—— Leihbibliothek 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 8⸗ von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezaylt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe. vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet f wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden u beträgt: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— nd für wöchentlich 2 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 Hin⸗ und Zurückſendung G 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin d 3 der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ ur b erlorene und 2 4 6. Schadenersatz. 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Gilbert hatte nicht die Landſtraße gewählt, aus Furcht verfolgt zu werden; er erreichte von Gehölze zu Gehölze einen Wald, in welchem exgendlich anhielt. Er hatte in drei Bfelſtunden ungefähr anderthalb Lieues zurückgelegt. 8. Der Fluchtling ſchaute umher: er war ganz allein. Dieſe Einſamkeit beruhigte ihn, er verſuchte es, ſich der Landſtraße zu nähern, welche nach ſeiner Berechnung nach Paris führen mußte. Aber Pferde, die er, geleitet von orangefarbigen Livreen aus dem Dorfe Roquencourt kommen ſah, erſchreck⸗ ten ihn dergeſtalt, daß er von der Verſuchung, den Land⸗ ſtraßen zu trotzen, geheilt war und ſich wieder in das Ge⸗ hölze zurückwarf. „Bleiben wir im Schatten dieſer Kaſtanienbäume,“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt.„Wenn man mich irgendwo ſucht, ſo geſchieht es auf der Landſtraße. Dieſen Abend werde ich mich von Baum zu Baum, von Seitenweg zu Seitenweg nach Paris ſchleichen. Man ſagt, Paris ſei groß, ich bin klein, man wird mich dort verlieren.“ Dieſer Gedanke kam ihm um ſo beſſer vor, als das Wetter ſchön, das Gehölze ſchattig, der Boden mooſig war. Die Strahlen einer ſcharfen Sonne, welche hinter den Hügeln von Marly zu verſchwinden anfing, hatten die Kräuter getrocknet und aus der Erde jene ſüßen Früh⸗ lingswohlgerüche gezogen, welche theils der Blume, theils der Pflanze angehören. Man war zu der Stunde des Tages gelangt, wo die Stille ſanfter und tiefer von dem Himmel fällt, der ſich zu verdüſtern anfängt, zu der Stunde, wo die Blumen, indem ſie ſich ſchließen, das in ihrem Kelche entſchlum⸗ merte Inſekt verbergen. Die goldenen Fliegen kehren ſummend in die Höhlung der Eichen zurück, die ihnen als Aſyl dienen, die Vögel ziehen ſtumm in das Blätterwerk, wo man nur noch das raſche Streifen ihrer Flügel hört, und der einzige Geſang, der noch ertönt, iſt das ſcharfe Pfeifen der Amſel und das ſchüchterne Zwitſchern des Rothkehlchens. Gilbert war mit den Waldungen vertraut, er kannte ihr Geräuſch und ihr Stillſchweigen. Er warf ſich auch, ohne länger nachzudenken, ohne ſich knabenhaften Befürch⸗ tungen hinzugeben, auf das Heidekraut, das da und dort mit Blättern, die der Winter zernagt, beſtreut war. Mehr noch, ſtatt unruhig zu ſein, fühlte Gilbert eine unermeßliche Freude. Er ſchlürfte in langen Wellen die freie, reine Luft ein; er fühlte, daß er auch diesmal als Stoiker über alle Fallen, die man der menſchlichen Schwäche geſtellt, triumphirt hatte. Was lag ihm daran, ob er Brod, ob er Geld beſaß, ob ihm eine Zufluchts⸗ ſtätte geöffnet war? Hatte er nicht ſeine liebe Freiheit? verfügte er nicht im ganzen Umfange über ſie? Er ſtreckte ſich alſo am Fuße eines rieſigen Kaſta⸗ nienbaumes aus, der ihm ein weiches Bett zwiſchen den Armen von zwei dicken, moosbewachſenen Wurzeln bot, und entſchlief, während er den Himmel anſchaute, der ihm zulächelte. Der Geſang der Vögel weckte ihn; es war kaum Tag. Als er ſich auf ſeinen durch die Berührung des harten Holzes gelähmten Arm erhob, ſah Gilbert die bleiche Dämmerung den dreifachen Ausgang eines Kreuzweges beſtreifen, während da und dort auf Fußpfaden, die der Thau befeuchtet, raſche Kaninchen mit geſenktem Ohr 2 ſprangen, und der neugierige Hirſch, der auf ſeinen ſtählernen Spindeln einherſchritt, mitten in einer Allee ſtehen blieb, um den unbekannten Gegenſtand zu beſchauen, welcher unter einem Baume lag und ihm ſo ſchnell als möglich zu fliehen rieth. Sobald ſich Gilbert erhoben hatte, fühlte er Hunger; er hatte, wie man ſich erinnert, nicht mit Zamore ſpeiſen wollen, ſo daß er ſeit ſeinem Frühſtück in den Manſarden von Verſailles nichts zu ſich genommen. Als er ſich un⸗ ter den Bögen eines Waldes wiederfand, er, der ſo uner⸗ ſchrocken die großen Forſten von Lothringen und Cham⸗ pagne durchmeſſen, glaubte er ſich noch unter den Baum⸗ gruppen von Taverney, oder in den Schlägen von Pierrefitte, erweckt durch die Morgenröthe, nach einem für Andrée unternommenen nächtlichen Anſtand. Aber damals fand er ſtets in ſeiner Nähe ein durch den Hühnerruf überraſchtes Feldhuhn, einen Faſan, den er auf einem Aſte geſchoſſen, während er diesmal in ſeinem Bereiche nichts ſah, als ſeinen Hut, der, auf dem Wege bereits ſehr mißhandelt, durch die Feuchtigkeit des Mor⸗ gens beinahe ganz zu Grunde gerichtet worden war. Es war alſo kein Traum, den er gemacht hatte, wie er Anfangs bei ſeinem Erwachen glaubte. Verſailles und Luciennes waren eine Wirklichkeit, von ſeinem triumpharti⸗ gen Einzuge in das eine, bis zu ſeiner raſchen Flucht aus dem andern. Was ihn mehr noch zu der Wirklichkeit zurückführte, war ein Hunger, der immer mehr zunahm und folglich immer ſchmerzlicher wurde. Maſchinenmäßig ſuchte er ſodann um ſich her die ſaf⸗ tigen Maulbeeren, die wilden Pflaumen, die krachenden Wurzeln ſeiner Wälder, deren Geſchmack, wenn auch her⸗ ber als der der Rübe, darum doch den Holzhauern, welche am Morgen, ihr Werkzeug auf dem Rücken, den Bezirk der Urbarmachung ſuchen, nicht minder angenehm iſt. „Dooch abgeſehen davon, daß es noch nicht die Jahres⸗ zeit war, erblickte Gilbert um ſich her nur Eſchen, Ulmen, 10 Kaſtanienbäume und die ewige Eichelmaſt, welche ſich im Sande gefällt. „Vorwärts, vorwärts,“ ſprach Gilbert zu ſich ſelbſt, „ich werde geraden Wegs nach Paris gehen. Ich kann drei bis vier Lieues, höchſtens fünf davon entfernt ſein; das iſt ein Marſch von zwei Stunden. Was liegt daran, daß man zwei Stunden mehr leidet, wenn man ſicher iſt, nachher nicht mehr zu leiden? In Paris hat Jedermann Brod, und der erſte Handwerksmann, dem ich begegne, wird mir, wenn er einen ehrlichen und arbeitſamen jungen Mann ſieht, Brod für Arbeit nicht verweigern. In einem Tag findet man in Paris das Mahl vom kommen⸗ den Tag, was brauche ich mehr? Nichts, wenn nur jeder kommende Tag mich größer macht, erhebt und dem Ziele nähert, das ich erreichen will.“ Gilbert verdoppelte ſeine Schritte; er wollte die Land⸗ ſtraße wieder erreichen, aber er hatte jedes Mittel ver⸗ loren, ſich zu orientiren. In Taverney und in allen Wal⸗ dungen der Umgegend kannte er den Oſten und den Weſten; jeder Sonnenſtrahl war für ihn eine Anzeige des Weges. In der Nacht war jeder Stern, ſo unbekannt er ihm auch unter ſeinem Namen Venus, Saturn oder Luci⸗ fer ſein mochte, ein Führer. Doch in dieſer neuen Welt kannte er ebenſo wenig die Menſchen, als die Dinge, und er mußte mitten unter den einen und den, andern ſeinen Weg auf den Zufall herumtappend finden. „Zum Glück habe ich Pfähle geſehen, worauf die Straßen angezeigt ſind,“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt. Und er ging bis zu dem Kreuzwege, wo er dieſe Pfähle wahrgenommen hatte. Es fanden ſich in der That drei Wege; der eine führte nach dem Marais⸗Jaune; der andere nach dem Champ⸗de⸗l Alouette; der dritte nach dem Trou⸗Salé. Gilbert war etwas weniger vorgerückt als zuvor; er lief drei Stunden ohne aus dem Walde herauskommen zu können. Der Schweiß rieſelte von ſeiner Stirne; zwanzigmal — 11 hatte er ſeinen Rock und ſeine Weſte abgelegt, um irgend einen rieſigen Kaſtanienbaum zu erklettern; als er aber den Gipfel deſſelben erreichte, ſah er nur Verſailles, Ver⸗ ſailles bald zu ſeiner Rechten, bald zu ſeiner Linken, Ver⸗ ſailles, wohin ihn ein Mißgeſchick beſtändig zurückzuführen ſchien. Halb verrückt vor Wuth, blieb Gilbert, der ſich nicht auf die Landſtraße wagte, in der Ueberzeugung, ganz Lu⸗ ciennes laufe ihm nach, immer in der Mitte des Waldes, und kam endlich über Viroflay, Chaville und Sévres hinaus. Es ſchlug halb ſechs Uhr in dem Schloſſe Meudon, als er das zwiſchen der Manufactur und Belle⸗Vue lie⸗ gende Kapuzinerkloſter erreichte: hier ſtieg er auf ein Kreuz, mit der Gefahr, es zu zerbrechen und ſich rädern zu laſſen, wie Sirven durch den Spruch des Parlaments, und erblickte die Seine, den Flecken und den Rauch der erſten Häuſer. Aber neben der Seine, mitten im Flecken, vor der Schwelle dieſer Häuſer, lief die Landſtraße von Verſailles hin, von der er ſich nothwendig fern halten mußte. Gilbert war einen Augenblick weder mehr müde, noch hungrig. Er ſah am Horizont einen großen Haufen von Häuſern, welche ſich im Morgendunſte verloren, dachte, es wäre Paris, nahm ſeinen Lauf in dieſer Richtung und hielt nicht eher an, als bis er fühlte, daß ihm der Athem ausging. Er befand ſich mitten in dem Walde von Meu⸗ don, zwiſchen Fleury und Pleſſis⸗Piquet. „Vorwärts, vorwärts,“ ſagte er umherſchauend,„keine falſche Scham. Ich muß nothwendig einem frühzeitigen Arbeiter begegnen, einem von denjenigen, welche ein großes Stück Brod unter dem Arm an ihr Geſchäft gehen. Ich ſage zu ihm:„„Alle Menſchen ſind Brüder und müſſen ſich folglich gegenſeitig unterſtützen. Ihr habt da mehr Brod, als Ihr, nicht nur für Euer Frühſtück, ſondern für den ganzen Tag braucht.““ Und dann wird er mir die Hälfte ſeines Brodes reichen. ———— 12 Der Hunger machte Gilbert noch philoſophiſcher und er ſetzte ſeine geiſtigen Betrachtungen fort. In der That,“ ſagte er,„iſt nicht Alles den Men⸗ ſchen auf Erden gemein? Gott, dieſe ewige Quelle aller Dinge, hat er dieſem oder jenem die Luft, welche den Boden befruchtet, oder den Boden, der das Getreide be⸗ fruchtet, gegeben? Nein, es haben nur Mehrere urſurpirt; doch in den Augen des Herrn, wie in den Augen des Philoſophen, beſitzt Niemand; derjenige, welcher hat, iſt nur der, welchem Gott geliehen hat.“ Gilbert faßte mit einem natürlichen Verſtand die ſchwankenden, in jener Zeit unentſchiedenen Ideen zu⸗ ſammen, welche die Menſchen in der Luft ſchweben und über ihren Kopf hinziehen fühlten, wie die Wolken, die nach einem Punkte getrieben werden und ſich anhäufend am Ende einen Sturm bilden. „Einige,“ fuhr Gilbert, während er ſeinen Weg ver⸗ folgte, fort,„Einige behaupten mit Gewalt, was Allen gehoͤrt; dieſen kann man mit Gewalt entreißen, was ſie nur zu theilen berechtigt ſind. „Wenn mein Bruder, der zu viel Brod für ſich hat, mir einen Theil von ſeinem Brod verweigert, nun!... ſo nehme ich es ihm mit Gewalt und ahme hierin das animaliſche Geſetz nach, das die Quelle iſt von allem geſunden Men⸗ ſchenverſtand und aller Billigkeit, denn es entſpringt dem natürlichen Bedürfniß. Wofern jedoch mein Bruder nicht zu mir ſagt:„„Der Theil, den Du forderſt, iſt der von meiner Frau und meinen Kindern;“ oder auch:„Ich bin ſtärker als Du, und werde dieſes Brod trotz Deiner Einſprache eſſen.““* Gilbert war in dieſer Stimmung eines nüchternen Wolfes, als er zu einer Lichtung gelangte, deren Mittel⸗ punkt eine Pfütze mit röthlichem, von Schilfrohr und Nympheen eingefaßten Waſſer bildete. 1 Auf dem grasbewachſenen Abhang, der bis zu dem Waſſer lief, welches in allen Richtungen von langfüßigen 4 5 4*⁴ u. 13 Inſekten beſtreift war, glänzten, wie eine Saat von Tür⸗ kiſſen, Mausöhrchen in zahlreichen Büſcheln. Den Hintergrund dieſes Gemäldes, das heißt den NRing des Umkreiſes, bildete eine Hecke von großen Zitter⸗ eſpen, während Erlen mit ihren buſchigen Zweigen die Zwiſchenräume ausfüllten, welche die Natur zwiſchen die ſilbernen Stämme ihrer Beherrſcher geſtellt hatte. Sechs Alleen liefen auf dieſen Kreuzweg zu; zwei ſchienen bis zur Sonne hinaufzuſteigen, welche den Gipfel der entfernten Bäume vergoldete, während die vier andern, divergirend wie die Strahlen eines Geſtirnes, ſich in den bläulichen Tiefen des Waldes verloren. Dieſer grünende Saal ſchien friſcher und blühender, als irgend ein Platz in dieſen Gehölzen. Gilbert war durch eine der dunkeln Alleen dahin ge⸗ kommen. Der erſte Gegenſtand, den er gewahrte, nachdem er zuvor mit einem Blick den von uns beſchriebenen entfernten Horizont umfaßt hatte, war der Stamm eines umgewor⸗ fenen Baumes, auf welchem ein Mann mit einer grauen Perrücke ſaß; dieſer Mann hatte eine zarte, feine Phy⸗ ſiognomie und trug einen Rock von grobem braunem Tuch, Hoſen von aͤhnlicher Farbe und eine Weſte von grauem Pigué; ſeine grauen baumwollenen Strümpfe umſchloßen ein ziemlich gut geformtes, nerviges Bein; ſeine ſtellen⸗ weiſe noch ſtaubigen Schnallenſchuhe waren indeſſen hinten und an den Spitzen durch den Morgenthau gewaſchen worden. „Meben dieſem Mann auf dem umgeſtürzten Baume lag eine grüne angemalte Kapſel, welche weit geöffnet und mit friſch geſammelten Pflanzen vollgeſtopft war. Er hielt zwiſchen ſeinen Beinen einen Stock von Stechpalme, deſſen runder Knopf im Schatten glänzte und der ſich in einem kleinen, zwei Zoll breiten und drei langen Spaten endigte. Gilbert umfaßte mit einem Blicke alle die verſchiedenen Einzelnheiten, die wir hier auseinandergeſetzt haben; aber was er vor Allem erſchaute, war ein Stück Brod, von dem der Greis Brocken abbrach, um ſie zu verzehren, 14 wobei er brüderlich mit den Nothfinken und Grünlingen theilte, welche aus der Ferne gierig nach der Beute ſchauten, ſich auf dieſelbe ſtürzten, ſobald ſie ihnen preisgegeben wurde, und ſodann eiligſt in die Tiefe ihrer Gebüſche unter freudigem Gepiepe entflohen. Von Zeit zu Zeit tauchte der Greis, der ihnen mit ſeinem zugleich ſanften und lebhaften Auge folgte, ſeine Hand in ein Sacktuch mit farbigen Vierecken, zog eine Kirſche hervor und genoß ſie zwiſchen zwei Biſſen Brod. „Gut, hier finde ich, was ich brauche,“ ſagte Gilbert, indem er die Zweige auf die Seite ſchob und vier Schritte gegen den Einſamen that, der endlich aus ſeiner Träu⸗ merei erwachte. Doch er hatte nicht das Drittel des Weges zurück⸗ gelegt, als er, die ſanfte, ruhige Miene dieſes Mannes ge⸗ wahrend, ſtehen blieb und ſeinen Hut abnahm. Sobald der Greis bemerkte, daß er nicht allein war, warf er einen raſchen Blick auf ſein Gewand und auf ſeine Kapſel.. Er knöpfte das eine zu und ſchloß die andere. . XLIII. Der Botaniker. Gilbert faßte ſeinen Entſchluß und trat ganz nahe zu dem Unbekannten. Doch er öffnete zuerſt den Mund und that ihn wieder zu, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben. Sein Entſchluß wankte; es kam ihm vor, als verlangte er ein Almoſen, und nicht als nähme er ein Recht in Anſpruch. Der Greis bemerkte dieſe Schüchternheit; ſie ſchien ihn ſelbſt zu beruhigen, und er ſagte lächelnd, indem er ſein Brod auf den Baum legte: „Sie wollen mit mir ſprechen, mein Freund?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Gilbert. „Was wünſchen Sie?“ 15 „Mein Herr, ich ſehe, daß Sie Ihr Brod den Vö⸗ geln zuwerfen, als ob nicht geſagt wäre, Gott er⸗ nähre ſie.“ „Er ernährt ſie allerdings, junger Mann,“ antwortete der Fremde;„doch die Hand der Menſchen iſt eines von den Mitteln, die er anwendet, um zu dieſem Ziele zu ge⸗ langen. Wollen Sie mir hiemit einen Vorwurf machen, ſo haben Sie Unrecht, denn nie iſt in einem öden Walde oder auf einer bevölkerten Straße das Brod, das man auswirft, verloren. Dort tragen es die Vögel fort, hier heben es die Armen auf.“ „Nun, mein Herr,“ ſagte Gilbert, ſeltſam bewegt von der eindringlichen und ſanften Stimme des Greiſes,„ob⸗ gleich wir hier in einem Walde ſind, kenne ich doch einen Menſchen, der Ihr Brod den kleinen Vogeln ſtreitig ma⸗ chen würde.“ „Sollten Sie das ſein,“ rief der Greis,„ſollten Sie zufällig Hunger haben?“ „Großen Hunger, mein Herr, ich ſchwöre es Ihnen, und wenn Sie mir erlauben...“ Der Greis ergriff ſogleich das Brod mit einem eifri⸗ gen Mitleid. Aber plötzlich bedachte er und ſchaute Gil⸗ bert mit ſeinem zugleich ſo lebhaften und ſo tiefen Auge an. Gilbert glich in der That nicht ſo ſehr einem Aus⸗ gehungerten, daß eine Ueberlegung nicht erlaubt geweſen wäre; ſein Kleid war reinlich und dennoch an einigen Stellen durch die Berührung der Erde befleckt. Seine Wäſche war weiß, denn er hatte am Tage vorher ein⸗ Hemd aus ſeinem Bündel gezogen, und dennoch war die⸗ ſes Hemd von der Feuchtigkeit verkrümpelt. Es war alſo ſichtbar, daß Gilbert die Nacht im Walde zugebracht. Er hatte beſonders bei allem dem jene weißen, zarten Hände, welche mehr den Mann der unbeſtimmten Träu⸗ merei, als den materiellen Arbeiter bezeichnen. WRt Es gebrach Gilbert nicht an Takt; er begriff das Mißtrauen und das Zaudern des Fremden in Beziehung 4 auf ſeine Perſon und beeilte ſich, den Muthmaßungen zu begegnen, welche nicht günſtig für ihn ſein konnten. „Man bekennt Hunger, mein Herr, ſo oft man ſeit zwölf Stunden nichts gegeſſen hat,“ ſagte er,„und es ſind nun zwölf Stunden, ſeitdem ich nichts mehr zu mir genommen habe.“. Die Wahrheit der Worte des jungen Mannes ver⸗ rieth ſich durch die Aufregung in ſeiner Phyſiognomie, durch das Zittern ſeiner Stimme, durch die Bläſſe ſeines Geſichtes. Der Greis zögerte, oder fürchtete vielmehr nicht län⸗ ger. Er reichte Gilbert zugleich ſein Brod und das Sacktuch, aus dem er die Kirſchen zog. „Ich danke, mein Herr,“ ſagte Gilbert, indem er das Sacktuch ſanft zurückſchob. Und er brach das Brod entzwei, nahm die eine Hälfte davon, gab die andere zurück, und ſetzte ſich ſodann auf das Gras, drei Schritte von dem Greiſe, der ihn mit wachſendem Erſtaunen anſchaute. 3 Das Mahl dauerte nur kurze Zeit. Es war wenig Brod und Gilbert hatte großen Appetit. Der Greis ſtörte ihn durch keine Sylbe; er ſetzte ſeine ſtumme Prüfung fort, jedoch verſtohlen und indem er, ſcheinbar wenigſtens, die größte Aufmerkſamkeit ſeinen Pflanzen und Blumen ſchenkte, welche, als wollten ſie Luft ſchöpfen, ihr wohl⸗ riechendes Haupt bis zu dem Niveau des blechernen Deckels erhoben. Als er aber ſah, daß ſich Gilbert der Pfütze näherte, rief er lebhaft: „Trinken Sie nicht von dieſem Waſſer, junger Mann; es iſt durch den Abfall der im vorigen Jahre geſtorbenen Pflanzen und durch die Froſchlaiche, welche auf ſeiner Oberfläche ſchwimmen, verdorben. Nehmen Sie eher einige Kirſchen, ſie werden Sie ebenſo gut erfriſchen als Waſſer. Nehmen Sie, ich lade Sie dazu ein, denn ich ſehe, Sie ſind kein läͤſtiger Gaſt.“ „Es iſt wahr, mein Herr, die Zudringlichkeit iſt ge⸗ 32 1 3 L 5 1d n n d † C S 8 ſir 17 rade das Entgegengeſetzte meiner Natur, und ich befürchte nichts ſo ſehr, als läſtig zu ſein. Das habe ich noch ſo eben in Verſailles bewieſen.“ „Ah! Sie kommen von indem er Gilbert anſchaute. „Ja, mein Herr,“ antwort „Das iſt eine reiche Stadt, und man muß ſehr arm oder ſehr ſtolz ſein, um dort Hungers zu ſterben.“ „Ich bin das Eine und das Andere, mein Herr.“ „Sie haben Streit mit Ihrem Herrn gehabt?“ fragte ſchüchtern der Fremde, welcher Gilbert mit ſeinem forſchenden Blicke verfolgte, während er ſeine Pflanzen in ſeiner Kapſel ordnete. „Ich habe keinen Herrn.“ „Mein Freund,“ ſich den Kopf bedeckte müthige Antwort.“ „Sie iſt jedoch genau.“ „Nein, junger Mann, denn Jeder hat hienieden ſei⸗ nen Herrn, und derjenige verſteht den Stolz nicht richtig, welcher ſagt: Ich habe keinen Herrn.“ „Warum?“ „Ei, mein Gott, ja! alt oder jung, ſind wir insge⸗ ſammt dem Geſetze einer herrſchenden Gewalt unterworfen. Die Einen werden durch die Menſchen, die Andern durch die Principien beherrſcht, und die ſtrengſten Herren ſind nicht immer diejenigen, welche mit der Stimme oder der menſchlichen Hand befehlen oder ſchlagen.“ „Es mag ſein,“ verſetzte Gilbert:„dann werde ich durch die Principien regiert. Ich geſtehe das zu. Die Principien ſind die einzigen Herren, welche ein denkender eiſt ohne Scham zugeſtehen kann.“ „Und was ſind Ihre Principien? Laſſen Sie hören! Sie ſcheinen mir noch ſehr jung, mein Freund, um feſt⸗ geſtellte Principien zu haben?“ „Mein Herr, ich weiß, daß die Menſchen Brüder ſind, daß jeder Menſch bei ſeiner Geburt eine Summe Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 2 Verſailles?“ ſagte der Fremde, ete der junge Mann. entgegnete der Fremde, indem er „„mein Freund, das iſt eine zu hoch⸗ 18 relativer Verpflichtungen gegen ſeine Brüder eingeht; ich weiß, daß Gott in mich irgend einen Werth, ſo gering⸗ fügig er auch ſein mag, gelegt hat, und daß ich, inſofern ich den Werth der Andern anerkenne, berechtigt bin, von den Andern zu verlangen, daß ſie den meinigen anerken⸗ nen, vorausgeſetzt, ich überſchätze denſelben nicht. So lange ich nichts Ungerechtes und Entehrendes thue, habe ich alſo Anſpruch auf eine Po nur durch meine Eigenſchaft a „Ah! ah! verſetzte der Fr mein Herr; ls Menſch. emde,„Sie haben ſtudirt?“ ich habe nar den is- „Leider, nein,; ich ditions und den Contrat 4 cours sur Pinégalité des con Social geleſen. Von dieſen zwei Dinge her, die ich weiß, und vielleicht al ich mache.“ Bei dieſen Worten des jungen Mannes glänzte ein ſcharfes Feuer in den Augen des Fremden. Er machte eine Bewegung, durch die er beinahe eine Strohblume, welche ſich durchaus nicht unter die concaven Wände ſei⸗ ner Kapſel ſchmiegen wollte, zerbrochen hätte. „Und dies ſind die Grundſätze, zu denen Sie ſich bekennen?“ 4 „Es ſind vielleicht ni Mann,„doch es ſind di „Nur fragt es ſich,“ ſp zu ſcharf ausgeprägten Mißtrauen, als daß es die Eitelkeit von Gilbert demüthigend geweſen waͤre,„nur fragt es ſich, ob Sie dieſelben gut verſtanden haben?“ „ SIch glaube, ich verſtehe das Franzöſiſche, beſonders wenn es rein und poetiſch iſt.. 4 „Sie ſehen wohl, daß es ſich nicht ſo verhält,“ ent⸗ das, was ich Sie Büchern rühren alle le Träume, die cht die Ihrigen u erwiederte der evon Jean Jacques Rouſſeau.“ junge rach der Fremde mit einem lugenblick frage, nicht gerade po Ich wollte Sie fragen, ob Ihre Stand geſetzt haben, Oekonomie des Sy⸗ in dieſem 2 es doch wenigſtens klar. philoſophiſchen Studien Sie in den das Innerſte aufzufaſſen von dieſer ſtems von.. 5 gegnete lächelnd der Greis;„denn wenn etiſch iſt, ſo 9 rtion Achtung, und wäre es 7 41 nicht für „— dort oben zu haben. junger Mann, Geſchöpf.“ 19 Der Fremde hielt beinahe erröthend inne. „Von Rouſſeau,“ fuhr der junge Mann fort.„Oh! mein Herr, ich habe meine Philoſophie nicht Colleg gemacht, aber ich beſitze einen Inſtinkt, der mir unter allen Büchern, die ich geleſen, die Vortrefflichkeit und Nützlichkeit des Contrat Social enthüllte.“ „Eine unfruchtbare Materie für einen jungen Mann, mein Herr; eine trockene Betrachtung für Träumereien von zwanzig Jahren; eine Frühlings in einem eine bittere und geruchloſe Blume für einbildungskraft,“ ſprach der alte Fremde mit trauriger Weichheit. „Das Unglück reift den Menſchen vor der Jahres⸗ zeit, mein Herr, und was die Träumerei betrifft, ſo führt ſie ſehr häufig zum Böſen, wenn man ſie auf ihr türlichen Abhang gehen läßt.“ Der Frem de öffnete ſeine halbgeſchloſſenen Augen mit einer Sammlung des Geiſtes, die bei ihm in ſeinen Au⸗ genblicken der NRuhe gewöhnlich war und ſeiner Phyſiogno⸗ mie einen gewiſſen Reiz verlieh.“ „Auf wen ſpielen Sie an?“ „Auf Niemand, mein Herr,“ „Doch wohl...“ „Nein, ich verſichere Sie.“ „Sie ſcheinen mir den Philoſophen von G Spielen Sie auf ſein Leben an?“ „Ich kenne ihn nicht,“ antwortete Gilbert aufrichtig. (ꝑ 1 em na⸗ fragte er erröthend. antwortete Gilbert. enf ſtudirt 84 „Sie kennen ihn nicht?“ Der Fremde ſtieß einen Seufzer aus. „Hören Sie, das iſt ein unglückliches „Unmöglich, Jean Jacques gäbe alſo keine Rouſſeau unglücklich! Gerechtigkeit, weder hienieden, noch . Unglücklich der Mann, dem Glücke kennen; doch von Ihnen es Ihnen beliebt.“ der ſein ganzes Leben des Menſchen gewidmet hat!“ „Gut, gut; ich ſehe, daß Sie ihn in der That nicht ſprechen wir mein Freund, wenn 2* wenn ich noch weiter über den aufgeklärt würde, denn „Es wäre mir lieber, Gegenſtand, der uns beſchäftigt, was ſoll ich Ihnen von mir, der ich nichts bin, ſagen, mein Herr?“ „Und dann kennen Sie mich nicht und befürchten vertraulich gegen einen Fremden zu ſein.“ „Oh! mein Herr, was kann ich von irgend Jemand in der Welt befürchten, und wer kann mich noch unglück⸗ licher machen, als ich bin? Erinnern Sie ſich, auf welche Weiſe ich vor Ihren Augen erſchien allein, arm und ausgehungert“ „Wohin wollten Sie gehen?“ „Nach Paris. Sie ſind Pariſer, mein Herr?“ „Ja, das heißt nein.“. „Ahl welches von Beiden?“ fragte Gilbert lächelnd. „Ich liebe es durchaus nicht, zu lügen, und bemerke jeden Augenblick, daß man überlegen muß, ehe man ſpricht. Ich bin Pariſer, wenn man unter Pariſer einen Menſchen verſteht, der ſeit langer Zeit in Paris wohnt und ein Pariſer Leben führt; doch ich bin nicht in dieſer Stadt geboren. Warum dieſe Frage?“ Sie ſtand in meinem Geiſte im Zuſammenhang mit dem Geſpräch, das wir ſo eben hatten, ich wollte ſagen, wenn Sie in Paris wohnen, ſo müſſen Sie Herrn Rouſſeau, von dem die Rede war, geſehen haben.“ 4 „Ich habe ihn in der That zuweilen geſehen.“ „Nicht wahr, man ſchaut ihn an, wenn er vorüber geht? Man bewundert ihn, man zeigt ihn ſich mit dem Finger als den Wohlthäter der Menſchheit?“ „Nein, die Kinder folgen ihm und werfen ihm, auf⸗ geſtachelt von ihren Eltern, Steine nach.“ 3 Ah! mein Gott!“ rief Gilbert mit einem ſchmerz⸗ lichen Erſtaunen; ver i*ſt doch wenigſtens reich?“ „Er fragt ſich zuweilen, wie Sie ſich dieſen Morgen fragten: Wo werde ich frühſtücken.“ „Doch ſo arm er auch ſein mag, ſo iſt er doch an⸗ geſehen, mächtig, geehrt.“ n⸗ ——— 21 „Jeden Abend, wenn er einſchläft, weiß er nicht, ob er nicht am andern Morgen in der Baſtille erwacht.“ „Oh! wie muß er die Menſchen haſſen.“ „Er liebt ſie nicht und haßt ſie nicht, er iſt ihrer überdrüſſig.“ „Die Leute nicht haſſen, die uns mißhandeln!“ rief Gilbert,„das begreife ich nicht.“ „Rouſſeau iſt ſtets frei geweſen, mein Herr, Rouſſeau iſt ſtark genug geweſen, um ſich nur auf ſich ſelbſt zu ſtützen, und die Stärke und die Freiheit machen die Men⸗ ſchen ſanft und gut, während die Sklaverei und die Schwäche allein dieſelben böſe machen.“ „Deßhalb wollte ich frei bleiben,“ ſprach Gilbert ſtolz;„ich errieth, was Sie mir jetzt erklärt haben.“ „Man iſt ſelbſt im Gefängniß frei, mein Freund,“ ſagte der Fremde;„wäre Rouſſeau in der Baſtille, was ihm fruͤher oder ſpäter begegnen wird, ſo würde er eben ſo frei ſchreiben und denken, als in den Gebirgen der Schweiz. Ich, was mich betrifft, habe nie geglaubt, die Freiheit des Menſchen beſtehe darin, daß er thue, was er wolle, ſondern darin, daß ihn keine menſchliche Macht zu thun zwinge, was er nicht wolle.“ „Hat Rouſſeau geſchrieben, was Sie da ſagen, mein Herr?“ „Ich glaube,“ antwortete der Fremde. „Nicht in ſeinem Contrat Social?“ „Nein, in einem Werke, das neuerdings unter dem Titel Réveries d'un Promeneur Ssolitaire*) von ihm veröffentlicht worden iſt.“ „Mein Herr,“ ſprach Gilbert voll Wärme,„ich glaube, wir begegnen uns in einem Punkt.“ „In welchem?“ 1„Darin, daß wir Beide Ronſſeau lieben und bewun⸗ ern. —C—U *) Träumereien eines einſamen Spaziergängers. 22 „Sprechen Sie für ſich, junger Mann, Sie ſind in dem Alter der Illuſionen.“ „Man kann ſich über die Dinge täuſchen, aber nicht über die Menſchen.“ „Ach! Sie werden ſpäter ſehen, daß man ſich haupt⸗ ſächlich über die Menſchen täuſcht. Rouſſeau iſt vielleicht ein wenig gerechter als die andern Menſchen, aber glauben Sie mir, er hat ſeine Fehler, und zwar ſehr große.“ Gilbert ſchüttelte den Kopf mit einer Miene, welche wenig Ueberzeugung ausdrückte; aber trotz dieſer unhöf⸗ lichen Kundgebung fuhr der Fremde fort, ihn mit derſel⸗ ben Gunſt zu behandeln. „Kommen wir zu unſerem Ausgangspunkt zurück,“ ſprach der Fremde.„Ich ſagte, Sie haben Ihren Herrn in Verſailles verlaſſen.“ „Und ich,“ verſetzte Gilbert etwas geſchmeidiger,„und ich, der ich Ihnen antwortete, ich habe keinen Herrn, wäre befugt geweſen, zu antworten, es habe nur von mir abgehängt, einen ſehr hochgeſtellten zu bekommen, und ich habe eine Lage ausgeſchlagen, um die ich von vielen An⸗ dern beneidet worden wäre.“ „Eine Lage?“ „Ja, ich ſollte zur Beluſtigung von müßigen vor⸗ nehmen Herren dienen, aber ich dachte, da ich jung ſei, ſtudiren und meinen Weg machen könne, dürfe ich dieſe koſtbare Jugendzeit nicht verlieren, und in meiner Perſon die Würde des Menſchen nicht compromittiren.“ „Das iſt gut,“ ſprach der Fremde ernſt;„doch haben Sie einen beſtimmten Plan, um Ihren Weg zu machen?“ „Mein Herr, ich trachte darnach, Arzt zu werden.“ „Eine ſchöne und edle Laufbahn, auf welcher man zwiſchen der wahren Wiſſenſchaft, einer beſcheidenen Mär⸗ tyrerin, und der frechen, goldenen, feiſten Charlatanerie wählen kann. Lieben Sie die Wahrheit, junger Mann, ſo werden Sie Arzt, lieben Sie das Aufſehen, ſo machen Sie ſich zum Arzt.“ 23. „Aber nicht wahr, man braucht viel Geld, um zu ſtudiren?“ 8 „Man braucht allerdings, doch nicht gerade viel.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Gilbert,„Jean Jacques Rouſſeau, der Alles weiß, hat um nichts ſtudirt.“ „Um nichts!“ ſagte der Greis mit einem traurigen Lächeln.„Oh! junger M nn, Sie nennen nichts, was Gott den Menſchen Koſtbarſtes gegeben hat: die Un⸗ ſchuld, die Geſundheit, den Schlaf; das hat den Genfer Philoſophen das Wenige gekoſtet, was ihm zu lernen ge⸗ lungen iſt.“ „Das Wenige!“ rief Gilbert beinahe entrüſtet. „Allerdings; fragen Sie nach ihm, und hören Sie, was man Ihnen von ihm ſagen wird.“ „Vor Allem iſt er ein großer Muſiker.“ „Oh! weil der König Ludwig XV. mit Leidenſchaft: P'ai perdu mon serviteur,**) geſungen hat? das be⸗ weiſt nicht, daß der Devin du village**) eine gute Oper iſt.“ „Er iſt ein großer Botaniker. Hiefür ſprechen ſeine Briefe, von denen ich mir nie mehr als ein paar ver⸗ zettelte Blätter verſchaffen konnte; Sie müſſen das kennen Sie, der Sie Pflanzen in den Wäldern ſammeln?“ „Oh! man hält ſich für einen Botaniker und iſt häufig nur...“ „Vollenden Sie.“ „Nur ein Kräuterkenner.. und zwar...“ „Und was ſind Sie? Ein Kräuterkenner oder ein Botaniker?“ „Oh! ein ſehr geringfügiger und unwiſſender Kräuter⸗ kenner den Wundern Gottes gegenüber, welche man die Pflanzen und die Blumen nennt.“ „Er verſteht das Lateiniſche.“ „Sehr ſchlecht.“ — *) Ich habe meinen Diener verloren 2½) Der Dorfwahrſager. 24 „Ich habe jedoch in einer Zeitung geleſen, es ſei ein alter Schriftſteller Namens Tacitus von ihm überſetzt worden.“ „Weil er in ſeinem Stolze,— ach! jeder Menſch iſt in gewiſſen Augenblicken ſtolz, weil er in ſeinem Stolze Alles unternehmen wollte; aber er ſagt ſelbſt in der An⸗ kündigung ſeines erſten Buches, des einzigen, das er über⸗ ſetzt, er verſtehe das Lateiniſche ziemlich ſchlecht, und Ta⸗ citus, der ein harter Lanzenbrecher iſt, ermüdete ihn bald. Nein, nein, guter junger Mann, trotz Ihrer Bewunderung gibt es keinen univerſellen Menſchen, und beinahe immer verliert man an Tiefe, was man an Oberfläche gewinnt. Es gibt keinen noch ſo kleinen Bach, der nicht unter einem Sturme überfließt und das Ausſehen eines Sees bekommt. Aber verſuchen Sie es, ihn ein Schiff tragen zu laſſen, und Sie werden bald die Tiefe berührt haben.“ „Und Ihrer Meinung nach iſt Rouſſeau einer von dieſen oberflächlichen Menſchen?“ Ja, vielleicht bietet er eine Oberfläche, welche etwas hhedehute iſt, als die der anderen Menſchen, doch mehr nicht. „Viele Menſchen wären nach meiner Meinung glück⸗ lich, wenn ſie zu einer ſolchen Oberfläche gelangten.“ „Sprechen Sie für mich?“ fragte der Fremde mit ‚einer Treuherzigkeit, welche Gilbert auf der Stelle ent⸗ waffnete. „Ah! Gott behüte mich!“ rief der letztere,«„es iſt mir zu ſüß, mit Ihnen zu plaudern, als daß ich Sie zu beleidigen ſuchen ſollte.“ „In welcher Hinſicht iſt Ihnen mein Geſpräch ange⸗ nehm? Laſſen Sie hören, denn ich kann nicht glauben, daß Sie mir für ein Stück Brod und für ein paar Kir⸗ ſchen ſchmeicheln wollen.“ „Sie haben Recht. Ich würde nicht für das Reich der Welt ſchmeicheln; aber hören Sie, Sie ſind der Erſte, der mit mir ohne Stolz, mit Güte geſprochen hat, wie man mit einem jungen Mann, und nicht wie man mit — 25 einem Kinde ſpricht. Obgleich wir über Rouſſeau nicht einig geweſen ſind, liegt doch hinter der Milde Ihres Gei⸗ ſtes etwas Erhabenes, das den meinigen anzieht. Wenn ich mit Ihnen ſpreche, kommt es mir vor, als wäre ich in einem reichen Salon mit geſchloſſenen Läden, deſſen Reichthum ich jedoch trotz der Dunkelheit errathe. Es würde nur von Ihnen abhängen, in Ihr Geſpräch einen Lichtſtreif fallen zu laſſen, und ich wäre geblendet.“ „Aber Sie ſelbſt, Sie ſprechen mit einer gewiſſen Auswahl der Worte und Gedanken, welche glauben machen könnte, Sie hätten eine andere Erziehung genoſſen, als die von Ihnen zugeſtandene.“ „Das iſt das erſte Mal, mein Herr, und ich wundere mich ſelbſt über die Ausdrücke, in denen ich ſpreche; es gibt Worte, deren Bedeutung ich kaum kenne, und deren ich mich bediene, ohne ſie mehr als einmal gehört zu haben. Ich hatte ſie in den Büchern, die ich las, gefun⸗ den, aber ich hatte ihren Sinn nicht begriffen.“ „Sie haben viel geleſen?“ „Zu viel; aber ich werde wieder leſen.“ Der Greis ſchaute Gilbert erſtaunt an. „Ja, ich habe Alles geleſen, was mir in die Hände gefallen iſt, oder vielmehr, gute und ſchlechte Bücher, ich habe Alles verſchlungen. Oh! wenn ich Jemand gehabt hätte, um mich in meiner Lecture zu führen, um mir zu ſagen, was ich vergeſſen, und was ich im Gedaͤchtniß be⸗ halten ſollte!... Doch verzeihen Sie, mein Herr, ich vergeſſe, daß, wenn Ihre Unterhaltung mir koſtbar iſt, dies nicht mit der meinigen ebenſo ſein muß; Sie ſammeln ilbert machte eine Bewegung, um ſich zu entfernen, doch mit dem lebhaften Verlangen, zurückgehalten zu werden. er Greis, deſſen kleine, grane Augen auf ihn geheftet waren, ſchien dies im Grunde ſeiner Seele zu leſen. „Nein,“ ſagte er,„meine Kapſel iſt beinahe voll und ich brauche nur noch einige Mooſe; man hat mir 26 geſagt, es wachſen in dieſem Bezirke ſehr ſchöne Frauen⸗ 8 haare.“*) „Warten Sie, warten Sie, ich glaube ſo eben auf einem Felſen geſehen zu haben, was Sie ſuchen.“ „Fern von hier?“ „Nein, dort, kaum fünfzig Schritte von hier.“ 4„Aber woher wiſſen Sie, desß die Pflanzen, die Sie geſehen, Frauenhaare ſind 2— „Ich bin in den Wäldern geboren, mein Herr; dann beſchäftigte ſich die Tochter desjenigen, bei welchem ich aufgezogen wurde, auch mit Botanik; ſie beſaß ein Kräuter⸗ buch und unter jeder Pflanze ſtand der Name derſelben von ihrer Hand geſchrieben. Ich ſchaute dieſe Pflanzen 4 und dieſe Schrift oft an, und es ſcheint mir, ich habe Mooſe, die ich nur unter dem Namen Felsmooſe kannte, unter dem von Frauenhaaren bezeichnet geſehen.“. 4„ „Und Sie finden Geſchmack an der Botanik?“ „Ah! mein Herr, wenn ich Nicole ſagen hörte, Nicole war die Kammerfrau von Fräulein Andrée,— wenn ich Nicole ſagen hörte, ihre Gebieterin ſuche verge⸗„* bens irgend eine Pflanze in der Umgegend von Taverney, ſo bat ich Nicole, ſich nach der Form dieſer Pflanze zu erkundigen. Ohne zu wiſſen, daß ich dieſe Bitte gethan, zeichnete ſodann Fräulein Andrée die Pflanze mit vier Bleiſtiftzigen. Nicole nahm ſogleich die Zeichnung und brachte ſie mir. Dann lief ich durch Feld und Wieſen und Wald, bis ich die fragliche Pflanze gefunden. Hatte ich ſie gefunden, ſo hob ich ſie mit einem Spaten aus und verſetzte ſie in der Nacht mitten in den Raſen vor dem Schloſſe, ſo daß Fräulein Andrée, wenn ſie Morgens ſpazieren ging, einen Freudenſchrei ausſtieß und rief: Oh! mein Gott! wie ſeltſam iſt das, die Pflanze, 115 welche ich überall geſucht habe, hier iſt ſie.“ Der Greis ſchaute Gilbert aufmerkſamer an, als zu⸗ 6 I vor, und hätte nicht Gilbert im Gedanken an das, was er *) Zu den Farrenkräutern gehörige Pflanzen. 8 Fremde. die Verbannung, ſo werden ſie genöthig —— 27 geſagt, erröthend die Augen niedergeſchlagen, ſo würde er geſehen haben, daß dieſe Aufmerkſamkeit mit einer zärtli⸗ chen Theilnahme gemiſcht war. „Wohl! ſo fahren Sie fort, die Botanik zu ſtudiren, junger Mann,“ ſagte er zu ihm;„die Botanik wird Sie auf dem kürzeſten Wege zur Arzneikunde führen. Glauben Sie mir, Gott hat nichts Unnützes gemacht, und jede Pflanzé wird eines Tags ihre Bedeutung im Buche der Wiſſenſchaft haben. Lernen Sie vor Allem die Kräuter kennen, hernach werden Sie lernen, was ihre Eigenſchaften ſind.“ x„Nicht wahr, es gibt Schulen in Paris?“ .„Und ſogar unentgeldliche; die Schule der Chirurgie zum Beiſpiel iſt eine von den Wohlthaten der gegenwaͤr⸗ tigen Regierung.“ „Ich gedenke ihre Curſe zu beſuchen.“ „Nichts iſt leichter; denn ich hoffe, Ihre Eltern wer⸗ den Ihnen, Ihre Neigung erkennend, ein Koſtgeld ausſetzen.“ „Ich habe keine Eltern; doch ſeien Sie unbeſorgt, mit meiner Arbeit werde ich mich wohl ernähren.“ „Gewiß, und da Sie die Werke von Rouſſeau ge⸗ leſen, ſo konnten Sie ſehen, daß jeder Menſch, und wäre er der Sohn eines Fürſten, ein Handwerk lernen muß.“ „Ich habe den Emile nicht geleſen, denn ich glaube, im Emile findet ſich dieſe Empfehlung, nicht wahr?“ „Ja. „Aber ich hörte Herrn vo rime ſpotten und es beklagen, zu einem Schreiner gemacht „Und was hat er aus n Taverney über dieſe Ma⸗ daß er ſeinen Sohn nicht habe.“ ihm gemacht?“ fragte der „Einen Officier,“ ſprach Gilbert. Der Greis lächelte. „Ja, ſie ſind Alle ſo, dieſe Ad ein Gewerbe zu lehren, eligen, ſtatt ihre Kinder das Lebensunterhalt gewährt, lehren Sie dieſelben ein G ewerbe, das zum Tode führt. „und in Folge der Revolution t ſein, im Ausland s komme eine Revolution 28 zu betteln, oder ihren Degen zu verkaufen, wa ſchlimmer iſt; doch Sie, der Sie nicht der Sohn Adeligen ſind, Sie verſtehen, wie ich vorausſetze, Handwerk?“ 4 „Mein Herr, ich habe Ihnen bereits geſagt, ich ver⸗ ſtehe nichts, und dann muß ich Ihnen geſtehen, ich hege einen unüberwindlichen Abſcheu gegen jedes Geſchäft, das 3 den Körper zu harten, rohen Bewegungen zwingt.“— „Ah!“ ſagte der Greis,„Sie ſind alſo träge?“ „Oh! nein, ich bin nicht träge; doch ſtatt mich an einem Werke arbeiten zu laſſen, wobei nur die koͤrperliche Stärke in Anſpruch genommen wird, geben Sie mir Bü⸗ cher, geben Sie mir ein halbſchwarzes Cabinet, und Sie werden ſehen, ob ich nicht meine Tage und Nächte in der Arbeit hinbringe, die ich gewählt.“ 8 Der Fremde ſchaute die zarten, weißen Hände des 4₰ jungen Mannes an und ſprach: „Es iſt eine Vora isbeſtimmung, ein Inſtinkt. Ein ſolches Widerſtreben führt zuweilen zu ſchönen Reſultaten, aber man muß ihm eine gute Richtung geben. Doch wenn Sie nicht in einem Colleg geweſen ſind, ſo haben Sie wenigſtens eine Schule beſucht?“ Gilbert ſchüttelte den Kopf.— 3 „Sie koͤnnen leſen und ſchreiben??“ 4 „Meine Mutter hatte, ehe ſie ſtarb, Zeit, mich leſen zu lehren: arme Mutter! denn als ſie ſah, daß ich ſo ſchwächlichen Körpers war, ſagte ſie beſtändig:„„Das wird nie ein guter Arbeiter werden, man muß einen Prieſter oder einen Gelehrten aus ihm machen.““ Zeigte ich einen Widerwillen, ihre Lectionen anzuhören, ſo ſprach ſie zu mir:„„Lerne leſen, Gilbert, und Du wirſt nicht Holz ſpalten, Du wirſt nicht den Pflug führen, Du wirſt nicht Steine hauen.““ Und ich lernte. Doch leider— konnte ich kaum leſen, als meine Mutter ſtarb.“ „Und wer lehrte Sie ſchreiben?“ A „Ich ſelbſt.“ 5 „Sie ſelbſt?“ 8=ͤ——, 29 „Ja, mit einem Stöckchen, das ich zuſpitzte, und mit Sand, den ich durch ein Sieb laufen ließ, um ihn feiner zu machen. Zwei Jahre lang ſchrieb ich, wie man druckt, indem ich aus einem Buche copirte, und ohne zu wiſſen, daß es andere Charactere gab, als diejenigen, welche ich mit ziemlich viel Glück nachzuahmen vermochte. Eines Tags, es ſind ungefähr drei Jahre, reiſte Fräͤulein Andrée nach dem Kloſter ab; man hatte ſeit einiger Zeit keine Nachricht mehr von ihr, als mir der Poſtbote einen Brief von ihr für ihren Vater einhändigte. Ich ſah nun, daß es andere Charactere gab, als die gedruckten. Herr von Taverney erbrach das Siegel und warf den Umſchlag weg; dieſen Umſchlag hob ich auf und nahm ihn mit mir, und obald der Poſtbote zum erſten Male wieder kam, ließ ich mir die Adreſſe vorleſen. Sie war in folgenden Worten abgefaßt: A Monsieur je Baron de Taverney- Maison- ouge en son chäteau, par Pierreſitte. Auf jeden dieſer Buchſtaben ſetzte ich den entſprechenden Buchſtaben in gedruckten Characteren, und ich ſah, daß, drei ausge⸗ nommen), alle Buchſtaben des Alphabets in dieſen zwei eilen enthalten waren. Dann ahmte ich die von Fräulein ndrée geſchriebenen Buchſtaben nach. Nach Verlauf von acht Tagen hatte ich dieſe Adreſſe vielleicht zehntauſendmal wiederholt und konnte ſchreiben. Ich ſchrieb leidlich, und ſogar eher gut, als ſchlecht. Sie ſehen, mein Herr, daß meine Hoffnungen nicht übertrieben ſind, da ich leſen, da ich ſchreiben kann, da ich Alles geleſen habe, was mir in die Hände gefallen iſt, da ich über Alles, was ich geleſen, nachzudenken verſucht habe. Warum ſollte ich nicht einen ann finden, der meiner Feder, einen Blinden, der meiner Augen, oder einen Stummen, der meiner Zunge bedurfte?“ „Sie vergeſſen, daß Sie dann einen Herrn hätten, — *) Würde dieſe Adreſſe ins Deutſche übertragen, wonach es: An den Herrn Bauon von Taverney⸗ Maiſon⸗Rouge in ſeinem Sch loſſe, durch Pierrefitte, hieße, ſo fände ſich ein bedeutend größerer Mangel an Buchſtaben des Alphabets. 30 Sie, der Sie keinen haben wollen. Ein Secretaire oder ein Vorleſer ſind Bedienten zweiten Ranges und nichts Anderes.“ „Das iſt wahr,“ murmelte Gilbert erbleichend,„doch 4 gleichviel, ich muß zum Ziele kommen. Ich werde Waſſer. tragen, ich werde die Pflaſterſteine von Paris umkehren, wenn es ſein muß, aber ich werde an das Ziel kommen, oder auf dem Wege ſterben, und dann iſt mein Ziel eben⸗ falls erreicht.“— „Immer zu! immer zu l“ ſprach der Fremde,„ ſcheinen mir in der That voll guten Willens und Mu zu ſein. „Doch Sie ſelbſt, ſprechen Sie, Sie, der Sie ſo gegen mich ſind, treiben Sie nicht irgend ein Gewerbe? Sie ſind gekleidet wie ein Finanzmann.“— Der Greis lächelte mit ſeinem ſanften, ſchwermüthigen 4 Lächeln und ſprach: 8 „Ja, es iſt wahr, ich habe ein Gewerbe, d den Finanzſachen völlig fremd. Ein Finanzma icht Kräuter ſuchen.“ „Iſt es Ihr Geſchäft, Kräuter zu ſuchen ¾⁰ „Beinahe.““ „Dann ſind Sie arm?“ I 1. „Es ſind die Armen, welche geben, hat ſie weiſe gemacht, und ein guter Rath iſt als ein Louis d'or. Geben Sie mir alſo einen „Ich werde vielleicht etwas Beſſeres thun.“ Gilbert erwiederte lächelnd: „Ich vermuthete es.“ „Wie viel glauben Sie, daß man braucht, um zu un Armuth ke r werth, . leben?“ „Oh! ſehr wenig.“ kic „Vielleicht kennen Sie Paris nicht?“ n er „Geſtern habe ich es zum erſten Male von den Höhen von Luciennes erblickt.“ —jjjjͤͤn 31. .„Sie wiſſen alſo nicht, wie theuer es in dieſer großen I Landt. aie nif iſt?¹ „Wie viel ungefähr? Machen Sie eine Vergleichung.“ „Gern. Zum Beiſpiel, was in der Provinz einen Sou koſtet, koſtet in Paris drei Sous.“ „Nun, vorausgeſetzt, ich habe irgend ein Obdach, wo ich nach der Arbeit ruhen kann, ſo werde ich für das ma⸗ terielle Leben ungefähr ſechs Sous täglich brauchen.“ „Gut! gut! mein Freund,“ rief der Fremde.„So liebe ich den Menſchen. Kommen Sie mit mir nach Paris, und ich finde für Sie ein unabhängiges Gewerbe, mit deſſen Hülfe Sie leben werden.“ 4„Oh, mein Herr!“ rief Gilbert freudetrunken, doch alsbald ſich wieder faſſend, fügte er bei: 1 „Wohlverſtanden, ich werde wirklich arbeiten, und es 4 iſt nicht ein Almoſen, was Sie mir anbieten?“ „Nein. Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Kind, ich bin nicht reich genug, um Almoſen zu geben, und nicht thöricht genug, um dies auf den Zufall zu thun.“ „Das iſt mir lieb,“ ſagte Gilbert, dem dieſer men⸗ ſchenfeindliche Ausfall ganz angenehm war, ſtatt ihn zu verletzen.„Das iſt eine Sprache, wie ich ſie gern höre. Ich nehme Ihr Anerbieten an und danke Ihnen dafür.“ „Es iſt alſo abgemacht, daß Sie mit mir nach Paris kommen?“ „Ja, mein Herr, wenn Sie wollen.“ 1„Ich will, da ich es Ihnen anbiete.“ „Wozu werde ich gegen Sie verbunden ſein?“ 8 re„Bu nichts... als zu arbeiten, und Sie werden ſelbſt Ihre Arbeit ordnen; Sie werden das Recht haben, lung zu ſein, das Recht, glücklich zu ſein, das Recht, frei zu ſein, und ſogar das Recht, müßig zu ſein, wenn Sie ſſich Ihre Muße erworben haben,“ ſprach der Fremde, un⸗ 4 willkührlich lächelnd. Dann fügte er mit einem Seuf⸗ 3: 4„O Jugend! o Kraft! o Freiheit!“ Und bei dieſen Worten verbreitete ſich eine Schwer⸗ 32 muth von unausſprechlicher Poeſie über ſeine zarten, reinen Züge. und ſprach heiterer: „Und nun, da Sie eine Lebenslage haben, wollen wir, wenn es Ihnen gefällt, noch eine zweite Kapſel mit Pflanzen füllen. Ich habe hier graue Papierblätter, auf welchen wir die erſte Ernte claſſificerren werden. Doch ſprechen Sie, ſind Sie noch hungrig? Ich habe noch Brod.“. „Behalten wir es für den Mittag, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr.“ „So eſſen Sie wenigſtens die Kirſchen; ſie wurden uns beläſtigen.“ „Das will ich wohl; doch erlauben Sie mir, daß ich Ihre Kapſel trage, Sie werden leichter marſchiren, und in Folge der Gewohnheit dürften meine Beine die Ihrigen müde machen.“ „Ah! Sie bringen mir Glück; mir ſcheint, ich ſehe dort das Vieris hieracioides, das ich ſeit dem Morgen vergebens ſuche, und unter Ihrem Fuße, nehmen Sie ſich in Acht! das Cerastium aquaticum. Warten Sie, warten Sie! reißen Sie es nicht aus! Oh! Sie ſind noch kein Kräuterkenner, mein junger Freund: die eine Pflanze iſt in dieſem Augenblick zu feucht, um gepflückt zu wer⸗ den; die andere iſt noch nicht genug vorgerückt. Wenn wir dieſen Nachmittag um drei Ühr wieder vorüberkom⸗ men, nehmen wir das Vicris hieracioides heraus und das Cerastium holen wir in acht Tagen. Uebrigens will ich es auf der Stelle einem mir befreundeten Gelehrten zeigen, den ich um ſeine Protection für Sie bitten werde. Und nun kommen Sie und führen Sie mich an den vor⸗ Hienach ſtand er auf, ſtützte ſich auf ſeinen Stab hin von Ihnen erwähnten Ort, wo Sie ſchöne Frauen⸗ haare geſehen haben.“ Gilbert ging ſeinem neuen Bekannten voran; der Greis folgte ihm und Beide verſchwanden im Walde. 1 ₰ ———* — O u 8— 8 EÆ O — 33 XILIV. Herr Jacques. Gilbert, entzückt über das Glück, das ihn in ſeinen verzweifelten Augenblicken ſtets eine Stütze ſinden ließ, ging voran, und wandte ſich von Zeit zu Zeit gegen den fremden Mann um, der ihn mit wenigen Worten ſo ge⸗ lehrig und geſchmeidig gemacht hatte. 4 Er führte ihn zu ſeinen Mooſen, herrliche Frauenhaar ſammelt hatte, ſetzte Pflanzen aufzuſuchen welche in der That ſe waren. Als der Greis davon ge⸗ n ſie ſich wieder in Marſch, um neue Gilbert war in der Botanik viel weiter vorgerückt, als er ſelbſt glaubte. Mitten in den Wäldern geboren, kannte er wie Freundinn nen aus der Kinderzeit alle Wald⸗ pflanzen; nur kannte er ſie unter ihrem gemeinen Namen. Wie er ſie ſo bezeichnete, nannte ihm ſein Gefährte die⸗ ſelben unter ihrem wiſſenſchaftlichen Namen, den Gilbert, wenn er eine Pflanze von derſelben Familie fand, zu wie⸗ derholen verſuchte. Mehrere Male verſtümmelte er den Der Fremde ſetzte griechiſchen oder lateiniſchen Namen. ihm denſelben auseinander, zeigte ihm den Zuſammenhang es Gegenſtandes mit dieſen erklärten Wörtern und Gil⸗ bert lernte ſo nicht allein den Namen der Pflanze, ſon⸗ dern auch die Bedeutung des griechiſchen oder lateini⸗ ſchen Wortes, mit dem Plinius, Linné oder Juſſien. dieſe Pflanze getauft. 8 Von Zeit zu Zeit ſagte er: „Welch ein Unglück, mein Herr, daß ich meine ſechs Sous nicht dadurch gewinnen kann, daß ich den ganzen ag hindurch Botanik mit Ihnen treibe! Ich ſchwoͤre Ihnen, ich würde nicht einen Augenblick ausruhen; und ich brauchte nicht einmal ſechs Sous; ein Stück Brod wie dasjenige, welches Sie dieſen Morgen hatten, würde meinem Appetit für den ganzen Tag genügen. Ich habe aus einer Quelle eben ſo gutes Waſſer getrunken, als in Taverney, und in der f letzten Nacht ſchlief ich am Fuße Deukwürdigkeiten eines Arztes. III. 3 34 eines Baumes, wo ich mich niederlegte, beſſer, als ich es je unter dem Dache eines Schloſſes gethan haben würde.“ Der Fremde lächelte. „Mein Freund,“ ſagte er,„der Winter wird kommen, die Pflanzen werden verdorren, die Quelle wird gefrieren, der Nordwind wird durch die entblätterten Bäume pfeifen ſtatt der ſanften Luft, welche das Laubwerk ſo zart be⸗ wegt. Dann brauchen Sie ein Obdach, Kleider, Feuer, und von Ihren ſechs Sous täglich hätten Sie nicht ein Zimmer, Holz und Kleider erſparen können.“ Gilbert ſeufzte, pflückte neue Pflanzen und machte neue Fragen. So liefen ſie einen guten Theil des Tages in den Wäldern von Aulnay, von Pleſſis⸗Piquet und Clamart⸗ſous⸗Meudon umher. Gilbert hatte ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, bereits mit ſeinem Gefährten auf den Fuß der Vertraulichkeit ge⸗ ſetzt. Der Greis befragte ihn ſeinerſeits mit einer bewun⸗ derungswürdigen Gewandtheit; aber mißtrauiſch, vorſichtig, furchtſam, offenbarte ſich Gilbert ſo wenig als möglich. In Chatillon kaufte der Fremde Brod und Milch, wovon er die Hälfte Gilbert anbot, die dieſer auch, ohne Schwierigkeiten zu machen, annahm. Dann ſchlugen Beide den Weg nach Paris ein, damit Gilbert noch am Tage in die Stadt gelangen könnte. Das Herz des jungen Mannes ſchlug ſchon bei dem Gedanken, in Paris zu ſein, und er ſuchte ſeine Aufregung nicht zu verbergen, als er von den Anhöhen von Vanvres herab Sainte⸗Genévitve, das Invalidenhotel, Notre⸗Dame und das unermeßliche Meer von Häuſern erblickte, deſſen zerſtreute Wogen wie eine Fluth die Seiten von Mont⸗ martre, Belleville und Ménilmontant peitſchen. „O Paris! Paris!“ murmelte er. „Ja, Paris, ein Haufe von Häuſern, ein Schlund von Uebeln,“ ſprach der Greis.„Auf jedem von den Steinen da unten dürften Sie einen Blutstropfen röthen oder eine Thräne quellen ſehen, wenn die Schmerzen, welche dieſe Mauern umſchließen, außen erſcheinen könnten.“ Gilbert bewältigte ſeine Begeiſterung, überdies fiel dieſe Begeiſterung bald von ſelbſt. Sie traten durch die Barriere d'Enfer ein. Die Vorſtadt war ſch; die Kranken, 7 wurden auf Trag⸗ ahren vorübergeſchleppt; halbnackte. Kinder ſpielten im Kühen und Schweinen. ie Stirne von Gilbert verdü nicht wahr?“ ſagte „Nun, dieſes Schauſpiel werden Sie bald und eine Kuh ſind noch ein Reichthum; ein Kind iſt noch eine Freude. Was den f erall und immer finden.“ Gilbert war i reren Farbe zu ſe 9 o wie es ihm ſein Gefährte macht Anfangs weitſchweifig in ſeinen Reden war der Letz⸗ tere allmählig, und je mehr man gegen den Mittelpunkt der Stadt fortſchritt, ſchweigſam und ſtumm geworden. Er ſchien ſo ſorgenvoll, daß Gilbert es nicht wagte, ihn zu fragen, was für ein Garten es wäre, den man durch das itter erblickte, wie die Brücke hieße, auf welcher man die Seine paſſirte. Dieſer Garten war der Lurembourg, dieſe Brücke war der Pont⸗Neuf. Da man aber immer und der Fremde die Träumerei bis zur rdreiſtete ſich Gilbert zu ſagen:. Sie noch weit von hier, mein Herr?“ r Fremde, den dieſe ießlicher machte. Four an dem prachtvol⸗ len Hotel de Soiſſons hin, deſſen Gebäude die Ausſicht ingang dieſer Straße hatten, wäh⸗ rend ſich ſeine herrliche Gaͤrten gegen die von Grenelle und Deur⸗Ecus ausdehnten. Gilbert kam an einer Kirche vorüber, die ihm ſehr ſchön dünkte. Er blieb einen Augenblick ſtehen, um ſie anzuſchauen. 3* 4 „Das iſt ein ſchoͤnes Monument,“ ſagte er. „Es iſt Saint⸗Euſtache,“ ſprach der Greis. Dann ſchaute er empor und rief: „Schon acht Uhr! oh! mein Gott! mein Gott! kommen Sie geſchwinde, junger Mann, kommen Sie.“ Der Fremde verlängerte ſeine Schritte. Gilbert folgte ihm. 4„Ah! hören Sie,“ ſprach der Fremde nach einigen Augenblicken eines ſo kalten Stillſchweigens, daß es Gil⸗ bert zu beunruhigen anfing,„ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ich verheirathet bin.“ „Ah!“ machte Gilbert.. „Ja, und daß meine Frau, als eine wahre Pariſerin, darüber ſchmälen wird, daß wir fo Fät zurückkehren. Ueberdies muß ich Ihnen bemerken, un3 ſie mißtrauiſch gegen Fremde iſt. Wuünſchen Sie, daß ich zurückhleibe, mein Herr 84 fragte Gilbert, deſſen ganze Wärme ſich bei dieſem Worte plötzlich in Eis verwandelte. „Nein, nein, mein Freund; ich habe Sie eingeladen zu mir zu kommen, kommen Sie“ „Ich folge Ihnen,“ ſ Ite Gilber. „Dort, rechts, hi urch wir ſind an Ort und Stelle.“ Gilbert ſchlug die ugen uf und las bei den letzten Strahlen des ſterbenden Tages an der Ecke des Platzes über dem Laden eines Specer ihündlers die Worte: „Nue Plaſtriére.“ Der Fremde beſchleunigte ſeinen Gang fortwährend, denn je mehr er ſich ſeinem Hauſe näherte, deſto mehr verdoppelte ſich auch die von uns erwähnte ſieberhafte Aufregung. Gilbert, der ihn nicht aus dem Auge verlie⸗ ren wollte, ſtieß ſich in jeder Sekunde bald an Vorüber⸗ gehenden, bald an den Laſten der Träger, bald an den Deichſeln der Wagen, bald an den Gabeln der Karren. Sein Führer ſchien ihn gänzlich vergeſſen zu haben; 4 N£— dl nu ilbert die blecherne Kap⸗ el nahm. 37 er ging in kurzem Trab, ſichtbar von einem ärgerlichen Gedanken in Anſpruch genommen. Endlich blieb er vor einer Gangthüre ſtehen, deren oberer Theil vergittert war. Eine kleine Schnur lief durch ein Loch heraus; der Greis zog an der Schnur und die Thüre öffnete ſich; er wandte ſich ſodann um und ſagte, als er Gilbert unent⸗ ſchloſſen auf der Schwelle ſah: „Kommen Sie geſchwinde.“ Und er ſchloß die Thüre wieder. Nachdem er einige Schritte in der Dunkelheit ge⸗ macht, ſtieß Gilbert an⸗ die erſte Stufe einer ſteilen, ſchwar⸗ zen Treppe. An die Oertlichkeit gewöhnt, hatte der Greis ſchon ein Dutzend Stufen überſchritten. Gilbert holte ihn wieder ein, ſtieg, und blieb ſtehen, als er ſtehen blieb. Dies geſchah bei einer durch das Reiben abgenutzten Strohmatte, auf einem Ruheplatz woran zwei Thüren. Der Unbekannte zog an einem Rehfuß, der an einer Vorhangſchnur hing, und ein ſcharfes Glöckchen erklang im Innern eines Zimmers. Dann vernahm man die ſchleppenden Tritte einer Perſon in Schlappen, und die hüre öffnete ſich. Eine Frau von fünfzig bis fünf und fünfzig Jahren erſchien auf der Schwelle. Zwei Stimmen vermiſchten ſich plötzlich, die eine war die des reiſes, die andere die der Frau, welche die Thüre geöffnet. Die eine von dieſen Stimmen ſagte ſchüchtern: „Iſt es zu ſpät, gute Thereſe?“ Die andere brummte: „Sie laſſen uns zu einer ſchönen Stunde zu Nacht eſſen, Jacques.“ „Ah! wir werden das Alles wieder gut machen,“ antwortete liebevoll der Fremde, während er die Thüre ſchloß, und aus den Händen von G ſo lange er ſtieg, —ſſ ——:;;üꝛöüü—y— 2 38 „Schön! ein Commiſſionär,“ rief die Alte;„ſonſt fehlte nichts mehr. Sie können alſo Ihren Kräuterpack nicht mehr allein tragen. Ein Commiſſionär für Herrn Jacques! entſchuldigen Sie! Herr Jacques wird ein vor⸗ nehmer Mann.“ 4 „Stille! ſtille!“ erwiederte derjenige, welchen man unter dem Namen Jacques ſo hart anließ, während er ge⸗ duldig ſeine Pflanzen auf dem Kamin ordnete;„ein wenig Ruhe, Tberc. 1 „Bezahlen Sie ihn wenigſtens, und ſchicken Sie ihn weg, daß wir keinen Spion hier haben.“. Gilbert wurde bleich wie der Tod und ſprang nach der Thüre. Jacques hielt ihn zurück. „Dieſer Herr,“ ſagte er mit einer gewiſſen Feſtigkeit, „iſt kein Commiſſionär, und noch weniger ein Spion. Es iſt ein Gaſt, den ich mitbringe.“ Die Arme der Alten fielen an ihren Hüften herab. „Ein Gaſt!“ rief ſie,„das fehlte uns noch.“ „Hören Sie, Thereſe,“ verſetzte der Fremde mit einer liebevollen Stimme, in der ſich jedoch die Nuance des Willens immer mehr fühlbar machte,„zünden Sie ein Licht an. Ich habe warm und es dürſtet uns.“ Die Alte ließ ein Gemurmel hören, das, Anfangs ziemlich laut, immer ſchwächer wurde. Dann nahm ſie einen Feuerſtahl und ſchlug über einer mit Zunder gefüllten Büchſe; die Funken ſprangen alsbald und zündeten die ganze Büchſe an. Während der Zeit, welche das Geſpräch, das Ge⸗ murmel und das darauffolgende Stillſchweigen gedauert hatten, war Gilbert unbeweglich, ſtumm und wie auf den Boden genagelt zwei Schritte von der Thürſchwelle ge⸗ blieben, welche überſchritten zu haben er nun aufrichtig bedauerte. Jacques bemerkte, was der junge Mann litt, und ſagte: 8 „Treten Sie näher, Herr Gilbert, ich bitte Sie.“ Um zu ſehen, mit wem ihr Gatte mit dieſer abſicht⸗ 39 1 lichen Höflichkeit ſprach, wandte die Alte ihr gelbes, ver⸗ drießliches Geſicht um. Gilbert ſah es bei den erſten Strahlen des mageren Lichtes, welches man in dem kupfernen Leuchter angezündet hatte. ieſes runzelige, fleckige und an einzelnen Stellen wie mit Galle infiltrirte Geſicht, dieſes Geſicht mit den mehr lebhaften als lebendigen, mit den mehr lüſternen als lebhaften * Augen, dieſe platte Süßigkeit auf gemeinen Zügen aus⸗ 7 gebreitet, eine Süßigkeit, welche die Stimme und der Empfang der Alten ſo ſehr Lügen ſtraften, floͤßten Gilbert mit dem erſten Blicke einen heftigen Widerwillen ein. Die Alte war ihrerſeits weit entfernt, das zarte, bleiche Antlitz, das behutſame Stillſchweigen und die Steifheit des jungen Mannes nach ihrem Geſchmack zu finden.. „Ich glaube wohl, daß Sie heiß haben, und daß es Sie dürſtet, meine Herren,“ ſagte ſie,„in der That, ſeinen Tag im Schatten der Wälder hinbringen iſt ermüdend! ſich von Zeit zu Zeit bücken, um eine Pflanze zu pflücken, 3 iſt eine Arbeit! Denn der Herr ſammelt ohne Zweifel Kräuter? Das iſt das Gewerbe von denjenigen, welche keines haben.“ „Dieſer Herr,“ erwiederte Jacques mit einer Stimme, welche immer mehr Feſtigkeit gewann,„dieſer Herr iſt ein guter und rechtſchaffener junger Mann, der mir die Ehre ſeiner Geſellſchaft den ganzen Tag gegönnt hat, und meine gute Thereſe, deſſen bin ich ſicher, wird ihn wie einen Freund aufnehmen.“ „Es iſt nur für zwei da, und nicht für drei,“ brummte Thereſe. „Ich bin mäßig und er auch,“ ſagte Jacques. „Ja, ja, das iſt gut. Ich kenne dieſe Mäͤßigkeit. Ich erkläre Ihnen, daß nicht gennug Brod im Haus iſt, um Ihre doppelte Mäßigkeit zu füttern, und daß ich nicht drei Treppen hinabſteigen werde, um zu holen. Ueberdies hat der Bäcker zu dieſer Stunde geſchloſſen.“ — 5 — — 40 „Dann werde ich hinabgehen,“ verſetzte Jacques die Stirne faltend.„Oeffnen Sie mir die Thüre, Thereſe.“ „Aber... „Ich will es!“. „Es iſt gut! es iſt gut!“ ſagte die Alte brummelnd, gab jedoch dem entſchiedenen Tone nach, zu dem ihr Widerſtand ſtufenweiſe Jacques gebracht hatte.„Bin ich, nicht da, um mich in alle Ihre Launen zu fügen?... Man wird genug an dem haben, was ſich findet. Kom⸗ men Sie zum Abendbrod.“ „Setzen Sie ſich an meine Seite,“ ſagte Jacques zu Gilbert, indem er ihn zu einem Tiſchchen im Nebenzimmer führte, auf welchem bei zwei Gedecken zwei zuſammen⸗ gerollte und das eine mit einem rothen Band, das andere mit einem weißen Band umwickelte Servietten den Platz von jedem der Gebieter des Hauſes bezeichneten. Dieſes kleine viereckige Zimmer hatte eine blaßblaue Tapete mit weißen Zeichnungen. Zwei große Landkarten zierten die Wände. Die übrige Ausſtattung beſtand aus ſechs Stühlen von Kirſchbaum⸗ holz mit Strohſitzen, dem fraglichen Tiſche und einem mit geflickten Strümpfen gefüllten Korb. Gilbert ſetzte ſich, die Alte ſtellte einen Teller vor ihn, brachte ihm ein durch den Dienſt verbrauchtes Be⸗ ſteck und fügte dieſen Geraͤthſchaften einen ſorgfältig ge⸗ ſcheuerten zinnernen Becher bei. „Sie gehen nicht hinab?“ fragte Jacques ſeine Frau. „Es iſt unnöthig,“ erwiederte ſie mit einem mürriſchen Tone, der den Groll andeutete, welchen ſie gegen Jacques wegen des Sieges bewahrte, den er über ſie davongetra⸗ gen;„es iſt unnöthig, ich habe ein halbes Brod im Schranke gefuünden. Somit haben wir ungefähr andert⸗ halb Pfund, und das iſt hinreichend.“ „Während ſie ſo ſprach, ſtellte ſie die Suppe auf den Tiſch. Jacques wurde zuerſt bedient, dann Gilbert, die Alte aß aus der Suppenſchüſſel. 41 Alle drei hatten großen Appetit; ganz eingeſchüchtert durch den hauswirthſchaftlichen Streit, zu dem er Anlaß gegeben, legte Gilbert dem ſeinigen alle erdenkliche Zügel an. Er hatte jedoch zuerſt die Suppe gegeſſen. Die Alte warf auf ſeinen frühzeitig leeren Teller einen ganz zornigen Blick. „Wer iſt heute gekommen?“ fragte Jacques, um den Gedanken von Thereſe eine andere Nichtung zu geben. „Oh!“ erwiederte dieſe,„wie gewöhnlich die ganze Erde. Sie hatten Frau von Boufflers ihre vier Hefte, Madame d'Escars ihre zwei Arien, Frau von Penthivre ein Quartett mit Begleitung verſprochen. Die Einen ſind ſelbſt gekommen, die Andern haben geſchickt. Aber der Herr ſammelte Kräuter, und da man nicht zugleich ſich beluſtigen und arbeiten kann, ſo mußten die Damen ihre Muſik entbehren.“ Jacques ſagte kein Wort, zum großen Erſtaunen von Gilbert, welcher erwartete, er würde ihn ärgerlich werden eehen. Da er aber diesmal allein im Spiel war, ver⸗ änderte er ſein Geſicht nicht im mindeſten. Auf die Suppe folgte ein kleines Stück Ochſenfleiſch, welches auf einem Fayenceplättchen aufgetragen wurde, as ganz von der Schärfe der Meſſer geſtreift war. Jacques legte Gilbert ziemlich beſcheiden vor, denn er war unter dem Auge von Thereſe, dann nahm er für ſich ungefähr ein ähnliches Stück und reichte die Platte er Hausfrau. 3 Dieſe nahm das Brod und ſchnitt ein Stück für Gilbert ab. Dieſes Stück war ſo winzig, daß Jacques darüber erröthete; er wartete, bis Thereſe ihn und ſich ſelbſt bedient hatte, nahm dann das Brod wieder aus ihren Händen und ſagte zu Gilbert: „Sie werden ſich Ihr Brod ſelbſt ſchneiden, mein junger Freund, und ich bitte, ſchneiden Sie es nach Ihrem unger; das Brod muß nur denjenigen, welche es ver⸗ derben, zugemeſſen werden.“ 42 Einen Augenblick hernach erſchienen grüne Bohnen— mit Butter geſchmelzt. „Sehen Sie, wie grün ſie ſind,“ ſprach Jacques, „es ſind von unſern eingemachten; man ißt ſie vortreff⸗ lich hier.“ Und er reichte Gilbert die Platte. „Ich danke,“ erwiederte dieſer,„ich habe gut geſpeiſt und keinen Hunger mehr.“ „Der Herr iſt nicht Ihrer Anſicht über meine Ein⸗ gemachten,“ verſetzte Thereſe ſpitzig;„es wären ihm ohne Zweifel friſche Bohnen lieber, aber das ſind früͤhe Ge⸗ müſe, welche ſich mit unſerer Börſe nicht bezahlen laſſen.“ „Nein, Madame,“ entgegnete Gilbert,„ich finde ſie im Gegentheil ſehr appetitlich und ich würde ſie gern eſſen, aber ich nehme immer nur von einer Platte.“ „Und Sie trinken Waſſer?“ ſagte Jacques, indem er ihm die Flaſche bot. „Immer, mein Herr.“ Jacques goß ſich eine Fingerhut voll lautern Wein ein. „Nun, meine Frau,“ ſagte er, indem er die Flaſche wieder auf den Tiſch ſtellte,„nun bitte ich Sie, dieſem jungen Menſchen ein Lager zu bereiten, er muß ſehr müde ſein.“ Thereſe ließ ihre Gabel fallen und heftete ihre Augen ganz beſtürzt auf ihren Gatten. „Ein Lager! ſind Sie verrückt? Sie bringen Jemand zum Schlafen! Sie wollen ihn wohl in Ihrem Bett ſchlafen laſſen? In der That, er verliert den Kopf... Sie werden alſo fortan eine Penſion halten? Dann zäh⸗ len Sie nicht mehr auf mich; ſuchen Sie eine Köchin und eine Magd; es iſt genug, die Ihrige zu ſein, man braucht 4 nicht auch noch die von Andern zu werden.“ 1 „Thereſe,“ antwortete Jacques mit ſeinem ernſten, feſten Tone,„Thereſe, ich bitte, hören Sie mich an, liebe Freundin: es iſt nur für eine Nacht. Dieſer junge Mann hat nie einen Fuß in die Straßen von Paris geſetzt; er kommt hierher unter meiner Führung⸗ Ich will nicht, daß — 43 8 er im Wirthshauſe ſchläft, ich mein Bett nehmen, wie Sie ſa gen. 3 Nach dieſer zweiten Offenbarung ſeines Willens war⸗ tete der Greis. Thereſe, welche ihn aufmerkſam angeſchaut hatte und während er ſprach jede Muskel⸗ ſeines Geſichtes ſtudirte, ſchien zu begreifen, daß in dieſem Augenblick kein Streit möglich war, und veränderte plötzlich ihre Taktik. Sie wäre geſcheitert, wenn ſie hartnäckig gegen Gil⸗ bert gekämpft hätte, und fing an, für ihn zu kämpfen: es war allerdings eine Verbündete, von der ſich jeder Ver⸗ rath erwarten ließ. „Da Sie dieſer junge Menſch hierher b ſagte ſie,„ſo müſſen Sie ihn wohl gut ken iſt beſſer, er bleibt bei uns. Ihrem Cabinet.“ „„Mein, nein,“ erwiederte Jacques lebhaft;„ein Ca⸗ binet iſt kein Ort, wo man ſchläft. Man kann dieſe Pa⸗ piere anzünden.“ „Ein ſchönes Unglück!“ ann ſprach ſie laut: „Alſo im Vorzimmer, vor dem Speiſeſchrank?“ „Ebenſo wenig.“ „Dann ſehe ich trotz unſeres beiderſeitigen guten Wil⸗ lens, daß es unmöglich ſein wird; denn ohne Ihr Zimmer zu nehmen, oder das meinige...“ „Dü,ſcheine Thereſe, Sie ſuchen nicht gut.“ „3. „Allerdings, Sie. Haben wir nicht die Manſarde?“ „Den Speicher, wollen Sie ſagen?“ „Nein, es iſt kein Speicher, manſardenartiges Cabinet, aber geſund, mit einer Ausſicht auf herrliche Gärten, was ſich in Paris ſelten findet.“ „Oh! gleichviel, mein Herr,“ verſetzte Gilbert,„und wäre es auch ein Speicher, ich würde mich immer noch glücklich ſchätzen, das ſchwoͤre ich Ihnen.“ will nicht, und müßte er 4 egleitet hat,“ nen, und es Ich mache ihm ein Bett in murmelte Thereſe. ſondern ein zwar etwas „Keines Wegs, keines Wegs,“ verſetzte Thereſe.„Ich breite dort meine Wäſche aus.“ 3 „Dieſer junge Mann wird nichts verderben, Thereſe. Nicht wahr, mein Freund, Sie wachen darüber, daß der Wäſche dieſer guten Hausfrau kein Unfall widerfährt. Wir ſind arm, und jeder Verluſt iſt ſchwer für uns.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Herr.. Jacques ſtand auf, näherte ſich Thereſe und ſprach: „Liebe Freundin, ich will nicht, daß dieſer junge Menſch in das Verderben geräth. Paris iſt ein gefähr⸗ licher Ort, hier werden wir ihn überwachen.“ „Sie geben alſo eine Erziehung? Ihr Zögling wird alſo Koſtgeld bezahlen?“ „Nein, aber ich ſtehe Ihnen dafür, daß er Sie nichts keſten wird. Was die Wohnung betrifft, da ſie uns bei⸗ nahe unnütz iſt, ſo können wir ihm dieſe Wohlthat zukom⸗ men laſſen.“ „Wie ſich doch alle Faullenzer verſtehen!“ murmelte Thereſe die Achſeln zuckend. .„Mein Herr,“ ſprach Gilbert, mehr müde als ſein Wirth dieſes Streites, welcher Fuß für Fuß für eine Gaſt⸗ freundſchaft ſtattfand, die ihn demüthigte;„ich habe nie Jemand beläſtigt und werde nicht bei Ihnen anfangen, der Sie ſo gut gegen mich geweſen ſind; erlauben Sie mir alſo, daß ich mich entferne. Ich habe in der Gegend der Brücke, über die wir gekommen ſind, Bäume bemerkt, unter welchen Bänke ſtehen. Ich verſichere Sie, ich werde ſehr gut auf einer von dieſen Bänken ſchlafen.“ „Ja, damit Sie die Wache als einen Vagabunden verhaftet.“ „Was er auch iſt,“ ſagte leiſe Thereſe, welche den Tiſch abdeckte. „Kommen Sie, kommen Sie, junger Mann,“ ſprach Jacques,„es iſt oben, ſo viel ich mich erinnere, ein guter Strohſack: das iſt immer noch beſſer als eine Bank; und da Sie ſich mit einer Bank begnügen würden...“ „Ohl mein Herr, ich habe immer nur auf Stroh⸗ — 3 1 45 ſäcken geſchlafen,“ ſagte Gilbert, und fügte dann auf dieſe Wahrheit durch eine kleine Lüge zurückkommend bei:„die Wolle erhitzt mich zu ſehr.“ Jacques verſetzte lächelnd: „Das Stroh erfriſcht in der That, nehmen Sie vom Tiſche ein Stümpchen Licht und folgen Sie mir.“ Thereſe ſchaute nicht einmal mehr nach Jacques. f einen Seufzer aus, denn ſie war beſiegt. Gilbert ſtand ernſt auf und folgte ſeinem Beſchützer. Als er durch das Vorzimmer kam, ſah Gilbert einen Waſſerſtänder. „Mein Herr,“ ſagte er,„iſt das Waſſer theuer in Paris?“ „Nein, mein Freund, aber wäre es auch theuer, ſo ſind doch das Waſſer und das Brod zwei Dinge, welche der Menſch dem Menſchen, der ſie verlangt, nicht zu ver⸗ weigern befugt iſt.“ „Oh! in Taverney koſtete das Waſſer nichts und der Luxus des Armen iſt die Reinlichkeit.“ „Nehmen Sie, mein Freund, nehmen Sie,“ ſprach Jacques, indem er mit dem Finger Gilbert ein großes Ge⸗ fäß von Fayence bezeichnete. Und er ging dem jungen Mann voran, nicht wenig darüber erſtaunt, daß er bei einem Kinde dieſes Alters alle Feſtigkeit des Volkes mit allen Inſtinkten der Ariſto⸗ kratie gepaart fand. — XIV. Die Manſarde von Herrn Jacques. Die Treppe, ſchon eng und ſchwierig am Ende des Ganges, an der Stelle, wo Gilbert an die erſte Stufe geſtoßen hatte, wurde immer ſchwieriger und enger von dem dritten Stockwerke an, das Jacques bewohnte. Dieſer und ſein Schuützling gelangten nur mit Mühe zu einem wahren Speicher. Diesmal hatte Thereſe Recht gehabt; es war wirklich ein Speicher von vier Abtheilungen, von denen drei nicht bewohnt wurden. Es iſt nicht zu leugnen, daß alle außer dem für Gilbert beſtimmten unbewohnbar waren. Das Dach ſenkte ſich ſo jäh vom Firſt an, daß es mit dem Boden einen ſpitzigen Winkel bildete. Mitten an dieſem Abhang war eine Dachluke, geſchloſſen mit einem ſchlechten Nahmen ohne Scheiben, um Luft und Licht ein⸗ zulaſſen: das Licht kärglich, die Luft verſchwenderiſch, be⸗ ſonders während der Winterſtürme. Zum Glück war man dem Sommer nahe; aber trotz der milden Nachbarſchaft der heißen Jahreszeit erloſch das Licht, welches Jacques hielt, beinahe, als ſie in den Speicher drangen. Der Strohſack, von dem Jacques prunkhaft geſprochen hatte, lag allerdings auf dem Boden und bot ſich ſogleich als das Hauptgeräthe der Stube. Da und dort erhoben ſich Stöße an ihren Schnitten vergilbter, gedruckter alter Papiere unter einem Haufen von den Ratten zerfreſſener Bücher. An zwei quer gezogenen Schnüren, an deren erſter Gilbert ſich beinahe erwürgt hätte, tanzten raſchelnd im Nachtwinde papierene Säcke, welche getrocknete Bohnen in ihren Hülſen enthielten, aromatiſche Kräuter und Haus⸗ haltungswäſche, vermiſcht mit alten Frauenkleidern. „Das iſt nicht ſchön,“ ſagte Jacques,„aber der Schlaf und die Dunkelheit machen die armſeligſten Hütten den koſtbarſten Paläſten gleich; ſchlafen Sie, wie man in Ihrem Alter ſchläft, mein junger Freund, und nichts wird Sie morgen früh abhalten, zu glauben, Sie haben im Louvre geruht.„Geben Sie aber vor Allem wohl auf das Feuer Acht.“ „Ja, mein Herr,“ verſetzte Gilbert, etwas betäubt von Allem dem, was er geſehen und gehöͤrt hatte. „AJacques entfernte ſich lächelnd, kam dann wieder zu⸗ rück und ſprach: 8 ———— 47 „Morgen werden wir plaudern. Ihnen nicht widerſtreben, zu arbeiten, „Sie wiſſen, mein Herr, daß arb Alles iſt, was ich wünſche.“ „Das iſt gut.“ Jacques machte abermals einen Schritt nach der Thüre. „Eine würdige Arbeit, wohlverſtanden,“ ſprach der wunderliche Gilbert. mein junger Freund, mor⸗ „Ich kenne keine andere, gen alſo.“ „Gute Nacht und meinen Dank,“ ſagte Gilbert. Jaeques ging hinaus, ſchloß die Thüre von außen, und Gilbert blieb allein in ſeiner Dachkammer Anfangs erſtaunt, dann wie verſteinert, daß er ſich in Paris befinden ſollte, fragte er ſich, ob es auch gewiß Daris ſei, wo man Stuben wie die ſeinige finde. Dann überlegte er, daß ihm Jacques im Ganzen ein Almoſen gewähre, und da er in Taverney das Almoſen hatte geben ſehen, ſo ſtaunte er nicht mehr, ſondern die zerwunderung fing an der Dankbarkeit Platz zu machen. Seinen Leuchter in der Hand, durchging er mit der von Jacques empfohlenen Vorſicht alle Winkel der Dach⸗ ſtube, ohne ſich um die Kleider von Thereſe zu bekümmern, eenen er nicht einmal einen alten Rock entziehen wollte, um ſich daraus eine Decke zu machen. Er blieb bei den Stößen gedruckter Papiere ſtehen, welche im höchſten Grade ſeine Neugierde erregten; ſie waren mit Bindfaden zuſammengebunden und er berührte ſie nicht. Den Hals ausgeſtreckt, d den zuſammengebu ie Bohnenſäcke waren von einem falls bedruckten und mit Nadeln zuſa Ich denke, es wird nicht wahr?“ eiten im Gegentheil Bei einer etwas ungeſtümen Bewegung berührte Gil⸗ bert den Strick mit ſeinem Kopf, und einer von den Säcken ſiel herab. Bleicher, erſchrockener, als wenn es das Schloß einer Geldkaſſe geweſen wäre, beeilte ſich der junge Mann, die auf dem Boden zerſtreuten Bohnen aufzuleſen und wieder in den Sack zu ſchieben. Während er dieſe Operation vornahm, ſchaute er maſchinenmäßig das Papier an; maſchinenmäßig laſen auch ſeine Augen einige Worte; dieſe Worte erregten ſeine Aufmerkſamkeit. Er ſtieß die Bohnen zurück, ſetzte ſich auf den Strohſack und las; denn dieſe Worte ſtanden ſo vollkommen im Einklang mit ſeinen Gedanken und beſon⸗ ders mit ſeinem Character, daß ſie nicht nur für ihn, ſondern ſogar von ihm geſchrieben zu ſein ſchienen. Sie folgen hier: „Nätherinnen, Kammermädchen, kleine Kaufmanns⸗ toͤchter reizten mich nur wenig, ich bedurfte der Fräulein; Jeder hat ſeine Phantaſie, das iſt die meinige geweſen. Ich denke in dieſem Punkte nicht wie Horaz. Es iſt in⸗ deſſen durchaus nicht die Eitelkeit des Standes und des Ranges, was mich anzieht, ſondern ein beſſer erhaltener Teint, ſchönere Hände, ein anmuthigerer Putz, eine gewiſſe g Zartheit und Reinlichkeit über die ganze Perſon verbreitet, mehr Geſchmack in der Art und Weiſe, ſich zu halten und auszudrücken, ein feineres und beſſer gemachtes Gewand, eine zierlichere Fußbekleidung, Bänder, Spitzen, beſſer ge⸗ ordnete und geglättete Haare. Ich würde ſtets die minder Hübſche vorziehen, welche Alles dies beſaͤße. Ich finde ſelbſt dieſen Vorzug ſehr lächerlich, aber mein Herz gibt ihn unwillkührlich.“ Gilbert bebte und der Schweiß trat ihm auf die Stirne; es war unmöglich, ſeine Gedanken beſſer aus⸗ zudrücken, ſeine Inſtinkte beſſer zu erläutern, ſeinen Ge⸗ ſchmack beſſer zu analyſiren. Nur war Andrée nicht die minder Hübſche, welche Alles dies beſaß. Andrée hatte Alles dies und war die Schönſte. Gilbert fuhr alſo gierig fort. Nach den von uns angeführten Zeilen kam ein rei⸗ zendes Abenteuer eines jungen Mannes mit zwei jungen 2 V —8 ◻ — u 49 Mädchen; die Geſchichte einer Cavalcade, begleitet von jenen kleinen, reizenden Schreien, welche die Frauen noch viel reizender machen, einer Reiſe auf dem Kreuz hinter einer derſelben und einer noch viel reizenderen und viel köſtlicheren nächtlichen Rückkehr. as Intereſſe nahm immer mehr zu; Gilbert hatte den Sack auseinander gezogen und Alles, was Gedrucktes darauf ſtand, mit einem gewiſſen Herzklopfen geleſen; er betrachtete die Pagination und ſuchte, ob die anderen Seitenzahlen nicht eine Folge bildeten. Die Pagination war unterbrochen. Aber er fand ſieben oder acht Säcke, welche ſich zu folgen ſchienen. Er zog die Nadeln heraus, leerte die Bohnen auf den Boden, faßte ſie zuſammen und las. Diesmal war es etwas noch ganz Anderes. Die neuen Zeilen enthielten die Liebſchaft eines armen, unbe⸗ kannten jungen Mannes mit einer vornehmen Dame. Die vornehme Dame war bis zu ihm herabgeſtiegen, oder er war vielmehr bis zu ihr hinaufgeſtiegen, und die vornehme Dame hatte ihn aufgenommen, als ob er ihres Gleichen geweſen wäre, hatte ihren Geliebten aus ihm gemacht, hatte ihn eingeweiht in alle Geheimniſſe des Herzens, in die Träume der Jugend, welche eine ſo kurze Dauer haben, daß ſie uns, wenn wir auf der andern Seite des Lebens angelangt ſind, nur noch als glänzende, aber flüch⸗ tige Meteore erſcheinen, welche an einem geſtirnten Früh⸗ lingshimmel hingleiten. Der junge Mann war nehme Dame hieß Frau von reizend auszuſprechen. ilbert träumte von dem Glück, eine ganze Nacht ſo leſend zuzubringen, und das Vergnügen vermehrte ſich durch die Sicherheit, daß er eine lange Reihe von Säcken einen nach dem andern zu plündern hatte, als ſich plötzlich ein leichtes Gekniſter hörbar machte; erhitzt durch den kupfer⸗ nen Leuchter verſank das Licht in dem fli übelriechender Dunſt verbreitete ſich im Sp Denkwurdigkeiten eines Arztes. III. nirgends genannt. Die vor⸗ Warens, ein Name ſüß und iſfigen Fett, ein eicher, der Docht 4 erloſch, und Gilbert befand ſich in der Dunkelheitt. Dieſes Ereigniß war ſo ſchnell gekommen, daß ſich kein Rath dagegen ſchaffen ließ. Mitten in ſeiner Lecture unterbro⸗ chen, hätte Gilbert bald vor Wuth geweint. Er ließ die Papiere auf die bei ſeinem Bette angehäuften Bohnen fallen und legte ſich auf ſeinen Strohſack, wo er, trotz ſeines Aergers, bald in tiefen Schlaf verſank. Der junge Menſch ſchlief, wie man mit achtzehn Jahren ſchläft; er erwachte auch erſt bei dem Geräuſch des knarrenden Schloſſes, das Jacques am Abend vor die Thüre des Speichers gelegt hatte. Es war heller Tag; als Gilbert die Augen öffnete, ſah er ſeinen Wirth ſachte in ſein Zimmer treten. 3 Seine Augen fielen ſogleich auf die zerſtreuten Boh⸗ nen und auf die Säcke, welche wieder Blätter geworden waren. Die Augen von Jacques hatten ſchon dieſelbe Rich⸗ tung genommen. Gilbert fühlte die Schamröthe in ſeine Wangen ſteigen, und murmelte, ohne genqu zu wiſſen, was er ſagte: „Guten Morgen, mein Herr.“ „Guten Morgen, mein Freund,“ ſprach Jacques; „haben Sie gut geſchlafen?“ „Ja, mein Herr.“ „Sollten Sie zufällig ein Nachtwandler ſein?“ Gilbert wußte nicht, was ein Nachtwandler iſt, aber er begriff, daß Jacques mit ſeiner Frage von ihm eine Erklärung über die außerhalb ihrer Säcke zerſtreuten Bohnen und über die von ihren Bohnen verlaſſenen Säcke verlangte. „Ach! mein Herr,“ verſetzte er,„ich ſehe wohl, warum Sie mir das ſagen; ja, ich bin der Miſſethat ſchuldig und klage mich in Demuth derſelben an; doch ich glaube, daß es ſich wieder gut machen läßt.“ „Ganz gewiß; doch warum iſt Ihr Licht ganz und gar aufgezehrt?“ „Ich habe zu lange gewacht.“ 4 51 „Und warum haben Sie gewacht?“ argwöhniſch. „Um zu leſen.“ Der Blick von Jacques den vollgepfropften Speicher. „Dieſes erſte Blatt,“ ſagte Gilbert, indem e erſten Sack deutete,„dieſes erſte Blatt, auf welches zu⸗ fällig mein Blick fiel, hat mich dermaßen intereſſirt... .Doch Sie, mein Herr, der Sie ſo Vieles wiſſen, Sie müſ⸗ ſen auch wiſſen, zu welchem Buch es gehört?“ Jacques ſchaute es nachläßig an und antwortete: „Ich weiß es nicht.“ „Es iſt ohne Zweifel ein Roman,“ ſagte Gilbert, nein ſehr ſchoͤner Roman.“ „Ein Roman, glauben Sie?“ „Ich glaube es, denn man ſpricht darin von Liebe wie in den Romanen, nur daß man beſſer ſpricht.“ „Doch,“ verſetzte Jacques,„da ich unten an dieſer Seite das Wort Confessions*¹) leſe, ſo glaube ich.... „Sie glauben?“ „Daß es eine Geſchichte ſein könnte.“ „Oh! nein, nein; der Mann, welcher ſo ſpricht, ſpricht nicht von ſich ſelbſt. Es iſt zu viel Offenherzigkeit in ſeinen Geſtändniſſen, zu viel Unparteilichkeit in ſeinem Urtheil.“ „Und ich, ich glaube, daß Sie ſich täuſchen,“ erwie⸗ derte raſch der Greis.„Der Verfaſſer wollte im Gegen⸗ theil der Welt das Beiſpiel eines Menſchen geben, der ſich ſeines Gleichen ſo zeigt, wie ihn Gott gemacht hat.“ „Kennen Sie denn den Verfaſſer?“ „Der Verfaſſer iſt Jean Jacques Rouſſeau.“ „Rouſſeau!“ rief lebhaft der junge Mann. „Ja. Es finden ſich hier einige verzettelte Blätter von ſeinem letzten Buch.“ „Der arme, unbekannte, dunkle junge —— 9) Bekenntniſſe. verſetzte Jacques durchlief noch mißtrauiſcher r auf den Mann, der bei⸗ 4* nahe auf den Landſtraßen bettelte, auf denen er zu Fuß wanderte, war alſo Rouſſeau, der Mann, der eines Tages den Emile machen und den Contrat Sociale ſchreiben ſollte?“ „Er war es, oder vielmehr nein,“ ſprach der Greis mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Schwermuth. „Nein, er war es nicht: der Verfaſſer des Contrat So- ciale und des Emile iſt der über die Welt, über das Leben, über den Ruhm und beinahe über Gott entzauberte Mann; der andere... der andere Rouſſeau... der von Frau von Warens, iſt das Kind, welches in das Le⸗ ben durch dieſelbe Pforte wie die Morgenröthe in die Welt eintritt; es iſt das Kind mit ſeinen Freuden, ſeinen Hoffnungen. Zwiſchen den beiden Rouſſeau iſt eine Kluft befeſtigt, welche ſie immerdar hindern wird, zuſammenzu⸗ kommen... dreißig Jahre des Unglücks.“ Der Greis ſchüttelte den Kopf, ließ traurig ſeine Arme fallen, und ſchien ſich in eine tiefe Träumerei zu verlieren. Gilbert war wie geblendet. „So iſt alſo das Abenteuer mit Fräulein Galley und Fräulein von Graffenried wahr?“ ſagte er.„Dieſe glühende Liebe für Frau von Warens, er hat ſie alſo empfunden? Der Beſitz der Frau, die ihn liebte, ein Beſitz, der ihn traurig machte, ſtatt ihn in den Himmel zu verſetzen, wie er dies erwartete, iſt alſo keine reizende Lüge?“ „Junger Mann,“ ſprach der Greis,„Rouſſeau hat nie gelogen. Erinnern Sie ſich ſeines Wahlſpruches: Vitam impendere vero.“ „Ich kannte ihn,“ ſagte Gilbert,„da ich aber das Lateiniſche nicht verſtehe, ſo vermochte ich ihn auch nicht zu begreifen.“ 4 „Das bedeutet: ſein Leben für die Wahrheit hin⸗ geben.“ „Es iſt alſo möglich,“ fuhr Gilbert fort,„ch iſt mög⸗ lich, daß es ein Menſch, von einer Stellung wie Rouſſeau ausgegangen, von einer vornehmen Dame geliebt wird? V.—-B— 53 Oh! mein Gott, wiſſen Sie, daß dies diejenigen wahn⸗ ſinnig vor Hoffnung machen heißt, welche, wie er von unten ausgehend, die Augen über ihre Stellung hinauf erhoben haben?“ „Sie lieben,“ verſetzte Jacques,„und Sie ſehen eine 25 Aehnlichkeit zwiſchen Ihrer Lage und der von Rouſſeau 257 ilbert erröthete, antwortete aber nicht auf dieſe Frage. „Doch es ſind nicht alle Frauen wie Frau von Warens,“ ſagte er;„es gibt ſtolze, hochmüthige, unzugäng⸗ liche, und dieſe zu lieben iſt eine Torheit.“ „Junger Mann,“ ſprach der Greis,„ſolche Gelegen⸗ heiten haben ſich mehr als einmal Nouſſeau geboten.“ „Oh! ja,“ rief Gilbert,„aber er war Rouſſeau. Ganz gewiß, wenn ich in mir einen Funken von dem Feuer fühlte, das in ſeinem Herzen brannte und ſein Ge⸗ nie entzündete...4* „Nun?* „Nun, ſo würde ich mir ſagen, es gäbe keine Frau, ſo vornehm ſie auch ſein möchte, welche mit mir rechnen könnte, während ich, der ich nichts bin, der ich nicht die Ueberzeugnng von meiner Zukunft habe, wenn ich über mich ſchaue, geblendet werde. Oh! wie gern moͤchte ich mit Rouſſeau ſprechen!“ „Warum?* „Um ihn zu fragen, ob, wenn Frau von Warens nicht zu ihm herabgeſtiegen wäre, er nicht zu ihr hinauf⸗ geſtiegen ſein würde. Um ihm zu ſagen:„„Der Beſitz, der Sie traurig gemacht hat, hätten Sie ihn nicht, wenn er Ihnen verweigert worden wäre, erobert, ſelbſt...“ eer junge Mann hielt inne. „Selbſt... wiederholte der Greis. „Selbſt durch ein Verbrechen?“ Der Greis bebte. „Meine Frau muß aufgewacht ſein,“ .„“ ſagte er, das Geſpräch kurz abbrechend;„wir wollen hinabgehen. Der 54 Tag eines Arbeiters fängt nie früh genug an: kommen Sie, junger Mann, kommen Sie.“ „Es iſt wahr,“ ſprach Gilbert,„verzeihen Sie; doch es gibt gewiſſe Geſpräche, die mich berauſchen, gewiſſe Bücher, die mich begeiſtern, gewiſſe Gedanken, die mich beinahe verrückt machen.“ „Ah! ah! Sie ſind verliebt,“ rief der Greis. Gilbert antwortete nichts und fing an die Bohnen zuſammenzuleſen und die Säcke mittelſt der Nadeln wie⸗ derherzuſtellen; Jacques ließ ihn machen. „Sie ſind nicht koſtbar einquartiert geweſen,“ ſagte er,„doch im Ganzen haben Sie hier das Nothwendige, und wenn Sie frühzeitiger ſich erhoben hätten, ſo wären Ihnen durch dieſes Fenſter die Düfte der grünen Gärten zugeſtrömt, die wohl ihr Verdienſt unter den abſcheulichen Gerüchen haben, welche die große Stadt verpeſten. Es ſind hier die Gärten der Rue de la Juſſienne, die Linden und die Bohnenbäume blühen, und dieſe Düfte Morgens einathmen, heißt dies nicht Glück für einen ganzen Tag anhäufen?“. „Ich liebe Alles dies, aber ich bin zu ſehr daran gewöhnt, um ihm große Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ „Sagen Sie, Sie haben nicht lange genug das Land verloren, um es zu beklagen. Aber Sie ſind fertig, gehen wir zur Arbeit.“ Hienach zeigte Jacques Gilbert den Weg, ließ ihn hinausgehen und legte hinter ihm das Schloß wieder vor die Thüre. Diesmal ſührte Jacques den jungen Mann unmittel⸗ bar in das Zimmer, das Thereſe am Abend zuvor unter dem Namen ſeines Cabinets bezeichnet hatte. Schmetterlinge unter Glas, Kräuter und Mineralien in Einfaſſungen von ſchwarzem Holz gerahmt, Bücher in einem Schranke von Nußbaumholz, ein ſchmaler, langer Tiſch, bedeckt mit einem kleinen, durch die Reibung abge⸗ nutzten Teppich von grüner und ſchwarzer Wolle, worauf Manuſcripte in guter Ordnung lagen, vier mit ſchwarzem „ 7 8 —— 5⁵ Roßhaar überzogene Lehnſtühle von Nußbaumholz; dies war die ganze Ausſtattung des Cabinets; Alles glänzend, gewichſt, tadellos, was Ordnung und Reinlichkeit betrifft; aber kalt für das Auge und das Herz, ſo ſehr war das durch Vorhänge von Siamoiſe gemilderte Licht grau und ſchwach, ſo ſehr ſchienen der Lurus und ſogar das Wohl⸗ behagen von dieſer kalten Aſche, von dieſem ſchwarzen Heerde entfernt. Ein kleines Klavier von Roſenholz, auf vier geraden Füßen ſtehend, und auf dem Kamin ein margeres Cartel*), bezeichnet Dolt à l'Arsenal, erinnerten allein, das eine durch das Vibriren ſeiner ſtählernen Saiten, welche von dem durch die Straße fahrenden Wagen erweckt wurden, das andere durch ſeine ſilberne Unruhe, daran, daß etwas in dieſem gräberartigen Raume lebte. Gilbert trat ehrfurchtsvoll in das von uns beſchrie⸗ bene Cabinet; er fand das Geräthe beinahe koſtbar, denn es war ungefähr wie das des Schloſſes Taverney; der gewichſte Boden machte beſonders Eindruck auf ihn. „Setzen Sie ſich,“ ſagte Jacques, indem er auf einen zweiten kleinen Tiſch deutete, welcher in einer Fenſterver⸗ tiefung ſtand, ‚„ich will Ihnen das Geſchäft nennen, wel⸗ ches ich für Sie beſtimmt habe.“ Gilbert gehorchte eiligſt. „Kennen Sie das?“ fragte der Greis. Und er zeigte Gilbert ein in ungleichen Zwiſchenräu⸗ men geſtreiftes Papier.. „Ganz gewiß,“ antwortete dieſer,„es iſt Noten⸗ papier.“ „Nun, wenn eines von dieſen Blättern von mir ge⸗ hörig geſchwärzt worden iſt, das heißt, wenn ich ſo viel Muſik, als es faſſen kann, darauf abgeſchrieben habe, gewinne ich zehn Sous; das iſt der Preis, den ich ſelbſt dafür beſtimmt. Glauben Sie, daß Sie Muſik abſchrei⸗ ben lernen werden?“ *) Eine an der Wand befeſtigte Pendeluhr. — ́mʒmnö—— 56 „Ja, mein Herr, ich glaube es.“ „Aber wirbelt Ihnen dieſes kleine Geſchmiere von ſchwarzen, an einfache, doppelte oder dreifache Striche an⸗ geſpießten Punkten nicht vor den Augen?“ „Es iſt wahr, mein Herr, bei dem erſten Blick ver⸗ ſtehe ich nicht viel davon; wenn ich mir jedoch Mühe gebe, werde ich die Noten von einander unterſcheiden; hier iſt zum Beiſpiel ein F. „Wo dies?“ „Hier, auf der oberſten Linie.“ „Und dieſes andere zwiſchen den zwei unteren Linieic?“ „Iſt abermals ein F.“ „Die Note über derjenigen, welche auf der zweiten Linie ſitzt?“ 3 „Iſt ein G.“ „Sie können alſo Muſik leſen?“ „Das heißt, ich weiß den Namen der Noten, aber ich kenne ihren Werth nicht.“ „Und wiſſen Sie, wenn es weiße Noten, wenn es ſchwarze Noten, wenn es geſchwänzte, doppelt geſchwänzte, dreifach geſchwänzte Noten ſind?“ „O ja, ich weiß das.“ „Und dieſe Zeichen?“ „Dieſes iſt eine Pauſe von einem Viertelstakt.“ „Und dieſes?“ „Iſt ein Kreuz.“ „Und dieſes?“ „Ein B-moll.“ 3 „Sehr gut! Doch mit Ihrer Unwiſſenheit,“ ſagte Jacques, deſſen Auge ſich mit jenem Mißtrauen zu verſchleiern an⸗ fing, das bei ihm Gewohnheit zu ſein ſchien,„mit Ihrer Unwiſſenheit ſprechen Sie von der Muſik, wie Sie von der Botanik geſprochen, und wie Sie beinahe auch von der Liebe geſprochen hätten.“ „Oh! mein Herr,“ erwiederte Gilbert erröthend, „ſpotten Sie meiner nicht.“ —— ———;———— 57 „Im Gegentheil, mein Kind, Sie ſetzen mich in Er⸗ ſtaunen. Die Muſik iſt eine Kunſt, welche nach den an⸗ dern Studien kommt, und Sie ſagten mir, Sie haben keine Erziehung erhalten, Sie ſagten mir, Sie haben nichts gelernt.“ „Das iſt Wahrheit, mein Herr.“ „Sie konnten ſich jedoch nicht ganz allein einbilden, dieſer ſchwarze Punkt auf der letzten Linie ſei ein F.“ „Mein Herr,“ erwiederte Gilbert, den Kopf und die Stimme ſenkend,„in dem Hauſe, das ich bewohnte, war eine... junge Perſon, welche Klavier ſpielte.“ „Ahl! ja, diejenige, welche auch Botanik trieb,“ ver⸗ ſetzte Jacques. 3 „Ganz richtig, mein Herr, ſie ſpielte ſogar ſehr gut.“ „Wirklich?“ „Ja, und ich bete die Muſik an.“ „Alles dies iſt kein Grund, die Noten zu kennen.“ „Mein Herr, im Rouſſeau ſteht geſchrieben, daß der Menſch unvollſtändig ſei, der die Wirkung genieße, ohne zur Urſache hinaufzuſteigen.“ „Ja, doch es ſteht auch darin geſchrieben, daß der Menſch, indem er ſich durch ſeine Nachforſchung vervoll⸗ ſtändige, ſeine Freude, ſeine Naivetät und ſeinen Inſtinkt verliere.“ „Was iſt daran gelegen, wenn er in dem Studium einen Genuß findet, der den Genüſſen gleichkommt, welche er verlieren kann?“ 3 Jacques wandte ſich erſtaunt um. „Ah!“ ſagte er,„Sie ſind nicht nur Botaniker und Muſiker, ſondern auch Logiker.“ „Ach! mein Herr, ich bin leider weder Botaniker, noch Muſiker, noch Logiker. Ich vermag eine Note von einer andern, ein Zeichen von einem andern zu unterſcheiden, und weiter nichts.“ „Sie ſolfeggiren alſo?“ „Ich? Nicht im Geringſten.“ „Nun, gleichviel; wollen Sie das Abſchreiben pro⸗ biren? Hier iſt linirtes Papier; aber nehmen Sie ſich in Acht, dasſelbe zu verderben, es iſt ſehr theuer. Oder beſſer, nehmen Sie weißes Papier, liniren Sie dasſelbe und verſuchen Sie es auf dieſem.“ „Ja, mein Herr, ich werde es machen, wie Sie es mir empfehlen; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß dies kein Stand für mein ganzes Leben iſt; denn ſtatt Muſik zu ſchreiben, welche ich nicht verſtehe, würde ich lieber öffentlicher Schreiber werden.“ „Junger Menſch, junger Menſch, Sie ſprechen ohne zu bedenken; hüten Sie ſich.“ „Ich? „Ja, Sie. Treibt der öffentliche Schreiber ſein Ge⸗ werbe bei Nacht, gewinnt er ſeinen Lebensunterhalt bei Nacht?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Nun, ſo höͤren Sie, was ich Ihnen ſagen werde: ein geſchickter Menſch kann in zwei bis drei Stunden Nachts fünf und ſogar ſechs von dieſen Seiten copiren, wenn er durch Uebung eine fette und leichte Notenſchrift, einen reinen Zug und eine Gewohnheit des Leſens erlangt hat, die ihm das Zurückführen des Auges auf das Muſter er⸗ ſpart. Sechs Seiten tragen drei Franken ein, hiemit lebt ein Menſch; Sie werden nicht das Gegentheil ſagen, Sie, der Sie nur ſechs Sous verlangen. Mit zwei Stunden Arbeit in der Nacht kann alſo ein Menſch die Curſe der Medecin⸗Schule, der Chirurgie⸗Schule, der Botanik⸗ Schule beſuchen.“ „Ah!“ rief Gilbert,„ah! ich verſtehe Sie und danke Ihnen aus der Tiefe meines Herzens.“ Und er warf ſich auf das weiße Blatt, das ihm der Greis bot. — 59 XILVI. Wer Herr Jacques war. Gilbert arbeitete mit Eifer, und ſein Papier bedeckte ſich mit gewiſſenhaft ſtudirten Verſuchen, als der Greis, nachdem er ihm eine Zeit lang zugeſchaut, ſich an den andern Tiſch ſetzte und gedruckte Blätter, denen der umhüllten Bohnen auf dem Speicher ähnlich, zu corrigiren anfing. So verliefen drei Stunden und das Cartel ſchlug eben neun Uhr, da trat Thereſe haſtig ein. „Geſchwinde, geſchwinde,“ ſagte ſie,„gehen Sie in den Saal. Es kommt abermals ein Prinz zu uns. Mein Gott! wann wird dieſe Prozeſſion von Hoheiten endigen? Wenn es ihm nur nicht einfällt, mit uns frühſtücken zu wollen, wie es einſt der Herzog von Chartres gethan hat.“ „Und wer iſt dieſer Prinz?“ fragte Jacques mit leiſer Stimme. „Monſeigneur der Prinz von Conti.“ Gilbert ließ bei dieſem Namen auf ſeine Linien ein fallen, das eher jenen Teigklumpen, mit denen man die Gänſe ſtopft, als einer Note glich. „Ein Prinz! eine Hoheit!“ ſagte er leiſe. Jacques ging lächelnd hinter Thereſe hinaus, welche die Thüre ſchloß. Gilbert ſchaute umher, hob, als er ſich allein ſah, ganz verblüfft den Kopf in die Höhe und rief: „Aber wo bin ich denn? Prinzen, Hoheiten bei Herrn Jacques! Der Herr Herzog von Chartres, Monſeigneur der Prinz von Conti bei einem Abſchreiber!“ Er näherte ſich der Thüre, um zu horchen; das Herz ſchlug ihm ſonderbar. Bereits waren die erſten Begrüßungen zwiſchen Herrn Jacques und dem Prinzen ausgetauſcht; der Prinz ſprach: „Ich hätte Sie gern mit mir genommen,“ ſagte er. „Warum dies, mein Prinz?“ fragte Jacques. „Um Sie der Dauphine vorzuſtellen. Es iſt dies s 60 ſoph.“ „Tauſend Dank für Ihren guten Willen, Monſeigneur; aber ich kann Sie unmöglich begleiten.“ „Vor ſechs Jahren haben Sie aber doch Frau von Pompadour nach Fontainebleau begleitet.“ „Ich war damals um ſechs Jahre jünger; heute bin ich an meinen Lehnſtuhl genagelt durch meine Ge⸗ breſten.“ „Und durch Ihre Menſchenfeindlichkeit.“ „Und wenn dies der Fall wäre, Monſeigneur? Mei⸗ ner Treue, iſt die Welt nicht ein zu ſeltſames Ding, als daß man ſich ihr zu Liebe in Unruhe verſetzen ſollte?“ „Nun, ich befreie Sie von Saint⸗Denis und dem großen Ceremoniel, und führe Sie nach der Muette, wo Ihre königliche Hoheit übermorgen ſchlafen wird.“ „Ihre königliche Hoheit kommt alſo übermorgen nach Saint⸗Denis?“ 3 „Mit ihrem ganzen Gefolge. Horen Sie, zwei Lieues ſind bald gemacht und veranlaſſen keine große Störung. Man ſagt, die Prinzeſſin ſei eine vortreffliche Tonkünſtlerin; ſie iſt eine Schülerin von Gluck.“ Gilbert hörte nicht mehr. Bei den Worten: Ueber⸗ morgen kommt die Frau Dauphine mit ihrem ganzen Ge⸗ folge nach Saint⸗Denis,“ dachte er nur an Eines, daran, daß er in zwei Tagen nur zwei Lieues von Andrée ent⸗ fernt ſein werde. Dieſer Gedanke blendete ihn, als ob ſeine Augen einen glühenden Spiegel getroffen hätten. 3 Das ſtärkere von den zwei Gefühlen erſtickte das andere. Die Liebe hob die Neugierde auf; einen Augen⸗. blick kam es Gilbert vor, als fände ſich nicht genug Luft für ſeine Bruſt in dieſem kleinen Cabinet: er lief an das Fenſter in der Abſicht, es zu öffnen, aber das Fenſter war von innen mit einem Vorhängeſchloß verwahrt, ohne Zweifel, damit man nie aus dem gegenüberliegenden Zimmer ſehen konnte, was in dem Cabinet von Herrn Jacques vorging. eine neue Aera für die Philoſophie, mein theurer Philo⸗ 61 Er fiel auf ſeinen Stuhl zurück. „Oh! ich will nicht mehr horchen,“ ſagte er;„ich will nicht mehr in die Geheimniſſe von dieſem kleinen Bür⸗ ger, meinem Beſchützer, von dieſem Abſchreiber eindringen, den ein Prinz ſeinen Freund nennt und der zukünftigen Königin von Frankreich, der Tochter der Kaiſer, vorſtellen will, mit der Fräulein Andrée beinahe auf den Knieen ſprach. Aber vielleicht würde ich etwas von Fräulein Andrée hören, wenn ich horchte... nein, nein, ich gliche einem Lackeien. La Brie horchte auch an den Thüren.“ Und er entfernte ſich muthig von der Scheidewand, der er ſich genähert hatte; ſeine Hände zitterten, eine Wolke verdunkelte ſeine Augen. Er fühlte das Bedürfniß einer mächtigen Zerſtreuung, denn das Abſchreiben hatte ihn zu wenig beſchäftigt, und nahm ein Buch von dem Schreibtiſche von Herrn Jacques. „Die Bekenntniſſe,“ rief er mit freudigem Erſtaunen, „die Bekenntniſſe, von denen ich mit ſo viel Intereſſe ungefähr hundert Seiten geleſen habe. Eine Ausgabe mit dem Portrait des Verfaſſers geſchmückt,“ fuhr er fort. „Oh! und ich, der ich nie das Portrait von Herrn Rouſſeau geſehen... oh! das wollen wir beſchauen.“ Und er wandte raſch das Blatt Papier um, das den Kupferſtich verbarg, erblickte das Portrait und ſtieß einen Schrei aus. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Jac⸗ ques kam zurück. 1 Gilbert verglich das Geſicht von Jacques mit dem Portrait, das er in der Hand hielt, ſtreckte, am ganzen 9 Leibe zitternd, die Arme aus, ließ den Band fallen und murmelte: „Ich bin bei Jean Jacques Rouſſeau!“ „Wir wollen ſehen, wie Sie Ihre Muſik copirt ha⸗ ben, mein Kind,“ verſetzte lächelnd Jean Jacques, den dieſe unvorhergeſehene Huldigung viel glücklicher machte, als tauſend Triumphe ſeines glorreichen Lebens. Und er ging bebend vor Gilbert vorüber, näherte ſich dem Tiſche und warf ſeine Augen auf das Papier. „Die Schrift iſt nicht übel,“ ſagte er;„Sie vernach⸗ läßigen die Ränder, ſodann verbinden Sie nicht genug mit demſelben Zuge die Noten, welche zuſammengehören. Warten Sie, bei dieſem Takt fehlt Ihnen das Zeichen, welches die Pauſe andeutet... dann ſind Ihre Taktſtriche nicht gerade. Machen Sie auch die weißen Noten von zwei Halbkreiſen. Es liegt wenig daran, ob ſie genau zuſammenlaufen. Die ganz runde Note iſt unzierlich und der Schwanz hängt ſich ſchlecht daran an. Ja, in der That, mein Freund, Sie ſind bei Jean Jacques Rouſſeau.“ „Oh! mein Herr, verzeihen Sie alle die Albernheiten, welche ich geſprochen habe,“ rief Gilbert die Hände fal⸗ tend und nahe daran, ſich niederzuwerfen. „Mußte ein Prinz hierher kommen, daß Sie den ver⸗ folgten, den unglücklichen Philoſophen von Genf erkannten?“ ſagte Rouſſeau die Achſeln zuckend.„Armes Kind, glück⸗ liches Kind, das die Verſolgung nicht kennt!“ „Oh! ja, ich bin glücklich, ſehr glücklich, doch daß ich Sie ſehe, daß ich Sie kennen lerne, daß ich bei Ihnen bin.“ „Ich danke, mein Kind, ich danke; aber es iſt nicht Alles, glücklich zu ſein, man muß arbeiten. Nun da Ihre Verſuche gemacht ſind, nehmen Sie dieſes Rondeau und bemühen Sie ſich, es auf wirkliches Notenpapier ab⸗ zuſchreiben, es iſt kurz und nicht ſchwierig... vor Allem empfehle ich Ihnen Reinlichkeit. Doch wie haben Sie erkannt... 2“ Gilbert hob den Band auf, den er hatte fallen laſſen, 2 und zeigte Jean Jacques das Portrait. „Ah! ja, ich begreife, mein in effigie verbranntes Portrait auf der erſten Seite des Emile; doch was iſt daran gelegen? die Flamme erleuchtet, mag ſie von der Sonne, oder von einem Auto da Fe kommen.“ „Mein Herr, wiſſen Sie, daß ich nie einen andern Traum gehabt habe, als den, in Ihrer Nähe zu lebe Wiſſen Sie, ſer Wunſch?“ „Sie werden nicht bei mir leben, mein Freund,“ ent⸗ gegnete Jean Jacques,„denn ich habe keine Zöglinge und was die Gäſte betrifft, ſo konnten Sie ſehen, daß ich nicht reich genug bin, um ſolche zu empfangen, und be⸗ ſonders, um ſolche zu behalten.“ „Gilbert ſchauerte. Jean Jacques nahm ihn bei der Hand und fuhr fort: „Uebrigens brauchen Sie nicht zu verzweifeln. Seit⸗ dem ich Sie getroffen habe, ſtudire ich Sie, mein Kind; es liegt in Ihnen viel Schlimmes, aber auch viel Gutes; kämpfen Sie mit Ihrem Willen gegen Ihre Inſtinkte, mißtrauen Sie dem Stolz, dieſem nagenden Wurm der Philoſophie, und ſchreiben Sie in Erwartung von Beſſerem Muſik ab.“ daß mein Ehrgeiz nicht weiter geht, als die⸗ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Gilbert,„ich bin ganz betäubt von dem, was mir begegnet.“ „Es begegnet Ihnen indeß nur etwas ganz Einfaches und Natürliches, mein Kind; es iſt wahr, die einfachen Dinge bringen die tiefen Herzen und die verſtändigen Geiſter am meiſten in Aufruhr. Sie fliehen, ich weiß nicht von welchem Orte, ich habe Sie nicht um Ihr Geheimniß ge⸗ fragt, Sie fliehen durch die Wälder, in dieſen Wäldern begegnen Sie einem Manne, der Pflanzen ſammelt, dieſer Mann hat Brod, Sie haben keines, er theilt mit Ihnen ſein Brod; Sie wiſſen nicht, wohin Sie ſich begeben ſollen, dieſer Mann bietet Ihnen ein Aſyl an; dieſer Mann muß irgend Jemand ſein, irgend einen Namen haben, die⸗ ſer Mann heißt ganz einfach Rouſſeau und ſpricht zu Ihnen:„„Die erſte Lehre der Philoſophie iſt: Menſch ge⸗ nüge dir ſelbſt.““ Mein Freund, wenn Sie nun Ihr Ron⸗ deau abgeſchrieben haben, ſo haben Sie Ihre Nahrung von heute gewonnen. Schreiben Sie alſo Ihr Rondeau ab.“ „Ohl mein Herr, wie gut ſind Sie!“ „Was das Lager betrifft, ſo bekommen Sie dieſes in den Kauf; nur leſen Sie nicht bei Nacht, oder wenn Sie Licht verbrauchen wollen, ſo ſei es das Ihrige, ſonſt wird Thereſe ſchmälen. Haben Sie jetzt Hunger?“ „Oh! nein, mein Herr,“ erwiedert Gilbert ganz er⸗ ſchüttert.. 1 „Von dem geſtrigen Abendbrod iſt noch ſo viel übrig, daß es zum Frühſtück reicht; machen Sie keine Umſtände; dieſes Mahl iſt das letzte, abgeſehen von einer Einladung, wenn wir Freunde bleiben, das Sie an meinem Tiſche ein⸗ nehmen werden.“ Gilbert machte eine Geberde, welche Rouſſeau durch ein Zeichen mit dem Kopf unterbrach. „Es iſt der Rue Plaſtrière,“ fuhr er fort,“ eine kleine Garküche für die Arbeiter; Sie werden dort wohlfeil eſſen, denn ich empfehle Sie. Mittlerweile wollen wir frühſtücken.“ Gilbert folgte Rouſſeau ohne zu⸗ antworten. Zum erſten Male war er gezähmt, allerdings durch einen Mann, der hoch über andern Männern ſtand. Nachdem er ein paar Mund voll gegeſſen, verließ er den Tiſch und kehrte zur Arbeit zurück. Er ſprach die Wahrheit: zu ſehr von dem Stoße, den er erhalten, zu⸗ ſammengezogen, konnte ſein Magen keine Nahrung zu ſich 1 nehmen. Den ganzen Tag ſchlug er die Augen nicht von ſeiner Arbeit auf und gegen acht Uhr Abends, nachdem er drei Blätter zerriſſen, war es ihm gelungen, ein Rondeau von vier Seiten leſerlich und reinlich abzuſchreiben. „ Ich will Ihnen nicht ſchmeicheln,“ ſagte Rouſſeau, „das iſt noch ſchlecht, aber es i*ſt leſerlich; es iſt zehn Sous werth, hier ſind ſie.“ Gilbert nahm ſie mit einer Verheugung. „Es iſt Brod im Schrank, Herr Gilbert,“ ſagte Thereſe, auf welche die Beſcheidenheit, die Sanftmuth und* die Achtſamkeit von Gilbert eine gute Wirkung hervorge⸗ bracht hatten. „Ich danke, Madame,“ erwiederte Gilbert;„glaub Sie mir, ich werde Ihre Güte nie vergeſſen.“ „Nehmen Sie,“ ſagte Thereſe, indem ſie ihm d Brod reichte. ¹ 4 4 5 * Gilbert wollte es ausſchlagen; aber er ſchaute Jean Jaeques an und erkannte an der Stirne, die ſich ſchon über den ſcharfen Augen faltete, an dem ſo feinen Mund, der ſich zuſammenzuziehen anfing, ſeine Weigerung könnte ſeinen Wirth beleidigen, und ſprach: „Ich nehme das Brod an.“ Dann zog er ſich in ſein kleines Zimmer zurück, in der Hand das ſilberne Sechs⸗Sousſtück und die vier kupfer⸗ nen Sous haltend, welche er von Jean Jacques empfangen hatte. „Endlich,“ ſagte er, als er in ſeine Manſarde eintrat, nendlich bin ich doch mein Herr, das heißt nein, noch nicht, da ich hier das Brod der Barmherzigkeit habe.“ Und obgleich er hungrig war, legte er doch auf das Geſimſe ſeiner Dachluke ſein Brod, ohne davon zu eſſen. Dann dachte er, er würde ſeinen Hunger im Schlafe vergeſſen, loͤſchte das Licht und ſtreckte ſich auf ſeinem Strohſacke aus. Am andern Morgen(Gilbert hatte die ganze Nacht ſehr wenig geſchlafen), amf andern Morgen fand ihn der Tag ſchon wach. Er erinnerte ſich deſſen, was ihm Rouſ⸗ ſeau von den Gärten, auf welche das Fenſter ging, geſagt hatte, neigte ſich zu ſeiner Dachluke hinaus und ſah in der That die Bäume eines ſchönen Gartens; jenſeits dieſer Bäume erhob ſich das Hotel, zu welchem dieſer Garten ge⸗ hörte, und deſſen Einfahrt nach der Nue de la Juſſienne ging. In einer Ecke des Gartens ſtand, ganz umgeben von jungen Bäumen und Blumen, ein kleiner Pavillon mit geſchloſſenen Läden. Gilbert dachte Anfangs, dieſe Läͤden wären wegen der Stunde geſchloſſen und die Bewohner des Pavillon noch nicht erwacht. Da aber die Bäume ihr Blätterwerk unmittelbar an dieſe Läden anlehnten, ſo begriff Gilbert bald, daß dieſer Pavillon, wenigſtens ſeit dem Winter, un⸗ bewohnt ſein mußte. 1 Er bewunderte ſodann die ſchönen Linden, die ihm das Hauptgebäude verbargen. Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 5 66 Zwei oder dreimal hatte der Hunger Gilbert be⸗ wogen, die Augen auf das Stück Brod zu werfen, das ihm Thereſe am Abend zuvor abgeſchnitten, welches er jedoch, beſtändig ſeiner Herr und obgleich ihn darnach ge⸗ lüſtete, nicht berührt hatte. Es ſchlug fünf Uhr, da dachte er, die Thüre des Ganges müßte geoffnet werden; und gewaſchen, gebürſtet, gekämmt, (Gilbert hatte durch die Sorge von Jean Jacques, als er wieder in ſeinen Speicher hinaufſtieg, die für ſeine beſchei⸗ dene Toilette erforderlichen Gegenſtände gefunden), und gewaſchen, gebürſtet, gekämmt, ſagen wir, nahm er ſein Stück Brod und ging hinab. Rouſſeau, der ihn diesmal nicht geweckt, Rouſſeau, der, s einem Uebermaaß von Mißtrauen vielleicht, dder um die Gewohnheiten ſeines Gaſtes beſſer zu ergrün⸗ den, ſeine Thüre a n Tage vorher nicht geſchloſſen hatte, hörte ihn herabſteigen und belauerte ihn. Er ſah Gilbert mit ſeinem Brod unter dem Arm hinausgehen.„ Ein Armer näherte ſich ihm; er bemerkte, wie Gilbert ihm ſein Brod gab, bei einem Bäcker eintrat, der ſo eben ſeine Bude geöffnet hatte, und ein anderes Stück Brod kaufte. „Er wird zu dem Traiteur laufen,“ dachte Nouſſeau, „und ſeine zehn Sous werden draufgehen.“ Rouſſeau täuſchte ſich; während Gilbert ging, aß er einen Theil von ſeinem Brod, dann blieb er an dem Brun⸗ nen ſtehen, welcher an der Ecke der Straße floß, trank, aß den Reſt ſeines Brodes, trank abermals, ſpühlte ſich den Mund aus, wuſch ſich die Hände und kehrte zurück. „Meiner Treue,“ ſagte Rouſſeau,„ich glaube, ich bin glücklicher als Diogenes, ich habe einen Menſchen ge⸗ funden.“ ffnete er ihm eiligſt die Thüre. Wikn Und als er ihn wieder die Treppe hinaufſteigen hörte, Der ganze Tag verging in einer ununterbrochenen 4 Arbeit. Gilbert verwandte auf dieſes eintönige Geſchäft ſeine 8 4 — ganze Thätigkeit, ſeinen durchdringenden Verſtand und ſeine unermüdliche Ausdauer. Was er nicht begriff, errieth er; und ſeine Hand, die Sklavin eines eiſernen Willens, zeich⸗ nete die Charactere ohne Zögern, ohne Irrthum. So hatte er es gegen Abend bis auf ſieben Seiten einer, wenn nicht zierlichen, doch wenigſtens tadelloſen Abſchrift gebracht. Rouſſeau betrachtete dieſe Arbeit zugleich als Richter und als Philoſoph. Als Richter kritiſirte er die Form der Noten, die Feinheit der Federſtriche, die Abweichungen der Zeichen und Punkte, aber er geſtand zu, daß bereits ein bedeutender Fortſchritt gegen die Copie des vorhergehenden Tages bemerkbar war, und gab Gilbert fünfundzwanzig Sous. Als Philoſoph bewunderte er die Kraft des menſch⸗ lichen Willens, welche zwölf Stunden hinter einander unter die Arbeit einen jungen Menſchen von achtzehn Jahren mit geſchmeidigem, elaſtiſchem Koͤrper und leidenſchaftlichem Temperament beugen kann, denn Rouſſeau hatte leicht die glühende Leidenſchaft erkannt, welche das Herz des Jüng⸗ lings verzehrte.. Gilbert wog in ſeiner Hand das Geld, das er em⸗ pfangen hatte; es war ein Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stück und ein Sou. Er ſteckte den Sou in eine Taſche ſeiner Weſte, wahrſcheinlich zu den anderen Sous, die ihm vom vorhergehenden Tage uͤbrig geblieben, drückte mit inniger Zufriedenheit das Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stück in ſeiner rechten Hand und ſprach: „Mein Herr, Sie ſind mein Meiſter, da ich bei Ihnen Arbeit gefunden habe; Sie geben mir ſogar die Wohnung umſonſt. Ich denke daher, Sie könnten ſchlecht von mir urtheilen, wenn ich handelte, ohne Ihnen meine Handlungen zu offenbaren.“ Rouſſeau ſchaute ihn mit ſeinem argwöhniſchen Auge an. „Wie!“ ſagte er,„was wollen Sie denn thun? haben Sie für morgen etwas Anderes vor, als zu arbeiten?“ „Ja, mein Herr, für morgen moͤchte ich gern mit Ihrer Erlaubniß frei ſein.“ 5 ⁵ 68 „Wozu?“ verſetzte Rouſſeau;„um zu faullenzen?“ „Mein Herr, ich möchte gern nach Saint⸗Denis gehen.“ „Nach Saint⸗Denis?“ „Ja; die Frau Dauphine kommt morgen in Saint⸗ Denis an.“ „Ah! es iſt wahr; es finden morgen in Saint⸗Denis Feſte zum Empfang der Frau Dauphine ſtatt.“ „So iſt es,“ ſprach Gilbert. „Ich hätte Sie für weniger neugierig gehalten, mein junger Freund, und Anfangs kam es mir vor, als verach⸗ teten Sie ganz anders das Gepränge der abſoluten Gewalt.“ „Mein Herr...“ „Schauen Sie mich an, mich, den Sie zuweilen zum Muſter zu nehmen behaupten. Geſtern kam ein königlicher Prinz hierher und bat mich, zu Hofe zu gehen, nicht wie Sie gehen werden, armes Kind, indem Sie ſich auf den Fußſpitzen erheben, um über die Schulter einer franzöſtſchen Leibwache den Wagen des Königs, vor dem man, wie für das heilige Sacrament, das Gewehr präſentiren wird, vorüberfahren zu ſehen, ſondern um vor den Prinzen zu erſcheinen, um das Lächeln der Prinzeſſinnen anzuſchauen. Nun wohl! ich, ein dunkler Bürger, habe die Einla⸗ dungen dieſer Großen ausgeſchlagen.“ Gilbert billigte mit dem Kopf. „Und warum habe ich dies ausgeſchlagen?“ fuhr Nouſſeau voll Heftigkeit fort,„weil der Menſch nicht dop⸗ pelt ſein kann, weil die Hand, welche geſchrieben hat, das Königthum ſei ein Mißbrauch, nicht von einem König eine Gunſt fordern kann, weil ich, der ich weiß, daß jedes Feſt dem Volk ein wenig von dem Wohlſtande entzieht, von dem ihm nur genug bleibt, daß es nicht in Empörung ausbricht, durch meine Abweſenheit gegen alle dieſe Feſte proteſtire.“ „Mein Herr,“ ſprach Gilbert,„ich bitte Sie, zu glauben, daß ich Alles begriffen habe, was Erhabenes in Ihrer Philoſophie liegt.“ , „Ohne Zweifel; da Sie dieſelbe jedoch nicht aus⸗ üben, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken...“ „Mein Herr, ich bin kein Philoſoph.“ „Sagen Sie mir wenigſtens, was Sie in Saint⸗ Denis machen wollen.“ „Mein Herr, ich bin discret.“ Das Wort war ſchlagend für Rouſſeau: er begriff, daß irgend ein Geheimniß unter dieſer Hartnäckigkeit ver⸗ borgen ſein mußte, und betrachtete den jungen Mann mit einer gewiſſen Bewunderung, die ihm dieſer Character einflößte. „Gut, gut,“ ſagte er,„Sie haben einen Grund, das iſt mir lieber.“ „Ja, mein Herr, ich habe einen Grund, und zwar einen Grund, der in keiner Beziehung, das ſchwoͤre ich Ihnen, der Neugierde für ein Schauſpiel gleicht.“ „Deſto beſſer, oder vielleicht deſto ſchlimmer, denn Ihr Blick iſt tief, junger Mann, und ich ſuchte vergebens darin die Reinheit und die Ruhe der Jugend.“ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr,“ verſetzte Gilbert traurig,„ich habe Ihnen geſagt, daß ich unglücklich geweſen bin, und für die Unglücklichen gibt es keine Jugend. Es iſt alſo abgemacht, Sie ſchenken mir den morgigen Tag.“ „Ja, mein Freund.“. „Ich danke, mein Herr.“ „Nur werde ich zur Stunde, wo Sie alles Gepränge der Welt vorüberziehen ſehen, eines von meinen Kräuter⸗ büchern öffnen und alle Herrlichkeiten der Natur die Revue paſſiren laſſen.“ „Mein Herr,“ erwiederte Gilbert,„hätten Sie nicht alle Kräuterbücher der Erde an dem Tage verlaſſen, wo Sie hingingen, um Fräulein Galley wiederzuſehen, nach⸗ dem Sie ihr einen Kirſchenſtrauß in den Schooß geworfen?“ „Gut, gut; es iſt wahr, Sie ſind jung. Gehen Sie nach Saint⸗Denis, mein Kind.“ Dann, nachdem Gilbert ganz freudig weggegangen war und die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte, ſagte er: „Das iſt nicht Ehrgeiz, das iſt Liebe!“ 4 K XILVII. 3 3 Die Frau des Zauberers. 3 In dem Augenblick, wo Gilbert nach dem ſo gut verwendeten Tage in ſeinem Speicher ſein mit friſchem Waſſer benetztes Brod verzehrte und mit allen ſeinen Lun⸗ gen die Luft der umliegenden Gärten einathmete, in dieſem Augenblick ſtieg eine mit einer etwas fremdartigen Elegannz— gekleidete Frau, verborgen unter einem langen Schleier, nachdem ſie im Galopp eines herrlichen arabiſchen Pferdes die noch verlaſſene Straße nach Saint⸗Denis, welche am andern Tag von ſo vielen Menſchen überladen werden ſollte, verfolgt hatte, vor dem Kloſter der Carmeliterinnen in Saint⸗Denis ab und klopfte mit ihrem zarten Finger an das Gitter des Thurmes, während ihr Pferd, deſſen Zügel ſie um den Arm geſchlungen hielt, mit den Füßen ſcharrte und den Sand voll Ungeduld ausgrub. 8 Einige Bürger der Stadt blieben aus Neugierde um die Unbekannte her ſtehen. Sie wurden zugleich angezogen„ durch die erwähnte Fremdartigkeit ihrer Kleidung und durch die Beharrlichkeit ihres Klopfens. „Was wünſchen Sie, Madame?“ fragte einer von ihnen. „Sie ſehen es, mein Herr,“ antwortete die Fremde mit einem ſcharf italieniſchen Accent,„ich wünſche ein⸗ treten zu können.“ k „Da adreſſiren Sie ſich ſchlecht. Dieſer Thurm öffnet ſich nur einmal des Tags für die Armen, und die Stunde, zu der er ſich öffnet, iſt vorüber.“ „Wie macht man es dann, um mit der Superiorin zu ſprechen?“ ſagte die Fremde.. „Man klopft an die kleine Pforte am Ende der Mauer, oder man läutet an der großen Pforte.“ Ein Anderer näherte ſich und ſprach: „Sie wiſſen wohl, daß jetzt die Superiorin Ihre Königliche Hoheit Madame Louiſe von Frankreich iſt?“ „Ich weiß es und danke Ihnen.“ Ar 71 „Bei Gott! ein ſchönes Pferd,“ rief ein Dragoner der Königin, während er das Roß der Fremden beſchaute; „wißt Ihr, daß dieſes Pferd, wenn es nicht zu alt iſt, einen Werth von fünf hundert Louis d'or hat, ſo wahr als das meinige nur fünfzig Piſtolen werth iſt?“ Dieſe Worte brachten eine große Wirkung auf die Menge hervor. In demſelben Augenblick brach ſich ein Stiftsherr, der, ein Gegenſatz des Dragoners, die Reiterin anſchaute, ohne ſich um das Pferd zu bekümmern, Bahn bis zu ihr und öffnete die Pforte des Thurmes mittelſt eines ihm be⸗ kannten Geheimniſſes. „Treten Sie ein, Madame,“ ſagte er,„und ziehen Sie Ihr Pferd nach.“ Die Fremde, die es drängte, den gierigen Blicken der Menge zu entgehen, welche furchtbar auf ihr zu laſten ſchienen, befolgte ſchleunig den Rath und verſchwand hin⸗ ter der Pforte. Sobald ſie in dem weiten Hofe war, ſchüttelte die Fremde den Zaum ihres Pferdes, das ſo ungeſtüm Sattel und Zeug bewegte und ſo kräftig das Pflaſter mit ſeinem Hufe ſchlug, daß die Schweſter Pförtnerin, welche auf einen Augenblick ihre kleine, neben der Thüre liegende Wohnung verlaſſen hatte, aus dem Innern des Kloſters herbei eilte. „Was wollen Sie, Madame,“ rief ſie,„und wie ſind Sie hier hereingekommen?“ 4 „Ein guter Stiftsherr hat mir die Thüre geöffnet,“ ſagte ſie,„und ich will, wenn es möglich iſt, die Superio⸗ rin ſprechen.“ „Madame wird dieſen Abend nicht empfangen.“ „Man hat mir jedoch geſagt, es ſei die Pflicht der Superiorinnen des Kloſters, diejenigen von ihren weltlichen Schweſtern, welche Hülfe von ihnen verlangen wollen, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht zu empfangen.“ „Das iſt möglich unter gewöhnlichen Umſtänden; doch Ihre Hoheit iſt vorgeſtern erſt hier angekommen, hat ſich kaum eingerichtet und hält dieſen Abend Ka⸗ pitel.“’ „Madame! Madame!“ verſetzte die Fremde,„ich komme von ſehr fern her, ich komme von Rom. Ich habe ſechzig Meilen zu Pferde zurückgelegt, und mein Muth iſt zu Ende.“ „Was wollen Sie! Madame hat ausdrücklich Befehl gegeben.“ „Meine Schweſter, ich habe Ihrer Aebtiſſin Dinge von der größten Wichtigkeit mitzutheilen.“ „Kommen Sie morgen wieder.“. „Unmöglich... ich bin einen Tag in Paris ge⸗ blieben, und ſchon während dieſes Tages... überdies kann ich nicht im Gaſthofe ſchlafen.“ „Warum dies?“ „Weil ich kein Geld habe.“ Die Schweſter Pförtnerin betrachtete mit erſtauntem Auge dieſe mit Edelſteinen bedeckte Frau, welche ein ſo ſchönes Pferd beſaß und behauptete, ſie habe kein Geld, um ihr Lager für eine Nacht zu bezahlen. „Oh: achten Sie nicht auf meine Worte und ebenſo wenig auf meine Kleider,“ ſprach die junge Frau;„nein, ich ſagte nicht die ſtrenge Wahrheit, als ich behauptete, ich hätte kein Geld, denn in jedem Gaſthofe würde man mir ohne Zweifel Credit geben. Nein! nein! was ich hier ſuche, iſt kein Lager, ſondern eine Zufluchtsſtätte.“ „Madame, dieſes Kloſter iſt nicht das einzige in Saint⸗Denis, und jedes von den hieſigen Klöſtern hat ſeine Aebtiſſin.“ „Ja, ja, ich weiß es wohl, aber ich kann mich nicht an eine gewöhnliche Aebtiſſin wenden, meine Schweſter.“ „Ich glaube, Sie würden ſich täuſchen, wenn Sie auf Ihrem Verlangen beſtünden. Madame Louiſe von Frank⸗ reich beſchäftigt ſich nicht mehr mit Dingen dieſer Welt.“ „Was iſt Ihnen daran gelegen? melden Sie ihr im⸗ merhin, daß ich ſie ſprechen will.“ SIch ſage Ihnen, es wird ein Kapitel gehalten.“ ☛ 73 „Nach dem Kapitel?“ „Das Kapitel fängt eben erſt an.“ „Ich werde in die Kirche eintreten und betend warten.“ „Ich bin in Verzweiflung, Madame.“ „Worüber?“ „Sie können nicht warten.“ „Ich kann nicht warten?“ „Nein.“ „Oh! ich täuſchte mich alſo? ich bin alſo nicht in dem Hauſe des guten Gottes?“ rief die Fremde mit ſol⸗ cher Energie im Blicke und in der Stimme, daß ihr die Schweſter, welche einen längeren Widerſtand nicht auf ſich zu nehmen wagte, antwortete: „Wenn dem ſo iſt, will ich es verſuchen.“ „Oh! ſagen Sie Ihrer Hoheit, daß ich von Rom komme, daß ich mir mit Ausnahme von zwei Halten, von denen ich den einen in Mainz, den andern in Straßburg machte, auf dem Wege nicht mehr Zeit genommen, als ich brauchte, um zu ſchlafen, daß ich ſeit vier Tagen be⸗ ſonders nur ausgeruht habe, um wieder Kraft zu finden, nicht von meinem Pferde zu fallen, und um meinem Pferde Kraft zu geben, mich zu tragen.“ „Ich werde es ſagen, meine Schweſter.“ Und die Nonne verſchwand. Einen Augenblick nachher erſchien eine Laienſchweſter. Die Pförtnerin ging hinter ihr. „Nun?“ fragte die Fremde, die Antwort herausfor⸗ dernd, ſo ungeduldig war ſie, dieſelbe zu hören. „Madame,“ antwortete die Laienſchweſter,„Ihre Kö⸗ nigliche Hoheit ſagt, es ſei Ihr dieſen Abend durchaus unmöglich, Audienz zu geben, es werde Ihnen jedoch nichts⸗ deſtoweniger Gaſtfreundſchaft im Kloſter angeboten, da Sie ein ſo dringendes Bedürfniß, eine Zufluchtsſtätte zu finden, zu haben glauben. Sie können alſo eintreten, meine Schweſter, und wenn Sie den langen Ritt gemacht haben, 74 wenn Sie ſo ermüdet ſind, als Sie ſagen, ſo brauchen Sie ſich nur zu Bette zu legen.“ „Aber mein Pferd?“ „Seien Sie ruhig, man wird dafür ſorgen, meine Schweſter.“ 2 „Es iſt ſanft wie ein Lamm, heißt Dſcherid und kommt auf dieſen Namen, wenn man ihm ruft. Ich em⸗ pfehle es Ihnen angelegentlich, denn es iſt ein wunderba⸗ res Thier.“ „Es wird behandelt werden wie die eigenen Pferde des Königs.“ 1 „Ich danke.“ „Nun führen Sie Madame in ihr Zimmer,“ ſprach die Laienſchweſter zu der Schweſter Pförtnerin. „Nicht in mein Zimmer, in die Kirche. Ich bedarf nicht des Schlafes, ſondern des Gebetes.“ „Die Kapelle iſt Ihnen geöffnet, meine Schweſter,“ ſagte die Nonne, mit dem Finger auf eine kleine Seiten⸗ thüre deutend, welche in die Kirche ging. „Und ich werde die Frau Superiorin ſehen?“ fragte die Fremde. „Morgen.“ „Morgen früh?“ ſein„Oh! morgen früh, das wird abermals unmöglich „Und warum dies?“ „Weil morgen großer Empfang ſtatthaben wird.“ „Oh! wer kann empfangen werden, der mehr Eile hat oder unglücklicher iſt, als ich?“ „Die Frau Dauphine erweiſt uns die Ehre, morgen bei der Durchfahrt zwei Stunden hier anzuhalten. Das iſt eine große Gnade für unſer Kloſter, eine große Feier⸗ lichkeit für unſere armen Schweſtern; ſomit begreifen Sie... „Ach!“ „Die Frau Aebtiſſin wünſcht, daß Alles hier der Koö⸗ niglichen Gäſte, die wir empfangen, würdig ſei.“ 1 / 75⁵ „Und mittlerweile,“ ſprach die Fremde, mit einem ſichtbaren Schauder umherſchauend,„mittlerweile, bis ich die erhabene Superiorin ſehen kann, bin ich hier in Si⸗ cherheit?“ „Ja, meine Schweſter, ganz gewiß. Unſer Haus iſt eine Freiſtätte ſelbſt für die Schuldigen, um ſo viel mehr für die...“ „Flüchtlinge,“ verſetzte die Fremde;„gut. Es kommt alſo Niemand hier herein, nicht wahr?“ „Ohne Befehl, nein, Niemand.“ „Oh! und wenn er dieſen Befehl erhielte? Mein Gott! mein Gott!“ ſagte die Fremde;„er, der ſo mächtig iſt, daß mich ſeine Macht zuweilen erſchreckt.“ „Wer, er?“ fragte die Schweſter. „Niemand, Niemand.“ „Das iſt eine arme Wahnſinnige,“ murmelte die Nonne „Die Kirche! die Kirche!“ wiederholte die Fremde, als wollte ſie die Meinung, die man von ihr zu faſſen anfing, rechtfertigen. „Kommen Sie, meine Schweſter, ich will Sie führen.“ „Hören Sie, man verfolgt mich; geſchwinde, ge⸗ ſchwinde, die Kirche.“ „SOhl! die Mauern von Saint⸗Denis ſind gut,“ ſprach die Laienſchweſter mit einem mitleidigen Lächeln,„und wenn Sie mir glauben wollten, ſo würden Sie ſich, müde wie Sie ſind, an das halten, was ich Ihnen ſage, und in einem guten Bette ausruhen, ſtatt Ihre Knie auf den Platten der Kapelle wund zu machen.“ „Nein, nein, ich will beten, damit Gott meine Ver⸗ olger fern von mir halte,“ rief die junge Frau, verſchwand durch die Thüre, welche ihr die Nonne bezeichnet hatte, und ſchloß dieſe Thüre hinter ſich. Neugierig wie eine Nonne, machte die Schweſter den Weg durch die große Pforte, ſchritt ſachte vor und ſah am Fuße des Altars die Unbekannte, das Geſicht gegen die Erde, betend und ſchluchzend. 76 XLVIII. Die Bürger von Paris. Das Kapitel war wirklich, wie es die Nonnen zu der Fremden geſagt hatten, verſammelt, um ſich über die Mittel zu berathen, der Tochter der Cäſaren einen glänzenden Empfang zu bereiten. „Ihre Königliche Hoheit Madame Louiſe weihte auf dieſe Art in Saint⸗Denis ihr oberſtes Commando ein. Der Schatz des Kloſters war ein wenig geſunken. Die frühere Superiorin hatte, auf ihre Gewalt Verzicht leiſtend, den größeren Theil der Spitzen, die ihr als Eigenthum gehörten, ſo wie die Reliquienkäſten und Mon⸗ ſtranzen mitgenommen, welche ihren Gemeinden dieſe aus den beſten Familien gezogenen Aebtiſſinnen liehen, die ſich dem Dienſte des Herrn unter den weltlichſten Bedingungen widmeten. Als Madame Louiſe erfuhr, die Dauphine würde in Saint⸗Denis anhalten, ſchickte ſie einen Boten nach Ver⸗ ſailles, und noch in derſelben Nacht kam ein mit Tapeten⸗ werk, Spitzen und Ornamenten beladener Wagen an. Es mochte ungefähr für ſechsmal hundert tauſend Livres ſein. Sobald ſich das Gerücht von dem königlichen Glanze der Feierlichkeit verbreitete, ſah man auch dieſe glühende, dieſe furchtbare Neugierde der Pariſer ſich verdoppeln, welche in kleinen Haufen, wie Mercier ſagte, Stoff zum Lachen geben können, wenn ſie aber alle beiſammen ſind, ſtets nachdenken und weinen machen.. Vor Tagesanbruch ſah man, da die Reiſeeinthei⸗ lung der Frau Dauphine bekannt gemacht worden war, zu zehn und zehn, zu hundert und hundert, zu tauſend und tauſend die aus ihren Höhlen hervorgeſchlüpften Pa⸗ riſer ankommen. Die franzöſiſchen Garden, die Schweizer, die in Saint⸗ Denis cantonnirten Regimenter hatten die Waffen er⸗ griffen und ſtellten ſich in Spalieren auf, um die beweg⸗ 3 77 lichen Wellen dieſer Fluth von Menſchen im Zaum zu halten, welche bereits ihre furchtbaren Wirbel um die Hallen der Baſilica bildeten und ſich an die Seulpturen der Portale des Gemeindehauſes aufhißten. Ueberall ſah man Köpfe, Kinder hockten auf den Schirmdächern der Thüren, Männer und Frauen drängten ſich an den Fenſtern, Tauſende von Neugierigen endlich, welche zu ſpät gekommen waren oder, wie Gilbert, ihre Freiheit den Nothwendigkeiten vorzogen, die ſtets ein behaupteter oder in der Menge eroberter Platz auferlegt, Tauſende von Neugierigen, ſagen wir, kletterten, emſigen Ameiſen ähn⸗ lich, an den Stämmen hinauf und zerſtreuten ſich auf den Zweigen der Bäume, welche von Saint⸗Denis bis zur Muette gleichſam eine Hecke an dem Wege der Dan⸗ phine bildeten. Noch reich an Equipagen und Livreen, hatte der Hof jedoch von Compisgne an abgenommen. Wenn man nicht ein ſehr vornehmer Herr war, konnte man kaum dem König, die gewöhnlichen Etapen ver⸗ doppelnd und verdreifachend, folgen, bei den Relais von Pferden, die er auf der Straße aufgeſtellt hatte. Die Kleinen waren in Compiégne geblieben oder ⸗hatten „Poſt genommen, um nach Paris zurückzukehren und ihr Geſpann ſchnaufen zu laſſen. Doch nach einem Tage der Ruhe zu Hauſe, kehrten Herren und Bedienten in's Feld zurück und eilten nach Saint⸗Denis, ſowohl um die Menge zu beſchauen, als um die Dauphine zu ſehen, welche ſie bereits geſehen hatten. Und dann gab es nicht außer dem Hofe zu jener Zeit tauſend Equipagen: das Parlament, die Finanzen, der reiche Handelsſtand, die Frauen nach der Mode und die Oper? Fanden ſich nicht Miethpferde und Miethwagen, ſowie die Carabas, welche vollgepfropft von fünf und zwanzig Pariſern und Pariſerinnen im kurzen Trab nach Saint⸗Denis rollten und ihre Bevölkerung ſpäter nach dem Orte der Beſtimmung brachten, als wenn dieſe zu Fuß gegangen wäre? —— 78 Man macht ſich nicht leicht einen Begriff von der furchtbaren Armee, die ſich nach Saint⸗Denis wandte, am Morgen des Tages, an welchem, wie die Zeitungen und Anſchlagzettel verkündigt hatten, die Frau Dauphine hier ankommen ſollte, und die ſich nun gerade dem Kloſter der Carmeliterinnen gegenüber aufhäufte und wenn es nicht möglich war, in dem bevorzugten Umkreiſe Platz zu finden, ſich den Weg entlang ausbreitete, auf welchem die» Frau Dauphine und ihr Gefolge ankommen und abgehen mußten. Man denke ſich nun in dieſer Menge, einem Popanz ſelbſt für den Pariſer, man denke ſich Gilbert, klein, allein, unentſchloſſen, unbekannt mit der Oertlichkeit und ſo ſtolz, daß er nie um eine Auskunft bitten wollte; denn ſeitdem er in Paris war, wollte er für einen Vollblut⸗Pariſer gelten, er, der nie mehr als hundert Perſonen beiſammen geſehen hatte. Anfangs erſchienen auf ſeinem Wege die Spazier⸗ gänger dünn geſät; dann vervielfältigten ſie ſich bei der Chapelle; endlich, als er Saint⸗Denis erreichte, war es, als ob ſie unter den Pflaſterſteinen hervorkämen, denn ſie ſtanden hier ſo dicht beiſammen, wie die Kornähren aufg ˖Q— einem ungeheuren Felde.. Verloren in der Menge, ſah Gilbert ſeit langer Zeit⸗ nichts mehr; er ging ohne zu wiſſen wohin, wohin die Menge ging; er hätte ſich jedoch erkundigen⸗müſſen. Kin⸗ der ſtiegen auf einen Baum, er wagte es nicht, ſeinen Rock auszuziehen, um es zu machen wie ſie, obgleich er große Luſt dazu hatte; aber er näherte ſich dem Baume. Unglückliche wie er jedes Horizonts beraubte Leute, welche 1 auf den Füßen der Andern marſchirten, während man wie⸗* ſ der auf ihre Füße trat, hatten den glücklichen Gedanken, die Aufſteigenden zu befragen, und erfuhren von einem e derſelben, daß es einen großen leeren Raum zwiſchen eem 4 Kloſter und dem Garten gab. Ermuthigt durch dieſe erſte Frage, fragte Gilbert G ebenfalls, ob man die Carroſſen erblicke. 1 79 Man ſah ſie noch nicht und gewahrte nur auf der Straße, ungefähr eine Viertelſtunde jenſeits Saint⸗Denis, einen gewaltigen Staub. Das war es, was Gilbert wiſſen wollte: die Carroſſen waren noch nicht angekommen, es handelte ſich nur darum, genau zu erfahren, von wel⸗ cher Seite ſie ankommen würden. Wenn man in Paris einen ganzen Volkshaufen durch⸗ ſchreitet, ohne mit irgend Jemand ein Geſpräch anzu⸗ knüpfen, ſo iſt man Engländer oder taubſtumm. Kaum hatte ſich Gilbert zurückgeworfen, um ſich von dieſer ganzen Menge frei zu machen, als er am Nande eines Grabens eine Familie von kleinen Bürgersleuten fand, welche hier frühſtückten. Es war die Tochter, eine große, blonde Perſon mit blauen Augen, beſcheiden und ſchüchtern. Es war die Mutter, eine dicke, kleine, lachende Frau mit weißen Zähnen und friſcher Geſichtsfarbe. Es war der Vater, in einem weiten Rocke von Ber⸗ kan ſteckend, der nur alle Sonntage aus dem Schranke kam, den er aber für dieſe feierliche Gelegenheit aus dem Schranke gezogen hatte; er war auch mehr mit ſeinem 12 beſchäftigt, als mit ſeiner Frau und mit ſeiner Toch⸗ „ 1 zum Voraus überzeugt, ſie würden ſich bei jeder Ge⸗ — Meen heit ſelbſt zu helfen wiſſen. = Es war eine Tante, eine große, magere, trockene, wunderliche Perſon. Es war eine Magd, welche beſtändig lachte. Die letztere hatte in einem ungeheuren Korbe ein voll⸗ ſtändiges Frühſtück gebracht. Unter dieſem Gewichte lachte und ſang das kräftige Mädchen unabläßig, ermuthigt von * ſeinem Herrn, der es im Falle der Noth ablöſte. Damals gehörte ein Diener zur Familie; es fand eine große Aehnlichkeit Zwiſchen ihm und dem Hunde des Hauſes ſtatt: geſchlagen zuweilen; ausgeſchloſſen niemals. . Gilbert betrachtete aus einem Winkel des Auges dieſe Scene, welche ihm voͤllig neu war. Seit ſeiner Geburt im Schloſſe Taverney eingeſperrt, wußte er, was der — 80⁰ Herr, was das Geſinde war; aber der Bürger war ihm durchaus fremd. 1 Er ſah bei dieſen braven Leuten bei der materiellen Beſorgung der Bedürfniſſe des Lebens die Anwendung einer Philoſophie, welche, ohne von Plato oder Sokrates aus⸗ zugehen, ein wenig an der von Bias in extenso Theil hatte. Man hatte ſo viel als möglich mitgenommen und be⸗ nützte dies ſo viel als möglich. Der Vater ſchnitt eines von den appetitlichen Stücken Kalbfleiſch ab, wie ſie den kleinen Bürgern von Paris ſo theuer ſind. Bereits von den Augen Aller verſchlun⸗ gen, ruhte die Speiſe golden, lecker und ölig auf einer Platte von glacirter Erde, wo ſie am Tage vorher unter Moorrüben, Zwiebeln und Speckſchnitten die für den kommenden Tag ſorgſame Hausfrau begraben hatte. Dann hatte die Magd die Platte zum Bäcker ge⸗ bracht, der, ſein Brod backend, in ſeinem Ofen zu⸗ gleich zwanzig ähnlichen Platten, deren Inhalt in Geſell⸗ ſchaft an der nachgeborenen Wärme der Reißbüſchel ſich braten und vergolden ſollte, eine Zufluchtſtätte gegeben hatte, Gilbert wählte am Fuße einer ungeheuren Ulme ein kleines Plätzchen, wo er das beſchmutzte Gras mit ſeine Sacktuch abſtäubte. Er nahm ſeinen Hut ab, breitete ſein Sacktuch auf dem Graſe aus und ſetzte ſich. 3 Er ſchenkte ſeinen Nachbarn keine Aufmerkſamkeit, was natürlich zur Folge hatte, daß ſie ihn bemerkten, als ſie dies ſahen. „Das iſt ein ſorgf Mutter.— Das Mädchen erröthete. Das Mädchen erröthete, ſo oft von einem jungen äͤltiger junger Mann,“ ſprach die Mann in ſeiner Gegenwart die Rede war, worüber die Urheber ſeiner Tage vor Freude ſich aufblähten. „Das iſt ein ſorgfältiger junger Mann,“ hatte die Mutter geſagt. * In der That, bei einer Pariſer Bürgerin wird ſich werden auf dieſer Seite nichts ſehen.“ 81 die erſte Bemerkung ſtets auf einen Man moraliſche Eigenſchaft beziehen. Der Vater wandte ſich um. „Und ein hübſcher Junge,“ ſagte ex. Die Röthe des Mädchens vermehrte ſich. „Er ſcheint ſehr müde zu ſein und hat doch nichts getragen,“ verſetzte die Magd. „Träge,“ ſprach die Tante. „Mein Herr,“ ſagte die Mutter, Gilbert mit der Vertraulichkeit des man nur bei den Pariſern trifft Königs noch fern?“ Gilbert wandte ſich um; als er ſah, daß das Wort an ihn gerichtet war, ſtand er auf und grüßte. „Das iſt ein artiger junger Mann,“ bemerkte die Mutter. Das Mädchen wurde purpurroth. „Ich weiß nicht, Madame,“ antwortete Gilbert;„ich habe nur ſagen hören, man ſehe Staub, ungefähr eine Viertelſtunde von hier.“. „Nähern Sie ſich, mein H gel oder auf eine indem ſie ſich an Fragens wandte, die „ nfſind die Carroſſen des ſ Herr,“ ſprach der Bürger, „„und wenn Sie Luſt haben...“ Hiebei bezeichnete er das appetitliche, auf dem Graſe ausgebreitete Frühſtück. ilbert näherte ſich. Er war nüchtern; der Geruch der Speiſen kam ihm verführeriſch vor; aber er fühlte ſeine fünf und zwanzig oder ſechs und zwanzig Sous in ſeiner Taſche, bedachte, daß er für den dritten Theil ſeines ſo ſaftig als das, welches man Vermögens ein Frühſtück ihm anbot, haben könnte, und wollte nichts von Leuten annehmen, die er zum erſten Male ſah. „Ich danke, mein Herr,“ ſagte er,„ich danke ver⸗ bindlichſt, ich habe ſchon gefrühſtückt.“ „Ah! ah!“ ſagte die Bürgerin, „ich bemerke, daß Sie ein vorſichtiger Mann ſind, mein Herr; doch Sie Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 6 „Aber Sie,“ verſetzte Gilbert lächelnd,„Sie werden alſo auch nichts ſehen, da Sie, wie ich, hier ſind?“ Oh! wir,“ ſprach die Bürgerin,„das iſt etwas „— Anderes, wir haben unſern Neffen, der Sergent bei den franzöſiſchen Garden iſt.“ Das junge Mädchen wurde veilchenblau. „Er wird dieſen Morgen vor dem blauen Pfauen ſtehen, das iſt ſein Poſten.“ „Darf ich Sie, ohne unbeſcheiden zu ſein, fragen, wo der blaue Pfau iſt?“ ſagte Gilbert. „Gerade dem Kloſter der Carmeliterinnen gegenüber,“ antwortete die Mutter;„er hat uns einen Platz hinter ſeiner Mannſchaft verſprochen; wir bekommen ſeine Bank von ihm und ſehen die Herrſchaften vortrefflich ausſteigen.“ Nun fühlte Gilbert, wie ihm die Röthe in das Ge⸗ ſicht trat; er wagte es nicht, ſich mit dieſen draven Leu⸗ ten zu Tiſch zu ſetzen, aber er ſtarb beinahe vor Begierde, ihnen zu folgen. Doch ſeine Philoſophie, oder vielmehr der Stolz, welchem zu mißtrauen Rouſſeau ihn ſo ſehr ermahnt hatte, flüſterte ihm zu: Es iſt gut für die Frauen, wenn ſie Jemand brau⸗ chen, aber ich, ein Mann, habe ich nicht Arme und Schultern?“— 3 „Alle, welche nicht dort ſind,“ fuhr die Mutter fort, als hätte ſie den Gedanken von Gilbert errathen und wollte ihm darauf antworten,„Alle, welche nicht dort ſind, werden nichts ſehen, als die leeren Wagen, und die leeren Wagen kann man, meiner Treue! ſehen, wann man will; es lohnt ſich nicht der Mühe, deshalb nach Saint⸗ Denis zu gehen.“ „Aber, Madame, mir ſcheint, es werden viele Leute denſelben Gedanken haben, wie Sie,“ ſagte Gilbert. „Ja, aber es werden nicht Alle einen Neffen haben, um ſie paſſiren zu laſſen.“ „Oh! das iſt wahr.“ Und als Gilbert dieſes das iſt wahr ſprach, drückte breiteſten Platz, den er ſich machen kann, 83 ſein Geſicht einen Verdruß aus, der dem Pariſer Scharf⸗ ſinn nicht entging. „Doch der Herr kann wohl mit uns es ihm beliebt,“ ſprach der Bürger, welcher geſchickt er⸗ rieth, was ſeine Frau zu haben wünſchte. „Oh! mein Herr, ich würde befürchten, Ihnen zur Laſt zu fallen,“ verſetzte Gilbert. „Ah! im Gegentheil,“ ſagte die Frau,„Sie werden uns an Ort und Stelle kommen helfen. Wir hatten nur einen Mann zu unſerer Unterſtützung und werden dann zwei haben.“ Kein Beweismittel hatte ein ſolches Gewicht wie die⸗ ſes, um Gilbert zu beſtimmen. Der Gedanke, er würde nützlich ſein und durch dieſe Nützlichkeit den Beiſtand be⸗ zahlen, den man ihm anbot, wahrte ſein Gewiſſen und benahm ihm zum Voraus jedes Bedenken. „Wir werden wohl ſehen, wem er ſeinen Arm anbie⸗ tet, ſagte die Tante. Dieſe Hülfe fiel für Gilbert in der That vom Him⸗ 5 igeheure Hinderniß eines Walles von dreißig tauſend Perſonen überwinden ſollen, welche ſich insgeſammt mehr als er durch den Rang, durch den Reich⸗ thum, durch die Kraft und beſonders durch die Gewohn⸗ heit empfahlen, ſich bei dieſen Feſten, wo Jeder den einnimmt, be⸗ kommen, wenn quem zu ſtellen. 3 Dies würde indeſſen für unſeren Philoſophen, wäre er weniger Theoretiker und mehr Praktiker geweſen, ein bewunderungswürdiges dynamiſches Studium der Geſell⸗ ſchaft geworden ſein. Die vierſpännige Carroſſe fuhr wie eine Kanonen⸗ kugel in die Maſſe, und Jeder flog bei Seite vor dem äufer mit dem Federnhut, dem buntſcheckigen Leibrock und dem dicken Stocke, der zuweilen ſelbſt wiederum zwei unwiderſtehliche Hunde vor ſich hergehen ließ. Die zweiſpännige Carroſſe ſagte eine 2t von Ein⸗ 84 laßwort einem Garde in das Ohr und nahm ihre Stelle auf dem Nundplatze zunächſt beim Kloſter. Die Reiter gelangten im Schritte, aber die Menge beherrſchend, nach tauſend Stößen, nach tauſend Püffen nid nachdem ſie tauſendfaches Murren ausgeſtanden, zum Ziele. Der Fußgänger erſchien endlich, vorgeſchoben, zurück⸗ geworfen, gedrängt, ſchwimmend wie eine Welle, welche von tauſend anderen Wellen fortgetrieben wird, ſich auf ſeinen Fußſpitzen erhebend, oder von ſeinem Nachbar emporgehoben, ſich anſtrengend wie Anteus, um die gemeinſchaftliche Mutter wiederzufinden, die man die Erde nennt, ſeinen Weg ſuchend, um aus der Menge zu kommen, ihn findend und ſeine Familie nach ſich ziehend, welche beinahe immer aus einer Truppe von Frauen beſtand, die der Pariſer allein unter allen Völkern überallhin, überalldurch und immer zu führen weiß und wagt und ohne Prahlereien reſpektiren macht. Vor Allem, oder vielmehr vor Allen brach ſich der Mann von der Hefe des Volkes, der Mann mit dem bär⸗ tigen Geſichte, nur den Reſt einer Mütze auf dem Kopf, mit nackten Armen, die Hoſe von einem Strick gehalten, mit den Ellbogen, mit den Schultern, mit den Füßen ſpielend, lachend auf eine Weiſe, daß es einem Grinſen glich, Bahn durch das Gedränge, ſo leicht als Gulliver in dem Getreide von Lilliput. 3 Gilbert, der weder vornehmer Herr mit vier Pferden, noch Parlamentsmitglied im Wagen, noch Militär zu Pferd, noch Pariſer, noch Mann des Volkes war, würde in dieſer Menge unfehlbar gequetſcht, kerdrückt, zermalmt worden ſein. Sobald er aber einmal unter der Protection des Bürgers ſtand, fühlte er ſich ſtark. Entſchloſſen bot er den Arm der Mutter. „Der Unverſchämte!“ ſagte die Tante. Man ſetzte ſich in Marſch. Der Vater ging zwiſchen ſeiner Schweſter und ſeiner Tochter; dahinter kam die Magd, den Korb am Arm. „Meine Herren, ich bitte Sie,“ ſagte die Bürgerin * „ 8⁵ mit ihrem treuherzigen Lächeln;„meine Herren, haben Sie die Gefälligkeit, meine Herren, ſeien Sie ſo gut... Und man ging bei Seite und ließ ſie vorüber, ſie und Gilbert, und in ihrem Soge ſchlüpfte die übrige Ge⸗ ſellſchaft nach. 8 Schritt für Schritt, Fuß für Fuß eroberte man die fünfhundert Klafter Boden, welche den Platz des Früh⸗ ſtücks von dem Platze des Kloſters trennten, und man ge⸗ langte bis zu dem Spaliere der furchtbaren franzöſiſchen Garden, auf welche der Bürger und ſeine Familie ihre ganze Hoffnung ſetzten. Das junge Mädchen hatte allmählig ſeine natürliche Farbe wieder bekommen. Hier angelangt erhob ſich der Bürger auf den Schul⸗ tern von Gilbert und erblickte zwanzig Schritte von ſich den Neſſen ſeiner Frau, der ſich den Schnurrbart drehte. Der Bürger machte mit ſeinem Hut ſo ausſchwei⸗ fende Geberden, daß ſein Neffe ihn am Ende bemerkte, auf ihn zuging und etwas Raum von ſeinen Kameraden verlangte, welche die Reihen auf einem Punkte auflöſten. Sogleich ſchlüpften durch dieſen Spalt Gilbert und die Bürgerin, der Bürger, ſeine Schweſter und ſeine Toch⸗ ter, dann die Magd, welche wohl beim Durchzug ein hef⸗ tiges Geſchrei ausſtieß und ſich mit wilden Augen umwandte, jedoch ohne daß ihre Herrſchaft nur daran dachte, ſie nach dem Grunde ihres Geſchreis zu fragen. 3 Sobald Gilbert die Chauſſee überſchritten hatte, be⸗ griff er, daß er an Ort und Stelle war. Er dankte dem Bürger, der Bürger dankte ihm. Die Mutter verſuchte es, ihn zurückzuhalten, die Tante forderte ihn auf, zu gehen, und man trennte ſich, um ſich nicht wieder zu ſehen. Da, wo ſich Gilbert befand, waren nur Bevorzugte; er erreichte daher leicht den Stamm einer großen Linde, ſtieg auf einen Stein, machte ſich einen Haltpunkt aus dem erſten beſten Zweige und wartete.*† Eine halbe Stunde nachher raſſelten die Trommeln, ——— — 86 donnerten die Kanonen, und die majeſtätiſche Glocke der Kathedrale ſchleuderte ein erſtes Geſumme in die Luft. XLIX. Die Carroſſen des Königs. ½. Ein dumpfes Gemurmel in der Ferne, das immer ſtärker und immer deutlicher wurde, je näher es kam, machte, daß Gilbert, der ſeinen ganzen Körper unter einem ſcharfen Schauer ſich ſträuben fuͤhlte, die Ohren ſpitzte. Man rief: es lebe der König. 1 Dies war damals noch gebräuchlich. Eine Wolke von wiehernden, mit Gold und Purpur bedeckten Pferden wälzte ſich auf der Chauſſée fort: das waren die Musketiere, die Gendarmen und die Schweizer zu Pferd; dann erſchien eine ſchwere, herrliche Carroſſe. Gilbert erblickte ein blaues Band und einen bedeckten majeſtätiſchen Kopf. Er ſah den kalten, durchdringenden Blitz des königlichen Blickes, vor welchem ſich alle Stir⸗ naen beugten und entblößten. Geblendet, unbeweglich, berauſcht, keuchend, vergaß er ſeinen Hut abzunehmen.. Ein heftiger Schlag entzog ihn ſeiner Extaſe; ſein Hut war auf den Boden gerollt. Er machte einen Sprung, hob ſeinen Hut auf, ſchaute empor und erkannte den Neffen des Bürgers, der ihn mit dem den Militären eigenthümlichen verſchmitzten Lächeln anſchaute. „Nun!“ ſagte er,„nimmt man ſeinen Hut nicht vor dem König ab?“ Gilbert erbleichte, betrachtete ſeinen mit Staub be⸗ deckten Hut und antwortete: „Es iſt das erſte Mal, daß ich den König ſehe, mein Herr, und ich habe allerdings vergeſſen, ihn zu grüßen. Aber ich wußte nicht... 87 „Sie wußten nicht?“ verſetzte der Kriegsmann die Stirne faltend. Gilbert befürchtete, man könnte ihn von dem Platze wegjagen, wo er ſo gut ſtand, um Andrée zu ſehen: die Liebe, die in ſeinem Herzen glühte, brach ſeinen Stolz. „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte er,„ich bin aus der Provinz.“ „Und Sie ſind nach Paris gekommen, umß Ihre Er⸗ ziehung zu machen, mein gutes Männchen?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Gilbert, ſeine Wuth verſchluckend. „Nun, da Sie eben im Zuge ſind, ſich zu unterrich⸗ ten,“ ſagte der Sergent, indem er die Hand von Gilbert zurückhielt, welcher ſeinen Hut eben wieder auf ſeinen Kopf ſetzen wollte,„erfahren Sie noch Folgendes: man grüßt die Frau Dauphine wie den König, die Herren Prinzen wie die Frau Dauphine, kurz man grüßt alle Wagen, woran Lilien ſind. Kennen Sie die Lilien, mein Kleiner, oder ſoll ich Sie damit bekannt machen?“ „Unnöthig, mein Herr, ich kenne ſie.“ „Das iſt ein Glück,“ brummte der Sergent. Die königlichen Wagen zogen vorüber. 3 Die Reihe verlängerte ſich; Gilbert ſchaute mit ſo gierigen Augen, daß ſie bloͤd ausſahen. Nach und nach, wie ſie vor der Pforte der Abtei anlangten, hielten die Wagen an und die Herren des Gefolges ſtiegen aus, eine Operation, welche von fünf zu fünf Minuten einen Halt auf der ganzen Linie veranlaßte. Bei einem von dieſen Halten fühlte es Gilbert, als ob ein glühendes Eiſen ſein Herz durchdränge. Es faßte ihn ein Schwindel, wobei alle Dinge vor ſeinen Augen verſchwanden, und ein ſo heftiges Zittern bemächtigte ſich ſeiner, daß er ſich an ſeinem Aſte anklammern mußte, um nicht zu fallen. Sich gegenüber hatte er auf höchſtens zehn Schritte in einem von den Wagen mit Lilien, die ihm der Sergent zu grüßen empfohlen, das glänzende, leuchtende Antlitz von 7 Andrée erblickt, welche weiß gekleidet war, wie ein Engel, 4 oder wie ein Geſpenſt. Er ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, überwand ſo⸗ dann alle Gemüthsbewegungen, die ſich gleichzeitig ſeiner bemächtigt hatten, befahl ſeinem Herzen, zu ſchlagen auf⸗ zuhören, und ſeinem Blicke, ſich auf die Sonne zu heften. Und die Herrſchaft, die der junge Mann über ſich ſelbſt beſaß; war ſo groß, daß es ihm gelang.+ Andrée, welche wiſſen wollte, warum die Wagen zu fahren aufgehört, neigte ſich aus dem Schlage hervor, ließ ihr ſchönes Azurauge umherlaufen, erblickte Gilbert und erkannte ihn. Gilbert vermuthete, Andrée würde, wenn ſie ihn er⸗ blickte, ſtaunen, ſich umwenden und mit ihrem Vater ſpre⸗ chen, der neben ihr im Wagen ſaß. Er täuſchte ſich nicht, Andrée ſtaunte, wandte ſich um und lenkte auf Gilbert die Aufmerkſamkeit des Baron von Taverney, der, geſchmückt mit ſeinem großen rothen Ordensbande, majeſtätiſch in der Carroſſe des Königs ſaß. 3 „Gilbert!“ rief der Baron, als ob er plötzlich er⸗ wachte,„Gilbert hier! Und wer wird dort für Mahon ſorgen?“ Gilbert hörte dieſe Worte vollkommen und ſchickte ſich auch ſogleich an, Andrée und ihren Vater mit ſtudirter Ehrfurcht zu grüßen. Er bedurfte aller ſeiner Kräfte, um dieſe Begrüßung auszuführen. „In der That, es iſt wahr!“ rief der Baron, als er unſern Philoſophen erblickte.„Es iſt dieſer Burſche in Perſon.“ 8 Der Gedanke, Gilbert befinde ſich in Paris, war ſei⸗ nem Geiſt ſo fern, daß er Anfangs den Augen ſeiner Tochter nicht glauben wollte, und ſogar hernach noch alle 8 Mühe hatte, ſeinen eigenen Augen zu glauben. Das Geſicht von Andrée, welches Gilbert mit einer unerſchütterlichen Aufmerkſamkeit betrachtete, drückte nicht 89 mehr als eine vollkommene Nuhe nach einer leichten Wolke des Erſtaunens aus. Der Baron neigte ſich aus dem Schlage und rief Gilbert durch eine Geberde. „Gilbert wollte auf ihn zugehen, der Sergent hielt ihn zurück. „Sie ſehen, daß man mich ruft,“ ſagte er. „Wo dies?“ „Von jenem Wagen.“ Die Blicke des Sergenten folgten der durch den Finger von Gilbert bezeichneten Richtung und hefteten ſich auf den Wagen von Herrn von Taverney. „Verzeihen Sie, Sergent,“ ſagte der Baron,„ich möchte gern mit dieſem Jungen nur zwei Worte ſprechen.“ „Vier, mein Herr, vier,“ antwortete der Sergent; „Sie haben übrigens Zeit, man hält eine Rede unter der Halle und der Aufenthalt dauert eine gute halbe Stunde. Gehen Sie vorbei, junger Mann.“ „Hierher, Burſche,“ ſprach der Baron zu Gilbert, welcher ſich ſtellte, als ginge er ſeinen gewöhnlichen Schritt, „ſagt einmal, warum man Euch zufällig in Saint⸗Denis trifft, während Ihr in Taverney ſein ſolltet?“ Gilbert verbeugte ſich zum zweiten Male vor Andrée und dem Baron, und antwortete: „Es iſt nicht der Zufall, mein Herr, was mich hier⸗ her führt, ſondern ein Akt meines Willens.“ „Wie, Eures Willens, Maulaffe! ſolltet Ihr einen Willen haben?“ „Warum nicht? Jedem freien Menſchen ſteht das Necht zu, einen zu haben.“ „Jedem freien Menſchen! Ah! Ihr haltet Euch alſo für frei, unglückliches Bürſchchen?“ „Ganz gewiß, da ich meine Freiheit an Niemand gefeſſelt habe.“ „Das iſt bei meiner Treue ein luſtiger Schlingel,“ rief Herr von Taverney, etwas verblüfft durch die feſte Haltung, mit der Gilbert ſprach.„Wie? Ihr in Paris! 90 und wie ſeid Ihr hierher gekommen, bitte ich?... Und mit welchen Mitteln, wenn'’s beliebt?“ „Zu Fuß,“ antwortete Gilbert lakoniſch. „Zu Fuß!“ wiederholte Andrée mit einem gewiſſen Ausdruck des Mitleids. „Und was willſt Du in Paris machen, frage ich Dich?“ rief der Baron. „Zuerſt meine Erziehung, ſodann mein Glück.“ „Deine Erziehung!“ „Deſſen bin ich ſicher.“ „Dein Glück!“ „Ich hoffe es.“ „Und was machſt Du mittlerweile? Du bettelſt?“ „Betteln!“ verſetzte Gilbert mit ſtolzer Verachtung. „Alſo ſtiehlſt Du?“ 3 „Mein Herr,“ ſprach Gilbert mit einem Ausdruck unbändiger Entſchiedenheit, der einen Augenblick die Auf⸗ merkſamkeit von Fräulein von Taverney auf den ſeltſamen jungen Mann lenkte,„habe ich Sie je beſtohlen?“ „Was machſt Du dann mit Deinen Faullenzer⸗ händen?“ „Was ein Mann von Genie macht, dem ich gleichen will, und wäre es nur durch meine Beharrlichkeit. Ich ſchreibe Muſik ab.“ Andrée wandte den Kopf nach ihm um. „Sie ſchreiben Muſik ab?“ ſagte ſie. „Ja, mein Fräulein.“ „Sie verſtehen alſo die Muſik?“ fügte ſie verächtlich und mit demſelben Tone bei, als hätte ſie geſagt:„Sie lügen.“ „Ich kenne meine Noten, und das iſt genug, um Abſchreiber zu ſein,“ antwortete Gilbert. „Und wo Teufels haſt Du Deine Noten gelernt?“ „Ja,“ machte Andrée lächelnd. „Herr Baron, ich liebe die Muſik ungemein, und da das Fräulein jeden Tag ein paar Stunden an ſeinem Clavier zubrachte, verbarg ich mich, um zu horchen. 8 4 9 n 831 91 „Müßiggänger!“ „Ich habe Anfangs die Melodien auswendig behalten, und da dieſe Melodien in einer Methode geſchrieben wa⸗ ren, ſo lernte ich allmählig und durch angeſtrengte Arbeit in dieſer Methode leſen.“ „In meiner Methode!“ verſetzte Andrée, im höchſten Maße entrüſtet,„Sie wagten es, meine Methode zu be⸗ rühren?“ „Nein, mein Fräulein, das hätte ich mir nie erlaubt,“ ſprach Gilbert;„aber ſie blieb auf Ihrem Clavier bald an einem Ort, bald an einem andern offen. Ich berührte ſie nicht, ich verſuchte es, zu leſen, und ſonſt nichts; meine Augen konnten die Blätter nicht beſchmutzen.“ „Sie werden ſehen,“ ſprach der Baron,„dieſer Schuft ſagt uns ſogleich, er ſpiele Clavier wie Haydn.“ „Ich könnte dies ohne Zweifel, wenn ich es gewagt hätte, meine Finger auf die Taſten zu ſetzen.“ Andrée warf unwillkührlich einen zweiten Blick auf dieſes Geſicht, welches von einem Gefühle belebt war, von dem nichts einen Begriff geben kann, wenn nicht etwa der gierige Fanatismus des Mürtyrers. Aber der Baron, der in ſeinem Innern nicht die Ruhe und die verſtändige Hellſichtigkeit ſeiner Tochter be⸗ ſaß, fühlte ſeinen Zorn entbrennen bei dem Gedanken, dieſer junge Mann habe Recht und man habe ein un⸗ menſchliches Unrecht gegen ihn begangen, daß man ihn in Taverney in Geſellſchaft von Mahon gelaſſen. Man vergibt aber nur ſchwer einem Untergeordneten das Unrecht, deſſen er uns zu überweiſen vermag, und ſo rief der Baron, der immer hitziger wurde, je mehr ſich ſeine Tochter beſänftigte: „Ah! junger Schurke, Du läßt es Dir einfallen, auszureißen, umherzuſtreifen, und wenn man von Dir Rechenſchaft verlangt über Dein Betragen, nimmſt Du Deine Zuflucht zu elenden Poſſen, wie wir ſie eben gehört. Nun wohl, da durch meinen Fehler das Pflaſter des Königs nicht von Spitzbuben und Zigeunern belagert werden ſoll.... Andrée machte eine Bewegung, um ihren Vater zu beſchwichtigen; ſie fühlte, daß die Uebertreibung die Ueber⸗ legenheit ausſchloß. Aber der Baron ſchob die beſchützende Hand ſeiner Tochter auf die Seite und fuhr fort: „Ich werde Dich Herrn von Sartines empfehlen und Du ſollſt einen Gang nach Bicétre machen, Du Tauge⸗ nichts von einem Philoſophen.“. Gilbert machte einen Schritt rückwärts, drückte ſeinen Hut unter ſeinen Arm, und erwiederte bleich vor Zorn: „Herr Baron, erfahren Sie, daß ich, ſeitdem ich in Paris bin, Beſchützer gefunden habe, welche bei Ihrem Herrn von Sartines antichambriren.“ „Ah! ja wohl,“ rief der Baron,„wenn Du Bicétre entgehſt, ſo wirſt Du jedenfalls den Steigbügelriemen nicht entgehen. Andrée, Andrée! rufe Deinen Bruder, der ganz in der Nähe iſt.“ Andrée bückte ſich gegen Gilbert und ſagte gebieteriſch: „Herr Gilbert, entfernen Sie ſich.“ „Philipp! Philipp!“ rief der Greis. „Entfernen Sie ſich,“ ſagte Andrée zu dem jungen Mann, der ſtumm und unbeweglich, wie in einer ertatiſchen Beſchauung, an ſeinem Platze blieb. Durch den Ruf des Barons herbeigezogen, eilte ein Casvalier an den Schlag der Carroſſe: es war Philipp von Taverney in der Uniform eines Kapitäns. Der junge Mann war zugleich freudig und glänzend. „Sieh da Gilbert!“ ſagte er treuherzig, als er dieſen erkannte,„Gilbert hier! Guten Morgen Gilbert... Was ſchen Sie von mir, mein Vater 2“ „Guten Morgen, Herr Philipp,“ antwortete der junge ann. „Was ich wünſche?“ rief der Baron, bleich vor Wuth, „Du ſollſt Deine Degenſcheide nehmen und dieſen Burſchen „ hat er denn gethan?“ fragte Philipp, indem er abwechſelnd und mit wachſendem Erſtaunen die Wuth⸗ —, &☛ᷣ h, en m ·th des Barons und die furchtbare Unempfindlichkeit von Gilbert betrachtete. „Er hat gethan, er hat gethan,“ rief der Baron, „ſchlage Philipp, ſchlage wie auf einen Hund.“ Taverney wandte ſich gegen ſeine Schweſter um. „Was hat er denn gethan, Andrée, ſprich, ſollte er Dich beleidigt haben?“ „Ich!“ rief Gilbert. „Nein, nein, Philipp,“ erwiederte Andrée,„nein; er hat nichts gethan, mein Vater irrt ſich. Herr Gilbert iſt nicht mehr in unſerem Dienſt und hat daher vollkommen das Recht, zu gehen, wohin es ihm beliebt. Mein Vater will das nicht begreifen, und als er ihn hier fand, gerieth er in Zorn.“ 8 „Iſt das Alles?“ fragte Philipp. „Durchaus, mein Bruder und ich begreife den Zorn von Herrn von Taverney nicht, beſonders bei einer ſolchen Veran⸗ laſſung, und wenn die Dinge und Leute nicht einmal einen Blick verdienen. Sieh nach, Philipp, ob wir weiter fahren.“ Der Baron ſchwieg, bezaͤhmt durch die ganz könig⸗ liche Erhabenheit ſeiner Tochter. ilbert neigte das Haupt, niedergebeugt durch dieſe Verachtung. Es durchzuckte ein Blitz ſein Herz, und dieſer Blitz glich dem des Haſſes. Er hätte einen tödtlichen Schlag des Schwertes von Philipp und ſogar einen blu⸗ tigen ſeiner Peitſche vorgezogen. Er wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Zum Glück war in dieſem Augenblick die Rede be⸗ endigt und die Carroſſen ſetzten ſich hienach wieder in Be⸗ wegung. 1 Die des Barons entfernte ſich allmählig, andere folgten; Andrée verſchwand wie in einem Traum. Gilbert blieb allein, nahe daran, zu weinen, nahe daran, zu brüllen, unfähig, er glaubte dies wenigſtens, das Gewicht ſeines Unglücks zu ertragen. Da legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter. Er wandte ſich um und ſah Philipp, der, nachdem 94 er abgeſtiegen war und ſein Pferd einem Soldaten ſeines Regiments zu halten gegeben hatte, ganz lächelnd auf ihn zukam.— „Laß hören, was iſt vorgefallen, mein armer Gilbert, und warum biſt Du in Paris 2“ Dieſer treuherzige, vertrauliche Ton rührte den jungen Mann. „Ei! mein Herr. ſ ſich unwillkührlich ſeinem unbeugſamen Stoicismus ent⸗ wand,„ich frage Sie, was hätte ich in Taverney thun ſollen? Ich wäre vor Verzweiflung, Unwiſſenheit und Hunger geſtorben.“ Philipp bebte, denn ſein unparteiiſcher Geiſt war, wie es Andrée geweſen, betroffen von der ſchmerzlichen Verlaſſenheit, der man den jungen Mann preisgegeben. „Und Du glaubſt in Paris, ohne Geld, ohne Pro⸗ tection, ohne Hülfsquellen durchzudringen, mein armes Kind?“ Ich glaube es, mein Herr; der Menſch, welcher ar⸗ beiten will, ſtirbt ſelten da Hunger, wo es Menſchen gibt, die nichts zu thun wünſchen.“— Philipp bebte bei dieſer Antwort. Er hatte in Gil⸗ bert nie etwas Anderes geſehen, als einen Diener ohne alle Bedeutung. 4 22„Ißt Du wenigſtens?“ ſagte er. „Ich verdiene mein Brod, Herr Philipp, und der⸗ jenige braucht nie mehr, der ſich immer nur einen Vor⸗ wurf gemacht hat, den, daß er das Brod aß, welches er nicht verdien te.“ was man Dir in Taverney gegeben hat, mein ind? Dein Vater und Deine Mutter waren gute Diener des Schloſſes und Du ſelbſt machteſt Dich leicht nützlich.“ „Ich that nur meine Pflicht, mein Herr.“ 4„Hoͤre Gilbert,“ fuhr der junge Mann fort,„Du weißt, daß ich Dich immer geliebt habe; ich ſah Dich ſtets mit andern Augen an, als die Uebrigen; ob ich hierin / agte er mit einem Seufzer, der „Du ſagſt dies hoffentlich nicht in Beziehung auf das, ne un ſte 95 Recht oder Unrecht hatte, wird die Zukunft lehren. Dein ungeſchlachtes Weſen erſchien mir als Zartgefühl; Deine Nauhheit nenne ich Stolz.“ „Ah! Herr Chevalier,“ rief Gilbert hoch athmend. „Ich will Dir alſo wohl, Gilbert.“ „Ich danke, Herr.“ „Ich war jung wie Du unglücklich wie Du in mei⸗ ner Lage, davon kommt es vielleicht her, daß ich Dich ver⸗ ſtanden habe. Das Glück lächelte mir eines Tag; nun, laß mich Dir helfen, Gilbert, bis das Glück Dir eben⸗ falls lächelt.“ „Ich danke, ich danke, Herr.“ „Sprich, was willſt Du machen? Du biſt zu unge⸗ ſchmeidig, um in einen Dienſt zu treten.“ Gilbert ſchüttelte den Kopf mit einem verächtlichen Lächeln und erwiederte: „Ich will ſtudiren.“ „Um zu ſtudiren, braucht man Lehrer, und um die Lehrer zu bezahlen, braucht man Geld.“ „Ich erwerbe mir, mein Herr.“ „Du erwirbſt Dir,“ verſetzte Philipp lächelnd,„und wie viel?“ „Fünfundzwanzig Sous täglich, und ich kann mir ſogar dreißig und vierzig erwerben.“ „Das iſt gerade ſo viel, als man braucht, um zu eſſen.“ Gilbert lächelte. 3 „Laß hören, ich benehme mich vielleicht ungeſchickt, wenn ich Dir meine Dienſte anbiete.“ 1 „Ihre Dienſte, mir, Herr Philipp?“ „Allerdings meine Dienſte. Erröͤtheſt Du, ſie anzu⸗ nehmen?“ 3 Gilbert antwortete nicht. „Die Menſchen ſollen ſich auf dieſer Welt einander unterſtützen,“ fuhr Maiſon⸗Rouge fort;„find ſie nicht Brüder?“ Gilbert erhob das Haupt und heftete ſeine ſo ver⸗ ſtändigen Augen auf das edle Antlitz des jungen Mannes. 96 „Dieſe Sprache ſetzt Dich in Erſtaunen?“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Gilbert,„es iſt die Sprache der Philoſophie, nur bin ich nicht gewohnt, ſie bei Leuten Ihres Standes zu hören.“ „Du haſt Recht, und dennoch iſt es die Sprache unſerer Generation. Der Dauphin ſelbſt theilt dieſe Grund⸗ ſätze. Mache nicht den Stolzen gegen mich, was ich Dir leihe, gibſt Du mir ſpäter zuruͤck. Wer weiß, ob Du nicht eines Tags ein Colbert oder ein Vauban ſein wirſt?“ „Oder ein Tronchin,“ ſagte Gilbert. „Wohl möglich. Hier iſt meine Börſe, theilen wir.“ „Ich danke, mein Herr,“ ſagte der unzähmbare junge Mann, gerührt, ohne es zugeſtehen zu wollen, von dieſer bewunderungswürdigen Herzlichkeit Philipps;„ich danke, ich brauche nichts; nur... nur bin ich Ihnen viel dank⸗ barer, als wenn ich Ihr Anerbieten angenommen hätte, das moͤgen Sie überzeugt ſein.“ Hienach verbeugte er ſich vor dem erſtaunten Philipp, kehrte raſch unter die Menge zurück und verlor ſich in dieſer Der junge Kapitän wartete mehrere Sekunden, als ob er weder ſeinen Augen, noch ſeinen Ohren trauen könnte; da er aber ſah, daß Gilbert nicht wieder erſchien, ſtieg er zu Pferde und begab ſich zu ſeinem Poſten. L.— Die Beſeſſene. Dieſes ganze Gerauſch der ſchallenden Wagen, dieſes, ganze Getöſe der in vollen Schwingungen ertoͤnenden Glocken, dieſes ganze Raſſeln der Trommeln, dieſe ganze Majeſtät, der Wiederſchein der Majeſtäten der für ſie ver⸗ lorenen Welt, glitten über die Seele von Madame Louiſe hin und erſtarben, wie die vergebliche Woge, am Fuße der Mauern ihrer Zelle. Als der Koͤnig wieder weggefahren war, nachdem er 97 als Vater und Souverän es fruchtlos verſucht hatte, näm⸗ lich durch ein Lächeln, auf das Bitten folgten, welche Be⸗ fehlen glichen, ſeine Tochter in die Welt zurückzurufen, als die Dauphine, welche bei dem erſten Blicke die wahrhafte Seelengröße ihrer erhabenen Tante erſchütterte, mit ihrem Wirbel von H flingen verſchwunden war, ließ die Supe⸗ riorin der Carmeliterinnen die Tapeten von den Wänden ziehen, die Blumen wegnehmen und die Spitzen ablöſen. Von der ganzen, noch tief bewegten Gemeinde ver⸗ zog ſie allein keine Miene, als die ſchweren Pforten des Kloſters, einen Augenblick für die Menſchen geöffnet, ge⸗ wichtig auf ihren Angeln rollten und ſich geräuſchvoll zwi⸗ ſchen der Welt und der Einſamkeit ſchloßen. Dann ließ ſie die Schaffnerin kommen und fragte dieſe: „Haben die Armen während der zwei Tage der Un⸗ ordnungen die gewöhnlichen Almoſen bekommen?“ „Ja, Madame.“ „Sind die Kranken wi „Ja, Madame.“ „Hat man die Soldaten etwas erfriſcht entl „Sie haben insgeſammt Brod Anordnung von Madame bekommen.“ „Es iſt alſo nichts im Hauſe unterlaſſen oder ver⸗ ſäumt wordene“ „Nein, Madame.“ Madame Louiſe näherte ſich dem Fenſter und athmete ſachte die balſamiſche Friſche ein, welche auf dem feuchten Flügel der Stunden unmittelbar vor Einbruch der Nacht, vom Garten aufſteigt. 4 Die Schaffnerin wartete ehrfurchtsvoll, bis ihr die er⸗ habene Aebtiſſin einen Befehl geben oder ſie entlaſſen würde. Madame Louiſe, Gott allein weiß, an was die arme königliche Klausnerin in dieſem Augenblick dachte, Ma⸗ dame Louiſe entblätterte hochſtämmige Roſen, die bis zu ihrem Fenſter emporragten, und Jasmine, welche die Wände des Hofes tapezirten. Denkwürdigkeiten eines Arztes, III. 7 e gewöhnlich beſucht worden?“ aſſen?“ und Wein nach der 8 98 Plötzlich erſchütterte der heftige Hufſchlag eines Pfer⸗ des die Thüre der Geſindewohnung und machte die Su⸗ periorin beben.— „Wer iſt denn in Saint⸗Denis von allen den Herren des Hofes geblieben?“ fragte Madame Louiſe. „Seine Eminenz der Cardinal von Rohan, Madame?“ „Sind denn ſeine Pferde hier?“ „Nein, Madame, ſie ſind im Kapitel der Abtei, wo er die Nacht zubringen wird.“ „Was ſoll denn dieſer Lärm bedeuten?“ „Madamo, dieſen Lärm macht das Pferd der Fremden.“ „Welcher Fremden?“ fragte Madame Louiſe, wäh⸗ rend ſie ihre Erinnerungen zu ſammeln ſuchte. „Ich meine die Italienerin, welche geſtern Abend hierher gekommen iſt und Ihre Hoheit um Gaſtfreund⸗ ſchaft gebeten hat.“ „Ah! es iſt wahr. Wo iſt ſie?“ „In ihrem Zimmer oder in der Kirche.“ „Was hat ſie ſeit geſtern gemacht?“ „Sie hat ſeit geſtern jede Speiſe, das Brod ausge⸗ nommen, zurückgewieſen und die ganze Nacht in der Ka⸗ pelle gebetet.“ „Ohne Zweifel eine große Sünderin!“ ſprach die Superiorin die Stirne faltend. „Ich weiß es nicht, Madame, ſie hat mit Niemand geſprochen.“ .„Was für eine Frau iſt es?“ „Schön und von ſanftem und zugleich ſtolzem Antlitz.“ „Wo hat ſie ſich dieſen Morgen während der Cere⸗ monie aufgehalten?“ „In ihrem Zimmer am Fenſter; ich ſah ſie verbor⸗ gen hinter ihren Vorhängen auf jede Perſon, welche ein⸗ trat, einen Blick voll Angſt heften, als befürchtete ſie, in jedem Eintretenden einen Feind zu erblicken. „Irgend eine Frau von dieſer armen Welt, wo ich gelebt, wo ich regiert habe. Laßt ſie kommen.“ 99 Die Schaffnerin machte einen Schritt, um ſich zu entfernen. „Ah! weiß man ihren Namen?“ fragte die Prinzeſſin. „Lorenza Feliciani.“ „Ich kenne Niemand dieſes Namens,“ ſprach Ma⸗ dame Louiſe träumeriſch. ie Superiorin ſetzte ſich in einen hundertjährigen Lehnſtuhl, der, aus Eichenholz unter Heinrich II. geſchnitzt, den neun letzten Aebtiſſinnen des Kloſters der Carmeli⸗ terinnen gedient hatte. Vor dieſem furchtbaren Tribunal hatten viele arme Novizen, die man zwiſchen dem Geiſtlichen und Weltlichen ertappt, gezittert. Die Schaffnerin kehrte einen Augenblick nachher zu⸗ rück und führte die uns bereits bekannte Fremde mit dem langen Schleier ein. Madame Louiſe beſaß das durchdringende Auge der Familie: dieſes Auge wurde auf Lorenza Feliciani von der Sekunde an geheftet, wo ſie in das Cabinet eintrat; doch ſie erkannte in der jungen Frau ſo viel Demuth, ſo viel Liebreiz, ſo viel erhabene Schönheit, ſie erblickte end⸗ lich ſo viel Unſchuld in ihren großen, noch von friſchen Thränen befeuchteten ſchwarzen Augen, daß die Anfangs. feindſelige Sti amung gegen dieſelbe bald wohlwollend und ſchweſterlich e. „Nähern Sie ſich, Madame, und ſprechen Sie,“ ſagte die Prinzeſſin. 5 Die junge Frau machte zitternd einen Schritt und wollte ein Knie auf die Erde ſetzen. Die Prinzeſſin hob ſie auf. „Sie heißen Lorenza Feliciani?“ fragte ſie. „Ja, Madame.“ „Und Sie wünſchen mir ein Geheimniß anzuver⸗ trauen?“ „Ohl ich ſterbe faſt vor Verlangen, dies zu thun.“ „Aber warum nehmen Sie Ihre Zuſlucht nicht zu dem Tribunal der Buße? Ich habe nur die Macht zu tröſten; ein Prieſter troͤſtet und vergibt.“ 4 7 Madame Louiſe ſprach dieſe Worte zögernd aus. „Ich bedarf einzig und allein des Troſtes, Madame,“ erwiederte Lorenza,„und überdies würde ich es nur wagen einer Frau zu offenbaren, was ich Ihnen zu erzählen habe.“ „Es iſt alſo etwas Seltſames, was Sie mir mit⸗ theilen wollen.“ „Ja, ſehr ſeltſam. Doch hören Sie mich geduldig an, Madame; ich wiederhole es, nur mit Ihnen allein kann ich ſprechen, weil Sie Frau ſind, und dann, weil Sie allmächtig ſind und ich beinahe den Arm Gottes brauche, um mich zu beſchützen.“ „Um Sie zu beſchützen! Man verfolgt Sie alſo? man greift Sie alſo an?“ „Oh! ja, Madame, ja, man verfolgt mich, Fremde mit einer unſäglichen Angſt. „Dann bedenken Sie Eines, Madame: daß dieſes Haus ein Kloſter und keine Feſtung iſt; daß das, was die Menſchen in Bewegung ſetzt, nur hier eindringt, um zu erlöſchen; daß nichts von dem, was Ihnen gegen die anderen Menſchen dienen kann, ſich hier findet; daß hier nicht das Haus der Gerechtigkeit, der Kraft und des Zwangs, ſondern ganz einfach das Haus Gottes iſt.“ „Oh! das iſt es gerade, was ich ſuche,“ ſprach Lo⸗ renza;„ja, es iſt das Haus Gottes, der dem Hauſe Gottes allein kann ich in Nuhe leben.“ „Aber Gott läßt keine Rache zu; wie ſollen wir uns 21 rief die . an Ihrem Feinde rächen? Wenden Sie ſich an die Be⸗ hörden.“ „Madame, die Behörden vermögen nichts gegen den, welchen ich fürchte.“ „Wer iſt er denn?“ verſetzte die Superiorin mit einem unwillkührlichen Schrecken. Lorenza näherte ſich der Prinzeſſin unter der Herr⸗ ſchaft einer geheimnißvollen Eraltation und ſprach: „Wer er iſt, Madame? Er iſt ſicherlich einer von jenen Dämonen, welche mit den Menſchen den Krieg —- ᷣ——— u 101 führen und von Satan ihrem Fürſten, mit einer über⸗ menſchlichen Macht ausgeruſtet ſind.“ „Was ſagen Sie mir da?“ rief die Prinzeſſin und ſchaute dieſe Frau an, um ſich zu verſichern, daß ſie nicht wahnſinnig ſei. „Und ich, ich! ich Unglückliche, die ich bin,“ ſprach Lorenza, indem ſie ihre ſchönen Arme rang, welche nach denen einer antiken Statue geformt zu ſein ſchienen;„ich, ich habe mich auf dem Wege dieſes Menſchen befunden! und ich, ich, ich bin...“ „Vollenden Sie!“ Lorenza trat noch näher zu der Prinzeſſin und flüſterte ganz leiſe, und als wäre ſie ſelbſt erſchrocken über das, was ſie ſagte: „Ich, ich bin beſeſſen!“ „Beſeſſen!“ rief die Prinzeſſin;„ſprechen Sie, Ma⸗ dame, ſind Sie bei Verſtand? Wären Sie nicht etwa?...“ „Wahnſinnig, nicht wahr, wollen Sie ſagen? Nein, ich bin nicht wahnſinnig, aber ich kann es wohl werden, wenn Sie mich verlaſſen.“ „Beſeſſen!“ wiederholte die Prinzeſſin. „Ach! ach!“ „Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, ich ſehe Sie inallen Dingen den begünſtigſten Geſchoͤpfen Gottes ähnlich; Sie ſcheinen reich zu ſein, Sie find ſchön, Sie drücken ſich vernünftig aus, Ihr Geſicht trägt keine 8 Spur der furchtbaren, geheimnißvollen Krankheit an ſich, welche man die Beſeſſenheit nennt.“ „Madame, in meinem Leben, in den Abenteuern die⸗ ſes Lebens wohnt das finſtere Geheimniß, das ich gern vor mir ſelbſt verbergen möchte.“ „Erklären Sie ſich, ich bitte Sie. Bin ich denn die Erſte, mit der Sie von Ihrem Unglück ſprechen? Ihre Eltern, Ihre Freunde?“ „Meine Eltern!“ rief die junge Frau ſchmerzlich die Hände faltend,„arme Eltern! werde ich ſie je wieder⸗ ſehen? Freunde!“ fügte ſie voll Bitterkeit bei,„ach! Ma⸗ dame, habe ich Freunde?“ „Gehen wir nach der Ordnung zu Werke, mein Kind,“ ſagte Madame Louiſe, welche den Worten der Fremden einen Weg vorzuzeichnen ſuchte.„Wer ſind Ihre Eltern und warum haben Sie dieſelben verlaſſen?“ „Madame, ich bin Römerin und wohnte mit ihnen in Rom. Mein Vater iſt von altem Adel, aber er iſt arm, wie alle Patrizier von Rom. Dann habe ich noch meine Mutter und einen älteren Bruder. Hat in Frank⸗ reich eine ariſtokratiſche Familie, wie es die meinige iſt, einen Sohn und eine Tochter, ſo opfert man, wie man 4 mir ſagt, die Mitgift der Tochter, um den Degen des Sohnes zu erkaufen. Bei uns opfert man die Tochter, um den Sohn im geiſtlichen Stand vorwärts zu bringen. Ich habe nun keine Erziehung erhalten, weil man für die Erziehung meines Bruders beſorgt ſein mußte, welcher ſtudirte, wie meine Mutter naiver Weiſe ſagte, um Car⸗ dinal zu werden.“ „Hernach?“ „In Folge hievon brachten meine Eltern alle mög⸗ liche Opfer, welche ſie ſich nur immer auferlegen konnten, um meinen Bruder zu unterſtützen, und man beſchloß, mich den Schleier bei den Carmeliterinnen von Subiaco neh⸗ men zu laſſen.“ „Und Sie, was ſagten Sie dazu?“ „Nichts, Madame. Von meiner Kindheit an hatte man mir dieſe Zukunft als eine Nothwendigkeit dargeſtellt. Uebrigens fragte man mich auch nicht um Rath; man befahl, und ich hatte nichts Anderes zu thun, als zu ge⸗ horchen.“ „Jedoch... „Madame, wir roͤmiſchen Töchter haben nur Wünſche und Ohnmacht. Wir lieben die Welt, wie die Verdammten das Paradies lieben, obne ſie zu kennen. Auch war ich umgeben von Beiſpielen, die mich verdammt hätten, wäre mir der Gedanke gekommen, zu widerſtehen, aber er kam —2 mir nicht. Alle Freundinnen, die ich gekannt, und die wie ich Brüder beſaßen, hatten ihre Schuld an die Ver⸗ herrlichung der Familie abgetragen. Ich wäre nicht im Stande geweſen, eine Klage zu begründen, denn man ver⸗ langte nichts von mir, was aus den allgemeinen Gewohn⸗ heiten heraustrat. Meine Mutter liebkoſte mich nur ein wenig mehr, als für mich der Tag, ſie zu verlaſſen, nahte. „Endlich kam der Tag, wo ich mein Noviciat begin⸗ nen ſollte; mein Vater packte fünfhundert römiſche Thaler, beſtimmt, meine Mitgift an das Kloſter zu bezahlen, zu⸗ ſammen, und wir reiſten nach Subiaco ab. „Es moöͤgen acht bis neun Meilen von Rom nach Subiaco ſein, aber die Wege durch das Gebirge ſind ſo ſchlecht, daß wir fünf Stunden nach unſerer Abreiſe noch nicht drei Meilen zurückgelegt hatten. Die Reiſe, ſo er⸗ müdend ſie auch in Wirklichkeit war, gefiel mir. Ich lä⸗ chelte darüber, wie über mein letztes Glück, und ſagte den ganzen Weg entlang leiſe den Bäumen, den Gebüſchen, den Steinen und ſogar dem vertrockneten Gras Lebewohl. Wer wußte, ob es dort im Kloſter Gras, Steine, Ge⸗ büſche und Kräuter gab? „Plötzlich, mitten unter meinen Träumen, als wir zwiſchen einem kleinen Gehölze und einer Maſſe zerklüfteter Felſen durchfuhren, hielt der Wagen an; ich hoͤrte meine Mutter einen Schrei ausſtoßen, mein Vater machte eine Bewegung, um ſeine Piſtolen zu ergreifen. Meine Augen und mein Geiſt fielen vom Himmel auf die Erde zurück; wir wurden von Banditen angehalten.“ „Armes Kind,“ ſprach Madame Louiſe, welche immer mehr Antheil an dieſer Erzählung nahm. „Soll ich es Ihnen ſagen, Madame... ich war nicht ſehr erſchrocken, denn dieſe Menſchen hielten uns unſeres Geldes wegen an, und das Geld, das ſie uns nehmen wollten, war dazu beſtimmt, meine Mitgift an das Kloſter zu bezahlen. Gab es keine Mitgift mehr, ſo wurde mein Eintritt in das Kloſter um die ganze Zeit vetzögert, die mein Vater brauchte, um eine andere zu finden, und ich 104 wußte, wie viel Zeit und Mühe es ihn gekoſtet hatte, dieſe fünfhundert Thaler zuſammenzubringen. „Als aber die Banditen, nachdem ſie dieſe erſte Beute getheilt, ſtatt uns unſere Reiſe fortſetzen zu laſſen, ſich auf mich ſtürzten, als ich ſah, wie ſich mein Vater anſtrengte, um mich zu vertheidigen, als ich die Thränen meiner Mutter erblickte und hörte, wie ſie dieſe Leute anflehte, da begriff ich, daß ein großes, unbekanntes Unglück mich be⸗ drohte, und ſchrie um Barmherzigkeit, in dem natürlichen Gefühle, das uns antreibt, um Hülfe zu rufen, denn ich wußte wohl, daß ich vergeblich rief und daß mich an die⸗ ſem wilden Orte Niemand hören würde. „Ohne ſich um mein Geſchrei, um die Thränen meiner Mutter und das Ningen meines Vaters zu beküm⸗ mern, banden ſie mir auch die Hände auf den Rücken und ſchickten ſich an, während ſie mich mit der Gluth ihrer abſcheulichen Blicke, die ich begriff, ſo hellſehend machte mich der Schrecken, gleichſam verſengten, mit Würfeln, die ſie aus der Taſche zogen, auf dem Sacktuch von einem derſelben zu ſpielen. „Was mich am meiſten erſchreckte, war der Umſtand, daß ich keinen Einſatz auf dem gemeinen Teppich erblickte. „Während der ganzen Zeit, welche die Würfel von Hand zu Hand gingen, bebte ich, denn ich ſah ein, daß ich der Gegenſtand war, um den ſie ſpielten. „Plötzlich ließ einer von ihnen ein Triumphgeſchrei vernehmen, ſtand auf, während die Andern Gottesläſterungen ausſtießen und die Zähne blökten, lief auf mich zu, ſchloß mich in ſeine Arme und drückte ſeine Lippen auf die meinigen. „Bei der Berührung eines glühenden Eiſens könnte ich keinen herzzerreißenderen Schrei ausgeſtoßen haben. „„Oh, mein Gott! den Tod! den Tod!““ rief ich. „Meine Mutter wälzte ſich auf der Erde, mein Vater war ohnmächtig. „Ich hatte nur noch eine Hoffnung: daß einer oder der andere von den Banditen, welche verloren hatten, mich in einem Augenblick der Wuth, mit einem Stoße des —.-—— — Meſſers, das ſie krampfhaft in ihren Händen hielten, tödten würde. „Ich erwartete den Stoß, ich hoffte darauf, ich rief ihn herbei. „Plöͤtzlich erſchien ein Mann zu Pferd auf dem Fußpfad. „Es hatte mit einer von den Wachen geſprochen, die ihn, ein Zeichen mit ihm wechſelnd, vorüberließ. „Dieſer Mann, von mittlerem Wuchſe, von eindrucks⸗ voller Geſichtsbildung und einem entſchloſſenen Blicke, ritt ruhig und gelaſſen im gewöhnlichen Schritte ſeines Pferdes vorwärts. 5 „Als er ganz nahe bei mir war, hielt er an. „Der Bandit, der mich in ſeine Arme genommen hatte und mich fortzuführen anſing, wandte ſich bei dem erſten Pfiffe um, den dieſer Mann mit dem Stiele ſeiner Peitſche hören ließ. „Der Bandit ließ mich auf den Boden gleiten. „„Komm hierher,““ ſagte der Unbekannte. „ Und als der Bandit zoͤgerte, formte der Unbekannte einen Winkel mit ſeinem Arm und legte zwei von einander entfernte Finger auf ſeine Bruſt. Der Bandit, als ob dieſes Zeichen der Befehl eines allmächtigen Herrn ge⸗ weſen wäre, näherte ſich ſpornſtreichs dem Unbekannten. Dieſer neigte ſich an das Ohr des Banditen und ſprach leiſe das Wort: „„Mac.““. *AEr ſprach nur dieſes Wort, ich bin deſſen ſicher, ich, die ich ſchaute, wie man das Meſſer anſchaut, das uns tödten ſoll, ich, die ich horchte, wie man horcht, wenn das Wort, das man erwartet, Leben oder Tod bedeutet. „„Benac,““ antwortete der Bandit. „G Zähmt wie ein Löwe und knurrend wie er, kam er ſodann zu mir zurück, löſte den Strick, der meine Fauſt⸗ gelenke feſſelte, und that daſſelbe bei meinem Vater und bei meiner Mutter. „Da das Geld ſchon getheilt war, ſo kam Jeder und ——— 106 legte ſeinen Theil auf einen Stein. Nicht ein Stück fehlte an den fünfhundert Thalern. „Mittlerweile erwachte ich wieder zum Leben in den Armen meines Vaters und meiner Mutter. „„Nun geht,““ ſagte er zu den Banditen. „Die Banditen gehorchten und kehrten bis auf den letzten in den Wald zurück. 8„Lorenza Feliciani,““ ſprach der Fremde, indem er mich mit ſeinem übermenſchlichen Blicke gleichſam bedeckte, mnſetze nun Deine Reiſe fort, Du biſt frei. „Mein Vater und meine Mutter dankten dem Frem⸗ den, der mich kannte und den wir nicht kannten. Dann ſtiegen wir wieder in den Wagen. Ich folgte ihnen nur ungern, denn ich weiß nicht welche ſeltſame, unwiderſtehliche Macht mich zu meinem Retter kerſon „Er war unbeweglich an demſelben Platze geblieben, als wollte er uns fortwährend beſchützen. „Ich ſchaute ihn an, ſo lange ich ihn ſehen konnte, und erſt als ich ihn gänzlich aus dem Geſichte verloren hatte, hörte der Druck auf, der meine Bruſt zuſammen⸗ ſchnürte. „Zwei Stunden nachher waren wir in Subiaco.“ „Aber wer war denn dieſer außerordentliche Menſch?“ fragte die Prinzeſſin, bewegt durch die Einfachheit der Erzählung. „Wollen Sie die Gnade haben, mich noch ferner an⸗ zuhören, Madame,“ ſagte Lorenza.„Ach! es iſt noch nicht Alles zu Ende.“ „Ich höre,“ ſprach Madame Louiſe. Die junge Frau fuhr fort: „Wir kamen zwei Stunden nach dieſem Ereigniß nach Subiaco. „Auf dem ganzen Wege hatten wir, mein Vater, meine Mutter und ich, uns nur von dem ſeltſamen Retter unterhalten, der plötzlich, geheimnißvoll und mächtig, als ein Abgeſandter des Himmels vor uns erſchienen war. „Weniger leichtgläubig als ich, hielt ihn mein Vater —,— — 107 für den Anführer von einer der Banden, welche, obgleich um Rom her in Bruͤchſtücke vertheilt, unter derſelben Autorität ſtehen und von Zeit zu Zeit von dem oberſten Haupte inſpicirt werden, das, mit unbeſchränkter Macht bekleidet, belohnt, ſtraft und theilt. „Aber ich, die ich hinſichtlich der Erfahrung nicht mit meinem Vater in die Schranken treten konnte, ich, die ich meinem Inſtinkte gehorchte, die ich unter der Herrſchaft meiner Dankbarkeit ſtand, ich glaubte nicht, ich konnte nicht glauben, dieſer Menſch ſei ein Bandit. „In meinen Gebeten, die ich jeden Abend an die Jungfrau richtete, ſprach ich auch eigene Worte, welche dazu beſtimmt waren, die Gnade der Mutter Gottes auf meinen unbekannten Retter herabzurufen. „Schon an demſelben Tage trat ich in das Kloſter. Die Mitgift war wieder gefunden, nichts verhinderte meine Aufnahme. Ich war trauriger, aber auch mehr in mein Schickſal ergeben als je. Italienerin und abergläubiſch, ergriff mich der Gedanke, es ſei Gott daran gelegen, mich rein, unverſehrt und fleckenlos zu beſitzen, da er mich von dieſen Banditen befreit, welche ohne Zweifel vom Teufel angeregt worden, um die Krone der Unſchuld zu beflecken, die Gott allein von meiner Stirne löſen ſollte. Ich warf mich auch mit allem Feuer meines Charakters in die eifrigen Beſtrebungen meiner Oberen und meiner El⸗ tern. Man ließ mich eine Bitte um Diſpenſation von dem Noviciat an das Oberhaupt der Kirche richten. Ich ſchrieb ſie, ich unterzeichnete ſie. Sie war von meinem Vater in den Ausdrücken eines ſo heißen Verlangens ab⸗ gefaßt worden, daß Seine Heiligkeit in dieſer Bitte eine glühende Sehnſucht nach der Einſamkeit einer der Welt überdrüſſigen Seele zu ſehen glaubte. Sie bewilligte Alles, was ich von ihr verlangte, und das Noviciat von einem Jahre, von zwei Jahren zuweilen für die Andern, wurde aus beſonderer Gunſt für mich auf einen Monat feſtgeſtellt. „Man kündigte mir dieſe Nachricht an, die mir weder —uyu— ———; 108 Schmerz noch Freude machte. Man hätte glauben ſollen, ich wäre bereits todt für die Welt und man operirte an einem Leichname, deſſen unempfindlicher Schatten allein noch lebte. „Vierzehn Tage lang hielt man mich eingeſchloſſen, aus Furcht, der weltliche Geiſt könnte mich erfaſſen. Am Morgen des fünfzehnten Tages erhielt ich Befehl, mit den andern Schweſtern in die Kapelle hinabzugehen. „In Italien ſind die Kloſterkapellen öffentliche Kirchen. Der Papſt glaubt ohne Zweifel, es ſei einem Prieſter nicht erlaubt, Gott an irgend einem Ort, wo er ſich offenbart, ſeinen Anbetern zu entziehen. „Ich trat in das Chor und nahm einen Stuhl. Zwiſchen den grünen Vorhängen, welche die Gitter dieſes Chors ſchloßen, oder vielmehr ſcheinbar ſchloßen, war Raum genug, daß man in das Schiff hinausſchauen konnte. „Ich ſah durch dieſen Naum, welcher gleichſam auf die Erde ging, einen Mann, der allein mitten unter der niedergefallenen Menge ſtehen geblieben war. Dieſer Mann ſchaute mich an, oder verſchlang mich vielmehr mit den Augen. Ich fühlte die ſeltſane Bewegung des Unbe⸗ hagens, die ich bereits empfunden hatte, die übermenſchliche Wirkung, die mich gleichſam aus mir ſelber herauszog, wie ich durch ein Blatt Papier, ein Brett, und ſogar durch eine Platte hatte meinen Bruder eine Nadel mit einem Magnet ziehen ſehen. „Ach! beſiegt, unterjocht, ohne Kraft gegen dieſe An⸗ ziehung, neigte ich mich gegen ihn, faltete die Hände, wie man ſie vor Gott faltet, und ſagte zugleich mit den Lip⸗ pen und dem Herzen zu ihm: „„Dank, Dank.““ „Meine Schweſtern ſchauten mich erſtaunt an. „Sie hatten meine Bewegung nicht begriffen, und ebenſo wenig meine Worte; ſie folgten der Richtung mei⸗ ner Hände, meiner Augen, meiner Stimme. Sie erhoben ſich auf ihren Sitzen, um ebenfalls in das Schiff zu ſchauen. „Auch ich ſchaute zitternd hinab. 8 —,— „Sie fragten mich, aber ich konnte nur erröthen, er⸗ bleichen, ſtammeln. „Seit dieſem Augenblick, Madame,“ rief Lorenza voll Verzweiflung,„ſeit dieſem Augenblick bin ich in der Ge⸗ walt des Dämons!“ „Ich ſehe nichts Uebernatürliches in Allem dem, meine Schweſter,“ erwiederte die Prinzeſſin mit einem Lächeln; nberuhigen Sie ſich alſo und fahren Sie fort.“ „Oh! weil Sie nicht fühlen können, was ich fühlte.“ „Was fühlten Sie?“ „Vöollige Beſeſſenheit: mein Herz, meine Seele, meine Vernunft, der Dämon beſaß Alles.“ „Meine Schweſter, ich fürchte ſehr, dieſer Dämon war die Liebe,“ ſprach Madame Louiſe. „Oh! die Liebe hätte mir kein ſolches Leiden bereitet, die Liebe hätte nicht mein Herz gepreßt, die Liebe hätte nicht meinen ganzen Leib geſchüttelt, wie es der Sturm⸗ wind mit einem Baume thut, die Liebe hätte mir nicht den ſchlimmen Gedanken eingegeben, der mir kam.“. „Nennen Sie dieſen ſchlimmen Gedanken, mein Kind.“ „Ich hätte Alles meinem Beichtvater geſtehen ſollen, nicht wahr, Madame?“ „Ganz gewiß.“ „Nun, der Dämon, der mich beſaß, blies mir im Gegentheil ganz leiſe ein, ich ſollte das Geheimniß bewah⸗ ren. Es war vielleicht nicht eine Nonne in das Kloſter eingetreten, ohne in der Welt, von der ſie ſchied, eine Lie⸗ beserinnerung zurückzulaſſen. Viele hatten einen Namen im Herzen, während ſie den Namen Gottes anriefen. Der Gewiſſensrath war an dergleichen Geſtändniſſe gewöhnt. Ich, die ich ſo fromm, ſo ſchüchtern, ſo rein unſchuldig war, ich, die ich vor dieſer unſeligen Reiſe nach Subiaco nie ein Wort mit einem andern Mann, als mit meinem Bruder ausgetauſcht hatte, ich, die ich nur zweimal meinen Blick mit dem Unbekannten gekreuzt, bildete mir ein, Ma⸗ dame, man würde mir mit dieſem Mann eine von jenen 110 Intriguen zuſchreiben, wie ſie, ehe ſie den Schleier ge⸗ nommen, jede von unſern Schweſtern mit ihren beklagten Geliebten gehabt hatte.“ „In der That, ein ſchlimmer Gedanke,“ ſprach Ma⸗ dame Louiſe,„aber es iſt immer noch ein ſehr unſchuldiger Dämon, der Dämon, welcher einer Frau, die er beſitzt, ſolche Gedanken einfloͤßt. Fahren Sie fort.“ „Am andern Tage rief man mich in das Sprachzim⸗ mer. Ich ging hinab und fand eine von meinen Nach⸗ barinnen vor der Via Frattina in Rom, eine junge Frau, die meinen Verluſt ſehr beklagte, weil wir jeden Abend mit einander plauderten und ſangen. „Hinter ihr bei der Thüre ſtand ein Mann in einen Mantel gehüllt und wartete auf ſie, wie es ein Diener gethan hätte. Dieſer Mann wandte ſich nicht gegen mich; ich aber wandte mich gegen ihn. Er ſprach nicht mit mir, und dennoch errieth ich ihn: es war abermals mein unbekannter Beſchützer. „Dieſelbe Unruhe, welche ich bereits empfunden, ver⸗ breitete ſich in meinem Herzen. Ich fühlte mich ganz und gar umfeſſelt von der Gewalt dieſes Mannes. Ohne die Gitter, die mich gefangen hielten, wäre ich ſicherlich ſein geweſen. Aus ſeinem Mantel gingen ſeltſame Ausſtrah⸗ lungen hervor, die mich blendeten. In ſeinem hartnäckigen Stillſchweigen war ein Geräuſch, das ich allein hoͤrte und das eine harmoniſche Sprache mit mir ſprach. „Ich raffte alle Gewalt zuſammen, die ich über mich haben konnte, und fragte meine Nachbarin von der Via Frattina, wer der Mann wäre, der ſie begleitete. „Sie kannte ihn nicht; ihr Gatte hätte mit ihr gehen ſollen; doch im Augenblick der Abreiſe war er begleitet von dieſem Mann nach Hauſe gekommen und hatte zu ihr geſagt: 1 mein Freund hier wird Dich begleiten.““ „Sie hatte nicht mehr verlangt, ſo groß war ihre „„Ich kann Dich nicht nach Subiaco führen, aber ꝙ 111 Sehnſucht geweſen, mich wiederzuſehen, und ſo war ſie denn in Geſellſchaft des Unbekannten gekommen. „Meine Nachbarin war eine fromme Frau; ſie er⸗ blickte in der Ecke des Sprachzimmers eine Madonna, welche im Rufe einer großen Wunderthäterin ſtand, wollte nicht weggehen, ohne ihr Gebet an ſie gerichtet zu haben, und kniete vor ihr nieder. 1„Während dieſer Zeit trat der Mann geräuſchlos ein, näherte ſich mir langſam, öffnete ſeinen Mantel und tauchte ſeine Blicke wie zwei glühende Strahlen in die meinigen. „Ich erwartete, daß er ſprechen würde; meine Bruſt hob ſich gleichſam und ſtieg wie eine Welle ſeinem Wort entgegen; aber er ſtreckte nur, indem er ſich dem Gitter näherte, das uns trennte, ſeine zwei Hände über meinem Haupte aus. Sogleich bemeiſterte ſich meiner eine uner⸗ hörte Ertaſe; er lächelte mir zu. Ich gab ihm ſein Lä⸗ cheln zurück, während ich zugleich die Augen, gelähmt von . einer unbeſchreiblichen Mattigkeit, ſchloß. Mittlerweile, als hätte er ſich nur von ſeiner Gewalt über mich überzeugen wollen, verſchwand er; je mehr er ſich entfernte, deſto mehr erlangte ich wieder meine Sinne; ich war indeſſen noch unter dieſer ſeltſamen Hallucination, als meine Nach⸗ barin von der Via Frattina, welche ihr Gebet vollendet, wieder aufſtand, von mir Abſchied nahm, mich umarmte, und ebenfalls wegging. „Als ich mich Abends auskleidete, fand ich unter meinem Bruſtſchleier ein Billet, das nur folgende drei Zeilen enthielt: „„In Rom wird derjenige, welcher eine Nonne liebt, mit dem Tode beſtraft. Werdet Ihr den Tod dem Manne geben, dem Ihr das Leben zu verdanken habt?““ „Von dieſem Tage an, Madame, war die Beſeſſen⸗ heit vollkommen, denn ich belog Gott, da ich ihm nicht geſtand, daß ich an dieſen Mann ebenſo viel oder mehr dachte, als an ihn.“ Selbſt erſchrocken über das, was ſie geſagt, hielt Lo⸗ 112 renza inne, um das ſo ſanfte und verſtändige Antlitz der Prinzeſſin zu befragen. „Dies Alles iſt nicht Beſeſſenheit,“ ſprach mit feſtem Tone Madame Louiſe von Frankreich.„Ich wiederhole Ihnen, es iſt eine unglückliche Leidenſchaft, und ich habe Ihnen bereits geſagt, die weltlichen Dinge dürfen bis hie⸗ her nicht gelangen, wenn nicht im Zuſtande des Beklagens.“ „Des Beklagens, Madame,“ rief Lorenza.„Wie! Sie ſehen mich in Thränen, im Gebet, Sie ſehen, daß ich Sie auf meinen Knieen anflehe, mich der hölliſchen Ge⸗ walt dieſes Mannes zu entreißen, und Sie fragen mich, ob ich beklage! Oh! es iſt mehr als ein Beklagen, ich habe Gewiſſensbiſſe.“ „Doch bis zu dieſer Stunde...“ ſprach Madame Louiſe. „Warten Sie das Ende ab,“ verſetzte Lorenza,„und dann, ich bitte Sie, Madame, beurtheilen Sie mich nicht zu ſtreng.“ „Die Nachſicht und die Sanftmuth ſind mir vorge⸗ ſchrieben, und ich ſtehe jedem Leiden zu Befehl.“ „Ich danke, oh ich danke! Sie ſind wahrlich der tröſtende Engel, den ich geſucht. „Wir gingen drei Tage in der Woche in die Kapelle hinab; jedem von dieſen Gottesdienſten wohnte der Unbe⸗ kannte bei. Ich hatte widerſtehen wollen, ich hatte geſagt, ich wäre krank, ich war entſchloſſen, nicht hinabzugehen. Menſchliche Schwäche! wenn die Stunde kam, ging ich unwillkührlich, und als ob eine meinem Willen überlegene Gewalt mich forttriebe, hinab; war er dann noch nicht gekommen, ſo hatte ich einige Augenblicke der Ruhe und des Wohlbehagens; ſobald er aber ſich näherte, fühlte ich ihn kommen. Ich hätte ſagen können:„„Er iſt hundert Schritte entfernt, er iſt auf der Schwelle der Pforte, er iſt in der Kirche,““ und dies ohne nach ihm zu ſchauen; war er dann an ſeinem gewöhnlichen Platze angelangt, ſo wandten ſich meine Augen, die ich auf mein Gebetbuch zur heiligſten Anrufung geheftet hatte, ab, um auf ihm zu verweilen.. A ——— ——n-— — „So lange dann der Gottesdienſt dauerte, konnte ich weder leſen, noch beten. Mein ganzer Sinn, mein ganzer Wille, meine ganze Seele lagen in meinen Blicken, und alle meine Blicke gehörten dieſem Manne, der mich, ich fühlte es wohl, Gott ſtreitig machte.. „Anfangs hatte ich ihn nicht ohne Bangen anſchauen können; hernach wünſchte ich ihn herbei; endlich lief ich ihm mit dem Geiſte entgegen. Und häufig, wie man in einem Traume ſieht, kam es mir vor, als erblickte ich ihn in der Nacht auf der Straße, oder als fühlte ich ihn unter meinem Fenſter vorübergehen. „Dieſer Zuſtand war meinen Gefährtinnen nicht ent⸗ gangen. Die Superiorin wurde davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt und dieſe benachrichtigte meine Mutter. Drei Tage, ehe ich meine Gelühhe ablegen ſollte, ſah ich die drei ein⸗ zigen Verwandten, die ich in der Welt hatte, meinen Vater, meine Mutter und meinen Bruder in meine Zelle eintreten. 3 „Sie kamen, um mich noch einmal zu umarmen, wie ſie ſagten; aber ich ſah, daß ſie einen andern Zweck hatten, denn ſobald ich mit meiner Mutter allein war, befragte mich dieſe. Unter ſolchen Umſtänden läßt ſich leicht der Einfluß des Dämons erkennen, denn ſtatt ihr Alles zu ſagen, wie ich es hätte thun ſollen, leugnete ich Alles hartnäckig ab. „Der Tag, an welchem ich den Schleier nehmen ſollte, war unter einem ſeltſamen Kampfe gekommen, ich wünſchte und befürchtete zugleich die Stunde, die mi ganz und gar Gott hingeben würde, und fühlte, daß wenn der Dämon eine äußerſte Verſuchung bei mir unterneh⸗ men wollte, er dies zu dieſer feierlichen Stunde thun müßte.“ 5 „Und dieſer ſeltſame Mann hatte Ihnen nicht mehr geſchrieben ſeit dem erſten Briefe, den Sie in Ihrem Bruſtſchleier fanden?“ 8 „Nie, Madame.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 8 114 „Sie hatten bis zu dieſer Zeit nie mit ihm ge⸗ ſprochen?“ 4 „Nie, wenn nicht geiſtig.“ „Nie ihm geſchrieben?“ „Oh! nie.“ „Fahren Sie fort... Sie waren bei dem Tage, wo Sie den Schleier nahmen.“ „An dieſem Tage, wie ich Eurer Hoheit ſagte, ſollte ich meine Qualen endigen ſehen; denn obgleich mit einer ſeltſamen Süßigkeit vermiſcht, war es doch eine unbe⸗ ſchreibliche Marter für eine chriſtlich gebliebene Seele, be⸗ ſeſſen zu ſein von einem Gedanken, von einer ſtets gegen⸗ wärtigen und unvorhergeſehenen Form, von einer Form, welche ſowohl dadurch, daß ſie mir gefliſſentlich gerade in den Augenblicken meines Kampfes gegen ſie erſchien, als durch die Hartnäckigkeit höhnte, mit der ſie mich unüber⸗ windlich beherrſchte. Es gab auch Augenblicke, wo ich dieſe heilige Stunde mit allen meinen Wünſchen herbei⸗ rief. Wenn ich Gott gehören werde, ſagte ich mir, wird mich Gott beſchützen, wie er mich bei dem Angriffe der Banditen beſchützt hat. Ich vergaß, daß mich Gott bei dem Angriffe der Banditen nur durch die Vermittelung dieſes Mannes beſchützt hatte.. „Die Stunde der Ceremonie war indeſſen gekommen. Ich ging bleich, unruhig, aber minder aufgeregt als ge⸗ wöhnlich in die Kirche hinab; mein Vater, meine Mutter, mein Bruder, die Nachbarin von der Via Frattina, die mich beſucht hatte, alle unſere anderen Freunde waren in der Kirche, alle Einwohner der benachbarten Dörfer liefen herbei, denn es hatte ſich das Gerücht verbreitet, ich wäre ſchön, und ein ſchönes Opfer, ſagt man, iſt dem Herrn angenehmer. „Der Gottesdienſt begann. Ich beſchleunigte ihn mit allen meinen Wünſchen, mit allen meinen Gebeten, denn er war nicht in der Kirche, und ich fühlte mich, da er ab⸗ weſend, hinreichend Herrin meines freien Willens. Schon wandte ſich der Prieſter gegen mich, ſchon zeigte er mir — ———— 115 den Chriſtus, dem ich mich weihen ſollte, ſchon ſtreckte ich die Arme nach dieſem einzigen und alleinigen Retter aus, der den Menſchen gegeben iſt, als das gewöhnliche Zit⸗ tern, das mir ſein Nahen verkündigte, meine Glieder zu ſchütteln anfing, als der Schlag, der meine Bruſt zuſam⸗ menpreßte, mir ankündigte, er habe den Fuß auf die Schwelle der Kirche geſetzt, als endlich die unwiderſteh⸗ liche Anziehungskraft meine Augen auf die dem Altar ent⸗ gegengeſetzte Seite führte, ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengten, Chriſtus treu zu bleiben. „Mein Verfolger ſtand bei dem Predigtſtuhl und ſchaute mich hartnäckiger als je an. „Von dieſem Augenblicke gehörte ich ihm; kein Got⸗ tesdienſt, keine Gebete, keine Ceremonie mehr. „Ich glaube, daß man mich nach dem Ritus be⸗ fragte, aber ich antwortete nicht. Ich erinnere mich, daß man mich am Arm zog, und daß ich ſchwankte, wie ein lebloſes Ding, das man von ſeiner Baſe verſetzt. Man zeigte mir eine Scheere, auf der ein Sonnenſtrahl ſeinen furchtbaren Blitz wiederſcheinen ließ: ich veränderte keine Miene bei dieſem Blitz. Einen Augenblick nachher fühlte ich das kalte Eiſen auf meinem Halſe, das Knirſchen des Stahles in meinem Haare. „In dieſem Augenblick kam es mir vor, als verließen mich alle meine Kräfte, als ſtürzte meine Seele aus mei⸗ nem Körper, um zu ihm zu gehen, und ich fiel auf den Boden, ſeltſamer Weiſe nicht wie eine ohnmächtige Per⸗ ſon, ſondern wie eine Perſon, welche der Schlaf über⸗ wältigt hat. Ich hörte ein gewaltiges Gemurmel, dann wurde ich taub, ſtumm, unempfindlich. Die Ceremonie wurde mit einem furchtbaren Tumult unterbrochen.“ Die Prinzeſſin faltete mitleidig die Hände. „Nicht wahr,“ ſprach Lorenza,„das iſt ein ſchreck⸗ liches Ereigniß, in welchem ſich leicht der Dazwiſchentritt des Feindes Gottes und der Menſchen erkennen läßt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ erwiederte die Prinzeſſin mit dem Ausdrucke zarter Theilnahme, enehhen Sie ſich 1 116 in Acht, arme Frau, ich glaube, Sie haben zu viel Hang, dem Wunderbaren zuzuſchreiben, was nur die Wirkung einer natürlichen Schwäche iſt. Als Sie dieſen Mann ſahen, wurden Sie ohnmächtig, und nichts Anderes; fah⸗ ren Sie fort.“ „Oh! Madame, Madame, ſagen Sie mir das nicht,“ rief Lorenza,„oder warten Sie wenigſtens, um ein Ur⸗ theil zu fällen, bis Sie Alles gehört haben. Nichts Wun⸗ derbares!“ ſprach ſie,„aber nicht wahr, dann wäre ich zehn Minuten, eine Viertelſtunde, eine Stunde, nachdem ich in Ohnmacht gefallen, wieder zu mir gekommen? Ich hätte mich mit meinen Schweſtern beſprochen, ich hätte wieder Muth und Vertrauen unter ihnen gefaßt?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Madame Louiſe;„nun, i*ſt es nicht ſo gegangen?“ „Madame,“” ſprach Lorenza haſtig und mit dumpfem Tone,„als ich wieder zu mir kam, war es Nacht. Eine raſche, geſtoßene Bewegung erſchütterte mich ſeit einigen Minuten. Ich hob den Kopf in die Höhe, im Glauben, ich wäre unter dem Gewölbe der Kapelle oder unter den Vorhängen meiner Zelle. Ich ſah Felſen, Bäume, Wol⸗ ken, und mitten unter Allem dem fuhlte ich einen lauen Athem, der mein Geſicht liebkoſte. Ich glaubte, die Schweſter Krankenwärterin laſſe mir ihre Pflege ange⸗ deihen, und wollte ihr danken... Madame, mein Kopf ruhte an der Bruſt eines Mannes, und dieſer Mann war mein Verfolger. Ich ſchaute mich an, ich betaſtete mich, um mich zu verſichern, ob ich lebte oder wenigſtens ob ich wachte. Ich ſchrie laut auf. Ich war weiß ge⸗ kleidet und hatte auf der Stirne einen Kranz von weißen Roſen, wie eine Braut oder eine Todte.“ Die Prinzeſſin ſtieß einen Schrei aus; Lorenza ließ ihr Haupt in ihre beiden Hände fallen. „Am andern Tag,“ fuhr Lorenza ſchluchzend fort, „am andern Tag forſchte ich nach der abgelaufenen Zeit; wir waren am Mittwoch. Ich war folglich drei Tage 5* * 117 ohne Bewußtſein geblieben; was während dieſer drei Tage vorgefallen iſt, weiß ich durchaus nicht.“ LI. Der Graf von Fönix. Lange Zeit überließ ein tiefes Stillſchweigen die zwei Frauen, die eine ihren ſchmerzlichen Betrachtungen, die andere ihrem leicht begreiflichen Erſtaunen. Madame Louiſe unterbrach zuerſt das Stillſchweigen. „Und Sie haben nichts gethan, um dieſe Entführung zu erleichtern?“ fragte ſie. „Nichts, Madame.“ „Und Sie wiſſen nicht, wie Sie aus dem Kloſter gekommen ſind?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ein Kloſter iſt jedoch gut geſchloſſen, gut bewacht, es hat Gitter vor den Fenſtern, beinahe unüberſteigbare Mauern und eine Pförtnerin, welche ihre Schlüſſel nicht von der Seite läßt. So iſt es beſonders in Italien, wo die Regeln noch ſtrenger ſind, als in Frankreich.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame, da ich verge⸗ bens ſeit jenem Augenblick meine Erinnerungen durchwühle, ohne etwas zu finden?“ „Aber Sie haben ihm Ihre Entführung vorgeworfen?“ „Gewiß.“ „Was antwortete er Ihnen, um ſich zu entſchul⸗ digen?“ „Er liebe mich.“ „Was ſagten Sie ihm?“ „Er mache mir bange.“ „Sie liebten ihn alſo nicht?“ „Oh! nein! nein!“— „Waren Sie deſſen ſicher?“ „Ach! Madame, es war ein ſeltſames Gefühl, was 118 ich für dieſen Mann empfand. Iſt er da, ſo gehöre ich nicht mehr mir, ſondern ihm; was er vill, will ich; meine Seele hat keine Macht, mein Geiſt hat keinen Willen mehr; ein Blick bezähmt, bezaubert mich. Bald ſcheint er mir bis in die Tiefe meines Herzens Gedanken zu trei⸗ ben, die nicht die meinigen ſind, bald iſt es, als zöge er aus mir heraus Ideen, welche mir bis dahin ſo gut ver⸗ borgen waren, daß ich ſie nicht einmal geahnet hatte. Oh! Sie ſehen wohl, Madame, daß hier Zauberei obwaltet.“ „Es iſt wenigſtens ſeltſam, wenn es nicht übernatür⸗ lich iſt,“ ſprach die Prinzeſſin.„Doch wie lebten Sie nach der Entführung mit dieſem Mann?“ „Er bezeigte mir eine innige Zärtlichkeit, eine auf⸗ richtige Zuneigung.“ „Es war vielleicht ein verdorbener Menſch?“ „Ich glaube es nicht; im Gegentheil, er hat etwas vom Apoſtel in der Art und Weiſe, wie er ſpricht.“ „Ah! Sie lieben ihn, geſtehen Sie es?“ „Nein, nein, Madame,“ antwortete die junge Frau mit einer ſchmerzlichen Geberde,„nein, ich liebe ihn nicht.“ „Dann hätten Sie fliehen, die Behörden anrufen, Ihre Eltern auffordern ſollen.“ „Madame, er überwachte mich dermaßen, daß ich nicht fliehen konnte.“ „Warum ſchrieben Sie nicht?“ „Wir hielten überall auf dem Wege in Häuſern an, welche ihm zu gehören ſchienen, wo Jedermann ihm ge⸗ horchte. Wiederholt verlangte ich Tinte, Feder und Pa⸗ pier; aber diejenigen, an welche ich mich wandte, waren ohne Zweifel von ihm unterrichtet, denn nicht Einer ant⸗ wortete mir.“ „Doch wie reiſten Sie?“ „Anfangs in einer Poſtchaiſe; aber in Mailand fan⸗ den wir keine Poſtchaiſe mehr, ſondern eine Art von rollen⸗ dem Hauſe, in welchem wir unſern Weg fortſetzten.“ „Er war aber wohl zuweilen genöothigt, Sie allein zu laſſen?“ —ù 119 „Ja; dann näherte er ſich mir und ſprach:„„Schlafe. Und ich entſchlummerte und erwachte erſt wieder bei ſeiner Rückkehr.“ Madame Louiſe ſchüttelte den Kopf mit einer ungläu⸗ bigen Miene und erwiederte: „Es war nicht Ihr ernſtlicher Wille, zu entfliehen, ſonſt wäre es Ihnen gelungen.“ „Ach! es ſcheint mir doch wohl, Madame.... Viel⸗ leicht war ich aber auch bezaubert.“ „Von ſeinen Liebesworten, von ſeinen Schmeicheleien?“ „Er ſprach ſelten von Liebe mit mir, Madame, und außer einem Kuſſe auf die Stirne am Abend und einem Kuſſe auf die Stirne am Morgen erinnere ich mich keiner Liebkoſung von ihm.“ „Seltſam, in der 74 41 „ t ſeltſam!“ murmielte die Prin⸗ zeſſin. Doch von einem 2 Werdachie beherrſcht, fügte ſie bei: „Wiederholen Sie mir, daß Sie ihn nicht lieben.“ „Ich wiederhole es Ihnen, Madame.“ „Sagen Sie mir noch einmal, daß kein irdiſches Band Sie an ihn feſſelt.“ „Sh ſage es Ihnen noch einmal.“ Daß er, wenn er Sie zurückfordert, kein Recht gel⸗ tend zu machen haben wird.“ „Keines!“ „Doch wie ſind Sie hierher gekommen? Sprechen Sie, denn ich begreife das nicht.“ „Madame, ich benützte einen heftigen Sturm, der uns jenſeits einer Stadt, welche man, wie ich glaube, Nancy nennt, überfiel. Er verließ ſeinen Platz an mei⸗ ner Seite und ging in die zweite Abtheilung ſeines Wagens, um mit einem Greiſe zu ſprechen, der dieſe zweite Nibeheiung bewohnte; ich ſprang auf ſein Pferd und floh. „Und was bewog Sie, Frankreich den Vorz zug zu geben, ſtatt nach Italien zurückzukehren?“ „Ich bedachte, daß cch nicht nach Rom zurückkehren 120 konnte, weil man glauben mußte, ich hätte im Einver⸗ ſtändniß mit dieſem Mann gehandelt; ich war dort ent⸗ ehrt, meine Eltern würden mich nicht aufgenommen haben. „Ich beſchloß alſo nach Paris zu fliehen und hier verborgen zu leben, oder nach irgend einer Hauptſtadt zu reiſen, wo ich allen Blicken und beſonders den ſeinigen entgehen könnte.. „Als ich nach Paris kam, war die ganze Stadt in Bewegung über Ihren Rückzug zu den Carmeliterinnen; Jedermann rühmte Ihre Frömmigkeit, Ihre Fürſorge für die Armen, Ihr Mitleid für die Betrübten. Das war für mich ein Lichtſtrahl, Madame, ich faßte die Ueber⸗ zeugung, Sie allein waͤren edelmüthig genug, mich aufzu⸗ nehmen, mächtig genug, mich zu beſchützen.“ „Sie appelliren immer an meine Macht, mein Kind; er iſt alſo ſehr mächtig.“ „Ohl ja.“ 4 „Laſſen Sie hören, wer iſt er denn? Aus Zartge⸗ fühl habe ich bis jetzt dieſe Frage verſchoben; doch wenn ich Sie beſchützen ſoll, muß ich wiſſen, gegen wen.“ „Oh! Madame, auch hierüber kann ich Ihnen durch⸗ aus keine Aufklärung geben. Ich weiß ganz und gar nicht, wer und was er iſt: ich weiß nur, daß ein König nicht mehr Achtung, ein Gott nicht mehr Anbetung ein⸗ flößt, als die Leute für ihn haben, denen er ſich enthüllt.“ „Aber ſein Name? wie heißt er?“ 3 „Madame, ich habe ihn mit ſehr verſchiedenen Na⸗ men nennen hören, es ſind mir jedoch nur zwei im Ge⸗ dächtniß geblieben. Der eine iſt der, welchen ihm der von mir bereits erwähnte Greis gibt, der unſer Reiſege⸗ fährte war von Mailand bis zu der Stunde, wo ich ihn verlaſſen habe: der andere iſt der, welchen er ſich ſelbſt gab.“ „Wie hieß der Name, mit dem ihn der Greis nannte?“ „Acharat... iſt das nicht ein antichriſtlicher Name, Madame?“ „Und der, welchen er ſich ſelbſt gab?“, „Joſeph Balſamo.“ 4ℳ 121 „Und er?“ „Er!... kennt die ganze Welt, erräth die ganze Welt; er iſt Genoſſe von allen Zeiten; er lebte in allen Zeitaltern; er ſpricht... oh! mein Gott! vergeben Sie ihm dieſe Blasphemien! er ſpricht von Alerander, von Cäſar, von Karl dem Großen, als ob er ſie gekannt hätte, und dieſe Leute ſind doch, wie ich glaube, vor ſehr langer Zeit geſtorben; aber auch von Kaiphas, von Pilatus, von unſerem Herrn Jeſus Chriſtus, gerade als ob er ſeinem Märterthum beigewohnt hätte.“. „Er iſt alſo ein Charlatan,“ verſetzte die Prinzeſſin. „Madame, ich weiß nicht genau, was im Franzöſi⸗ ſchen der Name bedeutet, den Sie ſo eben ausgeſprochen, aber ich weiß, daß es ein gefährlicher, furchtbarer Mann iſt, vor dem ſich Alles beugt, vor dem Alles fällt, Alles zuſammenſinkt, den man für wehrlos hält, während er be⸗ waffnet iſt, den man allein glaubt, während er Menſchen aus der Erde hervorruft. Und dies ohne Kraftanwendung, ohne Gewalt, mit einem Worte, einer Geberde,... lächelnd.“. „Es iſt gut,“ ſprach die Prinzeſſin,„wer dieſer Menſch auch ſein mag, ſeien Sie unbeſorgt, Sie ſollen beſchützt werden.“ „Durch Sie, nicht wahr, Madame?“ „Ja, durch mich, und zwar ſo lange, als Sie nicht ſelbſt auf dieſen Schutz Verzicht leiſten werden. Aber glauben Sie nicht mehr, und ſuchen Sie mich beſonders nicht an die übernatürlichen Erſcheinungen glauben zu machen, welche Ihr kranker Geiſt erzeugt hat. Die Mauern von Saint⸗Denis werden in jedem Fall für Sie ein ſicherer Wall gegen die hölliſche Macht ſein, und ſogar gegen eine Macht, welche noch viel mehr zu fürchten iſt, gegen die menſchliche Macht. Sagen Sie nun, Madame, was ge⸗ denken Sie zu thun?“ 3„Mit dieſen Juwelen, welche mir gehören, gedenke ich meine Mitgift in ein Kloſter zu bezahlen, in dieſes, wenn es möglich iſt.“ 122 Hiebei legte Lorenza auf einen Tiſch koſtbare Arm⸗ ſpangen, werthvolle Ringe, einen prächtigen Diamant und herrliche Ohrgehänge. Alles zuſammen mochte etwa zwanzig tauſend Thaler werth ſein. „Dieſe Juwelen gehören Ihnen?“ fragte die Prin⸗ zeſſin. „Sie gehören mir, Madame, er hat ſie mir geſchenkt und ich gebe ſie Gott zurück. Ich wünſche nur Eines.“ „Sprechen Sie.“ „Daß ſein arabiſches Pferd Dſcherid, das Werkzeug meiner Befreiung, ihm zurückgegeben werde, wenn er es fordert.“ „Doch Sie, nicht wahr, Sie wollen um keinen Preis zu ihm zurückkehren?“ „Ich gehöre nicht ihm.“ „Es iſt wahr, Sie haben es mir geſagt. Sie wollen alſo fortwährend in das Kloſter von Saint⸗Denis ein⸗ treten, Madame, und hier die Religionsübungen fortſetzen, welche in Subiaco durch das ſeltſame Ereigniß, das Sie mir erzählt, unterbrochen worden ſind?“ „Das iſt mein innigſter Wunſch, Madame, und ich flehe Sie auf meinen Knieen um Gewährung an.“ „Seien Sie ruhig, mein Kind,“ ſprach die Prinzeſſin, „von heute an werden Sie unter uns leben, und wenn Sie uns bewieſen haben, wie viel Ihnen daran gelegen iſt, dieſe Gunſt zu erreichen, wenn Sie durch das muſterhafte Benehmen, das ich von Ihnen erwarte, dieſelbe verdient haben, dann werden Sie dem Herrn gehören, und ich ſtehe Ihnen dafür, Niemand ſoll Sie von Saint⸗Denis ent⸗ führen, wenn die Superiorin über Ihnen wacht.“ Lorenza ſtürzte ſich zu den Füßen ihrer Beſchützerin und ergoß ſich in Ausdrücken des zärtlichſten, des aufrich⸗ tigſten Dankes. Plötzlich aber erhob ſie ſich auf ein Knie, horchte, erbleichte, zitterte. Gott!“ „Oh! mein Gott!“ ſagte ſie,„mein Gott! mein 2 —— 123 „Was?“ fragte Madame Louiſe. „Mein ganzer Koͤrper zittert, ſehen Sie es nicht? Er kommt! er kommt!“ „Wer?“ „Er, der geſchworen hat, mich zu verderben.“ „Dieſer Mann?“ „Ja, dieſer Mann. Sehen Sie nicht, wie meine Hände zittern?“ „In der That.“ „Oh!“ rief ſie,„der Schlag in mein Herz, er naht, er naht.“ „Sie täuſchen ſich.“ „Nein, nein, Madame. Wider meinen Willen zieht er mich an, halten Sie mich zurück, halten Sie mich zurück.“ Madame Louiſe nahm die junge Frau beim Arm und ſprach: „Beruhigen Sie ſich doch, mein armes Kind; mein Gott, und wäre er es auch, Sie ſind hier in Sicherheit.“ „Er naht! er naht! ſage ich Ihnen,“ rief Lorenza, erſchrocken, vernichtet, die Augen ſtarr, den Arm nach der Thüre ausgeſtreckt. „Wahnſinn! Wahnſinn!“ ſprach die Prinzeſſin.„Dringt man ſo bei Madame Louiſe von Frankreich ein?.. Dieſer Mann müßte der Ueberbringer eines Befehls vom König ſein.“ „Oh! Madame, ich weiß nicht, wie er hereingekommen iſt,“ rief Lorenza ſich zurückwerfend;„aber ich weiß mit Beſtimmtheit, er ſteigt die Treppe herauf... er iſt zehn Schritte von hier... kaum... hier iſt er!...“ Plötzlich öffnete ſich die Thure; die Prinzeſſin wich unwillkührlich erſchrocken über dieſes ſeltſame Zuſammen⸗ treffen zurück. Eine Schweſter erſchien. „Wer iſt da?“ fragte Madame,„und was wollen Sie 2 „Madame,“ antwortete die Schweſter,„ein Edelmann 124 iſt ſo eben im Kloſter erſchienen und will Eure König⸗ liche Hoheit ſprechen.“ „Sein Name?“ „Der Herr Graf von Fönir.“. „Iſt er es?“ fragte die Prinzeſſin Lorenza,„kennen Sie dieſen Namen?“ „Ich kenne dieſen Namen nicht, aber er iſt es, Ma⸗ dame, er iſt es.“ „Was will er?“ fragte die Prinzeſſin die Nonne. „Beauftragt mit einer Sendung an den König von Frankreich durch Seine Majeſtät den König von Preußen, wünſcht er, wie er ſagt, die Ehre zu haben, Eure König⸗ liche Hoheit eine Minute zu ſprechen.“ Madame Louiſe dachte einen Augenblick nach, wandte ſich dann gegen Lorenza um und ſprach: „Gehen Sie in dieſes Cabinet.“ Lorenza gehorchte. 7 „Und Sie, meine Schweſter,“ fuhr die Prinzeſſin fort, „laſſen Sie den Herrn eintreten.“ Die Schweſter verbeugte ſich und ging ab. Die Prinzeſſin verſicherte ſich, daß die Thüre des Cabinets geſchloſſen war, kehrte zu ihrem Fauteuil zurück, ſetzte ſich und erwartete nicht ohne eine gewiſſe Unruhe das Ereigniß, welches in Erfüllung gehen ſollte. Beinahe in demſelben Augenblick erſchien die Schweſter wieder.„ Hinter ihr ſchritt der Mann, der ſich, wie wir ge⸗ ſehen, am Tage der Vorſtellung beim König unter dem Namen des Grafen von Fönir hatte ankündigen laſſen. Er hatte dieſelbe Kleidung wie damals, nämlich eine in ihrem Schnitt ſehr ſtrenge preußiſche Uniform; er trug die militäriſche Perrücke und den ſchwarzen Kragen; ſeine großen, ſo ausdrucksvollen Augen ſenkten ſich in Gegen⸗ wart von Madame Louiſe, aber nur um ſo viel Achtung zu zollen, als ein Menſch, ſo hoch er auch als einfacher Edelmann geſtellt ſein mag, einer Tochter von Frankreich an Achtung ſchuldig iſt. 17 125 Sogleich aber ſchlug er ſie wieder auf, als hätte er zu große Demuth zu offenbaren befürchtet, und ſprach: „Madame, ich danke Eurer Königlichen Hoheit für die Gunſt, die ſie mir zu erweiſen die Gnade hatte. Ich zählte indeſſen darauf, denn ich weiß, daß Cure Hoheit edelmüthig Alles unterſtützt, was unglücklich iſt.“ „In der That, mein Herr, ich verſuche es,“ ſprach die Prinzeſſin voll Würde, denn ſie hoffte nach einer Unterredung von zehn Minuten denjenigen niederzuſchmet⸗ tern, der Schutz von Andern forderte, nachdem er ſeine eigenen Kräfte mißbraucht hatte. Der Graf verbeugte ſich, ohne daß es ſchien, als hätte er den Doppelſinn der Worte der Prinzeſſin begriffen. „Was vermag ich für Sie, mein Herr?“ fuhr Ma⸗ dame Louiſe in demſelben ironiſchen Tone fort. „Alles, Madame.“ „Sprechen Sie.“ 8 „Eure Königliche Hoheit, die ich ohne wichtige Be⸗ weggründe gewiß nicht in der Zurückgezogenheit, die ſie ſich erkohren, beläſtigt haben würde, hat, wenigſtens wie ich glaube, einer Perſon, die mich in jeder Beziehung in⸗ tereſſirt, eine Zufluchtsſtätte gegeben.“ 3 „Wie heißt dieſe Perſon, mein Herr?“ „Lorenza Feliciani.“ „Und was iſt dieſe Perſon für Sie? Iſt es Ihre Verbündete, Ihre Verwandtin, Ihre Schweſter?“ „Es iſt meine Frau.“ „Ihre Frau?“ ſprach die Prinzeſſin, indem ſie die Stimme erhob, um im Cabinet gehoͤrt zu werden;„Lo⸗ renza Feliciani iſt die Gräfin von Fönir?“— „Lorenza Feliciani iſt die Gräfin von Fönir, ja, Madame,“ antwortete der Graf mit der größten Ruhe. „Ich habe keine Gräſin von Fönix unter den Carme⸗ literinnen, mein Herr,“ verſetzte trocken die Prinzeſſin. Doch der Graf betrachtete ſich noch nicht als ge⸗ ſchlagen und fuhr fort: „Madame, vielleicht iſt Eure Hoheit noch nicht ganz 126 überzeugt, daß Lorenza Feliciani und die Grafin von Fönir eine und dieſelbe Perſon ſind?“ „Nein, ich geſtehe es, und Sie haben richtig errathen; meine Ueberzeugung iſt in dieſer Beziehung noch nicht vollſtändig.“ „Es beliebe Eurer Hoheit, Befehl zu geben, daß Lorenza Feliciani vorgeführt werde, und ſie wird keinen Zweifel mehr bewahren. Ich bitte Eure Hoheit um Ver⸗ zeihung wegen meiner Beharrlichkeit, aber ich bin dieſer Frau zärtlich zugethan, und ſie ſelbſt beklagt es, wie ich glaube, daß ſie von mir getrennt iſt.“ „Glauben Sie das 2“ „Ja, Madame, ich glaube es, ſo armſelig auch mein Verdienſt ſein mag.“ „Oh!“ dachte die Prinzeſſin,„Lorenza hat wahr ge⸗ ſprochen; dieſer Menſch iſt in der That ein gefährlicher Menſch.“ 3 Der Graf beobachtete eine ruhige Haltung und ver⸗ ſchloß ſich in die Schranken der ſtrengſten Höflichkeit. „Verſuchen wir es zu lügen,“ dachte Madame Louiſe. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„ich kann Ihnen nicht eine Frau zurückgeben, die nicht hier iſt. Ich begreife, daß Sie dieſe Frau mit ſo viel Dringlichkeit ſuchen, wenn Sie dieſelbe wirklich lieben, wie Sie ſagen; doch wenn Sie eine Ausſicht haben wollen, ſie zu finden, ſo ſuchen Sie anderswo.“ Der Graf hatte bei ſeinem Eintritt einen raſchen Blick auf alle Gegenſtände geworfen, welche das Zimmer von Madame Louiſe enthielt, und ſeine Augen hatten einen Moment, nur einen Moment, doch dieſer einzige Blick hatte genügt, auf dem Tiſche verweilt, der in einer dunklen Ecke des Zimmers ſtand, und auf dieſem Tiſche lagen die Iuwelen, welche Lorenza als ihre Mitgift für das Kloſter der Carmeliterinnen angeboten. An dem Funkeln, das ſie im Schatten auswarfen, hatte ſie der Graf von Fönir erkannt. 127 „Wenn Eure Königliche Hoheit ihre Erinnerungen zu Hülfe rufen wollte,“ ſprach der Graf,„es iſt dies eine Gewalt, die Sie ſich anzuthun die Gnade haben mögen, ſo würden Sie ſich entſinnen, daß Lorenza Feliciani ſo eben in dieſem Zimmer geweſen iſt, da ſie auf jenen Tiſch die Juwelen gelegt, welche noch dort liegen, und ſich dann zurückgezogen hat, nachdem ihr die Ehre zu Theil gewor⸗ den, mit Curer Königlichen Hoheit ſich zu beſprechen.“ Der Graf von Fönir faßte gleichſam im Fluge den Blick auf, den die Prinzeſſin nach dem Cabinet warf. „Sie hat ſich in jenes Cabinet begeben,“ vollendete er. Die Prinzeſſin erröthete, der Graf fuhr fort: „Ich erwarte nur noch das Belieben Ihrer Hoheit, um ihr zu befehlen, daß ſie eintrete, was ſie, wie ich gar nicht zweifle, auf der Stelle thun wird.“ Die Prinzeſſin erinnerte ſich, daß ſich Lorenza von innen eingeſchloſſen hatte, und daß ſie folglich nichts zwin⸗ gen konnte, herauszukommen, als der Impuls ihres eigenen Willens. Sie ſuchte den Aerger, den ſie darüber empfand, daß ſie vergebens vor dem Manne gelogen, vor dem man nichts verbergen konnte, nicht länger zu verhehlen, und erwiederte: „Aber wenn ſie nun hereinkommt, was wird ſie thun?“ „Nichts, Madame, ſie wird nur Eurer Hoheit ſagen, daß ſie mir zu folgen wünſche, da ſie meine Frau ſei.“ Dieſes letzte Wort beruhigte die Prinzeſſin, denn ſie erinnerte ſich der Betheurungen von Lorenza. „Ihre Frau,“ ſagte ſie,„ſind Sie deſſen ſicher?“ Die Entrüſtung drang durch dieſe Worte hervor. „Es hat in der That den Anſchein, als glaubte mir Eure Hoheit nicht,“ entgegnete der Graf mit höflichem Tone.„Es iſt indeſſen nichts Unglaubliches, daß der Graf von Fönir Lorenza Feliciani geheirathet hat, und daß er, da er ſie geheirathet, ſeine Frau zurückfordert.“ „Abermals ſeine Frau,“ rief Madame Louiſe voll Ungeduld,„Sie wagen zu behaupten, Lorenza Feliciani ſei Ihre Frau?“ 3 128 „Ja, Madame,“ antwortete der Graf mit vollkommen natürlichem Ausdruck,„ich wage es, dies zu behaupten, denn es iſt ſo.“ „Verheirathet, Sie ſind verheirathet?“ „Ich bin verheirathet.“ „Mit Lorenza?“ „Mit Lorenza.“ „Auf geſetzliche Weiſe?“ „Allerdings, und wenn Sie auf einer Ableugnung beharren, welche mich verletzt, Madame...“ Nun! was werden Sie thun?“ „Ich werde Ihnen meinen vollkommen geordneten und von dem Prieſter, der uns getraut, unterzeichneten Heirathsſchein vorlegen.“ Die Prinzeſſin bebte, ſo viel Nuhe brach ihre Ueber⸗ zeugung. Der Graf öffnete eine Portefeuille und entfaltete ein viereckig zuſammengelegtes Papier.. „Hier iſt der Beweis von dem, was ich ſage, Ma⸗ dame, ſowie von dem Rechte, mit welchem ich dieſe Frau zurückfordere; die Unterſchrift dient als Urkunde: will Eure Hoheit den Schein leſen und die Unterſchrift be⸗ trachten?“ „Eine Unterſchrift,“ murmelte die Prinzeſſin mit einem Zweifel, der noch viel demüthigender war, als es ihr Zorn geweſen;„doch wenn dieſe Unterſchrift...“ „Dieſe Unterſchrift iſt die des Pfarrers von St. Jo⸗ hann in Straßburg, welchen der Herr Prinz Louis, Car⸗ dinal von Rohan, ſehr gut kennt, und wenn Seine Emi⸗ nenz hier wäre...“ „Der Herr Cardinal iſt gerade hier,“ rief die Prin⸗ 4 zeſſin, entflammte Blicke auf den Grafen heftend.„Seine Eminenz hat Saint⸗Denis nicht verlaſſen, ſie befindet ſich in dieſem Augenblick bei den Stiftsherren der Kathe⸗ drale, und es iſt folglich nichts leichter, als die Bewahr⸗ heitung, die Sie uns vorſchlagen.“ „Das iſt ein großes Glück für mich, Madame,“ ant⸗ en n, 129 wortete der Graf, indem er phlegmatiſch ſeinen Schein wieder in ſein Portefeuille ſteckte,„denn durch dieſe Be⸗ wahrheitung werde ich hoffentlich den ganzen ungerechten Argwohn, den Eure Hoheit gegen mich gefaßt hat, ſich zerſtreuen ſehen.“ A „So viel Unverſchämtheit empört mich⸗ in der That,“ ſprach die Prinzeſſin und ſchüttelte heftig ihre Glocke. „Meine Schweſter, meine Schweſter!’”“ Die Nonne, welche kurz zuvor den Grafen von Fönix eingeführt hatte, lief herbei. 7 „Mein Piqueur ſoll ſogleich zu Pferde ſteigen und dieſes Billet dem Herrn Cardinal von Rohan überbringen,“ ſprach die Prinzeſſin;„man wird ihn im Kapitel der Kathedrale finden; er komme ohne Verzug hierher, ich er⸗ warte ihn.“ Und während die Prinzeſſin ſprach, ſchrieb ſie haſtig ein paar Zeilen, welche ſie der Nonne übergab. Dann fügte ſie leiſe bei: „Man ſtelle zwei Schützen von der Maréchauſſée in den Gang und Niemand entferne ſich ohne meine Er⸗ laubniß, geht!“ Der Graf hatte die verſchiedenen Phaſen des bei Madame Louiſe nun feſtgeſtellten Entſchluſſes, mit ihm bis zum Ende zu kämpfen, verfolgt, und während die Prinzeſſin ſchrieb, ohne Zweifel entſchloſſen, ihm den Sieg ſtreitig zu machen, näherte er ſich dem Kabinet und ſprach, das Auge auf die Thüre geheftet, die Hände ausgeſtreckt und von einer mehr methodiſchen, als nervöſen Bewegung geſchüttelt, ganz leiſe einige Worte. Als die Prinzeſſin ſich umwandte, ſah ſie ihn in die⸗ ſer Stellung und fragte ihn: „Was machen Sie da?“ „Madame, ich beſchwöre Lorenza Feliciani, perſönlich hierher zu kommen, um durch ihre Worte und ihren einer Willen zu bezeugen, daß ich weder ein Betrüger, noch ein Fälſcher bin, und dies unbeſchadet aller anderer Beweiſe, welche Eure Hoheit fordern wird.“ Denkwuͤrdigkeiten eines Arztes. III 9 130 „Mein Herr!“ „Lorenza Feliciani,“ rief der Graf, Alles, ſelbſt den Willen der Prinzeſſin beherrſchend;„Lorenza Feliciani, verlaſſe dieſes Kabinet und komm' hierher, komm', komm'.“ Doch die Thüre blieb geſchloſſen. „Komm,, ich will es!“ wiederholte der Graf. Da knarrte der Schlüſſel im Schloſſe, und die Prin⸗ zeſſin ſah zu ihrem unſäglichen Schrecken die junge Frau eintreten, welche ihre Augen ohne irgend einen Ausdruck des Zornes oder des Haſſes auf den Grafen heftete. „Was machen Sie denn, mein Kind, was machen Sie?“ rief Madame Louiſe,„und warum kehren Sie zu dieſem Mann zurück, den Sie geflohen haben? Sie wa⸗ ren hier in Sicherheit, wie ich Ihnen ſagte.“ „Sie iſt auch in meinem Haus in Sicherheit, Ma⸗ dame,“ erwiederte der Graf. Dann wandte er ſich gegen die junge Frau um und ſprach: heit? Im höchſten Maße erſtaunt, faltete die Prinzeſſin die Hände und ſank in einen Lehnſtuhl. „Lorenza,“ ſprach der Graf mit einem ſanften Tone, in welchem ſich jedoch der Ausdruck des Befehles fühlbar machte,„Lorenza, man beſchuldigt mich, ich habe Dir Gewalt angethan. Sprich, habe ich mich in irgend einer Beziehung einer Gewaltthat gegen Dich ſchuldig gemacht?“ .„Nie,“ antwortete die junge Frau mit einer klaren, feſten Stimme, aber ohne dieſe Verneinung mit irgend einer Bewegung zu begleiten. „Was ſoll dann die Entführungsgeſchichte bedeuten, die Sie mir erzählt haben?“ rief die Prinzeſſin. Lorenza blieb ſtumm; ſie ſchaute den Grafen an, als ob das Leben und das Wort, welches der Ausdruck deſſelben iſt, von ihm kommen müßten. „Ihre Hoheit wünſcht ohne Zweifel zu wiſſen, warum Du das Kloſter verlaſſen haſt? Erzähle Alles, was von „Nicht wahr, Lorenza, Du biſt bei mir in Sicher⸗ 2 * 3 131 dem Augenblick an, wo Du im Chor ohnmächtig gewor⸗ den biſt, bis zu dem, wo Du in der Poſtchaiſe wieder er⸗ wachteſt, vorfiel.“ Lorenza blieb ſchweigſam. „Erzähle die Sache in allen ihren Einzelnheiten, ohne etwas wegzulaſſen,“ fuhr der Graf fort.„Ich will es.“ Lorenza konnte ſich eines Schauers nicht erwehren. „Ich erinnere mich nicht,“ ſprach ſie. „Suche in Deinen Erinnerungen, und Du wirſt Dich entſinnen.“ „Ah! ja, ja! in der That,“ ſagte Lorenza mit dem⸗ ſelben monotonen Ausdruck,„ich erinnere mich.“ „Sprich!“ „Als ich in dem Augenblick, wo die Scheere mein Haar berührte, ohnmächtig wurde, trug man mich in meine Zelle und legte mich auf mein Bett. Meine Mut⸗ ter blieb bis zum Abend bei mir, und da ich nicht zum Bewußtſein kam, ſchickte man nach dem Wundarzt des Dorfes; dieſer fühlte mir den Puls, hielt einen Spiegel vor meine Lippen und erklärte, da er wahrnahm, daß meine Arterien ohne Schläge und mein Mund ohne Athem waren, ich ſei todt.“. „Woher wiſſen Sie denn dies Alles?“ fragte die Prinzeſſin. „Ihre Hoheit wünſcht zu erfahren, woher Du dies Alles wiſſeſt,“ wiederholte der Graf. „Es iſt ſeltſam!“ ſprach Lorenza,„ich ſah und hörte; nur konnte ich die Augen nicht oͤffnen, nicht ſpre⸗ chen, mich nicht bewegen; ich war wie in eine Lethargie verſunken.“ „Tronchin hat mir in der That von Perſonen erzählt, welche in eine Lethargie verfallen waren und lebendig be⸗ graben wurden,“ ſagte die Prinzeſſin. „Fahre fort, Lorenza.“ Meine Mutter gerieth in Verzweiflung und wollte nicht an meinen Tod glauben; ſie erklärte gt würde die 13² nächſte Nacht und den kommenden Tag noch bei mir zu⸗ bringen. Sie that, wie ſie geſagt hatte, aber die ſechs und dreißig Stunden, während welcher ſte mich bewachte, vergingen, ohne daß ich eine Bewegung machte, ohne daß ich einen Seufzer von mir gab. „Dreimal kam der Prieſter und jedes Mal ſagte er meiner Mutter, es heiße ſich gegen Gott empören, meinen Leib auf der Erde zurückbehalten wollen, während Gott be⸗ reits meine Seele habe; denn da ich unter allen Bedin⸗ gungen des Heils und in dem Augenblick geſtorben, wo ich die Worte habe ſprechen wollen, welche meinen ewigen Bund mit dem Herrn beſiegelten, ſo zweifle er nicht daran, daß meine Seele geraden Wegs zum Himmel aufgefahren. „Meine Mutter beharrte ſo feſt auf ihrem Willen, daß es ihr geſtattet wurde, noch die Nacht vom Montag auf den Dienſtag bei mir zu wachen. „Am Dienſtag befand ich mich immer noch in dem⸗ ſelben Zuſtande der Bewußtloſigkeit. „Meine Mutter entfernte ſich befiegt. Die Nonnen ſchrieen über Gottloſigkeit. Die Kerzen wurden in der Kapelle angezündet, wo ich nach dem Gebrauche einen Tag und eine Nacht ausgeſetzt werden ſollte. „Als meine Mutter weggegangen war, kamen die Leichenbeſtatterinnen in mein Zimmer; da ich das Ge⸗ lühde nicht ausgeſprochen hatte, ſo zog man mir ein weißes Kleid an, umgab meine Stirne mit einem Kranze von weißen Roſen, legte meine Arme kreuzweiſe auf meine Bruſt und verlangte ſodann nach dem Sarg. „Der Sarg wurde in mein Zimmer gebracht; ein gewaltiger Schauer durchlief meinen ganzen Leib, denn ich wiederhole Ihnen, durch meine geſchloſſenen Lider ſah ich Alles, als ob meine Augen weit geöffnet geweſen wären. „Man nahm mich und legte mich in den Sarg. „Dann trug man mich mit entblößtem Antlitz, wie dies bei uns Italienerinnen der Brauch iſt, in die Kapelle und ſtellte meinen Sarg, angezündete Kerzen rings um 133 mich her und einen Weihkeſſel zu meinen Füßen, mitten in das Chor. 4 „Den ganzen Tag kamen die Bauern von Subiaco in die Kapelle, beteten für mich und ſprengten Weihwaſſer auf meinen Leib. „Es kam der Abend. Die Beſuche hörten auf; man ſchloß die Thüren der Kapelle, mit Ausnahme der kleinen Pforte, von innen, und die Schweſter Krankenwärterin blieb allein bei mir. „Ein furchtbarer Gedanke erfüllte mich während mei⸗ nes Schlummers, der Gedanke, daß am andern Tage die Beerdigung ſtattfinden ſollte, und ich fühlte, daß ich leben⸗ dig begraben werden würde, wenn mir nicht eine unbe⸗ kannte Macht zu Hülfe käme. „Ich höͤrte eine nach der andern die Stunden ſchla⸗ gen: es ſchlug neun Uhr, dann zehn Uhr, dann eilf Uhr. „Jeder Schlag wiederhallte in meinem Herzen; denn ich hörte gräßlicher Weiſe mein eigenes Todtengeläute. „Wie gewaltig ich mich anſtrengte, um dieſen eiſigen Schlaf zu beſiegen, um die ehernen Bande zu brechen, die mich im Grunde meines Sarges gefeſſelt hielten, weiß nur Gott allein, doch er ſah es, denn er hatte Mitleid mit mir. 3 „Es ſchlug Mitternacht. „Bei dem erſten Schlage kam es mir vor, als würde mein ganzer Koͤrper von einer krampfhaften Bewegung der ähnlich geſchüttelt, welche ich gewöhnlich fühlte, wenn ſich mir Acharat näherte; dann empfand ich eine Erſchüt⸗ terung im Herzen, dann ſah ich ihn an der Thüre der 4 Kapelle erſcheinen.“„ „Und es war ein Schrecken, was Dich hiebei er⸗ faßte?“ fragte der Graf von Foͤnir. „Nein, es war Glück, es war Freude, es war Be⸗ geiſterung, denn ich begriff, daß er kam, um mich dem verzweiflungsvollen Tode zu entreißen, den ich ſo ſehr be⸗ fürchtete. Er ging langſam auf meinen Sarg zu, ſchaute 134 mich einen Augenblick mit einem Lächeln voll Traurigkeit an und ſprach: „Stehe auf und gehe.“ „Die Bande, welche meinen Leib gefeſſelt hielten, brachen ſich ſogleich; bei dieſer mächtigen Stimme ſtand ich auf und ſetzte einen Fuß aus meinem Sarge. „„Biſt Du glücklich, daß Du lebſt?““ fragte er mich. „„Ah! ja,““ antwortete ich. „„Nun, ſo folge mir.““ „An den Leichendienſt gewöhnt, den ſie bei mir ver⸗ richtete, wie ſie ihn bei ſo vielen andern Schweſtern ver⸗ richtet hatte, ſchlief die Krankenwärterin auf einem Stuhle. Ich ging an ihr vorüber, ohne ſie aufzuwecken, und folgte demjenigen, welcher mich zum zweiten Male dem Tode entriß. „Wir kamen in den Hof. Ich ſah den mit glänzen⸗ den Sternen beſäten Himmel wieder, den ich wiederzuſehen nicht mehr gehofft hatte. Ich fuͤhlte die friſche Nachtluft, welche die Todten nicht mehr fühlen, während ſie für das Leben ſo ſüß iſt.“ „„Ehe Du dieſes Kloſter verläſſeſt,““ fragte er mich, „„wähle zwiſchen Gott und mir. Willſt Du Nonne wer⸗ den? Willſt Du mir folgen?““ „Ich will Dir folgen,“ antwortete ich. „„So komm,““ ſprach er zum zweiten Male. „Wir gelangten zu der Pforte des Thurms; ſie war geſchloſſen. „„Wo ſind die Schlüſſel?“ fragte er mich. n„In den Taſchen der Schweſter Pförtnerin.““ n„Und wo ſind dieſe Taſchen?““ „„Auf einem Stuhle bei Ihrem Bett.““ „„Gehe geräuſchlos zu ihr, nimm die Schlüſſel, wähle den der Pforte und bring ihn mir.““ „Ich gehorchte. Die Thüre der Loge war nicht von innen geſchloſſen. Ich trat ein und ging gerade auf den Stuhl zu. Ich durchſuchte die Taſchen, fand die Schlüſſel * » 135⁵ und unter dem Bunde den des Thurmes und brachte ihn zurück. „Fünf Minuten nachher öffnete ſich der Thurm und wir befanden uns auf der Straße. „Dann nahm ich ihn beim Arm und wir eilten an das äußerſte Ende des Dorfes Subiaco. Hundert Schritte von dem letzten Hauſe wartete eine beſpannte Poſtchaiſe. Wir ſtiegen ein, und ſie entfernte ſich im Galopp.“ „Und es wurde Ihnen keine Gewalt angethan, es wurde keine Drohung ausgeſprochen, Sie folgten dieſem Mann freiwillig?“ Lorenza blieb ſtumm. „Ihre königliche Hoheit fragt Dich, Lorenza, ob ich Dich durch eine Drohung oder eine Gewaltthat gezwungen habe, mir zu folgen?“* „Nein.“ „Und warum folgten Sie ihm?“ „Sage, warum Du mir gefolgt biſt.“ „Weil ich Dich liebte,“ ſprach Lorenza. Der Graf von Fönir wandte ſich mit einem triumphiren⸗ den Lächeln gegen die Prinzeſſin um. LII. Seine Eminenz der Cardinal von Rohan. Was unter den Augen der Prinzeſſin vorging, war ſo außerordentlich, daß ſie, der ſtarke und zugleich zarte Geiſt, ſich fragte, ob der Mann, den ſie vor ſich ſah, nicht wirklich ein Zauberer wäre, der über die Herzen und Geiſter nach ſeinem Willen verfügte. Doch der Graf von Fönir wollte nicht hiebei ſtehen bleiben. „Das iſt noch nicht Alles, Madame,“ ſagte er, „Eure Hoheit hat aus dem Munde von Lorenza nur einen Theil unſerer Geſchichte gehört; ſie könnte Zweifel hegen, 2 136 wenn ſie aus ihrem Munde nicht auch das Uebrige hoͤren würde.“ Dann wandte er ſich gegen die junge Frau um und ſprach: „Erinnerſt Du Dich unſerer Reiſe, liebe Lorenza, und daß wir mit einander Mailand, den Laco Maggiore, das Berner Oberland, den Rigi und den herrlichen Rhein, der die Tiber des Norden iſt, beſucht haben?“ „Ja,“ ſprach die junge Frau mit ihrem monotonen Ausdruck. „Nicht wahr, mein Kind, fortgezogen durch dieſen Mann? Sie wichen einer unwiderſtehlichen Kraft, von der Sie ſich ſelbſt keine Nechenſchaft geben konnten?“ fragte die Prinzeſſin. „Warum glauben Sie das, Madame, während Alles, was Eure Hoheit gehört, ihr das Gegentheil beweiſt? Wenn Sie übrigens einen fühlbareren Beweis, einen ma⸗ teriellen Zeugen brauchen, ſo nehmen Sie dieſen Brief von Lorenza. Ich ſah mich gegen meinen Willen ge⸗ nöthigt, ſie in Mainz zu laſſen; ſie beklagte meine Ab⸗ weſenheit und ſehnte ſich nach mir, denn in meiner Abweſen⸗ heit ſchrieb ſie mir dieſes Billet, welches Eure Hoheit leſen mag.“ Der Graf zog einen Brief aus ſeinem Portefeuille und übergab ihn der Prinzeſſin. Die Prinzeſſin las: „Komm zurück, Acharat, Alles fehlt mir, wenn Du mich verläßt. Mein Gott! wann werde ich für die Ewig⸗ keit Dir gehören?. „Lorenza.“ Der Prinzeſſin ſtand, die Flamme des Zornes auf der Stirne, auf und näherte ſich Lorenza, mit dem Billet in der Hand. Dieſe ließ ſie auf ſich zukommen, ohne ſie zu ſehen, ohne ſie zu hören; ſie ſchien nur den Grafen zu ſehen und zu hören. „Ich begreife,“ ſprach raſch derjenige, welcher ent⸗ 137 ſchloſſen ſchien, ſich bis zum Ende zum Dolmetſcher der jungen Frau zu machen:„Eure Hoheit zweifelt und will wiſſen, ob das Billet wirklich von ihr iſt; Eure Hoheit wird von ihr ſelbſt Aufklärung erhalten. Lorenza ant⸗ worte, wer hat dieſes Billet geſchrieben?“ Er nahm das Billet und drückte es in die Hand ſei⸗ ner Frau, welche dieſe Hand ſogleich auf ihr Herz legte. „Lorenza,“ ſprach ſie. „Und Lorenza weiß, was in dieſem Briefe ſteht?“ „Gewiß.“ „Nun ſo ſage der Prinzeſſin, was in dem Briefe ſteht, damit ſie nicht glaube, ich täuſche ſie, wenn ich be⸗ haupte, Du liebeſt mich. Sage es ihr, ich will es.“ Lorenza ſchien eine Anſtrengung zu machen; dann las ſie, ohne das Billet zu entfalten, ohne ihre Augen darauf zu richten: „Komm zurück, Acharat, Alles fehlt mir, wenn Du mich verläßt. Mein Gott, wann werde ich für die Ewig⸗ keit Dir gehoͤren? „Lorenza.“ „Das iſt nicht zu glauben,“ ſprach die Prinzeſſin, „und ich glaube Ihnen nicht, denn in Allem dem liegt etwas Unerklärliches, Uebernatürliches.“ „Es war dieſer Brief,“ fuhr der Graf von Fönix fort, als hätte er Madame Louiſe nicht gehört,„was mich beſtimmte, unſere Verbindung zu beſchleunigen. Ich liebte Lorenza ebenſo ſehr, als ſie mich liebte. Unſere Stellung war eine falſche. Ueberdies konnte mir bei dem abenteuerlichen Leben, das ich führe, ein Unglück begegnen; ich konnte ſterben, und wenn ich ſtarb, ſollten nach mei⸗ nem Wunſche alle meine Güter Lorenza gehören: ſobald wir nach Straßburg kamen, heiratheten wir uns auch.“ „Sie heiratheten ſich?“ „Ja. „Unmoglich.“ „Warum dies, Madame?“ verſetzte lächelnd der Graf, 138 gich frage Sie, was war dabei Unmögliches, daß der Graf von Fönir Lorenza Feliciani heirathete?“ „Sie hat mir ſelbſt geſagt, ſie ſei nicht Ihre Frau.“ Der Graf wandte ſich ohne der Prinzeſſin zu ant⸗ worten an Lorenza und fragte ſie: „Erinnerſt Du Dich, an welchem Tage wir uns heiratheten?“ „Ja,“ antwortete ſie,„es war am dritten Mai.“ „Wo dies?“ „In Straßburg.“ „In welcher Kirche?“ „In der Kathedrale ſelbſt, in der St. Johanns⸗Kapelle.“ „Leiſteteſt Du irgend einen Widerſtand gegen dieſe Verbindung?“ „Nein; ich war zu glücklich.“ „Siehſt Du, Lorenza,“ fuhr der Graf fort,„die Prinzeſſin glaubt, man habe Dir Gewalt angethan. Man hat ihr geſagt, Du haſſeſt mich.“ 1 Und während der Graf dieſe Worte ſprach, nahm Lorenza bei der Hand. Der Leib der jungen Frau zitterte ganz vor Glück. „Ich Dich haſſen!“ ſprach ſie,„Oh! nein, ich liebe Dich. Du biſt gut, Du biſt edelmüthig, Du biſt mächtig.“ „Und ſeitdem Du meine Frau biſt, ſprich, Lorenza, habe ich je meine Gattenrechte mißbraucht?“ „Nein, Du haſt mich geehrt wie Deine Tochter, und ich bin eine reine, fleckenloſe Freundin.“ Der Graf wandte ſich gegen die Prinzeſſin um, als wollte er zu ihr ſagen:„Sie hoören?“ Von einem Schrecken ergriffen, wich ſie bis zu den Füßen des elfenbeinernen Chriſtus zurück, der auf einem Grund von ſchwarzem Sammet an der Wand des Kabi⸗ nets befeſtigt war. 1 „Iſt das Alles, was Cure Hoheit zu wiſſen wünſcht?“ ſprach der Graf, indem er die Hand von Lorenza wieder fallen ließ. 8 6 139 „Mein Herr,“ rief die Prinzeſſin,„nähern Sie ſich mir nicht, und Sie auch nicht.“ In dieſem Augenblick hörte man das Geraͤuſch eines Wagens, der vor der Abtei hielt. „Ah!“ rief die Prinzeſſin,„das iſt der Cardinal, „wir verden endlich erfahren, woran wir uns zu halten haben.“ Der Graf von Föoͤnir verbeugte ſich, ſprach einige Worte zu Lorenza und wartete mit der Ruhe eines Mannes, der die Gabe beſäße, die Ereigniſſe zu leiten und zu beherrſchen. Einen Augenblick nachher öffnete ſich die Thüre und man meldete Seine Eminenz den Herrn Cardinal von Rohan. Durch die Gegenwart eines Dritten beruhigt, nahm die Prinzeſſin wieder ihren Platz in ihrem Lehnſtuhl und ſprach: „Laßt ihn eintreten.“ Der Cardinal trat ein. Doch er hatte nicht ſobald die Prinzeſſin begrüßt, als er Balſamo erblickend erſtaunt ausrief: „Ah! Sie find es, mein Herr?“ Sie kennen den Herrn? 2“ fragte die Prinzeſſin. „Ja,“ antwortete der Cardinal. „Dann werden Sie uns ſagen, wer er iſt?“ rief die Prinzeſſin. „Nichts iſt leichter,“ ſagte der Cardinal,„der Herr iſt ein Zauberer.“ „Ein Zauberer!“ murmelte die Prinzeſſin. „Verzeihen Sie, Madame!“ ſagte der Graf,„Seine Eminenz wird ſich ſogleich erklären und zwar, wie ich hoffe, zur Befriedigung von Jedermann.“ „Sollte der Herr Ihrer königlichen Hoheit auch eine Weiſſagung gemacht haben, daß ich ſie in dieſem Grade verſtoͤrt ſehe?“ „Den Trauſchein! auf der Stelle den Tranſchein! 1““ rief die Prinzeſſin. 140 Der Cardinal ſchaute ſie erſtaunt an, denn er wußte nicht, was dieſer Ausruf bedeuten ſollte. „Hier iſt er,“ ſprach der Graf, und bot den Schein dem Cardinal. „Mein Herr,“ ſprach die Prinzeſſin,„es handelt ſich darum, zu wiſſen, ob dieſe Unterſchrift gut, und ob dieſer Schein gültig iſt?“ Der Cardinal las das Papier, das ihm die Prin⸗ zeſſin reichte. „Das iſt ein in aller Form abgefaßter Trauſchein, und dieſe Unterſchrift iſt die von Herrn Remy, dem Pfarrer der St. Johannes⸗Kapelle; doch was iſt Curer Hoheit daran gelegen?“ „Oh! es liegt mir viel daran, mein Herr; die Unter⸗ ſchrift iſt alſo...“. „Sie iſt gut, doch nichts ſagt mir, ſie ſei nicht er⸗ preßt worden.“ „Erpreßt, nicht wahr? das iſt möglich,“ rief die Prinzeſſin. „Und die Einwilligung von Lorenza ebenfalls, nicht wahr?“ ſprach der Graf mit einer Ironie, welche unmit⸗ telbar an die Prinzeſſin gerichtet war. „Doch ſagen Sie, Herr Cardinal, durch welche Mittel hätte man dieſe Unterſchrift erpreſſen koͤnnen; wiſſen Sie das?“ „Durch diejenigen, welche dieſem Herrn zu Gebot ſtehen, durch magiſche Mittel.“ „Magiſche! Cardinal, behaupten Sie...“ „Der Herr iſt ein Zauberer, ich habe es geſagt und widerrufe nicht.“. „Eure Eminenz ſcherzt.“ „Nein, und zum Beweiſe diene, daß ich in ihrer Ge⸗ genwart eine ernſte Erklärung mit ihm haben werde.“ „Ich wollte ſie von Eurer Eminenz verlangen,“ ver⸗ ſetzte der Graf. „Vortrefflich; doch vergeſſen Sie nicht, daß ich es bin, welcher fragt,“ ſagte hochmüthig der Cardinal. 141 „Und ich,“ entgegnete der Graf,„vergeſſen Sie nicht, daß ich alle Ihre Fragen ſelbſt vor Ihrer Hoheit beant⸗ worten werde, wenn Sie darauf beſtehen; aber ich bin feſt überzeugt, Sie werden nicht darauf beſtehen.“ Der Cardinal erwiederte lächelnd: „Mein Herr, die Rolle eines Zauberers iſt in unſerer Zeit ſchwer zu ſpielen. Ich ſah Sie bei der Arbeit; Sie hatten großen Erfolg; doch ich ſage Ihnen zum Voraus, nicht Jedermann wird die Geduld und beſonders den Edel⸗ muth der Frau Dauphine haben.“ „Der Frau Dauphine!“ rief die Prinzeſſin. „Ja, Madame,“ ſprach der Graf,„ich habe die Ehre gehabt, Ihrer Königlichen Hoheit vorgeſtellt zu werden.“ „Und wie haben Sie dieſe Ehre anerkannt? Sprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie.“ „Ah!“ erwiederte der Graf,„ſchlechter als ich wollte; denn ich hege keinen perſönlichen Haß gegen die Menſchen, und beſonders gegen die Frauen.“ „Aber was hat denn der Herr meiner erhabenen Nichte gethan?“ ſagte Madame Louiſe.. „Madame,“ antwortete der Graf,„ich habe das Unglück gehabt, ihr die Wahrheit zu ſagen, die ſie von mir verlangte.“ „Ja, die Wahrheit, eine Wahrheit, wegen der ſie in Ohnmacht gefallen iſt.“ „Iſt das mein Fehler,“ entgegnete der Grafemit jener mächtigen Stimme, welche in gewiſſen Augenblicken ſo gut donnerte,„iſt es mein Fehler, wenn dieſe Wahrheit ſo furchtbar war, daß ſie eine ſolche Wirkung hervorbringen mußte? Habe ich die Prinzeſſin aufgeſucht? Habe ich ihr „vorgeſtellt zu werden verlangt? Nein, ich vermied ſie im Gegentheil; man führte mich beinahe mit Gewalt zu ihr; ſie befragte mich gleichſam befehlsweiſe.“ „Aber was war denn die furchtbare Wahrheit, die Sie ihr geſagt haben?“ fragte die Prinzeſſin. — 142 „Dieſe Wahrheit, Madame, iſt der Schleier der Zu⸗ kunft, den ich zerriſſen habe.“ „Der Zukunft?“ 4 „Ja, Madame, der Zukunft, welche Eurer Königlichen Hoheit ſo bedrohlich vorkam, daß ſie in ein Kloſter zu fliehen, ſie am Fuße der Altäre durch ihre Gebete und ihre Thränen zu bekämpfen ſuchte.“ „Mein Herr!“ „Iſt es mein Fehler, Madame, wenn dieſe Zukunft, welche Sie als eine Heilige geahnet haben, mir dem Propheten enthüllt worden iſt, und wenn die Frau Dau⸗ phine erſchrocken über dieſe Zukunft, welche ſie perſönlich bedroht, in Ohnmacht ſiel, als ſie ihr enthüllt wurde?“ „Sie hören,“ ſagte der Cardinal. „Ach! ach!“ ſeufzte die Prinzeſſin. „Denn ihre Regierung iſt verdammt,“ rief der Graf, „als die unglücklichſte, unſeligſte Regierung der ganzen Monarchie.“ 3 „Mein Herr!“ rief die Prinzeſſin. „Was Sie betrifft, Madame,“ fuhr der Graf fort, „wielleicht haben Ihre Gebete Gnade erlangt, doch Sie werden nichts von Allem dem ſehen, denn Sie ſind in den Armen des Herrn, wenn dieſe Dinge ſich ereignen. Beten Sie, Madame, beten Sie!“ Beherrſcht durch dieſe prophetiſche Stimme, welche ſo gut den Bangigkeiten ihrer eigenen Seele entſprach, fiel die Prinzeſſin vor dem Crucifir auf die Kniee und fing wirklich an, inbrünſtig zu beten. Da wandte ſich der Graf gegen den Cardinal, ging ihm in eine Fenſtervertiefung voran und ſprach: „Nun iſt die Reihe an uns, Herr Cardinal; was wollen Sie von mir?“ Der Cardinal trat zu dem Grafen. Die Perſonen waren folgendermaßen geſtellt: Die Prinzeſſin betete inbrünſtig am Fuße des Cru⸗ cifires; Lorenza ſtand unbeweglich, ſtumm, die Augen offen und ſtarr, als ob ſie nichts ſehen würden, mitten im Zim⸗ 143 mer. Die zwei Männer waren in der Fenſtervertiefung, der Graf auf den Fenſterriegel geſtützt, der Cardinal halb durch den Vorhang verborgen. „Was wollen Sie von mir?“ wiederholte der Graf, „ſprechen Sie.“ „Ich will wiſſen, wer Sie ſind.“ „Sie wiſſen es.“ C24ã2 2 1. „Allerdings. Haben Sie nicht geſagt, ich ſei ein Zauberer?“ „Sehr gut. Doch dort nannte man Sie Joſeph Balſamo; hier nennt man Sie den Grafen von Fönir.“ „Nun, was beweiſt das? daß ich den Namen geändert habe und ſonſt nichts.“ „Ja; doch wiſſen Sie daß ſolche Aenderungen von Seiten eines Mannes wie Sie Herrn von Sartines viel zu denken geben dürften?“ Der Graf lächelte. „Oh! mein Herr, das iſt ein kleiner Krieg für einen Rohan! Wie, Eure Eminenz argumentirt über Worte! Verba et voces, ſagt der Lateiner. Hat man mir nichts Schlim⸗ meres vorzuwerfen?“ „Sie werden, glaube ich, ſpöttiſch,“ ſagte der Cardinal. „Ich werde es nicht, das iſt mein Charakter.“ „Dann will ich mir ein Vergnügen bereiten.“ „Welches?“ „Ich werde machen, daß Sie Ihren Ton herabſtimmen.“ „Machen Sie das, mein Herr.“ „Ich bin überzeugt, ich huldige dadurch der Frau Dauphine.“ „Das wird durchaus nicht unnütz ſein, ſo wie Sie mit ihr ſtehen,“ verſetzte Balſamo phlegmatiſch. „Und wenn ich Sie verhaften ließe, mein Herr Pla⸗ netenleſer, was würden Sie ſagen?“ „Ich würde ſagen, Sie haben ſehr Unrecht, Herr Cardinal.“ „In der That!“ verſetzte die Eminenz mit einer nie⸗ derſchmetternden Verachtung;„und wer würde das finden?“ „Sie ſelbſt, Herr Cardinal.“ „Ich gebe auf der Stelle Befehl dazu, dann wird man genau erfahren, wer der Baron Joſeph Balſamo, Graf von Fönir, der erhabene Sprößling eines Stamm⸗ baumes iſt, deſſen Samen ich auf keinem genealogiſchen Felde Europas gefunden habe.“ „Mein Herr, warum haben Sie ſich nicht bei Ihrem Freund dem Herrn von Breteuil nach mir erkundigt 241 „Herr von Breteuil iſt nicht mein Freund.“ „Das heißt, er iſt es nicht mehr, aber er war es, und zwar einer Ihrer beſten Freunde; denn Sie hatten ihm einen gewiſſen Brief geſchrieben.“ „Welchen Brief?“ fragte der Cardinal, näher tretend. „Noch näher, Herr Cardinal, noch näher; ich möchte nicht gern laut ſprechen, denn ich befürchte, ich könnte Sie gefährden.“. Der Cardinal näherte ſich dem Grafen noch mehr. „Welchen Brief meinen Sie?“ ſagte er. „Oh! Sie wiſſen es wohl.“ „Sprechen Sie immerhin.“ „Nun! einen Brief, den Sie von Wien nach Paris ſchrieben, um die Heirath des Dauphin zu hinter⸗ treiben.“ Der Prälat machte eine Bewegung des Schreckens. „Dieſer Brief... 2“ ſtammelte er. „Ich weiß ihn auswendig.“ „Das iſt ein Verrath von Herrn von Breteuil.“ „Warum dies?“ „Weil ich ihn, als die Heirath beſchloſſen war, zurück⸗ forderte.“ „Und er ſagte Ihnen?“ „Er ſei verbrannt.“ „Er wagte es nicht, Ihnen zu ſagen, er ſei verloren gegangen.“ „Verloren gegangen?“ 1n — „Ja... Ste begreifen, ein verlorener Brief kann wiedergefunden werden.“ „Somit iſt der Brief, den ich an Herrn von Breteuil geſchrieben habe...?“ „Jg.“ „Von dem er mir ſagte, er habe ihn verbrannt... 2“ „Ja.“ nlind den er verloren hatte... 2“ „Von mir gefunden worden. Oh! mein Gott! durch einen Zufall, als ich durch den Marmorhof in Verſailles ging.“ „Und Sie haben ihn nicht wieder Herrn von Breteuil zuſtellen laſſen?“ „Ich habe mich wohl gehütet.“ „Warum dies?“ „Weil ich in meiner Eigenſchaft als Zauberer wußte, daß Eure Eminenz, der ich ſo wohl will, mir auf den Tod grollte; Sie begreifen daher? Ein entwaffneter Mann, wel⸗ cher weiß, daß er einen Wald durchwandernd angegriffen werden wird, und am Saume dieſes Waldes eine geladene Piſtole findet...“ „Nun?“ „Dieſer Mann iſt ein Dummkopf, wenn er die Piſtole aus den Händen läßt.“ Den Cardinal ergriff ein Schwindel, und er ſtützte ſich auf das Fenſtergeſimſe. Nach einem Augenblick des Zögerns, deſſen Verände⸗ rungen der Graf auf ſeinem Geſichte verſchlang, ſprach er: „Es ſei. Doch man ſoll nicht ſagen, ein Prin meines Hauſes habe ſich vor der Drohung eines Charlatan gebeugt. Mag dieſer Brief verloren gegangen ſein, mögen Sie ihn gefunden haben, ſollte er der Frau Dauphine ſelbſt gezeigt werden, ſollte mich dieſer Brief als Politiker. zu Grunde richten, ich werde meine Rolle als redlicher Unterthan, als getreuer Botſchafter behaupten. Ich werde ſagen, was wahr iſt, nämlich, daß ich dieſe Verbindung den Intereſſen meines Landes ſchädlich gefunden habe, und mein Land wird mich beſchützen, oder beklagen.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 10 14⁴⁶ „Und wenn ſich Jemand fände,“ verſetzte der Graf, „welcher behaupten würde, jung, ſchön, galant, in Betracht ſeines Namens Rohan und ſeines Titels als Prinz nichts fürchtend, habe der Botſchafter dies nicht geſagt, weil er die öͤſterreichiſche Verbindung als den Intereſſen Frankreichs ſchädlich betrachtet, ſondern weil dieſer ſtolze Botſchafter, Anfangs von der Erzherzogin Marie Antoinette liebreich auf⸗ genommen, die Eitelkeit gehabt habe, in dieſer Freundlichkeit etwas mehr zu ſehen, als.... Freundlichkeit, was wird dann der getreue Unterthan, der redliche Botſchafter ſagen 2 „Er wird leugnen, mein Herr; denn von dem Ge⸗ fühle, von welchem Sie behaupten, es habe beſtanden, iſt kein Beweis mehr übrig.“ „Ah! doch, mein Herr, Sie täuſchen ſich; es bleibt die Kälte der Frau Dauphine gegen Sie übrig.“ Der Cardinal zögerte. „Hören Sie, mein Prinz,“ ſagte der Graf,„glauben Sie mir, ſtatt uns zu entzweien, wie es bereits geſchehen wäre, wenn ich nicht mehr Klugheit beſäße, als Sie, bleiben wir gute Freunde.“ „Gute Freunde?“ „Warum nicht? Die guten Freunde ſind diejenigen, welche uns Dienſte leiſten.“ „Habe ich je ſolche von Ihnen gefordert?“ „Sie hatten Unrecht; denn ſeit den zwei Tagen, die Sie in Paris ſind... „Ich? „Ja, Sie. Ei, mein Gott! warum wollen Sie mir das verbergen, mir, der ich ein Zauberer bin? Sie ha⸗ ben die Prinzeſſin in Soiſſons verlaſſen, Sie ſind mit Poſt durch Villers⸗Cotterets und Damartin, das heißt auf dem kürzeſten Wege nach Paris gekommen und haben von ihren guten Freunden in Paris Dienſte verlangt, die ſie Ihnen verweigerten. Nach welcher Weigerung Sie wieder mit Poſt nach Compiégne abgereist ſind, und zwar in Ver⸗ zweiflung.“ Der Cardinal ſchien vernichtet. ———— —— 1 2————— 147 „Und welche Art von Dienſten konnte ich denn von Ihnen erwarten, wenn ich mich an Sie gewendet hätte?“ fragte er. „Die Dienſte, die man von einem Mann verlangt, welcher Gold macht!“ „Und was niützt es mich, daß Sie Gold machen?“ „Peſt! wenn man fünfmal hundert tauſend Franken in acht und vierzig Stunden zu bezahlen hat; ſind es fünfmal hundert tauſend Franken? „Ja, es iſt ſo.“ Sie fragen, wozu es nütze, einen Freund zu haben, welcher Gold macht? Es nützt dazu, daß man die fünf⸗ mal hundert tauſend Franken, die man bei Niemand hat fin⸗ den konnen, bei ihm finden wird.“ „Und wo dies?“ fragte der Cardinal. „In der Rue Saint⸗Claude, im Marais.“ „Woran werde ich das Haus erkennen?“ „An einem Greifenkopf von Bronze, der als Klopfer an der Thüre dient.“ „Wann kann ich mich dort einfinden?“ „Uebermorgen, Monſeigneur, gegen ſechs Uhr Abends, und denn...“* 3 „Und dann?“ „So oft es Ihnen Vergnügen macht, dahin zu kom⸗ men. Doch ſehen Sie, unſere Unterredung endigt zu rechter Zeit, denn die Prinzeſſin hat ſo eben ihr Gebet beſchloſſen.“ Der Cardinal war beſiegt; er verſuchte es nicht län⸗ ger, zu widerſtehen, näherte ſich der Prinzeſſin und ſprach: „Madame, ich bin genöthigt, zu geſtehen, daß der eer Graf von Fönir vollkommen Recht hat, daß der Schein, den er bei ſich trägt, durchaus gültig iſt, und daß mich die Erklärungen, die er mir gegeben, voͤllig be⸗ friedigt haben.“ Der Graf verbeugte ſich. „Was befiehlt Eure Koͤnigliche Hoheit?“ fragte er. „Ein letztes Wort zu dieſer jungen Prane 1 148 Der Graf verbeugte ſich zum Zeichen der Beiſtimmung. „Sie wollen aus eigenem Antrieb und freiem Willen das Kloſter von Saint⸗Denis verlaſſen, wohin Sie ge⸗ kommen ſind, um ſich eine Zufluchtsſtätte von mir zu er⸗ bitten?“. „Ihre Hoheit fragt,“ ſprach raſch Balſamo,„ob Du aus freiem Willen das Kloſter von Saint⸗Denis ver⸗ laſſen wolleſt, wohin Du gekommen, um Dir eine Zu⸗ fluchtsſtätte zu erbitten. Antworte, Lorenza.“ 5„Ja, mit meinem freien Willen,“ ſprach die junge Frau. „Und dies um Ihrem Gatten, dem Grafen von Fönir, zu folgen?“ Und dies um mir zu folgen?“ wiederholte der Graf. „Oh! ja,“ ſprach die junge Frau. „Dann halte ich keines von Beiden zurück,“ ſprach die Prinzeſſin,„denn dies hieße den Gefühlen Gewalt an⸗ thun. Doch wenn Etwas in Allem dem iſt, was aus der natürlichen Ordnung der Dinge heraustritt, ſo falle die Strafe des Herrn auf denjenigen, welcher zu ſeinen Gunſten oder in ſeinen Intereſſen die Harmonie der Na⸗ tur geſtört hat. Gehen Sie, Herr Graf von Fönir, gehen Sie, Lorenza Feliciani, ich halte Sie nicht zurück... Nur nehmen Sie Ihre Iuwelen wieder.“ 4 „Sie gehören den Armen, Madame,“ ſprach der Graf von Fönir,„und von Ihren Händen vertheilt, wird das Almoſen Gott zweimal angenehm ſein. Ich verlange nur mein Pferd Dſcherid.“ „Sie können es im Vorübergehen fordern, mein Herr. Gehen Sie!“ Der Graf verbeugte ſich vor der Prinzeſſin und bot ſeinen Arm Lorenza; dieſe ſtützte ſich darauf und ging weg, ohne ein Wort zu ſprechen. „Ah! Herr Cardinal!“ ſagte die Prinzeſſin, traurig den Kopf ſchüttelnd,„es gibt unbegreifliche, unſelige Dinge in der Luft, die wir einathmen.“ —, 4 1n—- b 2— — V LIII. Die Rückkehr von Saint⸗Denis. Gilbert war, wie wir erzählt haben, in die Menge zurückgekehrt, als er Philipp verließ. Doch es war diesmal nicht mehr das vor Erwartung und Freude hüpfende Herz, was er in die brauſende Woge warf, ſondern die Seele, geſchworen durch einen Schmerz, den der gute Empfang von Philipp und ſeine freundlichen Anerbietungen nicht zu mildern vermocht hatten. Andrée vermuthete nicht, daß ſie grauſam gegen Gil⸗ bert geweſen war. Die ſchöne, reine Jungfrau wußte durchaus nicht, daß es zwiſchen ihr und dem Sohne ihrer Amme irgend einen Berührungspunkt weder in Beziehung auf den Schmerz, noch in Beziehung auf die Freude geben könnte. Sie zog über niedere Sphären hin und warf auf ſie ihren Schatten, oder ihr Licht, je nachdem ſie ſelbſt lächelnd oder traurig war. Diesmal hatte der Schatten ihrer Verachtung Gilbert eiſig durchdrungen, und da ſie nur den Impuls ihrer eigenen Natur befolgt, ſo wußte ſie ſelbſt nicht, daß ſie verächtlich geweſen. Aber Gilbert hatte wie ein entwaffneter Athlet im vollen Herzen Blicke der Verachtung und ſtolze Worte empfangen, und Gilbert beſaß noch nicht genug Philoſo⸗ phie, um ſich nicht, ganz blutend wie er war, den Troſt der Verzweiflung zu geben. Von dem Augenblick an, wo er in die Menge zurück⸗ gekehrt war, kümmerte er ſich weder mehr um Pferde noch um Menſchen. Er raffte alle ſeine Kräfte zuſammen und ſtürzte, auf die Gefahr zu verirren oder ſich zermalmen zu laſſen, wie ein verwundeter Eber durch das Volk, und brach ſich ſo Bahn. Als die dichteſten Volkshaufen durchbrochen waren, fing der junge Mann an, freier zu athmen, ſchaute um⸗ her, ſah den grünen Raſen, die Einſamkeit und das Waſſer. Ohne zu wiſſen, wohin er ging, war er bis zur Seine 150 gelaufen und befand ſich nun ungefähr der Ile de Saint⸗ Denis gegenüber. Erſchöpft, nicht von der Müdigkeit des Koͤrpers, ſondern von den Qualen des Geiſtes, ſank er auf den Boden, ſchloß ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände und fing an wüthend zu brüllen, als ob dieſe Sprache des Löwen beſſer ſeine Schmerzen ausdrückte, denn das Geſchrei und das Wort des Menſchen. War nicht in der That die ganze ſchwankende, unent⸗ ſchiedene Hoffnung, welche einen verſtohlenen Schimmer auf die Wünſche hatte fallen laſſen, von denen er ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben wagte, war nicht dieſe ganze Hoffnung erloſchen? Auf welche Stufe der geſell⸗ ſchaftlichen Leiter Gilbert auch durch die Kraft des Genies, der Wiſſenſchaft oder des Studiums ſtieg, er blieb immer Gilbert für Andrée, das heißt ein Ding oder ein Menſch, dies waren ihre eigenen Ausdrücke, um welchen ſich zu bekümmern ihr Vater Unrecht gehabt, da es ſich nicht der Mühe lohnte, die Augen bis zu ihm zu erniedrigen. Einen Augenblick hatte er geglaubt, wenn ſie ihn in Paris ſähe, wenn ſie hörte, er ſei zu Fuß gekommen, wenn ſie ſeinen Entſchluß, mit ſeiner Dunkelheit zu kämpfen, bis er ſie überwunden, erführe, ſo würde Andrée dieſer Anſtrengung Beifall ſpenden. Und nun hatte nicht nur das macte animo bei dem edlen Kinde ſeinen Erfolg ver⸗ fehlt, ſondern er hatte für ſo viel Kraftaufwand und eine ſo erhabene Entſchloſſenheit nichts geerntet, als die ver⸗ ächtliche Gleichgültigkeit, welche Andrée ſtets gegen den Gilbert von Taverney geoffenbart. Mehr noch, hatte ſie ſich nicht beinahe geärgert, als ſie erfahren, daß ſeine Augen die Kühnheit gehabt hatten, in ihr Notenbuch zu ſchauen? Hätte Gilbert das Noten⸗ buch nur mit der Fingerſpitze berührt, ſo wäre es ohne Zweifel nur noch zum Verbrennen gut geweſen. Bei ſchwachen Herzen ſind eine Täuſchung, eine Ver⸗ rechnung nichts Anderes, als ein Schlag, unter welchem ſich die Liebe beugt, um ſich ſtärker und beharrlicher wie⸗ der zu erheben. Sie offenbaren ihre Leiden durch Klagen, r *— 15¹1 durch Thränen, ſie haben die Paſſivität des Lammes un⸗ ter dem Meſſer. Mehr noch, die Liebe dieſer Märtyrer vergrößert ſich häufig durch Schmerzen, welche ſie tödten ſollten; ſie ſagen, ihre Sanftmuth werde ihre Belohnung finden; dieſe Belohnung iſt das Ziel, auf das ſie losgehen, mag der Weg gut oder ſchlecht ſein; nur werden ſie, wenn der Weg ſchlecht iſt, ſpäter ankommen, doch ſie werden ankommen. Nicht ſo iſt es mit den ſtarken Herzen, mit den eigen⸗ willigen Temperamenten, mit den mächtigen Organiſatio⸗ nen. Solche Herzen erzürnen ſich bei dem Anblick ihres fließenden Blutes, und ihre Energie erhält einen ſo wilden Zuwachs, daß man ſie von da an mehr für gehäſſig, als für liebend halten ſollte. Man darf ſie deshalb nicht an⸗ klagen: bei ihrem berühren ſich die Liebe und der Haß ſo nahe, daß ſie den Uebergang von der einen zum andern nicht fühlen. Wußte Gilbert, als er ſich niedergeſchmettert von ſeinen Schmerzen auf dem Boden wälzte, wußte er, ob er Andrée liebte oder haßte? Nein, er litt nur. Doch da er einer langen Geduld nicht fähig war, ſo warf er ſich aus ſeiner Niedergeſchlagenheit heraus, um auf irgend einen energiſchen Entſchluß zu ſinnen und dieſen zu verfolgen. „Sie liebt mich nicht,“ dachte er,„das iſt wahr; aber ich konnte, ich durfte auch gar nicht darauf hoffen, ſie würde mich lieben; ich hatte nur das Recht, von ihr die zarte Theilnahme zu verlangen, die man den Unglück⸗ lichen ſpendet, welche die Kraft haben, gegen ihr Miß⸗ geſchick zu ringen. Was ihr Bruder begriffen hat, hat ſie nicht begriſſen. Er ſagte mir:„„Wer weiß? vielleicht wirſt Du ein Colbert, ein Vauban werden!““ Wenn ich das Eine oder das Andere würde, ſo ließe er mir Gerechtigkeit widerfahren und gäbe mir ſeine Schweſter als Belohnung für den Ruhm, den ich mir erworben, wie er ſie gegen meine angeborene Ariſtokratie gegeben hätte, wenn ich als ſeines Gleichen auf die Welt gekom⸗ men wäre. Doch für ſie, oh! ich fühle es wohl... . 152 oh! Colbert, oh! Vauban wären für ſie immer nur Gilbert, denn, was ſie an mir verachtet, iſt das, was nichts tilgen, nichts vergolden, nichts bedecken kann... es iſt die Nie⸗ drigkeit meiner Geburt. Als ob ich, vorausgeſetzt ich er⸗ reiche mein Ziel, nicht mehr hätte wachſen müſſen, um bis zu ihr zu gelangen, als wenn ich neben ihr geboren worden wäre. Oh! tolles Geſchöpf! wahnſinniges Weſen! Oh! Weib! Weib! das heißt Unvollkommenheit. Trau' dieſem ſchönen Blicke, dieſer offenen Stirne, dieſem ver⸗ ſtändigen Lächeln, dieſer Haltung einer Königin: das iſt Fräulein von Taverney, das heißt eine Frau, welche ihre Schönheit würdig macht, eine Welt zu beherrſchen... Ihr täuſcht Euch: es iſt eine in ariſtokratiſchen Vorur⸗ theilen aufgeſchraubte und darein eingewickelte Perſon der Provinz. Alle die ſchönen jungen Leute mit leeren Ge⸗ hirnen und windigem Geiſte, welche alle Mittel beſaßen, um Alles zu lernen, und nichts wiſſen, ſind für ſie gleich⸗ geſtellt; dieſe ſind Dinge und Menſchen, welchen ſie Auf⸗ merkſamkeit ſchenken muß... Gilbert iſt ein Hund, we⸗ niger als ein Hund: ſie erkundigte ſich, glaube ich, nach Mahon, nach Gilbert hätte ſie ſich nicht erkundigt. Oh! ſie weiß alſo nicht, daß ich ſo ſtark bin als dieſe Leute, daß ich, wenn ich den ihrigen ähnliche Kleider trage, ſo ſchön ſein werde, als ſie, daß ich überdies einen unbeug⸗ ſamen Willen beſitze, und daß ich, wenn ich will... Ein furchtbares Lächeln trat auf die Lippen von Gilbert, der den Satz unvollendet ließ. Langſam und die Stirne faltend, ſenkte er ſodann ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt. Was ging in dieſem Augenblick in dieſer dunkeln Seele⸗ vor? Unter welch einem furchbaren Gedanken beugte ſich dieſe bleiche, ſchon durch die Nachtwachen gelb gewordene, durch das Nachdenken durchfurchte Stirne? Wer wird es ſagen? Etwa der Bootsmann, der auf ſeinem Fahrzeug, das Lied von Heinrich IV. trällernd, den Fluß hinabſteuerte? Oder die luſtige Wäſcherin, welche von Saint⸗Denis zu⸗ —*— — 153 8 rückkam, nachdem ſie den Zug geſehen, und die, ſich von ihrem Wege abwendend, um in einiger Entfernung von ihm vorüberzugehen, vielleicht dieſen jungen Müßiggänger, der mitten unter Stangen, welche mit Wäſche beladen wa⸗ ren, auf dem Raſen ausgeſtreckt lag, für einen Dieb hielt? Nach einer halben Stunde tiefen Nachſinnens erhob ſich Gibert kalt und entſchloſſen; er ſtieg zur Seine hinab, trank reichlich Waſſer, ſchaute dann umher und ſah zu ſeiner Linken die fernen Wogen des Volkes beim Ausgange von Saint⸗Denis. Mitten unter dieſer Menge unterſchied man die erſten Carroſſen, welche, von den Schaaren bedrängt, im Schritte fuhren; ſie folgten der Straße nach Saint⸗Ouen. Nach dem Willen der Dauphine ſollte ihr Einzug ein Familienfeſt ſein. Die Familie bediente ſich auch ihres Vorrechts; man ſah, wie ſie ſich ſo nahe zu dem könig⸗ lichen Schauſpiele ſtellte, daß viele Pariſer auf die Sitze der Livreebedienten ſtiegen und ſich, ohne deshalb beun⸗ ruhig zu werden, an die ſchweren Tragriemen der Wagen hingen. geGjilbert hatte bald die Carroſſe von Andrée erkannt. Philipp galoppirte oder tänzelte vielmehr an dem Wa⸗ genſchlage. „Es iſt gut,“ ſagte er,„ich muß wiſſen, wohin ſie fährt, und damit ich weiß, wohin ſie fährt, muß ich ihr folgen.“ Gilbert folgte. Die Dauphine ſollte in der Muette in kleinem Comité mit dem Koͤnig, dem Dauphin, dem Herrn Grafen von Provence, dem Herrn Grafen d'Artois zu Nacht ſpeiſen, wobei Ludwig XV. die Schicklichkeit ſo ſehr vergaß, daß er in Saint⸗Denis die Frau Dauphine einlud, ihr die Liſte der Gaͤſte übergab und ihr einen Bleiſtift mit der Aufforderung reichte, diejenigen von den Gäſten, welche ihr nicht genehm wären, auszuſtreichen. 8 Als die Dauphine zu dem Namen von Madame Du⸗ barry kam, der den Schluß bildete, fühlte ſie, wie ihre —;—⸗:jÿꝛ 154 „ Lippen erbleichten und zitterten; doch unterſtützt durch die Inſtructionen der Kaiſerin, ihrer Mutter, rief ſie alle ihre Kräfte zu Hülfe, gab mit einem reizenden Lächeln die Liſte und den Stift dem König zurück und ſagte, ſie ſei ſehr glücklich, mit einem Male in die innige Gemeinſchaft ſeiner Familie aufgenommen zu werden. Gilbert wußte das nicht, und erſt bei der Muette erkannte er die Equipagen von Madame Dubarry und Zamore, der auf ſeinem großen Schimmel hockte. Zum Glück war es bereits düſter; Gilbert warf ſich in ein Geſträuch, legte ſich platt auf den Bauch und wartete. Der König ließ ſeine Schwiegertochter mit ſeiner Ge⸗ liebten zu Nacht ſpeiſen, und zeigte ſich von einer reizen⸗ den Heiterkeit, beſonders als er ſah, daß die Frau Dau⸗ phine Madame Dubarry noch beſſer aufnahm, als ſie es in Compieégne gethan hatte. — Aber der Herr Dauphin ſchützte, finſter und ſorgen⸗ voll, ein heftiges Kopfweh vor und entfernte ſich, ehe man ſich zu Tiſche geſetzt hatte. Das Abendbrod dauerte bis eilf Uhr. Die Leute vom Gefolge, und die ſtolze Andrée mußte geſtehen, daß ſie zu dieſen Leuten gehörte, die Leute vom Gefolge ſpeiſten in den Pavillons bei dem Klang der Muſik, die ihnen der König ſchickte. Da die Pavillons zu klein waren, ſo nahmen fünfzig Herren ihr Abendbrod an Tiſchen, die man auf dem Raſen aufgeſchlagen hatte, wobei ſie von fünfzig Lackeien in königlicher Livree be⸗ dient wurden. Beſtändig in einem Gebüſch verborgen, verlor Gilbert nichts von dieſem Anblick. Er zog aus ſeiner Taſche ein Stück Brod, das er in Clichy⸗la⸗Garenne gekauft hatte, und ſpeiſte wie die Andern, während er zugleich die Ab⸗ fahrenden überwachte. Die Frau Dauphine erſchien nach dem Abendbrod auf dem Balcon: ſie hatte ſich von ihren Gäſten verab⸗ ſchiedet. Der König ſtand bei ihr, Madame Dubarry hielt ſich mit dem Takt, den auch ihre Feinde an ihr be⸗ 7 5 8 —— 15⁵ wunderten, im Hintergrund des Zimmers und war ſo aus dem Geſichte geſtellt. Jeder ging unten am Balcon vorüber, um den Kö⸗ nig und Ihre königliche Hoheit zu begrüßen. Die Frau Dauphine kannte ſchon viele von denen, welche ſie begleitet hatten, der König nannte ihr diejenigen, welche ſie nicht kannte. Von Zeit zu Zeit floß ein anmuthiges Wort, ein glücklicher Einfall von ihren Lippen und gewährte den Menſchen, an die ihre Rede gerichtet war, Freude. Gilbert ſah von ferne dieſe ganze Niedrigkeit und ſagte ſich: „Ich bin größer, als alle dieſe Leute da, denn um alles Gold der Welt würde ich nicht thun, was ſie thun.“ Es kam die Reihe an Herrn von Taverney und ſeine Familie. Gilbert erhob ſich auf ein Knie. „Herr Philipp,“ ſprach die Dauphine,„ich gebe Ihnen Urlaub, um Ihren Herrn Vater und Ihr Fräu⸗ lein Schweſter nach Paris zu führen.“ Gilbert hörte dieſe Worte, die in der Stille der Nacht und unter der tiefen Aufmerkſamkeit von denjenigen, welche horchten und ſchauten, an ſein Ohr klangen. Die Frau Dauphine fügte bei: „Herr von Taverney, ich kann Ihnen noch keine Woh⸗ nung geben; reiſen Sie daher mit dem Fräulein nach Paris, bis ich mein Haus in Verſailles eingerichtet habe; mein Fräulein, denken Sie ein wenig an mich.“ Der Baron ging mit ſeinem Sohn und mit ſeiner Tochter vorbei. Viele Andere kamen nach ihnen, die Dauphine hatte ihnen ähnliche Dinge zu ſagen, aber für ilbert war dies gleichgültig. Er ſchlüpfte aus dem Geſträuche hervor und folgte dem Baron unter dem verworrenen Geräuſch von zwei⸗ hundert Lackeien, die ihren Herren nachliefen, von fünfzig Kutſchern, die den Lackeien antworteten, und von ſechzig Aegen, welche wie eben ſo viele Donner auf dem Pflaſter rollten. Da Herr von Taverney einen Wagen von Hofe hatte, ſo wartete dieſer Wagen auf der Seite. Er ſtieg mit Andrée und Philipp ein, und der Schlag ſchloß ſich hinter ihnen. „Mein Freund,“ ſagte Philipp zu dem Lackei, der den Schlag ſchloß,„ſteigt mit dem Kutſcher auf den Bock.“ „Warum denn? warum denn?“ fragte der Baron. „Weil der arme Teufel ſeit dem Morgen ſteht und folglich ſehr müde ſein muß,“ antwortete Philipp. Der Baron brummte ein paar Worte, welche Gil⸗ bert nicht hören konnte. Der Lackei ſtieg zu dem Kutſcher hinauf. Gilbert näherte ſich. In der Sekunde, wo der Wagen abfahren ſollte, ſah man, daß einer von den Zugriemen los war. Der Kutſcher ſtieg ab und der Wagen blieb noch einen Augen⸗ blick auf der Stelle. „Es iſt ſehr ſpät,“ ſagte der Baron. „Ich bin furchtbar müde,“ murmelte Andrée;„wer⸗ den wir wenigſtens ein Lager finden?“ „Ich hoffe es,“ erwiederte Philipp.„Ich habe la Brie und Nicole unmittelbar von Soiſſons nach Paris geſchickt und ihnen einen Brief an einen meiner Freunde gegeben, den ich beauftragte, einen kleinen Pa⸗ villon zu miethen, welchen ſeine Mutter und ſeine Schweſter im vorigen Jahre bewohnt haben. Es iſt keiſte Lurus⸗ wohnung, wohl aber ein bequemer Aufenthaltsdrt. Sie ſuchen nicht zu erſcheinen, Sie wünſchen nur zu warten.“ „Es wird meiner Treue immerhin ſo viel werth ſein als Taverney,“ ſprach der Baron. „Leider, ja, mein Vater,“ verſetzte Philipp mit einem ſchwermüthigen Lächeln. „Werde ich Bäume haben?“ fragte Andrée. „Ja, und zwar ſehr ſchöne. Nur dürfteſt Du die⸗ ſelben aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht lange genießen, denn ſobald die Heirath vollzogen iſt, wirſt Du vorgeſtellt werden.“ 4. 1 157 „Wir machen einen ſchönen Traum, ſuchen wir nicht zu frühe daraus zu erwachen. Philipp, haſt Du dem Kutſcher die Adreſſe gegeben?“ Gilbert horchte ängſtlich. „Ja, mein Vater,“ ſagte Philipp. Gilbert, der Alles gehort, hatte einen Augenblick die Hoffnung, auch die Adreſſe zu hören. „Gleichviel,“ ſagte er,„ich werde ihnen folgen. Es iſt nur eine Stunde von hier nach Paris.“ Der Zugriemen war wieder befeſtigt, der Kutſcher auf ſeinen Sitz geſtiegen, und der Wagen fing an zu rollen. Doch die Pferde des Königs gehen raſch, wenn die Reihe ſie nicht zwingt, ſachte zu gehen, ſo raſch, daß ſie den armen Gilbert an die Straße von Lachauſſée, an ſeine Entkräftung, ſeine Ohnmacht erinnerten. Er ſtrengte ſich an, erreichte den hinteren Fußtritt, den der müde Lackei leer gelaſſen hatte, klammerte ſich dar⸗ an, ſetzte ſich auf und fuhr fort. Aber beinahe in demſelben Augenblick kam ihm der Gedanke, er ſei hinten auf den Wagen von Andrée, das heißt auf den Platz eines Bedienten geſtiegen. „Nein! nein!“ murmelte der unbeugſame junge Mann, zman ſoll nicht ſagen, ich habe nicht bis zum letzten Augenblick gekämpft; meine Beine ſind müde, doch meine Arme ſind es nicht.“ Und er faßte mit ſeinen beiden Händen den Fußtritt, auf den er die Spitze ſeiner Schuhe geſtellt hatte, ließ ſich unter dem Sitze fortſchleppen, und erhielt ſich, trotz der Stöße und Schläge, lieber mit der Kraft ſeiner Arme in dieſer ſchwierigen Lage, als daß er mit ſeinem Gewiſſen capitulirt hätte. „Ich werde ihre Adreſſe erfahren,“ murmelte er,„ich werde ſie erfahren. Noch eine ſchlimme Nacht, doch mor⸗ gen ruhe ich auf meinem Stuhle aus, indem ich Muſik abſchreibe. Es bleibt mir übrigens Geld, und ich kann mir zwei Stunden Schlaf verſchaffen, wenn ich will.“ Dann dachte er, Paris wäre ſehr groß, und er würde 158 vielleicht verloren ſein, er, der es nicht kannte, wenn der Baron, ſein Sohn und ſeine Tochter in dem Hauſe an⸗ gekommen wären, das Philipp für ſie gewählt. Zum Glück war es bald Mitternacht und der Tag kam um halb vier Uhr Morgens. Während er dies Alles bedachte, bemerkte Philipp, daß er über einen großen Platz geführt wurde, in deſſen Mitte ſich eine Reiterſtatue erhob. „Halt, das wird wohl die Place des Vittoires ſein,“ ſagte er zugleich freudig und überraſcht. Der Wagen drehte ſich, Andrée ſchaute aus dem Kutſchenſchlag. Philipp ſprach:— „Das iſt die Statue des verſtorbenen Königs. Wir ſind unſerem Ziele nahe.“ 8 Man fuhr einen ziemlich jähen Abhang hinab; Gil⸗ bert wäre beinahe unter die Räder gerollt. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſprach Philipp. Gilbert ließ ſeine Füße die Erde berühren und ſprang auf die andere Seite der Straße, wo er ſich hinter einem Weichſteine niederkauerte. Philipp ſtieg zuerſt aus dem Wagen, läutete und em⸗ pfing, ſich umwendend, Andrée in ſeinen Armen. Der Baron ſtieg zuletzt aus. „Nun!“ ſagte er,„werden uns dieſe Maulaffen die Nacht auf der Straße zubringen laſſen?“ In dieſem Augenblick erklangen die Stimmen von la Brie und Nicole, und eine Thüre öffnete ſich. Die drei Reiſenden ſchlüpften in einen düſteren Hof, deſſen Thor ſich hinter ihnen ſchloß. Der Wagen und die Lackeien entfernten ſich wieder; ſie kehrten zu den Stallun⸗ gen des Königs zurück. Das Haus, in welchem die drei Reiſenden verſchwun⸗ den waren, hatte nichts Merkwürdiges; aber der Wagen beleuchtete im Vorüberfahren das Nachbarhaus und Gil⸗ bert las: Hotel d'Armenonville. ——— —— 159 Er hatte nur noch die Straße in Erfahrung zu bringen. Er ging an die nächſte Ecke, an diejenige, bei wel⸗ cher der Wagen verſchwunden war, und fand zu ſeinem großen Erſtaunen bei dieſer Ecke den Brunnen„an wel⸗ chem er zu trinken pflegte. Er machte zehn Schritte in einer Straße, welche pa⸗ rallel mit der, die er verlaſſen, rückwärts ging, und er⸗ kannte den Bäcker, bei dem er ſein Brod kaufte. Er zweifelte noch und kehrte bis zur Straßenecke zurück. Bei dem entfernten Schimmer eines Scheinwer⸗ fers las er nun auf einem Grunde von weißem Stein die zwei Worte, die er drei Tage zuvor, als er mit Rouſſeau aus dem Walde von Meudon vom Pflanzenſammeln zu⸗ rückkehrte, geleſen hatte, die Worte:„Rue Plaſtriére!“ Andrée war alſo hundert Schritte von ihm, minder weit, als es in Taverney von ſeinem kleinen Zimmer beim Gitter des Schloſſes war. Hienach kehrte er zu ſeiner Thüre zurück, in der Hoff⸗ nung, das Ende des Bindfadens, der die innere Klinke hob, werde nicht hineingezogen worden ſein. Gilbert hatte ſeinen glücklichen Tag. Es hingen ein paar Fäden heraus; mit Hülfe dieſer Fäden zog er das Ganze an ſich, und die Thüre gab nach. Der junge Mann fand tappend und taſtend die Treppe, ſtieg Stufe für Stufe hinauf, ohne Geräuſch zu machen, und berührte endlich mit der Spitze ſeiner Finger das Vorlegeſchloß ſeines Zimmers, an welchem Rouſſeau aus Gefälligkeit den Schlüſſel gelaſſen hatte. „Nach Verlauf von zehn Minuten hatte die Müdig⸗ keit den Sieg über ſeine innere Unruhe davon getragen, und Gilbert war in tiefen Schlaf verſunken. 160 LIV. Der Pavillon. Spät zurückgekehrt, raſch ſich niederlegend, in ſchwe⸗ ren Schlaf verſinkend, hatte Gilbert vergeſſen, an ſeiner Dachluke den Leinwandfetzen zu befeſtigen, mit welchem er das Licht der aufgehenden Sonne auffing.. Dieſe Sonne traf um fünf Uhr Morgens auf ſeine Augen und erweckte ihn bald; er erhob ſich unruhig, er könnte zu lange geſchlafen haben. Gilbert, ein Mann vom Lande, wußte vortrefflich die Stunde an der Stellung der Sonne und an der mehr oder minder warmen Farbe ihrer Strahlen zu erkennen. Er lief an die Luke und befragte ſeine Uhr. Die Bläſſe des Lichtes, das kaum die Gipfel der hohen Bäume beleuchtete, beruhigte ihn; ſtatt zu ſpät auf⸗ geſtanden zu ſein, war er zu früͤh aufgeſtanden. Gilbert machte ſeine Toilette an ſeiner Dachluke, dachte an die Ereigniſſe des vorhergehenden Tages und ſetzte mit Entzücken ſeine beſchwerte Stirne der friſchen Morgenluft aus; dann erinnerte er ſich, daß Andrée in einer benachbarten Straße bei dem Hotel d'Armenonville wohnte, und ſuchte zu errathen, in welchem von allen die⸗ ſen Häuſern Andrée wohnen dürfte.— Der Anblick der Schatten, die er überrſchaute, erin⸗ nerte ihn an die Worte des Mädchens, welche er am vor⸗ hergehenden Tage gehört hatte. „Gibt es Bäume dort?“ hatte Andrée Philipp ge⸗ fragt. „Warum wählte ſie nicht den unbewohnten Pavillon im Garten?“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt. Dieſe Betrachtung führte natürlich den jungen Mann dahin, daß er ſich mit dem Pavillon beſchäftigte. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen mit ſeinem Ge⸗ danken, lenkten ein Geräuſch und eine ungewöhnliche Be⸗ wegung ſeinen Blick nach dieſer Seite. Eines von den U u 161 Fenſtern dieſes Pavillon, ein Fenſter, das ſeit langer Zeit verurtheilt zu ſein ſchien, erſchütterte ſich unter einer un⸗ geſchickten oder ſchwachen Hand; das Holz gab oben nach, aber ohne Zweifel durch die Feuchtigkeit an die Rand⸗ leiſten des Kreuzſtockes befeſtigt, widerſtand es und wei⸗ gerte ſich, nach außen aufzugehen. Endlich erkrachte das Eichenholz bei einem heftigeren Stoße und zwei ungeſtüm geoffnete Flügel ließen ein Mäd⸗ chen erblicken, das noch ganz roth von der Anſtrengung war und ſeine ſtaubigen Hände ſchüttelte. 7 Dieſes Mädchen, welches etwas aufgedunſen vom Schlafe ſich in der friſchen Luft reckte, war Mademoiſelle Nicole. Es blieb kein Zweifel. Philipp hatte am Tage vor⸗ her ſeinem Vater und ſeiner Schweſter geſagt, la Brie und Nicole bereiten ihre Wohnung. Dieſer Pavillon war alſo die bereit gehaltene Wohnung. Das Haus der Rue Coq⸗Héron, in welchem die Reiſenden verſchwunden waren, ſtieß alſo mit ſeinen Gärten von hinten an die Rue Plaſtriére. Die Bewegung von Gilbert war ſo haſtig und aus⸗ drucksvoll geweſen, daß Nicole, obgleich ziemlich entfernt, hätte ſie ſich nicht der müßigen Beſchauung überlaſſen, welche zur Zeit des Erwachens ein Glück wird, unſern Philoſophen in dem Augenblick, wo er ſich von ſeiner Luke zurückzog, geſehen haben müßte. Gilbert zog ſich um ſo ſchneller zurück, als er ſich um keinen Preis von Nicole an einer Dachluke hätte ent⸗ decken laſſen mögen; hätte er in einem erſten Stocke ge⸗ wohnt, hätte man durch ſein offenes Fenſter hinter ihm reiche Tapeten und koſtbare Meubles erblicken können, ſo würde Gilbert weniger bange gehabt haben, ſich ſehen zu laſſen. Doch die Manſarde des fünften Stockes claſſiſt⸗ eirte ihn noch zu tief in den niederen geſellſchaftlichen Nangſtufen, als daß er nicht eifrigſt bemüht geweſen ſein ſollte, ſich zu verbergen. Ueberdies gewährt es in dieſer Welt ſtets einen großen Vortheil, zu ſehen, ohne geſehen zu werden. Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 11 162 Wenn ſodann Andrée wußte, daß er da war, würde das nicht genügen, Andrée zum Ausziehen oder dazu zu veranlaſſen, daß ſie nicht in dem Garten ſpazieren ginge? Ach! der Stolz von Gilbert vergrößerte ihn noch in ſeinen eigenen Augen. Welches Gewicht hatte Gilbert für Andrée und in welcher Hinſicht konnte Andrée einen Fuß bewegen, um ſich Gilbert zu nähern oder ſich von ihm zu entfernen? Gehörte ſie nicht zu jener Race von Frauen, welche vor einem Bedienten oder Bauern aus dem Bade ſteigen, weil ein Bedienter oder ein Bauer keine Menſchen ſind? Nicole aber gehörte nicht zu dieſer Race, und ſie mußte er alſo vermeiden. Deßhalb hatte ſich Gilbert hauptſächlich ſo ungeſtüm zurückgezogen. Doch Gilbert kounte ſich nicht zurückgezogen haben, um vom Fenſter entfernt zu bleiben; er näherte ſich alſo ſachte, und wagte es, ſein Auge an die Ecke der Dach⸗ luke zu drücken. 1 Ein zweites Fenſter, das im Erdgeſchoß gerade unter— dem erſten lag, hatte ſich geöffnet und eine weiße Geſtalt erſchien an dieſem Fenſter: es war Andrée, welche ſo eben erſt erwacht ſein mochte, Andrée in einem Morgenmantel und beſchäftigt, den Pantoffel zu ſuchen, der ihrem kleinen, noch ſchlummernden Fuße entſchlüpft war und ſich unter einen Stuhl verirrt hatte. Gilbert mochte ſich immerhin ſchwören, ſo oft er Andrée ſah, er wolle ſich einen Wall aus ſeinem Haſſe machen, ſtatt ſich ſeiner Liebe zu überlaſſen: dieſelbe Wir⸗ kung wurde durch dieſelbe Urſache hervorgebracht; er war genöthigt, ſich an eine Wand anzulehnen, ſein Herz ſchlug, † als ob es berſten ſollte, und ſeine Schläge machten das Blut durch den ganzen Körper brauſen. Allmälig beruhigten ſich jedoch die Pulsadern des jungen Mannes, und er konnte nachdenken. Es handelte ſich darum, wie wir ſchon geſagt haben, zu ſehen, ohne geſehen zu werden. Er nahm einen von den Röcken von 163 Thereſe, heftete ihn mittelſt einer Nadel an einen Strick, der ſein Fenſter in ſeiner ganzen Breite durchzog, und konnte unter dieſem improviſirten Vorhang Andrée ſehen, ohne daß er geſehen zu werden befürchten mußte. Andrée ahmte Nicole nach; ſie reckte ihre ſchönen weißen Arme, welche durch ihre Ausdehnung einen Augenblick das Morgengewand trennten; dann legte ſie ſich auf das Fenſtergeſimſe, um die Gärten der Umgebung bequemer zu betrachten. Ihr Geſicht drückte nun eine entſchiedene Zufrieden⸗ heit aus; ſie, welche ſo ſelten den Menſchen zulächelte, lächelte ohne Hintergedanken den Dingen zu. Auf allen Seiten war ſie von großen Bäumen beſchattet; auf allen Seiten war ſie von Grün umgeben. Das Haus von Gilbert zog die Blicke von Andrée auf ſich, wie alle die andern Häuſer, welche einen Gürtel für den Garten bildeten. Von dem Platze wo Andrée war, konnte man nicht mehr davon ſehen, als die Man⸗ ſarden, ſowie auch nur die Manſarden allein zu Andrée ſehen konnten. Es feſſelte alſo ihre Aufmerkſamkeit nicht. Was konnte dem ſtolzen jungen Mädchen an der Race liegen, welche da oben wohnte? 3 Andrée blieb alſo nach ihrer Forſchung überzeugt, ſie wäre allein und an den Grenzen dieſes ſtillen Aufenthalts⸗ ortes würde kein neugieriges oder luſtiges Geſicht von je⸗ nen ſpöttiſchen Pariſern erſcheinen, welche von den Pro⸗ vinzfrauen ſo ſehr gefürchtet werden. „Dieſes Reſultat war von unmittelbarer Folge. An⸗ drée ließ ihr Fenſter weit offen, damit die Morgenluft auch die letzten Winkel ihres Zimmers baden konnte, ging auf ihren Kamin zu, zog eine Klingelſchnur und fing an ſich anzukleiden, oder vielmehr in dem Halbſchatten des Zimmers auszukleiden. Nicole kam, machte die Riemen eines ledernen Ne⸗ ceſſaire los, das ſich aus der Zeit der Königin Anna her⸗ ſchrieb, nahm den Schildpattkamm und entrollte die Haare von Andrée. 11* 164 In einem Augenblick wogten die langen Flechten und die buſchigen Locken wie ein Mantel über die Schultern des Mädchens herab. Gilbert ſtieß einen unterdrückten Seufzer aus. Kaum erkannte er die ſchönen Haare von Andrée, welche die Mode und die Etiquette gewöhnlich mit Puder bedeckten; doch er erkannte Andrée, Andrée halb entkleidet und hun⸗ dertmal ſchöner in ihrer Nachläßigkeit, als ſie es in dem prunkhafteſten Aufputze geweſen wäre. Sein krampfhaft zuſammengezogener Mund hatte keinen Speichel mehr, ſeine Finger brannten vor Fieber, ſein Auge erloſch in ſeiner Starrheit. Der Zufall gab es, daß Andrée, während ſie ſich friſiren ließ, den Kopf in die Höhe hob und daß ſich ihre Augen auf die Manſarde von Gilbert richteten. „Ja, ja, ſchau', ſchau',“ murmelte Gilbert,„Du magſt immerhin ſchauen, Du wirſt nichts ſehen, während ich Alles ſehe.“ Gilbert täuſchte ſich, Andrée ſah etwas; dies war der flatternde Rock, der ſich um den Kopf des jungen Mannes rollte und ihm als Turban diente. Sie zeigte mit dem Finger Nicole dieſen ſeltſamen Gegenſtand. Nicole unterbrach das verwickelte Geſchäft, das ſie unternommen hatte, bezeichnete mit dem Kamm die Dach⸗ luke und ſchien ihre Gebieterin zu fragen, ob dies der Gegenſtand ſei, den ſie meine. Dieſe Telegraphie, welche Gilbert mit ſeinen verlieb⸗ ten Blicken verſchlang, hatte, ohne daß er es vermuthete, einen dritten Zuſchauer. Gilbert fühlte plötzlich eine ungeſtüme Hand den Rock von Thereſe von ſeiner Stirne ziehen und war wie vom Blitz getroffen, als er Rouſſeau erblickte. 4„Was Teufels machen Sie da, mein Herr?“ rief der Philoſoph mit gefalteter Stirne und einer ärgerlichen Gri⸗ maſſe, während er ängſtlich den von ſeiner Frau entlehn⸗ ten Rock betrachtete. 3 — N n N — 165 Gilbert bemühte ſich, die Aufmerkſamkeit von Rouſſeau von der Dachluke abzulenken, und erwiederte: „Nichts, mein Herr, durchaus nichts.“ „Nichts; warum verbergen Sie ſich dann unter die⸗ ſem Rock?“ „Die Sonne verwundete mich.“ „Wir ſind im Weſten und die Sonne verwundet Sie in dem Augenblick, wo ſie aufgeht; Sie haben ſehr zarte Augen, junger Mann!“ Gilbert ſtammelte ein paar Worte, fühlte, daß er ſich verwickeln würde, und verbarg endlich ſeinen Kopf in ſei⸗ nen Händen. „Sie lügen und Sie haben Angſt,“ ſprach Rouſſeau; „Sie haben alſo ſchlimm gehandelt?“ Und nach dieſer furchtbaren Logik, welche Gilbert vollends niederſchmetterte, ſtellte ſich Rouſſeau breit vor das Fenſter. Hingeriſſen durch ein zu natürliches Gefühl, als daß es einer Erklärung bedürfte, ſtürzte Gilbert, der ſo eben noch zitterte, an dem Fenſter geſehen zu werden, an die⸗ ſes, ſobald Rouſſeau daran ſtand. „Ah! ah!“ ſagte Nouſſeau mit einem Tone, der die Adern von Gilbert geſtehen machte,„der Pavillon iſt nun bewohnt.“ 3 Gilbert ſprach keine Sylbe. „Und zwar von Leuten,“ fuhr der argwöhniſche Phi⸗ loſoph fort,„von Leuten, welche mein Haus kennen, denn ſie deuten darauf.“ Gilbert ſah ein, daß er zu weit vorgegangen war, und machte eine Bewegung rückwärts.. Weder die Bewegung, noch die Urſache, welche die⸗ ſelbe veranlaßte, entgingen Rouſſeau; er begriff, daß Gil⸗ bert geſehen zu werden zitterte. „Nein,“ ſagte er, indem er den jungen Mann bei dem Handgelenke faßte,„nein, mein junger Freund, es ſteckt etwas darunter, daß man Ihre Manſarde bezeichnet; ſtel⸗ len Sie ſich hierher, wenn es Ihnen beliebt.“ 166 Und er führte ihn entblößt gerade vor das Fenſter. „Oh! nein, mein Herr, nein, ich bitte Sie!“ rief Gilbert, während er ſich krümmte und drehte, um zu ent⸗ kommen. Doch um zu entkommen, was einem behenden, ſtarken jungen Mann wie Gilbert leicht geweſen wäre, hätte er einen Kampf beginnen müſſen, und einen Kampf mit Rouſ⸗ ſeau zu beginnen, einen Kampf mit ſeinem Gott, daran ver⸗ hinderte ihn ſeine Ehrfurcht. „Sie kennen dieſe Frauen, und dieſe Frauen kennen Sie?“ ſprach Rouſſeau. „Nein, nein, nein, mein Herr.“ „Wenn Sie dieſelben nicht kennen und wenn Sie ihnen unbekannt ſind, warum wollen Sie ſich nicht zeigen?“ „Herr Rouſſeau, nicht wahr Sie hatten zuweilen in Ihrem Leben Geheimniſſe? Nun wohl! ich bitte Sie um Mitleid für ein Geheimniß.“ „Ah! Verräther,“ rief Rouſſeau,„ja, ich kenne die Geheimniſſe dieſer Art; Du biſt ein Geſchöpf der Grimm, der Holbach; ſie haben Dich eine Rolle lernen laſſen, um mein Wohlwollen zu gewinnen; Du haſt Dich bei mir ein⸗ geſchlichen und lieferſt mich aus; oh! ich dreifacher Dumm⸗ kopf, der ich bin, oh! ich einfältiger Liebhaber der Natur, ich glaubte einen von meines Gleichen zu unterſtützen und bringe einen Spion in mein Haus.“ „Einen Spion!“ rief Gilbert empoͤrt. „Laß hoͤren, an welchem Tag wirſt Du mich ver⸗ kaufen, Judas?“ ſprach Rouſſeau, indem er ſich mit dem Rocke von Thereſe, den er maſchinenmäßig in der Hand behalten, drapirte und ſich vor Schmerz erhaben dünkte, während er leider nur lächerlich war. „Mein Herr, Sie verleumden mich,“ ſagte Gilbert. „Dich verleumden, kleine Schlange,“ rief Rouſſeau, „da ich Dich ertappe, wie Du durch Geberden mit mei⸗ nen Feinden correſpondirſt, wie Du ihnen, was weiß ich? vielleicht durch Zeichen den Gegenſtand meines jüngſten Werkes mittheilſt!“ — n 167 „Mein Herr, wäre ich zu Ihnen gekommen, um das Geheimniß Ihrer Arbeit zu verrathen, ſo würde ich eher Ihre Manuſcripte, welche auf Ihrem Schreibtiſche liegen, copirt, als durch Zeichen den Gegenſtand mitgetheilt haben, den Sie behandeln.“ Dies war richtig und Rouſſeau fühlte ſo wohl, er habe eine von den Ungeheuerlichkeiten geſagt, die ihm in ſeinen Monomanien des Schreckens entſchlüpften, daß er ſich ärgerte. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich bin in Verzweiflung für Sie, doch die Erfahrung hat mich ſtreng gemacht; mein Leben iſt in Täuſchungen hingegangen; ich bin von Allen verrathen, verleugnet, preisgegeben, gemartert, verkauft worden. Ich bin einer von den berühmten Unglücklichen, welche die Regierungen in den Bann der Geſellſchaft thun. In einer ſolchen Lage iſt es erlaubt, argwöhniſch zu ſein. Lie aber ſind mir verdächtig und werden mein Haus ver⸗ aſſen.“ Gilbert war auf eine ſolche Rede nicht gefaßt. Er, Gilbert, ſollte weggejagt werden! Er ſchloß ſeine Fäuſte krampfhaft und ein Blitz, der Rouſſeau beben machte, ſchoß aus ſeinen Augen. Doch dieſer Blitz ging ohne Dauer vorüber und er⸗ loſch ohne Geräuſch. Gilbert hatte gedacht, daß er weggehend das ſo ſüße Glück, Andrée in jedem Augenblick des Tages zu ſehen, und zugleich die Freundſchaft von Rouſſeau verlieren würde; dies war ein Unglück und eine Schmach. Er fiel aus der Höhe ſeines unbändigen Stolzes her⸗ ab und ſprach, ſeine Hände faltend: „Mein Herr, hören Sie mich, ein Wort, nur ein ein⸗ ziges Wort.“ „Ich bin unbarmherzig!“ rief Rouſſeau;„die Men⸗ ſchen haben mich durch ihre Ungerechtigkeiten wilder ge⸗ macht, als einen Tiger. Sie correſpondiren mit meinen Feinden, gehen Sie zu ihnen, ich verhindere Sie nicht: 168 verbinden Sie ſich mit ihnen, ich widerſetze mich nicht, aber verlaſſen Sie mein Haus.“ „Mein Herr, dieſe zwei Mädchen ſind nicht Ihre Feindinnen; es iſt Fräulein Andrée und Nicole.“ „Wer iſt Fräulein Andrée?“ fragte Rouſſeau, dem dieſer wiederholt von Gilbert ausgeſprochene Name nicht ganz fremd war,„wer iſt Fräulein Andrée?“ 4„Fräulein Andrée, mein Herr, iſt die Tochter des Baron von Taverney, es iſt, oh! entſchuldigen Sie mich, daß ich Ihnen ſolche Dinge ſage, doch Sie zwingen mich dazu, es iſt diejenige, welche ich mehr liebe, als Sie Fräulein Galley, Frau von Warens, oder irgend Jemand geliebt haben; es iſt diejenige, welcher ich zu Fuß, ohne Geld, ohne Brod, gefolgt bin, bis ich auf der Land⸗ ſtraße von Müdigkeit entkräftet, vor Schmerz gelähmt nie⸗ derſtürzte; es iſt diejenige, welche ich geſtern in Saint⸗ Denis wiedergeſehen, hinter der ich bis zur Muette ge⸗ laufen bin, die ich abermals, ohne daß ſie mich geſehen, von der Muette bis zu der der Ihrigen benachbarten Straße begleitet habe; es iſt diejenige, welche ich zufällig dieſen Morgen als die Bewohnerin jenes Pavillon wieder⸗ fand; es iſt diejenige endlich, der zu Liebe ich gern ein Turenne, ein Richelien, oder ein Rouſſeau werden mochte.“ Rouſſeau kannte das menſchliche Herz und verſtand ſich auf die Tonleiter dieſer Schreie; er wußte, daß der beſte Koomödiant nicht den von Thränen gedrängten Ton, mit welchem Gilbert ſprach, nicht die fieberhafte Geberde haben konnte, mit der er ſeine Worte begleitete. 3„Dieſe junge Dame iſt alſo Fräulein Andrée?“ ſagte er. „Ja, Herr Rouſſeau.“ „Sie kennen ſie alſo?“ „Ich bin der Sohn ihrer Amme.“ „Sie logen ſomit vorhin, als Sie ſagten, Sie kennen ſie nicht, und wenn Sie kein Verrüther ſind, ſind Sie ein Lügner.“ 3 „Mein Herr,“ entgegnete Gilbert,„Sie zerreißen mir ⸗ —— 169 das Herz und würden mir in der That minder wehe thun, wenn Sie mich auf der Stelle tödteten.“ „Bah! Phraſenmacherei, Styl von Diderot und Mar⸗ montel; Sie ſind ein Lügner, mein Herr.“ „Nun wohl! ja, ja,“ verſetzte Gilbert,„ich bin ein Lügner, mein Herr, und ſchlimm genug für Sie, wenn Sie eine ſolche Lüge nicht verſtehen.... Ein Lügner!... ein Lügner! Ah! ich gehe... leben Sie wohl! ich gehe in Verzweiflung und Sie werden meine Verzweiflung auf dem Gewiſſen haben.“ 4 Rouſſeau ſtreichelte ſich das Kinn und ſchaute dieſen jungen Mann an, der ſo auffallende Aehnlichkeiten mit ihm hatte. „Das iſt ein großes Herz oder ein großer Schurke,“ ſagte er;„doch im Ganzen, wenn man gegen mich con⸗ ſpirirt, warum ſollte ich die Fäden der Verſchwörung nicht in meinen Händen halten?“ Gilbert hatte vier Schritte gegen die Thüre gemacht und erwartete, die Hand auf das Schloß gelegt, ein letztes Wort, das ihn ganz fortjagen oder zurückrufen würde. „Genug über dieſen Gegenſtand, mein Sohn,“ ſprach Rouſſeau.„Sind Sie in einem Grade verliebt, wie Sie es ſagen, ach! deſto ſchlimmer für Sie. Doch es iſt ſpät, Sie haben den geſtrigen Tag verloren, wir müſſen heute mit einander dreißig Seiten copiren. Geſchwinde, Gilbert, geſchwinde!“ Gilbert ergriff die Hand des Philoſophen und drückte ſie an ſeine Lippen; er hätte ſicherlich mit der Hand ei⸗ nes Königs nicht dasſelbe gethan. 4 Doch ehe er wegging und während Gilbert ganz er⸗ ſchüttert an der Thüre ſtand, näherte ſich Rouſſeau zum letzten Male dem Fenſter und ſchaute die zwei jungen Mädchen an. In dieſem Augenblick hatte Andrée gerade ihren Man⸗ tel fallen laſſen und nahm ein Kleid aus den Händen von Nicole. Sie ſah dieſen bleichen Kopf, dieſen unbeweglichen 170 Körper, machte eine ungeſtüme Bewegung rückwärts, und befahl Nicole, das Fenſter zu ſchließen. Nicole gehorchte. „Vorwärts,“ ſagte Rouſſeau,„mein alter Kopf hat ihr bange gemacht; dieſes junge Geſicht erſchreckte ſie nicht ſo ſehr. Oh! ſchoͤne Jugend,“ fügte er ſeufzend bei. O gioventù primavera del età, 0 primavera gioventù del anno!*) Und er hing das Kleid von Thereſe wieder an den Nagel und ging ſchwermüthig die Treppe hinter Gilbert hinab, gegen deſſen Jugend er in dieſem Augenblick den Nuf vertauſcht hätte, welcher den von Voltaire im Gleich⸗ gewichte hielt, von Voltaire, mit dem er die Bewunderung der ganzen Welt theilte. LV. Das Haus der Rue Saint⸗Clande. Die Rue Saint⸗Claude, in welche der Graf von Fönir den Cardinal von Rohan beſchieden hatte, war zu jener Zeit nicht ſo ſehr verſchieden von dem, was ſie jetzt iſt, daß man nicht die Spuren der Oertlichkeiten finden könnte, die wir zu ſchildern verſuchen wollen. Sie mündete, wie ſie es heut zu Tage thut, nach der Nue Saint⸗Louis und dem Boulevard aus, indem ſie durch eben dieſe Rue Saint⸗Louis zwiſchen dem Kloſter der Nonnen vom heiligen Sacrament und dem Hotel de Voyſins zog, während ſie gegenwärtig an ihrem Ende eine Krrche und ein Spezereimagazin trennt. Wie heut zu Tage, verband ſie ſich mit dem Boule⸗ vard durch einen ziemlich jähen Abhang. Sie war fünfzehn Häuſer und ſieben Laternen reich. 3 hech. O Jugend Frühling des Alters, o Frühling Jugend des ahres ——::;— 171 Zwei Sackgaſſen machten ſich hier bemerkbar. Die eine links, und dieſe erſtreckte ſich in das Hotel de Voyſins; die andere rechts griff in den großen Garten der Nonnen vom heiligen Sacrament ein. Dieſe letztere Sackgaſſe wurde rechts von den Bäumen des Kloſters beſchattet, links von der großen, grauen Mauer eines Hauſes begrenzt, das ſich in der Rue Saint⸗ Claude erhob. Dem Geſichte eines Cyklopen ähnlich, hatte dieſe Mauer nur ein einziges Auge, oder, wenn man lieber will, nur ein Fenſter und dieſes Fenſter war, feſt vergit⸗ tert mittelſt eiſerner Stangen, abſcheulich ſchwarz. Gerade unter dieſem Fenſter, das ſich niemals öffnete, man ſah dies an den Spinnengeweben, die daſſelbe von außen überzogen hatten, gerade unter dieſem Fenſter, ſagen wir, war eine mit breiten Nägeln beſchlagene Thüre, welche andeutete, nicht daß man eintrat, ſondern daß man von dieſer Seite in das Haus eintreten konnte. 8 Keine Wohnungen in dieſer Sackgaſſe; nur zwei 3 Einwohner. Ein Schuhflicker in einer hölzernen Kiſte und eine Strumpfflickerin in einem Faß, welche Beide ſich unter den Acacien des Kloſters aufhielten, die von Mor⸗ gens um neun Uhr an einen kühlen Schatten auf den ſtaubigen Boden warfen. Am Abend kehrte die Strumpfflickerin in ihre Woh⸗ nung zurück; der Schuhflicker legte ein Schloß an ſeinen Palaſt und nichts bewachte mehr das Gäßchen, wenn nicht das düſtere, verdrießliche Auge des von uns erwähnten * Fenſters. Außer der genannten Thüre hatte das Haus, das wir 2 ſo genau als möglich zu beſchreiben unternommen, einen Haupteingang in der Rue Saint⸗Claude. Dieſer Eingang, ein Thorweg mit Bildhauerarbeiten von einem Relief, das an die Architektur in der Zeit von Ludwig XIII. erinnerte, war an ſeinem Klopfer mit dem Greifenkopf verziert, den der Graf von Foͤnix dem Cardinal von Rohan als beſonderes Merkmal bezeichnet hatte. 5* 172 Die Fenſter gingen nach dem Boulevard und waren ſchon vom Morgen an aufgezogen, um die Sonne einzulaſſen. Paris war zu dieſer Zeit und beſonders in dieſem Quartier nicht ſehr ſicher. Man wunderte ſich alſo nicht, wenn man die Fenſter vergittert und die. Mauern ganz mit eiſernen Spitzen beſetzt ſah. Wir ſagen dies, weil das erſte Stockwerk unſeres Hauſes nicht wenig einer Feſtung glich. Gegen die Feinde, gegen die Diebe und gegen die Verliebten bot es Balcone mit tauſend ſcharfen Spitzen; ein tiefer Graben umgab das Gebäude auf der Seite des Boulevard, und um in dieſes Fort von der Straße aus zu gelangen, hätte man Leitern von dreißig Fuß gebraucht. Die Mauer hatte zweiunddreißig und maskirte oder begrub vielmehr den CEhrenhof. Dieſes Haus, vor welchem jeder Vorübergehende heut zu Tage erſtaunt, unruhig, neugierig ſtehen bleiben würde, bot im Jahr 1770 keinen ſehr auffallenden Anblick; es ſtand im Gegentheil im Einklang mit dem Quartier, und wenn die guten Bewohner der Rue Saint⸗Louis und die nicht minder guten der Rue Saint⸗Claude die Umgebung dieſes Hotel flohen, ſo geſchah es nicht wegen des Hotel ſelbſt, denn ſein Ruf war noch unbefleckt, ſondern wegen des öden Boulevard, der übel berüchtigten Porte⸗Saint⸗ Louis und des Pont⸗ aur⸗Chour, deſſen zwei über eine ſchwarze Dohle geſprengte Bogen jedem Pariſer, der ein wenig mit den Ueberlieferungen vertraut war, als die un⸗ nahbaren Säulen von Gades erſchienen. Das Boulevard führte in der That auf dieſer Seite zu nichts als zur Baſtille. Man ſah hier nicht mehr als zehn Häuſer im Raume einer Viertelſtunde; das Bau⸗ herrnamt hatte es auch nicht für geeignet erachtet, dieſes Nichts, dieſe Leere zu beleuchten, und ſo war es nach acht Uhr im Sommer und nach vier Uhr im Winter das Chaos mit der Zuthat von Dieben. Es kehrte indeſſen über das Boulevard um neun Uhr 173 Abends, drei Viertelſtunden nach dem Beſuche in Saint⸗ Denis, eine raſche Carroſſe zurück. Das Wappen des Grafen von Fönir ſchmückte die Felder dieſer Carroſſe. Der Graf ſelbſt ritt ihr zwanzig Schritte auf Dſcherid voran, der ſeinen langen Schweif ziſchen ließ, während er die undurchſichtige Wärme des ſtaubigen Pflaſters einathmete. In dem Wagen mit den geſchloſſenen Vorhängen ruhte Lorenza, welche auf den Kiſſen entſchlummert war. Das Thor öffnete ſich wie durch einen Zauber vor dem Geräuſch der Räder, und der Wagen, nachdem er in die ſchwarzen Tiefen der Rue Saint⸗Claude eingedrungen, verſchwand in dem Hofe des von uns geſchilderten Hauſes. Das Thor ſchloß ſich hinter ihm. Es bedurfte indeſſen ſicherlich keines ſo geheimniß⸗ vollen Verfahrens; Niemand war da, um den Grafen von Fönir zurückkehren zu ſehen, oder ihn in irgend einer Beziehung zu beläſtigen, hätte er auch in den Kiſten feines Wagens den Schatz der Abtei mitgebracht. Nun einige Worte über das Innere dieſes Hauſes, mit dem wir nothwendig unſere Leſer bekannt machen müſſen, da es unſere Abſicht iſt, ſie mehr als einmal da⸗ hin zurückzuführen. In dem von uns erwähnten Hofe, worin aus⸗ dauerndes Gras, wie eine fortlaufende Mine ſpielend, durch eine beſtändige Arbeit die Pflaſterſteine zu trennen verſu⸗ chen, ſah man rechts die Staͤlle, links die Remiſen und im Hintergrund eine Freitreppe, die zu einer Thüre führte, zu welcher man, gleichviel auf der einen oder auf der an⸗ dern Seite, auf zwölf Stufen hinanſtieg. Unten beſtand das Hotel, wenigſtens das was davon zugänglich war, aus einem ungeheuren Vorzimmer, aus einem Speiſeſaal, der ſich durch einen großen Lurus auf Schenktiſchen aufgehäuften Silberzeugs auszeichnete, und einem Salon, welcher in jüngſter Zeit erſt, ohne Zweifel um die neuen Miethsleute aufzunehmen, meublirt worden war. Wenn man dieſen Salon verließ und in das Vor⸗ 174 zimmer zurückkehrte, befand man ſich vor einer großen Treppe, welche in den erſten Stock führte. Dieſer erſte Stock beſtand aus drei Herrſchaftszimmern. Doch ein geſchickter Geometer hätte, mit dem Auge den Umfang des Hotel meſſend und ſeinen Durchmeſſer berechnend, darüber erſtaunen können, daß ſich ſo wenig Wohnung in einen ſo ausgedehnten Raume finde. Dies kam davon her, daß in dem erſten ſcheinbaren Hauſe ein zweites verborgenes und nur demjenigen, welcher es bewohnte, bekanntes Haus beſtand. In der That, in dem Vorzimmer, neben einer Statue des Harpokrates, der, den Finger auf den Lippen, das Stillſchweigen zu em⸗ pfehlen ſchien, deſſen Emblem er iſt, ſpielte, in Bewegung geſetzt durch eine Feder, eine kleine in den Zierrathen der Architektur verborgene Thüre. Dieſe Thüre gewährte Zu⸗ gang zu einer Treppe, welche in einem Corridor angebracht war und die Breite dieſes Corridors hatte, der, ungefähr in der Höhe des andern erſten Stockes, zu einem kleinen Zimmer führte, das ſein Licht durch zwei auf einen inneren Hof gehende vergitterte Fenſter erhielt. Dieſer innere Hof war das Gehäuſe, welches das zweite Gebäude umſchloß und vor aller Augen verbarg. Das Zimmer, zu dem dieſe Treppe führte, war offenbar ein Männerzimmer. Die Bettvorlagen und die Teppiche vor den Fauteuils und Canapés beſtanden aus dem herrlichſten Pelzwerk, das Africa und Indien liefern. Es waren Häute von Löwen, Tigern und Panthern mit funkelnden Augen und noch drohenden Zähnen. Mit Cor⸗ duanleder von der reichſten, harmoniſchſten Zeichnung tapezirt, waren die Wände mit Waffen aller Art geſchmückt, von dem Tomahawk des Huronen bis zum Crid des Malaien, von dem Kreuzſchwerte der alten Ritter bis zum Kandſchar des Arabers, von der mit Elfenbein ineuſtirten Büchſe des ſechszehnten Jahrhunderts bis zur golddamas⸗ eirten Flinte des achtzehnten. Man hätte vergebens bei dieſem Zimmer einen andern — 175 Ausgang geſucht, als den der Treppe; vielleicht gab es einen oder mehrere, aber unbekannte, unſichtbare. Ein deutſcher Bedienter von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, der einzige, den man ſeit mehreren Tagen in die⸗ ſem weiten Gebäude hatte umherirren ſehen, verſchloß den Thorweg mit dem Riegel, öffnete den Kutſchenſchlag, wäh⸗ rend der Kutſcher bereits unempfindlich die Pferde aus⸗ ſpannte, zog die entſchlummerte Lorenza aus dem Wagen und trug ſie in ſeinen Armen bis in das Vorzimmer; hier legte er ſie auf einen mit einem rothen Teppich be⸗ deckten Tiſch, und zog über ihre Füße den langen Schleier, der die junge Frau umhüllte. Dann ging er hinaus, um an den Laternen des Wa⸗ gens die Lichter eines ſiebenarmigen Leuchters anzuzünden, den er ganz entflammt zurückbrachte. Doch während dieſes Zwiſchenraums, ſo kurz er auch geweſen, war Lorenza verſchwunden. Hinter dem Kammerdiener war in der That der Graf von Fönir eingetreten; er hatte Lorenza ebenfalls in ſeine Arme genommen und ſodann durch die verborgene Thüre und über die geheime Treppe in das Waffenzimmer ge⸗ tragen, nachdem er ſorgfältig die zwei Thüren hinter ſich verſchloſſen. 4 Sobald er hier war, drückte er mit der Fußſpitze auf eine Feder, welche an einer Ecke des Kamins mit hohem Mantel angebracht war. Scogleich drehte ſich eine Thüre, welche nichts Anderes war, als die Platte dieſes Kamins, auf zwei ſchweigſamen Angen, der Graf ging unter dem Simswerk durch und verſchloß wieder mit dem Fuße, wie er ſie geöffnet, die geheimnißvolle Thüre. Auf der andern Seite des Kamins fand er eine zweite Treppe, und nachdem er fünfzehn mit Utrechter Sammet überzogene Stufen hinaufgeſtiegen, erreichte er die Schwelle eines Zimmers, zierlich ausgeſchlagen mit Atlaß, worauf Blumen von ſo lebhaften Farben und von ſo gut gezeichneten Formen brochirt waren, daß man ſie hätte für natürliche Blumen halten können. Die mit ähn⸗ 176 lichen Stoffen überzogenen Meubles waren von vergoldetem Holz; zwei große Armoires von Schildplatt und mit Meſſing eingelegt, ein Clavier und ein Putztiſch von Roſen⸗ holz, ein ſchönes, manchfarbiges Bett, Porzellane von Sevres bildeten den unerläßlichen Theil des Geräthes; Stühle, Fauteuils und Sofas, ſymmetriſch in einem Raume von dreißig Fuß im Gevierte aufgeſtellt, ſchmückten den Reſt der Wohnung, welche im Uebrigen nur aus einem Ankleidecabinet und aus einem an das Zimmer ſtoßenden Boudoir beſtand. Zwei durch dicke Vorhänge verkleidete Fenſter gaben dem Zimmer Licht; da es aber zu dieſer Stunde Nacht war, ſo hatten die Vorhänge nichts zu verbergen. Das Bondoir und das Ankleidecabinet hatten keine Oeffnung. Lampen, welche ein wohlriechendes Oel ver⸗ zehrten, beleuchteten ſie bei Tag wie bei Nacht und wurden, ſich durch den Plafond erhebend, von unſichtbaren Händen unterhalten. In dieſem Zimmer kein Geräuſch, kein Hauch; man hätte glauben ſollen, es wäre hundert Meilen von der Welt entfernt. Nur glänzte das Gold von allen Seiten; ſchöne Gemälde lächelten an den Wänden, und lange böhmiſche Kryſtalle mit Facetten, welche in allen Farben des Regenbogens ſpielten, erleuchteten ſich wie glühende Augen, als der Graf, nachdem er Lorenza auf einen Sofa gelegt, unzufrieden mit dem zitternden Lichte des Boudoir, das Feuer aus dem ſilbernen Etui, das Gilbert ſo ſehr in Anſpruch genommen, ſpringen ließ, und auf dem Kamin zwei mit roſenfarbigen Kerzen beladene Candelaber anzündete. Dann kehrte er zu Lorenza zurück, ſetzte auf einen Haufen von Kiſſen, der vor ihr lag, ein Knie und ſprach: „Lorenza!“ Bei dieſem Ruf erhob ſich die junge Frau auf einen Ellenbogen, obgleich ihre Augen geſchloſſen blieben. Doch ſie antwortete nicht. 177 „Lorenza,“ wiederholte er,„ſchläfſt Du Deinen ge⸗ wöhnlichen Schlaf, oder den magnetiſchen?“ „Ich ſchlafe den magnetiſchen Schlaf,“ antwortete orenza. 38, wirſt Du mir antworten koͤnnen, wenn ich Dich frage?“. „Ich glaube, ja.“ „Gut.* Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein; dann fuhr der Graf von Fönir fort: „Schau' in das Zimmer von Madame Louiſe, das wir vor ungefähr drei Viertelſtunden verlaſſen haben.“ „Ich ſchaue,“ antwortete Lorenza. „Und ſiehſt Du darin?“ 47 „Ja. „Befindet ſich der Cardinal von Rohan noch daſelbſt?“ „Ich ſehe ihn nicht.“ „Was macht die Prinzeſſin?“ „Sie betet, ehe ſie ſich zu Bette legt.“ „Schau' in die Gänge und in die Höfe des Kloſters, ob Du Seine Eminenz ſiehſt.“ „Ich ſehe ſie nicht.“ „Schau' an die Pforte, ob ihr Wagen noch dort iſt.“ „Er iſt nicht mehr dort.“ „Folge der Straße, die wir verfolgt haben.“ „Ich folge ihr.“ „Siehſt Du Wagen auf der Straße?“ „Oh ja, mehrere.“ „Und erkennſt Du in dieſen Wagen den Cardinal?“ „Nein. „Nähere Dich Paris.“ „Ich nähere mich.“ „Noch mehr.“ „Ig. „Noch mehr.“ „Ah! ich ſehe ihn.“ „Wo dies?“ 8 Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 12 178 „An der Barrisre.“ „Hat er angehalten?“ „Er hält in dieſem Augenblick an. Ein Lackei ſteigt hinten vom Wagen herab.“ „Spricht er mit ihm?“ „Er iſt im Begriff, mit ihm zu ſprechen.“ „Horche, Lorenza. Es iſt wichtig, daß ich erfahre, was der Cardinal zu dieſem Menſchen ſagt.“ .„Du haſt mir nicht zu rechter Zeit zu horchen be⸗ fohlen. Doch warte, warte, der Kammerdiener ſpricht mit dem Kutſcher.“ „Was ſagt er zu ihm?“ „Rue Saint⸗Claude im Marais, über das Boulevard.“ „Ich danke, Lorenza, ich danke.“ Der Graf ſchrieb ein paar Worte auf ein Papier, faltete das Papier um ein Kupferblättchen, das ihm ohne Zweifel Gewicht geben ſollte, zog an einer Klingelſchnur, drückte an einen Knopf, unter welchem ſich ein Rachen öffnete, und ließ das Billet in die Oeffnung gleiten, die ſich wieder ſchloß, nachdem ſie es verſchlungen hatte. Auf dieſe Weiſe correſpondirte der Graf mit Fritz, wenn er in den innern Zimmern eingeſchloſſen war. Dann kehrte er zu Lorenza zurück und wiederholte: „Ich danke.“ „Du biſt alſo zufrieden mit mir?“ fragte die junge Frau. „Ja, theure Lorenza.“ „Nun, ſo gib mir meine Belohnung.“ Balfamo lächelte und näherte ſeine Lippen denen von Lorenza, welche bei dieſer Berührung am ganzen Leib bebte. „Oh! Joſeph! Joſeph!“ flüſterte ſie mit einem bei⸗ nahe ſchmerzhaften Seufzer,„Joſeph! wie liebe ich Dich!“ Und die junge Frau ſtreckte die Arme aus, um Bal⸗ ſamo an ihr Herz zu drücken. —— gt 179 LVI. Die doppelte Exiſtenz.— Der Schlaf. Balſamo wich raſch zurück, die zwei Arme von Lo⸗ renza faßten nur die Luſt und fielen kreuzweiſe wieder auf ihre Bruſt herab.“ „Lorenza,“ ſprach Balſamo,„willſt Du mit Deinem Freund plaudern?“ „Oh! ja,“ antwortete ſie;„doch ſprich ſelbſt häufig mit mir: ich liebe ſo ſehr Deine Stimme!“ „Lorenza, Du haſt mir oft geſagt, Du wäreſt ſehr glücklich, wenn Du, getrennt von der ganzen Welt, mit mir leben könnteſt.“ „Ja, das wäre ein Glück.“ „Nun, ich habe Deinen Wunſch verwirklicht, Lorenza. In dieſem Zimmer kann uns Niemand verfolgen, Niemand erreichen; wir ſind allein, ganz allein.“ „Ah! deſto beſſer.“ „Sage mir, ob dieſes Zimmer nach Deinem Ge⸗ ſchmack iſt?“ „Beſiehl mir zu ſehen.“ „Sieh!“ „Oh! das reizende Zimmer!“ 48 „Es gefällt Dir alſo?“ fragte der Graf mit wei⸗ chem Tone. 4 „Oh! ja; hier ſind meine Lieblingsblumen, meine Vanille⸗Heliotrope, meine Purpurroſen, meine chineſiſchen Jasmine. Ich danke, mein zärtlicher Joſeph, wie gut biſt Du!“ „Ich thue, was ich kann, um Dir zu gefallen, Lorenza.“ „Oh! Du thuſt hundertmal mehr, als ich verdiene.“ „Du gibſt das zu?“ „Ja.. „Du gibſt zu, daß Du ſehr böſe geweſen biſt?“ „Sehr boͤſe! oh ja. Doch nicht wahr, Du verzeihſt mir? 12* 180 „Ich werde Dir verzeihen, wenn Du mir das ſelt⸗ ſame Geheimniß erklärt haſt, gegen welches ich kämpfe, ſeitdem ich Dich kenne.“ „Höre, Balſamo. Es ſind in mir zwei ſehr verſchie⸗ dene Lorenza: eine, die Dich liebt und eine, die Dich haßt, wie es in mir zwei entgegengeſetzte Eriſtenzen gibt: die eine, während welcher ich alle Freuden des Paradieſes ge⸗ genieße, die andere, in der ich alle Qualen der Hoͤlle empfinde.“ „Und dieſe zwei Erxiſtenzen ſind die eine der Schlaf, die andere das Wachen, nicht wahr?“ 5 „Ja. „Und Du liebſt mich, wenn Du ſchläfſt, und haſſeſt mich, wenn Du wachſt?“ „Ja.“ „Warum dies?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du mußt es wiſſen.“ „Nein.“ Suche gut, ſchau' in Dich ſelbſt, durchforſche Dein ja.. Ich begreife nun.“ „Und wenn Lorenza ſchläft?“. „Oh! dann iſt es etwas Anderes; ſie iſt nicht mehr Römerin, ſie iſt nicht mehr abergläubiſch, ſie iſt Frau. Dann ſieht ſie in das Herz und in den Geiſt von Bal⸗ ſamo; ſie ſieht, daß dieſes Herz ſie liebt, ſie ſieht, daß dieſer Geiſt von erhabenen Dingen träumt. Dann begreift ſie, 181 wie wenig ſie im Vergleiche mit ihm iſt. Und ſie moͤchte gern bei ihm leben und ſterben, damit die Zukunft ganz leiſe den Namen von Lorenza ausſpräche, zu gleicher Zeit, wo ſie laut den Namen ausſprechen wird von.... Caglioſtro!“ „Unter dieſem Namen ſoll ich alſo berühmt werden?“ „Ja, ja, unter dieſem Namen.“ „Theure Lorenza! Du wirſt alſo dieſe neue Woh⸗ nung lieben?“ „Sie iſt reicher, als alle diejenigen, welche Du mir bis jetzt gegeben haſt; doch nicht deshalb liebe ich ſie.“ „Und warum liebſt Du ſie?“ „Weil Du ſie mit mir zu bewohnen verſprichſt.“ „Ah! wenn Du ſchläfſt, weißt Du alſo, daß ich Dich glühend, voll Leidenſchaft liebe?“ Die junge Frau zog ihre beiden Kniee an ſich, nahm ſie in ihre Arme und ſprach, während ein bleiches Lächeln ihre Lippen umſpielte: „Ja, ich ſehe es. Ja, ich ſehe es, und dennoch, dennoch,“ fügte ſie mit einem Seufzer bei,„dennoch gibt es ein Ding, das Du mehr liebſt als Lorenza.“ „Was iſt das?“ fragte Balſamo bebend. 4 „Deinen Traum.“ „Sage mein Werk.“ 5 „Deinen Ehrgeiz.“ „Sage meinen Ruhm.“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ Das Herz der jungen Frau preßte ſich zuſammen, ſtille Thränen floßen durch ihre geſchloſſenen Augenlider. „Was ſiehſt Du denn?“ fragte Balſamo, erſtaunt über die furchtbare Hellſichtigkeit, die ihn ſelbſt zuweilen erſchreckte. „Ohl ich ſehe eine Finſterniß, durch welche Geſpenſter hingleiten; einige von ihnen halten ihre gekrönten Häupter in der Hand, und Du, Du, Du biſt mitten unter Allem dem, wie ein General mitten im Gefecht. Es ſcheint mir, Du haſt die Macht Gottes, Du befiehlſt, und man gehorcht Dir.“ 182 „Nun!“ verſetzte Balſamo freudig,„macht Dich das nicht ſtolz auf mich?“ „Oh! Du biſt ſo gut, daß Du nicht groß zu ſein brauchſt. Ueberdies ſuche ich mich in dieſer ganzen Welt, die Dich umgibt, und ſehe mich nicht. Oh! ich werde nicht mehr ſein... ich werde nicht mehr ſein,“ murmelte ſie traurig. „Und wo wirſt Du ſein.“ „Ich werde todt ſein.“ Balſamo bebte. „Du todt, meine Lorenza!“ rief er;„nein, nein, wir werden mit einander leben, um uns zu lieben.“ „Du liebſt mich nicht.“ „Oh! doch.“ 3 „Wenigſtens nicht genug, nicht genug,“ rief ſie, während ſie mit ihren beiden Armen den Kopf von Joſeph ergriff;„nicht genug,“ fügte ſie bei und drückte auf ſeine Stirne glühende Lippen, welche ihre Liebkoſungen verdoppelten. „Was wirfſt Du mir vor?“ „Deine Kälte. Siehſt Du, Du weichſt zurück. Brenne ich Dich mit meinen Lippen, daß Du meine Küſſe fliehſt? Oh! gib mir die Ruhe des Mädchens, mein Kloſter in Subiaco, die Nächte meiner einſamen Zelle zurück. Gib mir die Küſſe zurück, die Du mir auf dem Flügel geheim⸗ nißvoller Lüfte ſandteſt, die ich in meinem Schlaf wie Sylphen mit goldenen Schwingen auf mich zukommen ſah, daß meine Seele in Entzücken hinſchmolz.“ „Lorenza! Lorenza!“ „Oh! fliehe mich nicht, Balſamo, fliehe mich nicht, ich bitte Dich inbrünſtig, gib mir Deine Hand, daß ich ſie drücke, Deine Augen, daß ich ſie küſſe; ich bin nun Dein Weib.“ „Ja, ja, meine theure Lorenza, Du biſt mein viel⸗ geliebtes Weib.“ „Und Du duldeſt, daß ich ſo bei Dir lebe, unniütz, verlaſſen; Du haſt eine keuſche, einſame Blume, deren Wohlgeruch Dich ruft, und Du ſtößt ihren Wohlgeruch zurück! Oh! ich fühle es wohl, ich bin nichts für Dich.“ 183 „Du biſt im Gegentheil Alles, meine Lorenza, denn Du biſt es, die meine Kraft, meine Macht, mein Genie bildet, denn ohne Dich vermöchte ich nichts. Höre alſo auf, mich mit dem wahnſinnigen Fieber zu lieben, das die Nächte der Frauen Deines Landes ſtört. Liebe mich, wie ich Dich liebe.“ „Oh! das iſt nicht Liebe, was Du für mich fühlſt.“ „Es iſt wenigſtens Alles, was ich von Dir verlange; denn Du gibſt mir Alles, was ich zu haben wünſche; denn dieſer Beſitz der Seele genügt mir, um glücklich zu ſein.“ „Glücklich!“ verſetzte Lorenza mit einer Miene der Verachtung;„Du nennſt das glücklich ſein?“ „Ja, denn für mich heißt glücklich ſein, groß ſein.“ Lorenza ſtieß einen langen Seufzer aus. „Oh! wenn Du wüßteſt, was es iſt, meine ſüße Lorenza, offen in dem Herzen der Menſchen zu leſen, um ſie durch ihre eigenen Leidenſchaften zu beherrſchen!“ „Ja, hiezu diene ich Dir, ich weiß es wohl.“ „Das iſt noch nicht Alles. Deine Augen leſen für mich in dem geſchloſſenen Buche der Zukunft. Was ich mit zwanzig Jahren der Arbeit und des Elends nicht ler⸗ nen konnte, das lehrſt Du mich, wann Du willſt, meine ſüße, unſchuldige, reine Taube. Meine Schritte, an welche ſo viele Feinde Hinterhalte legen, Du erleuchteſt ſie; mei⸗ nen Geiſt, von welchem mein Leben, mein Vermögen, meine Freiheit abhängen, Du erweiterſt ihn, wie das Auge des Luchſes, das in der Nacht ſieht. Deine ſchönen Augen, indem ſie ſich für den Tag dieſer Welt ſchließen, öffnen ſich zu einer übermenſchlichen Klarheit und wachen für mich. Du machſt mich frei, Du machſt mich reich, Du machſt mich mächtig.“ „Und dafür machſt Du mich unglücklich,“ rief Lorenza, von der tiefſten Liebe glühend. Und gieriger als je, umſchlang ſie mit ihren beiden Armen Balſamo, der, ganz geſchwängert von der elektri⸗ ſchen Flamme, nur noch ſchwach widerſtand. Er machte indeſſen eine Anſtrengung und löſte das lebendige Band, das ihn umgab. 184 worenza! Lorenza!“ rief er,„habe Mitleid!“ „Ich bin Deine Frau,“ rief ſie,„und nicht Deine Tochter! Liebe mich wie ein Gatte ſeine Frau liebt, und nicht wie mein Vater mich liebte.“ „Lorenza,“ ſprach Balſamo, ſelbſt vor Verlangen bebend,„ich flehe Dich an, fordere von nifr keine andere Liebe, als die, welche ich Dir geben kann.“ „Aber das iſt nicht Liebe,“ rief die junge Frau, ver⸗ zweiflungsvoll ihre Arme zum Himmel erhebend, nnein, das iſt nicht Liebel“ „Oh! doch iſt es Liebe... aber heilige, reine Liebe, wie man ſie einer Jungfrau ſchuldig iſt.“ Lorenza machte eine ungeſtüme Bewegung, welche die langen Flechten ihrer ſchwarzen Haare entrollte. Ihr Arm, ſo weiß und zugleich ſo nervig, ſtreckte ſich beinahe drohend gegen den Grafen aus. „Ohl was bedeutet denn das?“ ſprach ſie mit kurzem, troſtloſem Tone.„Und warum haſt Du gemacht, daß ich mein Vaterland, meinen Namen, meine Familie, Alles bis auf meinen Gott verließ? Denn Dein Gott gleicht dem meinigen nicht. Warum haſt Du mich in Deine Nähe gezogen? Warum haſt Du Dir die unumſchränkte Herr⸗ ſchaft über mich genommen, welche aus mir Deine Skla⸗ vin, aus meinem Leben Dein Leben, aus meinem Blute Dein But macht? Hörſt Du wohl? Warum haſt Du Alles dies gethan, um mich hernach die Jungfrau Lorenza zu nennen 21 Balſamo ſeufzte ebenfalls, niedergebeugt unter dem wrermneßlichen Schmerz dieſer Frau mit dem gebrochenen erzen. 3elch 1“ ſagte er,„es iſt Dein Fehler, oder vielmehr der Fehler Gottes; warum hat Gott aus Dir den Engel mit dem untrüglichen Blicke gemacht, mit deſſen Hülfe ich das Weltall unterwerfen werde? Warum ließeſt Du in allen Herzen durch ihre materielle Hülle, wie man ein Blatt hinter einem Glaſe lieſt? Weil Du der Engel der Rein⸗ heit biſt, Lorenza! weil Du der fleckenloſe Demant biſt, *— 185 weil nichts Schatten in Deinem Geiſte macht, weil Gott, da er dieſe Geſtalt ſo unbefleckt, ſo rein, ſo ſtrahlend wie die ſeiner heiligen Mutter erblickt, die Gnade hat, wenn ich ihn im Namen der Elemente, die er geſchaffen, anrufe, ſeinen heiligen Geiſt darein zu verſenken, der gewöhnlich über den gemeinen, verunreinigten Weſen ſchwebt, weil er in ihnen keinen Platz ohne Beſchmutzung findet, auf welchem er ruhen könnte. Als Jungfrau biſt Du ſehend, meine Lorenza; als Frau wäreſt Du nur noch Materie.“ „Und Du liebſt meine Liebe nicht mehr?“ rief Lo⸗ renza und ſchlug voll Wuth ihre Hände aneinander, welche ſich purpurroth färbten,„und Du liebſt meine Liebe nicht mehr, als alle die Träume, die Du verfolgſt, als alle die Chimären, die Du geſchaffen haſt? Und Du verdammſt mich zur Keuſchheit der Nonne mit den Verſuchungen der unvermeidlichen Gluth Deiner Gegenwart? Ah! Joſeph, Joſeph, Du begehſt ein Verbrechen, das ſage ich Dir.“ „Sprich nicht ruchlos, meine Lorenza,“ rief Balſamo; „denn ich leide wie Du. Sieh, ſieh, lies in meinem Her⸗ zen, ich will es, und ſage mir dann noch einmal, ich liebe Dich nicht.“ „Aber warum widerſtehſt Du dann Dir ſelbſt?“ „Weil ich Dich mit mir auf den Thron der Welt er⸗ heben will.“ „Oh! Dein Ehrgeiz, Balſamo,“ murmelte die junge Frau,„Dein Ehrgeiz wird er Dir je geben, was Dir meine Liebe gibt?“ Wie ſie von heißer Liebe ergriffen, ließ Balſamo ſein Haupt auf die Bruſt von Lorenza fallen. „Oh! ja, ja,“ rief ſie,„ja, ich ſehe endlich, daß Du mich mehr liebſt, als Deinen Ehrgeiz, mehr als die Macht, mehr als Deine Hoffnung. Oh! Du liebſt mich endlich, wie ich Dich liebe!“ Balſamo verſuchte die berauſchende Wolke, welche ſeinen Geiſt zu überfluthen anfing, von ſich zu ſchütteln. Aber ſeine Anſtrengung war vergeblich. „Oh! da Du mich ſo ſehr liebſt, ſchone mich,“ ſagte er. 186 Lorenza hörte nicht mehr; ſie hatte aus ihren beiden Ar⸗ men eine von jenen unſprengbaren Ketten gemacht, welche feſter halten als ſtählerne Klammern, härter ſind als der Demant. „Ich liebe Dich, wie Du nur immer wollen magſt,“ ſprach ſie,„als Schweſter oder als Weib, als Jungfrau oder als Gattin, aber einen Kuß, einen einzigen.“ Balſamo war unterjocht; beſiegt, gelähmt durch ſo viel Liebe, ohne Kraft, um länger zu widerſtehen, die Au⸗ gen glühend, die Bruſt keuchend, den Kopf zurückgeworfen näherte er ſich Lorenza, unüberwindlich angezogen, wie das Eiſen vom Magnet. Seine Lippen waren im Begriff die Lippen der jun⸗ gen Frau zu berühren. Plötzlich kehrte die Vernunft bei ihm zurück. Seine Hände peitſchten die mit berauſchenden Dün⸗ ſten beladene Luft. 4 „Lorenza!“ rief er,„erwache, ich will es.“ Die Kette, die er nicht hatte brechen können, wich ſo⸗ gleich, die Arme, die ihn umſchlungen hielten, löſten ſich, das glühende Lächeln, das die vertrockneten Lippen von Lorenza halb oͤfſnete, verſchwand hinſterbend wie ein Reſt des Lebens beim letzten Seufzer; ihre geſchloſſenen Augen öffneten ſich, ihre erweiterten Augenſterne zogen ſich zu⸗ ſammen; ſie ſchüttelte mühſam die Arme, machte eine große Bewegung der Müdigkeit und fiel ausgeſtreckt, aber er⸗ wacht auf den Sofa. Balſamo ſtieß, drei Schritte von ihr ſitzend, einen tiefen Seufzer aus. „Fahre wohl Traum! fahre wohl Glück!“ ſprach er leiſe. LVII. Die doppelte Exiſtenz.— Das Wachen. Sobald der Blick von Lorenza wieder ſeine Macht erlangt hatte, ſchaute ſie raſch umher. —— 2 187. Nachdem ſie jeden Gegenſtand betrachtet, ohne daß eine von den tauſend Nichtigkeiten, welche die Freude der Frauen bilden, den Ernſt ihres Geſichtes zu entrunzeln ſchien, heftete ſie ihre Augen mit einem ſchmerzlichen Beben auf Balſamo. Balſamo ſaß aufmerkſam einige Schritte von ihr. „Abermals Sie?“ ſagte ſie zurückweichend. Und alle Zeichen des Schreckens traten auf ihrem Antlitz hervor; ihre Lippen erbleichten, der Schweiß perlte an der Wurzel ihrer Haare. Balſamo antwortete nicht. „Wo bin ich?“ fragte ſie. „Sie wiſſen, woher Sie kommen, Madame, und das muß Sie natürlich dahin führen, daß Sie errathen, wo Sie ſind,“ erwiederte Balſamo. „Ja, Sie haben Recht, meine Erinnerungen zurück⸗ zurufen, ich entſinne mich in der That. Ich weiß, daß ich von Ihnen verfolgt worden bin, verfolgt durch Sie, entriſſen durch Sie den Armen der königlichen Vermittle⸗ rin, die ich zwiſchen Gott und mir gewählt hatte.“ „Dann wiſſen Sie auch, daß dieſe Prinzeſſin, ſo mächtig ſie ſein mag, Sie nicht zu beſchützen vermochte.“ „Ja, Sie haben ſie beſiegt durch irgend eine magiſche Gewaltthat,“ rief Lorenza, die Hände faltend;„o mein Gott! mein Gott! befreie mich von dieſem Dämon.“ „Wo ſehen Sie einen Dämon in mir, Madame?“ verſetzte Balſamo die Achſeln zuckend;„einmal für alle⸗ mal, ich bitte Sie, laſſen Sie dieſes Gepäcke kindiſcher Schwärmerei, das Sie von Rom nittgebracht, dieſen gan⸗ zen Plunder thörichten Aberglaubens, den Sie, ſeitdem Sie das Kloſter verlaſſen, nach ſich ſchleppen.“ „Oh! mein Kloſter! wer wird mir mein Kloſter zu⸗ rückgeben?“ rief Lorenza in Thränen zerfließend. „In der That, es iſt ein beklagenswerthes Ding um ein Kloſter!“ ſagte Balſamo. Lorenza ſtürzte nach einem der Fenſter; ſie öffnete die Vorhänge, hob ſodann den Riegel auf, und ihre aus⸗ 188 ggeſtreckte Hand ſtieß an eine von den dicken Stangen, welche mit einem eiſernen Gitterwerk bedeckt und unter Blumen verborgen waren, durch die ſie viel von ihrer Be⸗ deutung verloren, ohne daß ihnen dadurch etwas von ihrer Wirkſamkeit benommen war. „Gefängniß für Gefängniß,“ ſprach ſie,„ich liebe mehr das, welches zum Himmel leitet, als das, welches in die Hölle führt.“ Und ſie drückte wüthend ihre zarten Fäuſte auf die Stangen. „Wenn Sie vernünftiger wären, Lorenza, würden Sie vor Ihrem Fenſter nur Blumen ohne Gitter finden.“ „War ich nicht vernünftig, als Sie mich in das an⸗ dere rollende Gefängniß mit dem Vampyr einſchloßen, den Sie Althotas nennen? Und dennoch verloren Sie mich nicht aus dem Blick, dennoch war ich Ihre Gefan⸗ gene, dennoch, wenn Sie von mir gingen, blieſen Sie in mich den Geiſt, der mich beſitzt und den ich nicht zu be⸗ kämpfen vermag? Wo iſt er, der furchtbare Greis, der mich vor Schrecken ſterben macht? Dort in jenem Win⸗ kel, nicht wahr? Wir wollen Beide ſchweigen und wer⸗ den ſogleich ſeine Geiſterſtimme aus der Erde hervorkom⸗ men hoͤren!“. „Sie ſetzen Ihre Einbildungskraft in Verwirrung wie ein Kind,“ ſprach Balſamo.„Althotas, mein Lehrer, mein Freund, mein zweiter Vater, iſt ein harmloſer Greis, der Sie nie geſehen, ſich Ihnen nie genähert, oder wenn er ſich Ihnen genähert, wenn er Sie geſehen, in der Ver⸗ folgung ſeines Werkes begriffen, Ihnen keine Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt hat.“ „Seines Werkes,“ murmelte Lorenza,„und was iſt denn ſein Werk, ſprechen Sie?“ „Er ſucht das Lebenselixir, was alle erhabene Gei⸗ ſter ſeit ſechs tauſend Jahren geſucht haben.“ „Und was ſuchen Sie?“ „Ich? die menſchliche Vollkommenheit.“ „Ohl die Dämonen! die Dämonen!“ ſprach Lorenza, die Hände zum Himmel erhebend. „Gut,“ ſagte Balſamo aufſtehend,„Ihr Anfall faßt Sie wieder.“ „Mein Anfall?“ „Ja, Ihr Anfall; es gibt Eines, was Sie nicht wiſ⸗ ſen, Lorenza: Ihr Leben iſt in zwei gleiche Perioden ge⸗ theilt; während der einen ſind Sie ſanft, gut, vernünftig, während der andern ſind Sie wahnſinnig.“ „Und unter dem leeren Vorwande des Wahnſinns ſchließen Sie mich ein?“ „Ach! es muß ſein.“ „Oh! ſeien Sie grauſam, barbariſch, ohne Mitleid; ſperren Sie mich ein, tödten Sie mich, aber ſeien Sie kein Heuchler und geben Sie ſich nicht das Anſehen, als. be⸗ klagten Sie mich, während Sie mir das Innerſte zerreißen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte Balſamo, ohne ſich zu ärgern und ſogar mit einem wohlwollenden Lächeln,„iſt es eine Qual, ein zierliches, bequemes Zimmer zu bewohnen?“ „Gitter, Gitter auf allen Seiten, eiſerne Stangen und keine Luft!“ „Dieſe Gitter ſind im Intereſſe Ihres Lebens da, hören Sie, Lorenza?“ „Oh! er läßt mich am kleinen Feuer ſterben und ſagt, er denke an mein Leben, er nehme Antheil an mei⸗ nem Leben!“ Balſamo näherte ſich der jungen Frau und wollte mit einer freundſchaftlichen Geberde ihre Hand ergreifen; doch ſie wich zurück, als ob ſie eine Schlange geſtreift hätte, und rief: „Ohl berühren Sie mich nicht.“ „Sie haſſen mich alſo, Lorenza?“ „Fragen Sie den armen Sünder, ob er ſeinen Hen⸗ ker haſſe.“ „Lorenza, Lorenza, weil ich das nicht werden will, nehme ich Ihnen ein wenig von Ihrer Freiheit. Wenn Sie nach Ihrem Willen ab⸗ und zugehen könnten, wer weiß, was Sie in einem von den Augenblicken Ihres Wahnſinns machen würden?“ „Was ich machen würde? Oh! möchte ich einen Tag frei ſein, und Sie werden es ſehen.“ „Lorenza, Sie behandeln den Gatten ſchlecht, den Sie vor Gott gewählt.“ „Ich habe Sie gewählt? Niemals!“ „Sie ſind doch meine Frau.“. „Ohl das iſt gerade das Werk des Dämons.“ „Arme Wahnſinnige!“ ſagte Balſamo mit einem zärtlichen Blicke. „Doch ich bin Römerin,“ murmelte Lorenza,„und eines Tags, eines Tags werde ich mich rächen. 4 Balſamo ſchüttelte ſanft den Kopf und fragte lächelnd: „Nicht wahr, Sie ſagen das, um mich zu erſchrecken, Lorenza?“ Nein, nein, ich werde thun, was ich ſage. „Chriſtliche Frau, was ſprechen Sie da!“ rief Bal⸗ ſamo mit einer überraſchenden Erhabenheit.„Ihre Reli⸗ gion, welche das Böſe mit dem Guten vergelten heißt, iſt alſo nur Heuchelei, da Sie dieſe Religion zu befolgen be⸗ haupten und Gutes mit Böſem vergelten.“ Lorenza ſchien einen Augenblick von dieſen Worten betroffen. „Oh!“ ſprach ſie,„der Geſellſchaft ihre Feinde an⸗ zeigen iſt keine Rache, ſondern eine Pflicht.“ 1 „Wenn Sie mich als einen Nekromanten, als einen Zauberer anzeigen, ſo iſt es nicht die Geſellſchaft, die ich beleidige, es iſt Gott, dem ich trotze. Warum, wenn ich Gott trotze, gibt ſich Gott, der nur ein Zeichen zu machen braucht, um mich niederzuſchmettern, nicht die Mühe, mich zu beſtrafen, und überläßt dieſe Sorge den Menſchen, welche ſchwach ſind wie ich, dem Irrthum unterworfen wie ich?“ „Er vergißt, er duldet, er wartet, daß Sie ſich beſ⸗ ſern,“ murmelte die junge Frau. 191 „Und mittlerweile heißt er Sie Ihren Freund, Ihren Wohlthäter, Ihren Gatten verrathen.“ „Meinen Gatten! oh! Gott ſei Dank! nie hat mich Ihre Hand berührt, ohne mich erröthen, beben zu machen.“ „Und, Sie wiſſen es, ich habe ſtets edelmüthig Ih⸗ nen dieſe Berührung zu erſparen geſucht.“ „Es iſt wahr, Sie ſind keuſch, und dies iſt die ein⸗ zige Belohnung, welche meinem lUinglück zu Theil gewor⸗ den. Oh! wenn ich Ihre Liebe hätte erdulden müſſen!“ „O Geheimniß! undurchdringliches Geheimniß!“ mur⸗ melte Balſamo, welcher mehr ſeinen Gedanken zu verfolgen, als den von Lorenza zu beantworten ſchien. „Endigen wir,“ ſagte Lorenza;„warum nehmen Sie mir meine Freiheit?“ „Warum, nachdem Sie mir dieſelbe freiwillig ge⸗ ſchenkt, wollen Sie mir ſie wieder entziehen? Warum fliehen Sie denjenigen, welcher Sie beſchützt? Warum verlangen Sie Beiſtand von einer Fremden gegen den, welcher Sie liebt? Warum drohen Sie unablaͤſſig dem, welcher Sie nie bedroht, Geheimniſſe zu enthüllen, die nicht die Ihrigen ſind, und deren Gewicht Sie nicht kennen?“ „Oh!“ ſagte Lorenza, ohne dieſe Frage zu beant⸗ worten,„der Gefangene, der entſchieden frei werden will, wird es immer, und Ihre eiſernen Stangen werden mich ebenſo wenig zurückhalten, als es Ihr wandernder Käfig geithan hat.“ „Sie ſind zum Glück für Sie feſt,“ verſetzte Balſamo mit einer drohenden Ruhe.“ „Gott wird mir einen Sturm wie den von Lothrin⸗ gen, er wird mir einen Blitz ſchicken, der ſie bricht.“ „Glauben Sie mir, beten Sie zu Gott, daß er nichts dergleichen thut; glauben Sie mir, mißtrauen Sie dieſen romanhaften Eraltationen, Lorenza; hören Sie mich wohl, ich ſpreche mit Ihnen als Freund.“. Es lag ſo viel gedrängter Zorn in der Stimme von Balſamo, ſo viel düſteres Feuer brütete in ſeinen Augen, ſeine weiße, muskelige Hand zog ſich auf eine ſo ſeltſame 192 Weiſe bei jedem von ſeinen Worten zuſammen, die er langſam und beinahe feierlich ſprach, daß Lorenza im höch⸗ ſten Maaß erſchüttert unwillkührlich hörte. „Sehen Sie, mein Kind,“ fuhr Balſamo fort, ohne daß ſeine Stimme etwas von ihrer bedrohlichen Gelaſſen⸗ heit verloren hatte,„ich habe dieſes Gefängniß für eine Koͤnigin bewohnbar zu machen geſucht; wären Sie eine Königin, es würde Ihnen nichts fehlen. Beſänftigen Sie alſo dieſe tolle Exraltation. Leben Sie hier wie Sie in Ihrem Kloſter gelebt hätten. Gewoͤhnen Sie ſich an meine Gegenwart; lieben Sie mich wie einen Freund, wie einen Bruder. Ich habe großen Kummer, ich werde Ih⸗ nen denſelben anvertrauen; furchtbare Täuſchungen ſuchen mich heim, zuweilen wird ein Lächeln von Ihnen mich tröſten. Je mehr ich Sie gut, aufmerkſam, geduldig ſehe, deſto dünner werde ich die Gitterſtangen Ihrer Zelle ma⸗ chen; wer weiß? in einem Jahr, in ſechs Monaten viel⸗ leicht ſind Sie ſo frei als ich, inſofern Sie mir Ihre Freiheit nicht mehr ſtehlen wollen.“ „Nein, nein,“ rief Lorenza, welche nicht begreifen konnte, wie ſich eine ſo furchtbare Entſchloſſenheit mit einem ſo ſanften Tone verbinden ſollte,„nein, keine Verſprechun⸗ gen, keine Lügen mehr. Sie haben mich entführt, mit Gewalt entführt; ich gehöre mir und nur mir allein; geben Sie mich wenigſtens Gott zurück, wenn Sie mich nicht mir ſelbſt zurückgeben wollen. Bis jetzt habe ich Ihre Zwangsherrſchaft ertragen, weil ich mich erinnere, daß Sie mich Räubern entriſſen, welche mich zu ent⸗ ehren im Begriffe waren; doch ſchon ſchwächt ſich meine Dankbarkeit. Noch einige Tage dieſes Gefängniſſes, das mich empört, und ich werde nicht mehr Ihre Verpflichtete ſein, und ſpäter, ſpäter, nehmen Sie ſich in Acht, ich komme vielleicht dahin, daß ich glaube, Sie ſeien zu dieſen Räubern in einer geheimnißvollen Beziehung geſtanden.“ „Werden Sie mir die Ehre erweiſen, in mir einen Banditenanführer zu ſehen?“ fragte Balſamo ironiſch. 2 — 8n—-——— * 193— „Ich weiß nicht, aber ich habe wenigſtens Zeichen, Worte wahrgenommen.“ „Sie haben Zeichen, Worte wahrgenommen?“ rief Balſamo erbleichend. „Ja, ja, ich habe ſie wahrgenommen, ich weiß ſie, ich kenne ſie.“ ⸗ „Doch Sie werden ſie nie ſagen; Sie werden ſie keiner lebenden Seele wiederholen; Sie werden ſie in der tiefſten Tiefe Ihrer Erinnerung verſchließen, damit ſie er⸗ ſtickt darin ſterben.“ „Oh! ganz im Gexgentheil!“ rief Lorenza, glücklich, wie man es im Zorn iſt, endlich die verwundbare Stelle ihres Gegners zu finden.„Ich werde ſie ängſtlich in meinem Gedächtniſſe aufbewahren, dieſe Worte, ich werde ſie leiſe wiederholen, ſo oft ich allein bin, und laut bei der erſten Gelegenheit; ich habe ſie bereits geſagt.“ „Wem?“ fragte Balſamo. „Der Prinzeſſin.“ „Nun! Lorenza, hören Sie wohl,“ ſprach Balſamo, indem er ſeine Finger in ſein Fleiſch drückte, um die Gäh⸗ rung zu loͤſchen und ſein empörtes Blut zurückzudrängen, „wenn Sie dieſelben geſagt haben, ſo werden Sie es doch nicht mehr thun; Sie werden ſie nicht mehr wiederholen, weil ich die Thüren verſchloſſen halten, weil ich die Spitzen dieſer eiſernen Stangen ſchärfen, weil ich, wenn es ſein muß, die Mauern dieſes Hauſes erhöhen werde, bis ſie ſo hoch ſind, wie die von Babel.“ 8 „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Balſamo,“ rief Lorenza,„man kommt aus jedem Gefängniß, beſonders wenn die Liebe für die Freiheit ſich durch den Haß gegen den Tyrannen verſtärkt.“. „Vortrefflich, gehen Sie alſo von hier weg, Lorenza, doch hören Sie wohl, Sie haben nur zweimal von hier wegzugehen: bei dem erſten Male züchtige ich Sie ſo grauſam, daß Sie alle Thränen Ihres Leibes vergießen werden, bei dem zweiten Male ſchlage ich Sie ſo unbarm⸗ herzig, daß Sie alles Blut Ihrer Adern vergießen,“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 13 „heulte die junge Frau, zum letzten Parorismus des Zor⸗ 194 „Mein Gott! mein Gott! er wird mich ermorden,“ nes gelangt, während ſie ſich die Haare ausraufte und auf dem Boden wälzte. Balſamo betrachtete ſie einen Augenblick mit einer Miſchung von Zorn und Mitleid. Endlich ſchien das Mitleid den Sieg über den Zorn davonzutragen. „Hören Sie, Lorenza,“ ſprach er,„kommen Sie zu ſich; ſeien Sie ruhig, es wird ein Tag erſcheinen, wo Sie reichlich für das belohnt werden, was Sie gelitten haben, oder gelitten zu haben glauben.“— „Eingeſperrt! eingeſperrt!“ rief Lorenza, ohne auf Balſamo zu hoͤren.. „Geduld!“ „Geſchlagen!“ „Das iſt eine Zeit der Prüfung.“ „Wahnſinnig! wahnſinnig!“ „Sie werden wiedergeneſen.“ Oh! werfen Sie mich ſogleich in ein Irrenhaus! Sper⸗ ren Sie mich auf der Stelle in einen wahren Kerker ein!“ „Nein! Sie haben mich zu gut von dem unterrichtet, was Sie gegen mich thun werden.“ „Alſo den Tod!“ ſchrie Lorenza,„auf der Stelle den Tod!“ Und ſie erhob ſich mit der Geſchmeidigkeit und der Schnelligkeit eines wilden Thieres, und ſtürzte gegen die Wand, um ſich den Schädel daran zu zerſchellen. Doch Balſamo hatte nur die Hand gegen ſie auszu⸗ ſtrecken und aus der Tiefe ſeines Willens mehr noch, als mit den Lippen ein einziges Wort auszuſprechen, um ſie auf dem Wege aufzuhalten: Lorenza blieb plötzlich ſtehen, wankte und fiel entſchlummert in die Arme von Balſamo. Der ſeltſame Zauberer, der ſich die ganze materielle Seite dieſer Frau unterworfen zu haben ſchien, aber ver⸗ gebens gegen die moraliſche Seite kämpfte, hob ſie in ſeine Arme empor und trug ſie auf ihr Bett; dann drückte 195 er auf ihre Lippen einen langen Kuß, zog die Vorhange ihres Bettes ſowie die der Fenſter zu, und ging hinaus. Lorenza aber umhüllte ein ſanfter, wohlwollender Schlaf, wie der Mantel einer guten Mutter das eigenſin⸗ nige Kind umhüllt, das viel gelitten, viel geweint hat. LVIII. Der Beſuch. Lorenza hatte ſich nicht getäuſcht. Ein Wagen, nach⸗ dem er durch die Barriére Saint⸗Denis hereingefahren, nachdem er in ſeiner ganzen Länge den Faubourg deſſelben Namens verfolgt, hatte ſich zwiſchen dem Thore und der Ecke des letzten Hauſes gedreht, und fuhr das Boulevard entlang. Dieſer Wagen enthielt, wie es die Seherin geſagt hatte, Herrn Louis von Rohan, Biſchof von Straßburg, den ſeine Ungeduld antrieb, den Zauberer vor der feſtge⸗ ſtellten Zeit in ſeiner Höhle aufzuſuchen. Der Kutſcher, durch viele galante Abenteuer des ſchönen Prälaten gegen die Dunkelheit, die Aushohlungen der Wege und die Ge⸗ fahren gewiſſer geheimnißvoller Straßen feſtgemacht, wurde nicht im Geringſten verdrießlich, als er, nachdem er den noch bevölkerten Boulevards Saint⸗Denis und Saint⸗ Martin gefolgt war, nach dem verlaſſenen, düſteren Bou⸗ levard de la Baſtille fahren mußte. Der Wagen hielt an der Ecke der Rue Saint⸗Claude auf demſelben Boulevard an und verbarg ſich, gemäß dem Befehle des Herrn, unter den Bäumen, in einer Entfer⸗ nung von zwanzig Schritten. Herr von Nohan, der zuvor eine bürgerliche Kleidung angezogen hatte, ſchlüpfte in die Gaſſe und klopfte drei⸗ mal an die Thüre des Hotel, das er leicht durch die Be⸗ ſchreibung erkannte, die ihm der Graf von Fönix davon gemacht hatte. 13* 196 3 Die Schritte von Fritz erſchollen im Hofe; die Thüre öffnete ſich. „Wohnt hier nicht der Herr Graf von Foͤnixr?“ fragte der Prinz. „Ja, Monſeigneur,“ antwortete Fritz. „Iſt er zu Hauſe?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Gut, melden Sie mich.“ „Seine Eminenz der Cardinal von Rohan, nicht wahr, Monſeigneur?“ Der Prinz war ganz verblüfft. Er ſchaute ſich an, er ſchaute umher, ob etwas in ſeiner Kleidung oder in ſeiner Umgebung ſeinen Stand verrathen haben könnte. Er war allein und als Laie gekleidet. „Woher wiſſen Sie meinen Namen?“ fragte er. „Mein Herr hat mir ſo eben geſagt, er erwarte Seine Eminenz.“ „Ja, doch morgen, übermorgen?“ „Nein, Monſeigneur, dieſen Abend.“ „Ihr Herr hat Ihnen geſagt, er erwarte mich dieſen Abend?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Gut, ſo melden Sie mich,“ ſprach der Cardinal und drückte Fritz einen doppelten Louis d'or in die Hand. „Eure Eminenz wolle die Gnade haben, mir zu fol⸗ gen,“ ſagte Fritz. Der Cardinal machte mit dem Kopf ein Zeichen der Einwilligung. 4 Fritz ging mit eiligen Schritten nach der Thüre des Vorzimmers, das ein großer Candelaber von vergoldetem Bronze mit ſeinen zwoͤlf Kerzen erleuchtete. Der Cardinal folgte ganz erſtaunt, ganz träumeriſch. „Mein Freund,“ ſagte er, indem er an der Thüre des Salon ſtehen blieb,„es iſt ohne Zweifel ein Mißver⸗ ſtändniß, und ich möchte in dieſem Fall den Herrn Grafen nicht gern beläſtigen; ich kann unmoͤglich von ihm erwar⸗ tet werden, da er nicht weiß, daß ich kommen ſollte.“ en 197 „Monſeigneur iſt wohl der Cardinal Prinz von Ro⸗ han, Biſchof von Straßburg?“ fragte Fritz. „Ja, mein Freund.“ „Dann iſt es Monſeigneur, den der Herr Graf erwartet.“ Und Fritz zündete nach und nach die Kerzen der zwei andern Candelaber an, verbeugte ſich und ging hinaus. Es verliefen fünf Minuten, während welcher der Car⸗ dinal, einer ſeltſamen Aufregung preisgegeben, das äußerſt elegante Geräthe dieſes Salon und die acht Meiſterge⸗ mälde betrachtete, welche an den Wänden hingen. Die Thüre öffnete ſich und der Graf von Fönir er⸗ ſchien auf der Schwelle. „Guten Abend, Monſeigneur,“ ſprach er einfach. „Man hat mir geſagt, Sie erwarteten mich,“ rief der Cardinal, ohne dieſen Gruß zu erwiedern,„Sie er⸗ warteten mich dieſen Abend? das iſt unmöglich.“ „Ich bitte Monſeigneur um Vergebung, doch ich er⸗ wartete Sie,“ antwortete der Graf.„Vielleicht bezweifelt Monſeigneur meine Worte, da er den unwürdigen Empfang ſieht, den ich ihm bereite? Doch erſt ſeit einigen Tagen in Paris angekommen, bin ich kaum einquartiert. Seine Eminenz wolle mich daher entſchuldigen!“ „Sie erwarteten mich! Und wer hat Sie von meinem Beſuch benachrichtigt?“ „Sie ſelbſt, Monſeigneur.“ „Wie dies?“ „Haben Sie nicht Ihren Wagen an der Barritre Saint⸗Denis anhalten laſſen?“ „Ja.“ „Haben Sie nicht Ihrem Bedienten gerufen, der mit Seiner Eminenz am Schlage der Carroſſe ſprach?“ „Ia. „Haben Sie nicht zu ihm geſagt:„„Rue Saint⸗Claude, im Marais, durch den Faubourg Saint⸗Denis und über das Boulevard,““ welche Worte er dem Kutſcher wiederholte?“ „Ja. Sie haben mich alſo geſehen? Sie haben mich alſo gehört?“ 198 „Ich habe Sie geſehen, ich habe Sie gehört.“ „Sie waren alſo dort?“ „Nein, Monſeigneur, ich war nicht dort.“ „Wo waren Sie denn?“ „Ich war hier.“ „Sie haben mich von hieraus geſehen, gehört?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Gehen Sie doch!“ „Monſeigneur vergißt, daß ich ein Zauberer bin.“ „Ah! das iſt wahr, ich vergaß es. Herr... wie ſoll ich Sie nennen? Herr Baron Balſamo, oder Herr Graf von Fönir?“ „In meinem Hauſe, Monſeigneur, habe ich keinen Namen: ich nenne mich Meiſter.“ „Ja, das iſt der hermetiſche Titel. Sie erwarteten mich alſo, Meiſter?“ 4 „Ich erwartete Sie.“ „Und Sie haben Ihr Laboratorium geheizt?“ „Mein Laboratorium iſt beſtändig geheizt, Mon⸗ ſeigneur.“ „Und Sie erlauben mir, in daſelbe einzutreten?“ 1 „Ich werde die Ehre haben, Eure Eminenz zu führen.“ „Ich folge Ihnen, doch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher? „Sie müſſen mir verſprechen, mich nicht perſoͤnlich mit dem Teufel in Rapport zu bringen. Ich habe große Angſt vor Seiner Majeſtät Lucifer.“ „Oh! Monſeigneur!“ „Ja, gewöhnlich nimmt man, um den Teufel zu ma⸗ chen, große Spitzbuben von verabſchiedeten franzöſiſchen Garden oder Fechtmeiſter, welche, um die Rolle von Sa⸗ tan natürlich zu ſpielen, die Leute mit Naſenſtübern und Backenſtreichen bewirthen, nachdem ſie zuvor die Lichter ausgeloͤſcht haben.“ 5 „Monſeigneur,“ ſprach Balſamo lächelnd,“ meiſte Teufel vergeſſen nie, daß ſie die Ehre haben, mit Prinzen beſchäftigt zu ſein, und ſie erinnern ſich ſtets des Wortes — ie er 199 von Herrn von Condé, der einem derſelben verſprach, er würde ihm, wenn er ſich nicht ruhig hielte, ſo ſchön den Pelz ausklopfen, daß er genoͤthigt wäre, wegzngehen oder ſich anſtändig zu betragen.“ „Gut,“ ſagte der Cardinal,„das entzückt mich; ge⸗ hen wir in das Laboratorium.“ „Will Eure Eminenz die Gnade haben, mir zu folgen?“ & or 11 „Immerzu. XLIX. Das Gold. Der Cardinal von Rohan und Balſamo nahmen ih⸗ ren Weg nach einer kleinen Treppe, welche parallel mit der großen in die Salons des erſten Stockes führte: hier fand Balſamo unter einem Gewölbe eine Thüre, die er oͤffnete, und ein düſterer Gang erſchien vor den Augen des Cardinals, der ſogleich entſchloſſen eintrat. Bei dem Geräuſche, das dieſe Thüre ſich ſchließend machte, ſchaute der Cardinal mit einer gewiſſen Unruhe hinter ſich. „Monſeigneur, wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Balſamo;„wir haben nur noch dieſe letzte Thüre vor uns zu öffnen und hinter uns zu ſchließen; erſtaunen Sie üb⸗ rigens nicht über den ſeltſamen Ton, den ſie von ſich ge⸗ ben wird: ſie iſt von Eiſen.“ Der Cardinal, den das Geräuſch der erſten Thüre beben gemacht hatte, ward zum Glück zur rechten Zeit in Kenntniß geſetzt, denn bei dem metalliſchen Aechzen der Angeln und de dürften wohl minder empfind⸗ liche Nerven, als die ſeinigen, unangenehm vibrirt haben. Er ſtieg drei Stufen hinab und trat ein. Ein geräumiges Cabinet mit nackten Balken am Pla⸗ fond, eine große Lampe und ihr Deckel, viele Bücher, 200 chemiſche und phyſtkaliſche Inſtrumente in großer Anzahl, dies war der erſte Anblick des neuen Gelaſſes. Nach Verlauf von einigen Sekunden, fühlte der Car⸗ dinal, daß er nur mühſam athmete. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte er;„man erſtickt hier, Meiſter, der Schweiß läuft an mir herab. Was für ein Geräuſch iſt das?“ „Das iſt die Frage, Monſeigneur, wie Shakeſpeare ſagt,“ verſetzte Balſamo, indem er einen großen Vorhang von Asbeſt zurückzog und einen weiten Ofen von Backſteinen entblößte, in deſſen Mitte zwei Löcher wie die Augen des Löwen in der Finſterniß funkelten. Dieſer Ofen bildete den Mittelpunkt eines zweiten Gelaſſes von der doppelten Größe des erſten, das der Prinz, weil es durch den Asbeſtvorhang verkleidet war, nicht geſehen hatte. „Oh! oh!“ ſagte der Prinz zurückweichend,„mir ſcheint, das iſt ziemlich furchtbar.“ „Es iſt ein Ofen, Monſeigneur.“ „Ja, allerdings, doch Sie haben Shakeſpeare ange⸗ führt, ich werde Moliére citiren: es giebt Oefen und Oefen, dieſer hat ein ganz diaboliſches Ausſehen und ſein Geruch gefällt mir gar nicht; was kocht man darin?“ „Was Eure Eminenz von mir gefordert hat.“ „Wie beliebt?“ „Ganz gewiß. Eure Eminenz hat, glaube ich, die Gnade gehabt, eine Probe von der Art und Weiſe meines Benehmens zu empfangen. Ich ſollte erſt morgen Abend zum Werke ſchreiten, da Eure Eminenz erſt übermorgen kommen wollte; doch Eure Eminenz hat ihren Willen ge⸗ ändert, und ich habe, ſobald ich Sie auf dem Wege nach der Rue Saint⸗Claude erblickte, den Ofen angezündet und die Miſchung gemacht; in Folge hievon arbeitet der Ofen und in zehn Minuten werden Sie Ihr Gold haben. Er⸗ lauben Sie, daß ich das Fenſter öffne, um einen Luftzug zu bekommen.“ „Wie! dieſe auf den Ofen geſtellten Schmelztiegel...“ £ t 201 „Werden uns in zehn Minuten Gold ſo rein als die Zechinen von Venedig und die Gulden von Toscana geben.“ „Man kann es doch wohl ſehen.“ „Ganz gewiß; wir wollen nur einige unerläßliche Jorſichtsma ßregeln nehmen.“ „Welche?“ „Binden Sie auf Ihr Geſicht dieſe Asbeſtmaske mit gläſernen Augen, ohne welche Ihnen das Feuer, ſo glühend iſt es, wohl das Geſicht verbrennen könnte.“ „Peſt! wir wollen uns in Acht nehmen; ich halte etwas auf meine Augen und würde ſie nicht für die hun⸗ dert tauſend Thaler geben, die Sie mir verſprochen haben.“ „Das dachte ich, Monſeigneur; die Augen Eurer Eminenz ſind ſchön und gut.“ Dies Compliment mißfiel keines Wegs dem auf ſeine perſönlichen Vorzüge ſehr eitlen Prinzen. „Ah! ah!“ machte er, indem er die Maske befeſtigte, „wir ſagen alſo, wir werden Gold ſehen.“ „Ich hoffe es, Monſeigneur.“ „Für hundert tauſend Thaler?“ „Ja, Monſeigneur; vielleicht gibt es ein wenig mehr, denn ich habe die Miſchung reichlich gemacht.“ „Sie ſind in der That ein edler Zauberer,“ ſprach der Prinz mit einem freudigen Herzklopfen. „Weniger, als Eure Hoheit, die mir dies zu ſagen die Gnade hat. Nur wollen Sie ein wenig auf die Seite treten, Monſeigneur, damit ich die Platte des Tiegels öffnen kann.“ Balſamo zog ein kurzes Asbeſthemd an, ergriff mit kräftigem Arme eine eiſerne Zange und hob einen durch die Hitze des Feuers Ferötheten Deckel auf, wodurch vier Tiegel von ähnlicher Form entblößt wurden, von denen die einen eine zinnoberrothe Miſchung, die andern eine bereits weiß werdende Materie, jedoch mit einem Reſte von purpurner Durchſichtigkeit, enthielten. „Ah! das iſt Gold,“ ſagte der Prälat mit halber Stimme, als hätte er durch ein zu lautes Wort das Ge⸗ 202 heimniß, welches vor ihm in Erfüllung ging, zu ſtören be⸗ fürchtet. 4 „Ja, Monſeignenr, dieſe vier Tiegel ſind etagirt: die einen kochen zwoͤlf Stunden, die andern eilf. Die Miſchung, und dies iſt ein Geheimniß, das ich einem Freunde der Wiſſenſchaft enthülle, wirft ſich erſt in dem Augenblick der Aufwallung in die Materie. Aber der erſte Tiegel hier wird weiß, wie Eure Eminenz ſehen kann; es iſt Zeit, die bei dem Punkte angelegte Materie umzugießen. Wollen Sie zurückweichen, Monſeigneur.“ Der Prinz gehorchte mit derſelben Pünktlichkeit wie ein Soldat einem Befehle ſeines Anführers. Balſamo ließ die bereits durch die Berührung der rothen Tiegel heiße eiſerne Zange los und näherte dem Ofen eine Art von Amboß mit Röllchen, worauf in eiſernen Formen acht cylindriſche Model von demſelben Umfang eingefügt waren. „Was iſt das, lieber Zauberer?“ fragte der Prinz. „Monſeigneur, das iſt der gewöhnliche, einförmige Model, in welchen ich Ihre Goldſtangen gießen will.“ „Ah! ah!“ machte der Prinz. Balſamo breitete auf dem Boden ein Lager von Werg aus. Er ſtellte ſich zwiſchen den Amboß und den Ofen, öffnete ein großes Buch, ſprach, ein Stäbchen in der Hand, eine Anrufung und nahm ſodann eine rieſige Zange, welche den Schmelztiegel in ihre gekrümmten Arme faſſen ſollte. „Das Gold wird herrlich ſein, Monſeigneur, und von der beſten Qualität,“ ſagte er. „Wie,“ fragte der Prinz,„Sie heben dieſen Topf vom Feuer?“ „Ja, Monſeigneur, und er wiegt fünfzig Pfund; oh! ich erkläre Ihnen, wenige Gießer haben meine Muskeln und meine Geſchicklichkeit; fürchten Sie alſo nichts.“ „Wenn jedoch der Tiegel zerſpränge...“ „Das iſt mir einmal begegnet, Monſeigneur; es war im Jahre 1399; ich machte einen Verſuch mit Nicolaus Flamel, in ſeinem Hauſe in der Rue des Ecrivins, bei ———n —,——,—— & 8——— 203 der Kapelle Saint⸗Jacques⸗la⸗Boucherie. Der arme Flamel hätte beinahe das Leben eingebüßt, und ich verlor ſieben und zwanzig Mark von einer Subſtanz, welche koſt⸗ barer war, als Gold.“ „Was Teufels ſagen Sie mir da, Meiſter?“ „Die Wahrheit.“ „Im Jahr 1399 verfolgten Sie das große Werk?“ „Ja, Monſeigneur?“ „Mit Nicolaus Flamel?“ „Mit Nicolaus Flamel; wie fanden das Geheimn iß mit einander fünfzig oder ſechzig Jahre früher, als wir mit Peter Bonus in der Stadt Pola arbeiteten. Er ver⸗ ſtopfte den Tiegel nicht ſchnell genug, und mein rechtes Auge war auf zehn bis zwölf Jahre durch die Ausdün⸗ ſtung verloren.“ „Peter Bonus? „Derjenige welcher das berühmte Werk von der Margarita pretiosa verfaßte, ein Werk, das Sie ohne Zweifel kennen.“ „Ja, es hat die Jahreszahl 1330.“ „So iſt es, Monſeigneur.“ „Und Sie haben Peter Bonus und Flamel gekannt?“ „Ich war der Schüler von dem einen und der Mei⸗ ſter von dem andern.“ Und während ſich der Cardinal erſchr ocken fragte, ob der Mann an ſeiner Seite nicht eher der Teufel in Per⸗ ſon, als einer von ſeinen Helfershelfern wäre, tauchte Bal⸗ ſamo ſeine Zange mit den langen Armen in den Ofen. Das Zuſammendrücken war ſicher und raſch. Der Alchemiſt umfaßte den Tiegel vier Zoll unter dem Rand, verſicherte ſich, indem er ihn nur einige Zoll in die Hoͤhe hob, daß er ihn gut hielt, machte durch eine kräftige An⸗ ſtrengung ſeine Muskeln ſtarr, und nahm den furchtbaren Topf aus ſeiner Gluth; die Hände der Zange rötheten ſich alsbald; dann ſah man über den Thon weiße Furchen wie Blitze in einer ſchwefligen Wolke hinlaufen. Hierauf verdunkelten ſich die Ränder des Tiegels in Rothbraun, 204 wUaährend der coniſche Grund noch roſenfarbig und ſilbern auf dem Halbſchatten des Ofens erſchien; endlich ziſchte das rieſelnde Metall, auf welchem ſich ein violetter, von Goldfalten überkräuſelter Rahm gebildet hatte, durch die Rinne des Tiegels und fiel in flammenden Güſſen in den ſchwarzen Model, an deſſen Mündung, wüthend und ſchäu⸗ mend, die goldene Maſſe erſchien, welche durch ihr Beben des gemeinen Metalles ſpottete, das ſie umſchloß. „Nun zum zweiten,“ ſagte Balſamo, indem er zu ei⸗ nem andern Model überging. Und der zweite Model wurde mit derſelben Geſchick⸗ lichkeit und derſelben Kraft gefüllt. 4 Der Schweiß fiel in großen Tropfen von der Stirne des Operateur: der Zuſchauer bekreuzte ſich im Schatten. In der That, es war eine Gemälde von wilder, ſchrekens⸗ voller Majeſtät. Von den rothgelben Refleren der metal⸗ liſchen Flamme beleuchtet, glich Balſamo den Verdamm⸗ ten, welche Michael Angelo und Dante im Grunde ihrer Keſſel drehen. 3 Balſamo athmete nicht zwiſchen den zwei Operationen, die Zeit drängte. „Es wird hier einen kleinen Verluſt geben,“ ſagte er, nachdem er den zweiten Model gefüllt hatte;„ich habe die Miſchung eine Hundertſtelsminute zu lang kochen laſſen.“ „Eine Hundertſtelsminute!“ rief der Cardinal, der ſein Erſtaunen nicht länger zu verbergen ſuchte. „Das iſt ungeheuer in der Hermetik, Monſeigneur,“ verſetzte Balſamo naiv;„doch mittlerweile, Eminenz, ſind hier zwei Tiegel leer und hier zwei Tiegel voll und hun⸗ dert Pfund feines Gold.“ Und er ergriff mit Hülfe ſeiner mächtigen Zange den erſten Model, warf ihn in das Waſſer, das lange Zeit ſchaͤumte und rauchte, öffnete ihn ſodann und zog ein Stück tadelloſes Gold heraus, das die Form eines kleinen, an beiden Polen abgeplatteten Zuckerhutes hatte. „Wir haben beinahe eine Stunde auf die zwei an⸗ 3 b dern Tiegel zu warten,“ ſagte Balſamo;„will Eure Emi⸗ nenz einſtweilen ſich ſetzen oder friſche Luft ſchöpfen?“ „Iſt das Gold?“ verſetzte der Cardinal, ohne auf die Frage des Operateur zu antworten. Balſamo lächelte. Der Cardinal war wohl in ſeinen Haͤnden. „Sollten Sie daran zweifeln, Monſeignenres Hören, Sie, die Wiſſenſchaft hat ſich ſo oft ge⸗ täuſcht. „Sie ſagen nicht Ihren ganzen Gedanken, mein Prinz,“ ſprach aſamne„Sie glauben, ich täuſche Sie, und zwar wiſſentlich. Monſeigneur, ich wäre ſehr wenig in meinen Augen, wenn ich ſo handelte, denn mein Chr⸗ geiz ginge nicht über die Mauern meines Cabinets, das Sie ganz erſtaunt verlaſſen würden, um Ihre Bewunde⸗ rung bei dem erſten dem beſten Goldſchläger zu verlieren. Erweiſen Sie mir mehr Ehre, mein Prinz, und glauben Sie mir, daß, wenn ich Sie täuſchen wollte, dies geſchickter und in einem höͤhern Zwecke geſchehen würde. Ueberdies weiß Eure Eminenz, wie man das Gold prüft?“ „Allerdings, mit dem Probierſtein.“ „Monſeigneur hat unfehlbar ſelbſt den Verſuch ge⸗ macht, und wäre es nur mit den im Spiele ſehr häufig vorkommenden ſpaniſchen Unzen, welche von dich feinſten del lde ſind, das man finnden kann, unter denen man aber häuſig falſche trifft?“ „Das iſt mir in der That begegnet.“ „Nun, Monſeigneur, hier, iſt ein Stein und Säure.“ „Nein, ich bin überz zeugt.“ „Monſeigneur, machen Sie mir das Vernügen, ver⸗ ſichern ſie ſich, daß dieſe Stangen nicht nur Gold, ſondern auch Gold ohne Beimiſchung ſind.“ Es ſchien dem Cardinal zu widerſtreben, daß er die⸗ ſen Beweis von Ungläubigkeit geben ſollte; doch er war ſichtbar noch nicht überzeugt. Balſamo rieb ſelbſt die Stange und unterwarf das Reſultat dem Verſuche ſeines Gaſtes. 8 206 „Acht und zwanzig Karate,“ ſagte er,„ich will die zwei andern gießen.“ Zehn Minuten nachher waren die zweihundert Pfund Gold in vier Stangen auf dem durch die Berührung er⸗ wärmten Werg ausgebreitet. „Monſeigneur iſt im Wagen gekommen, nicht wahr, enigſen habe ich ihn im Wagen kommen ſehen.“ „Deonſeignenr wird ſeinen Wagen nahe an die Thüre fahren laſſen und mein Lackei trägt die Stangen in die Carroſſe.“ „Hundert tauſend Thaler,“ nucmrelte der Cardinal, indem er ſeine Maske abnahm, als wollte er mit ſeinen eigenen Augen das Gold zu ſeinen Füßen liegen ſehen. „Und von dieſem, Monſeigneur, können Sie ſagen, woher es kommt, nicht wahr, denn Sie haben es machen ſehen?“ „Oh! ja, und ich werde es bezeugen.“ „Nein, nein,“ ſprach raſch Balſamo,„man liebt die Gelehrten in Frankreich nicht: bezeugen Sie nichts, Mon⸗ ſeigneur. Oh! wenn ich Theoriin machen würde, ſtatt Gold, das wäre etwas Anderes.“ „Was kann ich denn für Sie thun?“ ſagte der Prinz, während er mühſam eine Stange von fünfzig Pfund mit ſeinen zarten Händen aufhob. Valſamo ſchaute ihn feſt an, und brach dann mit Hintanſetzung aller Achtung in ein Gelächter aus. „Was iſt denn Lächerliches in dem, was ich Ihnen ſage?“ fragte der Cardinal. „Eure Eminenz bietet mir, glaube ich, ihre Dienſte an?“ „Allerdings.“ „Wäre es in der That nicht geeigneter, ich würd 3 Ihnen die meinigen anbieten?“ Das Geſicht des Cardinals verdüſterte ſich. „Sie verbinden mich, mein Herr,“ ſagte er,„und ich beeile mich, dies anzuerkennen; ſollte jedoch die Dank⸗ barkeit, die ich für Sie hege, ſchwerer ſein, als ich glaube, 3 207 ſo würde ich ſie nicht annehmen; es gibt, Gott ſei Dank, in Paris noch Wucherer genug, daß ich halb auf Pfand, halb auf meine Unterſchrift von heute bis übermorgen, hundert tauſend Thaler finde, und ſchon mein Biſchofsring iſt vierzig tauſend Livres werth.“ Und der Prälat ſtreckte ſeine frauenartig weiße Hand aus, an deren Fingerring ein Diamant ſo groß wie eine Haſelnuß glänzte. „Mein Prinz,“ ſagte Balſamo, ſich verbeugend,„Sie haben unmöglich einen Augenblick glauben koͤnnen, es ſei meine Abſicht, Sie zu beleidigen.“ Dann fuhr er fort, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche: „Es iſt feltſam, daß die Wahrheit dieſe Wirkung auf Jeden macht, der ſich Prinz nennt.“ „Wie ſo?“ „Ei! ganz gewiß; Eure Eminenz trägt mir ſeine Dienſte an; Lic frage Sie ſelbſt, Monſeigneur, von welcher drt können Dienſte ſein, die mir Eure Eminenz zu leiſten Stande iſt.“ 1 „Vor Allem mein Credit bei Hofe. 4 „Monſeigneur, Monſeigneur, Sie wiſſen wohl, daß Ihr Credit ſehr erſchüttert iſt und der von Herrn von Choiſeul wäre mir beinahe edenfe ie, obgleich er Lielleicht nicht vierzehn Tage mehr Miniſter zu bleiben hat. Mein Prinz, was den Credit betrifft, wollen wir uns an den meinigen halten. Hier iſt ſchönes und gutes Gold. So oft Eure Gmminenz davon will, wird ſie es mir den Tag vorher oder an demſelben Morgen ſagen laſſen, und ich werde ihr nach ihrem Wunſche liefern; und mit Gold hat man Alles, nicht wahr, Monſeigneur?“ „Nicht Alles,“ murmelte der Cardinal, der in den Rang des Schützlings herabgefallen war und nicht ein⸗ mal ſeine Beſchützerſtellung wieder zu erringen ſuchte. „Ah! das iſt wahr,“ ſagte Balſamo.„Ich vergaß, daß Monſeigneur noch etwas Anderes wünſcht, als Gold; ein koſtbareres Gut, als alle Reichthümer der Weltz doch das geht die Wiſſenſchaft nichts an, das gehört zum Reſſort der Magie. Monſeigneur, ſprechen Sie ein Wort, und der Alchemiſt wird dem Magier Platz machen.“ „Ich danke, mein Herr, ich brauche nichts mehr und wünſche nichts mehr,“ ſagte traurig der Cardinal. Balſamo näherte ſich ihm und ſprach: „Monſeigneur, ein junger, ſchöner, glühender, reicher Prinz, der ſich Rohan nennt, kann einem Magier keine ſolche Antwort geben.“. „Und warum dies?“ „Weil der Magier im Grunde des Herzens lieſt und das Gegentheil weiß.“ „Ich verlange nichts, ich will nichts, mein Herr,“ verſetzte der Cardinal beinahe erſchrocken. „Ich hätte im Gegentheil geglaubt, die Wünſche Seiner Eminenz wären ſo, daß Monſeigneur ſie ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, anerkennend, daß es Wünſche eines Königs ſind.“— „Mein Herr,“ ſprach der Cardinal bebend,„Sie ſpielen, glaube ich, an ein paar Worte an, die Sie ſchon bei der Prinzeſſin geſagt haben?“ 4„Ja, ich geſtehe es, Monſeigneur.“ „Mein Herr, dann haben Sie ſich getäuſcht, und Sie täuſchen ſich jetzt abermals.“. „Vergeſſen Sie, Monſeigneur, daß ich ebenſo klar ſehe, was in Ihrem Herzen in dieſem Augenblick vorgeht, als ich klar Ihren Wagen aus dem Kloſter der Car⸗ meliterinnen in Saint⸗Denis herauskommen, durch die Barrière und über das Boulevard fahren und unter den Bäumen fünfzig Schritte von meinem Hauſe anhalten ſah.“ „Dann erklären Sie ſich und ſagen Sie mir etwas, was mich ſchlagend berührt.“ „Monſeigneur, die Prinzen Ihres Hauſes mußten immer eine große, abenteuerliche Liebe haben; Sie arten nicht aus, das iſt das Geſetz.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, Graf,“ ſtammelte der Prinz. „Im Gegentheil, Sie begreifen mich vortrefflich. Ich hätte mehrere Saiten berühren können, die in Ihnen vibriren, doch warum das Unnöthige? Ich bin gerade auf die losgegangen, welche ich angreifen mußte; oh! dieſe vibrirt tief, deſſen bin ich ſicher.“ Der Cardinal erhob das Haupt und befragte mit einer letzten Anſtrengung des Mißtrauens den ſo klaren und ſichern Blick von Balſamo.— Balſamo lächelte mit einem ſolchen Ausdruck von Ueberlegenheit, daß der Cardinal die Augen niederſchlug. „Oh! Sie haben Recht, Monſeigneur, Sie haben Recht, ſchauen Sie mich nicht an; denn ich ſehe zu klar, was in Ihrem Herzen vorgeht; denn Ihr Herz iſt wie ein Spiegel, der die Form der Gegenſtände behaupten würde, die er wiedergeſtrahlt hat.“ „Stille, Graf von Fönir, ſtille!“ ſagte der Cardinal unterjocht. „Ja, Sie haben Recht, ſtille; denn der Augenblick i*ſt noch nicht gekommen, eine ſolche Liebe ſehen zu laſſen.“ „Noch nicht, haben Sie geſagt?“ „Noch nicht.“ „Dieſe Liebe hat alſo eine Zukunft?“ „Warum nicht?“ „Und Sie könnten mir ſagen, ob dieſe Liebe nicht wahnſinnig iſt, wie ich geglaubt habe, wie ich noch glaube, wie ich bis zu dem Augenblick glauben werde, wo mir ein Beweis vom Gegentheil gegeben ſein wird?“ „Sie verlangen viel, Monſeigneur; ich kann Ihnen nichts ſagen, ohne in Berührung mit der Perſon, welche Ihnen dieſe Liebe einflößt, oder mit irgend einem Gegen⸗ ſtande, der von ihr kommt, geſetzt zu ſein.“ „Und was für ein Gegenſtand müßte das ſein?“ 1 „Zum Beiſpiel eine Flechte von ihren ſchönen goldenen Haaren, ſo klein ſie auch wäre.“ „Oh! ja, Sie ſind ein tiefer Mann! Ja, Sie haben es geſagt, Sie leſen in den Herzen, wie ich in einem Buche leſen würde.“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 14 210 „Ach! das ſagte mir Ihr armer Urgroßoheim der Chevalier Louis von Rohan, als ich auf der Plattform der Baſtille am Fuße des Blutgerüſtes, das er ſo muthig beſtieg, von ihm Abſchied nahm.“ „Er ſagte Ihnen das... er ſagte Ihnen, Sie ſeien ein tiefer Mann?“ „Und ich leſe in den Herzen. Ja, denn ich hatte ihn vorher davon in Kenntniß geſetzt, der Chevalier von Bréault würde ihn verrathen. Er wollte mir nicht glauben, und der Chevalier von Bréault verrieth ihn.“ „Was für eine ſonderbare Vergleichung machen Sie zwiſchen meinem Ahnherrn und mir?“ ſagte der Cardinal unwillkührlich erbleichend. „Das geſchieht einzig und allein, um Sie daran zu erinnern, daß Sie vor Allem klug ſein ſollen, Monſeigneur, wenn Sie ſich Haare verſchaffen wollen, die Sie ſich ſollen unter einer Krone abſchneiden müſſen.“ „Gleichviel, wo ſie genommen werden müſſen, Sie werden ſie bekommen, mein Herr.“ „Gut, hier iſt Ihr Gold, Monſeigneur; ich hoffe, Sie ſollen nicht mehr daran zweifeln, daß es gewiß Gold iſt?“ „Geben Sie mir eine Feder und Papier.“ „Wozu, Monſeigneur?“ 3 „Damit ich Ihnen einen Empfangsſchein für die hundert tauſend Thaler ausſtellen kann, die Sie mir ſo freundlich leihen.“ „Was denken Sie, Monſeigneur? Mir einen Em⸗ pfangsſchein, und warum dies?“ 84 „Ich entlehne häufig, mein lieber Graf,“ ſprach der Cardinal;„doch ich ſage Ihnen, daß ich nie annehme.“ „Wie es Ihnen beliebt, mein Prinz.“ Der. Cardinal nahm eine Feder vom Tiſch und ſchrieb mit einer ungeheuren, unleſerlichen Schrift einen Schein, deſſen Orthographie der Haushälterin eines Meß⸗ ners in unſern Tagen Angſt machen würde. „Iſt es ſo?“ fragte er, indem er ihn Balſamo bot. „Vollkommen,“ verſetzte der Graf und ſteckte den 211 Schein in ſeine Taſche, ohne nur einen Blick darauf zu werfen. „Sie leſen ihn nicht, mein Herr?“ „Ich hatte das Wort Eurer Eminenz und das Wort der Rohan iſt mehr werth, als ein Pfand.“ „Herr Graf von Fönix,“ ſprach der Cardinal mit einer von Seiten eines Mannes von dieſem Range ſehr bezeichnenden Halbverbeugung,„Sie ſind äußerſt galant, und wenn ich nicht machen kann, daß Sie mein Verpflichteter werden, ſo erlauben Sie, daß ich mich glücklich ſchätze, der Ihrige zu bleiben.“ Balſamo verbeugte ſich ebenfalls und zog eine Glocke, bei deren Geräuſch Fritz erſchien. Der Graf ſagte ein paar Worte deutſch zu ihm. Fritz bückte ſich und hob wie ein Kind, das acht Orangen wegtragen würde, die acht Goldſtangen in ihrer Wergumhüllung auf. „Aber das iſt ja ein Hercules?“ rief der Cardinal. „Er iſt ziemlich ſtark, ja, Monſeigneur,“ erwiederte Balſamo;„doch um die Wahrheit zu ſagen, ſeitdem er in meinem Dienſte iſt, laſſe ich ihn jeden Morgen drei Tropfen von einem Elirir trinken, das mein gelehrter Freund der Doctor Althotas bereitet; er fängt auch an, Nutzen daraus zu ziehen; in einem Jahr wird er die hundert Mark mit einer Hand tragen.“ „Wunderbar! unbegreiflich!“ murmelte der Cardinal. „Ohl ich werde dem Verlangen, von Allem dem zu ſpre⸗ chen, nicht widerſtehen koͤnnen.“ „Thun Sie das, Monſeigneur, thun Sie das,“ Ler⸗ ſetzte Balſamo lachend;„doch vergeſſen Sie nicht, daß Sie, wenn Sie von Allem dem ſprechen, zugleich die Ver⸗ bindlichkeit übernehmen, die Flamme meines Scheiter⸗ Haufens auszulöſchen, ſollte das Parlament zufällig Luſt amen, mich auf der Gréve röſten zu laſſen. Und nachdem er ſeinen erhabenen Gaſt bis unter 4* den Thorweg geleitet hatte, nahm er mit einer ehrfurchts⸗ vollen Verbeugung von ihm Abſchied. 212 „Doch Ihr Bedienter, ich ſehe ihn nicht?“ ſagte der Cardinal. „Er⸗ hat das Gold in Ihren Wagen getragen, Mon⸗ ſeigneur.“ „Er weiß alſo, wo er iſt?“ „Unter dem vierten Baume rechts, wenn man ſich um das Boulevard wendet, das habe ich ihm auf Deutſch geſagt, Monſeigneur.“ Der Cardinal hob die Hände zum Himmel empor und verſchwand im Schatten. Balſamo wartete, bis Fritz zurückgekehrt war, und ſtieg dann, alle Thüren verſchließend, wieder in ſeine Wohnung hinauf. LX. Das Lebenselixir. Balſamo, der allein geblieben war, horchte an der Thüre von Lorenza. Sie ſchlief einen gleichmäßigen, ſanften Schlaf. Er öffnete ein wenig den außerhalb angebrachten Schieber und betrachtete ſie eine Zeit lang mit einer zarten, ſüßen Träumerei. Dann ſtieß er den Schieber wieder zu, durchſchritt das von uns geſchilderte Zimmer, welches die Wohnung von Lorenza von dem phyſikaliſchen Cabinet trennte, und beeilte ſich, ſeine Oefen auszuloͤſchen, wobei er eine ungeheure Röhre öffnete, welche die ganze Wärme durch den Kamin hinausließ. Hierauf verſchloß er ſorgfältig in einem Portefeuille von ſchwarzem Saffianleder den Schein des Cardinals und murmelte: „Das Wort der Rohan iſt gut, doch nur für mich allein, und man muß dort erfahren, wozu ich das Gold der Brüder verwende.“ Dieſe Worte erloſchen auf ſeinen Lippen, als drei —.,— r 2 - 9 5 f d 213 dumpfe Schläge an den Plafond ihn das Haupt zu er⸗ heben bewogen. „Oh! oh!“ ſagte er,„Althotas ruft mich.“ Als er ſodann Luft in das Laboratorium einließ, alle Dinge methodiſch ordnete, die Platte wieder auf die Back⸗ ſteine ſetzte, verdoppelten ſich die Schläge. „Ah! er wird ungeduldig, das iſt ein gutes Zeichen.“ Balſamo nahm eine Vorhangſtange und klopfte eben⸗ falls; dann machte er von der Mauer einen eiſernen Ring los, und mittelſt einer Feder, die ſich abſpannte, löſte ſich eine Fallthüre vom Plafond und ſenkte ſich bis auf den Boden des Laboratoriums. Balſamo ſtellte ſich auf den Mittelpunkt der Ma⸗ ſchine, welche mittelſt einer andern Feder ſachte wieder hinaufſtieg und ihre Laſt mit derſelben Leichtigkeit empor⸗ hob, wie die Glorien der Oper die Göttinnen und Götter eemporheben, und der Schüler befand ſich bei dem Meiſter. Die neue Wohnung des alten Gelehrten mochte acht bis zehn Fuß Höhe bei ſechzehn im Durchmeſſer haben; ſie war von oben beleuchtet nach der Weiſe der Schachte und hermetiſch verſchloſſen auf den vier Facaden. Dieſes Zimmer war, wie man ſieht, ein Palaſt im Vergleich mit ſeiner Wohnung im Wagen. Der Greis ſaß in ſeinem rollenden Lehnſtuhle, am Mittelpunkte eines Marmortiſches, der hufeiſenartig ge⸗ ſchnitten und mit einer ganzen Welt, oder vielmehr mit einem ganzen Chaos von Pflanzen, von Phiolen, von Werkzeugen, von Büchern und⸗Papieren mit kabaliſtiſchen Charakteren beladen war. Er war ſo ſehr in ſeine Arbeit vertieft, daß er ſich nicht im Geringſten ſtoͤren ließ, als Balſamo erſchien. 4. Das Licht einer am Höhenpunkte des Glaswerks be⸗ feſtigten Aſtrallampe fiel auf ſeinen nackten, gläͤnzenden Schädel. Er ſchüttelte zwiſchen ſeinen Fingern eine Flaſche von weißem Glas, deren Durchſichtigkeit er prüfte, wie eine 1 3 214 Hausfrau am Lichte die Cier unterſucht, die ſie auf dem Markte kauft. Balſamo ſchaute ihn Anfangs ſtillſchweigend an und ſagte dann: „Nun, es gibt alſo etwas Neues?“ „Ja, ja. Komm, Acharat, Du ſiehſt mich bezaubert, entzückt; ich habe gefunden, ich habe gefunden. „Was?“ „Was ich ſuchte, bei Gott!“ „Das Gold?“ „Ah! ja wohl, das Gold! geh doch!“ „Den Diamant?“ „Ei, was ſchwatzt der Menſch! Gold, Diamant, meiner Treue, das wäre ein ſchöner Fund, und es würde ſich ſchon der Mühe lohnen, ſich zu freuen, wenn ich der⸗ gleichen entdeckt hätte!“ „Alſo habt Ihr Euer Elirir gefunden?“ fragte Balſamo. „Ja, mein Freund, mein Elirir, nämlich das Leben, was ſage ich, das Leben? die Ewigkeit des Lebens.“ „Oh! oh!“ machte Balſamo betrübt(denn er be⸗ trachtete dieſe Forſchung als ein thörichtes Werk),„Ihr beſchäftigt Euch abermals mit dieſem Traum?“ 2 Doch Althotas beäugelte, ohne auf ihn zu hören, ganz verliebt ſeine Phiole. „Endlich,“ ſagte er,„iſt die Combination gefunden: Ariſtea⸗Elirir, zwanzig Gramme; Mercurial⸗Balſam, fuͤnf⸗ zehn Gramme; Goldpräcipitat, fünfzehn Gramme; Eſſenz von Cedern des Libanon, fünf und zwanzig Gramme.“ „Aber mir ſcheint, was das Ariſtea⸗Elirir betrifft, ſo iſt das Eure letzte Combination, Meiſter?“ „Ja, aber es fehlte die Hauptzuthat, die, welche die andern bindet, die, ohne welche die andern nichts ſ „Und Ihr habt dieſe gefunden?“ „Ich habe ſie gefunden.“. „Ihr könnt ſie Euch verſchaffen?“ „Bei Gott!“ „Was iſt es?“ ſind. e 215 „Man muß der bereits in dieſer Phiole combinirten Materie die drei letzten Tropfen des Arterienblutes eines Kindes beifügen.“ „Nun!“ ſprach Balſamo erſchrocken,„aber wo wer⸗ det Ihr dieſes Kind bekommen?“ „Du wirſt es mir verſchaffen.“. „Ich?, 4 „Ja, Du.“ „Ihr ſeid verrückt, Meiſter.“ „Was ſagſt Du?“ fragte der unempfindliche Greis, während er voll Entzücken ſeine uge auf dem Arußeren des Fläſchchens, wo der ſchlecht geſchloſſene Pfropf einen Tropfen Waſſer ausſiekerte, umherſpazieren ließ;„nun, was denn?...“ „Ihr wollt ein Kind haben, um die drei letzten Tropfen ſeines Arterienblutes zu nehmen?“ „Ja. „Dazu müßte man aber das Kind tödten?“ „Allerdings muß man es ztödten; je ſchöner es ſein wird, deſto mehr iſt es werth.“ „Unmsglich,“" ſprach Balſamo die Achſeln zuckend, „man nimmt hier die Kinder nicht, um ſie zu tödten.“ „Bah!“ rief der Greis mit einer grauſamen Naive⸗ tät,„was macht man denn damit?“ „Man zieht ſie auf.“ „Ah! die Welt hat ſich alſo verändert? Vor vier Jahren hat man uns Kinder, ſo diel wir wollten, für vier Ladungen Pulver und eine halbe Flaſche Branntwein an⸗ geboten.“ „War dies in Congo, Meiſter?“ „Ja, es war in Congo. Mir iſt es gleichgültig, ob das Kind ſchwarz iſt. Diejenigen, welche man uns anbot, waren, wie ich mich erinnere, ſehr niedlich, ſehr kraushaa⸗ rig, ſehr ſpaßhaft.”. 1 „Vortrefflich!“ verſetzte Balſamo,„doch leider ſind wir nicht in Congo, lieber Meiſter.“ 216 „Ah! wir ſind nicht in Congo. Nun! wo ſind wir denn?“ „In Paris.“ „In Paris? Wenn wir uns in Marſellle einſchiffen, können wir in ſechs Wochen in Congo ſein.“ „Ja, das wäre möglich, doch ich muß in Frankreich bleiben.“ „Du mußt in Frankreich bleiben; und warum?“ „Weil ich hier zu thun habe.“ „Du haſt in Frankreich zu thun?“ „Ja, Wichtiges.“ Der Greis brach in ein langes, düſteres Gelächter aus. „Geſchäfte,“ ſagte er,„Geſchäfte in Frankreich. Ah! ja, es iſt wahr, ich hatte es vergeſſen; Du mußt Clubs organiſiren.“ „Ja, Meiſter.“ „Du mußt Verſchwörungen anzetteln.“ „Ja, Meiſter.“ „Das nennſt Du Deine Geſchäfte.“ Und der Greis fing abermals an auf ſeine höhniſche Weiſe zu lachen. Balſamo ſchwieg, während er Kräfte gegen den Sturm ſammelte, der ſich vorbereitete und den er kommen fühlte. „Und wie weit ſind die Angelegenheiten gediehen, ſprich?“ ſagte der Greis, indem er ſich mühſam auf ſeinem Lehnſtuhle umdrehte und ſeine großen grauen Augen auf ſeinen Zögling heftete. Balſamo fühlte dieſen Blick wie einen leuchtenden Strahl in ſein Inneres dringen. „Wie weit ich gekommen bin?“ „Jah⸗, „Ich habe den erſten Stein geſchleudert, das Waſſer iſt getrübt.“ uren ee hen Schleim haſt Du aufgerührt, ſprich, laß „Den guten, den philoſophiſchen Schleim.“ „Ah! ja, Du ſetzeſt Deine Utopien, Deine hohlen fragte er. G&ee 217 Träume, Deine Nebel in das Spiel: thörichte Burſche, welche über das Daſein oder Nichtdaſein Gottes ſtreiten, ſtatt wie ich es zu verſuchen, ſich ſelbſt zu Göttern zu machen! Und wer ſind die berühmten Philoſophen, mit denen Du Dich verbunden haſt?“ „Ich habe bereits den groͤßten Dichter und den groͤß⸗ ten Atheiſten der Zeit; in einem der nächſten Tage muß er nach Frankreich, woraus er gleichſam verbannt iſt, zu⸗ rückkehren, um ſich als Maurer in der Loge aufnehmen zu laſſen, welche ich in der Rue du Pot⸗de⸗Fer in dem ehe⸗ maligen Hauſe der Jeſuiten organiſire.“ „Und er heißt?“ „Voltaire.“ „Ich kenne ihn nicht; wen haſt Du noch mehr?“ „Ich ſoll demnächſt eine Unterredung mit dem Mann haben, der die Ideen des Jahrhunderts am meiſten in An⸗ regung gebracht und zu Tage gefördert hat, mit dem Ver⸗ faſſer des Contrat Social.“ „Und er heißt?“. „Rouſſeau.“ „Ich kenne ihn nicht.“. „Ich glaube es wohl, Ihr kennt nur Alphons X., Ray⸗ mond Lulle, Peter von Toledo und den großen Albert.“ „Das ſind auch die einzigen Männer, welche wirklich gelebt haben, weil ſie allein ihr ganzes Leben lang die große Frage des Seins oder Nichtſeins betrieben.“ „Es gibt zwei Arten zu leben, Meiſter.“ „Ich kenne nur eine: die zu exiſtiren; doch kommen wir auf die zwei Philoſophen zurück. Wie nennſt Du ſie?“ „Voltaire, Rouſſeau.“ „Gut, ich werde mich dieſer Namen erinnern; und Du behaupteſt, mit Hülfe dieſer zwei Männer...“ „Bemächtige ich mich der Gegenwart und untergrabe ich die Zukunft.“ 4 „Oh! oh! ſie ſind alſo ſehr dumm in dieſem Lande, daß ſie ſich durch Ideen gängeln laſſen?“ „Im Gegentheil, weil ſie zu viel Geiſt beſitzen, haben 218 die Ideen mehr Einfluß auf ſie, als die Thatſachen. Und dann habe ich eine Hülfsmacht, welche ſtärker iſt, als alle Philoſophen der Erde.“ „Welche? 2“ „Den Ueberdruß. Es ſind etliche ſechzehn hundert Jahre, daß die Monarchie in Frankreich dauert, und die Franzoſen ſind der Monarchie müde.“ „So, daß ſie die Monarchie umſtoßen werden?“ „3 „Du glaubſt das 24 „Ganz gewiß.“ „Und Du treibſt dazu an?“ „Aus allen meinen Kräften.“ Sche wachkopf!“ „Warum „Was wird Dir der Umſturz dieſer Monarchie ein⸗ tragen?“ „Mir nichts; aber Allen das Glück“ „Ich bin heute zufrieden und will gern meine Zeit damit verlieren, daß ich Dir folge. Erkläre mir zuerſt⸗ wie Du zum Glück gelangen wirſt, und hernach, was das Glück iſt.“ „Wie ich dazu gelangen werde?. „Ja, zum Glück von Allen, oder zum Umſturz der Monarchie, was für Dich das Aequivalent des allgemeinen Glückes iſt. Ich höre.“ „Nun, es beſteht in dieſem Augenblick ein Miniſte⸗ rium, das der letzte Wall zum Schutze der Monarchie iſt; es iſt ein verſtändiges, thätiges, kräftiges Miniſterium, wel⸗ ches vielleicht noch zwanz ig Jahre dieſe abgenutzte, ſchwan⸗ kende Monarchie zu ſtützen vermöchte; ſie werden mir das⸗ ſelbe umſtürzen helfen.“ „Wer dies? Deine Philoſoph hen?“ „Nein: die Philoſophen unterſtützen es im Gegentheil.“ Wie? Deine Philoſophen unterſtützen ein Miniſterium das Deine Monarchie ſtützt, ſie, welche die Feinde der K Monarchie ſind? Oh! was für Dummköpfe ſind die Philo⸗ ſophen” „Der Miniſter iſt ſelbſt ein Philoſoph.“ „Ah! ich begreife, und ſie regieren in der Perſon die⸗ ſes Miniſters. Dann täuſchte ich mich, es ſind keine Dummköpfe, es ſind Egoiſten.“ „Ich will nicht über das ſtreiten, was ſie ſind,“ ſprach Balſamo, den die Ungeduld zu faſſen anfing,„ich weiß nichts davon; aber ſo viel weiß ich, daß, wenn dieſes Mi⸗ niſterium geſtürzt iſt, Alle Zeter über das nachfolgende Mi⸗ niſterium ſchreien werden. Das neue Miniſterium wird zuerſt die Philoſophen und dann das Parlament gegen ſich haben; die Philoſophen werden ſchreien, das Parlament wird ſchreien, das Miniſterium wird die Philoſophen verfolgen und das Parlament aufheben. Dann bildet ſich in der Intelligenz und in der Materie ein dumpfes Bündniß, eine hartnäckige, ausdauernde, beſtändige Oppoſition, welche Alles angreifen, zu jeder Stunde graben, unterwühlen, er⸗ ſchüttern wird. An der Stelle der Parlamente wird man Richter ernennen; dieſe durch das Königthum ernannten Richter werden Alles für das Königthum thun. Man wird ſie anklagen, und zwar wegen Käuflichkeit, Beſte⸗ chung, Ungerechtigkeit. Das Volk wird ſich erheben und das Königthum wird die Philoſophie gegen ſich haben, welche die Intelligenz iſt, die Parlamente, die das Bürger⸗ thum ſind, und das Volk, welches das Volk iſt, nämlich der Hebel, den Archimed fuchte und mit welchem man die Welt emporhebt. 44 „Nun, wenn Du die Welt emporgehoben haſt, mußt Du ſie auch wieder fallen laſſen.“ „Ja, doch wenn ſie zurückfällt, wird das Königthum zerſchmettert werden.“ „Und wenn es dann zerſchmettert iſt... ich will Dei⸗ nen falſchen Bildern folgen, Deine emphatiſche Sprache ſprechen... wenn das nnrmſtichige Königthum zerſchmet⸗ tert iſt, was wird aus ſeinen Trümmern hervorgeh en?“ „Die Freiheit!“ 220 „Ah! die Franzoſen werden alſo frei ſein?“ „Das muß unfehlbar eines Tages ſo kommen.“ „Alle frei?“ „Alle. „Es werden dann in Frankreich dreißig Millionen freie Menſchen ſein?“ & 74 „Ja. „Und unter dieſen dreißig Millionen, glaubſt Du, wird ſich nicht ein etwas mehr als die Andern mit Gehirn aus⸗ geſtatteter Mann finden, welcher eines ſchönen Morgens die Freiheit ſeiner neun und zwanzig Millionen neunmal hun⸗ dert neun und neunzig tauſend und neun und neunzig Mitbürger confiscirt, um ein wenig mehr Freiheit für ſich allein zu haben? Erinnerſt Du dich des Hundes, den wir in Me⸗ dina hatten, und der allein den Theil von allen Andern fraß?“ „Ja, doch eines Morgens haben ſich die Andern gegen ihn verbunden und ihn erwürgt.“ „Weil es Hunde waren; Menſchen hätten nichts geſagt.“ „Ihr ſtellt alſo den Verſtand des Menſchen unter den des Hundes, Meiſter?“ „Verdammt! die Beiſpiele ſind wohl vorhanden.“ „Was für Beiſpiele?“ „Mir ſcheint, es gab bei den Alten einen gewiſſen Cäſar Auguſtus, und bei den Neuern einen gewiſſen Oliver Cromwell, welche ganz gewaltig in den römiſchen und in den engliſchen Kuchen bißen, ohne daß diejenigen, denen ſie denſelben entriſſen, viel gegen ſie geſagt oder gethan hätten.“ „Vorausgeſetzt, dieſer Mann erſtünde, ſo wird er ſterb⸗ lich ſein, er wird ſterben, und ehe er geſtorben iſt, wird er ſogar denjenigen, welche er unterdrückt hat, Gutes gethan haben, denn er wird die Natur der Ariſtokratie verändert haben; genoͤthigt, ſich auf Etwas zu ſtützen, wird er die ſtärkſte Sache, das heißt das Volk gewählt haben. An die Stelle der Gleichheit, welche erniedrigt, wird er die 1 — — a——8—— 8 221 Gleichheit, welche erhebt, geſetzt haben. Die Gleich⸗ heit hat keine beſtimmte Schranke, es iſt ein Niveau, dem die Höhe desjenigen, welcher ſie gemacht hat, un⸗ terliegt. Das Volk erhebend, wird er aber ein bis auf ihn unbekanntes Princip geheiligt haben. Die Revolution wird die Franzoſen frei gemacht haben: das Protectorat eines zweiten Cäſar Auguſtus oder eines andern Oliver Cromwell wird ſie gleich gemacht haben.“ Althotas bewegte ſich ungeſtüm auf ſeinem Stuhle und rief: „Oh! was dieſer Menſch albern iſt! Beſchäftigt Guch doch zwanzig Jahre Eures Lebens damit, daß Ihr ein Kind erzieht, daß Ihr ihm Alles beizubringen ſucht, was Ihr wißt, damit dieſes Kind mit dreißig Jahren kommt und Euch ſagt: die Menſchen werden gleich ſein!...“ „Ganz gewiß, die Menſchen werden gleich ſein, gleich vor dem Geſetze.“ „Und vor dem Tod, Schwachkopf, vor dem Tod, die⸗ ſem Geſetz der Geſetze, werden ſie gleich ſein, wenn der Eine mit drei Tagen, der Andere mit hundert Jahren ſtirbt? Gleich, die Menſchen gleich, ſo lange die Menſchen den Tod nicht beſiegt haben! Oh! der Dummkopf, der dop⸗ pelte Dummkopf!“ Und Althotas warf ſich zurück, um freier zu lachen, während ſich Balſamo, ernſt und düſter, mit geſenktem Haupte ſetzte. Althotas ſchaute ihn mitleidig an und ſprach: „Ich bin alſo gleich mit dem Handwerksmann, der in ſein rauhes Brod beißt, mit dem Säugling, der ſich an ſeiner Amme ſtillt, mit dem Greiſe, der ſeine Molken trinkt und über ſeine erloſchenen Augen weint?... Oh! unglücklicher Sophiſt, der Du biſt, bedenke doch Eines, daß die Menſchen nur gleich ſein werden, wenn ſie unſterblich ſind, denn wenn ſie unſterblich find, werden ſie Götter ſein, und nur die Götter ſind zleice Unſterblich!" murmelte Balſamd,„unſterblich! Chimäre.“ 2 3 3 222 „Chimäre!“ rief Althotas,„Chimäre! ja, Chimäre wie der Dunſt, Chimäre wie das Fluidum, Chimäre wie Alles, was man ſucht, was man noch nicht entdeckt hat, und was man entdecken wird. Doch rühre mit mir den Staub der Welten auf, entblöße eine nach der andern dieſe aufeinandergeſetzten Lagen, von denen jede eine Civiliſation darſtellt, und in dieſen menſchlichen Lagen, in dieſem Detritus von Königreichen, in dieſen Erz⸗ gängen von Jahrhunderten, welche das Eiſen der For⸗ ſchung der Neuzeit durchſchneidet, was lieſeſt du? Daß die Menſchen in allen Zeiten geſucht haben, was ich unter den verſchiedenen Titeln des Beſten, des Guten, der Voll⸗ kommenheit ſuche. Und wann ſuchten Sie dies? Zur Zeit von Homer, wo die Menſchen zweihundert Jahre lebten, zur Zeit der Patriarchen, wo ſie acht Jahrhunderte lebten. Sie haben es nicht gefunden, dieſes Beſte, dieſes Gute, dieſe Vollkommenheit; denn, wenn ſie es gefunden hätten, ſo wäre dieſe gebrechliche Welt friſch, jungfräulich und roſig wie die Morgenröthe. Statt deſſen das Leiden, der Leichnam, die Verweſung. Iſt es ſüß, das Leiden? iſt er ſchön, der Leichnam? iſt ſie wünſchenswerth, die Verweſung?“ „Nun!“ ſprach Balſamo, dem Greiſe antwortend, den ein kurzer, trockener Huſten unterbrach,„nun! Ihr ſagt, noch Niemand habe dieſes Lebenselirir gefunden. Ich ſage Euch, Niemand wird es finden.“ „Einfältiger! Niemand hat dieſes oder jenes Ge⸗ heimniß gefunden, folglich wird es Niemand finden. Auf dieſe Art wäre man nie zu Entdeckungen gekommen. Glaubſt Du aber, die Entdeckungen ſeien neue Dinge, die man erfinde? Nein, es ſind vergeſſene Dinge, die man wiederfindet. Und warum vergeſſen ſich einmal gefundene Dinge? Weil das Leben zu kurz iſt, als daß der Erſin⸗ der aus ſeiner Erfindung alle Deductionen ziehen könnte, die ſie enthält. Zwanzigmal war man nahe daran, dieſes Lebenselirir zu finden. Glaubſt Du, der Styr ſei eine Phantaſie von Homer? Glaubſt Du, der beinahe ſterb⸗ —.— .——, A 223 liche Achill, weil er nur an der Ferſe verwundbar, ſei eine Fabel? Nein, Achill war der Zogling von Chiron, wie Du der meinige biſt. Chiron bedeutet erhabener*) oder ſchlimmer. Chiron war ein Gelehrter, den man unter der Geſtalt eines Centauren darſtellt, weil ſeine Wiſſenſchaft den Menſchen mit der Kraft und der Leich⸗ tigkeit des Pferdes begabt hatte. Nun wohl, er hatte auch beinahe das Elirir der Unſterblichkeit gefunden. Es fehl⸗ ten ihm vielleicht nur noch wie mir die drei Tropfen Blut, die Du mir verweigerſt. Der Mangel dieſer drei Tropfen Blut machte Achill an der Ferſe verwundbar; ja, der Tod hat einen Zugang gefunden und iſt eingedrungen. Ja, ich wiederhole es, Chiron, der univerſelle Mann, der er⸗ habene Mann, der ſchlimmere Mann, iſt nur ein anderer Althotas verhindert durch einen andern Acharat, das Werk zu vollenden, das die ganze Menſchheit gerettet haben würde, indem es dieſelbe der Wirkung des göttlichen Fluches entriſſen hätte. Nun! was haſt Du hiezu zu ſagen?“ „Ich ſage,“ antwortete Balſamo ſichtbar erſchüttert, nich ſage, daß ich mein Werk habe, und daß Ihr das Eure habt. Erfüllen wir es jeder auf ſeiner Seite und jeder auf ſeine Gefahr. Ich werde Euch nicht durch ein Verbrechen unterſtützen.“ „Durch ein Verbrechen?“ „Ja, und noch was für ein Verbrechen? Eines von denjenigen, welche eine ganze bebende Bevölkerung auf Euch antreiben; ein Verbrechen, wegen deſſen Ihr an einen von den ſchändlichen Galgen gehängt werdet, vor welchen Eure Wiſſenſchaft ebenſo wenig die erhabenen Menſchen, als die ſchlimmen ſchützen konnte.“ Althotas ſchlug mit ſeinen dürren Händen auf den Marmortiſch und rief: 1 *) Daß Chiron oder vielmehr Cheiron erhabener bedeuten ſoll, iſt uns bis jetzt nicht bekannt geweſen, und dürfte ſchwer zu begründen ſein; ſchlimmer dagegen bedeutet es allerdings. 224 „Stille, ſtille, ſei kein Humanitätsdummkopf, die ſchlimmſte Race von Dummköpfen, welche es in der Welt gibt. Komm und laß uns ein wenig über das Geſetz ſprechen, über das brutale, alberne Geſetz, geſchrieben von Thieren Deiner Art, welche ein Tropfen verſtändig vergoſ⸗ ſenen Blutes empört, während ſie Ströme von Lebensſaft vergoſſen auf den öffentlichen Plätzen, am Fuße der Wälle der Städte, in den Ebenen, die man Schlachtfelder nennt verleckert macht; von Deinem ſtets untauglichen und ſelbſt⸗ ſüchtigen Geſetz, das den Menſchen der Zukunft dem Men⸗ ſchen der Gegenwart opfert, und als Wahlſpruch die Worte:„„Lebe heute, ſtirb morgen!““ genommen hat. Plaudern wir über dieſes Geſetz, willſt Du?“ „Sagt, was Ihr zu ſagen habt, ich höre Euch,“ er⸗ wiederte Balſamo, immer düſterer werdend. „Haſt Du einen Bleiſtift, eine Feder? Wir wollen eine kleine Berechnung anſtellen.“ „Ich rechne ohne Feder und ohne Bleiſtift. Sagt, was Ihr zu ſagen habt.“ „Laß Deinen Plan hören. Oh! ich erinnere mich... Du ſtürzeſt ein Miniſterium, Du hebſt die Parlamente auf, Du ſetzeſt ungerechte Richter ein, Du führſt einen Banke⸗ rott herbei, Du verbreiteſt den Gährungsſtoff zu Empö⸗ rungen, Du entzündeſt eine Revolution, Du ſtürzeſt eine Monarchie, Du läſſeſt Dein Protectorat ſich erheben und wirfſt den Protector nieder. Die Revolution wird Dir die Freiheit, das Protectorat die Gleichheit gegeben haben. Sind aber die Franzoſen frei und gleich, ſo iſt Dein Werk erfüllt, nicht wahr?“ „Ja, betrachtet Ihr die Sache als unmöglich?“ „Ich glaube nicht an die Unmöglichkeit. Du ſiehſt. daß ich Dir ein ſchönes Spiel mache!“ „Nun?“ „Warte: einmal iſt Frankreich nicht wie England, wo man Alles gemacht hat, was Du machen willſt, Du Plagiator; Frankreich iſt kein abgeſondertes Land, wo man Miniſterien ſtürzen, die Parlamente aufheben, unge⸗ hrungsſtoff zu Empörungen verbreiten, Revolutionen entzünden, Monarchien ſtürzen, Protectorate erheben und Protectoren niederwerfen kann, ohne daß ſich die andern Nationen ein wenig in dieſe Bewegungen miſchen. Frank⸗ reich iſt an Europa feſtgebunden, wie die Leber an die Eingeweide des Menſchen. Es hat Wurzeln bei allen Nationen, Fibern bei allen Völkern; ſuche die Leber, der großen Maſchine auszureißen, die man den europäiſchen Continent nennt, und zwanzig Jahre, dreißig Jahre, vier⸗ zig Jahre vielleicht, wird der ganze Korper beben; doch ich ſetze die niedrigſte Zahl und nehme die zwanzig Jahre an; antworte, iſt das zu viel, weiſer Philoſoph?“ „Nein, es iſt nicht zu viel,“ ſprach Balſamo,„es iſt ſogar nicht einmal genug.“ „Nun, ich begnüge mich damit. Zwanzig Jahre des Krieges, des erbitterten, tödtlichen, unabläſſigen Kampfes, ich berechne dies zu zweimal hundert tauſend Todten jähr⸗ lich; das iſt nicht zu viel, wenn man ſich zu gleicher Zeit in Deutſchland, in Italien, in Spanien, was weiß ich wo? ſchlägt. Zweimal hundert tauſend Menſchen jährlich, macht in zwanzig Jahren vier Millionen Menſchen; gibt man jedem Menſchen ſiebenzehn Pfund Blut, das iſt ungefähr die Rechnung der Natur, ſo macht dies, multi⸗ plicirt ſiebenzehn mit vier, laß ſehen... das macht acht und ſechzig Millionen Pfund Blut vergoſſen, um zu Dei⸗ nem Ziele zu gelangen. Ich verlangte von Dir drei Tropfen. Sage nun, wer der Narr, der Wilde, der Can⸗ nibale von uns Beiden iſt? Du antworteſt nicht?“ „Doch, Meiſter, ich antworte Euch, daß drei Tropfen Blut nichts wären, wenn Ihr mit Gewißheit auf das Ge⸗ lingen rechnen könntet.“ „Und Du, der Du acht und ſechzig Millionen Pfund vergießeſt, ſprich, biſt Du deiner Sache ſicher? Dann ſtehe auf und erwiedere, die Hand auf Deinem Herzen: „„Meiſter, mit dieſen vier Millionen Leichname, ga⸗ rantire ich das Glück der Menſchheit.““ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. „Meiſter, Ihr täuſcht Euch über die Wirkſamkeit des MNitteels, es iſt unmöglich.“ „Ich glaube, Du räthſt mir, ich glaube, Du leugneſt mir ab, ich glaube Du ſtrafſt mich Lügen,“ verſetzte Al⸗ thotas ſeine grauen Augen mit kaltem Zorn unter den weißen Wimpern rollend. „Nein, Meiſter, aber ich überlege, ich, der ich jeden meiner Tage in Berührung mit den Dingen dieſer Welt, im Widerſpruch mit den Menſchen, im Kampf mit den Fürſten lebe, und nicht wie Ihr abgeſchloſſen in einen Winkel, gleichgültig gegen Alles, was vorgeht, gegen Alles, was ſich vertheidigt, oder was Macht an ſich reißt, eine reine Abſtraction des Gelehrten und des Citators; ich end⸗ lich, der ich die Schwierigkeiten kenne, bezeichne ſie ganz einfach.“ „Dieſe Schwierigkeiten würdeſt Du raſch überwinden, wenn Du wollteſt.“ „Sprecht, wenn ich glauben würde.“ „Du glaubſt alſo nicht?“ „Nein. „Du verſuchſt mich, Du verſuchſt mich!“ rief Althotas. „Nein, ich zweifle.“ „Nun, ſo laß ſehen; glaubſt Du an den Tod?“ „Ich glaube an das, was iſt, der Tod aber iſt.“ Althotas, zuckte die Achſeln.— „Der Tod iſt alſo,“ ſagte er,„das iſt ein Punkt, den Du nicht in Abrede ziehſt.“ „Das iſt eine unzweifelhafte Sache.“ „Das iſt eine unbeſchränkte, unüberwindliche Sache, nicht wahr?“ fügte der alte Gelehrte mit einem Lächeln bei, das ſeinen Adepten beben machte. „Oh! ja, Meiſter, unbeſiegbar, unbeſchränkt beſonders.“ 6. „Und wenn Du einen Leichnam ſiehſt, tritt Dir der Schweiß auf die Stirne, ergreift Dein Herz ein Bedauern.“ „Der Schweiß tritt mir nicht auf die Stirne, weil ich mit allem menſchlichen Elend vertraut bin; das Be⸗ dauern ergreift mein Herz nicht, weil ich das Leben ge⸗ ring achte; aber ich ſage mir in Gegenwart des Leich⸗ nams:„„Tod! Tod! du biſt mächtig wie Gott! Du herrſcheſt unumſchränkt, o Tod! und Niemand vermag etwas gegen dich!““ Althotas hörte Balſamo ſtillſchweigend und ohne ein anderes Zeichen der Ungeduld an, als daß er ein Zer⸗ gliederungsmeſſer zwiſchen ſeinen Fingern drehte; als aber ſein Zögling ſeine ſchmerzlichen, feierlichen Worte vollendet hatte, ſchaute der Greis lächelnd umher und ſeine Augen ſo glühend, daß die Natur keine Geheimniſſe für ſie zu haben ſchien, ſeine Augen hefteten ſich auf einen Winkel des Zimmers, wo auf ein paar Strohhalmen liegend ein armer ſchwarzer Hund zitterte, der einzige, der von drei Thieren derſelben Gattung, übrig blieb, welche Althotas auf ſein Verlangen für ſeine Verſuche von Balſamo er⸗ halten hatte. „Nimm dieſen Hund und trage ihn auf den Kiſch,“ ſprach Althotas zu Balſamo. Bealſamo gehorchte, er nahm den ſchwarzen Hund und trug ihn auf den Tiſch. Das Thier, welches ſein Geſchick zu ahnen ſchien und ſich ohne Zweifel ſchon unter der Hand des Erperi⸗ mentenmachers befunden hatte, fing an zu ſchauern, ſich zu ſträuben und zu heulen, als es die Berührung des Marmors fühlte. „Eh! eh!“ ſagte Althotas,„Du glaubſt an das Le⸗ ben, nicht wahr, Du, der Du an den Tod glaubſt?“ „Ganz gewiß.“ „Das iſt ein Hund, der mir ſehr lebend ſcheint, was ſagſt Du dazu?“ „Sicherlich, da er ſchreit, da er ſich ſträubt, da er Furcht hat.“. . 15* 228* „Wie häßlich ſind doͤch die ſchwarzen Hunde! Suche mir das nächſte Mal weiße zu verſchaffen. „Ich werde dafür beſorgt ſein.“ „Ah! wir ſagen alſo, dieſer ſei lebend! Belle, Klei⸗ ner,“ fügte der Greis mit ſeinem finſteren Lächeln bei, „belle, um den Herrn Acharat zu überzeugen, daß du le⸗ bend biſt.“ Und er berührte den Hund mit dem Finger an einer gewiſſen Muskel und der Hund bellte oder ſtöhnte vielmehr ſogleich. „Gut, nähere die Glocke; ſo iſt es; bringe den Hund darunter. Ah! ich vergaß, Dich zu fragen, an welchen Tod Du am liebſten glaubſt?“ „Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollte, Meiſter, der Tod iſt der Tod.“ „Das iſt richtig, ſehr richtig, was Du mir da geſagt haſt, zund es iſt auch meine Anſicht. Nun! da der Tod der Tod iſt, ſo mach, geſchwinde, Acharat.“ Balſamo drehte ein Rad, das durch eine Röhre, die unter der Glocke mit dem Hunde eingeſchloſſene Luft frei machte, und allmählig entſtrömte die Luft mit einem ſchril⸗ len Pfeifen. Der kleine Hund wurde zuerſt unruhig, ſuchte dann, wühlte, hob den Kopf in die Hohe, athmete ge⸗ räuſchvoll und haſtig, und fiel endlich erſtickt, angeſchwol⸗ len, leblos nieder. „Der Hund iſt am Schlag geſtorben, nicht wahr?“ ſagte Althotas,„ein ſchöner Tod, der nicht lange leiden läßt?“ „Ja.“ „Er iſt gewiß todt?“ „Sicherlich.“ „Du ſcheinſt mir nicht ganz überzeugt, Acharat?“ „Doch, im Gegentheil.“ „Oh! Du kennſt meine Mittel, nicht wahr? Du ſetzeſt voraus, ich habe die Einhauchung gefunden, das an⸗ dere Problem, das darin beſteht, daß man das Leben mit 3 — 4 229 der Luft in einem unberührten Koͤrper kreiſen läßt, wie man es in einem Schlauche thun kann, der kein Loch hat?“ „Nein, ich ſetze nichts voraus; ich glaube nur, daß der Hund todt iſt.“ „Gleichviel, zu groͤßerer Sicherheit wollen wir ihn zweimal tödten. Hebe die Glocke auf, Acharat.“ Acharat nahm das kriſtallene Gefäß weg, der Hund rührte ſich nicht; ſeine Augenlider waren geſchloſſen, ſein Herz ſchlug nicht mehr. „Nimm das Zergliederungsmeſſer, laß den Kehlkopf unberührt, und zerſchneide die Wirbelſäule.“ „Einzig und allein, um Euch zu gehorchen.“ „Und auch um dem armen Thiere den Garaus zu machen, wenn es noch nicht ganz todt wäre,“ erwiederte Althotas mit jenem Lächeln der den Greiſen eigenthüm⸗ lichen Hartnäckigkeit. Balſamo machte einen einzigen Zug mit der ſchnei⸗ denden Klinge; der Einſchnitt trennte die Wirbelſäule unge⸗ fähr zwei Zoll vom kleinen Gehirn und öffnete eine weite, blutige Wunde. Das Thier oder vielmehr der Leichnam des Thieres blieb unbeweglich. „Ja, meiner Treue, er war wirklich todt,“ ſprach Althotas,„nicht eine Fiber bebt, nicht eine Muskel zittert, kein Atom des Fleiſches erhebt ſich gegen dieſes neue Attentat. Nicht wahr, er iſt todt, ſehr todt?“ „Ich will es anerkennen, ſo oft als Ihr es aner⸗ kannt haben wollt“ verſetzte Balſamo ungeduldig. „Und das iſt ein träges, erkaltetes, für immer unbe⸗ wegliches Thier. Nichts hat Gewalt gegen den Tod, haſt Du geſagt. Niemand hat die Macht, dem armen Thiere das Leben, oder nur den Anſchein des Lebens zurückzu⸗ geben?“ „Niemand, wenn nicht Gott!“ 3 „Ja, doch Gott wird nicht ſo folgewidrig ſein, dies zu thun. Wenn Gott tödtet, ſo hat er, da er die oberſte Weisheit iſt, einen Grund, oder einen Vortheil, 280 2 zu tödten. Ein Moͤrder, ich weiß nicht mehr wie er heißt, ein Mörder ſagte dies, und das war gut geſagt. Die Natur hat ein Intereſſe beim Tod. Dieſer Hund iſt ſo todt als möglich, und die Natur hat ihr Intereſſe an ihm ge⸗ nommen.“ Althotas heftete ſein durchdringendes Auge auf Bal⸗ ſamo. Müde, ſo lange das Geſchwätze des Greiſes ausge⸗ halten zu haben, neigte dieſer das Haupt ſtatt jeder Antwort. „Nun! was würdeſt Du ſagen, wenn dieſer Hund das Auge öffnete und Dich anſchaute?“ fuhr Althotas fort. „Das würde mich ſehr in Erſtaunen ſetzen,“ erwie⸗ derte Balſamo lächelnd. 4 „Das würde Dich in Erſtaunen ſetzen 2 Ah! das iſt ein Glück!“ Während der Greis dieſe Worte mit ſeinem falſchen, finſtern Gelächter ſprach, zog er den Hund zu einem Apparat, beſtehend aus Metallſtücken, welche durch Tuch⸗ pfropfen getrennt waren; der Mittelpunkt dieſes Apparats war in eine Miſchung von ſauerer Flüſſigkeit geſetzt; die zwei Enden, oder die zwei Pole, wie man es nennt, ſtanden aus der Kufe hervor. „Welches Auge ſoll er öffnen, Acharat?“ fragte der reis. „Das rechte.“ „Die zwei nahe an einander geſtellten, aber durch ein Stück Seide getrennten Enden wurden auf eine Hals⸗ muskel gedrückt. Sogleich öffnete ſich das rechte Auge des Hundes und ſchaute Balſamo ſo ſtarr an, daß dieſer erſchrocken zurückwich.— „Nun gehen wir auf den Rachen über, willſt Du?“ Balſamo antwortete nicht, es hatte ihn ein tiefes Er⸗ ſtaunen ergriffen. 5. Althotas berührte eine andere Muskel, und ſtatt des Auges, das ſich wieder geſchloſſen hatte, öffnete ſich das — — 23t Maul und ließ weiße, ſpitzige Zähne ſehen, an deren Wurzeln das rothe Fleiſch wie im Leben zitterte. Balſamo wurde bange und er konnte ſeine Aufregung nicht verbergen. „Oh! das iſt ſeltſam,“ ſagte er. „Siehſt Du, wie wenig der Tod iſt,“ ſprach Altho⸗ tas triumphirend über das Erſtaunen ſeines Zoͤglings,„ein armer Greis, wie ich, der ihm bald angehören wird, macht, daß er von ſeinem unerbittlichen Wege abgeht.“ Und plötzlich fügte er mit einem ſcharfen, nervigen Lachen bei: „Nimm Dich in Acht, Acharat, das iſt ein Hund, der Dich ſo eben beißen wollte, und Dir nun nachlaufen wird; nimm Dich in Acht.“ Der Hund erhob ſich in der That mit ſeinem durch⸗ ſchnittenen Halſe, ſeinem aufgeſperrten Rachen und ſeinem bebenden Auge raſch auf ſeine vier Pfoten und ſchwankte mit dem häßlich hängenden Kopfe auf ſeinen Beinen. Balſamo fühlte, wie ſeine Haare ſich ſträubten, der Schweiß lief ihm von der Stirne, und er wich zur Ein⸗ gangsthüre zurück, unentſchloſſen, ob er fliehen oder blei⸗ ben ſollte. „Nuhig, ruhig, Du ſollſt nicht vor Angſt ſterben, während ich Dich zu belehren ſuchte,“ ſprach Althotas, indem er den Leichnam und die Maſchine zurückſtieß;„ge⸗ nug der Erperimente.“ Sogleich fiel der Leichnam, der mit der Säule im Rapport zu ſtehen aufhoͤrte, wieder nieder und blieb unbe⸗ weglich ausgeſtreckt. „Hätteſt Du das vom Tod geglaubt, Acharat, häͤtteſt Du geglaubt, er wäre von ſo guter Beſchaffenheit, ſprich?“ „Seltſam, in der That ſeltſam,“ verſetzte Acharat, indem er ſich dem Greiſe wieder näherte. „Du ſiehſt, daß man zu dem gelangen kann, was ich ſagte, mein Kind, und daß der erſte Schritt gethan iſt. Was heißt es, das Leben verlängern, da man bereits den Tod zu vernichten vermag 2 232 „Aber man vermag es noch nicht,“ entgegnete Bal⸗ ſamo,„denn das Leben, das Ihr ihm gegeben habt, war nur ein ſcheinbares.“ „Wenn uns die Zeit gegönnt iſt, werden wir das wirkliche Leben finden. Haſt Du nicht in den römiſchen Dichtern geleſen, daß Caſſideus den Leichnamen das Leben zurückgab?“ „Ja, in den Dichtern.“ „Die Römer nannten die Dichter vates; vergiß das nicht, mein Freund.“ „Sagt mir jedoch...“ „Abermals ein Einwurf?“ Ja. 7/⸗ 7 „Wenn Euer Elirier zuſammengeſetzt wäre und Ihr dieſen Hund davon nehmen ließet, ſo würde er alſo ewig leben?“ „Ganz gewiß.“ 3 „Und wenn er in die Hände eines Erperimenten⸗ machers wie Ihr fiele, der ihn erwürgte?“. „Gut, gut,“ rief der Greis freudig und ſeine Hände an einander ſchlagend,„hier erwartete ich Dich.“ „Wenn Ihr mich hier erwartetet, ſo antwortet mir.“ „Das will ich gern.“ 3 „Wird das Elirxir einen Kamin verhindern, auf einen Kopf zu fallen, eine Kugel, einen Menſchen zu durch⸗ bohren, ein Pferd, mit einem Fußſchlage den Bauch ſeines Reiters zu öffnen?“ Althotas ſchaute Balſamo mit demſelben Auge an, mit dem ein Fechter ſeinen Gegner bei einem Stoße, der ihm denſelben zu treffen geſtattet, anſchauen muß. „Nein! nein, nein!“ ſagte er,„Du biſt in der That ein Logiker, mein lieber Acharat. Nicht der Kamin, nicht die Kugel, nicht der Fußtritt werden ſich vermeiden laſſen, ſo lange es Häuſer, Flinten und Pferde gibt.“ „Es iſt wahr, Ihr werdet die Todten auferwecken.“ „Für den Augenblick, ja; für das Unendliche, nein. Zu dieſem Behufe müßte ich vor Allem die Stelle des = 233 Körpers finden, wo die Seele ihren Sitz hat, und dies könnte ein wenig lange dauern; doch ich werde die Seele hindern, aus dem Körper durch die Wunde zu gehen, welche gemacht worden iſt.“ „Wie dies?“ „Indem ich ſie verſchließe.“ „Selbſt wenn dieſe Wunde eine Pulsader durch⸗ ſchneidet?“. „Ganz gewiß.“ „Ah! das möͤchte ich ſehen.“ „Nun, ſo ſchau,“ ſprach der Greis. Und ehe Balſamo ihn zurückhalten konnte, ſtach er ſich mit einer Lancette in die Ader des linken Armes. Es war ſo wenig Blut in dem Körper des Greiſes übrig, und dieſes Blut rollte ſo langſam, daß es einiger Zeit bedurfte, bis es an die Lefzen der Wunde kam. Doch endlich kam es, und ſobald dieſer Gang geöffnet war, floß es reichlich. „Großer Gott!“ rief Balſamo.“ „Nun! was?“ ſagte Althotas. „Ihr ſeid ſchwer verwundet.“ „Da Du wie der heilige Thomas biſt und nur glaubſt, was Du ſiehſt und fuͤhlſt, ſo muß ich Dich ſehen und fühlen laſſen.“ Er nahm eine kleine Phiole, welche im Bereiche ſeiner Hand ſtand, goß einige Tropfen auf die Wunde und ſprach: „Schau nun.“ Vor dieſem Waſſer, das eine beinahe magiſche Wir⸗ kung hatte, trat das Blut zurück, das Feiſch zog ſich zu⸗ ſammen, ſchloß die Ader, und die Wunde wurde ein zu enger Stich, als daß das fließende Fleiſch, welches man das Blut nennt, hätte durchſiekern können.’ Balſamo betrachtete den Greis mit dem größten Er⸗ ſtaunen. „Das habe ich abermals gefunden; was ſagſt Du dazu, Acharat?“ 234 „Oh! ich ſage, Meiſter, daß Ihr der gelehrteſte Menſch ſeid.“ 1 „Und daß ich dem Tod, wenn ich ihn nicht gänzlich beſiegt, wenigſtens einen Schlag beigebracht habe, von dem er ſich nicht ſo leicht wieder erheben wird. Siehſt Du, mein Sohn, der menſchliche Körper hat ſchwache Knochen, welche brechen können: ich werde dieſe Knochen ſo hart machen wie Stahl. Der menſchliche Körper hat Blut, das wenn es ausfließt, das Leben mitnimmt: ich werde das Blut verhindern, aus dem Körper zu fließen. Das Fleiſch iſt weich und leicht zu verletzen: ich werde es unverwundbar machen wie das der Paladine des Mit⸗ telalters, auf welchem ſich die Spitze der Degen und die Schneide der Aerte abſtumpften. Hiezu bedarf es nur eines Althotas, der dreihundert Jahre lebt. Nun! gib mir, was ich von Dir verlange, und ich werde tauſend leben. Oh! mein lieber Acharat, das hängt von Dir ab. Gib mir meine Jugend, gib mir die Kraft meines Körpers, gib mir die Friſche meiner Gedanken zurück, und Du wirſt ſehen, ob ich das Schwert, die Kugel, die einſtürzende Mauer, das beißende oder niederwerfende Thier fürchte. In meiner vierten Jugend, Acharat, das heißt, ehe ich das Alter von vier Menſchen durchlebt, habe ich das An⸗ geſicht der Erde erneuert, und ich ſage Dir, ich habe für mich und die wiedergeborene Menſchheit eine Welt für meinen Gebrauch, eine Welt ohne Kamine, ohne Schwerter, ohne Musketenkugeln, ohne niederſchlagende Pferde gemacht, denn die Menſchen werden dann begreifen, daß es beſſer iſt, zu leben, ſich zu unterſtützen, ſich zu lieben, als ſich zu 4 zerreißen und zu zerſtören.“ „Es iſt wahr, oder es iſt wenigſtens möglich, Meiſter.“ „Nun, ſo bring mir das Kind.“ „Laßt mich noch nachdenken und denkt ſelbſt nach.“ Althotas ſchleuderte ſeinem Adepten einen Blick er⸗ habener Verachtung zu. „Gehe!“ ſagte er,„gehe! ich werde Dich ſpäter über⸗ zeugen; und überdies iſt das Blut des Menſchen keine ſo —— 235 koſtbare Zuthat, daß ſie ſich nicht durch eine andere Ma⸗ terie erſetzen ließe. Gehe! ich werde ſuchen, ich werde finden. Ich bedarf Deiner nicht, gehe.“ Balſamo ſtieß mit dem Fuß auf die Fallthüre und ſtieg in das untere Gemach hinab, ſtumm, unbeweglich, gebeugt unter dem Genie dieſes Mannes, der an unmoͤg⸗ liche Dinge zu glauben zwang, während er ſelbſt unmög⸗ liche Dinge verrichtete. LXI. Die Erkundigung. Dieſe ſo lange, an Ereigniſſen ſo fruchtbare Nacht, in der wir, wie die Wolke der mythologiſchen Götter, von Saint⸗Denis nach der Muette, von der Muette nach der Rue Coq⸗Héron, von der Rue Coq⸗Héron nach der Rue Plaſtriére, von der Rue Plaſtrioͤre nach der Rue Saint⸗ Claude ſpaziert ſind, dieſe Nacht verwendete Madame Dubarry zu dem Verſuche, den Geiſt des Königs gemäß ihren Abſichten einer neuen Politik zu kneten. Sie verweilte beſonders beharrlich bei dem Umſtande, wie gefährlich es wäre, die Choiſeul Boden bei der Dau⸗ phine gewinnen zu laſſen. Der König erwiederte die Achſeln zuckend, die Frau Dauphine wäre ein Kind und Herr von Choiſeul ein alter Miniſter, es walte daher keine Gefahr ob, inſofern die Eine nicht zu arbeiten, der Andere nicht zu beluſtigen wüßte. Entzückt über dieſes Witzwort, hatte der König ſodann jede weitere Erklärung kurz abgeſchnitten. Nicht daſſelbe war bei Madame Dubarry der Fall geweſen, die bei dem König eine gewiſſe Zerſtreutheit zu bemerken glaubte. Ludwig XV. war gefallſüchtig. Sein größtes Glück beſtand darin, daß er ſeine Geliebtinnen eiferſüchtig zu 238 machen ſuchte, vorausgeſetzt indeſſen, daß dieſe Eiferſucht nicht in zu lange Zänkereien und Streitigkeiten überging. Madame Dubarry war eiferſüchtig, einmal aus Eitel⸗ keit und dann aus Furcht. Es hatte ihr zu viel Mühe gemacht, ihre Stellung zu erringen, und die Stellung, die ſie nun einnahm, war zu weit entfernt von ihrem Aus⸗ gangspunkte, als daß ſie es, wie Frau von Pompadour, gewagt hätte, andere Geliebtinnen des Königs zu dulden oder ſogar ihm zu ſuchen, wenn Seine Majeſtät ſich zu langweilen ſchien, was Ludwig XV. bekanntlich oft begegnete. Da nun Madame Dubarry, wie geſagt, eiferſuchtig war, ſo wollte ſie aus dem Grunde die Zerſtreuungen des Königs kennen. Der König erwiederte die merkwürdigen Worte, von denen er nicht eine Sylbe dachte: „Ich beſchäftige mich viel mit dem Glück meiner Söhnerin und weiß in der That nicht, ob der Herr Dau⸗ phin ſie glücklich machen wird.“ „Und warum nicht, Sire?“ „Weil Herr Louis in Compiégne, in Saint⸗Denis und in der Muette viel die andern Frauen und ſehr we⸗ nig die ſeinige anzuſchauen geſchienen hat.“ „In der That, Sire, wenn mir Eure Majeſtät nicht dergleichen ſagte, würde ich es nicht glauben; die Frau Dauphine iſt doch hübſch.“ „Sie iſt ein wenig mager.“ „Sie iſt ſo jung.“ „Gut, ſehen Sie Fräulein von Taverney an, ſie hat das Alter der Erzherzogin.“ .„ Nun?“— „Nun! ſie iſt vollkommen ſchön.“. Ein Blitz zuckte in den Augen der Gräfin und machte den König auf ſeine Unbeſonnenheit aufmerkſam. „Doch Sie ſelbſt, liebe Gräfin,“ verſetzte der König raſch,„Sie, die Sie ſo ſprechen, Sie waren, ich bin es vollkommen überzeugt, Sie waren mit ſechzehn Jahren rund wie die Schäferinnen unſers Freundes Boucher.“ 237 Dieſe kleine Schmeichelei wirkte einigermaßen ver⸗ ſöhnend, doch der Schlag war geſchehen. Madame Dubarry ergriff auch wieder die Offenſive und ſprach mit einer gewiſſen Ziererei: „Ahl ſie iſt alſo ſehr ſchön, dieſe Taverney?“ „Ei! weiß ich es?“ verſetzte Ludwig XV. „Wie! Sie rühmen ſie und ſagen, Sie wiſſen nicht, ob ſie ſchön ſei?“ „Ich weiß nur, daß ſie nicht mager iſt.“ „Sie haben ſie alſo geſehen und prüfend angeſchaut?“ „Ah! liebe Gräfin, Sie treiben mich in Fallen. Sie wiſſen, daß ich ein kurzes Geſicht habe. Eine Maſſe fällt mir auf; zum Teufel mit den Einzelnheiten! Bei der Frau Dauphine habe ich nur Knochen eſehen.“ „Und bei dem Fräulein haben Sie Maſſen geſehen, wie Sie ſagen, denn die Frau Dauphine iſt eine ausge⸗ zeichnete Schoͤnheit und Fränlein von Taverney eine ge⸗ meine Schönheit?“ „Gehen Sie doch,“ Lerſetzte der König, demnach wä⸗ ren Sie keine ausgezeichnete Schönheit, Jeanne? Sie ſcherzen, glaube ich.“ 8 „Gut, ein Compliment,“ ſagte leiſe die Gräfin;„lei⸗ der dient dieſes Compliment als Umhüllung für ein an⸗ deres, das keines für mich iſt.“ Dann ſprach ſie laut: „Meiner Treue, es wäre mir ſehr lieb, wenn die Frau Dauphine ſich etwas appetitliche, reizende Ehrenda⸗ men wählen würde; es iſt etwas Abſcheuliches um einen Hof von alten Frauen.“ „Wem ſagen Sie das, theure Freundin? Noch ge⸗ ſtern wiederholte ich dies dem Dauphin; doch ihm iſt die Sache gleichgültig.“ Wenn man zum Anfang Fräulein von Taverney „D nehmen würde?“ 4 „Man nimmr ſie, glaube ich,“ antwortete Ludwig XV. „Ah! Sie wiſſen das, Sire?“ „Ich glaube es wenigſtens gehört zu haben.“ 238 „Es iſt ein Mädchen ohne Vermögen.“ „Ja, doch ſie iſt von Geburt. Dieſe Taverney⸗Mai⸗ ſon⸗Rouge ſind von gutem Hauſe und alte Diener.“ „Wer begünſtigt ſie?“ „Ich weiß es nicht, doch ich halte ſie für arme Schlucker, wie Sie ſagen.“ „Dann iſt es nicht Herr von Choiſeul, denn ſonſt würden ſie von Penſionen ſtrotzen.“ 2„Gräfin, Gräfin, ſprechen wir nicht Politik, ich bitte e. „Es heißt alſo von Politik ſprechen, wenn man ſagt, die Choiſeul richten Sie zu Grunde?“ „Gewiß,“ verſetzte der König. Und er ſtand auf. Eine Stunde nachher war ſeine Majeſtät nach Tria⸗ non zurückgekehrt: ſie freute ſich ungemein, Eiferſucht ein⸗ geflößt zu haben, ſagte aber ganz leiſe, wie es Herr von Richelieu hätte mit dreißig Jahren thun können: „Es iſt in der That etwas ſehr Langweiliges um eifer⸗ ſüchtige Frauen.“ Sobald der König weggegangen war, ſtand auch Ma⸗ dame Dubarry auf und begab ſich in ihr Boudoir, wo Chon, äußerſt unguldig, Neues zu erfahren, ihrer harrte. „Nun!“ ſagte ſie,„Du haſt in dieſen Tagen großes Glück gehabt. Vorgeſtern der Dauphine vorgeſtellt, geſtern zu ihrer Tafel zugelaſſen.“ „Das iſt wahr. Eine ſchöne Geſchichte!“ „Wie! eine ſchöne Geſchichte? Weißt Du, daß die⸗ ſen Morgen hundert Wagen Deinem Lächeln auf der Straße nach Luciennes nachjagen? „Das ärgert mich.“ „Warum?“ „Weil es verlorene Zeit iſt; weder Wagen, noch Leute werden dieſen Morgen mein Lächeln bekommen.“ „Oh! oh! Gräfin, das Wetter ſteht auf Sturm.“ „Meiner Treue, ja! Meine Chocolade, geſchwinde meine Chocolade.“ 239 Chon läutete. Zamore erſchien. 1 „Meine Chocolade,“ ſagte die Gräfin. Zamore ging langſam weg, indem er Wleichſäm ſeine Schritte zählte und ſich gewaltig aufblälhtte. „Dieſer Burſche will mich alſo Hungers ſterben laſſen 2“ rief die Gräfin;„hundert Peitſchenhiebe, wenn er nicht läuft.“ „Ich nicht laufen, ich Gouverneur,“ ſagte Zamore majeſtätiſch. „Ah! Du Gouderneur!“ rief die Gräfin, und ergriff eine Reitpeitſche mit einem Vermeilknopfe, deren Beſtim⸗ mung es war, den Frieden unter den kleinen Hunden der Gräfin zu erhalten;„ah! Du Gouverneur! warte, warte, Du ſollſt es ſehen, Gouverneur!“ Bei dieſem Anblick entlief Zamore, alle Scheidewände erſchütternd, unter einem gewaltigen Geſchrei. „Du biſt heute ganz wild, Jeanne,“ ſagte Chon. „Nicht wahr, ich habe das Recht dazu?“ „Oh! ganz gewiß. Doch ich laſſe Dich allein, meine Liebe.“ „Warum dies?“ „Ich befürchte, Du könnteſt mich verſchlingen.“ Es erſchollen drei Schläge an der Thüre des Boudoir. „Ei, wer klopft jetzt?“ ſagte die Gräfin voll Ungeduld. „Der wird gut empfangen werden„“ murmelte Chon. 5„Es wäre beſſer, ich würde ſchlecht empfangen,“ ſprach Jean und ſtieß die Thüre mit einer ganz koͤnig⸗ lichen Breite auf. „Nun, was könnte geſchehen, wenn Sie ſchlecht empfangen würden? denn das wäre am Ende doch möglich.“ „Es würde geſchehen, daß ich nicht wiederkäme.“ „Hernach?“ „Und daß Sie dadurch, daß Sie mich ſchlecht empfan⸗ gen, mehr verloren hätten, als ich.“ „Unverſchämter!“ G 240 „Gut, man iſt unverſchämt, weil man nicht ſchmei⸗ chelt. Was hat ſie denn dieſen Morgen, große Chon?“ „Sprich mir nicht davon, Jean, ſie iſt unzugäng⸗ lich. Oh! hier kommt die Chocolade.“ 4 „Nun, laſſen wir ſie in Ruhe. Guten Morgen, meine Chocolade,“ ſagte Jean, indem er die Platte nahm;„wie befindeſt du dich, meine Chocolade?“ Und er ſtellte die Platte in eine Ecke auf einen klei⸗ nen Tiſch, an den er ſich ſetzte. „Komm, Chon,“ ſagte er,„komm; diejenigen, welche zu ſtolz ſind, werden nichts davon haben.“ „Ah! Ihr ſeid reizend,“ ſagte die Gräfin, als ſie ſah, wie Chon durch ein Zeichen mit dem Kopfe Jean bedeutete, er könne allein ſfrühſtücken:„Ihr macht die Empfindlichen und ſeht nicht, daß ich leide.“ „Was haſt Du denn?“ fragte Jean näher tretend. „Nein!“ rief die Gräfin;„nicht eines von ihnen be⸗ kümmert ſich um das, was mich beunruhigt.“ „Und was beunruhigt Dich denn?“ Jean rührte ſich nicht; er aß ſeine Törtchen. „Sollte es Dir an Geld fehlen?“ fragte Chon. „Oh! was das betrifft,“ verſetzte die Gräfin,„vor mir wird es dem König daran fehlen.“— „So leihe mir tauſend Louis d'or,“ ſprach Jean;„ich brauche ſie ſehr nothwendig.“ „Tauſend Schneller auf Ihre dicke, rothe Naſe?“ „Der König behält alſo entſchieden dieſen abſcheu⸗ lichen Choiſeul?“ „Sie wiſſen, daß er unabſetzbar iſt.“ „Er iſt alſo in die Dauphine verliebt?“ „Ah! Sie nähern ſich; ſeht mir doch dieſen Toͤlpel an, der ſich mit Chocolade vollſtopft und nicht einmal den kleinen Finger rührt, um mir zu Hülfe zu kommen. Oh! dieſe zwei Geſchoͤpfe werden noch machen, daß ich vor Aerger ſterbe.“. Jean zerſchnitt, ohne ſich im Geringſten um den hin⸗ * ter ihm toſenden Sturm zu bekümmern, ein zweites Brod, ei⸗ r 1 24* beſtrich es mit Butter und ſchenkte ſich eine zweite Taſſe Chocolade ein. „Wie! der König iſt verliebt?“ rief Chon. Madame Dubarry machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ſagen wollte: „Errathen!“ „Und zwar in die Dauphine?“ fuhr Chon die Hände faltend fort.„Nun, deſto beſſer, ich denke, er wird kein Blutſchänder ſein, und Du kannſt Dich beruhigen; beſſer, er iſt in dieſe verliebt, als in eine Andere.“ „Doce wenn er nicht in dieſe verliebt iſt, ſondern in eine Andere?“ 4 Mein Gott!“ rief Chon erbleichend.„Oh! mein Gott, mein Gott, was ſagſt Du mir da?“ „Gut! laß es Dir nun übel werden, es fehlt uns nur noch dieſes.“ „Ah! wenn dem ſo iſt, ſind wir verloren; und Du leideſt das, J anne?“ murmelte Chon.„Aber in wen iſt er denn verliebt?“ „Frage Deinen Herrn Bruder, der vor Chocolade blauroth iſt und demnächſt hier erſticken wird; er wird es Dir ſagen, denn er weiß es, oder vermuthet es wenigſtens.“ Jean ſchaute empor. „Spricht man mit mir?“ ſagte er. „Ja, mein Herr Eifriger, ja, mein Herr Nützlicher,“ eerwiederte Jeanne,„man fragt Sie nach dem Namen der Perſon, die den König in Anſpruch nimmt.“ Jean verſtopfte ſich hermetiſch den Mund und ſprach mit einer Anſtrengung, die ihnen mühſam den Durchgang verſchaffte, die drei Worte: „Fräulein von Taverney. „Fräulein von Taverney!“ rief Chon.„Ah! Barm⸗ herzigkeit!“ „Er weiß es, der Henker,“ jammerte die Gräfin, in⸗ dem ſie ſich an die Lehne ihres Stuhles zurückwarf;„er weiß es und ißt“ „Oh!“ machte Chon, welche ſichtbar die Partie ihres Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 16 74 242 Bruders verließ, um in das Lager ihrer Schweſter über⸗ zugehen. „In der That,“ rief die Gräfin,„ich weiß nicht, warum ich ihm nicht ſeine großen, gemeinen, noch vom Schlaf aufgedunſenen Augen ausreiße, dieſem trägen Bur⸗ ſchen! Er ſteht eben erſt auf, meine Liebe, er ſteht erſt auf.“ „Sie täuſchen ſich,“ ſagte Jean,„ich bin nicht zu Bette gegangen.“ „Und was haben Sie denn gemacht, abſcheulicher Burſche?“ „Ich bin die ganze Nacht und den ganzen Morgen umhergelaufen.“ „Ich ſagte es doch... oh! wer wird mir beſſer die⸗ nen, als man mir dient? Wer wird mir ſagen, was aus ihr geworden iſt, wo ſie iſt?“ „Wo ſie iſt?“ ſagte Jean. „Ja. „ In Paris, bei Gott!“ „In Paris 2... Aber wo in Paris?“ „In der Rue Coq⸗Héron.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Der Kutſcher von ihrem Wagen, den ich in den Ställen erwartete und befragte.“ „Und was ſagte er Ihnen?“ „Er habe alle Taverney in ein kleines Hotel der Rue Cogq⸗Héron geführt, das in einem Garten liege und an das Hotel d'Armenonville ſtoße.“ „Ah! Jean, Jean,“ rief die Gräfin,„das ſöhnt mich mit Ihnen aus, mein Freund; doch man ſollte einzelne Umſtände wiſſen. Wie lebt ſie? wen ſieht ſie? was macht ſie? Empfängt ſie Briefe? Dies zu erfahren iſt ſehr wichtig.“ „Nun! man wird es erfahren.“ „Und wie?“ „Ah! ja wohl. Ich habe geſucht, ſuchen Sie auch ein wenig.“ „Rue Coq⸗Héron?“ fragte Chon lebhaft. 13 — ¹u—— —— α— —— † 243— „Rue Cog⸗Héron,“ wiederholte Jean phlegmatiſch. „Nun! Rue Coq⸗Héron, es müſſen dort Zimmer zu miethen ſein?“ 5 „Ohl ein vortrefflicher Gedanke,“ rief die Gräfin, „man muß ſchnell nach der Rue Coq⸗Héron laufen, Jean, und ein Haus miethen. Man verbirgt dort Jemand. Dieſer Jemand ſieht aus⸗ und eingehen, manoeuvriren. Geſchwinde, geſchwinde den Wagen, und nach der Rue Coq⸗Héron gefahren!“ 1 „Unnöthig, es ſind keine Zimmer in der Rue Coq⸗ Héron zu miethen.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Ich habe mich, bei Gott! erkundigt; doch es gibt... „Wo dies?“ „In der Rue Plaſtriére.“ „Was iſt das, die Rue Plaſtriére?“ „Eine Straße, deren Häuſer von hinten auf die Gärten der Rue Coq⸗Héron gehen.“ „Naſch, raſch,“ ſagte die Gräfin,„miethen wir eine Wohnung in der Rue Plaſtriére.“ „Sie iſt gemiethet,“ verſetzte Jean. „Bewunderungswürdiger Mann!“ rief die Gräfin. „Küſſe mich, Jean.“. Jean wiſchte ſich den Mund ab, küßte Madame Du⸗ barry auf beide Wangen und machte ihr eine ceremoniöſe Verbeugung, als Zeichen des Dankes für die Ehre, die ihm zu Theil geworden. „Das iſt ein Glück!“ ſagte Jean. „Man hat Sie nicht erkannt 2“ „Wer Teufels ſoll mich in der Nue Plaſtriére er⸗ kennen?“ „Und Sie haben gemiethet?“ „Eine kleine Wohnung in einem finſteren Hauſe.“ „Man fragte Sie wohl, für wen 2“ „Allerdings.“ „Was haben Sie geantwortet?“ „Für eine junge Witwe. Biſt Du ide Chon?“ 1 2 244 „Ganz gewiß!“ antwortete Chon. „Vortrefflich,“ rief die Gräfin;„Chon wird ſich in der gemietheten Wohnung einquartieren; Chon wird lauern, Chon wird wachen; doch man darf keine Zeit verlieren.“ „Ich gehe auch auf der Stelle,“ ſagte Chon,„die Pferde! die Pferde!“ „Die Pferde!“ rief Madame Dubarry und läutete auf eine Weiſe, daß ſie den ganzen Palaſt der Schönen im Walde aufgeweckt hätte. Jean und die Gräſin wußten, woran ſie ſich in Be⸗ ziehung auf Andrée zu halten hatten. Sie hatte, nur erſcheinend, die Aufmerkſamkeit des Königs erregt, Andrée war folglich gefährlich. „Dieſes Mädchen,“ ſagte die Gräfin, indeß man anſpannte,„wäre kein wahres Provinzmädchen, wenn es nicht von ſeinem Taubenſchlage irgend einen verzagten Liebhaber nach Paris mitgebracht hätte; entdecken wir dieſen Liebhaber, und ſchnell eine Heirath. Nichts wird den König ſo ſehr erkalten, als eine Heirath unter Liebes⸗ leuten aus der Provinz.“ „Teufel! im Gegentheil,“ verſetzte Jean,„wir müſſen mißtrauiſch ſein. Fur Seine Allerchriſtlichſte Majeſtät, das wiſſen Sie beſſer, als irgend Jemand, Gräfin, iſt es ein höchſt leckerer Biſſen um eine Neuvermählte; ein Mädchen, das einen Liebhaber hätte, würde Seine Majeſtät viel mehr ärgern. Der Wagen ſteht bereit,“ fügte er bei. Chon entfernte ſich raſch, nachdem ſie Jean die Hand gedrückt und ihre Schweſter umarmt hatte. „Und Jean, warum nimmſt Du ihn nicht mit?“ ſagte die Gräfin. „Nein, nein, ich gehe meinerſeits,“ erwiederte Jean. „Erwarte mich in der Rue Plaſtriére, Chon, ich werde der erſte Beſuch ſein, den Du in Deiner neuen Wohnung em⸗ pfängſt.“. „Nachdem Chon weggegangen war, ſetzte ſich Jean wieder an den Tiſch und verſchlang eine dritte Taſſe Chocolade. 74 8 245 Chon begab ſich zuerſt in das Familienhotel, wechſelte die Kleider, und ſtudirte bürgerliche Mienen. Als ſie mit ſich zufrieden war, hüllte ſie ihre ariſtokratiſchen Schultern in ein mageres Mäntelchen von ſchwarzer Seide, ließ eine Portechaiſe holen, und ſtieg eine halbe Stunde nachher mit Mademoiſelle Sylvie eine ſteile Treppe hinauf, welche in einen vierten Stock führte. In dieſem vierten Stocke lag die von dem Vicomte gemiethete Wohnung. Als Chon auf den Ruheplatz des zweiten Stockes kam, wandte ſie ſich um: es folgte ihr Jemand. Es war die alte Hauseigenthümerin, welche im erſten Stocke wohnte; ſie hatte Geräuſch gehört, war aus ihrem Zimmer gegangen und wurde ungemein neugierig, als ſie zwei ſo junge und hübſche Damen in ihrem Hauſe erſcheinen ſah. Sie erhob ihr runzeliges Haupt und erblickte zwei lachende Köpfe. „Holla! meine Damen,“rief ſie,„was ſuchen Sie hier?“ .„Die Wohnung, die mein Bruder für uns gemiethet häͤt,“ erwiederte Chon, indem ſie ihre Witwenmiene an⸗ nahm;„haben Sie ihn nicht geſehen, oder ſollten wir uns im Hauſe täaͤuſchen?“ „Nein, nein, es iſt im vierten Stocke,“ verſetzte die alte Hauseigenthümerin; oh! arme junge Frau, Witwe in Ihrem Alter?“ „Ach!“ ſeufzte Chon, die Augen zum Himmel auf⸗ ſchlagend. „Doch Sie werden ſehr gut in der Rue Plaſtriére ſein, das iſt eine reizende Straße; Sie werden kein Ge⸗ räuſch hören, denn Ihre Wohnung geht nach dem Garten.“ „Das habe ich gewünſcht, Madame.“ „Durch die Hausflur können Sie jedoch auf die Straße ſehen, wenn die Prozeſſionen vorüberkommen oder die gelehrten Hunde ſpielen.“ „Ah! das wird mir eine große Zerſtreuung gewähren, Madame,“ ſeufzte Chon * * 246 Und ſie ſtieg weiter hinauf.* Die alte Hauseigenthümerin folgte ihr mit den Augen bis zum vierten Stocke und ſagte, als Chon die Thure geſchloſſen hatte: „Sie hat das Ausſehen einer ehrlichen Perſon.“ Sobald die Thüre geſchloſſen war, lief Chon an die Fenſter, welche nach dem Garten gingen. Jean hatte keinen Irrthum begangen; beinahe unter den Fenſtern der gemietheten Wohnung war der von dem Kutſcher bezeichnete Pavillon. Bald blieb kein Zweifel mehr, es ſetzte ſich ein junges Mädchen mit einer Stickerei in der Hand an das Fenſter des Pavillon: dieſes Mädchen war Andrée. LXII. Die Wohnung der Rue Plaſtridre. Chon betrachtete das junge Mädchen kaum einige Augenblicke, als der Vicomte Jean die Treppe zu vier und vier, wie der Schreiber eines Anwalts, heraufſpringend, auf der Schwelle der Wohnung der angeblichen Witwe erſchien. „Nun?“ fragte er. „Du biſt es, Jean. In der That, Du hat mir Angſt gemacht.“ „Was ſagſt Du?“. „Ich ſage, daß ich vortrefflich hier ſein werde, um 8 Alles zu ſehen, doch leider werde ich nicht Alles hören 3 können.“ —„Ah! meiner Treue, Du verlangſt zu viel. Doch höre, eine andere Neuigkeit.“ „Was für eine?“ „Eine wundervolle.“ Bah!“ 7 1. 247 1¹ „Eine unvergleichliche „Was dieſer Menſch mit ſeinen Ausrufungen unaus⸗ ſtehlich iſt!“ „Der Philoſoph.. 84 „Nun, was! der Philoſoph?“ „Man mag immerhin ſagen: „Der Weiſe iſt auf Alles vorbereitet,““ ich bin ein Weiſer, und hierauf war ich dennoch nicht vor⸗ bereitet.“ „Ich frage, ob das einmal ein Ende finden wird? Genirt Sie etwa dieſes Mädchen? Dann gehen Sie in das Nebenzimmer, Mademoiſelle Sylvie.“ „Oh! das iſt durchaus nicht nöthig, und dieſes ſchöne Kind iſt nicht zu viel, im Gegentheil. Bleibe Sylvie, bleibe.“ 1 Und der Vicomte ſtreichelte mit dem Finger das Kinn des hübſchen Mädchens, deſſen Stirne ſich ſchon bei dem Gedanken faltete, man könnte etwas ſagen, was es nicht hören würde. „Sie bleibe alſo; doch ſprich.“ „Ei! ich thue nichts Anderes, ſeitdem ich hier bin.“ „Um nichts zu ſagen, dann ſchweige und laß mich ſchauen: das iſt mehr werth.“ „Beruhigen wir uns. Ich ging alſo, wie ich ſagte, vor einem Brunnen vorüber.“ „Gerade hievon ſagten Sie kein Wort.“ „Gut, nun unterbrechen Sie mich.“. „Nein.“ „Ich ging alſo vor dem Brunnen vorüber und er⸗. handelte altes Geräthe für dieſe abſcheuliche Wohnung, als ich plötzlich fühlte, wie der Waſſerſtrahl meine Strümpfe beſpritzte.“ „Wie intereſſant Alles dies iſt!“ „Aber warten Sie doch, Sie ſind zu eilig, meine Liebe; ich ſchaue und ſehe, errathen Sie, was...“ „Vorwärts doch.“ 22 „Ich ſehe einen jungen Herrn, der mit einem Stück 248 Brod das Rohr des Brunnens verſtopfte und durch das Hinderniß, das er dem Waſſer entgegenſetzte, dieſe Aus⸗ ſchweifung und Abſpringung veranlaßte“ „Es iſt erſtaunlich, wie mich Alles intereſſirt, was Sie mir da erzählen,“ verſetzte Chon die Achſeln zuckend. „Warten Sie doch... ich fluchte heftig, als ich mich beſpritzt fühlte; der Menſch mit dem benetzten Brode wandte ſich um, und ich ſehe 4 „Sie ſehen... 2“ „Meinen Philoſophen, oder vielmehr unſern Philo⸗ ſophen.“ „Wen denn? Gilbert?“ „In Perſon: baarhaupt, offene Jacke, ſchlecht herauf⸗ gezogene Strümpfe, Schuhe ohne Schnallen, kurz in einem galanten Negligé.“ „Gilbert... und was hat er geſagt?“ „Ich erkenne ihn, er erkennt mich; ich gehe auf ihn zu, er weicht zurück; ich ſtrecke den Arm aus, er öffnet die Beine und läuft wie ein Windhund mitten durch die Wagen und Waſſerträger.“ „Sie haben ihn aus dem Geſicht verloren?“ „Ich glaube bei Gott wohl; Sie denken doch nicht, ich habe auch zu laufen angefangen?“ „In der That, ich begreife, das war unmöglich; doch nun iſt er verloren.“ „Ah! welch ein Unglück,“ entſchlüpfte Mademoiſelle Sylvie. „Ja, gewiß,“ ſagte Jean,„ich bin ſein Schuldner für eine gute Ration Steigriemenhiebe, und wenn ich ihn an ſeinem abgeſchabenen Kragen bekommen hätte, ſo hätte nicht darauf warten dürfen, das ſchwöre ich, doch er errieth meine guten Abſichten und ſpielte tüchtig mit den Beinen. Gleichviel, er iſt alſo in Paris und das iſt die Hauptſache, denn in Paris findet man Alles, was, man ſucht, wenn man nicht zu ſchlecht mit dem Polizeilieute⸗ nant ſteht.“ „Wir müſſen ihn haben.“ 249 „Und wenn wir ihn haben, laſſen wir ihn faſten.“ „Man ſchließt ihn ein,“ ſagte Mademoiſelle Sylvie; „nur muß man diesmal einen ſichern Ort wählen.“ „Und Sylvie wird an dieſen ſichern Ort ſein Brod und ſein Waſſer bringen, nicht wahr Syldie?“ verſetzte der Vicomte. „Mein Bruder, ſcherzen wir nicht,“ ſprach Chon; „dieſer Junge hat die Geſchichte mit den Poſtpferden ge⸗ ſehen. Wenn er Gruünde hätte, uns zu grollen, dürfte er zu fürchten ſein.“ „Während ich Ihre Treppe herauſſtieg, bin ich auch mit mir übereingekommen, Herrn von Sartines aufzuſu⸗ chen und ihm meinen Fund zu erzählen,“ ſagte Jean. „Herr von Sartines wird mir antworten, ein Menſch mit bloßem Kopfe, herabhängenden Strümpfen und loſen Schuhen, der ſein Brod an einem Brunnen benetze, wohne ſicherlich nahe bei dem Ort, wo man ihn in einem ſo ſeltſamen Anzuge treffe, und er wird ſich dann anheiſchig machen, ihn uns wiederzufinden.“ „Was kann er hier ohne Geld machen?“ „Commiſſionen.“ „Er! ein Philoſoph von dieſer unzähmbaren Gattung! Stille doch!“ „Er wird eine alte Andächtlerin, ſeine Verwandtin, gefunden haben, welche ihm die für ihren Mops zu harten Kruſten überläßt,“ ſagte Sylvie. „Genug, genug, legen Sie die Wͤſche in dieſen alten Schrank, Sylvie, und Sie, mein Bruder, an unſern Beobachtungspoſten.“ Sie näherten ſich in der That mit der größten Be⸗ hutſamkeit dem Feſter. Andrée legte ihre Stickerei bei Seite; ſie ſtreckte nachläßig ihre Beine auf einem Lehnſtuhle aus, griff dann mit der Hand nach einem Buch, das auf einem Stuhle in ihrem Bereiche lag, öffnete es und begann eine Lecture, welche die Zuſchauer für höchſt anziehend halten mußten, 250 denn das Mädchen blieb unbeweglich, von dem Augen⸗ blick, wo es begonnen hatte. „Oh! die ſtudirte Perſon,“ ſagte Mademoiſelle Chon. „Was lieſt ſie denn?“ „Erſtes, unentbehrliches Geräthe,“ erwiederte der Vi⸗ comte, indem er aus ſeiner Taſche ein Fernrohr zog, das er verlängerte, an die Ecke des Fenſters ſtützte und auf Andrée richtete. Chon ſchaute ihm ungeduldig zu. „Nun, iſt ſie wirklich hübſch, dieſe Perſon?“ fragte ſie den Vicomte. 5 „Bewunderungswürdig! es iſt ein vollkommenes Mädchen; was für Arme! was für Hände! was für Augen! Lippen, denen zu Liebe der heilige Antonius die Verdammniß gewagt hätte; Füße, o die göttlichen Füße! und der Knöchel... welch ein Knöchel unter dieſen ſeidenen Strümpfen!“ „Gut! werden Sie verliebt, es fehlte uns ſonſt nichts mehr,“ ſagte Chon verdrießlich. „Nun, das wäre eben nicht ſo ſchlecht geſpielt, be⸗ ſonders, wenn ſie mich auch ein wenig lieben wollte; das würde unſere arme Gräfin einigermaßen beruhigen.“ „Geben Sie mir dieſe Lorgnette, und laſſen Sie die Poſſen, wenn es möoͤglich iſt... Ja, in der That, ſie iſt ſehr hübſch, und ſie muß nothwendig einen Geliebten ha⸗ ben... Sie lieſt nicht, ſehen Sie... das Buch wird ihren Händen entſchlüpfen... es gleitet... nun rumpelt es hinab... ich ſagte es Ihnen doch, Jean, ſie lieſt nicht, ſie träumt.“ „Oder ſie ſchläft.“ „Mit offenen Augen! ſchoͤne Augen, bei meiner Treue. „In jedem Fall werden wir es von hier aus ſehen, wenn ſie einen Liebhaber hat,“ verſetzte Jean. „Ja, wenn er bei Tag kommt, doch wenn er bei Nacht käme?“ „Teufel! daran dachte ich nicht, und ich hätte doch — 251 zuerſt hieran denken ſollen... das beweiſt, wie unſchuldig ich bin. „Ja, unſchuldig wie ein Procurator.“ „Es iſt gut, ich bin nun darauf aufmerkſam gemacht, und werde etwas erfinden.“ „Aber wie gut iſt dieſes Glas, ich könnte beinahe in dem Buch leſen.“ „Leſen Sie und ſagen Sie mir den Titel. Ich werde vielleicht etwas nach dem Buche errathen.“ Chon rückte neugierig vor, doch ſie wich noch ſchneller zurück, als ſie vorgerückt war. „Nun! was gibt es denn?“ fragte der Vicomte. Chon nahm ihn beim Arm und ſagte: „Schauen Sie vorſichtig, mein Bruder, ſchauen Sie, wer die Perſon iſt, die ſich aus der Dachluke links neigt. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht geſehen werden.“ „Oh! oh!“ rief Dubarry,„Gott vergebe mir, es iſt mein Kruſtenbenetzer.“ „Er wird ſich hinauswerfen „Nein, er hat ſich an der Dachtraufe angeklammert.“ „Doch was betrachtet er mit dieſen gierigen Augen, mit dieſer wilden Trunkenheit?“ „Er lauert.“ Der Vicomte ſchlug ſich vor die Stirne und rief: 44 ihr Quartier in der Rue Cog⸗Héron, er flüchtet ſich aus unſerem Hauſe, um in der Rue Plaſtrière zu wohnen.“ „Bei meiner Treue, das iſt die Wahrheit,“ ſprach Chon;„ſehen Sie doch dieſen Blick, dieſe Starrheit, die⸗ ſes ſchwarzblaue Feuer ſeiner Augen; er iſt verliebt, um darüber wahnſinnig zu werden.“ „Meine Schweſter,“ verſetzte Jean,„geben wir uns 252 nicht mehr die Mühe, die Verliebte zu beobachten, der Verliebte wird unſer Geſchäft beſorgen. 44 „Ja, für ſeine Rechnung.“ „Nein für die unſrige. Nun laſſen Sie mich vorbei, ich will Herrn von Sartines ein wenig beſuchen. Bei Gott! wir haben Glück. Doch nehmen Sie ſich in Acht, Chon, daß Sie der Philoſoph nicht ſieht; Sie wiſſen, wie ſchnell er ſich aus dem Staube macht. LXIII. Feldzugsplan. Herr von Sartines war um drei Uhr Morgens nach Hauſe zurückgekehrt und fühlte ſich ſehr müde, zugleich aber auch ſehr zufrieden mit dem Abend, den er dem König und Madame Dubarry bereitet hatte. Wiedererwärmt durch die Ankunft der Frau Dau⸗ phine hatte die Volksbegeiſterung Seine Majeſtät wieder⸗ holt mit Lebehochrufen begrüßt, deren Umfang ſeit der bekannten Krankheit von Metz ſehr vermindert worden war, ſeit dieſer Krankheit, wo man ganz Frankreich in den Kirchen oder auf der Pilgerfahrt geſehen, um die Geſundheit des jungen Ludwig XV. zu erflehen, den man damals Ludwig den Vielgeliebten nannte. Andererſeits war Madame Dubarry, welche ſonſt, wenn ſie öffentlich erſchien, kaum der Unannehmlichkeit entging, durch einige Zurufe eigenthümlicher Art verletzt zu werden, ſehr freundlich durch mehrere Reihen von Zu⸗ ſchauern empfangen worden, die man geſchickt in erſter Linie aufgeſtellt hatte, ſo daß der König in ſeiner Zufrie⸗ denheit Herrn von Sartines ein kleines Lächeln zuſandte und der Polizeilieutenant ſich eines guten Dankes verſichert halten durfte. Er glaubte auch erſt um Mittag aufſtehen zu koͤnnen, „ — 1 25⁵3 was ihm ſeit langer Zeit nicht mehr begegnet war, und benützte aufſtehend den Urlaubstag, den er ſich gab, um ein paar Dutzend neue Perrücken zu probiren, während er die Berichte von der Nacht anhörte, als man ihm bei der ſechsten Perrücke und bei dem dritten Theile der Vor⸗ leſung den Vicomte Jean Dubarry meldete. „Gut,“ dachte Herr von Sartines,„hier kommt mein Dank. Wer weiß jedoch, die Frauen ſind ſo launen⸗ haft! Laſſen Sie den Herrn Vicomte in den Salon ein⸗ treten.“ Schon müde durch ſeinen Morgen, ſetzte ſich Jean in einen Lehnſtuhl, und der Polizeilieutenant, der zu ihm in den Salon kam, konnte ſich überzeugen, daß ſich nichts Aergerliches in der Unterredung finden würde. Jean ſah in der That ſtrahlend aus. Die zwei Männer drückten ſich die Hand. „Nun, Vicomte?“ fragte Herr von Sartines,„was führt Sie ſo frühe hierher?“ „Vor Allem,“ erwiederte Jean, der die Gewohnheit hatte, immer zuerſt der Citelkeit der Menſchen zu ſchmei⸗ cheln, die er ſchonen mußte,„vor Allem fühle ich das Bedürfniß, Ihnen mein Compliment über die ſchöne An⸗ ordnung Ihres geſtrigen Feſtes zu machen.“ „Ah! ich danke; geſchieht es officiell?“ „Officiell, was Luciennes betrifft.“ „Mehr brauche ich nicht... geht nicht dort die Sonne auf?“ „Und ſie legt ſich auch zuweilen dort nieder,“ ver⸗ ſetzte Jean und brach in jenes ziemlich gemeine Gelächter aus, das jedoch ſeiner Perſon die Treuherzigkeit verlieh, deren er häufig bedurfte. „Doch außer den Complimenten, die ich Ihnen zu machen habe, komme ich auch noch, um Sie um einen Dienſt zu bitten.“ „Zwei, inſofern ſie möglich ſind.“ „Oh! das werden Sie mir ſogleich ſagen. Wenn * 254 in Per eine Sache berloren iſt, hat man einige Hoff⸗ nu ſie wiederzufinden?“ 3,Wem ſie nichts werth iſt, oder wenn ſie viel werth iſt, ja.“ „Das, was ich ſuche, iſt nicht viel werth,“ verſetzte Jean den Kopf ſchüttelnd. „Was ſuchen Sie?“ „Ich ſuche einen kleinen Burſchen von ungefähr acht⸗ zehn Jahren.“ Herr von Sartines ſtreckte die Hand nach einem Pa⸗ pier aus, nahm einen Zleiſtift und ſchrieb. „Achtzehn, Jahre. Wie heißt ihr kleiner Burſche?“ „Gilbert.“ „Was macht er?“ „Ich denke, ſo wenig als msglich.“ „Woher kommt er?“ „Von Lothringen.“ „Wo war er?“ „Zm Dienſte der Taverney.“ „Sie haben ihn mitgebracht?“ „Nein, meine Schweſter Chon hat ihn, dem Hunger⸗ tode nahe, auf der Straße aufgehoben, in ihren Wagen gelegt und ihn nach Luciennes geführt, und da...“ „Und da?“ „Ich befürchte, der Burſche hat die Gaſtfreund⸗ ſchaft mißbraucht.“ „Er hat geſtohlen?“ „Ich ſage das nicht. 41 och. „Ich ſage, er hat die Flucht auf eine ſonderbare Weiſe ergriffen.“ „Alun wollen Sie ihn wieder haben?“ „uben Sie irgend einen Gedanken in Beziehung auf den Ort, wo er ſein kann?“ „Ich traf ihn heute an dem Brunnen, der die Ecke der Rue Plaſtrière bildet, und habe ſogar alle Urſache „— „ 255 zu glauben, daß er in dieſer Straße wohnt. Streng ge⸗ nommen könnte ich ſogar das Haus bezeichnen.“ „Ei! wenn Sie das Haus kennen, ſo iſt nichts leich⸗ ter, als ihn dort aufgreifen zu laſſen. Was wollen Sie mit ihm machen, wenn Sie ihn einmal in Ihren Händen haben? wollen Sie ihn nach Charenton, nach Bieétre bringen laſſen?“ „Nein, nicht gerade.“ „Oh! Alles, was Sie wollen; mein Gott, thun Sie ſich keinen Zwang an.“ „Nein, dieſer Junge geſiel im Gegentheil meiner Schweſter, weil er verſtändig iſt, und ſie hätte ihn gern bei ſich behalten. Es wäre nun reizend, wenn man ihn auf eine ſanfte Weiſe zu ihr zurückbringen könnte.“ „Man wird es verſuchen. Sie haben in der Rue Plaſtriére nicht nachgefragt, bei wem er iſt?“ „Oh! nein, Sie begreifen, daß ich mich nicht be⸗ merklich machen, nicht die Lage der Dinge gefährden wollte. Sobald er mich gewahrte, machte er ſich aus dem Staube, als ob ihn der Teufel holte; hätte er erfahren, ich kenne ſeinen Aufenthaltsort, ſo würde er ſeine Woh⸗ nung wohl alsbald anderswo genommen haben.“ „Das iſt richtig. Rue Plaſtriére, ſagen Sie, am Ende, in der Mitte, am Anfang der Straße?“ „Ungefähr im Drittel.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich werde Ihnen einen ge⸗ ſchickten Menſchen dahin ſchicken.“ „Ah! lieber Lieutenant, ein Menſch, ſo geſchickt er auch ſein mag, wird immer ein wenig plaudern.“ „Nein, bei uns plaudert man nicht.“ „Der Kleine iſt fein wie Ambra.“ „Ah! ich begreife: verzeihen Sie, daß ich nicht früher darauf gekommen bin; Sie möchten gern, daß ich ſelbſt?... Das wird beſſer ſein... denn es gibt dabei dielleicht Schwierigkeiten, die Sie nicht vermuthen.“ Obgleich Jean überzeugt war, daß ſich der Beamte ein wenig wichtig machen wollte, benahm er ihm doch 256 nichts von der Wichtigkeit ſeiner Rolle, ſondern er er⸗ wiederte im Gegentheil: „Gerade wegen der Schwierigkeiten, die Sie ahnen, wünſchte ich Sie perſonlich zu haben.“ Herr von Sartines läutete einem Kammerdiener und ſagte, als dieſer erſchien: „Man ſpanne meine Pferde an.“ „Ich habe einen Wagen,“ verſetzte Jean. „Ich danke, ich ziehe den meinigen vor; der meinige hat kein Wappen und hält die Mitte zwiſchen einem Fiacre und einer Carroſſe. Es iſt ein Wagen, den man jeden Monat neu anmalt, weshalb er ſich ſchwer erkennen läßt. Waͤhrend man nun anſpannt, erlauben Sie mir, daß ich mich verſichere, ob meine neuen Perrücken zu meinem Kopfe gehen.“ „Thun Sie das,“ ſprach Jean. Herr von Sartines rief ſeinen Perrückenmacher, einen wahren Künſtler, der ſeinem Kunden eine ganze Samm⸗ lung von Perrücken brachte: es waren darunter von allen Formen, von allen Farben und von allen Maaßen, Per⸗ rücken für Magiſtratsperſonen, Perrücken für Advokaten, Perrücken für Handelsleute, Perrücken für Cavaliere. Herr von Sartines wechſelte zuweilen für die Nachforſchungen, die er anzuſtellen hatte, ſein Coſtüme drei bis viermal im Tage, und er hielt ganz beſonders auf die Regel⸗ mäßigkeit des Anzuges. Als der Beamte ſeine vier und zwanzigſte Perrücke probirte, meldete man ihm, der Wagen ſei angeſpannt. „Werden Sie das Haus erkennen?“ fragte Herr von Sartines den Vicomte. „Bei Gott! ich ſehe es von hier aus.“ „Haben Sie den Eintritt unterſucht?“ „Es war das Erſte, woran ich dachte.“ „Und wie iſt dieſer Eintritt beſchaffen?“ „Es iſt ein Gang. „Ah! ein Gang, im Drittel der Straße, haben Sie geſagt?“. 2⁵7 „Ja, mit einer Thüre, woran eine geheime Feder.“ „Mit einer Thüre mit geheimer Feder! Teufel! wiſſen Sie das Stockwerk, in welchem der Flüchtling wohnt?“ „In den Manſarden. Uebrigens werden Sie es ſehen, denn ich erblicke den Brunnen.“ „Im Schritt, Kutſcher„“ ſprach Herr von Sartines. Der Kutſcher mäßigte den Lauf ſeiner Pferde; Herr von Sartines hob das Fenſter auf. „Sehen Sie,“ ſagte Jean,„jenes ſchmutzige Haus.“ „Ahi richtig,“ rief Herr von Sartines, indem er die Hände an einander ſchlug,„das befürchtete ich.“ „Wie! Sie befürchten etwas?“ „Ach! ja.“ „Und was befürchten Sie?“ „Sie haben Unglück.“ „Erklären Sie ſich.“ „Nun wohl, jenes ſchmutzige Haus, in dem ihr Flücht⸗ ling wohnt, iſt gerade das Haus von Herrn Rouſſeau von Genf.“ „Von Rouſſeau dem Schriftſteller?“ „J 5 „Run! was iſt Ihnen daran gelegen?“ „Wie! was mir daran gelegen ſei? Ah! man ſieht wohl, daß Sie nicht Polizeilieutenant ſind, und daß Sie nichts mit den Philoſophen zu thun haben.“ „Ah bah! Gilbert bei Herrn Rouſſeau, welche Wahr⸗ ſcheinlichkeit!“ „Haben Sie nicht geſagt, Ihr junger Mann wäre ein Philoſoph?“ Q 74 „Ja. „Nun wohl, Gleich und Gleich geſellt ſich gern.“ „Nehmen wir an, er ſei bei Herrn Rouſſeau.“ „Ja, nehmen wir das an.“ „Was wird daraus hervorgehen 2“ „Bei Gott, daß Sie ihn nicht bekommen. „Warum?“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 17 4 „Weil Herr Nouſſeau ein Mann iſt, den man unge⸗ mein fürchten muß.“ „Warum ſetzen Sie ihn nicht in die Baſtille?“ „Ich habe es dem König eines Tags vorgeſchlagen: er wagte es nicht.“ „Wie, er wagte es nicht? 2* „Nein, er wollte mir die Verantwortlichkeit dieſer Verhaftung überlaſſen, und ich war meiner Treue nicht muthiger als der König.“ „In der That!“ „Wie ich Ihnen ſage; ich ſchwöre Ihnen, man ſchaut ſich zweimal um, ehe man ſich von allen dieſen philoſo⸗ phiſchen Kinnbacken in die Beine beißen läßt; Peſt! eine Aufhebung bei Herrn Rouſſeau, nein, mein lieber Freund, nein. „In der That, mein lieber Beamter, ich bemerke eine ſeltſame Aengſtlichkeit an Ihnen; iſt der König nicht der König und ſind Sie nicht der Polizeilientenant? 2 „In der That, Ihr ſeid reizend, Ihr Herren. Habt Ihr einmal geſagt: iſt der König nicht der König, ſo glaubt Ihr Alles geſagt zu haben. Hören Sie mich an, mein beſter Vicomte: ich würde lieber Sie bei Madame Dubarry aufheben, als Ihnen Gilbert von Herrn Rouſſeau wegholen.“ „Wah rhaftig! ich danke für den Vorzug.“ „Ah! meiner Treue ja, man würde weniger ſchreien. Sie haben keinen Begriff, wie empfindlich die Oberhaut dieſer Schriftſteller iſt; ſie ſchreien wegen der geringſten Schramme, als ob man ſie rädern würde.“ „Machen wir uns keine Geſpenſter... Iſt es ſicher, daß Herr Rouſſeau unſern Flüchtling aufgenommen hat? Gehört dieſes Haus mit vier Stockwerken ihm und be⸗ wohnt er es allein?“ „Herr Rouſſeau beſitzt keinen Pfennig und hat folg⸗ lich kein Haus in Paris; es ſind vielleicht fünfzehn bis zwanzig Miethsleute in dieſer Baracke. Doch nehmen Sie dies als Regel des Verfahrens an: ſo oft ſich ein 2⁵9 Unglück mit einer Wahrſcheinlichkeit zeigt, zählen Sie da⸗ rauf; iſt es ein Glück, ſo zählen Sie nicht darauf. Es ſind immer neun und neunzig Chancen für das Schlimme und eine einzige für das Gute. Doch warten Sie; ich vermuthete, was uns begegnet, und nahm meine Noten mit.“ „Was für Noten?“ „Meine Noten über Herrn Rouſſeau. Glauben Sie, daß er einen Schritt thut, ohne daß man weiß, wohin er eht?“ „Ah! wahrhaftig! er iſt alſo wirklich gefährlich?“ „Nein, doch er iſt beunruhigend; ein ſolcher Narr kann jeden Augenblick einen Arm oder einen Schenkel brechen, und man würde ſagen, wir haben ihm denſelben gebrochen.“— „Ei! wenn er ſich nur den Hals umdrehen würde.“ „Gott behüte uns!“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich dies nicht begreife.“ „Das Volk ſteinigt von Zeit zu Zeit den braven Genfer; doch es behält ſich ihn für ſich bevor, und wenn er den geringſten Kieſel von unſerer Seite bekäme, ſo würde man uns ebenfalls ſteinigen.“ „Oh! verzeihen Sie, ich kenne nicht alle dieſe Ge⸗ ſchichten.“ „Wir werden auch mit der ängſtlichſten Behutſamkeit zu Werke gehen und wollen die einzige Chance, die uns bleibt, unterſuchen, die, daß er nicht bei Herrn Rouſſeau iſt. Verbergen Sie ſich im Hintergrund meines Wagens.“ Jean gehorchte und Hevr von Sartines befahl dem Kutſcher, noch einige Schritte in der Straße vorwärts zu fahren. Dann öffnete er ſein Portefeuille und zog einige Pa⸗ piere daraus hervor. „Wir wollen ſehen,“ ſagte er,„ob der junge Mann bei Herrn Rouſſeau iſt. Seit welchem Tage ſoll es ſein?“ „Seit dem 16.“ 3 17* 260 „17. Man hat Herrn Rouſſeau um ſechs Uhr Mor⸗ gens im Walde von Meudon Pflanzen ſammeln ſehen; er war allein.“ „Er war allein!“ „Fahren wir fort. Um zwei Uhr Nachmittags lan demſelben Tage ſammelte er immer noch Pflanzen, jedoch mit einem jungen Menſchen.“ „Ah! ah!“ machte Jean. „Mit einem jungen Menſchen,“ wiederholte Herr von Sartines. „Höoren Sie, das iſt es, bei Gott! das iſt es.“ „He! was ſagen Sie dazu? Der junge Menſch iſt ſchwächlich.“ „So iſt es.“ „Sie reiſſen Beide Pflanzen aus und legen ſie in eine Kapſel von Blech.“ „Teufel! Teufel!“ rief Dubarry. „Das iſt noch nicht Alles. Hören Sie: am Abend nimmt er den jungen Menſchen mit nach Hauſe; um Mitterzacht iſt der junge Menſch noch nicht weggegangen.“ „Gut.“ „18.— Der junge Menſch hat das Haus nicht ver⸗ laſſen und ſcheint bei Herrn Rouſſeau einquartiert zu ſein.“ „Ich habe noch einen Reſt von Hoffnung.“ „Sie find entſchieden Optimiſt! Gleichviel, theilen Sie mir dieſe Hoffnung mit.“ „Er hat vielleicht einen Verwandten im Hauſe.“ „Gut! ich muß Sie befriedigen, oder vielmehr ganz in Verzweiflung bringen. Halt, Kutſcher!“ Herr von Sartines ſtieg aus. Er hatte nicht zehn Schritte gemacht, als er einem grau gekleideten Menſchen von ziemlich zweideutiger Miene begegnete. Sobald dieſer Menſch den hohen Beamten erblickte, nahm er ſeinen Hut ab und ſetzte ihn wieder auf, ohne daß er ein beſonderes Gewicht auf dieſen Gruß zu legen ſchien, 261 obgleich Ehrfurcht und Ergebenheit in ſeinem Blicke un⸗ verkennbar waren. Herr von Sartines machte ein Zeichen, dieſer Menſch näherte ſich ihm, empfing leiſe einige Aufträge und ver⸗ ſchwand unter dem Gange von Rouſſeau. Der Polizeilieutenant ſtieg wieder in den Wagen. Fünf Minuten nachher erſchien der graue Mann aber⸗ mals und näherte ſich dem Kutſchenſchlage. „Ich wende den Kopf rechts ab, damit man mich nicht ſieht,“ ſagte Dubarry. Herr von Sartines lächelte, hörte die Meldung ſeines Agenten an und entließ ihn. „Nun?“ fragte Dubarry. „Nun! die Chance war ſchlecht, wie ich vermuthete; Ihr Gilbert wohnt allerdings bei Herrn Rouſſeau. Glau⸗ ben Sie mir, verzichten Sie..* „Ich ſoll verzichten 24 „Ja. Sie werden nicht wegen einer Laune alle Philoſo⸗ phen von Paris gegen uns in Aufruhr bringen wollen, nicht wahr?“ „Oh, mein Gott! was wird meine Schweſter Jeanne agen.“ 1„Es liegt ihr alſo ſehr viel an dieſem Gilbert?“ fragte Herr von Sartines. „Ja wohl.“ „Nun, ſo bleiben Ihnen noch die ſanften Mittel, be⸗ dienen Sie ſich der Artigkeit und ſchmeicheln Sie Herrn Rouſſeau, und ſtatt ihn ſich mit Gewalt entführen zu laſſen, wird er Ihnen denſelben freiwillig geben.“ „Meiner Treue, es wäre eben ſo gut, wenn man uns einen Bären zu zähmen geben würde.“ „Es iſt vielleicht minder ſchwierig, als Sie glauben. Wir wollen nicht verzweifeln; er liebt die hübſchen Ge⸗ ſichter, das der Gräfin gehört zu den ſchönſten und das von Mademoiſelle Chon iſt nicht unangenehm; ſprechen Sie, wird die Gräfin dieſer Laune ein Opfer bringen?“ 262 „Hundert.“ „Würde ſie wohl einwilligen, ſich in Herrn Rouſſeau zu verlieben?“— „Wenn es durchaus geſchehen müßte.“ „Das wird vielleicht nützlich ſein. Doch um unſere Perſonen einander zu nähern, müßte man einen Vermitt⸗ ler haben. Kennen Sie irgend einen Bekannten von Rouſſeau?“ „Herr von Conti.“ „Schlimm, er mißtraut den Prinzen. Man müßte einen Mann von armſeligen Verhältniſſen, einen Gelehr⸗ ten, einen Dichter haben.“ „Wir ſehen ſolche Leute nicht.“ „Habe ich nicht bei der Gräfin Herrn von Juſſien getroffen?“ „Den Botaniker?“ „Ja.“ „Meiner Treue, ich glaube wohl; er kommt nach Trianon, und die Gräfin läßt ihn ihre Rabatten plündern.“ „Das iſt gut; Juſſieu gehört zu ſeinen Freunden.“ „Dann wird die Sache allein gehen.“ „So ungefähr.“ „Ich bekomme alſo meinen Gilbert?“ Herr von Sartines dachte einen Augenblick nach und erwiederte ſodann:— „Ich fange an zu glauben, ja, und zwar ohne Ge⸗ walt, ohne Geſchrei; Rouſſeau wird Ihnen den Burſchen an Händen und Füſſen gebunden geben.“ „Sie glauben?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Was muß ich zu dieſem Behufe thun?“ „Sehr wenig. Sie haben in der Gegend von Meu⸗ don oder Marly ein leeres Terrain?“ 3 „Oh! daran fehlt es nicht; ich kenne zehn zwiſchen Luciennes und Bougival.“ „Nun, ſo laſſen Sie dort, wie ſoll ich das nennen? eine Mäuſefalle für Philoſophen bauen.“ 1 441 263 „Wie beliebt? Wie haben Sie geſagt?“ „Ich habe geſagt, eine Mänſefalle für Philoſophen.“ „Ei! mein Gott! wie baut man denn das 2“ „Seien Sie unbeſorgt, ich werde Ihnen den Plan dazu geben. Und nun raſch fortgefahren, denn man be⸗ obachtet uns. Kutſcher, nach dem Hotel! LXIV. Was Herr de la Vaugnyon, dem Hofmeiſter der Kinder von Frankreich, am Abend der Hochzeit von Monſeigneur dem Dauphin begegnete. Die großen Ereigniſſe der Geſchichte ſind für den Romantiker, was die rieſigen Berge für den Reiſenden ſind. Er betrachtet ſie, er umwandert ſie, er begrüßt ſie im Vorübergehen, aber er überſteigt ſie nicht. So wollen wir die eindrucksvolle Ceremonie der Hochzeit der Dauphine in Verſailles betrachten, umwan⸗ dern, begrüßen. Das Ceremoniel von Frankreich iſt in einem ſolchen Falle die einzige Chronik, die man befra⸗ gen muß. In der That, nicht in den Herrlichkeiten des Ver⸗ ſailles unter Ludwig XV., in der Beſchreibung der Hof⸗ kleider, der Livreen, der prieſterlichen Gewänder würde unſere Geſchichte, die beſcheidene Zofe, welche auf einem kleinen Nebenwege längs der großen Landſtraße der Ge⸗ ſchichte von Frankreich hingeht, eiwas zu gewinnen finden. Laßen wir die Ceremonie in den Strahlen der glühen⸗ den Sonne eines ſchönen Maitages ſich vollenden, laſſen wir die erhabenen Gäſte in der Stille ſich zurückziehen und ſich die Wunder des Schauſpiels, dem ſie beigewohnt, erzählen und commentiren, und kehren wir zu unſeren Ereigniſſen und zu unſeren Perſonen zurück, welche hi⸗ ſtoriſch ſicherlich einen Werth haben. 5 264 Der König, ermüdet durch die Vorſtellung und be⸗ ſonders durch das Mittagsmahl, das lange gedauert hatte und nach dem Ceremoniel bei dem Hochzeitmahle des Herrn Dauphin, des Sohnes von Ludwig XIV., geordnet geweſen war, zog ſich um neun Uhr in ſeine Gemächer zurück und behielt nur Herrn de la Vauguyon, den Hof⸗ meiſter der Kinder von Frankreich, bei ſich. Dieſer Herzog, ein großer Freund der Jeſuiten, die er mit Hülfe des Anſehens von Madame Dubarry zurück⸗ zubringen hoffte, ſah einen Theil ſeiner Aufgabe durch die Heirath des Herrn Herzogs von Berry beendigt. Dies war nicht der härteſte Theil, denn es blieb dem Herrn Hofmeiſter der Kinder von Frankreich noch die Er⸗ ziehung des Herrn Grafen von Provence und des Herrn Grafen von Artois durchzuführen, von denen der eine da⸗ mals fünfzehn, der andere dreizehn Jahre alt war. Der Herr Graf von Provence war mürriſch und unbezähmt; der Herr Graf von Artois unbeſonnen und unbezähmbar; und dann war der Dauphin, abgeſehen von ſeinen guten Eigenſchaften, die ihn zu einem koſtbaren Zögling machten, Dauphin, das heißt, die erſte Perſon von Frankreich nach dem Koͤnig. Herr de la Vauguyon konnte alſo viel ver⸗ lieren, wenn er auf einen ſolchen Geiſt den Einfluß ver⸗ lor, den vielleicht eine Frau zu erlangen im Begriffe war. Von dem Koͤnig zu bleiben aufgefordert, konnte Her de la Vauguyon glauben, Seine Majeſtät begreife dieſen Verluſt und wolle ihn durch eine Belohnung entſchädigen. Iſt eine Erziehung vollendet, ſo belohnt man gewoͤhnlich den Hofmeiſter. Dieſer Umſtand veranlaßte den Herrn Herzog de la Vauguyon, einen ſehr empfindſamen Menſchen, ſeine Em⸗ pfindſamkeit zu verdoppeln: während des ganzen Mahles ſprach er mit ſeinem Sacktuch vor den Augen, um darzu⸗ thun, wie ſehr er den Verluſt ſeines Zoͤglings beklage. Sobald das Deſſert vorüber war, ſchluchzte er; als er ſich endlich aber allein fand, erhob er ſich ruhiger. 265 Der Nuf des Koͤnigs zog abermals das Schnupftuch aus ſeiner Taſche und die Thräne aus ſeinen Augen. „Kommen Sie, mein armer la Vauguyon,“ ſagte der König, indem er ſich bequem auf einer Chaiſe longue nie⸗ derließ, ſkommen Sie, wir wollen plaudern.“ „Ich bin Eurer Majeſtät zu Befehl,“ antwortete der Herzog. „Setzen Sie ſich, mein Liebſter; Sie müſſen müde ſeyn.“ 3„Mich ſetzen, Sire?“ „Ja, dorthin, ohne Umſtände.“ Und Ludwig XV. bezeichnete dem Herzog ein Ta⸗ bouret, das ſo ſtand, daß die Lichter gerade auf das Ge⸗ ſicht des Hofmeiſters ſielen, während ſie das des Königs im Schatten ließen. Nun, lieber Herzog,“ ſagte Ludwig XV.,„nun iſt eine Erziehung vollendet. „Ja, Sire.“ Und la Vauguyon ſeufzte. „Eine ſchöne Erziehung, bei meiner Treue,“ fuhr Ludwig XV. fort. „Seine Majeſtät iſt zu gut.“ „Und die Ihnen Ehre macht, Herzog.“ „Seine Majeſtät überh äuft mich.“ 3 „Der Herr Dauphin iſt, glaube ich, einer von den gelehrten Prinzen Europas?“ „Ich glaube, Sire.“ „Ein guter Hiſtoriker?“ „Sehr gut.“ „Ein vortrefflicher Geograph?“ „Sire, der Herr Dauphin zeichnet ganz allein Kar⸗ ten, welche ein Ingenieur nicht machen würde.“ „Er erreicht beinahe die Vollkommenheit?“ „Ah! Sire, das Compliment kommt nicht mir zu, denn ich habe ihn das nicht gelehrt.“ „Gleichviel, er weiß es 2 „Ausgezeichnet.“ „Und die Uhrmacherei, was für eine Geſchiclichteit“ 276 „Es iſt wunderbar, Sire.“ „Seit ſechs Monaten laufen alle meine Uhren ein⸗ ander nach wie die vier Räder eines Wagens, ohne ſich einholen zu können. Nun! er allein ordnet ſie.“ „Das gehört zur Mechanik, Sire, und ich muß aber⸗ mals geſtehen, daß ich keinen Antheil hieran habe.“ „Ja, aber die Mathematik, die Schifffahrt?“ „Oh! Sire, das ſind Wiſſenſchaften, zu denen ich allerdings den Herrn Dauphin immer angetrieben habe.“ „Und er iſt ſtark darin. Eines Abends hoͤrte ich ihn mit Herrn von Lapérouſe von Grelingen“), von Wän⸗ den**), von Brigantinen ſprechen.“ „Lauter Marine⸗Ausdrücke, Sire.“ „Er ſpricht darüber wie Jean Bart.“ „Er iſt allerdings ſehr ſtark hierin.“ „Ihnen hat er Alles dies zu verdanken...“. „Eure Majeſtät belohnt mich über meine Verdienſte, indem ſie mir einen, wenn auch noch ſo kleinen Antheil an dem koſtbaren Nutzen zuſchreibt, den der Herr Dau⸗ phin aus dem Studium gezogen hat.“ „In Wahrheit, Herzog, ich glaube, der Herr Dau⸗ phin wird wirklich ein guter König, ein guter Regent, ein guter Familienvater werden. Ah ſagen Sie mir, Herr Herzog,“ fuhr der König mit einem beſonderen Nachdruck auf dieſe Worte fort,„wird er ein guter Familienvater werden?“ „Ei, Sire,“ erwiederte naiver Weiſe Herr de la Vauguyon,„da alle Tugenden im Keime in dem Herzen des Herrn Dauphin vorhanden ſind, ſo nehme ich an, daß auch dieſe wie die anderen darin enthalten ſein wird.“ „Sie verſtehen mich nicht, Herzog,“ verſetzte Ludwig XV.„„Ich frage Sie, ob er ein guter Famillienvater ſein werde. L4 Greling, das kleinſte und ſchwächſte Kapeltau auf den Schiffen. **) Wand, das Tauwerk, womit die Maſtbäume feſtgehalten werden. —,— 267 „Sire, ich muß bekennen, ich verſtehe Eure Majeſtät nicht. In welchem Sinne legt ſie mir dieſe Frage vor? „In dem Sinne, in dem Sinne... Sie haben die Bibel wohl geleſen, Herr Herzog?“ „Gewiß, Sire, ich habe ſie geleſen.“ „Nun, Sie kennen die Patriarchen, nicht wahr 20 „Allerdings.“ „Wird er ein guter Patriarch ſein?“ Herr de la Vauguyon ſchaute den König an, als ob er Hebräiſch geſprochen hätte, und erwiederte, indem er ſeinen Hut zwiſchen den Händen drehte: „Sire, ein großer König iſt Alles, was er will.“ „Verzeihen Sie, Herr Herzog,“ verſetzte der König, ſehe, wir verſtehen uns immer noch nicht ganz.“ „Sire, ich thue mein Möglichſtes.“ „Ich will deutlicher ſprechen: Sie kennen den Dau⸗ phin wie Ihr Kind, nicht wahr?“ „Oh, gewiß, Sire.“ „Seinen Geſchmack?“ G „Ja. „Seine Leidenſchaften?“ „Oh! was ſeine Leidenſchaften betrifft, Sire, das iſt etwas Anderes, hätte Monſeigneur gehabt, ſo wären ſie von mir mit der Wurzel ausgerottet worden. Doch glück⸗ licher Weiſe hatte ich nicht dieſe Mühe; Monſeigneur iſt ohne Leidenſchaften.“ „Sie haben geſagt, glücklicher Weiſe?“ „Sire, iſt es nicht ein Glück?“ „Er hat alſo keine?“ „Leidenſchaften, nein, Sire.“ „Nicht eine?“ „Nicht eine, dafür ſtehe ich.“ „Nun, das iſt es gerade, was ich befürchtete. Der Dauphin wird ein guter König, ein guter Regent, aber kein guter Patriarch ſein.“ 2 nich 268 „Ach! Sire, Sie haben mir keines Wegs befohlen, den Herrn Dauphin zum Patriarchat anzutreiben.“ „Und ich hatte Unrecht. Ich hätte daran denken ſollen, daß er ſich einmal verheirathen würde. Aber obgleich er keine Leidenſchaften hat, verdammen Sie ihn doch nicht ganz und gar?“ Ich 27 71. „Ich will damit ſagen, Sie halten ihn nicht für un⸗ fähig, eines Tags zu bekommen?“ „Sire, ich befürchte...“ „Wie, Sie befürchten?“ „In der That, Eure Majeſtät ſpannt mich auf die Folter,“ ſagte mit kläglichem Tone der arme Herzog. „Herr de la Vauguyon,“ rief der König, welcher un⸗ geduldig zu werden anfing,„ich frage Sie ganz deutlich, ob der Herr Herzog von Berry ein guter Gatte ſein werde. Ich laſſe die Befähigung zum Familienvater bei Seite und gebe den Patriarchen auf.“ „Sire, ich wüßte das Curer Majeſtät nicht genau zu ſagen.“ „Wie, Sie wiſſen es mir nicht genau zu ſagen?“ „Nein, denn ich weiß es ſelbſt nicht.“ „Sie wiſſen es nicht¹“ rief Ludwig XV. mit einem Erſtaunen, das die Perrücke auf dem Haupte von Herrn de la Vauguyon wackeln machte. „Sire, der Herr Herzog von Berry lebte unter dem Dache Curer Majeſtät in der Unſchuld des Kindes, das ſtudirt.“ „Ei, mein Herr, dieſes Kind ſtudirt nicht mehr, es heirathet.“ „Sire, ich war der Hofmeiſter von Monſeigneur.“ „Gerade deßhalb, mein Herr, Sie hätten ihn Alles lehren müſſen, was er zu wiſſen braucht.“ Und Ludwig XV. warf ſich, die Achſeln zuckend, in ſeinen Stuhl zurück. „Ich vermuthete es,“ fügte er mit einem Seufzer bei. „Mein Gott, Sire...“ f —— ——— 269 „Sie kennen die Geſchichte von Frankreich, nicht wahr, Herr de la Vauguyon.“ „Sire, ich habe es ſtets geglaubt und werde fort⸗ fahren, es zu glauben, wenn mir nicht Eure Majeſtät das Gegentheil ſagt.“ „Nun, ſo müſſen Sie wiſſen, was mir am Tage vor meiner Hochzeit begegnet iſt.“ „Nein, Sire, ich weiß es nicht.“ 1 „Ah! mein Gott, Sie wiſſen alſo nichts?“ „Wenn Eure Majeſtät die Gnade haben wollte, mich über dieſen Punkt, der mir unbekannt geblieben iſt, zu belehren?“ „Hören Sie, und das mag Ihnen für meine zwei anderen Enkel zur Lection dienen, Herzog.“ „Ich höre, Sire.“ „Ich war auch, wie Sie den Dauphin erzogen ha⸗ ben, unter dem Dache meines Großvaters erzogen worden. Ich hatte Herrn von Villeroy, einen braven Mann, aber einen ſehr braven Mann, gerade wie Sie, Herzog. Oh! wenn er mich öͤfter in die Geſellſchaft meines Oheims, des Regenten, gelaſſen hätte; doch nein, die Unſchuld des Studiums, wie Sie ſagen, Herzog, machte, daß ich das Studium der Unſchuld vernachläßigte. Ich heirathete indeſſen, und wenn ein König heirathet, Herr Herzog, ſo iſt es wichtig für die Welt.“ „Oh! ja, Sire, ich fange an zu begreifen.“ „In der That, das iſt ein Glück. Ich fahre alſo fort. Der Herr Cardinal ließ mich über meine Neigungen zum Patriarchat ausforſchen. Meine Neigungen waren voll⸗ kommen null und ich war in dieſer Hinſicht von einer Reinheit, daß man hätte befürchten ſollen, die Krone von Frankreich werde auf das weibliche Geſchlecht übergehen. Zum Glück zog der Herr Cardinal Herrn von Richelieu hierüber zu Rath; die Sache war delicater Natur, doch Herr von Richelieu war ein großer Meiſter in ſolchen Dingen. Herr von Richelieu hatte einen leuchtenden Ge⸗ danken. Es gab damals eine Demoiſelle Lemaure oder 270 Lemoure, ich weiß nicht mehr genau, welche bewunderungs⸗ würdige Bilder malte; man beauftragte ſie mit einer Reihenfolge von Scenen, Sie begreifen?“ „Nein, Sire.“ „Wie ſoll ich das nennen? ländliche Scenen.“ „Alſo im Genre der Gemälde von Teniers?“ „Beſſer als das; urdingliche.“ „Urdingliche?“ „Natürliche. Endlich habe ich das Wort gefunden; Sie begreifen diesmal? „Wie!“ rief Herr de la Vauguyon erröthend,„man wagte es, Eurer Majeſtät darzubieten...“ „Und wer ſpricht denn davon, daß man mir etwas dargeboten habe, Herzog!“ „Doch damit Eure Majeſtät ſehen konnte...“ „Mußte meine Majeſtät ſchauen; das iſt das Ganze.“ „Nun!“ „Nun! ich habe geſchaut.“ „Und... „Und da der Menſch in ſeinem Weſen Nachahmer iſt, ſo habe ich nachgeahmt.“ „Gewiß, Sire, das Mittel iſt ganz vortrefflich, ob⸗ gleich gefährlich für einen jungen Menſchen.“ Der König ſchaute den Herzog de la Vauguyon mit dem Lächeln an, das man cyniſch genannt hätte, wenn es nicht über den geiſtreichſten Mund der Welt geſchwebt wäre. „Laſſen wir die Gefahr für heute,“ ſagte er,„und kommen wir auf das zurück, was Ihnen noch zu thun übrig bleibt.“ „Ah!“ „Wiſſen Sie es?“ „Nein, Sire, und Eure Majeſtät würde mich glück⸗ lich machen, wenn ſie es mir mittheilen wollte.“ „Nun wohl, ſo hören Sie: Sie ſuchen den Herrn Dauphin auf, der die letzten Complimente der Männer S n &. — —— 271 empfängt, während die Frau Dauphine die letzten der Frauen entgegennimmt.“ „Ja, Sire.“ „Sie verſehen ſich mit einem Handleuchter und neh⸗ men den Herrn Dauphin bei Seite.“ „Ja, Sire. „Sie bedeuten Ihrem Zögling(der König ſprach dieſe Worte mit einem beſondern Nachdruck), Sie bedeuten Ih⸗ rem Zögling, ſein Zimmer liege am Ende des neuen Corridors.“ „Zu dem Niemand den Schlüſſel hat, Sire.“ „Weil ich ihn behalten habe, mein Herr; ich ſah vorher, was heute geſchieht, hier iſt dieſer Schlüſſel.“ Herr de la Vauguyon nahm ihn zitternd. Der König fuhr fort: „Ihnen will ich wohl ſagen, Herr Herzog, daß dieſe Gallerie ungefähr zwanzig Gemälde enthält, welche ich dahin habe bringen laſſen. „Ah! Sire, ja, ja.“ „Ja, Herr Herzog, Sie umarmen Ihren Zögling, Sie öffnen ihm die Thüre des Corridors, Sie geben ihm den Leuchter in die Hand, Sie wünſchen ihm eine gute Nacht und ſagen ihm, er möge zwanzig Minuten brau⸗ chen, um die Thüre ſeines Zimmers zu erreichen; eine Minute für jedes Gemälde.“ „Ah! Sire, ich begreife.“ „Das iſt ein Glück, gute Nacht, Herr de la Vauguyon.) — Eure Majeſtät hat die Gnade, mich zu Susene⸗ igen.“ „Nicht ganz, denn ohne mich hätten Sie ſchöͤne Dinge in meiner on ie gemacht.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter dem Herrn Hofmeiſter. Der König bediente ſich ſeiner beſondern Glocke. Lebel erſchien. „Meinen Kaffee,“ ſagte der König.„Ah! Lebel...“ „Sire. „Wenn Sie mir meinen Kaffee gegeben haben, gehen 272 Sie Herrn de la Vauguyon nach, welcher mich eben verläßt, um dem Herrn Dauphin ſeine Huldigung darzu⸗ bringen.“ 18 „Ich gehe, Sire.“ „Warten Sie doch, damit ich Ihnen ſage, warum Sie gehen ſollen.“ „Es iſt wahr, Sire; doch mein Eifer, Seiner Ma⸗ jeſtät zu gehorchen, iſt ſo groß... „Sehr gut. Sie werden alſo Herrn de la Vauguyon folgen.“ „Ja, Sire.“ „Er iſt ſo angegriffen, ſo betrübt, daß ich ſeine Rührung für den Herrn Dauphin befürchte.“ „Und was ſoll ich thun, Sire, wenn er gerührt wird?“ „Nichts; Sie kommen nur und ſagen es mir.“ Lebel ſtellte den Kaffee neben den König, der ihn langſam zu ſchlürfen anfing. Dann verließ der hiſtoriſche Kammerdiener das Zimmer. Eine Viertelſtunde nachher erſchien er wieder. „Nun, Lebel?“ fragte der König. „Sire, Herr de la Vauguyon ging, Monſeigneur am Arme haltend, bis in den neuen Corridor.“ „Gut, hernach?“ „Er kam mir nicht ſehr gerührt vor, ſondern machte im Gegentheil ganz begehrliche kleine Augen.“ „Gut, hernach?“ „Er zog einen Schlüſſel aus der Taſche und reichte ihn dem Herrn Dauphin, der die Thüre öffnete und den Fuß in den Corridor ſetzte.“. „Hernach?“ „Hernach gab der Herr Herzog ſeinen Leuchter Mon⸗ ſeigneur in die Hand und ſagte ganz leiſe zu ihm, doch nicht ſo leiſe, daß ich es nicht hätte hören können: „„Monſeigneur, das Hochzeitgemach iſt am Ende die⸗ ſer Gallerie, zu der ich Ihnen den Schlüſſel zu übergeben 4 273 habe. Der König wünſcht, daß Sie zwanzig Minuten brauchen, um zu jenem Gemach zu gelangen.““ „„Wie?““ verſetzte der Prinz,„„zwanzig Minuten; man braucht kaum zwanzig Secunden.““ „„Monſeigneur,““ antwortete Herr de la Vauguyon, „„hier erliſcht meine Vollmacht, ich habe Ihnen keine Lectionen, ſondern nur noch einen letzten Rath zu geben: ſchauen Sie die Wände rechts und links in dieſer Galle⸗ rie wohl an, und ich ſtehe Eurer Hoheit dafür, daß ſie den Zeitraum dieſer zwanzig Minuten anwenden wird.““ „Nicht ſchlecht.“ „Hierauf machte Herr de la Vauguyon eine tiefe Verbeugung, ſtets begleitet von ſehr glühenden Blicken, welche in den Corridor dringen zu wollen ſchienen; dann verließ er Monſeigneur an der Thüre.“ „Und Monſeigneur trat wohl ein?“ „Sire, ſehen Sie das Licht in der Gallerie; ſeit wenigſtens einer Viertelſtunde ſpaziert es auf und ab.“ „Ah! ah! es verſchwindet,“ ſprach der König, nach⸗ dem er einige Augenblicke nach den Scheiben geſchaut hatte.„Mir gab man auch zwanzig Minuten, doch ich erinnere mich, nach fünf war ich bei meiner Frau. Ah! ſollte man nicht vom Herrn Dauphin glauben, was man Lom zweiten Racine ſagte:„„Es iſt der kleine Sohn eines großen Vaters.““ IXV. Die Hochzeitnacht des Herrn Dauphin. Der Dauphin öffnete die Thüre des Hochzeitgemaches, oder vielmehr des Vorzimmers, das vor demſelben kam. Die Erzherzogin erwartete ihn in einem langen, weißen Nachtgewande in dem vergoldeten Bette, das kaum durch das ſo leichte Gewicht ihres zarten, ſchwächlichen Körpers geſenkt wurde: und, ſeltſamer Weiſe, wenn man Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 18 274 auf ihrer Stirne, durch die Wolke der Traurigkeit, die ſie bedeckte, hätte leſen können, ſo würde man, ſtatt der ſüßen Erwartung der Braut, die Angſt des jungen Mäd⸗ chens erkannt haben, das von einer von jenen Gefahren bedroht war, welche die nervigen Naturen in Vorgefüh⸗ len ſehen und zuweilen mit mehr Muth ertragen, als ſie dieſelben vorhergefühlt haben. Neben dem Bette ſaß Frau von Noailles. Die Damen ſtanden im Hintergrund, aufmerkſam auf die Ehrendame, die ihnen den Rückzug befehlen würde. Den Geſetzen der Etiquette getreu, erwartete dieſe unempfindlich die Ankunft des Herrn Dauphin. Doch es geſchah, als ob diesmal alle Geſetze der Etiquette und des Ceremoniels der Böswilligkeit der Um⸗ ſtände hätten weichen müſſen, daß die Perſonen, welche den Herrn Dauphin in das Hochzeitgemach einzuführen hatten, weil ſie nicht wußten, daß Seine Hoheit nach den Anordnungen von Köonig Ludwig XV. durch den neuen Corridor kommen ſollte, in einem andern Vorzimmer warteten. Das Vorzimmer, wo der Herr Dauphin eingetreten, war leer, und da die Thüre, welche in das Schlafgemach ging, ein wenig offen ſtand, ſo konnte der Herr Dauphin ſehen und hoͤren, was ſich in dieſem Zimmer begab. Er wartete, ſchaute heimlich und horchte verſtohlen. Die Stimme der Frau Dauphine erhob ſich rein und harmoniſch, obgleich ein wenig zitternd, und fragte: „Wo wird der Herr Dauphin eintreten?“ „Durch dieſe Thüre, Madame,“ antwortete die Her⸗ zogin von Noailles. Und ſie bezeichnete die Thüre der gegenüber, wo ſich der Herr Dauphin befand. „Und was hört man durch jenes Fenſter?“ fügte die Dauphine bei;„man ſollte glauben, es wäre das Rau⸗ ſchen des Meeres. „Es iſt das Geräuſch der zahlloſen Zuſchauer, welche beim Schimmer der Beleuchtung ſpazieren gehen und das Feuerwerk erwarten.“ ‿——— 1A n — 275 „Beleuchtung?“ verſetzte die Dauphine mit einem traurigen Lächeln;„ſie war dieſen Abend nicht überflüßig, denn der Himmel iſt ſehr finſter; haben Sie geſehen, Ma⸗ dame?“ In dieſem Augenblick machte der Dauphin, des War⸗ tens müde, ſachte die Thüre auf, ſtreckte ſeinen Kopf durch die Oeffnung und fragte, ob er eintreten könnte. Frau von Noailles ſtieß einen Schrei aus, denn ſie erkannte den Prinzen Anfangs nicht. Durch die Gemüthsbewegungen, welche ſie nach ein⸗ ander erfahren hatte, in jenen Nervenzuſtand verſetzt, wo uns Alles erſchreckt, faßte die Frau Dauphine Frau von Noailles beim Arm. 3 „Ich bin es, Madame,“ ſagte der Dauphin,„fürch⸗ ten Sie ſich nicht.“ „Aber warum durch dieſe Thüre?“ fragte Frau von Noailles. 8 „Weil,“ antwortete König Ludwig XV., der ſeinen cyniſchen Kopf ebenfalls durch die halbgeöffnete Thüre ſtreckte,„weil Herr von Vauguyon, als wahrer Jeſuit, ſehr gut das Lateiniſche, die Mathematik und die Geo⸗ graphie verſteht und nichts Anderes.“ In Bmernare des Königs, der ſo unerwartet er⸗ ſchien, glitt die Frau Dauphine von ihrem Bette herab und ſtand nun aufrecht und in ihr großes Nachtgewand gehüllt, das ſie von den Fußſpitzen bis zum Hals ſo her⸗ metiſch verbarg, als die Stola eine römiſche Dame. „Man ſieht wohl, daß ſie mager iſt,“ murmelte Lud⸗ wig XV.„Zum Teufel mit Herrn von Choiſeul, der mir unter allen Erzherzoginnen gerade dieſe da wählt.“ „Eure Majeſtät mag bemerken,“ ſagte Frau von Noailles,„daß, was mich betrifft, die Etiquette ſtreng beob⸗ achtet worden iſt; nur von Seiten von Monſeigneur dem Dauphin...“ „Ich nehme den Einbruch auf meine Rechnung,“ ver⸗ ſetzte Ludwig XV.,„und das iſt nur zu billig, inſofern ich ihn habe begehen laſſen. Doch da der Unnſiahd. der dazu 18* 276 Anlaß gegeben, ſehr ernſter Natur iſt, ſo hoffe ich, daß Sie mir vergeben werden.“ nel„Ich weiß nicht, was Eure Majeſtät damit ſagen will. „Wir werden mit einander gehen, Herzogin, und ich erzähle Ihnen das. Nun ſehen wir, wie dieſe Kinder ſich niederlegen.“ Die Frau Dauphine entfernte ſich einen Schritt vom Bett und faßte Frau von Noailles vielleicht noch mit mehr Schrecken als das erſte Mal beim Arm. „Oh! ich bitte, Madame,“ ſagte ſie,„ich würde vor Scham ſterben.“ 4 „Sire,“ ſprach Frau von Noailles,„die Frau Dau⸗ phine bittet Eure Majeſtät, ſie wie eine einfache Bürgerin zu Bette gehen zu laſſen.“ „Teufel! Teufel! Sie fordern das, Frau Etiquette?“ „Sire, ich weiß wohl, daß es den Geſetzen des Ceremoniels von Frankreich entgegen iſt; doch ſchauen Sie die Erzherzogin an.“ Marie Antoinette ſtand bleich an einem Stuhle, ſtützte ſich mit ihrem ſtarren Arme auf die Lehne und hätte einer Bildſäule des Schreckens geglichen, würde man nicht das leichte Klappern ihrer Zähne gehört haben, das den von ihrem Antlitz ſließenden kalten Schweiß begleitete. „Ohl ich will der Dauphine in dieſem Punkte nicht widerſtreben,“ ſagte Ludwig XV., der das Ceremoniel ebenſo ſehr haßte, als Ludwig XIV. ein glühender An⸗ hänger deſſelben geweſen war.„Ziehen wir uns zurück, Herzogin. Ueberdies gibt es Schlöſſer an den Thüren, und das wird noch drolliger ſein.“ Der Dauphin hörte dieſe letzten Worte ſeines Groß⸗ vaters und erröthete. Die Dauphine hörte ebenfalls, begriff aber nicht. Ludwig XV. umarmte ſeine Söhnerin und ging hinaus, indem er die Herzogin von Noailles mit ſich nahm und in jenes ſpöttiſche Gelächter ausbrach, das ſo traurig 277 für diejenigen iſt, welche die Heiterkeit des Lachenden nicht theilen. Die übrigen Anweſenden entfernten ſich durch die andere Thüre. 3 Die jungen Leute fanden ſich allein. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Endlich näherte ſich der junge Prinz Marie Antoi⸗ nette: ſein Herz ſchlug gewaltig; er fühlte, wie der Bruſt, den Schläfen, den Arterien der Hände das empörte Blut der Jugend und der Liebe zuſtrömte. Doch er fühlte auch ſeinen Großvater hinter der Thüre, und dieſer cyniſche Blick, der bis in den hochzeit⸗ lichen Alkoven drang, vereiſte abermals den ſeiner Natur nach ſehr ſchüchternen und linkiſchen Dauphin. „Madame,“ ſagte er, die Erzherzogin anſchauend, „ſollten Sie leiden? Sie ſind ſehr bleich, und es iſt, als ob Sie zitterten.“ „Mein Herr,“ antwortete ſie,„ich verberge Ihnen nicht, daß ich eine ſeltſame Erſchütterung empfinde; es muß ein ſchrecklicher Sturm am Himmel ſein: der Sturm hat einen furchtbaren Einfluß auf mich.“ „Ah! Sie glauben, wir ſeien von einem Orkan be⸗ droht?“ ſagte der Dauphin. „Oh! ich bin deſſen gewiß; ſehen Sie, mein ganzer Körper zittert.“ Der Körper der armen Prinzeſſin ſchien wirklich un⸗ ter elektriſchen Schlägen zu beben. In dieſem Augenblick, als ſollten ihre Vorherſehun⸗ gen gerechtfertigt werden, erfüllte ein wüthender Windſtoß, einer von jenen mächtigen Hauchen, welche die eine Hälfte der Meere auf die andere ſchleudern und verheerend über die Gebirge hinfahren, dem erſten Schrei des heranrücken⸗ den Sturmes ähnlich, das Schloß mit Lärmen, mit hef⸗ tigem Gekrache und tiefer Bangigkeit. Die den Zweigen entriſſenen Blätter, die den Bäu⸗ men entriſſenen Zweige, die von ihren Vaſen geſchleuderten Statuen, ein langes, unermeßliches Geſchrei von hundert 278 tauſend in den Gärten zerſtreuten Zuſchauern, ein finſteres, durch die Gänge und Gallerien des Schloſſes hinlaufen⸗ des Toſen und Brüllen bildeten in dieſem Augenblick die wildeſte und traurigſte Harmonie, welche je an menſch⸗ liche Ohren vibrirt hatte. Auf das Brüllen und Toſen folgte ein klägliches Ge⸗ klirre; dies kam von den Scheiben, welche in tauſend Stücke zerbrochen auf den Marmor der Treppen und der Karnieße fielen und dabei den geſtoßenen, nervigen Ton von ſich ſchleuderten, der ächzend durch den Raum hinfliegt. Der Wind hatte mit demſelben Stoße von dem Rie⸗ gel einen von den ſchlecht verſchloſſenen Sommerläden ge⸗ riſſen, der an die Mauer geſchlagen, wie der rieſige Flü⸗ gel eines Nachtvogels. Ueberall, wo die Fenſter im Schloſſe offen ſtanden, erloſchen die Lichter, vernichtet durch dieſen Windſtoß. Der Dauphin näherte ſich dem Fenſter, ohne Zweifel, um den Laden wieder zu ſchließen, doch die Dauphine hielt ihn zurück. „Ohl mein Herr, ich bitte,“ ſagte ſie,„öffnen Sie dieſes Fenſter nicht, unſere Kerzen würden erlöſchen und ich würde vor Angſt ſterben.“ Der Dauphin blieb ſtehen. Man ſah durch den Vorhang, den er zurückgezogen, die düſteren Gipfel der Bäume des Parkes, bewegt und gedreht, als ob der Arm eines unſichtbaren Rieſen ihre Stämme inmitten der Finſterniß geſchüttelt hätte. Alle Beleuchtungen erloſchen. Da erblickte man am Himmel Legionen dicker, ſchwar⸗ zer Wolken, welche ſich wirbelnd hinrollten, wie zum An⸗ griff vorſpringende Schwadronen. Der Dauphin ſtand bleich am Fenſter und ſtützte eine Hand auf den Riegel. Die Dauphine fiel einen Seufzer ausſtoßend auf einen Stuhl zurück. „Sie haben ſehr bange, Madame?“ fragte der Dauphin. „Ohl ja, doch Ihre Gegenwart beruhigt mich. Oh! 8½ . —.— 279 was für ein Sturm! was für ein Sturm, mein Herr! Alle Beleuchtunge iſt ausgelöſcht.“ „Ja,“ ſagte Ludwig,„der Wind weht von Süd⸗Süd⸗ Weſt und das iſt derjenige, welcher die heftigſten Orkane verkündigt. Wenn er ſo fortfährt, weiß ich nicht, wie man es machen wird, um das Feuerwerk abzubrennen.“ „Oh! mein Herr, für wen ſollte man es abbrennen? Niemand wird bei einem ſolchen Wetter in den Gärten bleiben.“ 3 „Ah! Madame, Sie kennen die Franzoſen nicht, ſie müſſen ihr Feuerwerk haben; dieſes wird herrlich ſein; der Plan iſt mir vom Ingenieur mitgetheilt worden. Ei! ſehen Sie, ich täuſchte mich nicht: ſehen Sie die erſten Raketen.“ In der That, glänzend wie lange Feuerſchlangen ſchoſſen die Verkündigungsraketen zum Himmel auf; doch zu gleicher Zeit, als hätte der Sturm dieſe brennenden Strahlen für einen Trotz gehalten, zuckte ein einziger Blitz, der jedoch den Himmel zu ſpalten ſchien, zwiſchen den Kunſtſtücken durch und vermiſchte ſein bläuliches Feuer mit dem rothen Feuer der Raketen. „Wahrlich,“ ſprach die Erzherzogin,„es iſt eine Ruchloſigkeit von den Menſchen, ſo mit Gott zu kämpfen.“ Die Verkündigungsraketen waren dem allgemeinen Entzünden des Kunſtfeuerwerks nur einige Sekunden vor⸗ hergegangen; der Ingenieur fühlte, daß er ſich beeilen mußte, und legte das Feuer an die erſten Stücke, welche ein ungeheures Freudengeſchrei begrüßte. 3 Doch der Sturm, als fände wirklich ein Kampf zwi⸗ ſchen der Erde und dem Himmel ſtatt, als beginge der Menſch, wie es die Erzherzogin geſagt hatte, eine Ruch⸗ lofigkeit gegen Gott, der erzürnte Sturm bedeckte mit ſeinem furchtbaren Brauſen das Volksgeſchrei, alle Kata⸗ rakte des Himmels öͤffneten ſich zu gleicher Zeit und un⸗ geheure Regenſtrome ſtürzten von der Höhe der Wolken herab. 280 Der Wind hatte die Beleuchtung ausgelöſcht, der Regen löſchte das Feuerwerk aus. „Ah! welch ein Unglück!“ ſagte der Dauphin,„das Feuerwerk iſt geſcheitert.“ „Ei, mein Herr,“ verſetzte traurig Marie Antoinette, „ſchlug nicht Alles fehl ſeit meiner Aneunft in Frankreich?“ „Wie ſo, Madame?“ „Haben Sie Verſailles geſehen?“ „Allerdings; Madame. Gefällt Ihnen Verſailles nicht?“ „Oh! doch, Verſailles würde mir gefallen, wenn es heute wäre, wie es Ihr erhabener Ahnherr Ludwig XIV. hinterlaſſen hat. Doch in welchem Zuſtande haben wir Verſcilles gefunden? Ueberall Trauer, Ruine. Oh! ja, ja, der Sturm ſetzt ſich wohl in Einklang mit dem Feſte, das man mir bereitet. Iſt es nicht paſſend, daß ein Orkan kommt, um unſerem Volke das Elend unſeres Pa⸗ laſtes zu verbergen? Wird die Nacht nicht günſtig und willkommen ſein, welche dieſe Alleen voll Gras, dieſe Gruppen ſchlammiger Tritonen, dieſe Baſſins ohne Waſſer und dieſe verſtümmelten Statuen verbirgt? Oh! ja, ja, wehe Südwind; brülle Sturm; häuft euch auf, ihr dicken Wolken; verbergt vor aller Augen den ſeltſamen Empfang, den Frankreich einer Tochter der Cäſaren an dem Tage bereitet, wo ſie ihre Hand in die Hand ſeines zukünftigen Koͤnigs legt!“ Sichtbar verlegen, denn er wußte nicht, wie er dieſe Vorwürfe und beſonders dieſe ſeinem Charakter ſo ferne eraltirte Schwermuth erwidern ſollte, ſtieß der Dauphin ebenfalls einen langen Seufzer aus. „Ich mache Ihnen Kummer,“ ſagte Marie Antoi⸗ nette,„doch glauben Sie nicht, daß der Stolz aus mir ſpricht; oh! nein, nein, dem iſt nicht ſo. Warum hat man mir nicht dieſes ſo lachende, ſo ſchattige, ſo blühende Trianon allein gezeigt, deſſen Gebüſche leider der Sturm mitleidlos entblättert, deſſen Waſſer er trübt? ich hätte mich mit dem reizenden Neſte begnügt; doch dieſe Trüm⸗ 281 mer erſchrecken mich, ſie widerſtreben meiner Jugend, und dennoch wie viele Truͤmmer wird dieſer gräßliche Orkan noch machen!“ Ein neuer Windſtoß, noch furchtbarer als der erſte, ene den Palaſt. Die Prinzeſſin ſtand erſchrocken auf. „O mein Gott! ſagen Sie mir, ob uns keine Gefahr droht, ſagen Sie es mir, ich ſterbe vor Angſt!“ „Es iſt keine Gefahr, vorhanden, Madame. Ter⸗ raſſenförmig gebaut, kann Verſailles den Blitz nicht an⸗ ziehen. Wenn er fiele, würde er wahrſcheinlich auf die Kapelle fallen, die ein ſpitziges Dach hat, oder auf das kleine Schloß, das hervorragende Stellen bietet. Sie wiſſen, daß die Spitzen das elektriſche Fluidum anziehen und daß die platten Koͤrper im Gegentheil daſſelbe zurück⸗ ſtoſſen.“ 8 „Nein!“ rief Marie Antoinette,„ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.“ Ludwig nahm die Hand der Erzherzogin, eine eiſige, zitternde Hand. 8 In dieſem Augenblick überſtrömte ein bleicher Blitz das Gemach mit ſeinem grünlichen mit Violet durchmiſch⸗ ten Scheine. Marie Antoinette ſtieß einen Schrei aus und drängte den Dauphin zurück. „Aber, Madame, was gibt es denn?“ fragte er. „Oh!“ ſagte ſie,„Sie kamen mir bei dem Schim⸗ mer dieſes Blitzes bleich, entſtellt, blutig vor. Ich glaubte ein Geſpenſt zu ſehen.“. „Das war der Wiederſchein des Schwefelfeuers, und ich kann Ihnen erklären...“ Ein furchtbarer Donnerſchlag, deſſen Echos ſich ſtoͤh⸗ nend verlängerten, bis ſie, auf dem Höhenpunkte angelangt, ſich in der Ferne zu verlieren anfingen, ein furchtbarer Donnerſchlag ſchnitt die wiſſenſchaftliche Erläuterung, welche der junge Mann phlegmatiſch ſeiner königlichen Gemahlin geben wollte, kurz ab. „Auf, Madame,“ ſagte er nach kurzem Stillſchweigen, 282 „Muth gefaßt, ich bitte Sie; überlaſſen wir dieſe Angſt dem großen Haufen: die phyſiſche Bewegung iſt eine von den Bedingungen der Natur. Wir dürfen nicht mehr da⸗ rüber erſtaunen, als über die Ruhe, nur folgen ſich die Ruhe und die Bewegung; die Ruhe wird durch die Be⸗ wegung geſtoͤrt, die Bewegung wird durch die Ruhe wie⸗ der abgekühlt. Im Ganzen iſt das nur ein Sturm, Madame, und ein Sturm iſt eine von den allernatürlich⸗ ſten und häufigſten Erſcheinungen der Schöpfung. Ich weiß alſo nicht, warum man darüber erſchrecken ſollte.“ „Oh! vereinzelt würde er mich vielleicht auch nicht erſchrecken; doch dieſer Sturm an unſerem Hochzeittage, erſcheint er Ihnen nicht auch als ein furchtbares Vor⸗ zeichen in Verbindung mit denen, welche mich ſeit meinem Eintritt in Frankreich verfolgen?“ „Was ſagen Sie, Madame,“ rief der Dauphin un⸗ willkührlich von einem abergläubiſchen Schrecken ergriffen, „Vorzeichen, ſagen Sie?“ „Ja, ja, gräßliche, blutige!“ „Theilen Sie mir dieſe Vorzeichen mit, Madame; man geſteht mir im Allgemeinen einen vernünftigen, kalten Geiſt zu; vielleicht habe ich das Glück, die Vorzeichen, welche Sie erſchrecken, zu bekämpfen und niederzuſchlagen.“ „Mein Herr, die erſte Nacht in Frankreich brachte ich in Straßburg zu; man quartierte mich in einem großen Zimmer ein und zündete Kerzen an, weil es finſter ge⸗ worden war; als man dieſe Kerzen angezündet hatte, zeigte mir ihr Schimmer eine von Blut triefende Wand. Ich hatte jedoch den Muth, mich der Wand zu nähern und dieſe rothen Tinten aufmerkſamer zu betrachten. Die Mauer war mit einer Tapete überzogen, welche die Nie⸗ dermetzelung der unſchuldigen Kinder darſtellte. Die Ver⸗ zweiflung mit den troſtloſen Blicken, der Mord mit flam⸗ menden Augen, der Blitz des Beiles oder des Schwertes, Thränen, Geſchrei der Mütter, Seufzer des Todeskampfes ſchienen überall und durch einander aus dieſen propheti⸗ ſchen Wänden hervorzubrechen, welche, je mehr ich ſie an⸗ 1 — 283 ſchaute, mir immer lebendiger vorkamen. Oh! vom Schrecken in Eis verwandelt, konnte ich nicht ſchlafen... Und ſagen Sie, ſprechen Sie, war das nicht ein trauriges Vorzeichen?“ „Für eine Frau des Alterthums vielleicht, Madame, doch nicht für eine Prinzeſſin unſeres Jahrhunderts.“ „Mein Herr, dieſes Jahrhundert iſt ſchwer an Un⸗ glück, meine Mutter hat es mir geſagt, wie der Himmel, der ſich über unſern Häuptern entflammt, ſchwer iſt an Schwefel, Feuer und Verheerung. Oh! darum habe ich ſo bange, darum erſcheint mir jedes Vorzeichen als eine Verkündigung.“ „Madame, keine Gefahr kann den Thron bedrohen, den wir beſteigen; wir Könige leben in einer Region ober⸗ halb der Stürme. Der Blitz iſt zu unſeren Füßen, und wenn er auf die Erde fällt, ſo ſind wir es, die ihn ſchleudern.“ „Ach! ach! das iſt es nicht, was man mir geweiſſagt hat, mein Herr.“ „Und was hat man Ihnen geweiſſagt?“ „Etwas Furchtbares, Gräßliches.“ „Man hat Ihnen prophezeit?“ „Oder vielmehr mich ſehen laſſen.“ „Sehen!“ „Ja, ich habe geſehen, geſehen, ſage ich Ihnen, und dieſes Bild iſt in meinem Geiſte geblieben, ſo tief geblie⸗ ben, daß es keinen Tag gibt, an welchem ich nicht ſchaure, wenn ich daran denke, keine Nacht, wo ich es nicht im Traume wiederſehe.“ „Können Sie mir nicht ſagen, was Sie geſehen? Hat man Stillſchweigen von Ihnen gefordert?'. „Nichts hat man von mir gefordert?“ „So ſprechen Sie, Madame.“ „Hören Sie, es läßt ſich unmöglich beſchreiben: es war eine Maſchine über der Erde errichtet wie ein Schaffot, doch an dieſem Schaffot waren zwei Pfoſten wie die einer Leiter angebracht, und zwiſchen dieſen zwei . 284 Pfoſten glitt ein Meſſer, ein Hackmeſſer, ein Beil. Ich ſah dies und ſah ſeltſamer Weiſe auch meinen Kopf unter dieſem Meſſer. Das Meſſer ſiel zwiſchen den zwei Pfoſten herab und trennte von meinem Leibe den Kopf, der auf die Erde rollte. Dies habe ich geſehen, mein Herr, dies habe ich geſehen.“ „Ein reines Traumgebilde, Madame,“ ſprach der Dauphin,„ich kenne beinahe alle Werkzeuge, mit denen man den Tod gibt, doch dieſes iſt nicht vorhanden, be⸗ ruhigen Sie ſich alſo.“ „Ach!“ erwiederte Marie Antoinette,„ich kann den ab⸗ ſcheulichen Gedanken nicht vertreiben, und ich thue doch Alles, was ich vermag.“ „Es wird Ihnen gelingen, Madame,“ verſetzte der Dauphin, indem er ſich ſeiner Gemahlin näherte;„von dieſem Augenblick an ſteht an Ihrer Seite ein liebevoller Freund, ein beſtändiger Beſchützer.“ „Ach! ach!“ wiederholte Marie Antoinette, ſchloß die Augen und ſank auf ihren Stuhl zurück. Der Dauphin näherte ſich abermals der Prinzeſſin und ſie konnte der Hauch ihres Gemahls ihre Wange be⸗ ſtreifen fühlen. In dieſem Augenblick öffnete ſich ſachte die Thüre, durch welche der Dauphin eingetreten war, und ein neu⸗ gieriger Blick, der Blick von König Ludwig XV. durch⸗ drang den Halbſchatten des weiten Gemaches, das nur zwei Kerzen, in Wellen über dem Vermeilleuchter hin⸗ fließend, erhellten. Der alte König öffnete den Mund, ohne Zweifel, um ſeinem Enkel eine Ermuthigung zuzuflüſtern, als ein unbeſchreibliches Krachen im Palaſte erſcholl, diesmal be⸗ gleitet von dem Blitze, der ſonſt immer dem Donner vor⸗ hergegangen war; zu gleicher Zeit ſtürzte ſich eine Säule von weißer, grün geſprenkelter Flamme vor das Fenſter, machte alle Scheiben zerſpringen, und zerſchmetterte eine unter dem Balcon liegende Statue; dann ſtieg ſie nach ———— 285 einem furchtbaren Zucken zum Himmel auf und verſchwand wie ein Meteor. Die zwei Kerzen erloſchen von dem Windſtoße um⸗ hüllt, der in das Zimmer drang. Erſchrocken, wankend, geblendet, wich der Dauphin bis an die Wand zurück, an der er angelehnt blieb. Die Dauphine ſank halb ohnmächtig auf die Stufen ihres Betpultes und blieb hier in der tödtlichſten Erſtarrung begraben. Zitternd glaubte Ludwig XV., die Erde wolle einen Abgrund unter ihm öffnen, und kehrte, gefolgt von Lebel, in ſeine öden Gemächer zuruück. Während dieſer Zeit entfloh in der Ferne, wie eine Schaar erſchrockener Vögel, das Volk von Verſailles und Paris zerſtreut durch die Gaͤrten, auf den Landſtraßen und durch das Gehölze, verfolgt in allen Richtungen von einem dichten Hagel, der die Blumen im Garten, das Blätterwerk im Walde, den Weizen auf den Feldern in Stücke zerſchlug. Der Schiefer und die zarten Sculp⸗ turen an den Gebäuden wurden dem Werke der Ver⸗ wüſtung beigefügt. Ihre Stirne in ihren Händen, betete die Dauphine ſchluchzend. 4 Der Dauphin ſchaute mit einem düſteren, unempfind⸗ lichen Geſichte das Waſſer an, das durch die zerbrochenen Scheiben in das Zimmer rieſelte und auf dem Boden in bläulichen Lachen die Blitze wiederſtrahlte, welche mehrere Stunden lang ohne Unterlaß zuckten. Dieſes ganze Chaos entwirrte ſich indeſſen am Morgen; auf kupferfarbigen Wolken hingleitend, enthüllten die erſten Strahlen des Tages die Verheerungen des nächtlichen Orkans vor den Augen. 2 Verſailles war nicht mehr zu erkennen. Die Erde hatte die Waſſerfluth verſchlungen; die Bäume hatten die Feuerfluth aufgezehrt; überall Koth und gekrümmte, zerbrochene, durch die Schlange mit dem brennenden Drucke, die man den Blitz nennt, verſengte Stämme. Ludwig XV., der nicht geſchlafen hatte, ſo groß war ſein Schrecken geweſen, ließ ſich beim Frühroth von Lebel, welcher ihn nicht verlaſſen, ankleiden und kehrte durch dieſelbe Gallerie zurück, wo beſchämt bei dem blaſſen Schimmer des jungen Tages die uns bekannten Gemälde Grimaſſen ſchnitten, Gemälde, welche gemacht worden waren, um von Blumen, Kriſtallen und entflammten Candelabern umrahmt zu werden. Zum dritten Male ſeit dem vorhergehenden Tage, oͤffnete Ludwig XV. die Thüre des Hochzeitgemaches und ſchauerte, als er auf dem Betpulte zurückgeworfen, bleich, mit Augen ſo geröthet wie die der erhabenen Madonna von Rubens die zukünftige Königin von Frankreich er⸗ blickte deren Schmerzen der Schlaf endlich unterbrochen hatte, und deren weißem Gewand die Morgendämmerung mit religiöſer Ehrfurcht eine Azurtinte verlieh. Im Hintergrunde des Zimmers auf einem Stuhle, der an der Wand lehnte, ruhte, die Füße mit den ſeidenen Schuhen in eine Waſſerlache ausgeſtreckt, der Dauphin von Frankreich, eben ſo bleich als ſeine Gemahlin und wie dieſe den Schweiß des Alps auf der Stirne. 3 Das Hochzeitbett war wie es der König am Abend zuvor geſehen hatte. Ludwig XV. runzelte die Stirne, ein Schmerz, den er nie zuvor empfunden, durchzuckte dieſe von der Selbſt⸗ ſucht vereiſte Stirne. Er ſchüttelte den Kopf, ſtieß einen Seufzer aus und kehrte in ſeine Gemächer zurück, düſterer und erſchrockener vielleicht zu dieſer Stunde, als er es in der Nacht ge⸗ weſen war. 287 LXVI. Die Feſte der Place Louis XW. An dem darauf folgenden 30ſten Mai, nämlich zwei Tage nach der furchtbaren Nacht, nach einer Nacht voll von Vorzeichen und Verkündigungen, wie Marie Antoinette geſagt hatte, feierte Paris ebenfalls das Hochzeitfeſt ſei⸗ nes zukünftigen Königs; die ganze Bevölkerung wandte ſich nach der Place Lonis XV., wo das Feuerwerk abge⸗ brannt werden ſollte, dieſe Vervollſtändigung jedes großen offentlichen Feſtes, die der Pariſer ſchäkernd hinnimmt, während er derſelben nicht entbehren kann. Der Platz war gut gewählt, ſechsmal hundert tauſend Zuſchauer konnten hier nach Belieben kreiſen. Um die Reiterſtatue von Ludwig XV. hatte man kreisförmig Ge⸗ rüſte errichtet, ſo daß der Anblick des Feuers allen Zu⸗ ſchauern des Platzes geſtattet war, indem man dieſes Feuer zehn bis zwölf Fuß uͤber der Erde erhob. Die Pariſer kamen ihrer Gewohnheit gemäß gruppen⸗ weiſe und ſuchten lange die beſten Stellungen, ein unan⸗ greifbares Vorrecht der Zuerſtgekommenen. Die Kinder fanden Bäume, die ernſten Männer Weichſteine, die Frauen die Geländer der Gräben und die in freier Luft von zigeunerartigen Speculanten errichteten beweglichen Gerüſte, wie man ſie bei allen Pariſer Feſten findet, da eine reiche Einbildungskraft jeden Tag die Speculation zu verändern geſtattet. Gegen ſieben Uhr ſah man mit den erſten Neugieri⸗ gen einige Abtheilungen von Bogenſchützen anlangen. Der Beaufſichtigungsdienſt geſchah nicht durch die franzöͤſiſchen Garden, denen das Bureau der Stadt das von dem Marſchall Oberſten Herzog von Biron verlangte Geſchenk von tauſend Thalern nicht bewilligen wollte. Dieſes Regiment war zugleich gefürchtet und beliebt bei der Bevölkerung, bei der jedes Glied dieſes Corps für einen Cäſar und fuͤr einen Mandrin galt. Furchtbar auf dem Schlachtfelde, unerbittlich in Erfüllung ihrer Functio⸗ nen, hatten die franzöſiſchen Garden in Friedenszeiten und außer dem Dienſt einen ſchrecklichen Banditenruf; in Uni⸗ form waren ſie ſchön, muthig, unnahbar, und ihre Evo⸗ lutionen gefielen den Frauen und machten Eindruck auf die Männer. Aber frei vom Dienſt, als einfache Privatleute unter der Menge zerſtreut, wurden ſie der Schrecken von denjenigen, deren Bewunderung ſie am Tage zuvor erregt, und verfolgten diejenigen, welche ſie am andern Tage beſchützen ſollten. Da aber nun die Stadt in ihrem alten Grolle gegen dieſe Nachtſchwärmer, gegen dieſe Stammgäſte der Spiel⸗ häuſer einen Grund fand, den franzoͤſiſchen Garden die tauſend Thaler nicht zu geben, ſo ſchickte ſie nur ihre eigenen bürgerlichen Bogenſchützen unter dem ſcheinbaren Vorwande jedoch, daß bei einem Familienfeſte, wie das, welches ſich eben vorbereitete, der gewöhnliche Wächter genügen müßte. Man ſah nun die beurlaubten franzoͤſiſchen Garden ſich unter die von uns angeführten Gruppen miſchen und in ihrer Eigenſchaft als Schildbürger alle die kleinen Unordnungen veranlaſſen, die ſie mit dem Kolben, mit den Füßen und dem Ellenbogen, ja ſogar mit der Ver⸗ haftung unterdrückt haben würden, wenn ihr Anführer, ihr Cäſar Biron, das Recht gehabt hätte, ſie an dieſem Abend Soldaten zu nennen. Das Geſchrei der Frauen, das Murren der Bürger, die Klagen der Handelsleute, deren kleines Backwerk und Lebkuchen man gratis verſpeiſte, bereiteten einen falſchen Tumult vor dem wahren Tumult, der natürlich ſtatt haben mußte, wenn ſechsmal hundert tauſend Neugierige auf dieſem Platze verſammelt waren, und ſie belebten die Scene ſo, daß gegen acht Uhr Abends auf der Place Louis XV. die Darſtellung eines großen Gemäldes von Teniers mit franzöſiſchen Grimaſſen zu erwarten war. Nachdem die Pariſer Straßenjungen, zugleich die eifrigſten und die trägſten der bekannten Welt, ſich aufge⸗ 289 ſtellt oder aufgehißt hatten, nachdem die Bürger und das Volk Poſto gefaßt, kamen die Wagen des Adels und der Finanzen. Es war kein Weg vorgeſchrieben worden, ſie münde⸗ ten alſo ohne Ordnung durch die Rues de la Madeleine und Saint⸗Honoré aus und brachten nach den neuen Ge⸗ bäuden diejenigen, welche Einladungen für die Fenſter und Balcons des Gouverneur erhalten hatten, von wo aus man das Feuerwerk vortrefflich ſehen mußte. Diejenigen Leute mit Wagen, welche keine Einla⸗ dungen erhalten hatten, ließen ihre Carroſſen an der Wendung des Platzes und miſchten ſich zu Fuß, ihre Be⸗ dienten voran, in die bereits geſchloſſene Menge, welche jedoch ſtets Jedem, der ihn zu erobern weiß, Platz läßt. Es war ſeltſam anzuſchauen, mit welcher Scharf⸗ ſichtigkeit dieſe Neugierigen in der Nacht ihren Marſch durch jede Ungleichheit des Bodens zu unterſtützen wußten. Die ſehr breite, aber noch nicht vollendete Straße, welche Rue Royale genannt werden ſollte, war da und dort von tiefen Gräben durchſchnitten, an deren Rand man Schutt und Graberde aufgehäuft hatte. Jede von dieſen kleinen Erhabenheiten hatte ihre Gruppe, ähnlich einer höheren Welle inmitten dieſes menſchlichen Meeres. Von Zeit zu Zeit ſtürzte die Welle, durch die ande⸗ ren Wogen geſtoßen, unter dem Gelächter der Menge nieder, welche ſich noch nicht ſo ſehr zuſammendrängte, daß Gefahr bei ſolchen Stürzen geweſen wäre, und daß nicht diejenigen, welche gefallen waren, ſich hätten wieder erheben können.. Gegen neun Uhr fingen alle bis dahin divergirende Blicke an, dieſelbe Richtung zu nehmen, und hefteten ſich nach dem Gerüſte des Feuerwerks. Nun begannen die beſtändig ſpielenden Ellenbogen alles Ernſtes die Unan⸗ taſtbarkeit des Terrainbeſitzes gegen die unabläßig ſich wiederholenden Angriffe zu behaupten. Dieſes Kunſtfeuerwerk, eine Erfindung von Ruggieri, war beſtimmt, mit dem in Verſailles von dem Ingenieur Denkwürdigkeiten eines Arztes. III. 19 290 Torré ausgeführten Feuerwerk zu rivaliſiren, eine Rivali⸗ tät, die der Sturm an jenem Abend leicht gemacht hatte. Man wußte in Paris, daß man in Verſailles wenig Nutzen von der koͤniglichen Freigebigkeit, welche fünfzig tauſend Franken für dieſes Feuerwerk bewilligt, gehabt hatte, da der Regen bei den erſten Raketen das Feuer ausgelöſcht, und da das Wetter am Abend des 31ſten Mai ſchön war, ſo genoßen die Pariſer zum Voraus⸗ den ihnen geſicherten Triumph über ihre Nachbarn, die Verſailler. Ueberdies erwartete Paris viel mehr von der alten Popularität von Ruggieri als von dem neuen Rufe von Torré. Weniger launenhaft und unbeſtimmt, als der ſeines Collegen, verhieß der Plan von Ruggieri pyrokechniſche Beſtrebungen der ausgezeichnetſten Art: die Allegorie, die Königin dieſer Epoche, vermählte ſich mit der anmuthig⸗ ſten architektoniſchen Style; das Gerüſte ſeln den alten Tempel Hymens vor, der bei den Franzoſen an Jugend mit dem Tempel des Ruhmes wetteifert; er war getragen von einer rieſigen Colonnade und umgeben von einer Brüſtung, an deren Ecken Delphine mit weit aufgeſperrtem Rachen nur das Signal erwarteten, um Flammenſtroͤme auszuſpeien. Den Delphinen gegenüber erhoben ſich maje⸗ ſtätiſch und auf ihren Urnen die Loire, die Rhone, die Seine und der Rhein, dieſer Fluß, den wir hartnäckig franzöſiſch naturaliſiren, trotz aller Welt und ſogar, wenn wir den neueren Liedern unſerer Freunde, der Deutſchen, glau⸗ ben dürfen, gegen ſeinen eigenen Willen, alle vier, wir ſprechen von den Flüſſen, alle vier, ſagen wir, bereit, ſtatt ihrer Waſſer das blaue, das weiße, das graue und das roſenfarbige Feuer in dem Augenblick auszugießen, wo ſich die Colonnade entflammen ſollte. Andere Kunſtſtücke ſollten ſich in demſelben Augen⸗ blick entzünden und rieſige Blumentöpfe auf der Ter⸗ raſſe des Palaſtes von Hymen bilden. Auf demſelben Palaſte endlich, der ſo verſchiedene 8 — ☚ . 291 Dinge zu tragen beſtimmt war, erhob ſich eine leuchtende Pyramide, welche in der Weltkugel endigte; dieſe Welt⸗ kugel, nachdem ſie dumpf geblitzt, ſollte wie ein Donner⸗ ſchlag in einer Maſſe farbiger Girandolen losbrechen. Was den Strauß, das von der Pflicht gebotene und ſo wichtige Stück betrifft, daß der Pariſer ein Feuerwerk nur nach dem Strauße beurtheilt, ſo hatte ihn Ruggieri von dem Körper der Maſchine getrennt; er war auf der Seite des Fluſſes nach der Statue in einer ganz mit Reſerveſtücken vollgepfropften Baſtei angebracht, ſo daß der Blick durch dieſe Erhöhung von drei bis vier Klaftern gewinnen mußte, welche den Fuß der Garbe auf ein Piedeſtal ſtellte. 7 Dies ſind die Einzelnheiten, von denen Paris in Anſpruch genommen wurde; ſeit vierzehn Tagen ſahen die Pariſer mit großer Bewunderung Ruggieri und ſeine Gehulfen in der Finſterniß ihrer Gerüſte umhergehen und mit ſeltſamen Geberden von Zeit zu Zeit ſtille ſtehen, um ihre Lunten zu befeſtigen und ihr Zündkraut zu ſichern. Der Augenblick, wo die Laternen auf die Terraſſen des Gerüſtes gebracht wurden, ein Augenblick, der das baldige Entzünden verkündigte, hatte auch eine lebhafte Senſation bei der Menge zur Folge und einige Reihen der Unerſchrockenſten wichen zurück, was eine lange Schwankung bis zu den äußerſten Enden der Menge hervorbrachte. Die Wagen kamen fortwährend an und begannen ſich des Platzes ſelbſt zu bemächtigen. Die Pferde ſtütz⸗ ten ihre Köpfe auf die Schultern der letzten Zuſchauer, welche über dieſe gefährlichen Nachbarn unruhig zu wer⸗ den anfingen. Bald häufte ſich hinter den Wagen die ſtets wachſende Menge an, ſo daß die Wagen, hätten ſie zurückweichen wollen, dies nicht mehr konnten, da ſie ſich in dieſer compacten und ſtürmiſchen Ueberſchwemmung eingezwängt fanden. Da ſah man mit der Kühnheit des Pariſers, der erobert, welche nur ein Seitenſtück in der Langmuth des Pariſers hat, der ſich erobern läßt, da ſah man auf die Verdecke der Kutſchen, nie Schifübrüchige 292 3 Felſen, franzoͤſiſche Garden, Arbeiter und Lackeien eigen.. Die Beleuchtung der Boulevards warf von ferne ihren rothen Schimmer auf die Köpfe der Tauſende von Neugierigen, unter denen das Bajonnet eines bürgerlichen Bogenſchützen, funkelnd wie ſein Blitz, eben ſo ſelten er⸗ ſchien, als es die auf einem abgemähten Felde ſtehen ge⸗ bliebenen Aehren ſind. An den Seiten der neuen Gebäude, heut zu Tage das Hotel Grillon und das Garde⸗Meuble der Krone, hatten die Wagen der Eingeladenen, zwiſchen denen man vor⸗ ſichtiger Weiſe keinen Gang frei gelaſſen, drei Reihen ge⸗ bildet, welche ſich von einer Seite des Boulevard bis zu den Tuilerien, von der audern des Boulevard bis zur Rue des Champs⸗Elyſées ausbreiteten, indem ſie eine Windung machten, wie eine dreimal auf ſich ſelbſt zuſammengerollte Schlange. Längs dieſen dreifachen Reihen von Carroſſen ſah man, wie Geſpenſter am Ufer des Styr, diejenigen Ein⸗ geladenen umherirren, welche die Wagen ihrer Vorgänger das große Thor zu erreichen verhinderten; ganz betäubt durch das Geräuſch, ängſtlich darauf bedacht, beſonders was die völlig in Atlaß gekleideten Frauen betrifft, das ſtaubige Pflaſter zu vermeiden, ſtießen ſie an die Wogen des Volkes, das ſie wegen ihrer Zartheit verſpottete, ſuch⸗ ten einen Durchgang zwiſchen den Rädern der Wogen und den Füßen der Pferde, und ſchlüpften, wie ſie eben konnten, bis zum Orte ihrer Beſtimmung, ein Ziel, um das man ſie eben ſo ſehr beneidete, als um einen Hafen im Sturme. 4 Eine von dieſen Carroſſen kam gegen neun Uhr, das heißt kaum einige Minuten vor der zum Entzünden des Feuerwerks beſtimmten Stunde, um ſich ebenfalls Bahn bis zur Thüre des Gouverneur zu brechen. Doch dieſe ſchon ſeit einiger Zeit ſtreitig gemachte Anmaßung war in dieſem Augenblick mindeſtens verwegen, wenn nicht un⸗ möglich geworden. Es hatte ſich eine vierte Reihe, die —,— ¹ 7 . 293 drei erſten verſtärkend, zu bilden angefangen, und die Pferde, welche dazu gehörten, wurden, von der Menge bedrängt, von munter wüthend und ſchleuderten rechts und links Fußtritte aus, welche bereits Unfälle zur Folge gehabt, die ſich in dem Geräuſch und in der Menge verloren. An den Federn dieſes Wagens hängend, der ſich ſeine Bahn durch die Menge gebrochen, marſchirte ein junger Menſch, der alle Hinzukommenden zurückſchob, die es verſuchten, ſich der Woh Olthat einer Locomotive zu bemäch⸗ tigen, die er zu ſeinen Gunſten confiscirt zu haben ſchien. Als der Wagen anhielt, warf ſich der funge Mann auf die Seite, jedoch ohne die beſchützende Feder loszu⸗ laſſen, an der er ſich immer noch mit einer Hand anklam⸗ merte. Er konnte alſo durch den offenen Kutſchenſchlag das belebte Geſpräch der Gebieter des Wagens hören. Der Kopf einer weiß gekleideten und nur mit einigen natürlichen Blumen friſirten Frau neigte ſich aus dem Shlag Sogleich rief eine Stimme: „Andrée, Du biſt doch ein wahres Landmädchen, neige Dich nicht ſo hinaus, oder alle Teufel! Du läufſt Gefahr, von dem erſten vorübergehenden Bauernlümmel geküßt zu werden. Siehſt Du nicht, daß unſer Wagen mitten unter dieſem Volke iſt, als wäre er mitten im Fluße? Wir ſind im Waſſer, meine Liebe, und zwar im ſchmutzigen Waſſer, und wollen uns nicht damit benetzen.“ Der Kopf des jungen Mädchens zog ſich in den Wagen zurück. „Von hier aus ſieht man nichts, mein Herr,“ ſagte ſie,„wenn nur unſere Pferde eine halbe Wendung machen könnten, wir würden durch den Schlag ſehen und wären beinahe ſo gut, als am Fenſter des Gouverneur.“ „Drehe, Kutſcher,“ rief der Baron.. „Es iſt unmöglich, Herr Baron,“ antwortete der Kutſcher,„ich müßte zehn Perſonen zermalmen.“ „Ei, bei Gott! zermalme ſie.“ „Oh! mein Herr,“ ſprach Andrée. „Oh! mein Vater!“ ſagte Philipp. 294 „Wer iſt der Baron da, der die armen Leute zer⸗ malmen will?“ riefen einige drohende Stimmen. „Parbleu! ich bin es,“ ſprach der Baron, indem er ſich aus dem Wagen hervorneigte und dabei ein ſchräge über die Bruſt laufendes großes, rothes Ordensband zeigte. In jener Zeit reſpectirte man noch die großen Or⸗ densbänder und ſogar die großen rothen Ordensbänder; man brummte aber auf einer abſteigenden Tonleiter. „Warten Sie, mein Vater, ich will ausſteigen und ſehen, ob es möglich iſt, durchzukommen,“ ſagte Philipp. „Nimm Dich in Acht, mein Bruder, Du ſetzeſt Dich der Gefahr aus, todtgeſchlagen zu werden, hörſt Du das Gewieher der Pferde?“— „Du kannſt wohl ſagen das Gebrülle,“ verſetzte der Baron.„Wir wollen ausſteigen, Philipp, ſage den Leu⸗ ten, ſie ſollen auf die Seite treten, damit wir durchkom⸗ men können.“ „Ah! Sie kennen Paris nicht mehr, mein Vater,“ entgegnete Philipp.„Dieſe Gebietermanieren waren ehmals gut, doch heute dürften ſie nicht durchdringen, und Sie moͤchten doch wohl nicht gern Ihre Würde gefährden, nicht wahr, mein Vater?“. „Wenn aber dieſe Burſche erfahren, wer ich bin?“ „Mein Vater,“ erwiederte Philipp lächelnd,„wenn Sie der Dauphin ſelbſt wären, würde man ſich Ihretwe⸗ an nicht ſtören laſſen; das befürchte ich beſonders in dieſem ugenblicke, denn das Feuerwerk wird ſogleich beginnen.“ „Dann werden wir nichts ſehen,“ ſagte Andrée ver⸗ drießlich. „Das iſt bei Gott Dein Fehler,“ erwiederte der Baron,„Du haſt zwei Stunden zu Deiner Toilette ge⸗ braucht.“ „Mein Bruder, koͤnnte ich nicht Deinen Arm neh⸗ men und mich mitten unter dieſe Leute ſtellen?“ ſagte Andrée. „Ja, ja, meine kleine Dame,“ ſprachen mehrere 295 Stimmen, gerührt durch die Schönheit von Andrée;„ja, Pindnen Sie, Sie ſind nicht dick und man macht Ihnen P atz 1 „Willſt Du, Andrée?“ fragte Philipp. „Gewiß,“ erwiederte Andrée und ſprang leicht und ohne den Tritt zu berühren aus dem Wagen. e ſei, ſagte der Baron;„doch ich, der ich mich den Teufel um das Feuerwerk bekümmere, ich bleibe hier.“ „Gut, bleiben Sie, ſprach Philipp;„wir entfernen uns nicht, mein Vater.“. Die Menge, ſtets achtungsvoll, wenn keine Leiden⸗ ſchaft ſie aufreizt, ſtets achtungsvoll vor der erhabenen Königin, welche man die Schoͤnheit nennt, die Menge öffnete ſich vor Andrée, und ein guter Bürger, mit ſeiner Familie Beſitzer einer Steinbank, ließ ſeine Frau und ſeine Tochter etwas auf die Seite treten, daß Andrée einen Platz bei ihnen fand. Philipp ſtellte ſich zu den Füßen ſeiner Schweſter und dieſe ſtützte eine ihrer Hände auf ſeine Schulter. Gilbert war ihnen gefolgt und verſchlang, vier Schritte von den jungen Leuten ſtehend, Andrée mit ſei⸗ nen Augen. „Biſt Du gut hier, Andrée?“ fragte Philipp. „Vortrefflich,“ antwortete das Mädchen. „So geht es, wenn man ſchön iſt,“ verſetzte lächelnd der Vicomte. 8 „Ja, ja, ſchön, ſehr ſchön,“ murmelte Gilbert.* Andrée hörte dieſe Worte; doch da ſie ohne Zweifel aus dem Munde eines M enſchen aus dem Volke kamen, bekümmerte ſie ſich nicht mehr darum, als ein indiſcher Gott ſich um die Huldigung derimnert die ihm ein armer Paria zu Füßen legt. 296 LXVII. Das Feuerwerk. Andrée und ihr Bruder waren kaum feſtgeſtellt, als die erſten Raketen in die Wolken aufſchoßen und ein ge⸗ waltiges Geſchrei ſich aus der Menge erhob, die ſich nun einzig und allein der Beſchauung deſſen hingab, was ihr der Mittelpunkt des Platzes bieten ſollte. Der Anfang des Feuerwerks war prachtvoll und in jeder Beziehung würdig des hohen Rufes von Ruggieri. Die Decoration des Tempels entzündete ſich ſtufenweiſe und bot dann eine Facade von Feuern. Beifallsgeklatſche erſcholl; doch dieſes Geklatſche verwandelte ſich bald in wüthende Bravos, als aus dem Rachen der Delphine und aus den Urnen der Flüſſe Flammenſtröme hervorſtürzten, welche ihre Cascaden von verſchiedenfarbigen Feuern kreuzten. Vom höchſten Erſtaunen beim Anblick eines Schau⸗ ſpieles, das nicht ſeines Gleichen auf der Welt hat, bei dem Anblicke einer vor einem Flammenpalaſte vor Freude brüllenden Bevölkerung von ſiebenmal hundert tauſend Seelen ſuchte Andrée nicht einmal ihre Eindrücke zu ver⸗ bergen. Drei Schritte von ihr, durch die herkuliſchen Schul⸗ een eines Laſtträgers, der ſein Kind in die Luft hob, berdeckt, betrachtete Gilbert Andrée ihretwegen und das Feuerwerk, weil ſie es betrachtete. Gilbert ſah Andrée vom Profil; jede Rakete beleuch⸗ tete das ſchöne Antlitz und verurſachte ein Beben bei dem jungen Manne; es kam ihm vor, als entſtünde die all⸗ gemeine Bewunderung aus dieſem göttlichen Geſchöpfe, das er anbetete. Andrée hatte Paris nie geſehen und eben ſo wenig eine ſolche ungeheure Menge und die Herrlichkeiten eines ſolchen Feſtes; die vielfachen Offenbarungen, welche auf ihren Geiſt eindrangen, betäubten ſie. 4 — 297 Plötzlich verbreitete ſich ein lebhafter Schimmer, der in einer ſchrägen Linie vom Fluſſe herkam. Es war eine mit furchtbarem Krachen zerplatzende Bombe, deren ver⸗ ſchiedenartiges Feuer Andrée bewunderte. „Sieh, Philipp, wie ſchön das iſt,“ ſagte ſie. „Mein Gott,“ rief der junge Mann unruhig, ohne ihr zu antworten,„dieſe letzte Rakete war ſehr ſchlecht gerichtet: ſie iſt offenbar von ihrer Bahn abgegangen, denn ſtatt ihre Parabel zu beſchreiben, iſt ſie beinahe horizontal fortgeſchoſſen.“ Philipp hatte kaum dieſe Unruhe geäußert, weche ſich auch in der Menge durch ein Beben fühlbar zu machen anfing, als ein Flammenwirbel von der Baſtei aufſprang, auf der ſich der Strauß und die Reſerve des Feuerwerks fanden. Ein Lärmen, dem von hundert Donnern ähnlich, durchkreuzte ſich in allen Richtungen auf dem Platze und brachte, als hätte dieſes Feuer verheerende Kartätſchen enthalten, die am nächſten ſtehenden Auſchang welche einen Augenblick die unerwartete Flamme ihr Geſicht an⸗ greifen fühlten, in Verwirrung. „Schon der Strauß? Schon der Strauß?“ riefen die entfernteſten Zuſchauer.„Noch nicht! Das iſt zu früh.“ „Schon!“ wiederholte Andrée.„Oh! ja, es iſt zu früh.“ „Nein,“ ſagte Philipp,„es iſt nicht der Strauß; es iſt ein Unfall, der in einem Augenblick wie die Wellen des Meeres dieſe noch ruhige Menge niederwerfen wird. Komm, Andrée, kehren wir zu unſerem Wagen zurück, komm.“ 3 „Oh! laß mich noch ſehen, Philipp, es iſt ſo ſchoͤn.“ „Im Gegentheil, Andrée, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, folge mir. Das iſt das Unglück, das ich ahnete. Eine verlorene Rakete hat die Baſtei in Brand geſteckt. Man zermalmt ſich ſchon dort. Hörſt Du das Geſchrei? Das iſt nicht mehr Freudengeſchrei, ſondern Angſtgeſchrei. Geſchwinde, geſchwinde zum Wagen.“ 4 298 Und Philipp ſchlang ſeinen Arm um den Leib ſeiner Schweſter und zog ſie nach der Seite ſeines Vaters fort; an dem furchtbaren Lärmen, der ſich hörbar machte, er⸗ kannte dieſer eine Gefahr, von der er ſich keine Rechen⸗ ſchaft geben konnte, neigte ſich aus dem Schlage und ſuchte mit den Augen ſeine Kinder. Es war ſchon zu ſpät und die Weiſſagung von Phi⸗ lipp verwirklichte ſich. Der aus fünfzehntauſend Raketen beſtehende Strauß brach los, entſtürzte in allen Richtungen und verfolgte die Neugierigen wie feurige Pfeile, die man in die Arena nach den Stieren abſchießt, um ſie zum Kampfe aufzureizen. Anfangs erſtaunt, dann erſchrocken, wichen die Zu⸗ ſchauer mit der Gewalt der Unüberlegtheit vor dem un⸗ überwindlichen Rückſchritte von hundert tauſend Perſonen zurück; hundert tauſend andere gaben keuchend ihrer Nach⸗ hut dieſelbe Bewegung; das Gerüſte ſing Feuer, die Kinder ſchrieen, die Frauen hoben erſtickend ihre Arme empor; die Bogenſchützen ſchlugen rechts und links, in der Meinung ſie könnten die Schreier zum Schweigen bringen und die Ordnung durch die Gewalt wiederherſtellen. Alle dieſe Urſachen machten zuſammengenommen, daß die Woge, von der Philipp ſprach, wie eine Waſſerhoſe auf die Ecke des Platzes fiel, wo er ſich befand; ſtatt den Wagen des Barons zu erreichen, wie er hoffte, wurde der junge Mann von der unüberwindlichen Strömung fortgeriſſen, von der keine Beſchreibung einen Begriff zu geben vermöchte, denn, durch die Furcht und den Schmerz ſchon verzehnfacht, verhundertfachten ſich die Kräfte der Einzelnen durch die Beifügung der allgemeinen Kräfte. Im Augenblick, wo Philipp Andrée fortzog, ließ ſich auch Gilbert von der Woge faſſen, welche ſie mitnahm, doch nach etwa zwanzig Schritten hob eine Bande von Flüchtigen, die ſich links in die Rue de la Madeleine wandte, Gilbert in die Höhe und ſchleppte ihn mit ſich, ſo gewaltig er auch brüllte, als er ſich von Andrée ge⸗ 6 fühlte. ʒ——— 299 An den Arm von Philipp angeklammert, wurde Andrée in eine Gruppe eingeſchloſſen, welche das Zuſammentreffen mit einem Wagen zu vermeiden ſuchte, an den zwei wü⸗ thende Pferde geſpannt waren. Philipp ſah ihn raſch und drohend auf ſich zukommen; die Pferde ſchienen Feuer durch die Augen, Schaum durch die Nüſtern zu ſchleu⸗ dern. Er machte übermenſchliche Anſtrengungen, um dem Zuge auszuweichen. Doch Alles war vergebens, er ſah, wie die Menge hinter ihm ſich öffnete, er erblickte die ſchäumenden Köpfe der zwei wahnſinnigen Thiere, die ſich bäumten wie die marmornen Roſſe, welche den Eingang der Tuilerien bewachen, während der Sklave ſie zu bän⸗ digen verſucht. Philipp ließ den Arm von Andrée los, ſtieß ſie, ſo viel ihm möglich war, aus dem gefährlichen Pfade und ſprang dem Pferd, das ſich auf ſeiner Seite befand, ans Gebiß; das Pferd bäumte ſich, Andrée ſah ihren Bruder ſinken, fallen, verſchwinden; ſie ſtieß einen Schrei aus, erhob die Arme, wurde zurückgeworfen, drehte ſich im Kreiſe und befand ſich nach einem Augenblick allein, ſchwankend, fortgetragen, wie die Feder im Winde, ohne der Kraft, die ſie anzog, einen Widerſtand entgegen⸗ ſetzen zu können. Betäubendes Geſchrei, furchtbarer als Kriegsgeſchrei, Wiehern von Pferden, ein gräßlicher Lärmen der Räder, welche bald das Pflaſter, bald die Leichname zermalmten, das bleiche Feuer der verbrennenden Gerüſte, der düſtere Blitz der Säbel, welche einige wüthende Soldaten gezogen hatten, und über Alles dies das blutige Chaos, die eherne Statue von falbem Widerſchein beleuchtet und den Vorſitz bei dem Blutbade führend, dies war mehr, als es brauchte, um die Vernunft von Andrée in völlige Verwirrung zu bringen und ihr alle ihre Kräfte zu rauben. Es waren die Kräfte eines Titanen ohnmächtig bei einem ſolchen Kampfe geweſen, bei einem Kampfe eines Einzel⸗ nen gegen Alle mit der Zuthat des Todes.— Andrée ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus; ein 300 Soldat öffnete ſich einen Weg durch die Menge, indem er dieſe mit ſeinem Säbel ſchlug. 3 Der Säbel glänzte über ihrem Haupte. Sie faltete die Hände, wie es ein Schiffbrüchiger thut, wenn die letzte Woge über ſeine Stirne hingeht, rief: „Mein Gott!“ und fiel. Wenn man fiel, war man todt. Doch dieſen furchtbaren, äußerſten Schrei hatte Einer gehört, erkannt, aufgefaßt; von Andrée fortgeriſſen, hatte ſich Gilbert ihr durch einen gewaltigen Kampf wieder genähert; von derſelben Welle niedergebeugt, welche Andrée verſchlungen, erhob er ſich wieder, ſprang nach dem Säbel, der Andrée maſchinenmäßig bedroht hatte, packte den Soldaten, als er eben zu ſchlagen im Begriffe war, an der Gurgel und warf ihn nieder; bei dem Soldaten lag eine junge Frau in weißem Gewande ausgeſtreckt; er faßte ſie und hob ſie auf, wie es ein Rieſe gethan hätte. Als er dieſe Geſtalt, dieſe Schönheit, dieſen Leichnam vielleicht, an ſeinem Herzen fühlte, erleuchtete ein Blitz des Stolzes ſein Antlitz; das Erhabene in dieſer Lage war er, er das Erhabene der Kraft und des Muthes! Er ſtürzte ſich mit ſeiner Laſt in einen Menſchenſtrom, der in 7 ſeiner Flucht ſicherlich eine Mauer umgeriſſen hätte. Dieſe Gruppe unterſtützte ihn, hob ihn auf, trug ihn, ihn und das junge Mädchen; ſo ging er oder rollte er vielmehr einige Minuten lang. Plötzlich hielt der Strom an, als bräche er ſich an einem Hinderniß. Die Füße von Gil⸗ bert berührten die Erde; jetzt erſt fühlte er das Gewicht von Andrée, ſchaute empor, um das Hinderniß zu erfor⸗ ſchen und ſah ſich drei Schritte vom Garde⸗Meuble. Die Steinmaſſe hatte die Fleiſchmaſſe zermalmt. Während dieſes Augenblicks eines ängſtlichen Haltes hatte er Zeit, Andrée zu betrachten, welche in einen Schlaf, ſo tief wie der Tod, verſunken war: das Herz ſchlug nicht mehr, die Augen waren geſchloſſen, das Ge⸗ ſicht bläulich wie eine verwelkende weiße Roſe. 8 Gilbert hielt ſie für todt. Er ſtieß ebenfalls einen △ 301 Schrei aus, drückte ſeine Lippen Anfangs auf das Kleid, auf die Hand, dann verſchlang er, ermuthigt durch die Gefühllofigkeit, dieſes kalte Geſicht, dieſe unter ihren ge⸗ ſchloſſenen Lidern aufgeſchwollenen Augen. Er erröthete, weinte, brüllte, verſuchte es, ſeine Seele in die Bruſt von Andrée übergehen zu laſſen, und ſtaunte, daß ſeine Küſſe, welche einen Marmor erwärmt hätten, ohne Kraft bei dieſem Leichnam blieben. Plötzlich fühlte Gilbert das Herz unter ſeiner Hand ſchlagen. „Sie iſt gerettet!“ rief er, indem er dieſe ſchwarze, blutige Menge entfliehen ſah und die Verwünſchungen, das Geſchrei, die Seufzer und den Todeskampf der Opfer hörte.„Sie iſt gerettet! und ich bin es, der ſie ge⸗ rettet!“ Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Augen nach der Brücke gerichtet, hatte der Unglückliche nicht zu ſeiner Rechten geſchaut; zu ſeiner Rechten, vor den Car⸗ roſſen, welche lange durch die Maſſen aufgehalten worden waren, die nun, minder feſt zuſammengepreßt, zu weichen anfingen, zu ſeiner Rechten vor den Carroſſen, welche bald im Galopp fortbrauſten, als ob Kutſcher und Pferde von einem allgemeinen Schwindel ergriffen worden wären, flohen zwanzigtauſend Unglückliche, die ſich gegenſeitig verſtüm⸗ melten, zermalmten,. Inſtinktartig flohen ſie längs den Mauern hin, an denen die Nächſten zerſchmettert wurden. Dieſe Maſſe riß alle diejenige 7 welche bei dem Garde⸗Meuble Fuß gefaßt und ſich Aus dem Schiffbruch gerettet glaubten, mit ſich fort oder erſtickte ſie auf der Stelle. Eine neue Sündfluth von Schlägen, von Körpern, von Leichnamen überſtrömte Gilbert; er fand eine von den Vertiefungen, welche die Gitter bildeten, und hielt ſich daran. Das Gewicht der Flüchtlinge machte die Mauer er⸗ krachen. Gilbert fühlte ſich keuchend nahe daran, loslaſſen zu 4 e 8 . 302 müſſen, doch mit einer äußerſten Anſtrengung alle ſeine Kräfte zuſammenraffend, umſchlang er den Leib von An⸗ drée mit ſeinen Armen und ſtützte ſeinen Kopf auf die Bruſt des Mädchens. Man hätte glauben ſollen, er wolle diejenige erſticken, welche er beſchützte. „Fahre wohl, fahre wohl!“ murmelte er, indem er mehr in ihr Kleid biß, als dieſes küßte. Dann ſchlug er die Augen zum Himmel empor, um ihn um einen letzten Blick anzuflehen. Da bot ſich ihm eine ſeltſame Erſcheinung. Es war auf einem Weichſteine ſtehend, mit der rech⸗ ten Hand ſich an einem in der Mauer befeſtigten Ringe haltend, während er mit der linken Hand eine Armee von Flüchtigen zu ſammeln ſchien, ein Mann, der, indeß deß er dieſes ganze wüthende Meer zu ſeinen Füßen hin⸗ toben ſah, bald ein Wort ausſchleuderte, bald eine Geberde machte. Bei dieſem Worte, bei dieſer Geberde ſah man ſodann, wie mitten unter der Menge ein vereinzelter Menſch ſtehen blieb, eine Anſtrengung machte, kämpfte, ſich anklammerte, um bis zu dieſem Manne zu gelangen. Andere, welche ſchon bis zu ihm gedrungen waren, ſchienen in den Neuhinzukommenden Brüder zu erkennen, und dieſe Brüder unterſtützten ſie, indem ſie dieſelben aus der Menge zogen, aufhoben, an ſich riſſen. So war es dieſem Kern von Menſchen, die hier gemeinſchaftlich kämpften, einem Brückenpfeiler ähnlich, der das Waſſer theilt, bereits ge⸗ lungen, die Menge zu theilen und die Maſſen der Flücht⸗ linge im Schach zu halten. In jedem Augenblick traten neue Kämpfer, welche bei den ſeltſamen Worten, die er ausſprach, bei den von ihm wiederholten ſonderbaren Geberden aus der Erde her⸗ vorzukommen ſchienen, zu dem Gefolge dieſes Mannes. Gilbert erhob ſich mit einer neuen Kraftanſtrengung; er fühlte, daß dort das Heil war, denn dort war die Ruhe und die Macht. Ein letzter Strahl der Flamme des Gerüſtes, die ſich nur wiederbelebte, um zu ſterben, er⸗ —— —— 303 leuchtete das Antlitz dieſes Mannes. Er ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus. „Oh! ich mag immerhin ſterben,“ murmelte Gilbert, „doch ſie ſoll leben. Dieſer Mann hat die Macht, ſie zu retten.“ Und in einem Aufſchwunge erhabener Selbſtverleug⸗ nung hob er das Mädchen in Armen empor und rief: „Herr Baron von Balſamo! retten Sie Fräulein Andrée von Taverney.“ Balſamo hörte dieſe Stimme, welche wie die der Bibel aus den Tiefen der Menge hervorrief: er ſah über dieſer verſchlingenden Woge eine weiße Geſtalt ſich erheben, ſprang von ſeinem Weichſteine zu Boden und rief:„Herbei zu mir!“ Sein Gefolge warf Alles nieder, was ihm ein Hinderniß entgegenſetzte; er ergriff Andrée, welche noch die kraftlos werdenden Arme von Gilbert unterſtützten, nahm ſie und trug ſie, fortgetrieben durch eine Bewegung der Menge, welche er zu bewältigen aufgehört, raſch weg, ohne daß er Zeit hatte, den Kopf umzuwenden. Gilbert wollte ein letztes Wort ſprechen, vielleicht wollte er ſich den Schutz dieſes ſeltſamen Mannes, nach⸗ dem er ihn für Andrée erfleht, für ſich ſelbſt erbitten, doch er hatte kaum noch die Kraft, ſeine Lippen auf den herab⸗ hängenden Arm des Mädchens zu drücken und aus ihrer krampfhaft zuſammengepreßten Hand ein Stück aus dem Kleide dieſer neuen Eurydice zu zerren, die ihm die Hölle entriß. Nach dieſem äuſſerſten Kuß, nach dieſem letzten Lebewohl, hatte der junge Mann nur noch zu ſterben; er verſuchte es auch nicht mehr, länger zu kämpfen, ſchloß die Augen und fiel ſterbend auf einen Haufen von Ster⸗ benden. Ende des dritten Bandes. 24 ,u. e— , Sar e rᷣee— en ee ur a e 2. e. e e e