— L2⸗, Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.) 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſo den angenommen.— 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſſe wird. 8 d 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 2—— ener e auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 N. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. „ 3„. „„ 3„=.„—„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenc, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Sämmtliche Werke 1 von Alexandre Vumas. Deutſch von Dr. Auguſt ZJoller. — E 3 Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1 8 47. 3 Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alerandre YDumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. 14—16. Bäͤndchen. Stuitgarl. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1847. 12 — LXVIII. Das Todtenfeld. Auf gewaltige Stürme folgt immer die Ruhe, eine furchtbare, aber wiederherſtellende Ruhe. Es war ungefähr zwei Uhr Morgens, große, über Paris hinlaufende, weiße Wolken zeichneten in kräftigen Zügen, unter einem blaſſen Monde, die Ungleichheiten dieſes traurigen Bodens, in deſſen Gräbern die entfliehende Menge Tod und Verderben gefunden hatte. Beim Scheine des Mondes, der ſich von Zeit zu Zeit im Schooße der flockigen Wolken verlor, welche das Licht dämpften, erſchienen am Rande der Böſchungen und in den Pfützen und Aushöhlungen des Platzes Leichname mit zerriſſenen Kleidern, die Beine ſtarr, die Stirne bleifarbig, die Hände als Zeichen des Schreckens oder der Bitte aus⸗ geſtreckt. Ein gelblicher, ſtinkender Rauch, der den Trümmern des Gerüſtes entſtrömte, trug noch dazu bei, der Place Louis XV. den Anſchein eines Schlachtfeldes zu geben. Mitten auf dieſem blutigen, verheerten Platze zogen in Schlangenwindungen geheimnißvoll und mit raſchen Schrit⸗ ten Schatten hin, welche zuweilen ſtehen blieben, ſich bück⸗ ten und dann entflohen. Dies waren Diebe zu den Todten, als ihrer Beute, hingezogen wie die Raben; ſie hatten die Lebendigen nicht plündern können, ellten herbei, um die Leichname zu plündern, und waren ganz erſtaunt, daß ihnen ihre Collegen zuvorgekommen. Man ſah ſie unzu⸗ frieden und erſchrocken beim Anblick der Bajonnete ent⸗ fliehen, welche ſie bedrohten; doch mitten unter dieſen lan⸗ gen Reihen von Todten waren die Diebe und die Wachen nicht die einzigen, die man ſich bewegen ſah. Es fanden ſich hier mit Laternen verſehene Leute, welche man hätte für Neugierige halten können. Ach! eine traurige Neugierde; es waren die Ver⸗ wandten und die Freunde, die ſich beunruhigten, als ſie weder ihre Brüder, noch ihre Freunde, noch ihre Gelieb⸗ tinnen zurückkehren ſahen. Sie kamen von den entfernte⸗ ſten Quartieren, denn die gräßliche Kunde hatte ſich ver⸗ heerend wie ein Orkan über ganz Paris verbreitet, und die Angſt hatte ſich raſch in Nachforſchungen verwandelt. Dieſes Schauſpiel war vielleicht noch ſchauerlicher als das der Kataſtrophe. Alle dieſe Eindrücke traten in den bleichen Geſichtern hervor, von der Verzweiflung derjenigen, welche den viel⸗ geliebten Leichnam wiederfanden, bis zu dem finſtern Zwei⸗ fel desjenigen, welcher einen gierigen Blick nach dem ein⸗ tönig hinlaufenden Fluſſe warf. Man ſagte, viele Leichname ſeien von der Prevoté von Paris, welche, der Unvorſichtigkeit ſchuldig, die furcht⸗ bare Anzahl der Todten, die ihre Unvorſichtigkeit gemacht, verbergen wollte, in den Fluß geworfen worden. Haben ſie ihr Geſicht mit dieſem unfruchtbaren Schau⸗ ſpiel geſättigt, ſind ſie deſſelben überdrüſſig, ſo gehen ſie, ihre Füße befeuchtet durch das Waſſer der Seine, ihre Seele erfüllt von der Bangigkeit, welche der nächtliche Lauf eines Fluſſes mit ſich ſchleppt, ihre Laterne in der Hand, weiter, um die dem Platze benachbarten Straßen zu durchforſchen, wohin ſich, wie man ſagt, viele Ver⸗ wundete geſchleppt haben, um Hülfe zu ſuchen und venig⸗ ſtens dem Schauplatz ihrer Leiden zu entfliehen. Haben ſie unglücklicher Weiſe unter dieſen Leicknamen — —-— 9 den beklagten Gegenſtand, den verlorenen Freund gefunden, ſo folgen Schreie auf die herzzerreißende Ueberraſchung, und ein Schluchzen, das ſich auf einem neuen Punkte des blutigen Schauplatzes erhebt, antwortet einem neuen Schluchzen! Zuweilen vernimmt man einen plötzlichen Lärmen. Eine Laterne fällt und zerbricht, der Lebendige hat ſich auf den Todten geſtürzt, um ihn zum letzten Male zu umarmen.. Es gibt noch andere Geräuſche auf dieſem weiten Kirchhof. Einige Verwundete, deren Glieder durch den Sturz gebrochen wurden, deren Bruſt durch das Schwert bear⸗ beitet oder durch den Druck der Menge überlaſtet worden iſt, laſſen ein gewaltiges Röcheln vernehmen, oder ſtoßen einen Seufzer in Form eines Gebetes aus, und ſogleich bunien diejenigen herbei, welche ihren Freund zu ſinden offen.. Indeſſen bildet ſich am Ende des Platzes beim Garten mit der Aufopferung der populären Nächſten⸗ liebe eine Ambulanz. Ein junger Wundarzt, man erkannte wenigſtens in ihm einen ſolchen an der Menge der Inſtru⸗ mente, mit denen er umgeben war, ein junger Wundarzt läßt ſich verwundete Männer und Frauen bringen; er ver⸗ bindet ſie, und während er ſie verbindet, ſagt er zu ihnen von jenen⸗Worten, welche mehr den Haß gegen die Sache, als das Mitleid mit der Wirkung ausdrücken. Seinen zwei Gehülfen, kräftigen Laſtträgern, mit deren Unterſtützung er dieſe blutige Revue vornimmt, ruft er beſtändig zu:„Die Frauen aus dem Volke, die Männer aus dem Volke zuerſt. Sie find leicht zu erkennen, beinahe immer mehr verwundet und ſicherlich minder geputzt.“ Bei dieſen mit einer monotonen Schärfe bei jedem Verbinden ausgeſprochenen Worten, hat ein junger Menſch mit blei⸗ cher Stirne, der unter den Leichnamen ſucht, zum zweiten Male den Kopf erhoben. Aus einer breiten Wunde, die ihm die Stirne durch⸗ 10 furcht, dringen ein paar Tropfen friſchrothen Blutes her⸗ vor; einer von ſeinen Armen wird durch ſeinen Rock ge⸗ halten, der ihn zwiſchen zwei Knöpfen einſchließt; ſein mit Schweiß bedecktes Geſicht verräth eine beſtändige und tiefe Aufregung. Bei der Ermahnung des Arztes, die er, wie geſagt, zum zweiten Male hörte, hob er den Kopf in die Höhe, ſchaute traurig dieſe verſtümmelten Glieder an, welche der Operateur beinahe mit Wonne zu betrachten ſchien, und ſagte: 2405b mein Herr, warum wählen Sie die Opfer aus?“ „Weil,“ antwortete der Wundarzt, der bei dieſer Frage ebenfalls den Kopf in die Höhe hob,„weil Nie⸗ mand ſich der Armen annehmen wird, wenn ich nicht an ſie denke, und weil die Reichen immer noch genug bevor⸗ zugt ſein werden! Senken Sie Ihre Laterne und betrach⸗ ten ſie das Pflaſter; Sie finden hundert Arme für einen Reichen oder Adeligen. Und auch bei dieſer Kataſtrophe haben die Adeligen und Reichen mit einem Glück, das Gott am Ende ermüden wird, den Tribut bezahlt, den ſie gewöhnlich bezahlen: einer von tauſend.“ Der junge Mann erhob ſeine Stocklaterne bis zur Höhe ſeiner blutigen Stirne und ſprach, ohne ſich zu er⸗ zürnen: „Dann bin ich der Einzige, ich ein, wie ſo viele Andere, unter dieſer Menge verlorener Edelmann, ich, den der Fußtritt eines Pferdes auf der Stirne verwundet hat, der ich mir, in einen Graben fallend, den Arm gebrochen habe. Man laufe den Reichen und den Adeligen nach, ſagen Sie; Sie ſehen aber wohl, daß ich noch nicht ver⸗ bunden bin.“ „Sie haben Ihr Hotel, Ihren Arzt, kehren Sie nach Hauſe zurück, da Sie gehen können.“ „Ich verlange von Ihnen keine Pflege, mein Herr; ich ſuche meine Schweſter, ein ſchönes junges Mädchen von ſechzehn Jahren, das ohne Zweifel getödtet worden iſt, obgleich es nicht zum Volk gehört. Die Unglückliche 7 11 hatte ein weißes Kleid und trug ein Collier mit einem Kreuz am Hals; obgleich ſie ihr Hotel und ihren Arzt hat, antworten Sie mir aus Mitleid, mein Herr: haben Sie diejenige geſehen, welche ich ſuche?“ „Mein Herr,“ antwortete der junge Wundarzt mit einer fieberhaften Heftigkeit, welche bewies, daß die von ihm ausgedrückten Gedanken ſeit langer Zeit in ſeiner Bruſt gohren,„mein Herr, die Menſchenliebe leitet mich, für ſie opfere ich mich auf, und wenn ich die Ariſtokratie auf ihrem Sterbebette liegen laſſe, um das leidende Volk aufzu⸗ heben, ſo gehorche ich dem wahren Geſetze dieſer Menſchen⸗ liebe, aus der ich mir meine Göttin gemacht habe. Alles Unglück, was heut zu Tage geſchieht, kommt von Euch her, von Euren Mißbräuchen, von Euren Uebergriffen, von Euren Gewaltthaten; tragt alſo die Folgen Eures Ver⸗ ſerene Nein, mein Herr, ich habe Ihre Schweſter nicht geſehen. Und auf dieſe donnernde Rede ſetzte der Wundarzt ſeine Arbeit wieder fort. Man hatte ihm eine arme Frau gebracht, der durch einen Wagen beide Beine zermalmt worden waren. „Sagen Sie,“ fuhr er, mit dieſem Geſchrei den ent⸗ fliehenden Philipp verfolgend, fort,„ſagen Sie, ſind es die Armen, die ihre Carroſſen ſo in die oͤffentlichen Feſte trei⸗ ben, daß ſie den Reichen die Beine zermalmen?“ Philipp, der zu dem jungen Adel gehörte, welcher den Franzoſen die Lafayette und die Lameth gegeben hat, hatte mehr als einmal dieſelben Maximen ausgeſprochen, die ihn im Munde dieſes jungen Mannes erſchreckten; ihre Anwendung ſiel wie eine Strafe auf ihn ſelbſt zurück. Mit gebrochenem Herzen entfernte er ſich aus der Gegend der Ambulanz, um ſeine traurige Nachforſchung fortzuſetzen; vom Schmerz hingeriſſen, hörte man ihn nach einigen Sekunden mit einer Stimme voll Thränen: „Andrée! Andrée!“ 3 rufen. 3 In dieſem Augenblick ging haſtigen Schrittes ein 12 ſchon alter Mann an ihm vorüber, der einen Rock von grauem Tuch und gewalkte wollene Strümpfe trug, und ſich mit ſeiner rechten Hand auf einen Stock ſtützte, wäh⸗ rend er in der linken eine von jenen Laternen trug, welche aus einem in geöltem Papier eingeſchloſſenen Lichte ge⸗ macht ſind. Als er Philipp ſeufzen hörte, begriff dieſer Mann, was er litt, und murmelte: „Armer junger Mann!“ Doch da er aus einer ähnlichen Veranlaſſung ge⸗ kommen zu ſein ſchien, ſo ging er weiter. Dann plötzlich, als hätte er es ſich zum Vorwurf gemacht, daß er an einem ſo großen Schmerz vorüberge⸗ gangen war, ohne daß er einige Tröſtungen zu ſpenden verſucht, blieb er ſtehen und ſagte zu Philipp: „Mein Herr, verzeihen Sie mir, daß ich meinen Schmerz mit dem Ihrigen vermiſche; doch diejenigen, welche von demſelben Schlage getroffen worden ſind, müſſen ſich auf einander ſtützen, um nicht zu fallen. Ueberdies... können Sie mir nützlich ſein. Sie ſuchen ſchon lange, denn Ihre Kerze iſt dem Erlöſchen nahe, Sie müſſen alſo die unheilvollſten Stellen des Platzes kennen.“ ODOhl ja, mein Herr, ich kenne ſie.“ „Wohl! ich ſuche auch Jemand.“ „Dann ſehen Sie zuerſt in dem großen Graben; dort werden Sie mehr als fünfzig Leichen finden.“ „Gerechter Himmel! ſünfzig, ſo viele Opfer bei einem Feſte getödtet!“ 4 „So viele Opfer! mein Herr, ich habe ſchon tauſend Geſichter beleuchtet und meine Schweſter noch nicht wieder gefunden!“ „Ihre Schweſter?“ „Dort in jener Richtung war ſie. Ich habe ſie bei einer Bank verloren. Ich habe den Platz wiedergefunden, wo ich ſie verloren, aber von ihr keine Spur. Ich will von der Baſtei ausgehend abermals zu ſuchen anfangen.“ „Auf welche Seite ging das Volk, mein Herr 2˙ . — 13 „Nach den neuen Gebäuden, nach der Rue de la Madeleine.“ „Dann muß es auf dieſer Seite ſein.“ „Allerdings, ich ſuchte auch auf dieſer Seite, aber es war daſelbſt ein furchtbares Gewühle. Dann zog ſich zwar die Woge dahin, es iſt wahr, aber eine Frau, die den Kopf verloren hat, weiß nicht, wohin ſie geht und ſucht in allen Richtungen zu entfliehen.“ 3 „Mein Herr, es iſt ſehr unwahrſcheinlich, daß ſie gegen den Strom gekämpft hat; ich will auf der Seite der Straßen ſuchen, kommen Sie mit mir, und beide ver⸗ einigt werden wir vielleicht finden...“ „Und was ſuchen Sie? Ihren Sohn?“ fragte Phi⸗ lipp ſchüchtern.. „Nein, mein Herr, ſondern ein Kind, das ich beinahe adoptirt habe.“ „Sie haben es allein gehen laſſen?“ „Oh! es war ſchon ein junger Menſch, achtzehn bis neunzehn Jahre alt. Herr ſeiner Handlungen, wollte er gehen, und ich konnte ihn nicht abhalten. Auch war man ſo weit entfernt, dieſe gräßliche Kataſtrophe zu ahnen!... Doch Ihre Kerze erliſcht.“ „Ja, mein Herr.“ „Kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen leuchten.“ „Ich danke, Sie ſind ſehr gütig, doch ich würde Sie beläſtigen.“ „Ohl fürchten Sie das nicht, da ich für mich ſelbſt ſuchen muß. Der arme Junge kam gewoͤhnlich pünkt⸗ lich nach Hauſe,“ ſagte der Greis, durch die Straße fort⸗ ſchreitend;„doch dieſen Abend hatte ich etwas wie eine Ahnung. Ich wartete auf ihn; es war ſchon eilf Uhr; meine Frau erfuhr von einer Nachbarin, welches Unglück bei dieſem Feſte vorgefallen war. Ich wartete noch zwei Stunden, immer in der Hoffnung, ihn zurückkommen zu ſehen; als er aber nicht kam, dachte ich, es wäre feige von mir, ohne Kunde von ihm einzuſchlafen.“. 14 „Wir gehen alſo nach den Häuſern?“ fragte der junge Mann. „Ja, Sie haben es geſagt, die Menge mußte ſich nach dieſer Seite wenden und hat ſich auch dahin ge⸗ wendet; dahin wird ohne Zweifel auch das unglückliche Kind gelaufen ſein! Ein junger Menſch aus der Provinz, der nicht nur die Gebräuche, ſondern auch die Straßen der großen Stadt gar nicht kennt! Es war vielleicht das erſte Mal, daß er auf die Place Louis XV. kam.“ „Ach!, meine Schweſter iſt auch aus der Provinz, mein Herr.“ „Gräßliches Schauſpiel!“ ſagte der Greis, ſich von einer Gruppe mit einander verſchlungener Leichname ab⸗ wendend. „Gerade hier muß man ſuchen,“ ſprach der junge Mann und näherte entſchloſſen ſeine Laterne dieſem Hau⸗ fen von Todten. „Oh! ich ſchauere bei dieſem Anblick; denn mir, einem einfachen Mann, wie ich bin, verurſacht die Ver⸗ heerung ein Grauen, das ich nicht überwinden kann.“ „Ich hatte dasſelbe Grauen, aber dieſen Abend habe ich meine Lehre durchgemacht. Sehen Sie, hier iſt ein junger Menſch von ſechzehn bis achtzehn Jahren; er iſt erſtickt worden, denn ich ſehe keine Wunde an ihm. Iſt er es, den Sie ſuchen?“ Mit einer gewiſſen Anſtrengung näherte der Greis ſeine Laterne.. „Nein, mein Herr,“ ſagte er,„wahrhaftig nein; der meinige iſt etwas älter, hat ſchwarze Haare und ein blei⸗ ches Geſicht.” „Ach! ſie ſind Alle bleich heute Abend,“ rief Philipp. „Ah! ſehen Sie,“ ſprach der Greis,„wir ſind nun am Fuße des Garde⸗Meuble. Sehen Sie dieſe Spuren des Kampfes, dieſes Blut an den Mauern, dieſe Fetzen auf den eiſernen Stangen, dieſe an den Spießen der Git⸗ ter flatternden, zerriſſenen Kleider: man weiß nicht mehr, wohin es ging!“ —=V— ,. 115 „Hier durch, ſicherlich hier durch,“ murmelte Philipp. „Welche Leiden!“ „Oh! mein Gott!“ „Was?“ „Ein weißer Fetzen unter dieſen Leichnamen. Meine Schweſter trug ein weißes Kleid. Ich bitte Sie, mein Herr, leihen Sie mir Ihre Laterne.“ Philipp hatte in der That einen Fetzen weißen Stoffes erblickt und ergriffen. Er ließ ihn wieder los, da er nur eine Hand hatte, um die Laterne zu nehmen. „Es iſt ein Stück von einem Frauenkleide, das die Hand eines jungen Menſchen feſthält!“ rief er;„von einem weißen Kleide, dem von Andrée ähnlich. Oh! Andrée, Andrée!“ Und der junge Mann brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus. Der Greis näherte ſich ebenfalls. „Er iſt es!“ rief er die Arme öffnend. Dieſer Ausruf erregte die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes. „Gilbert!“ rief Philipp. „Sie kennen Gilbert, mein Herr?“ „Gilbert ſuchen Sie?“ Dieſe zwei Ausrufungen kreuzten ſich. Der Greis faßte die Hand von Gilbert, ſie war eiskalt. Philipp öffnete die Weſte des jungen Menſchen, ſchob das Hemd auf die Seite und legte eine Hand auf ſein Herz. „Armer Gilbert!“ ſagte er. „Mein theures Kind!“ ſeufzte der Greis. „ Ich athme! er lebt!... er lebt! ſage ich Ihnen!“ rief Philipp. „Oh!... glauben Sie?“ „Ich bin deſſen ſicher, ſein Herz ſchlägt.“ „Es iſt wahr!“ ſprach der Greis.„Zu Hülfe! zu Hülfe! es iſt dort ein Wundarzt. „Oh! helfen wir ihm ſelbſt; ich habe ihn ſo eben um ſeine Hülfe gebeten und er hat ſie mir verweigert.“ 16 „Er muß ſich wohl meines Kindes annehmen,“ rief der Greis außer ſich,„er muß. Helſen Sie mir Gilbert zu ihm ſchaffen, mein Herr.“ —„Ich habe nur einen Arm, doch er gehört Ihnen,“ erwiederte Philipp. 4 14— „Und ich, ſo alt ich bin, werde ſtark ſein. Vorwärts Der Greis faßte Gilbert bei den Schultern; der junge Mann nahm die zwei Füße unter ſeinen rechten Arm, und ſie wanderten ſo bis zu der Gruppe, wo der Operateur immer noch ſeine Arbeit fortſetzte. 3 „Hülfe! Hülfe!“ rief der Greis. „Die Leute vom Volk zuerſt! die Leute vom Volk!“ erwiederte der Wundarzt, getreu ſeiner Marime und ſicher, ſo oft er ſo antwortete, ein Gemurmel der Bewunderung in der Gruppe, die ihn umgab, zu erregen. „Es iſt ein Menſch aus dem Volke, den ich hier bringe,“ ſprach der Greis voll Feuer, während er ein wenig von der allgemeinen Bewunderung, welche dieſer Abſolutismus des jungen Wundarztes um ihn hervorrief, zu fühlen anfing. „Dann nach den Frauen,“ ſagte der Wundarzt;„die Männer haben mehr Stärke als die Frauen, um den Schmerz zu ertragen.“. „Einen einfachen Aderlaß, mein Herr,“ ſagte der Greis,„ein einfacher Aderlaß wird genügen.“ Ah! Sie ſind es abermals, mein Herr Edelmann,“ rief er, als er Philipp erblickte, ehe er den Greis erblickt hatte. Philipp antwortete nicht. Der Greis aber glaubte, dieſe Worte ſeien an ihn gerichtet, und entgegnete: „Ich bin kein Edelmann, ich bin ein Mann aus dem Volk und heiße Jean⸗Jacques Rouſſeau.“ Der Arzt gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich, machte ein gebieteriſches Zeichen und rief: „Platz, Platz, dem Mann der Natur! Platz dem Emancipator der Menſchheit! Platz dem Bürger von Genf!“ „Ich danke, mein Herr,“ ſagte Rouſſeau. — ——— —— 17 2ℳ „Sollte Ihnen ein Unfall begegnet ſein? junge Arzt. „Nein, aber dieſem Kinde, ſehen Sie!“ „Ah! auch Sie,“ rief der Wundarzt,„auch Sie ver⸗ fragte der treten die Sache der Menſchheit.“ Erſchüttert durch dieſen unerwarteten Triumph, ver⸗ mochte der Greis nur einige unverſtändliche Worte zu ſtammeln. Von tiefem Erſtaunen ergriffen, da er ſich dem Philo⸗ ſophen gegenüber ſah, den er ſo ſehr bewunderte, hielt ſich Philipp beiſeit. Man half Nouſſeau Gilbert, der immer noch ohn⸗ mächtig war, auf einen Tiſch legen. In dieſem Moment warf Nouſſeau einen Blick auf denjenigen, deſſen Hülfe er in Anſpruch nahm. Es war ein junger Mann, ungefähr von dem Alter von Gilbert, bei dem jedoch kein Zug an die Jugend erinnerte. Seine gelbe Geſichtshaut war verwelkt wie die eines Greiſes, ſein mattes Augenlid bedeckte ein Schlangenauge und ſein Mund war verdreht, wie es der Mund eines Epileptiſchen bei ſeinen Anfällen iſt. Die Aermel bis an den Ellenbogen zurückgeſchlagen, die Arme mit Blut bedeckt, ringsumher Stücke von Men⸗ ſchen, ſchien er mehr ein Henker bei der Arbeit und ein Enthuſiaſt ſeines Gewerbes zu ſein, als ein Arzt, der ſei⸗ nen traurigen und heiligen Beruf erfüllt. Der Name von Rouſſeau hatte indeſſen einen ſolchen Einfluß auf ihn gehabt, daß er einen Augenblick auf ſeine gewöhnliche Brutalität zu verzichten ſchien; er öffnete ſachte den Aermel von Gilbert, drückte den Arm mit einer linne⸗ nen Binde zuſammen und ſchlug die Ader. Das Blut floß Anfangs Tropfen um Tropfen, doch nach einigen Sekunden ſing dieſes edle reine Blut der Ju⸗ gend an zu ſpringen. „Gut, gut, man wird ihn retten,“ ſagte der Opera⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 2 1 teur;„doch man mu ſehr ſorgſam zu Werke gehen, denn die Bruſt iſt furchtbar gequetſcht worden.“ „Mein Herr,“ ſprach Rouſſeau,„ich habe Ihnen nur noch zu danken und Sie zu loben, nicht wegen des Aus⸗ ſchluſſes, den Sie zu Gunſten der Armen machen, ſondern daß Sie ſich ſo den Armen widmen und aufopfern. Alle Menſchen ſind Brüder.“ „Selbſt die Adeligen, ſelbſt die Ariſtokraten, ſelbſt die Reichen?“ fragte der Wundarzt mit einem Blick, der ſein ſcharfes Auge unter ſeinem ſchweren Augenlide glänzen machte. „Selbſt die Adeligen, ſelbſt die Ariſtokraten, ſelbſt die Reichen, wenn ſie leiden,“ ſprach Rouſſeau. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte der Operateur, „aber ich bin in Baudry bei Neuchatel geboren, ich bin ein Schweizer wie Sie und folglich ein wenig Demokrat.“ „Ein Landsmann!“ rief Rouſſeau;„ein Schweizer. Sagen Sie mir Ihren Namen, wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Herr.“ „Ein dunkler Name, der Name eines beſcheidenen Menſchen, der ſein Leben den Studien weiht, bis er es wie Sie dem Glück der Menſchheit weihen kann: ich heiße Jean Paul Marat.“ „Ich danke, Herr Marat,“ ſagte Rouſſeau;„doch während Sie dem Volk Erleuchtung über ſeine Rechte geben, regen Sie es nicht zur Nache auf, denn wenn es ſich je rächt, werden Sie vielleicht ſelbſt über die Repreſſa⸗ lien erſchrocken ſein.“ Marat lächelte auf eine abſcheuliche Weiſe. „Ah!“ ſagte er,„wenn dieſer Tag kommt, während ich noch lebe, wenn ich das Glück habe, dieſen Tag zu ſehen... Nouſſeau hörte dieſe Worte und nahm, erſchrocken über den Ausdruck, mit dem ſie geſprochen wurden, wie der Reiſende über das erſte Murren eines entfernten Don⸗ ners erſchrickt, Gilbert in ſeine Arme und ſuchte ihn fort⸗ zutragen. d— ☛△ 19 „Zwei Freiwillige, um Herrn Rouſſeau zu helfen, zwei Männer aus dem Volk,“ ſprach der Wundarzt. „Wir! wir! wir!“ riefen zehn Stimmen. Rouſſeau hatte nur zu wählen; er bezeichnete zwei kräftige Commiſſionäre, welche den jungen Menſchen in ihre Arme nahmen. Als er wegging, kam er an Philipp vorbei. „Mein Herr,“ ſagte er, nehmen Sie meine Laterne, ich brauche ſie nicht mehr.“ „Ich danke, mein Herr,“ erwiederte Philipp und er⸗ griff die Laterne, und während Rouſſeau wieder den Weg nach der Rue Plaſtriére einſchlug, ſetzte er ſeine Nach⸗ forſchungen fort. „Armer junger Mann!“ murmelte Rouſſeau, indem er ſich umwandte und ihn in den verſperrten Straßen ver⸗ ſchwinden ſah. Und er ging ſchauernd weiter, denn man hörte fort⸗ während über dieſem Trauerfelde die ſcharfe Stimme des Wundarztes vibriren und ausrufen: „Die Leute aus dem Volk! nur die Leute aus dem Volk! wehe den Adeligen, den Reichen und den Ariſto⸗ kraten!“ LXIX. Die Rückkehr. Während dieſe tauſend Kataſtrophen auf einander folgten, entging Herr von Taverney wie durch ein Wunder allen Gefahren. Unfähig, irgend einen körperlichen Widerſtand gegen dieſe verzehrende Kraft zu entwickeln, welche Alles zer⸗ brach, was ihr begegnete, aber ruhig und gewandt, hatte 20 er ſich im Mittelpunkte einer Gruppe zu behaupten gewußt, welche ſich nach der Nue de la Madeleine waͤlzte. An den Brüſtungen des Platzes gequetſcht, an den Ecken des Garde⸗Meuble zermalmt, ließ dieſe Gruppe auf ihren Seiten einen langen Streifen von Verwundeten und Todten zurück, aber es gelang ihr, obgleich decimirt, ihr Centrum aus der Gefahr hinauszuarbeiten. Sogleich zerſtreute ſich die zuſammengeballte Schaar von Männern und von Frauen auf dem Boulevard, in der freien Luft, und ſtieß Freudenſchreie aus. Herr von Taverney befand ſich nun, wie alle diejeni⸗ gen, welche ihn umgaben, ganz außer Gefahr. Was wir nun ſagen, wäre ſchwer zu glauben, hätten wir nicht ſeit langer Zeit und zwar auf eine ſo offene, ſo wenig zurückhaltende Weiſe den Charakter des Barons bezeichnet: während dieſer ganzen furchtbaren Reiſe hatte Herr von Taverney, Gott vergebe ihm, durch⸗ aus nur an ſich gedacht. Abgeſehen davon, daß er nicht ſehr zärtlichen Ge⸗ müthes, war der Baron ein Mann des Handelns, und in den großen Kriſen des Lebens bringen ſolche Temperamente ſtets das Sprüchwort von Cäſar: age quod agis, in An⸗ wendung. Sagen wir alſo nicht, Herr von Taverney ſei ſelbſt⸗ ſüchtig geweſen; geben wir nur zu, er ſei zerſtreut geweſen. Doch einmal auf dem Pflaſter der Boulevards, ein⸗ mal frei in ſeinen Bewegungen, einmal dem Tode ent⸗ gangen, um in das Leben zurückzukehren, einmal ſeiner ſicher, ſtieß der Baron einen Freudenſchrei aus, dem ein anderer Schrei folgte. Schwächer als der erſte, war der zweite Schrei jedoch ein Schrei des Schmerzes. „Meine Tochter!“ ſagte er,„meine Tochter!“ Und er blieb unbeweglich, ließ ſeine Hände an ſeinem Leibe herabfallen und ſuchte, die Augen ſtarr und blicklos, in ſeinen Erinnerungen alle einzelne Umſtände dieſer Trennung. ————— —— 21 „Armer Mann!“ murmelten einige mitleidige Frauen. Und es bildete ſich ein Kreis, bereit, ihn zu beklagen, aber beſonders, ihn zu befragen. Herr von Taverney hatte die volksthümlichen Inſtincte nicht. Es war ihm unbehaglich in dieſem Kreiſe mitleidi⸗ ger Menſchen; er ſtrengte ſich an, um ihn zu durchbre⸗ chen, durchbrach ihn und, ſagen wir es zu ſeinem Lob, machte ein paar Schritte nach dem Platz. Doch dieſe paar Schritte waren die unüberlegte Be⸗ wegung der väterlichen Liebe, welche nie ganz im Herzen des Menſchen erliſcht. Das Raiſonnement kam ſogleich dem Baron zu Hülfe und hielt ihn raſch zurück. Folgen wir, wenn es beliebt, dem Gange ſeiner Dialektik. Vor Allem, Unmöglichkeit, nach der Place Louis XV. zurückzukehren. Es war dort Verſperrung, Metzelei, und es wäre ebenſo albern geweſen, die Wagen, welche vom Platze kamen, durchſchneiden zu wollen, als es wahnſinnig vom Schwimmer wäre, wenn er ſich den Rheinfall bei Schaffhauſen hinaufzuarbeiten verſuchen würde. Hätte ihn aber auch ein göttlicher Arm in die Menge zurückgeführt, wie eine Frau unter dieſen hundert tauſend Frauen wiederfinden? Wie ſich nicht abermals und um⸗ ſonſt einem Tod, dem man wunderbar entgangen, ausſetzen? Dann kam die Hoffnung, dieſer Schimmer, welcher ſtets die Franſen der dunkelſten Nacht vergoldet. War Andrée nicht bei Phllipp, an ſeinem Arme hängend, unter dem Schutz des Mannes und des Bruders? Er, der Baron, ein ſchwacher, wankender Greis, wäre ganz einfach fortgeriſſen worden; doch Philipp, dieſe glühende, kräftige, lebhafte Natur, Philipp, dieſer ſtählerne Arm, Philipp, verantwortlich für ſeine Schweſter, dies nen unmöglich: Philipp hatte gekämpft und mußte geſiegt haben. Wie jeder Selbſtſüchtige ſchmückte der Baron Philipp mit allen Eigenſchaften, die der Egoismus für ſich ſelbſt ausſchließt, die er aber bei den Andern ſucht und ſchätzt; 22 nicht edelmüthig, ſtark, tapfer ſein, heißt für den Selbſt⸗ ſüchtigen ſelbſtſüchtig, nämlich, ſein Nebenbuhler, ſein Gegner, ſein Feind ſein, es heißt ihm die Vortheile ſtehlen, die er allein in der Geſellſchaft in Anſpruch zu nehmen ſich berechtigt glaubt. Als ſich Herr von Taverney ſo durch ſein eigenes Raiſonnement beruhigt hatte, ſchloß er, Philipp habe natür⸗ lich ſeine Schweſter retten müſſen, er habe vielleicht ein wenig Zeit verloren, um ſeinen Vater zu ſuchen, um ihn ebenfalls zu retten, aber wahrſcheinlich, gewiß ſogar habe er den Weg nach der Rue Cog⸗Héron eingeſchlagen, um Andrée, ein wenig betäubt von all dieſem Lärmen und Tumult, zurückzuführen. Er wandte ſich alſo wieder um, ging die Rue des Capucines hinab, erreichte die Place des Conqutes oder Louis le Grand, heute die Place des Victoires genannt. Doch kaum war der Baron zwanzig Schritte vom Hotel angelangt, als Nicole, welche als Schildwache vor der Thüre ſtand, wo ſie mit einigen Nachbarinnen plauderte, ausrief: 3 „Und Herr Philipp! Und Fräulein Andrée! was iſt aus ihnen geworden?“ Denn ganz Paris wußte ſchon von den erſten Flücht⸗ lingen die durch den Schrecken noch übertriebene Kataſtrophe. „Oh! mein Gott!“ rief der Baron,„ſind ſte nicht zurückgekehrt, Nicole?“ „Nein, nein, gnädiger Herr, man hat ſie nicht ge⸗ ſehen.“ „Sie werden genöthigt geweſen ſein, einen Umweg zu machen,“ erwiederte der Baron immer mehr zitternd, je mehr die Berechnungen ſeiner Logik in Stücke gingen. Der Baron blieb alſo auf der Straße, um mit Ni⸗ cole, welche ſeufzte, und La Brie, der die Arme zum Him⸗ mel erhob, zu warten. „Ahl! hier kommt Herr Philipp„“ rief Nieole mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck des Schreckens, denn Philipp war allein. 23 Philipp lief in der That in der Dunkelheit der Nacht keuchend, in Verzweiflung, herbei.— „Wo iſt meine Schweſter?“ rief er, als er die Gruppe auf der Schwelle des Hotel erblickte. „Oh! mein Gott!“ machte der Baron bleich und wankend. „Andrée! Andrée!“ rief der junge Mann immer näher kommend;„wo iſt Andrée?“ „Wir haben ſie nicht geſehen, ſie iſt nicht hier, Herr Philipp. Oh! mein Gott! mein Gott! theures Fräulein!?“ rief Nicole und brach in ein Schluchzen aus. „Und Du biſt zurückgekehrt?“ ſagte der Baron mit einem Zorn, der um ſo ungerechter erſcheinen muß, als wir den Leſer den Geheimniſſen ſeiner Logik haben bei⸗ wohnen laſſen. Statt jeder Antwort trat Philipp näher auf ihn zu und zeigte ſein blutiges Geſicht und ſeinen gebrochenen Arm, der wie ein dürrer Aſt an ſeiner Seite herabhing. „Ach! ach!“ ſeufzte der Greis,„Andrée, meine arme Andrée.“ Und er ſiel auf die ſteinerne Bank zurück, welche an die Wand neben dem Hauſe angelehnt war. „Ich werde ſie todt oder lebendig wieder finden!“ rief Philipp mit einer düſteren Miene. 3 Und er begann wieder ſeinen Lauf mit einer fieber⸗ haften Behendigkeit, und während er lief, legte er mit ſeinem rechten Arm ſeinen linken Arm in die Oeffnung ſeiner Weſte. Dieſer unnütze Arm wäre ihm läſtig und beſchwerlich bei der Rückkehr in die Menge geweſen, und wenn er ein Beil gehabt hätte, würde er ihn in dieſem Augenblick abgeſchlagen haben. Da geſchah es, daß er auf dem unſeligen Todten⸗ felde, das wir beſuchten, Rouſſeau, Gilbert und den finſte⸗ ren Operateur fand, der, roth von Blut, viel mehr der hölliſche Dämon, welcher bei der Metzelei den Vorſitz ge⸗ führt, als der wohlthätige Genius, der dabei Hülfe leiſtete, zu ſein ſchien.. 24 Philipp irrte einen Theil der Nacht auf der Place Louis XV. umher. Er konnte ſich nicht trennen von die⸗ ſen Mauern des Garde⸗Meuble, bei dem er Gilbert wie⸗ dergefunden, und richtete unabläßig ſeine Augen auf den weißen Mouſſelinefetzen, den der junge Menſch zerknittert in ſeiner Hand gehalten hatte. Endlich als der erſte Schimmer des Tags den Oſten bleichte, kehrte Philipp, entkräftet, nahe daran, ſelbſt unter dieſe Leichname zu fallen, welche minder bleich waren, als er, von einem ſeltſamen Schwindel ergriffen, hoffend, wie es ſein Vater gehoſſt hatte, Andrée wäre nach Hauſe ge⸗ kommen oder geführt worden, kehrte Philipp, ſagen wir, auf dem Wege nach der Rue Coq⸗Héron zurück. Von fern erblickte er an der Thüre dieſelbe Gruppe, die er dort gelaſſen hatte. Er begriff, daß Andrée nicht wiedererſchienen war. Der Baron erkannte ihn ebenfalls. „Nun?“ rief er Philipp zu. „Wie! meine Schweſter iſt nicht zurückgekommen?“ fragte dieſer. „Ach!“ riefen gleichzeitig der Baron, Nicole und La Brie. „Nichts? keine Nachricht? keine Kunde? keine Hoff⸗ nung?“ 3 „Nichts!“ Philipp ſank auf die ſteinerne Bank vor dem Hauſe; der Baron ſtieß ein wildes Geſchrei aus. In dieſem Augenblick zeigte ſich ein Fiaere am Ende der Straße, näherte ſich ſchwerfällig und hielt vor dem Hotel an. Ein Frauenkopf erſchien durch den Kutſchenſchlag, auf eine Schulter zurückgelehnt und wie ohnmächtig. Bei dieſem Anblick plötzlich erweckt, ſprang Philipp dahin. Der Schlag des Fiacre öffnete ſich, und ein Mann ſtieg, die lebloſe Andrée in ſeinen Armen tragend, heraus. „Todt! todt! Man bringt ſie uns zurück,“ rief Phi⸗ lipp auf die Kniee fallend. —— ——,,',—„„—.,— — 25 „Todt!“ ſtammelte der Baron.„Oh! mein Herr, iſt ſie wirklich todt?...“ „Ich glaube nicht, meine Herren,“ erwiederte ruhig der Mann, welcher Andrée trug,„Fräulein von Taverney iſt, wie ich hoffe, nur ohnmächtig.“ „Oh! der Zauberer! der Zauberer!“ rief der Baron. „Der Herr Graf von Balſamo,“ murmelte Philipp. „Ich bin es, Herr Baron, und fühle mich ſehr glück⸗ lich, Fräulein von Taverney in dem furchtbaren Gemenge erkannt zu haben.“ „Wo dies?“ fragte Philipp. „Beim Garde⸗Meuble.“ „Ja,“ ſagte Philipp.„Plötzlich aber von dem Aus⸗ druck der Freude zu einem düſteren Mißtrauen übergehend, fügte er bei: „Sie bringen Sie ſehr ſpät zurück, Graf.“. „Mein Herr,“ antwortete Balſamo, ohne zu erſtau⸗ nen,„Sie werden meine Verlegenheit leicht begreifen. Ich wußte die Adreſſe des Fräuleins, Ihrer Schweſter, nicht, und hatte ſie durch meine Leute zu der Frau Marquiſe von Savigny, einer Freundin von mir, bringen laſſen, welche bei den Ställen des Königs wohnt. Da erkannte dieſer brave Junge, den Sie hier ſehen und der mir das Fräulein unterſtützen half... Kommen Sie, Comtois.“ Balſamo begleitete dieſe letzten Worte mit einem Zei⸗ gen und ein Mann in köͤniglicher Livree ſtieg aus dem iacre. „Da erkannte,“ fuhr Balſamo fort,„dieſer brave Junge, der bei den königlichen Equipagen angeſtellt iſt, das Fräulein, das er eines Abends von der Muette nach Ihrem Hotel geführt hatte. Das Fräulein verdankt dieſes glückliche Zuſammentreffen ſeiner wunderbaren Schoͤnheit. Ich ließ ihn mit mir in den Fiacre ſteigen und habe die Ehre, mit aller ſchuldigen Achtung das Fräulein von Ta⸗ verney zurückzubringen, das minder leidend iſt, als Sie wohl glauben mögen.“ 26 Und er legte mit der achtungsvollſten Rückſicht das Mädchen in die Arme ſeines Vaters und der Nicole. Der Baron fühlte zum erſten Mal eine Thräne am Rande ſeines Augenlides und ließ, ſicherlich in ſeinem Innern ganz erſtaunt über eine ſolche Empftndſamkeit, dieſe Thräne frei über ſeine gerunzelte Wange fließen. Philipp reichte Balſamo die einzige Hand, die er frei hatte. „Mein Herr,“ ſagte er,„Sie wiſſen meine Adreſſe, Sie wiſſen meinen Namen; ich bitte Sie, ſetzen Sie mich in den Stand, für den Dienſt, den Sie uns geleiſtet, erkenntlich zu ſein.“. „Ich habe eine Pflicht erfüllt; war ich Ihnen nicht die Gaſtfreundſchaft ſchuldig?“ Und raſch grüßend, machte er einige Schritte, um ſich zu entfernen, ohne das Anerbieten des Barons, bei ihm einzutreten, erwiedern zu wollen. Doch ſich umwendend, ſagte er noch: „Verzeihen Sie, ich vergaß, Ihnen die genaue Adreſſe der Frau Marquiſe von Savigny zu geben; ſie hat ihr Hotel in der Rue Saint⸗Honoré, nahe bei den Feuillans. Ich ſage Ihnen dies, falls Fräulein von Taverney ihr einen Beſuch machen zu müſſen glauben würde.“ Es lag in dieſen Erklärungen, in dieſer genauen An⸗ gabe der Umſtände, in dieſer Anhäufung von Beweiſen eine Zartheit, welche Philipp und ſelbſt den Baron tief rührte. 1 „Mein Herr,“ ſprach der Baron,„meine Tochter ver⸗ dankt Ihnen das Leben.“ „Ich weiß es, mein Herr, und das macht mich ſtolz und glücklich,“ erwiederte Balſamo. Und gefolgt von Comtois, der die Börſe von Philipp ausſchlug, ſtieg Balſamo wieder in den Fiacre und ver⸗ ſchwand. Beinahe in demſelben Moment, und als hätte der Ab⸗ gang von Balſamo die Ohnmacht des Mädchens aufhören gemacht, öffnete Andrée die Augen. 27 Doch ſie blieb noch einige Sekunden ſtumm, betäubt, die Blicke verſtört. „Mein Gott, meln Gott!“ murmelte Philipp,„ſollte ſie uns Gott nur halb zurückgegeben haben, ſollte ſie wahn⸗ ſinnig geworden ſein!“ Andrée ſchien dieſe Worte zu verſtehen und ſchüt⸗ telte den Kopf; ſie blieb indeſſen fortwährend ſtumm und unter der Herrſchaft einer Art von Extaſe. Sie ſtand aufrecht und hatte einen ihrer Arme in der Richtung der Straße ausgeſtreckt, in der Balſamo ver⸗ ſchwunden war. „Auf, auf!“ ſagte der Baron,„es iſt Zeit, daß dies Alles endigt. Hilf Deiner Schweſter hineingehen, Philipp.“ Der junge Mann unterſtützte Andrée mit ſeinem ge⸗ ſunden Arm. Das Mädchen ſtützte ſich auf der andern Seite auf Nicole, ſchritt vorwärts, doch auf die Weiſe einer ent⸗ ſchlummerten Perſon, kehrte in das Hotel zurück und er⸗ reichte ſeinen Pavillon. Hier erhielt ſie die Sprache erſt wieder. „Philipp! mein Vater!“ ſagte ſie. „Sie erkennt uns, ſie erkennt uns!“ rief Philipp. „Allerdings erkenne ich Euch; doch, mein Gott, was iſt denn vorgefallen?“ 4 Andrée ſchloß beinahe ihre Augen wieder, doch dies⸗ mal nicht zu einer Ohnmacht, ſondern zu einem ruhigen, friedlichen Schlaf. Als Philipp in ſein Zimmer zurückkehrte, fand er einen Arzt, den der vorſichtige La Brie in aller Eile ge⸗ holt hatte, ſobald man über Andrée nicht mehr in Un⸗ ruhe war. 1 Der Doctor unterſuchte den Arm von Philipp; er war nicht gebrochen, ſondern nur luxirt. Ein geſchickt angewendeter Druck machte die Schulter in die Glieder⸗ fuge zurückkehren, aus der ſie herausgetreten war. Wonach Philipp, der noch für ſeine Schweſter bange hatte, den 28 Arzt zum Bett von Andrée führte. Der Arzt fühlte ihr den Puls, horchte auf ihren Athem und lächelte. „Der Schlaf Ihrer Schweſter iſt ruhig und rein wie der eines Kindes,“ ſagte er.„Laſſen Sie das Fräulein ſchlafen, Chevalier, es wird nichts Anderes zu thun ſein.“ Hinreichend über ſeinen Sohn und ſeine Tochter be⸗ ruhigt, ſchlief der Baron ſchon längſt. LXX. Herr von Juſſien. Wenn wir uns noch einmal in das Haus der Rue Platrière begeben, wohin Sartines ſein Geld ſchickte, ſo werden wir dort am Morgen des 31. Mai Gilbert auf einer Matratze im Zimmer von Thereſe ausgeſtreckt finden, und um ihn Thereſe und Rouſſeau mit mehreren von ihren Nachbarn, welche dieſes traurige Muſter des großen Ereig⸗ niſſes, über dem noch ganz Paris bebte, betrachten. Bleich, blutig, hatte Gilbert die Augen geöffnet, und ſobald er wieder zum Bewußtſein kam, indem er ſich er⸗ hob, um ſich her zu ſehen geſucht, als ob er noch auf der Place Louis XV. wäre. Zuerſt prägte ſich eine tiefe Unruhe, dann eine große Freude in ſeinen Zügen aus; hierauf kam eine andere Wolke der Traurigkeit und verwiſchte abermals die Freude. „Leiden Sie, mein Freund?“ fragte Rouſſeau, indem er voll Beſorgniß ſeine Hand nahm. „Oh! wer hat mich denn gerettet?“ fragte Gilbert; „wer hat denn an mich gedacht, an mich, den in der Welt Vereinzelten?“ „Was Sie gerettet hat, mein Kind, war, daß Sie noch nicht todt geweſen ſind; derjenige, welcher Sie ge⸗ rettet hat, iſt der, welcher an Alle denkt.“ 29 „Gleichviel, es iſt ſehr unklug, ſich in ein ſolches Ge⸗ dränge, in eine ſolche Menſchenmenge zu miſchen,“ brum⸗ melte Thereſe. „Ja, ja, es iſt ſehr unklug,“ wiederholten im Chor die Nachbarn. „Eil meine Damen,“ unterbrach ſie Rouſſeau,„es iſt keine Unklugheit, dahin zu gehen, wo keine offene Gefahr droht, und eine offene Gefahr droht nicht bei einem Feuer⸗ werk. Kommt die Gefahr in dieſem Fall, ſo iſt man nicht unklug, ſondern unglücklich. Wir, die wir ſprechen, hätten dasſelbe gethan.“ Gilbert ſchaute umher und wollte reden, als er ſah, daß er im Zimmer von Rouſſeau war. Doch die An⸗ ſtrengung, mit der er es verſuchte, machte, daß ihm das Blut in den Kopf, in den Mund und in die Naſenlöcher ſtieg. Rouſſeau war von dem Arzt der Place Louis XV. zum Voraus hierauf aufmerkſam gemacht worden; er er⸗ ſchrack alſo nicht darüber, ſondern er erwartete dieſe Ent⸗ wicklung und hatte deshalb ſeinen Kranken auf eine einzelne Matratze ohne Leintücher legen laſſen. „Sie können nun den armen Knaben ins Bett brin⸗ gen,“ ſagte er zu Thereſe. „Wo dies?“ „Hier, in mein Bett.“ 4 Gilbert hatte es gehört: ſeine außerordentliche Schwäche hinderte ihn allein, ſogleich zu antworten; doch er ſtrengte ſich gewaltig an, öffnete die Augen wieder und ſagte: „Nein, nein, oben!“ „Sie wollen in Ihr Zimmer zurückkehren?“ „Ja, ja, wenn Sie erlauben.“ Er vollendete mehr mit den Augen, als mit der Zunge dieſen Wunſch, der ihm von einer Erinnerung dictirt wurde, welche mächtiger war als das Leiden und in ſeinem Innern den Verſtand zu überleben ſchien. Rouſſeau, dieſer Mann, der alle Empfindungen im Uebermaße beſaß, begriff ohne Zweifel, denn er erwiederte: „Es iſt gut, mein Kind, wir werden Sie nach oben 30 bringen. Er will uns nicht beläſtigen,“ ſagte er zu The⸗ reſe, welche dies mit allen ihren Kräften billigte.. Dem zu Folge wurde beſchloſſen, Gilbert ſogleich in die Dachkammer einzuquartieren, nach der er verlangte. Um die Mitte des Tages kam Rouſſeau zum Bett ſeines Schülers, um hier die Zeit zuzubringen, die er gewöhnlich mit dem Sammeln von Lieblingspflanzen verlor. Der junge Mann, der ſich wieder ein wenig erholt hatte, erzählte ihm mit leiſer, beinahe erloſchener Stimme die einzelnen Um⸗ ſtände der Kataſtrophe.. Er ſagte nicht, warum er zu dem Feuerwerk gegan⸗ gen war; er erwächnte nur einfach, die Neugierde habe ihn nach der Place Louis XV. geführt. Wenn Rouſſeau kein Zauberer war, ſo konnte er nicht mehr vermuthen. Er gab alſo Gilbert kein Erſtaunen kund, begnügte ſich mit den ſchon gemachten Fragen und empfahl ihm nur die größte Geduld. Er ſprach auch nicht von dem Fetzen weißen Stoffes, den man in ſeiner Hand geſehen und deſſen ſich Philipp bemächtigt hatte. Doch dieſes Geſpräch, das bei Beiden ſo nahe an dem wirklichen Intereſſe und der poſitiven Wahrheit hinſtreifte, war darum nicht minder anziehend, und ſie gaben ſich dem⸗ ſelben, der Eine wie der Andere, ganz und gar hin, als plötzlich der Tritt von Thereſe auf dem Ruheplatz erſcholl. „Jacques!“ rief ſie,„Jacques!“ „Nun, was gibt es 29 1 „Ein Prinz, der mich beſuchen will,“ ſagte Gilbert mit einem bleichen Lächeln. „Jacques!“ rief Thereſe, immer näher kommend. „Nun! was will man von mir?“ Thereſe erſchien. „Herr von Juſſieu iſt unten,“ ſagte ſie;„er hat er⸗ fahren, daß man Sie in dieſer Nacht dort geſehen und kommt, um ſich zu erkundigen, ob Sie verwundet worden ſeien.“ „Dieſer gute Juſſieu!“ rief Rouſſeau;„ein vortreff⸗ 31 licher Mann, wie alle diejenigen, welche ſich aus Geſchmack oder Nothwendigkeit der Natur, dieſer Quelle alles Guten, nähern! Seien Sie ruhig, Gilbert, rühren Sie ſich nicht, ich komme zurück.“ „Ja, ich danke,“ ſprach der junge Mann. Rouſſeau ging hinaus. Doch kaum war er außen, als Gilbert, ſo gut er konnte, aufſtand und ſich bis zur Dachluke ſchleppte, von wo aus man das Fenſter von Andrée erblickte. Es war mühſam für einen jungen Mann ohne Kraͤfte, beinahe ohne Ideen, ſich auf den Schämel zu erheben, den Laden der Luke zu oͤffnen und ſich auf das Dach zu ſtützen. Es gelang jedoch Gilbert; doch ſobald er hier war, ver⸗ dunkelten ſich ſeine Augen, ſeine Hand zitterte, das Blut kehrte nach ſeinen Schläfen zurück und er fiel ſchwerfällig auf den Boden. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Kammerthüre, und Rouſſeau trat ein, Herrn von Juſſieu voranſchreitend, dem er tauſend Höflichkeiten erzeigte. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Gelehrter, bücken Sie ſich... es iſt hier eine Stufe,“ ſagte Rouſſeau; „wir treten wahrlich nicht in einen Palaſt ein.“ „Ich danke: ich habe gute Augen, gute Beine,“ er⸗ wiederte der gelehrte Botaniker.. „Man will Sie beſuchen, mein kleiner Gilbert,“ ſagte Rouſſeau, nach dem Bette ſchauend.„Ah! mein Gott! wo iſt er? Er iſt aufgeſtanden, der Unglückliche!“ Da bemerkte Rouſſeau, daß der Laden offen war, und wollte ſich in väterlichen Verweiſen ereifern. Gilbert erhob ſich mit großer Anſtrengung und ſagte mit beinahe erloſchener Stimme: „Ich bedurfte der Luft.“ Es war nicht möglich, zu zanken; das Leiden trat ſichtbar ausgeprägt auf dem verſtoͤrten Geſichte hervor. „Es iſt in der That furchtbar heiß hier,“ ſagte Herr von Juſſieu;„reichen Sie mir Ihren Puls, junger Mann, ich bin auch Arzt.“ 4 „Und zwar ein beſſerer als viele Andere,“ ſprach Rouſſeau;„denn Sie ſind zugleich Arzt der Seele und des Körpers.“ „So viel Chre..„" ſagte Gilbert mit ſchwacher Stimme, während er ſich in ſeinem ärmlichen Bette den Augen zu entziehen ſuchte. 4 „Herr von Juſſieu wollte Sie durchaus beſuchen,“ ſprach Rouſſeau,„und ich habe ſein Anerbieten angenommen nun, mein lieber Doctor, was ſagen Sie zu dieſer Bruſt?“ Der geſchickte Anatomiſt befühlte die Knochen und unterſuchte die Höhle mit der größten Aufmerkſamkeit. „Der Grund iſt gut,“ ſagte er;„doch wer hat Sie mit ſolcher Gewalt in ſeine Arme gedrückt?“ „Ach! mein Herr, der Tod,“ ſprach Gilbert. Roufſeau ſchaute den jungen Mann ganz verwundert an. Oh! Sie ſind gequetſcht, mein Kind, ſehr gequetſcht; doch ſtarkende Mittel, Luft, Muße, und Alles wird ver⸗ ſchwinden.“„ „Keine Muße... ich will keine haben,“ rief Gil⸗ bert, indem er Rouſſeau anſchaute. „Was will er damit ſagen?“ fragte Herr von Juſſieu. „Gilbert iſt ein rüſtiger Arbeiter, lieber Herr,“ erwie⸗ derte Rouſſeau. „Einverſtanden, doch man arbeitet nicht an ſolchen Tagen.“ „Um zu leben, arbeitet man alle Tage, denn man lebt alle Tage,“ ſagte Gilbert. „Oh! Sie werden nicht viel verzehren, und Ihre Ti⸗ ſanen koſten wenig.“ „So wenig ſie auch koſten mögen, mein Herr, ſo nehme ich doch kein Almoſen an,“ entgegnete Gilbert. „Sie ſind ein Narr, Sie übertreiben es,“ rief Rouſſeau. „Ich ſage Ihnen, daß Sie ſich nach der Vorſchrift dieſes Herrn richten werden, denn er wird Ihr Arzt wider Ihren Willen ſein. Glauben Sie, daß er mich gebeten hatte, keinen Arzt zu rufen 2“ fuhr er, ſich an Herrn von Juſſieu wendend fort. L 5* dert. eau. leſes hren atte, ſſieu 33 „Warum?“ „Weil mich das Geld gekoſtet hätte und weil er ſtolz iſt.“ „Aber,“ erwiederte Herr von Juſſieu, der mit der groͤßten Theilnahme dieſen ausdrucksvollen, feinen Kopf betrachtete,„ſo ſtolz man auch ſein mag, ſo könnte man doch immer nur das Mögliche thun... Sie glauben ſich im Stande, zu arbeiten, Sie, der Sie, nur weil Sie ſh an die Dachluke geſtellt, auf den Boden gefallen ſind?“ „Das iſt wahr,“ murmelte Gilbert,„ich bin ſchwach, ich weiß es.“ „Nun wohl! ſo ruhen Sie aus, und zwar beſonders moraliſch. Sie ſind der Gaſt eines Mannes, mit dem alle Welt rechnet, nur ſein Gaſt nicht.“ Sehr glücklich, über dieſe zarte Artigkeit des vorneh⸗ men Herrn, nahm Rouſſeau ſeine Hand und drückte ſie. „Und dann,“ fügte Herr von Juſſieu bei,„dann wer⸗ den Sie der Gegenſtand väterlicher Fürſorge des Königs und der Prinzen werden!“ „Ich!“ rief Gilbert. „Sie, ein armes Opfer dieſes Abends. Der Herr Dauphin, als er die Kunde vernahm, gab herzzerreißende Schreie von ſich. Die Frau Dauphine, welche nach Marly abzureiſen ſich anſchickte, bleibt in Trianon, um mehr in der Nähe zu ſein und dadurch den Unglücklichen leichter beiſtehen zu können.“ „Ah! wahrhaftig?“ ſagte Rouſſeau. „Ja, mein lieber Philoſoph, und man ſpricht hier nur von dem Brief, den der Dauphin an Herrn von Sar⸗ tines geſchrieben hat.“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Das iſt zugleich naiv und reizend. Der Dauphin er⸗ hält monatlich zweitauſend Thaler Penſion. Dieſen Mor⸗ gen kam ſein Monat nicht an. Der Prinz ging ganz beſtürzt auf und ab, fragte mehrere Male nach dem Caſſier, Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 3 und als dieſer das Geld brachte, ſchickte es der Prinz ſo⸗ gleich nach Paris mit zwei reizenden Zeilen an Herrn von Sartines, der mir dieſelben auf der Stelle mittheilte.“ „Ah! Sie haben Herrn von Sartines geſehen?“ fragte Rouſſeau mit einer Art von Unruhe, oder vielmehr Mißtrauen.“ „Ja, ich komme ſo eben von ihm her,“ antwortete Herr von Juſſieu ein wenig verlegen;„ich hatte ihn um Samen zu bitten; ſomit,“ fügte er raſch bei„ſomit bleibt die Frau Peinzeſſin in Verſailles, um ihre Kranken und Verwundeten zu pflegen.“ „Ihre Kranken und Verwundeten?“ verſetzte Rouſſeau. „Ja, Herr Gilbert iſt nicht der Einzige, der gelitten hat, das Volk hat diesmal nur einen theilweiſen Tribut bei der Kataſtrophe bezahlt; es ſollen unter den Verwun⸗ deten viele adelige Perſonen ſein.“ Gilbert horchte mit einer unausſprechlichen Angſt und Gierde; es war ihm, als müßte jeden Augenblick der Name von Andrée aus dem Munde des erhabenen Natur⸗ forſchers kommen. Herr von Juſſieu ſtand auf. „Die Conſultation iſt alſo geſchehen?“ fragte Rouſſeau. „Und unſere Wiſſenſchaft wird fortan bei dem Kran⸗ ken unnütz ſein; Luft, mäßige Bewegung, Spaziergänge im Walde... Ah!... ich vergaß...4 „Was denn?“ „Ich mache nächſten Sonntag einen botaniſchen Aus⸗ flug in den Wald von Marly, ſind Sie der Mann, mich zu begleiten, mein vortrefflichſter College?“ „Oh!“ rief Rouſſeau,„ſagen Sie Ihr unwürdiger Bewunderer.“ 3 „Das iſt bei Gott eine ſchöne Gelegenheit zu einem Spaziergang für unſern Verwundeten..., bringen Sie „Es iſt nur zwei Schritte, überdies führt mich mein Wagen nach Bougival; ich nehme Sie mit. Wir gehen 28 er ie in en 35 den Chemin⸗de⸗la⸗Princeſſe nach Luciennes hinauf und er⸗ reichen von dort Marly. Botaniker halten jeden Augen⸗ blick an; unſer Verwundeter trägt unſere Feldſtühle; Sie und ich, wir ſammeln beide Kräuter, und er wird leben.“ „Was für ein liebenswürdiger Mann ſind Sie, mein theurer Gelehrter!“ ſprach Rouſſeau. „Laſſen Sie mich gewähren, ich finde mein Intereſſe hiebei. Sie haben, wie ich weiß, eine große Arbeit über die Mooſe vorbereitet, und ich, ich tappe hierin etwas im Finſtern: Sie werden mich leiten.“ Oh!“ machte Rouſſeau, der ſeine Freude nicht zu ver⸗ bergen vermochte. „Dort,“ fügte der Botaniker bei,„dort ein kleines Frühſtück, Schatten, herrliche Blumen, das iſt abgemacht?“ „Es iſt abgemacht...“ „Am Sonntag die reizende Partie!“ „Köſtlich. Es iſt mir, als wäre ich erſt fünfzehn Jahre alt; ich genieße zum Voraus das ganze Glück, das mir zu Theil werden wird,“ ſprach Rouſſeau mit der Wonne eines Kindes. „Und Sie, mein kleiner Freund, ſtärken Sie Ihre Beine bis dahin!“ Gilbert ſtammelte eine Art von Dank, den Herr von Juſſieu nicht hörte, und die beiden Botaniker überließen ihn ſeinen Gedanken und beſonders ſeinen Befürchtungen. LXXI. Das Leben kehrt zurück. Während Rouſſeau ſeinen Kranken vollig beruhigt zu haben glaubte und Thereſe allen ihren Nachbarinnen er⸗ zählte, durch die Vorſchriften des gelehrten Arztes, des Herrn von Juſſieu, ſei Gilbert völlig außer Gefahr, wäh⸗ rend dieſer Periode allgemeinen Vertrauens lief der junge Mann gerade der ſchlimmſten Gefahr entgegen, der er durch ſeine Hartnäckigkeit und ſeine beſtändigen Träumereien preisgegeben war. Rouſſeau konnte nicht ſo vertrauensvoll ſein, hätte er nicht im Grunde ſeiner Seele ein auf ein philoſophiſches Raiſonnement feſt geſtütztes Mißtrauen gehabt. Da er wußte, daß Gilbert verliebt war, da er dieſen bei einer Rebellion gegen die ärztlichen Verordnungen auf der That ertappt hatte, ſo dachte er, Gilbert würde in den⸗ ſelben Fehler verfallen, wenn man ihm zu viel Freiheit ließe. Als guter Familienvater ſchloß alſo Rouſſeau ſorg⸗ fältiger als je das Vorlegeſchloß der Dachkammer von Gilbert, wobei er ihm in petto an das Fenſter zu gehen geſtattete, ihn in Wirklichkeit aber aus der Thüre zu treten verhinderte. Es läßt ſich nicht ausdrücken, welchen Zorn und welche Pläne Gilbert dieſe Fürſorge einflößte, die ſeinen Speicher in ein Gefängniß verwandelte. Bei gewiſſen Geiſtern wirkt der Zwang befruchtend. Gilbert dachte nur noch an Andrée, an das Glück, ſie zu ſehen und, wäre es auch nur aus der Ferne, die Fortſchritte ihrer Wiedergeneſung zu beobachten. Nicole, welche Tiſanen auf Porzellanplatten trug, Herr von Ta⸗ verney, der im kleinen Garten auf und abging und dabei wüthend ſchnupfte, als wollte er ſeine Geiſter erwecken, dies war Alles, was Gilbert ſah, wenn er mit glühenden Blicken die Tiefe der Zimmer oder die Dicke der Mauern befragte. Dieſe einzelnen Umſtände, beruhigten ihn indeſſen ein wenig, denn ſie offenbarten eine Krankheit und nicht einen Tod. „Dort,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„dort hinter jener Thüre, oder hinter jenem Windſchirm athmet, ſeufzt und leidet diejenige, welche ich bis zur Abgötterei liebe; die⸗ jenige, welche, wenn ſie ſich zeigte, den Schweiß von mei⸗ ner Stirne laufen und meine Glieder zittern machen würde; diejenige, welche mein Daſein an ihr Daſein feſte 3 1S8B= —Qᷓᷓ— 37 genietet hält, und durch die ich athme, weil ſie für uns Beide athmet.“ Und aus ſeiner Dachluke ſo weit vorgeneigt, daß die neugierige Chon zwanzigmal in einer Stunde glaubte, er würde ſich herausſtürzen, nahm Gilbert mit ſeinem geübten Auge das Maaß der Scheidewände, der Boͤden, der Tiefe, des Pavillon, und ſetzte ſich daraus einen genauen Plan zuſammen: dort mußte Herr von Taverney ſchlafen, dort mußten die Bedientenſtube und die Küche ſein, dort das für Philipp beſtimmte Zimmer, dort das Cabinet, welches Ni⸗ cole bewohnte, dort endlich das Zimmer von Andrée, das Allerheiligſte, wofür er ſein Leben hingegeben hätte, wäre es ihm geſtattet geweſen, einen Tag auf den Knieen an ſeiner Thüre zu verweilen. Dieſes Allerheiligſte war nach den Ideen von Gilbert ein großes Zimmer im Erdgeſchoß, mit einem Vorzimmer und durch eine Glasthüre von einem vorausgeſetzten Cabi⸗ net getrennt, wo Nicole nach den Anordnungen von Gil⸗ bert ihr Bett hatte. „Oh!“ ſagte zu ſich ſelbſt der Verrückte in ſeinen Anfällen neidiſcher Wuth,„glücklich ſind die Weſen, welche in dem Garten gehen, auf den man aus meinem Fenſter und aus denen der Treppe hinabſchaut! glücklich die Gleich⸗ gültigen, welche den Sand an den Blumenbeeten nieder⸗ treten! Dort muß man in der Nacht Fräulein Andrée klagen und ſeufzen hören.“ Vom Wunſch zur Ausführung iſt es weit; doch reiche Phantaſien rücken Alles näher zuſammen; ſie haben ein Mittel hiezu. Im Unmöglichen finden ſie das Wirkliche, ſie wiſſen Brücken über die Flüſſe zu ſprengen und Leitern an die Gebirge anzulegen. In den erſten Tagen begnügte ſich Gilbert mit dem Wünſchen. Dann bedachte er, dieſe ſo ſehr beneideten Glücklichen ſeien nur Menſchen, begabt wie er mit Beinen, um den Boden im Garten zuſammenzutreten, und mit Armen, um die Thüren zu öffnen. Nach und nach ſtellte er ſich das Glück vor, das man fühlen müßte, wenn man verſtohlener Weiſe in dieſes verbotene Haus dringen und das Ohr an die Sommerläden legen würde, durch die das Geräuſch aus dem Innern hervordränge. 3 Bei Gilbert war es zu wenig, gewünſcht zu haben, die Ausführung mußte unmittelbar folgen. Seine Kräfte kehrten übrigens raſch zurück. Die Jugend iſt fruchtbar und reich. Nach Verlauf von drei. Tagen fühlte ſich Gilbert ſo ſtark, als er es je geweſen. Er vermuthete, Rouſſeau habe ihn eingeſchloſſen, eines der größten Hinderniſſe war dadurch beſiegt, das Hinder⸗ niß, bei Fräulein von Taverney durch die Thüre einzutreten. Die Thüre ging in der That auf die Rue Coq⸗Héron. In der Rue Platrière eingeſchloſſen, konnte Gilbert in keine Straße gelangen und hatte folglich nicht nöthig, irgend eine Thüre zu öffnen. Es blieben die Fenſter. Das von ſeiner Dachkammer ging abſchüſſig auf acht und vierzig Fuß Mauer. Ohne trunken oder völlig wahnſinnig zu ſein, hätte es Niemand gewagt, hier hinabzuſteigen. „Oh! dieſe Thüren ſind nichtsdeſtoweniger ſchöne Erfindungen,“ wiederholte er, an den Fingern nagend, „und Herr Rouſſeau, ein Philoſoph, verſchließt ſie mir! „Das Schloß abreißen! leicht, ja; doch keine Hoff⸗ nung mehr, in das gaſtfreundliche Haus zurückzukehren. „Von Luciennes entfliehen, aus der Rue Platrière entfliehen bleibt immer entfliehen, und das hieße einen Weg einſchlagen, um es nicht mehr zu wagen, irgend einem Geſchöpf ins Geſicht zu ſchauen, ohne den Vorwurf der Undankbarkeit oder des Leichtſinns zu befürchten. „Nein, Herr Rouſſeau ſoll nichts erfahren!“ Und an ſeiner Luke hockend, fuhr Gilbert fort: „Mit meinen Beinen und meinen Händen, den natür⸗ lichen Werkzeugen des freien Mannes, klammere ich mich an die Ziegel an, ich folge der Dachrinne, welche aller⸗ dings ſehr ſchmal, aber gerade und folglich der kürzeſte 39 Weg iſt; ich gelange, wenn ich überhaupt ankomme, zu der mit der meinigen parallelen Luke. „Dieſe Luke iſt aber die der Treppe. „Lange ich nicht an, ſo falle ich in den Garten, das macht Lärmen, man kommt aus dem Pavillon heraus, man hebt mich auf, man erkennt mich, ich ſterbe ſchön, edel, poetiſch, man beklagt mich: das iſt herrlich! „Komme ich an, wie mich Alles glauben läßt, ſo ſchlüpfe ich unter die Luke der Treppe, ich ſteige mit bloßen Füßen die Stockwerke bis zum erſten hinab, das auch ſein Fenſter auf den Garten hat und fünfzehn Fuß vom Boden entfernt iſt. Ich ſpringe. „Ach! mehr Kraft, mehr Geſchmeidigkeit! Es iſt wahr, es iſt ein Geländer da, das mich unterſtützen wird. „Ja, aber dieſes Geländer mit dem wurmſtichigen Gitterwerk wird zerbrechen, ich werde hinabrumpeln, nicht mehr getödtet, edel, poetiſch, ſondern weiß von Gyps, ſchmählich und mit dem Anſchein eines Birnendiebst: das iſt ein abſcheulicher Gedanke; Herr von Taverney wird mich vom Hausmeiſter peitſchen oder von La Brie an den Ohren ziehen laſſen. „Nein! ich habe zwanzig Bindfäden, welche vereinigt einen Strick bilden, nach der Definition von Herrn Rouſ⸗ ſeau: die Halme machen eine Garbe.’ „Ich entlehne von Madame Thereſe alle Bindfäden für eine Nacht; ich mache Knoten daran, und habe ich einmal das Fenſter im erſten Stock erreicht, ſo hänge ich den Strick an den kleinen Balcon an und ſchlüpfe in den Garten.“ Nachdem er die Dachrinne beſichtigt, die Fäden, um ihre Länge zu berechnen, abgenommen und die Höhe mit dem Auge gemeſſen hatte, fühlte ſich Gilbert ſtark und entſchloſſen. Er ſlocht ſeine Bindfäden ſo, daß er aus allen zu⸗ ſammen einen Strick machte; dann verſuchte er ſeine Kräfte, indem er ſich an den Balken des Dachſtuhls an⸗ hing, und glücklich, als er ſah, daß er nur ein einziges ——— 1 Mal bei dieſen Verſuchen Blut geſpieen hatte, entſchloß er ſich zum nächtlichen Unternehmen. Um Herrn Jacques und Thereſe beſſer zu täuſchen, ſtellte er ſich krank und hütete das Bett bis um zwei Uhr, das heißt, bis zu dem Augenblick, wo Rouſſeau nach dem Mittageſſen ſich auf ſeinen Spaziergang begab, von dem er erſt am Abend zurückkehrte. Gilbert ſagte, er habe Luſt zu einem Schlaf, der bis zum andern Morgen denetn würde. Rouſſeau erwiederte, da er an dieſem Abend in der Stadt ſpeiſe, ſo mache 6s ihn glücklich, Gilbert in einer ſo beruhigenden Verfaſſung zu ſehen. Man trennte ſich auf dieſe gegenſeitigen Verſiche⸗ rungen. Doch kaum war Rouſſeau weggegangen, als Gilbert abermals ſeine Bindfäden losmachte, die er nun kräftig zum erwähnten Gebrauche ſlocht. Er unterſuchte noch einmal die Dachrinne und die Ziegel, und belauerte ſodann den Garten bis zum Abend. LXXII. Luftreiſe. Gilbert hielt ſich ſo zum Landen im feindlichen Gar⸗ ten bereit— ſo bezeichnete er in der Stille das Haus von Taverney;— von ſeiner Dachluke aus erforſchte er das Terrain mit der tiefen Aufmerkſamkeit eines gewandten Strategen, der eine Schlacht zu liefern im Begriffe iſt, als in dieſem ſo ſtummen, ſo unempfindlichen Hauſe eine Scene vorſiel, welche die Aufmerkſamkeit des Philoſophen erregte. IEin Stein flog über die Gartenmauer und ſchlug im Winkel an die Mauer des Hauſes. 41 Gilbert wußte ſchon, daß es keine Wirkung ohne Ur⸗ ſache gibt, er ſuchte alſo die Urſache, da er die Wirkung geſehen hatte. Aber obgleich er ſich weit hinausneigte, konnte doch Gilbert die Perſon nicht ſehen, die von der Straße aus den Stein geſchleudert hatte. Nur begriff er ſogleich, daß dieſes Manoeuvre mit dem Ereigniß, welches vorgefallen war, in Verbindung ſtand; nur ſah er auch vorſichtig einen von den Läden eines Zimmers im Erdgeſchoß öffnen, und durch die Oeff⸗ nung dieſes Ladens kam der aufgeweckte Kopf von Nicole hervor. Bei dem Anblick von Nicole fuhr Gilbert in ſeine Manſarde zurück, doch ohne einen Augenblick das flinke Mädchen aus dem Geſicht zu verlieren. Nicole, nachdem ſie mit dem Blick alle Fenſter und beſonders die des Hauſes unterſucht hatte, verließ ihren Halbverſteck und lief in den Garten, als wollte ſie ſich dem Geländer nähern, an welchem einige Spitzen in der Sonne trockneten. Auf den Weg nach dieſem Geländer war der Stein gefallen, den Gilbert ebenſo wenig als Nicole aus dem Auge ließ. Gilbert ſah ſie dieſen Stein, der für den Augenblick eine ſo große Wichtigkeit erhielt, mit dem Fuße fortſtoßen und immer vor ſich her ſtoßen, bis er am Rande der Rabatte unter dem Geländer war. Hier hob Nicole ihre Hände in die Höhe, um die Spitzen loszumachen, und ließ eine davon fallen, welche ſie langſam aufhob; während ſie dieſelbe aber aufhob, be⸗ mäͤchtigte ſie ſich zugleich des Steines. Gilbert errieth noch nichts; als er aber Nicole dieſen Stein ſchäͤlen ſah, wie es ein Gourmand mit einer Nuß macht, als er ſah, wie ſie eine Papierrinde, die er hatte, davon abnahm, da begriff er den Grad der Wichtigkeit dieſes Aeroliths. Es war in der That nicht mehr nicht minder als ein Billet, das Nicole um den Stein gewickelt fand. 2* 42 Die Liſtige hatte es bald entfaltet, verſchlungen, in ihre Taſche geſteckt, und brauchte dann nicht mehr nach ihren Spitzen zu ſchauen, die Spitzen waren trocken. Gilbert ſchüttelte indeſſen den Kopf; mit jenem blinden Egoismus der Männer, welche die Franen geringſchätzen, ſagte ſich Gilbert, Nicole ſei wirklich eine laſterhafte Natur, während er einen Beweis der Sittlichkeit und geſunder Politik dadurch abgelegt, daß er ſo ungeſtüm und ſo muthig mit einem Mädchen gebrochen, welches Billets über die Mauern empfange. Indem Gilbert, der ein ſo ſchoͤnes Raiſonnement über die Urſachen und Wirkungen gemacht hatte, ſo urtheilte, verdammte er eine Wirkung, deren Urſache er vielleicht war. Nicole ging wieder hinein, kam dann abermals her⸗ aus, und hatte diesmal die Hand in ihrer Taſche. Sie zog einen Schlüſſel heraus, Gilbert ſah ihn einen Augenblick wie einen Blitz zwiſchen ihren Fingern glänzen; dieſen Schlüſſel ſchob das Mädchen unter der kleinen Gartenthüre durch, welche Thüre die des Gärtners war und am andern Ende der Straßenmauer parallel mit der großen Thüre lag, von der man gewoͤhnlich Gebrauch machte. 3 „Gut!“ ſagte Gilbert,„ich verſtehe: ein Billet und ein Rendez⸗vous. Nicole verliert ihre Zeit nicht, Nicole hat alſo einen neuen Liebhaber?“ Gilbert runzelte die Stirne mit dem Aerger eines Mannes, welcher geglaubt hat, ſein Verluſt müſſe eine unerſetzliche Leere in dem Herzen der Frau, die er aufge⸗ geben, zurücklaſſen, indeß er zu ſeinem großen Erſtaunen dieſe Leere vollkommen ausgefüllt ſieht. „Das könnte mir bei meinen Plänen entgegentreten,“ fuhr Gilbert fort, der einen Scheingrund für ſeine üble Laune ſuchte.„Gleichviel,“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte,„es iſt mir nicht unangenehm, den glücklichen Sterblichen kennen zu lernen, der mir in der Gunſt von Mademoiſelle Nicole nachfolgt.“ Gilbert beſaß bei gewiſſen Punkten einen vollkommen richtigen Verſtand; er berechnete ſogleich, daß die Ent⸗ deckung, die er gemacht, von der man aber nicht wußte, daß er ſie gemacht hatte, ihm bei Nicole einen Vortheil gab, den er bei Gelegenheit benützen koͤnnte, da er das Geheimniß von Nicole mit einzelnen Umſtänden wußte, die fie nicht ableugnen konnte, während ſie das ſeinige kaum vermuthete und kein beſtimmter Umſtand ihrem Ver⸗ dacht Haltbarkeit gegeben hatte. Gilbert nahm ſich alſo vor, von ſeinem Vortheil bei Gelegenheit Gebrauch zu machen. Während alles dieſes Hin⸗ und Hergehens trat end⸗ lich die ſo ungeduldig erwartete Nacht ein. Gilbert befürchtete nur Eines: Rouſſeau konnte un⸗ vorhergeſehen zurückkehren, er könnte ihn auf dem Dach oder auf der Treppe ertappen, oder auch das Zimmer leer finden. Der Zorn des Genfers müßte in dieſem Fall furchtbar ſein; Gilbert glaubte die Streiche deſſelben mit Hülfe eines Billets abwenden zu müſſen, das er auf den Tiſch legte. Dieſes Billet war in folgenden Worten abgefaßt: „Mein theurer und erhabener Beſchützer, „Faſſen Sie keine ſchlimme Meinung von mir, wenn ich mir, trotz Ihrer Ermahnungen und ſogar Ihrer Befehle, auszugehen erlaubt habe. Ich werde bald zurückkehren, begegnet mir nicht ein Unfall, dem ähnlich, welcher mir ſchon begegnet iſt; doch auf die Gefahr eines ähnlichen und ſogar noch ſchlimmeren Unfalls muß ich mein⸗Zimmer auf zwei Stunden verlaſſen.“. „„Ich weiß nicht, was ich bei der Rückkehr ſagen werde,“ dachte Gilbert;„doch Herr Rouſſeau wird wenig⸗ ſtens nicht unruhig ſein und nicht in Zorn gerathen.“ Der Abend war düſter. Es herrſchte eine erſtickende Hitze, wie dies gewöhnlich bei den erſten warmen Früh⸗ lingstagen der Fall iſt; der Himmel war mit Wolken 44 überzogen, und um halb neun Uhr hätte auch das geübteſte Auge nichts mehr in der Tiefe des Schlundes unterſcheiden können, den die Blicke von Gilbert befragten. Jetzt erſt bemerkte der junge Mann, daß er mühſam athmete, daß ein plötzlich hervorbrechender Schweiß ſeine Stirne und ſeine Bruſt übergoß— ſichere Zeichen der Schwäche und der Erſchlaffung. Die Klugheit rieth ihm, in dieſem Zuſtand ein Unternehmen nicht zu wagen, wobei die ganze Stärke, die ganze Feſtigkeit der Organe noth⸗ wendig waren, und zwar nicht allein für den Erfolg des Unternehmens, ſondern auch für die Sicherheit des Men⸗ ſchen; doch Gilbert hörte nichts von dem, was ihm der phyſiſche Inſtinct rieth. Der moraliſche Wille hatte lauter geſprochen, und er war es wie immer, dem der junge Mann folgte. Der Augenblick war gekommen; Gilbert rollte ſein kleines Seil in zwölf Kreiſen um ſeinen Hals, begann mit zitterndem Herzen ſeine Dachluke zu erklettern, packte feſt das Geſimſe dieſer Luke und machte ſeinen erſten Schritt in der Rinne nach der Dachluke rechts, welche, wie ge⸗ ſagt, die der Treppe war, und von der andern durch einen Zwiſchenraum von zwei Klaftern getrennt ſein mochte. Die Füße in einer bleiernen Rinne von höchſtens acht Zoll Breite, welche Rinne, obgleich in Zwiſchenräumen durch eiſerne Klammern gehalten, wegen der Weiche des Bleis unter den Tritten nachgab, die Hände auf die Ziegel geſtützt, von denen man nur einen Stützpunkt für das Gleichgewicht, aber durchaus keinen Anhaltspunkt für den Fall eines Sturzes verlangen durfte, denn die Finger hatten keine Handhabe: dies war die Lage von Gilbert während ſeiner Luftreiſe, welche zwei Minuten, das heißt, zwei Ewigkeiten dauerte. Doch Gilbert wollte keine Angſt haben, und die Wil⸗ lensſtärke des jungen Mannes war ſo groß, daß er keine Angſt hatte. Er erinnerte ſich, daß er einen Aequilibri⸗ ſten hatte ſagen hören, um glücklich auf ſchmalen Pfaden zu gehen, müße man nicht zu ſeinen Füßen, ſondern zehn 7 ——— 8——, ᷣ —2 8BSu S A Schritte vor ſich ſehen und an den Abgrund nie anders als in der Weiſe des Adlers denken, nämlich man ſei ge⸗ macht, um darüber zu ſchweben. Gilbert hatte übrigens dieſe Lehre ſchon bei mehreren Beſuchen in Anwendung gebracht, die er Nicole abgeſtattet, derſelben Nicole, welche nun ſo keck war, daß ſie ſich der Schlüſſel und Thüren, ſtatt der Dächer und Kamine bediente. Er war oft über die Schleußen der Mühlen von Taverney und über die Balken der entblößten Dächer eines alten Schoppen gegangen. Er kam ſo ohne ein einziges Zittern an ſein Ziel, und ſobald er dieſes Ziel erreicht hatte, ſchlüpfte er ganz ſtolz auf ſeine Treppe. Als er aber auf dem Ruheplatz war, blieb er plötzlich ſtehen. Stimmen erſchollen in den untern Stockwerken: dies waren die von Thereſe und ge⸗ wiſſen Nachbarinnen, welche ſich über das Genie von Herrn Rouſſeau, über das Verdienſt ſeiner Bücher und die Harmonie ſeiner Muſik unterhielten. Dieſe Nachbarinnen hatten die neue Heloiſe geleſen und fanden dieſes Buch ſchlüpfrig, was ſie offenherzig zu⸗ geſtanden. In Erwiederung dieſer Kritik bemerkte ihnen Madame Thereſe, ſie verſtünden den philoſophiſchen Theil dieſes ſchönen Buches nicht. Hierauf hatten die Nachbarinnen nichts zu antworten, wenn nicht etwa, daß ſie ſich für incompetent in ſolchen Materien erklärten. Dieſes erhabene Geſpräch hatte von einem Ruheplatz zum andern ſtatt, und das Feuer der Discuſſion war nicht minder heiß, als das der Herde, auf denen das duftende Abendbrod dieſer Damen kochte. Gilbert hörte alſo die Beweisſätze klingen und die Fleiſchſpeiſen ſchmoren. Mitten unter dieſem Tumult ausgeſprochen, erregte ihm ſein Name einen unangenehmen Schauer. „Nach meinem Abendbrod,“ ſagte Thereſe,„werde ich nachſehen, ob es dem lieben Kind in ſeiner Manſarde an nichts fehlt.“ „Dieſes liebe Kind“ bereitete ihm weniger Vergnügen, als ihm das Verſprechen des Beſuches Angſt machte. Zum Gliück bedachte er, daß Thereſe, wenn ſie allein zu Nacht ſpeiſte, lange mit ihrer göttlichen Flaſche plau⸗ derte, daß der Braten ſchmackhaft zu ſein ſchien, daß die Sitzung nach dem Abendbrod auf zehn Uhr deutete. Es war noch nicht drei Viertel auf acht Uhr. Ueberdies würde ſich nach dem Abendeſſen aller Wahrſcheinlichkeit nach der Gang der Ideen von Thereſe verändert haben, und ſie würde an etwas ganz Anderes denken, als an das liebe Kind. Indeſſen verſtrich die Zeit, zur großen Verzweiflung von Gilbert, als plötzlich einer von den Braten der Ge⸗ vatterinnen anbrannte... es erſcholl ein Schrei der be⸗ ſtürzten Köchin, u dieſer Schreckensſchrei unterbrach das ganze Geſpräch. Jedes ſtürzte nach dem Schauplatze des Ereigniſſes. Gilbert benützte die culinariſche Beſorgniß dieſer Damen, um wie ein Sylphe auf die Treppe zu ſchlüpfen. Im erſten Stock fand er das Blei geeignet, um ſei⸗ nen Strick anzunehmen; er befeſtigte ihn daran mit einer Schlinge, ſtieg auf das Fenſter und fing an ſich ſachte hinabzulaſſen. Gilbert hing zwiſchen dieſer bleiernen Rinne und der Erde, als ein raſcher Tritt unter ihm im Garten erſcholl. Er hatte Zeit, ſich umzudrehen, indem er ſich an den Knoten anklammerte, um zu ſchauen, wer der Ueberläſtige wäre. Es war ein Mann. 5 Da er von der Seite der kleinen Thüre kam, ſo zweifelte Gilbert nicht einen Augenblick, es wäre der von Niicole erwartete glückliche Sterbliche. Er concentrirte ſeine ganze Aufmerkſamkeit bei dieſem andern Eindringling, der ihn mitten in ſeiner gefahrvollen Abſteigung aufhielt. An ſeinem Gang, an einem Stück⸗ chen Profil, das ſich unter dem Dreiſpitz ſkizzirte, an der beſondern Weiſe, wie dieſer Dreiſpitz auf der Ecke eines 4—— „ —— hatte. 47 Ohres ſaß, das ſehr aufmerkſam zu ſein ſchien, glaubte Gilbert den trefflichen Beauſire, den Gefreiten zu erken⸗ nen, deſſen Bekanntſchaft Nicole in Taverney gemacht Beinahe in demſelben Augenblick ſah er Nicole die Thüre ihres Pavillon oͤffnen, welche ſie auch offen ließ, in den Garten ſtürzen und raſch wie eine Bachſtelze, wenn ſie läuft, leicht wie ſie, ſich nach dem Gewächshauſe, das heißt nach der Seite wenden, wohin Herr Beau⸗ ſire ſchon ging. Dies war offenbar nicht das erſte Rendez⸗vous dieſer Art, da weder das Eine noch das Andere das geringſte Zögern hinſichtlich des Ortes, der ſie vereinigen ſollte, kundgab. „Ich kann nun vollends hinabſteigen,“ dachte Gilbert; „denn wenn Nicole ihren Liebhaber dieſer Stunde empfangen hat, ſo iſt ſie ihrer Zeit ſicher. Andrée iſt alſo allein, mein Gott! allein...“ 4 Man höͤrte in der That kein Geräuſch und ſah nur ein ſchwaches Licht im Erdgeſchoß. Als Gilbert auf den Boden gekommen war, wollte er den Garten nicht ſchräge durchſchneiden; er zog ſich an der Mauer hin, erreichte ein Gebüſch, ſchlich ſich ge⸗ bückt durch dasſelbe und kam, ohne daß man eine Ver⸗ muthung von ihm haben konnte bis zu der Thüre, welche Nicole offen gelaſſen hatte. Geſchützt durch eine ungeheure Oſterluzei, welche ſich bis über die Thüre hinaufrankte und dieſe üppig umwand, bemerkte er, daß das erſte Gelaß, ein ziemlich geräumiges Vorzimmer, wie er dies errathen hatte, völlig leer war. Dieſes Vorzimmer führte in des Innere durch zwei Thüren, von denen die eine geſchloſſen, die andere offen war; Gilbert vermuthete, die offene Thüre wäre die des Zimmers von Nicole. Er ſchlich ſachte in dieſes Zimmer, wobei er aus Furcht, anzuſtoßen, denn es war jedes Lichtes beraubt, die Hände vor ſich ausſtreckte. 48 Am Ende eines Corridors ſah man indeſſen eine Glasthüre auf dem Lichte des anſtoßenden Zimmers die Querleiſten abzeichnen, welche die Glasſcheiben umſchloßen; jenſeits dieſer Scheiben hing ein Mouſſelinevorhang. Während Gilbert in dieſem Corridor vorrückte, hörte er eine ſchwache Stimme in dem erleuchteten Zimmer. Es war die Stimme von Andrée; alles Blut von Gilbert floß nach ſeinem Herzen zurück. Eine andere Stimme antwortete dieſer; es war die von Philipp. Der junge Mann erkundigte ſich voll Beſorgniß nach der Geſundheit ſeiner Schweſter. Gilbert machte behutſam einige Schritte und ſtellte ſich hinter eine von den, von irgend einer Büſte überrag⸗ ten, Halbſäulen, welche in jener Zeit die Verzierung der ihrer Tiefe nach doppelten Thüren bildeten. So in Sicherheit, horchte und ſchaute er, ſo glücklich, daß ſeh Herz vor Freude zerſchmolz, ſo erſchrocken, daß ebendasſelbe Herz ſich in einem Grade zuſammenzog, daß es nicht mehr als ein Punkt in ſeiner Bruſt war. Er hörte und ſah. 7 1 LXXIII. Der Bruder und die Schweſter. Gilbert hörte und ſah, haben wir geſagt. Gilbert ſah Andrée auf ihrem Ruhebett liegen, das Geſicht ganz gegen die Glasthüre, alſo ganz gegen ihn gewendet. Dieſe Thüre war nur angelehnt. Eine kleine Lampe mit breitem Schirm, welche auf einem nahen Tiſche ſtand, der mit Büchern beladen war, was die einzige Zerſtreuung andeutete, der ſich die ſchöne Kranke hingeben konnte, beleuchtete nur den untern Theil des Geſichtes von Fräulein von Taverney. Gilbert den Rucken zu; ſein Arm lag immer noch in der Gilbert hinter einen an der Thüre eines Ankleidecabinets Zuweilen indeſſen, wenn ſie ſich zurückwarf, um an das Kiſſen des Ruhebetts angelehnt zu ſein, übergoß die Helle ihre unter den Spitzen ſo weiße und ſo reine Stirne. Philipp ſaß am Fuß dieſes Ruhebetts und wandte Binde, und jede Bewegung war dieſem Arm unterſagt. Es war das erſte Mal, daß Andrée aufſtand; es war das erſte Mal, daß Philipp ausging. Die jungen Leute hatten ſich alſo ſeit der furchtbaren Nacht nicht wiedergeſehen; nur wußte jedes von Beiden, daß der Zuſtand des andern ſich immer mehr beſſerte, daß es immer mehr ſeiner Wiedergeneſung entgegenging. Kaum ſeit einigen Minuten beiſammen, plauderten Beide ganz frei, denn ſie wußten, daß ſie allein waren, und daß ſie, wenn Jemand käme, von der Annäherung dieſes Jemands durch den Lärmen des Glöckchens benach⸗ richtigt würden, das an der Thüre angebracht war, welche Nicole offen gelaſſen hatte. Doch ſie wußten natürlich den Umſtand der offen gelaſſenen Thüre nicht und rechneten auf das Glöckchen. Gilbert ſah und hörte alſo, wie geſagt, denn durch die offene Thüre konnte er jedes Wort des Geſpräches auffaſſen. „Somit,“ ſagte Philipp in dem Augenblick, wo ſich flatternden Vorhang ſchmiegte,„ſomit athmeſt Du freier, arme Schweſter?“ „Ja, freier, aber ſtets mit einem leichten Schmerz.“ „Und die Kräfte?“. „Sie ſind bei Weitem noch nicht zurückgekehrt; doch konnte ich heute zwei oder dreimal bis zum Fenſter gehen. Was für eine gute Sache iſt doch die Luft! was für eine ſchöne Sache ſind doch die Blumen! Mir ſcheint, mit Luft und Blumen kann man nicht ſterben. „Aber bei allem Dem fühlſt Du Dich immer noch ſchwach, nicht wahr, Andrée?“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. Iv. 3 50 „Ohl ja, denn die Erſchütterung war furchtbar! Ich wiederhole Dir auch,“ fuhr das Maͤdchen fort, indem es lächelnd den Kopf ſchüttelte,„ich gehe nur mit großer Schwierigkeit, ſelbſt wenn ich mich auf die Meubles und das Täfelwerk ſtütze: ohne Stütze biegen ſich meine Beine, und es kommt mir immer vor, als würde ich fallen.“ „Auf, auf! Muth gefaßt, Andrée! Die gute Luft und die ſchoͤnen Blumen, wovon Du ſo eben ſprachſt, wer⸗ den Dich wiederherſtellen, und in acht Tagen biſt Du im Stand, einen Beſuch bei der Frau Dauphine zu machen, 3 ſich ſo wohlwollend nach Dir erkundigt, wie ich öre.“ „Ja, ich hoffe es, Philipp; denn die Frau Dauphine ſcheint in der That ſehr gut gegen mich.“ Nach dieſen Worten warf ſich Andrée zurück, legte die Hand auf ihre Bruſt und ſchloß ihre ſchönen Augen. Gilbert machte mit ausgeſtreckten Armen einen Schritt vorwärts. „Du leideſt, meine Schweſter?“ ſagte Philipp, indem r ihre Hand nahm. „ Ja, Krämpfe, und dann ſteigt mir zuweilen das Zlut in die Schläfe und belagert ſie.“ „Oh!“ ſprach Philipp träumeriſch,„darüber darf man ſich nicht wundern; Du haſt eine ſo ſchreckliche Prüfung ausgeſtanden und biſt auf eine ſo wunderbare Weiſe gerettet worden.“ „Wunderbar, das iſt das rechte Wort, mein Bruder.“ „Doch was dieſe wunderbare Rettung betrifft, Andrée,“ fuhr Philipp fort, indem er ſich ſeiner Schweſter näherte, um ſeiner Frage mehr Gewicht zu geben,„weißt Du, daß ich noch nicht mit Dir über dieſe Kataſtrophe habe ſprechen können?“ Andrée erröthete und ſchien ſich unbehaglich zu fühlen. Philipp bemerkte dieſe Röthe nicht, oder ſchien ſie wenigſtens nicht zu bemerken. „Ich glaubte doch,“ erwiederte das Mädchen,„meine Rückkehr ſei von allen Aufklärungen, die Du wünſchen konnteſt, begleitet geweſen; mein Vater war, wie er mir ſagt, ſehr zufrieden.“ „Ganz gewiß, liebe Andrée, und dieſer Mann be⸗ handelte die ganze Sache mit einem außerordentlichen Zartgefühl, wenigſtens wie es mir ſchien; allein mehrere Puncte ſeiner Erzählung kamen mir, nicht verdächtig, aber dunkel vor, das iſt das Wort.“ „Wie ſo, was willſt Du damit ſagen?“ fragte Andrée mit ganz jungfräͤulicher Unſchuld. „Ja, allerdings.“ „Erkläre Dich.“ „So zum Beiſpiel,“ fuhr Philipp fort,„iſt ein Um⸗ ſtand, den ich Anfangs nicht ſchärfer in's Auge faßte, der mir aber ſeitdem ſehr ſeltſam vorgekommen iſt.“ „Welcher?“ fragte Andrée. „Gerade die Art und Weiſe, wie Du gerettet worden biſt. Erzähle mir das, Andrée.“ Das Mädchen ſchien ſich gegen ſich ſelbſt anzuſtren⸗ gen und ſprach: „Oh! Philipp, ich habe es beinahe vergeſſen, ſo groß war meine Angſt.“ „Gleichviel, meine gute Andrée, ſage mir Alles, was Du Dich erinnerſt.“ „Mein Gott! Du weißt, mein Bruder, wir wurden ungefähr zwanzig Schritte vom Garde⸗Meuble getrennt. Ich ſah, wie Du nach dem Tutilerien⸗Garten fortgeriſſen wurdeſt, während man mich gegen die Rue Royale ſchleppte. Einen Augenblick konnte ich noch wahrnehmen, wie Du Ddich vergebens anſtrengteſt, um wieder zu mir zu kom⸗ men. Ich ſtreckte die Arme nach Dir aus, ich rief: Phi⸗ lipp! Philipp! als ich plötzlich wie von einem Wirbel umſchlungen war; aufgehoben, gegen die Gitter fortge⸗ tragen, fühlte ich die Woge, die mich nach der Mauer riß, woo ſie zerſchellen ſollte; ich hörte das Geſchrei derjenigen, welche man an den Gittern zermalmte; ich begriff, ſogleich würde die Reihe, erſtickt, vernichtet zu werden, an mich kommen. Ich konnte beinahe die Zahl der Secunden 52² berechnen, die ich noch zu leben hatte, als ich, halb todt, halb wahnſinnig, die Arme und die Augen in einem letzten Gebet zum Himmel erbebend, den Blick eines Mannes glänzen ſah, der dieſe ganze Menge beherrſchte, als ob dieſe Menge ihm gehorchte.“ „Und dieſer Mann war der Graf Joſeph Balſamo, nicht wahr?“ „Ja, derſelbe, den ich ſchon in Taverney geſehen; derſelbe, der mir dort ſchon einen ſo ſeltſamen Schrecken eingeflößt hatte; dieſer Mann endlich, der in ſich etwas ebernatürliches zu verbergen ſcheint; dieſer Mann, der meine Augen mit ſeinen Augen, mein Ohr mit ſeiner Stimme verzaubert hat, dieſer Mann, der mein ganzes Weſen dadurch ſchauern machte, daß er einfach mit ſeinem Finger meine Schualter berührte.“ „Fahre fort, fahre fort, Andrée,“ ſprach Philipp, deſſen Geſicht, deſſen Stimme immer düſterer wurden. „Nun! dieſer Mann erſchien mir über der ganzen Kataſtrophe ſchwebend, als ob die menſchlichen Schmerzen ihn nicht erreichen könnten. Ich las in ſeinen Augen, daß er mich retten wollte, daß er es konnte; da ging etwas Außerordentliches in mir, um mich her vor; ganz gelähmt, ganz ohnmächtig, ganz todt, wie ſch war, fühlte ich mich von dieſem Mann aufgehoben, alsob mich eine unbe⸗ kannte, geheimnißvolle, unbeſiegbare Kraft bis zu ihm trüge; ich fühlte etwas wie Arme, die ſich anſtrengten, um mich aus dieſem Schlunde von geknetetem Fleiſch, worin ſo viele Unglückliche röchelten, hinauszuſchieben und mich der Luft, dem Leben zurückzugeben. Oh! Phllixp, ſiehſt Du,“ fuhr Andrée mit einer gewiſſen Begeiſterung fort,„ich bin es feſt überzeugt, es war der Blick dieſes Mannes, der mich ſo anzog. Ich erreichte ſeine Hand, und war gerettet!“ „Ach!“ murmelte Gilbert,„ſie hat nur ihn geſehen, und mich, mich, der ich zu ihren Füßen ſtarb, hat ſie nicht geſehen!“ Er wiſchte ſeine von Schweiß rieſelnde Stirne ab. 53 „So iſt die Sache alſo gegangen?“ fragte Philipp. „Ja, bis zu dem Augenblick, wo ich mich außer Ge⸗ fahr fühlte; dann, mag ſich nun mein ganzes Leben in der letzten Anſtrengung, die ich gemacht, zuſammengedrängt haben, oder überſtieg wirklich der Schrecken, den ich em⸗ . pfunden, das Maaß meiner Kräfte, dann ward ich ohn⸗ mächtig.“ „Zu welcher Stunde iſt, wie Du denkſt, dieſe Ohn⸗ macht eingetreten?“ „Zehn Minuten, nachdem ich Dich verlaſſen hatte, mein Bruder.“ „So iſt es,“ fuhr Philipp fort,„es war ungefähr Mitternacht. Warum biſt Du dann erſt um drei Uhr zurückgekehrt? Verzeihe mir ein Verhoͤr, das Dir lächer⸗ lich vorkommen kann, liebe Andrée, das aber für mich ſeinen Grund hat.“ „Ich danke, Philipp,“ ſagte Andrée, indem ſie ihrem Bruder die Hand drückte,„ich danke. Vor drei Tagen hätte ich Dir noch nicht antworten koͤnnen, doch heute,— was ich Dir da ſage, wird Dir ſeltſam vorkommen,— heute iſt mein inneres Geſicht ſtärker; es iſt mir, als ſagte mir ein Wille, der dem meinigen beſiehlt, ich ſoll mich erinnern, und ich erinnere mich.“ „Sprich alſo, ſprich, liebe Andrée, denn ich warte voll Ungeduld. Dieſer Mann hob Dich alſo in ſeine Arme?“ „In ſeine Arme?“ verſetzte Andrée erröthend,„ich erinnere mich deſſen nicht genau. Ich weiß nur, daß er mich aus der Menge zog; doch die Berührung ſeiner Hand brachte bei mir dieſelbe Wirkung hervor, wie in Taverney, und kaum hatte er mich berührt, als ich abermals ohn⸗ mächtig wurde, oder vielmehr einſchlief, denn die Ohn⸗ macht hat ihre ſchmerzlichen Vorſpiele, und diesmal fühlte ich nur die wohlthätigen Eindrücke des Schlafes.“ „In der That, Andrée, Alles, was Du mir da ſagſt, kommt mir ſo ſeltſam vor, daß ich, wenn eine andere Per⸗ ſon als Du mir ſolche Dinge erzählte, nicht daran glau⸗ ben würde. Gleichviel, vollende,“ fuhr er mit einer Stimme * 54 fort, welche mehr vor Unruhe bebte, als er es wahrnehm⸗ bar werden laſſen wollte. Gilbert verſchlang jedes Wort von Andrée, er, der wußte, daß wenigſtens bis dahin jedes Wort der Wahr⸗ heit entſprach. „Ich kam wieder zum Bewußtſein,“ fuhr das Mäd⸗ chen fort,„und erwachte in einem reich ausgeſtatteten Salon. Eine Kammerfrau und eine Dame waren an meiner Seite, ſchienen aber durchaus nicht unruhig, denn meinem Erwachen ſah ich wohlwollende, lächelnde Ge⸗ ichter.“ „Weißt Du, wie viel Uhr es war, Andrée?“ „Es ſchlug halb ein Uhr.“ „Oh!“ machte der junge Mann frei athmend,„es iſt gut, fahre fort, Andrée.“ „Ich dankte den Frauen für die Sorge, die ſie an mich verſchwendeten; doch da ich wußte, wie unruhig Ihr ſein mußtet, bat ich ſie, mich auf der Stelle zurückfüh⸗ ren zu laſſen; ſie ſagten mir, der Graf ſei auf den Schau⸗ platz der Kataſtrophe zurückgekehrt, um auf's Neue Hülfe zu leiſten, er würde jedoch mit einem Wagen kommen und mich ſelbſt nach unſerem Hotel führen. Nach zwei Stunden hörte ich in der That einen Wagen in der Straße rollen, ein Beben, dem ähnlich, welches ich ſchon bei der Annäherung dieſes Menſchen empfunden hatte, erfaßte mich; ich ſiel ſchwankend, betäubt auf ein Sopha: die Thüre ging auf, ich konnte mitten in meiner Blendung abermals denjenigen erkennen, welcher mich gerettet hatte, dann verlor ich zum zweiten Mal das Bewußtſein. „Nun wird man mich hinabgebracht, in den Fiacre geſetzt und hierher zurückgeführt haben. Weiterer Umſtände erinnere ich mich durchaus nicht, mein Bruder.“ Philipp berechnete die Zeit und ſah, daß ſeine Schwe⸗ ſter unmittelbar von der Rue des Ecuries⸗du⸗Louvre nach der Rue Coq⸗Héron geführt worden ſein mußte, wie ſie von der Place Louis XV. nach der Rue des Ecuries⸗du⸗ Louvre geführt worden war; und er drückte ihr herzlich 2 55 die Hand und ſagte mit ſeinem freien, freudigen Stimmm⸗ tone: „Ich danke, liebe Schweſter, ich danke; alle dieſe Berechnungen ſtimmen mit der meinigen überein. Ich werde mich zu der Marquiſe von Savigny begeben und ihr ſelbſt danken. Nun noch ein Wort von untergeordnetem Intereſſe.“ „Sprich.“ „Erinnerſt Du Dich, mitten unter der Kataſtrophe das Geſicht eines Bekannten geſehen zu haben.“ „Ich? nein.“ „Das des kleinen Gilbert, zum Beiſpiel?“ „In der That,“ ſprach Andrée, die ihre Erinne⸗ rungen zurückzurufen ſich anſtrengte,„ja in dem Augenblick, wo wir getrennt wurden, war er zehn Schritte von mir.“ „Sie hatte mich geſehen,“ murmelte Gilbert. „Während ich Dich ſuchte, Andrée, fand ich das arme Kind.“ „Unter den Todten?“ fragte Andrée mit jener ſcharf hervortretenden Nuance der Theilnahme, welche die Großen für ihre Untergeordneten haben. „Nein, er war nur verwundet; man hat ihn gerettet, und ich hoffe, daß er davonkommen wird.“ .„Oh! deſto beſſer,“ ſagte Andrée;„und was hatte er 2“ „Die Bruſt eingedrückt. „Ja, ja, an der Deinigen, Andrée,“ murmelte Gilbert. „Aber,“ fuhr Philipp fort,„was dabei ſeltſam iſt und mich von dieſem Kinde zu ſprechen veranlaßt, das iſt der Umſtand, daß ich in ſeiner durch den Schmerz erſtarrten Hand ein Stück von Deinem Kleide fand.“ „Das iſt in der That ſeltſam.“ „Haſt Du ihn in Deinem letzten Augenblick nicht geſehen?“ „Im letzten Augenblick, Philipp, ſah ich ſo viele vor Schrecken und Schmerz, vor Selbſtſucht, vor Liebe, vor Mitleid, vor Gierde, vor Unfläthigkeit ſchreckliche Geſichter, 5 6 daß es mir vorkommt, als hätte ich ein Jahr in der Hölle gelebt; es kann wohl ſein, daß ich unter allen dieſen Geſichtern, die auf mich die Wirkung machten, als ließe ich alle Verdammte die Revue paſſiren, den kleinen Burſchen geſehen habe, aber ich erinnere mich deſſen durch⸗ aus nicht.“ „Doch dieſes Stück Stoff, das von Deinem Kleide abgeriſſen wurde, es war wirklich von Deinem Kleid, denn ich habe dieſen Umſtand mit Nicole bewahrheitet.“ „Wobei Du dieſem Mädchen ſogteſt, aus welcher Ur⸗ ſache Du fragteſt?“ verſetzte Andrée, denn ſie erinnerte ſich der ſeltſamen Erklärung, welche ſie in Taverney mit ihrer Kammerfrau in Beziehung auf eben dieſen Gilbert gehabt hatte. „Oh! nein. Kurz dieſes Stück war in ſeiner Hand; wie erklärſt Du Dir das?“ „Mein Gott, nichts kann leichter ſein,“ ſprach Andrée mit einer Ruhe, welche einen unbeſchreiblichen Contraſt mit dem furchtbaren Herzklopfen von Gilbert bildete;„wenn er in dem Augenblick bei mir war, wo ich mich ſo zu ſagen durch den Blick dieſes Menſchen aufgehoben fühlte, ſo wird er ſich an mich angehängt haben, um zugleich mit mir die Hülfe zu benützen, die mir zukam, hiebei dem Er⸗ trinkenden ähnlich, der ſich am Gürtel des Schwimmers anklammert.“ „Oh!“ murmelte Gilbert mit einer düſteren Verach⸗ tung gegen dieſen Geranken des Mädchens;„oh! unedle Auslegung meiner aufopfernden Ergebenheit! Wie dieſe Leute vom Adel uns Leute vom Volk beurtheilen; oh! Herr Rouſſeau hat Recht, wir ſind mehr werth als ſie; unſer Herz iſt reiner und unſer Arm ſtärker.“ Und als er eine Bewegung machte, um die Unter⸗ redung von Andrée und ihrem Bruder wieder aufzufaſſen, von dem er ſich durch dieſes Selbſtgeſpräch einen Augen⸗ blick abgewendet hatte, hörte er ein Geräuſch hinter ſich. „Mein Gott,“ murmelte er,„es iſt Jemand im Vor⸗ zimmer.“ ———— M ——— ◻ 57 Die Tritte näherten ſich dem Corridor, und Gilbert verſteckte ſich tieſer im Ankleidecabinet und ließ den Thür⸗ vorhang vor ſich herabfallen. „Nun! die tolle Nicole iſt alſo nicht da?“ ſagte die Stimme des Baron von Taverney, der, mit den Schößen ſeines Rockes an Gilbert anſtreifend, in das Zimmer ſeiner Tochter eintrat. „Sie iſt ohne Zweifel im Garten,“ antwortete Andrée mit einer Ruhe, welche bewies, daß ſie keine Ahnung von der Gegenwart eines Dritten hatte;„guten Abend, mein Vater.“ Philipp ſtand ehrfurchtsvoll auf; der Baron bedeutete ihm durch ein Zeichen, er moͤge bleiben, wo er war, nahm ſelbſt einen Stuhl und ſetzte ſich zu ſeinen Kindern. „Ah! meine Kinder,“ ſagte er, nes iſt ſehr weit von der Rue Cog⸗Héron nach Verſailles, wenn man, ſtatt in einer guten Hofequipage dahin zu fahren, nur eine Patache, gezogen von einem Pferde, hat; doch ich habe die Frau Dauphine immerhin geſehen.“— „Ah!“ ſagte Andrée,„Sie kommen alſo von Ver⸗ ſailles, mein Vater?“ „Ja, die Prinzeſſin hatte die Güte, mich rufen zu laſſen, da ſie den Unfall meiner Tochter erfahren.“ „Es geht viel beſſer bei Andrée, mein Vater,“ ſprach Philipp. „Ich weiß es wohl und habe es auch Ihrer könig⸗ lichen Hoheit geſagt, welche die Gnade hatte, mir zu ver⸗ ſprechen, ſobald Deine Schweſter wiederhergeſtellt ſei, werde ſie dieſelbe zu ſich nach Klein⸗Trianon berufen, was ſie entſchieden zu ihrer Reſidenz gewählt hat und nach ihrem Geſchmack einrichten zu laſſen beſchäftigt iſt.“ „Ich! ich! bei Hofe?“ fragte Andrée ſchüchtern. „Das wird nicht bei Hofe ſein, meine Tochter, die Frau Dauphine hat Geſchmack an einer häuslichen Lebens⸗ weiſe, der Herr Dauphin ſelbſt haßt den Lärmen und das Gepränge; man wird in Trianon im Familienkreiſe leben; nun dürften, wie ich die Launen Ihrer Hoheit der Frau 58 Dauphine kenne, dieſe kleinen Familienverſammlungen am Ende beſſer ſein, als Parlamentseröffnungen und Stände⸗ verſammlung. Die Prinzeſſin hat Charakter und der Herr Dauphin iſt tief, wie man ſagt.“ „Oh! täuſche Dich nicht, meine Schweſter, es wird immer noch der Hof ſein,“ ſprach Philipp mit traurigem Tone. „Der Hof,“ ſagte Gilbert mit einer Wuth, einer ge⸗ drängten Verzweiflung,„der Hof, das iſt ein Gipfel, den ich nicht erreichen, ein Abgrund, in den ich mich nicht ſtürzon. kann; keine Andrée mehr! verloren für mich, ver⸗ oren!. Andrée aber erwiederte ihrem Vater: „Wir haben weder das Vermögen, um an dieſem Ort zu wohnen, noch die Erziehung, welche für denjenigen, welcher daſelbſt wohnt, nothwendig iſt. Ich, ein armes Maͤdchen, was ſollte ich unter dieſen Damen machen, deren blendenden Glanz ich nur einmal geſehen, deren im Grunde ſo unbedeutenden, aber funkelnden Geiſt ich beurtheilt habe? Ach! mein Bruder, wie dunkel ſind wir, um unter alle dieſe Lichter zu gehen!..“ Die Stirne faltend erwiederte der Baron: „Abermals Albernheiten! ich begreife in der That nicht, warum die Meinigen ſtets bemüht ſind, Alles zu er⸗ niedrigen, was von mir kommt oder mich berührt. Dunkel! wahrhaftig, Sie ſind toll, mein Fräulein; dunkel! eine Taverney⸗Maiſon⸗Rouge dunkel! Ich bitte, wer wird denn glänzen, wenn nicht Sie?... Das Vermögen... Bei Gott! man weiß, was das Vermoͤgen bei Hof beſagen will; die Sonne der Krone ſaugt es aus, die Sonne macht es wieder aufblühen; das iſt das große Gehen und Kommen der Natur. Ich habe mich zu Grunde gerichtet, gut; ich werde ganz einfach wieder reich werden. Hat der König kein Geld mehr, um es ſeinen Dienern anzubieten? Glaubſt Du, ich werde erröthen über ein Regiment, das man dem älteſten Sohne meines Stammes gibt, Andrée, über eine Mitgift, die man Dir reicht, über eine ͤ—'—— 59 Apanage, die man mir bewilligt, oder über einen ſchoͤnen Rentenvertrag, den ich unter meiner Serviette finde, wenn ich im kleinen Kreiſe ſpeiſe? Nein, nein, die Thoren haben Vorurtheile, ich habe keine... Ueberdies iſt das mein Gut— ich nehme es wieder; mache Dir alſo keine Scru⸗ pel. Es bleibt noch Deine Erziehung zu erörtern, Deine Erziehung, von der Du ſo eben ſprachſt. Erinnere Dich, daß kein Fräulein von Hof erzögen iſt wie Du; mehr noch, Du haſt neben der Erziehung der adeligen Fräulein die ſolide Bildung der Töchter vom Cioilſtand, von den Finanzen. Du biſt muſtkaliſch, Du zeichneſt Landſchaften mit Schafen und Kühen, welche Berghem nicht verleugnen würde. Es ſindet ſich Schönheit bei Dir, der König wird nicht ermangeln, dies zu bemerken. Du haſt Converſation, das wird für den Herrn Grafen d'Artois oder für Herrn von Provence ſein... man wird Dich alſo nicht nur gern ſehen, ſondern anbeten... Ja, ja,“ fagte der Baron, ſich die Hände reibend und mit einem ſo ſeltſamen Tone lachend, daß Philipp ſeinen Vater anſchaute, denn er glaubte, dieſes Lachen komme nicht aus einem menſchlichen Munde.„Anbeten! ich habe das Wort geſagt.“ Andrée ſchlug die Augen nieder; Philipp nahm ſie bei der Hand und ſprach: 4 „Der Herr Baron hat Recht, Du biſt wohl Alles, was er ſagt. Niemand iſt würdiger zum Eintritt in Ver⸗ ſailles als Du.“ „Ja, aber ich werde von Euch getrennt werden,“ er⸗ wiederte Andrée. „Durchaus nicht, durchaus nicht,“ unterbrach ſie der Baron;„Verſailles iſt groß, meine Liebe.“ „Ja, doch Trianon iſt klein,“ entgegnete Andrée, ſtolz und wenig nachgebend, wenn man hartnäckig gegen ſie war. 3 „Trianon wird immerhin groß genug ſein, um Herrn von Taverney ein Zimmer zu bieten;„ein Mann wie ich richtet ſich immer ein,“ fügte er mit einer Beſcheidenheit bei, welche bedeutete: Weiß ſich immer einzurichten. 60 Durchaus nicht beruhigt durch dieſe Nähe ihres Vaters, wandte ſich Andrée gegen Philipp. „Neine Schweſter,“ ſagte dieſer,„Du wirſt ohne Zweifel nicht einen Theil von dem bilden, was man den Hof nennt. Statt Dich in ein Kloſter zu bringen, wo ſie Deine Mitgift bezahlen würde, wird Dich die Frau Dau⸗ phine, welche Dich auszuzeichnen die Gnade hatte, mit irgend einer Beſchäftigung bei ſich behalten. Heut zu Tage iſt die Etiquette nicht unbarmherzig, wie zur Zeit von Ludwig XIV., es iſt Verſchmelzung und Theilbarkeit bei den Stellen; Du kannſt der Dauphine als Vorleſerin oder als Geſellſchaftsdame dienen, ſie wird mit Dir zeichnen, ſie wird Dich immer bei ſich behalten; es iſt möglich, daß man Dich nie ſehen wird, Du wirſt aber darum nicht minder in ihrer unmittelbaren Protection ſtehen und in dieſem Verhältniß viel Neid einfloͤßen. Das iſt es, was Du befürchteſt, nicht wahr?“. „Ja, mein Bruder.“ „Gut, doch kümmern wir uns nicht um eine ſolche Kleinigkeit, um ein paar Neidiſche.. Mache, daß Du bald wiederhergeſtellt biſt, Andrée, und ich werde das Vergnügen haben, Dich ſelbſt nach Trianon zu führen, ſo lautet der Befehl der Frau Dauphine.“ „Es iſt gut, ich werde gehen, mein Vater.“ „Doch ſage,“ fuhr der Baron fort,„Du biſt bei Geld, Philipp?“ „Wenn Sie brauchen, mein Vater,“ erwiederte der junge Mann,„ſo hätte ich nicht genug, um Ihnen anzu⸗ bieten, wollen Sie dagegen mir anbieten, ſo kann ich Ihnen antworten, daß mir genug für mich bleibt.“ „Es iſt wahr, Du biſt ein Philoſoph,“ ſagte der Baron höhniſch lächelnd.„Und Du, Andrée, biſt Du auch philoſophiſch, und verlangſt Du nichts oder brauchſt Du etwas?“ „Ich müßte befürchten, Sie zu beläſtigen, mein Vater.“ „Ah! wir ſind hier nicht mehr in Taverney. Der König hat mir fünf hundert Louisd'or zuſtellen laſſen... auf Abſchlag, wie Seine Majeſtät ſagte. Denke an Deine Mädchen. 61 Toilette, Andrée.“ „Ich danke, mein Vater,“ erwiederte freudig das „Ah! ah!“ ſagte der Baron,„das ſind Erxtreme. So eben wollte ſie nichts und nun würde ſie einen Kaiſer von China zu Grunde richten. Oh! gleichviel, verlange immer⸗ hin; die ſchoͤnen Roben werden Dir gut ſtehen, Andrée.“ Hienach und nach einem ſehr zärtlichen Kuß öffnete der Baron die Thüre eines Zimmers, das das ſeinige von dem ſeiner Tochter trennte, und verſchwand mit den Worten: „Die verdammte Nicole iſt nicht da, um mir zu leuchten!“ „Soll ich läuten, mein Vater?“ „Nein, ich habe La Brie, der in irgend einem Lehn⸗ ſtuhle ſchläft; gute Nacht, meine Kinder.“ Philipp war ebenfalls aufgeſtanden. „Auch Dir gute Nacht, mein Bruder,“ ſagte Andrée, „ich bin gelähmt vor Müdigkeit. Das iſt das erſte Mal, daß ich ſeit meinem Unfall ſo viel ſpreche. Gute Nacht, lieber Philipp.“ Und ſie reichte ihre Hand dem jungen Mann, der ſie brüderlich küßte, wobei er indeſſen in dieſe Brüderlichkeit eine Art von Ehrfurcht miſchte, die er ſtets für ſeine Schweſter gehabt hatte. Philipp ging hinaus und ſtreifte an den Thürvor⸗ hang, hinter welchem Gilbert verborgen war. 5 „Soll ich Nicole rufen?“ ſagte er, als er ſich ent⸗ fernte. „Nein, nein,“ rief Andrée,„ich werde mich allein auskleiden; gute Nacht, Philipp.“ LXXIV. Was EGilbert vorhergeſehen hatte. Als Andrée allein war, erhob ſie ſich auf ihrem Ruhebett, und ein Schauer durchdrang den ganzen Leib von Gilbert. Andrée ſtand; mit ihren alabaſterweißen Händen machte ſie eine nach der andern die Nadeln ihres Kopf⸗ putzes los, während der leichte Nachtmantel, der ſie be⸗ deckte, von ihren Schultern ſchlüpfend, ihren ſo reinen und anmuthigen Hals, ihre noch bebende Bruſt und ihre Arme entblößte, welche, nachläßig über dem Kopfe gerundet, der Biegung ihrer Hüften zu Gunſten eines ausgezeichneten, unter dem Battiſt zitternden Nackens Gewalt anthaten. Auf den Knieen, keuchend, trunken, fühlte Gilbert das Blut wüthend ſeine Stirne und ſein Herz ſchlagen. Glü⸗ hende Wogen kreiſten in ſeinen Adern, eine Flammen⸗ wolke ſenkte ſich auf ſein Geſicht, ein unbekanntes, fieber⸗ haftes Gemurmel ſummte in ſeinen Ohren; er war dem Augenblick wilden Irrſinns nahe, der die Menſchen in den Schlund des Wahnwitzes ſlürzt. Er war im Begriff, über die Schwelle des Zimmers von Andrée zu ſchreiten und zu rufen: „Oh! ja, Du biſt ſchön, Du biſt ſchön! Doch ſei nicht ſo ſtolz auf Deine Schoͤnheit, denn Du verdankſt ſie mir, denn ich habe Dir das Leben gerettet.“ Plötzlich hemmte Andrée ein Knoten ihres Gürtels hm Auskleiden, ſie wurde ärgerlich, ſtampfte mit dem Fuße, ſetzte ſich ganz in Unordnung auf das Ruhebett, als ob das leichte Hinderniß, auf das ſie geſtoßen, hinreichend geweſen wäre, um ihre Kräfte zu lähmen, neigte ſich halb entbloͤßt gegen die Klingelſchnur und riß ungeduldig daran. 8 Dieſes Geräuſch rief Gilbert zur Vernunft zurück. Andrée vollends aus und brachte ſie in's Bett. Wohl 63 Nicole hatte die Thüre offen gelaſſen, um zu hören, Nicole würde kommen. „Fahre hin, Traum, fahre hin, Glück, nichts mehr als ein Bild, nichts mehr als eine Erinnerung, ewig bren⸗ nend in der Einbildungskraft, ewig gegenwärtig im Grunde des Herzens.“ Gilbert wollte aus dem Pavillon hinausſtürzen, doch der Baron hatte bei ſeinem Eintritt die Thüren des Cor⸗ ridors an ſich gezogen. Gilbert, der dieſes Hinderniß nicht kannte, brauchte einige Secunden, um ſie zu öffnen. In dem Augenblick, wo er in das Zimmer von Nicole eintrat, kam Nicole. Der junge Mann hoͤrte unter ihren Tritten den Sand des Gartens krachen. Er hatte nur noch Zeit, ſich in den Schatten zu ſtellen, um das Mäd⸗ chen vorüberzulaſſen, das, nachdem es die Thüre geſchloſſen hatte, das Vorzimmer durchſchritt und leicht wie ein Vogel in den Corridor eilte. Gilbert erreichte das Vorzimmer und ſuchte hinaus⸗ zukommen. Doch während Nicole herbeilief und beſtändig:„Ich komme, ich komme, mein Fräulein! ich ſchließe die Thüre!“ rief, ſchloß Nicole wirklich die Thüre, und ſie ſchloß ſie nicht nur durch doppeltes Umdrehen, ſondern ſie ſteckte auch in ihrer Verwirrung den Schlüſſel in die Taſche. Gilbert verſuchte es alſo vergebens, die Thüre wleder zu öffnen. Er nahm ſeine Zuflucht zu den Fenſtern. Die Fenſter waren vergittert; nachdem er fünf Minuten lang geforſcht und unterſucht hatte, begriff Gilbert, daß es ihm unmöglich war, hinauszukommen. Der junge Mann kauerte ſich in eine Ecke, bewaffnet mit dem feſten Entſchluß, ſich von Nicole die Thüre öffnen zu laſſen. Dieſe, nachdem ſie für ihre Abweſenheit den nicht zu verwerfenden Vorwand gebraucht hatte, ſie habe die Glas⸗ rahmen des Treibhauſes geſchloſſen, aus Furcht, die Nacht⸗ luft könnte den Blumen des Fräuleins ſchaden, kleidete 64 war in der Stimme von Nicole ein Zittern, wohl war eine beſondere Bewegung an ihren Händen, wohl verrich⸗ tete ſie ihren Dienſt mit einem ungewöhnlichen Eifer, der einen Reſt von Aufregung offenbarte, doch Andrée ſchaute von dem ſanften Himmel, wo ihre Gedanken ſchwebten, ſelten auf die Erde herab, und wenn ſie herabſchaute, ſo erſchienen die untergeordneten Weſen ihren Augen wie Aiome. Sie bemerkte alſo nichts. In Gilbert kochte es vor Ungeduld, ſeitdem ihm der Rückzug abgeſchnitten war. Er begehrte nur noch nach Freiheit. Andrée entließ Nicole nach einer kurzen Plauderei, wobei Nicole die ganze Schmeichelei eines Kammermäd⸗ chens, das Gewiſſensbiſſe hat, entwickelte. Sie fuhr mit den Händen an dem Rande der Decke ihrer Gebieterin hin, ſie dämpfte die Lampe, ſie zuckerte in dem ſilbernen Becher den Trank, der auf der alabaſternen Nachtlampe lau gemacht wurde, ſie wünſchte mit ihrer ſüßeſten Stimme ihrer Gebieterin einen guten Abend und verließ das Zim⸗ mer auf den Fußſpitzen. Als ſie hinausging, ſchloß ſie die Glasthüre. Dann durchſchritt ſie trällernd, um glauben zu machen, ihr Geiſt ſei ruhig, das Vorzimmer und ging auf die Thüre nach dem Garten zu. Gilbert begriff die Abſicht von Nicole und fragte ſich einen Augenblick, ob er nicht, ſtatt ſich zu erkennen zu geben, durch Ueberraſchung hinausgehen und den Augen⸗ blick, wo die Thüre offen wäre, um zu entfliehen, benützen ſollte; doch dann würde man ihn ſehen, ohne ihn zu er⸗ kennen, man würde ihn für einen Dieb halten, Nicole würde um Hülfe ſchreien, er hätte nicht Zeit, ſeinen Strick zu erreichen, und erreichte er ihn auch, ſo würde man ihn bei ſeiner Luftreiſe ſehen, was ſeinen Rückzug verrathen und Scandal machen müßte, einen Scandal, der unfehlbar nur groß bei Leuten ſein könnte, welche ſo ſchlecht geſinnt wären wie die Taverney gegen den armen Gilbert. -— ——-—ð— ͤ———+ᷣ☛ᷣ 1 65 Es iſt wahr, er würde Nicole angeben, er würde machen, daß man Nicole wegjagte. Doch wozu würde ihn das nützen? Gilbert hätte das Uebel angerichtet ohne Nutzen, nur aus Rache. Gilbert war nicht ſo ſchwachen Geiſtes, daß er ſich befriedigt fühlte, wenn er ſich gerächt hatte, die Rache ohne Nutzen war für ihn mehr als eine ſchlechte Handlung, es war eine Albernheit. Als Nicole nahe bei der Ausgangsthüre war, wo ſie Gilbert erwartete, trat dieſer alſo ploͤtzlich aus dem Schat⸗ ten hervor, in welchem er ſich verborgen gehalten hatte, und erſchien vor dem Mädchen in einem Lichtſtrahl, der voon der Helle des durch die Scheiben eindringenden Mon⸗ des hervorgebracht wurde. Nicole wollte ſchreien; doch ſie hielt Gilbert für einen Andern und ſagte nach einer erſten Bewegung des Schreckens: „Ah! Sie ſind es, welche Unklugheit!“ „Ja, ich bin es,“ erwiederte Gilbert ganz leiſe, doch ſchreien Sie ebenſo wenig meinetwegen, als Sie um eines Andern willen nicht geſchrieen hätten.“ Diesmal erkannte ihn Nicole. „Mein Gott! Gilbert!“ rief ſie. „Ich habe Sie gebeten, nicht zu ſchreien,“ ſagte kalt der junge Mann. 4 „Aber was machen Sie denn hier, mein Herr?“ fuhr Nicole in ihrem Zorn heraus. „Ah!“ ſagte Gilbert mit derſelben Ruhe,„ſo eben nannten Sie mich unklug, und nun ſind Sie ſelbſt un⸗ kluger als ich.“ „Ja, in der That,“ verſetzte Nicole,„ich bin ſehr gut, daß ich frage, was Sie hier machen.“ „Was mache ich denn hier?“ „Sie kommen, um Fräulein Andrée zu ſehen.“ 2„Fräulein Andrée?“ verſetzte Gilbert mit gleicher uhe. 3 Denkwürdigkeiten eines Arztes. Iv. 5 66 „Ja, in die Sie verliebt ſind, die aber zum Glück Sie nicht liebt.“ „Wahrhaftig?“ fuhr Nicole mit drohendem Tone fort. „Nehmen Sie ſich in Acht, daß ich Sie nicht an⸗ zeige.“ „Du, Nicole!“ „Ja, ich, und daß ich nicht mache, daß man Sie fortjagt.“ „Verſuche es,“ ſagte Gilbert lächelnd. „Du forderſt mich heraus?“ „Ganz gewiß.“ „Was wird geſchehen, wenn ich dem Fräulein, Herrn Philipp, dem Herrn Baron ſage, daß ich Dich hier ge⸗ troffen habe?“ „Es wird geſchehen, was Du geſagt haſt, nicht daß man mich fortjagt, ich bin, Gott ſei Dank! ſchon ganz und gar fortgejagt, ſondern man wird eine Treibjagd auf mich halten, wie auf ein wildes Thier. Nur wird die⸗ jenige, welche man fortjagt, Nieole ſein.“ „Wie, Nicole?“ „Gewiß, Nicole, Nicole, der man Steine über die Mauern zuwirft.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Gibert,“ ſprach Nicole im Tone der Drohung,„man hat in Ihren Hän⸗ den auf der Place Louis XV. ein Stück von dem Kleide des Fräuleins gefunden.“ „Sie glauben?“ „Herr Philipp hat es ſeinem Vater geſagt. Er ver⸗ muthet noch nichts, doch wenn man ihm hilft, wird er vielleicht bald zu vermuthen anfangen.“ „Und wer wird ihm helfen?“ „Ich. 67 „Nehmen Sie ſich in Acht, Nicole, man könnte auch vermuthen, daß Sie, während Sie ſich ſtellen, als breite⸗ ten Sie Spitzen aus, die Steine aufheben, die man Ihnen über die Mauern zuwirft.“ „Das iſt nicht wahr,“ rief Nicole. Dann von ihrem Leugnen abgehend, fuhr ſie fort: „Uebrigens iſt es kein Verbrechen, Billets zu em⸗ pfangen, es iſt kein Verbrechen wie das, ſich hier einzu⸗ ſchleichen, während ſich das Fräulein auskleidet. Ah! was ſagen Sie dazu, Herr Gilbert?“. „Ich ſage, Mademoiſelle Nicole, daß es für ein ver⸗ nünftiges Mädchen, wie Sie ſind, auch ein Verbrechen iſt, Schlüſſel unter den kleinen Thüren der Gärten durchzu⸗ ſchieben.“ Nicole bebte. „Ich ſage,“ fuhr Gilbert fort,„wenn ich, der ich Herrn von Taverney, Herrn Philipp und Fräulein Andrée bekannt bin, das Verbrechen beging, mich bei ihr einzu⸗ ſchleichen, da ich der Unruhe nicht widerſtehen konnte, welche mir die Geſundheit meiner ehemaligen Gebieter und beſonders die von Fräulein Andrée einflößte, die ich dort zu retten verſuchte, ſo gut verſuchte, daß mir, wie Sie zugeſtanden haben, ein Stück von ihrem Kleid in der Hand blieb, ich ſage, daß, wenn ich das ſehr verzeihliche Verbrechen, mich hier einzuſchleichen, beging, Sie das ſehr unverzeihliche Verbrechen begangen haben, einen Fremden in das Haus Ihrer Herrſchaft einzuführen und dieſen Fremden in dem Treibhaus aufzuſuchen, wo Sie eine Stunde mit ihm zugebracht haben.“ „Herr Gilbert!“ „Ah! ſo ſteht es mit der Tugend, mit der von Ma⸗ demoiſelle Nicole, wollte ich ſagen... Ah! Sie finden es ſchlimm, daß ich in Ihrem Zimmer bin, Mademoiſelle Nicole, während...“ „Herr Gilbert!“ „Sagen Sie alſo Fräͤulein Andrée, ich ſei jetzt ver⸗ liebt in ſie; ich werde ſagen, ich ſei verliebt in Sie 68 geweſen, und ſie wird mir glauben, denn Sie waren ſo albern, es ihr in Taverney ſelbſt zu ſagen.“ „Gilbert, mein Freund...“ „Und man wird Sie fortjagen, Nicole, und, ſtatt nach Trianon zur Dauphine mit dem Fräulein zu gehen, ſtatt die Coquette mit den ſchoͤnen jungen Herren und reichen Edelleuten zu ſpielen, wie Sie dies unfehlbar thun, wenn Sie im Hauſe bleiben, werden Sie mit Ih⸗ rem Liebhaber Herrn von Beauſire, einem Gefreiten, einem Soldaten, zuſammenkommen. Ah! ein ſchöner Sturz, in der That... Nicole, die Geliebte eines franzöſiſchen Garde!“— Und Gilbert fing an in ein Gelächter ausbrechend zu ſingen: „Bei der Garde der Franzoſen Stand der Herzgeliebte mein!“ „Haben Sie Mitleid, Herr Gilbert,“ ſagte Nicole, „ſchauen Sie mich nicht ſo an. Ihr Blick iſt boshaft, er glänzt in der Finſterniß. Haben Sie Mitleid, lachen Sie auch nicht mehr, Ihr Lachen macht mir bange.“ „So öffnen Sie mir die Thüre, und kein Wort mehr von dem Allem, Nicole,“ ſprach Gilbert mit gebieteri⸗ ſchem Tone. Nicole öffnete die Thüre mit einem ſo heftigen Ner⸗ venzittern, daß man ihre Schultern ſich bewegen und ihren Kopf wackeln ſehen konnte wie den eines alten Weibes. Gilbert ging zuerſt hinaus und ſagte, als er ſah, daß ihn das Mädchen zur Ausgangsthüre führen wollte: „Nein, nein; Sie haben Ihre Mittel, um die Leute hier hereinzulaſſen; ich habe die meinigen, um hinauszu⸗ kommen. Gehen Sie ins Treibhaus, ſuchen Sie den theuren Herrn von Beaufire auf, der Sie voll Ungeduld erwarten muß, und bleiben Sie bei ihm zehn Minuten 69 länger, als Sie ſollten. Ich bewillige dieſe Belohnung Ihrer Verſchwiegenheit.“ „Zehn Minuten, und warum zehn Minuten?“ fragte Nicole ganz zitternd. 1 „Weil ich dieſe zehn Minuten brauche, um zu ver⸗ ſchwinden; gehen Sie, Mademoiſelle Nicole, gehen Sie doch; und der Frau von Loth ähnlich, deren Geſchichte ich Ihnen in Taverney erzählt habe, als Sie mir Rendez⸗ vons in den Heuſchobern gaben, drehen Sie ſich nicht um, denn es würde Ihnen Schlimmeres begegnen, als in eine Salzſäule verwandelt zu werden. Gehen Sie, ſchöne Wollüſtige, gehen Sie nun, ich habe Ihnen nichts Ande⸗ res zu ſagen.“ Unterjocht, erſchrocken, niedergeſchmettert durch dieſe feſte Haltung von Gilbert, welcher ihre ganze Zukunft in ſeinen Händen hatte, kehrte Nicole mit geſenktem Kopfe in das Treibhaus zurück, wo ſie wirklich der Gefreite Beauſire in großer Angſt erwartete. Gilbert wandte ſeinerſeits dieſelbe Vorſicht an, um nicht geſehen zu werden, erreichte ſeine Mauer und ſeinen Strick, half ſich durch die Weinranken und das Gitter⸗ werk, gelangte zum erſten Stock der Treppe und kletterte leicht bis zu ſeiner Manſarde. Das Glück wollte, daß er bei ſeinem Aufſteigen Niemand begegnete. Die Nachbarinnen waren ſchon zu Bette gegangen und Thereſe ſaß noch bei Tiſche. Gilbert war zu ſehr eraltirt durch den Sieg, den er über Nicole davongetragen, um zu befürchten, er könnte auf der Rinne ſtraucheln. Er fühlte im Gegentheil die Macht in ſich, wie das Glück auf einem ſcharfen Raſir⸗ meſſer zu gehen, und wäre dieſes Naſirmeſſer auch eine Melle lang geweſen. Er erreichte alſo ſeine Dachluke, ſchloß das Fenſter und zerriß das Billet, das Niemand berührt hatte.— Dann ſtreckte er ſich behaglich auf ſeinem Bette 70 Eine halbe Stunde nachher hielt Thereſe wirklich Wort und erkundigte ſich durch die Thüre, wie es ihm ehe. 3 ge Gilbert antwortete mit einer Dankſagung, welche mit dem Gähnen eines Menſchen vermiſcht war, der vor Schlaf beinahe umkommt. Er hatte Eile, ſich allein zu finden, ganz allein in der Dunkelheit und in der Stille, um ſich mit ſeinen Gedanken zu ſättigen, und mit dem Herzen, mit dem Geiſt, mit ſeinem ganzen Weſen die unausſprechlichen Gedanken dieſes verzehrenden Tages zu analyſiren. Es verſchwand wirklich bald Alles vor ſeinen Augen, der Baron, Philipp, Nicole, Beauſire und er ſah im Grunde ſeiner Erinnerung nur noch Andrée, halb ent⸗ blößt, die Arme gerundet über ihrem Kopf, und die Nadeln aus ihren Haaren losmachend. LXXV. Die Botaniker. Die von uns erzählten Ereigniſſe fielen am Freitag Abend vor; zwei Tage nachher alſo ſollte im Walde von Luciennes der Spaziergang ſtattfinden, auf den ſich Rouſſeau ſo ſehr freute. Gleichgültig gegen Alles, ſeitdem er den nahebevor⸗ ſtehenden Abgang von Andrée nach Trianon erfahren, hatte Gilbert den ganzen Tag auf den Nand ſeiner Luke geſtützt zugebracht. Während dieſes Tages war das Fenſter von Andrée offen geblieben und einige Male hatte ſich ihm das Mädchen ſchwach und bleich, um Luft zu ſchöpfen, genähert, und Gilbert war es dann vorgekommen, wenn er ſie ſah, als habe er vom Himmel nichts Anderes zu erbitten, als Andrée beſtimmt zu wiſſen, ewig dieſen 71 Payvillon zu bewohnen, für ſein ganzes Leben einen Platz in dieſer Manſarde zu beſitzen und zweimal des Tags das Mädchen zu erblicken, wie er es erblickt hatte. Der erſehnte Sonntag kam endlich. Rouſſeau hatte ſchon am Tage vorher ſeine Vorbereitungen getroffen; ſorgfältig gewichſte Schuhe, der graue zugleich warme und leichte Nock waren aus dem Schranke gezogen wor⸗ den, zur großen Verzweiflung von Thereſe, welche be⸗ hauptee, eine Blouſe oder ein Leinwandkittel wären für ein ſolches Geſchäft genügend; aber ohne zu antworten, hatte Rouſſeau nach ſeinem Gefallen gehandelt; nicht nur ſein Anzug, ſondern auch ver von Gilbert war der ſtreng⸗ ſten Unterſuchung unterworfen worden, und der letztere haite eine Vermehrung durch tadelloſe Strümpfe und neue Schuhe erhalten, womit ihn Nouſſeau überraſchte. Die Toilette des Botanikers war auch friſch; Rouſ⸗ ſean hatte ſeine Sammlung von Mooſen, welche eine Rolle ſpielen ſollten, nicht vergeſſen. Ungeduldig wie ein Kind, ging Rouſſeau mehr als zwanzigmal ans Fenſter, um zu ſehen, ob dieſer oder jener rollende Wagen nicht der von Herrn von Juſſieu ſei. Endlich erblickte er einen gut gefirnißten Kaſten, reich geſchirrte Pferde und einen breiten, gepuderten Kutſcher, der ſich vor ſeiner Thüre aufgeſtellt hatte. Sogleich ſagte er zu Thereſe: „Hier iſt er! hier iſt er!“ Und zu Gilbert: „Geſchwinde, Gilbert, geſchwinde! der Wagen wartet auf uns.“ „Nun,“ entgegnete Thereſe mit bitterem Ton,„da Sie es ſo ſehr lieben, in einem Wagen zu fahren, wa⸗ rum haben Sie nicht gearbeitet, um einen zu bekommen, wie Herr von Voltaire!“ „Stille doch!“ brummte Rouſſeau. „Bei Gott! Sie ſagen immer, Sie haben ſo viel Talent als er.“ 72 „Ich ſage das nicht, verſtehen Sie?“ rief Rouſſeau voll Aerger;„ich ſage... ich ſage nichts!“ Und ſeine ganze Freude entfloh, wie dies geſchah, ſo oft dieſer feindſelige Name an ſein Ohr klang. Zum Glück trat gerade Herr von Juſſieu ein. Er war pommadirt, gepudert, friſch wie der Früh⸗ ling; ein bewunderungswürdiger Frack von ſchwerem indiſchem Atlaß, linnengrau, eine Weſte von lila Taffet, weiße ſeidene Strümpfe von einer außerordentli⸗ chen Feinheit und Schnallen von polirtem Gold bildeten einen Anzug. Als er bei Rouſſeau eintrat, füllte er das Zimmer mit einem Wohlgeruch, den Thereſe einathmete, ohne ihre Bewunderung zu verbergen. „Wie ſchön ſind Sie!“ ſagte Rouſſeau, indem er Thereſe anſchaute und mit den Augen ſeinen beſcheidenen Anzug und ſeine umfangreiche Ausrüſtung des Botanikers nit der ſo zierlichen Toilette von Herrn von Juſſieu ver⸗ glich.— „Nein, ich habe Angſt vor der Hitze,“ ſagte der ele⸗ gante Botaniker. „uUnd die Feuchtigkeit im Wald! Ihre ſeidenen Strümpfe, wenn wir in den Sümpfen Pflanzen ſam⸗ 4 meln.“ „Oh! nein, wir werden unſere Orte wählen.“ avund die Waſſermooſe, wir geben ſie alſo für heute auf? „Wir kümmern uns nichts hierum, lieber College.“ „Man ſollte glauben, Sie gingen auf den Ball und zu den Damen.“ „Warum nicht der Dame Natur mit einem ſeidenen Strumpfe Ehre anthun?“ erwiederte Herr von Juſſieu etwas verlegen;„iſt es nicht eine Geliebte, bei der es ſich ſchon der Mühe lohnt, einige Koſten für ſie aufzu⸗ wenden?“ Rouſſeau ging nicht weiter: ſobald Herr von Juſſieu 73 die Natur amrief, war er ſelbſt der Meinung, man könnte ihr nie zu viel Ehre anthun. Was Gilbert betrifft, ſo ſchaute dieſer Herrn von Juſſieu mit neidiſchem Auge an. Seitdem er ſo viele junge Elegants die natürlichen Vorzüge, mit denen ſie be⸗ gabt waren, durch die Toilette hatte erhöhen ſehen, begriff er den leichtfertigen Nutzen der Eleganz, und er ſagte ſich ganz leiſe, dieſer Atlaß, dieſer Battiſt, dieſe Spitzen wür⸗ den wohl ſeiner Jugend Reiz verleihen, und wenn er, ſtatt gekleidet zu ſein, wie er es war, wie Herr von Juſſieu gekleidet wäre und Andrée begegnete, ſo würde ihn Andrée anſchauen. Man fuhr im ſtarken Trab mit zwei guten däniſchen Pferden ab. Eine Stunde nach der Abfahrt ſtiegen die Botaniker im Bougival aus und wandten ſich links auf dem Wege der Kaſtantenbäume. Dieſer heut zu Tage noch wunderbar ſchöne Spazier⸗ gang war ſchon in jener Zeit von einer beinahe gleichen Schönheit, denn ſchon unter Ludwig XIV. mit Bäumen bewachſen, war derjenige Theil des Bergabhangs, den die Botaniker zu durchwandern ſich anſchickten, der Gegenſtand beſtändiger Sorgfalt geweſen, ſeitdem der Fürſt Geſchmack an Marly gefunden. Die Kaſtanienbäume mit den höckerigen Rinden, den rieſigen Aeſten und phantaſtiſchen Formen, welche bald in ihren knorrigen Windungen die Schlange nachahmen, die ſich um den Stamm windet, bald den Stier, der auf die Schlachtbank des Fleiſchers niedergeworfen ſchwarzes Blut ausſpeit, der Birnenbaum mit Moos beladen und die Nußbäume, Koloſſe, deren Blätterwerk im Juni vom Gelb⸗ grünen zum Blaugrünen übergeht; dieſe Einſamkeit, dieſe pittoreske Rauhheit des Bodens, der unter dem Schatten der alten Bäume hinaufſteigt, bis ſich ein ſcharfer Kamm am matten Blau des Himmels abhebt; dieſe ganze zugleich mächtige, liebliche und ſchwermüthige Natur verſenkte Rouſſeau in ein unausſpreliches Entzücken. 74 Für Gilbert, der ruhig, aber düſter war, lag ſein ganzes Leben in dem einzigen Gedanken: „Andrée verläßt den Pavillon im Garten und geht nach Trlanon.“ Auf der Höhe dieſes Abhangs, den die drei Botaniker zu Fuß erſtiegen, ſah man den viereckigen Pavillon von Luciennes ſich erheben. Der Anblick dieſes Pavillon, aus dem er entflohen war, veränderte den Lauf der Gedanken von Gilbert, um ihn zu wenig angenehmen Erinnerungen zurückzuführen, in die ſich indeſſen durchaus keine Furcht miſchte. Er ging hinten, ſah vor ſich zwei Beſchützer und fühlte ſich gut unterſtützt; er ſchaute alſo Luciennes an, wie ein Schiffbrüchiger aus dem Hafen die Sandbank an⸗ ſchaut, an der ſein Fahrzeug geſcheitert iſt. Rouſſeau fing, ſeinen kleinen Spaten in der Hand, an, den Boden zu betrachten; Herr von Juſſien that das⸗ ſelbe; nur ſuchte der erſte Pſlanzen, während der zweite ſeine Strümpfe vor der Feuchtigkeit zu bewahren bemüht war. „Das bewunderungswürdige Lepopodium!“ ſagte Rouſſeau. „Reizend,“ verſetzte Herr von Juſſien;„doch gehen wir weiter, wenn es Ihnen beliebt?? „Ah! die Lyrimachia Fenellan ſie iſt gut zu nehmen, ſehen Sie.“ „Nehmen Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „Ah! wir ſammeln keine Pflanzen.“ „Doch, doch... aber ich glaube, daß wir dort auf dem Platean Beſſeres finden werden.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt. Gehen wir.“ „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte Herr von Juſſien;„ich habe in der Eile, mit der ich mich ankleidete, meine Uhr vergeſſen.“ Rouſſeau zog aus ſeiner Taſche eine große ſilberne Uhr. „Neun Uhr,“ ſagte er. „Wenn wir ein wenig ausruhten; wollen Sie?“ fragte Herr von Juſſieu. „Oh! wie ſchlecht gehen Sie,“ rief Rouſſeau.„So „ — 75 iſt es, wenn man mit feinen Schuhen und ſeidenen Strümpfen Kräuter ſammelt.“ „Sehen Sie, ich habe vielleicht Hunger.“— „Nun, ſo laſſen Sie uns frühſtücken; das Dorf iſt nur eine Viertelſtunde entfernt.“ „Nein, wenn's beliebt.“ „Wie! nicht? Haben Sie denn Frühſtück in Ihrem Wagen?“ „Sehen Sie dort, in jener Baumgruppe?“ ſagte Herr von Juſſieu, indem er die Hand nach dem Punkte des Horizonts ausſtreckte, den er bezeichnen wollte. Rouſſeau erhob ſi ſich auf die Fußſpitzen und hielt ſeine Hand in Form eines Schildes über ſeine Augen. „Ich ſehe nichts,“ ſagte er. „Wie? Sie bemerken nicht jenes kleine ländliche Dach?“ „Nein.“ „Mit einer Wetterfahne und Wänden von weiß und rothem Stroh, eine Art von Sennhütte?“ „Ja, ich glaube, ja, ein kleines, neues Häuschen.“ „Ein Kiosk, ſo iſt es.“ „Nun?“ „Nun, dort werden wir das beſcheidene Frühſtück finden, das ich Ihnen verſprochen habe.“ 1 24Gut. ſagte, Rouſſeau.„Haben Sie Hunger, Gil⸗ bert? Gilbert, der bei dieſem Geſpräch gleichgültig geblieben war und maſchinenmäßig Blumen vom Heidekraut abriß, erwiederte: „Wie es Ihnen gefällig iſt, mein Herr.“ „Vorwärts alſo, wenn's beliebt,“ ſagte Herr von Juſſieu;„übrigens hindert uns nichts, unter Weges Pflan⸗ zen zu ſammeln.“ „Oh!“ ſprach Rouſſeau,„Ihr Neffe iſt ein eifrigerer Naturforſcher als Sie. Ich habe mit ihm im Walde von Montmorency Pflanzen geſammelt. Wir waren unſerer wenig; er findet gut, er erklärt gut.“ 76 machen. „Hat er nicht den Ihrigen, der ſchon gemacht iſt? Ah! College, College, Sie herboriſiren als Liebhaber.“ „Aergern Sie ſich nicht, mein Philoſoph; ſehen Sie das ſchöne Plantago Monanthes, haben Sie der⸗ gleichen in Ihrem Montmorency?“ „Meiner Treue, nein,“ erwiederte Rouſſeau,„ich habe es vergebens auf das Wort von Tournefort geſucht; in der That, herrlich.“ „Ah! der reizende Schmetterling,“ rief Gilbert, der von der Nachhut zur Vorhut übergegangen war. „Gilbert hat Hunger,“ bemerkte Herr von Juſſieu. „Oh! mein Herr, ich bitte um Verzeihung; ich werde ohne Ungeduld warten, bis Sie bereit ſind.“ „Um ſo mehr, als das Kräuterſammeln nach dem Eſſen nichts für die Verdauung taugt; und dann iſt das Auge ſchwer, der Rücken träge; herboriſtren wir alſo noch einige Aendenbllite. ſagte Nouſſeau;„doch wie heißt dieſer Pa⸗ villon?“ „Die Mäuſefalle,“ erwiederte Herr von Juſſieu, der ſich des von Sartines erfundenen Namens erinnerte. „ Welch ein ſeltſamer Name!“ 3„Oh! Sie wiſſen, auf dem Lande gibt es nur Phan⸗ taſien.“ „Wem gehört dieſes Gut, dieſes ſchattige Gehölze?“ „Ich weiß es nicht genau.“ „Sie kennen aber den Eigenthümer, da Sie hier ſpei⸗ ſen wollen?“ ſagte Rouſſeau, der mit einem Anfang von Verdacht die Ohren ſpitzte. „Keines Wegs.. oder ich kenne vielmehr Jeder⸗ mann, die Jagdaufſeher, die mich hundertmal in ihr Gehölze haben gehen ſehen und wiſſen, daß mich grüßen, mir einen Haſenpfeffer oder ein Salmis von Schnepfen anbieten ihrem Gebieter gefallen heißt; die Leute von allen benachbarten Herrſchaften laſſen mich hier machen, als wäre ich zu Hauſe. Ich weiß nicht genau, gehört dieſer „Hören Sie, er iſt jung: er hat ſich einen Namen zu —ꝑ— 77 Pavillon Frau von Mirepoir, oder Frau von Egmont, oder... meiner Treue! ich weiß es nicht... Doch die Hauptſache, mein lieber Philoſoph, und ich denke, Sie werden hiebei auch meiner Anſicht ſein, die Hauptſache iſt, daß wir Brod, Obſt und Paſtete finden.“ Der treuherzige Ton, mit dem Herr von Juſſieu dieſe Worte ſprach, zerſtreute die Wolken, die ſich ſchon auf der Stirne von Rouſſeau anhäuften. Der Philoſoph ſchüttelte ſeine Füße ab, rieb ſich die Hände und Herr von Juſſieu trat zuerſt auf den mooſigen Fußpfad, der ſich unter den Kaſtanienbäumen hinſchlängelte und zu der kleinen Ein⸗ ſiedelei führte. Hinter ihm kam Rouſſeau, beſtändig Pflanzen ſammelnd. Gilbert, der wieder ſeinen Poſten eingenommen hatte, ſchloß den Zug; er träumte von Andrée und den Mitteln, ſie zu ſehen, wenn ſie in Trianon wäre. LXXVI. Die Philoſophen⸗Mäuſefalle. Auf dem Gipfel des Hügels, den die drei Botaniker ziemlich mühſam erſtiegen hatten, erhob ſich eines von jenen Häuschen aus ländlichem Holz mit knorrigen Säulen, ſpitzigem Giebel, Fenſtern umrankt von Epheu und Waldreben, wahre Einführungen der engliſchen Architektur, oder vielmehr der engliſchen Gärtner, welche die Natur nachahmen, oder gleichſam eine eigene Natur erfinden, was ihren beweglichen Schöpfungen und ihren vegetalen Erfin⸗ dungen eine gewiſſe Originalität verleiht. Ddie Engländer haben die blauen Roſen erfunden und ihre groͤßte Eitelkeit war ſtets der Widerſatz gegen alle empfangene Ideen. Sie werden eines Tags die ſchwarzen Lilien erfinden. 78 Geräumig genug, um einen Tiſch und ſechs Stühle zu enthalten, war dieſer Pavillon mit Backſteinen geplattet. Dieſe Backſteine waren mit einer Matte bedeckt, die Wände waren aus kleinen Moſaiken von Kieſelſteinen, die man am ſteilen Ufer des Fluſſes gewählt, und aus Muſcheln aller Art gemacht. Der Plafond war in halb erhabener Arbeit. Tannen⸗ zapfen, Baumſtümpfe von einer ſelrſamen Phyſiognomie, welche die häßlichſten Profile von Faunen oder wilden Thieren nachahmten, ſchienen über dem Kopfe der Beſuche zu hängen; ferner ſah man durch farbige Scheiben, je nachdem man durch ein violettes, ein rothes oder ein blaues Glas ſchaute, hier die Ebene oder den Wald des Veſinet, gefärbt wie durch einen ſtürmiſchen Himmel, dort glänzend unter dem brennenden Athem einer Auguſtſonne, weiter oben kalt und trübe, wie durch einen Decemberreif. Man brauchte nur ſeine Scheibe zu wählen, das heißt, nach ſei⸗ nem Geſchmack zu waͤhlen, um zu ſchauen. Dieſes Schauſpiel ergötzte Gilbert ungemein, und er betrachtete durch alle die rautenförmigen Scheiben das reiche Becken, das ſich vor den Blicken vom Gipfel des Hügels von Luciennes herab entwickelt und durch deſſen Mitte ſich die Seine hinſchlängelt. Auch ein ziemlich intereſſantes Schauſpiel, Herr von Juſſieu beurtheilte es wenigſtens ſo, war das reizende Frühſtück, das man auf dem hölzernen Tiſch mitten im Pavillon aufgetragen hatte. Die ausgezeichnete Sahne von Marly, die Aprikoſen und Pflaumen von Luciennes, die Würſte und Crepinettes auf einer Porzellanplatte dampfend, ohne daß man ſie einen Bedienten hatte bringen ſehen; die lachenden Erd⸗ beeren in einem mit Weinlaub ausgelegten Koͤrbchen, und neben einer von Friſche glänzenden Butter das grobe Schwarzbrod der Bauern und das Brod von goldener Gritze, ſo beliebt bei dem überſättigten Magen der Städte⸗ bewohner. Dies war es, was einen Schrei der Bewun⸗ derung bei Rouſſeau veranlaßte, der ganz und gar Philo ſoph, aber ein unſchuldiger Feinſchmecker war, weil er einen eben ſo lebhaften Appetit, als beſcheidenen Geſchmack hatte. „Welche Thorheit!“ ſagte er zu Herrn von Juſſieu, „Brod und Obſt, das war es, was wir brauchten, und als wahre Botaniker und fleißige Forſcher hätten wir das Brod eſſen und die Pflaumen knorpeln müſſen, ohne es aufzugeben, die Gebüſche zu durchſuchen und die Gräben zu durchwühlen. Erinnern Sie ſich, Gilbert, meines Früͤh⸗ ſtücks und des Ihrigen in Pleſſis⸗Piquet?“ „Ja, des Brodes und der Kirſchen, die mir ſo köſt⸗ lich vorkamen.“ „Ganz richtig.“ „So frühſtücken die wahren Liebhaber der Natur.“ „Mein lieber Meiſter,“ unterbrach ihn Herr von Juſſteu,„wenn Sie mir Verſchwendung vorwerfen, ſo ha⸗ ben Sie Unrecht; nie wurde beſcheidener ſervirt „Oh!“ rief Rouſſeau,„Sie ſetzen den Werth Ihrer Tafel herab, Herr Lucullus.“ „Der meinigen?... nein!“ antwortete Juſſieu. „Bei wem find wir denn?“ fragte Rouſſeau mit einem Lächeln, in dem man eben ſo wohl Unbehaglichkeit, als gute Laune finden konnte;„bei Geiſtern?“ „Oder bei Feen!“ ſagte Juſſten und ſtand mit einem verlorenen Blick nach der Thüre auf. 3 „Feen!“ rief Rouſſeau heiter.„So ſollen ſie denn für ihre Gaſtfreundſchaft geſegnet ſein. Ich habe Hunger und wir wollen eſſen, Gilbert.“ Und er ſchnitt ein ſehr anſehnliches Stück Schwarz⸗ brod ab und reichte Brod und Meſſer ſeinem Zögling. Dann ſuchte er, während er in die feſte Kruſte biß, ein paar Pflaumen auf dem Teller. 1 Gilbert zögerte. „Vorwärts! vorwärts!“ ſagte Nouſſeau,„die Feen würden durch Ihre Zurückhaltung beleidigt werden und glauben, Sie finden ihr Mahl unvollſtändig.“ „Oder Ihrer unwürdig, melne Herren,“ ſprach eine ſilberne Stimme am Eingang des Pavillon, wo ſich Arm 1 80 in Arm zwei friſche, ſchöne Frauen zeigten, welche, ein Lächeln auf den Lippen, Herrn von Juſſieu durch ein Zei⸗ ben bedeuteten, er möge ſich in ſeinen Begrüßungen mäßigen. Rouſſeau, der in einer Hand das angegrlffene Brod und in der andern die angebiſſene Pflaume hatte, wandte ſich um; er ſah dieſe zwei Göttinnen, oder ſie kamen ihm vielmehr durch die Schönheit und die Jugend ſo vor; er ſah ſie, erſtaunte, grüßte, ſchwankte. „Ah! Frau Gräfin,“ rief Juſſien,„Sie hier, welch eine liebenswürdige Ueberraſchung!“ „Guten Morgen, Herr Botaniker,“ ſprach eine von den Damen mit einer ganz königlichen Anmuth und Ver⸗ traulichkeit. „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Herrn Rouſſegu vorſtelle,“ ſagte Juſſieu, indem er den Philoſophen bei der Hand nahm, in der er das Schwarzbrod hielt. Gilbert hatte die zwei Frauen auch geſehen und er⸗ kannt; er riß ſeine Augen weit auf und ſchaute, bleich wie der Tod, durch das Fenſter des Pavillon mit dem Gedanken, ſich hinauszuſtürzen.. „Guten Morgen, mein kleiner Philoſoph,“ ſagte die andere Dame zu dem vernichteten Gilbert, indem ſie ihm einen kleinen Schlag mit ihren drei roſigen Fingern auf die Wange gab. Rouſſeau ſah und hörte; er wäre vor Zorn beinahe erſtickt. Sein Zögling kannte die zwei Göttinnen und war ihnen bekannt. Gilbert war einer Ohnmacht nahe. „Erkennen Sie denn die Frau Gräfin nicht?“ ſagte. Juſſieu zu Rouſſeau. „Nein,“ erwiederte dieſer ganz betäubt; es iſt das erſte Mal, wie mir ſcheint...“ „Madame Dubarry,“ fuhr Juſſieu fort. Rouſſeau ſprang auf, als ob er auf einem glühenden iſen gegangen wäre. „Madame Dubarry!“ rief er. „Ich ſelbſt, mein Herr,“ ſprach die junge Frau mit ihrer ganzen Liebenswürdigkeit;„ich, die ich ſehr glücklich bin, einen der erhabenſten Denker unſerer Zeit bei mir empfangen und von Nahem geſehen zu haben.“ „Madame Dubarry!“ wiederholte Rouſſeau, ohne wahrzunehmen, daß ſein zu langes Erſtaunen zu einer ernſten Beleidigung wurde...„Sie! und ohne Zweifel gehört dieſer Pavillon ihr, ohne Zweifel gibt ſie mir Frühſtück.“ „Sie haben es errathen, mein lieber Philoſoph, ſie i*ſt es und ihre Frau Schweſter,“ fuhr Juſſieu fort, dem es unwohl war vor dieſen Zeichen des Sturms. „Ihre Schweſter, und ſie kennt Gilbert!“ „Inniglich, mein Herr,“ erwiederte Mademoiſelle Chon, mit jener Keckheit, welche weder die Laune von Königen, noch den Aerger von Philoſophen achtete. Gilbert ſuchte mit den Augen ein Loch, das groß genug wäre, um ſich ganz hineinzuſtürzen, ſo furchtbar glänzte das Auge von Herrn Rouſſeau. „Inniglich,“ wiederholte der letztere;„Gilbert kannte Madame inniglich und ich wußte nichts davon; ich war alſo betrogen, man hinterging mich alſo!“ Chon und ihre Schweſter ſchauten ſich ſpöttiſch lächelnd an. Herr von Juſſieu zerriß eine Mechler Spitze, die wohl vierzig Louis d'or werth war. Gilbert faltete die Hände, wollte er nun Chon an⸗ flehen, ſie möge ſchweigen, oder Rouſſeau beſchwören, er möge freundlicher mit ihm ſprechen. Es ſchwieg aber im Gegentheil Rouſſeau und Chon rach. „Ja,“ ſagte ſie,„Gilbert und ich ſind alte Bekannte; er iſt mein Gaſt geweſen. Nicht wahr, Kleiner? Sollteſt Du ſchon undankbar gegen das Zuckerwerk von Luciennes und Verſailles ſein?“ 8 Denkwürdigkeiten eines Arztes. Iv. 6 82 Das war der letzte Schlag; die Arme von Rouſſeau verlängerten ſich. „Ah! ah!“ machte er, den jungen Menſchen ſchief anſchauend,„ſo iſt es, kleiner Unglücklicher!“ „Herr Rouſſeau,“ murmelte Gilbert. „Sollte man nicht glauben, Du weineſt, weil Du von meiner Hand gepflegt worden biſt?“ fuhr Chon fort. „Ich vermuthete, Du wäreſt ein Undankbarer.“ „Mademoiſelle!“ flehte Gilbert. „Kleiner,“ ſprach Madame Dubarry,„komm' nach Luciennes zurück, die Conſtturen und Zamore warten auf Dich; und man wird Dich gut aufnehmen, obgleich Du auf eine ſeltſame Weiſe weggegangen biſt.“ „Ich danke, Madame,“ erwiederte Gilbert trocken, „wenn ich einen Ort verlaſſe, ſo geſchieht es, weil ich mir nicht mehr dort gefalle.“ „Und warum ſchlagen Sie das Gute aus, das man Ihnen anbietet?“ ſagte Rouſſeau voll Bitterkeit.„Sie haben den Reichthum gekoſtet, mein lieber Herr Gilbert, Sie müſſen ſich demſelben wieder zuwenden.“ „Aber, mein Herr, wenn ich Ihnen ſchwöre...“ „Gehen Sie! gehen Sie! ich liebe die Menſchen nicht, welche weder kalt noch warm find.“ „Sie haben mich noch nicht angehört...“ „Doch.“ „Ich bin aus Luciennes entwichen, weil man mich dort eingeſchloſſen hielt.“ Eine Falle. Ich kenne die Schlechtigkeit der Men⸗ ſchen.“ „Aber da ich Sie vorgezogen, da ich Sie als Wirth, als Beſchützer, als Herrn angenommen habe...“ „Heuchelei.“ „Wenn mir am Reichthum gelegen wäre, ſo würde ich doch das Anerbieten annehmen.“ „Herr Gilbert, man täuſcht mich oft einmal, nie zweimal; Sie ſind frei; gehen Sie, wohin Sie wollen.“ 8 83 „Aber wohin? großer Gott!“ rief Gilbert in tiefen Schmerz verſenkt, weil er für immer ſein Fenſter und die Nachbarſchaft von Andrée und ſeine ganze Liebe verloren ſah;... weil er in ſeinem Stolz ſchmerzlich verletzt war, daß man ihn im Verdacht eines Verrathes hatte; weil er ſeine Selbſtverleugnung, ſeinen langen Kampf gegen die Trägheit und die ſinnlichen Begierden ſeines Alters, die er ſo muthig bewältigt, mißkannt ſah. „Wohin?“ ſagte Rouſſeau.„Zuerſt zu dieſer Dame, welche eine ſchöne und vortreffliche Perſon iſt.“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Gilbert, der ſeinen Kopf in ſeinen Händen ſchüttelte. „Haben Sie nicht bange,“ ſagte Herr von Juſſieu, tief verletzt als Weltmann durch den ſeltſamen Ausfall von Rouſſeau gegen die Damen,„haben Sie nicht bange: man wird für Sie ſorgen, und was Sie verlieren, nun! man wird es Ihnen wiederzugeben bemüht ſein.“ „Sehen Sie,“ ſprach Nouſſeau bitter,„hier iſt Herr von Juſſieu, ein Freund der Natur, einer von Ihren Ge⸗ noſſen,“ fügte er mit einer grimaſſenartigen Anſtrengung, um zu lächeln, bei,„er verſpricht Ihnen Beiſtand und Glück, und Sie können auf ihn zählen, denn Herr von Juſſien hat lange Arme.“ Nachdem er ſo geſprochen, verbeugte ſich Rouſſeau, der nicht mehr ſeiner Herr, vor den Damen mit Reminis⸗ cenzen aus Orosmane, grüßte Herrn von Juſſieu, der ganz beſtürzt war, und ging, ohne Gilbert nur anzuſchauen, tragiſch aus dem Pavillon ab. „Oh! was für ein häßliches Thier iſt ein Philoſoph,“ ſagte Chon ganz ruhig, während ſie dem Genfer nach⸗ ſchaute, der den Fußpfad hinabging oder vielmehr hinab⸗ rumpelte. „Verlangen Sie, was Sie wollen,“ ſprach Herr von Juſſien zu Gilbert, der immer noch ſein Geſicht in ſeinen Händen verborgen hielt. „Ja, verlangen Sie, Herr Gilbert,“ fügte die Gräfin mit einem Lächeln an den verlaſſenen Zögling bei. 84 Dieſer erhob ſeinen bleichen Kopf, ſchob die Haare zurück, welche die Thränen und der Schweiß an ſeine Stirne geklebt hatten, und ſprach mit ſicherer Stimme: „Da man mir eine Stelle anbietet, ſo wünſche ich als Gärtnergehülfe in Trianon einzutreten.“ Chon und die Gräfin ſchauten ſich an, und Chon ſtreifte, indem ſie triumphirend mit den Augen blinzelte, mit ihrem Fuß über den Fuß der Graͤfin. Dieſe machte ein Zeichen mit dem Kopf, das ſie vollkommen verſtand. „Iſt das thunlich, Herr von Juſſieu?“ fragte die Gräfin;„ich wünſche es.“ „Da Sie es wünſchen, Madame, ſo iſt es geſchehen,“ antwortete er. Gilbert verbeugte ſich und legte eine Hand auf ſein Herz, das vor Freude überſtroͤmte, nachdem es in Traurig⸗ keit verſenkt geweſen war. LXXVII. Der Apolog. In dem kleinen Cabinet in Luciennes, wo wir den Grafen Jean Dubarry, zum großen Mißvergnügen der Gräfin, ſo viel Chocolade haben verſchlingen ſehen, nahm der Herr Marſchall von Richelien einen Imbiß mit Ma⸗ dame Dubarry ein, welche, während ſie Zamore an den Ohren zupfte, ſich immer länger und nachläßiger auf einem Sopha von Atlaß mit Blumen brochirt ausſtreckte, während der alte Höfling bei jeder neuen Stellung des verführeriſchen Geſchöpfes ein neues Ach! der Bewunde⸗ rung hoͤren ließ. „Oh! Gräfin,“ ſagte er, ſich geberdend wie eine alte Frau,„Ihre Coiffure löſt ſich auf; Gräfin, Ihre — 8⁵ Vuſenſchleie rollt ſich ab. Ach! Ihr Pantoffel fällt, räfin. „Bah! mein lieber Herzog, merken Sie nicht darauf,“ erwiederte ſie, während ſie in der Zerſtreuung Zamore ein Pfoͤtchen Haare ausrupfte und ſich ganz niederlegte— wollüſtiger und ſchoͤner auf ihrem Sopha als Venus in ihrer Seemuſchel.. Wenig empfindlich für alle dieſe Lagen und Stellun⸗ gen, erröthete Zamore vor Zorn. Die Gräfin beſänftigte ihn dadurch, daß ſie eine Hand voll Dragées vom Tiſch nahm, die ſie ihm in die Taſche ſteckte. Zamore aber verzog das Geſicht, drehte ſeine Taſche um, und leerte die Dragées auf den Boden. „Ah! kleiner Burſche!“ rief die Gräfin, indem ſie ein feines Bein ausſtreckte, deſſen Ende ſich mit den phan⸗ taſtiſchen Hoſen des Negers in Verbindung ſetzte. „Oh! Gnade!“ rief der alte Masſchal.„Sie wer⸗ den ihn tödten, ſo wahr ich ein Edelmann bin.“ „Warum kann ich nicht heute das tödten, was mir nißfällg. ſagte die Graͤfin;„ich fühle mich unbarm⸗ herzig.“ ee s „Ahl ich mißfalle Ihnen alſo?“ ſprach der Herzog. „Oh! nein, Sie nicht, im Gegentheil; Sie ſind mein alter Freund, und ich bete Sie an; aber ſehen Sie, ich bin in der That toll.“ 1 „Das iſt alſo eine Krankheit, welche Ihnen diejenigen gegeben, die Sie toll machen?“ „Nehmen Sie ſich in Acht! Sie reizen mich furcht⸗ bar mit Ihren Galanterien, von denen Sie nicht ein Wort glauben.“ „Gräfin! Gräfin! ich fange an zu glauben, nicht, daß Sie toll, ſondern daß Sie undankbar ſind.“ „Nein, ich bin weder toll, noch undankbar; ich bin...“ „Nun, was ſind Sie?“ „Ich bin zornig, Herr Herzog.“ „Ah! wahrhaftig?“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ 86 „Nicht im Geringſten, Gräfin; bei meiner Ehre, es iſt Grund dazu vorhanden.“ „Sehen Sie, das empört mich an Ihnen, Marſchall.“ „Es gibt etwas, was Sie an mir empört, Gräfin?“ „Ja. „Und was iſt das, wenn es gefällig wäre? Ich bin ſehr alt, um mich zu beſſern, und dennoch kenne ich keine Anſtrengung, der ich mich nicht unterziehen würde, um Ihnen zu gefallen.“ „Das iſt es, daß Sie nicht einmal wiſſen, um was es ſich handelt, Marſchall.“ „Oh! doch.“ „Sie wiſſen, was mich ärgert?“ „Allerdings; Zamore hat den chineſiſchen Spring⸗ brunnen zerbrochen.“ Ein unmerkliches Lächeln ſchwebte über die Lippen der jungen Frau; doch Zamore, der ſich ſchuldig fühlte, neigte das Haupt voll Demuth, als ob eine ſchwere Wolke von Ohrfeigen und Naſenſtübern am Himmel herbeigezogen wäre. „Ja;“ ſagte die Gräfin mit einem Seufzer,„ja, Herzog, Sie haben Recht; das iſt es, und Sie ſind in der That ein ſehr feiner Politiker.“ 3 3„Man hat es mir immer geſagt, Madame,“ ſprach Herr von Richelieu mit einer vor Beſcheidenheit ganz zer⸗ knirſchten Miene. „Oh! man braucht mir das nicht zu ſagen, daß ich es ſehe, Herzog; Sie haben den Grund meines Verdruſſes ſogleich gefunden, ohne rechts oder links zu ſuchen: das iſt herrlich.“ „Vortrefflich; doch das iſt noch nicht Alles.“ „Ah! wahrhaftig!“ „Nein. Ich errathe noch etwas Anderes.“ „Wir ch 2“ 1 us „Und was errathen Sie?“ 3 4 87 „Ich errathe, daß Sie geſtern Abend Seine Majeſtät erwarteten.“ „Wo dies?“ „Hier.“ „Nun, und hernach?“ „Und daß Seine Majeſtät nicht gekommen iſt.“ Die Gräfin erröthete und erhob ſich ein wenig auf den Ellenbogen. „Ah! ah!“ machte ſie. „Und ich komme doch von Paris,“ ſagte der Herzog. „Was beweiſt das?“ „Daß ich nichts von dem wiſſen könnte, was in Ver⸗ ſailles vorgefallen iſt... und dennoch...“. „Herzog, mein lieber Herzog, Sie ſind heute voll Zurückhaltung. Was Teufels! wenn man angefangen hat, vollendet man auch, oder man fängt gar nicht an.“ „Sie ſprechen ſehr nach Ihrem Gefallen, Gräfin. Laſſen Sie mich wenigſtens wieder Athem holen. Woran war ich?“ „Sie waren an... dennoch.“ „Ah, ja! es iſt wahr, und dennoch weiß ich nicht nur, daß Seine Majeſtät nicht gekommen iſt, ſondern ich errathe auch, warum ſie nicht gekommen iſt.“ „Herzog, ich dachte immer bei mir, Sie wären ein Zauberer, nur fehlte es mir an einem Beweis.“ „Nun! dieſen Beweis werde ich Ihnen geben.“ Die Gräfin, welche ein viel größeres Intereſſe an dem Geſpräche nahm, als ſie den Anſchein haben wollte, ließ den Kopf von Zamore los, dem ſie mit ihren weißen zarten Fingern das Haar zerzauſte. „Geben Sie, Herzog, geben Sie,“ ſagte ſie. „Vor dem Herrn Gouverneur?“ „Verſchwinde, Zamore,“ ſagte die Gräfin zu dem Neger, der, vor Freude toll, mit einem Sprung aus dem Boudoir ins Vorzimmer ſtürzte. „Nun iſt es gut,“ murmelte Richelieu;„doch ich ſoll alſo Alles ſagen, Gräfin?“ 88 5„Wie, dieſer Affe Zamore hat Ihnen Zwang ange⸗ than? „Um die Wahrheit zu ſagen, Gräfin, thut mir immer Jemand Zwang an.“ „Ja, Jemand, das begreife ich; doch iſt Zamore Jemand?“ „Zamore iſt nicht blind, Zamore iſt nicht taub, Za⸗ more iſt nicht ſtumm; es iſt alſo Jemand. Ich ſchmücke mit dieſem Namen Jeden, der meines Gleichen in Augen, in Ohren und Sprache iſt, nämlich Jeden, der ſehen kann, was ich thue, der hören oder wiederholen kann, was ich ſage, kurz Jeden, der mich verrathen kann. Nachdem nun dieſe Theorie feſtgeſtellt iſt, fahre ich fort.“ „Ja, fahren Sie fort, Herzog, Sie werden mir ein Vergnügen machen.“ „Ein Vergnügen, ich glaube nicht; gleichviel, ich muß, fortfahren. Der König beſuchte alſo geſtern Tria⸗ non. „Das kleine oder das große?“ „Das kleine. Die Frau Dauphine war an ſeinem „Ah!“ „Und die Frau Dauphine, welche reizend iſt, wie Sie wiſſen..“ „Ach!“ „Machte ihm ſo viel Schmeicheleien, Papachen hier, Großpapa dort, daß Seine Majeſtät, deren Herz von Gold iſt, nicht widerſtehen konnte, daß das Nachteſſen auf den Spaziergang folgte, und daß die unſchuldigen Spiele auf das Nachteſſen folgten. Kurz... „Kurz,“ rief Madame Dubarry bleich vor Ungeduld, „kurz, der König iſt nicht nach Luciennes gekommen, nicht wahr, das iſt es, was Sie ſagen wollen?9 „CEi! mein Gott, ja.“ „Das iſt ganz einfach. Seine Majeſtät hatte dort Alles, was ſie liebt.“ 1 Arm 89 „Ah! nein, Sie denken entfernt kein Wort von dem, was Sie ſagen; höchſtens Alles, was ihr gefällt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herzog, das iſt noch viel ſchlimmer: zu Nacht ſpeiſen, plaudern, ſpielen, iſt Alles, wmas der König braucht. Und mit wem hat er geſpielt?“ „Mit Herrn von Choiſeul.“ Die Gräfin machte eine Bewegung des Aergers. „Wollen Sie, daß wir nicht mehr hievon ſprechen?“ fragte Richelieu. „Im Gegentheil, mein Herr, ſprechen wir davon.“ „Sie ſind ebenſo muthig als geiſtreich, Madame; greifen wir alſo den Stier bei den Hörnern an, wie die Spanier ſagen.“ „Das iſt ein Sprüchwort, das Ihnen Frau von Choiſeul nicht verzeihen würde, Herzog.“. „Es iſt jedoch nicht auf ſie anwenbar. Ich ſagte alſo, Madame, daß Herr von Choiſeul, da ich ihn bei ſeinem Namen nennen muß, mit dem König Karten ſpielte, und zwar mit ſo viel Glück, mit ſo viel Geſchicklich⸗ kelt... „Daß er gewann?“ „Nein, daß er verlor, und daß Seine Majeſtät tau⸗ ſend Louis d'or im Piquet gewann, ein Spiel, worin Seine Majeſtät viel Eitelkeit beſitzt, in Betracht, daß ſie es ſehr ſchlecht ſpielt.“ „Oh! der Choiſeul, der Choiſeul,“ murmelte Madame nahase„Und Frau von Grammont war debei, nicht wahr?“ „Das heißt, Gräfin, ſie war im Begriff, abzureiſen.“ „Die Herzogin?“ „Ja, ich glaube, ſie begeht eine Albernheit.“ „Welche?* „Da ſie ſieht, daß man ſie nicht verfolgt, ſchmollt ſie; degſe ſieht, daß man ſie nicht verbannt, verbannt ſie ſich e* „Wohin?“ „In die Provinz.“ 90 „Sie wird intriguiren.“ „Was ſoll ſie, bei Gott! Anderes thun? Da ſie alſo in der Abreiſe begriffen war, ſo wollte ſie ganz na⸗ türlich die Dauphine begrüßen, welche ſie natürlich ſehr liebt. Deshalb war ſie in Trianon.“ „Im großen?“ „Allerdings, das kleine iſt noch nicht meublirt.“ „Ah! die Frau Dauphine zeigt, indem ſie ſich mit allen dieſen Choiſeul umgibt, deutlich, welcher Partie ſie ſich anſchließen will.“ „Nein, Gräſin, übertreiben wir nicht; denn die Her⸗ zogin wird am Ende morgen abgereiſt ſein.“ „Und der König hat ſich da beluſtigt, wo ich nicht war!“ rief die Gräfin mit einer Entrüſtung, in die ſich ein gewiſſer Schrecken miſchte. „Mein Gott! ja; das iſt unglaublich, aber es iſt dennoch ſo, Gräfin. Laſſen Sie hören, was ſchließen Sie daraus?“ „Daß Sie ſehr gut unterrichtet ſind, Herzog.“ „Und das iſt Alles?“ „Nein.“ „Vollenden Sie alſo.“ „Ich ſchließe noch daraus, daß man den Köͤnig frei⸗ willig oder mit Gewalt aus den Klauen dieſer Choiſeul ziehen muß, oder wir ſind verloren.“ „Leider!“ „Verzeihen Sie,“ ſagte die Gräfin;„ich ſage wir, beruhigen Sie ſich, Herzog, das iſt nur auf die Familie anwendbar.“ „Und auf die Freunde, Gräfin, erlauben Sie mir, unter dieſem Titel meinen Theil zu nehmen. Alſo...“ „Sie gehören alſo zu meinen Freunden?“ „Ich glaube es Ihnen geſagt zu haben, Madame.“ „Das iſt nicht genug.“ „Ich glaube es Ihnen bewieſen zu haben.“ „Das iſt beſſer, und Sie werden mir helfen?“ „Mit meiner ganzen Macht, Gräfin; aber...“ „„ —— „— —— 91 „Aber, was?“ 5 „Das Werk iſt ſchwierig, ich verberge es Ihnen nicht.“ „Sind ſie denn nicht zu entwurzeln, dieſe Choiſeul?“ „Sie ſind wenigſtens ſtark gepflanzt.“ „Sie glauben?“ „Ich glaube es.“ „Es gibt alſo, was auch der gute Lafontaine ſagen mag, weder Wind noch Sturm gegen dieſe Eiche?“ „Es iſt ein großes Genie, der Miniſter.“ „Gut! nun ſprechen Sie wie die Eneyklopädiſten.“ „Bin ich nicht von der Academie?“ „Oh! Sie ſind ſo wenig davon, Herzog.“ „Es iſt wahr, Sie haben Recht, mein Secretaire iſt von der Academie und nicht ich. Doch ich beharre nichts⸗ deſtoweniger auf meiner Meinung.“ „Daß Herr von Choiſeul ein großes Genie iſt?“ „Ja wohl.“ „Worin zeigt es ſich denn, dieſes große Genie? laſſen Sie hören.“ „Darin, Madame, daß er eine ſolche Geſchichte mit den Parlamenten und den Engländern angefangen hat, daß der König ſeiner nicht mehr entbehren kann.“ „Die Parlamente... er reizt ſie gegen den König auf.“ „Ganz richtig, und darin liegt gerade die Geſchicklich⸗ eit.“ „Die Engländer treibt er zum Krieg an.“ „Allerdings, der Friede würde ihn zu Grunde richten.“ „Das iſt nicht Genie, Herzog.“ „Was iſt es denn, Gräfin?“ „Es iſt Hochverrath.“ „Wenn der Hochverrath gelingt, Gräfin, ſo iſt es Genie, wie mir ſcheint, und zwar vom beſten.“ „In dieſer Hinſicht, Herzog, kenne ich Jemand, der ſo geſchickt iſt, als Herr von Choiſeul.“ Bah!“ 92 „In Beziehung auf die Parlamente wenigſtens.“ „Das iſt die Hauptſache.“ „Denn dieſer Jemand iſt Schuld an der Empörung der Parlamente.“ „Sie reizen meine Neugierde, Gräfin.“ „Sie kennen ihn nicht, Herzog?“ „Meiner Treue, nein.“ „Er gehört doch zu Ihrer Familie.“ „Sollte ich einen Mann von Genie in meiner Fa⸗ milie haben? Sprechen Sie vom Cardinal⸗Herzog, meinem Oheim?“ f„Nein, ich ſpreche vom Herzog von Aiguillon, Ihrem effen. Treue, es iſt ein hübſcher Junge; ja, ja, in der That, er hat da ein hübſches Stück Arbeit gemacht. Hören Sie, Gräfin, bei meiner Ehre, das iſt ein Mann, mit dem ſich eine Frau von Geiſt verbinden ſollte.“ „Begreifen Sie, Herzog,“ ſagte die Gräfin,„begreifen Sie, daß ich Ihren Neffen nicht kenne?“ „Wahrhaftig, Madame, Sie kennen ihn nicht?“ „Armer Junge! er hat in der That ſeit Ihrer Thronbeſteigung in der Bretagne gelebt. Er mag ſich hüten, wenn er Sie ſieht, er iſt nicht an die Sonne ge⸗ wöhnt.“ „Was macht mitten unter dieſen Schwarzroͤcken ein 24 Mann von Geiſt und Geſchlecht, wie er? „Er wiegelt ſie auf, da er nichts Beſſeres thun kann. Sie begreifen, Gräfin, Jeder nimmt ſein Vergnügen, wo er es findet, und es gibt in der Bretagne keine große Luſtbarkeiten. Ah! das iſt ein thätiger Mann; Teufel! welch einen Diener hätte der König an ihm, wenn er wollte. eegen ihn würden die Parlamente ihre Unverſchämtheit nicht behaupten... Ah! er iſt wahrhaftig Richelieu, Gräfin; erlauben Sie mir auch... —— 93 „Was?“ „Daß ich ihn, ſobalo er eintrifft, Ihnen vorſtelle.“ „Soll er bald nach Paris kommen?“ „Ei! Madame, wer weiß? Vielleicht hat er noch ein Luſtrum in ſeiner Bretagne zu bleiben, wie der Spitz⸗ bube Voltaire ſagt; vielleicht iſt er unter Weges; vielleicht iſt er zwei hundert Stunden von hier; vielleicht iſt er vor der Barriére.“ Und der Marſchall ſtudirte auf dem Geſicht der jugen Frau die Wirkung der letzten Worte, die er ge⸗ agt. Doch nachdem ſie einen Augenblick geträumt hatte, ſprach die Gräfin: „Kehren wir zu dem Punkt zurück, wo wir waren.“ „Wohin Sie wollen, Gräfin.“ „Wo waren wir?“ „Bei dem Moment, wo ſich Seine Majeſtät ſo ſehr hriensn in der Geſellſchaft von Herrn von Choiſeul ge⸗ ällt.“ „Und wo wir davon ſprachen, daß man den Choiſeul fortſchicken müſſe.“ „Das heißt, wo Sie davon ſprachen.“ „Wie,“ ſagte die Favoritin,„ich habe ſo großes Ver⸗ langen, ihn abgehen zu ſehen, daß ich zu ſterben Gefahr laufe, wenn er nicht geht; werden Sie mir nicht ein we⸗ nig helfen, mein lieber Herzog?“ „Oh! oh!“ machte der Herzog ſich aufblähend,„das iſt, was wir in der Politik eine Eröffnung nennen.“ „Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt, nennen Sie nes wie es Ihnen gutdünkt; doch anworten Sie katego⸗ riſch.“ Das iſt ein abſcheuliches Umſtandswort in einem ſo ſchönen und ſo kleinen Mund.“ „Das heißen Sie antworten, Herzog?“ „Nein, nicht gerade: das heiße ich meine Antwort vorbereiten.“ „Iſt ſie vorbereitet?“ 8 94 „Warten Sie doch.“ „Sie zögern, Herzog?“ Nein.“ „Nun! ich höre.“ „Was halten Sie von den Apologen, Gräfin?“ „Das iſt etwas Altes.“ „Bah! die Sonne ich auch aſt, und wir haben noch nichts Beſſeres erfunden, um damit zu ſehen.“ „Gut alſo, mit dem Apolog: doch das wird durch⸗ ſichtig ſein.“ „Wie Kryſtall.“ „Vorwärts.“ „Hören Sie mich, ſchöne Dame?“ „Ich höre.“ „Nehmen Sie alſo an, Gräfin... Sie wiſſen, daß man in den Apologen immer annimmt.“ „Gott! wie langweilig ſind Sie, Herzog.“ „Sie denken nicht, was Sie ſagen, Gräfin, denn nie haben Sie aufmerkſamer gehört.“ „Es ſei, ich habe Unrecht.“. „Nehmen Sie alſo an, Sie gehen in Ihrem ſchönen Garten in Luciennes ſpazieren, und Sie erblicken eine herrliche Pflaume, eine von jenen Reines⸗Claudes, die Sie ſo ſehr lieben, weil ſie die hochrothen und purpurnen Far⸗ ben haben, welche den Ihrigen gleichen.“ „Gehen Sie, Schmeichler.“ „Sie bemerken, ſage ich, eine von jenen Pflaumen ganz am Ende eines Zweigs, ganz oben auf dem Baum; was machen Sie, Gräfin?“ „Ich ſchüttle den Baum.“ „Ja, aber vergebens, denn der Baum iſt groß, nicht zu entwurzeln, wie Sie ſo eben ſagten, und Sie gewahren bald, daß Sie, ohne ihn zu erſchüttern, Ihre kleinen Patſchchen an der Rinde verletzen; dann ſagen Sie, in⸗ dem Sie den Kopf auf die liebenswürdige Weiſe, die nur Ihnen und den Blumen angehört, drehen: Mein Gott, 9⁵ mein Gott! wie gern moͤchte ich dieſe Pflaume auf dem Boden ſehen; und Sie werden ärgerlich.“ „Das iſt ganz natürlich, Herzog.“ „Ich werde Ihnen nicht das Gegentheil ſagen.“ „Fahren Sie fort, mein lieber Herzog, Ihr Apolog intereſſirt mich ungemein.“ „Ploͤtzlich ſehen Sie, indem Sie ſich umwenden, Ihren Freund, den Herzog von Richelieu, der denkend ſpazieren geht.“ „An was denkend?“ „Eine ſchöne Frage, bei Gott! an Sie; und Sie ſagen ihm mit Ihrer anbetungswürdigen Floͤtenſtimme: „„Ah! Herzog! Herzog!““ „Sehr gut!“. „„Sie find ein Mann; Sie ſind ſtark; Sie haben Mahon genommen; ſchütteln Sie mir doch ein wenig die⸗ ſen verteufelten Pflaumenbaum, damit ich dieſe ſataniſche Pflaume bekomme;““ nicht ſo, Gräfin?“ „Durchaus, Herzog; ich ſagte dies ganz leiſe, wäh⸗ rend Sie es laut ſagten; doch was antworteten Sie?“ „Ich antwortete...“ „„Ja.“ „Ich antwortete... Wie Sie drängen, Herzogin! ich wünſche in der That nichts Anderes, doch ſchauen Sie, ſchauen Sie, wie dieſer Baum ſolid iſt, wie die Zweige knorrig ſind; was Teufels, ich halte auch auf meine Hände, obgleich ſie fünfzig Jahre älter find, als die Ihrigen.“ „Ah!“ machte plötzlich die Gräfin,„gut, gut, ich verſtehe.“ „Dann ſetzen Sie den Apolog fort. Was ſagen Sie mir?“ „Ich ſage Ihnen.. „Mit Ihrer Flötenſtimme?“ „Immer.“ „Ich ſage Ihnen: mein kleiner Marſchall, hören Sie auf, dieſe Pflaume gleichgültig anzuſchauen, welche 96 Sie übrigens nur gleichgültig anſchauen, weil ſie nicht für Sie iſt; wünſchen Sie dieſelbe mit mir, mein lieber Marſchall, begehren Sie mit mir nach ihr, und wenn ſie mir gehörig den Baum ſchütteln, wenn die Pflaume fällt, nun wohl!...“ „Nun?“ „So eſſen wir ſie mit einander.“ „Bravo!“ rief der Herzog in die Hände klatſchend. „Iſt es ſo?“ „Meiner Treue, Gräfin, nur Sie können einen Apo⸗ log endigen. Bei meinen Hörnern! wie mein ſeliger Va⸗ ter ſagte, wie zierlich iſt das geſchürzt.“ „Sie werden alſo den Baum ſchütteln, Herzog?“ „Mit beiden Händen und drei Herzen, Graͤfin.“ „Und die Pflaume war wirklich eine Reine⸗Claude?“ „Man iſt nicht vollkommen ſicher, Gräfin.“ „Was iſt es denn?“ „Mir ſcheint, es war vielmehr ein Portefeuille oben auf dieſem Baum.“ „Uns Beiden alſo das Portefeuille.“ „Oh! nein, mir allein. Beneiden Sie micch nicht um dieſes Maroquin, Gräfin; es werden ſo viele ſchöne Dinge mit ihm vom Baume fallen, wenn ich ihn ge⸗ ſchüitet habe, daß Sie nicht wiſſen, was Sie wählen ſollen.“ „Nun, Marſchall, iſt das eine verabredete Sache?“ „Ich bekomme den Platz von Herrn von Choiſeul.“ „Wenn der König will.“ „Will der Koͤnig nicht Alles, was Sie wollen?“ „Sie ſehen wohl, daß dies nicht der Fall ſſen da er ſeinen Choiſeul nicht wegſchicken will.“ „Oh! ich hoffe, der König wird wohl die Gnade haben, ſich ſeines alten Gefährten zu erinnern.“ „Waffengefährten?“ „Ja, Waffengefährten; die größten Gefahren ſind nicht immer im Krieg, Gräfin,“ 4 ht e n e u u ₰ 97 „Und Sie verlangen nichts von mir für den Herzog von Aiguillon?“ „Meiner Treue, nein; der Burſche wird ſelbſt zu verlangen wiſſen.+— „Ueberdies Weden Sie da fein. Nunriſt vie Reihe an mir.“ „Die Reihe, was zu thun?“ „Zu verlangen.“ „Ganz richtig.“ „Was werden Sie mir geben?“ „Was Sie wollen.“ „Ich will Alles.“ „Das iſt vernünftig.“ „Und ich werde es bekommen?“ „Eine ſchöne Frage. Doch werden Sie damit zu⸗ frieden ſein, und nur dieſes von mir verlangen?“ „Nur dieſes und noch etwas Anderes.“ „Sprechen Sie.“ „Sie kennen Herrn von Taverney?“ „Es iſt ein vierzigjähriger Freund von mir.“ „Er hat einen Sohn?“ „Und eine Tochter.“ „Ganz richtig.“ „Hernach?“ „Das iſt Alles.“ „Wie, das iſt Alles?“ „Ja, das Etwas, was mir noch von Ihnen zu ver⸗ langen bleibt, werde ich zu geeigneter Zeit und geeigneten Ortes verlangen.“ „Vortrefflich.“ „Wir ſind einverſtanden, Herzog?“ „Ja, Gräfin.“ „Es iſt unterzeichnet?“ „Viel mehr, es iſt beſchworen.“ „So werfen Sie mir meinen Baum um.“ „Ich habe Mittel.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 7 „Welche?“ „Meinen Neffen.“ „Hernach?“—₰ „Die Jeſuiten.— 2— „Ein ganzes, ſehr angenehmes Plänchen, das ich für jeden Fall entworfen hatte.“ „Darf man es erfahren?“ „Ach! Gräfin.“ „Ja, ja, Sie haben Recht.“ „Sie wiſſen, das Geheimniß...“ „Iſt die Hälfte des Gelingens; ich vollende Ihren Gedanken.“ „Sie ſind anbetungswürdig.“ „Doch ich will den Baum meinerſeits auch ſchütteln.“ „Gut, gut, ſchütteln Sie, ſchütteln Sie, Gräfin, das kann nichts ſchaden.“ „Ich habe mein Mittel.“ „Und Sie halten es für gut?“ „Ich bin dafür bezahlt.“ „Welches?“ „Ah! Sie werden es ſehen, Herzog, oder viel⸗ mehr...“ „Was?, „Nein, Sie werden es nicht ſehen.“ 4 Und bei dieſen Worten, welche mit einer Feinheit ausgeſprochen worden, die nur dieſer reizende Mund haben konnte, ſchlug die tolle Gräfin, als wäre ſie gerade zu ſich gekommen, raſch die Atlaßwellen ihres Rockes nieder, welche in der Hitze der diplomatiſchen Verhandlung eine fhachnde Bewegung, der des Meeres ähnlich, gemacht atten. Der Herzog, der ein wenig Seemann und folglich mit den Launen des Oceans vertraut war, brach in ein ſchallendes Gelächter aus, küßte der Gräſin die Hände und errieth, er, der ſo gut errieth, daß ſeine Audienz beendigt war. — als ich 99 „Wann werden Sie umzuwerfen anfangen, Herzog?“ fragte die Gräfin. „Morgen. Wann werden Sie zu ſchütteln anſan⸗ gen?“ Man hörte einen gewaltigen Lärmen von Carroſſen im Hof und beinahe zugleich den Ruf:„Es lebe der Koͤnigs!“ 2Zue eu „Ich,“ antwortete die Gräfin durch das Fenſter ſchauend,„ich werde auf der Stelle anfangen.“ „Bravo.“— „Gehen Sie auf der kleinen Treppe hinab, Herzog, und erwarten Sie mich im Hof, Sie werden meine Ant⸗ wort in einer Stunde bekommen.“ LXXVIII. Der Gutgenug Seiner Majeſtät Ludwig XV. König Ludwig XV. war nicht ſo ſanftmüthig, daß man alle Tage über Politik mit ihm ſprechen konnte. Die Politik langweilte ihn ungemein, und in ſeinen ſchlimmen Tagen entzog er ſich mit dem Argument, auf das nichts zu erwiedern war: „Bah! die Maſchine wird wohl ſo lange dauern Waren die Umſtände günſtig, ſo benützte man es; doch es kam ſelten vor, daß der Monarch nicht ſeinen Vortheil wieder an ſich riß, den er in einem Augenblick guter Laune verloren hatte. Madame Dubarry kannte ihren Koͤnig ſo gut, daß ſie ſich, wie die Fiſcher, die ſich auf's Meer verſtehen, nie bei ſchlimmem Wetter einſchiffte. Deer Augenblick aber, wo ſie der König in Luciennes beſuchte, war einer der beſten, die man nur immer finden 100 konnte.— Der Koͤnig hatte am vorhergehenden Tag Unrecht gehabt, er wußte, daß man ihn ſchmählen würde. Er mußte an dieſem Tage leicht einzunehmen ſein. So vertrauensvoll aber das Wildbret ſein mag, das man auf dem Anſtand erwartet, ſo findet ſich doch immer noch ein gewiſſer Inſtinct bei ihm, dem man zu mißtrauen wiſſen muß. Doch dieſer Inſtinct wird runwirkſam ge⸗ macht, wenn der Jäger ſich zu benehmen weiß. 4 Man höre, wie die Gräfin Dubarry in Beziehung auf das königliche Wildbret zu Werke ging, das ſie in ihre Garne locken wollte. Sie trug, wie wir bemerkt zu haben glauben, ein ſehr zierliches Déshabillé, wie es Boucher ſeinen Schä⸗ ferinnen gibt. Nur hatte ſie keine Schminke, denn die Schminke war die Antipathie von König Ludwig XV.. Sobald man ſeine Majeſtät gemeldet hatte, ſprang die Gräfin nach ihrem Schminketopf und fing an ihre Wangen mit aller Heftigkeit zu reiben. Der König ſah aus dem Vorzimmer, welcher Be⸗ ſchäftigung die Gräfin ſich hingab. ſch„„Pfui!“ ſagte er eintretend;„die Abſcheuliche ſchminkt „Ah! guten Morgen, Sire,“ ſagte die Gräſin, welche vor ihrem Spiegel ſaß, ohne ſich ſtören zu laſſen und ohne ſich in ihrer Arbeit zu unterbrechen, ſelbſt als ſie der Koͤnig auf den Hals küßte. „Stie erwarteten mich alſo nicht, Gräfin?“ „Warum denn, Sire?“ „Daß Sie ſich Ihr Geſicht ſo beſchmutzen.“ „Im Gegentheil, Sire, ich war ſicher, der Tag würde nicht vorübergehen, ohne daß ich die Ehre hätte, Eure Majeſtät zu ſehen.“ „Ah! wie Sie mir das ſagen, Gräfin.“ „Sie finden?“. „Ja. Sie find ernſt wie Herr Rouſſeau, wenn er ſeine Muſik höoͤrt. 101 „Ich habe auch in der That Eurer Majeſtät etwas Ernſtes zu ſagen.“ „Ah! gut! Ich ſehe Sie kommen, Gräfin.“ „Wahrhaftig!“ „Ja, Vorwürfe.“ „Ich! ſtille doch, Sire... Ich bitte, warum denn?“ „Weil ich geſtern nicht gekommen bin.“ „Oh! Sire, Sie werden mir die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß ich nicht die Anmaßung habe, Euere Majeſtät der Welt entziehen zu wollen.“ „Jeannette, Du aͤrgerſt Dich.“ „Ohl nein, Sire, ich bin ſchon ganz ärgerlich.“ „Hoͤren Sie, Gräfin, ich verſichere Sie, daß ich unabläßig an Sie gedacht habe.“ „Bah!“ „Und daß mir dieſer Abend ewig zu währen ſchien.“ „Ich wiederhole, ich ſpreche durchaus nicht hievon. Eure Majeſtät bringt ihre Abende zu, wo es ihr beliebt, das geht Niemand etwas an.“ „In der Familie, Madame, in der Familie.“ „Sire, ich habe mich nicht darnach erkundigt.“, „Warum?“ „Bei Gott! Sire, Sie werden zugeben, das wäre unanſtändig von meiner Seite.“ „Aber wenn Sie mir deshalb nicht grollen,“ rief der König,„warum grollen Sie mir denn? denn man muß doch am Ende gerecht ſein auf dieſer Welt.“ „Ich grolle Ihnen nicht, Sire.“ „Da Sie aber ärgerlich ſind?“ „Ich bin ärgerlich, ja, Sire, das iſt wahr.“ „Worüber denn?“ „Daß ich ein Gutgenug bin „Großer Gott, Sie?“ 5 „Ja! ich, die Gräfin Dubarry! die hübſche Jeanne, die reizende Jeannette, die verführeriſche Jeanneton, wie Cure Majeſtät ſagt; ja, ich bin der Gutgenug.“ 4⁴ 10²2 „Worin denn?“ „Darin, daß ich meinen König, meinen Geliebten habe, wenn Herr von Choiſeul und Frau von Grammont nichts mehr von ihm wollen.“ „Oh! oh! Gräfin.“ „Meiner Treue! ſchlimm genug, ich ſage die Dinge, die ich auf dem Herzen habe, gerade heraus. Hoͤren Sie, Sire, man ſagt, Frau von Grammont habe oft am Ein⸗ gang Ihres Schlafzimmers auf Sie gelauert. Ich werde die Gegenſpur der edlen Herzogin nehmen; ich werde beim Ausgang lauern, und der erſte Choiſeul oder die erſte Grammont, die in meine Hände fäͤllt... meiner Treue! das wird ſchlimm gehen...“ „Gräfin! Gräfin!“ „Was wollen Sie, ich bin eine ſchlecht erzogene Frau. Ich bin die Geliebte von Blaiſe, die ſchöne Bour⸗ bonnaiſe.“ „Gräfin, die Choiſeul werden ſich rächen.“ „Was iſt mir daran gelegen, wenn ſie ſich nur für meine Rache rächen.“ „Man wird ſie beſpucken.“ „Sie haben Recht.“ Ah 11 „Ich habe ein vortreffliches Mittel und will es in Anwendung bringen.“ 3 „Das iſt?“ fragte der König unruhig. „Das iſt, daß ich ganz einfach gehe.“ Der König zuckte die Achſeln. „Ah! Sie glauben es nicht, Sire?“ „Meiner Treue, nein.“ „Weil Sie ſich nicht die Mühe geben, nachzudenken. Sie vermengen mich mit Anderen.“ „Wie ſo?“ „Allerdings. Frau von Chateauroux wollte Göttin ſein; Frau von Pompadour wollte Koͤnigin ſein; Andere wollten reich, mächtig ſein, die Frauen des Hofes durch —— 103 das Gewicht ihrer Gunſtbezeugungen demüthigen. Ich, ich habe keinen von dieſen Fehlern.“ „Das iſt wahr.“ „Während ich gute Eigenſchaften habe.“ „Das iſt abermals wahr.“ „ Sie denken nicht ein Wort von dem, was Sie ſagen.“ „Oh! Gräfin, Niemand iſt mehr als ich von Ihrem Werthe überzeugt.“ „Es mag ſein, doch hören Sie; was ich ſage, kann Ihrer Ueberzeugung keinen Eintrag thun.“ „Sprechen Sie,“ „Einmal bin ich reich und brauche Niemand.“ „Sie wollen es mich bereuen laſſen, Gräfin.“ „Sodann habe ich nicht den geringſten Stolz für Alles das, was dieſen Damen ſchmeichelt, nicht das ge⸗ ringſte Verlangen nach dem, wonach ſie trachten; ich wollte immer vor Allem meinen Liebhaber lieben, wäre dieſer Liebhaber ein Musketier, wäre er ein König ge⸗ weſen. Sobald ich nicht mehr liebe, lege ich auf nichts mehr einen Werth.“ „Wir wollen hoffen, daß Sie auf mich noch einigen Werth legen, Gräfin.“ „Ich bin noch nicht zu Ende.“ „Fahren Sie alſo fort, Madame.“ „Ich habe Eurer Majeſtät noch zu ſagen, daß ich hübſch, daß ich jung bin, daß ich noch zehn Jahre der Schönheit vor mir habe, daß ich nicht nur die glücklichſte, ſondern auch die geehrteſte Frau der Welt von dem Tage an werde, wo ich nicht mehr die Geliebte Eurer Majeſtät bin. Sie lächeln, Sire. Dann thut es mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie nicht überlegen. Die anderen Favoritinnen, wenn Sie an ihnen genug hatten und wenn das Volk an ihnen zu viel hatte, jagten Sie fort, und Sie machten dadurch, daß Sie das Volk ſegnete, wel⸗ ches die in Ungnade Gefallene verfluchte wie früher; ich werde nicht abwarten, bis man mich wegſchickt. — 104 „Ich verlaſſe den Platz und verkündige Jedermann, daß ich ihn verlaſſen habe. Ich gebe den Armen hun⸗ derttauſend Livres, ich bringe acht Tage, um Buße zu thun, in einem Kloſter zu, und ehe ein Monat vergeht, habe ich mein Portrait in allen Kirchen als Seitenſtück zur büßenden Magdalena.“ „Oh! Gräfin, Sie ſprechen nicht im Ernſt,“ ſagte der Konig. „Schauen Sie mich an, Sire, und ſehen Sie, ob ich ernſthaft bin oder nicht; ich ſchwöre Ihnen im Ge⸗ gentheil, nie in meinem Leben habe ich ernſter geſprochen.“ „Sie werden eine ſolche Niedrigkeit begehen, Jeanne? Sie wiſſen nicht, daß Sie mir den Stuhl vor die Thüre ſetzen, Madame.“ „Nein, Sire, denn Ihnen den Stuhl vor die Thüre ſetzen hieße ganz einfach ſagen: wäͤhlen Sie zwiſchen dieſem und jenem.“ „Während?“ „Während ich ſage: Gott befohlen, Sire, und da⸗ mit iſt's aus.“ Der Koͤnig erbleichte, doch diesmal vor Zorn. „Wern, Si ſich ſo vergeſſen, Madame, nehmen Sie in Acht!“ „Wovor, Sire?“ „Ich ſchicke Sie in die Baſtille.“ „Mich, Sire?“ „Ja, Sie, und in der Baſttlle langweilt man ſich noch mehr als im Kloſter.“ „Oh! Sire,“ ſprach die Gräfin die Hände faltend, „wenn Sie mir dieſe Gnade erweiſen würden...“ „Welche Gnade?“ „Mich in die Baſtille zu ſchicken.“ „Nun!“ „Shr wirhen mich glücklich machen,“ „Wie ſo?“ „Ja wohl. Mein verborgener Ehrgeiz beſteht da⸗ rin, daß ich populär ſein will wie Herr La Chalotais —44 ſich i — ¹ — 105 oder Herr von Voltaire. Die Baſtille fehlt mir nur hiezu; ein wenig Baſtille, und ich bin die ſeligſte der Frauen. Das wird für mich eine Gelegenheit ſein, Denk⸗ würdigkeiten über mich, über Ihre Miniſter, über Ihre Mädchen, über Sie ſelbſt zu ſchreiben, und ſo alle Tugen⸗ den von Ludwig dem Vielgeliebten auf die entfernteſte Nachwelt zu übertragen. Unterzeichnen Sie den Ver⸗ haftsbefehl, Sire. Sehen Sie, ich gebe Ihnen ſelbſt Tinte und Feder.“ Und ſie ſchob ein Schreibzeug vor den Konig, das auf einem Gueridon ſtand. So herausgefordert, dachte der König einen Augen⸗ blick nach, ſtand auf und ſagte: „Es iſt gut. Leben Sie wohl, Madame.“ „Meine Pferde!“ rief die Gräfin.„Leben Sie wohl, Sire.“ Der König machte einen Schritt nach der Thüre. „Chon!“ rief die Gräfin. Chon erſchien. „Meine Koffer, mein Reiſegeräthe und Poſtpferde; raſch, raſch,“ ſagte die Gräfin. „Poſtpferde!“ verſetzte Chon beſtürzt;„guter Gott, was glibt es denn?“ „Meine Liebe, wenn wir nicht ſo ſchnell als möglich abreiſen, ſo ſchickt uns Seine Majeſtät in die Baſtille. Es iſt alſo keine Zeit zu verlieren. Beeile Dich, Chon, beeile Dich.“ Dieſer Vorwurf traf Ludwig XV. im Herzen. Er kehrte zur Gräfin zurück, nahm ihre Hand und ſprach: „Gräfin, verzeihen Sie meine Lebhaftigkeit.“ „In der That, Sire, es wundert mich, daß Sie mich nicht auch mit dem Galgen bedroht haben.“ „Oh! Gräfin!“ „Gewiß.. henkt man die Diebe nicht?“ „Nun?“ sSueble ich nicht den Platz von Frau von Gram⸗ ont? — 106 „Gräfin!“ „Bei Gott! das iſt mein Verbrechen, Sire.“ „Hoͤren Sie, Gräfin, ſeien Sie gerecht: Sie haben mich in Verzweiflung gebracht.“ „Und nun?“ Der Koͤnig reichte ihr die Hände. „Wir hatten Beide Unrecht, verzeihen wir uns ge⸗ genſeitig.“ „Verlangen Sie im Ernſte eine Ausſöhnung?“ „Bei meiner Treue!“ „Gehe, Chon.“ „Ohne etwas zu befehlen?“ fragte die junge Frau ihre Schweſter. „Im Gegentheil, befiehl Alles, was ich geſagt habe.“ „Gräfin...“ „Aber man warte auf neue Befehle.“ „Ah!“ Chon entfernte ſich. „Sie grollen mir alſo?“ ſagte die Gräfin, zum König. „Auf's Aeußerſte.“ „Bedenken Sie wohl, was Sie ſagen, Sire.“ Der Koͤnig bedachte in der That, konnte aber nicht zurückweichen; und überdies wollte er wiſſen, wie weit die Forderungen des Siegers gehen würden. „Reiſen Sie,“ ſagte er. 3 „Sogleich. Merken Sie wohl auf, Sire; ich war im Begriff, abzureiſen, ohne etwas zu verlangen.“ „Ich habe es wohl geſehen.“ „Doch wenn ich bleibe, werde ich etwas verlangen.“ „Was? Man muß nur wiſſen, was.“ „Ah! Sie wiſſen es nicht.“ „Nein.“ „Doch, da ſie ein Geſicht ſchneiden.“ „Die Entlaſſung von Herrn von Choiſeul? „Ganz richtig.“ „Unmoͤglich, Gräfin.“ „Alſo meine Pferde.“ 107 „Schlimmer Kopf.“ „Unterzeichnen Sie meinen Verhaftsbefehl für die Baſtille oder den Brief, der den Miniſter verabſchiedet.“ „Es gibt eine Mitte,“ ſagte der Koͤnig. „Ich danke für Ihre Milde, Sire. Ich werde, wie es ſcheint, abreiſen, ohne daß man mich beunruhigt.“ „Gräfin, Sie find Weib.“ „Zum Glück.“ „Und urtheilen über Politik als wahres eigenſinniges und zorniges Weib. Ich habe keinen Grund, Herrn von Choiſeul zu entlaſſen.“ „Ich begreife, das Idol Ihrer Parlamente, denjeni⸗ gen, welcher ſie in ihrer Empörung unterſtützt.“ „Man muß doch einen Vorwand haben.“ „Der Vorwand iſt der Grund des Schwachen.“ „Gräfin, Herr von Choiſeul iſt ein ehrlicher Mann und die ehrlichen Leute ſind ſelten.“ „Es iſt ein ehrlicher Mann, der Sie an die Schwarz⸗ röcke verkauft, welche alles Geld Ihres Königreichs auf⸗ freſſen.“ „Keine Uebertreibung, Gräfin.“ „Die Hälfte alſo.“ „Mein Gott!“ rief Ludwig XV. ärgerlich. „Doch ich bin im Ganzen ſehr dumm,“ rief die Gräfin;„was liegt mir an den Parlamenten, an den Choiſeul, an der Regierung; was liegt mir ſogar am Koͤnig, mir, ſeinem Gutgenug!“ 3 „Abermals.“ „Immer, Sire.“ „Geben Sie mir zwei Stunden zum Ueberlegen.“ „Zehn Minuten, Sire. Ich gehe in mein Zimmer, ſchieben Sie mir die Antwort unter der Thüre durch: dort finden Sie Tinte, Feder und Papier. Wenn Sie in zehn Minuten nicht geantwortet haben, oder nicht nach meinem Gefallen geantwortet haben, Sire, Gott befohlen! denken Sie nicht mehr an mich, ich werde abgereiſt ſein.“ Um ſich eine gute Haltung zu geben, küßte Ludwig XV. 108 der Gräſin die Hand, und dieſe ſchleuderte ihm, während ſie ſich entfernte, ihr herausforderndſtes Lächeln zu. Der König widerſetzte ſich dieſem Rückzug durchaus nicht, fund die Gräfin ſchloß ſich in das anſtoßende Zim⸗ mer ein. Fünf Minuten nachher ſtreifte ein viereckig zuſam⸗ mengelegtes Papier den ſeidenen Wulſt der Thüre und die Wolle des Teppichs. Die Gräfin las gierig den Inhalt des Blllets, ſchrieb in der Eile ein paar Worte mit Bleiſtift und warf dieſe paar Worte Herrn von Richelieu zu, der im kleinen Hofe, in großer Angſt, er könnte geſehen werden, feſt wie ein Kranich unter einem Wetterdache ſtand. Der Marſchall entfaltete das Papier, las, lief in aller Eile, trotz ſeiner fünf und ſiebzig Jahre, weg, kam in den großen Hof, wo er ſeinen Wagen fand, und rief: „Kutſcher, nach Verſailles, was die Pferde laufen können.“ Das Herrn von Richelieu aus dem Fenſter zuge⸗ worfene Billet enthielt folgende Worte: leen habe den Baum geſchüttelt, das Portefeuille iſt gefallen.“ LXXIX. Wie König Ludwig XV. mit ſeinem Miniſter arbeitet. Am andern Morgen war großer Lärmen in Verſailles. Die Leute begegneten ſich nur mit geheimnißvollen Geber⸗ den und bezeichnendem Händedrücken, oder indem ſie die Arme kreuzten und die Blicke zum Himmel aufſchlugen, was ihren Schmerz oder ihr Erſtaunen offenbarte. Um zehn Uhr befand ſich Herr von Richelien mit 109 einer großen Anzahl von Parteigängern im Vorzimmer des Königs in Trianon. Ganz mit Gold überzogen, ganz blendend, plauderte der Graf Jean mit dem alten Marſchall, und er plau⸗ herd heiter, wenn man ſeinem glänzenden Geſicht glauben durfte. Gegen eilf Uhr kam der Koͤnig, der ſich in ſein Ar⸗ beitscabinet begab, vorüber: er ſprach mit Niemand. Seine Majeſtät ging ſehr ſchnell. Fünf Minuten nach eilf Uhr ſtieg Herr von Choiſeul aus ſeinem Wagen und durchſchritt die Gallerie, ſein Portefeuille unter dem Arm. Als er erſchien, trat eine große Bewegung unter den Leuten ein, welche ſich umwandten, um das Anſehen zu haben, als plauderten ſie unter einander und, um den Mi⸗ niſter nicht zu grüßen. Der Herzog ſchenkte dieſem Benehmen keine Aufmerk⸗ ſamkeit; er trat in das Cabinet, wo der König in einem Stoß Papiere blätterte, während er ſeine Chocolade zu ſich nahm. „Guten Tag, Herzog,“ ſprach der Koͤnig freundſchaft⸗ lich,„find wir dieſen Morgen gut geſtimmt?“ „Sire, Herr von Choiſeul befindet ſich wohl, aber der Miniſter iſt ſehr krank und kommt, um Eure Majeſtät zu bitten, da ſie noch von nichts mit ihm ſpricht, ſeine Ent⸗ laſſung anzunehmen. Ich danke dem Koͤnig, daß er mir dieſe Initiative geſtattet hat, es iſt eine letzte Gunſt, für die ich ſehr erkenntlich bin.“ „Wie, Herzog, Ihre Entlaſſung, was ſoll das be⸗ deuten?“ „Sire, Eure Majeſtät hat geſtern in die Häͤnde von Madame Dubarry einen Befehl unterzeichnet, der mich meines Amtes entſetzt; dieſe Neuigkeit läuft ſchon in ganz Paris und in ganz Verſailles umher. Das Uebel iſt ge⸗ ſchehen, doch ich wollte den Dienſt Eurer Majeſtät nicht verlaſſen, ohne den Befehl mit der Erlaubniß erhalten zu 110 haben, denn officiell ernannt, kann ich mich nur durch einen officiellen Befehl als entſetzt betrachten.“ „Wie, Herzog!“ rief der Koͤnig lachend, denn die ſtrenge, würdige Haltung vor Herrn von Choiſeul imponirte ihm bis zur Furcht.„Wie, Sie, ein Mann von Geiſt, ein Mann der Form, konnten das glauben?“ „Aber, Sire,“ ſagte der Miniſter erſtaunt,„Sie haben unterzeichnet...“ „Was denn?“ „Einen Brief, den Madame Dubarry beſitzt.“ „Ah! Herzog, haben Sie nie den Frieden nöthig ge⸗ habt? Sie ſind ſehr glücklich!... es iſt wahr, Frau von Choiſeul iſt ein Muſter.“ Beleidigt durch dieſe Vergleichung, faltete der Herzog die Stirne. „Eure Majeſtät,“ ſagte er,„iſt von einem zu feſten und zu glücklichen Charakter, um mit den Staatsangelegen⸗ heiten das zu vermiſchen, was ſie die häuslichen Ange⸗ legenheiten zu nennen beliebt.“ „Choiſeul, ich muß Ihnen das erzählen, es iſt ſehr drollig; Sie wiſſen, daß man Sie dort ungemein fürchtet.“ „Nämlich, daß man mich haßt, Sire.“ „Wenn Sie wollen; nun! hat mir dieſe tolle Gräfin nicht die Alternative geſtellt: ſie in die Baſtille zu ſchicken oder Ihnen für Ihre Dienſte zu danken.“ 3 „Sodann, Sire?“ „Herzog, Sie werden mir zugeſtehen, es wäre ein Unglück geweſen, den Anblick zu verlieren, den Verſailles dieſen Morgen bot. Seit geſtern beluſtige ich mich damit, daß ich die Staffetten auf den Landſtraßen jagen, die Ge⸗ ſichter ſich verlängern oder verkürzen ſehe. Totillon III. i*ſt ſeit geſtern Königin von Frankreich. Das iſt doch äußerſt beluſtigend.“ „Aber das Ende, Sire?“ „Das Ende, mein lieber Herzog,“ ſprach Ludwig XV., der nun wieder ernſt wurde,„das Ende wird immer das⸗ ſelbe ſein. Sie kennen mich, mein lieber Herzog, ich habe — 111 das Ausſehen, als gäbe ich nach, und ich gebe nie nach. Laſſen Sie die Weiber den kleinen Honigkuchen ver⸗ ſchlingen, den ich ihnen von Zeit zu Zeit zuwerfe, wie man es Cerberus that; aber wir, leben wir ruhig, unſtör⸗ bar, ewig mit einander. Und da wir bei den Erklärun⸗ gen ſind, ſo behalten Sie dieſe für ſich... Welches Gerücht auch im Umlauf ſein mag, welchen Brief von mir Sie erhalten mögen... unterlaſſen Sie es nicht, nach Verſailles zu kommen... So lange ich Ihnen ſage, was ich Ihnen ſage, werden wir gute Freunde ſein, Herzog.“ 3Jer König reichte dem Miniſter die Hand und dieſer verbeugte ſich ohne Dankbarkeit, wie ohne Groll. „Arbeiten wir nun, wenn es Ihnen beliebt, lieber Herzog.“ „Ich bin zu den Befehlen Eurer Majeſtät,“ erwiederte Choiſeul, indem er ſein Portefeuille öffnete. „Um anzufangen, ſagen Sie mir vor Allem ein paar Worte über das Feuerwerk.“ „Das war ein großes Unglück, Sire.“ „An wem liegt der Fehler?“ „An Herrn Bignon, dem Prévot der Handelsleute.“ „Das Volk hat viel geſchrieen?“ „Oh! ſehr viel.“ „Dann müßte man Herrn Bignon abſetzen.“ „Das Parlament, von deſſen Mitgliedern eines beinahe im Gedränge erdrückt worden wäre, hatte ſich die Ange⸗ legenheit zu Herzen genommen; doch der Herr General⸗ anwalt Sséguier hielt eine ſehr eindrucksvolle Rede, um zu beweiſen, dieſes Unglück ſei das Werk des Verhängniſſes. Man klatſchte Beifall, und es iſt nun nichts mehr.“ „Deſto beſſer! Gehen wir zu den Parlamenten über, Herzog. Ah! hier macht man uns einen Vorwurf.“ „Man wirft mir vor, Sire, ich unterſtütze Herrn von Aiguillon nicht gegen Herrn de la Chalotais; aber wer wirft mir das vor? Dieſelben Leute, welche mit Freudenſchüſſen den Brief Eurer Majeſtät umhergetragen haben. Beden⸗ 112 ken Sie doch, Sire, daß Herr von Aiguillon ſeine Voll⸗ macht in der Bretagne überſchritten hat, daß die Jeſuiten wirklich verbannt waren, daß Herr de la Chalotais Recht hatte; daß Eure Majeſtät ſelbſt durch einen öffentlichen Akt die Unſchuld dieſes Generalanwalts anerkannt hat. Das Wort des Königs läßt ſich aber nicht ſo zurückneh⸗ men! Seinem Miniſter gegenüber wohl; aber ſeinem Volke gegenüber nicht!“ „Mittlerweile fühlen ſich die Parlamente ſtark.“ „Sie ſind es in der That. Wie! man hetzt ſie, man ſperrt ſie ein, man überhäuft ſie mit Plackereien: und ſie ſollten nicht ſtark ſein! Ich habe Herrn von Aigutlllon nicht angeklagt, daß er die la Chalotais⸗Sache angefangen, aber ich werde ihm nie verzeihen, daß er dabei Unrecht gehabt hat.“ „Herzog! Herzog! das Uebel iſt geſchehen, denken wir an das Gegenmittel. Wie kann man die Unverſchämten im Zügel halten?...“ „Die Intriguen des Herrn Kanzlers müſſen aufhoͤren, Herr von Aiguillon darf nicht mehr unterſtützt werden, und der Zorn des Parlaments wird ſchwinden.“ „Aber dann habe ich nachgegeben, Herzog?“ „Eure Majeſtät wird alſo durch Herrn von Aiguillon repräſentirt und nicht durch mich?“ Dieſes Argument war ſtark, der Koͤnig fühlte es. „Sie wiſſen,“ ſagte er,„daß ich nicht gern den Widerwillen meiner Diener errege, ſelbſt wenn ſie ſich ge⸗ täuſcht haben... Doch gehen wir von dieſer Angelegen⸗ heit ab, die mich betrübt, und der ſicherlich die Zeit ihr Recht widerfahren läßt... Sprechen wir ein wenig vom Aeußern... Man ſagt mir, ich werde Krieg bekommen?“ „Sire, wenn Sie Krieg bekommen, ſo wird es ein loyaler und nothwendiger Krieg ſein.“ E„Mit den Engländern... Teufel!“ „Fürchtet Gure Majeſtät zufällig die Engländer?“ „Oh! zur See.“ 3 „Eure Majeſtät beruhige ſich; der Herr Herzog von ——— — ⁸ — 113 Praslin, mein Vetter, Ihr Seeminiſter, wird Ihnen ſagen, daß er vier und ſechzig Linienſchiffe hat, ohne diejenigen, welche auf der Werft ſind; dabei Material, um zwoͤlf weitere in einem Jahr zu bauen... ſodann fünfzig Fregat⸗ ten erſter Größe, was eine achtenswerthe Stellung für den Seekrieg iſt... Was aber den Krieg auf dem Feſt⸗ lande betrifft, ſo haben wir noch etwas Beſſeres als die⸗ ſes, wir haben Fontenoy.“ „Sehr gut; doch warum würde ich mit den Englän⸗ dern Krieg zu führen haben, mein lieber Herzog? Eine Regierung, welche noch viel geſchickter war, als die Ihrige, die des Abbé Dubois, hat den Krieg mit England ſtets vermieden.“ „Ich glaube es wohl, Stre, der Abbé Dubois bekam monatlich ſechsmal hundert tauſend Livres von den Eng⸗ ländern.“ „Oh! Herzog.“ „Ich habe den Beweis, Sire.“ „Es mag ſein, aber worin ſehen Sie die Urſachen zum Krieg?“ „England will alle Indien haben; ich mußte Ihren Officieren die ſtrengſten, die feindlichſten Befehle geben. Die erſte Colliſion wird Anlaß zu Reelamationen von Sei⸗ ten Englands geben, und es iſt meine feſte Meinung, daß wir denſelben nicht entſprechen ſollen. Die Regierung Eurer Majeſtät muß durch die Stärke geachtet ſein, wie ſie es in Folge der Beſtechung war.“ „Ei! gedulden wir uns; in Indien, wer weiß? das iſt ſo fern.“ Der Herzog biß ſich auf die Lippen. „Es iſt ein casus belli, der uns noch viel näher liegt, Sire,“ ſagte er. „Auch noch, was denn?“ „Die Spanier machen Anſpruch auf den Beſitz der Malouinen und Falklandsinſeln... Der Hafen von Eg⸗ mont war von den Engländern willkührlich beſetzt worden; Denkwürdigkeiten eines Arztes. WV. 8 114 die Spanier haben ſie mit Gewalt daraus vertrieben, da⸗ her die Wuth Englands: es bedroht die Spanier mit den üuferlin Maßregeln, wenn man ihm nicht Genugthuung bt.“ g „Nun! aber wenn die Spanier dennoch Unrecht haben, ſo mögen ſie die Sache ausmachen.“ „Sire, und der Familienvertrag? Warum haben Sie auf Unterzeichnung dieſes Vertrags gedrungen, der alle Bourbonen Europas enge verbindet und einen Wall gegen die Unternehmungen Englands bildet?“ Der König neigte das Haupt. „Seien Sie unbeſorgt, Sire, Sie haben eine furcht⸗ bare Armee, eine impoſonte Marine, Geld. Ich weiß zu finden, ohne daß ich das Geſchrei der Völker errege. Wenn wir Krieg haben, ſo wird dies eine Veranlaſſung des Ruhmes für die Regierung Eurer Majeſtät ſein, und ich beabſichtige Vergroͤßerungen, für die man uns die Ent⸗ ſchuldigung und den Vorwand geliefert haben wird.“ „Alſo den Frieden im Innern, Herzog; wir wollen nicht überall Krieg haben.“ „Aber das Innere iſt ruhig,“ erwiederte der Herzog, der ſich ſtellte, als verſtünde er nicht. „Nein, nein, Sie ſehen wohl, daß dies nicht der Fall iſt. Es gibt Leute, welche ſagen, ſie lieben mich, während ihre Manieren durchaus nicht den Ihrigen gleichen; brin⸗ gen wir alle dieſe Syſteme in Einklang; ſeien wir darauf bedacht, mein lieber Herzog, daß ich glücklich lebe.“ „So weit es von mir abhängt, ſoll Ihr Glück voll⸗ kommen ſein, Sire.“ 4 Da heiße ich ſprechen. Speiſen Sie heute mit mir ttag.“ „In Verſailles, Sire?“ „Nein, in Luciennes.“ zu C0o S8=F S=— ———— 115 Eurer Majeſtät. Ich kann nicht ſo viele Herzen leiden laſſen.“ „Und diejenigen, von welchen ich ſpreche, leiden nicht, Herzog? Bedenken Sie doch, wie glücklich wir alle drei zur Zeit der armen Marquiſe gelebt haben.“ Der Herzog neigte das Haupt, ſeine Augen ver⸗ ſchleierten ſich, ein halb unterdrückter Seufzer entſchlüpfte ſeiner Bruſt. „Frau von Pompadour,“ ſagte er,„war eine auf den Ruhm Eurer Majeſtät ſehr eiferſüchtige Frau, ſie hatte ſehr politiſche Ideen. Ich geſtehe, daß ihr Geiſt mit meinem Charakter ſympathiſirte. Oft, Sire, habe ich mich bei den großen Unternehmungen, die ſie bildete, voran⸗ geſtellt.“ „Aber ſie miſchte ſich in die Politik, Herzog, und Jedermann machte ihr dies zum Vorwurf.“ „Das iſt wahr.“ „Dieſe iſt im Gegentheil ſanft wie ein Lamm; ſie hat noch nicht einen einzigen geheimen Verhaftsbefehl unter⸗ ſchreiben laſſen, nicht einmal gegen die Pamphletiſten und Spottliederſchreiber. Und man wirft ihr vor, was man bei der Andern ſagte. Ah! Herzog, man koͤnnte einen Ekel vor dem Fortſchritt bekommen... Anf, ſchließen Sie Ihren Frieden in Luciennes.“ 4„Sire, wollen Sie die Gnade haben, die Frau Gräfin Dubarry zu verſichern, ich finde, ſie ſei eine reizende Frau und würdig der ganzen Liebe des Königs; aber...“ „Ah! nun kommt ein aber.“ „Aber,“ fuhr Herr von Choiſeul fort,„ich habe die Ueberzeugung, daß, wenn Eure Majeſtät Frankreich noth⸗ wendig iſt, ein guter Miniſter heutigen Tages Eurer Majeſtät noch viel nothwendiger iſt, als ſeine reizende Geliebte.“ 1„Sprechen wir nicht mehr davon, Herzog, und bleiben wir gute Freunde. Aber zanken Sie Frau von Grammont, daß ſie nicht mehr gegen die Gräſin complottirt, denn die Frauen würden uns entzweien.“ 116 „Sire, Frau von Grammont will Eurer Majeſtät zu ſehr gefallen, das iſt ihr Unrecht.“ „Sie mißfällt mir, wenn ſie der Gräfin ſchadet, Herzog. „Frau von Grammont reiſt auch ab, Sire, man wird ſie nicht mehr ſehen, das iſt ein Feind weniger.“ „So verſtehe ich es nicht, Sie gehen zu weit. Doch der Kopf brennt mir, Herzog; wir haben dieſen Morgen gearbeitet wie Ludwig XIV. mit Colbert; wir ſind vom großen Jahrhundert geweſen, wie die Philoſophen ſagen. Ah! Herzog, find Sie Philoſoph?“ „Ich bin der Diener Eurer Majeſtät,“ erwiederte Herr von Choiſeul. „Sie entzücken mich, Sie ſind ein unbezahlbarer Mann; geben Sie mir Ihren Arm, ich bin ganz betäubt.“ Der Herzog beeilte ſich, Seiner Majeſtät den Arm zu bieten; er errieth, man würde beide Flügel der Thüre öffnen, der ganze Hof wäre in der Gallerie, man würde ihn in dieſer glänzenden Lage ſehen; nachdem man ſo viel gelitten, wäre es nicht unangenehm, ſeine Feinde leiden zu ſehen. Der Huiſſier öffnete in der That die Thüre und ver⸗ kündigte den König in der Gallerie. Immer mit Herrn von Choiſeul plaudernd und ihm zulächelnd, durchſchritt Ludwig XV., der ſich auf dem Arm des Herzogs ſchwer machte, die Menge, ohne zu bemerken, oder ohne bemerken zu wollen, wie bleich Jean Dubarry und wie roth Herr von Richelieu war. Aber Herr von Choiſeul bemerkte wohl den Unter⸗ ſchied der Farben. Er ging mit geſpanntem Knie, mit ſteifem Hals und glänzenden Augen vor den Höflingen vorüber, die ſich ihm ebenſo ſehr näherten, als ſie ſich am Morgen von ihm entfernt hatten. 3 „Herzog,“ ſagte der König am Ende der Gallerie, „erwarten Sie mich, ich nehme Sie mit nach Trianon. wriunern Sie ſich alles deſſen, was ich Ihnen geſagt habe. 117 „Ich habe es in meinem Herzen behalten,“ erwiederte der Miniſter, welcher wohl wußte, daß er mit dieſer ſpitzi⸗ gen Phraſe die Seele aller ſeiner Feinde durchbohrte. Der König kehrte in ſeine Gemächer zurück. Herr von Richelieu durchbrach die Reihen, ſchloß in ſeine mageren Hände die Hand des Miniſters und ſagte: „Es iſt mir längſt bekannt, daß ein Choiſeul ein zähes Leben hat.“ „Ich danke,“ erwiederte der Miniſter, obgleich er wußte, woran er ſich zu halten hatte. „Doch das alberne Gerücht,“ fuhr der Marſchall fort. ce iſe Gerücht hat Seine Majeſtät viel lachen ge⸗ macht.“ „Man ſprach von einem Brief...“ „Eine Myſtification von Seiten des Königs,“ entgeg⸗ nete der Herzog, der dieſe Worte der Adreſſe von Jean zuwarf, welcher die Haltung verlor. „Wunderbar, wunderbar!“ wiederholte der Marſchall, während er zum Grafen zurückkehrte, ſobald der Herzog von Choiſeul verſchwunden war und ihn nicht mehr ſehen konnte. Der König ſtieg die Treppe hinab und rief dabei dem Herzog, der ihm eiligſt folgte. „Ci, ei! wir ſind ſchön betrogen,“ ſagte der Mar⸗ ſchall zu Jean. 4 „Wohin gehen ſie?“ „Nach Klein⸗Trianon, um über uns zu ſpotten.“ „Tauſend Donner!“ murmelte Jean.„Ah! verzeihen Sie, Herr Marſchall.“ „Nun iſt die Reihe an mir,“ ſagte dieſer,„wir wol⸗ len ſehen, ob mein Mittel mehr taugen wird, als das der Gräfin.“ 118 LXXX. Klein⸗Trianon. Als Ludwig XIV. Verſailles gebaut und die Unbe⸗ quemlichkeiten der Größe erkannt hatte, als er dieſe unge⸗ heuren Säle voll von Leibwachen, dieſe Vorzimmer voll von Höflingen, dieſe Gänge und Entreſols voll von Lackeien, Pagen und Tafeldeckern ſah, ſagte er ſich, Verſailles ſei wohl das, was Ludwig XIV. habe daraus machen wol⸗ len, was Manſard, Le Brun und Le Notre daraus ge⸗ macht haben, der Aufenthaltsort eines Gottes, aber nicht die Wohnung eines Menſchen. Der große König, der in ſeinen verlorenen Augen⸗ blicken ein Menſch war, ließ ſich ſodann Trianon bauen, um zu athmen und ſein Leben ein wenig zu verbergen. Doch das Schwert von Achilles, das Achilles ermüdet hatte, mußte ein unerträgliches Gewicht für einen winzigen Nachfolger ſein. Trianon, dieſe Verkleinerung von Verſailles, erſchien noch zu pomphaft für Ludwig XV., der ſich von dem Architekten Gabriel das kleine Trianon, einen Pavillon von ſechzig Quadratfuß, bauen ließ. Links von dieſem Gebäude errichtete man ein langes Viereck, ohne Charakter und ohne Zierrathen. Dies war die Wohnung der Leute vom Dienſt und des Hofgeſindes. Man zaͤhlte hier ungefähr zehn Herrenwohnungen und Platz für fünfzig Bedienten. Dieſes Gebäude kann man noch unverſehrt ſehen. Es beſteht aus einem Erdgeſchoß, aus einem Stockwerk und aus Dachkammern. Dieſes Erdgeſchoß wird beſchützt durch einen gepflaſterten Graben, der es vom Gebüſch trennt; alle Fenſter deſſelben ſind vergittert, wie die des erſten Stockes. Von Trianon aus geſehen, beleuchten dieſe Fen⸗ ſter eine lange Hausflur, der eines Kloſters ähnlich. Acht 119 bis neun Thüren in dieſer Hausflur führen in die Woh⸗ nungen, welche alle aus einem Vorzimmer mit zwei Ca⸗ binets, das eine rechts, das andere links, und einem nied⸗ rigen Zimmer, oder ſogar auch zwei, beleuchtet vom inneren Hof des Gebäudes, beſtehen. Unter dieſem Stock find die Küchen. Im Dach die Bedientenzimmer. Das iſt Klein⸗Trianon. r Fügen wir eine Kapelle, zwanzig Klafter vom Schloß.. bei, von der wir keine Beſchreibung machen werden, weil wir kein Bedürfniß haben und weil dieſes Schloß nur eine Haushaltung aufnehmen kann, wie man heut zu Tage ſagen würde. Die Topographie iſt alſo folgende: ein Schloß, das mit ſeinen großen Augen auf den Park und den Wald ſieht; links auf die Communs ⁵), die ihm nur vergitterte Fenſter, Fenſter von Hausfluren, oder durch ein dichtes Geländer maskirte Küchen entgegenhalten. Von Groß⸗Trianon, dem feierlichen Aufenthaltsorte von Ludwig XV., begab man ſich nach dem kleinen durch einen Gemüſegarten, der die zwei Reſidenzen durch die Vermittlung einer hölzernen Brücke verband. Durch dieſen Gemüſe⸗ und Obſtgarten, den La Quen⸗ tinie gezeichnet und angepflanzt hatte, führte Ludwig XV. Herrn von Choiſeul nach Klein⸗Trianon, nach der von uns erzählten anſtrengenden Sitzung. Er wollte ihm die von ihm in dem neuen Aufenthaltsorte des Dauphin und der Dauphine eingeführten Verbeſſerungen zeigen. Herr von Choiſeul bewunderte Alles, deutete Alles mit dem Scharfſinn eines Höflings; er ließ ſich vom König ſagen, Klein⸗Trianon werde von Tag zu Tag ſchöner, reizender zu bewohnen; und der Miniſter fügte bei, dies ſei für Seine Majeſtät das Familienhaus. *) Die Communs nannte man am franzöſiſchen Hofe die verſchiedenen Kellereien, Küchen, Speiſekammern für das Hof⸗ geſinde, auch das Gebäude, worin die Hausoffteianten wohnten und arbeiteten. —— 120 „Die Dauphine,“ ſagte er,„iſt noch ein wenig ſcheu, wie alle junge Deutſche; ſie ſpricht gut Franzöͤſiſch, doch ſie hat Angſt vor einem leichten Accent, der franzoͤſiſchen Ohren die Oeſterreicherin verräth. In Trianon wird ſie nur Freunde hören und nur ſprechen, wann es ihr beliebt. „Daraus geht hervor, daß ſie gut ſprechen wird.“ „Ich habe ſchon bemerkt,“ ſagte Herr von Choiſeul, „daß Ihre königliche Hoheit vollendet iſt und nichts zu thun hat, um ſich zu vervollkommnen.“ Unter Weges trafen die zwei Reiſenden den Herrn Dauphin, der auf einer Wieſe ſtand und die Höhe der Sonne maß. Herr von Choiſeul verbeugte ſich ſehr tief, und da der Dauphin nicht mit ihm ſprach, ſo ſprach er auch nicht. Dcerr Köoͤnig ſagte laut genug, um von ſeinem Enkel gehoͤrt zu werden: „Louis iſt ein Gelehrter, und er hat ſehr Unrecht, daß er ſich mit den Wiſſenſchaften den Kopf zerbricht, ſeine Frau wird darunter leiden.“ „Nein,“ erwiederte eine ſanfte Frauenſtimme, die aus einem Gebüſche hervorkam. Und der König ſah die Dauphine auf ſich zulaufen, welche mit einem Mann ſprach, der mit Papieren, Cirkeln und Bleiſtiften beladen und vollgeſtopft war.. „Sire,“ ſagte die Prinzeſſin,„Herr Mique, mein Baumeiſter.“ „Ah!“ rief der Koͤnig,„Sie haben auch dieſe Krank⸗ heit, Madame?“ „Es iſt eine Familienkrankheit, Sire.“ „Sie wollen bauen laſſen?“ „Ich will dieſen großen Park, in welchem ſich Jeder⸗ mann langweilt, ausſtatten laſſen.“ „Oho! meine Tochter, Sie ſagen das ſehr laut, der Dauphin könnte Sie hoͤren.“ „Das iſt eine zwiſchen uns verabredete Sache, mein Vater,“ entgegnete die Prinzeſſin. „Daß Ihr Euch langweilt?“ 8——— —.— 121 „Nein, ſondern daß wir uns zu beluſtigen ſuchen.“ „Und Eure königliche Hoheit will bauen laſſen?“ fragte Herr von Choiſeul. „Ich will aus dieſem Park einen Garten machen laſſen, Herr Herzog.“ „Ah! der arme Le Notre,“ rief der Köͤnig. „Le Notre war ein großer Mann, Sire, für das, was man damals liebte, doch nicht für das, was man jetzt liebt...“ „Was lieben Sie, Madame?“ „Die Natur.“ „Ah! wie die Philoſophen.“ „Oder wie die Engländer.“ „Gut! ſagen Sie das vor Choiſeul, und Sie bekommen eine Kriegserklärung. Er wird die vier und ſechzig Linien⸗ ſchiffe und die vierzig Fregatten von Herrn von Praslin, ſeinem Vetter, auf Sie loslaſſen.“ „Sire,“ ſagte die Dauphine,„ich laſſe hier einen natürlichen Garten von Herrn Robert, dem geſchickteſten Mann der Welt für ſolche Pläne, zeichnen.“ „Was nennen Sie natürliche Gärten?“ fragte der König;„ich glaubte, Bäume und Blumen und ſelbſt Früchte wie diejenigen, welche ich im Vorübergehen pflückte, wären natürliche Dinge.“ „Sire, Sie mögen hundert Jahre bei Ihnen ſpazie⸗ ren gehen, und Sie werden nichts Anderes ſehen, als ge⸗ rade Alleen, oder in einem Winkel von fünf und vierzig Graden, wie der Herr Dauphin ſagt, beſchnittene Gebüſche, oder Baſſins mit Raſen vermählt, welche wiederum mit Perſpectiven, oder mit rautenförmig gepflanzten Baum⸗ gruppen oder mit Terraſſen vermählt ſind.“ „Nun, das iſt alſo häßlich?“ „Das iſt nicht natürlich.“ „Ah! dieſes kleine Mädchen liebt die Natur,“ ſagte der Koͤnig mit einer mehr jovialen als ſreudigen Miene. „Wir wollen ſehen, was Sie aus meinem Trianon machen werden.“ „ 122 „Flüſſe, Waſſerfälle, Brücken, Grotten, Felſen, Wäl⸗ der, Schluchten, Häuſer, Berge, Wiesgründe.“ „Für Puppen?“ fragte der König. „Ach! Sire, für Könige, wie wir ſein werden,“ er⸗ wiederte die Prinzeſſin, ohne die Röthe zu bemerken, welche die Wangen ihres Großvaters bedeckte, und ohne wahrzu⸗ nehmen, daß ſie ſich ſelbſt eine finſtere Zukunft weiſſagte. „Sie werden alſo umſtürzen; doch was wollen Sie erbauen?“ „Ich erhalte.“ „Ahl es iſt noch ein Glück, daß Sie in dieſe Wälder und auf dieſe Flüſſe Ihre Leute nicht als Huronen, als Eskimos und Groͤnländer verſetzen laſſen. Sie hätten da ein natürliches Leben, und Herr Rouſſeau würde ſie die Kinder der Natur nennen... Thun Sie das, meine Tochter, und Sie werden von den Encyklopädiſten ange⸗ betet.“ „Sire, meine Diener hätten zu kalt in dieſen Woh⸗ nungen.“ „Wo werden Sie dieſelben einquartieren, wenn Sie Alles zerſtören? Nicht in den Palaſt; denn dort iſt kaum Platz für Euch Beide.“ „Sire, ich behalte die Communs, ſo wie ſie ſind.“ Und die Dauphine bezeichnete die Fenſter der Haus⸗ flur, die wir beſchrieben haben. 3 „Was ſehe ich?“ ſagte der Köͤnig, indem er eine Hand in Form eines Lichtſchirmes über die Augen hielt. „Eine Frau, Sire,“ ſagte Herr von Choiſeul. „Ein Fräulein, das ich zu mir nehme,“ erwiederte die Dauphine. „Fräulein von Taverney,“ bemerkte Choiſeul mit ſeinem durchdringenden Blick.. 2nAh!“ rief der König,„Sie haben die Taverney hier?“. „Nur Fräulein von Taverney, Sire.“ fer?„Ein reizendes Mädchen... Was machen Sie aus hr?“ 4 123 „Meine Vorleſerin.“ „Sehr gut,“ ſprach der König, ohne mit dem Auge das vergitterte Fenſter zu verlaſſen, durch welches ganz unſchuldig und ohne zu vermuthen, daß man ſie beobachtete, Fräulein von Taverney ſchaute. „Wie bleich iſt ſie,“ ſagte Herr von Choiſeul. „Sie wäre beinahe am 31. Ma erſtickt worden, Herr Herzog.“ „Wahrhaftig? Armes Mädchen!“ ſagte der König. „Dieſer Herr Bignon verdiente, entlaſſen zu werden.“ „Sie iſt wiederhergeſtellt,“ bemerkte Herr von Choi⸗ ſeul ſehr raſch. „Gott ſei Dank, Herr Herzog.“ „Ah!“ machte der König,„ſie entflieht.“ „Sie wird Eure Majeſtät erkannt haben, und ſie iſt ſehr ſchüchtern.“ „Sie haben ſie ſchon ſeit längerer Zeit?“ „Seit geſtern, Sire;“ als ich mich hier einquartierte, ließ ich ſie kommen.“ „Eine traurige Wohnung für ein hübſches Mädchen,“ ſagte Ludwig XV.;„dieſer Teufel Gabriel war ſehr unge⸗ ſchickt: er dachte nicht daran, dieſe Bäume würden größer werdend das Gebäude verfinſtern, und man würde nicht mehr hell darin ſehen.“ „Oh! nein, Sire, ich ſchwöre Ihnen, daß das Ge⸗ bäude erträglich iſt.“ „Nicht möglich,“ rief Ludwig XV. „Will Eure Majeſtät ſich ſelbſt verſichern?“ fragte die Dauphine, eiferſüchtig, die Honneurs in ihrem Hauſe zu machen. „Es ſei. Kommen Sie, Choiſeul.“ „Sire, es iſt zwei Uhr. Ich habe um halb drei Uhr einen Parlamentsrath, und es iſt Zeit, nach Verſailles zu⸗ rückzukehren.“ „Gehen Sie, Herzog, gehen Sie, und ſchütteln Sie mir die Schwarzröcke. Dauphine, zeigen Sie mir die kleinen Wohnungen, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ 124 „Kommen Sie, Herr Mique,“ ſagte die Dauphine zu ihrem Baumeiſter,„Sie werden Gelegenheit haben, einige Rathſchläge von Seiner Majeſtaͤt zu erhalten, die ſich ſo gut auf Alles verſteht.“ Der Koͤnig ging voran, die Dauphine folgte ihm. Sie ſtiegen die kleine Freitreppe hinauf, welche nach der Kapelle führte, wobei ſie den Weg nach den Höfen auf der Seite ließen.. Die Thüre der Kapelle iſt links, rechts die gerade wufache Treppe, welche nach der Flur der Wohnungen ührt. „Wer wohnt hier?“ fragte Ludwig XV. „Noch Niemand, Sire.“ „Es ſteckt ein Schlüſſel in der Thüre.“ „Ah! es iſt wahr, Fräulein von Taverney meublirt ſich und richtet ſich heute ein.“ „Hier?“ fragte der König, die Thüre bezeichnend. „Ja, Sire.“ „Und ſie iſt zu Hauſe? Dann treten wir nicht ein.“ „Sire, iſie iſt ſo eben hinabgegangen; ich habe ſie unier dem Wetterdach des kleinen Hofes der Küchen ge⸗ ehen.“ „Dann zeigen Sie mir ihre Wohnung als Muſter.“ „Nach Ihren Wünſchen,“ erwiederte die Dauphine. Und ſie führte den König in das einzige Zimmer, dem ein Vorzimmer und zwei Cabinets vorangingen. Einige ſchon geordnete Meubles, Bücher, ein Clavier erregten die Aufmerkſamkeit des Königs, beſonders aber ein ungeheurer Strauß von ſchoͤnen Blumen, den Fräulein von Taverney ſchon in einen japaneſiſchen Topf geſtellt hatte. „Ah!“ ſagte der Känig,„was für ſchöne Blumen!⸗ Und Sie wollen Ihren Garten verändern? Wer Teufels⸗ liefert Ihren Leuten ſolche Blumen?... Behält man. auch noch für Sie?“ „In der That, es iſt ein ſchöner Strauß. Der Gärtner verfieht Fräulein von Taverney damit.“ 125 „Wer iſt Gärtner hier?“. „Ich weiß es nicht, Sire. Herr von Juſſieu beſorgt mir das.“ 2 Der König betrachtete mit neugierigem Auge die ganze Wohnung, ſchaute auch nach dem Aeußeren, in die Höfe, und entfernte ſich ſodann. Seine Majeſtät durchwanderte den Park und kehrte nach Groß⸗Trianon zurück; es erwarteten den Koͤnig ſeine Equipagen zu einer Jagd im Wagen, von drei bis ſechs Uhr Abends. Der Dauphin maß immer noch die Sonne. LXXXI. Die Verſchwörung knüpft ſich wieder an. Während der König, um Herrn von Choiſeul ganz zu beruhigen und ſelbſt nicht ſeine Zeit zu verlieren, ſo in Trianon, in Erwartung der Jagd, ſpazieren ging, war Luciennes der Mittelpunkt einer Verſammlung erſchrockener Verſchwörer, welche in aller Haſt mit ausgebreiteten Flü⸗ geln bei Madame Dubarry ankamen, wie Vögel, welche das Pulver des Jägers gerochen haben. Jean und der Marſchall von Richelieu hatten, nach⸗ dem ſie ſich lange in der ſchlimmſten Laune angeſchaut, zuerſt ihren Flug genommen. Die Anderen waren die gewöhnlichen Günſtlinge, welche eine ſichere Ungnade der Choiſeul angelockt hatte, die über die Rückkehr der Gnade erſchrocken waren und, da ſie den Miniſter nicht mehr unter ihrer Hand fanden, um ſich an ihn anzuhängen, maſchinenmäßig nach Lucien⸗ nes zurückkehrten, um zu ſehen, ob der Baum noch feſt genug wäre, daß man ſich an ihm anklammern könne. Madame Dubarry hielt nach den Anſtrengungen ihrer 126 diplomatiſchen Arbeit und dem trügeriſchen Triumphe, der dieſelbe gekrönt hatte, Sieſta, als die Carroſſe von Richelieu mit dem Lärmen und der Geſchwindigkeit eines Orkans bei ihr ankam. „Frau Dubarry ſchläft!“ ſagte Zamore, ohne ſich ſtören zu laſſen. Jean gab Zamore einen ſo gewaltigen Fußtritt, den er gerade auf den breiteſten Stickereien ſeines Gouver⸗ nsdiroeee anbrachte, daß der Neger auf dem Boden fort⸗ rollte. Zamore ſtieß ein durchdringennes Geſchrei aus. Chon lief herbei. „Sie ſchlagen den Kleinen ſchon wieder, grober Ge⸗ ſelle,“ ſagte ſie. „Und ich vernichte Sie ſelbſt, wenn Sie nicht auf der Stelle die Gräfin wecken,“ rief Jean mit flammenden Augen. 8 Doch es war nicht nöthig, die Gräfin zu wecken: bei dem Geſchrei von Zamore, bei dem Lärmen der Stimme von Jean, ahnet ſie ein Unglück und lief, in ein Nachtge⸗ wand gehüllt, herbei. „Was gibt es?“ fragte ſie ganz erſchrocken, als ſie ſah, daß ſich Jean der Länge nach auf einem Sopha aus⸗ geſtreckt hatte, um die Aufregung ſeiner Galle zu be⸗ ſchwichtigen, und daß der Marſchall ihr nicht einmal die Hand küßte. „Es gibt, es gibt,“ ſagte Jean,„es gibt beim Teufel immer noch den Choiſeul.“ „Wie!“ „Ja, tauſend Donner! mehr als je.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Der Herr Graf Dubarry hat Recht,“ ſprach Riche⸗ lien;„es gibt mehr als je den Herzog von Choiſeul.“ Dir Gräfin zog aus ihrem Buſen das Briefchen des Königs. Lund dieſes?“ ſagte ſie lächelnd. O S ,— 22 127 „Haben Sie genau geleſen, Gräfin?“ fragte der Marſchall. „Ich denke, ich kann wohl leſen, Herzog,“ erwiederte Madame Dubarry. „Ich zweifle nicht daran, Madame; wollen Sie mir erlauben, auch zu leſen?“ „Oh! gewiß; leſen Sie.“ ſde Herzog nahm das Papier, entfaltete es langſam und las: „Morgen werde ich Herrn von Choiſeul für ſeine wienſe danken. Ich mache mich förmlich hiezu anhei⸗ ig. 4 „Ludwig.“ „Iſt das klar?“ ſagte die Gräfin. „Vollkommen klar,“ erwiederte der Marſchall mit einer Grimaſſe. „Nun! wie?“ rief Jean. „Nun! morgen werden wir den Sieg haben, noch iſt nichts verloren.“ „Wie, morgen! Der König hat mir das geſtern unterzeichnet. Morgen iſt folglich heute.“ „Verzeihen Sie, Madame,“ entgegnete der Herzog, da kein Datum dabei ſteht, ſo wird morgen ſtets der Tag ſein, der auf denjenigen folgt, wo Sie Herrn von Choiſeul abgeſetzt ſehen wollen. Es iſt in der Rue de la Grange⸗Bateliére, hundert Schritt von meinem Hauſe, eine Schenke, auf deren Schild in rothen Buchſtaben die Worte geſchrieben ſtehen:„Hier gibt man morgen Credit. Mor⸗ gen iſt nie.““ „Der König hat ſich über uns luſtig gemacht,“ rief Jean wüthend. „Das iſt unmöglich,“ murmelte die Gräfin niederge⸗ ſchagen;„eine ſolche Ueberliſtung iſt unwürdig.“ „Oh! Madame, Seine Majeſtät iſt ſehr jovial,“ ſagte Richelieu. 128 „Er ſoll es mir bezahlen, Herzog,“ ſprach die Gräfin im Ton des Zorns. „Gräfin, man darf deshalb dem König nicht grollen; man darf Seine Majeſtät nicht des Betrugs oder der Liſt anklagen, nein, der Koͤnig hat gehalten, was er verſprochen hatte.“ „Oh! gehen Sie,“ machte Jean mit einem mehr als gemeinen Drehen der Schulter. 8 „Was hat er verſprochen?“ rief die Gräfin,„dem Choiſeul zu danken.“ „Das iſt es gexade, Madame; ich habe Seine Ma⸗ jeſtät poſitiv Herrn von Choiſeul für ſeine Dienſte danken hören. Das Wort hat zweierlei Sinn; hören Sie wohl, in der Diplomatie nimmt Jeder denjenigen, welchen er vorzieht. Sie haben den Ihrigen gewählt, der König hat den ſeinigen gewählt. Auf dieſe Art iſt das Morgen nicht einmal mehr im Streit. Ihrer Anſicht nach mußte der König heute ſein Verſprechen halten; er hat es gehalten. Ich, der ich mit Ihnen rede, habe den Dank ſelbſt ange⸗ hört.“ „Herzog, ich glaube, es iſt nicht die Stunde, um zu ſcherzen.“. „Glauben Sie zufällig, ich ſcherze, Gräfin? Fragen Sie den Grafen Jean.“ „Nein, bei Gott! nein, wir ſcherzen nicht, der Choiſeul iſt dieſen Morgen umarmt, mit Schmeicheleien und Ein⸗ ladungen vom Koͤnig überhäuft worden, und zu dieſer Stunde gehen Beide in den Trianons Arm in Arm ſpa⸗ ieren.“ 4„Arm in Arm!“ wiederholte Chon, die ins Cabinet geſchlüpft war und ihre weißen Arme wie ein neues Modell der verzweifelten Niobe emporhob. „Ja, ich bin hintergangen worden,“ ſprach die Grä⸗ fin,„doch wir werden ſehen. Chon, man muß vor Allem meine Jagdequipage abbeſtellen, ich werde nicht gehen!“ „Gut!“ ſagte Chon. 129 „Einen Augenblick Geduld,“ rief Richelieu,„keine Uebereilung, kein Schmollen... Ah! verzeihen Sie, Gräfin, ich erlaube mir, Ihnen einen Rath zu geben; verzeihen Sie.“ „Thun Sie es immerhin, unumwunden, Herzog. Ich glaube, ich verliere den Kopf. Sehen Sie, wie das iſt: man will nicht Politik treiben und an dem Tag, wo man ſich darein miſcht, wird man von der Eitelkeit köpf⸗ lings hineingeriſſen... Sie ſagen alſo...“ „Daß Schmollen nicht vernünftig iſt. Hören Sie, Gräfin. Die Lage der Dinge iſt ſchwierig. Wenn der König entſchieden an den Choiſeul hält, wenn er ſeiner Dauphine einen Einfluß geſtattet, wenn er Ihnen ſo ge⸗ rade ins Geſicht entgegenhandelt, ſo müſſen Sie.. „Nun!“ „So müſſen Sie noch liebenswürdiger werden, als Sie ſind, Graͤfin. Ich weiß wohl, daß dies nicht mög⸗ lich iſt; aber das Unmögliche wird am Ende Nothwendig⸗ keit in unſerer Lage: thun Sie das Unmägliche.“ Die Gräfin dachte nach. „Denn,“ fuhr der Herzog fort,„denn, wenn der König am Ende die deutſchen Sitten annehmen würde...“ „Wenn er tugendhaft würde!“ rief Jean von einem Schrecken erfaßt. „Wer weiß, Gräfin,“ ſagte Richelieu.„Die Neuheit iſt etwas ſo Anziehendes.“ „Oh! was das betrifft,“ entgegnete die Gräfin mit einem gewiſſen Zeichen der Ungläublichkeit,„ich glaube das nicht.“ „Man hat noch außerordentlichere Dinge geſehen, Madame, und das Sprüchwort vom Teufel, der Einſtedler geworden iſt...“ „Man müßte alſo nicht ſchmollen.“ „Man müßte es nicht.“ „Aber ich erſticke vor Zorn.“ „Ich glaube es, bei Gott! wohl: erſticken Sie, Gräfin, Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 9 130 doch der König, das heißt, Herr von Choiſeul ſoll es nicht bemerken; erſticken Sie für uns, athmen Sie für fie. 41 „Ich ſollte alſo auf die Jagd gehen?“ „Das wäre ſehr geſchickt.“ „Und Sie, Herzog?“ „Oh! ich, und müßte ich der Jagd auf allen Vieren folgen, ich werde ihr folgen.“ „In meinem Wagen alſo!“ rief die Gräfin, um zu ſehen, welches, Geſicht ihr Verbündeter machen würde. „Gräfin,“ erwiederte der Herzog mit einer Ziereret, vache ſeinen Aerger verbarg,„das iſt eine ſo große hre „Daß Sie es ausſchlagen, nicht wahr?“ „Ich? Gott behüte mich.“ „Merken Sie wohl auf, Sie werden ſich compro⸗ mittiren.“ „Er geſteht es zu, er hat die Keckheit, es zu ge⸗ ſtehen 2“ rief Madame Dubarry. „Gräfin! Gräfin! Herr von Choiſeul wird es mir nie verzeihen.“ „Sind Sie denn ſchon ſo gut mit Herrn von Choiſeul?“ „Gräfin! Graͤfin! ich werde mich mit der Frau Dauphine entzweien.“ „Iſt es Ihnen lieber, wenn wir den Krieg Jedes ſeinerſeits führen, jedoch ohne das Reſultat zu theilen? Noch iſt es Zeit. Sie ſind nicht compromittirt und kön⸗ nen ſich noch aus dem Bündniß zurückziehen.“ „Sie mißkennen mich, Gräfin,“ ſagte der Herzog in⸗ dem er ihr die Hand küßte.„Haben Sie mich am Tage Ihrer Vorſtellung zögern ſehen, als es ſich darum han⸗ delte, ein Staatskleid, einen Friſeur und einen Wagen für Sie zu finden? Heute werde ich eben ſo wenig zögern. Ohl ich bin muthiger als Sie glauben, Gräfin.“ „Abgemacht alſo. Wir gehen Beide auf die Jagd, und das wird für mich ein Vorwand ſein, Niemand zu ſehen, Niemand zu hören und mit Niemand zu ſprechen.“ „Nicht einmal mit dem König?“ ht 131 „Im Gegentheil, ich werde ihm Niedlichkeiten ſagen, die ihn in Verzweiſlung bringen ſollen.“ „Bravo! das iſt guter Krieg.“ „Aber Sie, Jean, was machen Sie, laſſen Sie hören; kommen Sie ein wenig aus Ihren Kiſſen hervor, in denen Sie ſich lebendig vergraben, mein Freund.“ „Was ich mache, wollen Sie wiſſen?“ „Ja, es wird uns vielleicht zu etwas nützen.“ „Nun, ich denke.“ „Woran?“ „Daran, daß in dieſem Augenblick alle Liederdichter der Stadt und des Parlaments uns nach allen mög⸗ lichen Melodien verarbeiten; daß die Nouvelles à la main uns zerſtückeln wie Fleiſch zu Paſteten; daß der Gazetier cuirassé nach uns zielt, wo der Panzer eine Blöße gibt, daß das Journal des Observateurs uns bis in das Mark der Knochen beobachtet; kurz, daß wir morgen in einem Zuſtand ſein werden, um ſelbſt bei einem Choiſeul Mitleid zu erregen.“ „Und was ſchließen Sie daraus?“ fragte der Her⸗ „Ich ſchließe daraus, daß ich nach Paris eilen werde, um etwas Charpie und nicht wenig Salbe für alle unſere Wunden zu kaufen. Geben Sie mir Geld, Schweſterchen.“ „Wie viel?“ fragte die Gräfin. „Eine Kleinigkeit, zwei bis dreihundert Louis d'or.“ „Sie ſehen, Herzog,“ ſagte die Gräfin, indem ſie 1 an Richelieu wandte,„ich bezahle ſchon die Kriegs⸗ koſten.“ „Das iſt der Anfang des Feldzugs, Gräfin; ſäen Sie heute, und Sie werden morgen ernten.“ Die Gräfin zuckte die Achſeln mit einer unbeſchreib⸗ lichen Bewegung, ging auf ihr Chiffonnier zu, öffnete es, zog eine Hand voll Kaſſenbillets hervor und gab dieſe, ohne zu zaͤhlen, Jean, der ſie, ebenfalls ohne zu zählen, einen ſchweren Seufzer ausſtoßend, einſackte. zog. 13² Dann ſtand Jean auf, ſtreckte ſich und reckte die Arme wie ein von Miüdigkeit niedergedrückter Menſch, und machte ein paar Schritte im Zimmer. „So iſt es,“ ſagte er, auf den Herzog und die Gräfin deutend,„dieſe Leute werden ſich auf der Jagd beluſtigen, während ich nach Paris galoppire; ſie werden hübſche Cavaliere und hübſche Frauen ſehen, während ich häßliche Papierkratzer⸗Geſichter anſchauen muß. Ich bin offenbar der Hund des Hauſes.“ 3 „Bemerken Sie wohl, Herzog,“ ſagte die Gräfin, „er wird ſich nicht im Geringſten mit uns beſchäftigen; die Hälfte meiner Billets gibt er irgend einem luſtigen Mädchen, und den Reſt verliert er in einem Spielhaus. Das wird er thun. Und dabei brüllt und heult der Elende! Gehen Sie, Jean, ich verabſcheue Sie.“ Jean plünderte drei Confecthbüchſen, die er in ſeine Taſchen leerte, ſtahl von einer Etagére ein chineſiſches Figürchen, das Augen von Diamanten hatte, und ging ſich aufblähend ab, verfolgt von dem nervigen Geſchrei der Gräfin. „Ein reizender Junge,“ ſagte Richelieu mit dem Ton, den ein Schmarotzer annimmt, um eines von den furchtbaren Kindern zu loben, auf das er in der Stille alle Donnerwetter herabruft;„er iſt Ihnen theuer, ſehr theuer, nicht wahr, Gräfin?“ „Wie Sie ſagen, Herzog, er hat mir ſein Wohl⸗ wollen geſchenkt, und das trägt ihm jährlich drei bis vier⸗ mal hundert tauſend Livres ein.“ Die Pendeluhr ſchlug. „Halb ein Uhr, Gräſin,“ ſagte der Herzog;„zum Glück ſind Sie beinahe angekleidet; zeigen Sie ſich ein wenig Ihren Höflingen, welche glauben könnten, es ſei Sonnenfinſterniß, und ſteigen wir dann ſchnell in den Wagen; Sie wiſſen, wie die Jagd geht?“ „Es wurde geſtern zwiſchen Seiner Majeſtät und mir verabredet, man ſollte ſich nach dem Wald von Marly begeben und mich im Vorüberfahren mitnehmen.“ 2 133 „Oh! ich bin ſicher, der Koͤnig hat nichts am Pro⸗ gramm verändert.“ K „Laſſen Sie nun Ihren Plan hören, Herzog, denn die Reihe iſt an Ihnen.“ „Madame, ich habe geſtern ſogleich an meinen Nef⸗ fen geſchrieben, der übrigens, wenn ich meinen Ahnungen glauben darf, ſchon unter Weges ſein muß.“ „Herr von Aiguillon?“ „Ich würde mich ſehr wundern, wenn er ſich nicht morgen mit meinem Briefe kreuzte, und wenn er nicht morgen, oder ſpäteſtens übermorgen hier wäre.“ „Und Sie rechnen auf ihn?“ 3 „Er, Madame, er hat Ideen.“ „Gleichviel, wir ſind ſehr übel daran, der König würde wohl am Ende nachgeben, doch er hat eine ſo furchtbare Angſt vor den Geſchäften.“ „Somit?“/ „Somit befürchte ich, er wird nie einwilligen, Herrn von Choiſeul zu opfern.“ „Salin offenherzig mit Ihnen ſprechen, Gräfin?“ 1. „Nun, ich glaube es auch nicht. Der König wird hundert Streiche wie der von geſtern machen; Seine Majeſtät hat ſo viel Witz. Sie, Gräfin, Sie werden es nicht wagen, ſeine Liebe durch eine unbegreifliche Hals⸗ ſtarrigkeit zu verlieren.“ Während er dieſe Worte ſprach, ſchaute der Mar⸗ ſchall Madame Dubarry feſt an. „Verdammt! darüber muß man nachdenken.“ „Sie ſehen wohl, Gräfin, daß Herr von Choiſeul für eine Ewigkeit da iſt: um ihn aus ſeiner Stelle zu ver⸗ treiben, brauchte man nichts Geringeres als ein Wunder.“ „Ja, ein Wunder,“ wiederholte Jean. „Und leider verrichten die Menſchen keine mehr,“ ſagte der Herzog. „Oh!“ entgegnete Madame Dubarry,„ich kenne einen, der noch verrichtet.“ 134 4 „Sie kennen einen Menſchen, der Punder thut, Gräfin?“ „Meiner Treue, jal!“ „Und Sie haben mir das nicht geſagt?“ „Ich denke in dieſem Augenblick erſt daran, Herzog.“ „Halten Sie dieſen Burſchen für fähig, uns aus der Klemme herauszuziehen?“ „Ich halte ihn zu Jeglichem fähig.“ „Oh! oh! und welches Wunder hat er bewerkſtelligt? ſagen Sie mir das ein wenig, Gräfin, damit ich nach der Probe urtheilen kann.“ „Herzog,“ ſprach Madame Dubarry, indem ſie ſich Richelieu näherte und unwillkührlich ihre Stimme dämpfte, „es iſt ein Mann, mit dem ich vor zehn Jahren auf der Place Louis XV. zuſammentraf, wo er mir ſagte, ich würde eines Tags Königin von Frankreich werden.“ „In der That, das iſt wunderbar, und dieſer Mann wäͤre im Stande, mir zu prophezeien, ich werde eines Tags als erſter Miniſter ſterben.“ „Nicht wahr?“ „Oh! ich zweifle nicht einen Augenblick daran. Wie heißt er?“ „Ah! das weiß ich nicht.“ „Er hat Ihnen ſeine Adreſſe nicht gegeben?“ hul„Nein„er ſollte ſelbſt kommen und ſeine Belohnung olen. 3„Was hatten Sie ihm verſprochen?“ „Alles, was er fordern würde.“ „Und er iſt nicht gekommen?“ „Nein.“ „Gräfin, das iſt viel wunderbarer, als ſeine Weiſ⸗ ſagung. Wir müſſen dieſen Menſchen offenbar haben.“ „Aber wie ſollen wir das machen?“ „Sein Name, Gräfin, ſein Name?“ „Er hat zwei.“ „Gehen wir nach der Ordnung zu Werk: der erſte?“ „Der Graf von Fönix.“ 135 „Wie, der Mann, den Sie mir am Tage Ihrer Vorſtellung gezeigt haben? 234 „Ganz richtig.“ „Jener Preuße?“ „Jener Preuße.“ „Oh! ich habe kein Vertrauen mehr, alle Zauberer, die ich kennen lernte, hatten Namen, welche in i oder in o endigten.“ „Das kommt vortrefflich, Herzog; ſein zweiter Name endigt nach Ihrem Gefallen.“ „Wie heißt er?“ „Joſeph Balſamo.“ „Haben Sie kein Mittel, ihn wiederzuſinden 2 „Ich will darüber nachdenken. Ich glaube, ich weiß Einen, der ihn kennt.“ „Gut. Beeilen Sie ſich, Gräfin. Es iſt drei Vier⸗ tel auf ein Uhr.“ „Ich bin bereit. Meinen Wagen.“ Zehn Minuten nachher fuhren Madame Dubarry und der Herr Herzog von Richelieu nach dem Sammelplatz der Jagd. LXXXII. Die Jagd auf den Zauberer. Eine lange Reihe von Wagen füllte die Zugänge des Waldes von Marly, wo der König jagte. Es war das, was man eine Nachmittagsjagd nannte. In den letzten Zeiten ſeines Lebens machte König Ludwig XV. wirklich keine Jagd mehr ſelbſtthätig mis Er begnügte ſich, dem Jagen zuzuſehen. Diejenigen von unſern Leſern, welche den Plutarch geleſen haben, werden ſich vielleicht jenes Koches von 136 Marcus Antonius erinnern, der von Stunde zu Stunde ein Wildſchwein an den Spieß ſteckte, damit ſich unter den fünf bis ſechs Schweinen, welche gebraten wurden, ſtets elnes gargekocht für den Augenblick fände, wo ſich Marcus Antonius würde zur Tafel ſetzen. Mareus Antonius hatte in ſeiner Statthalterſchaft in Kleinaſien Geſchäfte im Ueberfluß: er mußte Recht ſpre⸗ chen, und da die Cilicier, die Sache wird von Juvenal nachgewieſen, große Diebe waren, ſo ſah ſich Marcus Antonius ſehr beſchäftigt. Er hatte alſo ſtets fünf bis ſechs Braten am Spieß für den Augenblick, wo ihm ſeine richterlichen Geſchäfte Zeit ließen, ein Stück zu eſſen. Daſſelbe war bei Ludwig XV. der Fall. Für die Nachmittagsjagden hatte er ein paar Damhirſche in zwei bis drei verſchiedenen Stunden lancirt, und je nach ſeiner Stimmung wählte er ein nahes oder ein entferntes Hal⸗ lali. An dieſem Tage hatte Seine Majeſtät erklärt, ſie würde bis um vier Uhr jagen. Man hatte alſo einen ſeit Mittag lancirten Hirſch gewählt, der bis dahin zu gehen verſprach. Madame Dubarry gelobte ſich ihrerſeits, dem König ſo getreulich zu folgen, als der König dem Hirſch zu folgen entſchloſſen war. Aber die Jäger denken und der Zufall lenkt. Eine Combination des Zufalls veränderte dieſen ſchönen Plan von Madame Dubarry. Madame Dubarry hatte im Zufall einen Gegner gefunden, der beinahe ſo launenhaft war als ſie. Während die Gräfin, mit Herrn von Richelieu über Politik plaudernd, Seiner Majeſtät nacheilten welche ihrer⸗ ſeits dem Hirſch folgte, und der Herzog und ſie einen Theil der Grüße erwiederten, die ihnen auf dem Wege geboten wurden, erblickten ſie plötzlich fünfzig Schritte von der Straße unter einem bewunderungswürdigen Dach von grünem Laubwerk eine zerbrochene Caleche, die auf eine klägliche Weiſe ihre zwei Räder dem Himmel —— — 137 zuwandte, während die zwei Nappen, welche ſie hätten ziehen ſollen, friedlich der eine an einer Buche, der andere an dem Mooſe nagten, das ſich zu ſeinen Füßen aus⸗ breitete. Die Pferde von Madame Dubarry, ein herrliches Geſpann, ein Geſchenk des Königs, hatten, wie man heut zu Tage ſagt, alle andere Wagen diſtancirt und waren zuerſt zu der zerbrochenen Caleche gekommen. „Ah! ein Unglück,“ ſagte ruhig die Gräſtn. „Meiner Treue, ja!“ ſprach der Herzog von Riche⸗ lieu mit demſelben Phlegma, denn bei Hofe verbraucht man wenig Empfindelei,„meiner Treue, ja, die Caleche iſt in Stücken.“ „Iſt es ein Todter, was ich dort auf dem Graſe ſehe?“ fragte die Gräfin.„Schauen Sie doch, Herzog.“ „Ich glaube nicht, das rührt ſich.“ „Iſt es ein Mann oder eine Frau?“ „Ich weiß es nicht. Ich ſehe ſehr ſchlecht.“ „Das grüßt.“ „Dann iſt es nicht todt.“. Richelieu lüpfte für jeden Fall ſeinen Dreiſpitz. „Aber, Gräſtn,“ ſagte er,„mir ſcheint...“ „Mir auch.“ „Daß es Seine Eminenz der Prinz Louis iſt.“ „Der Cardinal von Rohan in Perſon.“ „Was Teufels macht er dort?“ fragte der Herzog. „Wir wollen ſehen,“ erwiederte die Gräfin.„Cham⸗ pagne, zu dem zerbrochenen Wagen, vorwärts.“ er Kutſcher der Gräfin verließ ſogleich die Straße und fuhr unter die hochſtämmigen Bäume. „Meiner Treue, ja, es iſt Monſeigneur der Cardinal,“ ſagte Richelieu. Es war in der That Seine Eminenz, die ſich auf das Gras gelegt hatte, bis einer von ihren Bekannten vorüber⸗ kommen würde. Als der Cardinal Madame Dubarry auf ſich zu⸗ kommen ſah, ſtand er auf und rief: „ein ſein, hier 138 „Meinen tauſendfachen Reſpect der Frau Gräfin.“ „Wie, Cardinal, Sie?“ „Ich ſelbſt.“ „Zu Fuß?“ „Nein, ſitzend.“ „Sollten Sie verwundet ſein?“ „Nicht im Geringſten.“ „Und durch welchen Zufall in dieſem Zuſtand?“ „Sprechen Sie mir nicht davon, Madame, dieſem Thier von einem Kutſcher, einem Schuft, den ich aus England habe kommen laſſen, befehle ich, gerade durch das Gehölze zu fahren, um die Jagd einzuholen, und er dreht ſo kurz, daß er mich umwirft und mir beim Umwerfen meinen beſten Wagen zerbricht.“ „Beklagen Sie ſich nicht, Cardinal,“ ſagte die Gräfin, franzöſiſcher Kutſcher hätte Ihnen den Hals oder wenigſtens die Rippen gebrochen.“ „Das iſt vielleicht wahr.“ „Tröſten Sie ſich alſo.“ „Oh! ich habe Philoſophie; nur werde ich genöthigt zu warten, und das iſt zum Sterben.“ „Wie, Prinz, warten! ein Rohan ſollte warten?“ „Er muß wohl.“ „Meiner Treue, nein: ich würde eher aus meinem Wagen ausſteigen, als Sie hier laſſen.“ „In der That, Madame, Sie beſchämen mich.“ „Steigen Sie ein, Prinz, ſteigen Sie ein.“ 2 „Nein, ich danke, Madame, ich erwarte Svubiſe, der die Jagd mitmacht und unfehlbar in einigen Augenblicken vorüberkommen wird.“ „Wenn er aber einen andern Weg gewaͤhlt hat?“ „Gleichviel.“ „Monſeigneur, ich bitte Sie.“ „Nein, ich danke, Madame.“ „Aber warum denn?“ „Ich will Sie nicht beläſtigen.“ „Cardinal, wenn Sie ſich weigern, einzuſteigen, laſſe ————*1 ſe — — 139 ich meine Schleppe von einem Bedienten nehmen und laufe wie eine Dryade im Walde umher.“ Der Cardinal lächelte, bedachte, daß ein längerer Widerſtand von der Gräfin übel gedeutet werden könnte, und entſchloß ſich, in ihren Wagen zu ſteigen. Der Herzog hatte ſchon ſeinen Platz im Fond ver⸗ laſſen und ſich auf das Vorderbänkchen geſetzt. Der Cardinal handelte um die Ehre, aber der Her⸗ zog war unbeugſam. 4 Bald hatten die Pferde der Gräfin die verlorene Zei wieder eingeholt.— „Verzeihen Sie, Monſeigneur,“ ſagte die Gräfin zum Cardinal,„Eure Eminenz hat ſich alſo mit der Jagd wieder ausgeſöhnt?“ „Wie ſo?“ „Ich ſehe Sie zum erſten Mal an dieſer Beluſtigung Theil nehmen.“ „Nein, Gräſin. Ich kam nach Verſailles, um die Ehre zu haben, Seiner Majeſtät meine Huldigung darzu⸗ bringen, erfuhr aber, ſie wäre auf der Jagd; ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit mit dem König zu ſpre⸗ chen und eilte ihm nach; doch durch dieſen verfluchten Kutſcher werde ich nicht nur das Ohr des Königs, ſon⸗ dern auch mein Rendez⸗vous in der Stadt verfehlen.“ „Sie ſehen, Madame,“ rief der Herzog lachend, „Monſeigneur geſteht Ihnen die Dinge geradezu; Mon⸗ ſeigneur hat ein Rendez⸗vous.“ „Das ich, ich wiederhole es, verfehlen werde,“ ſprach die Eminenz. „Kann ein Rohan, ein Prinz, ein Cardinal etwas verfehlen?“ fragte die Gräfin. „Bei Gott!“ rief der Prinz,„wenn nicht ein Wun⸗ der geſchieht.“ Der Herzog und die Gräfin ſchauten ſich an; dieſes Wort erinnerte ſie an ein kurz vorhergehendes Geſpräch. „Nun! mein Prinz,“ ſagte die Gräfin,„da Sie von Wunder ſprechen, ſo muß ich Ihnen offenherzig Eines 140 geſtehen: daß es mich freut, einen Rluchenfürſt zu treffen, um ihn zu fragen, ob er daran glaube.“ „Woran, Madame?“ „An Wunder,“ ſagte der Herzog. „Die, Schri ft macht ſi ſie uns zu einem Glaubensartikel, Madame,“ erwiederte der Cardinal, der eine gläubige Miene anzunehmen ſuchte. „Oh! ich ſpreche nicht von alten Wundern,“ erwie⸗ derte die Gräfin. „Und von welchen Wundern ſprechen Sie denn, Ma⸗ dame?“ „Von mordernen Wundern.“ „Dieſe, ich muß es gekehen, ſind ſeltener,“ verſetzte der Cardinal.„Doch. „Doch, was?“ „Meiner Treue! ich habe Dinge geſehen, die, wenn ſie nicht wunderbar wären, wenigſtens unglaublich erſchei⸗ nen müßten.“ „Sie haben ſolche Dinge geſehen, Prinz?“ „Bei meiner Ehre.“ „Aber Sie wiſſen wohl,“ ſagte Richelieu lachend, „man behauptet, Seine Eminenz ſtehe in Verbindung mit Geiſtern, was vielleicht nicht ſehr orthodox iſt.“ „Nein, was aber ſehr bequem ſein muß,“ ſprach die Gräfin. „Und was haben Sie geſehen, Prinz?“? „Ich habe geſchworen, es geheim zu halten.“ „Oho! das wird ernſter.“ „Es iſt ſo, Madame.“ „Wenn Sie aber die Geheimhaltung in Beziehung auf die Zauberei verſprochen haben, ſo haben Sie dieſelbe vielleicht Kicht hinſichtlich des Zauberers verſprochen? 4 „Nein „Nun wohl, Prinz, ich muß Ihnen ſagen, der Herzog und ich, wir ſind ausgegangen, um irgend einen Magier aufzuſuchen.“ „Wahrhaftig?“ 141 „Auf CEhre.“ „Nehmen Sie den meinigen.“ „Das iſt mir außerſt lieb.“ „Er ſteht zu Ihren Dienſten, Gräfin.“ „Und zu den meinigen auch, Prinz?“ „Und zu den Ihrigen auch, Herzog.“ „Wie heißt er?“ „Graf von Fönix.“ Madame Dubarry und der Herzog ſchauten ſich er⸗ bleichend an. „Das iſt ſeltſam,“ ſagten ſie gleichzeitig. „Kennen Sie ihn?“ fragte der Prinz. „Nein. Und Sie halten ihn für ni Zauberer?“ „Eher zwei als einmal.“ „Sie haben mit ihm geſprochen? 2“ „Ganz gewiß.“ „Und Sie fanden ihn?“ 8 „Vollkommen.“ „Bei welcher Gelegenheit?“ „Ah! Der Cardinal zögerte. „Als ich mir von ihm wahrſagen ließ.“ „Und er hat richtig gewahrſagt?“ „Er erzählte mir Dinge aus der andern Welt.“ „r hat keinen andern Namen, als den eines Grafen von Fönix?“ „Doch: ich hörte ihn auch noch. „Sprechen Sie, Monſeigneur,“ ſagte zD Gräfin un⸗ geduldig. 3„Ich hoͤrte ihn Joſeph Balſamo nennen.“ Die Gräfin faltete die Hände und eu Richelieu an. Richelien kratzte ſich an der Naſenſpitze und ſchaute die Gräfin an. „Iſt er ſehr ſchwarz, der Teufel?“ fragte plötzlich Madame Dubarry. „Der Teufel, Gräfin? ich habe ihn nicht geſehen.“ 142 *„Was ſagen Sie denn da, Gräfin?“ rief Richelien. „Das wäre eine ſchöne Geſellſchaft für einen Cardinal.“ „Wahrſagt man Ihnen, ohne Ihnen den Teufel zu zeigen?“ fragte die Gräfin. „Oh! gewiß, man zeigt den Teufel nur geringen Leuten; für uns geht man darüber weg.“ „Sagen Sie, was Sie wollen, Prinz,“fuhr Madame Dubarry fort;„es iſt immer ein wenig Teufelei dabei.“ „Ich glaube es wohl!“ „Grüne Feuer, nicht wahr? Geſpenſter, hölliſche Keſſel, welche abſcheulich brandicht riechen.“ „Nein, nein, mein Zauberer hat vortreffliche Manie⸗ ren; es iſt ein äußerſt galanter Mann, der im Gegen⸗ theil ſehr gut empfängt.“ „Werden Sie ſich nicht Ihr Horoſkop von dieſem Zauberer ſtellen laſſen, Gräfin?“ fragte Richelieu. „Ich geſtehe, ich habe die groͤßte Luſt dazu.“ „Thun Sie es, Madame.“ „Aber wo geſchieht das?“ fragte Madame Dubarry, in der Hoffnung, der Cardinal würde ihr die Adreſſe ge⸗ ben, die ſie ſuchte. „In, einem ſchönen und ſehr zierlich ausgeſtatteten Zimmer.“ Die Gräfin hatte Mühe, ihre Ungeduld zu verbergen. „Gut,“ ſagte ſie,„doch das Haus?“ .„Ein anſtändiges Haus, obgleich von ſeltſamer Bau⸗ art. Die Gräfin zitterte vor Aerger, daß man ſie ſo wenig verſtand. Richelieu kam ihr zu Hülfe. „Sehen Sie denn nicht, Monſeigneur,“ ſagte er,„vaß Madame withend iſt, weil ſie noch nicht weiß, wo 6 ir Zauberer wohnt.“ „Wo er wohnt, haben Sie geſagt?“ „Ja.-. „Ah! ſehr gut,“ erwiederte der Cardinal.„Ei! mei⸗ ner Treue, warten Sie doch... ja... nein. Im Ma⸗ 1 113 rais, beinahe an der Ecke des Boulevard, Rue Saint⸗ Francois, Saint⸗Anaſtaſe... nein. Der Name von einem Heiligen iſt dabei.“ „Aber von welchem Heiligen? ſagen Sie, Sie, der Sie alle Heilige kennen müſſen.“ 1 „Im Gegentheil ich kenne ſie ſehr wenig,“ ſagte der Cardinal;„aber warten Sie doch, mein Lackei muß das wiſſen.“ 3 „Richtig,“ ſagte der Herzog;„man hat ihn hinten aufgenommen; halt, Champagne, halt.“ 8 Und der Herzog zog an der Schnur, die mit dem kleinen Finger des Kutſchers in Verbindung ſtand. Der Kutſcher hielt auf ihren nervigen Häckſen die zwei bebenden Pferde kurz an. „Olive,“ ſagte der Cardinal,„biſt Du da, Burſche?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Wo bin ich eines Abends im Marais, ſehr fern, geweſen?“ Der Lackei hatte das Geſpräch ganz gut gehört, aber er hütete ſich wohl, unterrichtet zu ſcheinen. 1 „Im Marais?“ ſagte er, indem er ſich eine Miene gab, als ſuchte er. „Ja, beim Boulevard.“ „An welchem Tag, Monſeigneur?“ „An dem Tag, wo ich von Saint⸗Denis zurückkam.“ „Von Saint⸗Denis?“ verſetzte Olive, um ſich wich⸗ tig zu machen und ſich ein natürlicheres Anſehen zu geben.“ „Ja, von Saint⸗Denis, ich glaube, der Wagen er⸗ wartete mich auf dem Boulevard.“ „Sehr wohl, Monſeigneur,“ ſagte Olive,„ich er⸗ innere mich nun, es kam ein Mann und warf einen ſchweren Pack in den Wagen.“ „Das iſt möglich,“ erwiederte der Cardinal;„doch wer ſpricht hievon, Thier?“ „Was wünſcht denn Monſeigneur?“ „Den Namen der Straße zu wiſſen.“ „Rue Saint⸗Claude.“ 144 „Claude, ſo iſt es!“ rief der Cardinal.„Ich hätte auf den Namen eines Heiligen gewettet.“ „Rue Saint⸗Claude,“ wiederholte die Gräfin, indem ſie Richelieu einen ſo ausdrucksvollen Blick zuwarf, daß der Marſchall, welcher ſtets ſeine Geheimniſſe ergründen zu laſſen befürchtete, beſonders wenn es ſich um eine Ver⸗ ſchwörung handelte, Madame Dubarry mit den Worten unterbrach: „Ah, Gräfin, der König.“ „Der König! der König!“ rief die Gräftn;„links, Champagne, linss, daß uns Seine Majeſtät nicht ſieht.“ „Und warum dies, Gräfin?“ fragte der Cardinal erſchrocken.„Ich glaubte im Gegentheil, Sie würden mich zu Seiner Majeſtät führen.“ „Ah! es iſt wahr, Sie haben Luſt, den König zu ſehen.“ „Ich komme nur zu dieſem Ende, Madame.“ „Nun! man wird Sie zum König führen.“ „Aber Sie?“ „Wir bleiben hier.“ „Gräfin... „Ich bitte, Prinz, thun Sie ſich keinen Zwang an. Jeder hat ſeine leigene Angelegenheit. Der König iſt dort unter jener Gruppe von Kaſtanienbäumen, Sie haben mit dem König zu thun, vortrefflich; Champagne!“ Champagne hielt kurz an. r„Champagne, laſſen Sie uns ausſteigen und führen Sie Seine aünens zum Koͤnig.“ 3„Wie! a llein, Gräfin?“ „Sie Berlen den nach dem Ohr des Königs, Herr Cardinal.“ „Das iſt wahr.“ „Nun! Sie ſollen es ganz haben.“ „Ah! Sie ſind zu gütig,“ rief der Prälat und kißte Madame Dubarry artig die Hand. te 145 „Doch Sie ſelbſt, wohin werden Sie ſich zurück⸗ ziehen?“ „Hier unter dieſe jungen Eichen.“ „Der König wird Sie ſuchen.“ „Deſto beſſer.“ „Er wird ſehr unruhig ſein, wenn er Sie nicht ſieht.“ „Das wird ihn peinigen, und das iſt es, was ich gerade wünſche.“ „Sie ſind anbetungswürdig, Gräfin.“ „Das ſagt mir auch der König, wenn ich ihn gepeinigt habe. Champagne, haben Sie Seine Eminenz geführt, ſo kehren Sie im Galopp zurück.“ „Ja, Frau Gräfin.“ „Guten Tag, Herzog.“ „Auf Wiederſehen, Monſeigneur,“ ſprach der Herzog. Der Bediente ließ den Fußtritt herab und der Herzog ſtieg mit der Gräfin aus, welche leicht wie ein dem Klo⸗ ſter entlaufenes Mädchen zu Boden ſprang, während der Wagen raſch Seine Eminenz nach dem Hügel führte, wo Seine allerchriſtlichſte Majeſtät mit ihren ſchlechten Augen die boshafte Gräfin ſuchte, welche außer dem König alle Welt geſehen hatte. Madame Dubarry verlor keine Zeit. Sie nahm den Arm des Herzogs, zog ihn in den Eichenſchlag und ſagte hier: „Wiſſen Sie, daß ihn Gott abgeſchickt hat, dieſen lieben Cardinal?“ „Um uns einen Augenblick von ihm zu befreien, ich verſtehe das,“ erwiederte der Herzog. „Nein, um uns auf die Spur unſeres Mannes zu bringen.“ „Wir werden alſo zu ihm gehen?“ „Ich glaube wohl. Nur...“ „Was, Gräfin?“ „Ich geſtehe, ich habe bange.“ „Wovor?“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 10 146 „Vor dem Zauberer. Ohl ich bin ſehr leichtgläubig.“ „Teufel!“ „Und Sie, glauben Sie an Zauberer?“ „Ich ſage nicht nein, Gräfin.“ „Meine Geſchichte mit der Weiſſagung.“ „Das iſt eine Thatſache, und ich ſelbſt!..“ ſagte der alte Marſchall, indem er ſich am Ohr rieb. „Nun, Sie?“ „Ich ſelbſt habe einen gewiſſen Zauberer kennen lernen.“ „Bah!“ „Der mir eines Tags einen großen Dienſt leiſtete.“ „Welchen?“. „Er hat mich wiedererweckt.“ „Sie wiedererweckt!“ „Gewiß. Ich war todt.“ „Erzählen Sie mir das, Herzog.“ „So verbergen wir uns.“ „Herzog, Sie ſind furchtbar feig.“ „Nein, ich bin nur klug.“ „Sind wir gut hier?“ „Ich glaube.“ „Die Geſchichte, die Geſchichte!“ „Hören Sie. Ich befand mich in Wien. Es war zur Zeit meiner Ambaſſade, ich bekam am Abend unter einem Scheinwerfer einen gewaltigen Degenſtich durch den Leib. Es war der Degen eines Ehemanns, eine teufel⸗ mäßig ungeſunde Sache. Ich fiel. Man hob mich auf; ich war todt.“ „Wie, Sie waren todt?“ 4 „Meiner Treue, ja, oder es fehlte wenigſtens nicht viel. Da geht ein Zauberer vorüber und fragt, wer der Menſch ſei, den man wegtrage. Man ſagte ihm, ich ſei es. Er läßt die Tragbahre anhalten, gießt mir drei Tropfen von ich weiß nicht was auf die Wunde, drei andere auf die Lippen. Das Blut hört auf zu fließen, 147 der Athem kehrt zurück, die Augen öffnen ſich wieder, und ich bin geheilt.“ „Das iſt ein Wunder Gottes, Herzog.“ „Das erſchreckt mich gerade: ich glaube im Gegen⸗ theil, es iſt ein Wunder des Teufels.“ „Ganz richtig Marſchall. Gott hätte einen lockeren Vogel Ihrer Art nicht gerettet; Ehre dem CEhre gebührt. Und er lebt noch, Ihr Zauberer?“ „Ich bezweifle es, wenn er nicht das trinkbare Gold gefunden hat.“ „Wie Sie, Marſchall.“ „Sie glauben alſo an dieſe Mährchen?“ „Ich glaube an Alles. Er war alt?“ „Methuſalem in Perſon.“ „Und er hieß?“ „Ah! er hatte einen herrlichen, griechiſchen Namen: Althotas!“ „Oh! das iſt ein furchtbarer Name, Marſchall.“ „Nicht wahr, Madame?“ „Herzog, der Wagen kommt zurück.“ „Vortrefflich.“ „Sind wir entſchloſſen?“ „Meiner Treue, ja.“ „Wir gehen nach Paris?“ „Nach Paris.“ „In die Rue Saint⸗Claude?“ „Wenn Sie wollen... doch der König wartet.“ „Das würde mich beſtimmen, wenn ich nicht ſchon entſchloſſeen wäre. Er hat mich gepeinigt, nun mag Frankreich wüthen.“ „Aber er wird Sie entführt, verloren glauben.“ „Um ſo mehr, als man mich mit Ihnen geſehen hat, Marſchall.“ „Hören Sie, Gräfin, ich will ebenfalls offenherzig ſein: ich habe bange.“ „Wovor?“ 148 „Ich habe bange, Sie könnten das irgend Jemand erzählen, und man dürfte über mich ſpotten.“ „Dann wird man über uns Beide ſpotten, da ich mit Ihnen gehe.“ „Gut, Gräfin, ich bin eußſihloſen Wenn Sie mich übrigens verrathen, ſo ſage ich.. „Was ſagen Sie?“ „Sie haben mir eine geheime Zuſammenkunft gegeben.“ „Man wird Ihnen nicht glauben, Herzoß „Ei, ei, Gräfin! wenn Seine Majeſtät nicht da wäre.“ „Champagne! Champagne! hier hinter dieſes Ge⸗ büſch, daß man uns nicht ſieht. Germain, öffne den Schlag. Gut. Nun nach Paris, Rue Saint Claude, im Marags, was die Pferde laufen koͤnnen. LXXXIII. Der Courier. Es war ſechs Uhr Abends. In dem Zimmer der Rue Saint⸗Claude, wo wir unſere Leſer ſchon eingeführt haben, ſaß Balſamo bei der wachen Lorenza und ſuchte durch Ueberredung dieſen gegen alle Bitten widerſpänſtigen Geiſt zu bezähmen. Doch die junge Frau ſchaute ihn ſcheel an, wie Dido Aeneas anſchaute, als er abzureiſen im Begriff war, ſprach nur, um ihm Vorwürfe zu machen, und ſtreckte nur ihre Hand aus, um ihn zurückzuſtoßen. Sie beklagte ſich, daß ſie eine Gefangene, eine Skla⸗ vin ſei und nicht mehr athme, die Sonne nicht mehr ſehe. Sie beneidete die ärmſten Geſ ſchöpfe, Vögel, Blumen um ihr Schickſal. Sie nannte Balſamo ihren Tyrannen. Dann vom Vorwurf zum Zorn übergehend, zerriß ſie zu Fetzen die reichen Stoſſe, vie ihr ihr Gatte geſchenkt —:-— 149 hatte, um durch einen Anſchein von Coquetterie die Ein⸗ ſamkeit zu erheitern, die er ihr auferlegte. Balſamo ſprach voll Sanftmuth mit ihr und ſchaute ſe voll Liebe an. Man ſah, daß dieſes ſchwache und reizbare Geſchöpf einen ungeheuren Platz in ſeinem Herzen, wenn nicht in ſeinem Leben, einnahm. „Lorenza,“ ſagte er zu ihr,„mein geliebtes Kind, warum zeigen Sie dieſen feindſeligen, widerſtrebenden Geiſt? Warum wollen Sie nicht mit mir, der ich Sie über allen Ausdruck liebe, als eine ſanfte und ergebene Gefährtin leben? Dann hätten Sie nichts mehr zu wünſchen, Sie wären frei, ſich in der Sonne zu erſchließen, wie dieſe Blumen, von denen Sie ſo eben ſprachen, Ihre Flügel auszubreiten, wie die Vögel, die Sie um ihr Schickſal beneiden; wir gingen dann überall hin miteinander, Sie würden dann nicht nur die Sonne ſehen, die Sie ſo ſehr entzückt, ſondern auch die ſcheinbaren Sonnen der Men⸗ ſchen, die Geſellſchaften, in welche die Frauen dieſes Lan⸗ des gehen; Sie wären glücklich nach Ihrem Geſchmack und würden mich auf meine Weiſe glücklich machen. Wa⸗ rum wollen Sie dieſes Glück nicht, Lorenza, das bei Ihrer Schönheit, bei Ihrem Reichthum ſo viele Frauen eiferſüchtig machen müßte?“ F„Weil ich Sie verabſcheue,“ erwiederte die ſtolze junge rau. Balſamo heftete auf Lorenzo einen Blick, in welchem zugleich Zorn und Mitleid ausgedrückt waren, und ſprach: „Leben Sie alſo, wie Sie ſich zu leben verurthei⸗ len, und da Sie ſo ſtolz ſind, ſo beklagen Sie ſich nicht.“ „Ich würde mich auch nicht mehr beklagen, wenn Sie mich allein ließen; ich würde mich nicht beklagen, wenn Sie mich nicht mit Ihnen zu ſprechen nöthigen woll⸗ ten. Bleiben Sie von mir weg, oder wenn Sie in mein Gefängniß kommen, ſagen Sie mir nichts, und ich werde es machen wie die armen Vögel des Süden, die man im Käfig hält: ſie ſterben, aber ſie ſingen nicht.“ 150 Mit einer gewiſſen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt er⸗ wiederte Balſamo: „Auf, Lorenza, ſeien Sie ſanft und fügſam; leſen Sie einmal in meinem Herzen, in meinem Herzen, das Sie über Alles liebt. Wollen Sie Bücher?“ „Nein.“ „Warum dies? Bücher werden Sie zerſtreuen.“ 3„Ich will eine ſolche Langweile haben, daß ich daran erbe.“ Balſamo lächelte, oder ſuchte vielmehr zu lächeln. „Sie ſind toll,“ ſagte er,„Sie wiſſen wohl, daß Sie nicht ſterben, ſo lange ich da bin, um Sie zu pflegen und zu heilen, wenn Sie krank werden.“ „Oh!“ rief Lorenza,„Sie werden mich nicht heilen an dem Tag, wo Sie mich erwürgt mit dieſer Schärpe am Gitter meines Fenſters finden.“ Balſamo ſchauerte. „An dem Tag,“ fuhr die Wüthende fort,„wo ich dieſes Meſſer geöffnet und mir in's Herz geſtoßen haben werde.“ Bleich und von eiſigem Schweiß bedeckt, ſchaute Bal⸗ ſamo Lorenza an und ſprach mit drohender Stimme: „Nein, Lorenza, an dieſem Tag werde ich Sie nicht heilen, ich werde Sie wiedererwecken.“. Lorenza ſtieß einen Schrei des Schreckens aus: ſie kannte keine Grenzen der Macht von Balſamo und glaubte an ſeine Drohung. Balſamo war gerettet. „Während ſie ſich in dieſe neue Urſache der Ver⸗ zweiflung, die ſie nicht vorhergeſehen, verſenkte, während ſich ihr ſchwankender Geiſt in einen unüberſteigbaren Kreis von Martern eingeſchloſſen ſah, klang das Gloͤckchen, mit dem Fritz ein Zeichen gab, an das Ohr von Balſamo. Es klang dreimal raſch und mit gleichen Schlägen. „Ein Courier,“ ſagte er. Dann nach einem kurzen Zwiſchenraum erſcholl wie⸗ der ein Schlag. — 151 „Er hat große Eile,“ rief Balſamo. „Ah!“ ſagte Lorenza,„Sie werden mich alſo ver⸗ laſſen!“ Er nahm die kalte Hand der jungen Frau und ſprach: „Noch einmal und zwar zum letzten Mal: leben wir in gutem Einverſtändniß, leben wir brüderlich, Lorenza; da uns das Schickſal mit einander verbunden hat, machen wir aus dem Schickſal einen Freund und nicht einen Henker.“ Lorenza antwortete nicht. Ihr ſtarres, düſteres Auge ſchien im Unendlichen einen Gedanken zu ſuchen, der ihr ewig entging, und den ſie vielleicht nicht mehr fand, weil ſie ihn zu ſehr verfolgt hatte, wie es denjenigen ergeht, deren Auge zu ſehnſuchtig nach dem Lichte begehrt hat, nachdem ſie lange in der Finſterniß gelebt, ſo daß ſie dann von der Sonne geblendet werden. Balſamo nahm ihre Hand und küßte ſie, ohne daß ſie ein Lebenszeichen von ſich gab. Dann machte er einen Schritt nach dem Kamin. In dieſem Augenblick erwachte Lorenza aus ihrer Er⸗ ſtarrung und heftete gierig ihre Augen auf ihn. „Ja,“ murmelte er,„Du willſt wiſſen, wo ich hinaus⸗ gehe, um eines Tags nach mir hinauszugehen, um zu fliehen, wie Du gedroht haſt, und deshalb erwachſt Du, deshalb folgſt Du mir mit dem Blick.“ Und er fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, als ob er ſich ſelbſt einen peinlichen Zwang auferlegte; er ſtreckte dieſelbe Hand gegen die junge Frau aus und ſprach mit einem gebieteriſchen Tone, indem er ihr ſeinen Blick und ſeine Geberde wie einen Pfeil gegen die Bruſt und die Augen ſchleuderte: „Schlafe.“ Kaum war dieſes Wort geſprochen, als ſich Lorenza beugte wie eine Blume auf ihrem Stängel; ihr einen Augenblick ſchwankender Kopf neigte und lehnte ſich auf das Sophakiſſen. Ihre mattweißen Hände glitten an ihrer Seite herab und ſtreiften an ihrem Atlaßkleide hin. 152 Balſamo näherte ſich der ſo reizenden Frau und drückte ſeine Lippen auf ihre ſchöͤne Stirne. Da klärte ſich das ganze Antlitz von Lorenza auf, als ob ein Hauch, aus den Lippen der Liebe hervorgegan⸗ gen, von ihrer Stirne die Wolke, die ſie bedeckte, vertrie⸗ ben hätte. Ihr Mund öffnete ſich zitternd, ihre Augen ſchwammen in wollüſtigen Thränen, und ſie ſeufzte, wie jene Engel ſeufzen mußten, welche in den erſten Tagen der Schöpfung Liebe ſür die Kinder der Menſchen faßten. Balſamo ſchaute ſie einen Augenblick an wie ein Menſch, der ſich ſeiner Betrachtung nicht entreißen kann; dann, als das Glöckchen abermals erklang, ſtürzte er nach dem Kamin, drückte an einer Feder und verſchwand hinter den Blumen. Fritz erwartete ihn im Salen mit einem Menſchen, der eine Courierjacke und ſchwere Stiefel mit langen Sporen trug. Die gemeine Phyſiognomie dieſes Menſchen bezeichnete einen Mann aus dem Volk; ſein Auge allein errieth ein Theilchen von dem heiligen Feuer, von dem man hätte glauben ſollen, es wäre ihm durch einen über dem ſeinigen erhabenen Geiſt mitgetheilt worden. In ſeiner linken Hand hielt er eine kurze, knotige Peitſche, während er mit ſeiner rechten Hand Zeichen bil⸗ dete, welche Balſamo nach einer kurzen Prüfung erkannte und, ſelbſt ſtumm, dadurch erwiederte, daß er mit ſeinem Zeigefinger über ſeine Stirne fuhr. Sogleich hob der Poſtillon ſeine Hand bis zu ſeiner Bruſt empor, wo ſie ein neues Zeichen bildete, das ein Gleichgültiger nicht erkannt hätte, ſo ſehr glich es der Geberde, die man macht, um einen Knopf zu befeſtigen. Auf dieſes letzte Zeichen antwortete der Meiſter durch das Vorzeigen eines Ringes, den er am Finger trug. Vor dieſem furchtbaren Symbol beugte der Abgeſandte ein Knie. „Woher kommſt Du?“ fragte Balſamo. „Von Rouen, Meiſter.“ 153 „Was machſt Du?“ „Ich bin Courſer im Dienſt von Frau von Gram⸗ mont.“ „Wer hat Dich zu ihr gebracht?“ „Der Wille des Großkophta.“ „Welchen Befehl haſt Du erhalten, als Du bei ihr eintratſt?“ „Ich ſollte kein Geheimniß für den Meiſter haben.“ „Wohin gehſt Du?“ „Nach Verſatlles.“ „Was bringſt Du dahin?“ „Einen Brief.“ „An wen?“ „An den Miniſter.“ „Gib.“ Der Courier reichte Balſamo einen Brief, den er aus einer ledernen Taſche zog, welche auf ſeinen Rücken ge⸗ bunden war. Der Deutſche erſchien. „Verbirg Sebaſtian im Bedientenzimmer.“ „Ja, Herr.“— „Er weiß meinen Namen,“ murmelte der Adepte mit einer abergläubiſchen Furcht. „Er weiß Alles,“ erwiederte Fritz, indem er ihn mit ſich fortzog. Balſamo blieb allein: er betrachtete das ſehr reine und ſehr tiefe Siegel dieſes Briefes, das ihm das flehende Auge des Couriers ſo viel als möglich zu ſchonen empfoh⸗ len zu haben ſchien. Dann ging er langſam und nachdenkend zum Zimmer von Lorenza und öffnete die Verbindungsthüre. Lorenza ſchlief immer noch, aber ermüdet, entnervt durch die Unthätigkeit. Er nahm ihre Hand, die ſie 154 krampfhaft ſchloß, und legte auf ihr Herz den Brief des Couriers ganz verſiegelt, wie er war. „Sehen Sie?“ ſagte er zu ihr. „Ja, ich ſehe,“ antwortete Lorenza. „Was iſt der Gegenſtand, den ich in der Hand halte?“ „Ein Brief.“ „Können Sie ihn leſen?“ „Ich kann es.“ „Leſen Sie ihn alſo.“ Lorenza ſprach, die Augen geſchloſſen, die Bruſt kenchend, Wort für Wort folgende Zeilen, welche Balſamo unter ihrem Dictate niederſchrieb. „Lieber Bruder, „Meine Verbannung iſt uns, wie ich es vorhergeſehen, wenigſtens zu etwas gut geweſen. Ich habe dieſen Mor⸗ gen den Präſidenten von Rouen verlaſſen, er gehört uns, doch noch ſchüchtern. Ich habe ihn in Ihrem Namen bedrängt. Er entſchließt ſich endlich und die Vorſtellungen ſeines Collegiums werden in acht Tagen in Verſailles ſein. „Ich reiſe unmittelbar nach Rennes ab, um Karadeuc und le Chalotais, welche einſchlafen, ein wenig thätig zu machen. „Unſer Agent von Candebec befand ſich in Rouen. Ich habe ihn geſehen. England wird nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben, es bereitet eine kräftige Notification für Verſailles. „K... hat mich gefragt, ob er ſie vorbringen ſolle. Ich habe ihn dazu ermächtigt. Sie erhalten die letzten Pamphlete von Thévenot, von Morande und von Delille gegen die Dubarry. Das ſind Petarden, die eine Stadt in die Luft ſprengen würden! „Es iſt mir ein ſchlimmes Gerücht zu Ohren gekom⸗ men, es war Ungnade in der Luft. Doch Sie haben mir noch nicht geſchrieben und ich lache darüber. Laſſen Sie mich indeſſen nicht im Zweifel und antworten Sie mir es 29 — 15⁵ umgehend. Ihr Bote findet mich in Caen, wo ich einige von unſeren Herren zu bearbeiten habe. „Gott befohlen, ich umarme Sie. „Herzogin von Grammont.“ Lorenza hielt inne, nachdem ſie ſo geleſen hatte. „Sie ſehen nichts Anderes mehr?“ fragte Balſamo. „Ich ſehe nichts mehr.“ „Keine Nachſchrift?“ „Nein.“ Balſamo, deſſen Stirne ſich, während ſie las, ent⸗ runzelt hatte, nahm von Lorenza den Brief der Herzogin. „Ein ſeltſames Stück, das man mir theuer bezahlen würde,“ ſagte er. „Ohl wie kann man ſolche Dinge ſchreiben!“ rief er.„Ja, es ſind immer die Frauen, welche die erhabe⸗ nen Männer in's Verderben bringen. Dieſer Choiſeul konnte nicht durch eine Armee von Feinden, durch eine Welt von Intriguen geſtürzt werden, und nun wirft ihn der Hauch einer Frau, indem er ihn liebkoſt, nieder. Ja, wir gehen alle durch den Verrath oder die Schwächen der Menſchen zu Grunde... Wenn wir ein Herz haben und in dieſem Herzen eine empfindliche Fiber, ſo ſind wir verloren.“ Während Balſamo dieſe Worte ſprach, ſchaute er mit unausſprechlicher Zärtlichkeit Lorenza an, welche unter ſeinem Blicke zitterte. „Iſt das, was ich denke, wahr?“ fragte er ſie. „Nein, nein, es iſt nicht wahr!“ erwiederte ſie voll Eifer,„Du ſiehſt wohl, daß ich Dich zu ſehr liebe, um Dir zu ſchaden, wie alle dieſe Frauen ohne Verſtand und ohne Herz.“. Balſamo ließ ſich von den Armen ſeiner Zauberin umſchlingen. „Plötzlich erſcholl ein Doppelſchlag des Glöͤckchens von i Fritz. „Zwei Beſuche,“ ſagte Balſamo. 156 Gin heftiges Klingen des Glöckchens vollendete den telegraphiſchen Satz von Fritz. „Wichtige Beſuche!“ kuör der Meiſter fort. Und er entwand ſich den Armen von Lorenza und ging aus dem Zimmer, wo er die immer noch ſchlafende junge Frau zurückließ. Balſamo traf den Courier auf ſeinem Weg; er war⸗ tete auf die Befehle des Meiſters. „Hier iſt der Brief,“ ſagte dieſer. „Was ſoll ich damit machen?“ „Ihn an ſeine Adreſſe bringen.“ „Das iſt Alles?“ Der Adepte ſchaute den Umſchlag und das Siegel an und gab, als er ſah, daß Beides ſo unberührt war, wie er es gebracht hatte, ſeine Freude kund und verſchwand in der Finſterniß. „Welch ein Unglück, daß ich ein ſolches Autographon nicht behalten kann,“ ſagte Balſamo,„und beſonders, daß ich es nicht kann durch ſichere Hände in die Hände des Königs gelangen laſſen!“ Fritz erſchien nun vor ihm. „Wer iſt da?“ fragte Balſamo. „Eine Frau und ein Mann.“ „Sind ſie ſchon hier geweſen?“ „Nein.“ „Kennſt Du ſie?“ „Nein.“ „Iſt die Frau jung?“ „Jung und hübſch.“ „Der Mann?“ „Sechzig bis fünfundſechzig Jahre.“ „Wo ſind ſie?“ „Im Salon.“ Balſamo trat ein. LXXXV. Die Beſchwörung. Die Gräfin hatte ihr Geſicht gänzlich unter einem Ueberwurf verborgen; da ihr noch Zeit geblieben war, ſich in das Familienhotel zu begeben, ſo war ihre Tracht die einer gewöhnlichen Burgerin. Sie war in einem Fiacre mit dem Marſchall gekom⸗ men, der ſich, noch furchtſamer, grau gekleidet hatte, wie ein höherer Bedienter von gutem Hauſe. „Herr Graf,“ ſprach Madame Dubarry,„erkennen Sie mich?“ „Vollkommen, Frau Gräſin.“ Nichelieu blieb zurück. „Dieſer Herr iſt mein Intendant,“ ſagte die Gräfin. „Sie irren ſich, Madame,“ entgegnete Balſamo ſich verbeugend,„es iſt der Herr Marſchall Herzog von Ri⸗ chelieu, den ich ganz genau erkenne, und der ſehr undank⸗ bar wäre, wenn er mich nicht erkennen würde.“ 5„Wie ſo?“ fragte der Herzog, ganz aus der Faſſung gebracht. „Herr Herzeg, ich denke, man iſt denjenigen, welche uns das Leben gerettet haben, einige Dankbarkeit ſchuldig.“ „Ah! ah! Herzog,“ rief die Gräfin lachend,„hören Sie, Herzog?“ 3 „Sie haben mir das Leben gerettet, mir, Herr Graf?“ fragte Richelieu erſtaunt. 1 „Ja, Monſeigneur, in Wien, im Jahr 1725, zur Zeit Ihrer Ambaſſade.“ „Im Jahr 1725! Damals waren Sie noch nicht geboren, mein lieber Herr.“ Lächelnd erwiederte Balſamo: „Mir ſcheint doch, Herr Herzog, da ich Sie ſterbend 158 oder vielmehr todt auf einer Tragbahre fand; Sie hatten einen Degenſtſch durch die Bruſt bekommen, dergeſtalt, daß ich Ihnen drei Tropfen von meinem Elixir auf die Wunde goß... Hier, ſehen Sie, auf der Stelle, wo Sie Ihre, für einen Intendanten etwas reiche, Spitze zer⸗ krümpeln.“ „Aber Sie ſind höchſtens dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, Herr Graf,“ unterbrach ihn der Marſchall. „Ah! Herzog,“ rief die Gräfin,„Sie ſtehen nun vor. dem Zauberer, glauben Sie es?“ „Ich bin ganz erſtaunt, Gräfin. Aber,“ fuhr der Herzog ſich an Balſamo wendend fort,„aber dann heißen te... „Oh! wir Zauberer verändern, wie Sie wiſſen, Herr Herzog, den Namen in allen Generationen; 1725 aber waren die Namen in us, in os und in as in der Mode, und ich würde mich nicht wundern, wenn es mir im Jahr 1725 eingefallen wäre, meinen Namen gegen einen grie⸗ chiſchen oder lateiniſchen zu vertauſchen... Hienach bin ich zu Ihren Befehlen, Frau Gräfin, und auch zu den Ihrigen, Herr Herzog.“ „Graf, wir kommen, um Sie um einen Rath zu fragen, der Marſchall und ich.“ „Sie erwieſen mir viel Ehre, Madame, beſonders wenn Ihnen dieſer Gedanke auf einem natürlichen Wege gekommen iſt.“ „Auf dem allernatürlichſten der Welt; Ihre Weiſ⸗ ſagung geht mir durch den Kopf, nur bezweife ich, daß ſie ſich verwirklicht.“ „Zweifeln Sie nie an dem, was die Wiſſenſchaft ſagt.“ „Oh! oh!“ machte Richelieu,„unſere Krone ſteht auf dem Spiel, Graf... Es handelt ſich hier nicht um eine Wunde, die man mit drei Tropfen Elixir heilt.“ „Nein, ſondern um einen Miniſter, den man mit drei Worten ſtürzt,“ erwiederte Balſamo;„nun, habe ich er⸗ rathen? ſprechen Sie.“ „Vollkommen,“ ſprach die Gräſin ganz zitternd. 8 8—— —— u 159 „In der That, Herzog, was ſagen Sie zu dem Allem?“ „Oh! ſtaunen Sie nicht über ſo wenig, Madame,“ rief Balſamo;„wer Madame Dubarry und Richelieu un⸗ ruhig ſieht, muß errathen warum ohne Zauberei.“ „Ich werde Sie auch anbeten, wenn Sie uns das Gegenmittel bezeichnen,“ ſagte der Marſchall. „Gegen die Krankheit, an der Sie leiden?“ „Ja, wir haben den Choiſeul.“ „Und Sie möchten gern von ihm geheilt ſein?“ „Ganz richtig, großer Zauberer.“ „Herr Graf,“ ſprach die Gräfin,„Sie werden uns nicht in dieſer Verlegenheit laſſen: es handelt ſich um Ihre Ehre.“ „Ich bin ganz bereit, Ihnen nach meinen beſten Kräf⸗ ten zu dienen, Madame; doch möchte ich gern wiſſen, ob ſich der Herr Herzog nicht auf dem Wege hierher einen feſten Gedanken gemacht hat.“ „Ich geſtehe es, Herr Graf... Meiner Treue, es iſt reizend, einen Zauberer zu haben, den man Herr Graf nennen kann: man braucht dabei nicht von ſeinen Ge⸗ wohnheiten abzugehen.“ Balſamo lächelte. „Auf denn, ſeien Sie offenherzig,“ ſagte er. „Auf Chre, ich will nichts Anderes,“ rief der Herzog. „Sie wollen mich um einen Rath fragen?“ „So iſt es.“ „Ah! Duckmäuſer! davon hat er mir nichts geſagt,“ rief die Gräfin. „Ich konnte das nur dem Herrn Grafen ſagen, und dies nur in die geheimſten Hoͤhlen des Ohrs,“ erwiederte der Marſchall. 5 „Warum, Herzog?“ „Weil Sie bis unter das Weiße der Augen erröthet wären, Gräfin.“ „Ah! ich bin doch neugierig, Marſchall, ſprechen Sie immerhin, ich habe Schminke, und man wird nichts ſehen.“ „Nun wohl!“ ſagte Richelieu,„hoͤren Sie, woran 160 ich gedacht habe. Nehmen Sie ſich in Acht, Gräfin, ich ſetze mich über alle Bedenklichkeiten weg.“ „Immer zu.“ „Oh! Sie werden mich, ſchlagen, wenn ich ſage, was ich ſagen will.“ „Sie ſind nicht gewohnt, geſchlagen zu werden, Herr Herzog,“ ſagte Balſamo zu dem alten Marſchall, der über dieſes Compliment entzückt war. „Wohl alſo,“ ſagte er,„hören Sie: möge es Madame nicht mißfallen, Seine Majeſtät... wie ſoll ich es denn ſagen?“ „Er iſt doch zum Sterben langſam,“ rief die Gräfin. „Sie wollen es alſo?“ „a. „Durchaus?“ „Ja, hundertmal ja. „Dann wage ich es. Es iſt ſehr traurig, zu ſagen, Herr Graf; aber Seine Majeſtät iſt nicht mehr unter⸗ haltbar. Das Wort iſt nicht von mir, Gräſin, es iſt von Frau von Maintenon.“ „Darin liegt nichts Verletzendes für mich,“ ſprach Madame Dubarry. „Deſto beſſer! deſto beſſer! dann werde ich mich be⸗ quemer fühlen. Nun! der Herr Graf, der ſo gute Elixire findet, müßte...“ 4 „Müßte eines finden, das dem König die Fähigkeit, unterhalten zu werden, verleihen würde.“ „Ganz richtig.“ „Ei! Herr Herzog, dies iſt eine Kinderei, das ABC des Handwerks. Der erſte der beſte Charlatan wird einen Liebestrank finden.“ „Deſſen Kraft man dem Verdienſte von Madame zu⸗ ſchreiben wird,“ fügte der Herzog bei. „Herzog!“ rief die Gräfin. „Eil ich wußte wohl, Sie würden ſich ärgern; doch Sie haben es gewollt.“ „Herr Herzog,“ erwiederte Balſamo,„Sie haben 161 Recht gehabt: die Frau Gräfin erröthet, doch wir ſagten ſo eben, es handle ſich hier nicht um eine Wunde, nicht um Liebe. Nicht durch einen Liebestrank werden Sie Frankreich von Herr von Choiſeul befreien. In der That, liebte der König Madame zehnmal mehr, als er ſie liebt, was unmsglich iſt, ſo würde doch Herr von Choiſeul den blendenden Einfluß auf ſeinen Geiſt behalten, den Madame über ſein Herz ausübt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Marſchall,„doch dies war unſer einziges Mittel.“ „Sie glauben?“ „Verdammt! finden Sie ein anderes.“ „Oh! mir dünkt, die Sache iſt leicht.“ „Leicht, hören Sie, Gräfin! dieſe Zauberer finden kein Bedenken.“ „Warum ein Bedenken, wenn es ſich einfach darum handelt, dem Köͤnig zu beweiſen, daß ihn Herr von Choi⸗ ſeul verräth... wohlverſtanden, aus dem Geſichtspunkt des Königs, denn Herr von Choiſeul glaubt ihn nicht zu verrathen, indem er thut, was er thut.“ „Und was thut er?“ „Sie wiſſen das eben ſo gut als ich, Gräfin; er unterſtützt die Empörung des Parlaments gegen das konig⸗ liche Anſehen.“ „Allerdings, doch man müßte wiſſen, durch welches Mittel.“ „Durch das Mittel von Agenten, welche dieſe Leute ermuthigen, indem ſie ihnen Strafloſigkeit verſprechen.“ „Wer ſind dieſe Agenten? Das müßte man wiſſen.“ „Glauben Sie zum Beiſpiel, Frau von Grammont ſei aus einem andern Grunde abgereiſt, als um die Warmen zu exaltiren und die Furchtſamen zu erhitzen?“ „Sicherlich iſt ſie aus keinem andern Grunde abge⸗ reiſt,“ rief die Gräfin. 4 „Ja, aber der König ſieht in dieſer Reiſe nur eine einfache Verbannung.“ 4 Denkwürdigkeiten eines Arztes., IV. 11 16² „Das iſt wahr.“ „Wie ihm beweiſen, daß etwas Anderes darin liegt, als das was man ſehen läßt?“ „Dadurch, daß man Frau von Grammont anklagt.“ „Ah! wenn es ſich nur einfach darum handelte, ſie anzuklagen,“ ſagte der Marſchall. „Es handelt ſich leider darum, die Angabe zu be⸗ weiſen,“ ſprach die Gräfin. „Und wenn dieſe Anklage bewieſen, klar bewieſen würde, glauben Sie, Herr von Choiſeul würde Miniſter beiben?“ B „Gewiß nicht!“ rief die Gräfin. „Es handelt ſich alſo nur darum,“ fuhr Balſamo mit Sicherheit fort,„es handelt ſich nur darum, einen Ver⸗ rath von Herrn von Choiſeul zu finden und ihn klar, ſcharf und greifbar vor den Augen Seiner Majeſtät her⸗ auszuſtellen.“ Der Marſchall warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Er iſt reizend!“ rief er,„er findet kein Bedenken, weicht vor nichts zurück! Herrn von Choiſeul bei einem Verrath auf der That ertappen... das iſt Alles... nicht mehr.. Balſamo blieb unempfindlich und wartete, bis der Anfall der Heiterkeit beim Marſchall vorüber war. „Auf,“ ſagte Balſamo ſodann,„ſprechen wir im Ernſte, und durchgehen wir die Sache noch einmal.“ „Es ſei. „Steht Herr von Choiſeul nicht im Verdacht, er unterſtütze die Rebellion des Parlaments?“ „Das iſt abgemacht, doch der Beweis?“ „Nimmt man von Herrn von Choiſeul nicht an,“ ſprach Balſamo,„er führe einen Krieg mit England her⸗ bei, um ſich die Stelle des unentbehrlichen Mannes zu erhalten?“ „Man glaubt es, doch der Beweis?“ „Iſt Herr von Choiſeul nicht der erklärte Feind der 163 Frau Gräfin, hier, und ſucht er ſie nicht durch alle mögliche Mittel von dem Thron zu ſtoßen, den ich ihr verſprochen habe?“ „Ah! das iſt ſehr wahr,“ ſagte die Gräfin;„doch man müßte es abermals beweiſen... Oh! wenn ich das könnte!“ „Was braucht man hiezu? Eine Erbärmlichkeit.“ Der Marſchall blies über ſeine Nägel hin. „Ja, eine Erbärmlichkeit,“ ſagte er ironiſch. „Einen vertraulichen Brief zum Beiſpiel,“ ſprach Balſamo. „Mehr nicht... das iſt nicht viel.“ „Cinen Brief von Frau von Grammont, nicht wahr, Herr Marſchall?“ fuhr der Graf fort. „Zauberer, mein guter Zauberer, finden Sie doch einen,“ rief Madame Dubarry.„Seit funf Jahren trachte ich darnach; ich habe jährlich hundert tauſend Livres ausgegeben und habe es doch nicht zu Stande ge⸗ bracht.“ „Weil Sie ſich nicht an mich gewendet haben, Ma⸗ dame,“ ſagte Balſamo. „Wie ſo?“ verſetzte die Gräfin. „Allerdings, wenn Sie ſich an mich gewendet hät⸗ „Nun?“ „So hätte ich Sie der Verlegenheit entzogen.“ „Sie?“ „Ja, ich. „Graf, iſt es zu ſpät?“ Der Graf lächelte. „Nie.“ „Oh! mein lieber Graf,“ rief Madame Dubarry die Hände faltend. „Sie wollen alſo einen Brief?“ „Ja. „Von Frau von Grammont?“ „Wo möglich.“ ten. 164 „Der Herrn von Choiſeul in den genannten Punkten compromittirt?“ 1 „Ich gebe... eines meiner Augen, um ihn zu „Oh! Gräfin, das wäre zu theuer, um ſo mehr, „Dieſen Brief?“ „Umſonſt gebe.“ Balſamo zog aus ſeiner Taſche ein viereckig zuſam⸗ mengefaltetes Papier. „Was iſt das?“ fragte die Gräfin das Papier mit den Augen verſchlingend. „Ja, was iſt das?“ fragte der Herzog. „Der Brief, den Sie wünſchen.“ Und unter dem tiefſten Stillſchweigen las der Graf den zwei erſtaunten Zuhörern den Brief vor, den unſere Leſer ſchon kennen. Während er las, riß die Gräfin die Augen immer weiter auf und fing an die Haltung zu verlieren. „Teufel, das iſt eine Verleumdung, nehmen wir uns in Acht,“ murmelte der Herzog, als Balſamo geendigt hatte. „Herr Herzog, es iſt die reine, einfache, buchſtäbliche Abſchrift eines Briefes der Frau Herzogin von Gram⸗ mont, den ein Courier dieſen Morgen in Rouen in Empfang genommen hat und dem Herzog von Choiſeul in Verſailles zu überbringen im Begriff iſt.“. „Oh! mein Gott!“ rief der Marſchall,„ſprechen Sie wahr, Herr Balſamo?“ 1. „Ich ſpreche immer die Wahrheit, Herr Marſchall.“ „Die Herzogin ſollte einen ſolchen Brief geſchrieben haben?“ „Ja, Herr Marſchall.“ „Sie ſollte ſo unklug geweſen ſein?“ „Ich geſtehe, es iſt unglaublich, aber es iſt ſo.“ Der alte Herzog ſchaute die Gräfin an, welche nicht mehr die Kraft hatte, ein Wort auszuſprechen. 165 „Nun!“ ſagte ſie endlich,„verzeihen Sie, Herr Graf, ich muß geſtehen, es geht mir wie dem Herrn Herzog, ich habe Mühe, zu glauben, daß Frau von g zu g Grammont, ein Weiberkopf, ihre ganze Stellung und die ihres Bruders durch einen Brief von dieſer Stärke ge⸗ fährdet haben ſoll... Ueberdies muß man einen ſolchen Brief, um ihn zu kennen, geleſen haben.“ „Und dann,“ fügte der Marſchall haſtig bei,„wenn der Herr auch dieſen Brief geleſen hätte, ſo würde er ihn behalten haben: das iſt ein koſtbarer Schatz.“ Balſamo ſchüttelte ſanft den Kopf: „Oh,! mein Herr,“ ſagte er,„dieſes Mittel iſt gut für diejenigen, welche die Briefe entſiegeln, um Geheimniſſe zu erfahren, und nicht für diejenigen, welche, wie ich, durch die Umſchläge leſen... Pfui doch... Welches Intereſſe ſollte ich übrigens haben, Herrn von Choiſeul und Frau von Grammont zu Grunde zu richten? Ich denke, Sie kommen, um mich als Freunde um Rath zu fragen; ich antworte Ihnen auf dieſelbe Weiſe. Sie wünſchen, daß ich Ihnen einen Dienſt leiſte, ich leiſte ihn... Ich hoffe, Sie wollen mir nicht einen Preis für meine Conſultation antragen, wie den Wahrſagern des Quay de la Ferraille.“ „Oh! Graf!“ rief die Herzogin.“ „Wohl! ich gebe Ihnen einen Rath, und mir ſcheint, Sie begreifen ihn nicht. Sie drücken den Wunſch gegen mich aus, Herrn von Choiſeul zu ſtürzen, und ſuchen die Mittel hiezu; ich führe Ihnen eines an, Sie billigen es, ich gebe es Ihnen in die Hand, Sie glauben nicht daran.“ „Weil... weil... Graf... hören Sie.“ „Der Brief iſt vorhanden, ſage ich Ihnen, da ich ihn abgeſchrieben habe.“ „Aber wer hat Sie benachrichtigt, Herr Graf?“ rief Richelieu. „Ah! das iſt das große Wort... man hat mich benachrichtigt? In einer Minute wollen Sie Alles ſo ge⸗ 166 nau wiſſen, als ich, der Arbeiter, der Gelehrte, der Weiſe, der drei tauſend ſieben hundert Jahre gelebt hat.“ „Oh! oh!“ ſprach Richelieu entmuthigt,„Sie ver⸗ derben mir die gute Meinung, die ich von Ihnen hatte, Graf.“ „Ich bitte Sie nicht, mir zu glauben, Herr Herzog, und ich bin es nicht, der Sie bei der Jagd des Königs aufgeſucht hat.“ „Herzog, er hat Recht,“ ſagte die Gräfin;, Herr bon, Balſano, ich bitte Sie, werden Sie nicht ungedul⸗ dig. Nie wird der, welcher Zeit hat, ungeduldig, Ma⸗ dame.“ „Seien Sie gut, fügen Sie dieſe Gunſtbezeugung allen denjenigen bei, die Sie mir gewährt haben, und ſagen Sie mir, wie Sie die Offenbarung aller dieſer Ge⸗ heimniſſe erhalten?“ „Ich nehme keinen Anſtand, Madame,“ ſprach Bal⸗ ſamo ſo langſam, als ſuchte er Sylbe für Sylbe ſeine Antwort,„dieſe Offenbarung erhalte ich durch eine Stimme.“ „Durch eine Stimme!“ riefen gleichzeitig die Gräſin und der Herzog;„eine Stimme ſagt Ihnen Alles?“ „Ja, Alles, was ich zu wiſſen wünſche.“ „Eine Stimme ſagte Ihnen, Frau von Grammont habe an ihren Bruder geſchrieben?“ „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, Madame, daß es mir eine Stimme geſagt hat.“ „Das iſt wunderbar.“ „Aber Sie glauben nicht daran.“ „Nein, Graf,“ erwiederte der Herzog„wie ſoll man an ſolche Dinge glauben?“ „Würden Sie jedoch daran glauben, wenn ich Ihnen ſagte, was zu dieſer Stunde der Courier thuͤt, der den Brief Herrn von Choiſeul überbringt?“ „Bei Gott!“ rief die Gräfin. 4 „Ich,“ ſprach der Herzog,„ich würde daran glau⸗ 167 ben, wenn ich die Stimme hoͤrte... Aber die Herren Nekromanten oder die Magier haben das Vorrecht, daß ſie allein das Uebernatürliche ſehen und hören.“ Balſamo heftete ſeine Augen auf Herrn von Richelieu mit einem ſeltſamen Ausdruck, wobei der Gräfin ein Schauer durch die Adern lief und dem ſelbſtſüchtigen Skeptiker, den man den Herzog von Richelieu nannte, kalt im Genick und im Herzen wurde. „Ja,“ ſagte er nach einem langen Stillſchweigen, „ich allein ſehe und höre die übernatürlichen Gegenſtände und Weſen; doch wenn ich es mit Leuten von Ihrem Rang, von Ihrem Geiſt, Herzog, und von Ihrer Schön⸗ heit, Gräfin, zu thun habe, ſo öffne ich meine Schätze und theile ſie. Wäre es Ihnen ſehr angenehm, die ge⸗ heimnißvolle Stimme zu hören, die mich in Kenntniß ſetzt?“ „Ja,“ ſprach der Herzog, der ſeine Fäuſte ſchloß, um nicht zu zittern. „Ja,“ ſtammelte die Gräfin zitternd. „Wohl! Herr Herzog, wohl! Frau Gräfin, Sie ſollen hören. Welche Sprache ſoll ſie ſprechen?“ „Die franzöſiſche,“ antwortete die Gräfin...„Ich kenne keine andere und eine andere würde mir zu ſehr bange machen.“ „Und Sie, Herr Herzog?“ „Wie Madame, Franzöoͤſiſch. Es iſt mir daran ge⸗ legen, zu wiederholen, was mir der Teufel geſagt hat, und zu ſehen, ob er gut erzogen iſt, und ob er correct die Sprache meines Freundes, des Herrn von Voltaire, ſpricht.“ Den Kopf auf die Bruſt geneigt, ſchritt Balſamo auf die Thüre zu, welche in den kleinen Salon führte, der, wie man weiß, auf die Treppe ging. „Erlauben Sie mir,“ ſagte er,„daß ich Sie ein⸗ ſchließe, um Sie nicht zu ſehr auszuſetzen.“ Die Gräfin erbleichte, näherte ſich dem Herzog und nahm ſeinen Arm. 4 168 Als Balſamo beinahe die Thüre der Treppe berührte, ſchritt er gegen den Punkt des Hauſes zu, wo ſich Lo⸗ renza befand, und ſprach in arabiſcher Sprache mit ſchal⸗ lender Stimme die Worte, die wir in der Ueberſetzung wiedergeben: „Meine Freundin!.. hört Ihr mich?... wenn Ihr mich hört, ſo zieht an der Klingelſchnur und läutet zweimal.“ Balſamo erwartete die Wirkung ſeiner Worte, wäh⸗ rend er den Herzog und die Gräfin anſchaute, welche die Augen und die Ohren um ſo mehr öffneten, als ſie nicht verſtehen konnten, was der Graf ſagte. Das Gloͤckchen erklang zweimal. Die Gräfin zuckte auf ihrem Sopha, und der Her⸗ zog wiſchte ſich mit dem Sacktuch die Stirne ab. „Da Ihr mich hört,“ fuhr Balſamo in demſelben Tone fort,„drückt an dem marmornen Knopf, der das rechte Auge an der Sculptur des Kamins bildet, und die Platte wird ſich öffnen; geht durch dieſe Platte, durch⸗ ſchreitet mein Zimmer, ſteigt die Treppe hinab und kommt in das Zimmer, welches an das ſtößt, wo ich mich be⸗ finde.“ Einen Augenblick nachher belehrte ein Geräuſch, leicht wie ein unfaßbarer Hauch, wie ein Geſpenſterflug, Bal⸗ ſamo, daß man ſeine Befehle verſtanden und ausgeführt hatte. „Was für eine Sprache iſt das,“ fragte Richelien, Sicherheit heuchelnd,„die kabaliſtiſche Sprache?“ „Ja, Herr Herzog, es iſt der Dialekt, deſſen man ſich gewöhnlich bei Beſchwörungen bedient.“ „Sie haben geſagt, wir würden verſtehen.“ „Was die Stimme ſagen würde, ja; aber nicht, was ich ſage.“ „Und der Teufel iſt gekommen?“ „Wer hat vom Teufel geſprochen, Herr Herzog?“ „Mir ſcheint, man beſchwört nur den Teufel.“ „Alles, was erhabenerer Geiſt, übernatürliches Weſen eiſt, läßt ſich beſchwören.“ —, 169 „Und der erhabenere Geiſt, das übernatürliche We⸗ ſen... Balſamo ſtreckte die Hand nach dem Vorhang aus, der die Thüre des anſtoßenden Zimmers ſchloß. „Steht in unmittelbarer Verbindung mit mir.“ 240 habe bange,“ ſagte die Gräfin,„und Sie, Her⸗ zo 14 8 3„Meiner Treue, Gräfin, ich geſtehe, ich wäre beinahe eben ſo gern in Mahon oder in Philippsburg.“ „Frau Gräfin, und Sie, Herr Graf, wollen Sie horchen, da Sie durchaus hören wollen,“ ſprach Balſamo mit ſtrengem Tone. Und er wandte ſich nach der Thüre. LXXXVI. Die Stimme. Es herrſchte einen Augenblick feierliches Stillſchwei⸗ gen. Dann fragte Balſamo franzöſiſch: „Seid Ihr da?“ „Ich bin da,“ antwortete eine reine, ſilberne Stimme, welche, die Tapeten und Thürvorhänge durchdringend, zu den Ohren der Anweſenden mehr wie ein metalliſcher Klang, als wie eine menſchliche Stimme toͤnte. „Peſt! das wird intereſſant,“ ſagte der Herzog;„und dies Alles ohne Kerzen, ohne Magie, ohne bengaliſches Feuer.“ „Das iſt furchtbar,“ murmelte die Gräfin. f„Gebt wohl Acht auf meine Fragen,“ fuhr Balſamo ort. „ Ich höre mit meinem ganzen Weſen.“ „Sagt mir vor Allem, wie viel Perſonen in dieſem Augenblick bei mir ſind?“ 170 „Zwei. „Von welchem Geſchlacht „Ein Mann und eine Frau.“ „Leſt in meinem Geiſte den Namen des Manns.“ „Der Herr Herzog von Richelieu.“ nd den der Frau.“ Die Frau Gräfin Dubarry.“ „Ah! ah!“ murmelte der Herzog,„das iſt ſtark.“ „Ich muß geſtehen,“ ſagte zitternd die Gräfin,„ich habe nichts Aehnliches geſehen.“ „Gut,“ ſprach Balſamo;„leſt nun den erſten Satz des Briefes, den ich in der Hand habe.“ Die Stimme gehorchte. Die Gräfin und der Herzog ſchauten ſich mit einem Erſtaunen an, das an Bewunderung zu grenzen anfing. „Was iſt aus dem Brief, den ich unter Eurem Dictat geſchrieben habe, geworden?“ „Er wird fortgetragen.“ „Wohin?“ „Nach Weſten.“ „Iſt er freeih „Oh! ja, ſehr fern.“ „Wer krägt ihn 29 „Ein Menſch mit einer grünen Jacke, einer Pelz⸗ mütze und Courierſtiefeln.“ „Iſt er zu Fuß oder zu Pferd?“ „Er iſt zu Pferd?“ „Was für ein Pferd reitet er?“ „Einen Schecken.“ „Wo ſeht Ihr ihn?“ Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Schaut, 4 ſprach Balſamo gebieteriſch. „uj einer mit Bäumen bepflanzten Landſtraße.“ Auf welcher Landſtraße?“ 7 „Ich weiß es nicht, alle Straßen gleichen ſich.“ „Wiel nichts deutet Euch an, welche Straße es iſt, nicht ein Pfoſten, eine Inſchrift, nichts?“ V —— — —— —— 171 „Wartet, wartet: es fährt ein Wagen an dem Rei⸗ ter vorüber, er kreuzt ihn, auf mich zukommend.“ „Was für ein Wagen?“ „Ein ſchwerer Wagen, voll von Geiſtlichen und Militären.“ „Eine Patache,“ murmelte Richelieu. „Dieſer Wagen hat keine Inſchrift?“ fragte Balſamo. „Doch,“ antwortete die Stimme. „Leſet.“ „Auf dem Wagen leſe ich Verſailles mit gelben, bei⸗ nahe verwiſchten Buchſtaben.“ „Verlaßt den Wagen und folget dem Courier.“ „Ich ſehe ihn nicht mehr.“ „Warum ſeht Ihr ihn nicht mehr?“ „Weil ſich die Straße dreht.“ „„„Dreht Euch mit der Straße und holet ihn wieder ein.“ „Oh! er reitet mit der ganzen Kraft ſeines Pferdes, er ſchaut auf ſeine Uhr.“ „Was ſeht Ihr vor dem Pferd?“ „Eine lange Allee, herrliche Gebäude, eine große Stadt.“— „Folget immer.“ „Ich folge.“ „Nun?“ „Der Courier ſchlägt ſein Pferd mit verdoppelten Streichen; das Thier iſt in Schweiß gebadet; ſeine Huf⸗ eiſen machen auf dem Pflaſter einen Lärmen, daß ſich alle Vorübergehende umwenden. Ah! der Courier reitet in eine lange Straße, welche abwärts geht. Er wendet ſich rechts. Er hemmt den Gang ſeines Pferdes. Er hält vor der Thüre eines großen Hotels an.“ 3 „Hier müßt Ihr ihm aufmerkſam folgen, hört Ihr.“ Die Stimme ſtieß einen Seufzer aus. „Ihr ſeid müde, ich begreife das.“ „Oh! gelähmt.“ „Dieſe Müdigkeit verſchwinde, ich will es haben.“ 172 „Ah!“ „Nun?“ „Ich danke.“ „Seid Ihr noch müde?“ „Nein.“ „Seht Ihr den Courier immer noch?“ „Wartet: ja, ja; er ſteigt eine große ſteinerne Treppe hinauf. Ein Bedienter in einer blauen Livree mit Gold geht ihm voran. Er durchſchreitet große, ganz vergoldete Salons. Er kommt zu einem beleuchteten Cabinet. Der Lackei öffnet die Thüre und entfernt ſich.“ „Was ſeht Ihr?“ „Der Courier verbeugt ſich.“ „Vor wem?“ „Wartet. Er verbeugt ſich vor einem Mann, der an einem Schreibtiſch ſitzt und der Thüre den Rücken zu⸗ wendet.“ „Wie iſt dieſer Mann gekleidet?“ „Oh! in großer Toilette und als ginge er auf einen Ball.“. „Hat er eine Decoration?“ „Er trägt ein großes blaues Band über die Bruſt.“ „Sein Geſicht?“ „Ich ſehe es nicht... Ah!“ Was?“ „Er wendet ſich um.“ „Was für eine Phyſiognomie hat er?“ „Einen lebhaften Blick, unregelmäßige Züge, ſchöne ne. „Welches Alter?“ „Fünf und fünfzig bis acht und fünfzig Jahre.“ „Der Herzog!“ flüſterte die Gräfin dem Marſchall zu,„es iſt der Herzog.“ Der Marſchall machte mit dem Kopf ein Zeichen, welches bedeutete: „Ja, er iſt es; doch hoͤren Sie.“ „Sodann?“ befahl Balſamo. —— 173 „Der Courier übergibt dem Mann mit dem blauen Band...“ „Ihr könnt ſagen dem Herzog: es iſt ein Herzog. „Der Courier,“ fuhr die gehorſame Stimme fort, „übergibt dem Herzog einen Brief, den er aus einer ledernen Taſche zieht, welche er auf ſeinem Rücken trägt. Der Herzog entſiegelt und lieſt ihn mit großer Aufmerk⸗ 1½ „Er ſchreibt!“ murmelte Richelieu.„Teufel, wenn man erfahren könnte, was er ſchreibt, das wäre ſchön.“ „Sagt mir, was er ſchreibt,“ ſprach Balſamo. „Ich kann nicht.“ „Weil Ihr zu fern ſeid. Tretet in das Cabinet ein. Seid Ihr dort?“ „Ja. „Neigt Euch über ſeine Schulter.“ „Es iſt geſchehen.“ „Leſet Ihr nun?“ „Die Schrift iſt ſchlecht, fein, hakelig.“ „Leſet, ich will es.“ Die Gräfin und Richelieu hielten den Athem an ſich. „Leſet,“ wiederholte Balſamo mit noch gebieteriſcherem Tone. „„Meine Schweſter,““ ſagte die Stimme zitternd und zögernd. „Das iſt die Antwort,“ flüſterten gleichzeitig der Herzog von Richelieu und die Gräfin. „„Meine Schweſter,““ fuhr die Stimme fort,„„beruhi⸗ gen Sie ſich: die Kriſe hat ſtattgefunden, es iſt wahr; ſie war ſchwer, das iſt abermals wahr; doch ſie iſt vorübergegan⸗ gen. Ich erwarte den morgigen Tag voll Ungeduld, denn morgen gedenke ich meinerſeits die Offenſive zu ergreifen, und Alles läßt mich auf einen entſcheidenden Sieg hoffen. Gut, was das Parlament von Rouen, gut, was Mylord X... gut, was die Petarde betrifft. Morgen, nachdem 174 ich mit dem König gearbeitet habe, werde ich meinem Brief eine Nachſchrift beifügen und ſie Ihnen durch den⸗ ſelben Courier ſchicken.““. Die linke Hand ausgeſtreckt, ſchien Balſamo mühſam der Stimme jedes Wort zu entreißen, während er mit ſeiner rechten Hand haſtig die Zeilen notirte, welche Herr von Choiſeul in ſeinem Cabinet ſchrieb. „Iſt das Alles?“ fragte Balſamo. „Es iſt Alles.“ „Was macht der Herzog nun?“ „Er legt das Papier, auf das er geſchrieben hat, zweimal zuſammen, und dann noch zweimal, und ſteckt es in eine kleine rothe Brieftaſche, die er aus der linken Seite ſeines Rockes zieht.“ „Sie hören,“ ſagte Balſamo zu der in das tiefſte Erſtaunen verſunkenen Gräfin. „Und ſodann verabſchiedet er den Courier, mit dem er noch ſpricht.“ „Was ſagt er ihm?“ „Ich habe nur das Ende des Satzes gehört.“ „Und das war?“ „„Um ein Uhr am Gitter von Trianon.““ Der Cou⸗ rier verbeugt ſich und geht ab.“ „So iſt es,“ ſprach Richelien,„er beſtellt den Cou⸗ rier auf das Ende der Arbeit, wie er in ſeinem Briefe geſagt hat.“ Balſamo machte ein Zeichen mit der Hand, um Still⸗ ſchweigen zu befehlen. „Was macht nun der Herzog?“ fragte er. „Er ſteht auf. Er hält in der Hand den Brief, den man ihm übergeben hat. Er geht gerade auf ſein Bett zu, ſchlüpft hinter dasſelbe, drückt an einer Feder, die ein eiſernes Käſtchen oͤffnet, wirft den Brief hinein, und ſchließt das Käſtchen wieder.“ „Oh!“ riefen gleichzeitig der Herzog und die Gräfin ganz bleich,„oh! das iſt in der That Zauberei.“ 2— —,—, A——, — 175 „Wiſſen Sie nun Alles, was Sie zu wiſſen wünſchen, Madame?“ fragte Balſamo. „Herr Graf,“ erwiederte Madame Dubarry, die ſich ihm ſchauernd näherte,„Sie haben mir einen Dienſt ge⸗ leiſtet, den ich mit zehn Jahren meines Lebens bezahlen würde, oder den ich vielleicht nie werde bezahlen können. Verlangen Sie, was Sie wollen.“ „Oh! Madame, Sie wiſſen, daß wir ſchon in Rech⸗ nung ſtehen.“ „Sagen Sie, was Sie wünſchen.“ „Die Zeit iſt noch nicht gekommen.“ „Nun, wenn ſie gekommen iſt, und wäre es eine Million...“ Balſamo lächelte. „Ei! Gräfin,“ rief der Marſchall,„es wäre eher an Ihnen, eine Million vom Grafen zu verlangen. Ein Mann der weiß, was er weiß, und beſonders, der ſieht, was er ſieht, entdeckt der nicht das Gold und die Diamanten in den Eingeweiden der Erde, wie er den Gedanken im Her⸗ zen des Menſchen entdeckt?“* „Dann werfe ich mich in meiner Ohnmacht nieder,“ ſprach die Gräſin. 3 „Nein, Gräfin, Sie werden ſich eines Tags Ihrer Schuld gegen mich entledigen. Ich gebe Ihnen Gelegen⸗ heit dazu.“ „Graf,“ ſprach der Herzog zu Balſamo,„ich bin unterjocht, beſiegt, vernichtet... ich glaube.“ „Wie der heilige Thomas geglaubt hat, nicht wahr? Das nennt man nicht glauben, das nennt man ſehen.“ „Nennen Sie es, wie Sie wollen; doch ich thue förmlich Abbitte, und wenn man mir fortan von Zauberern ſpricht, nun, ſo werde ich wiſſen, was ich zu ſagen habe.“ Balſamo lächelte. „Wollen Sie mir nun erlauben?“ ſagte er zur Gräfin. „Sprechen Sie.“ 176 „Mein Geiſt iſt ermüdet. Laſſen Sie mich ihm ſeine Freiheit durch eine magiſche Formel wiedergeben.“ „Thun Sie das, mein Herr.“ „Lorenza,“ ſagte Balſamo arabiſch,„ich danke; ich liebe Dich; kehre auf Dein Zimmer auf demſelben Wege zurück, auf dem Du gekommen biſt, und erwarte mich. Gehe, meine Vielgeliebte.“ „Ich bin ſehr müde,“ erwiederte die Stimme in italieniſcher Sprache, noch ſanfter als während der Be⸗ ſchwörung;„beeile Dich, Acharat.“ „Ich gehe.“ Und man hoͤrte die Tritte ſich mit demſelben Streifen entfernen. Nach einigen Minuten, als er ſich vom Abgang von Lorenza überzeugt hatte, verbeugte ſich Balſamo tief, aber mit einer majeſtätiſchen Würde vor den zwei Beſuchen, welche beide erſchrocken, beide überwältigt von der Woge ſtürmiſcher Gedanken, die ſie überſtrömte, mehr wie trunkene Leute, als wie mit Vernunft begabte Weſen zu ihrem Fiacre zurückkehrten. LXXXVII. Ungnade. Am andern Tag ſchlug die große Glocke von Ver⸗ ſailles eilf Uhr, als König Ludwig XV. durch die an ſein Zimmer anſtoßende Gallerie ſchritt und mit trockener Stimme:„Herr de la Vrilliére!“ rief. Der Koͤnig war bleich und ſchien bewegt; je mehr er ſich Mühe gab, dieſe Unruhe zu verbergen, deſto mehr trat ſie in der Verlegenheit ſeines Blickes und in der Spannung ſeiner gewöhnlich unempfindlichen Geſichts⸗ muskeln hervor. —— — u—— 177 Alsbald herrſchte ein eifiges Stillſchweigen in den Reihen der Hoͤflinge, unter denen man den Herrn Herzog von Richelieu und den Grafen Jean Dubarry, Beide ruhig, Beide Gleichgültigkeit und Unwiſſenheit heuchelnd, bemerkte. Der Herzog de la Vrillière näherte ſich und nahm aus den Händen des Königs einen Geheimbrief, den Seine Majeſtät ihm reichte. 3 „Iſt der Herr Herzog von Choiſeul in Verſailles?“ fragte der Koͤnig. „Sire, ſeit geſtern; er iſt Nachmittags um zwei Uhr von Paris zurückgekehrt.“ „Iſt er in ſeinem Hotel, iſt er im Schloß?“ „Er iſt im Schloß, Sire.“ „Gut,“ ſagte der Koͤnig;„überbringen Sie ihm dieſen Befehl, Herzog.“ Ein langer Schauer durchlief die Reihen der Zu⸗ ſchauer, die ſich alle flüſternd beugten, wie die Aehren unter dem Wehen des Sturmwindes. Der König faltete die Stirne, als wollte er dieſe Scene durch den Schrecken verſtärken, und kehrte ſtolz in ſein Cabinet zurück gefolgt von ſeinem Kapitän der Gar⸗ den und dem Commandanten der Chevaurlegers. Alle Blicke folgten Herrn de la Vrillidre, der, ſelbſt unruhig über das Geſchäft, das er zu verrichten hatte, langſam den Hof des Schloſſes durchſchritt und ſich in die Wohnung des Herzogs von Choiſeul begab. Während dieſer Zeit kamen alle Geſpräche, drohend oder ſchüchtern, zum Ausbruch um den alten Marſchall her, der mehr als die Andern den Erſtaunten ſpielte, wodurch ſich aber in Folge eines gewiſſen köſtlichen Lä⸗ chelns Niemand täuſchen ließ. Herr de la Brilliére kam zurück und war ſogleich umzingelt. G „Nun?“ fragte man ihn. „Es war ein Verbannungsbefehl.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. IV. 12 178 „Verbannungsbefehl?“ „Ja, in beſter Form.“ „Sie haben ihn geleſen, Herzog?“ „Ich habe ihn geleſen.“ „Pofitiv?“ „Beurtheilen Sie.“ Und der Herzog ſprach folgende Worte, die er mit dem unerſchütterlichen Gedächtniß, das die Höflinge bildet, behalten hatte:— „Mein Vetter, die Unzufriedenheit, die mir Ihre Dienſte verurſachen, nöthigt mich, Sie nach Chanteloup zu verbannen, wohin Sie ſich in 24 Stunden begeben werden. Ich hätte Sie weiter geſchickt, wäre nicht die beſondere Achtung, welche ich für Frau von Choiſeul hege, deren Geſundheit mir äußerſt wichtig iſt. Nehmen Sie ſich in Acht, daß mich Ihr Benehmen nicht einen andern Entſchluß faſſen läßt.“ Ein langes Gemurmel durchlief die Gruppe, welche den Herzog de la Vrillièére umgab. „Und was hat Ihnen Herr von Saint⸗Florentin ge⸗ antwortet?“ fragte Richelieu, der dem Herzog abſichtlich weder ſeinen neuen Titel, noch ſeinen neuen Namen gab. „Er hat mir geantwortet:— „„Herr Herzog, ich bin überzeugt von dem Vergnü⸗ gen, das es Ihnen bereitet, mir dieſen Brief zu über⸗ bringen.““. „Das war hart, mein armer Herzog,“ ſagte Jean. „Was wollen Sie, Herr Graf, man bekommt nicht einen ſolchen Ziegel auf den Kopf, ohne ein wenig zu ſchreien.“ „Und was wird er thun, wiſſen Sie es?“ fragte Richelieu. 8 „Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird er gehorchen.“ „Hm!“ machte der Marſchall. „Hier iſt der Herzog,“ rief Jean, der am Fenſter Wache ſtand. „Kommt er hierher?“ fragte der Herzog de la Vrillière. 179 „Ich ſagte es Ihnen, Herr von Saint⸗Florentin.“ „Er durchſchreitet den Hof,“ fuhr Jean fort. „Allein?“ „Ganz allein, ſein Portefeuille unter dem Arm.“ „Ahl mein Gott!“ murmelte Richelieu,„ſoll die Scene von geſtern wieder anfangen?“ „Sprechen Sie mir nicht davon, es ſchauert mich,“ ſagte Jean. Er hatte noch nicht vollendet, als der Herzog von Choiſeul, den Kopf hoch, das Auge ſicher, am Eingang der Gallerie erſchien, mit einem klaren und ruhigen Blicke alle ſeine Feinde oder diejenigen, welche ſich im Fall der Ungnade als ſolche erklären würden, niederſchmetternd. Niemand erwartete nach dem, was vorgefallen, dieſen Schritt, Niemand widerſetzte ſich alſo. „Sind Sie ſicher, daß Sie gut geleſen haben, Her⸗ zog?“ fragte Jean. „Bei Gott!“ „Und er kommt nach einem Brief, wie der, den Sie uns vorſagten!“ „Ich begreife das nicht, bei meinem CEhrenwort!“ „Der König wird ihn in die Baſtille werfen laſſen.“ „Das wird ein erſchreckliches Aergerniß geben.“ „Ich möchte ihn beinahe beklagen.“ „Ah! nun tritt er beim König ein. Das iſt unerhört.“ Ohne auf eine Art von Widerſtand, den ihm der Huiſſier mit ganz verblüfftem Geſicht entgegenſetzte, Achtung zu geben, drang der Herzog in der That bis in das Cabinet des Königs, der, als er ihn ſah, einen Schrei des Erſtau⸗ nens von ſich gab. Der Herzog hielt in der Hand ſeinen Geheimbrief; er zeigte ihn dem König mit einem beinahe lächelnden Geſicht und ſprach: „Sire, wie mir Eure Majeſtät geſtern zum Voraus zu bemerken die Gnade hatte, habe ich ſo eben einen neuen Brief erhalten.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte der König. 180 „Und da Eure Majeſtät mir geſtern zu ſagen geruhte, ich ſollte nie als ernſt einen Brief betrachten, der nicht durch das ausdrückliche Wort des Königs ratificirt wäͤre, ſo komme ich, um mir eine Erklärung zu erbitten.“ 3„Sie wird kurz ſein, Herr Herzog,“ ſprach der König. „Heute iſt der Brief gültig.“ „Gültig, ein für einen ergebenen Diener ſo verletzen⸗ der Brief?“ „Ein ergebener Diener, mein Herr, läßt ſeinen Herrn nicht eine lächerliche Rolle ſpielen.“ „Sire,“ ſagte mit ſtolzem Tone der Miniſter,„ich glaubte am Thron geboren zu ſein und die Majeſtät deſſel⸗ ben zu verſtehen.“ „Mein Herr,“ dnigeghet der König,„ich will Sie nicht ſchmachten laſſen. Sie haben geſtern im Cabinet Ihres Hotels in Verſailles einen Courier von Frau von Grammont erhalten.“. „Das iſt wahr, Sire.“ „Er hat Ihnen einen Brief übergeben.“ „Sire, iſt es einem Bruder und einer Schweſter ver⸗ boten, Briefe zu wechſeln?“ „Warten Sie, wenn's beliebt, ich weiß den Inhalt dieſes Briefes.“ „Oh! Sire.“ „Hier iſt er...; ich habe mir die Mühe gemacht, ihn eigenhändig abzuſchreiben.“ Und der König reichte dem Herzog eine genaue Ab⸗ ſchrift des Briefes, den er erhalten hatte. „Sire!“ dengnen Sie nicht, Herr Herzog, Sie haben den Brief in ein eiſernes Käſtchen eingeſchloſſen, das im Gang hinter Ihrem Bett angebracht iſt. 1 Der Herzog wurde bleich wie ein Geſpenſt. „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr der König unbarm⸗ herzig fort,„Sie haben Frau von Grammont geantwortet. Den Inhalt dieſes Briefes weiß ich ebenfalls; er iſt hier in Ihrem Portefeuille und erwartet, um abzugehen, nur —y— 181 eine Nachſchrift, die Sie, wenn Sie mich verlaſſen, beifü⸗ gen ſollen... Sie ſehen, daß ich unterrichtet bin, nicht wahr?“ Der Herzog wiſchte ſeine von eiſigem Schweiß be⸗ feuchtete Stirne ab, verbeugte ſich, ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, und verließ das Cabinet, ſchwankend, als ob ihn der Schlag getroffen hätte. Ohne die friſche Luft, die ihm in's Geſicht ſtrömte, wäre er rücklings niedergeſtürzt. Doch er war ein Mann von mächtigem Willen. So⸗ bald er in der Gallerie war, raffte er ſeine ganze Stärke zuſammen, durchſchritt, die Stirne hoch, die Reihe der Höflinge und trat in ſeine Wohnung, um verſchiedene Pa⸗ piere zu verſchließen und zu verbrennen. Eine Viertelſtunde nachher verließ er das Schloß in ſeiner Carroſſe. Die Ungnade von Herrn von Choiſeul war ein Don⸗ nerſchlag, der Frankreich entzündete. In der That, durch die Duldſamkeit des Miniſters unterſtützt, erklärten die Parlamente, der Staat habe ſeine feſteſte Säule verloren. Der Adel hing an ihm als an einem der Seinigen. Die Geiſtlichkeit war von dieſem Mann geſchont worden, deſſen perſoͤnliche Würde, zuweilen bis zum Hochmuth geſteigert, ſeinen miniſteriellen Verrich⸗ tungen ein prieſterliches Anſehen gab. 1 Die encyclopädiſtiſche oder philoſophiſche Partei, welche ſchon ſehr zahlreich und beſonders ſehr ſtark war, weil ſie bei den Unterrichteten, den Aufgeklärten und bei den vom Geiſte des Widerſpruchs beſeelten Leuten rekrutirte, ſtieß ein lautes Geſchrei aus, als ſie die Regierung den Händen des Mi⸗ niſters entgehen ſah, der Voltaire beweihrauchte, die Ency⸗ clopädie penſionirte und, ſie in nützlicher Richtung ent⸗ wickelnd, die Ueberlieferung von Frau von Pompadour, dieſes weibliches Mäcens der Männer des Mercure und der Philoſophie, bewahrte. Das Volk hatte viel mehr Recht als alle die Unzu⸗ friedenen. Es beklagte ſich auch das Volk und zwar ohne 182 zu ergründen, aber es berührte wie immer die große Wahr⸗ heit, den wunden Fleck. Aus dem allgemeinen Geſichtspunkt betrachtet, war Herr von Choiſeul ein ſchlechter Miniſter und ein ſchlechter Bürger; beziehungsweiſe aber war er ein Muſter der Tugend, der Sittlichkeit und der Vaterlandsliebe. Wenn das Volk, das auf dem Lande Hungers ſtarb, von den Verſchwendungen Seiner Majeſtät, von den zu Grunde richtenden Launen von Madame Dubarry höͤrte, wenn man ihm unmittelbar Nachrichten, wie l'-Homme aux quarante écus, oder Rathſchläge wie den Contrat social, ſodann insgeheim Offenbarungen wie die Nouvelles à la main, oder die Idées singulières d'un bon citoyen zuſandte, da erſchrack das Volk, daß es wieder in die un⸗ reinen Hände der Favoritin, welche minder achtens⸗ werth als die Frau eines Kohlenbrenners, wie Bauveau ſagte, in die Hände der Günſtlinge der Favoritin fallen ſollte, und erſtaunte, müde ſo vieler Leiden, die Zu⸗ kunft ſchwärzer zu ſehen, als es die Vergangenheit gewe⸗ ſen war. Nicht als hätte das Volk, das Antipathien hatte, ſehr ſcharf hervortretende Sympathien gehabt. Es liebte die Parlamente nicht, weil die Parlamente, ſeine natürlichen Beſchützer, es ſtets verlaſſen hatten, um müßige Fragen des Vorſitzes oder ſelbſtſüchtiger Intereſſen zu verhandeln; weil ſich dieſe Parlamente, ſchlecht beleuchtet durch den fal⸗ ſchen Widerſchein der königlichen Allgewalt, eingebildet hat⸗ ten, ſie ſeien etwas wie eine Ariſtokratie zwiſchen dem Adel und dem Volk. Es liebte den Adel nicht aus Inſtinct und aus Erin⸗ nerung. Es fürchtete das Schwert eben ſo ſehr, als es die Kirche haßte. Nichts konnte es bei der Entlaſſung von Herrn von Choiſeul berühren, aber es hörte die Kla⸗ gen des Adels, der Geiſtlichkeit und des Parlaments, und ſeinem eigenen Murren beigefügt, bildete dieſes Geräuſch einen Lärmen, der es berauſchte.............. Ganz Paris, das Wort läßt ſich hier durch einen Be⸗ —— 183 weis rechtfertigen, begleitete bis zu den Thoren den Ver⸗ bannten, der nach Chanteloup abreiſte. 1 Da Volk bildete Spaliere auf dem Wege der Car⸗ roſſe; die Parlamentsmitglieder und die Leute vom Hof, die vom Herzog nicht mehr hatten empfangen werden können, ſtellten ihre Equipagen vor den Reihen des Volkes auf, um ihn im Vorüberfahren zu grüßen und ein Zeichen des Abſchieds von ihm zu erhalten. Das dichteſte Gedränge war an der Barriére d'Enfer, von wo aus die Straße nach Touraine führt. Es war hier ein ſolcher Zuſtrom von Fußgängern, Reitern und Wagen, daß die Circulation mehrere Stunden unterbrochen wurde. Als es dem Herzog gelang, durch die Barrièére hinauszukommen, ſah er ſich von mehr als hundert Wagen begleitet, welche gleichſam eine Glorie für den ſeinigen bildeten. Zurufungen und Seufzer folgten ihm. Er hatte zu viel Geiſt und zu viel Kenntniß von der Lage der Dinge, um nicht zu begreifen, daß all dieſer Lärmen weniger ein Beklagen war, das ſeiner Perſon galt, als Befürchtungen hinſichtlich der Unbekannten, die ſich aus ſeinen Trümmern erheben würden. Eine Poſtchaiſe kam im Galopp auf der verſperrten Landſtraße einher, und ohne eine gewaltige Anſtrengung des Kutſchers hätten ſich die von Staub und Schweiß weißen Pferde in das Geſpann von Herrn von Choiſeul geſtürzt. Ein Kopf neigte ſich aus dieſer Chaiſe, wie ſich Herr von Choiſeul aus ſeinem Wagen neigte. Herr von Aiguillon verbeugte ſich tief vor dem ge⸗ fallenen Miniſter, deſſen Erbſchaft er einthun wollte. Herr von Choiſeul warf ſich in den Wagen zurück: eine einzige Secunde hatte die Lorbeeren ſeiner Niederlage vergiftet. Doch in demſelben Augenblick und ohne Zweifel als Entſchädigung, kreuzte ein Wagen mit dem Wappen von Frankreich, der, gezogen von acht Pferden, auf der Ver⸗ zweigung der Straße von Sevres nach Saint⸗Cloud fuhr 184 und, ſei es aus Zufall, oder war es Folge der Verſperrung, nicht die Landſtraße benützte, dieſer königliche Wagen, ſa⸗ gen wir, kreuzte die Carroſſe von Herrn von Choiſeul. Die Dauphine ſaß mit ihrer Ehrendame, Frau von Noailles, auf dem Hinterſitz. 2 Fräulein Andrée von Taverney war auf dem Vorderſitz. Roth vor Vergnügen und Glorie, neigte ſich Herr von Choiſeul tief grüßend aus dem Schlag. „Gott befohlen, Madame,“ ſagte er mit zitternder Stimme. „Auf Wiederſehen, Herr von Choiſeul,“ rief die Dau⸗ phine mit einem kaiſerlichen Lächeln und mit majeſtätiſcher Verachtung aller Etiquette. „Es lebe Herr von Choiſeul!“ ſchrie eine enthuſiaſtiſche Stimme nach dieſen Worten der Dauphine. Fräulein Andrée wandte ſich raſch beim Tone dieſer Stimme um. „Aufgepaßt!“ riefen die Stallmeiſter der Prinzeſſin und nöthigten Gilbert, der ſich ganz bleich und ſehgierig vorgedrängt hatte, bis an den Graben der Straße zurück⸗ zuweichen. Es war in der That unſer Held, der in einer philo⸗ ſophiſchen Begeiſterung: Es lebe Herr von Choiſeul! ge⸗ rufen hatte. 3 LXXXVIII. Der Herr Herzog von Aiguillon. So viel man in Paris und auf der Straße nach Chanteloup Grimaſſen und rothe Augen zur Schau trug, eben ſo viele glänzende, lächelnde Geſichter brachte man nach Luciennes. In Luciennes thronte diesmal nicht mehr eine Sterbliche, die ſchoͤnſte und angebetetſte der Sterb⸗ lichen, wie die Höflinge und Dichter ſagten, ſondern eine wahre Gottheit, welche Frankreich regierte. Am Abend des Tages, an welchem Herr von Choiſeul in Ungnade ſiel, bedeckte ſich auch die Straße mit denſel⸗ ben Egipagen, welche am Morgen dem verbannten Miniſter nachgefahren waren; mehr noch, man ſah alle Parteigän⸗ ger des Kanzlers, der Beſtechung und der Günſtlingſchaft, was einen anſehnlichen Zug bildete. Doch Madame Dubarry hatte ihre Polizei; Jean wußte, ungefähr auf einen Baron, den Namen derjenigen, welche die letzten Blumen dem abgeſchiedenen Choiſeul zu⸗ geworfen hatten; er ſagte dieſe Namen der Gräſin und ſie wurden unbarmherzig ausgeſchloſſen, während der Muth der Andern gegen die öffentliche Meinung eine Belohnung durch ein Lächeln der Protection und den vollſtändigen Anblick der Gottheit des Tags erhielt. Nach der großen Reihe der Wagen und des allge⸗ meinen Gedränges, fand der beſondere Empfang ſtatt. Richelieu, der Held des Tages, allerdings der geheime und beſonders beſcheidene Held, ſah den Wirbel der Beſuche und Bittſteller vorüberziehen und nahm den letzten Stuhl im Boudoir ein. Gott weiß, wie man ſich freute und ſich Glück wünſchte! Das Drücken der Hände, das kleine halberſtickte Gelächter, das enthuſiaſtiſche Trippeln ſchienen die Sprache der Be⸗ wohner von Luciennes geworden zu ſein. „Man muß geſtehen,“ ſagte die Gräfin,„der Graf von Balſamo oder von Fönix, wie Sie ihn nennen wollen, Herzog, iſt der erſte Mann dieſer Zeit. Es wäre ſehr Schade, wenn man die Zauberer noch verbrennen würde.“ „Ja, Gräfin, ja, es iſt ein ſehr großer Mann,“ er⸗ wiederte Richelieu. „Und ein ſehr ſchöner Mann. Ich habe eine Laune für dieſen Mann, Herzog. „Sie werden uch eiferſüchtig machen,“ ſprach lachend Richelieu, den es überdies drängte, dem Geſpräch eine 186 eernſtere Wendung zu geben... Er wäre ein furchtbarer Polizeiminiſter, dieſer Herr Graf von Fönix.“ „Ich dachte auch daran,“ ſagte die Gräfin.„Nur iſt er unmöglich.“. „Warum, Gräfin?“ „Weil er ſeine Collegen unmöglich machen würde.“ „Wie ſo?“ „Da er Alles weiß, alle ihre Spiele ſieht...“ Herr von Richelieu erröthete unter ſeiner Schminke. „Gräfin,“ erwiederte er,„ich wünſchte, ſollte er mein College ſein, er wäre immer bei meinem Spiele betheiligt, und er würde Ihnen die Karten mittheilen, Sie würden dabei ſtets den Herzbuben auf den Knieen vor der Dame und zu den Füßen des Köͤnigs ſehen.“ „Es gibt Niemand, der mehr Geiſt hat als Sie, mein lieber Herzog,“ verſetzte die Gräfin.„Doch ſprechen wir ein wenig von unſerem Miniſterium.. Ich glaubte, Sie hätten Ihren Neffen benachrichtigen laſſen?“ „Aiguillon? Er iſt angekommen, Madame, und zwar unter den Auſpicien, die ein römiſcher Seher für die gün⸗ ſtigſten erklärt haben würde: ſein Wagen hat den des abfahrenden Herrn von Choiſeul gekreuzt.“ „Das iſt in der That ein günſtiges Vorzeichen,“ ſprach die Gräfin;„er wird alſo kommen?“ 4 „Madame, ich habe mir überlegt, daß Herr von Aiguillon, wenn er in Luciennes von aller Welt und in einem Augenblick, wie dieſer, geſehen würde, zu allen Arten von Commentaren Anlaß geben müßte, und ich habe ihn deshalb gebeten, unten im Dorf zu bleiben, bis ich ihn nach Ihren Befehlen rufe.“ „Rufen Sie ihn alſo, Marſchall, und zwar auf der Stelle, denn wir ſind nun beinahe allein.“ „Um ſo lieber, als wir uns völlig verſtändigt haben, nicht wahr, Gräfin?“ 1 „Durchaus, ja, Herzog. Sie ziehen... den Krieg den Finanzen vor, nicht wahr? Oder wünſchen Sie die Marine zu haben?“ — — 187 „Ich ziehe den Krieg vor, Madame; dabei kann ich am meiſten Dienſte leiſten.“ 1 „Das iſt richtig. In dieſem Sinne werde ich alſo mit dem König ſprechen. Sie haben keine Antipathie?“ „Gegen wen?“ „Gegen diejenigen von Ihren Collegen, welche der König vorſchlagen wird?“ „Ich bin der Mann der Welt, mit dem am wenig⸗ ſten ſchwierig zu leben iſt; doch Sie werden mir erlauben, daß ich meinen Neffen rufen laſſe, da Sie ihm die Gunſt, ihn zu empfangen, gewähren wollen.“ Richelteu näherte ſich dem Fenſter; der letzte Schein der Abenddämmerung beleuchtete noch den Hof. Er machte ein Zeichen einem ſeiner Bedienten, der dieſes Fenſter be⸗ wachte und auf ſein Signal ſogleich weglief. Man fing indeſſen an bei der Gräfin die Lichter anzuzünden. Zehn Minuten nach dem Abgang des Bedienten fuhr ein Wagen in den erſten Hof. Die Gräſin wandte raſch ihre Augen dem Fenſter zu. Richelieu gewahrte dieſe Bewegung, die ihm als ein vortreffliches Vorzeichen für die Angelegenheiten von Herrn von Aiguillon und folglich für die ſeinigen erſchien. „Sie mag den Oheim wohl leiden, ſie findet Ge⸗ ſchmack am Neffen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„wir werden die Herren hier ſein.“ Während er ſich an dieſen chimäriſchen Dünſten wei⸗ dete, vernahm man ein ſchwaches Geräuſch an der Thüre und die Stimme des Kammerdieners meldete den Herzog von Aiguillon. Er war ein ſehr ſchoöͤner und ſehr anmuthiger Herr, der in einer ebenſo reichen, als zierlichen und wohlverſtan⸗ denen Kleidung erſchien. Herr von Aiguillon hatte die Tage der friſchen Jugend hinter ſich, aber er gehörte zu jenen Männern, welche durch den Blick und den Willen bis zum hinfälligen Alter jung find.. Die Sorgen der Regierung hatten nicht eine Runzel 188 auf ſeine Stirne gebracht; ſie hatte nur die natürliche Falte vergrößert, die bei den Dichtern und den Staats⸗ männern die Zufluchtſtätte tiefer Gedanken zu ſein ſcheint. Er hielt gerade und hoch ſeinen ſchönen Kopf voll Fein⸗ heit und Schwermuth, als ob er wüßte, daß der Haß von zehn Millionen Menſchen auf dieſem Kopf laſtete, aber als hätte er auch zugleich beweiſen wollen, dieſe Laſt über⸗ ſteige ſeine Kräfte nicht. Herr von Aiguillon hatte die ſchönſten Hände der Welt, von jenen Händen, welche ſelbſt noch unter der Woge der Spitzen weiß und zart erſcheinen. Man hatte in jener Zeit eine beſondere Vorliebe für ein gut gebautes Bein; das des Herzogs war ein Muſter nerviger Zierlich⸗ keit und ariſtokratiſcher Form. Man fand bei ihm die Lieblichkeit des Dichters, den Adel des vornehmen Herrn, die Geſchmeidigkeit und das Markige eines Musketiers. Für die Gräfin war es ein dreifaches Ideal: ſie fand in einem einzigen Modell drei Typen, welche dieſe ſchöne Sinnliche aus Inſtinct lieben mußte. Durch eine bemerkenswerthe Seltſamkeit, oder beſſer geſagt, in Folge einer Verkettung durch die geſchickte Tak⸗ tik von Herrn von Aiguillon combinirter Umſtände hatten ſich dieſe zwei Helden des öffentlichen Haſſes, die Favoritin und der Höfling, noch nicht von Angeſicht zu Angeſicht bei Hofe mit allen ihren Vorzügen geſehen. Herr von Aiguillon hatte ſich in der That ſeit drei Jahren viel in der Bretagne oder in ſeinem Cabinet be⸗ ſchäftigt; er war wenig verſchwenderiſch mit ſeiner Perſon bei Hofe geweſen, da er wohl wußte, es würde eine gün⸗ ſtige oder ungünſtige Kriſe eintreten. Im erſten Fall wäͤre es beſſer, den von ihm Regierten die Vortheile des Unbekannten anzubieten, im zweiten, zu verſchwinden, ohne zu ſtarke Spuren zurückzulaſſen, um ſpäter leicht mit einem neuen Geſicht aus dem Schlunde hervorgehen zu können. Und dann war ein anderer Grund bei allen dieſen Berechnungen vorherrſchend; dieſer gehört zum Felde des Romans, iſt jedoch der beſſere. — —₰ H 189 Ehe Madame Dubarry Gräſin war und jede Nacht mit ihren Lippen die Krone von Frankreich beruͤhrte, war ſie ein hübſches, lachendes, angebetetes Geſchöpf geweſen; ſie war geliebt geweſen, ein Gluck, auf das ſie nicht mehr rechnen durfte, ſeitdem man ſie fürchtete. 4 Unter allen den reichen, mächtigen und ſchönen junge Leuten, welche Jeanne Vaubernier den Hof gemacht, unter allen den Reimſchmieden, welche an das Ende von zwei Verſen die Worte Lange und Ange angehängt hatten, war der Herzog von Aigutlllon in der erſten Reihe geſtan⸗ den; aber mag nun der Herzog die Sache nicht eifrig ge⸗ nug betrieben haben, mag Mademoiſelle Lange nicht ſo leicht zugänglich geweſen ſein, als ihre Verleumder be⸗ haupteten, mag endlich, und dies benimmt weder dem Einen noch der Andern ein Verdienſt, mag endlich die plötzliche Liebe des Koͤnigs die Herzen getheilt haben, welche ſich zu verſtändigen im Begriff waren, Herr von Aiguillon hatte Verſe, Akroſticha und duftende Sträuße wieder eingeſchoben; Mademoiſelle Lange hatte ihre Thüre in der Rue des Petits⸗Champs geſchloſſen; der Herzog war, ſeine Seufzer erſtickend, nach der Bretagne gezogen und Mademoiſelle Lange ſandte alle die ihrigen gen Ver⸗ ſailles an den Herrn Baron von Goneſſe, nämlich an den König von Frankreich. Daraus ging hervor, daß das plötzliche Verſchwinden von Herrn von Aiguillon Anfangs Madame Dubarry ſehr wenig beſchäftigte, weil ſie Furcht vor der Vergangenheit hatte; als ſie aber in der Folge die ſchweigſame Haltung ihres ehemaligen Anbeters wahrnahm, wurde ſie neugierig, dann erſtaunte ſie, und gut geſtellt, um die Menſchen zu beurtheilen, urtheilte ſie, dieſer ſei wahrhaft ein Mann von Geiſt. Es war viel, dieſe Auszeichnung durch die Gräfin; doch es war nicht Alles, es ſollte vielleicht der Augenblick kommen, wo ſie in Herrn von Aiguillon einen Mann von Herz erkennen würde. 3 Es iſt nicht zu leugnen, die arme Mademoiſelle Lange hatte Gründe, die Vergangenheit zu fürchten. Ein Mus⸗ ketier, ein ehemals glücklicher Liebhaber, wie er ſagte, war eines Tags bis nach Verſailles gedrungen, um von Ma⸗ demoiſelle Lange ein wenig von ihren früheren Gunſtbe⸗ zeugungen zu fordern, und dieſe raſch durch eine ganz königliche Höhe unterdrückten Worte hatten nichtsdeſtoweni⸗ ger das ſchamhafte Echo des Pallaſtes von Frau von Maintenon läſtern gemacht. Man hat geſehen, daß der Marſchall bei ſeinem ganzen Geſpräche mit Madame Dubarry nie das Kapitel einer Bekanntſchaft ſeines Neffen mit Mademoiſelle Lange berührte. Dieſes Stillſchweigen von Seiten eines Mannes, der wie der alte Herzog gewohnt war, die ſchwierigſten Dinge der Welt zu ſagen, ſetzte Madame Dubarry ſehr in Erſtaunen und beunruhigte ſie ſogar. Sie erwartete alſo voll Ungeduld Herrn von Aiguillon, um endlich zu erfahren, woran ſie ſich zu halten hätte und ob der Marſchall discret oder unwiſſend geweſen ſei. Der Herzog trat ein. CEhrfurchtsvoll mit Leichtigkeit und ſeiner ſicher genug, um zwiſchen der Königin und der gewöhnlichen Frau von Hof zu grüßen, unterjochte er ſich mit einem Schlag eine Protection, welche ganz geneigt war, das Gute vollkom⸗ men, und das Vollkommene wunderbar zu finden. Herr von Aiguillon nahm ſodann die Hand ſeines Oheims, der auf die Gräfin zuging und mit ſeiner ein⸗ ſchmeichelndſten Stimme zu ihr ſagte: „Das iſt der Herr Herzog von Aiguillon, Madame; es iſt nicht mein Neffe, ſondern einer Ihrer leidenſchaft⸗ lichſten Diener, den ich Ihnen vorzuſtellen die Ehre habe.“ Die Gräfin ſchaute den Herzog bei dieſen Worten an, und ſie ſchaute ihn an, wie es die Frauen thun, näm⸗ lich mit Augen, denen nichts entgeht; ſie ſah nur zwei ehrfurchtsvoll geneigte Stirnen, und zwei Geſichter, welche ruhig und heiter nach dem Gruß wieder auftauchten. „Ich weiß,“ erwiederte Madame Dubarry,„daß Sie den Herrn Herzog lieben, Marſchall; Sie ſind mein Freund. 8 5 ——; 191 Ich werde den Herrn bitten aus Achtung vor ſeinem Oheim dieſen in Allem nachzuahmen, was er Angenehmes für mich thun wird.“ „Das iſt das Benehmen, das ich mir längſt vorge⸗ zeichnet habe, Madame,“ ſprach der Herzog von Aiguillon mit einer neuen Verbeugung. „Sie haben in der Bretagne ſehr gelitten?“ fragte die Gräfin. „Ja, Madame, und ich bin noch nicht zu Ende,“ erwiederte Herr von Aiguillon. „Ich glaube doch, mein Herr; überdies iſt hier Herr von Richelieu, der Sie mächtig unterſtützen wird.“ Aiguillon ſchaute Richelieu wie erſtaunt an. „Ah!“ ſagte die Gräfin,„ich ſehe, daß der Marſchall noch nicht einmal Zeit gehabt hat, mit Ihnen zu reden; das iſt ganz einfach, Sie kommen ſo eben von der Reiſe. Nun! Sie müſſen ſich hundert Dinge zu ſagen haben. Ich laſſe Sie allein, Marſchall. Herr Herzog, Sie ſind hier zu Hauſe.“ Die Gräfin zog ſich nach dieſen Worten zurück. Doch ſie hatte einen Plan. Die Gräfin ging nicht ſehr weit. Hinter dem Boudoir öffnete ſich ein großes Cabinet, wo ſich der König häufig, wenn er nach Lucien⸗ nes kam, unter chineſiſchen Spielereien aller Art aufhielt. Er zog dieſes Cabinet dem Boudoir vor, weil man aus demſelben Alles hörte, was im anſtoßenden Zimmer ge⸗ ſprochen wurde. Madame Dubarry war alſo ſicher, daß ſie von hier aus die ganze Unterredung des Marſchalls und ſeines Neffen hören konnte; nach dieſem wollte ſie ſich über den letz⸗ teren eine unwiderrufliche Meinung bilden. Doch der Herzog war nicht zu dupiren; er kannte einen großen Theil der Geheimniſſe jeder königlichen oder miniſteriellen Oertlichkeit. Horchen, während man ſprach, war eines von ſeinen Mitteln, ſprechen, während man horchte, war eine von ſeinen Liſten. Er beſchloß alſo, noch ganz warm von dem Empfang, . 192 der Aiguillon von Madame Dubarry zu Theil geworden war, die Sache bis zum Ende zu treiben und der Favo⸗ ritin, unter der Wohlthat ihrer vermeintlichen Abweſenheit, einen ganzen Plan kleinen geheimen Glückes und großer Macht mit Intriguen vermengt zu bezeichnen, ein doppelt leckerer Köder, dem eine huͤbſche Frau und beſonders eine Frau von Hofe beinahe nie widerſteht. Er ließ den Herzog niederſitzen und ſagte zu ihm: „Sie ſehen, Herzog, ich bin hier einheimiſch.“ „Ja, mein Herr, ich ſehe es.“ „Ich habe das Glück gehabt, mir die Gunſt dieſer reizenden Frau zu erwerben, die man hier als Köonigin betrachtet, und die es in der That auch iſt. Ich ſage Ihnen, Herzog,“ fuhr Richelieu fort,„was ich Ihnen nicht auf offener Straße mittheilen konnte, iſt, daß mir Madame Dubarry ein Portefeuille verſprochen hat.“ „Ah!“ ſagte Aiguillon, das iſt man Ihnen ſchuldig.“ „Ich weiß nicht, ob man es mir ſchuldig iſt, doch ich weiß, daß es mir etwas ſpät zukommt; müde, wie ich ſein werde, gedenke ich mich mit Ihnen zu beſchäftigen, Aiguillon.“ „Ich danke, Herr Herzog, Sie ſind ein guter Ver⸗ wandter, und ich habe mehr als einen Beweis davon.“ „Sie haben nichts in Abſicht, Aiguillon 2“ „Durchaus nicht, wenn nicht, daß man mich nicht meines Titels als Herzog und Pair entſetzen ſoll, wie es dieſe Herren vom Parlament verlangen.“ „Sie haben irgendwo Stützen?“ „Ich? nicht eine.“ „Sie wären alſo ohne den gegenwärtigen Umſtand gefallen?“ „Der Länge nach, Herr Herzog.“ „Ah! Sie ſprechen wie ein Philoſoph. Was Teufels, ich behandle Dich auch ſtreng, mein armer Aiguillon, und ich ſpreche mit Dir mehr als Miniſter, denn als Oheim.“ t ennen Oheim, Ihre Güte erfüllt mich mit Dank⸗ arkeit.“ ——m y Oů⁶———ęęę A 193 „Wenn ich Dich von dort, und zwar ſo ſchnell hier⸗ her berufen habe, ſo begreifſt Du, daß dies geſchehen iſt, um Dich eine gute Rolle ſpielen zu laſſen... Sprich, haſt Du zuweilen über diejenige nachgedacht, welche Herr von Choiſeul zehn Jahre hindurch ſpielte?“ „Ja, gewiß; ſie war ſchön.“ „Schön, verſtändigen wir uns; ſchön, ſo lange er mit Frau von Pompadour den Koͤnig beherrſchte und die Jeſuiten verbrennen ließ; traurig, ſehr traurig, als er ſich, nachdem er ſich wie ein Dummkopf mit Frau von Du⸗ barry, welche zwanzig Pompadours werth iſt, entzweit hatte, in vier und zwanzig Stunden vor die Thüre ſetzen ließ... Du antworteſt nicht?“ „Ich höre, mein Herr, und ſuche, worauf Sie abzielen.“ „Du liebſt ſie, nicht wahr, dieſe erſte Rolle von Choiſeul?“ „Gewiß.“ „Nun wohl, mein lieber Freund, ich bin entſchloſſen, dieſe Rolle zu ſpielen.“ Aiguillon wandte ſich ungeſtüm gegen ſeinen Oheim und rief: „Sprechen Sie im Ernſt?“ „Ja, warum nicht?“ „Sie wollen der Liebhaber von Madame Dubarry werden?“ „Ahl Teufel! Du gehſt zu raſch; doch ich ſehe, daß Du mich begriffen haſt. Ja, Choiſeul war ſehr glücklich, er beherrſchte den König und beherrſchte ſeine Geliebte; er liebte, wie man ſagt, Madame Pompadour... Im Ganzen, warum nicht?... Doch nein, ich kann nicht der geliebte Liebhaber ſein, Dein kaltes Lächeln ſagt es mir wohl; Du ſchauſt mit Deinen jungen Augen meine ge⸗ runzelte Stirne, meine gebogenen Kniee und meine ver⸗ trocknete Hand an, die einſt ſo ſchön war. Statt zu ſagen, da ich von der Rolle von Choiſeul ſprach, ich werde ſie ſpielen, hätte ich ſagen müſſen: wir werden ſie ſpielen.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. IWV. 13 „Mein Oheim!“ „Nein, ich kann nicht von dieſer Frau geliebt ſein; ich weiß jedoch, ich ſage es Dir... und zwar ohne Furcht, weil ſie es nicht erfahren kann, ich würde dieſe Frau über Alles lieben;... aber!“ Aiguillon faltete die Stirne. „Aber 2...“ fuhr er fort. „Ich habe einen herrlichen Plan entworfen; die Rolle, die mir mein Alter unmöglich macht, werde ich entzweitrennen.“ „Ah! ah!“ machte Aiguillon,„einer von den Mei⸗ nigen wird Madame Dubarry lieben. Bei Gott! eine ſchöne Aufgabe, eine vollendete Frau!“ Hier erhob Richelieu die Stimme. „Du begreifſt, nicht Fronſac, ein unglücklicher, aus⸗ gearteter Menſch, ein Einfaltspinſel, ein Feiger, ein Schuft, ein Schlucker.... Sprich, Herzog, Du ſollſt es ſein.“ „Ich?“ rief Aiguillon,„ſind Sie verrückt, mein Oheim?“ „Verrückt! Wie! Du liegſt noch nicht zu den Füßen desjenigen, welcher Dir dieſen Rath gibt? Wie! Du zer⸗ ſchmilzeſt nicht vor Freude, Du brennſt nicht vor Dank⸗ barkeit! Wie! Du biſt nicht ſchon nach der Art und Weiſe, wie ſie Dich empfangen hat, verliebt.. wahn⸗ ſinnig vor Liebe?... Ah!l ah!“ rief der alte Marſchall, .„ſeit Alcibiades hat es nur einen Richelien in der Welt ge⸗ geben, es wird nur einen geben.. ich ſehe das wohl.“ „Oheim!“ erwiederte der Herzog mit einer geheu⸗ chelten oder wirklichen Bewegung,— in erſterem Fall war ſie vortrefflich geſpielt—„mein Oheim, ich begreife, welchen Nutzen Sie aus der Stellung ziehen koͤnnten, von der Sie ſprechen; Sie würden mit dem Anſehen von Herrn von Choiſeul regieren, und ich wäre der Liebhaber, der Ihnen dieſes Anſehen verſchaffen würde; ja, der Plan iſt würdig des geiſtreichſten Mannes von Frankreich, aber Sie haben, als Sie ihn entwarfen, nur Eines vergeſſen.“ „— 195 „Was denn 2...“ rief Richelieu voll Unruhe... „Würdeſt Du Madame Dubarry nicht lieben? Iſt es das?... Narr! dreifacher Narr! Unglücklicher! Iſt es Während dieſer Tirade, die der Herzog mit einem Feuer ſprach, um das ihn Molsé beneidet häͤtte, biß ſich Richelleu auf die Lippen und ſagte ganz leiſe: „Hat der Burſche errathen, daß uns die Gräfin be⸗ horcht? Teufel! wie gewandt iſt er. Es iſt ein Meiſter. Dann nehmen wir uns in Acht!“ Nichelien hatte Recht, die Gräfin horchte, und jedes 8 196 der Worte von Aiguillon drang tief in ihr Herz; ſie trank mit langen Zügen den Zauber dieſes Geſtändniſſes, ſie er⸗ quickte ſich an dem ausgeſuchten Zartgefühl desjenigen, der, ſelbſt gegen einen innigen Vertrauten, das Geheimniß ihrer früheren Verbindung, aus Furcht, einen Schatten auf ein vielleicht noch geliebtes Bild zu werfen, nicht verrathen hatte. „Du weiſeſt mich alſo zurück?“ ſagte Richelieu. „Oh! was das betrifft, ja, mein Oheim, denn leider betrachte ich die Sache als unmöglich.“ „Verſuche es wenigſtens, Unglücklicher!“ „Und wie?“ „Du gehörſt nun zu den Unſeren;... Du wirſt die Gräfin alle Tage ſehen; gefalle ihr, bei Gott!“ „In einer eigennützigen Abſicht? Nein, nein... wenn ich das Unglück hätte, ihr zu gefallen, würde ich bei dieſem bitteren Gedanken bis an's Ende der Welt fliehen, denn ich würde mich meiner ſchämen.“ „Richelieu kratzte ſich abermals am Kinn und ſagte zu ſich ſelbſt: „Die Sache iſt abgemacht, oder Aiguillon iſt ein Dummkopf.“ Plötzlich hörte man Lärmen in den Höfen und einige Stimmen riefen:„Der König!“ „Teufel!“ ſagte Richelieu,„der König darf mich nicht hier ſehen, ich entfliehe.“ „Aber mich,“ verſetzte der Herzog. „Du, das iſt etwas Anderes, er muß Dich ſehen. Bleibe... bleibe, und wirf um Gotteswillen nicht den Stiel der Art nach.“ „Morgen,“ ſagte noch Richelieu, und ſtahl ſich dann auf der kleinen Treppe weg. . LXXXIX. Der Antheil des Königs. Als der Herzog von Aiguillon allein war, fühlte er ſich Anfangs ziemlich verlegen; er hatte vollkommen Alles begriffen, was ihm ſein Oheim ſagte, vollkommen begriffen, daß Madame Dubarry horchte, vollkommen begriffen end⸗ lich, daß es ſich für einen Mann von Geiſt darum han⸗ delte, bei dieſer Veranlaſſung ein Mann von Herz zu ſein und allein die Partie zu ſpielen, bei der der alte Herzog ſein Verbündeter zu ſein ſuchte. Die Ankunft des Königs unterbrach ſehr glücklich die Erklärung, welche nothwendiger Weiſe aus dem ganz pu⸗ ritaniſchen Benehmen von Herrn von Aiguillon erfolgt wäre. Der Marſchall war nicht der Mann, der lange Zeit Dupe blieb, und beſonders der in einem übertriebenen Schimmer die Tugend eines Andern auf Koſten der ſeinigen glänzen ließ. Aiguillon war aber allein geblieben und hatte ſomit Zeit, nachzudenken. Der König kam in der That. Schon hatten ſeine Pagen die Thüre des Vorzimmers geoͤffnet und Zamore ſtürzte dem Monarchen entgegen, um Bonbons zu for⸗ dern.... eine rührende Vertraulichkeit, welche Ludwig XV. in ſeinen Augenblicken düſterer Laune mit empfindlichen Naſenſtübern, oder mit einem für den jungen Afrikaner ſehr unangenehmen Reiben des Ohrs bezahlte. Seine Majeſtät begab ſich in das Cabinet der chine⸗ ſiſchen Spielſachen, und, was Herrn von Aiguillon über⸗ zeugte, daß Madame Dubarry nicht ein Wort von der Unterredung mit ſeinem Oheim verloren hatte, war der Umſtand, daß er, Aiguillon, vollkommen von den erſten Worten das ganze Geſpräch des Königs mit der Gräfin hörte. Seine Majeſtät ſchien müde, wie ein Menſch, der eine ungeheure Laſt aufgehoben hätte; Atlas war minder entkräftet nach ſeinem Tagewerk, wenn er den Himmel zwoͤlf Stunden lang auf ſeinen Schultern getragen hatte. Ludwig XV. ließ ſich von ſeiner Geliebten danken, Beifall ſpenden, liebkoſen; er ließ ſich den ganzen Gegen⸗ ſchlag der Entlaſſung von Herrn von Choiſeul erzählen, und das beluſtigte ihn ungemein.. Da wagte ſich Madame Dubarry heraus. Es war ſchön Wetter für die Politik und überdies fühlte ſie ſich muthig genug, einen von den vier Welttheilen in Aufruhr zu ſetzen.“ 4„Sire,“ ſagte ſie,„Sie haben zertrümmert, das iſt gut; Sie haben zerſtört, das iſt herrlich; doch nun han⸗ delt es ſich darum, wieder aufzubauen.“ „Oh! das iſt geſchehen,“ ſagte der König nachläßig, „Sisahaben ein Miniſterium?“ „Ja! „Wie, ſo mit einem Mal, ohne Athem zu holen?“ „Oh! die gehirnloſen Leute... oh! Sie Weib, das Sie ſind! Nimmt man nicht, wie Sie einſt ſagten, ehe man ſeinen Koch wegjagt, einen neuen an?“ „Wiederholen Sie mir noch einmal, daß Sie das Cabinet gebildet haben.“ Deer König erhob ſich von dem breiten Sopha, auf den er ſich mehr gelegt, als geſetzt hatte, wobei er als Hauptkiſſen die Schultern der ſchönen Gräfin benützte. „Jeannette,“ ſagte er,„wenn man ſieht und hört, wie Sie ſich beunruhigen, ſollte man denken, Sie kennen mein Miniſterium, um es zu tadeln, oder Sie haben mir ein anderes vorzuſchlagen.“ „Das wäre nicht ſo albern,“ bemerkte die Gräfin. „Wahrhaftig?... Sie haben ein Miniſterium?“ „Sie haben wohl eines, Sie!“ entgegnete Madame Dubaryy. —õõꝛ— 199 „Oh! ich, das iſt meine Aufgabe, Gräfin... Laſſen Sie Ihren Candidaten ein wenig hören.“ „Nein, ſagen Sie mir die Ihrigen.“ „Ich will es wohl, um Ihnen ein Beiſpiel zu geben.“ „Für die Marine zuerſt, wobei der liebe Herr von Praslin war?“ „Ah! etwas Neues, Gräfin, ein reizender Mann, der nie das Meer geſehen hat.“ „Gehen Sie doch!“ „Auf Ehre! das iſt eine herrliche Erfindung. Ich werde mich populär machen, man wird mich auf den ent⸗ fernteſten Meeren bekränzen, im Bildniß natürlich.“ „Aber wer denn, Sire, wer?“ „Wetten wir, daß Sie es unter Tauſend nicht er⸗ rathen?“ „Ein Mann, deſſen Wahl Sie populär macht... meiner Treue nein.“ „Ein Mann vom Parlament, meine Liebe, ein erſter Präſident des Parlaments von Beſangon.“ „Herr von Boyen.“ „Er ſelbſt; Teufel, wie gelehrt ſind Sie!... Sie kennen dieſe Leute.“ „Ich muß wohl, Sie ſprechen mir alle Tage vom Parlament. Oh! doch dieſer Menſch weiß nicht, was ein Ruder iſt.“— „Deſto beſſer. Herr von Praslin kannte ſein Ge⸗ mwere zu gut, und koſtete mich zu viel mit ſeinen Schiffs⸗ auten.“ „Aber bei den Finanzen, Sire?“ „Ahl bei den Finanzen, das iſt etwas Anderes; ich wähle einen ſpeciellen Mann.“ „Einen Finanzmann?“ „Nein... einen Militär, die Finanzmänner zehren mich ſchon zu lange auf.“ „Aber beim Krieg, großer Gott?“ „Beruhigen Sie ſich, ich ſtelle einen Finanzmann an, Terray, das iſt ein Rechnungsklauber; er wird Fehler 200 in allen Additionen von Herrn von Choiſeul finden. Ich— hatte den Gedanken, für den Krieg einen vortrefflichen Mann, einen Reinen, wie Sie ſagen, zu ſuchen, nur um den Philoſophen zu gefallen.“ „Gut! wen denn, Voltaire?“ „Beinahe... den Chevalier du Muy... einen Cato.“ „Oh! mein Gott! Sie erſchrecken mich.“ „Es war ſchon gethan... ich hatte den Mann kommen laſſen, ſeine Beſtallung war unterzeichnet, er dankte mir, als mir mein guter oder mein ſchlimmer Genius, ent⸗ ſcheiden Sie ſelbſt, Gräfin, den Gedanken eingab, ihm zu ſagen, er möge dieſen Abend nach Luciennes kommen, um mit uns zu ſpeiſen und zu plaudern.“ „Pfui! wie abſcheulich!“ „Ah! Gräfin, das iſt es gerade, was mir du Muy geantwortet hat.“ „Er hat Ihnen das geſagt?“ „Mit anderen Worten; er ſagte mir, dem König zu dienen ſei ſein heißeſtes Verlangen, Madame Dubarry. dienen ſei unmöglich.“ 4* „Er iſt hübſch, Ihr Philoſoph.“ „Sie begreifen, Gräfin, ich reichte ihm die Hand... um ſein Patent zurückzunehmen, das ich mit einem ge⸗ duldigen Lächeln in Stücke zerriß. Und der. Chevalier verſchwand. Ludwig XIV. hätte dieſen Burſchen in einem der ſchmutzigen Löcher der Baſtille verfaulen laſſen; aber ich bin Ludwig XV. und habe ein Parlament, das mir die Peitſche gibt, ſtatt daß ich ſie ihm gebe.“ „Gleichviel, Sire,“ ſagte die Gräfin, indem ſie ihren königlichen Geliebten mit Küſſen bedeckte.„Sie ſind ein vollkommener Mann.“ „Das wird nicht alle Welt ſagen. Terray wird verwünſcht.“ „Wer iſt es nicht? Und bei den auswärtigen An⸗ gelegenheiten?“ „Den braven Bertin, den Sie kennen.“ „Nein.“ 201 „Den Sie alſo nicht kennen.“ „Doch in dem Allem ſehe ich keinen guten Miniſter.“ „Es mag ſein; ſagen Sie mir die Ihrigen.“ „Ich werde nur einen nennen.“ „Sie nennen mir nichts; Sie haben Angſt.“ „Der Marſchall.“ „Welcher Marſchall?“ fragte der König mit einer Grimaſſe. „Der Herzog von Richelieu.“ „Dieſer Greis? dieſes naſſe Huhn?“ „Gut! der Sieger von Mahon ein naſſes Huhn!“ „Ein alter Unzuͤchter?“ „Sire, Ihr Gefährte.“ 3 „Ein unſittlicher Menſch, der alle Weiber in die Flucht jagt.“ „Ja, ſeitdem er ihnen nicht mehr nachläuft.“ „Sprechen Sie mir nie mehr von Richelieu, er iſt gair unausſtehlich; dieſer Sieger von Mahon hat mich in alle Spielhäuſer von Paris geführt;... man hat Lieder auf uns gemacht. Nein, nein! Richelieu, ich gerathe außer mir, wenn ich nur dieſen Namen höre.“ „Sie haſſen ſie alſo ſehr?“ „Wen?“ „Die Richelieu.“ „Ich verwünſche ſie.“ „Alle?“ „Alle. Da iſt der ſchöne Herzog und Pair, Herr von Fronſac; er hat zehnmal Galgen und Rad verdient.“ „Ich gebe ihn preis; doch es finden ſich noch andere NRichelieu auf der Welt.“ „Ah! ja, Aiguillon.“ „Nun?“ Man beurtheile, ob bei dieſen Worten das Ohr des Neffen auf das Boudoir gerichtet war. „Dieſen müßte ich mehr haſſen als die Andern, denn er bringt mir Alles auf den Nacken, was es in Frank⸗ reich an Schreiern gibt, doch es iſt eine Schwäche, von v der ich mich nicht heilen kann: er iſt kühn und mißfällt mir nicht.“ „Es iſt ein Mann von Geiſt!“ rief die Gräfin. „Ein muthiger Mann und hartnäckig in Vertheidi⸗ gung der königlichen Vorrechte. Ein wahrer Pair!“ 1„Ja, ja, hundertmal ja! Machen Sie etwas aus ihm.“ 3 Da ſchaute der König die Gräfin die Arme kreu⸗ zend an. „Wie iſt es möglich, Gräfin, daß Sie mir derglei⸗ chen in dem Augenblick vorſchlagen, wo ganz Frankreich von mir die Verbannung und Entſetzung des Herzogs ver⸗ langt?“ Madame Dubarry kreuzte die Arme ebenfalls und erwiederte:— „So eben nannten Sie Herrn von Richelien ein naſſes Huhn... Dieſer Name kommt Ihnen von Heechts wegen zu.“ 3 „Oh! Gräfin.“ „Sie ſind nun ſehr ſtolz, weil Sie Herrn von Choi⸗ ſeul weggeſchickt haben.“ „Ei! das war nicht leicht.“ „Sie haben es gethan, gut, und nun weichen Sie vor den Golgen zurück.“. „Ich? „Allerdings. Was thun Sie, indem Sie den Herzog entlaſſen?“ „Ich gebe dem Parlament einen Fußtritt auf den Hintern.“ „Und Sie wollen nicht zwei geben? Was Teufels! heben Sie Ihre zwei Beine auf, wohlverſtanden, eines nach dem andern. Das Parlament wollte Choiſeul be⸗ halten; ſchicken Sie Choiſeul weg. Es will Aiguillon wegſchicken; behalten Sie Aiguillon.“ „Ich ſchicke ihn nicht weg.“ 1„Behalten Sie ihn, beträchtlich verbeſſert und ver⸗ mehrt.“ 203 1in48“ wollen ein Miniſterium für dieſen Stören⸗ ried? „Ich will eine Belohnung für denjenigen, welcher Sie auf die Gefahr, ſeine Würden und ſein Vermögen zu verlieren, vertheidigt hat.“ „Sagen Sie ſein Leben, denn man wird eines Mor⸗ gens Ihren Herzog in Geſellſchaft Ihres Freundes Mau⸗ peou ſteinigen.“ „Sie würden Ihre Vertheidiger ſehr ermuthigen, wenn ſie Sie hörten.“. „Sie geben es mir wohl zurück, Gräfin.“ „Sagen Sie das nicht, die Thatſachen ſprechen.“ „Ah! warum dieſe Wuth für Aiguillon 21 „Wuth! ich kenne ihn nicht; ich habe ihn heute ge⸗ ſehen und zum erſten Mal mit ihm geſprochen.“ „Ah! das iſt etwas Anderes; dann iſt es Ueberzeu⸗ gung, und ich achte alle Ueberzeugungen, da ich nie ſolche gehabt habe.“ „So geben Sie Herrn von Richelieu etwas im Namen von Aiguillon, da Sie Aiguillon nichts geben wollen.“ „Richelieu! nichts, nichts, nichts, niemals!“ 3„Herrn von Aiguillon alſo, da Sie Richelieu nichts geben.“ „Wie! ihm ein Portefeuille geben? In dieſem Au⸗ genblick iſt es unmöglich.“ „Ich begreife das; doch ſpäter... bedenken Sie, daß er ein Mann von Mitteln, von Thätigkeit iſt, und daß Sie mit Terray, Aiguillon und Maupeou die drei Köpfe von Cerberus haben werden. Bedenken Sie auch, daß Ihr Miniſterium ein Scherz iſt und keine Dauer haben kann.“ „Sie täuſchen ſich, Gräfin,. es wird drei Monate dauern.“ „In drei Monaten halte ich Sie bei Ihrem Wort.“ „Ohl oh! Gräfin.“ 204 „Das iſt abgemacht; doch ich brauche nun etwas— für die Gegenwart. 8 „Aber ich habe nichts.“ „Sie haben Chevaurlegers; Herr von Aiguillon iſt ein Officier, das, was man einen Degen nennt; geben Sie ihm Ihre Chevaurlegers.“ „Gut, es ſei, er ſoll ſie haben.“+ „Ich danke!“ rief die Gräfin entzückt vor Freude, „ich danke!“ Und Herr von Aiguillon konnte einen ganz plebejiſchen Kuß auf den Wangen Seiner Majeſtät des Königs Lud⸗ wig XV. ſchallen hören. „Geben Sie mir nun Abendbrod, Gräfin,“ ſagte der König. „Nein,“ erwiederte ſie,„es findet ſich nichts hier; Sie haben mich mit der Politik todtgeſchlagen... Meine Leute haben Feuerwerk und Reden gemacht, aber nichts in der Küche.“ „So kommen Sie nach Marly; ich nehme Sie mit.“ 12 „Unmöglich; mein armer Kopf zerſpringt in Stücke.“ „Migräne?“ „Unbarmherzig.“ „Dann müſſen Sie ſich niederlegen, Gräfin.“ „Das werde ich thun, Sire.“. „Leben Sie wohl alſo. „Nämlich auf Wiederſehen.“ „Ich ſehe ein wenig aus wie Herr von Choiſeul und man ſchickt mich fort.“ „Indem man Sie zurückgeleitet, indem man Ihnen huldigt, Ihnen ſchmeichelt,“ rief die tolle Frau, und 4 ſchob ganz ſachte den König nach der Thüre, bis er am Ende außen war, wobei ſie fortwährend geräuſchvoll lachte und ſich auf jeder Stufe der Treppe umwandte. Von dem Säulengang herab ſtreckte die Gräfin einen 8 Leuchter aus. „Sagen Sie, Gräfin,“ rief der Koͤnig, wieder eine Stufe hinaufſteigend. 20⁵ „Sire?“ „Wenn der arme Marſchall nur nicht ſtirbt.“ „Woran?“ „An ſeinem zurückgetretenen Portefeuille.“ „Wie ſchlimm ſind Sie!“ ſagte die Gräfin, die ihn mit einem letzten Gelächter begleitete. Seine Majeſtät aber entfernte ſich ſehr zufrieden mit ihrem Witz über den Herzog, den ſie wirklich verwünſchte. Als Madame Dubarry in ihr Boudoir zurückkehrte, fand ſie Aiguillon auf den Knieen vor der Thüre, die Hände gefaltet, die Augen glühend auf ſie geheftet. Sie erröthete. „Ich bin geſcheitert,“ ſagte ſie;„der arme Mar⸗ ſchall.... „Ohl ich weiß Alles,“ erwiederte er,„man hört... Meinen Dank, Madame, meinen Dank.“ „Ich glaube, daß ich Ihnen dies ſchuldig war,“ ſprach ſie mit einem ſanften Lächeln;„doch ſtehen Sie auf, Herzog, ſonſt muß ich denken, Sie haben eben ſo viel Gedächtniß als Geiſt.“ „Das kann wohl ſein, Madame, mein Oheim hat es Ihnen geſagt, ich bin nichts als Ihr leidenſchaftlicher Diener.“ „Und der des Königs; morgen müſſen Sie Seiner Majeſtät Ihre Huldigung darbringen; ſtehen Sie auf, ich bitte Sie.“ Und Sie reichte ihm ihre Hand, die er ehrfurchts⸗ voll küßte. Die Gräfin war ſehr bewegt, wie es ſchien, denn ſie fügte kein Wort mehr bei. Herr von Aiguillon blieb ebenſo ſtumm, ebenſo un⸗ ruhig als ſie; am Ende erhob Madame Dubarry das Haupt und ſprach abermals: „Armer Marſchall... man wird ihm dieſe Nieder⸗ lage mittheilen müſſen.“ Herr von Aiguillon betrachtete dieſe Worte als eine tſchiedene Entlaſſung und verbeugte ſich. 3 206 3„Madame,“ ſagte er,„ich will mich zu ihm bege⸗ en.“ „Oh! Herzog, jede ſchlimme Nachricht muß ſo ſpät als möglich verkündigt werden; thun Sie etwas Beſſeres, deſen Sie, ſtatt zum Marſchall zu gehen, mit mir zu acht.“ Der Herzog fühlte, wie ein Duft von Jugend und Liebe das Blut ſeines Herzens entzündete, wiedergebar. „Sie ſind kein Weib!“ rief er,„Sie ſind... „Der Engel, nicht wahr,“ flüſterte ihm der brennende Mund der Gräfin zu, die ihn ſtreifte, um leiſer mit ihm zu ſprechen, und ihn zur Tafel zog. An dieſem Abend mußte ſich Herr von Aiguillon als ſehr glücklich betrachten, denn er nahm ſeinem Oheim das Porteſeuille weg und ſpeiſte den Antheil des Königs. . Ende des vierten Bandes. 4 —————,———,—— —————„ =·„=S— r— In dem bei uns erſcheinenden„Weltpanorama,“ 87— 90. Bändchen, iſt erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen zu haben: Reiſe in Senegambien. Auf Befehl der franzöſiſchen Regierung in den Jahren 1843 und 1844 ausgeführt durch die Herren Huard⸗Beſſiniers, Jamin, Raf⸗ 4 fenel u. A., beſchrieben von Anne Raffenel. Ueberſetzt von C. A. Schmitt. 4 Bdchn. Preis 48 kr. oder 16 Ngr. Mit geſpanntem Intereſſe ſah Frankreich, ſah Europa den Ergebniſſen dieſer Expedition entgegen; mit äußerſter Beharr⸗ lichkeit und Aufopferung wurde ſie von den damit Beauftragten trotz aller Schwierigkeiten ausgeführt. Der ſchlimmſte Feind aller Europäer in jenen Gegenden, das ungeſunde Klima, nö⸗ thigte Zwei der Reiſenden, mitten auf dem Wege umzukehren; die übrigen Drei ſetzten nur um ſo unverdroſſener das angefan⸗ gene Werk fort. Auf dem Senegal, dem Faleme, dem Gambia, durch Galam, Bondu, Bambuk, Woolli, ziehen die unerſchrocke⸗ nen Wanderer, trotz Empörung, Sturm, Sonnenbrand, trotz Krankheit, Hunger und Durſt; nicht die brauſende Strömung des durch Felſen eingeengten Faleme, nicht die waſſerloſe Wüſte von Woolli vermag ihre Schritte zu hemmen. Fern von jeder romantiſchen Ausſchmückung bietet das Tagebuch dieſer Wan⸗ derung den mannigfachſten Stoff zur Unterhaltung dar. Reiſe⸗ erlebniſſe, Schilderung von Gegenden, lebendige Darſtellung und Beſchreibung der verſchiedenen Nationen und ihrer Abſtufungen, eine genaue Charakteriſirung der Mauren, Fulahs, Peuls, Tou⸗ kouleurs, Mandingos, Grioten, Laobes dc., untermiſcht mit an⸗ ziehenden Volksſagen, dieß Alles kann nicht verfehlen, das In⸗ tereſſe des leſeluſtigen Publikums zu erwecken und zu befriedigen Allein auch der eigentliche Gelehrte, der geographiſche und na⸗ turhiſtoriſche Forſcher wird dieſes Werk gewiß nicht ohne reiche Ausbeute aus der Hand legen. Die Beſchreibung vieler bis jetzt noch gar nicht oder nicht genau bekannter Pflanzen, die ſorg⸗ fältigſte Berückſichtigung der intereſſanten geologiſchen Berbält⸗ niſſe, die Angabe der reſpektiven Entfernungen und der Weg⸗ Richtung, geben dem Werk einen ächt wiſſenſchaftlichen Werth Eine humane, ſittlich⸗religiöſe Weltanſchauung leuchtet uͤberall durch und zeigt ſich beſonders in den ganz neuen Anſichten und Vorſchlägen, die der Verfaſſer in Betreff der Sklaverei und ihrer endlichen Beſeitignng entwickelt. Ferner iſt im„Weltpanorama“ erſchienen(94 bis 99ſtes Bändchen): Wanderungen durch die Prairien und das nördliche Meriko 8 von dem Amerikaner Joſias Gregg. Aus dem Engliſchen übertragen von Gottloo Fink. 6 Bändchen. Preis: 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. In dem Reiſewerke, das dem Publikum hier dargeboten wird, entwirft der Amerikaner Gregg eine lebendige Schilderung jener wenig bekannten Gegenden, die ſich von der weſtlichen Grenze der Vereinigten Staaten bis zu den ſüdlichen Felſengebirgen in unermeßlicher Weite ausdebnen Wir begleiten ihn auf ſeinen abenteuerlichen Zügen durch das Indianergebiet, über die Prairien hin nach Neu⸗Mexiko, und lernen den Schauplatz kennen, auf dem gerade jetzt die angelſächſiſche Raſſe mit den Nachkommen der ſpaniſchen Evoberer den letzten großen Kampf um die Allein⸗ herrſchaft auf der weſtlichen Halbkugel kämpft. Außer dieſem autereſſe, das ſich an Greggs„Wanderungen“ knüpft, gewähren Innoch dem Ethnographen und Geographen mannigfache Ausbente ſie bereichern die Naturkunde in allen ihren Zweigen mit einer unonge neuer Aufſchlüſſe.