“ 4 ¹ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 3 offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..* 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für itchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der eſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 7. Ausleihezeit. Dieſelbe t auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——;—;—;—;--——— . — — -.— ————= N —— Sämmtliche Werke von Alerxandre Yumas. von Dr. Auguſt Zoller. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1847. 8 G 5 * Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. (Epiſode von 1793.)* Von Alerandre NDumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Foller. 5— 8. Bändchen(Schluß). —— Stuttg art. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1847. — XXVI. Black. 4 Der Municipal entfernte ſich, um ſeine legen zu rufen und das von den abgehenden Municipalen zurück⸗ gelaſſene Protokoll zu leſen. Die Königin blieb allein mit ihrer Schwägerin und ihrer Tochter. Alle drei ſchauten ſich an. Madame Royale warf ſich in die Arme der Königin und hielt ſie umfangen. Madame Eliſabeth näherte ſich ihrer Schwägerin und reichte ihr die Hand. „Beten wir zu Gott,“ ſprach die Königin;„doch beten wir ſo, daß Niemand vermuthet, wir beten.“ Es gibt unſelige Zeiten, wo das Gebet, dieſe na⸗ tuͤrliche Hymne, welche Gott in den Grund des menſch⸗ lichen Herzens gelegt hat, in den Augen der Menſchen verdächtig wird, denn das Gebet iſt ein Akt der Hoffnung oder der Dankbarkeit. In den Augen ihrer Wächter war aber die Hoffnung oder die Dankbarkeit der Königin eine Urſache zur Unruhe, weil die Königin nur Eines hoffen konnte, die Flucht, weil die Königin Gott nur fuͤr Eines danken konnte, dafür, daß er ihr die Mittel zur Fiucht gegeben. Nachdem dieſes Gebet im Innern vollendet war, blie⸗ ben alle Drei ohne ein Wort zu ſprechen. Es ſchlug drei Viertel auf zwölf Uhr, dann zwölf Uhr. In dem Augenblick, wo der letzte Schlag unter dem ehernen Schlägel erſcholl, fing ein Waffengeklirre an die 8* 8 Wendeltreppe zu erfüllen und bis zu der Königin herauf⸗ zuſteigen. 4 „Es⸗find die Wachen, die man ablöſt,“ ſagte ſie. „Man wird kommen und uns holen.“ Sie ſah, daß ihre Schwägerin und ihre Tochter er⸗ bleichten. „Muth,“ ſprach ſie, ebenfalls erbleichend. „Es iſt Mittag,“ rief man von unten.„Laßt die* Gefangelten herabgehen.“ „Wiſind hier, meine Herren,“ antwortete die Kö⸗ nigin, welche in einem Gefühle, in das ſich beinahe Be⸗ dauern miſchte, mit einem letzten Blick die ſchwarzen Mauern betrachtete und von den Geräthſchaften, dieſen, wenn nicht gerade groben, doch wenigſtens einfachen Ge⸗ fährten ihrer Gefangenſchaft, Abſchied nahm. Die erſte Pforte öffnete ſich, ſie ging auf den Cor⸗ ridor. Der Corridor war düſter und in der Dunkelheit konnten die drei Gefangenen ihre Aufregung verbergen. Der kleine Black ging voraus; als man aber an die zweite Pforte, das heißt an die Thüre gekommen war, von der Marie Antoinette ihre Augen abzuwenden ſuchte, drückte das treue Thier ſeine Schnauze auf die breitköpfi⸗ gen Nägel und ließ nach mehreren kläglichen Schreien ein ſchmerzliches, lange ausgedehntes Stöhnen hören. Die Königin ging raſch vorüber, ohne daß ſie die Kraft hatte, ihren Hund zurückzurufen, und indem ſie die Wand ſuchte, um ſich daran zu ſtützen. 85 Nachdem ſie ein paar Schritte gemacht, verſagten der Königin ihre Beine den Dienſt und ſie war genöthigt, ſtille zu ſtehen. Ihre Schwägerin und ihre Tochter nä⸗ herten ſich ihr; die drei Frauen blieben einen Augenblick unbeweglich und bildeten eine ſchmerzliche Gruppe, wobei b Mußer ihre Stirne auf den Kopf von Madame Royale ützte. 8 Der kleine Black holte ſie wieder ein. „Nun,“ rief die Stimme,„kommen Sie herab oder kommen Sie nicht herab?“ 9 „Hier ſind wir,“ ſprach der Municipal, der dieſen in ſeiner Einfachheit ſo großen Schmerz ehrend ſtehen geblieben war. „Vorwärts,“ ſagte die Königin. Und ſie ſtieg vollends hinab. Als die Gefangenen unten an die Wendeltreppe vor die letzte Thüre kamen, der Pforte gegenüber, unter der die Sonne breite, goldene Lichtſtreifen zog, ließ i den „ ler ein Raſſeln hören, das die Wache zuſammenrief, Dann trat ein tiefes Stillſchweigen, durch die Neugierk weran⸗ laßt, ein, und die ſchwere Pforte öffnete ſich langſam, auf ihren kreiſchenden Angeln rollend. Eine Frau ſaß auf dem Boden, oder lag vielmehr in dem Winkel des Eckſteines, der an dieſe Pforte ſtieß. Es war die Tiſon, welche die Königin ſeit vier und zwan⸗ zig Stunden nicht geſehen hatte, eine Abweſenheit, die wiederholt am Abend des vorhergehenden Tages und am Morgen dieſes Tages ihr Staunen erregte. Die Königin ſah bereits den Tag, die Bäume, den Garten, und jenſeits der Schranke, welche dieſen Garten ſchloß, ſuchte ihr gieriges Auge die kleine Hutte der Wein⸗ ſchenke, wo ihre Freunde ohne Zweifel ihrer harrten, als bei dem Geräuſch ihrer Tritte die Tiſon ihre Hände zu⸗ rückzog und die Königin ein bleiches, unter den ergrauen⸗ den Haaren gebrochenes Geſicht erblickte. 3 Die Veränderung war ſo groß, daß die Königin er⸗ ſtaunt ſtille ſtand. Mit der Langſamkeit der Leute, bei denen die Ver⸗ nunft mangelt, kniete die Tiſon ſodann vor dieſe Thüre und verſperrte Marie Antoinette den Durchgang. „Was wollen Sie, gute Frau?“ fragte die Königin. „Er hat geſagt, Sie müßten mir vergeben.“ „Wer dies?“ „ Der Mann mit dem Mantel,“ antwortete die Tiſon. Die Königin ſchaute Madame Eliſabeth und ihre Tochter voll Erſtaunen an. „Geht, geht,“ ſprach der Municipal,„laßt die Witwe 10 Suh vorüber, ſie hat Erlaubniß, im Garten ſpazieren zu gehen.“ „Ich weiß es wohl,“ ſprach die Alte,„und ich bin gekommen, um ſie hier zu erwarten: da man mich nicht zu ihr hinauflaſſen wollte und ich ſie um Verzeihung zu bitten hatte, ſo mußte ich ſie erwarten.“ „Warum wollte man Sie nicht hinaufgehen laſſen?“ fragte die Königen. Die Tiſon lachte und erwiederte: 2, ſie behaupten, ich ſei närriſch.“ Die Königin ſchaute ſie an und ſah wirklich in den irren Augen dieſer Unglücklichen jenen ſeltſamen Refler glänzen, welcher die Abweſenheit des Geiſtes andeutet. „O mein Gott!“ ſprach ſie,„arme Frau, was iſt Ihnen denn begegnet?“ „Es iſt mir begegnet... wiſſen Sie denn nicht?“ erwiederte die Frau;„doch wohl, Sie wiſſen es, da ſie Ihretwegen verurtheilt worden iſt.“ „Wer?“ „Heloiſe.“ „Ihre Tochter?“ „Ja ſie.. meine arme Tochter!“ „Berurtheilt... Durch wen? wie? warum?“ „Weil ſie den Strauß verkauft hat...4 „Was für einen Strauß 2 „Den Nelkenſtrauß... Sie iſt doch kein Sträußer⸗ mädchen,“ ſagte die Tiſon, als ob ſie ihre Erinnerungen zu ſammeln ſuchte,„wie konnte ſie dieſen Strauß ver⸗ kaufen?“. 4 Die Königin bebte. Ein unſichtbares Band verknüpfte dieſe Scene mit der gegenwärtigen Lage; ſie begriff, daß ſie keine Zeit mit einem unnützen Geſpräche verlieren durfte. „Meine gute Frau,“ ſagte ſie,„ich bitte, laſſen Sie mich vorbei, Sie werden mir ſpäter Alles dies erzählen.“ „Nein, auf der Stelle, Sie müſſen mir verzeihen; ich muß Ihnen fliehen helfen, damit er meine Tochter dettet... * 11 Die Königin wurde bleich wie eine Todte. „Mein Gott!“ murmelte ſie, die Augen zum Him⸗ mel aufſchlagend. Dann wandte ſie ſich an den Municipal und ſprach: „Mein Herr, haben Sie die Güte, dieſe Frau zu entfernen; Sie ſehen wohl, daß ſie wahnſinnig iſt.“ „Vorwärts, vorwärts, Mutter, Platz gemacht,“ rief der Municipal. 4 Doch die Tiſon klammerte ſich an die Waſ an. „Nein,“ rief ſie,„ſie muß mir vergeben, damit er meine Tochter rettet.“ „Wer das?“ „Der Mann mit dem Mantel.“ „Meine Schweſter,“ ſagte Madame Eliſabeth,„ſpre⸗ chen Sie ein paar Worte des Troſtes zu ihr.“ „Ohl ſehr gern,“ verſetzte die Königin.„In der That, ich glaube, das wird das Kürzeſte ſein.“ Dann ſich gegen die Wahnſinnige umwendend: „Gute Frau, was wünſchen Sie?“ „Ich wünſche, daß Sie mir alle Leiden vergeben, die ich Ihnen durch die Beleidigungen, welche ich Ihnen angethan, und durch die Anzeigen, die ich gemacht, berei⸗ tet habe, und daß Sie, wenn Sie den Mann mit dem Mantel ſehen, ihm befehlen, meine Tochter zu retten, weil er Alles thut, was Sie wollen.“ „Ich weiß nicht, was Sie mit dem Mann im Man⸗ tel ſagen wollen,“ entgegnete die Königin;„doch wenn es ſich nur darum handelt, daß Sie zur Beruhigung Ihres Gewiſſens Vergebung der Beleidigungen erlangen, die Sie mir angethan zu haben glauben, ohl ſo vergebe ich Ihnen aufrichtig und aus der Tiefe meines Herzens, arme Frau; möchten diejenigen, welche ich beleidigt habe, mir ebenſo verzeihen.“ „Oh!“ rief die Tiſon in einem Tone unausſprech⸗ licher Freude,„nun da Sie mir vergeben haben, wird er meine Tochter retten. Ihre Hand, Madame, Ihre Hand!" 12 Die Königin reichte erſtaunt und ohne zu begreifen, was dies bedeuten ſollte, der Tiſon die Hand, dieſe faßte ſie gierig und drückte ihre Lippen darauf. In dieſem Augenblicke ließ ſich die heiſere Stimme eines Colporteur im Temple hören. „Hier iſt zu haben der Spruch des Gerichtes, das die Tochter Heloiſe Tiſon zur Todesſtrafe wegen des Ver⸗ brechens der Verſchwörung verurtheilt,“ rief er. Kaum hatten dieſe Worte das Ohr der Tiſon be⸗ rührt, als ſich ihr Geſicht gleichſam zerſetzte; ſie erhob ſich auf ein Knie und ſtreckte die Arme aus, um der Kö⸗ nigin den Weg zu verſperren. „Oh, mein Gott!“ murmelte die Königin, welche kein Wort von der furchtbaren Verkündigung verloren hatte. „Zur Todesſtrafe verurtheilt,“ rief die Mutter,„meine Tochter verurtheilt! meine Heloiſe verloren! Er hat ſie alſo nicht gerettet, und kann ſie nicht retten; es iſt alſo zu ſpät. Oh!“ „Arme Frau,“ ſprach die Königin,„glauben Sie mir, daß ich Sie beklage.“ „Du?“ ſagte die Tiſon, deren Augen Ptssih en 44 Blut unterlaufen waren.„Du beklagſt mich? nie! „Sie täuſchen ſich, ich beklage Sie von ganzem Herzen, doch laſſen Sie mich vorüber.“ „Dich vorüber laſſen?“ rief die Tiſon und brach in ein Gelächter aus.„Nein! nein! ich ließ Dich fliehen, weil er mir geſagt hatte, wenn ich Dich um Verzeihung bäte und fliehen ließe, ſo würde meine Tochter gerettet werden; doch da meine Tochter verurtheilt iſt, da meine Tochter ſterben ſoll, ſo wirſt Du nicht entkommen.“ „Herbei, meine Herren, kommen Sie mir zu Hülfe,“ rief die Königin.„Mein Gott! mein G Sie ſehen wohl, daß ſie wahnſinnig iſt.“ „Nein, ich bin nicht wahnſinnig, nein, ich weiß, was ich ſage,“ rief die Tiſon.„Sehen Sie, es iſt wahr, es fand eine Verſchwörung ſtatt, Simon hat ſie entdeckt. Meine Tochter, meine arme Tochter verkaufte den Strauß. 3 f deren Wahnſinn ſich von Augenblick zu A 13 Sie hat es vor dem Revolutionstribunal zugeſtanden, es war ein Nelkenſtrauß und in den Blumen ſtaken Papiere“ „Madame,“ ſprach die Königin,„im Namen des Himmels.“ Man hörte abermals die Stimme des Ausrufers, welcher wiederholte: „Hier iſt zu haben der Spruch des Gerichts, das die Tochter, Heloiſe Tiſon, wegen des Verbrechens der Ver⸗ ſchwörung zum Tode verurtheilt.“ „Hörſt Du es,“ brüllte die Wahnſinnige, um welche ſich die Nationalgarden gruppirten.„Hörſt Du es, zum Tode verurtheilt! Deinetwegen, Deinetwegen wird man meine Tochter tödten! hörſt Du es, Deinetwegen, Oeſter⸗ reicherin?“ „Meine Herren,“ ſprach die Königin,„ich bitte Sie im Namen des Himmels, wenn Sie mich nicht von dieſer armen Wahnſinnigen befreien wollen, ſo laſſen Sie mich wieder hinaufgehen, ich kann die Vorwürfe dieſer Frau nicht ertragen: ſie brechen mir das Herz, ſo ungerecht ſie auch ſind.“ Und die Königin wandte den Kopf ab und ſchluchzte ſchmerzhaft. „Ja, ja, weine, Heuchlerin,“ rief die Wahnſinnige, „weine, Dein Strauß kommt ſie theuer zu ſtehen; übri⸗ Pus mußte ſie das vermuthen, denn ſo ſterben Alle, die ir dienen. Du bringſt Unglück, Oeſterreicherin: man hat Deine Freunde, Deinen Gatten, Deine Vertheidiger getödtet, und endlich tödtet man auch meine Tochter. Wann wird man Dich denn ebenfalls tödten, damit Nie⸗ mand mehr für Dich ſtirbt?“ Die Unglückliche brüllte dieſe letzten Worte und be⸗ gleitete ſie mit einer drohenden Geberde. Die Königin verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Unglückliche!“ ſagte Madame Eliſabeth,„vergiſſeſt Du, daß diejenige, mit welcher Du ſprichſt, die Königin iſt?“ „Die Königin! ſie die Königin!“ rief die Tiſon, ablick ſteigerte; 14 „wenn es die Königin iſt, ſo verbiete ſie den Henkern, meine Tochter zu tödten... ſie begnadige meine arme Heloiſe... die Könige begnadigen... Auf! gib mir mein Kind zurück, und ich werde Dich als Königin anerkennen... bis dahin biſt Du nur eine Frau, und zwar eine Frau, welche Unglück bringt, eine Frau, welche tödtet!..“ „Ah! haben Sie Mitleid, Madame,“ rief Marie Antoinette;„ſehen Sie meinen Schmerz, ſehen Sie meine Thränen...“ Nachdem ſie ſo geſprochen, ſuchte Marie Antoinette vorüberzugehen, nicht mehr in der Hoffnung, zu fliehen, ſondern maſchinenmäßig und um dieſer furchtbaren Be⸗ ſeſſenheit zu entgehen. Ohl Du kommſt nicht vorbei,“ brüllte die Alte;„Du willſt fliehen, Madame Veto... ich weiß es wohl, der Mann mit dem Mantel hat es mir geſagt; Du willſt zu den Preußen... Du ſollſt nicht fliehen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an den Rock der Königin anklammerte;„ich werde Dich daran verhindern, ich! an die Laterne mit Madame Veto! zu den Waffen, Bürger! Vorwärts... daß ein unreines Blut...“ Und die Arme gekrümmt, die grauen Haare zerſtreut, das Geſicht purpurroth, die Augen ganz mit Blut unter⸗ laufen, ſiel die Unglückliche rückwärts und riß ein Stück von dem Kleid ab, an das ſie ſich angeklammert hatte. Im höchſten Maße beſtürzt, aber wenigſtens von der Wahnſinnigen befreit, wollte die Königin nach dem Garten entfliehen, als plötzlich ein furchtbares Geſchrei, vermiſcht mit Gebelle und begleitet von einem ſeltſamen Lärmen, die Nationalgarden, welche von dieſer Scene angezogen die Königin umgaben, ihrer Betäubung entzog. „Zu den Waffen! zu den Waffen! Verrath!“ rief ein Mann, in welchem die Königin an ſeiner Stimme den Schuſter Simon erkannte. Bei dieſem Mann, der, den Säbel in der Hand, die Schwelle der Hütte bewachte, bellte der kleine Black wie wüthend. 1 15 „Zu den Waffen, der ganze Poſten!“ rief Simon. „Wir ſind verrathen. Führt die Oeſterreicherin wieder hinauf. Zu den Waffen! zu den Waffen!“ Ein Officier lief herbei. Simon ſprach mit ihm und deutete mit entflammten Augen auf das Innere der Hütte. Der Officier rief ebenfalls: „Zu den Waffen!“ „Black! Black!“ rief die Königin, indem ſie ein paar Schritte vorwärts machte.. Doch der Hund gehorchte ihr nicht und bellte fort⸗ während mit derſelben Wuth. Die Nationalgarden liefen zu den Waſſen und ſtürzten nach der Hütte, waͤhrend ſich die Municipale der Königin, ihrer Schwägerin und ihrer Tochter bemächtigten und die Gefangenen nöthigten, durch die Pforte zurückzukehren, welche ſich hinter ihnen ſchloß. „Macht Euch fertig!“ riefen die Municipale den achen zu. „Unter der Fallthüre,“ rief Simon,„ich habe die Fallthüre ſich bewegen ſehen, deſſen bin ich gewiß. Ueber⸗ dies hat der Hund der Oeſterreicherin, ein gutes Thierchen, das nicht zum Complott gehört, gegen die Verſchwörer, welche wahrſcheinlich im Keller ſind, gebellt. Eil hört, er bellt immer noch.“ Angefeuert durch das Geſchrei von Simon, verdop⸗ pelte Black in der That ſein Gebelle. Der Officier faßte den Ring der Fallthüre. Zwei von den ſtärkſten Grenadieren halfen ihm, als ſie ſahen, daß er nicht im Stande war, ſie aufzuheben, doch mit ebenſo wenig Erfolg. „Ihr ſeht, daß ſie die Thüre von Innen halten,“ ſprach Simon,„Feuer durch die Fallthüre, meine Freunde, Feuer!“ S „Ei! Ihr werdet meine Flaſchen zerbrechen!“ rief Madame Plumeau. 8 „Feuer!“ wiederholte Simon,„Feuer!“ „Schweige, Kreiſcher,“ ſagte der Officier,„und Ihr 16 bringt Aerte und durchhaut die Bretter. Ein Peloton halte ſich bereit. Achtung, und Feuer in die Falle, ſobald ſie offen iſt.“ Ein Krachen der Bretter und ein plötzlicher Stoß kündigten den Nationalgarden an, daß im Innern eine Bewegung vorging. Bald hernach hörte man ein unter⸗ irdiſches Geräuſch, das einem eiſernen Fallgatter glich, welches man ſchließt. 3 „Muth!“ rief der Officier den Sappeurs zu, welche herbeiliefen.. Die Bretter wurden mit der Art bearbeitet. Zwanzig Flintenläufe ſenkten ſich in der Richtung der von Secunde zu Seeunde ſich erweiternden Oeffnung. Doch man ſah Niemand durch dieſe Oeffnung. Der Officier zündete eine Fackel an und warf ſie in den Keller; der Keller war leer. Man hob die Fallthüre auf und dieſe gab nun nach, ohne den geringſten Widerſtand zu bieten. „Folgt mir,“ rief der Officier, indem er muthig auf die Treppe ſtürzte. „Vorwärts! vorwärts!“ riefen die Nationalgarden und eilten ihrem Officier nach. Die Mauer war durchgraben. Man konnte zahl⸗ reiche Tritte auf dem feuchten Boden wahrnehmen, und ein Gang von drei Fuß Breite und fünf Fuß Höhe, dem Gange einer Tranchée ähnlich, vertiefte ſich in der Rich⸗ tung der Rue de la Corderie. Der Officier wagte ſich in dieſe Oeffnung, entſchloſſen, die Ariſtokraten bis in die Eingeweide der Erde zu ver⸗ folgen; doch kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, als er durch ein eiſernes Gitter aufgehalten wurde. „Halt!“ ſagte er zu denjenigen, welche von hinten drängten,„man kann nicht weiter gehen, es iſt hier ein phyſiſches Hinderniß.“ „Nun?“ fragten die Municipale, welche, nachdem ſie die Königin eingeſchloſſen, herbeiliefen, um nachzuforſchen, „was giht es denn?“ — 17 „Wahrlich! es gibt eine Verſchwörung,“ antwortete der Officier, welcher nun wieder zum Vorſchein kam,„die Ariſtokraten wollten die Königin während ihres Spazier⸗ gangs entfuhren, und ohne Zweifel war ſie im Einver⸗ ſtändniß mit ihnen.“ „Bleibe!“ rief der Municipal.„Man laufe zu dem Bürger Santerre und benachrichtige die Gemeinde. „Soldaten,“ ſprach der Officier,„bleibt in dieſem Keller und tödtet Alles, was ſich Euch zeigt.“ 1 Nachdem er dieſen Befehl gegeben, ſtieg der Officier wieder hinauf, um ſeine Meldung zu machen. Ah! ahl“ rief Simon, indem er ſich die Hände rieb, „ahl ahl wird man abermals ſagen, ich ſei ein Narr? Braver Black! Black iſt ein ausgezeichneter Patriot. Black hat die Republick gerettet. Komm hierher, Black, komm!“ Nachdem er ihm ſo geſchmeichelt, gab der Schurke dem armen Thier, als es in ſeine Nähe kam, einen Fuß⸗ tritt, mit dem er es auf zwanzig Schritte hinausſchleuderte. „Ohl ich liebe dich, Black,“ ſagte er;„du wirſt machen, daß deiner Gebieterin der Kopf abgeſchlagen wird. Komm hierher, Black, komm!“ „Dooch ſtatt zu gehorchen, nahm Black diesmal ſchreiend die Flucht nach dem Thurme. XXVII. Der Muscadin. Es waren ungefähr zwei Stunden nach den von uns erzählten Ereigniſſen vorüber. orin ging in dem Zimmer von Maurice auf und ab, während Ageſilaus die Stiefeln ſeines Herrn im Vor⸗ zimmer wichſte; nur war zur Bequemlichkeit des Geſprächs die Thüre offen geblieben und Lorin hielt von Zeit zu Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 2 1 18 Zeit vor dieſer Thüre in ſeinem Spaziergang inne und richtete Fragen an den Willfährigen. „Und Du ſagſt, Bürger Ageſilaus, Dein Herr ſei dieſen Morgen weggegangen?“ „Ohl mein Gott, ja.“ „Zu ſeiner gewöhnlichen Stunde?“ „Zehn Minuten früher, zehn Minuten ſpäter, ich kann es nicht genau ſagen,“ „Und Du haſt ihn ſeitdem nicht wieder geſehen?“ „Nein, Bürger.“ Lorin ging wieder einige Male ſtillſchweigend auff g und ab, blieb dann abermals ſtehen und fragte: 1 „Hatte er ſeinen Säbel?“ li „Ohl wenn er nach der Section geht, hat er ihn immer.“ „Und Du biſt ſicher, daß er nach der Section ge⸗ gangen iſt??. il „Er hat es mir wenigſtens geſagt.“ „Dann will ich ihn aufſuchen,“ ſprach Lorin.„Sollten wir uns kreuzen, ſo ſagſt Du ihm, ich ſei hier geweſen U und werde wieder kommen“ lIa „Warten Sie,“ verſetzte Ageſilaus. „Warum?“ „Ich höre ſeinen Tritt auf der Treppe.“ ar 3„Glaubſt Du?“ w „Ich bin deſſen gewiß.“ pd 2 In der That, beinahe in demſelben Augenblick öffnete ſich die Zimmerthüre und Maurice trat ein. A Lorin warf einen raſchen Blick auf Maurice; als er nichts Außerordentliches an ihm wahrnahm⸗ ſagte er: lu „Ah! endlich biſt Du hier, ich erwarte Dich ſeit zwei Stunden.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte Maurice lächelnd,„Du haſt jur dadurch Zeit gehabt, Deine Diſticha und Reime vorzube⸗ reiten“ 5 ü „Aber, mein lieber Maurice,“ ſprach der Improvi⸗ ſator,„ich mache keine mehr.“ 4 ch aſt be⸗ 19 „Diſticha und Reime?“ „Nein“ „Bahl naht etwa der Welt Ende.“ „Maurice, mein Freund, ich bin traurig.“ „Du traurig?“ „Ich bin unglücklich.“ „Du unglücklich?“ „Ja, was willſt Du? Ich habe Gewiſſensbiſſe.“ „Gewiſſensbiſſe?“ „Ei, mein Gott, ja; Du oder ſie, mein Lieber, es gab keine Mitte. Du oder ſie, Du fühlſt wohl, daß ich nicht zögerte; aber ſiehſt Du, Arthemiſe iſt in Verzweif⸗ lung, es war ihre Freundin.“ „Armes Mädchen!“ „Und da ſie mir ihre Adreſſe gegeben hat...“ „Es wäre viel beſſer geweſen, Du hätteſt die Dinge ihren Lauf verfolgen laſſen.“ „Ja, und zu vieſer Stunde wäreſt Du an ihrer Stelle verurtheilt. Trefflich geſprochen, theurer Freund. Und ich kam hierher, um einen Rath von Dir zu ver⸗ langen, weil ich Dich für ſtarker hielt.“ „Gleichviel, verlange ihn immerhin.“ 3 „Verſtehſt Du, ich wollte etwas verſuchen, um das arme Mädchen zu retten. Ich glaube, es müßte mir wohlthun, wenn ich fuͤr ſie einen guten Schlag geben oder empfangen würde.“ 1 „Du biſt ein Narr, Lorin,“ ſprach Maurice die Achſeln zuckend. „Laß hören, wenn ich einen Schritt bei dem Revo⸗ lutionstribunal thäte?“ „Es iſt zu ſpät, ſie iſt verurtheilt.“ „ In der That, es iſt abſcheulich, daß man die arme junge Frau auf dieſe Art ſoll ſterben ſehen.“ „Um ſo abſcheulicher, als meine Rettung ihren Tod zur Folge gehabt hat. Im Ganzen muß es uns jedoch vi⸗ 4 tröſten, daß ſie conſpirirte.“ „Ei, mein Gott, conſpirirt nicht Jedermann mehr 20 oder minder in dieſen Zeitläuften? Die arme Frau hat gehandelt wie alle Welt.“ „Beklage ſie nicht zu ſehr, mein Freund, und beklage ſie beſonders nicht zu laut, denn wir tragen einen Theil ihrer Schuld. Glaube mirr, wir ſind nicht ſo gut von der Anklage der Mitſchuld gereinigt, daß kein Flecken übrig geblieben wäre. Heute hat mich in der Section der Kapitän der Chaſſeurs von Saint⸗Leu einen Giron⸗ diſten genannt, und ich mußte ihm ſo eben einen Säbel⸗ hieb geben, um ihm zu beweiſen, daß er ſich täuſchte.“ 5„Deshalb kehrſt Du ſo ſpät zurück?“ „Allerdings.“ 1 „Aber warum haſt Du mich nicht davon in Kenntniß geſetzt?“ „Weil Du Dich bei ſolchen Angelegenheiten nicht zügeln kannſt; das mußte ſogleich endigen, damit die Sache keinen Lärm machte. Wir nahmen Jeder ſeinerſeits die⸗ jenigen, welche wir gerade bei der Hand hatten““ „Und dieſe Canaille nannte Dich einen Girondiſten, Dich, Maurice, einen Reinen!“ „Eil bei Gott ja, und das beweiſt Dir, daß wir, wenn noch ein ſolches Abenteuer vorfällt, unpopulär ſind; Du weißt aber, Lorin, in den Tagen, in denen wir leben, iſt unpopulär ſynonym mit verdächtig.“ beben; doch gleichviel!... es widerſtrebt mir, die arme Heloiſe zur Guillotine gehen zu laſſen, ohne ſie um Ver⸗ zeihung zu bitten.“ „Was willſt Du aber?“ 1 nichts in Beziehung auf ſie vorzuwerfen haſt. Bei mir iſt es etwas Anderes, da ich nichts für ſie vermag, ſo werde ich mich an ihren Weg ſtellen, ich will dahin gehen, Freund Maurice, Du begreifſt mich, und wenn ſie mir 8 die Hand reſtht 3 3 „Ich begleite Dich ſprach Maurice. 6 „unmöglich, mein Freund; bedenke doch, Du biſt 8 er „Ich weiß es, und dieſes Wort macht die Bravſten „Du ſollſt hier bleiben, Maurice, Du, der Du Dir 8 3 — e1he3———— =SeAe 2 — 21 Municipal, Du biſt Secretaire einer Section, Du warſt angeklagt, wahrend ich nur Dein Vertheidiger geweſen binz man würde Dich für ſchuldig halten, bleibe alſo; bei mir iſt es etwas Anderes, ich wage nichts und gehe.“ Alles, was Lorin ſagte, war ſo richtig, daß ſich nichts erwiedern ließ. Wechſelte Maurire nur ein einziges Zeichen mit Heloiſe Tiſon bei ihrem Gange nach dem Schaffot, ſo gab er dadurch ſelbſt ſeine Mitſchuld zu. „Gehe alſo,“ ſagte er,„doch ſei, klug.“ Lorin lächelte, drückte Maurice die Hand und ging. Maurice öffnete das Fenſter und ſandte ihm einen trau⸗ rigen Abſchied nach. Doch ehe Lorin ſich um die Ecke ge⸗ wendet hatte, hatte er ſich wiederholt dahin begeben, um ihn noch einmal anzuſchauen, und jedes Mal wandte ſich Lorin, gleichſam durch eine magnetiſche Sympathie an⸗ gezogen, um ſeinen Freund ebenfalls lachelnd anzu⸗ ſchauen. Als er endlich an der Ecke des Quai verſchwunden war, ſchloß Maurice das Fenſter, warf ſich in einen Lehn⸗ ſtuhl und verſank in einen von jenen ſchlafartigen Zu⸗ ſtaͤnden, welche bei ſtarken Charakteren und kräftigen Or⸗ ganiſationen Vorgefühle großer Unglücksfälle ſind, denn ſie gleichen der Meeresſtille, die dem Sturme vorhergeht. Er wurde dieſer Träumerei, oder vielmehr dieſer Betäubung erſt durch ſeinen Willfährigen entzogen, der von einem Auftrage zurückkehrend, den er auswärts beſorgt hatte, mit der eifrigen Miene der Bedienten eintrat, welche vor Begierde brennen, ihrem Herrn die Neuigkeiten, die ſie erfahren haben, mitzutheilen. Als er aber Maurice in Gedanken verſunken ſah, wagte er es nicht, ihn zu ſtören, und beſchränkte ſich da⸗ rauf, daß er ohne Gründe, aber mit großer Beharrlichkeit, vor ihm hin und herging. „Was gibt es denn?“ fragte Maurice mit gleichgül⸗ tigem Tone;„ſprich, haſt Du mir etwas zu ſagen?“ Ah! Bürger, abermals eine große Verſchworungl“ Maurice machte eine Bewegung mit den Schultern 22 „Eine Verſchwörung, bei der einem die Haare zu Berge ſtehen!“ fuhr Ageſilaus fort. „Wirklich!“ verſetzte Maurice, wie ein Menſch, der an die dreißig täglichen Verſchwörungen jener Zeit ge⸗ wöhnt war. „Ja, Bürger,“ ſprach Ageſilaus,„es iſt in der That Schauer erregend! wenn ſie nur daran denken, muß die guten Patrioten eine Gänſehaut überlaufen.“ „Laß hören, was für eine Verſchwörung war es?“ „Die Oeſterreicherin wäre beinahe entflohen.“ „Bah!“ verſetzte Maurice, der nun aufmerkſamer zu werden anfing. „Es ſcheint, die Witwe Capet ſtand in Verbindung mit der Tochter Tiſon, die man heute guillotiniren wird.“ „Auf welche Weiſe ſtand die Königin in Verbindung mit dieſem Mädchen?“ fragte Maurice, der den Schweiß auf ſeiner Stirne perlen fühlte. „Durch eine Nelke. Denken Sie ſich, Bürger, man ließ ihr den Plan der Sache in einer Nelke zukommen.“ „In einer Nelke!... und wer dies?“ „Der Herr Chevalier von... warten Sie doch... es iſt ein ganz bekannter Name... aber ich vergeſſe die⸗ ſen Namen immer wieder.. ein Chevalier von Chateau... wie dumm bin ich! Dergleichen gibt es nicht mehr... ein Chevalier von Maiſon...“ „Von Maiſon⸗Rouge?“ „So iſt es“ „Unmöglich.“ „Wie, unmöglich! wenn ich Ihnen ſage, daß man eine Fallthüre, ein unterirdiſches Gewölbe„Carroſſen ge⸗ funden hat.“ „Nein, Du haſt mir im Gegentheil von Allem dem nichts geſagt.“ „Ahl ſo will ich es Ihnen ſagen.“ „Sprich. Iſt es ein Mährchen, ſo iſt es darum nicht minder ſchön.“ 3 „Nein, Bürger, das iſt entfernt kein Mährchen, und 23* zum Beweiſe dient, daß ich es vom Bürger Portier ſelbſt erfahren habe. Die Ariſtokraten haben eine Miene gegra⸗ ben; dieſe Miene ging von der Rue de la Corderie aus und lief bis in den Keller der Bürgerin Plumeau, und dieſe wäre ſogar beinahe in den Verdacht der Mitſchuld gekommen. Sie kennen ſie hoffentlich?“ „Ja, doch hernach?“ „Nun, die Witwe Capet ſollte durch dieſes unterirdiſche Gewölbe entfliehen. Sie hatte bereits den Fuß auf der erſten Stufe! Der Burger Simon erwiſchte ſie an ihrem Rock. Hören Sie, man ſchlägt den Generalmarſch in der Stadt und den Rappel in den Sectionen. Hören Sie die Trommeln? Man ſagt, die Preußen ſeien in Dam⸗ martin und haben bis an die Grenzen Recognoscirungen vorgenommen.“ Mitten unter dieſem Redefluß, unter dem Wahren und Falſchen, unter dem Möglichen und Albernen, faßte Maurice ungefähr den Leitfaden. Alles ging von der unter ſeinen Augen der Königin übergebenen und von ihm dem unglücklichen Sträußermädchen abgekauften Nelke aus. Dieſe Nelke enthielt den Plan einer Verſchwörung, welche mit den mehr oder minder wahren Umſtänden, wie ſie Ageſilaus berichtet, zum Ausbruch gekommen war. In dieſem Augenblick näherte ſich der Lärmen der Trommeln und Maurice hörte auf der Straße rufen: „Große Verſchwörung, entdeckt im Temple durch den Bürger Simon. Große Verſchwörung zu Gunſten der Witwe Capet entdeckt im Temple.“ „Ja, ja,“ ſagte Maurice,„es iſt, wie ich denke. Es iſt Wahres in allem Dem. Und mitten unter dieſer Eral⸗ tation des Volkes wird Lorin vielleicht dem Mädchen die Hand reichen und ſich in Stücke zerhauen laſſen.“ Maurice nahm ſeinen Hut, befeſtigte die Kuppel ſeines Säbels und war mit zwei Sprüngen auf der Straße. „Wo iſt er?“ fragte ſich Maurice;„auf dem Wege nach der Concergerie ohne Zweifel.“ 1 Und er eilte nach dem Quai. — —— 7 24 Am Ende des Quai de la Megiſſerie trafen Piken und Bajonnete, welche aus einer Zuſammenſchaarung em⸗ porragten, ſeine Blicke; er glaubte mitten in der Gruppe den Rock eines Nationalgarde und in der Gruppe feindſe⸗ lige Bewegungen wahrzunehmen. Er lief, das Herz zu⸗ ſammengeſchnuͤrt, auf die Verſammlung zu, welche den Nand des Waſſers beſetzt hielt. Dieſer von der Schaar der Marſeiller bedrängte Na⸗ tionalgarde war Lorin; Lorin, bleich, die Lippen zuſammen⸗ gepreßt, das Auge drohend, die Hand am Griffe ſeines Säbels und den Platz für die Streiche meſſend, die er zu führen im Begriffe war. Zwei Schritte von Lorin war Simon. Dieſer bezeich⸗ nete unter einem wilden Gelächter Lorin den Marſeillern und dem Pöbel und rief: 3 „Hört, hört! ſchaut dieſen Menſchen wohl an; es iſt einer, den ich geſtern als einen Ariſtokraten aus dem Temple jagen ließ; es iſt einer von denjenigen, welche den Brief⸗ wechſel in den Nelken begünſtigen. Es iſt der Mitſchuldige der Tochter Tiſon, die ſogleich hier vorüberkommen wird. Seht Ihr ihn wohl? Er 3cht ruhig auf dem Quai ſpazieren, während ſeine Mitſchuldige zur Guillotine wan⸗ dert, und ſie war vielleicht ſogar mehr als ſeine Mitſchul⸗ dige, ſie war ſeine Geliebte, und er iſt hierhergekommen, um von ihr Abſchied zu nehmen oder es zu verſuchen, ſie zu retten.“ Lorin war nicht der Mann, mehr zu hören. Er zog ſeinen Säbel aus der Scheide. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Menge vor einem Mann, der mit geſenktem Kopfe in die Gruppe drang, und deſſen breite Schultern drei bis vier Zuſchauer nie⸗ derwarfen, welche handelnde Perſonen zu werden ſich an⸗ ſchickten.— Dieſer Mann war Maurice. Bis zu Lorin gelangt, ſchlang er ſeinen linken Arm um deſſen Hals. „Sei glücklich, Simon,“ ſprach Maurice.„Du be⸗ dauerteſt ohne Zweifel, daß ich nicht mit meinem Freunde & 25 da war, um Dein Denunciantengewerbe im Großen trei⸗ ben zu können. Klage an, Simon, klage an, hier bin ich.“ „Meiner Treue, ja,“ ſagte Simon mit ſeinem häß⸗ lichen Gelächter,„Du kommſt zu rechter Zeit. Dieſer,“ rief er,„iſt der ſchöne Maurice Lindey, der zugleich mit der Tochter Tiſon angeklagt wurde, aber ſich herausgezo⸗ gen hat, weil er reich iſt!“ feilern die Laterne! an die Laterne!“ ſchrieen die Mar⸗ eiller. „Hollah! verſucht es doch ein wenig,“ ſagte Maurice. Und er trat einen Schritt vor und ſtach, gleichſam um ſich zu verſuchen, mitten auf die Stirne einen von den hitzigſten Schlächtern, den das Blut ſogleich blendete. „Mörder!“ rief dieſer. 4 Die Marſeiller ſenkten ihre Piken, ſchwangen ihre Aerte, ſpannten ihre Gewehre, die Menge ſtob erſchrocken auseinander und die zwei Freunde blieben vereinzelt und wie eine doppelte Zielſcheibe allen Schlägen und Stößen ausgeſetzt. Sie ſchauten ſich mit einem letzten Lächeln an, denn ſie erwarteten von dieſem Wirbel von Flammen und Eiſen, der ſie bedrohte, verſchlungen zu werden, als ſich plötzlich die Thüre des Hauſes, an das ſie ſich anlehnten, öffnete und ein Schwarm von jungen Leuten im Frack, zu der Claſſe derjenigen gehörend, welche man die Muscadins nannte, jeder mit einem Säbel bewaffnet und ein paar Piſtolen im Gürtel, auf die Marſeiller losſtürzte, wonach ein furchtbarer Kampf begann. „Hurrah,“ riefen gleichzeitig Lorin und Maurice, durch dieſe Hülfe wiederbelebt und ohne zu bedenken, daß ſie, in den Reihen der Ankömmlinge kämpfend, die Anklage von Simon rechtfertigten.„Hurrah!“. Doch wenn ſie nicht an ihr Heil dachten, ſo dachte ein Anderer für ſie daran; ein kleiner junger Mann von fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren, mit blauem Ange, der unabläſſig mit großer Geſchicklichkeit und uner⸗ hörtem Eifer mit einem Sappeurſäbel dreinſchlug, von dem man hätte glauben ſollen, ſeine Frauenhand wäre nicht im Stand, ihn aufzuheben, wandte ſich, als er wahrnahm, daß Maurice und Lorin, ſtatt durch die Thüre zu fliehen, die er abſichtlich offen gelaſſen zu haben ſchien, an ſeiner Seite kämpften, zu ihnen um und ſagte leiſe: „Flieht durch dieſe Thüre; was wir hier machen, geht Euch nichts an, und Ihr gefährdet Euch vergebens.“ Plötzlich, als er ſah, daß die zwei Freunde zögerten, rief er Maurice zu: „Zurück, keine Patrioten mit uns, Municipal Lin⸗ dey, wir ſind Ariſtokraten.“ Bei dieſem Namen, bei der Kühnheit, die ein Menſch beſaß, eine Eigenſchaft hervorzuheben, welche in jener eit einem Todesurtheile gleichkam, ſtieß die Menge ein gewaltiges Geſchrei aus.„ Doch der blonde junge Mann und drei bis vier von ſeinen Freunden trieben, ohne über dieſes Geſchrei zu er⸗ ſchrecken, Maurice und Lorin in den Gang, deſſen Thüre ſich hinter ihnen ſchloß; dann warfen ſie ſich wieder in das Gemenge, das noch durch das Herannahen des Hen⸗ kerkarrens vermehrt wurde. So wunderbar gerettet, ſchauten ſich Maurice und Lorin erſtaunt, geblendet an. Doch ſie begriffen, daß keine Zeit zu verlieren war und ſuchten einen Ausgang. Dieſer Ausgang ſchien abſichtlich bereit zu ſein; ſie traten in einen Hof und fanden im Hintergrunde dieſes Hofes eine kleine Geheimthüre, welche nach der Rue Saint⸗ Germain l'Aurerrois ging, In dieſem Augenblick kam über den Pont au Change eine Abtheilung von Gendarmen, welche bald den Quai gefegt hatten, obgleich man von der Querſtraße, wo ſich die zwei Freunde befanden, einen Augenblick den Lärm eines hitzigen Kampfes hörte. Sie gingen dem Karren voran, der die arme Heloiſe nach der Guillotine führte. 4 „Im Galopp!“ rief eine Stimme,„im Galopp!“ 27 Der Karren wurde im Galopp fortgeriſſen. Lorin erblickte die unglückliche Heloiſe, welche, ein Lächeln auf den Lippen und das Auge ſtolz, aufrecht ſtand; doch er konnte nicht einmal eine Geberde mit ihr wechſeln. Sie fuhr vorüber, ohne ihn in dem Wirbel des Volkes zu ſehen, das fortwährend:„Tod der Ariſtokratin!“ ſchrie. Und der Lärmen entfernte ſich abnehmend in der Rich⸗ tung der Tuilerien. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die kleine Thüre, durch welche Maurice und Lorin herausgegangen waren, aber⸗ mals und drei oder vier Muscadins traten mit zerriſſenen, blutigen Kleidern hervor. Es war ohne Zweifel Alles, was von der kleinen Truppe übrig blieb. 4 Der blonde junge Mann kam zuletzt. „Ach!“ ſagte er,„dieſe Sache iſt alſo verflucht.“ Und er warf ſeinen ſchartigen, mit Blut bedeckten Säbel weit von ſich und ſtürzte nach der Rue des Nonan⸗ dieres fort. XXVIII. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. Maurice beeilte ſich, nach der Section zurückzukehren, um hier Klage gegen Simon zu führen. Lorin hatte allerdings, ehe er ſich von Maurice trennte, ein raſcheres Mittel gefunden, welches darin be⸗ and, daß er einige Thermopylen ſammeln, Simon bei ſeinem erſten Ausgang aus dem Temple erwarten und ihn ——-— 28 aber vernichten wir ihn auf eine geſetzmäͤßige Weiſe. Das muß für Rechtsgelehrte etwas Leichtes ſein.“ Dem zu Folge begab ſich Maurice am andern Tage auf die Sertion und brachte ſeine Klage vor. Doch er war ſehr erſtaunt, als in der Section der Präſident nichts hören wollte, ſich recuſirte und ſagte: er könne nicht zwiſchen zwei guten Bürgern, welche Beide durch die Liebe für das Vaterland beſeelt ſeien, Partei nehmen. „Gut!“ verſetzte Maurice,„ich weiß nun, was man thun muß, um den Ruf eines guten Bürgers zu verdienen. Ahl ahl das Volk verſammeln, um einen Menſchen zu tödten, der einem mißfällt, das nennt Ihr von der Liebe für das Vaterland beſeelt ſein. Dann kehre ich zu der Anſicht von Lorin zurück, welche ich mit Unrecht bekämpft habe. Von heute an will ich Patriotismus treiben, wie Ihr ihn verſteht, und an Simon werde ich den erſten Verſuch machen.“ „Bürger Maurice,“ antwortete der Präſident,„Si⸗ mon hat vielleicht bei dieſer Angelegenheit weniger Unrecht gehabt, als Du; er hat eine Verſchwörung entdeckt, ohne durch ſeine Functionen dazu berufen zu ſein, da wo Du nichts geſehen haſt, Du, deſſen Pflicht es war, ſie zu entdecken; dabei fallen Dir zufällig oder abſichtlich Ein⸗ verſtändniſſe zur Laſt, welche? wir wiſſen es nicht, doch Du haſt ſolche mit den Feinden der Nation.“ „Ich!“ rief Maurice,„ah! das iſt etwas Neues; und mit wem denn, Bürger Präſident?“ „Mit dem Bürger Maiſon⸗Rouge.“ „ Ich!“ verſetzte Maurice erſtaunt,„ich habe Einver⸗ ſtändniſee mit dem Chevalier von Maiſon⸗Rouge? Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie... „Man hat Dich mit ihm ſprechen ſehen.“ „Mich?“ 1 „Ihm die Hand drücken ſehen.“ „Mich?“. ☛ —.,.—,——— Range des Diſtrictes durch die Stimmen 29 „Wo dies? wann dies? Bürger Präſident,“ fügte Maurice, fortgeriſſen durch die Ueberzeugung von ſeiner Unſchuld bei,„Du haſt gelogen.“ „Dein Eifer für das Vaterland führt Dich ein wenig zu weit, Bürger Maurice,“ ſprach der Präſident,„und Du wirſt ſogleich bereuen, was Du geſagt, wenn ich Dir den Beweis gebe, daß ich nur die Wahrheit geſprochen habe. Hier ſind drei verſchiedene Berichte, welche Dich anklagen.“ „Stille doch,“ verſetzte Maurice;„denkſt Du, ich ſei einfältig genug, an Euren Chevalier von Maiſon⸗ Rouge zu glauben?“ „Und warum ſollteſt Du nicht daran glauben?“ „Weil er das Geſpenſt eines Verſchwörers iſt, mit dem Ihr ſtets eine Conſpiration bereit haltet, um Eure Feinde darein zu verſtricken.“ „Lies die Anzeigen.“ „Ich werde nichts leſen,“ ſprach Mauriee,„ich be⸗ theure, daß ich den Chevalier von Maiſon⸗Rouge nie ge⸗ ſehen, und daß ich nie mit ihm geſprochen habe. Wer nicht an mein Ehrenwort glauben will, der komme und ſ es mir, und ich weiß, was ich ihm zu antworten abe.“ Der Präſident zuckte die Achſeln. Maurice, der hin⸗ ter Niemand zurückbleiben wollte, that daſſelbe. „Es herrſchte eine gewiſſe düſtere Zurückhaltung wäh⸗ rend der übrigen Sitzung. Der Praͤſident, ein braver Patriot, der zum höchſten ſeiner Mitbürger erhoben worden war, näherte ſich nach der Sitzung Mau⸗ rire und ſagte zu ihm: „Komm', Maurice, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Maurice folgte dem Präſidenten und dieſer führte ihn in ein kleines Cabinet, das an das Sitzungszimmer Hier ſchaute er ihm in das Geſicht, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſprach: 30 4¼ I„Maurice, ich habe Deinen Vater gekannt und ge⸗ ſchätzt und ſchätze und liebe deshalb auch Dich. Maurice, glaube mir, Du läufſt große Gefahr, wenn Du Dich dem Mangel an Glauben überläſſeſt, was das erſte Sin⸗ ken eines wahrhaft revolutionären Geiſtes iſt. Manrice, mein Freund, ſobald man den Glauben verliert, verliert man die Treue. Dn glaubſt nicht an die Feinde der Nation: daher kommt es, daß Du an ihnen vorübergehſt, 1 ohne ſie zu ſehen, und daß Du das Werkzeug ihrer Com⸗ plotte wirſt, ohne es zu vermuthen.“ 1 „Was Teufels! Bürger,“ ſprach Maurice,„ich kenne mich, ich bin ein Mann von Herz, ein eifriger Patriot. Doch mein Eifer macht mich nicht blind, meine Vater⸗ landsliebe macht mich nicht fanatiſch; die Republik be⸗ zeichnet bereits zwanzig angebliche Verſchwörungen insge⸗ 1 ſammt mit demſelben Namen. Ich verlange ein für alle⸗ mal den verantwortlichen Herausgeber davon zu ſehen“ „Du glaubſt nicht an die Verſchwörer, Maurice?“ ſprach der Präſident;„nun wohl, ſage mir, glaubſt Du h an die rothe Nelke, für welche man geſtern die Tochter be Tiſon guillotinirt hat?“ ke Maurice bebte. C „Glaubſt Du an das unterirdiſche Gewölbe im Gar⸗ K ten des Temple, das von dem Keller der Bürgerin Plu- N meau mit einem gewiſſen Hauſe der Rue de la Corderie in Verbindung ſteht?“ MNein,“ ſprach Maurice. li „So mache es wie der Apoſtel Thomas, gehe hin m ſiehe.“ ſe „Ich habe die Wache nicht im Temple, und man ſch wird mich nicht einlaſſen.“ di „Der Eintritt in den Temple iſt nun Jedermann ge⸗ do ſtattet.“ „Wie ſo?“ „Lies den Bericht, da Du ſo ungläubig biſt, ich werde nur noch durch officielle Aktenſtücke verfahren./, „Wie!“ rief Maurice den Bericht leſenrn.. —— 341 „Fahre fort.“ „Man bringt die Königin nach der Conciergerie!“ „Nun,“ verſetzte der Praſident. „Ah! ah!“ machte Manrice. „Glaubſt Du auf einen Traum, auf das, was Du eine Einbildung nennſt, auf ein lächerliches Gerücht habe der Wohlfahrtsausſchuß eine ſo ernſte Maßregel ge⸗ nommen?“ „Dieſe Maßregel iſt angenommen worden, wird aber nicht vollzogen werden, wie eine Menge von Maßregeln, welche ich habe beſchließen ſehen; und das iſt Alles..“ „Lies bis zum Ende,“ ſprach der Präſident Und er reichte ihm ein letztes Papier. „Das Recepiſſe von Richard dem Kerkermeiſter der Conciergerie!“ rief Maurice. „Sie iſt vor zwei Stunden dort eingeſperrt worden.“ Diesmal blieb Maurice nachdenkend. „Du weißt,“ fuhr der Praͤſident fort,„die Gemeinde handelt nach tief durchdachten Plänen. Sie hat ſich eine breite und gerade Furche gegraben; ihre Maßregeln ſind keine Kindereien mehr und ſie bringt den Grundſatz von Cromwell: Man muß die Könige nur an den Kopf ſchlagen, in Ausführung. Lies dieſe geheime Note des Polizeiminiſters.“ Maurice las: „Da wir die Gewißheit haben, daß ſich der ehema⸗ lige Chevalier von Maiſon⸗Nouge in Paris befindet, daß man ihn an verſchiedenen Orten geſehen, daß er Spuren ſeiner Anweſenheit in verſchiedenen, glücklicher Weiſe ge⸗ ſcheiterten Complotten zuruͤckgelaſſen hat, ſo fordere ich die Chefs der Sectionen auf, ihre Wachſamkeit zu ver⸗ doppeln..“ „Nun?“ fragte der Präfident. „Ich muß Dir glauben, Bürger Präſident,“ rief Maurice..“ Und er fuhr fort: „Signalement des Chevalier von Maiſon⸗Rouge: 32 fünf Fuß drei Zoll, blonde Haare, blaue Augen, gerade Naſe, kaſtanienbrauner Bart, rundes Kinn, ſanfte Stimme, frauenartige Hände... fünf und dreißig bis ſechs und dreißig Jahre.“ Bei dieſem Signalement durchdrang ein ſeltſamer Schimmer den Geiſt von Maurice; er dachte an den jun⸗ gen Mann, der am Tage zuvor die Muscadins befehligt, ihn und Lorin gerettet und ſo entſchloſſen mit ſeinem Sappeurſäbel auf die Marſeiller eingehauen hatte. „Alle Wetter!“ murmelte Maurice,„ſollte er es ſein? In dieſem Fall wäre die Anzeige, welche behauptet, man habe mich mit ihm ſprechen ſehen, nicht falſch.“ „Nun, Maurice,“ fragte der Präſident,„was ſagſt Du hiezu, mein Freund?“ „Ich ſage Dir, daß ich Dir glaube,“ antwortete Maurice, indem er voll Traurigkeit nachſann, denn ſeit einiger Zeit trübte irgend ein ſchlimmer Einfluß ſein Leben, und er ſah alle Dinge um ſich her düſter werden. „Setze nicht ſo Deine Popularität auf das Spiel, Maurice,“ fuhr der Präſident fort,„die Popularität iſt heute das Leben. Die Impopularität, nimm Dich wohl in Acht, iſt der Verdacht des Verraths, und der Bürger Maurice Lindey darf nicht den Verdacht eines Verräthers auf ſich ziehen.“ Maurice hatte nichts auf eine Lehre zu erwiedern, von der er fühlte, daß ſie die ſeinige war. Er dankte ſeinem alten Freunde und verließ die Section. „Ah!“ murmelte er,„athmen wir ein wenig, das iſt zu viel des Verdachts und des Kampfes Gehen wir gerade zur Ruhe, zur Unſchuld und zur Freude, gehen wir zu Geneviéve.“ Und er ſchlug den Weg nach der Vieille⸗Rue⸗Saint⸗ Jacques ein. 8 Als er zu dem Meiſter Rothgerber kam, unterſtützten Dirmer und Morand Geneviève, welche unter einem hef⸗ tigen Nervenanfalle litt. —— G 8 . 1 33 Statt ihm den Eingang wie gewöhnlich freizulaſſen, verſperrte ihm ein Bedienter den Weg „Melde mich immerhin,“ ſagte Maurice unruhig; „kann mich Dirmer in dieſem Augenblick nicht empfangen, ſo werde ich mich wieder entfernen.“ D Der Bediente trat in den kleinen Pavillon, während Maurice im Garten blieb. Es kam ihm vor, als ob ſich etwas Seltſames im Hauſe ereignete. Die Gerbergeſellen waren nicht bei ihrer Arbeit und gingen mit unruhiger Miene im Garten hin und her. Dirmer kam ſelbſt bis an die Thüre. „Treten Sie ein,“ ſagte er,„treten Sie ein, lieber Maurice, Sie gehören nicht zu denjenigen, für welche die Thüre verſchloſſen iſt.“ „Aber was gibt es denn?“ fra „Genevieve iſt leidend,“ ſprach leidend, denn ſie delirirt.“ „Ah! mein Gott!“ rief der junge Mann, ſehr be⸗ wegt, daß er hier abermals die Störung und das Leiden treffen ſollte.„Was hat ſie denn?“ „Sie wiſſen, mein Lieber,“ antwortete die Krankheiten der Frauen verſteht ſich am wenigſten der Gatte.“ Geneviève lag zuruͤckgeworfen auf einem Ruhebett. Neben ihr ſtand Morand, der ſie an Salzen riechen ließ. „Nun?“ fragte Dirmer. „Immer daſſelbe,“ erwiederte Morand. „Heloiſe! Heloiſe!“ murmelte die junge Frau durch ihre weißen Lippen und ihre geſchloſſenen Zahne. „Heloiſe!“ wiederholte Maurice erſtaunt.— „Eil mein Gott, ja,“ verſetzte Dirmer lebhaft,„Ge⸗ neviéve hat das Unglück gehabt, geſtern auszugehen und den unglücklichen Henkerkarren mit einem armen Mädchen kamens Heloiſe, das man zur Gulllotine brachte, vor⸗ überfahren zu ſehen. Seit dieſem Augenblick hat ſie fünf Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge II. 3 gte der junge Mann. Dirmer,„mehr als Dirmer,„auf Niemand, und Nervenanfälle gehabt und wiederholt unabläͤßig dieſen Namen.“ 4 „Sie war beſonders betreten darüber,“ ſprach Mo⸗ rand,„daß ſie in dem Mädchen die Blumenhändlerin er⸗ kannte, welche die Nelken an ſie verkauft hat, wie Sie wiſſen.“ „Sicherlich weiß ich es, da mir ihretwegen beinahe der Kopf abgeſchlagen worden wäre.“ „Ja, wir haben Alles erfahren, lieber Maurice, und glauben Sie, wir waren im„höchſten Grade darüber erſchrocken; doch Morand wohnte der Sitzung bei und ſah Sie frei weggehen.“ 4„Stille,“ verſetzte Maurice,„ſie ſpricht, glaube ich, abermals.“ „Ohl abgebrochene, unverſtändliche Worte,“ ſagte Dirmer. „Maurice,“ murmelte Geneviève,„ſie wollen Mau⸗ rice tödten. Kommen Sie ihm zu Hülſe, Chevalier, zu Hülfe!“ Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf dieſe paar Worte. „Maiſon⸗Rouge!“ murmelte Geneviève abermals; „Maiſon⸗Rouge!“ Maurice durchzuckte es wie ein Blitz des Verdachtes; doch es war nur ein Blitz. Ueberdies fühlte er ſich zu ſehr erſchüttert durch das Leiden von Geneviève, um ihre Worte zu deuten. „Haben Sie einen Arzt gerufen?“ fragte er. „Ohl es wird nichts ſein,“ erwiederte Dirmer,„nur ein wenig Delirium...“ Und er preßte den Arm ſeiner Frau ſo heftig zu⸗ ſammen, daß Geneviéve zu ſich kam und, einen leichten Schrei ausſtoßend, ihre Augen öffnete, welche ſie bis dahin beſtändig geſchloſſen gehabt hatte. ——— „Ah! Ihr ſeid Alle hier,“ ſprach ſie„und Maurice iſt bei Euch. Oh, ich bin glücklich, Sie zu ſehen, mein Freund; wenn Sie wüßten, wie ich...(ſie verbeſſerte ſich) wie wir ſeit zwei Tagen gelitten haben.“ n 3⁵ „Ja, wir ſind Alle hier,“ erwiederte Maurice,„be⸗ ruhigen Sie ſich alſo und machen Sie ſich keine ſolche Schreckniſſe mehr. Es gibt beſonders einen Namen, wel⸗ chen auszuſprechen Sie ſich abgewöhnen müſſen, inſofern er in dieſem Augenblick nicht im Geruche der Heiligkeit ſteht.“ „Und welchen?“ fragte Genevisve raſch. „Den des Chevalier von Maiſon⸗Rouge.“ „Ich habe den Chevalier von Maiſon⸗Rouge genannt!“ rief Genevisve erſchrocken. „Allerdings,“ antwortete Dirmer mit einem erzwunge⸗ nen Gelächter.„Doch Sie begreifen, Maurice, es iſt dar⸗ über nicht zu erſtaunen, da man öffentlich ſagt, er ſei der Schuldgenoſſe der Tochter Tiſon und habe einen Entfüh⸗ rungsverſuch geleitet, der zum Glück geſtern geſcheitert iſt.“ „Ich ſage nicht, es ſei hier Anlaß zum Erſtaunen,“ antwortete Maurice,„ich ſage nur, er habe ſich wohl zu verbergen.“ „Wer?“ fragte Dirmer. „Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge, bei Gott! die Gemeinde ſucht ihn und ihre Spürhunde haben eine feine Naſe.“ „Wenn man ihn nur feſtnimmt, ehe er ein neues Unternehmen vollführt, das ihm beſſer gelingt, als das letzte,“ ſprach Morand. „In jedem Fall wird das nicht Königin ſein,“ verſetzte Maurice. „Warum dies?“ fragte Morand. „Weil die Königin fortan vor ſeinen Handſtreichen ſicher geſtellt iſt.“ „Und wo iſt ſie denn?“ fragte Dirmer. „In der Conciergerie, wohin man ſie in dieſer Nacht verſetzt hat“ Dirmer, Morand und Genevisve ſtießen einen Schrei aus, den Maurice für einen Ausruf des Erſtaunens hielt. „Sie ſehen alſo,“ fuhr er fort,„den Plänen des zum Vortheil der 36 Ritters der Königin iſt ein Ziel geſteckt! Die Conciergerie iſt ſicherer als der Temple.“ Morand und Dirmer wechſelten einen Blick, der Maurice entging. „Ahl mein Gott!“ rief er,„Madame Dirmer erbleicht abermals.“ „Geneviève,“ ſagte Dirmer zu ſeiner Frau,„Du mußt Dich zu Bette legen, mein Kind, Du leideſt.“ Maurice begriff, daß man ihn verabſchiedete; er küßte Geneviève die Hand und entfernte ſich. Morand ging mit ihm hinaus und begleitete ihn bis in die Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques. Hier verließ er ihn, um ein paar Worte zu einem Bedienten zu ſagen, der ein geſatteltes Pferd an der Hand hielt. Maurice war ſo in ſich ſelbſt vertieft, daß er Mo⸗ rand an den er übrigens, ſeitdem ſie mit einander aus dem Haus gegangen, kein Wort gerichtet hatte, nicht ein⸗ mal ſragte, wer dieſer Bediente wäre und was das Pferd hier machte. Er ſchlug den Weg nach der Rue des Foſſés⸗Saint⸗ 4 Victor ein und erreichte die Quais. „Es iſt ſeltſam!“ ſagte er auf dem Wege zu ſich ſelbſt.„Schwächt ſich mein Geiſt, oder nehmen die Ereigniſſe einen ſo ernſten Charakter an? Alles erſcheint mir vergrößert, als ob ich es durch ein Mikoſerop erblickte.“ Und um ein wenig Ruhe zu finden, bot Maurice 9 3 ſeine Stirne dem Abendwind und ſtützte ſich auf das Ge⸗ länder der Brucke. 37 XXIX. Die Patrouille. Als er in ſeinem Innern dieſe traurige Betrachtun⸗ gen beendigte, und während er das Waſſer mit jener ſchwermüthigen Aufmerkſamkeit, deren Symptome man bei jedem Vollblut⸗Pariſer wiederfindet, hinfließen ſah, hörte Maurice, auf das Brückengeländer geſtützt, eine kleine Truppe mit einem gleichmäßigen Schritte, wie etwa der einer Patrouille ſein könnte, auf ſich zukommen: es war eine Compagnie der Nationalgarde, welche vom andern Ende der Brücke herbeimarſchirte. Inmitten der Finſter⸗ niß glaubte Maurice Lorin zu erkennen. Er war es in der That. Sobald er ihn erblickte, lief er auf ihn zu. „Endlich,“ rief Lorin,„Du biſt es. Morbleu! man kann Dich nicht ohne Mühe auffinden.“ „Doch ein ander Geſicht gewinnt mein Geſchicke, Da ich den Freund nun den treuen erblicke.“ „Diesmal wirſt Du Dich hoffentlich nicht beklagen; ich gebe Dir Racine, ſtatt Dir Lorin zu geben.“ „Was willſt Du denn hier in Patrouille machen?“ fragte Maurice, den Alles beunruhigte. „Ich bin Anführer einer Expedition, mein Freund; es handelt ſich darum„ unſern erſchütterten Ruf auf ſei⸗ ner urſprünglichen Baſe wiederherzuſtellen.“ aann wandte er ſich gegen ſeine Leute um und rief: „Das Gewehr in die Hand, präſentirt das Gewehr, hoch das Gewehr. Gut, meine Kinder, die Nacht iſt noch nicht ſchwarz genug. Plaudert von Euren kleinen Ange⸗ legenheiten, wir wollen von den unſrigen plaudern.“ Dann ging er wieder auf Maurice zu und ſagte zu dieſem: —— —— — — — —ꝝᷓ „Ich habe heute in der Sertion zwei große Neuigkeiten erfahren.“ 3 4 „Welche?“— „Daß wir, Du und ich, verdächtig zu werden an⸗ fangen.“ „Ich weiß es... Hernach?“ „Ahl Du weißt es?“ „Ja.“ „Die zweite, daß die ganze Verſchwörung mit der Nelke von dem Chevalier von Maiſon⸗Rouge geleitet wor⸗ den iſt.“ „Ich weiß es abermals.“ „Doch Du weißt nicht, daß die Verſchwörung der rothen Nelke und die des unterirdiſchen Ganges nur eine einzige Verſchwörung bildeten?“ „Ich weiß es ebenfalls.“ „Dann gehen wir zu einer dritten Neuigkeit über. Dieſe weißt Du nicht, deſſen bin ich ſicher. Wir werden V dieſen Abend den Chevalier von Maiſon⸗Rouge feſtnehmen.“ „Den Chevalier von Maiſon⸗Rouge feſtnehmen?“ 2 „Ja.“. „Du haſt Dich alſo zum Gendarme gemacht?“ „Nein, doch ich bin Patriot. Ein Patriot iſt ſich ſeinem Vaterland ſchuldig. Mein Vaterland wird aber abſcheulich verwüſtet durch dieſen Chevalier von Maiſon⸗ Rouge, der Complott auf Complott macht. Das Vater⸗ I land beſiehlt nun mir, der ich ein Patriot bin, es von genanntem Chevalier HMaſfor⸗ange der es furchtbar beläſtigt, zu befreien, ich gehorche dem Vaterland.“ „Gleichviel, es iſt ſeltſam, daß Du Dich mit einem ſolchen Auſtrage belaſteſt.“ „Ich habe mich nicht damit belaſtet, man hat mich damit belaſtet; übrigens muß ich ſagen, daß ich mich um dieſen Auſtrag beworben hätte... Wir bedurfen eines. auffallenden Schlages, um wieder in unſer voriges An⸗ ſehen eingeſetzt zu werden, in Betracht, daß dieſe Wieder⸗ einſetzung nicht nur die Sicherheit unſeres Daſeins iſ, 39 ſondern auch das Recht, bei der erſten Gelegenheit ſechs Zoll Klinge in den Bauch des abſcheulichen Simon zu ſtoßen.“ „Aber wie hat man erfahren, daß der Chevakier von Maiſon⸗Rouge an der Spitze der Verſchwörung des unter⸗ irdiſchen Ganges ſtand?“ „Es iſt noch nicht ganz ſicher, doch man nimmt es an.“ „Ahl Ihr verfahrt durch Schlußfolgerungen?“ „Wir verfahren durch Gewißheit.“ „Wie machſt Du das Alles? Sprich, denn am Ende...“ „Höre wohl.“ „Ich höre Dich.“ „Kaum hörte ich ſchreien: Große Verſchwörung ent⸗ deckt durch den Bürger Simon..(dieſe Canaille Si⸗ mon! er iſt überall, dieſer Schurke!) als ich die Wahr⸗ heit durch mich ſelbſt beurtheilen wollte. Man ſprach nun von einem unterirdiſchen Gange.“ „Beſteht er?“ „Ohl er beſteht, ich habe ihn geſehen. „Geſehen, ſelbſt geſehen, was man ſo geſehen nennt.“ „Nun, warum pfeifſt Du denn nicht?“ „Weil das von Moliére iſt, und dann geſtehe ich Dir, die Umſtände kommen mir ein wenig zu ernſt vor, um darüber zu ſcherzen.“ „Eil über was ſollte man denn ſcherzen, wenn man nicht über ernſte Dinge ſcherzen würde?“ „Du ſagſt alſo, Du habeſt ihn geſehen?“ „Den unterirdiſchen Gang? Ich wiederhole Dir, daß ich dieſen Gang geſehen, daß ich ihn durchlaufen habe, und daß er von dem Keller der Bürgerin Plumeau mit einem Hauſe der Rue de la Corderie in Verbindung ſtand, mit dem Hauſe Nro. 12 oder 14, ich erinnere mich nicht mehr genau.“ „Wirklich, Lorin, Du haſt ihn durchlaufen 24 „In ſeiner ganzen Länge, und meiner Treue, es war 40 ein gar hübſch ausgehauener Gang, den man mit drei 5 eiſernen Gittern cbupirt hatte, die man eines nach dem andern ausbrechen mußte; dieſe Gitter aber hätten ihnen, falls den Verſchworenen ihr Streich gelungen wäre, mit Aufopferung von drei bis vier von den ihrigen, Zeit ge⸗ nug gegeben, die Witwe Capet in Sicherheit zu bringen. Zum Glück ging es nicht ſo, und der abſcheuliche Simon hat dieſe Verſchwörung abermals entdeckt.“— „Mir ſcheint,“ verſetzte Maurice,„man hätte zuerſt die Bewohner des Hauſes der Rue de la Corderie ver⸗ haften ſollen.“ „Das würde man auch gethan haben, hätte man das Haus nicht von Miethsleuten entblößt gefunden“ „Dieſes Haus gehörte aber doch irgend Jemand?“ „Ja, einem neuen Eigenthümer, doch Niemand kannte ihn; man wußte nur, daß das Haus ſeit vierzehn Tagen oder drei Wochen den Herrn gewechſelt hatte. Die Nach⸗ barn hörten wohl Lärmen, da aber das Gebäude alt war, ſo glaubten ſie, man arbeite an Ausbeſſerungen. Ich kam mittlerweile an Ort und Stelle.“ 3 „„Bei Gott,““ ſagte ich zu Santerre, den ich bei Seite nahm,„„Ihr ſeid Alle ſehr in Verlegenheit.““ „Es iſt wahr, wir ſind es.““ „, Diaſas Hans iſt verkauft worden, nicht wahr?““ „„Ja. „„Vor vierzehn Tagen?“" „„Vor vierzehn Tagen odex drei Wochen.““ „„Verkauft in Gegenwart eines Notars?ℳ 7„Jü. 43 8 „„Dann muß man bei allen Notaren von Paris ſuchen, man muß in Erfahrung bringen, welcher dieſes Haus verkauſt hat, und ſich die Urkunde mittheilen laſſen. Man wird den Namen und den Wohnort des Kaufers darauf ſinden.““ „„Das iſt gut! das iſt ein Rath,““ ſprach Santerre, „und dieſen Menſchen beſchuldigt man, er ſei ein ſchlechter —— 41 Patriot. Lorin, Lorin! ich ſtelle Deinen Ruf wieder her, oder der Teufel ſoll mich röſten!““ „Kurz!“ fuhr Lorin fort,„geſagt, gethan. Man ſuchte den Notar, man fand die Urkunde, und auf der Urkunde den Namen und den Wohnort des Schuldigen. Do hielt mir Santerre Wort, und bezeichnete mich zur Very ftung.“ „Und dieſer Mann war der Chevalier von Maiſon⸗ Rouge?“ „Nein, nur ſein Mitſchuldiger, nämlich wahrſcheinlich.“ „Aber wie kannſt Du dann ſagen, Du wolleſt den Chevalier von Maiſon⸗Rouge verhaften?“ „Wir verhaften ſie Alle mit einander.“ „Kennſt Du den Chevalier von Maiſon⸗Rouge?“ „Ganz genau!“ „Du haſt alſo ſein Signalement?“ 3 „Bei Gott! Santerre hat es mir gegeben. Fünf Fuß, zwei bis drei Zoll, blonde Haare, blaue Augen, ge⸗ rade Naſe, kaſtanienbrauner Bart; übrigens habe ich ihn geſehen.“ „Wann 2“ „Heute“„ „Du haſt ihn geſehen?“ „Und Du auch.“ Maurice bebte. „Der kleine, blonde junge Mann, der uns dieſen Morgen befreit hat, Du weißt, derjenige, welcher die Truppe der Museadins befehligte und ſo kräftig dreinſchlug.“ „Er war es alſo?“ fragte Maurice. „Er ſelbſt. Man verfolgte ihn und verlor ihn in der Gegend des Domicils unſeres Hauseigenthümers der ue de la Corderie, ſo daß man annimmt, ſie wohnen beiſammen.“ „In der That, das i*ſt wahrſcheinlich,“ „Es iſt ſicher.“ „Doch mir ſcheint, Lorin fügte Maurice bet, „mir ſcheint, daß Du Dich, wenn Du dieſen Abend . 42 denjenigen, welcher uns dieſen Morgen gerettet hat, ver⸗ hafteſt, ein wenig gegen die Dankbarkeit verſündigſt.“ „Stille doch, glaubſt Du, ſie haben uns gerettet, um uns zu retten?“ „Und warum denn?“ „Keines Wegs. Sie lagen im Hinterhalt, um die arme Heloiſe Tiſon zu entführen, wenn ſie vorüberkäme. Unſere Würger ſtanden ihnen im Wege, und ſie fielen über unſere Würger her. Wir ſind durch einen Gegen⸗ ſchlag gerettet worden. Da nun Alles auf die Abſicht ankommt und die Abſicht hiebei nicht für uns war, ſo habe ich mir nicht die geringſte Undankbarkeit vorzuwerfen. Siehſt Du übrigens, Maurice, der Hauptpunkt iſt die Nothwendigkeit, und es liegt die Nothwendigkeit vor, daß wir unſern Ruf durch einen auffallenden Schlag wieder⸗ herſtellen. Ich bin indeſſen für Dich gut geſtanden“ „Bei wem?“ „Bei Santerre; er weiß, daß Du die Erpedition befehligſt.“. „Wie ſo?“ „Biſt Du ſicher, daß Du die Schuldigen verhaften wirſt?““ ſagte er. 8 „Ja,““ antwortete ich,„„wenn Maurice dabei iſt.“ „Biſt Du ſeiner ſicher? Maurice wird ſeit einiger Zeit lau.““ „„Diejenigen, welche dies ſagen, täuſchen ſich; Maurice i*ſt ebenſo wenig lau als ich.“ℳ „Und Du ſtehſt für ihn?“ „„Wie für mitch ſelbſt.““ Dann ging ich zu Dir, doch ich fand Dich nicht Hierauf ſchlug ich dieſen Weg ein, einmal, weil es der meinige war, und dann, weil es derjenige iſt, welchen Du gewöhnlich gehſt; endlich habe ich Dich gefunden, Du biſt hier, vorwärts, Marſch!“ „Singend öffnet uns der Sieg Schrank' und Thor und Riegel.“ „Mein lieber Lorin, ich bin in Verzweiflung, doch 2 43 ich finde in mir nicht den geringſten Geſchmack für dieſe Expedition; Du ſagſt, Du habeſt mich nicht getroffen.“ „Unmöglich, alle unſere Leute haben Dich geſehen.“ „Nun, ſo ſagſt Du, Du habeſt mich getroffen, und ich habe nicht von den Eurigen ſein wollen.“ „Ebenſo unmöglich.“ „Und warum dies?“ „Weil Du diesmal nicht mehr ein Lauer, ſondern ein Verdächtiger ſein wirſt... und Du weißt, was man mit den Verdächtigen macht: man führt ſie auf den Re⸗ volutionsplatz und fordert ſie auf, die Statue der Freiheit zu grüßen; nur grüßen ſie ſtatt mit dem Hute, mit dem Kopf.“ „Nun wohl, Lorin, es mag kommen, was da will; doch in der That, es wird Dir ohne Zweifel ſeltſam vor⸗ kommen, was ich Dir ſagen werde.“ Lorin machte große Augen und ſchaute Maurice an. „Höre mich,“ verſetzte Maurice,„ich bin des Lebens überdrüſſig.“ Lorin brach in ein Gelächter aus. „Gut!“ ſagte er,„wir haben Streit mit unſerer Geliebten, und das macht uns ſchwermüthige Gedanken. Vorwärts, ſchöner Amadis, werden wir wieder ein Mann und gehen wir von da zum Bürger über; ich bin im Gegentheil nie ein beſſerer Patriot, als wenn ich mich mit Arthemiſe entzweit habe. Ahl bald hätte ich vergeſſen. Ihre Divinität die Göttin Vernunft ſagt Dir tauſend freundliche Dinge.“ „Danke ihr in meinem Namen; Adieu, Lorin.“ „Wie, Adieu!“, „Ja, ich gehe.“ „Wohin gehſt Du?“ „Nach Hauſe“ „Maurice, Du ſtürzeſt Dich in's Verderben.“ „Ich kümmere mich nicht darum.“ „Maurice, Freund, bedenke.“ „Es iſt geſchehen.“ ₰ 1 44 „Ich habe Dir nicht Alles wiederholt...“ f „Was, Alles?“ „Alles, was mir Santerre ſagte.“ „Was ſagte er Dir?“. „Da ich Dich als Anführer der Expedition verlangte, ſagte er zu mir:„„Nimm Dich in Acht!““ „„Vor wem?““ „„Vor Maurice.““ 3 „Vor mir!“— „„Ja, Maurice,““ fügte er bei,„„geht ſehr oft in jenes Quartier.““ „„In welches Quartier?““ „„In das des Chevalier von Maiſon⸗Rouge.““ „Wie!“ rief Maurice,„dort verbirgt er ſich?“ „Man nimmt es wenigſtens ſo an, da dort ſein muthmaßlicher Genoſſe, der Käufer des Hauſes der Rue de la Corderie, wohnt.“ „Im Faubourg Victor?“ fragte Maurice. „Ja, im Faubourg Victor.“— „Und in welcher Straße?“ „In der Nue Saint⸗Jacques.“ „Ahl mein Gott!“ murmelte Maurice, wie von einem Blitze geblendet. Und er drückte ſeine Hand auf ſeine Augen. Dann nach einem Augenblick und als ob er in die⸗ ſem Augenblick ſeinen ganzen Muth zuſammengerafft hätte, ſprach er: „Sein Stand?“ „Rothgerbermeiſter.“ „Und ſein Name?“ „Dirmer.“— „Du haſt Recht, Lorin,“ ſprach Maurice, ſeine Er⸗ ſchütterung durch ſeine Willenskraft bis zum Anſcheine be⸗ wältigend,„ich gehe mit Euch.“ „Und Du thuſt wohl daran. Biſt Du bewaffnet?“ „Ich habe meinen Säbel wie immer.“ „Nimm noch dieſes Paar Piſtolen.“ 45 „Und Du?“ „Ich habe meinen Carabiner. Ueber das Gewehr, vorwärts, Marſch!“ Die Patrouille ſetzte ſich wieder in Marſch, Maurice ging neben Lorin und ein Mann in grauer Kleidung, der die Patrouille leitete, ſchritt voran. Dies war der Mann der Polizei. Von Zeit zu Zeit ſah man von den Ecken der Stra⸗ ßen oder von den Thüren der Häuſer eine Art von Schatten ſich losmachen, der ein paar Worte mit dem graugekleideten Mann wechſelte; dies waren die geheimen Wächter. Man kam an das Gäßchen. Der graue Mann zö⸗ gerte nicht einen Augenblick; er war gut unterrichtet und trat in das Gäßchen. Vor der Gartenthüre, durch welche man Maurice ge⸗ knebelt hatte eintreten laſſen, blieb er ſtehen. „Hier,“ ſagte er. „Was hier?“ fragte Lorin. „Hier werden wir die zwei Chefs finden.“ Mauriee lehnte ſich an die Mauer; es kam ihm vor, als müßte er rückwärts fallen.. „Es gibt drei Eingänge,“ ſprach der graue Mann: „den Haupteingang, dieſen hier und einen andern, der in einen Pavillon führt. Ich werde mit ſechs bis acht Mann durch den Haupteingang eintreten; bewachen Sie dieſen Eingang hier mit vier bis fünf Mann und ſtellen Sie drei ſichere Leute an den Ausgang des Pavillon.“ „Ich werde über die Mauer ſteigen und im Garten Wache halten,“ ſprach Maurice. „Das iſt um ſo beſſer, als Du uns die Thüre von innen öffnen wirſt,“ ſagte Lorin. 4 „Gern,“ verſetzte Maurice.„Doch entblößt den Gang nicht und kommt nicht, ehe ich Euch rufe. Alles, was im Innern vorgeht, werde ich vom Garten aus ſehen.“ „ Du kennſt alſo das Haus?“ fragte Lorin. *. „Früher, ich wollte es kaufen...“ Lorin ſtellte ſeine Leute in die Winkel der Hecken, in die Ecken der Thüren, während ſich der Polizeiagent mit acht bis zehn Nationalgarden entfernte, um, wie er ſagte, den Haupteingang zu foreiren. Nach einem Augenblick war das Geräuſch ihrer Tritte erloſchen, ohne in dieſer Einöde die geringſte Aufmerkſam⸗ keit erregt zu haben. Die Leute von Maurice waren an ihrem Poſten und verbargen ſich ſo gut als möglich. Man häͤtte geſchwo⸗ ren, Alles wäre ruhig und es ginge nichts Außerordent⸗ liches in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques vor. Maurice fing alſo an die Mauer zu erklettern. „Warte doch,“ ſagte Lorin. „Was?“ „Das Loſungswort.“ „Es iſt richtig.“ „Nelke und Gang. Verhafte alle diejenige, welche Dir dieſe zwei Worte nicht ſagen, laß Alle paſſi⸗ ren, welche ſie ſagen. Das iſt der Befehl.“ „Ich danke,“ ſprach Maurice. Und er ſprang von der Mauer herab. 1 1 i XXX. 1 Nelke und Gang. 1 Der erſte Schlag war ſchrecklich geweſen und es hatte 1 bei Maurice der ganzen Gewalt bedurſt, die er über ſich ſelbſt beſaß, um Lorin die Verſtörung zu verbergen, die u ſich ſeiner ganzen Perſon bemächtigt hatte; doch einnal ſ im Garten, einmal allein, einmal in der Stille der Nacht, u wurde ſein Inneres wieder ruhiger und, ſtatt ungeordnet R — 47 in ſeinem Gehirn umherzurollen, boten ſich ſeine Gedan⸗ ken ſeinem Geiſte und konnten von ſeiner Vernunft erläu⸗ tert werden. Wie! dieſes Haus, das Maurice ſo oft mit dem rein⸗ ſten Vergnügen beſucht, dieſes Haus, aus dem er ſein Paradies auf Erden gemacht hatte, war nur eine Höhle blutiger Intriguen! Der gute Empfang, den man ſeiner glühenden Freundſchaft bereitet, war Heuchelei; die ganze Liebe von Geneviéve war Furcht! Man kennt die Eintheilung dieſes Gartens, wohin unſere Leſer öfter unſeren zwei jungen Leuten gefolgt ſind. Maurice ſchlüpfte von Gebüſch zu Gebüſch, bis er gegen die Strahlen des Mondes durch das Treibhaus beſchützt war, in welchem man ihn am erſten Tage, wo er in das Haus gedrungen, eingeſchloſſen hatte. Dieſes Treibhaus ſtand dem Pavillon gegenüber, den Geneviève bewohnte. Doch ſtatt vereinzelt und unbeweglich das Zimmer der jungen Frau zu beleuchten, ſpazierte das Licht an die⸗ ſem Abend von einem Fenſter zum andern. Maurice er⸗ blickte Geneviéve durch einen zufällig halb aufgehobenen Vorhang; ſie packte haſtig Efferten in einen Mantelſack, und er ſah zu ſeinem großen Erſtaunen Waffen in ihren Händen glänzen.. Manrice erhob ſich auf einen Weichſtein, um beſſer in das Zimmer ſchauen zu können. 5. Ein großes Feuer glänzte im Kamin und erregte ſeine Aufmerkſamkeit: es waren Papiere, welche Geneviève verbrannte In dieſem Augenblick öffnete ſich eine Thüre und ein junger Mann trat bei Geneviove ein. Maurice dachte zuerſt, dieſer Mann wäre Dirmer. Die junge Frau lief auf ihn zu, ergriff ſeine Hände und Beide ſtanden einander einen Augenblick, wie es ſchien, einer heftigen Erſchütterung preisgegeben, gegen⸗ über. Was war die Urſache dieſer Erſchütterung? Mau⸗ 48 rice konnte es nicht errathen, das Geräuſch ihrer Worte drang nicht bis zu ihm. Doch plötzlich maß Maurice die Geſtalt des Eintre⸗ tenden mit ſeinen Augen. „Es iſt nicht Dirmer,“ murmelte er. In der That, der Mann, welcher Genevitve gegen⸗ über ſtand, war ſchlank und von kleinem Wuchſe; Dirmer war groß und ſtark. Die Eiferſucht iſt ein thätiges Reizmittel; in einer Secunde hatte Maurice die Geſtalt des Unbekannten auf eine Linie berechnet und die Silhouette des Mannes analyfirt. „Es iſt nicht Dirmer,“ murmelte er, als ob er es ſich hätte wiederholen müſſen, um von der Treuloſigkeit von Geneviéve überzeugt zu ſein. Er näherte ſich dem Fenſter; doch je mehr er ſich näherte, deſto weniger ſah er: ſeine Stirne ſtand in Flammen. Sein Fuß ſtieß an eine Leiter; das Fenſter hatte ſteben bis acht Fuß Höhe; er nahm die Leiter und legte ſie an die Mauer an. Er ſtieg hinauf und drückte ſein Auge an die Spalte des Vorhangs. Der Unbekannte im Zimmer von Geneviève war ein junger Mann von ſieben und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, mit blauem Auge und zierlicher Tournure; er hielt die Hände der jungen Frau und ſprach mit ihr, während ſie die Thränen trocknete, welche den reizenden Blick von Genevisve verſchleierten. Ein leichtes Geräuſch, das Maurice machte, veran⸗ laßte den jungen Mann, den Kopf nach dem Fenſter um⸗ zuwenden. Maurice drängte einen Schrei des Erſtaunens zurück: er hatte ſeinen geheimnißvollen Retter von dem Platze am Chatelet erkannt. In dieſem Augenblick zog Geneviève ihre Hände aus denen des Unbekannten zuruck und ging auf den Kamin —,“ eit 49 zu, um ſich zu verſichern, daß alle Papiere von der Flamme verzehrt wären. Maurice konnte ſich nicht mehr länger halten: alle die furchtbaren Leidenſchaften, welche den Menſchen mar⸗ tern, die Liebe, die Rache, die Eiferſucht, preßten ſein Herz mit ihren Feuerzähnen zuſammen. Er ſtieß mit aller Heftigkeit das ſchlecht geſchloſſene Fenſter auf und ſprang in das Zimmer. In demſelben Augenblick ſetzten ſich zwei Piſtolen auf ſeine Bruſt. Geneviève hatte ſich bei dem Geräuſche umgekehrt: ſie blieb ſtumm, als ſie Maurice erblickte. „Mein Herr,“ ſprach mit kaltem Tone der junge Republikaner zu demjenigen, welcher zweimal ſein Leben am Ende ſeiner Waſſen hielt,„mein Herr, Sie ſind der Chevalier von Maiſon⸗Rouge?“ „Und wenn dem ſo wäre?“ erwiederte der Chevalier. „Ohl wenn dem ſo iſt, ſo ſind Sie ein muthiger Mann, und folglich ein ruhiger Mann, und ich werde ein paar Worte mit Ihnen ſprechen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte der Chevalier, ohne ſeine Piſtolen abzuwenden. 4 „Sie können mich tödten, doch Sie werden mich nicht tödten, ehe ich einen Schrei ausgeſtoßen habe, oder vielmehr ich werde nicht ſterben, ohne ihn ausgeſtoßen zu haben. Stoße ich einen Schrei aus, ſo haben tauſend Menſchen, die dieſes Haus umſchließen, daſſelbe, ehe zehn Minuten vergehen, in Aſche verwandelt; ſenken Sie alſo Ihre Piſtolen und hören Sie, was ich Madame ſagen werde.“ „Genevisve!“ ſagte der Chevalier. „Mir!“ flüſterte die junge Frau. „Ja, Ihnen.“ Gencvisve ergriff, bleicher als eine Bildſaͤule, den Arm von Maurice. Der junge Mann ſtieß ſie zurüͤck. „Sie wiſſen, was Sie mich verſichert haben, Ma⸗ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 4 . 4 50 dame,“ ſagte Maurice mit tiefer Verachtung.„Ich ſehe nun, daß Sie wahr geſprochen. In der That, Sie lie⸗ ben Herrn Morand nicht.“ „Maurice hören Sie mich!“ rief Genevitve. „Ich habe nichts zu hören, Madame,“ ſagte Mau⸗ rice.„Sie haben mich getäuſcht; Sie haben mit einem Streich alle Bande zerriſſen, die mein Herz an das Ih⸗ rige feſſelten. Sie haben mir geſagt, Sie liebten Herrn Morand nicht, doch Sie ſagten mir nicht, daß Sie einen Andern liebten.“ „Mein Herr,“ rief der Chevalier,„was ſprechen Sie von Morand, oder vielmehr von welchem Morand ſprechen Sie?“ „Von Morand dem Chemiker.“ „Morand der Chemiker ſteht vor Ihnen! Morand der Chemiker und der Chevalier von Maiſon⸗Rouge ſind eine und dieſelbe Perſon.“ Und er ſtreckte ſeine Hand nach einem naheſtehenden Tiſche aus und ſetzte einen Augenblick die ſchwarze Per⸗ rücke auf, die ihn ſo lange in den Augen des jungen Republikaners unkenntlich gemacht hatte. „Ahl ja,“ ſprach Maurice mit doppelter Verachtung; „ja, ich begreife, Sie liebten Morand nicht, weil es kei⸗ nen Morand gab. Aber, wenn auch geſchickter, iſt dieſe Ausflucht darum doch nicht minder verächtlich.“ Der Chevalier machte eine drohende Bewegung. „Mein Herr,“ fuhr Maurice fort,„wollen Sie mich einen Augenblick mit Madame ſprechen laſſen. Wohnen Sie ſogar dieſem Geſpräche bei, wenn es Ihnen beliebt; es wird nicht lange dauern, dafür ſtehe ich Ihnen.“ Geneviéve forderte Maiſon⸗Rouge mit einer Geberde auf, Geduld zu faſſen. 1 „So alſo, Geneviève,“ ſprach Maurice,„ſo haben Sie mich zum Geſpötte Ihrer Freunde, zum Abſcheu der meinigen gemacht! Sie haben mich, der ich blind war, bei allen Ihren Complotten dienen laſſen! Sie haben aus mir allen Nutzen gezogen, den man aus einem Werkzeug —— 51 zieht. Hören Sie, das iſt eine ſchändliche Handlung! Sie ſollen dafür geſtraft werden, Madame! denn dieſer Herr wird mich unter Ihren Augen tödten, doch ehe fünf Minuten vergehen, wird er ebenfalls zu Ihren Füßen liegen, oder wenn er lebt, ſo wird er nur leben, um ſeinen Kopf auf ein Schaffot zu tragen.“ „Er, ſterben!“ rief Geneviéve;„er ſeinen Kopf auf das Schaffot tragen! Sie wiſſen alſo nicht, Maurice, daß er mein Beſchützer, der Beſchützer meiner Familie iſt, daß ich mein Leben für das ſeinige geben würde, daß ich ſterben werde, wenn er ſtirbt, und daß, wenn Sie meine Liebe ſind, er meine Religion iſt?“ Ah!“ rief Maurice,„Sie werden vielleicht fortwäh⸗ rend behaupten, Sie lieben mich; in der That, die Frauen ſind zu ſchwach und zu feig.“ Dann wandte er ſich gegen den jungen Royaliſten um und ſprach: „Vorwärts, mein Herr, Sie müſſen mich entweder tödten oder ſterben.“ „Warum dies?“ „Weil ich Sie verhafte, wenn Sie mich nicht tödten.“ Maurice ſtreckte die Hand aus, um ihn am Kragen zu faſſen. „Ich werde Ihnen mein Leben nicht ſtreitig machen,“ ſprach der Chevalier von Maiſon⸗Rouge,„ſehen Siel“ Und er warf ſeine Piſtolen auf einen Stuhl. 3„Warum werden Sie mir Ihr Leben nicht ſtreitig machen?“ „Weil mein Leben die Reue nicht werth iſt, die ich fühlen würde, wenn ich einen muthigen Mann getödtet hätte, und beſonders weil Geneviéve Sie liebt."“ „Ah!“ rief die junge Frau die Hände faltend,„wie ſind Sie doch immer gut, groß, rechtſchaffen, edelmüthig, Armand!“ Maurice ſchaute Beide mit einem beinahe albernen Erſtaunen an. „Hören Sie,“ ſagte der Chevalier,„ich kehre in ——— 52 mein Zimmer zurück; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich dies nicht thue, um zu entfliehen, ſondern um ein Portrait zu verbergen.“ Maurice richtete raſch ſeine Augen auf das von Ge⸗ neviève: es war an ſeinem Platz. Hatte Maiſon⸗Rouge den Gedanken von Maurice er⸗ rathen, oder wollte er ſeinen Edelmuth bis zum höchſten Grad treiben... er ſprach zu ihm: „Ich weiß, daß Sie Republikaner ſind, ich weiß aber auch, daß Sie zugleich ein edles und reines Herz beſitzen. Ich werde mich Ihnen ganz und gar anvertrauen. Schauen Sie!“ Und er zog aus ſeiner Bruſt ein Miniaturbild, das er Maurice zeigte. Es war das Portrait der Königin. Maurice neigte das Haupt und drückte die Hand auf ſeine Stirne. „Ich erwarte Ihre Befehle, mein Herr,“ ſagte Mai⸗ ſon⸗Rouge;„wollen Sie immer noch meine Verhaftung, ſo klopfen Sie an dieſe Thüre, wann es Zeit ſein wird, daß ich mich überliefere. Es liegt mir nichts mehr am Leben, ſo bald dieſes Leben nicht mehr durch die Hoff⸗ nung, die Königin zu retten, aufrecht gehalten wird.“ Der Chevalier ging hinaus, ohne daß Maurice eine einzige Geberde machte, um ihn zurückzuhalten Kaum war er aus dem Zimmer, als Geneviève zu N 53 „Was wollen Sie? es gibt ſolche Mißgeſchicke: Je⸗ dermann ſpielt um ſein Leben zu dieſer Stunde; der Che⸗ valier von Maiſon⸗Rouge hat geſpielt wie die Andern und hat verloren. Nun muß er bezahlen.“ „Das heißt, er ſtirbt, wenn ich Sie recht verſtehe.“ „Ja.“ „Er muß ſterben, und Sie ſagen mir das?“ „Nicht ich, Geneviève, ſondern das Geſchick.“ „Das Geſchick hat noch nicht das letzte Wort in die⸗ ſer Angelegenheit geſprochen, da Sie ihn retten können.“ „Auf Koſten meines Wortes und folglich meiner Ehre. Ich verſtehe Sie, Genevisve.“ „Schließen Sie die Augen, Maurice, mehr verlange ich nicht von Ihnen, und ſo weit die Dankbarkeit einer Frau gehen kann, ſo hoch wird die meinige ſteigen, das verſpreche ich Ihnen.“ „Ich würde vergeblich die Augen ſchließen, Madame; es gibt ein Loſungswort, ohne welches Niemand hinaus⸗ kommen kann, den ich wiederhole Ihnen, das Haus iſt umzingelt.“ „Und Sie wiſſen es?“ „Allerdings weiß ich es.“ „Maurice?“ „Nun?“ „Mein Freund, mein lieber Maurice, dieſes Loſungs⸗ wort, ſagen Sie es mir, ich muß es wiſſen.“ „Geneviéve!“ rief Maurice,„Geneviève! wer ſind Sie denn, daß Sie mir ſagen: im Namen der Liebe, die ich für Dich hege, ſei ohne Wort, ſei ohne Ehre, ver⸗ rathe Deine Sache, Deine Meinung, lüge, verleugne. Was bieten Sie mir, Geneviéve, für Alles dies, Sie, die Sie mich ſo verſuchen?“ 3 „Ohl Maurice, retten Sie ihn, retten Sie ihn zuerſt, und dann fordern Sie das Leben von mir.“ „Geneviéve,“ erwiederte Maurice mit düſterem Tone, „hören Sie mich: ich habe einen Fuß auf dem Wege der Schande, um ihn ganz zu betreten, will ich wenigſtens 54 einen guten Grund gegen mich ſelbſt haben, Genevisve, ſchwören Sie mir, daß Sie den Chevalier von Maiſon⸗ Rouge nicht lieben?“ „Ich liebe den Chevalier von Maiſon⸗Rouge wie eine Schweſter, wie eine Freundin, nicht anders, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Geneviéve, lieben Sie mich?“ „Maurice, ich liebe Sie, ſo wahr Gott mich hört.“ „Werden Sie, wenn ich thue, was Sie verlangen, Verwandte, Freunde, Vaterland verlaſſen, um mit dem Verräther zu fliehen?“ „Maurice! Maurice!“ „Sie zögert... ohl ſie zögert!“ rief Maurice und warf ſich mit aller Heftigkeit der Verachtung zurück. Geneviève, die ſich an ihn angelehnt hatte, fühlte Plötzlich ihre Stütze weichen und ſank auf ihre Kniee. „Maurice,“ ſprach ſie die Hände ringend,„Maurice, Alles, was Du willſt, ich ſchwöre es Dir; befiehl, ich gehorche.“ „Du wirſt mir gehören, Geneviève?“ „Wann Du es verlangſt.“ „Schwöre bei Chriſtus!“ Genevisve ſtreckte den Arm aus und ſprach: „Mein Gott, Du haſt der Ehebrecherin vergeben, ich hoffe, Du wirſt auch mir vergeben.“ Und ſchwere Thränen floßen über ihre Wangen und Pälen auf ihre zerſtreut über ihre Bruſt herabwogenden aare. „Oh! nicht ſo, ſchwören Sie nicht ſo,“ ſagte Mau⸗ rice,„oder ich nehme Ihren Schwur nicht an.“ „Mein Gott!“ ſprach ſie,„ich ſchwöre, mein ganzes Leben Maurice zu weihen, mit ihm und, wenn es ſein muß, für ihn zu ſterben, wenn er meinen Freund, meinen Beſchützer, meinen Bruder, den Chevalier von Maiſon⸗ Rouge rettet.“ „Es iſt gut, er ſoll gerettet werden,“ ſagte Maurice. Er ging auf das Zimmer zu. 5⁵5 „Mein Herr,“ ſprach er,„ziehen Sie wieder die Kleidung des Gerber Morand an. Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, Sie ſind frei.“ „Und Sie, Madame,“ ſagte er zu Genevisve,„hören Sie das Loſungswort: Nelke und Gang.“ Und als wäre es für ihn grauenhaft geweſen, länger an dem Orte zu weilen, wo er die Worte geſprochen, die ihn zum Verräther machten, öfſnete er das Fenſter und ſprang in den Garten. XXXI. Ausſuchung. Maurice war an ſeinen Poſten im Garten, dem Fenſter von Geneviève gegenüber, zurückgekehrt; nur war dieſes Fenſter dunkel geworden, denn Geneviéve hatte ſich in das Zimmer des Chevalier von Maiſon⸗Rouge begeben. Es war Zeit, daß Maurice das Zimmer von Gene⸗ visve verließ, denn kaum hatte er die Ecke des Treibhauſes erreicht, als ſich die Gartenthüre öffnete und der graue Mann, geſolgt von Lorin und fuͤnf bis ſechs Grenadieren, erſchien. „Nun?“ fragte Lorin. „Ihr ſeht, ich bin an meinem Poſten,“ antwortete aurice. „Hat es Niemand verſucht, mit Gewalt herauszu⸗ kommen?2“ „ Niemand,“ erwiederte Maurice, glücklich, durch die Art, wie die Frage geſtellt war, einer Lüge zu entgehe,az „Niemand! und Ihr, was habt Ihr gethan?“ „Wir haben die Gewißheit erlangt, daß der Chevalier von Maiſon⸗Rouge vor einer Stunde in das Haus zurück⸗ ——— 56 gekehrt und ſeitdem nicht mehr ausgegangen iſt,“ antwortete der Mann der Polizei. „Und Ihr kennt ſein Zimmer?“ fragte Lorin. „Sein Zimmer iſt von dem der Bürgerin Dirmer nur durch einen Corridor getrennt.“ „Ahl ah!“ rief Lorin. „Bei Gott! es bedurfte keiner Trennung, gar keiner Trennung; es ſcheint, der Chevalier von Maiſon⸗Rouge iſt ein lockerer Geſelle.“ Maurice fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf ſtieg; er ſchloß die Augen und ſah tauſend innere Blitze. „Aber was ſagte denn der Bürger Dirmer dazu?“ fragte Lorin. „Er hielt es für eine große Ehre für ihn.“ „Sprecht,“ verſetzte Maurice mit gepreßter Stimme, „wozu entſcheiden wir uns?“ „Wir entſcheiden uns dazu,“ antwortete der Mann der Polizei,„daß wir ihn in ſeinem Zimmer, und viel⸗ leicht ſogar in ſeinem Bette feſtnehmen.“ „Er vermuthet alſo nichts?“ „Durchaus nichts.“ „Wie iſt das Terrain beſchaffen?“ fragte Lorin.“ „Wir haben einen vollkommen genauen Plan bekom⸗ men,“ erwiederte der graue Mann;„ein Pavillon an der Ecke des Garten gelegen, hier iſt er; man ſteigt vier Stufen hinauf, ſehr Ihr ſie? Man befindet ſich auf einem Ruheplatz, rechts die Thüre vom Zimmer der Bürgerin Dirmer: es iſt ohne Zweifel dasjenige, deſſen Fenſter wir ſehen. Dem Fenſter gegenüber eine andere Thure, welche auf den Corridor geht, und in dieſem Corridor die Thüre vom Zimmer des Verräthers.“ „Das iſt eine ſehr ſorgfältige Topographie,“ ſagte Lorin;„mit einem ſolchen Plan kann man mit verbun⸗ denen Augen, und um ſo viel mehr mit offenen Augen gehen; vorwärts alſo.“. „Sind die Straßen wohl bewacht?“ fragte Maurice mit — — 57 einem Intereſſe, das die Anweſenden natürlich der Furcht, der Chevalier könnte entkommen, zuſchrieben „Die Straßen, die Paſſagen, die Kreuzwege, Alles,“ antwortete der graue Manne„keine Maus kann hinaus, wenn ſie nicht das Loſungswort hat.“ Maurice ſchauerte; ſo viele Vorſichtsmaßregeln ließen ihn befürchten, ſein Verrath könnte ſeinem Gluͤcke unnütz werden. „Wie viel Mann verlangt Ihr nun, um den Chevalier zu verhaften?“ fragte der Graue. „Wie viel Mann?“ erwiederte Lorin.„Ich hoffe, Maurice und ich werden genügen; nicht wahr, Maurice?“ „Ja,“ ſtammelte dieſer,„wir werden ſicherlich genügen.“ „Hört,“ ſagte der Poltzeimann,„keine unnütze Prah⸗ lereien; liegt Euch daran, ihn zu fangen?“ „Beim Donner! ob uns daran liegt,“ rief Lorin, „ich glaube wohl! nicht wahr, Maurice, wir müſſen ihn fangen?“ Lorin legte einen beſonderen Nachdruck auf dieſe Worte. Es ſchwebte, wie er geſagt hatte, der Anfang eines Ver⸗ dachts über ihnen und man durfte dem Verdacht, der in jener Epoche ſo ſchnell fortſchritt, keine Zeit laſſen, größere Haltbarkeit zu gewinnen; Lorin begriff aber, daß es Nie⸗ mand wagen würde, an dem Patriotismus von zwei Män⸗ nern zu zweifeln, denen es gelungen wäre, den Chevalier von Maiſon⸗Rouge feſtzunehmen. „Nun wohl,“ ſagte der Polizeimann,„wenn Euch wirklich daran gelegen iſt, ſo nehmen wir eher drei Mann als zwei, eher vier als drei; der Chevalier hat, wenn er im Bette liegt, immer ſeinen Degen unter ſeinem Kopf⸗ kiſſen und ein paar Piſtolen auf ſeinem Nachttiſch.“ „Ci, den Teufel!“ ſagte einer von den Grenadieren von der Compagnie Lorin,„keinen Vorzug für irgend— Einen; ergibt er ſich, ſo bringen wir ihn zur Reſerve für die Guillotine, leiſtet er Widerſtand, ſo hauen wir ihn nieder.“ 58 „Gut geſagt,“ ſprach Lorin:„Vorwärts! gehen wir durch die Thüre oder durch das Fenſter?“ „Durch die Thüre,“ erwiederte der Polizeimann,„viel⸗ leicht ſteckt der Schlüſſel, während wir, wenn wir durch das Fenſter gehen wollten, einige Scheiben zerbrechen muß⸗ ten, was Lärmen machen würde.“ „Alſo durch die Thüre!“ ſagte Lorin;„wenn wir nur hineinkommen, gleichviel wo. Vorwärts, den Säbel in die Hand, Maurice.“ 3 Maurice zog maſchinenmäßig ſeinen Säbel aus der Scheide. Die kleine Truppe rückte gegen den Pavillon vor. Man traf, wie es der graue Mann bezeichnet hatte, die erſten Stufen der Freitreppe, dann befand man ſich auf dem Ruheplatz und hierauf im Vorhauſe. „Ah!“ rief Lorin freudig,„der Schlüſſel ſteckt in der Thuͤre.“ Er hatte in der That die Hand ausgeſtreckt und mit der Spitze ſeiner Finger die Kälte des Schlüſſels gefühlt. „Vorwärts, öffnet doch, Bürger Lieutenant,“ ſprach der graue Mann. LCorin drehte vorſichtig den Schlüſſel im Schloſſe, die Thüre öffnete ſich. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Lorin. „Noch nicht,“ verſetzte der graue Mann.„Sind unſere topographiſchen Nachrichten genau, ſo befinden wir uns in der Wohnung der Bürgerin Dirmer.“ „Wir können uns hierüber Sicherheit verſchaffen,“ ſagte Lorin;„zünden wir Kerzen an, es iſt noch Feuer im Kamin.“ „Zünden wir Fackeln an,“ entgegnete der graue MNann; Und er nahm aus den Händen eines Grenadiers zwei „die Fackeln erlöſchen nicht wie die Kerzen.“ Fackeln und zündete ſie an der erſterbenden Gluth an. Eine gab er Maurice, die andere Lorin in die Hand. „Ihr ſeht,“ ſagte er,„ich täuſchte mich nicht; hier iſt ſt 31 2 59 die Thüre, welche in das Schlafzimmer der Bürgerin Dir⸗ mer geht; jene dort geht auf den Corridor.“ „Vorwärts in den Corridor,“ ſprach Lorin. Man öffnete die Thüre im Hintergrund, welche eben ſo wenig geſchloſſen war als die erſte, und befand ſich vor der Thüre der Wohnung des Chevalier. Maurice hatte dieſe Thüre zwanzigmal geſehen und nie gefragt, wohin ſie ging; für ihn drängte ſich die Welt in dem Zimmer zuſammen, wo ihn Genevieve empfing. „Oh! oh!“ ſagte Lorin mit leiſer Stimme,„hier än⸗ dert ſich die Sache, kein Schlüſſel mehr und die Thüre geſchloſſen“ 3 „Aber,“ fragte Maurice, der kaum mehr ſprechen konnte,„aber ſeid Ihr denn ganz gewiß, daß es hier iſt?“ „Iſt der Plan genau, ſo muß es hier ſein,“ ant⸗ wortete der Polizeimann;„übrigens werden wir ſogleich ſehen. Grenadiere, ſtoßt die Thuüre ein, und Ihr, Bürger, haltet Euch bereit, ſobald die Thüre eingeſtoßen iſt, in das Zimmer zu ſtürzen.“ Vier von dem Abgeſandten der Polizei bezeichnete Leute hoben ihre Flintenkolben in die Höhe und thaten auf ein Zeichen desjenigen, welcher das Unternehmen leitete, einen einzigen Schlag: die Thüre zerſprang in Stücke. „Ergib Dich, oder Du biſt des Todes!“ rief Lorin in das Zimmer ſtürzend. Niemand antwortete; die Bettvorhänge waren ge⸗ ſchloſſen. „GGebt wohl Acht, hinter dem Bett!“ ſagte der Poli⸗ zeimann;„ſchlagt an und feuert bei der erſten Bewegung der Vorhänge.“ „Wartet,“ ſprach Maurice,„ich will ſie öffnen.“ Und ohne Zweifel in der Hoffnung, Maiſon⸗Rouge wäre hinter den Vorhängen verborgen und der erſte Dolch⸗ ſtoß oder Piſtolenſchuß würde für ihn ſein, ſtürzte Mau⸗ rice auf die Vorhänge zu und zog ſie auf ihrer Stange zurück. Das Bett war leer. 60 „Alle Teufel!“ ſagte Lorin;„Niemand!“ „Er wird entwichen ſein,“ ſtammelte Maurice. „Unmöglich, Bürger, unmöglich!“ rief der grauk Mann;„ich ſage Euch, daß er vor einer Stunde nach Hauſe gekommen iſt, daß ihn Niemand hat hinausgehen ſehen und daß alle Ausgänge bewacht ſind.“ Lorin öffnete die Thuͤren der Cabinete und der Schränke und ſchaute überall, ſelbſt da, wo es materiell unmöglich war, daß ſich ein Menſch verbergen konnte. „Niemand! Ihr ſeht es wohl, Niemand!“ „Niemand!“ wiederholte Maurice mit einer leicht be⸗ greiflichen Erſchutterung;„Ihr ſeht in der That, es iſt Niemand da.“ „Gehen wir in die Wohnung der Bürgerin Dirmer,“ verſetzte der Polizeimann,„ndielleicht iſt er dort.“ „Ohl reſpectirt die Wohnung, einer Frau,“ ſagte Maurice. „Wie?“ verſetzte Lorin,„ſicherlich wird man ſie reſpectiren und die Bürgerin Dirmer ebenfalls; doch man wird ſie durchſuchen.“ „Die Bürgerin Dirmer?“ ſagte einer von den Gre⸗ nadieren, entzückt, einen ſchlechten Spaß anbringen zu können. „Nein,“ erwiederte Lorin,„nur die Wohnung.“ „Dann laßt mich zuerſt hinein,“ ſprach Maurice. „Geh, voran,“ ſagte Lorin,„Du biſt Kapitän: Ehre dem Ehre gebühret.“ Man ließ zwei Mann zurück, um das Zimmer zu bewachen, aus dem man wegging; dann begab man ſich wieder in das, wo man die Fackeln angezündet hatte. Maurice näherte ſich der Thüre, welche in das Schlaf⸗ zimmer von Genevisve führte. Es was das erſte Mal, daß er hier eintreten ſollte. Sein Herz ſchlug gewaltig.. Der Schlüſſel ſtak in der Thüre. „Nun,“ ſagte Lorin,„öffne doch!“„ 61 „Aber wenn die Bürgerin Dirmer im Bette liegen würde?“ verſetzte Maurice. „Wir ſchauen in ihr Bett, unter ihr Bett, in ihren Kamin und in ihre Schränke„“ ſagte Lorin,„iſt hernach Niemand da als ſie, ſo wünſchen wir ihr eine gute Nacht.“ „Nein,“ ſprach der Polizeimann,„wir verhaften ſie, die Bürgerin Geneviève Dirmer war eine Ariſtokratin, welche als Mitſchuldige der Tochter Tiſon und des Chevalier von Maiſan⸗Rouge erkannt worden iſt.“ „„Oeffnet alſo,“ ſagte Maurice, indem er den Schlüſſel losließ,„ich verhafte keine Frauen.“ Der Polizeimann ſchaute Maurice von der Seite an und die Grenadiere murrten unter ſich. „Ohl ohl“ ſagte Lorin,„Ihr murrt? Murrt für zwei, da Ihr einmal daran ſeid, ich bin der Meinung von Maurice.“ Und er machte einen Schritt rückwärts. Der graue Mann faßte den Schlüſſel und drehte raſch um; die Thüre gab nach, die Soldaten ſtürzten in das Zimmer. Zwei Kerzen brannten auf einem kleinen Tiſche; doch das Zimmer von Geneviève war, wie das des Chevalier von Maiſon⸗Rouge, unbewohnt. „Leer!“ rief der Polizeimann. 4 „Leer!“ wiederholte Maurice erbleichend;„wo iſt ſie denn?“ Lorin ſchaute Maurice erſtaunt an. „Suchen wir,“ ſagte der Polizeimann. Und von den Milizen gefolgt, fing er an das Haus von den Kellern bis zu den Werkſtätten zu durchforſchen. Kaum hatten ſie den Rücken gewendet, als Maurice, der ihnen ungeduldig mit den Augen gefolgt war, eben⸗ falls in das Zimmer ſtürzte, die Schränke, die man ſchon einmal geöffnet, abermals öffnete und mit angſtvoller Stim⸗ me ausrief: „Geneviève! Genevieve!“ 62 Aber Geneviève antwortete nicht, das Zimmer war wirklich leer. Dann durchwühlte Maurice das Haus mit einer Art von Wuth. Treibhäuſer, Schoppen, Nebengebäude, Alles durchſuchte er, aber vergebens. Plötzlich vernahm man einen gewaltigen Lärmen; eine Truppe bewaffneter Leute zeigte ſich an der Thüre, wechſelte das Loſungswort mit der Schildwache, überſtrömte den Garten und verbreitete ſich im Hauſe. An der Spitze dieſer Verſtärkung glänzte der eingeräucherte Federbuſch von Santerre. „Nun,“ ſagte er zu Lorin,„wo iſt der Verſchworer? „Wie! wo iſt der Verſchwörer?“ hab„Ja, ich frage Euch, was Ihr mit ihm gemacht abt.“ „Das frage ich Euch ſelbſt: wenn Euer Detachement die Ausgänge gut bewacht hat, muß es ihn feſtgenommen haben, da er nicht mehr im Hauſe war, als wir ein⸗ traten.“ „Was ſagt Ihr da,“ rief der General wütſend,„Ihr habt ihn alſo enawiſchen laſſen?“ „Wir konnten ihn nicht entwiſchen laſſen, da wir ihn nie in Händen hatten.“ „Dann begreife ich es nicht,“ ſagte Santerre. „Was?“ daſe„Was Ihr mir durch Euren Abgeſandten habt ſagen aſſen.“ „Wir haben Jemand an Euch abgeſchickt?“ „Ganz gewiß... einen Mann mit braunem Rock, ſchwarzen Haaren und grüner Brille, der zu uns kam und uns benachrichtigte, Ihr wäret auf dem Punkt, Maiſon⸗ Nouge feſtzunehmen, doch er vertheidige ſich wie ein Loöwe, worauf ich herbeieilte.“ „Ein Mann mit braunem Rocke, ſchwarzen Haaren 3 und grüner Brille?“ wiederholte Lorin. „Allerdings; er führte eine Frau am Arm.“ en Schoppen. 63 „Jung, hübſch?“ rief Maurice gegen den General vorſtürzend. „Ja, jung und hübſch.“ „Er war es!l und die Bürgerin Dirmer.“ „Wer, er?“ „Maiſon⸗Rouge... Ohl ich Elender, daß ich ſie nicht Beide tödtete!“ „Vorwärts, vorwärts, Bürger Lindey, man wird ſie wieder einholen,“ ſagte Santerre. „Aber warum des Teufels habt Ihr ſie paſſiren laſ⸗ ſen?“ fragte Lorin. „Alle Wetter! wir ließen ſie paſſiren, weil ſie das Loſungswort hatten,“ verſetzte Santerre. „Sie hatten das Loſungswort!“ rief Lorin,„es iſt alſo ein Verräther unter uns!“ „Nein, nein, Bürger Lorin,“ entgegnete Santerre, „man kennt Euch wohl und weiß, daß kein Verräther unter Euch iſt.“ Lorin ſchaute umher, als wollte er den Verräther ſuchen, deſſen Anweſenheit er verkündigt hatte. Er begegnete der düſteren Stirne und dem umherir⸗ renden Auge von Maurice. „Ohl oh!“ murmelte er,„was ſoll das bedeuten?“ „Dieſer Menſch kann nicht fern ſein,“ ſagte San⸗ terre;„durchforſchen wir die Umgegend, vielleicht iſt er in die Hände einer Patrouille gefallen, welche geſchickter geweſen iſt als wir, und ſich nicht hat hintergehen laſſen.“ „Ja, ja, ſuchen wir,“ ſagte Lorin. Und er nahm Maurice beim Arm und zog ihn unter dem Vorwand, zu ſuchen, aus dem Garten. „Ja, ſuchen wir,“ ſagten die Soldaten,„doch ehe wir ſuchen....“ Und einer von ihnen warf ſeine Fackel unter einen ganz mit Reißbündeln und trockenen Brettern vollgeſtopf⸗ „Komm,“ ſagte Lorin,„komm.“ Mauriee leiſtete keinen Widerſtand. Er folgte Lorin 64 wie ein Kind; Beide liefen bis zur Brücke, ohne mehr zu ſprechen; hier blieben ſie ſtehen, Maurice wandte ſich um. Der Himmel war roth am Horizont der Vorſtadt und man ſah über den Häuſern zahlreiche Funken auf⸗ ſteigen. XXXII. Der Schwur. Maurice ſchauerte; er ſtreckte die Hand nach der Rue Saint⸗Jacques aus. „Es brennt!“ ſagte er,„es brennt.“ „Nun ja,“ verſetzte Lorin,„es brennt, und was hernach?“ „Ohl mein Gott, mein Gott, wenn ſie zurückgekom⸗ men wäre!“ „Wer dies?“ „Geneviséve.“ „Genevisve, das iſt Madame Dirmer, nicht wahr?“ „Ja, ſie iſt es.“ „Es iſt nicht zu befürchten, daß ſie zurückgekommen iſt, deshalb war ſie nicht weggegangen.“ „Lorin, ich muß ſie wiederſinden, ich muß mich rächen.“ 3 „Ohl oh!“ verſetzte Lorin. „Tyrann hinnieden und in hohen Sphären Braucht Amor Weihrauch nicht auf den Altären.“ „Du hilfſt mir ſie wiederfinden, nicht wahr Lorin?“ „Bei Gott! das wird nicht ſchwierig ſein.“ „Und wie?“ — ue as 4a 65 „Allerdings, wenn Du Dich, ſo ſehr als ich glauben muß, für das Schickſal der Bürgerin Dirmer intereſſirſt, ſo mußt Du ſie auch kennen, und wenn Du ſie kennſt, mußt Du wiſſen, wer ihre vertrauteſten Freunde ſind; ſie wird Paris nicht verlaſſen haben; ſie haben alle die Wuth, hier zu bleiben; ſicherlich hat ſie ſich zu irgend einer Ver⸗ trauten geflüchtet, und morgen erhältſt Du durch irgend eine Roſa oder eine Marthon ein kleines Billet, ungefähr in folgenden Worten: Will Mars Cythere wiederfinden, So borge von der Nacht er ihre Azurtinten und finde ſich bei dem Concierge, Straße ſo und ſo, Nu⸗ mero ſo und ſo ein, und frage nach Madame Dreigeſtirn.“ Maurice zuckte die Achſeln; er wußte wohl, daß Ge⸗ neviève Niemand hatte, zu dem ſie ſich flüchten Konnte. „Wir werden ſie nicht wiederfinden,“ murmelte er. „Erlaube mir, Dir etwas zu ſagen, Maurice,“ ver⸗ ſetzte Lorin. „Was?“ „Es wäre vielleicht kein ſo großes Unglück, wenn wir ſie nicht wiederfänden.“ „Wenn wir ſie nicht wiederfinden, Lorin, ſo ſterbe ich.“ „Ah, Teufel!“ ſprach der junge Mann,„das iſt alſo jene Liebe, an der Du bereits beinahe geſtorben wäreſt?“ „Ja,“ antwortete Maurice. Lorin dachte einen Augenblick nach und ſagte dann: „Maunrice, es iſt ungefähr eilf Uhr; das Quartier iſt öde und verlaſſen; hier ſteht eine ſteinerne Bank, welche ausdrücklich zur Aufnahme von zwei Freunden angebracht worden zu ſein ſcheint. Bewillige mir die Gunſt einer Privatunterredung, wie man unter dem alten Regime ſagte, Ich gebe Dir mein Wort, daß ich nur in Proſa ſprechen werde.“ Maurice ſchaute umher und ſetzte ſich dann auf die Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge, II. 5 66 Bank. Lorin ſchaute ebenfalls umher und ſetzte ſich neben ſeinen Freund. „Sprich,“ ſagte Maurice, indem er ſeine beſchwerte Stirne in ſeine Hand fallen ließ. „Höre, lieber Freund, ohne Eingang, ohne Umſchrei⸗ bung, ohne Erläuterung ſage ich Dir Folgendes: wir ſtürzen uns in das Verderben, oder vielmehr Du ſtürzeſt uns in das Verderben“ „Wie ſo?“ fragte Maurice. „Theurer Freund, es gibt einen gewiſſen Beſchluß des Wohlfahrtsausſchuſſes, welcher für einen Verräther am Vaterland Jeden erklärt, der Verbindungen mit den Fein⸗ den des genannten Vaterlandes unterhält. Wie! kennſt Du dieſen Beſchluß?“ „Allerdings,“ antwortete Maurice. „Du kennſt ihn?“ „Ja.“¹ K „Nun wohl, mir ſcheint, Du biſt nicht übel Verräther am Vaterland. Was ſagſt Du dazu?“ „Lorin!“ 8 „Ganz gewiß, wenn Du nicht etwa als Vergötterer des Vaterlandes diejenigen betrachteſt, welche Wohnung, Tiſch und Bett dem Herrn Chevalier von Maiſon⸗Rouge geben, der, wenigſtens wie mir ſcheint, kein überſpannter Republikaner und für den Augenblick durchaus nicht be⸗ ſchuldigt iſt, er habe die Septembertage gemacht.“ „Ah! Lorin,“ verſetzte Maurice, einen Seufzer aus⸗ ſtoßend. „Deshalb,“ fuhr der Moraliſt fort,„deshalb kommt es mir vor, als wäreſt Du ein wenig zu ſehr der Freund eines Feindes des Vaterlandes geweſen, als wäreſt Du dies noch. Ruhig, ruhig, empöre Dich nicht, theurer Freund, Du biſt wie der ſelige Enkelados, Du würdeſt einen Berg von der Stelle rücken, wenn Du Dich umdrehteſt. Ich wiederhole Dir alſo, empöre Dich nicht und geſtehe ganz einfach, daß Du kein Eifriger mehr biſt.“ Lorin ſprach dieſe Worte mit der ganzen Sanſtheit, — 67 der er fähig war, und indem er mit einer völlig eicero⸗ nianiſchen Kunſtfertigkeit darüber hinſchlüpfte. Maurice begnügte ſich, durch eine Geberde zu pro⸗ teſtiren. Doch die Geberde wurde für nicht geſchehen erklärt und Lorin fuhr fort: „Ohl wenn wir in einer von jenen Treibhaustempe⸗ raturen lebten, in einer ehrlichen Temperatur, wo der Thermometer nach den Regeln der Botanik unveränderlich 16 Grade anzeigte, ſo würde ich Dir ſagen: Mein lieber Maurice, das iſt elegant, das iſt geſchmackvoll; ſeien wir von Zeit zu Zeit ein wenig Ariſtokraten, das thut wohl und riecht gut. Doch wir kochen heut zu Tage in 35 bis 40 Grad Wärme, das Tiſchtuch brennt, ſo daß man nur lau iſt; bei dieſer Wärme ſcheint man kalt zu ſein; iſt man kalt, ſo iſt man verdächtig; Du weißt das, Maurice, und wenn man verdächtig iſt... Du haſt zu viel Ver⸗ ſtand, mein lieber Maurice, um nicht zu wiſſen, was man dann bald iſt, oder vielmehr nicht mehr iſt.“ „Nun wohl, ſo tödte man mich, und die Sache nehme ein Ende!“ rief Maurice;„auch gut, ich bin des Lebens müde.“ „Seit einer Viertelſtunde,“ ſagte Lorin;„in der That, das iſt noch nicht lang genug, daß ich Dich in dieſem Punkte nach Deinem Willen handeln laſſen ſollte; und dann begreifſt Du, wenn man heutigen Tages ſtirbt, muß man als Republikaner ſterben, während Du als Ariſtokrat ſterben würdeſt.“ „Ohl oh!“ rief Maurice, deſſen Blut ſich durch den ungeduldigen Schmerz, der aus dem Bewußtſein der Schuld entſpringt, zu entflammen anfing;„ohl ohl Du gehſt zu weit, mein Freund.“ „Ich werde noch weiter gehen, denn ich ſage Dir zum Voraus, wenn Du Ariſtokrat wirſt.. „So zeigſt Du mich an?“ „Pfui doch! Nein, ich ſchließe Dich in einen Keller ein und laſſe Dich beim Raſſeln der Trommeln wie einen 68 verlorenen Gegenſtand ſuchen; dann erkläre ich öffentlich, die Ariſtokraten haben Dich, bekannt mit dem, was Du ihnen zugedacht, eingeſperrt, gemartert, ausgehungert, ſo daß Du wie der Prevot Elie von Beaumont, Herr Latude und Andere, wenn man Dich wiederfindet, öffentlich von den Damen der Halle und den Lumpenſammlerinnen der Section Victor mit Blumen bekränzt wirſt. Beeile Dich niſo, wieder ein Ariſtides zu werden, oder Deine Sache iſt klar.“ 1 „Lorin, Lorin, ich fühle, daß Du Recht haſt, es reißt mich fort, ich gleite auf einem Abhange hin. Grollſt Du mir, weil mich das Mißgeſchick fortzieht?“ „Ich grolle Dir nicht, aber ich muß mit Dir zanken. Erinnere Dich ein wenig der Secenen, die Pilades täglich dem Oreſtes machte, dieſer Scenen, welche ſiegreich be⸗ weiſen, daß die Freundſchaft ein Paradoxon iſt, da dieſe Muſter von Freunden ſich vom Morgen bis zum Abend ſtritten.“ „Verlaſſe mich, Lorin, das wird das Beſte ſein.“ „Niemals.“ „Dann laß mich lieben, nach meinem Gefallen när⸗ riſch, vielleicht verbrecheriſch ſein; denn ich fühle, wenn ich ſie wiederſehe, tödte ich ſie.“ „Oder Du fällſt vor ihr auf die Kniee. Ahl Maurice, Maurice verliebt in eine Ariſtolratin, das hätte ich nie geglaubt. Du biſt nun wie der arme Oſſelin bei der Marquiſe von Charry.“ „Genug, Lorin, ich bitte Dich.“ „Maurice, ich werde Dich heilen, oder der Teufel ſoll mich holen. Ich will nicht, daß Du in der Lotterie der heiligen Guillotine gewinnſt, wie der Spezereihändler der Rue des Lombards ſagte. Nimm Dich in Acht, Maurice, Du bringſt mich in Verzweiflung. Maurice, Du machſt einen Blutſäufer aus mir. Maurice, ich fühle das Bedürfniß, die Inſel Saint⸗Louis in Brand zu ſtecken; eine Fackel, eine Fackel! +-— ⁵———— — zsu &ᷣ à— 69 „Doch warum Brände und Fackeln begehren, Dein inneres Feuelhiann Städte verzehren.“ Maurice lächelte unwillkührlich. „Du weißt, daß es unter uns verabredet war, nur in Proſa zu ſprechen,“ ſagte er. „Du bringſt mich auch in Verzweiflung mit Deiner Narrheit,“ verſetzte Lorin;„es iſt auch... Höre, komm, laß uns trinken, Maurice, werden wir Trunkenbolde, machen wir Motionen, ſtudiren wir Nationalökonomie; doch beim Jupiter, ſeien wir nicht verliebt, lieben wir nur die Freiheit.“ „Oder die Vernunft.“ 3 „Ahl es iſt wahr, die Göttin ſagt Dir viele ſchöne Dinge und findet, Du ſeiſt ein reizender Sterblicher.“ „Und Du biſt nicht eiferſüchtig?“ „Maurice, um meinen Freund zu retten, fühle ich mich zu allen Opfern fähig.“ „Ich danke, mein armer Lorin, und weiß Deine Er⸗ gebenheit zu ſchätzen; aber das beſte Mittel, mich zu tröſten, beſteht darin, daß ich mich mit meinem Schmerze ſättige. Gute Nacht, Lorin, beſuche Arthemiſe.“ „Und Du, wohin gehſt Du?“ „Ich gehe nach Hauſe.“ Maurice machte einige Schritte gegen die Brücke. „Du wohnſt alſo jetzt in der Gegend der Rue Vieille⸗ Saint⸗Jacques?“. „Nein; doch es gefallt mir, dieſen Weg einzuſchlagen.“ „Um noch einmal den Ort zu ſehen, den Deine Un⸗ menſchliche bewohnte.“ „Um zu ſehen, ob ſie nicht dahin zurückgekehrt iſt, wo ſie weiß, daß ich ſie erwarte. O Geneviève! Gene⸗ visve! ich hätte nicht geglaubt, daß Du eines ſolchen Verrathes fähig wäreſt.“ „Maurice, ein Tyrann, der das ſchöne Geſchlecht f kannte, denn er ſtarb, weil er es zu ſehr geliebt hatte, agte: 3 70 „Auf die Treu' der Frauen Darf der icht bauen.“ Maurice ſtieß einen Seufzer aus, und die zwei Freunde ſchlugen wieder den Weg nach der Rue Vieille⸗ Saint⸗Jacques ein. Als ſie ſich dieſer Gegend näherten, hörten ſie immer deutlicher ein gewaltiges Geräuſch und ſahen das Licht ſich vermehren; ſie hörten patriotiſche Geſänge, welche am hellen Tage, im vollen Sonnenſchein, in der Atmoſphäre des Kampfes als Heldenhymnen erſchienen, aber in der Nacht, beim Schimmer des Brandes den finſteren Aus⸗ druck einer Trunkenheit von Cannibalen annahmen. „O, mein Gott! mein Gott!“ ſagte Maurice, der vergaß, daß Gott abgeſchafft war. Und er ging, Schweiß auf der Stirne, immer weiter. Lorin betrachtete ihn und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Sitzt die Lieb im Capitol, Dann, o Klugheit, fahre wohl!“ Ganz Paris ſchien ſich nach dem Schauplatz der von uns erzählten Ereigniſſe zu begeben. Maurice war ge⸗ nöthigt, ein Spalier von Grenadieren, die Reihe der Sectionäre und die gedrängten Banden jenes ſtets ra⸗ ſenden, ſtets wachen Pöbels zu durchſchreiten, der damals brüllend von Schauſpiel zu Schauſpiel lief. Je näher er kam, deſto mehr beſchleunigte Maurice in ſeiner wüthenden Ungeduld die Schritte. Lorin folgte ihm mit Mühe, aber er liebte ihn zu ſehr, um ihn in einem ſolchen Augenblick allein zu laſſen. Es war beinahe Alles vorüber; das Feuer hatte ſich dem Schoppen, unter den der Soldat die angezündete Fackel geworfen, und dann den nur von Brettern erbauten Werfſtäͤtten mitgetheilt; di Waaren waren verbrannt, das Haus ſelbſt fing an zu brennen.“ „Ohl mein Gott!“ ſagte Maurice zu ſich ſelbſt, —, Bo A 8— .̈—— ᷣ— 71 „wenn ſie zurückgekehrt wäre, wenn ſie ſich, umhüllt von kreiſenden Flammen, in irgend einem Zimmer befände, mich erwartete, mich riefe l....“ Und halb verrückt vor Schmerz ſtürzte Maurice, der lieber an den Wahnſinn derjenigen, welche er liebte, als an ihren Verrath glauben wollte, gerade auf die Thüre zu, die er im Rauch erblickte Lorin folgte ihm beſtändig; er wäre ihm in die Hölle gefolgt. Das Dach brannte, das Feuer ſing an ſich der Treppe mitzutheilen. Maurice durchſuchte keuchend den ganzen erſten Stock, den Salon, das Zimmer von Geneviéve, das Zimmer des Chevalier von Maiſon⸗Rouge, die Gänge, und rief mit erſtickter Stimme: „Geneviève! Geneviéve!“ Niemand antwortete. Als ſie in das erſte Zimmer zurückkehrten, ſahen die zwei Freunde Flammenwirbel, welche durch die Thüre einzudringen anfingen. Trotz des Geſchreis von Lorin, der ihm das Fenſter zeigte, ging Maurice mitten durch die Flammen. Dann lief er nach dem Hauſe, durchſchritt, ohne ſich bei irgend etwas aufzuhalten, den mit zerbrochenen Geräthſchaften beſtreuten Hof, und fand den Speiſeſaal, das Wohnzimmer von Dirmer, das Cabinet des Chemikers Morand, Alles voll von Rauch, Trümmern und zerbro⸗ chenen Scheiben; das Feuer hatte auch dieſen Theil des Hauſes erreicht und fing an ihn zu verzehren. Maurice machte es, wie er es bei dem Pavillon ge⸗ macht hatte, er ließ kein Zimmer undurchſucht, keinen Gang undurchlaufen. Er ſtieg bis in die Keller hinab, vielleicht hatte ſich Genevieève, um dem Brande zu ent⸗ gehen, dahin geflüchtet. Niemand. „Alle Teufel!“ ſagte Lorin,„Du ſiehſt wohl, daß ſich Niemand hier halten würde, mit Ausnahme der 72 Salamander, und es iſt nicht gerade dieſes fabelhafte Thier, was Du ſuchſt. Komm, laß uns gehen, wir fragen, wir erkundigen uns bei den Anweſenden; es hat ſie vielleicht irgend Jemand geſehen.“ Es hätte vieler vereinigter Kräfte bedurft, um Mau⸗ rice aus dem Hauſe zu bringen; die Hoffnung zog ihn an einem ihrer Haare fort. Dann begannen die Nachforſchungen; ſie durchliefen die Umgegend, ſie hielten die vorübergehenden Frauen an, ſte durchſuchten die Gänge, aber ohne Erfolg. Es war ein Uhr Morgens. Maurice war trotz ſeiner Athleten⸗ ſtärke gelähmt vor Müdigkeit: er leiſtete endlich auf ſein Laufen und Steigen und auf ſeine beſtändigen Conflicte mit der Menge Verzicht. Ein Fiacre fuhr vorüber, Lorin hielt ihn an. „Mein Lieber,“ ſagte er zu Maurice,„wir haben gethan, um Deine Geneviéve wieder aufzufinden, was Menſchen zu thun möglich war; wir haben uns lenden⸗ lahm gelaufen; wir haben uns geröſtet; wir haben uns für ſie geprügelt; Cupido, ſo anſpruchsvoll er auch ſein mag, kann nicht mehr von einem Menſchen fordern, der verliebt iſt, und beſonders von einem, der es nicht iſt. Steigen wir in dieſen Fiacre und kehren wir Beide nach Hauſe zurück.“ Maurice antwortete nicht und ließ mit ſich ſchalten. Man kam vor die Thüre von Maurice, ohne daß die zwei Freunde ein einziges Wort gewechſelt hatten. In dem Augenblick, wo Maurice ausſtieg, hörte man ein Fenſter der Wohnung von Maurice ſich öffnen. „Ahl gut,“ ſagte Lorin,„man erwartete Dich, und ich bin nun ruhiger. Klopfe.“ Maurice klopfte, die Thüre öffnete ſich. 2 „Gute Nacht!“ ſagte Lorin,„morgen früh erwarte mich, um mit mir auszugehen.“ „Gute Nacht,“ ſprach Maurice maſchinenmäßig. Und die Thüre ſchloß ſich hinter ihm. — 73 Auf den erſten Stufen der Treppe begegnete er ſeinem Willfährigen., „Ohl Bürger Lindey,“ rief dieſer,„welche Unruhe haben Sie uns bereitet.“ Das Wort uns fiel Maurice auf. „Euch?“ ſagte er. „Ja, mir und der kleinen Dame, die Sie erwartet.“ „Der kleinen Dame!“ wiederholte Maurice, der den Augenblick ſchlecht gewählt fand, um mit der Erinnerung zu correſpondiren, die ihm ohne Zweifel eine ſeiner alten Freundinnen gab;„Du thuſt wohl daran, daß Du mir das ſagſt, ich werde bei Lorin ſchlafen.“ „Ohl unmöglich, ſie ſtand am Fenſter, ſah Sie ausſteigen und rief:„„Hier kommt er!“ℳ „Eil was iſt mir daran gelegen, wenn ſie weiß, daß ich es bin; ich habe kein Herz für die Liebe. Gehe wieder hinauf und ſage dieſer Frau, ſie habe ſich ge⸗ täuſcht.“ Der Willfährige machte eine Bewegung, um zu ge⸗ horchen; doch er blieb wieder ſtehen und ſagte: „Ah! Buͤrger, Sie haben Unrecht: die kleine Dame war ſchon ſehr traurig und meine Antwort wird ſie in Verzweiflung bringen.“ 3 „Aber wer iſt denn dieſe Frau?“ „Bürger, ich habe ihr Geſicht nicht geſehen, ſie iſt in einen Mantel gehüllt und weint, das iſt Alles, was ich weiß.“ „Sie weint!“ verſetzte Maurice. „Ja, aber ſehr ſanft und indem ſie ihr Schluchzen unterdrückt.“ „Sie weint,“ wiederholte Maurice.„Es gibt alſo Jemand auf der Welt, der ſich hinreichend für mich inte⸗ reſſirt, um ſich uüͤber meine Abweſenheit zu beunruhigen.“ Und er ſtieg hinter dem Willfährigen die Treppe hinauf. „Hier iſt er, Bürgerin, hier iſt er!“ rief dieſer in das Zimmer ſtürzend.— 74 Maurice trat hinter ihm ein. Er ſah dann in einem Winkel des Salon eine zit⸗ ternde Frau, die ihr Geſicht unter Kiſſen verbarg, eine Frau, die man für todt gehalten hätte, ohne das krampf⸗ hafte Seufzen, das ſie beben machte. Er hieß den Willfährigen durch ein Zeichen hinaus⸗ gehen. Dieſer gehorchte und ſchloß die Thüre. Maurice lief auf die junge Frau zu, welche nun das Haupt erhob⸗ „Geneviéeve!“ rief Maurice,„Geneviève bei mir, mein Gott, bin ich denn verrückt!“ „Nein, Sie haben Ihre ganze Vernunft, mein Freund,“ erwiederte die junge Frau.„Ich verſprach, die Ihrige zu ſein, wenn Sie den Chevalier von Maiſon⸗ Rouge retten würden, Sie haben ihn gerettet, hier bin ich, ich erwartete Sie.“ Maurice täuſchte ſich im Sinne dieſer Worte, wich einen Schritt zurück, ſchaute die junge Frau traurig an und ſprach mit ſanftem Tone: „Geneviéve, Geneviéve, Sie lieben mich alſo nicht?“ Der Blick von Genevisve verſchleierte ſich unter Thrä⸗ nen, ſie wandte den Kopf ab, ſtützte ſich auf die Lehne des Sopha und brach in ein Schluchzen aus. „Ach!“ ſagte Maurice,„ich ſehe wohl, daß Sie mich nicht mehr lieben, und Sie lieben mich nicht nur nicht mehr, Geneviève, ſondern Sie müſſen ſogar eine Art von Haß gegen mich empfinden, da Sie ſo ſehr in Verzweif⸗ lung ſind.“ Maurice hatte ſo viel Begeiſterung und Schmerz in dieſe letzten Worte gelegt, daß Genevisve ſich aufrichtete, ihn bei der Hand faßte und zu ihm ſprach: „Mein Gott! derjenige, welchen man für den Beſten hielt, wird alſo ſtets ſelbſtſüchtig ſein.“ „Selbſtſüchtig! Geneviéève, was wollen Sie damit ſagen ²⸗ „Sie begreifen alſo nicht, daß ich leide? Mein Gatte 75 auf der Flucht, mein Bruder geächtet, mein Haus in Flammen, dies Alles in einer Nacht, und dann die furcht⸗ bare Scene zwiſchen Ihnen und dem Chevalier.“ Maurice hörte mit Entzücken, denn ſelbſt die tollſte Leidenſchaft mußte nothwendig zugeben, daß ſolche Er⸗ ſchütterungen angehäuft zu dem Zuſtande des Schmerzes führen konnten, in welchem ſich Geneviève befand. „Sie ſind alſo gekommen, Sie ſind hier, Sie wer⸗ den mich nicht verlaſſen!“ Genevisve bebte. „Wohin ſollte ich gehen?“ erwiederte ſie voll Bitter⸗ keit.„Habe ich eine Zufluchtſtätte, ein Obdach, einen andern Beſchützer, als denjenigen, welcher einen Preis auf ſeinen Schutz ſetzte? Oh! wüthend und toll ſchritt ich über den Pont⸗Neuf, Maurice, und als ich darüber ging, hielt ich an, um das düſtere Waſſer an der Ecke der Pfei⸗ ler brauſen zu ſehen; das zog mich an, das bezauberte mich... hier, ſagte ich zu mir, hier, arme Frau, iſt eine Zufluchtſtätte für Dich; hier iſt unverletzliche Ruhe, hier iſt Vergeſſenheit.“ „Geneviève! Geneviève!“ rief Maurice,„Sie haben das geſagt?... Sie lieben mich alſo nicht mehr?“ „Ich habe es geſagt,“ antwortete Genevieève mit lei⸗ ſer Stimme;„ich habe es geſagt und bin gekommen.“ Maurice athmete, ſank ſachte zu ihren Füßen nieder und flüſterte:— „Geneviève, weinen Sie nicht, Genevisve, tröſten Sie ſich über all Ihr Unglück, da Sie mich lieben. Ge⸗ neviève, im Nameu des Himmels, ſagen Sie mir, es ſei nicht die Heftigkeit meiner Drohungen geweſen, was Sie hierher geführt. Sagen Sie mir, daß Sie, ſelbſt wenn Sie mich dieſen Abend nicht geſehen hätten, nunmehr allein, vereinzelt, ohne Zufluchtſtätte, hierher gekommen wären, und empfangen Sie meinen Schwur, Sie von den Eide zu entbinden, den ich Sie zu leiſten genöthigt a e.“ 76 Geneviève ſenkte auf den jungen Mann einen Blick voll unausſprechlicher Dankbarkeit und rief: „Edelmüthiger! ohl mein Gott, ich danke Dir, er iſt edelmüthig!“ „Hören Sie mich, Genevisve,“ ſagte Maurice,„Gott, den man hier aus ſeinen Tempeln vertreibt, den man aber nicht aus unſern Herzen vertreiben kann, in welche er die Liebe pflanzte, Gott hat dieſen Abend ſcheinbar düſter, aber im Grunde von Freude und Glück funkeln gemacht. Gott hat Sie zu mir geführt, Geneviève, er hat Sie in meine Arme gelegt, er ſpricht zu Ihnen durch meinen Hauch; Gott will endlich ſo viele Leiden, die wir ausgeſtanden, ſo viele Tugenden belohnen, die wir entwickelten, indem wir dieſe Liebe bekämpften, welche ungeſetzlich zu ſein ſchien, als ob ein ſo lange Zeit reines und ſtets ſo tiefes Gefühl ein Verbrechen ſein könnte. Weinen Sie alſo nicht, Geneviève! Geneviéve, geben Sie mir Ihre Hand. Wollen Sie bei einem Bruder ſein? Soll dieſer Bruder voll Ehrfurcht den Saum Ihres Kleides küſſen, ſich mit gefalteten Händen entfernen und über die Schwelle ſchrei⸗ ten, ohne den Kopf umzuwenden? Sagen Sie ein Wort, und Sie werden mich weggehen ſehen, Sie werden allein, frei und in Sicherheit ſein, wie eine Jungfrau in der Kirche. Doch, meine angebetete Genevieve, wollen Sie ſich im Gegentheil erinnern, ich habe Sie ſo ſehr geliebt, daß ich beinahe darüber geſtorben wäre, daß ich um die⸗ ſer Liebe willen, die Sie unſelig oder glücklich machen können, die Meinigen verrathen, daß ich mich in meinen eigenen Augen verhaßt und niedrig gemacht habe; wollen Sie an Alles das denken, was uns die Zukunft an Glück vorbehält, wollen Sie an die Kraft und an die Energie denken, welche ſich in unſerer Jugend und in unſerer Liebe findet, um dieſes beginnende Glück gegen Jeden, der es angreifen wollte, zu vertheidigen? Oh!l Genevieve, Du, die Du ein Engel biſt, willſt Du, ſprich? Willſt Du einen Menſchen ſo glücklich machen, daß er das Leben nicht mehr beklagt und nicht nach der ewigen 1 77 Seligkeit begehrt? Dann lächle mir, meine Gene⸗ viève, ſtatt mich zurückzuſtoßen, laß mich Deine Hand auf mein Herz legen, neige Dich herab zu demjenigen, welcher mit ſeiner ganzen Macht, mit ſeiner ganzen Seele, mit allen ſeinen Sinnen, mit allen ſeinen Wünſchen zu Dir emporſtrebt. Geneviève, meine Liebe, mein Leben, Geneviève, nimm Deinen Schwur nicht zurück!“ Das Herz der jungen Frau dehnte ſich aus bei die⸗ ſen Worten: das Schmachten der Liebe, die Anſtrengung der vorhergegangenen Leiden erſchöpften ihre Kräfte, die Thränen traten nicht mehr in ihre Augen, und dennoch hob ein Schluchzen ihre brennende Bruſt. Maurice begriff, daß ſie nicht mehr den Muth hatte, zu widerſtehen, und ſchloß ſie in ſeine Arme. Da ließ ſie ihr Haupt auf ſeine Schulter ſinken und ihre langen Haaren entrollten ſich an den glühenden Wangen ihres Geliebten. 3 Zu gleicher Zeit fühlte Maurice ſeine Bruſt ſpringen, denn ſie wurde emporgehoben wie die Welle nach dem Sturme. 4 „Oh! Du weinſt, Geneviève,“ ſagte er mit tiefer Traurigkeit,„Du weinſt. Oh! beruhige Dich. Nie werde ich die Liebe einem verächtlichen Schmerze aufdringen. Nie ſollen ſich meine Lippen mit einem Kuſſe beflecken, den eine einzige Thräne des Bedauerns vergiften würde.“ Und er löſte den lebendigen Ring ſeiner Arme, er entfernte ſeine Stirne von der von Geneviève und wandte ſich langſam um; doch durch eine von jenen Gegenwirkun⸗ gen, die ſo natürlich ſind bei der Frau, welche ſich ver⸗ theidigt, und während ſie ſich vertheidigt, dennoch ver⸗ langt, warf Genevisve raſch ihre zitternden Arme um den Hals von Maurice, hielt ihn mit aller Gewalt umfangen, drückte ihre eiſige, noch von Thränen feuchte Wange auf die glühende Wange des jungen Mannes und flüſterte ihm zu: „Oh, verlaſſe mich nicht, Maurice, denn ich habe nur Dich auf der Welt!“ — XXXIII. Am andern Tag. Ein ſchöne Sonne drang durch die grünen Vorhänge und vergoldete die Blätter von drei großen Roſenſtöcken, welche in hölzernen Gefäßen auf dem Fenſter von Mau⸗ rice ſtanden. Um ſo koſtbarer für den Blick, als die Jahreszeit zu fliehen anfing, durchdufteten dieſe Blumen einen klei⸗ nen, von Reinlichkeit glänzenden, geplatteten Speiſeſaal, in welchem ſich ſo eben Geneviéve und Maurice an einen ohne Ueberfluß, aber zierlich beſtellten Tiſch geſetzt hatten. Die Thüre war geſchloſſen, denn der Tiſch trug Alles, was die Gäſte brauchten. Man begriff, daß ſie ſich ge⸗ ſagt hatten: „Wir werden uns ſelbſt bedienen.“ In dem anſtoßenden Zimmer hörte man den Will⸗ fährigen ſich mit einem Eifer wie der Ardelion von Phäd⸗ rus hin und herbewegen. Die Wärme und das Leben der letzten ſchönen Tage drangen durch den halb geöffne⸗ ten Sommerladen ein und machten die Blätter der von der Sonne geliebkoſten Roſenſtöcke wie Gold und Sma⸗ ragd glänzen. Geneviève ließ die goldene Frucht, die ſie in der Hand hielt, aus einem ihrer Fingern auf einen Teller fallen und blieb träumeriſch, nur mit den Lippen lächelnd, während ihre großen Augen in Schwermuth ſchmachteten, ſtillſchweigend, unbeweglich, obgleich lebend und glücklich in der Sonne der Liebe, wie es dieſe ſchönen Blumen in der Sonne des Himmels waren. Bald ſuchten ihre Augen die von Maurice und ſie begegneten ihnen, denn er ſchaute ſie auch an und träumte. Da legte ſie ihren ſo zarten und ſo weißen Arm auf die Schulter des bebenden jungen Mannes; dann ſtützte 2—— ———*—* 29 8 4 K ſie ihren Kopf mit jenem Vertrauen und jener Hingebung darauf, welche mehr ſind, als die Liebe. 2 Geneviove ſchaute ihn an, ohne mit ihm zu ſprechen, und erröthete, indem ſie ihn anſchaute. Maurice hatte nur leicht den Kopf zu neigen, um ſeine Lippen auf die halbgeöffneten Lippen ſeiner Gelieb⸗ ten zu drücken. Er neigte den Kopf; Genevisve erbleichte und ihre Augen ſchloßen ſich wie die Blätter der Blume, welche ihren Kelch vor den Lichtſtrahlen verbirgt. So blieben ſie in dieſer ungewohnten Glückſeligkeit entſchlummert, als der ſcharfe Ton der Klingel ſie beben machte Sie trennten ſich von einander. Der Willfährige trat ein, ſehloß die Thüre wieder geheimnißvoll und meldete:. „Es iſt der Bürger Lorin.“ „Ahl der liebe Lorin,“ ſagte Maurice,„ich will ihn wegſchicken. Verzeihen Sie, Geneviéve.“ Genevisve hielt ihn zurück. „Ihren Freund wegſchicken, Maurice,“ ſagte ſie, „einen Freund, der Sie getröſtet, unterſtützt hat. Nein, ich will einen ſolchen Freund ebenſo wenig aus Ihrem Hauſe, als aus Ihrem Herzen vertreiben; laſſen Sie ihn eintreten, Maurice, laſſen Sie ihn eintreten.“ „Wie, Sie erlauben?“ verſetzte Maurice. „Ich will es,“ ſprach Geneviève. „Oh!l Sie finden alſo, daß ich Sie nicht genug liebe!“ rief Maurice entzückt über dieſes Zartgefühl,„und Sie brauchen Vergötterung!“. Geneviève reichte dem jungen Mann ihre erröthende Stirne; Maurice öffnete die Thüre und Lorin trat ein, ſchön wie der Tag, in ſeiner Tracht eines Halbmuscadin. Als er Genevisve erblickte, gab er ein Erſtaunen kund, auf das alsbald eine ehrfurchtsvolle Begrüßung folgte. „Komm, Lorin,“ ſprach Maurice,„komm und ſchau' dieſe Frau an; Du biſt entthront, Lorin; es gibt nun 80 Jemand, den ich Dir vorziehe; für Dich hätte ich mein Leben geopfert; für ſie, damit ſage ich Dir nichts Neues, Lorin, für ſie habe ich meine Ehre geopfert.“ „Madame,“ ſprach Lorin mit einem Ernſte, der bei ihm eine tiefe Erſchütterung bezeichnete,„ich werde be⸗ müht ſein, Maurice mehr zu lieben, als Sie, daß er nicht ganz und gar aufhört, mich zu lieben.“ „Setzen Sie ſich, mein Herr,“ erwiederte Geneviève lächelnd. „Ja, ſetze Dich,“ ſprach Manrice, der, nachdem er rechts die Hand ſeines Freundes, links die ſeiner Gelieb⸗ ten gedrückt hatte, ſein Herz voll von aller Glückſeligkeit fühlte, nach der ein Menſch auf dieſer Erde ſtreben kann. „Du willſt alſo nicht mehr ſterben, Du willſt Dich alſo nicht mehr tödten laſſen?“ „Wie ſo?“ fragte Geneviéve. „O, mein Gott! was für ein wankelmüthiges Thier iſt doch der Menſch,“ ſagte Lorin,„wie ſehr haben die Philoſophen Recht, daß ſie ſeinen Leichtſinn verachten! Sollten Sie es wohl glauben, Madame, hier iſt Einer, der ſich geſtern in das Feuer ſtürzen, in das Waſſer wer⸗ fen wollte, der erklärte, es ſei keine Glückſeligkeit mehr für ihn auf dieſer Welt möglich, und nun finde ich ihn dieſen Morgen heiter, luſtig, das Lächeln auf den Lippen, das Glück auf der Stirne, das Leben im Herzen, vor —,— — einer wohlbeſtellten Tafel; es iſt wahr, er ißt nichts, doch dies beweiſt nicht, daß er unglücklich iſt.“ „Wie!“ rief Geneviève,„er wollte dies Alleg thun 2u „Dies Alles, und noch viele andere Dinge, ich werde Ihnen das ſpäter erzählen, doch für den Augenblick habe ich gewaltig Hunger, das iſt der Fehler von Maurice, der mich geſtern Abend in dem ganzen Quartier Saint⸗ Jacques umherlaufen ließ; erlauben Sie alſo, daß ich 4 Ihr Frühſtück angreife, welches, wie mir ſcheint, noch gar nicht berührt worden iſt.“ n „In der That, er hat Recht!“ rief Maurice mit — 82=——,= — 8— 81 einer kindiſchen Freude;„wir wollen frühſtücken, ich habe nichts gegeſſen und Sie auch nicht, Geneviéve.“ Er beobachtete das Auge von Lorin bei dieſem Namen; dieſer aber verzog keine Miene. „Ahl Du hatteſt alſo errathen, daß ſie es war?“ fragte Maurice. „Bei Gott!“ antwortete Lorin und ſchnitt ſich ein großes Stück weiß und roſenfarbigen Schinken ab. „Ich habe auch Hunger,“ ſagte Genevisve und reichte ihm ihren Teller. 3„Lorin,“ ſprach Maurice,„ich war geſtern Abend rank.“ „Du warſt mehr als krank, Du warſt verrückt.“ „Nun, ich glaube, Du biſt dieſen Morgen leidend.“ „Wie ſo?“ „Du haſt noch keinen Vers gemacht.“ „Ich dachte in dieſem Augenblicke daran,“ verſetzte Lorin. „Weilt Phöbus in der Grazien Chor, Tönet die Lyra olympiſch empor. Doch wenn Aphroditens Zauber ihn leiten, 1 Verſtummen der Lyra goldene Saiten.“ „Gut, rice lachend. „Und Du mußt Dich damit begnügen, da wir nun von etwas minder heiteren Dingen ſprechen werden.“ „Was gibt es denn?“ fragte Maurice unruhig. „Ich werde nächſtens die Wache in der Conciergerie haben.“ „In der Conciergerie!“ verſetzte Geneviève,„bei der Königin?“ „ Bei der Königin... ich glaube, ja, Madame.“ Geneviéve erbleichte, Maurice faltete die Stirne und machte Lorin ein Zeichen. das iſt immerhin ein Quatrain,“ ſprach Mau⸗ Der Cheoalier von Maiſon⸗Rouge. II. 6 . 82 Dieſer nahm ſich abermals eine Schnitte Schinken, doppelt ſo groß, als die erſte. Die Königin war in der That in die Conciergerie gebracht worden, wohin wir ihr nun folgen werden. 3 XXXIV. Conciergerie. An der Ecke des Pont au Change und des Quai aur Fleurs erheben ſich Ueberreſte vom alten Palaſte des heiligen Ludwig, den man vorzugsweiſe den Palaſt nannte, wie man Rom die Stadt genannt hat, und der fortwäh⸗ rend dieſen erhabenen Namen bewahrt, obgleich die ein⸗ zigen Könige, die ihn bewohnen, Gerichtsſchreiber, Richter und Proceßführende ſind. Es iſt ein großes, düſteres Haus, das Haus der Juſtiz, das die ſtrenge Göttin mehr fürchten, als lieben macht. Man ſieht hier das ganze Geräthe und alle Attribute der menſchlichen Rache in einem engen Raume vereinigt. Hier die Säle, wo man die Vorgeladenen bewacht, dort die, wo man ſie verurtheilt, weiter unten die Kerker, wo man ſie einſchließt, wenn ſie verurtheilt ſind; an der Thüre der kleine Platz, wo man ſie, um ſie ehrlos zu machen, mit dem glühenden Eiſen brandmarkt; hundert und fünfzig Schritte endlich von dem erſten der andere größere Platz, auf dem man ſie tödtet, nämlich die Grève, wo man vollendet, was im Palaſt untermalt worden iſt. 3 Die Juſtiz hat, wie man ſieht, Alles unter der Hand. Dieſe ganze Partie aneinander gehängter, düſterer, grauer Gebäude mit den kleinen, vergitterten Fenſtern, woran die gähnenden Gewölbe vergitterten Höhlen von wilden Thieren 83 gleichen, welche ſich an dem Quai des Lunettes hinziehen, iſt die Conciergerie. Dieſes Gefängniß mit Kerkern, welche das Waſſer der Seine mit ſeinem ſchwarzen Schleime befeuchtet, hat geheimnißvolle Ausgänge, die einſt nach dem Fluſſe die Opfer führten, welche verſchwinden zu laſſen man ſich veranlaßt ſah. Eine unermüdliche Lieferantin des Schaffots, war die Conciergerie im Jahr 1793 mit Gefangenen vollge⸗ pfropft, aus denen man in einer Stunde zum Tode Verur⸗ theilte machte, in jeuer Zeit war das alte Gefängniß vom heiligen Ludwig wirklich der Gaſthof des Todes. Unter den Gewölben der Thore ſchaukelte ſich in der Nacht eine Laterne mit rothem Feuer, ein düſteres Aus⸗ hängſchild dieſes Ortes der Schmerzen. Am Vorabend des Tages, wo Maurice, Lorin und Geneviève mit einander frühſtückten, erſchütterte ein dum⸗ pfes Rollen das Pflaſter des Quai und die Scheiben des Gefängniſſes; dann hörte das Rollen vor dem gewölbten Thore auf, Gendarmen klopften an dieſes mit dem Griffe ihres Säbels; das Thor öffnete ſich, der Wagen fuhr in den Hof, und als ſich die Angeln hinter ihm gedreht, als die Riegel geklirrt hatten, ſtieg eine Frau aus. Sogleich verſchlang ſie die vor ihr gähnende Pforte. Drei oder vier nengierige Köpfe, die ſich beim Schimmer der Fackeln vorgeſtreckt hatten, um die Gefangene zu be⸗ trachten, und in der Halbtinte erſchienen waren, tauchten ſich wieder in die Dunkelheit; dann hörte man ein gemei⸗ nes Gelächter und ein paar plumpe Worte des Abſchieds, die unter den Männern, welche ſich entfernten und die man wahrnahm, ohne ſie zu ſehen, ausgetauſcht wurden. Ddiejenige, welche man brachte, war innerhalb der er⸗ — ſten Pforte mit ihren Gendarmen geblieben; ſie ſah, daß ſie noch durch eine zweite zu ſchreiten hatte, aber ſie ver⸗ gaß, daß man, um durch eine Pforte zu gelangen, zugleich den Fuß aufheben und den Kopf bücken muß, denn man —— 84 findet unten eine Stufe, welche emporſteht, und oben ein Gewölbe, das ſich herabſenkt. Ohne Zweifel noch nicht ſehr gewöhnt an die Archi⸗ tektur der Gefängniſſe, ſo lange ſie ſich auch in ſolchen aufgehalten hatte, vergaß die Gefangene, ihre Stirne zu bücken, und ſtieß ſich heftig an der eiſernen Stange. „Haben Sie ſich wehe gethan, Bürgerin?“ fragte einer von den Gendarmen. „Es thut jetzt nichts mehr wehe,“ antwortete ſie ruhig. Und ſie ging weiter, ohne eine Klage von ſich zu geben, obgleich man über der Augenbraue die blutige Spur ſah, welche hier das Anſtoßen an die eiſerne Stange zurückgelaſſen hatte. Bald gewahrte man den Lehnſtuhl des Concierge, einen Lehnſtuhl, der in den Augen der Gefangenen ehr⸗ würdiger war, als es in den Augen der Höflinge der Thron eines Königs iſt, denn der Concierge eines Gefängniſſes iſt der Spender der Gnaden, und jede Gnade iſt wichtig für einen Gefangenen; haäufig verwandelt die geringſte Gunſt ſeinen düſteren Himmel in ein leuchtendes Firmament. In ſeinem Lehnſtuhl ſitzend, den er, von ſeiner Wich⸗ tigkeit überzeugt, trotz des Geräuſches der Gitter und des rollenden Wagens, der einen neuen Gaſt verkündigte, nicht verlaſſen hatte, ſchnupfte der Concierge Richard ſeinen Ta⸗ bak, ſchaute die Gefangene an, öffnete ein ſehr fettiges Regiſter und ſuchte eine Feder auf dem kleinen Tinten⸗ zeug von ſchwarzem Holz, woran die Tinte, auf dem Rande verſteinert, in der Mitte noch ein wenig ſchlammige Feuch⸗ tigkeit bewahrte, wie in der Mitte des Kraters eines Vulkans immer noch ein wenig flüſſige Materie bleibt. „Bürger Concierge,“ ſagte der Anführer der Escorte, „mache raſch den Eintrag, denn man erwartet uns unge⸗ duldig bei der Gemeinde.“ „Oh! das wird nicht lange dauern,“ verſetzte der Concierge, indem er in ſein Tintenfaß ein paar Tropfen Wein goß, welche im Grunde eines Glaſes übrig waren, „man hat, Gott ſei Dank, eine Hand, welche dazu gemacht 8⁵ 1 4 iſt! Sage mir Deine Namen und Deine Vornamen, Bürgerin?“ 1 Und er tauchte ſeine Feder in die improviſirte Tinte und ſchickte ſich an, unten an die Seite, welche ſchon zu 1 ſieben Achteln voll war, die Neuangekommene einzutragen, während hinter ſeinem Stuhle ſtehend die Bürgerin Richard, eine Frau, aus deren Augen Wohlwollen ſprach, mit bei⸗ nahe ehrfurchtsvollem Erſtaunen die Dame von zugleich ſo traurigem und ſo edlem und ſtolzen Anblick, welche ihr Gatte befragte, anſchaute. „Marie Antoinette Joſephe von Lothringen, Erz⸗ herzogin von Oeſterreich, Königin von Frankreich.“ „Königin von Frankreich!“ wiederholte der Concierge, indem er ſich erſtaunt auf dem Arme ſeines Lehnſtuhles erhob. „Königin von Frankreich!“ wiederholte die Gefangene in demſelben Tone. „Sonſt genannt Witwe Capet,“ ſprach der Anführer 4 der Escorte. „Unter welchen von dieſen zwei Namen ſoll ich ſie einſchreiben?“ fragte der Concierge. „Unter welchem Du willſt, wenn Du ſie nur ſchnell einſchreibſt,“ erwiederte der Anführer der Escorte. Der Concierge fiel in ſeinen Stuhl zurück und ſchrieb mit einem leichten Zittern die Vornamen, den Namen und den Titel nach der Angabe der Gefangenen ein, ein Ein⸗ trag, der noch heut zu Tage röthlich in dem Regiſter ſichtbar iſt, in welchem die Ratten der revolutionären Conciergerie das Blatt gerade an der koſtbarſten Stelle zernagt haben. 5 Die Richard ſtand immer noch hinter dem Stuhl ihres Mannes, nur hatte ſie ein Gefühl religiöſen Mit⸗ leids die Hände zu falten bewogen. „Ihr Alter?“ fuhr der Concierge fort. „Sieben und dreißig Jahre und neun Monate,“ ant⸗ wortete die Gefangene— Richard ſchrieb wieder, entwarf dann das Signale⸗ ment und ſchloß mit den beſondern Formeln und Noten. ——— 86 „Gut,“ ſagte er,„es iſt geſchehen.“ „Wohin führt man die Gefangene?“ fragte der An⸗ führer der Escorte. Richard nahm eine zweite Priſe Tabak und ſchaute ſeine Frau an. „Ah!“ ſagte dieſe,„wir waren nicht davon in Kennt⸗ niß geſetzt und wiſſen es kaum.“ „Suche,“ verſetzte der Brigadier. „Da iſt das Rathszimmer,“ ſagte die Frau. „Hm!l das iſt ſehr groß,“ murmelte Richard. „Deſto beſſer; wenn es groß iſt, kann man leicht Wachen hineinſtellen.“ „Es mag alſo ſein, das Rathszimmer,“ ſagte Ri⸗ chard,„doch es iſt für den Augenblick unbewohnbar, denn es findet ſich kein Bett darin.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die Frau,„daran dachte ich nicht.“ „Bah!“ bemerkte einer von den Gendarmen,„man bringt morgen ein Bett hinein, und morgen iſt bald da.“ „Uebrigens kann die Bürgerin dieſe Nacht in unſerem Zimmer zubringen, nicht wahr, Mann?“ verſetzte die Richard. „Nun, und wir?“ ſagte der Concierge. „Wir gehen nicht zu Bette; eine Nacht iſt bald vor⸗ über, wie der Bürger Gendarme geſagt hat.“ „So führt die Bürgerin in mein Zimmer,“ ſprach Richard. „Während dieſer Zeit ſchreibt Ihr uns den Empfang⸗ ſchein, nicht wahr?“ „Ihr werdet ihn bei Eurer Rückkehr finden.“ Die Nichard nahm ein Licht, das auf dem Tiſch brannte, und ging voran. Marie Antoinette folgte ihr, ohne ein Wort zu ſagen, ruhig und bleich wie immer; zwei Kerkerknechte, denen die Richard ein Zeichen machte, ſchloßen den Zug. Man zeigte der Königin ein Bett, in welchem die Richard ſchleunigſt weiße Tücher ausbreitete. Die Kerkerknechte 87 ſtellten ſich vor die Ausgänge, dann wurde die Thuͤre doppelt geſchloſſen und Marie Antoinette befand ſich allein. Wie ſie dieſe Nacht hinbrachte, weiß Niemand, denn ſie brachte ſie von Angeſicht zu Angeſicht mit Gott hin. Erſt am andern Morgen wurde die Königin in das Nathszimmer verſetzt, das ein langes Viereck bildete, deſſen Eingangsthüre auf einen Corridor der Conciergerie führte, und das man in ſeiner ganzen Länge mit einem Verſchlag durchſchnitten hatte, der nicht die Höhe der Decke erreichte. Die eine von den Abtheilungen war das Zimmer der Wachmannſchaft. Die andere das der Königin. Ein mit dicken eiſernen Stangen vergittertes Fenſter beleuchtete jede von dieſen zwei Zellen. Ein Windſchirm, der die Stelle einer Thüre ein⸗ nahm, trennte die Königin von ihren Wächtern und ſchloß die Oeſſnung in der Mitte. Dieſes ganze Gemach war mit Backſteinen beplattet. Die Waͤnde waren einſt mit einem Rahmen von ver⸗ goldetem Holz geſchmückt geweſen, von welchem noch die Fetzen einer mit Lilien beſäten Tapete herabhingen. Ein Bett dem Fenſter gegenüber und ein Stuhl, d war die ganze Ausſtattung des königlichen Gefäng⸗ niſſes. Als die Königin eintrat, verlangte ſie ihre Bücher. und ihre Arbeit. Man brachte ihr die Revolution von England, welche ſie im Temple angefangen hatte, die Reiſen des jungen Anarchaſis und ihre Stickerei. Die Gendarmen quartierten ſich ihrerſeits in der an⸗ ſtoßenden Zelle ein. Die Geſchichte hat ihre Namen auf⸗ bewahrt, wie ſie es mit den geringſten Weſen thut, welche das Mißgeſchick mit großen Kataſtrophen in Verbindung bringt, wodurch ſie auf ſich ein Bruchſtück des Lichtes wiederſtrahlen ſehen, das der Blitz ausſchleudert, wenn 88 er die Throne der Könige oder die Könige ſelbſt zer⸗ ſchmettert. Sie hießen Duchesne und Gilbert. Die Gemeinde hatte dieſe zwei Männer bezeichnet, welche ſie als gute Patrioten kannte, und ſie ſollten in ihrer Zelle als beſtändiger Poſten bleiben, bis der Ur⸗ theilsſpruch über Marie Antoinette erfolgt wäre: man hoffte durch dieſes Mittel die beinahe unvermeidlichen Un⸗ regelmäßigkeiten eines Dienſtes zu beſeitigen, welcher meh⸗ rere Male im Tage wechſelt, und übertrug dadurch den Wächtern eine furchtbare Verantwortlichkeit. Die Königin wurde ſchon an dieſem Tage durch das Geſpräch der zwei Männer, von denen jedes Wort bis zu ihr gelangte, wenn ſie nicht irgend ein Grund ver⸗ anlaßte, die Stimme zu dämpfen, die Königin, ſagen wir, wurde von dieſer Maßregel unterrichtet; ſie fühlte darüber Freude und Unruhe, denn wenn ſie ſich einerſeits ſagte, dieſe Männer müßten ſehr ſicher ſein, da man ſie unter ſo Vielen gewählt, ſo bedachte ſie andererſeits, daß ihre Freunde viel mehr Gelegenheit finden würden, zwei be⸗ kannte Wächter, welche beſtändig auf dem Poſten wären, zu beſtechen, als hundert unbekannte, von dem Zufall be⸗ zeichnete, welche unverſehens und für einen einzigen Tag an ihr vorübergingen. In der erſten Nacht rauchte einer der Gendarmen ſeiner Gewohnheit gemäß, ehe er zu Bette ging; der Tabaksgeruch drang durch die Oeffnungen des Verſchlags und bedrückte die unglückliche Königin, bei der das Miß⸗ geſchick, ſtatt ſie abzuſtumpfen, alle Feinheiten der Sinne geſchärft hatte. Bald fühlte ſie ſich betäubt von den übelriechenden Dünſten, es ergriff ſie wie ein verwirrender Schwindel; doch ihrem Syſteme eines unbezähmbaren Stolzes getreu, beklagte ſie ſich nicht. Während ſie in jenem ſchmerzlichen Wachen verharrte und nichts die Stille der Nacht ſtörte, glaubte ſie etwas wie ein Seufzen zu hören, das von Außen kam; dieſes — p — — — ———jjjj— 89 Seufzen war traurig und lange ausgedehnt, es war etwas Düſteres, Durchdringendes, wie das Geräuſch des Windes in den öden Hausgängen, wenn der Sturm eine menſch⸗ liche Stimme entlehnt, um den Leidenſchaften der Ele⸗ mente Leben zu geben. 4 Bald erkannte ſie, daß das Geräuſch, welches ſie Anfangs beben gemacht, das ſchmerzhafte, beharr⸗ liche Geſchrei, die finſtere Klage eines auf dem Quai heulenden Hundes war. Sie dachte an ihren armen Black, an den ſie in dem Augenblick nicht gedacht hatte, wo man ſie aus dem Temple wegführte, und deſſen Stimme ſie nun zu erkennen glaubte. Das arme Thier, das ſeine Gebieterin aus zu viel Wachſamkeit verlor, war in der That unſichtbar hinter ihr hinabgeſtiegen, ihrem Wagen bis zu dem Gitter der Conciergerie gefolgt, und hatte ſich nur von hier entfernt, weil es durch die doppelte eiſerne Platte, die ſich hinter ihr geſchloſſen, hätte entzwei ge⸗ ſchnitten werden muͤſſen. Doch bald war das arme Thier zurückgekehrt, es begriff, daß man ſeine Gebieterin in dieſes große ſtei⸗ nerne Grab eingeſchloſſen, rief ihr heulend und wartete, zehn Schritte von der Schildwache, auf die Liebkoſung einer Antwort. Die Königin antwortete durch einen Seufzer, der ihre Wächter aufmerkſam horchen machte. Doch da dieſer Seufzer der einzige war und kein Geräuſch in dem Zimmer von Marie Antoinette darauf folgte, ſo beruhigten ſich die Wächter bald wieder und verſanken in ihren halbwachen Zuſtand. Am andern Morgen bei Tagesanbruch war die Kö⸗ nigin aufgeſtanden und angekleidet. An dem vergitterten Fenſter ſitzend, deſſen Licht, durch die eiſernen Stangen hedämuft⸗ bläulich auf ihre abgemagerten Hände fiel, as ſie ſcheinbar, doch ihr Geiſt war ſehr fern von dem Buch. Der Gendarme Gilbert öffnete den Windſchirm ein wenig und ſchaute ſie ſtillſchweigend an; Marie Antoi⸗ — —— nette hörte das Geräuſch des Schirmes, der ſich den Boden ſtreifend auf ſich ſelbſt drehte, doch ſie ſchaute nicht empor. Sie ſaß ſo, daß die Gendarmen ihren Kopf völlig von dieſem Morgenlichte übergoſſen ſehen konnten. Der Gendarme Gilbert bedeutete ſeinem Kameraden durch ein Zeichen, er möge mit ihm durch die Oeffnung ſchauen. 3 Duchesne näherte ſich. 6 „Siehſt Du,“ ſagte Gilbert mit leiſer Stimme,„ſiehſt Du, wie bleich ſie iſt; das iſt furchtbar; ihre roth ge⸗ ränderten Augen offenbaren, daß ſie leidet: man ſollte glauben, ſie habe geweint.“ „Du weißt wohl, daß die Witwe Capet nie weint,“ entgegnete Duchesne;„ſie iſt viel zu ſtolz hiezu.“ „Dann iſt ſie krank,“ ſprach Gilbert. Und die Stimme erhebend, fragte er: „Sage doch, Bürgerin Capet, biſt Du krank?“ Die Königin ſchlug langſam die Augen auf und ihr Blick richtete ſich klar und forſchend auf dieſe zwei Männer. „Sprechen Sie mit mir, meine Herren?“ ſagte ſie mit einer Stimme voll Sanftheit, denn ſie hatte eine Nuance von Theilnahme in dem Tone desjenigen, welcher das Wort an ſie gerichtet, zu bemerken geglaubt. „Ja, Bürgerin, mit Dir,“ erwiederte Gilbert,„wir fragen Dich, ob Du krank ſeiſt.“ „Warum dies?“ „Weil Du ſehr rothe Augen haſt.“ „Und weil Du zu gleicher Zeit ſehr bleich biſt,“ fügte Duchesne bei.. 71 „Ich danke, meine Herren. Nein, ich bin nicht krank; ich habe nur in dieſer Nacht viel gelitten.“ „Ahl ja, Dein Kummer. „Nein, meine Herren, da mein Kummer ſtets der⸗ ſelbe iſt und mich die Religion denſelben zu dem Fuße des Kreuzes niederlegen gelehrt hat, ſo macht er mich nicht einen Tag mehr leiden, als den andern; nein, ich bin krank, weil ich in dieſer Nacht nicht geſchlafen habe.“ 2 91 „Ahl die Neuheit der Wohnung, die Veränderung des Bettes,“ ſagte Duchesne. „Und dann iſt die Wohnung nicht ſchön,“ fügte Gilbert bei. „Das iſt es ebenfalls nicht, meine Herren,“ verſetzte die Königin den Kopf ſchüttelnd.„Häßlich oder ſchön, meine Wohnung iſt mir gleichgültig.“ „Was iſt es denn?“ „Was es iſt?“ „Ja.“ 1 „Ich bitte Sie um Vergebung, wenn ich es Ihnen ſage, doch ich war ungemein beläſtigt von dem Tabaksge⸗ ruche, den der Herr noch in dieſem Augenblick ausdampft.“ Gilbert rauchte in der That, wasgübrigens ſeine ge⸗ wöhnliche Beſchäftigung war. „Ah! mein Gott,“ rief er, ganz bewegt durch die Sanftmuth, mit der die Königin zu ihm ſprach.„Das iſt es?... Warum ſagteſt Du es mir nicht, Bürgerin?“ „Weil ich mich nicht für berechtigt hielt, Sie in Ihren Gewohnheiten zu beengen, mein Herr.“ „Oh! Du ſollſt wenigſtens durch mich nicht mehr beläſtigt werden,“ ſagte Gilbert, indem er ſeine Pfeife wegwarf, welche auf dem Boden zerbrach;„denn ich werde nicht mehr rauchen.“— Und er wandte ſich um, führte ſeinen Gefährten weg und ſchloß den Windſchirm. „Möglich, daß man ihr den Kopf abſchlägt, das iſt die Sache der Nation, doch wozu dieſe Frau leiden laſſen? Wir ſind Soldaten und keine Henker wie Simon.“ „Was Du da machft, iſt ein wenig ariſtokratiſch, Kamerad,“ verſetzte Duchesne den Kopf ſchüttelnd. „Was nennſt Du arſſtokratiſch? ſprich, erkläre mir das ein wenig.“ „Ich nenne ariſtokratiſch Alles, was die Nation quält und ihren Feinden Vergnügen macht.“ „Deiner Anſicht nach quäle ich alſo die Nation, weil iicch aufhöre, die Bürgerin Capet einzuräuchern. Stille 92 doch! Siehſt Du,“ fuhr der brave Mann fort,„ich er⸗ innere mich nur meines Schwures, den ich dem Vaterland geleiſtet, und des Befehles, den mir mein Brigadier ge⸗ geben hat. Meinen Befehl weiß ich auswendig: die Ge⸗ fangene nicht entſchlüpfen laſſen; Niemand bei ihr ein⸗ dringen laſſen; jede Correſpondenz verhindern, die ſie an⸗ knüpfen oder unterhalten wollte, und auf meinem Poſten ſterben. Dies habe ich verſprochen, und ich werde es hal⸗ ten. Es lebe die Nation!“. „Was ich Dir da ſage,“ verſetzte Duchesne,„ſage ich nicht, weil ich Dir böſe bin, im Gegentheil; doch es wäre mir unangenehm, wenn Du Dich gefährden würdeſt.“ „Stille! hier kommt Jemand.“ Die Königin hatte kein Wort von dieſer Unterredung verloren, obgleich ſie mit leiſer Stimme geführt worden war: die Gefangenſchaft verdoppelt die Schärfe der Sinne. Das Geraͤuſch, das die Aufmerkſamkeit der zwei Wäͤchter erregt hatte, rührte von den Tritten mehrerer Per⸗ ſonen her, welche ſich der Thüre näherten. 4 Die Thüre öffnete ſich. Zwei Municipale traten, ge⸗ folgt von dem Concierge und einigen Kerkerknechten, ein. „Nun!“ fragten ſie,„was macht die Gefangene?“ „Sie iſt dort,“ antworteten die zwei Gendarmen. „Wie iſt ihre Wohnung?“ „Seht ſelbſt!“ antwortete Gilbert und klopfte an den Windſchirm. „Was wollen Sie?“ fragte die Königin. „Es iſt der Beſuch der Gemeinde, Bürgerin Capet.“ „Dieſer Mann iſt gut,“ dachte Marie Antoinette, „und wenn meine Freunde wollen...“ „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagten die Municipale, in⸗ dem ſie Gilbert auf die Seite ſchoben und bei der Kö⸗ nigin eintraten;„es bedarf nicht ſo vieler Umſtände.“ Die Königin ſchaute nicht empor, und aus ihrer Un⸗ beweglichkeit zu ſchließen hätte man denken ſollen, ſie habe weder geſehen, noch gehört, was vorging, und glaube ſich immer noch allein. 2 93³ Die Abgeordneten der Gemeinde nahmen ängſtlich alle Einzelnheiten der Stube in Augenſchein, unterſuchten das Täfelwerk, das Bett, die Gitterſtangen des Fenſters, das in den Frauenhof ging, empfahlen den Gendarmen die ängſtlichſte Wachſamleit und entfernten ſich wieder, ohne ein Wort an Marie Antoinette zu richten, und ohne daß dieſe ihre Anweſenheit bemerkt zu haben ſchien. XXXV. Die Salle des Pas⸗Perdus. Gegen das Ende deſſelben Tages, an welchem wir die Municipale mit einer ängſtlichen Sorgfalt das Ge⸗ fängniß der Königin haben unterſuchen ſehen, ging ein Mann in einer grauen Carmagnole, den Kopf bedeckt mit dicken, ſchwarzen Haaren, und über dieſen ſchwarzen Haaren mit einer von jenen Pelzmützen, welche damals die übertriebenſten Patrioten unter dem Volke auszeichnete, in dem großen Saale ſpazieren, den man philoſophiſch die Salle des Pas⸗Perdus nannte, und ſchien ſehr aufmerkſam die Hin⸗ und hergehenden zu betrachten, welche die ge⸗ wöhnliche Bevölkerung dieſes Saales bilden, eine Bevöl⸗ kerung, die ungemein in jener Zeit vermehrt war, wo der Proceß eine höhere Bedeutung erlangt hatte, und wo man kaum mehr anders plaidirte, als um ſeinen Kopf den Henkern oder dem Bürger Fouquier⸗Tinville, ihrem uner⸗ müdlichen Lieferanten, ſtreitig zu machen. Die Haltung, welche der Mann, deſſen Portrait wir ſtizzirten, angenommen hatte, war eine Haltung von ſehr gutem Geſchmack: die Geſellſchaft war in jener Zeit in zwei Klaſſen getheilt, in die Wölfe und in die Schafe; die einen mußten natürlich den andern Angſt machen, weil die eine Hälfte der Geſellſchaft die andere verſchlang. Unſer ungeſtümer Spaziergänger war von kleinem —— Wuchſe; er ſchwang mit einer ſchwarzen, ſchmutzigen Hand einen von jenen Knütteln, die man Conſtitutionen nannte; es iſt nicht zu leugnen, die Hand, welche dieſe furchtbare Waffe die Luft durchſchneiden ließ, müßte Jedem klein vorgekommen ſein, der ſich das Vergnügen gemacht hätte, dieſem ſeltſamen Manne gegenüber die Rolle des Inqui⸗ ſitors zu ſpielen, die er ſich in Beziehung auf die Andern angemaßt hatte; doch Niemand hätte es gewagt, einen Mann von ſo furchtbarem Ausſehen zu controliren. Der Mann mit dem Knüttel bereitete in der That eine nicht geringe Unruhe gewiſſen Schreibern, die über die öffentliche Frage ſtritten, welche in jener Zeit immer ſchlimmer oder immer beſſer zu gehen anfing, je nachdem man die Sache aus dem conſervativen oder aus dem revo⸗ lutionären Geſichtspunkte betrachtet. Dieſe braven Leute beſchauten aus einem Augenwinkel ſeinen langen, ſchwarzen Bart, ſein grünliches, unter bürſtenartig buſchigen Brauen eingerahmtes Auge und zitterten, ſo oft der Spaziergang des furchtbaren Patrioten, der die Salle des Pas⸗Perdus in ihrer ganzen Länge in Anſpruch nahm, ihnen denſelben näherte. 4 Dieſer Schrecken rührte hauptſächlich davon her, daß der Mann mit dem Knüttel, ſo oft es Jemand in den Sinn kam, ſich ihm zu nähern oder gar ihn aufmerkſam anzuſchauen, auf den Platten ſeine gewichtige Waſſe er⸗ ſchallen ließ, welche den Steinen, auf die ſie fiel, bald einen matten, dumpfen, bald einen ſonoren, ſcharfen Ton entriß. Doch nicht allein die erwähnten Schreiber, die man gewöhnlich unter dem Namen der Ratten des Palaſtes bezeich⸗ net, empfanden dieſen furchtbaren Eindruck, ſondern auch die verſchiedenen Menſchen, welche in die Salle des Pas⸗ Perdus durch ihre große Pforte, oder durch eine von ihren engen Vomitorien eintraten und eiligſt vorübergingen, wenn ſie den Mann mit dem Knüttel erblickten, der ſeine Wan⸗ derung von einem Ende des Saales zum andern unab⸗ — B — 95 läſſig fortſetzte und jeden Augenblick einen Vorwand fand, ſeinen Knüttel auf den Platten ſchallen zu laſſen. Wären die Schreiber minder erſchrocken und die Spa⸗ ziergänger hellſehender geweſen, ſo würden ſie ohne Zweifel entdeckt haben, daß unſer Patriot, launenhaſt wie alle ercentriſche oder ertreme Naturen, gewiſſen Platten einen Vorzug zu geben ſchien, denjenigen zum Beiſpiel, welche, in geringer Entfernung von der Mauer rechts oder unge⸗ fähr mitten im Saale liegend, die reinſten und ſtärkſten Töne von ſich gaben. Er drängte endlich ſeinen Zorn auf einigen Platten zuſammen und dies waren beſonders die Platten im Mittel⸗ punkte. Einen Augenblick vergaß er ſich ſogar ſo weit, daß er ſtehen blieb, um mit dem Auge etwas wie eine Entfernung zu meſſen. Dieſe geiſtige Abweſenheit dauerte allerdings nur kurze Zeit und er nahm bald wieder den wilden Ausdruck in ſeinem Blicke an, den ein Blitz der Freude erſetzt hatte. Beinahe in derſelben Minute trat ein anderer Patriot (in jener Zeit war Jedem ſeine Meinung auf ſeine Stirne, oder vielmehr auf ſeine Kleider geſchrieben,) beinahe in der⸗ ſelben Minute, ſagen wir, trat ein anderer Patriot durch die Thüre der Gallerie ein und kreuzte, ohne daß es ſchien, als theilte er nur im Geringſten den Eindruck des Schreckens, den der erſte einflößte, ſeinen Spaziergang mit einem Schritte, der dem ſeinigen beinahe gleich war, ſo daß ſie ſich ungefähr in der Hälfte des Saales begegneten. Der Neuangekommene trug wie der Andere eine Pelz⸗ mütze, eine Carmagnole, und hatte ſchmutzige Haͤnde und einen Knüttel, dabei hatte er außerdem noch einen großen Säbel, der ihm an die Waden ſchlug; was übrigens den zweiten noch furchtbarer machte, als den erſten, war, daß er in demſelben Grade, in welchem der Anblick des erſten Schrecken erregte, ein falſches, gehäͤfſiges, gemeines Geſicht hatte.— Obgleich dieſe zwei Männer derſelben Sache anzu⸗ 96 gehören und dieſelbe Meinung zu theilen ſchienen, wagten doch die Anweſenden einen Blick, um zu ſehen, was, nicht aus ihrem Zuſammentreffen, denn ſie marſchirten nicht gerade auf derſelben Linie, ſondern aus ihrer Annäherung hervorgehen würde. Bei dem erſten Gange wurde ihre Erwartung getäuſcht; die zwei Patrioten begnügten ſich, einen Blick zu wechſeln, und ſogar dieſer Blick machte den kleineren von beiden leicht erbleichen; nur war an der unwillkührliche Bewegung ſeiner Lippen ſichtbar, daß dieſe Bläſſe nicht durch ein Gefühl der Furcht, ſondern durch Ekel veranlaßt wurde.„ Und dennoch, als ob der erſte Patriot eine gewaltige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt gemacht hätte, und dennoch hellte ſich ſein bis dahin ſo zurückſtoßendes Geſicht auf, etwas wie ein Lächeln, das freundlich zu ſein ſuchte, ſchwebte über ſeinen Lippen hin, und er lenkte ſeinen Spaziergang leicht auf die linke Seite, offenbar in der Abſicht, den zweiten Patrioten in dem ſeinigen aufzuhalten. Ungefähr im Mittelpunkte trafen ſie zuſammen. „Ei, bei Gott! das iſt der Bürger Simon,“ ſagte der erſte Patriot. „Er ſelbſt; doch was willſt Du von dem Bürger Simon und wer biſt Du vor Allem?“ „Stelle Dich doch, als ob Du mich nicht kennen würdeſt!“ „Ich kenne Dich durchaus nicht, und zwar aus einem vortrefflichen Grunde, weil ich Dich nie geſehen habe“ „Gehe doch! Du ſollteſt denjenigen nicht kennen, der die Ehre gehabt hat, den Kopf der Lamballe zu tragen?“ Mit einer dumpfen Wuth ausgeſprochen, ſtürzten dieſe Worte gleichſam brennend aus dem Munde des Patrioten mit der Carmagnole hervor. Simon bebte. „Du?“ verſetzte er,„Du?“ „Nun, Du wunderſt Dich darüber... Ahl Bürger, ich glaubte, Du wäreſt ein beſſerer Kenner von Freunden... 9 3 von Getreuen. Ich bemitleide Dich.“ — 97 „Was Du gethan haſt, iſt ſehr gut; doch ich kannte Dich nicht,“ ſagte Simon. „Es iſt mehr Vortheil dabei, wenn man den kleinen Capet bewacht, man iſt mehr im Geſichte, denn ich kenne Dich und ſchätze Dich.“ 4 „Ah! ich danke.“ „Keine Urſache.. Du gehſt alſo ſpazieren?“ „Ja, ich erwarte Jemand; und Du?“ „Ich auch.“ „Wie heißeſt Du, ich werde im Club von Dir ſprechen.“ „Ich heiße Theodor.“ „Und dann?“ „Und dann, das iſt Alles; genügt Dir das nicht?“ „Oh! vollkommen... Wen erwarteſt Du, Bürger CTheodor?“ 8 „Einen Freund, dem ich eine gute kleine Anzeige machen will.“ „In der That! erzähle mir das.“ „Eine Ariſtokratenbrut.“ „Sie heißt?“ „Wahrhaſtig, ich kann es nur meinem Freund ſagen.“ „Du haſt Unrecht, denn hier kommt der meinige auf uns zu und nir ſcheint, dieſer kennt das Verfahren hin⸗ reichend, um Deine Angelegenheit auf der Stelle zu ordnen...“ „Fouquier Tinville!“ rief der erſte Patriot. „Nur dieſes, lieber Freund.“ „Nun wohl, das iſt gut... guten Morgen, Bürger Fouquier“ Bleich, ruhig, ſeiner Gewohnheit gemäß ſchwarze, tief unter dicken Brauen liegende Augen weit aufſperrend, kam Fouquier Tinville, ſein Regiſter in der Hand, ſeine Akten unter dem Arm aus einer Seitenthüre hervor. „Guten Morgen, Simon,“ ſagte er,„was gibt es Neues?“ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge, II. 7 —yjj ——— 98 „Vielerlei; zuerſt eine Anzeige des Bürger Theodor, der den Kopf der Lamballe getragen hat. Ich ſtelle ihn Dir vor.“ Fouquier heftete raſch ſeinen geſcheiten Blick auf den Patrioten, den dieſes ſcharfe Anſchauen, trotz der muthigen Spannung ſeiner Nerven, beunruhigte. „Theodor,“ ſagte er,„wer iſt dieſer Theodor?“ „Ich,“ antwortete der Mann mit der Carmagnole. „Du haſt den Kopf der Lamballe getragen, Du?“ verſetzte der öffentliche Ankläger mit einem ſehr ſcharfen Ausdruck des Zweifels. „Ich, in der Rue Saint⸗Antoine.“ „Aber ich kenne auch Einen, der ſich deſſen rühmt,“ ſagte Fouquier.* „Ich kenne zehn,“ entgegnete muthig der Bürger Theodor;„doch da dieſe etwas verlangen und ich nichts verlange, ſo hoffe ich den Vorzug zu haben.“ Dieſer Zug machte Simon lachen und entrunzelte Fouquier. „Du haſt Recht,“ ſagte er,„und wenn Du es auch nicht gethan haſt, ſo hätteſt Du es thun müſſen. Laß uns, ich bitte Dich, Bürger, Simon hat mir etwas zu ſagen.“ 3 Theodor entfernte ſich, ſehr wenig verletzt durch die Offenherzigkeit des öffentlichen Anklägers. „Warte einen Augenblick,“ rief Simon,„ſchicke ihn nicht ſo weg, höre zuerſt die Anzeige, die er uns bringt.“ „Ah!“ machte Fouquier⸗Tinville mit zerſtreuter Miene, „eine Anzeige?“ „Ja, eine Brut,“ fügte Simon bei. „Gut, ſo ſprich, wovon handelt es ſich?“ „Ohl es iſt beinahe nichts, der Bürger Maiſon⸗Rouge und einige Freunde.“ Fouquier machte einen Sprung rückwärts, Simon hob die Arme zum Himmel empor. „Wahrhaftig!“ riefen ſie gleichzeitig. „Reine Wahrheit, wollt Ihr ſie fangen.“ “ 99 „Auf der Stelle, wo ſind ſie?“ „Ich habe den Maiſon⸗Rouge in der Rue de la Grande⸗Truanderie getroffen.“ „Du täuſcheſt Dich, er iſt nicht in Paris,“ entgegnete Fouquier. „Ich habe ihn geſehen, ſage ich Dir.“ „Unmöglich, man hat hundert Menſchen mit ſeiner Verfolgung beauftragt, und er würde ſich nicht in den Straßen zeigen.“ „Erl er! er!“ verſetzte der Patriot,„ein großer Mann, braun, ſtark wie drei Starke und bärtig wie ein Bär.“ Fouquier zuckte verächtlich die Achſeln und erwiederte: „Abermals eine Albernheit, Maiſon⸗Rouge iſt klein, mager und hat nicht ein Barthaar.“. Der Patriot ließ ſeine Arme mit beſtürzter Miene ſinken. „Gleichviel, die gute Abſicht gilt für die That. Nun iſt es an uns, Simon, beeile Dich, man erwartet mich in der Kanzlei, es iſt die Stunde, wo die Karren abgehen.“ „Nun, nichts Neues; bei dem Kinde geht es gut.“ Der Patriot wandte den Rücken, um nicht indiseret zu ſcheinen, jedoch ſo, daß er hören konnte. „Ich gehe, wenn ich beläſtige,“ ſagte er. „Adieu,“ ſprach Simon. „Guten Morgen,“ verſetzte Fouquier. „Sage Deinem Freunde, Du habeſt Dich getäuſcht,“ fügte Simon bei. „Gut, ich erwarte ihn.“ 3 Theodor trat ein wenig auf die Seite und ſtützte ſich auf ſeinen Knüttel. „Ah! bei, dem Kleinen geht es gut,“ verſetzte nun Fouquier,„doch wie ſteht es mit dem Sittlichen?“ „Ich knete ihn nach Belieben.“ „Er ſpricht alſo?“ .„Wann ich will.“ „Ich glaube, er könnte in dem Prozeſſe von Antoi⸗ nette zeugen?“ 100 „Ich glaube es nicht nur, ich bin deſſen gewiß.“ Theodor lehnte ſich an einen Pfeiler an und hatte das Auge gegen die Thüre gerichtet, doch dieſes Auge war ohne einen beſtimmten Blick, während die Ohren adrbtdse und geſpannt unter der großen Pelzmütze erſchienen. Er ſah vielleicht nichts, hörte aber ſicherlich etwas. „Bedenke wohl,“ ſagte Fouquier,„laß die Commiſ⸗ ſion nicht das machen, was man einen Schreibersſchritt nenn*); Du biſt ſicher, daß Capet ſprechen wird?“ „Er wird Alles ſagen, was ich will.“ „Er hat Dir das geſagt, was wir ihn fragen werden?“ „Er hat es mir geſagt.“ „Was Du da verſprichſt, iſt wichtig, Bürger Simon. Das Geſtändniß des Kindes bringt ſeiner Mutter den Tod.“ „Bei Gott, ich rechne darauf.“ „Man wird nichts Aehnliches geſehen haben, ſeit den Bekenntniſſen, welche Nero Narciſſus machte,“ murmelte Fouquier mit düſterem Tone; nnoch einmal, bedenke wohl, Simon.“ „Bürger, man ſollte glauben, Du halteſt mich für einen Dummkopf, daß Du mir immer daſſelbe wieder⸗ holſt. Höre folgenden Vergleich: Wenn ich Leder in das Waſſer lege, wird es geſchmeidig?“ „Ich weiß das nicht,“ verſetzte Fouquier. „Es wird geſchmeidig. Nun wohl, der kleine Capet wird in meinen Händen ſo geſchmeidig als das weichſte Leder. Ich habe mein eigenes Verfahren zu dieſem Ende.“ „Es ſei,“ ſagte Fouquierz„das iſt Alles, was Du mir ſagen wollteſt?“ „Alles.„, doch nein, ich vergaß eine Anzeige.“ „Immer und immer! Du wlillſt mich alſo mit Ge⸗ ſchäften überladen?“ „Man muß dem Vaterlande dienen.“ 3 Simon reichte Fouquier ein kleines Papier, ſo ſchwarz *) Ein Fehler aus Mangel an Erfahrung oder aus Unwiſ⸗ ſenheit. 101 als eines von den Ledern, von denen er ſo eben geſpro⸗ chen, doch ſicherlich minder geſchmeidig. Fouquier nahm es und las. „Abermals Dein Bürger Lorin! Du haſſeſt dieſen Mann alſo ungemein?“ 8 „Ich finde ihn ſtets feindlich gegen das Geſetz. Er ſagte:„Adieu, Madame,““ zu einer Frau, die ihn geſtern Abend von einem Fenſter aus grüͤßte. Morgen hoffe ich Dir ein paar Worte über einen andern Verdäch⸗ tigen mittheilen zu können, über jenen Maurice, der bei der Geſchichte mit der Nelke Municipal im Temple war.“ „Genau, genau!“ ſagte Fouquier, Simon zulächelnd. Er reichte ihm die Hand und wandte den Rücken mit einer Eilfertigkeit, welche wenig zu Gunſten des Schu⸗ ſters ſprach. „Was Teufels ſoll ich genau angeben? Man hat Leute guillotinirt, welche weniger gethan.“ „Ei! Geduld, Geduld,“ erwiederte Fouquier ruhig; „man kann nicht Alles auf einmal thun.“ Und er kehrte mit raſchem Schritte unter die Pforte zurück. Simon ſuchte mit den Augen den Bürger Theodor, Bi ſich mit ihm zu tröſten. Er ſah ihn nicht mehr im aal. Kaum trat er aus dem öſtlichen Gitter, als Theodor wieder an der Ecke einer Schreiberhütte erſchien. Der Bewohner der Hütte begleitete ihn. „Um wie viel Uhr ſchließt man die Gitter?“ ſagte Theodor zu dieſem Mann. „Um fünf Uhr.“ „Und was geſchieht dann?“ „Nichts; der Saal iſt leer bis zum andern Tag.“ „Keine Runden? kein Viſitiren?“ „Nein, mein Herr, unſere Baraken werden mit dem Schlüſſel geſchloſſen.“ Bei dem Worte Herr runzelte Theodor die Stirne und ſchaute mißtrauiſch umher. 1 10²2 „Die Hebeſtange und die Piſtolen ſind in der Ba⸗ rake?“ ſagte er. „Ja, unter dem Teppich.“ 2 „Kehre zurück... doch zeige mir zuvor noch das Zimmer jenes Tribunals, deſſen Fenſter nicht vergittert iſt und das auf einen Hof bei der Place Dauphine geht.“ „Links zwiſchen den Pfeilern, unter der Laterne.“ „Gut. Gehe und halte die Pferde am bezeichneten Orte bereit.“ „Ohl gut Glück, mein Herr, gut Glück!.. zählen Sie auf mich.“ „Das iſt der günſtige Augenblick, Niemand ſchaut, öffne Deine Barake.“ „Es iſt geſchehen, mein Herr, ich werde für Sie beten!“— „Nicht für mich mußt Du beten! Gott befohlen.“ Und nach einem beredten Blicke ſchlüpfte der Bürger ſo behende und geſchickt unter das kleine Dach der Ba⸗ rake, daß er verſchwand, wie es der Schatten des Schrei⸗ bers gethan hätte, der die Thüre ſchloß. Dieſer würdige Schreiber zog den Schlüſſel aus dem Schloſſe, nahm Papiere unter den Arm und verließ den Saal mit den wenigen Beamten, welche der Schlag fünf Uhr wie eine Nachhut verſpäteter Bienen aus den Kanz⸗ leien trieb. XXXVI. Der Bürger Theodor. den ungeheuren Saal gehüllt, deſſen unglückliche Echos die Aufgabe haben, das ſcharfe Wort der Advokaten und Die Nacht hatte in ihren großen, grauen Schleier 103 bis flehenden Worte der Kläger und Beklagten zu wieder⸗ holen. 3 In einer gewiſſen Entfernung von einander ſchien mitten in der Dunkelheit eine weiße Säule wie ein dieſen heiligen Ort beſchützender Geiſt im Saal zu wachen. Das einzige Geräuſch, das ſich in dieſer Dunkelheit hören ließ, war das Geknaupel und der Galopp der Rat⸗ ten, welche die in den Hütten der Schreiber enthaltenen Papierſtöße zernagten, nachdem ſie mit dem Zernagen des Holzes angefangen. Man hörte auch wohl zuweilen das Geräuſch eines Wagens, das bis zu dieſem Heiligthum der Themis drang, wie ein Akademiker ſagen würde, und ein unbeſtimmtes Klirren von Schlüſſeln, das unter der Erde hervorzukom⸗ maen ſchien; doch Alles dies ertönte in der Ferne und nichts hebt ſo ſehr die vollkommene Stille hervor, als ein entferntes Geräuſch, wie nichts ſo ſehr die Dunkelheit hervorhebt, als die Erſcheinung eines entfernten Lichtes. Gewiß wäre derjenige von einem ſchwindelartigen Schrecken ergriffen worden, welcher ſich zu dieſer Stunde in den weiten Saal des Palaſtes gewagt hätte, deſſen Mauern außen noch roth waren von dem Blut der Opfer des September, deſſen Treppen an demſelben Tage fünf und zwanzig zum Tode Verurtheilte hatten hinabſteigen ſehen, und deſſen Platten nur eine Dicke von ein paar Fuß von den mit gebleichten Skeletten bevölkerten Kerkern der Coneiergerie trennte. Doch mitten in dieſer furchtbaren Nacht, mitten in dieſem feierlichen Stillſchweigen, ließ ſich ein ſchwaches Knirſchen hören; die Thüre einer Schreiberhütte drehte ſich auf ihren Angeln und ein Schatten, ſchwärzer als der Schatten der Nacht, ſchlüpfte vorſichtig aus der Barake. 3 Dann ſtreifte der wüthende Patriot, den man ganz leiſe Herr nannte und der ganz laut Theodor zu heißen behauptete, mit leichtem Fuße die holperigen Platten. Er hielt in der rechten Hand eine ſchwere eiſerne —— 104: Hebeſtange und ſicherte mit der linken in ſeinem Gürtel eine Piſtole mit zwei Läufen. „Ich habe zwölf Platten von dem Laden an gezählt,, murmelte er;„hier iſt das Ende der erſten.“ Und während er rechnete, betaſtete er mit der Fuß⸗ ſpitze die Spalte, welche die Zeit zwiſchen jeder Fuge der Steine noch fühlbarer macht. „Habe ich meine Maßregeln auch gut genommen?“ murmelte er;„werde ich ſtark genug ſein? Wird ſie Muth genug haben? Ohl ja, denn ihr Muth iſt mir bekannt. Ohl mein Gott! wenn ich ihre Hand nehme und zu ihr ſage:„Madame, Sie ſind gerettet!““ Er blieb ſtehen, wie niedergedrückt unter dem Gewichte einer ſolchen Hoffnung. „Oh!“ fuhr er fort,„verwegener, wahnſinniger Ver⸗ ſuch! werden die Anderen ſagen, indem ſie ſich unter ihre Decken ſtecken oder ſich damit begnügen, daß ſie als Lackeien verkleidet um die Conciergerie herſtreichen; aber bei ihnen iſt nicht der Fall, was bei mir der Fall iſt, um ſo viel zu wagen; ich will nicht nur die Königin retten, ich will hauptſächlich die Frau retten. Auf, zum Werke, und wie⸗ derholen wir noch einmal unſere Aufgabe. Die Platte aufheben, das iſt nichts; ſie offen laſſen, darin liegt die Gefahr, denn es kann eine Runde kommen; doch es kom⸗ men nie Runden. Man hat keinen Verdacht, denn ich habe keine Genoſſen, und dann, wie viel Zeit braucht es für einen Eifer wie der meinige iſt, um den düſteren Gang zu durchdringen? In drei Minuten bin ich unter ihrem Zimmer, in fünf weiteren Minuten hebe ich den Stein auf, der ihrem Kamin als Herd dient; ſie wird mich ar⸗ beiten hören, doch ſie hat zu viel Feſtigkeit, um darüber zu erſchrecken; ſie wird begreifen, daß ein Befreier naht; ſie wird von zwei Männern bewacht; ohne Zweifel werden* dieſe zwei Männer herbeieilen. Nun! was ſind im Ganzen zwei Männer,“ ſagte der Patriot mit einem finſteren Lä⸗ cheln, indem er abwechſelnd die Waffe, die er in ſeinem Gürtel hatte, und die anſchaute, welche er in ſeiner Hand 10⁵ hielt;„zwei Männer, das braucht einen Doppelſchuß mit dieſer Piſtole, oder zwei Schläge mit dieſer eiſernen Stange; arme Leute! Ohl es ſind wohl Andere geſtorben, welche nicht mehr ſchuldig waren. Vorwärts!“ Und der Bürger Theodor drückte entſchloſſen ſeine Hebeſtange zwiſchen die Fuge von zwei Platten. In demſelben Augenblick ſchlüpfte ein ſcharfes Licht wie eine goldene Furche über die Platten hin, ein durch das Echo des Gewölbes wiederholtes Geräuſch bewog den Verſchwörer, ſich umzuwenden, und mit einem einzigen Sprunge kehrte dieſer in die Hütte zurück und verbarg ſich in derſelben. Bald drangen Stimmen, geſchwächt durch die Ent⸗ fernung, geſchwächt auch durch die Gemüthsbewegung, welche ſich aller Menſchen zur Nachtzeit in einem weiten Gebäude bemächtigt, an das Ohr von Theodor. Er bückte ſich und ſah durch eine Oeffnung der Hütte einen Mann in militäriſcher Tracht, deſſen großer Säbel, auf den Platten wiederhallend, eines von den Geräuſchen veranlaßte, die ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatten; dann einen Mann in piſtaziengrünem Rocke, der einen Meßſtab in der Hand und Papierrollen unter ſeinem Arme hielt: dann einen dritten in einem Wammſe von Ratine und mit — einer Pelzmütze, und endlich einen vierten mit Holzſchuhen und einer Carmagnole. Die vier Männer traten ein. „Eine Runde,“ murmelte Theodor;„Gott ſei gelobt, zehn Minuten ſpäter wäre ich verloren geweſen.“ Dann betrachtete er mit tiefer Aufmerkſamkeit die Perſonen, welche dieſe Runde bildeten. Er erkannte in der That drei derſelben. Derjenige, welcher in der Tracht ei⸗ * nes Generals voranging, war Santerre. Der Mann mit em Ratinewammſe und der Pelzmütze war der Concierge NKiicchard. Der Mann mit den Holzſchuhen und der Car⸗ nagnole war ohne Zweifel ein Schließer. Doch den Mann mit dem piſtaziengrünen Rocke, der 106 einen Meßſtab in der Hand und Papiere unter ſeinem Arm hielt, hatte er nie geſehen. 3 Wer ncher dieſer Menſch ſein, und was thaten um zehn Uhr Abends in der Salle des Pas⸗Perdus der Ge⸗ neral der Gemeinde, der Wächter der Conciergerie, ein Schließer und dieſer Unbekannte?“ Der Bürger Theodor ſtützte ſich auf ein Knie, hielt mit einer Hand ſeine Piſtole mit den geſpannten Hahnen und ordnete mit der anderen ſeine Mütze auf ſeinen Haaren, welche ſeine haſtige Bewegung zu viel an ihrer Baſe ver⸗ wirrt hatte, als daß ſie natürlich geweſen wären. Bis jetzt hatten die vier nächtlichen Gäſte geſchwiegen, oder die Worie, die ſie geſprochen, waren wenigſtens an die Ohren des Verſchwörers nur wie ein leeres Geräuſch gedrungen. Doch zehn Schritte von dem Verſteck ſprach San⸗ terre und ſeine Stimme gelangte deutlich bis zum Bürger Theodor. „Hört,“ ſagte er,„wir ſind nun in der Salle des Pas⸗Perdus. Du haſt uns zu führen, Bürger Baumei⸗ ſter, und mußt Dich hauptſächlich bemühen, daß Deine Offenbarung keine Poſſe iſt, denn ſiehſt Du, die Revolution hat allen dieſen Albernheiten ihr Recht angethan, und wir glauben eben ſo wen an unterirdiſche Gänge, als an Geiſter. Was ſagſt Du dazu, Bürger Richard?“ fügte Santerre bei, indem er ſich an den Mann mit der Pelz⸗ mütze und dem Ratinewammſe wandte. „Ich habe nie geſagt, es gebe keinen unterirdiſchen Gang unter der Conciergerie,“ antwortete dieſer„und hier ſteht Graechus, der ſeit zehn Jahren Schließer iſt, der folglich die Conciergerie wie ſeine Hoſentaſche kennt und dennoch nichts von dem Daſein des unterirdiſchen Ganges ¹ weiß, von welchem der Bürger Giraud ſpricht; da 3 der Bürger Giraud Baumeiſter der Stadt iſt, ſſo muß das beſſer wiſſen, als wir, denn es gehört zu ſeinen Amte.“ „———— N 88 8R G v ☛ ᷣ' * 4 107 Theodor ſchauerte vom Scheitel bis zu den Zehen, als er dieſe Worte hörte. „Zum Glück,“ murmelte er,„iſt der Saal groß, und ehe ſie finden, was ſie ſuchen, werden ſie wenigſtens zwei Tage ſuchen müſſen.“ Doch der Baumeiſter öffnete ſeine große Papierrolle, ſetzte ſeine Brille auf und kniete vor einem Plan nieder, den er aufmerkſam bei der zitternden Helle der Laterne, welche Gracchus in der Hand hielt, betrachtete. „Ich befürchte, der Bürger Giraud hat nur geträumt,“ ſagte Santerre ſpottend. „Du wirſt ſehen, Bürger General,“ verſetzte der Bau⸗ meiſter,„Du wirſt ſehen, ob ich ein Träumer bin; warte, warte.“ „Du ſiehſt wohl, wir warten,“ rief Santerre. „Gut,“ ſprach der Baumeiſter und fuhr dann rech⸗ nend fort: „Zwölf und vier macht ſechzehn und acht macht vier und zwanzig, das gibt mit ſechs dividirt vier, wonach uns eine halbe bleibt; ſo iſt es, ich habe meine Stelle und wenn ich mich um einen Fuß täuſche, ſo ſagt, ich ſei ein Ignorant.“ Der Baumeiſter ſprach dieſe Worte mit einer Sicher⸗ heit, welche den Bürger Theodor vor Schrecken in Eis verwandelte. Santerre ſchaute den Plan mit einer gewiſſen Ehr⸗ furcht an; man ſah, daß er um ſo mehr bewunderte, je weniger er etwas davon begriff. „Folgt wohl dem, was ich Euch ſagen werde.“ „Wo dies?“ fragte Santerre. „Auf dieſer Karte, die ich gezeichnet habe! Seid Ihr dabei? Dreizehn Fuß von der Mauer iſt eine beweg⸗ liche Platte, die ich mit A bezeichnete. Seht Ihr ſie?4 „Gewiß ſehe ich ein A,“ erwiederte Santerre,„glaubſt Du, ich könne nicht leſen?( „Unter dieſer Platte iſt eine Treppe,“ fuhr der Bau⸗ meiſter fort;„ſeht, ich habe ſie mit B bezeichnet.“ — ———— 108 „B,“ wiederholte Santerre,„ich ſehe das B, aber ich ⸗ ſehe die Treppe nicht.“ 1 Und der General lachte geräuſchvoll über dieſen Scherz. „Iſt einmal die Platte aufgehoben, habt Ihr einmal den Fuß auf der letzten Stufe,“ fuhr der Baumeiſter fort,— „ſo zählt fünfzig Schritte von drei Fuß, und ſchaut in die Luft, Ihr werdet Euch gerade vor der Kanzlei befinden, in welche dieſer unterirdiſche Gang, unter dem Kerker der Königin hinlaufend, ausmündet.“ „Der Witwe Capet, willſt Du ſagen, Bürger Giraud,“ entgegnete Santerre, die Stirne faltend. „Ah! ja, der Witwe Capet.“ „Du ſagteſt: der Königin.“ „Alte Gewohnheit.“ „Und Du behaupteſt, man werde ſich unter der Kanz⸗ lei befinden?“ fragte Richard. „Nicht nur unter der Kanzlei, ſondern ich ſage ſogar, unter welchem Theile der Kanzlei man ſich befinden wird: unter dem Ofen.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Gracchus;„in der That, ſo oft ich ein Scheit Holz an dieſem Orte fallen laſſe, wie⸗ derhallt der Stein.“ „Wahrhaftig, wenn wir finden, was Du da ſagſt, Bürger Baumeiſter, ſo werde ich zugeſtehen, daß die Geo⸗ metrie eine ſchöne Sache iſt.“ „Nun, ſo geſtehe, Bürger Santerre, denn ich führe Dich an den durch den Buchſtaben A bezeichneten Ort.“ 3 Ie Bürger Theodor drückte ſich die Nägel in das leiſch. „Wenn ich geſehen haben werde,“ verſetzte Santerre; „ich bin wie der heilige Thomas.“ „Ah! Du ſagſt der heilige Thomas.“ „Meiner Treue, ja, wie Du geſagt haſt die Köni⸗ gin, aus Gewohnheit; doch man wird mich nicht beſchul⸗ digen, ich conſpirire für den heiligen Thomas.“ 2„Mich auch nicht, ich thue dies für die Königin.“ Nach dieſer Antwort nahm der Baumeiſter den Meß⸗ —',— - 109 ſtab, zählte die Klafter und ſchlug, nachdem er alle Ent⸗ fernungen wohl berechnet zu haben ſchien, auf eine Platte. Dieſe Platte war gerade dieſelbe, auf welche der Bürger Theodor in ſeinem wüthenden Zorne geſchlagen hatte. „Es iſt hier, Bürger General,“ ſagte der Bau⸗ meiſter. „Du glaubſt, Bürger Giraud?“. Der Patriot in der Hütte vergaß ſich ſo weit, daß er heftig mit ſeiner geſchloſſenen Fauſt auf ſeinen Schenkel ſchlug und ein dumpfes Gemurre ausſtieß. „ Ich bin meiner Sache ſicher,“ erwiederte Giraud, „und Eure Beſichtigung wird in Verbindung mit meinem Berichte dem Convent beweiſen, daß ich mich nicht täuſchte. Ja, Bürger General,“ fuhr der Baumeiſter mit Nach⸗ druck fort,„dieſe Platte öffnet ſich über einem unterirdi⸗ ſchen Gange, der unter dem Kerker der Witwe Capet hin⸗ läuft und in die Kanzlei ausmündet. Heben wir dieſe Platte auf, ſteigt mit mir in den Gang hinab, und ich werde Euch beweiſen, daß zwei Männer, daß ein Mann ſogar die Witwe Capet in einer Nacht, ohne daß es Je⸗ mand vermuthete, entführen könnte.“ Ein Gemurmel des Schreckens und der Bewunde⸗ rung, den Anweſenden durch die Worte des Baumeiſters entriſſen, durchlief die ganze Gruppe und erſtarb am Ohr des Bürger Theodor, der in eine Bildſäule verwandelt zu ſein ſchien.. „Einer ſolchen Gefahr waren wir preisgegeben,“ ſprach Giraud.„Nun wohl, mit einem Gitter, das ich in dem unterirdiſchen Gange anbringe, und das dieſen in der Mitte durchſchneidet, ehe er zu dem Kerker der Witwe Capet gelangt, rette ich das Vaterland.“ —„Oh! Bürger Giraud,“ rief Santerre,„Du haſt da einen erhabenen Gedanken.“ „Die Hölle verwirre Dich, dreifacher Dummkopf!“ brummte der Patriot mit verdoppelter Wuth. 3 „ debe nun die Platte auf,“ ſagte der Baumeiſter zu dem Bürger Gracchus, der außer ſeiner Laterne auch eine Hebeſtange trug. Der Bürger Gracchus ſchritt zum Werke, und in einem Augenblick war die Platte aufgehoben. Da erſchien das unterirdiſche Gewölbe gähnend mit der Treppe, die ſich in den Tiefen verlor, und ein gan⸗ zer Strom ſchimmeliger Luft drang dick wie ein Dampf hervor. 4 „Abermals ein geſcheiterter Verſuch,“ murmelte der Bürger Theodor.„Ohl der Himmel will alſo nicht, daß ſie entkomme, und ihre Sache iſt alſo eine verfluchte Sache!“ XXXVII. Der Bürger Gracchus. Einen Augenblick blieb die Gruppe der drei Männer unbeweglich an der Mündung des unterirdiſchen Ganges, während der Schließer in die Oeffnung ſeine Laterne ſtreckte, welche die Tiefe nicht zu erleuchten vermochte. Der triumphirende Baumeiſter beherrſchte ſeine drei Gefährten mit der ganzen Höhe ſeines Genies. „Nun?“ ſagte er nach einigen Secunden. „Meiner Treue, ja,“ antwortete Santerre,„hier iſt der unterirdiſche Gang, daran läßt ſich nicht zweifeln. Man muß nur noch wiſſen, wohin er führt.“ hin er führt.“ wirſt ſelbſt ſehen, ob ich die Wahrheit geſprochen habe.“ „Ja,“ wiederholte Richard,„man muß wiſſen, wo⸗ „Nun wohl, ſteige hinab, Bürger Richard, und Ddu „Es läßt ſich etwas Beſſeres thun, als hier hinab⸗ zuſteigen,“ entgegnete der Concierge.„Wir kehren mit ——— 111 Dir und dem General in die Conciergerie zurück. Dort hebſt Du die Platte vom Ofen auf und wir werden ſehen.“ „Sehr gut, wir wollen gehen,“ ſagte Santerre. „Doch nimm Dich in Acht,⸗ verſetzte der Baumei⸗ ſter,„die offen gebliebene Platte kann irgend Jemand Ge⸗ danken geben.“ „Wer Teufels ſoll zu dieſer Stunde hierher kommen?“ verſetzte Santerre.. „Uebrigens iſt der Saal öde, und wenn wir Gracchus hier laſſen, ſo wird das genügen,“ ſprach Richard.„Bleibe hier, Bürger Gracchus, und wir holen Dich von der andern Seite des unterirdiſchen Ganges wieder ab.“ „Gut,“ ſagte Gracchus. „Biſt Du bewaffnet?“ fragte Santerre. „Ich habe meinen Säbel und dieſe eiſerne Stange, Bürger General.“ „Vortrefflich! halte gut Wache. In zehn Minuten ſind wir bei Dir.“ Und alle Drei begaben ſich, nachdem ſie das Gitter geſchloſſen, durch die Gallerie des Merciers nach dem be⸗ ſondern Eingange der Conciergerie. Der Schließer ſah ſie weggehen; er folgte ihnen mit den Augen, ſo lange er ſie ſehen konnte, er horchte, ſo lange er ſie hören konnte; als aber Alles wieder ſtill und einſam geworden zu ſein ſchien, ſtellte er ſeine Laterne auf den Boden, ſetzte ſich nieder, ließ ſeine Beine in die Tiefe des unterirdiſchen Ganges hängen und fing an zu träumen. Die Schließer träumen auch zuweilen; nur gibt man ſich in der Regel nicht die Müͤhe, zu unterſuchen, was ſie träumen. Plötzlich und als er gerade in die tiefſte Tiefe ſeiner Träumerei verſunken war, fühlte er, wie eine Hand ſich 3 auf ſeine Schulter legte. Er wandte ſich um, ſah eine unbekannte Geſtalt und 11²2 wollte ſchreien, doch in demſelben Augenblick wurde im* eine eiskalte Piſtole vor die Stirne geſetzt. Seine Stimme blieb in ſeiner Kehle ſtecken, ſeine Arme ſielen träge an ſeinem Leibe herab, ſeine Augen nahmen den flehendſten Ausdruck an, den ſie finden konnten. „Kein Wort, oder Du biſt todt,“ ſprach die Er⸗ ſcheinung. „Was wollen Sie, mein Herr?“ ſtammelte der Schließer. Selbſt im Jahre 93 gab es, wie man ſieht, Au⸗ 3 genblicke, wo man ſich nicht duzte, und wo man ſich 1 Bürger zu nennen aufhörte. 1 „Ich will, daß Du mich hier hineinläſſeſt,“ antwor⸗ tete der Bürger Theodor. „„Warum dies?“ „Was geht es Dich an.“ Der Schließer ſchaute denjenigen, welcher dieſe Frage an ihn richtete, mit dem tiefſten Erſtaunen an. Der Bürger Theodor glaubte aber in der Tiefe die⸗ ſes Blickes einen Blitz des Verſtandes zu erkennen. Er 8 ſenkte ſein Gewehr und ſprach: „Würdeſt Du Dich weigern, Dein Glück zu machen?“ „Ich weiß es nicht, es hat mir noch Niemand Vor⸗ ſchläge in dieſer Hinſicht gemacht.“ „Nun wohl, ich werde anfangen.“ z „Sie bieten mir an, mein Glück zu machen 2 Ja.* n 2 „Was verſtehen Sie unter einem Glück?“ „Fünfzig tauſend Livres in Gold zum Beiſpiel: das Gold iſt ſelten, und fünfzig tauſend Livres in Gold ſind heut zu Tage eine Million werth.“ 3 „Wenn ich Sie da hineinlaſſe?0 „Ja; doch unter der Bedingung, daß Du mit mir kommſt und mir bei dem, was ich thun will, hilfſt.“ „Aber was werden Sie denn thun? In fünf Minuter n n 113 iſt dieſer unterirdiſche Gang voll von Soldaten, welche Sie verhaften.“ Der Bürger Theodor war betroffen von dem Ge⸗ wichte dieſer Worte. „Kannſt Du verhindern, daß die Soldaten hinab⸗ ſteigen?“ „Ich habe kein Mittel, ich kenne keines und ſuche vergebens.“ Man ſah wirklich, daß der Schließer den ganzen Scharfſinn ſeines Geiſtes zuſammenraffte, um das Mittel zu finden, das ihm fünfzig tauſend Franken eintragen ollte. „Doch morgen können wir hinein?“ fragte der Bür⸗ ger Theodor.. „Ja, ohne Zweifel; aber zwiſchen heute und morgen ſoll in dieſem unterirdiſchen Gang ein Gitter angehracht werden, das ſeine ganze Breite einnehmen wird, und es iſt beſchloſſen, daß dieſes Gitter zu größerer Sicherheit voll, ſolid, und ohne Thuüre ſein ſoll.“ „Dann muß man etwas Anderes finden,“ ſagte der Bürger Theodor. „Ja, man muß etwas Anderes finden,“ verſetzte der Schließer,„ſuchen wir“ Aus der collectiven Art, in der ſich der Bürger Grac⸗ chus ausdrückte, erſieht man, daß bereits ein Bündniß zwiſchen ihm und dem Bürger Theodor ſtattfand. „Das iſt meine Sache,“ ſagte Theodor.„Was machſt Du in der Conciergerie?“ „Ich bin Schließer.“ „Das heißt?“ „Ich öffne die Thüren und ſchließe ſie.“ „Du ſchläfſt darin?2“ 3 „Ja, mein Herr.“ „Du iſſeſt darin?“ „Nicht immer. Ich habe meine Erholungsſtunden.“ „Und dann?“ Der Chevalier von Maiſon⸗Ronge. II. 8 114 „Ich benütze ſie.“ „Wozu?“ „Um der Herrin der Schenke zum Brunnen Noä den Hof zu machen; ſie hat mir verſprochen, mich zu heirathen, wenn ich zwölf hundert Franken beſitzen würde.“ „Wo liegt die Schenke zum Brunnen Noä?“ „Bei der Rue de la Vieille⸗Draperie.“ „Sehr gut.“ „Stille, Herr.“. Der Patriot horchte. „Ahl ah!“ ſagte er. „Hören Sie? „Ja... Stimmen, Tritte.“ „Sie kommen zurück. Sie ſehen wohl, daß wir nicht Zeit gehabt hätten“ Dieſes wir wurde immer bündiger. „Das iſt wahr. Du biſt ein braver Junge, und Du kommſt mir vor, als wäreſt Du vorherbeſtimmt...“ „Wozu?“ „Eines Tages reich zu werden.“ „Gött höre Sie!“ „Du glaubſt noch an Gott 2„ „Zuweilen, ſtellenweiſe. Heute zum Beiſpiel...“ „Nun?“ „Heute würde ich gern an ihn glauben.“ „So glaube an ihn,“ ſprach der Bürger Theodor und drückte dem Schließer zehn Lonis d'or in die Hand. „Teufel!“ ſagte dieſer, indem er das Gold bei dem Scheine ſeiner Laterne anſchaute,„das iſt alſo Ernſt?“ „Es kann nichts ernſter ſein.“ „Was muß ich thun?“ „Finde Dich morgen im Brunnen Noä ein, ich werde Dir dann ſagen, was ich von Dir will. Wie heißeſt Du?* „Gracchus.“ „Nun wohl, Bürger Gracchus, laß Dich zwiſchen jetzt und morgen von dem Concierge Nichard wegjagen.“ „Wegjagen! und mein Platz 21 1 or „Gedenkſt Du etwa, mit fünfzig tauſend Franken Ei⸗ genthum Schließer zu bleiben?“ „Nein, doch ſo lange ich Schließer und arm bin, habe ich die Sicherheit, nicht guillotinirt zu werden.“ „Sicherheit?“ 3„Oder wenigſtens ungefähr. Während ich frei und reich. „Du verbirgſt Dein Geld und machſt einer Strickerin den Hof, ſtatt der Wirthin zum Brunnen Noä.“ „Nun wohl, es iſt abgemacht.“ „Morgen in der Schenke.“ „Um welche Stunde?“ „Um ſechs Uhr Abends.“ „Fliegen Sie raſch davon, ſie kommen... ich ſage: fliegen Sie davon, weil ich annehme, daß Sie durch die Gewölbe hinabſteigen.“ „Morgen!“ wiederholte Theodor und entfloh. Es war in der That Zeit, das Geräuſch der Tritte und Stimmen näherte ſich. Man ſah ſchon in dem dunklen Gange den Schein der Lichter. Theodor erreichte die Thüre, die ihm der Schreiber, deſſen Hütte er genommen, bezeichnet hatte; er ſprengte das Schloß mit ſeinem Hebeeiſen, eilte auf das angege⸗ bene Fenſter zu, öffnete es, ließ ſich auf die Straße hin⸗ abgleiten, und befand ſich wieder auf dem Pflaſter der Republik. Doch ehe er die Salle des Pas⸗Perdus verlaſſen hatte, konnte er noch den Bürger Gracchus Richard fragen und dieſen antworten hören: „Der Bürger Baumeiſter hatte vollkommen Recht; der unterirdiſche Gang läuft unter dem Zimmer der Witwe Capet hin. Das war gefährlich.“ „Ich glaube es wohl,“ ſagte Gracchus, der das Bewußtſein hatte, daß er eine große Wahrheit ſprach. Santerre erſchien wieder an der Mündung der Treppe. „ Und Deine Arbeiter, Bürger Baumeiſter? fragte Giraud. 116 „Sie ſind vor Tag hier und man wird dann auf der Stelle das Gitter anbringen,“ antwortete eine Stimme, welche aus der Tiefe der Erde hervorzukommen ſchien. „Und Du wirſt das Vaterland gerettet haben!“ ſagte Santerre halb ſpöttiſch, halb ernſthaft. „Du glaubſt nicht, wie ſehr Du Recht haſt, Bürger General,“ murmelte Gracchus. XXXVIII. Das königliche Kind. Der Proceß der Königin hatte indeſſen begonnen, wie man im vorhergehenden Kapitel ſehen konnte. Bereits ließ man durchſchauen, durch das Opfer dieſes erhabenen Hauptes würde der ſeit langer Zeit mur⸗ rende Volkshaß endlich geſtillt werden. Es fehlte nicht an Mitteln, um dieſen Kopf fallen zu machen, und dennoch hatte Fouquier⸗Tinville, der öffent⸗ liche Ankläger, beſchloſſen, die neuen Anklagemittel, welche Simon zu ſeiner Verfügung zu ſtellen verſprochen, nicht zu vernachläſſigen. Am Tage, nachdem Simon und er ſich in der Salle des Pas⸗Perdus begegnet hatten, machte das Geräuſch der Waffen im Temple die Gefangenen, welche denſelben noch bewohnten, abermals beben. 4 Dieſe Gefangenen waren Madame Eliſabeth, Ma⸗ dame Royale und das Kind, das, nachdem man es in der Wiege Majeſtät genannt hatte, nur noch der kleine Louis Capet hieß. Der General Santerre kam mit ſeinem dreifarbigen Federbuſch, ſeinem dicken Roſſe und ſeinem großen Säbel, 112 gefolgt von mehreren Nationalgarden, in den Thurm, worin das königliche Kind ſchmachtete. An der Seite des Generals ging ein Schreiber von ſchlimmem Ausſehen, der ein Schreibzeug und eine Rolle Papier trug und mit einer übermäßig langen Feder focht. Hinter dem Schreiber kam der öffentliche Ankläger. Wir haben ihn geſehen, wir kennen ihn und werden ihn ſpäter wiederfinden, dieſen trockenen, gelben, kalten Mann, deſſen blutiges Auge ſelbſt den wilden Santerre in ſeinem Kriegsharniſch ſchauern machte. Einige Nationalgarden und ein Lieutenant folgten ihnen. Mit einem falſchen Geſichte lächelnd und in einer Hand ſeine Mütze von Bäͤrenfell, in der andern ſeinen Knieriemen haltend, ſchritt ihnen Simon voran, um der Commiſſion den Weg zu zeigen. Sie kamen an ein ziemlich dunkles, geräumiges, kahles Zimmer, in deſſen Hintergrund auf ſeinem Bett der junge Ludwig in einem Zuſtande völliger Unbeweg⸗ lichkeit ſaß. 3 Als wir das arme Kind vor dem viehiſchen Zorne Simons fliehen ſahen, war in ihm noch eine Art von Lebensthätigkeit, welche gegen die unwürdige Behandlung des Schuſters vom Temple ſich ſträubte: es floh, es ſchrie, es weinte; es hatte alſo Furcht, es litt, es hoffte. Heute waren Furcht und Hoffnung verſchwunden; ohne Zweifel beſtand ſein Leiden noch, doch wenn es be⸗ ſtand, ſo verbarg das Märtyrerkind, das man die Fehler ſeiner Eltern auf eine ſo grauſame Weiſe bezahlen ließ, ſein Leiden in der Tiefe ſeines Herzens und verſchleierte es unter dem Anſcheine völliger Unempfindlichkeit. Das Kind ſchaute nicht einmal empor, als die Com⸗ miſſäre auf ſein Bett zugingen. Dieſe nahmen ohne Umſtände Sitze und ließen ſich nieder: der öffentliche Ankläger oben am Bett, Simon unten, der Schreiber beim Fenſter, die Nationalgarden und ihr Lieutenant auf der Seite und ein wenig im Schatten. 4 118 Diejenigen unter den Anweſenden, welche den kleinen Gefangenen mit einiger Theilnahme oder mit einiger Neu⸗ gierde anſchauten, bemerkten die Bläſſe des Kindes, den ſeltſamen Umfang ſeines Leibes, was nichts Anderes als Aufgedunſenheit war, und die Biegung ſeiner Beine, die an den Gelenken aufzuſchwellen begannen. „Dieſes Kind iſt ſehr krank,“ ſagte der Lieutenant mit einer Beſtimmtheit, welche Fouquier⸗Tinville, der be⸗ reits ſaß und zu fragen im Begriff war, ſich umzuwenden veranlaßte. Der kleine Capet ſchlug die Augen auf, ſuchte im Halbſchatten denjenigen, welcher dieſe Worte geſprochen, und erkannte denſelben jungen Mann, welcher ſchon ein⸗ mal im Hofe des Temple Simon ihn zu ſchlagen ver⸗ hindert hatte. Eine ſanfte, verſtändige Strahlung kreiſte in ſeinen dunkelblauen Augenſternen, doch dies war Alles.“ „Ah! ah! Du biſt es, Bürger Lorin,“ ſprach Simon, der auf dieſe Art die Aufmerkſamkeit von Fouquier⸗Tinville auf den Freund von Maurice lenkte. „Ich ſelbſt, Bürger Simon,“ erwiederte Lorin mit ſeiner unſtörbaren Feſtigkeit. Und da Lorin, obgleich ſtets bereit, der Gefahr in's Auge zu ſchauen, nicht der Mann war, der ſie unnöthig ſuchte, ſo benützte er dieſen Umſtand, um Fouquier⸗Tinville zu grüßen, welcher ihm ſeinen Gruß höflich erwiederte. „Du bemerkſt, glaube ich, Bürger, das Kind ſei krank,“ ſagte der öffentliche Ankläger;„biſt Du ein Arzt?“ „Ich habe wenigſtens die Arzneiwiſſenſchaft ſtudirt, wenn ich auch kein Doctor bin.“ „Nun, was findeſt Du an ihm?“ „Als Symptom von Krankheit?“ fragte Lorin. „Ja.“ „Ich finde die Backen und die Augen aufgedunſen, die Hände bleich und mager, die Kniee geſchwollen, und wenn ich ihm den Puls fühlen würde, ſo fände ich ſicherlich eine Bewegung von fünf und achtig bis neunzig Schlägen in der Minute.“ 3 , ei 1 1 119 Das Kind ſchien unempfindlich für die Aufzählung ſeiner Leiden. „Und welchem Umſtande kann die Wiſſenſchaft den Zuſtand des Gefangenen zuſchreiben?“ fragte der öffentliche Ankläger. Lorin kratzte ſich an der Naſenſpitze und murmelte: „Philis will mich ſprechen machen, Doch mir fehlt die Luſt dazu.“ „Meiner Treue, Bürger,“ erwiederte er,„ich kenne die Lebensordnung des kleinen Capet nicht genug, um Dir zu antworten, aber...“ Simon horchte aufmerkſam und lachte in die Fauſt, als er ſeinen Feind ſich zu compromittiren im Begriff ſah. „Aber ich glaube,“ fuhr Lorin fort,„er macht ſich nicht genug Bewegung.“ „Ich glaube es ſelbſt, der kleine Schelm will nicht gehen,“ ſagte Simon. 4 Das Kind blieb unempfindlich für die Rede des Schuſters. Fouquier⸗Tinville ſtand auf, ging auf Lorin zu und ſprach ganz leiſe mit ihm. Niemand hörte die Worte des öffentlichen Anklägers, doch dieſe Worte hatten offenbar die Form der Frage. „Ohl ohl glaubſt Du das, Bürger? Das iſt ſehr ernſt für eine Mutter.“ „In jedem Fall werden wir es erfahren,“ ſprach Fouquier;„Simon behauptet, er habe es ſelbſt den Kna⸗ ben ſagen hören, und macht ſich anheiſchig, es ihn zuge⸗ ſtehen zu laſſen.“ „Das wäre abſcheulich,“ verſetzte Lorin;„doch es iſt am Ende möglich; die Oeſterreicherin iſt nicht frei von Sünden und man hat, mit Recht oder mit Unrecht, das geht mich nichts an, eine Meſſalina aus ihr gemacht; doch daß man ſich nicht hiemit begnügt und auch noch eine Agrippina aus ihr machen will, das kommt mir, ich muß es geſtehen, ein wenig ſtark vor.“. 120 „Es iſt dies von Simon berichtet worden,“ ſprach Fouquier unempfindlich. 1 „Ich zweifle nicht daran, daß Simon dies geſagt hat... es gibt Menſchen, welche vor keiner Anklage zu⸗ rückſchrecken... Doch findeſt Du nicht,“ fuhr Lorin fort, indem er Fouquier feſt anſchaute,„findeſt Du nicht, Du, der Du ein verſtändiger und rechtſchaffener Mann biſt, Du, der Du ein ſtarker Mann biſt, daß von einem Kinde ſolche Einzelnheiten über diejenigen fordern, welche zu verehren ihm durch die heiligſten Geſetze der Natur geboten iſt, beinahe das ganze Menſchengeſchlecht in der Perſon dieſes Kindes verletzen heißt?“ Der öffentliche Ankläger veränderte keine Miene; er zog eine Note aus ſeiner Taſche und zeigte ſie Lorin. „Der Convent befiehlt mir, eine Unterſuchung anzu⸗ ſtellen,“ ſagte er,„das Uebrige geht mich nichts an, und ich unterſuche.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Lorin,„und ich geſtehe, wenn dieſes Kind bekennen würde...“ Hier unterbrach ſich der junge Mann und ſchüttelte den Kopf voll Abſcheu. „Uebrigens verfahren wir nicht allein auf die Denun⸗ ciation von Simon,“ fuhr Fouquier fort;„ſieh, die An⸗ klage iſt öffentlich.“. Und er zog ein zweites Papier aus ſeiner Taſche. Dies war eine Nummer von einem Blatt, das le Pore Duchesne hieß und bekanntlich von Hebert redigirt wurde. Die Anklage war wirklich ganz ſcharf und mit allen Buchſtaben hierin geſtellt. „Es iſt geſchrieben, es iſt ſogar gedruckt,“ ſagte Lorin; „doch gleichviel, bis ich eine ſolche Anklage aus dem Munde des Kindes, wohl verſtanden, freiwillig, ohne Zwang, ohne Drohungen habe kommen hören... nun!...“ „Nun?“ „Werde ich trotz Simon und Hebert zweifeln, wi Du ſelbſt zweifelſt.“ Simon beobachtete ungeduldig den Ausgang dieſes 121 Geſpräches; der Elende wußte nichts von der Gewalt, den auf den verſtändigen Menſchen der Blick ausübt, welchem er in der Menge begegnet; es iſt ein Anziehungsmittel voll Sympathie, oder ein Eindruck voll ſcharfen Haſſes. Zuweilen iſt es eine Macht, welche zurückſtoßt, zuweilen eine Kraft, welche anzieht, welche den Geiſt und die Per⸗ ſönlichkeit des einen Menſchen bis zu dem andern Men⸗ ſchen von gleicher Kraft oder von überlegener Kraft, den er in der Menge erkennt, überfließen macht. Doch Fouquier hatte das Gewicht dieſes Blickes von Lorin gefühlt und wollte von dieſem Beobachter begriffen ſein. „Das Verhör beginnt,“ ſprach der öffentliche Anklä⸗ ger;„Schreiber, nimm die Feder.“ Dieſer hatte den Eingang eines Protokolls geſchrie⸗ ben und wartete, wie Simon, wie Santerre, kurz, wie Alle, bis das Geſpräch von Fouquier⸗Tinville und Lorin beendigt wäre. Das Kind allein ſchien völlig der Scene fremd, deſſen Hauptperſon es war, und hatte wieder den abgeſpannten Blick angenommen, der einen Moment von dem Blitze einer höheren Intelligenz erleuchtet worden war. „Stille!“ ſagte Santerre;„der Bürger Fouquier⸗ Tinville wird das Kind verhören.“ „Capet,“ ſprach der öffentliche Ankläger,„weißt Du, was aus Deiner Mutter geworden iſt?“ Der kleine Louis ging von einer Marmorbläſſe zu einer brennenden Röthe über, doch er antwortete nicht. „Haſt Du nicht gehört, Capet?“ fragte der Ankläger. Dasſelbe Stillſchweigen. „Ohl er höoͤrt wohl,“ ſagte Simon,„doch er iſt wie die Affen, er will nicht antworten, aus Furcht, man könnte ihn für einen Menſchen halten und arbeiten laſſen.“ „ Antworte, Capet,“ ſprach Santerre;„die Commiſſion des Convents befragt Dich und Du biſt den Geſetzen Ge⸗ horſam ſchuldig.“ Das Kind erbleichte, antwortete aber nicht. Simon machte eine Geberde der Wuth; bei ſolchen 5 122 viehiſchen, albernen Naturen iſt die Wuth eine Trunken⸗ heit, begleitet von den häßlichen Symptomen des Wein⸗ rauſches. „Willſt Du antworten, kleiner Wolf?“ rief er, indem er ihm die Fauſt wies. „Schweige, Simon,“ ſprach Fouquier⸗Tinville,„Du haſt nicht das Wort.“ Dieſe Rede, welche er ſich bei dem Revolutionstri⸗ bunal angewöhnt hatte, enſchlüpfte ihm. „Hörſt Du, Simon?“ ſagte Lorin,„Du haſt nicht das Wort; es iſt das zweite Mal, daß man es Dir in meiner Gegenwart ſagt; das erſte Mal geſchah es, als Du die Tochter der Tiſon anklagteſt, welcher Du den Kopf abſchlagen zu laſſen das Vergnügen hatteſt.“ Simon ſchwieg.. „Liebte Dich Deine Mutter, Capet?“ fragte Fouquier. Daſſelbe Stillſchweigen. „Man ſagt, nein,“ fuhr der Ankläger fort. Etwas wie ein bleiches Lächeln zog über die Lippen des Kindes hin. „Aber wenn ich Euch ſage,“ brüllte Simon,„daß er mir ſelbſt geſagt hat, ſie habe ihn nur zu ſehr geliebt.“ „Schau', Simon, wie ärgerlich es iſt, daß der kleine Capet, unter vier Augen ſo ſchwatzhaft, vor den Leuten ſtumm wird,“ verſetzte Lorin. „Ohl wenn wir allein wären!“ rief Simon. „Ja, wenn Ihr allein wäret, doch Ihr ſeid leider nicht allein. Ohl wenn Ihr allein wäret, braver Simon, vortrefflicher Patriot, wie würdeſt Du das arme Kind durchprügeln, nicht ſo? Doch Du biſt nicht allein, und Du wagſt es nicht, ſchändlich zu ſein, vor uns ehrlichen Leuten, Die wir wiſſen, daß die Alten, nach denen wir uns zu formen ſuchen, Alles reſpectirten, was ſchwach war; Du wagſt es nicht, denn Du biſt nicht allein und biſt nicht muthig, mein würdiger Mann, wenn Du Kinder von fünf Fuß ſechs Zoll zu bekämpfen haſt.“ „Ohl... murmelte Simon mit den Zähnen knirſchend. 80 S= 123 „Capet,“ fuhr Fouquier fort,„haſt Du Simon ein Geſtändniß gemacht?“. Der Blick des Kindes nahm, ohne ſich abzuwenden, einen nicht zu beſchreibenden Ausdruck von Ironie an. „Ueber Deine Mutter,“ ſagte der Ankläger. Ein Blitz der Verachtung zuckte in dem Blicke. „Antworte, ja oder nein!“ rief Santerre. „Antworte ja!“ brüllte Simon, ſeinen Knieriemen über dem Kinde ſchwingend. Das Kind bebte, machte aber keine Bewegung, um den Schlag zu vermeiden. Die Anweſenden ſtießen einen Schrei des Widerwil⸗ lens aus. Lorin that mehr, er ſtürzte vor und packte Simon, ehe ſich ſein Arm geſenkt hatte, beim Fauſtgelenk. „Willſt Du mich loslaſſen?“ ſchrie Simon, purpurroth vor Wuth. „Laß hören,“ ſagte Fouquier,„es iſt nichts Schlim⸗ mes daran, daß eine Mutter ihr Kind liebt; ſage uns, auf welche Weiſe Deine Mutter Dich liebte, Capet. Das kann ihr nützlich ſein.“ Der junge Gefangene bebte bei dem Gedanken, er könnte ſeiner Mutter nützlich ſein, und antwortete: „Sie liebte mich wie eine Mutter ihren Sohn liebt, mein Herr; es gibt nicht zwei Weiſen für die Mütter, ihre Kinder zu lieben, und eben ſo wenig für die Kinder, ihre Mutter zu lieben.“ „Und ich, kleine Schlange, behaupte, daß Du mir geſagt haſt, Deine Mutter...“ „Du wirſt Das geträumt haben,“ unterbrach ihn Lorin ruhig,„Du mußt oft den Alp haben, Simon.“ „Lorin! Lorin!“ knirſchte Simon. „Nun wohl, ja, Lorin, und was hernach? Es iſt nicht möglich, ihn zu ſchlagen, dieſen Lorin, er ſchlägt die Andern, wenn ſie boshaft ſind; es iſt nicht möglich, ihn zu denunciren, denn das, was er gethan, indem er Deinen Arm zurückgehalten, hat er vor dem General Santerre, 124 und dem Bürger Fouquier⸗Tinville, die es billigen, gethan, und dieſe ſind keine Laue! Es iſt alſo nicht möglich, ihn ein wenig gulllotiniren zu laſſen, wie Heloiſe Tiſon; das iſt ärgerlich, das iſt ſogar zum Raſendwerden, doch es iſt nun einmal ſo, mein armer Simon!“ „Später! ſpäter!“ erwiederte der Schuſter mit ſeinem hyänenartigen Grinſen. „Ja, lieber Freund,“ ſagte Lorin,„doch mit der Hülfe des höchſten Weſens!... ahl Du erwarteteſt, ich würde ſagen mit der Hülfe Gottes..2 Mit der Hülfe des höch⸗ ſten Weſens und meines Säbels hoffe ich Dir zuvor den Bauch aufgeſchlitzt zu haben; doch tritt nun auf die Seite, Simon, Du hinderſt mich, zu ſehen...“ „Schurke!“ „Schweig! Du hinderſt, mich zu hören.“ Lorin ſchmetterte Simon gleichſam mit ſeinem Blicke nieder. 4 Simon ballte ſeine Fäuſte, auf deren ſchwarze Flecken er ſtolz war; doch er mußte ſich, wie Lorin geſagt hatte, hierauf beſchränken. 7 „Nun, da er zu ſprechen begonnen hat, wird er wohl auch fortfahren,“ ſagte Santerre;„fahre fort, Bür⸗ ger Fouquier.“ „Willſt Du nun antworten?“ fragte Fouquier. Das Kind ſchwieg wieder. „Du ſiehſt, Bürger, Du ſiehſt!“ rief Simon. „Die Hartnäckigkeit dieſes Kindes iſt ſeltſam,“ ſagte Santerre, unwillkührlich bewegt durch dieſe ganz könig⸗ liche Feſtigkeit. „Es iſt ſchlecht berathen,“ bemerkte Lorin. „Durch wen?“ fragte Santerre. „Verdammt! durch ſeinen Patron.“ „Du klagſt mich an?“ rief Simon,„Du denuncirſt mich! Ah! das iſt ſonderbar.“ „Wir wollen das Kind durch ſanfte Worte zu ge⸗ winnen ſuchen,“ ſagte Fouquier und wandte ſich gegen de den Knaben um, den man hätte für gänzlich unempfind⸗ lich halten ſollen. „Laſſen Sie hören, mein Kind,“ ſprach er,„ant⸗ worten Sie der Nationalcommiſſion; erſchweren Sie nicht Ihre Lage dadurch, daß Sie uns nützliche Aufklärungen verweigern; Sie haben dem Bürger Simon von Lieb⸗ koſungen erzählt, die Ihnen Ihre Mutter machte, Sie haben ihm von der Weiſe, wie ſie Ihnen dieſe Liebkoſun⸗ gen machte, von ihrer Weiſe, Sie zu lieben, geſprochen.“ Ludwig ließ auf der Verſammlung einen Blick um⸗ hergehen, der von Haß entbrannte, als er zu Simon ge⸗ angte. „Sie finden ſich unglücklich?“ fragte der öffentliche Ankläger;„Sie finden Ihre Wohnung ſchlecht, Sie ſin⸗ den Ihre Koſt ſchlecht, Sie finden ſich ſchlecht behandelt; wollen Sie mehr Freiheit, einen andern Tiſch, ein an⸗ deres Gefängniß, einen andern Wächter? Wollen Sie ein Pferd, um ſpazieren zu reiten? Wollen Sie, daß man Ihnen die Geſellſchaft von Kindern Ihres Alters bewilligt?“ Ludwig verharrte in ſeinem tiefen Stillſchweigen, von dem er nur abgewichen war, um ſeine Mutter zu ver⸗ theidigen.. Die Commiſſion blieb verblüſſt vor Erſtaunen; ſo viel Feſtigkeit, ſo viel Verſtand waren unglaublich. „Ohl dieſe Könige,“ agte Santerre mit leiſer Stimme, „welch eine Race! es iſt wie bei den Tigern, noch ganz klein ſind ſie voll Bosheit.“ „Wie ſoll ich das Protokoll abfaſſen?“ fragte der Schreiber ganz verlegen. „Damit kann man nur Simon beauftragen,“ ver⸗ ſetzte Lorin,„es iſt nichts zu ſchreiben, und das wird am Beſten in ſeinen Kram taugen.“ „Simon wies ſeinem unverſöhnlichen Feinde die Fauſt. Lorin lachte. „Du wirſt nicht ſo lachen an dem Tag, wo Du in den Sack nießen mußt,“ rief Simon trunken vor Wuth. „Ich weiß nicht, ob ich bei der kleinen Ceremonie, 126 mit der Du mich bedrohſt, vorangehen oder folgen werde,“ ſprach Lorin;„aber ich weiß, daß Viele an dem Tage, wo die Reihe an Dich kommt, lachen werden. Götter... ich habe geſagt Götter in der Mehrzahl... Götter! wie häßlich wirſt Du an dieſem Tage ſein, Simon, Du wirſt abſcheulich ausſehen!“ rief Lorin und zog ſich mit einem treuherzigen Gelächter hinter die Commiſſion zurück. Die Commiſſion hatte nichts mehr zu thun; ſie ent⸗ fernte ſich. Als das Kind ſich von ſeinen Fragern befreit ſah, fing es an auf ſeinem Bett ein ſchwermüthiges, kleines Lied zu ſingen, welches das Lieblingslied ſeines Vaters gewe⸗ ſen war. XXXIX. Der Veilchenſtrauß. Der Friede konnte, wie man vorher wußte, nicht lange in dem glücklichen Gebäude wohnen, das Geneviève und Maurice umſchloß. Bei den Stürmen, die den Wind und den Blitz ent⸗ feſſeln, wird das Neſt der Tauben mit dem Baume er⸗ ſchüttert, der es birgt. 4 Geneviéve verftel von einem Schrecken in den an⸗ dern; ſie fürchtete nicht mehr für Maiſon⸗Rouge, ſie zit⸗ terte für Maurice. Sie kannte ihren Gatten hinreichend, um zu wiſſen, daß er, ſobald er verſchwunden, auch gerettet war; über ſein Heil in Sicherheit, zitterte ſie für ſich ſelbſt. Sie wagte es nicht, ihre Schmerzen dem unerſchrocken⸗ ſten Manne jener Zeit, wo Niemaud bange hatte, anzu⸗ —— ;t e .— 127 vertrauen; doch ſie traten klar in ihren gerötheten Augen und auf ihren erbleichenden Lippen hervor. Eines Tages kehrte Maurice ſtille und ohne daß Ge⸗ neviève, welche in eine tiefe Träumerei verſunken war, ihn kommen hörte, nach Hauſe zurück. Maurice blieb auf der Schwelle ſtehen und ſah Genevieve unbeweglich, die Augen ſtarr, ihre Arme träge auf dem Schoße liegend, ihren nachdenkenden Kopf auf die Bruſt geſenkt, auf einem Stuhle ſitzen. Er ſchaute ſie einen Augenblick mit tiefer Traurig⸗ keit an; denn Alles, was in dem Herzen der jungen Frau vorging, wurde ihm geoffenbaret, als ob er ihren letzten edanken darin hätte leſen können. Dann machte er einen Schritt gegen ſie und ſprach: „Sie lieben Frankreich nicht mehr, Genevisève, ge⸗ ſtehen Sie es mir. Sie fliehen ſogar die Luft, die man hier athmet, und nicht ohne Widerſtreben nähern Sie ſich dem Fenſter.“ „Ach!“ verſetzte Genevieève,„ich weiß wohl, daß ich Ihnen meine Gedanken nicht verbergen kann, Sie haben richtig errathen, Maurice.“. „Es iſt doch ein ſchönes Land,“ entgegnete der junge aann;„das Leben iſt heute von Bedeutung und angefüllt; dieſe brauſende Thätigkeit der Tribune, der Clubs, der Verſchwörungen macht die Stunden am Herde ſehr ſüß. Man liebt ſo glühend, wenn man nach Hauſe kehrt mit der Furcht, am andern Tage nicht mehr zu lieben, weil man am andern Tage zu leben aufgehört haben wird.“ Genevisve ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Ein undankbares Land gegen diejenigen, welche ihm dienen!”“. „Wie ſo?“ „„Ja, Sie, der Sie ſo viel für ſeine Freiheit gethan haben, ſind Sie nicht heute halb verdächtig?“ „Aber Sie, theure Geneviève,“ ſprach Maurice mit einem liebestrunkenen Blicke,„Sie, die geſchworene Fein⸗ din dieſer Freiheit, Sie, die Sie ſo viel gegen dieſelbe 128 5 4½ gethan haben, Sie ſchlafen friedlich und unverletzbar un⸗ ter dem Dache des Republikaners; es findet eine Aus⸗ gleichung ſtatt, wie Sie ſehen.“ „Ja, ja; doch dies wird nicht lange währen, denn was ungerecht iſt, hat keinen Beſtand.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß ich, das heißt eine Ari⸗ ſtokratin, die ich hinterhältig von der Niederlage Ihrer Partei und dem Untergange Ihrer Ideen träume, ich, die ich ſogar in Ihrem Hauſe für die Rückkehr der alten Ordnung der Dinge conſpirire, ich, die ich, erkannt, Sie zum Tode und zur Schmach verurtheile, wenigſtens Ihren Anſichten nach, daß ich, Maurice, nicht hier bleiben werde, als der böſe Geiſt des Hauſes... nein, ich werde Sie nicht nach dem Schaffot fortreißen.“ „Und wohin werden Sie gehen, Geneviéve?“ „Wohin ich gehen werde? Eines Tags, wenn Sie ſich von hier entfernt haben, gehe ich hin und zeige mich ſelbſt an, ohne zu ſagen, woher ich komme.“ „Ohl ſchon Undank!“ rief Maurice in der Tiefe ſeines Herzens getroffen. „Nein,“ entgegnete die junge Frau, indem ſie mit ihren Armen den Hals von Maurice umſchlang,„nein, mein Freund, Liebe, und zwar die ergebenſte Liebe, das ſchwöre ich Ihnen. Ich wollte nicht, daß mein Bruder gefangen genommen und als ein Rebell getödtet werden ſollte; ich will nicht, daß man meinen Geliebten gefangen nehme und als einen Verräther tödte.“ „Sie werden das thun, Geneviéve?“ ſprach Maurice. „So wahr als ein Gott im Himmel iſt! Uebrigens iſt es nicht die Furcht allein, was mich bewegt, ich habe Gewiſſensbiſſe.“— Und ſie neigte das Haupt, als ob die Reue für ſie zu ſchwer geweſen wäre. „O Genevieve!“ ſprach Maurice. „Sie verſtehen wohl, was ich ſage, und beſonders was ich empfinde, Maurice,“ fuhr Genevieve fort,„denn) — Handlung, welche 129 dieſe Gewiſſensbiſſe haben Sie auch. Sie wiſſen, daß ich mich gegeben habe, Maurice, ohne mir zu gehören; daß Sie mich genommen haben, ohne daß ich befugt war, mich zu geben.“ 3 „Genug!“ ſagte Maurice,„genug!“ Seine Stirne faltete ſich und ein düſterer Entſchluß glänzte in ſeinen Augen. „Ich werde Ihnen zeigen, Geneviève,“ ſprach der junge Mann,„daß ich Sie einzig und allein liebe. Ich werde Ihnen den Beweis geben, daß kein Opfer über meiner Liebe ſteht. Sie haſſen Frankreich, nun wohl! es ſei, wir verlaſſen Frankreich.“ Genevieve faltete die Hände und ſchaute ihren Ge⸗ liebten mit einem Ausdruck enthuſiaſtiſcher Begeiſterung an. „Sie täuſchen mich nicht, Maurice?“ ſtammelte ſie. „Wann habe ich Sie getäuſcht?“ verſetzte Maurice; netwa an dem Tage, an welchem ich mich entehrte, um Sie zu erwerben?“ Geneviève näherte ihre Lippen den Lippen von Mau⸗ rice und blieb gleichſam am Halſe ihres Geliebten hängen. „Ja, Du haſt Recht, Maurice,“ ſprach ſie,„ich täuſchte Dich. Was ich empfinde, iſt nicht mehr Reue, es iſt vielleicht eine Entartung meiner Seele, doch Du wirſt ſie wenigſtens verſtehen, ich liebe Dich zu ſehr, um ein anderes Gefühl zu hegen, als die Furcht, Dich zu verlieren. Gehen wir ſehr fern, mein Freund, gehen wir dahin, wo Niemand uns erreichen kann.“ „Ohl Dank, Dank,“ ſprach Maurice voll Entzücken. „Doch wie fliehen?“ fragte Geneviéve, bebend bei dieſem furchtbaren Gedanken.„Man entgeht heute nicht leicht dem Dolche der Mörder vom 2. September, oder dem Beile der Henker vom 21. Januar.“ „Genevieve, Gott beſchützt uns. Höre: eine gute ich in Beziehung auf den 2. Septem⸗ ber, wovon Du eben ſprachſt, thun wollte, wird heute ihren Lohn bringen. Ich hatte den Wunſch, einen armen Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 9 130 Prieſter zu retten, der mit mir ſtudirte. Ich ſuchte Dan⸗ ton auf, und auf ſein Verlangen unterzeichnete der Wohl⸗ fahrtsausſchuß einen Paß für dieſen Unglüglichen und für ſeine Schweſter. Dieſen Paß übergah mir Danton; doch ſtatt ihn bei mir zu holen, wie ich ihm empfoh⸗ len hatte, ſchloß ſich der unglückliche Prieſter bei den Carmelitern ein und ſtarb dort.“ „Und dieſer Paß?2 „Ich habe ihn immer noch; er iſt heute eine Million werth; er iſt mehr werth als dies, er iſt das Leben, er iſt das Glück werth.“ „Ohl mein Gott, mein Gott, ſei gelobt!“ rief die junge Frau. „Mein Vermögen beſteht nun, wie Du weißt, in einem Gute, das ein Diener meiner Familie verwaltet, ein reiner Patriot, eine redliche Seele, der wir vertrauen können. Er wird mir die Einkünfte zukommen laſſen, wohin ich es haben will. Wenn wir nach Boulogne rei⸗ ſen, kommen wir bei ihm vorüber.“ „Wo wohnt er denn?“ „Bei Abbeville.“ „Wann brechen wir auf, Maurice?“ „In einer Stunde.“ „Man darf nicht wiſſen, daß wir abreiſen.“ „Niemand wird es erfahren. Ich laufe zu Lorin; er hat ein Cabriolet ohne Pferd, ich habe ein Pferd ohne Wagen: wir reiſen ab, ſobald ich zurückgekommen bin. Du bleibſt hier, Genevisve, und triffſt alle Vorkehrungen zu unſerer Abreiſe. Wir brauchen wenig Gepäcke, denn wir kaufen in England, was uns fehlt. Ich gebe Scä⸗ vola einen Auftrag, der ihn entfernt. Lorin wird ihm dieſen Abend unſere Abreiſe erklären, und dieſen Abend ſind wir ſchon fern.“ „Doch wenn man uns auf dem Wege verhaftet?“ „Haben wir nicht unſern Paß? Wir gehen zu Hu⸗ bert, das iſt der Name des Verwalters, Hubert gehört zur Municipalität von Abbeville; von Abbeville nach Bou⸗ 131 logne begleitet er uns und dient uns als Schutzwache; in Boulogne kaufen oder miethen wir eine Barke. Ich kann b übrigens in das Comité gehen und mir einen Auftrag 1 nach Abbeville geben laſſen. Doch nein, keinen Betrug, nicht wahr, Genevisve? Wir wollen unſer Glück gewin⸗ nen, indem wir unſer Leben einſetzen.“ „Ja, ja, mein Freund, und es wird uns gelingen. „ Doch wie biſt Du dieſen Morgen parfumirt, mein Freund!“ ſagte die junge Frau, indem ſie ihr Geſicht an der Bruſt 1 von Maurice verbarg. „Es iſt wahr; ich kaufte dieſen Morgen einen Veil⸗ chenſtrauß für Dich, als ich am Palais Egalité voruber⸗ kam; doch da ich hier eintrat und Dich ſo traurig ſah, dachte ich nur noch daran, Dich nach der Urſache dieſer Traurigkeit zu fragen.“ „Oh! gib ihn mir, ich gebe ihn Dir zurück.“ Genevisve athmete den Geruch des Straußes mit jenem Fanatismus ein, den nervige Organiſationen bei⸗ nahe immer für die Wohlgerüche haben. Plötzlich befeuchteten ſich ihre Augen mit Thränen. „Was haſt Du?“ fragte Maurice⸗ „Arme Heloiſe,“ flüſterte Geneviève. 4 „Ahl ja,“ ſagte Maurice mit einem Seufzer.„Doch denken wir an uns, theure Freundin„ und laſſen wir die Todten, von welcher Partei ſie auch ſein mögen, in dem Grabe ſchlummern, das ihre Ergebenheit ihnen gegraben hat. Adien, ich gehe.“ „Komm' bald zurück.“ „In weniger als einer halben Stunde bin ich hier.“ „„Doch wenn Lorin nicht zu Hauſe wäre?“ „„Was iſt daran Jelegen! ſein Diener kennt mich; kann ich nicht bei ihm Alles nehmen, was mir beliebt, ſelbſt in ſeiner Abweſenheit, wie er es hier thun würde?“ „Gut, gut.“ „Du, meine Geneviève, halte Alles bereit, und be⸗ ſchränke Dich dabei, wie ich es Dir ſagte, auf das ſtreng 132 Nothwendige; unſere Abreiſe ſoll nicht das Ausſehen eines Wegzuges haben.“ „Sei unbeſorgt.“ Der junge Mann machte einen Schritt gegen die Thüre. „Maurice!“ rief Geneviève. Er wandte ſich um und ſah die junge Frau ihre Arme nach ihm ausſtrecken. „Auf Wiederſehen!“ ſprach er,„auf Wiederſehen, meine Liebe, und guten Muth! in einer halben Stunde bin ich zurück.“ Geneviève blieb allein, wie wir geſagt, mit den Vorbereitungen zur Abreiſe beauftragt. Dieſe Vorbereitungen traf ſie mit einer Art von Fie⸗ ber. So lange ſie ſich in Paris befand, machte ſie auf ſich ſelbſt die Wirkung, als wäre ſie doppelt ſchuldig. Einmal außerhalb Frankreich, einmal im Ausland, meinte ſie, ihr Verbrechen, ein Verbrechen, das mehr dem Miß⸗ geſchick als ihr ſelbſt zur Laſt zu legen war, würde ſie weniger bedrücken. Sie ging ſogar ſo weit, daß ſie hoffte, in der Ein⸗ ſamkeit würde ſie am Ende vergeſſen, daß es andere Men⸗ ſchen gebe als Maurice. 1 3 4 Sie ſollten nach England fliehen, das war verab⸗ redet. Sie würden dort ein kleines Haus, eine verein⸗ zelte, vor Aller Augen geſchloſſene Hütte haben; ſie wür⸗ den den Namen ändern und aus ihren beiden Namen einen einzigen machen. Sie würden dort zwei Diener nehmen, die durchaus nichts von ihrer Vergangenheit wüßten. Der Zufall fügte es, daß Maurice und Genevisève Beide Engliſch ſprachen. Weder das Eine noch das Andere ließ in Frankreich etwas zurück, was es zu beklagen hatte, wenn nicht jene Mutter, deren Verluſt man ſtets beklagt, und wäre es auch eine Stiefmutter, jene Mutter, die man das Vater⸗ land nennt. Geneviève fing alſo an die Gegenſtände zu ordnen, 13³ welche für ihre Reiſe oder vielmehr für ihre Flucht uner⸗ läßlich waren. Sie fand ein unſägliches Vergnügen darin, unter die⸗ ſen Gegenſtänden diejenigen von den andern auszuſchei⸗ den, für welche Maurice eine beſondere Vorliebe hatte, den Rock, der am Beſten ſeinen Wuchs hervorhob, die Halsbinde, welche am Beſten zu ſeiner Geſichtsfarbe ſtand, die Bücher, die er am Häufigſten durchblätterte. Sie hatte ſchon ihre Wahl getroffen; ſchon bedeckten in Erwartung der Koffer, die ſie aufnehmen ſollten, Klei⸗ der, Wäſche, Bücher, die Stühle, die Canapé's das Klavier. Plötzlich hörte ſie den Schlüſſel im Schloſſe knirſchen. „Gut,“ ſagte ſte,„Scävola kehrt zurück; ſollte ihm Maurice nicht begegnet ſein?“ Und ſie ſetzte ihr Geſchäft fort. Die Thüren des Salon waren oſſen; ſie hörte den Willfaͤhrigen im Vorzimmer ſich bewegen. Geneviève hielt gerade eine Muſikrolle in der Hand und ſuchte ein Band um ſie zu umwickeln. „Scävola!“ rief ſie. Ein Tritt, der ſich näherte, erſcholl im anſtoßenden Zimmer. 3 „Scävola!“ wiederholte Geneviéve,„kommen Sie, ich bitte.“ „Hier bin ich!“ ſprach eine Stimme. Bei dem Tone dieſer Stimme wandte ſich Geneviève ungeſtüm um und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. „Mein Gatte!“ rief ſie. „Ich ſelbſt,“ ſagte Dirmer ruhig. Genevibve war auf einem Stuhle und erhob die Arme, um in einem Schrank irgend ein Band zu ſuchen; ſie fühlte, daß ihr der Kopf ſchwindelte, ſtreckte die Arme aus, und ließ ſich rückwärts ſinken, nur wünſchend, ſie möchte einen Abgrund unter ſich finden, um ſich hinein⸗ zuſtürzen. 134 Dirmer fing ſie in ſeinen Armen auf und trug ſie auf das Canapé. 3 „Nun, was haben Sie denn, meine Liebe, was gibt es denn?“ fragte Dirmer,„bringt meine Anweſenheit eine ſo unangenehme Wirkung auf Sie hervor?“ „Ich ſterbe,“ ſtammelte Geneviéève, indem ſie ſich zurückwarf und ihre beiden Hände auf die Augen drückte, um die ſchreckliche Erſcheinung nicht zu ſehen. „Gut,“ ſagte Dirmer,„hielten Sie mich bereits für todt, meine Liebe, und mache ich den Eindruck eines Ge⸗ ſpenſtes auf Sie?“ 3 Geneviéve ſchaute mit irren Augen umher, glitt, als ſie das Portrait von Maurice erblickte, von dem Canapé herab und fiel auf die Kniee, als wollte ſie von dieſem ohnmächtigen, unempfindlichen Bilde, das zu lächeln fort⸗ fuhr, Beiſtand verlangen. Die arme Frau begriff, welche Drohungen Dirmer unter der Ruhe, verbarg, die er heuchelte „Ja, mein liebes Kind,“ fuhr der Rothgerbermeiſter fort,„ich bin es,„vielleicht glaubten Sie mich ſehr fern von Paris; doch nein, ich bin geblieben. Am Tage, nach⸗ dem ich das Haus verlaſſen, kehrte ich dahin zurück und erblickte an ſeinem Platze einen ſehr ſchönen Aſchenhaufen. Ich erkundigte mich nach Ihnen, Niemand hatte Sie ge⸗ ſehen. Ich ſuchte Sie überall und hatte viel Mühe, Sie zu finden. Ich geſtehe, ich glaubte nicht, daß Sie hier wären; doch ich hegte Verdacht, da ich, wie Sie ſehen, hierher kam. Die Hauptſache iſt jedoch, daß ich hier bin und daß Sie hier ſind. Wie befindet ſich der liebe Mau⸗ rice? In der That, ich bin feſt überzeugt, daß Sie viel gelitten haben. Sie, eine ſo gute Royaliſtin, waren ge⸗ nöthigt, unter demſelben Dache mit einem ſo fanatiſchen Republikaner zu leben.“ „Mein Gott!“ murmelte Geneviève,„mein Gott, habe Mitleid mit mir.“ „Aber im Ganzen,“ fuhr Dirmer umherſchauend fort, „im Ganzen tröſtet es mich, meine Liebe, daß Sie hier ſo 13⁵ gut wohnen und nur wenig unter der Aechtung gelitten zu haben ſcheinen. Ich irrte ſeit dem Brande unſeres Hauſes und dem Verluſte unſeres Vermögens ziemlich auf den Zufall umher, wohnte in der Tiefe der Keller, im unter⸗ ſten Raume der Schiffe, und zuweilen auch in den Kloa⸗ ken, welche in die Seine ausmünden.“ „Mein Herr!“ rief Genevièéve. „Sie haben da ſehr ſchönes Obſt; ich mußte oft das Deſſert entbehren und hatte häufig nicht einmal ein Mit⸗ tagsbrod.“ „Geneviève verbarg ſchluchzend ihren Kopf in ihren Händen. „Nicht als ob es mir an Geld gefehlt hätte,“ fuhr Dirmer fort; ich nahm, Gott ſei Dank, ungefähr dreißig tauſend Franken in Gold mit mir, was heut zu Tage ſo viel werth iſt, als hundert tauſend Franken. Doch wie kaun ein Kohlenbauer, ein Fiſcher oder ein Lumpen⸗ ſammler Louis d'or aus der Taſche ziehen, um ein Stück Käſe oder eine Wurſt zu kaufen? Eil mein Gott! ja, Madame, ich habe nach und nach dieſe drei Trachten an⸗ genommen. Heute bin ich, um mich beſſer zu verkleiden, als Patriot, als Ueberſpannter, als Marſeiller. Ich ſchwöre und ich fluche. Bei Gott! ein Geächteter geht nicht ſo leicht in Paris umher, als eine hübſche junge Frau, und ich hatte nicht das Glück, einen glühenden Republikaner zu kennen, der mich vor Aller Augen zu verbergen vermochte.“ „Mein Herr, mein Herr,“ rief Geneviève,„haben Sie Mitleid mit mir! Sie ſehen wohl, daß ich ſterbe.“ „Vor Unruhe, ich begreife das, Sie waren ſehr be⸗ ſorgt für mich; doch tröſten Sie ſich, ich bin nun hier, ich komme zuruck und wir werden uns nicht mehr verlaſſen, Madame.“ „Oh! Sie werden mich tödten!“ rief Geneviève. Dirmer ſchaute ſie mit einem furchtbaren Lächeln an. „Eine unſchuldige Frau tödten! Ohl! Madame, was ſagen Sie da? Sie müſſen durch den Kummer, den Ihnen meine Abweſenheit bereitete, den Verſtand verloren haben.“ 136 „Mein Herr,“ rief Geneviève,„ich bitte Sie mit ge⸗ falteten Händen, mich eher zu tödten, als mich durch ſo grauſamen Spott zu martern. Nein, ich bin nicht unſchul⸗ dig; ja, ich verdiene den Tod, mein Herr. Tödten Sie mich, mein Herr, tödten Sie mich!“ „Sie geſtehen alſo, daß Sie den Tod verdienen?“ „Ja, ja.“* „Und daß Sie, um, ich weiß nicht, welches Verbre⸗ chen, deſſen Sie ſich beſchuldigen, zu ſühnen, den Tod erdulden würden, ohne ſich zu beklagen?“ „Schlagen Sie, mein Herr, ich werde keinen Schrei ausſtoßen, und ſtatt Sie zu verfluchen, werde ich die Hand, die mich ſchlägt, ſegnen“ „Nein, Madame, ich will nicht ſchlagen, doch Sie werden ſterben, das iſt wahrſcheinlich. Nur wird Ihr Tod, ſtatt ſchmachvoll zu ſein, wie Sie befürchten konnten, glorreich werden, gleich dem ſchönſten Tode. Danken Sie mir, Madame, ich ſtrafe Sie, indem ich Sie unſterblich mache.“ „Was wollen Sie thun?“ „Sie werden das Ziel verfolgen, nach dem wir ſtreb⸗ ten, als wir auf unſerer Bahn unterbrochen wurden. Für Sie und für mich werden Sie ſchuldbefleckt fallen; für Alle ſterben Sie als Märtyrin.“ „Oh mein Gott! Sie machen mich wahnſinnig, in⸗ dem Sie ſo zu mir ſprechen. Wohin führen Sie mich, wohin ſchleppen Sie mich?“ „Zum Tode wahrſcheinlich.“ „Laſſen Sie mich ein Gebet verrichten.“ „Ein Gebet?“ „Ja!“ „An wen?“ 8 „Das geht Sie nichts an! ſobald Sie mich tödten, bezahle ich meine Schuld, und wenn ich bezahlt habe, bin ich Ihnen nichts mehr ſchuldig.“ „Es iſt richtig,“ ſprach Dirmer,„ich erwarte Sie.“ Und er begab ſich in das andere Zimmer. 137 Genevisve kniete vor dem Portrait nieder und preßte mit ihren beiden Händen ihr Herz zuſammen, das dem Brechen nahe war. „Maurice,“ ſprach ſie ganz leiſe,„verzeihe mir. Ich erwartete nicht, glücklich zu ſein, doch ich hoffte, Dich glück⸗ lich machen zu konnen. Maurice, ich raube Dir ein Glück, das Dein Leben bildete; verzeihe mir Deinen Tod, mein Vielgeliebter.“ Und ſie ſchnitt eine Locke von ihren langen Haaren ab, wickelte ſie um den Veilchenſtrauß und legte dieſen unter das Portrait, das ſo unempfindlich auch dieſe kalte Leinwand war, einen ſchmerzlichen Ausdruck anzunehmen ſchien, als es ſie ſcheiden ſah. So kam es wenigſtens Genevieve durch ihre Thrä⸗ nen vor. „Nun, ſind Sie bereit, Madame?“ fragte Dirmer. „Schon!“ murmelte Geneviéve. „Oh! nehmen Sie ſich Zeit, Madame,“ erwiederte Dirmer;„ich habe keine Eile! Uebrigens wird Maurice wahrſcheinlich bald zurückkehren, und ich wäre entzückt, ihm für die Gaſtfreundſchaft, die er Ihnen gewährt, danken zu dürfen.“ Geneviève bebte vor Schrecken bei dem Gedanken, ihr Geliebter und ihr Gatte könnten zuſammentreffen. Sie erhob ſich wie von einer Feder bewegt und ſprach: „Es iſt beendigt, mein Herr, ich bin bereit.“ Dirmer ging voran. Die zitternde Geneviève folgte ihm, die Augen halb geſchloſſen, den Kopf zurückgeworfen. Sie ſtiegen in einen Fiacre, der vor der Thüre wartete; der Wagen rollte fort. Es war beendigt, wie Genevisve geſagt hatte! XL. Die Schenke zum Brunnen Noä. Der Mann in der Carmagnole, den wir die Salle des Pas⸗Perdus durchmeſſen ſahen und ſodann während der Erpedition des Baumeiſters Giraud, des General San⸗ terre und des Vater Richard ein paar Worte mit dem als Wache vor der Thüre des unterirdiſches Ganges zurück⸗ gebliebenen Schließer wechſeln hörten, der wüthende Pa⸗ triot mit ſeiner Bärenmütze und ſeinem dicken Schnurr⸗ bart, der bei Simon behauptete, er habe den Kopf der Prinzeſſin von Lamballe getragen, fand ſich am Tage nach dem an Gemüthsbewegungen ſo wechſelreichen Abend gegen ſieben Uhr Nachmittags in der Schenke zum Brun⸗ nen Noä ein, welche, wie wir wiſſen, an der Ecke der Rue de la Vieille⸗Draperie lag. Er ſaß hier bei dem Wirthe, oder vielmehr bei der Wirthin im Hintergrunde einer ſchwarzen, von Tabak und Lichtern durchräucherten Stube und gab ſich den Anſchein, als verze rte er eine Platte Fiſche in ſchwarzer Butter. Die Stube, wo er ſein Abendbrod verzehrte, war bei⸗ nahe verlaſſen, nur ein paaͤr Stammgäſte des Hauſes wa⸗ ren nach den Andern geblieben und genoßen das Vorrecht, das ihnen der tägliche Beſuch in der Anſtalt verlieh. Die meiſten Tiſche ſtanden leer, doch wir müſſen zur Ehre der Schenke zum Brunnen Noä ſagen, die rothen, oder vielmehr violetten Tiſchtücher zeugten von dem Durchzug einer befriedigenden Anzahl geſättigter Gäſte. Die drei letzten Gäſte verſchwanden hinter einander, und gegen drei Viertel auf acht Uhr fand ſich der Pa⸗ triot allein. Dann ſchob er mit einem höchſt ariſtokratiſchen Ekel die gemeine Platte zurück, welche ihm einen Augenblick zuvor einen köſtlichen Genuß bereitet zu haben ſchien, und ½ 139 zog aus ſeiner Taſche ein Täfelchen ſpaniſche Chocolade, die r langſam und mit einem Ausdruck aß, der ſehr ver⸗ ſchieden von dem war, welchen wir ihn ſeiner Phyſiognomie geben ſahen. Von Zeit zu Zeit, während er an ſeiner ſpaniſchen Chocolade und an ſeinem ſchwarzen Brode knaupelte, warf er auf die Glasthüre, an welcher ein Vorhang mit weiß und rothen Vierecken hing, Blicke voll ängſtlicher Ungeduld; zuweilen horchte er und unterbrach ſein fruga⸗ les Mahl mit einer Zerſtreuung, die der Wirthin des Hauſes viel zu denken gab; dieſe ſaß an ihrem Comptoir in der Nahe der Thüre, auf welche der Patriot ſeine Augen heftete, ſo daß ſie ſich ohne zu viel Eitelkeit für den Gegenſtand ſeiner Unruhe halten konnte. Endlich ertönte die Klingel der Eingangsthüre auf eine gewiſſe Weiſe, welche unſeren Mann beben machte; er griff wieder nach ſeinem Fiſche, ohne daß die Herrin der Schenke bemerkte, daß er die eine Hälfte davon einem Hunde zuwarf, der ihn hungerig anſchaute, und die an⸗ dere Hälfte einer Katze, die dem Hunde zarte, aber den⸗ noch ſehr fühlbare Krallenhiebe verſetzte.B Die Thure mit dem weiß und rothen Vorhang öff⸗ nete ſich; ein Mann trat ein, der ungefähr wie der Patriot gekleidet war, mit Ausnahme der Pelzmütze, die er durch die rothe Mütze erſetzt hatte. Ein ungeheurer Bund Schlüſſel hing an dem Gürtel dieſes Mannes, an welchem auch ein breiter Infanterie⸗ ſabel befeſtigt war. „Meine Suppel meinen Schoppen!“ rief dieſer Mann, der in den gemeinſchaftlichen Saal eintrat, ohne ſeine rothe Mütze zu berühren, und ſich nur darauf beſchränkte, daß er der Frau vom Hauſe ein Zeichen mit dem Kopfe machte. Dann ließ er ſich mit einem Seufzer der Müdigkeit an dem Tiſche nieder, welcher zunächſt an dem ſtand, wo unſer Patriot ſpeiſte. 3 Die Herrin der Schenke erhob ſich in Folge der 140 Ehrerbietung, die ſie für den Neuangekommenen hegte, und beſtellte ſelbſt die verlangten Gegenſtände. Die zwei Männer wandten ſich den Rücken zu, der eine ſchaute nach der Straße, der andere nach dem Hin⸗ tergrund des Zimmers. Nicht ein Wort wurde zwiſchen den zwei Männern ausgetauſcht, ſo lange die Herrin der Schenke nicht völlig verſchwunden war. Als ſich die Thüre hinter ihr geſchloſſen hatte und der Mann mit der Pelzmütze bei dem Schimmer eines einzigen Lichtes, das ſo geſchickt am Ende eines Eiſen⸗ drahtes hing, daß die Beleuchtung zwiſchen den zwei Gä⸗ ſten theilbar war, als dieſer Mann, ſagen wir, in dem ihm gegenüber angebrachten Spiegel bemerkt hatte, das Zimmer wäre vollkommen leer, ſagte er zu ſeinem Ge⸗ fährten, ohne ſich umzuwenden: „Guten Abend.“ 3 „Guten Abend, mein Herr,“ erwiederte der Neuan⸗ gekommene.— „Nun,“ fragte der Patriot mit derſelben geheuchelten Gleichgültigkeit,„wie weit ſind wir?“ „Es iſt vorbei.“ „Was iſt vorbei?“. „Ich bin mit dem Vater Richard, wie es unter uns abgemacht war, wegen des Dienſtes uneinig geworden. Ich ſchützte mein ſchwaches Gehör, meine Blendungen vor, und es wurde mir übel mitten in der Schreibſtube.“ „Sehr gut, und hernach?“ „Hernach rief der Vater Richard ſeine Frau, und ſeine Frau rieb mir die Schläfe mit Eſſig ein, worauf ich wieder zu mir kam.“ „Gut, und hierauf?“ „Hierauf, wie es unter uns abgemacht war, ſagte ich, der Mangel an Luft bringe bei mir dieſe Blendun⸗ gen hervor, inſofern ich ſanguiniſch ſei, und der Dienſt der Conciergerie, in der ſich in dieſem Augenblick vier⸗ hundert Gefangene finden, tödte mich.“ „Und was ſprachen ſie hiezu?“ 141 „Die Mutter Richard beklagte mich.“ „Und der Vater Richard?“ „Er wies mir die Thüre.“ „Daß er Dir die Thüre gewieſen hat, iſt noch nicht genug.“ „Warten Sie doch; die Mutter Richard, die eine gute Frau iſt, warf ihm vor, er habe kein Herz, in Be⸗ tracht, daß ich ein Familienvater ſei.“ „Und was erwiederte er?“ „Er erwiederte, ſie habe Recht, doch die erſte Be⸗ dingung für den Stand eines Schließers beſtehe darin, daß er in dem Gefängniß bleibe, bei welchem er ange⸗ ſtellt; die Republik ſcherze nicht, ſie ſchlage denjenigen die Köpfe ab, welche bei Ausübung ihrer Functionen Blen⸗ dungen haben.“ „Teufel!“ verſetzte der Patriot. „Und er hatte nicht Unrecht, der Vater Richard. Seitdem die Oeſterreicherin dort iſt, findet eine höllen⸗ mäßige Ueberwachung ſtatt.“ Der Patriot gab ſeinen Teller dem Hunde zu lecken, der von der Katze gebiſſen wurde. „Vollenden Sie,“ ſprach er, ohne ſich umzuwenden. „Endlich fing ich an zu ſeufzen und zu behaupten, ich fühle mich ſehr unwohl; ich verlangte in die Kranken⸗ ſtube gebracht zu werden und verſicherte, meine Kinder müßten ſterben, wenn man mir meinen Lohn entziehe.“ „Und der Vater Richard?“ „Der Vater Richard antwortete mir, wenn man Schließer ſei, ſo zeuge man keine Kinder.“ „Doch ich denke, Du haſt die Mutter Richard für Dich?“. „Zum Glück! ſie machte ihrem Manne eine andere Scene und warf ihm vor, er habe ein ſchlechtes Herz, und der Vater Richard ſagte am Ende:„Nun wohl, Bürger Gracchus, verſtändige Dich mit einem von Deinen Freun⸗ den, der Dir etwas auf Deinen Lohn gibt; ſtelle ihn mir als Erſatzmann vor und ich verſpreche Dir, daß er ange⸗ 142 nommen werden ſoll.““ Hienach entfernte ich mich, in⸗ dem ich zu ihm ſagte:„Es iſt gut, Vater Richard, ich werde ſuchen.““ „Und Du haſt gefunden, mein Braver!“ In dieſem Augenblick kehrte die Wirthin zurück und brachte dem Bürger Gracchus ſeine Suppe und ſeinen Schoppen. Das behagte weder Gracchus, noch dem Patrioten, denn ſie hatten ſich noch einige Mittheilungen zu machen. „Bürgerin,“ ſagte der Schließer,„ich habe ein kleines Geſchenk vom Vater Richard erhalten, ſo daß ich mir heute ein Schweinsrippchen mit Gurken und eine Flaſche Burgunderwein erlauben werde; ſchicke wegen des Ripp⸗ chens Deine Magd zum Garkoch und hole mir die Flaſche im Keller.“ Die Wirthin gab ſogleich ihre Befehle. Die Magd ging durch die Hausthüre hinaus, jene entfernte ſich durch die Kellerthüre. „Gut,“ ſagte der Patriot,„Du biſt ein verſtändiger Burſche.“ „So verſtändig, daß ich mir trotz Ihrer ſchönen Ver⸗ ſprechungen nicht verhehle, um was es ſich für uns Beide handelt. Sie vermuthen es wohl?“ „Ja, vollkommen.“ „Wir ſpielen Beide um unſern Hals.“ „Sei unbeſorgt um den meinigen.“. „Ich muß es geſtehen, mein Herr, es iſt auch nicht gerade der Ihrige, der mir am meiſten Unruhe bereitet.“ „Es iſt der Deinige?“ „Ja.. „Doch wenn ich ihn zu ſeinem doypelten Werthe anſchlage?“* „Ei! mein Herr, ein Hals iſt ein ſehr koſtbares Ding.“ „Der Deinige nicht.“ „Wie, der meinige nicht?“ „In dieſem Augenblick wenigſtens.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ 0A—9=ͤ— 143 „Ich will damit ſagen, daß Dein Hals keinen Heller werth iſt, inſofern Du, wenn ich zum Beiſpiel ein Agent des Wohlfahrtsausſchuſſes wäre, morgen gutllotinirt würdeſt.“ Der Schließer wandte ſich mit einer ſo ungeſtümen Bewegung um, daß der Hund gegen ihn kläffte. Er war bleich wie der Tod. „Wende Dich nicht um, erbleiche nicht,“ ſprach der Patriot,„iß im Gegentheil vollends ruhig Deine Suppe; ich bin kein herauslockender Agent, mein Freund. Ver⸗ ſchaffe mir Eintritt in die Conciergerie, ſetze mich an Dei⸗ nen Platz, und ich bezahle Dir morgen fünfzig tauſend Livres in Gold.“ 1 5 3ſt es aber auch gewiß wahr?“ „Ohl Du haſt eine vortreffliche Caution, Du haſt meinen Kopf.“ Der Schließer ſann einige Serunden nach. „Vorwärts!“ ſagte der Patriot, der ihn in ſeinem Spiegel ſah,„vorwärts! ſtelle keine ſchlimme Betrachtun⸗ gen anz denuncirſt Du mich, ſo gibt Dir die Republik, da Du im Ganzen nur Deine Pflicht gethan haſt, nicht einen Son; dienſt Du mir, ſo gebe ich Dir, da Du im Gegen⸗ theil Dich gegen Deine Pflicht verfehlt haſt, und es in dieſer Welt unbillig iſt, daß Jemand etwas für nichts thun ſoll, die fünfzig tauſend Livres.“ „Ohl ich verſtehe Sie,“ entgegnete der Schließer, nich habe allen Vortheil dabei, daß ich thue, was Sie von mir verlangen, doch ich befürchte die Folgen...“ „Die Folgen... und was haſt Du zu fürchten, ſprich? Ich werde Dich nicht anzeigen, im Gegentheil.“ „Ohne Zweifel.“ „Am Tage nach meiner Beſtallung machſt Du einen Gang nach der Conciergerie, ich gebe Dir fünf und zwan⸗ zig Rollen, von denen jede zwei tauſend Franken enthält; dieſe fünf und zwanzig Rollen werden bequem in Deinen zwei Saͤcken Platz haben. Mit dem Gelde gebe ich Dir eine Karte, mit der Du aus Frankreich Auslaß findeſt, 144 Du reiſeſt ab, und wohin Du gehſt, biſt Du, wenn nicht reich, doch wenigſtens unabhängig. „Nun wohl, es iſt abgemacht, mein Herr, mag kom⸗ men, was da will. Ich bin ein armer Teufel und miſche mich nicht in die Politik; Frankreich iſt immer gut marſchirt ohne mich, und wird in Ermangelung meiner Perſon nicht umkommen; begehen Sie eine ſchlechte Handlung, deſto ſchlimmer für Sie.“ „In jedem Fall glaube ich nichts Schlimmeres zu thun, als man ſonſt in dieſem Augenblick thut.“ „Der Herr wird mir erlauben, daß ich die Politik des Nationalconventes nicht beurtheile.“ „Du biſt ein in Beziehung auf Philoſophie und Sorg⸗ loſigkeit bewunderungswürdiger Mann. Nun ſprich, wann ſtellt Du mich dem Vater Richard vor?“ „Dieſen Abend, wenn Sie wollen.“ „Ja, gewiß. Wer bin ich?“ „Mein Vetter Mardoche.“ „Mardoche, es ſei, der Name gefällt mir. Was für ein Stand?“ „Ein Beutler.“ „Der Beutler iſt vom Gerber nur um eine Hand entfernt.“ „Sind Sie Gerber?“ „Ich könnte es ſein.“ „Das iſt wahr.“ „Um welche Stunde ſoll die Vorſtellung ſtattfinden?“ „In einer halben Stunde, wenn Sie wollen.“ „Um neun Uhr alſo.“ „Wann bekomme ich das Geld?“ „Morgen.“ „Sie ſind ungeheuer reich?“ „Ich bin wohlhabend.“ „Ein Ci⸗devant, nicht wahr?“ „Was geht das Dich an?“ „Geld haben und ſein Geld dafür weggeben, daß ——ù 145 man Gefahr läuft, gulllotinirt zu werden, in der That, die Ci⸗devant müſſen ſehr dumm ſein!“ „Was willſt Du? Die Sans⸗culottes haben ſo viel Geiſt, daß für die Andern nichts mehr übrig iſt.“ „Stille, hier kommt mein Wein.“ „Dieſen Abend vor der Conciergerie.“ „Ja.“ Der Patriot bezahlte ſeine Rechnung und entfernte ſich. Von der Thüre aus hörte man ihn mit ſeiner Don⸗ nerſtimme rufen: „Vorwärts, Bürgerin! die Rippchen mit Gurken! mein Vetter Gracchus ſtirbt vor Hunger.““ „Dieſer gute Marluche ſagte der Schließer, indem er den Burgunder verkoſtete, welchen ihm die Wirthin mit einem zärtlichen Blicke eingeſchenkt hatte. XILI. Der Greffier des Kriegsminiſteriums. Der Patriot war weggegangen, hatte ſich aber nicht entfernt. Durch die rauchigen Fenſter beobachtete er den Schließer, um zu ſehen, ob er nicht in Verbindung mit einem der Agenten der republikaniſchen Polizei, einer der beſten Polizeien, die je beſtanden, trete, denn die eine Hälfte der Geſellſchaft beſpähte die andere, minder noch zum Ruhme der Regierung, als zur Sicherheit ihres Kopfes. och nichts von dem, was der Patriot befürchtete, geſchah; einige Minuten vor neun Uhr ſtand der Schließer auf, nahm die Wirthin beim Kinn und ging weg Der Patriot ſtieß auf dem Quai der Conciergerie zu ihm, und Beide traten in das Gefängniß ein. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 10 146 Schon an demſelben Abend wurde der Handel abge⸗ ſchloſſen; der Vater Richard nahm den Schließer Mardoche an der Stelle des Bürger Gracchus an. Zwei Stunden, ehe dieſe wichtige Angelegenheit im Kerker geordnet wurde, ſiel in einem Theile des Gefäng⸗ nißes eine Scene vor, welche, obgleich ſcheinbar ohne In⸗ tereſſe, eine nicht minder große Bedeutung für die Haupt⸗ perſonen dieſer Geſchichte hatte. Müde ſeines Tagewerks, war der Greffier der Concier⸗ gerie im Begriff, ſeine Regiſter zuſammenzulegen und weg⸗ zugehen, als ein Mann, geführt von der Bürgerin Richard, ſich vor ſeinem Schreibtiſche zeigte. 3 „Bürger Greffier,“ ſprach ſie,„hier iſt Ihr College vom Kriegsminiſterium, er kommt im Auftrage des Bürger Miniſters, um einige militäriſche Liſten zu entwerfen.“ „Ah! Bürger,“ ſagte der Greffier,„Sie kommen ein wenig ſpät, ich packte ſo eben zuſammen.“ „Lieber College, verzeihen Sie,“ erwiederte der Andere, „wir haben ſo viele Geſchäfte, daß ſich unſere Gänge nur in verlorenen Augenblicken machen laſſen, und unſere ver⸗ lorenen Augenblicke ſind diejenigen, wo die Andern ſpeiſen oder ſchlafen.“. „Wenn dem ſo iſt, ſo thun Sie es, mein lieber College, doch beeilen Sie ſich, denn es iſt, wie Sie ſagen, die Stunde des Abendbrodes und ich fühle Hunger. Haben Sie Ihre Vollmachten?“ „Hier ſind ſie,“ ſagte der Greffier des Kriegsmini⸗ ſteriums, indem er ein Portefeuille vorwies, das ſein Col⸗ lege, ſo ſehr er auch Eile hatte, mit ängſtlicher Aufmerk⸗ ſamkeit prüfte. „Oh! Alles dies iſt in Ordnung,“ ſagte die Richard, „mein Mann hat bereits die Durchſicht vorgenommen.“ „Gleichviel,“ verſetzte der Greffier, in ſeiner Prüfung fortfahrend. Der Grefſi er des Kriegsminiſteriums wartete geduldig und wie ein Mann, der auf ſtrenge Erfüllung dieſer Förm⸗ lichkeiten gefaßt war. Sr — —— 147 „Vortrefflich,“ ſagte der Greffier der Conciegerie,„Sie können nun anfangen, wann Sie wollen. Haben Sie viele Gefangene zu verzeichnen?“ „Etwa hundert.“ „Dazu brauchen Sie mehrere Tage.“ „Mein lieber College, ich will auch eine kleine An⸗ ſtalt bei Ihnen gründen, das heißt, wenn Sie es erlauben.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Greffier der onciergerie. „Ich werde Ihnen das erklären, indem ich Sie mit wir zun Abendbrod nehme; Sie haben Hunger, ſagen ie 44 „Ich leugne es nicht.“ „Nun wohl, Sie werden meine Frau ſehen, ſie iſt eine gute Köchin; dann werden Sie mit mir Bekanntſchaft machen, ich bin ein guter Junge.“ „Meiner Treue, ja, Sie kommen mir ſo vor; doch lieber College...“ 8 „Ohl nehmen Sie ohne Umſtände die Auſtern an, die ich im Vorbeigehen beim Chatelet kaufen werde, ſo⸗ dann ein Huhn, das ich bei unſerem Garkoch beſtelle, und ein paar kleine Schüſſeln, welche Madame Durand vortreff⸗ lich anacht.“ „Sie verführen mich, lieber College,“ ſagte der Gref⸗ fier der Conciergerie, geblendet durch dieſes Mahl, an das ein Greffier nicht gewöhnt war, den das Revolu⸗ tionstribunal mit zehn Livres in Aſſignaten bezahlte, welche einen wirklichen Werth von kaum zwei Franken hatten. „Sie nehmen alſo an?“ „Ich nehme an.“ „Dann verſchieben wir die Arbeit auf morgen; für dieſen Abend gehen wir.“ „Gehen wir.“ „Kommen Sie.“ „Sogleich; laſſen Sie mich nur die Gendarmen be⸗ nachrichtigen, welche die Oeſterreicherin bewachen.“ 1 x* Kriegsminiſteriums. 148 „Warum ſie benachrichtigen?“ „Damit ſie wiſſen, daß ich weggehe, und damit ihnen, weil ſie folglich wiſſen, daß Niemand mehr in der Kanzlei iſt, jedes Geräuſch verdächtig vorkommt.“ f„Ahl ſehr gut, meiner Treue eine vortreffliche Vor⸗ ſicht.“ „Nicht wahr, Sie begreifen?“ „Ganz gut, gehen Sie.“ Der Greffier der Conciergerie klopfte wirklich an die Pforte, einer der Gendarmen öffnete und fragte: „Wer iſt da?“ „Ich, der Greffier, Sie wiſſen, ich gehe. Guten Abend, Bürger Gilbert.“ Und die Pforte ſchloß ſich wieder. Der Greffier des Kriegsminiſteriums hatte dieſe ganze Scene mit der größten Aufmerkſamkeit beobachtet, und als die Thüre des Gefängniſſes der Königin offen war, tauchte ſein Blick raſch bis in den Hintergrund der erſten Abthei⸗ lung: er ſah den Gendarme Dufresne an einem Tiſche und überzeugte ſich folglich, daß die Königin nur zwei Wächter hatte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, als der Greffier der Conciergerie ſich umwandte, ſein College wieder die gleich⸗ gültigſte Miene, die er nur immer ſeiner Phyſiognomie ge⸗ ben konnte, angenommen hatte. Als ſie die Conciergerie verließen, traten zwei Männer hier ein. Dieſe zwei Männer, welche eben eintraten, waren der Bürger Gracchus und ſein Vetter Mardoche. Mit einer Bewegung, welche einem ähnlichen Gefühle zu entſpringen ſchien, drückten der Vetter Mardoche und der Greffier des Kriegsminiſteriums, als ſie ſich erblickten, der eine ſeine Pelzmütze, der andere ſeinen breitkrampigen Hut auf die Augen. 4 „Wer find dieſe Männer?“ fragte der Greffier des 149 „Ich kenne nur einen, es iſt ein Schließer Namens Gracchus.“ „Ah!“ verſetzte der Greſſier des Krieges mit einer geheuchelten Gleichgültigkeit,„die Schließer der Coneier⸗ gerie gehen alſo aus?“ „Sie haben ihren Tag.“ Die Forſchung wurde nicht weiter getrieben; die zwei neuen Freunde ſchlugen den Weg nach dem Pont au Change e ein. An der Ecke der Place du Chatelet kaufte der Gref⸗ fier des Kriegs nach dem angekündigten Programm einen Korb von zwölf Duzend Auſtern; dann ging man weiter 1 über den Quai de Geyres. Die Wohnung des Greffier vom Kriegsminiſterium war ſehr einfach: der Bürger Durand bewohnte drei kleine — Zimmer auf der Place de Gréve in einem Hauſe ohne 3 Portier. Jeder Miethsmann hatte einen Schlüſſel zu der e Gangthüre und es war verabredet, daß man ſich, wenn 9 man ſeinen Schluſſel nicht mitgenommen, durch einen, e zwei oder drei Schläge mit dem Klopfer, je nach dem Stockwerk, das man bewohnte, benachrichtigen ſollte; die Perſon, welche eine andere erwartete und das Zeichen r erkannnte, kam dann herab und öffnete die Thüre. — Der Bürger Durand hatte ſeinen Schlüſſel in der Taſche und brauchte alſo nicht zu klopfen. Man ſtieg zwei Stockwerke hinauf, der Bürger Du⸗ 3 rand zog einen zweiten Schlüſſel aus ſeiner Taſche und trat ein. 1 1„ Der Greffier des Palaſtes fand die Frau Greffiére des Kriegs ſehr nach ſeinem Geſchmack; es war in der - That eine reizende Frau, der ein über ihrem Geſicht ver⸗ . breiteter Ausdruck tiefer Traurigkeit beim erſten Anblick ein mächtiges Intereſſe verlieh. Wir haben zu bemerken, 1 daß die Traurigkeit eines der ſicherſten Berſührunfſemittel hübſcher Frauen iſt: die Traurigkeit macht alle Männer, ohne Ausnahme, ſelbſt die Greffiers verliebt; denn die Greffiers ſind Menſchen, was man auch ſagen mag, und es gibt keinen Menſchen von großer Eigenliebe oder von eeines Amtes, wenn er es auch nicht ſelbſt verwaltet. 150 empfindſamem Herzen, der nicht eine betrübte hübſche Frau zu tröſten und die weißen Roſen einer bleichen Geſichts⸗ farbe in lachende Roſen zu verwandeln hofft, wie der Bürger Dorat ſagte. Die zwei Greffiers ſpeiſten mit ſehr gutem Appetit, nur Madame Durand aß nicht. Die Fragen nahmen indeſſen von der einen Seite wie von der andern ihren Fortgang. Der Greffier des Kriegs fragte ſeinen Collegen mit einer, in jenen Zeiten täglicher Dramen, ſehr merkwür⸗ digen Neugierde, was die Gebräuche des Palaſtes, die Gerichtstage und die Mittel der Ueberwachung wären. Entzückt, daß man ihn mit ſo viel Aufmerkſamkeit anhörte, antwortete der Greffier des Palaſtes mit großer Gefälligkeit und erzählte von den Gebräuchen der Schließer, von denen von Fouquier⸗Tinville und endlich von denen des Bürger Sanſon, des Hauptſchauſpielers der Tragödie, die man täglich auf dem Revolutionsplatze ſpielte. Dann wandte er ſich an ſeinen Collegen und Wirth und erbat ſich von ihm Auskunft über ſein Miniſterium. „Oh!“ ſprach Durand,„ich bin minder gut unterrich⸗ tet, inſofern ich eine bei Weitem geringere Stellung ein⸗ nehme, als Sie, da ich viel mehr Secretaire des Greffier, als Titulaire*) dieſes Platzes bin; ich beſorge das Ge⸗ ſchäft des erſten Greffier; ich, der unbekannte, der dunkle Beamte habe die Mühe, den Vornehmen kommt der Nutzen zu; das iſt die Gewohnheit bei allen Bureaukra⸗ tien, ſelbſt bei den revolutionären. Die Erde und der, Himmel werden ſich vielleicht eines Tages verändern, doch die Bureaur verändern ſich nie.“ „Nun wohl, ich werde Sie unterſtützen, Bürger,“ ſagte der Greſſier des Palaſtes, entzückt über den guten Wein ſeines Wirthes und beſonders über die ſchönen Augen von Madame Durand. *) In Frankreich nennt man Titulaire den wirklichen Beſitzer 8 151 „Ohl ich danke,“ erwiederte derjenige, welchem die⸗ ſes artige Anerbieten gemacht wurde,„Alles, was die Ge⸗ wohnheiten und die Oertlichkeiten verändert, iſt eine Zer⸗ ſtreuung für einen armen Beamten, und ich befürchte viel mehr, meine Arbeit in der Concergerie zu Ende gehen, als ſich in die Länge ziehen zu ſehen, und wenn ich jeden Abend Madame Durand, welche ſich hier langweilen würde, mit in die Kanzlei nehmen kann...“ „Ich ſehe darin nichts Unpaſſendes,“ verſetzte der Greffier des Palaſtes, höchlich erfreut über die liebens⸗ würdige Zerſtreuung, die ihm ſein College verſprach. „Sie wird mir die Liſten dictiren,“ fuhr der Bürger Durand fort,„und von Zeit zu Zeit, wenn das Geſchäft beendet iſt, und wenn Sie das Abendbrod heute nicht zu ſchlecht gefunden haben, kommen Sie und nehmen ein ähnliches bei uns ein.“ „Ja, doch nicht zu oft, nicht zu oft,“ erwiederte mit einer gewiſſen Geckenhaftigkeit der Grefſier des Palaſtes, „denn ich muß Ihnen geſtehen ich würde gezankt, käme ich ſpäter als gewöhnlich in ein gewiſſes Haus der Rue du Petit⸗Musc zurück.“ 2 „Ahl das läßt ſich vortrefflich ordnen,“ ſagte Du⸗ rand,„nicht wahr, meine liebe Freundin?“ Immer ſehr bleich und ſehr traurig, erhob Madame Durand ihre Augen zu ihrem Gattin und erwiederte: „Ihr Wille geſchehe.“ Es ſchlug eilf Uhr und es war Zeit ſich zurückzu⸗ ziehen. Der Greffier des Palaſtes ſtand auf und nahm Abſchied von ſeinen neuen Freunden, wobei er ſie ver⸗ ſicherte, daß es ihm unendlich Vergnügen gewährt habe, mit ihnen und ihrem Abendbrode Bekanntſchaft zu machen. Der Bürger Durand führte ſeinen Gaſt bis auf den Nuheblab zuruͤck, ging dann wieder in das Zimmer und agte: „Vorwärts, Genevièéve, legen Sie ſich nieder.“ Die junge Frau erhob ſich, ohne zu antworten, nahm eine Lampe und ging in das Zimmer rechts. 152 Durand, oder vielmehr Dirmer, ſchaute ihr nach, blieb einen Augenblick nachdenkend und mit düſterer Stirne ſtehen und begab ſich dann ebenfalls in ſein Zimmer, das auf der entgegengeſetzten Seite lag. XLII. Die zwei Billets. Von dieſem Augenblicke an arbeitete der Greffier des Kriegsminiſteriums jeden Abend emſig im Bureau ſeines Collegen vom Palaſte. Madame Durand entnahm die Liſten aus den zum Voraus bereiteten Regiſtern und Du⸗ rand copirte voll Eifer Nach einer Stunde des Geſprächs oder der Betrach⸗ tung, denn dem Greffier des Palaſtes gefiel es unge⸗ mein, ſeine Collegin vom Kriegsminiſterium anzuſchauen, blieben der Mann und die Frau gewöhnlich allein. Dann kehrte der Beamte von Fouquier⸗Tinville nach der Rue du Petit⸗Muse zurück und murmelte:. „Alle Wetter! wie ſchön iſt ſie, dieſe kleine Madame Durand; aber was Teufels kann ſie haben, das ſie ſo traurig macht?“ Dann entfernte ſich Durand ebenfalls, nachdem er die Gendarmen der Gewohnheit gemäß unterrichtet und die Bücher ſorgfältig wieder geſchloſſen hatte. i Dies dauerte ſo vier Tage. Durand prüfte Alles, r ohne daß er auf etwas aufmerkſam zu ſein ſchien. r hatte wahrgenommen, daß jeden Abend um neun Uhr ein Korb mit Mundvorräthen, den Richard oder ſeine Frau brachten, vor der Thure niedergeſetzt wurde. Jeden Abend, wenn der Greffier zu dem Gendarme ſagte:„Ich gehe, Bürger,“ kam der Gendarme Gilbert 153 oder Dufresne heraus, nahm den Korb und brachte ihn zu Marie Antoinette. Während der drei auf einander folgenden Abende, wo Durand länger an ſeinem Poſten geblieben war, war der Korb auch länger an dem ſeinigen geblieben, denn nur wenn er die Thüre öffnete, um dem Greffier guten Abend zu ſagen, nahm der Gendarme die Mundvorräthe auf. Eine Viertelſtunde, nachdem er den vollen Korb hinein⸗ genommen, ſtellte einer von den Gendarmen einen leeren Korb vom vorhergehenden Tage vor die Thüre, auf die⸗ ſelbe Stelle, wo der andere geweſen war. Am Abend des vierten Tages, es war am Anfang des Monats October, nach der gewöhnlichen Sitzung und als der Greffier des Palaſtes ſich entfernt hatte und Du⸗ rand, oder vielmehr Dirmer mit ſeiner Frau allein ge⸗ blieben war, ließ er ſeine Feder fallen, ſchaute umher, horchte mit einer Aufmerkſamkeit, als ob ſein Leben da⸗ von abhängen würde, ſtand raſch auf, lief mit gedämpf⸗ ten Tritten auf die Thüre des Gefängniſſes zu, hob die Serviette auf, welche den Korb bedeckte, und drückte in das für die Gefangene beſtimmte weiche Brod ein ſilber⸗ nes Etui. Bleich und zitternd durch die Aufregung, die ſelbſt bei der mächtigſten Organiſation den Menſchen ergreift, welcher einen Akt von höchſter Bedeutung, der lange vor⸗ bereitet war und ſehnlichſt erwartet wurde, vollzogen hat, kehrte er dann an ſeinen Platz zurück und drückte eine Hand auf ſeine Stirne, die andere auf ſein Herz. Geneviève ſchaute ihm zu, doch ohne ein Wort an ihn zu richten; ſeitdem ſie ihr Gatte von Maurice geholt, wartete ſie gewöhnlich, bis er zuerſt mit ihr ſprach. Diesmal aber brach ſie ihr Stillſchweigen. „Soll es dieſen Abend geſchehen?“ fragte ſie. „Nein, morgen,“ antwortete Dirmer. Und nachdem er abermals geſchaut und gehorcht hatte, ſchloß er die Regiſter, näherte ſich der Pforte und klopfte an. 154 „Was gibt es?“ rief Gilbert. „Bürger,“ antwortete er,„ich gehe.“ „Gut,“ ſagte der Gendarme aus dem Hintergrunde der Zelle,„guten Abend.“ „Guten Abend, Bürger Gilbert.“ Durand hörte das Klirren der Riegel, er begriff, daß der Gendarme öffnen wollte, und ging. In dem Gange, der von der Wohnung des Vater Richard in den Hof führte, ſtieß er an einen Schließer, der eine Pelzmütze auf dem Kopf hatte und einen ſchwe⸗ ren Schlüſſelbund in der Hand trug. Dirmer ergriff die Angſt, er befürchtete, grob wie die meiſten Leute ſeines Standes, würde dieſer Menſch ihn anrufen, anſchauen, vielleicht erkennen. Er drückte ſeinen Hut auf die Stirne, während Ge⸗ neviéve die Garnitur ihres ſchwarzen Mäntelchens über die Augen zog. Er täuſchte ſich. „Ahl ich bitte um Verzeihung,“ ſagte der Schließer, obgleich er geſtoßen worden war. Dirmer bebte bei dem Tone dieſer Stimme, welche ſanft und artig klang. Doch der Schließer hatte ohne Zweifel Eile, er ſchlüpfte in den Gang, öffnete die Thure des Vater Richard und verſchwand. Dirmer ging mit Geneviéve ſeines Wegs. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte er, als er außen war, als die Thüre ſich wieder hinter ihm geſchloſſen und der Ein⸗ druck der Luft ſeine brennende Stirne abgekühlt hatte. „Ohl ja, ſehr ſeltſam,“ flüſterte Genevieve. Zur Zeit ihres innigen Verhältniſſes hätten ſich die zwei Gatten einander die Urſache ihres Erſtaunens mit⸗ getheilt. Doch Dirmer verſchloß ſeine Gedanken in ſeinem Innerſten und bekämpfte ſie wie ein Gebilde erhitzter Ein⸗ bildungskraft, während Genevisve ſich darauf beſchränkte, daß ſie, als ſie ſich um die Ecke des Pont au Change wandte, einen letzten Blick auf den düſtern Palaſt warf, 15⁵5 wo etwas wie das Geſpenſt eines verlornen Freundes in ihr ſo viele ſüße und zugleich bittere Erinnerungen ge⸗ weckt hatte. Beide kamen nach der Gréve, ohne ein einziges Wort geſprochen zu haben. Mittlerweile war der Gendarme herausgegangen und hatte den für die Königin beſtimmten Korb mit Mund⸗ vorräthen aufgenommen. Er enthielt Obſt, ein kaltes Huhn, eine Flaſche wei⸗ ßen Wein, eine Caraffe Waſſer und die Hälfte eines zwei⸗ pfündigen Brodes. Gilbert hob die Serviette auf und erkannte die ge⸗ wöhnliche Anordnung der von der Bürgerin Richard in den Korb gelegten Gegenſtände. „Gut, hier iſt mehr, als ſie eſſen wird,“ ſagte er zu ſeinem Gefährten, der, ſeitdem er nicht mehr rauchte, ſeine Zeit damit hinbrachte, daß er alle alte Almanache las, die er ſich verſchaffen konnte.„Hier iſt mehr, als ſie eſſen wird, und dennoch bedurfte es nicht ſo vieler Köche, um ihr Mittagsbrod zu bereiten, als es in Ver⸗ ſailles an dem Tage gab, wo wir ſie holten, um ſie nach den Tuilerien zurückzuführen“ „Ei, mein Gott! ja,“ erwiederte Dufresne philoſo⸗ phiſch,„jetzt hat ſie zum Küchenmeiſter den Bratkoch an der Ecke.“ „Das muß ihr hart vorkommen.“ „Ohl für das, was ſie ißt...“ Gilbert machte mit den Schultern ein Zeichen, wel⸗ ches wohl ſagen wollte: „Ah! was Du da ſprichſt, iſt wahr.“ Dann ſchob er den Windſchirm auf die Seite und rief laut: „Bürgerin, hier iſt das Abendbrod.“ Der würdige Mann vermied es zu ſagen: Dein Abendbrod, um die Königin nicht zu duzen, und Ihr Abendbrod, um nicht der Ariſtokratie beſchuldigt zu werden. 15⁵56 „Ich danke, mein Herr,“ antwortete die Königin, „ich habe keinen Hunger.“ „Eil Bürgerin,“ verſetzte Gilbert mit einer Erſchüt⸗ terung, die er nicht zu bemeiſtern vermochte,„es iſt nicht damit abgemacht, daß man immer ſagt:„Ich habe keinen Hunger,““ was Teufels, man muß auch eſſen.“ „Warum dies?“ fragte die Königin ſo leiſe, daß es Dufresne nicht hörte. Doch Gilbert hörte es. „Ei! Bürgerin, wenn es nur wäre, um mir ein wenig Vergnügen zu machen!“ rief Gilbert, fortgeriſſen durch die Rührung, die ihm dieſe lange, heilige Reſig⸗ nation verurſachte.. Die Königin lächelte traurig und ſprach: „Um Ihnen Vergnügen zu machen, mein Freund, werde ich ein wenig Brod brechen.“ Und ſie hob den Deckel vom Korb ab und nahm das Brod heraus, während Gilbert den Kopf durch die Oeffnung des Windſchirmes ſtreckte und ihr, Thränen in den Augen, zuſchaute. Marie Antoinette brach das Brod, doch kaum hatten ſich ihre Finger in daſſelbe eingedrückt, als ſie die kalte Berührung des Silbers fühlte und errieth, daß dieſes Brod etwas Außerordentliches enthielt. Da machte ſie unwillkührlich eine Bewegung, das Blut ſtieg ihr zu Geſicht und verlieh ihren Augen und ihren Wangen einen ſieberhaften Glanz. Mit einem maſchinenartigen Inſtinkte ſchaute ſie gleichzeitig umher, erblickte Gilbert und ſtieß einen ſchwa⸗ chen Schrei aus. „Ah! ich bitte um Verzeihung,“ ſagte er,„indem er ſich raſch zurückzog,„ich habe Ihnen bange gemacht, Bürgerin.“ Diesmal war Gilbert ſo bewegt durch den Schrei der Königin, daß er geradezu Ihnen ſagte, auf die Ge⸗ fahr, was daraus entſtehen dürfte, wenn er gehört würde. „Nein, aber es iſt..“ n—— A ☛ 1⁵⁷ 1 Sie hielt inne, denn ſie wußte nicht, womit ſie ſich entſchuldigen ſollte. „Gut,“ ſagte er,„gut, ſpeiſen Sie ruhig zu Nacht, es iſt traurig für Männer, eine Frau ſo ohne zu eſſen leben zu ſehen; wenn Sie dann geſpeiſt haben, ſo ſuchen Sie zu ſchlafen, ohne zu ſeufzen, wie Sie es gewöhnlich im Schlafe thun. So wahr ich Gilbert heiße, ich würde lieber ſehen, daß Sie ſich am Tage beklagten und ärger⸗ ten, ſtatt Sie in der Nacht ſo ſeufzen zu hören.“ Die Königin blieb einen Augenblick unbeweglich; ſie hörte nicht nur auf das, was er ſagte, ſondern ſie be⸗ rechnete auch ſeine ſtufenweiſe Entfernung. Als ſie gewiß zu ſein glaubte, daß er ſich zu ſeinem Kameraden geſetzt hatte, zog ſie das Etui aus dem Brod. Das Etui enthielt ein Billet. Sie entfaltete es und las, wie folgt: „Madame, halten Sie ſich morgen zur Stunde, wo Sie dieſes Billet empfangen werden, bereit, denn morgen zu dieſer Stunde wird eine Frau in den Kerker Eurer Majeſtät eingeführt. Dieſe Frau nimmt Ihre Kleider und gibt Ihnen die ihrigen, dann verlaſſen Sie die Concier⸗ gerie am Arm von einem Ihrer ergebenſten Diener. „Kümmern Sie ſich nicht um den Lärm, der im erſten Zimmer entſtehen wird; halten Sie ſich weder bei dem Geſchrei noch bei den Seufzern auf; ſorgen Sie einzig und allein dafür, daß Sie raſch das Kleid und den Man⸗ tel der Frau anziehen, welche den Platz Eurer Majeſtät einnehmen ſoll.“ „Eine Ergebenheit!“ flüſterte die Königin;„ich danke Dir, mein Gott, ich bin alſo nicht, wie man ſagte, ein Gegenſtand der Verwünſchung für Alle!“ Sie las das Billet noch einmal Da fiel ihr der zweite Paragraph auf. „„Halten Sie ſich weder bei dem Geſchrei noch bei den Seufzern auf,““ murmelte ſie;„ohl das bedeutet, daß man meine zwei Wächter niederſtrecken will, arme Leute, die mir ſo viel Mitleid bewieſen haben; ohl niel nie!“ 158 Sie riß die zweite Hälfte des Billets, welche weiß war, ab, und da ſie weder Bleiſtift noch Feder hatte, um dem unbekannten Freund, der ſich mit ihr beſchäftigte, zu antworten, ſo nahm ſie die Nadel von ihrem Hals⸗ tuch und ſtach in das Papier Buchſtaben, welche folgende Worte bildeten: „Ich darf und kann das Opfer irgend eines Men⸗ ſchenlebens gegen das meinige nicht annehmen.“ . Dann ſchob ſie das Papier in das Etui und ſteckte dieſes in den zweiten Theil des gebrochenen Brodes. Dieſe Operation war kaum vollendet, es ſchlug eben zehn Uhr, die Königin hielt das Stück Brod in der Hand und zählte die Glockenſchläge, welche langſam und in Zwiſchen⸗ räumen vibrirten, als ſie an einer der Scheiben ihres Fernſters, das nach dem Hofe ging, den man den Frauen⸗ hof nannte, ein ſcharfes Geräuſch, dem ähnlich, hörte, welches ein auf dem Glaſe knirſchender Brillant hervor⸗ bringen würde. Auf dieſes Geräuſch folgte ein leichter Stoß an die Scheibe, der mehrere Male wiederholt wurde und den abſichtlich das Huſten eines Menſchen bedeckte. Dann erſchien an der Ecke der Scheibe ein kleines zuſammengerolltes Papier, das langſam hereinſchlüpfte und an den Fuß der Mauer fiel. Endlich vernahm die Königin das Geräuſch eines Bundes von Schlüſſeln, welche an einander ſchlugen, und von Tritten, die ſich auf dem Pflaſter ſchallend entfernten. Sie erkannte, daß die Scheibe an ihrer Ecke durch⸗ löchert worden, und daß durch dieſe Ecke der Mann, der ſich entfernte, ein Papier geſchoben hatte, welches ohne Zweifel ein Billet war. Dieſes Billet lag auf dem Boden. . Die Königin ſchaute es ſtarr an, während ſie horchte, ob ſich ihr nicht einer ihrer Wächter näherte; doch ſie hörte ſie mit leiſer Stimme ſprechen, wie ſie es gewöhn⸗ 159 lich und in Folge einer Art von ſtiller Uebereinkunft tha⸗ ten, um ſie nicht zu beläſtigen. Dann hob ſie das Papier ſachte und den Athem an ſich haltend auf. Eiin dünner, harter Gegenſtand ſchlüpfte wie aus einer Scheide und klang metalliſch, als er auf den Backſtein ſiel. Es war eine Feile von der größten Feinheit, mehr ein Juwel als ein Werkzeug, eine von jenen ſtählernen Federn, mit denen eine Hand, ſo ſchwach und ungeſchickt ſie auch ſein mag, in einer Viertelſtunde die dickſte Eiſen⸗ ſtange zu durchſchneiden im Stande iſt. „Madame,“ ſagte das Billet,„morgen um halb zehn Uhr wird ein Mann kommen und mit den Gendarmen, welche Sie bewachen, durch die Fenſter des Frauenhofes ſprechen. „Während dieſer Zeit wird Eure Majeſtät die dritte Stange Ihres Fenſters, von der Linken zur Rechten ge⸗ rechnet, durchfeilen. „Feilen Sie ſchief, eine Viertelſtunde wird Eurer Majeſtat genügen; dann halten Sie ſich bereit, durch das Fenſter zu ſchluͤpfen. „Dieſe Kunde kommt Ihnen von einem Ihrer treu⸗ ſten und ergebenſten Unterthanen zu, welcher ſein Leben dem Dienſte Eurer Majeſtät gewidmet hat und glücklich ſein wird, es für Sie aufzuopfern.“ „Oh l“ flüſterte die Königin,„das iſt eine Falle. Doch nein, mir ſcheint, ich kenne dieſe Handſchrift, es iſt dieſelbe wie im Temple; es iſt die des Chevalier von Maiſon⸗ Rouge. Auf! Gott will vielleicht, daß ich entkomme.“ Und die Königin ſiel auf ihre Kniee und flüchtete ſich in das Gebet, in dieſen mächtigen Balſam der Ge⸗ fangenen. 4 ———õ — nnn— 160 XLIII. Die Vorkehrungen von Dixmer. Dieſer andere Tag, vorbereitet durch eine ſchlafloſe Nacht, kam endlich furchtbar, und man kann wohl ohne Uebertreibung ſagen, blutroth. In der That, in jener Zeit und in jenem Jahre hatte die ſchönſte Sonne jeden Tag ihre ſchwarzblauen Flecken. Die Königin ſchlief beinahe nicht und ihrem Schlafe gebrach es an Ruhe; kaum hatte ſie die Augen geſchloſſen, da ſchien es ihr, als ſähe ſie Blut fließen, als hörte ſie Schreie ausſtoßen. Sie war, ihre Feile in der Hand, entſchlummert. Einen Theil des Tages widmete ſie dem Gebet Ihre Wächter ſahen ſie ſo oft beten, daß ſie keinen Verdacht aus dieſem Zuwachs von Andacht ſchöpften. Von Zeit zu Zeit zog die Gefangene aus ihrem Buſen die Feile, die ihr von einem ihrer Retter übermacht wor⸗ den war, und ſie verglich die Schwäche des Werkzeugs mit der Kraft der Gitterſtangen. Zum Glück waren dieſe Stangen in der Mauer nur auf einer Seite, das heißt unten, befeſtigt. Der obere Theil war in eine Querſtange eingefügt; hatte man den untern Theil durchfeilt ſo durfte man nur an der Stange ziehen und dieſe kam. Doch es waren nicht die phyſiſchen Schwierigkeiten, was die Königin aufhielt, ſie begriff vollkommen, daß die Sache möglich war, und gerade dieſe Möglichkeit machte aus der Hoffnung eine blutige Flamme, welche ihre Augen blendete.* Sie fühlte, daß ihre Freunde, um bis zu ihr zu ge⸗ langen, ihre Wachter tödten mußten, und ſie hätte um keinen Preis zu ihrem Tode eingewilligt. Dieſe Männer waren die einzigen, die ihr ſeit langer Zeit Mitleid be⸗ wieſen hatten. — ͤͤ—hee ͤ—— — ᷣ—— 161 Dagegen waren jenſeits der Gitterſtangen, die man ſie durchfeilen hieß, jenſeits der Leichname dieſer zwei Männer, welche fallen ſollten, indem ſie ihre Retter zu ihr zu gelangen hindern würden, die Freiheit, das Leben und vielleicht die Rache, drei ſo ſüße Dinge für eine Frau beſonders, daß ſie Gott um Verzeihung bat, weil ſie ſich ſo glühend nach denſelben ſehnte. Sie glaubte übrigens zu bemerken, daß kein Verdacht ihre Wächter in Bewegung ſetzte, und daß ſie nicht einmal das Bewußtſein der Falle hatten, in welche man ihre Ge⸗ fangene locken wollte, vorausgeſetzt, daß das Complott eine Falle war. Dieſe einfachen Menſchen hätten ſich ſo geübten Au⸗ gen verrathen, wie es die der Königin waren, welche ſich dadurch, daß ſie es ſo oft erduldet, das Schlimme zu er⸗ rathen gewöhnt hatte. Die Königin verzichtete beinahe gänzlich auf den Theil ihrer Gedanken, welcher ſie die doppelte Oeffnung, die man ihr als eine Falle gemacht, prüfen ließ; doch je mehr die Scham, in einer Falle gefangen zu werden, von ihr wich, deſto mehr verflel ſie in die noch größere Furcht, unter ihren Augen ein für ſie vergoſſenes Blut fließen zu ſehen. „Seltſames Geſchick, erhabenes Schauſpiel!“ ſagte ſie; „zwei Verſchwörungen vereinigen ſich, um eine arme Kö⸗ nigin, oder vielmehr eine arme gefangene Frau zu retten, welche nichts gethan hat, um die Verſchwörer zu verfüh⸗ ren oder zu ermuthigen, und ſie ſollen beide gleichzeitig zum Ausbruch kommen... Wer weiß! vielleicht bilden ſie beide nur eine Verſchwörung. Vielleicht iſt es eine doppelte Mine, welche an einem einzigen Punkte aus⸗ münden ſoll... Wenn ich wollte, wäre ich alſo gerettet... Doch eine arme Frau an meiner Stelle geopfert... Doch zwei Männer getödtet, damit dieſe Frau zu mir gelangt... Gott und die Zukunft würden es mir nicht vergeben! Unmöglich! unmöglich!“ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 11 1 der Ergebenheit der Diener für die Gebieter und jene antiken Dann durchkreuzten ihren Geiſt jene große Ideen von Ueberlieferungen vom Rechte der Herren über das Leben der Diener, beinahe verſchwundene Phantome des ſterben⸗ den Königthums. „Anna von Oeſterreich hätte eingewilligt,“ ſagte ſie, „Anna von Oeſterreich hätte über Alles das große Prin⸗ cip der Wohlfahrt königlicher Perſonen geſtellt. Anna von Oeſterreich war von demſelben Blute wie ich und beinahe in derſelben Lage wie ich. Ein Wahnſinn, daß ich nach Frankreich kam, um hier das Königthum von Anna von Oeſterreich zu verfolgen! Ich bin auch nicht gekommen; zwei Könige ſprachen:„„Es iſt wichtig, daß zwei könig⸗ liche Kinder, die ſich nie geſehen, die ſich nicht lieben, die ſich vielleicht nie lieben werden, an demſelben Altar ſich heirathen, um auf demſelben Blutgerüſte zu ſterben.““ Und dann... wird mein Tod nicht den des armen Kindes nach ſich ziehen, das in den Augen meiner wenigen Freunde noch König von Frankreich iſt? Und wenn mein Sohn geſtorben ſein wird, wie mein Gemahl geſtorben iſt, wer⸗ den ihre zwei Schatten nicht vor Mitleid lächeln, wenn ſie, um ein paar Tropfen gemeines Blut zu erſparen, mit meinem Blute die Trümmer des Thrones vom heiligen Ludwig beſpritzen ſehen?“. Unter dieſer immer zunehmenden Angſt, in dieſem Fieber des Zweifels, deſſen Pulsſchläge ſich unabläſſig ver⸗ doppelten, im Schauer dieſer Bangigkeiten erreichte die Königin den Abend. Wiederholt hatte ſie ihre Wächter prüfend beobachtet; nie hatten ſie ruhiger ausgeſehen. Nie auch waren ihr die kleinen Aufmerkſamkeiten dieſer plumpen, aber guten Leute mehr aufgefallen. Als es im Kerker finſter wurde, als der Schritt der Runden erſcholl, als das Geräuſch der Waſſen und das Geheule der Hunde das Echo in den finſteren Gewölben weckten, als ſich endlich das ganze Gefängniß furchtbar und hoffnungslos darſtellte, da erhob ſich Marie Antoinette, 163 welche die der Natur der Frau inwohnende Schwäche gezähmt hatte, voll Schrecken. „Ohl ich werde fliehen,“ ſagte ſie,„ja, ja, ich werde fliehen. Wenn man kommt, wenn man ſpricht, durchfeile ich eine Stange und erwarte, was Gott und meine Befreier von mir verlangen. Ich bin mich meinen Kindern ſchuldig, man wird ſie nicht tödten, oder wenn man ſie tödtet, kann ich wenigſtens...“ Marie Antoinette vollendete nicht, ihre Augen ſchloſ⸗ ſen ſich, ihr Mund erſtickte ihre Stimme. Es war ein furchtbarer Traum, den dieſe arme Königin in einer mit Riegeln und Gittern geſchloſſenen Stube träumte. Doch bald fielen, immer in ihrem Traume, Gitter und Riegel; ſie ſah ſich inmitten eines finſtern, unbarmherzigen Hee⸗ res; ſie befahl der Flamme, zu glänzen, dem Schwerte, aus der Scheide zu gehen; ſie rächte ſich an einem Volke, das am Ende nicht das ihrige war. Während dieſer Zeit plauderten Gilbert und Dufresne ruhig und bereiteten ihr Abendbrod. Während dieſer Zeit kamen auch Dirmer und Gene⸗ visve in die Conciergerie und begaben ſich wie gewöhnlich in die Kanzlei. Nachdem ſie ungefähr eine Stunde hier waren, beendigte, ebenfalls wie gewöhnlich, der Greffier des Palaſtes ſein Geſchäft und ließ ſie allein. Sobald die Pforte hinter ſeinem Collegen geſchloſſen war, ſtürzte Dirmer auf den leeren Korb zu, der vor der Thüre zum Austauſch gegen den Korb vom Abend ſtand. Er nahm das Stück Brod, brach es und fand das Etui. Das Wort der Königin war darin enthalten: er las es erbleichend. Und da Genevisve ihn beobachtete, zerriß er das Papier in taufend Stücke und warf dieſe in den entflamm⸗ ten Schlund des Ofens. „Es iſt gut,“ ſagte er,„Alles iſt abgemacht.“ Dann ſich gegen Geneviève umwendend: „Kommen Sie, Madame.“ 164 „Ich 2 „Ja, ich muß leiſe mit Ihnen ſprechen.“ Unbeweglich und kalt wie Marmor machte Geneviève eine Geberde der Reſignation und näherte ſich ihm. „Madame, die Stunde iſt gekommen,“ ſprach Dir⸗ mer,„hören Sie mich.“ „Ja, mein Herr.“ „Sie ziehen einen Ihrer Sache nützlichen Tod, für den Sie eine ganze Partei ſegnet und ein ganzes Volk beklagt, einem ſchmählichen Tode, einem nur der Rache entſpringenden Tode vor, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich hätte Sie auf der Stelle tödten können, als ich Sie bei Ihrem Geliebten traf; doch ein Mann, der, wie ich, ſein Leben einem ehrenvollen und heiligen Werke ge⸗ weiht hat, muß auch aus ſeinem Unglück Nutzen zu ziehen wiſſen, indem er es dieſer Sache opfert; dies habe ich gethan oder gedenke ich vielmehr zu thun. Ich habe mir, wie Sie ſehen, das Vergnügen verſagt, mein Recht zu üben. Ich habe auch Ihren Geliebten verſchont.“ Etwas wie ein flüchtiges Lächeln, flüchtig aber furcht⸗ bar, ſchwebte über die entfärbten Lippen von Geneviève. „Doch was Ihren Liebhaber betrifft, ſo müſſen Sie begreifen, Sie, die Sie mich kennen, daß ich nur gewar⸗ tet habe, um etwas Beſſeres zu finden.“ „Mein Herr,“ ſprach Geneviève,„ich bin bereit, warum alſo dieſe Umſchweife?“ „Sie ſind bereit?“ „Ja, Sie tödten mich, Sie haben Recht, ich warte.“ Dirmer ſchaute Geneviéve an und bebte unwillkühr⸗ lich; ſie war in dieſem Augenblick erhaben: eine Glorie beleuchtete ſie, die glänzendſte von allen, die Glorie, welche von der Liebe herrührt. 4 „Ich fahre fort,“ ſagte Dirmer.„Ich habe die Kö⸗ nigin benachrichtigt, ſie wartet; ohne Zweifel wird ſie eine Einwendung machen, doch Sie werden ſie nöthigen.“ 165 „Gut, mein Herr, geben Sie Ihre Befehle, und ich werde Sie vollziehen.“ „Sogleich,“ ſprach Dirmer,„ich klopfe an die Thüre, Gilbert wird öfſnen, mit dieſem Dolche(Dirmer knöpfte ſeinen Rock auf und zeigte, indem er ihn halb aus der Scheide zog, einen zweiſchneidigen Dolch), mit dieſem Dolche tödte ich ihn.“ Genevisève bebte unwillkührlich. Dirmer machte ein Zeichen mit der Hand, um Aufmerkſamkeit von ihr zu heiſchen. „In dem Augenblick, wo ich ſtoße,“ fuhr er fort, „ſtürzen Sie in das zweite Zimmer, in das, wo die Kö⸗ nigin iſt. Es hat keine Thüre, wie Sie wiſſen, ſondern nur einen Windſchirm, und Sie wechſeln die Kleider mit ihr, während ich den zweiten Soldaten tödte. Dann reiche ich der Königin den Arm und gehe mit ihr durch die Pforte.“ „Sehr gut,“ ſprach Geneviève mit kaltem Tone. „Sie begreifen?“ ſagte Dirmer;„jeden Abend ſieht man Sie in dieſem Mantel von ſchwarzem Taffet, der das Geſicht verbirgt. Legen Sie Ihrer Majeſtät Ihren Mantel über und drapiren Sie ihn, wie Sie ihn ſelbſt zu drapiren pflegen.“ „Ich werde thun, wie Sie ſagen, mein Herr.“ „Nun habe ich Ihnen nur noch zu verzeihen und zu danken, Madame,“ ſprach Dirmer. Genevisve ſchüttelte den Kopf mit einem kalten Lä⸗ cheln und entgegnete, die Hand ausſtreckend: „Ich bedarf weder Ihrer Verzeihung, noch Ihres Dankes, mein Herr; was ich thue, oder vielmehr, was ich thun werde, würde ein Verbrechen tilgen, und ich habe mich nur einer Schwäche ſchuldig gemacht, und dieſe Schwäche, erinnern Sie ſich Ihres Benehmens, mein Herr, haben Sie mich zu begehen beinahe gezwungen. Ich entfernte mich von ihm und Sie ſtießen mich wieder in ſeine Arme, ſomit ſind Sie der Urheber, der Richter und der Rächer. Es iſt alſo an mir, Ihnen meinen Tod 166 zu verzeihen, und ich verzeihe Ihnen auch. Es iſt an mir, Ihnen zu danken, mein Herr, daß Sie mir das Leben nehmen, da mir das Leben unerträglich wäre, ge⸗ trennt von dem Mann, den ich einzig und allein liebe, ſeit jener Stunde beſonders, wo Sie durch Ihre leiden⸗ ſchaftliche Rache alle Bande zerriſſen haben, die mich mit Ihnen verknüpften.“ Dirmer drückte ſich die Nägel in die Bruſt; er wollte antworten, die Stimme fehlte ihm. Er machte ein paar Schritte in der Kanzlei. „Die Stunde würde vorübergehen,“ ſagte er endlich; „jede Stunde hat ihren Nutzen. Auf, auf, Madame; ſind Sie bereit?“ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, ich warte!“ antwortete Geneviève mit der Ruhe der Märtyrer. Dirmer ſammelte alle ſeine Papiere, ſah ob, die Thü⸗ ren gut geſchloſſen waren, ob Niemand in die Kanzlei eintreten konnte, und wollte dann ſeine Inſtructionen ſeiner Frau wiederholen. „Unnöthig, mein Herr, ich weiß vollkommen, was ich zu thun habe,“ ſprach Genevisve. „Dann Gott befohlen!“ Und Dirmer reichte ihr die Hand, als ob in dieſem erhabenen Augenblick jeder Vorwurf vor der Größe der Lage und der Erhabenheit des Opfers verſchwinden müßte. Geneviève berührte ſchauernd mit den Fingerſpitzen die Hand ihres Gatten. „Stellen Sie ſich neben mich, Madame,“ ſagte Dirmer,„und ſobald ich Gilbert niedergeſtoßen habe, gehen Sie hinein.“ 1 „Ich bin bereit.“ 4 Dann faßte Dirmer mit ſeiner rechten Hand ſeinen breiten Dolch und klopfte mit der linken an die Thüre. 167 XLIV. Die Vorkehrungen des Chevalier von Maiſon⸗Nouge. Während ſich die im vorhergehenden Kapitel beſchrie⸗ bene Scene in der Kanzlei vor der Thüre ereignete, welche in das Gefängniß der Königin, oder vielmehr in das von den zwei Gendarmen beſetzte Zimmer ging, fanden andere Vorbereitungen auf der entgegengeſetzten Seite im Frauen⸗ hofe ſtatt. Ein Mann erſchien plötzlich wie eine ſteinerne Bild⸗ ſäule, die ſich von der Wand losgemacht hätte. Dieſem Mann folgten zwei Hunde, und während er das Ca ira, ein Lied, das damals ſehr in der Mode war, trällerte, ſtrich er mit ſeinem Schlüſſelbunde an den fünf Stangen hin, welche das Fenſter der Königin ſchloßen. Die Königin bebte Anfangs, doch alsbald erkannte ſie die Sache als ein Signal, öffnete ſachte ihr Fenſter und ging mit einer gewandteren Hand, als man hätte glauben ſollen, an das Werk. Denn mehr als einmal hatte ſie in der Schloſſerwerkſtätte, wo ihr königlicher Ge⸗ mahl zu ſeinem Vergnügen einen Theil ſeiner Tage zu⸗ brachte, ähnliche Inſtrumente wie das berührt, auf wel⸗ chem zu dieſer Stunde alle Chancen ihrer Rettung be⸗ ruhten. Sobald der Mann mit dem Schlüſſelbunde hörte, daß das Fenſter der Königin geöffnet wurde, klopfte er an das der Gendarmen. „Ahl ah!“ ſagte Gilbert durch die Scheiben ſchauend, ves iſt der Bürger Mardoche.“ „Er ſelbſt,“ antwortete der Schließer.„Nun, es ſcheint, wir halten gut Wache?“ „Wie gewöhnlich, Bürger Schließer. Mir ſcheint, Ihr ertappt uns nicht oft bei einer Nachläßigkeit?“ 168 „Ah!“ verſetzte Mardoche, gerade in dieſer Nacht iſt die Wachſamkeit nothwendiger als je.“. .„Bah!“ machte Dufresne, der ſich ebenfalls genähert hatte. „Gewiß.“ „Was gibt es denn?“ „Oeffnet das Fenſter, und ich werde Euch das er⸗ zählen.“ „Oeffne,“ ſagte Dufresne. Gilbert öffnete und tauſchte einen Händedruck mit dem Schließer, der ſich ſchon zum Freunde der Gendarmen gemacht hatte. „Was gibt es denn, Bürger Mardoche?“ wiederholte Gilbert. „Die Sitzung des Convents iſt etwas ſtürmiſch ge⸗ weſen? Habt Ihr es geleſen?“ 3 „Nein, was iſt denn vorgefallen?“ 3 „Ahl vor Allem, daß der Bürger Hebert etwas ent⸗ deckt hat.“ „Was?“ „Daß Verſchwörer, die man für todt hielt, leben und zwar ſehr leben.“ 4 3 „Ah! ja,“ ſagte Gilbert;„Deleſſart und Thierrey; ich habe davon ſprechen hören, ſie ſind in England, die Schurken!“ „Und der Chevalier von Maiſon⸗Rouge?“ ſagte der Schließer, indem er die Stimme ſo erhob, daß ihn die Königin hörte. „Wie, er iſt auch in England?“ „Keines Wegs, er iſt in Frankreich,“ fuhr Mardoche fort, ohne den Klang ſeiner Stimme zu dämpfen. „Er iſt alſo zurückgekehrt!“ „Er hat das Land gar nicht verlaſſen.“ „Das iſt ein Menſch von frecher Stirne!“ ſagte Dufresne 3 „So iſt er.“ e „Man wird ſich Mühe geben, ihn feſtzunehmen?“ 169 „Gewiß wird man ſich Mühe geben; doch das iſt nicht ſo leicht, wie es ſcheint.“ Da die Feile der Königin in dieſem Augenblick ſo ſtark auf den Gitterſtangen knirſchte, daß der Schließer be⸗ fürchtete, man könnte es hören, ſo ſehr er ſich anſtrengte, um das Geräuſch zu bedecken, ſo drückte er den Abſatz auf die Pfote von einem ſeiner Hunde, der ſogleich ein Schmerz⸗ geſchrei ausſtieß. „Ahl armes Thier,“ ſagte Gilbert. „Bah!“ verſetzte der Schließer,„warum hat er keine Holzſchuhe angezogen. Willſt Du wohl ſchweigen, Giron⸗ din, willſt Du ſchweigen?“ „Dein Hund heißt Girondin, Bürger Mardoche?“ „Ja, es iſt ein Name, den ich ihm gegeben habe.“ „Du ſagteſt alſo,“ fragte Dufresne, der, ſelbſt ein Gefangener, an den Neuigkeiten allen Antheil nahm, den nif Geangenen daran zu nehmen pflegen,„Du ſagteſt alſo?“ „Ich ſagte, der Bürger Hebert,— das iſt ein Pat⸗ riot,— ich ſagte der Bürger Hebert habe die Motion gemacht, die Oeſterreicherin wieder in den Temple zurück⸗ zuführen.“ „Und warum dies?“ „Verdammtl weil er behauptet, man habe ſie nur aus dem Temple weggebracht, um ſie der unmittelbaren Auf⸗ ſicht der Gemeinde von Paris zu entziehen.“ „Oh!l und dann ein wenig den Verſuchen des ver⸗ dammten Maiſon⸗Rouge,“ verſetzte Gilbert;„mir ſcheint, der unterirdiſche Gang beſteht.“ „Das hat ihm auch der Bürger Sainter geantwortet, aber Hebert erwiederte, ſobald man in Kenntniß geſetzt ſei, gebe es keine Gefahr mehr, und man könne im Temple Marie Antoinette mit der Hälfte der Vorſichtsmaßregeln bewachen, die man nehmen müße, um ſie hier zu bewachen; und der Temple iſt in der That ein bedeutend feſteres Haus als die Conciergerie.“. 170 „Meiner Treue,“ ſprach Gilbert,„ich wollte, man würde ſie in den Temple zurückführen.“ „Ich begreife, es langweilt Dich, ſie zu bewachen.“ „Nein, es betrübt mich.“ Maiſon⸗Rouge huſtete gewaltig, die Feile machte um ſo mehr Geräuſch, je tiefer ſie in die eiſerne Stange ein⸗ griff. „Und was hat man beſchloſſen?“ fragte Dufresne, als der Huſten des Schließers vorüber war. „Man hat beſchloſſen, ſie hier zu laſſen, aber der Prozeß ſoll ihr ſogleich gemacht werden.“ „Ahl arme Frau,“ ſagte Gilbert. Dufresne, deſſen Ohr ohne Zweifel feiner war, als das ſeines Collegen, oder deſſen Aufmerkſamkeit vielleicht minder ſtark durch die Erzählung von Mardoche in An⸗ ſpruch genommen wurde, bückte ſich, um nach der Abthei⸗ lung links hin zu horchen. Der Schließer ſah die Bewegung und ſprach lebhaft: „Du begreifſt, Bürger Dufresne, die Verſuche der Verſchwörer müſſen um ſo verzweifelter werden, je weniger ſte Zeit zu Ausführung derſelben vor ſich ſehen. Man wird die Wachen der Gefängniſſe verdoppeln, und das geht Dich an, Bürger Gendarme, inſofern von nichts Geringe⸗ rem die Rede iſt, als von einem Einbruch mit gewaffneter Hand in die Conciergerie; die Verſchwörer würden Alles tödten, bis ſie zur Königin drängen, bis zur Witwe Capet, will ich ſagen.“ „Ahl bah, wie ſollten ſie hereinkommen, Deine Ver⸗ ſchwörer?“ „Als Patrioten verkleidet, würden ſie ſich ſtellen, als wollten ſie einen 2. September wiederholen, und wären die Thore einmal geöffnet, dann guten Abend!“ Es trat einen Augenblick Stillſchweigen, veranlaßt durch das Erſtaunen der Gendarmen, ein. Der Schließer hörte mit einer mit Angſt vermiſchten Freude, daß die Feile fortwährend knirſchte. Es ſchlug neun Uhr. 3 Zu gleicher Zeit klopfte man an die Thüre, doch von 171 anderen Gedanken in Anſpruch genommen, antworteten die Gendarmen nicht. „Nun wohl, wir werden wachen, wir werden wachen,“ ſagte Gilbert. „Und wenn es ſein muß, als wahre Patrioten auf unſerem Poſten ſterben,“ fügte Dufresne bei. „Sie muß bald fertig ſein,“ ſagte der Schließer zu ſich ſelbſt und wiſchte ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne ab. „Und Ihr werdet Eurerſeits ebenfalls wachen, wie ich denke,“ ſprach Gilbert,„denn man würde Euch eben ſo wenig verſchonen, ſollte ein Ereigniß wie das, welches Ihr uns verkündigt, eintreten.“ „Ich glaube wohl,“ antwortete der Schließer,„ich bringe die Nacht damit hin, daß ich Runden mache, und bin auch ſo müde, daß ich umfallen möchte; Ihr löſt Euch wenigſtens ab und Ihr könnt von zwei Stunden eine ſchlafen.“ In dieſem Augenblick klopfte man zum zweiten Male an die Thüre der Kanzlei. Mardoche bebte; jedes Ereig⸗ niß, ſo geringfügig es auch war, konnte das Gelingen ſeines Planes verhindern. „Was iſt das?“ fragte er gleichſam unwillkührlich. „Nichts, nichts,“ erwiederte Gilbert;„es iſt der Gref⸗ fier des Kriegsminiſteriums, der weggeht und mich davon benachrichtigt.“ „Ah! ſehr gut,“ ſagte der Schließer. Doch der Greffier klopfte hartnäckig. „Gut! gut!“ rief Gilbert, ohne ſein Fenſter zu ver⸗ laſſen.„Guten Abend!... Adieu...“ „Mir ſcheint, er ſpricht mit Dir,“ verſetzte Dufresne, indem er ſich gegen die Thüre umwandte.„Antworte ihm doch.“ Man hörte nun die Stimme des Greffier. „Komm doch, Bürger Gendarme,“ ſagte er,„ich möchte gern einen Augenblick mit Dir ſprechen.“ Dieſe Stimme, obgleich ihr die Erſchütterung ihren 172 gewöhnlichen Ausdruck zu benehmen ſchien, machte, daß der Schließer, der ſie zu erkennen glaubte, aufmerkſam horchte. 3„Was willſt Du denn, Bürger Durand?“ fragte Gilbert. „Ich will Dir ein Wort ſagen.“ „Du kannſt es mir morgen ſagen.“ „Nein, dieſen Abend; ich muß Dich dieſen Abend ſbrechene verſetzte dieſelbe Stimme. Ohl oh!“ murmelte der Schließer,„was ſoll denn vorgehen? Das iſt die Stimme von Dirmer.“ Düſter und vibrirend, ſchien dieſe Stimme etwas Un⸗ heilvolles dem entfernten Echo des dunklen Corridor zu entlehnen. Dufresne wandte ſich um. „Ich gehe, da er es durchaus haben will,“ ſagte ilbert. Und er wandte ſich nach der Thüre. Der Schließer benützte dieſen Augenblick, in welchem die Aufmerkſamkeit der zwei Gendarmen durch einen un⸗ vorhergeſehenen Umſtand in Anſpruch genommen war. Er lief an das Fenſter der Königin und fragte: „Iſt es geſchehen?“ „Ich bin mehr als die Hälfte durch,“ antwortete die Königin. „O mein Gott! mein Gott!“ flüſterte er,„beeilen Sie ſich!“ „Nun, Bürger Mardoche, wo biſt Du denn?“ rief Dufresne. „Hier bin ich,“ antwortete der Schließer und kehrte raſch zu dem Fenſter des erſten Gelaſſes zurück. In demſelben Augenblick, und als er eben wieder ſeinen Platz einnehmen wollte, erſcholl in dem Gefäng⸗ niß ein furchtbarer Schrei, dann eine Verwünſchung, dann ſur Geräuſch eines Säbels, der aus der Maällſchedd prang. wuhl Verruchter! ah! Schurke!“ rief Gilbert. n⸗ 173 Und man vernahm den Lärmen eines Kampfes im orridor. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und entblößte vor den Augen des Schließers zwei Schatten, die ſich in der Pforte am Kragen gepackt hatten, und einer Frau Raum ließen, welche Dufresne zurückſtieß und in das Gelaß der Königin ſtürzte. Ohne ſich um dieſe Fran zu bekümmern, eilte Du⸗ fresne ſeinem Kameraden zu Hülfe. Der Schließer ſprang nach dem andern Fenſter; er ſah die Frau auf den Knieen vor der Königin, ſie bat, ſie flehte die Gefangene an, die Kleider mit ihr zu wechſeln. Er neigte ſich mit flammenden Augen und ſuchte die Frau zu erkennen, welche er bereits zu gut erkannt zu haben befürchtete. Plötzlich ſtieß er einen furchtbaren Schrei aus und rief: „Geneviève! Genevieève!“ Die Königin hatte die Feile fallen laſſen und ſchien vernichtet. Das war abermals ein geſcheiterter Verſuch. Der Schließer packte mit beiden Händen die von der Feile angegriffene eiſerne Stange und ſchüttelte ſie mit einer äußerſten Anſtrengung. Doch der Biß des Stahles war nicht tief genug und . die Stange widerſtand. Während dieſer Zeit war es Dirmer gelungen, Gil⸗ bert in das Gefängniß zurückzudrängen und er war im Be⸗ griff, mit dieſem einzutreten, als ihn Dufresne, gewaltig auf die Thüre drückend, wieder zurückſtieß. Doch er vermochte ſie nicht zu ſchließen. Ganz in Verzweiflung hatte Dirmer ſeinen Arm zwiſchen die Thüre und die Mauer geſchoben. Am Ende dieſes Armes war der Dolch, welcher auf die kupferne Schnalle der Degenkuppel ſtoßend, an der Bruſt des Gendarme herabgeglitten war und dabei ſei⸗ nen Rock und ſein Fleiſch geſchlitzt hatte. Die beiden Männer ermuthigten ſich, um alle ihre Krraäfte zu vereinigen, und riefen zu gleicher Zeit um Hülfe. 174 Dirmer fühlte, daß ſein Arm dem Brechen nahe war; er ſtützte ſeine Schulter gegen die Thüre, ſtieß mit aller Gewalt, und ſo gelang es ihm, ſeinen gequetſchten Arm zurückzuziehen. Die Thüre ſchloß ſich wieder geräuſchvoll; Dufresne ſchob den Riegel vor, während Gilbert den Schlüſſel um⸗ drehte. i gin raſcher Schritt erſcholl im Gange, dann war Alles vorbei. Die zwei Gendarmen ſchauten ſich an und ſuchten um ſich her. Sie hörten das Geräuſch, das der falſche Schließer machte, indem er die Stange zu zerbrechen ſuchte. Gilbert ſtürzte in das Gefängniß der Königin; er fand Geneviève, welche ſie anflehte, die Kleider mit ihr zu wechſeln, auf ihren Knieen. Dufresne ergriff ſeinen Carabiner und lief an das Fenſter; er ſah einen Mann, der an den Stangen hing, die er mit aller Wuth ſchüt⸗ telte und vergebens zu erklettern ſuchte. Er legte auf ihn an. Der junge Mann ſah den Lauf des Carabiners auf 1 5 hl ja,“ ſagte er,„tödte mich, tödte!“ erhaben in ſeiner Verzweiflung, breitete er ſeine Bruſt aus, um der Kugel zu trotzen. „Chevalier!“ rief die Königin,„Chevalier, ich flehe Sie an; leben Sie, leben Sie!“ 3 Bei der Stimme von Marie Antoinette ſiel Maiſon⸗ Rouge auf die Kniee. 1 Der Schuß ging los: doch dieſe Bewegung rettete ihn, die Kugel fuhr über ſeinem Kopfe hin. Geneviève glaubte, ihr Freund wäre getödtet, und fiel bewußtlos auf die Erde nieder. 3 Als ſich der Rauch zerſtreut hatte, war Niemand mehr im Frauenhof. Zehn Minuten nachher durchforſchten dreißig Solda⸗ ten, angeführt von zwei Commiſſären, die Conciergerie in ihren unzugänglichſten Winkeln. t. * 175 Man fand Niemand; der Greffier war ruhig und lächelnd vor dem Lehnſtuhle des Vater Richard vorüber⸗ gegangen. Der Schließer hatte ſich mit einem Lärmgeſchrei ent⸗ fernt, die Schildwache wollte ihm das Bajonnet entgegen⸗ ſtrecken, doch ſeine Hunde ſielen der Schildwache an den Hals. Nur Genevisve wurde verhaftet, verhört, eingekerkert. XLV. Die Nachforſchungen. Wir können nicht länger eine von den Hauptperſonen unſerer Geſchichte in Vergeſſenheit laſſen, die Perſon, welche, während die im vorigen Kapitel angehäuften Ereigniſſe in Erfüllung gingen, am meiſten von allen litt, und deren Leiden auch am meiſten das Mitgefühl unſerer dafer n erwecken verdienen. 4 Es war voller Sonnenſchein in der Rue de la Mon⸗ naie und die Gevatterinnen plauderten vor den Thüren ſo luſtig, als ob nicht ſeit zehn Monaten eine Blutwolke über der Stadt ſtille zu ſtehen geſchienen hätte; da kehrte Maurice mit dem Cabriolet zurück, das er zu bringen verſprochen hatte. Er ließ die Zügel des Pferdes in den Händen eines Schuhputzers vom Parvis Saint⸗Euſtache und ſtieg, das Herz voll Freude, die Stufen ſeiner Treppe hinauf. Es iſt ein belebendes Gefühl, das Gefühl der Liebe: es weiß todte Herzen für jede Empfindung rege zu ma⸗ chen, es bevölkert die Wüſten, es erweckt vor den Augen das Geſpenſt des geliebten Gegenſtandes, es macht, daß die Stimme, welche im Innern des Liebenden ſingt, ihm N 176 die ganze Schöpfung von dem hellen Lichte der Hoffnung und des Glückes überſtrömt zeigt, und da es zu gleicher Zeit ein ausdehnendes Gefühl iſt, ſo iſt es auch ein ſelbſt⸗ ſüchtiges Gefühl, es verblendet den Liebenden gegen Alles, was nicht der geliebte Gegenſtand iſt. Maurice ſah dieſe Frauen nicht, Maurice hörte ihre Commentare nicht; er ſah nur, wie Geneviève Vorbe⸗ reitungen zu einer Abreiſe traf, welche ihm endlich ein dauerhaftes Glück gewähren ſollte; er hörte nur, wie Geneviève zerſtreut ihr gewöhnliches Liedchen ſang, und dieſes Liedchen ſummte ſo anmuthig an ſein Ohr, daß er geſchworen hätte, er höre die verſchiedenen Modulationen ihrer Stimme vermiſcht mit dem Geräuſch eines Schloſſes, das man ſchloß. Auf dem Ruheplatze blieb Maurice ſtehen; die Thüre war halb geöffnet: ſonſt war ſie beſtändig geſchloſſen und dieſer Umſtand ſetzte Maurice in Erſtaunen. Er ſchaute umher, ob er nicht Geneviève im Gang erblicken würde. Geneviéve war nicht hier. Er trat ein, durchſchritt das Vorzimmer, das Speiſezimmer, den n; er unterſuchte das Schlafzimmer. Vorzimmer, Speiſezimmer, Salon, Schlafzimmer waren verlaſſen. Er rief, Niemand antwortete. Der Willfährige war bekanntlich weggegangen; Mau⸗ rice dachte, in ſeiner Abweſenheit hätte vielleicht Gene⸗ viéve einer Schnur, um das Gepäcke zu binden, oder einiger Mundvorräthe bedurft, um ſie für die Reiſe in den Wagen zu nehmen, und ſie wäre hinabgegangen, um dieſe Gegenſtände zu kaufen. Die Unklugheit kam ihm ſtark vor, doch er vermuthete noch nichts, obgleich er un⸗ ruhig zu werden anfing. Maurice wartete, ging im Zimmer auf und ab und legte ſich von Zeit zu Zeit aus dem Fenſter, durch deſſen Oeffnung Luftſtröme mit Regen beladen eindrangen. 1 Bald glaubte Maurice einen Tritt auf der Treppe zu hören; er horchte; es war nicht der von Geneviève; er lief nichtsdeſtoweniger auf den Ruheplatz, neigte ſich 177 über das Geländer und erkannte den Willfährigen, wel⸗ cher mit der den Bedienten eigenthümlichen Sorgloſigkeit die Treppe heraufſtieg. „Scävola!“ rief er. Scävola ſchaute empor. „Ah! Sie ſind es, Bürger!“ „Ja, ich bin es; doch wo iſt denn die Bürgerin?“ „Die Bürgerin?“ fragte Scävola erſtaunt, während er immer weiter hinaufſtieg. MAllerdings. Haſt Du ſie unten geſehen?“ „Nein.“ „Dann gehe wieder hinab. Frage den Concierge und erkundige Dich bei den Nachbarn.“ „Auf der Stelle.“ Scavola ging wieder hinab. „Schneller, ſchneller!“ rief Maurice,„ſiehſt Du nicht, daß ich auf feurigen Kohlen ſtehe.“ Maurice wartete fünf bis ſechs Minuten auf der Treppe. Als er dann Scävola nicht wieder erſcheinen ſah, trat er in das Zimmer und neigte ſich abermals aus dem Fenſter. Er ſah Scävola in zwei oder drei Buden eintreten und herauskommen, ohne etwas Neues erfahren zu haben. Ungeduldig rief er ihm. Der Willfährige ſchaute empor und erblickte ſeinen ungeduldigen Herrn am Fenſter. Maurice hieß ihn durch ein Zeichen wieder herauf⸗ kommen.. „Sie kann unmöglich ausgegangen ſein,“ ſagte Mau⸗ rice zu ſich ſelbſt. Und er rief abermals: „Geneviève! Geneviève!“ Alles war todt. Das einſame Zimmer ſchien nicht einmal mehr ein Echo zu haben. Scävola erſchien wieder. „Nun?“ fragte Maurice. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge, II. 12 178 „Der Concierge allein hat ſie geſehen.“ „Der Concierge hat ſie geſehen?“ „Ja, doch die Nachbarn haben nicht von ihr ſprechen hören.“ 1„Der Concierge hat ſie geſehen, ſagſt Du? Wie dies?“ „Er hat ſie hinausgehen ſehen.“ „Sie iſt alſo weggegangen?“ „Es ſcheint.“ „Allein? Geneviéve kann unmöglich allein wegge⸗ gangen ſein.“ „Sie war nicht allein, Bürger, ſie hatte einen Mann bei ſich.“ „Wie! einen Mann? „Wenigſtens wie der Bürger Concierge ſagt.“ „Hole ihn, ich muß wiſſen, wer dieſer Mann iſt.“ Scävola machte zwei Schritte gegen die Thüre, wandte ſich dann um und ſagte, indem er nachzudenken ſchien: „Warten Sie doch.“ „Wie? was willſt Du? Sprich, Du machſt mich ſterben.“ Neliht war es der Mann, der mir nachgelaus een iſt.“. „Ein Mann iſt Dir nachgelaufen?“ „Ja.* 8 „Warum?“ „Um in Ihrem Namen den Schlüſſel von mir zu ver⸗ langen.“ „Was für einen Schlüſſel, Unglücklicher, ſprich doch, ſprich doch!“ „Den Schlüſſel der Wohnung.“ „Du haſt den Schlüſſel der Wohnung einem Fremden gegeben?“ rief Maurice und packte den Willfährigen mit beiden Händen am Kragen. „Aber es war kein Fremder, mein Herr, es war einer von Ihren Freunden.“ „Ahl ja, einer von meinen Freunden, gut, es iſt Lorin, ſie wird ohne Zweifel mit Lorin weggegangen ſein.“ 179 Und unter ſeiner Bläſſe lächelnd, fuhr Maurice über ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne. „Nein! nein! nein! mein Herr, er iſt es nicht,“ ſagte Scävola;„bei Gott, ich kenne wohl Herrn Lorin.“ „Aber wer iſt es denn?“ „Sie wiſſen wohl, Bürger, der hübſche Mann, der eines Tags kam..“ „An welchem Tag?“ „An dem Tag, wo Sie ſo traurig waren; der Mann, der Sie mit ſich nahm, wonach Sie ſo heiter zurückkehrten.“ Scävola hatte alle dieſe Dinge bemerkt. 2 Maurice ſchaute ihn mit beſtürzter Miene an, ein Schauer durchlief ſeinen ganzen Leib;z dann nach langem Stillſchweigen rief er: 4 „Dirmer?“ „Meiner Treue, ja, ich glaube ſo iſt es, Bürger,“ ſagte der Willfährige. Maurice wankte und wäre bald rückwärts auf einen Lehnſtuhl gefallen. Seine Augen verſchleierten ſich. „Oh! mein Gott!“ murmelte er. Dann öffneten ſich ſeine Augen wieder und fielen auf den vergeſſenen, oder vielmehr von Geneviève zurückgelaſ⸗ ſenen Veilchenſtrauß. Er ſtürzte darauf, nahm ihn, küßte ihn und ſprach, als er ſodann die Stelle bemerkte, wo er niedergelegt ge⸗ weſen war: „Es iſt kein Zweifel mehr. Dieſe Veilchen ſind ihr letztes Lebewohl.“ Maurice wandte ſich um und gewahrte nun erſt, daß der Koffer halb voll war, und daß die übrige Wäſche auf dem Boden oder in dem geöffneten Schrank lag. Die Wäſche auf dem Boden war ohne Zweifel den Händen von Geneviève bei der Erſcheinung von Dirmer entfallen. Von dieſem Augenblicke an erklärte er ſich Alles. Die Scene erhob ſich lebendig und gräßlich vor ſeinen 180 Augen zwiſchen dieſen vier Wänden, welche kurz zuvor noch Zeugen von ſo viel Glück geweſen waren. Bis dahin war Maurice niedergeſchlagen, gelähmt geblieben. Das Erwachen war furchtbar, der Zorn des jungen Mannes ſchrecklich. Er ſtand auf, ſchloß das offen gebliebene Fenſter, nahm oben von ſeinem Secretaire zwei für die Reiſe ge⸗ ladene Piſtolen, unterſuchte das Zündkraut und ſteckte, als er ſah, dieſes in gutem Zuſtande war, die Piſtolen in ſeine Taſche. Dann ließ er in ſeine Börſe zwei Rollen Louis d'or gleiten, wache er, trotz ſeines Patriotismus, im Hinter⸗ grunde ein Schublade aufzubewahren für klug erachtet hatte, nahm ſeinen Säbel mit der Scheide in die Hand und ſagte zu ſeinem Willfährigen: „Scävola, ich glaube, Du biſt mir anhänglich, Du haſt meinem Vater und mir ſeit fünfzehn Jahren gedient.“ „Ja, Bürger,“ antwortete der Willfährige vom Schre⸗ cken erfaßt beim Anblick dieſer marmorartigen Bläſſe und des Nervenzitterns, das er nie an ſeinem Herrn wahrgenommen hatte, der mit Fug und Necht für den unerſchrockenſten und kräftigſten Mann galt;„ja, was be⸗ fehlen Sie mir?“ 8 „Höre, wenn dieſe Dame, welche hier wohnte...“ Er unterbrach ſich; ſeine Stimme itterte ſo heftig, als er dieſe Worte ſprach, daß er nicht fortfahren konnte. „Wenn ſie zurückkommt,“ ſagte er nach einem Au⸗ genblick,„empfange ſie, ſchließ’ die Thüre hinter ihr; nimm dieſen Carabiner, ſtelle Dich auf die Treppe, und bei Deinem Kopfe, bei Deinem Leben„bei Deiner Seele laß Niemand herein; will man die Thüre ſprengen, ver⸗ theidige ſie; ſchlage! tödte! tödte! und fürchte nichts, Scävola, ich nehme Alles auf mich.“ Deerr Ton des jungen Mannes, ſein gewaltiges Ver⸗ trauen electriſirten Scaͤvola und er erwiederte: 3 „Ich werde nicht nur tödten, ich werde mich auch für die Bürgerin Genevisve tödten laſſen.“ 181 „Ich danke. Nun höre. Dieſe Wohnung iſt mir verhaßt, und ich will ſie nicht mehr betreten, wenn ich ſie nicht wieder aufgefunden habe. War es ihr möglich, zu entweichen, iſt ſie zurückgekommen, ſo ſtelle an das Fenſter die große japaneſiſche Vaſe mit den Margarethen⸗ blumen, welche ſie ſo ſehr liebte. Das iſt für den Tag. In der Nacht ſtelle eine Laterne an dieſen Platz. So oft ich am Ende der Straße vorüberkomme, werde ich unter⸗ richtet ſein; ſo lange ich weder Laterne noch Vaſe ſehe, ſetze ich meine Nachforſchungen fort.“ „Oh! Herr, ſeien Sie klug, ſeien Sie klug!“ rief Scävola. Maurice hörte nicht einmal; er ſtürzte aus dem Zimmer, eilte die Treppe hinab, als ob er Flügel gehabt hätte, und lief zu Lorin. 3 Es wäre ſchwer, das Erſtaunen, den Zorn, die Wuth des würdigen Dichters zu ſchildern, als er dieſe Nachricht erfuhr; man könnte eben ſo leicht die rührenden Elegien wiederbeginnen, welche Oreſtes ſeinem Pilades eingeben mußte. 3 „Du weißt alſo nicht, wo ſie iſt?“ wiederholte er unabläſſig.— „Verloren, verſchwunden!“ ſchrie Maurice in einem Parorysmus der Verzweiflung;„er hat ſie getödtet, Lorin, er hat ſie getödtet!“ „Ei! nein, mein lieber Freund! nein, mein guter Maurice! er hat ſie nicht getödtet; nein, nach ſo vielen Tagen der Ueberlegung ermordet man eine Frau wie Ge⸗ neviève nicht; nein, wenn er ſie getödtet hätte, ſo würde er ſie auf der Stelle getödtet und als Zeichen ſeiner Rache den Leichnam bei Dir zurückgelaſſen haben. Nein, ſiehſt Du, er iſt mit ihr geflohen, nur zu glücklich, ſeinen Schatz wiedergefunden zu haben.“ „Du kennſt ihn nicht, Lorin, Du kennſt ihn nicht,“ ſagte Maurice;„dieſer Menſch hatte etwas Unſeliges in ſeinem Blicke.“ „Nein, Du täuſcheſt Dich, er machte auf mich im⸗ — 182 mer den Eindruck eines braven Mannes. Er hat ſie mit⸗ genommen, um ſie zu opfern. Er wird ſich mit ihr ver⸗ haften laſſen und man todtet ſie mit einander. Ahl darin liegt die Gefahr,“ ſprach Lorin. Dieſe Worte verdoppelten den Wahnſinn von Maurice. „Ich werde ſie wiederfinden! ich werde ſie wieder⸗ finden oder ich ſterbe!“ rief er. „Oh! was das betrifft, ſicherlich werden wir ſie wiederfinden, nur beruhige Dich. Sieh, Maurice, mein guter Maurice, glaube mir, man ſucht ſchlecht, wenn man nicht überlegt, man überlegt ſchlecht, wenn man ſich ſo gewaltig aufregt.“ „Gott befohlen, Lorin.“ „Was machſt Du denn?“ „Ich gehe.“ „Du verläſſeſt mich? warum dies? „Weil das nur mich allein angeht, weil nur ich allein mein Leben einſetzen darf, um das von Genevieve zu retten.“ „Du willſt ſterben 2„) „Ich werde Allem Trotz bieten: ich will den Präſi⸗ denten des Beaufſichtigungsausſchuſſes aufſuchen; ich will mit Hebert, mit Danton, mit Robespierre ſprechen; ich werde Alles geſtehen, doch man muß ſie mir zurückgeben.“ „Es iſt gut,“ ſagte Lorin. Und ohne ein weiteres Wort ſtand er auf, ſchnallte ſich ſeinen Säbel um, ſetzte ſeinen Uniformshut auf, nahm, wie es Maurice gethan, ein Paar geladene Piſtolen und ſteckte ſie in ſeine Taſche.— „Gehen wir,“ fügte er dann einfach bei. „Gut, und hernach?“ „Hat man das Stück zu Ende geſehen, Muß man in guter Geſellſchaft gehen.“ „Wo ſuchen wir zuerſt?“ ſagte Manrice. „Suchen wir zuerſt in dem alten Quartier, Du 183 weißt? Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques; dann lauern wir auf den Maiſon⸗Rouge; wo er iſt, wird ohne Zweifel auch Dirmer ſein; hernach nähern wir uns den Häuſern der Vieille⸗Corderie, Du weißt, man ſpricht davon, Antoi⸗ nette wieder in den Temple zu verſetzen? Glaube mir, Leute wie dieſe werden die Hoffnung, ſie zu retten, bis auf den letzten Augenblick nicht verlieren.“ „Ja, in der That, Du haſt Recht... Du glaubſt, Maiſon⸗Rouge ſei in Paris 2 „Dirmer iſt wohl hier.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr, ſie werden vereinigt ſein,“ verſetzte Maurick, dem ein entfernter Schimmer wieder etwas Vernunft verlieh.„Komm!“ Von dieſem Augenblick an ſuchten die zwei Freunde mit allem Eifer. Doch es war vergebens. Paris iſt groß, und ſein Schatten iſt dicht. Nie hat ein Schlund in tie⸗ ferer Dunkelheit das Geheimniß, welches ihm das Ver⸗ berchen oder das Unglück anvertraut, zu verbergen ver⸗ mocht. Hundertmal gingen Lorin und Maurice über die Greéve, hundertmal ſtreiften ſie an dem kleinen Hauſe hin, in welchem Genevisève lebte, unabläſſig bewacht von Dir⸗ mer, wie einſt die Prieſter das Opfer bewachten, das zum Schlachten beſtimmt war. Als ſich Geneviève ihrerſeits dem Tode geweiht ſah, nahm ſie wie alle edle Seelen das Opfer an und wollte nur geräuſchlos ſterben; überdies befürchtete ſie weniger noch für Dirmer, als für die Sache der Königin eine Oeffentlichkeit, welche Maurice unfehlbar ſeiner Rache ge⸗ geben haben würde. Sie beobachtete alſo ein ſo tiefes Stillſchweigen, als ob der Tod ihren Mund geſchloſſen hätte. Manrice hatte indeſſen, ohne Lorin etwas zu ſagen, die Mitglieder des furchtbaren Wohlfahrtsausſchuſſes an⸗ gefleht, und Lorin hatte ſeinerſeits, ohne mit Maurice zu ſprechen, ſich denſelben Schritten gewidmet. 184 An demſelben Tage wurde auch ein rothes Kreuz von Fouquier⸗Tinville neben ihre Namen gezeichnet, und das Wort Verdächti ge vereinigte ſie in einer blutigen Umarmung. —— Sͤ— XLVI. Das Gericht. Am drei und zwanzigſten Tage des erſten Monats im Jahre II. der einigen und untheilbaren franzöſiſchen Republik, der mit dem 14. October 1793 alten Styls, wie man damals ſigte, correſpondirte, drängte ſich eine neugierige Menge vom Morgen an auf den Tribunen des Saales, in welchem die revolutionären Sitzungen gehalten wurden. 3 Die Gänge des Palaſtes, die Zugänge der Concier⸗ gerie waren dicht beſetzt von ungeduldigen Zuſchauern, welche einander die Gerüchte und Leidenſchaften übertru⸗ gen, wie ſich die Wellen ihr Toſen und ihr Schäumen 1 uͤbertragen. Trotz der Neugierde, mit der jeder Zuſchauer ſich geberdete, und gerade vielleicht wegen dieſer Neugierde, behielt jede Welle dieſes Meeres, bewegt, gepreßt zwiſchen zwei Barrieèren, der äußeren Barreéire, welche ſie vorſtieß, der inneren Barriére, welche ſie zurückſtieß, in dieſem Strom und Gegenſtrom ungefähr denſelben Platz, den ſie eingenommen hatte. Doch diejenigen, welche am beſten geſtellt waren, begriffen auch, daß ſie ſich Verzeihung für ihr Glück verſchaffen mußten, und ſie ſtrebten nach dieſem Ziele dadurch, daß ſie ihren minder gut geſtellten Nachbarn erzählten, was ſie ſahen und hörten, die dann an Andere wieder die urſprünglichen Worte über⸗ trugen. „——— — 185 Doch an der Thüre des Tribunals ſtritt ſich eine Gruppe dicht zuſammengeſchaarter Männer heftig um zehn Linien Raum in der Breite oder in der Höhe; denn zehn Linien in der Breite waren hinreichend, um zwiſchen zwei Schultern eine Ecke des Saales und das Geſicht der Richter zu ſehen; denn zehn Linien in der Höhe waren hinreichend, um über einen Kopf hin den ganzen Saal und das Geſicht der Angeklagten zu erſchauen. Leider nahm dieſe Paſſage von einem Gang in den Saal, dieſen ſo kleinen Engpaß ein Mann beinahe gänz⸗ lich mit ſeinen breiten Schultern und ſeinen in die Seite geſtemmten Armen ein, welche die ganze ſchwankende Menge zurückhielten, die in den Saal geſtürzt wäre, wenn ihr plötzlich der fleiſcherne Wall gefehlt hätte. Dieſer unerſchütterliche Mann auf der Schwelle des Tribunals war jung und ſchön und ſchuttelte bei jedem ſtärkeren Stoße, den ihm die Menge verſetzte, wie eine Mähne ſein dickes Haupthaar, unter welchem ein finſterer, entſchloſſener Blick glänzte. Wenn er dann mit dem Blicke und der Bewegung die Menge, deren hartnäckigen Angriff er als ein lebendiger Damm auſſielt, wieder zurückge⸗ drängt hatte, verſank er abermals in ſeine aufmerkſame Unbeweglichkeit.* Hundertmal verſuchte es jedoch die gepreßte Maſſe, ihn niederzuwerfen, denn er war von hohem Wuchſe und hinter ihm wurde jede Ausſicht unmöglich; doch wie ge⸗ ſagt, ein Fels wäre nicht unerſchütterlicher geweſen als er. Am andern Ende dieſer menſchlichen Mauer, inmitten der gedrängten Menge, hatte ſich ein anderer Menſch mit einer Beharrlichkeit, welche an Wildheit grenzte, Bahn gebrochen; nichts hatte ihn in ſeinem unermüdlichen Fort⸗ ſchritte aufgehalten, weder die Schläge derjenigen, welche er hinter ſich gelaſſen, noch die Verwünſchungen der Leute, die er im Vorubergehen beinahe erdrückte, noch die Klagen der Frauen, denn es waren viele Frauen unter dieſer Menge. Auf die Schläge antwortete er durch Schläge, auf 186 die Verwünſchungen durch einen Blick, vor dem die Muthig⸗ ſten zurückwichen, auf die Klagen durch eine Unempfindlich⸗ keit, die der Verachtung glich. Endlich gelangte er zu dem kräftigen jungen Mann, der gleichſam den Eingang des Saales ſchloß. Und unter der allgemeinen Erwartung, denn Jeder wollte ſehen, wie die Sache zwiſchen dieſen zwei harten Gegnern ablaufen würde, und unter der all⸗ gemeinen Erwartung, ſagen wir, verſuchte er ſeine Methode, welche darin beſtand, daß er zwiſchen zwei Zuſchauer ſeine Ellenbogen wie Keile einpreßte und mit ſeinem Leib die am Engſten an einander geſchloſſenen Leiber ſpaltete. Dieſer war jedoch ein junger Mann, deſſen bleiches Geſicht und zarte Glieder eine ebenſo ſchwächliche Con⸗ ſtitution andeuteten, als ſeine ſprühende Augen für die Feſtigkeit ſeines Willens zeugten. Doch kaum hatte ſein Ellenbogen die Seiten des jungen Mannes geſtreift, der vor ihm ſtand, als dieſer ſich, er⸗ ſtaunt über den Angriff, raſch umwandte und mit derſel⸗ ben Bewegung eine Fauſt aufhob, die den Verwegenen niederfallend zu zerſchmettern drohte. Die zwei Gegner fanden ſich nun von Angeſicht zu Angeſicht einander gegenüber und ein kleiner Schrei ent⸗ ſchluͤpfte ihnen zu gleicher Zeit. Sie hatten ſich erkannt. „Ah! Bürger Maurice,“ ſagte der ſchwächliche junge Mann mit einem Ausdrucke unausſprechlichen Schmerzes, „laſſen Sie mich vorbei; laſſen Sie mich ſehen; ich ſiehe Sie an! Sie mögen mich hernach tödten!“ Maurice, denn er war es wirklich, fühlte ſich von Rührung und Bewunderung für dieſe Ergebenheit, für dieſen unſtörbaren Willen durchdrungen. „Sie!“ flüſterte er;„Sie hier, Unvorſichtiger?“ „Ja, ich bin hier! doch ich bin erſchöpft. Oh! mein Gott! ſie ſpricht! laſſen Sie mich Sie ſehen! laſſen Sie mich ſie hören!“ Maurice trat ein wenig auf die Seite und der junge Mann rückte vor ihn. Da Maurice an der Spitze der KN—; 2n 187 Menge ſtand, ſo hemmte nichts mehr den Blick desjenigen, welcher ſo viele Buffe und Stöße ausgeſtanden, um nur zu dieſer Stelle zu gelangen. Dieſe ganze Scene und das Gemurmel, das ſie veran⸗ laßte, erregten die Neugierde der Richter. Die Angeklagte ſchaute auch nach dieſer Seite; da erblickte und erkannte ſie in der erſten Reihe den Chevalier. Etwas wie ein Schauer bewegte einen Augenblick die Königin, welche in dem eiſernen Lehnſtuhle ſaß. Geleitet von dem Präſidenten Harmand, erläutert von Fouquier⸗Tinville und discutirt von Chauveau⸗Lagarde, dem Vertheidiger der Königin, dauerte das Verhör ſo lange es die Kräfte der Richter und der Angeklagten er⸗ laubten. Während dieſer ganzen Zeit blieb Maurice unbeweg⸗ lich an ſeinem Platz, indeß die Zuſchauer ſich ſchon mehrere Male in dem Saale und in den Gängen erneuert hatten. Der Chevalier hatte einen Stützpunkt an einer Säule gefunden, und hier ſtand er, nicht minder bleich als der Stuck, an den er ſich anlehnte. Auf den Tag folgte eine finſtere Nacht; einige auf den Tiſchen der Geſchworenen angezündete Kerzen, ein paar Lampen, welche an den Wänden des Saales rauch⸗ ten, beleuchteten mit einem duſtern, rothen Refler das edle Antlitz dieſer Frau, die ſo ſchön geweſen war unter den glänzenden Lichtern der Feſte von Verſailles. Sie ſaß hier allein, beantwortete mit ein paar kurzen, verächtlichen Worten die Fragen des Präſidenten und neigte ſich zuweilen an das Ohr ihres Vertheidigers, um leiſe mit ihm zu ſprechen. Ihre weiße, glatte Stirne hatte nichts von ihrem gewöhnlichen Stolz verloren; ſie trug das ſchwarzgeſtreifte Kleid, das ſie ſeit dem Tode des Königs nicht hatte ab⸗ legen wollen.. Die Richter verließen den Saal, um zur Abſtimmung zu ſchreiten; die Sitzung war beendigt. 188 „Habe ich mich denn an hochmüthig gezeigt, mein Herr?“ fragte die Königin Chauveau⸗Lagarde. „Ah! Madame,“ erwiederte dieſer,„Sie werden ſtets gut ſein, wenn Sie Sie ſelbſt ſind.“. „Siehſt Du, wie ſtolz ſie iſt!“ rief eine Frau in der Verſammlung, als ob eine Stimme aus dem Volke die Frage beantwortete, welche die unglückliche Königin an ihren Advocaten gerichtet hatte. Die Königin wandte den Kopf gegen dieſe Frau. „Nun wohl, ja,“ wiederholte die Frau,„ich ſage, Du biſt ſtolz, Antoinette, und Dein Stolz hat Dich zu Grunde gerichtet.“ Die Königin erröthete. Der Chevalier drehte ſich gegen die Frau, welche dieſe Worte geſprochen hatte und erwiederte halblaut: „Sie war die Königin.“ Maurice faßte ihn beim Fauſtgelenke und ſagte ganz leiſe zu ihm: „Ruhig, haben Sie den Muth, ſich nicht in das Verderben zu ſtürzen.“ „Ohl Herr Maurice,“ entgegnete der Chevalier,„Sie ſind ein Mann und Sie wiſſen, daß Sie mit einem Manne ſprechen. Ohl ſagen Sie mir, glauben Sie, daß ſie die Königin verurtheilen können?“ „Ich glaube es nicht, ich bin deſſen gewiß.“ „Ohl eine Frau!“ rief Maiſon⸗Rouge ſchluchzend. „Nein, eine Königin,“ verſetzte Maurice,„Sie haben es ſelbſt geſagt.“ Der Chevalier ergriff Maurice ebenfalls am Fauſt⸗ gelenke und zwang ihn mit einer Kraft, die man ihm nicht hätte zutrauen ſollen, ſich an ſein Ohr zu neigen. Es war halb vier Uhr Morgens. Große Leeren ließen ſich unter den Zuſchauern bemerken, einige Lichter waren erloſchen und dadurch verſchiedene Theile des Saales in Dunkelheit verſunken. Einer von den dunkelſten Theilen war derjenige, wo ſich der Chevalier und Maurice befanden. 189 „Warum ſind Sie hier und was wollen Sie hier machen?“ fragte der Chevalier,„Sie, mein Herr, der Sie kein Tigerherz haben?“ „Ach!“ erwiederte Maurice,„ich bin hier, um zu erfahren, was aus einer unglücklichen Frau geworden iſt“ „Ja, ja,“ ſprach Maiſon⸗Rouge,„aus der, welche ihr Gatte in den Kerker der Königin geſtoßen hat, aus der Frau, welche vor meinen Augen ſeſtgenommen wurde.“ „Geneviéve?“ „Ja, Genevieève.“ „Alſo iſt Geneviève eine Gefangene, aufgeopfert durch ihren Gatten, getödtet durch Dirmer? Ohl ich verſtehe Alles, ich begreife nun Alles. Chevalier, erzählen Sie mir, was vorgefallen, ſagen Sie mir, wo ſie iſt, ſagen Sie mir, wo ich ſie wiederfinden kann Dieſe Frau iſt mein Leben, hören Sie wohl, Chevalier?“ „Nunl! ja, ich habe ſie geſehen, ich war dabei, als ſie verhaftet wurde. Ich kam auch, um der Königin ent⸗ weichen zu helfen; doch unſere Pläne, die wir uns nicht hatien mittheilen können, ſchadeten ſich, ſtatt ſich zu unter⸗ ſtützen.“ „Und Sie haben ſie nicht wenigſtens gerettet, ſie, ihre Schweſter, Geneviéve?“ „Konnte ich? Ein eiſernes Gitter trennte mich von ihr. Ahl wenn Sie da geweſen wären, wenn Sie Ihre Kräfte mit den meinigen hätten vereinen können, das ver⸗ fluchte Gitter würde nachgegeben haben, und wir hätten Beide gerettet.“ „Geneviève! Geneviève!“ flüſterte Maurice. Dann ſchaute er Maiſon⸗Rouge mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck der Wuth an und fragte ihn: „Und Dirmer, was iſt aus ihm geworden?“ „Ich weiß es nicht. Er hat ſich ſeinerſeits geflüchtet, während ich meinerſeits daſſelbe that.“— „Ohl wenn ich ihn je wiederfinde...“ ſprach Mau⸗ rice mit den Zähnen knirſchend.. „Ja, ich begreife. Doch für Geneviéve darf man 190 noch nicht verzweifeln, während hier, während die Kö⸗ nigin.. Ohl hören Sie, Maurice, Sie ſind ein Mann von Herz, ein mächtiger Mann! Sie haben Freunde.. Ohl ich bitte Sie, wie man Gott bittet, Maurice, hel⸗ fen Sie mir die Königin retten.“ „Was denken Sie?“ „Mauricel Genevisve fleht Sie durch meine Stimmean.“ „Ohl ſprechen Sie dieſen Namen nicht aus, mein Herr. Wer weiß, ob Sie nicht wie Dirmer die arme Frau aufgeopfert haben?“ „Mein Herr,“ antwortete der Chevalier ſtolz,„wenn ich mich einer Sache weihe, opfere ich nur mich ſelbſt.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre des Be⸗ rathungsſaales, Maurice wollte antworten. „Stille, mein Herr,“ ſagte der Chevalier,„ſtille, hier kehren die Richter zurück.“. Maurice fühlte die Hand zittern, welche Maiſon. Rouge, bleich und wankend, auf ſeinen Arm gelegt hatte. „Ohl“ murmelte der Chevalier,„ohl das Herz bricht mir.“ „Muth gefaßt, bewältigen Sie ſich, oder Sie find verloren.“ 3 Das Tribunal kehrte in der That zurück, und die Nachricht von ſeiner Rückkehr perbreitete ſich in den Gän⸗ gen und Gallerien. Die Menge drang abermals ungeſtüm in den Saal und die Richter ſchienen ſich von ſelbſt für dieſen ent. ſcheidenden, feierlichen Augenblick wiederzubeleben. Man hatte die Königin zurückgebracht; ſie hielt ſich gerade, unbeweglich, ſtolz, die Augen ſtarr, die Lippen geſchloſſen. Man las ihr den Spruch vor, der ſie zum Tode verurtheilte. 8 Sie hörte, ohne zu erbleichen, ohne eine Miene zu verändern, ohne daß eine Muskel ihres Geſichtes den An⸗ 3 ſchein einer Erſchütterung bezeichnete. Dann wandte ſie ſich gegen den Chevalier um und 4 ——+8—— 191 richtete einen langen, beredten Blick an ihn, als wollte ſie dieſem Manne danken, den ſie immer nur als leben⸗ dige Bildſäule der Ergebenheit geſehen hatte, und ſich auf den Arm des Gendarmerie⸗Officiers ſtützend, der die be⸗ waffnete Macht befehligte, verließ ſie ruhig und würdig das Tribunal. Maurice ſtieß einen langen Seufzer aus. „Gott ſei Dank!“ ſagte er,„nichts hat in ihrer Er⸗ klärung Geneviéve gefährdet und es iſt noch Hoffnung vorhanden.“ „Gott ſei Dank!“ murmelte ſeinerſeits der Chevalier von Maiſon⸗Rouge,„Alles iſt vorbei, der Kampf iſt beendigt.“ „Muth gefaßt, mein Herr,“ flüſterte ihm Maurice zu. „Ich werde haben,“ antwortete der Chevalier. Und nachdem ſie ſich die Hand gedrückt, entfernten ſich Beide durch verſchiedene Ausgänge. ie Königin wurde in die Conciergerie zurückgeführt; es ſchlug vier Uhr im Glockenthurme, als ſie zurückkam. An der Mündung des Pont Neuf wurde Maurice durch die Arme von Lorin aufgehalten. „Halt,“ ſagte er,„man geht nicht vorbei.“ „Warum?“ „Vor Allem, wohin willſt Du?“ 3 „Ich gehe nach Hauſe. Ich kann nun zurückkehren, denn ich weiß, was aus ihr geworden iſt.“ „Deſto beſſer; doch Du wirſt nicht nach Hauſe gehen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil vor zwei Stunden die Gendarmen gekommen ſind, um Dich zu verhaften.“ „Ahl“ rief Maurice,„das iſt ein Grund mehr.“ „Biſt Du verruͤckt? Und Geneviève?“ „Es iſt wahr. Wohin gehen wir?“ „Zu mir, bei Gott!“ 3 „Doch ich ſtürze Dich in's Verderben.“ „Ein Grund mehr; komm, laß uns gehen.“ Und er zog ihn fort. S XLVII. Prieſter und Henker. Als ſie das Tribunal verließ, wurde die Königin in ſi die Conciergerie geführt. Sobald ſie in ihrem Zimmer war, nahm ſie die Scheere und ſchnitt ihre langen, ſchönen Haare ab, welche noch ſchöner geworden waren durch den Mangel an Puder, di deſſen ſie ſich ſeit einem Jahre nicht mehr bediente; ſie ih ſchloß dieſelben in ein Papier und ſchrieb auf dieſes: Zwi⸗ fi ſchen meinem Sohne und meiner Tochter zu uü theilen. d Dann ſetzte ſie ſich, oder fiel vielmehr auf einen Stuhl und entſchlummerte, gelähmt von der Anſtrengung, 1 denn das Verhör hatte achtzehn Stunden gedauerte do Um ſieben Uhr erweckte ſie plötzlich das Geräuſch des Windſchirmes, den man verrückte; ſie wandte ſich um und ſah einen Mann, der ihr völlig unbekannt war. C „Was will man von mir?“ fragte ſie. Der Mann näherte ſich ihr, begrüßte ſie ſo höflich, un als ob ſie noch Königin geweſen wäre, und ſprach: „Ich heiße Sanſon.“ di Die Königin ſchauerte leicht und ſtand auf. Dieſer al Name allein ſagte mehr als eine lange Rede. ei „Sie kommen ſehr frühzeitig, mein Herr,“ ſprach ſie,„könnten Sie nicht noch ein wenig zögern?“ 1 ni „Nein, Madame,“ erwiederte Sanſon,„ich habe Be⸗ fehl, zu kommen.“ 3 Nach dieſen Worten machte er noch einen Schritt gegen die Königin. 4 3 Alles war bei dieſem Mann und in dieſem Augen⸗ blick ausdrucksvoll und furchtbar. 3 „Ahl ich begreife,“ ſagte die Gefangene,„Sie kommen, um mir die Haare abzuſchneiden.“— 193 „Das iſt nothwendig, Madame,“ antwortete der Scharfrichter. 1 „Ich wußte es, mein Herr, und wollte Ihnen dieſe Mühe erſparen. Meine Haare liegen hier auf dieſem Tiſch.“ Sanſon folgte der Richtung der Hand der Königin. „Nur,“ fuhr ſie fort,„nur wünſchte ich, daß Sie ſie dieſen Abend meinen Kindern zuſtellen würden.“ „Madame, das iſt nicht meine Sorge.“ „Ich glaubte jedoch...“ „Ich für mich,“ verſetzte der Schurfrichter,„habe nur die Berlaſſenſchaft... der Perſonen.. ihre Kleider, ihre Juwelen, und zwar nur, wenn ſie mir dieſelben förmlich ſchenken; ſonſt geht dies Alles an die Salpetriére über und gehört den Armen der Hoſpitäler; ein Beſchluß des Wohlfahrtsausſchuſſes hat dieſe Dinge geordnet.“ „Aber mein Herr,“ ſagte Marie Antoinette dringend, „kann ich darauf zählen, daß meine Haare meinen Kin⸗ dern zugeſtellt werden?“ Saͤnſon blieb ſtumm. „Ich übernehme es, den Verſuch zu machen,“ ſagte Gilbert. Die Gefangene warf dem Gendarmen einen Blick unausſprechlicher Dankbarkeit zu. „Ich bin gekommen,“ ſprach Sanſon,„um Ihnen die Haare auznönedden; doch da dieſes Geſchäft ſchon abgethan iſt, ſo kann ich Sie, wenn Sie es wünſchen, einen Augenblick allein laſſen.“ „Ich bitte Sie darum, mein Herr,“ ſprach die Kö⸗ nigin,„denn ich bedarf der Sammlung und des Gebetes.“ Sanſon verbeugte ſich und ging hinaus. Dann befand ſich die Königin allein, denn Gilbert hatte nur den Kopf hereingeſtreckt, um die Worte zu ſpre⸗ chen, die wir gehött. Während die Verurtheilte auf einen Stuhl nieder⸗ kniete, der etwas niedriger war als die andern und ihr als Betpult diente, fiel eine Scene, nicht zjinder ſchreck⸗ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 194 lich, als die von uns erzählte, in dem Pfarrhauſe der kleinen Kirche Saint⸗Landry in der Cité vor. Der Geiſtliche dieſes Kirchſpiels war eben aufgeſtan⸗ den, ſeine alte Haushälterin richtete ſein beſcheidenes Früh⸗ ſtück zu, als man plötzlich heftig an die Thüre des Pfarr⸗ hauſes klopfte. Selbſt bei einem Prieſter unſerer Tage kündigt ein unvorhergeſehener Beſuch ſtets ein Ereigniß an: es han⸗ delt ſich um eine Taufe, um eine Heirath in extremis, oder um eine Beichte in der Todesſtunde; in jener Zeit aber konnte der Beſuch eines Fremden etwas noch viel Ernſteres ankündigen. In jener Zeit war der Prieſter in der That nicht mehr der Abgeordnete Gottes und er mußte den Menſchen Rechenſchaft ablegen. Doch der Abbé Girard gehörte zu denjenigen, für welche am wenigſten zu befürchten war, denn er hatte der Conſtitution den Eid geleiſtet; in ihm hatten das Gewiſſen und die Redlichkeit lauter geſprochen, als die Eitelkeit und der religiöſe Geiſt. Ohne Zweifel gab der Abbé Gir ard die Möglichkeit eines Fortſchrittes in der Regierung zu und beklagte ſo viele Mißbräuche, welche im Namen der gött⸗ lichen Gewalt begangen wurden; er hatte, ſeinen Gott bei⸗ behaltend, die Brüderſchaft des republikaniſchen Regime an⸗ genommen. „Sehen Sie nach, Dame Jacinthe,“ ſagte er,„ſehen Sie nach, wer ſo frühzeitig an unſere Thüre klopft, und wenn es nicht zuſällig ein ſehr dringender Dienſt iſt, den man von mir verlangt, ſo ſagen Sie, ich ſei dieſen Mor⸗ gen in die Conciergerie beſchieden und müſſe mich noth⸗ wendig in einem Augenblick dahin begeben.“ Dame Jacinthe*) hieß früher Madeleine. Doch ſie hatte einen Blumennamen für ihren Namen angenommen, wie der Abbé Girard den Titel Bürger für den eines Geiſtlichen angenommen hatte.— 4 Auf den Befehl ihres Herrn ſtieg Dame Jazinthe *) Jacinthe gleich Hyacinthe. 9.. nen, ines nthe 195 eiligſt auf den Stufen des kleinen Gartens hinab, gegen welchen ſich die Eingangsthüre öffnete: ſie zog die Riegel zurück, und es zeigte ſich ein ſehr bleicher, ſehr bewegter junger Mann, deſſen Phyſiognomie indeſſen ſauft und ehr⸗ lich war. „Iſt der Herr Abbé Girard zu Hauſe?“ fragte er. Jacinthe betrachtete prüfend die in Unordnung ge⸗ brachten Kleider, den langen Bart und das Nervenzittern des Unbekannten; dies Alles dünkte ihr ein ſehr ſchlimmes Vorzeichen. „Bürger,“ ſagte ſie,„es iſt hier weder ein Herr, noch ein Abbé.“ „Verzeihen Sie, Madame,“ verſetzte der junge Mann, „ich will ſagen, der Geiſtliche vom Saint⸗Landry.“ Jacinthe wurde trotz ihres Patriotismus betroffen von dem Worte Madame, das man nicht an eine Kai⸗ ſerin gerichtet hätte; doch ſie antwortete: „Man kann ihn nicht ſehen, Bürger; er ſpricht ſein Brevier.“ „Dann werde ich warten,“ verſetzte der junge Mann. „Aber,“ entgegnete Dame Jaeinthe, der dieſe Beharr⸗ lichkeit die ſchlimmen Gedanken wieder gab, welche ſich gleich Anfangs in ihr geregt hatten,„aber Sie werden vergebens warten, denn er iſt nach der Conciergerie ge⸗ rufen und wird ſoleioh dahin abgehen.“ Der junge Mann erbleichte furchtbar, oder wurde vielmehr von bleich, wie er war, leichenfarbig. „Es iſt alſo richtig!“ murmelte er. Dann ſagte er laut: „Madame, das iſt gerade der Gegenſtand, der mich zu dem Bürger Girard führt.“ Und trotz der Alten war er, indeß er ſo ſprach, herein⸗ gegangen, hatte ſachte, aber entſchloſſen die Riegel an der Thüre vorgeſchoben und trat nun, ohne die Einwendungen und ſogar die Drohungen der Dame Jaeinthe zu beach⸗ ten, in das Haus und drang bis in das Zimmer des Abbé. —:—é 196 Als dieſer ihn erblickte, ließ er einen Ausruf des Er⸗ ſtaunens vernehmen. „Verzeihen Sie, Herr Pfarrer,“ ſagte ſogleich der junge Mann,„ich habe über eine ſehr ernſte Sache mit Ihnen zu ſprechen; geſtatten Sie, daß wir allein bleiben.“ Der alte Prieſter wußte aus Erfahrung, wie ſich die großen Schmerzen ausdrücken. Er las ein ganzes Leiden in dem verſtörten Geſichte des jungen Mannes, er er⸗ kannte eine erhabene Erſchütterung in ſeiner ſieberhaften Stimme. „Laſſen Sie uns, Dame Jacinthe,“ ſagte er. Der junge Mann folgte mit den Augen voll Unge⸗ duld der Haushälterin, welche, gewohnt an den Geheim⸗ niſſen ihres Herrn Theil zu nehmen, ſich zu entfernen zögerte; als ſie endlich die Thüre geſchloſſen hatte, ſprach der Unbekannte: „Mein Herr Pfarrer, Sie werden mich vor Allem fragen, wer ich bin. Ich will es Ihnen ſogleich ſagen. Ich bin ein Geächteter; ich bin ein zum Tode Verurtheilter und lebe nur durch die Gewalt der Kühnheit; ich bin der Chevalier von Maiſon⸗Rouge.“ Der Abbé ſprang vor Schrecken von ſeinem Lehn⸗ ſtuhle auf. „Ohl fürchten Sie nichts,“ verſetzte der Chevalier. „Niemand hat mich hier eintreten ſehen, und diejenigen, welche mich geſehen hätten, würden mich nicht erkennen, denn ich habe mich ſeit zwei Monaten gewaltig verändert.“ „Aber was wollen Sie denn, Bürger?“ fragte der Pfarrer. „Sie werden dieſen Morgen in die Conciergerie gehen?“. „Ja, ich bin durch den Concierge dahin beſtellt.“ „Wiſſen Sie, warum?“ „Wegen eines Kranken, wegen eines Sterbenden, wegen eines Verurtheilten vielleicht.“ „Sie haben es geſagt: ja, eine verurtheilte Perſon erwartet Sie.“ 5 bu 197 Der alte Prieſter ſchaute den Chevalier erſtaunt an. „Aber wiſſen Sie, wer dieſe Perſon iſt?“ ſagte Mai⸗ ſon⸗Rouge. „Nein... ich weiß es nicht.“ „Nun wohl! dieſe Perſon iſt die Königin!“ Der Abbé ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. „Die Königin! ohl mein Gott!“ „Ja, mein Herr, die Königin! Ich erkundigte mich, um zu wiſſen, welchen Prieſter man ihr geben würde. Ich erfuhr, Sie wären es, und lief herbei.“ „Was wollen Sie von mir?“ fragte der Prieſter, er⸗ ſchrocken über den fieberhaften Ausdruck des Chevalier. „Ich will... ich will nicht, mein Herr. Ich komme, um Sie zu bitten... Sie anzuflehen...“ „Was denn?“ „Mich mit Ihnen zu Ihrer Majeſtät gehen zu laſſen.“ „Ohl ſind Sie denn verrückt!“ rief der Abbé,„Sie richten mich zu Grunde und ſtürzen ſich ſelbſt ins Verderben!“ „Befürchten Sie nichts.“. „Die arme Frau iſt verurheilt und es iſt um ſie ge⸗ ſchehen.“ „Ich weiß es, und nicht um einen Verſuch zu ma⸗ chen, ſie zu retten, will ich ſie ſehen, ſondern... Doch hören Sie mich, mein Vater, Sie hören mich nicht an.“ „Ich höre Sie nicht an, weil Sie etwas Unmög⸗ liches von mir verlangen; ich höre Sie nicht an, weil Sie wie ein Wahnſinniger handeln,“ ſprach der Greis;„ich höre Sie nicht an, weil Sie mich erſchrecken.“ „Mein Vater, beruhigen Sie ſich,“ erwiederte der junge Mann, indem er ſich ſelbſt zu beruhigen ſuchte; „mein Vater, glauben Sie mir, ich habe meine volle Ver⸗ nunft. Die Königin iſt verloren, ich weiß es; doch kann ich mich zu ihren Füßen niederwerfen, nur eine einzige Secunde, ſo iſt mein Leben gerettet; ſehe ich ſie nicht, ſo tödte ich mich, und da Sie die Urſache meiner Verzweif⸗ 198 lung ſind, ſo haben Sie zugleich den Leib und die Seele getödtet.“ 2 „Mein Sohn, mein Sohn,“ ſprach der Prieſter,„be⸗ denken Sie wohl, Sie fordern das Opfer meines Lebens von mir; ſo alt ich bin, ſo iſt mein Daſein doch noch vie⸗ len Unglücklichen nothwendig; ſo alt ich bin, würde ich mir, wenn ich ſelbſt dem Tode entgegenginge, einen Selbſt⸗ mord zu Schulden kommen laſſen.“ „Weiſen Sie mich nicht zurück, mein Vater,“ verſetzte der Chevalier;„Sie brauchen einen Hülfsprieſter, einen Acolyten, nehmen Sie mich mit, mein Vater.“ „Nein,“ ſagte er,„nein, ich würde mich dadurch gegen meine Pflichten verfehlen; ich habe die Conſtitution beſchwo⸗ ren, ich habe aus dem Grunde meines Herzens in meiner Seele und meinem Gewiſſen geſchworen. Die arme verur⸗ theilte Frau iſt eine ſtrafbare Königin; ich wurde zu ſter⸗ ben einwilligen, wenn mein Tod einem Nebenmenſchen nutblicj ſein könnte; doch ich will nicht meine Pflicht ver⸗ etzen.“. „Aber wenn ich Ihnen ſage,“ rief der Chevalier„wenn ich Ihnen wiederhole, wenn ich Ihnen ſchwöre, daß ich nicht die Königin retten will! Sehen Sie auf dieſes Evangelium, ſehen Sie auf deiſes Cruzifir ſchwöre ich Ih⸗ nen, daß ich nicht in die Conciergerie gehe, um ihren Tod zu verhindern.“ „Was wollen Sie dann?“ fragte der Greis, erſchüttert durch dieſen Ausdruck der Verzweiflung, den man nicht nachahmt. „Hören Sie,“ erwiederte der Chevalier, deſſen Seele einen Weg über ſeine Lippen zu ſuchen ſchien,„ſie war meine Wohlthäterin, ſie hat einige Anhänglichkeit für mich; mich in ihrer letzten Stunde zu ſehen, wird, ich bin es feſt überzeugt, ein Troſt für ſie ſein.“ „Das iſt Alles, was Sie wollen?“ fragte der Prieſter, ergriffen von dieſem unwiderſtehlichen Ton. „Durchaus Alles.“ A— ½ G h 12 — ◻ 199 „Sie ſpinnen kein Complott, um einen Verſuch zu Befreiung der Verurtheilten zu machen?“ „Keines. Ich bin ein Chriſt, mein Vater, und wenn in meinem Herzen ein Schatten von Lüge iſt, wenn ich hoffe, ſie werde leben, wenn ich in irgend einer Hinſicht daran arbeite, ſo ſtrafe mich Gott durch eine ewige Ver⸗ dammniß!“ „Nein! nein! ich kann Ihnen nichts verſprechen,“ ſagte der Pfarrer, vor deſſen Geiſt ſich wieder die großen und zahlreichen Gefahren einer ſolchen Unklugheit ſtellten. „Hören Sie, mein Vater,“ entgegnete der Chevalier mit einem Ansdrucke tiefen Schmerzes,„ich habe als de⸗ müthiger Sohn mit Ihnen geſprochen; ich habe nur chriſt⸗ liche und mildherzige Gefühle gegen Sie geäußert; kein bitteres Wort, keine Drohung iſt aus meinem Munde ge⸗ kommen, und dennoch gährt mein Kopf, dennoch durchglüht das Fieber mein Blut, dennoch zernagt mir die Verzweif⸗ lung das Herz, dennoch bin ich bewaffnet, ſehen Sie, ich habe einen Dolch.“ Und der junge Mann zog aus ſeiner Bruſt eine glän⸗ zende, feine Klinge, welche einen bläulichen Refler auf ſeine zitternde Hand warf. Der Geiſtliche trat raſch zurück. „Fürchten Sie ſich nicht,“ ſagte der Chevalier,„An⸗ dere, die Sie ſo treu Ihrem Worte gekannt hätten, wür⸗ den Ihrer Angſt einen Schwur entriſſen haben. Nein, ich habe Sie angefleht, ich flehe Sie mit gefalteten Händen, die Stirne auf dem Boden, immer noch an, machen Sie, daß ich die Königin nur einen einzigen Augenblick ſehe, und nehmen Sie dies als Garantie an.“ 2 Und er zog aus ſeiner Taſche eine Zettel, den er Härart bot; der Abbé entfaltete ihn und las folgende orte: „Ich René, Chevalier von Maiſon⸗Rouge, erkläre bei Gott und meiner Ehre, daß ich durch Androhung des 200 Todes den würdigen Pfarrer von Saint⸗Landry gezwun⸗ gen habe, mich trotz ſeiner Weigerung und ſeines lebhaften Sträubens in die Conciergerie mitzunehmen. Zu Beglau⸗ bigung deſſen, habe ich unterzeichnet Maiſon⸗Rouge.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Prieſter,„doch ſchwören Sie mir nun auch noch, daß Sie keine Unklugheit begehen werden; es iſt nicht genug, daß mein Leben unverſehrt bleibt, ich bin auch für das Ihrige verantwortlich.“ „Oh! denken wir nicht hieran,“ ſprach der Chevalier, „Sie willigen ein?“ „Ich muß wohl, da Sie es ſo haben wollen. Sie erwarten mich unten, und wenn ſie in die Kanzlei geht, werden Sie ſie ſehen.“ Der Cheyalier ergriff die Hand des Greiſes und küßte ſie mit eben ſo viel Ehrfurcht und Inbrunſt, als wenn es ein Cruzifir geweſen wäre. „Oh!“ murmelte der Chevalier,„ſie wird wenigſtens wie eine Königin ſterben und die Hand des Henkers wird ſie nicht berühren!“ XLVIII. Der Henkerskarren. Sobald Maiſon⸗Rouge dieſe Erlaubniß von dem Pfar⸗ rer von Saint⸗Landry erhalten hatte, eilte er in ein halb geöffnetes Cabinet, in welchem er das Ankleidecabinet des Abbé erkannt hatte. Hier fielen in einem Nu ſein Backenbart und ſein Schnurrhart unter dem Raſirmeſſer und jetzt erſt konnte er ſeine Blaͤſſe wahrnehmen; ſie war erſchreckend. 1 201 Er kehrte ſcheinbar ruhig zurück; übrigens ſchien er völlig vergeſſen zu haben, daß er, obgleich er den Bart abgeworfen, in der Conciergerie erkannt werden konnte. Der Chevalier folgte dem Abbé, den während ſeiner kurzen Abweſenheit zwei Wachen geholt hatten, und trat mit jener Keckheit, welche jeden Verdacht beſeitigt, mit jenem entſtellenden Anſchwellen des Fiebers durch das Gitter ein, welches zu jener Zeit in den Hof des Palaſtes ing. 3ug Er trug wie der Abbé Girard einen ſchwarzen Frack, denn die prieſterlichen Gewänder waren abgeſchafft. In der Kanzlei fanden ſie mehr als fünfzig Perſonen, theils Angeſtellte des Gefängniſſes, theils Deputirte, theils Commiſſäre, welche entweder als Mandatare oder als Neugierige die Königin vorüberkommen ſehen wollten. Sein Herz ſchlug ſo gewaltig, als er ſich der Kerker⸗ pforte gegenüber befand, daß er die Geſpräche des Abbé mit den Gendarmen und dem Concierge nicht mehr hörte. Ein Mann, der eine Scheere und ein Stück friſch abgeſchnittenen Stoff in der Hand hielt, ſtieß auf der Schwelle an Maiſon⸗Rouge. Maiſon⸗Rouge erkannte den Scharfrichter. „Was willſt Du, Bürger?“ fragte Sanſon. Der Chevalier ſuchte den Schauer zu bewältigen, der unwillkührlich ſeine Adern durchlief, und antwortete: „Ich! Du ſiehſt es wohl, Bürger Sanſon, ich be⸗ gleite den Geiſtlichen von Saint⸗Landry.“ „Ahl gut,“ verſetzte der Scharfrichter. Und er trat auf die Seite und gab ſeinem Gehülfen Befehle. Während dieſer Zeit drang Maiſon⸗Rouge in das Innere der Kanzlei, von der Kanzlei ging er in das Ge⸗ laß, wo ſich die zwei Gendarmen aufhielten. Dieſe braven Leute waren beſtürzt; ſo würdig und ſtolz ſie ſich gegen die Anderen benommen hatte, ſo gut und ſanft war die Königin gegen ſie geweſen; ſie ſchienen mehr ihre Diener, als ihre Wächter zu ſein. 2⁰2 Doch von dem Platze, wo der Chevalier war, konnte er Marie Antoinette nicht ſehen. Der Windſchirm hatte ſich geöffnet, um den Geiſt⸗ lichen einzulaſſen, war aber wieder hinter ihm geſchloſſen worden. Als der Chevalier eintrat, hatte das Geſpräch ſchon begonnen. „Mein Herr,“ ſagte die Königin mit ihrem ſcharfen, ſtolzen Tone zu dem Pfarrer,„da Sie der Republik, in deren Namen man mich zum Tode bringt, den Eid ge⸗ leiſtet haben, ſo vermöchte ich kein Vertrauen zu Ihnen zu faſſen. Wir beten nicht denſelben Gott an!“ „Madame,“ erwiederte Girard, ſehr bewegt durch dieſes verächtliche Glaubensbekenntniß,„eine Chriſtin, welche zu ſterben im Begriffe iſt, muß ſterben ohne Haß im Herzen und darf ihren Gott nicht zurückweiſen, unter welcher Form er ſich auch ihr zeigen mag.“ Maiſon⸗Rouge machte einen Schritt, um den Wind⸗ ſchirm ein wenig zu öffnen, in der Hoffnung, wenn ſie ihn erblicken würde und die Urſache wüßte, die ihn hier⸗ her führte, dürfte ſie ihre Anſicht in Beziehung auf den Geiſtlichen ändern; doch die zwei Gendarmen wider⸗ ſetzten ſich durch eine Bewegung. „Aber da ich der Gehülfe des Pfarrers bin?“ ent⸗ gegnete Maiſon⸗Rouge. „Inſofern ſie den Pfarrer zurückweiſt, braucht ſie auch den Gehülfen nicht,“ antwortete Dufresne. „Sie wird ihn vielleicht annehmen,“ erwiederte der Chevalier die Stimme erhebend,„es iſt nicht möglich, daß ſie ihn nicht annimmt.“ Doch Marie Antoinette war zu ſehr von dem Ge⸗ fühle eingenommen, das ihr Inneres bewegte, um die Stimme des Chevalier zu hören und zu erkennen. „Gehen Sie,“ fuhr ſie gegen Girard fort,„gehen Sie und laſſen Sie mich allein; da wir gegenwärtig in Frankreich unter einer Regierung der Freiheit leben, ſo verlange ich die, nach meiner Phantaſie zu ſterben.“ —5— — Hðᷣ ie 203 Girard ſuchte zu widerſtehen. „Laſſen Sie mich, mein Herr,“ ſprach ſie,„ich ſage Ihnen, laſſen Sie mich!“ Girard verſuchte es, noch ein Wort beizufügen. „Ich will es,“ entgegnete die Königin mit einer Ge⸗ berde von Marie Thereſie. Girard ging hinaus. Maiſon⸗Rouge bemühte ſich, mit ſeinem Blick durch den Zwiſchenraum des Windſchirmes zu dringen, aber die Königin wandte ihm den Rücken zu. Der Gehülfe des Scharfrichters kreuzte den Geiſt⸗ lichen; er trat mit Stricken in der Hand ein. Die Gendarmen trieben den Chevalier bis zur Thüre zurück, ehe er, geblendet, verzweifelnd, betäubt, im Stande geweſen war, einen Ruf von ſich zu geben oder eine Be⸗ wegung zu machen, um ſein Vorhaben zu vollführen. Er befand ſich alſo mit Girard im Corridor des Ge⸗ fängniſſes. Vom Corridor drängte man ihn bis in die Kanzlei zurück, wo ſich die Kunde von der Weigerung der Königin ſchon verbreitet hatte, und wo der öſterreich iſche Stolz von Marie Antoinette bei Einigen der Tert von groben Schmähungen, bei Anderen ein Gegenſtand geheimer Bewunderung wurde. „Gehen Sie,“ ſagte Richard zu dem Abbé,„kehren Sie nach Hauſe zurück, da die Gefangene Sie fortiagt und nach ihrem Belieben ſterben will.“ „Höre,“ verſetzte die Frau Richard,„ſie hat Recht und ich wurde es machen wie ſie.“ At„Und Sie hätten Unrecht, Bürgerin,“ entgegnete der e. „Schweige, Frau,“ murmelte der Concierge, indem er die Augen weit aufriß,„was geht das Dich an? Gehen Sie, Abbé, gehen Sie.“ „Nein,“ wiederholte Girard,„ich werde ſie wider ihren Willen begleiten; ein Wort, und wäre es nur ein einziges Wort, wird ſie, wenn ſie es hört, an ihre Pflich⸗ 2 4 4 4 204 ten erinnern; überdies hat mir die Gemeinde den Auftrag gegeben und ich muß der Gemeinde gehorchen. „Gut, doch ſchicke Deinen Sacriſtan weg,“ ſagte mit grobem Tone der Adjutant⸗Major, der die bewaffnete Macht befehligte. Es war ein ehemaliger Schauſpieler der Comédie Francaiſe, Namens Grammont. Die Augen des Chevalier ſchleuderten einen doppelten Wiſe, und er fuhr maſchinenmäßig mit ſeiner Hand in ſeine ruſt. Girard wußte, daß er einen Dolch unter ſeiner Weſte hatte. Er hielt ihn mit einem flehenden Blick zurück. „Schonen Sie mein Leben,“ ſagte er leiſe zu ihm, „Sie ſehen, daß Alles für Sie verloren iſt; ſtürzen Sie ſich nicht mit ihr in das Verderben; ich werde auf dem Wege mit ihr von Ihnen ſprechen, das ſchwöre ich Ihnen; ich werde ihr ſagen, was Sie gewagt haben, um ſie zum letzten Male zu ſehen.“ Dieſe Worte dämpften das Aufbrauſen des jungen Mannes; überdies bewerkſtelligte ſich die gewöhnliche Ge⸗ genwirkung, ſeine ganze Organiſation erlitt eine ſeltſame Lähmung. Dieſer Mann von einem heldenmäßigen Willen, von einer wunderbaren Macht war am Ende ſeiner Kraft und ſeiner Willens angelangt; er ſchwamm unentſchloſſen oder vielmehr ermattet, beſiegt, in einer Art von Schläf⸗ rigkeit, die man hätte für den Vorboten des Todes hal⸗ ten können. „Ja,“ ſagte er,„ſo mußte es ſein; das Kreuz für Jeſus, das Schaffot für ſie; die Götter und Könige leeren bis auf die Hefe den Kelch, den ihnen die Menſchen reichen.“ Folge dieſes ganz ergebenen, ganz trägen Gedankens war, daß ſich der junge Mann bis zur äußeren Thüre zurückſtoßen ließ, ohne ſich auf eine andere Art, als durch einen unwillkührlichen Seufzer zu vertheidigen, ohne mehr Widerſtand zu leiſten, als Ophelia, dem Tode geweiht, leiſtete, da ſie ſich von den Wellen fortgeriſſen ſah. Am Fuße der Gitter und Thore der Conciergerie 205 drängte ſich eine von den furchtbaren Mengen, von denen man ſich keine Vorſtellung machen kann, wenn man ſie nicht wenigſtens einmal geſehen hat. Die Ungeduld beherrſchte alle Leidenſchaften, und alle Leidenſchaften ſprachen laut ihre Sprache, die, ſich ver⸗ miſchend, einen ungeheuren Lärmen bildete, als ob dieſer ganze Lärmen und die ganze Bevölkerung von Paris ſich in dem Quartiere des Juſtizpalaſtes concentrirt hätten. Vor dieſer Menge war eine ganze Armee mit Kano⸗ nen mit der Beſtimmuug aufgepflanzt, das Feſt zu be⸗ ſchützen und für diejenigen, welche es genießen wollten, ſicher zu machen.— Man hätte es vergebens verſucht, dieſen Wall zu durchbrechen, der ſich, ſeitdem die Verurtheilung außerhalb Paris bekannt geworden war, durch die Patrioten der Vor⸗ ſtädte verſtärkt hatte. Aus der Conciergerie vertrieben, befand ſich Maiſon⸗ Rouge natürlich bei der erſten Reihe der Soldaten. Die Soldaten fragten ihn, wer er wäre. Er antwortete, er wäre der Vicar des Abbé Girard; doch da er wie ſein Pfarrer den Eid geleiſtet, ſo häͤtte ihn die Königin wie ſeinen Pfarrer zurückgewieſen. Die Soldaten ſtießen ihn ihrerſeits bis zur erſten Reihe der Zuſchauer zurück. Hier ſah er ſich gezwungen, zu wiederholen, was er den Soldaten ſagte. Da erhob ſic das Geſchrei: „Er kommt ſo eben von ihr... Er hat ſie ge⸗ ſehen... Was hat ſie geſagt?... Was macht ſie?... Iſt ſie immer noch ſtolz?... Iſt ſie niedergeſchlagen?... Weint ſie?...“ Der Chevalier beantwortete alle dieſe Fragen mit einer zugleich ſchwachen, ſanſten und freundlichen Stimme, als ob dieſe Stimme die letzte Kundgebung des an ſeinen Lippen hängenden Lebens wäre. Seine Antwort war die reine und einfache Wahrheit, nur war dieſe Wahrheit eine Lobeserhebung der Feſtigkeit 206 von Marie Antoinette, und das, was er mit der Einfach⸗ heit und dem Glauben eines Evangeliſten ſagte, brachte Un⸗ ruhe in mehr als ein Herz. Als er von dem kleinen Dauphin und Madame Ro⸗ yale, von dieſer Königin ohne Thron, von dieſer Gattin ohne Gatten, von dieſer Mutter ohne Kinder, von dieſer verlaſſenen Frau ohne einen Freund mitten unter Henkern ſprach, da verſchleierte ſich mehr als eine Stirne mit „Traurigkeit, erſchien mehr als eine Thräne, verſtohlen und brennend in Augen, welche kurz zuvor noch der Haß belebte. Es ſchlug eilf Uhr im Glockenthurme des Palaſtes: jeder Lärmen hörte ſogleich auf. Hundert tauſend Per⸗ ſonen zahlten die Stunde, welche es eben ſchlug und der die Schläge ihres Herzens antworteten. Als das Vibriren des letzten Schlages im Raume erloſch, entſtand ein gewaltiges Geräuſch hinter den Pfor⸗ ten, während zugleich ein von dem Quai aur Fleurs her⸗ kommender Karren zuerſt die Volksmenge, ſodann die Wachen durchſchnitt, und ſich endlich unten an den Stu⸗ fen aufſtellte. Bald erſchien die Königin oben auf der ungeheuren Freitreppe. Alle Leidenſchaften drängten ſich in den Augen zuſammen, der Athem blieb keuchend und gehemmt. Ihre Haare waren kurz geſchnitten; die Mehrzahl hatte ſich während ihrer Gefangenſchaft gebleicht, und dieſe Silberfarbe machte noch zarter die perlmutterartige Bläſſe, welche in dieſem äußerſten Augenblick die Schön⸗ heit der Tochter der Cäſaren beinahe himmliſch erſchei⸗ nen ließ. Sie trug ein weißes Kleid und ihre Hände waren ihr auf den Rücken gebunden. Als ſie ſich oben auf den Stufen zeigte, wobei ſie auf ihrer Rechten den Abbé Girard, der ſie wider ihren Willen begleitete, und auf ihrer Linken den Nachrichter, Beide ſchwarz gekleidet, hatte, entſtand in dieſer ganzen Menge ein Gemurmel, das Gott allein, der im Grunde 207— der Herzen lieſt, verſtehen und in einer Wahrheit zuſam⸗ menfaſſen konnte. Ein Mann trat nun zwiſchen den Scharfrichter und Marie Antoinette. Dies war Grammont. Er kam ſo, um ihr den ſchmählichen Karren zu zeigen. Die Königin wich unwillkührlich einen Schritt zurück. „Steigen Sie ein,“ ſagte Grammont. Jedermann hörte dieſes Wort, denn die Erſchütterung hielt alles Gemurmel an den Lippen der Zuſchauer zurück. Da ſah man das Blut in die Wangen der Königin ſteigen und die Wurzel ihrer Haare erreichen; doch beinahe in demſelben Augenblick üͤberzog ſich ihr Geſicht wieder mit einer tödtlichen Bläſſe. Ihre erbleichenden Lippen öffneten ſich. „Warum einen Karren für mich, während ſich der König ohne Wagen nach dem Schaffot begeben hat?“ ſagte ſie. Der Abbé Girard ſprach nun leiſe einige Worte zu ihr. Ohne Zweifel bekämpfte er bei der Verurtheilten dieſen letzten Schrei des königlichen Stolzes. Die Königin ſchwieg und wankte. Sanſon ſtreckte die Arme aus, um ſie zu unter⸗ ſtützen; doch ſie erhob ſich und wich zurück, ehe er ſie berührt hatte. Sie ging die Treppe hinab, während der Gehülfe einen hölzernen Fußtritt hinter dem Karren befeſtigte. Die Königin ſtieg ein, der Abbé ſtieg hinter ihr ein. Sanſon ließ ſie Beide ſitzen. Als der Karren ſich zu erſchüttern anfing, entſtand eine gewaltige Bewegung im Volke; doch die Soldaten, da ſie nicht wußten, in welcher Abſicht dieſe Bewegung geſchah, vereinigten zu gleicher Zeit alle ihre Kräfte, um die Menge zurüͤckzudrängen; dadurch ergab ſich ein gro⸗ ßer leerer Raum zwiſchen dem Karren und den erſten Reihen. In dieſem Raum erſcholl ein düſteres Geheul. 208 Die Königin bebte, richtete ſich auf und ſchaute umher. Sie erblickte nun ihren ſeit zwei Monaten verlorenen Hund, ihren Hund, der nicht mit ihr in die Conciergerie hatte dringen können, der trotz des Geſchreis, der Schläge und Stöße gegen den Karren vorſtürzte; doch alsbald verſchwand der arme, magere, abgezehrte, gelähmte Black unter den Füßen der Pferde. Die Königin folgte ihm mit den Augen; ſie konnte nicht ſprechen, denn ihre Stimme wurde von dem Lär⸗ men bedeckt; ſie konnte nicht mit dem Finger auf ihn deu⸗ ten, denn ihre Hände waren gebundenz hatte ſie ihn aber auch zeigen, hätte man ſie hören können, ſie würde ohne Zweifel vergebens nach ihm verlangt haben. Nachdem ſie ihn kurze Zeit aus den Augen verloren, erblickte ſie ihn wieder. 5 Er war in den Armen eines bleichen jungen Man⸗ nes, der auf einer Kanone ſtehend die Menge überragte und, erhoben durch eine unſägliche Eraltation, ſie grüßte und auf den Himmel deutete. Marie Antoinette ſchaute zum Himmel empor und lächelte ſanft. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge ſtieß einen Seufzer aus, als ob ihm dieſes Lächeln eine Wunde im Herzen beigebracht hätte, und als ſich der Wagen dem Pont au Change zuwandte, fiel er in die Menge zurück und ver⸗ ſchwand. —,——-ää—,—, 20 20⁰9 XLIX. Das Schaffot. Auf dem Revolutionsplatz warteten zwei Männer an einen Scheinwerfer angelehnt. Was ſie mit der Menge erwarteten, von der ſich ein Theil nach dem Platze vor dem Palaſte und ein anderer Theil nach dem Revolutionsplatze begeben hatte, während ſich der Reſt ſtürmiſch auf dem ganzen Wege, der dieſe zwei Plätze trennte, ausbreitete und drängte, war die Ankunft der Königin bei dem Werkzeuge der Hinrich⸗ tung, das, abgenutzt durch den Regen und die Sonne, abgenutzt durch die Hand des Henkers, abgenutzt gräß⸗ licher Weiſe durch die Berührung der Opfer, mit einem finſtern Stolze alle unten liegende Köpfe beherrſchte, wie eine Königin ihr Volk beherrſcht. Dieſe zwei Männer mit den verſchlungenen Armen, mit den bleichen Lippen, mit den gerunzelten Stirnen, welche leiſe mit einander ſprachen, waren Lorin und Maurice. Unter den Zuſchauern verloren und dennoch ſo ge⸗ ſtellt, daß ſie allgemein Neid erregten, ſetzten ſie mit lei⸗ ſer Stimme ein Geſpräch fort, das nicht das am mindeſten intereſſante von allen dieſen Geſprächen war, welche die Gruppen durchzogen, die, einer elektriſchen Kette ähnlich, ſich wie ein lebendiges Meer vom Pont au Change bis zum Pont de la Revolution bewegten. Der Gedanke, den wir in Beziehung auf das alle Köpfe beherrſchende Schaffot ausgedrückt, hatte Beide berührt. „Siehſt Du,“ ſagte Maurice,„wie das häßliche Un⸗ ggeheuer ſeine Arme erhebt; ſollte man nicht glauben, es 1 4 Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 210 rufe uns, es lächle uns durch ſein Pförtchen wie durch einen furchtbaren Mund zu.“ „Ah! meiner Treue,“ ſprach Lorin,„ich geſtehe, ich gehöre nicht zu der Schule der Poeſie, welche Alles roth ſieht. Ich ſehe roſa, und am Fuße dieſer abſcheulichen Maſchine würde ich noch ſingen und hoffen. Dum spiro spero.“*) „Du hoffſt, während man die Frauen tödtet?“ „Ah! Maurice, Sohn der Revolution, verleugne Deine Mutter nicht. Ah! Maurice, bleibe ein guter und rechtſchaffener Patriot. Maurice, diejenige, welche ſterben wird, iſt keine Frau, oder wenigſtens keine Frau wie die anderen Frauen; diejenige, welche ſterben wird, iſt der böſe Geiſt Frankreichs.“ „Ohl nicht ſie beklage ich, nicht ſie beweine ich!“ rief Maurice. „Ja, ich verſtehe, es iſt Geneviéve.“ „Ahl ſiehſt Du, es gibt einen Gedanken, der mich wahnfinnig macht, der Gedanke, daß ſich Geneviove in den Händen dieſer Gutlllotinelieferanten befindet, die man Hebert und Fouquier Tinville nennt, in den Händen von Menſchen, welche die arme Heloiſe hieher geſchickt haben und heute die ſtolze Marie Antoinette ſchicken.“ 1 „Nun wohl,“ verſetzte Lorin,„das iſt es gerade, was mir Hoffnung gewährt; wenn der Zorn des Volkes das große Mahl von zwei Tyrannen gemacht hat, ſo wird er geſättigt ſein, wenigſtens für einige Zeit, wie die Boa, welche drei Monate braucht, um zu verdauen, was ſie verzehrt. Dann wird er Niemand mehr verſchlingen, und es werden ihm, wie die Propheten der Vorſtadt ſagen, die kleinen Stücke Furcht machen.“ „Lorin, Lorin,“ erwiederte Maurice,„ich bin poſi⸗ tiver als Du, und ich ſage Dir ganz leiſe, bereit es laut zu wiederholen: Lorin, ich haſſe die neue Königin, die⸗ jenige, welche mir beſtimmt ſcheint, auf die Oeſterreicherin ) So lang ich athme, hoffe ich. ᷣ—— —₰+ 2&x — 211 zu folgen, die ſie zerſtören wird. Es iſt eine traurige Königin, deren Purpur von täglichem Blute gemacht iſt, und die Danton zum erſten Miniſter hat.“ „Bahl wir werden ihr entkommen.“ „Ich glaube es nicht,“ entgegnete Maurice den Kopf ſchüttelnd;„Du ſiehſt, daß wir, um nicht zu Hauſe ver⸗ haftet zu werden, kein anderes Mittel haben, als auf der Straße zu bleiben.“ „Bahl wir können Paris verlaſſen, nichts verhindert uns daran. Beklagen wir uns alſo nicht. Mein Oheim erwartet uns in Saint⸗Omer; Geld, Päſſe, nichts ſehlt uns, und ein Gendarme würde uns nicht verhaften; was denkſt Du davon? Wir bleiben, weil wir ſo wollen.“ „Nein, was Du da ſagſt, iſt nicht richtig, vortreff⸗ licher Freund, treu ergebenes Herz. Du bleibſt, weil ich bleiben will.“ „Und Du willſt bleiben, um Geneviève wiederzu⸗ finden. Nun wohl, was iſt einfacher, was iſt billiger, natürlicher? Du denkſt, ſie ſei im Gefängniß, das iſt mehr als wahrſcheinlich. Du willſt über ihr wachen, und deshalb darf man Paris nicht verlaſſen.“ Maurice ſeufzte, ſein Gedanke hatte offenbar eine an⸗ dere Richtung. „Du erinnerſt Dich des Todes von Ludwig XVI. 20 ſagte er.„Ich ſehe mich noch bleich vor Aufregung und Stolz. Ich war eines von den Häuptern der Menge, in deren Falten ich mich heute verberge. Ich war größer am Fuße des Schaffots, als es je der König geweſen, der es beſtieg. Welche Veränderung, Lorin! und wenn man bedenkt, daß neun Monate genügten, um dieſe furcht⸗ bare Gegenwirkung herbeizuführen.“ „Neun Monate Liebe, Maurice!... Liebe, Du haſt Troja zu Grunde gerichtet!“ Maurice ſeufzte; ſein umherſchweifender Geiſt ge⸗ langte auf einen andern Weg und erblickte einen andern Horizont. 212 „Der arme Maiſon⸗Nouge!“ murmelte er,„das iſt ein trauriger Tag für ihn.“ „Ahl ſoll ich Dir ſagen, was ich noch viel Trauri⸗ geres in den Revolutionen ſehe, Maurice?“ verſetzte Lorin. „Ja.“ „Daß man oft zu Feinden diejenigen hat, welche man gern zu Freunden haben möchte, und zu Freunden eute.... „Ich habe Mühe Eines zu glauben,“ unterbrach ihn aurice. „Was?“ „Daß er nicht irgend einen Plan, und wenn er auch noch ſo wahnſinnig wäre, erſinnt, um die Königin zu xetten.“ „in Menſch ſtäͤrker als hundert tauſend!“ „Ich ſage Dir, wenn er noch ſo wahnſinnig wäre; ich meinerſeits weiß, daß ich um Geneviève zu retten..“ „Ich wiederhole Dir, Maurice, Du verwirrſt Dich; nein, ſelbſt wenn Du Genevisve retten ſollteſt, würdeſt Du kein ſchlechter Bürger. Doch genug hierüber, Maurice, man hört uns. Siehſt Du, die Köpfe bekommen eine wellenförmige Bewegung, ſiehſt Du, der Knecht des Bürger Sanſon erhebt ſich auf ſeinem Korbe und ſchaut in die Ferne. Die Oeſterreicherin kommt.“ In der That, gleichſam um die von Lorin wahrge⸗ nommene Wellenbewegung zu begleiten, bemächtigte ſich ein verlängertes, wachſendes Beben der Menge. Es war wie einer von jenen Windſtößen, welche mit Pfeifen be⸗ ginnen und mit Brüllen aufhören. Maurice, der ſeine hohe Geſtalt durch die Pfoſten des Scheinwerfers noch mehr emporhob, ſchaute nach der Rue Saint⸗Honoré. 4 „Ja,“ ſagte er ſchauernd,„dort kommt ſie.“ Man ſah wirklich allmählig eine andere Maſchine, beinahe ſo häßlich als eine Guillotine, erſcheinen, nämlich den Henkerskarren. 3 Rechts und links glänzten die Gewehre der Escorte 213 und vor ihr erwiederte Grammont durch das Schwingen ſeines Säbels das von einigen Fanatikern ausgeſtoßene Geſchrei. Doch indeß der Karren vorrückte, erloſch dieſes Geſchrei plötzlich unter dem kalten, finſteren Blick der Ver⸗ urtheilten. Nie flößte ein Antlitz energiſcher Achtung ein; nie war Marie Antoinette größer und mehr Königin geweſen. Sie trieb den Stolz ihres Muthes ſo weit, daß ſie ſogar Eindruck auf die Helfer der Schreckensideen machte. Gleich⸗ gültig gegen die Ermahnungen des Abbé Girard, der ſie wider ihren Willen begleitet hatte, ſchwankte ihre Stirne weder nach rechts noch nach links; der im Grunde ihres Gehirnes lebende Gedanke ſchien unerſchütterlich wie ihr Blick. Die geſtoßene Bewegung des Karrens auf dem ungleichen Pflaſter hob gerade durch ihre Heftigkeit die Strenge ihrer Haltung hervor; man hätte ſie für eine von den Marmorſtatuen halten ſollen, welche auf einem Wagen fahren, nur hatte die königliche Statue ein leuch⸗ tendes Auge und ihre Haare flatterten im Wind. Eine Stille, der der Wüſte ähnlich, lagerte ſich plötz⸗ lich über den dreimal hundert tauſend Zuſchauern dieſer Scene, welche der Himmel zum erſten Mal bei ſeinem hellen Sonnenſcheine ſah. Bald hörte man vor dem Orte, wo Maurice und Lorin ſtanden, die Achſe des Henkerskarrens knarren und die Pferde der Wachen ſchnaufen. Der Karren hielt am Fuße des Schaffots an. Die Königin, welche ohne Zweifel nicht an dieſen Augenblick gedacht hatte, erwachte und begriff. Sie richtete ihren ſtolzen Blick auf die Menge, und derſelbe bleiche junge Mann, den ſie auf der Kanone geſehen hatte, er⸗ ſchien ihr abermals auf einem Weichſteine ſtehend. Von dieſem Wei ſſteine ſandte er ihr denſelben ach⸗ tungsvollen Gruß zu, den er ſchon, als ſie die Conciergerie verließ, an ſie gerichtet hatte; dann ſprang er von dem Weichſteine herab. Mehrere Perſonen ſahen ihn und, da er ſchwarz ge⸗ à4 214 kleidet war, ſo rührte hievon das Gerücht her, das ſich verbreitete, es habe ein Prieſter Marie Antoinette erwartet, um ihr die Abſolution in dem Augenblick, wo ſie das Schaffot beſteigen würde, zuzuſenden. Im Uebrigen kümmerte ſich Niemand um den Cheva⸗ lier. In den außerſten Augenblicken gibt es eine äußerſte Achtung für gewiſſe Dinge.. Die Königin ſtieg vorſichtig die drei Stufen des Fuß⸗ trittes herab; ſie wurde von Sanſon unterſtützt, der ſie, indeß er die Aufgabe erfüllte, zu welcher er ſelbſt verur⸗ theilt zu ſein ſchien, bis zum letzten Augenblick mit der größten Rückſicht behandelte. Während ſie auf die Stufen des Schafſots zuging, bäͤumten ſich einige Pferde, ſchienen einige Wachen zu Fuße, einige Soldaten zu wanken und das Gleichgewicht zu ver⸗ lieren; dann ſah man etwas wie einen Schatten unter das Schaffot ſchlüpfen; doch die Ruhe ſtellte ſich ſogleich wieder her; Niemand wollte in dieſem feierlichen Augen⸗ blick ſeinen Platz verlaſſen; Niemand wollte den geringſten Umſtand des großen Dramas verlieren, das in Er⸗ füllung gehen ſollte: Aller Augen richteten ſich wieder auf die Verurtheilte. Die Königin ſtand ſchon auf der Plattform des Schaffots. Der Prieſter ſprach immer noch mit ihr; ein Gehülfe ſchob ſie ſachte von hinten, ein anderer löſte das Halstuch, das ihre Schultern bedeckte. Marie Antoinette fühlte die ehrloſe Hand ihren Hals ſtreifen; ſie machte eine ungeſtüme Bewegung und trat auf den Fuß von Sanſon, der, ohne daß ſie es ſah, ſie an das unſelige Brett zu befeſtigen beſchäftigt war. Sanſon zog ſeinen Fuß zurück. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte die Koͤnigin, „i ch habe es nicht abſichtlich gethan.“ Dies waren die letzten Worte, welche die Tochter der Cä ſaren, die Königin von Frankreich, die Witwe von Lud⸗ wig XVI ſprach. 215 Es ſchlug ein Viertel nach zwölf Uhr in den Tuile⸗ rien, und Marie Antoinette fiel zu gleicher Zeit in die Ewigkeit. Ein furchtbarer Schrei, ein Schrei der alle Leiden⸗ ſchaften: Freude, Schrecken, Trauer, Hoffnung, Triumph, Sühnung, zuſammenfaßte, bedeckte wie ein Orkan einen andern, ſchwachen Schrei, der unter dem Schaffot erſcholl. Die Gendarmen hörten ihn jedoch, ſo ſchwach er auch war; ſie machten einige Schritte vorwärts; minder gedrängt, breitete ſich die Menge wie ein Fluß aus, deſſen Damm man erweitert, warf die Spaliere zurück, zerſtreute die Wachen und ſchlug wie eine Fluth an die Füße des Schaf⸗ fots, das gewaltig dadurch erſchüttert wurde. Jeder wollte von Nahem die Ueberreſte des König⸗ thums ſehen, welches man für immer in Frankreich zer⸗ ſtört glaubte. Doch die Gendarmen ſuchten etwas Anderes, ſie ſuch⸗ ten den Schatten, der ihre Linien uberſchritim hatte und unter das Schaffot geſchlüpft war. ₰ Zwei von ihnen kamen zurück und brachten am Kra⸗ gen einen jungen Mann, deſſen Hand ein von Blut ge⸗ färbtes Sacktuch an ſein Herz drückte. Es folgte ihm ein ſpaniſches Hündchen, das auf das Kläglichſte heulte. „Tod dem Ariſtokraten! Tod dem Ci⸗devant!“ riefen einige Männer aus dem Volke, indem ſie den jungen Mann bezeichneten;„er hat ſein Sacktuch in das Blut der Oeſter⸗ reicherin getaucht, tödtet ihn!“ „Großer Gott!“ ſagte Maurice zu Lorin,„erkennſt Du ihn? erkennſt Du ihn?“ „Tod dem Royaliſten!“ wiederholten die Wahnſinni⸗ gen,„nehmt ihm das Sacktuch, aus dem er ſich eine Re⸗ liquie machen will, entreißt es ihm!“ Ein ſtolzes Laͤcheln ſchwebte über die Lippen des jungen Mannes, er riß ſein Hemd auf, entblößte ſeine Bruſt und ließ ſein Sacktuch fallen. „Meine Herren,“ ſprach er,„dieſes Blut iſt nicht 216 das der Königin, ſondern das meinige; laßt mich ruhig ſterben.“ Und eine tiefe, fließende Wunde erſchien gähnend unter der linken Bruſtwarze. Die Menge ſtieß einen Schrei aus und wich zuruck. Dann ſank der junge Mann langſam auf ſeine Kniee und ſchaute das Schaffot an, wie ein Märtyrer den Him⸗ mel anſchaut. „Maiſon⸗Rouge!“ flüſterte Lorin Maurice in das r. „Fahre wohl!“ ſtammelte der junge Mann, während er das Haupt mit einem göttlichen Lächeln ſenkte;„fahre wohl, auf Wiederſehen!“. Und er verſchied mitten unter den erſtaunten Wachen. „Man kann auch das noch thun, Lorin, ehe man ein ſchlechter Bürger wird,“ ſagte Maurice. Der kleine Hund drehte ſich erſchrocken und heulend um den Leichnam. „Halt, es iſt Black,“ ſagte ein Mann, der einen großen, dicken Stock in der Hand hielt;„halt, es iſt Black; komm hierher, mein kleiner Alter.“ Der Hund näherte ſich demjenigen, welcher ihn rief, doch kaum war er in ſeinem Bereiche, als der Mann ſei⸗ nen Stock aufhob und ihm mit einem gewaltigen Gelächter den Schädel zerſchmetterte. „Ohl der Elende!“ rief Maurice. „Stille!“ flüſterte Lorin, ſeinen Freund zurückhaltend, „ſtille, oder wir ſind verloren... es iſt Simon!“ S a 217 L. Die Hausſuchung⸗ Lorin und Maurice waren zu dem erſteren zurück⸗ gekehrt. Maurice hatte, um ſeinen Freund nicht zu offen zu gefährden, die Gewohnheit angenommen, Morgens aus⸗ zugehen und erſt Abends nach Hauſe zurückzukehren. Indem er ſich mit den Ereigniſſen vermengte, indem er der Ueberſchaffung der Gefangenen beiwohnte, beſpähte er jeden Tag das Vorüberkommen von Geneviéve, da er nicht hatte in Erfahrung bringen können, in welchem Hauſe ſie eingeſchloſſen war. Denn ſeit ſeinem Beſuche bei Fouquier⸗Tinville hatte ihm Lorin begreiflich gemacht, daß ihn ſein erſter ſichtbarer Schritt zu Grunde richten würde, daß man ihn dann opfern würde, ohne daß er Geneviéve Hülfe zu leiſten im Stande geweſen, und Mau⸗ rice, der ſich auf der Stelle in der Hoffnung, mit ſeiner Geliebten vereinigt zu werden, hätte einkerkern laſſen, wurde klug durch die Furcht, für immer von ihr getrennt zu werden.. Er ging alſo jeden Morgen von den Carmes nach Port⸗Libre, von den Madelonnettes nach Saint⸗Lazare, von der Force nach dem Lurembourg, und ſtellte ſich vor den Gefängniſſen auf, wenn die Karren herauskamen, welche die Gefangenen nach dem Revolutionstribunal führ⸗ ten. Hatte er einen Blick auf die Opfer geworfen, ſo lief er zu einem andern Gefängniß. Doch er bemerkte bald, daß die Thätigkeit von zehn Menſchen nicht genügen würde, um auf dieſe Art die drei und dreißig Gefängniſſe zu überwachen, welche Paris in jener Zeit beſaß, und er beſchränkte ſich darauf, daß er zu dem Tribunal ſelbſt ging, um die Erſcheinung von Geneviève zu erwarten. Dies war ſchon ein Anfang von Verzweiflung. In 218 der That, welche Hulfsmittel blieben einem Verurtheilten nach dem Spruche? Zuweilen hatte das Tribunal, deſſen Sitzungen um zehn Uhr begannen, um vier Uhr zwanzig bis dreißig Perſonen verurtheilt; der erſte Verurtheilte genoß ſechs Stunden Leben, doch der letzte, den der Spruch ein Viertel vor vier Uhr traf, fiel um halb fünf Uhr unter dem Beile. Sich darein ergeben, eine ſolche Chance für Gene⸗ visve zu ertragen, hieß alſo müde werden, das Schickſal zu bekämpfen. Wenn er zum Voraus von der Einſperrung von Ge⸗ neviéve unterrichtet geweſen wäre... wie hätte ſich Mau⸗ rice über die in jener Zeit ſo ſehr verblendete menſchliche Gerechtigkeit gefreut! wie raſch hätte er Geneviève dem Gefängniß entriſſen! Nie waren Entweichungen leichter. Man könnte ſagen, ſie ſeien nie ſeltener vorgekommen. Dieſer ganze Adel, war er einmal in ein Gefängniß ge⸗ bracht, ſetzte ſich darin feſt wie in einem Schloſſe und machten es ſich bequem, um zu ſterben. Fliehen hieß ſich den Folgen eines Duells entziehen; ſelbſt die Frauen errötheten über eine um dieſen Preis erlangte Freiheit. Doch Maurice hätte ſich nicht ſo bedenklich gezeigt. Hunde todten, einen Schließer beſtechen, was konnte es Leichteres geben? Genevisve hatte keinen ſo glänzenden Namen, daß er die Aufmerkſamkeit der Welt auf ſich ge⸗ zogen hätte... Sie entehrte ſich nicht, wenn ſie floh, und überdies... wenn ſie ſich auch entehrt hätte! Ohl wit welcher Bitterkeit ſtellte er ſich die ſo leicht zu erkletternden Gärten von Port⸗Libre vor; dann die Zimmer der Madelonnettes, die ſich ſo bequem durchbrechen ließen, um die Straße zu erreichen, und die ſo niedern Mauern des Lurembourg und die duüſteren Gänge der Carmes*), in welche ein entſchloſſener Mann durch ein Fenſter ohne alle Mühe dringen konnte. *) Das ehemalige Carmeliter Kloſter. 219 Doch war Geneviève auch in einem von dieſen Ge⸗ fängniſſen?“ Vom Zweifel verzehrt, von der Angſt niedergedrückt, überhäufte Maurice ſodann Dirmer mit Verwünſchungen; er drohte ihm, er ſättigte ſich mit Haß gegen dieſen Men⸗ ſchen, deſſen feige Rache ſich unter einem Anſcheine von Ergebenheit für die königliche Sache verbarg. „Ich werde ihn finden,“ dachte Maurice,„denn wenn er die unglückliche Frau retten will, ſo wird er ſich zei⸗ gen; will er ſie verderben, ſo wird er ſie ſchmähen und beleidigen. Ich werde ihn wiederfinden, den Schändlichen, und dann wehe ihm!“ Am Morgen des Tages, wo die Ereigniſſe vorfallen, welche wir zu erzählen im Begriffe ſind, war Maurice ausgegangen, um ſich an ſeinem Platze beim Revolutions⸗ tribunal aufzupflanzen. Lorin ſchlief. Er wurde durch ein gewaltiges Geräuſch erweckt, das Frauenſtimmen und Flintenkolben an der Thüre machten. Er ſchaute mit dem ſcheuen Blick des überraſchten Mannes umher, der ſich gern überzeugen möchte, ob nichts Gefährdendes vor den Augen bleibe. Vier Sectionäre, zwei Gendarmen und ein Commiſſär traten in dieſem Augenblick ein. Dieſer Beſuch war ſo bezeichnend, daß ſich Lorin eiligſt ankleidete. „Ihr verhaftet mich?“ ſagte er. „Ja, Bürger Lorin.“ „Warum dies?“ „Weil Du verdächtig biſt.“ „Ah! das iſt richtig.“ Der Commiſſär kritzelte ein paar Worte unten an das Verhaſtsprotokoll. 7 „Wo iſt Dein Freund?“ fragte er ſodann. „Welcher Freund?“ 5 „Der Bürger Maurice Lindey.“ „Zu Hauſe wahrſcheinlich.“ „Nein, er wohnt hier.“ 220 „Er? Geht doch! Sucht und wenn Ihr ihn fin⸗ det... „Hier iſt die Anzeige,“ ſagte der Commiſſär,„ſie iſt deutlich und ausführlich.“ Er bot Lorin ein Papier mit einer häßlichen Hand⸗ ſchrift und räthſelhafter Orthographie. Es war in dieſer Denunciation geſagt, man ſehe jeden Morgen aus der Wohnung des Bürger Lorin den Bürger Lindey heraus⸗ kommen, der verdächtig und zur Verhaftung beſtimmt ſei. Die Denunciation war von Simon unterzeichnet. „Ahl der Schuhflicker wird ſeine Kunden verlieren, wenn er zugleich dieſe beiden Handwerker treibt. Wie! Mouchard und Stiefelſohler! Dieſer Herr Simon iſt ein wahrer Cäſar,“ ſagte Lorin und brach in ein Gelächter aus. „Der Bürger Maurice?“ fragte abermals der Com⸗ miſſär;„wo iſt der Bürger Maurice? Wir fordern Dich auf, ihn uns auszuliefern!“ „Wenn ich Euch ſage, daß er nicht hier iſt!“ Der Commiſſär ging in ein anſtoßendes Zimmer, dann ſtieg er ein hängendes Halbgeſchoß hinauf, wo der Will⸗ fährige von Lorin wohnte, endlich öffnete er eine untere Stube. Keine Spur von Maurice. Doch ein auf dem Tiſche im Speiſezimmer liegender, friſch geſchriebener Brief erregte die Aufmerkſamkeit des Commiſſärs. Er war von Manrice geſchrieben, der ihn am Mor⸗ gen auf dieſe Stelle legte, als er wegging, ohne ſeinen Freund zu wecken, obgleich ſie beiſammen ſchliefen. „Ich gehe nach dem Tribu dem Briefe,„frühſtücke ohne mich Abend zurückkehren.“ ich werde erſt dieſen „Bürger,“ ſprach Lorin,„ſo ſehr ich mich auch beeile, zu gehorchen, ſo begreifen Sie doch, daß ich Ihnen nicht im Hemd folgen kann. Erlauben Sie, daß mich mein Willfähriger anzieht.“ nal,“ ſagte Maurice in ———.— — 2 1, — —— 221 „Ariſtokrat!“ rief eine Stimme,„man muß ihm ſeine Hoſen anziehen helfen...“ „Oh, mein Gott, jal ich bin wie der Bürger Dago⸗ bert. Ihr werdet merken, daß ich nicht König geſagt habe.“ „Vorwärts, laß Dich ankleiden,“ ſprach der Commiſſär, „doch beeile Dich.“ Der Willfährige ſtieg von ſeinem Halbgeſchoße herab und half ſeinem Herrn ſich ankleiden. Es war nicht der Zweck von Lorin, einen Kammer⸗ diener zu haben, ſondern es ſollte nichts von dem, was geſchah, dem Willfährigen entgehen, damit dieſer das, was vorgefallen, Maurice wiederſagen könnte. „Nun, meine Herren... verzeiht, Bürger, nun, Bür⸗ ger, bin ich bereit und folge Euch. Doch ich bitte, laßt mich den letzten Band der Briefe an Emilie von Herrn Demouſtier mitnehmen, er iſt ſo eben erſchienen und ich habe ihn noch nicht geleſen, das wird die Langweile der Gefangenſchaft verſüßen.“ 3 „Deine Gefangenſchaft!..“ ſprach plötzlich Simon, der ebenfalls Municipal geworden war und gefolgt von vier Sectionären eintrat.„Sie wird nicht lange dauern. Du biſt in dem Prozeſſe der Frau betheiligt, welche die Oeſterreicherin entſpringen zu laſſen beachſichtigte. Man richtet ſie heute... Dich wird man morgen richten, nachdem Du gezeugt haſt.“ „Schuſter,“ ſprach Lorin mit großem Ernſte,„Du nähſt Deine Sohlen zu ſchnell.“ „Ja, doch welch ein ſchöner Schnitt des Kneifs!“ verſetzte Simon mit einen häßlichen Lächeln;„Du wirſt ſehen, Du wirſt ſehen, mein ſchöner Grenadier.“ Lorin zuckte die Achſeln. „Nun! gehen wir!“ ſagte er,„ich warte.“ Und als Jeder ſich umdrehte, um die Treppe hinab⸗ zugehen, verſetzte Lorin dem Municipal Simon einen ſo kräftigen Fußtritt, daß er brüllend die glänzende, ſteile Treppe hinabrollte.. 222 „Die Sectionäre konnten ſich des Lachens nicht er⸗ wehren. Lorin ſteckte ſeine Hände in ſeine Taſchen. „In der Ausübung meiner Functionen!“ rief Simon leichenblaß vor Zorn. „Bei Gott!“ erwiederte Lorin,„find wir nicht Alle in der Ausübung unſerer Functionen begriffen?“ Man ließ ihn in einen Fiacre ſteigen und der Com⸗ miſſär führte ihn nach dem Juſtizpalaſte. LI. Lorin. Will uns der Leſer zum zweiten Male nach dem Re⸗ volutionstribunale folgen, ſo werden wir Maurice an demſelben Platze, wo wir ihn bereits geſehen, wiederfin⸗ den, nur werden wir ihn bleicher, bewegter finden. In dem Augenblick, wo wir die Scene auf dem düſtern Theater wiedereröffnen, zu welchem uns mehr die Ereigniſſe hinziehen, als unſere Vorliebe, ſind die Richter in der Abſtimmung begriffen, denn ein Proceß iſt abgehandelt: zwei Angeklagte, welche in einer von den frechen Vorſichtsmaßregeln, mit denen man damals die Richter verſpottete, ihre Toilette für das Schaffot gemacht haben, unterhalten ſich mit ihren Vertheidigern, deren un⸗ beſtimmte Worte denen eines Arztes gleichen, welcher an ſeinem Todten verzweifelt. Das Volk auf den Tribunen war an dieſem Tage von einer wilden Laune, von einer Laune, welche die Strenge der Richter hervorruft: unter die unmittelbare Aufſicht der Strickerinnen und der Vorſtädterinnen geſtellt, halten ſich die Geſchworenen beſſer, wie der Schauſpieler 223 ſeine Energie vor einem ſchlecht geſtimmten Publikum ver⸗ doppelt. Es find auch ſeit zehn Uhr Morgens ſchon fünf An⸗ geklagte in eben ſo viele Verurtheilte durch dieſe unnach⸗ giebig gemachten Geſchworenen verwandelt worden. Die zwei, welche ſich gerade auf der Bank der An⸗ geklagten fanden, warteten alſo in dieſem Augenblick das Ja oder das Nein ab, das ſie entweder dem Leben zurück⸗ geben oder dem Tod zuſchleudern ſollte. Das Volk der Anweſenden, durch die Gewohnheit dieſer täglichen Tragödie, welche ſein Lieblingsſchauſpiel geworden, roh und wild gemacht, das Volk der Anweſen⸗ den, ſagen wir, bereitete ſie durch Zwiſchenworte auf dieſen furchtbaren Augenblick vor.. „Sieh! ſiehl ſiehl ſchau doch den Großen an!“ ſagte eine Strickerin, welche, da ſie keine Haube hatte, an ihrem Zopfe eine handbreite dreifarbige Cocarde trug; „ſieh, wie bleich er iſt! man ſollte glauben, er wäre ſchon todt!“ Dieſer Verurtheilte ſchaute die Frau, welche ſo von ihm ſprach, mit einem Lächeln der Verachtung an.. „Was ſagſt Du denn?“ verſetzte ihre Nachbarin,„er lächelte gerade.“ „Ja, mit der Schärfe der Zähne.“ Ein Vorſtädter ſchaute auf ſeine Uhr. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte ihn ſein Kamerad. „Ein Uhr weniger zehn Minuten, das dauert ſchon drei Viertelſtunden.“ „Wie in Domfront, der Unglücksſtadt: um zwölf Uhr angekommen, um ein Uhr gehenkt.“ „Und der Kleine, und der Kleine!“ rief ein Anderer, „ſchau ihn doch an, wie häßlich wird er ſein, wenn er in den Sack nieſt.“ „Bah! das iſt zu bald geſchehen, Du wirſt nicht Zeit haben, es wahrzunehmen.“ „Höre, man wird ſeinen Kopf von Herrn Sanſon zurückverlangen, man hat alſo das Recht, ihn zu ſehen.“ * 224 „Schau doch, was für einen ſchönen tyrannenblauen Rock er trägt... es iſt ein wenig angenehm für die Ar⸗ men, wenn man die gut gekleideten Leute verkürzt.“ Die Armen erbten in der That, wie es der Scharf⸗ richter zu der Königin geſagt hatte, den Nachlaß von jedem Opfer; dieſer Nachlaß wurde ſogleich nach der Hin⸗ richtung in die Salpetrière gebracht, um unter die Dürf⸗ tigen vertheilt zu werden, und dahin hatte man auch die Kleider der hingerichteten Königin geſchickt. Maurice hörte dieſe Worte ſchwirren, ohne darauf Acht zu geben; Jeder war in dieſem Augenblick von einem mächtigen Gedanken in Anſpruch genommen, der ihn ver⸗ einzelte. Seit einigen Tagen ſchlug ſein Herz nur noch in gewiſſen Momenten und in Stößen; von Zeit zu Zeit ſchienen die Furcht oder die Hoffnung den Gang ſeines Lebens zu hemmen, und dieſe beſtändigen Schwankungen hatten in ſeinem Herzen die Empfindungskraft gleichſam gebrochen, um die Erſchlaffung an ihre Stelle zu ſetzen. Die Geſchworenen kehrten in den Sitzungsſaal zurück und der Präſident verkündigte, wie man es erwartet hatte, das Todesurtheil der zwei Angeklagten. Man führte ſie weg, ſie entfernten ſich mit feſtem Schritte... in jener Zeit ſtarb Jedermann gut. Die Stimme des Huiſſier erſcholl finſter und unheil⸗ ſchwanger. „Der Bürger Ankläger gegen die Bürgerin Dirmer.“ Maurice ſchauerte am ganzen Leib und der Schweiß perlte auf ſeinem Antlitz. Ddie kleine Thüre, durch welche die Angeklagten ein⸗ traten, öffnete ſich und Genevisve erſchien. Sie war weiß gekleidet; ihre Haare waren mit einer reizenden Coquetterie geordnet, denn ſie hatte ſie zierlich in Locken über einander gelegt, ſtatt ſie zu ſchneiden, wie es viele andere Frauen thaten. Ohne Zweifel wollte die arme Geneviève bis zum letzten Augenblick ſchön vor demjenigen erſcheinen, welcher ſie ſehen konnte. 225 Maurice ſah Geneviéve und er fühlte, daß alle Kräfte, die er für dieſen Augenblick geſammelt hatte, ihn zu glei⸗ cher Zeit verließen; er war indeſſen auf dieſen Schlag ge⸗ faßt, da er ſeit zehn Tagen keine Sitzung verſäumte und ſchon dreimal der Name Geneviève, aus dem Munde des öffentlichen Anklägers hervorgehend, ſein Ohr berührt hatte; doch es gibt eine gewiſſe Verzweiflung, welche ſo weit und ſo tief iſt, daß Niemand den Abgrund ermeſſen kann. 8 Alle, welche dieſe ſo ſchöne, ſo unſchuldsvolle, ſo bleiche junge Frau kommen ſahen, ſtießen einen Schrei aus, die Einen vor Wuth,(es gab zu jener Zeit Men⸗ ſchen, welche jeden Vorzug haßten, den Vorzug der Schön⸗ heit wie den Vorzug des Geldes, des Genies oder der Geburt), die Anderen vor Bewunderung, Einige vor Mitleid. Geneviéve erkannte ohne Zweifel einen Schrei aus allen dieſen Schreien, eine Stimme unter allen dieſen Stimmen; denn ſie wandte ſich gegen Maurice um, wäh⸗ rend der Präſident in den Acten der Angeklagten blätterte, wobei er ſie von Zeit zu Zeit verſtohlen von unten an⸗ ſchaute. Mit dem erſten Blicke ſah ſie Maurice, ſo ſehr er auch unter der Krämpe ſeines breiten Hutes begraben warz dann wandte ſie ſich ganz um mit einem ſanften Lächeln und mit einer noch viel ſanfteren Geberde; ſie drückte ihre zwei roſigen, zitternden Hände auf ihre Lippen, legte mit ihrem Hauche ihre ganze Seele hinein und gab dieſem Kuſſe, den ein Einziger in dieſer Menge für ſich zu neh⸗ men berechtigt war, Flügel. Ein Gemurmel der Theilnahme durchlief den ganzen Saal. Aufgerufen, wandte ſie ſich gegen ihre Richtsr um, doch mitten in dieſer Bewegung hielt ſie inne, ihre weit aufgeriſſenen Augen hefteten ſich mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdrucke des Schreckens auf einen Punkt des Saals. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge II. 15 226 Maurice erhob ſich vergebens auf die Fußſpitzen, er ſah nichts, oder vielmehr etwas Wichtigeres lenkte ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die Scene, das heißt auf das Tribunal. Fouquier⸗Tinville hatte die Vorleſung der Anklage⸗ acte begonnen. Nach dieſer Acte war Genevisve Dirmer die Frau eines hartnäckigen Verſchwörers und ſtand im Verdacht, den Erchevalier von Maiſon⸗Nouge bei ſeinen auf einan⸗ der folgenden Verſuchen, die Königin zu retten, unter⸗ ſtützt zu haben. Ueberdies hatte man ſie auf den Knieen vor der Kö⸗ nigin gefunden, wie ſie dieſe angefleht, die Kleider mit ihr zu wechſeln, wie ſie ſich anerboten, an ihrer Stelle zu ſterben.„Dieſer alberne Fanatismus,“ ſagte die An⸗ klageacte,„wird ohne Zweifel Lobeserhebungen von den Gegenrevolutionären ernten. Doch heute,“ fügte ſie bei,„iſt jeder franzöſiſche Bürger ſein Leben nur der Nation ſchuldig, und ſich den Feinden Frankreichs opfern, heißt doppelt verrathen.“ Befragt, ob ſie anerkenne, daß ſie von den Gendar⸗ men Duchesne und Gilbert zu den Füßen der Königin überraſcht worden ſei, wie ſie dieſe angefleht, die Kleider mit ihr zu wechſeln, antwortete Geneviéve einfach: „Ja!“ „So erzählen Sie uns Ihren Plan und Ihre Hoff⸗ nungen,“ ſprach der Präſident. Genevisve erwiederte lächelnd: „Eine Frau kann Hoffnungen faſſen, doch ſie kann keinen Plan machen wie den, deſſen Opfer ich bin.“ „Warum befanden Sie ſich dort?“ „Weil ich nicht mir gehörte und man mich antrieb?„ „Wer trieb Sie an? fragte der öffentliche Ankläger. „Leute, die mich mit dem Tode bedrohten, wenn ich nicht gehorchen würde.“ Und der gereizte Blick der jungen Frau heftete ſich — 227 abermals auf den für Maurice unſichtbaren Punkt des Saales. „Doch um dem Tod zu entgehen, mit dem manSie bedrohte, trotzten Sie dem Tod, der für Sie aus einer Verurtheilung hervorgehen mußte?“ „Als ich nachgab, ſtand das Meſſer auf meiner Bruſt, während das Eiſen der Guillotine noch fern von meinem Kopfe war. Ich beugte mich unter der gegenwärtigen Gewalt.“. „Warum riefen Sie nicht zu Hülfe? Jeder gute Bürger hätte Sie vertheidigt.“ „Ach! mein Herr,“ erwiederte Genevisve mit einem zugleich ſo traurigen und ſo zarten Tone, daß das Herz von Maurice aufſchwoll, als ob es zerſpringen ſollte,„ach! ich hatte Niemand mehr in meiner Nähe.“ Die Rührung folgte auf die Theilnahme, wie die Theilnahme auf die Neugierde gefolgt war. Viele Köpfe ſenkten ſich, die Einen verbargen ihre Thränen, die Andern ließen ihnen freien Lauf. Maurice erblickte nun auf ſeiner Linken einen feſt ge⸗ bliebenen Kopf, ein unbeugſam gebliebenes Geſicht. Es war Dirmer, der aufrecht, düſter, unverſöhnlich, weder Geneviéve noch das Tribunal aus dem Geſichte verlor. Das Blut ſtrömte den Schläfen des jungen Mannes zu; der Zorn ſtieg von ſeinem Herzen in ſeine Stirne und erfüllte ſein ganzes Weſen mit unmäßiger Rachgier. Er ſchleuderte Dirmer einen mit ſo elektriſchem, ſo mächtigem Haſſe beladenen Blick zu, daß dieſer, wie angezogen durch das brennende Fluidum, den Kopf gegen ſeinen Feind umwandte. Beider Blicke kreuzten ſich wie zwei Flammen. „Sagen Sie uns die Namen Ihrer Anſtifter?“ fragte der Präſident. „Es war nur ein einziger, mein Herr.“ „Wer?“ „Mein Gatte.“ „Wiſſen Sie, wo er iſt?“ 228 „Ja.“ „Nennen Sie ſeinen Zufluchtsort.“ „Er iſt vielleicht in Frankreich; doch ich werde nicht feig ſein, es iſt nicht meine Sache, ſeinen Zufluchtsort an⸗ zuzeigen, es iſt die Ihrige, ihn zu entdecken.“ Maurice ſchaute Dirmer an. Dirmer machte keine Bewegung. Ein Gedanke durchzuckte den Kopf des jungen Man⸗ nes: der Gedanke, ihn anzuzeigen, indem er zugleich ſich anzeigen würde; doch er unterdrückte ihn wieder. „Nein, er ſoll nicht ſo ſterben!“ ſagte er. „Sie weigern ſich alſo, unſere Nachforſchungen zu lenken?“ fragte der Präſident. „Mein Herr, ich glaube, daß ich es nicht thun kann, ohne mich eben ſo verächtlich in den Augen der Andern zu machen, als er es in den meinigen iſt,“ antwortete Ge⸗ neviéve. „Sind Zeugen vorhanden?“ fragte der Präſident. „Einer,“ antwortete der Huiſſier. „Rufen Sie den Zeugen auf.“ „Marimilian Jean Lorin!“ quiekte der Huiſſier. „Lorin!“ rief Maurice.„Ohl mein Gott! was iſt denn mit ihm geſchehen?“ Dieſe Scene ſel am Tage der Verhaſtung von Lorin vor und Maurice wußte noch nichts von der Verhaſtung. „Lorin!“ murmelte Genevisve, mit ſe chmerzlicher Unruhe umherſchauend. „Warum antwortet der Zeuge nicht, wenn man ihn auffordert?“ fragte der Präſident. „Bürger Präſident,“ ſagte Fouquier⸗Tinville,„auf eine neue Anzeige iſt der Zeuge in ſeiner Wohnung ver⸗ haftet worden; man wird ihn ſogleich bringen.“ Maurice bebte. „Es war noch ein anderer, wichtigerer Zeuge vorhan⸗ den, doch dieſen konnte man nicht finden,“ fuhr Fouquier⸗ Tinville fort. Dirmer wandte ſich lächelnd gegen Maurice um; n⸗ 229 vielleicht durchzog derſelbe Gedanke, der ſich im Kopf des Geliebten geregt hatte, gleichfalls den Kopf des Gatten. Genevisve erbleichte und ſank auf ſich ſelbſt zuſammen. In dieſem Augenblick trat Lorin, gefolgt von zwei Gendarmen, ein. Nach ihm und durch dieſelbe Thüre kam Simon, der ſich als ein Vertrauter des Ortes im Gerichtsſaale nie⸗ derſetzte. „Ihr Name und Ihre Vorname?“ fragte der Prä⸗ ſident. „Marimilian Jean Lorin.“ „Ihr Stand 24 „Freier Mann.“ „Du wirſt es nicht mehr lange ſein,“ ſagte Simon, indem er ihm die Fauſt wies. „Sind Sie ein Verwandter der Angeklagten?“ „Nein, doch ich habe die Ehre, zu ihren Freunden zu gehören.“ „Wußten Sie, daß ſie auf die Entführung der Kö⸗ nigin conſpirirte?“ „Wie ſollte ich das wiſſen?“ „Sie konnte es Ihnen anvertraut haben.“ „Mir, einem Mitglied der Section der Thermopylen? Stille doch!“ „Man hat Sie jedoch zuweilen bei ihr geſehen?“ „Man mußte mich ſogar oft bei ihr ſehen.“ „Sie kannten ſie als eine Ariſtokratin?“ „Ich kannte Sie als die Frau eines Rothgerbermeiſters.“ „Ihr Gatte trieb in Wirklichkeit das Handwerk nicht, unter welchem er ſich verbarg.“. „Ahl das weiß ich nicht, ihr Gatte gehörte nicht zu meinen Freunden.“ „Erzählen Sie uns von ihm.“ „Ohl ſehr gern! Es war ein gemeiner Burſche...“ „Herr Lorin, haben Sie Mitleid!“ ſagte Genevisve. Lorin fuhr, ohne ſich ſtören zu laſſen, fort: „Der die arme Frau, welche Sie vor Augen haben, 230 opferte, nicht wegen ſeiner politiſchen Meinungen, ſondern um ſeinen perſönlichen Haß zu befriedigen; puh! ich ſtelle ihn beinahe ſo nieder als Stmon.“ Dirmer wurde leichenbleich; Simon wollte ſprechen, doch der Präſident gebot ihm durch eine Geberde Still⸗ ſchweigen. „Sie ſcheinen dieſe ganze Geſchichte vollkommen zu kennen, erzählen Sie uns mehr davon,“ ſagte Fouquier. „Ich bitte um Verzeihung, Bürger Fouquier,“ ent⸗ gegnete Lorin aufſtehend,„ich habe geſagt, was ich wußte.“ Er grüßte und ſetzte ſich wieder. „Bürger Lorin,“ fuhr der Ankläger fort,„es iſt Deine Pflicht, das Tribunal aufzuklären.“ 4„Es kläre ſich mit dem auf, was ich geſagt habe... Dieſe Frau aber iſt unſchuldig, ich wiederhole es, ſie hat nur der Gewalt gehorcht. Eil ſchaut ſie nur einmal an, ſieht ſie aus wie eine Verſchwörerin? Man hat ſie ge⸗ zwungen, zu thun, was ſie gethan, das iſt das Ganze.“ „Du glaubſt es?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Im Namen des Geſetzes fordere ich, daß der Zeuge Lorin als der Genoſſenſchaft mit dieſer Frau angeklagt, vor das Tribunal geſtellt werde,“ ſprach Fouquier. Maurice ſtieß einen Seufzer aus. Geneviéve verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Simon rief in einem Freudenausbruche: „Burger Ankläger, Du haſt das Vaterland gerettet.“ Lorin aber ſtieg, ohne etwas zu erwiedern, uͤber das Geländer, um ſich zu Geneviève zu ſetzen, nahm ihre Hand, küßte ſie ehrfurchtsvoll und ſagte mit einem Phlegma, das die Verſammlung elektriſirte: „Guten Morgen, Bürgerin. Wie befinden Sie ſich?“ Und er ließ ſich auf der Bank der Angeklagten nieder. 5 7/* 231 LII. Fortſetzung des Vorhergehenden. Dieſe ganze Scene war wie eine phantasmagoriſche Erſcheinung vor Maurice vorübergegangen, der ſich auf den Griff ſeines Säbels ſtützte, welcher ihn nie verließ; er ſah einen nach dem andern ſeine Freunde in den Schlund fallen, welcher ſeine Opfer nicht zurückgibt, und dieſes tödliche Bild war ſo ſchlagend für ihn, daß er ſich fragte, warum er, der Gefährte dieſer Unglücklichen ſich noch an den Rand des Abgrundes anklammere und ſich nicht dem Schwindel überlaſſe, der ihn mit ihnen ſortzog. Während Lorin über das Geländer ſtieg, gewahrte er das düſtere, ſpöttiſche Geſicht von Dirmer. Als er ſich neben Genevisve geſetzt hatte, neigte ſich dieſe an ſein Ohr und ſagte: „Ohl mein Gott! wiſſen Sie, daß Maurice da iſt?“ „Wo denn?“ „Schauen Sie nicht ſogleich; Ihr Blick könnte ihn ins Verderben ſtürzen.“, „Seien Sie unbeſorgt.“ „Hinter uns, bei der Thüre. Welcher Schmerz für ihn, wenn wir verurtheilt ſind.“ Lorin ſchaute die junge Frau mit zartem Mitleid an. „Wir werden es ſein,“ ſagte er,„ich beſchwöre Sie, nicht daran zu zweifeln. Die Täuſchung wäre zu grau⸗ ſam, wenn Sie die Unklugheit hätten, noch zu hoffen.“ „Oh, mein Gott!“ verſetzte Geneviève,„der arme Freund, der nun allein auf der Erde bleiben wird!“ Lorin wandte ſich gegen Maurice um und Geneviève, welche nicht widerſtehen konnte, warf ebenſalls einen raſchen Blick auf den jungen Mann. Maurice hatte die Augen auf ſie gerichtet und drückte eine Hand auf ſein Herz. „Es gibt ein Mittel, Sie zu retten,“ ſagte Lorin. Ein ſicheres?“ fragte Geneviéve, deren Augen vor Freude funkelten. 232 „Oh! dafür ſtehe ich“ „Wenn Sie mich retten würden„ Lorin, wie wollte ich Sie ſegnen!“ „Doch dieſes Mittel...“ verſetzte der junge Mann. Geneviéve las ein Zögern in ſeinen Augen. „Sie haben ihn alſo auch geſehen?“ ſagte ſie. „Ja, ich habe ihn geſehen. Wollen Sie gerettet ſein, ſo ſteige er in den eiſernen Stuhl, und Sie ſind es.“ Dirmer errieth ohne Zweifel an dem Ausdruck des lickes von Lorin, welche Worte dieſer ſprach, denn er erbleichte Anfangs, doch bald nahm er wieder ſeine düſtere Ruhe und ſein hölliſches Lächeln an. „Es iſt unmöglich,“ ſagte Geneviéve,„ich könnte ihn nicht mehr haſſen.“ „Sagen Sie, daß er Ihren Edelmuth kennt und Ihnen trotzt.“. „Ohne Zweifel, denn er i*ſt ſeiner, meiner, unſerer Aller ſicher.“ „Geneviève! Geneviéve! ich bin minder vollkommen als Sie; laſſen Sie mich ihn fortreißen, und er ſterbe.“ „Nein, Lorin, ich beſchwöre Sie, nichts gemein mit dieſem Menſchen, nicht einmal den Tod; mir ſcheint, ich wäre Maurice ungetren, wenn ich mit Dirmer ſterben würde.“ „Aber Sie werden nicht ſterben.“ 3 „Könnte ich leben, wenn er todt wäre 24 „Ah!“ ſagte Lorin,„Maurice hat Recht, Sie zu lieben! Sie ſind ein Engel, und das Vaterland der Engel iſt im Himmel! Armer, theurer Maurice!“ Simon, der nicht hören konnte„ was die Angeklagten ſagten, verſchlang indeſſen, in Ermangelung ihrer Worte, ihre Geſichter mit dem Blick. „Bürger Gendarme,“ rief er,„verhindere doch die Verſchwörer, ihre Complotte gegen die Republik ſogar im Revolutionstribunale fortzuſetzen.“ „Gut,“ antwortete der Gendarme,„Du weißt wohl, Bürger Simon, daß man hier nicht mehr conſpirirt, oder wenn man conſpirirt, daß es nicht für lange Zeit ge⸗ * 233 ſchieht. Sie plaudern, die Bürger, und da das Geſetz nicht verbietet, im Henkerskarren zu plaudern, warum ſollte es das Plaudern im Tribunal verbieten?“ Dieſer Gendarme war Gilbert, der, nachdem er die Gefangene erkannt, die er im Kerker der Königin gemacht hatte, mit ſeiner gewöhnlichen Redlichkeit die Theil⸗ nahme äußerte, welche er dem Muthe und der Ergeben⸗ heit zuzugeſtehen nicht umhin konnte. Der Präſident hatte ſich mit ſeinen Aſſeſſoren be⸗ rathen; auf die Aufforderung von Fouquier⸗Tinville begann er ſeine Fragen. „Angeklagter Lorin,“ fragte er,„welcher Art war Dein Verhältniß zu der Bürgerin Dixmer?“ „Welcher Art, Bürger Präſident?“ „Ja.“ „L'amite la plus pure unissait nos deux coeurs, Elle m'aimait en frère et je l'aimais en soeur „Bürger Lorin,“ ſagte Fouquier⸗Tinville,„Dein Reim iſt ſchlecht.“ „Warum?“ fragte Lorin. „Allerdings, es iſt ein s zu viel.“ „Schneide ab, Bürger Ankläger, ſchneide ab, das iſt Dein Handwerk.“ Das unempfindliche Geſicht von Fouquier⸗Tinville er⸗ bleichte leicht bei dieſem furchtbaren Scherze. „Mit welchem Auge ſah der Bürger Dirmer die Verbindung eines Mannes, der ein Republikaner zu ſein behauptete, mit ſeiner Frau an?“ fragte der Präſident. „Oh! was das betrifft... ich kann es nicht ſagen, denn ich kannte den Bürger Dirmer nicht, und bin voll⸗ kommen damit zufrieden.“ „Aber Du ſagſt nicht, daß Dein Freund, der Bür⸗ *) Die reinſte Freundſchaft vereinigte unſere Herzen, ſie liebte mich als Bruder, ich liebte ſie als Schweſter. Wir mußten oben den Vers in franzöſiſcher Sprache wegen des unmittelbar darauf Folgenden wiederholen. Was hier er⸗ zählt wird, iſt hiſtoriſch. 234 ger Maurice Lindey, zwiſchen Dir und der Angeklagten der Knoten dieſer ſo reinen Freundſchaft war,“ verſetzte Fouquier⸗Tinville. „Wenn ich es nicht ſage,“ antwortete Lorin,„ſo iſt dies der Fall, weil es mir ſchlimm vorkommt, es zu ſagen, und ich finde ſogar, daß Sie ein Beiſpiel hätten an mir nehmen können.“ „Die Bürger Geſchworenen,“ ſprach Fouquier⸗Tin⸗ ville,„werden dieſe ſeltſame Verbindung zweier Republi⸗ kaner mit einer Ariſtokratin und zwar in einem Augen⸗ blick, wo dieſe Ariſtokratin des ſchwärzeſten Complottes überwieſen iſt, das man je gegen die Nation angezettelt hat, würdigen.“ „Wie hätte ich das Complott wiſſen ſollen, von dem Du ſprichſt, Bürger Ankläger?“ fragte Lorin, mehr empört als erſchrocken über die Brutalität dieſes Beweisſatzes. „Sie kannten dieſe Frau, Sie waren ihr Freund, ſie nannte Sie ihren Bruder, Sie nannten ſie Ihre Schweſter und Sie kannten ihre Schritte nicht? Iſt es denn möglich, wie Sie ſelbſt geſagt haben,“ ſprach der Präſident,„daß ſie allein die Handlung, der ſie ange⸗ ſchuldigt iſt, verübt hat?“. „Sie hat ſie nicht allein verübt,“ entgegnete Lorin, der ſich der techniſchen Worte bediente, welche der Präſi⸗ dent gebraucht hatte,„ſie hat es Ihnen geſagt, ich habe es Ihnen geſagt, und wiederhole es, daß ſie von ihrem Gatten angetrieben worden iſt.“ „Wie kommt es denn, daß Du den Mann nicht kannteſt, da der Mann mit der Frau vereinigt war?“ fragte Fouquier⸗Tinville. Lorin hatte nur das erſte Verſchwinden von Dirmer zu erzählen, Lorin hatte nur von der Liebe von Genevisve und Maurice zu ſprechen, Lorin brauchte endlich nur bekannt zu machen, auf welche Art der Mann ſeine Frau entführt und in einem undurchdringlichen Schlupfwinkel verborgen hatte, um ſich, die über der Sache ſchwebende Dunkelheit zerſtreuend, von jeder Connivenz zu entlaſten. 23⁵ 7 Doch zu dieſem Behufe hätte er das Geheimniß ſei⸗ ner zwei Freunde verrathen, er hätte Geneviève vor fünf hundert Perſonen erröthen machen müſſen. Lorin ſchüt⸗ telte den Kopf, als wollte er ſich ſelbſt nein ſagen. 8 „Nun!“ fragte der Präſident,„was werden Sie dem Bürger Ankläger antworten?“ „Daß ſeine Logik niederſchmetternd iſt,“ ſprach Lorin, „und daß er mich von etwas überzeugt hat, was ich ſelbſt nicht vermuthete.“ „Von was?“ „Daß ich, wie es ſcheint, einer der abſcheulichſten Verſchwörer bin, die man je geſehen hat.“ Dieſe Erklärung erregte eine allgemeine Heiterkeit. Die Geſchworenen ſelbſt konnten ſich nicht bewältigen, ſo ſehr hatte dieſer junge Mann ſeine Worte mit der ihnen gebührenden Betonung geſprochen. Fouquier fühlte den ganzen Spott, und da er in ſeiner unermüdlichen Beharrlichkeit dahin gelangt war, daß er alle Geheimniſſe der Angeklagten eben ſo gut kannte, als die Angeklagten ſelbſt, ſo vermochte er ſich gegen Lorin eines Gefühles mitleidiger Bewunderung nicht zu erwehren. „Nun,“ ſagte er,„Bürger Lorin, ſprich, vertheidige Dich. Das Tribunal wird Dich anhören, denn es kennt Deine Vergangenheit, und Deine Vergangenheit iſt die eines braven Republikaners.“ Simon wollte ſprechen; der Präſident hieß ihn durch ein Zeichen ſchweigen. „Sprich, Bürger Lorin, wir hören Dich,“ ſagte er. Lorin ſchüttelte abermals den Kopf. „Dieſes Stillſchweigen iſt ein Geſtändniß,“ fuhr der Präſident fort. „Nein,“ erwiederte Lorin,„dieſes Stillſchweigen iſt Stillſchweigen und nichts Anderes.“ „Noch einmal, willſt Du ſprechen?“ fragte Fouquier⸗ Tinville. Lorin wandte ſich gegen die Zuhörer um, in der —— — —— uꝙ— ———;———— 236 Abſicht, Maurice mit den Augen zu fragen, was er zu thun hätte.. Maurice machte Lorin kein Zeichen, zu ſprechen, und er ſchwieg. 3 Dies hieß ſich ſelbſt verurtheilen. as nun folgte, war raſch geſchehen. Fouquier faßte ſeine Anklage zuſammen, der Präſi⸗ dent faßte die Debatte zuſammen; die Geſchworenen ſchrit⸗ ten zur Abſtimmung und ſprachen das Schuldig gegen Lorin und Geneviève aus. Der Präſident verurtheilte Beide zur Todesſtrafe. Die Glocke des Palaſtes ſchlug zwei Uhr. Der Präſident brauchte gerade ſo viel Zeit, um die Verurtheilung auszuſprechen, als die Uhr, um zu ſchlagen. Maurice hörte dieſe zwei ſich mit einander vermiſchen⸗ den Geräuſche. Als die doppelte Vibrirung der Stimme und der Glocke erloſchen war, waren auch ſeine Kräfte erſchöpft. Die Gendarmen führten Geneviève und Lorin, der ihr den Arm geboten, weg. Beide grüßten Maurice auf eine ſehr verſchiedene Weiſe; Lorin lächelte, Genevisve ſandte ihm, bleich und wankend, einen letzten Kuß auf ihren mit Thränen be⸗ netzten Fingern zu. Sie hatte bis zum äußerſten Augenblick die Hoffnung, zu leben, bewahrt, und ſie beweinte nicht ihr Leben, ſon⸗ dern ihre Liebe, welche mit ihrem Leben erlöſchen ſollte. Halb wahnſinnig, erwiederte Maurice das Lebewohl ſeiner Freunde nicht; er erhob ſich, bleich, verwirrt von der Bank, auf die er geſunken. Seine Freunde waren verſchwunden. Er fühlte, daß nur noch Eines in ihm lebte: der Haß, der ihm das Herz zerfraß. Er warf einen letzten Blick umher und erkannte Dirmer, der mit andern Zuſchauern wegging und ſich bückte, um unter der gewölbten Thüre des Ganges durch⸗ zugehen. 237 Mit der Raſchheit der Feder, die ſich abſpannt, ſprang Maurice von Bank zu Bank und gelangte zu der⸗ ſelben Thüre. Dirmer war ſchon außerhalb; er ging in der Dun⸗ kelheit durch den Corridor hinab. Maurice folgte ihm. In dem Augenblick, wo Dirmer mit dem Fuße die Platten des großes Saales berührte, berührte Maurice mit der Hand die Schulter von Dirmer. LIII. Das Duell. In jener Zeit war es ſtets etwas Ernſtes, wenn man ſeine Schulter berührt fühlte. Dirmer wandte ſich um und erkannte Maurice. „Ahl guten Morgen, Bürger Republikaner,“ ſagte Dirmer, ohne eine andere Bewegung zu offenbaren, als ein unmerkliches Zittern, das er ſogleich bewältigte. 3 „Guten Morgen, ſeiger Bürger,“ erwiederte Maurice; „nicht wahr, Sie erwarteten mich?“. „Das heißt, ich erwartete Sie nicht mehr, im Ge⸗ gentheil,“ antwortete Dirmer. „Warum?“ „Weil ich Sie früher erwartete.“ 1 „Ich komme noch zu früh für Dich, Mörder!“ fügte Maurice mit einer Stimme, oder vielmehr mit einem furchtbaren Gemurmel bei, denn es war das Toſen des in ſeinem Herzen angehäuften Sturmes, wie ſein Blick der Blitz deſſelben war. „Sie ſchleudern mir Feuer in die Augen, Bürger,“ verſetzte Dirmer,„man wird uns erkennen und uns folgen.“ 238 „Ja, und Du befürchteſt Deine Verhaftung, nicht wahr, Du befürchteſt, auf das Schaffot geführt zu werden, wohin Du Andere ſchickſt? Man verhafte uns, deſto beſſer, denn mir ſcheint, es fehlt heute ein Schuldiger der nationalen Gerechtigleit.“ „Wie ein Name auf der Liſte der Leute von Ehre fehlt, nicht wahr? ſeitdem der Ihrige darauf verſchwun⸗ den iſt.“ „Es iſt gut, ich hoffe, wir werden von Allem dem wieder ſprechen; doch mittlerweile haben Sie ſich gerächt, elend an einer Frau gerächt. Warum, da Sie mich irgenwo erwarteten, erwarteten Sie mich nicht bei mir am Tage, wo Sie mir Genevieve ſtahlen?“ „Ich glaubte, Sie wären der erſte Dieb.“ „Stille, keinen Witz, mein Herr, ich habe nie ſolchen bei Ihnen gekannt; keine Worte, ich weiß, daß Sie ſtärker im Handeln als im Wort ſind, hievon zeugt der Tag, wo Sie mich ermorden wollten; an dieſem Tag ſprach Ihre Natur.“ „Und ich habe mir mehr als einmal einen Vorwurf ge⸗ macht, daß ich nicht auf ſie hörte,“ antwortete Dirmer ruhig. „Nun wohl!“ ſagte Maurice, auf ſeinen Säbel klopfend, nich biete Ihnen eine Genugthuung an.“ „Morgen, wenn Sie wollen, heute nicht.“ „Warum morgen?“ „Oder dieſen Abend.“— „Warum nicht auf der Stelle?“ „Weil ich noch bis fünf Uhr zu thun habe.“ „Abermals ein abſcheulicher Plan,“ ſagte Maurice, „abermals ein Hinterhalt.“ „Ahl ahl Herr Maurice, Sie ſind in der That ſehr wenig dankbar. Wiel ſechs Monate lang ließ ich Sie den zärtlichen Liebhaber bei meiner Frau ſpielen; ſechs Monate lang ehrte ich Ihre Rendezvous, ließ ich Ihr Lächeln hingehen. Geſtehen Sie, nie iſt ein Menſch weni⸗ ger Tiger geweſen als ich.“ icht en, eſto der hre in⸗ em ht, wo ge, ſen ker g„ ich ge⸗ ig. d, 239 „Du glaubteſt nämlich, ich könnte Dir nützlich fein und ſchonteſt mich.“ „Allerdings!“ antwortete ruhig Dirmer, der ſich in demſelben Grade beherrſchte, in welchem Maurice ſich erhitzte.„Allerdings, während Sie Ihre Republik verriethen und ſie für einen Blick meiner Frau an mich verkauften; während Ihr Euch entehrtet, Sie durch Ihren Verrath, meine Frau durch ihre ehebrecheriſche Liebe, war ich der Weiſe, der Held. Ich wartete und triumphirte.“ „Abſcheulich!“ verſetzte Maurice. „Ja, nicht wahr, Sie würdigen Ihr Benehmen, mein Herr? Es iſt abſcheulich, es iſt ſchändlich!“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr; das Benehmen, das Sie abſcheulich und ſchändlich nennen, iſt das des Mannes, dem die Ehre einer Frau anvertraut worden war, der ſie rein und unbefleckt zu erhalten geſchworen hatte, und der, ſtatt ſeinen Schwur zu halten, aus ihrer Schönheit eine ſchmähliche Lockſpeiſe machte, mit der er das ſchwache Herz fing. Es war vor Allem Ihre heilige Pflicht, dieſe Frau zu beſchützen, mein Herr, und ſiatt ſie zu beſchützen, haben Sie dieſelbe verkauft.“ 1 „Was ich zu thun hatte, mein Herr, will ich Ihnen ſagen,“ erwiederte Dirmer;„ich hatte meinen Freund zu retten, der mit mir eine heilige Sache unterſtützte. Wie ich meine Habe dieſer Sache opferte, ſo opferte ich auch meine Ehre. Mich ſelbſt vergaß ich gänzlich, ſtellte ich völlig in den Hintergrund. Ich dachte erſt zuletzt an mich. Nun, kein Freund mehr: mein Freund ſtarb er⸗ dolcht; nun, keine Königin mehr: meine Königin ſtarb auf dem Schaffot; nun, hoͤren Sie wohl, nun denke ich an meine Rache.“ „Sagen Sie an Ihren Mord.“ „Man ermordet eine Ehebrecherin nicht, wenn man ſie niederſtoßt, man beſtraft ſie.“ „Dieſer Ehebruch, Sie haben ihn ihr auferlegt, er war folglich geſetzlich.“ 3 „Sie meinen?“ verſetzte Dirmer mit einem finſteren 240 Lächeln.„Fragen Sie ihre Gewiſſensbiſſe, ob ſie geſetz⸗ lich zu handeln glaubt.“ „Derjenige, welcher ſtraft, ſchlägt am hellen Tag; Du ſtrafſt nicht, da Du fliehſt, während Du ſchlägſt, da Du Dich verbirgſt, während Du ihren Kopf der Guillo⸗ tine zuwirfſt.“ „Ich fliehel ich verberge mich! wo ſiehſt Du dies, Du armes Gehirn?“ fragte Dirmer;„heißt es ſich ver⸗ bergen, ihrer Verurtheilung beiwohnen? heißt es fliehen, bis in den Todtenſaal gehen, um ihr ein letztes Fahrewohl zuzuwerfen?“ „Du willſt ſie wiederſehen?“ rief Maurice,„Du willſt ihr Fahrewohl ſagen?“ .„Stille doch,“ antwortete Dirmer die Achſeln zuckend, „Du biſt offenbar in der Nache nicht erfahren, Bürger Maurice. Du würdeſt alſo an meiner Stelle damit zufrie⸗ den ſein, daß Du die Ereigniſſe ihrer Gewalt allein, die Umſtände ihrem Zuge allein überließeſt? Ich wäre alſo zum Beiſpiel mit der Ehebrecherin, die den Tod verdient, in dem Augenblick, wo ich ſie mit dem Tode beſtraft, quitt, oder vielmehr, ſie wäre quitt mit mir? Nein, Bür⸗ ger Maurice, ich habe etwas Beſſeres gefunden, als das; ich habe ein Mittel gefunden, dieſer Frau alles Schlimme zuzufügen, das ſie mir zugefügt. Sie liebt Dich, und wird fern von Dir ſterben; ſie haßt mich, und wird mich wiederſehen. Halt,“ fügte er bei, indem er ein Porte⸗ feuille aus ſeiner Taſche zog;„ſiehſt Du dieſes Portefeuille? Es enthält eine von dem Greffier des Palaſtes unterzeichnete Karte. Mit dieſer Karte kann ich zu den Verurtheilten dringen; nun wohl! ich werde bis zu Geneviève dringen und ſie eine Ehebrecherin nennen; ich werde ihre Haare unter der Hand des Henkers fallen ſehen, und während ihre Haare fallen, hört ſie meine Stimme wiederholen: Chebrecherin! Ich werde ſie bis zum Henkerskarren be⸗ gleiten, und wenn ſie den Fuß auf das Schaffot ſetzt, iſt das letzte Wort, das ſie hören wird: Ehebrecherin!“ „Nimm Dich in Acht, ſie wird nicht den Muth 4 241 haben, ſo viele Schändlichkeiten zu ertragen, ſie wird Dich anzeigen.“ „Gut,“ ſagte Dirmer,„ſie haßt mich zu ſehr hiefür; wenn ſie mich hätte anzeigen ſollen, ſo hätte ſie es gethan, als es ihr Dein Freund ganz leiſe rieth; da ſie mich nicht angezeigt hat, um ihr Leben zu retten, ſo wird ſie mich auch nicht anzeigen, um mit mir zu ſterben; denn ſie weiß wohl, daß wenn ſie mich anzeigte, ich ihre Hinrichtung um einen Tag verzögern würde; ſie weiß wohl, daß ich, wenn ſie mich anzeigte, mit jihr nicht nur bis unten an die Stufen des Palaſtes, ſondern bis zum Schaffot ginge; denn ſie weiß wohl, daß ich, ſtatt ſie am Fuße des Schämels zu verlaſſen, mit ihr den Henkerskarren be⸗ ſtiege; denn ſie weiß wohl, daß ich ihr den ganzen Weg entlang das Wort: Ehebrecherin! wiederholen würde, wel⸗ ches ich auf dem Schaffot unabläßig zu ihr ſpräche, und daß in dem Augenblick, wo ſie in die Ewigkeit fiele, die furchtbare Anklage mit ihr dahin fallen würde.“ Dirmer war gräßlich in Zorn und Haß; ſeine Hand hatte die Hand von Maurice ergriffen und ſchüttelte ſie mit einer Kraft, die der junge Mann nicht kannte, an welchem eine entgegengeſetzte Wirkung vorging. Je mehr ſich Dirmer eraltirte, deſto mehr beruhigte ſich Maurice. „Höre,“ ſagte der junge Mann,„bei dieſer Rache fehlt Eines.“ „Was?“ „Daß Du, aus dem Tribunale weggehend, zu ihr ſagen könnteſt:„„Ich habe Deinen Geliebten getroffen und ihn getödtet.““. „Im Gegentheil, ich will ihr lieber ſagen, Du lebeſt und werdeſt den ganzen Reſt Deines Lebens durch das Schauſpiel ihres Todes leiden.“ „Du wirſt mich dennoch tödten,“ ſprach Maurice, und er ſchaute umher und fügte bei, als er ſah, daß er ungefähr Herr der Stellung war:„oder ich tödte Dich.“ Bleich vor Aufregung, eraltirt durch den Zorn, eine Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge, II. 16 242 doppelte Kraft durch den Zwang in ſich fühlend, den er ſich auferlegt hatte, um Dirmer ſeinen furchtbaren Plan bis zum Ende entrollen zu hören, packte Maurice dieſen bei der Gurgel und zog ihn an ſich, während er rück⸗ wärts gegen eine Treppe ging, welche an den Rand des Fluſſes führte. Bei der Berührung dieſer Hand fühlte Dirmer eben⸗ falls den Haß in ſeinem Innern wie eine Lava ſteigen. „Es iſt gut,“ ſagte er,„Du brauchſt mich nicht mit Gewalt fortzuziehen, ich gehe.“ „Komm, Du biſt bewaffnet.“ „Ich folge Dir.“. „Nein, ſchreite voran, doch ich ſage Dir zum Vor⸗ aus, bei dem geringſten Zeichen, bei der geringſten Ge⸗ herhe ſpalte ich Dir den Schädel mit einem Säbel⸗ hiebe.“ „Ohl Du weißt wohl, daß ich keine Furcht habe,“ verſetzte Dirmer mit jenem Lächeln, das die Bläſſe ſeiner Lippen ſo ſchrecklich machte. „Furcht vor meinem Säbel, nein,“ murmelte Mau⸗ rice,„doch Furcht, Deine Rache zu verlieren, und den⸗ noch,“ fügte er bei,„nun, da wir uns von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber ſtehen, kannſt Du ihr Fahrewohl ſagen.“ Sie waren in der That an den Rand des Waſſers gelangt, und hätte ihnen der Blick auch dahin, wo ſie waren, folgen können, ſo wäre doch Niemand im Stande geweſen, zeitig genug zu ihnen zu gelangen, um das Duell zu verhindern. Ueberdies verzehrte ein gleicher Zorn dieſe beiden Männer. Während ſie ſprachen, waren ſie die kleine Treppe hinabgeſtiegen, welche auf die Place du Palais führt, und hatten den beinahe verlaſſenen Quai erreicht; denn da die Verurtheilungen noch fortdauerten, inſofern es kaum zwei Uhr Nachmittags war, ſo drängte ſich die Menge immer noch in dem Gerichtsſaale, in den Corridors und in den Höfen, und Dirmer ſchien ebenſo ſehr Durſt nach dem —9—— —-—.——— — 243 Blute von Maurice zu haben, als Maurice Durſt nach dem Blute von Dirmer hatte. Sie drangen ſodann unter eines der Gewölbe, welche von den Kerkern der Concier⸗ gerie nach dem Fluſſe führen... heut zu Tage verpeſtete Dohlen, die aber, einſt blutig, mehr als einmal Leichname fern aus den Oublietten wegtrieben. Maurice ſtellte ſich zwiſchen das Waſſer und Dirmer. „Ich glaube offenbar, daß ich Dich tödten werde, Maurice,“ ſagte Dirmer,„Du zitterſt zu ſehr.“ „Und ich, Dirmer,“ verſetzte Maurice, indem er den Säbel in die Hand nahm und ihm ſorgfältig jeden Rück⸗ zug abſchnitt,„ich glaube im Gegentheil, daß ich Dich tödten und, nachdem ich Dich getödtet, aus Deinem Por⸗ tefeuille die Einlaßkarte des Greffier vom Palaſte nehmen werde. Oh! Du magſt immerhin Deinen Rock zuknöpfen, mein Säbel wird ihn öffnen, dafür ſtehe ich Dir, und wäre er von Erz wie die Panzer des Alterthums.“ „Dieſes Papier wirſt Du nehmen?“ brüllte Dirmer. „Ja, ich werde mich dieſes Papieres bedienen; ich werde mit dieſem Papier zu Genevisve gelangen; ich werde mich zu ihr auf den Henkerskarren ſetzen; ich werde ihr, ſo lange ſie lebt, in das Ohr flüſtern: Ich liebe Dich, und wenn ihr Kopf fällt: Ich liebte Dich!“ Dixrmer machte mit der linken Hand eine Bewegung, um das Papier zu ergreifen und es mit dem Portefeuille in den Fluß zu ſchleudern. Doch ſchnell wie der Blitz, ſchneidend wie ein Beil, fuhr der Säbel von Maurice auf dieſe Hand nieder und trennte ſie beinahe gänzlich vom Fauſtgelenke. 4 Der Verwundete ſtieß einen Schrei aus, ſchüttelte ſeine verſtümmelte Hand und fiel aus. Dann begann unter dieſem einſamen, finſteren Ge⸗ wölbe ein furchtbarer Kampf; die zwei Männer, welche in einen ſo engen Raum eingeſchloſſen waren, daß die Hiebe beinahe nicht von der Linie des Körpers abweichen konnten, glitſchten auf den feuchten Platten aus und hiel⸗ ten ſich nur mit Mühe an den Wänden der Dohle; die 8 244 Angriffe vervielfältigten ſich in Folge der Ungeduld der Kämpfenden. Dirmer fühlte ſein Blut fließen und begriff, daß ſeine Kräfte mit ſeinem Blute entſchwinden würden er bedrängte Maurice mit einer ſolchen Heftigkeit, daß dieſer einen Schritt ruͤckwärts zu machen genöthigt war. Wäh⸗ rend er auswich, glitſchte ſein linker Fuß und der Saͤbel ſeines Feindes verletzte ſeine Bruſt. Doch mit einer Be⸗ wegung raſch wie der Gedanke hob er, obgleich knieend, die Klinge mit ſeiner linken Hand in die Höhe und ſtreckte die Spitze Dirmer entgegen, der, fortgeriſſen durch ſeinen Zorn, fortgeriſſen durch ſeine Bewegung auf einem ab⸗ hängigen Boden, auf ſeinen Säbel fiel und ſich ſelbſt in das Eiſen rannte. Man hörte einen furchtbaren Fluch: dann rollten die zwei Körper bis vor das Gewölbe hinaus. Ein Einziger erhob ſich wieder; dies war Maurice, Maurice mit Blute bedeckt, aber mit dem Blute ſeines Feindes. Er zog ſeinen Säbel an ſich, und indeß er ihn zu⸗ rückzog, ſchien er den Reſt des Lebens, das noch mit einem nervigen Zittern die Glieder von Dirmer bewegte, vollends auszuſaugen⸗ Nachdem er ſich völlig überzeugt hatte, daß ſein Geg⸗ ner todt war, neigte er ſich über den Leichnam, öffnete den Rock des Todten, nahm das Portefeuille und entfernte ſich raſch. Als er einen Blick auf ſich warf, ſah er, daß er nicht vier Schritte in der Straße machen würde, ohne verhaftet zu werden: er war mit Blut bedeckt. Er näherte ſich dem Rande des Waſſers, neigte ſich gegen den Fluß hinab und wuſch ſeine Hände und ſeine Kleider. Dann ſtieg er raſch, nachdem er zum letzten Male nach dem Gewölbe zurückgeſchaut, wieder die Treppe hinauf. 3 8 245 Ein rother, rauchender Faden kam aus dem Ge⸗ wölbe hervor und ſchlängelte ſich gegen den Fluß fort. Beim Palaſte angelangt, öffnete er die vom Greffier unterzeichnete Einlaßkarte. „Ich danke, gerechter Gott!“ murmelte er und ſtieg die Stufen hinauf, welche in den Todtenſaal führten. Es ſchlug drei Uhr. LIV. Der Todtenſaal. Man erinnert ſich, daß der Greffier des Palaſtes Dirmer ſeine Gefangenenregiſter geöfſnet und mit dieſem eine Verbindung unterhalten hatte, welche durch die An⸗ weſenheit der Frau Greffière ſehr angenehm geworden war. Dieſer Mann wurde, wie man ſich wohl denken kann, von furchtbarem Schrecken erfaßt, als das Complott von Dirmer an den Tag kam. Es handelte ſich für ihn in der That um nichts Ge⸗ ringeres, als daß er für einen Genoſſen ſeines falſchen Collegen gehalten und mit Geneviève zum Tode verur⸗ theilt werden konnte. Fouquier⸗Tinville rief ihn vor ſich. Man begreift, wie ſehr ſich der arme Mann an⸗ ſtrengte, um ſeine Unſchuld in den Augen des öffentlichen Anklägers darzuthun; es gelang ihm durch die Geſtänd⸗ niſſe von Geneviéve, welche ſeine Unwiſſenheit in Bezie⸗ hung auf die Pläne ihres Gatten bewieſen. Es gelang ihm durch die Flucht von Dirmer; es gelang ihm beſon⸗ ders durch das Intereſſe von Fouquier⸗Tinville, der ſeine Verwaltung rein von jedem Flecken erhalten wollte. „Buͤrger,“ ſagte der Greffier, indem er ſich ihm zu Füßen warf,„verzeihe mir, ich habe mich täuſchen laſſen.“ 3 — ————————— — —— 246 „Bürger,“ antwortete der oͤffentliche Ankläger,„ein Beamter der Nation, der ſich in Zeiten, wie dieſe ſind, täuſchen läßt, verdient guillotinirt zu werden.“ „Aber man kann dumm ſein, Bürger,“ verſetzte der Greffier, der Fouquier⸗Tinville um das Leben gern Mon⸗ ſeigneur genannt hätte. „Dumm oder nicht dumm,“ entgegnete der ſtrenge Ankläger,„Niemand darf ſich in ſeiner Liebe für die Republik einſchläfern laſſen. Die Gänſe des Capitols waren auch dumm, und dennoch erwachten ſie, um Rom zu retten.“ Der Greffier hatte auf ein ſolches Argument nichts zu erwiedern; er ſeufzte und wartete. „ Ich verzeihe Dir,“ ſagte Fouquier.„Ich werde Dich ſogar vertheidigen, denn es ſoll ſich nicht einmal ein Verdacht gegen einen meiner Angeſtellten erheben; doch erinnere Dich, daß Du bei dem geringſten Wort, das mir zu Ohren kommt, bei der geringſten Erinnerung an dieſe Angelegenheit ein anderes Verfahren zu erwarten haſt.“ Es bedarf kaum der Erwähnung, mit welchem Eifer und mit welcher Sorgfalt der Greffier die Zeitungen aufſuchte, welche ſtets eiligſt bemüht ſind, zu ſagen, was ſie wiſſen, und zuweilen auch das, was ſie nicht wiſſen, und müßten ſie den Kopf von zehn Menſchen fallen machen. Er ſuchte Dirmer überall, um ihm Stillſchweigen anzuempfehlen, doch Dirmer hatte natürlich ſeine Wohnung verändert, und er konnte ihn nicht auffinden. Geneviève wurde auf den Stuhl der Angeklagten ge⸗ führt, doch ſie hatte ſchon im Verhör erklärt, weder ſie, noch ihr Gatte hätten einen Genoſſen. Wie dankte er auch der jungen Frau mit den Augen, als ſie an ihm vorüberkam, um ſich nach dem Tribunal zu begeben. Doch als ſie an ihm vorübergegangen und er einen Augenblick in die Kanzlei zurückgekehrt war, um Akten zu holen, die der Bürger Fouquier⸗Tinville von ihm forderte, 247 ſah er plötzlich Dirmer erſcheinen, der mit ruhigem Schritte auf ihn zukam. Dieß Erſcheinung verſteinerte ihn. „Ohl“ machte er, als ob er ein Geſpenſt erblickt ätte. „Erkennſt Du mich nicht?“ fragte ihn Dirmer. „Doch, Du biſt der Bürger Durand oder vielmehr der Bürger Dirmer.“ „So iſt es.“ „Doch Du biſt todt, Bürger?“ „Noch nicht, wie Du ſiehſt.“ „Ich will ſagen, man wird Dich verhaften.“ „Wer ſoll mich verhaften? Niemand kennt mich.“ „Aber ich kenne Dich und habe nur ein Wort zu ſagen, um Dich guillotiniren zu laſſen.“ „Und ich habe nur zwei zu ſagen, daß man Dich mit mir gulllotinirt.“ „Das iſt abſcheulich, was Du da ſprichſt.“ „Nein, es iſt logiſch.“. „Aber was willſt Du denn? Laß hören, ſprich! be⸗ eile Dich, denn je weniger lange wir mit einander reden, deſto weniger laufen wir Beide Gefahr.“ „Höre. Meine Frau wird verurtheilt werden, nicht wahr?“ „Ich befürchte es ſehr! arme Frau!“ „Nun wohl, ich wünſchte ſie zum letzten Male zu ſehen, um von ihr Abſchied zu nehmen.“ „Wo dies?“ „Im Todtenſaale.“ „Du wirſt es wagen, hineinzugehen?“ „Warum nicht?“ „Oh!“ machte der Greffier wie ein Menſch, den ſen bei einem ſolchen Gedanken eine Gänſehaut über⸗ äuft. „Es muß ein Mittel hiezu geben,“ fuhr Dirmer fort. „Um in den Todtenſaal zu kommen?“ ja, aller⸗ dings.“ ——õm—— ———————— —- 248 „Welches?“ „Man muß ſich eine Karte verſchaffen.“ „Und wo verſchafft man ſich dieſe Karten?“ Der Greffter erbleichte furchtbar und ſtammelte: „Wo man ſich die Karten verſchaffe, fragen Sie?“ „Ich frage, wo man ſie ſich verſchaffe,“ antwortete Dirmer,„ich denke, das iſt klar.. 4ℳ4 „Man verſchafft ſie ſich... hier.“ „Ah, wirklich! wer unterzeichnet ſie gewöhnlich?“ „Der Greffier.“ „Aber der Greffter, das biſt Du?“ „Allerdings bin ich es.“ „Ahl wie ſich das gut trifft,“ verſetzte Dirmer, wäh⸗ rend er ſich auf einen Stuhl niederließ,„Du wirſt mir eine Karte unterzeichnen.“ 1 Der Greffier machte einen Sprung. „Du verlangſt meinen Kopf, Bürger,“ ſagte er. „Ei, nein! ich verlange nur ganz einfach eine Karte.“ „Ich werde Dich verhaften laſſen, Unglücklicher!“ rief der Greffier, ſeine ganze Energie zuſammenraffend. „Thue es,“ erwiederte Dirmer;„doch in demſelben Augenblick zeige ich Dich als meinen Mitſchuldigen an, und ſtatt mich allein in den berüchtigten Saal gehen zu laſſen, wirſt Du mich dahin begleiten.“ Der Greffier erbleichte. 46 „Ah! Verruchter!“ ſagte er. „Dabei gibt es keinen Verruchten,“ verſetzte Dirmer; „ich muß mit meiner Frau ſprechen und verlange eine Karte von Dir, um zu ihr zu gelangen.“ „Iſt es denn ſo nothwendig, daß Du mit ihr ſprichſt?“ „Es ſcheint, da ich meinen Kopf wage, um dies zu erreichen.“ Dieſer Grund kam dem Greffier ſehr triftig vor. Dirmer ſah, das er erſchüttert war, und fuhr fort: „Vorwärts, beruhige Dich, man wird nichts erfahren, was Teufels! es müſſen ſich öfters Fälle zeigen, wie der, in welchem ich mich befinde.“ te 2 — 249 „Das kommt ſelten vor. Die Concurrenz iſt nicht groß. Wir wollen ſehen, ob wir das nicht auf eine an⸗ dere Weiſe ordnen können.“ „Wenn es ſich thun läßt, ſo iſt es mir ganz lieb.“ „Es läßt ſich außerordentlich leicht thun. Gehe durch die Thüre der Verurtheilten hinein, bei dieſer Thüre braucht man keine Karte. Und wenn Du dann Deine Frau ge⸗ ſprochen haſt, rufſt Du mich und ich laſſe Dich wieder heraus.“ „Nicht übel, nur gibt es eine Geſchichte, die man ſich in der Stadt erzählt.“. „Welche?“ „Die Geſchichte eines armen Buckeligen, der die Fhüre verwechſelte und im Glauben, er trete in die Ar⸗ hive ein, in den Saal kam, von dem wir ſprechen. Da er nun durch die Thüre der Vertkttheilten eingetreten war, ſtatt durch die große Pforte einzutreten, da er keine Karte hatte, um ſeine Identität nachzuweiſen, ſo wollte man ihn nicht mehr hinauslaſſen. Man behauptete gegen ihn, in⸗ ſofern er durch die Thüre der Verurtheilten eingetreten, ſei er ein Verurtheilter wie die Anderen. Er mochte im⸗ merhin proteſtiren, ſchwören, appelliren, Niemand glaubte ihm, Niemand kam ihm zu Hülfe, Niemand ließ ihn hinaus, ſo daß der Nachrichter, trotz ſeiner Betheurungen, ſeiner Einwendungen, ſeiner Schwüre, ſeines Geſchreis, ihm zuerſt die Haare und dann den Hals abſchnitt. Iſt die Anekdote wahr, Bürger Greffier? Du mußt es beſſer wiſſen als irgend Jemand.“ „Ach! ja, ſie iſt wahr,“ ſprach der Greffier, am gan⸗ zen Leibe zitternd. „Nun wohl, Du ſiehſt alſo, daß ich bei ſolchen Vor⸗ gängen ein Narr wäre, wenn ich in ein ſolches Mörderneſt ohne eine Karte eintreten würde.“ „Aber ich ſage Dir, daß ich da bin!“ 4 „Und wenn man Dich ruft? wenn Du anderswo beſchäftigt biſt? wenn Du vergiſſeſt(Dirmer legte einen 250 4 unbarmherzigen Nachdruck auf das letzte Wort), wenn Du vergiſſeſt, daß ich da bin?“ „Aber da ich Dir verſpreche...“ „Nein; überdies würde Dich das gefährden; man würde Dich mit mir reden ſehen, und dann ſagt es mir überhaupt nicht zu. Eine Karte iſt mir lieber.“ „Unmöglich.“ „ Dann werde ich ſprechen, und wir machen mit ein⸗ ander einen Gang nach dem Revolutionsplatze.“ Betäubt, verwirrt, halb todt, unterzeichnete der Gref⸗ fier eine Einlaßkarte für einen Bürger. Dirmer warf ſich darauf und ging haſtig weg, um 5 Gerichtsſaale den Platz einzunehmen, wo wir ihn ge⸗ eehen. Das Uebrige weiß man. Von dieſem Augenblick ſetzte ſich der Greffier, um die Beſchuldigung irgend einer Connivenz zu vermeiden, neben Fouquier⸗Tinville und überließ die Direction ſeiner Kanzlei ſeinem erſten Commis. Um drei Uhr zehn Minuten durchſchritt Maurice, mit der Karte verſehen, eine Hecke von Schließern und Gen⸗ Punen und gelangte ohne Hinderniß zu der unſeligen üre. Wenn wir ſagen unſelig, ſo übertreiben wir, denn es gab zwei Thüren: die große Thüre, durch welche die mit Karten Verſehenen aus und eingingen, und die Thüre der Verurtheilten, durch welche die Menſchen eintraten, die nur wieder herauskommen ſollten, um nach dem Schaffot zu marſchiren. 3 Die Stube, in welche Maurice gelangte, war in zwei Gelaſſe getheilt. In einem von dieſen Gelaſſen ſaßen die Beamten, deren Geſchäft es war, die Namen der Ankommenden ein⸗ zuregiſtriren; in das andere nur mit ein paar hölzernen Bänken ausgeſtattete Gelaß brachte man diejenigen, welche man verhaftet, und diejenigen, welche man verurtheilt hatte was ungefähr dasſelbe war. u 3 251 Der Saal war düſter und nur durch die Scheiben eines Verſchlages, der zwiſchen dieſem und der Kanzlei ſtand, beleuchtet. Eine weiß gekleidete, halb ohnmächtige Frau lag in einer Ecke an die Wand angelehnt. Ein Mann ſtand mit gekreuzten Armen vor ihr; er ſchüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf und zögerte, mit ihr zu ſprechen, aus Furcht, ihr das Gefühl zurückzugeben, das ſie verloren zu haben ſchien. Um dieſe Perſon her ſah man verworren die Verur⸗ theilten ſich bewegen, welche ſchluchzten oder patriotiſche Hymnen ſangen. Andere gingen mit großen Schritten auf und ab, als wollten ſie dem Gedanken entfliehen, der ſie zermarterte. Es war wohl das Vorzimmer des Todes und die Ausſtattung machte es dieſes Namens würdig. Man ſah hier Särge mit Stroh gefüllt ſich halb öffnen, als wollten ſie die Lebendigen rufen: dies waren Ruhebetten, proviſoriſche Gräber. Ein großer Schrank erhob ſich an der der Glasthüre entgegengeſetzten Wand. Ein Gefangener öffnete ihn aus Neugierde und wich voll Grauen zurück. Der Schrank enthielt die blutigen Kleider der am Tage zuvor Hingerichteten, und lange Haarflechten hingen da und dort herab; dies waren die Trinkgelder des Hen⸗ kers, der ſie an die Verwandten verkaufte, wenn ihn nicht die Behörde beauftragte, die theuren Reliquien zu verbrennen. Bebend, außer ſich, hatte Maurice kaum die Thüre ulit als er dieſes ganze Gemälde mit einem Blick über⸗ chaute. Er machte drei Schritte im Saal und fiel zu den Füßen von Genevieve nieder.— Die arme Frau ſtieß einen Schrei aus, den Maurice mit ſeinen Lippen erſtickte. Lorin ſchloß weinend ſeinen Freund in ſeine Arme, es waren dies die erſten Thränen, die er vergoſſen. 252 Seltſamer Weiſe ſchauten alle dieſe hier verſammel⸗ ten Unglücklichen, welche mit einander ſterben ſollten, kaum das rührende Gemälde an, das ihnen Unglückliche ihres Gleichen boten. Jeder hatte zu viel mit ſeinen eigenen Gemüthsbewe⸗ gungen zu thun, um Antheil an den Gefühlen der Anderen zu nehmen.— Die drei Freunde blieben einen Augenblick in einer ſtummen, glühenden, beinahe freudigen Umarmung vereinigt. Lorin machte ſich zuerſt von der ſchmerzlichen Gruppe los. „Du biſt auch verurtheilt?“ ſagte er zu Maurice. „Ja,“ antwortete dieſer. „SOh, Gluck!“ flüſterte Genevisve. Ddie Freude von Leuten, welche nur noch eine Stunde zu leben haben, kann nicht einmal ſo lange dauern, als ihr Leben. Nachdem Maurice Geneviéve mit jener glühenden tiefen Liebe, die er für ſie im Herzen trug, angeſchaut, nachdem er ihr für das zugleich ſehnſüchtige und zärtliche Wort, welches ihr entſchlüpft, gedankt hatte, wandte er ſich gegen Lorin um und ſagte, während er zugleich in ſeine Hand die beiden Hände von Genevieve nahm: „Nun laß uns mit einander reden.“ „Ahl ja, reden wir,“ erwiederte Lorin;„doch wenn ns hr auch Zeit bleibt. Was willſt Du mir ſagen, prich?“ 8 „Du biſt meinetwegen verhaftet, ihretwegen verurtheilt worden, während Du nichts gegen die Geſetze begangen haſt; da Geneviéve und ich unſere Schuld bezahlen, ſo geziemt es ſich nicht, daß man Dich zu gleicher Zeit mit uns bezahlen läßt.“ „Ich begreife Dich nicht.“ „Lorin, Du biſt frei.“ „Frei, ich! Du biſt verrückt.“ „Nein, ich bin nicht verrückt und wiederhole Dir, daß Du frei biſt; hier iſt eine Durchlaßkarte. Man wird Dich fragen, wer Du ſeiſt: Du biſt ein Beamter in der 1 —— ———————- ——— 253 Kanzlei der Carmes, Du biſt gekommen, um mit dem Bürger Greffier des Palaſtes zu ſprechen; Du haſt ihn aus Neugierde um eine Karte gebeten, um die Verurtheil⸗ ten zu ſehen; Du haſt ſie geſehen, Du biſt befriedigt und ehſt.“ 95„Nicht wahr, das iſt ein Scherz?“ „Nein, lieber Freund, hier iſt die Karte, benütze den Vortheil. Du liebſt nicht; Du haſt nicht nöthig, zu ſter⸗ ben, um einige Minuten mehr mit der Vielgeliebten Dei⸗ nes Herzens zuzubringen und keine Sekunde von ihrer Ewigkeit zu verlieren“ „Nun wohl! Maurice,“ ſagte Lorin,„wenn man von hier weggehen kann, was ich nie geglaubt hätte, das ſchwöre ich Dir, warum retteſt Du nicht zuerſt dieſe Frau? Für Dich werden wir ſchon Rath ſchaffen.“ „Unmöglich,“ entgegnete, Maurice, dem ſich das Herz gräßlich zuſammenſchnurte,„ſieh, auf der Karte ſteht ein Bürger und nicht eine Bürgerin, und dann würde Gene⸗ vieve, mich hier zurücklaſſend, nicht weggehen, ſie würde nicht leben wollen im Bewußtſein, daß ich ſterben werde.“ „Nun, da ſie es nicht will, warum ſollte ich es wollen? Glaubſt Du etwa, ich habe weniger Muth als eine Frau?“ „Nein, mein Freund, ich weiß im Gegentheil, daß Du der Muthigſte der Männer biſt; doch nichts in der Welt vermöchte Deine Halsſtarrigkeit in einem ſolchen Falle zu entſchuldigen. Vorwärts, Lorin, benütze den Augenblick und gewähre uns die höchſte Freude, Dich frei und glücklich zu wiſſen.“ „Glücklich!“ rief Lorin,„ſcherzeſt Du? Gliücklich! ich glücklich ohne Euch? Ei, was Teufels ſoll ich denn in dieſer Welt machen ohne Euch; was ſoll ich in Paris machen, aller meiner Gewohnten beraubt, wenn ich Euch nicht mehr ſehen, nicht mehr mit meinen Reimſylben lang⸗ weilen fönnte! Ah, bei Gott! nein.“ „Lorin, mein Freund!...“ „Gerade weil ich Dein Freund bin, beharre ich auf * 254 meinem Willen. Wäre ich Gefangener, wie ich es bin, mit der Ausſicht, Euch Beide wiederzufinden, ſo würde ich die Mauern umſtürzen; doch um allein von hier zu ent⸗ fliehen und durch die Straßen zu wandern, die Stirne ge⸗ beugt unter etwas wie einem Gewiſſensbiß, der mir beſtän⸗ dig in das Ohr rufen würde:„Maurice! Geneviéve!““ um in gewiſſe Quartiere und vor gewiſſen Häuſern vor⸗ über zu gehen, wo ich Eure Perſonen geſehen und wo ich nichts mehr ſehen würde, als Eure Schatten, um endlich dahin zu gelangen, daß ich das theure Paris, welches ich ſo ſehr liebte... verfluchte; ahl meiner Treue, nein, und ich finde, man hat Recht gehabt, die Könige zu ächten, und wäre es nur wegen des König Dagobert.“ „In welcher Beziehung ſteht der König Dagobert zu dem, was unter uns vorgeht?“, „In welcher Beziehung? Sagte dieſer abſcheuliche Tyrann nicht zu dem großen Eloi:„„Es gibt keine Ge⸗ ſellſchaft, welche ſo gut wäre, daß man ſie nicht verlaſſen müßte!“ Nun wohl, ich bin ein Republikaner und ſage: „„Nichts darf uns bewegen, die gute Geſellſchaft zu ver⸗ laſſen, nicht einmal die Gutllotine.““ Ich fühle mich wohl hier und bleibe.“ „Armer Freund! armer Freund!“ ſprach Maurice. Geneviève ſagte nichts, doch ſie ſchaute mit Augen, welche in Thränen gebadet waren. „Du beklagſt den Verluſt des Lebens!“ verſetzte Lorin. „Ja, ihretwegen.“ „Und ich beklage ihn aus keinem Grund; nicht ein⸗ mal wegen der Göttin Vernunſt, welche, was ich Dir mitzutheilen vergeſſen, ſich ſehr großes Unrecht gegen mich hat zu Schulden kommen laſſen, wodurch ſie der Mühe überhoben iſt, ſich zu tröſten wie die andere Arthemiſia, die alte; ich werde alſo ſehr ruhig und ſehr heiter gehen, ich werde alle dieſe Schufte, welche dem Henkerskarren nachlaufen, beluſtigen; ich werde Sanſon einen hübſchen 25⁵ Quatrain und dann der Geſellſchaft guten Abend ſagen. Das heißt... warte doch.“ Lorin unterbrach ſich. „Ah! doch, doch,“ ſagte er,„ich will weggehen; ich wußte wohl, daß ich Niemand liebte, aber ich vergaß, daß ich Jemand haßte. Deine Uhr, Maurice, Deine Uhr.9 „Halb vier Uhr.“ „Ich habe Zeit, bei Gott! ich habe Zeit.“ „Gewiß,“ rief Maurice;„es bleiben neun Angeklagte heute, das wird nicht vor fünf Uhr endigen, wir haben alſo beinahe zwei Stunden vor uns.“ „Mehr brauche ich nicht; gib mir Deine Karte und leihe mir zwanzig Sous.“ Maurice drückte ihm die Hand. Das Wichtige für ihn war, daß Lorin wegging. „Ich habe meinen Gedanken,“ ſagte Lorin. Maurice zog ſeine Börſe und legte ſie ſeinem Freunde in die Hand. „Nun die Karte, um der Liebe Gottes willen... ich will ſagen, um des ewigen Weſens willen.“ Maurice gab ihm die Karte. Lorin küßte Geneviéve die Hand, benützte den Augen⸗ blick, wo man in die Kanzlei eine Anzahl Verurtheilter brachte, ſtieg über die hölzernen Bänke und zeigte ſich an der großen Thüre. „Ei!“ ſagte ein Gendarme,„das iſt Einer, der ſich flüchtet, wie mir ſcheint.“ Lorin richtete ſich auf und reichte die Karte dar. „Halt, Bürger Gendarme, und lerne die Leute beſſer kennen,“ ſagte er. Der Gendarme erkannte die Unterſchrift des Greffier, doch er gehörte zu jener Kategorie von Functionären, denen es im Allgemeinen am Vertrauen mangelt, und da gerade in dieſem Augenblick der Greffier aus dem Tribunal mit einem Schauer herabkam, der ihn nicht verlaſſen, ſeitdem er ſo unvorſichtiger Weiſe ſeine Unterſchrift zu ge⸗ ben gewagt hatte, ſo ſagte der Gendarme: 256 „Bürger Greffier, hier iſt ein Papier, mit deſſen Hülfe ein Menſch aus dem Todtenſaale weggehen will; iſt das Papier gut?“ Der Greffier erbleichte vor Schrecken; überzeugt, wenn ar ſchauen würde, müßte er das furchtbare Geſicht von Dirmer erblicken, antwortete er haſtig, indem er das Papier an ſich riß: „Ja, ja, es iſt meine Unterſchrift.“ „Wenn es Deine Unterſchrift iſt, ſo gib es mir zu⸗ rück,“ ſagte Lorin.. „Nein,“ erwiederte der Greffier, indem er das Papier in tauſend Stücke zerriß,„nein, ſolche Karten können nur für einmal dienen.“. Lorin blieb einen Augenblick unentſchloſſen. „Ah! das iſt ſchlimm,“ ſagte er,„doch vor Allem muß ich ihn tödten.“ Und er eilte aus der Kanzlei. Maurice war Lorin mit einer leicht zu begreifenden Gemüthsbewegung gefolgt; ſobald ſein Freund verſchwun⸗ den, ſagte er zu Geneviève mit einer Begeiſterung, welche der Freude glich: „Er iſt gerettet; man hat ſeine Karte zerriſſen, er kann nicht zurückkehren; könnte er auch zurückkehren, ſo wird doch die Sitzung des Tribunals beendigt ſein; kommt er um fünf Uhr wieder, ſo ſind wir todt.“ Genevisve ſeufzte und ſchauerte. „Ohl ſchließe mich in Deine Arme und verlaſſen wir uns nicht mehr,“ ſprach ſie.„Mein Gott! warum iſt es nicht möglich, daß uns ein Streich trifft, damit wir mit einander unſern letzten Seufzer aushauchten!“ Dann zogen ſie ſich in die Tiefe des dunkeln Saales zurück, Genevisve ſetzte ſich ganz nahe zu Maurice und umſchlang mit ihren Armen ſeinen Hals; ſo ſich umfangend, denſelben Athem athmend, zum Vorans in ihrem Innern das Geräuſch und den Gedanken erſtickend, betäubten ſie ſich durch die Gewalt der Liebe gegen das Herannahen des Todes. m 257 Es verging eine halbe Stunde. Plötzlich vernahm man ein gewaltiges Geräuſch. Die Gendarmen traten durch die niedrige Thüre ein; hinter ihnen kamen Sanſon und ſeine Gehülfen mit Päcken Stricke. „Ohl mein Freund, mein Freund!“ ſagte Geneviéve, „der unſelige Augenblick iſt da, ich fühle mich einer Ohn⸗ macht nahe.“ „Und Sie haben Unrecht,“ ſprach die klingende Stimme von Lorin: „Nicht ganz richtig, in der That, Mit dem Tod die Freiheit naht!“ „Lorin!“ rief Maurice in Verzweiflung. „Nicht wahr, der Vers iſt nicht gut? Ich bin auch 8 Deiner Meinung, ſeit geſtern mache ich lauter erbärmliche.“ „Ahl es handelt ſich wohl darum; Du biſt zurück⸗ gekehrt, Unglücklicher! Du biſt zurückgekehrt...“ „War das nicht unſere Uebereinkunft? Höre, denn was ich zu ſagen habe, intereſſirt Dich eben ſo ſehr als Geneviéve.“ „Mein Gott! mein Gott!“ 7 „Laß mich doch ſprechen, oder ich habe keine Zei mehr, Dir die Sache zu erzählen. Ich wollte weggehen, um ein Meſſer in der Rue de la Barillerie zu kaufen.“ „Was wollteſt Du mit einem Meſſer thun?“ „Ich wollte den guten Herrn Dirmer damit tödten.“ Genevisve ſchauerte. „Ah!“ rief Maurice,„ich begreife.“ „Ich habe es mir gekauft. Hore, was ich mir ſagte, und Du wirſt einſehen, was für einen logiſchen Geiſt Dein Freund beſitzt. Ich fange an zu glauben, daß ich, ſtatt ein Dichter zu werden, einen Mathematiker aus mir hätte machen ſollen. Leider iſt es nun zu ſpät. Höre alſo, was ich mir ſagte, folge meinem Raiſonnement: Herr Dirmer hat ſeine Frau der Gefahr preisgegeben; Herr Dirmer iſt erſchienen, um ihre Verurtheilung anzuſchauen; Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. II. 17 X 258 Herr Dirmer wird ſich nicht des Vergnügens berauben, ſie auf den Henkerskarren ſteigen zu ſehen, beſonders wenn wir ſie begleiten. Ich werde ihn alſo in der erſten Reihe der Zuſchauer aufſuchen; ich ſchlüpfe neben ihn, ſage: „„Guten Morgen, Herr Dirmer!““ und ſtoße ihm mein Meſſer in die Seite.“ „Lorin!“ rief Geneviéve. „Beruhigen Sie ſich, theure Freundin, die Vorſehung hatte die Sache in Ordnung gebracht. Denken Sie ſich, daß die Zuſchauer, ſtatt dem Palaſte gegenüber zu ſtehen, wie es ihre Gewohnheit iſt, eine halbe Wendung rechts gemacht hatten und auf dem Quai ſtanden.„„Ah!““ ſagte ich zu mir,„„ohne Zweifel erſäuft ein Hund; wa⸗ rum ſollte Herr Dirmer nicht dabei ſein? ein erſäufender Hund gewährt immer einen Zeitvertreib.““ Ich näherte mich der Brüſtung und erblickte den Rand des Waſſers ent⸗ lang einen Haufen von Menſchen, welche die Arme in die Höhe hoben und ſich bückten, um etwas auf der Erde zu ſehen, wobei ſie Ach! und Ach! ſchrieen, daß die Seine hätte austreten ſollen. Ich nähere mich, dieſes Etwas... errathe, was es war...“ „Es war Dirmer,“ ſprach Maurice mit düſterem Tone.„„ „Ja. Wie kannſt Du das errathen? Ja, Dirmer, der ſich ganz allein den Bauch geöffnet hatte; der Un⸗ glückliche hat ſich ohne Zweifel zur Sühnung getödtet.“ „Ahl“ ſagte Maurice mit einem finſtern Lächeln, „das dachteſt Du?“ Genevisve ließ ihren Kopf in ihre Hände fallen, ſie war zu ſchwach, um ſo viele auf einander ſolgende Ge⸗ müthsbewegungen zu ertragen. „ Ja, das dachte ich, inſofern man ſeinen blutigen Säbel bei ihm gefunden... wenn er nicht etwa irgend Einem begegnet iſt.“ 3 Ohne etwas zu ſagen, benützte Maurice die Zeit, wo es Genevisve in ihrer Niedergeſchlagenheit nicht ſehen 1 n 259 konnte, öffnete ſeinen Rock und zeigte Lorin ſeine blutige Weſte und ſein blutiges Hemd. „Ahl das iſt etwas Anderes,“ ſagte Lorin. Und er reichte Maurice die Hand. „Höre,“ ſprach er ſodann, ſich an das Ohr von Maurice neigend,„da man mich nicht durchſucht hat, weil ich bei meiner Rückkehr ſagte, ich gehöre zum Ge⸗ folge von Herrn Sanſon, ſo habe ich das Meſſer immer noch... Maurice ergriff die Waffe mit einer Bewegung der Freude. „Nein,“ verſetzte er,„ſie würde zu ſehr leiden.“ Und er gab das Meſſer Lorin zurück. „Du haſt ſehr Recht,“ ſprach dieſer,„es lebe die Maſchine von Herrn Guillotin! Was iſt die Maſchine von Herrn Guillotin? Ein Schneller auf den Hals, wie Danton geſagt hat. Was iſt ein Schneller?“ Und er warf das Meſſer mitten in die Gruppe der Verurtheilten. Einer derſelben nahm es, ſtieß es ſich in die Bruſt, und ſtürzte auf der Stelle todt nieder. In demſelben Augenblick machte Geneviève eine Be⸗ wegung und ließ einen Schrei hören. Sanſon hatte ihr die Schulter berührt. LV. Es lebe Simon! Bei dem von Geneviéve ausgeſtoßenen Schrei begriff Maurice, daß der Kampf beginnen ſollte. Die Liebe kann die Seele bis zum Heldenmuth er⸗ heben und begeiſtern; die Liebe kann, gegen den natür⸗ 260 lichen Inſtinct, ein menſchliches Geſchöpf dahin treiben, daß es den Tod wünſcht; aber ſie erſtickt in ihm nicht die Furcht vor dem Schmerz. Geneviève empfing offenbar geduldiger und hochherziger den Tod, ſeit Maurice mit ihr ſtarb; doch die Reſignation ſchloß das Leiden nicht aus; und aus dieſer Welt austreten heißt nicht nur in den Abgrund fallen, den man das Unbekannte nennt, es heißt auch im Fallen leiden. Maurice umfaßte mit einem Blick die ganze gegen⸗ wärtige Scene und mit einem Gedanken die ganze Scene, welche darauf folgen ſollte. Mitten im Saale ein Leichnam, aus deſſen Bruſt ein Gendarme, als er niederſtürzte, das Meſſer geriſſen hatte, aus Furcht, es könnte Anderen dienen. Um ihn her Menſchen ſtumm vor Verzweiflung, kaum auf ihn merkend, mit einem Bleiſtift in eine Brief⸗ taſche Worte ohne Folge ſchreibend, oder einander die Hände drückend, die Einen ohne Unterlaß, wie es die Wahnſinnigen thun, einen geliebten Namen wiederholend, der ein Portrait, einen Ring, eine Haarflechte mit Thrä⸗ nen befeuchtend, die Andern wüthende Verwünſchungen gegen die Tyrannei ausſtoßend, ein banales Wort, ſtets von der ganzen Welt verflucht und ſogar zuweilen von den Tyrannen. Mitten unter dießfn Unglücklichen Sanſon, minder beſchwert durch ſeine vier und fünfzig Jahre, als durch den Ernſt ſeines finſteren Amtes; Sanſon, ſo ſanſt, ſo tröſtend, als es ihm ſeine traurige Sendung zu ſein er⸗ laubte, dem einen Rath, jenem eine traurige Ermuthi⸗ gung ertheilend, und ſtets bewaffnet mit chriſtlichen Wor⸗ ten, um die Verzweiflung wie der Prahlerei zu erwiedern. „Bürgerin,“ ſagte er zu Geneviève,„Sie müſſen das Halstuch ablegen und die Haare aufbinden oder ab⸗ ſchneiden, wenn es beliebt.“ Genevisve zitterte. „Auf, meine Freundin, Muth gefaßt,“ ſprach Lorin mit ſanftem Tone. 4 4 —— 261 „Kann ich ſelbſt die Haare von Madame aufbinden?2 fragte Maurice. „Ohl ja, er!“ rief Geneviéve,„ich bitte Sie darum, Herr Sanſon.“ „Thun Sie es,“ ſprach der Greis und wandte ſeinen Kopf ab. Maurice löſte ſeine von der Wärme ſeines Halſes laue Binde, Geneviéve küßte ſie, kniete vor dem jungen Manne nieder und bot ihm dieſen reizenden Kopf, der in ihrem Schmerze noch ſchöner war, als er es je in ihrer Freude geweſen. Nachdem Maurice die traurige Operation beendigt hatte, waren ſeine Hände ſo zitternd, lag ſo viel Schmerz in dem Ausdruck ſeines Geſichtes, daß Geneviève ausrief: „Ohl ich habe Muth, Maurice.“ Sanſon wandte ſich um. „Nicht wahr, mein Herr, ich habe Muth?“ ſagte ſie. „Gewiß, Bürgerin, und zwar einen wahren Muth,“ antwortete der Scharfrichter mit bewegter Stimme. Mittlerweile hatte der erſte Gehülfe die von Fouquier⸗ Tinville überſandte Liſte durchlaufen.. „Vierzehn,“ ſagte er. Sanſon zählte die Verurtheilten. „Fünfzehn, den Todten enbegeiffe ſprach San⸗ ſon,„wie kommt das?“ Lorin und Geneviéve zählten nach ihm, bewegt durch einen und denſelben Gedanken. 3 „Sie ſagen, es ſeien nur vierzehn Verurtheilte, und wir ſind unſerer fünfzehn?“ ſagte ſie. „Ja, der Bürger Fouquier⸗Tinville muß ſich ge⸗ täuſcht haben.“ „Oh! Du logſt,“ ſprach Genevieve zu Maurice,„Du warſt nicht verurtheilt.“ „Warum bis morgen warten, während Du heute ſtirbſt?“ erwiederte Maurice. „Freund,“ ſagte ſie lächelnd,„Du beruhigſt mich: ich ſehe nun, daß es leicht iſt, zu ſterben.“ 262 „Lorin,“ ſprach Maurice,„Lorin, zum letzten Male... Niemand kann Dich hier erkennen... ſage, Du ſeiſt gekommen, um Abſchied zu nehmen... ſage, Du ſeiſt aus Irrthum eingelaſſen worden... rufe den Gendarme, der Dich hat hinausgehen ſehen. Ich werde der wahre Verurtheilte ſein, ich, der ich ſterben muß; doch Du, wir flehen Dich an, Freund, mache uns die Freude, zu leben, um unſer Andenken zu bewahren; es iſt noch Zeit, Lorin, wir flehen Dich an.“ Genevieve ſaltete bittend ihre Hände. voorin nahm die beiden Hände der jungen Frau und küßte ſie. „ Ich habe nein geſagt, und das iſt nein,“ erwie⸗ derte Lorin mit feſtem Tone;„ſprechen wir nicht mehr davon, oder ich muß in der That am Ende glauben, ich beläſtige Euch.“. „Vierzehn,“ wiederholte Sanſon,„und es ſind fünfzehn.“ Dann erhob er die Stimme und rief: „Hört, iſt einer hier, der Einſprache thut? Kann einer beweiſen, daß er ſich aus einem Irrthum hier be⸗ findet?“ Vielleicht öffnete ſich der Mund von Einigen bei dieſer Frage, doch er ſchloß ſich wieder, ohne ein Wort zu ſprechen; diejenigen, welche gelogen hätten, ſchämten ſich, zu lügen; derjenige, welcher nicht gelogen hätte, wollte nicht ſprechen. 3 Es trat ein Stillſchweigen von mehreren Minuten ein; die Gehülfen ſetzten mittlerweile ihr trauriges Ge⸗ ſchäft fort.—* 3 „Bürger, wir ſind bereit...“ ſprach nun die dumpfe, feierliche Stimme des alten Sanſon. Einiges Schluchzen und einige Seufzer antwortaſn auf dieſe Stimme. 8 „Nun wohl! es ſei!“ ſagte Lorin. „Sterben für das Vaterland, Iſt, bei Gott! das ſchönſte Loos.“ 1 3 — 263 „Ja, wenn man für das Vaterland ſtirbt, doch ich fange oſſenbar an zu glauben, daß wir nicht für dasſelbe ſterben; wir ſterben für das Vergnügen derjenigen, welche uns ſterben ſehen. Meiner Treue! Maurice, ich bin Deiner Anſicht, die Republik ekelt mich allmählig an.“ „Den Aufruf,“ ſagte ein Commiſſär an der Thüre. Mehrere Gendarmen traten in den Saal und ver⸗ ſperrten ſo die Ausgänge, indem ſie ſich zwiſchen das Leben und die Verurtheilten ſtellten, als wollten ſie dieſe verhindern, dorthin zurückzukehren. Man machte den Aufruf. Maurice, der den Verurtheilten, welcher ſich mit dem Meſſer von Lorin getödtet, vor dem Tribunal geſehen hatte, antwortete, als man ſeinen Namen ausſprach. Es fand ſich ſodann, daß nur der Todte zu viel war. Man trug ihn aus dem Saale. Hätte ſich ſeine Identität nachweiſen laſſen, hätte man in ihm einen Verurtheilten erkannt, ſo wäre er, obgleich todt, mit den Andern gulllotinirt worden. Die Ueberlebenden wurden gegen den Ausgang ge⸗ trieben. Sobald einer an der Pforte vorüber kam, band man ihm die Hände auf den Rücken. Zehn Minuten lang wurde nicht ein Wort unter dieſen Unglücklichen ausgetauſcht. Die Henker allein ſprachen und handelten. Maurice, Geneviève und Lorin, die ſich nicht länger halten konnten, preßten ſich an einander, um nicht mehr getrennt zu werden. Dann wurden die Verurtheilten aus der Conciergerie in den Hof getrieben. Hier war das Schauſpiel gräßlich. Mehrere wurden beim Anblick der Henkerskarren ſchwach; die Schließer halfen ihnen aufſteigen. Man hörte hinter den noch geſchloſſenen Thüren die verworrenen Stimmen der Menge, und errieth aus dem Lärmen, daß ſie zahlreich war. Geneviéve ſtieg mit ziemlich viel Kraft auf den Kar⸗ 264 ren; Maurice unterſtützte ſie mit dem Ellenbogen. Maurice ſprang raſch hinter ihr auf. Lorin beeilte ſich nicht. Er wählte ſeinen Platz und ſetzte ſich zur Linken von Maurice. Die Thuren öſſneten ſich; in den erſten Reihen war Simon. Die zwei Freunde erkannten ihn, er ſah ſie. Er ſtieg auf einen Weichſtein, an welchem die Hen⸗ kerskarren vorüberkommen mußten; es waren drei. Der erſte Karren erſchütterte ſich, auf dieſem ſaßen die dre Freunde. „Eil guten Morgen, ſchöner Grenadier,“ ſagte Simon zu Lorin;„ich glaube, Du willſt meinen Kneif verſuchen.“ „Ja,“ erwiederte Lorin,„und ich werde mir Mühe geben, ihn nicht zu ſchartig zu machen, damit er Dir auch noch das Leder durchſchneiden kann.“. Die zwei andern Karren ſetzten ſich, dem erſten fol⸗ gend, in Bewegung. Ein furchtbarer Sturm von Schreien, von Bravos, von Seufzern, von Verwünſchungen brach um die Verur⸗ theilten her los. „Muth, Genevisve, Muth,“ flüſterte Maurice. „Oh!“ erwiederte die junge Frau,„ich beklage nicht das Leben, da ich mit Dir ſterbe. Ich beklage es, daß ich die Hände nicht frei habe, um Dich, ehe ich ſterbe, in meine Arme ſchließen zu können.“ „Lorin,“ ſagte Maurice,„ſuche in meiner Weſten⸗ taſche, Du wirſt ein Federmeſſer darin finden.“ „Oh, Gott!“ verſetzte Lorin,„wie willkommen iſt mir das Federmeſſer! es demüthigte mich, daß ich gebunden wie ein Kalb in den Tod gehen ſollte.“ Maurice ſenkte ſeine Taſche bis zu der Höhe der Hände von Lorin, Lorin nahm das Federmeſſer heraus; dann öffneten ſie es mit einander, Maurice nahm es zwi⸗ ſchen ſeine Zähne und durchſchnitt die Stricke, welche die Hände von Lorin banden. —— 2— 265 Lorin leiſtete, von ſeinen Stricken befreit, Maurice denſelben Dienſt. „Beeile Dich,“ ſagte der junge Mann,„ſiehe, Gene⸗ vieéve wird ohnmächtig.“ Um dieſe Operation zu vollbringen, hatte ſich Mau⸗ rice einen Augenblick von der armen Frau abgewendet, und als ob ihre ganze Kraft von ihm käme, ſchloß ſie ihre Augen und ließ ihren Kopf auf die Bruſt fallen. „Geneviéve,“ ſprach Maurice,„Genevisve öffne Deine Augen, meine Freundin, wir haben nur noch einige Mi⸗ nuten uns in dieſer Welt zu ſehen.“ „Dieſe Stricke verwunden mich,“ flüſterte die junge Frau. Maurice band ſie los. Sogleich öffnete ſie die Augen wieder und erhob ſich, von einer Begeiſterung erfaßt, welche ſie vor Schönheit blendend machte. Sie umſchlang mit einem Arm den Hals von Mau⸗ rice, ergriff mit der andern Hand die von Lorin, und auf dem Karren ſtehend, zu ihren Füßen die zwei anderen Opfer, welche in den Stumpfſinn eines zum Voraus erlit⸗ tenen Todes begraben lagen, warfen alle Drei dem Him⸗ mel, der ihnen frei ſich auf einander zu ſtützen erlaubte, eine Geberde und einen Blick des Dankes zu. Das Volk, welches ſie mit Schmähungen überhäufte, s ſie ſaßen, ſchwieg, als es die Freunde aufrecht ſtehen ah. Man gewahrte das Schaffot. Maurice und Lorin ſahen es, Genevieve ſah es nicht, ſie ſchaute nur ihren Geliebten an. Der Karren blieb ſtille ſtehen. „„Ich liebe Dich,“ ſprach Maurice zu Geneviève,„ich liebe Dich!“ 3 „Die Frau zuerſt, die Frau zuerſt!“ riefen tauſend Stimmen.— „Ich danke, Volk,“ ſprach Maurice;„wer ſagte doch, du wäreſt grauſam?“ 266 Er nahm Geneviève in ſeine Arme und trug ſie, ſeine Lippen auf ihre Lippen gedrückt, in die Arme von Sanſon. „Muth,“ rief Lorin,„Muth!“ „Ich habe,“ antwortete Geneviève,„ich habe.“ „Ich liebe Dich!“ flüſterte Maurice;„ich liebe Dich!“ Es waren nicht mehr Opfer, die man erwürgte, es waren Freunde, die ſich aus dem Tode ein Feſt bereiteten. „Gott befohlen!“ rief Geneviève Lorin zu. „Auf Wiederſehen!“ antwortete dieſer. Genevisve verſchwand unter dem unſeligen Schwengel. „Nun Du!“ ſagte Lorin. „Du!“ verſetzte Maurice. „Hörel ſie ruft Dich!“ Genevieve ſtieß in der That ihren letzten Schrei aus. „Komm!“ rief ſie. Ein gewaltiges Geräuſch machte ſich in der Menge hörbar. Der ſchöne, anmuthige Kopf war gefallen. Mauriece ſtürzte vor. „Das iſt nur zu billig,“ ſprach Lorin,„folgen wir der Logik. Verſtehſt Du mich, Maurice?“ „Ja.“ „Sie liebte Dich, man tödtet ſie zuerſt; Du biſt nicht verurtheilt, Du ſtirbſt als der Zweite; ich, der ich nichts gethan habe und der Strafbarſte von allen Dreien bin, komme zuletzt. „Alle Dinge zu erklären, Muß die Logik ſich bewähren.“ „Meiner Treue, Bürger Sanſon, ich hatte Dir einen Quatrain verſprochen, doch Du wirſt Dich mit einem Doppelverſe begnügen.“ „Ich liebte Dich,“ flüſterte Maurice, an das Unglücks⸗ brett gebunden und dem Kopfe ſeiner Freundin zulächelnd, hich lieb...“ 4 Das Meſſer ſchnitt ihm die Hälfte des Wortes ab. „Nun kommt es an mich,“ rief Lorin auf das Schaffot 267 ſpringend,„und geſchwinde! denn in der That, ich verliere den Kopf darüber. Bürger Sanſon, ich habe Dich um zwei Verſe Bankerott gemacht, doch ich biete Dir dafür einen Calembour.“ Sanſon band ihn ebenfalls. „Hört,“ ſagte Lorin,„es iſt die Mode, irgend etwas leben zu laſſen, wenn man ſtirbt. Früher rief man: Es lebe der König! doch es gibt keinen König mehr; ſeitdem hat man: Es lebe die Freiheit! gerufen, doch es gibt keine Freiheit mehr; meiner Treue: Es lebe Simon! der uns alle Drei vereinigt!“ Und der Kopf des edlen jungen Mannes ſiel neben die Köpfe von Maurice und Genevieve! —.——* Stuttgart. In unſerem Verlage erſchient ferner ſeit vier Jahren: 2 Weltpanorama. Eine Chronik der neueſten Reiſen und Abenteuer bei allen Natianen der Welt, mit beſonderer Nückſicht auf die politiſchen Ereigniſſe der Gegenwart. Nach den beſten Quellen des Auslandes. 12⁰. Preis eines jeden Bdchs. nur 12 kr. oder 4 Ngr. Alle Schätze welche in dem Bereiche der Geographie, der Statiſtik, der Länder⸗ und Völkerkunde und beſonders auch der Sittengeſchichte der Neuzeit von Reiſenden errungen und durch Veröffentlichung zu Tage gefördert werden, breiten wir in unſerem Weltpanorama vor den Augen des Leſers aus, ſtets bemüht, mit dem Nützlichen den Reiz der Un⸗ terhaltung zu verbinden, und bei der Auswahl nicht nur das Neueſte, ſondern auch das Glaubwürdigſte berückſichtigend. Bis jetzt ſind 104 Bändchen erſchienen, welche ent⸗ halten: 1— 3. Dickens, Charles(Boz), amerikaniſche Reiſe⸗ bemerkungen für Jedermann. 3 Thle. 36 kr. oder 12 Ngr. 4— 6. Oberſt Scott's Tagebuch über einen Auf⸗ enthalt in der Esmailla, dem Hoflager Abd⸗ el⸗Kaders, ſo wie über Reiſen in Marocco und Algier. 3 Thle. 36 kr. oder 12 Ngr. 7— 15. E. Maſſon's Reiſen in Beludſchiſtan, Afghani⸗ 16—19. 20—23. 24—29. 30— 39. 44—50. 40— 43. ſtan und Pendſchad, wäahrend eines zwölffähri⸗ gen Aufenthaltes in dieſen Ländern(1826—38). 9 Thle. 1 fl. 48 kr. oder 1 Thlr. 6 Ngr. Samuel Laing, Esg., Tagebuch einer Reiſe in Norwegen in den Jahren 1834—36, Dar⸗ ſtellung der ſittlichen, ſtaatswirthſchaftlichen und politiſchen Zuſtände dieſes Landes. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. Samuel Laing, Esg., Reiſe in Schweden im Jahre 1838. Beobachtungen über den mo⸗ raliſchen, politiſchen und ökonomiſchen Zuſtand der ſchwediſchen Nation. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. Cyprien Robert, die Slaven der Türkei: Serbier, Montenegriner, Albaneſen und Bul⸗ garen; ihre Hülfsquellen, ihre Tendenzen und ihre politiſchen Fortſchritte. 6 Thle. 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. Vidog, die wahren Myſterien von Paris. 42 Thle. 3 fl. 24 kr. oder 2 Thlr. 8 Ngr. Sale, Lady, Tagebuch über die Unfälle der Engländer in Afghaniſtan. 1841 und 1842. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. / 61— 64. 65—71. 72—77. 56. Titmarſch, M. A., Irländiſche Zuſtände. 6 Thle. 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. . Drummond⸗Hay, Marokko und ſeine No⸗ madenſtämme. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. Tansky, Spaniſche Zuſtände in den Jahren 1843 und 1844. 4 Thle. 48 kr. od. 16 Ngr. v. Warren, Eduard, das engliſche Indien im Jahr 1843. 7 Thle. 1 fl. 24 kr. oder 28 Ngr. Noweroſt, Charles, Abenteuer eines Aus⸗ wanderers in den Colonien von Vandiemens⸗ land. 6 Thle. 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. . White, Charles, drei Jahre in Conſtanti⸗ nopel oder Sitten und Einrichtungen der Tür⸗ ken. 9 Thle. 1 fl. 48 kr. oder 1 Thlr. 6 Ngr. . Naffenel, Anne, Reiſe in Senegambien. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. . Dickens, Charles(Boz), Bilder aus Ita⸗ lien. 3 Thle. 36 kr. oder 12 Ngr. . Gregg, Joſias, Wanderungen durch die Prairien und das nördliche Meriko. 6 Thle. 1 fl. 12 kr. oder 24 Ngr. . d'Héricourt, Nochet, Reiſe in das König⸗ reich Schoa, im mittäglichen Abyſſinien, wäh⸗ rend der Jahre 1842—44. 3 Thle. 36 kr. oder 12 Ngr. 103—4. Sand, George, Ein Sommer im ſüdlichen Europa oder die Inſel Malorka. 2 Theile. 24 kr. oder 8 Ngr. Das Weltpanorama wird fortge⸗ ſetzt! Jedes der darin aufgenommenen Werke wird auch einzeln zu dem bemerkten Preiſe ver⸗ kauft. In Hinſicht auf ſaubere Ausſtattung, gediegene Uebertragung und äußerſte Wohlfeilheit, dürfen wir kühnlich behaupten, daß dieſe Unternehmung alle andern ähnlicher Art bei Weitem übertrifft. Stuttgart, im April 1847. Franckh'ſche Verlagshandlung. . „