5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.) 3.(aution. Unbekannte eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ¹. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fuͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 pf. 2 Mtr.—Pf. „ 7 I 1— 1 7„— 1 II— II 5 Auswärtige Abonnenten haben füͤr Hin⸗ und Zurückſendung lcher auf ihre eig . Schadenersatz. 8 2 b deſecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird onders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeiß- und Seſebedingungen. Perſonen müſſen, bei Entg egennahme eenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ¾ Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Deutſch von Stuttgart. 4 Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung 1846.— Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von 1 Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Dr. Auguſt Zoller. 1—4. Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung.“ 4 1 84 6. G * Joſeph Balſamo. Einleitung. I. Der Donnersberg. Auf dem linken Rheinufer, ein paar Stunden von der kaiſerlichen Stadt Worms, unfern von der Stelle, wo der Selzbach entſpringt, beginnen die erſten Kettenglieder von mehreren Bergen, deren Höhen ſich gegen Norden zu flüchten ſcheinen, wie eine Heerde erſchrockener Büffel, welche im Nebel verſchwinden würde. Dieſe Berge beherrſchen ſchon von ihrer Böſchung an eine beinahe öde Landſchaft, ſcheinen das Gefolge des höchſten derſelben zu bilden und tragen jeder einen aus⸗ drucksvollen Namen, der eine Form bezeichnet oder an eine Tradition erinnert: der eine iſt der Königsſtuhl, der andere der Roſenſtein, der dritte der Falkenfels, der vierte der Schlangenkopf 8 Derjenige, welcher am höchſten, ſeine Granitſtirne mit einem Trümmerkranze umgürtend, zum Himmel em⸗ porragt, iſt der Donnersberg. 4 Wenn der Abend den Schatten der Gichen wesice, wenn die letzten Sonnenſtrahlen hinſterbend die hohen Gipfel dieſer Rieſenfamilie vergolden, ſo iſt es, als ſteige allmälig die Stille von dieſen erhabenen Stufen des Him⸗ mels bis zur Ebene herab und ein unſichtbarer, mächti⸗ ger Arm entwickle, um ihn über die durch das Geräuſch und die Arbeiten des Tages ermüdete Welt auszubreiten, den langen, bläulichen Schleier, auf deſſen Grunde die Sterne funkeln. Dann geht Alles unmerklich vom Wa⸗ chen zum Schlafe über; Alles entſchlummert auf der Erde und in der Luft. Allein mitten in dieſem Stillſchweigen, verfolgt der bereits von uns erwähnte Selzbach, wie man ihn im Lande nennt, ſeinen geheimnißvollen Lauf unter den Tannen des Ufers, und obgleich ihn weder Tag noch Nacht aufhalten, denn er muß ſich in den Rhein werfen, der ſeine Ewigkeit iſt, obgleich ihn nichts aufhält, ſagen wir, iſt doch der Sand ſeines Bettes ſo friſch, ſind ſeine Schilfrohre ſo biegſam, ſeine Felſen ſo gut mit Moos und Steinbrech wattirt, daß keine ſeiner Wellen rauſcht von Morsheim, wo er beginnt, bis Freiweinheim, wo er endigt. Etwas oberhalb ſeines Urſprungs, zwiſchen Albis⸗ heim und Kirchheim⸗Bolanden, führt eine gekrümmte, zwi⸗ ſchen zwei abſchüſſigen Wänden ausgehöhlte und von tiefen Dannenfels wird die Straße ein Fußpfad, dann nimmt der Fußpfad ab, verſchwindet, verliert ſich, und das Auge ſucht vergebens auf dem Boden etwas Anderes, als den ungeheuren Abhang des Donnersbergs, deſſen geheimniß⸗ voller Gipfel, ſo oft vom Feuer des Herrn heimgeſucht, das ihm ſeinen Namen gegeben hat, ſich hinter einem Gürtel von grünen Bäumen wie hinter einer undurch⸗ dringlichen Mauer birgt. Iſt der Reiſende einmal unter dieſen Bäumen ange⸗ langt, welche ſo blätterreich, ſo buſchreich ſind, wie die Eichen der alten Dodona, ſo kann er ſeinen Weg fort⸗ ſetzen, ohne daß man ihn, ſelbſt am hellen Tage, von der Geleiſen durchfurchte Straße nach Dannenfels. Jenſeits Ebene aus gewahr wird, und wäre ſein Pferd mit Schel⸗ len behängt, wie ein ſpaniſches Maulthier, ſo würde man ſein Geräuſch doch nicht hören; wäre es mit Sammet und Gold bedeckt, wie das Roß eines Kaiſers, ſo würde doch kein Strahl von Gold oder Purpur das Blätterwerk durch⸗ dringen, ſo ſehr erſtickt die Dichtheit des Waldes das Ge⸗ räuſch, ſo ſehr tilgt die Dunkelheit ſeines Schattens die Farben. Noch heute, wo die höchſten Berge einfache Beobach⸗ ter geworden ſind, noch heute, wo die poetiſchen Legenden des furchtbarſten Inhalts nur ein Lächeln des Zweifels auf den Lippen des Reiſenden hervorrufen, noch heute er⸗ ſchreckt dieſe Einſamkeit und macht dieſen Theil der Ge⸗ gend ſo ehrwürdig, wo nur einzelne Häuſer von gebrech⸗ lichem Ausſehen, verlorene Schildwachen der benachbarten Dörfer, allein in einiger Entfernung von dem Zauber⸗ gürtel zum Vorſchein kommen, um die Anweſenheit des Menſchen in dieſer Landſchaft zu bezeugen. Die Bewohner der in der Einſamkeit verlorenen Häuſer ſind Müller, welche luſtig den Fluß ihr Korn zermalmen laſſen, deſſen Mehl ſie nach Rockenhauſen und Alzey bringen, oder Hirten, die ihr Vieh auf die Waide in den Bergen führen, und zuweilen ſammt ihren Hunden bei dem Geräuſche einer hundertjährigen Tanne beben, welche aus Altersſchwäche in die unbekannten Tiefen des Waldes niederſtürzt. Denn die Erinnerungen der Gegend ſind düſterer Natur und der Fußpfad, der ſich jenſeits Dannenfels mit⸗— ten unter dem Heidekraut des Gebirges verliert, hat nicht immer, wie die Muthigſten ſagen, ehrliche Chriſten in den Hafen des Heils geführt. Vielleicht hat einer von den heutigen Bewohnern einſt von ſeinem Vater oder von ſeinem Großvater er⸗ zählen hören, was wir jetzt ſelbſt zu erzählen verſuchen wollen. Am 6. Mai 1770, in der Stunde, wo die Waſſer des großen Fluſſes ſich mit einem roſig weißen Reflere — 8 färben, das heißt in dem Augenblick, wo für das ganze Rheingau die Sonne hinter der Thurmſpitze des Münſters von Straßburg untergeht, das ſie in zwei feurige He⸗ miſphären zerſchneidet, erſchien ein Mann, nachdem er durch Alzey und Kirchheim⸗Bolanden geritten war, jen⸗ ſeits des Dorfes Dannenfels, folgte dem Fußpfade, ſo lange derſelbe ſichtbar blieb, ſtieg ſodann, als jede Spur des Weges verſchwand, von ſeinem Pferde, nahm es beim Zügel und band es ohne Zögern an die erſte Tanne des furchtbaren Waldes. Das Thier wieherte ſehr unruhig und der Wald ſchien bei dieſem ungewohnten Geräuſch zu beben. „Gut! gut!“ murmelte der Reiſende;„beruhige dich, mein guter Oſcherid; wir haben zwölf Stunden zurückge⸗ legt und du biſt wenigſtens am Ziele deines Laufes an⸗ gelangt.“ ÜUnd der Reiſende ſuchte mit dem Blicke die Tiefe des Blätterwerks zu ergründen; aber die Schatten waren be⸗ reits ſo undurchſichtig, daß man nur die ſchwarzen Maſſen unterſchied, welche ſich von andern, noch dichter ſchwarzen Maſſen abhoben. Nach dieſer unfruchtbaren Forſchung wandte ſich der Reiſende zu dem Thiere um, deſſen arabi⸗ ſcher Name zugleich ſeinen Urſprung und ſeine Schnellig⸗ keit bezeichnete, nahm es mit beiden Händen unten am Kopfe, näherte die rauchenden Nüſtern deſſelben ſeinen Munde und ſprach: „Lebe wohl, mein braves Pferd; wenn ich dich nicht wiederſehe, lebe wohl.“ Dieſe Worte waren von einem raſchen Rundblicke be⸗ gleitet, als hätte der Reiſende gehört zu werden befürchtet oder gewünſcht. Das Pferd ſchüttelte ſeine ſeidene Mähne, ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden, und wieherte mit jenem Wiehern, wie es dieſes Thier bei Annäherung des Löwen in der Wüſte hören laſſen mußte. Deer Reiſende bewegte diesmal nur den Kopf von oben nach unten, mit einem Lächeln, als wollte er ſagen: — —— 11 „Du täuſcheſt dich nicht, Dſcherid, die Gefahr iſt ier.“ 4 Ohne Zweifel zum Voraus entſchloſſen, die Gefahr nicht zu bekämpfen, nahm der abenteuerliche Unbekannte aus ſeinem Sattelbogen zwei ſchöne Piſtolen mit eiſelirten Läufen und mit Kolben von Vermeil, zog mit dem Krätzer die Ladung heraus, warf den Pfropf und die Ku⸗ gel weg und ſchüttete das Pulver auf den Boden. Als dies bewerkſtelligt war, ſteckte er die Piſtolen in die Holfter. Das iſt noch nicht Alles. Der Reiſende trug an ſeinem Gürtel einen Säbel mit ſtählernem Griffe; er ſchnallte die Kuppel los, wickelte ſie um den Säbel, ſchob das Ganze unter den Sattel und befeſtigte es mit dem Steigriemen ſo, daß die Spitze des Säbels nach der Weiche des Pferdes und der Griff nach der Schulter ſah. 5 Nachdem dieſe ſeltſamen Förmlichkeiten erfüllt waren, ſchüttelte der Reiſende ſeine ſtaubigen Stiefeln, zog ſeine Handſchuhe aus, ſuchte in ſeinen Taſchen, fand darin eine Scheere und ein Federmeſſer mit einem Schildkrothefte, und warf Beides über ſeine Schulter, ohne nur zu ſchauen, wohin es fiel. Sobald dies geſchehen war, fuhr der Reiſende zum letzten Male über das Kreuz von Oſcherid, athmete, als wollte er ſeiner Bruſt den vollen Grad der Ausdehnung geben, den ſie erlangen konnte, ſuchte dann vergebens irgend einen Fußpfad und trat, als er keinen ſah, auf Zufall in den Wald. Ess iſt unſerer Anſicht nach der Augenblick, unſern Leſern einen genauen Begriff von dem Reiſenden zu ge⸗ ben, den wir ihnen vor Augen geſtellt haben, und der eine wichtige Rolle im Verlauf unſerer Geſchichte zu ſpielen beſtimmt iſt. 8 Derjenige, welcher, nachdem er vom Pferde geſtiegen, ſich ſo kuͤhn in den Wald wagte, war ein Mann von etwa dreißig bis zwei und dreißig Jahren, von mehr als 12 3— mittlerem Wuchſe, aber ſo bewunderungswürdig gebaut, daß man zugleich die Kraft und die Gewandtheit in ſei⸗ nen geſchmeidigen, nervigen Gliedern kreiſen fühlte. Er trug eine Art von Reiſerock von ſchwarzem Sammet mit goldenen Knopflöchern. Die zwei Enden einer geſtickten Jacke erſchienen unterhalb der letzten Knöpfe dieſes Rockes, und eine anliegende Lederhoſe hob Beine hervor, die als Modell für einen Bildhauer hätten dienen können, und dertn ierlihe Formen man durch die gefirnißten Stiefeln errieth. Sein Geſicht hatte die ganze Beweglichkeit der ſüd⸗ lichen Typen und war eine ſeltſame Miſchung von Kraft und Feinheit: ſein Blick vermochte alle Gefühle auszu⸗ drücken und ſchien, wenn er ſich auf Jemand heftete, zwei Lichtſtrahlen in denjenigen zu tauchen, welchem er galt, um die tiefſte Tiefe ſeiner Seele zu erleuchten. Seine braunen Wangen waren, wie man dies ſogleich ſah, von einer heißeren Sonne als die unſrige verbrannt. Ein großer, aber ſchön geformter Mund endlich öffnete ſich, um eine doppelte Reihe herrlicher Zähne ſehen zu laſſen, welche die Wärme der Geſichtshaut noch weißer erſcheinen ließ. Der Fuß war lang, aber fein, die Hand klein, aber nervig. Der Mann, deſſen Portrait wir entworfen, hatte kaum zehn Schritte unter den ſchwarzen Tannen gemacht, als er ein raſches Stampfen an der Stelle hörte, wo er ſein Pferd gelaſſe Seine erſe Bewegung, eine Bewegung, über deren Abſicht man ſich nicht täuſchen konnte, war, zurückzukeh⸗ ren; aber er bemeiſterte ſich, konnte jedoch dem Verlangen, zu ſehen, was aus DOſcherid geworden, nicht widerſtehen, erhob ſich auf den Fußſpitzen und ſchoß einen Blick durch die Lichtung; fortgezogen durch eine unſichtbare Hand, welche den Zaum losgemacht, war Dſcherid bereits ver⸗ ſchwunden. Die Stirne des Unbekannten faltete ſich leicht und eetwas wie ein Laͤcheln zog ſeine vollen Wangen und ſeine Lippen mit den feinen Rändern zuſammen. — 5 13 Dann ſetzte er ſeinen Weg gegen den Mittelpunkt des Waldes fort. Noch einige Schritte leitete ihn die durch die Bäume dringende düſtere Abenddämmerung in ſeinem Marſchez aber bald hörte dieſer ſchwache Reflex auf, und er befand ſich in einer ſo dichten Nacht, daß er nicht mehr ſah, wo⸗ hin er den Fuß ſetzte, und ohne Zweifel aus Furcht, ſich zu verirren, ſtehen blieb. „Ich bin nach Dannenfels gekommen,“ ſagte er laut, „denn von Mainz nach Dannenfels führt eine Landſtraße; ich bin von Dannenfels auf die Schwarzheide gelangt, weil ſich von Dannenfels nach der Schwarzheide ein Fuß⸗ pfad findet; ich bin von der Schwarzheide hierher gekom⸗ men, obgleich es dann weder mehr eine Landſtraße noch einen Fußpfad gab, denn ich gewahrte den Wald; aber hieß bin ich genöthigt, ſtille zu ſtehen; ich ſehe nichts mehr.“ Kaum waren dieſe Worte in einem halb franzöſiſchen, halb ſicilianiſchen Dialecte geſprochen, als ein Licht un⸗ gefähr fünfzig Schritte vor dem Reiſenden hervorſprang. „Ich danke,“ ſagte er,„das Licht mag nun gehen, ich werde ihm folgen.“ Sogleich ging das Licht ohne Schwankung, ohne Erſchütterung, gleichmäßig ſich fortbewegend, wie auf un⸗ ſern Theatern jene phantaſtiſchen Flammen hingleiten, deren Gang durch den Maſchiniſten und den Seeniſten geordnet iſt. 4 Der Reiſende machte noch ungefähr hundert Schritte, dann glaubte er etwas wie einen Hauch an ſeinem Ohr zu vernehmen. 3 Er ſchauerte. „Wende Dich nicht um, oder Du biſt todt,“ ſagte eine Stimme rechts. „Gut,“ erwiederte der unempfindliche Reiſende ohne eine Miene zu verziehen. lhut„Sprich nicht, oder Du biſt todt!“ ſagte eine Stimme inks. 3 Der Reiſende verbeugte ſich ohne zu ſprechen. „Aber wenn Du Furcht haſt,“ ſagte eine dritte Stimme, welche, wie die von Hamlets Vater aus den Eingeweiden der Erde zu kommen ſchien,„wenn Du Furcht haſt, ſo kehre zurück, Du wirſt dadurch bezeichnen, daß Du Verzicht leiſteſt, und man läßt Dich zurüͤckkehren, wo⸗ hin Du willſt.“ Der Reiſende beſchränkte ſich darauf, eine Geberde mit der Hand zu machen, und ſetzte ſeinen Weg fort. Die Nacht war ſo finſter und der Wald ſo dicht, daß der Reiſende trotz des Scheines, der ihn leitete, nur eine Stunde, und der Reiſende folgte ihr, ohne ein Mur⸗ ren hören zu laſſen, ohne ein Zeichen der Furcht von ſich zu geben. PKlötzlich verſchwand ſie. Der Reiſende war außerhalb des Waldes. Er ſchlug die Augen auf; durch das düſtere Azur des Himmels fun⸗ kelten einige Sterne. Er marſchirte in der Richtung weiter, in der das Licht verſchwunden war; aber bald ſah er, daß ſich eine Ruine, das Geſpenſt eines alten Schloſſes, vor ihm erhob. Zu gleicher Zeit ſtieß ſein Fuß an Trümmer. Alsbald klebte ſich ein eiſiger Gegenſtand an ſeine Schläfe und vermauerte ſeine Augen. Von da an ſah er nicht einmal mehr die Finſterniß. Eine Binde von benetzter Leinwand umſchloß ſeinen Kopf. Es war ohne Zweifel eine verabredete Sache, we⸗ nigſtens war es eine Sache, die er erwartete, denn er verſuchte es nicht, die Binde aufzuheben; er ſtreckte nur ſchweigend die Hand aus, wie es ein Blinder thut, der nach einem Führer verlangt. 4 Dieſe Geberde wurde begriffen, denn in demſelben Augenblick klammerte ſich eine kalte, trockene, knochige Hand an die Finger des Reiſenden an. Er erkannte, daß es die fleiſchloſe Hand eines Skelet⸗ ſtrauchelnd vorrückte. Die Flamme marſchirte ungefähr tes warz wäre aber dieſe Hand mit Gefühl begabt ge⸗ 4½ 15 weſen, ſo würde ſie erkannt haben, daß die ſeinige nicht itterte. 5 1 Dann fühlte ſich der Reiſende raſch durch einen Raum von ungefähr hundert Klaftern ſortgezogen. Plötzlich verließ die Hand die ſeinige, die Binde flog von ſeiner Stirne, und der Unbekannte blieb ſtehen: er war auf dem Gipfel des Donnersbergs angelangt. II. 7 Ich bin, der ich bin. 4 Mitten in einer Lichtung, welche durch das Alter kahl gewordene Birken bildeten, erhob ſich das Erdgeſchoß von einem jener in Trümmer liegenden Schlöſſer, welche die Feudalherren einſt in Europa umher bei der Rückkehr von den Kreuzzügen ausſtreuten. Die Vorhallen mit ihren ſchönen Zierrathen von ge⸗ diegener Bildhauerarbeit, welche in jeder Höhlung, ſtatt der verſtümmelten und an den Fuß der Mauer geſtürzten Statue, ein Buſchwerk von Heidekraut oder wilden Blu⸗ men verbargen, hoben von einem bleichen Himmel ihre durch den Einſturz ausgezackten Gewölbe ab. Als der Reiſende die Augen öffnete, ſah er ſich vor den feuchten, mooſigen Stufen des Hauptſäulenganges; auf der erſten von dieſen Stufen ſtand aufrecht das Ge⸗ denſ mit der knochigen Hand, das ihn hierher geführt atte. Ein langes Schweißtuch umhüllte daſſelbe vom Kopf bis zu den Füßen; unter den Falten des Tuches funkelten ſeine Augenhöhlen ohne Blick, ſeine fleiſchloſe Hand war ggeegen das Innere der Ruine ausgeſtreckt und ſchien dem Rieeiſenden als Ziel ſeines Ganges einen Saal anzudeuten, deſſen Erhöhung über dem Boden die inneren Theile ver⸗ barg, während man in ſeinen eingeſunkenen Gewölben ein dumpfes, geheimnißvolles Licht zittern ſah. 16 andern und ohne Geräuſch in die Ruine; der Unbekannte folgte ihm mit demſelben ruhigen, feierlichen Schritte, nach dem er ſtets ſeinen Gang geregelt hatte, ſtieg eben⸗ falls eine nach der andern die eilf Stufen hinauf, auf denen ihm das Geſpenſt vorangegangen war, und trat ein. Hinter ihm ſchloß ſich ſo geräuſchvoll als eine von Erz vibrirende Mauer die Thüre der Haupthalle. Am Eingang eines kreisförmigen, von drei Lampen mit grünlichem Wiederſcheine beleuchteten Saales blieb das Geſpenſt ſtehen. 3 ſtehen. „Oeffne die Augen,“ ſagte das Geſpenſt. „Ich ſehe,“ antwortete der Unbekannte. Sodann mit einer ſteifen, ſtolzen Geberde ein zwei⸗ ſchneidiges Schwert unter ſeinem Leichentuche hervorziehend, ſchlug das Geſpenſt an eine eherne Säule, welche den Schlag durch ein metalliſches Brüllen erwiederte. Sogleich erhoben ſich rings im Saale umher Plat ten, und zahlloſe Geſpenſter, dem erſten ähnlich, erſchienen, jedes mit einem zweiſchneidigen Schwerte bewaffnet, und nahmen Platz auf kreisförmigen Stufen, wo beſonders der grünliche Schimmer der drei Lampen wiederſtrahlte, und wo ſie, durch ihre Kälte und ihre Unbeweglichkeit mit dem Steine vermiſcht, Bildſäulen auf ihren Piedeſtalen zu ſein ſchienen. ſchwarzen Draperie hervor, welche die Wände bedeckte. 4 Sieben Stühle waren vor die erſte Stufe geſtellt; auf dieſen Stühlen ſaßen ſechs Geſpenſter, welche Häupter zu ſein ſchienen, während der ſiebente Stuhl leer war. Derjenige, welcher auf dem Stuhle in der Mitte ſaß, ſtand auf und ſprach, indem er ſich gegen die Verſamm⸗ lung wandte: „Wie viel ſind wir hier, meine Brüder?“ Der Reiſende neigte ſein Haupt als Zeichen der Ein⸗ willigung. Das Geſpenſt ſtieg langſam, eine Stufe nach der Zehn Schritte von ihm blieb der Reiſende ebenfalls Jede von dieſen Bildſäulen hob ſich ſeltſam auf der —õuXNSRn NR 17 „Dreihundert,“ antworteten die Geſpenſter mit einer Stimme, welche im Saale donnerte und ſich heinahe in demſelben Augenblick an dem Leichenbehänge der Wände brach. „Dreihundert, von denen jeder zehntauſend Verbün⸗ dete vertritt,“ ſagte der Präſident,„dreihundert Schwerter, welche ſo viel werth ſind, als drei Millionen Dolche. Dann ſich an den Reiſenden wendend fragte er: „Was verlangſt Du?“ „Das Licht zu ſehen,“ antwortete dieſer. „Die Pfade, welche auf den Feuerberg führen, ſind rauh und hart; fürchteſt Du Dich nicht, dieſelben zu be⸗ treten?“ „Ich fürchte nichts.“ „Haſt Du einmal einen Schritt vorwärts gemacht, ſo iſt es Dir nicht mehr geſtattet, umzukehren. Be⸗ denke dies.“ „Ich werde nur ſtille ſtehen, wenn ich das Ziel be⸗ rührt habe.“ „Biſt Du bereit, zu ſchwören?“ „Sprecht mir den Schwur vor und ich werde ihn wiederholen.“. Der Präſident erhob die Hand und ſprach mit lang ſamem, feierlichem Tone folgende Worte: „Im Namen des gekreuzigten Sohnes ſchwöret, die fleiſchlichen Bande zu brechen, welche Euch noch an Va⸗ ter, Mutter, Brüder, Schweſtern, Frau, Verwandte, Freunde, Geliebtinnen, Könige, Wohlthater und an irgend ein Weſen binden, dem Ihr Treue, Gehorſam, Dankbar⸗ keit oder Dienſtbarkeit gelobt habt.“ Der Reiſende wiederholte mit feſter Stimme die Worte, die ihm von dem Praſidenten vorgeſprochen wur⸗ den, welcher zum zweiten Paragraphen des Schwures überging und gleich langſam und feierlich fortfuhr: „Von dieſem Augenblicke an ſeid Ihr von dem dem Vaterlande und den Geſetzen geleiſteten angeblichen Eide frei; ſchwöret alſo dem neuen Haupte, das Ihr anerkennt, Denkwurdigkeiten eines Arztes. I. 2 18 zu enthüllen, was Ihr geſehen oder gethan, geleſen oder eehört, erfahren oder errathen habt, und ſogar das, was ſich Euren Augen nicht bieten würde, zu erforſchen und zu erſpähen.“ Der Präſident ſchwieg und der Unbekannte wieder⸗ holte die Worte, die er gehört hatte. Dann fuhr der Präſident, ohne den Ton zu ver⸗ ändern, fort: „Ehret und achtet die Aqua Tofana als ein ra⸗ ſches, ſicheres, nothwendiges Mittel, um die Erde durch den Tod oder durch die Verblödung derjenigen zu reini⸗ gen, welche die Wahrheit zu erniedrigen oder unſern Händen zu entreißen ſuchen.“ 4 Ein Echo hätte nicht getreuer dieſe Worte wiederge⸗ geben, als es der Unbekannte that; der Präſident fuhr rt: „Flieht Spanien, flieht Neapel, flieht jedes verfluchte Land, flieht die Verſuchung, irgend etwas von dem, was Ihr hören oder ſehen werdet, zu enthüllen, denn der Blitz trifft nicht raſcher, als Euch, wo Ihr auch immer ſein möget, das unſichtbare und unvermeidliche Meſſer errei⸗ chen wird. „Lebet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Trotz der Drohung, welche dieſe letzten Zeilen ent⸗ hielten, war es unmöglich, eine Bewegung auf dem Antlitz des Unbekannten wahrzunehmen, der das Ende des Schwu⸗ 4 res und die Anrufung, die ihm folgte, mit eben ſo ruhi⸗ gem Tone ausſprach, als er den Anfang geſprochen hatte. „Und nun umhüllt die Stirne des Aufzunehmenden mit der heiligen Binde,“ ſagte der Präſident. ggwei Geſpenſter näherten ſich dem Unbekannten; die⸗ ſer neigte das Haupt, und eines von ihnen legte auf ſeine Stirne ein aurorfarbiges Band, das mit ſilbernen Charak⸗ teren beladen war, unter denen das Bild von Unſerer Lieben Frau von Loretto ſichtbar wurde; das andere Ge⸗ ſpenſt knüpfte hinter ihm die zwei Enden unten am Halſe. b 19 Dann entfernten ſie ſich und ließen den Unbekannten abermals allein. 1 „Was verlangſt Du?“ ſprach der Präſident zu ihm. „Drei Dinge,“ antwortete der Candidat. „Welche Dinge?“ „Die eiſerne Hand, das feurige Schwert, die dia⸗ mantene Wage.“ „Warum wünſcheſt Du die eiſerne Hand?“ „Um die Tyrannen zu erſticken.“ „Warum wünſcheſt Du das feurige Schwert?“ „Um den Unreinen von der Erde zu verjagen.“ „Warum wünſcheſt Du die diamantene Wage?“ „Um die Geſchicke der Menſchheit abzuwägen.“ „Biſt Du für die Proben vorbereitet?“ „Der Starke iſt zu Allem vorbereitet.“ „Die Proben! die Proben!“ riefen mehrere Stimmen. „Kehre Dich um,“ ſagte der Präſident. Der Unbekannte gehorchte und ſah ſich gegenüber einen Menſchen, der bleich wie der Tod, geknebelt und gebunden war. „Was ſiehſt Du?“ fragte der Präſident. „Einen Verbrecher oder ein Opfer.“ „Es iſt ein Verräther, der, nachdem er den Eid ge⸗ leiſtet, den Du geleiſtet haſt, das Geheimniß des Ordens offenbarte.“ „Es iſt alſo ein Verbrecher.“ „Ja; welche Strafe hat er verdient?“ „Den Tod.“ Die dreihundert Geſpenſter wiederholten:„Den Tod!“ In demſelben Augenblick wurde der Verurtheilte trotz übermenſchlicher Gegenwehr in die Tiefen des Saales fortgezogen; der Reiſende ſah, wie er ſich in den Händen ſeiner Henker krümmte und ſträubte; er hörte ſeine pfei⸗ fende Stimme durch das Hinderniß des Knebels. Ein Dolch funkelte und wiederſtrahlte wie ein Blitz im Schim⸗ mer der Lampen; dann hörte man einen matten Stoß, 2* 20 und das Geräuſch eines ſchwerfällig auf den Boden fal⸗ lenden Körpers erſcholl dumpf und ſchauervoll. „Es iſt Gerechtigkeit geſchehen,“ ſprach der Unbekannte, ſich gegen den furchtbaren Kreis umwendend, der mit gierigen Blicken durch die Schweißtücher dieſes Schauſpiel verſchlungen hatte. „Du billigſt alſo die Hinrichtung, welche ſo eben ſtattgefunden hat?“ ſagte der Präſident. „Ja, wenn derjenige, welcher den Streich erhalten, wirklich ſchuldig war.“ „Und Du würdeſt auf den Tod jedes Menſchen trin⸗ ken, der, wie er, die Geheimniſſe der heiligen Verbindung verriethe?“ „Ich würde trinken.“ „Was für ein Getränke es auch ſein möchte?“ „Was für eines es auch ſein möchte“ „Bringt die Schale,“ ſprach der Präſident. Einer von den zwei Henkern näherte ſich dem Auf⸗ zunehmenden und reichte ihm einen rothen, lauen Saft in einem Menſchenſchädel, der auf einem bronzenen Fuße be⸗ feſtigt war. Der Unbekannte nahm die Schale aus den Händen des Henkers, erhob ſie über ſeinen Kopf und ſprach: „Ich trinke auf den Tod jedes Menſchen, der die Geheimniſſe der heiligen Verbindung verräth.“ Dann ſenkte er die Schale zur Höhe ſeiner Lippen, leerte ſie bis auf den letzten Tropfen und gab ſie kalt dem⸗ jenigen zurück, welcher ſie ihm gereicht hatte. Eiinn Gemurmel des Erſtaunens durchlief die Ver⸗ ſammlung, und die Geſpenſter ſchienen ſich einander durch ihre Leichentücher anzuſchauen. „Es iſt gut,“ ſprach der Präſident.„Die Piſtole!“ Ein Geſpenſt näherte ſich dem Präſidenten, in einer Hand eine Piſtole, in der andern eine bleierne Kugel und eine Ladung Pulver haltend. Der Aufzunehmende wandte kaum ſeine Augen nach 4 dem Geſpenſte.— — 2 21 „Du gelobſt alſo der heiligen Verſammlung leidenden Gehorſam?“ fragte der Präſident. „Ja. 4 „Sogar wenn dieſer Gehorſam an Dir ſelbſt geübt werden müßte?“ „Derjenige, welcher hier eintritt, gehört nicht ſich, ſondern Allen.“ „Du wirſt alſo gehorchen, welcher Befehl Dir auch von mir gegeben werden mag?“ „Ich werde gehorchen.“ „Auf der Stelle?“ „Auf der Stelle.“ „Ohne Zögern?“ „Ohne Zögern.“ „Nimm die Piſtole und lade ſie.“ Der Unbekannte nahm die Piſtole, goß das Pulver in den Lauf, ſetzte einen Pfropf darauf und ließ dann die Kugel hineinfallen, die er mit einem zweiten Pfropf be⸗ feſtigte, wonach er Pulver auf die Pfanne ſchüttete. Alle die dunkeln Bewohner dieſes ſeltſamen Ortes ſchauten ihn mit einem düſteren Stillſchweigen an, das nur durch das Geräuſch des an die Bogen der Gewölbe anprallenden Windes unterbrochen wurde. „Die Piſtole iſt geladen,“ ſprach kalt der Unbekannte. „Biſt Du deſſen ſicher?“ fragte der Präſident. Ein Lächeln zog über die Lippen des Aufzunehmen⸗ den, und dieſer nahm den Ladſtock und ließ ihn in den Lauf des Gewehres fallen, aus dem er zwei Zoll hervorragte. Der Präſident bedeutete durch ein Zeichen, daß er überzeugt ſei. „Ja,“ ſagte er,„ſie iſt in der That geladen, und gut geladen.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte der Unbekannte. „Spanne.“. Der Unbekannte ſpannte die Piſtole, und man hörte unter dem tiefen Stillſchweigen, das die Zwiſchenräume des Zwiegeſpräches begleitete, das Krachen des Hahnen. . 22 „„Nun halte die Mündung der Piſtole an Deine Stirne,“ fuhr der Präſident fort. Der Unbekannte gehorchte, ohne zu zögern. Ein tieferes Stillſchweigen als je en. ſich über der Verſammlung; die Lampen ſchienen zu erbleichen; dieſe Geſpenſter waren wirklich Geſpenſter, denn keines von ihnen hatte Athem. „Feuer!“ ſagte der Präſident. Der Drücker rührte ſich, der Stein funkelte auf der Batterie; aber nur das Pulver der Pfanne entzündete ſich und kein Geräuſch begleitete ſeine ephemere Flamme. Ein Schrei der Bewunderung entſtrömte beinahe jeder Bruſt, und der Präſident ſtreckte mit einer inſtinkt⸗ artigen Bewegung die Hand gegen den Unbekannten aus. Doch zwei Proben genügten ohne Zweifel den An⸗ ſpruchsvollſten nicht, und einige Stimmen riefen: „Den Dolch! den Dolch!“ „Ihr verlangt ihn?“ fragte der Präſident. „Ja, den Dolch! den Dolch!“ wiederholten dieſelben timmen. „Bringt den Dolch,“ ſprach der Präſident. „Es iſt unnöthig,“ ſagte der Unbekannte, verächtlich den Kopf ſchüttelnd. „Wie, unnöthig!“ rief die Verſammlung. „ZJa, unnöthig!“ entgegnete der Aufzunehmende mit einer Stimme, welche alle andere Stimmen bedeckte;„ich wiederhole es Euch, denn Ihr verliert eine koſtbare Zeit.“ „Was ſagſt Du da?“ rief der Präſident. „Ich ſage, daß ich alle Eure Geheimniſſe kenne, daß die Proben, denen Ihr mich unterwerft, Kinderſpiele ſind, unwürdig, einen Augenblick ernſte Weſen zu beſchäftige Ich ſage, daß dieſer ermordete Menſch nicht todt iſt, ich ſage, daß das Blut, das ich getrunken, in einem auf ſei⸗ ner Bruſt liegenden und unter ſeinen Kleidern verborgenen Schlauche enthaltener Wein war, ich ſage, daß das Pul⸗ ver und die Kugeln in dem Augenblick, wo ich den Hah⸗ nen ſpannte, in den Kolben gefallen ſind. Nehmt alſo ———— 2 * 2 23 Eure ohnmächtige Waffe zurück, denn ſie taugt nur dazu, Feige zu erſchrecken. Stehe auf, lügneriſcher Leichnam, denn Du wirſt die Starken nicht einſchüchtern.“ Ein furchtbarer Schrei erhob ſich und machte die Gewölbe ſchallen. „Du kennſt unſere Geheimniſſe,“ rief der Präſident; „Du biſt alſo ein Seher oder ein Verräther?“ „Wer biſt Du?“ fragten dreihundert Stimmen, während zu gleicher Zeit zwanzig Schwerter in den Hän⸗ den der nächſten Geſpenſter funkelten und durch eine re⸗ gelmäßige Bewegung, wie es die einer eingeübten Phalanr geweſen wäre, ſich ſenkten und auf der Bruſt des Unbe⸗ kannten vereinigten. Aber lächelnd, ruhig, das Haupt erhebend und ſeine Haare ſchüttelnd, welche nur durch das Band gehalten wurden, das man um ſeine Stirne gewickelt hatte, ſprach er: „Ego sum qui sum, ich bin, der ich bin“ Dann ließ er ſeine Augen auf der menſchlichen Mauer, welche ihn enge umſchloß, umherlaufen; bei ſei⸗ nem gebieteriſchen Blicke ſanken die Schwerter durch un⸗ gleiche Bewegungen nieder, je nachdem diejenigen, welche der Unbekannte mit dieſem Blicke traf, ſogleich ſeinem Ein⸗ fluſſe wichen, oder ihn zu bekämpfen ſuchten. „Du haſt ein unkluges Wort ausgeſprochen,“ ſagte der Präſident;„ohne Zweifel ſprachſt Du es nur, weil Du das Gewicht deſſelben nicht kennſt.“ Der Fremde ſchüttelte lächelnd den Kopf und er⸗ wiederte: „Ich habe geantwortet, was ich antworten muß.“ „Woher kommſt Du denn?“ fragte der Präſident. „Ich komme von dem Lande, von dem das Licht kommt.“ „Unſere Inſtructionen melden uns, Du kommeſt von Schweden.“ 3 „Wer von Schweden kommt, kann vom Orient kom⸗ men,“ antwortete der Fremde. „Zum zweiten Male, wir kennen Dich nicht. Wer biſt Du?“. „Wer ich bin?...ℳ verſetzte der Unbekannte;„ich werde es Euch ſogleich ſagen, da Ihr Euch ſtellt, als be⸗ griffet Ihr mich nicht; zuvor aber will ich Euch ſagen, wer Ihr ſelbſt ſeid.“ Die Geſpenſter bebten und ihre Schwerter ſchlugen an einander, während ſie von ihrer linken Hand in ihre rechte übergingen und ſich bis zu der Höhe der Bruſt des Unbekannten erhoben. 3 „Vor Allem Du,“ fuhr der Unbekannte, die Hand gegen den Präſidenten ausſtreckend, fort,„Du, der Du zu mir ſprichſt, und der Du Dich für einen Gott hältſt und nur ein Vorläufer biſt, Du, der Präſident der ſchwe⸗ diſchen Kreiſe...ich werde Dir Deinen Namen ſagen, damit ich nicht nöthig habe, Dir die der Andern zu nennen: Swedenborg, haben Dir die Engel, welche vertraulichen Umgang mit Dir pflegen, nicht geuffenbart, daß derjenige, welchen Du erwarteteſt, ſich auf den Weg begeben?“ „Das iſt wahr,“ antwortete der Präſident, ſein Lei⸗ chentuch erhebend, um den Sprechenden beſſer zu ſehen, „ſie haben es mir geſagt. Und derjenige, welcher gegen alle Gebräuche der Ge⸗ ſellſchaft ſein Leichentuch erhob, zeigte hiedurch das ehr⸗ weere Geſicht und den weißen Bart eines achtzigjährigen reiſes.. „Gut,“ ſprach der Fremde;„zu Deiner Linken iſt der Vertreter des engliſchen Kreiſes, welcher in der Loge Caledonia präſidirt. Heil, Mylord! wenn das Blut Eures Ahnen in Euch fortlebt, darf England hoffen, daß ſich das erloſchene Licht wieder entzünden wird.“ Die Schwerter ſenkten ſich; der Zorn fing an dem 3 Erſtaunen Platz zu machen. „Ah! Ihr ſeid es, Kapitän,“ fuhr der Unbekannte, ſich an das letzte Haupt zur Linken des Präſidenten wen⸗ dend, fort;„in welchem Hafen habt Ihr Euer ſchönes Schiff gelaſſen, dem Ihr zugethan ſeid, wie einer Gelieb⸗ ten? Es iſt eine brave Fregatte, nicht wahr, die Pro⸗ vidence und ein Name, der Amerika Glück bringen wird?“ — 25 Dann ſich an denjenigen wendend, welcher rechts vom Präſidenten ſtand: „Nun iſt es an Dir, Prophet von Zürich, ſchau' mir in's Antlitz, Du, der Du die phyſiognomiſche Wiſſenſchaft bis zur Divination getrieben haſt, und ſage laut, ob Du nicht in meinem Geſichte den Beweis meiner Sendung erkennſt?“ Derjenige, an welchen er ſich wandte, wich einen Schritt zurück „Auf,“ ſprach er weiter, indem er ſich an ſeinen Nachbar wandte,„auf, Abkömmling von Pelagius, es handelt ſich darum, zum zweiten Male die Mauren aus Spanien zu vertreiben. Das wird etwas Leichtes ſein, wenn die Caſtilier nicht für immer das Schwert des Cid verloren haben.“ Das fünſte Haupt blieb ſtumm und unbeweglich; es war, als hätte es die Stimme des Unbekannten in Stein verwandelt. „Und mir,“ verſetzte das ſechste Haupt, den Worten des Unbekannten, der es zu vergeſſen ſchien, entgegenkom⸗ mend,„und mir haſt Du nichts zu ſagen?“ „Doch,“ antwortete der Reiſende, indem er einen von jenen durchdringenden Blicken, welche die Herzen ergrün⸗ den, auf ihn heſtete,„doch, ich habe Dir zu ſagen, was Jeſus zu Judas geſagt hat, und werde es Dir auch ſo⸗ gleich ſagen“ Derjenige, zu welchem er ſprach, wurde weißer als ſein Leichentuch, während ein die ganze Verſammlung durchlaufendes Gemurmel von dem Fremden Rechenſchaft über dieſe ſonderbare Anſchuldigung zu fordern ſchien. „Du vergißt den Vertreter von Frankreich,“ ſagte der Präſident. „Dieſer iſt nicht unter uns,“ antwortete ſtolz der Fremde,„und Du weißt es wohl, Du, der Du ſprichſt, da ſein Sitz hier leer iſt. Erinnere Dich nun, daß die Fallen denjenigen laͤcheln machen, welcher in der Finſterniß ſieht, welcher trotz der Elemente handelt und trotz des Todes lebt.“ „Du biſt jung,“ entgegnete der Präſident,„und Du ſprichſt mit dem Anſehen eines Gottes. Bedenke ebenfalls, die Kühnheit betäubt nur die unentſchloſſenen oder unwiſ⸗ ſenden Menſchen.“ Ein Lächeln erhabener Verachtung trat auf die Lip⸗ pen des Fremden und er ſprach: „Ihr ſeid insgeſammt unentſchloſſen, da Ihr nicht auf mich zu wirken vermöget; Ihr ſeid insgeſammt un⸗ wiſſend, da Ihr nicht wißt, wer ich bin, während ich weiß, wer Ihr ſeid; ich werde alſo bei Euch mit der Kühnheit allein ſiegen; doch wozu dient die Kühnheit dem⸗ jenigen, welcher allmächtig iſt?“ „Die Probe dieſer Macht,“ rief der Pfäſident; „gebt uns die Probe.“ „Wer hat Euch zuſammenberufen?“ ſprach der Un⸗ bekannte, von der Rolle des Befragten zu der des Fragen⸗ den übergehend. „ Nicht ohne Zweck,“ ſagte der Fremde, ſich an den Präſidenten und die fünf Häupter wendend, nicht ohne Zweck ſeid Ihr gekommen, Ihr von Schweden, Ihr von London, Ihr von New⸗York, Ihr von Zürich, Ihr von Madrid, Ihr Alle endlich,“ fuhr er ſich an die Menge wendend fort,„nicht ohne Zweck ſeid Ihr von den vier Welttheilen gekommen, um Euch in dem Allerheiligſten des furchtbaren Glaubens zu verſammeln.“ „Allerdings nicht,“ antwortete der Präſident,„wir kommen demjenigen entgegen, welcher ein geheimnißvolles Reich im Orient gegründet, die zwei Hemiſphären in einer Gemeinſchaft des Glaubens vereinigt und die brüderlichen Hände des Menſchengeſchlechts mit einander verſchlun⸗ gen hat.“ „Gibt es ein gewiſſes Zeichen, an welchem Ihr ihn zu erkennen im Stande ſeid?“ „Ja,“ ſprach der Präſident,„und Gott hat die Gnade ge⸗ habt, es mir durch die Vermittelung ſeiner Engel zu enthüllen.“ ¹ 27 „Alſo kennt Ihr allein dieſes Zeichen?“ „Ich allein kenne es.“ „Ihr habt dieſes Zeichen Niemand enthüllt?“ „Niemand in der Welt.“ „Nennt es ganz laut.“ Der Präſident zögerte. „Nennt es,“ wiederholte der Fremde mit befehlendem Tone,„nennt es, denn der Augenblick der Offenbarung iſt gekommen“ Der Präſident antwortete: „Er wird auf ſeiner Bruſt einen diamantenen Stern tragen, und auf dieſem Stern werden die drei erſten Buchſtaben eines nur ihm allein bekannten Wahlſpruches funkeln.“ 5 „Wie heißen dieſe drei Buchſtaben?“ „L. P. D.“ Der Fremde ſchob mit einer raſchen Bewegung ſeinen Rock und ſeine Weſte auf die Seite, und auf ſeinem Hemde von feinem Batiſt erſchien glänzend wie ein flam⸗ mendes Geſtirn der diamantene Stern und auf dieſem funkelten die drei Buchſtaben in Rubin. 279 rl!“ rief der Präſident erſchrocken;„ſollte er es ein?“ 4„Derjenige, welchen die Welt erwartet?“ fragten ängſtlich die Häupter. „Der Großkophta?“ murmelten dreihundert Stimmen. „Nun!“ rief der Fremde mit dem Ausdrucke des Triumphes,„werdet Ihr mir nun glauben, wenn ich Euch zum zweiten Male wiederhole: Ich bin, der ich bin.“ „Ja,“ ſagten die Geſpenſter ſich niederwerfend. „Sprecht, Meiſter,“ riefen der Präſident und die fünf Häupter;„ſprecht, und wir werden gehorchen.“ III. EL.“. P.. D.. Es trat ein Stillſchweigen von einigen Sekunden ein; der Unbekannte ſchien mittlerweile ſeine Gedanken zu ſammeln und ſprach ſodann: 8 „Meine edle Herren, Ihr könnt die Schwerter ab⸗ legen, welche Eure Arme unnöthig ermüden, und mir ein aufmerkſames Ohr ſchenken, denn Ihr werdet viel in den wenigen Worten zu lernen haben, die ich an Euch richte.“ Die Aufmerkſamkeit verdoppelte ſich. „Die Quelle der großen Flüſſe iſt beinahe immer göttlich und deshalb unbekannt; wie der Nil, wie der Ganges, wie der Amazonenfluß, weiß ich, wohin ich gehe, aber ich weiß nicht woher ich komme! Ich erinnere mich nur, daß ich mich an dem Tage, wo ſich die Augen mei⸗ ner Seele der Auffaſſung äußerer Gegenſtände erſchloſſen, in Medina, der heiligen Stadt, befand und in den Gär⸗ ten des Mufti Salaaym umher lief. Dies war ein ehr⸗ würdiger Greis, den ich wie meinen Vater liebte, der jedoch nicht mein Vater war; denn wenn er mich voll Zärtlichkeit anſchaute, ſo ſprach er doch nur mit Ehrfurcht zu mir; dreimal des Tags entfernte er ſich, um einen andern. Greis zu mir gelangen zu laſſen, deſſen Namen ich nie anders als mit einer Ehrfurcht ausſpreche, ir welche ſich Dankbarkeit miſcht. 3 4 Dieſer ehrwürdige Greis, ein erhabener Behälter aller menſchlichen Wiſſenſchaften, unterrichtet durch die ſieben höchſten Geiſter in Allem, was die Engel lernen, um Gott zu begreifen, heißt Althotas; er wurde mein Erzieher, mein Lehrer; er iſt noch mein Freund, ein ehr⸗ würdiger Freund, denn er hat zweimal das Alter des Aelteſten unter Euch.“ 4 Dieſe Feunh Sprache, dieſe majeſtätiſchen Geber⸗ den, dieſer alhungsreiche und zugleich ſtrenge Ton brach⸗ 29 ten auf die Verſammlung einen von jenen Eindrücken hervor, welche ſich in langen Schauern der Beklemmung auflöſen. „Als ich mein fünfzehntes Jahr erreichte, war ich bereits in die bedeutendſten Geheimniſſe der Natur einge⸗ weiht. Ich kannte die Botanik, nicht die enge Wiſſenſchaft, welche jeder Gelehrte auf das Studium des Winkels der Welt, den er bewohnt, beſchränkt, ſondern ich kannte die ſechzigtauſend Pflanzenfamilien, welche auf der ganzen Welt vegetiren. Ich wußte, wenn mich mein Lehrer dazu zwang, indem er mir die Hände auf die Stirne legte und in meine geſchloſſenen Augen einen Strahl des himmliſchen Lichtes fallen ließ, ich wußte durch eine, beinahe über⸗ natürliche Betrachtung meinen Blick unter die Wellen des Meeres zu tauchen und die ungeſtalten, unbeſchreib⸗ baren Vegetationen zu klaſſificiren, welche zwiſchen den zwei Lagern ſchlammigen Waſſers dumpf ſchwimmen und ſich ſchaukeln und mit ihren rieſigen Zweigen die Wiege aller der häßlichen und beinahe formloſen Ungeheuer be⸗ decken, welche das Geſicht des Menſchen nie erſchaut hat und die Gott ſeit dem Tage, wo aufrühreriſche Engel ſeine einen Augenblick beſiegte Macht ſie zu ſchaffen zwan⸗ gen, vergeſſen haben muß. „Ich hatte mich überdies den todten und den leben⸗ digen Sprachen gewidmet. Ich kenne alle Idiome, welche man von der Meerenge der Dardanellen bis zur Meer⸗ enge von Magelhaens ſpricht. Ich las die geheimnißvollen Hieroglyphen geſchrieben auf jene Granitbuͤcher, die man die Pyramiden nennt. Ich umfaßte alle menſchliche Wiſ⸗ ſenſchaften von Sanchuniathon bis Sokrates, von Moſes bis auf den heiligen Hieronymus, von Zoroaſter bis Agrippa. „Ich ſtudirte die Medicin, nicht allein im Hippo⸗ krates, im Galien, im Averrhoes, ſondern auch in dem großen Meiſter, den man die Natur nennt. Ich erlauſchte die Geheimniſſe der Kophten und Druſen. Ich ſammelte den unheilvollen und den glücklichen Samen. Ich konnte, wenn der Samum und der Orkan über mein Haupt hin⸗ zogen, ihrem Hauche unbekannte Körner anvertrauen, welche fern von mir den Tod oder das Leben trugen, je nachdem ich die Gegend, nach welcher ich mein zorniges kder lächelndes Geſicht wandte, geſegnet oder verflucht hatte. 1. „Mitten unter dieſen Studien, unter dieſen Arbeiten, unter dieſen Reiſen erreichte ich mein zwanzigſtes Jahr. „Eines Tages ſuchte mich mein Lehrer in der Mar⸗ morgrotte auf, in welche ich mich während der großen Hitze des Tages zurückzog. Sein Geſicht war zugleich ſtreng und lächelnd; er hielt ein Fläſchchen in der Hand. „Acharat,““ ſprach er zu mir,„„ich habe Dir im⸗ mer geſagt, nichts werde geboren, nichts ſterbe in der Welt; die Wiege und der Sarg ſeien Brüder; es fehle dem Menſchen, um klar in ſeine vergangenen Eriſtenzen zu ſehen, nur die Hellſichtigkeit, die ihn Gott gleich machen werde, denn von dem Tage, wo er dieſe Hellſichtigkeit er⸗ langt habe, werde er ſich unſterblich wie Gott fühlen. Nun, ich habe einſtweilen den Trank gefunden, der die Finſterniß zerſtreut, bis ich denjenigen finde, welcher den Tod verjagt. Acharat, ich habe geſtern getrunken, was in dieſem Fläſchchen fehlt.““ „Ich hegte ein großes Vertrauen, eine tiefe Ver⸗ ehrung für meinen wurdigen Lehrer, und dennoch zitterte meine Hand, als ſie das Fläſchchen berührte, das mir Althotas reichte, wie die Hand von Adam gezittert haben muß, da er den Apfel berührte, den ihm Eva bot. „„Trinke,““ ſagte er lächelnd zu mir. „Ich trank. „Dann legte er mir die Hände auf den Kopf, wie er dies zu thun pflegte, wenn er mich für den Augenblick mit dem zweiten Geſichte begaben wollte. „„Schlafe und erinnere Dich,““ ſprach er zu mir. „Ich entſchlummerte ſogleich. Dann träumte mir, ich liege auf einem Scheiterhaufen von Sandelholz und Aloen; ein Engel, der, den Willen des Herrn von Oſten “ 31 nach dem Weſten tragend, vorüber kam, berührte meinen Scheiterhaufen mit dem Ende des Flügels und er fing Feuer. Aber ſtatt von der Angſt erfaßt zu werden, ſtatt dieſe Flamme zu fürchten, ſtreckte ich mich wollüſtig in⸗ mitten der glühenden Zungen aus, wie es der Phönix thut, der ein neues Leben in dem Principe alles Lebens geſchöpft hat. „Dann verſchwand Alles, was Materielles in mir war, die Seele allein blieb; ſie behielt die Form des Kör⸗ pers, aber durchſichtig, ungreifbar, leichter, als die At⸗ moſphäre, in der wir leben und über die ſie ſich erhob. Wie Pythagoras, der ſich bei der Belagerung von Troja geweſen zu ſein erinnerte, erinnerte ich mich ſodann der wei und dreißig Eriſtenzen, die ich durchlebt hatte. Ich fah unter meinen Augen die Jahrhunderte wie eine Reihe großer Greiſe vorübergehen. Ich erkannte mich unter den verſchiedenen Namen, die ich ſeit dem Tage meiner erſten Geburt bis zu meinem letzten Tode geführt hatte, denn Ihr wißt, meine Brüder, und das iſt einer der poſitivſten Punkte unſeres Glaubens, die Seelen, dieſe zahlloſen Aus⸗ ſtrömungen der Gottheit, welche bei jedem Hauche aus der Bruſt Gottes hervorkommen, erfüllen die Luft, vertheilen ſich in einer großen Hierarchie, von den erhabenſten bis zu den geringſten Seelen, und der Menſch, der zur Stunde ſeiner Geburt, vielleicht auf den Zufall, eine von den zu⸗ vor beſtehenden Seelen einathmet, gibt ſie zur Stunde ſeines Todes einer neuen Laufbahn und nachfolgenden Um⸗ wandlungen zurück.“ Derjenige, welcher ſprach, ſprach mit ſo überzeugtem Tone, ſchlug ſeine Augen mit einem ſo erhabenen Blicke zum Himmel auf, daß ihn bei dieſer Periode ſeines Gei⸗ ſtes, welche ſeinen ganzen Glauben zuſammenfaßte, ein Gemurmel der Bewunderung unterbrach; das Erſtaunen machte der Bewunderung Platz, wie der Zorn dem Er⸗ ſtaunen Platz gemacht hatte. 8 „Als ich erwachte,“ fuhr der Erleuchtete fort,„fühlte * — ————ͤ— 32 ich, daß ich mehr als ein Menſch, begriff ich, daß ich beinahe ein Gott war. „Da beſchloß ich, nicht nur mein gegenwärtiges Da⸗ ſein, ſondern auch alle Eriſtenzen, die ich fernerhin zu leben habe, dem Glücke der Menſchheit zu weihen. „Am andern Tage, als hätte er mein Vorhaben er⸗ rathen, kam Althotas zu mir und ſprach: „„Mein Sohn, es ſind zwanzig Jahre, als Eure Mutter, indem ſie Euch das Leben gab, verſchied; ſeit zwanzig Jahren hält ein unüberwindliches Hinderniß Eu⸗ ren erhabenen Vater ab, ſich Euch zu offenbaren; wir werden unſere Reiſen wieder fortſetzen; Euer Vater wird unter denjenigen ſein, welche uns begegnen, er wird Euch umarmen, doch Ihr werdet nicht wiſſen, daß er Euch um⸗ armt hat.““ „Es ſollte alſo Alles bei mir, wie bei den Auser⸗ wählten des Herrn geheimnißvoll ſein: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. „Ich ſagte dem Mufti Salaaym Lebewohl, er ſeg⸗ nete mich und überhäufte mich mit Geſchenken; dann ſchloſſen wir uns einer Karavane an, welche nach Suez abging. 3 Serzeiht, edle Herren, wenn ich bei dieſer Erin⸗ nerung erſchüttert bin; eines Tages umarmte mich ein ehrwürdiger Mann und ein ſeltſamer Schauer bewegte mein ganzes Weſen, als ich ſein Herz ſchlagen fühlte. „Es war der Scherif von Mekka, ein ſehr glänzender, 6 ſehr erhabener Fürſt. Er hatte hundert Schlachten ge⸗ ſehen und mit einer Geberde ſeines Armes beugte er die Köpfe von drei Millionen Menſchen. Althotas wandte ſich ab, um nicht unruhig zu werden, vielleicht um ſich nicht zu verrathen, und wir ſetzten unſern Weg fort. „Wir drangen in Aſien vor; wir fuhren den Tigris hinauf; wir beſuchten Palmyra, Damask, Smyrna, Kon⸗ ſtantinopel, Wien, Berlin, Dresden, Stockholm, Moskau, Petersburg, New⸗York, Buenos⸗Ayres, das Cap, Aden; als wir uns endlich wieder beinahe auf dem Puntte fanden, 4bL —— 4 33 von dem wir ausgegangen waren, begaben wir uns nach Abyſſinien, fuhren den Nil hinab, landeten ſpäter in Rhodus und dann in Malta; ein Schiff kam dem unſri⸗ gen auf zwanzig Stunden in die See entgegen; zwei Ritter des Ordens führten uns, nachdem ſie mich begrüßt und Althotas umarmt hatten, im Triumph in den Palaſt des Hochmeiſters Pinto.. „Ohne Zweifel, meine edle Herren, werdet Ihr mich fragen, warum der Muſelmann Acharat mit ſo großer Ehre von denjenigen aufgenommen worden ſei, welche in ihrem Gelühde die Vertilgung der Ungläubigen ſchwören. Althotas, ein Katholik und ſelbſt Malteſerritter, hatte mir immer nur von einem mächtigen, univerſellen Gott ge⸗ ſprochen, der mit Hülfe der Engel, ſeiner Diener, die all⸗ gemeine Harmonie gegründet und dieſem harmoniöſen Ganzen den ſchönen, großen Namen Kosmos gegeben. Kurz ich war Theoſoph. „Meine Reiſen waren vollendet; aber der Anblick ler dieſer Städte mit den verſchiedenen Namen, mit den iderſprechenden Sitten, hatte kein Erſtaunen bei mir er⸗ regt; das kam davon her, daß nichts unter der Sonne für mich neu war, daß ich im Verlaufe der zwei und dreißig Exiſtenzen, die ich bereits gelebt, dieſelben Städte beſucht hatte, daß das Einzige, was mir etwa auffiel, die Veränderungen waren, die ſich unter den Menſchen, welche dieſelben bevölkerten, bewerkſtelligt hatten. Ich konnte dann im Geiſt über die Ereigniſſe hinſchweben und den Gang der Menſchheit verfolgen. Ich ſah, daß alle Geiſter auf den Fortſchritt abzielten und daß der Fortſchritt zur Freiheit führte. Ich h, daß alle nach und nach zum Vorſchein gekommene Propheten vom Herrn erweckt wor⸗ den waren, um den ſchwankenden Gang der Menſchheit zu ſtützen, welche, blind von ihrer Wiege ausgegangen, jedes Jahrhundert einen Schritt gegen das Licht macht: die Jahrhunderte ſind die Tage der Völker. 4 „Ich ſagte mir nun, ſo viele erhabene Dinge ſeien mir nicht geoffenbart worden, damit ich ſie in mir begrabe, 3 Denkwürdigkeiten eines Arztes. 1. vergebens verſchließe der Berg ſeine Goldadern, vergebens verberge der Ocean ſeine Perlen; denn der beharrliche Gräber dringe in den Grund des Gebirges, denn der Taucher ſteige in die Tiefe des Meeres hinab; und ſtatt es zu machen wie der Ocean und der Berg waͤre es beſ⸗ ſer, zu thun, wie die Sonne thut, und meine Herrlichkeiten auf die Welt auszuſtreuen. „Nicht wahr, Ihr begreift nun, daß ich nicht, um einfachen Maurergebräuchen zu entſprechen, vom Orient gekommen bin. Ich bin gekommen, um Euch zu ſagen: Brüder, entlehnt die Flügel und die Augen vom Adler, erhebt Euch über die Welt, erreicht mit mir den Gipfel 3 des Berges, wohin Satan Jeſus führte, und werft die Augen auf die Königreiche der Erde. „Die Völker bilden eine ungeheure Phalanr; in ver⸗ haben ſie ihre Stufen eingenommen und müſſen jedes der Reihe nach zu dem Ziele gelangen, für welches ſie geſchaf⸗ fen ſind. Sie marſchiren unablaſſig, obgleich ſie zu ruhen ſcheinen, und wenn ſie zufällig zurückweichen, ſo gehen ſis nicht zurück, ſondern ſie nehmen einen Anſatz, um ein Hinderniß zu überſpringen, oder um eine Schwierigkeit zu brechen. „Frankreich iſt in der Vorhut der Nationen, geben wir ihm eine Fackel in die Hand, die Flamme, die ſie verzehrt, wird ein nützlicher Brand werden, weil ſie die Welt erleuchtet. 4 „Deshalb fehlt der Vertreter von Frankreich hier; vielleicht ware er vor ſeiner Sendung zurückgewichen. Es bedarf eines Mannes, der vor nichts zurückweicht... ich werde nach Frankreich gehen.“ „Ihr ſeid in Frankreich,“ entgegnete der Präſident. „Ja, das iſt der wichtigſte Poſten, ich nehme ihn ü michj es iſt das gefährlichſte Werk... ich lade es auf. 8 der Präſident. ſchiedenen Zeiten und unter verſchiedenen Lagen geboren, „Ihr wißt alſo, was in Frankreich vorgeht?“ ſagte 3 3⁵ Der Illuminat lächelte. „Ich weiß es, denn ich habe es ſelbſt vorbereitet: ein alter, furchtſamer, verdorbener König, minder alt, minder furchtſam, minder verdorben, minder verzweifelt, als die Monarchie, die er vertritt, ſitzt auf dem Throne von Frankreich. Es bleiben ihm kaum noch einige Jahre zu leben. Die Zukunft muß von uns auf eine geeignete Weiſe für den Tag ſeines Todes angeordnet ſein. Frank⸗ reich iſt der Schlüſſel vom Gewölbe des Gebäudes; die ſechs Millionen Hände, die ſich auf ein Zeichen des höch⸗ ſten Kreiſes erheben, müſſen den Stein entwurzeln, und das monarchiſche Gebäude wird zuſammenſtürzen, und an dem Tage, wo man erfährt, daß es keinen König mehr in Frankreich gibt, werden die Fürſten Europa's, welche am frechſten auf dem Throne ſitzen, fühlen, wie ihnen ein Schwindel nach der Stirne ſteigt, und ſich von ſelbſt in den Abgrund werfen, den der große Einſturz des Thrones vom heiligen Ludwig bereitet hat“ 2„Verzeiht, ehrenwerther Meiſter,“ unterbrach ihn der Chef, welcher zur Rechten des Präſidenten ſtand und in dem man an ſeinem gebirgsdeutſchen Accente den Schwei⸗ zer erkennen konnte;„Euer Verſtand hat ohne Zweiſel Alles berechnet?“ „Alles,“ antwortete lakoniſch der Großkophta. „Dennoch wird mich der ſehr ehrenwerthe Meiſter entſchuldigen, wenn ich ſo ſpreche; auf dem Gipfel unſerer Berge, im Grunde unſerer Thäler, auf den Ufern unſerer Seen ſind wir gewohnt, ſo frei zu reden, als der Hauch des Windes und das Gemurmel des Waſſers; ich wieder⸗ hole jedoch, ich halte den Augenblick für ungünſtig, denn es bereitet ſich ein großes Ereigniß vor, dem die franzö⸗ ſiſche Monarchie ſeine Wiedergeburt zu verdanken haben wird. Ich, der ich die Ehre habe, mit Euch zu ſprechen, erhabener Großmeiſter, ich habe eine Tochter von Maria Thereſia ſich in großem Prunke nach Frankreich wenden ſehen, um das Blut von ſiebzehn Cäſaren mit dem des Nachfolgers von ein und ſechzig Königen 33 vermiſchen; — ————— 36 und die Pölker freuen ſich blind, wie ſie es immer thun, wenn man ihr Joch etwas nachläßt oder vergoldet. Ich wiederhole alſo in meinem Namen und in dem meiner Brüder, ich halte den Augenblick für ungünſtig.“ Jeder wandte ſich voll Ernſt gegen denjenigen, wel⸗ cher mit ſo viel Ruhe und Kühnheit der Unzufriedenheit des Großmeiſters Trotz bot. „Sprich, Bruder,“ ſagte der Großkophta, ohne daß er bewegt zu ſein ſchien,„Dein Rath wird befolgt wer⸗ den, wenn er gut iſt. Wir Erwählten Gottes ſtoßen Niemand zurück und opfern nicht das Intereſſe einer Welt der Regung unſerer Eitelkeit.“ Der Abgeordnete der Schweiz fuhr unter dem tiefſten Stillſchweigen fort: „Sehr ehrenwerther Großmeiſter, bei meinen Studien iſt es mir gelungen, mich von einer Wahrheit zu über⸗ zeugen: davon, daß die Phyſiognomie der Menſchen dem Auge, das darin zu leſen weiß, ſtets ihre Laſter und ihre Tugenden enthüllt. Der Menſch componirt ſein Geſicht er verſüßt ſeinen Blick, er läßt ſeine Lippen lächeln; alle dieſe Muskelnbewegungen ſind in ſeiner Gewalt; aber der Haupttypus ſeines Charakters bleibt hervorſpringend ein lesbares und unwiderſprechliches Zeugniß von dem, was in ſeinem Herzen vorgeht. So hat auch der Tiger ein reizendes Lächeln und liebkoſende Blicke, doch an ſeiner niedrigen Stirne, an ſeinen hervorſpringenden Backenkno⸗ chen, an ſeinem ungeheuren Hinterhaupte, an ſeinem blu⸗ tigen Aufſperren des Rachens erkennt Ihr den Tiger. Der Hund runzelt die Stirne, zeigt die Zähne und geräth in Wuth; aber an ſeinem ſanſten, oſſenen Auge, an ſei⸗ nem geſcheiten Geſichte, an ſeinem folgſamen Weſen er⸗ kennt Ihr, daß er dienſtfertig und freundſchaftlich iſt. Gott hat auf das Antlitz jedes Geſchöpfes ſeinen Namen und ſeine Eigenſchaft geſchrieben. Wohl! ich habe auf der Stirne des Mädchens, das in Frankreich regieren ſoll, den Muth, den Stolz und die ſo zarte Menſchenfreundlich⸗ .. keit der deutſchen Jungfrauen geleſen; ich habe auf dem 37 Antlitz des jungen Mannes, der ihr Gemahl werden wird, die ruhige Kaltblütigkeit, die chriſtliche Milde und den gewiſſenhaften Geiſt des Beobachters geleſen. Wie ſollte aber ein Volk, und beſonders das franzöſiſche Volk, das kein Gedächtniß für das Böſe hat und nie das Gute ver⸗ gißt, denn es genügt ihm an einem Karl dem Großen, an einem heiligen Ludwig und einem Heinrich IV., um zwanzig feige und grauſame Könige zu beſchirmen, wie ſollte ein Volk, das ſtets hofft und nie verzweifelt, eine junge, ſchöne und gute Königin und einen ſanften, milden und haushälteriſchen König nicht lieben, nach der unſeli⸗ gen, verſchwenderiſchen Aera von Lndwig XV., nach deſſen offentlichen Orgien und duckmäuſeriſchen Rachehandlungen, nach der Regierung der Pompadour und der Dubarry? Wird Frankreich nicht die Fürſtin ſegnen, welche ein Mu⸗ ſter der von mir erwähnten Tugenden ſein und als Mit⸗ gift den europäiſchen Frieden bringen wird? Die Dauphine Marie Antoinette kommt über die Grenze, der Altar und das Ehebett werden in Verſaille zugerichtet; iſt dies der Augenblick für Frankreich und durch Frankreich Euer Re⸗ formationswerk zu beginnen? Verzeiht mir, ſehr ehren⸗ werther Herr, aber ich mußte ſagen, was ich im Grunde meines Herzens dachte, und was ich Eurer untrüglichen Weisheit zu unterwerfen für meine Pflicht halte.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich derjenige, welchen der Unbekannte unter dem Namen des Apoſtels von Zürich bezeichnet hatte, erntete das ſchmeichelhafte Gemurmel einſtimmiger Billigung und wartete auf die Antwort des Großkophta.’ Sie ließ nicht lange auf ſich warten, denn dieſer er⸗ wiederte bald: „Wenn Ihr in den Phyſiognomien leſet, erhabene Brüder, ſo leſe ich in der Zukunft. Maria Antoinette iſt ſtolz; ſte wird im Kampfe hartnäckig werden und unter unſern Angriffen untergehen. Der Dauphin Louis Auguſte iſt gut und mild, er wird im Kampfe ſchwach werden und wie ſeine Frau und mit ihr untergehen; nur wird ſich . 38 3 jedes von ihnen durch die entgegengeſetzte Tugend oder durch den entgegengeſetzten Fehler zu Grunde richten. Sie ſchätzen ſich in dieſem Augenblick; wir werden ihnen nicht die Zeit gönnen, ſich zu lieben, und in einem Jahre ver⸗ achten ſie ſich. Warum übrigens ſich berathſchlagen, meine Brüder, von welcher Seite das Licht komme, da dieſes Licht mir geoffenbart iſt? da ich vom Orient komme, geleitet wie die Hirten durch das Geſtirn, das eine zweite Wiedergeburt verkündigt? Morgen ſchreite ich zum Werke, und mit Eurer Unterſtützung fordre ich zwanzig Jahre von Euch, um unſer Werk zu vollbringen; zwanzig Jahre werden genügen, wenn wir vereinigt und ſtark auf ein Ziel losgehen.“ „Zwanzig Jahre!“ murmelten mehrere Geſpenſter, „das iſt ſehr lang.“ Der Großkophta wandte ſich an dieſe Ungeduldigen und ſprach: „Ja, gewiß, es iſt ſehr lang fuͤr Jeden, der ſich ein⸗ bildet, man tödte ein Princip, wie man einen Menſchen tödtet mit dem Meſſer von Jacques Clément oder mit dem Federmeſſer von Damiens, Wahnſinnige!... das Meſſer des Menſchen tödtet allerdings; aber dem wieder⸗ erzeugenden Stahle ähnlich, ſchneidet es einen Zweig ab, um zehn andere aus dem Stamme hervorſpringen zu laſ⸗ ſen, und an der Stelle des in ſeinem Grabe liegenden königlichen Leichnams, erweckt es einen Ludwig XIII., einen albernen Tyrannen; einen Ludwig XIY, einen verſtändigen Deſpoten; einen Ludwig XV., ein Idol, benetzt mit den Thränen und dem Blute ſeiner Anbeter, wie die ungeheuerlichen Gottheiten, die ich in Indien mit einem eintönigen Lächeln die Frauen und die Kinder, welche Guirlanden unter die Räder ihres Wagens werfen, zerquetſchen ſah. Ah! Ihr findet, zwanzig Jahre ſeien zu viel, um den Königsnamen aus den Herzen von zwan⸗ zig Millionen Menſchen zu vertilgen, welche vor Kurzem noch Gott das Leben ihrer Kinder boten, um das des kleinen Königs Ludwig XV. zu erkaufen! Ahl Ihr glaubt 39 es ſei eine leichte Aufgabe, Frankreich die Lilien verhaßt zu machen, welche ſtrahlend wie die Geſtirne des Himmels, liebkoſend wie die Wohlgerüche der Blumen, an die ſie erinnern, tauſend Jahre hindurch das Licht, die Menſchen⸗ liebe, den Sieg in alle Winkel der Erde getragen haben! Verſucht es doch, meine Bruͤder, verſucht es: ich gebe Euch nicht zwanzig Jahre, ich gebe Euch ein Jahrhun⸗ dert! Ihr ſeid zerſtreut, zitternd, einander unbekannt; ich allein weiß alle Eure Namen; ich allein ſchätze, um ein Ganzes daraus zu machen, Euren getheilten Werth; ich allein bin die Kette, die Euch in einem großen, brüder⸗ lichen Knoten verbindet. Wohl! ich ſage Euch Philoſo⸗ phen, Oekonomiſten, Ideologen, ich will, daß Ihr in zwanzig Jahren die Grundſätze, die Ihr mit leiſer Stimme am Familienherde murmelt, die Ihr mit unruhigem Auge im Schatten Eurer alten Thürme niederſchreibt, die Ihr einander, den Dolch in der Hand, anvertraut, um mit dieſem Dolche den Unklugen oder den Verräther nieder⸗ zuſtaßen, der Eure Worte lauter, als Ihr ſie ſagt, wie⸗ derhilen würde; ich will, daß Ihr dieſe Grundſätze ganz öffentich auf der Straße verkündigt, daß Ihr ſie am hel⸗ len Tage druckt, daß Ihr ſie in ganz Europa durch fried⸗ liche Eniſſäre oder an der Spitze der Bajonette von fünf⸗ mal hindert tauſend Soldaten verkündigt, welche als Kämpfer für die Freiheit, dieſe Grundſätze auf ihre Fah⸗ nen geſchileben, ſich erheben werden; ich will endlich, daß Ihr, hyie Ihr bei dem Namen des Tower von⸗ Lon⸗ don, Ihr, iie Ihr bei dem Namen der Kerker der In⸗ quiſition zitert, ich will bei dem Namen der Baſtille, der ich Trotz bieen werde, daß wir, Ihr und ich, aus Mit⸗ leid lachen, dährend wir die Trümmer dieſer furchtbaren Kerker, auf degen Eure Frauen und Eure Kinder tanzen werden, mit Fißen treten. Doch Alles dies kann nur nach dem Tode, nicht des Monarchen, ſondern der Mo⸗ narchie, nach de Verachtung der öffentlichen Gewalten, nach dem völlige Vergeſſen jeder ſocialen Niedrigkeit, nach der Vertilgun der ariſtokratiſchen Kaſten und der Theilung der adeligen Güter geſchehen. Ich verlange zwanzig Jahre, um eine alte Welt zu zerſtören und eine neue aufzubauen, zwanzig Jahre, das heißt zwanzig Se⸗ cunden der Ewigkeit, und Ihr ſagt, das ſei zu viel!“ Ein langes Gemurmel der Bewunderung und Bei⸗ ſtimmung folgte auf die Rede des düſteren Propheten; er hatte offenbar alle Sympathien dieſer geheimnißvollen Mandatare des europäiſchen Geiſtes gewonnen. Der Großkophta genoß einen Augenblick ſeinen Triumph und fuhr dann, als er ihn vollſtändig fühlte, fort: „Sprecht nun, meine Brüder, nun, da ich mich ganz hingebe, nun, da ich den Bären in ſeiner Höhle anzugrei⸗ fen im Begriffe bin und mein Leben gegen die Freiheit der Welt einſetze, was werdet Ihr für den Erfolg der Sache thun, der wir unſer Leben, unſer Vermögen und unſere Freiheit geweiht haben? Was werdet Ihr thun, ſagt es? dies Euch zu fragen, bin ich gekommen.“ Ein durch ſeine Feierlichkeit erſchreckendes Stillſchvei⸗ gen folgte auf dieſe Worte; man ſah in dem düſteen Saale nur unbewegliche Geſpenſter, verſunken in den ernſten Gedanken, der zwanzig Throne erſchüttern ſollte. Die ſechs Häupter trennten ſich von den Guppen und kehrten nach einer Berathung von einigen Ninuten zu dem oberſten Haupte zurück. Der Präſident ſprach zuerſt. „Ich vertrete Schweden,“ ſagte er.„In Namen von Schweden biete ich, um den Thron von Waſa zu vernichten, die Bergleute, welche dieſen Thon errichtet haben, nebſt hunderttauſend Silberthalern.“ Der Großkophta zog ſeine Schreibtafel hervor und ſchrieb das Anerbieten auf, das ihm gemacht worden war. Derjenige, welcher zur Linken des Prſſidenten ſtand, ſprach ſodann: „Ich, der Abgeſandte der irländiſche und ſchottiſchen Kreiſe, kann nichts im Namen von Enfland bieten, das wir uns zu bekämpfen eifrig finden weyen; doch im Na⸗ men des armen Irland, im Namen ds armen Schott⸗ 41 land biete ich eine Contribution von dreitauſend Mann und dreitauſend Kronen jährlich.“ Der Großkophta ſchrieb dieſes Anerbieten neben das vorhergehende. „Und Ihr?“ ſagte er zu dem dritten Haupte. „Ich,“ antwortete dieſer, deſſen Kraft und Ungeſtüm ſich unter dem beengenden Rocke des Eingeweihten ver⸗ riethen,„ich vertrete Amerika, von dem jeder Stein, jeder Baum, jeder Waſſertropfen, jeder Blutstropfen der Em⸗ pörung angehört. So lange wir Geld haben, werden wir geben; ſo lange wir Blut haben, werden wir vergießen; nur können wir nicht eher handeln, als bis wir frei ſind.— Getheilt, gleichſam eingepfercht, numerirt, ſtellen wir einge rieſige Kette mit getrennten Ringen dar; eine mächtige Hand müßte die zwei erſten Glieder zuſammenfügen und die andern würden ſich wohl von ſelbſt verbinden Mit uns alſo müßte man anfangen, ſehr ehrenwerther Meiſter. Wollt Ihr die Franzoſen vom Königthum befreien, ſo macht uns zuerſt von der fremden Herrſchaſt frei.“ „So ſoll es geſchehen,“ antwortete der Großkophta; „Ihr werdet zuerſt frei ſein, und Frankreich wird Euch unterſtützen. Gott hat in allen Sprachen geſagt:„„Hel⸗ fet einander.““ Wartet alſo; für Euch, Bruder, wird das Warten wenigſtens nicht lange dauern, dafür ſtehe ich Euch.“ Dann wandte er ſich an den Abgeordneten der Schweiz. „Ich, was mich betrifft,“ ſagte dieſer,„ich kann nichts verſprechen, als meine perſönliche Beihülfe. Die Söhne der Republik ſind ſeit geraumer Zeit die Verbündeten der franzöſiſchen Monarchie; ſie verkaufen ihr Blut an dieſelbe ſeit Marignan und Pavia; es ſind getreue Schuldner und ſie werden ausliefern, was ſie verkauft haben. Zum erſten Male, ſehr ehrenwerther Großmeiſter, ſchäme ich mich un⸗ ſerer Rechtſchaffenheit.“ 8 „Es ſei,“ antwortete der Großkophta,„wir werden ohne ſie und trotz derſelben ſiegen. Und nun iſt an Euch die Reihe, Abgeordneter Spaniens.“ „Ich,“ ſagte dieſer,„ich bin arm, ich kann nur drei tauſend Brüder geben; doch ſie werden jeder tauſend Realen jährlich beitragen. Spanien iſt ein träges Land, wo der Menſch auf einem Schmerzenslager zu ſchlafen weiß, wenn er nur ſchläft.“ „Gut,“ ſprach der Kophta.„Und Ihr?“ „Ich,“ antwortete derjenige, an welchen er ſich wandte, „ich vertrete Rußland und die polniſchen Kreiſe. Unſere Brüder ſind reiche Unzufriedene oder arme Leibeigene, einer raſtloſen Arbeit und einem frühzeitigen Tod geweiht. Im Namen der Leibeigenen kann ich nichts verſprechen, weil ſie nichts beſitzen, nicht einmal das Leben; doch ich verſpreche für dreitauſend Reiche zwanzig Louis d'or für den Kopf jährlich.“. Die andern Abgeordneten kamen der Reihe nach;z jeder vertrat entweder ein kleines Königreich, oder ein großes Fürſtenthum oder einen armen Staat; Jeder ließ ſein Anerbieten in die Schreibtafel des oberſten Hauptes einzeichnen und machte ſich durch einen Schwur verbind⸗ lich, zu halten, was er verſprochen hatte. „Das durch die drei Buchſtaben, an denen Ihr mich erkannt, ſymboliſirte Loſungswort wird ſich, bereits in einem Theile der Welt gegeben, nunmehr im andern verbreiten,“ ſagte der Großkophta.„Jeder Eingeweihte trage dieſe drei Buchſtaben nicht nur in ſeinem Herzen, ſondern auf ſeinem Herzen, denn wir, der ſouvräne Meiſter der Logen des Orients und des Occidents, beſehlen den Untergang der Lilien. Ich befehle ihn Dir, Bruder von Schweden, Dir, Bruder von Schottland, Dir, Bruder von Amerika, Dir, Bruder von der Schweiz, Dir, Bruder von Spanien und Dir, Bruder von Rußland: LILIA PEDIBUS DESTRUE.)“ *) Zerſtöre die Lilien mit den Füßen.— Die drei Buche „ſiaben L. P. D. waren wirktlich die Deviſe der Illuminaten. —— ———,———— 43 Ein Zuruf, mächtig wie die Stimme des Meeres, erſcholl im Grunde der Ruine und entſtrömte in traurigen Windſtößen in die Schlünde des Gebirges. „Und nun im Namen des Vaters und des Meiſters, entfernt Euch,“ ſprach der Großkophta, als ſich das Ge⸗ murmel gelegt hatte, kehrt in Ordnung in die unterirdi⸗ ſchen Gewölbe zurück, welche in die Steinbrüche des Don⸗ nersbergs ausmünden, und zerſtreut Euch, die Einen auf dem Fluße, die Andern durch den Wald, die Uebrigen durch das Thal, vor Sonnenaufgang. Ihr werdet mich noch einmal ſehen, und das wird der Tag unſeres Trium⸗ phes ſein. Geht!“ Dann ſchloß er die Rede mit einer Maurergeberde, welche nur die ſechs höchſten Häupter verſtanden, ſo daß dieſe um den Großkophta verſammelt blieben, nachdem die Eingeweihten von geringerer Ordnung verſchwunden waren. Dann nahm der Großkophta den Schweden bei Seite und ſprach: „Swedenborg, Du biſt ein wahrhaft inſpirirter Mann und Gott dankt Dir durch meine Stimme. Schicke das Geld nach Frankreich unter der Adreſſe, die ich Dir an⸗ geben werde“ Der Präſident grüßte demüthig und entfernte ſich erſtaunt über das zweite Geſicht, das ſeinen Namen dem Großkophta geoffenbart hatte. „Heil, braver Fairfar,“ fuhr er fort,„Ihr ſeid der würdige Sohn Eures Ahnherrn, empfehlt mich dem An⸗ denken von Waſhington, ſobald Ihr ihm ſchreibt“ Fairfar verbeugte ſich ebenfalls und folgte Swedenborg. „Komm, Paul Jones,“ ſagte der Kophta zu dem Amerikaner;„komm, denn Du haſt gut geſprochen; ich erwar⸗ ttete dies von Dir; Du wirſt einer der Helden von Amerika ſein. Es halte ſich mit Dir auf das erſte Signal bereit!“ Bebend, wie unter dem Hauche eines Gottes zog ſich der Amerikaner ebenfalls zurück „Nun Du, Lavater!“ fuhr der Auserwählte fort: „ſchwöre die Theorien ab, denn es iſt Zeit zu der Praris überzugehen; ſtudire nicht mehr, was der Menſch iſt, li ſondern was er ſein kann. Geh', und wehe denjenigen be von Deinen Brüdern, welche ſich gegen uns erheben ſa werden.“ R Der Abgeordnete der Schweiz verbeugte ſich zitternd B und verſchwand. w 4„Höre mich, Nimenes,“ ſagte ſodann der Kophta, ſich T an denſenigen wendend, welcher im Namen von Spanien geſprochen hatte.„Du biſt eifrig, aber Du mißtrauſt Dir. 1 Dein Vaterland ſchlafe, ſagſt Du: doch das iſt nur ſo, weil man es nicht aufweckt. Gehe, Caſtilien iſt immer noch das Vaterland des Cid.“ Der Letzte trat ebenfalls vor; aber er hatte noch keine drei Schritte gemacht, als ihn der Großkophta mit einem Blicke zurückhielt. .„Du, Scieffort, von Rußland, Du wirſt Deine Sache verrathen, ehe ein Monat vergeht; doch in einem Monat biſt Du todt“ Der moskowitiſche Abgeſandte ſiel auf die Kniee; aber mit einer drohenden Geberde hob ihn der Groß⸗ kophta auf, und der Verurtheilte der Zukunft entſernte ſich wankend. Sobald der ſeltſame Mann, den wir in dieſes Drama als Hauptperſon eingeſührt haben, allein war, ſchaute er umher und ſchloß ſodann, da er den Empfangſaal leer und verlaſſen ſah, ſeinen ſchwarzen Sammetrock mit ge⸗ ſtickten Knopflöchern, befeſtigte ſeinen Hut auf ſeinem Kopfe, drückte an der Feder der Bronzethüre, die ſich hin⸗ ter ihm geſchloſſen hatte, und drang in die Gebirgspäſſe als ob ihm dieſe längſt bekannt wären; in den Wald gelangt, durchwanderte er dieſen, obgleich er weder Führer noch Licht hatte, gerade wie wenn eine unſichtbare Hand 3 ihn leiten würde. Als er den entgegengeſetzten Saum des Waldes er⸗ reichte, ſuchte er mit den Augen ſein Pferd; da er es nicht ſah, horchte er und ſchien dann ein entſerntes Ge⸗ wieher zu hören. Ein auf eine beſondere Weiſe modu- 45 lirtes Pfeifen kam aus dem Munde des Reiſenden, und bald konnte man Oſcherid im Schatten, treu und gehor⸗ ſam wie ein freudiger Hund, herbeilaufen ſehen. Der Reiſende ſchwang ſich leicht auf, und ſogleich verſchwanden Beide in raſchem Laufe, vermiſcht mit der düſteren Heide, welche ſich zwiſchen Dannenfels und dem Gipfel des Donnersbergs ausdehnt. I. Der Sturm. Acht Tage nach der von uns erzählten Scene kam, ungefähr um fünf Uhr Abends, ein mit vier Pferden be⸗ ſpannter und von zwei Poſtillons geführter Wagen aus Pont-à-Mouſſon, einem zwiſchen Naney und Metz liegenden Städtchen. Es waren im Poſthotel friſche Pferde an den Wagen geſpannt worden und dieſer ſetzte, trotz der erfolgloſen Einladungen einer höflichen Wirthin, welche auf der Schwelle ihres Hauſes die verſpäteten Rei⸗ ſenden betrachtete, die Fahrt nach Paris fort. Die vier Pferde, welche den Wagen zogen, waren kaum an der Ecke der Straße mit der ſchweren Maſchine verſchwunden, als zwanzig Kinder und zehn Gevatterin⸗ nen, welche während der paar Minuten, die man zum Umſpannen brauchte, um die Kutſche her ſtanden, in ihre Wohnungen mit Geberden und Ausrufungen zurückkehrten, welche bei den Einen eine übermäßige Heiterkeit, bei den Andern ein tiefes Erſtaunen offenbarten. Dies kam davon her, daß noch nichts dieſem Wagen Aehnliches über die Brücke gefahren war, welche fünfzig Jahre vorher der gute König Sta⸗ nislaus über die Moſel hatte ſchlagen laſſen, um di Verbindung zwiſchen ſeinem kleinen Königreich und Frank⸗ reich zu erleichtern. Wir Behmen ſogar die ſeltſamen AN——&—— 8—9— K— 47 elſaſſiſchen Fourgons nicht aus, welche an Markttagen von Pfalzbourg die zweiköpfigen Phänomene, die tanzenden Bären und die nomadiſchen Stämme der Gaukler, die Zigeuner der civiliſirten Lander, brachten. Ohne ein nectiſches, ſpöttiſches Kind, oder eine ſchmäh⸗ ſüchtige, neugierige Alte zu ſein, konnte man vor Erſtau⸗ nen ſtehen bleiben, wenn man dieſes monumentale Gefährt ſah, das, an vier Rädern von gleichem Durchmeſſer hän⸗ gend und geſtützt durch ſtarke Federn, nichtsdeſtoweniger raſch genug vorrückte, um den den Zuſchauern entſchlüp⸗ fenden Ausruf: „Das iſt ein ſeltſamer Wagen, um damit Ertrapoſt zu fahren,“ zu rechtfertigen. Unſere Leſer, die ihn zu ihrem Glücke nicht geſehen haben, mögen uns erlauben, ihnen denſelben zu be⸗ ſchreiben Der Hauptkaſten(wir ſagen der Hauptkaſten, weil dieſem Kaſten eine Art von Cabriolet voranging), der Haupt⸗ kaſten war hellblau angemalt und trug in vollem Felde eine zierliche Baronenkrone, welche über einem J und ei⸗ nem B in künſtlicher Verſchlingung angebracht war. Zwei Fenſter, wir ſagen Fenſter und nicht Schläge, mit Vorhängen von weißer Mouſſeline, ließen das Licht in das Innere ein; nur waren dieſe Fenſter, dem profanen Volke beinahe unſichtbar, in dem vorderen Theile des Kaſtens angebracht und gingen nach dem Cabriolet. Ein Gitterwerk geſtattete zugleich, mit dem Weſen, das dieſen Kaſten bewohnte, zu ſprechen, und, was man ohne dieſe Vorſichtsmaßregel nicht hätte thun können, ſich an die Scheiben anzulehnen, an denen die Vorhänge ausgeſpannt waren. Der hintere Kaſten, der der wichtigere Theil dieſer ſeltſamen Kutſche zu ſein ſchien, welche acht Fuß Länge unnd ſechs Fuß Breite haben mochte, empfing alſo das Licht nur durch dieſe Fenſter und Luft nur durch eine mit einer Glasſcheibe verſehene, gegen die Imperiale gehende Oeffnung; um die Reihe de Seltſamkeiten, welche dieſes Gefährt den Blicken der Vorübergehenden bot, zu vervoll⸗ ſtändigen, ragte eine Röhre von Eiſenblech um einen guten Fuß aus der Imperiale empor und ſpie einen Rauch mit bläulichen Wirbeln aus, welche, immer weißer wer⸗ dend, in einer Säule fortzogen und ſich in der Luftfurche. des Wagens verbreiteten. In unſern Tagen hätte eine ſolche Seltſamkeit keinen andern Erfolg gehabt, als daß man geglaubt haben würde, man ſehe eine neue, fortſchreitende Erfindung vor ſich, in der der Mechaniker auf eine geiſtreiche Weiſe die Macht des Dampfes mit der Kraft der Pferde verbinde. Dies wäre um ſo wahrſcheinlicher geweſen, als dem Wagen, dem, wie geſagt, vier Pferde und zwei Poſtillons vorangingen, ein einziges hinten mittelſt einer Leine an⸗ gebundenes Pferd folgte. Dieſes Pferd, das durch ſeinen kleinen Kopf, durch ſeine magern Beine, durch ſeine enge Bruſt, ſeine dicke Mähne und ſeinen flatternden Schweif die charaktariſtiſchen Merkmale der arabiſchen Race bot, war geſattelt: was andeutete, daß zuweilen einer von den geheimnißvollen, in dieſer zweiten Arche Noäh eingeſchloſ⸗ ſenen Reiſenden ſich das Vergnügen eines Rittes machte und neben dem Wagen galoppirte, dem ein ſolcher Gang unwiderruflich verſagt zu ſein ſchien. 3 In Pont-à-Mouſſon erhielt der Poſtillon des vor⸗ hergehenden Relais ein doppeltes Trinkgeld von einer weißen, muskeligen Hand, die zwiſchen den zwei ledernen Vorhängen durchſchlüpfte, welche den vorderen Theil des Cabriolet beinahe ebenſo hermetiſch verſchloſſen, als die Mouſſelinevorhänge den vorderen Theil des Kaſtens ſchloſſen. Der erſtaunte Poſtillon nahm raſch ſeinen Hut ab— und ſagte:„Ich danke, Monſeigneur.“ Und eine ſonore Stimme antwortete in deutſcher Sprache, welche man noch in der Gegend von Nancy verſteht, wenn man ſie auch nicht mehr ſpricht: „Schnell, ſchneller!“ Die Poſtillons verſtehen beinahe alle Sprachen, wenn 4 man die Worte, die man zu ihnen ſpricht, mit einer u—— N —— O B— N————— 8 N ½&ᷣ Aà& — ᷣι er 49 gewiſſen metalliſchen Muſik begleitet, nach der dieſe Race, die Sache iſt allen Reiſenden vollkommen bekannt, ſich äußerſt lüſtern zeigt; die zwei neuen Poſtillons thaten auch Alles, was ſie konnten, um im Galopp wegzufahren, und nur nach Anſtrengungen, welche mehr der Kraft ihrer Arme, als den Kniebeugen ihrer Pferde Ehre machten, willigten ſie, des Krieges müde, ein, ſich auf einen ziem⸗ lich anſtändigen Trab zu beſchränken, denn er erlaubte ihnen offenbar, zwei und eine halbe bis drei Lieues in der Stunde zurückzulegen. Gegen ſieben Uhr ſpannte man in Saint⸗Mihiel um; dieſelbe Hand ſchob durch die Vorhänge die Bezahlung der zurückgelegten Poſt und dieſelbe Stimme ließ eine ähnliche Aufforderung vernehmen. Es verſteht ſich, daß der ſeltſame Wagen dieſelbe Neugierde erregte, wie in Pont-à-Mouſſon; die ein⸗ brechende Nacht trug dazu bei, ihm ein noch phantaſti⸗ ſcheres Ausſehen zu geben Nach Saint⸗Mihiel fing das Gebirg an. Hier an⸗ gelangt, mußten ſich die Reiſenden begnügen, im Schritte zu fahren; man brauchte beinahe eine halbe Stunde, um eine Viertelslieue zurückzulegen. Auf dem Gipfel der Steige hielten die Poſtillons an, um ihre Pferde einen Augenblick ſchnaufen zu laſſen, und die ledernen Vorhange auf die Seite ſchiebend, konnten die Reiſenden im Cabriolet einen ziemlich ausgedehnten Horizont überſchauen, den jedoch die erſten Dunſte des Abends zu verſchleiern anfingen. Das Wetter war bis drei Uhr Nachmittags klar und warm geweſen, wurde aber gegen Abend erſtickend. Eine von Suüden kommende, große, weiße Wolke, die dem Wa⸗ gen abſichtlich zu folgen ſchien, drohte dieſen zu erreichen, ehe er in Bar⸗le⸗Duc, wo die Poſtillons anzuhalten und die Nacht zuzubringen vorſchlugen, angelangt wäre. Auf einer Seite durch den Berg und auf der andern durch eine abſchüſſige Böſchung eingeengt, ſiel der Weg gegen ein Thal ab, in deſſen Hintergrund man die Maas 5 hinſchlängeln ſah, und vot eine halbe Lieue lang einen Dentwurdigkeiten eines Arztes. I. 4 ſo raſchen Abſturz, daß es gefährlich geweſen wäre, ihn anders als im Schritt hinabzufahren; dieſen klugen Gang wählten auch die Poſtillons, als ſie wieder aufbrachen. Die Wolke rückte immer vor, und da ſie mächtig war und beinahe die Erde ſtreifte, ſo breitete ſie ſich immer mehr aus, während die Dünſte, welche vom Boden auf⸗ ſtiegen, ſich an ſie anhingenz man ſah ſie auch in ihrer unheilvollen Weiße alle die anderen bläulichen Wolken zurückſtoßen, welche ſich unter den Wind zu ſtellen ſuchten, wie es die Schiffe an einem Schlachttage thun. Durch dieſe Wolke, die ſich mit der Schnelligkeit ei⸗ ner ſteigenden Fluth am Himmel ausbreitete, wurden bald die letzten Sonnenſtrahlen aufgefangen; ein gräuliches, trübes Licht filtrirte nur mühſam auf die Erde und die Blätter, welche zitterten, ohne daß der geringſte Wind durch die Luft ſtrich, nahmen die ſchwarze Tinte an, mit der ſie ſich unter den erſten auf die Abweſenheit der Sonne folgenden Lagen der Dunkelheit bekleiden. Plötzlich durchfurchte ein Blitz die Wolke, der Him⸗ mel ſpaltete ſich in Feuerrauten, und das erſchrockene Auge konnte in die unermeßlichen, wie die Hölle glühenden Tiefen des Firmaments tauchen. Ein Donnerſchlag erſchütterte, von Baum zu Baum bis zu dem Gehölze ſpringend, durch das ſich die Straße zog, beinahe in demſelben Augenblicke ſogar die Erde und ließ die große Wolke wie ein wüthendes Pferd laufen. Der Wagen rollte immer weiter und ſpie aus ſeinem Kamin fortwährend Rauch aus; nur war dieſer Rauch, zuvor ſchwarz, nunmehr zart und opalfarbig geworden. Hienach verfinſterte ſich der Himmel gleichſam in Stößen; das Fenſter der Imperiale wurde von einem lebhaften, purpurrothen Schimmer übergoſſen und blieb beleuchtet; offenbar nahm der Bewohner dieſer rollenden Zelle, den äußeren Erſcheinungen fremd, ſeine Maßregeln gegen die Nacht, um nicht in dem Werke, das er voll⸗ führte, unterbrochen zu werden. Der Wagen war noch auf dem Plateau des Berges, „ 51 er hatte die Fahrt abwärts noch nicht begonnen, als ein zweiter Donnerſchlag, noch heftiger als der erſte und noch mehr mit metalliſchen Vibrirungen beladen, den Regen von den Wolken löſte; er ſiel Anfangs in großen Tropfen, ſtürzte aber bald dicht und ſtarr herab, wie Arme voll Pfeile, die man vom Himmel geſchleudert hätte. Die Poſtillons ſchienen ſich zu berathen, der Wagen hielt an. „Nun!“ rief dieſelbe Stimme, doch diesmal in vor⸗ trefflichem Franzöſiſch,„was Teufels machen wir?“ „Wir fragen uns, ob wir weiter fahren ſollen,“ ant⸗ worteten die Poſtillons. „Es ſcheint mir, daß man mich das fragen müßte, und nicht Euch,“ verſetzte die Stimme.„Vorwärts!“ Es lag ein ſo mächtiger Ausdruck des Befehls in dieſer Stimme, daß die Poſtillons gehorchten und der Wagen auf dem Abhange des Gebirges hinabzurollen begann. „Gut ſo!“ rief die Stimme.. Und die einen Augenblick geöffneten ledernen Vor⸗ hänge fielen abermals zwiſchen die Reiſenden und das Vordergeſtell der Kutſche. 1 Doch die von Natur thonige und feuchte, durch die vom Himmel fallenden Regenſtröme erweichte Erde wurde plötzlich ſo ſchluüpfrig, daß die Pferde vorzurücken ſich weigerten. „Mein Herr,“ ſagte der Poſtillon, der das Deichſel⸗ pferd ritt,„es iſt unmöglich, weiter zu gehen.“ „Warum dies?“ fragte die uns bekannte Stimme. „Weil die Pferde nicht mehr marſchiren.“ „Wie weit ſind wir noch von der Station entfernt?“ „Ahl dieſe iſt lang, wir haben noch vier Lieues.“ „Wohl, Poſtillon, lege Deinen Pferden ſilberne Huf⸗ eiſen an, und ſie werden marſchiren,“ ſprach der Fremde, indem er den Vorhang öffnete und ihm vier Sechs⸗Livres⸗ Thaler reichte. „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte der arſilon, nahm die 52. Thaler in ſeine breite Hand und ſteckte ſie in ſeinen groſ⸗ ſen Stiefel.. „Der Herr ſpricht mit Dir, wie mir ſcheint,“ ſagte der zweite Poſtillon, der den ſilbernen Klang gehört hatte, welchen die Sechs⸗Livres⸗Thaler bei ihrer Verſenkung von ſich gaben, und von beiinem Geſpräch, das ein ſo großes Intereſſe bot, nicht ausgeſchloſſen ſein wollte. „Ja, er ſagt ſo etwa, wir ſollen vorwärts fahren.“ „Habt Ihr etwas gegen dieſen Wunſch einzuwenden, mmein Freund?“ rief der Reiſende mit einem wohlwollen⸗ den, aber zugleich feſten Tone, aus dem zu entnehmen war, daß er in dieſem Punkte keinen Widerſpruch dulden würde. „Nein, mein Herr, nicht ich, ſondern die Pferde; ſehen Sie, ſie weigern ſich, vorwärts zu gehen”⁰ „Wozu dienen denn die Sporen?“ verſetzte der Reiſende. „Ah! wenn ich ihnen das Spornrad ganz und gar in den Bauch drückte, ſie würden keinen Schritt mehr machen; der Himmel ſoll mich vertilgen, wenn..“ Der Poſtillon konnte ſeine Blasphemie nicht vollen⸗ den, ein Blitzſtreich, gleich furchtbar durch das Geräuſch und die Flamme, ſchnitt ihm das Wort ab. 8 3„Das iſt ein unchriſtliches Wetter,“ ſagte der brave Mann.„Eil mein Herr, ſehen Sie doch, der Wagen rückt jetzt ganz allein vor, in fünf Minuten wird er ſchneller gehen, als wir wollen. Mein Jeſus und Herr! wir rollen unwillkührlich fort.“ Auf das Krenz der Pferde drückend, welche fie in Ermangelung von Anhalten nicht mehr ſtützen konnten, nahm die ſchwere Carroſſe in der That eine Bewegung progreſſiven Lauſes, welche die Vervielfaltigung der Schwe⸗ ren bald in eine ſtürmiſche Umdrehung verwandelte Die Pferde wurden vor Schmerz wild und die Equ⸗ page flog, ſichtbar dem Präcipiß ſich nähernd, wie Pfeil den dunkeln Abhang hinab. 8 4 53 Es war nicht mehr allein die Stimme, ſondern auch der Kopf des Reiſenden, was nun aus dem Wagen hervor kam. „Ungeſchickter!“ rief er,„Du wirſt uns Alle tödten, links die Leitſeile! links doch.“ „Eil mein Herr, ich möchte Sie wohl hier ſehen,“ erwiederte der erſchrockene Poſtillon, während er vergebens ſeine Zügel zuſammenzufaſſen und die verlorene Herrſchaft über ſeine Pferde wieder zu gewinnen ſuchte. 3 „Joſeph!“ rief eine Frauenſtimme, die ſich zum erſten Male hörbar machte;„Joſeph! zu Hülfe! zu Huͤlfe! Ah! heilige Mutter Gottes.“ Die Gefahr war wirklich dringend, furchtbar, und konnte dieſes Anrufen der Mutter Gottes wohl be⸗ gründen. Stets durch ſein Gewicht fortgeriſſen und nicht mehr durch eine ſichere Hand gelenkt, rückte der Wagen immer näher gegen den Abgrund, auf welchem bereits eines von den zwei Pferden zu hängen ſchien; noch drei Umdrehungen des Rads, und Pferde, Wagen, Poſtillons, Alles war hinabgeſchleudert, zermalmt, vernichtet, als der Reiſende aus dem Cabriolet auf die Deichſel ſtürzte, den Poſtillon am Rockkragen und am Gürtel ſeiner Hoſe faßte, aufhob, wie er es nur mit einem Kinde gethan haben könnte, zehn Schritte hinausſchleuderte, an ſeine Stelle auf den Sattel ſprang, die Zügel zuſammenfaßte, und mit furchtbarer Stimme dem zweiten Poſtillon zurief: „Links, Burſche, links oder ich zerſchmettre Dir die Hirnſchale!“ 4 3 Der Befehl brachte eine magiſche Wirkung hervor; der Poſtillon, der die Vorderpferde führte, machte, ver⸗ folgt von dem Geſchrei ſeines ungluͤcklichen Gefährten, eine übermenſchliche Anſtrengung, gab dem Wagen die Richtung und führte ihn, mächtig unterſtützt durch den Reiſenden, auf die Mitte des Pflaſters, wo er mit der Geſchwindigkeit und dem Lärmen des Donners, gegen den er zu kämpfen ſchien, hinrollte, „Im Galopp!“ rief der Reiſende,„im Galopp; wenn 8 54 Du nachläßt, fahre ich Dir und Deinen Pferden über den Leib.“ Der Poſtillon begriff, daß dies keine leere Drohung war, er verdoppelte ſeine Energie, und der Wagen fuhr mit gräßlicher Geſchwindigkeit den Berg hinab; wer ihn in der Nacht hätte vorüberkommen ſehen, mit ſeinem furcht⸗ baren Geräuſche, mit ſeinem flammenden Kamine und dem erſtickten Geſchrei, dürfte geglaubt haben, er erblicke ein hölliſches Fuhrwerk, fortgeriſſen durch phantaſtiſche Pferde und verfolgt von einem Orkan. Doch die Reiſenden hatten nur eine Gefahr vermie⸗ den, um in eine andere zu gerathen. Die über dem Thale ſchwebende elektriſche Wolke hatte Flügel und eilte ſo raſch fort, als die Pferde. Von Zeit zu Zeit ſchaute der Rei⸗ ſende empor, dies beſonders wenn ein Blitz die Wolke zerriß, und bei dem Schimmer dieſes Blitzes konnte man auf ſeinem Geſichte eine Regung der Unruhe unterſchei⸗ den, die er nicht zu verbergen ſuchte, denn Niemand außer Gott war da, um ihn zu beobachten. In dem Augenblick, wo der Wagen den Fuß des Abhanges erreichte und durch ſeinen Schwung fortgezogen auf einem gleichmäßigeren Terrain raſch weiter ſuhr, verband plötzlich die ungeſtüme Verſetzung der Luft die zwei Electricitäten, und die Wolke zerriß ſich mit einem furchtbaren Krachen, um zugleich Donner und Blitz durchzulaſſen. Ein Anfangs violettes, dann grünliches, dann weißes Feuer umhüllte die Pferde; die hinteren bäumten ſich, ſchlugen die Luft mit ihren Vorderbeinen und athmeten geräuſchvoll die mit Schwefel geſchwängerte Luft ein; die vorderen ſtürzten nieder, als ob die Erde unter ihren Füßen entwichen wäre; aber beinahe in demſelben Augenblick erhob ſich dasjenige, wel⸗ ches der Poſtillon ritt, wieder und trug, als es fühlte, daß ſeine Stränge durch den Sturz zerriſſen worden waren, ſeinen Herrn fort, und dieſer verſchwand in der Finſterniß, während der Wagen, nachdem er noch zehn Schritte fort⸗ gerollt war, an den Leichnam des vom Blitze getroffenen Pferdes ſtieß und anhielt. 5535 Dieſe ganze Epiſode war begleitet von einem gräß⸗ lichen Geſchrei, das die Frau im Wagen ausſtieß. Es herrſchte einen Augenblick eine ſonderbare Ver⸗ wirrung, während welcher Keiner wußte, ob er todt war oder lebte. Der Reiſende ſelbſt betaſtete ſich, um ſeine Identität zu beſtätigen. Er fand ſich unverſehrt, aber die Frau war ohn⸗ mächtig. Obgleich der Reiſende vermuthete, was vorgefallen, denn das tiefſte Stillſchweigen war plötzlich auf das Geſchrei gefolgt, das aus dem Cabriolet hervorkam, wandte er doch nicht der wehklagenden Frau ſeine erſte Sorge zu. Kaum hatte er den Boden berührt, ſo lief er im Gegentheil nach dem Hintergeſtelle des Wagens. Hier ſtand das ſchöne arabiſche Pferd, von dem wir geſprochen, ſtarr, ſtraubig, jedes Haar emporrichtend, als ob es lebendig wäre, an der Thüre rüttelnd, an deren Griff es angebunden war, und heftig an ſeiner Leine zerrend. Das Auge ſtarr, das Maul ſchäumend, war das ſtolze Thier nach vergeblichen Verſuchen, um ſeine Bande zu zerreißen, durch den Schrecken des Sturmes verblendet geblieben, und als ihm ſein Herr, nach ſeiner Gewohnheit pfeifend, um es zu liebkoſen, mit der Hand über das Kreuz fuhr, machte es einen Sprung und ſtieß ein Gewieher aus, als ob es ihn nicht erkannt hätte. „Abermals dieſes verteufelte Pferd,“ murmelte eine gebrochene Stimme im Innern des Wagens;„verflucht ſei das Thier, das meine Mauer erſchüttert.“ Dann rief dieſelbe Stimme, ihren Umfang verdop⸗ pelnd, arabiſch mit dem Tone der Ungeduld und der Drohung: „Nhe gullac hogud ſchaked haffrit! ⁰*) „Erzürnt Euch nicht gegen Dſcherid, Meiſter,“ ſprach der Reiſende, machte das Pferd los und band es ſodann an das hintere Rad des Wagens; ver hat Angſt gehabt *) Ich ſage dir, du ſollſt ruhig bleiben, Dämon. 56 und in der That, man⸗ kännte vor Weniger bange be⸗ kommen.“ Und als er ſo geſprochen, öffnete der Reiſende den Kutſchenſchlag, ließ den Fußtritt herab und ſtieg in den Wagen, deſſen Thuüre er hinter ſich ſchloß. II. Althotas. Der Reiſende ſtand nun einem Greiſe mit grauen Augen, gebogener Naſe, zitternden, aber thätigen Händen gegenuber, der, in einen großen Lehnſtuhl vertieft mit der rechten Hand in einem dicken, pergamentenen Manuſcripte, betitelt la Chiave del Gabinetto, blatterte und in der linken Hand einen Schaumlöffel hielt. 2 Dieſe Haltung, dieſe Beſchäftigung, dieſes Geſicht mit den unbeweglichen Runzeln, worin nur die Augen und der Mund zu leben ſchienen, kurz dieſes Ganze, das dem Leſer ohne Zweifel ſeltſam vorkommt, war dem Fremden ſicherlich ſehr bekannt, denn er warf nicht einmal einen Blick umher, obgleich es ſich wohl der Mühe lohnte, ddieſen Theil der Kutſche zu betrachten. — Drei Mauern,— der Greis nannte ſo, wie man ſich erinnern wird, die Wände des Wagens,— umſchloſ⸗ ſen, mit Fächern beladen, welche ſelbſt wieder voll von Büchern waren, den Lehnſtuhl, den alleinigen Sitz dieſer bizarren Perſon, für die man über den Büchern Brett⸗ chen angebracht hatte, auf welche man eine gute Anzahl von Phiolen, Pokalen und Schachteln ſtellen konnte, die in hölzerne Etuis eingehäuſt waren, wie man dies bei dem Tafelgeſchirr und dem Glaswerk auf einem Schiffe thut; jeden von dieſen Behältern und jedes von dieſen Ctuis konnte der Greis, der, wie es ſchien, ſich ſelbſt a bedienen pflegte, dadurch erreichen, daß er ſeinen Lehnſtuhl fortrollte, den er, an dem Orte feiner Beſtimmung ange⸗ langt, mit Hülfe einer an den Seiten des Sitzes ange⸗ brachten Winde, die er ſelbſt ſpielen ließ, erniedrigte, oder erhöhte. 4 Das Zimmer, nennen wir ſo dieſen Raum, war acht Fuß lang, ſechs breit und ſechs hoch; vor dem Kutſchen⸗ ſchlage erhob ſich, außer den Phiolen und Deſtillirkolben, naͤher bei der vierten Fuͤllung, welche für den Aus⸗ und Eingang frei geblieben war, erhob ſich, ſagen wir, ein kleiner Ofen mit ſeinem Schirmdache, ſeinem Blaſebalg und ſeinen Röſten; dieſer Ofen wurde gerade dazu ver⸗ wendet, einen Schmelztigel glühend zu machen und eine Mirtur kochen zu laſſen, welche durch die Röhre, die wir an der Imperiale geſehen, den geheimnißvollen Rauch, den beſtändigen Gegenſtand des Erſtaunens und der Neu⸗ gierde für die Vorubergehenden jedes Landes, jedes Alters und jedes Geſchlechtes, ausſtrömte. Außer den Phiolen, den Büchſen, den Büchern und den Schachteln, welche in pittoresker Unordnung auf dem Boden zerſtreut waren, ſah man kupferne Feuerzangen, in verſchiedenen Präparaten eingeweichte Kohlen, ein großes Gefäß, halb mit Waſſer gefüllt, und an der Decke an Fäden hängend Päckchen mit Kräutern, von denen die einen am Tage vorher, die andern vor hundert Jahren geſammelt zu ſein ſchienen. Dieſes Innere duftete einen durchdringenden Geruch aus, den man in einem minder grotesken Laboratorium einen Wohlgeruch genannt hätte. In dem Augenblick, wo der Reiſende eintrat, rollte der Greis ſeinen Lehnſtuhl mit einer wunderbaren Ge⸗ wandtheit und Behendigkeit fort, näherte ſich dem Ofen und fing an ſeine Mirtur mit einer Aufmerkſamkeit, welche an Ehrſurcht grenzte, abzuſchäumen; zerſtreut durch die Erſcheinung, die ſich ihm bot, drückte er ſodann mit der rechten Hand die einſt ſchwarze Sammetmütze, die ſeinen Kopf bis unter die Ohren umhüllte, und aus der einige ſpärliche Haarbüſchel, glänzend wie Silberfäden, Perworlahen, tiefer ein und zog unter dem Röllchen ſeines eehnſtuhles mit einer merkwürdigen Geſchicklichkeit den Flügel ſeines langen Rockes von wattirter Seide zurück, den zehn Jahre des Gebrauchs in einen farbloſen, form⸗ loſen und beſonders unzuſammenhängenden Lumpen ver⸗ wandelt hatten. Der Greis ſchien ſehr übler Laune zu ſein und brummelte, während er ſeine Mirtur abſchäumte und ſeinen Rock aufhob: „Es hat Furcht, das verfluchte Thier, und vor was, nen Ofen erſchüttert und ein Viertel von meinem Elirir in das Feuer gegoſſen. Acharat! im Namen Gottes, überlaßt mir dieſes Thier in der erſten Wüſte, die wir durchziehen.“ Der Reiſende lächelte und erwiederte: „Einmal durchziehen wir keine Wüſte mehr, da wir in Frankreich ſind, und dann kann ich mich nicht entſchließen, ein Pferd von tauſend Louisd'or hinzugeben, oder vielmehr ein Pferd, das gar keinen Preis hat, das von der Race von Al Borah iſt.“ „Tauſend Louisd'or! tauſend Louisd'or! ich werde Euch die tauſend Louisd'or, oder ihr Aequivalent geben, wann Ihr wollt. Euer Pferd koſtet mich nun mehr als eine Million, abgeſehen von den Lebenstagen, die es mir raubt.“ „Sprecht, was hat denn der arme Oſcherid wieder gethan?“ „Was er gethan hat? Noch einige Minuten, und das Elixir hätte gekocht, ohne daß ein einziger Tropfen entwichen wäre, was Zoroaſter und Paracelſus allerdings nicht angeben, von Borri aber poſitiv empfohlen wird“ „Nun, lieber Meiſter, noch ein paar Secunden und das Elirir wird kochen.“ „Ah! ja, kochen, ſeht doch, Acharat, es iſt wie ein Fluch, mein Feuer erliſcht, ich weiß nicht, was uri meinen Kamin herabfällt.“ frage ich Euch? Es hat an meiner Thüre gerüttelt, mei⸗ — —.———— 59 „Ich weiß wohl, was durch den Kamin fällt: Waſſer,“ verſetzte der Schüler lachend. „Wie, Waſſer! Waſſer! dann iſt mein Elirir ver⸗ loren! ich muß meine Operation abermals beginnen... als ob jch Zeit zu verlieren hätte! mein Gott, mein Gott!“ rief der alte Gelehrte, die Hände voll Verzweiflung zum Himmel erhebend,„Waſſer! und was für Waſſer, frage ich Euch, Acharat?“ „Reines Waſſer vom Himmel, Meiſter; es regnet in Strömen, habt Ihr es nicht bemerkt?“ „Bemerke ich etwas, wenn ich bei der Arbeit bin? Waſſer!... das iſt es alſo!... Seht Acharat, es iſt bei meiner armen Seele, um ungeduldig zu werden! Seit ſechs Monaten verlange ich von Euch eine Haube für meinen Kamin... ſeit ſechs Monaten!... was ſage ich? ſeit einem Jahr. Ihr denkt nie daran... Ihr, der Ihr doch nichts Anderes zu thun habt, da Ihr noch jung ſeid. Was geſchieht in Folge Eurer Nachläͤſſigkeit? der Regen von heute, der Wind morgen verwirren alle meine Be⸗ rechnungen und richten alle meine Operationen zu Grunde; und ich muß mich doch, beim Jupiter! beeilen; Ihr wißt wohl, mein Tag kommt, und wenn ich an dieſem Tage nicht im Reinen bin, wenn ich nicht das Lebenselixir wie⸗ dergefunden habe, dann gute Nacht Weiſer, gute Nacht gelehrter Althotas! Mein hundertſtes Jahr beginnt am 15. Juli auf den Punkt 11 Uhr Abends, und bis dahin muß mein Elirir die Vollkommenheit erreicht haben.“ „Aber das bereitet ſich vortrefflich, wie mir ſcheint, lieber Meiſter,“ ſagte Acharat. „Ganz gewiß. Ich habe ſchon Verſuche durch Ver⸗ ſchlucken gemacht; mein beinahe gelähmter linker Arm hat wieder ſeine ganze Elaſticität erhalten; dann gewinne ich die Zeit, die ich zu meinen Mahlen verwendete, weil ich nur alle zwei bis drei Tage zu eſſen brauche und im Zwiſchen⸗ raume ein Löffel voll von meinem Elirir, ſo unvollkom⸗ men es iſt, mich ernährt. Ol wenn ich bedenke, daß ich wahrſcheinlich nur einer Pflanze, nur eines Blattes von 8 4 8 60 dieſer Pflanze bedarf, damit mein Elirir vollſtändig iſt! daß wir vielleicht ſchon hundertmal, fünfhundertmal, tau⸗ ſendmal an dieſer Pflanze vorübergekommen ſind, daß ſie von den Füßen unſerer Pferde zertreten, von den Rädern unſeres Wagens zermalmt worden iſt, dieſe Pflanze, von der Plinius ſpricht, Acharat, und welche die Gelehrten nicht gefunden, oder nicht wiedererkannt haben, denn nichts verliert ſich! Hört, Ihr müßt Lorenza während einer ihrer Ertaſen nach ihrem Namen fragen... nicht wahr?“ „Ja, Meiſter, ſeid unbeſorgt, ich werde ſie fragen.“ „Mittlerweile,“ ſprach der Gelehrte mit einem tiefen Seufzer,„mittlerweile iſt mein Elirir auch diesmal ver⸗ fehlt, und ich brauche, wie Ihr wohl wißt, dreimal fünf⸗ zehn Tage, um dahin zu gelangen, wo ich heute war. Aber was für ein Geräuſch iſt das? rollt der Wagen?“ „Nein, Meiſter, es iſt der Donner.“ „Der Donner?“ „Ja, der uns ſo eben Alle wie wir ſind und mich beſonders beinahe getödtet hätte; ich war allerdings in Seide gekleidet, was mich ſchützte.“ „Seht,“ ſagte der Greis, auf ſein Knie klopfend, das wie ein leerer Knochen klang,„ſeht, welchem Unheil mich Eure Kindereien ausſetzen, Acharat, durch den Don⸗ ner zu ſterben, alberner Weiſe durch eine electriſche Flamme getödtet zu werden, die ich, wenn ich Zeit hätte, zwingen würde, in meinen Ofen herabzuſteigen, um meinen Topf kochen zu machen; es iſt alſo nicht genug, daß ich allen Unfällen ausgeſetzt bin, welche von der Bosheit oder der Ungeſchicklichkeit der Menſchen herrühren, Ihr müßt mich auch noch denjenigen ausſetzen, welche vom Himmel kom⸗ men, denjenigen, welchen am leichteſten zu begegnen iſt?“ „Verzeiht, Meiſter, Ihr habt mir noch nicht erklärt..“ „Wie, ich habe Euch mein Syſtem der Metallſpitzen, meinen Electricitätsleiter noch nicht entwickelt! Wenn ich mein Elirir gefunden habe, werde ich es Euch wiederho⸗ len, doch in dieſem Augenblick habe ich, wie Ihr wohl begreift, keine Zeit.“ 61 „Ihr glaubt alſo, daß man den Blitz bezwingen kann?“ „Man kann ihn nicht nur bezwingen, ſondern leiten, wohin man will. Einſt, wenn ich mein zweites Fünfzig⸗ ſtes zurückgelegt habe, wenn ich nur noch ruhig mein drittes erwarten dedf werde ich dem Blitze ein ſtählernes Gebiß anlegen und ihn ſo leicht führen, als Ihr Dſcherid führt.. Mittlerweile laßt eine Haube auf meinen Kamin machen, Acharat, ich bitte Euch darum.“ „Seid ruhig, ich werde es thun.“ „Ich werde es thun! ich werde es thun! immer die Zukunft, als ob die Zukunft uns Beiden gehörte. O! man wird mich nie begreifen,“ rief der Gelehrte, während er ſich unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her bewegte und vor Verzweiflung die Hände rang.„Seid ruhig! ... Er ſagt mur, ich ſoll ruhig ſein, und wenn ich in drei Monaten mein Elirir nicht vollendet habe, iſt Alles für mich vorbei. Ueberſchreite ich aber mein zweites Fünfzig⸗ ſtes, finde ich meine Jugend, die Elaſticität meiner Glie⸗ der, die Fähigkeit mich zu bewegen wieder, ſo bedarf ich keines Menſchen mehr, man wird nicht mehr ſagen:„„Ich werde es thun,““ ſondern ich ſage dann:„„Ich habe gethan!““ „Könnt Ihr das nun in Beziehung auf unſer großes Werk ſagen? habt Ihr daran gedacht?“ „O! mein Gott, ja, und wenn ich ſo ſicher wäre, mein Elixir zu finden, als ich ſicher bin, den Diamant zu machen...“ „Ihr ſeid alſo feſt davon überzeugt, Meiſter?“ „Ganz gewiß, da ich bereits gemacht habe.“ „Ihr habt gemacht?“ „Seht nur ſelbſt.“ „Wo 2“ „Dort in dem kleinen gläſernen Gefäſſe, Ihr ſeid gerade daran.“ Der Reiſende ergriff gierig das bezeichnete Gefäß; es war eine kleine Schale von außerordentlich feinem Kry⸗ ſtall, deren ganzer Boden mit einem beinahe unfühlbaren, 62 und an den Wänden des Glaſes hängenden Staub be⸗ deckt war. 4 „Diamantſtaub!“ rief der junge Mann. „Allerdings, Diamantſtaub; ſucht wohl in der Mitte.“ „Ja, ja, ein Brillant von der Größe eines Hirſekorns.“ „Die Größe iſt nicht bedeutend; es wird uns gelingen, allen dieſen Staub zu vereinigen, aus dem Hirſekorn ein Hanfſamenkorn, aus dem Hanfſamenkorn eine Erbſe zu machen; aber um Gotteswillen, Acharat, für dieſe Ver⸗ bindlichkeit, die ich gegen Euch übernehme, laßt eine Haube auf meinen Kamin und einen Ableiter auf Euren Wagen ſetzen, damit das Waſſer nicht in meinen Kamin fällt und der Blitz anderswohin ſpaziert.“ „Ja, ja, ſeid ruhig.“ „Abermals! mit ſeinem ewigen ſeid ruhig bringt er mich in Verzweiflung. Jugend! tolle Jugend! an⸗ maßende Jugend!“ rief er mit einem finſteren Gelächter, das die Zahnloſigkeit ſeines Mundes ſehen ließ und ſeine tiefen Augenhöhlen noch tiefer zu graben ſchien. „Meiſter,“ ſprach Acharat,„Euer Feuer erliſcht, Euer Schmelztigel erkaltet; was war in Eurem Schmelz⸗ tigel?“ „Seht ſelbſt.“ Deer junge Mann gehorchte, öffnete den Tigel und fand darin ein Stückchen verglaſte Kohle von der Größe einer kleinen Haſelnuß. „Ein Diamant!“ rief er, doch ſogleich fügte er bei: „Ja, aber fleckig, unvollſtändig, werthlos.“ „Weil das Feuer erloſchen iſt, Acharat, weil keine Haube auf meinem Kamin war, verſteht Ihr?“ „Vergebt, Meiſter,“ ſagte der junge Mann, während er ſeinen Diamant, der bald lebhafte Lichtreflere von ſich gab, bald dunkel blieb, hin und her drehte;„verzeiht mir und nehmt etwas Speiſe zu Euch, um Euch zu ſtärken.“ „Es iſt unnöthig, ich habe vor zwei Stunden einen Löffel voll von meinem Elirir getrunken.“ —ũ— dy u——— 63 „Ihr täuſcht Euch, Meiſter, Ihr habt dieſen Mor⸗ gen um ſechs Uhr getrunken.“ „Nun! wie viel Uhr iſt es denn?“ „Bald halb neun Uhr Abends.“ „Jeſus!“ rief der alte Gelehrte, die Hände faltend, „abermals ein Tag vorüber, entflohen, verloren! die Tage nehmen alſo ab? ſie haben nicht mehr vier und zwanzig Stunden?“ „Wenn Ihr nicht eſſen wollt, ſo ſchlaft wenigſtens ein paar Augenblicke.“ „Ja, ich werde zwei Stunden ſchlafen; doch in zwei Stlunden, ſeht auf Eure Uhr, in zwei Stunden weckt Ihr mich.“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Seht, wenn ich einſchlafe, Acharat, habe ich immer bange, es geſchehe in die Ewigkeit,“ ſprach der Greis mit einſchmeichelndem Tone.„Nicht wahr, Ihr kommt und weckt mich? Verſprecht es mir nicht, ſchwört es mir.“ „Ich ſchwöre es Euch, Meiſter.“ „In zwei Stunden?“ „In zwei Stunden.“ In dieſem Augenblick hörte man auf der Straße et⸗ was wie den Galopp eines Pferdes. Auf dieſes Geräuſch folgte ein Schrei, der zugleich Erſtaunen und Unruhe ausdrückte. „Was ſoll das bedeuten?“ rief der Reiſende, öffnete raſch die Thüre und ſprang auf die Straße, ohne ſich des Fußtritts zu bedienen. III. Lorenza Feliciani. Man höre, was außerhalb des Wagens vorgefallen war, während der Reiſende und der Gelehrte im Inneren plauderten. Bei dem Blitzſtreiche, der die Vorderpferde niederge⸗ geſchlagen und die hinteren Bäumen gemacht hatte, war die Frau im Cabriolet ohnmächtig geworden. Sie blieb einige Augenblicke ihrer Sinne beraubt; dann kam ſie allmälig wieder zu ſich, da nur die Angſt allein ihre Ohnmacht herbeigeführt hatte. „Ol mein Gott,“ ſagte ſie,„bin ich verlaſſen, hülf⸗ los, iſt kein menſchliches Geſchöpf hier, das Mitleid mit mir hat?“ „Madame,“ ſprach eine ſchüchterne Stimme,„ich bin da, wenn ich Ihnen zu irgend etwas nütze ſein kann.“ Bei dieſer Stimme, welche ganz nahe an ihrem Ohr klang, erhob ſich die junge Frau, ſtreckte ihren Kopf und ihre beiden Arme durch die ledernen Vorhänge ihres Cabriolets und befand ſich einem jungen Mann gegen⸗ über, der auf dem Fußtritte ſtand. „Sie haben mit mir geſprochen, mein Herr?“ ſagte ſie. „Ja, Madame,“ antwortete der junge Mann. nlind Sie haben mir Ihre Hülfe angeboten?“ „Ja.“ „Was iſt denn geſchehen?“ „Madame, der Blitz iſt beinahe auf Sie herabgefal⸗ len und hat bei ſeinem Fallen die Stränge der Vorder⸗ pferde zerriſſen, welche mit dem Poſtillon durchgegan⸗ gen ſind.“ Die Frau ſchaute mit einem Ausdruck lebhafter Un⸗ ruhe umher. „Und derjenige, welcher die Hinterpferde führte, wo iſt er?“ fragte ſie. „Er iſt ſo eben in den Wagen geſtiegen, Madame.“ „Es iſt ihm nichts begegnet?“ „Nichts.“ „Sind Sie deſſen ſicher?“ „Er ſprang wenigſtens wie ein unverſehrter Menſch von ſeinem Pferde herab.“ „Ahl Gott ſei gelobt.“ Und die junge Frau athmete freier. N N N — „Doch wo waren Sie, mein Herr, daß Sie gerade hier ſind, um mir Ihre Hülfe anzubieten.“ „Madame, vom Sturme überfallen, war ich dort in jener düſteren Vertiefung, welche nichts Anderes iſt, als der Eingang eines Steinbruchs, als ich plötzlich an der Biegung der Straße einen Wagen, im ſtärkſten Galopp fortgeriſſen, erſcheinen ſah. Ich glaubte Anfangs, die Pferde gingen durch, bald aber gewahrte ich, daß ſie im Gegentheil von einer mächtigen Hand geführt wurdenz da ſchlug der Donner mit ſo furchtbarem Lärmen, daß ich wähnte, ich wäre vom Blitze getroffen, und einen Augen⸗ blick wie vernichtet blieb. Alles, was ich Ihnen erzähle, ſah ich wie in einem Traume.“ „O! doch, Madame, ich kam wieder zu mir und ſah ganz genau, mie er einſtieg.“— „Ich bitte Sie, verſichern Sie ſich, daß er noch da iſt.“ „Wie kann ich dies?“ „Horchen Sie; iſt er im Innern des Wagens, ſo werden Sie zwei Stimmen hören.“ Der junge Mann ſprang vom Fußtritte herab, nä⸗ herte ſich der äußern Wand des Kaſtens und horchte. „Ja, Madame, er iſt da,“ ſprach er zurückkehrend. Die junge Frau machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ſagen wollte:„Es iſt gut;“ doch ſie verharrte den Kopf auf ihre Hand geſtützt und wie in tiefe Träu⸗ merei verſunken. Mittlerweile hatte der junge Mann Zeit, ſie prüfend anzuſchauen. Es war eine junge Frau von drei und zwanzig bis vier und zwanzig Jahren, von brauner Geſichtsfarbe, aber von jenem matten Braun, das reicher und ſchöner iſt, als der roſigſte und friſchrothſte Ton. Zum Himmel aufge⸗ ſchlagen, den ſie zu befragen ſchien, glänzten ihre Augen wie zwei Sterne, und ihre ſchwarzen Haare, die ſie, trotz Denkwuͤrdigkeiten eines Arztes. I. 5 der Mode der Zeit, ohne Puder trug, fielen in pechſchwar⸗ zen Locken auf ihren opalartig nuancirten Hals herab. Plötzlich ſchien ſie ihren Entſchluß gefaßt zu haben und ſprach: „Mein Herr, wo ſind wir?“ „Auf dem Wege von Straßburg nach Paris, Madame.“ „Auf welchem Punkte der Straße?“ „Zwei Lieues von Pierrefitte.“ „Was iſt das, Pierrefitte?“ „Ein Marktflecken.“ „Und wohin kommt man nach Pierrefitte?“ 1 „Nach Bar-le-Duc.“ „Das iſt eine Stadt?“ „Ja, Madame.“ „Volkreich?“ „Ich glaube, vier bis fünftauſend Seelen.“ „Gibt es einen Seitenweg, der mehr unmittelbar nach Bar-le-Duc führt, als die Landſtraße?"“ „Nein, Madame, wenigſtens kenne ich keinen.“ „Peccato!“ murmelte ſie leiſe, während ſie ſich im Cabriolet zurückwarf. Der junge Mann wartete einen Augenblick, um zu ſehen, ob die junge Frau noch mehr fragen würde, als er aber bemerkte, daß ſie ſchwieg, machte er einige Schritte, um ſich zu entfernen. Dieſe Bewegung entzog ſie, wie es ſchien, ihrer Träu⸗ merei, denn ſie warf ſich raſch wieder im Cabriolet vor. „Mein Herr,“ ſprach ſie.. Der junge Mann wandte ſich um. „Hier bin ich, Madame,“ ſagte er, indem er ſich ihr abermals näherte. „Noch eine Frage, wenn Sie erlauben.“ „Immerhin.“ „Es war ein Pferd hinten am Wagen angebunden?“ „Ja, Madame.“ „Iſt es noch dort?“ „Nein, Madame: die Perſon, welche in das Innere 7 67 des Kaſtens geſtiegen iſt, hat es losgebunden und dann wieder an das Wagenrad angebunden.“ „Dem Pferde iſt auch nichts geſchehen?“ „Ich glaube nicht.“ „Es iſt ein werthvolles Thier, das ich ungemein liebe; ich möchte mich gern ſelbſt überzeugen, daß es unver⸗ ſehrt iſt; aber wie ſoll ich bei dieſem Kothe zu ihm ge⸗ langen? „Ich kann das Pferd hierher führen,“ ſprach der junge Mann. „Oh ja!“ rief die Frau,„thun Sie das, ich bitte Sie und werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ Der junge Mann näherte ſich dem Pferde, das den Kopf erhob und wieherte. „Fürchten Sie ſich nicht,“ ſagte die Frau im Ca⸗ briolet,„es iſt ſanft wie ein Lamm.“ Dann die Stimme dämpfend, flüſterte ſie: „Dſcherid! Dſcherid!“ Das Thier erkannte ohne Zweifel dieſe Stimme als die ſeiner Gebieterin, denn es ſtreckte ſeinen geſcheiten Kopf und ſeine rauchenden Nüſtern gegen das Cabriolet aus. Während dieſer Zeit band der junge Mann das Pferd los.. Doch kaum fühlte es ſeine Leine in den ungeſchickten Händen, welche dieſelbe hielten, als es ſich mit einem heftigen Riſſe frei machte und mit einem einzigen Sprunge zwanzig Schriire von dem Wagen entfernte. „Oſcherid!“ wiederholte die Frau mit ihrem ein⸗ ſchmeichelnden Tone,„hier, Dſcherid, hier!“ Der Araber ſchüttelte ſeinen ſchönen Kopf, athmete geräuſchvoll die Luft ein und näherte ſich, beſtändig tän⸗ zelnd, als ob er einem muſtkaliſchen Takte folgte, dem Cabriolet. 3 Die Frau kam mit dem halben Leibe aus den leder⸗ nen Vorhängen hervor und flüſterte: „Komm hierher, Dſcherid, komm!“ 68 Und gehorſam bot das Thier ſeinen Kopf der Hand, die ſich ausſtreckte, um es zu liebkoſen. Da ergriff die junge Frau mit dieſer zarten Hand die Mähne des Pferdes, ſtützte ſich mit der andern auf das Spritzleder des Cabriolets und ſprang in den Sattel, mit der Leichtigkeit der Geſpenſter in den deutſchen Bal⸗ laden, die ſich auf das Kreuz der Pferde ſchwingen und an den Gürteln der Reiſenden anklammern. Der junge Mann eilte auf ſie zu; doch mit einer gebieteriſchen Geberde der Hand hielt ſie ihn zurück und ſprach: „öören Sie, obgleich jung, oder vielmehr, weil Sie jung ſind, müſſen Sie menſchenfreundliche Gefühle ha⸗ ben. Widerſetzen Sie ſich meinem Abgang nicht. Ich fliehe einen Mann, den ich liebe, doch ich bin vor Allem Römerin und gute Katholikin. Dieſer Mann aber würde meine Seele zu Grunde richten, wenn ich länger bei ihm bliebe, denn er iſt ein Atheiſt und ein Nekromant, den Gott ſo eben durch die Stimme ſeines Donners gewarnt hat. Möchte er auf dieſe Warnung hören! Sagen Sie ihm, was ich Ihnen hier geſagt habe, und ſeien Sie ge⸗ ſegnet für die Hülfe, die Sie mir geleiſtet. Gott befohlen!“ Und leicht wie jene Dünſte, die über den Sümpfen ſchweben, entfernte ſie ſich und verſchwand von dem luf⸗ tigen Galopp von Oſcherid fortgetragen. Als der junge Mann ſie fliehen ſah, konnte er ſich eines Schrei's der Ueberraſchung und des Erſtauneng nicht erwehren. Es war dies der Schrei, der bis in das Innere des Wagens drang und die Aufmerkſamkeit des Reiſenden erregte.— 69 IV. Gilbert. Es war dies der Schrei, ſagten wir, der die Auf⸗ merkſamkeit des Reiſenden erregte. Er ſprang haſtig aus dem Kaſten, ſchloß dieſen ſorg⸗ fältig, und ſchaute ſodann unruhig umher Das Erſte, was er erblickte, war der junge Mann, der erſchrocken auf der Straße ſtand. Ein zu gleicher Zeit erſcheinender Blitz erlaubte ihm denſelben vom Kopf bis zu den Füßen prüfend zu betrachten, eine Prüfung, welche Gewohnheit des Reiſenden zu ſein ſchien, ſo oſt ſein Blick einer neuen Perſon oder einer neuen Sache be⸗ gegnete. Es war ein Jüngling von kaum ſechzehn bis ſie⸗ benzehn Jahren, klein, mager und nervig; ſeinen ſchwar⸗ zen Augen, die er kühn auf den Gegenſtand heftete, welcher ihn in Anſpruch nahm, mangelte es an Sanftheit, aber nicht an einem gewiſſen Reize; ſeine ſchmale, gebogene Naſe, ſeine feinen Lippen und ſeine hervorſpringenden Backenknochen deuteten Schlauheit und Behutſamkeit an, während ſich die Entſchloſſenheit bei ihm durch das kräf⸗ tige Hervorragen eines runden Kinnes enthüllte. „Haben Sie ſo eben geſchrieen?“ fragte er ihn. „Ja, mein Herr, ich,“ antwortete der junge Mann. „Und warum haben Sie geſchrieen?“ „Weil... Der junge Mann hielt unentſchloſſen inne. „Weil?“ wiederholte der Reiſende. „Mein Herr,“ ſprach der junge Mann,„es war eine Dame im Cabriolet? „Ja.“ Und die Augen von Balſamo richteten ſich auf den Kaſten, als hätten ſie die Dicke der Wände durchdringen wollen. „Es war ein Pferd an den Federn des Wagens an⸗ gebunden?“ 2 70 „Ja, doch wo des Teufels iſt es?“ „Mein Herr, die Dame vom Cabriolet iſt auf dem Pferde, das an die Federn angebunden war, weggeritten.“ Der Reiſende gab keinen Ausruf von ſich, ſprach kein Wort, ſondern ſprang nach dem Cabriolet und zog die ledernen Vorhänge aus einander: ein Blitz, der in dieſem Augenblick den Himmel entzündete, zeigte ihm, daß das Cabriolet leer war. „Heiliges Blut Chriſti!“ rief er mit einem Gebrülle ähnlich dem Donner, der demſelben als Begleitung diente. Dann ſchaute er umher, als wollte er ein Mittel ſuchen, um nachzuſetzen; doch er erkannte bald die Unzu⸗ länglichkeit der vorhandenen Mittel, und ſprach den Kopf ſchüttelnd: 4 „Es verſuchen, mit einem dieſer Pferde Oſcherid ein⸗ zuholen, wäre gerade ſo gut, als wenn man eine Schild⸗ kröte zu Verfolgung einer Gazelle abſchicken würde. Doch ich werde immerhin erfahren, wo ſie iſt, inſofern nicht...“ Und er fuhr raſch und voll Angſt mit der Hand nach ſeiner Weſtentaſche, zog ein kleines Portefeuille her⸗ vor und öffnete daſſelbe. In einer von den Taſchen dieſes Portefeuille war ein zuſammengefaltetes Papier und in dem Papier fand ſich eine ſchwarze Haarlocke. Bei dem Anblick dieſer Haare erheiterte ſich das Ge⸗ ſicht des Reiſenden und ſein ganzes Weſen wurde, wenig⸗ ſtens ſcheinbar, wieder ruhig. „Vorwärts,“ ſagte er, mit einer Hand, die alsbald von Schweiß troff, über die Stirne fahrend,„es iſt gut; und ſie hat Ihnen bei ihrem Abgang nichts geſagt?“ „Doch, mein Herr.“ „Was hat ſie Ihnen geſagt?“ „Ich ſoll Ihnen melden, ſie verlaſſe Sie nicht aus Haß, ſondern aus Furcht; ſie ſei eine würdige Chriſtin, während Sie im Gegentheil..“ 5 Der junge Mann zögerte. „Während ich im Gegentheil?“ wiederholte der Rei⸗ ‿ ſende 71 „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen wiederſagen ſoll? ℳ „Eil ſagen Sie es immerhin!“ „Wahrend Sie im Gegentheil ein Atheiſt und ein Ungläubiger ſeien, dem Gott dieſen Abend eine letzte War⸗ nung habe geben wollen; ſie habe dieſe Warnung begrif⸗ fen und fordere Sie auf, dieſelbe ebenfalls zu begreifen“ Ein Lächeln der Verachtung ſchwebte über die Lippen des Reiſenden. „Iſt das Alles, was ſie Ihnen geſagt hat?“ fragte er. „Das iſt Alles.“ „Gut, ſo ſprechen wir von etwas Anderem.“ Die letzten Spuren der Unruhe und der Unzufrieden⸗ heit ſchienen von der Stirne des Reiſenden zu entſliehen. Der junge Mann betrachtete alle dieſe Gemüthsbe⸗ wegungen, die ſich auf dem Antlitz wiederſpiegelten, mit einer Neugierde, welche andeutete, daß er ebenfalls mit einer gewiſſen Doſe Beobachtungsgabe ausgeſtattet war. „Wie heißen Sie, mein junger Freund?“ ſprach der Reiſende. „Gilbert, mein Herr.“. .„Gilbert kurzweg? das iſt ein Taufname, wie mir ſcheint.“ „Es iſt mein Familienname.“. „Nun, mein lieber Gilvert, die Vorſehung führt Sie auf meinen Weg, um mich einer Verlegenheit zu ent⸗ reißen.“ „Zu Ihren Befehlen, mein Herr, und Alles, was ich zu thun vermag...“ „Werden Sie thun; ich danke. Ja, in Ihrem Alter iſt man gefällig, um das Vergnügen zu haben, gefällig zu ſein, ich weiß es wohl; übrigens iſt das, um was ich Sie bitten will, nicht ſehr ſchwierig: Sie ſollen mir ein⸗ fach ein Obdach für die Nacht angeben.“ 3 „Einmal iſt hier dieſer Fels, unter dem ich mich vor dem Sturme verborgen habe,“ ſprach Gilbert. „Ja,“ verſetzte der Reiſende,„doch etwas wie ein 72 Haus, wo ich ein gutes Abendbrod und ein gutes Bett finden würde, wäre mir lieber.“ „Das iſt ſchwieriger.“ „Sind wir weit entfernt von dem erſten Dorfe?“ „Von Pierrefitte?“ „Pierrefitte heißt es?“ „Ja, mein Herr, wir ſind ungefähr anderthalb Lieues davon entfernt.“ „Zu anderthalb Lieues in dieſer Nacht, bei dieſem Wetter, nur mit dieſen zwei Pferden, brauchen wir zwei Stunden. Denken Sie wohl nach, gibt es keine Woh⸗ nung in der Gegend?“ „Das Schloß Taverney liegt höchſtens dreihundert Schritte von hier.“ „Nun! alſo...“¹ verſetzte der Reiſende. „Was, mein Herr?“ fragte der junge Mann, die Augen weit aufſperrend. „Warum ſagten Sie das nicht ſogleich?“ „Das Schloß Taverney iſt kein Wirthshaus.“ „Es iſt bewohnt?“ „Allerdings.“ „Von wem?“ „Von dem Baron von Taverney.“ „Wer iſt der Baron von Taverney?“ „Der Vater von Fräulein Andrée, mein Herr.“ „Es macht mir großes Vergnügen, dies zu erfahren,“ ſvrach lächelnd der Reiſende,„doch ich fragte Sie, was ür ein Menſch der Baron ſei?“ „Mein Herr, es iſt ein alter Edelmann von ſechzig bis fünf und ſechzig Jahren, der einſt reich geweſen ſein ſoll.“ „Ja, und nun arm iſt; es iſt die Geſchichte von al⸗ len dieſen Leuten. Mein Freund, ich bitte Sie, führen Sie mich zu dem Baron von Taverney.“ „Zu dem Baron von Taverney?“ rief der junge Mann beinahe erſchrocken. „Weigern Sie ſich, mir dieſen Dienſt zu leiſten?“ 73 tt„Nein, mein Herr; aber er... „Nun?“ „Er wird Sie nicht aufnehmen.“ „Er wird einen verirrten Edelmann, der Gaſtfreund⸗ ſchaft von ihm verlangt, nicht aufnehmen? Ihr Baron iſt alſo ein Bär?“ 8„Bei Gott!“ rief der junge Mann mit einem Tone, ber wohl ſagen wollte:„Das hat ziemlich viel Aehnlich⸗ n eit.“ 71 „Gleichviel,“ ſprach der Reiſende,„ich werde es wagen.“ „Ich rathe es Ihnen nicht,“ entgegnete Gilbert. „Bah!“ verſetzte der Reiſende,„ſo ſehr der Baron A— t auch Bär ſein mag, ſo wird er mich doch nicht lebendig aauffreſſen.“ e„Nein; doch vielleicht verſchließt er Ihnen ſeine Thüre.“ „Dann trete ich ſie ein; und wenn Sie ſich nicht etwa weigern, mir als Führer zu dienen...“ „Ich weigere mich nicht, mein Herr.“ „So zeigen Sie mir den Weg.“ „Gern.“ Der Reiſende ſtieg wieder in das Cabriolet und nahm eine kleine Laterne. Da die Laterne erloſchen war, ſo hoffte der junge Mann einen Augenblick, der Fremde würde in das In⸗ b nere des Wagens zurückkehren, und er dürfte durch die Oeffnung der Thüre ſehen, was dieſes Innere enthielt. Doch er näherte ſich nicht einmal der Thüre des Kaſtens. Der Reiſende gab die Laterne Gilbert in die Hände. Dieſer drehte ſie in allen Richtungen hin und her und fragte: „Was ſoll ich mit dieſer Laterne thun?“ „Sie ſollen die Straße beleuchten, während ich die Pferde führe.“ „Aber Ihre Laterne iſt ausgelöſcht.“ 3 74 „ Wir zünden ſie wieder an.“ „Ohl ja,“ ſagte Gilbert,„Sie haben Feuer im In⸗ nern des Wagens.“ „und in meiner Taſche,“ entgegnete der Reiſende. „Es wird ſchwierig ſein, Schwamm bei dieſem Re⸗ gen anzuzünden.“ Der Reiſende lächelte und erwiederte: „Oeffnen Sie die Laterne.“ Gilbert gehorchte. „Halten Sie Ihren Hut über meine beiden Hände.“ Gilbert gehorchte abermals; man ſah ihn dieſe Vor⸗ bereitungen mit der größten Neugierde verfolgen. Gilbert kannte kein anderes Mittel, ſich Feuer zu verſchaffen, ar Zunder, Stahl und Stein.* Der Reiſende zog aus ſeiner Taſche ein ſilbernes Etui und aus dieſem Etui ein Zündhölzchen; dann öffnete er den unteren Theil des Etui und tauchte das Zündhölzchen in einen Teig, der ohne Zweifel entflammbar war, denn ſogleich fing das Zündhölzchen mit einem leichten Gekniſter euer. Dieſe Wirkung war ſo plötzlich und ſo unerwartet, daß Gilbert bebte. Der Reiſende lächelte bei ſeinem Erſtaunen, das in⸗ deſſen zu einer Zeit, wo nur die Chemiker den Phosphor kannten und dieſes Geheimniß für ihre perſönlichen Expe⸗ rimente bewahrten, ganz natürlich war. Der Reiſende theilte die magiſche Flamme dem Dochte ſeiner Kerze mit, verſchloß ſodann das Etui wie⸗ der und ſteckte es in ſeine Taſche. Der junge Mann folgte dem koſtbaren Gefäße mit Augen, die vor Gierde glühten. Er hätte offenbar viel für den Beſitz eines ſolchen Schatzes gegeben. Nun, da Sie Licht haben, wollen ſie mich führen?“ fragte der Reiſende. „Kommen Sie, mein Herr,“ ſprach Gilbert. Und der junge Mann marſchirte voran, während ſein Gefährte das Pferd am Gebiß faßte und ſo fortzugehen zwang. A 75⁵ Das Wetter war übrigens erträglicher geworden, der Regen hatte beinahe aufgehört und der Sturm entfernte ſich brummend.— Der Reiſende fühlte zuerſt das Bedürfniß, das Ge⸗ ſpräch wieder aufzunehmen. „Sie ſcheinen den Baron von Taverney gut zu ken⸗ nen, mein Freund?“ ſagte er. „Ja, mein Herr, und das iſt ganz einfach, denn ich bin ſeit meiner Kindheit bei ihm.“ „Es iſt vielleicht Ihr Verwandter?“ Nein, mein Herr.“ ahr Vormund?“ Nein.“ „Ihr Gebieter?“ Der junge Mann bebte bei dem Worte Gebieter, und eine lebhafte Röthe färbte ſeine gewöhnlich bleichen Wangen. „Ich bin kein Diener, mein Herr,“ ſagte er. „Aber Sie ſind doch irgend Etwas,“ verſetzte der Reiſende. „Ich bin der Sohn von einem ehemaligen Meier des Barons; meine Mutter iſt die Amme von Fräulein Andrée geweſen.“ „Ich verſtehe; Sie ſind in dem Hauſe unter dem Titel eines Milchbruders der jungen Perſon, denn ich ſetze voraus, die Tochter des Barons iſt jung.“ „Sie iſt ſechzehn Jahre, mein Herr.“ Gilbert escamotirte eine von den zwei Fragen, wie man ſieht: die, welche ihn perſönlich betraf. Der Reiſende ſchien dieſelbe Betrachtung anzuſtellen, wie wir; er lenkte jedoch ſein Verhör auf einen andern Punkt. „Durch welchen Zufall waren Sie bei einem ſo ab⸗ ſcheulichen Wetter auf der Straße?“ „Ich war nicht auf der Straße, ſondern unter einem Felſen am Wege.“ „Und was machten Sie unter dem Felſen?“ „Ich las.“ 76 „Sie laſen?“ 4 Ja.“ Wlns was laſen Sie?“ 4—„Den Contrat social von Jean Jacques Rouſſeau.“ Deer Reiſende ſchaute den jungen Mann mit einem ggewiſſen Erſtaunen an. „Sie haben das Buch aus der Bibliothek des Barons genommen?“ fragte er. „ Nein, mein Herr, ich habe es gekauft.“ „Wo dies? In Bar-le-Duc?“ 997 8 ſagte Ihnen, der Contrat social ſei ei u 2, „Ich ſah es beim Leſen, mein Herr.“ „ Haben Sie denn ſchlechte Bücher geleſen, daß Sie ſolchen Unterſchied feſtſtellen können?“ „Ja.“ „Und was nennen Sie ſchlechte Bücher?“ „Den Sofa, Tanzai und Neadarne, und andere Bücher dieſer Art.“ „Wo Teufels haben Sie dieſe Bücher gefunden?“ „In der Bibliothek des Barons.“ „Wie verſchafft ſich der Baron ſolche Neuigkeiten in einem Loche, wie er es bewohnt?“ „Man ſchickt ſie ihm von Paris.“ „Wie kommt es, mein Freund, daß der Baron, wenn er arm iſt, wie Sie ſagen, ſein Geld auf ſolche Fadheiten verwendet?“ „Er kauft ſie nicht, man ſchenkt ſie ihm.“ „Ah! man ſchenkt ſie ihm?“ „Ja, mein Herr.“ „Wer dies?“ „Einer von ſeinen Freunden, ein vornehmer Herr.“ „Ein vornehmer Herr, wiſſen Sie den Namen dieſes vornehmen Herrn?“ einen 77 „Der Herzog von Richelieu.“ „Wiel der alte Marſchall?“ „Ja, der Marſchall, ſo iſt es.“ „Aber ich ſetze voraus, er läßt ſolche Bücher nicht vor Fräulein Andrée liegen?“ „Im Gegentheil, er läßt ſie überall liegen.“ „Iſt Fräulein Andrée auch Ihrer Anſicht, daß dieſe Bücher ſchlechte Bücher ſind?“ fragte der Reiſende mit einem hinterhältiſchen Lächeln. „Fräulein Andrée lieſt ſie nicht, mein Herr,“ ant⸗ wortete Gilbert trocken Der Reiſende ſchwieg einen Augenblick. Dieſe ſelt⸗ ſame Natur, eine Miſchung von Gutem und Schlechtem, von Schüchternheit und Keckheit, intereſſirte ihn offenbar unwillkührlich. „Und warum haben Sie dieſe Bücher geleſen, da Sie wußten, daß ſie ſchlecht ſind?“ fuhr derjenige fort, welchen der alte Gelehrte unter dem Namen Acharat be⸗ zeichnet hatte. „Weil ich bei dem Oeffnen derſelben ihren Werth nicht kannte.“ 2. „Sie haben dies jedoch leicht ergründet?“ „Ja, mein Herr.“. „Und Sie fuhren nichtsdeſtoweniger fort zu leſen?“ „Ich fuhr fort.“ „In welcher Abſicht?“ „Sie lehrten mich Dinge, die ich nicht wußte.“ „Und der Contrat social?“ „Er lehrt mich Dinge, die ich errathen hatte.“ „Welche?“. „Daß alle Menſchen Brüder, daß die Geſellſchaften, welche Leibeigene oder Sklaven haben, ſchlecht organiſirt fndz daß eines Tages alle Menſchen gleich ſein wer⸗ en.“ „Ahl ahl“ machte der Neiſende. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein; Gilbert und ſein Gefährte marſchirten mittlerweile vorwärtsz der Rei⸗ 78 ſende zog das Pferd am Zügel, Gilbert hielt die Laterne in der Hand. „Sie haben alſo große Luſt, zu lernen, mein Freund?“ ſagte leiſe der Reiſende. „Ja, mein Herr, es iſt mein größter Wunſch.“ „Und was möchten Sie gern lernen?“ „Alles,“ antwortete der junge Mann. „Und warum wollen Sie lernen?“ „Um mich zu erheben.“ „Bis wohin?“ Gilbert zögerte. Er hatte offenbar ein Ziel in ſei⸗ nem Geiſte; doch dieſes Ziel war ſein Geheimniß und er wollte es nicht nennen. „Wohin der Menſch gelangen kann,“ erwiederte er. „Doch Sie haben wenigſtens etwas ſtudirt?“ „Nichts. Wie ſoll ich ſtudiren, da ich nicht reich bin und in Taverney wohne?“ „Wie! Sie wiſſen nicht ein wenig von der Mathe⸗ matik?“ 4 „Nein."“ 9 „Von der Phyſik?“*4 „Nein.“ „Von der Chemie?“ „Nein. Ich kann nur leſen und ſchreiben; doch ich werde Alles dies verſtehen.“ 8 „Wann?“ 3 „Einſt.“ „Durch welches Mittel?“ „Ich weiß es nicht; aber ich werde es verſtehen.“ „Seltſames Kind!“ murmelte der Reiſende. „Und dann...“ ſagte Gilbert mit ſich ſelbſt ſprechend. „Nun?“ „Ja.“?" „Was?“ „Nichts.“ Gilbert und derjenige, welchem er als Führer diente, ⸗ r 79 marſchirten indeſſen ſeit ungefähr einer Viertelſtunde; der Regen hatte gänzlich aufgehört und die Erde fing an den ſcharfen Wohlgeruch auszudünſten, der im Sruhisöt ie glühenden Ausſtrömungen des Sturmes erſetzt... ſe Gilbert ſchien in ein tiefes Nachdenken verſunken zu ein. „Mein Herr,“ ſagte er plötzlich,„wiſſen Sie, was der Sturm iſt?“ 8. „Allerdings weiß ich es.“ „Sie?“ „Ja, ich.“ „Sie wiſſen was der Sturm iſt? Sie wiſſen was den Blitz verurſacht?“ Der Reiſende lächelte und ſprach: „Es iſt die Combination von zwei Electricitäten, der Electricität der Wolken und der Electricität des Bodens.“ Gilbert ſtieß einen Seufzer aus. „Ich verſtehe nicht,“ ſagte er. Vielleicht war der Reiſende im Begriff, dem armen jungen Manne eine verſtändlichere Erklaͤrung zu geben, aber leider glänzte in dieſem Augenblick ein Licht durch das Blätterwerk. 3 „Ahl ahl was iſt das?“ rief der Unbekannte. „Das iſt Taverney.“ „Wir ſind alſo an Ort und Stelle?“ „Hier iſt das Hofthor.“ „Oeffnen Sie.“ „Oh! mein Herr, das Thor von Taverney öffnet ſich nicht nur ſo.“ „Taverney iſt alſo ein Kriegsplatz? Klopfen Sie immerhin.“ Gilbert näherte ſich dem Thore und klopfte einmal mit dem Zögern der Schüchternheit. Ohl oh!“ ſagte der Reiſende,„man wird Sie nie hören, mein Freund; klopfen Sie ſtärker.“ Es deutete in der That nichts an, daß die Aufforderung von Gilbert gehört worden war; Alles blieb ſtille. . 8 80 „Sie nehmen die Sache auf ſich?“ ſagte Gilbert. „Haben Sie nicht bange.“ Gillbert zögerte nicht länger; er verließ den Klopfer und hing ſich an die Glocke, welche einen ſo ſcharfen, mächtigen Ton von ſich gab, daß man ſie hätte auf eine Stunde hören können. „Meiner Treue! wenn Ihr Baron diesmal nicht ge⸗ hört hat, ſo muß er taub ſein.“ „Ah! Mahon bellt,“ ſprach der junge Mann. „Mahon!“ verſetzte der Reiſende;„das iſt ohne Zweifel eine Artigkeit Ihres Barons gegen ſeinen Freund den Herzog von Richelieu.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, mein Herr.“ „Mahon iſt die letzte Eroberung des Marſchalls.“ Gilbert ſtieß einen zweiten Seufzer aus und ſprach: „Ach! ich habe Ihnen bereits geſtanden, daß ich nichts weiß, mein Herr.“ Dieſe zwei Seufzer faßten für den Fremden eine 3 Reihenfolge verborgener Leiden und unterdrückter, weun nicht getäuſchter Beſtrebungen zuſammen. In dieſem Augenblick ließ ſich ein Geräuſch von Tritten hören. 3„Endlich!“ rief der Fremde. „Es iſt der gute la Brie,“ ſagte Gilbert. Die Thüre wurde geöffnet; doch bei dem Anblick des Fremden und ſeines ſeltſamen Gefährtes wollte der über⸗ rumpelte la Brie, der nur Gilbert zu öffnen glaubte, wieder ſchließen. „Verzeiht, verzeiht, Freund,“ ſprach der Reiſende, „wir kommen abſichtlich hierher, und Ihr müßt uns nicht die Thüre vor der Naſe zuſchlagen.“ „Mein Herr, ich muß den Herrn Baron benachrich⸗ tigen, daß ein unerwarteter Beſuch... „Es iſt nicht der Mühe werth, ihn zu 4 chrichti⸗ gen... glaubt mir! Ich will mich der Ge böſen Geſichtes ausſetzen, und wenn man i * eines 8* iagt, 81 ſo geſchieht es nut, dafuͤr ſtehe ich Euch, nachdem ich mich 3 erwärmt, getrocknet und gefüttert habe. Ich hörte ſagen, der Wain ſei hier gut; Ihr mußt etwas davon wiſſen, wie?“ Statt dieſe Frage zu beantworten, ſuchte la Brie Widerſtand zu leiſten; doch der Reiſende war feſt entſchloſ⸗ ſen und leß die Pferde und den Wagen in die Allee ein⸗ rücken, während Gilbert das Thor wieder zumachte, was in einem Augenblick geſchehen war. Als la Brie ſich beſiegt ſah, gkaubte er nichts Beſſeres thun zu können, als ſeine Niederlage ſelbſt anzukündigen: er ſetzte ſeine alten Beine in Thätigkeit, ſtürzte nach dem Hauſe und ſchrie mit der ganzen Gewalt ſeiner Lunge: „Nicole Legay! Nicole Legay!“ 1 „Was iſt das, Nicole Legay?“ fragte der Fremde, während er mit derſelben Ruhe nach dem Schloſſe zu⸗ ſchritt. „Nicole, mein Herr?“ verſetzte Gilbert mit einem leichten Zittern. „Ja, Nicole, diejenige, welche Meiſter la Brie ruſt.“ „Es iſt die Kammerfrau von Fräulein Andrée, mein n Herr.“ Auf das Geſchrei von la Brie erſchien indeſſen ein Licht unter den Bäumen und beleuchtete ein reizendes Mädchengeſicht. .„Was willſt Du von mir, la Brie?“ fragte das e, Mädchen,„warum dieſer Lärmen?“ „Geſchwinde, geſchwinde, Nieole,“ rief die ſchetternde Stimme des Greiſes;„melde dem Herrn einen Fremden, ht der vom Sturme überſallen worden iſt, bitte ihn um Gaſt⸗ freundſchaft für dieſe Nacht.“ 1 3 h⸗ Nicole ließ ſich das nicht wiederholen, ſie lief ſo leicht nach dem Schloſſe, daß man ſie in einem Augenblick aus ddeem Geſichte verloren hatte. 8 La Brie, der nun gewiß war, daß der Baron nicht überfallen werden würde, erlaubte ſich einen Augenblick Athem zu holen. 1 Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 6 — 82 8 Bald brachte die Botſchaft ihre Wirkung hervor, denn man hörte eine ſcharfe, gebieteriſche Stimme auf der Thürs⸗ ſchwelle und von der Freitreppe herab, die man unter den Akacien erblickte, mit wenig gaſtfreundlichem Tone rufen: „Ein Fremder... wer dies? Wenn man ſo unver⸗ ſehens zu den Leuten kommt, ſo nennt man ſich wenigſtens.“ B „Das iſt der Baron 20 fragte la Brie derjenige, welcher die ganze Verwirrung veranlaßte. „Ach! ja, mein Herr,“ antwortete der arme Menſch 1 ganz zerknirſcht;„Sie hören, was er fragt?“ „Nicht wahr, er fragt nach meinem Namen 2 „Ganz richtig. Und ich, der ich vergaß, Sie darum zu bitten!“. „Meldet den Baron Joſeph Balſamo,“ ſprach der 9 Reiſende;„die Aehnlichkeit des Titels wird Euren Herrn 8 vielleicht entwaffnen.“ h La Brie machte ſeine Meldung, einigermaßen ermu⸗ L thigt durch den Titel, den ſich der Unbekannte beigelegt atte. 1„Es iſt gut,“ brummte die Stimme,„er mag ein⸗ 1 treten, da er einmal hier iſt... Treten Sie ein, mein ſ Herr, wenn es Ihnen beliebt: hier... gut; hieher.. g Der Fremde ſchritt raſch vor; als er aber an die 3 erſte Stufe der Freitreppe kam, faßte ihn die Luſt, ſich um⸗ i zudrehen, um zu ſehen, ob ihm Gilbert folgte. n Gilbert war verſchwunden. h — b G V. v 3 Der Meron von Taverney. Sbgleich durch Gilbert von der Dürftigkeit des Ba⸗ 1 rons von Taverney unterrichtet, war doch derjenige, wel⸗ cher ſich unter 4 Namen Baron Joſeph Balſamo melden 5 8 83 ließ, erſtaunt, als er die Mittelmäßigkeit des von Gilbert emphatiſch mit dem Namen Schloß getauften Wohnge⸗ bäudes erblickte. Das Haus hatte kaum ein Stockwerk und bildete ein langes Gevierte, an deſſen Enden ſich zwei viereckige Pa⸗ villons in Form von Thürmchen erhoben. Dieſer unre⸗ gelmäßigen Geſammtheit gebrach es indeſſen bei dem blei⸗ chen Schimmer eines zwiſchen den durch den Orkan zer⸗ riſſenen Wolken hinſchlüpfenden Mondes nicht an einem gewiſſen pittoresken Reize.. Scechs Fenſter unten, zwei Fenſter an jedem Thürm⸗ chen, d. h. eines in jedem Stocke, eine ziemlich breite Freitreppe, deren ausgerenkte Stufen jedoch bei jeder Fuge Abſchüſſe bildeten, dies war die Geſammtheit, welche dem Ankömmling in's Auge fiel, ehe er bis zu der Schwelle hinaufſtieg, wo ihn, wie geſagt, der Baron in einem Schlafrocke und einen Leuchter in der Hand erwartete. Der Baron von Taverney war ein kleiner Greis von ſechzig bis fünf und ſechzig Jahren, mit lebhaftem Auge und hoher, aber zurücklaufender Stirne; er trug eine ſchlechte Perrücke, an der von den Kerzen des Kamins allmälig und zufällig verzehrt worden war, was die Ratten im Schranke an Locken verſchont hatten. Er hielt in der Hand eine Serviette von problematiſcher Weiße, woraus hervorging, daß er in dem Augenblick, wo er ſich hatte zu Tiſche ſetzen wollen, geſtoͤrt worden war. Sein boshaftes Geſicht, in welchem man einige Aehn⸗ lichkeit mit dem von Voltaire hätte finden können, belebte ſich in dieſem Augenblick durch einen doppelten, leicht faß⸗ baren Ausdruck; nach den Geſetzen der Höflichkeit mußte er ſeinem unbekannten Gaſte zulächeln; die Ungeduld verwandelte dieſes Gebot in eine Grimaſſe, deren Be⸗ deutung ſich offenbar dem Gallſüchtigen und Sauertöpfi⸗ ſchen zuwandte, ſo daß, erhellt von ia itternden Schim⸗ mer des Handleuchters, deſſen Sch zen die Hauptzüge zerriſſen, die Phyſiognomie des Barons von Tayverney für die eines ſehr haͤßlichen Herrn gelten. konne. 6 3 84 „Mein Herr,“ ſagte er,„darf ich wiſſen, welchem glücklichen Zufall ich das Vergnügen, Sie hier zu ſehen, zu verdanken habe?“ „Mein Herr, dem Sturme, der die Pferde ſo ſcheu machte, daß ſie durchgingen und beinahe meinen Wagen zerbrachen. Ich befand mich auf der Landſtraße ohne Poſtillons: der eine war vom Pferde gefallen, der andere mit ſeinem Roſſe entflohen, als ein junger Mann, dem ich begegnete, mir den Weg zu ihrem Schloſſe zeigte und mich ihrer wohlbekannten Gaſtfreundſchaft verſicherte.“ Der Baron hob ſeine Kerze in die Höhe, um etwas mehr Raum zu beleuchten, und um zu ſehen, ob er nicht in dieſem Raume den Ungeſchickten entdecken würde, der ihm den glücklichen Zufall verſchaffte, von dem er ſo eben geſprochen Der Reiſende ſchaute ſeinerſeits umher, um zu ſehen, ob ſein Führer wirklich verſchwunden ſei. „Wiſſen Sie, wie derjenige heißt, welcher Ihnen mein Schloß bezeichnet hat, mein Herr?“ fragte der Baron von Taverney wie ein Menſch, der erfahren will, wem er ſeine Dankbarkeit ausdrücken ſoll. 5„Es iſt ein junger Mann, der, glaube ich, Gilbert eißt.“ 4„Ahl ah! Gilbert; ich hätte nicht geglaubt, daß er nur hiezu tauglich wäre. Ahl der Müſſiggänger Gilbert, der Philoſoph Gilbert!“ 3 Bei dieſem Fluſſe von Beiwörtern, welche mit droh⸗ endem Tone ausgeſprochen wurden, begriff der Gaſt, daß wenig Sympathie zwiſchen dem Lehensherrn und ſeinem Vaſallen beſtand. „Nun, mein Herr,“ ſprach der Baron nach einem Augenblick eines Stillſchweigens, das nicht minder aus⸗ drucksvoll war, als ſeine Worte,„wollen Sie gefälligſt eintreten.“ „Erlauben Sie,“ entgegnete der Reiſende,„erlauben— Sie, daß ich zuerſt meinen Wagen, der koſtbare Gegen⸗ ſtände enthalt, in die Remiſe bringen laſſe.“ 8⁵ „La Brie!“ rief der Baron,„la Brie! führe den Wagen des Herrn Baron unter den Schoppen, er wird dort beſſer bedeckt ſein, als mitten im Hofe, inſofern ſich am Schoppen noch viele Latten finden, wo es Latten gibt; was die Pferde betrifft, ſo iſt dies etwas Anderes, ich ſtehe Ihnen nicht dafür, daß Futter für ſie vorhanden iſt, doch da ſie nicht Ihnen gehören, ſondern dem Poſtmeiſter, ſo wird dies für Sie ziemlich gleichgültig ſein.“ „Wenn ich Ihnen jedoch zu ſehr läſtig falle, wie ich zu glauben anfange...“ ſagte der Reiſende ungeduldig. „Ohl das iſt es nicht, mein Herr,“ unterbrach ihn hoͤf⸗ lich der Baron,„Sie ſind mir durchaus nicht läſtig; Sie werden ſich nur beengt fühlen, das muß ich Ihnen zum Voraus bemerken.“. 1 „Mein Herr, glauben Sie mir, ich werde Ihnen ſtets dankbar ſein.“ „Ohl ich mache mir keine Illufionen, mein Herr,“ ſagte der Baron, indem er abermals ſeinen Leuchter erhob, um den Lichtkreis auf der Seite von Joſeph Balſamo zu erweitern, der, unterſtützt von la Brie, ſeinen Wagen wegführte;„oh!l ich mache mir keine Illuſionen, Taverney i*ſt ein trauriger Aufenthalt und beſonders ein armſeliger Aufenthalt.“ 1 Der Reiſende war zu ſehr beſchäftigt, um zu ant⸗ worten; er wählte, der Einladung des Baron von Ta⸗ verney gemäß, die am wenigſten verfallene Stelle des Schoppen, um hier ſeinen Wagen unterzubringen, und als er ungefähr bedeckt war, drückte er einen Louis d'or in die Sand von la Brie und kehrte ſodann zu dem Baron zurück. La Brie ſteckte den Louis d'or in die Taſche, überzeugt, es wäre ein Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stück und dankte dem Himmel für dieſe Gabe. z „Gott behüte, daß ich von Ihrem Schloſſe ſo ſchlecht denke, wie Sie es bezeichnen, mein Herr,“ ſprach Balſamo, ſich vor dem Baron verbeugend; dieſer aber führte ihn, um ihm ganz einfach zu beweiſen, daß er die Wahrheit 86 geſprochen, durch ein langes, feuchtes Vorzimmer, ſchuͤttelte dabei den Kopf und brummte: „Gut, gut, ich weiß, was ich ſpreche, ich kenne meine Mittel, ſie ſind leider ſehr beſchränkt. Wenn Sie Fran⸗ zoſe ſind, Herr Baron, doch Ihr deutſcher Accent deutet mir an, daß Sie es nicht ſind, obgleich Ihr italieniſcher Name... aber das thut nichts zur Sache; wenn Sie Franzoſe ſind, ſagte ich, ſo muß der Name Taverney Erinnerungen an Pracht und Herrlichkeit in Ihnen er⸗ weckt haben: man ſagte einſt Taverney der Reiche.“ Balſamo meinte Anfangs, dieſe Phraſe würde ſich in einem Seufzer endigen, doch dem war nicht ſo. „Philoſophie,“ dachte er. „Hier durch, Herr Baron, hier durch,“ fuhr der Baron fort, indem er die Thüre des Speiſeſaales öffnete. „Hollah! Meiſter la Brie, bedient uns, als ob Ihr ganz allein hundert Diener wäret.“ horchen. „Ich habe nur dieſen Lackei, mein Herr, und er bedient mich ſehr ſchlecht,“ ſprach Taverney.„Aber ich beſitze nicht die Mittel, mir einen andern zu halten. Dieſer Dummkopf iſt ſeit beinahe zwanzig Jahren bei mir geblieben, ohne einen Sou Lohn zu beziehen, und ich er⸗ nähre ihn ungefähr wie er mich bedient.. Er iſt albern, wie Sie ſehen werden.“ Balſamo verfolgte den Lauf ſeiner Studien. „Herzlos!“ ſagte er;„doch es iſt vielleicht Affectation.“ Der Baron machte die Saalthüre wieder zu, und nun erſt konnte der Reiſende, dadurch, daß der Baron ſeinen Leuchter über ſein Haupt erhob, den Saal in der ganzen Ausdehnung umfaſſen. Es war ein großer Saal, der einſt die Hauptſtube eines kleinen Pachthauſes bildete, das ſein Eigenthümer zum Range eines Schloſſes erhoben hatte; die Ausſtattung war ſo kärglich, daß man beim erſten Blicke den ganzen Saal fuͤr leer hielt. Strohſtühle mit geſchnitztem Rücken, 7 La Brie ſtürzte hinaus, um ſeinem Herrn zu ge⸗ N 87 6 Kupferſtiche nach den Schlachtſtücken von Lebrun copirt, in Rahmen von gefirnißtem ſchwarzem Holze, ein eiche⸗ ner Schrank, durch den Rauch und das Alter ge⸗ ſchwärzt, dies war die ganze Ausſchmückung. In der Mitte erhob ſich ein kleiner Tiſch, auf welchem eine ein⸗ zige Platte beſtehend aus jungen Feldhühnern und Kohl dampfte. Der Wein war in einem Steinkruge mit weitem Bauche enthalten; das abgenutzte, geſchwärzte, buckelige Silberzeug beſtand aus drei Gedecken, einem Becher und einem Salzfaß. Von herrlicher Arbeit und großer Schwere ſchien letzteres Stück ein werthvoller Diamant unter werth⸗ und glanzloſen Kieſelſteinen zu ſein. „Hier, mein Herr, hier,“ ſprach der Baron, ſeinem Gaſte, deſſen forſchendem Blick er gefolgt war, einen Stuhl anbietend.„Ah! Ihr Auge verweilt bei meinem Salzfaß; Sie bewundern es; das zeugt von gutem Geſchmack; denn Sie fallen gerade auf den einzigen Gegenſtand, der ſich hier zeigen läßt. Mein Herr, ich danke Ihnen, und zwar von ganzem Herzen; doch nein, ich täuſche mich. Bei meiner Treue, ich habe noch etwas Koſtbareres, und das iſt meine Tochter.“ „Fräulein Andrée,“ ſagte Balſamo. „Bei Gott ja, Fräulein Andrée,“ verſetzte der Baron erſtaunt, daß ſein Gaſt ſo gut unterrichtet war,„ich will Sie ihr vorſtellen. Andrée! Andrée! komm mein Kind, fürchte Dich nicht.“ „Ich fürchte mich nicht, mein Vater,“ antwortete mit einer ſanſten und wohlklingenden Stimme ein großes, ſchönes Mädchen, das ſich ohne Verlegenheit, aber auch ohne Keckheit an der Thüre zeigte. Obgleich in hohem Grade Herr ſeiner ſelbſt, wie man bereits ſehen konnte, mußte ſich Joſeph Balſamo doch unnwilltührüch tief vor dieſer erhabenen Schönheit ver⸗ eugen. Andrée von Taverney, welche erſchienen war, um Alles, was ſie umgab, zu vergolden und zu bereichern, hatte hell kaſtanienbraune Haare, die an den Schläfen 88 und am Hals noch lichter wurden; ihre ſchwarzen, durch⸗ ſichtigen, weit geöffneten Augen ſchauten ſtarr, wie die des Adlers. Die Milde ihres Blickes war jedoch unausſprech⸗ lich; ihr friſchrother Mund bildete ſich launenhaft in einem Bogen von feuchter, glänzender Koralle; bewunderungs⸗ würdig weiße, zarte Hände von antiker Zeichnung ſtanden mit Armen, blendend an Form und Glanz, in Verbin⸗ dung; ihr zugleich geſchmeidiger und feſter Wuchs ſchien der einer heidniſchen Statue zu ſein, welcher ein Wunder Leben gegeben haͤtte; ihr Fuß, deſſen Biegung neben dem von Diana der Jägerin merkwürdig geweſen wäre, ſchien das Gewicht ihres Körpers nur durch ein Wunder des Gleichgewichts tragen zu können; ihr Anzug endlich war, obgleich höchſt einfach, doch von einem ſo vollkommenen Geſchmack und ſo ſehr dem Geſammtweſen ihrer Perſon angemeſſen, daß eine vollſtandige Kleidung, aus der Gar⸗ dexobe einer Königin genommen, vielleicht minder reich, minder elegant geſchienen hätte, als ihr einfaches Gewand. Alle dieſe wunderbaren Einzelnheiten erfaßte Balſamo mit dem erſten Blicke; er hatte Alles geſehen, Alles be⸗ merkt, von dem Augenblick, wo Fräulein von Taverney in den Speiſeſaal trat, bis zu dem Momente, wo er ſie grüßte, und der Baron verlor ſeinerſeits nicht einen von den Eindrücken, den dieſer ſeltene oder vielmehr einzige Verein von Vollkommenheiten auf ſeinen Gaſt hervor⸗ brachte. „Sie haben Recht,“ ſprach mit leiſer Stimme Bal⸗ ſamo, ſich gegen ſeinen Wirth umwendend,„das Fraͤulein iſt eine koſtbare Schönheit.“ „Machen Sie der armen Andrée nicht zu viel Com⸗ plimente, mein Herr,“ verſetzte mit gleichgültigem Tone der Baron;„ſie kommt ſo eben aus dem Kloſter und würde an das, was Sie ihr ſagen, glauben. Nicht als befürch⸗ tete ich ihre Coquetterie, im Gegentheil, das liebe Kind iſt nicht genug goquette, mein Herr, und als guter Vater bemühe ich u9 dieſe Eigenſchaft, welche die erſte Macht der Frauen bildet, bei ihr zu entwickeln.“ 89 Andrée ſchlug die Augen nieder und erröthete. Mit dem beſten Willen hatte ſie nicht umhin können, dieſe ſeltſame Theorie ihres Vaters anzuhören. „Sagte man dies dem Fräulein, als ſie im Kloſter war?“ fragte lachend Joſeph Balſamo,„beſtand in dieſer Perſchriſt ein Theil des Unterrichts, den die Nonnen gaben?“ ¹„Mein Herr, entgegnete der Baron,„ich habe meine eigenen Anſichten, wie Sie bereits ſehen konnten“ Balſamo verbeugte ſich, zum Zeichen, daß er dieſem Anſpruche des Barons völlig beipflichte. „Nein,“ fuhr dieſer fort,„ich will die Familienväter nicht nachahmen, welche zu ihrer Tochter ſagen:„„Sei klug, unbeugſam, blind; berauſche Dich mit Ehre, Zart⸗ gefühl und Uneigennützigkeit!““ Die Dummköpfe! Es kommt mir vor, als ſähe ich Sekundanten ihren Streiter, nachdem ſie ihn von jedem Stücke entblößt und völlig entwaffnet, auf den Kampfplatz führen, um ihn gegen einen vom Scheitel bis zur Zehe bewaffneten Gegner * kämpfen zu laſſen. Nein, bei Gott, es wird bei meiner Tochter Andrée nicht ſo ſein, obgleich ſie in Taverney, einem Provinzneſt, erzogen worden iſt.“. Wenn auch der Anſicht des Barons über die Be⸗ eichnung, die er ſeinem Schloſſe gegeben, ſo glaubte doch giſamp einen Widerſpruch mimiſch ausdrücken zu müſſen. „Gut, gut,“ verſetzte der Greis, das Spiel des Ge⸗ ſichts von Balſamo beantwortend,„gut, ich weiß was an Taverney iſt, ſage ich Ihnen; doch wie es auch ſein mag und ſo weit wir auch von der glänzenden Sonne entfernt ſind, die man Verſailles nennt, ſo wird doch meine Tochter die Welt kennen lernen, die ich einſt ſo gut gekannt habe; ſie wird in dieſelbe eintreten... wenn ſie je eintritt, mit einem vollſtändigen Arſenal, das ich ihr mit Hülfe meiner Erfahrungen und meiner Erinnerungen ſchmiede... Doch, mein Herr, ich muß Ihnen geſtehen, ja, das Klo⸗ ſter hat Alles verdorben... Meine Tochter, ſolche Dinge ſind nur für mich gemacht, meine Tochter iſt die erſte Koſtſchülerin, die das Gute vom Unterricht genommen und den Buchſtaben des Evangeliums befolgt hat! Cor⸗ bleu! geſtehen Sie, daß dies unglücklich ſpielen heißt, Baron.“ „Das Fräulein iſt ein Engel,“ antwortete Balſamo, „und in der That, mein Herr, was Sie mir da ſagen, überraſcht mich nicht.“ Andrée verbeugte ſich vor dem Baron, um ihm ihren Dank und ihre Sympathie darzuthun, und ſetzte ſich ſo⸗ dann, wie es ihr Vater ihr durch ein Zeichen mit den Augen befahl.— „Setzen Sie ſich, Baron, und eſſen Sie, wenn Sie Hunger haben,“ ſprach Taverney.„Es iſt ein abſcheuli⸗ cher Ragout, was dieſes Thier von einem la Brie zu⸗ ſammengekocht hat.“ „Junge Feldhühner! Sie nennen das einen abſcheu⸗ lichen Ragout?“ ſagte lächelnd der Gaſt des Barons; „Sie verleumden Ihren Tiſch. Junge Feldhühner im Mail! Sie ſind alſo von Ihren Gütern?“ „Von meinen Gütern! Seit langer Zeit iſt Alles, was ich beſaß, und ich muß geſtehen, mein guter Vater hinterließ mir eine gewiſſe Quantität, ſeit langer Zeit, ſage ich, iſt Alles, was ich beſaß, verkauft, verzehrt, verdaut. O mein Gott! nein, ich habe keinen Zoll breit Land mehr, nein. Es kommt von dem Müſſiggänger Gilbert, der nur zum Leſen und Träumen taugt, und der in ſeinen verlorenen Augenblicken irgendwo eine Flinte, Pulver und Blei ge⸗ ſtohlen haben wird und dieſes Geflügel ſchießt, indem er auf den Gütern meiner Nachbarn wildert. Er wird auf die Galeere kommen, und ich laſſe ihn ſicherlich gehen, denn das befreit mich von ihm. Doch Andrée liebt das Wildpret, weshalb ich Herrn Gilbert verzeihe.“ Balſamo betrachtete forſchend das ſchöne Antlitz von Andrée, und er entdeckte darauf keine Falte, kein Beben, nicht einen Schatten von Röthe“ Er ſetzte ſich zu Tiſche zwiſchen ſie und den Barv und ſie legte ihm, ohne, wie es ſchien, im Geringſten über 91 die Dürftigkeit der Tafel in Verlegenheit zu gerathen, ſeinen Theil von der durch Gilbert gelieferten und durch la Brie gewürzten Platte vor, welche der Baron ſo geringſchätzend behandelte. Der arme la Brie, der kein Wort von den Lobeser⸗ hebungen verlor, die Balſamo ihm und Gilbert ertheilte, reichte den Teller mit einer zerknirſchten Miene, welche triumphirend wurde bei jedem Lobe, das der Baron der Zubereitung ſpenden zu müſſen glaubte. „Er hat ſeinen abſcheulichen Ragout nicht geſalzen!“ rief der Baron, nachdem er zwei Rebhühnerflügel ver⸗ ſchlungen hatte, welche ſeine Tochter mitten unter eine ölige Lage Kohl auf ſeinen Teller legte. Andrée, gib doch dem Herrn Baron das Salzfaß.“ Andrée gehorchte, den Arm mit vollkommener An⸗ muth ausſtreckend. „Ahl ich ſehe, Sie bewundern abermals mein Salz⸗ faß, Baron,“ ſagte Taverney. „Diesmal täuſchen Sie ſich, mein Herr,“ erwiederte Balſamo,„ich bewundere die Hand des Fräuleins.“ „Ahl vortrefflich, es iſt ganz ein Richelien! Doch, da Sie dieſes berühmte Salzfaß, in welchem Sie ſogleich das erkannten, was es iſt, in der Hand haben, ſo ſchauen Sie es an; es wurde vom Regenten bei Lucas, dem Gold⸗ ſchmied, beſtellt. Es ſind Liebſchaſten von Satyrn und 4 Bacchantinnen; das iſt frei, aber hübſch.“ Balſamo bemerkte jetzt erſt, daß die Gruppe von Fi⸗ gurinen, reizend, was die Arbeit betrifft, und koſtbar in der Ausführung, nicht frei, ſondern obſcön war. Dieſer Anblick veranlaßte ihn, die Ruhe und Gleichgültigkeit von Andrée zu bewundern, welche ihm auf Befehl ihres Va⸗ ters das Salzfaß gereicht hatte, ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen, und fortaß, ohne zu erröthen. Dooch als hätte es ſich der Baron zur Aufgabe ge⸗ macht, dieſen Firniß der Unſchuld abzuſchuppen, der, dem jungfräulichen Rocke ähnlich, von dem die heilige Schrift ſpricht, die ganze Perſon ſeiner Tochter bedeckte, fuhr er 92 fort, die Schönheiten ſeines Salzfaſſes auseinanderzuſetzen, obgleich ſich Balſamo die größte Mühe gab, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen. „Eſſen Sie doch, Baron,“ ſagte Taverney;„denn ich bemerke Ihnen zum Voraus, daß nur dieſe Platte vor⸗ handen iſt. Vielleicht denken Sie, der Braten werde kom⸗ men und die Zwiſchengerichte warten;z laſſen Sie ſich die⸗ ſen Irrthum benehmen, denn Sie wären furchtbar betrogen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Andrée mit ihrer gewöhnlichen Kälte,„wenn Nicole mich recht verſtanden hat, ſo muß ſie einen Tot-fait, deſſen Recept ich ſie lehrte, angefangen haben.“ „Das Recept! Du haſt das Recept eines Gerichtes, Nicole Legay, Deiner Kammerfrau, mitgetheilt? Deine Kammerfrau beſorgt die Küche? Es fehlte nur noch Eines: daß Du ſelbſt kochen würdeſt. Kochten die Herzoginnen von Chateaurour oder die Marquiſe von Pompadour dem König? der König machte im Gegentheil ihnen Pfann⸗ kuchen. Mein Tag des Lebens! daß ich Frauen bei mir kochen ſehen muß!... Baron, ich bitte Sie, entſchuldigen Sie meine Tochter.“ „Aber, mein Vater, man muß doch eſſen,“ entgegnete ruhig Andrée.„Sprich, Legay,“ fügte ſie etwas lauter bei,„iſt es gemacht?“ 3 „Ja, mein Fräulein,“ antwortete das Mädchen und brachte eine Platte, deren Geruch äußerſt Appetit erre⸗ gend war. 4 „Ich weiß wohl, wer nicht von dieſem Gerichte eſſen wird,“ rief Taverney wüthend und zerbrach ſeinen Teller. „Dieſer Herr ißt vielleicht davon,“ ſprach Andrée mit kaltem Tone. Dann ſich an ihren Vater wendend: „Sie wiſſen, mein Herr, daß Sie nur noch ſiebzehn Teller von dem Service haben, der mir von meiner Mut⸗ ter zukommt.“ Siernach zerſchnitt ſie den Kuchen, den Nicole Legay, die hübſche Lofe, auf den Tiſch geſtellt hatte. 1 — 93³ VI. Andrée von Taverney. Der Beobachtungsgeiſt von Joſeph Balſamo fand reiche Nahrung in jeder Einzelnheit dieſes ſeltſamen, ab⸗ geſonderten, in einem Winkel von Lothringen verlorenen Daſeins. Das Salzfaß allein enthüllte ihm eine ganze Seite vom Charakter des Baron von Taverney, oder vielmehr ſeinen Charakter unter allen ſeinen Seiten. 4 Seinen zarteſten Scharfſinn zu Hulfe rufend, befragte er die Züge von Andrée in dem Augenblick, wo ſie mit der Spitze ihres Meſſers die ſilbernen Figuren berührte, welche aus einem der nächtlichen Mahle des Regenten, in deren Folge Canillac die Kerzen auszulöſchen beauftragt war, hervorgegangeun zu ſein ſchienen. War es Neugierde, oder bewegte ihn ein anderes Ge⸗ fühl... Balſamo betrachtete Andrée mit einer ſolchen Beharrlichkeit, daß zwei oder dreimal in weniger als zehn Minuten die Augen der jungen Leute ſich begegnen muß⸗ ten. Anfangs hielt das reine, keuſche Geſchöpf dieſen Blick ohne Verwirrung aus; endlich aber wurde er, während der Baron mit ſeiner Meſſerſpitze das Meiſterwerk von Nicole auszackte, ſo ſtarr, daß eine ſieberhafte Ungeduld, die ihr das Blut in die Wangen trieb, ſich ihrer zu be⸗ mächtigen anfing. Bald verſuchte ſie es, als ſie ſich durch dieſen beinahe übermenſchlichen Blick beunruhigt fühlte, demſelben zu trotzen, und ſie war es nun, die den Baron mit ihrem großen, klaren, ausgedehnten Auge anſchaute. Doch auch diesmal mußte ſie nachgeben, und von dem magnetiſchen Fluidum, welches das glühende Auge ihres Gaſtes ausſtrömte, übergoſſen, ſenkte ſich ihr Augenlied ſchwer und furchtſam, um ſich nur mit Zögern wieder zu erheben. Während ſich indeſſen dieſer ſtumme Kampf zwiſchen 94 dem jungen Mädchen und dem geheimnißvollen Reiſenden entſpann, murrte, lachte und fluchte der Baron, ſchwur er als wahrer Landedelmann und knipp la Brie in den Arm, der ſich zu ſeinem Unglück in dem Augenblick in ſeiner Nahe befand, wo ihm ſeine aufgereizten Nerven das Bedürfniß, etwas zu kneipen, fühlbar machten. Er war ohne Zweifel im Begriff, daſſelbe bei Nicole zu thun, als die Augen des Barons, zum erſten Male ohne Zweifel, auf die Hände der jungen Kammerfrau fielen. er Baron betete die ſchönen Hände an, für ſchöne Hände hatte er alle ſeine Jugendthorheiten begangen. „Sieh da,“ ſagte er,„was für ſchöne Finger hat dieſe Weibsperſon! wie der Nagel ſich zuſpitzt! wie er ſich auf die Haut zurückbiegen würde, was eine Hauptſchönheit iſt, wenn das Holz, das man ſpaltet, wenn die Flaſchen, die man ſchwenkt, wenn die Pfannen, die man ſcheuert, nicht das Horn furchtbar abnutzen würden! denn es iſt Horn, was Sie am Ende Ihrer Finger haben, Mademoi⸗ ſelle Nicole.“ Wenig an die Complimente des Barons gewöhnt, ſchaute ihn Nicole mit einem Halblächeln an, an welchem das Erſtaunen mehr Antheil hatte, als der Stolz. „Ja, ja,“ ſagte der Baron, als er bemerkte, was in dem Herzen des gefallſüchtigen Mädchens vorging.„Schlage immerhin das Rad; das iſt ganz nach meiner Anſicht. Ohl ich ſage Ihnen, mein lieber Gaſt, die hier gegen⸗ wärtige Mademoiſelle Nicole Legay iſt durchaus keine Prude wie ihre Gebieterin, und ein Compliment macht ihr nicht bange.“ Die Augen von Balſamo wandten ſich raſch der Tochter des Barons zu, und er ſah die erhabenſte Ver⸗ achtung auf dem ſchoͤnen Antlitz von Andrée ausgeprägt. a fand er es für angemeſſen, ſein Geſicht mit dem der Stolzen in Einklang zu ſetzen; dieſe bemerkte es und wußte ihm ohne Zweifel Dank dafür, denn ſie ſchaute ihn mit weniger Härte, oder vielmehr mit weniger Unruhe an, als ſie es bis dahin gethan. 1 r 1 95 „Sollten Sie wohl glauben, mein Herr,“ fuhr der Baron fort, während er mit dem Rücken ſeiner Hand das Kinn von Nieole ſtreichelte, welche er dieſen Abend reizend zu finden entſchloſſen ſchien,„ſollten Sie wohl glauben, daß dieſe Dirne aus dem Kloſter kommt wie meine Toch⸗ ter und beinahe Erziehung erhalten hat? Mademeoiſelle Nicole verläßt auch ihre Gebieterin nicht einen Augenblick. Es iſt eine Anhänglichkeit, die bei den Herren Philoſophen, welche behaupten, dergleichen Dinge haben Seelen, ein Lächeln hervorrufen würde.“ „Mein Herr,“ ſprach Andrée unzufrieden,„es ge⸗ ſchieht nicht aus Anhänglichkeit, daß mich Nicole nicht verläßt, ſondern weil ich ihr befehle, mich nicht zu ver⸗ laſſen.“ Balſamo ſchlug ſeine Augen zu Nicole auf, um zu erforſchen, welche Wirkung dieſe Worte ihrer bis zur Belei⸗ digung ſtolzen Gebieterin auf ſie hervorbrächten, und er ſah an dem Zuſammenziehen ihrer Lippen, daß ſie durchaus nicht unempfindlich gegen die Demüthigungen war, welche aus ihrem Dienſtbotenverhältniß hervorgingen. Dieſer Ausdruck zog indeſſen wie ein Blitz über das Antlitz der Zofe hin, ſie wandte ſich ab, ohne Zweifel, um eine Thräne zu verbergen, und ihre Augen richteten ſich nach einem Fenſter des Speiſeſaals, das gegen den Hof ging. Alles intereſſirte Balſamo, der ſeinerſeits unter die⸗ ſen Perſonen, in deren Mitte er eingeführt worden war, etwas zu ſuchen ſchien; Alles intereſſirte Balſamo, ſagen wir; ſein Blick folgte dem Blicke von Nicole und es kam ihm vor, als bemerkte er an dem Fenſter, das der Ge⸗ genſtand der Aufmerkſamkeiten von Nicole war, ein männ⸗ liches Geſicht. „In der That,“ dachte er,„Alles iſt ſeltſam in die⸗ ſem Hauſe, Jedes hat ſein Geheimniß, und ich hoffe, ehe eine Stunde vergeht, das von Fräulein Andrée zu kennen. Ich kenne bereits das Geheimniß des Barons und errathe das von Nicole.“ 5 Er hatte einen Augenblick der Abweſenheit, doch ſo 96 kurz dieſer Augenblick war, ſo entging es doch dem Ba⸗ ron nicht. „Sie träumen auch,“ ſagte er,„Sie ſollten wenig⸗ ſtens die Nacht hiezu abwarten, mein lieber Gaſt. Die Träumerei iſt anſteckend, und es iſt eine Krankheit, die ſich hier erbt, wie mir ſcheint. Wir wollen die Träumer zäh⸗ len. Wir haben zuerſt Fräulein Andrée, welche träumt, ſodann haben wir Mademoiſelle Nicole, welche träͤumt; endlich ſehe ich jeden Augenblick den Taugenichts träumen, der dieſe jungen Feldhühner geſchoſſen hat, welche vielleicht ebenfalls träumten, als er ſie ſchoß.“ „Gilbert?“ fragte Balſamo. „Jal ein Philoſoph wie Herr la Brie; doch was die Philoſophen betrifft, gehören Sie zufällig zu Ihren Freunden? Ohl dann ſage ich Ihnen, daß Sie nicht zu den meinigen gehören werden... 7 „Nein, mein Herr, ich ſtehe weder gut, noch ſchlecht mit ihnen; ich kenne keinen,“ antwortete Balſamo. „Bei Gott, deſto beſſer! es ſind gemeine Thiere, noch viel giftiger, als häßlich! Sie richten die Monarchie mit ihren Marimen zu Grunde! Man lacht nicht mehr in Frankreich, man lieſt, und was lieſt man? Phraſen wie dieſe: Unter einer monarchiſchen Regierung iſt es ſehr ſchwierig für das Volk, tugendhaft zu ſein;*) oder auch: Die wahre Monarchie iſt nur eine eingebildete Conſtitution, um die Sitten der Völker zu vexderben und dieſe in Knecht⸗ ſ aft zu erhalten;**) oder endlich: Wenn die Gewalt der Könige von Gottekommt, ſo iſt es e bei den Krankheiten und Geiſſeln des Renſchengeſchlechts. weu) iſt! ein tugendhaftes Volk! wozu ich Sie. Ahl Alles geht ſchlimm, und zwar ſeitdem Seine ——VQ— * *) Montesquieu. 5 ) Helvetius. ***) Jean Jacques Rouſſeau. 97 Majeſtät mit Herrn von Voltaire geſprochen und die Bü⸗ cher von Herrn Diderot geleſen hat.“ In dieſem Augenblick glaubte Balſamo abermals das bleiche Geſicht hinter den Scheiben erſcheinen zu ſehen. Doch dieſes Geſicht verſchwand, ſobald er ſeine Augen auf daſſelbe heftete. 3 „Sollte das Fräulein Philoſophin ſein 2“ fragte Bal⸗. ſamo lächelnd. „Ich weiß nicht, was Philoſophie iſt,“ antwortete Andrée.„Ich weiß nur, daß ich das liebe, was exnſt iſt. „Eil mein Fräulein, nichts iſt meiner Anſicht nach ernſter, als gut zu leben,“ rief der Baron;„lieben Sie alſo dieſes.“ „Aber mir ſcheint, das Fräulein haßt das Leben nicht?“ fragte Balſamo. 4 „Je nachdem, mein Herr,“ erwiederte Andrée. „Das iſt auch ein albernes Wort,“ ſprach der Baron.„Sollten Sie wohl glauben, mein Herr, daß dieſe Antwort mir ſchon Buchſtabe für Buchſtabe von mei⸗ nem Sohn zu Theil geworden iſt?“ 1 „Sie haben einen Sohn, mein lieber Wirth?“ fragte Balſamo.. „Ohl mein Gott, ja, ich habe dieſes Unglück, einen Vicomte von Taverney, Lieutenant bei den Dauphin⸗Gen⸗ darmen, ein vortreffliches Subject!...“ Während der Baron dieſe drei letzten Worte ſprach, preßte er die Zähne zuſammen, als wollte er jeden Buch⸗ ſtaben kauen. „Ich wünſche Ihnen Glück, mein Herr,“ ſagte Balſamo ſich verbeugend. „Ja,“ erwiederte der Greis,„auch ein Philoſoph. Man kann bei meinem Ehrenwort nur die Achſel zucken. Sprach er mir nicht eines Tages von Befreiung der Ne⸗ ger?„„Und der Zucker?““ fragte ich,„„ich liebe mei⸗ nen Kaffee ſtark gezuckert und der König Ludwig XV. e 8.ℳ4ℳ„„Mein Herr,““ antwortste er mir,„„eher d ſer entbehren, als eine Race leiden ſehen.. kkwürdigkeiten eines Arztes. I. 7. „„Eine Race von Affen,““ rief ich; und damit that ich ihm noch viel Ehre an. Wiſſen Sie, was er behaup⸗ tete? So wahr ich ein Edelmann bin, es muß Etwas in der Luft ſein, das ihnen den Kopf verdreht; er antwortete mir, alle Menſchen ſeien Brüder! Ich der Bruder eines Mozambique!““ 3 „Ohl oh!“ rief Balſamo,„das heiße ich weit gehen."“ „Wie!l was meinen Sie dazu? Nicht wahr, ich habe Glück mit meinen zwei Kindern, und man wird nicht ſa⸗ gen, ich lebe in meiner Nachkommenſchaft wieder auf. Die 3 Schweſter iſt ein Engel und der Bruder ein Apoſtel! Trinken Sie, mein Herr... mein Wein iſt abſcheulich.”“ „Ich finde ihn ausgezeichnet,“ verſetzte Balſamo, An⸗ drée anſchauend. „Dann ſind Sie auch ein Philoſoph! Oh! nehmen Sie ſich in Acht, ich laſſe Ihnen eine Rede von meiner Tochter halten. Doch nein, die Philoſophen haben keine Religion Mein Gott! es war indeſſen ſehr bequem, Re⸗ ligion zu haben. Man glaubte an Gott und an den Kö⸗ nig, und damit war Alles abgemacht Heut zu Tage muß man, um weder an den Einen, noch an den Andern zu glauben, zu viele Dinge lernen und zu viele Bücher leſen: ich will lieber niemals zweifeln. Zu meiner Zeit lernte man wenigſtens nur angenehme Dinge; man ſiudirte gut Pharo, Biribi oder Paſſe⸗dir ſpielen; man zog ganz an⸗ genehm den Degen, trotz der Edicte; man richtete Her⸗ zoginnen zu Grunde, oder ruinirte ſich für Tänzerinnen: das iſt meine Geſchichte. Ganz Taverney iſt für die Oper aufgegangen, und das iſt das Einzige, was ich beklage, in⸗ ſofern ein ruinirter Menſch kein Menſch iſt. So wie Sie mich ſehen, ſcheine ich alt zu ſein, nicht wahr? Nun! das kommt davon her, daß ich ruinirt bin und in einer Höhle lebe; daß meine Perrücke abgetragen und mein Kleid g⸗ — thiſch iſt; doch ſehen Sie meinen Freund, den Marſchall, duf der neue Kleider und friſch tapirte Perrücken beſitzt, 8 der in Paris wohnt und zweimal hunderttauſend Liyres Nente hat. Er iſt noch jung, er iſt noch grün, munter, — 99. zu Aübentenem geneigt! Zehn Jahre älter als ich, zehn Jahre!“ 3„Sprechen Sie von Herrn von Richelieu?“ „Allerdings.“ 1 „Vom Herzog?“ „Bei Gott! ich denke, nicht vom Cardinal, ich datire nicht bis zu ihm zurück. Uebrigens hat er nicht gethan, was ſein Neffe thut; er hat nicht ſo lange ausgehalten.“ „Ich wundere mich, mein Herr, daß Sie bei ſo mächtigen Freunden, wie Sie zu beſitzen ſcheinen, den Hof verließen.“ „Ohl das iſt nur ein augenblicklicher Rückzug, und ich werde eines Tages wieder an demſelben erſcheinen,“ ſprach der alte Baron, einen ſeltſamen Blick auf ſeine Tochter werfend.— Dieſer Blick wurde auf dem Wege von Balſamo auf⸗ gefangen. „Doch der Marſchall läßt wenigſtens Ihren Sohn avanciren?“ „Er, meinen Sohn! er haßt ihn.“ „Den Sohn ſeines Freundes?“ „Und er hat Recht.“ „Wie! Sie ſagen das?“ „Bei Gott! einen Philoſophen! er verabſcheut ihn!“ „Philipp gibt es ihm übrigens zurück,“ ſagte Andrée mit vollkommener Ruhe.„Trage ab, Legay!“ Der aufmerkſamen Beobachtung entriſſen, welche ſie an das Fenſter feſſelte, lief Nicole eiligſt herbei. „Ah!“ ſagte der Baron ſeufzend,„früher blieb man bis zwei Uhr Morgens bei Tiſche ſitzen. Das geſchah, weil man zu eſſen hatte und weil man noch trank, wenn man nicht mehr aß! Doch wie ſoll man Treberwein trinken, wenn man nicht mehr ißt?... Legay, gib eine Flaſche Marasquin, wenn noch da iſt.“ „Hole,“ ſprach Andrée zu Legay, welche auf die Be⸗ fehle ihrer Gebieterin zu warten ſchien, um denen des arons zu gehorchen. 72 4 „Deer Baron hatte ſich in ſeinem Lehnſtuhle zurückge⸗ legt und ſtieß mit einer grotesken Schwermuth Seufzer aus. „Sie ſprachen vom Marſchall von Richelieu,“ agte Balſamo, wie es ſchien, entſchloſſen, das Geſpräch nicht fallen zu laſſen. „Ja,“ erwiederte Taverney,„ich ſprach von ihm, das iſt wahr.“ „Wenn er Ihren Sohn verabſcheut, und Recht hat, ihn zu verabſcheuen, weil er ein Philoſoph iſt,“ fuhr Balſamo fort,„ſo mußte er ſeine Freundſchaft für Sie bewahren, denn Sie ſind keiner.“ „Ein Philoſoph? Gott ſei Dank, nein!“ „Ich denke, es fehlt Ihnen nicht an Titeln? Sie haben dem König gedient?“ „Fünfzehn Jahre. Ich war Adjutant des Marſchalls, wir machten mit einander die Campagne von Mahon und unnſere Freundſchaft datirt ſich, meiner Treue! warten Sie, von der berühmten Belagerung von Philippsburg, näm⸗ lich von 1742 oder 1743.“ „Ahl ſehr gut,“ ſprach Balſamo,„Sie waren bei der Belagerung von Philippsburg... und ich auch...“ Der Greis richtete ſich in ſeinem Lehnſtuhle auf, ſchaute Balſamo mit weit aufgeſperrten Augen in das Geſicht, und rief: erzeihen Sie, wie alt ſind Sie denn, mein lieber 44 „Ohl ich habe kein Alter,“ ſprach Balſamo und bot— ſein Glas, damit ihm der Marasquin von der ſchönen Hand von Andrée eingeſchenkt würde. Der Graf legte die Antwort ſeines Gaſtes auf ſeine Weiſe aus und glaubte, Balſamo hätte eine Urſache, ſein Alter nicht zu geſtehen. „Mein Herr,“ ſagte er,„erlauben Sie mir, Ihnen u bemerken, daß Sie nicht das Alter eines Soldaten von hilippsburg zu haben ſcheinen. Es ſind acht und zwanzig Jahre ſeit dieſer Belagerung und Sie zählen höchſtens dreißig, wenn ich mich nicht täuſche.“ 101 „Ei, mein Gott! wer zählt nicht dreißig Jahre?“ ſagte der Reiſende mit gleichgültigem Tone. „Ich, bei Gott!“ rief der Baron,„denn ich bin gerade um dreißig Jahre älter“ Andrée ſchaute den Fremden mit einer Starrheit an, welche die unwiderſtehliche Anziehungskraft der Neugierde kundgab. Dieſer ſeltſame Menſch offenbarte ſich ihr in der That jeden Augenblick unter einem neuen Lichte. „Mein Herr, Sie bringen mich in Verwirrung,“ ſagte der Baron,„vorausgeſetzt wenigſtens, daß Sie ſich nicht täuſchen, was wohl möglich iſt, und Philippsburg mit einer andern Stadt verwechſeln. Wie ich Sie ſehe, ſind Sie höchſtens dreißig Jahre alt, nicht wahr, Andrée?“ „In der That,“ antwortete dieſe, welche abermals den mächtigen Blick ihres Gaſtes auszuhalten ſuchte, was ihr auch diesmal nicht gelang. 8 „Nein, nein,“ ſprach der Letztere,„ich weiß, was ich ſage, und ſage, wie es ſich verhält. Ich rede von der berühmten Belagerung von Philippsburg, wo der Herr Herzog von Richelieu im Duell ſeinen Vetter, den Prinzen von Lrren, getödtet hat. Es geſchah bei der Rückkehr vom Laufgraben, auf der Landſtraße; meiner Treue, am Rande dieſer Straße, linker Hand, ſtieß er ihm ſeinen Degen durch den Leib. Ich ging gerade vorüber, als ihn der Prinz von Zweibrücken im Todeskampfe in ſeinen Armen hielt. Er ſaß am Rande des Grabens, während Herr von Richelieu ruhig ſeinen Degen abwiſchte.“ „Mein Herr, Sie ſetzen mich bei meiner Ehre im höchſten Maaße in Erſtaunen,“ rief der Baron.„Es geſchah genau, wie Sie ſagen.“ „Sie hörten wohl die Sache erzählen?“ fragte Bal⸗ ſamo ruhig. „Ich war dabei, ich hatte die Ehre als Zeuge des Herrn Marſchalls, der damals noch nicht Marſchall war, dem Duell beizuwohnen." „Warten Sie doch einen Augenblick,“ ſprach Bal⸗ ſamo, den Baron feſt anſchauend. „Was 24 „Trugen Sie damals nicht die Uniform eines Ka⸗ pitäns?“ 3 „Ganz richtig.“ „Sie waren bei dem Regiment der Koͤnigin⸗Chevau⸗ legers, welche bei Fontenoi beinahe ganz aufgerieben wurden.“ „Waren Sie auch bei Fontenoi?“ verſetzte der Ba⸗ ron, der einen Spaß zu machen ſuchte. „Nein,“ antwortete ruhig Balſamo;„bei Fontenvi war ich todt.“ Der Baron riß die Augen weit auf, Andrée ſchauerte, Nicole machte das Zeichen des Kreuzes. „Um auf das zurückzukommen, was ich vorhin ſagte,“ fuhr Balſamo fort,„Sie trugen die Uniform der Chevau⸗ legers, ich erinnere mich deſſen jetzt vollkommen. Ich ſah Sie im Vorübergehen, Sie hielten Ihr Pferd und das des Marſchalls, während dieſer ſich ſchlug. Ich näherte mich Ihnen und fragte Sie nach den einzelnen Umſtän⸗ den, Sie nannten mir dieſelben.“ „Ich 276 1 „Ja, bei Gott! Sie. Ich erkenne Sie nun wieder, Sie führten damals den Titel Chevalier, und man nannte Sie nur den kleinen Chevalier.. „Mord und Tod!“ rief Taverney ganz erſtaunt. „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie nicht ſogleich erkannte. Doch dreißig Jahre ändern einen Menſchen gewaltig. Auf die Geſundheit des Marſchalls von Richelieu, mein lieber Baron!“ Und Balſamo hob ſein Glas in die Höhe und leerte es ſodann bis auf den letzten Tropfen. „Sie haben mich zu jener Zeit geſehen?“ wieder⸗ holte der Baron.„Unmöglich!“ „Ich habe Sie geſehen,“ ſprach Balſamo. „Auf der Landſtraße?“ „Auf der Landſtraße.“ „Die Pferde haltend?“ 103 „Die Pferde haltend.“ „Im Augenblick des Duells?“ 3 „Als der Prinz den letzten Seufzer von ſich gab, wie ich Ihnen ſagte.“ „Sie ſind alſo fünfzig Jahre alt?“. „Ich bin ſo alt, als man ſein muß, um Sie geſehen zu haben.“ Diesmal warf ſich der Baron mit einer ſo unwilli⸗ gen Miene in ſeinem Stuhle zurück, daß Nicole ſich des Lachens nicht erwehren konnte. Aber ſtatt zu lachen, wie Nicole, begann Andrée, ihre Augen ſtarr auf die von Balſamo gerichtet, zu träumen. Es war, als hätte er dieſen Augenblick erwartet und vorhergeſehen. Er ſtand plötzlich auf und warf ein paar Blitze aus ſeinem entflammten Augenſterne auf das Mädchen, das nun bebte, als würde es von einer elektriſchen Erſchüt⸗ terung berührt. Die Arme von Andrée wurden ſteif, ihr Hals beugte ſich, ſie lächelte unwillkürlich dem Fremden zu und ſchloß dann die Augen. Immer noch ſtehend berührte er ihre Arme; ſie bebte abermals. 3 „Und Sie auch, mein Fräulein,“ ſprach er,„Sie denken auch, ich ſei ein Lügner, weil ich behaupte, ich habe der Belagerung von Philippsburg beigewohnt?“ „Nein, mein Herr, ich glaube Ihnen,“ ſtammelte Andrée mit einer übermenſchlichen Anſtrengung. „Dann faſ'le ich,“ ſprach der alte Baron.„Ah! verzeihen Sie, wenn nicht etwa der Herr ein Geiſt, ein Schatten iſt!“ Nicole riß die Augen ganz erſchrocken auf. „Wer weiß?“ ſagte Balſamo mit ſo gewichtigem Tone, daß er das junge Mädchen vollends feſſelte. „Sprechen Sie im Ernſte, Herr Baron?“ veſetzte der Greis, der in der Sache auf das Klare zu kommen entſchloſſen zu ſein ſchien:„Sind Sie mehr als dreißig Jahre alt? In der That, es hat nicht den Anſchein.“ „Mein Herr,“ ſprach Balſamo,„werden Sie über⸗ zeugt ſein, wenn ich Ihnen etwas wenig Glaubwürdiges ſage?“ „Ich ſtehe Ihnen nicht dafür,“ ſprach der Baron mit einer verdrießlichen Miene den Kopf ſchüttelnd, während Andrée im Gegentheil mit aller Gewalt horchte.„Ich bin ſehr ungläubig, das muß ich Ihnen zum Voraus be⸗ merken.“ „Wozu nützt es Sie dann, eine Frage an mich zu ſtellen, deren Antwort Sie nicht hören werden?“ „Gut, ich will Ihnen glauben, ſind Sie damit zu⸗ ſrieden?“ „So wiederhole ich Ihnen, was ich bereits geſagt: ich habe Sie nicht nur geſehen, ſondern ſogar bei der Belagerung von Philippsburg gekannt.“ —„Sie waren damals ein Kind?“ „Ohne Zweifel.“ 4 „Sie mochten höchſtens vier bis fünf Jahre alt ſein?“ „Neinz ich war ein und vierzig.“ „Ahl ah! ah!“ rief der Baron mit einem ſchallen⸗ den Gelächter, während Nicole ſein Echo bildete. „Ich ſagte es Ihnen, mein Herr,“ ſprach mit ernſtem Tone Balſamo;„Sie glauben mir nicht?“ „Wie ſoll man das glauben!... geben Sie mir einen Beweis.“ „Es iſt indeſſen ganz klar,“ verſetzte Balſamo, ohne die geringſte Verlegenheit zu offenbaren;„ich zählte da⸗ mals ein und vierzig Jahre, das iſt richtig; aber ich ſage nicht, daß ich der Menſch war, der ich bin.“ „Ahl ah! doch das rührt vom Heidenthum her,“ rief der Baron.„Gab es nicht einen griechiſchen Philo⸗ ſophen,— dieſe verfluchten Philoſophen hat es zu allen Zeiten gegeben!— gab es nicht einen griechiſchen Philo⸗ ſophen, der keine Bohnen aß, weil er behauptete, ſie hät⸗ — ᷣ--— 10⁵ ten Seelen, wie mein Sohn dies von den Negern behaup⸗ tet?... Wer erfand dies doch? Es war... wie Teufels nennen ſie ihn?“ „Pythagoras,“ ſprach Andrée. „Ja, Pythagoras, die Jeſuiten lehrten mich das früher. Der Pater Porée ließ mich Verſe hierüber im Wettſtreit mit dem kleinen Arouet machen. Ich erinnere mich ſogar, daß er die meinigen unendlich viel beſſer fand, als die ſeinigen. Pythagoras, ſo iſt es.“ „Nun! wer ſagt Ihnen, daß ich nicht Pythagoras geweſen bin?“ entgegnete Balſamo ganz einfach. „Ich leugne nicht, daß Sie Pythagoras geweſen ſind,“ verſetzte der Baron,„doch Pythagoras war nicht bei der Belagerung von Philippsburg. Wenigſteus habe ich ihn nicht dabei geſehen.“ „Sicherlich, doch Sie haben den Vicomte Jean des Barreaur geſehen, der bei den ſchwarzen Musketieren ſtand?“ „Ja, ja, den ſah ich wohl; doch das war kein Phi⸗ loſoph, obgleich er einen Abſcheu vor den Bohnen hatte und nur davon aß, wenn er es nicht anders machen konnte.“ „So iſt es. Erinnern Sie ſich, daß am andern Tage nach dem Duell von Herrn von Richelieu des Barreaur mit Ihnen im Laufgraben war?“ „Vollkommen.“ „Denn Sie entſinnen ſich wohl des Umſtandes, daß die ſchwarzen Musketiere und die Chevaulegers alle ſieben Tage mit einander den Poſten bezogen?“ „Ganz richtig, und dann?“ „Die Kartätſchen ſielen wie Hagel an dieſem Abend. Des Barreaur war traurig, er näherte ſich Ihnen und bat Sie um eine Priſe, die Sie ihm aus einer goldenen Doſe boten.“ „Worauf das Portrait einer Frau war.“ „So iſt es. Ich ſehe ſie noch vor mirz blond, nicht wahr?“ 106 „Bei Gott! Sie haben Recht,“ ſprach der Baron ganz beſtürzt. Hernach?“ „Hernach,“ fuhr Balſamo fort,„als er dieſe Priſe ſchlürfte, packte ihn eine Kugel am Halſe, wie einſt Herrn von Berwick, und riß ihm den Kopf weg.“ „Ach! ja, der arme des Barreaur!“ „Nun, mein Herr, Sie ſehen, daß ich Sie bei Phi⸗ lippsburg gekannt habe, denn ich war des Barreaur in Perſon,“ ſprach Balſamo. Der Baron warf ſich von einem Anfall des Schreckens, oder vielmehr des Erſtaunens ergriſſen, der ſogleich dem Fremden den Vortheil verlieh, in ſeinem Lehnſtuhle zurück. „ Das iſt Hererei,“ rief er;„vor hundert Jahren hätte man Sie verbrannt, mein lieber Gaſt. Ei, mein Gott! es kommt mir vor, als ſpürte man hier den Geruch eines Geiſtes, eines Gehenkten, eines Verbrannten.“ „Herr Baron,“ entgegnete lächelnd Balſamo,„ein wahrer Zauberer wird weder gehenkt, noch verbrannt, prägen Sie ſich das wohl ein; nur die Dummköpfe haben es mit dem Scheiterhaufen oder dem Stricke zu thun. Doch beliebt Ihnen, daß wir dieſen Abend hier bleiben? Fräulein von Taverney ſchläft ein. Es ſcheint, die meta⸗ phyſiſchen Discuſſionen und die verborgenen Wiſſenſchaften intereſſiren ſie nur in geringem Grade.“ Durch eine unbekannte, unwiderſtehliche Kraft unter⸗ jocht, wiegte Andrée in der That ſanft ihre Stirne, wie eine Blume, deren Kelch einen zu ſtarken Thautropfen empfangen hat. Doch bei den letzten Worten des Barons machte ſie eine Anſtrengung, um den beherrſchenden Einfall eines Fluidums, das ſie niederdrückte, zurückzutreiben; ſie ſchüt⸗ telte kräftig den Kopf, ſtand auf und verließ, Anfangs wankend, dann von Nicole unterſtützt, den Speiſeſaal Zu gleicher Zeit, wo ſie verſchwand, verſchwand auch das an die Scheiben rüc Geſicht, in welchem Bal⸗ ſamo längſt das von Gilbert erkannt hatte. 107 Einen Augenblick nachher hörte man Andrée lebhaft die Taſten ihres Klaviers bearbeiten. Balſamo war ihr mit dem Auge geſolgt, ſo lange ſie wankend den Speiſeſaal durchſchritt. „Auf,“ ſprach er triumphirend, ſobald ſie verſchwun⸗ den war,„ich kann wie Archimedes ſagen: „Eögynd.“ „Wer iſt Archimedes?“ „Ein braver Gelehrter, den ich vor zweitauſend ein hundert und fünfzig Jahren gekannt habe.“ VII. Euonnc. Schien dem Baron die Gasconnade diesmal zu ſtark, hatte er ſie nicht gehört, oder hatte er ſie gehört, und war es ihm nicht unangenehm, das Haus von ſeinem ſeltſamen Gaſte zu befreien... er folgte Andrée mit den Augen, bis ſie verſchwunden war, und machte ſodann, als ihm das Geräuſch ihres Klavieres bewies, daß ſie ſich im anſtoßenden Zimmer beſchaftigte, Balſamo das Aner⸗ bieten, ihn in die nächſte Stadt führen zu laſſen. „Ich habe ein ſchlechtes Pferd, das vielleicht dabei krepiren wird,“ ſagte er,„doch es wird an Ort und Stelle kommen, und Sie ſind wenigſtens ſicher, daß Sie eine entſprechende Lagerſtätte erhalten. Nicht als ob es in Taverney an einem Zimmer und an einem Bette gebräche, nein, aber ich habe meine eigenen Begriffe von der Gaſt⸗ freundſchaft. Gut oder nichts, das iſt mein Wahl⸗ ſpruch.“ „Sie ſchicken mich alſo fort?“ erwiederte Balſamo, ſeinen Aerger unter einem Lächeln verbergend,„das heißt mich als Ueberläſtigen behandeln.“ „Nein, bei Gott! das heißt Sie als Freund behandeln, mein lieber Gaſt. Sie hier einzuquartieren hieße im Ge⸗ gentheil feindſelig gegen Sie verfahren Zu meinem großen Bedauern und zur Entlaſtung meines Gewiſſens ſage ich Ihnen dies; denn in der That, Sie gefallen mir un⸗ gemein.“ „Gefalle ich Ihnen, ſo nöthigen Sie mich nicht, auf⸗ zuſtehen, während ich müde bin, zu reiten, indeß ich meine Arme ausſtrecken und meine Beine in einem Bette von der Erſtarrung befreien könnte. Uebertreiben Sie Ihre un⸗ bemittelte Lage nicht, ſoll ich nicht etwa an einen böſen Willen glauben, der mich perſönlich betreffen würde.“ „Ohl wenn es ſich ſo verhält, ſo werden Sie im Schloſſe ſchlafen,“ ſprach der Baron. Dann ſchaute er umher, um la Brie zu ſuchen, und als er ihn erblickte, rief er ihm zu: „Vorwärts, alter Schuft!“ La Brie machte ſchüchtern einige Schritte. „Vorwärts, beim Teufel! Glaubſt Du, daß das rothe Zimmer ſich anbieten läßt?“ „Ganz gewiß, gnädiger Herr, denn es iſt das, wel⸗ ches Herr Philipp bewohnt, wenn er nach Taverney kommt.“ „Es kann ſehr gut für einen armen Teufel von einem Lieutenant ſein, der drei Monate bei einem zu Grunde gerichteten Vater zubringen will, und ſehr ſchlecht für einen reichen, vornehmen Herrn, der vierſpännig mit Extrapoſt fährt.“ „Ich verſichere Sie, Herr Baron, es wird ganz vor⸗ trefflich ſein,“ verſetzte Balſamo. Der Baron machte eine Grimaſſe, als wollte er ſagen:„Schon gut, ich weiß was daran iſt.“ Dann ſprach er laut: „Gib alſo dem Herrn das rothe Zimmer, da der Herr für immer von der Luſt, nach Taverney zurückzukehren, geheilt ſein will. Sie wollen alſo durchaus hier über 3 Nacht bleiben?“ „Ja.“ 109 „Doch warten Sie... es gäbe ein Mittel.“ „Wozu?“ „Daß Sie den Weg nicht zu Pferde machen müßten.“ „Welchen Weg?“ „Den Weg, der von hier nach Bar-le-Due führt.“ Balſamo erwartete die Entwicklung des Vorſchlags. „Nicht wahr, Poſtpferde haben Sie hierher gebracht?“ „Allerdings, wenn es nicht etwa Satan geweſen iſt.“ „Ich dachte Anfangs, es wäre dies möglich, denn ich glaube, Sie ſtehen nicht ganz ſchlecht mit ihm.“ „Sie erweiſen mir unendlich mehr Ehre, als ich verdiene.“ „Nun, die Pferde die Ihren Wagen gebracht haben, können ihn auch wieder fortführen.“ „Nein, denn es bleiben nur noch zwei von den vieren übrig. Der Wagen iſt ſchwer, und die Poſtpferde müſſen ſchlafen.“ „Abermals ein Grund. Sie legen offenbar einen Werth darauf, hier über Nacht zu bleiben.“ „Es liegt mir daran, Sie morgen wiederzuſehen. Ich will Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen.“ „Sie haben ein ganz einfaches Mittel zu dieſem Behufe.“ 3 „Welches?“ „Da Sie ſo gut mit dem Teufel ſind, ſo bitten Sie ihn, mich den Stein der Weiſen finden zu laſſen.“ „Mein Herr Baron, wenn Ihnen ſo viel daran ge⸗ legen wäre... „An dem Stein der Weiſen! Bei Gott! hätte ich ihn!“ „Dann müßten Sie ſich an eine Perſon wenden, die nicht der Teufel iſt.“ „Wer iſt dieſe Perſon?“ 3 „Ich, wie Corneille, ich weiß nicht in welcher Ko⸗ mödie ſagt, die er mir gerade vor hundert Jahren reci⸗ tirte, während wir in Paris über den Pont⸗Neuf gingen.“ „La Brie! alter Schuſt! ſuche eine Kerze und leuchte dem Herrn,“ rief der Baron, der das Geſpräch zu einer ſolchen Stunde und mit einem ſolchen Menſchen gefährlich zu finden anfing La Brie beeilte ſich, zu gehorchen, und während er die Nachſuchung vornahm, deren Erfolg eben ſo zweifelhaft war, als hätte es dem Steine der Weiſen gegolten, rief er Nicole, welche zuerſt hinaufgehen und das rothe Zim⸗ mer auslüften ſollte. Nicole ließ Andrée allein, oder Andrée war vielmehr entzückt, dieſe Gelegenheit zu finden, ihre Kammerfrau zu entlaſſen, denn ſie fühlte das Bedürfniß, nur mit ihren Gedanken zuſammen zu ſein. Der Baron wünſchte Balſamo gute Nacht und legte ſich ſchlafen.. Balſamo zog ſeine Uhr: er erinnerte ſich des Ver⸗ ſprechens, das er Althotas geleiſtet hatte. Der Gelehrte ſchlief bereits zwei und eine halbe Stunde ſtatt zwei Stunden. Es waren dreißig Minuten verloren. Er fragte 4 daher la Brie, ob der Wagen immer noch an demſelben Orte ſtehe. a Brie antwortete, wenn er nicht allein weggegangen ſei, ſo müſſe er noch dort ſtehen. Balſamo erkundigte ſich, was aus Gilbert geworden. La Brie verſicherte, Gilbert ſei ein Taugenichts, der wenigſtens ſeit einer Stunde ſchlafen gegangen. Balſamo entfernte ſich, um Althotas zu wecken, nachdem er zuvor die Topographie des Weges, der nach dem rothen Zimmer führte, ſtudiert hatte. 4 Herr von Taverney hatte hinſichtlich der Mittelmäſ⸗ ſigkeit dieſes Zimmers nicht gelogen: die Ausſtattung ent⸗ ſprach der der übrigen Räume des Schloſſes. Eine eichene Bettſtätte und darauf eine Decke von altem, grünem, gelbgewordenem Damaſt, der Tapete mit Blumengehängen ähnlich; ein eichener Tiſch mit gedrehten Füßen; ein großer, ſteinerner Kamin aus der Zeit voen Ludwig XIII. herſtammend, dem der Winter eine gewiſſe Ueppigkeit verleihen konnte, während ihm die Abweſenheit des Feuers, der Mangel an Feuerböcken und anderen Ge⸗ 111 räthſchaften, der Mangel an Holz und die ſonderbare Ausfüllung mit alten Zeitungen das Ausſehen eines höchſt traurigen Sommers verliehen; dies war das Mobiliar, deſſen glücklicher Eigenthümer Balſamo für eine Nacht ſein ſollte Wir fügen zwei Stühle und einen Schrank von grau angemaltem Holz mit ausgehöhlten Füllungen bei. Während la Brie etwas Ordnung in dieſes Zimmer zu bringen ſuchte, das von Nicole gelüftet worden war, welche ſich nach dieſer Operation wieder entfernt hatte, megte Balſamo Althotas und kehrte ſodann in das Haus zurück. Vor dem Zimmer von Andrée blieb er ſtehen, um zu horchen. In dem Augenblick wo Andrée den Speiſe⸗ ſaal verließ, bemerkte ſie, daß ſie dem geheimnißvollen Einfluß entging, den der Reiſende über ſie ausübte. Und um dies bis auf den Gedanken zu bekämpfen, ſetzte ſie ſich an das Klavier. Die Töne gelangten durch die geſchloſſene Thüre zu Balſamo. Balſamo war, wie geſagt, vor dieſer Thüre ſtehen geblieben. Nach einem Augenblick machte er mehrere abgerun⸗ dete Geberden, welche man für eine Beſchwörung hätte halten können, und die ohne Zweifel auch eine ſolche waren, denn von einem Gefühle, ähnlich dem berührt, welches ſie bereits erfahren hatte, hörte Andrée ſachte auf, ihre Melodie zu ſpielen, ließ ihre Hände an der Seite herabfallen und wandte ſich mit einer langſamen, ſtarren Bewegung nach der Thüre, wie eine Perſon, die einem fremden Einfluß folgt und Dinge erfüllt, welche ihr nicht durch ihren eigenen Willen geboten werden. Bualſamo lächelte im Schatten, als ob er durch die geſchloſſene Thüre hätte ſehen können. Es war dies ohne Zweifel Alles, was Balſamo wünſchte, und er errieth, daß dieſer Wunſch erfüllt wurde, denn er ſtreckte die linke Hand aus und ſtieg, als er unter 112 dieſer Hand das Geländer gefunden hatte, die ſteile, plumpe Treppe hinauf, welche zu dem rothen Zimmer fuͤhrte. In demſelben Maaße, in dem er ſich entfernte, wandte ſich Andrée mit einer langſamen, ſteifen Bewegung von der Thüre ab und kehrte zu dem Klaviere zurück. Als Balſamo die letzte Stufe der Treppe erreichte, konnte er die erſten Noten der unterbrochenen Melodie hören, welche Andrée wieder aufgenommen hatte. Balſamo trat in das rothe Zimmer und entließ la Brie. La Brie war offenbar ein guter Diener und gewohnt, auf ein Zeichen zu gehorchen. Als er jedoch ein paar Schritte nach der Thüre gemacht hatte, blieb er ſtehen. „Nun?“ fragte Balſamo. La Brie ſteckte ſeine Hand in ſeine Weſtentaſche und ſchien etwas in der Tiefe dieſer Taſche zu befühlen, ant⸗ wortete aber nicht. „Habt Ihr mir etwas zu ſagen, mein Freund?“ fragte Balſamo ſich ihm nähernd. La Brie ſchien eine heſtige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt zu machen, zog ſeine Hand aus ſeiner Taſche und erwiederte:. „Ich will Ihnen ſagen, mein Herr, daß Sie ſich ohne Zweifel dieſen Abend geirrt haben.“ „Ich!“ verſetzte Balſamo,„und worin, mein Freund?“ „Darin, daß Sie mir ein Vierundzwanzig⸗Sous⸗Stüch zu geben glaubten, und ein Vierundzwanzig⸗Livres⸗Stück aben.“ 3 Und er öffnete ſeine Hand und zeigte einen neuen, funkelnden Louis d'or. 3 Balſamo ſchaute den alten Diener mit einer Bewun⸗ derung an, aus der brcdendehan ſchien, daß er im Durch⸗ chen keine große Achtung in Beziehung ſchnitt vor den Men auf Redlichkeit hatte. „And honest!“ ſagte er, wie Hamlet. Ünd er griff ebenfalls in ſeine Taſche und legte einen zweiten Louis d'or neben den erſten. Die Freude von 113 la Brie bei dem Anblicke dieſer glänzenden Großmuth, läßt ſich kaum begreifen. Seit wenigſtens zwanzig Jahren hatte er kein Gold mehr geſehen. Damit er ſich für den glücklichen Eigenthümer eines ſolchen Schatzes hielt, mußte ihm Balſamo denſelben aus der Hand nehmen und ſelbſt in ſeine Taſche ſtecken. Er verbeugte ſich bis auf den Boden und wollte ſich rückwärts entfernen, als Balſamo ihn zurückhielt. „Was iſt Morgens Gewohnheit im Schloſſe?“ fragte dieſer. 7 „Herr von Taverney bleibt lange im Bette liegen, mein Herr, doch Fräulein Andrée ſteht frühzeitig auf.“ „Um wie viel Uhr?“ „Gegen ſechs Uhr.“ „Wer ſchlaͤft über dieſem Zimmer?“ „Ich, mein Herr.“ „Und unter demſelben?“ „Niemand. Unter dieſem Zimmer iſt die Hausflur.“ „Gut, ich danke, mein Freund.“ „Gute Nacht, mein Herr.“ „Gute Nacht; wacht darüber, daß mein Wagen in Sicherheit iſt.“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt.“. „Solltet Ihr Lärm hören oder Licht erblicken, ſo erſchreckt nicht darüber. Der Wagen wird von einem alten, kraftloſen Diener bewohnt, den ich mitführe. Em⸗ pfehlt Herrn Gilbert, ihn nicht zu ſtören; ich bitte, ſagt ihm auch, er möge ſich morgen früh nicht entfernen, ehe ich ihn geſprochen habe. Werdet Ihr dieſes Alles wohl behalten, mein Freund?“ „Ohl ja, gewiß. Doch ſollte uns der Herr ſo bald verlaſſen?2⁷. „Je nachdem,“ ſprach Balſamo mit einem Lächeln. „Ich würde wohl daran thun, mich morgen Abend in Bar-le-Duc einzufinden.“ La Brie ſtieß einen Seufzer der Reſignation aus, warf einen letzten Blick auf das Bett und näherte die 8 8 Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 114 2 Kerze dem Herde, um dem großen, feuchten Zimmer, in Ermanglung von Holz, durch das Verbrennen alter Pa⸗ piere etwas Wärme zu geben. 4 Doch Balſamo hielt ihn zurück. 1 „Nein,“ ſagte er,„laßt alle dieſe alten Zeitungen, wo ſie ſind; wenn ich nicht ſchlafe, werde ich mich damit ergötzen, daß ich ſie leſe.“ La Brie verbeugte ſich und ging hinaus. Balſamo näherte ſich der Thüre und horchte auf die Tritte des alten Dieners, welche die Treppe krachen machten. Bald erſchollen dieſe Tritte über ſeinem Kopfe; la Brie war in ſeine Stube zurückgekehrt. Dann ging der Baron an das Fenſter. Seinem Fenſter gegenüber, im andern Flügel des Pavillon, war eine Manſarde mit ſchlecht geſchloſſenen Vorhängen beleuchtet. Es war die von Legay. Die Zofe legte langſam ihr Kleid und ihr Halstuch ab. Wiederholt öffnete ſie das Fenſter und neigte ſich in den Hof, um hinauszuſehen. Balſamo betrachtete ſie mit einer Aufmerkſamkeit, die er ihr ohne Zweifel bei dem Abendbrod nicht hatte zuge⸗ ſtehen wollen. „Seltſame Aehnlichkeit,“ murmelte er. In dieſem Augenblick erloſch das Licht der Manſarde, obgleich die Bewohnerin derſelben noch nicht zu Bette gegangen war. Balſamo blieb auf die Mauer gelehnt. Das Klavier erklang immer noch. Der Baron ſchien zu horchen, ob ſich kein anderes Geräuſch mit dem des Inſtrumentes vermiſche... Als er ſich überzeugt hatte, daß die Harmonie allein unter dem allgemeinen Stillſchweigen wachte, öffnete er wieder ſeine Thüre, welche la Brie geſchloſſen hatte, ſtieg behutſam die Treppe hinab und machte ſachte die Thüre des Salon 1 auf, welche ſich geräuſchlos auf ihren Angeln drehte. Andrée hörte nichts. Sie ließ ihre ſchönen, mattweißen Hände auf dem vergelbten Elfenbein hingehen; ihr gegenüber befand ſich 11 1 n ein Spiegel in einem geſchnitzten Parquet, deſſen ge⸗ -- ſchuppte Vergoldung unter einer Lage grauer Farbe ver⸗ ſchwunden war. 1 Die Melodie, welche Andrée ſpielte, hatte einen ſchwer⸗ , müthigen Ausdruck. Uebrigens waren es mehr einfache t Accorde, als eine Melodie. Sie improviſirte ohne Zweifel und wiederholte auf dem Klavier die Erinnerungen ihres ¹ Geieiſtes oder die Träume ihrer Einbildungskraft. Ihr durch den Aufenthalt in Taverney ſo traurig geſtimmter Geiſt verließ vielleicht für den Augenblick das Schloß, um ſich in den ganz mit luſtigen Koſtſchülerinnen bevöl⸗ kerten ungeheuren, ſchattigen Gärten des Annonciaden⸗ Kloſters von Nancy zu verirren. Wo er auch für den 3 Augenblick ſein mochte, ihr umherſchweifender, halb ver⸗ 1 ſchleierter Blick verlor ſich in dem vor ihr angebrachten 8 düſteren Spiegel, der die Finſterniß wiedergab, die in die⸗ t 1 — 8 ſem großen Zimmer das Licht der auf dem Klaviere ſtehenden, einzigen Kerze, welche die Tonkünſtlerin be⸗ leuchtete, nicht zu zerſtreuen vermochte. . Zuweilen hielt ſie plötzlich an, dann erinnerte ſie ſich 3 der ſeltſamen Viſion des Abends und der unbekannten Eindrücke in Folge davon. Denn ehe ihr Geiſt etwas in dieſer Hinſicht genau ermittelt und feſtgeſtellt, hatte ihr Herz geſchlagen, hatte ein Schauer ihre Glieder durch⸗ . laufen. Sie bebte, als ob ſie, obgleich in dieſem Augen⸗ blick vereinzelt, die Berührung eines belebten Weſens geſtreift und durch dieſes Streifen in Unruhe verſetzt hätte. Plötzlich, während ſie ſich von dieſen ſeltſamen Ein⸗ drücken Rechenſchaft zu geben ſuchte, fühlte ſie dieſelben abermals. Ihre ganze Perſon ſchauerte, als würde ſie von einem elektriſchen Schlage berührt. Ihre Blicke be⸗ kamen Beſtimmtheit, ihr Geiſt ſtellte ſich gleichſam feſt, und ſie ſah etwas wie eine Bewegung im Spiegel. Es war die Thüre des Salon, die ſich geräuſchlos öffnete. Hinter André dieſer Thüre erſchien ein Schatten. e bebte, ihre Finger verirrten ſich auf den Taſten. 88 Nichts war indeſſe rlicher, als dieſe Erſcheinung. Konnte der Schatten, der ſich, noch in die Finſter⸗ niß getaucht, unmöglich erkennen ließ, nicht der von Herrn von Taverney, oder der von Nitcole ſein? Hatte nicht la Brie, ehe er ſich ſchlafen legte, wegen irgend eines V Geſchäftes in den Zimmern umherzug Salon einzutreten? Das kam häͤufig bei i bei ſolchen Runden machte der beſcheidene, treue Diener nie Lärmen. Doch das Mädchen ſah mit den Augen der Seele, daß es weder die eine, noch die andere der drei Perſo⸗ nen war. Der Schatten näherte ſich mit lautloſem Tritte und machte ſich in der Finſterniß immer mehr unterſcheidbar. Als er in dem Kreiſe anlangte, den das Licht umfaßte, erkannte Andrée den mit ſeinem bleichen Geſichte und ſeinem ſchwarzen Sammetrocke ſo beängſtigenden Fremden. Er hatte ohne Zweifel aus einem geheimnißvollen Beweggrunde das ſeidene Kleid, das er trug, abgelegt*). Sie wollte ſich umwenden, ſchreien. 3 Doch Balſamo ſtreckte ſeine Arme aus, und ſie rührte ſich nicht. Sie ſprach mit einer Anſtrengung: „Mein Herr, mein Herr! im Namen des Himmels, was wollen Sie?“ Balſamo lächelte, der Spiegel wiederholte dieſen Aus⸗ druck ſeiner Phyſiognomie, und Andrée zog ihn gierig ein. Doch er antwortete nicht. Andrée verſuchte es noch einmal, ſich zu erheben, aber es gelang ihr nicht; eine unüberwindliche Kraft, eine Erſtarrung, welche nicht ohne Reiz war, feſſelten ſie an ihren Stuhl, während ihr Blick gleichſam auf den ma⸗ giſchen Spiegel genietet blieb.— 3 6 *) Bekanntlich iſt die Seide eine ſchlechte Leiterin und ſtößt die Electricität zurück. Es iſt beinahe unmöglich, eine erſou⸗ welche Seide an ſich trägt, zu magnetiſiren. 4 6 4 3 117 Empfindung erſchreckte ſie, denn ſie fühlte 4 ig. ch. 25 ſcch gänzlich in die Gewalt dieſes Menſchen gegeben, und rn dieſer Menſch war ein Unbekannter. cht Sie machte eine übermenſchliche Anſtrengung und es wollte um Hülfe rufen; ihr Mund öffnete ſich; aber Bal⸗ en ſamo ſtreckte ſeine beiden Hände über dem Haupte des nd jungen Mä chens aus, und kein Ton kam aus dieſem er Munde hervor. Andrée blieb ſtumm; ihre Bruſt füllte ſich mit einer e, gewiſſen wunderbaren Wärme, welche langſam bis zu ih⸗ ⸗ rem Gehirne aufſtieg und ſich wie ein Dunſt mit bewäl⸗ tigenden Wirbeln entrollte. d Das Mädchen hatte weder mehr Kraſt, noch Willen; . es ließ ſeinen Kopf auf ſeine Schulter zurückfallen. , In dieſem Augenblick kam es Balſamo vor, als hörte er ein leichtes Geräuſch in der Gegend des Fenſters; er 1. wandte ſich raſch um und glaubte außerhalb das Geſicht 1 eines Menſchen ſich von der Scheibe entfernen zu ſehen. . Balſamo runzelte die Stirne, und ſonderbarer Weiſe 1 ſchien derſelbe Eindruck ſich auf dem Antlitz des Mäd⸗ 3 chens wiederzugeben. Dann wandte er ſich abermals gegen Andrée, ſenkte ſeine beiden Hände, die er beſtändig über ihrem Haupte ge⸗ halten hatte, erhob ſie wieder mit einer ſalbungsreichen Geberde, ſenkte ſie auf's Neue, häufte einige Sec lang fortwährend niederdrückende electriſche Säulen das Mädchen und ſprach: „Schlafen Sie.“ Als ſie ſich noch unter dieſem Zauber ſträubte, wie⸗ derholte er mit dem Tone der Herrſchaft: 8 „Schlafen Sie! ſchlafen Sie, ich will es haben./ Von da an wich Alles dieſem mächtigen Willen. Andrée ſtützte den Ellbogen auf das Klavier, legte den Kopf auf ihre Hand und entſchlummerte. Dann ging Balſamo rückwärts hinaus, zog die Thüre an ſich, und man konnte ihn die Treppe hinaufſteigen und in ſein Zimmer zurückkehren hören. 18 Sobald die Thüre des Salon ſich 4 ſchloſſen hatte, erſchien das Geſicht, das hen geglaubt, wieder an den Scheiben. Es war das Geſicht von Gilbert. 5* VIII. Anziehungskraft. Durch ſeine untergeordnete Stellung im Schloſſe Ta⸗ verney aus dem Salon ausgeſchloſſen, hatte Gilbert den ganzen Abend die Perſonen, denen ihr Rang ſich darin zu bewegen geſtattete, beobachtet. Waͤhrend des Abendbrods ſah er Balſamo lächeln man vom Tiſche aufſtand, verbarg er in der Nähe ſcher Flieder und Schneeballen bildeten, nte ihn, wenn ſie die Läden ſchloße Zimmer zurückkehrte, bemerken und in ſeiner oder vielmehr in ſeiner Spaherei ſtören. ie chte wirklich ihre Runde, doch ſie mußte von den Läden des Salon offen laſſen, weil die b loſen Scharniere demſelben ſich nicht auf ſeinen An⸗ geln d drehen geſtatteten. ilbert kannte dieſen Umſtand ganz wohl, und ver⸗ G lies auch, wie wir geſehen, ſeinen Poſten nicht, ſicher, daß er ſeine Beobachtungen, wenn Legay weggegangen war, fortſetzen konnte. 3 Beobachtungen haben wir geſagt; dieſes Wort wird dem Leſer vielleicht unbeſtimmt vorkommen. Welche Bev⸗ bachtungen konnte Gilbert anſtellen? Kannte er nicht das Schloß Taverney in allen ſeinen Einzelnheiten, da er hier erzogen worden war; die Perſonen, die es bewohnten, un⸗ 3 818NR ——W 119 ter allen ihren Seiten, da er ſie ſeit ſiebenzehn bis acht⸗ zehn Jahren jeden Tag ſah? An dieſem Abend hatte Gilbert andere Abſichten, als zu beobachten; er lauerte nicht nur, er wartete. Als Nicole den Salon, in welchem Andrée zurückblieb, verlaf⸗ ſen, als ſie, nachdem ſie langſam und nachläſſig die Thuͤ⸗ ren und Fenſter geſchloſſen, auf dem Raſenſtücke, wie es ſchien in Erwartung von irgend Jemand, umhergegan⸗ gen war, als ſie nach allen Seiten verſtohlene Blicke ge⸗ worfen, als ſie endlich das gethan, was Gilbert gethan hatte und noch ferner thun wollte, entſchloß ſie ſich zum Rückzuge und ging in ihr Zimmer. Unbeweglich an den Stamm eines halbgebogenen Baumes angelehnt, kaum athmend, hatte Gilbert, wie man leicht begreift, keine von den Geberden von Nicole verlo⸗ ren; als ſie verſchwunden war, als er ſah, wie ſich das Fenſter der Manſarden beleuchtete, durchſchritt er den lee⸗ ren Raum auf den Fußſpitzen, gelangte zum Fenſter, kauerte ſich hier im Schatten, wartete, vielleicht ohne zu wiſſen, auf was er wartete, und verſchlang dabei Andrée, welche nachläßig an ihrem Klavier ſaß, mit den Augen. In dieſer Minute geſchah es, daß Joſeph Balſamo in den Salon eintrat. 3 Gilbert bebte, als er ihn gewahrte, und ſein glühen⸗ der Blick drängte ſich auf den zwei Perſonen der von uns erzählten Scene zuſammen. Er glaubte zu ſehen, daß Balſamo Andrée Compli⸗ mente über ihr Talent machte, daß dieſe ihm mit ihrer gewöhnlichen Kälte antwortete, daß er mit einem Lächeln auf ſeinen Artigkeiten beharrte, und daß ſie ihr Studium unterbrach, um ihrem Gaſt zu antworten und ihn zu ver⸗ abſchieden. Er bewunderte die Anmuth, mit der ſich die⸗ ſer zurückzog. Von der ganzen Scene, die er zu begreifen geglaubt, hatte er durchaus nichts begriffen, denn die Wirklichkeit dieſer Scene war das Stillſchweigen. Gilbert hatte nichts hören können, er hatte nur Lip⸗ pen ſich rühren und Arme ſich bewegen ſehen. Wie hätte 120 er, ein ſo guter Beobachter er auch war, ein Geheimniß da erkennen ſollen, wo Alles ſcheinbar ſo natürlich zuging? verharrte Gilbert g, ſondern in Betrachtung vor ndrée, die ſo ſchön war in ihrer nachläßi inem Erſtaunen, daß ſie ſchlief. Er blieb noch einige Minuten in derſelben Stellung, um ſich beſtimmt zu verſichern, daß ihre Unbeweglichkeit Schlaf war. Sobald er ſich überzeugt hatte, erhob er ſich, ſei⸗ nen Kopf in ſeinen beiden Händen haltend, wie ein Menſch, der befürchtet, ſeine Hirnſchale könnte unter der Woge der zufließenden Gedanken zerſpringen; dann in einem Augen⸗ blicke des Willens, der einem Ausbruche der Wuth glich, ſprach er: „Ohl ihre Hand, nur meine Lippen ihrer Hand nä⸗. hern; vorwärts, Gilbert, ich will es!“. Und als er ſo geſprochen, ſtürzte er, ſich ſelbſt ge⸗ horchend, in das Vorzimmer und erreichte die Thüre des alon, die ſich geräuſchlos für ihn öffnete, wie ſie ſich für Balſamo geöffnet hatte. och kaum war dieſe Thuͤre offen, kaum befand er ohne daß ihn irgend Etwas mehr von derſelben trennte, als er das andlung begriff, die er begehen wollte; er, Gilbert, der Sohn eines Meiers und einer Bäuerin, e wenn nicht ehrfurchtsvolle junge Menſch, wagt, aus ſeiner Dunkelheit die Augen hochmüthigen Fräulein aufzuſchlagen, eer wollte mit ſei⸗ nen Lippen den Saum des Kleides Finger dieſer entſchlummerten Maje erwachend mit ihrem Blicke nieder — —— en verkehrt hat⸗ Sie ſchläſt, o mein Gott! mein Gott!“ 4 121 war ſo tief,(Gilbert wußte noch nicht genau, ob ſie ſchlief oder nachſann), daß ſie nicht die geringſte Bewe⸗ gung machte, obgleich ſie die Schläge des Herzens von Gilbert, die dieſer vergebens in ſeiner Bruſt zurückzudrän⸗ gen ſuchte, hätte hören können. Sanft auf ihre Hand ge⸗ ſtützt, war ſie mit ihren langen, ungepuderten Haaren, welche zerſtreut auf ihren Hals und ihre Schultern her⸗ abſielen, ſo ſchön, daß die durch den Schrecken gedämpfte, aber nicht erloſchene Flamme wieder erwachte. Ein neuer Schwindel erfaßte ihn; es war wie ein herauſchender Wahnſinn; es war wie ein verzehrendes Bedürfniß, ir⸗ gend Etwas zu berühren, was wiederum ſie berührte; er machte abermals einen Schritt gegen ſie. Der Boden krachte unter ſeinem unſichern Fuße; bei dieſem Geräuſch perlte ein kalter Schweiß auf der Stirne des jungen Mannes, doch Andrée ſchien ihn nicht gehört zu haben.. „Sie ſchläft,“ murmelte Gilbert.„Welch ein Glück! ſie ſchläft.“ 8 Doch nach drei Schritten blieb Gilbert abermals ſte⸗ hen; es ſchien ihn etwas zu erſchrecken; dies war der un⸗ gewoöͤhnliche Glanz der Lampe, welche, dem Erlöſchen nahe, ihren letzten blitzartigen, der Finſterniß vorhergehenden Schimmer von ſich gab. Außerdem kein Geräuſch, kein Hauch im ganzen Hauſe; der alte la Brie hatte ſich niedergelegt und ſchlief ohne Zweifel. Das Licht von Nicole war erloſchen. „Vorwärts,“ ſagte er. Und er ſchritt abermals weiter. Seltſamer Weiſe krachte der Boden wieder und An⸗ drée rührte ſich ebenſo wenig, als zuvor. Gilbert ſtaunte über dieſen ſonderbaren Schlaf. „Sie ſchläft,“ wiederholte er mit der Beweglichkeit des Gedankens, welche zwanzigmal in einer Minute den Entſchluß eines Liebenden oder eines Feigen wanken macht. Jeder wird feig, der nicht mehr Herr ſeines Herzens iſt). * 122 Doch mitten unter dieſen fieberhaften Schwankungen zwiſchen Furcht und Hoffnung ging Gilbert immer weiter und fand ſich am Ende nur noch zwei Schritte von Andrée entfernt. Von da an war es wie ein Zauber, die Flucht wäre ihm unmöglich geweſen, hätte er fliehen wollen; einmal in den Anziehungskreis getreten, deſſen Mittelpunkt das Mädchen war, fühlte er ſich gebunden, geknebelt, be⸗ ſiegt und ſank auf ſeine Kniee. Andrée blieb unbeweglich, ſtumm; man hätte glau⸗ ben ſollen, es wäre eine Bildſäule. Gilbert faßte den Saum ihres Kleides mit beiden Händen und küßte ihn. Dann erhob er das Haupt langſam, ohne Athem, mit einer gleichmäßigen Bewegung; ſeine Augen ſuchten die Augen von Andrée. Sie waren weit geöffnet, und dennoch ſah Andrée nicht. Gilbert wußte nicht, was er denken ſollte, er war wie vernichtet unter dem Gewichte des Erſtaunens. Einen Augenblick hatte er den furchtbaren Gedanken, ſie ſei todt.. Um ſich hierüber Gewißheit zu verſchaffen, wagte er es, ihre Hand zu ergreifen; ſie war lau und die Pulsader ſchlug ſachte. Doch die Hand von Andrée blieb unbe⸗ weglich in der Hand von Gilbert. Ohne Zweifel be⸗ rauſcht durch dieſen wollüſtigen Druck, bildete ſich Gilbert ein, Andrée ſehe, ſie fühle, ſie habe ſeine wahnſinnige Liebe errathen; mit ſeinem armen, geblendeten Herzen glaubte er, ſie habe ſeinen Beſuch erwartet, ihr Still⸗ ſchweigen ſei Einwilligung, ihre Unbeweglichkeit eine Gunſt. Da erhob er die Hand von Andrée bis zu ſeinen Lippen und drückte einen langen, ſieberhaften Kuß darauf. Plötzlich ſchauerte Andrée und Gilbert fühlte, daß ſie ihn zurückſtieß. „Ohl ich bin verloren,“ murmelte er, während er die Hand des Mäͤdchens losließ und mit ſeiner Stirne auf den Boden ſtieß. Andree erhob ſich, als ob ſie eine Feder auf die Füße geſtellt hätte, ihre Augen ſenkten ſich nicht einmal auf der Boden, wo Gilbert halb niedergeſchmettert vor Scham 5 123 n und Schrecken lag, Gilbert, der nicht mehr die Kraft hatte, d eine Verzeihung zu erflehen, auf die er nicht rechnete. be Aber den Kopf hoch, den Hals geſtreckt, als würde t ſie durch eine geheime Gewalt zu einem unſichtbaren Ziele 3 fortgezogen, ſtreifte Andrée die Schulter von Gilbert, ging t vorbei und fing an mit einem gezwungenen, mühſamen . Gange nach der Thüre zuzuſchreiten. Als Gilbert fühlte, daß ſie ſich entfernte, erhob er ſich auf eine Hand, wandte ſich langſam um und folgte ihr mit einem erſtaunten Blicke. Andree ſetzte ihren Weg nach der Thüre fort, öffnete ſie, durchſchritt das Vorzimmer und gelangte an den Fuß der Treppe. Bleich und voll Angſt ſchleppte ſich ihr Gilbert auf den Knieen nach 3 „Oh!“ dachte er,„ſie iſt ſehr entrüſtet, daß ſie ſich nicht einmal herabgelaſſen hat, mir einen Vorwurf zu machen; ſie wird den Baron auſſuchen, ſie wird ihm meine ſchmähliche Thorheit erzählen, und man wird mich wie einen Lackei fortiagen.“ 3 Der Kopf des jungen Mannes verwirrte ſich bei dem Gedanken, er würde Taverney verlaſſen, er würde aufhö⸗ ren, diejenige zu ſehen, welche ſein Licht, ſein Leben, ſeine Seele war. Die Verzweiflung verlieh ihm Muth, er er⸗ hob ſich wieder auf ſeine Füße und lief Andrée nach. „Oh! Verzeihung, mein Fräulein, im Namen des Himmels, Verzeihung!“ murmelte er. Andrée ſchien nicht gehört zu haben; aber ſie ging weiter und trat nicht bei ihrem Vater ein. Gilbert athmete. 5 Andeée ſetzte den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe und dann auf die zweite. „Ohl mein Gott! mein Gott!“ murmelte Gilbert, „wohin kann ſie denn gehen? dieſe Treppe führt nur zu dem rothen Zimmer, das der Fremde bewohnt, und zu der 3 Manſarde von la Brie. Gälte es la Brie, ſo würde ſie ufen, läuten. Sie ginge alſo...Ohl das iſt unmöglich!“ — N 124 Gilbert ballte die Fäuſte vor Wut edanken, Andrée könnte zu Bal Vor der Thüre des Fremden blieb Kalter Schweiß floß von der zeer klammerte ſich an dem Geländer nicht zu fallen, denn er war fortwährend Andrée gefolgt. Alles, was er ſah, was er zu errathen glaubte, erſchien ihm als ungeheuerlich 5 Die Thure von Balſamo war nur drée ſtieß ſie auf, ohne zu klopfen. Das hervordringende Licht beleuchtete ihre ſo edlen, ſo reinen Züge und wirbelte ft i it geöffneten Augen. Mit⸗ Fremden erſchauen, die Stirne gefaltet und die Hand mit daſtand. h ſchon bei dem ſamo gehen. ſie ſtehen. Stirne von Gilbert; der Treppe an, um angelehnt. An⸗ wie ein aus der Are gegangenes Rad, und fiel betäubt auf den kalten Stein der erſten Stufe, während auf die verfluchte Thüre geheftet war, wel vergangenen Traum, das ganze gegenwärtige Glück, die ganze Hoffnung auf die Zukunft verſchlungen hatte. INA. Die Seherin. Balſamo kam dem Mädchen entgegen, das, ohne von der geraden Linie abzuweichen, feſt in ſeinem Gange, wie die Statue des Gouverneur bei ihm eingetreten war. So ſeltſam dieſe Erſcheinung für jeden Andern, als Balſamo geweſen wäre, ſo erregte ſie doch offenbar bei ihm kein Erſtaunen. 125 „Ich habe Ihnen befohlen, zu ſchlafen,“ ſprach er; „ſchlafen Sie?“ Andrée ſtieß einen Seufzer aus, aber ſie antwor⸗ tete nicht. 4 Balſamo näherte ſich ihr und belud ſie mit einer großen Quantität Fluidum. „Sie ſollen ſprechen,“ ſagte er. Das Madchen bebte., „Haben Sie gehört, was ich ſagte?“ fragte der Fremde. Andrée machte ein bejahendes Zeichen. „Warum ſprechen Sie denn nicht?“ Andrée legte die Hand an ihre Kehle, als wollte ſie andeuten, die Worte können nicht durchkommen. „Gutl ſetzen Sie ſich,“ ſprach Balſamo. Er nahm ſie bei der Hand, welche Gilbert, ohne daß ſie es bemerkt, geküßt hatte, und dieſe einzige Berührung verlieh ihr dasſelbe Leben, das wir an ihr wahrgenom⸗ men, als ihr das beherrſchende Fluidum kurz zuvor zukam. Von Balſamo geführt, machte das Mädchen drei Schritte rückwärts und ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl. „Sehen Sie nun?“ fragte er. Die Augen von Andrée erweiterten ſich, als hätte ſie alle Lichtſtrahlen umfaſſen wollen, welche in dem Zimmer von den diyergirenden Scheinen zweier Kerzen verbreitet wurden. „Ich ſage nicht, daß Sie mit den Augen ſehen ſol⸗ len; ſehen Sie mit 3 Bruſt,“ fuhr Balſamo fort. Und er zog unter ſeiner geſtickten Jacke ein ſtählernes Stäbchen hervor und legte das Ende davon auf die zit⸗ ternde Bruſt des Mädchens.. Andrée zuckte, als ob ein flammender Pfeil ihr Fleiſch durchbohrt hätte und bis in ihr Herz gedrungen wäre; 3 ihre Augen ſchloſſen ſich ſogleich. „Ah! gut, nicht wahr, Sie fangen an zu ſehen?“ Sie machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. „Und Sie werden ſprechen, nicht wahr?“ -— ——jy 126 „Ja,“ antwortete Andrée. ooch zu gleicher Zeit fuhr ſie unter einer Geberde un⸗ ſäglichen Schmerzes mit der Hand an die Stirne. „Was haben Sie?⸗ fragte Balſamo. „Oh! ich leide!“ 3 „Warum leiden Sie 2 „Weil Sie mich zu ſehen und zu ſprechen zwingen., Balſamo erhob wei oder dreimal die Hände über 4 die Stirne von Andree und ſchien einen Theil des Flui⸗ dum, das dieſelbe zu zerſprengen im Begriffe war, zu entfernen. „Leiden Sie noch?“ fragte er. „Weniger,“ antwortete das Mädchen. „Gut; nun ſehen Sie, wo Sie ſind.“ ie Augen von Andrée blieben geſchloſſen; aber ihr Geſicht verdüſterte ſich und ſchien das lebhafteſte Erſtaunen auszu drücken. „In dem rothen Zimmer,“ murmelte ſie. „Mit wem?“ „Mit Ihnen,“ fuhr ſie bebend fort. „Was haben Sie?“ „Ich habe Furcht! ich ſchäme mich!“ „Worüber? Sind wir nicht ſympathetiſch vereinigt?“ „Allerdings.“. „Wiſſen Sie nicht, daß ich Sie nur mit reinen Ab⸗ ſicht en kommen laſſe? 1 „Ah! ja, das iſt wahr.“ „Und daß ich Sie achte, wie eine Schweſter?“ „Ja, ich weiß es.“ Und ihr Geſicht erheiterte ſich, wurde aber bald aber⸗ mals düſter. „Sie ſagen mir nicht Alles?“ „Sie vergeben mir nicht ganz?“ „Dies iſt der Fall, weil ich ſehe, daß Sie, wenn Sie auch mir nicht feindlich, doch vielleicht Anderen böſe wollen?“ „Es iſt moͤglich,“ murmelte Balſamo;„aber beküm fuhr Balſamo fort. 127 mern Sie ſich nicht darum,“ fügte er mit befehlendem in⸗ CToyne bei. Andrée nahm wieder ihr gewöhnliches Geſicht an. „Schläft Jedermann im Hauſe?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie. „So ſchauen Sie“ ./„Nach welcher Seite ſoll ich zuerſt ſehen?“ er h 8„Nach der Seite Ihres Vaters. Wo iſt er?“ i„ In ſeinem Zimmer.“ zu„Was macht er?“ „Er liegt im Bette.“ „Schläft er?“. „Nein, er lieſt.“ 1 „Was lieſt er?“ rkr AFFines von den ſchlechten Büchern, von denen er n immer wllw,, ich ſoll ſie leſen“ „„Und die Sie nicht leſen?“ Das Geſicht von Andrée drückte Stolz und Verach⸗ tung aus. „Nein,“ ſprach ſie. „Gut. Von dieſer Seite ſind wir alſo ruhig. Schauen Sie auf die Seite von Nicole, in ihr Zimmer.“ „Es iſt kein Licht in ihrem Zimmer.“ „Brauchen Sie Licht, um dort zu ſehen?“ „Nein, wenn Sie es befehlen.“ „Ich will es.“ „Ahl ich ſehe ſie!“ „Nun?„ Sie iſt halb angekleidet; ſie macht ſachte die Thüre ihres Zimmers auf und ſteigt die Treppe hinab.“ „Gut. Wohin geht ſie?“. S5 Sie bleibt an der Hoſthüre ſtehen; ſie verbirgt ſich 3 hinter dieſer Thüre; ſie lauert, ſie wartet.“ Balſamo lächelte. 3„Gilt dieſes Lauern oder dieſes Warten Ihnen?“ ſagte er. „ Nein.“ 128 „Nun, das iſt die Hauptſache. Iſt ein Mädchen von ſeinem Vater und von ſeiner Kammerfrau befreit, ſo hat es nichts mehr zu befürchten, wenn nicht... ⸗ „Nein,“ ſprach ſie. „Ahl ah! Sie beantworten meinen Gedanken?“ „Ich ſehe ihn.“ „Sie lieben alſo Niemand?“ „Ich?“ verſetzte das Mädchen mit verächtlichem Tone. „Ei! allerdings; Sie könnten Jemand lieben, wie mir ſcheint. Man tritt nicht aus dem Kloſter, um in der Abgeſchloſſenheit zu leben, und man gibt dem Herzen zu gleicher Zeit mit dem Körper die Freiheit. Andrée ſchüttelte den Kopf und erwiederte traurig: „Mein Herz iſt frei.“ Und ein ſolcher Ausdruck von Reinheit und jung⸗ fräulicher Beſcheidenheit verſchönerte ihre Züge, daß Bal⸗ ſamo ſtrahlend murmelte:. „Eine Lilie! eine Mündel! eine Seherin!“ Und er faltete die Hände zum Zeichen der Freude und des Dankes; dann kehrte er zu Andrée zurück und fuhr fort: „Doch wenn Sie nicht lieben, ſo werden Sie ohne Zweifel geliebt?“ „Ich weiß es nicht,“ ſprach das Maͤdchen mit ſanf⸗ tem Tone. „Wie! Sie wiſſen es nicht?“ entgegnete Balſamo ziem⸗ lich hart;„ſuchen Sie! Wenn ich frage, will ich eine Antwort haben.“* Und er berührte zum zweiten Male die Bruſt des Mädchens mit ſeinem ſtählernen Stäbchen. Das Mädchen bebte abermals, aber unter dem Ein⸗ drucke eines Schmerzes, der ſichtbar minder heftig war, als der erſte. „Ja, ja, ich ſehe,“ ſprach ſie;„ſchonen Sie mich, 1 denn Sie werden mich tödten.“ „Was ſehen Sie?“ fragte Balſamo. 129 „Ohl doch das iſt unmöglich,“ erwiederte Andrée. „Was ſehen Sie denn?“ „Einen jungen Menſchen, der mir ſeit meinem Aus⸗ tritte aus dem Kloſter folgt, mich beſpäht, bewacht, doch Alles im Verborgenen.“ „Wer iſt dieſer junge Menſch?“ „Ich ſehe ſein Geſicht nicht,.... nur ſein Kleid; es iſt beinahe das Kleid eines Arbeiters.“ „Wo iſt er?“ „Unten an der Treppe: er leidet, er weint.“ „Warum ſehen Sie ſein Geſicht nicht?“ „Weil er es in ſeinen Händen verborgen hält.“ „Sehen Sie durch ſeine Hände.“ Andrée ſtrengte ſich an und rief: „Gilbert! ohl ich ſagte, es wäre unmöglich.“ „Warum unmöglich?“ „Weil er es nicht wagen würde, mich zu lieben,“ antwortete das Mädchen mit einem Ausdruck erhabener Verachtung. Balſamo lächelte als ein Mann, der den Menſchen kennt und weiß, daß es keine Entfernung gibt, die das Herz nicht überſpringt, und wäre dieſe Entfernung ein Abgrund. „Und was macht er unten an der Treppe?“ „Warten Sie, er trennt die Hände von ſeiner Stirne, er klammert ſich an dem Geländer an, er erhebt ſich, er ſteigt aufwärts.“ „Wohin geht er?“ 1 „Hierher. Es iſt gleichgültig, er wird es nicht wa⸗ gen, einzutreten.“ „Warum wird er es nicht wagen, einzutreten?“ „Weil er Furcht hat,“ ſprach Andrée mit einem Lächeln der Verachtung. „Aber er wird horchen.“ „Gewiß; er nähert ſein Ohr der Thüre, er horcht. „Er iſt Ihnen wohl läſtig?“. „Ja, weil er hören kann, was ich ſage.“ Denkwuürdigkeiten eines Arztes. I. 9 130 „Und iſt er im Stande, Mißbrauch davon zu machen, ſelbſt gegen Sie, die er liebt?“ „Ja, in einem Augenblick des Zornes oder der Eifer⸗ fſunt; oh! ja, in einem ſolchen Augenblick iſt er zu Allem ähig.“ hiß Daun entledigen wir uns ſeiner,“ ſprach Balſamo. Und er ging geräuſchvoll auf die Thüre zu. Ohne Zweifel war die Stunde des Muthes für Gilbert noch nicht gekommen, denn bei dem Geräuſch der Tritte von Balſamo ſchwang er ſich aus Furcht, ertappt zu weerden, rittlings auf das Geländer und ließ ſich bis zur Erde hinabgleiten. Andrée ſtieß einen ſchwachen Schrei des Schreckens aus. „Hören Sie auf, nach jener Seite zu ſehen,“ ſprach Balſamo, zu Andrée zurückkehrend.„Gewöhnliche Ver⸗ liebtheiten ſind Dinge von geringer Wichtigkeit. Sprechen Sie mir vom Baron von Taverney, wollen Sie?“ „Ich will Alles, was Sie wollen,“ ſagte Andrée mit einem Seufzer.. „Er iſt alſo ſehr arm, der Baron?“ „Sehr arm.“ „Zu arm, um Ihnen eine Zerſtreuung zu gewähren?“ „So iſt es.“ „Sie langweilen ſich alſo in dieſem Schloſſe? „Zum Sterben.“ „Sie haben vielleicht Ehrgeiz?“ „Nein.“ „Sie lieben Ihren Vater?“ „Ja,“ ſprach das Mädchen mit einem gewiſſen Zögern. „Geſtern Abend kam es mir jedoch vor, als läge eine Wolke über dieſer kindlichen Liebe?“ verſetzte Bal⸗ ſamo lächelnd. 1 „Ich grolle ihm, daß—auf eine tolle Weiſe das ganze Vermögen meiner Mutter verſchwendet hat, ſo daß der arme Maiſon⸗Rouge in der Garniſon verſchmachtet und den Namen unſerer Familie nicht mehr würdig füh⸗ ren kann.“ S 13¹ „Wer iſt Maiſon⸗Rouge?“ „Mein Bruder Philipp.“ „Warum nennen Sie ihn Maiſon⸗Rouge?“ „Weil dies der Name eines uns gehörigen Schloſſes iſt, oder vielmehr war, und die Aelteſten der Familie die⸗ ſen Namen bis zum Tode ihres Vaters führten; dann heißen ſie Taverney.“ „Und Sie lieben Ihren Bruder?“ „Oh jal ſehr! ſehr!“ „Mehr als Alles?“ „Mehr als Alles.“ „Und warum lieben Sie ihn ſo leidenſchaftlich, wäh⸗ rend Sie Ihren Vater nur mäßig lieben?“ „Weil er ein edles Herz iſt, weil er ſein Leben für mich geben würde.“ „Während Ihr Vater??“.. Andrée ſchwieg. „Sie antworten nicht?“ „Ich will nicht antworten.“ Ohne Zweifel hielt es Balſamo nicht für geeignet, den Willen des Mädchens zu zwingen. Vielleicht wußte er auch ſchon über den Baron Alles, was er wiſſen wollte. „Und wo iſt in dieſem Augenblick der Chevalier von Maiſon⸗Rouge?“ „Sie ſraden mich, wo Philipp ſei?“ „d. „Er iſt in Garniſon in Straßburg.“ „Sehen Sie ihn in dieſem Augenblick?“ „Wo dies?“ „In Straßburg.“ „Ich ſehe ihn nicht. „Kennen Sie die Stadt?“ „Nein.“. 1 „Ich kenne ſie; ſuchen wir mit einander, wollen Sie?“ „Gewiß will ich.“ 6 „Iſt er im Schauſpiel?“ 94 13²2 „Nein.“ „Iſt er im Café de la Place, mit den andern Of⸗ ficieren?“ „Nein.“ „Iſt er in ſein Zimmer zurückgekehrt? Sie ſollen das Zimmer Ihres Bruders ſehen.“ „Ich ſehe nichts. Ich glaube, er iſt nicht mehr in Straßburg.“ „Kennen Sie den Weg?“ „Nein.“ „Gleichviel! ich kenne ihn; verfolgen wir denſelben. Iſt er in Saverne?“ „Nein.“ „Iſt er in Saarbrück?“ „Nein.“ „Iſt er in Nancy?“ „Warten Sie, warten Sie!“ Andrée ſammelte ſich; ihr Herz ſchlug, daß die Bruſt hätte zerſpringen ſollen.. „Ich ſehel ich ſehe!“ ſprach ſie mit einem freudigen Ausbruche;„oh! lieber Philipp, welch' ein Glück!“ „Was gibt es denn?“ „Lieber Philipp!“ fuhr Andrée fort, deren Augen vor Freude funkelten. 2 „Wo iſt er?“— „Er reitet durch eine Stadt, die ich vollkommen kenne.“ „Durch welche Stadt?“ „Nancy! Nancy! wo ich im Kloſter war.“ „Sind Sie ſicher, daß er es iſt?“ „SOh! ja, die Fackeln, die ihn umgeben, beleuchten ſein Antlitz.“ „Fackeln?“ ſprach Balſamo erſtaunt.„Warum Fackeln?“ „Er reitet am Schlage einer ſchönen vergoldeten Carroſſe.“ 6 133 „Ah! ah!“ machte Balſamo, der zu begreifen ſchien; „und was iſt in dieſer Carroſſe?“ „Eine junge Frau. Oh! wie majeſtätiſch, wie an⸗ muthreich, wie ſchön ſie iſt! Ohl das iſt ſeltſam, es kommt mir vor, als hätte ich ſie bereits geſehen; nein, nein, ich täuſchte mich, Nicole gleicht ihr.“ „Nicole gleicht dieſer ſo ſchönen, ſo majeſtätiſchen, ſo ſtolzen jungen Frau?“ „Jal ja! wie der Jasmin der Lilie gleicht.“ „Sprechen Sie, was geht in dieſem Augenblick in Nancy vor?“ „Die junge Frau neigt ſich aus dem Kutſchenſchlage und bedeutet Philipp durch ein Zeichen, er möge ſich ihr nähern; er gehorcht, er reitet heran, er entblößt ſich ehr⸗ furchtsvoll.“ „Können Sie hören, was ſie ſprechen?“ „Ich werde horchen,“ erwiederte Andrée, Balſamo mit einer Geberde zurückhaltend, als ſollte kein Geräuſch ihre Aufmerlſamkeit ablenken.„Ich hörel ich höre!“ mur⸗ melte ſie. „Was ſagt die junge Frau?“ 3 „Sie beſiehlt ihm mit einem ſanften Laͤcheln, den Gang der Pferde zu beſchleunigen. Sie ſagt ihm, die Escorte müſſe am andern Morgen um ſechs Uhr bereit ſein, weil ſie im Verlaufe des Tages anhalten wolle.“ „Wo dies?“ „Das fragt ſie mein Bruder. Oh! mein Gott! in Taverney will ſie anhalten. Ohl eine ſo vornehme Prin⸗ zeſſin will in einem ſo armſeligen Hauſe anhalten... Wie werden wir es machen, ohne Silbergeſchirr, beinahe ohne alles Leinengeräthe?“ „Beruhigen Sie ſich. Wir werden hiefür ſorgen.“ „Ahl ich danke! ich danke!“ Und das Mädchen, das ſich halb erhoben hatte, fiel erſchöpft auf ſeinen Lehnſtuhl zurück und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. 4 Sogleich näherte ſich Balſamo Andrée, veränderte durch magnetiſche Gänge die Richtung der electriſchen Strömungen und verlieh die Ruhe des Schlafes dieſem ſchönen Körper, der ſich gebrochen neigte, dieſem beſchwer⸗ ten Kopfe, der auf die keuchende Bruſt herabfiel. Androe ſchien ſodann in eine völlige wiederherſtellende Ruhe zurückzukehren. „Sammle Deine Kräfte wieder,“ ſprach Balſamo, indem er ſie mit einer düſtern Ertaſe anſchaute;„ſogleich werde ich Deiner Hellſichtigkeit abermals bedürfen. O Wiſſenſchaft!“ fuhr er mit dem Charakter der überzeug⸗ teſten Begeiſterung fort,„du allein täuſcheſt nicht! dir allein muß der Menſch Alles opfern. Dieſe Frau iſt ſehr ſchön, mein Gott, dieſer Engel iſt ſehr rein! Doch welchen Werth hat in dieſem Augenblick die Schönheit für mich? welchen Werth hat die Unſchuld? den Werth einer ein⸗ fachen Auskunft, die nur die Schönheit und die Unſchuld allein mir geben können. Es ſterbe das Geſchöpf, ſo ſchön, ſo rein, ſo vollkommen es auch ſein mag. Es ſter⸗ ben die Genüſſe der ganzen Welt, Liebe, Leidenſchaft, Extaſe, wenn ich nur immer mit ſicherem, erleuchtetem Schritte gehen kann! Und nun, Mädchen, da Dir durch die Macht meines Willens einige Sekunden Schlummer ſo viel Kräfte gegeben haben, als wenn Du zwanzig Jahre geſchlafen hätteſt, nun erwache, oder verſenke Dich vielmehr wieder in Deinen hellſichtigen Schlummer. Ich bedarf noch Deiner Sprache: nur wirſt Du diesmal für mich ſprechen.“ Und abermals die Hände gegen Andrée ausſtreckend, nöthigte Balſamo dieſe, ſich unter einem allmächtigen Hauche zu erheben. Als er ſie bereit und unterwürfig ſah, zog er ein viereckig zuſammengelegtes Papier, in welchem eine ſchwarze Haarlocke enthalten war, aus ſeinem Portefeuille hervor. Die Wohlgerüche, mit denen die Locke geſchwängert, hat⸗ ten das Papier durchſichtig gemacht. 3 Balſamo legte die Haarlocke in die Hand von Andrée. „Sehen Sie!“ befahl er. 8 F 435 8 „Ohl abermals?“ ſprach das junge Mädchen voll Bangigkeit. Ohl nein, ohl nein, laſſen Sie mich in Ruhe; ich leide ſo ſehr. Ohl mein Gott! mein Gott! ich fuhlte mich vorhin ſo wohl.“ „Sprechen Sie!“ entgegnete Balſamo, und legte un⸗ barmherzig das Ende ſeines ſtählernen Stäbchens auf die Bruſt von Andrée. Andrée rang die Hände, ſie ſuchte ſich der Tyrannei des Erperimentenmachers zu entziehen. Der Schaum trat auf ihre Lippen, wie einſt auf den Mund der auf dem heiligen Dreiſuß ſitzenden Pythia. „Ohl ich ſehe, ich ſehe,“ rief ſie mit der Verzweiflung des beſiegten Willens. „Was ſehen Sie?“ „Eine Frau.“ „Ahl“ murmelte Balſamo mit einer wilden Freude, „die Wiſſenſchaft iſt alſo kein leeres Wort, wie die Tu⸗ gend? Mesmer hat Brutus beſiegt. Schildern Sie mir dieſe Frau, damit ich weiß ob Sie richtig geſehen haben.“ „Braun, groß, blaue Augen, ſchwarze Haare, ner⸗ vige Arme.“ „Was macht ſie?“ „Sie eilt, ſie fliegt, ſie ſcheint von einem herrlichen/ ſchweißbedeckten Pferde fortgetragen zu werden.“ „In welcher Richtung reitet ſie?“ „Dorthin, dorthin,“ ſprach das Mädchen, nach Weſten deutend. „Auf der Landſtraße?“ „Ja.“„ „Nach Chalons?“ „Ja.“ 8 „Es iſt gut,“ ſagte Balſamo;„ſie verfolgt den Weg, den ich machen werde. Sie geht nach Paris, wohin ich ebenfalls gehe. Es iſt gut, ich werde ſie in Paris wie⸗ derfinden. Ruhen Sie nun aus,“ ſagte er zu Andrée, während er ihr die Locke wieder abnahm, die ſie nicht losgelaſſen hatte. Die Arme v Körper herab. „Nun kehren Sie zum Klavier zurück,“ ſprach alſamo.— Andrée machte einen Schritt gegen die Thüre; doch durch eine unausſprechliche Anſtrengung gelähmt, weiger⸗ ten ſich ihre Beine, ſie zu tragen: ſie wankte. „Sammeln Sie wieder Kraft und gehen Sie weiter,“ ſagte Balſamo und umhüllte ſie mit einer neuen Aus⸗ ſendung von Fluidum. Andrée ahmte den edeln Renner nach, der ſich an⸗ ſtemmt, um den Willen ſeines Herrn zu erfüllen, und wäre dieſer Willen auch ungerecht. Sie ging. 1 Balſamo öffnete ſeine Thüre, und Andrée ſtieg, im⸗ mer noch eingeſchlafen, langſam die Treppe hinab. on Andrée ſielen unbeweglich an ihrem X. 88 Nicole Legay. Gilbert hatte die ganze Zeit, welche das Verhör von Balſamo dauerte, in unausſprechlicher Angſt zugebracht. Unter das Treppengehäuſe gekauert, weil er es nicht mehr wagte, zur Thüre hinaufzuſteigen, um zu behorchen, was in dem rothen Zimmer geſprochen wurde, gerieth er am Ende in eine Verzweiflung, welche bei dem Charakter von Gilbert jeden Augenblick eine gewaltſame Entwicklung 8 herbeizuführen drohte. 3 3 Dieſe Verzweiflung vermehrte ſich durch das Gefühl ſeiner Schwäche und ſeiner untergeordneten Stellung. Balſamo war nur ein Menſch; denn Gilbert, ein ſtarker Geiſt, ein Philoſoph im Entſtehen, glaubte nur wenig an Zauberer. Aber dieſer Menſch war ſtark, Gilbert war ſchwach; dieſer Menſch war muthig, Gilbert war es noch 137 3 nicht. Zwanzigmal erhob ſich Gilbert, um wieder die Treppe hinaufzuſteigen, entſchloſſen, im Falle der Noth dem Baron Stand zu halten. Zwanzigmal bogen ſich ſeine zitternden Beine unter ihm, und er fiel wieder auf ſeine Kniee. 8 Es kam ihm ein Gedanke; er wollte eine Leiter holen, der ſich la Brie, welcher zugleich Koch, Kammerdiener und Gärtner war, bediente, um Jasmin und Geisblatt 5 an der Mauer aufzubinden. Wenn er ſie an der Gallerie der Treppe anlehnen und zu dieſer hinaufſteigen würde, dürfte er nichts von dem verrathenden Geräuſch verlie⸗ ren, das er ſo glühend zu behorchen wünſchte. Er er⸗ reichte das Vorzimmer, dann den Hof und lief an den Ort, wo er die Leiter zu finden wußte, welche am Fuße einer Mauer lag. Doch während er ſich bückte, kam es ihm vor, als hörte er ein Streifen auf der Seite des Hauſes; er wandte ſich um. Da glaubte ſein weit aufgeriſſenes Auge in der Dun⸗ kelheit durch den ſchwarzen Rahmen der offenen Thüre eine menſchliche Form ſchlüpfen zu ſehen, doch ſo raſch, ſo ſtumm, daß ſie viel mehr einem Geſpenſte, als einem lebendigen Weſen anzugehören ſchien. Er ließ die Leiter fallen und ſchritt mit zitterndem Herzen auf das Schloß zu Gewiſſe Imaginationen ſind nothwendig abergläubiſch; es ſind gewöhnlich die reichſten und überſpannteſten, ſe laſſen weniger gern die Vernunft, als die Fabel zu; durch ihre Inſtinkte zum Unmöglichen, oder wenigſtens zur Idealität hingezogen, finden ſte das Naturliche zu gemein. Sie gerathen außer ſich vor Entzücken über einen ſchönen, düſteren Wald, weil die dunkeln Gewölbe mit Geiſtern und Geſpenſtern bevölkert ſein müſſen. Die Alten, welche ſo große Dichter waren, träumten von dieſen Dingen am hellen Tage. Nur da ihre Sonne, ein Herd glüh Lichtes, von dem wir ſo zu ſagen höchſtens noch de fler haben, da ihre Sonne, ſagen wir, die Idee d . 138 und Geſpenſter verbannte, hatten ſie die lachenden Dryaden und die leichten Oreaden erfunden. Gilbert, das Kind einer wolkigen Gegend, wo die Gedanken trauriger ſind, wähnte eine Erſcheinung zu er⸗ blicken. Trotz ſeiner Ungläubigkeit kam ihm diesmal wie⸗ der in den Kopf, was ihm fliehend die Frau von Balſamo geſagt habe; konnte der Zauberer nicht ein Geſpenſt her⸗ aufbeſchworen haben, er, der ſelbſt den Engel der Rein⸗ heit zum Böſen fortzureißen vermochte? Gilbert hatte aber immer eine zweite Bewegung, welche ſchlimmer war, als die erſte. Er rief alle Beweis⸗ ¹ ſitze ſtarker Köpfe gegen die Geiſter zu Huͤlfe, und der Artikel Geſpenſt des philoſophiſchen Wörter⸗ buchs verlieh ihm einen gewiſſen Muth, indem er ihm eine größere, aber mehr gegründete Angſt einjagte. Katte er wirklich Jemand geſehen, ſo mußte es eine lebendige Perſon ſein, und dieſe Perſon mußte ein großes Intereſſe haben, ſo zu lauern. Seine Angſt nannte ihm Herrn von Taverney, ſein Gewiſſen blies ihm einen andern Namen ein. Er ſchaute nach dem zweiten Stocke des Pavillon. Das Licht von Nicole war, wie geſagt, erloſchen und ihre Scheiben verriethen kein Leben. Kein Hauch, kein Geräuſch, kein Schimmer im gan⸗ zen Hauſe, ausgenommen im Zimmer des Fremden. Er ſchaute, er horchte, und als er nichts mehr ſah und nichts mehr hörte, nahm er wieder ſeine Leiter, nunmehr über⸗ zeugt, es ſei eine Täuſchung ſeiner Augen geweſen, wie dies bei einem Menſchen vorkommt, deſſen Herz zu ſchnell ſchlägt, und er müſſe dieſe Viſion eher als einen Nachlaß d ſeiner Sehkraft bezeichnen, wie man techniſch ſagen kann, denn als einen Erfolg der Uebung ſeiner Fähigkeiten. 139 So gelangte Andrée auf den Ruheplatz der Treppe, ging an Gilbert vorüber, an welchem ſie im Schatten mit ihrem Kleide anſtreifte, und ſetzte ihren Weg ſort. Herr von Taverney war eingeſchlafen, la Brie lag im Bette, Nicole befand ſich im andern Pavillon, die Thüre von Balſamo hatte ſich wieder geſchloſſen, und ſo ſah ſich der junge Mann gegen jede Ueberraſchung geſchützt. Er machte eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und folgte Andrée, ſeinen Gang nach dem ihrigen richtend. Andrée durchſchritt das Vorzimmer und trat in den Salon. Gilbert folgte ihr mit zerriſſenem Herzen. Er ſtand jedoch ſtille, obgleich die Thüre offen geblieben war. Andrée ſetzte ſich auf das Tabouret vor dem Klavier, auf welchem die Kerze immer noch brannte. Gilbert zerfleiſchte ſich die Bruſt mit ſeinen krampf⸗ haften Nägeln. An derſelben Stelle hatte er eine halbe Stunde zuvor das Kleid und die Hand dieſer Frau ge⸗ küßt, ohne daß ſie ſich ärgerte; hier hatte er gehofft, war er glücklich geweſen! Ohne Zweifel rührte die Nachſicht des Mädchens von einer jener tiefen Verdorbenheiten her, wie ſie Gilbert in den Romanen gefunden hatte, welche den Grund der Bibliothek des Barons bildeten, oder von einer jener Verräthereien der Sinne, wie er ſie in ge⸗ wiſſen phyſiologiſchen Abhandlungen hatte auseinander⸗ ſetzen ſehen. „Nun!“ murmelte er, von einer dieſer Ideen zur andern ſchwankend,„wenn dem ſo iſt, ſo werde ich wie die Andern dieſe Verdorbenheit benützen, oder aus dieſer Ueberraſchung der Sinne Vortheil ziehen. Und da der Engel ſein Unſchuldskleid dem Wnde lesrawerhe, ſo mögen mir einige Fetzen ihrer Keuſchheit zum allen.“ Der Entſchluß von Gübert war Kiesim gefaßt, er ſtürzte nach dem Salon.„. Doch als er die Schwelle überſchreiten wollte, griff eine kräftige Hand aus dem Schatten hervor und packte ihn beim Arme. 140 Gilbert wandte ſich erſchrocken um, und es kam ihm vor, als verrückte ſich ſein Herz in ſeiner Bruſt. „Ahl diesmal habe ich Dich, Unvorſichtiger,“ flüſterte ihm eine zornige Stimme in das Ohr,„verſuche es noch einmal zu leugnen, Du habeſt Rendezvous mit ihr, verſuche es zu leugnen, Du liebeſt ſie...“ Gilbert hatte nicht einmal die Kraſt, den Arm zu ſchütteln, um ſich der preſſenden Hand, die ihn zurückhielt, zu entziehen. Der Druck war indeſſen nicht ſo groß, daß er ihn nicht hätte brechen können. Der Schraubſtock war ganz einfach die Fauſt eines jungen Mädchens. Kurz, es war Nicole Legay, welche Gilbert gefangen hielt. „Sprechen Sie, was wollen Sie denn?“ fragte er ganz leiſe und voll Ungeduld. „Ah! Du willſt, daß ich laut rede, wie es ſcheint,“ ſagte Nicole mit der ganzen Fülle ihrer Stimme. „Nein, nein, ich will, daß Du ſchweigſt,“ antwortete Gilbert mit den Zaͤhnen knirſchend, und zog Nicole in das Vorzimmer. 4 „Nun, ſo folge mir!“ Gilbert verlangte nichts Anderes, denn indem er Nicole folgte, entfernte er ſich von Andrée. 1 „Es iſt gut, ich folge,“ ſprach er. Er ging wirklich hinter Nicole, welche ihn in den Garten fuͤhrte und die Thüre hinter ſich zumachte. „Aber Fraͤulein Andrée wird in ihr Zimmer zurück⸗ kehren,“ ſagte Gilbert,„ſie wird Sie rufen, damit ſie ihr beim Auskleiden helfen, und Sie werden nicht da ſein.“ „Wenn Sie glauben, das beſchäftige mich in dieſem Augenblick, ſo täuſchen Sie ſich in der That gewaltig. Was liegt mir daran, ob ſie mich ruſt oder nicht ruft! Ich muß Sie ſprechen.“ „Sie könnten auf morgen verſchieben, was Sie mir zu ſagen haben, Nicole; das Fräulein iſt ſtreng, wie Sie wiſſen.“ 8 141 „Ahl ja, ich rathe ihr, ſtreng zu ſein, beſonders ge⸗ gen mich!“ „Nicole morgen, ich verſpreche Ihnen..“ „Du verſprichſt! ſie ſind ſchön, Deine Verſprechungen, und man kann darauf zählen! Hatteſt Du mir nicht ver⸗ ſprochen, mich in der Gegend von Maiſon⸗Rouge dieſen Abend um ſechs Uhr zu erwarten? Wo warſt Du um dieſe Stunde? Auf der entgegengeſetzten Seite, da Du den Rei⸗ ſenden hieher gebracht haſt. Ich lege nun ein ebenſo großes Gewicht auf Deine Verſprechungen, als auf die des Ge⸗ wiſſensrathes vom Kloſter der Annonciaden, welcher einen Eid geleiſtet hatte, das Geheimniß der Beichte zu be⸗ wahren, und alle unſere Sünden der Superiorin meldete.“ „Nicole, bedenken Sie, daß man Sie wegſchickt, wenn man bemerkt..“ „Und Sie, man wird Sie nicht wegſchicken, Sie, der Sie in das Fräulein verliebt ſind! nein, der Herr Baron wird ſich wohl Zwang anthun!“ „Bei mir,“ ſprach Gilbert, der ſich nun zu verthei⸗ digen ſuchte,„bei mir iſt kein Grund vorhanden, mich wegzuſchicken.“ „Wirklich! ſollte er Sie bevollmaͤchtigt haben, ſeiner Tochter den Hof zu machen 2“ Gilbert konnte mit einem Worte Nicole beweiſen, daß, wenn er auch ſchuldig war, wenigſtens keine Mit⸗ ſchuld auf der Seite von Andrée obwaltete. Er durfte ihr nur erzählen, was er geſehen, und ſo unglaublich die Sache auch ſein mochte, ſo hätte doch Nicole in Folge der gu⸗ ten Meinung, welche die Frauen von einander haben, ohne allen Zweifel geglaubt. Doch ein tieferer Gedanke hielt den jungen Mann im Augenblick der Offenbarung zurück. Das Geheimniß von Andrée gehörte zu denjenigen, welche einen Menſchen bereichern, mag dieſer Menſch nun ein Verlangen nach Schätzen der Liebe, oder nach materielle⸗ ren und poſitiveren Schätzen tragen. Die Schätze, nach welchen Gilbert verlangte, waren G Schätze der Liebe. Er berxechnete, daß der Zorn von 142 Nicole minder gefährlich, als der Beſitz von Andrée wünſchenswerth war, traf ſogleich ſeine Wahl und ſchwieg über das ſeltſame Abenteuer der Nacht. „Gut, erklären wir uns, da Sie es durchaus wollen,“ ſagte er. „Oh! das wird ſchnell geſchehen ſein,“ rief Nicole, deren Charakter, dem von Gilbert geradezu entgegengeſetzt, ſie keine von ihren Empfindungen beherrſchen ließ;„doch Du haſt Recht, wir find ſchlecht in dieſem Blumengarten; gehen wir in mein Zimmer.“ „In Ihr Zimmer!“ rief Gilbert erſchrocken;„un⸗ möglich.“ 3 „Warum?“„ „Wir ſetzen uns der Gefahr aus, überraſcht zu werden.“ „Stille doch!“ verſetzte Nicole mit einem verächtli⸗ chen Lächeln,„wer ſollte uns überraſchen? Fräulein Andrée? In der That, ſie muß eiferſüchtig auf dieſen ſchönen Herrn ſein! Zu ihrem Unglück ſind die Leute, deren Geheimniß man weiß, nicht zu fürchten. Ah! Fraäulein Andrée eiferſüchtig auf Nicole; ich hätte nie an eine ſolche Ehre geglaubt.“ Und ein gezwungenes Gelächter, furchtbar wie das Brüllen des Sturmes, erſchreckte Gilbert viel mehr, als es eine Beleidigung oder eine Drohung gethan hätte. „Ich fürchte mich nicht vor dem Fräulein, Nicole, ſondern ich habe bange für Sie.“ „Ahl ja, das iſt wahr, Sie haben mir immer ge⸗ ſagt, wo es keinen Scandal gebe, gebe es auch kein Uebel. Die Philoſophen ſind zuweilen Jeſuiten; übrigens ſagte mir das der Gewiſſensrath der Annonciaden ebenfalls, und zwar vor Ihnen: deshalb geben Sie Ihre Rendezvous dem Fräulein in der Nacht. Vorwärts, vorwaͤrts, keine ſo ſchlechten Gründe... kommen Sie in mein Zimmer, ich will es haben.“ „Nicole!“ ſprach Gilbert, mit den Zähnen knirſched. „Nun!“ rief das Mädchen,„was weiter? —ᷣ— 143 „Nehmen Sie ſich in Acht!“ Und er machte eine drohende Geberde. 3 „Ol ich fürchte mich nicht, Sie haben mich ſchon einmal geſchlagen, doch weil Sie eiferſüchtig waren. Sie liebten mich zu jener Zeit. Es war eine Woche nach unſerem ſchönen Honigtage, und ich ließ mich ſchlagen. Aber heute ſoll es nicht wieder geſchehen. Nein! nein! nein! denn Sie lieben mich nicht mehr und ich bin nun eiferſüchtig.“ „Und was wirſt Du thun?“ ſagte Gilbert, das Mädchen am Fauſtgelenke faſſend. „Ohl ich ſchreie ſo ſehr, daß Fräulein Andrée Sie fragen wird, mit welchem Rechte Sie Nicole das geben, was Sie in dieſem Augenblick nur ihr ſchuldig ſind. Laſſen Sie mich los, ich rathe es Ihnen.“ Gilbert ließ die Hand von Nicole los. Dann nahm er ſeine Leiter, ſchleppte ſie vorſichtig weiter und legte ſie außen am Pavillon ſo an, daß ſie beinahe das Fenſter von Nicole Legay erreichte. „Sieh da, das iſt Verhängniß,“ ſprach dieſe,„die Leiter, welche wahrſcheinlich dazu dienen ſollte, das Fenſter des Fräuleins zu erklettern, wird ganz einfach dazu dienen, von der Manſarde von Nicole Legay herabzuſteigen. Sehr ſchmeichelhaft für mich!“ Nicole betrachtete ſich als die Stärkere und beeilte ſich dem zu Folge mit der Haſt der Frauen zu triumphiren, die, wenn ſie nicht wirklich im Guten oder Böſen über⸗ legen ſind, ſtets dieſen erſten zu ſchnell verkündigten Sieg theuer bezahlen. Gilvert fühlte das Falſche ſeiner Stellung, er folgte deshalb dem Mädchen, indem er alle ſeine Fähigkeiten zu dem Kampf, den er ahnte, zuſammenzuraffen be⸗ müht war.. 8 Als ein vorſichtiger Menſch, verſicherte er ſich vor Allem zweier Dinge.. Einmal an dem Fenſter vorübergehend, daß Fräulein gverney immer noch im Salon war. v 144 Zweitens, daß man, ohne ſich der Gefahr, den Hals zu brechen, bloszuſtellen, die erſte Sproſſe erreichen und ſich von da auf den Boden hinabgleiten laſſen konnte. In Betreff der Einfachheit wich das Zimmer von Nicole nicht von den übrigen des Wohngebäudes ab. Es war eine Art von Speicher, deſſen Wand unter einer grauen Tapete mit grünen Zeichnungen verſchwand. Ein Gurtbett und ein großes Geranium, das in der Nahe des Dachfenſters ſtand, ſchmückten die Stube. Andrée hatte überdies Nicole eine ungeheure Schachtel von Pap⸗ pendeckel geliehen, die zugleich als Commode und als Tiſch diente. Nicole ſetzte ſich auf den Rand des Bettes, Gilbert auf die Ecke der Schachtel. Nicole hatte, während ſie die Treppe heraufſtieg, Ruhe gewonnen. Herrin ihrer ſelbſt, fühlte ſie ſich ſtark. Noch ganz zitternd von den vorhergehenden Erſchütterungen, vermochte Gilbert ſeine Kaltblutigkeit nicht wieder zu er⸗ langen, und der Zorn ſtieg bei ihm immer mehr, je mehr er durch die Kraſt des Willens bei dem Mädchen zu er⸗ löſchen ſchien. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein, während deſſen Nicole Gilbert mit einem glühenden Auge betrachtete. „Sie lieben alſo das Fräulein und Sie hintergehen mich?“ ſprach ſie. „Wer ſagt Ihnen, daß ich das Fräulein liebe?“ entgegnete Gilbert. „Sie haben Rendezvous mit ihr.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich mit ihr ein Rendezvous gehabt habe?“ 74 „Mit wem hatten Sie denn in dem Pavillon zu thun? Mit dem Zauberer?“ ,2 telleicht, Sie wiſſen, daß ich Ehrgeiz beſitze.“ „ S en „ Das iſt diſſelbe Wort nach der guten und ſchlim⸗ men Bedeutung erklärt.“ „MNachen wir nicht aus einem Streite über Dinge 1⸗ e 115 * 3* einen Streit über Worte. Nicht wahr, Sie lieben mich nicht mehr?“. „Ich liebe Sie immer noch.“. „Warum entfernen Sie ſich denn von mir?“ 8 „Weil Sie, ſo oft Sie mir begegnen, Streit mit mir ſuchen.“ „Ich ſuche gerade Streit mit Ihnen, weil wir uns nur noch begegnen.“ „Ich war immer ſcheu, ich wählte immer die Ein⸗ ſamkeit, wie Sie wiſſen.“ „Ja, und man ſteigt mit einer Leiter zu der Ein⸗ ſamkeit hinauf... Verzeihen Sie, ich wußte das nicht.“ Gilbert war über den erſten Punkt geſchlagen. „Vorwärts, ſeien Sie offenherzig, wenn es Ihnen möglich iſt, Gilbert, und geſtehen Sie, daß Sie mich nicht mehr lieben, oder daß Sie uns zu zwei lieben.“ „Nun! wenn dem ſo wäre, was würden Sie ſagen 2⁰⁷0 „Ich würde ſagen, es ſei eine Ungeheuerlichkeit.“ „Nein, ſondern ein Irrthum.“ „Ihres Herzens?“. „Unſerer Geſellſchaft. Es gibt Völker, wo jeder Mann, wie Sie wiſſen, bis ſieben oder acht Frauen hat.“ „Das ſind keine Chriſten,“ erwiederte Nicole un⸗ geduldig. „Es ſind Philoſophen,“ ſprach Gilbert mit ſtolzem Tone. „Ohl mein Herr Philoſoph, Sie würden es alſo gut finden, wenn ich es machte wie Sie, wenn ich einen zwei⸗ ten Liebhaber nähme?“ „ Ich möchte nicht gern ungerecht und tyranniſch gegen Sie ſein, ich möchte nicht gern Bewegungen Ihres Herzens unterdrücken.. die heilige Freiheit beſteht haupt⸗ ſächlich darin, daß man den freien Willen achtet... Wech⸗ ſeln Sie mit der Liebe, Nicole, ich vermöchte Sie nicht zu einer Treue zu zwingen, welche meinfr Anſicht nach nicht in der Natur liegt.“ 6 „Ahl Sie ſehen wohl, daß Sie mich nicht mehr lieben,“ rief Nicole. Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 410 146 Die Discuſſion war die Stärke von Gilbert, nicht als ob ſein Geiſt ſcharf logiſch geweſen wäre, doch er war parador. Und dann, ſo wenig er auch wußte, ſo wußte er doch mehr als Nicole. Nicole hatte nur geleſen, was ihr unterhaltend vorkam; Gilbert las nicht nur, was ihm ergötzlich zu ſein ſchien, ſondern auch, was ihm nützlich dünkte. Gilbert gewann daher während des Streites all⸗ mälig wieder die Kaltblütigkeit, welche Nicole verlor. „Haben Sie Gedächtniß, Herr Philoſoph?“ fragte Nicole mit einem ironiſchen Lächeln. „Zuweilen,“ antwortete Gilbert. „Entſinnen Sie ſich deſſen, was Sie mir ſagten, als ich vor fünf Monaten mit dem Fräulein von den Annon⸗ ciaden ankam?“ „Nein, doch erinnern Sie mich daran.“ 8 „Sie ſagten mir:„„Ich bin arm!““ Es war an dem Tage, wo wir mit einander Tanzai unter einem der Gewölbe des eingefallenen Schloſſes laſen.“ „Gut, fahren Sie fort.“ „Sie zitterten gewaltig an dieſem Tage.“ „Das iſt möglich, ich bin von einer ſehr ſchüchternen Natur, aber ich thue, was ich kann, um dieſen Fehler, wie die anderen, abzulegen.“ „Somit werden Sie, wenn Sie alle Ihre Fehler ab⸗ gelegt haben, vollkommen ſein.“ „Ich werde wenigſtens ſtark ſein, denn die Weisheit verleiht Kraft.“ „Wo haben Sie das geleſen, wenn es beliebt?“ „Was liegt Ihnen daran? Kommen Sie auf das zurück, was ich Ihnen unter dem Gewölbe ſagte.“ Niicole fühlte, daß ſie immer mehr Boden verlor. „Nun! Sie ſagten mir:„„Ich bin arm, Nicole, Niemand liebt mich, man weiß nicht, daß ich etwas hier habe.“ Und Sie ſchlugen an Ihr Herz.“ „Sie täuſchen ſich, Nicole, wenn ich an Etwas ſchlug, während ich dies ſagte, ſo war es mein Kopf und nicht mein Herz; das Herz iſt nur eine Druckpumpe, beſtimmt 147 das Blut nach den Ertremitäten zu treiben. Leſen Sie das philoſophiſche Wörterbuch, Artikel Herz.“ Hiebei richtete ſich Gilbert voll Anmaßung auf. N 3 Balſamo gedemüthigt, ſpielte er den Stolzen vor icole. „Sie haben Recht, Gilbert, Sie müſſen in der That an Ihren Kopf geſchlagen haben. Sie ſagten alſo, wäh⸗ rend Sie an Ihren Kopf ſchlugen:„„Man behandelt mich hier wie einen Hofhund, und Mahon iſt noch glück⸗ licher als ich.““ Ich antwortete Ihnen ſodann, man habe Unrecht, Sie nicht zu lieben, und wenn Sie mein Bru⸗ der geweſen wären, ſo hätte ich Sie geliebt. Es ſcheint mir, ich antwortete Ihnen dies mit dem Herzen und nicht mit dem Kopfe Doch vielleicht täuſche ich mich, ich habe das philoſophiſche Wörterbuch nicht geleſen.“ „ Sie haben Unrecht gehabt, Nicole.“ 1 „Sie nahmen mich ſodann in ihre Arme.„„Sie ſind eine Waiſe, Nicole,““ ſagten Sie zu mir;„nich bin auch Waiſe, unſere Armuth und die ſchlechte Behandlung, die wir zu erfahren haben, macht uns zu mehr als Ge⸗ ſchwiſtern; lieben wir einander, als ob wir es wirklich wären. Uebrigens würde uns die Geſellſchaft, wenn wir es wirklich wären, verbieten, uns zu lieben, wie ich will, daß Du mich liebeſt.““ Hierauf umarmten Sie mich.“ „Das iſt möglich.““ „Sie dachten alſo, was Sie ſagten?⸗ „Ohne Zweifel denkt man beinahe immer das, was man ſagt, in dem Augenblick, wo man es ſagt.“ „Somit ſind Sie heute... „Heute bin ich fünf Monate älter; ich habe Dinge gelernt, die ich nicht wußte, ich ahne Dinge, welche ich noch nicht weiß. Heute denke ich anders.“ „Sie ſind alſo falſch, lügenhaſt, heuchleriſch?“ rief Nicole ſich erhitzend. 1 „Nicht mehr, als es ein Reiſender iſt, den man in der Tiefe eines Thales fragt, was er von der Landſchaft denke, und an welchen man dieſelbe Fmge Sühbt, wenn 8 148 er auf die Höhe des Berges gelangt iſt, der ihm ſeinen Horizont abſchloß. Ich umfaſſe eine größere Landſchaft, das iſt das Ganze.“ „Somit werden Sie mich nicht heirathen?“ „Ich habe Ihnen nie geſagt, ich würde Sie heira⸗ then,“ antwortete Gilbert verächtlich. „Nun! nun! es ſcheint mir, daß Nicole Legay wohl einen Sebaſtian Gilbert werth iſt!“ 66 „Jeder Menſch iſt den andern werth, nur haben die Natur oder die Erziehung in die Menſchen verſchiedene Vermögen und Fähigkeiten gelegt, und je nachdem dieſe Vermögen oder Fähigkeiten ſich mehr oder weniger ent⸗ wickeln, entfernen ſie ſich von einander.“ „Somit entfernen Sie ſich von mir, weil Ihre higkeiten mehr entwickelt ſind, als die meinigen??“ „Natürlich; Sie ſchließen noch nicht, Nicole, aber Sie begreifen ſchon.“ „Ja, ja!“ rief Nicole außer ſich,„ja, ich begreife.“ „Was begreifen Sie?“. „Daß Sie ein unredlicher Menſch ſind.“ „Das iſt möglich. Viele werden mit ſchlechten In⸗ ſtinkten geboren, doch der Wille iſt da, um ſie zu ver⸗ beſſern. Herr Rouſſeau ſelbſt wurde mit ſchlechten In⸗ ſtinkten geboren; er hat ſich jedoch gebeſſert. Ich werde es machen wie Rouſſeau“ „Ohl mein Gott! mein Gott!“ ſprach Nicole,„wie konnte ich einen ſolchen Menſchen lieben?“ „Sie haben mich auch nicht geliebt, Nicole,“ erwie⸗ derte Gilbert mit kaltem Tone,„ich habe Ihnen nur ge⸗ fallen. Sie kamen von Nancy, wo Sie nur Seminariſten geſehen hatten, die Sie lachen machten, oder Militaire, die Ihnen Furcht einjagten. Wir waren Beide jung, Beide unſchuldig, Beide begierig, dieſen Stand der Dinge zu verlaſſen. Die Natur ſprach in uns mit ihrer unwi⸗ derſtehlichen Stimme. Es iſt Etwas in unſern Adern, das ſich entzündet, es entſteht eine Unruhe, deren Heilung man in den Büchern ſucht, welche uns noch viel, unruhi⸗ 149 92 ger machen. Während wir zuſammen eines von jenen 4 Büchern laſen, Sie erinnern ſich, Nicole, gaben Sie nicht nach, denn ich verlangte nichts und Sie verweigerten mir nichts, ſondern wir fanden das Wort eines unbekannten Geheimniſſes. Ein bis zwei Monate lang war dieſes Wort: Glück! Ein bis zwei Monate lang lebten wir, ſtatt zu vegetiren. Iſt damit, daß wir zwei Monate lang durch einander glücklich geweſen ſind, geſagt, wir müſſen ewig unglücklich ſein? Gehen Sie, Nicole! Wenn man dadurch, daß man das Glück gäbe oder empfinge, eine ſolche Verbindlichkeit übernähme, ſo würde man auf ſei⸗ nen freien Willen Verzicht leiſten, und das wäre albern.“ „Iſt das Philoſophie, was Sie da ſagen?“ ſprach Nicole. „Ich glaube,“ antwortete Gilbertt.. „Es gibt alſo nichts Heiliges für die Philoſophen?“ „Doch wohl, die Vernunft... 34 „Somit wäre ich, die ich ein ehrliches Mädchen blei⸗ ben wollte...“ „Verzeihen Sie, es iſt hiezu ſchon zu ſpät.“ Nicole erbleichte und erröthete, als ob ein Rad jeden Tropfen ihres Blutes den Kreislauf durch ihren Körper machen ließe. 4 „Ehrlich in Beziehung auf Sie,“ ſprach ſie.„Man iſt immer ehrlich verheirathet, ſagten Sie, um mich zu tröſten, wenn man demjenigen, welchen das Herz gewählt hat, treu bleibt. Sie erinnern ſich dieſer Theorie über die Heirathen.“ „Ich ſagte Verbindungen, Nicole, inſofern ich nie heirathen werde.“ „Sie werden nie heirathen?“ „MNein. Ich will ein Gelehrter und ein Philoſoph ſein. Die Wiſſenſchaft aber beſiehlt die Abſonderung des Geiſtes und die Philoſophie die des Körpers.“ „Herr Gilbert,“ ſprach Nicole,„Sie ſind ein Elen⸗ der, und ich glaube, daß ich noch mehr werth bin, als Sie.., „Faſſen wir die Sache kurz zuſammen,“ erwiederte Gil⸗ bert aufſtehend,„denn wir verlieren unſere Zeit, Sie, indem Sie mir Beleidigungen ſagen, ich, indem ich Sie anhöre. Sie haben mich geliebt, weil es Ihnen ſo gefiel, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Nun, es iſt kein Grund vorhanden, mich unglücklich zu machen, weil Sie etwas gethan, was Ihnen geſiel.“ „Der Dummkopf,“ rief Nicole,„er hält mich für verdorben und ſtellt ſich, als fürchtete er mich nicht!“ „Sie fürchten, Nicole! gehen Sie doch? was ver⸗ mögen Sie gegen mich? Die Eiferſucht macht Sie ganz verwirrt.“ 1„Die Eiferſucht! ich eiferſüchtig!“ rief das Mädchen mit einem fieberhaften Gelächter;„ah! Sie täuſchen ſich gewaltig, wenn Sie mich für eiferſüchtig halten. Und ich bitte, worauf ſollte ich eiferſüchtig ſein? Gibt es im gan⸗ zen Canton ein hübſcheres Mädchen, als ich bin? Hätte ich weiße Hände, wie das Fräulein, und ich werde ſie haben an dem Tage, wo ich nicht mehr arbeite, wäre ich dann nicht ſo viel werth, als das Fräulein? Mein Herr, ſchauen Sie meine Haare an(und ſie löſte das Band, das dieſelben hielt), meine Haare können mich vom Schei⸗ tel bis zu den Zehen umhüllen, wie ein Mantel. Ich bin groß, ich bin gut gewachſen(Nicole umſpannte ihren Leib mit ihren beiden Händen), ich habe Zähne, wie Perlen (und ſie betrachtete ihre Zähne in einem kleinen, über ihrem Bette hängenden Spiegel). Wenn ich Jemand zulä⸗ cheln und ihn auf eine gewiſſe Art anſchauen will, ſo ſehe ich dieſen Jemand erröthen, beben, ſich unter meinem Blicke winden. Sie ſind allerdings mein erſter Geliebter, aber Sie ſind nicht der erſte Mann, mit dem ich coquette ge⸗ weſen bin.. Höre, Gilbert,“ ſprach das Mädchen, drohen⸗ der mit ihrem abgeſtoßenen Gelächter, als ſie es mit ih⸗ ren heftigſten Drohungen oweſen war,„Du ſpotteſt. Glaube mir, zwinge mich nicht, mit Dir Krieg anzufan⸗ gen; mache nicht, daß ich ganz und gar den ſchmalen Fuß⸗ pfad verlaſſe, auf welchem mich noch irgend eine ſchwan⸗ kende Erinnerung an die Rathſchläge meiner Mutter, ir⸗ Nnu nu u* 8 8———— NuA N— —— ᷣ— —— 151 gend eine monvtone Vorſchriſt meiner Hindergeügie zurück⸗ hält. Wenn ich mich einmal über die Grenze der Scham⸗ haftigkeit werfe, dann nimm Dich in Acht, Gilbert, Du wirſt Dir nicht allein das Unglück vorzuwerfen haben, das für Dich daraus entſpringt, ſondern auch das, wel⸗ ches für Andere daraus hervorgeht.“ „Gut,“ ſagte Gilbert,„Sie ſind nun auf eine gewiſſe Höhe gelangt, und ich bin von Einem überzeugt.“ „Wovon?“ „Daß, wenn ich jetzt einwilligte, Sie zu heirathen. 3 „Nun?“ „Daß Sie ſich weigern würden.“ Nicole dachte nach und antwortete dann, die Fäuſte ballend und mit den Zähnen knirſchend: „Ich glaube, Du haſt Recht, Gilbert; ich glaube, daß ich ebenfalls anfange, den Berg zu erſteigen, von dem Du vorhin ſprachſt; ich glaube, daß ich ebenfalls meinen Ho⸗ rizont ſich erweitern ſehe; ich glaube, daß ich auch be⸗ ſtimmt bin, Etwas zu werden; und es iſt in der That zu wenig, die Frau eines Philoſophen oder eines Gelehrten zu werden. Nun kehre zu Deiner Leiter zurück und ſuche den Hals nicht zu brechen, obgleich es mir allmälig vor⸗ kommt, als ob dies ein großes Glück für die Andern und beſonders für Dich wäre.“ Und das Mädchen wandte Gilbert den Rücken zu icht da wäre. und fing an ſich auszukleiden, als ob er gar n Ane Gilbert blieb einen Augenblick unbeweg ſchloſſen, denn ſo von der Poeſie des Zornes und der Flamme der Eiferſucht aufgeregt, war Nicole ein ent⸗ zückendes Geſchöpf. Aber es herrſchte in dem Herzen von Gilbert vor, der Entſchluß, mit Ni⸗ cole zu brechen; Nicole konnte zugleich ſeiner Liebe und ſeinem Ehrgeiz Eintrag thun.— 4 Als nach einigen Sekunden Nicole kein Geräuſe mehr hinter ſich hörte, wandte ſie ſich um; das Zimme war leer. „Weggegangen!“ murmelte ſie, uweggegangen!“ lich, unent⸗ ein feſter Entſchluß 3 15² 3 Sie ſchritt auf das Fenſter zu, Alles war dunkel, das Licht ausgelöſcht. „ Und das Fräulein!“ ſagte Nicole. Hienach ſtieg ſie auf den Fußſpitzen die Treppe hinab, 1 nehere ſich der Thüre des Zimmers ihrer Gebieterin und orchte. „Gut,“ ſprach ſie,„ſie iſt allein zu Bette gegangen und ſchläft. Morgen! Ahl ich werde wohl erfahren, ob ſie ihn liebt!“ XI. Zofe und Gebieterin. Der Zuſtand, in welchem Nicole in ihr Zimmer zu⸗ rückkehrte, war nicht die Ruhe, die ſie heuchelte. Von all der Grundſatzloſigkeit, von der ſie eine Probe abgelegt zu haben glaubte, von all der Feſtigkeit, mit der ſie Pa⸗ rade gemacht zu haben wähnte, beſaß Nicole in der That nur eine Doſe Prahlerei, welche hinreichend war, um ſie gefährlich zu machen und verdorben erſcheinen zu laſſen. Nicole war eine von Natur ungeordnete Phantaſie, ein durch ſchlechte Lecture verdorbener Geiſt. Das Zuſam⸗ menwirken dieſes Geiſtes und dieſer Phantaſie verlieh glühenden Sinnen Aufſchwung; doch es war durchaus keine trockene Seele, und wenn es ihrer allmächtigen Ei⸗ telkeit auch zuweilen gelang, die Thränen in ihren Augen feſtzuhalten, ſo fielen dieſe Thränen, heftig zurückgeſtoßen, Piſreſſend wie Tropfen geſchmolzenen Bleis auf ihr erz. J gine einzige Kundgebung war bei ihr bezeichnend und wahr geweſen. Dies war das Lächeln voll Ver⸗ achtung, mit welchem ſie die erſten Beleidigungen von Gilbert aufnahm. Dieſes Lächeln verrieth alle Wunden ihres Herzens! Wohl war Nicole ein Mädchen ohne Tu⸗ gend, ohne Grundſätze, aber ſie hatte einen gewiſſen Preis — 153 auf ihre Niederlage geſetzt, und als ſie ſich hingab, glaubte 3 ſie, da ſie ſich ganz und gar hingab, ein Geſchenk zu ma⸗ chen. Die Gleichgültigkeit und Abgeſchmacktheit von Gilbert erniedrigten ſie in ihren eigenen Augen. Sie war hart für ihren Fehler beſtraft worden und empfand grauſam den Schmerz dieſer Strafe; aber ſie erhob ſich wieder unter der Peitſche und ſchwor ſich ſelbſt, Gilbert, wenn nicht alles Böſe, doch wenigſtens einen Theil des Böſen, das er ihr angethan, zurückzugeben. „Jung, kräſtig, voll ländlichen Saftes, begabt mit der Fähigkeit zu gehorchen, welche ſo koſtbar iſt für Jeden, der nicht darnach trachtet, denjenigen zu befehlen, welche ihn lieben, konnte Nicole ſchlafen, nachdem ſie ihren klei⸗ nen Racheplan mit allen Dämonen, welche ihr die Ehre erwieſen, ihr ſiebzehnjähriges Herz zu bewohnen, verhan⸗ delt hatte. Uebrigens kam ihr Fräulein von Taverney eben ſo oder noch viel mehr ſchuldig vor, als Gilbert. Eine junne Edeldame, ganz ſteif von Vorurtheilen, ganz aufgeblafeen von Stolz, die im Kloſter in Nancy die dritte Perſon den Prinzeſſinnen, das Sie den Herzoginnen, das Du den Marquiſen gabz eine ſcheinbar kalte, aber unter einer marmornen Rinde fühlende, empfindende Statue; dieſe Statue kam ihr lächerlich, gemein vor, wenn ſie ſich zur Frau eines Dorf⸗Pygmalions, wie Gilbert, machte. Denn es iſt nicht zu leugnen, mit dem ausgeſuchten Sinne, mit dem die Natur die Frauen begabt hat, fühlte ſich Nicole im Geiſte nur unter Gilbert, aber erhaben über alles Uebrige. Ohne dieſe Ueberlegenheit des Geiſtes, die ihr Geliebter durch fünf oder ſechs Jahre der Lecture über ſie errungen hatte, erniedrigte ſie ſich, ſie, die Kam⸗ merjungfer eines ruinirten Barons, indem ſie ſich einem Bauern hingab. Was machte folglich ihre Gebieterin, wenn ſie ſich Gilbert hingegeben hatte? MNiicole bedachte, daß das, was ſie zu ſehen geglaubt, aber wirklich geſehen zu haben ſich einbildete, Herrn von 154 Taverney zu erzählen, ein ungeheurer Fehler wäre: ein⸗ mal wegen des Charakters von Herrn von Taverney, der darüber lachen würde, nachdem er zuvor Gilbert beohrfeigt und weggejagt hätte; ſodann wegen des Charakters von Gilbert, der die Rache gemein und verächtlich finden dürfte. Aber Gilbert in Andrée leiden laſſen, ein Recht über Beide erlangen, ſie unter ihrem, der Zofe, Blick erröthen und erbleichen machen, unumſchränkte Gebieterin werden und Gilbert vielleicht die Zeit bedauern laſſen, wo die Hand, die er küßte, nur an der Oberfläche rauh war; das ſchmeichelte ihrer Einbildungskraft und liebkoſte ihren Stolz; das ſchien ihr wirklich vortheilhaft; hiezu entſchloß ſie ſich, hiebei blieb ſie ſtehen. Es war Tag, als ſie friſch, leicht, mit munterem Geiſte erwachte. Sie verwendete die gewöhnliche Zeit, das heißt eine Stunde, auf ihre Toilette; denn um nur ihre langen Haare zu entwirren, hätte eine minder ge⸗ ſchiekte oder eine bedächtigere Hand, als die ihrige, das Doppelte dieſer Zeit gebraucht; Nicole betrachtete ihre Augen in dem von uns erwähnten, verzinnten, dreieckigen Glaſe, das ihr als Spiegel diente; ihre Augen kamen ihr ſchöner vor, als je. Sie ſetzte die Prufung fort und ging von ihren Augen auf ihren Mund über: ihre Lippen wa⸗ ren nicht erbleicht und rundeten ſich wie eine Kirſche unter dem Schatten einer feinen, leicht aufgeſtülpten Nafe; ihr Hals, den ſie den Küſſen der Sonne zu entziehen äußerſt beſorgt war, hatte eine Lilienweiße; und nichts vermochte ſich Reicheres als ihre Bruſt und kecker Gebogeneres als ihre Taille zu bieten. Als ſie ſich ſo ſchön ſah, dachte Nicole, ſie könnte leicht Andrée Eiferſucht einſlößen. Sie war nicht ganz und gar verdorben, wie man ſieht, da ſie nicht an eine Laune oder eine Phantaſie dachte und ihr die Idee kam, Fräulein von Taverney könnte Gilbert lieben. So phyſiſch und moraliſch bewaffnet, öffnete Nicole die Thüre des Zimmers von Andrée, gemäß der ihr von —— 155 ihrer Gebieterin ertheilten Vollmacht, wenn dieſe um ſieben Uhr noch nicht aufgeſtanden war. ſeh Kaum in das Zimmer eingetreten, blieb Nicole ſtille ſtehen. 1 Bleich und die Stirne mit einem Schweiße bedeckt, in welchem ihre ſchönen Haare ſchwammen, war Andrée auf ihrem Bette ausgeſtreckt, athmete mühſam und krümmte ſich zuweilen mit einem düſteren Ausdrucke des Schmerzes. Unter ihr zuſammengerollt und zerknittert, bedeckten ihre Tücher ihren Leib nicht, und in einer Unordnung, welche ihre Aufregung enthüllte, ſtützte ſie eine ihrer Wangen auf ihren Arm und drückte ihre andere Hand auf ihr e ruſt. Ihr in Zwiſchenräumen unterbrochener Athem ſtrömte ſich von Zeit zu Zeit wie ein ſchmerzhaftes Röcheln aus, und ſie ließ unartikulirte Seufzer vernehmen. Nicole ſchaute ſie einen Augenblick ſtillſchweigend an und ſchüttelte dann den Kopf, denn ſie ließ ſich Gerechtig⸗ keit widerfahren und ſah ein, daß es keine Schönheit gab, welche mit der Schönheit von Andrée in den Kampf tre⸗ ten konnte. 3 Hierauf ging ſie auf das Fenſter zu und öffnete einen Laden. Eine Lichtwoge überfluthete das Zimmer und machte die bläulichen Augenlider von Fräulein von Taverney ittern. 6 Sie erwachte und wollte ſich erheben, aber ſie fühlte eine ſo große Müdigkeit und zugleich einen ſo ſcharfen Schmerz, daß ſie auf ihr Kopftiſſen zurückſiel und einen Schrei ausſtieß. „Eil mein Gott! was haben Sie denn, mein Fräu⸗ lein?“ ſagte Nicole. „Iſt es ſpät?“ fragte Andrée, ſich die Augen reibend. „Sehr ſpät; das Fräulein iſt dieſen Morgen eine Stunde mehr als gewöhnlich im Bette geblieben.“ „Ich weiß nicht, was ich habe,“ ſprach Andrée und 156 ſchaute umher, um ſich zu verſichern, wo ſie wäre.„Ich fühle mich ganz ſteif, meine Bruſt iſt wie gelähmt.“ Nicole heftete ihre Augen auf Andrée, ehe ſie ant⸗ wortete. 8 „Das iſt der Anfang von einem Schnupfen, den das Fräulein ohne Zweifel dieſe Nacht bekommen hat,“ ſprach ſie. 3 „Dieſe Nacht?“ entgegnete Andrée voll Erſtaunen. „Ohl ich habe mich alſo nicht ausgekleidet?“ ſagte ſie, als ſie die Unordnung ihrer Toilette bemerkte.„Wie kommt das?“ „Das Fräulein mag ſich erinnern.“ „Ich erinnere mich nicht,“ ſprach Andrée, indem ſie ihre Stirne in ihre beiden Hände nahm;„was iſt mir begegnet? bin ich verrückt?“ Und ſie ſetzte ſich in ihrem Bette auf und ſchaute zum zweiten Male mit einem beinahe irren Geſichte umher. Dann fuhr ſie mit einer gewiſſen Anſtrengung fort: „Ah!l ja, ich erinnere mich: geſtern war ich ſo müde, ſo erſchöpft.... ohne Zweifel dieſer Sturm; her⸗ nach.. 3 Nicole deutete mit dem Finger auf ihr zerknittertes, aber trotz ſeiner Unordnung bedecktes Bett. Sie hielt inne; ſie dachte an den ſeltſamen Fremden, der ſie auf eine ſo ſonderbare Weiſe angeſchaut hatte. „Hernach?...“ verſetzte Nicole mit dem Anſcheine der Theilnahme;„es war, als erinnerte ſich das Fräu⸗ lein...„ „Hernach entſchlummerte ich auf dem Tabouret vor meinem Klavier. Von dieſem Augenblick an erinnere ich mich nicht mehr. Ich werde halb eingeſchlafen in mein Zimmer heraufgegangen ſein und mich auf mein Bett ge⸗ worfen haben, ohne daß ich die Kraft beſaß, mich aus⸗ zukleiden.“— 1 „Sie hätten mich rufen ſollen, mein Fräulein,“ ſagte Nicole mit ſüßlichem Tonez„bin ich denn nicht des Fräu⸗ leins Kammerjungfer?“ 9 N 157 „Ich habe wohl nicht daran gedacht, oder nicht die Kraft dazu gehabt,“ ſprach Andrée mit wahrer Unſchuld. „Heuchlerin!“ murmelte Nicole. Dann fügte ſie bei: „Aber das Fräulein iſt alſo ſehr lange beim Klavier geblieben, denn ehe das Fräulein in ſein Zimmer zurück⸗ gekehrt war, ging ich hinab, da ich Lärm unten hörte.“ Hier hielt Nicole inne, in der Hoffnung, irgend eine Bewegung, ein Zeichen, eine Röthe bei Andrée wahrzu⸗ nehmen; aber dieſe blieb ruhig und man konnte gewiſſer⸗ maßen durch den klaren Spiegel ihres Geſichtes bis in ihre Seele ſehen. „Ich ging hinab,“ wiederholte Nicole. „Nun?“ fragte Andrée. „Nun! das Fräulein war nicht an ſeinem Klavier.“ Andrée ſchaute empor; aber es ließ ſich unmöglich in ihren ſchönen Augen etwas Anderes leſen, als das Er⸗ ſtaunen. „Das iſt ſeltſam!“ ſprach ſie. „Es iſt ſo.“ „Du ſagſt, ich ſei nicht im Salon geweſen? und ich habe mich doch nicht von der Stelle geruͤhrt.“ „Das Fräulein wird mich entſchuldigen,“ verſetzte Nicole. „Wo war ich denn alſo? 6 „Das Fräulein muß es beſſer wiſſen, als ich,“ ver⸗ ſetzte Nicole, die Achſeln zuckend. „Ich glaube, Du täuſcheſt Dich, Nicole,“ ſagte An⸗ drée mit der größten Sanſtmuth.„Ich habe mein Ta⸗ bouret nicht verlaſſen und erinnere mich nur, daß ich fror, daß meine Glieder ganz ſchwerfällig wurden, und daß ich nur mit großer Muhe gehen konnte.“ „Ohl als ich das Fräulein ſah, ging es noch ſehr gut,“ entgegnete Nicole hohnlächelnd. „Du haſt mich geſehen?“ „Ja, gewiß.“ „Du ſagteſt doch ſo eben, ich ſei nicht im Salon ge⸗ weſen.“ 158 „Es war auch nicht im Salon, wo ich das Fräulein geſehen habe.“ „Wo denn?“ „In der Hausflur, bei der Treppe.“ „Mich!“ verſetzte Andrée. „Das Fräulein ſelbſt, ich kenne doch wohl das Fräu⸗ lein,“ erwiederte Nicole mit einem Gelächter, das gut⸗ müthig ſein ſollte. „Ich weiß aber ganz gewiß, daß ich mich nicht aus dem Salon entfernt habe,“ ſagte Andrée, während ſie voll Unſchuld in ihren Erinnerungen ſuchte. „„und ich,“ entgegnete Nicole,„ich weiß, daß ich das Fräulein in der Hausflur geſehen habe, ich dachte ſogar,“ fügte ſie, ihre Aufmerkſamkeit verdoppelnd, bei,„ich dachte, das Fräulein käme von einem Spaziergange im Garten zurück. Es war ſchön Wetter geſtern Nacht nach dem Sturme. Es iſt ſo angenehm, bei Nacht ſpazieren zu gehen: die Luft iſt friſcher, die Blumen riechen beſſer, nicht wahr, mein Fräulein?“ „Du weißt wohl, daß ich es nicht wagen würde, bei Nacht ſpazieren zu gehen,“ erwiederte Andrée lächelnd, vich bin zu furchtſam.“ „Man kann mit irgend Jemars gehen und dann hat man keine Furcht.“ „Mit wem ſoll ich gehen?“ entgegnete Andrée, weit entfernt, in allen dieſen Fragen ihrer Kammerjungfer ein Verhör zu ſehen. 8 Nicole hielt es nicht für geeignet, ihre Forſchung weiter zu treiben. Dieſe Kaltblütigkeit, die ihr der höchſte Grad der Verſtellung zu ſein ſchien, machte ihr bange. Sie erachtete es für klug, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Das Fräulein ſagte vorhin, es leide?“ fragte ſie. „Ja, in der That, ich leide ungemein; ich bin ange⸗ griffen, müde, und zwar ohne alle Veranlaſſung. Ich habe geſtern Abend gethan, was ich jeden Tag thue. Wenn ich krank würde!“ — bv „Oh! mein Fräulein, man hat zuweilen Kummer...“ bemerkte Nicole. „Nun?“ verſetzte Andrée. „Nun! der Kummer bringt dieſelbe Wirkung hervor, wie die Anſtrengung. Ich weiß das.“ „Dul haſt Du Kummer, Nicole? Dieſe Worte wurden mit einer gewiſſen verächtlichen Gleichgültigkeit geſprochen, welche Nicole den Muth ver⸗ lieh, ihre Zurückhaltung ein wenig zu überſchreiten. „Gewiß, mein Fraͤulein,“ erwiederte ſie, die Augen niederſchlagend;„ja, ich habe Kummer.“ Andree ſtieg nachläſſig von ihrem Bette herab und ſagte, während ſie ſich auskleidete, um ſich wieder anzu⸗ kleiden: „Erzähle mir das.“ „In der That, ich kam gerade zu dem Fräulein, um ihm zu ſagen... Sie ſchwieg wieder. „Um ihm zu ſagen, was? Guter Gott! wie beſtürzt Du ausſiehſt, Nicole.“ „Ich ſehe beſtürzt aus, wie das Fräulein abgemattet ausſieht; ohne Zweifel leiden wir Beide.“ Das Wir mißſie Andrée, ſie runzelte die Stirne und ließ den Ausruf: Ahl vernehmen.. Doch Nicole wunderte ſich nicht über dieſen Ausruf, obgleich der Ton desſelben ſie zur Ueberlegung hätte brin⸗ „Ich habe Luſt, mich zu verheirathen,“ fuhr Nicole „Bah!...“ machte Andrée,„Du denkſt hieran und biſt noch nicht ſiebenzehn Jahre alt?“ „Das Fräulein iſt erſt ſechzehn.“ „Nun?“ fort. 160 „Nun! obgleich das Fräulein erſt ſechzehn iſt, denkt es nicht auch zuweilen daran, ſich zu verheirathen?“ „Woran ſiehſt Du das?“ fragte Andrée mit ſtren⸗ gem Tone. Nicole öffnete den Mund, um eine Ungezogenheit zu ſagen, aber ſie kannte Andrée, ſie wußte, daß dadurch die Erklärung, welche noch nicht weit vorgerückt war, kurz abgebrochen geweſen wäre, und beſann ſich eines Beſſeren. „In der That,“ ſprach ſie,„ich kann nicht wiſſen, was das Fräulein denkt, ich bin eine Bäuerin und richte mich nach der Natur.“ 4 „Das iſt ein ſonderbares Wort.“ Wie! iſt es nicht natürlich, Einen zu lieben und ſich von ihm lieben zu laſſen?“ „Es iſt möglich; weiter?“ „Nun, ich liebe Einen.“ „Und dieſer Eine liebt Dich?“ „Ich glaube es, mein Fräulein.“ Nicole begriff, daß die Vermuthung zu kraftlos war, und daß es in dieſem Falle einer beſtimmten Verſicherung bedurfte. „Nämlich ich bin deſſen ſicher,“ fügte ſie bei. „Sehr gut; Mademoiſelle benützt ihre Zeit in Ta⸗ verney, wie ich ſehe.“. „Man muß wohl an ſeine Zukunft denken. Sie, die Sie ein Fräulein ſind, werden wohl ein Vermögen von irgend einem reichen Vetter bekommen; ich, die ich keine Verwandte habe, bekomme nichts, als was ich finde.“ Da Alles dies Andrée ziemlich einfach vorkam, ſo vergaß ſie allmälig den Ton, mit dem die Worte, die ſie unanſtändig gefunden, ausgeſprochen worden waren; ihre natürliche Güͤte gewann die Oberhand und ſie fragte: „Sprich, wen willſt Du heirathen?“ 3„Oh! Einen, den das Fräulein kennt,“ antwortete Nicole, ihre ſchönen Augen auf die von Andrée heftend. „Den ich kenne?“ „Vollkommen.“ 161 Wer iſt es? Du läßt mich lange ſchmachten.“ t„ „Ich fürchte, meine Wahl könnte dem Fräulein miß⸗ fallen.“* „Mir?“ 1„Ja.“ .„Du hältſt ſie alſo ſelbſt für nicht ſehr paſſend? „Ich ſage das nicht.“ „Nun, ſo ſprich ohne Furcht, es iſt die Pflicht der ten, von wel⸗ Herrſchaft, ſich für diejenigen von ihren Leu 3 chen ſie gut bedient wird, zu intereſſiren, un Dir zufrieden.“ 5 „Das Fräulein iſt ſehr gut.“ „Sprich ſchnell, und ſchnüre mich vollends ein.“ Nicole raffte alle ihre Kräfte und ihre ganze Scharf⸗ ſichtigkeit zuſammen und antwortete: „Nun, nun, es iſt... es iſt Gilbert.“ Zum großen Erſtaunen von Nicole ging nicht die geringſte Veränderung in dem Geſichte von Andrée vor. „Gilbert, der kleine Gilbert, der Sohn meiner 1 Amme?“ „Er ſelbſt, mein Fräulein.“ „Und er liebt Dich?“ Nicole glaubte, ſie ſei auf dem entſcheidenden Punkte angelangt, und antwortete: „Er hat es mir zwanzigmal geſagt.“ „Nun, ſo heirathe ihn,“ ſprach Andrée ruhig; nich ſehe kein Hinderniß. Du haſt keine Verwandte; er i Waiſe; Jedes von Euch iſt Herr ſeines Schickſals.“ „Allerdings,“ ſtammelte Nicole erſtaunt, als ſie die Sache einen Gang nehmen ſah, der ſo wenig mit ihren 1 Vorherſehungen im Einklang ſtand.„Wiel das Fräulein erlaubt...“ „Ganz gewiß; Ihr ſeid nur Beide n „Wir werden deſto länger mit einander 3 haben.“— „Ihr ſeid weder das Eine, noch das Andere reich.“ „Wir werden arbeiten.“. Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 11 8 d ich bin mit och etwas jung.“ u leben „Was wird er arbeiten, er, der zu Nichts taugt?“ Nicole hielt es nicht länger aus, ſo viel Verſtellung erſchöpfte ſie. „Mein Fräulein, Sie werden mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß Sie den armen Gilbert ſehr ſchlecht be⸗ handeln,“ antwortete ſie. „Bei Gott! ich behandle ihn, wie er es verdient, es i*ſt ein träger Menſch.“ „Ohl mein Fräulein, er lieſt beſtändig und wünſcht nur ſich zu belehren.“ „Voll böſen Willens,“ fuhr Andrée fort. „Nicht immer gegen das Fräulein,“ verſetzte Nicole. „Wie ſo?“ „Das Fräulein weiß es beſſer, als irgend Jemand, es beſiehlt ihm für die Tafel zu jagen.“ „Ichl! „Und es läßt ihn oft zehn Stunden machen, ehe er Wildpret findet.“ 4 3„Meiner Treue, ich geſtehe, daß ich dieſer Sache nie die geringſte Aufmerkſamkeit geſchenkt habe.“ „Dem Wildpret?“ ſagte Nicole hohnlächelnd. Andrée hätte vielleicht über dieſes Wort gelacht und nicht errathen, wie viel Galle in den Sarkasmen ihrer Zofe lag, wäre ſie in der gewöhnlichen Stimmung ihres Geiſtes geweſen. Aber ihre Nerven bebten, wie die Sai⸗ ten eines Inſtrumentes, das man übermäßig anſtrengt. Nervenſchauer gingen jedem Akte ihres Willens, jeder Be⸗ wegung ihres Körpers voran. Die geringſte Bewegung des Geiſtes war für ſie eine Schwierigkeit, die ſie beſiegen mußte; im Style unſerer Tage würden wir ſagen, ſie war agacée. Ein glückliches Wort, eine Eroberung der Philelogie, welche an den Zuſtand eines ſchüttelnden Schauers erinnert, in den uns das Ausſaugen einer herben Frucht, oder das Berühren gewiſſer knorriger Körper verſetzt. „Was ſoll dieſer Witz bedeuten?“ fragte Andrée, die ſich plötzlich wiederbelebte und mit der Ungeduld 163 wieder allen Scharfſinn gewann, den ſie die Ermattung am Anfang dieſer Scene anzuwenden gehindert hatte. „Ich habe keinen Witz, mein Fräulein,“ antwortete Nicole.„Der Witz iſt gut für die vornehmen Damen. Ich bin ein armes Mädchen und ſage nur ganz einfach was iſt.“ „So ſprich, was iſt denn?“ „Das Fräulein verleumdet Gilbert, der doch voll Aufmerkſamkeit gegen daſſelbe iſt.“ „Er thut nur ſeine Pflicht als Dienſtbote; hernach?“ „Gilbert iſt kein Dienſtbote, mein Fräulein; man be⸗ zahlt ihn nicht.“ „Er iſt der Sohn unſerer ehemaligen Meier; man gibt ihm Koſt, Wohnung; er thut nichts für die Koſt und die Wohnung, die man ihm gibt; deſto ſchlimmer für ihn, denn er betrügt darum. Doch wo willſt Du hinaus mit Deinen Bemerkungen und warum vertheidigſt Du ſo warm dieſen Burſchen, den man nicht angreift.“ „Ohl ich weiß, daß ihn das Fräulein nicht angreift?“ ſprach Nicole mit einem Lächeln, das ganz mi beſetzt war,„im Gegentheil.“ „Abermals Worte, welche ich nicht verſtehe.“ „Ohne Zweifel, weil ſie das Fraulein nicht ver⸗ ſtehen will.“ „Genug, Mademoiſelle,“ ſprach Andrée mit ſtrengem Tone,„erklaͤren Sie mir ſogleich, was Sie damit ſagen wollen.“ 1 „Das Fräulein weiß ſicherlich beſſer als ich, was ich damit ſagen will.“ 8 4 „Nein, ich weiß es nicht, und errathe es beſonders nicht, denn ich habe nicht Zeit, die Räthſel aufzulöſen, die Du mir vorlegſt. Nicht wahr, Du erſuchſt mich um meine Einwilligung zu Deiner Heirath?“ „Ja, nicht zu grollen, weil mich Gilbert liebt.“ „Was geht es mich an, daß Gilbert Dich liebt oder nicht liebt? In der That, Du ermüdeſt iche 1 4 1 t Stacheln mein Fräulein, und ich bitte das Fräulein, mir — Nicole erhob ſich auf ihren kleinen Füßen wie ein junger Hahn auf ſeinen Sporen. Der ſo lange zurück⸗ gehaltene Zorn brach endlich aus. „Uebrigens hat das Fräulein vielleicht Gilbert bereits daſſelbe geſagt,“ verſetzte ſie. „Spreche ich mit Deinem Gilbert? Laß mich in Ruhe, Du biſt eine Thörin.“ „Wenn das Fräulein nicht mit ihm ſpricht, oder nicht mehr mit ihm ſpricht, ſo denke ich, es iſt noch nicht lange her.“ Andrée ging auf Nicole zu, die ſie mit einem bewun⸗ derungswürdigen Blicke der Verachtung gänzlich bedeckte. „Du drehſt Dich ſeit einer Stunde um irgend eine Frechheit. Mache ein Ende: ich will es haben.“ „Aber...“ verſetzte Nicole ein wenig erſchüttert. „Du ſagſt, ich habe mit Gilbert geſprochen?“ „Ja, mein Fräulein, ich ſage es.“ Ein Gedanke, den ſie lange Zeit für unmöglich ge⸗ halten hatte, kam Andrée in den Kopf. „ Cott vergebe mir! dieſe Unglückliche iſt eiferſüchtig,“ rief ſie, in ein Gelächter ausbrechend.„Beruhige Dich, meine kleine Legay, ich ſchaue ihn nicht an, Deinen Gil⸗ bert, und ich wüßte nicht einmal zu ſagen, von welcher Farbe ſeine Augen ſind.“ 5 Und Andrée fühlte ſich ganz geneigt, das zu verge⸗ ben, was ihrer Anſicht nach nicht mehr eine Frechheit, ſondern eine Tollheit war. Das paßte nicht in die Rechnung von Nicole; ſie be⸗ trachtete ſich als die Beleidigte und wollte keine Verzeihung aben. 5„Ich glaube es wohl,“ verſetzte ſie,„ihn bei Nacht anzuſchauen, iſt nicht das Mittel, es zu erfahren.“ „ Wie beliebt?“ fraßte Andrée, welche zu begreifen anfing, aber noch nicht glauben konnte. & „Ich ſage, wenn das Fräulein Gilbert nur bei Nacht ſpreche, wie ſie es geſtern gethan, ſo ſei dies nicht das 165 Mita, die Einzelnheiten ſeines Geſichtes genau kennen zu ernen.“ „Wenn Du Dich nicht auf der Stelle erklärſt, ſo nimm Dich in Acht,“ rief Andrée erbleichend. „Ohl das wird ganz leicht ſein...“ antwortete Nicole, von ihrem Klugheitsplane abweichend,„ich habe dieſe Nacht geſehen.. ℳ. 5„Schweige, man ſpricht von unten mit mir,“ ſagte Andrée. Es rief wirklich eine Stimme von dem Blumengärt⸗ chen herauf: „Andrée! Andrée!“— „Es iſt Ihr Herr Vater, mein Fräulein, mit dem Fremden, der die Nacht hier zugebracht hat,“ ſagte Nicole. „Gehe hinab, ſage, ich könne nicht antworten; ſage, ich leide, ich habe eine Steife in den Gliedern, und komm' dann zurück, damit ich dieſen ſeltſamen Streit endige, wie es ſich gebührt.“ „Andrée,“ rief abermals der Baron,„es iſt Herr von Balſamo, der Dir ganz einfach ſein Morgenkompli⸗ ment machen will.“ „Gehe, ſage ich Dir,“ wiederholte Andrée und wies Nicole die Thüre mit der Geberde einer Königin. Nicole gehorchte, wie man Andrée gehorchte, wenn ſie befahl, ohne eine Sylbe zu erwiedern, ohne eine Miene zu verziehen. 3 Als aber Nicole ſich entfernt hatte, ging etwas Selt⸗ ſames bei Andrée vor; ſo entſchloſſen ſie auch war, ſo fuhlte ſie ſich doch wie durch eine höhere, unwiderſtehliche Macht nach dem Fenſter gezogen, das Legay halb offen gelaſſen hatte. Sie ſah nun Balſamo, der ſeine Augen auf ſie hef⸗ tete und ſich tief vor ihr verbeugte. Sie wankte und hielt ſich an den Läden, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. „Guten Morgen, mein Herr,“ antwortete ſie auf ſeinen Gruß. 166 Sie ſprach dieſe Worte gerade in dem Augenblick, wo Nicole dem Baron gemeldet hatte, ſeine Tochte würde nicht autworten; Nicole riß vor Erſtaunen den Mund auf und begriff dieſen ſeltſamen Widerſpruch nicht. Bon allen ihren Kräften verlaſſen, ſank Andrée beinahe unmittelbar hierauf in einen Lehnſtuhl. Balſamo ſchaute ſie beſtändig an. XII. Bei Tage. Der Reiſende war früh am Morgen aufgeſtanden, um ſeinen Wagen ein wenig zu betrachten und ſich nach der Geſundheit von Althotas zu erkundigen.— Ss ſchlief noch Jedermann im Schloſſe, Gilbert aus⸗ genommen, der, hinter dem Gitter eines Zimmers verbor⸗ gen, das er neben der Hausthure bewohnte, neugierig die Manoeuvres von Balſamo verfolgte und alle ſeine Schritte beobachtete. Balſamo aber zog ſich zurück, ſchloß die Thüre der Abtheilung von Althotas und war bereits fern, ehe Gilbert einen Fuß in die Allee geſetzt hatte. Als Balſamo gegen das Gebüſch hinaufging, war er betroffen von der Veränderung, das der Tag in dem Gemälde hervorbrachte, welches ihm am Abend zuvor ſo duͤſter gedünkt hatte. Das kleine, weiß und rothe, von Steinen und Back⸗ ſteinen gebaute Schloß war überragt von einem Walde von Adamsfeigenbäumen und ungeheuren Bohnenbäumen, deren wohlriechende Blüthenbüſcheln auf ſein Dach fielen und die Pavillons wie goldene Kronen umfingen. Vor dem Blumenbeete bildete ein Teich von unge⸗ faͤhr dreißig Schritten im Gevierte, mit einer breiten Ein⸗ 167 faſſung von Raſen und einer Hecke von blühendem Holun⸗ der, einen köſtlichen Ruhepunkt für den Blick, der auf dieſer Seite durch die Höhe der Kaſtanienbäume und der Zittereſpen gehemmt war.. Auf jeder Seite der Pavillon lief bis zu einem buſchigen Gehölze, der Zufluchtsſtätte einer Menge von Vögeln, deren Morgenconcert man im Schloffe hörte, lief, ſagen wir, eine breite Allee von Ahornbäumen, Pla⸗ tanen und Linden hinauf. Balſamo wählte die links und befand ſich nach etwa zwanzig Schritten in einem grünen Gebüſche, deſſen Roſen und wilde Jasmine, am Abend zuvor durch den Regen durchnäßt, köſtliche Wohlgerüche ausſtrömten. Unter den Einfaſſungen von Hartriegel drangen Geisblatt und Jasmin hervor und eine lange Allee von Iris, vermiſcht mit Erdbeerpflanzen, ver⸗ lor ſich unter einem Gehölze, das ganz von blühenden Brombeerſtauden und wilden Roſenſträuchen durchſchlun⸗ gen war So gelangte Balſamo bis auf den Höhenpunkt. Er ſah hier die majeſtätiſchen Trümmer eines aus Kieſelſtein erbauten Schloſſes Die Hälfte eines Thurmes beſtand allein noch inmitten einer ungeheuren Anhäufung von Steinen, über welche ſich lange Guirlanden von Epheu und Jungfernrebe hinſchlängelten... von dieſen wilden Kindern der Zerſtörung, welche die Natur auf die Ruinen gepflanzt hat, um dem Menſchen anzudenten, ſelbſt die Trümmer ſeien fruchtbar. So betrachtet, fehlte es dem Gute Taverney, das ſich ungefähr auf ſieben bis acht Morgen beſchränkte, weder an Würde noch an Anmuth. Das Haus glich einer von jenen Höhlen, deren Zugänge die Natur durch ihre Blu⸗ men, durch ihre Lianen verſchönert, während ſie die lau⸗ nenhaſte Phantaſie mit ihren Felsgruppen ſchmückt, deren äußere Nacktheit aber den verirrten Reiſenden, welcher von dieſen hohlen Felſen eine Zufluchtsſtätte für die Nacht verlangt, erſchreckt und zurückſtößt Als Balſamo nach einem Spaziergange von einer 168 Stunde nach dem Wohngebänude zurückkam, ſah er den aron, ſeine gebrechliche Perſon in einen großen Schlaf⸗ rock von blauem Kattun gehüllt, durch eine Seitenthüre, welche auf die Treppe ging, aus dem Hauſe herauskom⸗ men und im Garten umherlaufen, wobei er ſeine Roſen ausklaubte und Wegſchnecken niedertrat. Balſamo ging ihm ſchleunigſt entgegen. „Mein Herr,“ ſagte er mit einer Höflichkeit, welche um ſo feiner erſcheinen mußte, als er die Armuth ſeines Wirthes noch tiefer ergründet hatte,„erlauben Sie mir, Ihnen zugleich meine Entſchuldigung auszuſprechen und meine Achtung zu bezeigen. Ich hätte Ihr Erwachen abwarten müſſen, um herabzugehen, aber von meinem Fenſter aus verführte mich der Anblick von Taverney, ich wollte von Nahem den ſchönen Garten und die eindrucks⸗ vollen Ruinen ſehen.“ „Es iſt nicht zu leugnen, mein Herr, die Ruinen ſind ſehr ſchön,“ antwortete der Baron, nachdem er die Alrtigkeiten von Balſamo erwiedert hatte.„Es iſt ſogar Allles, was ſich Schönes hier findet.“ „Es war ein Schloß?“ fragte der Reiſende. 8„Ja, das meinige, oder vielmehr das meiner Ahnen, mman nannte es Maiſon⸗Nouge und wir führten lange dieſen Namen mit dem Namen Taverney. Die Baronie iſt ſogar die von Maiſon⸗Rouge. Doch, mein lieber Gaſt, ſprechen wir nicht von dem, was nicht mehr iſt.“ 3 Balſamo verbeugte ſich zum Zeichen der Beipflichtung. 8„Ich wollte Ihnen meinerſeits eine Entſchuldigung ausſprechen, mein Herr,“ fuhr der Baron fort.„Mein aus iſt arm, wie ich Ihnen zum Voraus ſage“ „Ich finde mich vortrefflich darin, mein Herr.“ „Ein Hundeſtall, mein lieber Gaſt, ein Hundeſtall,“ entgegnete der Baron;„ein Neſt, für das die Ratten eine Vorliebe gefaßt haben, ſeitdem ſie durch die Füchſe, die Eidechſen und die Nattern aus dem andern Schloſſe ver⸗ trieben worden ſind. Ahl bei Gott, mein Herr,“ fuhr der Baron fort,„Sie, der Sie ein Zauberer, oder beinahe . 169 ein Zauberer ſind, ſollten mit einem Schlage Ihres Sta⸗ bes das alte Schloß Maiſon⸗Rouge wieder aufrichten und beſonders die zweitauſend Morgen Wieſen und Waldungen, die ſeinen Gürtel bildeten, nicht vergeſſen. Aber ich wette, ſtatt hieran zu denken, waren Sie ſo höſlich, in einem abſcheulichen Bett zu ſchlafen.“ „Ohl mein Herr...“ „Vertheidigen Sie ſich nicht, mein lieber Gaſt. Das Bett iſt abſcheulich, ich kenne es; es iſt das meines Sohnes.“ „Ich ſchwöre Ihnen, Herr Baron, daß mir das Bett, ſo wie es iſt, vortrefflich vorkam. In jedem Fall bin ich beſchämt durch die Güte, die Sie für mich gehabt haben, und ich wünſchte von ganzem Herzen, es Ihnen dadurch zu beweiſen, daß ich Ihnen irgend einen Dienſt leiſten könnte.“ Dem Greiſe, welcher ſtets ſpottete, fehlte es nicht an einer Erwiederung. „Nun!“ ſagte er, auf la Brie deutend, der ihm ein Glas reines Waſſer auf einem herrlichen Teller von ſäch⸗ ſiſchem Porzellan brachte, ves zeigt ſich die Gelegenheit, Herr Baron, thun Sie für mich, was unſer Herr bei der Hochzeit von Kanaan gethan hat, verwandeln Sie dieſes Waſſer in Wein, aber wenigſtens in Burgunder⸗Wein, in Chambertin z. B. und Sie leiſten mir in dieſem Au⸗ genblick den größten Dienſt.“ Balſamo lächelte; der Greis hielt das Lächeln für eine Verneinung; er nahm das Glas und leerte ſeinen Inhalt auf einen Zug. 3 „Ein vortreffliches Specificum,“ ſprach Balſamo, „das Waſſer iſt das edelſte der Elemente, Herr Baron, inſofern der Geiſt Gottes vor der Schöpfung der Welt über dem Waſſer ſchwebte. Nichts widerſteht ſeiner Thä⸗ tigkeit; es durchdringt den Stein und man erkennt viel⸗ leicht eines Tags, daß es den Diamant auflöſt. „Nun! das Waſſer wird mich auflöſen,“ ſprach der Baron,„wollen Sie mit mir trinken, mein Gaſt? Es 170 hat vor meinem Wein den Vortheil, daß es von einem vortrefflichen Gewächſe iſt. Ohl es iſt noch davon übrig. Das iſt nicht wie bei meinem Marasquin.“ „Hätten Sie Ihrem Glaſe ein Glas für mich bei⸗ gefügt, ſo dürſte ich durch dieſe Höflichkeit ein Mittel erlangt haben, Ihnen nützlich zu ſein.“ N„Gut, erklären Sie mir das. Iſt es noch Zeit?“ „Ohl! mein Gott, ja! befehlen Sie dieſem Mann, mir ein Glas ſehr reines Waſſer zu bringen.“ „La Brie, hörſt Du?“ ſagte der Baron. 3 La Brie entfernte ſich mit ſeiner gewöhnlichen Thä⸗ tigkeit. „Wie!“ verſetzte der Baron ſich gegen ſeinen Gaſt umwendend,„wie, das Glas Waſſer, das ich jeden Mor⸗ gen trinke, ſollte Eigenſchaften oder Geheimniſſe enthalten, von denen ich keine Ahnung hatte? Wie? ich hätte ſeit zehn Jahren Alchemie getrieben, wie Herr Jourdain Proſa trieb, ohne es zu vermuthen?⸗ „Ich weiß nicht, was Sie gethan haben, aber ich weiß, was ich thue,“ antwortete Balſamo mit ernſtem one. Dann ſich gegen la Brie umwendend, der den Auf⸗ trag mit wunderbarer Schnelligkeit beſorgt hatte: „Ich danke, mein braver Diener.“. — Und er nahm das Glas aus ſeinen Händen, erhob es bis zur Höhe ſeiner Augen und betrachtete den Inhalt des Kriſtalls, über dem das Tageslicht Perlen ſchwimmen und violette oder diamantene Streifen hinlaufen ließ. „Es muß ſehr ſchön ſein, was man in einem Glaſe Waſſer ſieht“ ſagte der Baron.„Teufel! Teufel!“ „Ja wohl, Herr Baron,“ antwortete der Fremde, „wenigſtens iſt es heute ſehr ſchön.“ Balſamo ſchien ſeine Aufmerkſamkeit zu verdoppeln, während ihm der Baron unwillkührlich mit den Augen folgte und la Brie ihm ganz erſtaunt fortwährend den Teller vorhielt. 3 „Was ſehen Sie, lieber Gaſt?“ fragte der Baron, — n . 171 ſeine Spötterei fortſetzend.„In der That, ich vergehe vor Ungeduld; eine Erbſchaft für mich, ein neues Maiſon⸗ Rouge, um meine kleinen Angelegenheiten wieder in Ord⸗ nung zu bringen?“ „Ich ſehe darin die Aufforderung, die ich an Sie übermache, auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Wirklich! ſoll ich etwa angegriffen werden?“ „Nein, Sie ſollen dieſen Morgen einen Beſuch be⸗ kommen.“ „Dann haben Sie irgend Jemand bei mir Rendez⸗ vous gegeben. Das iſt ſchlimm, mein Herr, ſehr ſchlenn. Nehmen Sie ſich in Acht, es finden ſich vielleicht dieſen Morgen keine junge Feldhühner.“ 3 „Was ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe, iſt ernſter Natur, mein lieber Wirth, und von der höchſten Wichtig⸗ keit; in dieſem Augenblick reiſt Jemand gegen Taverney.“ „Mein Gott! durch welchen Zufall und was für eine Art von Beſuch iſt es? Belehren Sie mich, mein lieber Gaſt, ich bitte Sie, denn ich muß Ihnen geſtehen, für mich, Sie konnten dies an dem etwas ſauren Em⸗ pfang wahrnehmen, der Ihnen bei mir zu Theil gewor⸗ den, für mich iſt jeder Beſuch überläſtig. Sprechen Sie deutlich, mein lieber Zauberer, wenn es Ihnen mög⸗ lich iſt.“ „Es iſt mir nicht nur möglich, ſondern ich ſage mehr, damit Sie keine zu große Verbindlichkeit gegen mich haben: es iſt mir ſogar leicht.“ Und Balſamo richtete ſein forſchendes Auge auf die Opallage, welche im Glaſe wogte. „Nun! ſehen Sie?“ fragte der Baron. „Vollkommen.“ „So ſprechen Sie, meine Schweſter Anna.*) „Ich ſehe eine Perſon von hoher Stellung kommen.“ „Bahl wirklich? Und dieſe Perſon kommt nur ſo, ohne von irgend Jemand eingeladen zu ſein?“ *) Schweſter Anna, die Prophetin. ⸗ 172 „Sie hat ſich ſelbſt eingeladen und Ihr Herr Sohn geleitet ſie.“ „Philipp 9 „Allerdings.“ Hier wurde der Baron von einem Anfall von Hei⸗ terkeit ergriffen, der eben nicht ſehr artig gegen den Zau⸗ berer war. „Ahl ah!“ ſprach er,„mein Sohn geleitet ſie... Sie Jagen, dieſe Perſon werde von meinem Sohne ge⸗ eitet? „Ja, Baron.“ „Sie kennen alſo meinen Sohn?“ „Durchaus nicht.“ „Und mein Sohn iſt in dieſem Augenblick?...“ „Drei Viertelſtunden, vielleicht eine halbe Stunde von hier!“ „Von hier?“ „Ja.“ „ Mein lieber Herr, mein Sohn iſt in Straßburg in Garniſon, und wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen will, für einen Deſerteur erklärt zu werden, ſo ſchwöre ich Ihnen, daß er Niemand bringen kann.“ „Er bringt Ihnen doch Jemand,“ ſagte Balſamo, be⸗ ſtändig ſein Glas unterſuchend „Und dieſer Jemand fragte der Baron,„iſt ein Mann? eine Frau?“ „Es iſt eine Dame, Baron, und ſogar eine ſehr vornehme Dame. Ahl ſehen Sie, etwas Beſonderee, Seltſames!“ „Und Wichtiges?“ verſetzte der Baron.* „Meiner Treue, ja.“* „So vollenden Sie.“ „Sie würden wohl daran thun, Ihre kleine Dienerin zu entfernen, das kleine, drollige Mädchen, wie Sie ſagen, das Horn an der Spitze der Finger hat.“ „Und warum ſollte ich ſie entfernen?“ 173 )n„Nicole Legay hat in Ihrem Geſichte einige Züge yervor... „Daß die erhabene, mächtige Dame, welche komme wird, vielleicht unzufrieden wäre, ihr lebendiges Bit eeinem kurzen Rocke und einem leinenen Halstuchtz .„Nun!“ verſetzte der Baron beſtändig lachend,„wir werden Rath ſchaffen, wenn es ſein muß. Doch hören Sie, lieber Baron, bei dieſer ganzen Geſchichte ergötzt mich mein Sohn am meiſten. Der liebe Philipp, den uuans ein glücklicher Zufall zuführt, ohne: Aufgepaßt! zu ſchreien.“ Und der Baron brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Meine Weiſſagung macht Ihnen alſo Vergnügen?“ ſprach Balſamo mit ernſtem Tone.„Meiner Treue, deſto beſſer; doch an Ihrer Stelle, Baron...“ „An meiner Stelle?“ „Würde ich Befehle geben, Anordnungen treffen..“ „Wirklich?“ „ Ja./ „Ich werde daran denken, lieber Gaſt.“ „Es wäre Zeit.“ „Sie ſagen mir das alſo im Ernſte?“ „Im höchſten Ernſte, Baron; denn wenn Sie die Perſon, die Ihnen die Ehre eines Beſuches erweiſt, wür⸗ dig empfangen wollen, ſo haben Sie keine Minnte mehr zu verlieren.“ Der Baron ſchüttelte den Kopf. „Ich glaube, Sie zweifeln,“ ſprach Balſamo. „Meiner Treue, lieber Gaſt, ich geſtehe, Sie haben es mit dem verhärteteſten Ungläubigen zu thun.“ In dieſem Augenblick geſchah es, daß der Baron ſich gegen den Pavillon ſeiner Tochter wandte, um ihr die Weiſſagung ſeines Gaſtes mitzutheilen und daß er rief: 8„Andrée! Andrée!“. 3 1 Wir wiſſen, wie Andrée die Aufforderung ihres Va⸗ teers erwiederte, und wie ſie der bezaubernde Blick von Balſamo unwillkührlich nach dem Fenſter zog. Nicole war da und ſchaute voll Erſtaunen la Brie der ihr Zeichen machte und zu begreifen ſuchte. „Das iſt teufelmäͤßig ſchwer zu glauben,“ wiederholte der Baron,„und wenn ich nicht ſelbſt ſehe...“ „Da Sie durchaus ſehen müſſen, ſo wenden Sie ſich um,“ ſprach Balſamo und ſtreckte ſeine Hand nach der Allee aus, an deren Ende mit verhängten Zügeln ein Reiter galoppirte, deſſen Pferd den Boden unter ſeinem Hufſchlag erdröhnen machte. „Oh! oh!“ rief der Baron,„hier kommt er in der That.. „Herr Philipp!“ rief Nicole, ſich auf den Fußſpitzen erhebend. 4 3 3 175 „Unſer junger Gebieter!“ ſagte la Brie mit einem freudigen Grunſen. „Mein Bruder! mein Bruder!“ rief Andrée, ihm beide Arme durch das Fenſter entgegenſtreckend. „Sollte es zufällig Ihr Herr Sohn ſein, lieber Ba⸗ ron?“ fragte nachläßig Balſamo. „Ja, bei Gott! er iſt es,“ antwortete der Baron erſtaunt. „Das iſt ein Anfang,“ ſprach Balſamo. „Sie ſind offenbar ein Zauberer?“ fragte der Baron. Ein Lächeln des Triumphes trat auf den Lippen des Fremden hervor. Das Pferd wurde augenſcheinlich größer, man ſah es bald von Schweiß triefend, umgeben von einem feuch⸗ ten Dunſte, aus den letzten Reihen der Bäume hervor⸗ kommen, und es lief noch, als ein Officier von mittlerem Wuchſe, bedeckt mit Koth und das Geſicht belebt von der Schnelligkeit ſeines Rittes, zu Boden ſprang und ſeinen Vater umarmte. „Ah Teufel!“ ſprach der Baron erſchüttert in ſeinen Grundſätzen der Ungläubigkeit.„Ah Teufel!“ „Ja, mein Vater,“ ſagte Philipp, der einen Reſt von Zweifel über dem Geſichte des Greiſes ſchweben ſah, „ich bin es! ich bin es!“ 3 „Allerdings biſt Du es, das ſehe ich bei Gott wohl!“ antwortete der Baron.„Doch durch welchen Zufall biſt Du es?“ „Mein Vater,“ ſprach Philipp,„eine große Ehre widerfährt unſerem Hauſe.“. 2 Der Greis erhob ſein Haupt. „Ein erhabener Beſuch wendet ſich gegen Taverney; in einer Stunde wird Marie Antoinette Joſephe, Erzher⸗ zogin von Oeſterreich und Dauphine von Frankreich, hier ſein. Der Baron ließ ſeine Arme mit eben ſo viel Demuth fallen, als er zuvor Spott und Hohn gezeigt hatte; er wandte ſich gegen Balſamo und ſagte zu dieſem: „Verzeihen Sie, mein Herr, verzeihen Sie. 176 „Mein Herr,“ erwiederte Balſamo, ſich vor Taver⸗ ney verbeugend,„ich laſſe Sie mit Ihrem Sohne; Sie haben ſich ſeit geraumer Zeit nicht geſehen und müſſen ſich tauſend Dinge zu ſagen haben.“ Hieuach grüßte Balſamo Andrée, welche, ganz freudig über die Ankunft ihres Bruders, dieſem entgegenſtürzte, und entfernte ſich, indem er zuvor noch Nicole und la Brie ein Zeichen machte, das ſie ohne Zweifel verſtanden, denn ſie folgten ihm und verſchwanden mit ihm unter den Bäumen der Allee. XIII. Philipp von Taverney. Philipp von Taverney, Chevalier von Maiſon⸗Rouge, Ai durchaus nicht ſeiner Schweſter, obgleich er als Mann ebenſo ſchön war, wie ſie als Frau. In der That, Augen von einem ſanften und ſtolzen Ausdruck, ein ta⸗ delloſer Schnitt des Geſichtes, bewunderungswürdige Hände, ein Frauenfuß und ein vortrefflicher Wuchs machten aus ihm einen reizenden Cavalier. 3 ſo wie es ihnen die Welt gibt, beengt fühlen, war Phi⸗ lipp traurig, ohne düſter zu ſein. Dieſer Traurigkeit hatte her vielleicht ſeine Sanftmuth zu verdanken, denn ohne die zufällige Traurigkeit wäre er von Natur herriſch, ſtolz und wenig mittheilſam geweſen. Das Bedürfniß, mit al⸗ . len Armen, ſeines Gleichen der Sache nach, wie mit al⸗ len Reichen, ſeines Gleichen dem Rechte nach, zu leben, machte eine Natur geſchmeidig, die der Himmel hart, herrſchſüchtig und empfindlich geſchaffen hatte; es liegt immer etwas Verachtung in der Zahmheit des Loͤwen. Philipp hatte kaum ſeinen Vater umarmt, als An⸗ drée ihrer magnetiſchen Erlahmung durch den Anſtoß dieſes Wie alle ausgezeichnete Geiſter, die ſich im Leben, 177 glücklichen Ereigniſſes entriſſen, ſich, wie geſagt, dem jungen Manne um den Hals warf. 1 Dieſe Handlung war von einem Schluchzen begleitet, das den ganzen Werth offenbarte, den das herz des un⸗ ſchuldigen Kindes auf die Wiedervereinigung legte. Philipp nahm Andrée und ſeinen Vater bei der Hand und zog Beide in den Salon, wo ſie ſich allein fanden. „Sie ſind ungläubig, mein Vater, Du biſt über⸗ raſcht, meine Schweſter,“ ſagte er, nachdem er ſie hatte an ſeine Seite ſitzen laſſen.„Nichts kann indeſſen wah⸗ rer ſein; noch einige Augenblicke, und die Frau Dauphine wird ſich in unſerer Wohnung einfinden.“ „Ventrebleu! man muß ſie um jeden Preis daran verhindern,“ rief der Baron;„die Dauphine hier! wenn dergleichen geſchehen würde, ſo wären wir für immer ent⸗ ehrt. Sucht die Frau Dauphine hier ein Muſter des franzöſiſchen Adels, ſo beklage ich ſie, bei Gott! ich be⸗ klage ſie! Doch ſprich, durch welchen Zufall hat ſie ge⸗ rade mein Haus gewählt?“ „SOhl das iſt eine ganze Geſchichte, mein Vater⸗„ „Eine Geſchichte?“ wiederholte Andrée,„erzähle ſte uns.“ „Ja, eine Geſchichte, wegen der diejenigen Gott ſeg⸗ nen müßten, welche vergeſſen, daß er unſer Herr und Retter iſt.“ 3 Der Baron verlängerte die Lippen, wie ein Menſch, deß derm zweifelt, daß der höchſte Gebieter der Menſchen und Dinge ſich herabgelaſſen habe, ſeine Augen auf ihn zu lenken und ſich in ſeine Angelegenheiten zu miſchen. Als Andrée Philipp freudig ſah, zweifelte ſie nicht mehr; ſie drückte ihm die Hand, um ihm für die gute Kunde, die er brachte, zu danken, und flüſterte theilneh⸗ mend an dem Glücke, das er zu empfinden ſchien: „Mein Bruder! mein guter Bruder!“ „Mein Bruder, mein guter Bruder,“ wiederholte der Baron;„ſie ſieht meiner Treue aus, als wäre ſie mit dem, was uns begegnet, zufrieden.“ Denkwurdigkeiten eines Arztes. I. 12 „Sie bemerken wohl, mein Vater, daß Philipp freu⸗ dig zu ſein ſcheint.“ „Weil Philipp ein Enthuſiaſt iſt; aber glücklicher oder unglücklicher Weiſe wäge ich die Dinge ab,“ ſprach Taverney, einen traurigen Blick auf das Geräthe ſeines Salon werfend,„ich ſehe in Allem dem nichts Ergötzliches.“ „Sie werden ſogleich anders urtheilen, mein Vater,“ entgegnete der junge Mann,„wenn ich Ihnen erzählt habe, was mir begegnet iſt.“ „Erzähle alſo,“ brummte der Greis. „Ja, ja, erzähle, Philipp,“ ſagte Andrée. „Nun, ich war, wie Sie wiſſen, in Straßburg in Garniſon. Sie wiſſen auch, daß durch Straßburg die Dauphine ihren Einzug gehalten hat.“ „Weiß man etwas in dieſer Höhle?“ verſetzte Ta⸗ verney.“ „Du ſagſt, lieber Bruder, durch Straßburg habe die Dauphine...“ „Ja, wir warteten vom Morgen an auf dem Gla⸗ eis, es regnete in Strömen, unſere Kleider troffen von Waſſer. Man hatte keine beſtimmte Nachricht, zu wel⸗ cher Stunde die Frau Dauphine ankommen würde. Mein Major ſchickte mich auf Recognoscirung dem Gefolge ent⸗ gegen. Ich machte ungefähr eine Lieue. Plötzlich bei »* der Krümmung des Weges befand ich mich den erſten Reitern der Escorte gegenüber. Ich wechſelte ein paar Worte mit ihnen; ſie ritten unmittelbar vor ihrer König⸗ lichen Hoheit, welche aus dem Kutſchenſchlage ſah und fragte, wer ich ſei. „Es ſcheint, man rief mich zurüͤck, aber ich hatte demjenigen, welcher mich abgeſchickt, eine beſtimmte A twort zu uͤberbringen, und war bereits wieder im Ga⸗ lopp weggeritten. Die Anſtrengung einer Wache von ſechs Stunden war wie durch einen Zauber verſchwunden.“ „Und die Frau Dauphine?“ fragte Andrée. „Sie iſt jung wie Du, und ſchön wie alle Engel,“ antwortete der Chevalier. 179 „Sage mir doch, Philipp...“ ſprach der Baron zögernd. „Nun, mein Vater?“. „Gleicht die Frau Dauphine nicht irgend einer Per⸗ ſon, die Du kennſt?“ „Die ich kenne?“ „Ja.“ 8 „Niemand kann der Frau Dauphine gleichen,“ rief der junge Mann voll Begeiſterung. „Suche.“ Philipp ſuchte. „Nein,“ ſagte er. „Laß ſehen. Nicole, zum Beiſpiel?“ „Ohl das iſt ſeltſam,“ rief Philipp erſtaunt.„Ja, Nicole hat in der That etwas von der erhabenen Reiſen⸗ den. Aber das iſt ſo weit von ihr entfernt, ſo unter ihr! Doch wie konnten Sie dies erfahren, mein Vater?“ „Meiner Treue, ich weiß es von einem Zauberer.“ „Von einem Zauberer?“ rief Philipp erſtaunt. „Ja, der mir zugleich Deine Ankunft vorherſagte.“ „Der Fremde?“ fragte Andrée ſchüchtern. „Iſt der Fremde der Mann, der bei meiner Ankunft in Ihrer Nähe ſtand und ſich ſodann beſcheiden zurückzog?“ „Ganz richtig, doch vollende Deine Erzählung, Philipp.“ „Es wäre vielleicht beſſer, einige Vorbereitungen zu treffen,“ ſagte Andrée.. Doch der Baron hielt ſie bei der Hand zurück und erwiederte: „Je mehr Ihr vorbereitet, deſto lächerlicher werden wir ſein. Fahre fort, Philipp, fahre fort.“ „Sogleich, mein Vater. Ich kam alſo nach Straß⸗ burg zurück, entledigte mich meiner Botſchaft, und man benachrichtigte den Gouverneur, Herrn von Stainville, der alsbald herbeilief. „Als der Gouverneur, durch einen Boten benachrich⸗ tigt, auf das Glacis kam, ſchlug man den Marid das Geleite fin von Kehl. „Ich war in der Nähe des Gouverneur.“ „Herr von Stainville,“ ſagte der Baron,„warte doch, ich habe einen Stainville gekannt...“ „Ein Schwager vom Miniſter, von Herrn v. Choiſeul.“ „Ganz richtig; fahre fort, fahre fort,“ ſprach der Baron. „Die Frau Dauphine, welche noch jung iſt und ohne Zweifel die jungen Geſichter liebt, denn ſie hörte ziemlich zerſtreut die Complimente des Herrn Gouverneur an, hef⸗ tete die Augen auf mich, der ich aus Reſpect zurückgetre⸗ ten war, und fragte auf mich deutend: „Iſt das nicht der Herr, der mir entgegengeſchickt wurde?“ „„Ja, Madame,““ antwortete Herr von Stainville. „„Nähern Sie ſich, mein Herr,““ ſagte ſie. „Ich näherte mich.“ „Wie heißen Sie?““ fragte die Frau Dauphine mit einer bezaubernden Stimme. 6. „„Chevalier von Taverney⸗Maiſon⸗Rouge,““ antwor⸗ tete ich ſtammelnd. „„Schreiben Sie dieſen Namen auf, meine Liebe,“" ſagte die Frau Dauphine zu einer alten Dame, welche, wie ich ſeitdem erfahren habe, ihre Hofmeiſterin, die Gräfin von Langershauſen, war, und die auch wirklich meinen Namen in ihrer Schreibtafel aufzeichnete. „Dann ſich wieder an mich wendend, ſagte ſie: „„Ah! mein Herr, in welchen Zuſtand hat Sie die⸗ ſes abſcheuliche Wetter verſetzt! In der That, ich mache mir große Vorwürfe, wenn ich bedenke, daß Sie für mich ſo viel gelitten haben.““ „Wie gut daz von der Frau Dauphine iſt, und was für reizende Wor ¹“ rief Andrée, die Hände faltend. „Ich habe ke auch Sylbe für Sylbe behalten, mit dem Tone, mit ſie Miene des Geſichtes, die ſie begleitete, Allles, Alles, bl der⸗ ſprach Philipp. g an zu erſcheinen und wir eilten an das Thor — 181 „Sehr gut! ſehr gut!“ murmelte der Baron mit ei⸗ nem ſeltſamen Lächeln, in dem man zugleich die väterliche Eitelkeit und die ſchlimme Meinung leſen konnte, die er von den Frauen und ſogar von den Koͤniginnen hatte.„Gut, fahre fort, Philipp.“ „Was antworteteſt Du?“ fragte Andrée. „Ich antwortete nichts; ich verbeugte mich bis auf den Boden, und die Frau Dauphine zog vorüber.“ „Wie! Du haſt nichts geantwortet?“ rief der Baron. „Ich hatte keine Stimme mehr, mein Vater. All mein Leben hatte ſich in mein Herz zurückgezogen, das ich mit der größten Heftigkeit ſchlagen fühlte.“ „Den Teufel... wenn ich in Deinem Alter, als ich der Prinzeſſin Leczinska vorgeſtellt wurde, nichts zu ſagen gefunden hätte!“ „Sie haben viel Geiſt, mein Vater,“ erwiederte Phi⸗ lipp ſich verbeugend. Andrée drückte ihm die Hand. „Ich benützte die Abfahrt Ihrer Hoheit,“ ſprach Phi⸗ lipp,„um in meine Wohnnng zurückzukehren und eine neue Toilette zu machen, denn ich war in der That ganz durchnäßt und zum Erbarmen mit Koth überzogen.“ „Armer Bruder!“ murmelte Andrée. „Die Frau Dauphine war indeſſen im Rathhauſe an⸗ gelangt und empfing die Glückwünſche der Einwohner. Als dieſe Glückwünſche erſchöpft waren, meldete man ihr, die Tafel ſei beſtellt, und ſie ſetzte ſich zu Tiſche. „Einer meiner Freunde, der Major des Regiments, derſelbe, der mich Ihrer Hoheit entgegengeſchickt hatte, verſicherte mich, die Prinzeſſin habe wiederholt umherge⸗ ſchaut und in den Reihen der Officiere, die dem Mittags⸗ mahle beiwohnten, etwas geſucht. „Nach einer zwei⸗ bis dreimal vergebens erneuerten Forſchung dieſer Art ſprach Ihre Hoheit: „„SIch ſehe den jungen Officier nicht, der mir dieſen Morgen entgegengeſchickt worden iſt. Hat man ihm nicht geſagt, ich wünſche ihm zu danken?““ 182 „Der Major ſchritt vor. „„Madame““ erwiederte er, mider Herr Lieutenant von Taverney mußte nach Hauſe zurückkehren, um die Kleider zu wechſeln und ſich ſodann auf eine anſtändigere Weiſe vor Eurer Königlichen Hoheit zeigen zu können.““ „Einen Augenblick nachher trat ich ein. Ich war nicht fünf Minuten im Saale, als mich die Frau Dau⸗ phine erblickte. „Sie hieß mich durch ein Zeichen zu ihr kommen, näherte mich ihr. 1 „„Mein Herr,““ ſagte ſie zu mir,„ſollte es Ihnen widerſtreben, mir nach Paris zu folgen?“u „„Oh Madame!““ rief ich,„„ganz im Gegentheil, das wäre das höchſte Glück für mich; aber ich bin im Dienſte, in Garniſon in Straßburg, und...““ „„Und. 2“7 „„Das heißt, Madame, nur mein Wunſch allein ge⸗ hört mir.““ „„Von wem hängen Sie ab?““ „„Vom Militaire⸗Gouverneur.““ „„Gut... ich werde das mit ihm anordnen.““ „Sie machte mir ein Zeichen mit der Hand, und ich zog mich zurück. „Am Abend näherte ſie ſich dem Gouverneur und fagte zu ihm:. „„Mein Herr, ich habe eine Laune zu befriedigen.““ „„Nennen Sie dieſe Laune, und ſie wird ein Befehl für mich ſein, Madame.““ „„„Ich hatte Unrecht zu ſagen, eine Laune zu befrie⸗ digen, ich habe ein Gelübde zu erfüllen.““ „„Die Sache wird mir nur um ſo heiliger ſein... prechen Sie, Madame!“ „„Wohl! ich habe das Gelübde gethan, den erſten ranzoſen, wer er auch ſein möchte, dem ich, den Fuß auf den Boden von Frankreich ſetzend, begegnen würde, in meine Dienſte zu nehmen und ſein Gluͤck und das ſeiner V 183 Familie zu machen, wenn es überhaupt in der Macht der Fürſten liegt, das Glück von irgend Jemand zu machen „„Die Fürſten ſind die Stellvertreter Gottes auf Erden. Und wer iſt die Perſon, die das Glück gehabt, zuerſt von Eurer Hoheit begegnet zu werden?“ „Herr von Taverney⸗Maiſon⸗Rouge, der junge Lieutenant, der Sie zuerſt von meiner Ankunſt benach⸗ richtigte.““ „„Wir werden Alle auf Herrn von Taverney eifer⸗ ſüchtig ſein, Madame,““ ſprach der Gouverneur;„„doch wir dürfen das Glück, das ihm beſchieden iſt, nicht ſtören; er wird durch den Befehl, in hieſiger Garniſon zu bleiben, zurückgehalten, aber wir heben den Befehl auf; er iſt durch ſein Engagement gebunden, aber wir brechen ſein Engagement, und er wird zu gleicher Zeit mit Eurer Kö⸗ niglichen Hoheit abreiſen““ „In der That, an demſelben Tag, an dem der Wa⸗ gen Ihrer Hoheit Straßburg verließ, erhielt ich Befehl, zu Pferde zu ſteigen und ſie zu begleiten Seit dieſem Au⸗ genblick habe ich den Schlag ihrer Carroſſe nicht verlaſſen.“ „Eil ei!“ machte der Baron mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln;„ei! eil es wäre ſonderbar, doch es iſt nicht unmöglich.“ „Wie, mein Vater?“ verſetzte naiv der junge Mann. „Ohl ich verſtehe,“ ſprach der Baron,„ich verſtehe, eil ei!⸗⸗ „Aber, mein lieber Bruder,“ entgegnete Andrée,„ich ſehe noch nicht ein, wie bei Alle dem die Frau Dauphine nach Taverney kommen konnte.“ „Warte; es war geſtern Abend gegen eilf Uhr; wir kamen nach Nancy und durchzogen die Stadt mit Fackeln. Die Dauphine rief mich. „„Herr von Taverney,““ ſagte ſie,„ntreiben Sie die Escorte zur Eile an.““ „Ich machte ein Zeichen, daß die Dauphine raſcher zu fahren wünſche. 1 184 „„Ich will morgen frühzeitig abreiſen,““ fügte die auphine bei. „„Eure Hoheit gedenkt vielleicht eine lange Etape zu machen?““ fragte ich. „Nein, ich wünſche auf dem Wege anzuhalten“ „Etwas wie eine Ahnung ergriff mein Herz bei dieſen Worten. „„Auf dem Wege?““ wiederholte ich. „„Ja,““ ſagte Ihre Königliche Hoheit. Ich ſchwieg „Sie errathen nicht, wo ich anhalten will? fragte ſie lächelnd. „„Nein, Madame.““ „„„Ich will in Taverney anhalten.““ „Mein Gott!““ rief ich,„warum dies? 1a „„Um Ihren Vater und Ihre Schweſter zu ſehen.““ „„Meinen Vater! meine Schweſter... wie! Eure Kö⸗ nigliche Hoheit weiß!..“ „„Ich habe mich erkundigt und erfahren, daß Sie zweihundert Schritte von der Straße, der wir folgen, woh⸗ nen. Sie werden Befehl geben, daß man in Taverney anhält.”““ 3 „Der Schweiß trat mir auf die Stirne und ich er⸗ wiederte Ihrer Königlichen Hoheit ſchleunigſt und mit ei⸗ nem Zittern, das Sie begreifen können: „„Madame, das Haus meines Vaters iſt nicht würdig, eine ſo hohe Fürſtin, wie Sie ſind, zu empfangen.““ n„Warum?““ fragte Ihre Königliche Hoheit. „„Wir ſind arm, Madame.““ 3 „„Deſto beſſer, ich bin überzeugt, der Empfang wird darum nur um ſo herzlicher und einfacher ſein. So arm Taverney auch ſein mag, ſo gibt es doch wohl eine Schale ilch für eine Freundin, die einen Augenblick vergeſſen will, daß ſie Erzherzogin von Oeſterreich und Dauphine von Frankreich iſt.““ „Oh! Madame,““ antwortete ich mich verbeugend. 185 „Das war Alles. Die Ehrfurcht hielt mich ab, mehr zu ſagen. „Ich hoffte, Ihre Hoheit würde dieſes Vorhaben ver⸗ geſſen, oder Ihre Laune würde ſich dieſen Morgen in der friſchen Luft auf der Landſtraße zerſtreuen, doch dem war nicht ſo. Auf der Station in Pont⸗ à⸗Mouſſon fragte mich Ihre Hoheit, ob wir uns Taverney näherten, und ich war genöthigt, zu antworten, wir wären nur noch drei Lieues davon entfernt.“ „Ungeſchickter!“ rief der Baron. „Ach! es war, als erriethe die Dauphine meine Ver⸗ legenheit„„Haben Sie nicht bange,““ ſagte ſie zu mir, „„mein Aufenthalt wird nicht lange dauern; doch da Sie mir mit einem Empfang drohen, der mich leiden machen ſoll, ſo werden wir quitt ſein, denn ich habe Ihnen bei meinem Einzug in Straßburg ebenfalls Beſchwerden zu⸗ gezogen.““ Sagen Sie mir, mein Vater, wie konnte ich ſo bezaubernden Worten widerſtehen?“ „Oh!“ rief Andrée„und Ihre Königliche Hoheit, die ſo gut iſt, wie es ſcheint, wird ſich mit meinen Blumen und mit einer Taſſe von meiner Milch, wie ſie geſagt hat, begnügen.“ „Ja, aber ſie wird ſich nicht mit meinen Lehnſtühlen, die ihr die Kuochen zerbrechen werden, und mit meinem Täfelwerk begnügen, das ihren Blick verdüſtern muß. Zum Teufel mit dieſen Launen! Frankreich wird wieder gut von einer Frau beherrſcht werden, die ſolche Phantaſien hat! Peſt! das iſt die Morgenröthe einer ſeltſamen Re⸗ gierung!“ „Ohl mein Vater, können Sie ſolche Dinge von einer Prinzeſſin ſagen, die uns mit Ehren überhäuft?“ „Die mich im Gegentheil bald entehren wird,“ rief der Greis.„Wer denkt in dieſem Augenblick an die Ta⸗ verney? Niemand. Der Name der Familie ſchläft unter den Trümmern von Maiſon⸗Rouge, und ich hoffte, er würde nur auf eine gewiſſe Weiſe und wenn der Augen⸗ blick gekommen wäre, wieder an das Tageslicht treten z doch 186 nein, ich hoffte mit Unrecht, die Laune eines Kindes er⸗ weckt ihn, getrübt, beſtaubt, ſchäbig, elend. Die Zeitungen, welche auf Alles lauern, was lächerlich iſt, um den Scan⸗ dal daraus zu ziehen, von dem ſie leben, werden in ihren ſchmutzigen Artikeln den Beſuch einer hohen Fürſtin in der Barake von Taverney ſchildern. Cordien! ich habe einen Gedanken.“ 1 Der Baron ſprach dieſe Worte mit einem Nachdruck, der die jungen Leute zittern machte. .„Was wollen Sie damit ſagen, mein Vater?“ fragte Philipp. „Ich ſage, daß man ſeine Geſchichte kennt,“ mur⸗ melte der Baron,„und wenn der Herzog von Medina einen Palaſt angezündet hat, um eine Königin zu umar⸗ men, ſo kann ich wohl ein elendes Neſt in Brand ſtecken, um von dem Empfange einer Dauphine befreit zu ſein. Laßt die Prinzeſſin nur kommen.“ Die jungen Leute hatten nur die letzten Worte ge⸗ hört und ſchauten ſich unruhig an. „Laßt ſie kommen,“ wiederholte Taverney. „Sie kann nicht mehr lange ausbleiben,“ antwortete Philipp,„ich habe einen kürzeren Weg durch den Wald von Pierrefitte eingeſchlagen, um ein paar Minuten Vor⸗ ſprung vor dem Gefolge zu gewinnen, doch ſie können nicht mehr fern ſein.“ „Dann iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte der Baron. Und raſch, als ob er erſt zwanzig Jahre alt wäre, verließ er den Salon, lief in die Küche, riß ein brennen⸗ des Scheit aus dem Herde, eilte nach dem Speicher, der mit trockenem Stroh, Luzerne und Bohnen gefüllt war, und näherte bereits das Scheit den Futterbünden, als ſich Balſamo hinter ihm erhob und ihn beim Arm faßte. „Was machen Sie denn, mein Herr?“ ſagte er, in⸗ dem er den Brand aus den Händen des Greiſes riß;“ die Erzherzogin von Oeſterreich iſt kein Connetable von Bourbon, und ihre Pegenwort beſchmutzt ein Haus nicht dergeſtalt, daß 3 3. * — — — 2 —— α————8 ν 8NAn 187 man es eher verbrennt, als ſie einen Fuß darein ſetzen läßt.“ Der Greis hielt bleich und zitternd inne und lächelte nicht mehr, wie gewöhnlich. Er hatte alle ſeine Kräfte zuſammenraffen müſſen, um für ſeine Ehre, wenigſtens ſo wie er ſie verſtand, einen Entſchluß zu faſſen, der aus ei⸗ ner noch erträglichen Mittelmäßigkeit ein vollſtändiges Elend machen ſollte. „Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie,“ ſprach Bal⸗ ſamo;„Sie haben nur noch Zeit dieſen Schlafrock abzu⸗ legen und ſich anſtändiger zu kleiden. Als ich bei der Belagerung von Philippsburg den Baron von Taverney kennen lernte, war er Großkreuz vom Heiligen⸗Ludwigs⸗ Orden. Ich weiß kein Gewand, das nicht unter einer ſol⸗ chen Decoration reich und zierlich würde.“ „Aber, mein Herr,“ verſetzte Taverney,„bei Alle dem wird die Dauphine ſehen, was ich nicht einmal Ihnen zeigen wollte: daß ich unglücklich bin.“ „Seien Sie unbeſorgt, Baron, man wird ſie ſo be⸗ ſchäftigen, daß ſie gar nicht bemerkt, ob Ihr Haus neu oder alt, arm oder reich iſt. Seien Sie gaſtfreundlich mein Herr, es iſt Ihre Pflicht als Edelmann. Was wer⸗ den die Feinde Ihrer königlichen Hoheit machen, und ſie hat deren eine gute Zahl, wenn ihre Freunde ihre Schloͤſ⸗ ſer verbrennen, um ſie nicht unter ihrem Dache aufzuneh⸗ men? Greifen wir nicht zukünftigem Aergerniß vor, mein Herr; jedes Ding hat ſeine Zeit.“ Herr von Taverney gehorchte mit jener Reſignation, von der er ſchon einmal eine Probe abgelegt hatte, und ging wieder zu ſeinen Kindern, die ihn, unruhig über ſeine Abweſenheit, überall ſuchten. Balſamo zog ſich ſtillſchweigend zurück, als wollte er ein begonnenes Werk vollenden. * 188 XIV. Marie Antoinette Joſephe. Es war in der That keine Zeit zu verlieren, wie Balſamo geſagt hatte; ein gewaltiges Geräuſch von Wa⸗ gen, von Stimmen und Pferden erſcholl auf dem ſonſt ſo friedlichen Wege, der von der Straße nach dem Hauſe des Baron von Taverney führte. Man ſah nun drei Carroſſen, wovon die eine, mit Vergoldungen und mythologiſchen Basreliefs beladen, trotz ihrer Pracht nicht minder ſtaubig, nicht minder mit Koth beſpritzt war, als die andern, vor das große Thor fahren, das Gilbert offen hielt, deſſen weit aufgeſperrte Augen und fieberhaftes Zittern lebhafte Aufregung bei dem An⸗ blick von ſo viel Herrlichkeit andeuteten. Zwanzig Cavaliere, alle jung und glänzend, reihten ſich bei dem Hauptwagen auf, als, unterſtützt von einem ſchwarz gekleideten Mann, der auf ſeinem Rocke das große Band des Ordens trug, ein junges Mädchen von fünfzehn bis ſechzehn Jahren ausſtieg, das ohne Puder, aber mit einer Einfachheit friſirt war, welche ihr Haar nicht ab⸗ hielt, ſich einen Fuß über ihre Stirne zu erheben. Marie Antoinette, denn ſie war es, kam nach Frank⸗ reich mit einem Rufe der Schönheit, den nicht immer die Prinzeſſinnen brachten, die den Thron unſerer Könige zu theilen beſtmmt waren. Es ließ ſich ſchwer eine feſte Anſicht über ihre Augen faſſen, die, ohne gerade ſchön zu ſein, nach ihrem Willen alle Ausdrücke und beſonders die ſo ſehr entgegengeſetzten der Sanftmuth und der Verach⸗ tung annahmen; ihre Naſe war gut geformt; ihre Ober⸗ lippe war ſchön, aber zu dick, zu ſehr hervorſtehend und zuweilen herabfallend ſchien ihre Unterlippe, ein ariſtokra⸗ tiſches Erbtheil von ſiebenzehn Cäſaren, nur auf eine ent⸗ ſprechende Weiſe zu dieſem hubſchen Geſichte zu ſtehen, wenn dieſes hübſche Geſicht Zorn oder Entrüſtung aus⸗ /2 ——— —————— 189 drücken wollte. Ihr Teint war bewunderungswürdig; man ſah das Blut unter dem zarten Gewebe ihrer Haut hinlaufen; ihre Bruſt, ihr Hals, ihre Schultern waren von außerordentlicher Schönheit, ihre Hände königlich. Sie hatte zwei verſchiedene Gänge: der eine, den ſie an⸗ nahm, war feſt, edel und etwas eiligz der andere, dem ſie ſich hingab, war weich, wiegend und ſo zu ſagen ſchmei⸗ chelnd. Nie hat eine Frau eine Verbeugung mit mehr Anmuth gemacht. Nie hat eine Königin mit mehr Wiſſen gegrüßt. Sie bückte den Kopf ein einziges Mal für zehn Perſonen und gab in dieſer einzigen Verbeugung Jedem das, was ihm gebührte. Marie Antoinette hatte an dieſem Tag ihren Frauen⸗ blick, ihr Frauenlächeln und ſogar das Lächeln der glück⸗ lichen Fran; ſie war entſchloſſen, an dieſem Tage wo möglich nicht mehr Dauphine zu werden. Die ſüßeſte Ruhe herrſchte auf ihrem Geſicht, das reizendſte Wohl⸗ wollen belebte ihre Augen. Sie trug ein Kleid von weißer Seide, und ihre ſchönen, entblößten Arme hielten ein Mäntelchen von dichten Spitzen. Kaum hatte ſie den Fuß auf die Erde geſetzt, als ſie ſich umwandte, um einer ihrer Ehrendamen, die das Alter etwas beſchwerte, aus dem Wagen zu helfen; dann ſchlug ſie den Arm aus, den ihr der Mann mit dem ſchwarzen Kleide und dem blauen Bande bot, und ſchritt vorwärts, frei, die Luft einathmend und die Augen um⸗ herwerfend, als wollte ſie bis in die geringſten Einzeln⸗ heiten die ſeltene Freiheit genießen, die ſie ſich gab. „Ohl die ſchöne Lage! die ſchönen Bäumel! das hübſche Häuschen!“ ſagte ſie.„Wie glücklich muß man in dieſer guten Luft und unter dieſen Bäumen ſein, unter denen man ſo trefflich verborgen iſt.“ In dieſem Augenblick erſchien Philipp von Taverney, gefolgt von Andrée, die mit ihren langen, in Flechten ge⸗ wundenen Haaren und in einer Robe von leinbluthfarbi⸗ ger Seide ihren Arm dem Baron gab, der ein ſchönes Kleid von königsblauem Sammet, einen Ueberreſt ſeiner 1 190 ehemaligen Herrlichkeit trug. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Baron gemäß der Ermahnung von Balſamo ſein großes Band vom Heiligen⸗Ludwigs⸗Orden nicht vergeſſen hatte.— 8 Die Dauphine blieb ſtehen, ſobald ſie die zwei Per⸗ ſonen erblickte, die auf ſie zukamen. Um die junge Prinzeſſin gruppirte ſich ihr Hof: Of⸗ fieiere, die ihre Pferde am Zuͤgel hielten, und Höflinge, den Hut in der Hand, die Arme auf einander ſtützend und leiſe fluſternd. Philipp von Taverney näherte ſich der Dauphine, bleich vor innerer Bewegung und mit einem ſchwermuͤthi⸗ gen Adel. „Madame,“ ſprach er,„wenn es Euere Königliche Hoheit erlaubt, werde ich die Ehre haben, ihr den Herrn Baron von Taverney⸗Maiſon⸗Rouge und Fräulein Claire⸗ Andrée von Taverney, meine Schweſter, vorzuſtellen?“ Der Baron verbeugte ſich tief und wie ein Mann, der Königinnen zu grußen weiß Andrée entwickelte alle Anmuth zierlicher Schüchternheit, die ganze, ſo ſchmeichel⸗ hafte Höflichkeit einer aufrichtigen Ehrfurcht. Marie Antoinette ſchaute die zwei jungen Leute an, und da ſie ſich deſſen erinnerte, was ihr Philipp von der Armuth ihres Vaters geſagt hatte, ſo errieth ſie ihr Leiden. „Madame,“ ſprach der Baron mit einem Tone voll Würde,„Eure Königliche Hoheit erweiſt dem Schloſſe Taverney zu viel Ehre; eine ſo niedrige Wohnung iſt nicht würdig, ſo viel Adel und Schönheit aufzunehmen.“ „Ich weiß, daß ich bei einem alten Soldaten Frank⸗ reichs bin,“ antwortete die Dauphine,„und meine Mutter, die Kaiſerin Maria Thereſia, welche viel Krieg geführt, hat mir geſagt, in Ihrem Lande ſeien die Reichſten an Nuhm beinahe immer die Aermſten an Geld.“ Und ſie reichte mit einer unbeſchreiblichen Anmuth ihre Hand Andrée, welche ſie niederknieend küßte. Ganz und gar von ſeinem vorherrſchenden Gedanken ————— RN—& 191 erfüllt, erſchrak indeſſen der Baron über die große Anzahl von Leuten, welche ſein kleines Haus füllen und der Stuͤhle entbehren ſollten. Die Dauphine entzog ihn ſogleich der Verlegenheit. „Meine Herren,“ ſagte ſie, ſich an die Perſonen wendend, die ihr Gefolge bildeten,„Sie ſollen weder die Anſtrengung meiner Launen ertragen, noch das Vorrecht einer Dauphine genießen. Ich bilte Sie, erwarten Sie mich hier;z in einer halben Stunde komme ich zurück. Be⸗ gleiten Sie mich, meine gute Langershauſen,“ ſagte ſie deutſch zu derjenigen von ihren Frauen, welche ſie beim Ausſteigen aus dem Wagen unterſtützt hatte.„Folgen Sie uns, mein Herr,“ ſprach ſie zu dem ſchwarz gekleide⸗ ten Mann. Unter einem einfachen Kleide bot dieſer eine merk⸗ würdige Eleganz; er war ein Mann von höchſtens dreißig Jahren, von ſchönem Geſicht und anmuthigen Manieren. e trat zurück, um die Prinzeſſin vorübergehen zu aſſen. Marie Antoinette nahm an ihre Seite Andrée und machte Philipp ein Zeichen, neben ſeine Schweſter zu kommen. Was den Baron betrifft, ſo befand er ſich bei dem ohne Zweifel hochgeſtellten Mann, dem die Dauphine die Ehre, ſie zu sgleiten, bewilligte. „Sie ſind alſo ein Taverney⸗Maiſon⸗Rouge?“ ſagte dieſer, waͤhrend er mit einer ganz ariſtokratiſchen Imper⸗ tinenz ſeinen herrlichen Jabot von engliſchen Spitzen ſchüttelte. „Soll ich mein Herr oder Monſeigneur antworten?“ fragte der Baron mit einer Impertinenz, welche in keiner Beziehung hinter der des ſchwarz gekleideten Edelmannes zurückblieb. „Sagen Sie ganz einfach mein Prinz,“ erwiederte dieſer,„oder Eure Eminenz, wenn Sie lieber wollen.“ „Nun ja, Eure Eminenz, ich bin ein Taverney⸗ Maiſon⸗Rouge, und dies ein wahrer,“ ſprach der Baron, 192* ohne gänzlich den ſpöttiſchen Ton aufzugeben, den er ſo ſelten verlor. Die Eminenz, welche den Takt der vornehmen Her⸗ ren beſaß, gewahrte leicht, daß ſie es mit etwas Anderem, als einem Krautjunker zu thun hatte. f„Dieſes Haus iſt Ihr Sommeraufenthalt?⸗ fuhr ſie ort. „Sommer⸗ und Winteraufenthalt,“ verſetzte der Ba⸗ ron, der mißfalligen Fragen ein Ende machen wollte, aber jede von ſeinen Antworten mit einer tiefen Verbeu⸗ gung begleitete. Philipp wandte ſich von Zeit zu Zeit voll Unruhe nach ſeinem Vater um. Das Haus ſchien in der That drohend und ironiſch nahen, um unbarmherzig ſeine Armuth zu zeigen. Schon ſtreckte der Baron mit Re⸗ ſignation ſeine Hand nach der von Gäſten verlaſſenen Schwelle aus, als die Dauphine ſich gegen ihn umwandte und ſprach: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, wenn ich nicht in das Haus eintrete; dieſe Schatten gefallen mir ſo ſehr, daß ich gern mein Leben darunter hinbringen würde Ich bin der Zimmer etwas müde, in Zimmern empfängt man mich ſeit fünfzehn Jahren, mich, die ich nur die Luft, den Schatten und den Wohlgeruch der Blumen liebe.“ Dann ſich an Andrée wendend: „Mein Fräulein, Sie werden mir wohl unter dieſe ſchönen Bäume eine Taſſe Milch bringen laſſen?"“ „Eure Hoheit,“ ſprach der Baron erbleichend,„wie ſollte man es wagen, Ihnen einen ſo traurigen Imbiß anzubieten?“ „Es iſt mit friſchen Eiern eine Liebhaberei von mir. Friſche Eier und Milchwerk waren meine Feſtmahle in chönbrunn.“ Plötzlich erſchien la Brie, ſtrahlend und von Stolz aufgeblaſen, unter einer prächtigen Livree, eine Serviette in der Fauſt, vor einer Jasminlaube, nach deren Schatten es die Dauphine ſeit einigen Augenblicken zu gelüſten ſchie. 193 „Ihre Hoheit iſt bedient,“ ſprach er mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Miſchung von würdevollem Ausdruck und Ehrfurcht. „Ohl es ſcheint, ich bin bei einem Zauberer,“ rief lachend die Prinzeſſin. Und ſie eilte mit haſtigen Schritten nach der duften⸗ den Laube. Aeußerſt unruhig vergaß der Baron die Etiquette, trennte ſich von der Seite des ſchwarz gekleideten Herrn und lief der Dauphine nach. Philipp und Andrée ſchauten ſich mit einer Miſchung von Erſtaunen und Bangigkeit an, wobei übrigens die Bangigkeit vorherrſchend war. Als die Dauphine unter die grünen Bögen gelangte, ſtieß ſie einen Schrei des Erſtaunens aus. Der Baron, der hinter ihr kam, gab einen Seufzer der Befriedigung von ſich. Andrée ließ ihre Hände mit einer Miene fallen, welche bezeichnete: „Mein Gott! was ſoll das bedeuten?“ Die junge Dauphine ſah aus einem Winkel ihres Auges dieſe ganze Pantomime: ſie beſaß einen Geiſt, der fähig war, ſolche Geheimniſſe zu begreifen, wenn ihr Herz ſie dieſelben nicht ſchon hatte errathen laſſen. Unter dem Geſchlinge von Jasmin, blühendem Geis⸗ blatt und Waldreben, deren knotige Stämme tauſend dichte Zweige trieben, ſtand eine ovale Tafel bereit glänzend ſowohl durch den Schimmer der Damaſtleinwand, die ſie bedeckte, als auch durch das Geſchirr von eiſelirtem Vermeil, das wiederum die Leinwand bedeckte. Zehn Gedecke erwarteten zehn Gäſte.. Ein ausgeſuchter, aber ſeltſam zuſammengeſetzter Im⸗ biß feſſelte von Anfang an die Blicke der Dauphine. Es waren erotiſche Früchte in Zucker eingemacht, Confuturen aus allen Ländern, Zwiebacke aus Alep, Orangen von Malta, Limonen und Cedrats von einer un⸗ erhörten Größe, und Alles dies ruhte auf weiten Schalen. Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 13 ————— ——— py— 194 Die reichſten Weine der Farbe nach, die edelſten dem Urſprunge nach, funkelten in allen Nuancen von Rubin und Topas in vier bewunderungswürdigen, in Perſien ge⸗ ſchnittenen und gravirten Caraffen. Die Milch, welche die Dauphine verlangt hatte, füllte eine Kanne von Vermeil. Die Dauphine ſchaute umher und erblickte unter ihren Wirthen nur bleiche, beſtürzte Geſichter. 4 Die Leute vom Gefolge bewunderten und ergötzten ſich, ohne zu begreifen, aber auch ohne daß ſie zu begrei⸗ fen ſuchten. „Sie erwarteten mich alſo, mein Herr?“ fragte die Dauphine den Baron von Taverney. „Ich, Madame?“ ſtammelte dieſer. „Allerdings; in zehn Minuten trifft man keine ſolche Vorbereitungen, und ich bin erſt ſeit zehn Minuten bei Ihnen.“ h Sie vollendete ihren Satz dadurch, daß ſie la Brie anſchaute, was ſagen wollte: „Beſonders wenn man einen einzigen Bedienten hat.“ „Madame,“ antwortete der Baron,„ich erwartete wirklich Eure Königliche Hoheit, oder vielmehr, ich war von Ihrer Ankunft benachrichtigt.“ Die Dauphine wandte ſich gegen Philipp und fragte: „Hatte Ihnen der Herr denn geſchrieben?“ „Nein, Madame.“. „Niemand wußte, daß ich bei Ihnen anhalten ſollte, mein Herr, nicht einmal ich ſelbſt, möchte ich beinahe ſagen, denn ich verbarg mir meinen Wunſch, um nicht hier die Beſchwerde zu veranlaſſen, die ich veranlaſſe, und ich ſprach erſt in der vergangenen Nacht davon mit Ih⸗ rem Herrn Sohn, der noch vor einer Stunde bei mir war und nur einige Minuten vor mir ankommen konnte.“ „In der That, Madame, kaum eine Viertelſtunde.“ „Dann hat Ihnen dies irgend eine Fee enthüllt, etwa die Pathin des Fräuleins,“ fügte die Dauphine bei und ſchaute lächelnd Andrée an. 195 „Madame,“ ſprach der Baron, der Prinzeſſin einen Stuhl anbietend,„nicht eine Fee hat mich von dieſem Glücke benachrichtigt, ſondern...“ „Sondern?“ wiederholte die Prinzeſſin, als ſie den Baron zögern ſah. „Meiner Treue! ein Zauberer!“ „Ein Zauberer! wie dies?“ „Ich weiß es nicht, denn ich miſche mich nicht in die Zauberei, aber ihm, Madame, habe ich es zu verdanken, daß ich Eure Königliche Hoheit ziemlich anſtändig em⸗ pfangen kann,“ ſagte der Baron. „Dann können wir nichts berühren,“ ſprach die Dauphine,„da der Imbiß, den wir vor uns haben, das Werk der Hererei iſt, und Seine Eminenz beeilte ſich zu ſehr, dieſe Straßburger Paſtete zu öffnen, von der wir ſicherlich nichts eſſen werden,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an den ſchwarz gekleideten Herrn wandte.„Und Sie, meine liebe Freundin,“ ſprach ſie zu ihrer Hofmeiſterin,„miß⸗ trauen Sie dieſem Cyperwein und machen Sie es wie ich.“ Bei dieſen Worten goß die Prinzeſſin aus einer ku⸗ gelrunden Caraffe mit kurzem Halſe Waſſer in einen goldenen Becher. „In der That,“ ſprach Andrée mit einem gewiſſen Schrecken,„in der That, Ihre Hoheit hat vielleicht Recht.“ Philipp zitterte vor Erſtaunen; er wußte nicht, was am Tage vorher vorgefallen war, ſchaute abwechſelnd ſei⸗ nen Vater und ſeine Schweſter an, und ſuchte aus ihren Blicken zu errathen, was ſie ſelbſt nicht erriethen. „Das iſt gegen die Dogmen, und der Herr Cardinal iſt im Begriff zu ſündigen,“ ſagte die Dauphine. „Madame,“ entgegnete der Prälat,„wir ſind zu welt⸗ lich, wir Kirchenfürſten, um an den himmliſchen Zorn in Beziehung auf Victualien zu glauben, und zu menſchlich beſonders, um brave Hexenmeiſter zu verbrennen, die uns mit ſo guten Dingen füttern.“ „Scherzen Sie nicht, Monſeigneur„4 19e der Ba⸗ 196 ron.„Ich ſchwöre Eurer Eminenz, daß der Urheber von llem dem ein wahrer Herenmeiſter i*ſt, der mir erſt vor einer Stunde die Ankunft Ihrer Königlichen Hoheit und die meines Sohnes prophezeit hat.“ „Erſt vor einer Stunde!“ fragte die Dauphine. „ZJa, höchſtens.“ „Und ſeit einer Stunde haben Sie Zeit gehabt, dieſen Tiſch beſtellen zu laſſen, die vier Welttheile in Contribu⸗ tion zu ſetzen, um dieſe Früchte zu vereinigen, dieſe Weine von Tockai, von Conſtantia, Cypern und Malaga herbei⸗ zuſchaffen? In dieſem Fall mein Herr ſind Sie mehr Herenmeiſter, als Ihr Herenmeiſter.“ „ Nein Madame, er iſt es, und immer er.“ „Wiel immer er?“ „Ja, er hat dieſe Tafel, ſo wie ſie iſt, aus der Erde hervorſpringen laſſen!“ „Ihr Wort, mein Herr? fragte die Prinzeſſin. „So wahr ich ein Edelmann bin!“ antwortete der aron. „Ah bah!“ rief der Cardinal mit⸗ dem ernſthaſteſten Tone und verließ ſeinen Teller;„ich glaubte, Sie ſcherzten.“ „Nein, Eure Eminenz.“ „Sie haben einen Zauberer bei ſich, einen wahren Zauberer?“ „Einen wahren Zauberer!.. und ich würde nicht ſtaunen, wenn das Gold aus dem dieſes Geſchirr beſteht, von ſeiner Schöpfung wäre.“ „Sollte er den Stein der Weiſen kennen!“ rief der Cardinal, die Augen glänzend vor Begierde. „Oh! wie das den Herrn Cardinal entzückt, der ihn ſein ganzes Leben geſucht hat, ohne ihn finden zu können,“ ſprach die Prinzeſſin. „Ich geſtehe Eurer Hoheit,“ erwiederte die weltliche Eminenz,„daß ich nichts anſprechender finde, als die über⸗ natürlichen Dinge, nichts intereſſanter, als die unmöglichen Dinge.“) „Ahl es ſcheint, ich habe die verwundbare Stelle be⸗ „ RN— —j 197 rührt,“ ſagte d ine;„jeder große Mann hat ſeine Geheimniſſe, be swenn er Diplomat iſt. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, Herr Cardinal, ich bin ebenfalls ſehr ſtark in der Zauberei und errathe zuweilen, wenn nicht unmögliche, wenn nicht übernatürliche, doch wenigſtens.. unglaubliche Dinge.“ Das war ohne Zweifel ein nur für den Cardinal allein begreifliches Räthſel, denn er zeigte ſich ſichtbar ver⸗ legen. Allerdings hatte ſich das ſo ſanfte Auge der Dau⸗ phine, während ſie mit ihm ſprach, von einem jener Blitze entzündet, welche bei ihr einen inneren Sturm ankün⸗ digten. Es erſchien jedoch nur der Blitz allein, nichts don⸗ nerte. Die Dauphine bewältigte ſich und fuhr fort: „Hören Sie, Herr von Taverney, um das Feſt voll⸗ ſtändig zu machen, zeigen Sie uns Ihren Zauberer. Wo iſt er? in welche Schachtel haben Sie ihn geſteckt?“ „Madame,“ antwortete der Baron,„er würde eher mich und mein Haus in eine Schachtel ſtecken.“ „In der That, Sie reizen meine Neugierde,“ ſagte Marie Antoinette,„ich will ihn durchaus ſehen.“ Der Ton, in welchem dieſe Worte ausgeſprochen wur⸗ den, ließ, obgleich er den Zauber behielt, den Marie An⸗ toinette ihren Worten zu geben wußte, keine Erwiederung zu. Der Baron, der mit ſeinem Sohne und ſeiner Toch⸗ 4 ter ſtehen geblieben war, um die Dauphine zu bedienen, begriff dies vollkommen. Er machte la Brie ein Zeichen, ſtatt zu bedienen, die erhabenen Gäſte anſchaute und ſich durch dieſes Anſchauen für zwanzig Jahre rückſtän⸗ digen Lohnes bezahlt zu mochen ſchien. „Benachrichte den Herrn Baron Joſeph Balſamo,“ ſagte der Baron Taverney zu ſeinem Diener,„daß Ihre Kö⸗ nigliche Hoheit die Frau Dauphine ihn zu ſehen wünſche.“ La Brie entfernte ſich. „Joſeph Balſamo!“ ſprach die Dauphine;„was für ein ſonderbarer Name iſt das?“ 3 198 „Joſeph Balſamo!“ wiederholte eriſch der Car⸗ dinal;„mir ſcheint, ich kenne dieſen nen.“ Es verliefen fünf Minuten, ohne daß Jemand daran dachte, das Stillſchweigen zu brechen. 2 Plötzlich bebte Andrée: ſie hörte lange, ehe es für die anderen Ohren merkbar war, einen Tritt, der unter der Laube herbeikam. Die Zweige ſchoben ſich auseinander, und Joſeph Bal⸗ ſamo erſchien gerade vor Marie Antoinette. XV. Magie. Balſamo verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, doch beinahe in demſelben Augenblick erhob er wieder ſeinen geiſtreichen, ausdrucksvollen Kopf, heftete, obgleich mit Achtung, ſeinen klaren Blick auf die Dauphine und erwartete ſtillſchwei⸗ gend, was ſie ihn fragen würde. „Wenn Sie es ſind, von dem Herr von Taverney geſprochen hat,“ ſagte Marie Antoinette,„ſo nähern Sie ſich, mein Herr, damit wir ſehen können, wie ein Zauberer beſchaffen iſt.“ ſich zum zweiten Male. „Sie treiben das Gewerbe des Wahrſagens, mein Herr,“ ſprach die Dauphine, und ſchaute Balſamo einer vielleicht groͤßeren Neugierde an, als ſie ihm häͤtte zugeſtehen wollen, während ſie in kleinen Schlücken ihre Milch trank. „Ich treibe kein Gewerbe damit, Madame, aber ich weifſage,“ entgegnete Balſamo. „Wir ſind in einem erleuchteten Glauben erzogen wor⸗ den,“ ſprach die Dauphine,„und die einzigen Geheimniſſe, denen wir Vertrauen ſchenken, ſind die Geheimniſſe der ka⸗ tholiſchen Religion.“ 3 Balſamo machte noch einen Schritt und verbeugee — ͤͤ — 199 8 „Dieſe ſind allerdings ehrwürdig,“ verſetzte Balſam mit tiefem Ernſte.„Aber hier iſt der Herr Cardinal von Rohan, der Eurer Hoheit, obgleich ein Kirchenfürſt, ſagen wird, daß dies nicht die einzigen Geheimniſſe ſind, welche Achtung verdienen“—. Der Cardinal bebte, er hatte ſeinen Namen Niemand genannt, Niemand hatte ihn ausgeſprochen, und dennoch kannte ihn der Fremde. Marie Antoinette ſchien dieſen Umſtand nicht zu be⸗ merken und fuhr fort: „Sie werden wenigſtens geſtehen, mein Herr, daß es die einzigen ſind, die man nicht beſtreitet.“ .„Madame,“ entgegnete Balſamo mit derſelben Ach⸗ tung, aber auch mit derſelben Feſtigkeit,„neben dem Glau⸗ ben iſt die Gewißheit.“ „Sie ſprechen ein wenig dunkel, mein Herr Zaube⸗ 1 rer; ich bin eine gute Franzöſin dem Herzen, aber noch nicht dem Geiſte nach, und ich begreife die Feinheiten der Sprache nicht ſehr gut: es iſt nicht zu leugnen, man hat mir geſagt, Herr von Biovre werde mich Alles dies leh⸗ ren. Doch mittlerweile bin ich genöthigt, Sie zu bitten, minder räthſelhaft zu ſein, wenn ich Sie verſtehen ſoll“ „Und ich,“ ſprach Balſamo mit einem ſchwermüthigen Lächeln den Kopf ſchüttelnd,„ich bitte Eure Hoheit um Erlaubniß, dunkel bleiben zu dürfen. Es wäre mir zu peinlich, einer ſo großen Fürſtin eine Zukunft enthüllen zu müſſen, die vielleicht nicht ihren Hoffnungen entſprechen dürfte.“ *„Ohl ohl das iſt ernſt,“ verſetzte Marie Antoinette; „der Herr will wohl meine Neugierde reizen, in der Hoff⸗ ich werde von ihm verlangen, daß er mir wahr⸗ age.“ „Gott behüte mich im Gegentheil, daß ich dazu ge⸗ zwungen werde,“ ſagte Balſamo mit kaltem Tone. „Ja, nicht wahr 2“ ſprach die Dauphine lachend; „denn das würde Sie ſehr in Verlegenheit ſetzen.“ Doch das Lachen der Dauphine erloſch, ohne daß das 20⁰0 Lachen irgend eines Höflings ein Echo dazu gab. Je⸗ dermann unterlag dem Einfluſſe des ſeltſamen Mannes, der in dieſem Augenblick den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit bildete. „Geſtehen Sie es offenherzig,“ Balſamo verbeugte ſich ohne zu „Sie haben doch meine Ank ney vorhergeſagt?“ fuhr Marie ten Bewegung der Ungeduld fort „Ja, Madame, ich.“ „Wie dies, Baron?“ fragte die Dauphine, welche allmälig das Bedürfniß fühlte, eine andere Stimme ſich in das Geſpräch miſchen zu hören, das ſie unternommen zu lhaben vielleicht bedauerte, aber dennoch nicht aufgeben wollte. „Ohl mein Gott, Madame, auf die einfachſte Weiſe, indem er in ein Glas Waſſer ſchaute,“ antwortete der Baron. „Iſt das wahr?“ fragte die Dauphine, zu Balſamo zurückkehrend.. „Ja, Madame,“ agte dieſer. „Das iſt Ihr Zauberbuch, es iſt wenigſtens unſchul⸗ ig... möchten Ihre Worte ebenſo klar hin ⸗ Der Cardinal lächelte. Der Baron näherte ſich und ſprach:— „Die Frau Dauphine wird von Herrn von Bisvre nichts zu lernen haben.“ „Ohl mein lieber Wirth,“ rief die Dauphine heiter „ſchmeicheln Sie mir nicht, oder ſchmeicheln Sie mit. ſer, ich habe etwas ziemlich Mittelmäßiges geſagt, wie mir ſcheint. Kehren wir zu dem Herrn zurück.“ Und Marie Antoinette wandte ſich gegen Balſamo um, zu dem ſie eine unwiderſtehliche Mach chien, wie es uns zuweilen nach einem Orte hinzieht, wo uns irgend ein Unglück erwartet. „Könnten Sie, da Sie die Zukunft für dieſen Herrn ſagte die Dauphine. antworten. unft Herrn von Taver⸗ Antoinette mit einer leich⸗ t hinzuziehen — 201 in einem Glaſe Waſſer geleſen haben, für mich nicht in einer Caraffe leſen?“ „Vollkommen, Madame.“ „Warum weigerten Sie ſich ſo eben?“ „Weil die Zukunft unſicher iſt, Madame, und wenn ich darin eine Wolke ſehen würde...“ Balſamo ſchwieg. „Nun?“ fragte die Dauphine.— „Nun, es wäre mir, wie ich bereits zu ſagen die Ehre gehabt habe, ſchmerzlich, Eure Königliche Hoheit zu betrüben.“ „Sie kennen mich ſchon, oder ſehen Sie mich zum erſten Male?“ 3 „Ich habe die Ehre gehabt, Eure Königliche Hoheit noch als Kind in ihrem Geburtslande bei Ihrer erha⸗ benen Mutter zu ſehen.“ „Sie haben meine Mutter geſehen?“ „Ich habe dieſe Ehre gehabt; es iſt eine erhabene, mächtige Königin.“ „Kaiſerin, mein Herr.“ „Ich wollte ſagen Königin dem Herzen und dem Geiſte nach, und dennoch...“ „Ausſtellungen, mein Herr, und zwar in Beziehung auf meine Mutter!“ ſagte die Dauphine mit Verachtung. „Die größten Herzen haben Schwächen, Madame, beſonders wenn ſie glauben, es handle ſich um das Glück ihrer Kinder.“ „Die Geſchichte wird hoffentlich keine einzige Schwäche bei Maria Thereſia nachweiſen.“ Weil die Geſchichte nicht erfahren wird, was nur „W der Kaiſerin Maria Thereſia, Eurer Königlichen Hoheit und mir bekannt iſt.“ „Wir Drei haben mit einander ein Geheimniß, mein Herr,“ verſetzte die Dauphine verächtlich läͤchelnd. „Ja, wir Drei, Madame,“ antwortete Balſamo ruhig, „ja, wir Drei.“ 5 „Laſſen Sie dieſes Geheimniß hören, mein Herr.“ 4 20² „Wenn ich es ſage, iſt es keines mehr.“ „Gleichviel, ſprechen Sie immerhin.“ „Eure Hoheit wünſcht es 20 „Ich will es.“ Balſamo verbeugte ſich und ſprach: „In dem Palaſte von Schönbrunn iſt ein Cabinet, das man das ſächſiſche nennt, wegen der herrlichen Por⸗ zellanvaſen, die es enthaͤlt.“ „Ja,“ ſagte die Dauphine,„weiter?“ „Dieſes Cabinet bildet einen Theil der Privatwoh⸗ nung Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Maria Thereſia.“ „Ja.“ „In dieſem Cabinet führt ſie gewöhnlich ihre ver⸗ trauliche Correſpondenz.“ „Ja.“ „Auf einem herrlichen Schreibtiſch von Boule*), der dem Kaiſer Franz I. von König Ludwig XV. ge⸗ ſchenkt wurde.“ „Bis dahin iſt Alles wahr, was Sie ſagen, mein Herr, doch Jedermann kann dies wiſſen.“ „Eure Hoheit wolle Geduld faſſen. Eines Tags, es war Morgens gegen ſieben Uhr und die Kaiſerin noch nicht aufgeſtanden, trat Eure Hoheit in dieſes Cabinet durch eine Thüre, die ihr ausſchließlich gehörte, denn unter den erhabenen Töchtern Ihrer Majeſtät der Kaiſerin war Euere Hoheit der Liebling.“ „Hernach, mein Herr?“ „Eure Hoheit näherte ſich dem Schreibtiſch. Eure Hoheit muß ſich deſſen erinnern, es iſt gerade fünf Jahre er.“ 1„Fahren Sie fort.“ 8 „Eure Hoheit naherte ſich dem Schreibtiſch, auf wel⸗ chem ein offener Brief lag, den die Kaiſerin am Tage vorher geſchrieben hatte.“— * ) Voule, 1732 in ſebr dürftigen Umſtänden in Paris ge⸗ ſtorben, berühmt wegen ſeiner Fertigkeit, in Holz zu ſchneiden. Der Ueberſ. 203 „Nun?“ „Nun! Eure Hoheit las dieſen Brief.“ Die Dauphine erröthete leicht. „Und nachdem Sie ihn geleſen hatte, war Eure Ho⸗ heit ohne Zweifel unzufrieden über einige Ausdrücke; denn 1 ſie nahm die Feder und...“ 4 Die Dauphine ſchien ängſtlich zu warten, Balſamo fuhr fort: „Und ſtrich mit eigener Hand drei Worte aus.“ „Und dieſe drei Worte hießen?“ rief die Dauphine kebhaft. „Es waren die erſten des Briefes.“ „Ich frage Sie nicht nach dem Platze, wo ſie ſtanden, ſondern was ihre Bedeutung geweſen?“ „Ohne Zweifel ein zu großer Beweis von Zuneigung für die Perſon, an die der Brief gerichtet warz deshalb die Schwäche, von der ich ſagte, man habe Ihre erhabene Mutter wenigſtens in einem Punkte derſelben beſchuldigen . können.“ „Sie erinnern ſich alſo dieſer drei Worte?“ „Ich erinnere mich derſelben.“ „Können Sie mir ſie wiederholen?“ „Gewiß.“ „Wiederholen Sie die Worte.“ „Laut?“ „Ja.“ „Meine liebe Freundin.“ Marie Antoinette erbleichte und biß ſich auf die Lippen. 5„Soll ich Euxer Königlichen Hoheit nun ſagen, an wen dieſer Brief gerichtet war?“ fragte Balſamo. „Nein, aber Sie ſollen es mir aufſchreiben.“ Balſamo zog aus ſeiner Taſche eine Art von Denk⸗ buch mit goldenem Schloſſe, ſchrieb auf eines von ſeinen Blättern ein paar Worte mit einem Stifte von demſelben Metalle, riß das Blatt heraus und reichte es, ſich ver⸗ 4 beugend, der Prinzeſſin.“ Marie Antoinette las es: Der Brief war a Ludwig XV. padour. Die Dauphine erhob Mann mit den ſo beſtimm und ſo wenig bewegten Stimme, verbeugend, ſie zu beherrſchen ſchi „Alles dies iſt wahr, mein obgleich ich nicht weiß, durch w Einzelnheit erkun nicht zu lügen verſtehe: „Dann erlaube mir und begnüge nem Wiſſen.“ „Nein, mein Herr,“ ver „je gelehrter Sie ſind, deſto me meine Weiſſagung. Sie haben gangenheit geſprochen, und was iſt die Zukunft.“ Die Prinzeſſin ſprach dieſe fieberhaften Aufregung, di hörern zu verbergen ſuchte. „Ich bin bereit,“ ſagte Balſa ich Eure Königliche Hoheit noch bedrängen.“ „Ich habe nie Sie werden ſich erinnern, einmal geſagt habe.“ „Laſſen Sie mich weni adame,“ entgegnete Balſam werde dann erfahren, ob niglichen Hoheit enthülle „Mag ſie ſchlecht oder g hören Sie, mein Herr?“ ſpra wachſender Gereiztheit.„SIſt ſi dreſſirt an ſich mit dieſer unſch 7 zweim mein He gſtens o mit ich die in kann.“ ch nahm das Blatt, entfaltete und an die Frau Mar ihren er ten Worten, det haben, ſo wiederho es iſt wahr.“ Eure Hoheit, mich zurückzuziehen, ſetzte die Dau al wiederholt: ut ſein, ich will fie wiſſen, e gut, ſo glaube ich nicht die Geliebte von Kö quiſe von Po ſtaunten Blick nig m⸗ auf dieſen mit der ſo reinen obgleich ſich tief “ ſagte ſie,„und Mittel Sie dieſe le ich doch, da ich welcher en. Herr, elches uldigen Probe von mei⸗ phine gereizt, hr Werth lege ich auf mir nur von der Ver⸗ ich von Ihnen fordere, paar Worte mit einer e ſie vergebens vor ihren Zu⸗ mo,„und dennoch bitte einmal, mich nicht zu Ich will es, und rr, daß ich dies bereits das Orakel befragen, flehendem Tone.„Ich Wahrſagung Eurer Kö⸗ Marie Antoinette mit 205 daran und halte ſie für eine Schmeichelei; iſt ſie ſchlecht, ſo werde ich ſie als eine Warnung betrachten, und wie ſie auch ſein mag... ich verſpreche, daß ich Ihnen Dank dafür weiß. Fangen Sie alſo an.“ Die Prinzeſſin ſprach dieſe Worte mit einem Tone, der weder Einwendung noch Zögerung zuließ.. Balſamo nahm die runde Caraffe mit dem kurzen, engen Hals, von der wir bereits geſprochen, und ſtellte ſie auf eine goldene Schale. So beleuchtet, ſtrahlte das Waſſer von falben Re⸗ fleren, welche, vermiſcht mit dem Perlmutter der Wände und dem Diamant des Mittelpunkts, den aufmerkſamen Blicken des Wahrſagers eine Bedeutung zu bieten ſchienen. Jeder ſchwieg. Balſamo erhob in ſeinen Händen die kryſtallene Caraffe, betrachtete ſie einen Augenblick aufmerkſam und ſtellte ſie wieder, den Kopf ſchüttelnd, auf den Tiſch. „Nun?“ ſragte die Dauphine. „Ich kann nicht ſprechen,“ ſagte Balſamo. Das Geſicht der Prinzeſſin nahm einen Ausdruck an, der ſichtbar bedeutete:„Sei unbeſorgt; ich weiß, wie man diejenigen, welche ſchweigen wollen, ſprechen macht.“ „Weil Sie mir nichts zu ſagen haben 2“ entgegnete ſie laut. 1 „Es gibt Dinge, die man den Fürſten nie ſagen muß, Madame,“ erwiederte Balſamo mit einem Tone, aus dem hervorging, daß er ſelbſt“ den Befehlen der Dauphine zu widerſtehen entſchloſſen war. „Beſonders,“ ſprach dieſe,„wenn die Dinge, ich wiederhole es, ſich in das Wort nichts überſetzen.“ „Das iſt es nicht, was mich zurückhält, Madame, im Gegentheil.“ Die Dauphine lächelte verächtlich. Balſamo ſchien verlegen; der Cardinal fing an, ihm in das Geſicht zu lachen, und der Baron näͤherte ſich brummend. 3 „Ahl ahl“ ſagte er,„mein Zauberer iſt bereits ab⸗ 206 genutzt: das hat nicht lange gedauert. Wir brauchen nun nur noch alle dieſe goldenen Taſſen ſich in Rebenblätter verwandeln zu ſehen, wie in dem orientaliſchen Maͤhrchen.“ „Einfache Rebenblätter wären mir lieber geweſen, adame,“ entgegnete Balſamo äußerſt bleich,„wollen Sie ſich gnädigſt erinnern, daß ich dieſe Ehre nicht nach⸗ geſucht habe.“ „Eil mein Herr, es war nicht ſchwer zu errathen, daß ich Sie zu ſehen verlangen würde.“ „Verzeihen Sie, Madame, er glaubte gut zu han⸗ deln,“ ſprach Andrée mit leiſer Stimme. „Und ich ſage Ihnen, daß er Unrecht gehabt hat,“ entgegnete die Prinzeſſin ſo, daß ſie nur von Balſamo und Andrée gehört werden lonnte.„Man erhebt ſich nicht dadurch, daß man einen Greis demüthigt; und wenn ee aus dem zinnernen Becher eines Evelmanns trinken kann, ſo nöthigt man eine Dauphine von Frankreich nicht, aus dem goldenen Pokale eines Charlatan zu trinken“. Balſamo fuhr ſchauernd auf, als ob ihn eine Schlange gebiſſen hätte, und ſprach mit bebender Stimme: „Madame, ich bin bereit, Sie mit Ihrem Schickſal bekannt zu machen, da Sie Ihre Verblendung daſſelbe wiſſen zu wollen antreibt.“ Balſamo ſprach dieſe Worte mit einem ſo feſten und zugleich ſo drohenden Tone, daß die Anweſenden eine eiſige Kälte ihre Adern durchlaufen fühlten.. Die junge Erzherzogin erbleichte ſichtbor. „Geben Sie ihm kein Gehör, meine Tochter,“ ſprach deutſch die alte Dame zu Marie Antoinette. 8 „Laſſen Sie Ihre Hoheit hören, ſie hat wiſſen wollen, und ſo ſoll ſie wiſſen,“ verſetzte Balſamo in derſelben Sprache. Dieſe Worte, in einem fremden Idiom geſprochen, das nur einige Perſonen verſtanden, machte die Lage der inge noch geheimnißvoller. Vorwarts,“ ſagte die Dauphine, den Verſuchen 207 ihrer alten Hofmeiſterin widerſtehend,„vorwärts, er ſpreche. Wenn ich ihn nun ſchweigen hieße, ſo würde er glauben, ich habe Furcht.“ Balſamo hörte dieſe Worte und ein düſteres, aber flüchtiges Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen. „Es iſt, wie ich ſagte,“ murmelte er,„ein prahle⸗ riſcher Muth“ „Sprechen Sie,“ rief die Dauphine,„ſprechen Sie, mein Herr.“ „Eure Hoheit verlangt alſo immer noch, daß ich ſpreche.“ „Ich gehe nie von einer Entſcheidung ab.“ „Doch zu Ihnen allein, Madame.“ „Es ſei,“ ſagte die Dauphine,„ich will ihn in ſeine letzte Verſchanzung zurückdrängen. Entfernen Sie ſich.“ Und auf ein Zeichen, welches begreiflich machte, daß der Befehl allgemein war, zog ſich Jedermann zurück. „Das iſt ein Mittel wie irgend ein anderes, um eine Privataudienz zu erhalten, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte die Dauphine, ſich gegen Balſamo umwendend. „Suchen Sie mich nicht zu reizen, Madame,“ ver⸗ ſetzte der Fremde;„ich bin nichts als ein Werkzeug, deſſen ſich Gott bedient, um Sie zu erleuchten. Beleidigen Sie das Glück, es wird Ihnen zurückgeben, denn es weiß ſich wohl zu rächen. Ich überſetze nur ſeine Launen. Laſſen Sie alſo nicht mehr auf mir den Zorn laſten, der bei Ihnen von meinem Zögern herrührt, als Sie mich die Mißgeſchicke bezahlen laſſen werden, deren unſeliger Herold ich nur bin.“ 1 „Es ſcheint alſo, es ſind Mißgeſchicke?“ verſetzte die Dauphine, beſänſtigt durch den ehrfurchtsvollen Ausdruck von Balſamo und entwaffnet durch ſeine ſcheinbare Re⸗ ſignation. „Ja, Madame, und zwar ſehr große Mißgeſchicke.” „Nennen Sie mir alle.“ „Ich werde es verſuchen.“ „Nun?“ 3 erden“ Tu- „Fragen Sie mich.“ „Vor Allem: wird meine Familie glücklich leben?“ „Welche? diejenige, welche Sie verlaſſen, oder die⸗ jenige, welche Sie erwartet?“ „Ohl meine wahre Familie, meine Mutter Maria Thereſia, mein Bruder Joſeph, meine Schweſter Caroline.“ „Ihr Unglück wird ſie nicht berühren.“ „Dieſes Unglück betrifft alſo mich perſönlich?“ „Sie und Ihre neue Familie.“ „Können Sie mich über dieſes Unglück erleuchten?“ „Ich kann es.“ 8 „Die königliche Familie beſteht aus drei Prinzen?“ „Ja“ „Dem Herzog von Berry, dem Grafen von Pro⸗ vence und dem Grafen pon Artois.“ 3 „Ganz richtig.“ „Was wird das Schickſal dieſer drei Prinzen ſein?“ „Sie werden alle drei regieren.“ „Ich werde alſo keine Kinder haben?“ „Sie werden haben.“ 1 „Dann ſind es alſo keine Söhne?“ „Es ſind Söhne unter den Kindern, die Sie haben „Es wird mich folglich der Schmerz treffen, ſie ſter⸗ ben zu ſehen?“ „ Sie werden beklagen, daß der Eine todt iſt, Sie werden beklagen, daß der Andere lebt.“ „Wird mich mein Gemahl lieben? „Er wird Sie lieben.“ „Sehr?“ „Zu ſehr!“ „Doch ich frage Sie, welches Unglück kann mich bei der Liebe meines Gemahls und der Unterſtützung meiner Familie treffen?“ „Der eine und die andere werden Ihnen fehlen.“ „Dann bleibt mir die Liebe und die Unterſtützung des Volkes.“ — 209 „Die Liebe und Unterſtützung des Volkes!... das iſt der Ocean während der Windſtille... Haben Sie den Ocean während eines Sturmes geſehen, Madame?“ „Indem ich das Gute thue, hindere ich den Sturm, ſich zu erheben, oder wenn er ſich erhebt, erhebe ich mich mit ihm.“ „Je höher die Welle iſt, deſto tiefer iſt der Abgrund, den ſie aushöhlt.“ „Gott wird mir bleiben.“ „Gott beſchützt die Häupter nicht, die er ſelbſt ver⸗ urtheilt hat.“ „Was ſagen Sie da, mein Herr? Werde ich nicht Königin ſein?“ „Im Gegentheil, Madame, möchte es dem Himmel gefallen, daß Sie es nicht würden!“ 3 Die junge Frau lächelte verächtlich. „Hören Sie, Madame, und erinnern Sie ſich,“ ſprach Balſamo. „Ich höre,“ verſetzte die Dauphine. „Haben Sie die Tapete des erſten Zimmers, in welchein Sie bei Ihrer Ankunſt in Frankreich ſchliefen, wahrge⸗ nommen?“ fuhr der Prophet fort. „Ja, mein Herr,“ antwortete die Dauphine ſchauernd. „Was ſtellte dieſe Tapete vor 2 „Eine Niedermetzelung, die der unſchuldigen Kinder.“ „Geſtehen Sie, daß die ſchreckensvollen Geſichter der Metzeler Eurer Königlichen Hoheit im Gedächtniß geblie⸗ ben ſind?“ „Ich geſtehe es, mein Herr.“ „Haben Sie während des Sturmes nichts bemerkt?“ „Der Blitz ſchlug zu meiner Linken in einen Baum, der beim Fallen beinahe meinen Wagen zerſchmetterte.“ 2„Das ſind Vorzeichen,“ ſprach Balſamo mit düſterem one. „Traurige Vorzeichen?“— „Mir ſcheint, es wäre ſchwer, ſie anders zu deuten.“ Die Dauphine ließ ihr Haupt auf ihre Bruſt ſin⸗ Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 14 210 ken, erhob es jedoch nach einem Augenblicke des Nachden⸗ kens und Stiliſchweigens wieder und fragte: „Wie wird mein Gemahl ſterben?“ „Ohne Kopf.“ „Wie wird der Graf von Provence ſterben?“ „Ohne Beine.“ „Wie wird der Graf von Artois ſterben 2“ „Ohne Hof.“ „Und ich?“ Balſamo ſchüttelte den Kopf. „Sprechen Sie,“ rief die Dauphine,„ſprechen Sie.“ „Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ „Aber ich will, daß Sie ſprechen!“ rief Marie An⸗ toinette bebend. „Haben Sie Mitleid, Madame!“ „Ohl ſprechen Sie!“ „Nie, Madame, nie!...“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ ſagte Marie Antoinette mit drohendem Tone;„ſprechen Sie, oder ich ſage, daß Alles dies nur eine lächerliche Komödie iſt. Und nehmen Sie ſich wohl in Acht, man ſpielt nicht ſo mit einer Toch⸗ ter von Maria Thereſia, mit einer Frau, die das Leben von dreißig Millionen Menſchen in ihren Händen hält.“ Balſamo blieb ſtumm. „Ah!l Sie wiſſen nicht mehr,“ ſagte die Prinzeſſin verächtlich die Achſeln zuckend, noder vielmehr, Ihre Ein⸗ bildungskraft iſt erſchöpft.“ „Ich weiß Alles, ſage ich Ihnen, Madame,“ verſetzte Balſamo,„und da Sie es durchaus wollen..“ „Ja, ich will es.“ Balſamo nahm die Caraffe, welche immer noch auf der goldenen Schale ſtand, und ſtellte ſie in eine düſtere Vertiefung der Laube, wo einige ſcheinbare Felſen eine Grotte bildeten. Dann ergriff er die Erzherzogin bei der Hand und zog ſie unter den ſchwarzen Schatten des Ge⸗ wölbes... 1 —— 1⸗ 2 ———* —,— 211 8 „Sind Sie bereit?“ ſagte er zu der Prinzeſſin, welche dieſe heſuge Handlung beinahe erſchreckt hatte. „Ja.“ 3 „So knieen Sie nieder, knieen Sie nieder, und Sie werden in der geeigneten Stellung ſein, um Gott zu bit⸗ ten, er möge Ihnen die furchtbare Entwickelung erſparen, die Sie ſehen werden.“ Die Dauphine gehorchte maſchinenmäßig und ließ ſich auf ihre Kniee nieder. Balſamo berührte mit ſeinem Stäbchen die kryſtallene Kugel, in der ſich ohne Zweifel irgend eine düſtere, furcht⸗ bare Geſtalt hervorhob. Die Dauphine verſuchte es, aufzuſtehen, wankte ei⸗ nen Augenblick, ſiel zurück, ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und wurde ohnmächtig. Der Baron lief herbei, die Prinzeſſin war ohne Be⸗ wußtſein. Nach einigen Minuten kam ſie wieder zu ſich. Sie fuhr mit ihren Händen über die Stirne, wie es eine Perſon thut, die ihre Erinnerungen zu ſammeln ſucht. Dann rief ſie plötzlich mit einem Ausdruck unbe⸗ ſchreiblichen Schreckens: „Die Caraffe! die Caraffe!“ Der Baron bot ſie ihr, das Waſſer war durchſichtig und ohne einen einzigen Flecken. Balſamo war verſchwunden. XVI. Der Baron von Taverney glaubt endlich eine kleine Ecke der Zukunft im Helldunkel zu erblicken. Der Erſte, der die Ohnmacht der Frau Dauphine bemerkte, war, wie geſagt, der Baron von Taverney; er ſtand auf der Lauer, unruhiger, als irgend Jemand, über 8 1 14 . — das, was zwiſchen ihr und dem Zauberer vorgehen würde. Er hatte den Schrei gehört, den Ihre Königliche Hoheit ausgeſtoßen, er hatte geſehen, wie Balſamo aus dem Ge⸗ büſche ſtürzte, und war herbeigelaufen Mit dem erſten Worte hieß die Prinzeſſin ihr die Caraffe zeigen, mit dem zweiten hieß ſie dem Zauberer nichts Böſes zufügen. Es war Zeit, dieſes Gebot ergehen zu laſſen: Philipp von Taverney ſtürzte ſchon wie ein gereizter Löwe auf ſeiner Spur fort, als die Stimme der Dauphine ihn zurückhielt. Da näherte ſich ihre Ehrendame ebenfalls und be⸗ fragte ſie deutſch; auf alle ihre Fragen antwortete ſie je⸗ doch nichts, wenn nicht, daß ſich Balſamo durchaus nicht gegen die Achtung verfehlt habe; aber, ohne Zweifel ange⸗ ſtrengt durch den langen Weg und den Sturm am vor⸗ hergehenden Tage, ſei ſie von einem nervöſen Fieber be⸗ fallen worden. Dieſe Antworten wurden Herrn von Rohan überſetzt, der Erläuterungen erwartete, aber keine Frage zu machen wagte. 4 3 Bei Hofe begnügt man ſich mit einer halben Ant⸗ wort; die der Dauphine befriedigte nicht, ſchien aber Je⸗ dermann zu befriedigen. Hienach näherte ſich Philipp und ſprach: „Madame, um den Befehlen Eurer Königlichen Ho⸗ heit zu gehorchen, komme ich zu meinem großen Bedauern und erinnere ſie daran, daß die halbe Stunde, die ſie ſich hier aufzuhalten gedachte, abgelaufen iſt und daß die Pferde bereit ſtehen.“ „Gut, mein Herr,“ ſagte ſie mit einer reizenden Ge⸗ berde kränklicher Nachläſſigkeit,„doch ich gehe von mei⸗ nem erſten Plane ab. Ich bin unfähig, in dieſem Au⸗ genblick abzureiſen... Es ſcheint mir, ein paar Stunden Schlaf und Ruhe würden mich wiederherſtellen.“ Der Baron erbleichte. Andrée ſchaute ihren Vater ängſtlich an. „Eure Hoheit weiß, wie ſehr ein Lager in dieſem 5 „ Hauſe ihrer unwürdig iſt,“ ſtammelte der Baron von Taverney. „Ohl ich bitte Sie, mein Herr,“ antwortete die Dauphine mit dem Tone einer Frau, welche einer Ohn⸗ macht nahe iſt,„Alles wird gut ſein, wenn ich nur ruhe.“ Andrée verſchwand ſogleich, um ihr Zimmer bereit halten zu laſſen. Es war nicht das größte, es war viel⸗ leicht auch nicht das geſchmückteſte, aber in dem Zimmer eines ariſtokratiſchen Madchens, wie Andrée, und ſollte es auch arm ſein, wie es Andrée war, findet ſich immer etwas Zierliches, das den Blick einer andern Frau erfreut. Jeder beeiferte ſich nun um die Dauphine, doch ſie machte ein Zeichen mit der Hand, als hätte ſie nicht die Kraft zu ſprechen, als wünſchte ſie allein zu ſein Da entfernte ſich Jedermann zum zweiten Male. Marie Antoinette folgte Allen mit den Augen, bis der letzte Flügel eines Frackes und die letzte Schleppe ei⸗ nes Frauenkleides verſchwunden waren; dann ließ ſie träu⸗ meriſch ihr bleiches Haupt auf ihre Hand fallen. Waren es nicht in der That gräßliche Weiſſagungen, die ſie in Frankreich begleiteten? Das Zimmer, wo ſie in Straßburg angehalten, das erſte, in welches ſie den Fuß auf den Boden ſetzte, wo ſie Königin ſein, ſollte, dieſes Zimmer, deſſen Tapete die Niedermetzelung der unſchuldigen Kinder darſtellte; der Sturm, der am Abend zuvor einen Baum in der Nähe ihres Wagens zerſchmettert hatte, Und endlich die Weiſſagungen eines ſo außerordentlichen Man⸗ nes, worauf die myſtiſche Erſcheinung folgte, deren Ge⸗ heimniß Niemand zu enthüllen die Dauphine entſchloſ⸗ ſen ſchien! Nach Verlauf von zehn Minuten kehrte Andrée zu⸗ rück. Sie beabſichtigte, zu melden, das Zimmer ſei bereit. Man dachte nicht, das Verbot der Prinzeſſin erſtrecke ſich auch auf ſie, und ſie konnte unter die Laube dringen. Sie blieb einige Augenblicke vor der Prinzeſſin ſte⸗ hen und wagte es nicht, zu ſprechen, ſo ſehr ſchien Ihre Koönigliche Hohei in eine tiefe Träumerei verſunken. . 8 214 Eidlich erhob Marie Antoinette das Haupt und machte mit der Hand Andrée ein Zeichen. „Das Zimmer Ihrer Hoheit iſt bereit,“ ſagte dieſe; „nur bitten wir ſie...“ Die Dauphine ließ das Mädchen nicht vollenden. „Großen Dank, mein Fraͤulein,“ ſprach ſie.„Ich „bitte, ruſen Sie die Gräfin Langershauſen und dienen Sie uns als Führerin.“ her Andrée gehorchte; die alte Ehrendame kam eilig erbei. „Geben Sie mir den Arm, meine gute Brigitte, denn in der That, ich fühle mich nicht kräftig genug, um allein zu gehen,“ ſagte die Dauphine deutſch. Die Gräfin gehorchte. Andrée machte eine Bewegung, ſie zu unterſtützen. „Verſtehen Sie denn Deutſch, mein Fräulein?“ fragte Marie Antoinette. „Ja, Madame, und ich ſpreche ſogar ein wenig,“ antwortete Andrée deutſch. „Vortrefflich!“ rief die Dauphine voll Freude.„Oh! wie das gut mit meinen Plänen üͤbereinſtimmt.“ Andrée wagte es nicht, ihren Gaſt nach dieſen Plaͤnen zu fragen, trotz ihres Verlangens, dieſelben kennen zu lernen.. 5 Die Dauphine ſtützte ſich auf den Arm von Frau von Langershauſen und ging mit kleinen Schritten vor⸗ wärts. Ihre Kniee ſchienen unter ihr zu weichen. Als ſie aus dem Gebüſche hervorkam, hörte ſie die Stimme von Herrn von Rohan, welcher ſagte: „Wie, Herr von Stainville, trotz des Verbotes drin⸗ gen Sie darauf, mit Ihrer Königlichen Hoheit zu ſprechen?“ „Es muß ſein,“ antwortete mit feſtem Tone der Gouverneur,„und ich bin überzeugt, ſie wird mir vergeben.“ „In der That, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich 71 ... „Laſſen Sie unſern Gouverneur vor, Herr von —— 3 8 vporſtellen zu können. 215 Rohan,“ ſagte die Dauphine, mitten in der Oeffnung des Gebuſches wie unter einem grünen Bogen erſcheinend; „kommen Sie, Herr von Stainville.“ Jedermann verbeugte ſich vor dem Befehle von Marie Antoinette, und man trat bei Seite, um den Schwager des allmächtigen Miniſters, der damals ganz Frankreich regierte, vorbeizulaſſen.— Herr von Stainville ſchaute umher, als forderte ek eine geheime Unterredung. Marie Antoinette begriff, daß der Gouverneur ihr etwas allein zu ſagen hatte; doch ehe ſie nur den Wunſch geäußert, mit ihm unter vier Augen zu ſein, hatte ſich Jeder entfernt. „Depeche von Verſailles, Madame,“ ſagte mit halber Stimme Herr von Stainville und überreichte der Dauphine einen Brief, den er bis jetzt unter ſeinem geſtickten Hute verborgen gehalten hatte. Die Dauphine nahm ihn und las auf dem Umſchlag: „An den Herrn Baron von Stainville, Gouverneur von Straßburg.“ 3 „Der Brief iſt nicht für mich, ſondern für Sie, mein Herr,“ ſagte ſie,„entſiegeln Sie ihn und leſen Sie ihn mir vor, wenn er uͤberhaupt etwas enthält, was mich intereſſirt.“ 3. 1 „Der Brief iſt allerdings an meine Adreſſe, Mad doch ſehen Sie, hier auf dieſer Ecke ſteht das zwiſchen m und meinem Schwager, Herrn von Choiſeul, verabredete Zeichen, welches andeutet, daß der Brief für Eure Hoheit allein beſtimmt iſt.“. „Oh! das iſt wahr, ein Kreuz; ich ſah es nicht; geben Sie.“ gei Die Prinzeſſin öffnete den Brief und las folgende eilen:. Die Vorſtellung von Madame Dubarry iſt entſchie⸗ den, wenn Sie eine Pathin*) findet. Wir hoffen noch, *) Eine Dame von hinreichend vornehmem Stande, um ..2s daß ſie keine finden wird. Das ſicherſte M ellung kurz abzuſchneiden, wär 5 Hoheit die Frau Dauphine ſich beeilen wür Königliche Hoheit die Frau Dauphine einmal in Verſailles ſo wird es Niemand wagen vorzuſchlagen.“) 4 „Sehr gut!* cht nur ohne die geringſte Aufregung zu zeigen, ſondern auch ohne daß es ſchien, als hätte ihr dieſer Brief das mindeſte Intereſſe eingeflößt. „Wird ſich Eure Königliche Hoheit zu Ruhe be⸗ geben?“ fragte ſchüchtern Andrée. „Nein, ich danke, mein Fräulein,“ erwiederte die Erz⸗ herzogin;„die friſche Luft hat mich wieder belebt; ſehen ie, wie ſtark und heiter geſtimmt ich Sie ſchob den Arm der Gräftn ein paar Schritte mi ſelben Kraft, als ob 7 n, eine ſolche Ungeheuerlichkeit ſagte die Dauphine, ni zurück und machte windigkeit und der⸗ wäre. Blicke um eine uterung dieſer plötzlichen Veränderung zu fragen. „D ſerr Dauphin wird ungeduldig,“ ſagte der Ohr. ſie ihr Vater daran aune eines gekrönten Hauptes zu ehren; ſie war alſo nicht erſtaunt über dieſen Widerſpruch von Marie Antoinette; als dieſe ſich gegen ſie umwandte und auf ihrem Antlitz nur den Ausdruck ei einer unausſprechlichen anftmuth wahrnahm, ſagte ſie auch zu ihr: Fräulein, Ihre Gaſtfreundſchaft hat mich innig gerührt““ Dann ſich an den Baron wendend ſprach die Dauphine: „Mein Herr, Sie mögen erfahren, daß ich, als ie 4 217 Wien verließ, das Gelübde that, das Glück des erſten Franzoſen zu machen, dem ich, die Grenze von Frankreich berührend, begegnen würde. Dieſer Franzoſe iſt Ihr Sohn... Doch damit iſt nicht geſagt, daß ich hiebei ſtehen bleibe und daß das Fräulein... wie heißt doch Ihre Tochter, mein Herr?“ Andrée, Euere Hoheit.“ „Und daß Fräulein Andrée vergeſſen ſein ſoll.“ „Oh! Eure Hoheit,“ ſagte das Mädchen. „Ja, ich will ein Ehrenfräulein aus ihr machen; nicht wahr, mein Herr, wir ſind im Stande, unſere Proben abzulegen?“ fuhr die Dauphine, ſich an Herrn von Taverney wendend, fort. „Oh! Eure Hoheit,“ rief der Baron, denn dieſes Wort verwirklichte alle ſeine Träume;„von dieſer Seite ſind wir nicht unruhig: wir haben mehr Adel, als Reich⸗ 1 thum. Doch ein ſo hohes Glück...“ „Gebührt Ihnen... der Bruder wird den König im Heere vertheidigen, die Schweſter wird der Dauphine zu Hauſe dienen; der Vater gibt dem Sohne Rathſchläge der Loyalität, der Tochter Rathſchläge der Tugend... und ſo werde ich würdige Diener haben, nicht wahr, mein Herr?“ ſuhr Marie Antoinette fort, indem ſie ſich an den jungen Mann wandte, der nur niederknieen konnte, indeß die Aufregung ſeine Stimme auf den Lippen erſtickte. „Aber...“ murmelte der Baron, dem zuerſt die Fähigkeit der Ueberlegung kam. „Ja, ich begreife,“ erwiederte die Dauphine,„nicht wahr, Sie haben Vorbereitungen zu treffen?“ Allerdings, Madame,“ ſprach Taverney. „Ich gebe dies zu, doch dieſe Vorbereitungen können nicht lange dauern.“ 3 Ein trauriges Lächeln, das über die Lippen von Andrée und Philipp ſchwebte und bitter auf denen des Buarons ſich abzeichnete, hielt ſie auf dieſem Wege zurück, deer für die Citelkeit der Taverney grauſam wurde. Nein, gewiß nicht, wenn ich nach Ihrem Verlangen, —— — — 2 218 mir zu gefallen, urtheile,“ fügte die Dauphine bei.„Uebri⸗ gens warten Sie, ich laſſe Ihnen eine von meinen Car⸗ roſſen hier, ſie wird Sie in meinem Gefolge führen... Herr Gouverneur kommen Sie mir zu Hülfe.“ Der Gouverneur näherte ſich. „Ich laſſe Herrn von Taverney, den ich mit Fräu⸗ lein Andrée nach Paris nehme, eine Carroſſe zurück,“ ſagte die Dauphine.„Ernennen Sie Jemand, der dieſe Car⸗ roſſe begleiten und als zu den meinigen gehörend aner⸗ kennen laſſen ſoll.“ „Auf der Stelle, Madame,“ antwortete der Baron von Staiville;„treten Sie vor, Herr von Beauſire.“ „Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfund⸗ zwanzig Jahren mit ſicherem Gang, lebhaften und ge⸗ ſcheiten Augen trat aus den Reihen der Escorte hervor und näherte ſich den Hut in der Hand. „Sie werden eine Carroſſe für Herrn von Taverney zurückbehalten und dieſelbe ſodann begleiten,“ ſagte der Gouverneur. „Seien Sie dafür beſorgt, daß ſie uns bald einholt,“ ſprach die Dauphine;„ich bevollmächtige Sie, wenn es ſein muß, die Relais zu verdoppeln.“ Der Baron und ſeine Kinder verwirrten ſich in Aus⸗ drücken des Dankes. „Dieſe plötzliche Abreiſe iſt Ihnen nicht zu unange⸗ nehm, nicht wahr, mein Herr? fragte die Dauphine. „Wir find zu den Befehlen Eurer Hoheit,“ antwortete der Baron. „Gott befohlen!“ ſprach die Dauphine mit einem Lächeln.„In den Wagen, meine Herren!... Herr Philipp, zu Pferde!“ Philipp küßte ſeinem Vater die Hand, umarmte ſeine Schweſter und ſchwang ſich in den Sattel. Eine Viertelſtunde nachher blieb von dieſer ganzen, wie die Wolke am vorhergehenden Tage wirbelnden, Ca⸗ valcade in der Allee von Taverney nichts mehr übrig wenn nicht ein junger Mann, der auf dem Weichſtein —— 44 5 1 219 Thore ſaß und bleich und traurig mit gierigem Auge die letzten Staubmaſſen verfolgte, welche in der Ferne auf der Landſtraße die raſchen Füße der Pferde aufjagten. Dieſer junge Mann war Gilbert. Der Baron, der mit Andrée allein geblieben, hatte mittlerweile das Wort noch nicht finden können. Es war ein ſonderbares Schauſpiel, das der Salon von Taverney bot. Die Hände gefaltet, dachte Andrée an die Menge ſeltſamer, unerwarteter, unerhörter Ereigniſſe, welche plötz⸗ lich ihr ſo ruhiges Leben durchzogen hatten, und glaubte zu träumen. Der Baron riß an ſeinen grauen Augbraunen, aus deren Mitte lange, gekrümmte Haare hervorſprangen, und zerknitterte ſeinen Jabot. Nicole ſchaute, an die Thüre gelehnt, ihre Gebieter an. La Brie ließ die Arme hängen, ſperrte den Mund auf und ſchaute Nicole an. Der Baron erwachte zuerſt⸗ „Verruchter!“ rief er la Brie zu,„Du bleibſt hier wie eine Bildſäule, und dieſer Edelmann, dieſer Gefreite vom Hauſe des Königs wartet außen. La Brie machte einen Seitenſprung, verwickelte ſein linkes Bein mit dem rechten, und verſchwand ſtolpernd. Einen Augenblick nachher kam er zurück. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„der Edelmann iſt unten.“ „Was macht er?“ „Er läßt ſein Pferd Pimpinellen freſſen.“ „Laß ihn machen. Und die Carroſſe 2 ⁴4. „Die Caroſſe iſt in der Allee.“ 3 „Angeſpannt?“ 4 „Mit vier Pferden. Ohl die ſchönen Thiere, gnä⸗ diger Herr! ſie freſſen die Granatbäume im Blumen⸗ garten ab.“ „Die Pferde des Königs haben das Recht, zu freſſen, was ſie wollen. Doch wie ſteht es mit dem Zauberer?“ „Der Zauberer iſt verſchwunden, gnädiger Herr.“ 220 „Und hat die Tafel gedeckt zurückgelaſſen? Das iſt niaßt glaublich, er wird wiederkommen, oder irgend Jemand ür ihn.“ „Ich glaube es nicht,“ ſagte la Brie,„Gilbert hat ihn mit ſeinem Fourgon wegfahren ſehen.“ „Gilbert hat ihn mit ſeinem Fourgon wegfahren ſehen?“ wiederholte der Baron nachdenkend. „Ja, gnädiger Herr.“ „Dieſer Taugenichts von einem Gilbert ſieht Alles. Geh' und packe.“ „Es iſt bereits geſchehen.“ „Wie, es iſt bereits geſchehen?“ „Ja; ſobald ich den Befehl der Frau Dauphine hörte, ging ich in das Schlafzimmer des Herrn Baron und packte ſeine Kleider und ſeine Wäſche ein.“ „In was miſchſt Du Dich, Burſche?“ „Bei Gott! gnädiger Herr, ich glaubte wohl zu thun, wenn ich Ihren Wünſchen zuvorkommen würde.“ „Dummkopf! gel', hilf meiner Tochter.“ „Ich danke, mein Vater, ich habe Nicole.“ Der Baron dachte abermals nach. „Dreifacher Schuft,“ ſagte er zu la Brie,„Eines iſt unmöglich!“ 3 „Was, gnädiger Herr?“ lhnd woran Du nicht gedacht haſt, denn Du denkſt an nichts.“ „Sagen Sie es, gnädiger Herr.“. „Daß Ihre Hoheit abgereiſt iſt, ohne Herrn von Beauſire etwas zuruͤckzulaſſen, oder daß der Zauberer ver⸗ ſchwunden, ohne Gilbert mit einem Worte zu beauf⸗ tragen.“ 3 In dieſem Augenblick hörte man etwas wie ein kur⸗ zes Pfeifen im Hofe. „Gnädiger Herr,“ ſagte la Brie. „Nun?“ „Man ruſt.“ „Wer dies?“ „Der Herr.“ „Der Gefreite des Königs?“*) „Ja, und dort iſt auch Gilbert; er geht umher, als ob er etwas zu ſagen hätte.“ „Alſo vorwärts, Thier.“ La Brie gehorchte mit ſeiner gewöhnlichen Eile. „Mein Vater,“ ſagte Andrée, ſich dem Baron nähernd, „ich begreife, was Sie zu dieſer Stunde peinigt. Sie wiſſen, ich habe etwa dreißig Louis d'or und die ſchöne mit Diamanten beſetzte Uhr, welche Maria Leczinska mei⸗ ner Mutter geſchenkt hat.“ „Ja, mein Kind, ja, es iſt gut,“ erwiederte der Ba⸗ ron,„doch behalte es, Du brauchſt ein ſchönes Kleid für Deine Vorſtellung; einſtweilen iſt es meine Sache, Mittel aufzuſuchen. Stille, hier kommt la Brie.“ „Gnädiger Herr,“ rief er eintretend und in einer Hand einen Brief, in der andern zehn Goldſtücke haltend, „gnädiger Herr, hier iſt das, was die Dauphine für mich zurückgelaſſen hat, zehn Louis d'or!“ „Und dieſer Brief, Halunke?“ „Ahl dieſer Brief iſt für Sie; er kommt vom Zauberer.“ „Vom Zauberer, und wer hat ihn Dir übergeben?“ „Gilbert.“ „Ich ſagte es Dir, doppeltes Vieh; gib, gib ge⸗ ſchwinde.“ Der Baron entriß den Brief la Brie, öffnete ihn haſtig und las leiſe: 4 „Herr Baron, ſeit eine ſo erhabene Hand dieſes Geſchirr in Ihrem Hauſe berührt hat, gehört es Ihnen; behalten Sie es als eine Reliquie und denken Sie zuweilen an Ihren dankbaren Gaſt „Joſeph Balſamo.“ „La Brie!“ rief der Baron, nachdem er einen Au⸗ genblick nachgedacht hatte. *) In Frankreich hatte ein ſolcher Rittmeiſtersrang. „Gnädiger Herr?“ „Gibt es keinen guten Goldſchmied in Bar⸗le⸗Duc?“ „Oh ja, denjenigen, welcher den ſilbernen Becher von Fräulein Andrée wieder gelöthet hat.“— „Es iſt gut. Andrée ſtelle den Becher, aus dem Ihre Hoheit getrunken, bei Seite, und laß den übrigen Service in den Wagen bringen. Und Du, Schafskopf, lauf' in den Keller und ſetze dem Edelmann vor, was noch von gutem Wein übrig iſt.“ „Eine Flaſche, gnädiger Herr,“ ſagte la Brie mit tiefer Schwermuth. „Mehr braucht man nicht.“ La Brie entfernte ſich. „Auf, Andrée,“ fuhr der Baron, ſeine Tochter bei beiden Händen faſſend, fort;„auf, Muth, mein Kind. Wir gehen an den Hof; es gibt dort viele erle⸗ digte Titel, viele Abteien zu vergeben, nicht wenig Regi⸗ menter ohne einen Oberſten und eine gute Anzahl brach⸗ liegende Penſionen. Der Hof iſt ein ſchönes, trefflich durch die Sonne erleuchtetes Land. Stelle Dich immer auf die Seite, wo ſie ſcheinen wird, meine Tochter, denn Du biſt hübſch anzuſchauen. Gehe, mein Kind, gehe.“ Andrée entfernte ſich ebenfalls, nachdem ſie ihrem Vater die Stirne geboten hatte. 7 Nicole folgte ihr. „Hollah! Ungeheuer von einem la Brie,“ rief Ta⸗ verney, der zuletzt hinausging,„ſorge gut für den Herrn Gefreiten, hoͤrſt Du?“ 4 „Ja, gnädiger Herr,“ antwortete la Brie aus der Tiefe des Kellers. „Ich,“ fuhr der Baron fort, während er in ſein Zimmer eilte,„ich will meine Papiere ordnen... In einer Stunde müſſen wir aus dieſem Loche ſein, Andrée, hörſt Du wohl! Endlich werde ich Taverney alſo verlaſſen und zwar durch die gute Thüre. Was für ein braver Mann iſt doch dieſer Zauberer! Wahrhaftig ich werde 3 223 abergläubiſch wie ein Teufel! Beeile Dich doch, elender la Brie“ „Gnädiger Herr, ich mußte im Finſtern herumtappen. Es fand ſich kein Licht mehr im Schloſſe.“ 2 „Es war, wie es ſcheint, Zeit,“ ſagte der Baron. „ 4 XVII. Die fünf und zwanzig Louis d'or von Nicole. In ihr Zimmer zurückgekehrt betrieb Andrée auf das Thätigſte die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe. Nicole unterſtützte dieſe Vorbereitungen mit einem Eifer, der bald die Wolke zerſtreute, die ſich zwiſchen ihr und ihrer Ge⸗ bieterin auf die Scene am Morgen erhoben hatte. Andrée ſchaute ihr aus einem Winkel des Auges zu und lächelte, als ſie ſah, daß ſie ihr nicht einmal zu ver⸗ zeihen haben würde.* „Sie iſt ein gutes, ergebenes, dankbares Mädchen,“ ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt;„ſie hat ihre Schwächen wie jedes Geſchöpf hienieden. Wir wollen vergeſſen.“ Nicole ihrerſeits war nicht das Mädchen, das die Phyſiognomie ihrer Gebieterin aus dem Geſichte verloren „hätte, und ſie bemerkte das wachſende Wohlwollen, das ſich auf ihrem ſchönen, ruhigen Antlitz ausprägte. „Ich Einfältige!“ dachte ſie,„ich hätte mich beinahe wegen dieſes kleinen Schuftes von einem Gilbert mit dem Fräulein entzweit, das mich nach Paris mitnimmt, wo man beinahe immer ſein Glück macht.“ Es war ſchwierig, daß auf dieſem jähen Abhange zwei gegen einander rollende Sympathien ſich nicht be⸗ Begegnen ſich nicht in Berührung „ ſagte ſie. 224 „In welchen Carton, mein Fräulein?“ fragte die Zofe. „Was weiß ich;... haben wir keinen?“ „Doch, ich habe denjenigen, welchen mir das Fräu⸗ lein geſchenkt hat; er iſt in meinem Zimmer.“ Und Nicole holte den Carton mit einer Zuvorkom⸗ menheit, welche Andrée vollends beſtimmte, gänzlich zu vergeſſen. „Aber dieſer Carton gehört Dir, und Du bedarfſt deſſel⸗ ben vielleicht, mein armes Kind,“ ſagte ſie, als ſie Nicole wieder erſcheinen ſah. „Da das Fräulein deſſelben mehr bedarf, als ich, und da der Carton im Ganzen ihm gehört... „Wenn man eine Haushaltung anfangen will, ſo hat man nie genug Geräthſchaften,“ erwiederte Andrée,„Du bedarfſt daher deſſelben in dieſem Augenblick mehr als ich.“ Nicole erröthete. „Du brauchſt Cartons, um Deinen Hochzeitſtaat hineinzulegen,“ fuhr Andrée fort. „Ohl mein Fräulein,“ entgegnete Nicole, heiter den Kopf ſchuͤttelnd,„mein Hochzeitſtaat wird leicht unterzu⸗ bringen ſein und keinen großen Raum einnehmen.“ „Warum? wenn Du heiratheſt, Nicole, ſollſt Du glücklich, reich werden.“ „Reich!“ „Ja, reich, natürlich verhältnißmäßig.“ „Das Fräulein hat mir alſv einen Generalpächter ausgeſucht?“ „Nein; aber ich habe Dir eine Mitgift gefunden.“ „In der That, mein Fräulein?“ „Du weißt, was in meiner Börſe iſt?“ „Ja, mein Fräulein, fünf und zwanzig ſchö Louis d'or.“ „Nun! dieſe fünf und zwanzig Louis d'or gehöre Dir, Nicole.“ 8 „Fünf und zwanzig Louis d'or! das iſt ein w Vermögen,“ rief Nicole entzückt. — 223 „Deſto beſſer, wenn Du das im Ernſte ſagſt, mein armes Mädchen.“. 8 „Und das Fräulein ſchenkt mir dieſe fünf und zwanzig Louis d'or?“ „Ich ſchenke ſie Dir.“ Nicole war zuerſt erſtaunt, dann erſchüttert, dann traten ihr die Thränen in die Augen, und ſie ſtürzte auf die Hand von Andrée und küßte ſie. „Dein Mann wird nun zufrieden ſein, nicht wahr?“ ſagte Fräulein von Taverney. „Gewiß, ſehr zufrieden,“ ſprach Nicole,„wenigſtens hoffe ich es.“ Und ſie bedachte, daß das, was die Weigerung von Gilbert veranlaßt, ohne Zweifel die Furcht vor Armuth geweſen ſei, und daß ſie nun, da ſie reich geworden, dem ehrgeizigen jungen Manne vielleicht wuͤnſchenswerthex er⸗ ſcheinen würde. Sie gelobte ſich ſogleich, Gilbert fhinen Antheil an dem kleinen Vermögen zu geben, das ſie der Großmuth von Andrée zu verdanken hatte, und wollte ihn durch die Dankbarkeit feſſern und abhalten in ſein Verderben zu rennen. So viel lag wirklich Edles in dem Plane von Nicole. Ein böswilliger Ausleger ihrer Träu⸗ merei hätte vielleicht in dieſer ganzen Großmuth einen kleinen Keim von Stolz, ein unwillkührliches Bedürf⸗ niß, denjenigen zu demüthigen, welcher ſie gedemüthigt, entdeckt. Doch um ſolchen Peſſimiſten zu antworten, fügen wir raſch bei, daß wir in dieſem Augenblick beinahe mit Ge⸗ wißheit behaupten können, es habe die Stimme der guten Abſichten bei Nicole ein großes Uebergewicht über die der ſchlimmen gehabt. Anpndrée ſah ſie nachdenken. Armes Kind!“ ſeußzte ſie,„ſie, die Sorgloſe, könnte ſo glücklich ſein.“ Miicole hörte ihre Worte und bebte. Dieſe Worte Aießen in der That das leichtfertige Madchen ein Eldorado von Seide, Diamanten, Spitzen, Liebe erſchauen, an das Dentkwürdigkeiten eines Arztes. I. 15 226 Andrée, für welche das ruhige Leben das Glück war, noch nicht einmal gedacht hatte, Und dennoch wandte Nicole die Augen von der Wolke von Gold und Purpur ab, die an ihrem Horizont vor⸗ überzog. Sie widerſtand. „Ah! mein Fräulein,“ fagte ſie,„ich werde vielleicht hier glücklich ſein... durch ein kleines Glück.“ „Bedenke wohl, mein Kind.“ „Ja, mein Fräulein, ich werde bedenken.“ „Du wirſt klug daran thun, mache Dich glücklich auf Deine Weiſe, aber ſei nicht mehr thöricht.“ „Es iſt wahr, mein Fräulein, und da ſich die Ge⸗ legenheit bietet, ſo freut es mich, dem Fräulein zu ſagen, daß ich toll, und beſonders, daß ich ſchuldig war; doch das Fräulein wolle wir verzeihen, wenn man liebt... „Du liebſt alſo Gilbert ernſtlich?“ „Ja, mein Fräulein; ich... ich liebte ihn,“ ſagte Nicole. „Das iſt unglaublich!“ entgegnete Andrée lächelnd; „was konnte Dir denn an dieſem Jungen gefallen? So⸗ bald ich ihn ſehe, muß ich ihn anſchauen, dieſen Herrn Gilbert, der die Herzen verwüſtet.“ Nicole betrachtete Andrée mit einem letzten Zweifel. Bediente ſich Andrée, indem ſie ſo ſprach, einer tiefen Heu⸗ chelei, oder überließ ſie ſich ihrer vollkommenen Unſchuld? Andrée hatte vielleicht Gilbert nicht angeſchaut, das ſagte ſich Nicole; aber ſicherlich, ſagte ſie ſich ebenfalls, hatte Gilbert Andrée angeſchaut. Sie wollte in jeder Hinſicht beſſer unterrichtet ſein, ehe ſie die Frage, die ſie im Sinne hatte, verſuchen würde. „Kommt Gilbert nicht mit uns nach Paris, mein Fräulein?“ fragte Nicole. „Warum 2“ verſetzte Andrée. 1 7 „Weil..“ „Gilbert iſt kein Diener; Gilbert kann nicht der In⸗ tendant eines Pariſer Hauſes ſein. Die Mußiggänger —— 227 von Taverney, mein lieber Nicole, ſind wie die Vögel, die in den Zweigen meines Gärtchens und in den Hecken der 5 Alleen zwitſchern. Die Sonne, ſo ärmlich ſie auch ſein mag, ernährt ſie. Doch ein Müßiggänger in Paris koſtet zu viel, und wir vermöchten den Nichtsthuer dort nicht zu dulden!“ „Wenn ich ihn jedoch heirathe?“ ſtammelte Nicole. „Nun, Nicole, wenn Du ihn heiratheſt, ſo bleibſt Du mit ihm in Taverney,“ ſagte Andrée mit ſeſtem Tone, „und Ihr werdet das Haus hüten, das meine Mutter ſo ſehr liebte.“ Nicole war ganz betäubt von dem Schlage; es ließ ſich unmöglich das geringſte Geheimniß in den Worten von Andrée finden. Andrée verzichtete auf Gilbert ohne einen Hintergedanken, ohne einen Schatten von einem Bedauern; ſie überließ einer Andern denjenigen, welchen ſie am Tage zuvor noch mit ihrer Bevorzugung beehrt hatte; das war unbegreiflich. „Ohne Zweifel ſind die Fräulein von Stand ſo ge⸗ macht,“ ſagte Nicole zu ſich ſelbſt;„deshalb habe ich ſo wenig tiefen Kummer in dem Kloſter der Annonciaden geſehen, und was für Intriguen gab es doch!“ Andrée errieth wahrſcheinlich das Zögern von Nicole; wahrſcheinlich ſah ſie auch ihren Geiſt zwiſchen dem Trach⸗ ten nach den Pariſer Vergnügungen und der ruhigen, ſanften Mittelmäßigkeit von Taverney ſchweben, denn ſie ſprach mit mildem, aber feſtem Tone: „Nicole, der Entſchluß, den Du zu faſſen im Begriſſ biſt, entſcheidet vielleicht über Dein ganzes Leben; überlege, mein Kind; es bleibt Dir nur noch eine Stunde zu Dei⸗ nem Entſchluß. Ich weiß, eine Stunde iſt ſehr wenig, doch ich halte Dich für raſch in Deinen Entſchließungen: wähle zwiſchen Deinem Dienſt und Deinem Gatten, zwiſchen mir und Gilbert. Ich will nicht von einer ver⸗ heiratheten Frau bedient werden, denn ich haſſe die Ge⸗ heimniſſe des Eheſtands.“ 228 „Eine Stunde mein Fräulein!“ wiederholte Nicole; „eine Stunde!“ „Eine Stunde.“ „Nun, das Fräulein hat Recht, ſo viel brauche ich wohl“ „Vorwärts, lege alle meine Kleider zuſammen, füge die meiner Mutter bei, die ich, wie Du weißt, als Reli⸗ quien verehre, und komm' dann zurück und ſage mir Deinen Entſchluß. Wie er auch lauten mag, hier ſind Deine fünfundzwanzig Louis d'or. Wenn Du ihn heiratheſt, ſo iſt es Deine Mitgift; wenn Du mir folgſt, ſo iſt es der Lohn von Deinen zwei erſten Jahren.“ Nicole nahm die Börſe aus den Händen von Andrée und küßte ſie. Ohne Zweifel wollte ſie keine Secunde von der Stunde verlieren, die ihr von ihrer Gebieterin bewilligt worden war, denn ſie eilte aus dem Zimmer, ſtieg raſch die Treppe hinab, durchſchritt den Hof und verlor ſich in der Allee. Andrée ſchaute ihr nach und murmelte: „Arme Närrin, die ſo glücklich ſein könnte! Iſt denn die Liebe ſo ſüß?“* Ohne Zweifel immer um keine Zeit zu verlieren, klopfte Nicole fünf Minuten nachher an die Scheiben des Erdgeſchoſſes, das Gilbert bewohnte, der ſo großmü⸗ thig von Andrée mit dem Namen eines Mußiggängers und von dem Baron mit dem eines Taugenichts geſchmückt worden war. Gilbert wandte dieſem Fenſter, das nach der Allee ging, den Rücken zu und beſchäftigte ſich im Hintergrunde des Zimmers mit Gott weiß was. Bei dem Geräuſch der auf die Scheiben trommelnden Finger von Nicole, verließ er, wie ein auf der That er⸗ tappter Dieb, das Werk, das ihn in Anſpruch nahm, und wandte ſich raſch um, als wenn ihn eine Stahlfeder in Bewegung geſetzt hätte. 3 3 „Ah!“ machte er,„Sie ſind es, Nicole?“ „Ja, ich bin es abermals,“ antwortete das junge 6 —* 229 „Nun, ich wünſche Ihnen Glück, wenn Ihnen die Sache gefällt.“ „Wie haben Sie geſagt?“ fragte Nicole. „Ich habe geſagt:„„wenn Ihnen die Sache ge⸗ fällt,““ das iſt klar, wie mir ſcheint.“ „Sie gefällt mir... je nachdem,“ verſetzte Nicole. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, es hinge von Ihnen ab, daß mir die Sache nicht geſiele.“ „Ich verſtehe nicht,“ ſprach Gilbert und ſetzte ſich ſo auf das Fenſter, daß ſeine Kniee die Arme von Nicole ſtreiften, und daß Beide ihr Geſpräch halb verborgen durch Verſchlingungen von Winden und Kapueinern, die ſich um ihre Köpfe rollten, fortſetzen konnten. Nicole ſchaute Gilbert zärtlich an. Aber Gilbert machte ein Zeichen mit dem Halſe und 5 Miädchen durch die Scheiben mit einer entſchloſſenen Miene, ddoch dabei lächelnd. „So ſeien Sie mir willkommen, Nicole,“ ſagte Gilbert, während er das Fenſter öffnete. Empfänglich für dieſe erſte Kundgebung von Gilbert reichte ihm Nicole die Hand; Gilbert drückte ſie. 3„Das geht gut,“ dachte Nicole,„Adieu Reiſe nach Paris!“ Und wir müſſen hier Nicole aufrichtig loben, denn ſie begleitete dieſe Betrachtung nur mit einem einzigen Seufzer. 3 „Sie wiſſen,“ ſprach das junge Mädchen, ſich mit dem Ellenbogen auf das Fenſter ſtützend,„Sie wiſſen, Gilbert, daß man Taverney verläßt.“ 4 „Ich weiß es,“ antwortete Gilbert. „Sie wiſſen, wohin man geht?“ „Man geht nach Paris.“. „Sie wiſſen auch, daß ich mitreiſe?“ ..„Nein, das wußte ich nicht.“ 3„Nun?“ 41 —, — 230 dem Kopfe, welches bedeuten wollte„er verſtehe den Blick ebenſo wenig als die Worte. „Es iſt gut... da ich Ihnen Alles ſagen muß, ſo hören Sie,“ ſprach Nicole.. „Ich höre,“ verſetzte Gilbert mit kaltem Tone. „Fräulein Andrée machte mir das Anerbieten, ihr nach Paris zu folgen.“. „Gut,“ ſagte Gilbert. „Wenn ich nicht.. „Wenn nicht?...“ wiederholte der junge Mann. „Wenn ich nicht Gelegenheit zum Heirathen finde.“ „Es liegt Ihnen alſo immer noch daran, zu hei⸗ rathen?“ erwiederte Gilbert unempfindlich. „Ja, beſonders ſeitdem ich reich bin,“ antwortete Nicole. „Ah! Sie ſind reich?“ fragte Gilbert mit einem Phlegma, das den Verdacht von Nicole aus dem Geleiſe brachte. „Sehr reich, Gilbert.“ „Wirklich?“ „Ja.. „Und wie iſt dieſes Wunder geſchehen?“ „Das Fräulein hat mich ausgeſtattet.“ „Das iſt ein großes Glück und ich gratulire Ihnen dazu, Nicole.. „Sehen Sie,“ ſagte Nicole und ließ die fünfund⸗ zwanzig Louis d'or durch ihre Hand laufen. Und dabei ſchaute ſie Gilbert an, um in ſeinen Augen einen Strahl der Freude oder wenigſtens der Gierde zu erhaſchen. Gilbert aber veränderte keine Miene. „Bei meiner Treue,“ ſagte er,„das i*ſt eine hübſche Summe!“ 3 „Es iſt noch nicht Alles,“ fuhr Nicole fort,„man gedenkt Maiſon⸗Rouge wieder aufzubauen und Taverney zu verſchönern.“ „Ich glaube es wohl.“ „Und dann bedarf das Schloß der Beaufſichtigung.“ 3 231 „Ohne Zweifel.“ 1 „Nun, das Fräulein gibt den Platz eines...“ „Hausmeiſters dem glücklichen Gatten von Nicole,“ fuhr Gilbert mit einer Ironie fort, welche diesmal nicht genug verhehlt war, daß ſich nicht das feine Ohr von Nicole darüber geärgert hätte. Sie hielt jedoch an ſich und erwiederte: 6 „Iſt der glückliche Gatte von Nicole nicht Einer, den Sie kennen, Gilbert?“ „Wen meinen Sie denn, Nicole?“ „Hören Sie, werden Sie etwa einfältig, oder ſpreche ich nicht mehr Franzöſiſch?“ rief das Mädchen, das nun bei dieſem Spiele ungeduldig zu werden anfing. „Ich verſtehe Sie vortrefflich,“ ſagte Gilbert;„Sie bieten mir an, Ihr Gatte zu werden, nicht wahr, Made⸗ moiſelle Legay?“ „Ja, Herr Gilbert.“ „Und nachdem Sie reich geworden, hegen Sie ſolche Abſichten für mich,“ fügte Gilbert eiligſt bei;„in der That, ich bin Ihnen ſehr dankbar.“ „Wirklich?“ „Ganz gewiß.“ „Aue nehmen Sie dies,“ ſagte Nicole treuherzig. 1 8 „Nicht wahr, Sie willigen ein?“ „Ich ſchlage es aus.“ Nicole machte einen Sprung und rief: „Hören Sie, Sie ſind ein ſchlimmes Herz, oder we⸗ nigſtens ein ſchlimmer Kopf, Gilbert, und glauben Sie mir, was Sie in dieſem Augenblick thun, wird Ihnen kein Glück bringen. Wenn ich Sie noch liebte und wenn ich in dem, was ich in dieſem Augenblick gethan, etwas Anderes als einen Punkt der Ehre und der Rechtſchaffen⸗ heit erblickte, ſo würden Sie mir die Seele zerreißen. Doch, Gott ſei Dank, nach meinem Willen ſollte man nur nicht ſagen, reich geworden verachte Nicole Gilbert und gebe 232 ihm für eine Beleidigung ein Leiden zurück. Jetzt iſt Alles zwiſchen uns vorbei.“ Gilbert machte eine Geberde der Gleichgültigkeit. „Was ich von Ihnen denke, können Sie wohl ver⸗ muthen,“ ſagte Nicole.„Ich ſoll mich entſchließen, ich, deren Charakter Sie als eben ſo frei, als eben ſo unab⸗ hängig als den Ihrigen kennen, ich ſoll mich entſchließen, mich hier zu begraben, während mich Paris erwartet, Paris, das meine Schaubühne ſein wird, verſtehen Sie? Ich ſoll mich entſchließen, den ganzen Tag, das ganze Jahr, das ganze Leben dieſes kalte, undurchdringliche Geſicht zu ſehen, hinter dem ſich ſo viele gemeine Gedanken verbergen? Das wäre ein Opfer geweſen; Sie haben es. nicht begriffen, deſto ſchlimmer für Sie. Ich ſage nicht, daß Sie meinen Verluſt beklagen werden, Gilbert; ich ſage, daß Sie mich fürchten, daß Sie erröthen werden, mich da zu ſehen, wohin mich Ihre heutige Geringſchätzung geführt hat. Ich konnte wieder ehrlich werden; eine Hand fehlte mir, eine befreundete Hand, um mich am Nande eines Abgrundes zurückzuhalten, wo ich mich abwärts neige, wo ich ausgleite, wo ich zu fallen im Begriffe bin. Ich habe ausgeruſen:„„Helfen Sie mir! unterſtützen Sie mich!““ Sie haben mich zurückgeſtoßen, Gilbert. Ich ſinke, ich falle, ich gehe unter. Gott wird Ihnen Rechen⸗ ſchaft für dieſes Verbrechen tragen. Leben Sie wohl, Gilbert, leben Sie wohl!“ Und das ſtolze Mädchen wandte ſich ohne Zorn, ohne Heftigkeit um, nachdem es, wie alle auserkohrene Natu⸗ ren, den edlen Grund ſeiner Seele auf die Oberfläche hatte treten laſſen. Gilbert ſchloß ruhig ſein Fenſter und kehrte in ſeinen Käfig zurück, wo er die von Nicole unterbrochene Beſchäf⸗ tigung wieder aufnahm. 8 —==— dH 233 XVIII. Abſchied von Taverney. Ehe Nicole zu ihrer Gebieterin zurückkehrte, blieb ſie auf der Treppe ſtehen, um das letzte Geſchrei des Zornes, der in ihrem Innern toſte, zu bewältigen. 3 Der Baron traf ſie unbeweglich, nachdenkend, das Kinn in ihrer Hand und die Augbrauen zuſammengezo⸗ gen, und als er ſie ſo ſchön ſah, küßte er ſie, ſo beſchäf⸗ tigt er auch war, wie es Herr von Richelieu in ſeinem dreißigſten Jahre gethan hätte. Durch dieſen Muthwillen des Barons ihrer Träͤu⸗ merei entzogen, ging Nicole haſtig zu Andrée hinauf, die eben einen Koffer vollends ſchloß. „Nun!“ ſagte Fräulein von Taverney,„haſt Du Dir die Sache überlegt?“ „Gewiß, mein Fraͤulein,“ antwortete Nicole mit einer ſehr entſchiedenen Miene. „Du heiratheſt?“ „Nein, im Gegentheil.“ „Ah bahl und die große Liebe?“ „Wird nie für mich den Werth haben, den die Güte hat, mit der mich das Fräulein zu jeder Stunde über⸗ häuft. Ich gehöre dem Fräulein und will ihm immer gehören. Ich kenne die Herrin, die ich mir gegeben, würde ich auch ebenſo gut den Herrn kennen, den ich mir gäbe?“ Andrée war gerührt von dieſer Offenbarung von Gefühlen, welche ſie entfernt nicht bei der unbeſonnenen Nicole zu finden glaubte. Sie wußte, wie es ſich von ſelbſt verſteht, nicht, daß Nicole einen„ſchlimmſten Fall“ aus ihr machte. Sie lächelte und war glücklich, daß ſie ein menſch⸗ liches Geſchöpf beſſer fand, als ſie es gehofft hatte. „Du thuſt wohl daran, daß Du mir anhänglich bleibſt, Nicole,“ ſagte ſie,„ich werde es nicht vergeſſen. „ 234 Vertraue mir Dein Schickſal, mein Kind und wenn mir irgend ein Glück zufließt, ſo ſollſt Du Deinen Theil daran haben, das verſpreche ich Dir.“ „Oh! mein Fräulein, es iſt entſchieden, ich folge Ihnen.“ „Ohne Bedauern?“ „Blindlings.“ „Das heißt nicht antworten. Du ſollſt mir nicht eines Tages vorwerfen können, Du ſeiſt mir blindlings gefolgt.“ „Ich werde nur mir Vorwürfe zu machen haben, mein Fräulein.“ „Du haſt Dich alſo mit Deinem Bräutigam ver⸗ ſtändigt?4 Nicole erröthete. „Ich?“ ſagte ſie. „Ja, Du, ich habe Dich mit ihm ſprechen ſehen.“ Nicole biß ſich auf die Lippen. Es gab ein Fenſter parallel mit dem von Andrée und ſie wußte wohl, daß man von dieſem Fenſter das von Gilbert ſah. „Es iſt wahr, mein Fräulein,“ antwortete Nicole. „Und Du haſt ihm geſagt?...“ „Ich habe ihm geſagt,“ erwiederte Nicole, welche zu bemerken glaubte, daß Andrée ſie ausforſche, und, durch dieſes falſche Manoeuvre des Feindes zu ihrem erſten Ver⸗ dacht zurückgeführt, feindlich zu antworten verſuchte,„ich habe ihm geſagt, ich wolle nichts mehr von ihm.“ Es war entſchieden, daß dieſe zwei Frauen, die eine mit der Reinheit des Diamants, die andere mit ihrer nateihen Hinneigung zum Laſter ſich nie verſtehen ollten. Andrée nahm fortwährend die Bitterkeiten von Nicole für Schmeichelei. Während dieſer Zeit vervollſtändigte der Baron die verſchiedenen Theile ſeines Gepäckes. Ein alter Degen, den er in Fontenoy trug, Pergamente, die ſein Recht, in dem Wagen Seiner Majeſtät zu fahren, begründeten, eine 235 Sammlung der Gazette und gewiſſe Correſpondenzen bildeten den umfangreichſten Theil ſeiner Habe. Wie Bias trug er Alles dies unter einem Arm. La Brie gab ſich das Anſehen, als ſchwitzte er auf dem Wege, gebeugt unter einem beinahe leeren Koffer. Man fand in der Allee den Herrn Gefreiten, der während aller dieſer Vorbereitungen ſeine Flaſche bis auf den letzten Tropfen geleert hatte. Der artige Mann hatte die ſo feine Taille, das ſo runde Bein von Nicole wahrgenommen und ſchweifte be⸗ ſtändig zwiſchen dem kleinen See und den Kaſtanienbäu⸗ men hin und her, um die reizende Dirne abermals zu ſehen, die eben ſo ſchnell, als er ſie unter dem Gebüſch erblickt, wieder verſchwunden war. Herr von Beauſire, ſo hieß er erwähntermaßen, wurde ſeiner Beſchauung durch den Baron entzogen, der ihn auf⸗ forderte, den Wagen zu rufen. Er ſprang auf, verbeugte ſich vor Herrn von Taverney, und befahl dem Kutſcher mit ſchallender Stimme, in die Allee zu fahren. Die Carroſſe erſchien. La Brie legte den Koffer mit einer unbeſchreiblichen Miſchung von Freude und Stolz auf die Federn. „Ich werde alſo in den Carroſſen des Königs fahren,“ murmelte er, fortgeriſſen von ſeiner Begeiſterung und im Glauben allein zu ſein. „Dahinter, mein ſchöner Freund,“ verſetzte Beauſire mit einem Protectorslächeln. —„Wiel Sie nehmen la Brie mit?“ ſagte Andrée zu dem Baron;„und wer wird Taverney bewachen 2 3 „Bei Gott! dieſer Taugenichts von einem Philo⸗ ſophen“ „Gilbert?“ „Allerdings, hat er nicht ein Gewehr?“ „Aber womit wird er ſich nähren?“ „Mit ſeiner Flinte, und dabei wird er gut gefüttert ſein, ſei unbeſorgt; an Droſſeln und Amſeln fehlt es in Taverney nicht.“ Andrée ſchaute Nicole an, dieſe lachte. „So beklagſt Du ihn, böſes Herz?“ ſagte Andrée. „Oh! er iſt ſehr geſchickt, mein Fräulein,“ entgegnete Nicole,„ſeien Sie ruhig, er wird nicht Hungers ſterben.“ „Man muß ihm ein paar Louis d'or zurücklaſſen,“ ſagte Andrée zu dem Baron 4 „Um ihn zu verderben? Gott behüte mich, er iſt ſchon zu laſterhaft.“ „Nein, damit er leben kann!“ „Man ſchickt ihm etwas, wenn er ſchreibt.“ „Bah!“ ſagte Nicole,„glauben Sie mir, er wird nicht ſchreiben, mein Fräulein.“. „Gleichviel,“ verſetzte Andrée,„laß ihm drei oder vier Piſtolen zurück.“ „Er wird ſie nicht annehmen.“ „Er wird ſie nicht annehmen? er iſt alſo ſehr ſtolz, Dein Herr Gilbert?“ „Ohl mein Fräulein, es iſt nicht mehr der meinige, Gott ſei Dank. „Vorwärts, vorwärts,“ ſagte Taverney um allen dieſen Einzelheiten, deren ſeine Selbſtſucht überdrüßig war, ein Ende zu machen,„vorwärts, vorwärts, zum Teufel 8* mit Herrn Gilbert! der Wagen erwartet uns, ſteigen wir ein, meine Tochter.“ Andrée erwiederte nichts, ſie nahm mit dem Blicke von dem kleinen Schloſſe Abſchied und ſtieg in die ſchwere, plumpe Carroſſe. Herr von Taverney nahm ſeinen Platz neben ihr; la Brie, immer noch in ſeine prächtige Liorce gekleidet, und Nicole, welche Gilbert nie gekannt zu haben ſchien, ſetzten ſich auf den Bock. Der Kutſcher nahm eines von den Pferden als Poſtillon zwiſchen die Beine. „Doch wo ſitzt der Herr Gefreite?“ rief Taverney. „Zu Pferde, Herr Baron, zu Pferde,“ antwortete Beauſire und blinzelte dabei Nicole an, welche vor Ver⸗ gnügen erröthete, daß ſie ſo ſchnell einen plumpen Bauern durch einen zierlichen Cavalier erſetzt hatte. 237 Bald wurde der Wagen unter der Anſtrengung von vier kräftigen Pferden erſchüttert, und die Bäume der Allee, dieſer Andrée ſo wohlbekannten Allee, fingen an auf beiden Seiten der Carroſſe hinzugleiten und einer nach dem andern zu verſchwinden, traurig unter dem Oſtwinde ge⸗ beugt, als wollten ſie den Gebietern, die ſie verließen, ein letztes Lebewohl ſagen. Man gelangte zum Thore. Gilbert hatte ſich gerade, unbeweglich an dieſes Thor geſtellt. Den Hut in der Hand, ſchaute er nicht mehr und ſah dennoch Andrée. Andrée ſuchte, auf die andere Seite des Schlages geneigt, ſo lange als möglich ihr liebes Haus zu ſehen. „Haltet ein wenig,“ rief Herr von Taverney dem Poſtillon zu. Dieſer hielt ſeine Pferde an. „He da, Herr Taugenichts,“ ſagte der Baron zu Gilbert,„Sie werden ſich ſehr glücklich fühlen; Sie ſind nun allein, wie es ein wahrer Philoſoph ſein muß... nichts zu thun, keinen Zank auszuhalten. Seien Sie wenigſtens bemüht, daß kein Feuer entſteht, während Sie ſchlafen, und ſorgen Sie für Mahon.“ Gilbert verbeugte ſich ohne zu antworten. Es war ihm, als laſtete der Blick von Nicole mit einem unerträg⸗ lichen Gewichte auf ihm; er befurchtete, den triumphirenden, höhniſchen Blick des Mädchens zu ſehen, und er befürchtete dies, wie man nur die Verletzung eines glühenden Eiſens fürchten kann. „Vorwärts!“ rief Herr von Taverney. Nicole hatte nicht gelacht, wie es Gilbert befürchtet; es bedurfte ſogar bei ihr mehr als ihrer gewöhnlichen Kraſt, mehr als ihres perſönlichen Muthes, um nicht laut den armen Jungen zu beklagen, den man ohne Brod, ohne Zukunft, ohne Troſt zurückließ; ſie mußte Herrn von Beauſire anſchauen, der auf ſeinem tänzelnden Pferde ſo vortrefflich ausſah. Da aber Nicole Herrn von Beau⸗ ſire anſchaute, ſo konnte ſie nicht ſehen, wie Gilbert Andrée mit den Augen verſchlang. Andrée ſah nichts durch ihre von Thränen befeuch⸗ ſich zu überzeugen, daß er ſich nicht verwandelt hatte, und . 238 teten Augen, als das Haus, wo ſie geboren und ihre Mut⸗ ter geſtorben war. Der Wagen verſchwand. Gilbert, einen Augenblick vorher bereits ſo wenig für die Reiſenden, ſing an gar nichts mehr für ſie zu ſein. Taverney, Andrée, Nicole und la Brie traten in dem Augenblick, wo ſie das Thor des Schloſſes hinter ſich ließen, in eine neue Welt. Jedes hatte ſeinen Gedanken. Der Baron berechnete, daß man ihm in Bar⸗le⸗Duc leicht fünf⸗ bis ſechstauſend Livres auf den vergoldeten Service von Balſamo leihen würde. Andrée ſprach ganz leiſe ein kleines Gebet, welches ſie ihre Mutter gelehrt hatte, um den Dämon des Stol⸗ zes und der Eitelkeit von ihr zu entfernen. Nicole ſchloß ihr Halstuch, das der Wind zu wenig nach dem Gefallen von Herrn von Beauſire in Unord⸗ nung brachte. La Brie zählte in der Tiefe ſeiner Taſche die zehn Brie 8 eer Konigin und die zwei Louis d'or von Bal⸗ Herr von Beauſire galoppirte. Gilbert ſchloß das große Thor von Taverney, deſſen Flügel wie gewöhnlich, in Ermanglung von Oel, ächzten. Hierauf lief er in ſeine kleine Stube und zog ſeine eichene Commode vor, hinter der er ein Päckchen bereit fand. Er band dieſes Päckchen, das in einer Serviette eingeſchloſſen war, an das Ende ſeines Stockes von Cor⸗ nelkirſchenholz. Dann deckte er ſein Gurtbett auf, deſſen Hauptbeſtandtheil eine Heumatratze war, die er ausleerte. Seine Hände trafen bald ein zuſammengefaltetes Papier, deſſen er ſich bemächtigte. Dieſes Papier enthielt einen glatten, glänzenden Sechs⸗Livres⸗Thaler. Dies waren die Erſparniſſe von Gilbert ſeit vielleicht drei bis vier Jahren. Er öffnete das Papier, ſchaute den Thaler an, um .. 239 ſteckte ihn, immer noch beſchützt durch ſein Papier, in die Hoſentaſche. MNahon heulte und ſprang in der ganzen Länge ſeiner Kette; das arme Thier ſtöhnte, daß es ſich ſo nach und nach von allen ſeinen Freunden verlaſſen ſehen mußte, denn mit ſeinem bewunderungswürdigen Inſtinkte errieth es, daß ſich auch Gilbert von ihm trennen würde. 1 Es heulte al „Schweig',“ ſo immer ſtärker. rief ihm Gilbert zu,„ſchweig, Mahon!“ Dann fügte er, wie über die Parallele lächelnd, die ſich ſeinem Geiſte bot, bei: „Hat man mich nicht wie einen Hund verlaſſen? Warum ſollte ich Dich nicht wie einen Menſchen ver⸗ laſſen?“ Nach kurzem Nachdenken fuhr er fort: „Aber man ließ mich wenigſtens frei, frei, meinen Unterhalt zu ſuchen, wie ich es verſtünde. Gut, es ſei, Mahon, ich werde für dich thun, was man für mich gethan hat, nicht mehr, nicht minder.“ Und er lief nach der Niſche und machte die Kette von Mahon los. „Nun biſt du frei,“ ſagte er,„ſuche deinen Unter⸗ halt, wie du es verſtehſt.“ Mahon ſprang gegen das Haus, deſſen Thüren er verſchloſſen fand; dann lief er nach den Ruinen und Gil⸗ bert ſah ihn in dem Gemäuer verſchwinden. „Gut,“ ſagte er,„nun wollen wir ſehen, wer mehr Inſtinkt hat, der Hund oder der Menſch“ Hienach entfernte ſich Gilbert durch das kleine Thor, ſchloß dieſes doppelt und warf den Schlüſſel über die Mauer bis in den kleinen See, mit der Geſchicklichkeit, welche die Bauern im Schleudern der Steine beſitzen. Da indeſſen die Natur, eintönig in der Erzeugung der Gefühle, wechſelreich in ihrer Offenbarung iſt, ſo empfand Gilbert, als er Taverney verließ, etwas dem ähnlich, was Andrée ennpfanden han Nur war es bei . 2.— — gung des Stolzes, 240 Andrée das Beweinen einer vergangenen Zeit, bei Gilbert die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft. 1 „Lebe wohl,“ ſagte er ſich umwendend, um zum letzten Male das kleine Schloß zu ſehen, das man ver⸗ loren in dem Blätterwerk der Sycomoren und in den Blüthen der Bohnenbäume erblickte;„lebe wohl, Haus, wo ich ſo viel gelitten, wo mich Jeder verabſcheute, wo mir Jeder das Brod mit der Behauptung, ich ſtehle es, zuſchleuderte, lebe wohl und ſei verflucht. Mein Herz hüpft vor Freude und fühlt ſich frei, ſeitdem mich deine Mauern nicht mehr umſchließen, lebe wohl, Kerker, Hölle, Tyrannenneſt, ich ſcheide für immer von dir!" Und nach dieſer Verwünſchung, welche vielleicht minder poetiſch ſein mag, aber nicht weniger bezeichnend iſt, als ſo viele andere, ſetzte Gilbert an, um dem Wagen nachzulaufen, deſſen entferntes Geräuſch noch in der Luft erſcholl. XIX. Der Thaler von Gilbert. MNach einer Stunde unbändigen Laufes ſtieß Gilbert einen Freudenſchrei aus; er hatte auf eine Viertelslieue vor ſich den Wagen des Barons erblickt, der im Schritt einen Berg hinan fuhr. Gilbert fühlte jetzt in ſeinem Innern eine wahre Re⸗ 1 denn er ſagte ſich, einzig und allein mit den Mitteln ſeiner Jugend, ſeiner Kraft und ſeines Verſtandes werde er in das Gleichgewicht mit den Mit⸗ teln des Reichthums, der Macht und der Ariſtokratie treten. Nun hätte Herr von Taverney Gilbert einen Philo⸗ ſoph nennen können, wenn er ihn auf der Straße geſehen, ſeinen Stock in der Hand, ſein dünnleibiges Päckchen an einem Knopfloch befeſtigt, wie er raſch einherlief, über Gräben 5 7 241 und Böſchungen ſprang, um Boden zu gewinnen, und auf jeder Steige anhielt, als wollte er verächtlich zu den Pferden ſagen: 2 „Ihr geht mir nicht ſchnell genug, und ich bin ge⸗ nöthigt, auf euch zu warten.“ Philoſoph! O ja, gewiß, er war es damals, wenn man Philoſophie Verachtung jedes Genuſſes, jeder Behag⸗ lichkeit nennt. Sicherlich war er nicht an ein weichliches Leben gewöhnt, aber wie viele Menſchen verweichlicht nicht die Liebe! Man muß geſtehen, er bot ein ſchönes Schauſpiel, ein Schauſpiel würdig Gottes, des Vaters der thatkräfti⸗ gen und verſtändigen Geſchöpfe, dieſer Menſch, wie er ganz beſtaubt und rothglühend ein paar Stunden einher⸗ lief, bis er den Wagen beinahe eingeholt hatte, und dann voll Luſt anhielt, als die Pferde nicht mehr konnten. Gil⸗ bert hätte an dieſem Tage Jedem Bewunderung einflößen müſſen, der ihm, wie wir ihm folgen, mit dem Geiſte zu folgen im Stande geweſen wäre; und wer weiß ſogar, ob nicht die ſtolze Andrée, wenn ſie ihn geſehen, gerührt worden wäre, und ob nicht die Geringſchätzung, die ſie in Beziehung auf ſein träges Weſen kundgegeben, ſich in Achtung vor ſeiner Energie verwandelt hätte? So ging der erſte Tag vorüber. Der Baron blieb eine Stunde in Bar⸗le⸗Due, wodurch Gilbert die erfor⸗ derliche Zeit gewann, um ihn nicht nur einzuholen, ſon⸗ dern auch, um ihm zuvorzukommen. Gilbert ging um die Stadt, denn er hatte gehört, daß man Vefeht hegeun bei einem Goldſchmiede anzuhalten; als er ſodand den Wagen kommen ſah, warf er ſich in ein Gebuſch, und ſo⸗ bald die Carroſſe vorüber war, folgte er ihr wieder wie vorher.* Gegen Abend holte der Baron die Wagen der Dau⸗ phine in dem Dörfchen Brillou ein, deſſen Bewohner, auf einem Hügel zuſammengedrängt, Freudengeſchrei und Glück⸗ wünſche hören ließen. Gilbert hatte den ganzen Tag nichts, als ein wenig Denkwürdigkeiten eines Arztes. 1. 16 242 Brod, das er von Taverney mitgenommen, gegeſſen, dage⸗ gen hatte er aber nach Belieben Waſſer aus einem herr⸗ lichen Bache getrunken, deſſen Lauf ſo rein, ſo friſch, ſo mit Kreſſe und gelben Nympheen beſetzt war, daß der Wagen auf das Verlangen von Andrée anhielt, dieſe ſelbſt ausſtieg und ein Glas voll von dem Waſſer in der gol⸗ denen Schale, dem einzigen Stücke ſchöpſte, das der Ba⸗ ron auf die Bitte ſeiner Tochter behalten hatte. Hinter einer von den Ulmen an der Straße ver⸗ borgen, hatte Gilbert Alles dies geſehen. Sobald ſich die Reiſenden entfernt, kam Gilbert auf dieſelbe Stelle, ſetzte den Fuß auf die kleine Erderhöhung, auf welche er Andrée hatte ſteigen ſehen, und trank Waſ⸗ ſer mit der Hand, wie Diogenes, aus denſelben Wellen, aus denen Fräulein von Taverney ihren Durſt geſtillt hatte. Gut geſtärkt ſetzte er ſodann ſeinen Marſch wieder fort. Nur Eines beunruhigte Gilbert, er hatte um ſein Le⸗ ben gern gewußt, ob die Dauphine unter Wegs Nachtla⸗ ger halten würde. Blieb die Dauphine über Nacht, wie ſich vorausſetzen ließ, denn bei der Müdigkeit, über die ſie ſich in Taverney beklagt hatte, bedurfte ſie ſicherlich der KNußhe, blieb die Dauphine über Nacht, ſagen wir, ſo war Gilbert gerettet. Man würde ohne Zweifel in dieſem Fall in Saint⸗Dizier anhalten. Zwei Stunden Schlaf in ei⸗ ner Scheune würden ſeinen Beinen, welche ſteif zu wer⸗ deen anfingen, genügen, um wieder Elaſticität zu erlangen; nach Ablauf dieſer zwei Stunden könnte er ſich abermals auf den Weg begeben, und während der Nacht müßte er, mit kurzen Schritten marſchirend, leicht einen Vorſprung von fünf bis ſechs Lieues vor ihnen gewinnen. Man marſchirt ſo gut mit achtzehn Jahren in einer ſchönen Nacht im Monat Mai! Es kam der Abend und umhüllte den Horizont mit ſeinem Schatten, der ſich immer mehr näherte, bis dieſer Schatten den Weg erreicht hatte, auf welchem Gilbert wanderte. Bald ſah er nichts mehr von dem Wagen, als die große Laterne, welche auf der linken Seite der Carroſſe 1 1 243 angebracht war, und deren Reflex auf der Straße ausſah, wie ein weißes, beſtändig am Rande des Weges erſchrocken hinlaufendes Geſpenſt. Nach dem Abend kam die Nacht. Man hatte zwölf Lieues zurückgelegt und gelangte nach Comblesz die Equi⸗ pagen ſchienen einen Augenblick anzuhalten. Gilbert glaubte, der Himmel ſei entſchieden für ihn. Er näherte ſich, um die Stimme von Andrée zu hören. Die Carroſſe ſtand ſtill; er ſchlüpfte in die Vertiefung eines großen Thores. Er ſah Andrée bei dem Schimmer der Fackeln und hörte ſie fragen, wie viel Uhr es ſei. Eine Stimme antwortete: „Eilf Uhr.“ In dieſem Augenblick war Gilbert nicht feig, und er hätte mit Verachtung das Anerbieten, in ei⸗ nen Wagen zu ſteigen, zurückgewieſen.. Dies war ſo, weil vor den glühenden Augen ſeiner Einbildungskraft Verſailles golden, glänzend erſchien; Ver⸗ ſailles, die Stadt der Adeligen und der Könige. Sodann jenſeits Verſailles Paris, ſchwarz, düſter, ungeheuer; Pa⸗ ris, die Stadt des Volkes.. Und für dieſe Viſionen, welche ſeinen Geiſt ergötzten und erquickten, hätte Gilbert nicht alles Gold von Peru genommen. Zwei Dinge entzogen ihn ſeiner Ertaſe, das Geräuſch, das die Wagen machten, als ſie wieder aufbrachen, und ein heftiger Stoß, den er ſich an einem auf der Straße ſtehen gebliebenen Pfluge gab. Auch fing ſein Magen an über Hunger zu ſchreien. „Zum Glück,“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt,„zum Glück habe ich Geld, bin ich reich.“ Man weiß, daß Gilbert einen Thaler beſaß. Die Wagen rollten bis Mitternacht fort. Um Mitternacht kam man nach Saint⸗Dizier; hier, hoffte Gilbert, würde man Nachtlager halten. Gilbert hatte ſechzehn Lieues in zwölf Stunden zu⸗ rückgelegt. Er ſetzte ſich auf den Rand des Grabens. Doch in Saint⸗Dizier ſpannte man nur um; Gilbert 16 244 hörte das Geräuſch der Schellen, die ſich abermals ent⸗ fernten. Die erhabenen Reiſenden hatten nur mitten un⸗ 1 ter Fackeln und Blumen eine kleine Erfriſchung zu ſich genommen. Gilbert bedurfte ſeines ganzen Muthes. Er machte ſich wieder auf ſeine Beine mit einer Willensenergie, welche ihn vergeſſen ließ, daß eben dieſe Beine zehn Minuten vorher unter ihm zu brechen drohten. „Gut!“ ſagte er,„immer vorwärts! doch ich werde ſogleich auch in Saint⸗Dizier anhalten, ich kaufe mir Brod und ein Stück Speck, ich trinke ein Glas Wein, gebe dafür fünf Sous aus und habe mich dadurch beſſer geſtärkt, als die Gebieter.“ Gilbert ſprach das Wort. Rehist das wir zu bärſen ſBehuſe unterſtreichen, mit ſeiner gewöhnlichen mphaſe. Gilbert ging, wie er es ſich gelobt, nach Saint⸗Di⸗ zier hinein, wo man, da die Escorte durchgezogen war, die Läden und Thüren der Häuſer wieder zu ſchließen anfing. nſer Philoſoph erblickte ein Wirthshaus von gutem Aeußerem, geputzte Mägde, Knechte in Sonntagskleidern und mit Sträußen in den Knopflöchern, obgleich es noch ſehr früh am Morgen war; er gewahrte auf großen Fayenceplatten mit Blumen Geflügel, von denen die Hunge⸗ rigen des Gefolges einen ſtarken Zehnten erhoben hatten. Er trat entſchloſſen in das vornehmſte Wirthshaus, man legte eben die letzten Stangen an die Läden, er bückte ſich, um in die Küche zu ſchlüpfen. Die Wirthin war da, überwachte Alles und zählte ihre Einnahme. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte Gilbert,„geben Schinken.“ „Es gibt keinen Schinken, mein Freund,“ erwiederte die Wirthin,„wollen Sie Huhn?2“ Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, ein Stück Brod und — — 245 „Nein; ich habe Schinken verlangt, weil ich Schin⸗ ken zu ſpeiſen wünſche; ich liebe das Huhn nicht.“ „Das iſt ärgerlich, mein kleiner Mann,“ verſetzte die Wirthin,„denn es gibt nichts Anderes⸗ Doch glauben Sie mir,“ ſügte ſie lächelnd bei,„das Huhn wird nicht theurer für Sie ſein, als Schinken; nehmen Sie eines zur Hälfte, nehmen Sie ein ganzes für zehn Sous, dann haben Sie Ihren Mundvorrath für morgen. Wir dach⸗ ten, Ihre Königliche Hoheit würde bei dem Herrn Amt⸗ mann anhalten und wir könnten unſere Mundvorräthe an ihre Equipagen verkaufen, doch ſie iſt nur durchgefahren, und ſomit ſind die Speiſen verloren.“ Man könnte glauben, Gilbert habe, da ſich zeine ſo ſchöne Gelegenheit und eine ſo gute Wirthin zeigte, dieſe einzige Gelegenheit, die ſich ihm bot, ein gutes Mahl zu machen, nicht verſäumen wollen, doch das hie e ſeinen Charakter völlig verkennen. „Ich danke,“ ſagte er,„ich begnüge mich mit weni⸗ ger, ich bin weder ein Prinz, noch ein Lackei.”“ Dann ſchenke ich es Ihnen, mein kleiner Artaban, „D und Gott geleite Sie!“ ſagte die gute Frau. „Ich bin auch kein Bettler, gute Frau,“ ſprach Gil⸗ bert gedemüthigt.„Ich kaufe und bezahle.“ Und um die Wirkung mit den Worten zu verbinden, verſenkte Gilbert majeſtätiſch ſeine Hand in ſeine Hoſen⸗ taſche, wo auch der Arm bis zum Ellenbogen verſchwand. Doch er mochte immerhin erbleichend in dieſer wei⸗ ten Taſche ſuchen und wühlen, er zog nur das Papier heraus, in welchem der Sechs⸗Livres⸗Thaler enthalten ge⸗ weſen war. Hin und hergeworfen hatte der Thaler zuerſt ſeine alte, abgenutzte Umhüllung, ſodann die mürbe Lein⸗ wand der Taſche durchbrochen, war in die Hoſe geſchlüpft und von da durch das aufgeſchnallte Knieband hinaus⸗ gefallen. Gilbert hatte nämlich ſeine Kniebänder aufgeſchnallt, um ſeinen Beinen Elaſticität zu geben. Der Thaler war auf der Straße, ohne Zweifel am 246 Rande des Baches, deſſen Wellen Gilbert ſo ſehr ent⸗ zückten Das arme Kind hatte mit ſechs Franken ein Glas Waſſer bezahlt, das es mit ſeiner hohlen Hand geſchöpft. Als Diogenes über das Unnöthige der hölzernen Näpfe philoſophirte, hatte er wenigſtens weder Taſchen zu durch⸗ 1 löchern, noch Sechs⸗Livres⸗Thaler zu verlieren. Die Bläſſe, das Zittern der Scham von Gilbert bewegten die gute Frau. Viele hätten triumphirt, einen Stolzen beſtraft ſehen zu können, ſie aber litt unter dem aauf den verſtörten Zügen des jungen Mannes ſo gut aus⸗ geprägten Leiden.„ „Auf, mein armes Kind,“ ſagte ſie,„ſpeiſen Sie zu Nacht und ſchlafen Sie hier, morgen mögen Sie ſodann, wenn Sie durchaus weiter reiſen müſſen, Ihren Marſch fortſetzen.“ 5„Ohl ja, ja, ich muß,“ ſagte Gilbert,„ich muß, nicht morgen, ſondern auf der Stelle.“ 3 nd er nahm wieder ſein Päckchen, ohne mehr hören zu wollen, und ſtürzte aus dem Hauſe, um in der Fin⸗ ſterniß ſeine Scham und ſeinen Schmerz zu verbergen. Der Laden ſchloß ſich wieder. Das letzte Licht er⸗ ſloſch in dem Städtchen, ſelbſt die Hunde hörten, durch * den Tag ermüdet, auf zu bellen. Gilbert blieb allein, ſehr allein auf der Welt; denn Niemand iſt mehr vereinzelt auf der Erde, als der Menſch, der ſo eben ſich von ſeinem letzten Thaler getrennt hat, beſonders wenn dieſer letzte Thaler der einzige war, den er je beſeſſen! Die Nacht war dunkel um ihn her; was thun? Er zögerte. Zurückkehren, um ſeinen Thaler zu ſuchen, hieß ſich vor Allem einer ſehr zweifelhaften Nach⸗ forſchung hingeben, und dann trennte ihn dieſe Nachfor⸗ ſchung für immer, oder wenigſtens für lange Zeit von den Wagen, die er nicht mehr einholen konnte. Er be⸗ ſchloß, ſeinen Lauf fortzuſetzen und begab ſich wieder auf den Weg; doch kaum hatte er eine Stunde zurückgelegt, als ihn der einen Augenblick durch das moraliſche Leiden — 244— beſchwichtigte, oder vielmehr eingeſchläferte Hunger auf's Neue packte. Er erwachte ſchmerzlicher als je, ſobald ſein raſcher Lauf das Blut des Unglücklichen zu peitſchen wie⸗ derangefangen hatte. Zu gleicher Zeit mit dem Hunger begann die Mü⸗ digkeit, ſeine Gefährtin, ſich der Glieder von Gilbert zu bemächtigen. Mit einer unerhörten Anſtrengung holte er noch einmal die Carroſſen ein, doch es war, als fände eine Verſchwörung gegen ihn ſtatt. Die Wagen hielten nur an, um umzuſpannen, und ſpannten ſo raſch um, da der arme Reiſende auf der erſten Station nur fün Mi⸗ nunten Ruhe gewann. Er ſetzte indeſſen ſeinen Marſch wieder fort. Der Tag fing an am Horizont hervorzubrechen. Die Sonne erſchien über einem großen Streiſen düſterer Dünſte im ganzen Glanze und in der ganzen Majeſtät eines Herr⸗ ſchers; ſie verſprach einen von den glühenden Maitagen, welche dem Sommer um zwei Monate vorangehen. Wie ſollte Gilbert die Hitze des Mittags ertragen können? Gilbert hatte einen Augenblick den für ſeine Eitel⸗ keit tröſtlichen Gedanken, die Pferde, die Menſchen und ſelbſt Gott ſeien gegen ihn verbunden. Aber wie Ajar zeigte er dem Himmel die Fauſt, und wenn er nicht, wie er ſagte:„Ich werde entkommen, trotz der Götter,“ ſo war dies der Fall, weil er beſſer ſeinen Contr at ſo⸗ cial, als ſeine Odyſſee kannte. Es kam, wie Gilbert vorhergeſehen, ein Augenhlick, wo er die Unzulänglichkeit ſeiner Kräfte und die Mißlich⸗ keit ſeiner Lage erkannte. Es war ein furchtbarer Au⸗ genblick, der Augenblick dieſes Kampfes des Stolzes gegen die Ohnmacht; einen Moment verdoppelte ſich die Ener⸗ 1 gie von Gilbert durch die ganze Kraft ſeitzer Verzweiflung. Durch einen letzten Aufſchwung näherté ſich wieder den Wagen, die er aus dem Geſichte verloren hatte, und ſah ſie durch eine Staubwolke, der das Blut, mit dem ſeine Augen unterlaufen waren, eine phantaſtiſche Farbe verlieh; ihr Rollen erſcholl in ſeinen Ohren, vermi — 248 mit dem Klingen ſeiner Arterien. Den Mund offen, den Blick ſtarr, die Haare durch den Schweiß an die Stirne geklebt ſah er aus wie ein geſchickter Automat, der un⸗ gefahr die Bewegungen des Menſchen macht, aber mit mehr Starrheit und Beharrlichkeit. Seit dem vorherge⸗ henden Tage hatte er zwanzig bis zwei und zwanzig Lieues zurückgelegt; endlich kam der Augenblick, wo ihn ſeine ge⸗ lahmten Beine länger zu tragen ſich weigerten; ſeine An⸗ gen ſahen nicht mehr, ſeine Ohren hörten nicht mehr; es war ihm, als würde die Erde beweglich und drehte ſich um ſich ſelbſt; er wollte ſchreien und fand keine Stimme mehr, er wollte ſich aufrecht halten, denn er fühlte, daß er zu fallen im Begriffe war, und ſchlug die Luſt wie ein Wahnſinniger mit ſeinen Armen. Endlich durchbrach die Stimme ſeine Kehle durch ein Wuthgeſchrei, und er brüllte, ſich gegen Paris wendend, — oder vielmehr in der Richtung, wo er glaubte, daß Paris 3 ſein müßte, gegen die Beſieger ſeines Muthes und ſeiner Kräfte eine Reihe furchtbarer Verwünſchungen. Dann faßte er ſich mit vollen Händen an ſeinen Haaren, drehte ſich einige Male um ſich ſelbſt und fiel auf die Landſtraße, mmit dem Bewußtſein und folglich mit dem Troſte, wie eein Held des Alterthums bis zum letzten Augenblick ge⸗ kämpft zu haben. Er ſtürzte, die Augen noch drohend, die Fäuſte noch geballt, nieder. SHierauf ſchloßen ſich ſeine Augen und ſeine Muskeln ſpannten ſich ab. Er war ohnmächtig. „Aufgepaßt, Wahnſinniger!“ rief ihm in der Se⸗ cunde, wo er gefallen war, eine heiſere Stimme, begleitet von dem Knallen einer Peitſche, zu. 5 Gilbert hörte nicht. 5 Und ein kräftiger Peitſchenſchlag in Form eines Auf⸗ reizungsmittels ertheilt begleitete dieſen Ruf. 4 Gilbert wurde von dem Peitſchenriemen am Gürtel getroffen. „Aufgepaßt, alle Teufel! oder ich zermalme Dich.“. 1 249 Aber er fühlte nichts mehr und blieb unter den Füßen der Pferde, welche, ohne daß er ſie in ſeinem Wahn⸗ ſinn ſah oder hörte, von einem Seitenwege kamen, der zwiſchen Thiéblemont und Vauclère mit der Hauptſtraße zuſammentraf. Ein furchtbarer Schrei drang aus dem Wagen her⸗ vor, den die Pferde fortriſſen, wie es der Sturm mit einer Feder thut. Der Poſtillon machte eine übermenſchliche Anſtren⸗ gung; doch trotz dieſer Anſtrengung vermochte er das erſte vorgeſpannte Pferd nicht zurückhalten, und dieſes ſetzte über Gilbert weg. Aber es gelang ihm, die zwei andern zu bemeiſtern, die er mehr unter der Hand hatte, als das erſte. Eine Frau legte ſich mit dem halben Leibe aus der Chaiſe heraus. „Oh mein Gott!“ rief ſie voll Angſt,„iſt denn der Unglückliche zermalmt?“ „Meiner Treue, Madame,“ ſagte der Poſtillon, der durch den Staub, den die Beine ſeiner Pferde auftrieben, etwas zu unterſcheiden ſuchte,„meiner Treue, das ſieht gerade ſo aus.“ „Armes Kind! Keinen Schritt mehr. Haltet an! haltet an!“ Und die Reiſende öffnete den Schlag und ſprang aus dem Wagen. Der Poſtillon war bereits von ſeinem Pferde geſtiegen und beſchäftigt, unter den Rädern den Körper von Gilbert, den er blutig und todt glaubte, hervorzuziehen. Die Reiſende half dem Poſtillon mit allen ihren Kräften. 3 „Das iſt ein Glück,“ rief er,„nicht einmal die Haut geſchunden, kein Fußtritt hat ihn getroffen.“ „Aber er iſt ohnmächtig.“ „Aus Angſt ohne Zweifel. Wir wollen ihn an Eile hat.“ deen Rand des Grabens legen und fortfahren, da Madame 250 „Unmöglich; ich kann das arme Kind nicht in dieſem Zuſtand verlaſſen.“ „Bah! es iſt ihm nichts geſchehen und es wird ganz allein zu ſich kommen.“ „Nein, nein! So jung, armer Kleiner! es iſt ein Flüchtling aus einem Colleg, der eine Reiſe, welche ſeine Kräfte überſtieg, unternehmen wollte. Seht, wie bleich er iſt; er würde ſterben. Nein, nein, ich werde ihn nicht ver⸗ laſſen. Lege ihn in die Berline, auf den Vorderſitz.“ Der Poſtillon gehorchte. Die Dame war bereits wieder eingeſtiegen. Gilbert wurde quer auf ein gutes Kiſſen gelegt und man lehnte ſeinen Kopf an die ausge⸗ ſtopften Wände der Carroſſe an. „Nun vorwärts,“ rief die junge Dame,„wir haben zehn Minuten verloren, eine Piſtole für dieſe zehn Mi⸗ nuten.“ Der Poſtillon ließ ſeine Peitſche über ſeinem Kopfe knallen, und die Pferde, die dieſes drohende Signal kannten, brachen im Galopp auf. Worin Gilbert anfängt, nicht mehr ſo ſehr zu bedauern, daß er ſeinen Thaler verloren. Als Gilbert wieder zu ſich kam, und dies geſchah nach einigen Minuten, war er nicht wenig erſtannt, da er ſich gleichſam quer zu den Füßen einer jungen Frau gelegt ſah, die ihn aufmerkſam betrachtete. Es war eine Frau von vierundzwanzig bis fünf⸗ undzwanzig Jahren, mit grauen Augen, aufgeſtülpter Naſe, und Wangen, welche die Sonne des Süden gebräunt hatte; ein kleiner Mund von launenhafter, zarter Zeich⸗ nung gab ihrer offenen, heiteren Geſichtsbildung einen feinen, — 251 umſichtigen Charakter. Sie hatte die ſchönſten Arme der Welt, die ſich für den Augenblick in Aermeln von veilchenblauem Sammet mit goldenen Knöpfen modellirten. Die wellenförmigen Falten eines Kleides von grauer, groß geblümter Seide füllten beinahe den ganzen Wagen. Denn Gilbert bemerkte mit nicht weniger Erſtaunen hierüber, als über alles Andere, daß er ſich in einem Wagen befand, der im Galopp von drei Poſtpferden fortgezogen wurde. Da das Antlitz der Dame lächelnd war und Theil⸗ nahme ausdrückte, ſo ſchaute ſie Gilbert an, bis er ſich überzeugt hatte, daß er nicht mehr träͤume. „Nun, mein Kind,“ ſagte die Dame nach kurzem Stillſchweigen,„es geht Ihnen beſſer?“ „Wo bin ich?“ fragte Gilbert, der ſich zu rechter Zeit dieſer Phraſe der Romane erinnerte, die er geleſen, welche aber nie an einem andern Orte, als in Romanen ausgeſprochen wird. „In Sicherheit, mein lieber, kleiner Herr,“ antwor⸗ tete die Dame mit einem ſehr ſcharfen ſüdlichen Accent. „Doch ſo eben lieſen Sie in der That große Gefahr, unter den Rädern meiner Chaiſe zermalmt zu werden. Sprechen Sie, was iſt Ihnen denn begegnet, daß Sie auf dieſe Art mitten auf die Landſtraße gefallen ſind?“ „Ich fühlte eine Schwäche, Madame.“ „Wiel eine Schwäche! und woher kam dieſe Schwäche?“ „Ich war zu viel marſchirt.“ „Sind Sie ſchon lange unter Weges?“ „Seit geſtern Nachmittag um vier Uhr.“ „Und ſeit geſtern Nachmittag haben Sie gemacht?... „Ich glaube ſechzehn bis achtzehn Lieues.“ 4 „In zwölf bis vierzehn Stunden?“ „Bei Gott! ich bin immer gelaufen.“ „Wohin gehen Sie denn?“ „Nach Verſailles, Madame.“ „Und woher kommen Sie?“ „Von Taverney.“ „Was iſt das, Taverney?“ 252 „Es iſt ein Schloß, das zwiſchen Pierrefitte und Bar-le-Due liegt“ „Aber Sie hatten kaum Zeit, zu eſſen?“ „Ich hatte nicht nur nicht Zeit, Madame, ſondern ich hatte auch keine Mittel.“ „Wie dies?“ „Ich verlor mein Geld auf dem Wege.“ „Sie haben ſeit geſtern nichts gegeſſen?“ „Nichts als etwas Brod, das ich mitgenommen.“ „Armes Kind! doch warum haben Sie nicht irgend⸗ wo zu eſſen gefordert?“ Gilbert lächelte verächtlich. „Weil ich ſtolz bin, Madame.“ „Stolz! es iſt ſchon, ſtolz zu ſein, doch wenn man vor Hunger ſtirbt...“ „Beſſer ſterben, als ſich entehren.“ Die Dame ſchaute den ſpruchreichen jungen Menſchen mit einer gewiſſen Bewunderung an. „Doch wer ſind Sie denn, daß Sie ſo ſprechen, mein Freund?“ fragte ſie. 3 „Ich bin eine Waiſe.“ „Und Sie heißen?“ „Gilbert.“ „Gilbert, von was?“ „Von nichts.“ „Ah! ah!“ machte die junge Frau, immer mehr erſtaunt. (Gilbert ſah, daß er einen gewiſſen Eindruck hervor⸗ rachte und beglückwünſchte ſich, daß er ſich in eine Stel⸗ lung von Jean Jacques Rouſſeau verſetzt hatte. „Sie ſind noch ſehr jung, um ſo auf der Landſtraße umherzulaufen?“ fuhr die Dame fort. „Ich blieb allein und verlaſſen in einem alten Schloſſe, von dem ſich ſeine Gebieter entfernt hatten. Ich machte es wie ſie und verließ daſſelbe ebenfalls.“ „Ohne Zweck?“ „Die Erde iſt groß, und es gibt, wie man ſagt, Platz für Alle unter der Sonne.“ 3 2⁵53 8 d„Gut,“ murmelte ganz leiſe die Dame,„das iſt ir⸗ gend ein Baſtard vom Lande, der von ſeinem Edelhofe entflohen.“ 1„Und Sie ſagen, Sie haben Ihre Börſe verloren?“ fragte ſie laut. „Ich hatte nur einen Sechs⸗Livres⸗Thaler,“ ant⸗ wortete Gilbert, getheilt zwiſchen der Scham, ſein Un⸗ glück zu geſtehen, und der Gefahr, ein zu großes Ver⸗ mögen anzugeben, von dem man hätte vermuthen können, er habe es auf ſchlechtem Wege erlangt. „Einen Sechs⸗Livres⸗Thaler für eine ſo lange Reiſe? Sie hatten kaum genug, um Brod für zwei Tage zu kau⸗ fen! Und der Weg, guter Gott! welch ein Weg! Von Bar-le-Duc nach Paris, ſagen Sie?“ „Ia.“ „Ich denke, etwa ſechzig bis fünfundſechzig Lieues?“ „Ich zäͤhlte die Lieues nicht, ich ſagte nur: ich muß Rankommen, und damit genug:“ „Und hienach reiſten Sie ab, armer Narr?“ .„Ohl ich habe gute Beine.“ „So gut ſie ſein mögen, ſo werden ſie doch am Ende müde; Sie haben den Beweis davon.“ 3 „Ohl nicht die Beine haben mich verlaſſen, ſondern die Hoffnung.“ „In der That, es ſcheint mir, Sie ſahen verzweif⸗ lungsvoll aus.“ Gilbert lächelte bitter. 1 2 „Was ging denn in Ihrem Geiſte vor? Sie ſchlugen ſich vor den Kopf, Sie rauften ſich die Haare aus. „Glauben Sie, Madame?“ fragte Gilbert ſehr ver⸗ legen. 4 4„Oh!“ ich in deſſen ſicher, denn es mußte Ihre VVerzweiſlung ſein, was Sie hinderte, den Wagen zu hören.“ Gilbert dachte, es dürfte nicht übel ſein, wenn er ſich 4 durch die Erzählung der Wahrheit erhöhen würde. Sein Inſtinkt ſagte ihm, ſeine Lage ſei intereſſant, beſonders ffr eine Frau. 4 3 men iſt?“ 254 „Ich war in der That in Verzweiflung,“ ſprach er. „Und worüber?“ fragte die Dame. „Daß ich nicht mehr einem Wagen folgen konnte, in dem ich nachlief.“ „Wahrhaftig!“ ſagte die junge Frau lächelnd;„es T iſt alſo ein Abenteuer? Sollte Liebe darunter ſein?“ Gilbert war noch nicht genug ſeiner Herr, um nicht zu erröthen. 3 „Und was für ein Wagen war es, mein kleiner Cato?“ „Ein Wagen vom Gefolge der Dauphine.“ „Wie! was ſagen Sie 2“ rief die junge Frau;„die Dauphine iſt alſo vor uns?“ „Ganz gewiß.“— „Ich glaubte ſie hinter uns, etwa in Nancy. Er⸗ weiſt man ihr denn keine Ehre auf dem Weg?“ „Doch wohl, aber es ſcheint, Ihre Hoheit hat Eile.“ „Eile, die Dauphine, wer hat Ihnen das geſagt?“ „Ich ſetze es voraus.“ „Sie ſetzen es voraus?“ „Ja.“ „Und wie kommen Sie zu dieſer Vorausſetzung?“„ „Sie ſagte Anfangs, ſie würde zwei bis drei Stunden im Schloſſe Taverney verweilen.“ 4 „Nun, und hernach?“ „Blieb ſie kaum drei Viertelſtunden.“ „Wiſſen Sie, ob ihr von Paris ein Brief zugekom⸗ 1—6 „Ich ſah mit einem Briefe in der Hand einen Herrn eintreten, deſſen Kleid ganz mit Stickereien bedeckt war.“ 5 1 7, Hat man dieſen Herrn in Ihrer Gegenwart gee nannt?“ 4 3 „Nein, ich weiß nur, daß es der Gouverneur von Straßburg iſt.““ „Herr von Stainville, der Schwager von Herrn von Choiſeul. Vorwarts, Poſtillon, raſcher. 255 Ein kräftiger Peitſchenſchlag entſprach dieſer Ermah⸗ nung, und Gilbert fühlte, daß der Wagen, obgleich bereits „ im Galopp fortgezogen, noch an Geſchwindigkeit zunahm. „Die Dauphine iſt alſo vor uns?“ ſagte die junge 3 Dame.* „Ja, Madame.“ „Aber ſie wird anhalten, um zu frühſtücken,“ be⸗ merkte die Dame, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt,„und „dann werden wir ihr vorankommen, wenn nicht dieſe Nacht... Hat ſie dieſe Nacht angehalten?“ „Ja, in Saint⸗Dizier.“ „Wie viel Uhr war es?“ „Ungefähr eilf Uhr.“ „Es geſchah, um Abendbrod zu nehmen. Gut, ſie muß frühſtücken.“ Poſtillon, was iſt die erſte etwas wichtige Stadt, die wir auf unſerem Wege finden?“ „Vitry, Madame.“ „Und wie weit ſind wir von Vitry entfernt?“ „Drei Lieues.“ „Wo wird umgeſpannt?“ „In Vaucloͤre.“ 1„Gut. Vorwärts, und wenn Ihr eine Reihe von Wagen auf der Straße ſeht, ſo benachrichtigt mich.“ Während dieſer paar Worte, welche die Dame des Wagens mit dem Poſtillon austauſchte, war Gilbert bei⸗ nahe abermals in ſeine Schwäche verfallen. Als die Rei⸗ ſende ſich wieder ſetzte, ſah ſie, daß er ſehr bleich war und die Augen geſchloſſen hatte. „Ah! armes Kind, es iſt ihm immer noch übel,“ während es vor Henger und Durſt ſtirbt, ſtatt ihm zu nk eſſen und zu trinken zu geben““ Und um die verlorene Zeit wieder einzubringen, zog die Dame vor Allem aus der Taſche des Wagens ein ciſelirtes Fläſchchen, an deſſen Hals an einer goldenen Kette ein kleiner Becher von Vermeil hing. „Trinken Sie zuerſt ein Tröpfchen von dieſem La⸗ * rief ſie.„Es iſt auch mein Fehler, ich laſſe es ſprechen, 256 Cote⸗Wein,“ ſagte ſie, das Glas füllend, das ſie nun Gilbert reichte. Gilbert ließ ſich diesmal nicht bitten. War es der Einfluß der hübſchen Hand, die ihm den Becher bot? War das Bedürfniß dringender, als in Saint⸗Dizier? „Gut,“ ſprach die Dame,„eſſen Sie nun einen Zwie⸗ back; in ein paar Stunden werde ich Ihnen ein ſolideres Frühſtück vorſetzen.“ „Ich danke, Madame,“ ſprach Gilbert. Und er aß den Zwieback, wie er den Wein getrunken hatte. „Und nun, da ſie ein wenig geſtärkt ſind,“ fuhr die Dame fort,„nun ſagen Sie mir, wenn Sie mich über⸗ haupt zur Vertrauten nehmen wollen, ſagen Sie mir, welches Intereſſe Sie dabei hatten, dem Wagen nachzu⸗ laufen, der, wie Sie erwahnten, der Frau Dauphine gehört.“ „Hören Sie die Wahrheit mit zwei Worten, Ma⸗ dame,“ ſprach Gilbert.„Ich war bei dem Herrn Baron von Taverney, als Ihre Hoheit ankam und Herrn von Taverney befahl, ihr nach Paris zu folgen. Er gehorchte. Da ich eine Waiſe bin, ſo dachte Niemand an mich, und man ließ mich ohne Geld und ohne Lebensmittel zurück. Nun ſchwur ich, da alle Welt mit Unterſtützung von gu⸗ ten Pferden und guten Wagen nach Verſailles gehe, o würde ich auch nach Verſailles gehen, aber zu Fuße, mit meinen achtzehnjährigen Beinen, und ich wuͤrde mit die⸗ ſen achtzehnjährigen Beinen ebenſo bald ankommen, als ſie mit ihren Pferden und ihren Wagen. Leider wurden meine Kräfte zu Verräthern an mir, oder das Mißgeſchick nahm vielmehr Partei gegen mich. Hätte ich mein Geld nicht verloren, ſo hätte ich eſſen können; hätte ich dieſe Nacht gegeſſen, ſo wäre ich dieſen Morgen im Stande geweſen, die Pferde wieder einzuholen.“ 8 „Das gefällt mir, das nenne ich Muth!“ rief die Dame,„und ich wünſche Ihnen Glück, mein Freund. Dooch es ſcheint mir, es gibt ein Ding, das Sie nicht wiſſen.“ 8 N 257 „Was?“ „Daß man in Verſailles nicht vom Muth lebt.“ „Ich werde nach Paris gehen.“ „Paris hat aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet un⸗ gemein viel Aehnlichkeit mit Verſailles.“ „Wenn man nicht vom Muth lebt, ſo lebt man we⸗ nigſtens von der Arbeit, Madame.“ „Gut geantwortet, mein Kind. Doch von welcher Arbeit? Ihre Hände ſind nicht die eines Taglöhners oder eines Laſtträgers.“ „Ich werde ſtudiren, Madame.“ „Sie ſcheinen mir bereits ſehr gelehrt.“ „Ja, denn ich weiß, daß ich nichts weiß,“ antwortete pathetiſch Gilbert, der ſich dieſes Wortes von Sokrates erinnerte. „Und darf ich Sie, ohne unbeſcheiden zu ſein, fragen, welche Wiſſenſchaft Sie vorzugsweiſe ſtudiren werden, mein kleiner Freund?“ „Madame,“ ſprach Gilbert,„ich glaube die beſte der Wiſſenſchaften iſt diejenige, welche dem Menſchen ſei⸗ nes Gleichen nutzlich zu ſein erlaubt. Andererſeits iſt dann der Menſch ſo wenig, daß er das Geheimniß ſeiner Schwäche ſtudiren muß, um das ſeiner Stärke kennen zu lernen. Ich will eines Tags wiſſen, warum mein Magen meine Beine gehindert hat, mich dieſen Morgen zu tragen; ich will endlich wiſſen, ob es nicht dieſelbe Magenſchwäche war, die in mein Gehirn den Zorn, das Fieber, den ſchwarzen Dunſt brachte, wodurch ich niedergeſchmettert worden bin.“ „Ahl es ſcheint mir, Sie werden dereinſt ein vortreff⸗ licher Arzt, denn Sie reden bereits bewunderungswürdig von der Medicin. In zehn Jahren verſpreche ich Ihnen meine Kundſchaft.“. „Ich werde mir Mühe geben, dieſe Ehre zu verdie⸗ nen, Madame,“ ſagte Gilbert. Der Poſtillon hielt an. Man hatte die Station er⸗. reicht, ohne einen Wagen zu ſehen. Denkwürdigkeiten eines Arztes. I. 17 Die junge Dame erkundigte ſich. Die Dauphine war vor einer Viertelſtunde vorübergekommen; ſie mußte in Vitry anhalten, um friſche Pferde zu nehmen und zu frühſtücken. Deer neue Poſtlllon ſetzte ſich in den Sattel. Die junge Dame ließ ihn im gewöhnlichen Gange aus dem Dorfe fahren; als man aber in einiger Entfer⸗ nung von dem letzten Hauſe angelangt war, ſagte ſie: „Poſtillon, macht Ihr Euch anheiſchig, die Wagen der Frau Dauphine einzuholen?“ „Gewiß.“ „Ehe ſie in Vitry ſind?“ „Teufel! ſie fuhren in ſtarkem Trab.“ „Mir ſcheint, wenn wir im Galopp fahren würden?“ Der Poſtillon ſchaute ſie an. „Dreifache Trinkgelder!“ rief ſie. „Sie hätten mir das ſogleich ſagen müſſen,“ erwie⸗ derte der Poſtillon,„wir wären bereits eine Viertelslieue voon hier.“ „Hier iſt ein Sechs⸗Livres⸗Thaler auf Abſchlag; brin⸗ gen wir die verlorene Zeit wieder ein.“ Der Poſtillon neigte ſich rückwärts, die junge Dame vorwärts, ihre Hände kamen endlich zuſammen und der Thaler ging von der Hand der Reiſenden in die des Poſtillon über. Die Pferde erhielten ihren Gegenſchlag. Die Chaiſe flog ſchnell wie der Wind fort. 3 Während des Umſpannens war Gilbert ausgeſtiegen unnd hatte ſein Geſicht und ſeine Hände an einem Brun⸗ nen gewaſchen: ſein Geſicht und ſeine Hände gewannen viel dabei; dann hatte er auch ſeine prächtigen Haare gekämmt. „In der That,“ ſagte die junge Frau in ihrem In⸗ nern,„in der That, er iſt nicht zu häßlich für einen zu⸗ künftigen Arzt.“ Und ſie lächelte, während ſie ihn anſchaute. Gilbert erröthete, als wüßte er, was ſeine Reiſege⸗ 3* fährtin lächeln machte. — 259 . 5ä . ℳ Sobald das Zwiegeſpräch mit dem Poſtillon beendigt 5 war, kehrte die Reiſende zu Gilbert zurück, deſſen Para⸗ doren, Ungereimtheiten und Sentenzen ſie ungemein be⸗ luſtigten.. Nur von Zeit zu Zeit unterbrach ſie ſich mitten in einem Gelächter, das durch irgend eine auf eine Meile nach Scheinphiloſophie riechende Antwort hervorgerufen wurde, um nach der Straße hinaus zu ſchauen. Wenn dann ihr Arm das Geſicht von Gilbert ſtreifte, wenn ihr rundes Knie an die Seite ihres Gefährten drückte, ergötzte ſich die Reiſende, die Röthe der Wangen des zukünftigen Arztes mit ſeinen geſenkten Augen contraſtiren zu ſehen. So legte man ungefähr eine Lieue zurück. Plötzlich ſtieß die junge Frau einen Freudenſchrei aus und warf ſich mit ſo wenig Zurückhaltung auf den Vorderſitz, daß ſie diesmal Gilbert ganz und gar mit ihrem Leibe be⸗ deckte. Sie hatte die letzten Fourgons des Gefolges erblickt, welche mühſam einen langen Abhang hinanfuhren, auf dem ſich zwanzig Carroſſen aufreihten, aus denen die Rei⸗ ſenden beinahe insgeſammt ausgeſtiegen waren. Gilbert machte ſich von den Falten des großgeblüm⸗ ten Kleides los, ſchlüpfte mit ſeinem Kopfe unter einer Schulter durch, kniete ebenfalls auf den Vorderſitz und ſuchte mit glühenden Augen Fräulein von Taverney mit⸗ ten unter dieſen anſteigenden Pygmäen. Er glaubte Nicole an ihrer Haube zu erkennen. 4 „Dort ſind ſie, Madame,“ ſagte der Poſtillon,„was ſoll ich nun thun?“ 1 „ Ihr müßt an Allem dem vorüberfahren“ „An Allem dem vorüberfahren, Madame? unmöglich. Man fährt nicht an der Dauphine vorüber.“ „Warum?“ „Weil es verboten iſt. Peſt! an den Pferden des Königs vorüberfahren! ich käme auf die Galeeren.“ „Höret, Freund, ordnet das, wie Ihr wollt, aber ich muß ſie überholen.“ 6.— 17* 260 „Sie gehören alſo nicht zur Escorte?“ fragte Gil⸗ bert, der bis jetzt die Carroſſe der jungen Frau für einen verſpäteten Wagen gehalten und in der ganzen Eile nichts Anderes geſehen hatte, als ein Verlangen, die Reihe wie⸗ der einzuholen. „Der Wunſch, ſich zu unterrichten, iſt gut,“ ant⸗ wortete die junge Dame,„Indiscretion taugt nichts.“ „Entſchuldigen Sie, Madame,“ verſetzte Gilbert erröthend. „Nun? was machen wir?“ fragte die Neiſende den Poſtillon. „Verdammt! wir bleiben hinter ihnen bis Vitry. Dort, wenn Ihre Hoheit anhält, bitten wir um Erlaub⸗ niß, vorüberfahren zu dürfen.“ „Ja, doch man wird ſich erkundigen, wer ich bin, und vernehmen... Nein, nein, das taugt nichts; ſuchen wir etwas anderes“ „Madame,“ ſprach Gilbert,„wenn ich Ihnen einen Rath zu geben wagte...“ „Thun Sie dies immerhin, mein Freund, wenn er gut iſt, wird man ihn befolgen.“ .„Man ſollte einen Seitenweg einſchlagen, der um Vitry führte, und ſo käme man vor die Frau Dauphine, ohne ſich gegen die Achtung verfehlt zu haben.“ 3„Das Kind ſpricht wahr!“ rief die junge Frau. „Poſtillon, gibt es keinen Seitenweg?“ „Um wohin zu gehen?“ „Wohin Ihr wollt, wenn wir nur die Frau Dau⸗ phine hinter uns laſſen.“ „Ahl ja wohl,“ ſagte der Poſtillon,„dort iſt die Straße von Marolle, welche ſich um Vitry windet und mit der Hauptſtraße in Lachauſſée wieder zuſammentrifft.“ „Bravo!“ rief die junge Frau,„das iſt gut.“ „Aber Madame weiß, daß ich die Poſt verdoppele, wenn ich dieſen Umweg mache,“ entgegnete der Poſtillon. „Zwei Louis d'or für Euch, wenn Ihr vor der Dauphine in Lachauſſée ſeid. 261 „Befürchtet Madame nicht, der Wagen könnte brechen?“ „Ich befürchte nichts. Bricht die Chaiſe, ſo ſetze ich meinen Weg zu Pferde fort.“ Und der Wagen wandte ſich rechts, verließ die Haupt⸗ ſtraße, gelangte auf einen Seitenweg mit tiefen Fahr⸗ geleiſen, und folgte einem Flüßchen mit bleichem Waſſer, baaſ zwiſchen Lachauſſee und Mutigny in die Marne wirft. Der Poſtillon hielt Wort, er that Alles, was Men⸗ ſchen möglich, um die Chaiſe zu zerbrechen, aber auch um anzukommen. Zwanzigmal wurde Gilbert auf ſeine Gefährtin ge⸗ merſen, welche auch zwanzigmal in die Arme von Gilbert fiel. Dieſer wußte artig zu ſein, ohne läſtig zu werden. Er wußte ſeinem Mund zu befehlen, nicht zu lächeln, während ſeine Augen der jungen Frau ſagten, ſie ſei ſehr hübſch. Die Vertraulichkeit entſteht raſch aus Stößen und aus der Einſamkeit. Nachdem man zwei Stunden auf dem Seitenwege gefahren war, kam es Gilbert vor, als kenne er ſeine Gefährtin ſeit zehn Jahren, und die junge Frau hätte geſchworen, ſie kenne Gilbert ſeit ſeiner Geburt. Gegen eilf Uhr erreichte man wieder die Hauptſtraße von Vitry nach Chalons. Ein Courrier, den man be⸗ fragte, gab zur Antwort, die Dauphine frühſtücke nicht nur in Vitry, ſondern ſie habe ſich ſo müde gefühlt, daß ſie ein paar Stunden ruhen werde. Er fügte bei, man habe ihn auf die nächſte Station vorausgeſchickt, um die Vorſpannbeamten außzufordern, ſich gegen drei oder vier Uhr Nachmittags bereit zu halten. 3 Dieſe Nachricht erfüllte die Reiſende mit Freude, ſie gab dem Poſtillon die zwei verſprochenen Lonis d'or und ſagte, ſich gegen Gilbert wendend: „Ahl bei meiner Treue, wir werden auf der nächſten Station auch zu Mittag ſpeiſen.“ 262 Doch es war entſchieden, daß Gilbert auf dieſer Station noch nicht ſpeiſen ſollte. KXLI. Worin man mit einer neuen Perſon Be⸗ kanntſchaft macht. Oben auf der Steige, welche die Poſtchaiſe eben hinanfuhr, erblickte man das Dorf Lachauſſée, wo umge⸗ ſpannt werden ſollte. Es war ein reizender Haufen ſtrohbedeckter Häuſer, welche nach der Laune der Bewohner mitten auf dem Wege, an der Ecke eines kleinen Gehölzes, in der Nähe einer Quelle und häufiger noch längs dem von uns er⸗ wähnten großen Bache ſtanden, über welchen vor jedem Hauſe Bruͤcken oder Bretter geworfen waren. Doch für den Augenblick war das Merkwürdigſte dieſes hübſchen Dörfchens ein Mann, der, den Bach ab⸗ wärts, mitten auf der Straße aufgepflanzt, als hätte er den Befehl von einer höheren Macht erhalten, ſeine Zeit damit hinbrachte, daß er bald die Landſtraße mit den Au⸗ gen verfolgte, bald mit dem Blicke einen herrlichen Schim⸗ mel mit langer Mähne unterſuchte, der, an den Laden einer Hütte gebunden, die Bretter durch ein Zerren mit dem Kopfe erſchütterte und eine Ungeduld ausdrückte, welche den Sattel, den er auf dem Rücken trug, entſchul⸗ digen zu ſollen ſchien; denn dieſer Sattel offenbarte, daß er in Erwartung ſeines Herrn hier ſtand. Wie geſagt, müde, vergeblich die Straße entlang zu ſchauen, näherte ſich der Fremde von Zeit zu Zeit dem Pferde, unterſuchte es als Kenner„ſtrich ihm mit geübter Hand über das fleiſchige Kreuz oder drückte mit dem Ende ſeiner Finger die ſchlanken Beine. Wenn er ſodann den Fußtritt vermieden hatte, den bei jedem Verſuche dieſer — 263 Art das ungeduldige Thier ausſchleuderte, kehrte er auf ſein Obſervatorium zurück und überſchaute die immer noch verlaſſene Landſtraße. Als er noch nichts kommen ſah, klopfte er endlich an den Laden. 4 „Hollah! Ihr Leute!“ rief er. „Wer klopft?“ fragte eine männliche mme. Und der Laden öffnete ſich. 1 „Mein Freund,“ ſagte der Fremde,„wenn Ihr Euer Pferd verkaufen wollt, ſo iſt der Käufer gefunden.“ „Sie ſehen wohl, daß kein Strohwiſch am Schweife hängt,“ antwortete den Laden wieder ſchließend eine Art von Bauern. Dieſe Antwort ſchien den Fremden nicht zu befriedi⸗ gen, denn er klopfte zum zweiten Male. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und kräftig, mit rother Geſichtshaut, blauem Barte und knorriger Hand unter einer großen Spitzenmanchette. Er trug einen galonnirten Hut ſchief aufgeſetzt, nach der Mode der Provinzofficiere, welche die Pariſer erſchrecken wollen Er klopſte zum dritten Male und ſagte ſodann un⸗ geduldig werdend: „Wißt Ihr, daß Ihr gar nicht höflich ſeid, mein Lieber, und daß ich Euern Laden ſogleich einſtoßen werde, wenn Ihr ihn nicht öffnet?“ Der Laden öffnete ſich wieder bei dieſer Drohung und daſſelbe Geſicht erſchien. „Wenn man Ihnen aber ſagt, daß das Pferd nicht verkäuflich iſt,“ erwiederte zum zweiten Male der Bauer. „Was Teufels! das muß Ihnen genügen!“ t fLun wenn ich Euch ſage, daß ich eines Läufers be⸗ arf!“ „Wenn Sie eines Läufers bedürfen, ſo gehen Sie auf die Poſt. Es ſind dort ſechzig aus den Ställen Sei⸗ ner Majeſtät und Sie haben die Wahl. Doch laſſen Sie das Pferd der Perſon, die r eines beſitzt.“ „Und ich wiederhole Euch, daß ich dieſes haben will.“ „Kein ſchlechter Geſchmack, ein arabiſches Pferd.“ „Ein Grund mehr, daß es mich gelüſtet, es zu kaufen.“ „Es iſt wögli„ daß es Sie gelüſtet, dieſes Pferd zu kaufen, doch leider iſt es nicht verkäuflich.“ „Wem gehört es denn?“ „Sie ſind ſehr neugierig!“ „Und Du biſt ſehr ſchweigſam.“ „Nunl! es gehört einer Perſon, die bei mir wohnt und dieſes Thier liebt, wie ſie nur ein Kind lieben könnte.“ „Ich will mit dieſer Perſon ſprechen.“ „Sie ſchläft.“ „Iſt es ein Mann oder eine Frau?“ „Es iſt eine Frau.“ „Nun, ſo ſage der Frau, wenn ſie fünfhundert Piſtolen nöthig habe, ſo werde man ſie ihr für dieſes Pferd geben.“ „Oh! oh!“ rief der Bauer, die Augen weit aufſper⸗ rend,„Aufhunden Piſtolen, das iſt ein hübſcher Pfennig.“ „Füge bei, wenn Du willſt, der König hat Luſt zu dieſem Thiere.“ „Der König?“ „In Perſon.“ „Gehen Sie doch, Sie ſind wohl nicht der König.“ „Nein, aber ich vertrete ihn.“ „Sie vertreten den König?“ ſprach der Bauer, ſeinen Hut abnehmend. G„Mach' geſchwinde, Freund, der König habe große Eile.“ Und der Hercules warf einen beobachtenden Blick auf die Landſtraße. „Seien Sie unbeſorgt,“ ſagte der Bauer,„wenn die Dame aufgewacht iſt, werde ich ihr zwei Worte zuflüſtern.“ „Ja, aber ich habe nicht Zeit, zu warten, bis ſie aufgewacht iſt.“ „Was iſt dann zu thun? — — —,— 265 „Parbleu! wecke ſie auf.“ „Oh mein Herr, niemals.“ „Nun, ſo werde ich ſie ſelbſt aufwecken. Warte, warte.“ Und der Mann, der Seine Majeſtät zu vertreten vor⸗ gab, ging näher hinzu, um mit einer langen Neitpeitſche mit ſilbernem Knopfe an einen oberen Laden zu klopfen. Doch die bereits erhobene Hand ſenkte ſich wieder, ohne nur an dem Laden anzuſtreifen, denn in demſelben Augenblick gewahrte er eine Chaiſe, welche im letzten Trabe von drei erſchöpften Pferden herbeifuhr. Das geübte Auge des Fremden erkannte ſogleich die Felder des Wagens und er eilte ihm mit einem Laufe entgegen, der dem arabiſchen Pferde, nach deſſen Beſitz er trachtete, Ehre gemacht hätte. Dieſer Wagen war die Poſtchaiſe, welche die Rei⸗ ſende, den Schutzengel von Gilbert, führte. Als der Poſtillon den Mann ſah, der ihm Zeichen machte, war er, da er nicht wußte, ob ſeine Pferde noch bis zur Station gehen könnten, entzückt, anhalten zu dürfen. „Chon, meine gute Chon! biſt Du es endlich? Guten Morgen! guten Morgen!“ „Ich ſelbſt, Jean,“ antwortete die Reiſende, welche mit dieſem ſeltſamen Namen angerufen wurde,„was machſt Du da?“ „Bei Gott! eine ſchöne Frage, ich warte.“ Und der Hercules ſprang auf den Fußtritt, umfaßte durch die Oeffnung des Kutſchenſchlages die junge Frau mit ſeinen langen Armen und bedeckte ſie mit Küſſen. Plötzlich erblickte er Gilbert, der keine von den Be⸗ iehungen kannte, welche zwiſchen dieſen zwei neuen Per⸗ a beſtanden, die wir in Scene geſetzt haben, und ein ſo verdrießliches Geſicht machten, wie ein Hund, dem man einen Knochen wegnimmt. ¹ „Halt,“ ſagte er,„was haſt Du da aufgeleſen?“ „Einen äußerſt veluſtigenden kleinen Philoſophen,“ antwortete Mademoiſelle Chon, hm f im Geringſten 266 darum zu bekümmern, ob ſie ihren Schützling dadurch verletzte, oder ihm ſchmeichelte. „Und wo haſt Du ihn gefunden?“ „Auf der Landſtraße. Doch es handelt ſich nicht um dieſes.“ 4 „Es iſt wahr,“ antwortete derjenige, welchen man Jean nannte.„Nun, unſere alte Gräfin von Bearn?“ „Das iſt abgemacht.“ „Wie, es iſt abgemacht?“ „Ja, ſie wird kommen.“ „Sie wird kommen?“ „Ja, ja, ja,“ machte Mademoiſſelle Chon mit dem Kopfe. Dieſe Scene ging immer vom Fußtritt zum Kiſſen der Chaiſe vor. „Was haſt Du ihr denn erzählt?“ fragte Jean. „Ich wäre die Tochter ihres Advokaten, des Meiſter Flageot, ich käme durch Verdun und hätte den Auftrag, ihr von meinem Vater zu melden, daß ihr Prozeß in das Regiſter eingetragen werde.“ 3 „Das iſt Alles?“ „Ja, doch ich fügte bei, die Einregiſtrirung mache ihre Gegenwart in Paris unerläßlich.“ „Was that ſie ſodann?“ „Sie riß ihre grauen Augen weit auf, ſchlürfte ihren Tabak, behauptete, Meiſter Flageot ſei der erſte Mann der Welt, und gab Befehle zu ihrer Abreiſe.“ „Das iſt herrlich, Chon! Ich mache Dich zu meinem außerordentlichen Botſchafter. Wollen wir nun früh⸗ ſtücken?“ „Allerdings, denn dieſes unglückliche Kind ſtirbt vor Hunger; doch geſchwinde, nicht wahr?“ „Warum denn?“— „Weil man dort kommt!“ „Die alte Prozeßkrämerin! bah! wenn wir ihr nur zwei Stunden voran ſind und Zeit haben, mit Herrn von Maupeon zu ſprechen.“ —p — —* 267 „Nein, die Dauphine!“ „Bahl die Dauphine muß noch in Nancy ſein.“ „Sie iſt in Vitry.“ „Drei Stunden von hier 2 „Nicht mehr, nicht weniger.“ „Teufel, das verändert die Sache! vorwärts, Poſtil⸗ lon! vorwärts!“ „Wohin, mein Herr?“ „Nach der Poſt.“ „Steigt der Herr ein, oder ſteigt er ab?“ „Ich bleibe wo ich bin. Vorwärts!“ Der Wagen entfernte ſich, den Reiſenden auf dem Fußtritte fortführend; fünf Minuten nachher hielt er vor dem Poſthauſe an. „Raſch, raſch, raſch,“ ſagte Chon,„Cotelettes, ein Huhn, Eier, eine Flaſche Burgunder, was es gerade gibt; wir müſſen auf der Stelle wieder abreiſen.“ 4 „Verzeihen Sie, Madame,“ ſprach der Poſtmeiſter auf ſeine Schwelle tretend, wenn Sie ſogleich wieder abreiſen wollen, ſo müſſen Sie es mit Ihren Pferden thun.“ 4 „Wie!l mit unſern Pferden?“ verſetzte Jean, ſchwer⸗ fällig von dem Fußtritte herabſpringend. „Ja, gewiß, oder mit denjenigen, die Sie gebracht haben.“ „Nein,“ ſagte der Poſtillon,„ſie haben bereits eine doppelte Station gemacht, ſehen Sie nur den Zuſtand dieſer armen Thiere an.“ „Ohl wahrlich,“ rief Chon,„ſie können unmöglich weiter gehen.“ „Aber wer hindert Sie, mir friſche Pferde zu geben?“ „Ich habe keine mehr.“ „Ei, Sie müſſen haben... den Teufel, das iſt Vorſchriſt.“ „Mein Herr, die Vorſchrift verpflichtet mich, fünfzehn Pferde im Stall zu haben.“ „Nun? 268 „Ich habe achtzehn.“ „Das iſt mehr, als ich verlange, denn ich brauche nur drei“ „Ganz gut, aber ſie ſind auswärts.“ „Alle achtzehn?“ 3 „Alle achtzehn.. „Fünfundzwanzig Donner!“ fluchte der Reiſende. „Vicomte! Vicomte! rief die junge Frau. „Ja, ja,“ ſagte der Prahler,„ſei unbeſorgt, man wird ſich mäßigen. Und wann kommen Ihre Roſſe zurück?“ fuhr er, ſich an den Poſtmeiſter wendend, fort. „Verdammt! gnädiger Herr, ich weiß es nicht; das hängt von den Poſtillons ab; vielleicht in einer Stunde, vielleicht in zwei.“ „Sie wiſſen, Meiſter,“ ſprach der Vicomte Jean, in⸗ dem er ſeinen Hut auf das linke Ohr drückte und ſein rechtes Bein bog,„Sie wiſſen, oder Sie wiſſen nicht, daß ich nie ſcherze.“ „Ich bin darüber in Verzweiflung, denn es wäre mir lieber, die Laune des Herrn neigte ſich zum Scherzen.“ „Man ſpanne raſch ein, vorwärts, oder ich ärgere mich,“ ſagte Jean. „Kommen Sie mit mir in den Stall, mein Herr, und wenn Sie ein einziges Pferd an der Raufe finden, gebe ich es Ihnen umſonſt.“ „Duckmäuſer, und wenn ich ſechzig finde?“ „Das iſt gerade, als ob Sie nur eines finden wür⸗ den, mein Herr, inſofern dieſe ſechzig Pferde Seiner Ma⸗ jeſtät gehören.“ „Nun?“ „Man vermiethet dieſe nicht.“ „Warum ſind ſie denn hier?“ „Für den Dienſt der Frau Dauphine.“ „Wie! ſechzig Pferde an der Krippe und nicht eines für mich?“ „Bei Gott! Sie begreifen wohl...“ „Ich begreife nur, daß ich Eile habe.“ — . 269— „Das iſt ärgerlich.“ „Und,“ fuhr der Reiſende fort, ohne ſich um die Un⸗ terbrechung des Poſtmeiſters zu bekümmern,„und da die Frau Dauphine erſt dieſen Abend hier ſein wird...“ „Sie ſagen?“— verſetzte der Poſtmeiſter ganz beſtürzt. „Ich ſage, daß die Pferde vor der Ankunft der Frau Dauphine zurückgekehrt ſein werden.“ „Mein Herr,“ rief der arme Mann,„ſollten Sie zufällig die Prätention haben 24— „Bei Gott!“ ſagte der Vicomte, während er unter den Schoppen trat,„ich werde mich wohl geniren; wart „Aber mein Herr...“ „Nur drei. Ich verlange nicht acht Pferde, wie die Königlichen Hoheiten, obgleich ich das Recht dazu habe .. wenigſtens durch Verbindung; nein, drei genügen mir.“ 3 „Doch Sie werden nicht eines bekommen,“ rief der Poſtmeiſter und ſtürzte zwiſchen die Pferde und den Fremden. „Lümmel!“ ſagte der Vicomte vor Zorn erbleichend, „weißt Du, wer ich bin?“ „Vicomte,“ rief die Stimme von Chon,„Vicomte, im Namen des Himmels, keinen Scandal!“ 3 „Du haſt Recht, meine gute Chon, Du haſt Recht.“ Dann nach kurzem Nachdenken: „Vorwärts, keine Worte, zur Sache.“ Und er wandte ſich mit der höflichſten Miene zum Wirthe um und ſagte: „Mein lieber Freund, ich will Ihre Verantwortlich⸗ keit ſicher ſtellen.“ 1 „Wie dies?“ fragte der Wirth, trotz des freundlichen Geſichtes, das er bei dem Vicomte wahrnahm, nur wenig beruhigt. „Ich werde mich ſelbſt bedienen. Hier ſind drei Pferde von vollkommen gleichem Wuchſe. Ich nehme Sie.“ „Wie! Sie nehmen Sie?“ „Ja.“* . K 270 „Und Sie nennen das meine Verantwortlichkeit ſicher ſellen? „Allerdings. Sie haben mir die Pferde nicht gegeben, man hat ſie Ihnen genommen.“ „Aber ich ſage Ihnen, daß dies unmöglich iſt.“ „Stille, wo ſind die Geſchirre?“ „Niemand rühre ſich!“ ſchrie der Poſtmeiſter den Stallknechten zu, welche im Hof und unter dem Schoppen umhergingen. „Ah!l Burſche!“ „Jean! mein lieber Jean!“ rief Chon, die durch die Oeffnung des großen Thores Alles, was vorging, ſah und hörte.„Keine ſchlimme Geſchichte, mein Freund! bei einer Sendung muß man zu ertragen wiſſen.“ „Alles mit Ausnahme der Zögerung,“ ſagte Jean mit ſeinem ſchönſten Phlegma;„da es mich aufhalten würde, wenn ich warten wollte, bis dieſe Schufte mich unterſtützten, ſo werde ich das Geſchäft ſelbſt verſehen.“ Und die That mit der Drohung verbindend, machte Jean drei Geſchirre hinter einander von der Mauer los und legte ſie auf den Rücken von drei Pferden. „Ich bitte, Jean,“ rief Chon, die Hände faltend, „ich bitte.“ „Willſt Du ankommen, oder nicht ankommen?“ ver⸗ ſetzte der Vicomte und knirſchte mit den Zähnen. „Ich will allerdings ankommen! Alles iſt verloren, wenn wir nicht eintreffen.“ „Nun, ſo laß mich machen.“ Und der Vicomte trennte von den andern Pferden die drei Thiere, die er gewählt, und die nicht die ſchlechteſten waren, und ging, ſie nach ſich ziehend, auf die Chaiſe zu. „Bedenken Sie, mein Herr, bedenken Sie,“ rief der Poſtmeiſter, Jean folgend;„es i*ſt ein Majeſtätsverbrechen, dieſe Pferde zu ſtehlen.“ 4 „Ich ſtehle ſie nicht, Dummkopf, ich entlehne ſie nur.“ Der Poſtmeiſter ſtürzte nach den Zügeln; doch ehe er ſie berührt, hatte ihn der Fremde heftig zurückgeſtoßen. * 1 3 — —— 271 „Mein Bruder! mein Bruder!“ rief Mademoi⸗ ſelle Chon. „Ahl es iſt ihr Bruder,“ murmelte Gilbert im Hin⸗ tergrunde des Wagens und athmete nun wieder freier. In dieſem Augenblick öffnete ſich 3 ſter, gerade der Thüre des Poſthauſes gegenüber, auf der andern Seite der Straße, und der bewunderungswürdige Kopf einer Frau zeigte ſich an demſelben; dieſe ſchien ganz erſchrocken über das Geräuſch, das ſie hörte. „Ahl Sie ſind es, Madame,“ ſagte Jean, das Ge⸗ ſpräch verändernd. „Wie! ich?“ entgegnete die junge Frau in ſchlech⸗ tem Franzöſiſch. „Sie ſind endlich erwacht, deſto beſſer. Wollen Sie Ihr Pferd an mich verkaufen?“ „Mein Pferd?“ „Ja, den Schimmel, den Araber, der dort an den Laden gebunden iſt. Sie wiſſen, daß ich fünfhundert Piſtolen dafür biete.“ „Mein Pferd iſt nicht zu verkaufen,“ antwortete die junge Frau und ſchloß ihr Fenſter wieder. „Ich habe heute kein Glück,“ ſagte Jean,„man will weder Pferde an mich verkaufen, noch vermiethen. Corbleu! ich nehme den Araber, wenn man ihn nicht an mich ver⸗ kauft, und bringe die Mecklenburger um, wenn man ſie nicht an mich vermiethet. Hierher, Patrice.“ Der Lackei des Reiſenden ſprang vom Bocke zur Erde. „Spanne an,“ ſagte Jean zu dem Lackei. „Herbei, Knechte! herbei!“ ſchrie der Wirth. Zwei Stallknechte liefen herbei.— „Jean! Vicomte!“ rief Mademoiſelle Chon, die ſich im Wagen heftig geberdete und vergebens den Schlag zu öffnen ſuchte.„Du biſt ein Narr! Du wirſt machen, daß wir in Stucke gehauen werden.“ „Uns in Stücke hauen! wir werden hoffentlich in Stucke hauen. Wir ſind drei gegen drei. Auf, junger Philoſoph,“ rief Jean mit voller Lunge Gilbert zu, der 4 ——ÿÿy 8. 272 ſich nicht Kührte, ſo groß war ſeine Beſtürzung.„Auf, zu Boden! zu Boden! und mit irgend etwas geſpielt, ſei es mit dem Stocke, ſei es mit Steinen, ſei es mit der Fauſt. Ausge ies gen, Mord und Teufel, Sie ſehen aus wie ein Heiliger von Gyps.“ Gilbe ragte mit einem zugleich unruhigen und flehenden Auge ſeine Beſchützerin, die ihn am Arme zurückhielt. Der Poſtmeiſter ſchrie ſich beinahe den Hals ab und zerrte auf einer Seite an den Pferden, während Jean auf der andern zog. Dieſes Trio machte das traurigſte, geräuſchvollſte Concert. 2 Endlich ſollte der Kampf ſein Ziel finden. Des Streitens müde, grimmig, außer ſich, brachte der Vicomte Jean dem Vertheidiger der Pferde einen ſo heftigen Fauſtſchlag bei, daß dieſer mitten unter erſchrockene Enten und Gänſe in eine Lache ſiel. „Zu Hülfe!“ rief der Wirth,„Mörder! Räuber!“ Mittlerweile ſpannte der Vicomte, der den Werth der Zeit zu kennen ſchien, haſtig ein. 3 3 „Zu Hülfe! Mörder! Räuber! zu Hülfe! im Namen des Königs!“ fuhr der Wirth fort, bemüht, ſeine zwei beſturzten Knechte um ſich zu ſammeln. „ Wer verlangt Hülfe im Namen des Königs!“ rief plötzlich ein Reiter, der im Galopp in den Poſthof ſprengte und gerade Lor den Schauſpielern dieſer Seene ſein von Schweiß triefendes Pferd anhielt. „Herr Philipp von Taverney!“ murmelte Gilbert und kauerte ſich tiefer als je in den Hintergrund des Wagens. Chon, der nichts entging, hörte dieſen Namen. —— »„