5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 4 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens (7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rücgub eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Fe den angenommen.* 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mik. 59 Pf. 2 Mr.— gf. 85. Auswärtige Abonnenten' haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſe Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 ſr. Ausleinezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 beſonders darauf au 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. e fmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —h Sämmtliche W von Alerandre Dumas. a Deutſch von Dr. Auguſt Zoller. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen vusßeung. 1846. Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt 5 von Dr. Auguſt Boller. 5— 8. Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. —,— XXII. Der Vicomte Jean. Der junge Lieutenant der Dauphin⸗Gendarmen, denn er war es, ſprang vom Pferde bei dem Anblick der bizar⸗ ren Scene, welche um das Poſthaus alle Frauen und alle Kinder des Dorfes Lachauſſée zu verſammeln anfing Als der Poſtmeiſter Philipp erblickte, warf er ſich gleichſam vor dieſem unerwarteten Beſchützer auf die Kniee. „Herr Officier,“ rief er,„wiſſen Sie, was vor⸗ geht?“ „Nein,“ antwortete Philipp kalt,„doch Sie werden es mir ſagen, mein Freund 4 3 „Man will mit Gewalt die Pferde Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Dauphine nehmen.“ 4 Philipp ſpitzte die Ohren wie ein Menſch, dem man etwas Unglaubliches mittheilt. „Und wer will die Pferde nehmen?“ fragte er.⸗ „Dieſer Herr,“ ſagte der Poſtmeiſter. Und er bezeichnete mit dem Finger den Vicomte ean. „Dieſer Herr?“ wiederholte Philipp. „Ei, Mord und Tod! ja, ich ſelbſt,“ ſprach der Vicomte. 4 „Sie täuſchen ſich,“ verſetzte Taverney den Kopf ſchüttelnd,„der Herr müßte entweder ein Narr oder kein Edelmann ſein.“ „Sie täuſchen ſich über dieſe beiden Punkte, mein 8 lieber Lieutenant,“ ſprach der Vicomte,„man hat einen Kopf, der völlig in Ordnung iſt, und man ſteigt aus den Carroſſen Seiner Majeſtät aus, bis man wieder in dieſelbe einſteigt.“ „Wie können Sie, der Sie einen geordneten Kopf haben und aus den Carroſſen Seiner Majeſtät ausſteigen, es wagen, Hand an die Pferde der Dauphine zu legen?“ „Einmal ſind hier ſechzig Pferde, und Ihre König⸗ liche Hoheit kann nur acht brauchen; ich hätte alſo großes die der Frau Dauphine nähme.“ „Es ſind allerdings ſechzig Pferde vorhanden,“ ent⸗ gegnete der junge Mann;„es iſt wahr, Ihre Königliche Hoheit braucht nur acht; doch deſſen ungeachtet gehören le dieſe Pferde, vom erzen bis zum ſechzigſten, Ihrer Königl ichen Hoheit, und Sie können keine Unterſcheidung in dem, was den Dienſt der Prinzeſſin bildet, zulaſſen.“ „Sie ſehen jedoch, daß man eine zuläßt, da ich dieſes Geſpann nehme,“ antwortete er ironiſch.„Soll ich zu Fuß gehen, während Schufte von Lackeien mit vier Pfer⸗ den fahren? Mord und Tod! ſie mögen es machen wie ich, ſie können ſich mit dreien begnügen, und es werden noch genug verrütheg ſein.“ „Wenn dieſe Lakeien mit vier Pferden fahren, mein Herr, ſo geſchieht es, weil es der Befehl des Königs vor⸗ ſchreibt,“ ſprach Philipp und ſtreckte den Arm gegen den Vicomte aus, um ihm zu bezeichnen, er möge nicht auf dem Wege beharren, den er eingeſchlagen.„Wollen Sie alſo Ihrem Kammerdiener befehlen, mein Herr, daß er du Pferde dahin zurückführt, wo Sie dieſelben genommen aben.“ 4 1 Dieſe Worte wurden mit eben ſo viel Feſtigkeit, als Höflichkeit geſprochen, und wenn man nicht ein Elender war, mußte man artig darauf antworten. „Sie hätten vielleicht Recht, mein lieber Lieutenant, ſo zu ſprechen,“ erwiederte der Vicomte,„wenn es in Ih⸗ rem Auftrage läge, über dieſen Thieren zu wachen; doch Unglück, wenn ich, drei auf den Zufall nehmend, gerade —— 9 es iſt mir noch nicht bekannt, daß die Dauphin⸗Gendar⸗ men zu dem Grade von Stallknechten erhoben dorden ſind; ſchließen Sie alſo die Augen, mein Herr, heißen Sie Ihre Leute daſſelbe thun, und glückliche Reiſe!“ „Sie ſind im Irrthum, mein Herr; ohne zu dem Grade eines Stallknechts erhoben worden oder hinabge⸗ ſtiegen zu ſein, gehört das, was ich im Augenblick thue, zu meinen Attributen; denn die Frau Dauphine ſchickt mich ſelbſt voraus, um über ihren Relais zu wachen.“ „Das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Jean;„doch er⸗ lauben Sie mir, Ihnen zu bemerken: Sie verſehen da einen traurigen Dienſt, mein Officier, und wenn die junge Dame die Armee ſo zu behandeln anfängt...“ „Von wem ſprechen Sie in dieſen Ausdrücken, mein Herr?“ unterbrach ihn Philipp. „Ei, bei Gott! von der Oeſterreicherin.“ Der junge Mann wurde bleich wie ſeine Halsbinde. „Sie wagen zu ſagen, mein Herr...?“ rief er. „Ich wage nicht nur zu ſagen, ſondern auch zu thun,“ ſprach Jean.„Vorwärts, Patrice, angeſpannt, mein Freund, hurtig, denn ich habe Eile.“ Philipp nahm das erſte Pferd beim Zügel. „Mein Herr,“ ſprach Philipp von Taverney mit ſeinem ruhigen Tone,„Sie werden mir das Vergnügen machen, mir zu ſagen wer Sie ſind, nicht wahr?“ „Liegt Ihnen daran?“ „Es liegt mir daran.“ „Nun! ich bin der Vicomte Jean Dubarry.“ „Wie? Sie ſind der Bruder von der... „Welche Sie in der Baſtille verfaulen laſſen wird, mein Officier, wenn Sie ein einziges Wort beifügen.“ Und der Vicomte ſprang in den Wagen. Philipp näherte ſich dem Schlage und ſagte: „Mein Herr Vicomte Jean Dubarry, Sie werden mir die Ehre erweiſen, auszuſteigen, nicht wahr?“ „Ah, bei Gott! ich habe wohl Zeit,“ verſetzte der Vicomte und ſuchte den offenen Schlag an ſich zu ziehen. 10 „Wenn Sie eine Sekunde zögern, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte Philipp, während er mit ſeiner linken Hand den Schlag ſich zu ſchließen verhinderte,„ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen meinen Degen durch den Leib denne.“ Und er zog ſeinen Degen mit ſeiner rechten freige⸗ bliebenen Hand. „Ah, mein Gott!“ rief Chon,„das iſt ein Mord! verzichte auf die Pferde, Jean, verzichte darauf.“ „Ah! Sie bedrohen mich,“ grinſte der Vicomte außer ſich, und ergriff ebenfalls ſeinen Degen, den er auf den Vorderſitz gelegt hatte. „Und auf die Drohung wird die That folgen, wenn Sie nur eine einzige Minute zögern, hören Sie?“ ſprach der junge Mann, und ließ ſeinen Degen ziſchen. „Wir werden nie von der Stelle kommen, wenn Du dieſen Officier nicht auf eine ſanfte Weiſe zu faſſen weißt,“ flüſterte Chon in das Ohr von Jean. „Weder Sanftmuth, noch Gewalt können mich in meiner Pflicht aufhalten,“ ſprach Philipp mit einer höf⸗ lichen Verbeugung, denn er hatte die Ermahnung der jungen Frau gehört;„rathen Sie alſo dieſem Herrn Ge⸗ horſam, oder ich werde mich im Namen des Königs, den ich vertrete, genöthigt ſehen, ihn zu tödten, wenn er ſich mit mir ſchlagen will, und ihn zu verhaften, wenn er ſich deſſen weigert.“ „Und ich ſage, daß ich Ihnen zum Trotz abrei⸗ ſen werde,“ brüllte der Vicomte und ſprang aus dem Wagen, während er mit derſelben Bewegung ſeinen De⸗ gen zog. „Das werden wir ſehen, mein Herr,“ ſagte Philipp⸗ während er ſich auslegte und das Eiſen band;„ſind Sie bereit?“ 3 „Mein Lieutenant,“ ſprach der Wachtmeiſter, der unter Philipp commandirte,„ſechs Mann von der Escorte, mein Lieutenant, ſoll ich?“ 3 „Ruhren Sie ſich nicht, mein Herr,“ ſagte der Lieu⸗ —— 11 tenant,„es iſt eine perſönliche Angelegenheit. Auf, mein Herr Vicomte, ich bin zu Ihren Befehlen!’“— 3 Mademoiſſelle Chon ſtieß ſchrille Schreie aus, Gilbert hätte, um ſich beſſer verbergen zu können, gewünſcht, der Wagen wäre ſo tief wie ein Brunnen geweſen...— Jean begann den Angriff. Er beſaß eine ſeltene Gewandtheit, in dieſer Waffenübung, welche weit mehr Berechnung als körperliche Geſchicklichkeit erfordert. Doch der Zorn beraubte den Vicomte ſichtbar eines Theils ſeiner Kraft. Philipp ſchien im Gegentheil ſeinen Degen wie ein Stoßrappier zu handhaben und ſich in einem Fecht⸗ ſaale zu üben. Der Vicomte wich zurück, rückte vor, ſprang rechts, ſprang links, und ſchrie, während er weit ausſiel, nach der Manier der Regimentsfechtmeiſter. Feſt und unbeweglich wie eine Statue, die Zähne an einander geſchloſſen, das Auge erweitert, hörte und er⸗ rieth Phigp im Gegentheil Alles. Jedes ſchwieg und ſchaute, Chon wie die Anderen. Zwei oder drei Minuten lang dauerte der Kampf, ohne daß alle die Finten, alle die Schreie, alle die Aus⸗ weichungen von Jean einen Erfolg hatten, aber auch ohne daß Philipp, der ohne Zweifel das Spiel ſeines Gegners ſtudirte, ein einziges Mal weit ausfiel. 3 Plotzlich machte der Vicomte Jean einen Sprung rückwärts und ſtieß einen Schrei aus. Zu gleicher Zeit färbte ſich ſeine Manchette mit Blut, und raſche Tropfen floßen an ſeinen Fingern hinab. Philipp hatte mit einem Gegenſtoß den Vorderarm ſeines Feindes durchbohrt. „Sie ſind verwundet, mein Herr,“ ſagte er. „Alle Donner und Teufel, ich füͤhle es wohl!“ rief Jean erbleichend und ließ ſeinen Degen fallen. hhi d hob ihn auf, gab ihm denſelben zurück, und prach: 3 „Gehen Sie, mein Herr, und machen Sie keine ſolche Tollheiten mehr.“ 12 „Peſt! wenn ich mache, ſo bezahle ich ſie!“ murrte der Vicomte.„Komm' geſchwinde, meine arme Chonchon; komm',“ ſagte er, ſich an ſeine Schweſter wendend, welche aus dem Wagen geſprungen war und herbeilief, um ihm Hülfe zu leiſten. „Madame,“ ſprach Philipp,„Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu geſtehen, daß es nicht mein Fehler geweſen iſt, und ich bedaure es von ganzem Herzen, daß ich zu der äußerſten Nothwendigkeit, meinen Degen vor einer Frau zu ziehen, getrieben worden bin.“ Und er verbeugte ſich und zog ſich zurück. „Spannen Sie dieſe Pferde aus, mein Freund, und führen Sie dieſelben wieder an ihren Platz,“ ſagte Philipp zu dem Poſtmeiſter. Jean zeigte Philipp die Fauſt, dieſer zuckte die Achſeln. „Ah! hier kommen gerade drei Pferde zurück,“ rief der Poſtmeiſter.„Courtin! Courtin! ſpanne ſie ſogleich an die Chaiſe dieſes Herrn.“ „Aber, Herr...“ ſagte der Poſtillon. „Keine Erwiederung,“ rief der Wirth,„der Herr hat Eile. Mein lieber Herr,“ ſprach er zu dem Vicomte, „verzweifeln Sie nicht; hier kommen Pferde.“ „Gut,“ murrte Dubarry;„Deine Pferde hätten vor einer halben Stunde eintreffen ſollen.“ Und er ſchaute, mit dem Fuße ſtampfend, ſeinen durchbohrten Arm an, den Chon mit ihrem Sacktuche ver⸗ band. Mittlerweile ſtieg Philipp wieder zu Pferde und gab ſeine Befehle, als ob nichts vorgefallen wäre. „Vorwärts, Bruder, vorwärts!“ ſagte Chon, und zog ihren Bruder nach dem Wagen. „Und mein Araber?“ verſetzte der Vicomte.„Ah! meiner Treue, er mag zum Teufel gehen, ich habe heute einen Unglückstag.“ Und er kehrte in die Chaiſe zurück. „Das iſt gut!“ ſagte er, als er Gilbert erblickte, „nun werde ich meine Beine nicht ausſtrecken können.“ 13 85„Mein Herr,“ Srr der junge Mann,„ich wäre in Verzweiflung, wenn ich zur Laſt ſiele.“ „Ruhig, Jean,“ ſprach Mademoiſelle Chon,„laß mir meinen kleinen Philoſophen.“ „Bei Gott! er mag auf den Bock ſteigen!“ Gilbert entgegnete erröthend: „Ich bin kein Lackei, um auf den Bock zu, ſteigen.“ „Sieh da!“ machte Jean. „Laſſen Sie mich ausſteigen, und ich werde aus⸗ ſteigen.“ „Ei, tauſend Teufel! ſteigen Sie aus,“ rief Dubarry. „Nein, nein; ſetzen Sie ſich mir gegenüber,“ ſagte Chon, indem ſie den jnngen Mann am Arm zurückhielt, „auf dieſe Art werden Sie meinen Bruder nicht beläſtigen.“ Dann flüſterte Sie dem Vicomte zu: „Er kennt den Mann, der Dich verwundet hat.“ Ein Blitz der Freude zuckte in den Augen des Vi⸗ comte. „Sehr gut, dann mag er bleiben. Wie heißt der Herr?“ „Philipp von Taverney.“ In dieſem Augenblick kam der junge Officier an dem Wagen vorüber. .„Ah! Sie hier, mein kleiner Gendarme, rief Jean; „Sie ſind zu dieſer Stunde ſehr ſtolz, doch die Reihe kommt an Jeden.“ „Das werden wir ſehen, wenn Ihnen die Sache Ver⸗ gnügen macht, mein Herr,“ entgegnete Philipp un⸗ empfindlich. „Ja, ja, das werden wir ſehen, mein Herr Philipp von Taverney,“ rief Jean, und er ſuchte die Wirkung, die ſein Name, ſo unvermuthet ausgeſchleudert, auf den jungen Mann hervorbringen würde, zu erhaſchen. Philipp erhob wirklich den Kopf mit einem lebhaften Erſtaunen, in das ſich ein leichtes Gefühl der Unruhe miſchte; doch er faßte ſich ſogleich wieder, nahm ſeinen Hut auf das Anmuthigſte ab und rief: 3 14 „Glückliche Reiſe, Herr Jean Dubarry!“ Der Wagen entfernte ſich eiligſt. „Tauſend Donner!“ ſprach der Vicomte unter Gri⸗ 4 maſſen,„weißt Du, daß ich furchtbar leide, kleine Chon.“ „Auf der erſten Station laſſen wir einen Arzt kom⸗. men, während dieſes Kind frühſtückt,“ antwortete Chon? „Ah! es iſt wahr,“ ſprach Jean,„wir haben noch* nicht gefrühſtückt. Mir, was mich betrifft, benimmt der 4 Schmerz den Hunger; ich habe nur Durſt.“ „Willſt Du ein Glas La⸗Cote⸗Waſſer trinken?“ „Meiner Treue, ja, gib.“ „Mein Herr,“ ſagte Gilbert,„dürfte ich es wagen, Ihnen eine Bemerkung zu machen.“ „Immerhin.“ „Die Liqueurs ſind ein ſehr ſchlechtes Getränke in 1 der Lage, in der Sie ſich befinden.“ 3 „Ahl wirklich?“ 3 1 Dann ſich gegen Chon wendend, fragte der Vicomte: 5 „Dein Philoſoph iſt alſo ein Arzt?“ 4 „Nein, mein Herr, ich bin kein Arzt; ich werde es eines Tags ſein, wenn es Gott gefällt,“ antwortete Gil⸗ dert;„doch ich habe in einer Abhandlung, zum Gebrauch der Kriegsleute, geleſen, das Erſte, was man einem Ver⸗ wundeten verbieten müſſe, ſeien Liqueurs, Weine und Kaffee.“ 3 „Ah! Sie haben das geleſen. Nun! ſprechen wir nicht mehr davon.“ 8„Wenn mir der Herr Vicomte ſein Sacktuch geben wollte, ſo würde ich es in dieſe Quelle tauchen; er würde ſeinen Arm ſodann mit der benetzten Leinwand um⸗ wickeln und eine große Erleichterung fühlen.“ „Thun Sie das, mein Freund, thun Sie das,“ ſagte Chon;„Poſtillon, halt!“ rief ſie. Der Poſtillon hielt; Gilbert tauchte das Sacktuch des Vicomte in den Bach. 11 „Dieſer Junge wird uns furchtbar zur Laſt fallen, ¼ wenn wir ſprechen wollen,“ ſagte Dubarry.“ — — 8 15 „Wir ſprechen ois,“ antwortete Chon. „Ich habe große Luſt, dem Poſtillon zuzurufen, er ſoll fortfahren, und mein Sacktuch hier zuruͤckzulaſſen.“ „Du haſt Unrecht, er kann uns nützlich ſein.“ „Worin?“ „Er hat mir bereits Auskunft von großer Wichtigkeit gegeben.“ „Worüber?“ „Ueber die Dauphine, und noch ſo eben hat er uns, wie Du geſehen, den Namen Deines Gegners genannt.“ „Nun, ſo mag er bleiben!“ In dieſem Augenblick kam Gilbert mit dem mit eis⸗ kaltem Waſſer getränkten Sacktuch zurück. Die Umlegung der Leinwand um den Arm des Vi⸗ comte that dieſem ſehr wohl, wie es Gilbert vorhergeſehen. „Er hatte meiner Treue Recht, ich fühle mich beſſer,“ ſagte er,„wir wollen plaudern.“ Gilbert ſchloß die Augen und öffnete die Ohren; aber er wurde in ſeiner Erwartung getäuſcht. Chon er⸗ wiederte die Aufforderung ihres Bruders in dem glänzen⸗ den, lebhaften Dialekt, der Verzweiflung der Pariſer Ohren, die in dem provencaliſchen Patois nur ein Schnarren fetter Conſonnanten, welche über muſikaliſche Vokale hin⸗ rollen, unterſcheiden. Gilbert machte, ſo ſehr er ſeiner Herr war, eine Be⸗ wegung des Aergers, welche Mademoiſelle Chon nicht entging, die ihm, um ihn zu tröſten, ein artiges Lächeln zuwandte Durch dieſes Lächeln wurde Gilbert Eines begreiflich: daß man ihn, den Erdwurm, ſcheute. Er hatte einen Vi⸗ comte bezwungen, der mit dem Wohlwollen des Königs beehrt wurde. Wenn ihn Andrée in dieſem ſchönen Wagen ſehen würde! Er war ganz aufgeblaſen vor Stolz. Was Nicole betrifft, ſo dachte er nicht einmal an ſie. 7 Der Bruder und die Schweſtſetzten ihr Geſpräch in ihrem Patois fort. „Gut,“ ſagte plötzlich der Vicomte, während er ſich aus dem Wagen neigte und rückwärts ſchaute. „Was?“ fragte Chon.. „Das arabiſche Pferd folgt uns.“ „Was für ein arabiſches Pferd?“ „Das, welches ich kaufen wollte.“ „Ah!“ ſagte Chon,„es wird von einer Frau ge⸗ ritten. Oh! das herrliche Geſchöpf!“ „Von wem ſprichſt Du?... Von der Frau oder von dem Pferd?“ „Von der Frau.“ „Rufe ihr doch, Chon; ſie hat vielleicht weniger Angſt vor Dir, als vor mir... Ich gäbe tauſend Pi⸗ ſtolen für das Pferd.“ „Und für die Frau?“ fragte Chon lachend. „Ich würde mich für ſie zu Grunde richten...“ Aber in einen weißen Mantel gehüllt, die Stirne von einem grauen Filzhute mit langen Federn beſchattet, flog die junge Frau mit den ſchwarzen Augen wie ein Pfeil auf dem Rande des Weges hin und rief: „Avanti! Dſcherid! avanti!“ „Es iſt eine Italienerin,“ ſagte der Vicomte.„Mord und Tod, was für eine ſchöne Frau! wenn ich nicht ſo ſehr litte, würde ich aus dem Wagen ſpringen und ihr nachlaufen.“ „Ich kenne ſie,“ ſprach Gilbert. „Ahl dieſer kleine Bauer iſt alſo der Almanach der Provinz? Er kennt Jedermann.“ „Wie heißt ſie?“ fragte Chon. „ Sie heißt Lorenza.“ „ Und wer iſt ſie?“ „Es iſt die Frau des Zauberers.“ „Welches Zauberers?“ Des Baron Joſeph Balſamo.“ Der Bruder und die Schweſter ſchauten ſich an. . 17 Die Schweſter ſchien zu ſagen: „Habe ich wohl dargn gethan, ihn zu behalten?“ „Meiner Treue, ja,“ ſchien der Bruder zu antworten. XXIII. Das kleine Lever der Frau Gräſin Dubarry. Nun mögen uns unſere Leſer erlauben, Mademoiſelle Chon und den Vicomte Jean, welche mit Poſt auf der Straße nach Chalons fahren, zu verlaſſen und ſie bei einer andern Perſon von derſelben Familie einzuführen. In den Gemächern von Verſailles, welche Madame Adelaide, die Tochter von Ludwig XV. bewohnte, hatte dieſer Fürſt die Frau Gräfin Dubarry, ſeine Geliebte ſeit ungefähr einem Jahr, einquartiert, nicht ohne lange zuvor die Wirkung zu beobachten, welche dieſer Staatsſtreich auf den Hof hervorbringen würde. Die Favoritin mit ihrem Sichgehenlaſſen, mit ihren freien Manieren, ihrem luſtigen Charakter, ihrer unverſieg⸗ baren Laune, ihren geräuſchvollen Phantaſien hatte das ſchweigſame Schloß in eine ſtürmiſche Welt verwandelt, wo jeder Bewohner nur unter der Bedingung geduldet wurde, daß er ſich viel und ſo luſtig als möglich bewegte. Von dieſer allerdings beſchränkten Wohnung, wenn man die Macht derjenigen, welche ſie inne hatte, in Be⸗ tracht zieht, ging jeden Augenblick der Befehl zu einem Feſte oder das Signal zu einer Vergnügenspartie aus. Was aber den prachtvollen Treppen von dieſem Theil des Palaſtes am Sonderbarſten vorkam, war ſicherlich der unglaubliche Zuſtrom von Beſuchern, welche vom Morgen, das heißt von neun Uhr an, geſchmückt und glaͤnzend hin⸗ aufſtiegen, um ſich demuͤthig in einem Vorzimmer ange⸗ füllt mit Seltſamkeiten einzufinden, die noch minder ſelt⸗ ſam erſchienen, als das Idol, welches die Auserwählten im Allerheiligſten anzubeten berufen waren. Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. ———— * Am Morgen nach dem Tage, wo die von uns er⸗ zählte Scene auf der Poſt des kleinen Dorfes Lachauſſée vorfiel, kam gegen neun Uhr(zur geheiligten Stunde) Jeanne von Vaubernier, in ein Nachtgewand von geſtickter Mouſſeline gehüllt, das unter der ſlockigen Spitze ihre runden Beine und ihre alabaſternen Arme errathen ließ, kam Jeanne von Vaubernier, ſodann Demoiſelle Lange, endlich Gräfin Dubarry, durch die Gnade von Herrn Jean Dubarry, ihrem ehemaligen Beſchützer, aus dem Bette, wir ſagen nicht ähnlich einer Venus, ſondern ſicherlich ſchö⸗ ner als Venus für jeden Mann, der die Wahrheit der Dichtung vorzieht. 4 Bewunderungswürdig krauſe, hellkaſtanienbraune Haare, eine azurgeaderte Haut von weißem Atlaß, abwechſelnd ſchmachtende und Geiſt ſprühende Augen, ein kleiner, friſch⸗ rother Mund mit dem reinſten Carmin gezeichnet, der ſich nur öffnete, um eine doppelte Reihe von Perlen ſehen zu laſſen; Grübchen überall, an den Wangen, am Kinn, an den Fingern; ein Hals geformt nach dem der Venus von Milo, eine ſchlangenartige Geſchmeidigkeit mit einer Be⸗ leibtheit nach dem genaueſten Maaße, dies war es was Madame Dubarry die Auserwählten ihres kleinen Lever ſehen ließ, was Seine Majeſtät Ludwig XV., der Aus⸗ erwählte der Nacht, am Morgen wie die Andern zu be⸗ trachten nicht verfehlte, denn er benützte das Sprüchwort, das den Greiſen räth, die Krümchen nicht verloren ge⸗ hen zu laſſen, welche von der Tafel des Lebens fallen. Die Favoritin ſchlief ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr. Um acht Uhr hatte ſie geläutet, damit man dem Tage, ihrem erſten Höfling, in ihr Zimmer einzutreten erlaubte; allmälig war, Anfangs durch dickere und dann durch leichtere Vorhänge, die an dieſem Tage ſtrahlende Sonne eingeführt worden und hatte, ſich ihres mytholo⸗ giſchen Glückes erinnernd, die ſchöne Nymphe geliebkoſt, welche, ſtatt wie Daphne, die Liebe der Götter zu fliehen, ſich dergeſtalt vermenſchlichte, daß ſie zuweilen der Liebe der Sterblichen entgegenkam. Es war alſo weder eine ——— —— —— — — 19 Aufgedunſenheit, noch ein Zögern in den wie Karfunkel glänzenden Augen, welche lächelnd einen kleinen, von Gold umkreiſten und mit Perlen beſetzten Handſpiegel befragten; und dieſer geſchmeidige Körper, von dem wir einen Be⸗ griff zu geben verſucht haben, ließ ſich von dem Bette, wo er, durch die ſüßeſten Träume gewiegt, geruht hatte, bis auf den Hermelinteppich herabgleiten, auf welchem Füße, welche Aſchenbrödel Ehre gemacht hätten, zwei Hände mit Pantoffeln trafen, von denen ein einziger einen Holzhauer des Geburtswaldes von Jeanne bereichert haben würde, wenn dieſer Holzhauer ihn gefunden hätte. Während dieſe verführeriſche Statue ſich erhob und ſich immer mehr belebte, warf man ihr einen prachtvollen Oberrock von Mechler Spitzen auf die Schultern; dann zog man über ihre fleiſchigen Fuͤße, welche einen Augen⸗ blick die Pantoffeln verließen, roſenfarbige ſeidene Strümpfe von ſo feinem Gewebe, daß man nicht im Stande gewe⸗ ſen wäre, ſie von der Haut, die ſie bedeckten, zu unter⸗ ſcheiden. „Keine Nachricht von Chon?“ fragte ſie vor Allem ihre Kammerfrau. „Nein, Madame,“ antwortete dieſe. „Auch nicht vom Vicomte Jean?“ „Eben ſo wenig.“ „Weiß man nicht, ob Bischi Nachricht erhalten hat?“ „Man iſt dieſen Morgen zu der Schweſter der Frau Gräfin gegangen.“ „Und keine Briefe?“ „Nein, Madame, keine Briefe.“ „Ahl wie ermüdend iſt es doch, ſo zu warten,“ ſprach die Gräfin mit einer reizenden Mundverziehung, „wird man nie ein Mittel erfinden, auf hundert Stunden in einem Augenblick zu correſpondiren? Ahl meiner Treue, ich beklage diejenigen, welche dieſen Morgen unter meine Hand fallen werden! Iſt mein Vorzimmer ziem⸗ lich gut beſetzt?“ 2*½ „Die Frau Gräfin fragt dies?“ „Bei Gott! hören Sie doch, Dorée, die Dauphine naht, und es wäre nicht zu ſtaunen, wenn man mich wegen dieſer Sonne verließe. Ich bin nur ein armes, kleines Geſtirn... Sprechen Sie, wer iſt da?“ „Herr von Aiguillon, der Herr Prinz von Soubiſe, Herr von Sartines, der Herr Präſident Maupeou.“ „Und der Herr Herzog von Richelieu?“ „Er iſt noch nicht erſchienen. „Weder heute noch geſtern! ich ſagte es wohl, Dorée. Er befürchtet, ſich zu gefährden. Sie ſchicken meinen Läufer in das Hotel du Hanovre und laſſen ſich erkundi⸗ gen, ob der Herzog krank iſt.“. „Ja, Frau Gräfin. Wird die Frau Gräfin Alle zugleich empfangen, oder Privataudienz geben?“ „Privataudienz. Ich muß mit Herrn von Sartines ſprechen, laſſen Sie ihn allein eintreten.“ Der Beſehl war kaum von der Kammerfrau der Gräfin an einen großen Lackei übertragen, der ſich in dem Corridor befand, welcher von den Vorzimmern in das Gemach der Gräfin führte, als der Polizeilieutenant, die Strenge ſeiner grauen Augen und die Steifheit ſeiner dünnen Lippen durch ein Lächeln von den erfreulichſten Auſpicien mäßigend, im Vorzimmer erſchien. „Guten Morgen, mein Feind,“ ſagte ohne ihn anzu⸗ ſchauen die Gräfin, die ihn in ihrem Spiegel erblickte. „Ich, Ihr Feind, Madame?“ „Allerdings, Sie. Die Welt theilt ſich für mich in zwei Klaſſen von Perſonen, in Freunde und Feinde. Ich laſſe die Gleichgültigen nicht zu, oder ich ſetze ſie in die Klaſſe meiner Feinde.“ „Und Sie haben Recht, Madame; doch ſagen Sie mir, wie ich es trotz meiner bekannten Ergebenheit für Sie verdient habe, in die eine oder die andere von dieſen zwei Klaſſen eingereiht zu werden?“ 1 „Dadurch, daß Sie eine ganze Welt von kleinen Verſen, Pamphleten, Libellen, welche gegen mich gerichtst 1 21 waren, drucken, vertheilen, verkaufen, dem König zuſtellen ließen. Das iſt abſcheulich, das iſt boshaft, das iſt albern!“ „Aber, Madame, ich bin nicht verantwortlich. „Doch, mein Herr, Sie ſind es, denn Sie wiſſen, wer der Elende iſt, der Alles dies thut.“ „Madame, wenn es nur ein einziger Urheber wäre, ſo hätten wir nicht nöthig, ihn in der Baſtille verſchmach⸗ ten zu laſſen; er würde bald allein vor Ermattung unter dem Gewichte ſeiner Werke umkommen.“ „Wiſſen Sie, daß das, was Sie da ſagen, außer⸗ ordentlich höflich iſt?“ „Wenn ich Ihr Feind wäre, Madame, ſo würde ich es Ihnen nicht ſagen.“ „Das iſt wahr; ſprechen wir nicht mehr davon. Wir ſtehen nun auf das Beſte, das iſt abgemacht, das gewährt mir Vergnügen; doch Eines beunruhigt mich dennoch.“ „Was, Madame?“ h„Daß Sie auch auf das Beſte mit den Choiſeul ſtehen.“ „Madame, Herr von Choiſeul iſt erſter Miniſter; er gibt Befehle und ich muß ſie vollziehen.“ „Wenn Ihnen alſo Herr von Choiſeul Befehl gibt, mich verfolgen, plagen, vor Kummer ſterben zu laſſen, ſo mögen es diejenigen, welche mich verſolgen, plagen, um⸗ bringen, thun, ohne daß Sie ihnen in den Weg treten? Ich danke.“ „Sprechen wir vernünftig,“ ſagte Herr von Sartines, der ſich die Freiheit nahm, niederzuſitzen, ohne daß die Favoritin ſich ärgerte; denn man ließ dem am Genaueſten unterrichteten Mann Frankreichs Alles hingehen;„was habe ich vor drei Tagen für Sie gethan?2 ¼ „Sie haben mich benachrichtigen laſſen, daß ein Eil⸗ bote von Chanteloup abgehe, um die Ankunft der Dau⸗ phine zu beſchleunigen.“ „ Iſt dies das Werk eines Feindes?“ „Aber in der ganzen Angelegenheit der Vorſtellung, 22 in welche ich, wie ſie wiſſen, meine ECitelkeit ſetze, wie ha⸗ ben Sie ſich für mich benommen?“ 4 „So gut als immer möglich.“ „Herr von Sartines, Sie ſind nicht offenherzig.“ „Ah! Madame, Sie thun mir Unrecht! wer fand für Sie im Hintexgrunde einer Taverne, und zwar in weniger als zwei Stunden, den Vicomte Jean, deſſen Sie bedurften, um ihn, ich weiß nicht wohin, oder ich weiß vielmehr wohin zu ſchicken?“ „Es wäre beſſer geweſen, Sie hätten mich meinen Schwager, einen Mann der, mit der königlichen Familie von Frankreich verbunden iſt, verlieren laſſen!“ ſagte Madame Dubarry lachend. „Madame, das ſind doch lauter Dienſte.“ „Ja, vor drei Tagen, für vorgeſtern; doch was tha⸗ ten Sie geſtern für mich?“ „Geſtern, Madame?“ „Ohl Sie mögen immerhin ſuchen. Geſtern war der Tag, um gegen Andere gefällig zu ſein.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Madame.“ „Ohl ich verſtehe mich ſehr wohl. Sprechen Sie, was haben Sie geſtern gethan?“ „Morgens oder Abends?“ „Zuerſt Morgens.“ „Morgens habe ich wie gewöhnlich gearbeitet.“ „Bis um welche Stunde haben Sie gearbeitet?“ „Bis um zehn Uhr.“ „Hernach?“ „Hernach ließ ich einen von meinen Freunden von Lyon zum Eſſen bitten, der gewettet hatte, er komme nach Paris, ohne daß ich es erfahre, den jedoch mein Diener an der Barriére erwartete.“ „ Und nach dem Mittageſſen?“ „Schickte ich dem Polizeilieutenant Seiner Majeſtät des Kaiſers von Oeſterreich die Adreſſe eines berüchtigten Diebes, den er nicht finden konnte.“ „Und dieſer war?“ 23 „In Wien.“ „Somit beſorgen Sie nicht nur die Polizei von Paris, ſondern auch die der fremden Höfe?“ „In meinen verlorenen Augenblicken, ja, Madame.“ „Gut, ich merke mir das. Und was haben Sie ge⸗ than, nachdem Sie den Courrier abgefertigt?“ „Ich war in der Oper.“ „Um die kleine Guimard zu ſehen? Armer Soubiſe!“ „Nein, um einen berüchtigten Beutelſchneider verhaf⸗ ten zu laſſen, den ich ruhig ließ, ſo lange er ſich nur an Generalpächter hielt, der aber die Frechheit gehabt hatte, ſich an mehrere vornehme Herren zu adreſſiren.“ „Mir ſcheint, Sie hätten ſagen ſollen, der die Un⸗ geſchicklichkeit hatte, Herr Lieutenant. Und nach der Oper?“ „Nach der Oper?“ „Ja. Nicht wahr, was ich Sie frage, iſt ſehr in⸗ diseret?“. „Nein. Nach der Oper... Warten Sie, daß ich mich erinnere.“ „Ahl es ſcheint, hier verläßt Sie das Gedächtniß.“ „Nein. Nach der Oper. Ahl ich habe es.“ „Gut.“ „Ich begab mich zu einer gewiſſen Dame, die ein Spielhaus unterhält, und führte ſie ſelbſt nach dem Fort⸗ l'Evoéque.“ „In Ihrem Wagen?“ „Nein, in einem Fiacre.“ „Hernach?“ „Wie, hernach? das iſt Alles.“ „Nein, das iſt nicht Alles.“ „Ich ſtieg wieder in meinen Fiacre.“ „Und wen trafen Sie in Ihrem Fiacre?“ Herr von Sartines erröthete. „Ah!“ rief die Gräfin, ihre kleinen Hände an ein⸗ ander ſchlagend,„ich habe alſo das Glück gehabt, einen Polizeilieutenant erröthen zu machen.“ „Madame...“ ſtammelte Herr von Sartines. 24 „Nun, ich will es Ihnen ſagen, wer in dieſem Fiacre war,“ verſetzte die Favoritin;„es war die Herzo⸗ gin von Grammont.“ „Die Herzogin von Grammont!“ rief der Polizei⸗ lieutenant. „Ja, die Herzogin von Grammont, welche Sie bat, ihr Eintritt in das Gemach des Königs zu verſchaffen.“ „Meiner Treue, Madame, ich lege mein Portefeuille in Ihre Hände,“ rief Herr von Sartines mit einer Bewe⸗ gung der Unruhe.„Ich bin es nicht mehr, der die Po⸗ lizei ausübt, Sie ſind es.“ „In der That, Herr von Sartines, ich habe die mei⸗ nige, wie Sie ſehen; alſo nehmen Sie ſich in Acht! Ja, ja! die Herzogin von Grammont in einem Fiarre um Mitternacht mit dem Herrn Polizeilieutenant, und zwar in einem Fiacre, der im Schritt fährt! Wiſſen Sie, was ich ſogleich thun ließ?“ „Nein, aber ich habe eine furchtbare Angſt. Zum Glück war es ſehr ſpät.“ „Gleichviel, die Nacht iſt die Zeit der Rache.“ „Und was haben Sie gethan, laſſen Sie hören?“ „So wie ich meine geheime Polizei habe, ſo habe ich auch meine gewöhnliche Literatur, abſcheuliche Burſche, ſchmutzig wie die Lumpen und ausgehungert wie die Wieſel.“ „Sie füttern ſie alſo ſehr ſchlecht?“ „Ich füttere ſie gar nicht; wenn ſie fett würden, ſo würden ſie auch dumm wie Herr von Soubiſe; das Fett verzehrt bekanntlich die Galle.“ „Fahren Sie fort, Sie machen mich beben.“ „Ich dachte an alle die Bosheiten, die Sie die Choiſeul gegen mich begehen laſſen. Das reizte mich, und ich gab meinen Apollo's folgende Programme: 1) Herr von Sartines beſucht als Procurator verkleidet in der Rue de l'Arbre⸗Sec, im vierten Stocke, eine junge Unſchuldige, welcher er eine elende Summe von dreihun⸗ V — —— ..——., 25 dert Livres je am 30. des Monats auszubezahlen ſich nicht ſchämt.“ „Madame, das iſt eine ſchöne Handlung, die Sie be⸗ flecken wollen.“ „Man befleckt nur ſolche. 2) Herr von Sartines ſchleicht ſich als ehrwürdiger Vater der Miſſion verkleidet in das Carmeliterkloſter der Rue Saint⸗Antoine ein.“ „Madame, ich brachte dieſen guten Schweſtern Nach⸗ richten vom Orient.“ „Vom kleinen oder vom großen? 3) Herr von Sartines fährt als Polizeilieutenant verkleidet um Mitter⸗ nacht ganz allein mit der Herzogin von Grammont in den Straßen umher.“ „Ahl Madame,“ ſagte Herr von Sartines ex⸗ ſchrocken,„wollen Sie in dieſem Punkte meine Verwal⸗ tung herabſetzen?“ „Ei! Sie laſſen wohl die meinige entwerthen,“ ſprach die Gräfin lachend.„Aber warten Sie doch.“ „Ich warte.“ „Meine Burſche machten ſich alſo an die Arbeit und componirten, wie man in der Schule componirt, als Er⸗ zählung, als Ueberſetzung, als Umſchreibung, und ich er⸗ hielt ſo eben ein Epigramm, ein Lied und ein Vandeville.“ „Ah, mein Gott!“ „Alle drei fuürchtbar. Ich werde dieſen Morgen den König damit bewirthen, ſo wie mit dem neuen Pater Noſter, das Sie gegen mich umherlaufen laſſen; Sie wiſſen?„Unſer Vater, der Du biſt in Verſailles, Dein Name ſei verflucht, wie er es zu ſein verdient, Dein Reich iſt erſchüttert, Dein Wille geſchieht weder auf Erden, noch im Himmel; gib uns unſer tägliches Brod zurück, das uns Deine Favoritinnen genommen haben; vergib Deinen Parlamenten, welche unſere Intereſſen unterſtützen, wie wir Deinen Miniſtern vergeben, die ſie verkauft haben. Unterliege nicht den Verſuchungen der Dubarry, ſondern befreie uns von Deinem Teufel von einem Kanzler. Ainen.“ . 26 „Wo haben Sie auch dies noch entdeckt?“ ſagte Herr von Sartines und faltete ſeufzend die Hände. „Ei, mein Gott! ich habe nicht nöthig, es zu ent⸗ decken; man erweiſt mir die Artigkeit, mir jeden Tag zu⸗ zuſchicken, was Gutes in dieſer Hinſicht erſcheint. Ich ſchrieb ſogar Ihnen die Ehre dieſer täglichen Sendun⸗ gen zu.“ „Ohl Madame.“ „Als Erwiederung ſollen Sie auch morgen das Epi⸗ gramm, das Lied und das Vandeville erhalten.“ „Warum nicht ſogleich?“ „Weil ich Zeit brauche, um ſie zu verbreiten. Iſt es nicht übrigens der Gewohnheit gemäß, daß die Polizei zuletzt von dem, was vorfällt, unterrichtet wird? Oh! dieſe Dinge werden Sie ſehr beluſtigen. Ich lachte die⸗ ſen Morgen drei Viertelſtunden. Der König hat ſich krank darüber gelacht, deßhalb erſcheint er ſo ſpät.“ „Ich bin verloren,“ rief Herr von Sartines und ſchlug mit ſeinen beiden Händen an ſeine Perrücke. „Nein, Sie ſind nicht verloren, Sie ſind nur be⸗ ſungen. Bin ich wegen der ſchönen Bourbonnaiſe ver⸗ loren? Nein. Ich wüthe nur darüber, und will mei⸗ nerſeits die Andern wüthend machen. Ah! die reizenden Verſe. Ich war ſo zufrieden damit, daß ich meinen lite⸗ rariſchen Scorpionen weißen Wein geben ließ, wodurch ſie in dieſem Augenblick ganz und gar betrunken ſeyn müſſen.“ 2 „Ah! Gräfin! Gräfin!“ „Ich will Ihnen zuerſt das Epigramm vorſagen.“ „Ich bitte darum.“ France, quel est donc ton destin D'etre soumise à la femelle!...*) „Ei nein, ich täuſche mich, es iſt das, welches Sie *) Frankreich, es iſt vein Geſchick, dem Weibe unterworfen zu 1.. 4 ſein — AN —— u— n — 27 gegen mich in Umlauf brachten. Es gibt ſo viele, daß ich dadurch verwirrt werde. Warten Sie, warten Sie, ich habe es: Amis, connaissez-vous l'enseigne ridicule, Qu'un peintre de Saint-Luc fait pour les parfu- meurs? Il met dans un flacon, en forme de pilule, Boynes, Maupeou, Terray sous leurs propres couleurs, 3 Il y joint de Sartines, et puis il l'intitule: Vinaigre de quatre voleurs!*) „Ah! Grauſame, Sie werden mich in einen Tiger verwandeln.“ „Nun gehen wir zu dem Liede über, Frau von Grammont ſpricht.“ Monsieur de la police N'ai-je pas la peau lisse? Rendez-moi le service D'en instruire le roi.**) „Madame! Madame!“ rief Herr von Sartines wüthend.— „Ohl beruhigen Sie ſich,“ ſagte die Gräfin;„man hat erſt 10,000 Exemplare davon abgezogen. Doch das Vaudeville müſſen Sie hören.“ 3 „Sie beſitzen alſo eine Preſſe?“ in zEine ſchöne Frage! beſitzt etwa Herr von Choiſeul⸗ eine?“ *) Freunde, kennt Ihr das lächerliche Schild, das ein Maler von St. Ludas für die Parfümeurs macht? Er bringt in eine Fl ſche in Form von Pillen Boynes, Maupeou, Terray unter ihren eigenen Farben, er fügt Herrn von Sartines bei und be⸗ titelt das Ganze: Vier⸗Räuber⸗Eſſig! “) Mein Herr von der Polizei, habe ich nicht eine glatte Thun Sie mir den Gefallen und unterrichten Sie den könig davon. „Ihr Drucker mag ſich hüten!“ „Ahl ja; verſuchen Sie es, das Patent iſt auf mei⸗ nen Namen ausgeſtellt.“. „Das iſt abſcheulich! Und der König lacht über alle dieſe Schändlichkeiten?“ „Wiel er iſt es, der die Reime liefert, wenn es mei⸗ nen Spinnen daran ſehlt.“ „Ohl Sie wiſſen, daß ich Ihnen diene, und behan⸗ deln mich auf dieſe Art?“. „Ich weiß, daß Sie mich verrathen. Die Herzogin iſt Choiſeul, ſte trachtet nach meinem Untergang.“ „Madame, ich ſchwöre Ihnen, ſie hat mich unver⸗ ſehens überfallen.“ „Sie geſtehen alſo?“ „Ich muß wohl.“ „Warum haben Sie mich nicht dav geſetzt?“ „Ich kam deshalb.“ „Baſtal ich glaube es nicht.“ „Bei meinem Ehrenwort.“ „Ich wette das Doppelte.“ „Hören Sie mich an, ich flehe um Gnade,“ ſagte der Polizeilieutenant und fiel auf ſeine Kniee. „Sie thun wohl daran.“ „Friede, im Namen des Himmels, Gräfin!“ „Wie! Sie haben Furcht vor ein paar ſchlechten Verſen, Sie, ein Mann, ein Miniſter!“ „Ahl wenn ich nur hievor Furcht hätte!“ „Und Sie bedenken nicht, wie viel ſchlimme Stunden ein Lied mir, die ich eine Frau bin, bereiten kann!“ „Sie ſind eine Königin.“ „Ja, eine nicht vorgeſtellte Königin.“ 3 „Madame, ich ſchwöre, daß ich Ihnen nie ein Leids gethan habe.“ „Nein, aber Sie ließen mir Böſes zufügen.“ „So wenig als möglich.“ „Ich will es wohl glauben.“ in Kenntniß te 3 29 „Glauben Sie es mir.“. „Es handelt ſich nun darum, ganz das Gegentheil vom Böſen zu thun: es handelt ſich darum, Gutes zu be⸗ werkſtelligen.“ „Helfen Sie mir, und es muß mir nothwendig ge⸗ lingen.“ „Sind Sie für mich, ja oder nein?“ „Ja.“ „Wird Ihre Ergebenheit ſo weit gehen, daß Sie meine Vorſtellung unterſtützen?“ „Sie werden ſelbſt die Schranken ſetzen.“ „Bedenken Sie wohl, meine Druckerei iſt bereit; ſie arbeitet Tag und Nacht; in vier und zwanzig Stunden werden meine Burſche Hunger haben, und wenn ſie Hun⸗ ger haben, beißen ſie.“ „Ich werde vernünftig ſein. Was wünſchen Sie?“ „Daß nichts von dem was ich unternehme, ein Hin⸗ derniß in den Weg gelegt werde.“ „Für meine Perſon mache ich mich hiezu anheiſchig.“ „Das iſt ein ſchlimmes Wort,“ ſagte die Gräfin mit dem Fuße ſtampfend,„es riecht nach dem Griechiſchen, nach dem Carthagiſchen, kurz nach der puniſchen Treue.“ „Gräfin..“ „Ich nehme es auch nicht an, das iſt eine Ausflucht. Man wird von Ihnen glauben, Sie thun nichts, und Herr von Choiſeul wird handeln. So will ich es nicht, hören Sie! Alles oder nichts. Ueberliefern Sie mir die Choiſeul geknebelt, ohnmächtig, zu Grunde gerichtet, oder ich vernichte, kneble Sie, richte Sie zu Grunde. Und nehmen Sie ſich wohl in Acht, das Lied iſt nicht meine einzige Waffe, das ſage ich Ihnen zum Voraus.“ Drohen Sie nicht, Madame,“ ſprach Herr von Sartines träumeriſch,„denn dieſe Vorſtellung iſt eine Schwierigkeit geworden, die Sie nicht begreifen dürften.“ „Geworden, das iſt der richtige Ausdruck, weil man Schwierigkeiten entgegengeſtellt hat.“ 4 ** 30 „Leider!“ „Können Sie dieſelben heben?“ „Ich bin nicht allein, wir brauchen hundert Per⸗ ſonen.“ „Man wird ſie bekommen.“ „Eine Million.“ „Das geht Terray an.“ „Die Einwilligung des Königs?“ „Ich werde ſie erhalten.“ „Er wird ſie nicht geben.“ „Ich nehme ſie.“ „Wenn Sie Alles dies haben, brauchen Sie noch eine Pathin.“ „Man ſucht ſie.“ „Vergebens: es findet ein Bündniß gegen Sie ſtatt.“ „In Verſailles?“ „Ja, alle Damen haben ſich geweigert, um Frau von Choiſeul, Frau von Grammont, der Dauphine, kurz der ehrbaren Partei den Hof zu machen.“ „Vor Allem wird die ehrbare Partei genöthigt ſein, ihren Namen zu verändern, wenn Frau von Grammont dabei iſt. Das iſt ſchon eine Niederlage.“ „Glauben Sie mir, Sie beſtehen vergebens auf Ihrem Willen!“ „Ich bin dem Ziele nahe.“ „Ahl deshalb haben Sie Ihre Schweſter nach Ver⸗ dun abgeſchickt!“ „Allerdings. Ah! Sie wiſſen das,“ verſetzte die Gräfin mit unzufriedener Miene. „Bei Gott! ich habe auch meine Polizei,“ entgegnete Herr von Sartines lachend. „Und Ihre Spione?“ „Und meine Spione!“ „Bei mir?“ „Bei Ihnen.“ „In meinen Ställen oder in meinen Küchen?“ „In Ihren Vorzimmern, in Ihrem Salon, i * h 31 Ihrem Boudoir, in Ihrem Schlafzimmer, unter Ihrem Kopfkiſſen.“ „Als erſtes Pfand des Bündniſſes nennen Sie mir dieſe Spione,“ ſagte die Gräfin. „Ahl ich will Sie nicht mit Ihren Freunden entzweien, Gräfin.“ „Alſo Krieg.“ „Krieg, wie Sie das ſagen!“ „Ich ſage es, wie ich es denke; gehen Sie, ich will Sie nicht mehr ſehen.“ „Ah! diesmal berufe ich mich auf Sie ſelbſt. Kann ich ein Geheimniß... des Staats verrathen?“ „Ein Geheimniß des Alkoven.“ „Das wollte ich ſagen, dort iſt heut zu Tage der Staat.“ „Ich will meinen Spion.“ „Was werden Sie mit ihm machen?“ „Ich werde ihn fortjagen.“ „Dann ſäubern Sie Ihr ganzes Haus.“ „Wiſſen Sie, daß es ſchrecklich iſt, was ſie da aus⸗ ſprechen?“ „Das iſt wahr. Ei mein Gott! ohne dieſes gäbe es kein Mittel, zu regieren, Sie wiſſen das wohl, Sie, die Sie ſo vortrefflich in der Politik ſind.“ Madame Dubarry ſtützte ihren Ellenbogen auf einen Lacktiſch und erwiederte; „Sie haben Recht, laſſen wir das. Die Bedingungen des Vertrags?“ „Stellen Sie dieſelben, Sie ſind die Siegerin.“ „Ich bin großmüthig wie Semiramis. Was wollen Sie?“ Sie werden nie mit dem König von den Reclama⸗ e über die Mehle ſprechen, denen Sie, Verrätherin! Ihre Unterſtützung zugeſagt haben.“ „Abgemacht; nehmen Sie alle Bittſchriften, die ich über dieſen Gegenſtand erhalten habe: ſie ſind in dieſem Kiſtchen.“ ——————y 52——. „Empfangen Sie dagegen dieſe Arbeit der Pairs des Reiches über die Vorſtellung und die Tabourets.“**) „Eine Arbeit, die Sie Seiner Majeſtät zuzuſtellen beauftragt waren?“ „Allerdings.“ „Als ob die Sache geſchehen wäre?“ „Ja.“ „Gut, aber was werden Sie ſagen?“ „Ich werde ſagen, ich habe ſie übergeben. Dadurch gewinnen wir Zeit, und Sie ſind eine zu geſchickte Tak⸗ tikerin, um nicht Nutzen daraus zu ziehen.“ In dieſem Augenblick öffneten ſich die zwei Thür⸗ flügel, ein Huiſſier trat ein und rief: „Der König!“ Die zwei Verbündeten beeilten ſich, jedes ſein Unter⸗ pfand des Bündniſſes zu verbergen, und ſie wandten ſich ſodann, um Seine Majeſtät Ludwig XV. dieſes Namens zu begrüßen. XXIV. Der König Ludwig XV. Ludwig XV. erſchien den Kopf hoch, die Kniebeugen geſpannt, das Auge heiter, ein Lächeln auf den Lippen. Man ſah bei ſeinem Eintritt durch die geoffnete Thüre eine doppelte Reihe von gebeugten Köpfen, Höf⸗ lingen angehörend, welche noch einmal ſo begierig waren, eingeführt zu werden, ſeitdem ſie in der Ankunft Seiner Majeſtät eine Gelegenheit ſahen, zwei Mächten zugleich ihren Hof zu machen. Die Thüren ſchloßen ſich wieder. Der König hatte Niemand ein Zeichen gemacht, ihm zu folgen, und b 3 ſich daher mit der Graͤfin und Herrn von Sartines albin. Wir ſprechen weder von der vertrauten Kammerfrau, in der Hofſprache die Erlaubniß —— *) Avoir le tabouret heißt Monarchen oder ſeiner Gemahlin haben, ſich in Gegenwart des zu ſetzen. ͤͤͤͤͤſ Go A..— g 83 noch von einem kleinen Neger; weder die Eine, noch der Andere zählten. „Guten Morgen, Gräfin,“ ſagte der König, Madame Dubarry die Hand küſſend.„Gott ſei Dank, wir ſind ſehr friſch dieſen Morgen! Guten Morgen, Sartines. Arbeitet man hier? Guter Gott! die vielen Papiere! Verbergt mir das! Oh! was für ein ſchoͤner Brunnen, Gräfin.“ Und mit ſeiner wankelmüthigen, gelangweilten Neu⸗ gierde heftete Ludwig XV. ſeine Augen auf eine rieſige chineſiſche Arbeit, welche erſt ſeit dem vorhergehenden Tage eine von den Ecken des Schlafzimmers der Gräfin ſchmückte. „Sire,“ antwortete Madame Dubarry,„es iſt, wie Eure Majeſtät ſehen kann, ein chineſiſcher Brunnen. Das Waſſer macht, wenn man den Hahnen öffnet, der ſich hinten befindet, Vögel von Porzellan pfeifen und Fiſche von Glas ſchwimmen; ſodann öffnen ſich die Thüren der Pagode, um einer Reihe von Mandarinen Eingang zu ge⸗ währen.“ „Das iſt ſehr hübſch, Gräfin.“ In dieſem Augenblick trat der kleine Neger vor, der auf die phantaſtiſche, launenhafte Weiſe angethan war, in welcher man zu jener Zeit die Orosmanen und Othello's zu kleiden pflegte. Er hatte einen kleinen, auf das Ohr gedrückten Turban mit geraden Federn, eine Jacke von Goldbrocat, welche ſeine ebenholzſchwarzen Arme ſehen ließ, eine bauſchige, bis auf die Kniee fallende Hoſe von bro⸗ chirtem weißem Atlaß und einen Gürtel von lebhaften Farben, der dieſe Hoſe mit einer geſtickten Weſte verband. „Peſt!“ rief der König,„wie prächtig Zamore heute iſt.“ er Neger blieb wohlgefällig vor einem Spiegel ſtehen. „Sire, er hat eine Gnade von Eurer Majeſtät zu erbitten.“.: „Madame, Zamore ſcheint mir ſehr ehrgeizig zu ſein,“ erwiederte Ludwig XV. auf das Anmuthigſte lächelnd. „Warum dies, Sire?“ Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 3 34 „Weil Sie ihm bereits die groͤßte Gunſt bewilligt haben, die er ſich wünſchen kann. „Welche?“ „Dieſelbe wie mir.“ „Ich begreife nicht, Sire.“ „Sie haben ihn zu Ihrem Sklaven gemacht.“ Herr von Sartines verbeugte ſich lächelnd, biß ſich aber zugleich auf die Lippen. „Oh! Sie ſind entzückend, Sire,“ rief die Gräfin. Dann neigte ſie ſich an das Ohr des Königs und ſagte ganz leiſe zu ihm: „Frankreich, ich bete Dich an.“ Ludwig lächelte ebenfalls. „Nun!“ fragte er,„was wünſchen Sie für Zamore?“ „Die Belohnung für ſeine langen und zahlreichen Dienſte.“. „Er iſt zwoͤlf Jahre alt.“ „i ſeine langen und zahlreichen zukünftigen Dienſte. „Ah! ah!“ „Meiner Treue, ja, Sire, ſchon lange belohnt man die vergangenen Dienſte und es wäaͤre endlich auch einmal Zeit, die zukünftigen zu belohnen; man hätte dabei die Sicherheit, nicht mit Undank bezahlt zu werden.“ „Halt! das iſt ein Gedanke,“ ſprach der Koͤnig;„was meinen Sie, Herr von Sartines?“ „Alle Ergebenheiten würden dabei ihre Rechnung ſin⸗ den; ich unterſtütze folglich den Gedanken, Sire.“ Nun, ſo ſprechen Sie, Gräfin, was verlangen Sie für Zamore?“ „Sire, Sie kennen meinen Pavillon in Luciennes?“ „Das heißt, ich hörte davon ſprechen.“ geladen, dahin zu kommen.“ „Sie kennen die Etiquette, liebe Gräfin; wenn Koͤnig nicht auf der Reiſe iſt, kann er nur in königlichen Schloͤſſern ſchlafen.“.— „ Ganz richtig, dies iſt gerade die Gnade, die ich von 3 „Das iſt Ihr Fehler; ich habe Sie 10 enn, 2 1 ——— ₰ 35. 3 Eurer Majeſtät zu erbitten habe. Wir erheben Luciennes zu einem koͤniglichen Schloß und ernennen Zamore zum Gouverneur.“ „Das iſt eine Parodie, Gräfin. „Sie wiſſen, daß ich ſie anbete, Sire.“ „Die andern Gouverneurs werden darüber ein Ge⸗ ſchrei erheben.“ „Sie mögen ſchreien!“ „Doch diesmal mit Recht.“ „Deſto beſſer! ſie haben ſo oft mit Unrecht geſchrieen. Zamore kniee nieder und danke Seiner Majeſtät.“ „Und wofür?“ fragte Ludwig XV. Der Neger kniete nieder. „Für die Belohnung, die der Koͤnig Dir dafür gibt, daß Du die Schleppe meines Kleides getragen und die Gecken und Pruden des Hofes, indem Du ſie trugſt, wü⸗ thend gemacht haſt.“ „In der That,“ ſprach Ludwig XV.,„er iſt häßlich.“ Und er brach in ein Gelächter aus. „Steh' auf, Zamore,“ ſagte die Gräfin.„Du biſt ernannt.“ „Doch in Wahrheit, Madame...“ „Ich übernehme es, die Briefe, die Patente, die Be⸗ ſtallungen ausfertigen zu laſſen, das iſt meine Angelegen⸗ heit; die Ihrige iſt es, Sire, ohne von der Vorſchrift ab⸗ zugehen, nach Luciennes kommen zu koͤnnen. Von heute an, mein König, beſitzen Sie ein königliches Schloß mehr.“ „Kennen Sie ein Mittel, ihr etwas zu verweigern, Sartines?“ „s gibt vielleicht ein ſolches, aber man hat es noch nicht gefunden.“ »Und wenn man es findet, Sire, ſo kann ich für ſtehen: dafür, daß Herr von Sartines, dieſe ſchoͤne Entdeckung gemacht haben wird.“ „Wie ſo, Madame?“ fragte bebend der Polizei⸗ lieutenant. „Denken Sie ſich, Sire, daß ich ſeit dii Monaten 36 von Herrn von Sartines Etwas verlange und vergebens verlange.“ „Und was verlangen Sie,“ ſagte der Koͤnig. „Ohl er weiß es wohl.“ „Ich, Madame, ich ſchwöre Ihnen.“ „Liegt es in ſeinen Attributen?“ fragte der König. „In den ſeinigen, oder in denen ſeines Nachfolgers.“ „Madame,“ rief Herr von Sartines,„Sie machen mir in der That bange.“ „Was verlangen Sie von ihm?“ „Er ſoll mir einen Zauberer finden.“ Herr von Sartines athmete. „Um ihn verbrennen zu laſſen?“ verſetzte der König. „Ohl es iſt ſehr warm, warten Sie den Winter ab.“ „Nein, Sire, um ihm einen goldenen Stab zu ſchenken.“ „Dieſer Zauberer hat Ihnen alſo ein Unglück ge⸗ weiſſagt, das Ihnen nicht begegnet iſt, Gräfin?“ „Im Gegentheil, Sire, er hat mir ein Glück ge⸗ weiſſagt, das mir zu Theil geworden iſt.“ „Von Punkt zu Punkt?“ „So ungefähr.“. 3 „Erzählen Sie mir das, Gräfin,“ ſprach, ſich in einem Lehnſtuhle ausſtreckend, Ludwig XV. mit dem Tone eines Menſchen, der nicht gewiß weiß, ob er ſich beluſtigen oder langweilen wird, der es aber immerhin wagt. „Ich will es wohl thun, doch Sie werden die Hälfte der Belohnung zu tragen haben...“ „Die ganze, wenn es ſein muß.“ „Gut, das iſt ein koͤnigliches Wort.“ „Ich höre.“ „Ich beginne. Es war einmal...“ „Das faͤngt an wie ein Feenmährchen.“ „Es iſt eines, Sire.“ „Ahl deſto beſſer, ich liebe die Zauberer.“ „Es war einmal ein armes junges Mädchen; es hatte zu jener Zeit weder Pagen, noch Wagen, noch Neger, 8 noch Papageien, noch Affen.“ * 87 „Noch einen König,“ ſagte Ludwig XV. „Oh! Sire!“ „Und was machte die Kleine?“ „Sie trabte.“ „Wie, ſie trabte?“ „Ja, Sire, durch die Straßen von Paris, zu Fuß wie eine einfache Sterbliche. Nur trabte ſie ſchneller, weil man behauptete, ſie wäre artig, und weil ſie bange hatte, dieſe Artigkeit könnte für ſie ein albernes Zuſam⸗ mentreffen herbeiführen.“ „Dieſes junge Mädchen war alſo eine Lucretia?“ fragte der König. 4 „Eurer Majeſtät iſt es wohl bekannt, daß es ſeit dem Jahre... ich weiß nicht wie viel der Erbauung von Rom keine mehr gibt.“ „O mein Gott! Gräfin, ſollten Sie zufällig gelehrt werden?“ „Nein, wenn ich gelehrt würde, hätte ich ein falſches Datum geſagt, aber ich hätte jedenfalls eines genannt.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der König,„fahren Sie fort.“ „Und ſie trabte, und trabte, und trabte alſo, und eilte durch die Tuilerien, als ſie plötzlich wahrnahm, daß man ihr folgte.“ „Oh! Teufel, dann blieb ſie ſtehen?“ „Guter Gott! was für eine ſchlechte Meinung haben Sie von den Frauen, Sire! Man ſieht, Sie kannten nur Marquiſen, Herzoginnen und...“ „Und Prinzeſſinnen, nicht wahr?“ „Ich bin zu höflich, um Eurer Majeſtät zu wider⸗ ſprechen. Aber was ſie hauptſächlich erſchreckte, war der Umſtand, daß vom Himmel ein Nebel fiel, der von Se⸗ kunde zu Sekunde dichter wurde.“ „Sartines, wiſſen Sie, was den Nebel macht?“ 3 8 Unyerſehan überfallen, erwiederte der Polizeilientenant ebend: „Meiner Treue, nein, Sire.“ 38 „Nun, ich weiß es auch nicht,“ ſagte Ludwig XV. „Fahren Sie fort, liebe Gräfin.“ 3 „Sie lief alſo über Hals und Kopf, eilte durch das Gitter und befand ſich auf dem Platz, der die Ehre hat, den Namen Eurer Majeſtät zu führen, als ploͤtzlich der Unbekannte, der ihr gefolgt war, und von dem ſie ſich be⸗ freit glaubte, vor ihr ſtand. Sie ſtieß einen Schrei aus.“ „Er war alſo ſehr häßlich?“ „Im Gegentheil, Sire, es war ein hübſcher junger Mann von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, mit braunem Geſichte, großen Augen und wohlklingender Stimme.“ „Und Ihre Heldin hatte Angſt, Gräfin? Peſt! ſie muß ſehr erſchrocken geweſen ſein.“ „Sie war es etwas weniger, als ſie ihn ſah. Die Lage der Dinge hatte indeſſen nichts Beruhigendes; hegte dieſer Unbekannte ſchlimme Abſichten, ſo war bei dem Ne⸗ bel auf keine Hülfe zu hoffen; das Mädchen faltete auch die Hände und ſprach: „„Oh! mein Herr, ich flehe Sie an, mir kein Leids zu thun.““ „Der Unbekannte ſchüttelte den Kopf und erwiederte mit einem reizenden Lächeln: „„Gott iſt mein Zeuge, daß ich dies nicht beab⸗ ſichtige.““— „„Was wollen Sie denn?““ „„Ein Verſprechen von Ihnen erlangen. „„Was kann ich Ihnen verſprechen?““ „„Mir die erſte Gunſt zu bewilligen, um die ich Sie bitten werde, wenn...““ „Wenn?““ wiederholte das Mädchen neugierig, „„Wenn Sie Koͤnigin ſein werden.““ „Und was that das Mädchen?“* „Sire, es glaubte ſich zu nichts anheiſchig zu machen und verſprach.“ „Und der Zauberer?“ „Er verſchwand.“ 7144 en 39 „Und Herr von Sartines weigert ſich, den Zauberer aufzufinden? Er hat Unrecht.“ 8 „Sire, ich weigere mich nicht, ich kann nicht.“ „Ah! Herr Lieutenant, das iſt ein Ausdruck, der in dem Wörterbuch der Polizei nicht vorkommen ſollte!“ ſagte die Gräfin. „Madame, man iſt ihm auf der Spur.“ „Ah! ja, die herkömmliche Phraſe⸗ „Nein, es iſt die Wahrheit. Doch Sie begreifen, die Merkmale, die Sie da angeben, ſind ſehr ſchwach.“ „Wie! jung, ſchön, braune Geſichtshaut, herrliche Augen, wohlklingende Stimme.“ „Peſt! wie Sie von ihm ſprechen, Gräfin! Sartines, ich verbiete Ihnen, dieſen Burſchen aufzufinden.“ „Sie hahen Unrecht, Sire, denn ich will nur eine einfache Auskunft von ihm fordern.“ „Es handelt ſich alſo um Sie?“ „Gewiß. 4 „Nun, was haben Sie von ihm zu fordern? ſeine 1 Weiſſagung iſt erfält. 4 „Finden Sie das?“ „Allerdings. Sie ſind Köͤnigin.“ „Ungefähr.“ „Er hat Ihnen alſo nichts mehr zu ſagen?“ „Doch wohl. Er hat mir zu ſagen, wann dieſe Königin vorgeſtellt werden wird. Es iſt nicht Alles damit gethan, daß man bei Nacht herrſcht, Sire, man muß auch ein wenig bei Tag herrſchen.“ „Das geht nicht den Zauberer an,“erwiederte Ludwig XV., indem er ſeine Lippen wie ein Menſch ausdehnte, der das Geſpräch auf ein unangenehmes Gebiet übergehen fieht. „Und von wem hängt es denn ab?“ „Von Ihnen.“ „Von mir?“ „Ja, ganz gewiß. Finden Sie eine Pathin.“ „Unter Ihren Maulaffen vom Hofe! Eure Majeſtät weiß wohl, daß dies unmöglich iſt; ſie ſind alle an die Choiſeul, an die Praslin verkauft.“ 8„Stille doch, ich glaubte, es wäre unter uns abge⸗ macht, nicht von ihnen zu reden.“ „Ich habe es nicht verſprochen, Sire.“ „Nun, ich bitte Sie um Eines.“ „Um was?“ „Sie an ihrem Platze zu laſſen und zu bleiben, wo Sie ſind. Glauben Sie mir, der beſte Platz gehört Ihnen.“ „Armſelige auswärtige Angelegenheiten! armſelige Marine!“ „Gräfin, im Namen des Himmels, treiben wir nicht Politik mit einander.“ „Es ſei, doch Sie können mich nicht verhindern, allein Politik zu treiben.“ „Ohl! ganz allein, ſo lange Sie wollen.“ Die Gräfin ſtreckte den Arm nach einem Körbchen voll von Früchten aus, nahm zwei Orangen, ließ ſie ab⸗ wechſelnd in ihrer Hand ſpringen und rief: „Springe Praslin; ſpringe Choiſeul; ſpringe Pras⸗ lin; ſpringe Choiſeul.“ „Was machen Sie denn?“ ſagte der König. „Ich mache Gebrauch von der Erlaubniß, die mir Eure Majeſtät gegeben hat. Sire, ich laſſe das Mini⸗ ſterium ſpringen.“ In dieſem Augenblick trat Dorée ein und ſagte ihrer Gebieterin ein Wort in's Ohr. 4 „Oh! gewiß,“ rief dieſe. 8„Was gibt es denn?“ fragte der König. „Chon kommt von der Reiſe zurück, Sire, und wünſcht Eurer Majeſtät ihre Ehrfurcht zu bezeigen.“ „Laßt ſie ſogleich eintreten! In der That, ſeit vier oder fünf Tagen fühlte ich, daß mir etwas fehlte, ohne zu wiſſen was.“ „Ich danke, Sire,“ ſagte Chon eintretend. Dann näherte ſie ſich dem Ohre der Gräfin und flüſterte ihr zu: 3 41 „Es iſt geſchehen.“ Die Gräfin konnte ſich eines kleinen Freudenſchreis nicht erwehren. „Nun, was gibt es denn?“ fragte Ludwig XV. „Nichts, Sire; ich bin nur glücklich, ſie wieder zu ſehen.“ „Und ich auch. Guten Morgen, kleine Chon, guten Morgen.“ „Erlaubt Eure Majeſtät, daß ich ein paar Worte mit meiner Schweſter ſpreche?“ ſagte Chon. „Sprich immerhin, mein Kind. Mittlerweile werde ich Sartines fragen, woher Du kommſt.“ „Sire,“ verſetzte Herr von Sartines, der dieſer Frage ausweichen wollte,„Eure Majeſtät geruhe mir einen Augenblick zu bewilligen.“ „Warum?“ „Um über Dinge von der höchſten Wichtigkeit zu ſprechen.“ „Oh! ich habe ſehr wenig Zeit, Herr von Sartines,“ ſagte Ludwig XV., zum Voraus gähnend. „Sire, nur zwei Worte.“ „Worüber?“ „Ueber dieſe Seher, über dieſe Erleuchteten, über dieſe Wunderkrämer.“ 4. „Bah! es ſind Charlatans. Gebt ihnen Gaukler⸗ patente, und ſie werden nicht mehr zu fürchten ſein.“ „Sire, ich wage es, gegen Cure Majeſtät zu behaup⸗ ten, daß die Lage der Dinge ernſter iſt, als Sie glauben. Jeden Augenblick werden neue Maurerlogen eroͤffnet. Sire, es iſt bereits nicht mehr eine Geſellſchaft, ſondern eine Secte, eine Secte, mit der ſich alle Feinde der Monarchie verbinden: die Ideologen, die Encyklopädiſten, die Philo⸗ ſophen. Man hat Herrn von Voltaire unter großen Feier⸗ lichkeiten aufgenommen.“ 3 „Er ſtirbt.“ „Er, o nein, Sire, er i*ſt nicht ſo einfältig.“ „Er hat gebeichtet.“ „Das iſt eine Liſt.“ „In einem Capuzinergewande.“ „Das iſt eine Gottloſigkeit. Sire, Alles dies bewegt ſich, ſchreit, ſpricht, verbindet ſich, correſpondirt, intriguirt, droht. Einige Worte, welche unbehutſamen Brüdern ent⸗ ſchlüpft ſind, deuten ſogar an, daß ſie einen Führer er⸗ warten. „Wohl, Sartines, wenn dieſer Führer gekommen iſt, nehmen Sie ihn feſt, werfen ihn in die Baſtlille, und Alles iſt abgemacht.“ „Sire, dieſe Leute haben viele Mittel.“ „Sollten Sie weniger haben, Sie, der Polizei⸗ lieutenant eines großen Koͤnigreichs?“ „Sire, man hat von Eurer Majeſtät die Austreibung der Jeſuiten erwirkt; man hätte die der Philoſophen for⸗ dern ſollen.“ „Gehen Sie, das ſind abermals Ihre Federnſchneider.“ „Sire, es ſind gefährliche Federn, die Federn, die man mit dem Meſſer von Damiens ſchneidet.“ Ludwig XV. erbleichte. „Dieſe Philoſophen, welche Sie verachten...“ fuhr Herr von Sartines fort. „Nun?“ „Nun, ich ſage Ihnen, ſie werden die Monarchie zu Grunde richten.“ „Wie viel Zeit brauchen ſie hiezu, mein Herr?“ Der Polizeilieutenant ſchaute Ludwig XV. mit er⸗ ſtaunten Augen an und erwiederte: „Kann ich das wiſſen, Sire? Fünfzehn Jahre, zwan⸗ zig Jahre, dreißig Jahre vielleicht.“ „Nun, mein lieber Freund, in fünfzehn Jahren werde ich nicht mehr ſein; ſprechen Sie hierüber mit meinem Nachfolger,“ ſagte Ludwig XV. und wandte ſich gegen Madame Dubarry um. Dieſe ſchien hierauf zu warten. „Oh! mein Gott,“ rief ſie mit einem ſchweren Seuf⸗ zer,„was ſagſt Du mir da, Chon?“ — V 43 „Ja, was ſagt ſie?“ fragte der Koͤnig,„Ihr ſeht Beide ſehr traurig aus.“ „Ah! Sire,“ verſetzte die Gräfin,„es iſt wohl Grund dazu vorhanden.“ „Sprecht, was iſt geſchehen?“ „Armer Bruder!“ „Armer Jean!“ „Glaubſt Du wirklich, daß man ihn wird abſchneiden müſſen?“ „Man hofft, es werde nicht nöthig ſein.“ „Was abſchneiden?“ fragte Ludwig XV. „Den Arm, Sire.“ ADem Vicomte den Arm abſchneiden! und warum dies? „Weil er ſchwer verwundet iſt.“ „Schwer am Arm verwundet?“ „Oh mein Gott! ja, Sire.“ „In einem Streite, bei einem Bader, in einem Spielhauſe!...“ „Nein, Sire, auf der Landſtraße.“ „Aber wie iſt das gekommen?“ „Es iſt ganz einfach dadurch gekommen, daß man ihn ermorden wollte.“ 4 „Ah! armer Vicomte,“ rief Ludwig XV., der die Leute ſehr wenig beklagte, aber vortrefflich die Miene an⸗ zunehmen wußte, als beklagte er ſie;„ermordet! Ah! das iſt ſehr ernſt, ſprechen Sie, Sartines.“ Viel weniger unruhig, als dies der Koͤnig dem An⸗ ſcheine nach war, aber in Wirklichkeit viel mehr bewegt als dieſer, näherte ſich Herr von Sartines den zwei Schweſtern und fragte ängſtlich: „Iſt es möglich, daß ſich ein ſolches Unglück zuge⸗ tragen hat, meine Damen?“. „Leider ja, mein Herr, es iſt möglich,“ ſprach Chon ganz thränenreich. „Ermordet!... Und wie dies?“ „In einem Hinterhalt.“ „In einem Hinterhalt!... Ah! Sartines,“ rief der König,„mir ſcheint, das gehört zu Ihrem Reſſort.“ „Erzählen Sie uns das, Madame,“ ſagte Herr von Sartines,„doch ich bitte Sie, laſſen Sie die Dinge nicht durch Ihre gerechte Entrüſtung übertreiben. Wir werden ſtrenger ſein, wenn wir gerechter ſind, und von Nahem und kalt geſehen, verlieren die Thatſachen oft von ihrem Ernſte.“ „Oh! man hat es mir nicht geſagt,“ rief Chon,„ich habe die Sache mit meinen eigenen Augen geſehen.“ „Nun, was haſt Du geſehen, große Chon?“ fragte der König. „Ich habe geſehen, wie ſich ein Mann auf meinen Bruder warf, ihn den Degen in die Hand zu nehmen zwang und ſchwer verwundete.“ „War dieſer Mann allein?“ fragte Herr von Sartines. „Durchaus nicht, er hatte ſechs Andere bei ſich.“ „Der arme Vicomte!“ ſagte der König und ſchaute dabei beſtändig die Gräfin an, um genau den Grad ihres Kummers zu ermitteln und den ſeinigen darnach zu regeln. „Armer Vicomte! genöthigt, ſich zu ſchlagen.“ ſch Er ſah in den Augen der Gräfin, daß ſie keines Wegs herzte. „Und verwundet,“ fügte er mit kläglichem Tone bei. „Wodurch iſt dieſer Streit entſtanden?“ fragte der Polizeilieutenant, der die Wahrheit in den Ausweichungen zu erhaſchen ſuchte, welche Chon machte, um ihm zu entgehen. „Auf die frivolſte Weiſe, mein Herr, wegen einiger Poſtpferde, die man dem Vicomte ſtreitig machte, während dieſer Eile hatte, mich zu meiner Schweſter zurückzuführen, der ich dieſen Morgen einzutreffen verſprochen.“ „Ah! das ſchreit nach Rache,“ ſagte der König, „micht wahr, Sartines?“ „Ich glaube wohl, Sire, und werde Erkundigungen einziehen,“ antwortete der Polizeilieutenant.„Der Name des Angreifers, wenn es beliebt? ſeine Eigenſchaft, ſein Stand?“ — „Sein Stand? Es war ein Militär, ein Officſer 7 * er den Hahnen an dem Brunnen drehte, der zu ſpielen 45 von den Dauphin⸗Gendarmen, wie ich glaube. Was ſeinen Namen betrifft... er heißt Baverney, Faverney, Ta⸗ verney; ja, ſo iſt es, Taverney.“ „Madame, er wird morgen in der Baſtille ſchlafen,“ ſprach Herr von Sartines. „O nein!“ ſagte die Gräfin, welche bis jetzt das diplo⸗ matiſchſte Stillſchweigen beobachtet hatte,„o nein!“ „Wie ſo, o nein?“ verſetzte der König.„Ich bitte, warum ſollte man den Burſchen nicht einkerkern? Sie wiſſen, daß mir die Militäre unerträglich ſind.“ „Und ich, Sire,“ wiederholte die Gräfin mit derſel⸗ ben Sicherheit,„ich ſage Ihnen, daß man dem Menſchen, der Herrn Dubarry ermordet hat, nichts thun wird.“ „Ah, bei Gott! Gräfin, das iſt ſonderbar,“ rief Lud⸗ wig XV;„ich bitte, erklären Sie mir das.“ „Das iſt ſehr leicht. Es wird ihn Jemand verthei⸗ digen.“ „Wer iſt dieſer Jemand?“ „Derjenige, auf deſſen Eingebung er gehandelt hat.“ „Dieſer Jemand wird ihn gegen uns vertheidigen? Oh! oh! was Sie da ſagen, iſt ſtark, Gräfin.“ „Madame,“ ſtammelte Herr von Sartines, der den Pmaich kommen ſah und vergebens eine Parade dagegen uchte. 3 „Gegen Sie, ja gegen Sie, und es gibt keine oh! oh! Sind Sie der Gebieter?“ Der König fühlte den Streich, den Herr von Sar⸗ tines hatte kommen ſehen, und umpanzerte ſich. „Ah! gut,“ ſagte er,„wir werfen uns auf das Ge⸗ biet der Staatsraiſon und ſuchen für ein armſeliges Duell Gründe aus der andern Welt.“ „Ei! Sie ſehen wohl,“ ſagte die Gräfin,„ſie ver⸗ laſſen mich bereits und die Ermordung von vorhin iſt nur noch ein Duell, nun, da Sie vermuthen, woher die Sache kommt.“ „Gut! ſind wir hiebei,“ ſagte Ludwig XV., während anfing und die Vögel ſingen, die Fiſche ſchwimmen, die Mandarine heraustreten ließ. „Sie wiſſen nicht, woher der Schlag kommt?“ fragte die Gräfin, und zerrte dabei Zamore, der zu ihren Füßen lag, an den Ohren. „Meiner Treue, nein,“ antwortete Ludwig XV. „Sie erunnehen es auch nicht?“ „Ich ſchwöre Ihnen. Und Sie, Gräfin?“ „Nun, ich weiß es, und will es Ihnen ſagen, und werde Ihnen nichts Neues mittheilen, das bin ich über⸗ eugt.“ 37„Gräfin! Gräfin!“ rief Ludwig XV., der ſeine Würde wieder zu gewinnen ſuchte,„wiſſen Sie, daß Sie einen Koͤnig Lügen ſtrafen? „Sire, es iſt wahr, ich bin vielleicht etwas lebhaft; doch wenn Sie glauben, ich werde Herrn von Choiſeul meinen Bruder umbringen laſſen... „Gut, es iſt alſo Herr von Choiſeul,“ verſetzte der König mit einem Stimmausbruch, als hätte er dieſen Namen nicht erwartet, den er ſeit zehn Minuten in dem Geſpräche erſcheinen zu ſehen befürchtete. „Ah, bei Gott! Sire, wenn Sie hartnäckig nicht ſehen wollen, daß er mein grauſamſter Feind iſt, Sire, ſo ſehe ich es doch, und zwar ganz klar, denn er gibt ſich nicht einmal die Mühe, den Haß, den er gegen mich hegt, zu verbergen.“ „Vom Haſſen der Leute bis zum Ermorden iſt es weit, liebe Gräfin.“ ,Bei den Choiſeul berühren ſich alle Dinge.“ „Ah! liebe Freundin, abermals Staatsraiſon.“ „Mein Gott! mein Gott! iſt das nicht zum Raſend⸗ werden, Herr von Sartines?“ „Nein, denn das, was Sie glauben... „Ich glaube nur, daß Sie mich nicht ae Wediger und ich ſage ſogar, daß Sie mich verlaſſen,“ rief die Gräfin voll Heftigkeit. „Oh! ärgern Sie ſich nicht, Gräfin,“ ſprach Lud⸗ 47 wig XV.„Sie ſollen nicht nur nicht verlaſſen, ſondern ſogar vertheidigt ſein, und zwar ſo gut... „So gut!“. „So gut, daß es dem Angreifer des armen Jean theuer zu ſtehen kommen wird.“ „Ja, ſo iſt es, man zerbricht das Inſtrument und drückt die Hand.“ „Iſt es nicht gerecht, ſich an denjenigen zu halten, welcher den Schlag ausgeführt hat, an Herrn von Taverney?“ „Es iſt allerdings gerecht, aber nur gerecht; was Sie für mich thun, würden Sie für den erſten Kaufmann der Rue Saint⸗Honoré thun, den ein Soldat im Schauſpiel ſchlüge. Ich ſage Ihnen, ich will nicht behandelt ſein wie alle Welt. Wenn Sie für diejenigen, welche Sie lieben, nicht mehr thun, als für die Gleichgültigen, ſo ziehe ich die Einſamkeit und Dunkelheit der letzteren vor: ſie haben wenigſtens keine Feinde, von denen ſie ermordet werden.“ „Ah! Gräfin, Graͤfin,“ ſprach Ludwig XV. mit traurigem Ton,„ich bin zufällig ſo heiter, ſo glücklich, ſo zufrieden aufgeſtanden, und nun verderben Sie mir meinen ſchönen Morgen!“ „Das iſt bei Gott anbetungswürdig. Ich habe alſo einen ſchoͤnen Morgen, ich, deren Familie man niedermetzelt.“ Tvrotz der innern Furcht, welche dem König der um ihn her toſende Sturm einfloͤßte, konnte er ſich eines Lä⸗ chelns bei dem Worte niedermetzeln nicht erwehren. Die Gräfin ſtand wüthend auf und rief: „Ah! ſo beklagen Sie mich?“ „La, la, la, ärgern Sie ſich nicht.“ „Aber ich will mich ärgern.“ 3 „Sie haben Unrecht; Sie ſind entzückend, wenn Sie lächeln, während Sie der Zorn häßlich macht.“ „Was liegt mir daran, brauche ich ſchoͤn zu ſein, da ich trotz meiner Schoͤnheit Intriguen geopfert werde?“ „Stille, Gräfin.“ Nein, wäaͤhlen Sie zwiſchen mir und Ihrem Choiſeul.“ 48 „Liebe Schöne, es iſt mir unmoͤglich, zu wählen, Ihr ſeid mir Beide nothwendig.“ „Dann ziehe ich mich zurück.“ Sie?“ „Ja, ich überlaſſe das Feld meinen Feinden. Oh! ich werde vor Kummer ſterben, aber Herr von Choiſeul iſt dann befriedigt, und das wird Sie tröſten.“ „Nun! ich ſchwöre Ihnen, Gräfin, daß er Ihnen nicht im Geringſten grollt, und daß er Sie in ſeinem Herzen trägt. Es iſt im Ganzen ein galanter Mann,“ fügte der König mit einer Betonung bei, daß Herr von Sartines die letzten Worte wohl hören mußte. „Ein galanter Mann? Sie bringen mich in Ver⸗ zweiflung, Sire. Ein galanter Mann, der die Leute ermorden läßt!“— „Oh! wir wiſſen noch nicht,“ verſetzte der König. „Und dann,“ wagte der Polizeilieutenant zu bemer⸗ ken,„ein Streit zwiſchen Leuten vom Degen iſt ſo piquant, ſo natürlich!“ „Ah! ah!“ verſetzte die Gräfin,„und Sie auch, Herr von Sartines?“ Der Lieutenant begriff den Werth dieſes tu quoque und wich vor dem Zorne der Gräfin zurück. Es trat ein Augenblick dumpfen, drohenden Still⸗ ſchweigens ein. „Sie ſehen, Chon,“ ſagte der König unter dieſer all⸗ gemeinen Beſtürzung,„Sie ſehen, das iſt Ihr Werk.“ Chon ſchlug mit einer heuchleriſchen Traurigkeit die Augen nieder. „Der Koͤnig wird vergeben,“ ſprach ſie,„wenn der Schmerz der Schweſter den Sieg über die Seelenſtärke der Unterthanin davongetragen hat.“ „Gutes Stück!..“ murmelte der König.„Keinen Groll, Gräfin.“ „Oh! nein, Sire, ich habe keinen Groll... Ich gehe 1 nur nach Luciennes und von Luciennes nach Boulogne.“ „Am Meer?“ fragte der König. Denkwuͤrdigkeiten eines Arztes, II. — 49 „Ja, Sire, ich verlaſſe ein Land, wo der Miniſter dem Koͤnig bange macht.“ „Madame!“ rief Ludwig XV. verletzt. „Wohl, Sire, erlauben Sie mir, daß ich mich ent⸗ ferne, um mich nicht länger gegen die Eurer Majeſtät ſchuldige Achtung zu verfehlen.“ 8 Die Gräfin ſtand auf und beobachtete aus einem Augenwinkel die Wirkung, welche ihre Bewegung hervor⸗ brachte. Ludwig⸗ XV. ſtieß einen Müdigkeitsſeufzer aus, einen Seufzer, welcher bedeutete: „Ich langweile mich bedeutend hier.“ Chon errieth den Sinn des Seufzers und begriff, daß es für ihre Schweſter gefährlich wäre, den Streit weiter zu treiben.. Sie hielt ihre Schweſter am Rocke zurück, ging auf den König zu und ſprach: „Sire, die Liebe meiner Schweſter für den armen Vicomte hat ſie zu weit fortgeriſſen. J ch habe den Fehler begangen und meine Sache iſt es, ihn wieder gut zu machen. Ich ſtelle mich in den Rang der demüthigſten Unterthanen Seiner Majeſtät, ich fordere Gerechtigkeit für meinen Bruder; ich klage Niemand an: die Weisheit des Koͤnigs wird zu unterſcheiden wiſſen.“ „Ei mein Gott! Gerechtigkeit iſt Alles, verlange, ja, doch die Gerechtigkeit muß gerecht ſein. Wenn ein Menſch ein Verbrechen nicht begangen hat, ſo werfe man ihm dieſes Verbrechen nicht vor; hat er es egangen, ſo beſtrafe man ihn.“ Während er dieſe Worte ſprach, ſchaute Ludwig XV. ie Gräfin an und ſuchte wo möglich die Brocken des freudigen Morgens, den er ſich verſprochen und der nun auf eine ſo traurige Weiſe endigte, zwleder zu erhaſchen. „Die Gräfin war ſo gut, daß ſie Mitleid mit der Unthätigkeit des Königs hatte, die ihn überall, ausge⸗ nommen bei ihr, traurig und gelangweilt machte. Sie wandte ſich halb um, denn ſie haue bereits auf was ich 1 50 die Thüre zuzuſchreiten angefangen, und ſprach mit einer anbetungswürdigen Reſignation: „Verlange ich etwas Anderes? aber man weiſe mei⸗ nen Verdacht nicht zurück, wenn ich ihn äußere.“ „Ihr Verdacht iſt mir heilig, Gräfin,“ rief der König; ner verwandle ſich ein wenig in Gewißheit, und Sie werden ſehen. Doch ich bedenke, es gibt ein einfaches Mittel.“ „Welches, Sire?“ „Man rufe Herrn von Choiſeul hierher.““ „Oh! Eure Majeſtät weiß wohl, daß er nie kommt. Er verachtet es, in das Gemach der Freundin des Königs einzutreten. Seine Schweſter iſt nicht wie er; ihr wäre nichts lieber.“ Der König lachte. „Herr von Choiſeul äfft den Herrn Dauphin nach,“ fuhr die Gräfin ermuthigt fort.„Man will ſich nicht gefährden.“. „Der Herr Dauphin iſt ein Frommer, Gräfin.“ „Und Herr von Choiſeul ein Heuchler, Sire.“ „Ich ſage Ihnen, liebe Freundin, Sie werden das Vergnügen haben, ihn hier zu ſehen, denn ich rufe ihn hierher. Es geſchieht im Staatsdienſt, er muß kommen, und wir veranlaſſen ihn, ſich in Gegenwart von Chon, welche Alles geſehen hat, zu erklären. Wir confrontiren, wie man im Juſtizpalaſte ſagt, nicht wahr, Sartines? Man hole mir Herrn von Choiſeul.“ „Und mir bringe man meinen Sapajou*), Dorée; meinen Sapajou! meinen Sapajon!“ rief die Gräfin. Bei dieſen Worten, welche an die im Ankleidezimmer beſchäftigte Kammerfrau gerichtet waren und ſehr gut im Vorzimmer gehört werden konnten, da ſie gerade in dem Augenblick ausgeſprochen wurden, wo ſich die Thüre vor dem nach Herrn von Choiſeul abgeſchickten Huiſſier öffnete, antwortete eine heiſere, ſchnarrende Stimme: — *) Ein amerikaniſcher Affe. 51 „Der Sapajou der Frau Gräfin muß ich ſein; ich erſcheine, ich eile, hier bin ich.“. 4 Und man ſah einen kleinen Buckeligen eintreten, der mit der groͤßten Pracht gekleidet war. 4 „Der Herzog von Tresmes!“ ſprach die Gräfin ärgerlich;„ich habe Sie nicht rufen laſſen.“ „Sie haben nach Ihrem Sapajon verlangt, Madame,“ ſagte der Herzog, indem er fich vor dem König, der Gräſin und Herrn von Sartines verbeugte, mund da ich keinen häßlicheren Affen unter den Hoͤflingen erblickte, ſo lief ich herbei.“ Und hiebei lachte der Herzog und zeigte ſo lange Zähne, daß ſich die Gräfin ebenfalls des Lachens nicht erwehren konnte. „Werde ich bleiben?“ fragte der Herzog, als wäre dies die Gunſt geweſen, nach der er ſein ganzes Leben geſtrebt hätte. „Fragen Sie den König, er iſt hier Gebieter, mein Herr Herzog.“ Der Herzog wandte ſich mit flehender Miene an den König. „Bleiben Sie, Herzog, bleiben Sie,“ ſagte der König, entzückt, die Zerſtreuungen um ſich her häufen zu koͤnnen. In dieſem Augenblick öffnete der Huiſſier vom Dienſt die Thüre. „Ah!“ ſprach der König mit einer leichten Wolke des Aergers,„iſt es ſchon Herr von Choiſeul?“ . — * „Nein, Sire,“ antwortete der Huiſſier,„es iſt Mon⸗ ſeigneur der Dauphin, der Eure Majeſtät zu ſprechen wünſcht.“ Die Gräfin machte einen Freudenſprung, denn ſie glaubte, der Dauphin wolle ſich ihr nähern. Aber Chon, die an Alles dachte, runzelte die Stirne. „Nun, wo iſt der Herr Dauphin?“ fragte der König ungeduldig. „Bei Seiner Majeſtät. Der Herr Dauphin wartet, bis Seine Majeſtät in ihre Gemächer zurückkehrt.“ 1 4 52 „Ich ſoll nun einmal nie einen Augenblick Ruhe ha⸗ murrte der König. Doch plötzlich begriff er, daß die von dem Dauphin verlangte Audienz ihm wenigſtens für den Augenblick die Scene mit Herrn von Choiſeul erſparte, beſann ſich eines Andern und ſprach: „Ich komme, ich komme. Adieu, Gräfin. Sie ſehen, wie unglücklich ich bin, Sie ſehen, wie man mich martert.“ „Eure Majeſtät geht in dem Augenblick, wo Herr von Choiſeul kommt?“ rief die Gräfin. „Was wollen Sie? der erſte Sklave iſt der König. Ah! wenn die Herren Philoſophen wüßten, was es heißt, König, und beſonders König von Frankreich zu ſein.“ „Bleiben Sie doch, Sire.“ „Oh! ich kann den Dauphin nicht warten laſſen. Man behauptet ſchon, ich liebe nur meine Töchter.“ „Aber was ſoll ich Herrn von Choiſeul ſagen?“ „Sagen Sie ihm, er möge mich in meinen Gemä⸗ chern aufſuchen, Gräfin.“ Und um jede Bemerkung kurz abzuſchneiden, küßte er* der vor Zorn zitternden Gräfin die Hand und verſchwand in aller Haſt, wie es ſeine Gewohnheit war, ſo oft er die Frucht einer durch ſein Verſchieben und ſeine bürgerliche Schlauheit gewonnenen Schlacht zu verlieren glaubte. „Oh! er entgeht uns abermals,“ rief die Gräfin und ſchlug vor Aerger ihre Hände zuſammen. Doch der König hörte dieſen Ausruf nicht mehr. Die Thüre war bereits hinter ihm geſchloſſen, und er durch⸗ ſchritt das Vorzimmer mit den Worten: „Treten Sie ein, meine Herren, treten Sie ein. Die Gräfin will Sie empfangen. Nur werden Sie dieſelbe ſehr traurig über den Unfall finden, der dem armen Jean begegnet iſt.“ Die Höflinge ſchauten ſich erſtaunt an. Sie wußten nicht, welcher Unfall dem Vicomte widerfahren ſein konnte. Viele hofften, er wäre todt. Sie richteten ihre Geſichter nach den Umſtänden. Die 61 en, * 53 Freudigſten machten ſich zu den Traurigſten und ſie traten ein. XXV. Die Salle des Pendules. In einem weiten Saale des Palaſtes von Verſailles, den man die Salle des Pendules nennt, ſchritt ein jun⸗ ger Mann mit roſiger Geſichtsfarbe, ſanften Augen und etwas gemeinem Gange, die Arme hängend, den Kopf ge⸗ beugt, auf und ab. Auf ſeiner Bruſt funkelte, hervorgehoben durch den violetten Sammet ſeines Kleides, ein Stern von Diamanten, während das blaue Band auf ſeine Hüfte herabfiel und mit dem Kreuze, das es trug, eine mit Silber geſtickte, weiße Atlaßweſte zerknitterte. 3 Niemand hätte dieſes zugleich ernſte und gute, maje⸗ ſtätiſche und lachende Profil zu mißkennen vermocht, das den charakteriſtiſchen Typus der Bourbonen der erſten Linie bildete und deſſen zugleich lebhafteſter und übertriebenſter Ausdruck der junge Mann war, den wir unſern Leſern vor Augen führen; nur hätte man, wenn man die ſeit Ludwig XIV. und Anna von Oeſterreich vielleicht entar⸗ tende Fortpflanzung dieſer edlen Geſichter ſah, glauben ſollen, derjenige, von welchem wir ſprechen, könne ſeine Züge nicht an einen Erben übertragen, ohne eine gewiſſe Veränderung des urſprünglichen Typus, ohne daß ſich die angeborene Schönheit dieſes Typus, deſſen letzte gute Probe er war, in ein Geſicht mit überladenen Zügen verwandelte, ohne endlich, daß die Zeichnung eine Caricatur würde. Ludwig Auguſt, Herzog von Berry, Dauphin von Frankreich, nachmals Ludwig XVI., hatte eine längere und adlerartigere Naſe, als die Männer⸗ ſeines Stammes, ſeine leicht gedrückte Stirne fiel noch mehr zurück als die von Ludwig XV. und das Doppelkinn ſeines Großvaters hatte ſich bei ihm ſo ſtark ausgeprägt, daß das Kinn, ob⸗ 54 gleich er damals noch mager war, bereits ungefähr ein Drittheil ſeines Geſichtes einnahm. Dabei war ſein Gang langſam und unbeholfen; wenn auch gut gewachſen, ſchien er doch in der Bewegung der Beine und Schultern gehemmt. Nur ſeine Arme und be⸗ ſoonders ſeine Finger hatten die Thätigkeit, die Behen⸗ digkeit, die Kraft und ſo zu ſagen jene Phyſiognomie, welche bei Andern auf die Stirne, auf den Mund und in die Augen geſchrieben iſt. Der Dauphin ging alſo ſtillſchweigend in dem Saale auf und ab, in welchem acht Jahre früher Ludwig XV. Frau von Pompadour den Spruch des Parlaments, der die Jeſuiten aus dem Königreich verbannte, übergeben hatte, und während er auf⸗ und abging, träumte er. Endlich war er aber müde, zu warten, oder vielmehr an das zu denken, was ihn beſchäftigte, und er betrachtete abwechſelnd die Pendeluhren und beluſtigte ſich wie Karl V. damit, daß er die ſtets unbeſiegbaren Verſchiedenheiten beobachtete, welche die regelmäßigſten Uhren unter ſich bei⸗ behalten... eine bizarre, aber ſcharf ausgedrückte Kund⸗ gebung der Ungleichheit der materiellen, von der Hand des Menſchen geregelten oder nicht geregelten Dinge. Er blieb bald vor der großen Uhr ſtehen, welche da⸗ mals, wie heut zu Tage, ihren Standpunkt im Hinter⸗ grunde des Saales hatte und durch eine geſchickte mecha⸗ niſche Zuſammenſetzung die Tage, die Monate, die Jahre, die Wandlungen des Mondes, den Lauf der Planeten, kurz Alles das bezeichnet, was dieſe andere noch viel überra⸗ ſchendere Maſchine, die man den Menſchen nennt, in der ſtufenweiſen Bewegung ihres Lebens gegen den Tod in⸗ tereffirt. Der Dauphin ſchaute als Liebhaber dieſe Pendeluhr an, die er ſtets bewundert, und neigte ſich bald rechts, bald links, um dieſes oder jenes Räderwerk zu unterſuchen, deſſen Zähne, ſo ſcharf wie feine Nadeln, in eine andere, noch feinere Feder eingriffen. Hatte er die Uhr von der Seite betrachtet, ſo fing er wieder an, ſie von vorne zu be⸗ * ſchauen und mit dem Auge dem Gange der raſchen Nadel zu folgen, welche über die Sekunden glitt, wie jene Waſſerfliegen, die über die Teiche und Brunnen mit ihren langen Fußen hinlaufen, ohne den flüchtigen Kryſtall, auf dem ſie ſich unabläſſig bewegen, nur im Geringſten zu runzeln. Von dieſer Betrachtung zur Erinnerung an die abge⸗ laufene Zeit war es nicht weit. Es ſiel dem Dauphin ein, daß er ſeit vielen Sekunden wartete. Allerdings war eine große Anzahl verlaufen, ohne daß er es gewagt hatte dem König ſagen zu laſſen, er warte. Plötzlich blieb der Zeiger, auf den der junge Prinz ſeine Augen geheftet hatte, ſtille ſtehen. In demſelben Augenblick unterbrachen die meſſingenen Räder wie durch einen Zauber ihren gemeſſenen Kreis⸗ lauf, die ſtählernen Achſen ruhten in ihren Rubinlöchern und ein tiefes Stillſchweigen trat in dieſer Maſchine ein, in der kurz zuvor noch Lärmen und Bewegung ſtatt⸗ gefunden. Keine Stoͤße, kein Schaukeln, kein Leben der Glöckchen, kein Lauf der Zeiger und der Räder mehr. Die Maſchine ſtand ſtille, die Pendeluhr war todt. War irgend ein Sandkorn, ſo zart wie ein Atom, in den Zahn eines Rades gefallen, oder war es ganz einfach der Geiſt dieſer wunderbaren Maſchine, der, der ewigen Bewegung müde, nnn ausruhte? Bei dem Anblicke dieſes plötzlichen Todes vergaß der Dauphin, warum er gekommen war und ſeit einiger Zeit wartete; er vergaß beſonders, daß die Stunde nicht durch die Stöße eines ſonoren Schwängels in die Ewigkeit ge⸗ ſchleudert, oder auf dem Abhange der Zeit durch die Hem⸗ mung eines metallenen Gehwerks zurückgehalten wird, ſon⸗ dern vielmehr auf der ewigen Uhr, die den Welten vorher⸗ gegangen, und dieſe überleben muß, durch den ewigen und unveränderlichen Finger des Allmächtigen bezeichnet wor⸗ den iſt. Er fing nun damit an, daß er die kryſtallene Thüre der Pagode oͤffnete, worin der Geiſt ſchlief, und ſtreckte 56 ſeinen Kopf in das Innere der Pendeluhr, um hier ſchär⸗ fer zu ſehen. Aber er wurde bei ſeiner Beobachtung von Anfang durch den großen Schwängel gehemmt. Dann ſchlüpfte er zart mit ſeinen ſo gewandten Fin⸗ gern durch die meſſingene Oeffnung und machte den Schwängel los. Das war nicht genug; der Dauphin mochte immer⸗ hin nach allen Seiten ſchauen, die Urſache dieſer Lethargie blieb ſeinen Augen unſichtbar. Der Prinz dachte nun, der Uhrmacher des Schloſſes habe die Pendeluhr aufzuziehen vergeſſen und dieſe ſei auf eine natürliche Weiſe ſtehen geblieben. Er nahm den an dem Sockel hängenden Schlüſſel und fing an. die Uhr mit der Geſchicklichkeit eines geübten Mannes aufzuziehen. Aber nach Verlauf von drei Drehungen mußte er anhal⸗ ten, was zum Beweis diente, daß der Mechanismus einem unbekannten Anhalte unterworfen war, und das Werk functionirte, obgleich geſpannt, nicht weiter. Der Dauphin zog aus ſeiner Taſche ein kleines Ra⸗ dirmeſſer von Schildpatt mit ſtählerner Klinge und gab mit dem Ende dieſer Klinge einem Rade den Impuls. Das Räderwerk knarrte nun eine Sekunde lang und blieb dann abermals ſtehen. Die Kränkheit der Pendeluhr wurde ernſt. Ludwig fing nun an mit der Spitze ſeines Radirmeſ⸗ ſers mehrere Stücke herauszuheben, deren Schrauben er ſorgfältig auf einem Tiſchchen ausbreitete. Sein Eifer riß ihn immer weiter fort und er zerlegte die complicirte Maſchine und unterſuchte ihre geheimſten, verborgenſten Winkel. Plötzlich ſtieß er einen Freudenſchrei aus, er entdeckte, daß eine Druckſchraube, in ihrer Spirale ſpielend, eine Feder losgelaſſen und das bewegende Rad angehalten hatte. Er fing nun an, die Schraube feſtzumachen. 1 Dann ſteckte er, ein Rad in der linken Hand, ſein —w— — — . —— 57. Nadirmeſſer in der rechten, den Kopf wieder in das Ge⸗ häuſe. So weit war er in ſeiner Arbeit, ganz in die Be⸗ trachtung des Mechanismus verſunken, als die Thüre ſich öffnete und eine Stimme ausrief: „Der König!“ Doch Ludwig hörte nichts, als das melodiſche Tick⸗ tack, das unter ſeiner Hand geboren wurde, wie das Schlagen eines Herzens, welches ein geſchickter Arzt dem Leben zurückgibt. Der Koͤnig ſchaute nach allen Seiten, ohne Anfangs den Dauphin zu gewahren, von dem man nur die Beine ſehen konnte, denn ſein Rumpf war in der Pendeluhr verborgen und der Kopf in der Oeffnung verloren. Er näherte ſich lächelnd und ſchlug ſeinen Enkel auf die Schulter. „Was Teufels machſt Du da?“ fragte er ihn. Ludwig zog ſich haſtig zurück, jedoch mit aller er⸗ forderlichen Vorſicht, um nichts an dem ſchönen Geräthe zu beſchädigen, deſſen Wiederherſtellung er unternommen hatte. „Sire, Eure Majeſtät ſieht es,“ ſprach der junge Mann vor Scham erroͤthend, daß man ihn bei einer ſolchen Beſchäftigung ertappt hatte,„ich beluſtigte mich in Erwartung Ihrer Ankunft.“ „Ja, mit der Mißhandlung meiner Pendeluhr. Eine ſchöne Beluſtigung!“ „Im Gegentheil, Sire, ich ſtellte ſie wieder her. Das Hauptrad arbeitete nicht mehr, es war gehemmt durch die Schraube, welche Eure Majeſtät hier ſieht. Ich befeſtige die Schraube und die Uhr geht nun wieder.“ „Aber Du wirſt Dich dadurch, daß Du hineinſchauſt, blind machen. Nicht um alles Geld der Welt würde ich meinen Kopf in ein ſolches Weſpenneſt ſtecken.“ „O nein, Sire. Ich verſtehe die Sache. Die be⸗ wunderungswürdige Uhr, welche mir Eure Majeſtät an dem Tage, wo ich vierzehn Jahre alt wurde, geſchenkt ” 6 8 58 hat, lege ich aus einander, ſetze ich wieder zuſammen und reinige ich gewöhnlich.“ „Es mag ſein, doch laß Deine Mechanik für den Augenblick ruhen. Du willſt mit mir ſprechen?“ „Ich, Sire?“ verſetzte der junge Mann erröthend. „Allerdings, da Du mir haſt ſagen laſſen, Du erwar⸗ teſt mich.“— „Das iſt wahr, Sire,“ ſprach der Dauphin und ſchlug die Augen nieder. „Nun! was wollteſt Du von mir, antworte? Wenn Du mir nichts zu ſagen haſt, ſo gehe ich nach Marly ab.“ Und ſchon ſuchte Ludwig XV., ſeiner Gewohnheit gemäß, zu entſchlüpfen. Der Dauphin legte ſein Radirmeſſer und ſein Rä⸗ derwerk auf einen Lehnſtuhl, was andeutete, daß er dem König wirklich etwas von Bedeutung zu ſagen hatte, da er das wichtige Geſchäft, in welchem er begriffen war, unterbrach. „Brauchſt Du Geld?“ fragte raſch der König,„wenn dies der Fall iſt, warte, ich werde Dir ſchicken.“ Und Ludwig XV. machte abermals einen Schritt ge⸗ gen die Thüre. „O nein, ich habe noch tauſend Thaler von der Penſion des laufenden Monats.“ „Was für ein Haushälter!“ rief der König,„wie gut hat ihn mir Herr de la Vauguyon erzogen. In der That, ich glaube er hat ihm alle Tugenden beigebracht, die ich nicht beſitze.“ Der junge Mann machte eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und ſprach: „Sire, iſt die Frau Dauphine noch ſehr fern?“ „Weißt Du das nicht ſo gut wie ich?“ „Ich?“ fragte der Dauphin verlegen. „Allerdings; man hat uns geſtern das Reiſebulletin vorgeleſen; ſie ſollte letzten Montag durch Nancy kommen und muß nun ungefähr fünf und vierzig Lieues von Paris entfernt ſein.“ — „Sire,“ fuhr der Dauphin fort,„findet Eure Ma⸗ jeſtät nicht, daß die Frau Dauphine ſehr langſam reiſt?“ „Nein, nein,“ ſprach Ludwig XV.,„ich finde im Gegentheil, daß ſie für eine Frau, und in Betracht aller der Feſte, der Empfangsfeierlichkeiten, ſehr ſchnell reiſt; ſie macht wenigſtens zehn Lieues alle zwei Tage, einen in den andern gerechnet.“ „Sire, das iſt ſehr wenig,“ verſetzte ſchüchtern der Dauphin. König Ludwig XV. ging von einem Erſtaunen 361 andern bei der Offenbarung dieſer Ungeduld über, von der er keine Ahnung gehabt hatte. „Ah bah!“ machte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln, „Du haſt alſo große Eile?“ Der Dauphin erröͤthete noch mehr als zuvor und ſtammelte:. „Ich verſichere Sie, Sire, es iſt nicht der Grund, den Eure Majeſtät vorausſetzt.“ „Deſto ſchlimmer; ich wollte, es wäre dieſer Grund. Was Teufels! Du biſt ſechzehn Jahre alt; man ſagt, die Prinzeſſin ſei hübſch, und es iſt wohl erlaubt, ungeduldig zu werden. Sei ruhig, Deine Dauphine wird kommen.“ „Sire, könnte man die Ceremonien auf dem Wege nicht etwas abkürzen?“ fuhr der Dauphin fort. „Unmöglich. Sie iſt bereits ohne anzuhalten durch mehrere Städte gefahren, wo ſie hätte verweilen ſollen.“ „Das wird alſo ewig währen. Und dann glaube ich Eines, Sire,“ äußerte der Dauphin ſchüchtern. „Was glaubſt Du? ſprich, laß hören.“. „Ich glaube, daß der Dienſt ſchlecht verſehen wird, Sire.“— 3 „Wie? welcher Dienſt?“ „Der Reiſedienſt.“ „Gehe doch! ich habe dreißigtauſend Pferde, dreißig Carroſſen, ſechzig Fourgons und ich weiß nicht wie viele Caiſſons auf den Weg geſchickt; würde man Caiſſons, Fourgons, Carroſſen und Pferde in einer Linie an einan⸗ 7 60 der ſtellen, ſo ginge es von Paris bis Straßburg. Wie kannſt Du glauben, bei allen dieſen Mitteln werde der Dienſt ſchlecht verſehen?“ „Wohl, Sire, trotz aller Güte Eurer Majeſtät habe ich beinahe die Gewißheit von dem, was ich ſage; nur bediente ich mich vielleicht eines ungeeigneten Ausdrucks und hätte, ſtatt zu ſagen, der Dienſt werde ſchlecht ver⸗ ſehen, ſagen ſollen, der Dienſt ſei ſchlecht organiſirt.“ Der König erhob bei dieſen Worten das Haupt und heftete ſeine Augen auf die des Dauphin, er fing an zu begreifen, daß ſich viele Dinge unter den wenigen Worten verbargen, welche Seine Königliche Hoheit ausgeſprochen. „Dreißigtauſend Pferde,“ wiederholte der König,„dreißig Carroſſen, ſechzig Fourgons, zwei Regimenter zu dieſem Dienſt verwendet.... Ich frage Dich, mein Herr Gelehr⸗ ter, haſt Du je eine Dauphine in Frankreich mit einem ſolchen Geleite einziehen ſehen?“ „Ich geſtehe, Sire, die Sachen ſind koniglich ge⸗ macht, und ſo wie ſie Eure Majeſtät zu machen weiß; doch hat Eure Majeſtät auch eingeſchärft, daß dieſe Pferde, dieſe Carroſſen, kurz dieſes ganze Material einzig und allein im Dienſte der Dauphine und ihres Gefolges ver⸗ wendet werde?“ Der König ſchaute Ludwig zum dritten Male an; ein unbegimmter Verdacht regte ſich in ſeinem Innern, eine kaum faßbare Erinnerung fing an ſeinen Geiſt zu erleuchten; zugleich durchzog eine verworrene Aehnlich⸗ keit zwiſchen dem, was der Dauphin ſagte, und etwas Un⸗ angenehmem, das er ſo eben erfahren, ſeinen Kopf. „Was für eine Frage!“ ſprach der König;„ſicherlich iſt Alles dies für die Frau Dauphine, und deßhalb ſage ich Dir, daß ſie unfehlbar ſehr ſchnell ankommen muß; doch warum ſchauſt Du mich ſo an? Laß hören,“ fügte er mit einem feſten Tone bei, der dem Dauphin drohend erſchien;„ſollteſt Du Dich zufällig damit beluſtigen, meine Züge wie die Federn Deines Uhrwerks zu ſtudiren?“ 4 7 — . 61 Der Dauphin, der eben den Mund oͤffnete, um zu ſprechen, ſchwieg plötzlich bei dieſer Anrede. „Nun!“ fuhr der König raſch fort,„es ſcheint mir Du haſt mir nichts mehr zu ſagen... wie 2... Du biſt zufrieden, nicht wahr? Deine Dauphine kommt, ihr Dienſt wird vortrefflich verſehen, Du biſt reich wie Kröſus durch Deine Privatkaſſe, das ſteht auf das Beſte. Da Dich nun nichts mehr beunruhigt, ſo mache mir das Vergnügen und ſetze mir meine Pendeluhr wieder zuſammen.“ Der Dauphin rührte ſich nicht. „Weißt Du wohl, daß ich Luſt habe Dir das Amt des erſten Uhrmachers vom Schloſſe zu geben, wohl verſtan⸗ den mit einem Gehalt?“ ſagte lachend Ludwig XV. Der Dauphin neigte das Haupt und nahm, einge⸗ ſchüchtert durch den Blick des Königs, wieder von dem Lehnſtuhle das Radirmeſſer und das Rad. Ludwig XV. erreichte mittlerweile ganz ſachte die Thüre. „Was Teufels wollte er mit ſeinem ſchlecht verſehe⸗ nen Dienſte ſagen?“ ſprach der König, den Dauphin an⸗ ſchauend, zu ſich ſelbſt.„Gut, gut, abermals eine Scene vermieden; er iſt unzufrieden.“ Gewöhnlich ſo geduldig, ſtampfte der Dauphin in der That mit dem Fuß auf den Boden. „Das verſchlimmert ſich,“ murmelte Ludwig XV. lachend,„ich habe oſſenbar nur Zeit, zu fliehen.“ Doch plöͤtzlich fand er, als er die Thüre öffnete, auf der Schwelle Herrn von Choiſeul, der ſich tief verbeugte. XXVI. Der Hof des Königs Pétand.*) Ludwig XV. wich bei dem unerwarteten Anblick des neuen Schauſpielers, der ſich in die Scene miſchte, um ſeinen Abgang zu verhindern, einen Schritt zurück *) La cour du roi Pétaud, dieſer Ausdruck bezeichnet im Allgemeinen einen Ort, ein Haus, wo Niemand weiß, wer Koch oder Kellner iſt. Der Ueverſ. 62 3 „Ah! bei meiner Treue!“ dachte er,„dieſen hatte ich vergeſſen. Er ſei willkommen, denn er wird für die Andern bezahlen...“ „Ah! Sie hier!“ rief er,„ich ſchickte nach Ihnen, Sie wiſſen das?“ „Ja, Sire,“ antwortete kalt der Miniſter,„ich klei⸗ dete mich eben an, um mich zu Eurer Majeſtät zu bege⸗ ben, als mir der Befehl zukam.“ „Gut. Ich habe üuͤber ernſte Angelegenheiten mit Ihnen zu ſprechen,“ fing Ludwig XV. an, indem er die Stirne runzelte, um, wenn es möglich wäre, ſeinen Mi⸗ niſter einzuſchüchtern. Zum Unglück für den König war Herr von Choiſeul einer von den Männern, welche ſich am allerwenigſten im Königreich einſchüchtern ließen. „Und ich auch, wenn es Eurer Majeſtät beliebt,“ antwortete er ſich verbeugend,„ich habe auch über ſehr ernſte Angelegenheiten zu ſprechen.“— Zu gleicher Zeit wechſelte er einen Blick mit dem Dauphin, der halb hinter ſeiner Pendeluhr verbor⸗ gen war. Der Köͤnig blieb ſtehen. „Ah! gut,“ dachte er,„auch von dieſer Seite bin ich in dem Dreieck gefangen, und nun iſt es mir nicht mehr moglich, zu entkommen.“ „Sie müſſen wiſſen,“ ſeinem Gegner den erſten Stoß beizubringen,„Sie müſſen ¹ wiſſen, daß der arme Vicomte Jean beinahe ermordet worden wäre.“ 3 „Das heißt, er hat einen Degenſtich in den Vorder⸗ arm bekommen. Ich bin hier, um mit Eurer Majeſtät über dieſes Ereigniß zu ſprechen.“. „Ja, ich begreife, Sie eilten dem Gerücht voran.“ „Ich komme den Commentaren zuvor, Sire.“ „Sie kennen alſo dieſe Angelegenheit, mein Herr?“ fragte der König mit bezeichnender Miene. „Vollkommen.“ ſprach der König eiligſt, um 1— 63 „Ah!“ machte der König,„das habe ich bereits von guter Hand erfahren.“ Herr von Choiſeul blieb unempfindlich: Der Dauphin fuhr fort, eine Schraubenmutter zu befeſtigen, dabei horchte er aber mit geſenktem Kopfe und verlor kein Wort von der Unterredung. „Ich will Ihnen nun ſagen, wie ſich die Sache zu⸗ getragen hat,“ ſprach der König. „Hält ſich Eure Majeſtät für gut unterrichtet?“ fragte Herr von Choiſeul. „Oh! was das betrifft...“ „Wir hören, Sire.“ „Wir hören?“ wiederholte der König. „Allerdings, Monſeigneur der Dauphin und ich.“ „Monſeigneur der Dauphin?“ wiederholte der König, deſſen Augen von dem ehrfurchtsvollen Choiſeul zu dem aufmerkſamen Ludwig Auguſt übergingen,„und was hat der Herr Dauphin mit dieſer Zänkerei gemein?“ „Sie berührt Monſeigneur, weil die Frau Dauphine bei der Sache betheiligt iſt,“ fuhr Herr von Choiſeul mit einer Verbeugung gegen den jungen Prinzen fort. „Die Frau Dauphine iſt betheiligt?“ rief der König ſchauernd. 3 „Allerdings; ſollten Sie das nicht wiſſen, Sire? Dann wäre Eure Majeſtät ſchlecht unterrichtet.“ „Die Frau Dauphine und Jean Dubarry,“ ſprach der König,„das wird interreſſant. Laſſen Sie hö⸗ ren, erklären Sie ſich, Herr von Choiſeul, verbergen Sie mir beſonders nicht das Geringſte, und hätte die Dauphine ubarry den Degenſtich gegeben!“ „Sire, nicht die Frau Dauphine,“ erwiederte Choiſeul mit gleicher Nuhe,„ſondern einer von den Officieren ihrer Escorte.“ 3 „Ah!“ machte der König, der nun wieder ernſt wurde,„ein Officier, den ſie kennen, nicht wahr, Herr von Choiſeul?“ 8 „Nein, Sire, ein Officier, den Eure Majeſtät kennen 64 muß, wenn Eure Majeſtät ſich aller ihrer guten Diener eerinnert; ein Officier deſſen Namen in der Perſon ſeines 3 Vaters bei Philippsburg, Fontenay, Mahon geklungen hat, ein Taverney⸗Maiſon⸗ Rouge.“ Der Dauphin ſchien dieſen Namen mit der Luft des Saales einzuathmen, um ihn beſſer im Gedächtniß zu behalten. „Ein Maiſon⸗Rouge!“ ſagte Ludwig XV., zſicherlich kenne ich das. Eil! warum hat er ſich gegen Jean ge⸗ ſchlagen, den ich liebe? Viell eicht weil ich ihn liebe. einfältige Eiferſüchteleien, Anfänge von Unzufriedenheit, par⸗ tielle Meuterei?“ „Sire, wird Eure Majeſtät die Gnade haben, zu hören?“ verſetzte Herr von Choiſeul. Ludwig XV. begriff, daß er kein anderes Mittel hatte, ſich aus der Sache zu ziehen, als aufgebracht zu zherden. „Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß ich' hierin den Keim einer Verſchwörung gegen meine Ruhe, eine gegen meine Familie organiſirte Verfolgung erblicke.“ „Ah! Sire,“ entgegnete Herr von Choiſeul,„verdient ein junger Mann deßhalb, weil er die Frau Dauphine, die Söhnerin Eurer Majeſtät vertheidigt, ſolche Vorwürfe d” Der Dauphin richtete ſich auf, kreuzte die Arme und ſprach: „Ich geſtehe, ich bin dem jungen Manne dankbar, der ſein Leben für eine Peinzeſſin ausgeſetzt hat, welche in vierzehn Tagen meine Frau ſein wird.“ „Sein Leben ausgeſetzt! ſein Leben ausgeſetzt!“ ſtam⸗ melte der König,„aus welcher Veranlaſſung? darf man wohl wiſſen, aus welcher Veranlaſſung?“ „Weil es dem Herrn Vicomte Jean Dubarry, der ſehr ſchnell reiſte, in den Kopf kam, die Pferde auf der Station zu nehmen, welche die Dauphine eben erreichen ſollte, und zwar ohne Zweifel, um noch ſchneller zu fahren.“ 4 f Der König biß ſich in die Lippen und wechſelte die —,—-——”o— 65 Farbe, er erblickte im Helldunkel wie ein drohendes Ge⸗ ſpenſt die Aehnlichkeit, die ihn kurz zuvor beunruhigt hatte. „Es iſt nicht möglich!, ich kenne die Sache, Sie ſind ſchlecht unterrichtet, Herzog,“ murmelte Ludwig XV., um Zeit zu gewinnen.“ „Nein, Sire, ich bin nicht ſchlecht unterrichtet, und was ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Ehre gehabt habe, iſt reine Wahrheit. Ja, der Herr Vicomte Jean Dubarry hat der Frau Dauphine die Beleidigung angethan, für ſich die für ihren Dienſt beſtimmten Pferde zu nehmen, und er führte ſie, nachdem er den Poſtmeiſter mißhandelt, bereits mit Gewalt fort, als der Herr Chevalier Philipp von Taverney, von Ihrer Königlichen Hoheit abgeſchickt, ankam und nach mehreren hoͤflichen und verſöhnenden Aufforderungen...“ 2 „Oh! oh!“ brummte der König. „Und nach mehreren höflichen und verſöhnenden Auf⸗ forderungen, ich wiederhole dies, Sire.“ 3 „Ja, und ich verbürge mich dafür,“ ſprach der Dauphin. „Sie wiſſen das auch?“ verſetzte der Koͤnig von Erſtaunen ergriffen. „Vollkommen, Sire.“ Herr von Choiſeul verbeugte ſich ſtrahlend und ſprach: „Will Seine Hoheit fortfahren? Seine Majeſtät wird ohne Zweifel mehr Zutrauen zu dem Worte ihres erhabenen Sohnes haben, als zu dem meinigen.“ „Ja, Sire,“ fuhr der Dauphin fort, ohne jedoch für die Wärme, mit der Herr von Choiſeul die Erzher⸗ zogin vertheidigt hatte, alle Dankbarkeit an den Tag zu legen, welche der Miniſter zu erwarten berechtigt war. „Ja, Sire, ich wußte dies und war gekommen, um Euere Majeſtät davon in Kenntniß zu ſetzen, daß nicht allein Herr Dubarry die Frau Dauphine dadurch beleidigte, daß er ihrem Dienſt in den Weg trat, ſondern auch, daß er ſich gewaltſam einem Officier meines Regiments wider⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 5 66. ſetzte, der ſeine Pflicht that, indem er ihn wegen dieſes Mangels an Schicklichkeit zurechtwies.“— Der König ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Das müßte man wiſſen, das müßte man wiſſen.“ „Ich weiß es, Sire,“ ſprach mit ſanftem Tone der Dauphin,„für mich gibt es keinen Zweifel mehr, Herr Dubarry hat den Degen in die Hand genommen.“ „Zuerſt?“ fragte Ludwig XV., glücklich, daß man ihm dieſe Chance geöffnet hatte, um den Streit auszu⸗ gleichen. Der Dauphin erröthete und ſchaute Herrn von Choi⸗ ſeul an, der dem Prinzen, als er ihn in Verlegenheit ſah, ſchleunigſt zu Hülfe kam. „Kurz, Sire,“ ſagte er,„der Degen wurde von zwei Männern gekreuzt, von denen der eine die Dauphine ver⸗ letzte, während der andere ſie vertheidigte.“ „Ja, aber wer war der Angreifer?“ fragte der Kö⸗ nig.„Ich kenne Jean, er iſt ſanft wie ein Lamm.“ „Der Angreifer iſt, wenigſtens wie ich glaube, der⸗ jenige, welcher Unrecht gehabt hat, Sire,“ ſprach der Dauphin mit ſeiner gewöhnlichen Mäßigung. „Das iſt eine delikate Sache,“ ſagte Ludwig XV., „der Angreifer derjenige, welcher Unrecht gehabt hat... derjenige, welcher Unrecht gehabt hat... und wenn der Officier unverſchämt war?“ „Unverſchämt!“ rief Herr von Choiſeul,„unver⸗ ſchämt gegen einen Menſchen, der mit Gewalt die für die Dauphine beſtimmten Pferde wegführen wollte! Iſt das möglich, Sire?“ Der Dauphin ſagte nichts, aber er erbleichte. Ludwig XV. ſah dieſe zwei feindſeligen Stellungen. „Lebhaft, wollte ich ſagen,“ fügte er ſich verbef⸗ ſernd bei. „Und überdies,“ verſetzte Herr von Choiſeul, der die⸗ ſen Schritt rückwärts benützen wollte, um einen Schritt vorwärts zu machen,„und überdies weiß Seine Majeſtät wohl, daß ein eifriger Diener nicht Unrecht haben kann. 67 „Ah ja! doch wie haben Sie dieſes Ereigniß erfah⸗ ren, mein Herr?“ fragte der König den Dauphin, ohne Herrn von Choiſeul aus dem Geſicht zu verlieren, dem dieſe ungeſtüme Aufforderung dergeſtalt in die Quere kam, daß man ſeine Verlegenheit leicht bemerken konnte, trotz der Mühe, die er ſich gab, um ſie zu verbergen. „Srarch einen Brief, Sire,“ antwortete der Dauphin. „Ein Brief, von wem?“ „Von irgend Jemand, der ſich für die Frau Dau⸗ phine intereſſirt und es wahrſcheinlich ſeltſam findet, daß man ſie beleidigt.“ „Sieh da, abermals Myſterien, geheime Correſpon⸗ denzen, Commplotte,“ rief der König.„Man fängt wie⸗ der an, ſich zu verſtändigen, um mich zu plagen, wie zur Zeit von Frau von Pompadour.“ „Nein, nein, Sire,“ verſetzte Herr von Choiſeul,„es iſt eine ganz einfache Sache, ein Verbrechen beleidigter Majeſtät. Eine gute Beſtrafung wird über den Schul⸗ digen verhängt werden, und Alles iſt vorbei.“ Bei dem Worte Beſtrafung ſah Ludwig XV. die Gräfin wüthend und Chon ſchäumend ſich erheben, er ſah den Frieden des Haushalts, den er immer geſucht, ohne ihn je zu finden, entfliehen, und den inneren Krieg mit gekrümmten Nägeln und rothen, von Thränen ge⸗ ſchwollenen Augen eintreten. „Eine Beſtrafung,“ rief er,„ohne daß ich die Par⸗ teien angehört, ohne daß ich beurtheilen kann, auf wel⸗ cher Seite das gute Recht iſt! Ein Staatsſtreich, ein ge⸗ heimer Verhaftsbefehl! Oh! was für einen ſchönen Vor⸗ ſchlag machen Sie mir da, Herr Herzog, in welch eine herrliche Geſchichte verwickeln Sie mich!“ „Aber, Sire, wer wird fortan die Frau Dauphine reſpectiren, wenn nicht ein ſtrenges Beiſpiel an der Perſon des Erſten gegeben wird, der ſie beleidigt hat?“ „Ganz gewiß!“ fügte der Dauphin bei,„und das wäre ein Scandal, Sire.“ „Ein Beiſpiel, ein Scandal,“ ſprach der König. 5 68 ☚ „O! bei Gott, gebt ein Beiſpiel für jeden Scandal, der um uns her vorgeht, und ich werde mein Leben damit hinbringen, daß ich geheime Verhaftsbefehle unterzeichne; ich unterzeichne, Gott ſei Dank, ſo ſchon genug.“ „Es muß ſein, Sire,“ ſagte Herr von Choiſeul. „Sire, ich bitte Eure Majeſtät...“ rief der Dauphin. „Wie, Sie finden ihn noch nicht hinreichend dadurch beſtraft, daß er den Degenſtich bekommen hat?“ „Nein, Sire, denn er konnte Herrn von Taverney verwunden.“ „ und was hätten Sie denn in dieſem Fall ver⸗ langt?“ „Ich hätte ſeinen Kopf von Ihnen verlangt.“ „Aber man hat Herrn von Montgommery nichts Schlimmeres dafür gethan, daß er König Heinrich II. getödtet,“ ſprach Ludwig XV.. „Er tödtete den König aus Zufall, Sire, und Herr Jean Dubarry hat die Dauphine beleidigt mit der Ab⸗ ſicht, ſie zu beleidigen.“ 3 „Und Sie, mein Herr,“ ſagte Ludwig XV., ſich an den Dauphin wendend,„verlangen Sie auch den Kopf von Jean?“ „Nein, Sire, ich bin nicht für die Todesſtrafe, Euere Majeſtät weiß es wohl“ antwortete ſanft der Dauphin. Ich begnüge mich auch, die Verbannung von Ihnen zu 44 * 718 fordern. Der König lachte. 2 „Die Verbannung wegen eines Wirthshausſtreites? Sie ſind ſtreng, trotz ihrer philanthropiſchen Ideen. Es iſt nicht zu leugnen, ehe Sie Philanthrop waren, waren Sie Mathematiker, und ein Mathematiker.. 2 4 „Euere Majeſtät geruhe zu vollenden.. 4 „Und ein Mathematiker würde das Weltall ſeiner Ziffer opfern.“ „Sire,“ ſprach der Dauphin,„ich bin Herrn Du⸗ barry nicht perſönlich böſe.“ 8. 69 „Und wem ſind Sie denn böſe?“ „Dem Angreifer der Frau Dauphine.“ „Was für ein Muſter von einem Ehegatten!“ rief der König ironiſch.„Zum Glück macht man mich nicht ſo leicht an dergleichen glauben. Ich ſehe, wen man hier angreift, und ſehe beſonders, wie weit man mich mit allen dieſen Uebertreibungen führen will.“ „Sire,“ ſagte Herr von Choiſeul,„glauben Sie nicht, man übertreibe; das Publikum iſt in der That entrüſtet über ſo viel Frechheit.“ „Das Publikum! Ah! abermals ein Ungeheuer, das Sie ſich machen, oder vielmehr, das Sie mir machen. Das Publikum, höre ich es, wenn es mir durch die tauſend Zungen ſeiner Libelliſten und ſeiner Phamphlet⸗ ſchreiber, ſeiner Liedermacher und ſeiner Kabalenſchmiede ſagt, man beſtehle, man prelle, man verrathe mich? Ei! mein Gott, nein. Ich laſſe ſie ſprechen und lache. Machen Sie es wie ich, ſchließen Sie das Ohr, und wenn es des Schreiens müde iſt, Ihr Publi⸗ kum, ſo wird es nicht mehr ſchreien. Gut! Sie bringen mir Ihren Unzufriedenheitsgruß. Ludwig macht mir die Grimaſſe eines Schmollenden. Wahrlich, es iſt ſeltſam, daß man nicht für mich thun kann, was man für den letzten Privatmann thut; daß man mich nicht will nach meinem Gefallen leben laſſen; daß man unabläſſig haßt, was ich liebe; daß man ewig liebt, was ich haſſe! Bin ich weiſe oder bin ich ein Narr? Bin ich der Herr, oder bin ich es nicht?“ Der Dauphin nahm ſein Nadirmeſſer und kehrte zu ſeiner Pendeluhr zurück. Herr von Choiſeul verbeugte ſich auf dieſelbe Weiſe wie das erſte Mal.. „Gut! man antwortet mir nichts. Aber antworten Sie mir doch etwas, bei Gottes Tod! Sie wollen mich alſo vor Aerger ſterben machen mit Ihren Redensarten und mit Ihrem Stillſchweigen, mit Ihren kleinen Gehäſ⸗ ſigkeiten und mit Ihren kleinen Befürchtungen?“ — 70 „Ich haſſe Herrn Dubarry nicht, Sire,“ ſprach der Dauphin lächelnd. „Und ich fürchte ihn nicht,“ ſagte ſtolz Herr von Choiſeul. „Hört, Ihr ſeid alle ſchlimme Geiſter,“ rief der König, der den Wüthenden zu ſpielen ſuchte, während er nur ärgerlich war.„Ihr wollt, daß ich mich zur Fabel von Europa mache, daß ich mich von meinem Vetter dem König von Preußen verſpotten laſſe, daß ich den Hof des Königs Pétaud von dieſem Schufte Voltaire verwirk⸗ liche. Ei! nein, das werde ich nicht thun. Nein! Ihr werdet dieſe Freude nicht haben. Ich verſtehe meine Ehre auf meine Weiſe und werde ſie auf meine Weiſe wahren.“ „Sire,“ erwiederte der Dauphin mit ſeiner uner⸗ ſchöpflichen Sanftmuth, aber auch mit ſeiner ewigen Beharrlichkeit,„ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, es handelt ſich nicht um ihre Ehre, ſondern um die Würde der Frau Dauphine, welche verletzt worden iſt.“ „Monſeigneur hat Recht, Sire; ein Wort aus dem Munde Eurer Majeſtät, und Niemand wird wieder beginnen.“ „Und wer ſollte denn wieder beginnen? man hat noch nicht begonnen: Jean iſt ein Toͤlpel, aber er iſt nicht bösartig.“ „Das mag ſein,“ ſprach Herr von Choiſeul,„ſetzen wir das auf die Rechnung des Tölpels, und er entſchuldige ſich mit ſeiner Tölpelei bei Herrn von Taverney.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß mich Alles dies nichts angeht,“ rief Ludwig XV.;„Jean mag ſich entſchuldigen, das ſteht ihm frei; er mag ſich nicht ent⸗ ſchuldigen, das ſteht ihm abermals frei.“ „Wird die Sache ſo ſich ſelbſt überlaſſen, ſo muß ſie nothwendig Lärmen machen, Sire; ich habe die Chre, Euere Majeſtät hievon in Kenntniß zu ſetzen,“ ſagte Herr von Choiſeul. „Deſto beſſer!“ rief der König,„möchte ſie ſo viel Lärmen machen, daß ich darüber taub würde, um alle.. Eure Albernheiten nicht mehr zu hören.“ 71 „Euere Majeſtät bevollmächtigt mich alſo, zu ver⸗ öffentlichen, ſie gebe Herrn Dubarry Recht?“ verſetzte Herr von Choiſeul mit ſeiner unſtörbaren Kaltblütigkeit. „Ich!“ rief Ludwig XV.,„ich Jemand Recht geben in einer Angelegenheit, welche ſo ſchwarz iſt wie Tinte! Man will mich offenbar auf das Aeußerſte treiben. Oh! nehmen Sie ſich in Acht, Herzog... Louis, ſchonen Sie mich um Ihrer ſelbſt willen... Ich laſſe Sie das, was ich Ihnen ſage, überlegen, denn ich bin müde, ich bin erſchöpft, ich halte es nicht mehr aus. Adieu, meine Herren, ich gehe zu meinen Töchtern und flüchte mich nach Marly, wo ich vielleicht ein wenig Ruhe haben werde, wenn Sie mir nicht überallhin folgen.“ In dieſem Augenblick, und als ſich der König gegen die Thüre wandte, öffnete ſich dieſe, ein Huiſſier erſchien auf der Schwelle und ſprach: „Sire, Ihre königliche Hoheit Madame Louiſe erwartet in der Gallerie den Augenblick, um vom König Abſchied zu nehmen.“ „Abſchied!“ rief der König erſtaunt,„und wohin geht ſie?“ „Ihre Hoheit ſagt, ſie habe von Eurer Majeſtät die Erlaubniß erhalten, das Schloß zu verlaſſen.“ „Ah! abermals ein Ereigniß! Meine Bigotte macht thre gewöhnlichen närriſchen Streiche. In der That, ich bin der unglücklichſte der Menſchen.“ Und er lief in größter Eile aus dem Saale. „Seine Majeſtät läßt uns ohne Antwort,“ ſagte der Herzog zum Dauphin,„was entſcheidet Eure König⸗ liche Hoheit?“ „Ah! nun ſchlägt ſie,“ rief der junge Prinz, mit einer geheuchelten oder einer wirklichen Freude auf das Klingeln der wieder in Bewegung geſetzten Uhr horchend. Der Miniſter runzelte die Stirne und entfernte ſich rückwärts aus der Salle des Pendules, wo der Dauphin allein blieb. N 72— XXVII. Frau Loniſe von Frankreich.. Die älteſte Tochter des Königs erwartete ihren Vater in der großen Gallerie von Lebrun, derſelben, wo Lud⸗ wig XIV. den Dogen Imperiali und die vier geuueſiſchen Senatoren, welche um Verzeihung für die Republik flehten, empfangen hatte. Am Ende dieſer Gallerie, der Thüre gegenüber, durch die der König eintreten ſollte, befanden ſich einige Ehrendamen, die ganz beſtürzt ausſahen; Ludwig XV. kam in dem Augenblick, wo die Gruppen ſich in dem Beſtibule zu bilden anfingen; denn der Entſchluß, den die Prinzeſſin am Morgen gefaßt zu haben ſchien, verbreitete ſich allmälig im ganzen Palaſt.— Frau Louiſe von Frankreich, eine Prinzeſſin von majeſtätiſchem Wuchſe und einer ganz königlichen Schön⸗ heit, dabei aber von einer unbekannten Traurigkeit, welche zuweilen ihre Stirne runzelte, Frau Louiſe von Frank⸗ reich, ſagen wir, flößte dem ganzen Hofe durch die Uebung der ſtrengſten Tugenden die Achtung für die großen Mächte des Staates ein, welche man ſeit fünfzig Jahren in Frankreich nur noch aus Intereſſe oder aus Furcht zu verehren wußte. Mehr noch: in dieſem Augenblick allgemeiner Ab⸗ neigung es Volkes gegen ſeine Gebieter(man ſagte noch nicht öffentlich gegen ſeinen Tyrannen), liebte man fie. Dies kam davon her, daß ihre Tugend nicht harter, zu⸗ rückſchreckender Natur war; obgleich man nie laut von ihr geſprochen hatte, erinnerte man ſich doch, daß ſie ein Herz beſaß. Und jeden Tag bewies ſie dies durch Wohl⸗ thaten, während es die Andern nur durch den Scandal offenbarten. Ludwig XV. fürchtete ſeine Tochter aus dem einzigen Grunde, weil er ſie ſchätzte. Zuweilen war er ſogar ſtolz auf ſie. Es war auch das einzige von ſeinen Kindern, das er mit ſeinen beißenden Spöttereien, oder mit ſeinen —— Kräh — 73 trivialen Vertraulichkeiten verſchonte, und während er ſeine drei anderen Töchter, Adelaide, Victoire und Sophie, Loque, Chiffe und Graille*) nannte, nannte er Louiſe von Frankreich Madame.. Seitdem der Marſchall von Sachſen die Seele der Turenne und der Condé, und Maria Leczinska den Geiſt des Benehmens von Maria Thereſia mit in das Grab genommen hatten, machte ſich Alles klein um den verklei⸗ nerten Thron; da bildete Madame Louiſe, eine Frau von wahrhaft königlichem Charakter, welche vergleichungsweitt heldenmüthig erſchien, den Stolz des Hofes, der mitten unter ſeinem Rauſchgold und ſeinen falſchen Steinen nur noch dieſe koſtbare Perle beſaß. Wir ſagen deshalb nicht, Ludwig XV. habe ſeine Tochter geliebt, Ludwig XV. liebte bekanntlich nur ſich ſelbſt. Wir behaupten nur, daß er größere Stücke auf ſie hielt, als auf die Andern. Als er eintrat, ſah er die Prinzeſſin allein mitten in der Gallerie, auf einen mit Blutjaspis und Lapis⸗lazuli incuſtirten Tiſch geſtützt. Sie war ſchwarz gekleidet; ihre ſchoͤnen ungepuderten Haare verbargen ſich unter einem dopelten Geſchoße von Spitzen; minder ſtreng als gewöhnlich, war ihre Stirne vielleicht trauriger als in andern Stunden. Sie betrachtete nichts um ſich her, nur zuweilen ließ ſie ihre ſchwermü⸗ thigen Augen über die Portraite der Könige Europa's laufen, an deren Spitze ihre Ahnen, die Könige von Frankreich, glänzten. Das ſchwarze Coſtume war die gewöhnliche Reiſe⸗ tracht der Prinzeſſinnen; es verbarg die langen Taſchen, welche man zu jener Zeit trug, wie in den Zeiten der wirthſchaftlichen Königinnen, und Madame Louiſe hatte an ihrem Gürtel, gehalten von einem goldenen Ringe, die zahlreichen Schluſſel ihrer Kiſten und Schränke. — V·H;—— * ) Loque Fetzen, Chiffe ein dünner, ſchlechter eug, Graille e. 4 — 74 Der König wurde ſehr nachdenkend, als er ſah, mit welchem Stillſchweigen und beſonders mit welcher Auf⸗ merkſamkeit man den Erfolg dieſer Scene erwartete. Doch die Gallerie war ſo lang, daß ſich die Zu⸗ ſchauer, an die beiden Enden geſtellt, keinen Verſtoß gegen die Discretion für die handelnden Perſonen zu Schulden kommen laſſen konnten. Sie ſahen, das war ihr Recht; ſie hörten nichts, das war ihre Pflicht. Die Prinzeſſin ging dem König einige Schritte ent⸗ gegen, nahm ſeine Hand und küßte ſie ehrfurchtsvoll. „Man ſagt, Sie wollen reiſen, Madame?“ fragte Ludwig XV.„Gehen Sie in die Picardie?“ 5 „Nein, Sire,“ antwortete die Prinzeſſin. „Ah! ich errathe,“ ſprach der König, die Stimme erhebend;„Sie gehen als Pilgerin nach Noirmoutiers.“ „Nein, Sire,“ erwiederte Madame Louiſe,„ich ziehe mich in das Kloſter der Carmeliterinnen von Saint⸗Denis zurück, deſſen Aebtiſſin ich ſein kann, wie Sie wiſſen.“ Der König bebte, aber ſein Geſicht blieb ruhig, ob⸗ gleich ſein Herz wirklich erſchüttert war. „O! nein,“ ſagte er,„nein, meine Tochter, nicht wahr, Sie werden mich nicht verlaſſen? Es iſt unmög⸗ lich, daß Sie mich verlaſſen.“ „Mein Vater, ich habe ſeit langer Zeit dieſen Rück⸗ zug beſchloſſen, und Eure Majeſtät hat die Gnade gehabt, mich dazu zu bevollmächtigen; widerſtehen Sie mir alſo nicht, mein Vater, ich bitte Sie darum.“ „Ja, es iſt wahr, ich habe dieſe Vollmacht ertheilt, doch nachdem ich lange gekämpft, wie Sie wiſſen. Ich habe ſie ertheilt, weil ich immer hoffte, im Augenblick der Abreiſe würde Ihnen das Herz dazu fehlen. Sie können ſich nicht in einem Kloſter begraben; das ſind ver⸗ geſſene Gebräuche; man tritt nur in das Kloſter in Folge von Kummer oder Täuſchungen des Glückes. Die Tochter des Königs von Frankreich iſt nicht arm, ſo viel ich weiß, und wenn ſie ſich unglücklich fühlt, ſoll es Niemand erfahren.“ — 1 75 Das Wort und der Geiſt des Königs erhoben ſich immer mehr, je mehr er in der Rolle des Königs und Vaters vordrang, die ein Schauſpieler nie ſchlecht ſpielt, wenn der Stolz zu dem einen Theile räth und das Be⸗ dauern den andern einflößt. „Sire,“ antwortete Louiſe, welche die Erſchütterung ihres Vaters wahrnahm und von dieſer bei dem ſelbſt⸗ ſüchtigen Ludwig XV. ſo ſeltenen Gemüthsbewegung eben⸗ falls tiefer geruͤhrt wurde, als ſie es durchblicken laſſen wollte,„Sire, ſchwächen Sie meine Seele nicht dadurch, daß Sie mir Ihre Zärtlichkeit offenbaren. Mein Kummer iſt kein gewöhnlicher Kummer, deshalb ſteht mein Ent⸗ ſchluß über den Gewohnheiten unſeres Jahrhunderts..“ „Sie haben alſo Kummer?“ rief der König mit einem Blitze des Gefühls,„Kummer, mein armes Kind!“ „Grauſamen, ungeheuren, Sire!“ antwortete Madame ouiſe. „Ei! meine Tochter, warum ſagten Sie mir das nicht?“ „Weil es ein Kummer iſt, den eine menſchliche Hand nicht zu heilen vermag.“ „Selbſt nicht die eines Königs 20 „Selbſt nicht die eines Königs, Sire.“ „Selbſt nicht die eines Vaters?“ „Eben ſo wenig, Sire, nein, eben ſo wenig.“ „Sie ſind fromm, Louiſe, und können Kraft in der Religion ſchöpfen.“ „Noch nicht genug, Sire, und ich ziehe mich in ein Kloſter zurück, um mehr zu finden. In der Stille ſpricht ott zum Herzen des Menſchen; in der Einſamkeit ſpricht der Menſch zum Herzen Gottes.“ „Aber Sie bringen dem Herrn ein ungeheures Opfer, das nichts ausgleichen wird Der Thron Frankreichs wirft einen erhabenen Schatten auf die um ihn her erzoge⸗ nen Kinder; genügt Ihnen dieſer Schatten nicht?“ „Der der Zelle iſt noch tiefer, mein Vater, er erquickt das Herz, er iſt ſanft für die Starken, wie für die 76 Schwachen, für die Demüthigen, wie für die Stolzen, für die Großen, wie für die Kleinen. „Glauben Sie denn irgend eine Gefahr zu laufen? Dann, Louiſe, iſt der König da, um Sie zu beſchützen.“ „Sire, Gott beſchütze zuerſt den König!“ 3 & 0& 1 f, S. ſ 8 „Ich wiederhole Ihnen, Louiſe, Sie laſſen ſich durch einen ſchlecht verſtandenen Eifer irre leiten. Beten iſt ſchön, aber nicht immer beten. Sie, die Sie ſo gut, ſo fromm ſind, was brauchen Sie ſo viel zu beten?“ „Nie werde ich genug beten, o mein Vater! nie werde ich genug beten, o mein König! um alles Unglück abzuwenden, das über uns einbrechen wird! Die Güte, welche mir Gott verliehen hat, die Reinheit, welche ich ſeit zwanzig Jahren unabläſſig zu läutern trachte, bilden, wie ich befürchte, noch nicht das Maß von Reinheit und Unſchuld, deſſen das Sühnopfer bedürfen würde.“„ Der König wich einen Schritt zurück, ſchaute Ma⸗ dame Louiſe erſtaunt an und ſagte: „Nie haben Sie ſo mit mir geſprochen. Sie ver⸗ wirren ſich, liebes Kind, der Ascetismus richtet Sie zu Grund.“ „O, Sire! nennen Sie nicht mit dieſem weltlichen Namen das wahrſte und beſonders das nothwendigſte Opfer, das je eine Unterhanin ihrem König und eine Tochter ihrem Vater in dringender Noth dargebracht hat. Sire, Ihr Thron, deſſen beſchützenden Schatten Sie mir ſo eben ſtolz anboten, Ihr Thron wankt unter Stoßen, die Sie noch nicht fühlen, die ich aber bereits ahne. Etwas Tiefes gräbt ſich dumpf wie ein Abgrund, worein ſich plötzlich die Monarchie verſenken kann. Hat man Ihnen je die Wahrheit geſagt, Sire?“ Madame Louiſe ſchaute umher, um zu ſehen, ob Nie⸗ mand ſie zu hoͤren vermöchte, und als ſie bemerkte, daß Je⸗ dermann weit genug entfernt war, fuhr ſie fort: „Nun wohl! ich kenne ſie, ich, die ich unter dem Gewande einer barmherzigen Schweſter zwanzigmal die vüſteren Gaſſen, die ausgehungerten Manſarden, die Kreuz⸗ —— 77 wege voll Seufzer beſucht habe. In dieſen Gaſſen, auf dieſen Kreuzwegen, in dieſen Manſarden, Sire, ſtirbt man vor Hunger und Kälte im Winter, vor Durſt und Hitze im Sommer. Die Felder, die Sie nicht ſehen, Sire, denn Sie fahren nur von Verſailles nach Marly und von Marly nach Verſailles, die Felder haben kein Korn mehr, ich ſage nicht, um das Volk zu ernähren, ſondern um die Furchen einzuſäen, welche, verflucht durch irgend eine feindliche Macht, verſchlingen und nicht zurückgeben. Alle dieſe Leute, denen es an Brod gebricht, murren dumpf, denn unbeſtimmte, unbekannte Geruͤchte ziehen durch die Luft in der Abenddämmerung, in der Nacht, und ſprechen ihnen von Eiſen, von Ketten, von Tyranneien, und bei dieſen Worten erwachen ſie, hören ſie auf, ſich zu beklagen, und fangen an zu murren. Die Parlamente verlangen ihrerſeits das Recht der Vorſtellung, das heißt, das Recht, Ihnen ganz laut zu ſagen, was ſie leiſe ſpre⸗ chen:„„König, Du richteſt uns zu Grund! rette uns, oder wir retten uns allein.““ Die Kriegsleute graben mit ihrem unnützen Degen eine Erde aus, worin die Freiheit keimt, welche die Eneyklopädiſten mit vollen Händen hin⸗ eingeworfen haben. Die Schriftſteller wiſſen, was wir Böſes thun, zu gleicher Zeit, wo wir es thun, und thei⸗ len es dem Volk mit, das jetzt die Stirne runzelt, ſo oft es ſeine Gebieter vorübergehen ſieht. Eure Majeſtät verheirathet ihren Sohn! Als einſt die Königin Anna von Oeſterreich den ihrigen verheirathete, machte Paris der Prinzeſſin Maria Thereſia Geſchenke. Heute ſchweigt nicht nur im Gegentheil die Stadt, bietet die Stadt nicht nur nichts an, ſondern Eure Majeſtät hat die Steuern erzwingen müſſen, um die Carroſſen zu bezahlen, mit denen man eine Tochter von Cäſar zu einem Sohn des heiligen Ludwig führt. Die Geiſtlichkeit iſt ſeit langer Zeit gewohnt, nicht mehr zu Gott zu beten, aber ſie fühlt, daß die Ländereien verſchenkt, die Priyilegien er⸗ ſchöpft, die Kaſſen geleert ſind, und fängt wieder an, Gott um das zu bitten, was ſie das Glück des Volkes nennt! 78 3 „ Soll ich Ihnen endlich ſagen, Sire, was Sie wohl wiſſen, was Sie mit ſo viel Bitterkeit wahrgenommen, daß Sie mit Niemand davon ſprachen? Die Könige, unſere Brüder, die uns einſt beneideten, die Könige, unſere Brüder, wenden ſich von uns ab. Ihre vier Töchter, Sire, die Töchter des Königs von Frankreich, Ihre vier Töchter ſind unverheirathet geblieben, und es gibt zwanzig Prinzen in Deutſchland, drei in England, ſechzehn in den Staaten des Norden, ohne unſere Ver⸗ wandten, die Bourbonen von Spanien und Neapel zu zählen, die uns vergeſſen oder ſich von uns abwenden, wie die Anderen. Vielleicht hätte uns der Türke gewollt, wären wir nicht die Töchter des allerchriſtlichſten Königs geweſen. Oh! ich ſpreche nicht für mich, mein Vater, mein Stand iſt ein glücklicher Stand, denn ich bin frei, denn ich bin Niemand von meiner Famillie noͤthig, denn ich kann in der Zurückgezogenheit, in der Beſchauung, in d der Armuth zu Gott beten, daß er von Ihrem Haupte und von dem meines Neffen den furchtbaren Sturm ab⸗ lenke, den ich in der Ferne am Himmel der Zukunft aufziehen ſehe.“ „Meine Tochter, mein Kind,“ entgegnete der König, ü „Deine Befürchtungen machen Dir dieſe Zukunft ſchlimmer als ſie iſt.“ 1 „Sire, Sire,“ ſprach Madame Louiſe,„erinnern Sie ſich der Fürſtin des Alterthums, der kniglichen Pro⸗ 5 phetin; ſie weiſſagte wie ich ihrem Vater und ihren Brü-⸗ dern den Krieg, die Zerſtörung durch Feuer und Schwert; und ihr Vater und ihre Brüder lachten über ihre Weiſ⸗ d ſagungen und nannten ſie wahnſinnig. Seien Sie auf d Ihrer Hut, o mein Vater! bedenken Sie, o mein König!“ 9 Ludwig XV. kreuzte ſeine Arme, ließ ſein Haupt auf 4 ſeine Bruſt ſinken und erwiederte: „Meine Tochter, Sie ſprechen ſtreng mit mir, das Unglück, das Sie mir vorwerfen, iſt es denn mein Werk 23 „ Gott verhüte, daß ich dies denke, doch es iſt das der Zeit, in der wir leben; Sie werden fortgeriſſen, wie wir Alle. Hören Sie, Sire, wie man auf den Parterren Beifall klatſcht bei der geringſten Anſpielung gegen das Königthum; ſehen Sie, wie die freudigen Gruppen am Abend mit großem Geräuſch die kleinen Treppen der En⸗ treſols herabſteigen, während die große Marmortreppe dü⸗ ſter und öde iſt. Sire, das Volk und die Höflinge haben ſich beſondere, von den unſerigen getrennte Vergnügungen gemacht; ſie beluſtigen ſich ohne uns, oder vielmehr, wenn wir erſcheinen, wo ſie ſich beluſtigen, machen wir ſie traurig.„Ach!“ fuhr die Prinzeſſin mit einer anbetungs⸗ würdigen Schwermuth fort,„ach! arme, ſchöne junge Leute! arme reizende Frauen! liebt! ſingt! vergeßt! ſeid glücklich! Ich war Euch hier läſtig, während ich Euch dort dienen werde. Hier unterdrücktet Ihr Euer freudiges Ge⸗ lächter, aus Furcht, mir zu mißfallen; dort, dort werde ich beten, oh! ich werde beten von ganzem Herzen für den Köonig, für meine Schweſtern, für meine Neffen, für das Volk von Frankreich, für Eu ch Alle endlich, die ich liebe, mit der Kraft denſchaft geſchwächt h „Meine Tochter,“ ſtern Stillſchweigen,„i eines Herzens, das noch keine Lei⸗ at.“. ſprach der König, nach einem dü⸗ ch flehe Sie an, verlaſſen Sie mich nicht, wenigſtens nicht in dieſem Augenblick; Sie haben mein Herz gebrochen.“ Louiſe von Frankreich ergriff die Hand ihres Vaters, heftete voll Liebe ihre Augen auf das edle Antlitz von Ludwig XV. und ſprach: „Nein, nein, mein Vater, nicht eine Stunde mehr in dieſem Palaſt. Nein, es iſt Zeit, daß ich bete. Ich fühle die Kraft in mir, durch meine Thränen alle Vergnügun⸗ gen zu ſühnen, nach denen Sie trachten, Sie, der Sie noch ſo jung ſind, Sie, der Sie ein guter Vater ſind, eer Sie zu vergeben wiſſen.“ 3„Bleibe bei uns, Louiſe, bleibe bei uns„“ ſprach der König, und ſchloß ſeine Tochter in ſeine Arme. dder k Die Prinzeſſin ſchüttelte den Kopf, machte ſich aus öniglichen Umarmung los, und erwiederte traurig: 80 „Mein Reich iſt nicht von dieſer Welt. Leben Sie wohl, mein Vater. Ich habe heute Dinge geſagt, die mein Herz ſeit zehn Jahren belaſteten. Die Bürde er⸗ drückte mich. Leben Sie wohl; ich bin zufrieden. Sehen Sie: ich lächle, ich bin ſeit heute erſt glücklich. Ich be⸗ klage nichts.“ „Nicht einmal die Trennung von mir, meine Tochter?“ „Oh! ſie würde mir Kummer machen, wenn ich Sie nicht mehr ſehen ſollte; doch Sie werden zuweilen nach Saint⸗Denis kommen; Sie werden mich nicht gänzlich vergeſſen.“ „Oh! nie! nie!“ „Laſſen Sie ſich nicht erſchüttern, Sire. Man ſoll nicht denken, dieſe Trennung ſei von Dauer. Meine Schweſtern wiſſen, wenigſtens wie ich glaube, noch nichts; meine Frauen allein ſind in das Vertrauen gezogen. Seit acht Tagen treffe ich alle Anſtalten und es iſt mein innig⸗ ſter Wunſch, daß der Lärm meiner Abreiſe erſt nach dem der ſchweren Pforten von Saint⸗Denis ertöne. Dieſer letztere Lärm wird mich verhindern, den andern zu hören.“ Der König las in den Augen ſeiner Tochter, daß ihr Vorhaben unerſchütterlich war. Es war ihm ohnedies lieber, daß ſie ohne Geräuſch abreiſte. Wenn Madame Louiſe den Ausbruch des Schluchzens für ihren Entſchluß befürchtete, ſo befürchtete ihn der König noch viel mehr für ſeine Nerven. Dann wollte er nach Marly gehen, und zu viel Schmerz in Verſailles hätte nothwendig die Reiſe ver⸗ zögert. Endlich bedachte er, daß er, eine zugleich des Königs und des Vaters unwürdige Orgie verlaſſend, nicht mehr dem ernſten, traurigen Geſichte begegnen würde, welches ihm wie ein Vorwurf uber das ſorgloſe, träge Leben, das er führte, erſchien. „Es geſchehe nach Deinem Willen, mein Kind,“ ale er;„empfange den Segen Deines Vaters, den Du ſtets vo kommen glücklich gemacht haſt.“ „Nur Ihre Hand, daß ich ſie küſſe, Sire, und geben Sie mir im Geiſte dieſen koſtbaren Segen.“ Für diejenigen, welche von ihrem Entſchluß unterrich⸗ tet waren, bot ſie ein großartiges, feierliches Schauſpiel, dieſe Prinzeſſin, welche mit jedem Schritte, den ſie that, ihren Ahnen näher rückte, die aus der Tiefe ihrer goldenen Särge ihr zu danken ſchienen, daß ſie lebendig kam, um ſie in ihren Gräbern aufzuſuchen. An der Thüre grüßte der König ſeine Tochter, und wandte ſich dann um, ohne ein Wort zu ſagen. Der Hof folgte ihm, der Etiquette gemäß. XXVIII. 4 Loque, Chiffe und Graille. Der König wandte ſich nach dem Cabinet der Equi⸗ pagen, wo er vor der Jagd oder der Spazierfahrt einige Augenblicke zuzubringen pflegte, um beſondere Befehle den Leuten vom Dienſt zu geben, deren er für den Reſt des Tages bedurfte. Am Ende der Gallerie grüßte er die Höflinge und bedeutete ihnen durch ein Zeichen, daß er allein ſein wolle. Als Ludwig XV. allein war, ſetzte er ſeinen Weg durch einen Corridor fort, auf welchen die Gemächer der Prinzeſſinnen gingen. Vor der durch eine Tapete ver⸗ ſchloſſenen Thüre angelangt, blieb er einen Augenblick ſtehen, ſchüttelte den Kopf und brummte durch die Zähne: „Es war nur Eine von ihnen gut, und dieſe iſt ab⸗ gereiſt.“ „Eiin Ausbruch von Stimmen antwortete auf dieſes für die Uebrigen ziemlich unhöfliche Ariom. Die Tapete wurde aufgehoben und Ludwig XV. mit den Worten: „Ich danke, mein Vater!“ begrüßt, die im Chor ein wüthendes Trio an ihn richtete. Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 6 82 Der König befand ſich mitten unter ſeinen drei an⸗ dern Töchtern. „Ah! Du biſt es, Loque,“ ſagte er, ſich an die äͤlteſte von den dreien, nämlich an Madame Adelaide wendend. „Ah, meiner Treue! deſto ſchlimmer, ärgere Dich, oder ärgere Dich nicht, ich habe die Wahrheit geſprochen.“ „Oh!“ verſetzte Madame Victoire,„Sie haben uns nichts Neues gelehrt, Sire, wir wiſſen, daß Sie Louiſe ſtets vorgezogen“ 8 Meiner Treue! Du haſt eine große Wahrheit geſagt, hiffe.“ „Was weißt Du davon, Graille?“ entgegnete er. „Hat Dich Louiſe bei ihrer Abreiſe in's Vertrauen gezo⸗ gen? Das ſollte mich wundern, denn ſie liebte Dich nicht beſonders.“ „Ah! meiner Treue! jedenfalls gebe ich es ihr zurück,“ antwortete Madame Sophie. 3 „Sehr gut!“ ſagte Ludwig XV.,„haßt Euch, ver⸗ abſcheut Euch, zerreißt Euch, das iſt Eure Sache; wenn Ihr nur mich nicht in Anſpruch nehmt, daß ich die Ord⸗ nung im Reiche der Amazonen wiederherſtelle, iſt es mir gleichgültig. Doch ich wünſche zu wiſſen, in welcher Hin⸗ ſicht die arme Louiſe mich quälen ſoll?“ „Die arme Louiſe!“ erwiederten gleichzeitig Madame Bictoire und Madame Adelaide, indem ſie ihre Lippen auf zwei verſchiedenen Arten verlängerten. „In welcher Hinſicht Louiſe Sie quälen ſoll? Nun ich will es Ihnen ſagen, mein Vater.“ 83 Ludwig ſtreckte ſich in einem großen Lehnſtuhle aus, der neben der Thüre ſtand, ſo daß der Rückzug immer etwas Leichtes für ihn blieb. „Weil Madame Louiſe ein wenig von dem Dämon geplagt wird, der die Aebtiſſin von Chelles in Bewegung ſetzte,“ antwortete Sophie,„und weil ſie ſich in das Klo⸗ ſter zurückzieht, um Erperimente zu machen.“ „Stille, ſtille,“ ſagte Ludwig XV.,„ich bitte, keine Zweideutigkeiten über die Tugend Ihrer Schweſter; man hat außen, wo man doch ſehr viel ſagt, nie etwas über ſie geſagt. Fangen Sie nicht an.“ „Ich?“ „Ja Sie.. „Oh! ich ſage nichts von ihrer Tugend,“ entgegnete Madame Sophie, verletzt durch die beſondere Betonung, mit der ihr Vater das Wort Sie ausſprach, und durch ſeine abſichtliche Wiederholung;„ich ſage nur, ſie werde Erperimente machen, und weiter nichts.“ „Nun! wenn ſie Chemie treiben, wenn ſie ſich im Fechten üben und Röllchen für Lehnſtühle machen, wenn ſie Flöte blaſen, wenn ſie Tambourin ſchlagen, wenn ſie Claviere zertrümmern, oder auf der Violine kratzen würde, welches Unglück könnten Sie darin ſehen?“ „Ich ſage, ſie wird Politik treiben.“ Ludwig XV. bebte. „Die Philoſophie, die Theologie ſtudiren, und die Commentare über die Bulle Unigenitus fortſetzen, ſo daß wir, zwiſchen ihre Regierungstheorien, ihre metaphy⸗ ſchen Syſteme und ihre Theologie genommen, als die Unnützen der Familie erſcheinen werden... wir. „Welches Uebel ſeht Ihr hierin, wenn das Eure Schweſter in das Paradies führt?“ verſetzte Ludwig XV., ziemlich betroffen über den Zuſammenhang zwiſchen der Anklage von Graille und der politiſchen Diatribe, durch die ihn Madame Louiſe bei ihrem Abgang erwärmt hatte. „Beneidet Ihr ihre Gottſeligkeit? Das wäre die Sache von ſehr ſchlechten Chriſtinnen.“ 8 6* 84 „Ah! meiner Treue, nein,“ ſagte Madame Victoire,„ich laſſe ſie gehen, wohin ſie gehen will, nur folge ich ihr nicht.“ „Ich auch nicht,“ fügte Madame Sophie bei. ullebrigens haßte ſie uns,“ rief Madame Vitctoire. „Euch?“ verſetzte Ludwig XV. „Ja, uns, uns,“ antworteten die zwei andern Schweſtern. „Ihr werdet ſehen, daß dieſe arme Louiſe nur das Paradies gewählt hat, um nicht mit ihrer Familie zuſam⸗ menzukommen,“ erwiederte Ludwig XV. Dieſer Einfall machte die drei Schweſtern nur in geringem Maße lachen. Madame Adelaide, die älteſte Lon den Dreien raffte ihre ganze Logik zuſammen, um dem König einen ſchärferen Streich beizubringen, als die, welche an ſeinem Panzer abgeglitſcht waren. „Meine Damen,“ ſagte ſie mit dem gekniffenen Tone, der ihr eigenthümlich war, wenn ſie aus der Indolenz heraustrat, wegen der ſie von ihrem Vater den Namen Loque erhalten hatte,„meine Damen, Sie wollten oder wagten es nicht, dem König die wahre Urſache der Ab⸗ reiſe von Madame Louiſe zu ſagen.“* „Gut! abermals eine Anſchwärzung,“ ſprach der Kö⸗ nig.„Vorwärts, Loque, vorwärts!“ „Oh! Sire,“ erwiederte dieſe, nich weiß wohl, daß ich Sie ein wenig ärgern werde.“ „Sagen Sie, Sie hoffen es, das iſt richtiger.“ Madame Adelaide biß ſich auf die Lippen. „Doch ich werde die Wahrheit ſagen,“ fügte ſie bei. „Gut! das verſpricht etwas. Die Wahrheit! hüten Sie ſich doch, ſolche Dinge zu ſagen. Spreche ich je die Wahrheit? Ei ſeht, ich befinde mich darum, Gott ſei Dank, nicht ſchlimmer,“ verſetzte Ludwig XV. und zuckte die Achfeln. „Sprich doch, meine Schweſter, ſprich,“ ſagten gleichzeitig die zwei andern Prinzeſſinnen, ungeduldig, den Grund zu erfahren, der den König ſo ſehr verletzen ſollte. „Gute Herzchen,“ brummte Ludwig XV.,„ſeht doch, wie ſie ihren Vater lieben!“— 8⁵ Und er tröſtete ſich durch den Gedanken, daß er es ihnen zurückgab. „Was unſere Schweſter Louiſe am meiſten auf der Welt befürchtete, ſie, die ſo viel auf die Etiquette hielt,“ fuhr Madame Adelaide fort,„das war...“ „Das war...?“ wiederholte Ludwig XV.,„vollenden b. Sie doch wenigſtens, da Sie einmal angefangen haben.“ „Nun, Sire, es war das Eindringen neuer Ge⸗ ſichter.“ 1 „Das Eindringen, ſagen Sie?“ entgegnete der Kö⸗ nig, unzufrieden über dieſen Anfang, weil er zum Voraus fühlte, wohin gezielt war,„das Eindringen! gibt es Ein⸗ dringlinge bei mir? Zwingt man mich, zu empfangen, wen ich nicht ſehen will?“ Dies hieß auf eine ziemlich geſchickte Art den Sinn des Geſpräches völlig verändern. Doch Madame Adelaide war ein zu feiner Spürhund, um ſich ſo abbringen zu laſſen, wenn ſie einmal auf der 2 Fährte irgend einer guten Bosheit war. „Ich habe mich ſchlecht ausgedrückt, Sire,“ verſetzte ſie,„ich habe mich ſchlecht ausgedrückt, und das iſt nicht das geeignete Wort. Statt Eindringen hätte ich Einfüh⸗ ren ſagen ſollen.“ „Ah! ah!“ rief der König,„das iſt ſchon eine Ver⸗ beſſerung, das andere Wort war mir läſtig, ich muß es geſtehen; Einführen liebe ich mehr.“ „Und dennoch glaube ich, Sire, daß es immer noch nicht das wahre Wort iſt,“ fuhr Madame Adelaide fort. „Welches iſt es denn?“ „Vorſtellung.“ „Ah! ja,“ ſagten die andern Schweſtern, ſich mit der älteſten vereinigend,„ich glaube diesmal iſt es getroffen.“ Der König biß ſich auf die Lippen. „Ah! Ihr glaubt!“ verſetzte er. „Ja,“ antwortete Madame Adelaide.„Ich ſage alſo, meine Schweſter habe ungemein die neuen Vorſtellungen befürchtet.“ 86 „Nun!“ machte der König, der raſch zu Ende zu kommen wünſchte,„hernach?“ „Nun! mein Vater, ſie wird folglich bange gehabt haben, die Frau Gräfin Dubarry an den Hof kommen zu ſehen.“ „Vorwärts,“ rief der König mit einem unwiderſteh⸗ lichen Erguſſe des Aergers,„vorwärts, ſagen Sie das Wort und drehen Sie ſich nicht ſo lange um daſeelbe, Cordieu! wie halten Sie mich hin, Frau Wahrheit.“ „Sire,“ erwiederte Madame Adelaide,„wenn ich ſo lange zögerte, Eurer Majeſtät zu ſagen, was ich nun ge⸗ ſagt habe, ſo geſchah es aus Achtung, und Ihr Befehl allein konnte mir den Mund über einen ſolchen Gegenſtand öffnen.“ „Ach! ja! Sie halten ihn geſchloſſen, Ihren Mund, Sie gähnen nicht, Sie ſprechen nicht, Sie beißen nicht!“ „Es iſt darum nicht minder richtig, Sire, daß ich den wahren Beweggrund des Rückzuges meiner Schweſter gefunden zu haben glaube,“ fuhr Madame Adelaide fort. „Ihr täuſcht Euch.“ mir ſcheint. Deshalb alſo konnte dieſe Vorſtellung nicht „Auf welche Geſuche, auf welche Audienzbitten?“ fragte Madame Adelaide. „Ei, Sie wiſſen es wohl: auf die Bittſchriften von Mademoiſelle Jeanne Vaubernier,“ ſagte Madame Sophie. „Nein, auf die Audienzbitten von Mademoiſelle Lange,“ verſetzte Madame Victoire. 87. Der König ſtand wüthend auf; ſein ſonſt ſo ſanftes Auge ſchleuderte einen für die drei Schweſtern nicht ſehr beruhigenden Blitz, und da ſich in dem königlichen Trio keine Heldin fand, welche im Stande war, den väterlichen Zorn auszuhalten, ſo beugten alle drei die Stirne unter dem Sturm. 4 „Auf dieſe Art benehmt Ihr Euch, um mir zu be⸗ weiſen, daß ich mich täuſchte, wenn ich ſagte, die beſte von den vier Schweſtern ſei abgereiſt,“ rief der König. „Sire,“ ſprach Madame Adelaide,„Eure Majeſtät behandelt uns ſchlecht, ſchlechter als ihre Hunde.“ „Ich glaube es wohl, meine Hunde liebkoſen mich, wenn ich komme, meine Hunde ſind wahre Freunde. Lebt wohl, meine Damen. Ich will Charlotte, Belle⸗Fille und Gredinet beſuchen. Arme Thiere, ja, ich liebe ſie, und ich liebe ſie beſonders, weil ſie das Gute haben, daß ſie nicht die Wahrheit bellen.“ Der König entfernte ſich wüthend, aber er hatte nicht vier Schritte im Vorzimmer gemacht, als er ſeine drei Töchter im Chor ſingen hörte: Dans Paris, la grand'ville, Garçons, femmes et filles Ont tous le coeur débile Et poussent des hélas! Ah! ah! ah! ah! La maitresse de Blaise Est trés-mal à son aise, Aise, Aise, Aise. Elle est sur le grabat. Ah! ah! ahl*) Dies war die erſte Strophe eines Vaudeville gegen Ma⸗ dame Dubarry, das in den Straßen von Paris unter dem Titel: die ſchöne Bourbonnaiſe, geſungen wurde. *) In Paris, der großen Stadt, haben Knaben, Frauen, Mäd⸗ chen insgeſammt ein ſchwaches Herz, und ſie ſtoßen Seuſzer aus! Ah! ah! ah! ah! Der Geliebten von Blaiſe iſt es gar unwohl, ſie liegt krank im Bette Ah! ah ah!— —— 88 Deerr König war nahe daran, umzukehrem, und die Damen hätten ſich vielleicht bei dieſer Rückkehr ſchlecht befunden, aber er bewältigte ſich, ging ſeines Wegs und rief, um nicht zu hören: „Der Herr Kapitaͤn der Windſpiele, holla! der Herr Kapitän der Windſpiele!“ Der Officier, den man mit dieſem ſeltſamen Namen ſchmückte, lief herbei: „Man öffne das Cabinet der Hunde,“ ſprach der König. „O Sire!“rief der Officier, indem er ſich Ludwig XV. nigehſn warf,„Eure Majeſtät mache keinen Schritt mehr. „Nun! was gibt es?“ ſprach der König und blieb auf der Schwelle der Thüre ſtehen, unter welcher pfeifend der Athem von Hunden hervorkam, die ihren Herrn rochen. „Sire,“ ſprach der Officier,„verzeihen Sie meinem Eifer, aber ich kann nicht zugeben, daß der König bei den Hunden eintritt!“ „Oh ja! ich begreife, das Cabinet iſt nicht in Ord⸗ nung... nun! laſſen ſie Gredinet herauskommen.“ „Sire,“ ſtammelte der Officier, deſſen Geſicht Be⸗ ſtürzung ausdrückte,„Gredinet hat ſeit zwei Tagen nichts geſoffen und nichts gefreſſen und man befürchet, er ſei wüthend.“ „Oh! ich bin offenbar der unglücklichſte aller Men⸗ ſchen, Gredinet wüthend!“ rief der König,„das würde das Maß meines Kummers voll machen.“ Der Officier der Windſpiele glaubte, um die Scene zu beleben, eine Thräne vergießen zu müſſen. Der König wandte ſich auf den Ferſen um, und kehrte in ſein Cabinet zurück, wo ihn ſein Kammerdiener erwartete. Als dieſer das verſtörte Geſicht des Königs wahr⸗ nahm, verbarg er ſich in einer Fenſtervertiefung. „Ah! ich ſehe es wohl,“ murmelte der König, ohne —— auf dieſen treuen Diener Achtung zu geben, de 8 Mann ſür den König war, und während er mit großen 8 Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab ging:„ah! ich ſehe es wohl, Herr von Choiſeul ſpottet meiner, der Dau⸗ phin betrachtet ſich bereits, als wäre er halb Herr, und glaubt, er werde es ganz ſein, wenn er ſeine Oeſterrei⸗ cherin auf den Thron habe ſitzen laſſen. Louiſe liebt mich, aber ſie iſt ſehr hart, da ſie mir Moral predigt und fortgeht. Der Herr Graf von Provence überſetzt Lucrez. Der Herr Graf von Artois iſt ein Straßenläufer. Meine Hunde werden wüthend und wollen mich beißen. Offenbar liebt mich nur dieſe arme Gräfin. Zum Teufel alſo diejenigen, welche ihr Mißvergnügen machen wollen!“ Mit einer eisefelinn Entſchloſſenheit ſetzte er ſich nun an den Tiſch, auf welchem Ludwig IN ſeine Un⸗ terſchrift gab, und der das Gewicht der letzten Verträge und der herrlichen Briefe des großen Königs getragen hatte. „Ich begreife,“ ſprach er ſodann,„ich begreife, war⸗ um alle Welt um mich her die Ankunft der Frau Dau⸗ phine beſchleunigt; man glaubt, ſie dürfe ſich nur hier zeigen, damit ich ihr Sklave werde, oder mich unter die Herrſchaft ihrer Familie begebe. Meiner Treue! ich kann mir wohl Zeit laſſen, meine liebe Söhnerin zu ſehen, beſonders wenn mir ihre Ankunft hier neue Plackereien verurſachen ſollte. Leben wir alſo ruhig, ſo lange als möglich ruhig, und um dies zu erreichen, halten wir ſie auf dem Wege zurück. Sie ſollte durch Rheims und Noyon reiſen, ohne ſich aufzuhalten, und dann ſogleich nach Compiéègne kom⸗ men... wir wollen das erſte Ceremoniell behaupten. Drei Empfangstage in Rheims und einen, nein, meiner Treue! zwei, bah! drei Feſttage in Noyon. Dadurch ſind jnuner r ſechs Tage, ſechs gute Tage gewonnen. Der König nahm die Feder und ſchrieb ſelbſt an Herrn von Stainville den Befehl, drei Tage in Rheims und drei in Noyon anzuhalten. Dann ließ er den⸗ Courrier vom Dienſt kommen und ſprach zu ihm: 90 So raſch die Pferde laufen können, bis Sie dieſen ehl an ſeine Adreſſe abgegeben haben.“ Hierauf ſchrieb er mit derſelben Feder: „Liebe Gräfin, wir ſetzen heute Zamore in ſein Gou⸗ vernement ein. Ich reiſe nach Marly ab. Dieſen Abend werde ich Ihnen in Luciennes Alles ſagen, was ich im gegenwärtigen Augenblick denke. Frankreich. „Lebel,“ ſagte der König,„tragen Sie dieſen Brief zu der Gräfin, und ſtellen Sie ſich gut mit ihr, das rathe ich Ihnen.“ Der Kammerdiener verbeugte ſich und ging ab. XXIX. Frau von BLarn. Der erſte Gegenſtand aller dieſer wüthenden Gemüths⸗ bewegungen, der Stein des Anſtoßes aller dieſer bei Hof gewünſchten oder gefürchteten Scandale, Frau von Béarn beiſe wie Chon ihrem Bruder geſagt hatte, raſch gegen Paris. Dieſe Reiſe war das Reſultat von einer jener wun- derbaren Eingebungen, welche in ſeinen Augenblicken der Verlegenheit dem Vicomte Jean zu Hülfe kamen. Als er unter den Frauen des Hofes die ſo ſehr er⸗ ſehnte und ſo nothwendige Pathin nicht fand, warf er, da die Vorſtellung von Madame Dubarry nicht ohne eine ſolche ſtatthaben konnte, die Augen auf die Provinz, un⸗„ terſuchte die Stellungen, durchforſchte die Städte und fand, 5 was er brauchte, an den Ufern der Maas, in einem ganz gothiſchen, aber wohl unterhaltenen Hauſe. Was er ſuchte, war eine alte Prozeßkrämerin und ein alter Prozeß. 4 Die alte Prozeßkrämerin war die Gräfin von Béarn. Der alte Prozeß war eine Angelegenheit, von der ihr ganzes Vermögen abhing, und deſſen Entſcheidung Herrn . 91 von Maupeou anheimgegeben war; dieſer aber war kurz zuvor mit Madame Dubarry in Verbindung getreten, mit der er einen bis dahin unbekannten Verwandtſchaftsgrad entdeckt hatte, weshalb er ſie ſeine Couſine nannte. Herr von Maupeou hatte in der Vorausſicht der Kanzlerei für die Favoritin die ganze Inbrunſt einer Freundſchaft vom vorhergehenden Tage und eines Intereſſes vom nächſtfol⸗ genden, und wegen dieſer Freundſchaft und dieſes Intereſ⸗ ſes war er vom Koͤnig zum Vicekanzler ernannt worden, in einer Abkürzung aber nannte ihn die ganze Welt den Vice.*) Frau von Béarn war wirklich eine alte Prozeßkrä⸗ merin, ſehr ähnlich der Gräfin d'Escarbagnas oder Frau von Pimbéche, den zwei guten Typen jener Zeit, führte übrigens, wie man ſieht, einen herrlichen Namen. Flink, mager, eckig, ſtets aufmerkſam, ſtets Augen, denen einer erſchrockenen Katze ähnlich, unter den grauen Brauen in ihren Höhlen wälzend, hatte Frau von Béarn die Tracht der Damen ihrer Jugend beibehalten, und da die Mode, ſo launiſch ſie auch ſein mag, ſich herbeiläßt, zuweilen wieder vernünftig zu werden, ſo war das Coſtume der Mädchen von 1740 zufällig das Kleid einer Alten im Jahre 1770. Weite Guipures, Spitzenmäntelchen, ungeheurer Kopf⸗ putz, unermeßliche Taſchen, coloſſaler Sack und eine Halsbinde von geblümter Seide, dies war die Tracht, unter der Chon, die vielgeliebte Schweſter und Ver⸗ traute von Madame Dubarry, Frau von Böéarn fand, als ſie ſich dieſer unter dem Namen von Mademoi⸗ ſelle Flageot, das heißt, als die Tochter ihres Advokaten vorſtellte. Die alte Gräfin trug ſie(es iſt natürlich von der Kleidung die Rede) ebenſowohl aus Geſchmack, als aus *) Leider iſt der Doppelſinn des Wortes le vice das Laſter und vice gleichbedeutend mit dem auch in unſerer Sprache ein⸗ heimiſch gewordenen vice nicht wiederzugeben 8 —— ———ᷣ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ— 4 92 Sparſamkeit. Sie gehörte nicht zu den Leuten, welche über ihre Armuth erröthen, denn dieſe Armuth rührte nicht von einem Fehler von ihr her. Sie bedauerte nur, nicht reich genug zu ſein, um ihrem Sohn ein ſeines Namens würdiges Vermögen zu hinterlaſſen; dieſer Sohn war ein ganz provinzmaͤßiger junger Menſch, ſchüchtern wie ein Mädchen und viel mehr den Süßigkeiten des materiellen Lebens, als den Gunſtbezeugungen des Ruhmes zugethan. Es blieb ihr übrigens das Hülfsmittel, meine Güter die Güter zu nennen, die ihr Advokat den Saluces ſtreitig machte; da es indeſſen eine Frau von großem Verſtande war, ſo fuͤhlte ſie wohl, daß ihr, wenn ſie auf dieſe Ländereien entlehnen müßte, kein Wucherer, und es gab deren ſehr kühne in Frankreich zu jener Zeit, kein Anwalt, und es fanden ſich ſehr verſchlagene zu allen Zeiten, auf dieſe Garantien etwas leihen, oder die geringſte Summe in der Hoffnung auf Wiedererſatz aus dem ſtreitigen Object vorſchießen würde. Beſchränkt auf eine Rente aus der nicht in den Pro⸗ zeß verwickelten Grundbeſitzungen und auf ihre Gülten, floh deshalb Frau von Béarn, welche ein Einkommen von ungefähr tauſend Thalern hatte, den Hof, wo man zwölf Livres im Tag nur für die Miethe der Carroſſe ausgab, welche die Frau Sollicitantin zu den Herren Richtern und zu den Herren Advokaten führte. Sie floh ihn beſonders, weil ſie daran verzweifelte, ihren Actenfascikel vor vier bis fünf Jahr aus dem Fache ziehen zu ſehen, wo er wartete, bis die Reihe an ihn käme. Heut zu Tage dauern die Prozeſſe lang; doch ohne das Alter einns Patriarchen zu erreichen, kann derjenige, welcher einen Prozeß anfängt, hoffen, ihn auch zu Ende gehen zu ſehen, während in frühern Zeiten ein Prozeß zwei bis drei Generationen durchmachte und wie jene fabelhaften Pflanzen in Tauſend und eine Nacht nur am Ende von zwei bis dreihundert Jahren blühte. Frau von Béarn wollte aber nicht den Reſt ihres Vermögens dadurch verſchlingen laſ ſſen, daß ſie die im ——————[V Prozeß begriffenen zehn Zwölftel wie zu erlangen ſuchte; ſie war das, was man in jeder Zeit eine Fran der alten Zeit nennt, nämlich vorſichtig, klug, ſtark und geizig. Sie hätte ſicherlich ihre Angelegenheit ſelbſt geführt, ſelbſt vor Gericht geladen, plaidirt und erekutirt, und zwar beſſer als irgend ein Advokat, Anwalt oder Huiſſier, aber ſie trug den Namen Béarn, und dieſer Name ſetzte vie⸗ len Dingen ein Hinderniß entgegen. Daraus ging hervor, daß, verzehrt von Kummer/ und Angſt, ſehr ähnlich dem göttlichen Achill, der unter ſein Zelt zurückgezogen tauſend Tode litt, wenn die Trompete erſcholl, gegen die er taub zu ſein ſich ſtellte, Frau von Béarn, die Tage damit hinbrachte, daß ſie, die Brille auf der Naſe, alte Pergamente entzifferte, und ihre Nächte, daß ſie ſich in ihren perſiſchen Schlafrock drapirte und mit flatternden grauen Haaren vor ihrem Kerſcſſe den Prozeß der von den Saluces zurückgeforderten Erbſchaft plaidirte, einen Prozeß, den ſie ſtets mit einer Beredtſamkeit gewann, mit welcher ſie ſo ſehr zufrieden war, daß ſie dieſelbe unter ähnlichen Umſtänden ihrem Advokaten gewünſcht hätte. Man begreift bei dieſer Lage der Dinge, daß die Ankunft von Chon, die ſich unter dem Namen von Ma⸗ demoiſelle Flageot vorſtellte, eine ſanfte Erſchütterung bei Frau von Böarn hervorbrachte. Der junge Graf war beim Heer. Man glaubt ſo gern, was man wünſcht. Frau von — Béarn ließ ſich auch ganz natürlich von der Erzählung der jungen Frau einnehmen. 3 Es war indeſſen wohl ein Schatten von Verdacht faſſen; die Gräfin kannte ſeit zwanzig Jahren Meiſter * Flageot, ſie hatte ihn zweihundertmal in der Rue du 5 Petit⸗Lyon⸗Saint⸗Sauveur beſucht, und nie hatte ſie auf deem viereckigen Teppich, der ihr ſo winzig für das unge⸗ heure Cabinet vorkam, nie hatte ſie, ſagen wir, auf die⸗ ſem Teppich die Spiele eines Kindes wahrgenommen, das auf eine geſchickte Weiſe die Paſtillen in den Büchſen der Clienten und Clientinnen ſuchte. 4 Aber es handelts ſich wohl darum, an den Teppich des Anwalts zu denken, es handelte ſich darum, das Kind wieder zu finden, das darauf ſpielen konnte, es handelte ſich darum, ſeine Erinnerungen zu durchwühlen: Made⸗ moiſelle Flageot war Mademoiſelle Flageot, und alles Andere Nebenſache. Ueberdies war ſie verheirathet und, was den letzten Wall gegen jeden ſchlimmen Gedanken bildete, ſie kam nicht ausdrücklich nach Verdun, ſondern ſie begab ſich zu ihrem Gatten nach Straßburg. Vielleicht hätte Frau von Béarn Mademoiſelle Fla⸗ geot nach dem Briefe fragen müſſen, der ſie bei ihr be⸗ glaubigte; doch wenn ein Vater ſeine Tochter, ſeine eigene Toochter nicht ohne einen Brief ſchicken kann, wem ſoll man dann eine Vertrauensſendung geben? Und dann noch einmal, wozu ſolche Befürchtungen? Wozu ein ſolcher Verdacht? In velcher Abſtcht ſollte man ſechzig Lieues machen, um eine ſolche Erzählung preiszugeben? Wäre ſie reich geweſen, hätte ſie wie die Frau eines Banquier, eines Generalpächters oder eines Parteigängers Equipagen, Silbergeſchirr und Diamanten mitnehmen müſ⸗ ſen, ſo hätte ſie denken können, es ſei ein von Dieben angezettelts Komplott. Aber Frau von Béarne lachte, wenn ſie zuweilen an die Täuſchung dachte, welche Diebe erfahren würden, die ſo ſchlecht unterrichtet wären, daß ſie bei ihr zu ſtehlen verſuchten. Als Chon mit ihrer bürgerlichen Toilette und mit ihrem ſchlechten, einſpännigen Cabriolet, das ſte auf der vorletzten Poſt, wo ſie ihre Chaiſe zurückließ, genommen hatte, verſchwunden war, ſtieg Frau von Béarn, über⸗ zeugt, der Augenblick, ein Opfer zu bringen, wäre ge⸗ kommen, ſelbſt in eine alte Carroſſe und trieb die Po⸗ ſtillons dergeſtalt zur Eile an, daß ſie eine Stunde vor der Dauphine durch Lachauſſée kam, und kaum fünf bis ſechs Stunden nach Mademoiſelle Dubarry die Barriére Saint⸗ Denis erreichte. Da die Reiſende ſehr wenig Gepäcke hatte und da es ——— ———— 2——— —— — F —₰ ——, O= O—O— -&— hellſten Winkel des Cabinets, wobei er indeſſen kluger 95 das Dringendſte für ſie war, die gerichtliche Verhandlung zu betreiben, ſo ließ Frau von Béarn ihren Wagen in der Rue du Petit⸗Lion vor der Thüre von Herrn Flageot anhalten.. Dies geſchah, wie man ſich leicht denken kann, nicht ohne daß eine große Anzahl Neugieriger, und die Pariſer ſind es insgeſammt, vor dieſer ehrwürdigen Kutſche ſtehen blieb, welche aus den Remiſen von Heinrich IV. zu kom⸗ men ſchien, an deſſen Lieblingsgefährt ſie durch ihre Solidität, durch ihren monumentalen Bau und ihre ſchneckenförmig gewundenen ledernen Vorhänge erinnerte, die mit einem abſcheulichen Aechzen auf einer Stange von grünlichem Meſſing liefen. Die Rue du Petit⸗Lion iſt nicht breit. Frau von Béarn verſtopfte ſie majeſtätiſch, bezahlte die Poſtillons und befahl ihnen, den Wagen nach dem Wirthshauſe zu bringen, wo ſie gewöhnlich abſtieg, nämlich nach dem krähenden Hahne in der Rue Saint⸗Germain⸗des⸗Prés. See ſtieg, ſich an dem fettigen Seile haltend, die ſchwarze Treppe von Herrn Flageot hinauf; es herrſchte hier eine Kühle, welche der durch die Schnelligkeit und den Eifer der Reiſe angegriffenen Alten nicht mißfiel. Als ihm ſeine Dienerin Marguerite die Frau Gräfin von Béarn meldete, zog Meiſter Flageot ſeine Hoſe, die er der Hitze wegen tief hatte hinabfallen laſſen, in die Höhe, drückte eine Perrücke, welche immer im Bereiche ſeiner Hand lag, auf den Kopf, und ſchlüpfte in einen Schlaf⸗ rock von Baſin. So geſchmückt ſchritt er lächelnd auf die Thüre zu. Aber in dieſem Lächeln drang eine ſo ſcharf ausgeprägte Nuance des Erſtaunens durch, daß die Gräfin ihm ſagen zu müſſen glaubte: „Nun, mein lieber Herr Flageot, ich bin es.“ AAh! ja wohl!“ erwiederte Herr Flageot,„das ſehe ich, Frau Gräfin.“ Dann ſchloß der Advokat ſchamhaft ſeinen Schlaf⸗ rock und führte die Gräfin zu einem Lehnſtuhle in dem Weiſe Papiere von ſeinem Schreibtiſchsentfernte, denn er kannte ihre Neugierde. „Erlauben Sie mir nun g meine Freude über eine ſo ang ehme Ueberraſchung aus⸗ drücke,“ ſagte artiger Weiſe Meiſter Flageot. Im Hintergrunde ihres Lehnſtuhles ſ end, hob Frau von Béarn in dieſem Augenblick die Füße auf, um zwiſchen der Erde und ihren Schuhen von brochirtem Atlaß den nöthigen Zwiſchenraum für ein ledernes Kiſſen zu laſſen, das Marguerite vor ſie legte. Bei den Wor⸗ ten des Advokaten richtete ſie ſich aber raſch auf, drückte ihre Naſe mit der Brille zuſammen, die ſie aus ihrem Etui gezogen hatte, um Herrn Flageot beſſer zu ſehen, und rief: „Wie, Ueberraſchung?“ „Allerdings, ich glaubte, Sie wären auf Ihren Gütern, Madame,“ antwortete der Advokat, der ſich hier einer liebenswürdigen Schmeichelei bediente, um die drei Morgen Gemüſegarten von Frau von Béarn zu be⸗ zeichnen. „Ich war dort, wie Sie ſehen; aber auf Ihr erſtes Signal verließ ich meine Güter.“ „Auf mein erſtes Signal?“ erwiederte der Advokat erſtaunt. „Auf Ihr erſtes Signal, auf ihre erſte Nachricht, auf Ihren erſten Rath, wie Sie wollen.“ Die Augen von Herrn Flageot wurden groß wie die Brillengläſer der Gräfin.„ „Ich hoffe, daß ich Eile angewendet habe, und daß Sie mit mir zufrieden ſein werden,“ fuhr die Gräfin fort. „Entzückt, Madame, wie immer; doch erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich auf keine Weiſe ſehe, was ich hierin zu thun habe.“ „Wie!“ rief die Gräfin,„was Sie zu thun haben? Alles, oder vielmehr Sie haben Alles gethan.“ Ich 224 igſt, Madame, daß ich 97 hier?“ Ol ja, Madame, man ſagt, der König ſinne auf einen Staatsſtreich gegen das Parlament. Doch darf ich Ihnen vielleicht etwas anbieten?“ „Es handelt ſich wohl um den König, es handelt ſich wohl um einen Staatsſtreich?“ „Um was handelt es ſich denn, Madame?“ „Es handelt ſich um meinen Prozeß. In Beziehung auf meinen Prozeß fragte ich Sie, ob es nichts Neues hier gebe.“ „Oh! was das betrifft,“ verſetzte Herr Flageot, traurig den Kopf ſchüttelnd,„nichts, Madame, durchaus nichts.“— „Das heißt nichts...“ 4— „Nein, nichts.“— „Nichts, ſeitdem ich Ihre Tochter geſprochen habe. Da dies aber vorgeſtern der Fall geweſen iſt, ſo begreife ich, daß ſich nichts Großes ſeit dieſem Augenblick ereignet haben kann.“ „Meine Tochter, Madame?“. 11. „Sie haben geſagt, meine, Tochter?“ „Allerdings Ihre Tochter, diejenige, welche Sie zu mir ſchickten.“ „Verzeihen Sie, Madame, ich kann Ihnen unmöglich meine Tochter geſchickt haben.“ 7 „Unmöglich!“ „Aus einem äußerſt einfachen Grunde, ich habe näm⸗ lich keine.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ rief die Gräfin. „Madame, ich habe die Ehre, Junggeſelle zu ſein,“ antwortete Herr Flageot. 3 „Gehen Sie doch!“ verſetzte die Gräfin. Herr Flageot wurde unrubig; er rief Marguerite daß ſie die der Gräfin angebotenen Erfriſchungen bringe, und beſonders, daß ſie dieſe bewache. Denkwürdigkeiten eines Arztes, II. 71 „Gewiß, Ste... Nun! es gibt alſo Neuigkeiten 98 „ Arme Frau,“ dachte er,„ihr Kopf iſt in Verwir⸗ rung gerathen.“ „Wie,“ ſagte die Gräfin,„Sie haben keine Tochter?“ „Nein, Madame.“ „Eine in Straßburg verheirathete dochter⸗ „Nein, Madame, nein, tauſendmal nein. „Und Sie haben dieſe Tochter nicht beauftragt,“ fuhr die Gräfin ihren Gedanken verfol gend fort,„Sie haben dieſe Tochter nicht beauftragt, mir auf der Durchreiſe mitzutheilen; mein Prozeß ſei in die Liſte eingetragen.“ „Nein Die Gräfin geberdete ſi ſich auf das Heftigſte in ihrem Lehnſtuhl, und ſchlug mit beiden Händen auf ihre Kniee. „Trinken Sie ein wenig, Frau Gräfin,“ ſagte Herr Flageot,„es wird Ihnen wohl thun.“ Zu gleicher Zeit machte er Marguerite ein Zeichen, und dieſe näherte ſich Frau von Béarn mit zwei Gläſern Bier auf einer Platte; doch die alte Dame hatte keinen Durſt und ſtieß Platte und Gläſer ſo ungeſtüm zurück, daß ſich Mademoiſelle Marguerite, welche einiger Vorrechte im Hauſe theilhaftig zu ſein ſchien, dadurch verletzt fühlte. „Sprech en Sie, ſprechen Sie,“ ſagte die Gräfin, in⸗ dem ſie Herrn Flageot unter ihrer Brille hervor anſchaute, „erklären wir uns ein wenig, wenn's beliebt.“ „Mit Vergnügen,“ antwortete der Advokat;„bleiben Sie, Marguerite, Madame hat vielleicht ſogleich die Güte zu trinken; erklären wir uns.“ „Ja, erklären wir uns, wenn es Ihnen gefällig iſt, denn Sie ſind heute unbegreiflich, mein lieber Herr Fla⸗ geot; bei meinem Ehrenwort, man ſollte glauben, es wäre ſeit der Hitze in Ihrem Kopfe nicht richtig. „Aergern Sie ſich nicht, Madame,“ ſprach der Ad⸗ vokat, und ließ ſeinen Leh nſtuhl auf den zwei Hinterfüßen manoenvriren,„ärgern Sie ſich nicht, und laſſen Sie uns plaudern.“ „Ja, plaudern wir. Sie ſagen, Sie haben keine Tochter, Herr Flageot?“ 4 3 * 99 „Nein, Madame, und ich bedaure es aufrichtig, weil Ihnen dies, wie es ſcheint, angenehm wäre, obgleich...“ „Obgleich...“ wiederholte die Gräfin. „Obgleich ich meines Theils einen Knaben vorziehen würde, die Knaben gedeihen beſſer, oder nehmen vielmehr weniger eine ſchlimme Richtung in dieſen Zeitläuften.“ Frau von Bäarn faltete ihre beiden Hände mit einer tiefen Unruhe. „Wie,“ ſagte ſie,„Sie haben mich nicht durch irgend eine Schweſter, eine Nichte, eine Baſe nach Paris be⸗ ſchieden?“ „Ich habe nicht daran gedacht, Madame, da ich wohl weiß, wie koſtſpielig der Aufenthalt in Paris iſt.“ „Aber mein Prozeß?“ „Ich behalte mir vor, Sie zu benachrichtigen, wenn er zur Verhandlung kommt, Madame.“ „Wie, wenn er zur Verhandlung kommt?“ „Ja.“ „Es iſt dies alſo nicht bereits der Fall?“ „Nicht, daß ich wüßte, Madame.“ „Mein Prozeß iſt nicht dem Gericht vorgelegt?“ „Nein.“ Es iſt nicht die Rede von einer baldigen Apellation?“ „Nein, Madame, mein Gott, nein.“ „Dann hat man mich hintergangen, man hat un⸗ würdig ſeinen Spott mit mir getrieben,“ rief die alte Dame aufſtehend. Herr Flageot hißte ſeine Perücke oben auf ſeine Stirne und murmelte: 5 „Ich befürchte beinahe, Madame.“ „Meiſter Flageot!“ rief die Gräfin. Der Advokat ſprang von ſeinem Stuhle auf und machte Marguerite, welche ſich bereit hielt, ihrem Herrn beizuſtehen, ein Zeichen. „Meiſter Flageot,“ fuhr die Gräfin fort,„ich werde dieſe Demüthigung nicht dulden, und mich 5 den Herrn I 1 100 Polizeilieutenant wenden, daß man das Weibsbild auf⸗ ſucht, welches mir dieſe Beleidigung zugefügt hat.“ „Bah!“ machte Herr Flageot,„das iſt ſehr unſicher.“ „Iſt das Weib einmal gefunden,“ rief die Gräfin, vom Zorn fortgeriſſen,„ſo werde ich eine Klage erheben.“ „Abermals ein Prozeß,“ ſagte traurig der Advokat. Ddieſe Worte machten, daß die Prozeßkrämerin von der Höhe ihrer Wuth herabfiel: der Sturz war hart. „Ach! ich kam ſo glücklich hierher,“ rief ſie. „Aber was hat Ihnen denn dieſe Frau geſagt, Ma⸗ dame?“ „Erſtens, ſie komme in Ihrem Auftrag.“ „Abſcheuliche Intrigantin!“ „Und in Ihrem Auftrag kündige ſie mir die Ver⸗ handlung meines Prozeſſes an; das war dringend, ich konnte nicht genug eilen, denn ich lief Gefahr, zu ſpät zu kommen.“ „Ach,“ ſprach Herr Flageot,„wir ſind weit davon entfernt, zur Verhandlung vorgefordert zu werden, Madame.“ „Nicht wahr, wir ſind vergeſſen?“ „Vergeſſen, begraben, beerdigt, Madame, und wenn nicht ein Wunder geſchieht, und Sie wiſſen, die Wunder ſind ſelten...“ „Oh! ja,“ murmelte die Gräfin mit einem Seufzer. Herr Flageot antwortete mit einem andern Seufzer, der nach dem der Gräfin modulirt war. „Hören Sie, Herr Flageot,“ fuhr Frau von Béarn fort,„ſoll ich Ihnen Eines ſagen?“ „Sprechen Sie, Madame.“ „Ich werde dies nicht überleben.“ „Oh! was das betrifft... Sie hätten Unrecht.“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſprach die arme Gräfin, „meine Kräfte ſind völlig erſchöpft.“ „Muth, Madame, Muth!“ rief Herr Flageot. „Haben Sie mir keinen Rath zu geben?“ „Oh! doch wohl: ich rathe Ihnen, auf Ihre Güter zurückzukehren und denjenigen, welche ſich in meinem Auf⸗ 2 101 trag bei Ihnen einfinden, nicht mehr zu glauben, wenn ſie nicht eine Zeile von mir mitbringen.“ „Ich werde wohl auf meine Güter zurückkehren müſſen.“ „Das wird vernünftig ſein.“ „Aber glauben Sie mir, Herr Flageot,“ ſeufzte die Gräfin,„wir werden uns nicht wiederſehen, wenigſtens nicht auf dieſer Welt.“ „Welche Verworfenheit!“ „Ich habe alſo grauſame Feinde?“ „Ich wollte ſchwoͤren, es iſt ein Streich der Saluces.“ „Dieſer Streich iſt in jedem Fall ſehr gemein.“ „Ja, das iſt ſchwach.“ „Oh! die Juſtiz! die Juſtiz! mein lieber Herr Fla⸗ geot, es iſt die Höhle des Cacus.“ „Warum?“ verſetzte der Advokat,„weil die Juſtiz nicht mehr ſie ſelbſt iſt, weil man das Parlament bear⸗ beitet! weil Herr von Maupeou Kanzler werden wollte, ſtatt Präſident zu bleiben.“ „Herr Flageot, ich würde jetzt trinken.“ „Marguerite!“ rief der Advokat. Marguerite kehrte zurück. Sie hatte ſich entfernt, als ſie ſah, welche friedliche Wendung das Geſpräch nahm. Sie kehrte zurück, ſagen wir, die Platte mit den zwei Gläſern, die ſie weggetragen, in den Händen haltend. Frau von Béarn trank langſam ihr Glas Bier, nachdem ſie ihren Advokaten mit einem Anſtoßen beehrt hatte, machte ihm eine traurige Verbeugung und ging in das Vorzimmer. Herr Flageot folgte ihr, ſeine Perrücke in der Hand. Frau von Béarn war auf dem Ruheplatz und ſuchte bereits den Strick, der als Geländer diente, als ſich⸗ eine Hand auf die ihrige legte und ein Kopf auf ihre Bruſt ſtieß. Dieſe Hand und dieſer Kopf gehörten einem Schrei⸗ ber, der zu vier und vier die ſteilen Stufen der Treppe hinaufſprang. a. Die alte Gräfin richtete unter Brummen und Ver⸗ 10² wünſchungen ihre Roͤcke wieder zurecht, und ſetzte ihren Weg die Treppe hinab fort, während der Schreiber, ebenfalls auf dem Ruheplatz angelangt, die Thüre aufſtieß und mit einem luſtigen, treuherzigen Tone der Leute ſeines Standes ausrief: „Hier, Meiſter Flageot, hier, das iſt für den Béarn⸗ Prozeß.“ Und er reichte ihm ein Papier. Bei dieſem Namen die Treppe hinaufſteigen, den Schreiber zurückſtoßen, ſich auf Meiſter Flageot werfen, ihm das Papier entreißen, den Advokaten in ſeinem Ca⸗ binet blockiren, das war von der alten Gräfin geſchehen, ehe der Schreiber zwei Ohrfeigen erhalten, die ihm Mar⸗ guerite als Erwiederung auf zwei Küſſe verſetzte, oder zu verſetzen ſich den Anſchein gab.— 3 „Nun!“ rief die alte Dame,„was ſagt man denn hierin, Meiſter Flageot?“ „Meiner Treue, ich weiß es noch nicht, Frau Gräfin; doch wenn Sie mir das Papier geben wollen, ſo werde ich es Ihnen ſagen.“ „Es iſt wahr, mein lieber Herr Flageot, leſen Sie, leſen Sie geſchwinde.“ 4 Dieſer betrachtete die Unterſchrift des Billets. „Es iſt von Meiſter Guildou, unſerem Procurator,“ ſagte er. „Oh! mein Gott.“ „Er ladet mich ein,“ fuhr Meiſter Flageot mit wachſendem Erſtaunen fort,„er ladet mich ein, mich be⸗ reit zu halten, nächſten Dienſtag zu plaidiren, weil unſere Angelegenheit zur Verhandlung bezeichnet iſt.“ „Zur Verhandlung bezeichnet!“ rief die Gräfin auf⸗ ſpringend.„Oh! nehmen Sie ſich in Acht, Meiſter Flageot, ſcherzen wir diesmal nicht, denn ich würde mich nicht mehr erheben.“ „Madame,“ erwiederte Meiſter Flageot, ganz ver⸗ blüfft über dieſe Nachricht,„wenn Jemand ſcherzt, ſo iſt es wohl nicht Herr Guildon, denn es wäre das erſte Mal in ſeinem Leben.“ 103 „Iſt der Brief aber auch gewiß von ihm?“ „Er hat ihn unterzeichnet, ſehen Sie.“ „Es iſt wahr!... Dieſen Morgen vorgeladen, Dienſtag plaidirt. Oh! Meiſter Flageot, die Dame, welche bei mir geweſen, war alſo keine Intrigantin?“ „Es ſcheint nicht.“ „Aber da ſie nicht von Ihnen geſchickt worden iſt ... ſind Sie ſicher, daß ſie nicht von Ihnen geſchickt wurde?“ „Bei Gott! ob ich ſicher bin!“ „Von wem kann ſie dann geſchickt worden ſein?“ „Ja, von wem? „Denn Jemand muß ſie doch geſchickt haben.“ „Ich verliere mich in Vermuthungen.“— „Und ich gehe darin unter. Ah! laſſen Sie mich noch einmal leſen, mein lieber Herr Flageot: vorgeladen, plaidirt, ſo ſteht es geſchrieben; plaidirt vor dem Herrn Präſidenten Maupeon.“ „Teufel! heißt es ſo?“ „Allerdings.“ „Das iſt ärgerlich.“ „Warum?“ „Weil der Herr Präſident Maupeon ein vertrauter Freund der Saluces iſt.“ „Wiſſen Sie das?“ „Er iſt unabläſſig in ihrem Hauſe.“ „Das iſt ſchön, nun ſind wir mehr in Verlegenheit, als je. Ich habe Unglück.“ „Und dennoch iſt nichts dagegen einzuwenden,“ ſprach Meiſter Flageot.„Sie müſſen ihn beſuchen.Ä“ „Aber er wird mich furchtbar empfangen.“ „Sehr wahrſcheinlich!“ „Oh! Meiſter Flageot, was ſagen Sie mir da?“ „Die Wahrheit, Madame.“ „Wie! Sie verlieren nicht allein Ihren Muth, ſon⸗ dern Sie benehmen mir ſogar den, welchen ich hatte.“ „Von Herrn von Maupeou kann Ihnen nichts Gutes widerfahren.“ „Schwach in dieſem Grade, Sie, ein Cicers!“ „Cicero würde den Proceß von Ligarius verloren haben, hätte er vor Verres plaidirt, ſtatt vor Cäſar zu ſprechen,“ antwortete Meiſter Flageot, der in ſeiner Be⸗ ſcheidenheit nur dieſes zu erwiedern wußte, um die aus⸗ gezeichnete Ehre zurückzuweiſen, die ihm ſeine Clientin hatte widerfahren laſſen. 1 „Sie rathen mir alſo, ihn nicht zu beſuchen?“ „Oh! Gott ſoll mich abehüten, Madame, daß ich Ihnen eine Ungereimtheit dieſer Art rathe; ich beklage Sie nreabei Sie zu einer ſolchen Zuſammenkunft genöthigt ind. „Sie ſprechen da, Herr Flageot, wie ein Soldat, der ſeinen Poſten zu verlaſſen gedenkt. Man ſollte glau⸗ ben, Sie fürchten ſich, dieſen Prozeß zu betreiben.“ „Madamez ich habe einige in meinem Leben ver⸗ loren, bei denen mehr Hoffnung auf einen Gewinn war, als bei dieſem.“ Die Gräfin ſeufzte, raffte aber ihre ganze Energie zuſammen und ſprach mit einer Würde, welche einen ſelt⸗ ſamen Contraſt mit der komiſchen Phyſiognomie dieſer Unterredung bildete: „Ich werde bis zum Ende gehen; man ſoll nicht ſagen, ich ſei, während das Recht auf meiner Seite ſteht, vor der Kabale zurückgewichen. Ich werde meinen Pro⸗ zeß verlieren, aber ich habe dann den Pflichtvergeſſenen die Stirne einer Frau von Stand gewieſen, wie nicht viele mehr an dem heutigen Hofe übrig ſind. Wollen Sie mir den Arm geben, Herr Flageot, um mich zu dem Herrn Vicekanzler zu begleiten?“. 8 „Madame,“ ſprach Meiſter Flageot, der ebenfalls eine ganze Würde zu Hülfe rief,„wir Oppofitionsmit⸗ glieder des Parlaments von Paris haben uns geſchworen, außerhalb der Audienzen jeden Zuſammenhang mit den⸗ jenigen zu vermeiden, welche die Parlamente in der An⸗ * — 105 gelegenheit von Herrn d'Aiguillon verlaſſen haben. Einigkeit bildet die Kraft, und da Herr von Maupeou in dieſer ganzen Angelegenheit lavirt hat, da wir uns über ihn zu beklagen haben, ſo werden wir in unſerem Lager bleiben, bis er eine Fahne aufgezogen.“ „Mein Prozeß nimmt eine ſchlimme Wendung, wie ich ſehe,“ ſeufzte die Gräfin;„Advokaten mit ihren Richtern entzweit, Richter mit ihren Clienten entzweit... Gleich⸗ viel, ich werde ausharren.“ „Gott ſtehe Ihnen bei, Madame!“ ſprach der Advo⸗ kat, und warf ſeinen Schlafrock auf ſeinen linken Arm, e es ein römiſcher Senator mit ſeiner Toga gemacht hätte. „Das iſt ein trauriger Advokat,“ murmelte Frau von Béarn für ſich.„Ich befürchte weniger Glück mit ihm vor dem Parlament zu haben, als ich dort vor mei⸗ nem Kopfkiſſen hatte.“ Dann ſagte ſie laut und mit einem Lächeln, unter dem ſie ihre Unruhe zu verbergen ſuchte: „Leben Sie wohl, Meiſter Flageot, ich bitte Sie, ſtudiren Sie den Prozeß gut, man kann nicht wiſſen, was geſchieht.“ „Oh! Madame,“ erwiederte Meiſter Flageot,„es iſt nicht die Vertheidigungsrede, was mich in Verlegenheit ſetzt. Ich glaube, ſie wird ſchön ſein, um ſo ſchoͤner, als ich furchtbare Anſpielungen einzumiſchen im Sinne habe.“ „Auf was, mein Herr, auf was?“— „Auf die Verdorbenheit von Jeruſalem, Madame, das ich mit den verfluchten Städten vergleiche, und auf welches ich das Feuer des Himmels herabrufen werde. Sie begreifen, Madame, Niemand wird ſich täuſchen, Jeru⸗ ſalem wird Verſailles ſein.“ „Herr Flagevt,“ rief die alte Dame,„gefährden Sie F wiht. oder gefährden Sie vielmehr meinen Prozeß nicht.. „Ei! Madame, Ihr Prozeß iſt mit Herrn von Mau⸗ peou verloren; es handelt ſich alſo nur darum, ihn vor unſern Zeitgenoſſen zu gewinnen, und da man uns keine Gerechtigkeit widerfahren läßt, ſo wollen wir Scandal machen.“ „Herr Flageot...“ „Madame, laſſen Sie uns Philoſophen ſein, laſſen Sie uns donnern.“ 4 „Der Teufel donnere dir,“ brummte die Gäfin,„ab⸗ ſcheulicher Rabuliſt, der du in Allem dem nur ein Mittel ſiehſt, dich in deine philoſophiſchen Fetzen zu hüllen. Ich gehe zu Herrn von Maupeou, er iſt kein Philoſoph, und ich habe bei ihm vielleicht wohlfeileren Kauf, als bei dir.“ Hienach verließ die alte Gräfin Meiſter Flageot und entfernte ſich aus der Rue du Petit⸗Lion⸗Saint⸗Sauveur, nachdem ſie in zwei Tagen alle Stufen der Leiter der Hoffnungen und der Täuſchungen durchlaufen hatte. 4 XXX. Der Vice. Die alte Gräfin zitterte an allen Gliedern, als ſie ſich zu Herrn von Maupeon begab. Es kam ihr indeſſen auf dem Wege ein Gedanke, der ganz geeignet war, ſie zu bernhigen. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach dürfte die vorgerückte Stunde Herrn von Maupeon nicht erlauben, ſie zu empfangen, und ſie würde ſich dann begnügen, ihren nahe bevorſtehenden Be⸗ ſuch dem Schweizer anzukündigen. Es mochte in der That ſieben Uhr Abends ſein, und obgleich es noch Tag war, ſo hatte ſich doch die Gewohn⸗ heit, um vier Uhr zu ſpeiſen, bereits unter dem Adel ver⸗ breitet und unterbrach im Allgemeinen jedes Geſchäft vom Mittagsbrod bis zum andern Morgen. Frau von Béarn, welche den Vicekanzler ſehnlichſt zu treffen wünſchte, fühlte ſich jedoch getröſtet bei dem Gedanken, ſie würde ihn nicht finden. Es iſt dies einer 3 107 von den häufigen Widerſprüchen des menſchlichen Geiſtes, die man ſtets begreifen wird, ohne ſie zu erklären. Die Gräfin erſchien alſo, feſt darauf rechnend, der Schweizer würde ſie zurückweiſen. Sie hielt einen Drei⸗ Livres⸗Thaler bereit, um den Cerberus zu beſänftigen und ihn zu veranlaſſen, ihren Namen in der Liſte der erbetenen Audienzen aufzunehmen.. Als ſie vor das Hotel kam, ſah ſie den Schweizer mit einem Huiſſier ſprechen, der ihm einen Befehl zu ge⸗ ben ſchien. Sie wartete beſcheidener Weiſe, aus Furcht, die zwei Sprechenden zu ſtören; ſobald ſie aber der Huiſ⸗ ſier in ihrem Miethwagen erblickte, zog er ſich zurück. Der Schweizer näherte ſich dem Wagen und fragte nach dem Namen der Sollicitantin. „Oh!“ ſagte ſie,„ich weiß, daß ich wahrſcheinlich nicht die Ehre haben werde, Seine Excellenz zu ſehen.“ „Gleichviel, Madame,“ ſprach der Schweizer,„er⸗ weiſen Sie mir die Ehre, mir zu ſagen, wie Sie heißen.“ „Gräfin von Béarn.“ „Monſeigneur iſt zu Hauſe.“ „ Wie beliebt?“ verſetzte Frau von Béarn im höchſten Maße erſtaunt. „Ich ſage, Monſeigneur ſei zu Hauſe, der Schweizer.. „Doch ohne Zweifel empfängt Monſeigneur nicht?“ „Er wird die Frau Gräfin empfangen,“ erwiederte der Schweizer. Frau von Bäéarn ſtieg aus, ohne zu wiſſen, ob ſie träumte oder wachte. Der Schweizer zog an einer Schnur, welche eine Glocke zweimal ertönen machte. Der Huiſſier erſchien auf der Freitreppe, und der Schweizer machte der Gräſin ein Zeichen, daß ſie eintreten könne.“ „Sie wollen mit Monſeigneur ſprechen? fragte der Huiſſier. „Das heißt, mein Herr, ich wünſche dieſe Gunſt, ohne daß ich ſie zu hoffen wage.“ „Wollen Sie mir folgen, Frau Gräfin.“ „Man ſagt ſo viel Schlimmes von dieſem Beamten!“ 11 wiederholte 108 dachte die Gräfin, während ſie dem Huiſſier folgte,„er hat jedoch eine große Eigenſchaft, die, zu jeder Stunde zugänglich zu ſein. Ein Kanzler!... das iſt ſeltſam.“ Und indeß ſie vorwärts ging, zitterte ſie bei dem Gedanken, einen um ſo herberen, um ſo unfreundlicheren Mann zu finden, als er ſich dieſes Vorrecht durch die beſtändige Ausübung ſeiner Pflichten gab. Herr von Maupeou arbeitete, unter einer großen Perrücke begraben und in ein Kleid von ſchwarzem Sam⸗. met gehüllt, bei offenen Thüren in ſeinem Cabinet.. Als die Gräfin eintrat, warf ſie einen raſchen Blick umher, aber ſie ſah zu ihrem Erſtaunen, daß ſie allein war, und daß ſich kein anderes Geſicht, als das ihrige und das des magern, gelben, geſchäftigen Kanzlers in den Spiegeln wiederſtrahlte. Der Huiſſter meldete die Frau Gräfin von Béarn. Herr, von Maupeon ſtand raſch auf und fand ſich mit derſelben Bewegung an ſeinen Kamin angelehnt. Frau von Béarn machte die drei durch die Etiquette vorgeſchriebenen Verbeugungen. Das kleine Kompliment, das auf die Verbeugungen fag war etwas verlegen. Sie erwartete dieſe Ehre nicht.. ſie glaubte nicht, ein ſo ſehr beſchäftigter Miniſter würde den Muth haben, ſich von ſeinen Nuheſtunden abzubrechen... Herr von Maupeou erwiederte, die Zeit ſei nicht 3 minder koſtbar für die Unterthanen Seiner Majeſtät, als für ſeine Miniſter. Es ſei indeſſen ein Unterſchied zwiſchen den Leuten zu machen, welche Eile haben, und er gebe ſtets ſeinen beſten Reſt denjenigen, welche dieſen Unter⸗ ſchied verdienen. MNeue Verbeugungen von Frau von Béarn, daͤnn verlegenes Stillſchweigen, denn hier mußten die Kompli⸗ mente aufhoͤren und die Geſuche anfangen. Herr von Maupeou wartete, indem er ſich das Kinn ſtreichelte. 4 „Monſeigneur,“ ſagte die Gräfin, 3 „ich nahm mir die Freiheit, vor Eurer Excellenz zu erſcheinen, um derſel⸗ . 109 den unterthänigſt eine ſehr wichtige Angelegenheit ausein⸗ anderzuſetzen, von der mein ganzes Vermogen abhängt.“ Herr von Maupeou machte mit dem Kopfe ein leich⸗ tes Zeichen, welches ſagen wollte: Sprechen Sie. „In der That, Monſeigneur,“ fuhr ſie fort,„Sie mögen erfahren, daß mein ganzes Vermögen, oder viel⸗ mehr das meines Sohnes bei dem Prozeſſe betheiligt iſt, den wir in dieſem Augenblick gegen die Familie Saluces führen.“ Der Bicekanzler ſtreichelte fortwährend ſein Kinn. „Aber Ihre Rechtlichkeit iſt mir ſo wohl bekannt, Monſeigneur, daß ich, obgleich vertraut mit dem Intereſſe, ich ſage ſogar mit der Freundſchaft Eurer Ercellenz für meine Gegenpartie, nicht einen Augenblick zögerte, Eure Erzellenz zu bitten, mir Gehör zu ſchenken.“ Herr von Maupeou konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als er ſeine Rechtlichkeit loben hörte, das glich zu ſehr den apoſtoliſchen Vorzügen von Dubois, dem man fünfzig Jahre früher auch über ſeine Tugenden Kompli⸗ mente machte. „Frau Gräfin,“ ſprach er,„Sie haben Recht, wenn Sie ſagen, ich ſei ein Freund der Saluces, Sie haben aber auch Recht, wenn Sie glauben, daß ich bei Ueber⸗ nahme der Siegel jede Freundſchaft abgelegt habe. Ich werde Ihnen alſo abgeſehen von jeder Privattheilnahme antworten, wie es ſich für den oberſten Chef der Juſtiz geziemt.“ „Oh! Monſeigneur, ſeien Sie geſegnet,“ rief die alte Gräfin.“ „Ich prüfe daher Ihre Angelegenheit als ein ein⸗ facher Rechtsgelehrter,“ fuhr der Kanzler fort. „Und ich danke Eurer Excellenz, welche in ſolchennn Materien ſo gewandt iſt.“ 1 „Ihr Prozeß kommt, glaube ich, bald zur Ver⸗ handlung.“ „Er iſt für die nächſte Woche anberaumt, Mon⸗ ſeigneur.“ „Was wünſchen Sie nun?“ 110 „Daß Eure Excellenz von den Acten Kenntniß nehme.“ „Es iſt geſchehen.“ 1 „Nun?“ fragte zitternd die alte Gräfin,„was den⸗ ken Sie davon, Monſeigneur?“ „Ba Ihrem Prozeß?“ . „Ich ſage, daß kein Zweifel moglich iſt.“ „Wie? über das Gewinnen?“ „Nein, über das Verlieren.“ „Monſeigneur ſagt, ich werde meinen Prozeß ver⸗ lieren?“ 6„Unzweifelhaft. Ich will Ihnen alſo einen Rath geben.“ „Welchen?“ fragte die Gräfin mit einer letzten Hoffnung. Haben Sie eine Zahlung zu leiſten, wenn der Pro⸗ 11 1 zeß entſchieden, der Ausſpruch gethan iſt... „Nun!“ „Nun! ſo halten Sie Ihre Gelder bereit.“ „Aber, Monſeigneur, wir ſind dann zu Grunde ge⸗ richtet.“ „Frau Gräfin, Sie begreifen, daß die Gerechtigkeit nicht auf ſolche Betrachtungen eingehen kann.“ „Monſeigneur, neben der Gerechtigkeit ſteht das Mitleid.“ „Gerade aus dieſem Grunde, Frau Gräfin, hat man die Gerechtigkeit blind gemacht.“ „Aber Eure Ereellenz wird mir doch einen Rath nicht verweigern?“ „Fragen Sie immerhin. Was für einen wollen Sie aben?“ „Iſt es nicht möglich, einen Vergleich zu treffen, einen milderen Spruch zu erlangen?“ „Sie kennen keinen von Ihren Richtern?“ ſagte der Herr Vicekanzler. „Keinen, Monſeigneur.“ —„— 22 S 111 „Das iſt ärgerlich! die Herren von Saluces ſtehen mit drei Vierteln des Parlaments in Verbindung.“ Die Gräfin bebte. „Merken Sie wohl,“ fuhr der Vicekanzler fort,„daß dies nichts thut, was den Grund der Sache betrifft, denn ein Richter läßt ſich nicht durch Privateinflüſſe beſtimmen.“ Dies war eben ſo wahr, als die Rechtlichkeit des Kanzlers und die berühmten apoſtoliſchen Tugenden von Dubois. Die Gräfin ſank beinahe in Ohnmacht. „Aber,“ fuhr der Kanzler fort,„neben Aufrechthal⸗ tung der Redlichkeit, denkt der Richter mehr an ſeinen Freund, als an den Gleichgültigen; das iſt nur zu ge⸗ recht, wenn es gerecht iſt, und da es gerecht ſein wird, daß Sie Ihren Prozeß verlieren, Madame, ſo kann man Ihnen wohl die Folgen ſo unangenehm als nur möglich machen.“ „Aber, was Eure Excellenz zu ſagen mir die Ehre erweiſt, iſt furchtbar.“ „Ich, was mich betrifft, Madame, werde mich fern halten, wie Sie wohl denken können,“ fuhr Herr von Maupeou fort; pich habe den Richtern nichts zu empfeh⸗ len, und da ich ſelbſt nicht urtheile, ſo kann ich ſprechen.“ „Ach! Monſeigneur, ich vermuthete wohl Eines.“ Der Vicepräſident heftete ſeine kleinen grauen Augen auf die Gräfin. „Daß die Herren von Saluces, da ſie in Paris wohnen, mit allen meinen Richtern in Verbindung ſtehen, daß die Herren von Saluces allmächtig ſein würden.“ „Vor Allem, weil ſie das Recht haben.“ „Wie grauſam iſt es, Monſeigneur, ſolche Worte aus dem Munde eines Mannes kommen zu hören, der unfehlbar iſt, wie Eure Ercellenz.“ „Es iſt wahr, ich ſage Ihnen Alles dies, und den⸗ noch,“ verſetzte Herr von Maupeon mit einer geheuchelten Gutmüthigkeit,„und dennoch möchte ich Ihnen gern nütz⸗ ich ſein... bei meiner Ehre.“ Die Gräfin bebte; es kam ihr vor, als ſähe ſie — 112 etwas Dunkles, wenn nicht in den Worten, doch wenig⸗ ſtens in dem Gedanken des Vicepräſidenten, und wenn ſich dieſe Dunkelheit zerſtreute, würde ſie dahinter etwas Günſtiges entdecken. „Uebrigens,“ fuhr Herr von Maupeou fort,„übri⸗ gens iſt der Name, den Sie führen, einer der ſchönſten von Frankreich und dient bei mir als eine ſehr wirkſame Empfehlung.“ „Wird es aber nicht verhindern, daß ich meinen Prozeß verliere, Monſeigneur.“ „Bei Gott! ich vermag nichts.“ „Oh! Monſeigneur, Monſeigneur, wie gehen die Dinge!“ ſagte die Gräfin, den Kopf ſchüttelnd. „Sie ſcheinen anzudeuten, Madame, in unſerer guten alten Zeit ſeien ſie beſſer gegangen,“ verſetzte lächelnd Herr von Maupeon. „Ach! ja, Monſeigneur, ſo kommt es mir wenig⸗ ſtens vor, und ich erinnere mich mit Entzücken jener Zeit, wo Sie, ein einfacher Advokat des Koͤnigs beim Parla⸗ ment, jene ſchöne Reden hielten, denen ich, damals eine junge Frau, voll Begeiſterung Beifall klatſchte. Welches Feuer! welche Beredtſamkeit! welche Tugend! Oh! Herr Kanzler, in jener Zeit gab es weder Kabalen, noch Be⸗ günſtigungen, in jener Zeit hätte ich meinen Prozeß gewonnen.* „Wir hatten wohl Frau von Phalaris, welche in den Augenblicken, wo der Regent ſchlief, zu regieren ſuchte, und die Souris, die ſich überall eindrängte, um wo möglich einen kleinen Gewinn für ſich herauszu⸗ ſchlagen. 44 „Oh! Monſeigneur, Frau von Phalaris war eine ſo große Dame, und die Souris ein ſo gutes Mädchen.“ „Daß man ihnen nichts verweigern konnte.“ „Oder daß ſie nichts zu verweigern wußten.“ „Ah! Frau Gräfin,“ ſagte der Kanzler, auf eine Weiſe lachend, welche die alte Dame immer mehr in Erſtaunen ſetzte, ſo treuherzig, ſo natürlich war ſeine 113 Miene,„machen Sie nicht, daß ich aus Liebe für meine Jugend ſchlimm von meiner Verwaltung ſpreche.“ „Aber Eure Excellenz kann mich doch nicht abhalten, mein verlorenes Vermögen, mein auf immer zu Grund gerichtetes Haus zu beweinen.“ 4 „Das heißt nicht von ſeiner Zeit ſein, Gräfin, opfern Sie den Götzen des Tags, opfern Sie ihnen.“ „Ach! Monſeigneur, die Götzen des Tags wollen nichts von denjenigen wiſſen, welche mit leeren Händen kommen.“ „Was wiſſen Sie davon?“ 3 2 „Ja, Sie haben es, wie mir ſcheint, nicht verſucht?“ „Oh! Monſeigneur, Sie ſind ſo gut, daß Sie wie ein Freund mit mir ſprechen.“ „Ei! wir ſind von demſelben Alter Gräfin.“ „Warum bin ich nicht zwanzig Jahre, Monſeigneur, und warum ſind Sie nicht noch einfacher Advokat! Sie würden für mich plaidiren, und es gäbe keine Saluces, welche gegen Sie Stand halten konnten.“ „Leider ſind Sie nicht mehr zwanzig Jahre alt, Frau Gräfin,“ ſagte der Vicekanzler mit einem galanten Seufzer,„wir müſſen alſo diejenigen anflehen, welche dies ſind, da Sie ſelbſt zugeſtehen, daß es das Alter des Ein⸗ fluſſes iſt... Wie! Sie kennen Niemand bei Hofe?“ „Betagte Herren, welche ſich ihrer ehemaligen Freundin ſchämen würden, weil ſie arm geworden iſt. Ich habe den Zutritt in Verſailles und könnte dahin gehen, wenn ich wollte; doch, wozu ſoll es nützen? Ach! wenn ich wieder in den Beſitz meiner zweimal hundert tauſend Livres gelangte, würde man mich wohl abermals aufſuchen. Thun Sie dieſes Wunder, Monſeigneur.“ „Der Kanzler gab ſich den Anſchein, als hörte er dieſe Worte nicht. „An Ihrer Stelle,“ ſagte er,„würde ich die Alten vergeſſen, wie die Alten Sie vergeſſen, und ich würde Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 8 114 mich an die Jungen wenden, welche Parteigänger zu rekrutiren ſuchen. Kennen Sie ein wenig Mesdames?“ „Sie haben mich vergeſſen.“ „Und dann vermögen ſie nichts. Kennen Sie den Dauphin?“ „Nein.“ „Er iſt auch zu ſehr mit der Ankunft ſeiner Erzher⸗ zogin beſchäftigt, um an etwas Anderes zu denken,“ fuhr Herr von Maupeou fort;„doch ſehen wir uns unter den Günſtlingen um.“ „Ich weiß nicht einmal, wie ſie heißen.“ „Herr d'Aiguillon.“ „Ein Geck, dem man unwürdige Dinge nachſagt, der ſich in einer Mühle verborgen hat, während ſich die Andern ſchlugen... pfui!“ „Bah!“ verſetzte der Kanzler,„man muß immer nur die Hälfte von dem, was die Leute ſagen, glauben. Su⸗ chen wir weiter.“ „Suchen Sie, Monſeigneur, ſuchen Sie.“ „Warum nicht? Ja... Nein... Doch... „Sprechen Sie, Monſeigneur, ſprechen Sie.“ „Warum wollen Sie ſich nicht an die Gräfin ſelbſt wenden?“ „An Madame Dubarry?“ verſetzte Frau von Béarn, indem ſie ihren Fächer öffnete. „Ja, ſie iſt im Grunde gut.“ „Wahrhaftig?“ „Und beſonders dienſtfertig.“ „Ich bin von zu altem Hauſe, um ihr zu gefallen, Monſeigneur.“ „Ich glaube, Sie täuſchen ſich, Gräfin; ſie ſucht mit guten Familien in Verbindung zu treten.“ „Sie glauben?“ ſagte die alte Gräfin, welche be⸗ reits in ihrem Widerſtande wankte. „Kennen Sie Madame Dubarry?“ „Mein Gott, nein!“ „Oh!l das iſt ſchlimm! ich denke ſie hat Kredit?“ 1 115 1 Oh! ja, ſie hat Kredit, aber ich habe ſie nie ge⸗ ſehen.“ „Ihre Schweſter Chon auch nicht?“ „Nein.“ „Ihre Schweſter Bischi auch nicht?“ „Nein.“ „Ihren Bruder Jean auch nicht?“ 3„Nein.“ „Ihren Neger Zamore auch nicht?“ „Wie, ihren Neger?“ „Ja, ihr Neger iſt eine Macht.“ „Das kleine Scheuſal, deſſen Portrait man auf dem Pont⸗Neuf verkauft, und das einem angekleideten Mops gleicht?“ „Ganz richtig.“ „Ich ſoll dieſen ſchwarzen Kerl kennen, Monſeigneur!“ rief die Gräfin in ihrer Wurde verletzt,„wie ſoll ich ſeine Bekanntſchaft gemacht haben?“ „Ah! ich ſehe, Sie wollen Ihre Güter nicht behal⸗ ten, Gräfin.“ „Wie ſo?“ t„Da Sie Zamore verachten.“ „Aber, was kann denn Zamore in Allem dem „ machen?“ „Er kann machen, daß Sie Ihren Prozeß gewinnen.“ „Dieſer Mozambique kann machen, daß ich meinen Prozeß gewinne! Und wie dies, wenn ich bitten darf?“ „Indem er ſeiner Gebieterin ſagt, es gewähre ihm 3 Vergnügen, wenn Sie ihn gewinnen. Sie kennen die Einflüſſe. Er macht Alles, was er will, mit ſeiner Ge⸗ xt bieterin, und ſeine Gebieterin macht Alles, was ſie will, mit dem König.“ „Zamore regiert alſo Frankreich?“ „Hm!“ verſetzte Herr von Maupeou,„Zamore iſt ſehr einflußreich, und ich wollte lieber mit... mit der Dauphine, zum Beiſpiel, entzweit ſein, als mit ihm.“ „Jeſus!“ rief Frau von Béarn,„wenn 8 nicht eine 1 116 ſo ernſte Perſon wie Eure Excellenz wäre, die mir ſolche Dinge ſagte!“ „Eil! mein Gott, nicht ich allein werde Ihnen das ſagen, ſondern die ganze Welt. Fragen Sie die Herzoge und Pairs, ob ſie, wenn ſie nach Marly oder Luciennes gehen, die Dragées für den Mund oder die Perlen für die Ohren von Zamore vergeſſen. Ich, der ich mit Ihnen, 9 9 ſpreche, bin ich nicht Kanzler von Frankreich, oder bei⸗ nahe dies? Nun, mit was glauben Sie, daß ich mich beſchäftigte, als Sie eintraten? Ich ſchrieb für ihn ſeine Beſtallung als Gouverneur.“ „Als Gouverneur?“ „Ja. Herr von Zamore iſt zum Gouverneur des Schloſſes Luciennes ernannt worden.“ „Derſelbe Titel, mit dem man den Herrn Grafen von Béarn nach zwanzigjährigen Dienſten belohnt hat?“ „Indem man ihn zum Gouverneur des Schloſſes Blois ernannte?“ „Ja, ſo iſt es.“ „Mein Gott, welche Entartung!“ rief die Gräfin; „die Monarchie iſt alſo verloren?“ „Sie iſt wenigſtens ſehr krank, Gräfin; doch Sie wiſſen, von einem Kranken, der dem Sterben nahe iſt, erwirkt man, was man kann.“ „Allerdings, allerdings; aber man muß ſich dem Kranken nähern können.“ „Wiſſen Sie, was geſchehen müßte, damit Sie von Madame Dubarry gut aufgenommen würden?“ „Was?“ „Es müßte Ihnen geſtattet ſein, dieſes Patent ihrem Neger zu überbringen.“ „Mir!“ „Welch eine ſchöne Gelegenheit, in die Sache ſelbſt einzugehen.“ 1 „Sie glauben, Monſeigneur?“ ſagte die Gräfin ganz verblüfft. „Ich bin deſſen gewiß, doch...“ n 1 n 117 „Doch... 2“ wiederholte Frau von Béarn. „Doch Sie kennen Niemand in ihrer Nähe.“ „Aber Sie, Monſeigneur?“ „Ei!! ich... 1 „Jd. „Ich... ich wäre ſehr verlegen.“ „Ah!“ rief die arme alte Dame, ganz gelähmt durch alle dieſe Alternativen,„das Glück will offenbar nichts für mich thun. Eure Excellenz nimmt mich auf, wie ich nie auf⸗ genommen worden bin, während ich nicht einmal auf die Ehre, Sie zu ſehen, hoffte. Nun! es fehlt mir noch etwas: ich bin nicht nur geneigt, Madame Dubarry den Hof zu machen, ich, eine Béarn, bin ſogar bereit, die Commiſſionairin dieſes abſcheulichen Negers zu werden, den ich nicht mit einem Fußtritt auf das Hintertheil beehrt haben würde, wenn ich ihn auf der Straße getroffen hätte, und nun kann ich nicht einmal bis zu dieſem kleinen Un⸗ geheuer gelangen.“ Herr von Maupeou fing wieder an ſein Kinn zu ſtreicheln, und ſchien zu ſuchen, als plötzlich der Huiſſier eintretend meldete: „Der Herr Vicomte Jean Dubarry.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Kanzler als Zeichen des Erſtaunens in ſeine Hände, und die Gräfin ſank ohne Puls und ohne Athem in einen Lehnſtuhl. „Sagen Sie nun, Sie ſeien vom Glück verlaſſen, Madame,“ rief der Kanzler.„Ah! Gräfin, Gräfin, der Himmel kämpft im Gegentheil für Sie.“ Dann wandte er ſich gegen den Huiſſier und ſprach, ohne der armen Alten Zeit zu laſſen, ſich von ihrem Er⸗ ſtaunen zu erholen. „Laſſen Sie ihn eintreten.“ Der Huiſſier entfernte ſich und kehrte nach einem Augenblick unſerem alten Bekannten, Jean Dubarry, der mit geſpanntem Knie und den Arm in der Schlinge ein⸗ trat, voranſchreitend zurück. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen, und als die 3 118 Gräfin unentſchloſſen und zitternd aufzuſtehen ſuchte, um Abſchied zu nehmen, als ſie bereits der Kanzler mit einer leichten Kopfbewegung begrüßte und durch dieſes Zeichen andeutete, die Audienz ſei vorüber, ſagte der Vicomte: „Verzeihen Sie, Monſeigneur, verzeihen Sie, Ma⸗ dame, entſchuldigen Sie, daß ich Sie ſtöre, ich bitte, bleiben Sie, Madame... Ich habe mit gütiger Erlaubniß Seiner Exeellenz nur zwei Worte zu ſprechen.“ Die Gräfin ſetzte ſich, ohne ſich bitten zu laſſen, denn ihr Herz ſchwamm in Freude und ſchlug vor Un⸗ geduld. „Aber vielleicht bin ich Ihnen läſtig, mein Herr?“ ſtammelte die Gräfin. „Oh! mein Gott, nein. Ich habe nur zwei Worte Seiner Eerellenz zu ſagen, nur zehn Minuten ihrer koſt⸗ baren Arbeit zu entziehen; ich brauche nur die erforder⸗ liche Zeit, um eine Klage anzubringen.“ „Klage, ſagen Sie?“ rief der Kanzler. „Mörderiſch angefallen, Monſeigneur, ja mörderiſch angefallen! Sie begreifen, ich kann ſolche Dinge nicht hingehen laſſen. Man begegne uns verächtlich, man mache Spottlieder auf uns; man ſchwärze uns an; Alles dies überlebt man, aber man erwürge uns nicht, bei Gott! daran ſtirbt man.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr,“ ſagte der Kanzler, der den Erſchrockenen ſpielte. „Das wird bald geſchehen ſein. Doch, mein Gott, ich unterbreche die Audienz dieſer Dame.“ „Die Frau Gräſin von Béarn,“ ſprach der Kanzler, indem er die alte Dame dem Herrn Vicomte Jean Du⸗ barry vorſtellte. Dubarry wich anmuthig zurück, um ſeine Verbeugung zu machen, die Gräfin that daſſelbe, und Beide begruͤßten ſich mit ſo viel Ceremonie, als ob ſie es bei Hof gethan hätten. „Nach Ihnen, Herr Vicomte,“ ſagte ſie. N 119 „Frau Gräfin, ich wage es nicht, ein Verbrechen verletzter Galanterie zu begehen.“ „Thun Sie es, mein Herr, thun Sie es; bei mir handelt es ſich nur um Geld, bei Ihnen handelt es ſich um die Ehre. Sie haben natürlich mehr Gile.“ „Madame,“ ſprach der Vicomte,„ich werde von Ih⸗ rer Artigkeit Gebrauch machen.“ Und er erzählte ſeine Angelegenheit dem Kanzler, der ſehr ernſthaft zuhörte. „Sie müſſen Zeugen haben,“ ſprach Herr von Mau⸗ peou nach kurzem Stillſchweigen. „Ah!“ rief Dubarry,„daran erkenne ich den redli⸗ chen Richter, der nur der unverwerflichen Wahrheit Ein⸗ fluß auf ſich geſtatten laſſen will. Nun wohl, man wird die Zeugen finden.“ „Monſeigneur, ¹ ſagte die Gräfin,„einer iſt ge⸗ funden.“ „Wer iſt dieſer Zeuge?“ fragten gleichzeitig der Vi⸗ comte und Herr von Maupeon. „Ich,“ antwortete die Gräfin. „Sie, Madame?“ rief der Kanzler. „Hören Sie, mein Herr: iſt die Sache nicht in dem Dorfe Lachauſſe vorgefallen“ „Ja, Madame.“ „Auf, der Poſtſtation?“ „Ja. „Nun, ich werde Ihr Zeuge ſein. Ich kam nach dem Orte, wo das Attentat begangen wurde, zwei Stunden nach dem Attentat.“ „Wirklich, Madame?“ verſetzte der Kanzler. „Ah! Sie machen mich ſehr glücklich,“ ſagte der Vicomte. „Bei meiner Ankunft ſprach noch der ganze Flecken von dem Ereigniß,“ fuhr die Gräfin fort. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ agte der Vicomte, „nehmen Sie ſich in Acht! Wenn Sie einwilligen, mir in dieſer Sache zu dienen, ſo werden die Choiſeul ſehr 120 wahrſcheinlich ein Mittel finden, Sie dies bereuen zu laſſen.“— „Monſeigneur, Monſeigneur,“ ſprach die alte Dame, indem ſie die Hände an ihre Stirne drückte,„ich ſtürze von Abgrund zu Abgrund.“ „ Stitzen Sie ſich ein wenig auf dieſen Herrn,“ ſagte der Kanzler halblaut,„er wird Ihnen einen ſtarken Arm bieten.“ „Nur einen,“ entgegnete Dubarry ſich Zierend,„doch ich kenne Jemand, der zwei gute und lange Arme hat und ſie Ihnen anbietet.“ „Ah! Herr Vicomte,“ rief die alte Dame,„iſt die⸗ ſes Anerbieten im Ernſte gemeint?“ 3 „Bei Gott! ein Dienſt iſt den andern werth, Ma⸗ dame; ich nehme die Ihrigen an, nehmen Sie die mei⸗ nigen. Wollen Sie?“ „Ob ich ſie annehme, mein Herr!... Ahl das iſt zu viel Glück.“ „Nun! Madame, ich begebe mich auf der Stelle zu meiner Schweſter: haben Sie die Gnade, einen Platz in meinem Wagen zu nehmen.“ „Ohne Grund, ohne Vorbereitung. Oh! mein Herr, ich wuͤrde es nicht wagen.“ „Sie haben einen Grund, Madame,“ ſprach der Kanzler, und ſteckte der Gräfin das Patent von Zamore in die Hand.. „Herr Kanzler,“ rief die Gräfin,„Sie ſind mein Schutzgott. Herr Vicomte, Sie ſind die Blume des fran⸗ zöſiſchen Adels.“ „Zu Ihren Dienſten,“ wiederholte abermals der Vi⸗ comte, indem er der Gräfin, welche wie ein Vogel enteilte, den Weg zeigte. „Ich danke für meine Schweſter,“ ſagte Jean leiſe 121 u zu Herrn von Maupeou;„ich danke, mein Vetter. Doch habe ich meine Rolle gut geſpielt?“ 0„Vortrefflich,“ antwortete Maupeou; v„erzählen Sie k doort auch ein wenig, wie ich die meinige geſpielt habe. u Nehmen Sie ſich übrigens in Acht, die Alte iſt ſchlau.“ In dieſem Augenblick wandte ſich die Gräfin um. Die zwei Männer verbeugten ſich zu einem ceremo⸗ nidſen Gruß. Eine prachtvolle Carroſſe mit königlichen Livreen 3 wartete vor der Freitreppe. Die Gräfin ſetzte ſich ganz 1 aufgeblaſen von Stolz hinein. Jean machte ein Zeichen und man fuhr ab..... 88 ) Nachdem der König von Madame Dubarry wegge⸗ t gangen, nach einem kurzen und verdrießlichen Empfang, wie ihn Ludwig XV. den Höflingen angekündigt hatte, war die Gräfin allein mit Chon und ihrem Bruder ge⸗ blieben, der ſich Anfangs nicht gezeigt hatte, damit man den Zuſtand ſeiner, in Wirklichkeit ſehr leichten, Wunde nicht ergründen könnte. 18. In Folge des Familienraths, welcher nun ſtattgefun⸗ den, war die Gräfin ſtatt nach Luciennes, wie ſie es dem Konig geſagt, nach Paris abgereiſt. Die Gräfin beſaß hier in der Rue de Valois ein kleines Hotel, das der ganzen Familie, welche unabläßig unter Weges war, wenn es die Geſchäfte oder die Vergnügungen heiſchten, als Abſteigquartier diente. Die Gräfin nahm in einem Zimmer des Hotel Platz, ließ ſich ein Buch geben, und wartete. Während dieſer Zeit errichtete der Vicomte ſeine Batterien. 3 1 Die Favoritin hatte indeſſen nicht den Muth gehabt, durch Paris zu fahren, ohne den Kopf von Zeit zu Zeit aan den Kutſchenſchlag zu halten. Es gehört zu den In⸗ ſtinkten hübſcher Frauen, ſich zu zeigen, weil ſie fühlen, daß ſie gut anzuſchauen ſind. Die Gräfin zeigte ſich alſo, ſo daß das Gerücht von ihrer Ankunft in Paris ſich ver⸗ 122 breitete, weshalb ſie von zwei bis ſechs Uhr mehr als zwanzig Beſuche empfing. Das war eine Wohlthat der Vorſehung für die arme Gräfin, welche vor Langweile geſtorben wäre, wenn ſie hätte allein bleibenmüſſen; doch in Folge dieſer Zerſtreuung ging die Zeit durch Nachſinnen, durch Thronen und Coquettiren hin. Man konnte halb acht auf der großen Uhr leſen, als der Vicomte, die Gräfin von Béarn zu ſeiner Schwe⸗ ſter führend, an der Saint⸗Euſtache⸗Kirche vorüberkam. Das Geſpräch in der Carroſſe drückte das ganze Zögern der Gräfin, von einem ſolchen Glücke Gebrauch zu machen, aus. 7 Von Seiten des Vicomte war es das Heucheln einer gewiſſen Protectorswürde und das unbegränzte Bewundern des ſeltſamen Zufalls, der Frau von Béarn die Bekannt⸗ ſchaft von Madame Dubarry verſchaffte. Frau von Béarn konnte ihrerſeits nicht genug die Höflichkeit und Zuvorkommenheit des Vicekanzlers rühmen. 1 Trotz dieſer gegenſeitigen Lügen gingen die Pferde nicht minder ſchnell, und man gelangte zu der Gräfin, ſ zehn Minuten vor acht Uhr. „Erlauben Sie, Madame,“ ſprach der Vicomte, in⸗ dem er die alte Dame in einem Warteſaal ließ,„erlauben d Sie, daß ich Madame Dubarry von der Ehre unterrichte, die ihrer harrt.“ 3 „Oh! mein Herr,“ ſprach die Gräfin,„ich dulde in 1 der That nicht, daß man ſie ſtört.“ „Oh! der reizende kleine Neger,“ rief die Gräfin; d „gehört er Ihrer Frau Schweſter?* „Ja, Madame, es iſt einer von ihren Lieblingen,”)“ ſagte der Vicomte. 3 „Ich mache ihr mein Kompliment dazu.“ Beinahe in demſelben Augenblick öffneten ſich die zwei Flügel des Warteſaals und der Bediente: führte die Gräfin von Béarn in den großen Salon ein, wo Madame Du⸗ barry ihre Audienzen gab. Während die Gräfin den Lurus dieſer koſtlichen Ge⸗ 123 mächer betrachtete, begab ſich Jean Dubarry zu ſeiner Schweſter. „Iſt ſie es?“ fragte die Gräfin. „In Fleiſch und Knochen.“ „Sie vermuthet nichts?“ „Durchaus nichts.“ „Und der Vice?“ „Vortrefflich. Alles conſpirirt für uns, liebe Freundin.“ „Bleiben wir nicht länger beiſammen, damit ſie nichts vermuthet.“ „Sie haben Recht, denn ſie ſieht aus, wie eine feine Fliege. Wo iſt Chon?“ 4 „Sie wiſſen es wohl, in Verſailles.“ „Sie ſoll ſich nicht zeigen.“ „Ich habe es ihr eingeſchärft.“ „So treten Sie ein, Prinzeſſin.“ 3 Madame Dubarry öffnete die Thüre ihres Boudoir und trat ein. Alle Ceremonien der Etiquette, welche man in einem ſolchen Falle in der Zeit entwickelte, in der die Ereigniſſe ſich zutragen, die wir erzählen, wurden gewiſſenhaft von den zwei Schauſpielerinnen vollzogen, welche ganz von dem Verlangen, ſich einander zu gefallen, erfüllt waren. Madame Dubarry nahm zuerſt das Wort und ſprach: 8„Ich habe bereits meinem Bruder gedankt, daß er mir die Ehre Ihres Beſuches verſchaffte, ich danke nun Ihnen, daß Sie die Güte hatten und mir denſelben zu⸗ dachten.“ „Und ich, Madame,“ antwortete Frau von Béarn entzückt,„ich finde keine Worte, um Ihnen meine ganze Dankbarkeit für den liebreichen Empfang auszudruͤcken, den Sie mir bereiten.“ „Madame,“ erwiederte die Gräfin mit einer ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung,„es iſt meine Pflicht gegen eine Dame von Ihrem Nang, mich zu ihrer Verfügung zu ſeellen, wenn ich ihr zu irgend etwas dienlich ſein dürfte.“ Und nachdem die drei Verbeugungen von beiden Sei⸗ 124 ten gemacht waren, bezeichnete die Gräfin Dubarry Frau von Bäéarn ein Fauteuil und nahm eines für ſich ſelbſt. XXX. Das Patent von Zamore. „Madame,“ ſagte die Favoritin zur Gräfin,„ſpre⸗ chen Sie, ich höre.“ „Erlauben Sie, meine Schweſter,“ verſetzte Jean, der ſtehen geblieben war,„erlauben Sie mir den Anſchein zu beſeitigen, als wollte Madame um etwas bitten; Ma⸗ dame dachte nicht entfernt daran. Der Herr Kanzler übergab ihr nur einen Auftrag für Sie.“ Frau von Béarn warf einen Blick voll Dankbarkeit auf Jean, und reichte der Gräfin das von dem Vicekanzler unterzeichnete Patent, welches Patent Luciennes zu einem königlichen Schloß erhob, und an Zamore den Titel ſeines Gouverneur übertrug. „Alſo bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, Madame,“ ſprach die Gräfin, nachdem ſie das Patent flüchtig ange⸗ ſchaut hatte,„und wenn ich ſo glücklich wäre, eine Gele⸗ genheit zu finden, Ihnen auch eine Gefälligkeit zu er⸗ weiſen..... „Oh! das wird leicht ſein, Madame,“ rief die Gräfin mit einer Lebhaftigkeit, welche die zwei Verbündeten be⸗ zauberte.— „Wie ſo, Madame? Sprechen Sie, ich bitte.“ „Da Sie die Güte hatten, mir zu bemerken Ma⸗ dame, mein Name ſei Ihnen nicht ganz unbekannt...“ „Wie, ein Béarn!“ „Nun! Sie haben vielleicht von einem Prozeß ſpre⸗ chen hören, der die Güter meines Hauſes betrifft.“ „Streitig gemacht durch die Herren von Saluces, wie ich glaube?“ „Ach! ja, Madame.“— — „Ja, ja, ich kenne dieſe Angelegenheit,“ ſagte die Gräfin. 8 —————,—,— —— —— rau 125 „Seine Majeſtät ſprach eines Abends bei mir darüber mit meinem Vetter, Herrn von Maupeou.“ „Seine Majeſtät!“ rief Frau von Béarn,„Seine Majeſtät hat von meinem Prozeß geſprochen?“ „Ja, Madame.“ „Und in welchen Ausdrücken?“ „Ach! arme Gräfin,“ rief ebenfalls Madame Du⸗ barry den Kopf ſchüttelnd. „Ah! nicht wahr ein verlorener Prozeß?“ verſetzte die alte Dame voll Angſt. „Ich befürchte es, wenn ich die Wahrheit ſprechen ſoll, Madame.“ „Seine Majeſtät hat es geſagt?“ „Seine Majeſtät, ohne ſich auszuſprechen, denn ſie iſt voll Klugheit und Zartgefühl, ſchien dieſe Güter be⸗ reits als von der Familie Saluces erworben zu betrachten.“ „Oh! mein Gott, mein Gott, Madame, wenn Seine Majeſtät auf dem Laufenden in der Sache wäre, wenn ſie wüßte, daß eine Abtretung in Folge einer zurück⸗ bezahlten Obligation ſtattgefunden hat! Ja Madame, zurückbezahlt; die zweimal hundert tauſend Franken ſind zu⸗ rückgegeben worden. Ich beſitze allerdings die Empfangs⸗ ſcheine nicht, aber ich habe die moraliſchen Beweiſe, und wenn ich vor dem Parlament ſelbſt plaidiren könnte, ſo würde ich durch Deduction darthun...“ „Durch Deduction?“ unterbrach ſie die Gräfin, welche durchaus nichts von dem verſtand, was ihr Frau von Béarn ſagte, ihrer Auseinanderſetzung aber nichtsdeſto⸗ weniger die ernſthafteſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. „Ja, Madame, durch Deduction.“ „Der Beweis durch Deduction iſt geſtattet,“ ſagte Jean. „Ah! Sie glauben das, Herr Vicomte,“ rief die Alte. „Ich glaube es,“ antwortete der Vicomte mit dem höchſten Ernſt. „Nun wohl, durch Deduction würde ich beweiſen, daß dieſe Obligation von zweimal hundert tauſend Livres, welche mit den angehäuften Intereſſen heute ein Kapital von mehr — — — — ſſ 126 als einer Million bildet, ich würde beweiſen, daß dieſe Obligation vom Jahr 1406 durch Guy Gaſton IV., Grafen von Béarn, auf ſeinem Sterbebett im Jahr 1417 zurückbezahlt geweſen ſein muß, denn es finden ſich in ſeinem Teſtament von ſeiner eigenen Hand die Worte: „„Auf meinem Sterbebett, indem ich den Menſchen nichts mehr ſchuldig bin, und bereit, vor Gott zu erſcheinen...““ „Nun?“ ſagte die Gräfin. „Sie begreifen, wenn er den Menſchen nichts mehr ſchuldig war, ſo hatte er ſich ſeiner Verbindlichkeiten gegen die Saluces entledigt. Sonſt hätte er geſagt:„„indem ich zweimal hundert tauſend Livres ſchuldig bin,““ ſtatt zu ſagen:„gindem ich nichts mehr ſchuldig bin.““ „Unſtreitig hätte er dies geſagt,“ unterbrach Jean die Gräfin. „Sie haben keinen andern Beweis?“ „Außer dem Worte von Gaſton IV. keinen, Madame, doch er war es, den man den Tadelloſen nannte.“ „Während Ihre Gegner die Obligation in Händen haben.“* „Ja, ich weiß es wohl, und das iſt es gerade, was den Prozeß verwirrt macht,“ ſprach die Alte. Sie hätte ſagen ſollen, was ihn klar macht; aber Frau von Béarn ſah die Dinge aus ihrem Geſichts⸗ punkte an. „Sie haben alſo die Ueberzeugung, Madame, daß die Saluces wieder bezahlt worden ſind,“ ſagte Jean. „Ja, Herr Vicomte,“ rief Frau von Béarn begeiſtert, „das iſt meine Ueberzeugung.“ „Ei!“ ſprach die Gräfin, indem ſie ſich mit einer durchdrungenen Miene an ihren Bruder wandte,„wiſſen Sie, Jean, daß dieſe Deduction, wie es die Frau Gräfin — von Béarn nennt, das Angeſicht der Dinge furchtbar verändert?“ 4 „Furchtbar, ja, Madame,“ verſetzte Jean. „Furchtbar für meine Gegner,“ fuhr die Gräfin fort; 127 „die Worte des Teſtaments von Gaſton IV. ſind poſitiv: „vin dem ich den Menſchen nichts ſchuldig bin.““— „Das iſt nicht nur klar, ſondern logiſch,“ ſprach Jean.„Er war den Menſchen nichts mehr ſchuldig, folglich hatte er ihnen bezahlt, was er ihnen ſchuldig war.“„. „Folglich hatte er bezahlt,“ wiederholte Madame Dubarry. „Oh! Madame, warum ſind Sie nicht mein Rich⸗ ter,“ rief die alte Gräfin. „Früher,“ ſagte der Vicomte Jean,„früher hätte man bei einem ähnlichen Fall ſeine Zuflucht nicht zu den Tribunalen genommen, und das Urtheil Gottes würde die Angelegenheit entſchieden haben. Ich, was mich betriſſt, bin ſo ſehr von der Güte der Sache überzeugt, daß ich mich, wenn ein ſolches Mittel noch gebräuchlich wäre, zum Ritter von Madame anbieten würde.“ „O mein Herr!“ „So iſt es; übrigens würde ich nur thun, was mein Ahnherr Dubarry Moore that, der die Chre hatte, ſich mit der königlichen Familie der Stuart zu verbinden, als er für die ſchoͤne und junge Edith von Scarborough in den Schranken focht, und ſeinen Gegner zu dem Geſtänd⸗ niſſe zwang, er habe ſchändlich gelogen. Aber leider,“ fuhr der Vicomte mit einem Seuzfer der Verachtung fort, „leider leben wir nicht mehr in dieſer glorreichen Zeit, und die Edelleute müſſen, wenn ſie ihre Rechte verfechten, heut zu Tage ihre Sache dem Urtheile eines Haufens von Ncheiverdrehern unterwerfen, welche einen ſo klaren Satz wie den:„vindem ich den M enſchen nichts mehr ſchuldig bin,““ gar nicht verſtehen.“ „Hören Sie, lieber Bruder, es ſind dreihundert Jahre vorüber, ſeitdem dieſer Satz geſchrieben voreen iſt,“ be⸗ merkte Madame Dubarry,„und man muß das berückſich⸗ tigen, was man im Juſtizpalaſt, wie ich glaube, die Ver⸗ jährung nennt.“ „Gleichviel, gleichviel,“ ſagte Jean, nich behanpte, 128 wenn Seine Majeſtät Madame ihre Angelegenheit würde auseinanderſetzen hören, wie ſie es vor uns 1 gethan... „Oh! ich würde ſie überzeugen, nicht wahr, mein Herr? deſſen bin ich ſicher.“ „Ich auch.“ „Ja, aber wie ſoll ich mich hörbar machen?“ „Sie müſſen mir die Ehre erweiſen, eines Tags nach Luciennes zu kommen, und da Seine Majeſtät die Gnade hat, mich ziemlich oft dort zu beſuchen...“ „Ja, gewiß, meine Liebe, doch Alles dies hängt vom Zufall ab.“ 1 „Vicomte,“ ſprach die Gräfin mit einem reizenden Lächeln,„Sie wiſſen, daß ich mich gern dem Zufall an⸗ vertraue, und ich habe mich nicht darüber zu beklagen.“ „Und dennoch kann es der Zufall fügen, daß Ma⸗ dame acht Tage, vierzehn Tage, drei Wochen nicht mit Seiner Majeſtät zuſammentrifft.“ „Das iſt wahr.“ „Mittlerweile wird in ihrem Prozeß Montag oder Dienſtag das Urtheil gefällt.“ 3 „Dienſtag, mein Herr.“ „Und es iſt bereits Freitag Abend.“ „Oh! dann darf man nicht mehr hierauf rechnen.“ „Was iſt zu thun?“ fragte der Vicomte, der in tiefe Träume verſunken zu ſein ſchien,„Teufel! Teufel!“ „Eine Audienz in Verſailles?“ ſagte ſchüchtern Frau von Béarn. „Oh! Sie werden ſie nicht erhalten.“ „Mit Ihrer Protection, Madame? „Meine Protection würde nichts helfen, Seine Ma⸗ 1 jeſtät hat einen Abſcheu vor allen officiellen Dingen, und in dieſem Augenblick iſt ſie nur mit einer Angelegenheit beſchäftigt.“ „Mit der der Parlamente?“ „Nein, mit der meiner Vorſtellung.“ „Ah!“ machte die alte Dame. heit ins der 129 „Denn Sie wiſſen, Madame, daß trotz des Wider⸗ ſtandes von Herrn von Choiſeul, trotz der Intriguen von Herrn von Praslin, und trotz der Zuvorkommenheiten der Frau von Grammont, der König meine Vorſtellung be⸗ ſchloſſen hat.“ „Nein, nein, ich wußte es nicht, Madame.“ „O mein Gott! ja, beſchloſſen,“ ſprach Jean. „Und wann wird die Vorſtellung ſtattfinden, Ma⸗ dame?“ „Sehr bald.“. „Sehen Sie... nach des Königs Willen ſoll ſie vor Ankunft der Frau Dauphine ſtatthaben, damit er meine Schweſter zu den Feſten von Compiégne mitnehmen kann.“. 4 „Ah! ich begreife, Madame iſt alſo im Stande, vorgeſtellt zu werden?“ fragte ſchüchtern die Gräfin. „Mein Gott, ja. Die Frau Baronin d Alogny, kennen Sie die Baronin d Alogny?“ „Nein, mein Herr. Ach! ich kenne Niemand mehr, es ſind zwanzig Jahre, daß ich den Hof verlaſſen habe.“ „Nun, die Frau Baronin d'Alogny dient ihr als Pathin. Der König überhäuft ſie mit Gnadenbezei⸗ gungen, dieſe gute Baronin. Ihr Gatte iſt Kammerherr; ihr Sohn kommt zu den Garden mit dem Verſprechen der erſten Lieutenantsſtelle; ihre Baronie wird zur Graſſchaft erhoben; die Anweiſungen auf die Caſſette des Königs werden gegen Actien der Stadt vertauſcht, und am Abend dee Vorſtellung erhält ſie zwanzig tauſend Thaler baar eld.“ Ich begreife das,“ ſagte die Gräfin von Béarn mit einem anmuthigen Lächeln. „Ah! wenn ich bedenke!“ rief Jean. „Was?“ fragte Madame Dubarry. „Welch ein Unglück!“ fügte er von ſeinem Stuhle aufſpringend bei,„welch ein Unglück, daß ich Madame nicht vierzehn Tage früher bei unſerem Veiter, dem Vice⸗ kanzler, getroffen habe!“ Denkwurdigkeiten eines Arztes. II,* 9 130 „Nun?“ „Nun, damals ſtanden wir noch in keiner Verbin⸗ dung mit der Baronin d'Alogny.“ „Mein Lieber,“ verſetzte Madame Dubarry,„Sie ſprechen wie ein Sphinr und ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie verſtehen mich nicht?“ „Nein. „Ich wette, daß Madame mich verſteht.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, aber ich ſuche vergebens.“ „Vor acht Tagen hatten Sie noch keine Pathin?“ „Allerdings.“ „Nun,“ Madame, ich gehe vielleicht zu weit.“ „Nein, mein Herr, ſprechen Sie.“ 4 „Madame hätte Ihnen als ſolche gedient, und was der König für die Baronin d'Alogny thut, würde er auch für Madame gethan haben.“ Frau von Béarn riß die Augen weit auf und ſeufzte ein:„Ach!“ „Ah! wenn Sie wüßten, mit welcher Huld Seine Majeſtät alle dieſe Gunſtbezeigungen bewilligt hat?“ fuhr Jean fort.„Es war nicht noͤthig, ihn darum zu bitten, er iſt entgegengekommen. Sobald man ihm mit⸗ theilte, die Baronin d'Alogny biete ſich an, Pathin von Jeanne zu werden, ſagte er:„„Das iſt mir lieb, ich bin müde aller dieſer Närrinnen, welche, wie es ſcheint, ſtolzer ſind als ich. Gräfin, nicht wahr, Sie werden mir dieſe Frau vorſtellen? Hat ſie einen guten Prozeß, einen Rückſtand, ein Bankerott?...““ Die Augen der Gräfin erweiterten ſich immer mehr. „„Nur,““ fügte der König bei,„„nur iſt mir Eines ärgerlich.““ „Ah! Eines war Seiner Majeſtät ärgerlich?“ „„Ja, Eines. Eines iſt mir ärgerlich, ich hätte zur Vorſtellung von Madame Dubarry gern einen hiſtoriſchen Namen gehabt.““ Und während Seine Majeſtät dieſe Worte ſprach, ſchaute ſie das Portrait von Karl I. von Van Dyck an. 3 131. „Ja, ich begreife,“ ſprach die alte Prozeßkrämerin, „Seine Majeſtät ſagte dies wegen der Verwandtſchaft der Du⸗ blarry Moore mit den Stuarts, wovon Sie vorhin ſprachen.“ 3„Ganz richtig.“ V 1 84 „Es iſt wahr,“ verſetzte Frau von Béarn mit einem Tone, der ſich nicht beſchreiben läßt,„es iſt wahr, ich habe nie von den d'Alogny ſprechen hören.“ „Und dennoch iſt es eine gute Familie,“ bemerkte 4 die Gräfin,„ſie hat ihre Proben geliefert, oder ſo unge⸗ 4 fähr geliefert.“ „Ah! mein Gott,“ rief plötzlich Jean, indem er ſich mit dem Fauſtgelenke auf ſeinem Stuhle erhob. „Nun, was haben Sie denn?“ fragte Madame Du⸗ 1 barry, welche die größte Mühe hatte, bei den gewaltſamen Verdrehungen ihres Schwagers*) das Lachen zu halten. „Der Herr hat ſich vielleicht geſtochen?“ fragte die 1 alte Prozeßkrämerin mit ängſtlicher Theilnahme. „Nein,“ erwiederte Jean, indem er ſich ſachte zurück⸗ . fallen ließ,„nein, es iſt mir ein Gedanke gekommen.“ „Was für ein Gedanke?“ fragte die Gräfin lachend, „er hat Sie beinahe umgeworfen.“ „Er muß ſehr gut ſein,“ bemerkte Frau von Béarn. „Vortrefflich!“„ „Nennen Sie ihn uns alſo. „Er hat nur ein Unglück.“ „Welches?“ „Es iſt unmöglich ihn auszuführen.“ : 3 ih;19 41 „Nennen Sie ihn immerhin. *) Dumas nennt Jean Dubarry bald den Bruder, bald den Schwager von Madame Dubarry. Nach der Geſchichte wurde Marie Jeanne Gomart de Vaubernier als Mademoiſelle Lange von dem Grafen Jean Dubarry dem König vorgeſtellt und dann ſogleich an den Bruder von Jean, den Grafen Guillaume Du⸗ barry verheirathet. Hienach war Jean Dubarry der Schwager von Madame Dubarry, der Favoriten von Ludwig XV., und die Bezeichnung Bruder und Schweſter iſt mehr als eine Folge des vertraulichen Verhältniſſes von Jean und Jeanne und als eine Eigenthümlichkeit der Sprachweiſe von Dumas 39 betrachten. 13²2 „In der That, ich habe Furcht, irgend Jemand Kummer zu bereiten.“ „Gleichviel, ſprechen Sie Vicomte, ſprechen Sie.“ „Ich dachte, Madame, wenn Sie der Baronin d'Alogny die Bemerkung mittheilen würden, welche der König machte, während er das Portrait von Karl I. be⸗ trachtete.“ „Oh! das wäre nicht ſehr höflich, Vicomte.“ „Das iſt wahr.“ „So denken wir nicht mehr daran.“ „Die Alte ſtieß einen Seufzer aus. „Es iſt ärgerlich,“ fuhr der Vicomte fort, als ſpräche er mit ſich,„die Dinge würden von ſich ſelbſt gehen. Madame, welche einen großen Namen hat und eine Frau von Geiſt iſt, böte ſich an der Stelle der Baronin d'Alogny an. Sie gewänne ihren Prozeß, Herr von Béarn der Sohn bekäme eine Lieutenantsſtelle bei den Garden, und da Madame während der verſchiedenen Rei⸗ ſen, die ſie ihr Prozeß nach Paris zu machen gezwungen, große Koſten gehabt hat, ſo gäbe man ihr eine Ent⸗ ſchädigung. Ah! ein ſolches Glück findet ſich nicht zwei⸗ mal im Leben. „Ach! nein, ach! nein,“ ſagte unwillkührlich und von dieſem unvorhergeſehenen Schlage betäubt Frau von Béarn. Es iſt nicht zu leugnen, in der Lage der armen Dame würde Jedermann wie ſie geſprochen und nieder⸗ geſchmettert im Grunde des Lehnſtuhls geblieben ſein. „Ah! Sie ſehen, mein Bruder,“ ſprach die Graͤfin, mit dem Tone tiefen Mitleids,„Sie ſehen, daß Sie Madame betrübt haben. War es nicht genug, daß ich ihr offenbaren mußte, ich konne vor meiner Vorſtellung nichts von dem König verlangen?“ „O! wenn ich meinen Proceß verſchieben koͤnnte.“ „Nur um acht Tage,“ ſagte Madame Dubarry. „Ja um acht Tage,“ ſprach Frau von Béarn,„in acht Tagen wird Madame vorgeſtellt ſein.“ 1 „Ja, aber in acht Tagen wird ſich der König in — ———* 21 7 . 13³ Compiégne, mitten unter den Feſten befinden; die Dau⸗ phine wird angekommen ſein.“ „Das iſt richtig, das iſt richtig,“ verſetzte Jean, „aber... „Was?“ „Warten Sie doch; noch ein Gedanke.“ „Sprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie,“ rief die Alte. „Es ſcheint mir, ja, nein, ja, ja, ja!“ „Frau von Béarn wiederholte voll Angſt die einſyl⸗ bigen Wörter von Jean. „Sie haben geſagt ja, Herr Vicomte,“ bemerkte ſie. „Ich glaube, ich habe das Auskunftsmittel gefunden.“ „Nennen Sie es.“ „Hoͤren Sie.“ „Wir hören.“ „Ihre Vorſtellung iſt noch ein Geheimniß, nicht wahr 2“ „Allerdings, Madame allein...“— „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ rief die alte Dame. „Ihre Vorſtellung iſt alſo ein Geheimniß. Man weiß nicht, daß Sie eine Pathin gefunden haben.“ „So iſt es, der Koͤnig will, daß die Neuigkeit wie eine Bombe losbreche.“ „Diesmal haben wir es.“ „Sicherlich, Herr Vicomte?“ fragte Frau von Béarn. „Wir haben es,“ wiederholte Jean.. Die Ohren öffneten ſich, die Augen erweiterten ſich, Jean näherte ſein Fauteuil den zwei andern Fauteuils. „Madame weiß folglich wie die Andern nicht, daß Sie vorgeſtellt werden ſollen und eine Pathin gefunden haben.“ „Allerdings. Ich wüßte es nicht, wenn Sie es mir nicht geſagt hätten.“— „Man wird glauben, Sie haben uns nicht geſehen; Sie wiſſen alſo von Allem gar nichts. Sie verlangen Audienz vom Koͤnig.“ Sl 6 134 „Aber die Frau Gräfin behauptet, der König werde ſie mir verweigern.“ 6. „Sie verlangen Audienz vom König, indem Sie ihm anbieten, die Pathin der Gräfin zu werden. Sie begrei⸗ fen. Sie wiſſen nichts davon, daß ſie bereits eine hat. Sie verlangen alſo Audienz vom König, indem Sie ſich anbieten, die Pathin meiner Schweſter zu werden. Von Seiten einer Frau von Ihrem Nange rührt die Sache Seine Majeſtät; Seine Majeſtät empfängt Sie, dankt Ihnen, fragt, was er thun könne, um Ihnen angenehm zu ſein. Sie ſprechen von der Angelegenheit des Prozeſſes, Sie machen Ihre Deductionen geltend. Seine Majeſtät begreift, empfiehlt die Sache, und Ihr Prozeß, den Sie für verloren halten, iſt gewonnen.“ Madame Dubarry heftete glühende Blicke auf die Gräfin. Dieſe fühlte ohne Zweifel die Falle. Ohl ich ſchwaches Geſchöpf,“ ſagte ſie raſch,„wie ſoll Seine Majeſtät...“ „Es iſt genug. Ich glaube bei dieſem Verhältniß guten Willen gezeigt zu haben,“ ſprach Jean. 3 „Wenn es ſich nur um den guten Willen handelt...“ verſetzte die Gräfin zögernd. „Der Gedanke iſt nicht ſchlecht,“ ſagte Madame Du⸗ barry lächelnd.„Doch ſelbſt um ihren Prozeß zu gewinnen, widerſtrebt es vielleicht der Frau Gräfin, zu ſolchen Rän⸗ ken ihre Zuflucht zu nehmen.“ „Solche Ränke!“ rief Jean;„oh! ich frage, wer wird ſie denn erfahren, dieſe Ränke?“ „Madame hat Recht,“ ſprach die Gräfin, in der Hoffnung, ſich durch einen Querzug aus der Sache zu ziehen,„es wäre mir lieber, ihr einen wirklichen Dienſt zu leiſten, um mir ihre Freundſchaft zu erwerben.“. „Das iſt in der That im höchſten Maße liebens⸗ würdig,“ ſagte Madame Dubarry mit einer leichten Fär⸗ bung von Ironie, welche Frau von Béarn nicht entging. „Nun! ich habe noch ein Mittel,“ verſetzte Jean. „Ein Mittel? „Ja. 4 „Dieſen Dienſt wirklich zu machen?“— „Ah! Vicomte,“ ſprach Madame Dubarry,„Sie werden Dichter, nehmen Sie ſich in Acht! Herr von Beaumarchais hat in ſeiner Einbildungskraft nicht mehr OQuellen als Sie.“ Die alte Gräfin erwartete voll Angſt die Ausein⸗ anderſetzung dieſes Mittels.„ „Scherz bei Seite,“ rief Jean.„Hören Sie, kleine Schweſter, nicht wahr, Sie ſind ſehr vertraut mit der Baronin d'Alogny?“ „Ob ich es bin!... Sie wiſſen es wohl.“ „Würde ſie ſich beleidigt fühlen, wenn die Vorſtel⸗ lung nicht durch ſie ſtattfände?“ „Das iſt wohl möglich!“ „Es verſteht ſich, Sie würden ihr nicht geradezu ins Geſicht ſagen, was der König geſprochen hat, nämlich, daß ſie für eine ſolche Aufgabe von einem zu kleinen Adel ſei. Doch Sie ſind eine Frau von Geiſt, Sie werden ihr etwas Anderes ſagen.“ 4. „Nun?“ fragte Jeanne. „Sie würde Madame dieſe Gelegenheit, Ihnen einen Dienſt zu leiſten und zugleich ihr Glück zu machen, abtreten.“ 3 Die Alte bebte. Diesmal war der Angriff unmittel bar und kaum eine ausweichende Antwort möglich. Sie fand jedoch eine und erwiederte: „Ich möchte dieſe Dame nicht gern vor den Kopf ſtoßen, und man iſt ſich unter Leuten von Stand gewiſſe Rückſichten ſchuldig.“ Madame Dubarry machte eine Bewegung des Aer⸗ gers, die ihr Bruder mit einem Zeichen beſchwichtigte. —„Merken Sie wohl, Madame,“ ſagte er,„ich ſchlage Ihnen nichts vor. Sie haben einen Prozeß, das wider⸗ fährt Jedermann; Sie wünſchen ihn zu gewinnen, das iſt ganz natürlich. Er ſcheint verloren, das bringt Sie in Verzweiflung; ich falle gerade in die Mitte dieſer Ver⸗ zweiflung; ich fühle mich von einer Sympathie für Sie — N 136 ergriffen; ich nehme Theil an dieſer Angelegenheit, die mich nichts angeht; ich ſuche Mittel, ihr eine gute Wen⸗ dung zu geben, während ſie zu zwei Dritteln bereits eine ſchlechte genommen hat. Ich habe Unrecht, ſprechen wir nicht mehr davon.“ Und Jean ſtand auf. „Oh! mein Herr,“ rief die Alte mit einer Beklem⸗ mung des Herzens, die ſie die Dubarry, welche bis jetzt gleichgültig geweſen, als fortan gegen ihren Prozeß ver⸗ bunden, erblicken ließ;„oh! mein Herr, ganz im Gegen⸗ theil, ich erkenne, ich bewundere Ihr Wohlwollen!“ „Sie begreifen,“ ſagte Jean mit einer vortrefflich geſpielten Gleichgültigkeit„Sie begreifen, mir iſt nichts daran gelegen, ob meine Schweſter durch die Baronin d'Alogny, durch Frau von Polaſtron, oder durch Frau von Béarn vorgeſtellt wird.“ „Ganz gewiß, mein Herr.“ „Nur, ich geſtehe es, wäre ich wüthend, wenn die Wohlthaten des Konigs auf ein ſchlechtes Herz ſielen, das, gewonnen durch ein ſchmutziges Intereſſe, vor unſerer Macht, weil es die Unmöglichkeit, dieſelbe zu erſchüttern, begriffen, capitulirt hätte.“ „Oh! das wäre wahrſcheinlich geſchehen,“ ſprach Madame Dubarry. „Während,“ fuhr Jean fort,„während Madame, die man nicht erſucht hat, die wir kaum kennen, und die ſich 4 aus freien Stücken anbietet, mir in jeder Beziehung würdig ſcheint, aus den Vortheilen der Lage Nutzen zu ziehen.“. Die alte Dame hätte vielleicht gegen dieſen guten Willen, mit dem ſie der Vicomte beehrte, Einſprache ge⸗ than, doch Madame Dubarry ließ ihr nicht Zeit dazu. „Es iſt nicht in Abrede zu ziehen,“ ſprach ſie, zein ſolches Benehmen würde den Känig entzücken, und der Koͤnig hätte einer Perſon, welche auf dieſe Art verfahren wäre, nichts zu verweigern.“ 5 „Wie! Sie ſagen, er hätte ihr nichts zu verweigern?“ — ——— 137 „Das heißt, er würde ihren Wünſchen entgegenkom⸗ men, das heißt, Sie würden ihn mit Ihren eigenen Ohren zu dem Vicekanzler ſagen hören:„„Es iſt mein Wille, daß man ſich gegen Frau von Béarn gefällig benehme, verſtehen Sie, Herr von Maupeou?““ Doch es ſcheint die Frau Gräͤfin erblickt Schwierigkeiten hiegegen. Es iſt gut, nur,“ fügte der Vicomte ſich verbeugend bei„nur.h offe ich, Madame wird mir für meinen guten Willen Dank wiſſen.“ „Ich bin von Dankbarkeit durchdrungen, mein Herr,“ rief die Alte. „Oh! ich bitte, gar keine Urſache,“ verſetzte der ga⸗ lante Vicomte. „Aber,“ ſagte die Gräfin. „Madame.“ „Aber die Baronin d'Alogny wird ihr Recht nicht abtreten,“ ſprach Frau von Béarn. 1 „Dann kommen wir auf das zurück, was wir von Anfang an ſagten, Madame wird ſich nicht minder ange⸗ bubim haben und Seine Majeſtät wird nicht minder dank⸗ bar ſein.“ „Doch vorausgeſetzt, die Baronin d'Alogny würde einwilligen,“ entgegnete die Gräfin, welche das Aeußerſte wagte, um klar im Grunde der Dinge zu ſehen, man kann dieſe Dame doch die Vortheile nicht verlieren laſſen.“ „Die Güte des Königs iſt unerſchöpflich, Madame,“ ſprach die Favoritin. „SOh!“ rief Dubarry,„welch ein Stein auf den Kopf dieſer Saluces, die ich nicht riechen kann!“ „Wenn ich meine Dienſte Madame anböte,“ verſetzte die alte Prozeßkrämerin, welche zugleich fortgeriſſ en durch ihr Intereſſe und durch die Komödie, die man mit ihr ſpielte, einem Entſchluſſe immer näher kam,„wenn ich mich anböte, würde ich den Gewinn meines Prozeſſes nicht in Betracht ziehen, denn dieſer Prozeß, den heute die ganze Welt für verloren hält, wird am Ende morgen ſchwer zu gewinnen ſein.“ 138 „Ah! doch wenn der König wollte,“ antwortete der Vicomte, der dieſes neue Zögern ſchleunigſt zu bekämpfen ſuchte. 2 „Madame hat Recht, Vicomte, und ich bin auch ihrer Anſicht,“ ſprach die Favoritin. 4 „Wie ſagen Sie?“ verſetzte der Vicomte, indem er die Augen weit aufriß. „Ich ſage, es wäre ehrenvoll für eine Dame von dem Namen von Madame, den Prozeß gehen zu laſſen, wie er gehen ſoll. Nur kann Niemand dem Willen des Koͤnigs Feſſeln anlegen oder ihn in ſeiner Freigebigkeit aufhalten. Und wenn der König, beſonders in der Lage, in der er ſich mit ſeinen Parlamenten befindet, den Gang der Gerichte nicht verändern wollte und Madame eine ntſchädigung anböte?“ Eine ehrenvolle,“ fügte der Vicomte raſch bei.„Oh! ja, kleine Schweſter, ich bin auch Ihrer Anſicht.“ „Ach!“ entgegnete ſeufzend die alte Dame,„wie kann man für den Verluſt eines Prozeſſes entſchädigen, der zweimal hundert tauſend Livres wegnimmt.“ „Vor Allem durch ein königliches Geſchenk von zwei⸗ mal hundert tauſend Livres,“ erwiederte Madame Dubarry. Die zwei Verbündeten ſchauten ihr Opfer gierig an. „Ich habe einen Sohn,“ ſagte Frau von Béarn. „Deſto beſſer, das iſt ein Diener mehr für den Staat, es iſt eine neue Ergebenheit für den König er⸗ worben.“ „Sie glauben, Madame, er würde etwas für meinen Sohn thun?“ 3 „Ich ſtehe dafür,“ antwortete Jean,„und das We⸗ nigſte, was er hoffen darf, iſt eine Lieutenantsſtelle bei den Gendarmen.“ „Haben Sie noch andere Verwandte?“ fragte die Favoritin. 4 4 „Einen Neffen.“ „Nun! man würde etwas für den Neffen erfinden.“ „Und hiemit würden wir Sie beauftragen, Vicomte, 4 139 Sie, der Sie uns ſo eben bewieſen haben, daß Sie voll Erfindung ſind,“ ſprach lachend die Favoritin. „Sagen Sie, wenn Seine Majeſtät Alles dies für Sie thäte, würden Sie den Koͤnig billig und anſtändig finden?“ fragte der Vicomte, der nach der Vorſchrift von Höoraz immer ſchärfer auf die Entwicklung drang. „Ich würde ihn über allen Ausdruck großmüthig finden, und meine ganze Erkenntlichkeit Madame darbrin⸗ gen, in der Ueberzeugung, daß ich ihr ſo viel Großmuth zu verdanken hätte.“ „Sie wollen alſo die Güte haben, unſer Geſpräch im Ernſte zu nehmen?“ fragte die Favoritin. „Ja, Madame, im höchſten Ernſte,“ antwortete die alte Dame, ganz bleich ob der Verbindlichkeit, die ſie übernahm. „Und Sie erlauben, daß ich mit Seiner Majeftt von Ihnen ſpreche?“ „Erweiſen Sie mir dieſe Ehre,“ erwiederte Frau von Béarn mit einem Seufzer. „Madame, es wird geſchehen, und zwar nicht ſpäter als dieſen Abend,“ ſagte die Favoritin, indem ſie die Sitzung aufhob;„und nun, Madame, habe ich mir, wie ich hoffe, Ihre Freundſchaft erworben?“ „Die Ihrige iſt mir ſo koſtbar, daß ich in der That unter der Herrſchaft eines Traumes zu ſtehen glaube,“ antwortete die alte Dame, während ſie ihre Verbeugung begann. „Wir wollen die Sache noch einmal durchgehen,“ ſprach Jean, der dem Innern der Gräfin die ganze Be⸗ ſtimmtheit geben wollte, welche der Geiſt braucht, um die materiellen Dinge zum Ziele zu führen.„Hören Sie, zuerſt hunderttauſend Livres als Entſchädigung für Pro⸗ zeßkoſten, Reiſen, Advokatengebühren u. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w. „Ja, mein Herr!“ „Eine Lieutenantsſtelle für den jungen Grafen.“ „Oh! das wird für ihn die Eröffnung einer herrlichen Laufbahn ſein.“ 4 140 „Und etwas für meinen Neffen, nicht wahr?“ „Etwas?“ „Man wird dieſes Etwas finden; ich habe es ereits geſagt; das iſt meine Sache.“ „Und wann werde ich die Ehre haben, Sie wieder⸗ zuſehen, Frau Gräfin?“ fragte die alte Dame „Morgen früh, meine Carroſſe erwartet Sie vor Ihrer Thüre, Madame, um Sie nach Luciennes zu führen, wo der König ſein wird. Morgen um zehn Uhr habe ich mein Verſprechen erfüllt. Seine Majeſtät iſt benachrich⸗ tigt, und Sie haben nicht zu warten.“ „Erlauben Sie, daß ich Sie begleite,“ ſagte Jean, indem er der Gräfin ſeinen Arm bot. „Ich werde es nicht dulden, mein Herr,“ entgegnete die alte Dame;„ich bitte, bleiben Sie.“ Jean beharrte auf ſeinem Anerbieten. „Wenigſtens bis oben an die Treppe.“ „Da Sie es durchaus wollen...“ Und ſie nahm den Arm des Vicomte. „Zamore!“ rief die Gräfin. Zamore lief herbei. 1 „Man leuchte Madame bis auf die Freitreppe und laſſe den Wagen meines Bruders vorfahren.“ Zamore ſchoß fort wie ein Pfeil. „In der That, Sie überhäufen mich mit Güte,“ ſagte Frau von Böéarn. Und die zwei Frauen tauſchten eine neue Verbeu⸗ gung aus. Oben an der Treppe verließ der Vicomte Jean den Arm von Frau von Béarn, und kehrte zu ſeiner Schweſter zuruck, während die alte Dame majeſtätiſch die große Treppe hinabſtieg.. Zamore marſchirte voraus; ihm folaten zwei Be⸗ dienten mit Fackeln, dann kam Frau von Béarn, deren etwas kurze Schleppe ein dritter Lackei trug. 3 Der Bruder und die Schweſter ſchauten durch ein Fenſter, um dieſer koſtbaren, mit ſo viel Mühe geſuchten, 81 2 141 und mit ſo großer Schwierigkeit gefundenen Pathin bis zu ihrem Wagen zu folgen. In dem Augenblick, wo Frau von Béarn unten an die Freitreppe kam, fuhr ein Wagen in den Hof und eine junge Frau ſprang leicht heraus.— „Ah! Frau Chon,“ rief Zamore, indem er ſeine dicken Lippen übermäßig öffnete;„guten Abend, Frau Chon.“ Frau von Béarn blieb einen Fuß in der Luft ſtehen; ſie hatte in der Ankommenden ihren Beſuch, die falſche Tochter von Meiſter Flageot, erkannt. 8 Dubarry öffnete haſtig ſein Fenſter und machte von hier aus ſeiner Schweſter, welche ihn nicht ſah, furchtbare Zeichen. „Iſt dieſer kleine Dummkopf von einem Gilbert hier?“ fragte Chon die Bedienten, ohne die Gräfin ſehen. „Nein, Madame,“ antwortete einer von ihnen. Nun erſt ſchlug ſie die Augen auf und erblickte die Signale von Jean.— Sie folgte der Richtung ſeiner gegen Frau von Béarn ausgeſtreckten Hand. Chon erkannte dieſe, ſtieß einen Schrei aus, drückte ihre Kopfbedeckung nieder, und verſchwand im Vorhauſe. Die Alte ſtieg, ohne daß es ſchien, als hätte ſie et⸗ was bemerkt, in den Wagen und gab dem Kutſcher ihre Adreſſe. XXXII. Der König langweilt ſich. Der Koͤnig, welcher gemäß ſeiner Ankündigung nach Marly abgegangen war, gab gegen drei Uhr Nachmittags Befehl, ihn nach Luciennes zu fuͤhren. Er mußte vorausſetzen, Madame Dubarry würde nach Empfang ſeines kleinen Billets ſchleunigſt Verſailles ebenfalls verlaſſen, um ihn in dem reizenden Hauſe zu 142 erwarten, das ſie ſich hatte bauen laſſen, und das der König bereits mehrere Male beſucht, ohne jedoch eine Nacht daſelbſt zuzubringen, unter dem Vorwande, Luciennes ſei kein königliches Schloß. Er war in hohem Maße erſtaunt, als er bei ſeiner Ankunft Zamore ſehr wenig ſtolz und ſehr wenig Gou⸗ verneur fand, ſondern im Gegentheil ſah, wie er dem Papagei, der ihn zu beißen ſuchte, die Federn ausrupfte. Die zwei Girſtlinge rivaliſirten wie Herr von Choi⸗ ſeul und Madame Dubarry. Der Koͤnig begab ſich in den kleinen Salon und ſchickte ſein Gefolge weg. Er hatte nicht die Gewohnheit, die Diener zu befra⸗ gen, obgleich er der neugierigſte Edelmann ſeines König⸗ ees war; aber Zamore war etwas, das einen Rang ae dem kleinen Affen und dem kleinen Papagei einnahm. Der Koͤnig befragte alſo Zamore: „Iſt die Frau Gräfin im Garten?“ „Nein, Meiſter,“ ſagte Zamore. Dieſes Wort erſetzte den Titel Majeſtät, deſſen Ma⸗ dame Dubarry in einer ihrer Launen den König in Lu⸗ ciennes beraubt hatte. „Dann iſt ſie bei den Karpfen?“ Man hatte mit großen Koſten einen See auf dem Berge gegraben, man hatte ihn mit dem Waſſer des Aquä⸗ ducts geſpeiſt und die ſchönſten Karpfen von Verſailles dahin verpflanzt. „Nein, Meiſter,“ antwortete Zamore abermals. „Wo iſt ſie denn?“ „In Paris, Meiſter.“ „Wie, in Paris!... Die Gräfin iſt nicht nach Lu⸗ ciennes gefahren?. 4 „Nein, Meiſter, aber ſie hat Zamore geſchickt.“ „Warum dies?“ „Um hier den König zu erwarten.“ „Ah! ah!“ rief Ludwig XV.,„man überträgt Dir die Sorge, mich zu empfangen? Es iſt etwas Reizendes um die Geſellſchaft von Zamore! ich danke, Gräfin, ich danke!“ Und der König erhob ſich etwas ärgerlich. „O nein,“ ſprach der Neger,„der König wird nicht die Geſellſchaft von Zamore haben.“ „Und warum?“ „Weil Zamore geht.“ „Wohin gehſt Du?“ „Nach Paris.“ „Ah! ich werde alſo allein bleiben? Immer beſſer. Aber was machſt Du in Paris?“ „Ich kehre zur Meiſterin Barry zurück und melde ihr, der König ſey in Luciennes.“ „Ah! ah! die Gräfin hat Dich beauftragt, mir das zu ſagen?“ „Ja, Meiſter.“* „Und ſie hat nicht geſagt, was ich mittlerweile thun würde?“ „Sie hat geſagt, Du wiürdeſt ſchlafen.“ „Sie wird wohl nicht lange ausbleiben,“ dachte der König;„ohne Zweifel bereitet ſie mir eine neue Ueber⸗ raſchung.“ Dann ſprach er laut: „Geh alſo geſchwinde und bringe die Gräfin zurück. Doch wie machſt Du den Weg?“ „Auf dem großen Schimmel, mit der rothen Scha⸗ bracke.“ 3 „Und wie viel Zeit braucht der große Schimmel, um Paris zu erreichen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Neger,„doch er geht geſchwinde, geſchwinde. Zamore liebt es, ſchnell zu reiten.“ „Das iſt abermals ein Glück, daß es Zamore liebt, ſchnell zu reiten,“ ſprach der König und ſtellte ſich an das Fenſter, um Zamore abgehen zu ſehen. „Ein großer Lackei hob ihn auf das Pferd, und in der glücklichen Unbekanntſchaft mit der Gefahr, welche beſon⸗ 144 ders der Kindheit angehoͤrt, ritt der Negerknabe, auf ſeinem rieſigen Thiere hockend, im Galopp weg. Der König, welcher allein geblieben war, fragte einen Bedienten, ob es etwas Neues in Luciennes gebe. „Herr Boucher iſt hier und malt das große Cabinet der Frau Gräfin,“ antwortete der Diener. „Ah! Boucher, der gute, arme Boucher, er iſt hier?“ ſagte der Koͤnig mit einer gewiſſen Befriedigung,„und wo dies?“ „Im Cabinet im Pavillon; beſtehlt Seine Majeſtät, daß ich ſie zu Herrn Boucher führe?“ „Nein,“ entgegnete der Koͤnig,„nein, ich will lieber die Karpfen beſuchen. Geben Sie mir ein Meſſer.“. „Ein Meſſer, Sire?“ „„Ja, und ein großes Brod.“ Der Diener kehrte bald zurück und brachte auf einer Platte von japaneſiſchem Porzellan ein großes, rundes Brod, in welchem ein langes, ſchneidendes Meſſer ſtak. Der König machte dem Diener ein Zeichen, ihn zu begleiten, und wandte ſich zufrieden nach dem Teiche. Es war eine Familienüberlieferung, den Karpfen zu freſſen zu geben. Der große König verfehlte keinen Tag dies zu thun. Ludwig XV. ſetzte ſich auf eine Moosbank, von der man eine reizende Ausſicht genoß. Sie umfaßte zuerſt den kleinen See mit ſeinen von Raſen bedeckten Ufern; jenſeits das Dorf zwiſchen zwei Hügel geſtellt, von denen ſich der eine ſenkrecht erhebt, wie der mooſige Felſen des Virgil, ſo daß die ſtrohbedeck⸗ ten Häuſer, die er trägt, Kinderſpielzeuge in eine Schach⸗ tel voll Farnkraut gepackt zu ſein ſcheinen; ferner die Giebel von Saint⸗Germain, ſeine rieſigen Treppen und die zahlloſen Büſchel ſeiner Terraſſen; noch ferner die blauen Bergabhänge von Saunois und Cormeillesz end⸗ lich einen Himmel von roſiger und grauer Färbung, de Alles dies einſchloß, wie es eine herrliche Kuppel von Kupfer gethan hätte. 145 Das Wetter war ſtürmiſch, das Blätterwerk hob ſich ſchwarz von den zartgrünen Wieſen ab; unbeweglich und glatt, wie eine weite Oberfläche von Oel, öffnete ſich zuweilen das Waſſer ploͤtzlich, wenn aus ſeinen grü⸗ nen Tiefen ein Fiſch einem ſilbernen Blitze ähnlich ſich emporſchwang, um eine Teichfliege zu haſchen, welche ihre langen Füße über das Waſſer ſchleppte. Dann erweiterten ſich große, zitternde Kreiſe auf der Oberfläche des Sees, und ließen überall hin kleinere ſchwarze Kreiſe, vermiſcht mit weißen Kreiſen, ſpielen. Man ſah auch an den Ufern die ungeheuren Schnau⸗ zen der ſchweigſamen Fiſche ſich erheben, welche, ſicher nie Netz oder Angel zu finden, an dem herabhängenden Klee ſaugten, und mit ihren großen, ſtarren Augen, welche nicht zu ſehen ſcheinen, die kleinen, grauen Eidechſen und die grünen Fröſche, die ſich unter den Binſen um⸗ hertrieben, betrachteten. Nachdem der König als ein Mann, welcher weiß, wie man ſeine Zeit verliert, die Landſchaft in allen Win⸗ keln beſchaut, die Häuſer des Dorfes und die Dörfer der Perſpektiven gezählt hatte, nahm er das Brod von dem nebenſtehenden Teller und ſchnitt große Stücke ab. Die Karpfen hörten das Eiſen auf der Kruſte knar⸗ ren und kamen, vertraut mit dieſem Geräuſch, das ihnen ihr Mittagsmahl ankündigte, ſo nahe als möglich herbei, um ſich Seiner Majeſtät zu zeigen, damit ſie ihnen die tägliche Speiſe zu reichen geruhe. Die Fiſche thaten dies ebenſowohl für den erſten Bedienten, aber der Konig glaubte natürlich, es geſchehe ihm zu Ehren. Der König warf eines nach dem andern die Brod⸗ ſtücke in das Waſſer; ſie tauchten zuerſt unter, kamen dann wieder an die Oberfläche, wurden einige Zeit ſtrei⸗ tig gemacht, zerbröckelten plötzlich, durch das Waſſer auf⸗ 6 gelöſt, und verſchwanden in einem Angenblick. Sie boten in der That ein ziemlich beluſtigendes Schauſpiel, alle dieſe Brodkruſten, wie ſie, von unſicht⸗ baren Schnauzen fortgeſtoßen, ſich bis zu dem Augenblick, Denkwurdigkeiten eines Arztes. II. 10 146 wo ſie für immer unterſanken, auf dem Waſſer umher⸗ trieben.. Seine Majeſtät, welche die Geduld gehabt hatte, hundert Stücke Brod abzuſchneiden, genoß nach einer halben Stunde die Befriedigung, kein einziges mehr oben⸗ auf ſchwimmen zu ſehen. Der König langweilte ſich nun auch und erinnerte ſich, daß ihm Herr Boucher eine ſecundäre Zerſtreuung bieten konnte: dieſe Zerſtreuung war allerdings minder anziehend, als die der Karpfen, doch auf dem Lande nimmt man, was man findet. Ludwig XV. wandte ſich alſo nach dem Pavillon. Boucher war ſchon benachrichtigt. Während er malte, oder ſich ſtellte, als malte er, folgte er dem König mit den Augen: er ſah ihn nach dem Pavillon gehen, rich⸗ tete ganz freudig ſeinen Jabot zurecht, zog ſeine Man⸗ chetten vor, und ſtieg auf ſeine Leiter, denn man hatte ihm empfohlen, ſich das Anſehen zu geben, als wüßte er nicht, daß der König in Luciennes ſei. Er hörte den Boden unter den Tritten des Herrn krachen, und begann an einem baußbäckigen Amor zu arbeiten, der einer jungen Schä⸗ ferin, welch⸗ in ein Leibchen von blauem Atlaß gekleidet war und einen Strohhut auf dem Kopfe trug, eine Noſe raubte. Die Hand zitterte ihm, das Herz ſchlug ihm. Ludwig XV. blieb auf der Schwelle ſtehen. „Ah! Herr Boncher,“ ſagte er,„wie riechen Sie nach Terpentin.“ 4 Und er ging weiter. Der arme Boucher hatte, ſo wenig der König auch Künſtler war, ein anderes Compliment erwartet, und wäre beinahe von ſeiner Leiter gefallen. Er ſtieg herab und entfernte ſich mit Thränen in den Augen, ohne ſeine Palette abzukratzen und ohne ſeine Pinſel auszuwaſchen, was er ſonſt jeden Abend zu thun pflegte. Seine Majeſtät zog ihre Uhr. Es war ſieben Uhr. Ludwig XV. kehrte in das Schloß zurück, neckte den Affen, ließ den Papagei ſprechen und nahm aus den 147 Schränken, eine nach der andern, alle die chineſiſchen Spie⸗ lereien, die ſie enthielten. K, Es wurde Nacht. er Seine Majeſtät liebte die dunkeln Gemächer nicht; d⸗ man zündete Kerzen an. Aber ſie liebte die Einſamkeit ebenſo wenig. te„Meine Pferde in einer Viertelſtunde,“ ſprach der g König.„Meiner Treue,“ fügte er bei,„ich gebe ihr noch er eine Wndelſade⸗ keine Minute mehr.“ it Hienach legte ſich Ludwig XV. auf den Sopha dem Kamin gegenüber und machte es ſich zur Aufgabe, zu n. warten, bis die fünfzehn Minuten, das heißt neunhundert 8, Secunden, abgelaufen wären. it Bei der vierhundertſten Schwingung der Unruhe der 5 Pendeluhr, die einen blauen Elephanten vorſtellte, auf 5 dem eine reſenfarbigr Sultanin ritt, ſchlief der König. 3 Der Lackei, welcher nun kam, um zu melden, der t, Wagen ſei bereit, hütete ſich, wie man denken kann, wohl, . den König zu wecken, als er ſah, daß er ſchlief. n Die Folge dieſer Aufmerkſamkeit für den erhabenen 5 Schlummer war, daß der König, als er allein aufwachte, ſi ſich et gegenüber Madame D Dubarry erblickte, welche, wie es ſchien, ſe ſehr wenig geſchlafen hatte, und ihn mit großen Augen an⸗ ſchaute. Zamore wartete an der Thüre auf den erſten Befehl. 1„Ah! Sie ſind hier, Gräfin,“ ſagte der König, der e zwar ſitzen blieb, aber eine verticale Stell ung nahm. „Ja, Sire, ich bin hier, und zwar ſeit ſehr langer Zeit,“ antwortete die Gräfin. h„9b! das heißt ſeit langer Zeit. E„Bei Gott, wenigſtens ſeit einer Dunnds Oh! wie Eure Majeſtät ſchläft!“ 1„Meiner Treue, hören Sie doch, Gräfin, Sie waren e anicht hier, und ich langweilte mich ungemein... dann ſchlafe ich ſo ſchlecht in der Nacht. Wiſſen Sie, daß ich wegfahren wollte?“ „Ja, ich habe die Pferde Euerer Majeſtät angeſpannt n geſehen.“ 1. 10* 12 148 Der König ſchaute auf die Uhr und rief:.. Oh! es iſt ſchon halb eilf Uhr, ich habe beinahe drei Stunden geſchlafen.“ „Wenigſtens ſo viel, Sire; ſagen Sie, man ſchlafe nicht gut in Luciennes.“ „Meiner Treue, ſehr gut! Doch was Teufels ſehe ich hier?“ rief der König, als er Zamore erblickte. „Sie ſehen den Gouverneur von Luciennes, Sire.“ „Noch nicht, nech nicht,“ verſetzte der König lachend; „wie! dieſer Burſche trägt die Uniform, ehe er ernannt iſt? er rechnet alſo ſehr auf mein Wort?“ „Sire, Ihr Wort iſt heilig, und wir ſind Alle be⸗ fugt, darauf zu rechnen. Doch Zamore hat mehr als Ihr Wort, oder vielmehr weniger als Ihr Wort, Sire, er hat ſein Patent.“ 3 „Wie?“ „Der Herr Kanzler hat es mir geſchickt: hier iſt es. Der Eid iſt noch die einzige Förmlichkeit, welche ſeiner Beſtallung fehlt. Laſſen Sie ihn raſch ſchwören, und er. mag uns bewachen.“ „Nähern Sie ſich, Herr Gouverneur,“ ſprach der König. 3 Zamore näherte ſich; er hatte einen Uniforms frack mit geſticktem Kragen trug die Epauletten eines Kapi⸗ täns, eine kurze Hoſe, ſeidene Strümpfe und einen brat⸗ ſpießförmigen Degen. Der Neger ſchritt ſteif und abge⸗ meſſen, einen ungeheuren dreieckigen Hut unter dem Arm, einher. „Wird er allein ſchwören koͤnnen?“ ſagte der König. „O ja; verſuchen Sie es, Sire.“ „Treten Sie vor,“ ſprach der König, indem er neu⸗ 5 gierig die ſchwarze Puppe anſchaute. 5 „Auf die Kniee,“ ſagte die Gräfin. „Leiſten Sie den Eid,“ fügte Ludwig XV. bei. Das Kind legte eine Hand auf ſein Herz, die ande in die Hände des Königs und ſprach: „Ich ſchwöre Treue und Gehorſam meinem Gebieter und meiner Gebieterin; ich ſchwöre bis zum Tod das 3 he fe h 1 r at 5. r r. r k 149 Schloß zu vertheidigen, deſſen Bewachung man mir an⸗ vertraut, und das Zuckerwerk bis auf den letzten Topf zu eſſen, ehe ich mich im Falle eines Angriffs übergebe.“ Der König brach in ein Gelächter aus, ſowohl über die Formel des Schwurs, als über den Ernſt, mit wel⸗ chem ihn Zamore ſprach. „Gegen dieſen Schwur,“ erwiederte der König, in⸗ dem er ſich in den geziemenden Ernſt zu verſetzen ſuchte, „übertrage ich Ihnen, Herr Gouverneur, das oberſte Recht, die hohe und niedere Gerichtsbarkeit über alle diejenigen, welche die Luft, die Erde, das Feuer und das Waſſer dieſes Palaſtes bewohnen.“ „Ich danke,“ ſprach Zamore aufſtehend. „Und nun,“ ſagte der König,„ſpaziere mit Deinem ſchönen Kleid in den Küchen umher, und laß uns in Ruhe. Gehe.“ Zamore entfernte ſich. Als Zamore zu einer Thüre hinausging, trat Chon durch die andere ein. 3 „Ah! Sie hier, kleine Chon. Guten Morgen, Chon.“ Der König zog ſie auf ſeinen Schooß und küßte ſie. „Höre, meine kleine Chon,“ fuhr er fort,„Du wirſt mir die Wahrheit ſagen.“ „Ah! nehmen Sie ſich in Acht, Sire,“ erwiederte Chon,„Sie kommen ſchlecht an; die Wahrheit! ich glaube, es wäre das erſte Mal in meinem Leben. Wenn Sie die Wahrheit wiſſen wollen, wenden Sie ſich an Jeanne; ſie iſt nicht im Stand zu lügen.“ „Iſt es ſo Gräfin?¹ „Sire, Chon hat eine zu gute Meinung von mir. Das Beiſpiel hat mich verdorben, und ſeit dieſem Abend beſonders bin ich entſchloſſen, zu lügen wie eine ächte Gräfin, wenn es nicht gut iſt, die Wahrheit zu ſagen.“ „Ah!“ rief der König,„es ſcheint, Chon hat mir etwas zu verbergen.“ „Meiner Treue! nein.“ 150 „Irgend einen kleinen Herzog, einen kleinen Marquis, einen kleinen Vicomte, den man beſucht haben wird.“ „Ich glaube nicht,“ verſetzte die Gräfin. „Was ſagt Chon dazu?“ „Wir glauben nicht, Sire.“ „Ich muß mir wohl darüber einen Bericht von der Polizei machen laſſen.“ „Von der von Herrn von Sartines oder von der meinigen?“ „Von der von Herrn von Sartines.“ „Wie viel bezahlen Sie ihm dafür?“ „Wenn er mir intereſſante Dinge ſagt, feilſche ich nicht.“ „Dann geben Sie meiner Polizei den Vorzug, und nehmen Sie meinen Bericht. Ich werde Sie... königlich bedienen.“. „Sie verkaufen ſich ſelbſt?“ „Warum nicht, wenn die Summe das Geheimniß werth iſt.“ „Wohl es ſei! Laſſen Sie den Bericht hören. Doch vor Allem keine Lügen. „Sire, Sie beleidigen mich.“ Ich will ſagen keine Umwege.“ „Nun, Sire, halten Sie die Gelder bereit, hier iſt der Bericht.“ „Ich thue es,“ ſprach der König, und ließ einige Goldſtücke im Grunde ſeiner Taſche klingen. „Erſtens wurde die Gräfin, Madame Dubarry, ge⸗ gen zwei Uhr Nachmittags in Paris geſehen. „Weiter, weiter, ich weiß das.“ „In der Rue de Valois.“ „Ich leugne es nicht.“ „Gegen ſechs Uhr kam Zamore zu ihr.“ „Das iſt abermals möglich; doch was machte M dame Dubarry in der Rue de Valois?“ „Sie ging in ihr Hotel.“ er 151 „Ich begreife wohl; aber warum ging ſie in ihr Hotel?“ „Um ihre Pathin zu erwarten.“ „Ihre Pathin!“ verſetzte der König mit einer Gri⸗ maſſe, die er nicht ganz zu verbergen vermochte,„ſie will ſich alſo taufen laſſen?“ „Ja, Sire, auf dem großen Taufſtein von Verſailles.“ „Meiner Treue, ſie hat Unrecht; das Heidenthum ſtand ihr ſo gut.“ „Ah! Sire, Sie kennen das Sprüchwort: man will das haben, was man nicht hat.“ „Somit wollen wir eine Pathin haben?“ „Und wir haben ſie, Sire.“ Der König ſchauerte und zuckte die Achſeln. „Ich liebe dieſe Bewegung ungemein, Sire; ſie be⸗ weiſt mir, daß Eure Majeſtät in Verzweiflung wäre, wenn Sie die Grammont, die Guémenée und alle die Maulaffen des Hofes unterliegen ſehen würde.“ „Wie beliebt?“ „Allerdings, Sie verbünden ſich mit dieſen Leuten.“ „Ich verdünde mich?... Gräfin, erfahren Sie, daß ein König ſich nur mit Königen verbündet.“ „Das iſt wahr; doch alle Ihre Könige ſind die Freunde des Herrn von Choiſeul.“ „Kehren wir zu Ihrer Pathin zurück, Gräfin.“ „Mit Vergnügen, Sire.“ „Es iſt Ihnen alſo gelungen, eine zu fabriziren 2“ „Ich habe ſie ganz und gar gefunden, und zwar von guter Art; eine Gräfin von Béarn, von einer Familie Von Fürſten, welche regiert haben. Dieſe wird hoffentlich die Verbündete der Verbundeten der Stuarts nicht entehren.“ „Die Gräfin von Béarn?“ entgegnete der König erſtaunt;„ich kenne nur eine, welche in der Gegend von Verdun wohnen muß.“ „Es iſt dieſelbe; ſie hat die Reiſe ganz vorſätzlich gemacht.“ „Und ſie wird Ihnen die Hand geben?“ 152 „Beide Hände.“ „Wann dies?“ „Morgen Vormittag um eilf Uhr wird ſie die Ehre haben, in geheimer Audienz von mir empfangen zu werden, und zu gleicher Zeit, wenn die Frage nicht indiseret iſt, wird ſie den König bitten, ihren Tag zu beſtimmen, und Sie werden ihn ſobald als möglich beſtimmen, nicht wahr, Sire?“ Der König lachte, aber nicht ſehr offenherzig. „Allerdings, allerdings,“ ſagte er, und küßte der räfin die Hand. Doch plotzlich rief er: „Morgen um eilf Uhr!“ „Ja, zur Stunde des Frühſtücks.“ „Unmöglich, liebe Freundin.“ „Wie, unmöglich!“ „Ich frühſtücke nicht hier, ich kehre dieſen Abend zurück.“ „Was iſt das wieder?“ ſagte Madame Dubarry, welche die Kälte bis in ihr Herz dringen fühlte.„Sie fahren weg, Sire?“ —„Es muß ſein, liebe Gräfin, ich habe Saͤrtines vpoegen einer wichtigen Arbeit beſchieden.“ „Wie Sie wollen, Sire; doch ich hoffe, Sie werden wenigſtens zu Nacht ſpeiſen?“ „Oh! ja, ich werde vielleicht zu Nacht ſpeiſen... ja, ich habe ziemlich Hunger, ich werde zu Nacht ſpeiſen.“ „Laß auftragen, Chon,“ ſagte die Gräſin zu ihrer Schweſter, indem ſie ihr ein beſonderes Zeichen machte, das ohne Zweifel auf eine zum Voraus getroffene Ueber⸗ einkunft Bezug hatte. Chon entfernte ſich. Der König hatte das Zeichen in einem Spiegel ge⸗ ſehen, und obgleich er es nicht begreifen konnte, vermuthete er doch eine Falle. „Doch nein, nein,“ rief er; nes iſt mir unmöglich, zu Nacht zu ſpeiſen... ich muß auf der Stelle aufbrechen. Ich habe die Unterſchriften; es iſt heute Sonnabend.“ — — ‿ 153 „Gut, es ſei, ich will vorfahren laſſen.. „Ja, liebe Schöne.“ „Chon!“ Chon trat wieder ein. „Die Pferde des Königs!“ ſagte die Gräfin. „Gut,“ verſetzte Chon mit einem Lächeln. Und ſie entfernte ſich abermals. Einen Augenblick nachher hörte man ihre Stimme im Vorzimmer rufen: „Die Pferde des Koͤnigs!“ XXXIII. Der König beluſtigt ſich. Entzückt über ſeinen Autoritätsſtreich, der die Gräfin dafür beſtrafte, daß ſie ihn hatte warten laſſen, und ihn zugleich von der Unannehmlichkeit der Vorſtellung befreite, ging der Koͤnig auf die Thüre des Salon zu. Chon kehrte zurück. „Nun! ſehen Sie meine Bedienung?“ „Nein, Sire, es iſt Niemand von Eurer Majeſtät in den Vorzimmern.“ Der Koͤnig ging ebenfalls an die Thüre und rief: „Meine Bedienung!“ Niemand antwortete: es war, als hätte das ſtumme Schloß nicht einmal ein Echo. 2 4 „Wer Teufels ſollte glauben,“ ſprach der König in das Zimmer zurückkehrend,„wer ſollte glauben, ich ſei der Enkel von demjenigen, welcher einſt ſagte:„„Ich habe warten müſſen!““- Und er ging auf das Fenſter zu und öffnete es. Doch die Esplanade war ebenſo leer als die Vor⸗ zimmer: man ſah weder Pferde, noch Piqueurs, noch Wachen. Die Nacht allein bot ſich den Augen und der Seele in ihrer ganzen Ruhe und in ihrer ganzen Maje⸗ ſtät, erleuchtet von einem bewunderswürdigen Monde, der 154 zitternd wie bewegte Wellen die Gipfel der Bäume des Waldes von Chateou zeigte und Millionen von leuchten⸗ den Flittern der Seine entriß, dieſer rieſigen, trägen V Schlange, deren Windungen man von Bougival bis Maiſons, das heißt auf fünf bis ſechs Stunden, verfolgen konnte. Inmitten von Allem dem improviſirte eine Nachtigall eiinen von den wunderbaren Geſängen, wie man ſie nur im Monat Mai hört, als könnten ihre freudigen Noten eine ihrer wuͤrdige Natur einzig und allein waͤhrend die⸗ ſer erſten Frühlingstage finden, welche man, wenn ſie kaum gekommen ſind, entfliehen fühlt. Dieſe ganze Harmonie ging verloren für Ludwig XV., der ſehr wenig Träumer, wenig Dichter, wenig Künſtler, aber ſehr materiell war. „Hoͤren Sie, Gräfin,“ ſagte er ärgerlich,„ich bitte, beſchlen Sie. Was Teufels! dieſer Scherz muß einmal ein Ende haben.“ 3 „Sire,“ erwiederte die Gräfin mit dem reizenden Schmollen, das ihr beinahe immer gelang,„ich habe hier. nicht zu befehlen.“ „In jedem Fall ich auch nicht,“ verſetzt Ludwig XV., „denn ſehen Sie, wie man mir gehorcht!“ „Ebenſo wenig Sie, als ich, Sire.“ „Wer denn? Sie etwa, Chon?“ „Ich,“ erwiederte die junge Frau, welche auf der andern Seite des Zimmers auf einem Fauteuil ſaß und das Gegenſtück zu der Gräfin bildete,„ich habe Mühe genug, zu gehorchen, und will nicht die des Befehlens uͤbernehmen.“ „Aber wer iſt denn Gebieter hier?“ „Bei Gott! Sire, der Herr Gouverneur.“ 4 4 „Herr Zamore?“ „Ja.“ „Es iſt richtig, man läute irgend Jemand.“ Die Gräfin ſtreckte mit einer bewundernswürdigen Nachläßigkeit den Arm nach einer ſeidenen Schnur aus, welche in einer Eichel von Perlen endigte, und läutete. —. 4 15⁵ Ein Lackei, den man al zum Voraus unterrichtet hatte, und erſchien. „Der Gouverneur!“ ſagte der König. „Der Gouverneur wacht über dem koſtbaren Leben Eurer Majeſtät,“ antwortete ehrfurchtsvoll der Diener. „Wo iſt er?“ „Auf der Runde.“ „Auf der Runde?“ wiederholte der Köoͤnig. „Mit vier Officieren,“ erwiederte der Lackei. „Gerade wie Herr Malbrouck!“ rief die Gräfin. Der König konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Ja, das iſt drollig,“ ſagte er,„doch man kann deſſen ungeachtet einſpannen.“ „Sire, der Herr Gouverneur hat die Ställe ſchließen laſſen, aus Furcht, ſie koͤnnten irgend einem Böſewicht als Verſteck dienen.“ „Wo find meine Piqueurs?“ „In den Geſindeſtuben, Sire.“ „Was machen ſie?“ „Sie ſchlafen.“ „Wie! ſie ſchlafen?“ „Auf Befehl.“ „Auf weſſen Befehl?“ „Auf Befehl des Gouverneur.“ „Doch die Thore?“ verſetzte der König. „Was für Thore, Sire?“ „Die Thore des Schloſſes.“ ler Wahrſcheinlichkeit nach fand ſich im Vorzimmer „Sie ſind geſchloſſen.“ „Sehr gut. Aber man kann ſich die Schlüſſel ver⸗ ſchaffen?“ „Sire, die Schlüſſel ſind an dem Gürtel des Gou⸗ verneur.“ „Das iſt ein gutgehaltenes Schloß, ſprach der König.„Teufel, welche Ordnung!“ Der Lackei entfernte ſich, als er ſah, daß der König keine Fragen mehr an ihn richtete. 156 Auf einem Lehnſtuhle ausgeſtreckt, eine ſchöne Roſe, bei der ihre Lippen ſein ſchienen. „Sire,“ ſagte ſie mit dem ſchmachtenden Lächeln, das nur ihr gehörte,„ich habe Mitleid mit Eurer Maje⸗ ſtät, nehmen Sie meinen Arm, und wir wollen nachſuchen. Chon, leuchte.“ Chon ging voran und bildete die Vorhut, bereit, die Gefahren zu bezeichnen, wenn ſich ſolche bieten ſollten. Bei der Wendung des erſten Corridor fing ein Wohl⸗ geruch, der den Appetit des erſten Feinſchmeckers erregt hätte, an, die Naſe des Königs zu kitzeln „Ah! ah!“ ſagte er ſtillſtehend,„was bedeutet dieſer Geruch, Gräfin?“ 4„Sire, es iſt der des Abendbrods. der Koͤnig würde mir die Ehre erweiſen, ciennes zu Nacht zu ſpeiſen, nach ein.“ Ludwig XV. athmete wiederholt den Wohlgeruch ein, während er ſich uͤberlegte, daß ſein Ma⸗ gen bereits ſeit einiger Zeit Zeichen ſeines Daſeins von ſich gab; daß er, wenn man auch großen Lärmen machte, eine halbe Stunde brauchen würde, um ſeine Piqueurs zu wecken, eine Viertelſtunde, um die Pferde anſpannen zu laſſen, und zehn Minuten, um nach Marly zu fahren, und daß er in Marly, wo er nicht erwartet wurde, nur ein en cas*) finden könnte; er athmete abermals den ver⸗ führeriſchen Geruch ein, und blieb mit der Gräfin vor der Thüre des Speiſeſaals ſtehen. Sn Zwei Gedecke lagen auf einer glänzend erleuchteten und koſtbar beſtellten Tafel. „Peſt!“ ſprach Ludwig XV., „Graͤfin.“ — zerbiß die Gräfin von Korallen zu Ich glaubte, mit mir in Lu⸗ und ich richtete mich dar⸗ gaſtronomiſchen „Sie haben einen guten och. *) Das en oas des Königs war ein kalter Imbiß, der im Schlafzimmer bereit ſtand, falls Seine Majeſtät in ver Nacht Hunger bekäme..* 157 „Sire, er legte heute ſeine Probe ab, und der arme Teufel that Wunder, um den Beifall Eurer Majeſtät zu verdienen. Er iſt fähig, ſich die Gurgel abzuſchneiden, wie der arme Vatel.“ 1 3 „Wirklich! Sie glauben?“ verſetzte Ludwig XV. „Er hatte beſonders eine Omelette von Faſaneneiern, Sire, auf welche er rechnete.“ „Eine Omelette von Faſaneneiern! gerade dieſe Ome⸗ lettes von Faſaneneiern bete ich an.“ „Sehen Sie, welch ein Unglück.“ „Nun, Gräfin, wir wollen Ihrem Koch keinen Kum⸗ mer bereiten,“ ſprach der König lachend,„und während wir zu Nacht ſpeiſen, kehrt vielleicht Herr Zamore von ſeiner Runde zurück.“ „Ah! Sire, das iſt ein ſiegreicher Gedanke,“ ſprach die Gräfin, welche ihre Freude darüber, daß ſie die erſte Partie gewonnen, nicht verbergen konnte.„Kommen Sie, Sire, kommen Sie.“ 4 „Doch wer wird uns bedienen 2u fragte der König, der vergebens irgend einen Lackei ſuchte. „Ah! Sire,“ verſetzte Madame Dubarry,„kommt Ihnen Ihr Kaffee ſchlechter vor, wenn ich ihn reiche?“ „Nein, Gräfin, ich ſage ſogar, wenn Sie ihn mir machen.“ „Nun, ſo kommen Sie, Sire.“ dur zwei Gedecke!“ ſagte der König,„Chon hat s zu Nacht geſpeiſt 38 1 ire, man hätte es ohne ausdrücklichen Befehl Eurer Majeſtät nicht gewagt.. 4 „Vorwärts,“ rief der König, und nahm ſelbſt einen Teller und ein Gedeck von einer Etagére.„Komm, kleine Chon, hier, uns gegenüber.“. 8 „Oh! Sire... flüſterte Chon. „Ohl! ja, ſpiele die unterthänigſte, demuthsvollſte Dienerin, Du Heuchlerin! Setzen Sie ſich hierher, Gräfin, neben mich. Was für ein reizendes Profil haben Sie!“ „Sie bemerken das heute erſt, Sire!“ 158. „Was wollen Sie! ich bin gewohnt, Sie von vorne anzuſchauen, Gräfin. Ihr Koch iſt offenbar ein großer Meiſter; was für eine vortreffliche Kraftſuppe!“ „Ich habe alſo Recht gehabt, den andern wegzu⸗ ſchicken?“ „Vollkommen Recht.“ 4 „So befolgen Sie mein Beiſpiel, Sire, Sie ſehen, daß man nur dabei gewinnen kann.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ 8 „Ich habe meinen Choiſeul weggeſchickt, ſchicken Sie den Ihrigen weg.“. „Keine Politik, Gräfin; geben Sie mir von dieſem Madeira.“ Der König reichte ihr ſein Glas; die Gräfin nahm eine Flaſche mit engem Hals und bediente den König. Der Druck machte die Finger weiß und röthete die Nägel des anmuthigen Mundſchenks. „Gießen Sie lange und ſachte ein, Gräfin,“ ſagte der König. 8 „Um den Trank nicht zu trüben, Sire?“ „Nein, um mir Zeit zu goͤnnen, Ihre Hand zu ſehen. „Ah! Sire,“ erwiederte die Gräfin lachend,„Eure Majeſtät iſt offenbar im Zuge, Entdeckungen zu machen.“ „Meiner Treue, ja,“ verſetzte der Koͤnig, der all⸗ mählig ſeine ſchone Laune wieder erlangte;„und ich glaube, ich bin ganz bereit, zu entdecken...“ 4 2 „Eine Welt?“ fragte die Gräfin.. „Nein, nein, eine Welt, das iſt zu ehrgeizig, ich habe ſchon genug an einem Königreich. Aber eine einen kleinen Winkel der Erde, einen bezaub g, einen Palaſt, deſſen Armida eine mir befreundete, ſchöne Dame ſein wird, während alle Arten von Ungebeuern den Eingang bewachen, wenn es mir zu vergeſſen beliebt.“ „Sire,“ ſagte die Gräfin, indem ſie dem Päfiis eine Caraffe gefrorenen Champagnerwein, eine in jener Zeit ganz neue Erfindung, reichte, uhier iſt gerade aus dem Letheſtrom geſchöpftes Waſſer.“ 21 159 „Aus dem Letheſtrom, Gräfin, ſind Sie deſſen gewiß?“ „Ja, Sire; der arme Jean hat es aus der Hölle mitgebracht, in die er zu drei Vierteln hinabgeſtiegen iſt.“ „Gräfin,“ ſagte der König, indem er ſein Glas in die Höhe hob,„auf ſeine glückliche Auferſtehung; doch ich ½ bitte, keine Politik.“ „Dann weiß ich nicht mehr, von was ich ſprechen ſoll, Sire, und wenn Eure Majeſtät, die ſo gut erzählt, uns eine Geſchichte erzählen wollte...“. „Nein, aber ich will Ihnen Verſe ſagen.“ „Verſe!“ rief Madame Dubarry. „Ja, Verſe... Was iſt hierüber zu. ſt „Eure Majeſtät haßt ſie.“ 3 „Parbleu! von hunderttauſend, welch den, ſind neunzigtauſend gegen mich.“ 3 „Und diejenigen, welche mir Eure N at ſagen wird, gehören zu den zehntauſend, die ſie keine Gnade für die neunzigtauſend andern finden laſſen können 22 „Nein, Gräfin, diejenigen, welche ich Ihnen ſagen will, ſind an Sie gerichtet.“ „An mich?“ „An Sie.“ „Und von wem?“ „Von Herrn von Voltaire.“ „Und er beauftragte Eure Majeſtät?“ „Keines Wegs, er richtete dieſelben unmittelbar an Eure Hoheit.“ „Wie ſo, ohne Brief?“ „Im Gegentheil, in einem reizenden Brief.“ aunen? 44 rizirt wer⸗ 84 „Ah! ich begreife: Eure Majeſtät hat dieſen Morgen mit ihrem Director der Poſten gearbeitet.“ „Ganz richtig.“ 4 „Leſen Sie, Sire, leſen Sie die Verſe von Herrn von Voltaire.“ Ludwig XV. entfaltete ein kleines Papier und las: Déesse des plaisirs, tendre mère des Gràces, Pourquoi veux-tu meler aux fèêtes de Paphos Les noirs soupgons, les honteuses disgrces? Pourquoi médites-tu la perte d'un héros? Ulysse est cher la patrie. Il est l'appui d'Agamemnon. Sa politique active et son vaste génie Enchainent la valeur de la fière Ilion. Soumets les dieux à ton empire, Venus, sur tous les coeurs, règne par la beauté; 3 Cueille, dans un riant délire, Les roses de la volupté; Mais à nos voeux daigne sourire, Et rends le oalme à Neptune agité. Ulysse, ce mortel aux Troyens formidable, Que tu poursuis dans ton courroux, Pour la beauté n'est redoutable Qu'en soupirant à ses genoux*). „Offenbar, Sire,“ ſprach die Gräfin, mehr gereizt, als dankbar für die poetiſche Sendung,„offenbar will ſich Herr von Voltaire mit Ihnen ausſoͤhnen.“ „Oh! was das betrifft, das iſt verlorne Mühe,“ erwiederte Ludwig XV.;„es iſt ein Zänker, der Alles in den Sack ſtecken würde, wenn er nach Paris käme. Er mag zu ſeinem Freunde, meinem Vetter Friedrich II., gehen. Es iſt ſchon genug, daß wir Herrn Rouſſeau haben. Aber nehmen Sie doch dieſe Verſe, Gräfin, und überlegen Sie dieſelben.“ Ddie Gräfin nahm das Papier, rollte es in Form *) Göttin der Freuden, zarte Mutter der Grazien, warum willſt vu mit den Feſten von Paphos den ſchwarzen Verdacht, die ſchmähliche Ungnade verwiſchen? Warum ſinnſt du auf den Untergang eines Helden? Ulyſſes iſt dem Vaterland theuer Er iſt die Stütze von Agamemnon. Seine thaͤtige Staatskunſt und ſein umfaſſender Geiſt ſchließen die Tapferkeit der ſtolzen Ilion in Feſſeln. Unterwirf die Götter deiner Herrſchaft. Venus, berrſche durch deine Schönheit über alle Herzen, pflücke in einem lachen⸗ den Wahnſinn die Roſen der Wo uſt, aber lächle freundlic unſern Wuünſchen zu und gib dem erſchütterten Neptun die Ruhe wieder Ulyſſes, dieſer den Trovanern ſchreckliche Sterb⸗ liche, den du in deinem Zorne verfolgſt, iſt für die Schönheit nur furchtbar, wenn er auf ſeinen Knieen ſeufzt. 161 eines Anzünders zuſammen und legte es neben ihren Teller. Der König ſchaute ihr zu. „Sire,“ ſagte Chon,„ein wenig von dieſem Tokayer.“ 1* „Er kommt unmittelbar aus den Kellern Seiner Majeſtät des Kaiſers von Oeſterreich,“ ſprach die Gräfin, „faſſen Sie Vertrauen, Sire.“ „Oh! aus den Kellern des Kaiſers?“ verſetzte der König;„nur ich beſitze davon.“ „Ich habe ihn auch von Ihrem Kellermeiſter er⸗ halten.“ „Wie! Sie haben verführt?“ „Nein, ich habe befohlen.“ „Gut geantwortet, Gräfin. Der König iſt Thor.“ „O ja, doch Herr Frankreich...“ „Herr Frankreich iſt wenigſtens ſo geſcheit, Sie von ganzem Herzen zu lieben.“ „Ah! Sire, warum ſind Sie nicht wirklich Herr Frankreich kurzweg?“ „Gräfin, keine Politik.“ „Wird der König Kaffee trinken?“ ſagte Chon. „Gewiß.“ „Und der König wird ihn wie gewöhnlich brennen?“ ein fragte die Gräfin. „Wenn die Dame des Schloſſes ſich nicht widerſetzt.“ Die Gräfin ſtand auf. „Was machen Sie?“ „Ich will Sie bedienen, Sire.“ „Immer zu,“ ſprach der König, indem er ſich auf ſeinem Stuhle ausſtreckte, wie ein Menſch, der vollkommen zu Nacht geſpeiſt, und bei dem ein gutes Mahl die Launen in's Gleichgewicht geſetzt hat;„immer zu, es iſt has Beſte was ich thun kann, daß ich Sie gewähren laſſe.“ Die Gräfin brachte auf einem ſilbernen Rechaud eine kleine Kaffeekanne, welche heißen Mokka enthielt; dann Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 1 16² ſtellte ſie vor den Koͤnig einen Teller, der eine Taſſe von Vermeil und einen kleinen Caraffon von böhmiſchem Kry⸗ ſtall trug; endlich legte ſie neben den Teller einen papie⸗ renen Anzünder. Mit der tiefen Aufmerkſamkeit, die er gewöhnlich dieſer Operation ſchenkte, berechnete der König ſeinen Zucker, maß er ſeinen Kaffee, goß ſachte ſeinen Brannt⸗ wein ein, daß der Alkohol obenauf ſchwamm, nahm die kleine Papierrolle, zündete ſie an der Kerze an, und theilte mit derſelben die Flamme dem heißen Tranke mit. Dann warf er die Rolle in den Rechaud, wo ſie ſich vollends verzehrte. Fünf Minuten nachher ſchlürfte er ſeinen Kaffee mit der ganzen Wolluſt eines vollendeten Gaſtronomen. Die Gräfin ließ ihn machen, aber hei dem letzten Tropfen rief ſie: 4 „Ah! Sire, Sie haben Ihren Kaffee mit den Verſen von Herrn von Voltaire angezündet, das wird den Choiſeul Unglück bringen.“ „Ich täuſchte mich,“ ſagte der König lachend. Die Gräfin ſtand auf und ſprach: „Sire, will Eure Majeſtät ſehen, ob der Gouverneur zurückgekehrt iſt?“ „Ah! Zamore? Bahl! warum dies?“ „Um nach Marly zu fahren, Sire.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der König, und machte einen Verſuch, ſich dem Wohlbehagen zu entreißen, das er empfand.„Wir wollen ſehen, Gräfin, wir wollen ſehen.“ Madame Dubarry gab Chon ein Zeichen und dieſe verſchwand. Der König begann wieder ſeine Nachforſchungen, doch es iſt nicht zu leugnen, mit einem Geiſte, der weit von dem verſchieden war, welcher ſein erſtes Suchen ge⸗ leitet hatte. Die Philoſophen behaupten, die düſtere Art oder die Roſenfarbe, mit der der Menſch die Dings betrachte, hänge beinahe immer von dem Zuſtande ſeines Magens ab. Da nun die Könige menſchliche Magen 16³ haben, welche allerdings in der Regel minder gut ſind, als die ihrer Unterthanen, aber ihr Wohlbehagen oder ihr Uebelbefinden, gerade wie die anderen, dem übrigen Körper mittheilen, ſo ſchien Ludwig XV. von einer ſo reizenden Laune zu ſein, als dies einem König nur immer moͤglich iſt. Nachdem er zehn Schritte in dem Corridor gemacht, kam ein neuer Wohlgeruch in Stößen dem König ent⸗ gegen. Eine Thüre, welche auf ein reizendes Zimmer ging, das mit blauem, von natürlichen Blumen brochirtem Atlaß ausgeſchlagen war, öffnete ſich und enthüllte, erhellt durch ein geheimnißvolles Licht, den Alkoven, nach welchem ſeit zwei Stunden die Schritte der Zauberin geſtrebt hatten. „Nun, Sire,“ ſagte ſie,„es ſcheint, Zamore iſt nicht wieder erſchienen; wir find immer noch eingeſchloſſen, und wenn wir nicht durch das Fenſter aus dem Schloſſe fliehen...“ „Mit den Betttüchern?“ fragte der Köͤnig. „Sire,“ erwiederte die Gräſin mit einem bewunde⸗ rungswürdigen Lächeln,„wir wollen gebrauchen und nicht mißbrauchen.“— Der König öffnete lachend die Arme, und die Gräfin ließ die ſchoͤne Roſe fallen, welche ſich, auf dem Boden fortrollend, entblätterte. XXXIV. Voltaire und Nouſſeau. Das Schlafzimmer in Luciennes war, wie geſagt, ein Wunder hinſichtlich des Baus und der Einrichtung. Gegen Oſten liegend, war es ſo hermetiſch durch die vergoldeten Läden und die atlaßenen Vorhäuge geſchloſ⸗ ſen, daß der Tag nie eindrang, ohne zuvor wie ein Höf⸗ ling den kleinen und den großen Zutritt erlangt zu haben. Im Sommer bewegten unſichtbare Venplaioran eine 1 hätten hervorbringen können. Es war zehn Uhr, als der König das blaue Zimmer verließ. Diesmal warteten die Equipagen des Königs ſeit neun Uhr im großen Hofe. 1 Zamore gab mit gekreuzten Armen Befehle, oder that wenigſtens, als ob er Befehle ertheilte. Der König trat an das Fenſter, und ſah alle dieſe Vorkehrungen zu ſeiner Abreiſe. „Was ſoll das heißen, Gräfin?“ fragte er,„früh⸗ ſtücken wir nicht? Es iſt, als ob Sie mich nüchtern wegſchicken wollten?“ „Gott verhüte es, Sire,“ antwortete die Gräfin, „aber ich glaubte, Eure Majeſtät habe in Marly Rendez⸗ vous mit Herrn von Sartines.“ „Bei Gott! man könnte Sartines ſagen laſſen, er ſoll mich hier aufſuchen; es iſt ſehr nahe,“ ſprach der König. „Eure Majeſtät wird mir die Ehre erweiſen, zu glauben, es ſei nicht ihr zuerſt dieſer Gedanke gekommen,“ verſetzte die Gräfin lächelnd. „Und dann iſt der Morgen überdies zu ſchön, als daß man arbeiten ſollte: wir wollen frühſtücken.“ der⸗e Sie müſſen mir wenigſtens einige Unterſchriften 3„Für Frau von Béarn?“ „Allerdings, und auch mir den Tag bezeichnen.“ „Welchen Tag?“ „Und die Stunde.“ „Welche Stunde?“ „Den Tag und die Stunde meiner Vorſtellung.“ „Meiner Treue,“ ſagte der König,„Sie haben Ihre Vorſtellung wohl verdient, Gräfin; beſtimmen Sie den Tag ſelbſt.“. „Sire, es geſchehe ſo bald als möglich.“ „Iſt Alles bereit?“ gereinigte Luft, der ähnlich, welche tauſend Windfächer 3 16⁵ 44 ben Sie Ihre drei Verbeugungen machen ge⸗ „Ja „Ha lernt?“. „Ich glaube wohl; denn ſeit einem Jahre übe ich mich darin.“ „Sie haben Ihr Staatskleid?“ „Vierundzwanzig Stunden genügen, um es zu machen.“ „Sie haben Ihre Pathin?“ 3 „In einer Stunde wird ſie hier ſein.“ „Nun, Gräfin, hören Sie einen Vertrag.“ „Welchen?“ „Sie ſprechen mir nicht mehr von der Angelegenheit des Bicomte Jean mit dem Baron von Taverney?“ „Wir opfern alſo den armen Vicomte?“ „Meiner Treue, ja!“ „Wohl, Sire, wir werden nicht mehr davon ſpre⸗ chen... Der Tag?“ „Uebermorgen.“ „Die Stunde?“ „Zehn Uhr Abends wie gewöhnlich.“ „Abgemacht.“ „Koͤnigswort?“. „So wahr ich ein Edelmann bin!“ „Hier, Frankreich.“ Und Madame Dubarry reichte dem Koͤnig ihre kleine Hand, in welche Ludwig XV. die ſeinige fallen ließ. An dieſem Morgen empfand ganz Luciennes die Heiterkeit des Herrn. Er hatte bei einem Punkte nachgegeben, bei welchem er ſeit langer Zeit nachzugeben beſchloſſen, aber er hatte bei einem andern gewonnen. Es war Alles Vortheil: er würde hunderttauſend Franken Jean unter der Bedingung geben, daß er ſie in den Bädern der Pyrenäen oder von Auvergne verloͤre, und das müßte als eine Verbannung in den Augen der Choiſeul gelten. Er hatte Louisd'or für die Armen, Kuchen für die Karpfen und Complimente für die Malereien von Boucher. 166 Obgleich Seine Majeſtät am Abend vorher vollkom⸗ men zu Nacht geſpeiſt hatte, frühſtückte ſie doch mit gutem Appetit. Es ſchlug indeſſen eilf Uhr. Die Gräfin, während ſie den König bediente, ſchaute immer wieder nach der Pendeluhr, welche für ihren Willen zu langſam ging. Der König hatte ſich ſelbſt die Mühe gemacht, zu bemerken, wenn Frau von Béarn käme, könnte man ſie in den Speiſeſaal einführen. Der Kaffee wurde aufgetragen, gekoſtet, getrunken, ohne daß Frau von Béarn kam. Ein Viertel nach eilf Uhr hörte man den Galopp eines Pferdes im Hof erſchallen. Madame Dubarry ſtand raſch auf und ſchaute durch das Fenſter. Ein Courrier von Jean Dubarry ſprang von einem von Schweiß triefenden Pferde. Die Gräfin bebte; aber da ſie ihre Unruhe nicht durfte ſichtbar werden laſſen, um den König in ſeiner guten Stimmung zu erhalten, ſetzte ſie ſich wieder neben ihn. Einen Augenblick nachher trat Chon mit einem Blatt in der Hand ein.. Es war nicht zurückzuweichen, man mußte es leſen. „Was iſt das, große Chon, ein zärtliches Billet?“ fragte der König. „Oh! mein Gott, ja, Sire.“ „Und von wem?“ „Vom armen Vicomte.“ „Gewiß?“ „Sehen Sie ſelbſt.“ Der König erkannte die Handſchrift, und da er dachte, es könnte in dem Billet von dem Abenteuer in Lachauſſée die Rede ſein, ſo ſagte er, indem er das Pa⸗ pier mit der Hand auf die Seite ſchob: „Gut, gut, das genügt.“ Die Gräfin ſaß auf Dornen. 167 „Iſt das Billet für mich 2“ fragte ſie. „Ja, Gräfin.“ „Der König erlaubt?“ „Immer zu, bei Gott! Chon wird mir während dieſer Zeit Meiſter Rabe vorſagen.“ Und er zog Chon zwiſchen ſeine Beine und ſang mit der falſcheſten Stimme ſeines Königreichs: „J'ai perdu mon serviteur, Pai perdu tout mon bonheur!“*) Die Graͤfin zog ſich in eine Fenſtervertiefung zurück und las: „Warten Sie nicht auf die alte Ruchloſe, ſie be⸗ hauptet, ſie habe ſich geſtern Abend den Fuß verbrannt, und hütet das Zimmer. Danken Sie Chon für ihre ge⸗ eignete Ankunft geſtern, denn ihr haben wir Alles dies zu⸗ zuſchreiben; die Hexe hat ſie erkannt und unſere Komödie iſt nun umgekehrt. „Zum Glück iſt dieſer kleine Schuft von einem Gil⸗ bert, der an Allem dem Schuld iſt, verloren gegangen. Ich würde ihm den Hals umdrehen. Aber er mag unbe⸗ ſorgt ſein, wenn ich ihn wiederfinde, ſoll ihm das nicht entgehen. „Ich faſſe mich kurz. Kommen Sie ſchnell nach Paris, oder wir werden wieder Alle, was wir zuvor waren. „Jean.“ „Was gibt es?“ fragte der König, der über das ploͤtzliche Erblaſſen der Gräfin in Erſtaunen gerieth. „Nichts, Sire; ein Bulletin über die Geſundheit meines Schwagers.“ „Und es geht immer beſſer bei dem lieben Vicomte?“ „Immer beſſer,“ antwortete die Gräfin.„Ich danke, Sire. Doch dort fährt ein Wagen in den Hof.“ „Unſere Gräfin, ohne Zweifel?“ *) Ich habe meinen Diener verloren, ich habe mein ganzes Glück verloren. 168 „Nein, Sire, es iſt Herr von Sartines.“ „Nun!“ machte der König, als er ſah, daß Madame Dubarry auf die Thüre zuging. „Sire,“ erwiederte die Gräfin,„ich laſſe Sie mit ihm und gehe zu meiner Toilette.“ „Und Frau von Béarn?“ „Wenn ſie kommt, Sire, werde ich die Ehre haben, Eure Majeſtät davon in Kenntniß zu ſetzen,“ ſprach die Gräfin, während ſie im Grunde der Taſche ihres Morgen⸗ gewandes das Billet zerknitterte. „Sie verlaſſen mich alſo, Gräfin?“ ſagte der Kö⸗ nig mit einem ſchwermüthigen Seufzer. „Sire, es iſt heute Sonntag, die Unterſchriften, die Unterſchriften“ Und ſie reichte dem König ihre friſchen Wangen, Ludwig XV. drückte auf jede derſelben einen Kuß, und Madame Dubarry verließ das Gemach. „Zum Teufel die Unterſchriften und diejenigen, welche ſie holen,“ rief der König.„Wer mag die Miniſter, die Portefeuilles und das Stempelpapier erfunden haben?“ Der König hatte kaum dieſen Fluch ausgeſprochen, als der Miniſter mit dem Portefeuille durch die Thüre der gegenüber, durch welche die Gräfin abgegangen war, eintrat. Der König ſtieß einen zweiten Seufzer aus, der noch viel ſchwermüthiger klang als der erſte. —„Ah! Sie hier, Sartines?“ ſagte er,„wie pünktlich ſind Sie!“ Dieſe Worte wurden mit einem Tone geſprochen, daß man unmöglich wiſſen konnte, ob es ein Lob oder ein Vorwurf war. Herr von Sartines öffnete das Portefeuille und ſchickte ſich an, die Arbeit herauszuziehen. Man hörte jetzt die Räder eines Wagens auf dem Sande der Allee knarren. 3 „Warten Sie, Sartines,“ ſagte der Koͤnig. Und er lief an das Fenſter. 169 „Wie!“ rief der König, nes iſt die Gräfin, welche wegfährt?“ „Sie ſelbſt, Sire,“ ſprach der Miniſter. „Sie wartet alſo die Frau Gräfin von Béarn nicht ab?“ „Sire, ich bin verſucht, zu glauben, daß ſie müde geworden iſt, auf ſie zu warten, und daß ſie dieſelbe ho⸗ len will.“ „Die Dame ſollte aber doch dieſen Morgen kommen?“ „Sire, ich kann beinahe mit Gewißheit behaupten, daß ſie nicht kommen wird.“ „Wie! Sie wiſſen das, Sartines?“ „Sire, ich muß Alles ein wenig wiſſen, damit Eure Majeſtät mit mir zufrieden iſt.“ „Was iſt denn geſchehen? ſagen Sie es mir, Sartines.“ „Bei der alten Gräfin, Sire?“ 6 „Ja. „Was bei allen Dingen geſchieht, Sire; es ſind Schwierigkeiten eingetreten.“ „Aber wird denn dieſe Gräfin von Béarn endlich kommen?“ „Hm! hm! Sire, das war geſtern Abend ſicherer als dieſen Morgen.“ „Arme Gräfin!“ rief der König, in deſſen Augen unwillkührlich ein Strahl der Freude glänzte. „Oh! Sire, die Quadrupelallianz und der Fami⸗ lienvertrag waren nur von geringer Bedeutung im Ver⸗ gleich mit der Angelegenheit der Vorſtellung.“ „Arme Gräfin!“ wiederholte der König den Kopf ſchüttelnd,„ſie wird nie zu ihrem Ziele gelangen.“ „Ich befürchte es, Sire, wenn nicht Cure Majeſtät ärgerlich wird.“ „Sie glaubte ihrer Sache ſo ſicher zu ſein.“ „Das Schlimmſte für ſie iſt,“ bemerkte Herr von Sartines,„daß ihre Vorſtellung, wenn ſie nicht vor der 170 Ankunft der Frau Dauphine ſtattgefunden hat, wahrſchein⸗ lich nie ſtattfinden wird.“ 1 „Das iſt mehr als wahrſcheinlich, Sartines, Sie haben Recht. Man ſagt, meine Söhnerin ſei ſehr ſtreng, ſehr gottesfürchtig, ſehr züchtig. Arme Gräfin!“ „Sicherlich,“ verſetzte Herr von Sartines,„ſicherlich wird es Madame Dubarry einen ſchweren Kummer berei⸗ ten, wenn ſie nicht vorgeſtellt wird, aber es wird auch Eurer Majeſtät manche Unannehmlichkeit erſparen.“ „Sie glauben, Sartines?“ „Ganz gewiß, die Neidiſchen, die Schmähſüchtigen, die Pasquillanten, die Schmeichler, die Zeitungen werden wegfallen. Würde Madame Dubarry vorgeſtellt, ſo hät⸗ ten wir hunderttauſend Franken außerordentliche Polizei⸗ koſten.“ „In der That! Arme Gräfin! ſie wünſcht es doch o; ſehr.“ „Dann mag Eure Majeſtät befehlen, und die Wün⸗ ſche der Gräfin werden in Erfüllung gehen.“ „Was ſagen Sie da, Sartines?“ rief der König. „Chrlich geſprochen, kann ich mich in Alles dies miſchen? Kann ich den Befehl, gegen Madame Dubarry zuvor⸗ kommend zu ſein, unterzeichnen? Sie, ein Mann von Geiſt, Sartines, rathen Sie mir einen Staatsſtreich, um die Laune der Gräfin zu befriedigen?“ „Oh! nein, Sire; ich begnüge mich wie Eure Ma⸗ jeſtät zu ſagen: Arme Gräfin.“. „Ueberdies iſt ihre Lage nicht ſo verzweifelt,“ ſprach der König.„Sie ſehen Alles mit der Farbe Ihres Klei⸗ des an, Sartines. Wer ſagt uns, Frau von Béarn werde ſich nicht eines Andern beſinnen? Wer verſichert uns, die Frau Dauphine werde ſo bald ankommen? Wir haben noch vier Tage, ehe ſie Compiégne berührt; in vier Tagen thut man Vieles.... Werden wir dieſen Morgen arbeiten, Sar⸗ tines?“ „Oh! Eure Majeſtät, nur drei Unterſchriften.“ 171 Und der Poltzeilieutenant zog ein erſtes Papier aus dem Portefeuille. „Oh! oh!“ machte der König,„ein geheimer Ver⸗ haftsbefehl.“ „Ja, Sire.“ „Und gegen wen?“ 8 „Eure Majeſtät kann es ſehen.“ „Gegen den Sieur Rouſſeau? Wer iſt dieſer Rouſſeau, Sartines, und was hat er gemacht?“ „Den Contrat social, Sire.“ „Ah! ah! das iſt gegen Jean Ja ihn alſo in die Baſtille ſetzen.“ „Sire, er macht Scandal.“ „Was Teufels ſoll er denn machen?“ A uebrigens ſchlage ich nicht vor, ihn in die Baſtille zu ſetzen.“ „Wozu dann der Verhaftsbefehl?“ „Sire, um die Waffe bereit zu haben.“ „Nicht als läge mir etwas an Eurem Philoſophen,“ ſprach der König. „Und Eure Majeſtät hat Recht.“ „Aber man würde ſchreien; überdies glaubte ich, man habe ſeine Anweſenheit in Paris geſtattet.“ „Geduldet, Sire, doch unter der Bedingung, daß er ſich nicht zeigen würde.“ „Und er zeigt ſich?“ „Fortwährend.“ „In ſeiner armeniſchen Tracht?“ „Oh! nein, Sire, wir haben ihm bedeutet, daß er ſie ablegen müſſe.“ „Und er gehorchte?“ „Ja, aber er ſchrie über Verfolgung.“ „Und wie kleidet er ſich jetzt?“ „Wie Jedermann, Sire.“ „Dann iſt der Scandal nicht groß.“ „Wie, Sire, ein Menſch, dem man verbietet ſich zu zeigen... errathen Sie, wohin er jeden Tag geht 2“ cques? Sie wollen —e 172 „Zu dem Marſchall von Luxembourg, zu Herrn d'Alem⸗ bert, zu Madame d'Epinay.“ „In das Café de la Régence, Sire! er ſpielt dort jeden Abend Schach, aus Halsſtarrigkeit, denn er verliert beſtändig; und jeden Abend brauche ich eine Brigade, um die Verſammlung zu überwachen, welche ſich um das Haus bildet.“ „Ah!“ rief der König,„die Pariſer ſin d noch dum⸗ mer, als ich glaubte. Laſſen Sie dieſe Menſchen ſich hie⸗ mit beluſtigen, Sartines, während dieſer Zeit werden ſie nicht über Elend ſchreien.“ „Ja, Sire, doch wenn es ihm eines Morgens ein⸗ fiele, Reden zu halten, wie er dies in London gethan hat?“ 3„Oh! dann fände ein Verbrechen ſtatt, und zwar ein öffentliches Verbrechen, und Sie hätten keinen 3ihae men Verhaftsbefehl nöthig, Sartines.“ Der Polizeilieutenant ſah, daß die Verhaftung von Rouſſeau eine Maßregel war, bei der Ludwig XV. die königliche Verantwortlichkeit befreit wiſſen wollte, und be⸗ ſtand nicht länger darauf. „Nun handelt es ſich noch um einen andern Philo⸗ ſophen, Sire,“ ſprach Herr von Sartines. „Abermals?“ erwiederte der König müde,„wir wer⸗ den alſo nicht mit ihnen zu Ende kommen?“ „Ach! Sire, ſie ſind es, die nie mit uns endigen.“ „Und von wem iſt die Rede?“ „Von Herrn von Voltaire.“ 294 „Dieſer iſt auch nach Frankreich zurückgekehrt?“ „Nein, Sire, doch es wäre vielleicht beſſer, wenn er ſich hier befände, wir könnten ihn wenigſtens überwachen.“ „Was hat er gethan?“ „Er thut nichts, ſondern ſeine Parteigänger thun für ihn: es handelt ſich um nichts Geringeres, als ihm eine Statue zu errichten.“ „Eine Reiterſtatue?“ „Nein, Sire, und dennoch iſt er ein großer Städte⸗ eroberer, dafür ſtehe ich.“ —— 173 Ludwig XV. zuckte die Achſeln. „Sire, ich habe keinen ähnlichen ſeit Poliorketes ge⸗ ſehen,“ fuhr Herr von Sartines fort; ver unterhält überall Einverſtändniſſe, er hat überall Eingang; die erſten Ihres Königreiches ſind Schmuggler, um ſeine Bücher einzu⸗ führen. Ich habe kürzlich acht Kiſten voll mit Beſchlag belegt; zwei waren unter der Adreſſe von Herrn von Choiſeul... „Er iſt ſehr beluſtigend.“ „Sire, mittlerweile bemerken Sie, daß man für ihn thut, was man für die Könige thut; man esfet ihm eine Statue.“* „Man votirt den Königen keine Statuen, Sartines, t mit dieſem ſchönen ſie votiren ſich dieſelben. Und wer iſ Werke beauftragt?“ „Der Bildhauer Pigale. Er iſt nach Ferny abge⸗ reiſt, um das Modell auszuführen. Indeſſen regnet es Unterſchriften. Bereits ſind ſechstauſend Thaler beiſammen, und bemerken Sie wohl, Sire, nur die Gelehrten haben das Recht, zu unterzeichnen. Alle kommen mit ihrer Opfergabe; es iſt eine wahre Prozeſſion. Herr Rouſſeau hat ſelbſt ſeine zwei Louisd'or gebracht.“ „Nun, was ſoll ich machen?“ verſetzte Ludwig XV. „Ich bin kein Gelehrter, das geht mich nichts an.“ „Sire, ich wollte die Ehre haben, Eurer Majeſtät den Vorſchlag zu machen, dieſe Kundgebung kurz abzu⸗ ſchneiden.“ „Hüten Sie ſich wohl, Sartines. Statt ihm eine Bildſäule von Bronze zu votiren, würden ſie ihm eine von Gold errichten. Laſſen Sie die Leute machen. Ei! mein Gott, er wird noch häßlicher ſein in Bronze, als in Fleiſch und Knochen.“ „Eure Majeſtät wünſcht alſo, daß die Sache ihren Lauf nehme?“ „Wünſcht! verſtändigen wir uns, Sartines, wünſcht iſt nicht das richtige Wort. Ich möͤchte gewiß gern Alles dies verhindern; aber was wollen Sie? die Sache iſt unmoͤglich. Die Zeit iſt vorüber, wo das Königthum zu dem philoſophiſchen Geiſte, wie Gott zum Weltmeer ſagen konnte:„„Du wirſt nicht weiter gehen.““ Ohne Erfolg ſchreien, ohne zu erreichen ſchlagen, hieße unſere Ohn⸗ macht zeigen. Wenden wir unſere Augen ab, Sartines, und ſtellen wir uns, als ob wir nichts ſehen würden.“ Herr von Sartines ſtieß einen Seufzer aus und er⸗ wiederte: „Sire, wenn wir die Menſchen nicht beſtrafen, ſo zerſtören wir wenigſtens die Werke. Hier iſt eine Liſte von Werken, denen nothwendig der Prozeß gemacht wer⸗ den muß; denn die einen greifen den Thron an, die an⸗ dern den Altar, die einen ſind ein Aufruhr, die andern eine Gottesläſterung.“ Ludwig XV. nahm die Liſte und las mit matter Stimme: La Contagion sacrée, ou Histoire naturelle de la superstition; Systeme de la nature, ou Lois du monde physique et moral; Dieu et les Hommes, Discours sur les miracles de Jesus-Christ, Instruc- tions du Capucin de Raguse à freére Pediculoso partant pour la terre sainte.*) Der König war noch nicht bei dem vierten Theil der Liſte, und dennoch ließ er das Papier fallen; ſeine ſonſt ſo ruhigen Züge nahmen einen Ausdruck der Traurigkeit und Entmuthigung an. 4 Er blieb einige Augenblicke träumeriſch, in Gedanken verſunken, wie vernichtet. „Da müßte man eine Welt erregen, Sartines,“ murmelte er,„das mögen Andere verſuchen.“ Sartines ſah ihn mit dem Einverſtändniß an, das Lud⸗ *) Die heilige Anſteckung oder Naturgeſchichte des Aber⸗ glaubens; Syſtem der Natur, oder Geſetze der pbyſiſchen und moraliſchen Welt; Gott und die Menſchen, Rede über die Wun⸗ der Jeſu Chriſti, Inſtructionen des Kapuziners von Raguſa an den Bruder Pediculoſo bei ſeiner Abreiſe nach dem heiligen Land. wi ein d e,—+₰ᷣ& SSOSD —— 175 wig XV. ſo gern bei ſeinen Miniſtern gewahrte, weil es ihm eine Arbeit des Geiſtes, oder eine Handlung erſparte. „Die Ruhe, nicht wahr, Sire, die Ruhe, das iſt es, was der König will?“ ſagte Sartines. Der König ſchüttelte den Kopf von oben nach unten. „Ei, mein Gott! ja, ich verlange nichts Anderes von Euren Philoſophen, Euren Encyelopädiſten, Euren Wun⸗ derthätern, Euren Illuminaten, Euren Dichtern, Euren Oekonomiſten, welche ſchreiben, krächzen, verleumden, rech⸗ nen, predigen, ſchreien. Man kröne ſie, man errichte ihnen Statuen, man baue ihnen Tempel, aber man laſſe mich in Ruhe.“ Sartines ſtand auf, verbeugte ſich vor dem König und murmelte, während er wegging: „Zum Glück ſteht auf unſern Münzen nicht: Domine salvum fac regem.“ Als Ludwig XV. allein war, nahm er eine Feder und ſchrieb an den Dauphin: „Sie haben mich gebeten, die Ankunft der Frau Dau⸗ phine zu beſchleunigen, ich will Ihnen dieſes Vergnügen machen. „Ich gebe Befehl, in Noyon nicht anzuhalten, ſie wird folglich Dienſtag Morgen in Compiegne ſein. „Ich ſelbſt werde mich dort auf den Punkt zehn Uhr, das heißt eine Viertelſtunde vor ihr, einfinden.“ „Auf dieſe Weiſe,“ ſagte er,„werde ich von der albernen Vorſtellungsangelegenheit befreit, die mich mehr quält, als Herr von Voltaire, Herr Rouſſeau und alle gegenwärtige und zukünftige Philoſophen. Das iſt dann eine Sache zwiſchen der armen Gräfin, dem Dauphin und der Dauphine. Meiner Treue! wir wollen den Aerger, den Haß und die Nache ein wenig auf die jungen Geiſter ablenken, welche die Kraft zum Kämpfen haben. Die Kinder mögen dulden lernen, das bildet die Jugend.“ „Entzückt, die Schwierigkeit ſo beſeitigt zu haben, überzeugt, es könne ihm Niemand vorwerfen, die Vor⸗ ſtellung, welche ganz Paris beſchäftigte, ſei von ihm be⸗ günſtigt oder verhindert worden, ſtieg der König hierauf wieder in den Wagen und fuhr nach Marly, wo ihn der Hof erwartete. XXXV. Pathin und Täufling. Die arme Gräfin! Behalten wir für ſie das Bei⸗ wort, das ihr der König gegeben, denn ſie verdiente es gewiß in dieſem Augenblick; die arme Gräfin, ſagen wir, fuhr wie eine Seele in der Verdammniß auf der Straße nach Paris. Wie ſie niedergeſchmettert durch den vorletzten Para⸗ graphen des Briefes von Jean, verbarg Chon in dem Boudoir von Luciennes ihren Schmerz und ihre Unruhe und verfluchte es, daß ſie den unſeligen Gedanken gehabt hatte, Gilbert auf der Landſtraße aufzunehmen. Als ſie auf die Brücke von Antin kam, welche über den Canal gebaut war, der in den Fluß ausmündete und Paris von der Seine bis zur Roquette umgab, fand die Gräfin einen Wagen, der ihrer harrte. In dieſem Wagen war der Vicomte Jean, in Ge⸗ ſellſchaft eines Anwalts, mit dem er ſich auf eine kräftige Weiſe zu beſprechen ſchien. Sobald Jean die Gräfin erblickte, ließ er ſeinen An⸗ walt, ſprang zur Erde, und machte dem Kutſcher ſeiner Schweſter ein Zeichen, raſch anzuhalten. „Geſchwinde, Gräfin,“ ſagte er,„geſchwinde; ſteigen Sie in meinen Wagen und fahren Sie eiligſt nach der Rue Saint⸗Germain⸗des⸗Prés.“ „Die Alte hintergeht uns alſo?“ ſagte Madame Du⸗ barry, indem ſie den Wagen wechſelte, während der An⸗ walt, durch ein Zeichen des Vicomte veranlaßt, daſſelbe that. „Ich glaube, Gräfin,“ erwiederte Jean,„ich glaube; das iſt eine Repreſſalie.“ „Aber was iſt denn vorgefallen?“ —„—— ed uf er 177 „Hören Sie es mit zwei Worten. Ich war in Paris geblieben, weil ich ſtets mißtraue, und ich habe nicht Un⸗ recht, wie Sie ſehen. Von neun Uhr Abends an ſtreifte ich bei dem Gaſthof zum krähenden Hahne umher. Nichts; keine Schritte, kein Beſuch. Alles ging auf das Beſte. Ich glaubte folglich, ich könnte zuruckkehren und ſchlafen. Ich kehre zurück und ſchlafe. „Dieſen Morgen bei Tagesanbruch wache ich auf; ich wecke Patrice und befehle ihm, an den Ecke Schild⸗ wache zu ſtehen. „Um neun Uhr, merken Sie wohl, eine Stunde früher, als es abgemacht war, komme ich mit der Carroſſe an; Patrice hat nichts Beängſtigendes geſehen, und ich ſteige ziemlich beruhigt die Treppe hinauf. „An der Thüre hält mich eine Dienerin auf und be⸗ nachrichtigt mich, die Frau Gräfin werde an dieſem Tage und vielleicht acht Tage nicht ausgehen. „Ich geſtehe, obgleich auf irdend eine Unannehmlich⸗ keit gefaßt, erwartete ich doch dies nicht. „Wie! ſie wird nicht ausgehen,““ rief ich,„„was hat ſie denn?““ „„Sie iſt krank.““ „„Krank? Unmöglich! Geſtern war ſie noch zum Entzücken wohl.““ „„Ja, mein Herr. Doch Madame hat die Gewohn⸗ heit, ihre Chocolade zu machen, und dieſen Morgen, als ſie dieſelbe kochen ließ, goß ſie aus dem Ofen auf ihren Fuß und verbrannte ſich. Auf das Geſchrei, das die Frau Gräfin ausſtieß, lief ich herbei. Die Frau Gräfin wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Ich trug ſie auf ihr Bett und in dieſem Augenblick ſchläft ſie, glaube ich. „Ich war bleich wie Ihre Spitze, Gräfin, und rief: „„Das iſt eine Lüge!““ „„Nein, lieber Herr Dubarry,““ antwortete eine Stimme, ſo ſpitzig, daß ſie die Balken zu durchbohren ſchien;„„nein, das iſt keine Lüge, und ich leide furcht⸗ bar.““— Denkwürdigkeiten ei. II. 12 „Ich ſtürzte nach der Seite, woher dieſe Stimme kam; ich drang durch eine Glasthüre, welche ſich nicht öffnen wollte; die alte Gräfin lag wirklich im Bett. „„Ah! Madame...““ ſagte ich. „Mehr konnte ich an Worten nicht vorbringen. Ich war wüthend, und hätte ſie mit Freuden erdroſſelt. „„Sehen Sie,““ ſagte ſie zu mir, indem ſie auf eine abſcheuliche Kanne deutete, welche auf dem Boden lag,„„dieſe Kaffeekanne hat alles Unheil verurſacht.““ „Ich ſprang mit gleichen Füßen auf die Kanne, dieſe wird keine Chocolade mehr machen, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „„Welch ein Mißgeſchick!““ fuhr die Alte mit ihrer kläglichen Stimme fort,„„die Baronin d'Alogny wird nun Ihre Frau Schweſter vorſtellen. Was wollen Sie! das ſtand ſo geſchrieben, wie die Orientalen ſagen.““ „Ah! mein Gott,“ rief die Gräfin,„Sie bringen mich in Verzweiflung, Jean.“ „Ich verzweifle nicht, wenn Sie ſich zu ihr begeben, deßhalb habe ich Sie rufen laſſen.“ „Und warum verzweifeln Sie nicht?“ „Weil Sie vermögen, was ich nicht vermag, weil Sie eine Frau ſind, weil Sie den Verband in Ihrer Ge⸗ genwart koͤnnen abnehmen laſſen, weil Sie Frau von Béarn, wenn der Beurug erwieſen iſt, ſagen koͤnnen, ihr Sohn werde nie etwas Anderes ſein, als ein Krautjunker, ſie werde nie einen Sou von der Erbſchaft der Saluces bekommen; weil Sie endlich die Verwünſchungen von Ca⸗ milla mit viel mehr Wahrſcheinlichkeit ſpielen werden, als ich die Wuth des Oreſtes ſpielen würde.“ „Ich glaube, er ſcherzt!“ ſagte die Gräfin. „Ja, mit der Schärfe der Zähne.“ „Wo wohnt unſere Sibylle?“ „Sie wiſſen es wohl: im krähenden Hahnen, in der Rue Saint⸗Germain⸗des⸗Prés... ein großes, ſchwarzes Haus, mit einem ungeheuren Hahnen, der auf 1 uf 179 ein blechenes Schild gemalt iſt. Wenn das Blech knarrt, kräht der Hahn.“ „Ich werde eine abſcheuliche Scene haben.“ „Daͤs iſt meine Meinung. Doch es iſt auch meine Meinung, daß man es wagen muß; ſoll ich Sie geleiten?“ „Hüten Sie ſich wohl, Sie würden Alles verderben.“ „Das hat mir auch unſer Anwalt geſagt, den ich in dieſer Hinſicht um Rath fragte. Eine Perſon in ihrem Hauſe ſchlagen, zieht Geldbuße und Gefängniß nach ſich. Sie auswärts ſchlagen...“ „Das iſt nichts,“ ſagte die Gräfin zu Jean,„Sie wiſſen das beſſer, als irgend Jemand.“ Jean machte eine Grimaſſe, welche wie ein ſchlim⸗ mes Lächeln ausſah. „Oh!“ ſagte er,„Schulden, welche ſpät bezahlt wer⸗ den, häufen Intereſſen an, und wenn ich je meinen Mann wieder finde.“ „Wir wollen nur von meiner Frau ſprechen, Vi⸗ comte.“ „Ich habe Ihnen nichts mehr zu ſagen, gehen Sie.“ Und Jean trat auf die Seite, um den Wagen vor⸗ überfahren zu laſſen. „Vorwärts, wo erwarten Sie mich?“ „In dem Gaſthofe ſelbſt; ich verlange eine Flaſche Wein, und wenn Sie bewehrten Beiſtand brauchen, ſo komme ich.“ „Vorwärts, Kutſcher,“ rief die Gräfin. „Rue Saint⸗Germain⸗des⸗Prés, im krähenden Hah⸗ nen,“ fügte der Vicomte bei. Der Wagen fuhr ungeſtüm nach den Champs⸗CElyſées. Eine Viertelſtunde nachher hielt er bei der Rue Abbatiale und dem Marché Sainte⸗Marguerite. Hier ſtieg Madame Dubarry aus, denn ſie befürch⸗ tete, das Raſſeln eines Wagens könnte die ſchlaue Alte, welche ohne Zweifel lauerte, aufmerkſam machen, und ſie würde, ſich hinter einem Vorhange verbergend, den Beſuch frühe genug erblicken, um ihn zu Peinheidene, 1 180 Die Gräfin ging daher allein mit ihrem Lackei, der hinter ihr marſchirte, in die kleine Rue Abbatiale, welche nur drei Häuſer enthielt, von denen der Gaſthof die Mitte bildete. Sie ſchlüpfte behende in die gähnende Halle des Wirths⸗ hauſes. Niemand ſah ſie eintreten, aber am Fuße der hölzer⸗ nen Treppe begegnete ſie der Wirthin. „Frau von Béarn?“ fragte die Gräfin. „Frau von Béarn iſt ſehr krank und kann Niemand empfangen.“ „Krank; ich will mich gerade nach ihr erkundigen,“ verſetzte die Gräfin. Und leicht wie ein Vogel war ſie in einer Secunde oben auf der Treppe. „Madame! Madame!“ rief die Wirthin,„man ſprengt Ihre Thüre mit Gewalt!“ „Wer denn?“ fragte die alte Prozeßkrämerin aus der Tiefe ihres Zimmers. „Ich,“ rief die Gräfin, indem ſie ſich plötzlich auf der Schwelle mit einer Phyſiognomie zeigte, welche voll⸗ kommen den Umſtänden angepaßt war, denn ſie lächelte Höflichkeit und grimaſſirte Bedauern. „Die Frau Gräfin hier!“ rief die Alte bleich vor Schrecken. „Ja, meine liebe Dame, und ich komme, um Ihnen den ganzen Antheil zu bezeigen, den ich an Ihrem Un⸗ glück nehme, wovon ich ſo eben unterrichtet worden bin. Erzählen Sie mir doch Ihren Unfall, ich bitte Sie.“ „Madame, ich wage es nicht, Ihnen einen Stuhl in dieſer Spelunke anzubieten.“ „Ich weiß, daß Sie ein Schloß in der Touraine haben, und entſchuldige das Wirthshaus.“ Ddie Gräfin ſetzte ſich. Frau von Béarn begriff, daß ſie eine feſte Stellung nahm. „Sie ſcheinen viel zu leiden, Gräfin?“ fragte Ma⸗ dame Dubarry. „— 181 „Das iſt ſchrecklich!“ Die Alte ſtieß einen Seufzer aus. „Oh! ja,“ ſagte ſie,„ſchrecklich. Doch was wollen Sie? die Unglücksfälle kommen in Schaaren.“ „Sie wiſſen, daß der König Sie dieſen Morgen er⸗ wartete.“ „Sie verdoppeln meine Verzweiflung, Madame.“ „Seine Majeſtät iſt durchaus nicht zufrieden, Ma⸗ dame, daß er Sie nicht geſehen.“ „Ich habe meine Entſchuldigung in meinem Leiden, und ich hoffe dieſe Entſchuldigung ſeiner Majeſtät demuths⸗ voll zu Fußen legen zu dürfen.“ „Ich ſage das nicht, um Ihnen den geringſten Kum⸗ mer zu verurſachen,“ verſetzte Madame Dubarry, welche ſah, wie graoitätiſch die Alte zu ſein bemüht war, nich wollte Ihnen nur begreiflich machen, daß Seiner Majeſtät ſehr viel an dieſem Schritte lag, und daß er den groͤßten Dank dafür wußte.“ 3 „Sie ſehen meine Lage, Madame.“ „Allerdings; doch ſoll ich Ihnen Eines ſagen?“ „Sprechen Sie; ich fühle mich geehrt, es zu hören.“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach rührt Ihr Unfall von einer großen Aufregung her, welche Sie ergriffen hatte.“ „Oh! ich ſage nicht nein,“ erwiederte die Alte mit einer Verbeugung des Oberleibs;„ich war ſehr bewegt durch die Ehre, die Sie mir dadurch erwieſen, daß Sie mich ſo anmuthreich in Ihrem Hauſe empfingen.“ „Ich glaube, es war noch etwas Anderes im Spiel.“ „Etwas Anderes? Meiner Treue, nein, nichts daß ich wüßte.“ 4. 18² „Oh! doch wohl, ein Zuſammentreffen....“ „Das mir begegnet ſein ſoll?“ „Ja, als Sie mein Haus verließen.“: „Ich bin mit Niemand zuſammengetroffen, Madame. Ich war in dem Wagen Ihres Herrn Bruders.“ „Ehe Sie in den Wagen ſtiegen.“ Die Alte gab ſich die Miene, als ſuchte ſie. „Während Sie die Stufen der Freitreppe hinabgingen.“ Die Alte heuchelte eine noch groͤßere Aufmerkſamkeit. „Ja,“ ſagte Madame Dubarry mit einem Liücheln, in das ſich eine gewiſſe Ungeduld miſchte;„es kam Je⸗ mand in den Hof, eben als Sie das Haus verließen.“ .„Ich habe Unglück, Madame, ich erinnere mich deſſen t. „Eine Frau... ah! nun entſinnen Sie ſich wohl.“ „Ich habe ein ſo kurzes Geſicht, daß ich auf zwei Schritte von mir, wie Sie jetzt gerade ſitzen, Madame, nichts zu unterſcheiden vermag. Urtheilen Sie alſo.“ „Ah! ſie iſt ſtark,“ ſprach leiſe die Gräfin zu ſich ſelbſt.„Wir wollen nicht mehr mit Liſt zu Werk gehen, denn ſie würde mich ſchlagen.“ „Nun, da Sie dieſe Dame nicht geſehen haben,“ fuhr ſie laut fort,„ſo will ich Ihnen ſagen, wer ſie iſt.“ „Die Dame, welche herein kam, als ich wegfuhr?“ „Ganz richtig, es war meine Schwägerin, Made⸗ moiſelle Dubarry.“ „Ah! ſehr gut, Madame, ſehr gut, da ich ſie aber nie geſehen hatte...“ „Doch wohl.“ „Ich habe ſie geſehen?“ 8 „Ja, und geſprochen.“ „Mademoiſelle Dubarry?“ 6 „Ja, Mademoiſelle Dubarry, nur hieß ſie an jenem Tag Mademoiſelle Flageot.“ „Ah!“ rief die Alte mit einer Bitterkeit, welche ſie nicht verbergen konnte,„ah! die falſche Mademoiſelle Fla⸗ 3 . * — 8— 183 geot, welche mich aufſuchte und zu der Reiſe veranlaßte, war Ihre Schwägerin?“ „In Perſon, Madame.“ Und wurde zu mir geſchickt? „Durch mich.“ „Um mich zu myſtificiren?“ „Nein, um Ihnen zu dienen, während Sie zugleich mir dienen würden.“ Die alte Frau zog ihre dicken, grauen Augbrauen zu⸗ ſammen und erwiederte: „Ich glaube, dieſer Beſuch wird mir nicht ſehr vor⸗ theilhaft ſein.“ „Wären Sie etwa von Herrn von Maupeou ſchlecht empfangen worden, Madame?“ „Weihwaſſer von Hofe.“ „Mir dunkt, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen etwas minder Unfaßbares, als Weihwaſſer anzubieten.“ „Madame, Gott lenkt, während der Menſch denkt.“ „Madame, ſprechen wir ernſthaft,“ ſagte die Gräfin. „Ich höre Sie.“ „Sie haben ſich den Fuß verbrannt?“ „Sie ſehen es.“ „Bedeutend?“* „Furchtbar.“ 3 3 „Können Sie nicht, trotz dieſer Wunde, welche aller⸗ dings ſchmerzhaft ſein mag, aber ſicherlich nicht gefährlich iſt, können Sie ſich nicht ein wenig anſtrengen, den Wa⸗ gen ertragen, und eine Sekunde in meinem Cabinet vor Seiner Majeſtät ſtehen?“ „Unmöglich, Madame; ſchon bei dem Gedanken, mich zu erheben, fühle ich mich einer Ohnmacht nahe.“ „Sie haben ſich alſo eine gräßliche Wunde gemacht?“ „Gräßlich, wie Sie ſagen.“ „Und wer verbindet, wer beräth, wer pflegt Sie?“ „Ich habe wie jede Frau, welche eine Haushaltung 47„ . geführt, vortreffliche Recepte für Brandwunden; ich lege mir ein n mir ſelbſt bereiteten Balſam auf.“ — „Kann man, ohne unbeſcheiden zu ſein, dieſes ſpe⸗ ciſiſche Mittel ſehen?“ „In jener Phiole, auf dem Tiſch.“ „Heuchlerin!“ dachte die Gräfin,„ſo weit hat ſie die Verſtellung getrieben; ſie iſt offenbar ſehr ſtark, doch wir wollen das Ende abwarten.“— „Madame,“ ſagte die Gräfin laut,„ich habe auch ein vortreffliches Oel für ſolche Unfälle, doch die Anwen⸗ dung hängt hauptſächlich von der Art des Brandes ab.“ „Wie ſo?“ „Es gibt einfache Röthen, Waſſerblaſen und Abſchin⸗ dung der Haut. Ich bin kein Arzt. Aber Jedermann hat ſich mehr oder minder in ſeinem Leben gebrannt.“ „Madame, es iſt eine Abſchindung,“ verſetzte die Gräfin. „Oh! mein Gott! wie müſſen Sie leiden! Soll ich mein Oel anwenden?“ E „Das wäre mir ungemein lieb. Sie haben es alſo mitgebracht?“ 3 „Nein; aber ich werde es ſchicken...“ „Ich danke tauſendmal.“ „Nur erſcheint es zweckdienlich, daß ich mich von dem Grade der Verletzung überzeuge.“ „Oh! nein, nein, Madame,“ rief die Alte,„ich will Ihnen kein ſolches Schauſpiel bieten.“ „Gut,“ dachte Madame Dubarry,„hier iſt ſie ge⸗ fangen.“ „Befürchten Sie das nicht,“ ſprach ſie,„ich bin mit dem Anblick von Wunden vertraut.“ „Oh! Madame, ich kenne zu gut den Wohlanſtand.“ „Wo es ſich darum handelt, unſerem Nächſten bei⸗ zuſtehen, müſſen wir den Wohlanſtand vergeſſen.“ Und ſie ſtreckte raſch die Hand nach dem Beine aus, das die Gräfin auf einem Fauteuil liegen hatte. Die Alte ſtieß ein furchtbares Schmerzgeſchrei aus, obgleich Madame Dubarry ſie kaum berührte. „Oh! gut geſpielt!“ murmelte die Gräfin, 185 Zuckung auf dem verſtörten Geſichte von Frau von Béarn ſtudirte. „Ich ſterbe,“ ſagte die Alte.„Ah! welche Angſt haben Sie mir eingejagt.“. Und die Wangen bleich, die Augen ſterbend, warf ſie ſich zurück, als ob ſie in Ohnmacht fiele. „Sie erlauben, Madame,“ fuhr die Favoritin fort. „Immerhin,“ ſagte die Alte mit einer erloſchenen Stimme. Madame Dubarry verlor keine Zeit; ſie zog die erſte Nadel aus der Leinwand, welche das Bein umgab, und entrollte raſch die Binde. Zu ihrem großen Erſtaunen ließ ſie die Alte machen. „Sie wartet, bis ich an der Compreſſe bin, um laut zu ſchreien; aber ich werde ihr Bein ſehen, und wenn ich ſie erſticken müßte,“ murmelte die Favoritin. Und ſie fuhr for. Fran von Bäéarn ſeufzte, widerſetzte ſich aber nicht. Die Compreſſe wurde aufgehoben, und eine wahre Wunde zeigte ſich den Augen von Madame Dubarry. Das war nicht Nachahmung, und hier endigte die Diplo⸗ matie von Frau von Béarn.. Bleifarbig und von Blut durchfurcht, ſprach die Wunde ſehr beredt. Frau von⸗Béarn konnte Chon ge⸗ ſehen und erkannt haben, dann aber ſchwang ſie ſich zu der Höhe von Porcia und Mucius Scävola empor. Madame Dubarry ſchwieg und bewunderte. Wieder zu ſich gekommen, genoß die Alte in vollem Maaße ihren Sieg; ihr falbes Auge verſenkte ſich gleich⸗ ſam in die Gräfin, welche zu ihren Füßen kniete. Madame Dubarry brachte die Compreſſe mit der zarten Sorgfalt der Frauen, deren Hand für die Ver⸗ wundeten ſo leicht iſt, wieder an ihren Platz, legte das Bein der Kranken auf das Kiſſen, ſetzte ſich zu ihr und ſprach: „Madame, Sie ſind noch ſtärker, als ich glaubte, und ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich nicht mit dem 2 erſten Schlage die Frage ſo angegriffen habe, wie es ſich bei einer Dame von Ihrem Werth geziemte. Machen Sie Ihre Bedingungen.“ Die Augen der Alten funkelten, aber es war nur ein Blitz, der alsbald wieder erloſch. „Sprechen Sie Ihren Wunſch unumwunden aus, Madame,“ ſagte ſie,„und ich werde ſehen, in welcher Be⸗ ziehung ich Ihnen angenehm ſein kann.“ „Ich will durch Sie in Verſailles vorgeſtellt werden, Madame,“ ſprach die Gräfin,„und ſollte es Sie auch eine Stunde der furchtbaren Leiden koſten, die Sie dieſen Mor⸗ gen ausgeſtanden haben.“ Frau von Béarn hörte ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen. „Und dann?“ ſagte ſie. „Das iſt Alles, Madame; nun iſt die Reihe an Ihnen.“* „Ich moͤchte gern,“ erwiederte Frau von Béarn mit einer Feſtigkeit, welche der Gräfin klar bewies, daß man mit ihr wie eine Macht mit der andern zu unterhandeln hatte,„ich möchte die zweimal hundert tauſend Livres mei⸗ nes Prozeſſes garantirt haben.“ „Aber wenn Sie den Prozeß gewinnen, ſo macht dies viermal hundert tauſend Franken, wie mir ſcheint.“ „Nein, denn ich betrachte die zweimal hundert tauſend Livres, welche mir die Saluces ſtreitig machen, als mein Eigenthum. Die weiteren zweimal hundert tauſend Livres ſind ein Glück, der Ehre beigefügt, welche mir dadurch zu Thei geworden iſt, daß ich Ihre Bekanntſchaft gemacht habe.“ „Sie ſollen die zweimal hundert tauſend Livres bekom⸗ men, Madame. Hernach?“ „Ich habe einen Sohn, den ich zärtlich liebe, Ma⸗ dame. Das Schwert wurde in unſerem Hauſe ſtets gut eführt; aber Sie müſſen begreifen, daß wir, zum Be⸗ Pllen geboren, nur mittelmäßige Soldaten geben. Ich 187 brauche auf der Stelle eine Compagnie für meinen Sohn mit einem Oberſtenpatent für das nächſte Jahr.“ „Wer wird die Koſten des Regiments tragen, Ma⸗ dame?“ 3 „Der König. Sie begreifen, daß ich, wenn ich für dieſes Regiment die zweimal hundert tauſend Livres von mei⸗ nem Gewinn ausgebe, morgen ſo arm ſein werde, als ich es heute bin.“ „Gut gerechnet macht das ſechsmal hundert tauſend Li⸗ vres.“ „Viermal hundert tauſend, vorausgeſetzt, daß das Re⸗ giment zweimal hundert tauſend werth iſt, was daſſelbe hoch anſchlagen heißt.“ „Es ſei; Sie ſollen in dieſem Punkte befriedigt werden.“. „Ich habe von dem Koͤnig Entſchädigung für meinen Weingarten in der Touraine zu verlangen; es ſind vier gute Morgen, welche mir die Ingenieurs des Königs vor vier Jahren für den Kanal genommen haben.“ „Man hat den Weingarten bezahlt.“ „Ja, doch nach dem Anſchlage von Erperten; und ich ſelbſt ſchätze ihn gerade auf das Doppelte des Preiſes, zu dem ſie ihn angeſchlagen haben.“ „Gut! man wird Ihnen denſelben zum zweiten Male bezahlen. Iſt das Alles?“ „Verzeihen Sie, meine Kaſſe iſt leer, wie Sie ſich leicht denken können. Ich bin Meiſter Flageot ungefähr neuntauſend Livres ſchuldig.“ 3 „Neuntauſend Livres! 4 „Oh! das iſt unerläßlich. Meiſter Flageot iſt ein vortrefflicher Rathgeber.“ „Ja, ich glaube es wohl,“ verſetzte die Gräfin,„ich werde dieſe neuntauſend Livres von meinen eigenen Gel⸗ dern bezahlen. Ich hoffe, Sie haben mich willfährig ge⸗ funden?“ 3 Oh! Sie ſind vollkommen, Madame; aber ich glaube — 188 Ihnen auch von meiner Seite allen guten Willen bewie⸗ ſen zu haben.“ „Wenn Sie wüßten, wie ſehr ich bedaure, daß Sie ſich verbrannt haben,“ ſagte Madame Dubarry lächelnd. „Ich bedaure es nicht, Madame,“ entgegnete die Alte, „denn trotz dieſes Unfalls wird mir meine Ergebenheit die Kraft verleihen, Ihnen nützlich zu ſein, als ob mir nichts begegnet wäre.“ „Faſſen wir die Bedingungen noch einmal zuſammen,“ ſagte Madame Dubarry. „Warten Sie.“ „Haben Sie etwas vergeſſen?“ „Eine Kleinigkeit.“ „Sprechen Sie.“ „Ich war nicht darauf gefaßt, vor unſerem großen König erſcheinen zu dürfen. Ach! längſt bin ich mit Ver⸗ ſailles und ſeinen Herrlichkeiten nicht mehr vertraut, und ſomit beſitze ich kein Staatskleid.“ „Ich habe dieſen Umſtand vorhergeſehen, Madame: geſtern nach Ihrem Abgang iſt Ihr Vorſtellungskleid an⸗ gefangen worden, und ich war ſo vorſichtig, es nicht bei meiner Schneiderin zu beſtellen, damit dieſe nicht mit Ar⸗ beit überhäuft wäre. Morgen zur Mittagsſtunde iſt es fertig.“ „Ich habe keine Diamanten.“ „Die Herren Boemer und Boſſange werden Ihnen morgen auf eine Zeile von mir einen Schmuck von zwei⸗ mal hundert zehntauſend Livres geben, den ſie Ihnen über⸗ morgen für zweimal hundert tauſend Livres wieder abneh⸗ men; dadurch wird Ihre Entſchädigung bezahlt ſein.“ „Sehr gut, Madame; ich habe nichts mehr zu wünſchen.“ „Sie ſehen mich entzückt.“ „Aber das Patent meines Sohnes?“ „Seine Majeſtät wird es Ihnen ſelbſt übergeben“ „Doch das Verſprechen der Koſten für die Anwer⸗ bung eines Regiments?“ 189 „Das Patent wird es enthalten.“ „Vortrefflich. Es bleibt nur noch die Frage des Weingartens.“ „Wie hoch ſchätzen Sie dieſe vier Morgen, Ma⸗ dame?“ „Auf ſechstauſend Livres den Morgen. Es war aus⸗ gezeichnetes Land.“ „Ich will Ihnen eine Obligation von zwölftauſend Livres unterſchreiben, was mit den zwolftauſend, die Sie ſchon erhalten haben, gerade die vier und zwanzig tauſend macht.“ „Hier iſt das Schreibzeug, Madame,“ ſagte die Grä⸗ fin, und deutete mit dem Finger auf den Gegenſtand, den ſie nannte. „Ich werde die Ehre haben, es Ihnen zu geben,“ ſprach Madame Dubarry. „Mir?“ 8 „Ja. Wozu?“ 5 „Damit Sie gefälligſt an Seine Majeſtät den klei⸗ nen Brief ſchreiben, den ich Ihnen zu dictiren die Ehre haben werde. Wenn ich etwas gebe, muß ich etwas da⸗ für bekommen.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Frau von Béarn. „Wollen Sie alſo ſchreiben, Madame.“ „Die Alte zog den Tiſch zu ihrem Fauteuil, richtete— ihr Papier zurecht, nahm die Feder und wartete.. Madame Dubarry dictirte: „Sire, das Glück, das ich empfinde, indem ich von Eurer Majeſtät mein Anerbieten, die Pathin meiner lieben Freundin, der Gräfin Dubarry...4 Die Alte verzog die Lippen und ließ ihre duͤßr ſpritzen. „Sie haben eine ſchlechte Feder,“ ſagte die Favoritin, „Sie müſſen eine andere nehmen.“ 190 „Es iſt nicht nöthig, Madame, ſie wird ſich ge⸗ wöhnen.“* „Sie glauben, Madame?“ C. 44— „Ja. Madame Dubarry fuhr fort: „zu werden, angenommen ſehe, macht mich ſo kühn, Eure Majeſtät zu bitten, mich mit günſtigem Auge anſchauen zu wollen, wenn ich mich morgen, wie Sie es zu erlau⸗ ben geruhen, in Verſailles einfinden werde. Ich wage zu glauben, Sire, daß Eure Majeſtät mich mit einem guten Empfange beehren kann, da ich die Verwandte eines Hau⸗ ſes bin, bei welchen jedes Haupt ſein Blut für den Dienſt der Fürſten Ihres erhabenen Geſchlechts vergoſſen hat.“ „Nun unterzeichnen Sie, wenn es Ihnen beliebt.“ Und die Gräfin unterzeichnete: „Anaſtaſie Euphemie Rodolphe, „Gräfin von Béarn.“ Die Alte ſchrieb mit einer feſten Hand; die einen halben Zoll großen Charaktere lagerten ſich auf dem Pa⸗ pier, das ſie mit einer ariſtokratiſchen Quantität von Schreibfehlern beſtreute. Als die Alte unterzeichnet hatte, reichte ſie, während ſſie mit einer Hand den Brief hielt, den ſie geſchrieben, mit der andern die Tinte, das Papier und die Feder der Gräfin Dubarry, welche mit einer kleinen, geraden, kritze⸗ ligen Handſchrift eine Obligation von einundzwanzig⸗ tauſend Livres unterſchrieb, zwoͤlftauſend als Entſchädigung für den Verluſt des Weingarten, neuntauſend zu Bezah⸗ lung der Honorare von Meiſter Flageot. Dann ſchrieb ſie ein Briefchen an die Herren Boemer und Boſſange, Juweliere der Krone, und bat ſie, dem leberbringen den Schmuck von Diamanten und Smaragden uzuſtellen, den man Louiſe nannte, weil er von der 193 dem Auge folgte,„wir koſten Frankreich ſehr Hiel!... Das iſt ſchmeichelhaft für die Dubarry.“ XXXVI. Die fünfte Verſchwörung des Marſchall von Nichelien. Der König war zurückgekehrt, um ſein Marly zu halten, wie gewöhnlich. Weniger Sklave der Etiquette als Ludwig XIV., der in den Verſammlungen des Hofes Gelegenheiten ſuchte, ſeine Macht zu prüfen, ſuchte Ludwig XV. in jedem Kreiſe Neuigkeiten, auf die er ſo ſehr begierig war, und vor Allem jenen Wechſel von Geſichtern, eine Zerſtreuung, die er allen andern vorzog, beſonders wenn dieſe Geſichter lächelnd erſchienen. An dem Abend der von uns erzählten Zuſammen⸗ kunft und zwei Stunden, nachdem Frau von Béarn, dies⸗ mal ihrem Verſprechen getreu, ſich in dem Cabinet von Madame Dubarry einquartiert hatte, ſpielte der König im blauen Salon. Er hatte zu ſeiner Linken die Herzogin d'Ayen und zu ſeiner Rechten die Prinzeſſin von Guémenée. Seine Majeſtät ſchien ſehr zerſtreut; ſie verlor acht⸗ hundert Louisd'or in Folge dieſer Zerſtreuung; durch dieſen Verluſt zu ernſten Dingen geneigt(Ludwig XV. liebte es, als ein würdiger Abkömmling von Heinrich IV. ungemein, zu gewinnen), ſtand der König um neun Uhr auf, um in einer Fenſtervertiefung mit Herrn von Malesherbes, dem Sohn des Erkanzlers, zu ſprechen; während Herr, von Maupeon, der in einer Fenſtervertiefung gegenüber mit Herrn von Choiſeul plauderte, das Geſpräch mit unruhigem Auge verfolgte. Seit dem Aufſtehen des Königs hatte ſich indeſſen ein Denkwürdigkeiten eines Arztes, II. 13 * ——— 2 19⁴* Kreis beim Kamin gebildet. Mesdames Adelaide, Sophie und Victoire hatten ſich bei ihrer Rückkehr von einer Spazierfahrt nach den Gärten mit ihren Ehrendamen und ihren Edelleuten an dieſen Ort geſetzt. Und während um den König, der ſicherlich von Ge⸗ ſchäften in Anſpruch h genommen wurde, denn man kannte das ſtrenge Weſen von Herrn von Males herbes, während um den König, ſagen wir ein Kreis von Land⸗ und Seeoffi⸗ cieren, von Großwürdenträgern und Präſidenten, welche durch eine ehrfurchtsvolle Erwartung zurückgehalten wurden, verſammelt war, genügte der kleine Hof am Kamin ſich ſelbſt, und präludirte zu einem belebteren Geſpräche durch einige Scharmützel, welche man nur als Sache der Vor⸗ hut betrachten konnte. Die bedeutendſten Frauen, aus denen dieſe Gruppe beſtand, waren außer den drei Töchtern des Königs Frau vpfi Grammont, Frau von Guémenée, Frau von Choiſeul, Frau von Mirepoir und Frau von Polaſtron. In dem Augenblick, wo wir dieſe Gruppe auffaſſen, erzählte Madame Adelaide die Geſchichte eines Biſchofs, den man dem Pönitentiar der Diszeſe übergeben hatte. Die Geſchichte, welche zu wiederholen wir uns enthalten, war ziemlich ſcandalös, beſonders für eine königliche Prin⸗ zeſſt e aber die Epoche, die wir zu ſchildern ſuchen, ſtand bekanntlich nicht gerade unter der Anrufung der Göttin Veſta. 3 „Nun,“ ſagte Madame Victoire,„dieſer Biſchof iſt doch noch vor kaum einem Monat unter uns geweſen.“ „Man wäre der Gefahr ausgeſetzt, noch Schlimmeres bei Seiner Majeſtät zu treffen,“ entgegnete Frau von Grammont,„wenn diejenigen kämen, welche, ohne je ge⸗ kommen zu ſein, nun kommen wollen.“ Jedermann fühlte bei den erſten Worten der Herzo⸗ gin und beſonders bei dem Tone, mit dem dieſe Worte ge⸗ ſprochen wurden, wen ſie bezeichnete und auf welches Ge⸗ biet ſie das Geſpräch manoeuvriren wollte. „Zum Glück iſt Wollen und Können zweierlei, nicht — 1— 195 wahr, Herzogin?“ ſagte ein kleiner Mann von vier und ſiebzig Jahren, der kaum fünfzig zu ſein ſchien, ſo lebhaft waren ſeine Augen, ſo zierlich ſeine Taille, ſo friſch ſeine Stimme, ſo zart ſein Bein, ſo weiß ſeine Haut und ſeine ſchöne Hand. „Ah! Herr von Richelieu wirft ſich auf die Leitern wie bei Mahon, und nimmt unſer Geſpräch im Sturm,“ ſagte die Herzogin.„Wir ſind alſo immer noch ein we⸗ nig Grenadier, mein lieber Herzog?“ „Ein wenig! ah! Herzogin, Sie thun mir Unrecht, ſagen Sie viel.“ „Nun, habe ich nicht die Wahrheit geſprochen, Herzog?“ „Wann dies?“ „So eben.“ „Und was ſagten Sie?“ „Daß ſich die Thüren des Königs nicht mit Gewalt öffnen laſſen.“ „Wie die Vorhänge eines Alkoven. Ich bin Ihrer Meinung, Herzogin, immer Ihrer Meinung.“ Dieſes Wort führte die Fächer auf einige Geſichter, aber es hatte Erfolg, obgleich die Verleumder der ver⸗ gangenen Zeit behaupteten, der Witz des Herzogs habe gealtert. Die Herzogin von Grammont erröthete unter dem Noth, das ſie aufgelegt, denn an ſie war hauptſächlich das Epigramm gerichtet. „Meine Damen,“ ſprach ſie,„wenn der Herr Herzog ſolche Dinge ſagt, ſetze ich meine Geſchichte nicht fert, und ich ſchwöre Ihnen, Sie verlieren viel dabei, wenn Sie nicht den Marſchall bitten, Ihnen eine andere zu er⸗ zählen..“ Ich, Sie unterbrechen,“ verſetzte der Herzog,„wäh⸗ rend Sie wahrſcheinlich etwas Schlimmes von einem mei⸗ ner Freunde ſagen? Gott behüte mich! ich höre mit allen Ohren, die mir bleiben.“ Man ſchloß den Kreis enger um die Herzogin. 12 196 Frau von Grammont warf einen Seitenblick nach dem Fenſter, um ſich zu verſichern, daß der Köoͤnig immer noch da ſei. Der König war immer noch da, aber ob⸗ wohl mit Herrn von Malesherbes plaudernd, verlor er doch die Gruppe nicht aus dem Geſicht, und ſein Blick kreuzte ſich mit dem von Frau von Grammont. Die Herzogin fühlte ſich ein wenig eingeſchüchtert durch den Ausdruck, den ſie in den Augen des Koͤnigs zu leſen geglaubt hatte; aber ſie hatte einmal angefangen und wollte nicht auf dem Wege ſtehen bleiben. „Sie wiſſen alſo,“ fuhr Frau von Grammont fort, die ſich beſonders an die drei Prinzeſſinnen wandte,„Sie wiſſen, daß eine Dame, nicht wahr der Name thut nichts zur Sache? uns kürzlich zu ſehen wünſchte, uns, die Aus⸗ erwählten des Herrn, wie wir in unſerer Glorie thronen, deren Strahlen ſie vor Neid ſterben machen.“ „Uns ſehen, wo?“ fragte der Herzog. „In Verſailles, in Marly, in Fontainebleau.“ „Gut, gut, gut.“ „Das arme Geſchöpf hatte unſere großen Kreiſe nur beim Mittagsmahle des Königs geſehen, wo die Maulaffen hinter den Barrièren zuſchauen dürfen, wie Seine Majeſtät mit ſeinen Gäſten ſpeist, wohlverſtanden, indem ſie unter dem Stocke des Huiſſier vom Dienſte defiliren.“ Herr von Richelieu ſchnupfte geräuſchvoll Tabak aus ſeiner Porzellandoſe von Sovres. „Aber um uns in Verſailles, in Marly, in Fontaine⸗ bleau zu ſehen, muß man vorgeſtellt ſein,“ ſagte der Herzog. „Ganz richtig, die fragliche Dame bat um die Vor⸗ ſtellung.“ „Ich wette,“ rief der Herzog,„ſie wurde ihr bewil⸗ ligt, der König iſt ſo gut.“ „Leider iſt, um vorgeſtellt zu werden, die Erlaubniß des Königs nicht hinreichend, man muß Jemand haben, von dem man vorgeſtellt wird.“ 1 197 „Ja,“ ſagte Frau von Guémenée,„etwas wie eine Pathin zum Beiſpiel.“. „Wohl, doch es hat nicht Jedermann eine Pathin,“ verſetzte Frau von Mirepoir,„zum Beweiſe dient die ſchöne Bourbonnaiſe, welche eine ſucht und keine findet.“ Und ſie trällerte: La belle Bourbonnaise Est fort mal à son aise. „Ah! Marſchallin,“ ſagte der Herzog von Richelieu, „laſſen Sie doch der Frau Herzogin die ganze Chre ihrer Erzählung.“ „Ei! ei!“ ſprach Madame Victoire,„Sie haben ge⸗ macht, daß uns das Waſſer im Munde zuſammengelaufen iſt, und nun laſſen Sie uns auf dem Wege.“ „Nein, nein; es liegt mir im Gegentheil daran, meine Geſchichte bis zum Ende zu erzählen. Da man keine Pathin hatte, ſo ſuchte man eine. Suchet und ihr werdet finden, ſagt das Evangelium. Man ſuchte ſo gut, daß man fand; doch welch eine Pathin, guter Gott! eine naive, unſchuldige Frau vom Lande. Man zog ſie aus ihrem Taubenſchlage, man hätſchelte ſie, man ſtreichelte ſie, man putzte ſie.“ „Das iſt zum Raſendwerden,“ ſprach Frau von Guémenée.“ „Doch plötzlich, als die unſchuldige Frau aus der Provinz gut gehätſchelt, gut geſtreichelt, gut geputzt war, fällt ſie oben von ihrer Treppe herab und... „Und?“ ſagte Herr von Richelieu. „Und bricht ſich das Bein.“ „Somit,“ verſetzte Frau von Guémenée,„ſomit iſt von der Vorſtellung...“ „Nicht der Schatten, meine Liebe.“ „Das iſt ein Werk der Vorſehung!“ ſprach der Marſchall, indem er ſeine beiden Hände zum Himmel erhob. „Verzeihen Sie,“ ſagte Madame Victoire,„ich mei⸗ nes Theils beklage die arme Provinzfrau.“ „Im Gegentheil, Madame,“ erwiederte die Herzogin, „wünſchen Sie ihr Glück, ſie hat von zwei Uebeln das geringſte gewählt.“ Die Herzogin hielt plötzlich inne, ſie war einem zwei⸗ ten Blicke des Königs begegnet. „Aber von wem ſprechen Sie denn, Herzogin?“ ſagte der Marſchall, der ſich den Anſchein gab, als ſuchte er, wer die fragliche Perſon ſein könnte. „Meiner Treue, man hat mir den Namen nicht ge⸗ nannt. „Welch ein Unglück!“ ſprach der Marſchall. „Doch ich habe ihn errathen; machen Sie es wie ich.“ „Wenn die vorgeſtellten Damen muthig und den Grundſiätzen der Ehre des alten Adels von Frankreich treu wären,“ ſagte Frau von Guémenée voll Bitterkeit,„ſo würden ſie ſich alle bei der Provinzdame, welche den er⸗ habenen Gedanken gehabt hat, ſich das Bein zu brechen, einſchreiben laſſen.“ „Ah! meiner Treue, ja,“ ſprach Nichelieu,„das iſt eine Idee. Doch man müßte wiſſen, wie ſie heißt, dieſe vortreffliche Frau, die uns von einer ſo großen Gefahr errettet; denn wir haben nichts mehr zu befürchten, nicht wahr, liebe Herzogin?“ „Oh! nichts mehr, ich ſtehe Ihnen dafür; ſie liegt in ihrem Bette mit ringepacktem Bein, und iſt unfähig, einen Schritt zu machen.“ „Doch wenn dieſe Frau eine andere Pathin finden würde,“ ſagte Frau von Guémenée;„ſie iſt ſehr rührig.“ „Oh! es iſt nichts zu befürchten, die Pathinnen fin⸗ den ſich nicht nur ſo.“ „Peſt! ich glaube es wohl,“ ſprach der Marſchall, während er eine von den wunderbaren Paſtillen knau⸗ pelte, von denen man behauptete, er verdanke ihnen ſeine ewige Jugend. In dieſem Augenblick machte der König eine Bewe⸗ gung, um ſich der Gruppe zu nähern. Jedermann ſchwieg. 199 Da erſcholl die ſo bekannte und ſo klare Stimme des Königs im Salon: „Adieu, meine Damen, guten Abend, meine Herren.“ Alle erhoben ſich und es herrſchte eine große Bewe⸗ gung in der Gallerie. Der König machte ein paar Schritte gegen die Thüre, drehte ſich aber, als er eben im Begriffe war, hinauszu⸗ gehen, wieder um, und ſprach: „Bald hätte ich vergeſſen, morgen iſt Vorſtellung in Verſailles.“ 1 Dieſe Worte ſielen wie ein Blitz auf die Verſamm⸗ ung. Der Koͤnig ließ ſeinen Blick auf der Gruppe der Frauen umherlaufen, welche einander anſchauend er⸗ bleichten. Dann verließ er den Salon, ohne etwas beizufügen. Doch kaum hatte er die Schwelle mit dem zahlreichen Cortége von Edelleuten ſeines Dienſtes und ſeines Gefol⸗ ges überſchritten, als die Erploſion unter den nach ſeinem Abgang zurückgebliebenen Prinzeſſinnen und anderen Per⸗ ſonen ſtattfand. „Eine Vorſtellung!“ ſtammelte die Herzogin von Grammont, welche Kichenblaß geworden war;„was wollte Seine Majeſtät damit ſagen?“ „Ei! Herzogin,“ verſetzte der Marſchall mit jenem Lächeln, das ihm ſeine beſten Freunde nicht vergaben, „ſollte dieſe Vorſtellung zufällig die Ihrige ſein?“ Mesdames biſſen ſich unwillig auf die Lippen. „Oh! nicht möglich,“ wiederholte mit dumpfem Tone Frau von Grammont. „Hören Sie doch, Herzogin,“ ſprach der Marſchall, „man heilt gegenwärtig die Beine ſo gut.“ Herr von Choiſeul näherte ſich ſeiner Schweſter und preßte ihr den Arm, um ſie zu warnen; aber die Gräfin war zu tief verletzt, um etwas zu hoͤren. „Das wäre eine Abſcheulichkeit!“ rief ſie. „Ja, eine Abſcheulichkeit,“ wiederholte Frau von Guémenée. Herr von Choiſeul ſah, daß nichts zu machen war, und entfernte ſich. „Oh! Mesdames,“ rief die Herzogin, indem ſie ſich an die Töchter des Königs wandte,„unſere einzige Hoff⸗ nung beruht nur noch auf Ihnen. Sie, die erſten Damen des Königreiches, werden Sie es dulden, daß wir der Ge⸗ fahr ausgeſetzt ſind, in dem einzigen unverletzlichen Aſyl der Frauen von Stand eine Geſellſchaft zu finden, welche unſere Kammerjungfern verachten würden.“ Doch ſtatt zu antworten, ſenkten die Prinzeſſinnen traurig den Kopf. „Mesdames, im Namen des Himmels!“ wiederholte die Herzogin. „Der König iſt der Gebieter,“ erwiederte Madame Adelaide ſeufzend. 3 „Das iſt richtig,“ ſprach der Herzog von Richelieu. „Aber dann iſt der ganze Hof von Frankreich com⸗ promittirt,“ rief die Herzogin.„Ah! meine Herren, wie wenig kümmern Sie ſich um die Ehre Ihrer Familien!“ „Meine Damen,“ ſprach Herr von Choiſeul, indem er zu lachen ſuchte,„da ſich dieſe Sache zu einer Ver⸗ ſchwörung wendet, ſo werden Sie es geeignet finden, wenn ich mich zurückziehe und Herrn von Sartines mit⸗ nehme.„Kommen Sie, Herzog?“ fügte er, ſich an den Marſchall wendend, bei. „Oh! meiner Treue, nein,“ ſprach der Marſchall,„ich liebe die Verſchwörungen über Alles und bleibe.“ Herr von Choiſeul verſchwand mit Herrn von Sartines. Die paar Männer, welche noch da waren, folgten ihrem Beiſpiel. Es blieben um die Prinzeſſinnen nur Frau von Grammont, Frau von Guémenée, Madame d'Ayen, Frau von Mirepoir, Frau von Polaſtron und acht bis zehn Frauen, welche ſich dem Streite über die Vorſtellung mit dem größten Eifer angeſchloſſen hatten. 201 Herr von Richelieu war der einzige Mann. Die Damen ſchauten ihn unruhig an, wie man es bei einem Trojaner im Lager der Griechen gethan hätte. „Ich vertrete meine Tochter, die Graäͤfin Egmont,“ ſagte er,„alſo vorwärts.“ „Meine Damen,“ ſprach die Herzogin von Grammont, „es gibt ein Mittel, um gegen die Schmach zu proteſtiren, welche man uns anthun will, und dieſes Mittel werde ich meines Theils anwenden.“ ³ „Worin beſteht es?“ fragten gleichzeitig alle Frauen. „Man hat uns geſagt:„„der König iſt der Ge⸗ bieter,““ verſetzte Frau von Grammont. „Und ich habe geantwortet:„„das iſt richtig,““ ſprach der Herzog. „Der König iſt der Gebieter bei ſich, das iſt wahr; doch bei uns ſind wir die Gebieterinnen; wer kann mich verhindern, dieſen Abend zu meinem Kutſcher zu ſagen: Nach Chanteloup! ſtatt daß ich zu ihm ſage: Nach Ver⸗ ſailles?“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Herr von Richelieu;„doch wenn Sie proteſtirt haben, Herzogin, was wird daraus entſpringen?“ „Es wird daraus entſpringen, daß man nachdenkt.“ „Es wird daraus entſpringen, daß man noch viel mehr überlegen würde, wenn Viele Sie nachahmten, Madame,“ rief Frau von Guémenée. „Und warum ſollten wir nicht insgeſammt die Her⸗ zogin nachahmen?“ ſagte die Marſchallin von Mirepoir. „Oh! Mesdames,“ ſprach die Herzogin, ſich abermals an die Töchter des Königs wendend;„oh! welch ein ſchönes Beiſpiel koͤnnten Sie dem Hofe gebeg, Sie, die Tochter von Frankreich.“ „Würde uns der König deshalb grollen?“ fragte Madame Sophie. 3 „Nein, nein, Eure Hoheiten dürfen es feſt überzeugt ſein!“ rief die haßerfüllte Herzogin.„Nein, er, der einen ausgezeichneten Verſtand und einen vollkommenen Takt 2⁰² beſitzt, wäre Ihnen im Gegentheil dankbar dafür. Der König, glauben Sie mir, thut Niemand Gewalt an.“ „Im Gegentheil,“ ſagte der Herzog von Richelieu, der zum zweiten oder dritten Mal auf einen Einfall an⸗ ſpielte, den Frau von Grammont, der Sage nach, eines Abends in das Zimmer des Königs gemacht hatte,„er iſt es, dem man Gewalt anthut, er iſt es, den man im Sturm 4 erobert.“ Bei dieſen Worten fand in den Reihen der Damen eine Bewegung der ähnlich ſtatt, welche ſich in einer Compagnie Gren adiere bewerkſtelligt, wenn eine Bombe platzt. Endlich beruhigte man ſich wieder. „Der König hat allerdings nichts geſagt, als wir der Gräfin unſere Thüre verſchloſſen,“ ſprach Madame Victoire, ermuthigt und erwärmt durch das Brauſen der Verſamm⸗ lung;„aber es wäre wohl möglich, daß bei einer ſo feier⸗ lichen Gelegenheit...“ „Ja, ja, ohne Zweifel,“ unterbrach ſie Frau von Grammont,„ſicherlich, das könnte ſo ſein, wenn Sie ihm* allein ausblieben; aber wenn er ſieht, daß wir ihm Alle fehlen... „Alle?“ riefen die Frauen. „Ja, Alle,“ wiederholte der alte Marſchall. „Alſo ſind Sie beim Complott?“ fragte Madame Adelaide.. „Gewiß bin ich dabei, und deshalb verlange ich das ort. „Sprechen Sie, Herzog, ſprechen Sie,“ verſetzte Frau von Grammont. „Gehen wir methodiſch zu Werke,“ ſagte der Herzog, „es iſt nicht damit gethan, daß man ſchreit:„„Alle, Alle;“ es ruft Eine aus vollem Hals:„„Ich werde das thun,““ und im gegebenen Augenblick thut ſie gerade das Gegen⸗ theil; da ich aber vom Complott bin, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe, ſo ſorge ich nicht dafür, daß ich verlaſſen werde, wie es mir geſchehen iſt, ſo oft ich +— 41E 203 unter dem Lerſtorbenen König, oder unter der Regentſchaft complottirte.“ „In der That, Herzog,“ ſagte ironiſch die Herzogin von Grammont,„ſollte man nicht glauben, Sie vergeſſen, wo Sie ſind? In dem Lande der Amazonen geben Sie ſich das Anſehen eines Anführers.“ „Madame,“ entgegnete der Herzog,„ich bitte Sie zu glauben, daß ich einiges Recht auf den Rang hätte, den Sie mir ſtreitig machen; Sie haſſen Madame Dubarry mehr... gut, nun habe ich den Namen genannt, doch nicht wahr, Niemand hat ihn gehört? Sie haſſen Madame Dubarry mehr als ich, doch ich bin mehr compromittirt als Sie.“ „Sie compromittirt, Herzog?“ fragte die Marſchallin von Mirepoir. „Ja, compromittirt, und zwar furchtbar; ſeit acht Tagen bin ich nicht mehr in Luciennes geweſen, ſeit vier Tagen nicht mehr in Verſailles, ſo daß die Gräfin in den Pavillon de Hanovre ſchickte, um fragen zu laſſen, ob ich krank wäre; Raſé antwortete ihr, ich befände mich ſo wohl, daß ich ſeit dem vorhergehenden Tage nicht nach Hauſe gekommen. Doch ich entſage meinen Rechten, ich habe keinen Ehrgeiz, ich überlaſſe Ihnen den erſten Nang. Sie ſetzen Alles in Bewegung, Sie ſind die Brand⸗ fackel, Sie bringen die Gewiſſen in Aufruhr, Ihnen ge⸗ bührt der Commandoſtab.“ „Nach den Prinzeſſinnen,“ ſprach ehrfurchtsvoll die Herzogin. „Oh! laſſen Sie uns die paſſive Rolle,“ ſagte Ma⸗ dame Adelaide.„Wir werden unſere Schweſter Louiſe in Saint⸗Denis beſuchen; ſie hält uns zurück, wir kommen nicht, und dagegen iſt nichts zu ſagen.“ „Durchaus nichts,“ verſetzte der Herzog,„oder man müßte einen ſehr ſchlecht beſchaffenen Geiſt haben.“ „Ich mache mein Heu in Chanteloup,“ ſagte die Herzogin. „Bravo!“ rief der Herzog,„das iſt ein Grund.“ 204 „Ich,“ ſprach Frau von Guémenée,„ich habe ein krankes Kind, und ich ziehe den Schlafrock an, um mein Kind zu pflegen.“ „Ich,“ ſagte Frau von Polaſtron,„ich fühle mich ganz betäubt dieſen Abend, und ich könnte leicht gefährlich krank werden, wenn mir Tronchin morgen nicht zur Ader ließe. „Und ich,“ ſprach majeſtätiſch die Marſchallin von Mirepoix,„ich gehe nicht nach Verſailles, weil ich nicht dahin gehe; das iſt mein Grund, der freie Wille!“ „Gut, gut,“ verſetzte Richelieu,„Alles dies iſt voll Logik,„doch man muß ſchwören.“ „Wie, man muß ſchwören?“ „Ja, man ſchwört ſtets bei den Complotten; ſeit der Conſpiration von Catilina bis zu der von Cellamare, an der ich Theil zu nehmen die Ehre hatte, hat man ſtets ge⸗ ſchworen; es iſt wahr, die Dinge haben darum keine beſſere Wendung genommen, aber Achtung vor der Gewohnheit! Schwoͤren wir alſo! das iſt ſehr feierlich, wie Sie ſehen werden.“ „Er ſtreckte die Hand mitten in die Gruppe der Frauen aus und ſprach majeſtätiſch: „Ich ſchwöre.“ Alle Frauen wiederholten den Schwur mit Ausnahme von Mesdames, welche ſich in der Stille entfernt hatten. „Nun iſt es vorbei,“ ſprach der Herzog,„hat man einmal bei den Verſchwöͤrungen den Eid geleiſtet, ſo thut man nichts mehr.“ „Oh! welche Wuth⸗ wenn ſie ſich in dem Salon allein ſehen wird!“ rief Frau von Grammont. „Hml! der König wird uns wohl ein wenig verbannen,“ ſagte Richelien. „Ei! Herzog,“ entgegnete Frau von Guémenée,„was wird aus dem Hofe werden, wenn man uns verbannt? Erwartet man nicht Seine däniſche Majeſtät? was wird man ihr zeigen? Erwartet man nicht Ihre Hoheit die 6 Dauphine? wem wird man ſie zeigen? Und dann ver⸗ bannt man nicht einen ganzen Hof; man wählt.“ „Ich weiß wohl, daß man wählt,“ erwiederte Riche⸗ lieu,„und ich bin ſogar glücklich, mich wählt man immer; man hat mich bereits viermal gewählt, denn genau ge⸗ rechnet, meine Damen, ſtehe ich bei meiner fünften Ver⸗ ſchwörung.“ „Gut, glauben Sie das nicht, Herzog,“ ſagte Frau von Grammont,„mich wird man opfern.“ „Oder Herrn von Choiſeul,“ fügte der Marſchall bei; „nehmen Sie ſich in Acht, Herzogin.“ „Herr von Choiſeul iſt wie ich, er wird ſich einer Ungnade unterwerfen, aber keine Schande ertragen.“ „Man wird weder Sie, Herzog, noch Sie, Herzogin, noch Herrn von Choiſeul verbannen, ſondern mich,“ ſprach die Marſchallin von Mirepoir.„Der Koͤnig wird es mir nicht verzeihen, daß ich weniger artig gegen die Gräfin bin, als ich es gegen die Marquiſe war.“ „Man wird uns Alle verbannen,“ ſagte Frau von Gué⸗ menée aufſtehend;„denn ich hoffe, Niemand wird von dem gefaßten Entſchluß abgehen.“ „Und eben ſo wenig von dem beſchworenen Verſprechen,“ ſagte der Herzog. 3 „Auf jeden Fall werde ich meine Vorkehrungen treffen.“ „Sie?“ ſprach Frau von Grammont. „Sie?“ verſetzte der Herzog. „Ja, um morgen um zehn Uhr in Verſailles zu ſein, braucht ſie drei Dinge.“ „Welche?“. „Einen Friſeur, ein Staatskleid, eine Carroſſe.“ „Allerdings.“ „Nun!“ „Nun, ſie wird nicht um zehn Uhr in Verſailles ſein; der König wird ungeduldig; der König verabſchiedet, und die Vorſtellung wird in Betracht der Ankunft der Dau⸗ phine auf die lange Bank geſchoben.“ Ein Sturm von Beifallsbezeigungen und Bravos, 206 empfing dieſe neue Epiſode der Verſchwörung; aber wäh⸗ rend ſie lauter Beifall klatſchten als die Andern, tauſch⸗ ten Herr von Richelieu und Frau von Mirepoir einen Blick aus. Die zwei alten Höflinge waren ſich im Einverſtänd⸗ niß eines und deſſelben Gedanken begegnet. Um eilf Uhr entflohen die Verſchworenen insgeſammt auf der Straße nach Verſailles und Saint⸗Germain, von einem bewunderungswürdigen Monde beleuchtet. Nur hatte Herr von Richelieu das Pferd ſeines Pi⸗ queur genommen, und während ſein Wagen mit verſchloſſe⸗ nen Vorhängen zum Scheine auf der Straße nach Ver⸗ ſailles forteilte, erreichte er Paris mit verhängten Zügeln auf einem Seitenwege. 4 XXXVII. Weder Friſeur, noch Staatskleid, noch Carroſſe. Es wäre ſchlechter Geſchmack geweſen, wenn ſich Madame Dubarry von ihren Gemächern in Verſailles wegbegeben hätte, um in dem großen Saale der Vorſtel⸗ lungen zu erſcheinen. Ueberdies war Verſailles ſehr arm an Mitteln an einem ſo feierlichen Tag. Endlich war es nicht Gewohnheit. Die Auserwählten— kamen mit dem Geräuſch eines Botſchafters entweder von ihrem Hotel in Verſailles oder von ihrem Haus in Paris. Madame Dubarry wählte dieſen letzteren Abgangs⸗ punkt. 4 Schon Morgens um eilf Uhr war ſie in der Rue de Valois mit Frau von Béarn angekommen, welche ſi unter ihren Riegeln hielt, wenn ſie dieſelbe nicht unter ihre Lächeln halten konnte, und deren Wunde man jeden Augen —— — ☛̈ 8— — A— +⁸— 207 blick mit dem erfriſchte, was die Arzneikunde und die Chemie an Geheimniſſen boten. Seit dem vorhergehenden Tage waren Jean Dubarry, Chon und Dorée an der Arbeit, und wer ſie nicht bei dieſer Arbeit geſehen, hätte ſich ſchwer einen Begriff von dem Einfluſſe des Geldes und der Gewalt des menſchlichen Geiſtes machen können. Die Eine verſicherte ſich des Friſeurs, die Andere bedrängte die Nätherinnen; Jean, der das Departement der Carroſſen hatte, machte ſich noch nebenbei anheiſchig, Friſeurs und Nätherinnen zu überwachen. Mit Blumen, Diamanten und Spitzen beſchäftigt, ſchwamm Madame Dubarry in den Etuis und empfing von Stunde zu Stunde Courriere von Verſailles, welche ihr ſagten, es ſei der Befehl gegeben worden, den Salon der Königin zu be⸗ leuchten, und nichts habe ſich geändert. Gegen vier Uhr kam Jean Dubarry zurück, bleich, bewegt, aber freudig. „Nun?“ fragte die Gräfin. „Es wird Alles bereit ſein.“ „Der Friſeur?“ „Ich habe Dorée bei ihm gefunden. Wir ſind mit einander übereingekommen. Ich drückte ihm eine An⸗ weiſung von fünfzig Luisd'or in die Hand. Er wird auf den Schlag ſechs Uhr hier zu Mittag ſpeiſen, wir können alſo von dieſer Seite ruhig ſein.“— „Das Staatskleid?“ „Das Staatskleid wird wundervoll werden. Ich habe Chon gefunden, die es überwachte; eſechs und zwanzig Ar⸗ beiterinnen nähen die Perlen, die Bänder und die Garni⸗ turen darauf. Man wird ſo Bahn für Bahn dieſe wun⸗ derbare Arbeit gemacht haben, welche Andere als uns acht Tage gekoſtet hätte.“ „Wie Bahn für Bahn?“ fragte die Gräfin. Ja, kleine Schweſter, es ſind dreizehn Bahnen Stoff. zwei Arbeiterinnen für jede Bahn: die eine nimmt rechts, die andere links jede Bahn, die ſie mit Edelſteinen und andern Dingen verzieren, ſo daß man erſt im letzten Augenblick das Ganze zuſammenfaſſen wird. Das iſt eine Arbeit von zwei Stunden.“ „Sind Sie deſſen ſicher, Jean?“ 3 „Ich habe geſtern die Berechnung der Stiche mit meinem Ingenieur gemacht. Man braucht zehntauſend Stiche bei jeder Bahn, fünftauſend für jede Arbeiterin. Bei dieſem dicken Stoff kann eine Frau nicht mehr als einen Stich in fünf Secunden nähen; das ſind zwölf in der Minute, ſiebenhundert zwanzig in der Stunde, ſieben⸗ tauſend zweihundert in zehn Stunden. Ich laſſe dieſe zweitauſend zweihundert für das nothwendige Ausruhen un die falſchen Stiche, und wir haben noch vier Stunden gut.“ „Und der Wagen?“ „Oh! was den Wagen betrifft, Sie wiſſen, daß ich dafür verantwortlich bin; der Firniß trocknet in einem großen Magazin, das man zu dieſem Behufe auf fünfzig „Grade geheizt hat. Es iſt ein reizendes Vis⸗A⸗vis*), gegen das die Carroſſen, die man der Frau Dauphine entgegen⸗ geſchickt hat, nur ſehr wenig bedeuten, dafür ſtehe ich. Außer dem Wappen, das den Grund der vier Füllungen bildet, mit dem Kriegsgeſchrei der Dubarry: Boutés en avant! auf den zwei Seitenfüllungen, habe ich einerſeits zwei Tauben malen laſſen, welche ſich liebkoſen, anderer⸗ ſeits ein von einem Pfeile durchbohrtes Herz, das Ganze bereichert durch Bögen, Köcher und Fackeln. Alles Volk drängte ſich zu Francian, um den Wagen zu ſehen; auf den Schlag ſechs Uhr wird er hier ſein.“ In dieſem Augenblick kamen Chon und Dorée zurück. Sie beſtätigten, was Jean geſagt hatte. „Kleine Schweſter,“ ſprach Jean,„Sie haben matte Augen, ſchlafen Sie ein wenig, das wird Sie erquicken.“ „Schlafen! oh ja wohl! ich werde dieſe Nacht ſchla⸗ fen, und Viele dürften nicht daſſelbe ſagen.“ gegenüberſitzen können. *) Ein ſchmaler Wagen, in welchen ſich nur zwei Perſonen 209 Während dieſe Vorbereitungen bei der Gräfin ſich bewerkſtelligten, durchlief das Gerücht der Vorſtellung die Stadt. So müßig auch das Pariſer Volk iſt, und ſo gleich⸗ gültig es zu ſein ſcheint, ſo iſt es doch das neugierigſte von allen Völkern. Niemand kannte beſſer die Perſonen des Hofes und ihre Intriguen, als der Maulaffe des acht⸗ zehnten Jahrhunderts, eben derſelbe, welcher zu keinem Feſte im Innern zugelaſſen wurde, und nur die hierogly⸗ phiſchen Füllungen der Carroſſen, und die geheimnißvollen Livreen der Lackeien ſah, welche in der Nacht herumliefen. Es kam damals nicht ſelten vor, daß dieſer oder jener vornehme Herr des Hofes von ganz Paris gekannt war; das ging einfach zu: im Schauſpiel, auf den Promena⸗ den ſpielte der Hof die Hauptrolle. Und Herr von Ri⸗ chelieu auf ſeinem Tabouret der italieniſchen Scene, Ma⸗ dame Dubarry in einer Carroſſe, ſo glänzend wie die einer Königin, hatten dieſelbe Bedeutung vor dem Publikum, wie ein geſchätzter Komödiant oder eine Lieblingsſchauſpie⸗ lerin in unſern Tagen. Man intereſſirt ſich viel mehr für die Geſichter, die man kennt. Ganz Paris kannte Madame Dubarry, welche eifrigſt bemüht war, ſich im Theater, auf der Pro⸗ menade, in den Magazinen zu zeigen, wie die reichen, jungen und ſchönen Frauen. Dann kannte ſie Paris auch durch ihre Portraits, durch ihre Carricaturen, durch Za⸗ more. Die Geſchichte der Vorſtellung beſchäftigte alſo Paris ebenſo ſehr, als ſie den Hof beſchäftigte. An die⸗ ſem Tage war auch die Einwohnerſchaft auf der Place du Palais Royal verſammelt; doch wir bitten die Philo⸗ ſophie um Verzeihung, es geſchah dies nicht, um Herrn Rouſſeau im Café de la Régence Schach ſpielen zu ſehen, ſondern um die Favoritin in ihrem ſchönen Wagen und in ihrem ſchönen Staatskleide, wovon ſo viel die Rede geweſen, zu beſchauen. Das Wort von Jean Dubarry: „Wir koſten Frankreich viel,“ war tief, und es war folg⸗ ich auch ganz einfach, daß Frankreich, von Paris ver⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 14 treten, das Schauſpiel genießen wollte, welches daſſelbe ſo theuer zu bezahlen hatte. Madame Dubarry kannte vollkommen ihr Volk, denn das franzöſiſche Volk war viel mehr ihr Volk, als es das von Maria Leczinska geweſen. Sie wußte, daß es ge⸗ blendet zu werden liebte, und da ſie einen guten Charak⸗ ter beſaß, ſo arbeitete ſie dahin, daß das Schauſpiel im Verhältniß zu der Ausgabe ſtand. Statt ſich niederzulegen, wie ihr Schwager es ihr gerathen hatte, nahm ſie von fünf bis ſechs Uhr ein Milch⸗ bad; um ſechs Uhr überließ ſie ſich ihren Kammerfrauen, in Erwartung der Ankunft des Friſeur. Es iſt hier kein Unterricht zu ertheilen in Beziehung auf eine in unſeren Tagen ſo wohl bekannte Epoche, daß man ſie gleichzeitig nennen könnte, und daß die Mehrzahl unſerer Leſer ebenſo gut mit ihr vertraut iſt, als wir. Aber es dürfte, in dieſem Augenblick beſonders, geeignet erſcheinen, zu erklären, welche Sorgfalt, wie viel Zeit und Kunſt eine Coiffure von Madame Dubarry koſten mußte. Man denke ſich ein vollſtändiges Gebäude. Das Vor⸗ ſpiel jener Schlöſſer, die der Hof des jungen Königs Ludwig XVI. ſich mit allen Zinnen verſehen auf dem Kopfe baute, als ob Alles in dieſer Zeit hätte eine Weiſ⸗ ſagung ſein müſſen, als ob die frivole Mode, das Echo der ſocialen Leidenſchaften, welche die Erde unter den Tritten von Allem, was groß war oder zu ſein ſchien, aushöhlten, verordnet hätte, es bleibe den Frauen der Ariſtokratie zu wenig Zeit, ihre Titel zu genießen, und ſie müßten dieſelben daher auf ihrer Stirne aushängen; als ob ſie... eine noch viel unſeligere, aber nicht minder richtige Weiſſagung, ihnen angekündigt hätte, da ihnen ſehr wenig Zeit bleibe, ihre Köpfe zu bewahren, ſo müßten ſie dieſel⸗ ben bis zur Uebertreibung ſchmücken, und ſoviel als mög⸗ lich über die Köpfe des Volkes erheben. Um dieſe ſchönen Haare zu flechten, ſie um ein ſei denes Kiſſen zu erhöhen, ſie um Formen von Fiſchbein 3 wickeln, buntſcheckig mit Edelſteinen, Perlen und Blu 1 zu zieren, ſie mit ſenen Schnee zu beſtreuen, der den Au⸗ gen d den Glanz, dem Teint die Vriſche verlieh, um dieſe Töne von Sleiſch von Perlmutter, von Rubin, von Opal, von Diamanten, von allfarbigen und vielförmigen Blumen harmoniſch zu machen, mußte man nicht allein ein großer Künſtler, ſondern auch ein geduldiger Menſch ſein. Von allen Zünften der Handwerker ucde auch die Perrlikenmacher allein den Degen, wie die Bildhauer. Dies erklärt die fünfzig Louis d'or, welche Jean Du⸗ barry dem Friſeur des Hofes gab, und die Furcht, der roße Lubin(der Friſeur des Hofes zu jener Zeit hieß ubin), und die Furcht, ſagen wir, der große Lubin könnte ninder pünktlich oder minder geſchickt ſein, als man es artete. ieſe Befürchtungen wurden bald nur zu ſehr’ ge⸗ hfehaß dr es wun ſechs Uhr, der Friſeur e erſchien nicht, „daun drei Viertel auf ſieben Uhr. etwas Hoffnung allen dieſen po⸗ a Mann von dem Werthe von ich warten laſſen mußte. natürlich auf 3 Doch es ſchlug ſieben Uhr; der Vicomte befürchtete, das Mittagsbrod könnte kalt werden, und der Künſtler nicht zufrieden ſein. Er ſchickte daher einen Bedienten in bürgerlicher Kleidung ab, um ihm ſagen zu laſſen, die Eipde ſei aufgetragen. Der Lackei kam nach einer Viertelſtunde zurück. Diejenigen, welche unter ſolchen Umſtaͤnden gewartet haben, wiſſen, daß es Secunden in einer Viertelſtunde gibt. Der Lackei hatte mit Madame Lubin ſelbſt geſprochen, welche ihn verſichert, Herr Lubin ſei ſo eben weggegangen, und wenn er noch nicht im Hotel eingetroffen, ſo könne man wenigſtens feſt überzeugt ſein, daß er ſich auf dem Wege befinde. „Gut,“ ſagte Dubarry,„er wird in ein Gedränge voon Kutſchen gerathen ſein, wir wollen warten.“ „Es iſt übrigens noch nichts gefähede, verſetzte die Gräfin,„ich kann mich halb angeklädet friſiren laſſen, die Vorſtellung findet erſt um zehn Uhr ſtatt. Wir haben noch drei Stunden vor uns, und wir brauchen nur eine, um nach Verſailles zu fahren. Mittlerweile zeige mir mein Kleid, Chon, das wird mich zerſtreuen. Nun! wo iſt denn Chon?. Chon! mein Kleid, mein Kleid!“ „Das Kleid von Madame iſt noch nicht angekom⸗ men,“ ſagte Dorée,„und die Schweſter der Frau Gräfin iſt vor zehn Minuten weggefahren, um es ſelbſt zu holen.“ „Ahl“ rief Dubarry,„ich höre ein Geräͤuſch von Rädern, ohne Zweifel bringt man unſern Wagen.“ Der Vicomte täuſchte ſich, es war Chon, welche ihrer Carroſſe, beſpannt mit zwei von Schweiß triefend Pferden, zurückkehrte. „Mein Kleid!“ rief die Gräfin, als Chon no Vorhauſe war,„mein Kleid!“ 48 „Iſt es noch nicht gekommen beſtürzt. 8 „Nein.“ „Oh! es kann nicht lan bleil demoiſelle Chon ſich beruhigen„den als ich zu ihr hinanfklam, war eben mit zwei von ihren Arbeiterinnen weggefahren, um das Kleid zu bringen und anzuprobiren.“ „In der That,“ ſagte Jean,„ſie wohnt in der Rue du Bac, und der Fiaere mußte minder ſchnell gehen, als Ihre Pferde.“ 3 „Ja, ja, ſicher lich,“ verſetzte Chon, welche ſich indeſfe ſen einer gewiſſen Unruhe nicht erwehren konnte. 1 „Vicomte,“ ſprach Madame Dubarry,„wenn Sie den Wagen holen ließen, daß wir wenigſtens von dieſer Seite nicht zu warten hätten?“ „Sie haben Recht, Jeanne.“ Dubarry öffnete die Thüre und rief: „Man hole den Wagen bei Francian, und zwar mit den neuen Pferden, damit ſie ſogleich angeſpannt ſind. Der Kutſcher und die Pferde gingen ab. 3 — 213 Als ſich das Geräuſch ihrer Tritte allmälig in der Richtung der Rue Saint⸗Honoré verlor, trat Zamore mit einem Briefe ein. „Brief für Frau Barry,“ ſagte er. 6„Wer hat ihn gebracht?“ „Ein Mann.“ „Wie, ein Mann? was für ein Mann?“ „Ein Mann zu Pferde.“ „Und warum hat er ihn Dir übergeben?“ „Weil Zamore an der Thüre war.“ „Aber leſen Sie doch, Graͤfin, leſen Sie, ſtatt zu agen,“ rief Jean. „Sie haben Recht, Vicomte.“ „Wenn nur dieſer Brief nichts Aergerliches enthält,“ murmelte der Vicomte. „MNein, 1 ſagte die Gräfin,„irgend ein Geſuch für in erm eines Geſuches zu⸗ — werden nur an der Furcht orhaftig, nte die Gräfin lächelnd. . 7 „Weder Friſeur, noch Staatskleid, noch Carroſſe!“ den Brief. Er war von einer geraden, kleinen Handſchrift, und offenbar vön einer Frau geſchrieben.— „Madame,“ ſagte der Brief,„mißtrauen Sie; Sie werden dieſen Abend weder den Friſeur, noch das Staats⸗ kleid, noch die Carroſſe haben. 3 .„Ich hoffe, dieſe Kunde kommt Ihnen zu geeigneter eit zu. 4 „Um nicht eine Dankbarkeit bei Ihnen zu erzwingen, ſagte ſie. Chon flog auf die Gräfin zu, Jean ſtürzte ſich auf 3 nenne ich mich nicht, errathen Sie mich, wenn Sie eine 214 aufrichtige Freundin kennen lernen wollen.“ „Ah! das iſt der letzte Schlag,“ rief Dubarry.„Hei⸗ liges Blut! ich muß Jemand umbringen. Kein Friſeur! beim Tod! ich ſchlitze dieſem Lumpenkerl Lubin den Bauch auf. Es ſchlägt in der That halb acht Uhr und er kommt nicht. Ah.! Fluch und Verderben!“ Und Dubarry, der an dieſem Abend nicht vorgeſtellt wurde, nahm ſich an ſeinen Haaren und zerzauſte ſie in höchſter Entrüſtung. „Es iſt das Kleid! mein Gott, es iſt das Kleid! Einen Friſeur würde man noch ſinden.“ „Oh! was für Friſeurs würdet Ihr finden? Fluch und Wetter! ah! Donner und Teufel! Blut und tauſe Legionen von Teufeln!“ Die Gräfin ſagte nichts, aber ſie ſtieß Seufzer aus, welche die Choiſeul ſelbſt erweicht haben würden, wenn .„ 2 2„ F 7 8 1. ſie dieſelben hätten hören können.— Chon,„wir „Nun, nun, ein wenig Ru ſa wollen einen Friſeur ſuchen und zu der Schneiderin zurück⸗ kehren, um zu erfahren, was aus dem Staatskleid gewor⸗ den iſt.“ „Kein Friſeur!“ murmelte die Gräfin ſterbend,„kein Staatskleid! keine Carroſſe!“ „Es iſt wahr,“ rief Jean,„der Wagen kommt auch nicht, und er ſollte doch ſchon da ſein. Oh! das iſt ein Complott, Gräfin. Wird Sartines die Urheber nicht ver⸗ haften laſſen? Wird ſie Maupeou nicht hängen laſſen? Wird man die Schuldigen nicht auf der Gréve verbrennen? Ich laſſe den Triſeur rädern, die Nätherin mit Alühenden, Zancei zwicken, den. Wacenmacher ſchinden.— — Vereeee dieſer Jeit war die Gräfin wieder⸗ zu ſich gekommen, doch nur um das Schreckliche ihrer Lage beſſer zu fühlen. „Oh! diesmal bin ich verloren,“ murmelte ſie,„die Leute, welche Lubin beſtochen haben, ſind reich genug, um alle gute Friſeurs von Paris zu entfernen. Es werden V 215 ſich nur noch Eſel finden, die mir die Haare zerzauſen... Und mein Staatskleid! mein armes Kleid!... Und mein neuer Wagen, bei deſſen Anblick ſie insgeſammt vor Neid geborſten wären!...“ Dubarry antwortete nichts; er rollte furchtbare Augen in ihren Höhlen umher, ſtieß ſich in allen Ecken des Zimmers, und ſo oft er ein Meuble traf, zerbrach er es in Stücke, und wenn ihm dann die Stücke zu groß vorkamen, zerbrach er ſie in noch kleinere. Mitten unter dieſer Scene der Verwüſtung, die ſich von dem Boudoir in die Vorzimmer, und von den Vor⸗ zimmern in den Hof verbreitet hatte, während die Lackeien, erſchreckt durch zwanzig verſchiedene und ſich widerſprechende Befehle hin⸗ und herliefen, und einander drängten und ſtießen, ſtieg ein junger Mann, in einem apfelgrünen Frack, mit einer Weſte von Atlaß, lila Beinkleidern und weißen, ſeidenen Strümpfen aus einem Cabriolet, überſchritt die verlaſſene Schwelle der Hausthüre, ging durch den Hof, ſprang auf den Zehen von Pflaſterſtein zu Pflaſter⸗ ſtein, eilte die Treppe hinauf, und klopfte an die Thüre des Ankleidezimmers. Jean war eben im Zuge, mit den Füßen ein Cabaret von Séores⸗Porzellan zu zerſtampfen, das ſich an den Schooß ſeines Frackes angehängt hatte, während er dem Sturz eines großen, japaneſiſchen Gefäßes, welches er mit einem Fauſtſchlage beehrt, auszuweichen ſuchte. Man hörte leiſe, beſcheiden dreimal an die Thüre klopfen. Es trat ein tiefes Stillſchweigen ein. Jedermann war in ſo geſpannter Erwartung, daß Niemand zu fragen wagte, wer geklopft.— „Verzeihen Sie,“ ſagte eine unbekannte Stimme,„ich wünſchte mit der Frau Gräfin Dubarry zu ſprechen.“ „Aber, mein Herr, man geht nicht ſo hinein,“ rief der Schweizer, der dem Fremden nachgelaufen war, um ihn an weiterem Eindringen zu verhindern.. „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte Dubarry,„es kann —— —— 216 uns nichts Schlimmeres begegnen, als was uns begegnet. Was wollen Sie von der Gräͤfin?“ fragte Jean, und öff⸗ nete die Thüre mit einer Hand, welche die Thore von Gaza erbrochen hätte. Der Fremde wich dem Stoß durch einen Sprung rückwärts aus, fiel in die dritte Stellung und erwiederte: „Mein Herr, ich wollte meine Dienſte der Frau Gräſin Dubarry anbieten, welche, wie ich glaube, heute Ceremonie hat.“ „Was für Dienſte, mein Herr?“ „Die meines Gewerbes.“ „Was iſt Ihr Gewerbe?“ „Ich bin Friſeur.“ Hiebei machte der Unbekannte eine zweite Verbeugung. „Ah!“ rief Jean, indem er dem jungen Manne um den Hals fiel,„ah! Sie ſind Friſeur? Treten Sie ein, mein Freund, treten Sie ein.“ „Kommen Sie, mein lieber Herr, kommen Sie,“ ſagte Chon und faßte den verwirrten jungen Mann um den Leib. „Ein„Friſeur!“ rief Madame Dubarry, die Hände zum Himmel erhebend.„Ein Friſeur! oh das iſt ein Engel! Sind Sie von Lubin geſchickt?“ „Ich bin von Niemand geſchickt. Ich las in einer Zeitung, die Frau Gräfin werde dieſen Abend vorgeſtellt, und ſagte zu mir:„„Halt, wenn zufällig die Frau Gräfin Dubarry keinen Friſeur hätte, das iſt nicht wahrſcheinlich, aber es iſt möglich; und ſo kam ich.“ „Wie heißen Sie?“ fragte die Gräfin, ein wenig er⸗ kaltet. „Léonard, Madame.“ 4 „Léonard, Sie ſind nicht bekannt?“ „Noch nicht. Doch wenn Madame meine Dienſte annimmt, werde ich es morgen ſein.“ 4 4 „Hm! hm!“ machte Jean,„es iſt ein Unterſchied zwiſchen Friſiren und Friſiren.“ 217 „Wenn Madame mir zu ſehr mißtraut, ſo werde ich mich entfernen,“ ſagte der Fremde. „Wir haben keine Zeit, einen Verſuch zu machen,“ ſprach Chon. „Und warum einen Verſuch?“ rief der junge Mann in einem Augenblick der Begeiſterung, und nach⸗ dem er im Kreiſe um Madame Dubarry gegangen war. „Ich weiß wohl, daß Madame durch ihre Coiffure aller Augen auf ſich ziehen muß. Seitdem ich Madame be⸗ trachte, habe ich auch einen Kopfputz erſonnen, der, ich bin es feſt überzeugt, die wunderbarſte Wirkung hervorbringen wird.“ Und der junge Mann machte mit der Hand eine Geberde voll Vertrauen zu ſich ſelbſt, welche die Gräfin zu erſchüttern anfing und die Hoffnung in das Herz von Chon und Jean wieder zurückführte. „Oh!“ ſagte die Gräfin, ſehr erſtaunt über den An⸗ ſtand des jungen Mannes, der Hüftenpoſitionen nahm, wie ſie nur der große Lubin hätte nehmen können. „Aber vor Allem müßte ich das Staatskleid von Madame ſehen, um die Zierrathen damit in Einklang zu bringen“. „Oh! mein Kleid!“ rief Madame Dubarry, an die furchtbare Wirklichkeit erinnert,„mein armes Kleid!“ Jean ſchlug ſich vor die Stirne und ſprach: „Oh! es iſt wahr; denken Sie ſich einen Hinterhalt, einen abſcheulichen Hinterhalt!... man hat ſie beſtoh⸗ len; Staatskleid, Nätherin, Alles! Chon! meine gute Chon!“. Und müde, ſich die Haare auszuraufen, fing Dubarry an zu ſchluchzen. „Wenn Du zu ihr zurückkehren würdeſt, Chon?“ ſagte die Gräfin. „Warum, da ſie weggefahren iſt, um hierher zu kom⸗ men?“ entgegnete Chon. „Ach!“ murmelte die Gräfin, indem ſie ſich auf ihrem 218 Stuhle zurückwarf,„ach! wozu nützt mich ein Friſeur, wenn ich kein Kleid habe?“ In dieſem Augenblick erſcholl die Glocke der Haus⸗ thüre. Der Schweizer hatte aus Furcht, man könnte abermals eindringen, alle Flügel geſchloſſen und hinter allen Flügeln die Niegel vorgeſchoben. „Man läutet,“ ſagte Madame Dubarry. Chon eilte an das Fenſter. „Ein Carton,“ rief ſie. „Ein Carton!“ wiederholte die Gräfin.„Kommt er herein?“ „Ja,... nein,... doch, man übergibt ihn dem Schweizer.“ „Laufen Sie, Jean, laufen Sie, in des Himmels Namen.“ Jean ſtürzte nach der Treppe, kam allen Lackeien zu⸗ vor und riß dem Schweizer den Carton aus den Händen. Chon ſchaute ihm durch die Scheiben zu. Er öffnete den Deckel des Garhn, tauchte die Hand in ſeine Tiefen und ſtieß ein Freudengebrülle aus. Er enthielt ein bewunderungswürdiges Kleid von chi⸗ neſiſchem Atlaß mit aus sgeſchnittenen Blumen und eine ganze Spitzengarnitur von ungeheuerem Werth. „Ein Kleid! ein Kleid!“ rief Chon, in die Hände klatſchend. „Ein Kleid!“ wiederholte Madame Dubarry,“ der Freude faſt unterliegend, wie ſie beinahe dem Schmerz unterlegen wäre. Wer hat Dir das gegeben, Burſche?“ fragte Jean den Schweizer. „Eine Frau, mein Herr.“ „Was für eine Frau?“ „Ich kenne ſie nicht.“ „Wo iſt ſie?“ 44 „Sie ſtellte den Carton quer vor meine Thüre,“ rief „„Für die Frau Gräſin!““ ſtieg wieder in das mir zu: — u 219 Cabriolet, das ſie gebracht hatte, und fuhr weg, ſo ſchnell das Pferd laufen konnte.“ „Vortrefflich!“ ſagte Jean,„hier iſt ein Kleid, und das iſt die Hauptſache.“ „Kommen Sie doch herauf, Jean,“ rief Chon,„meine Schweſter ſtirbt vor Ungeduld.“ „Sehen Sie, ſchauen Sie, bewundern Sie,“ ſagte Jean,„das ſchickt uns der Himmel.“ „Aber es wird mir nicht paſſen, es kann mir nicht paſſen, denn es iſt nicht für mich gemacht worden. Mein Gott! mein Gott! welch ein Unglück! es iſt ſo hübſch.“ Chon nahm raſch ein Maaß. „Dieſelbe Länge, dieſelbe Weite der Taille,“ ſagte ſie. „Der bewunderungswürdige Stoff!“ ſprach Dubarry. „Das iſt fabelhaft!“ verſetzte Chon. „Das iſt furchtbar!“ rief die Gräfin. „Im Gegentheil,“ erwiederte Jean,„es beweiſt, daß Sie, wenn Sie große Feinde haben, zugleich auch auf er⸗ gebene Freunde rechnen können.“ „Es iſt vielleicht kein Freund,“ verſetzte Chon,„denn wie wäre er von dem unterrichtet worden, was man gegen uns anzettelte? Es muß eine Sylphe, es muß irgend ein Geiſt ſein.“. 3 „Mag es der Teufel ſein,“ rief Madame Dubarry, „gleichviel, wenn er mir nur die Grammont bekämpfen hilft; er wird nie ſo ſehr Teufel ſein, wie dieſe Leute.“ „Und ich bedenke...“ ſagte Jean. „Was bedenken Sie?“ „Sie können Ihren Kopf in vollem Vertrauen dieſem Herrn überlaſſen.“ „Was verleiht Ihnen dieſe Sicherheit?“ „Bei Gott! er iſt von demſelben Freunde, der uns das Staatskleid geſchickt hat, benachrichtigt worden.“ „Ich!“ entgegnete Léonard mit einem naiven Erſtaunen. „Vorwärts!“ rief Jean;„dieſe Zeitungsgeſchichte iſt 14 eine Komödie, nicht wahr, mein lieber Herr?“ „Es iſt die reine Wahrheit, Herr Vicomte.“ 220 „Geſtehen Sie es doch,“ ſprach die Gräfin. „Die Zeitung iſt hier in meiner Taſche; ich habe ſie f aufbewahrt, um Wickeln daraus zu machen.“ Der junge Mann zog in der That aus ſeiner Taſche eine Zeitung, in welcher die Vorſtellung angekündigt war. 3 „Auf! zum Werke,“ ſprach Chon,„es ſchlägt acht f Uhr.“ l „Oh! wir haben hinreichend Zeit,“ entgegnete der Friſeur,„Madame braucht eine Stunde zur Fahrt.“ 4 „Ja, wenn wir einen Wagen haben,“ verſetzte die Gräfin. „Oh! Mord und Tod! das iſt wahr,“ rief Jean, „und dieſe Canaille von einem Francian kommt nicht.“ „Hat man uns nicht davon in Kenntniß geſetzt?“ ſagte die Gräfin;„weder Friſeur, noch Staatskleid, noch Carroſſe.“ „Oh!“ ſagte Chon erſchrocken,„wird er uns auch 1 das Wort nicht halten?“ 1 „Nein,“ ſprach Jean,„nein, hier kommt er.“ „Und der Wagen? der Wagen?“ rief die Gräfin. „Er wird vor der Thüre geblieben ſein,“ ſprach Jean, „der Schweizer muß erſt öffnen. Aber was hat denn der Wagenmacher?“. c Meiſter Francian trat in der That beinahe in demſel⸗ ben Augenblick ganz beſtürzt in den Salon. „Ah! Herr Vicomte!“ rief er„der Wagen von Ma⸗ 4 dame war auf dem Wege nach dem Hotel, als er an der Biegung der Rue Traverſicre von vier Männern angehal⸗ ten wurde, welche meinen erſten Geſellen, der ihn führte, niederſchlugen, die Pferde in Galopp ſetzten und in der Rue Saint⸗Nicaiſe verſchwanden.“ „Ich ſagte es doch,“ ſprach Dubarry, ohne von dem Stuhle aufzuſtehen, auf welchem er bei dem Eintritte des Wagenmachers ſaß,„ich ſagte es doch.“ „Das iſt ein Attentat!“ rief Chon,„rühren Sie ſich mein Bruder.“ „Mich rühren, und warum?“ 221 „Um einen Wagen für uns zu finden, denn hier gibt es nur kreuzlahme Pferde und ſchmutzige Carroſſen. Jeanne kann in ſolchen Schubkarren nicht nach Verſailles fahren.“ „Bah!“ erwiederte Dubarry,„derienige, we lcher der Wuth der Wellen Zügel anlegt, welcher den Vögelchen Futter gibt, einen Friſeur wie dieſen Herrn und ein Staats⸗ kleid wie dieſes hier ſchickt, wird uns nicht in Ermang⸗ lung eines W Bagens im Stche aſſen. „Ei! ſehen Sie, hier fährt einer,“ rief Chon. „Und er hält ſogar an,“ verſetzte Hubarry. „Ja, er kommt nicht herein, 4 ſprach die Graͤfin. „Er kommt nicht herein, ſo iſt es,“ ſagte Jean. Und er ſprang an das Fenſter, öffnete es und rief: „Lauft, Mord und Tod! lauft, oder Ihr werdet zu ſpät kommen. Geſchwinde, geſchwinde, daß wir wenig⸗ ſtens unſern Wohlthäter kennen lernen.“ Die Bedienten, die Piquers ſtürzten hinaus, aber es war zu ſpät. Eine mit weißem Atlaß ausgeſchlagene und mit zwei herrlichen braunrothen Pferden beſpannte Carroſſe ſtand vor der Thüre. Doch vom Kutſcher, von den Lackeien keine Spur, ein einfacher Commiſſionär hielt die Pferde am Gebiß. Der Commiſſionär hatte ſechs Livres von demjenigen erhalten, welcher die Pferde geführt, und dieſer war ſo⸗ dann in der Richtung der Cour des Fontaines entflohen. Man forſchte an den Füllungen; aber eine raſche Hand hatte das Wappen durch eine Roſe erſetzt. 3 Ddieſer ganze Widerpart des Unglücks hatte nicht eine Stunde gedauert. Jean ließ den Wagen in den Hof führen, ſchloß das Thor und nahm den Schlüſſel zu ſich. Dann ging er in das Ankleidecabinet, wo der Friſeur ſich eben anſchickte, der Gräfin die erſten Proben ſeiner Wiſſenſchaft zu geben. „Mein Herr!“ rief er, indem er Léonard am Arm faßte,„wenn Sie unſern Schutzgeiſt nicht nennen, wenn 222 Sie denſelben nicht unſerer ewigen Dankbarkeit bezeichnen, g ſo ſchwöre ich Ihnen...“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Vicomte,“ unter⸗ 3 brach ihn phlegmatiſch der junge Mann,„Sie erweiſen n mir die Ehre, meinen Arm ſo ſtark zu drücken, daß ich eine ſteife Hand haben werde, wenn ich die Frau Gräfin 5 friſiren ſoll; wir haben aber Eile, denn es ſchlägt halb 1 neun Uhr.“ b „Laſſen Sie ihn los, Jean, laſſen Sie ihn los!“ rief die Gräfin. 3 Jean ſiel in ſein Fanteuil zurück. 8 „Wunder!“ ſprach Chon,„Wunder! das Kleid iſt ¹ von einem vollkommenen Maaß... vorne einen Zoll z8u lang, und ſonſt kein Mangel! doch in zehn Minuten wird dieſer Fehler verbeſſert ſein. „Und der Wagen, wie iſt er?.. kann man ſich f mit Ehren darin zeigen?“ fragte die Gräfin. d „Vom beſten Geſchmack..ich bin hineingeſtiegen,“ antwortete Jean,„er iſt mit weißem Atlaß ausgeſchlagen, 1 und mit Roſeneſſenz parfumirt.“ „Alles geht gut!“ rief Madame Dubarry, indem ſie ihre kleinen Hände an einander ſchlug.„Vorwärts, Herr d Léonard, und wenn es Ihnen gelingt, iſt Ihr Glück b gemacht.“ Léonard ließ ſich das nicht zweimal ſagen: er be⸗ t mächtigte ſich des Kopfes von Madame Dubarry und mit dem erſten Striche ſeines Kammes offenbarte er ein er⸗ 6 habenes Talent. 1 Schnelligkeit, Geſchmack, vollkommene Pünktlichkeit, T Verſtändniß des Juſammenhangs zwiſchen dem Moraliſchen 3 und Phyſiſchen, er entwickelte Alles in der Erfüllung die⸗ ſer wichtigen Functionen. Nach Verlauf von drei Viertelſtunden ging Madame Dubarry aus ſeinen Händen verführeriſcher als die Göttin Aphrodite hervor, denn ſie war weniger nackt und nicht minder ſchön. Als er den letzten Stein dieſes glänzenden Gebändes 3 223 gelegt, als er ſeine Solidität geprüft, als er Waſſer für ſeine Hände verlangt, und Chon, welche ihn in ihrer Freude wie einen Monarchen bediente, gedankt hatte, wollte er ſich zurückziehen. „Ah! mein Herr,“ ſprach Dubarry,„Sie ſollen er⸗ fahren, daß ich eben ſo hartnäckig in meiner Liebe als in meinem Haße bin. Ich hoffe nun, daß Sie die Güte haben werden, mir zu ſagen, wer Sie ſind.“ „Sie wiſſen es bereits, mein Herr; ich bin ein junger Anfänger und heiße Léonard.“ „Ein Anfänger! Gottes Blut, Sie ſind über den Meiſter hinaus, mein Herr.“ „Sie werden mein Friſeur, Herr Léonard,“ ſagte die Gräfin, während ſie ſich in einem kleinen Handſpiegel beſchaute,„und ich gebe Ihnen für jede Ceremonienfriſur fünfzig Louis d'or. Chon, bezahle dem Herrn hundert Louis d'or für die erſte, und er wird fünfzig Handgeld haben.“ „Ich ſagte es Ihnen wohl, Madame, Sie würden meinen Ruf machen.“ „Aber Sie friſiren nur mich.“ „Dann behalten Sie Ihre hundert Louis d'or, Ma⸗ dame,“ enegenndte Lbonard. hich will meine Freiheit; ihr verdanke ich es, daß mir die Ehre zu Theil geworden iſt, Sie heute zu frifiren. Die Freiheit iſt das erſte der Gü⸗ ter des Menſchen.“ „Ein philoſophiſcher Friſeur!“ rief Dubarry, indem er die Hände zum Himmel erhob;„wohin kommt es, mein Herr und Gott, wohin kommt es noch? Nun! mein lieber Herr Léonard, ich will mich nicht mit Ihnen ent⸗ zweien; nehmen Sie Ihre hundert Louis d'or, und behalten Sie Ihr Geheimniß und Ihre Freiheit. In den Wagen Gräfin, in den Wagen!“ Dieſe Worte waren an Frau von Béarn gerichtet, welche eben eintrat, ſteif und geſchmückt wie eine Ma⸗ donna in einem Reliquienkaſten; man hatte ſie gerade in dem Augenblick, wo man ſich ihrer bedienen wollte, aus ihrem Cabinet geholt. 8 b — „Vorwärts, vorwärts,“ ſagte Jean,„man nehme Madame zu Vieren und trage ſie ſachte unten an die Stufen. Wenn ſie einen einzigen Seufzer ausſtößt, laſſe ich Euch ſtriegeln.“ Während Jean dieſes zarte und wichtige Manoeuvre überwachte, wobei ihn Chon in der Eigenſchaft eines Lieu⸗ tenant unterſtützte, ſuchte Madame Dubarry mit den Au⸗ gen Léonard. Léonard war verſchwunden. „Wo iſt er denn hinaus egegangen? murmelte Madame Dubarry, welche ſich noch nicht ganz von allem Er⸗ ſtaunen, das bei ihr auf einander gefolgt war, erholt hatte. „Wo iſt er hinausgegangen? durch den Boden oder durch die Decke, da gehen die Geiſter hinaus. Nehmen Sie ſich nur in Acht, Gräfin, daß Ihr Kopfputz nicht eine Droſſelnpaſtete wird, daß ſich Ihr Kleid nicht in ein Spinnengewebe verwandelt, und daß wir nicht in Verſailles in einem Pilze, gezogen von zwei Ratten, ankommen.“ Nach dem Ausſpruch dieſer letzten Befürchtung, ſtieg der Vicomte Jean ebenfalls in den Wagen, wo bereits die Gräfin von Béarn und ihre ſelige Pathin Platz ge⸗ nommen hatten. XXXVIII. Die Vorſtellung. Verſailles, wie Alles, was groß iſt, iſt ſchön und wird ſchön ſein. Mag das Moos ſeine niedergeworfenen Steine zer⸗ nagen, mögen ſeine Götter von Blei, von Bronze oder Marmor in ſeinen waſſerloſen Baſſins liegen, mögen ſeine großen Alleen von beſchnittenen Bäumen zerzauſt und ohne Blätter zum Himmel emporragen, es wird ſtets, und wäre es auch unter Trümmern, ein prachtvolles, ergreifendes Schauſpiel für den Träumer oder den Dichter bieten, der 22⁵ von dem großen Balcon aus die ewigen Horizonte be⸗ trachtet, nachdem er die ephemeren Herrlichkeiten be⸗ ſchaut hat. Aber beſonders in ſeinem Leben und in ſeiner Glorie war Verſailles herrlich anzuſchauen... wenn ein Volk ohne Waffen, im Zaume gehalten von einem Volke glänzender Soldaten, mit ſeinen Wellen die vergoldeten Gitter peitſchte, wenn die Carroſſen von Sammet, Seide und Atlaß, mit den ſtolzen Wappen, im Galopp ihrer muthigen Pferde auf dem ſonoren Pflaſter rollten; wenn alle Fenſter, be⸗ leuchtet wie die eines Zauberpalaſtes, eine von Diaman⸗ ten, Rubinen und Saphiren funkelnde Welt ſehen ließen, welche die Geberde eines einzigen Menſchen beugte, wie es der Wind mit den goldenen Halmen thut, welche mit weißen Maslieben, azurnen Kornblumen und purpurrothem Feldmohn vermiſcht ſind... ja, Verſailles war ſchön, beſonders wenn es durch alle ſeine Thore Courriere an alle Mächte ſchleuderte, und wenn die Könige, die Fürſten, die Herren des hohen Adels, die Officiere, die Gelehrten der civiliſirten Welt ſich auf ſeinen reichen Teppichen und koſt⸗ baren Moſaiken drängten. Aber vor Allem, wenn es ſich für eine große Cere⸗ monie ſchmückte, wenn die Herrlichkeiten ſeiner Geräthe⸗ kammern und die großen Beleuchtungen den Zauber ſeiner Reichthümer verdoppelten, bot Verſailles den kälteſten Gei⸗ ſtern einen Begriff von allen den Wundern, welche die Einbildungskraft und die Macht des Menſchen zu erſinnen im Stande ſind.. So war es bei der Ceremonie des Empfangs eines Botſchafters, ſo auch für die einfachen Edelleute bei der Ceremonie der Vorſtellung. Nach dem Willen von Lud⸗ wig XIV., dem Schöpfer der Etiquette, welche jeden in einen Raum einſchloß, deſſen Schranken unüberſteigbar blieben, ſollte die Einweihung in die Herrlichkeiten ſeines königlichen Lebens die Auserwählten mit einer ſolchen Ehrfurcht erfüllen, daß ſie den Palaſt des Königs ſtets nur als einen Tempel betrachten würden, in welchem ſie Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 15 1 226 das Recht hätten, den gekrönten Gott an einem dem Al⸗ tar mehr oder minder nahe liegenden Platze zu verehren. So hatte Verſailles, allerdings bereits entartet, aber immer noch glänzend, für die Vorſtell ung von Madame Dubarry alle ſeine Thüren geöffnet, alle ſeine Kerzen an⸗ gezündet, alle ſeine Herrlichkeiten zur Schau geſtellt. Das Volk der Neugierigen, ein ausgehungertes, elendes Volk, das aber ſeltſamer Weiſe ſein Elend und ſeinen Hunger bei dem Anblick ſo vieler Blendwerke vergaß, hielt die ganze Place d Armes und die ganze Avenue de Paris be⸗ ſetzt. Das Schloß ſtrömte das Feuer durch alle Fenſter aus und ſeine Girandolen glichen in der Ferne in einem Goldſtaube ſchwimmenden Geſtirnen. Der König verließ ſeine Gemächer auf den Schlag zehn Uhr. Er war neg als gewöhnlich geſchmückt, das heißt, ſeine Spitzen waren reicher, und die Schnallen an ſeinen Kniebändern und an ſeinen Schuhen hatten allein einen Werth von einer Million. Er war durch Herrn von Sartines von der Verſchwörung unterrichtet worden, welche ſich am Tage zuvor unter den ferſachtſgen, d amen angezettelt hatte; ſeine Stirne war auch ſorgenvoll, denn er befürchtete nur Männer in der Gallerie zu ſehen. Doch er wurde bald beruhigt, als er in dem beſonders für die Vorſtellungen beſtimmten Salon der Königin in einer Wolke von Spitzen und Puder, worin die Diaman⸗ ten wimmelten, hesſ. ſeine drei Töchter, dann die Mar⸗ ſchallin von Mirepoir, welche am Abend zuvor ſo viel Lärmen gemacht, und endlich alle die Stürmiſchen erblickte, die zu Hauſe zu bleiben geſchworen hatten, und ſich nun in der erſten Reihe fanden. Der Herzog von Richelieu lief wie ein General von der einen zur andern und ſagte: Slh. ich ertappe Sie.“ Oder auch: A. „Ich war überzeugt, daß Sie abfallen würden.“ Oder: „Was ſagte ich Ihnen in Biehung auf Verſchwö⸗ rungen?“ „Aber Sie ſelbſt, Herzog?“ antwortete die⸗ „Ich, ich vertrat meine Tochter, ich wertygt⸗ fin Egmont. Suchen Sie, Septimante iſt allein hat mit Frau von Grammont und menée ausgehalten; ich bin auch meiner Sache gewiß, morgen trete ich meine fünfte Verbannung oder meine vierte Baſtille an. Ich conſpirire entſchieden nicht mehr.“ Der König erſchien. Es trat ein tiefes Stillſchwei⸗ gen ein, unter welchem man zehn Uhr, die feierliche Stunde, ſchlagen hoͤrte. Seine Majeſtät war umgeben von einem zahlreichen Hofe. Sie hatte mehr als funfzig Edelleute bei ſich, welche ſich nicht geſchworen hatten, zu der Vorſtellung zu kommen, und aus dieſem Grunde ohne Zweifel insgeſammt gegenwärtig waren. Der König bemerkte ſogleich, daß Frau von Gram⸗ mont, Frau von Guémenée und die Gräfin Egmont bei dieſer glänzenden Verſammlung fehlten. Er näherte ſich Herrn von Choiſeul, der eine große Ruhe heuchelte, und trotz aller Anſtrengung nur zu einer falſchen Gleichgültigkeit gelangte. „Ich ſehe die Frau Herzogin von Grammont nicht hier?“ ſagte er. „Sire,“ antwortete Herr von Choiſeul,„meine Schwe⸗ ſter iſt krank und hat mich beauftragt, Seiner Majeſtät ihre unterthänigſte Ehrfurcht zu bezeigen.. „Das iſt ſchlimm!“ erwiederte der König und wandte Herrn von Choiſeul den Rücken zu. 8 8 Da fand er den Prinzen von Guémenée ſich ge⸗ genüber. „Und wo iſt die Prinzeſſin von Guémenée,“ ſagte er,„haben Sie ſie nicht mitgebracht?“ 4 „Uumöglich, Sire, die Prinzeſſin iſt krank; als ich ſie abholen wollte, fand ich ſie im Bette.“ 8 „Ah! das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ ſprach der 15*¾ 223, König.„Ah! hier iſt der Marſchall. Guten Abend Herzog.“ „Sire,“ machte der alte Höfling, indem er ſich mit der Geſchmeidigkeit eines jungen Mannes verbeugte. „Sie nd nicht krank, Sie,“ ſagte der Koͤnig ſo laut, daß es die Herren von Choiſeul und Guémenée hoͤren mußten. 4 „Sire,“ antwortete der Herzog von Richelieut,„ſo oft es ſich für mich um das Gluck handelt, Eure Majeſtät zu ſehen, befinde ich mich vortrefflich.“ „Aber Ihre Tochter, die Gräfin Egmont,“ verſetzte der Koͤnig umherſchauend,„wie kommt es, daß ſie nicht hier iſt?“ Der Herzog, als er ſah, daß man ihn hörte, nahm eine Miene tiefer Traurigkeit an und ſprach: „Ach! Sire, meine arme Tochter iſt ſehr unglücklich, daß ſie nicht die Ehre haben kann, ihre unterthänigſte Huldigung Eurer Majeſtät zu Füßen zu legen, beſonders dieſen Abend; aber krank, Sire, krank...“ „Sehr ſchlimm!“ ſprach der König.„Krank! Frau von Cgmont, die ſchönſte Geſundheit Frankreichs. Schlimm, ſehr ſchlimm!“ 3 Und der König verließ Herrn von Richelieu, wie er Herrn von Choiſeul und Herrn von Guémenée verlaſſen hatte. Dann vollendete er die Runde in ſeinem Salon und begrüßte beſonders Frau von Mirepoir, welche ſich nicht behaglich fühlte „Das iſt der Lohn für den Verrath,“ flüſterte ihr der Marſchall in's Ohr;„morgen werden Sie mit Ehren überhäuft werden, während wir!... ich zittere, wenn ich nur daran denke.“. Und der Herzog ſtieß einen Seufzer aus. „Aber mir ſcheint, Sie haben die Choiſeul nicht übel verrathen, da Sie hier ſind... Sie hatten geſchwo⸗ ren... „Für meine Tochter, Marſchallin, für meine arme —— 229 Septimanie! Sie fällt nun in Ungnade, weil ſie zu treu geweſen iſt.“ 7 „Ihrem Vater!“ erwiederte die Marſchallin. Der Herzog gab ſich den Anſchein, als hörte er dieſe Antwort nicht, welche für ein Epigramm gelten konnte. „Aber kommt es Ihnen nicht vor, als wäre der Kö⸗ nig unruhig?“ ſagte er. Bei Gott! er hat wohl Urſache.“ „Wie?“ „Es iſt ein Viertel über zehn Uhr.“ „Ah! das iſt wahr, und die Gräfin kommt nicht. Hören Sie, Marſchallin, ſoll ich Ihnen etwas ſagen?“ „Sprechen Sie.“ „Ich hege eine Befürchtung.“ „Welche?“ „Ich befürchte, es iſt der armen Gräfin etwas Aer⸗ gerliches begegnet. Sie müſſen das wiſſen?“ „Warum ich?“— „Ganz gewiß, Sie ſchwammen bis an den Hals in der Verſchwörung.“ „Nun!“ erwiederte die Marſchallin,„im Vertrauen, Herzog, ich habe bange wie Sie.“ „Unſere Freundin, die Herzogin, iſt eine harte Geg⸗ nerin, welche im Fliehen verwundet, nach der Weiſe der Parther; ſie iſt aber geflohen. Sehen Sie, wie unruhig Herr von Choiſeul iſt, trotz feines Beſtrebens, ruhig zu erſcheinen; er kann nicht auf einer Stelle bleiben und verliert den Koͤnig nicht aus dem Geſicht. Geſtehen Sie mir, es iſt etwas von ihnen angezettelt worden.“ „Ich weiß es nicht, Herzog, aber ich bin auch Ihrer Meinung.“ „Wohin wird ſie das führen?“ 1 „Zu einer Verzögerung, lieber Herzog, und Sie ken⸗ nen das Sprüchwort: Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Morgen kann ein unvorhergeſehenes Ereigniß eintreten, das dieſe Vorſtellung auf unbeſtimmte Zeit hinausſchiebt. Die Dauphine kommt vielleicht morgen nach Compiègne, 130 ſtatt in vier Tagen zu kommen. Man wollte vielleicht nur Zeit bis morgen gewinnen!“ „Marſchallin, wiſſen Sie, daß Ihr kleines Mährchen für mich ganz das Ausſehen einer Wirklichkeit hat? Bei Gott, ſie kommt nicht!“ „Und der König wird ungeduldig, ſehen Sie.“ „Es iſt das dritte Mal, daß er ſich dem Fenſter nähert. Der König leidet in der That.“ 8½ „Dann wird es ſogleich noch ſchlimmer ſein.“ „Warum dies?“ 4 Hurn Sie. Es iſt zehn Uhr und zwanzig Minuten. „Icl.— „Ich kann es Ihnen nun ſagen.“ „Sprechen Sie.“ Die Marſchallin ſchaute umher und flüſterte ihm dann zu: „Sie wird nicht kommen.“ „Ah! guter Gott, Marſchallin, das wird ein ab⸗ ſcheulicher Scandal werden.“ „Stoff zu einem Prozeß, Herzog, zu einem Eriminal⸗ prozeß, zu einem Capitalprozeß, denn in Allem dem findet ſich, ich habe es von guter Hand, Entführung, Gewalt⸗ that, Majeſtätsbeleidigung, wenn man will, die Choiſeul haben um Alles gegen Alles geſpielt.“ „Das iſt ſehr unklug von ihnen.“ „Was wollen Sie, die Leidenſchaft iſt blind!“ „Darum iſt es ein Vortheil, nicht leidenſchaftlich zu ſein, wie wir; man ſieht wenigſtens klar.“ „Sehen Sie, der König nähert ſich abermals dem Fenſter.“ Ludwig XV. näherte ſich in der That dem Kreuzſtock und ſtützte ſeine Hand auf die ciſelirte Eſpagnolette*) und ſeine Stirne an die kühlen Scheiben. Mittlerweile hörte man, wie das Raſcheln von Laub⸗ werk vor dem Sturme, die Geſpräche der Höflinge tönen. *) Eine Schloſſerarbeit zum Verſchließen der Fenſter. Aller Augen gingen von der Pendeluhr auf den König über. Die Uhr ſchlug halb. Ihr reiner Klang ſchien auf dem Stahl zu ſpielen und die Vibrirung erloſch zitternd in dem weiten Saal. Herr von Maupeou näherte ſich dem König und ſagte ſchüchtern:— „Schönes Wetter, Sire.“ „Herrlich, herrlich. Können Sie d von Moupeon?“ „Was, Sire?“ „Dieſe Zögerung. Arme Gräfin!“ „Sie muß krank ſein, Sire,“ verſetzte der Kanzler. „Es läßt ſich begreifen, daß Frau von Grammont krank iſt, daß Frau von Guémenée krank iſt, und daß auch Frau von Egmont krank iſt; aber die Gräfin krank, das begreift ſich nicht.“ „Sire, eine ſtarke Gemüthsbewegung kann krank machen, und die Freude der Gräfin war ſo groß!“ „Ah! es iſt vorbei,“ ſagte Ludwig XV. den Kopf ſchüttelnd,„es iſt vorbei; nun wird ſie nicht mehr kommen.“ Der König hatte zwar dieſe letzten Worte mit leiſer Stimme geſprochen, aber es herrſchte ringsum eine ſolche Stille, daß ſie beinahe von allen Anweſenden gehört wurden. Doch dieſe hatten noch nicht Zeit gehabt, nur mit dem Gedanken darauf zu antworten, als ein gewaltiges Geräuſch von Carroſſen unter dem Gewölbe erſcholl. Alle Stirnen ſchwankten, alle Augen befragten ſich gegenſeitig. Der König verließ das Fenſter und ſtellte ſich mitten im Saale auf, um durch die Enfilade der Gallerie zu ſehen. as begreifen, Herr 8 7 „Ich befürchte ſehr, wir erhalten eine ſchlimme Nach⸗ richt,“ ſagte die Marſchallin dem Herzog in das Ohr. Doch plötzlich erglänzte das Antlitz des Königs, der Blitz ſprang aus ſeinen Augen. 3 * „Die Frau Gräfin Dubarry!“ rief der Huſſier dem Oberceremonienmeiſter zu. „Die Frau Gräfin von Béarn!“ Dieſe zwei Namen machten alle Herzen unter ſehr entgegengeſetzten Empfindungen ſpringen. Unwiderſtehlich durch die Neugierde fortgeriſſen, rückte eine Woge von Höflingen gegen den König vor. Frau von Mirepoir befand ſich am nächſten bei Ludwig XV. „Ohl! wie ſchön iſt ſie! wie ſchön iſt ſie!“ rief die Marſchallin, indem ſie die Hände faltete, als wollte ſie in Anbetung verſinken. Der König wandte ſich um und lächelte der Mar⸗ ſchallin zu. 3 „Das iſt keine Frau, das iſt eine Fee,“ ſprach der Herzog von Richelien. Der König ſandte das Ende ſeines Lächelns an die Adreſſe des alten Höflings ab. Die Gräfin war in der That nie ſo ſchoͤn geweſen, nie hatten eine ſolche Lieblichkeit des Ausdrucks, nie eine beſſer geſpielte Aufregung, ein beſcheidenerer Blick, ein edlerer Wuchs, ein zierlicherer Gang die Bewunderung im Salon der Köͤnigin hervorgerufen, der indeſſen, wie geſagt, der Salon der Vorſtellungen war. Schön zum Bezaubern, reich ohne Gepräge, beſon⸗ ders zum Entzücken frifirt, ſchritt die Gräfin vor, an der Hand geführt von Frau von Béarn, welche trotz furcht⸗ barer Leiden nicht hinkte, keine Miene verzog, während ſich jedoch die Schminke in vertrockneten Atomen ablöſte, ſo ſehr zog ſich das Leben aus ihrem Geſichte zurück, ſo ſchmerzlich bebte jede Fiber in ihr, bei der geringſten Be⸗ wegung ihres verwundeten Beines. Alle Welt hatte die Augen auf die ſeltſame Gruppe geheftet. Am Halſe entblößt, wie zur Zeit ihrer Iugend, ſchien die alte Gräfin mit ihrer einen Fuß hohen Friſur, mit ihren großen, hohlen Augen, welche glänzten wie die eines —re 233 Nachtraben, mit ihrer prächtigen Toilette und dem Gange eines Skelettes das Bild der verfloſſenen Zeit, welche die Hand der gegenwärtigen Zeit reichte. Dieſe trockene, kalte Würde, welche die wollüſtige und zugleich wohlanſtändige Grazie führte, erregte die Bewun⸗ derung und beſonders das Erſtaunen beinahe aller An⸗ weſenden. Der Contraſt war ſo ſchlagend, daß es dem König vorkam, als brächte ihm Frau von Béarn ſeine Geliebte jünger, friſcher, lachender, als er ſie je geſehen. In dem Augenblick, wo die Gräfin nach der Etiquette das Knie beugte, um dem Koͤnig die Hand zu küſſen, nahm ſie Ludwig XV. beim Arm und hob ſie mit einem Worte auf, das die Belohnung für Alles war, was ſie ſeit vierzehn Tagen gelitten hatte. „Zu meinen Füßen, Gräfin!“ ſprach der König; „Sie ſcherzen!.. ich ſollte, und ich möchte beſonders zu Ihren Füßen ſein.“ Dann öffnete der König die Arme, wie es das Cere⸗ moniel vorſchrieb, doch ſtatt ſich nur den Anſchein zu geben, als küßte er, küßte er diesmal wirklich. ‚Sie haben da einen ſchönen Täufling, Madame,“ ſagte er zu Frau von Béarn;„doch ſie hat auch eine Pathin, welche ich mit der größten Freude an meinem Hofe wiederſehe.“ Die alte Dame verbeugte ſich. „Begrüßen Sie meine Töchter, Gräfin,“ ſagte leiſe der König zu Madame Dubarry.„Zeigen Sie ihnen, daß Sie die Verbeugung zu machen wiſſen. Ich hoffe, Sie werden mit ihrer Erwiederung nicht unzufrieden ſein. Die zwei Damen ſetzten ihre Wanderung durch einen großen, leeren Raum fort, der ſich um ſie bildete, wäh⸗ rend ſie vorrückten, den jedoch die funkelnden Blicke mit ihren brennenden Flammen zu füllen ſchienen Als die drei Töchter des Köngis Madame Dubarry — 234 auf ſich zukommen ſahen, erhoben ſie ſich wie Federn und warteten. Ludwig XV. wachte. Seine auf Mesdames gehef⸗ teten Blicke ſchärften dieſen die zuvorkommendſte Hoͤflich⸗ keit ein. Ein wenig bewegt erwiederten Mesdames die Ver⸗ beugung von Madame Dubarry, welche ſich viel tiefer neigte, als es die Etiquette vorſchrieb, was als ein Be⸗ weis des beſten Geſchmacks betrachtet wurde und die Prinzeſſinnen dergeſtalt rührte, daß ſie die Gräfin küßten, wie dies der König gethan, und zwar mit einer Herzlich⸗ keit, über welche der König entzückt war. VVon da an wurde der Erfolg der Gräfin. zu einem Triumph und die langſamſten oder die ungeſchickteſten Höflinge mußten eine Stunde warten, ehe es ihnen gelang, ihren Gruß bei der Königin des Feſtes anzubringen. Dieſe nahm ohne Hochmuth, ohne Zorn, ohne ein Zeichen des Vorwurfes alle Zuvorkommenheiten auf, und ſchien jeden Verrath zu vergeſſen. Und es war nichts Geſpieltes in dieſem großmüthigen Wohlwollen; ihr Herz überſtrömte von Freude und hatte keinen Raum mehr für ein einziges Gefühl des Haſſes. Herr von Richelieu war nicht umſonſt der Sieger von Mahon: er wußte zu manoenvriren. Indeß ſich die gewöhnlichen Höflinge während der Verbeugungen an ihrem Platze hielten und den Ausgang der Vorſtellung abwar⸗ teten, um das Idol zu beweihrauchen oder zu verleumden, nahm der Marſchall ſeine Stellung hinter dem Stuhle der Gräfin, und ähnlich einem Cavallerieanführer, der ſich auf hundert Klafter in der Ebene aufpflanzt, um die Aus⸗ breitung einer Reihe bei dem richtigen Schwenkungspunkt zu erwarten, wartete der Herzog auf Madame Dubarry und mußte ſich natürlich in ihrer Nähe finden, ohne ge⸗ drängt zu werden. Frau von Mirepoir, welche das Glück kannte, deſſen ihr Freund ſtets im Kriege theilhaftig ge⸗ weſen war, ahmte dieſes Manoeuvre nach und näͤherte ihr Tabouret unmerklich dem der Gräfin. 235 Unterſtützt durch die Liebe des Königs, durch den freundlichen Empfang von Mesdames und den Beiſtand ihrer Pathin, ließ die Gräfin einen minder ſchüchternen Blick auf den um den Köͤnig ſtehenden Männern um⸗ herlaufen und ſuchte, ihrer Stellung ſicher, ihre Feindinnen unter den Frauen. 3. Ein undurchſichtiger Körper unterbrach die Per⸗ ſpective. „Ah! Herr Herzog!“ ſagte ſie, ich mußte hierher kommen, um Ihnen zu begegnen.“ „Wie ſo, Madame?“ fragte der Herzog. 3 „Ja, es ſind etwa acht Tage, daß man Sie nicht mehr geſehen hat, nicht in Verſailles, nicht in Paris, nicht in Luciennes.“ „Ich habe mich auf das Vergnügen vorbereitet, Sie dieſen Abend hier zu finden,“ erwiederte der alte Höfling. „Sie haben es vielleicht vorhergeſehen „Ich war deſſen gewiß.“ „Ei, ei, Herzog, was für ein Mann ſind Sie, Sie wußten das und ſetzten mich nicht davon in Kenntniß, mich, Ihre Freundin, mich, die ich nichts davon wußte.“ „Wie Madame, Sie wußten nicht, daß Sie hierher⸗ kommen ſollten?“ „Nein. Ich war ungefähr wie Aeſop, als ihn eines Tags eine Perſon der Obrigkeit auf der Straße anhielt. „„Wohin gehſt du?““ fragte ihn dieſe.„„Ich weiß es nicht,““ antwortete der Fabeldichter.„„Ah! wikklich, dann gehſt du in's Gefängniß.““„„Du ſiehſt, daß ich nicht wußte, wohin ich ging.““ Ebenſo konnte ich glauben, ich gehe nach Verſailles, aber ich war deſſen nicht ſicher genug, um es zu ſagen. Sie würden mir daher einen Gefallen gethan haben, wenn Sie mich beſucht hätten;... doch nun werden Sie kommen, nicht wahr 25 4 „Madame,“ ſprach Richelien, ohne daß er nur im Geringſten von dieſem Spott bewegt zu ſein ſchien,„ich begreife nicht, warum Sie nicht ſicher waren, hierher zu kommen.“ . 236 „Ich will es Ihnen ſagen: ich war von Fallen um⸗ geben.“ Und ſie ſchaute den Herzog an, der ihren Blick unſtör⸗ bar aushielt. „Fallen! ah, guter Gott! was ſagen Sie mir da, Gräfin?“ ¹ „Erſtens hat man mir meinen Friſeur geſtohlen.“ „Oh! oh! Ihren Friſeur!“ „Ja!“ „Warum ließen Sie mir das nicht ſagen! ich hätte Ihnen(doch ich bitte, ſprechen wir leiſe), ich hätte Ihnen eine Perle, einen Schatz geſchickt, den Frau von Egmont ausgegraben hat, einen Künſtler, der hoch über allen Perruquiers, über allen königlichen Friſeurs ſteht, meinen kleinen Léonard.“ „Léonard!“ rief Madame Dubarry. „Ja; einen kleinen, jungen Mann, der Septimanie friſirt und den ſie vor aller Augen verbirgt, wie Harpa⸗ gon ſeine Caſſe. Uebrigens dürfen Sie ſich nicht beklagen, Gräfin, Sie ſind vortrefflich und ſchön zum Entzücken friſtrt, und ſeltſamer Weiſe gleicht die Zeichnung Ihres Kopfputzes der Skizze, welche geſtern Frau Egmont von Boucher verlangte, und der ſie ſich ſelbſt zu bedienen ge⸗ dachte, wenn ſie nicht krank geworden wäre. Arme Sep⸗ timanie!“. Die Gräfin bebte und ſchaute den Herzog noch feſter an als zuvor; aber der Herzog blieb lächelnd und undurch⸗ dringlich. „Doch verzeihen Sie, Gräfin, ich habe Sie unter⸗ brochen, Sie ſprachen von Fallen?..“ „Ja, nachdem man mir meinen Friſeur geſtohlen, entwendete man mir auch mein Staatskleid, ein reizendes Kleid.“ „Oh! das iſt abſcheulich; doch Sie konnten in der That das, welches man Ihnen entwendet hat, entbehren; denn ich ſehe, Sie ſind in einen wundervollen Stoff gekleidet, nicht wahr, es iſt chineſiſche Seide mit aufgelegten Blu⸗ 2 237 men? Nun, hätten Sie ſich in Ihrer Verlegenheit an mich gewendet, wie Sie es in Zukunft thun müſſen, ſo würde ich Ihnen das Kleid geſchickt haben, welches ſich meine Tochter für ihre Vorſtellung machen ließ, und das dem Ihrigen ſo ähnlich iſt, daß ich ſchwören würde, es ſei daſſelbe.“ 3 Madame Dubarry faßte die beiden Hände des Her⸗ zogs, denn ſie fing an zu begreifen, wer der Zauberer war, der ſie der Verlegenheit entriſſen hatte. „Wiſſen Sie, in welchem Wagen ich gekommen bin, Herzog?“ ſagte ſie. „Nein, wahrſcheinlich in dem Ihrigen.“ „Herzog, man hatte mir meinen Wagen geſtohlen wie mein Staatskleid, wie meinen Friſeur.“ „Das war alſo ein allgemeiner Hinterhalt? In wel⸗ chem Wagen ſind Sie denn gekommen?“ „Sagen Sie mir zuerſt, wie der Wagen von Frau von Egmont iſt.“ „Meiner Treue! ich glaube in der Vorausſicht dieſes Abends beſtellte ſie ſich einen mit weißem Atlaß ausge⸗ ſchlagenen Wagen. Aber man hatte nicht mehr Zeit, ihr Wappen darauf zu malen.“ „Ja, nicht wahr, eine Roſe iſt ſchneller gemacht als ein Wappenſchild. Die Richelieu und die Egmont haben ſehr complicirte Wappen. Hören Sie, Herzog, Sie ſind ein anbetungswürdiger Mann.“ Und ſie reichte ihm ihre beiden Hände, aus denen ſich der Höfling eine warme, duftende Marke machte. Doch plotzlich, mitten unter den Küſſen, mit denen er ſte bedeckte, fühlte der Herzog die Hände von Madame Dubarry beben.. „Was gibt es?“ fragte er, umherſchauend. „Herzog...“ ſagte die Gräfin mit einem irren Blicke. „Nun?0 2 „Wer iſt der Mann dort neben Frau von Guéméne?“ „Der mit dem Kleid eines preußiſchen Officiers?“ „Ja. 238 „Der braune Mann mit den ſchwarzen Augen und dem ausdrucksvollen Geſichte? Gräfin, es iſt irgend ein hoher Officier, den ſeine Majeſtät der König von Preußen, ohne Zweifel um Ihrer Vorſtellung Ehre anzuthun, hier⸗ her ſchickt.“ „Scherzen Sie nicht, Herzog, dieſer Mann iſt ſchon vor drei oder vier Jahren in Frankreich geweſen; dieſer Mann, den ich nicht wiederfinden konnte, den ich überall ſuchte, ich kenne ihn.“ „Sie irren ſich, Gräfin, es iſt ein Fremder, der Graf von Fönir, der geſtern oder vorgeſtern erſt hier ange⸗ kommen.“ „Sehen Sie, wie er mich anſchaut, Herzog.“ „Jedermann ſchaut Sie an, Madame: Sie find ſo ſchön.“ „Er grüßt mich, er grüßt mich, ſehen Sie?“ „Jedermann wird Sie grüßen, wenn Sie nicht ſchon Alle gegrüßt haben, Gräfin.“ Aber einer außerordentlichen Aufregung preisgegeben, hörte die Gräfin die Galanterien des Herzogs nicht, und die Augen an den Mann gekettet, der ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, verließ ſie gleichſam unwillkuhrlich Herrn von Richelien und machte ein paar Schritte gegen den Unbekannten. Der Koͤnig, der ſie nicht aus dem Geſichte verlor, bemerkte dieſe Bewegung; er glaubte, ſie fordere ſeine Ge⸗ genwart, und da er ſich lange genug zur Beobachtung des Wohlanſtandes fern von ihr gehalten hatte, ſo näherte er ſich ihr nun, um ſie zu beglückwünſchen. Aber die Erſchütterung, die ſich der Gräfin bemäch⸗ tigt hatte, war zu ſtark, als daß ſich ihr Geiſt hätte mit einem andern Gegenſtande beſchäftigen können. „Sire,“ ſagte ſie,„wer iſt der preußiſche Officier, der Frau von Guémenée den Rücken zuwendet?“ „Und der uns in dieſem Augenblick anſchaut?“ fragte Ludwig XV. 1 „Ja,“ antwortete die Gräfin. * —* — 239 „Jenes kräftige Geſicht, jener viereckige Kopf, in einen goldenen Kragen eingeſchloſſen?“ „Ja, ja. „Ein Beglaubigter meines Vetters von Preußen... irgend ein Philoſoph wie er. Ich ließ ihn dieſen Abend kommen, denn nach meinem Willen ſollte die preußiſche Philoſophie den Triumph von Cotillon III. durch einen Botſchafter heiligen.“ „Aber ſein Name, Sire?“ „Warten Sie(der König ſuchte); ah! Graf von Fönir.“ 4 „Er iſt es!“ murmelte Madam es, ich bin deſſen ſicher.“ 3 Der König wartete noch einige S dame Dubarry Zeit zu laſſen, neue richten; als er aber ſah, daß ſie ſchwieg, ſprach er die Stimme erhebend: „Meine Damen, morgen kommt die Frau Dauphine in Compiègne an. Ihre königliche Hoheit wird auf den Schlag zwoͤlf Uhr empfangen; alle vorgeſtellte Da⸗ men werden bei der Reiſe ſein, diejenigen jedoch ausge⸗ nommen, welche krank ſind, denn die Reiſe iſt ermüdend und die Frau Dauphine möchte nicht gern die Unpäßlich⸗ keiten erſchweren.“ 1 Während der Koͤnig dieſe Worte ſprach, ſchaute er Herrn von Choiſeul, Herrn von Guémenée und Herrn von Nichelieu ſtreng an. Es trat um den König her ein Stillſchweigen des Schreckens ein. Man hatte den Sinn der königlichen Worte wohl begriffen: es war die Ungnade. „Sire,“ ſagte Madame Dubarry, welche an der Seite des Königs geblieben war,„ich bitte um Gnade für die Frau Gräfin von Egmont.“ „Und warum, wenn es beliebt?“ „Weil es die Tochter des Herrn Herzogs von Riche⸗ lieu iſt, weil Herr von Richelieu mein treueſter Freund iſt.“ „Richelieu?“ richtig, der „Ich bin meiner Sache gewiß, Sire.“ „Ich werde thun, was Sie wollen, Gräfin,“ ſprach der König.. Und er näherte ſich dem Marſchall, der nicht eine Bewegung der Lippen der Gräfin aus dem Geſichte ver⸗ loren, und was die Gräfin geäußert, wenn nicht gehört, doch wenigſtens errathen hatte, und ſagte zu ihm: „Ich hoffe, mein lieber Herzog, die Frau Gräfin von Egmont wird morgen wiederhergeſtellt ſein?“ „Gewiß, Sire. Sie wird es dieſen Abend ſein, wenn es Eure Majeſtät wünſcht.“ „Und Richelieu verbeugte ſich vor dem König ſo, daß er zugleich Ehrfurcht und Dankbarkeit ausdrückte. Der König neigte ſich an das Ohr der Gräfin und flüſterte ihr ein Wort zu. „Sire,“ antwortete dieſe mit einer Verbeugung, welche von einem anbetungswürdigen Lächeln begleitet war,„ich bin Ihre gehorſame Unterthanin.“ Der König grüßte alle Welt mit der Hand und ent⸗ fernte ſich. Kaum hatte er die Schwelle des Salons überſchritten, als ſich die Augen der Gräfin erſchrockener als je wieder auf den ſeltſamen Mann richteten, der ſie ſo lebhaft in Anſpruch nahm. Dieſer Mann verbeugte ſich wie die Andern, als der ifin vorüherding, doch obgleich grüßend, behielt ſeine 8 rne einen ſeltſamen Ausdruck des Stolzes und der Drohung, und ſobald Ludwig der XV. verſchwunden war, brach er ſich Bahn durch die Grupße und blieb auf zwei Schritte von Madame Dubarry ſtehen.. 3 Durch eine unwiderſtehliche Neugierde angezogen, machte die Gräfin ebenfalls einen Schritt, ſo daß der Unbekannte ſich verbeugend, leiſe und ohne daß es eine andere Perſon hörte, zu ihr ſagen konnte: „Erkennen Sie mich wieder, Madame 2¹ „Ja, mein Herr, Sie ſind mein Prophet von der Place Louis XV. Ad 241 3 Der Fremde erhob nun ſeinen klaren, ſichern Blick zu ihr. „Habe ich gelogen, Madame, als ich Ihnen weiſſagte, Sie wurden Koͤnigin von Frankreich werden?“ „Nein, mein Herr, Ihre Weiſſagung iſt erfüllt, oder wenigſtens beinahe erfüllt. Ich bin auch bereit, mein Verſprechen zu, halten. Sagen Sie, mein Herr, was wünſchen Sie?“ „Der Ort wäre ſchlecht gewählt, Madame, und überdies iſt die Zeit, meine Bitte an Sie zu richten, noch nicht gekommen.““ „In welchem Augenblick dieſe Bitte auch kommen mag, ſie wird mich bereit finden, ſie zu erfüllen.“ 3 „Werde ich zu jeder Zeit, an jedem Ort, zu jeder Stunde zu Ihnen dringen können, Madame?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Ich danke.“ „Doch unter welchem Namen werden Sie ſich ein⸗ finden? Unter dem des Grafen von Fönix?“ „Nein, unter dem von Joſeph Balſamo.“ „Joſeph Balſamo!“... wiederholte die Gräfin, während ſich der geheimnißvolle Fremde unter den Grup⸗ pen verlor.„Joſeph Balſamo! es iſt gut! ich werde es nicht vergeſſen?“ XXXIX. Compidègne.. Am andern Tage erwachte Compiegne trunken und entzückt, oder beſſer geſagt, Compiégne ſchlief gar nicht. Die Vorhut der Haustruppen hatte ſchon am Abend vorher ihre Wohnungen in der Stadt genommen, und während die Officiere ſich mit den Oertlichkeiten bekannt machten, trafen die Notabeln im Einklange mit dem In⸗ tendanten der kleinen Vergnügungen Vorkehrungen für die große Ehre, welche der Stadt zu Theil werden ſollte. Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 16 — Grüne Triumphbogen, reiche Verzierungen von ſpa⸗ niſchem Flieder und Roſen, lateiniſche, franzöſiſche und deutſche Inſchriften, Verſe und Proſa beſchäftigten das picardiſche Bauherrnamt bis zum Tage. 3 Die nach unfürdenklichem Gebrauche weiß geklei⸗ deten Mädchen, die ſchwarz gekleideten Schöppen, die Franziscanermönche in grauem Gewand, die Geittichkeit, auf das Reichſte geſchmückt, die Soldaten und die Offi⸗ ciere der Garniſon in ihren neuen Uniformen wurden auf ihre Poſten geſtellt, und Alle hielten ſich bereit, zu mar⸗ ſchiren, ſobald die Ankunft der Prinzeſſin durch ein Signal verkündigt würde.. Am Tage zuvor abgereiſt, war der Dauphin gegen eilf Uhr Abends mit ſeinen beiden Brüdern incognito an⸗ ggekommen. Er ſtieg am frühen Morgen zu Pferde ohne irgend eine Auszeichnung, als ob er ein einfacher Privat⸗ mann geweſen wäre, und galoppirte, begleitet von dem Herrn Grafen von Provence und dem Herrn Grafen d'Artois, von denen der eine fünfzehn, der andere drei⸗ zehn Jahre alt war, in der Richtung von Ribecourt fort, wobei er die Straße verfolgte, auf welcher die Frau Dau⸗ phine kommen ſollte. Es iſt nicht zu leugnen, dieſer galante Gedanke war nicht dem jungen Prinzen gekommen, ſondern er rührte von Herrn von Lavauguyon, ſeinem Hofmeiſter, her, der am vorhergehenden Tage vor den König gerufen, von Lud⸗ wig XV. den Befehl erhalten hatte, ſeinen erhabenen Zög⸗ ling von allen Pflichten zu unterrichten, die ihm die näch⸗ ſten vier und zwanzig Stunden auferlegten. Herr von Lavauguyon hatte es, um in jeder Hinſicht die Ehre der Monarchie zu wahren, für geeignet gehalten, den Herzog von Berry das traditionelle Beiſpiel der Kö⸗ nige ſeines Geſchlechtes, das Beiſpiel von Heinrich IV., Ludwig XIII., Ludwig XIV. und Ludwig XV. befolgen zu laſſen, welche durch ſich ſelbſt, ohne die Illuſion des Schmuckes, ihre zukünftige Gemahlin, die auf der Land⸗ 243 ſtraße weniger vorbereitet wäre, die Prüfung eines Gatten auszuhalten, analyſiren wollten. 4 Von raſchen Rennern getragen, machten ſie drei bis vier Lieues in einer halben Stunde: der Dauphin war ernſt weggeritten, während ſeine Brüder lachten. Um halb neun Uhr kehrten ſie in die Stadt zurück: der Dauphin, ernſt, wie bei ſeinem Abgang, der Graf von Prodence beinahe verdrießlich, ver Graf d'Artois allein heiterer als er es am Morgen geweſen. Dies kam davon her, daß der Herzog von Berry un⸗ ruhig, der Graf von Provence neidiſch und der Graf d'Artois entzückt war über einen und denſelben Gegen⸗ ſtand: darüber, daß ſie die Dauphine ſo ſchön fanden. Der ernſte, der eiferſüchtige und der ſorgloſe Charak⸗ ter der drei Prinzen war auf dem Antlitz von jedem von ihnen ausgeprägt. Es ſchlug zehn Uhr auf dem Rathhauſe von Com⸗ piègne, als der Wächter auf dem Glockenthurm von Clai⸗ ves die weiße Fahne aufziehen ſah, welche man entfalten ſollte, wenn man die Dauphine erblicken würde. 1 Er gab auch ein Zeichen mit der Glocke, das durch einen Kanonenſchuß auf dem Schloßplatze erwiedert wurde. In demſelben Augenblick, als hätte er nur dieſe An⸗ kündigung erwartet, fuhr der König in einem achtſpänni⸗ gen Wagen, mit der doppelten Reihe ſeiner Haustruppen, gefolgt von der unermeßlichen Menge der Carroſſen ſeines Hofes, in Compiégne ein. Die Gendarmen und die Dragoner machten im Ga⸗ lopp eine Oeffnung in dem Volke, das zwiſchen dem Ver⸗ langen, den König zu ſehen, und dem, der Dauphine ent⸗ gegen zu gehen, getheilt war. 3 Hundert vierſpännige Carroſſen, welche den Raum oon beinahe einer Lieue einnahmen, führten vierhundert Frauen und eben ſo viele Herren vom höchſten Adel Frank⸗ reichs. Dieſe hundert Carroſſen wurden geleitet von Pi⸗ queurs, von Heiducken, von Läufern und Pagen. Die Edelleute vom Hauſe des Königs waren le ferde und 1 244 bildeten eine funkelnde Armee, welche inmitten des von den Füßen der Pferde aufgewirbelten Staubes wie eine Woge von Sammet, Gold, Federn und Seide glänzte. Man machte einen Augenblick Halt in Compiegne; dann entfernte man ſich im Schritt aus der Stadt, um bis zu der beſtimmten Grenze zu fahren, welche ein auf der Höhe des Dorfes Magny am Wege ſtehendes Kreuz war. Die ganze Jugend Frankreichs umgab den Dauphin; der ganze alte Adel befand ſich beim König. Die Dauphine, welche den Wagen nicht gewechſelt hatte, rückte ihrerſeits in einem berechneten Schritt nach der verabredeten Grenze vor. Die zwei Truppen trafen endlich zuſammen. Alsbald waren alle Carroſſen leer. Auf beiden Sei⸗ ten ſtieg die Menge der Höflinge aus; nur zwei Wagen waren noch voll: der eine der des Königs, der andere der der Dauphine. Der Schlag der Carroſſe der Dauphine öffnete ſich und die junge Erzherzogin ſprang leicht zur Erde. Die Prinzeſſin ſchritt nun auf den Schlag der kö⸗ niglichen Carroſſe zu. Sobald Ludwig XV. ſeine Schwiegertochter erblickte, ließ er den Schlag ſeines Wagens öffnen, und ſtieg eben⸗ falls raſch aus. Die Frau Dauphine hatte ihren Gang ſo glücklich berechnet, daß ſie ſich vor dem König in dem Augenblick, wo er den Fuß auf den Boden ſetzte, auf die Kniee warf. Der König bückte ſich, hob die junge Prinzeſſin auf und umarmte ſie zärtlich, während er ſie mit einem Blicke bedeckte, unter welchem ſie ſich unwillkührlich erröthen fühlte. „Der Herr Dauphin,“ ſprach der König, und zeigte Maria Antoinette den Herzog von Berry, der ſich hinter ihr hielt, ohne daß ſie ihn noch, wenigſtens offiziell, ge⸗ ſehen hatte. 8 245 Nach dem Dauphin kamen ſeine zwei Brüder, nach den zwei Brüdern die drei Töchter des Königs. Die Frau Dauphine fand ein artiges Wort für jeden von den drei Prinzen, für jede von den drei Prinzeſſinnen. Während dieſe Vorſtellungen ihren Gang nahmen, ſtand Madame Dubarry, voll Angſt wartend, hinter den Prinzeſſinnen. Sollte ſie berückſichtigt, ſollte ſie vergeſſen werden? Nach der Vorſtellung von Madame Sophie, der letz⸗ ten der Töchter des Königs, trat eine Pauſe von einem Augenblick ein, während deſſen jeder Athem keuchte. Der König ſchien zu zögern, die Dauphine ſchien ein neues Ereigniß zu erwarten, auf das man ſie zum Vor⸗ aus aufmerkſam gemacht. Der König ſchaute umher, erblickte die Gräfin in ſeinem Bereiche und nahm ſie bei der Hand. Jedermann trat bei Seite. Der König befand ſich mitten in einem Kreiſe mit der Dauphine. „Die Frau Gräfin Dubarry, meine beſte Freundin,“ ſagte er. Die Dauphine erbleichte, aber das anmuthigſte Lä⸗ cheln umſpielte ihre blaſſen Lippen, und ſie erwiederte: „Eure Majeſtät iſt ſehr glücklich, eine ſo reizende Freundin zu beſitzen, und ich wundere mich nicht über die Zuneigung, welche ſie einzuflößen vermag.“ Alle Welt ſchaute ſich mit einem Erſtaunen an, das beinahe zur Betäubung wurde. Die Dauphine befolgte offenbar die Inſtructionen des öſterreichiſchen Hofes und wiederholte wahrſcheinlich die ihr von Maria Thereſia vor⸗ geſchriebenen Worte. Herr von Choiſeul glaubte auch, ſeine Gegenwart wäre nothwendig. Er ſchritt hinzu, um ebenfalls vorge⸗ ſtellt zu werden; doch der König machte ein Zeichen mit dem Kopf, die Trommeln raſſelten, die Trompeten erklan⸗ gen, die Kanonen donnerten. Der König nahm die junge Prinzeſſin bei der Hand, um ſie nach ſeinem Wagen zu führen; ſie ging ſo gelei⸗ tet an Herrn von Choiſeul vorüber. Ob ſie ihn ſah oder nicht ſah, läßt ſich unmöglich angeben, es iſt nur gewiß, daß ſie weder mit der Hand, noch mit dem Kopf ein Zeichen machte, das einem Gruße glich. In dem Augenblick, wo die Prinzeſſin in den Wagen des Königs ſtieg, ließen ſich die Glocken der Stadt über all' dem feierlichen Geräuſche hören. Es fand nun ein Halt von zehn Minuten ſtatt; der König ſtieg ebenfalls wieder in ſeinen Wagen und ließ ihn nach Compiogne fahren. Durch die Ehrfurcht oder die Aufregung im Zaume gehalten, brachen mittlerweile alle Stimmen in einem all⸗ gemneinen Geſumme los. Dubarry näherte ſich dem Schlage der Carroſſe ſei⸗ ner Schweſter; dieſe empfing ihn mit lächelndem Antlitz: ſie erwartete ſeine Glückwünſche. „Wiſſen Sie, Jeanne,“ ſagte er, mit dem Finger auf einen Cavalier deutend, der an einer der Carroſſen vom Gefolge der Frau Dauphine plauderte,„wiſſen Sie, wer jener junge Mann iſt?“ „Nein,“ erwiederte die Gräfin;„aber Sie, wiſſen Sie, was die Dauphine geantwortet hat, als mich der König ihr vorſtellte?“ „Es iſt nicht hiervon die Rede. Jener junge Mann iſt Herr Philipp von Taverney.“ „/WDerjenige, welcher Ihnen den Degenſtich gegeben hat? „Ganz richtig. Und wiſſen Sie, wer das bewun⸗ derungswürdige Geſchoͤpf iſt, mit dem er plaudert?“ „Das ſo bleiche und majeſtätiſche Mädchen?“ „Ja, das der König in dieſem Augenblick anſchaut, und nach deſſen Namen er aller Wahrſcheinlichkeit die Frau Dauphine fragt.“ „Nun ²“ „Run! es iſt ſeine Schweſter.“ „Ah!“ machte Madame Dubarry. „Hoͤren Sie, Jeanne, ich weiß nicht warum, aber es — H 247 ſcheint mir, Sie müßten ebenſo ſehr der Schweſter, als N„Sie ſind ein Narr.“ 3 „Ich bin vernünftig. Jedenfalls werde ich für den kleinen Jungen ſorgen.“ „Und ich werde ein Auge auf das kleine Maͤdchen haben.“ „Stille!“ ſagte Jean,„hier kommt unſer Freund, N ich dem Bruder mißtrauen“ S 1 N der Herzog von Richelieu.“ N Der Herzog näherte ſich in der That den Kopf ſchüttelnd. „Was haben Sie denn, mein lieber Herzog? man ſollte glauben, Sie wären unzufrieden.“ 4„Gräfin,“ ſprach der Herzog,„ſcheint es Ihnen nicht, Nhe wir ſehr ernſt, und ich moͤchte beinahe ſagen, ſehr traurig für den ſo freudigen Umſtand ſind, der uns hier verſammelt? Ich erinnere mich, daß wr einſt einer Prin⸗ zeſſin, ſo liebenswürdig wie dieſe, ſo ſchön wie dieſe, ent⸗ NYgegenfuhren, ich meine die Mutter von Monſeigneur dem Dauphin; wir waren Alle heiterer. Vielleicht weil wir jünger waren?“ 3 „Nein, mein lieber Marſchall, weil das Königthum Uminder alt war,“ ſprach eine Stimme hinter dem Herzog. Alle, welche dieſes Wort hörten, durchlief es wie ein Schauer. Der Herzog wandte ſich um und ſah einen al⸗ ten Edelmann von zierlicher Haltung, der ihm mit einem menſchenfeindlichen Lächeln die Hand auf die Schultern legte. „Gott verdamme mich!“ rief der Herzog,„es iſt der Baron von Taverney, Gräfin, einer von meinen älteſten Freunden, für welchen ich mir Ihr ganzes Wohlwollen erbitte; der Baron von Taverney⸗Maiſon⸗Rouge.“ „Es iſt der Vater!“ ſagten gleichzeitig Jean und die Gräfin, indem ſich Beide verbeugten, um zu grüßen. „In den Wagen, meine Herren, in den Wagen!“ rief der Major der Haustruppen, der die Escorte be⸗ fehligte. 1 Die zwei alten Edelleute grüßten die Gräfin und den Vicomte und gingen Beide auf denſelben Wagen zu, glücklich, ſich nach ſo langer Trennung wiederzufinden. „Nun?“ ſprach der Vicomte,„ſoll ich Ihnen etwas ſagen, Gräfin? der Vater gefällt mir eben ſo wenig als die Kinder.“ „Welch ein Unglück, daß dieſer kleine Bär von einem Gilbert entflohen iſt,“ verſetzte die Gräfin;„er, der im Hauſe erzogen wurde, hätte uns Auskunft über Alles dies gegeben.“ „Bah!“ rief Jean,„nun, da wir nichts Anderes zu thun haben, werden wir ihn wiederfinden.“ Das Geſpräch wurde durch die Bewegung der Car⸗ roſſen unterbrochen. Am andern Morgen, nachdem man die Nacht in Compiégne zugebracht, fuhren die zwei Hofe, der Son⸗ nenuntergang eines Jahrhunderts, die Morgenröthe des andern, vermiſcht nach Paris, in dieſen gähnenden Schlund, der ſie Alle verſchlingen ſollte. XL.— Die Beſchützerin und der Schützling. Es iſt Zeit, zu Gilbert zurückzukehren, von deſſen Flucht uns ein unvorſichtiger Ausruf ſeiner Beſchützerin, Mademoiſelle Chon, unterrichtet hat, ohne daß wir mehr von ihm wiſſen. Seitdem unſer Philoſoph im Dorfe Lachauſſée bei den Präliminarien des Duells von Philipp von Taverney mit dem Vicomte Jean Dubarry den Namen ſeiner Be⸗ ſchützerin erfahren hatte, war er in ſeiner Bewunderung ſehr erkaltet. Oft hatte er, in einem Geſträuche oder hinteg einer Heecke verborgen, wenn er mit glühenden Augen Andrée, welche mit ihrem Vater ſpazieren ging, verfolgte, oft hatte A 249 er, ſagen wir, zugehört, wie ſich der Baron ſehr katego⸗ riſch in Beziehung auf Meiſter Dubarry erklärte. Der völlig eigennützige Haß des alten Taverney, deſſen Laſter und Grundſätze wir kennen, hatte eine gewiſſe Sympathie in dem Herzen von Gilbert gefunden. Dies kam davon her, daß Fräulein Andrée auf keine Weiſe dem Böſen widerſprach, das der Baron von Madame Dubarry ſagte; denn es iſt nicht zu leugnen, der Name von Madame Dubarry war in Frankreich ſehr verachtet. Was endlich Gilbert völlig auf die Seite des Barons brachte, war der Umſtand, daß er Nicole mehr als einmal hatte aus⸗ rufen hören:„Ah! wenn ich Madame Dubarry wäre!“ So lange die Reiſe dauerte, war Chon zu ſehr mit ernſten Dingen beſchäftigt, um auf die Veränderung der Laune aufmerkſam zu werden, welche die Kenntniß ſeiner Reiſegefährtin bei Herrn Gilbert hervorgebracht hatte. Sie kam alſo in Verſailles an, ohne daß ſie an etwas Ande⸗ res, als daran dachte, wie ſie zum Beſten des Vicomte den Degenſtich von Philipp wenden ſollte, der nicht zu ſeiner größten Ehre ausfallen konnte. Gilbert hatte kaum die Hauptſtadt, wenn nicht Frank⸗ reichs, doch wenigſtens der franzöſiſchen Monarchie erreicht, als er jeden ſchlimmen Gedanken vergaß, um ſich einer offenherzigen Bewunderung hinzugeben. Majeſtätiſch und kalt, mit ſeinen alten Bäumen, welche der Mehrzahl nach zu vertrocknen und vor Alter hinzuſterben anfingen, durch⸗ drang Verſailles Gilbert mit dem Gefühle religiöſer Trau⸗ rigkeit, deſſen ſich kein wohl organifirter Geiſt in Gegen⸗ wart großer, durch die menſchliche Beharrlichkeit errichteter, oder durch die Macht der Natur geſchaffener Werke er⸗ wehren kann. Aus dieſem bei Gilbert ungewohnten Eindruck, ge⸗ gen welchen ſich ſein angeborner Stolz vergebens ſträubte, ging hervor, daß ihn wäͤhrend der erſten Augenblicke das Erſtaunen und die Bewunderung ſchweigſam und geſchmei⸗ dig machten. Das Gefühl ſeiner Dürftigkeit und ſeiner untergeordneten Stellung drückte ihn nieder. Er fand ſich ſehr ärmlich gekleidet neben dieſen von Gold und Ordens⸗ bändern bedeckten Herren; ſehr klein neben den Schweizern, ſehr wankend, wenn er mit ſeinen mit Eiſen beſchlagenen Schuhen auf den Moſaikboͤden und auf den abgeriebenen und gewichſten Marmorplatten der Gallerien gehen mußte. Dann fühlte er, daß die Unterſtützung ſeiner Be⸗ ſchützerin unerläßlich für ihn war, um etwas aus ihm zu machen. Er näherte ſich ihr, damit die Wachen ſähen, er käme mit ihr. Aber gerade daß ihm Mademoiſelle Chon nothwendig war, konnte er ihr nicht verzeihen. Wir wiſſen bereits, denn wir haben es früher ge⸗ ſehen, daß Madame Dubarry in Verſailles ſchöne Gemä⸗ cher bewohnte, welche einſt Madame Adelaide bewohnt hatte. Das Gold, der Marmor, die Wohlgerüche, die Teppiche, die Spitzen berauſchten Anfangs Gilbert, eine durch Inſtinkt ſinnliche Natur, einen durch den Willen philoſophiſchen Geiſt, und erſt nachdem er ſeit geraumer Zeit da war, bemerkte er, zuvor in die innere Betrach⸗ tung der vielen Wunder verſunken, die ſeinen Geiſt ge⸗ blendet hatten, daß er ſich in einer mit Sarſche ausge⸗ ſchlagenen kleinen Manſarde befand, daß man ihm Fleiſch⸗ brühe, den Reſt von einer Hammelskeule und einen Topf Créme vorgeſetzt, und daß der Diener, der ihm dies vor⸗ ſetzte, mit dem Tone eines Gebieters geſagt hatte:„Bleiben Sie hier!“ wonach er ſich zurückgezogen. . Ein letzter Winkel des Gemäͤldes, es war allerdings der herrlichſte, hielt ihn indeſſen noch unter dem Zauber. Man hatte ihn zwar unter dem Dache einquartiert; doch von dem Fenſter ſeiner Manſarde aus ſah er den ganzen Park von Marmor überſchmelzt; er erblickte die Waſſer, bedeckt mit jener grünlichen Kruſte, welche die Vernach⸗ läſſigung über ſie ausgebreitet, und jenſeits der Waſſer die Gipfel der Bäume, zitternd wie die Wellen des Oceans, die buntſcheckigen Ebenen und die blauen Horizonte der benachbarten Berge. Das Einzige, an was Gilbert in dieſem Augenblick dachte, war, daß er wie die erſten Her⸗ ren Frankreichs, ohne ein Höfling oder ein Lackei zu ſein, 251 ohne irgend eine Empfehlung der Geburt und ohne irgend eine Gemeinheit des Charakters, in Verſailles, das heißt in dem Palaſte des Königs wohnte. Während Gilbert ſein kleines Mahl verzehrte, das übrigens ſehr gut war, wenn er es mit denjenigen verglich, welche ihm gewohnlich zugekommen; waͤhrend er ſtatt des Nachtiſches zum Fenſter ſeiner Manſarde hinausſchaute, begab ſich Chon, wie man ſich erinnert, zu ihrer Schwe⸗ ſter, flüſterte dieſer in das Ohr, ihr Auftrag bei Frau von Béarn ſei erfüllt, und theilte ihr ſodann laut den Unfall mit, der ihrem Bruder in dem Wirthshauſe von Lachauſſée begegnet war, einen Unfall, den wir trotz des Lärmens, welchen er bei ſeiner Geburt gemacht, in dem Schlunde ſich verlieren und ſterben ſahen, in dem Schlunde, worin ſo viele andere noch viel wichtigere Dinge ſterben ſollten, in der Gleichgültigkeit des Königs. Gilbert war in eine von den Träumereien verſunken, welche bei ihm ſo häufig den Dingen gegenüber vorkamen, die das Maaß ſeines Verſtandes oder ſeines Willens über⸗ ſtiegen, als man ihn benachrichtigte, Mademoiſelle Chon lade ihn ein, hinabzukommen; er nahm ſeinen Hut, bürſtete ihn, verglich aus dem Augenwinkel ſein abgetragenes Kleid mit dem neuen Kleide des Bedienten, ſagte ſich, das Kleid des letzteren ſei eine Bedientenlivree und erröthete nichts⸗ deſtoweniger, als er hinab ging, vor Scham, daß er ſich ſo wenig im Einklang mit den Menſchen fand, an welche er ſtieß, und mit den Dingen, die vor ſeinen Augen vor⸗ fielen. Chon ging gleichzeitig mit Gilbert in den Hof, nur bediente ſie ſich der großen Treppe und er ſtieg eine Art von Nebenleiter hinab. Ein Wagen wartete. Es war ein niedriger, vierſitzi⸗ ger Phaeton, dem kleinen hiſtoriſchen Wagen ähnlich, in welchem der große König zugleich Frau von Monteſpan, Frau von Fontanges und ſogar die Königin ſpazieren führte. Chon ſtieg ein und machte es ſich auf dem erſten — 25²2 Sitze mit einer großen Kiſte und einem kleinen Hunde 4 bequem. Die zwei andern Plätze waren für Gilbert und eine Art von Intendanten, Namens Grange, beſtimmt. Gilbert beeilte ſich, um ſeinen Rang zu behaupten, hinter Chon Platz zu nehmen. Ohne Schwierigkeiten zu machen, ſogar ohne nur hieran zu denken, ſetzte ſich der Intendant hinter die Kiſte und den Hund. MNNademoiſelle Chon, in Geiſt und Herz Allem ähnlich, 5 was Verſailles bewohnte, fühlte ſich freudig, den großen Palaſt zu verlaſſen, um die Luft des Waldes und der Wieſen zu athmen, wurde mittheilſam, wandte ſich, als ſie kaum aus der Stadt gefahren, halb um und ſagte: „Nun! wie finden Sig Verſailles, Herr Philoſoph?“ „Sehr ſchön, Madame; aber verlaſſen wir es ſchon?“ „Ja, wir gehen diesmal zu uns.“ „Das heißt zu Ihnen, Madame,“ entgegnete Gil⸗ bert mit dem Tone eines menſchlich werdenden Bären. „Das wollte ich ſagen. Ich werde Sie meiner Schweſter zeigen, ſuchen Sie ihr zu gefallen, darnach trachten in dieſem Augenblick die vornehmſten Herren 2 Frankreichs. Hören Sie, Herr Grange, Sie werden die⸗ ſem Jungen einen vollſtändigen Anzug machen laſſen.“ Gilbert erröthete bis über die Ohren. „Was für einen Anzug, Madame?“ fragte der In⸗ tendant;„die gewöhnliche Livree?“ Gilbert ſprang von ſeinem Sitze auf.. .„Die Livree!“ rief er, und ſchleuderte dem Inten⸗ danten einen wilden Blick zu. Chon brach in ein Gelächter aus. „Nein, Sie laſſen machen... ich werde es Ihnen 4 ſagen; ich habe einen Gedanken, den ich meiner Schwe⸗ 4 ſter mittheilen will. Wachen Sie nur darüber, daß dieſer 3 Anzug zu gleicher Zeit mit dem von Zamore fertig wird.“ „Gut, Madame.“ 3 „Kennen Sie Zamore?“ fragte Chon Gilbert, der über dieſes ganze Geſpräch ſehr beſtürzt war. 2⁵³ .„Nein, Madame,“ antwortete er,„ich habe nicht dieſe 8 hre.“ „Es iſt ein zukünftiger Gefährte von Ihnen, der Gouverneur des Schloſſes Luciennes werden wird. Machen Sie ſich zu ſeinem Freunde; Zamore iſt im Grunde ein gutes Geſchöpf, trotz ſeiner Farbe.“ Gilbert war im Begriff zu fragen, von welcher Farbe Zamore ſei, aber er erinnerte ſich der Moral, die ihm Chon in Beziehung auf ſeine Neugierde geleſen, und hielt aus Furcht vor einem zweiten Verweiſe an ſich. „Ich werde mich bemühen,“ begnügte er ſich mit einem Lächeln voll Würde zu antworten. Man kam nach Luciennes. Der Philoſoph hatte Al⸗ les geſehen: die friſchbepflanzte Straße, die große Waſſer⸗ leitung, welche ein römiſches Werk zu ſein ſcheint, die ſchattigen Abhänge, die Kaſtanienbäume mit dem dichten Blätterwerk, die Ebenen und Wälder endlich, welche einen ſo herrlichen Anblick bieten, und in ihrer Flucht gegen Maiſons die zwei Ufer der Seine begleiten. „Das iſt alſo der Palaſt, welcher nach der Ausſage des Herrn Baron von Taverney Frankreich ſo viel Geld gekoſtet hat?“ ſprach Gilbert zu ſich ſelbſt. Freudige Hunde und geſchäftige Bedienten liefen her⸗ bei, um Chon zu begrüßen, und unterbrachen Gilbert mit⸗ ten in ſeinen ariſtokratiſch⸗philoſophiſchen Betrachtungen. 6„Iſt meine Schweſter ſchon angekommen?“ fragte Thon. „Nein, Madame, aber man erwartet ſie.“ „Wer dies?“ 3 „Der Herr Kanzler, der Herr Polizeilieutenant, der Herr Herzog d'Aiguillon.“ „Gut! öffnen Sie mir geſchwind das chineſiſche Ca⸗ binet, ich will meine Schweſter zuerſt ſehen; Sie werden ſie benachrichtigen, daß ich da bin, hören Sie? Ah! Sylvie,“ fuhr Chon fort, indem ſie ſich an eine Art von Kammerfrau wandte, welche ſich der Kiſte und des klei⸗ nen Hundes bemächtigt hatte,„geben Sie die Kiſte und 254 Miſgpouf Herrn Grange und führen Sie meinen kleinen Philoſophen zu Zamore.“ Mademoiſelle Sylvie ſchaute umher und ſuchte ohne Zweifel, von welcher Sorte von Thieren Chon ſpreche; als aber ihre Blicke und die ihrer Gebieterin gleichzeitig auf Gilbert haften blieben, bedeutete ihr Chon durch ein Zeichen, es ſei von dem jungen Manne die Rede. „Kommen Sie,“ ſagte Sylvie. Immer mehr erſtaunt folgte Gilbert der Kammer⸗ frau, während Chon, leicht wie ein Vogel, in einer der Seitenthüren des Pavillon verſchwand. Ohne den befehlenden Ton, in welchem Chon mit ihr geſprochen, hätte Gilbert Mademoiſelle Sylvie eher für eine vornehme Dame als für eine Kammerfrau gehal⸗ ten. Sie glich in der That, was das Coſtume betraf, viel mehr Andrée als Nicole. Sylvie nahm Gilbert bei der Hand und richtete ein anmuthiges Lächeln an ihn, denn die Worte von Mademoiſelle Chon deuteten in Be⸗ ziehung auf den Ankömmling, wenn nicht Zuneigung, doch wenigſtens Laune an. Dies war Mademoiſelle Sylvie, wohlverſtanden, ein großes, ſchönes Mädchen, mit dunkelblauen Augen, weißem, leicht mit Sommerſproſſen beflecktem Teint und herrlichen, glühend blonden Haaren. Ihr friſcher, feiner Mund, ihre weißen Zähne, ihr fleiſchiger Arm brachten auf Gilbert einen von jenen ſinnlichen Eindrücken hervor, für welche er ſo zugänglich war, einen Eindruck, der ihn durch ein zartes Beben an den Honigmond erinnerte, von welchem Nicole geſprochen.“ Ddie Frauen bemerken ſtets dergleichen Dinge; Ma⸗ demoiſelle Sylvie bemerkte es alſo und fragte lächelnd: „Wie heißen Sie, mein Herr? „Gilbert, Mademoiſelle,“ antwortete unſer junger Mann mit einer ziemlich ſanften Stimme. „Nun, Herr Gilbert, kommen Sie und machen Sie Bekanntſchaft mit dem Seigneur Zamore.“ „Mit dem Gouverneur des Schloſſes Luciennes?“ die — 255 „Mit dem Gouverneur.“ Gilbert ſtreckte ſeine Arme, bürſtete ſeinen Rock mit einem Aermel und fuhr mit ſeinem Sacktuch über ſeine Hände. Er hatte im Grunde etwas bange, vor einer ſo wichtigen Perſon zu erſcheinen, aber er erkünerte ſich der Worte:„Zamore iſt ein gutes Geſchopf,“ und dieſe Worte beruhigten ihn. Er war bereits der Freund einer Gräfin, der Freund eines Vicomte und ſollte der Freund eines Gouverneur werden. „Ei!“ dachte er,„verleumdet man den Hof, da es ſo leicht iſt, hier Freunde zu bekommen? Dieſe Leute ſind gaſtfreundlich und gut, glaube ich.“ Sylvie öffnete die Thüre eines Vorzimmers, das eher ein Bondoir zu ſein ſchien; die Füllungen waren von Schildplatt mit vergoldetem Kupfer incruſtirt. Man hätte es für ein Atrium von Lucullus halten können, wären nicht bei dem alten Römer die Incruſtationen von reinem Gold geweſen. Hier ruhte auf einem ungeheuren Fauteuil unter Kiſſen begraben, die Beine gekreuzt, und Paſtillen von Chocolade knaupelnd, der Seigneur Zamore, den wir kennen, den aber Gilbert nicht kannte. Die Wirkung, welche die Erſcheinung des zukünftigen Gouverneur von Luciennes auf den Philoſophen hervor⸗ brachte, prägte ſich auf eine ſeltſame Weiſe in ſeinem Ge⸗ ſichte aus. „Oh!“ rief er, indem er ganz erſtaunt das fremd⸗ artige Geſicht betrachtete, denn es war das erſte Mal, daß er einen Neger ſah;„oh! oh! was iſt das?“ Zamore erhob nicht einmal den Kopf und fuhr fort ſeine Zeltchen zu kauen, während ſeine Augen weiß vor Vergnügen anzuſchauen waren. „Das iſt Herr Zamore,“ antwortete Sylvie. „Er?“ verſetzte Gilbert voll Verwunderung. „Allerdings,“ erwiederte Sylvie, unwillkührlich über die Wendung lachend, welche dieſe Scene nahm. . 256 „Der Gouverneur?“ fuhr Gilbert fort,„dieſer Affe Gouverneur des Schloſſes Luciennes? Gehen Sie doch, Mademoiſelle, Sie ſpotten meiner.“ Bei dieſen Worten richtete ſich Zamore auf und zeigte ſeine weißen Zähne. „Ich Gouverneur,“ ſagte er,„nicht Affe.“ Gilbert ließ einen unruhigen Blick von Zamore auf Sylvie übergehen, und dieſer Blick wurde zornig, als er ſah, daß die junge Frau, obgleich ſie an ſich zu halten bemüht war, in ein Gelächter ausbrach. Zamore aber tauchte ernſt und unempfindlich ſeine ſchwarze Klaue wieder in den Atlaßſack und ſetzte ſein Geknaupel fort. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Herr Grange erſchien, von einem Schneider gefolgt. „Hier,“ ſagte er, auf Gilbert deutend,„hier iſt die Perſon, für welche das Kleid ſein ſoll; nehmen Sie das Maaß, wie ich Ihnen erklärt habe, daß es genommen werden muß.“ Gilbert reichte maſchinenmäßig ſeine Arme und ſeine Schultern, während Sylvie und Herr Grange im Hinter⸗ grunde des Zimmers plauderten und Mademoiſelle Sylvie immer mehr bei jedem Worte lachte, das der Intendant zu ihr ſagte. „Ahl das wird reizend ſein,“ verſetzte Mademoiſelle Sylvie;„und bekommt er auch die ſpitzige Mütze wie Sganarelle?“ 3 Gilbert hörte nicht einmal die Antwort; er ſtieß den Schneider ungeſtüm zurück, und wollte ſich um keinen Preis zu dem Reſte der Ceremonie hergeben. Er kannte Sganarelle nicht, aber der Name und beſonders das Ge⸗ lächter von Mademoiſelle Sylvie deuteten ihm an, daß es eine außerordentlich lächerliche Perſon ſein mußte. „Es iſt gut,“ ſagte der Intendant zu dem Schneider, „thun Sie ihm keine Gewalt an; Sie wiſſen genug, nicht 4 wahr?“ „Gewiß,“ antwortete der Schneider;„überdies ſchadet — 0————— ,——+ —,,——— ‿——— — 85 S 257 die Weite bei ſolchen Kleidern nie; ich werde es weit halten.“ Hienach entfernten ſich Mademoiſelle Sylvie, der In⸗ tendant und der Schneider, und ließen Gilbert mit dem kleinen Neger, der fortwährend Paſtillen kaute und ſeine weißen Augen in ihren Höhlen drehte. Welche Räthſel für den armen Provinzbewoh ner, welche Befürchtungen, welche Pein beſonders für den Philoſophen, der ſeine Menſchenwürde noch klarer in Luciennes als in Taverney gefährdet ſah, oder zu ſehen glaubte! Er verſuchte es indeſſen, mit Zamore zu ſprechen, denn es kam ihm der Gedanke, es wäre vielleicht ein in⸗ diſcher Prinz, wie er ſolche in den Romanen von Herrn Crebillon Sohn geſehen hatte. Aber der indiſche Prinz trat, ſtatt ihm 8 antworten, vor jeden Spiegel, beſchaute ſein herrliches Coſtume, wie es eine Braut mit ihrem Hochzeitkleide macht, ſetzte ſich ſodann auf einen Stuhl mit Röllchen, dem er den Impuls mit ſeinen Füßen gab, und machte etwa zehnmal die Fahrt durch das Vorzimmer mit einer Schnelligkeit, welche zum Beweis für ſein tiefes Studium in dieſer geiſtreichen Uebung diente. Plötzlich erſcholl ein Glöckchen. Zamore ſprang von ſeinem Stuhle herab, den er an der Stelle ließ, wo er angehalten hatte, und eilte durch eine der Thüren des Vorginers in der Nichtung des Geräuſches der Glocke fort. Die Eilfertigkeit, mit der er dem ſilbernen Klange gehorchte, überzeugte Gilbert vollends, daß der Neger kein Prinz war. Gilbert hatte einen Augenblick Luſt, durch dieſelbe Thüre wie Zamore wegzugehen, als er aber an das Ende des Ganges kam, der in einen Salon führte, erblickte er ſo viel blaue und rothe Ordensbänder, Alles bewacht durch ſo unverſchämte, ſo freche Bedienten, daß er fühlte, wie ein Schauer ſeine Adern durchlief, und Schweiß auf der Stirne in ſein Vorzimmer zurückkehrte. So verging eine Stunde; Zamore kam nicht wieder; Mademwiſelle Sylvie Denkwürdigkeiten eines Arztes. II. 17 5—— .r☛ 3, ——n, Frau von Béarn in Kenntniß geſetzt hatte, frühſtückte war immer noch abweſend; Gilbert rief mit allen ſeinen Wünſchen ein menſchliches Geſicht herbei, und wäre es das des abſcheulichen Schneiders geweſen, welcher die My⸗ ſtification, mit der man ihn bedroht, in das Werk zu ſetzen hatte. Nach Ablauf dieſer Stunde öffnete ſich die Thüre, durch die er eingetreten, wieder, ein Lackei erſchien und ſprach: „Rommen Sie.“ XILI. Der Arzt wider Willen. Gilbert fühlte ſich unangenehm dadurch berührt, daß er einem Lackei gehorchen ſollte; da es ſich jedoch ohne Zweifel um eine Veränderung in ſeinem Zuſtand handelte, und es ihm vorkam, als müßte jede Veränderung vorthil⸗ haft für ihn ſein, folgte 83 nichtsdeſtoweniger ſchleunigſt. Endlich frei von allen Verhandlungen, nachdem ſie † ihre Schwägerin von dem Verlaufe ihrer Sendung zu Mademoiſelle Chon behaglich in einem ſchönen Morgen⸗ negligé an einem Fenſter, zu deſſen Höhe die Acacien und Kaſtanienbäume emporra gten. A Sie aß mit ſehr gutem A Appetit und Gilbert bemerkte daß dieſer Appet durch ein Salmis von Faſanen und eine Ga⸗ lantine mit Trüffeln gerechtfertigt war. Zu Mademoiſelle Chon eingeführt, ſuchte der Philoſoph Gilbert mit den Augen auf dem kleinen Tiſche den Platz für ſein Gedeck, denn er erwartete eine Einladung. 1 Aber Chon bot ihm nicht einmal einen Stuhl an. 4 Sie beſchränkte ſich darauf, einen Blick auf She zu werfen, und ſagte, nachdem ſie ein Gläschen de f farbigen Wein geleert: „Laſſen Sie horen, mein lieber Arzt, wie weit find Sie mit Zamore?“ . 259 „Wie weit ich mit ihm bin?“ fragte Gilbert. „Allerdings, ich hoffe, Sie haben Bekanntſchaft mit ihm gemacht.“ „Wie ſoll ich Bekanntſchaft mit einem Thiere machen, das nichts ſpricht, und wenn man mit ihm ſpricht, nur die Augen rollt und die Zähne zeigt?“ „Sie erſchrecken mich,“ erwiederte Chon, ohne ihr Mahl zu unterbrechen, und ohne daß der Ausdruck ihres Geſichtes mit ihren Worten im Einklang ſtand;„Sie ſind alſo ſehr häkelig in der Freundſchaft?“ „Die Freundſchaft ſetzt Gleichheit voraus, Mademoiſelle.“ „Ein ſchöner Grundſatz!“ ſagte Chon.„Sie haben ſich alſo nicht für Zamores Gleichen gehalten?“ Das heißt,“ verſetzte Gilbert,„ich habe nicht ge⸗ glaubt, er wäre meines Gleichen.“ „In der That,“ ſagte Chon, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt,„in der That, er iſt entzückend.“ Dann wandte ſie ſich gegen Gilbert um, deſſen hoch⸗ müthige Miene ſie wahrnahm, und fügte bei: „Sie ſagte alſo, lieber Doctor, Sie geben Ihr Herz nur ſchwer?“ Sehr ſchwer, Madame?“ Sehr viel Zeit, Madame, und es gibt ſogar Leute, che te, was ſie auch thun mögen, nie erlangen werden.“ ih! das erklärt mir, warum Sie, nachdem Sie tzehn Jahre in dem Hauſe des Baron von Taverney ge⸗ eben ſind, dieſes plötzlich verlaſſen haben. Die Taverney hatten keine Hoffnung, ſich bei Ihnen in Gunſt zu ſetzen, nicht wahr, ſo iſt es?“ Gilbert erroͤthete. 178* *½ 260 „Nun, Sie antworten nicht?“ fuhr Chon fort. „Was ſoll ich antworten, Madame, wenn nicht, daß jede Freundſchaft und jedes Vertrauen verdient werden muß.“ „Teufel! in dieſem Falle würde es ſcheinen, als hätten die Wirthe von Taverney weder dieſe Freundſchaft, noch dieſes Vertrauen verdient?“ 8 „Nicht alle, Madame.“ „Und was thaten diejenigen, welche das Unglück hatten, Ihnen zu mißfallen.“ „Ich beklage mich nicht, Madame,“ ſprach Gilbert ſtolz. „Ah! ah!“ verſetzte Chon,„ich ſehe, daß ich mich aus dem Vertrauen von Herrn Gilbert ausgeſchloſſen habe. Es fehlt mir indeſſen nicht an der Luſt, mir dieſes Vertrauen zu erwerben, nur kenne ich die Mittel nicht, die man hiebei anzuwenden hat.“ 4 Gilbert biß ſich auf die Lippen. „Kurz dieſe Taverney wußten Sie nicht zufrieden zu ſtellen,“ fügte Chon mit einer Neugierde bei, deren Ziel Gilbert nicht entging.„Sagen Sie mir doch ein wenig, was Sie bei ihnen machten?“ Gilbert war ziemlich verlegen, denn er wußte ſelbſt nicht, was er in Taverney gemacht hatte. „Madame,“ antwortete er,„ich war... ich war Vertrauter.“ 4 Bei dieſen Worten, welche mit dem Gilbert charak⸗ teriſirenden, philoſophiſchen Phlegma geſprochen wurden, brach Chon in ein ſo heftiges Gelächter aus, daß ſie auf ihrem Stuhle zurückfiel.“ „Sie zweifeln daran?“ verſetzte Gilbert die Stirne faltend.— „Gott behüte mich! Wiſſen Sie, mein liebe F daß Sie ſehr aufbrauſend ſind, und daß man Ihnen nichts ſagen kann? Ich fragte Sie, was für deme hie Taverney wären, und dies geſchah nicht, um Sie zu be⸗ leidigen, ſondern vielmehr um Ihnen zu dienen, indem ich Sie in Ihrer Rache unterſtützen würde.“ 261 „Ich räche mich nicht, oder ich räche mich ſelbſt, Madame.“ „Sehr gut, aber wir hegen auch einen Groll gegen die Taverney. Da dies bei Ihnen ebenfalls ſo iſt, und Sie vielleicht mehr als einen Grund zur Klage haben, ſo ſind wir natürlich Verbündete.“ „Sie täuſchen ſich, Madame, meine Art, mich zu rächen, kann keine Beziehung zu der Ihrigen haben, denn ſie ſprechen von den Taverney im Allgemeinen, und ich laſſe verſchiedene Nuancen in den verſchiedenen Gefühlen bei meinem Verhältniſſe zu ihnen zu.“ „Und Herr Philipp von Taverney zum Beiſpiel, iſt er in den duͤſteren Nuancen, oder in den freundlichen 2“ „Ich habe nichts gegen Herrn Philipp. Herr Philipp hat mir weder Gutes noch Boͤſes gethan. Ich liebe ihn nicht und haſſe ihn nicht; er iſt mir völlig gleichgültig.“ „Sie würden alſo vor dem König oder vor Herrn von Cheiſeul nicht gegen Herrn Philipp von Taverney zeugen? 1„In welcher Hinſicht?“ „Wegen ſeines Duells mit meinem Bruder?“ „Ich würde ſagen, was ich weiß, Madame, wenn ich zum Zeugen berufen wäre.“ „Und was wiſſen Sie?“ „Die Wahrheit.“ „Was nennen Sie die Wahrheit? Das iſt ein ſehr elaſtiſches Wort.“ „Nie für denjenigen, welcher das Gute vom Boͤſen, das Gerechte vom Ungerechten zu unterſcheiden weiß.“ „Ich begreife: das Gute iſt Herr Philipp von Ta⸗ verney, das Böſe der Herr Vicomte Dubarry.“ „Ja, Madame, meiner Anſicht nach und nach meinem Gewiſſen wenigſtens.“ „Das habe ich auf dem Wege aufgeleſen!“ ſagte Chon mit einer gewiſſen Bitterkeit;„ſo belohnt mich der⸗ jenige, welcher mir das Leben zu verdanken hat!“ 2 — A 4 1 262 „Das heißt, Madame, derjenige, welcher Ihnen nicht den Tod verdankt.“ „Das iſt das Gleiche.“ „Nein, es iſt im Gegentheil ein großer Unterſchied.“ „Wie ſo?“ „Ich verdanke Ihnen nicht das Leben, Sie haben nur die Pferde verhindert, es mir zu nehmen, und nicht einmal Sie, ſondern der Poſtillon.“ Chon ſchaute den kleinen Logiker, der ſo wenig mit den Ausdrücken feilſchte, ſcharf an und erwiederte dann, ihren Blick und ihren Ton mildernd: „Ich hätte ein wenig mehr Galanterie von Seiten eines Reiſegefährten erwartet, der ſo gut während der Fahrt meinen Arm unter einem Kiſſen und meinen Fuß unter ſeinem Knie zu finden wußte.“ Chon war ſo herausfordernd mit dieſer Weichheit, mit dieſer Vertraulichkeit, daß Gilbert Zamore, den Schnei⸗ der und das Frühſtück, zu dem man ihn nicht eingeladen, vergaß. „Nun, nun, wir werden wieder artig,“ ſagte Chon, indem ſie das Kinn von Gilbert in ihre Hand nahm. „Nicht wahr, Sie werden gegen Philipp von Taverney ſeugen?“ P„Oh! was das betrifft, nein, nie!“ „Und warum nicht, Halsſtarriger?“ „Weil der Herr Vicomte Jean Unrecht gehabt hat.“ „Und worin hat er Unrecht gehabt?“ „Darin, daß er die Dauphine beleidigte, während im Gegentheil Herr Philipp von Taverney....“ „Nun?“ „Recht hatte, indem er ſie vertheidigte.“ „Ah! wir ſind auf Seiten der Dauphine, wie es ſcheint?“ „Nein, auf Seiten der Gerechtigkeit.“ „Sie ſind ein Narr, Gillbert, ſchweigen Sie, damit man Sie nicht ſo im Schloſſe reden hört.“ R R 263 „Dann überheben Sie mich der Antwort, wenn Sie mich fragen.“ „So verändern wir das Geſpräch.“ Gilbert verbeugte ſich zum Zeichen der Beipflichtung. „Laſſen Sie hören, kleiner Junge,“ fragte Chon mit ziemlich hartem Tone,„was gedenken Sie hier zu thun, wenn Sie ſich nicht angenehm machen?“ „Muß ich mich durch einen Meineid angenehm machen?“ „Woraus nehmen Sie denn alle dieſe großen Worte?“ „Aus dem Rechte, das jeder Menſch hat, ſeinem Ge⸗ wiſſen treu zu bleiben.“ „Bah!“ verſetzte Chon,„wenn man einem Herrn dient, ſo übernimmt dieſer Herr jede Verantwortlichkeit.“ „Ich habe keinen Herrn,“ brummte Gilbert. „Und ſo, wie Sie ſich betragen, kleiner Dummkopf, werden Sie auch nie eine Herrin haben,“ verſetzte Chon, indem ſie wie eine ſchoͤne Träge aufſtand.„Ich wieder⸗ hole meine Frage, antworten Sie kategoriſch: was ge⸗ denken Sie bei uns zu thun?“ 1 „Ich glaubte, es wäͤre nicht nöthig ſich angenehm zu machen, wenn man ſich nützlich machen könnte.“ „Sie täuſchen ſich: man trifft nur nützliche Leute, und deren ſind wir müde.“ „Dann werde ich mich zurückziehen.“ „Sie werden ſich zurückziehen?“ „Ja gewiß; ich habe nicht hierher zu kommen ver⸗ langt, und bin alſo frei.“ „Frei!“ rief Chon, welche über dieſen Widerſtand, an den ſie nicht gewöhnt war, zornig zu werden anfing. „Oh! nein!“ Das Geſicht von Gilbert zog ſich krampfhaft zu⸗ ſammen. „Ruhig, ruhig,“ ſagte die junge Frau, als ſie an dem Runzeln ſeiner Stirne wahrnahm, daß er nicht leicht auf ſeine Freiheit Verzicht leiſtete,„Ruhe und Friede! Sie ſind ein hübſcher, ſehr tugendhafter Junge und in 264 dieſer Hinſicht äußerſt beluſtigend, waͤre den Contraſt, den Sie mit Allem dem, es auch nur durch bilden werden. was uns umgibt, Bewahren Sie nur Ihre Liebe für die Wahrheit.“ 4 „Sicherlich werde ich ſie bewahren.“ G „Ja, aber wir verſtehen die Sache auf zwei verſchiedene Weiſen. Ich ſage: bewahren Sie dieſelbe für ſich und feiern Sie Ihren Cultus nicht in den Gängen von Tria⸗ non oder in den Vorzimmern von Verſailles.“ „Hm!“ machte Gilbert. „Es gibt keine hm! Sie ſind nich kleiner Philoſoph, daß Sie nicht viele Dinge von einer Frau lernen könnten... vor Allem das erſte Ariom: man lügt nicht, wenn man ſchweigt; behalten Sie dies wohl.“ „Aber wenn man mich fragt?“ „Wer dies? Sind Sie verrückt, mein Freund? Gu⸗ ter Gott, wer denkt in der Welt an Sie, wenn nicht etwa ich? Sie haben noch keine Schule, wie mir ſcheint, Herr Philoſoph. Die Gattung, zu der Sie gehören, iſt noch ſelten. Man muß auf der Landſtraße umherlaufen und die Wälder durchſtreifen, um Ihres Gleichen zu finden. Sie werden bei mir bleiben und ich gebe Ihnen nicht viermal vier und zwanzig Stunden, ohne Sie in einen vollkommenen Höfling verwandelt zu ſehen.“ „Ich zweifle daran,“ erwiederte Gilbert mit ſtolzem Chon zuckte die Achſeln. Gilbert lächelte. „Doch genug hievon,“ ſagte Chon; 3;„übrigens haben Sie nur drei Perſonen zu gefallen.“ „Und dieſe drei Perſonen ſind?“ „Der König, meine Schweſter und ich.“ „Was muß ich zu dieſem Behufe thun?“ ſprach die junge Frau, Frage vermeidend. t ſo weiſe, mein Tone „Sie haben Zamore geſehen?“ eine unmittelbare Antwort auf dieſe 265 „Den Neger?“ verſetzte Gilbert mit einer tiefen Ver⸗ achtung g „Ja, den Neger.“— „Was kann ich mit ihm gemein haben?“ „Bemühen Sie ſich, daß es das Vermögen iſt, mein kleiner Freund. Dieſer Neger hat bereits zweitauſend Livres Rente auf die Kaſſe des Königs. Er wird zum Gouverneur des Schloſſes Luciennes ernannt, und derjenige, welcher über ſeine dicken Lippen und ſeine Farbe gelacht hat, wird ihn Monſieur und ſogar Monſdicnenr nennen. „Das werde ich nicht ſein, Madame,“ entgegnete Gilbert. „Ah! ich glaubte, es wäre eine der erſten Lehren der Philoſophen, alle Menſchen ſeien ſich gleich.“ Gerabe deshalb werde ich Zamore nicht Monſeigneur nennen. Chon war durch ihre eigenen Waffen geſchlagen. Sie biß ſich ebenfalls auf die Lippen. „Alſo ſind Sie nicht ehrgeizig?“ ſagte ſie. „Doch!“ antwortete Gilbert mit funkelnden Augen, „im Gegentheil.“ „Und Ihr Ehrgeiz, wenn ich mich recht erinnere, be⸗ ſteht darin, daß Sie Arzt werden wollen.“ „Ich betrachte die Aufgabe, ſeinen Nebenmenſchen Hülfe zu leiſten, als die ſchönſte, die es in der Welt gibt.“ „Run, Ihr Traum ſoll verwirklicht werden.“ „Wie ſo?“ „Sie werden Arzt ſein, und zwar Arzt des Königs.“ „Ich!“ rief Gilbert,„ich, der ich Räch einmal die erſten Begriffe von der Arzneikunde habe!... Sie ſpotten, Madame.“ „Ci! weiß Zamore, was ein Fallgatter, eine Con⸗ trescarpe iſt? Nein, wahrhaftig, er weiß es nicht, und kümmert ſich auch nicht darum. Deſſen ungeachtet wird er Gouverneur des Schloſſes Luciennes mit allen Privilegien, welche an dieſen Titel geknüpft, ſind. „Ahl ja, ja, ich begreife,“ ſagte Gilbert bitter,„Sie 266 haben nur einen Hofnarren, das iſt nicht genug, der Kö⸗ nig langweilt ſich, er braucht zwei.“ „Gut,“ rief Chon, er nimmt wieder ſeine lange Miene an.„In der That, Sie machen ſich ſo häßlich, daß man ſein Vergnügen daran hat, mein kleiner Mann. Bewah⸗ ren Sie alle dieſe phantaſtiſchen Mienen für den Augen⸗ blick, wo die Perrücke auf Ihrem Kopf und der ſpitze Hut auf der Perrücke ſein wird; dann wird das, ſtatt häßlich zu ſein, komiſch werden.“ Gilbert runzelte zum zweiten Male die Stirne. „Hoͤren Sie,“ ſprach Chon,„Sie können den Poſten eines Arztes des Königs wohl annehmen, wenn der Herr Herzog von Tresmes ſich um den Titel eines Affen meiner Schweſter bewirbt.“ Gilbert antwortete nichts. Chon wandte auf ihn das Sprüchwort an:„Wer nichts ſagt, pflichtet bei.“ „Zum Beweiſe, daß Sie in Gunſt zu ſein anfangen,“ ſprach Chon,„werden Sie nicht mit dem Geſinde eſſen.“ „Ah! ich danke, Madame,“ antwortete Gilbert. gebenen⸗ ich habe bereits Befehl zu dieſem Behufe ge⸗ „Und wo werde ich eſſen?“ „Sie werden den Tiſch von Zamore theilen.“ „Ich?“ „Allerdings, der Gouverneur und der Arzt des Kö⸗ nigs können wohl an einem Tiſche ſpeiſen. Eſſen Sie alſo mit ihm zu Mittag, wenn Sie wollen.“ „Ich habe keinen Hunger,“ antwortete Gilbert mit rohem Ton. „Sehr gut,“ erwiederte Chon ruhig,„Sie haben jetzt keinen Hunger, aber Sie werden dieſen Abend Hun⸗ ger haben.“ 8 Gilbert ſchüttelte den Kopf. 8 „Wenn nicht dieſen Abend, doch morgen oder über⸗ morgen. Ah! Sie werden ſich beſänftigen, Herr Rebell, und wenn Sie ſich zu ſchlimm benehmen, ſo haben wir — 267 den Herrn Corrector der Pagen, der uns ganz und gar ergeben iſt.“ Gilbert zitterte und erbleichte. „Gehen Sie alſo zu Seigneur Zamore,“ ſprach Chon mit ſtrenger Miene;„Sie werden ſich nicht ſchlecht dabei befinden; die Küche iſt gut, aber huten Sie ſich, undank⸗ bar zu ſein, denn man wird Sie Dankbarkeit lehren.“ Gilbert neigte das Haupt. Er machte es immer ſo, wenn er, ſtatt zu antworten, zu handeln beſchloß. Der Lackei, welcher Gilbert geholt hatte, wartete, als er hinausging. Er führte ihn in einen kleinen Speiſeſaal, der an das Vorzimmer ſtieß, in welchem er geweſen war. Zamore ſaß bei Tiſche. Gilbert ſetzte ſich zu ihm, aber man konnte ihn nicht zwingen, zu eſſen. Es ſchlug drei Uhr; Madame Dubarry reiſte nach Paris ab. Chon, welche ſpäter wieder mit ihr zuſammen⸗ treffen ſollte, gab Befehle, daß man ihren Bären fütterte. Viele gezuckerte Zwiſchengerichte, wenn er ein gutes Ge⸗ ſicht machte; viele Drohungen, gefolgt von einer Stunde Einſperrung, wenn er zu rebelliren fortfahren würde. Um vier Uhr brachte man in das Zimmer von Gilbert die volländige Kleidung des Arztes wider Willen: eine ſpitzige Mütze, eine Perrücke, einen ſchwarzen Leibrock, und eine Robe von derſelben Farbe. Man hatte den Halskragen, den Stock und das dicke Buch beigefügt. Der Lackei, der ihm dieſe ganze Fahrniß überbrachte, zeigte ihm einen nach dem andern alle dieſe Gegenſtände. Gilbert äußerte nicht die Abſicht, zu widerſtehen. Herr Grange trat hinter dem Lackei ein und unter⸗ richtete ihn, wie er die verſchiedenen Gegenſtände des Co⸗ ſtume anzuziehen und zu benützen hätte: Gilbert hoͤrte ge⸗ duldig die ganze Auseinanderſetzung von Herrn Grange an und ſagte nur: „Ich glaubte, die Aerzte hätten früher ein Schreib⸗ zeug und eine kleine Rolle Papier mit ſich getragen.“ „Meiner Treue! er hat Recht,“ ſagte Herr Grange, „holt ein langes Schreibzeug für ihn, das er ſich an den Gürtel hängen wird.“ „Mit Feder und Papier,“ rief Gilbert.„Es liegt mir daran, daß das Coſtume vollſtändig iſt.“ Der Lackei eilte fort, um den Befehl zu vollziehen. Er war zu gleicher Zeit beauftragt, Mademoiſelle Chon von dem erſtaunlich guten Willen von Gilbert zu unter⸗ richten. Mademoiſelle Chon war ſo entzückt, daß ſie dem Bo⸗ ten eine kleine Börſe gab, welche acht Thaler enthielt und mit dem Schreibzeug an den Gürtel des Muſterarztes ge⸗ hängt werden ſollte. „Ich danke,“ ſprach Gilbert, dem man Alles brachte. „Will man mich nun allein laſſen, damit ich mich anklei⸗ den kann?“?.. „Gut, eeilen Sie ſich, damit Sie Mademoiſelle ſehen kann, ehe ſie nach Paris fährt.“ „Eine halbe Stunde, ich verlange nur eine halbe Stunde,“ erwiederte Gilbert. 2 2 5 „Drei Viertelſtunden, Herr Doctor,“ ſprach der In⸗ tendant, indem er die Thüre von Gilbert ſo ſorgfältig ſchloß, als wäre es die ſeiner Kaſſe geweſen. Gilbert näherte ſich auf der Fußſpitze dieſer Thüre, um ſich zu verſichern, daß die Tritte ſich entfernten und ſchlüpfte dann bis zu dem Fenſter, welches auf acht⸗ zehn Fuß darunter liegende Terraſſen ging. Dieſe mit einem feinen Sande bedeckten Terraſſen waren mit großen Bäu⸗ men beſetzt, welche den Balcons Schatten verliehen. Gilbert zerriß ſeine lange Robe in drei Stücke, band dieſe an einander, legte auf den Tiſch den Hut, neben den Hut die Börſe und ſchrieb: 5 „Madame, „Das erſte der Güter iſt die Freiheit. Die heiligſte der Pflichten des Menſchen iſt, ſie zu erhalten. Sie thun mir Gewalt an, ich mache mich frei.“ „Gilbert.“ 269 Gilbert faltete den Brief zuſammen, ſetzte die Adreſſe von Mademoiſelle Chon darauf, band ſeine zwölf Fuß Sarſche an die Stange des Fenſters an, durch welche er wie eine Schlange glitt, ſprang mit Gefahr ſeines Lebens auf die Terraſſe, als er am Ende ſeines Seiles war, lief ſodann, obgleich ein wenig betäubt durch den Sprung, den er gemacht, nach den Bäumen, klammerte ſich an den Zweigen an, ſchlüpfte unter dem Blätterwerk fort, wie ein Eich⸗ hörnchen, erreichte den Boden, und verſchwand in größter Eile in der Richtung der Waldungen von Ville⸗d'Avray. Als man nach einer Stunde zurückkam, war er be⸗ reits ſo weit entfernt, daß man ihn nicht mehr einholen konnte. eνιε le. In der Franckh'ſchen Verlagshandlung iſt ſo eben erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Bergißmeinnicht. Taſchenbuch der Liebe, der Freundſchaft und dem Fa⸗ milienleben des deutſchen Volkes gewidmet von Garl Spindler. Für das Jahr 1847. Mit 16 Illuſtrationen von L. Weiſſer. In elegantem Umſchlag brochirt. Preis 54 kr. oder 16 Ngr. aus dem XYII. Jahrhundert.) IV. Der franzöſiſche Cayalier in Wien. Memoiren, Sitten⸗ und Lokal⸗ ſchilderungen aus dem Anfang des achtzehnten Jahr⸗ hunderts. V. Der Schutzgeiſt. Eine Erzählung aus Baden⸗Baden. 1 Ddiieſer Anzeige noch etwas zur Empfehlung des Ta⸗ ſchenbuchs beizufuͤgen, halten wir für überflüſſig; der Name des Herrn Verfaſſers mag ſchon Jedem dafür bür⸗ gen, daß er in demſelben nur etwas Gediegenes und an⸗ genehm Unterhaltendes finden werde. Wir fügen nur noch bei, daß auch die Jahrgänge 1845 und 1846 noch bei uns für gleichen Preis zu haben find. Stuktgart, im September 1846. Erwiederung auf Anfragen. 3 Am Schluſſe der„Zwanzig Jahre nachher“ von Alexandre Dumas, welche im Jahre 1845 als Fort⸗ ſetzung der„Drei Musketiere„“ überſetzt von Dr. Auguſt Zoller, in unſerem belletriſtiſchen Ausland erſchienen ſind, haben wir in Folge einer Anzeige von Dumas angekündigt, es werde eine weitere Fortſetzung unter dem Titel„Zehn Jahre ſpäter“ oder„Der Graf von Brogelonne“ erſcheinen. Durch die vor⸗ angegangenen zwei höchſt intereſſanten Romane ſehr ge⸗ ſpannt, hat das Publikum zahlloſe Anfragen über das Erſcheinen der verſprochenen Fortſetzung an uns ergehen laſſen, welche wir dahin erwiedern, daß Alexandre Dumas noch nicht einen Anfang von:„Zehn Jahre ſpäter“ dem Drucke übergeben hat. So bald er dies thut, werden wir dem Original mit der größten Eile mit unſerer deutſchen Ausgabe folgen. Franckh'ſche Verlagshandlung. — ——