalter ſchrei⸗ teen voran... die Völker treten aus ihrer Verdumpfung ervor, der Schritt folgt dem Schritt in der Dunkelheit, die Hand folgt der Hand im Schatten; es erhebt ſich die ungeheure Pyramide, auf welche als Kranz die zu⸗ künftigen Jahrhunderte die Büſte von Rouſſean, dem ———— ——: 8S8 S8S* 2 Bürger von Genf, ſetzen werden, der, um zu thun, wie er es geſagt, ſeine Freiheit, ſein Leben eingeſetzt hat, und ſeinem Wahlſpruch: Vitam impendere vero, treu geweſen iſt. Hienach ſetzte ſich Nouſſeau entzückt an ſein Clavier und ſteigerte ſich vollends ſeine Pantaſte mit den hochtra⸗ bendſten, breiteſten und kriegeriſchſten Melodien, die er ddeen Saiten ſeines ſonoren Inſtrumentes entreißen konnte. 3 Es wurde Nacht. Müde, ihren Gefangenen gemartert zu haben, ſchlief Thereſe auf ihrem Stuhl; Rouſſeau, deſ⸗ ſen Herz gewaltig ſchiug, nahm ſeinen neuen Rock, als woollte er auf Liebesabenteuer ausgehen; er ſtudirte einen Augenblick im Spiegel das Spiel ſeiner ſchwarzen Augen, 13² die er lebhaft und ſprechend fand, was ihm äußerſt er⸗ freulich war. Er ſtützte ſich auf ſeinen Rohrſtock und verließ das Zimmer, ohne Thereſe geweckt zu haben. Als Rouſſeau aber unten an die Treppe kam und mit ſeiner Hand das Schloß der Thüre, die ſich nach der Straße öffnete, hatte ſpielen laſſen, fing er damit an, daß er hinausſchaute, um ſich über den Zuſtand der Oertlich⸗ keit zu verſichern. Es fuhr kein Wagen vorbei; die Straße war wie gewöhnlich voll von Müßiggängern, die einander anſchau⸗ ten, wie dies noch der Brauch iſt, wahrend viele vor den Scheiben der Buden ſtehen blieben, um die hubſchen La⸗ denmädchen zu beäugeln. Ein Menſch mehr blieb alſo in dieſem Strudel völlig unbemerkt. Rouſſeau ſtürzte ſich hinein; er hatte keinen langen Weg zu machen. Ein Sänger mit einer ſchrillen Geige ſtand vor der Thüre, die man Rouſſeau bezeichnet hatte. Dieſe Muſik, für welche die Ohren jedes wahren Pariſers empfänglich ſind, erfüllte die Straße mit Echos, die die letzten Noten des Refrain wiederholten, der von der Violine oder von dem Sänger ſelbſt vorgetragen wurde. Nichts kannte alſo un⸗ günſtiger für die Circulation ſein, als die Verſtopfung, welche an dieſem Ort der Kreis der Zuſchauer bildete. Alle Vorübergehende mußten ſich nothwendig rechts oder links um die Gruppe wenden; diejenigen, welche ſich links wandten, ſchlugen den Weg durch die Straße ein, die welche ſich rechts wandten, zogen ſich längs vem bezeich⸗ neien Hauſe hin et vice versa. Nouſſeau bemerkte, daß mehrere von dieſen Vorüb gehenden ſich auf dem Wege verloren, als ob ſie du irgend eine Fallthüre verſunken wären. Er dachte, d Leute wären in derſelben Abſicht gekommen wie er, beſchloß, ihr Manoeuvre nachzuahmen: das war leicht Nachdem er hinter die Gruppe der Zuhörer wollte er ebenfalls hier ſtehen bleiben, gegangen w 133 lauerte er auf die erſte Perſon, die er in den ofſenen Gang eintreten ſah. Furchtſamer als dieſe, weil er ohne Zweifel mehr zu wagen hatte, wartete er, bis ſich die Gelegenheit zehnmal gut zeigte. Er wartete nicht lange. Ein Cabriolet, das vom Ende der Straße herbeifuhr, ſchnitt den Kreis entzwei und bewerkſtelligte ein Zurückdrängen der zwei Hemiſphä⸗ ren nach den Häuſern. Rouſſeau befand ſich auf der Schwelle des Ganges ſelbſt; er brauchte nur weiter zu ge⸗ hen... Unſer Philoſoph beobachtete, daß alle Neugierige, mit dem Cabriolet beſchäftigt, dem Hauſe den Rücken zuwandten; er benützte ſeine Vereinzelung und verſchwand in der Tieſe des ſchwarzen Ganges. Nach einigen Secunden erblickte er ein Licht, unter welchem ein Menſch friedlich ſitzend, wie ein Kaufmann, nachdem er den Tag hindurch Waaren verkauft, eine Zeitung las, oder zu leſen ſich anſtellte. Bei dem Geräuſch der Tritte von Rouſſeau, ſchaute dieſer Menſch empor und legte ſichtbar ſeinen Finger auf ſeine ganz durch die Lampe beleuchtete Bruſt. Rouſſeau erwiederte dieſe ſymboliſche Geberde da⸗ durch, daß er einen Finger auf ſeine Lippen legte. Sogleich ſtand dieſer Menſch auf, öffnete eine Thüre zu ſeiner Rechten, eine unſichtbare Thüre, ſo künſtlich war ſie in dem Täfelwerk angebracht, und zeigte Rouſſeau eine ſehr ſteile Treppe, die ſich unter die Erde verſenkte. Rouſſeau trat ein; die Thüre ſchloß ſich geräuſchlos, aber raſch. Rouſſeau ſtieg mit Hülfe ſeines Stockes die Stufen hinab. Er fand es ſchlimm, daß ihm die Verbündeten als erſte Probe die Gefahr, ſich den Hals und die Beine u brechen, auferlegten. Dooch die Treppe war, wenn auch ſteil, darum doch nicht lang. Rouſſeau zählte ſiebzehn Stufen, und ſo⸗ gleich wurde er von einer großen Wärme überſtrömt, die ihm in die Augen und ins Geſicht kam. 134 Dieſe feuchte Wärme war der Hauch einer gewiſſen Anzahl im Gewölbe verſammelter Menſchen. Rouſſeau bemerkte die mit roth und weißer Leinwand tapezierten Wände, auf denen mehrere, ohne Zweifel mehr ſymboliſche als wirkliche, Arbeitsinſtrumente abgebildet waren. Eine einzige Lampe hing vom Gewölbe herab und warf einen finſtern Schimmer auf die ziemlich ehr⸗ lichen Geſtalten, welche auf hölzernen Bänken ſitzend mit leiſer Stimme unter ſich plauderten. Er ſah weder Erde, noch einen getäfelten Boden, noch einen Teppich, ſondern nur eine dichte Binſenmatte, welche den Ton der Tritte dumpfer machte. Rouſſeau brachte bei ſeinem Eintritt durchaus keine Wirkung hervor. Niemand ſchien ſeine Ankunft zu bemerken. Fünf Minuten vorher wünſchte ſich Rouſſeau nichts Anderes, als einen ſolchen Eintritt, und als dieſer ſtatt⸗ gefunden hatte, war er ärgerlich, daß es ihm ſo gut ge⸗ lungen. Er ſah einen Platz leer auf einer der letzten Bänke; er ſetzte ſich darauf ſo beſcheiden, als er konnte, hinter alle Anderen. 3 Er zählte drei und dreißig Köpfe in der Verſamm⸗ lung. Ein Schreibtiſch, der auf einer Eſtrade ſtand, er⸗ wartete einen Präſidenten. 1 Ciw. Die Loge der Rue Platrieère. 4 Rouſſeau bemerkte, daß die Geſpräche der Anweſen den ſehr discret und zurückhaltend waren. Viele rührte ihre Lippen nicht. Kaum drei bis vier Paare tauſchte einige Worte aus. . treu ſein wird. 135 Diejenigen, welche nicht ſprachen, ſuchten ſogar ihr Geſicht zu verbergen, was nicht ſchwer zu bewerkſtelligen war, in Folge der großen Maſſe von Schatten, welche die Eſtrade des Präſidenten warf, den man erwartete. Die Zufluchtſtätte von dieſen, welche die Furchtſa⸗ men zu ſein ſchienen, war hinter der Eſtrade. Dagegen machten ſich zwei oder drei Mitglieder der Körperſchaft viel Bewegung, um ihre Collegen zu er⸗ kennen. Sie gingen hin und her, ſprachen mit einander und verſchwanden häufig nach und nach durch eine Thüre, welche mittelſt eines ſchwarzen Vorhangs mit rothen Flammen maskirt war. Bald erklang ein Glöckchen. Ein Mann verließ einfach die Ecke der Bank, wo er bis jetzt mit den andern Maurern vermiſcht geweſen war, und nahm Platz auf der Eſtrade ein. Nachdem er einige Zeichen mit der Hand und mit den Fingern gemacht hatte, welche Zeichen von allen An⸗ wefenden wiederholt wurden, und denen er ſodann ein 8 deutlicheres beifügte, erklärte er die Sitzung als er⸗ öffnet. Dieſer Mann war Nouſſeau durchaus unbekannt: unter dem Aeußeren eines wohlhabenden Handwerksmanns verbarg er viel Geiſtesgegenwart, unterſtützt von einem ſo leichten Vortrag, als man ihn hätte bei einem Redner ſinden mögen. Seine Rede war kurz und bündig. Er erklärte, die Loge habe ſich verſammelt, um zur Aufnahme eines neuen Bruders zu ſchreiten. „Ihr werdet nicht ſtaunen,“ ſagte er,„daß wir uns in dem Local verſammelt haben, wo die gewöhnlichen Proben nicht verſucht werden können; die Proben ſind den Häuptern als überſluſſig erſchienen. Der Bruder, um deſſen Aufnahme es ſich handelt, iſt eine von den Fackeln der Philoſophie der Zeitgenoſſen, es iſt ein tiefer Geiſt, der uns durch die Ueberzeugung und nicht durch die Furcht 3 4 136 „Auf denjenigen, welcher die Geheimniſſe der Natur und alle die des menſchlichen Herzens erforſcht und er⸗ gründet hat, vermoͤchte man nicht auf dieſelbe Weiſe Ein⸗ drucke hervorzubringen, wie auf den einfachen Sterblichen, von dem wir die Hülfe ſeiner Arme, ſeines Willens und ſeines Geldes verlangen. Um die Mitwirkung dieſes aus⸗ gezeichneten Geiſtes, dieſes redlichen und energiſchen Cha⸗ rakters zu erlangen, werden uns ſein Verſprechen oder ſein Beitritt genügen.“ Der Redner endigte ſo ſeinen Antrag, und ſchaute dann umher, um die Wirkung deſſelben wahrzunehmen. Bei Rouſſeau war die Wirkung eine magiſche: der Genfer kannte die vorbereitenden Geheimniſſe der Mau⸗ rerei; er hatte ſie mit einem für erleuchtete Geiſter ſehr natürlichen Widerwillen angeſehen; dieſe, da ſie ſo un⸗ nöthig waren, ganz albernen Conceſſionen, welche die Häup⸗ ter von den Aufzunehmenden forderten, daß man näm⸗ lich Angſt heucheln ſoll, während man weiß, daß man nichts zu fürchten hat, erſchienen ihm als das Uebermaß der Knabenhaftigkeit und müßigen Aberglaubens. Mehr noch, der ſchüchterne Philoſoph, ein Feind aller individnellen Schauſtellung, hätte ſich unglücklich gefühlt, ſeine Perſon als Schauſpiel für Leute, die er nicht kannte, und die ihn, dies war gewiß, mit mehr oder minder gutem Glauben myſtificirten, hingeben zu ſollen. Daß er ſich von den Proben freigeſprochen ſah, g. reichte ihm deshalb in mehr als einer Hinſicht zur B friedigung. Er kannte die Strenge der Gleichheit vor de Geſetzen der Maurerei, und eine Ausnahme zu ſeine Gunſten bildete ſomit einen Triumph. Er war im Begriff, durch einige Worte auf d freundliche Rede des Präſidenten zu antworten, als ſi eine Stimme aus der Verſammlung erhob. 3 „Wenn Ihr,“ ſprach dieſe Stimme, welche ei ſcharfe, vibrirende war,„wenn Ihr Euch verpflichtet glau als Füeſken einen Menſchen, wie wir ſind, zu behandeln wenn Ihr ihn von der körperlichen Pein freiſprecht, als — 137 ob das Streben noch Freiheit durch das Leiden des Körpers nicht eines unſerer Symbole wäre, ſo werdet Ihr doch wenigſtens, wie wir hoffen, nicht einen koſtbaren Titel einem Unbekannten übertragen, ohne ihn nach dem Ritus befragt und ſein Glaubensbekenntniß erhalten zu haben.“ Rouſſeau drehte ſich, um das Geſicht der angreifen⸗ den Perſon zu ſehen, die ſo hart auf den Wagen des Triumphators einſchlug. Er erkannte zu ſeinem großen Erſtaunen den jungen Wuddarzt, den er am Morgen auf dem Ouai aur Fleurs getroffen hatte. Das Gefühl ſeines guten Glaubens, ein Gefühl der Verachtung gegen den koſtbaren Titel vielleicht, hin⸗ derte ihn, zu antworten. „Sie haben gehört?“ ſagte der Präſident, indem er ſich an Rouſſeau wandte. 8 „Vollkommen,“ antwortete der Philoſoph, dem ſeine eigene Stimme einen leichten Schauer bereitete, als er ſie unter dieſem düſteren Kellergewölke ertönen hoͤrte.„Ich wundere mich indeſſen viel mehr über dieſe Aufforderung, da ich ſehe, von wem ſie gemacht wird. Wie, ein Menſch, deſſen Standesaufgabe es iſt, das zu bekämpfen, was man das körperliche Leiden nennt, und ſo ſeinen Brüdern, welche ebenſowohl die gewöhnlichen Menſchen, als die Maurer ſind, Hülfe zu leiſten; wie, dieſer Menſch kommt und predigt hier die Nützlichkeit phyſiſcher Leiden!... Er ſchlägt einen ſeltſamen Weg ein, um das Geſchoöͤpf zum Glück, den Kranken zur Heilung zu führen.“ „Es handelt ſich hier nicht um Dieſen oder Jenen,“ entgegnete lebhaft der junge Mann.„Ich bin dem Auf⸗ zunehmenden unbekannt, wie er mir unbekannt iſt. Ich bin logiſch und behaupte, daß er Unrecht gehabt hat, das Anſehen der Perſon geltend zu machen. Ich kannte die⸗ ſen nicht,“— und er deutete auf Rouſſeau den Philo⸗ ſophen,—„er wolle in mir den Praktiker nicht erkegnen. So ſollen wir vielleicht das ganze Leben neben einander 138 gehen, ohne daß je ein Blick, eine Geberde unſere dennoch enge Gemeinſchaft verräth. Ich wiederhole alſo, wenn man dem Aufzunehmenden die Proben erſparen zu müßen geglaubt hat, ſo iſt doch Grund vorhanden, ihm wenigſtens die Frage vorzulegen.“ Rouſſeau antwortete nicht. Der Präſident las auf ſeinem Geſicht den Ekel, den dieſer Streit bei ihm erregte, und ſein Bedauern, ſich in dieſes Unternehmen eingelaſſen zu haben. „Bruder,“ ſprach er mit Würde zu dem jungen Mann,„wollen Sie ſchweigen, wenn der Chef ſpricht, und ſich nicht herausnehmen, leichthin ſeine Handlungen zu tadeln, welche unumſchränkt ſind.“ „Ich habe das Recht zu interpelliren,“ erwiederte mit ſanfterem Tone der junge Mann. „Zu interpelliren, ja; zu tadeln, nein. Der Bruder, welcher in den Bund eintritt, iſt ſo bekannt, daß wir nicht in unſere Maurerverhältniſſe ein lächerliches und unnützes Geheimniß zu legen brauchen. Alle gegenwärtige Brüder wiſſen ſeinen Namen, und ſein Name iſt eine Gewährſchaft. Da er jedoch, deſſen bin ich ſicher, ſelbſt die Gleichheit liebt, ſo bitte ich ihn, ſich über die Frage zußerklären, die ich einzig der Form wegen an ihn elle. „Was ſuchen Sie in der Verbindung?“ Rouſſeau machte zwei Schritte, ließ, als er von der Menge getrennt ſtand, ein träumeriſches, ſchwermüthiges Auge auf der Verſammlung umherlaufen und ſpraclth „„Ich ſuche darin, was ich nicht darin finde: Wahr heit, nicht Sophismen. Warum würdet Ihr mich mit Dolche ie nicht eindringen, mit Gifßten, die nur klares Waſſer ſind, und mit Fallthüren umgeben, Matratzen ausgebreitet liegen? Ich kenne die Quelle der menſchüchen Kräfte. Ich kenne die Stärke meiner p ſiſchen Feder: wenn Ihr ſie brecht Muühe werth, daß Ihr mich zum 8d würde ich Euch nicht dienen: Ihr wollt mich alſo nich todten, verwunden noch weniger, 139 Welt würden es nicht dahin bringen, daß ich die Ein⸗ weihung gutfände, während welcher man mir ein Glied n gebrochen hätte. 8„Ich habe mehr als Ihr Alle meine Lehre in den Schmerzen durchgemacht; ich habe den Körper ſondirt üf und die Seele befühlt. Willigte ich ein, zu Euch zu e, kommen, als man mich darum bat,(er legte einen en beſonderen Nachdruck auf dieſes Wort,) ſo glaubte ich nützlich ſein zu können. Ich gebe alſo ich empfange en nicht. t, 3„Ach! ehe Ihr etwas vermöget, um mich zu verthei⸗ en digen, ehe Ihr mir durch Eure eigenen Mittel die Freiheit gebt, wenn man mich einkerkert, Brod, wenn man mich te aushungert, Troſt, wenn man mich betrübt, ehe Ihr etwas ſeid, ſage ich, wird dieſer Bruder, den Ihr heute zulaßt, er, wenn es der Herr erlaubt,“ fügte er, ſich gegen Marat ir umwendend, bei,„wird dieſer Bruder ſeinen Tribut der nd. Natnr bezahlt haben, denn der Fortſchritt iſt hinkend, denn ge das Licht iſt langſam, und aus dem Ort, in den er dann (ne gefallen iſt, wird ihn keiner von Euch herausziehen.“ bſt„Sie täuſchen ſich, erhabener Freund,“ ſprach eine ge weiche und zugleich eindringliche Stimme, welche Rouſſeau e. ſanft anzog;„es iſt mehr, als Sie denken, in dem Bünd⸗ niß, dem Sie beitreten wollen; es iſt darin die ganze der Zukunft der Welt; die Zukunft, wie Sie wiſſen, iſt die Hoffnung, iſt die Wiſſenſchaft; die Zukunft iſt Gott, der ſein Licht der Welt geben muß, da er es ihr zu geben verſprochen hat, Gott aber vermöchte nicht zu lügen.“ Erſtaunt, über dieſe erhabene Sprache, ſchaute Rouſ⸗ ſeau und erkannte den noch jungen Mann, der ihn am Morgen beim Lit de juſtice hierher beſchieden hatte. Mit einer gewiſſen Sorgfalt, und beſonders mit großer Diſtinction ſchwarz gekleidet, hielt er ſich an eine Seite der Eſtrade angelehnt, und durch einen milden Schimmer beleuchtet, glänzte ſein Antlitz in ſeiner ganzen ſchönheit, in ſeiner ganzen Anmuth, in ſeinem ganzen natürlichen Ausdruck. 140 „Ah!“ ſprach Rouſſeau,„die Wiſſenſchaft, ein bodenloſer Abgrund! Sie ſprechen mir von Wiſſenſchaft! Troſt, Zukunft, Zuſage; ein Anderer ſpricht mir von Materie, Strenge, Gewalt; welchem ſoll ich glauben? Es wird alſo in der Verſammlung der Brüder ſein, wie unter den verzehrenden Wölfen der Welt, die ſich unter uns bewegt. Woͤlfe und Lämmer! Höret alſo mein Glaubensbekenntniß, da Ihr es nicht in meinen Büchern geleſen habt.“ „Ihre Bücher!“ rief Marat,„Ihre Bücher ſind er⸗ haben, einverſtanden; Sie ſind nützlich aus demſelben Ge⸗ ſichtspunkt wie Pythagoras, wie Solon, wie Cicero, der Sophiſt. Sie geben das Gute an, aber ein künſtliches, ungreifbares, unzugängliches Gute; Sie gleichen demjeni⸗ gen, der gern eine ausgehungerte Menge mit Luftblaſen füttern möͤchte, welche die Sonne mehr oder minder in den Regenbogenfarben ſchimmern läßt.“ „Haben Sie die großen Erſchütterungen der Natur ſich ohne Vorbereitungen bewerkſtelligen ſehen?“ fragte Rouſſeau, die Stirne faltend;„haben Sie den Menſchen, dieſes gewöhnliche und dennoch erhabene Ereigniß, entſtehen ſehen? Haben Sie ihn entſtehen ſehen, ohne daß er neun Monate Subſtanz und Leben an den Flanken ſeiner Mutter angehäuft hatte? Ah! Sie wollen, daß ich die Welt durch Handlungen regenerire. Das nenne ich nicht regene⸗ riren, mein Herr, das nenne ich revolutioniren!“ „Alſo,“ entgegnete heftig der junge Wundarzt,„alſo wollen Sie keine Unabhängigkeit! alſo wollen Sie keine Freiheit!“ 3„Im Gegentheil,“ erwiederte Rouſſeau,„denn die Unabhängigkeit iſt mein Idol, denn die Freiheit iſt meine Göttin. Ich will nur eine ſanfte, ſtrahlende Freiheit, welche erwärmt und belebt. Ich will, eine Gleichheit, welche die Menſchen durch die Freundſchaft und nicht durch die Furcht einander näher bringt. Ich will die Er⸗ ziehung, die Unterweiſung jedes Elements des geſellſcha lichen Körpers, wie der Mechaniker die Harmonie, wie d Ebeniſt die Vereinigung, das vollkommene Zuſammenhalte te en 141 die abſolute Vermiſchung jedes Theiles ſeiner Arbeit will. Ich wiederhole, ich will das, was ich geſchrieben habe: den Fortſchritt, den Einklang, die innige, gegenſeitige Er⸗ gebenheit.“ Marat ließ über ſeine Lippen ein Lächeln der Ver⸗ achtung ſchweben. „Ja,“ ſagte er,„die Bäche von Milch und Honig, die elyſäiſchen Felder von Virgil, Träume eines Dichters, aus denen die Philoſophie gern eine Wirklichkeit machen möchte.“ Rouſſeau erwiederte nichts. Es kam ihm zu hart vor, daß er ſeine Mäßigung vertheidigen ſollte, er, den man in ganz Europa einen heftigen Neuerer genannt hatte. Er ſetzte ſich in der Stille nieder, nachdem er zur Befriedigung ſeiner ſchüchternen und naiven Seele mit dem Blick den jungen Mann, der ihn ſo eben vertheidigt, befragt und deſſen ſtillſchweigende Billigung erhalten hatte. Der Präſident ſtand auf. „Sie haben gehört?“ ſagte er zu Allen. „Ja,“ antwortete die Verſammlung, doch mit einer gewiſſen Zurückhaltung, welche nicht gerade Einhelligkeit bezeichnete.. „Leiſten Sie den Schwur,“ ſprach der Präſident zu Rouſſeau. 4 „Es wäre mir unangenehm,“ erwiederte der Philoſoph 1 mit einem gewiſſen Stolz,„es wäre mir unangenehm, wenn ich einigen Mitgliedern dieſes Bundes mißfiele, und ich muß abermals meine Worte von vorhin wiederholen, ſie ſind der Ausdruck meiner Ueberzeugung. Wäre ich ein Redner, ſo würde ich ſie auf eine ergreifende Weiſe entwickeln; aber meine Zunge iſt rebelliſch und wird ſtets zur Verrätherin an meinen Gedanken, wenn ich eine un⸗ mittelbare Ueberſetzung von ihr fordere. „Ich will ſagen, daß ich mehr für die Welt und für Sie fern von dieſer Verſammlung thue, als i beſtändig ihre Gebräuche übend thun würde; überlaſſe Sie mich alſo meinen Arbeiten, meiner Schwäche, rein⸗ 142 zelung. Ich habe es geſagt, ich neige mich zum Grabe, Kummer, Gebrechen, Dirftigkeit treiben mich täglich da⸗ hin; Sie können dieſes große Werk der Natur nicht ver⸗ zgern; verlaſſen Sie mich, ich bin nicht gemacht, um mit den Menſchen zu gehen, ich haſſe ſie und fliehe ſie; ich diene ihnen jedoch, weil ich ſelbſt Menſch bin, und weil ich ſie mir, indem ich ihnen diene, beſſer träume, als ſie ſind. Nun haben Sie meinen ganzen Gedanken; ich werde nicht ein Wort mehr ſagen.“ „Sie weigern ſich alſo, den Eid zu leiſten?“ fragte Marat mit einer gewiſſen Erſchütterung. „Ich weigere mich durchaus; ich will nicht zum Bund gehören: zu viele Beweiſe beſtätigen mir, daß ich dabei unnütz wäre.“ „Bruder,“ ſprach der Unbekannte mit der verſöhnenden Stimme,„erlauben Sie mir, daß ich Sie ſo nenne, denn wir find wirklich Brüder, außerhalb jeder Combination des menſchlichen Geiſtes. Bruder! geben Sie nicht einem Au⸗ genblick natürlichen Aergers nach; opfern Sie ein wenig von Ihrem gerechten Stolz; thun Sie für uns, was Ihnen widerſtrebt. Ihre Rathſchläge, Ihre Ideen, Ihre Gegen⸗ wart, das iſt das Licht! Verſenken Sie uns nicht in die doppelte Nacht Ihrer Abweſenheit und Ihrer Weigerung. „Sie täuſchen ſich,“ ſprach Nouſſeau,„ich nehne Ihnen nichts, da ich nie mehr geben werde, als ich aller Welt, dem erſten, dem beſten Leſer, der erſten Auslegung der Zeitung gegeben habe; wollen Sie den Namen und das Weſen von Rouſſeau...“ 1 „Wir wollen es!“ ſagten höflich mehrere Stimmen.* „Dann nehmen Sie eine Sammlung meiner Werke, ſtellen Sie die Bände auf den Tiſch Ihres Präſidenten, und wenn Sie zum Abſtimmen ſchreiten, und es iſt die Reihe an mir, meine Stimme abzugeben, ſo öffnen Sie mein Buch, und Sie werden meine Meinung, meine Sen⸗ tenz finden.. Nouſſeau machte einen Schritt, um wegzugehen. „Cinen Augenblick Geduld,“ ſagte der Wundar „ 143 „der Wille iſt frei und der des erhabenen Philoſophen 3 wie jeder andere; doch es wäre durchaus nicht in der 8 Ordnung, Zugang in unſer Allerheiligſtes einem Profanen t geſtattet zu haben, der, da er nicht einmal durch eine ) ſtillſchweigende Bedingung gebunden wäre, ohne ein un⸗ hulicher Menſch zu ſein, unſere Geheimniſſe enthüllen oͤnnte.“ 4 Rouſſeau gab ihm ſein mitleidiges Lächeln zurück. „Sie verlangen einen Eid der Verſchwiegenheit von e mir?“ fragte er. „Sie haben es geſagt.“ 3„Ich bin bereit.“ t„Wollen Sie die Formel vorleſen, ehrwürdiger Bru⸗ der,“ ſprach Marat. Der ehrwürdige Bruder las in der That folgende Formel: „Ich ſchwoͤre in Gegenwart des großen, ewigen Gpottes, des Erbauers des Weltalls, meiner Oberen und 4 der achtenswerthen Verſammlung, die mich umgibt, nie eetwas von dem, was unter meinen Augen vorgeht, zu eenthüllen, bekannt zu machen, oder zu ſchreiben, indem ich mich ſelbſt dazu verurtheile, daß ich im Falle einer Un⸗ klugheit nach den Geſetzen des großen Stifters, aller meiner Oberen und dem Zorn meiner Väter beſtraft - werde.“ 3 Nouſſeau ſtreckte ſchon die Hand aus, als der Unbe⸗ G —õ „Sie ſind ein Mann, nicht ein Bruder, ein Mann von Ehre, der uns gegenüber nur die Stellung eines Ne⸗ benmenſchen einnimmt. Wir entſagen alſo hier Eigenſchaft, um einfach Ihr Chrenwort von — — ——— —— ——— 144 verlangen, daß Sie Alles vergeſſen, was zwiſchen uns vorgefallen iſt.“ „Wie einen Traum am Morgen, ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre,“ erwiederte Rouſſeau nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Erſchütterung. Nach dieſen Worten ging er hinaus und viele Mit⸗ glieder folgten ihm. CV. Rechenſchaftsbericht. Nach dem Abgang der Mitglieder zweiten und dritten Rangs blieben ſieben Verbündete in der Loge. Es waren die ſieben Chefs. Sie erkannten ſich unter einander mittelſt der Zeichen, welche ihre Einweihung in einen höhern Grad bewieſen. Ihre erſte Sorge war es, die Thüren zu ſchließen; als man die Thüren geſchoſſen hatte, offenbarte ſich ihr Präſident durch Vorzeigung eines Ringes, worauf die geheimnißvollen Buchſtaben L. P. D.*) eingegraben waren. Dieſer Präſident war mit der oberſten Correſpondenz des Ordens beauftragt. Er ſtand in Verbindung mit den anderen Häuptern, welche die Schweiz, Rußland, Amerika, Schweden, Spanien und Italien bewohnten. 3 Er brachte einige von den wichtigſten Schreiben, de 3 er von ſeinen Collegen erhalten hatte, um ſie dem Kreiſe 8 der höheren Eingeweihten mitzutheilen, welche über d Anderen und unter ihm ſtanden. 3 Wir haben dieſen Chef erkannt, es war Balſan Der wichtigſte von dieſen Briefen, enthielt e bedrohliche Mittheilung: er kam von Schweden und Swe⸗ denborg hatte ihn geſchrieben. gen„Wachet im Süden, Brüder,“ ſagte er;„unter ſei⸗ ge⸗ nem brennenden Einfluß iſt ein Verräther wiedererwärmt worden. Dieſer Verräther wird Euch zu Grunde richten. it⸗„Wachet in Paris, Brüder, der Verräther wohnt da⸗ ſelbſt; die Geheimniſſe des Ordens find in ſeinen Händen, ein Gefühl des Haſſes treibt ihn an. „Ich höre die Anzeige mit dumpfem Flug, mit mur⸗ melnder Stimme. Ich ſehe eine ſchreckliche Rache, aber vielleicht wird fie zu ſpät kommen. Mittlerweile wachet, Brüder, wachet! Zuweilen genügt eine verrätheriſche, wenn auch ſchlecht unterrichtete Zunge, unſere ſo geſchickt angeſponnenen Pläne von Grund aus zu zerſtören.“ Die Brüder ſchauten ſich mit ſtummem Erſtaunen ten an. Die Sprache des wilden Illuminaten, ſeine Gabe en der Weiſſagung, der viele auffallende Beiſpiele ein impo⸗ ſantes Anſehen verliehen, trugen nicht wenig dazu bei, den Ausſchuß, bei welchem Balſamo den Vorſitz führte, zu verdüſtern. Er ſelbſt, der Vertrauen zu der Hellſichtigkeit von wedenborg hatte, vermochte dem ernſten und ſchmerzlichen Eindruck, der ihn ergriff, nachdem er das Schreiben ge⸗ leſen, nicht zu widerſtehen. „Brüder,“ ſprach er,„der inſpirirte Prophet täuſcht ſich ſelten. Wachet alſo, wie er es Euch empfiehlt. Ihr wißt es wie ich, der Kampf entſpinnt ſich. Seien wir nicht beſiegt durch die lächerlichen Feinde, deren Macht wir in voller Sicherheit untergraben. Vergeßt es nicht, ſie haben zu ihrer Verfügung die Ergebenheit feiler, lohn⸗ ſlſichtiger Leute. Das iſt eine mächtige Waffe unter den Seelen, die nicht weiter ſehen, als bis zu den Gränzen des irdiſchen Lebens. Brüder, mißtrauen wir den beſolde⸗ ten Verräthern. „Dieſe Befürchtungen kommen mir knabenhaft vor,“ ſprach eine Stimme;„jeden Tag nehmen w in Stärke, Deernkwuͤrdigkeiten eines Arztes. v. 4 146 und wir werden geleitet von glänzenden Geiſtern und kräftigen Händen.“ Balſamo verbeugte ſich, um dem Schmeichler für ſein Lob zu danken. „Ja; aber wie es unſer erhabener Präſident geſagt hat, der Verrath ſchleicht ſich überall ein,“ entgegnete ein Bruder, der kein anderer war, als der Wundarzt Marat, trotz ſeiner Jugend zu einem höheren Grade vorgerückt, welcher in dieſer Eigenſchaft zum erſten Mal an der Sitzung des berathenden Ausſchuſſes Theil nahm.„Bedenkt, Brüder, daß man den Koöder verdoppelnd den Fang um ſo bedeu⸗ tender macht. Kann Herr von Sartines mit einem Sack Thaler die Enthüllung von einem unſerer dunklen Brüder erkaufen, ſo kann der Miniſter mit einer Million oder der Hoffnung auf eine Würde einen von unſeren Oberen er⸗ kaufen. Bei uns aber weiß der dunkle Bruder nichts. Er kennt höchſtens einige Namen unter ſeinen Collegen, und dieſe Namen ſtellen keine Sache dar. Es iſt eine bewunderungswürdige Ordnung, die Ordnung unſerer Con⸗ ſtitution, aber ſie iſt ungeheuer ariſtokratiſch: die Unteren wiſſen nichts, vermögen nichts, man verſammelt ſie, um ihnen Nichtswürdigkeiten zu ſagen oder ſie ſagen zu laſſen; und dennoch tragen ſie mit ihrer Zeit, mit ihrem Geld. zur Feſtigkeit und Haltbarkeit unſeres Baues bei. Bedenkt wohl, der Handlanger bringt nur den Stein und den Mör⸗ tel, aber werdet Ihr ohne Stein und ohne Mörtel das Haus machen? Dieſer Handlanger erhält nur einen ge⸗ ringfügigen Lohn, und dennoch betrachte ich ihn als dem Baumeiſter gleich, deſſen Plan das ganze Werk ſchafft und belebt; und ich betrachte ihn als ſeines Gleichen, weil er ein Menſch iſt, und weil jeder Menſch ſo viel werth iſt, als ein anderer Menſch in den Augen des Philoſophen, in Betracht, daß er ſeinen Antheil an Armuth und Elend trägt wie ein Anderer, und er ſogar mehr als ein Anderer dem Fallen eines Steines oder dem Einſtürzen eines Ge⸗ rüſtes ausgeſetzt iſt.“ 3 3 147 d„Ich unterbreche Sie, Bruder,“ ſprach Balſamo.„Sie verlaſſen die Frage, die uns allein beſchäftigen muß. Ihr in Fehler, Bruder, beſteht darin, daß Sie den Eifer über⸗ treiben und die Verhandlungen generalifiren. Es handelt gꝛt ſich heute nicht darum, zu wiſſen, ob unſere Conſtitution n gut oder ſchlecht iſt, ſondern es handelt ſich darum, die t. Feſtigkeit, die Reinheit dieſer Conſtitution zu erhalten. r Wollte ich mit Ihnen ſtreiten, ſo würde ich Ihnen ant⸗ 5 woorten, nein, das Organ, das die Bewegung empfängt, r, ſteht nicht gleich mit dem Genie des Schöpfers; nein, der Arbeiter ſteht nicht gleich mit dem Baumeiſter; nein, das f Gehirn ſteht nicht gleich mit dem Arm.“ 1„Wenn Herr von Sartines einen von unſern Brüdern 1 von den letzten Graden packt,“ rief Marat voll Wäͤrme, „ wird er ihn minder in der Baſtille verfaulen laſſen, als . Sie und mich?“ 2.„Einverſtanden, aber es wird Schade für den einzel⸗ nen Menſchen und nicht für den Orden ſein, der bei uns vor allem Anderem kommen muß; ſo lange das Haupt 28 eingekerkert iſt, macht die Verſchwörung einen Stillſtand; ſo lange der General fehlt, verliert die Armee die Schlacht. „Brüder, wacht alſo über dem Heile der Führer.“ „Ja, aber ſie ſollen ihrerſeits über dem unſrigen wachen.“ „Das iſt ihre Pflicht.“ „Und ihre Fehler ſollen doppelt beſtraft werden.“ „Noch einmal, mein Bruder, Sie entfernen ſich von den Conſtitutionen des Ordens. Verkennen Sie nicht, daß der Schwur, der die Mitglieder unſeres Vereins bindet, 8 8 und derſelbe iſt und auf Alle dieſelben Strafen an⸗ wendet.““ 3 „Die Großen werden ſich denſelben immer entziehen.. „Das iſt nicht die Meinung der Großen, Bruder; öret das Ende des Briefes unſeres Propheten Sweden⸗ vorg, eines de Großen unter uns; er fügt bei: „Das Uebel wird von einem der G on iem der ſehr Großen des Ordens, 148 nicht gerade von ihm kommt, ſo wird darum der Fehler nicht minder ihm zur Laſt zu legen ſein; erinnert Euch, daß das Feuer und das Waſſer Schuldgenoſſen ſein kön⸗ nen; das eine gibt das Licht, das andere die Offenbarung. „Wacht, Brüder, über Allem und über Allen, wacht!“ „Nun,“ ſprach Marat, der von der Rede von Bal⸗ ſamo und aus dem Briefe von Swedenborg diejenige Seite nahm, aus welcher er Nutzen ziehen wollte,„nun, ſo laßt uns den Schwur wiederholen, der uns bindet, wir wollen uns verpflichten, ihn in ſeiner ganzen Strenge zu halten, wer auch derjenige ſein mag, welcher verrathen, oder den Verrath veranlaßt haben wird.“ Balſamo ſammelte ſich einen Augenblick, ſtand von ſeinem Sitze auf, und ſprach die geheiligten Worte, welche unſere Leſer ſchon einmal geſehen haben, mit langſamer, feier⸗ licher, furchtbarer Stimme: „Im Namen des gekreuzigten Sohnes ſchwoͤre ich, die fleiſchlichen Bande zu brechen, welche mich an Vater, Mutter, Brüder, Schweſtern, Gattin, Verwandte, Freunde, Geliebtin, Könige, Häupter, Wohlthäter oder an irgend ein Weſen binden, dem ich Treue, Gehorſam, Dankbarkeit oder Dienſtbarkeit gelobt habe. „Ich ſchwöre dem Haupte, das ich nach den Statu⸗ ten des Ordens anerkenne, zu enthüllen, was ich geſehen, gethan, aufgefaßt, geleſen oder gehört, erfahren oder er⸗ rathen habe, und ſogar das, was ſich meinen Augen nicht bieten würde, zu erforſchen und zu erſpähen. „Ich werde das Gift, das Eiſen und das Feuer ehren als Mittel, um die Erde durch den Tod oder die Verblendung der Feinde der Wahrheit und der Freiheit zu reinigen.“ „Ich unterzeichne das Geſetz des Stillſchweigens; ich willige ein, wie vom Blitz getroffen zu ſterben an dem Tag, wo ich eine Strafe verdient habe, und ich er⸗ warte, ohne mich zu beklagen, den Meſſerſtoß, der mich, an welchem Orte der Erde ich auch ſein mag, treffen wird.“ Hienach wiederholten die ſieben Männer, aus denen 149 -r die düſtere Verſammlung beſtand, Wort für Wort dieſen . Schwur, ſtehend und mit entblößtem Haupt. 3 Als aber die ſacramentalen Worten erſchöpft waren, ſprach Balſamo: 4„Wir find nun geſchützt und wollen nicht mehr Zwi⸗ ſchenfälle in unſere Verhandlungen miſchen. Ich habe e dem Ausſchuß Rechenſchaft über die Hauptereigniſſe des it Jahres abzulegen. n„Meine Führung der Angelegenheiten Frankreichs 1, wird erleuchteten und eifrigen Geiſtern, wie Ihr ſeid, n einiges Intereſſe bieten. „Ich fange an. n„Frankreich liegt im Mittelpunkt von Europa, wie e das Herz im Mittelpunkte des Körpers liegt. In ſeinen ⸗ Bewegungen muß man die Urſache der ganzen Ungemäch⸗ lichkeit des allgemeinen Organismus ſehen. Ich bin alſo . nach Frankreich gekommen und habe mich Paris genähert, r, wie ſich der Arzt dem Herzen nähert: ich habe auseultirt, e, ich habe befühlt, ich habe Verſuche gemacht. Als ich vor d einem Jahr zu ihr trat, mattete ſich die Monarchie ab; it heute tödten ſie die Laſter. Ich mußte die Wirkung ddieſer tödtlichen Ausſchweifungen beſchleunigen und be⸗ günſtigte ſie deshalb. 3„Ein Hinderniß fand ſich auf meinem Wege, dieſes Hinderniß war ein Menſch, dieſer Menſch war nicht der Erfte wohl aber der Mächtigſte des Staats nach dem oͤnig. „Er war mit einigen von den Eigenſchaften begabt, welche den anderen Menſchen gefallen. Er war zu ſtolz, doch er wandte ſeinen Stolz auf ſeine Werke an; er wußte die Knechtſchaft des Volkes zu mildern, indem er es glauben, zuweilen ſogar ſehen ließ, daß es einen Theil des Staats bildet; und indem er es zuweilen über ſein eigenes Elend um Rath fragte, pflanzte er eine Stand⸗ arte auf, um welche ſich die Maſſen ſtets verſammeln, den Nationalgeiſt. 3 „Er haßte die Engländer die als natür 150 Frankreich; er haßte die Favoritin als natürliche Feindin der Arbeiterclaſſen. Dieſen Menſchen, wäre er ein Uſur⸗ pator, wäre er einer der Unſeren geweſen, wäre er auf unſern Wegen gegangen, hätte er in unſern Zwecken ge⸗ handelt, würde ich geſchont, würde ich in der Gewalt er⸗ halten, würde ich mit allen Mitteln, die ich für meine Schützlinge ſchaffen kann, unterſtützt haben, denn ſtatt das wurmſtichige Koͤnigreich noch einmal zu übertünchen, hätte er es am beſtimmten Tag mit uns geſtürzt. Doch er ge⸗ hörte zur ariſtokratiſchen Claſſe, doch er war mit der Ehrfurcht vor dem erſten Rang, den er nicht an ſich zu reißen, vor der Monarchie, die er nicht anzugreifen wagte, geboren; er ſchonte das Königthum, während er den Koͤnig verachtete; er that mehr, er diente als Schild für dieſes Koͤnigthum, nach welchem ſich unſere Streiche richteten. Voll Achtung vor dieſem lebendigem, den Eingriffen der königlichen Prärogative entgegengeſtellten Damm, erhielten ſich das Parlament und das Volk in einem gemäßigten Widerſtand, ſicher, wie ſie waren, einer mächtigen Hülfe, wenn der Augenblick gekommen wäre. „Ich begriff die Lage der Dinge und unternahm den Sturz von Herrn von Choiſeul. 3 „Dieſes mächtige Werk, an welchem ſeit zehn Jahren ſo viel Haß und ſo viele Intereſſen arbeiteten, habe ich ·in wenigen Monaten, durch Mittel, welche Euch zu nennen unnütz wäre, begonnen und beendigt. Durch ein Geheim niß, das eine meiner Kräfte iſt, eine um ſo bedeutendere Kraft, als ſie ewig vor den Augen Aller verborgen blei-— ben und ſich nie anders als durch die Wirkung zeigen wird, habe ich Herrn von Choiſeul geſtürzt, vertrieben, und in ſein Gefolge einen langen Zug von Ausbrüchen des Bedauerns, von Enttäuſchungen, von Leidweſen, von Wehe⸗ klagen und Aeußerungen des Zornes angehängt. „Nun trägt die Arbeit ihre Früchte; ganz Frankreich verlangt Choiſeul und erhebt ſich, um ihn wiederzube⸗ kommen, die Waiſen ihre Arme zum Himmel empor ſtrecken, nen Gott ihren Vater genommen hat. * 151 „Die Parlamente bedienen ſich des einzigen Rechtes, das ſie haben, der Trägheit; ſie hören auf zu functioniren. Bei einem wohl organifirten Körper, wie es ein Stand erſten Ranges ſein muß, wirkt die Lähmung eines weſent⸗ lichen Organs tödtlich; das Parlament iſt aber beim ge⸗ ſellſchaftlichen Körper das, was der Magen beim menſch⸗ lichen Körper iſt; arbeiten die Parlamente nicht mehr, ſo wird das Volk, das Eingeweide des Staates, auch nicht mehr arbeiten, und folglich nicht mehr bezahlen, und das Gold, nämlich das Blut, wird ihnen fehlen. „Man wird ohne Zweifel kämpfen wollen; doch wer wird gegen das Volk kämpfen? Nicht die Armee, dieſe Tochter des Volks, die das Brod des Feldbauers ißt, den Wein des Winzers trinkt. Es werden die Haustruppen, die privilegirten Corps, die Garden, die Schweizer, die Musketiere, kaum fünf bis ſechstauſend Mann bleiben! Was wird dieſe Handvoll Pygmäen machen, wenn das Volk ſich wie ein Rieſe erhebt?“ „Es erhebe ſich, es erhebe ſich!“ riefen mehrere Stimmen. „Ja, ja, ans Werk!“ rief Marat. 4„Junger Mann, ich habe Sie noch nicht um Rath gefragt,“ ſprach Balſamo mit kaltem Tone. „Dieſen Aufruhr der Maſſen,“ fuhr er fort,„dieſe Empörung durch ihre Anzahl gegen den vereinzelten Maächtigen ſtark gewordener Schwacher würden minder ſolide, minder reife, minder erfahrene Geiſter auf der Stelle hervorrufen und ſelbſt mit einer Leichtigkeit erlan⸗ gen, die mich erſchreckt. Ich habe überlegt, ich habe ſtu⸗ dirt. Ich bin in das Volk ſelbſt hinabgeſtiegen und habe es unter ſeinen Kleidern mit ſeiner Beharrlichkeit, mit ſeiner Plumpheit, die ich entlehnte, ſo von Nahem geſehen, daß ich mich zum Volk machte. Ich kenne es alſo heute. Ich werde mich alſo in Beziehung auf dasſelbe nicht mehr täuſchen. Es iſt ſtark, aber es iſt unwiſſend; es iſt reiz⸗ bar, doch es iſt ohne Groll; mit einem nicht reif für den Aufruhr, ſo wie ich i — —————— 2 6—— 15² wie ich ihn haben will. Es fehlt ihm der Unterricht, der die Ereigniſſe unter dem doppelten Lichte des Beiſpiels und der Nützlichkeit erſchauen laſſen würde: es fehlt ihm das Gedächtniß ſeiner eigenen Erfahrung. „Es gleicht jenen kühnen jungen Leuten, die ich in Deutſchland bei den öͤffentlichen Feſten voll Eifer zum Gipfel eines Maſtbaums, den der Amtmann mit einem Schinken und einem filbernen Becher ſchmücken ließ, habe hinaufſteigen ſehen; ſie arbeiteten ſich ganz heiß vor Ver⸗ langen empor und legten den Weg mit überraſchender Geſchwindigkeit zurück; wenn ſie aber das Ziel erreicht hatten, wenn es ſich darum handelte, den Arm auszu⸗ ſtrecken, um den Preis zu nehmen, da verließ ſie die Kraft, und ſie ſanken wieder hinab unter dem Geziſche der Menge. „Das erſte Mal geſchah ihnen dies, wie ich geſagt habe; das zweite Mal ſchonten ſie ihre Kräfte und ihren Athemz, aber indem ſie ſich mehr Zeit nahmen, ſcheiterten ſie durch die Langſamkeit, wie ihnen, dies durch die Haſt widerfahren war; das dritte Mal endlich hielten ſie die Mitte zwiſchen der Haſt und der Langſamkeit und dies⸗ mal gelang es ihnen. Dies iſt der Plan, den ich beab⸗ ſichtige. Verſuche, ſtets Verſuche, welche unabläßig dem Ziele näher bringen, bis zu dem Tage, wo die Unfehl⸗ bärres des Gelingens dasſelbe zu erreichen uns geſtatten wird.“ Balſamo hörte auf zu ſprechen und ſchaute, während er aufhörte, die Verſammlung an, in der alle Leiden⸗ ſchaften der Jugend und der Unerfahrenheit kochten. „Sprechen Sie, Bruder,“ ſagte er zu Marat, der ſich mehr als Alle ungeſtüm geberdete. 3 3 „Ich werde kurz ſein,“ ſprach Marat;„die Verſuche ſchläfern die Volker ein, wenn ſie dieſelben nicht gar ent⸗ muthigen. Die Verſuche, das iſt die Theorie von Herrn Rouſſeau dem Genfer, einem großen Dichter, aber lang⸗ ſamen und ſchüchternen Geiſt, einem unnützen Bürger, den Plato aus ſeiner Republik weggejagt hätte! Warten! im⸗ 153 mer warten! Seit der Emancipation der Gemeinden, ſeit der Empörung der Malllotins*) wartet Ihr nun ſieben⸗ hundert Jahre! Zählt die Generationen, welche in Er⸗ wartung geſtorben ſind, und wagt es noch, als Wahlſpruch der Zukunft das unſelige Wort: Warten! zu nehmen! „Herr Rouſſeau ſpricht uns von Oppoſition, wie man ſie im großen Jahrhundert machte, wie ſie bei den Mar⸗ quiſen und zu den Füßen des Königs Moliére mit ſeinen Komödien, Boileau mit ſeinen Satyren und Lafontaine mit ſeinen Fabeln machte. „Eine armſelige, gebrechliche Oppoſition, welche nicht um eine Sohle breit die Sache der Menſchheit vorwärts gebracht hat. Die kleinen Kinder recitiren dieſe ver⸗ ſchleierten Theorien, ohne ſie zu begreifen, und ſchlafen ein, indem ſie dieſelben recitiren. Rabelais hat auch Poli⸗ tik auf Eure Art getrieben; doch vor dieſer Politik lacht man und verbeſſert ſich nicht. Habt Ihr ſeit drei⸗ hundert Jahren einen einzigen Mißbrauch aufheben ſehen? Genug mit den Dichtern! genug mit den Theoretikern! Werke, Handlungen! Seit drei Jahrhunderten überlaſſen wir Frankreich der Mediein und es iſt Zeit, daß die Chirurgie nun ebenfalls einſchreite, das Skalpiermeſſer und die Säge in der Hand. Die Geſellſchaft iſt vom Brand ergriffen, thun wir dem Brand mit dem Eiſen Einhalt. Derjenige kann warten, welcher vom Tiſche aufſteht, um ſich auf einen weichen Teppich zu legen, von dem er die Roſenblätter durch den Hauch ſeiner Sklaven wegſchaffen läßt, denn der befriedigte Magen theilt dem Gehirn kitzelnde Duͤnſte mit, die es erquicken und ergötzen; doch der Hunger, doch die Armuth, doch die Verzweiflung ſtillen ſich nicht, erleichtern ſich nicht, tröſten ſich nicht durch Strophen, Sentenzen und kleine Fabeln. Sie erhe⸗ ben ein gewaltiges Geſchrei aus ihren großen Leiden; taub ſſt derjenige, der vieſe Weheklage nicht hoͤrt; verflucht ſei der, der nicht darauf antwortet. Eine Et mpö börung, und 5 *) Einr aufruͤhreriſche Partei in Paris un⸗ 154 ſollte ſie auch erſtickt werden, wird die Geiſter mehr erleuchten, als tauſend Jahre von Lehren, mehr als drei Jahrhunderte von Beiſpi clen ſie wird die Könige erleuch⸗ ten, wenn ſie dieſelben nicht ſtürzt; das iſt viel, das iſt genug!“ Ein ſchmeichelhaftes Gemurmel entſtrömte einigen Lippen. „Wo ſind unſere Feinde?“ fuhr Marat fort;„über uns: ſie bewachen das Thor des Palaſtes, ſie umgeben die Stufen des Throns; auf dieſem Thron iſt das Palla⸗ dium, das ſie mit mehr Sorgſamkeit und Furcht hüten, als es die Trojaner thaten. Dieſes Palladium, das ſie allmächtig, reich, unverſchämt macht, iſt das Königthum. Zu dieſem Königthum kann man nicht gelangen, ohne über den Leib derjenigen zu ſchreiten, welche es hüten, wie man nicht zum General gelangen kann, ohne die Batail⸗ lons niederzuwerfen, die ihn beſchützen. Nun! viele Ba⸗ taillons ſind niedergeworfen worden, erzählt uns die Ge⸗ ſchichte, viele Generale ſind gefangen genommen worden, von Darius bis auf König Johann, von Regulus bis Duguesclin. „Werfen wir die Garde nieder, und wir kommen bis zum Idol. Schlagen wir zuerſt die Schildwachen, und wir werden ſodann den Anführer ſchlagen. Gegen die Höflinge, gegen die Adeligen, gegen die Ariſtokraten ſei der erſte Angriff gerichtet, gegen die Könige der letzte. Zählt die privilegirten Köpfe: kaum zweimalhunderttauſend; geht, ein ſchneidendes Stäbchen in der Hand, in dem ſchönen Garten ſpazieren, den man Frankreich nennt, und ſchlagt dieſe zweimalhunderttauſend Köpfe ab, wie es Tarquinius mit den Mohnköpfen von Latium that, und Alles wird abgemacht ſein, und Ihr werdet nur noch zwei Mächte einander gegenüber haben: Volk und Königthum. Dann verſuche es das Königthum, dieſes Emblem, mit dem Volt im Rieſen, zu kaämpfen, und Ihr ſollt ſehen. ge einen Coloß niederwerfen wollen, iit dem Piedeſtal; wenn die Holzhauer geefallen iſt, bedeckt, als ein Pferd im Galopp i Secunden durchliefe. Diejenigen nun, welche die fällten, waren, da ſie nicht Zeit hatten, ih ſehenen Sturz zu vermeiden, verloren, 15⁵ die Eiche fällen wollen, greifen ſie den FJuß an. Holz⸗ hauer, Holzhauer! laßt uns die Arxt nehmen; greifen wir die Ciche bei ihren Wurzeln an, und die alte Eiche mit der ſtolzen Stirne wird alsbald den Sand küſſen.“ „Und auf Sie fallen, Sie zermalmen wie Pygmäen, Unglücklicher!“ rief Balſamo mit einer Donnerſtimme. „Ah! Sie ziehen gegen die Dichter zu Felde, und Sie ſprechen in Metaphern, welche noch poetiſcher und bilder⸗ reicher ſind, als die ihrigen! Bruder, Bruder,“ fuhr er gegen Marat fort,„Sie haben dieſe Phraſen, ſage ich Ihnen, aus einem Roman genommen, den Sie in Ihrer Manſarde ausarbeiten.“ Marat erröthete. „Wißt Ihr, was eine Revolution iſt?“ fuhr Balſamo fort;„ich habe zweihundert geſehen, und kann es Euch ſagen; ich habe die Revolution des alten Egypten, ich habe die von Aſſyrien geſehen, ich habe die Empörungen von Griechenland, von Rom, ſowie die der letzten Zeiten des römiſchen Reiches geſehen. Ich habe die des Mittelalters geſehen, wo ſich die Voͤlker auf einander ſtürzten, Oſten auf Weſten, Weſten auf Oſten, und ſich erwürgten, ohne ſich zu verſtehen. Seit den Hirtenkönigen bis auf uns haben ungefähr zweihundert Revolutionen ſtattgefunden. Und ſo eben beklagtet Ihr Euch, daß Ihr Sklaven ſeid, die Revolutionen dienen alſo zu nichts. Warum dies? Die⸗ jenigen, welche die Revolntionen machten, waren alle vom ſelben Schwindel befallen: ſie beeilten ſich zu ſehr. Be⸗ eilt ſich Gott, der bei den Revolutionen der Welt den Vorſitz führt, wie das Genie bei den Revolutionen der Menſchen präſidirt? „Werft die Eiche nieder, werft ſie nieder! ruft Ihr, und Ihr berechnet nicht, daß die Eiche, welche eine Se⸗ cunde braucht, um zu fallen, ebenſo viel Boden, wenn ſie 156 nichtet unter ihrem ungeheuren Aſtwerk. Das iſt es, was Ihr wollt, nicht wahr? Ihr werdet es nicht von mir er⸗ halten. Wie Gott, habe ich zwanzig, dreißig, vierzig Menſchenalter zu leben gewußt. Wie Gott, bin ich ewig. Wie Gott, werde ich geduldig ſein. Ich trage mein Schickſal, das Eurige, das der Welt in dem hohlen Raume dieſer Hand. Niemand wird machen, daß ich dieſe Hand voll donnernder Wahrheiten öffne, wenn ich nicht ſie zu öffnen einwillige. Ich weiß, ſie enthält den Blitz; wohl! der Blitz wird darin wohnen, wie in der allmächtigen Rechten Gottes.. „Meine Herren, meine Herren! verlaſſen wir dieſe zu erhabenen Höhen und ſteigen wir wieder auf die Erde herab. „Meine Herren, ich ſage es Euch einfach und mit Ueberzeugung, es iſt noch nicht Zeit: der gegenwärtig regierende König iſt ein ſchwacher Reſler des großen Koͤnigs, den das Volk noch verehrt, und es liegt in die⸗ ſer verſchwindenden Majeſtät etwas, was noch hinreichend blendet, um die Blitze Eures kleinen Haſſes, Eurer Rach⸗ gier aufzuwiegen. Dieſer iſt als König geboren, er wird als König ſterben; ſeine Race iſt frech, aber rein. Seinen Urſprung könnt Ihr auf ſeiner Stirne, in einer Geberde, in ſeiner Stimme leſen. Dieſer wird immer der Koͤnig ſein... Schlagt ihm den Kopf ab, und es wird ge⸗ ſchehen, was bei Carl I. geſchehen iſt; ſeine Henker wer⸗ den ſich vor ihm niederwerfen und die Höflinge ſeines Unglücks, wie Lord Capell, werden das Beil küſſen, das den Kopf ihres Herrn vom Rumpfe getrennt hat. „Ihr wißt aber Alle, meine Herren, England hat ſich übereilt. König Carl I. ſtarb auf dem Blutgerüſte, das iſt wahr, aber König Carl II., ſein Sohn, iſt auf dem Thron geſtorben. „Wartet, wartet, meine Herren, denn die Zeiten wer⸗ den nun günſtig. „Ihr wolit die Lilien zerſtören. Das iſt unſerer Aller Wahlſpruch: Lilia pedibus destrue. Doch nicht eine einzige Wurzel darf der Blume des heiligen Ludwig 3 die Hoffnung laſſen, noch einmal aufzublühen. Ihr wollt g das Koͤnigthum zerſtören! Damit das Köͤnigthum für g. immer zerſtört ſei, muß es in ſeinem äußeren Blendwerk, in wie in ſeinem inneren Weſen geſchwächt ſein. Ihr wollt ne das Koͤnigthum zerſtoͤren! Wartet, bis das Königthum id nicht mehr ein Prieſterthum, ſondern ein Geſchäft iſt; u bis es nicht mehr in einem Tempel, ſondern in einer 5 Bude geübt wird. Das, was das Heiligſte bei dem n Königthum iſt, nämlich die ſeit Jahrhunderten durch Gott und die Völker autoriſirte geſetzliche Uebertragung des ſe Throns geht für immer verloren! Hört! hört! dieſe de unüberwindliche, unüberſteigliche Schranke, welche zwi⸗ ſchen uns, die Leute von Nichts, und dieſe gleichſam it göttlichen Geſchöpfe geſetzt iſt, dieſe Gränze, welche die g Völker nie zu überſpringen wagten, und die man die en Legitimität nennt, dieſes Wort, ſo glänzend wie ein ⸗ Leuchtthurm, das bis heute das Königthum vor einem Schiffbruch geſchützt hat, dieſes Wort wird erlöſchen unter dem Hauch des geheimnißvollen Verhängniſſes. „Die Dauphine, nach Frankreich berufen, um das en Geſchlecht der Könige durch die Miſchung mit kaiſerlichem e, Blute fortzupflanzen, die Dauphine, ſeit einem Jahr mit Ig dem Erben des Thrones von Frankreich verheirathet... e⸗ Nähert Euch, meine Herren, denn ich befürchte, über Euren ⸗ Kreis hinaus den Lärmen meiner Worte dringen zu laſſen.“ 3„Nun?“ fragten voll Bangigkeit die ſechs Häupter. f Nun, meine Herren, die Dauphine iſt noch Jung⸗ rau!“ Ein düſteres Gemurmel, das alle Könige der Welt in die Flucht gejagt hätte, ſo viel gehäſſige Freude und rachſüchtigen Triumph enthielt es, entſtrömte wie ein tödt⸗ licher Dunſt dieſem engen Kreis von ſechs Köpfen, die ſich beinahe berührten, beherrſcht von dem Balſamo, er ſich von ſeiner Eſtrade zu ihnen he „Bei dieſem Zuſtand der Dinge 158 fort,„bieten ſich zwei Hypotheſen, welche unſerer Sache gleich günſtig ſind. „Die erſte iſt die, daß die Dauphine unfruchtbar bleibt, und dann erliſcht das Geſchlecht, dann läßt die Zukunft unſeren Freunden weder Kämpfe, noch Schwie⸗ rigkeiten, noch Unruhen. Es wird bei dieſer zum Voraus für den Tod bezeichneten Race geſchehen, was in Frank⸗ reich geſchehen iſt, ſo oft ſich drei Könige auf dem Thron folgten. Was bei den Sohnen von Philipp dem Schönen: Ludwig dem Zänker, Philipp dem Langen und Carl IV., geſchehen iſt, welche ohne Nachkommenſchaft geſtorben ſind, nachdem ſie alle drei regiert hatten. Was bei den drei Soͤhnen von Heinrich II.: Franz II., Carl IX. und Heinrich III., geſchehen iſt, welche ohne Nachkommenſchaft geſtorben ſind, nachdem ſie alle drei regiert hatten. Wie ſie, werden der Herr⸗Dauphin, der Herr Graf von Pro⸗ vence und der Herr Graf von Artois alle drei regieren, und alle drei ohne Kinder ſterben, wie die Andern ge⸗ ſtorben ſind; das iſt das Geſetz des Verhängniſſes. „Dann, wie nach Carl IV., dem Letzten von dem Geſchlechte Capets, Philipp VI. von Valois, ein Sei⸗ tenverwandter der vorhergehenden Könige, kam, wie nach Heinrich III., dem Letzten des Geſchleches der Valois, Heinrich VI. von Bourbon, ein Seitenverwandter des vorhergehenden Geſchlechtes kam, ſo wird nach dem Gra⸗ fen von Artois, der in das Buch des Verhängniſſes als der letzte der Könige der älteren Linie eingetragen ſteht, vielleicht irgend ein Cromwell oder ein Wilhelm von Oranien kommen, der dem Geſchlecht oder der natürlichen Ordnung der Erbfolge ganz fremd iſt. „Dies gibt uns die erſte Hypotheſe. „Die zweite iſt die, daß die Frau Dauphine nicht unfruchtbar bleibt. Und das iſt die Falle, in die unſere Feinde ſtürzen werden, während ſie uns hineinzuwerfen glauben. Ohl wenn die Dauphine nicht unfruchtbar bleibt, wenn ſich dann Alle bei Hofe freuen und das Koͤnigthum in Frankreich befeſtigt wähnen, dann können wir uns auch SSD——— 159 freuen, denn wir werden ein ſo furchtbares Geheimniß be⸗ he ſitzen, daß kein Blendwerk, keine Macht, keine Anſtrengungen 43 Stand halten koͤnnen gegen die Verbrechen, die dieſes Ge⸗ de heimniß enthalten, bei dem Unglück, das für die zukünftige „ Konigin aus dieſer Fruchtbarkeit entſpringen wird; denn 3 den Erben, den ſie dann dem Thron ſchenkt, werden wir 7 leicht ungeſetzlich machen, denn dieſe Fruchtbarkeit werden n wir leicht für ehebrecheriſch erklären. So daß im Vergleich Ä mit dem trügeriſchen Glück, das ihnen der Himmel bewil⸗ ligt zu haben ſcheinen wird, die Unfruchtbarkeit noch eine 7 Wohlthat Goltes geweſen wäre. Deshalb enthalte ich mich, meine Herren; deshalb warte ich, meine Brüder, deshalb halte ich es für unnütz, heute ſchon die Leiden⸗ ſchaften des Volks zu entfeſſeln, die ich wirkſamer anwen⸗ den werde, wenn die Zeit gekommen iſt. „Meine Herren, Ihr kennt nun die Arbeit dieſes Jahrs; Ihr ſeht den Fortſchritt unſerer Minen. Ueber⸗ zeugt Euch alſo, daß es uns nur gelingen wird mit dem Genie und dem Muthe der Einen, welche die Augen uund das Gehirn, mit der Ausdauer und der Arbeit der Anderen, welche die Arme, mit dem Glauben und der Ergebenheit wieder Anderer, welche das Herz ſein werden. „Seid vor Allem von der Nothwendigkeit eines blin⸗ dden Gehorſams durchdrungen, welcher bewirkt, daß Euer Cghef ſelbſt ſich dem Willen und den Statuten des Ordens oopfern wird, an dem Tag, wo es die Statuten verlangen. „Hienach, meine Herren und vielgeliebte Brüder, würde icch die Sitzung aufheben, bliebe mir nicht noch ein Gutes u thun und ein Schlimmes zu bezeichnen. „Der große Schriftſteller, der dieſen Abend zu uns gekommen iſt und einer der Unſrigen geworden wäre, ohne Mehrzahl von Brüdern, welche unſere Vorſch ind unſern Zweck gar nicht kennen. ————— ——— und ein Reich regieren. 160 „Mit den Sophismen ſeiner Bücher über die Wahr⸗ beiten unſeres Bundes triumphirend, ſtellt Nouſſeau ein Grundlaſter dar, das ich mit Feuer und Schwert ausrotten würde, wenn ich nicht hoffen könnte, es durch die Ueber⸗ zeugung zu heilen. Die Eitelkeit von einem unſerer Brü⸗ der hat ſich auf eine ärgerliche Weiſe entwickelt. Durch ihn ſind wir im Streite unterlegen; ich hoffe, es wird ſich kein ähnlicher Fall mehr ereignen, oder ich mußte zu den Mitteln der Disciplin meine Zuflucht nehmen. „Nun, meine Herren, verbreitet den Glauben durch die Sanftmuth und die Ueberzeugung; verſchafft ihm Ein⸗ gang durch die Lehre, noͤthigt ihn nicht auf, treibt ihn nicht in die widerſpänſtigen Gemüther mit Axt und Schlä⸗ gel ein, wie es die Inquiſitoren mit den Keilen der Henker thun. Erinnert Euch, daß wir nur groß ſein werden, nachdem wir als gut anerkannt worden ſind, und daß man uns nur als gut anerkennen wird, wenn wir beſſer erſchei⸗ nen, als Alles, was uns umgibt; erinnert Euch⸗ auch, daß unter uns die Großen, die Guten und die Beſten nichts ſind ohne die Wiſſenſchaft, die Kunſt und den Glauben; nichts ſind neben denjenigen, welche Gott mit einem beſon⸗ deren Siegel bezeichnet hat, daß ſie den Menſchen gebieten „Meine Herren, die Sitzung iſt aufgehoben.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, bedeckte Balſamo das Haupt und hüllte ſich in ſeinen Mantel. Jeder von den übrigen Eingeweihten entfernte ſich ſeinerſeits allein und ſchweigſam, um keinen Verdacht zu erregen... 161 2 CVI. — Der Leib und die Seele. Der Letzte, welcher bei dem Meiſter zurückblieb, war Marat, der Wundarzt. Er näherte ſich demüthig und ſehr bleich dem furcht⸗ ) baren Redner, deſſen Macht unbegränzt war. 3 Meiſter,“ fragte er,„habe ich wirklich einen Fehler 1 begangen?“ 29„Cinen großen, mein Herr,“ erwiederte Balſamo, 1„und das Schlimmſte dabei iſt, daß Sie ihn nicht began⸗ 10 gen zu haben glauben.“ 8„Ja, ich geſtehe es, ich glaube nicht nur keinen Fehler 6 begangen, ſondern ich glaube ſogar ſo geſprochen zu haben, wie es ſich geziemt.“ „Hochmuth! Hochmuth!“ murmelte Balſamo,„Hoch⸗ muth, zerſtörender Dämon. Die Menſchen bekämpfen das Fieber in den Adern der Kranken, die Peſt im Waſſer und in der Luft; aber ſie laſſen den Hochmuth ſo tiefe Wurzeln in ihrem Herzen ſchlagen, daß es ihnen nicht ge⸗ lingt, ihn auszurotten.“ 3„Oh! Meiſter,“ entgegnete Marat,„Sie haben eine ſehr traurige Meinung von mir. Bin ich denn wirklich ſo wenig, daß ich nicht unter meines Gleichen zählen kann? Habe ich die Frucht meiner Arbeiten ſo ſchlecht gepflückt, daß ich unfähig bin, ein Wort zu ſagen, ohne der Unwiſ⸗ ſenheit beſchuldigt zu werden? Bin ich ein ſo lauer Adepte, daß man meine Ueberzeugung verdächtigt? Deſſen kann ich mir doch wenigſtens bewußt ſein, daß ich durch eine aufopfernde Ergebenheit für die Sache des Volks lebe.“ „Mein Herr,“ erwiederte Balſamo,„weil das Princip das Guten in Ihnen gegen das Princip des Boſen kämpft, agen zu müſſen Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 1 — m——— gewonnen, ſo wird es mir in einer Stunde gelingen.“ ſcheint, werde ich Sie von dieſen Fehlern zu ſäubern ſuchen. Soll es mir gelingen, hat nicht ſchon der Hoch⸗ muth in Ihnen die Oberhand über jedes andere Gefühl „In einer Stunde?“ ſagte Marat. „Ja. Wollen Sie mir dieſe Stunde ſchenken?“ „Gewiß.“ „Wo werde ich Sie ſehen?“ „Meiſter, es iſt an mir, Sie an dem Ort aufzuſuchen, den Sie Ihrem Diener beſtimmen wollen.“ „Nun wohl!“ ſprach Balſamo,„ich werde zu Ihnen kommen.“ „Ueberlegen Sie, welche Verbindlichkeit Sie über⸗ nehmen; ich bewohne eine Manſarde in der Rue des Cordeliers. Eine Manſarde, verſtehen Sie,“ ſagte Marat mit einer Affectation ſtolzer Einfachheit, mit einer Prah⸗ lerei von Armuth,„während Sie...“ „Während ich?..“ „Während Sie, wie man ſagt, einen Pallaſt be⸗ wohnen.“ Balſamo zuckte die Achſeln, wie es ein Rieſe thun würde, der von ſeiner Höhe herab den Zorn eines Zwerges mäße. 3 „Gut, es ſei,“ erwiederte er,„ich werde Sie in Ihrer Manſarde beſuchen.“ 3 „Wann dies, mein Herr?“ „Morgen.“ „Um welche Stunde?“ „Am Morgen.“ „Ich gehe bei Tagesanbruch nach meinem Amphi theater und von da ins Hoſpital.“ „Das iſt es gerade, was ich brauche. Ich würde Sie gebeten haben, mich dahin zu führen, hätten Sie es mir nicht vorgeſchlagen.“, ͤ Sir erſtehen, ſehr frühzeitig, ich ſchlafe wenig,. 8 7 rat. ſagte ¹ 163 n„Und ich ſchlafe gar nicht,“ entgegnete Balſamo. „Bei Tagesanbruch alſo.“ l„Ich werde Sie erwarten.“ Hienach trennten ſie ſich, denn ſie hatten die Thüre erreicht, welche nach der Straße ging, die im Augenblick ihres Abgangs ſo düſter und verödet ausſah, als ſie im Augenblick ihres Eintritts bevoͤlkert und geräuſchvoll gewe⸗ u ſen war. , Balſamo ſchlug den Weg links ein und verſchwand bald. n Marat ahmte ihn nach und ſchritt mit ſeinen langen, mageren Beinen gegen rechts fort. Balſamo war pünktlich. Morgens um ſechs Uhr 8 klopfte er am andern Tag an der Thüre des Ruheplatzes at an, der, der Mittelpunkt eines langen Corridors, auf den ⸗ ſechs Thüren gingen, der letzte Stock eines alten Hauſes der Rue des Cordeliers war. Marat hatte, wie man wohl ſah, Alles vorbereitet, e⸗ um ſeinen erhabenen Gaſt würdig zu empfangen. Das magere Bett von Nußbaumholz, die Commode mit hölzer⸗ m nem Aufſatz glänzten vor Reinlichkeit unter dem wollenen 2 Lumpen einer Haushälterin, welche ihre Arme gewaltig 8 auf dieſen wurmſtichigen Meubles anſtrengte. err Marat ſelbſt unterſtützte thätig dieſe Frau und er⸗ friſchte in einem blauen Fayencetopf bleiche, verwelkte Blumen, den Hauptſchmuck der Manſarde. Er hielt noch einen linnenen Scheuerlappen unter dem Arm, woraus hervorging, daß er die Blumen erſt berührt hatte, nachdem er mit den Meubles beſchäftigt geweſen war. Da der Schlüſſel in der Thüre ſtak und Balſamo ohne anzuklopfen eingetreten war, überraſchte er Marat bei ſeiner Beſchäftigung. 3 Als Marat den Meiſter erblickte, erröthete er gewaltig und mehr, als es ſich für einen wahren Ste geziemte. „ Sie ſehen, mein Herr,“ ſagte er, 4 hinterhältiſch ſeinen Scheuerlappen hinter 164 warf,„ich bin Wirthſchafter und helfe dieſer guten Frau. Ich wähle die Arbeit, welche vielleicht nicht gerade die eines guten Plebejers, aber auch nicht ganz die eines vor⸗ nehmen Herrn iſt.“ „Das iſt die Sache eines armen jungen Mannes, der die Reinlichkeit liebt, nichts Anderes,“ ſprach Balſamo mit kaltem Tone.„Werden Sie bald bereit ſein, mein Herr? Sie wiſſen, daß meine Augenblicke gezählt ſind.“ „Ich ziehe meinen Rock an, mein Herr... Frau Grivette, meinen Stock, das iſt meine Portiére, mein Herr, es iſt mein Kammerdiener, es iſt meine Köchin, es iſt Vn Intendant, und ſie koſtet mich einen Thaler monat⸗ lich.“ „„Ich lobe die Sparſamkeit,“ ſprach Balſamo;„es iſt der Reichthum der Armen, es iſt die Weisheit der Reichen.“ „Meinen Hut, meinen Stock,“ ſagte Marat. „Strecken Sie die Hand aus,“ verſetzte Balſamo; „hier iſt Ihr Hut, und ohne Zweifel iſt der Stock, der neben Ihrem Hute ſteht, der Ihrige.“ „Ohl! verzeihen Sie, mein Herr, ich bin ganz ver⸗ wirrt.“ „Sind Sie bereit?“ 1 „Ja, mein Herr; meine Uhr, Frau Grivette.“ Frau Grivette drehte ſich um und um, antwortete aber nicht. 4 „Sie bedürfen keiner Uhr, um nach dem Amphitheater und ins Hoſpital zu gehen; man würde vielleicht lange brauchen, um ſie zu finden, und das würde uns aufhalten. „Es liegt mir jedoch viel an meiner Uhr, mein Herr, denn ſie iſt vortrefflich, und ich habe ſie mir nur mit Hülfe vieler Erſparniſſe erkauft.“ „In Ihrer Abweſenheit wird ſie Frau Grivette ſuchen,“ erwiederte Balſamo lächelnd,„und wenn ſie gu ſucht, wird die Uhr bei Ihrer Rückkehr gefunden ſein.“ „Ah! gewiß,“ ſprach Frau Grivette,„ſie wird wie 165 der gefunden ſein, wenn ſie der Herr nicht anderswo ge⸗ laſſen hat, denn hier geht nichts verloren.“ r⸗„Sie ſehen wohl,“ ſagte Balſamo.„Vorwärts, mein Herr, vorwärts.“ er Marat wagte es nicht, länger hiebei zu verharren, 0 und folgte Balſamo brummelnd. n Als ſie vor der Thüre waren, ſagte Balſamo: „Wohin gehen wir zuerſt?“ u„Nach dem Amphitheater, wenn Sie wollen, Meiſter; r ich habe ein Subject bezeichnet, das dieſe Nacht an 1 einer Gehirnhautentzündung ſterben mußte; ich habe Be⸗ 1 obachtungen an ſeinem Gehirn zu machen, und möchte nicht gern, daß melne Kameraden es mir wegnähmen.“ 8.„Gehen wir alſo nach dem Amphitheater, Herr r Marat.“ „Um ſo mehr, als es nur zwei Schritte von hier iſt als das Amphitheater an das Hoſpital anſtößt, und als . wir nur hinein und wieder herausgehen; Sie können mich r auch vor der Thüre erwarten.“ „Im Gegentheil, ich wünſche mit hineinzugehen; Sie werden mir Ihre Meinung über das Subject ſagen.“ „Als es ein Koͤrper war?“ „Nein, ſeitdem es ein Leichnam iſt.“ „Holla! nehmen Sie ſich in Acht,“ rief Marat lächelnd;„ich könnte einen Point vor Ihnen voraus be⸗ kommen, denn ich kenne dieſen Theil meines Gewerbes unaſgin wie die Leute ſagen, ein ziemlich geſchickter Ana⸗ omiſt.“ „Hochmuth, Hochmuth, ſtets Hochmuth,“ murmelte Balſamo. 4„Was ſagen Sie?“ fragte Marat. 1 3 ⁴„Ich ſage, wir werden das ſehen, mein Herr. Treten wir ein.“ 3 Marat trat zuerſt in den engen Gang, der zu dieſem Amphitheater führte, das am Ende der Rue H. ag. 6 166 langen, ſchmalen Saal, wo man auf einem Marmortiſch zwei Leichname, einen männlichen und einen weiblichen, aausgeſtreckt ſah. 4 Die Frau war jung geſtorben. Der Mann war alt und kahl; ein abſcheuliches Schweißtuch bedeckte den Leib, ließ aber ihre Geſichter halb entblößt. Beide lagen neben einander auf dieſem eiftgen Bett, ſie, die ſich vielleicht nie in der Welt geſehen hatten, und deren Seelen nun, nach der Ewigkeit wandernd, ſehr er⸗ ſtaunt ſein mußten, wenn ſie ihre ſterblichen Hüllen in einer ſolchen Nachbarſchaft erblickten. Mit einer einzigen Bewegung warf Marat das grobe Leintuch ab, das die zwei Unglücklichen bedeckte, welche der Tod vor dem Scalpiermeſſer des Chirurgen gleich ge⸗ macht hatte. Die zwei Leichname waren nackt. „Der Anblick der Todten widerſtrebt Ihnen nicht?“ fragte Marat mit ſeinem gewöhnlichen Prahlen. „Er betrübt mich,“ erwiederte Balſamo. „Mangel an Gewohnheit,“ ſagte Marat.„Ich, der ich dieſes Schauſpiel alle Tage ſehe, empfinde dabei weder Traurigkeit, noch Ekel. Wir Praktiker leben mit den Tod⸗ ten und unterbrechen ihretwegen nicht eine einzige Function unſeres Lebens.“ „Das iſt ein trauriges Vorrecht Ihres Gewerbes.“ „Und dann,“ fügte Marat bei,„warum mich betrüben oder Ekel bekommen? Im erſten Fall habe ich die Ueber⸗ zeugung, im zweiten die Gewohnheit.“ „Setzen Sie mir Ihre Ideen auseinander, ich ver: ſtehe Sie ſchlecht,“ ſagte Balſamo.„Zuerſt die Ueberlegung.“ „Es ſei. Warum ſollte ich erſchrecken? warum ſollte ich Furcht haben vor einem trägen Körper, vor einer Bild⸗ ſäule, die von Fleiſch iſt, ſtatt von Stein, von Marmor oder von Granit zu ſein 2„ ahr, es iſt in der That nihts in einem 167 „Sie glauben?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Aber in einem lebendigen Körper.“ „Darin iſt die Bewegung,“ ſprach Marat mit ſtolzem Tone. „Und die Seele, mein Herr, Sie ſprechen nicht von 1 der Seele?“ „Ich habe Sie nie in den Körpern geſehen, die ich mit meinem Zergliederungsmeſſer durchwühlte.“ „Weil Sie nur Leichname durchwühlen.“ „Ah! doch, mein Herr, ich habe viel an lebendigen Körpern operirt.“ „Und Sie haben nicht mehr in ihnen gefunden, als in den Leichnamen? 2* „Ja, ich habe den Schmerz gefunden; iſt es der Schmerz, was Sie die Seele nennen 2“ „Sie glauben alſo nicht daran?“ „Woran?“ „An die Seele.“ „Ich glaube daran, weil es mir frei ſteht, ſie die Bewegung zu nennen, wenn ich will.“ „Das iſt ſehr gut; Sie glauben an die Seele, mehr wollte ich nicht wiſſen; es thut mir wohl, daß Sie daran glauben.“ „Einen Augenblick Geduld, mein Herr, verſtändigen wir uns,“ ſagte Marat mit ſeinem vipernartigen Lächeln. „Wir Praktiker ſind ein wenig Materialiſten.“ „Dieſe Körper ſind ſehr kalt,“ ſagte Balſamo träu⸗ mneriſch,„und dieſe Frau war ſehr ſchön.“ „Ja wohl.“ „Gewiß war eine ſchöne Seele in dieſem Körper.“ „Ah! darin beging derjenige, welcher ſie ſchuf, einen Irrthum. Schoͤne Scheide, gemeine Klinge. Dieſer Kör⸗ der, Meiſter, war der einer nichtsnutzigen Perſon, welche voon Saint⸗Lazare herkam, als ſie im Hotel⸗Dieu an einer Dirnentzündung ſtarb. Ihre Chronik iſt lang und ziemlich ärgerlich. Wenn Sie Seele die Demegun nnen, welche. dieſes Geſchöpf handeln machte, ſo thun Sie unſeren Seelen Unrecht, die von demſelben Weſen ſein müſſen, da ſie von derſelben Quelle ausgegangen ſind.“ „Eine Seele, die man hätte heilen müſſen,“ ſprach Balſamo,„eine Seele, welche in Ermangelung des ein⸗ zigen Arztes, der unentbehrlich, eines Arztes der Seele, zu Grunde gegangen iſt.“ „Ah, ah! mein Meiſter, das iſt abermals eine von Ihren Theorien. Es gibt nur Aerzte für den Körper,“ entgegnete Marat, mit einem bitteren Lachen.„Und hören Sie, Meiſter, Sie haben in dieſem Augenblick ein Wort auf den Lippen, das Moliére oft in ſeinen Komödien ge⸗ braucht hat, und dieſes Wort macht Sie lächeln.“ „Nein, Sie täuſchen ſich und können nicht wiſſen, worüber ich lächle. Was wir für den Augenblick ſchließen, iſt, daß dieſe Körper leer find, nicht wahr?“ „Und unempfindlich,“ ſprach Marat, der den Kopf der jungen Frau in die Höhe hob und geräuſchvoll wieder auf den Marmor fallen ließ, ohne daß der Körper nur ſich rührte oder zitterte. „Sehr gut,“ ſagte Balſamo,„gehen wir nun ins Hoſpital.“ „Einen Augenblick Geduld, Meiſter, ich bitte, nicht ehe ich vom Rumpf dieſen Kopf getrennt habe, der mir Luſt macht, weil er der Sitz einer merkwürdigen Kranke heit geweſen iſt. Sie erlauben?“ „Gewiß.“ 1 5 Marat öffnete ſein Behältniß, nahm daraus ein In-⸗ſ ciſionsmeſſer und hob aus einer Ecke einen großen hölzere: nen ganz mit Blutflecken beſprengelten Schlägel auf. Dann machte er mit geübter Hand einen kreisför migen Einſchnitt, der alles Fleiſch und alle Muskeln vom Hals trennte; als er den Knochen erreichte, ſchob er ſein Meſſer zwiſchen zwei Gelenke der Wirbelſäule und that mit dem Schlägel einen kräftigen Schlag daraufß Der Kopf rollte auf den Tiſch und vom Tiſch au 169 den Boden, und Marat war genöthigt, wieder mit ſeinen a feuchten Händen darnach zu greifen. Balſamo wandte ſich ab, um dem Triumphator nicht 9 zu viel Freude zu gewähren. „Eines Tages,“ ſagte Marat, der den Meiſter bei u einer Schwäche zu faſſen glaubte,„eines Tages wird ſich ein Philanthrop mit dem Tod beſchäftigen, wie ſich die n Andern mit dem Leben beſchäftigen, er wird eine Maſchine erfinden, welche den Kopf mit einem Schlage ablöſt und n die Vernichtung augenblicklich macht, was keine von den t anderen Todesarten thut; das Rad, die Viertheilung und 2 das Hängen ſind Hinrichtungen, welche barbariſchen Voͤlkern und nicht gebildeten Nationen gehören. Eine er⸗ , leuchtete Nation wie Frankreich muß ſtrafen, und nicht V, ſich rächen. Denn die Geſellſchaft, welche rädert, henkt oder viertheilt, rächt ſich an dem Verbrecher durch das r Leiden, ehe ſie ihn mit dem Tode beſtraft, was nach r meiner Anſicht zur Hälfte zu viel iſt.“ r„Und nach meiner auch. Doch was verſtehen Sie unter dieſem Inſtrument?“ 5„Ich verſtehe darunter eine Maſchine kalt und un⸗ empfindlich wie das Geſetz ſelbſt. Der mit der Beſtra⸗ t fung beauftragte Menſch bekommt Eindrücke bei dem An⸗ r blick von ſeines Gleichen und verfehlt oft ſeine Streiche, wie es bei Chalais und beim Herzog von Montmouth ge⸗ ſchehen iſt. Bei einer Maſchine, zum Beiſpiel bei zwei Armen von Eichenholz, die ein Meſſer in Bewegunge⸗ ſetzen würden, wäre dies nicht ſo.“ „Und Sie glauben, mein Herr, weil dieſes Meſſer mit der Schnelligkelt des Blitzes zwiſchen der Baſe des SHinterhauptes und den Muskeln durchfahren würde, wäre 3 der Tod augenblicklich und der Schmerz raſch?“ Der Tod wäre ohne Widerſpruch augenblicklich, da das Eiſen mit einem Schlage die Nerven, welche die Be⸗ egung geben, durchſchneiden würde. Der Schmerz wäre iſch, weil das Eiſen das Gehirn, das der Sitz der Ge⸗ u n 170 fühle iſt, vom Herzen, welches der Mittelpunkt des Lebens 4 iſt, trennen wurde.“ „Mein Herr,“ ſprach Balſamo,„die Todesſtrafe der Enthauptung beſteht in Deutſchland.“ „Ja, aber durch das Schwert, und ich habe Ihnen geſagt, die Hand eines Menſchen kann zittern.“ „Eine ſolche Maſchine beſteht in Italien; ein eiche⸗ ner Körper ſetzt ſie in Bewegung und man nennt ſie die Mannaja. „Nun?“ „Nun! mein Herr, ich habe geſehen, wie vom Scharf⸗ 4 richter enthauptete Verbrecher ohne Kopf ſich von dem Stuhle erhoben, auf dem ſie ſaßen, fortwankten und zehn Schritte von da niederfielen. Ich habe Köpfe aufgehoben, welche an den Fuß der Mannaja vollten wie dieſer 4 Kopf, den Sie an den Haaren halten, vorhin vom Tiſch t hinabrollte, und als ich einem ſolchen Kopf den Namen 6 ins Ohr ſagte, mit den man ihn im Leben getauft hatte, ſ ſah ich ſeine Augen ſich öffnen und ſich in ihrer Höhle 4 drehen, indem ſie ſuchten, wer ſie auf der Erde gerufen i während dieſes Uebergangs von der Zeit in die Ewigkeit.“ d „Eine Nervenbewegung, nichts Anderes.“ „Sind die Nerven nicht die Organe der Empfindung?“ 3 „Was ſchließen Sie daraus, mein Herr?“ „Ich ſchließe daraus, es wäre beſſer, wenn der 5 Menſch, ſtatt eine Maſchine zu ſuchen, welche tödtete, um 2 zu beſtrafen, ein Mittel ſuchen würde, um zu ſtrafen, ohne i zu tödten. Diejenige Geſellſchaft, welche dieſes Mittel ſindet, wird, glauben Sie mir, die erleuchtetſte und beſte der Geſellſchaften ſein.“ 3 4 „Abermals Utopien! ſtets Utopien!“ rief Marat. „Diesmal haben Sie vielleicht Recht,“ ſprach Bal⸗ ſamo;„die Zeit wird uns vielleicht erleuchten... hab Sie nicht vom Hoſpital geſprochen?... Gehen wir d h n 5“ 8 8 5. 4— 5 4 — —= „Gehen wir!“ Und er hüllte den Kopf der jungen Frau in ſein 171 Taſchentuch, deſſen vier Ecken er ſorgfältig zuſammen⸗ knüpfte. r„Nun bin ich ſicher, daß meine Kameraden nur das haben werden, was ich übrig laſſe,“ ſagte Marat weg⸗ n gehend. Man ſchlug den Weg nach dem Hotel⸗Dieu ein; 5 der Träumer und der Wundarzt gingen nebeneinander. e„Sie haben dieſen Kopf ſehr kalt und ſehr geſchickt abgeſchnitten, mein Herr,“ ſagte Balſamo;„ſind Sie mehr 1 bewegt, wenn es ſich um Lebende, als wenn es ſich um ⸗ Todte handelt? Rührt Sie das Leiden mehr, als die Un⸗ n beweglichkeit? Sind Sie mitleidiger bei Körpern, als bei n Leichnamen?“— 1,„Nein, das wäre ein Fehler, wie es beim Henker ein er Fehler iſt, wenn er für Eindrücke empfänglich iſt. Man ch tödtet eben ſo gut einen Menſchen, wenn man ihm den n Schenkel ſchlecht abſchneidet, als wenn man ihm den Kopf e, ſchlecht abſchlägt. Ein guter Wundarzt muß mit ſeiner le Hand und nicht mit ſeinem Herzen operiren, obgleich er n in ſeinem Herzen wohl weiß, daß er für ein Leiden von einem Augenblick Jahre des Lebens und der Geſundheit gibt. Das iſt die ſchöne Seite unſeres Gewerbes, Meiſter.“ „Ja, mein Herr, doch bei den Lebendigen finden Sie hoffentlich die Seele?“ , Ja, wenn Sie mit mir zugeben, daß die Seele die Bewegung oder das Empfindungsvermögen iſt; ja, gewiß, ich finde ſie, und zwar ſehr beſchwerlich, denn ſie tödtet mehr Kranke, als mein Zergliederungsmeſſer tödtet.“ 4 Man hatte die Schwelle des Hotel⸗Dien erreicht. Sie traten in das Hoſpiz ein. Bald kam Balſamo, geführt von Marat, der ſeine düſtere Bürde nicht abgelgt hatte, in den Saal der Operationen, wo ſie den Oberwundarzt und die Zöglinge der Chirurgie fanden. Ddie Krankenwärter brachten einen jungen Menſchen, der in der vorhergehenden Woche von einem ſchweren Wagen niedergeworfen worden war, deſſen Rad ihm den Juß zermalmt hatte. Eine erſte Operation, die man in in der Eile an dem durch den Schmerz erſtarrten Glied vor⸗ genommen hatte, war ungenügend geweſen, das Uebel hatte ſich raſch entwickelt und die Operation wurde dringend nothwendig. Auf dem Schmerzenslager ausgeſtreckt, ſchaute der Unglückliche mit einer Bangigkeit, welche Tiger gerührt hätte, dieſe Bande von Hungrigen an, die auf den Augenblick ſeines Märtyrthums, auf ſeinen Todes kampf vielleicht, lauerten, um die Wiſſenſchaft des Lebens zu ſtu⸗ diren, ein wunderbares Phänomen, hinter dem ſich das Phänomen des Todes verbirgt. Er ſchien jeden von den Wundärzten, von den Zoͤg⸗ lingen und Krankenwärtern um einen Troſt, um ein Lä⸗ cheln, um eine Freundlichkeit zu bitten; aber er begegnete überall nur der Gleichgültigkeit mit ſeinem Herzen, dem Stahl mit ſeinen Augen. Ein Ueberreſt von Wuth und Stolz machte ihn ſtumm. Er ſparte alle ſeine Kräfte für die Schreie auf, die ihm bald der Schmerz entreißen ſollte. Doch als er auf ſeiner Schulter die obgleich gefällige, aber ſchwer laſtende Hand des Wärters fühlte, als er fühlte, wie ihn die Arme der Gehülfen wie die Schlangen Laokoons umfaßten, als er die Stimme des Operateur ſagen hörte: „Muth gefaßt!“ da wagte es der Unglückliche, das Still⸗ ſchweigen zu brechen und mit kläglicher Stimme zu fragen: „Werde ich viel leiden?“ „Oh! nein, ſeien Sie unbeſorgt,“ antwortete Marat mit einem falſchen Lächeln, das liebreich für den Kranken, ironiſch für Balſamo war. 4 Marat ſah, daß ihn Balſamo verſtanden hatte, er naͤherte ſich ihm und ſagte: 4 „Das iſt eine furchtbare Operation; der Knochen iſt voll Sprünge und empfindlich, um Mitleid zu erregen. wird nicht an ſeinem Uebel, wohl aber am Schmerz ſter kan ſo viel tpirh ſeine Seele be bisjem Lebendigen! wern ———————-——— 9— 173 r⸗„Warum operiren Sie ihn dann? warum laſſen Sie te ihn nicht ruhig ſterben?“ 3 nd„Weil es Pflicht des Wundarztes iſt, die Heilung zu verſuchen, ſelbſt wenn ihm dieſe Heilung unmöglich er ſcheint.“ rt„Und Sie ſagen, er werde leiden?“ n„Gräßlich.“ of„Durch den Fehler ſeiner Seele?“ n„Durch den Fehler ſeiner Seele, welche für ſeinen s Körper zu zart iſt.“ „Warum operiren Sie dann nicht an der Seele? F Die Nuhe der einen wäre vielleicht die Heilung des an⸗ 1 dern.“ te„Das habe ich auch gethan,“ ſprach Marat, während m man den Patienten zu binden fortfuhr. „Sie, haben ſeine Seele vorbereitet?“ n.„Ja.“ 1„Wie dies?“. „Wie man dies thut, durch Worte. Ich habe zur e, Seele, zum Verſtand, zum Empfindungsvermögen, zu der e, Sache geſprochen, die den griechiſchen Philoſophen zu den 8 Wiorten veranlaſſen:„„Schmerz, du biſt kein Uebel,““ und das iſt die Sprache, die ſich für dieſe Sache geziemt. Ich l[ habe zu ihm geſagt:„„Sie werden nicht leiden.“ Es bleibt nun der Seele überlaſſen, nicht zu leiden; das geht ſee an. Das bis jetzt bekannte Mittel, was die Fragen it der Seele betrifft, iſt die Lüge. Warum iſt auch dieſe „ verteufelte Seele an den Körper gebunden! So eben, als ich dieſen Kopf abſchnitt, ſagte der Körper nichts. Die r DOperation war jedoch ſchwer. Doch was wollen Sie! ddie Bewegung hatte aufgehört, das Empfindungsvermögen war erloſchen, die Seele war entflogen, wie Ihr Spiritua⸗ liſten ſagt. Deshalb hat jener Kopf, als ich ihn abſchnitt, nichts geſagt, deshalb ließ mich jener Körper, den ich ent⸗ auptete, machen, während dieſer Körper, den die Seele och bewohnt, allerdings nur noch auf kurze Zeit bewohnt, aber dennoch bewohnt, in einem Augenblick furchtbare 174 Schreie ausſtoßen wird. Verſtopfen Sie Ihre Ohren, Meiſter. Verſtopfen Sie dieſelben, Sie, der Sie für dieſe Connexität der Seelen und der Körper empfindlich ſind, welche ſtets Ihre Theorie todtſchlagen wird, bis zu dem Tage, wo Ihre Theorie dazu gelangt iſt, daß ſie den Kör⸗ per von der Seele abſondert.“ „Und Sie glauben, es werde nie zu dieſer Abſonde⸗ rung kommen?“ „Verſuchen Sie es,“ erwiederte Marat,„die Gelegen⸗ heit iſt ſchön.“. „Wohl,“ ſprach Balſamo,„Sie haben Recht, die Gelegenheit iſt ſchön, ich verſuche es.“ „Ja, verſuchen Sie es.“ „Ja.“ „Wie dies?“ „Dieſer junge Mann ſoll nicht leiden, er intereſſirt mich.“ „Sie ſind ein erhabener Meiſter,“ entgegnete Marat, „doch Sie find weder Gott der Vater, noch Gott der Sohn, und Sie werden dieſen Burſchen nicht zu leiden verhindern.“ „Und wenn er nicht litte, würden Sie an ſeine Hei⸗ lung glauben?“ „Sie wäre möglicher, doch ſie wäre nicht ſicher.“ Balſamo warf auf Marat einen unbeſchreiblichen Blick des Triumphes und ſtellte ſich vor den jungen Mann, deſſen angſtvollen und ſchon in die Qualen des Schreckens getauchten Augen er begegnete. „Schlafen Sie,“ ſagte er, nicht allein mit ſeinem Mund, ſondern mehr noch mit ſeinem Blick, mit ſeinem Willen, mit der ganzen Wärme ſeines Blutes, mit dem ganzen Fluidum ſeines Köoͤrpers. In dieſem Augenblick ſing der Oberwundarzt an, der kranken Schenkel zu befühlen und die Zöglinge auf die Itenſttät des Uebels aufmerkſam zu machen Dooch bei dem Befehl von Balſamo ſchwankte de junge Mann, der ſich aufgeſetzt hatte, einen Augenblick i 175 n, den Armen der Gehülfen, ſein Kopf neigte ſich, ſeine Augen ſe ſchloßen ſich. d,„Es iſt ihm übel,“ ſagte Marat. m„Nein, mein Herr.“ r⸗ iSehen Sie denn nicht, daß er das Bewußtſein ver⸗ iert?“ e⸗„Nein, er ſchläft.“ „Wie, er ſchläft?“ 1⸗„Ja. Jedermann wandte ſich gegen den fremden Arzt um, ie den man für einen Narren hielt. Ein Lächeln der Ungläubigkeit ſchwebte über die Lip⸗ pen von Marat. „Iſt es gewöhnlich, daß man während der Ohnmacht ſpricht?“ 6 rt„Nein.“ „Nun, ſo befragen Sie ihn und er wird Ihnen ant⸗ t, worten.“ er„He! junger Mann!“ rief Marat. :en„Oh! Sie brauchen nicht ſo laut zu ſchreien,“ ſagte Balſamo.„Sprechen Sie mit Ihrer gewöhnlichen Stimme.“ i⸗„Sagen Sie uns ein wenig, was Sie haben.“ „Man hat mir zu ſchlafen befohlen, und ich ſchlafe,“ antwortete der Patient. Die Stimme war völlig ruhig und bildete einen ſelt⸗ ſamen Contraſt mit der Stimme, die man einige Augen⸗ blicke zuvor gehört hatte. Alle Anweſenden ſchauten ſich an. „Nun binden Sie ihn los,“ ſagte Balſamo. „Unmöglich,“ erwiederte der Oberwundarzt,„eine Weeinzige Bewegung, und die Operation kann mißlingen.“ „Er wird ſich nicht rühren.“ 5 „Wer gibt mir hierüber Gewißheit?“ „Ich und er. Fragen Sie ihn.“ „Kann man Sie frei laſſen, mein Freund?“ „Man kann das.“ —————— 176 „Und verſprechen Sie, daß Sie ſich nicht rühren werden?“ „Ich verſpreche es, wenn Sie mir befehlen.“ „Ich befehle es Ihnen.“ 3 „Meiner Treue,“ ſagte der Oberwundarzt,„Si. ſprechen mit einer ſolchen Sicherheit, mein Herr, daß ich den Verſuch zu machen Luſt habe.“ „Machen Sie ihn und fürchten Sie nichts.“ „Binden Sie ihn los,“ rief der Oberwundarzt. Die Gehülfen gehorchten. Balſamo ſtellte fich zu den Häupten des Kranken und ſprach: Knoocchen bloß zu legen anfängt. „Von dieſem Augenblick rühren Sie ſich nicht mehr, wenn ich es nicht befehle.“ Eine auf einem Grabe liegende Bildſäule wäre nicht unbeweglicher geweſen, als es der Kranke bei dieſer Er⸗ mahnung wurde. Der Wundarzt nahm ſein Meſſer; doch in dem Au⸗ genblick, wo er ſich deſſelben bedienen wollte, zoͤgerte er. „Schneiden Sie, mein Herr, ſchneiden Sie, ſage ich Ihnen,“ ſprach Balſamo mit der Miene eines inſpirirten Propheten. Wie Maret, wie der Kranke, wie alle Welt beherrſcht, näherte der Oberwundarzt den Stahl dem Fleiſch. Das Fleiſch ziſchte, aber der Kranke ſtieß keinen Seufzer aus, machte keine Bewegung. ſamo. „Ich bin Bretagner, mein Herr,“ Kranke lächelnd. „Und Sie lieben Ihr Land?“ „Oh! mein Herr, es iſt ſo ſchön!“ Der Wundarzt machte während dieſer Zeit die krei⸗s förmigen Einſchnitte, durch die man bei Amputationen d „Haben Sie Ihre Heimath jung verlaſſen?“ fragte Balſamo.“ i leag „Was iſt Ihre Heimath, mein Freund?“ fragte Bal⸗ 1 antwortete der 177 „Mit zehn Jahren, mein Herr.“ Die Einſchnitte waren gemacht, der Wundarzt legte die Säge an den Knochen. „Mein Freund,“ ſagte Balſamo,„ſingen Sie mir doch das Lied, das die Salzſieder von Batz ſingen, wenn ſie nach vollbrachtem Tagewerk nach Hauſe kehren. Ich er⸗ innere mich nur des erſten Verſes: „Meinem ſchaumbedeckten Salze...“ Die Säge ſchnitt in den Knochen ein. Doch bei der Aufforderung von Balſamo lächelte der Kranke und fing an, melodiſch, langſam, in Ertaſe, wie ein Liebender oder wie ein Dichter zu ſingen: Meinem ſchaumbedeckten Salze, Meines Teiches Himmelbau, Und dem heiß durchglühten Torfe, Meinem Weizen auf der Au; Meinem Vater, meiner Gattin, Meinen Kindern liebereich; . Meiner Mutter Grabesſchlummer Unter duftendem Geſträuch; Allen Heil, da bin ich wieder, Heil! mein Tag, er iſt vollbracht, Und das Feſt folgt nach der Arbeit, Lieb' nach kurzer Trennungsnacht. Das Bein ſiel auf das Bett, während der Kranke noch ſang. 4 CVII. Der Leib und die Seele. Jeder ſchaute den Patienten mit Erſtaunen, den Arzt mit Bewunderung an. Einige ſagten, Beide ſeien Narren. Marat übertrug dieſe Meinung in das Ohr von Bal⸗ ſamo. „Der arme Teufel hat durch die Angſt den Geiſt verloren,“ ſagte er;„deshalb leidet er nicht mehr.“ „Ich glaube nicht,“ erwiederte Balſamo,„und weit entfernt, den Geiſt verloren zu haben, würde er uns, deſſen bin ich ſicher, wenn ich ihn befragte, ſoll er ſterben, den Tag ſeines Todes, ſoll er leben, die Zeit ſagen, die ſeine Wiedergeneſung dauern wird.“ Marat war bereit, die allgemeine Meinung zu theilen, nämlich die Meinung, daß Balſamo eben ſo verrückt ſei, d 9 als der Patient.. Der Wundarzt unterband indeſſen eifrig die Arterien, aus denen das Blut in Wellen entſtrömte. 1 Balſamo zog aus ſeiner Taſche einen Flacon, goß auf einen Pfropfen von Charpie einige Tropfen von dem Waſſer, das der Flacon enthielt und bat den Oberwundarzt, dieſe Charpie auf die Arterien zu legen.. — Der Oberwundarzt gehorchte mit einer gewiſſen Neu⸗ gierde. 1 4 Dies war einer der berühmteſten Praktiker jener Zei ein wahrhaft in die Wiſſenſchaft verliebter Mann, d keines ihrer Geheimniſſe zurückwies und für den der Zu⸗ fall nur der Gutgenug des Zweifels war. Er drückte den kleinen Pfropf auf die Arterie, welche bebte, kochte und das Blut nur noch Tropfen für Tropfen herausließ. 5 3— 179 Nun konnte er die Arterie mit der groͤßten Leichtigkeit unterbinden. Alsbald erhielt Balſamo einen wahren Triumph, und Jeder fragte ihn, wo er ſtudirt habe und von welcher Schule er ſei. W„Ich bin ein deutſcher Arzt von der Göttinger Schule t und habe ſelbſt die Entdeckung gemacht, die Sie hier ſehen. Ich wünſche jedoch, meine Herren und theure Collegen, daß dieſe Entdeckung noch ein Geheimniß bleibe, denn ich habe große Angſt vor dem Scheiterhaufen, und das Par⸗ lament von Paris dürfte ſich vielleicht noch einmal für t das Vergnügen, einen Zauberer zum Feuertod zu verur⸗ theilen, entſcheiden.“ t Der Oberwundarzt blieb ganz träumeriſch. n Marat träumte und dachte nach. n Er nahm jedoch zuerſt wieder das Wort und ſprach: e„Sie behaupteten ſo eben,“ ſagte er,„wenn Sie die⸗ ſen Menſchen über die Folge der Operation befragten, ſo „voilrde er ſicherlich antworten, obgleich dieſe Folge noch in der Zukunft verborgen ſei?“ 18„Ich behaupte es noch:,“ ſprach Balſamo. „Nun, ſo wollen wir ſehen. „Wie heißt dieſer arme Teufel?“ „Er heißt Havard,“ antwortete Marat. Balſamo wandte ſich gegen den Patienten um, deſſen Mund noch die letzten Noten ſeines Liedes wie klagend trällerte. 4„Nun, mein Freund,“ fragte er,„was weiſſagen Sie über den Zuſtand dieſes armen Havard?“ 1„Was ich über ſeinen Zuſtand weiſſage?“ erwiederte der Kranke;„warten Sie, ich muß von der Bretagne, wo ich war, nach dem Hotel⸗Dieu zurückkehren, wo er iſt.“ „Ganz richtig: treten Sie ein, ſchauen Sie ihn an, und ſagen Sie mir die Wahrheit über ihn.“ „Ohl er iſt krank, ſehr krank: man hat ihm das Bein abgeſchnitten.“ „In der That?“ ſagte Balſamo. wird geneſen.“ 180 44 „ Ill. „Und die Operation iſt gut gelungen?“ „Vortrefflich; aber...“ Das Geſicht des Kranken verdüſterte ſich. „Aber...“ verſetzte Balſamo. „Aber,“ fuhr der Kranke fort,„er hat eine ſchreck⸗ liche Prüfung durchzumachen... Das Fieber.“ „Und wann wird es kommen?“ „Dieſen Abend um ſieben Uhr.“ Alle Anweſenden ſchauten ſich an. „Und dieſes Fieber?“ fragte Balſamo. „Oh! es wird ihn ſehr krank machen; er wird jedoch dieſen erſten Anfall überwinden.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Ohl ja.“ ſen zi Aler nach dieſem erſten Anfall wird er gerettet „Ach! nein,“ ſprach der Verwundete ſeufzend. „Das Fieber wird alſo wiederkommen 2“ „Oh! ja, und furchtbarer als je; armer Havard,“ fuhr er fort,„armer Havard, er hat eine Frau und Kin⸗ Und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. „Seine Frau ſoll alſo Witwe, ſeine Kinder ſollen alſo Waiſen werden?“ fragte Balſamo. 4 „Warten Sie! warten Sie!“ Er faltete die Hände. 3 „Nein, nein,“ ſagte er. Sein Geſicht klärte ſich in einem erhabenen Glaube auf. 8 „Nein, ſeine Frau und ſeine Kinder haben ſo viel gebetet, daß ſie Gnade für ihn von Gott erhielten.“ „Er wird alſo geneſen?“ . 4 „Sie hoͤren, meine Herren,“ ſprach Balſamo, ner h et en er 181 „Fragen Sie ihn, in wie viel Tagen,“ ſagte Marat. „In wie viel Tagen?“ „Ja, Sie haben geſagt, er würde die Wandlungen und die Zeit ſeiner Wiedergeneſung angeben.“ „Sehr gern frage ich ihn hierüber.“ „So thun Sie es.“ „Und wann glauben Sie, daß Havard geheilt iſt?“ fragte Balſamo. „Oh! die Wiedergeneſung wird lange dauern, warten Sie: einen Monat, ſechs Wochen, zwei Monate; er iſt vor fünf Tagen hereingekommen und wird zwei Monate und vierzehn Tage nach ſeinem Eintritt wieder hinaus⸗ kommen.“ uahe zwar geheilt?“ a „. „Aber,“ ſagte Marat,„unfähig, zu arbeiten und folglich ſeine Frau und ſeine Kinder zu ernähren?“ Havard faltete abermals die Hände. „Oh! Gott iſt gut, und Gott wird hiefür ſorgen.“ „Und wie wird Gott ſorgen?“ fragte Marat.„Da ich heute gerade im Zuge des Lernens bin, ſo möchte ich auch dies erfahren.“ „Gott hat an ſein Bett einen wohlthätigen Mann geſchickt, der Mitleid mit ihm bekommen und geſagt hat: „„Ich will, daß es dem armen Havard an nichts fehle.““ Alle Anweſenden ſchauten ſich an; Balſamo lächelte. „In der That, wir wohnen einem ſeltſamen Schau⸗ ſpiel bei,“ ſagte der Oberwundarzt, während er zugleich die Hand des Kranken ergriff, ſeine Bruſt unterſuchte und ſeine Stirne befühlte;„dieſer Menſch träumt.“ „Sie glauben?“ ſagte Balſamo. Und er ſchleuderte dem Kranken einen Blick voll Macht und Energie zu und ſprach: „Erwachen Sie, Havard.“ Der junge Mann öffnete die Augen nicht ohne An ſtrengung und ſchaute mit einem tiefen Erſtaunen alle — —— 182 Anweſenden an, welche, zuvor drohend, nun harmlos für ihn geworden waren. „Nun!“ ſagte er mit ſchmerzlichem Ton,„man hat mich alſo noch nicht operirt? Man wird mich alſo aber⸗ mals leiden laſſen?“ Balſamo nahm raſch das Wort. Er befürchtete eine Erſchütterung des Kranken. Doch es war nicht nöthig, daß er ſich beeilte. Nie⸗ mand wäre ihm zuvorgekommen, das Erſtaunen aller An⸗ weſenden war zu groß. „Mein Freund,“ ſagte er,„beruhigen Sie ſich; der Herr Oberwundarzt hat an Ihrem Bein eine Operation vorgenommen, welche allen Anforderungen Ihrer Lage Ge⸗ nüge leiſtet. Es ſcheint, mein armer Junge, Sie ſind ein wenig ſchwach von Geiſt, denn Sie ſind vor dem erſten Angriff ohnmächtig geworden.“ „Oh! deſto beſſer,“ ſagte heiter der Bretagner,„ich habe nichts gefühlt, mein Schlaf iſt ſogar ſanft und er⸗ quickend geweſen. Welch ein Glück, man wird mir das Bein nicht abſchneiden!“ Doch in dieſer Sekunde richtete der Unglückliche ſeine Blicke auf ſich ſelbſt: er ſah das Bett voll Blut, er ſah ſein verſtümmeltes Bein. Er ſtieß einen Schrei aus und wurde diesmal wirk⸗ lich ohnmächtig. „Befragen Sie ihn nun, und Sie werden ſehen, ob er antwortet,“ ſprach Balſamo kalt zu Marat. Dann führte Balſamo den Oberwundarzt, während die Krankenwaͤrter den unglücklichen jungen Mann wieder in Vn Bett trugen, in eine Ecke des Zimmers und ſprach zu ihm: „Mein Herr, Sie haben gehoͤrt, was Ihr armer Kranker geſagt hat?“ 3 „Ja, er würde geneſen.“ „Er hat auch noch etwas Anderes geſagt: er hat geſagt, Gott würde ſich ſeiner erbarmen und ihm die Mit: tel ſchicken, um ſeine Frau und ſeine Kinder zu ernähren.“ 183 ür„Nun?“ „Nun, mein Herr, er hat die Wahrheit über dieſen at Punkt, wie über den andern geſprochen; nur übernehmen r⸗ Sie es, der Vermittler der Mildthätigkeit zwiſchen dem Kranken und Gott zu ſein: hier iſt ein Diamant, der un⸗ ne gefähr einen Werth von zwanzigtauſend Livres hat; wenn 3 Sie unſern Kranken geheilt ſehen, verkaufen Sie den e⸗ Cdelſtein und übergeben Sie ihm das Geld; mittlerweile n⸗ aber, da die Seele, wie ſich Ihr Zögling, Herr Marat, geäußert hat, einen großen Einfluß auf den Körper ausübt, er ſagen Sie Havard, ſobald er wieder zum Bewußtſein ge⸗ on langt iſt, ſagen Sie ihm, ſeine Zukunft und die ſeiner e⸗ Kinder ſei geſichert.“ in„Aber, mein Herr,“ erwiederte der Wundarzt, der den en Ning, welchen ihm Balſamo bot, anzunehmen zögerte, wwenn er nicht geheilt wird?“ ich„Er wird geheilt werden!“ er⸗.„Auch muß ich Ihnen einen Empfangſchein geben.“ as„Mein Herr!...“ 3 „Nur unter dieſer Bedingung nehme ich ein Juwel von dieſem Werthe an.“ f Machen Sie es, wie es Ihnen beliebt, mein Herr.“ „Ihr Name, wenn ich fragen darf?“ 4„Graf von Fönir.“ Der Wundarzt ging in ein anſtoßendes Zimmer, wahrend Marat, verwirrt, vernichtet, aber noch gegen die Augenſcheinlichkeit, gegen die Unleugbarkeit kämpfend, ſich Balſamo näherte. 5 Nach Verlauf von fünf Minuten kehrte der Wund⸗ arzt zurück; er hielt in ſeiner Hand ein Papier, das er Balſamo übergab. Es war in folgenden Worten abgefaßt: „ Ich habe von dem Herrn Grafen von Fönix einen Diamant erhalten, deſſen Werth er ſelbſt auf zwanzig⸗ tauſend Livres anſchlägt, um den Preis deſſelben einem Wooch, das ſie bewohnte, 184 Manne Namens Havard an dem Tag zu uͤbergeben, wo er das Hotel⸗Dieu verlaſſen wird. 44⁴ Den 15. Sept. 1771. Guillotin. D. M.“ Balſamo grüßte den Doctor, nahm den Empfang⸗ ſchein und ging gefolgt von Marat hinaus.. „Sie vergeſſen Ihren Kopf,“ ſagte Balſamo, für den die Zerſtreutheit des jungen Zöglings der Chirurgie ein Triumph war. 3 8 „Ah! es iſt wahr,“ ſagte dieſer. Und er hob ſeine traurige Bürde auf. Sobald ſie auf der Straße waren, gingen Beide ſehr raſch und ohne ein Wort zu ſprechen; als ſie in die Rue des Cordeliers kamen, ſtiegen ſie mit einander die ſteile Treppe hinauf, welche in die Manſarde führte. Vor der Loge ver Portièce, wenn üperhaupt das den Namen einer Loge verdient, war Marat, der das Verſchwinden ſeiner Uhr nicht ver⸗ geſſen hatte, ſtehen geblieben und hatte nach Frau Gri⸗ vette gefragt. Ein Kind von ſieben bis acht Jahren, bleich, kränk⸗ lich, ſchmächtig, antwortete ihm mit ſeiner kreiſchenden Stimme:— „Mama iſt ausgegangen: ſie hat geſagt, wenn der Herr zurückkäme, ſollte man ihm dieſen Brief geben.“ „Nein, mein kleiner Freund,“ erwiederte Marat, „ſage ihr, ſie ſoll ihn mir ſelbſt bringen.“ 3 „Gut, mein Herr.“ Hienach gingen Marat und Balſamo weiter. „Ah!“ ſagte Marat indem er Balſamo einen Stu bezeichnete und ſelbſt auf einen Schämel fiel,„ich ſeh daß der Meiſter ſchöne Geheimniſſe hat.“ „Ich bin vielleicht tiefer als ein Anderer in d Vertrauen der Natur und Gottes eingedrungen,“ erwi derte Balſamo. „Oh!“ rief Marat,„wie ſehr beweiſt die Wiſſe 185 ſchaft die Allmacht des Menſchen, und wie muß man ſtolz darauf ſein, daß man Menſch iſt.“ „Das iſt wahr, und Arzt, müßten Sie beifügen.“ „Ich bin auch ſtolz auf Sie, Meiſter,“ ſprach Marat. „Und dennoch,“ entgegnete Balſamo lächelnd,„den⸗ noch bin ich nur ein armer Arzt der Seelen.“ „Ohl ſprechen wir nicht mehr hievon, mein Herr, Sie haben das Blut des Verwundeten durch materielle — Mittel aufgehalten.“ , Ich glaubte, meine ſchönſte Kur wäre die, daß ich ihn zu leiden verhindert habe; es iſt wahr, Sie verſicher⸗ ten mich, er wäre ein Narr.“ „Er war es ſicherlich einen Augenblick.“ §e„Was nennen Sie Narrheit? Iſt es nicht eine Ab⸗ ſtraction der Seele?“ — 4„Oder des Geiſtes,“ erwiederte Marat. „Streiten wir nicht mehr zrüber; die Seele dient mir, das Wort zu nennen, das ich ſuche. Sobald die n— nennen.“ 4 3„Ah! darin ſind wir in unſerer Anſicht verſchieden, maein Herr; Sie behaupten die Sache gefunden zu haben und nicht mehr das Wort zu ſuchen; ich behaupte, daß Sie Beides mit einander ſuchen, das Wort und die Sache.“ „Wir werden ſogleich hierauf zurückkommen. Sie ſagten alſo, die Narrheit ſei eine augenblickliche Abſtraction des Geiſtes?“ 4 „Sicherlich.“ 3 „Eine unwillkührliche, nicht wahr?“ „Ja... ich habe einen Narren in Bicétre geſehen, der in ſein eiſernes Gitter biß und dabei rief:„„Koch, deine Faſanen ſind gut, aber ſie ſind ſchlecht zubereitet.““ 3„Aber Sie geben doch zu, daß dieſe Narrheit wie eine Wolke am Geiſt vorüber, nd daß der Geiſt, wenn dieſe Wolke vorübergegangen e iſ ſeine erſte Klar⸗ heit wieder annimmt?“. 8 Sache gefunden iſt, liegt mir wenig daran, wie Sie ſie 186 „Das geſchieht beinahe nie.“ „Sie haben aber doch unſern Amputirten bei voll⸗ kommener Vernunft nach ſeinem Narrenſchlaf geſehen.“ „Ich habe es geſehen, aber nicht begriffen, als ich es ſah; das iſt ein ausnahmsweiſer Fall, eine von jenen Seltſamkeiten, welche die Hebräer Wunder nannten.“ „Nein, mein Herr,“ ſprach Balſamo,„es iſt einzig und allein die Abſtraction der Seele, die doppolte Tren⸗ nung der Materie und des Geiſtes: der Materie, einer trägen Sache, eines Staubes, der zum Staub zurückkeh⸗ ren wird; der Seele, eines göͤttlichen Funken, der einen Augenblick in die Blendlaterne eingeſchloſſen iſt, die man den Körper nennt, und der, ein Sohn des Himmels, nach dem Falle des Körpers wieder zum Himmel zurückkehren wird.“ „Alſo haben Sie einen Augenblick die Seele aus 4 dem Leib gezogen 3e 4„Ja, mein Herr, ich habe ihr befohlen, den elenden Ort zu verlaſſen, wo ſie war; ich habe ſie aus dem Schlund des Leidens gezogen, wo ſie der Schmerz zurück⸗ hielt, um ſie in die reinen, freien Regionen wandern zu laſſen. Was iſt dann dem Wundarzt geblieben? Was Ihrem Zergliederungsmeſſer blieb, als Sie der todten Frau den Kopf nahmen, den Sie hier haben, nichts al⸗ träges Fleiſch, Materie, Thon.“ „Und in weſſen Namen haben Sie ſo über dier Seele verfügt?“ „Im Namen desjenigen, welcher alle Seelen mit einem Hauch geſchaffen hat: Seelen der Welten, Seele der Menſchen... im Namen Gottes.. „Sie leugnen alſo den freien Willen? „Ich,“ ſagte Balſamo;„was thue ich ſem Augenblick? Ich zeige Ihnen einerſeits den freie „Willen, andererſeits die Abſtraction. Ich lege Ihne einen Sterbenden vor Augen, der allen Schmerzen über laſſen iſt; dieſer Menſch hat eine ſtoiſche Seele, er geht der Operation entgegen, er fordert ſie heraus, er ertre 187 ſie, aber er leidet. Dies in Betreff des freien Willens. Wenn ich aber an dieſem Sterbenden vorübergehe, ich, der Abgeſandte Gottes, ich, der Prophet, ich, der Apoſtel, und wenn ich, vom Mitleid für dieſen Menſchen als für meines Gleichen ergriffen, durch die Macht, die mir Gott verliehen hat, die Seele aus ſeinem leidenden Körper nehme, ſo wird dieſer blinde, träge, unempfindliche Kör⸗ per für die Seele ein Schauſpiel, das ſie fromm und barmherzig von der Höhe ihrer durchſichtigen Sphäre her⸗ ab betrachtet. Haben Sie Havard nicht gehört? Wenn Havard von ſich ſelbſt ſprach, ſagte er:„„Dieſer arme Havard!““ er ſagte nicht mehr ich; dieſe Seele hatte in der That nichts mehr mit dem Körper zu ſchaffen, ſie, die auf halbem Weg zum Himmel war.“ „Doch demnach iſt der Menſch Nichts mehr,“ ſprach Marat,„und ich kann nicht mehr zu den Tyrannen ſagen: „„Ihr habt Macht über meinen Leib, doch Ihr vermögt nichts über meine Seele.““ „Ah! nun gehen Sie von der Wahrheit zu den Sophismen über; mein Herr, ich habe Ihnen ſchon ge⸗ ſagt, daß dies Ihr Fehler iſt. Gott leiht die Seele dem Körper, es iſt wahr; doch es iſt darum nicht minder wahr, daß, ſo lange die Seele dieſen Körper beſitzt, zwiſchen ihnen eine Einigkeit, ein Einfluß des einen auf das an⸗ dere, eine Suprematie der Materie über die Idee oder der Idee über die Materie ſtattfindet, je nachdem Gott in Abſichten, die uns unbekannt ſind, geſtattet hat, daß der Koörper König oder die Seele Königin ſein ſoll; doch es iſt nicht minder wahr, daß der Hauch, der den Bettler be⸗ lebt, ſo rein iſt, als der, welcher den König ſterben macht. Das iſt das Dogma, das Sie predigen müſſen, Sie, der Apoſtel der Gleichheit. Beweiſen Sie die Gleichheit der wei geiſtigen Weſen, da Sie die Gleichheit mit Hülfe alles deſſen, was in der Welt geheiligt iſt, wie die hei⸗ ligen Bücher und die Traditionen, die Wiſſenſchaft und der Glaube, feſtſtellen können. Was liegt Ihnen an der Glleichheit zweier Materien, mit der Gleichheit der Körper fliegen ſie nur vor den Menſchen, mit der Gleichheit der Seele fliegen ſie vor Gott. So eben ſagte Ihnen dieſer arme Verwundete, dieſes unwiſſende Kind aus dem Volk in Beziehung auf ſein Uebel Dinge, welche keiner unter den Aerzten zu ſagen gewagt hätte. Warum dies? Weil ſeine Seele, für den Augenblick von den Feſſeln des Kör⸗ pers entbunden, über der Erde ſchwebte und von oben herab ein Geheimniß ſah, das uns unſere Undurchſichtigkeit entzieht.“ 4 Marat drehte ſeinen Todtenkopf auf dem Tiſch hin und her und ſuchte eine Antwort, die er nicht fand. „Ja,“ murmelte er endlich,„ja, es iſt etwas Ueber⸗ natürliches darunter.“ „Natürliches, im Gegentheil, mein Herr, hören Sie auf, übernatürlich Alles das zu nennen, was aus den Functionen und der Beſtimmung der Seele entſpringt. Natürlich ſind dieſe Functionen; bekannt, das iſt etwas Anderes.“ 3 „Uns unbekannt, Meiſter, müſſen dieſe Functionen keine Geheimniſſe für Sie ſein. Den Peruanern fremd, war das Pferd den Spaniern, die es gezähmt hatten, wohl bekannt.“ „Es wäre hochmüthig von mir, zu ſagen: ich weiß. Ich bin demüthig, mein Herr, und ſage: ich glaube.“ „Und was glauben Sie?“ „Ich glaube, daß das Geſetz der Welt, das erſte, das mächtigſte von allen, das des Fortſchrittes iſt. Ich glaube, daß Gott Alles nur mit dem Zweck der Wohl: fahrt oder der Sittlichkeit geſchaffen hat. Nur geht, da das Leben dieſer Welt unberechnet und unberechenbar iſt, der Fortſchritt langſam. Unſer Planet zählte nach der Ausſage der Schriften ſechzig Jahrhunderte, als die Drucke⸗ rei erfunden wurde, um wie ein ungehenrer Leuchtthurm die Vergangenheit zu beſcheinen und die Zukunft aufzuklären: mit der Druckerei keine Dunkelheit, keine Vergeſſenheit mehr; die Druckerei iſt das Gedächtniß der Welt. Wohl! 189 Guttenberg hat die Druckerei erfunden, und ich habe das Vertrauen wieder gefunden.“ „Ah!“ ſagte Marat ironiſch,„Sie werden es viel⸗ leicht dahin bringen, daß Sie in den Herzen leſen?“ „Warum nicht?“ „Dann werden Sie in die Bruſt des Menſchen das kleine Fenſter einſetzen, welches die Alten ſo ſehr daran zu ſehen wünſchten.“ „Es bedarf deſſen nicht, mein Herr; ich werde die Seele vom Leib abſondern; und die Seele, dieſe reine, dieſe unbefleckte Tochter Gottes, wird mir alle die Schänd⸗ lichkeiten dieſer ſterblichen Hülle nennen, die ſie zu beleben verurtheilt iſt.“ „Sie werden materielle Geheimniſſe enthüllen?“ „Warum nicht?“ „Sie werden mir, zum Beiſpiel, ſagen, wer mir meine Uhr geſtohlen hat?“ „Sie erniedrigen die Wiſſenſchaft zu einem traurigen Niveau, mein Herr; gleichviel, die Groͤße Gottes beweiſt ſich eben ſo gut durch das Sandkorn, als durch den Berg, durch die Milbe, als durch den Elephanten. Ja, ich werde Ihnen ſagen, wer Ihnen die Uhr ge⸗ ſtohlen hat.“ 4 In dieſem Augenblick klopfte man ſchüchtern an die Thüre; es war die Haushälterin von Marat, welche, ſo eben zurückgekehrt, nach dem Befehl des jungen Wundarz⸗ tes den Brief brachte. CVIII. Die Portiéère von Marat. d Die Thüre öffnete ſich und Dame Grivette trat ein. Dieſe Frau, die wir nicht zu ſchildern die Zeit ge⸗ habt haben, weil ihre Geſtalt eine von denjenigen iſt, 1 welche der Maler auf den letzten Plan verbannt, ſo lange er derſelben nicht bedarf, dieſe Frau ſchreitet nun auf dem 1 beweglichen Gemälde dieſer Geſchichte vor und verlangt ihren Platz in dem ungeheuren Panorama, das wir vor den Augen unſerer Leſer zu entrollen unternommen haben; ein Panorama, in welches wir wenn unſer Genie unſe⸗ rem Willen gleichkäme, Alles vom Bettler bis zum König, von Caliban bis zu Ariel, von Ariel bis zu Gott ein⸗ rahmen würden. Wir wollen es alſo verſuchen, Frau Grivette zu ſchildern, die ſich aus ihrem Schatten losmacht und auf uns zuſchreitet. Es war eine lange, dürre Creatur, gelb von Farbe, mit blauen, ſchwarz umgränzten Augen, ein furchtbarer Typus des Verfalls, dem in der Stadt unter den Verhält⸗ niſſen der Armuth, beſtändiger Ohnmacht und körperlicher, wie ſittlicher Entartung dieſe Geſchöpfe unterliegen, welche Gott ſchön geſchaffen hat, und die herrlich geworden wären in ihrer völligen Entwicklung, wie es in dieſem Fall alle die Geſchöpfe der Luft, des Himmels und der Erde ſind, wenn der Menſch aus ihrem Leben nicht eine lange Hin⸗ richtung gemacht hat, wenn er nämlich nicht ihren Fuß durch die Feſſel und ihren Magen durch den Hunger oder mit einer Nahrung ermüdet hat, die beinahe ebenſo unſelig ni. als es nur immer der Mangel an aller Nahrung ſein oͤnnte. So wäre die Portiére von Marat eine ſchöne Frau 191 geweſen, hätte ſie nicht ſeit ihrem fünfzehnten Jahre einen erbärmlichen Winkel ohne Luft und ohne Licht bewohnt, hätte das Feuer ihrer natürlichen Inſtinkte, genährt durch dieſe Ofenwärme, oder durch eine eiſige Kälte, mit Maaß gebrannt. Sie hatte lange, magere Hände, die durch den Faden der Nähterin von kleinen Einſchnitten durchfurcht, durch das Seifenwaſſer des Waſchhauſes mit Sprüngen bedeckt, durch die Kohlengluth der Küche geröſtet und ge⸗ gerbt worden waren; doch deſſen ungeachtet Hände, man ſah es an der Form, nämlich an der unvertilgbaren Spur der göttlichen Muskel, Hände, die man königliche Hände genannt haben würde, hätten ſie ſtatt der Blaſen des Beſen die des Scepters gehabt. Dieſer arme menſchliche Körper iſt unleugbar nur das Aushängeſchild unſeres Gewerbes. Der Geiſt, der über dem Körper erhaben war und folglich beſſer als dieſer Widerſtand geleiſtet hatte, wachte in dieſer Frau wie eine Lampe; er beleuchtete gleichſam den Körper mittelſt eines durchſichtigen Refleres, und man ſah zuweilen zu den trüben Augen einen Strahl des Ver⸗ ſtandes, der Schönheit, der Jugend, der Liebe, alles deſſen endlich, was es Herrliches in der menſchlichen Natur gibt, aufſteigen.. Balſamo ſchaute lange dieſe Frau, oder vielmehr dieſe ſeltſame Natur an, welche übrigens bei dem erſten Anblick einem beobachtenden Auge aufgefallen wäre. Die Portiére trat alſo, den Brief in der Hand hal⸗ tend, ein und ſprach mit einer ſüßlichen Stimme, mit der Stimme eines alten Weibes, denn die zur Armuth verurtheilten Frauen ſind mit dreißig Jahren alt: haben. „Herr arat, hier iſt der Brief, den Sie verlangt „Es iſt nicht der Brief, was ich zu haben wünſchte, ſondern Sie wollte ich ſehen,“ ſagte Marat. „Wohl! Ihre Dienerin, Herr Marat, hier bin ich,“ Frau Grivette machte einen Knir.„Was wünſchen Sie?“ 192 „Ich wünſche etwas über meine Uhr zu erfahren,“ antwortete Marat,„Sie vermuthen es wohl.“ „Ah, bei Gott! ich kann nicht ſagen, was aus Ihrer Uhr geworden iſt. Ich habe ſie geſtern den ganzen Tag an ihrem Nagel am Kamin hängen ſehen.“ 4 „Sie täuſchen ſich, ſie war geſtern den ganzen Tag in meiner Taſche; erſt um ſechs Uhr Abends, da ich aus⸗ ging, da ich mich unter eine große Menſchenmenge begab und befürchtete, man könnte ſie mir ſtehlen, legte ich ſie unter den Leuchter.“ „Wenn Sie Ihre Uhr unter den Leuchter gelegt haben, ſo muß ſie noch dort ſein.“ Und die Portière hob mit einer geheuchelten Treu⸗ herzigkeit, von der ſie nicht vermuthete, ſie wäre ſo mäch⸗ 1 tig verrätheriſch, von den zwei Leuchtern, welche auf dem Kamin ſtanden, gerade denjenigen auf, unter dem Marat ſeine Uhr verborgen hatte. „Ja, das iſt wohl der Leuchter,“ ſagte der junge Mann,„aber wo iſt die Uhr?“ „In der That, ſie iſt nicht mehr hier.“ „Haben Sie dieſelbe nicht hierhin gelegt, Herr Marat?“ „Aber wenn ich Ihnen ſage... „Suchen Sie wohl.“ „Oh! ich habe wohl geſucht,“ erwiederte Marat mit einem zornigen Blick. „Sie werden ſie verloren haben. 4 „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſie geſtern ſelbſt hier unter dieſen Leuchter gelegt habe.“ 4 „Dann wird Jemand dereingetonmeſh ſein ſagte Frau Grivette,„Sie empfangen ſo viele Menſchen, ſo viele Unbekannte.) 4 „Ausflüchte! Ausflüchte!“ rief Marat, der ſich immer mehr erhitzte;„Sie wiſſen wohl, daß geſtern Niemand hereingekommen iſt. Nein, nein, meine Uhr hat denſelben Weg genommen, wie der ſilberne Knopf von meinem letzten Stock, wie der Ihnen wohlbekannte kleine ſilberne 9 193 Löffel, wie mein Meſſer mit zwei Klingen! Man beſtiehlt mich, Frau Grivette, man beſtiehlt mich. Ich habe Vieles ertragen, doch das werde ich nicht ertragen; nehmen Sie ſich in Acht!“ „Aber mein Herr,“ entgegnete Frau Grivette,„wollen Sie mich zufällig beſchuldigen?“ „Sie müſſen meine Sachen bewachen?“ „Ich habe nicht allein den Schlüſſel.“ „Sie ſind die Portiére.“ „Sie geben mir einen Thaler monatlich und möͤchten gern von zehn Dienſtboten bedient werden.“ „Es liegt mir nichts daran, ob ich gut oder ſchlecht bedient werde; aber es liegt mir viel daran, daß man mich nicht beſtiehlt.“ „Mein Herr, ich bin eine ehrliche Frau!”“ „Eine ehrliche Frau, die ich dem Polizeicommiſſär übergeben werde, wenn meine Uhr in einer Stunde nicht wieder gefunden iſt.“ „Dem Polizeicommiſſär?“ „Ja.“ „Dem Polizeicommiſſär eine ehrliche Frau, wie ich bin?“ „Eine ehrliche Frau, eine ehrliche Frau?“ „Ja, und über die nichts zu ſagen iſt, verſtehen Sie?“ „Genug, Frau Grivette.“ „Ah! ich vermuthete ſchon, als Sie ausgingen, Sie hätten mich im Verdacht.“ „Ich habe Sie im Verdacht ſeit dem Verſchwinden meines Stockknopfes.“ „Nun l! ich werde Ihnen auch etwas ſagen, Herr Marat. „Was?“ 5 p 3„Daß ich mich während Ihrer Abweſenheit berathen abe.“ „Mit wem.. „Mit meinen Nachbarn.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 13 — ———— 194 „Worüber?“ „Darüber, daß Sie mich im Verdacht haben.“ „Ich hatte Ihnen aber noch nichts geſagt.“ „Ich ſah es wohl.“ „Und die Nachbarn? Ich bin begierig, zu erfahren, was die Nachbarn geſagt haben.“ „Sie haben geſagt, wenn Sie mich im Verdacht hätten, und wenn Sie unglücklicher Weiſe Ihren Verdacht irgend Jemand mittheilen würden, ſo müßten Sie bis zum Ende gehen.“ „Nun!“ „Nämlich beweiſen, daß die Uhr genommen wor⸗ den iſt.“ „Sie iſt genommen worden, da ſie hier war und nicht mehr hier iſt.“ „Ja, aber durch mich, durch mich genommen, ver⸗ ſtehen Sie. Vor dem Gericht muß man Beweiſe haben; man wird Ihnen nicht auf das Wort glauben, Herr Marat... Sie ſind nicht mehr als wir, Herr Marat.“ Balſamo ſchaute ruhig, wie immer; dieſer ganzen Scene zu. Er ſah, daß Marat, obgleich ſich ſeine Ueberzeugung nicht geändert hatte, ſeinen Ton herabs ſtimmte. 1 „So zwar,“ fuhr die Portiére fort,„daß ich, wenn Sie meiner Ehrlichkeit nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wenn Sie mir nicht Genugthuung und Ehren⸗ erklärung geben, daß ich den Polizeicommiſſär aufſuchen werde, wie es mir unſer Hauseigenthümer ſo eben ge rathen hat.“ Marat biß ſich auf die Lippen. Er wußte, daß ihn hiebei wirklich eine Gefahr bedrohte. Der Hauseigenthü⸗ mer war ein reicher alter Kaufmann, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen. Er wohnte im dritten Stc und die Scandalchronik des Quartiers behauptete, er habe zehn Jahre früher die Portiére, welche damals Köchin bei ſeiner Frau war, ſehr begünſtigt. 3 Marat aber, der häufig geheimnißvolle Beſuche hatte; Hoſpital. 195 Marat, ein ziemlich wenig geordneter junger Mann; Marat, der gewiſſermaßen im Verborgenen lebte; Marat, den Leuten der Polizei etwas verdächtig, wollte nicht einen Handel mit dem Polizeicommiſſär bekommen„der ihn in die Hände von Herrn von Sartines gebracht hätte, welcher es gar ſehr liebte, die Papiere von jungen Leuten, wie Marat, zu leſen, und die Urheber dieſer ſchönen Schriften in die Häuſer der Ueberlegung zu ſchicken, die man Vin⸗ cennes, die Baſtille, Charenton und Bicétre nannte. Marat ſtimmte alſo ſeinen Ton herab; doch in dem⸗ ſelben Maß, in dem er den ſeinigen herabſtimmte, ſtimmte die Portiéce den ihrigen hinauf. Dadurch erfolgte, daß dieſe nervige, hyſteriſche Frau wie eine Flamme aufloderte, die einen Luftzug gefunden hat. Drohungen, Schwüre, Schreie, Thränen, Alles wandte ſie an: es war ein Sturm. Da dachte Balſamo, es wäre nun Zeit, in's Mittel zu treten; er machte einen Schritt gegen dieſe Frau, welche drohend mitten im Zimmer ſtand, ſtreckte zwei Finger gegen ihre Bruſt aus und ſprach, nicht mit den Lippen, ſondern mit ſeinen Augen, mit ſeinem Geiſt, mit ſeinem hanzen Willen ein Wort aus, das Marat nicht hören onnte. Sogleich ſchwieg Frau Grivette; ſie wankte, verlor das Gleichgewicht, ging, die Augen furchtbar weit aufge⸗ ſperrt, rückwärts und fiel auf das Bett, ohne ein Wort zu ſprechen. Bald ſchloßen und öffneten ſich ihre Augen; doch diesmal, ahne daß man den Augenſtern ſah; ihre Zunge ewegte ſich krampfhaft; der Rumpf rührte ſich nicht, und dennoch zitterten ihre Hände, als würden ſie vom Fieber geſchüttelt. 8 „Oh!l oh!“ ſagte Marat,„wie der Verwundete im „Ja. 4 1 „Sie ſchläft alſo?“ „Stille!“ erwiederte Balſamo. 196 Dann ſich an Marat wendend, ſprach er: „Mein Herr, das iſt der Augenblick, wo Ihr ganzer Unglaube aufhören wird; heben Sie dieſen Brief auf, den die Frau brachte und ſich entſchlüpfen ließ, als ſie ſiel.“ Marat gehorchte. „Nun?“ fragte er. „Warten Sie.“ Und er nahm den Brief aus den Händen von Marat und fragte die Schlafende: „Wiſſen Sie, von wem dieſer Brief kommt?“ „Nein, mein Herr.“ Balſamo näherte den geſchloſſenen Brief dieſer Frau. „Leſen Sie ihn für Herrn Marat, der zu wiſſen wünſcht, was er enthält.“ „Sie kann nicht leſen,“ ſprach Marat. „Ja, aber Sie koͤnnen leſen?“ „Gewiß.“ „Nun, ſo leſen Sie ihn, und ſie wird ihrerſeits leſen, nach Maßgabe, wie ſich die Worte Ihrem Geiſte ein⸗ prägen.“ Marat entſiegelte den Brief und las, während Frau Grivette, ſtehend und bebend unter dem allmächtigen Willen von Balſamo, nach Maßgabe, wie Marat ſie ſelbſt las, folgende Worte wiederholte: „Mein lieber Hypokrates, „Appelles hat ſein erſtes Portrait gemacht; er hat es um fünfzig Franken verkauft; man verſpeiſt heute die fünfzig Franken in der Schenkſtube der Rue Saint⸗Jacques. Biſt Du dabei? 6 „Es verſteht ſich, daß man einen Theil davon vertrinkt... Dein Freund L. David. Dies war wortgetreu, was ſich in dem Brief g⸗ ſchrieben fand. 3 Marat ließ das Papier fallen. — 2 197 „Nun!“ ſagte Balſamo,„Sie ſehen, daß Frau Gri⸗ vette auch eine Seele hat, und daß dieſe Seele wacht, wenn fie ſelbſt ſchläft.“ „Und zwar eine ſeltſame Seele,“ ſprach Marat, „eine Seele, welche leſen kann, während es der Leib nicht kann.“ „Weil die Seele Alles vermag, weil die Seele durch die Ueberlegung roproduciren kann. Verſuchen Sie es, ſie dieſen Brief leſen zu laſſen, wenn ſie wieder erwacht iſt, wenn nämlich der Körper die Seele mit ſeinem Schatten umhüllt hat, und Sie werden ſehen.“ Marat blieb ohne Wort; ſeine ganze materialiſtiſche Philoſophie empörte ſich in ihm, fand aber keine Erwie⸗ derung. „Wir wollen nun zu dem übergehen, was Sie am meiſten intereſſirt,“ fuhr Balſamo fort,„nämlich zu dem, was aus Ihrer Uhr geworden iſt.“ „Frau Grivette,“ ſprach Valſamo,„wer hat die Uhr von Herrn Marat genommen?“ Die Somnambule machte eine Geberde heftigen Leug⸗ nens und ſagte: „Ich weiß es nicht.“ „Sie wiſſen es vollkommen,“ erwiederte Balſamo, „und Sie werden es auch ſagen.“ Dann mit einem noch ſtärkeren Willen: „Sprechen Sie, wer hat die Uhr von Herrn Marat genommen?“ „Frau Grivette hat die Uhr von Herrn Marat nicht geſtohlen. Warum glaubt Herr Marat, ſie habe ihm ſeine Uhr geſtohlen?“ „Wenn, ſie es nicht iſt, wer hat die Uhr geſtohlen, ſagen Sie?“ „Ich weiß es nicht.“ „Sie ſehen,“ ſagte Marat,„das Gewiſſen iſt eine undurchdringliche Zufluchtſtätte.“ „Wohl! da Sie nur noch ben lebten Zweifel —ᷣ—ÿ—ÿÿͦõô—— 1 198 haben, mein Herr, ſo ſollen Sie überzeugt werden,“ ſprach Balſamo. Dann ſich gegen die Portière umwendend: „Sagen Sie es, ich will es haben.“ „Ah! ah!“ rief Marat,„verlangen Sie nicht das Unmögliche.“ „Sie haben gehört,“ ſprach Balſamo,„ich ſagte, ich wolle es haben.“ Unter dem Ausdruck dieſes gebieteriſchen Willens fing die unglückliche Frau nun an, wie wahnſinnig die Hände und Arme zu verdrehen; ein Beben, dem der Cpllepſie ähnlich, durchlief ihren ganzen Leib; ihr Mund nahm einen häßlichen Ausdruck der Angſt und der Schwäͤche da ſie warf ſich zurück, erſtarrte wie in einer ſchmerz⸗ haften Convulſton und ſiel auf das Bett. „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich will lieber ſterben.“ „Wohl!“ rief Balſamo mit einem Zorn, der die Flamme aus ſeinen Augen ſpringen machte,„Du wirſt ſterben, wenn es ſein muß, aber Du wirſt ſprechen... Dein Stillſchweigen und Deine Hartnäckigkeit wären für uns hinreichende Anzeichen; doch für einen Ungläubigen bedarf es eines unwiderſprechlichen, unverwerflichen Be⸗ weiſes. Sprich, ich will es haben, wer hat die Uhr ge⸗ nommen?“ Die Nervenaufreizung hatte den höchſten Grad er⸗ reicht; Alles, was die Somnambule an Kraft und Macht beſaß, reagirte gegen den Willen von Balſamo; unartiku⸗ lirte Schreie kamen aus ihrem Mund, ein röthlicher Schaum befranſte ihre Lippen. „Sie wird einen epileptiſchen Anfall bekommen,“ ſagte Marat. „Befürchten Sie das nicht, es iſt der Daͤmon der Lüge, der in ihr hauſt und nicht heraus will.“ Dann wandte ſich Balſamo gegen die Frau, warf ihr Alles in's Geſicht, was ſeine Hand an Fluidum faſſen konnte, und ſagte: „Sprich, wer hut die Uhr genommen? 2 199 „Frau Grivette,“ antwortete die Somnambule mit kaum verſtändlicher Stimme. „Und wann hat ſie ſie genommen?“ „Geſtern Abend.“ „Wo war ſie?“ „Unter dem Leuchter.“ „Und was hat ſie damit gemacht?“ „Sie hat ſie in die Rue Saint⸗Jaeques getragen.“ „An welchen Ort der Rue Saint⸗Jarques 20 „In Nro. 29.“ „In welchen Stock?“ „In den fünften.“ „Zu wem?“ „Zu einem Schuſtergeſellen.“ „Wie heißt er?“ „Simon.“ „Wer iſt dieſer Menſch?“ Die Somnambule ſchwieg. „Wer iſt dieſer Menſch?“ Die Somnambule ſchwieg. „Wer iſt dieſer Menſch?“ wiederholte Balſamo. Daſſelbe Stillſchweigen. Balſamo ſtreckte ſeine mit Fluidum geſchwängerte Hand gegen ſie aus, und durch dieſen furchtbaren Angriff vernichtet, hatte die Unglückliche nur noch die Kraft, zu murmeln: „Ihr Liebhaber.“ Marat ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus. „Stille,“ ſagte Balſamo;„laſſen Sie das Gewiſſen reden.“ Da wandte er ſich abermals an die voͤllig zitternde und mit Schweiß übergoſſene Frau und fragte: „Und wer hat Frau Grivette dieſen Diebſtahl ge⸗ rathen?“ „Niemand. Sie hob zufällig den Leuchter auf, ſah die Uhr, und der Teufel führte ſie in Verſuchung.“ „Geſchah es aus Noth 1 200 „Nein, denn ſie hat die Uhr nicht verkauft.“ „Sie hat ſie alſo verſchenkt?“ „Ja.“ „An Simon?“ Die Somnambule machte eine Anſtrengung. „An Simon.“ Dann bedeckte ſie ihr Geſicht mit ihren beiden Händen und vergoß einen Strom von Thränen. Balſamo warf einen Blick auf Marat, der mit offenem Mund, die Haare in Unordnung, die Augenlider weit aufgeſperrt, dieſes furchtbare Schauſpiel betrachtete. „Nun, mein Herr,“ ſagte er,„Sie ſehen endlich den Kampf der Seele mit dem Köͤrper. Sie ſehen das Ge⸗ wiſſen bezwungen wie in einer Schanze, die es für un⸗ einnehmbar hielt. Sie ſehen, daß Gott nichts in dieſer Welt vergeſſen hat, und daß er Alles in Allem iſt. Leug⸗ nen Sie alſo nicht mehr das Gewiſſen, leugnen Sie nicht mehr die Seele; leugnen Sie nicht mehr das Unbekannte, junger Mann! leugnen Sie beſonders den Glauben nicht, der die höchſte Macht iſt; und da Sie Chrgeiz haben, ſtudiren Sie, Herr Marat; ſprechen Sie wenig und denken Sie viel, und laſſen Sie ſich nicht verleiten, leicht⸗ ſinnig ihre Oberen zu beurtheilen. Leben Sie wohl, es iſt Ihnen durch meine Worte ein ſehr weites Feld geöffnet; durchforſchen Sie dieſes Feld, das Schätze enthält. Gott befohlen! Glücklich, ſehr glücklich, wenn Sie den Dämon des Unglaubens, der in Ihnen iſt, beſiegen können, wie ich den Dämon der Lügen, der in dieſer Frau iſt, über⸗ wunden habe.“— Und er entfernte ſich nach dieſen Worten, welche die Röthe der Scham dem jungen Mann in die Wangen ſteigen machten..— Marat dachte nicht einmal daran, von ihm Abſchied zu nehmen. 4 Nachdem er ſich aber von ſeinem tiefen Erſtaunen ein wenig erholt hatte, gewahrte er, daß Frau Grivette noch auf ſeinem Bette ſchlief. 201 Dieſer Schlaf kam ihm gräßlich vor. Marat würde eine Leiche auf ſeinem Bette vorgezogen haben, und hätte auch Herr von Sartines ihren Tod auf ſeine Weiſe er⸗ klären ſollen. Er ſchaute dieſe verdrehten Augen, dieſe Zuckungen an, und bekam bange. Seine Angſt nahm noch zu, als ſich der lebendige Leichnam erhob, ſeine Hand ergriff und zu ihm ſagte: „Kommen Sie mit mir, Herr Marat.“ „Wohin?“ „In die Rue Saint⸗Jacques.“ „Warum?“ „Kommen Sie, kommen Sie; er befiehlt mir⸗Sie zu führen.“ Marat, der auf einen Stuhl geſunken war, ſtand auf. Da öͤffnete Frau Grivette, immer noch ſchlafend, die Thüre und ging die Treppe hinab, wie es ein Vogel oder ni Katze gethan hätte, nämlich indem ſie kaum die Stufen reifte. Marat folgte ihr; er befürchtete, ſie könnte fallen und beim Fallen den Hals brechen. Als ſie unten an die Treppe gekommen war, ſchritt ſie über die Thürſchwelle und ging durch die Straße, ſtets gefolgt von dem jungen Mann, den ſie ſo bis an das Haus und zu dem bezeichneten Speicher führte. Sie klopfte an die Thüre; Marat fühlte, wie ſein Fen ſo gewaltig ſchlug, daß er glaubte, man müßte es ören. Ein Mann war im Sxpeicher; er öffnete, und Marat erkannte in dieſem Mann einen Arbeiter von fünf und zwanzig bis dreißig Jahren, den er zuweilen in der Loge ſeiner Portiere geſehen hatte. Als er Frau Grivette, gefolgt von Marat, erblickte, wich er zurück. 1 Doch die Somnambule ging gerade auf das Bett zu, ſchob ihre Hand unter das magere Kopfkiſſen und zog die Uhr hervor, während der Schuſter Simon, bleich vor “ 202 Schrecken, nicht ein Wort zu ſprechen wagte und mit irrem Auge alle, auch die geringſten Geberden dieſer Frau verfolgte, die er für wahnſinnig hielt. Kaum hatte ſie die Hand von Marat berührt, dem ſie die Uhr zurückgab, als ſie einen tiefen Seufzer aus⸗ ſtieß und murmelte: „Ich erwache, ich erwache.“ Alle ihre Nerven ſpannten ſich in der That ab, wie ein vom Block gelaſſenes Kabel; ihre Augen nahmen wieder den Lebensfunken an, und da ſie ſich Marat gegen⸗ über, die Hand in ſeiner Hand und noch die Uhr, den unverwerflichen Beweis des Verbrechens, haltend, fand, ſtürzte ſie ohnmächtig auf den Boden des Speichers nieder. „Sollte das Gewiſſen wirklich beſtehen?“ fragte ſich Marat, während er den Zweifel im Herzen und die Träu⸗ merei in den Augen das Zimmer verließ. CIX. Der Menſch und ſeine Werke. Während Marat ſo gut angewendete Stunden hin⸗ brachte und über das Gewiſſen und das doppelte Leben philoſophirte, war ein anderer Philoſoph in der Rue Pla⸗ triére damit beſchäftigt, daß er Stück für Stück ſeinen vorgehenden Abend wieder aufbaute und ſich befragte, ob er wirklich ein ſo großer Schuldiger ſei, oder ob er es nicht ſei. Die Arme weich auf den Tiſch geſtützt, den Kopf ſchwer auf die linke Schulter geneigt, dachte Rouſ⸗ ſeau nach.. Er hatte weit geöffnet vor ſich ſeine politiſchen und philoſophiſchen Bücher Emile und den Contratſocial. Von Zeit zu Zeit, wenn es der Gedanke erforderte, 8 203 bückte er ſich, um in dieſen Büchern, die er auswendig wußte, zu blättern. „Ah! guter Gott,“ ſagte er, als er einen Satz von Emile über die Freiheit des Gewiſſens las,„das ſind mordbrenneriſche Phraſen. Gerechter Himmel, welche Phi⸗ loſophie! Iſt je in der Welt ein Brandſtifter, wie ich, erſchienen?“ „Wie!“ fügte er die Hände über ſein Haupt erhebend bei,„ich habe ſolche Schreie gegen den Thron, den Altar und die Geſellſchaft ausgeſtoßen... „Ich wundere mich nicht, wenn einige düſtere, ge⸗ drängte Leidenſchaften ihren Nutzen aus meinen Sophis⸗ men gezogen und ſich auf den Pfaden verirrt haben, die ich ihnen mit rhetoriſchen Blumen beſtreute. Ich bin ein Stoͤrer der Geſellſchaft geweſen...“ Er ſtand ſehr bewegt auf und ging dreimal in ſeinem kleinen Zimmer auf und ab. Dann ſprach er: „Ich habe nachtheilig von den Leuten der Gewalt geredet, welche die Tyrannei gegen die Schriftſteller üben. Ich Narr, ich Barbar, der ich war! dieſe Leute haben hundertmal Recht. „Was bin ich, wenn nicht ein für den Staat gefähr⸗ licher Menſch? Mein Wort, hinausgeſchleudert, um die Maſſen zu erleuchten,— das nahm ich mir wenigſtens zum Vorwand,— mein Wort, ſage ich, iſt eine Fackel, welche das ganze Weltall in Brand ſtecken wird. „Ich habe Reden über die Ungleichheit der Lebens⸗ verhältniſſe, Projecte über allgemeine Verbrüderung und Erziehungspläne ausgeſtreut, und ich ernte Leidenſchaften des Uebermuths ſo wilder Art, daß ſie die Richtung der Geſellſchaft völlig umkehren, innere Kriege, im Stande die Welt zu entvölkern, und ſo rohe Sitten, daß ſie die Civi⸗ liſation um zehn Jahrhunderte zurückweichen machen wür⸗ den... Ohl! ich bin ein ſehr großer Verbrecher.“ Er las abermals eine Seite von ſeinem Vieaire Savoyard.“ „Ja, das iſt es: Vereinigen wir uns, um uns 204 mit unſerem Glück zu beſchäftigen... Ich habe es geſchrieben! Geben wir unſern Tugenden die Stärke, welche Andere ihren Laſtern geben. Ich habe das abermals geſchrieben.“ Und Rouſſeau geberdete ſich verzweifelter als je. „Durch meinen Fehler,“ ſagte er,„find alſo die Brüder den Brüdern gegenübergeſtellt; eines Tags wird eines von dieſen unterirdiſchen Gewoͤlben von der Polizei überfallen werden, man wird das ganze Neſt der Leute ausnehmen, welche geſchworen haben, ſich im Fall eines Verraths aufzufreſſen, und es wird ſich einer finden, der frecher iſt als die Andern und aus ſeiner Taſche mein Buch zieht und ſpricht: „„Worüber beklagt Ihr Euch? Wir find die Adepten von Herrn Rouſſeau; wir machen einen Curſus der Phi⸗ loſophie.““ Oh! wie wird da Voltaire lachen! Es iſt nicht zu befürchten, daß ſich dieſer Hoͤfling in ſolche Weſ⸗ penneſter ſteckt!“ Der Gedanke, Voltaire würde über ihn ſpotten, brachte den Genfer Philofophen in einen gewaltigen Zorn. „Ich ein Verſchwörer!“ murmelte er,„ich werde offenbar kindiſch, bin ich nicht in der That ein Verſchwörer!“ Er war ſo weit, als Thereſe eintrat, ohne daß er es ſah. Sie brachte das Frühſtück. Sie bemerkte, daß er aufmerkſam ein Stück von ſeinen Réveries d'un solitaire las. „Gut,“ ſagte ſie, indem ſie geräuſchvoll die heiſfe 3 Milch auf das Buch ſelbſt ſtellte,„mein Hoffärtiger beſchaut ſich in ſeinem Spiegel. Der Herr lieſt ſeine Bücher. Herr Rouſſeau bewundert ſich.“ „Ruhig, Thereſe,“ ſprach der Philoſoph.„Geduld, laß mich, ich lache nicht.“ „Ohl ja, das iſt herrlich, nicht wahr?“ rief ſie, ih verſpottend...„Sie verſetzen ſich in Ertaſe! Wie viel Eitelkeit, viele Fehler haben doch die Schriftſteller, und uns Atnnen Frauen laſſen ſie ſo wenig hingehen —— Gᷣ A&—&◻& —-—— 20⁵ Wenn es mir einfällt, mich in meinem Spiegelchen zu beſchauen, zankt der Herr und nennt mich gefallſüchtig.“ Sie fuhr in dieſem Tone fort, ihn zum Unglücklich⸗ ſten der Menſchen zu machen, als wäre Rouſſeau hiezu nicht ſchon ſehr reich von der Natur begabt geweſen. Er trank ſeine Milch, ohne ſein Brod einzutunken. Er wiederkäute. „Gut, Sie denken nach,“ ſagte ſie;„Sie wollen abermals ein Buch voll nichtswürdiger Dinge machen...“ Rouſſeau bebte. b „Sie träumen von Ihren idealen Frauen,“ ſprach Thereſe,„und Sie werden ein Buch ſchreiben, das die jungen Mädchen nicht zu leſen wagen,— oder gar Ent⸗ weihungen, die durch die Hand des Henkers verbrannt werden.“ Der Märtyrer ſchauerte, Thereſe hatte den rechten Fleck getroffen. „Nein,“ erwiederte er,„ich werde nichts mehr ſchrei⸗ ben, was arge Gedanken veranlaſſen könnte... ich will im Gegentheil ein Buch machen, das alle ehrliche Leute mit freudigem Entzücken leſen ſollen.“ „Oh! oh!“ rief Thereſe, während ſie die Taſſe weg⸗ nahm,„das iſt unmoͤglich, Ihr Geiſt iſt voll von unzüch⸗ tigen Dingen... Kürzlich erſt hörte ich Sie eine Stelle aus ich weiß nicht was leſen, und Sie ſprachen von Frauen, die Sie anbeten... Sie ſind ein Satyr! ein Magier!“ Der Ausdruck Magier war eine der abſcheulichſten Schmähungen aus dem Wörterbuch von Thereſe: dieſer Ausdruck machte Rouſſeau ſtets ſchauern. „Ruhig, ruhig, meine liebe Freundin,“ ſagte er;„Sie werden gewiß zufrieden ſein... Ich will ſchreiben, ich habe ein Mittel gefunden, die Welt zu regeneriren, ohne bei den Veränderungen, welche ſtattfinden werden, das Leiden eines einzigen Menſchen zu veranlaſſen. Ja, ja, dieſen Plan werde ich zur Reife bringen roßer Gott! keine Revolution, meine gute Thereſe, ke volution!“ „Gut, wir werden ſehen,“ ſagte Thereſe;„horch! man läutet.“ Thereſe kam einen Augenblick nachher mit einem hüb⸗ ſchen jungen Mann zurück, den ſie im erſten Zimmer zu warten bat. Sie trat dann wieder bei Rouſſeau ein, der ſich ſchon mit einem Bleiſtift Noten machte, und ſagte. „Schließen Sie alle dieſe Abſcheulichkeiten raſch ein. Es will Sie Jemand beſuchen.“ „Wer iſt es?“ „Ein Herr von Hofe.“ „Er hat Ihnen ſeinen Namen nicht genannt?“ „Ah! was wollen Sie denn, empfange ich etwa Un⸗ bekannte?“ „So ſagen Sie, wer es iſt.” „Herr von Coigny.“ 1 „Herr von Coigny!“ rief Rouſſeau;„Herr von Coigny, der Cavalier von Seiner köͤniglichen Hoheit dem Dauphin!“ Das muß ſo ſein; ein reizender Junge, ein ſehr liebenswürdiger Mann.“ „Ich komme, Thereſe.“ Rouſſeau warf eiligſt einen Blick in den Spiegel, ſtäubte ſeinen Rock aus, wiſchte ſeine Pantoffeln ab, die nichts Anderes waren, als alte, durch den Gebrauch zer⸗ freſſene Schuhe, und trat in das Speiſezimmer, wo ihn der Cavalier erwartete. 3 Dieſer hatte ſich nicht geſetzt. Er betrachtete mit einer gewiſſen Neugierde die getrockneten Pflanzen, welche Rouſſeau auf Papier geklebt und in Rahmen von ſchwar⸗ zem Holz aufbewahrt hatte. Bei dem Geräuſch der Glasthüre wandte er ſich um und fragte mit einer äußerſt höflichen Verbeugung: ich die Ehre, mit Herrn Rouſſeau zu ſprechen?“ err,“ antwortete der Philoſoph mit einem 3 welcher indeſſen eine gewiſſe Bewun —— 207 derung für die merkwürdige Schoͤnheit und Eleganz ſeines Beſuches nicht ausſchloß. Herr von Coigny war in der That einer der liebens⸗ würdigſten und ſchönſten Männer Frankreichs. Für ihn war ohne Zweifel die Tracht jener Zeit erſonnen worden... um die Feinheit und Rundung ſeines vollkommenen Beines glänzen zu laſſen, um in ihrem ganzen anmuthigen Um⸗ fang ſeine breiten Schultern und ſeine tiefe Bruſt zu zei⸗ gen, um ſeinem ſo gut geſtellten Kopf die majeſtätiſche Miene, ſeinen Händen die Weiße des Elfenbeins zu verleihen. Dieſe prüfende Beſchauung befriedigte Rouſſeau, der das Schöne als wahrer Künſtler überall bewunderte, wo er es fand. „Mein Herr,“ fragte er,„was ſteht zu Dienſt?“ „Man hat es Ihnen wohl geſagt,“ erwiederte der Ca⸗ valier, ‚ich bin der Graf von Coigny. Ich füge dem bei, daß ich im Auftrage der Frau Dauphine komme.“ Rouſſeau verbeugte ſich ganz roth; Thereſe betrach⸗ tete in einer Ecke des Speiſezimmers, die Hände in den Taſchen, mit wohlgefälligen Augen den ſchönen Boten der größten Prinzeſſin Frankreiche. „Was verlangt Ihre königliche Hoheit?“ ſagte Rouſ⸗ ſeau.„Aber nehmen Sie doch einen Stuhl, mein Herr, wenn es Ihnen beliebt.“ Rouſſeau ſetzte ſich ſelbſt. Herr von Coigny nahm einen Strohſtuhl und ahmte ihn nach. „Hören Sie, mein Herr, wie ſich die Sache verhält. Als Seine Majeſflät kürzlich in Trianon ſpeiſte, offenbarte ſie einige Sympathie für Ihre Muſik, welche reizend iſt. Seine Majeſtät ſang Ihre beſten Melodien; die Frau Dauphine, die Seiner Majeſtät in allen Dingen zu gefallen ſucht, dachte, es wäre für den König ein Vergnü⸗ gen, eine Ihrer komiſchen Opern in Trianon auf dem Eheater varſtellen zu ſehen Nouſſeau machte eine tiefe Verbeugung. „Ich komme alſo, mein Per um Sie im Auftrag der Frau Dauphine zu bitten. mehrere Damen des Hofes vortreffliche Tonkünſtlerinnen fur mich eine unſchätzbare Ehre iſt, und ich bitte Sie, der Frau Dauphine meinen unterthänigſten Dank ausdrücken zu wollen. 208 „Oh! mein Herr,“ unterbrach ihn Rouſſeau,„meine Erlaubniß hat hiebei nichts zu thun. Meine Stücke und die damit verbundenen Arietten gehören dem Theater, das ſie zur Darſtellung gebracht hat. Sie müſſen ſie von den Komödianten verlangen, und J. K. H. die Frau Dauphine wird hiebei nicht mehr Hinderniſſe finden, als bei mir. Die Komdodianten werden ſehr glücklich ſein, vor Seiner Majeſtät und dem ganzen Hof zu ſpielen.“ „Das iſt es nicht gerade, was ich mir von Ihnen zu er⸗ bitten beauftragt bin, mein Herr,“ entgegnete Herr von Coigny.„J. K. H. die Frau Dauphine will dem König eine vollſtändigere und ſeltenere Unterhaltung geben. Sie kennt alle Ihre Opern, mein Herr...“ Eine abermalige Verbeugung von Rouſſeau. „Und ſie fingt ſie ſehr gut.“ Nouſſeau kniff ſich die Lippen. „Das iſt viel Ehre,“ ſtammelte er. „Da nun,“ fuͤhr Herr von Coigny fort,„da nuu ſind und zum Entzücken ſingen, da mehrere Cavaliere ſich ebenfalls mit einem gewiſſen Erfolg mit der Muſik beſchäftigen, ſo ſoll die Oper, welche die Frau Dauphine unter den Ihrigen auswählen würde, von dieſer Geſell⸗ ſchaft von Cavalieren und Damen, deren Hauptperſonen Ihre K. Hoheiten wären, vorgetragen und geſpielt werden. Rouſſeau ſprang gleichſam auf ſeinem Stuhl.. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich verſichere Sie, daß dies „Oh! das iſt nicht Alles, mein Herr,“ entgegnete Herr von Coigny mit einem Lächeln. „Die ſo gebildete Truppe iſt allerdings vornehmer als die andere, aber minder erfahren. Der Blick, die Rathſchläge des Meiſters ſind unerläßlich; die Ausfüh⸗ rung muß würdig des erhabenen Zuſchauers, der die köni 209 liche Loge einnehmen wird, würdig auch des erhabenen Autors ſein.“ Rouſſeau ſtand auf, um ſich zu verbeugen; diesmal hatte ihn das Compliment gerührt; er grüßte Herrn von Coigny auf das Anmuthigſte. „Aus dieſem Grunde, mein Herr,“ ſagte der Cava⸗ lier,„bittet Sie J. K. H. nach Trianon kommen und die Generalprobe des Werkes halten zu wollen.“ „Oh!“ ſagte Rouſſeau... J. K. H. denkt nicht da⸗ ran... Ich in Trianon!“ „Nun!“ verſetzte Herr von Coigny mit der allerna⸗ „fi 2 Kol. — türlichſten Miene der Welt. „Oh! mein Herr, Sie find ein Mann von Geſchmack, ein Mann von Geiſt; Sie haben einen feineren Takt als viele Andere; antworten Sie mir nun, die Hand auf dem Gewiſſen: Rouſſeau der Philoſoph, Rouſſeau der Ge⸗ ächtete, Rouſſeau der Menſchenfeind bei Hofe, iſt das nicht, daß die ganze Geſellſchaft ſich darüber halb zu 1 Tode lachen würde?“ e„Mein Herr,“ erwiederte Herr von Coigny mit kal⸗ 3 tem Tone,„ich weiß nicht, warum das Gelächter und e die Spöttereien des albernen Haufens, der Sie verfolgt, den Schlaf eines gebildeten Mannes und eines Schrift⸗ ſeellers, der für den erſten des Koͤnigreichs gelten kann, ſſtoren ſollte. Haben Sie dieſe Schwäche, Herr Rouſſeau, ſo verbergen Sie dieſelbe wohl, ſie allein dürfte vielen Leuten Anlaß zum Lachen geben. Was das betrifft, was man ſagen wird, ſo werden Sie zugeben, daß man aller⸗ dings darauf Rückſicht nehmen muß, ſobald es ſich um das Vergnügen und den Wunſch von Perſonen, wie J. K. §H. die Frau Dauphine, die präſumtive Erbin von Frank⸗ reich, handelt.“ „Gewiß,“ ſagte Rouſſeau,„gewiß.“ 3„Sollte es ein Ueberreſt falſcher Scham ſein?“ ſprach Herr von Coigny;„ſollten Sie, weil Sie gegen die Könige ſtreng geweſen ſind, um leutſeliger zu ſein befürch⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. v. 144 — 2 ek 210 ien? Ah! Herr Rouſſeau, Sie haben dem Menſchenge⸗ ſchlecht Lehren gegeben, aber Sie haſſen es hoffentlich nicht... Ueberdies werden Sie Damen ausnehmen, welche von kaiſerlichem Blut ſind.“ „Mein Herr, Sie bedrängen mich mit viel Artigkeit, doch bedenken Sie meine Lage; ich lebe zurückgezogen, allein, unglücklich.“ Thereſe machte eine Grimaſſe. „Man höͤre, unglücklich...“ ſagte ſie; ver iſt ſchwierig.“ „Es wird immer, was ich auch thun mag, auf melnem Geſicht und in meinen Manieren eine für die Augen des Königs und der Prinzeſſinnen, welche nur die 1 Freude und die Zufriedenheit ſuchen, unangenehme Spur zurückbleiben... Was würde ich ſagen à... Was würde ich thun?...“ ¹ „Man würde ſagen, Sie zweifeln an ſich ſelbſt; aber hat derjenige, welcher die Neue Heloiſe und die Be⸗ kenntniſſe geſchrieben, nicht mehr Geiſt, um zu ſpre⸗ chen, zu handeln, als wir anderen Alle, ſo viel wir un- ſerer ſind?“ 3 „Ich verſichere Sie, mein Herr, daß es mir unmög⸗ „Dieſes Wort iſt bei den Fürſten nicht bekannt.“ „Deshalb, mein Herr, werde ich zu Hauſe bleiben. „Mein Herr, Sie werden mir, dem vermeſſenen Boten, der ich es übernommen habe, die Frau Dauphine zufrieden zu ſtellen, nicht einen tödtlichen Kummer bereiten und mich zu nöthigen, beſchämt, beſiegt nach Verſailles zurückzu⸗ kehren; dies wäre eine ſolche Pein für mich, daß ich mich ſogleich ſelbſt verbannen würde. Hören Sie, mein lieber Herr Rouſſeau, thun Sie für mich, für einen Mann voll tiefer Sympathie für alle Ihre Werke, was Ihr großes Herz bittenden Konigen verweigern würde.“ „Mein Herr, Ihre vollkommene Liebfreundlichkeit geht mir zu Herzen; Ihre Beredtſamkeit iſt unwiderſtehlich, 211 und Sie haben eine Stimme, die mich mehr bewegt, als ich zu ſagen vermöchte.“ „Sie laſſen ſich rühren?“ „Nein, ich kann nichi; nein, entſchieden nicht; meine Geſundheit widerſetzt ſich einer Reiſe.“ „Eine Reiſe! oh! Herr Rouſſeau, was denken Sie? fünf Viertelſtunden zum Fahren.“ „Für Sie, für Ihre raſchen Pferde.“ „Alle Pferde des Hofes ſtehen zu Ihrer Verfügung, Herr Rouſſeau. Ich bin von der Frau Dauphine beauf⸗ tragt, Ihnen zu ſagen, daß in Trianon ein Zimmer für Sie bereit iſt, denn man will nicht, daß Sie ſo ſpät nach Paris zurückkehren. Der Herr Dauphin, der alle Ihre Werke auswendig kennt, hat überdies vor ſeinem Hofe ge⸗ ſagt, er lege einen Werth darauf, in ſeinem Palaſt das Zimmer zu zeigen, das Herr Rouſſeau innegehabt habe.“ Thereſe ſtieß einen Schrei der Bewunderung, nicht für Rouſſeau, ſondern für den guten Prinzen aus. Rouſſeau konnte dieſem letzten Zeichen des Wohl⸗ wollens nicht widerſtehen.„Ich muß mich alſo ergeben,“ ſagte er,„denn nie bin ich ſo gut angegriffen worden.“ „Man faßt Sie beim Herzen,“ erwiederte Herr von Coigny;„durch den Geiſt wären Sie nicht zu erobern.“ ſi„Ich werde mich alſo den Wünſchen J. K. H. ügen.“ „Oh! mein Herr, empfangen Sie meinen ganzen perſonlichen Dank. Erlauben Sie mir, daß ich mich in Beziehung auf die Frau Dauphine enthalte, ſie würde es mir verargen, wenn ich ihr in der Erkenntlichkeit, die ſie gegen Sie ausſprechen will, zuvorgekommen wäre. Ueber⸗ dies wiſſen Sie, mein Herr, daß es an dem Mann iſt, einer jungen und anbetungswürdigen Frau zu danken, welche ihm entgegenzukommen die Güte hat.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Rouſſeau lächelnd.„Doch die Greiſe haben ein Vorrecht bei hübſchen Frauen: man bittet fie.“ „Herr Rouſſeau, Sie werden mir alſo wohl die 21² Stunde bezeichnen, und ich ſchicke Ihnen meinen Wagen, oder ich hole Sie vielmehr ſelbſt ab, um Sie dahin zu führen.“ „Was das betrifft, nein, mein Herr,“ ſagte Rouſſeau. „Es ſei, ich komme nach Trianon, doch überlaſſen Sie es mir, nach meiner Bequemlichkeit dahin zu gehen; bekümmern Sie ſich von dieſem Augenblick an nicht mehr um mich. Ich komme, das genügt, ſagen Sie mir die Stunde.“ „Wie! Sie geſtatten es nicht, daß ich Sie einführe? es iſt wahr, ich wäre deſſen unwürdig, und ein Name wie der Ihrige kündigt ſich wohl allein an.“ „Mein Herr, ich weiß wohl, daß Sie bei Hofe mehr ſind, als ich an irgend einem Orte der Welt bin... Ich ſchlage auch Ihr Anerbieten nicht gegen Sie perſön⸗ lich aus; aber ich liebe meine Bequemlichkeit; ich will dahin gehen, als ob ich eine Promenade machte, und kurz .. das iſt mein Ultimatum.“ „Ich verbeuge mich, mein Herr, und werde mich wohl hüten, Ihnen in irgend einer Hinſicht zu mißfallen. Die Probe wird dieſen Abend um ſechs Uhr beginnen.“ „Sehr gut, um drei Viertel auf ſechs Uhr bin ich in Trianon.“ „Aber mit welchen Mitteln?“ „Das geht mich an; ſehen Sie, das iſt mein Wagen.“ Er zeigte ſein noch gut geformtes Bein, das er mit einer gewiſſen Gitelkeit bekleidete. „Fünf Lieues,“ ſagte Herr von Coigny ganz er⸗ ſchrocken;„Sie werden gelähmt ſein, der Abend wird er⸗ müdend, nehmen Sie ſich in Acht.“ „Dann habe ich auch meinen Wagen und meine Pferde, einen brüderlichen Wagen, eine volksthümliche Carroſſe, die dem Nachbar ſo gut gehört als mir, wie di Luft, die Sonne und das Waſſer, eine Carroſſe, welch fünfzehn Sous koſtet. 1 „Ah! mein Gott! die Patache; Sie machen m einen Schauer.“ „Die für Sie ſo harten Bänke kommen mir wie ein * 213 Sybaritenbett vor. Ich finde ſie mit Flaumfedern und Roſenblättern gefüllt. Dieſen Abend, mein Herr, dieſen Abend.“ Als ſich Herr von Coigny ſo entlaſſen ſah, faßte er ſeinen Entſchluß und ſtieg, nach vielen Dankſagungen, mehr oder minder genauen Anzeigen und wiederholten Dienſtanerbietungen, die ſchwarze Treppe hinab, wobei ihn Rouſſeau bis auf den Ruheplatz und Thereſe bis mitten auf die Treppe begleitete. Herr von Coigny erreichte ſeinen Wagen, der ihn auf der Straße erwartete, und fuhr wieder ganz in der Stille nach Verſallles. Thereſe kehrte zurück und ſchloß die Thüre mit einer gewitterſchweren Laune, welche Rouſſeau einen Sturm weiſſagte. CX. Die Toilette von Nouſſeau. Als Herr von Coigny weggegangen war, ſetzte ſich Rouſſeau, in deſſen Gedanken dieſer Beſuch eine Veraͤnde⸗ rung gebracht hatte, mit einem großen Seufzer in einen kleinen Lehnſtuhl und ſagte mit ſchläfrigen Tone: „Ah! welche Langweile! Wie ermüden mich doch die Leute mit ihren Verfolgungen!“ Thereſe, welche eben wieder eintrat, faßte dieſe Mors im Fluge auf, ſtellte ſich Rouſſeau gegenüber und prach:. „Sie ſind ein Hochmüthiger!“ „Ich?“ machte Rouſſeau erſtaunt. „Ja, Sie ſind ein eitler Menſch, ein Heuchler.“ 2— „ „Sie... Sie ſind entzückt, an den Hof gehen zu 214 dürfen, und verbergen Ihre Freude unter einer falſchen Gleichgültigkeit.“ „Ah! mein Gott!“ rief die Achſeln zuckend Rouſſeau, den es demüthigte, daß man ihn ſo gut errathen hatte. „Wollen Sie mich nicht glauben machen, es ſei keine große CEhre für Sie, den Koͤnig die Melodien hören zu laſſen, die Sie hier wie ein Faulenzer auf Ihrem Spinett kratzen.“ Rouſſeau ſchaute ſeine Frau mit zornigem Auge an. „Sie ſind eine Alberne,“ ſagte er,„es iſt keine Ehre für einen Mann wie ich, vor einem König zu erſcheinen. Wem verdankt er es, daß er auf dem Thron iſt? Einer Laune der Natur, die ihn von einer Königin hat geboren werden laſſen; doch ich bin würdig, vor einen König ge⸗ rufen zu werden, um ihn zu ergötzen; das verdanke ich meiner Arbeit und dem Talent, das ich mir durch die Ar⸗ beit erworben habe.“ 3 Thereſe war nicht die Frau, die ſich ſo ſchlagen ließ. „Ich wünſchte wohl, Herr von Sartines würde Sie ſo ſprechen hoͤren, es gäbe für Sie ein Stübchen in Bicétre oder eine Zelle in Charenton.“ „Weil dieſer Herr von Sartines ein Tyrann im Solde eines Tyrannen iſt,“ ſagte Rouſſeau,„und weil der Menſch mit ſeinem Genie allein wehrlos gegen die Tyrannen bleibt; aber wenn Herr von Sartines mich ver⸗ folgte.. 3„Nun! hernach?“ ſagte Thereſe. „Ah! ja,“ ſeufzte Rouſſeau,„ich weiß, daß meine Feinde glücklich wären; ja!“ „Warum haben Sie Feinde? Weil Sie boshaft ſind, weil Sie Jedermann angegriffen haben. Ah! Herr von Voltaire hat Freunde, das iſt ſchön.“ 3 „Es iſt wahr,“ ſprach Rouſſeau mit einem Lächeln von engeliſchem Ausdruck. „Aber Herr von Voltaire iſt ein Edelmann, er iſt der vertraute Freund des Königs von Preußen, er hat Pferde, er iſt reich, er hat ſein Schloß Ferney... Und dies haben.“ 215 Alles verdankt er ſeinem Verdienſt... Man ſieht ihn auch nicht, wenn er nach Hofe geht, den Hochmüthigen ſpielen; er iſt wie zu Hauſe.“ „Und Sie glauben, ich werde nicht wie zu Hauſe ſein? Sie glauben, ich wiſſe nicht, woher das Geld kommt, das man dort verſchwendet, und ich laſſe mich durch die Ehrerbietung bethören, die man dem Herrn zollt? Ei! gute Frau, die Sie über Alles in den Tag hinein urtheilen, bedenken Sie doch, daß ich, wenn ich den Verächtlichen ſpiele, dies thue, weil ich verachte; bedenken Sie, daß wenn ich den Lurus dieſer Höflinge verachte, dies geſchieht, weil ſie den Lurus geſtohlen haben.“ „Geſtohlen!“ rief Thereſe mit einer unbeſchreiblichen Entrüſtung. „Ja, geſtohlen! Ihnen, mir, Jedermann. Alles Gold, das ſie auf ihren Kleidern tragen, müßte auf die Köpfe der Unglücklichen vertheilt ſein, denen es an Brod fehlt. Darum gehe ich, der ich dies Alles bedenke, nur mit Wi⸗ derſtreben an den Hof.“ „Ich ſage nicht, das Volk ſei glücklich,“ entgegnete Thereſe;„doch der König iſt am Ende der König.“ „Nun! ich gehorche ihm, was will er mehr?“ „Ah! Sie gehorchen, weil Sie Furcht haben. Sie müſſen nicht ſagen, Sie gehen mit Widerwillen irgendwo⸗ hin und Sie ſeien ein muthiger Mann, ſonſt antworte ich, Sie ſeien ein Heuchler und das gefalle Ihnen ſehr.“ „Ich habe vor nichts Furcht,“ ſprach Rouſſeau mit ſtolzem Tone. „Gut! ſo ſagen Sie doch ein wenig dem König den vierten Theil von dem, was Sie mir ſo eben erzählt „Ich werde es ſicherlich thun, wenn es mein Gefühl heiſcht.“ „Sie?“ „Ja, ich, bin ich je zurückgewichen?“ „Bah! Sie wagen es nicht, einer Katze einen Knochen zu nehmen, an dem ſie nagt, aus Furcht, von ihrer Kralle 216 gepackt zu werden; wie wird es ſein, wenn Sie von Garden und Militären umgeben ſind?... Sie ſehen, ich kenne Sie, als ob ich Ihre Mutter wäre... Sie werden ſich ſogleich friſch raſiren, pommadiren, adoniſiren, Sie werden den Niedlichen ſpielen, Sie werden Ihr kleines, intereſſantes Augenblinzeln annehmen, weil Sie ganz win⸗ zige und ganz runde Augen haben, die man, wenn Sie dieſelben auf eine natürliche Weiſe öffnen würden, ſehen müßte, während Sie blinzelnd glauben machen, ſie ſeien ſo groß wie Thorwege; Sie werden von mir Ihre ſeidenen Strümpfe verlangen, Sie werden Ihren chocoladefarbigen Rock mit den ſtählernen Knöpfen anziehen, die ſchöne neue Perücke aufſetzen und einen Fiacre nehmen, und mein Philoſoph wird ſich von den ſchönen Damen anbeten laſſen ... und morgen, ah! morgen, da wird es ein Entzücken, ein Schmachten ſein; Sie werden verliebt zurückkommen, Sie werden ſeufzend kleine Zeilen ſchreiben und Ihren Kaffee mit Ihren Thränen beſprengen... Ohl wie ich Sie kenne!“ „Sie täuſchen ſich, meine Gute,“ erwiederte Rouſſeau, „ich ſage Ihnen, man thut mir Gewalt an, daß ich nach Hofe gehe. Ich werde gehen, weil ich im Ganzen den Scandal befürchte, wie ihn jeder ehrliche Bürger fürchten muß. Uebrigens gehöre ich nicht zu denjenigen, welche ſich weigern, die Suprematie eines Bürgers in einer Republik anzuerkennen; was aber das betrifft, daß ich entgegenkomme, daß ich den Höfling ſpiele, daß ich meinen neuen Rock an den Flittern dieſer Herrn vom königlichen Pallaſt abreibe, nein, nein, das werde ich nicht thun, und wenn Sie mich hiebei erwiſchen, ſo ſpotten Sie über mich nach Belieben.“ „Sie ziehen alſo nicht Ihren Frack an?“ ſagte The⸗ reſe höhniſch. 14 „Nein.“ „Sie werden nicht Ihre neue Perücke aufſetzen?“ „Nein.“— „Sie werden nicht mit Ihren kleinen Augen blinzeln?“ „Ich ſage Ihnen, daß ich dahin gehe wie ein freier 217 Menſch, ohne Affectation und ohne Furcht; ich gehe an den Hof, wie ich auf das Theater gehen würde, und ob mich die Komödianten gut oder übel ſinden, darum kümmere ich mich nichts.“ „Oh! Sie werden ſich wenigſtens raſiren,“ ſagte Thereſe,„Ihr Bart iſt einen halben Fuß lang.“ „Ich ſage Ihnen, daß ich gar nichts an meinem Aeußern verändern werde.“ 3 Thereſe lachte ſo geräuſchvoll, daß ſich Rouſſeau ganz dadurch betäubt fühlte und in ein anderes Zimmer ging. Doch ſie war mit ihren Verfolgungen noch nicht zu Ende, ſie hatte ſolche von allen Farben und von allen Stoffen. Sie zog aus dem Schranke die Staatskleider, die friſche Wäſche und die mit ängſtlicher Sorgfalt blank ge⸗ wichſten Schuhe. Sie breitete alle dieſe ſchönen Dinge auf dem Bett und den Stühlen von Rouſſeau aus. Doch dieſer ſchien ihr nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Da ſagte Thereſe: „Nun, es iſt Zeit, daß Sie ſich ankleiden. Eine Hoftoilette braucht lange... Sie werden nicht mehr Muße haben, bis zur beſtimmien Stunde nach Verſailles zu kommen.“ „Ich habe Ihnen geſagt, Thereſe, daß ich mich ſo gut finde,“ erwiederte Rouſſeau,„das iſt die Kleidung, in der ich mich täglich vor meinen Mitbürgern zeige.“ „Stille! ſtille!“ ſagte Thereſe, um ihn in Verſuchung zu führen,„ſträuben Sie ſich nicht, Jacques, machen Sie nicht eine Albernheit... Ihre Kleider ſind hier, Ihr Naſirmeſſer liegt bereit, ich habe den Barbier benachrich⸗ tigen laſſen, wenn Sie ſich Ihrer Nerven wegen heute nicht ſelbſt raſiren können.“ „Ich danke, meine Gute,“ erwiederte Rouſſeau,„ich werde mich nur ein wenig bürſten und meine Schuhe nehmen, weil man nicht in Pantoffeln ausgeht.“ „Sollte er zufäͤllig Willen haben?“ fragte ſich Thereſe. 218 Und ſie ſtachelte ihn bald durch die Gefallſucht, bald durch die Ueberredung, bald durch die Heftigkeit ihrer Spötterei. Doch Rouſſeau kannte ſie; er ſah die Falle, er fühlte, daß er, ſobald er nachgegeben hätte, unbarm⸗ herzig von ſeiner Hofmeiſterin geſchmäht und lächerlich gemacht werden würde. Er wellte alſo nicht nachgeben und hütete ſich, die ſchönen Klelder anzuſchauen, die das erhöhten, was er ſein natürlich gutes Ausſehen nannte. Thereſe belauerte ihn. Sie hatte nur noch ein Mittel, dies war der Blick, den Rouſſeau, wenn er ausging, in den Spiegel zu werfen nie verſäumte, denn der Philoſoph war übermäßig reinlich, wenn es in der Reinlichkeit ein Ueber⸗ maß geben kann. Doch Rouſſeau nahm ſich fortwährend wohl in Acht, und da er den ängſtlichen Blick von Thereſe wahrgenommen hatte, ſo wandte er dem Spiegel den Rücken zu. Es kam die Stunde; der Philoſoph hatte ſich den Kopf mit Allem vollgeſtopft, was er dem König Unangenehmes, Spruchreiches ſagen könnte. Er recitirte einige Brocken, während er die Schnallen auf ſeinen Schuhen befeſtigte, warf ſeinen Hut unter ſeinen Arm, nahm ſeinen Stock und zog, einen Augenblick be⸗ nützend, wo ihn Thereſe nicht ſehen konnte, mit beiden Händen an ſeinem Rock und an ſeiner Weſte, um die Falten daran zu tilgen. Thereſe kehrte zurück und reichte ihm ein Sacktuch, das er in ſeine weite Taſche ſteckte; ſie begleitete ihn auf den Ruheplatz und gagte hier: „Hören Sie, Jacques, ſeien Sie vernünftig, Sie ſind abſcheulich ſo, Sie ſehen aus wie ein Falſchmünzer.“ „Awie“ ſagte Rouſſeau. Sie ſehen aus wie ein nichtsnutziger Menſch, mein Herr,'geben Sie wohl Acht.“ „Geben Sie auf das Feuer Acht,“ erwiederte Rouſ⸗. ſeau, uihren Sie meine Papiere nicht an.“ ch verſichere Sie, Sie ſehen aus wie ein Polizei⸗ ſpion,“ 3c Thereſe in Verzweiflung. 219 Nouſſeau erwiederte nichts; er ſtieg trällernd die Stufen hinab, bürſtete, die Dunkelheit benützend, ſeinen Hut mit ſeinem Aermel, ſchüttelte ſeinen Leinwandjabot mit ſeiner linken Hand und improviſirte ſich eine raſche, aber verſtändige Toilette. Unten trotzte er dem Koth der Rue Platrière, doch nur auf den Spitzen ſeiner Schuhe; er erreichte die Champs⸗Elyſées, wo die ehrlichen Wagen aufgeſtellt wa⸗ ren, welche, Patachen genannt, noch vor zehn Jahren von Paris nach Verſailles die auf die Sparſamkeit angewie⸗ ſenen Reiſenden hauderten oder vielmehr räderten. Cxl. Die Couliſſen von Trianon. Die Umſtände der Reiſe ſind gleichgültig, Rouſſeau mußte den Weg nothwendig mit einem Schweizer, einem Commis, einem Bürger und einem Abbé machen. Er kam um halb ſechs Uhr Abends an. Der Hof war ſchon in Trianon verſammelt; man präludirte in Erwar⸗ tung des Köͤnigs, denn vom Autor war entfernt nicht die Rede. Einige Perſonen wußten wohl, Herr Rouſſeau von Genf würde die Probe dirigiren; aber es war nicht inte⸗ reſſanter, Herrn Rouſſeau, als Herrn Rameau, Herrn Marmontel oder irgend eines von den intereſſanten Thieren zu ſehen, deren Anblick die Leute von Hof in ihrem Sa⸗ lon oder in ihrem kleinen Haus bezahlten. Rouſſeau wurde durch den Officianten vom Dienſt em⸗ pfangen, dem Herr von Coigny ihn zu benachrichtigen empfohlen hatte, ſobald der Genfer angekommen wäre. Der Cavalier lief mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit herbei und empfing Rouſſeau mit der liebenswürdigſten 220 Zuvorkommenheit. Doch kaum hatte er einen Blick auf den Philoſophen geworfen, als er in ein Erſtaunen gerieth und ſich einer zweiten genaueren Betrachtung nicht er⸗ wehren konnte. Rouſſeau war ſtaubig, zerkrümpelt, bleich, und von ſeiner Bläße ſtach ein Eremitenbart ab, wie nie ein Cer⸗ monienmeiſter einen ähnlichen in den Spiegeln von Ver⸗ ſailles hatte widerſcheinen ſehen. Rouſſeau fühlte ſich ſehr beklommen unter dem Blick von Herrn von Coigny, und noch mehr beklommen, als er ſich dem Schauſpielſaale näherte und dieſen Ueberfluß an ſchönen Gewändern, aufgeblaſenen Spitzen, Diaman⸗ ten und blauen Ordensbändern erblickte, die auf der Ver⸗ goldung des Saals die Wirkung eines Blumenſtraußes in einem ungeheuren Korbe hervorbrachten. Nouſſeau fühlte ſich auch unwohl, als er dieſe feine, mit Ambra geſchwängerte, für ſeine plebejiſchen Sinne be⸗ rauſchende Atmoſphäre einathmete. Man mußte indeſſen vorwärts gehen und mit ſeiner Kühnheit bezahlen. Viele Blicke hefteten ſich auf ihn, da er gleichſam einen Flecken in dieſer Geſellſchaft bildete. Herr von Coigny, der ihm immer voranſchritt, führte ihn zum Orcheſter, wo die Muſiker ſeiner harrten. Hier fand er ſich ein wenig erleichtert, und während man ſeine Muſik ſpielte, dachte er ernſtlich, er ſchwebe da in der größten Gefahr, es ſei geſchehen, und alle Raiſſone⸗ ments der Welt vermoͤchten nichts. Die Frau Dauphine war ſchon in Scene mit ihrem Coſtume als Colette; ſie erwartete ihren Colin. Herr von Coigny wechſelte in ſeiner Loge ſein Coſtume. Plötzlich ſah man den König unter einem Kreiſe ge⸗ beugter Köpfe eintreten. 3 belebt. 3. Der Dauphin ſetzte ſich zu ſeiner Rechten und der Graf von Provence zu ſeiner Linken. Die fünfzig Perſonen, welche die Verſammlung, eine⸗ Ludwig XV. lächelte und ſchien von der beſten Laune 3 221 vertraute Verſammlung, bildeten, nahmen auf eine Geberde des Koͤnig Platz. „Nun! fängt man nicht an?“ fragte Ludwig XV. „Sire,“ erwiederte die Dauphine,„die Schäfer und die Saherinnen ſind noch nicht angekleidet; wir erwar⸗ ten ſie.“ „Man köͤnnte im Straßenkleid figuriren,“ ſagte der König. „Nein, Sire,“ entgegnete die Dauphine vom Theater herab,„wir wollen die Kleider und Coſtumes bei Licht probiren, um die Wirkung ſicher kennen zu lernen.“ „Ganz richtig, Madame,“ ſprach der König;„dann wollen wir ein wenig ſpazierengehen.“ Ludwig XV. ſtand auf, um im Corridor und auf der Scene umherzugehen. Er war dabei ſehr unruhig, daß er Madame Dubarny nicht kommen ſah. Als der König aus ſeiner Loge weggegangen war, betrachtete Rouſſeau ſchwermüthig und mit gepreßtem Her⸗ zen dieſen leeren Saal und ſeine eigene Vereinzelung. Dies bildete einen ſeltſamen Gontraff mit dem Em⸗ pfang, den er gefürchtet hatte. Er hatte ſich eingebildet, alle Gruppen würden ſich vor ihm öoͤffnen, die Neugierde der Hofleute wäre läſtiger und gewichtiger, als die der Pariſer; er hatte die Fragen, die Vorſtellungen befürchtet; und nun ſchenkte ihm Nie⸗ mand irgend eine Aufmerkſamkeit. Er dachte, ſein langer Bart ſei noch nicht lang ge⸗ nug, Lumpen wären nicht mehr bemerkt worden, als ſeine alten Kleider. Er wünſchte ſich Glück, daß er nicht ſo lächerlich geweſen war, nach Eleganz zu trachten. Doch im Grunde von dem Allemafühlte er ſich ſehr gedemüthigt, daß er ſich auf das Verhältniß eines Orche⸗ ſterdirigenten angewieſen ſah. Plötzlich näherte ſich ihm ein Officiant und fragte ihn, ob er nicht Herr Rouſſeau ſei. „ Ja, mein Herr,“ antwortete er. 222 „Die Frau Dauphine wünſcht Sie zu ſprechen, mein Herr,“ ſagte der Officiant. Rouſſeau ſtand ſehr bewegt auf. Die Dauphine erwartete ihn. Sie hielt in ihrer Hand die Ariette von Colette: P'ai perdu tout mon bonheur.*) Sobald ſie Rouſſeau ſah, ging ſie auf ihn zu. Der Philoſoph verbeugte ſich ſehr demuthsvoll, wobei er ſich ſagte, er grüße eine Frau und nicht eine Prin⸗ zeſſin. Die Dauphine war ihrerſeits freundlich und gnädig gegen den ſcheuen Philoſophen, wie ſie es gegen den vol⸗ lendetſten Edelmann Europas geweſen wäre. Sie bat ihn um ſeinen Rath über die Beugung der Stimme, die bei dem dritten Verſe: Colin me delaisse) anzuwenden wäre. Rouſſeau entwickelte eine Theorie der Declamation und der Geſangsſprache, welche durch die geräuſchvolle Ankunft des Königs und einiger Höflinge unterbrochen wurde. 1 Die erſte Bewegung, das erſte Gefühl des Königs, als er dieſe vernachläßigte Perſon entwickelte, war genau dasſelbe, das Herr von Coigny kundgegeben hatte; nur kannte Herr von Coigny Rouſſeau und Ludwig XV. kannte ihn nicht. Er ſchaute alſo unſern freien Mann ſehr lang an, während er die Complimente und den Dank der Frau Dauphine empfing. Dieſer Blick, in dem ſeine ganz königliche Autorität *) All mein Glück hab' ich verloren. ) Colin verläßt mich. —— —— 223 ausgeprägt war; dieſer Blick, der ſich vor Keinem zu ſenken pflegte, brachte eine unbeſchreibliche Wirkung auf Rouſſeau hervor, deſſen Auge unſicher und ſchüchtern war. Die Dauphine wartete, bis der Koͤnig ſeine Betrach⸗ 88 vollendet hatte, trat dann gegen Rouſſeau vor und agte: „Will mir Eure Majeſtät erlauben, daß ich ihr un⸗ ſern Autor vorſtelle?“ „Ihren Antor?“ erwiederte der König, der ſich den Anſchein gab, als ſuchte er in ſeinem Gedächtniß. Rouſſeau ſtand während dieſes Geſprächs auf glühen⸗ den Kohlen. Das Auge des Königs durchlief nach und nach und verbrannte wie ein Sonnenſtrahl unter dem Linſenglas dieſen langen Bart, dieſen zweifelhaften Jabot, dieſen Staub und dieſe ſchlecht friſirte Perücke des größten Schriftſtellers ſeines Reichs. Die Dauphine bekam Mitleid mit dem Philoſophen. „Herr Jean Jacques Rouſſeau, Sire,“ ſagte ſie,„der Autor der reizenden Oper, die wir vor Eurer Majeſtät ſpielen werden.“ Der König hob den Kopf empor. „Ah!“ ſagte er kalt,„Herr Rouſſeau, ich grüße Sie.“ Und er ſchaute ihn fortwährend an, als wollte er ihm alle Unvollkommenheiten ſeines Anzugs darthun. Nouſſeau fragte ſich, wie man einen König von Frank⸗ reich begrüße, ohne ein Höfling zu ſein, aber auch ohne Unhöſtichkeit, denn er geſtand ſich, daß er im Hauſe dieſes Frürſten war. Doch während er ſich ſolche Raiſonnements machte, ſprach der König zu ihm mit jener durchſichtigen Leichtig⸗ keit der Fürſten, welche Alles geſagt haben, haben ſie dem⸗ jenigen, mit welchem ſie reden, etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes geſagt. Nouſſeau ſprach nicht, er war wie verſteinert; alle Phraſen, die er für den Tyrannen vorbereitet, hatte er vergeſſen. „Herr Rouſſeau,“ ſagte der König zu ihm, während 224 er beſtändig ſeinen Rock und ſeine Perücke anſchaute,„Sie haben eine reizende Muſik gemacht, die mir ſehr angenehme Augenblicke bereitet.“ Und der König ſing an, mit einer jedem Diapaſon und jeder Melodie im hoͤchſten Grade widerſtrebenden Stimme zu ſingen: si des galans de la ville J'eusse écouté des discours, Ah! qu'il m'eut été facile De former d'autres amours*) „Das iſt reizend,“ rief der König, als er geendigt hatte. Rouſſeau verbeugte ſich. „Ich weiß nicht, ob ich gut ſingen werde,“ ſagte die Frau Dauphine. Rouſſeau wandte ſich gegen die Prinzeſſin, um ihr in dieſer Hinſicht einen Rath zu geben. Aber der König begann raſch abermals und ſang die Romanze von Colin: Daus ma cabane obscure Toujours soucis nouveaux, Vent, soleil et froidure Toujours peine et travaux.**) Seine Majeſtät ſang furchtbar für einen Muſiker. Halb geſchmeichelt durch das Gedächtniß des Monarchen, halb verletzt durch ſeinen abſcheulichen Vortrag, machte Rouſſeau die Miene des Affen, der an einer Zwiebel knat belt und auf der einen Seite weint, während er auf der andern lacht. 4 *) Hätte ich auf die Reden der Galans in der Stadt gehört, ſo wäre es mir leicht geweſen, andere Liebſchaften anzufangen. *) In me ner dunklen Hütte ſtets neue Sorgen, Wind, Sonn“ und Kälte, ſtets Müh und Arbeit. wmas ſie verbietet. n 225 Die Dauphine verharrte in ihrem Ernſt mit der un⸗ ſtörbaren Kaltblütigkeit, die man nur bei Hofe trifft. Der König fuhr, ohne ſich um etwas zu bekümmern, fort: Colette, ma bergère, Si tu viens hahiter, Colin dans sa chaumière N'a rien à regretter.*) Rouſſeau fühlte, wie ihm die Röthe ins Geſicht ſtieg. „Sagen Sie mir, Herr Rouſſeau,“ fragte der König, „iſt es wahr, daß Sie ſich zuweilen als Armenier kleiden?“ Rouſſeau wurde noch röther, und ſeine Zunge ver⸗ wickelte ſich in ſeinem Schlund dergeſtalt, daß ſie in die⸗ ſem Augenblick nicht für ein Königreich hätte functioniren können. Der König ſang weiter, ohne ſeine Antwort abzu⸗ warten: Ah! pour l'ordinaire L'amour ne sait guère Ce qu'il permet, ce qu'il défend.**) „Sie wohnen, glaube ich, in der Rue Platriére?“ fragte der Koͤnig. Rouſſeau machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf... Doch dies war der letzte Reſt ſeiner Kräfte... nie hatte er in ſeinem Innern ſo ſehr um Hülfe gerufen. Der König trällerte: C'est un enfant, C'est un enfant... ss) Colette, meine Schäferin, bewohnſt du ſie mit mir, ſo wird Colin in ſeiner Hütte nichts mehr vermiſſen. **) Ah! gewöhnlich weiß die Liebe kaum, was ſie erlaubt, *) Es iſt ein Kind, es iſt ein Kind Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 15 226 „Man ſagt, Sie ſtehen ſehr ſchlecht mit Voltaire, Herr Rouſſeau?“ Nun verlor Rouſſeau das Wenige, was er noch an Kopf beſaß; er verlor auch alle Haltung. Der König ſchien kein großes Mitleid mit ihm zu haben; er fuhr in ſeiner unbändigen Melomanie fort und entfernte ſich, wäh⸗ rend er noch: Allons danser sous les ormeaux, Animez vos jeunes fillettes.*) mit einer Orcheſterbegleitung ſang, welche Apollo umge⸗ bracht hätte, wie der letztere den Marſyas umbrachte. Rouſſeau blieb allein, mitten im Foyer. Die Dau⸗ phine hatte ihn verlaſſen, um die letzte Hand an ihre Toilette zu legen. Rouſſeau erreichte wankend, tappend wieder den Cor⸗ ridor; doch in der Mitte ſtieß er ſich an einem von Diamanten, Blumen und Spitzen blendenden Paar, das den Corridor füllte, obgleich der junge Mann ſehr zärt⸗ lich den Arm der jungen Frau umſchloß. Die junge Frau mit ihren zitternden Spitzen, mit ihrem rieſigen Kopfputz, mit ihrem Fächer und ihren Wohlgerüchen, war ſtrahlend wie ein Geſtirn. Rouſſeau war von ihr geſtoßen worden. Schlank, zart, reizend, ſein blaues Band auf ſeinem engliſchen Jabot zerknitternd, ließ der junge Mann ein ſchallendes Gelächter von gewinnender Offenherzigkeit ver⸗ nehmen, das er dann plötzlich wieder durch ein kurzes, ab⸗ ſichtliches Schweigen oder durch ein Geflüſter unterbrach, worüber die Dame ebenfalls laut lachte, was zuſam⸗ mengenommen zeigte, daß die Beiden im beſten Einver⸗ 6 ſtändniß mit einander waren. Rouſſeau erkannte die Frau Gräfin Dubarry in aßt uns unter den Ulmen tanzen, feuert eure Mädchen an. 227 dieſer ſchoͤnen Dame, in dieſem verführeriſchen Geſchöpf; und ſobald er ſie geſehen hatte, ſah er, gemäß ſeiner Gewohnheit, ſein ganzes Weſen in eine einzige Betrach⸗ tung zuſammenzudrängen, ſah er ihren Gefährten nicht mehr. Der junge Mann mit dem blauen Band war kein Anderer, als der Graf von Artois, der ganz heiteren Herzens mit der Geliebten ſeines Großvaters tollte. Als Madame Dubarry die ſchwarze Geſtalt von Rouſſeau erblickte, ſchrie ſie: „Ah! mein Gott!“ „Was gibt es?“ fragte der Graf von Artois, der den Philoſophen ebenfalls anſchaute. Und ſchon ſtreckte er die Hand aus, um ſeiner Gefährtin ſachte Platz zu machen. „Herr Rouſſeau!“ rief Madame Dubarry. „Rouſſeau von Genf?“ ſagte der Graf von Artois mit dem Tone eines Schülers in den Ferien. „Ja, Monſeigneur,“ erwiederte die Gräfin. „Ah! guten Abend, Herr Rouſſeau,“ ſprach der Muthwillige, als er ſah, wie Rouſſeau einen verzweifel⸗ ten Verſuch machte, um ſich den Durchgang zu erzwingen, „guten Abend... wir werden Ihre Muſik hoͤren.“ „Monſeigneur...“ ſtammelte Rouſſeau, der das blaue Band erblickte. „Ah! reizende Muſik, ganz im Einklang mit dem Geiſte und dem Herzen ihres Urhebers,“ ſagte die Gräfin. Rouſſeau ſchaute empor und verſengte ſeinen Blick im Feuerblick der Gräfin. „Madame,“ ſagte er in übler Laune. „Ich werde Colin ſpielen, Madame,“ rief der Graf von Artois,„und ich bitte Sie, Frau Gräfin, ſpielen Sie Colette.“ 1 „Von Herzen gern, Monſeigneur; doch ich, die ich keine Künſtlerin bin, werde es nie wagen, die Mufik des Meiſters zu profaniren.“ * Rouſſeau hätte ſein Leben gegeben, um noch einmal ſchauen zu dürfen, aber die Stimme, aber der Ton, aber 228 die Schmeichelei, aber die Schönheit hatten jedes eine Angel in ſein Herz gelegt. 3 Er wollte fliehen.— „Herr Rouſſeau,“ ſagte der Prinz, indem er ihm den Weg verſperrte,„Sie ſollen mich die Rolle von Colin lehren.“ „Ich würde es nicht wagen, den Herrn zu bitten, mir ſeinen Rath für die von Colette zu geben,“ ſagte die Gräfin, welche eine Schüchternheit heuchelte, die den Philoſophen vollends niederſchlug. Die Augen des Letzteren fragten indeſſen warum. 8 „Der Herr ⸗haßt mich,“ ſagte ſie zu dem Prinzen mit ihrer bezaubernden Stimme.. „Gehen Sie doch,“ rief der Graf von Artois,„Sie! wer kann Sie haſſen, Madame?“ „Sie ſehen es wohl,“ ſprach die Gräͤfin. „Herr Rouſſeau iſt ein zu anſtändiger Mann und macht zu hübſche Sachen, um eine ſo reizende Frau zu fliehen,“ ſagte der Graf von Artois. Rouſſeau ſtieß einen gewaltigen Seufzer aus, als wäre er den Geiſt aufzugeben im Begriff geweſen, und er entfloh durch die ſchmale Oeffnung, die der Graf von Artois unvorſichtiger Weiſe zwiſchen ihm und der Wand ließ.. Doch Rouſſeau hatte kein Glück an dieſem Abend; er machte nicht vier Schritte, ohne auf eine neue Gruppe zu ſtoßen. Diesmal beſtand die Gruppe aus zwei Männern, einem alten und einem jungen. Der eine trug das blaue Band, dies war der jüngere; der andere, der ungefähr fünf und fünfzig Jahre alt ſein mochte, war roth gekleidet und ganz bleich von ſtrenger Lebensart. Dieſe zwei Männer hörten den luſtigen Grafen von Artois ſchreien und aus Leibeskräften lachen. „Ah! Herr Rouſſeau, Herr Rouſſeau, ich werde ſagen, die Frau Gräfin habe Sie in die Flucht geſchlagen, und in der That, Niemand wird es glauben wollen.“ 229 „Rouſſeau!“ ſagten die zwei Männer. „Halte ihn auf, mein Bruder!“ rief der Prinz immer noch lachend;„halten Sie ihn auf, Herr de la Vauguyon.“ Rouſſeau ſah ein, an welcher Klippe ſein Unſtern ihn ſcheitern gemacht hatte. „Der Herr Graf von Provence und der Hofmeiſter der Kinder von Frankreich!“ Der Graf von Provence verſperrte Rouſſeau auch den Weg. „Guten Abend, mein Herr,“ ſagte er mit ſeiner pedantiſchen Stimme.„ Rouſſeau verbeugte ſich ganz verwirrt und murmelte: „Ich werde nicht hinauskommen.“ „Ahl es iſt mir ſehr lieb, daß ich Sie finde,“ ſprach der Prinz mit dem Ton eines Lehrers, der einen fehlenden Schüler ſuchte und ihn nun wieder findet.. „Abermals alberne Complimente,“ dachte Rouſſeau. „Was dieſe Großen doch fad ſind!! 4 „Ich habe Ihre Ueberſetzung des Tacitus geleſen, mein Herr.“.* „Ah! es iſt wahr,“ ſagte Rouſſeau zu ſich ſelbſt, „dieſer iſt ein Gelehrter, ein Pedant.“ „Wiſſen Sie, daß Tacitus ſehr ſchwer zu über⸗ ſetzen iſt?“ „Monſeigneur, ich habe dies in einer kleinen Vorrede geſchrieben. „Ich weiß es wohl; Sie ſagen dort, Sie verſtehen das Lateiniſche nur mittelmäßig.“ 4 „Monſeigneur, das iſt wahr.“ „Warum überſetzen Sie dann den Tacitus, Herr Rouſſeau?“ 3 4 „Monſeigneur, es iſt eine Stylübung „Ah! Herr Rouſſeau, Sie haben Unrecht gehabt, imperatoria brevitate mit: eine ernſte und bün⸗ dige Rede, zu überſetzen.— Rouſſeau ſuchte unruhig in ſeinem Gedächtniß. 44 230 „Ja,“ ſagte der junge Prinz mit der Wichtigkeit eines alten Gelehrten, der einen Fehler in Saumaire her⸗ vorhebt;„ja, Sie haben ſo überſetzt. Es iſt in dem Paragraphen, wo Tacitus erzählt, Piſo habe eine Rede an ſeine Soldaten gehalten... „Nun, Monſeigneur?“ „Herr Rouſſeau, imperiatoria brevitate bedeutet mit der Bündigkeit eines Generals, oder eines Mannes, der zu befehlen gewohnt iſt. Die Bündigkeit des Befeh⸗ lens... das iſt der Ausdruck, nicht wahr, Herr de la Vauguyon?“ 1 „Ja, Monſeigneur,“ antwortete der Hofmeiſter. Rouſſeau antwortete nichts. Der Prinz fügte bei: „Das iſt ein ſchöner Widerfinn, Herr Rouſſeau... Ohl ich werde noch einen andern finden.“ Rouſſeau erbleichte. „Ah! Herr Rouſſeau, es iſt in dem Paragraphen, der ſich auf Cecina bezieht. Er fängt alſo an: At in superiore Germania. Sie wiſſen, man entwirft das Portrait von Cecina und Tacitus ſagt: cito sermone.“ „Ich erinnere mich vollkommen, Monſeigneur.“ „Sie haben das überſetzt: gut ſprechend.“ „Allerdings, Monſeigneur, und ich glaube...“ „Cito sermone beſagt: der ſchnell ſpricht, nämlich leicht ſpricht.“ „Habe ich geſagt: gut ſprechend?“ „Dann hätte es heißen müſſen decoro, oder ornato oder eleganti sermonée; cito iſt ein maleriſches Beiwort, mein Herr! Es iſt wie bei der Schilderung der Sitten⸗ veränderung von Otto. Tacitus ſagt: Delata voluptate, dissimulata luxuria, cunetaque ad imperii decorem composita.“ 1 „Ich habe überſetzt durch: auf andere Zeiten das Gepränge und die Schwelgerei verſchiebend, ſetzte er Jeder⸗ mann dadurch in Erſtaunen, daß er den Ruhm des Reiches wiederherzuſtellen bemüht war. „Mit unrecht, Herr Rouſſeau, mit Unrecht. Einmal ——— 231 haben Sie eine einzige Phraſe aus drei kleinen Phraſen gemacht, was Sie nöthigte, dissimulata luxuria ſchlecht zu überſetzen; ſodann haben Sie einen Widerſinn in dem letzten Gliede der Phraſe gemacht. Tacitus wollte nicht ſagen, der Kaiſer Otto habe ſich bemüht, den Ruhm des Reiches wiederherzuſtellen, er wollte ſagen, ſeine Leiden⸗ ſchaften nicht mehr befriedigend und ſeine ſchwelgeriſchen Gewohnheiten verſtellend, habe er Alles geſchlichtet, Alles zu ordnen ſich beeifert, Allem eine neue Wendung gegeben; Sie verſtehen, Herr Rouſſeau? er habe Alles zum Ruhm des Reiches angewendet. Das iſt der Sinn, er iſt zu⸗ ſammengeſetzt; der Ihrige iſt zu beſchränkt, nicht wahr, Herr de la Vauguyon?“ Rouſſeau ſchwitzte und keuchte unter dieſem unbarm⸗ herzigen Druck. Der Prinz ließ ihn einen Augenblick athmen und ſagte dann: „Sie ſind in der Phlloſophie viel groͤßer.“ Rouſſeau verbeugte ſich. „Nur iſt Ihr Emile ein gefährlicher Löwe.“ „Gefährlich, Monſeigneur?“ „Ja, durch die Menge falſcher Ideen, die er den kleinen Bürgern geben wird.“ „Monſeigneur, ſobald ein Menſch Vater iſt, entſpricht eer den Bedingungen meines Buches, mag er der Größte, mag 1 der Letzte des Königreiches ſein... Vater ſein .. iſt... „Sagen Sie, Herr Nouſſeau,“ fragte plötzlich der boshafte Prinz,„Ihre Bekenntniſſe ſind ein ſehr unterhaltendes Buch... Wie viel haben Sie denn im Ganzen Kinder gehabt?“ Rouſſeau erbleichte, wankte und ſchaute den jungen Henker mit einem Auge voll Zorn und Verwunderung an, deſſen Ausdruck die boshafte Laune des Grafen von Pro⸗ vence verdoppelte. 4 Der Prinz entfernte ſich, ohne die Antwort abzu⸗ warten; er hielt ſeinen Lehrer am Arm und verfolgte ſeine 23² Commentare über die Werke des Mannes, den er durch ſeinen ſcharfen Tadel niedergeſchmettert hatte. Rouſſeau, der allein geblieben war, erwachte allmälig aus ſeiner Betäubung, als er die erſten Takte ſeiner Ouverture vom Orcheſter ſpielen hörte. Schwankend wandte er ſich nach dieſer Seite, und als er ſeinen Sitz erreicht hatte, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Ich Narr, ich Dummkopf, ich Feiger, der ich bin, nun habe ich die Antwort gefunden, die ich dieſem grau⸗ ſamen kleinen Pedanten hätte geben ſollen. „Monſeigneur,““ hätte ich zu ihm ſagen ſollen,„„es iſt von einem jungen Mann nicht liebreich, einen armen Greis ſo zu plagen.““ Er war ſo weit und ganz zufrieden mit ſeiner Phraſe, als die Frau Dauphine und Herr von Coigny ihr Duett begannen. Der Philoſoph wurde von ſeinen peinlichen Gedanken durch das Leiden des Muſikers abgebracht; nach dem Herzen hatte das Ohr ſeine Folter auszuſtehen. CXII. Die Probe. Sobald die Probe begonnen hatte und die Aufmerk⸗ ſamkeit durch das Schauſpiel ſelbſt erregt war, hörte Rouſe ſeau auf, bemerkt zu werden. Er war es, der um ſich her beobachtete. Er hoͤrte vornehme Herren, die unter der Kleidung von Land⸗ leuten falſch ſangen, und ſah Damen, welche wie Schäferin⸗ nen unter Hofgewändern coquettirten. Die Frau Dauphine ſang richtig, aber ſie war eine ſchlechte Schauſpielerin; ſie hatte überdies ſo wenig Stimme, daß man ſie kaum hörte. Der König hatte ſich, um Nie⸗ 233 mand einzuſchüchtern, in eine dunkle Loge geflüchtet, wo er mit den Damen plauderte. Der Herr Dauphin ſoufflirte die Worte der Oper, welche koͤniglich ſchlecht ging. Rouſſeau faßte den Entſchluß, nicht mehr zu horchen, aber es war ihm ſchwer, nicht mehr zu hoören. Es wurde ihm jedoch ein Troſt zu Theil: er erblickte ein köſtliches Geſicht unter den erhabenen Comparſen, und das Land⸗ mädchen, das der Himmel mit dieſem ſchönen Geſicht aus⸗ geſtattet hatte, ſang mit der ſchoͤnſten Stimme von der ganzen Truppe. Rouſſeau drängte alſo ſeine ganze Aufmerkſamkeit wie⸗ der in einem Punkte zuſammen, betrachtete gierig über ſein Pult die reizende Figurantin und öͤffnete ſeine beiden Ohren, um die ganze Melodie ihrer Stimme in ſich zu ziehen. Die Dauphine, welche den Autor ſo aufmerkſam ſah, überredete ſich leicht durch ſein Lächeln, durch ſeine ſter⸗ benden Augen, er ſinde die Ausführung der guten Stücke befriedigend, neigte ſich, um ein Compliment zu bekommen, denn ſie war Weib, gegen das Pult und ſagte: „Iſt es ſchlecht ſo, Herr Rouſſeau?“ Ganz erſtarrt, erwiederte Rouſſeau nichts. „Ah! wir haben gefehlt, und Herr Rouſſeau wagt es nicht, es zu ſagen,“ ſprach die Dauphine.„Ich bitte, ſagen Sie es gerade heraus.“ Die Blicke von Rouſſeau verließen die ſchöne Perſon nicht mehr, welche die Aufmerkſamkeit nicht bemerkte, deren Gegenſtand ſie war. „Ah!“ ſagte die Dauphine, indem ſte der Richtung des Blickes unſeres Philoſophen folgte,„SFräulein von Taverney hat einen Fehler gemacht!... Andrée erroͤthete, ſie ſah, wie ſich Aller Augen auf ſie richteten. 3 „Nein! nein!“ rief Rouſſeau,„nicht das Fräulein, denn das Fräͤulein ſingt wie ein Engel.“ — 234 Madame Dubarry ſchoß auf den Philoſophen einen Blick ab, der ſpitziger war als ein Wurfſpieß. „Finden Sie, daß dieſes Mädchen gut ſingt?“ fragte Madame Dubarry den König, den die Worte von Rouſ⸗ ſeau ſichtbar betroffen hatten. „Ich höre es nicht,“ ſagte Ludwig XV.;„bei einem Enſemble muß man hiezu Muſiker ſein.“ Indeſſen bewegte ſich Rouſſeau in ſeinem Orcheſter, um den Chor Colin revient à sa bergèere Célèbrons un retour si beau.*) ſingen zu laſſen. Als er ſich nach einem Verſuch umwandte, gewahrte er Herrn von Juſſieu, der ihn äußerſt freundlich grüßte. Es war kein geringes Vergnügen für den Genfer, daß ihn den Hof ein Mann von Hof dirigiren ſah, der ihn durch die Ueberlegenheit ſeiner Stellung ein wenig ge⸗ demüthigt hatte. 4 Er erwiederte ſeinen Gruß auf eine ceremoniöſe Weiſe und ſchaute wieder Andrée an, welche das Lob noch ſchöner gemacht hatte. Die Probe nahm ihren Fortgang und Madame Du⸗ barry ward von einer gräßlichen Laune; ſie hatte zweimal Ludwig XV. ertappt, wie er durch das Schauſpiel bei den ſchoͤnen Dingen, die ſie ihm ſagte, zerſtreut war. Das Schauſpiel war nothwendig für die Eiferſüchtige nur Andrée, was die Frau Dauphine nicht abhielt, viele Complimente einzuernten und ſich von einer reizenden Hei⸗ terkeit zu zeigen. Der Herr Herzog von Nichelieu umflatterte ſie mit der Leichtigkeit eines Jünglings, und es war ihm gelungen, im Hintergrund des Theaters einen Kreis von Lachern zu *) Colin kehrt zu ſeiner Schäferin zurück, feiern wir eine ſo ſchöne Rückkehr. 4 e 3 235 bilden, deſſen Mittelpunkt die Dauphine war, und der die Partei Dubarry wüthend beunruhigte. „Es ſcheint, Fräulein von Taverney hat eine ſehr hübſche Stimme,“ ſagte er ganz laut. „Reizend,“ verſetzte die Dauphine,„und ohne meinen Egoismus hätte ich ſie die Colette ſpielen laſſen, da ich aber dieſe Rolle zu meiner Beluſtigung gewählt habe, ſo überlaſſe ich ſie Niemand.“ „Ah! Fräulein von Taverney, würde ſie nicht beſſer ſingen, als Eure königliche Hoheit,“ ſprach Richelieu, „und... „Das Fräulein iſt eine vortreffliche Tonkünſtlerin,“ ſprach Rouſſeau tief durchdrungen. „Vortrefflich,“ ſagte die Dauphine,„und ſie iſt es, wenn ich es geſtehen ſoll, die mich meine Rolle lehrt... und dann tanzt ſie zum Entzücken, und ich tanze ſehr ſchlecht. Man kann ſich denken, welche Wirkung dieſe Ge⸗ ſpräche auf Madame Dubarry und auf dieſes ganze Volk von Neugierigen, von Neuigkeitskrämern, von Intriganten und Neidiſchen hervorbrachte; Jeder erntete ein Vergnü⸗ gen, indem er eine Wunde machte, oder empfing den Schlag mit Schmerz und Scham. Es gab keine Gleich⸗ gültige, Andrée vielleicht ausgenommen. Von Richelieu angeſtachelt, ließ die Dauphine am Ende Andrée die Romanze: Pai perdu mon serviteur, Colin me delaisse*) ſingen. Man ſah, wie der König mit ſeinem Kopf mit ſo lebhaften Bewegungen des Vergnügens den Takt gab, daß DWaalle Schminke von Madame Dubarry in kleinen Schuppen abſiel, wie dies die Malerei in der Feuchtigkeit thut. Boshafter als ein Weib, weidete ſich Richelieu an *) Meinen Diener hab' ich verloren und Colin verläſſet mich. ——y 236 ſeiner Rache. Er näherte ſich Taverney, dem Vater, und dieſe zwei Greiſe bildeten eine Gruppe von Statuen, die d man die Heuchelei und die Sittenverderbniß, ein Verbin⸗ dungsprojekt ausheckend, hätte nennen können. Ihre Freude wurde um ſo lebhafter, je mehr ſich die 1 Stirne von Madame Dubarry allmälig verdüſterte. Sie füllte das Maß derſelben bis zum Rand, als ſie mit b einer Art von Zorn aufſtand, was ganz gegen die Regeln war, da der König noch ſaß. Die Höflinge fühlten den Sturm wie die Ameiſen und ſie beeilten ſich, Schutz bei den Stärkeren zu ſuchen. Man ſah auch die Dauphine mehr von ihren Freunden umgeben, Madame Dubarry mehr von den ihrigen um⸗ ſchmeichelt. Allmälig ging das Intereſſe der Probe von ſeiner natürlichen Linie ab und zu einer andern Ideenordnung über. Es handelte ſich nicht mehr um Colette oder Colin, und viele Zuſchauer dachten, es wäre vielleicht bald an Madame Dubarry zu ſingen: Pai perdu mon serviteur, Colin me delaisse. „Siehſt Du,“ ſagte Richelieu leiſe zu Taverney, „ſiehſt Du den betäubenden Sieg Deiner Tochter?“ Und er zog ihn in den Corridor und ſtieß eine Gla⸗ thüre auf, von der er einen Neugierigen herabfallen machte, welcher ſich an das Fenſter gehängt hatte, um in den Saal zu ſehen.. 3 „Die Peſt über dieſen Burſchen,“ brummte Herr von Richelieu, während er ſeinen Aermel abſtäubte, den der Gegenſchlag der Thüre getroffen hatte, und beſonders, al er ſah, daß der Neugierige wie die Arbeiter des Schloſſes gekleidet war. Es war in der That einer, der ſich, einen Blumen⸗ korb unter dem Arm, hinter den Glasſcheiben aufgehißt ——— Seite. 237 hatte, um ſeine Augen in den Saal zu tauchen, wo er das ganze Schauſpiel geſehen. Er wurde in den Gang zurückgeſtoßen und wäre beinahe rücklings gefallen; aber wenn er nicht ſiel, ſo wurde doch wenigſtens ſein Korb umgeworfen. „Ah! ich kenne dieſen Burſchen,“ ſagte Taverney mit einem zornigen Blick. 3 „Wer iſt es?“ fragte der Herzog. „Was machſt Du hier, Schuft?“ fragte Taverney. Gilbert, denn er war es, und der Leſer hat ihn auch ſchon erkannt, erwiederte ſtolz: „Sie ſehen, ich ſchaue.“ „Statt Deine Arbeit zu verrichten?“ rief Richelieu. „Meine Arbeit iſt ſchon verrichtet,“ ſagte Gilbert demüthig zum Herzog, jedoch ohne Taverney eines Blickes zu würdigen. „Ich ſoll alſo dieſen Taugenichts überall finden,“ rief Taverney. „Stille! ſtille! mein Herr,“ unterbrach ihn eine ſanfte Stimme...„mein kleiner Gilbert iſt ein guter Arbeiter und ein ſehr anſtelliger Botaniker.“— Taverney wandte ſich um und ſah Herrn von Juſſieu, der Gilbert die Wangen ſtreichelte. Er erröthete vor Zorn und entfernte ſich. „Die Bedienten hier,“ murmelte er. „St!“ ſagte Richelieu zu ihm,„Nicole iſt auch wohl da... ſchau'... in der Ecke jener Thüre, dort, die kleine muntere Dirne verliert keinen Blick.“ Nicole erhob in der That hinter zwanzig andern Be⸗ dienten von Trianon ihren reizenden Kopf, und ihre durch das Erſtaunen und die Bewunderung weit aufgeriſſenen Augen ſchienen Alles doppelt zu ſehen. Gilbert erblickte ſie und wandte ſich auf eine andere „Komm, komm,“ ſagte der Herzog zu Taverney,„ich glaube, daß Dich der König ſprechen will, er ſucht. 238 Und die zwei Freunde entfernten ſich in der Richtung der Loge des Koͤnigs. Völlig aufrecht ſtehend, correſpondirte Madame Du⸗ barry mit Herrn von Aigulllon, welcher ebenfalls ſtand. Dieſer verlor mit ſeinem Auge keine Bewegung ſeines Oheims. Rouſſeau, der allein geblieben war, bewunderte Andrée; er war, wenn man uns dieſen Ausdruck geſtatten will, damit beſchäftigt, ſich in ſie zu verlieben. Die erhabenen Schauſpieler kleideten ſich in ihren Logen aus, wo Gilbert die Blumen erneuert hatte. Taverney, der im Gang allein geblieben war, ſeitdem ſich Herr von Richelieu wieder zum König zurückbegeben hatte, fühlte, wie ſein Herz in der Erwartung bald er⸗ ſtarrte, bald in heißen Flammen aufloderte. Endlich kam der Herzog zurück und legte einen Finger auf ſeine Lippen. Taverney erbleichte vor Freude und ging ſeinem Freund entgegen, der ihn unter die königliche Loge fortzog. Hier hörten ſie, was wenige Menſchen hören konnten. Madame Dubarry ſagte zum König: —„Darf ich Eure Majeſtät beim Abendbrod erwarten?“ Und der Koͤnig antwortete: „Ich fühle mich ermüdet, entſchuldigen Sie mich, Gräfin.“ In demſelben Augenblick kam der Dauphin, er trat beinahe auf die Füße der Gräfin, ohne daß er ſie zu ſehen ſchien, und fragte den Koͤnig: „Sire, wird uns Cure Majeſtät die Chre erweiſen, in Trianon zu Nacht zu ſpeiſen.“. 4 „Nein, mein Sohn; ich ſagte es ſo eben Madame; ich fühle mich ermüdet; Eure ganze Jugend würde mich betäuben... Ich werde allein zu Nacht ſpeiſen.“ 3 Der Dauphin verbeugte ſich und kehrte zurück, Ma⸗ dame Dubarry bückte ſich bis an den Gürtel und ging ganz zitternd vor Zorn weg. Der König machte nun Richelien ein Zeichen. 8 4 —/ 239 „Herzog,“ ſagte er,„ich habe von einer gewiſſen Angalegenbeſt mit Ihnen zu ſprechen, die Sie angeht.“ „Sire.“ „Ich bin nicht zufrieden geweſen... Sie ſollen mir Aufklärung geben... hören Sie... ich ſpeiſe allein zu Nacht, Sie werden mir Geſellſchaft leiſten.“ . Und der König ſchaute Taverney an. „Sie kennen, glaube ich, dieſen Edelmann, Herzog?“ „Herrn von Taverney? Ja, Sire.“ „Ah! der Vater der reizenden Sängerin?“ „Ja, Sire.“ „Hoͤren Sie mich, Herzog.“ Der König bückte ſich, um Richelieu in's Ohr zu ſprechen. Taverney preßte ſich die Nägel in die Haut, um keine Aufregung zu verrathen.— Einen Augenblick nachher ging Richelieu an Taverney vorbei und ſagte zu ihm: „Folge mir, ohne daß es den Anſchein hat, als ge⸗ ſcchähe es abſichtlich.“ „Wohin?“ fragte Taverney. „Komm immerhin.“ Der Herzog entfernte ſich. Taverney folgte ihm auf zwanzig Schritte bis in die Gemächer des Koͤnigs. Der Herzog trat in das Zimmer ein; Taverney blieb im Vorzimmer.— ———— — — 240 CXIII. Das Schmuckkäſtchen. Herr von Taverney wartete nicht lange. Richelieu fragte den Kammerdiener Seiner Majeſtät nach dem, was der König auf ſeiner Toilette zurückgelaſſen, und kam bald wieder mit einem Gegenſtand heraus, den der Baron An⸗ fangs unter der ſeidenen Hülle, die ihn bedeckte, nicht unterſcheiden konnte. Aber der Marſchall benahm ſeinem Freunde die Un⸗ ruhe, er führte ihn gegen die Gallerie. „Baron,“ ſagte er, ſobald er ſich mit ihm allein ſah, „Du ſcheinſt mir zuweilen an meiner Freundſchaft für Dich zu zweifeln?“ „Seit unſerer Ausſöhnung nicht mehr,“ erwiederte Taverney.. „Dann haſt Du an Deinem Glück und an dem Deiner Kinder gezweifelt?“. „Oh! was das betrifft, ja.“ „Nun! Du hatteſt Unrecht. Dein Glück und das f Deiner Kinder macht ſich mit einer Schnelligkeit, die Dir den Schwindel bereiten müßte,“ 8 „Bah!“ verſetzte Taverney, welcher einen Theil der Wahrheit im Helldunkel erblickte, der ſich aber Gott nicht anvertraut hätte, und ſich folglich vor dem Teufel wohl ſucz„wie macht ſich das Glück meines Kindes ſo ſchnell?“ „Haben mir nicht ſchon Herrn Philipp als Kapitän einer vom König bezahlten Compagnie?“ „Ah! das iſt wahr, und das habe ich Dir danken.“ 3 „Keines Wegs. Dann werden wir Fräulein von verney vielleicht als Marquiſe haben.... ver⸗ 241 „Ah! ich bitte Dich!“ rief Taverney,„wie, meine Tochter... „Höre, Taverney, der König iſt voll Geſchmack; die Schoͤnheit, die Anmuth und die Tugend, wenn ſie vom Talent begleitet ſind, entzücken Seine Majeſtät... Fräu⸗ lein von Taverney vereinigt aber nun alle dieſe Vorzüge in ſehr hohem Grade... Der Koͤnig iſt alſo entzückt von Fräulein von Taverney.“ „Herzog,“ erwiederte Taverney, indem er eine für den Marſchall mehr als groteske Miene der Würde an⸗ nahm,„Herzog, wie erklärſt Du das Wort: entzückt?“ Richelieu liebte die Anmaßung nicht, er erwiederte alſo ſeinem Freund ganz trocken: „Baron, ich bin nicht ſtark in der Linguiſtik, ich kenne ſogar die Orthographie ſehr wenig. Entzückt be⸗ deutete für mich immer übermäßig zufrieden, horſt Du... Biſt Du übermäßig unwillig darüber, daß Du den König mit der Schönheit, mit dem Talent, mit dem Verdienſt Deiner Kinder übermäßig zufrieden ſiehſt, ſo brauchſt Du nur zu ſprechen.. Ich kehre zu Seiner Majeſtät zurück.“ Hiebei drehte ſich Richelieu mit einer ganz jugend⸗ lichen Leichtigkeit auf den Abſätzen um. „Herzog, Du haſt mich nicht wohl verſtanden,“ rief der Baron, indem er ihn zurückhielt.„Alle Teufel! Du biſt lebhaft.“ — 242 „Mein Lieber, Du haſt Deine Tochter wie eine Wilde erzogen.“ V „Mein Lieber, das Fräulein, meine Tochter, hat ſich ganz allein erzogen; Du begreifſt wohl, daß ich mich z3u dieſem Ende nicht übermäßig angeſtrengt habe... Ich hatte genug, daß ich in meinem Loch Taverney leben mußte; die Tugend iſt bei ihr ganz allein gewachſen.“ „Und man ſagt, die Leute vom Lande verſtehen es, das Unkraut auszureißen. Kurz, Deine Tochter iſt ein 9 243 ſchenken wollte... Doch da Deine Tochter ſo ſcheu iſt, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Herzog, Du denkſt das nicht, das hieße den König beleidigen!“ „Allerdings hieße das den Koͤnig beleidigen; aber iſt das nicht immer die Eigenſchaft der Jugend, daß ſie irgend Jemand oder irgend Etwas beleidigt?“ „Oh! Herzog, ſei ruhig,“ ſagte Taverney,„das Kind iſt nicht ſo unvernünftig.“ „So ſprichſt Du, aber nicht ſie.“ „Ja, aber ich weiß wohl, was ſie ſagen oder thun wird.“ „Die Chineſen ſind ſehr glücklich,“ ſagte Richelieu. „Warum?“ fragte Taverney erſtaunt. „Weil ſie viele Canäle und Flüſſe in ihrem Land haben.“ „Herzog, Du veränderſt das Geſpräch, bring' mich nicht in Verzweiflung, rede mit mir.“ „Ich rede mit Dir, Baron, und verändere das Ge⸗ ſpräch durchaus nicht.“ „Wie kommſt Du auf die Chineſen, welche Beziehung haben ihre Flüſſe zu meiner Tochter?“ „Eine ſehr große... Die Chineſen, ſage ich Dir, haben das Glück, daß ſie, ohne daß man ihnen den ge⸗ ringſten Vorhalt darüber macht, ihre Toͤchter, die zu tugendhaft ſind, ertränken können.“ „Oh! Herzog, man muß auch hillig ſein. Denke Dir, Du habeſt eine Tochter.“ „Bei Gott! ich habe eine; und wollte man mir ſagen, ſie ſei zu tugendhaft, ſo wäre das ſehr boshaft.“ „Du würdeſt ſie lieber anders haben, nicht wahr?“ „Oh! ich, ich miſche mich nicht in die Angelegen⸗ heiten meiner Kinder, wenn ſie einmal ac t Jahre voruͤber find.“— „Höre mich wenigſtens. Wenn der König mich be⸗ aauftragte, Deiner Tochter ein Halsband anzubieten, und Deine Tochter würde ſich bei Dir beklagen?“ 2 244 „Oh! mein Freund, keine Vergleichungen. Ich habe beſtändig bei Hofe gelebt; Du haſt als Hurone gelebt, das läßt ſich nicht vergleichen... Was Tugend für Dich iſt, iſt für mich Albernheit; ſiehſt Du,— erfahre dies, um Dich darnach zu richten, nichts iſt widerwärtiger, als den Leuten zu ſagen:„„Was hätten Sie unter dieſen oder jenen Umſtänden gethan?““ Und dann täuſchſt Du Dich in Deinen Vergleichungen, mein Lieber, es handelt ſich keines Wegs darum, daß ich Deiner Tochter ein Halsband anbieten ſoll.“ „Du haſt es mir geſagt.“ „Ich, ich habe kein Wort davon geſagt. Ich äußerte nur, der König habe mir befohlen, ein Schmuckkäſtchen für Fräulein von Taverney, deren Stimme ihm gefallen, in ſeinem Zimmer zu holen; aber ich ſagte nicht ein ein⸗ ziges Mal, Seine Majeſtät habe mich beauftragt, es der jungen Perſon anzubieten.“ „Dann weiß ich wahrhaftig nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht,“ rief der Baron in Verzweiflung.„Ich be⸗ greife nicht ein Wort, Du ſprichſt in Räthſeln. Warum ſollte der Koͤnig dieſes Halsband geben, wenn nicht, um ein Geſchenk damit zu machen, warum ſollte er Dich da⸗ mit beauftragen, wenn nicht, daß Du es überreichſt?“ Richelieu ſtieß einen gewaltigen Schrei aus, als ob er eine Spinne erblickte. „Ah!“ machte er,„puh! puh! der Hurone... pfui, das häßliche Thier.“ „Wer dies?“ „Du, mein guter Freund, Du, mein Getreuer; Du fällſt aus dem Mond, mein armer Baron.“ 1„Ich weiß nicht mehr...“ „Nein, Du weißt nichts. Mein Lieber, wenn ein König einer Frau ein Geſchenk macht und er ertheilt Herrn von Richelieu dieſen Auftrag, ſo iſt dieſes Geſchenk noobel und der Auftrag wird gut beſorgt, erinnere Dich —e 4* deſſen. Ich übergebe dieſes Schmuckkäſtchen nicht, mein —— 3—— 4 9 7 1 1 Tochter.“ 245 Lieber; das war das Geſchäft von Herrn Lebel. Haſt Du Herrn Lebel gekannt?“ „Wen beauftragſt Du denn damit?“ „Mein Freund,“ ſagte Richelieu, indem er Taverney auf die Schulter klopfte und dieſe Geberde mit einem teufliſchen Lächeln begleitete,„wenn ich es mit einer ſo bewunderungswürdigen Tugend wie Fräulein Andrée zu thun habe, ſo bin ich ſo moraliſch als nicht Einer; wenn ich mich einer Taube nähere, wie Du ſagſt, ſo riecht nichts bei mir nach dem Raben; wenn ich zu einer Jungfrau abgeſandt werde, ſo ſpreche ich mit dem Vater... Ich ſpreche mit Dir, Taverney, und händige Dir das Sche käſtchen ein, damit Du 9 Deiner Tochter gibſt... Willſt Du nun... Er reichte ihm das Kaͤſtchen. „Oder willſt Du nicht?“ Es zog es zurück. „Oh! ſage doch dies Alles auf der Stelle,“ rief der Baron;„ſage, ich ſei von Seiner Majeſtät beauftragt, dieſes Geſchenk zu übergeben: es iſt„ganz legitim und wird ganz väterlich, es reinigt ſich. „Um dies zu denken, müßteſt Du Seine Majeſtät im Verdacht haben, ſie hege ſchlimme Abſichten,“ ſprach Ri⸗ chelieu mit ernſtem Tone.„Das würdeſt Du aber nie wagen, nicht wahr?“ „Gott behüte mich! Doch die Welt... nämlich meine Richelieu zuckte die Achſeln. „Nimmſt Du, ja oder nein?“ ſagte er. Taverney ſtreckte raſch ſeine Hand aus. „So biſt Du moraliſch?“ ſagte er zu dem Herzog mit einem Lächeln, das ein Zwilling von dem war, welches Niicchelieu an ihn gerichtet hatte. „Findeſt Du nicht, Baron, daß es eine reine Mora⸗ lität iſt, den Vater, der Alles reinigt, wie Du ſagteſt, zwiſchen dem Entzücken des Monarchen und dem Binber Deiner Tochter ins Mittel treten zu laſſen?... Herr 246 Jean Jacques Rouſſeau von Genf, der vorhin hier umher ſchweifte, mag ſein Urtheil über uns fällen; er wird Dir ſagen, daß der ſelige Joſeph unlauter gegen mich war.“ Richelieu ſprach dieſe wenigen Worte mit einem Phlegma, mit einer Vornehmheit, mit einer Geziertheit, die Taverney mit ſeinen Einwendungen zum Schweigen brachten und ihm glauben halfen, er müßte überzeugt ſein. Er ergriff die Hand ſeines erhabenen Freundes, drückte ſie und ſprach: „Durch Deine zarte Behandlung der Sache wird meine Tochter in den Stand geſetzt, das Geſchenk, anzu⸗ nehmen.“ „Quelle und Urſprung des Glücks, von dem ich Dir am Anfang unſerer langweiligen Abhandlung über die Tugend ſagte.“ „Ich danke, lieber Herzog, ich danke von ganzem Herzen.“. „Noch ein Wort...; verbirg ſorgfältig vor den Freunden von Dubarry die Kunde! von dieſer Gunſt. Madame Dubarry wäre fähig, den König zu verlaſſen und zu entfliehen.“ „Der König würde uns deshalb grollen!“ „Ich kann Dir das nicht ſagen; doch die Gräfin wüßte uns keinen Dank dafür. Ich, was mich betrifft, wäre verloren... ſei alſo verſchwiegen.“ 5 „Fürchte nichts. Ueberbringe aber dem Koͤnig meinen unterthänigſten Dank.. „Und den Deiner Tochter... ich werde es nicht verſäumen... Doch die Gunſtbezeigungen haben damit noch nicht ihr Ende erreicht... Du wirſt dem König ſelbſt danken, mein Freund; Seine Majeſtät ladet ich zum Abendbrod ein.“ „Mich?“ „Dich, Taverney, wir ſind unter uns. Seine Maje⸗ ſtät, Du und ich, wir werden mit einander von der Tugend ———— 247 Deiner Tochter plaudern. Gott befohlen, Taverney, ich ſehe Dubarry mit Herrn von Aiguillon; man ſoll uns nicht beiſammen erblicken.“ Er ſprach es und verſchwand leicht wie ein Page am Ende der Gallerie und ließ Taverney mit ſeinem Käſt⸗ chen zurück, wie ein deutſches Kind, das mit dem Spiel⸗ zeug erwacht, welches ihm während ſeines Schlafes am Weihnachtsabend das Chriſtkind in die Hand geſteckt hat. CXIV. Das kleine Abendbrod von König Ludwig XV. Der Marſchall fand Seine Majeſtät in dem kleinen Saal, wohin ihr mehrere Höflinge gefolgt waren, welche lieber das Abendbrod entbehren, als auf Andere den zer⸗ ſtreuten Blick ihres Souverain fallen laſſen wollten. Aber Ludwig XV. hatte, wie es ſchien, an dieſem Abend etwas Anderes zu thun, als dieſe Herren anzu⸗ ſchauen. Er entließ Jedermann und ſagte, er würde nicht zu Nacht ſpeiſen, oder wenn er ſpeiſte, würde er es allein thun. Alle ſeine Gäſte waren ſomit verabſchiedet, und da ſie Monſeigneur dem Dauphin zu mißfallen befürchte⸗ ten, wenn ſie der Fôte nicht beiwohnen würden, die er nach der Probe gab, ſo entflogen ſie alsbald, wie eine Schaar von Schmarotzertauben, und nahmen ihren Lauf zu demjenigen, welchen man ihnen zu ſehen geſtattete, bereit, zu verſichern, ſie ſeien ihm zu Liebe aus dem Salon Seiner Majeſtät ausgeriſſen. 1 5 Ludwig XV., den ſie mit ſo großer Eile verließen, war weit entfernt, an ſie zu denken. Die Kleinlichkeit dieſes ganzen Schwarms von Höͤflingen hätte ihn unter andern Umſtänden lächeln gemacht; doch diesmal erweckte ſie kein Gefühl bei dem Monarchen, der ſo ſpöttiſch war, 248 daß er nie eine Schwäche des Geiſtes oder des Körpers bei ſeinem beſten Freunde ſchonte, vorausgeſetzt, daß Lud⸗ wig XV. je einen Freund hatte. Nein, in dieſem Augenblick ſchenkte Ludwig XV. ſeine ganze Aufmerkſamkeit einem Wagen, der vor der Thüre der Communs in Trianon ſtand, und deſſen Kutſcher, um ſeine Pferde zu peitſchen, nur zu warten ſchien, bis ſich das Gewicht des Herrn in dem vergoldeten Kaſten fühl⸗ bar machte. Dieſer Wagen war der von Madame Dubarry, be⸗ leuchtet von Kerzen. Zamore ſaß beim Kutſcher und ließ ſeine Füße vorwärts und rückwärts gehen, wie es der Sitz einer Strickſchaukel thut. Endlich erſchien Madame Dubarry, die ſich ohne Zweifel in der Hoffnung, eine Botſchaft vom König zu bekommen, länger in den Gängen aufgehalten hatte, am Arm des Herrn Herzogs von Aiguillon. Man konnte ihren Zorn, oder wenigſtens ihren Aerger an der Raſch⸗ heit ihres Ganges wahrnehmen. Sie heuchelte zu viel Entſchloſſenheit, um nicht den Kopf verloren zu haben. Jean kam, ſehr verdrießlich und den Hut ganz unter dem zerſtreuten Druck ſeines Armes geplattet, hinter der Gräfin; er hatte dieſem Schauſpiel nicht beigewohnt, Mon⸗ ſeigneur der Dauphin hatte ihn einzuladen vergeſſen; aber er war ein wenig wie ein Lackei in das Vorzimmer ge⸗ gangen und kam wenigſtens eben ſo nachdenkend als Hip⸗ polyt zurück; er ließ ſeinen Jabot auf einer ſilbernen Weſte mit roſa Blumen flattern und ſchaute nicht einmal ſeine zerfetzten Manchetten an, welche ſich mit ſeinen trau⸗ rigen Gedanken in Einklang zu ſetzen ſchienen. Jean hatte ſeine Schwägerin bleich und beſtürzt ge⸗ ſehen und daraus geſchloſſen, die Gefahr ſei groß. Jean war in der Diplomatie nur muthig gegen die Korper, nie gegen die Geſpenſter. Der Koͤnig ſah von ſeinem Fenſter aus und hinter einem Vorhang verborgen, dieſe ganze traurige Proceſſion, 8* welche ſich in den Wagen der Gräfin verſenkte; dann, als 249 der Schlag geſchloſſen, als der Lackei hinten auf den Wa⸗ gen geſtiegen war, ſchüttelte der Kutſcher ſeine Zügel und die Pferde eilten im Galopp fort. „Oh! oh!“ ſagte der König,„ohne daß ſie mich zu ſehen, ohne daß ſie mich zu ſprechen ſucht, die Gräfin iſt wüthend.“ Und er wiederholte laut: „Ja, die Gräfin iſt wüthend!“ Richelieu, der ins Zimmer geſchlüpft war, wie ein erwarteter Menſch, griff dieſe Worte auf und ſprach: „Wüthend, Sire, und worüber? Darüber, daß Eure Majeſtät ſich einen Augenblick beluſtigt, oh! das iſt ſchlimm von der Gräfin.“ „Herzog,“ erwiederte Ludwig XV.,„ich beluſtige mich nicht, im Gegentheil, ich bin müde und ſuche auszuruhen. Die Mufik greift meine Nerven an; würde ich auf die Gräfin gehört haben, ſo hätte ich mit ihr in Luciennes ſoupiren, eſſen und beſonders trinken müſſen. Die Weine der Gräfin ſind abſcheulich, ich weiß nicht, aus welchen Trauben ſie fabricirt ſind, aber es wird einem übel dabei; meiner Treue, ich will lieber hier meiner Gemächlichkeit pflegen.“ 3„Und Eure Majeſtät hat hundertmal Recht,“ ſagte ddeer Herzog. „Die Gräfin wird ſich überdies zerſtreuen! Bin ich ein ſo liebenswürdiger Geſellſchafter? Sie mag es immer⸗ hin ſagen, ich glaube es nicht.“ 3„Ah! diesmal hat Eure Majeſtät Unrecht,“ entgegnete der Marſchall. „Nein, Herzog, in der That, nein, ich zähle meine Tage und denke nach.“ „Sire, die Frau Gräfin begreift, daß ſie in keiner. 8* Hinſicht eine beſſere Geſellſchaft haben könnte, und das iſt Wes, was ſie wüthend macht.“ „Wahrhaftig, Herzog, ich weiß nicht, wie Sie es anſtellen, Sie behandeln die Frauen immer, wie wenn Sie „ 250 noch zwanzig Jahre alt wären. In dieſem Alter wählt der Mann; aber in den Jahren, in denen ich bin...“ „Nun, Sire?“ „Iſt es die Frau, welche ihre Berechnung macht.“ Der Marſchall brach in ein Gelächter aus. „Ah! Sire,“ ſagte er,„ein Grund mehr, und wenn Eure Majeſtät glaubt, die Gräfin zerſtreue ſich, ſo wollen wir uns tröſten.“ „Ich ſage nicht, ſie zerſtreue ſich, Herzog; ich ſage ſie werde am Ende Zerſtreuung ſuchen.“ „Ahl ich möchte nicht gegen Eure Majeſtät behaup⸗ ten, das habe man nie geſehen.“ Der Köͤnig ſtand ſehr unruhig auf. „Wen habe ich noch da?“ fragte er. „Ihren ganzen Dienſt, Sire.“ Der Köͤnig dachte einen Augenblick nach. „Aber Sie,“ ſagte er,„haben Sie Jemand?“ „Ich habe Nafté.“ „Gut.“ „Was ſoll er thun, Sire?“ „Herzog, er ſollte ſich erkundigen, ob Madame Du⸗ barry wirklich nach Luciennes zurückkehrt.“ „Die Gräfin iſt weggefahren, wie mir ſcheint.“ „Scheinbar, ja.“ „Aber wohin ſoll ſie denn gehen, Sire?“ „Wer weiß, die Eiferſucht macht ſie toll, Herzog.“ „Sire, ſollte es nicht vielmehr Eure Majeſtät ſein?“ „Wie, was?“ „Eiferſüchtig.“ „Herzog!“ 21„In der That, das wäre demüthigend für uns Alle, re. „Ich, eiferſüchtig?“ rief Ludwig XV. mit einem ge⸗ zwungenen Gelächter;„wahrhaftig, Herzog, ſprechen Sie im Ernſt?““ Richelieu glaubte in der That nicht. Man muß ſo⸗ gar geſtehen, daß er der Wahrheit ſehr nahe kam, denn 8 251 er dachte im Gegentheil, der König wünſche nur zu wiſſen, ob ſich Madame Dubarry wirklich in Luciennes befinde, um ſicher zu ſein, ſie würde nicht mehr nach Trianon zurückkehren. „Es iſt alſo beſchloßen, Sire,“ ſagte er laut;„ich ſchicke Rafté auf Entdeckung aus?“ „Schicken Sie ihn, Herzog.“ 3„Was macht nun Eure Majeſtät vor dem Abend⸗ Yrod?“ „Nichts, wir ſpeiſen ſogleich zu Nacht. Haben Sie die fragliche Perſ ſen benachrichtigt?“ „Ja, ſie iſt im Vorzimmer Eurer Majeſtät.“ „Bas hat ſie geſagt?“ Sie hat unterthänigſt gedankt.“ „Und die Tochter?“ „Man hat noch nicht mit ihr geſprochen.“ „Herzog, Madame Dubariy iſt eiferſüchtig und ſie könnte wohl zurückkommen.“ „Ah! Sire, das wäre zu ſchlechter Geſchmack und ich halte ſie einer ſolchen Ungeheterlicher nicht fähig.“ „Herzog ſie iſt zu Allem in ſolchen Augenblicken fähig, und beſonders, wenn ſich der Haß mit der Eifer⸗ ſucht verbindet. Sie verwünſcht Sie; ich weiß nicht, ob Sie hievon in Kenntniß geſetzt ſind?“ Richelieu verbeugte ſich. „Ich weiß, daß ſie mir dieſe Ehre erweiſt, Sire.“ „Sie verwünſcht auch Herrn von Taverney.“ „Wenn Eure Majeſtät gut zählen wollte, ſo würde ſie ſicherlich eine dritte Perſon ſinden, die ſie noch mehr als mich, mehr als Herrn von Taverney verwünſcht.“ „Wen denn?“ „Fräulein Andrée.“ „Ah;“ iun der Koͤnig;„das finde ich ganz na⸗ türlich. „Dann. „Ja, aber uefe ungeachtet muß man dariber wa⸗ 8 252 chen, daß Madame Dubarry heute Nacht nicht irgend einen Scandal macht.“ „Im Gegentheil, und das beweiſt gerade die Noth⸗ wendigkeit dieſer Maßregel.“ „Hier kommt der Haushofmeiſter; ſtille! geben Sie Rafté Ihre Befehle, und kommen Sie mit dem Bewuß⸗ ten zu mir ins Speiſezimmer.“ Ludwig XV. ſtand auf und ging in den Speiſeſaal, während ſich Richelieu durch die entgegengeſetzte Thüre entfernte. Fünf Minuten nachher kehrte er in Begleitung des Barons zum König zurück. Der König wünſchte Taverney freundlich einen guten Abend. Der Baron war ein Mann von Geiſt; er ant⸗ wortete auf jene gewiſſen Leuten eigenthümliche Weiſe, welche bewirkt, daß es den Königen und Fürſten bei die⸗ ſen, indem ſie erkennen, daß ſie zu ihrer Welt gehoͤren, V behaglich iſt. Man ſetzte ſich zu Tiſch und ſpeiſte. Ludwig XV. war ein ſchlechter König, aber ein ſehr angenehmer Mann; ſeine Geſellſchaft war, wenn er wollte, voll Reiz für die Trinker, für die Plauderer und für die Wollüſtlinge. 3 Der Koͤnig hatte endlich das Leben viel unter ſeinen erfreulichen Seiten ſtudirt. Er aß mit gutem Appetit, befahl, daß man ſeinen Gäſten gehörig zu trinken einſchenke, und brachte das Ge⸗ ſprach auf die Muſik. Richelieu faßte den Ball im Fluge auf. „Sire,“ ſprach er,„wenn die Muſik die Männer in Einklang ſetzt, wie unſer Balletmeiſter behauptet, und⸗ wie Eure Majeſtät zu denken ſcheint, wird ſie dasſelbe von den Frauen ſagen?? 4 „Oh! Herzog,“ erwiederte der König,„ſprechen wir nicht von den Frauen. Seit dem trojaniſchen Krieg bis auf unſere Tage haben die Frauen ſtets eine der Mufik entgegengeſetzte Wirkung hervorgebracht; Sie beſon⸗ 1 2⁵3 ders, Sie haben zu große Rechnungen mit ihnen zu be⸗ reinigen, um ein ſolches Geſpräch auf das Tapet zu bringen; da iſt Eine unter Anderen, und das iſt nicht die am min⸗ deſten gefährlichſte von Allen, mit der Sie in offener Fehde ſtehen.“ „Die Gräfin, Sire! iſt das meine Schuld?“ „Ganz gewiß.“ „Ah! Eure Majeſtat wird mir wohl erklären...“ „Mit zwei Worten und mit großem Vergnügen,“ ſagte der König ſpöttiſch. „Ich höre, Sire.“ „Sie bietet Ihnen das Portefeuille von ich weiß nicht welchem Departement an, und Sie ſchlagen es aus, weil V ſie, wie Sie ſagen, nicht durchaus beim Volk beliebt iſt.“ „Ich?“ verſetzte Richelieu ziemlich verlegen über die Miichtung, die das Geſpräch nahm. „Bei Gott! ſo behauptet das öffentliche Gerücht,“ ſagte der Koͤnig mit der ihm eigenthümlichen geheuchel⸗ ten Treuherzigkeit.„Ich weiß nicht mehr, wer mir das mitgetheilt hat... Die Zeitung ohne Zweifel.“ „Wohl! Sire,“ ſprach Richelieu, die Freiheit benützend, die den Gäſten die ungewöhnliche Heiterkeit des erha⸗ benen Wirthes geſtattete,„ich geſtehe, daß diesmal das öffentliche Gerücht und die Zeitungen etwas minder Al⸗ „Wie!“ rief der König,„Sie haben wirklich ein Miniſterium ausgeſchlagen?“ Richelien befand ſich, wie man leicht begreift, in einer ſehr delicaten Stellung. Der König wußte beſſer als irgend Jemand, daß er gar nichts ausgeſchlagen hatte. Aber Taverney ſollte fortwährend glauben, was ihm Ri⸗ chelieu geſagt hatte; es handelte ſich alſo bei dem Herzog darum, ſehr geſchickt zu antworten, um der Myſtification des Koͤnigs zu entgehen, ohne ſich dem Vorwurf der Lüge auszuſetzen, den der Baron ſchon in ſeinem Lächeln und auf den Lippen hatte.. „Sire,“ ſagte Richelieu,„halten wir uns nicht an bernes berichtet haben, als ſie ſonſt zu berichten pflegen.) 254 die Wirkungen, ſondern an die Urſache. Ob ich ein Por⸗ tefeuille ausgeſchlagen oder nicht ausgeſchlagen habe, iſt ein Staatsgeheimniß, das Eure Majeſtät nicht unter Gläſern bekannt zu machen braucht, aber die Urſache, aus der ich das Portefeuille ausgeſchlagen hätte, wenn mir ein Portefeuille angeboten worden wäre: das iſt das We⸗ ſentliche.“ 4 „Oh! oh! Herzog, und dieſe Urſache iſt kein Staats⸗ geheimniß, wie es ſcheint,“ rief der Koͤnig lachend. „Nein, Sire, und beſonders nicht für Eure Majeſtät, die für mich und meinen Freund, den Baron von Taver⸗ ney, in dieſem Augenblick, ich bitte die Gottheit um Ver⸗ zeihung, der liebenswürdigſte ſterbliche Amphytrion iſt, den man ſehen kann; ich habe alſo keine Geheimniſſe für meinen König. Ich gebe ihm meine ganze Seele hin, denn ich möchte nicht, daß man ſagen würde, der Köonig von Frankreich habe nicht einen Diener, der die ganze Wahrheit gegen ihn ausſpreche.“ „Laſſen Sie hören,“ erwiederte der König, während Taverney ziemlich unruhig, weil er befürchtete, Richelieu könnte zu viel ſagen, ſich die Lippen kniff und ſein Ge⸗ ſicht ängſtlich nach dem des Köͤnigs componirte,„die Wahrheit, Herzog.“ „Sire, es ſind in Ihren Staaten zwei Mächte, de⸗ nen ein Miniſter gehorchen müßte: die erſte iſt Ihr Wille, die zweite iſt der der vertrauteſten Freunde, welche Eure Majeſtät zu wählen geruht; die erſte Macht iſt unwider⸗ ſtehlich, Niemand darf daran denken, ſich derſelben zu entziehen; die zweite iſt noch heiliger, weil ſie Pflichten des Herzens Jedem auferlegt, der Ihnen dient, Sire. Sie heißt Ihr Vertrauen; ein Miniſter muß, um ihm zu gehorchen, den Günſtling oder die Favoritin des Königs lieben.“ „Herzog,“ ſagte der König lachend,„das iſt ein ſehr ſchöne Marime, die ich gern aus Ihrem Mund kommen ſehe; aber ich fordere Sie anf, dies mit zwe Trompetern auf dem Pont⸗Neuf auszurufen.“ 1 3 2 fragte der Kö ſchwollen,„der M blicken Eurer Majeſtät vortreffliche Dinge zu ſagen.“ 2⁵⁵ „Ah! Sire,“ erwiederte Richelieu,„ich weiß wohl, daß die Philoſophen darüber die Waffen ergreifen würden; doch ich glaube nicht, daß ihr Geſchrei von einigem Ge⸗ wicht bei Eurer Majeſtät und bei mir ſein dürfte. Die Hauptſache iſt, daß die zwei überwiegenden Willen des Reichs zufriedengeſtellt werden. Nun! einer gewiſſen Per⸗ ſon, Sire,— ich ſage es Eurer Majeſtät, und ſollte auch meine Ungnade, das heißt mein Tod daraus erfolgen,— den Willen von Madame Dubarry vermöchte ich nicht zu unterzeichnen.“ Ludwig XV. ſchwieg. „Es war mir ein Gedanke gekommen,“ fuhr Richelieu fort;„ich ſchaute eines Tags am Hofe Eurer Majeſtät umher, und ſah wahrhaftig ſo viele ſchöne adelige Fräu⸗ lein, ſo viele ſtrahlende Frauen von Stand, daß mir, wäre ich Koͤnig von Frankreich geweſen, eine Wahl zu treffen unmöglich geſchienen hätte.“ Der Koͤnig wandte ſich gegen Taverney, der, da er fühlte, daß er ganz ſachte in die Sache hereingezogen wurde, vor Angſt und Hoffnung zitterte, während er mit ſeinen Augen und mit ſeinem Hauche die Beredtſamkeit des Marſchalls unterſtützte, als hätte er das mit ſeinem Glück befrachtete Schiff gegen den Hafen getrieben. „Sagen Sie, iſt das auch Ihre Anſicht, Baron?“ rtete Taverney, das Herz ganz ange⸗ arſchall ſcheint mir ſeit einigen Augen⸗ „Sie ſind alſo ſeiner Meinung bei dem, was er von den ſchonen Mäͤdchen ſpricht?“ „Sire, mir dünkt, daß es wirklich ſehr ſchöne am Hofe von Frankreich gibt.“— „Sie ſind alſo ſeiner Meinung, Baron?“ „Ja, Sire. „ Und Sie würden mich wie er ermahnen, eine Wahl unter den Schönheiten des Hofes zu treffen.“ „Ich würde es wagen, zu geſtehen, daß ich der An⸗ 256 ſicht des Marſchalls bin, Sire, wenn ich glauben dürfte, daß es auch die Anſicht Eurer Majeſtät iſt.“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, wäh⸗ rend deſſen der König Taverney wohlgefällig anſchaute. „Meine Herren,“ ſagte er,„es unterliegt keinem Zweifel, daß ich Ihrem Rathe folgen würde, wenn ich erſt dreißig Jahre zählte. Ich hätte eine leicht begreif⸗ liche Neigung dazu; aber ich bin jetzt ein wenig zu alt, um leichtgläubig zu ſein.“ „Leichtgläubig! ich bitte, erklären Sie mir das Wort, Sire. „Leichtgläubig ſein, mein lieber Herzog, bedeutet glauben; nichts aber würde mich gewiſſe Dinge glauben machen.“ „Welche?“ „Daß man in meinem Alter Liebe einflößen könne.“ „Ah! Sire,“ rief Richelieu,„bis jetzt dachte ich, Eure Majeſtät ſei der artigſte Edelmann ihres Reiches, aber mit tiefem Schmerz ſehe ich, daß ich mich getäuſcht habe.“ „Worin?“ fragte der König lachend. „Darin, daß ich alt bin wie Methuſalem, ich, der ich 94 geboren bin. Bedenken Sie wohl, Sire, daß ich ſech⸗ zehn Jahre mehr zähle, als Eure Majeſtät.“ Das war eine geſchickte Schmeichelei vom Herzog. Ludwig XV. bewunderte ſtets das A ſes Mannes, der ſo viel Jugend in ſeinem Dienſt getödtet hatte; denn mit dieſem Beiſpiel vor Augen konnte er dasſelbe Alter wie er zu erreichen hoffen.* „Es mag ſein,“ ſagte Ludwig XV., aber ich hoffe, Sie werden nicht ſo eitel ſein, zu glauben, man liebe Sie um Ihretwillen, Herzog?“ 3 „Wenn ich das glaubte, Sire, ſo würde ich mich auf der Stelle mit zwei Frauen entzweien, die mir noch dieſen Morgen das Gegentheil geſagt haben. 5 „Nun!“ ſprach Ludwig XV.,„wir werden ſehen; wir werden ſehen, Herr von Taverney; die Jugend ver⸗ jüngt, das iſt wahr...“ 3 8 257 „Ja, Sire, und das edle Blut iſt eine heilſame In⸗ fuſion, abgeſehen davon, daß bei einer Veränderung ein reicher Geiſt wie der Eurer Majeſtät immer gewinnt und nie verliert.“ „Ich erinnere mich jedoch,“ bemerkte Ludwig XV., „daß mein Großvater, als er alt wurde, den Frauen nicht mehr mit derſelben Kühnheit und Entſchiedenheit den Hof machte.“ „Ah! ah! Sire,“ ſagte Richelieu,„Eure Majeſtät weiß, welche Achtung ich für den ſeligen König hege, der mich zweimal in die Baſtille geſchickt hat; doch dies kann mich nicht abhalten, zu bemerken, daß ſich zwiſchen dem reifen Alter von Ludwig XIV. und dem reifen Alter von Ludwig XV. keine Vergleichung machen läßt. Was Teufels! Eure allerchriſtlichſte Majeſtät treibt, während ſie ihren Titel als älteſter Sohn der Kirche ehrt, den Aſcetismus nicht ſo weit, daß ſie darüber ihre Menſchlich⸗ keit vergißt.“ „Meiner Treue! nein,“ rief Ludwig XV.,„ich geſtehe das, da ich weder meinen Arzt, noch meinen Beichtvater hier habe.“ „Wohl, Sire, der Koͤnig, Ihr Großbater, ſetzte oft durch ſein Uebermaß religiöſen Eifers und durch ſeine zahlloſen Kaſteiungen Frau von Maintenon, welche doch älter war, als er, in Erſtaunen. Ich wiederhole, Sire, läßt ſich der Menſch mit dem Menſchen vergleichen, wenn man von Ihren beiden Majeſtäten ſpricht?“ 3 Der Koͤnig war an dieſem Abend ſehr guter Laune; die Worte von Nichelieu waren eben ſo viele Waſſertrop⸗ fen, welche aus der Verjüngungsqguelle herabfielen. Richelieu dachte, der Augenblick ſei gekommen; er ſtieß mit ſeinem Knie an das Knie von Taverney. „Sire,“ ſprach dieſer,„Eure Majeſtät geruhe, meinen Dank für das prächtige Geſchenk anzunehmen, das ſie meiner Tochter gemacht hat.“ „Sie brauchen mir hiefür nicht zu danken,“ erwiederte Denkwürdigkeiten eines Arztes. V. 17 258 der König;„Fräulein von Taverney gefällt mir wegen ihrer beſcheidenen, anſtandsvollen Grazie... Ich wollte, meine Töchter hätten noch ihre Häuſer zu beſetzen; gewiß, Fräulein Andrée,— nicht wahr, ſo heißt ſie?“ „Ja, Sire,“ antwortete Taverney entzückt, daß der König den Taufnamen ſeiner Tochter wußte. „Ein hübſcher Name. Gewiß, Fräulein Andrée wäre die erſte auf der Liſte geweſen. Mittlerweile halten Sie ſich verſichert, Baron, daß Ihre Tochter meine ganze Protection genießen wird... ich glaube, ſie iſt nicht reich ausgeſtattet!“ „Leider, nein, Sire.“ „Wohll ich werde mich mit ihrer Verheirathung be⸗ ſchäftigen.“ Taverney verbeugte ſich ſehr tief. „Eure Majeſtät wird alſo die Güte haben, einen Gatten für ſie zu ſuchen, denn ich geſtehe, daß bei unſerer Armuth, welche beinahe Elend iſt...“ „Ja, ja, ſeien Sie hierüber unbeſorgt,“ ſagte Lud⸗ wig XV.;„aber ſie iſt ſehr jung, wie mir ſcheint, und das hat keine Eile.“ „Um ſo weniger, Sire, als Eure Majeſtät das Hei⸗ rathen verabſcheut.“ „Sehen Sie das...“ ſprach Ludwig XV., indem er ſich die Hände rieb und Richelieu anſchaute.„Nun! halten Sie ſich in jedem Fall an mich, wenn Sie in Verlegenheit ſind, mein lieber Herr von Taverney.“ Nach dieſen Worten ſtand Ludwig XV. auf und ſagte, ſich an den Herzog wendend: „Marſchall!“ Der Herzog näherte ſich dem Khnig. „Iſt die Kleine zufrieden geweſen?“ „Womite „Mit dem Schmuckkäſtchen.“ „Eure Majeſät verzeihe mir, daß ich leiſe ſpreche; doch der Vater horcht, und er ſoll nicht hören, was ich Ihnen ſage, Sire.. 8 „Bah!“ „Nein.“ „Sprechen Sie alſo.“ „Sire, es iſt wahr, die Kleine hat einen wahren Ab⸗ ſcheu vor dem Heirathen; einer Sache bin ich aber ſicher: vor Eurer Majeſtät hat ſie keinen Abſcheu.“ Nachdem er dies mit einer Vertraulichkeit geſagt, die dem König gerade durch das Uebermaß der Offenherzigkeit gefiel, lief der Marſchall mit ſeinen kleinen Schritten wieder zu Taverney, der ſich aus Chrfurcht auf die Schwelle der Gallerie zurückgezogen hatte. Beide entfernten ſich durch die Gärten. Der Abend war herrlich. Zwei Lackeien gingen ihnen voran; ſie hielten in einer Hand Fackeln, während ſie mit der andern die blühenden Sträuche auf die Seite ſchoben; man ſah die Fenſter von Trianon noch im Feuer durch den Schweiß der von der Trunkenheit der fünfzig Gaͤſte der Frau Dauphine entflammten Scheiben. Die Muſik Seiner Majeſtät belebte den Menuet, denn nach dem Abendbrod hatte man getanzt und man tanzte noch.. In einem dichten Gebüſche von Flieder und Schnee⸗ ballen kniete Gilbert auf der Erde und betrachtete das Spiel der Schatten hinter den durchſichtigen Vorhängen. Wäre der Himmel auf die Erde gefallen, er würde dieſen Beſchauer, welcher ganz und gar von der Schönheit berauſcht war, der er in allen Krümmungen und Biegungen des Tanzes folgte, nicht zerſtreut haben. Als jedoch Richelieu und Taverney an dem Gebüſch hinſtreiften, in welchem dieſer Nachtvogel verborgen war, veranlaßten Gilbert der Ton ihrer Stimmen und ein ge⸗ wiſſes Wort beſonders, den Kopf in die Höhe zu heben. Ddiieſes Wort war für ihn unendlich wichtig und be⸗ zeichnend. Der Marſchall, der ſich auf den Arm ſeines Freundes ſtützte und ſich an ſein Ohr neigte, ſagte zu ihm: „Alles wohl überlegt, Alles wohl erwogen, Baron, 260 es iſt hart, dies Dir zu ſagen, doch Du mußt Deine Tochter ſchnell in ein Kloſter abgehen laſſen.“ „Und warum dies?“ fragte der Baron. „Weil der König,“ antwortete der Marſchall,„weil der König, darauf wollte ich wetten, ſterblich in Fräulein von Taverney verliebt iſt.“ Bei dieſen Worten wurde Gilbert bleicher als die 1 flockigen Schneeballen, die auf ſeine Schulter und auf ſeine Stirne fielen. CXV. Ahnungen. Am andern Tage, als eben die zwölfte Stunde auf der Uhr von Trianon ſchlug, rief Nicole Andrée, die ihr 1 Zimmer noch nicht verlaſſen hatte, zu: 4 „Mein Fräulein, mein Fräulein, Herr Philipp!“ Dieſer Ruf kam unten von der Treppe. Ganz erſtaunt, zugleich aber ganz freudig, ſchloß Andrée ihr mouſſelinenes Morgenkleid und lief dem jun⸗ gen Mann entgegen, der wirklich im Hof von Trianon vom Pferde geſtiegen war und ſich bei einigen Dienſtboten nach der Stunde erkundigte, zu der er ſeine Schweſter ſprechen könne. Andrée öffnete alſo ſelbſt die Thüre und fand ſich alsbald Philipp gegenüber, den die dienſtfertige Nicole aus dem Hof geholt hatte und die Stufen hinauf geleitete. Das Maͤdchen warf ſich ſeinem Bruder an den Hals und Beide traten in das Zimmer, gefolgt von Nicole. Jetzt erſt bemerkte Andrée, daß Philipp ernſter auss ſah, als gewöhnlich, daß ſogar ſein Lächeln nicht von Traurigkeit frei war, daß er ſeine zierliche Uniform mit 261 der ängſilichſten Pünktlichkeit trug und einen Reiſemantel unter ſeinem linken Arm zuſammengefaltet hielt. „Was gibt es denn, Philipp?“ fragte ſie ſogleich mit jenem Inſtinct zarter Seelen, für die ein Blick eine hin⸗ reichende Offenbarung iſt. „Meine Schweſter,“ ſprach Philipp,„ich habe dieſen Morgen Befehl erhalten, mich zu meinem Regimente zu begeben.“ „Und Du wirſt gehen?“ „Ich gehe.“ „Oh!“ rief Andrée, die in dieſem ſchmerzlichen Schrei ihren ganzen Muth und einen Theil ihrer Kräfte aushauchte. Und obgleich dieſe Abreiſe etwas ganz Natürliches war, worauf ſie gefaßt ſein mußte, fühlte ſie ſich doch ſo gelähmt durch die Mittheilung, daß ſie ſich an dem Arm ihres Bruders zu halten genöthigt war. „Mein Gott,“ fragte Phillpp erſtaunt,„dieſe Abreiſe betrübt Dich alſo ſo ſehr, Andrée? Du weißt doch, daß dies in dem Leben eines Soldaten eines der allergewöhn⸗ lichſten Ereigniſſe iſt.“ „Ja, ja, gewiß,“ murmelte das Mädchen;„und wo⸗ hin gehſt Du, mein Bruder?“ „Meine Garniſon iſt in Rheims; Du ſiehſt, ich habe keine ſehr weite Reiſe zu unternehmen. Freilich kehrt das Regiment von dort, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nach Straßburg zurück.“ „Ach!“ rief Andrée,„und wann reiſeſt Du ab?“ „Der Befehl ſchärft mir ein, ſogleich aufzubrechen.“ „Du kommſt alſo, um von mir Abſchied zu nehmen?“ „Ja, meine Schweſter.“ „Abſchied!“ 3 „Haſt Du mir etwas Beſonderes zu ſagen, Andrée?“ fragte Philipp, beunruhigt durch dieſe übertriebene Trau⸗ rigkeit, für welche ſie keine andere Urſache hatte, als ſeinen Abgang. 262 Andrée verſtand, daß mit dieſen Worten Nicole ge⸗ meint war, welche die Scene mit einem Erſtaunen betrach⸗ tete, deſſen Beweggrund der außerordentliche Schmerz von Andrée ſein mochte. In der That, der Abgang von Philipp, nämlich der eines Officiers nach ſeiner Garniſon, war keine Kataſtrophe, welche ſo viele Thränen verurſachen mußte. Andrée begriff zugleich das Gefühl von Philipp und das Erſtaunen von Nicole; ſie nahm ein Mantelet, warf es auf ihre Schulter, führte ihren Bruder gegen die Treppe und ſagte zu ihm: „Komm bis zum Gitter des Gartens, Philipp, ich werde Dich durch den bedeckten Gang zurückgeleiten. In der That, ich habe Dir ſehr viel zu ſagen, mein Bruder.“ Dieſe Worte waren für Nicole ein Befehl, abzu⸗ gehen; ſie ſchob ſich längs der Wand hin und kehrte in das Zimmer ihrer Gebieterin zurück, während dieſe mit Philipp die Treppe hinabging. Andrée ſtieg die Treppe hinab, welche ſich an der Capelle vorbeizieht, und ſchritt durch den Ausgang, der noch heute in den Garten führt; doch obgleich beſtändig durch den unruhigen Blick von Philipp befragt, blieb ſie lange an ſeinem Arm hängen, ließ ſie ihren Kopf an ſeiner Schulter angelehnt, ohne ein Wort zu ſprechen. Dann überwältigte es plötzlich ihr Herz, ihr Antlitz bedeckte ſich mit einer Todtenbläſſe, ein langes Schluch⸗ zen ſtieg zu ihren Lippen empor und Thränenwogen verdun⸗ kelten ihre Augen. „Meine liebe Schweſter, meine gute Andrée,“ rief Philipp,„in des Himmels Namen, was haſt Du denn?“ „Mein Freund, mein einziger Freund,“ ſprach An⸗ drée,„Du gehſt von hinnen, Du lläſſeſt mich allein in dieſer Welt, in die ich geſtern erſt eingetreten bin, und Du fragſt mich, warum ich weine. Ah! bedenke doch, Philipp, ich habe meine Mutter bei meiner Geburt ver⸗ loren; es iſt abſcheulich, es zu ſagen, doch ich habe nie “ 263 einen Vater gehabt. Allen kleinen Kummer, den mein Herz empfand, Alles, was mein Geiſt an kleinen Geheim⸗ niſſen enthielt, habe ich Dir, Dir allein anvertraut. Wer lächelte mir zu? wer liebkoſte mich? wer wiegte mich, als ich noch ein Kind war? Du. Wer beſchützte mich, ſeit⸗ dem ich groß geworden bin? Du. Wer machte mich glau⸗ ben, die Geſchopfe Gottes ſeien nicht allein in dieſe Welt geworfen worden, um zu leiden? Du, Philipp, abermals Du. Denn ich habe Nichts und Niemand geliebt, ſeitdem ich auf der Welt bin, Dich ausgenommen, und Niemand hat mich geliebt, als Du. Oh! Philipp! Philipp!“ fuhr Andrée ſchwermüthig fort,„Du wendeſt den Kopf ab, und ich leſe in Deinen Gedanken. Du ſagſft, ich ſei jung, ich ſei ſchön, und habe Unrecht, nicht auf die Zukunft und die Liebe zu rechnen. Ach! Du ſiehſt wohl, Philipp, es i*ſt nicht hinreichend, ſchön und jung zu ſein, da ſich Nie⸗ mand um mich bekümmert. „Die Frau Dauphine iſt gut, wirſt Du ſagen, mein Freund. Ganz gewiß; ſie iſt vollkommen, in meinen Augen wenigſtens, und ich betrachte ſie als eine Gottheit; aber hauptſäͤchlich weil ich ſie in dieſe übermenſchliche Sphäre ſtelle, habe ich Achtung für ſie und keine Zunei⸗ gung. Die Zuneigung aber, Philipp, iſt das für mein Herz ſo nothwendige Gefühl, welches, ſtets in mein Herz zurückgedrängt, dieſes bricht.... Mein BVater... Eil mein Gott, mein Vater, ich lehre Dich nichts Neues, Philipp, mein Vater iſt für mich nicht nur kein Beſchützer oder Freund, ſondern er macht mir ſogar bange, wenn er mich anſchaut. Ja, ja, ich habe bange, Philipp, bange 8 vor ihm, beſonders ſeitdem ich Dich abreiſen ſehe. Bange, wovor? ich weiß es nicht. Ei, mein Gott! haben die Vögel, welche vor den brüllenden Herden entfliehen, nicht auch bange vor dem Sturm, wenn dieſer herannaht? „Das iſt Inſtinet, wirſt Du ſagen; doch warum ſollteſt Du unſerer unſterblichen Seele den Inſtinct des Unglücks verweigern! Alles gelingt ſeit einiger Zeit unſerer Familie; ich weiß es wohl... Du biſt nun Kapitän; ich bin in dem Hauſe der Dauphine untergebracht und gehoͤre beinahe zu ihrer vertrauten Umgebung; mein Vater ſoll geſtern Abend mit dem König allein geſpeiſt haben. Nun, Philipp, ich wiederhole Dir, und müßte ich auch wahnſinnig erſcheinen, dies Alles erſchreckt mich mehr, als unſere ſanfte Armuth und unſere Dunkelheit in Taverney.“. „Und dennoch warſt Du dort auch allein, liebe Schweſter,“ erwiederte Philipp traurig;„ich war auch nicht dort, um Dich zu tröſten.“ „Ja, aber ich war dort wenigſtens allein, allein mit meinen Erinnerungen aus der Kindheit; es kam mir vor, als wäre mir dieſes Haus, wo meine Mutter gelebt, geathmet hatte, wo ſie geſtorben war, den Schutz der Heimath ſchuldig, wenn ich mich ſo ausdrücken darf; Alles war mir⸗dort ſüß, ſchmeichelnd, befreundet. Ich ſah Dich mit Ruhe weggehen und mit Freude zurückkehren. Aber ob Du weggingſt, ob Du zurückkamſt, mein Herz war nicht ganz bei Dir, es hing an jenem theuren Haus, an meinem Garten, an meinen Blumen, an jener Ge⸗ ſammtheit, von der Du einſt nur einen Theil bildeteſt; heute biſt Du Alles, Philipp, und wenn Du mich ver⸗ läſſeſt, verlaßt mich Alles.“ „Und Du haſt doch heute eine Protection, die viel mächtiger iſt, als die meinige,“ ſagte Philipp. „Das iſt wahr.“ „Eine ſchöne Zukunft.“. „Wer weiß...“ „Warum zweifelſt Du daran?“ „Ich weiß es nicht.“ „Es iſt Undank gegen Gott.“ „Oh! nein, der Himmel weiß, ich bin nicht undank⸗ bar gegen den Herrn, und ich danke ihm Morgens und Abends... Doch mir iſt es, als ob, ſtatt mein Dank⸗ gebet zu empfangen, jeden Abend, wenn ich die Kniee ———õ ——— 265 beuge, eine Stimme von Oben mir zuriefe:„„Nimm Dich in Acht, Mädchen, nimm Dich in Acht!“ „Doch wovor ſollſt Du Dich denn in Acht nehmen? Ich will mit Dir vorausſetzen, es bedrohe Dich ein Un⸗ glück. Haſt Du eine Ahnung von dieſem Unglück? Weißt Du, was zu thun iſt, um ihm Trotz bietend ent⸗ gegenzutreten, oder was zu thun iſt, um es zu ver⸗ meiden,?“ „Ich weiß nichts, Philipp, wenn nicht, daß mein Leben nur noch an einem Faden hängt, daß nichts mehr für mich glänzt jenſeits des Augenblicks, der Deine Ab⸗ reiſe bezeichnet. Mir ſcheint mit einem Wort, man hat mich während meines Schlafs auf einen Abſturz gewälzt, der zu jäh iſt, als daß ich mich erwachend aufhalten könnte; daß ich erwacht bin, daß ich den Abgrnnd ſehe, daß ich dennoch fortgezogen werde, daß ich, da Du ab⸗ weſend, da Du nicht mehr da biſt, um mich zurückzuhalten, verſchwinden und zerſchellen werde.“ „Theure Schweſter, gute Andrée,“ ſprach Philipp, unwillkührlich bewegt durch dieſen Ton voll ſo wah⸗ ren Angſt,„Du übertreibſt Deine Zärtlichkeit, für die ich Dir danke. Ja, Du verlierſt Deinen Freund, doch nur für den Augenblick: ich werde nicht ſo fern ſein, daß Du mich nicht zurückrufen könnteſt, wenn es nothwendig wäre; bedenke überdies, daß Dich, mit Ausnahme Deiner Chimären, nichts bedroht.“ 8 Andrée blieb vor ihrem Bruder ſtehen und ſprach: „Philipp, Du, der Du ein Mann biſt, der Du mehr Kraft haſt als ich, woher kommt es, daß Du in dieſem Augenblick eben ſo traurig erſcheinſt, als ich es ſelbſt bin? Laß hören, mein Bruder, wie erklärſt Du das?“ „Das iſt leicht zu erklären, theure Schweſter,“ er⸗ wiederte Philipp, indem er Andrée aufhielt, welche ſchwei⸗ gend weiter gegangen war.„Wir ſind nicht nur Bruder und Schweſter durch das Blut, wir find es auch durch die Seele und durch die Gefühle; wir leben in einem Ein⸗ vernehmen, das für mich, beſonders ſeit unſerer Ankunft in Paris, eine ſüße Gewohnheit geworden iſt. Ich breche dieſe Kette, theure Freundin, oder man bricht ſie vielmehr, und der Schlag macht ſich in meinem Herzen fühlbar. Ich bin daher traurig, doch nur für den Augenblick. Ich, Andrée, ich ſehe über unſere Trennung hinaus; ich glaube nicht an ein Unglück, wenn nicht an das, daß wir uns einige Monate lang, ein Jahr vielleicht, nicht megg ſehen werden; ich füge mich darein, und ſage Dir nicht Lebe⸗ wohl, ſondern auf Wiederſehen.“ Trotz dieſer troͤſtlichen Rede antwortete Andrée nur durch Schluchzen und Thränen. „Theure Schweſter,“ rief Philipp, als er den Aus⸗ druck dieſer Traurigkeit ſah, die ihm unbegreiflich vorkam, „theure Schweſter, Du haſt mir nicht Alles geſagt, Du verbirgſt mir Etwas; ſprich, in's Himmels Namen, ſprich!“. Und er nahm ſie in ſeine Arme, zog ſie ganz nahe zu ſich heran, und drückte ſie an ſeine Bruſt, um in ihren Augen zu leſen. „Mein Gott,“ ſagte ſie,„nein, nein, Philipp, ich ſchwöre es Dir, Du weißt Alles und haſt mein Herz in Deinen Händen.“ „Wohl, Andrée, ich bitte Dich, faſſe Muth, betrübe. mich nicht ſo.“ „Du haſt Recht,“ ſagte ſie,„ich bin toll. Höre, ich habe nie einen ſehr ſtarken Geiſt gehabt, Du weißt das beſſer, als irgend Jemand, Philipp; ich habe immer be⸗ fürchtet, immer geträumt, immer geſeufzt; doch ich bin nicht berechtigt, mit meinen ſchmerzlichen Chimären einen ſo zaͤrtlich geliebten Bruder zu verbinden, beſonders da er mich beruhigt und mir beweiſt, ich habe Unrecht mit mei⸗ ner Angſt. Du haſt Recht, Philipp, es iſt wahr, es iſt ſehr wahr; Alles iſt für mich hier vollkommen. Philipp, verzeihe mir; Du ſiehſt, ich trockne meine Augen, ich weine nicht mehr, ich lächle. Philipp, ich ſage Dir nicht mehr Lebewohl, ich ſage auf Wiederſehen.“ 3 267 Und ſie umarmte zärtlich ihren Bruder und ſuchte ihm eine letzte Thräne zu verbergen, die an ihrem Augenlid zitterte und wie eine Perle auf die goldene Neſtel des jungen Officiers fiel. Philipp ſchaute ſie mit jener unendlichen Zärtlichkeit an, welche zugleich die des Bruders und des Vaters iſt. „Andrée,“ ſagte er,„ich liebe Dich ſo. Sei muthig. Ich reiſe, doch der Courier wird Dir jede Woche einen Brief von mir bringen. Ich bitte Dich, mache, daß ich ebenfalls jede Woche einen von Dir erhalte.“ „Ja, Philipp, ja, und das wird mein einziges Glück ſein. Doch, nicht wahr, Du haſt meinen Vater benachrichtigt?“ „Wovon?“ „Von Deiner Abreiſe.“ „Liebe Schweſter, der Baron hat im Gegentheil die⸗ ſen Morgen mir ſelbſt den Befehl des Miniſters überbracht. Herr von Taverney iſt nicht wie Du, Andrée; er wird mich leicht entbehren, wie es ſcheint: er kam mir über meine Abreiſe glücklich vor, und er hat im Ganzen Recht; hier kann ich nicht vorrücken, während ſich im Gegentheil dort Gelegenheiten bieten werden.“ „Mein Vater iſt glücklich, Dich abreiſen zu ſehen?“ murmelte Andrée.„Haſt Du Dich nicht getäuſcht, Philipp?“ „Er hat Dich,“ antwortete Philipp, die Frage um⸗ gehend,„und das iſt ein Troſt, meine Schweſter.“ „Glaubſt Du, Philipp? Er ſieht mich nie. „Meine Schweſter, er hat mich beauftragt, Dir zu ſagen, daß er noch heute, ſogleich nach meinem Abgang, aach Trianon kommen werde. Er liebt Dich, glaube mir, 3 nur liebt er Dich auf ſeine Weiſe.“ 3 5 „Was haſt Du denn, Philipp, Du ſcheinſt verlegen P „Liebe Andrée, es hat ſo eben geſchlagen. Wie viel Uhr iſt es?“ 3 „Drei Viertel auf ein Uhr.“ 268 „Meine liebe Schweſter, was mich verlegen macht, iſt, daß ich ſchon eine Stunde unter Weges ſein ſollte, und daß wir nun an dem Gitter find, wo mein Pferd ſteht... alſo.. Andiée nahm ein ruhiges Geſicht an, ergriff die Hand ihres Bruders und ſprach mit einem Ton, der zu na war, daß er richt eine Bewaͤltigung der Stimme ver⸗ rathen hätte: „Gott befohlen„ueltk Bruder.“ Philipp umarmte ſie zum letzten Mal.. „Auf Wieder ſehen! ſoot⸗ er,„erinnere Dich Deines Verſprechens.“ 1 „Welches Verſprech 8 „Einen Brief wenig en d jede Woche.“ „Oh! Du verlangſt es.“ Und ſie ſprach dieſe Worte mit einer äußerſten An⸗ ſtrengung: das arme Kind hatte keine Stimme mehr. Philipp grüßte ſie mit einer Geberde und ent⸗ fernte ſich. Andrée folgte ihm mit den Augen und hielt ihren Athem an ſich, um ihre Seufzer zurückzudrängen. 4 Philipp ſtieg zu Pferde, rief ihr von der andern Seite des Gitters noch ein Lebewohl zu und ſprengte fort. Andrée blieb unbeweglich ſtehen, ſo lange ſie ihn ſehen konnte. Dann, als er verſchwunden war, wandte ſie ſich ab, lief wie eine verwundete Hirſchkuh bis in den Schatten, erblickte eine Bank und hatte nur noch die Kraft, dieſe zu erreichen und ohne Puls, ohne Leben, ohne Blick darauf zu ſinken. Dann entwand ſich der Tiefe ihrer Bruſt ein langes, unendlich ſchmerzliches Schluchzen, und ſie rief: „Oh! mein Gott, mein Gott, warum läſſeſt Ou mich ſo allein auf der Erde?“ 3 Und ſie verbarg ihr Geſan in ihren vänden und 269 ließ in ihre weißen Finger die ſchweren Thränen entſtrö⸗ men, die ſie nicht mehr zurückzuhalten verſuchte. In dieſem Augenblick ertönte ein leichtes Geräuſch hinter den Hagebuchen; Andrée glaubte einen Seufzer gehoͤrt zu haben. Sie wandte ſich erſchrocken um, eine traurige Geſtalt erhob ſich vor ihr. Es war Gilbert. MWs 2ee Ende des fünften Bandes. —— — In dem bei uns erſcheinenden„Weltpanorama,“ 87— 90. Bändchen, iſt erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen zu haben: Neiſe in Senegambien. Auf Befehl der franzöſiſchen Regierung in den Jahren 1848 und 1844 ausgeführt durch die Herren Huard⸗Beſſiniers, Jamin, Raffenel u. A. beſchrieben von Anne Raffenel. Ueberſetzt von C. A. Schmitt. 4 Bändchen. Preis 48 kr. oder 16 Ngr. Mit geſpanntem Intereſſe ſah Frankreich, ſah Europa den Ergebniſſen dieſer Expedition entgegen; mit äußerſter Beharrlichkeit und Aufopferung wurde ſie von den damit Beauftragten trotz aller Schwierigkeiten ausgeführt. Der ſchlimmſte Feind aller Europäer in jenen Gegenden, das ungeſunde Klima, nöthigte Zwei der Reiſenden, mitten auf dem Wege umzukehren; die übrigen Drei ſetzten nur um ſo unverdroſſener das angefangene Werk fort. Auf dem Senegal, dem Faleme, dem Gambia, durch Galam, Bondu, Bambuk, Wooli, ziehen die unerſchrockenen Wan⸗ derer trotz Empörung, Sturm, Sonnenbrand, trotz Krank⸗ heit, Hunger un Durſt; nicht die brauſende Strömung des durch Felſen geengten Faleme, nicht die waſſerloſe Wüſte von Wooli vermag ihre Schritte zu hemmen. Fern — von jeder romantiſchen Ausſchmückung bietet das Tagebuch dieſer Wanderung den mannigfachſten Stoff zur Unterhal⸗ tung dar. Reiſeerlebniſſe, Schilderung von Gegenden, lebendige Darſtellung und Beſchreibung der verſchiedenen Nationen und ihrer Abſtufungen, eine genaue Charakteri⸗ ſirung der Mauren, Fulahs, Peuls, Toukouleurs, Mandin⸗ gos, Grioten, Laobes ꝛc., untermiſcht mit anziehenden Volksſagen, dieß Alles kann nicht verfehlen, das Intereſſe des leſeluſtigen Publikums zu erwecken und zu befriedigen. Allein auch der eigentliche Gelehrte, der geographiſche und naturhiſtoriſche Forſcher wird dieſes Werk gewiß nicht ohne reiche Ausbeute aus der Hand legen. Die Beſchrei⸗ bung vieler bis jetzt noch gar nicht oder nicht genau be⸗ kannter Pflanzen, die ſorgfältigſte Berückſichtigung der intereſſanten geologiſchen Verhältniſſe, die Angabe der reſpektiven Entfernungen und der We Nichtung, geben dem Werk einen ächt wiſſenſchaftlichen Werth. Eine hu⸗ mane, ſittlich⸗religiöſe Weltanſchauung leuchtet überall durch und zeigt ſich beſonders in den ganz neuen Anſichten und Vorſchlägen, die der Verfaſſer in Betreff der Sklaverei und ihrer endlichen Beſeitigung entwickelt. Stuttgart, im November 1847. Franckh'ſche Verlagshandlung.