A Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, — Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— —.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr= Tf. 1 Nr. 55 Pf. 2 Mk.—Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —j=—— — — * Sämmtliche Werke V von Alerandre Numas. von Dr. Auguſt Zoller. Stuttg ar t. 4 Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlu 1 1847. per Peralier Mailen Meule (Cpiſode von 42— Von e. Alerandre Numas. ————ÿ—ÿ—P——— —— Aus dem Tranzöͤſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. w Stuttgart. Verlag der EE Brcſhandlung. 4 1847. —— I. Die Freiwilligen. Es war am Abend des 10. März 1793. g Auf Notre⸗Dame hatte es zehn Uhr geſchlagen, und jede Stunde war, ſich nach einander löſend, wie ein aus einem ehernen Neſte geſchleuderter Nachtvogel traurig⸗ eintönig, vibrirend entflogen Die Nacht war auf Paris herabgeſunken, nicht ge⸗ räuſchvoll, ſtürmiſch, von Blitzen durchzuckt, ſondern kalt und nebelig. Paris ſelbſt war nicht das uns bekannte Paris, blen⸗ dend am Abend von tauſend Feuern, die ſich in ſeinem vergoldeten Kothe wiederſtrahlen, Paris mit den geſchaͤf⸗ tigen Spaziergängern, mit dem freudigen Geflüſter, mit den bacchiſchen Vorſtädten, die Pflanzſchule verwegener Händel, kühner Verbrechen, der Ofen mit dem tauſend⸗ fachen Gebrülle, ſondern eine verſchämte, ſchüchterne Alt⸗. ſtadt, deren ſeltene Einwohner liefen, um von einer Straße in die andere zu gelangen, und in ihre Gange oder unter ihre Thorwege ſtürzten, wie von den Jägern umſtellte wilde Thiere ſich in ihre Höhlen werfen Es war endlich, wie geſagt, das Paris des 10. März 1793. Einige Worte über die äußere Lage, welche dieſe Veränderung in dem Angeſicht der Hauptſtadt herbeigefuͤhrt hatte, und wir werden mit den Ereigniſſen beginnen, deren Erzählung den Gegenſtand dieſer Geſchichte bilden ſoll. 8 Frankreich hatte durch den Tod von Ludwig XVI. mit ganz Europa gebrochen. Mit den drei Feinden, die es Anfangs bekämpft, nämlich mit Preußen, dem Reiche und Piemont, hatten ſich England, Holland und Spanien verbunden. Nur Schweden und Dänemark behaupteten ihre Neutralität; dieſe beiden Staaten waren indeſſen beſchäf⸗ tigt, Catharina II. Polen zerreißen zu ſehen. Die Lage war furchtbar. Weniger verachtet als phy⸗ ſiſche Macht, aber auch weniger geſchätzt als moraliſche ſeit den September⸗Metzeleien und der Hinrichtung am 21. Januar war Frankreich buchſtäblich von ganz Europa blockirt wie eine einfache Stadt. England war an ſeinen Küſten, Spanien an den Pyrenäen, Piemont und Oeſter⸗ reich an den Alpen, Holland und Preußen im Norden der Niederlande, und auf einem einzigen Punkte, vom Oberrhein bis zur Schelde, marſchirten zweimal hundert fünfzig tauſend Mann gegen die Republik. Ueberall waren die ſranzöſiſchen Generale zurückge⸗ drängt. Miaczinski war genöthigt geweſen, Aachen auf⸗ zugeben und ſich gegen Lüttich zu ziehen. Steingel und Neuilly waren in Limburg zurückgeworfen; Mrianda, welcher Maſtricht belagerte, hatte ſich gegen Tongres ge⸗ wendet. Gezwungen, ſich fechtend zurückzuziehen, hatten ſich Valence und Dompierre einen Theil ihres Materials nehmen laſſen. Mehr als zehntauſend Ausreißer hatten bereits die Armee verlaſſen und ſich im Innern zerſtrent. Der Convent, der ſeine Hoffnung nur noch auf Dumou⸗ riez ſetzte, hatte dieſem Couriere auf Couriere mit dem Befehle zugeſchickt, ſich von den Ufern des Biebos wegzu⸗ begeben, wo er eine Landung in Holland vorbereitete, um das Commando der Maas⸗Armee zu übernehmen Empfindlich im Herzen, wie ein belebter Körper, fühlte Frankreich in Paris, das heißt gerade in ſeinem Herzen, jeden Schlag, den ihm die Invaſion, die Em⸗ pörung oder der Verrath in den entfernteſten Punkten bei⸗ brachten. Jeder Sieg war ein Freudenſturm, jede Nie⸗ derlage ein Anfall allgemeinen Schreckens. Man begreift 6 4½ 9 daher leicht, was für einen Aufruhr die auf einander folgenden neuen Stöße und Verluſte, welche Frankreich erlitten, in der Hauptſtadt zur Folge hatten. Am Tage vorher, am 9. März, hatte eine der ſtür⸗ miſchſten Sitzungen im Convent ſtattgefunden: alle Officiere hatten Befehl erhalten, ſich noch in derſelben Stunde zu ihren Regimentern zu begeben, und Danton, dieſer kühne Beantrager unmöglicher Dinge, welche dennoch in Erfül⸗ lung gingen, hatte die Tribune beſteigend ausgerufen: „Ihr ſagt, es fehle an Soldaten! bieten wir Paris eine Gelegenheit, Frankreich zu retten, verlangen wir dreißig tauſend Mann von ihm und ſchicken wir ſie Dumouriez, und Frankreich iſt nicht nur gerettet, ſondern auch Bel⸗ gien geſichert und Holland erobert.“ Dieſer Antrag wurde mit enthuſiaſtiſchem Geſchrei aufgenommen. Man eröffnete Regiſter in allen Sectionen, welche am Abend ſich zu verſammeln eingeladen wurden. Die Theater waren geſchloſſen worden, um jeder Zer⸗ ſtreuung vorzubeugen; und man hatte die ſchwarze Fahne als Zeichen der Trauer auf dem Rathhauſe aufgezogen. Vor Mitternacht waren dreißig tauſend Namen in dieſe Regiſter eingeſchrieben. Nur geſchah an dieſem Abend, was auch in den Septembertagen geſchehen war: bei jeder Section verlang⸗ ten die Freiwilligen, als ſie ſich einſchrithen, daß vor ihrem Aufbruch die Verräther beſtraft enhene Die Verräther waren in Wirklichkeit die Contre⸗ revolutionären, die verborgenen Verſchwörer, welche die von Außen bedrohte Revolution im Innern bedrohten. Doch das Wort nahm, wie man leicht begreift, die Aus⸗ dehnung, die ihm die aͤußerſten Parteien, welche in dieſem Augenblick Frankreich zerriſſen, zu geben beliebten. Die Verräther waren die Schwächeren. Die Schwächeren aber waren die Girondiſten. Die Montagnards beſchloſſen, die Girondiſten wären die Verräther. Am andern Tag, dieſer andere Tag war der 10. März, waren alle Abgeordnete von der Partei der Montagnards in der Sitzung gegenwärtig. Die bewaffneten Jacobiner hatten eben die Tribune gefüllt, nachdem ſie die Frauen vertrieben, als der Maire mit dem Gemeinderath erſchien, den Bericht der Commiſſäre des Convents über die auf⸗ opfernde Ergebenheit der Bürger beſtätigte, aber zugleich auch den am vorhergehenden Tage einſtimmig ausgeſpro⸗ chenen Wunſch wiederholte, man möge ein außerordent⸗ liches Tribunal, beſtimmt ein Urtheil über die Verräther zu fällen, errichten. Sogleich verlangt man einen Bericht des Comité. Das Comité verſammelt ſich auf der Stelle und zehn Minuten nachher erſcheint Robert Lindet und meldet, es werde ein aus neun, von allen Formen unabhängigen, Richtern beſtehendes Tribunal ernannt werden; dieſes Tri⸗ bunal habe ſich durch alle Mittel Ueberzeugung zu ver⸗ ſchaffen, und ſolle in zwei permanente Sectionen getheilt werden, die auf Verlangen des Conventes oder unmittel⸗ bar diejenigen zu verfolgen haben, welche das Volk irre zu leiten ſuchen würden. Die Ausdehnung war, wie man ſieht, groß. Die Girondiſten begriffen, daß es ihre Verurtheilung war. Sie erhoben ſich in Maſſe und riefen:„Eher ſterben, als zu Errichtung dieſer venetianiſchen Inquiſition einwilligen!“ Als Antwort auf dieſen Ausruf verlangten die Montagnards laut die Abſtimmung.„Ja,“ rief Feraud,„ja, ſtimmen wir ab, damit die Welt die Menſchen kennen lernt, welche die Unſchuld im Namen des Geſetzes ermorden wollen.“ Man ſtimmt in der That ab und gegen allen An⸗ ſchein erklärt die Majoritäͤt: 1) daß Geſchworenengerichte eingeſetzt werden ſollen, 2) daß die Geſchworenen in glei⸗ cher Anzahl in den Departements genommen werden ſollen, 3) daß ſie durch den Convent ernannt werden ſollen. In dem Augenblick, wo dieſe drei Beſtimmungen ge⸗ geben wurden, vernahm man ein gewaltiges Geſchrei. Der Convent war an Beſuche des Pöbels gewöhnt. Er ließ fragen, was man wolle; man antwortete ihm, es ſei eine 4 7 11 Deputation der Freiwilligen, welche in der Getreidehalle zu Mittag geſpeiſt haben und vor ihm zu defiliren verlangen. Sogleich wurden die Thüren geöffnet und ſechs hun⸗ dert mit Säbeln, Piſtolen und Piken bewaffnete Leute er⸗ ſchienen halb betrunken und defilirten unter dem Beifall⸗ geklatſche der Menge, während ſie mit lautem Geſchrei den Tod der Verräther forderten. „Ja,“ antwortete ihnen Collot⸗d'Herbois,„ja, meine Freunde, trotz der Intriguen werden wir Euch und die Freiheit retten.“ Und dieſe Worte wurden mit einem Blik auf die Girondiſten begleitet, der ihnen begreiflich machte, daß ſie noch nicht ganz außer Gefahr waren. Sobald die Sitzung des Convents beendet war, ver⸗ breiteten ſich die Montagnards bei den andern Clubs, liefen zu den Cordeliers und zu den Jacobinern und ſchlu⸗ gen vor, die Verräther außer das Geſetz zu ſtellen und ſie noch in dieſer Nacht zu erwürgen. Die Frau von Louvet wohnte in der Rue Saint⸗ Honoré, in der Nähe der Jacobiner. Sie hört Geſchrei, geht hinab, tritt bei dem Club ein, vernimmt den An⸗ trag und ſteigt in aller Eile wieder hinauf, um ihren Gatten zu benachrichtigen. Louvet bewaffnet ſich, laͤuft von Thure zu Thüre, um ſeine Freunde in Kenntniß zu ſetzen, findet ſte Alle abweſend, erfährt von dem Diener von einem derſelben, daß ſie bei Pöétion ſind, begibt ſich auf der Stelle dahin, ſieht ſie ruhig über ein Deeret ſich berathen, das ſie am andern Tage vorlegen ſollen, und von dem ſie, getäuſcht durch eine zufällige Majorität, glauben, ſie wer⸗ den es durchſetzen. Er erzählt ihnen, was vorgeht, theilt ihnen ſeine Befürchtungen mit, ſagt ihnen, man habe Schlimmes gegen ſie bei den Jacobinern und den Corde⸗ liers im Sinne und fordert ſie kurz auf, ihrerſeits eine energiſche Maßregel zu ergreifen. Da erhebt ſich Pétion, ruhig und unempfindlich wie gewöhnlich, geht an das Fenſter, öffnet es, ſchaut den 12 Himmel an, ſtreckt den Arm hinaus, zieht ſeine Hand triefend zurück und ſpricht: „Es regnet, heute Nacht wird nichts vorfallen.“ Durch das halb geöffnete Fenſter dringt das letzte Vibriren der Glocke ein, welche eben zehn Uhr geſchla⸗ en hat. 4 Dies war in Paris am Tage vorher und an dem⸗ ſelben Tage vorgefallen; dies fiel an dem Abend des zehn⸗ ten März vor und machte, daß in dieſer Dunkelheit und in dieſem bedrohlichen Schweigen die Häuſer, beſtimmt, den Lebenden Obdach zu gewähren, ſtumm und düſter geworden, nur mit Todten bevölkerten Gräbern glichen. In der That, lange Patrouillen von Nationalgarden, denen Leute zum Recognoseiren vorangingen, mit gefäll⸗ tem Bajonnet Truppen von Bürgern von den Sectionen, auf den Zufall bewaffnet und an einander geſchloſſen, Gendarmen, welche jeden Winkel einer Thüre und jeden halb geöffneten Gang durchforſchten, dies waren die einzi⸗ gen Bewohner der Stadt, die ſich in die Straßen wagten, ſo ſehr begriff man inſtinktartig, daß etwas Unbekanntes, Schreckliches im Werke war. Ein feiner, eiſiger Regen, derſelbe Regen, der Pétion beruhigt hatte, vermehrte noch die ſchlechte Laune und das Mißbehagen dieſer zum Ueberwachen dienenden Menſchen, bei denen jedes Zuſammentreffen einer Vorbereitung zum Kampfe glich, und die, nachdem ſie ſich erkannt hatten, die Parole austauſchten. Wenn man dann ſah, wie die Einen und die Andern nach ihrer Trennung ſich umwandten, hätte man auch glauben ſollen, ſie befürchteten gegenſeitig, von hinten überfallen zu werden. An dieſem Abend, wo Paris einem jener paniſchen Schrecken preisgegeben war, welche ſich ſo oft erneuerten, daß es hätte ein wenig daran gewöhnt ſein ſollen, an dieſem Abend, wo dumpf davon die Rede war, die lauen Revolutionäre niederzumetzeln, welche, nachdem ſie, der Mehrzahl nach mit einer gewiſſen Beſchränkung, für den Tod des Königs geſtimmt hatten„ heute vor dem Tode * 13 der im Temple mit ihren Kindern und ihrer Schwägerin eingeſchloſſenen Königin zurückwichen, ſchlüpfte eine Frau, gehüllt in einen Mantel von lila Kattun mit ſchwarzen Tüpfeln, den Kopf bedeckt oder vielmehr begraben durch den Capuchon dieſes Mantels, längs den Häuſern der Rue Saint⸗Honoré hin, verbarg ſich in einer Thürvertiefung oder an einer Mauerecke, ſo oft eine Patrouille erſchien, blieb unbeweglich wie eine Statue, hielt den Athem an, bis dieſe Patrouille vorübergegangen war, und ſetzte dann ihren raſchen, unruhigen Lauf wieder fort, bis ſie eine Gefahr ähnlicher Art zum Stilleſtehen und zur Unbe⸗ weglichkeit zwang., 1 Sie hatte ſo bereits, und zwar ungeſtraft, in Folge der Vorſichtsmaßregeln, die ſie nahm, einen Theil der Rue Saint⸗Honoré durchlaufen, als ſie plötzlich an der Ecke der Rue de Grenelle, nicht auf eine Patrouille, aber auf eine kleine Truppe von den braven Freiwilligen ſtieß, welche in der Getreidehalle geſpeiſt hatten, wobei ihre Vaterlandsliebe durch die zahlreichen Toaſts, die ſie auf ihre künftigen Siege ausgebracht, in Begeiſterung gera⸗ then war.. Die arme Frau gab einen Schrei von ſich und ſuchte durch die Rue du Cog zu entfliehen. 4 „Heda, heda, Bürgerin!“ rief der Anführer der Frei⸗ willigen, denn ſchon, ſo ſehr iſt das Bedürfniß, befehligt zu werden, dem Menſchen natürlich, denn ſchon hatten dieſe würdigen Patrioten ſich Anführer ernannt.„Heda, wohin gehſt Du?“ Die Fluchtige antwortete nicht und ſetzte ihren Lauf fort. „Schlagt an!“ ſprach der Führer;„das iſt ein ver⸗ kleideter Mann, ein Ariſtokrat, der ſich aus dem Staube macht.“ 8 Und das Geräuſch von zwei oder drei Flinten, welche unregelmäßig auf Hände ſielen, die zu ſehr ſchwankten, um ſicher zu ſein, kündigte der armen Frau den Vollzug der unſeligen Bewegung an. „Nein, nein!“ rief ſie, indem ſie plötzlich anhielt 14 und zurückkehrte,„nein, Bürger, Du täuſcheſt Dich: ich bin kein Mann.“ „Dann hierher getreten und kategoriſch geantwortet,“ ſprach der Anführer.„Wohin gehſt Du, reizende Nacht⸗ ſchöne?“ „Bürger, ich gehe nirgendshin, ich kehre nach Hauſe zurück.“ „Ahl Du kehrſt nach Hauſe zurück?“ „Ja.“. „Das heißt für eine ehrliche Frau ein wenig ſpät nach Hauſe kehren, Bürgerin.“ „Ich komme von einer Verwandtin, welche krank iſt.“ „Arme kleine Katze,“ ſprach der Anführer, indem er mit der Hand eine Geberde machte, vor der die er⸗ ſchrockene Frau raſch zurückwich;„und wo iſt unſere Karte?“ „Meine Karte? Wie ſo, Bürger? Was willſt Du damit ſagen und was verlangſt Du von mir 2 „Haſt Du das Decret der Gemeinde nicht geleſen?“ „Nein.“ „Du haſt es alſo ausrufen hören?“ „Nein. Mein Gott, was enthalt denn dieſes Decret?“ „Vor Allem ſagt man nicht mehr mein Gott, ſon⸗ dern oberſtes Weſen.“ 3 „Verzeih', ich habe mich getäuſcht. Es iſt eine alte Gewohnheit“ „Eine ſchlechte Gewohnheit, eine ariſtokratiſche Ge⸗ wohnheit.“ „Ich werde mich zu verbeſſern ſuchen, Bürger. Doch Du ſagteſt...“ „Ich ſagte, das Decret der Gemeinde verbiete nach zehn Uhr Abends ohne eine Bürgerkarte auszugehen. Haſt u Deine Bürgerkarte?“ „Ach! nein.“ „Du haſt ſie bei Deiner Verwandtin liegen laſſen 2“ „Ich wußte nicht, daß ich mit einer ſolchen Karte verſehen ſeim ſollte.“ 8 —— 15 „Dann gehen wir auf den erſten Poſten, dort wirſt Du Dich dem Kapitän hübſch erklären, und wenn er mit Dir zufrieden iſt, läßt er Dich durch zwei Mann in Deine Wohnung zurückführen, wenn nicht, ſo behält er Dich bis auf weitere Erkundigung. In Rotten links, Geſchwindſchritt, vorwärts, Marſch.“ Bei dem Schreckensſchrei, den die Gefangene aus⸗ ſtieß, begriff der Anführer der Freiwilligen, daß die arme Frau dieſe Maßregel ungemein fürchtete. „Ohl oh!“ ſagte er,„ich bin feſt überzeugt, wir haben ein ausgezeichnetes Wildpret gefangen. Vorwärts, vorwärts, meine kleine Ci⸗devant.“ Und der Anführer nahm den Arm der Beſchuldigten, legte ihn unter den ſeinigen und zog ſie, trotz ihres Ge⸗ ſöhweſs und ihrer Thränen, nach dem Poſten des Palais⸗ galité. Man war bereits auf der Höhe der Barriére des Ser⸗ gents, als plötzlich ein junger Mann von hoher Geſtalt, in einen Mantel gehüllt, ſich um die Ecke der Rue des Petits⸗ Champs wandte und gerade in dem Augenblick erſchien, wo die Gefangene durch ihre Bitten ihre Freiheit wieder zu erlangen ſuchte. Aber ohne auf ſie zu hören, ſchleppte ſie der Anführer der Freiwilligen unbarmherzig fort. Die Frau ſtieß einen Schrei halb aus Schrecken, halb aus Schmerz aus. Der junge Mann ſah dieſen Kampf, hörte dieſen Schrei, ſprang von einer Seite der Straße auf die an⸗ dere und befand ſich vor der kleinen Truppe. „Was gibt es, und was thut man dieſer Frau?“ fragte er denjenigen, welcher der Anführer zu ſein ſchien. „Ehe Du mich befragſt, miſche Dich zuerſt in Deine Angelegenheiten.“ „Wer iſt dieſe Frau, Bürger, und was wollt Ihr von ihr?“ wiederholte der junge Mann mit einem Tone, welcher noch gebieteriſcher klang, als das erſte Mal „Aber wer biſt Du ſelbſt, daß Du mich befragſt?“ Der junge Mann ſchlug ſeinen Mantel aus einander 16 und man ſah ein Epaulette auf einem militäriſchen Kleide glänzen..„ „Ich bin Officier, wie Ihr ſehen könnt,“ ſagte er. .„Offieier... bei was 2„ „Bei der Bürgergarde.“ „Nun, was macht das uns 2 entgegnete ein Mann von der Truppe;„kennen wir das, die Officiere von der Bürgergarde?“ „Was ſagt er?“ fragte ein Anderer mit dem ſchlep⸗ penden, ironiſchen, dem Mann des Volkes, oder vielmehr des Pariſer Pöbels, der ſich zu argern anfängt, eigen⸗ thümlichen Tone. „Er ſagt, wenn die Epaulette dem Officier nicht Reſpect verſchaffe, ſo werde der Säbel die Epaulette reſpectiren machen,“ entgegnete der junge Mann. Zu gleicher Zeit that der unbekannte Vertheidiger der jungen Frau einen Schritt rückwärts, ſchob die Falten ſeines Mantels noch weiter zurück und ließ bei dem Schim⸗ mer eines Scheinwerfers einen ſoliden, breiten Infanterie⸗ ſäbel glänzen. Dann ergriff er mit einer raſchen Bewe⸗ gung, welche eine gewiffe Vertrautheit mit bewaffneten Kämpfen bezeichnete, den Führer der Freiwilligen am Kragen ſeiner Carmagnole, ſetzte ihm die Spitze ſeines Säbels an die Gurgel und ſprach: „Nun wollen wir wie zwei gute Freunde plaudern.“ „Aber, Bürger... ſagte der Anführer der Freiwil⸗ ligen, während er ſich loszumachen ſuchte. „Ahl! ich ſage Dir zum Voraus, daß ich Dir bei der geringſten Bewegung, die Du machſt, bei der gering⸗ ſten, die Deine Leute machen, den Degen durch den Leib jage.“ Während dieſer Zeit hielten beſtändig zwei von der Truppe die Frau. „Du haſt mich gefragt, wer ich ſei,“ fuhr der junge Mann fort,„Du hatteſt kein Recht dazu, denn Du be⸗ fehligſt keine regelmäßige Patrouille. Ich will es Dir α8—— A AR 417 jedoch ſagen: ich heiße Maurice Lindey und habe am zehnten Auguſt eine Kanonierbatterie commandirt. Ich bin Lieutenant der Nationalgarde und Secretaire der Section der Bruͤder und Freunde. Genügt Dir das?“ „Ah! Bürger Lieutenant,“ antwortete der Anführer, ſtets bedroht durch die Klinge, deren Spitze er immer ſchwerer fühlte,„das iſt etwas Anderes. Wenn Du wirklich biſt, was Du ſagſt, nämlich ein guter Pat⸗ riot... „Ohl ich wußte wohl, daß wir uns nach ein paar Worten verſtehen würden,“ ſagte der Officier.„Nun ant⸗ worte ebenfalls: warum ſchrie dieſe Frau und was thatet Ihr derſelben?“. „Wir führten ſie auf den Wachtpoſten.“ „Und warum führtet Ihr ſie auf den Wachtpoſten?“ „Weil ſie keine Bürgerkarte hatte, und weil das letzte Deeret der Gemeinde Jeden zu verhaften befiehlt, der ſich nach zehn Uhr Abends in den Straßen von Pa⸗ ris blicken läßt. Vergiſſeſt Du, daß das Vaterland in Gefahr iſt, und daß die ſchwarze Fahne auf dem Stadt⸗ hauſe weht?“ 3 „Die ſchwarze Fahne weht auf dem Stadthauſe, und das Vaterland iſt in Gefahr, weil zweimal hundert tau⸗ ſend Sklaven gegen Frankreich marſchiren,“ entgegnete der Officier,„und nicht weil eine Frau nach zehn Uhr in den Straßen umherläuft! Doch gleichviel, Bürger, es beſteht ein Decret der Gemeinde: Ihr ſeid in Eurem Rechte, und wenn Ihr mir das ſogleich geantwortet hättet, wäre die Erklärung kürzer und minder ſtürmiſch geweſen. Es iſt gut, Patriot zu ſein, es iſt aber auch nicht übel, höflich zu ſein, und der erſte Officier, den die Bürger reſpectiren müſſen, iſt, wie mir ſcheint, derjenige, welchen ſie ſelbſt er⸗ nannt haben. Nun führt dieſe Frau fort, wenn Ihr wollt, Ihr ſeid frei.“ „O Bürger,“ rief, den Arm von Maurice ergreifend, die Frau, welche der ganzen Debatte mit tiefer Angſt Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 2 * 48 gefolgt war.„O Bürger! gebt mich nicht der Willkühr dieſer rohen, halbtrunkenen Menſchen preis.“ „Gut,“ ſprach Maurice;„nehmen Sie meinen Arm, und ich werde Sie mit ihnen bis auf den Poſten geleiten.“ „Auf den Poſten,“ wiederholte die Frau voll Schrecken, „auf den Poſten! und warum mich auf den Poſten führen, da ich Niemand etwas Böſes gethan habe?“ „Man führt Sie auf den Poſten,“ ſprach Maurice, „nicht weil ſie etwas Böſes gethan haben, nicht weil man vorausſetzt, Sie könnten etwa Böſes thun, ſondern weil ein Decret der Gemeinde ohne eine Karte auszugehen ver⸗ bietet, und weil Sie keine haben.“ „Aber, mein Herr, ich wußte nicht...“ „Bürgerin, Sie finden auf dem Poſten brave Leute, welche Ihre Gründe zu ſchätzen wiſſen und von denen Sie nichts zu befürchten haben.“ „Mein Herr,“ ſprach die junge Frau, den Arm des Officiers drückend,„es iſt nicht mehr die Beleidigung, was ich fürchte, es iſt der Tod: wenn man mich auf den Poſten führt, bin ich verloren.“ II. Die Unbekannte. In dieſer Stimme lag ein ſolcher Ausdruck von Furcht und angeborener Höhe, daß Maurice bebte. Dieſe vibri⸗ rende Stimme drang auch wie ein elektriſcher Schlag bis in ſein Herz. Er wandte ſich gegen die Freiwilligen um, welche unter ſich berathſchlagten. Gedemüthigt dadurch, daß ſie ein einziger Mann im Schach gehalten, beriethen ſie ſich in der ſichtbaren Abſicht, den verlorenen Boden wiederzu⸗ 19 gewinnen; ſie waren acht gegen Einen; drei hatten Flinten die Anderen Piſtolen und Piken. Maurice hatte nur ſei⸗ nen Säbel; der Kampf konnte nicht gleich ſein. Die Frau begriff das ſelbſt; ſie ließ ihren Kopf auf die Bruſt ſinken und ſtieß einen Seufzer aus. Die Stirne gefaltet, die Lippe verächtlich aufgezogen, den Säbel immer noch aus der Scheide, blieb Maurice unentſchloſſen zwiſchen ſeinen Gefühlen als Menſch, die ihn dieſe Frau vertheidigen hießen, und ſeinen Bürger⸗ pflichten, welche ihm ſie preiszugeben riethen. Plötzlich ſah man an der Ecke der Rue des Bons⸗ Enfants den Blitz von mehreren Flintenläufen glänzen und man hörte den abgemeſſenen Marſch einer Patrouille, welche, eine Verſammlung erblickend, ungefähr zehn Schritte vor der Gruppe Halt machte und durch die Stimme ihres Corporals:„Wer da?“ rief. 3„Freund!“ rief Maurice entgegen.„Freund, hierher, orin.“ Derjenige, an welchen dieſe Aufforderung gerichtet war, ſetzte ſich in Marſch, trat an die Spitze und näherte ſich, raſch gefolgt von acht Mann.— „Ahl Du biſt es, Maurice,“ ſagte der Corporal, „ah, Libertin! was machſt Du in den Straßen zu dieſer Stunde?“ „Du ſiehſt es, ich komme von der Section der Brüder und Freunde.“ „Ja, wir kennen das, um in die der Schweſtern und Freundinnen zu gehen. „Horch, Schöne, auf die Kunde, Daß in der Geiſterſtunde Von heißer Lieb entſandt Heut' eine treue Hand Den Riegel ſachte ziehe, Der ſonſt, wenn's dunkelt hinter Dir, Verſchließt die ſchwere Thür. Iſt es nicht ſo?“ 20 „Nein, mein Freund, Du täuſcheſt Dich; ich wollte unmittelbar noch Hauſe zurückkehren, als ich die Bürgerin fand, welche ſich unter den Händen von Bürgern Frei⸗ willigen ſträubte; ich lief herbei und fragte, warum man ſie verhaften wolle.“ „Daran erkenne ich Dich,“ verſetzte Lorin; So iſt in Frankreich ächter Ritterſinn.“ „S Dann ſich gegen die Freiwilligen umwendend: „Und warum wolltet Ihr dieſe Frau verhaften?“ fragte der poetiſche Corporal. 3 „Wir haben es dem Lieutenant ſchon geſagt,“ ant⸗ wortete der Anführer der kleinen Truppe,„weil ſie keine Sicherheits⸗Karte hatte.“. „Bah! bah!“ rief Lorin,„das iſt ein ſchönes Ver⸗ brechen.“ 4 3 „Du kennſt alſo die Beſtimmung der Gemeinde nicht?“ fragte der Anführer der Freiwilligen. „Doch! doch! aber es gibt auch eine andere Beſtim⸗ mung, welche dieſe aufhebt.“ „Welche?“ „Hört: „Auf dem Pindus und Parnaß Sollen ohne allen Paß In dem Schmuck der Jugend Schönheit, Anmuth, Tugend Frei zu jeder Tagesſtunde Fröhlich halten ihre Runde, So gebeut es Amor. „Hal was ſagſt Du zu dieſem Decret, Bürger? es iſt galant, wie mir ſcheint“ „Ja, doch es ſcheint mir nicht peremptoriſch. Ein⸗ mal kommt es nicht im Moniteur vor, dann ſind wir weder auf dem Pindus, noch auf dem Parnaß, und end⸗ lich iſt es nicht Tag; auch iſt die Bürgerin vielleicht weder jung, noch ſchön, noch anmuthig.“ 5 21 „Ich wette das Gegentheil,“ rief Lorin.„Laß ſehen, Bürgerin, beweiſe mir, daß ich Recht habe, ſchlage Deine Haube zurück, damit alle Welt beurtheilen kann, ob Du den Bedingungen des Decrets entſprichſt.“ „Ahl mein Herr,“ ſagte die junge Frau, indem ſie ſich an Maurice preßte,„nachdem ſie mich gegen Ihre Feinde beſchützt haben, beſchützen Sie mich auch gegen Ihre Freunde.... ich flehe Sie an.“ „Seht Ihr, ſeht Ihr,“ rief der Anführer der Frei⸗ willigen,„ſie verbirgt ſich. Meiner Meinung nach iſt es eine Spionin der Ariſtokraten, eine Schelmin, eine Straßen⸗ läuferin.“ „Ohl mein Herr,“ ſprach die junge Frau, indeß ſie Maurice einen Schritt vorwärts gehen ließ und ein durch Schönheit, Jugend und Erhabenheit bezauberndes Geſicht entblößte, das durch die Helle des Scheinwerfers beleuchtet wurde,„oh! ſchauen Sie mich an: ſehe ich aus, als wäre ich das, was ſie ſagen?“ Maurice war geblendet. Nie war ihm etwas dem, was er jetzt erblickt hatte, Aehnliches im Traum erſchienen. Wir ſagen, was er erblickt hatte, denn die Unbekannte ver⸗ ſchleierte abermals ihr Geſicht, und zwar ſo ſchnell, als ſie es entblößt hatte. „Lorin,“ ſagte leiſe Maurice,„fordere die Gefangene, um ſie nach Deinem Poſten zu bringen, Du haſt als An⸗ führer der Patrouille das Recht dazu.“ „Gut!“ erwiederte der junge Corporal, nich verſtehe auch ein halbes Wort.“ Dann wandte er ſich gegen die Unbekannte um und ſprach: 3 „Vorwäͤrts, meine Schöne, da Du uns nicht den Be⸗ weis geben willſt, daß Du den Bedingungen des Deerets entſprichſt, mußt Du uns folgen.“ 3 „Warum Euch folgen?“ verſetzte der Anführer der Freiwilligen. „Allerdings, wir führen die Bürgerin auf den Poſten 22 des Stadthauſes, wo wir die Wache haben, und dort wer⸗ den wir die Sache näher unterſuchen.“ 1 „Keines Wegs, keines Wegs,“ entgegnete der Anfüh⸗ rer der erſten Truppe.„Sie gehört uns und wir werden ſie bewachen.“ „Ah! Bürger, Bürger,“ rief Lorin,„wir werden uns ärgern“ 1* 3 „Aergert Euch oder ärgert Euch nicht, das iſt uns, beim Teufel! gleichgultig. Wir ſind wahre Soldaten der Republik, und während Ihr in den Straßen patrouillirt, gehen wir hin und vergießen unſer Blut an der Gränze.“ „Nehmt Euch in Acht, daß Ihr es nicht auf dem Wege vergießt, Bürger, und das könnte Euch wohl begeg⸗ nen, wenn Ihr nicht artiger ſeid.“ „Die Artigkeit iſt eine Ariſtokraten⸗Tugend, und wir ſind Sans⸗culottes,“ erwiederten die Freiwilligen. „Schweigt doch,“ verſetzte Lorin,„ſprecht nicht von dergleichen Dingen vor dieſer Frau. Sie iſt vielleicht eine Engländerin. Aergere Dich nicht über eine ſolche Vermuthung, mein ſchöner Nachtvogel,“ fügte er bei, in⸗ dem er ſich galant an die Unbekannte wandte: „Höret, was ein Dichter ſprach, Leiſe hallen wir es nach: Was iſt der Britten weites Reich?n Ein Schwanenneſt in ungemeßnem Teich.“ „Ahl Du verräthſt Dich,“ rief der Anführer der Freiwilligen;„ahl Du geſtehſt zu, daß Du eine Creatur von Pitt, ein Beſoldeter von England, ein...“ „Stille,“ ſagte Lorin,„Du verſtehſt nichts von der Poeſie, mein Freund; ich will auch in Proſa mit Dir ſprechen. Höre, wir ſind ſanfte, geduldige Nationalgarden, aber insgeſammt Kinder von Paris, was ſo viel ſagen will, daß wir, wenn man uns die Ohren erhitzt, gehörig zuſchlagen.“. „Madame,“ ſprach Maurice,„Sie ſehen, was vor⸗ geht, und errathen, was vorgehen wird: in fünf Minuten e 23 werden ſich zehn bis zwölf Menſchen fuͤr Sie erwürgen. Verdient die Sache, der ſich diejenigen, welche Sie ver⸗ theidigen wollen, angenommen haben, das Blut, das deß⸗ halb fließen ſoll?“ 3 „Mein Herr,“ antwortete die Unbekannte die Hände faltend,„ich kann Ihnen nur Eines ſagen: wenn Sie mich verhaften laſſen, wird daraus für mich und Andere ſo großes Unglück entſtehen, daß ich Sie bitte, mir lieber das Herz mit der Waſſe, die Sie in der Hand halten, zu durchbohren und meinen Leichnam in die Seine zu werfen.“ „Es iſt gut, Madame,“ verſetzte Maurice;„ich nehme Alles auf mich.“ Und er ließ die Hände der ſchönen Unbekannten, die er in den ſeinigen hielt, fallen und ſprach zu den Na⸗ tionalgarden: „Bürger, als Euer Officier, als Patriot, als Fran⸗ zoſe befehle ich Euch, dieſe Frau zu beſchützen, und Du, Lorin, wenn dieſe ganze Canaille ein Wort ſagt, zum Bajonnet gegriffen!“ „Ergreift die Waffen!“ ſprach Lorin! „Ohl mein Gott! mein Gott!“ rief die Unbekannte, indem ſie ihren Kopf in ihren Capuchon hüllte und ſich an einen Weichſtein anlehnte.„Oh! mein Gott! be⸗ ſchütze ihn.“ Die Freiwilligen verſuchten es, ſich in Vertheidigungs⸗ ſtand zu ſetzen. Einer von ihnen drückte ſogar eine Piſtole ab, deren Kugel den Hut von Maurice durchbohrte. „Kreuzt die Bajonnete,“ rief Lorin.„Ram, plan, plan, plan, plan, plan, plan.“ Es trat dann in der Finſterniß ein Augenblick des Kampfes und der Verwirrung ein, wobei man ein paar Flintenſchuſſe, Verwünſchungen, Geſchrei, Blasphemien hörke, doch Niemand kam, denn es ging, wie geſagt, ein dumpfes Gerucht von einer bevorſtehenden Metzelei, und man glaubte, dieſe Metzelei beginne. Es öffneten ſich nur zwei oder drei Fenſter, um ſich ſogleich wieder zu ſchließen. Minder zahlreich und minder gut bewaffnet, wurden 24 die Freiwilligen in einem Augenblick kampfunfähig ge⸗ macht. Zwei von ihnen waren ſchwer verwundet, vier Andere, jeder mit einem Bajonnet auf der Bruſt, gleichſam an die Wand geklebt.. „So iſt es gut,“ ſprach Lorin,„ich hoffe, Ihr werdet nun ſanft ſein, wie die Lämmer. Dich, Bürger Manrice, Dich beauftrage ich, dieſe Frau auf den Poſten des Stadt⸗ hauſes zu führen. Du begreifſt, daß Du für ſie verant⸗ wortlich biſt.“ „Ja,“ erwiederte Maurice, und fügte dann leiſe bei: „Und das Loſungswort?“ „Ohl Teufel,“ verſetzte Lorin, ſich hinter dem Ohre kratzend,„das Loſungswort... es iſt...“ „Befürchteſt Du etwa, ich könnte einen ſchlechten Ge⸗ brauch davon machen?“ „Oh! meiner Treue, mache einen Gebrauch davon, welchen Du willſt, das iſt Deine Sache.“ „Du ſagſt alſo?“ „Ich ſage, daß ich es Dir ſogleich nennen will; doch zuerſt laß mich dieſe Burſche wegſchaffen. Dann wäre es mir nicht unangenehm, Dir, ehe ich von Dir gehe, mit ein paar Worten einen guten Rath zu geben.“ „Es ſei, ich werde Dich erwarten.“.. Lorin kehrte zu den Freiwilligen zurück, welche die Nationalgarden immer noch im Reſpect erhielten. „Nun,“ ſagte er,„habt Ihr genug?“ „Ja, Hund von einem Girondiſten erwiederte der Anführer.. „Du täuſcheſt Dich, mein Freund,“ ſprach Lorin voll Ruhe,„wir ſind beſſere Sans⸗culottes als Du, in Betracht, daß wir zu dem Club der Thermopylen gehören, deſſen Vaterlandsliebe man hoffentlich nicht in Zweifel ziehen wird. Laßt die Bürger gehen,“ fuhr Lorin fort,„ſie ziehen nichts in Zweifel.“ „s iſt darum nicht minder wahr, daß dieſe Frau eine Verdächtige iſt...“. „Wenn ſie eine Verdächtige wäre, ſo würde ſie ſich 2⁵ während der Schlacht geflüchtet haben, ſtatt zu warten, wie Du ſiehſt, bis die Schlacht beendigt war.“ „He,“ rief einer von den Freiwilligen,„was der Bürger da ſagt, iſt ziemlich richtig.“ „Uebrigens werden wir es erfahren, da ſie mein Freund auf den Poſten führt, während wir auf die Ge⸗ ſundheit der Nation trinken gehen.“ „Wir gehen trinken?“ fragte der Anführer.. „Gewiß, ich habe gewaltig Durſt, und ich kenne eine hübſche Schenke an der Ecke der Rue Thomas du Louvre!“ „Eil warum ſagſt Du das nicht ſogleich? Es ärgert uns, daß wir an Deinem Patriotismus gezweifelt haben; und zum Beweis, umarmen wir uns im Namen der Nation und des Geſetzes.“ (Und die Freiwilligen und die Nationalgarden um⸗ armten ſich voll Begeiſterung. In jerer Zeit übte man ebenſo gern die Umhalſung, als die Enthalſung. „Vorwärts, Freunde,“ riefen nun die zwei vereinigten Truppen,„an die Ecke der Rue Thomas du Louvre.“ „Und wir!“ ſagten die Verwundeten mit kläglicher Stimme,„wird man uns hier zurücklaſſen?“ „Ohl ja wohl, zurücklaſſen!“ ſagte Lorin;„Brave zurücklaſſen, welche für das Vaterland kämpfend gefallen ſind, es iſt wahr, gegen Patrioten kämpfend, doch aus Irrthum, das iſt abermals wahr; man wird Euch Trag⸗ bahren ſchicken. Mittlerweile ſingt die Narſeillaiſe, das wird Euch zerſtreuen. „Allez enfants de la patrie, „Le jour de gloire est arrivé.““ Dann näherte er ſich Maurice, der mit ſeiner Unbe⸗ kannten an der Ecke der Rue du Coq ſtehen blieb, während die Nationalgarden und die Freiwilligen Arm in Arm nach der Place du Palais⸗Egalité hinaufgingen, und ſagte: „Maurice, ich habe Dir einen Rath verſprochen, höre ihn. Komm lieber mit uns, als daß Du Dich gefährdeſt, indem Du die Bürgerin beſchützeſt, die mir allerdings 26 reizend vorkommt, aber darum nur um ſo verdächtiger iſt; denn die reizenden Frauen, welche um Mitternacht in den Straßen umherlaufen...“ „Mein Herr,“ verſetzte die Unbekannte,„ich bitte Sie, beurtheilen Sie mich nicht nach dem Anſchein.“ „Vor Allem ſagen Sie: mein Herr, was ein großer Fehler iſt, hörſt Du, Bürgerin? Oh! nun ſage ich ſelbſt Sie.“ 4 I ſir; Ir 3 „Ja, ja, Bürger, laß Deinen Freund ſeine gute Hand⸗ lung vollenden“ „Wie dies?“ „Dadurch, daß er mich bis in meine Wohnung zu⸗ rückführt und mich den ganzen Weg entlang beſchützt.“ „Manrice, Maurice,“ verſetzte Lorin,„Du gefährdeſt Dich furchtbar.“ „Ich weiß es wohl,“ antwortete der junge Mann; „doch was willſt Du? wenn ich die arme Frau verlaſſe, wird ſie auf jedem Schritt von Patrouillen feſtgenommen werden.“ „Ohl ja, ja, während ich mit Ihnen, mein Herr, während ich mit Dir, Burger, will ich ſagen, gerettet bin.“ „Du hörſt es, gerettet!“ ſprach Lorin.„Sie läuft alſo große Gefahr?“ „Höre, mein lieber Lorin,“ entgegnet Maurice,„wir wollen gerecht ſein. Es iſt eine gute Patriotin oder eine Ariſtokratin. Iſt es eine Ariſtokratin, ſo hatten wir Un⸗ recht, ſie zu beſchützen; iſt es eine gute Patriotin, ſo ent⸗ ſpricht es unſerer Pflicht, ſie zu behüten.“ „Verzeih, verzeih, lieber Freund, es thut mir leid für Ariſtoteles; doch Deine Logik iſt albern. Du biſt wie derjenige, welcher ſagte: „JIris ſtahl mir die Vernunft, Fordert Weisheit dann von mir.“ „Höre Lorin,“ ſprach Maurice,„ich bitte Dich, laß Dorat, Parny, Gentil⸗Bernard ruhen. Sprechen wir im Ernſte: willſt Du mir das Loſungswort geben oder nicht geben?“. 27 „Das heißt, Maurice, Du verſetzſt mich in die Noth⸗ wendigkeit, meine Pflicht meinem Freunde, oder meinem Freund meiner Pflicht zu opfern. Ich befürchte aber ſehr, Maurice, die Pflicht wird geopfert werden.“ „Entſchließe Dich zu dem Einen oder zu dem Andern, mein Freund. Doch im Namen des Himmels, entſchließe Dich auf der Stelle.“ „Du wirſt keinen Mißbrauch davon machen?“ „Ich verſpreche es Dir.“ „Das iſt nicht genugz ſchwöre!“ „Auf was?“ „Schwöͤre auf den Altar des Vaterlands.“ Lorin nahm ſeinen Hut ab, ſtreckte ihn gegen Maurice auf der Seite der Cocarde aus, und Maurice, der die Sache ganz einfach fand, leiſtete, ohne zu lachen, den ver⸗ langten Eid auf den improviſirten Altar. „Und nun,“ ſagte Lorin,„und nun höre das Loſungs⸗ wort: Gallien und Lutetia. Vielleicht begegnen Dir einige, die Dir ſagen wie mir: Gallien und Lucretia; bah! laß es gut ſein, das iſt immer noch römiſch.“ „Bürgerin,“ ſprach Maurice,„nun bin ich zu Ih ren Dienſten. Ich danke, Lorin.“ „Glückliche Reiſe,“ verſetzte⸗ dieſer, während er ſich wieder mit dem Altar des Vaterlandes bedeckte; und ge⸗ treu ſeinem anakreontiſchen Geſchmack entfernte er ſich, während er murmelte: „Lenore, Du haſt ſie gekannt, Die Sünde im Roſengewand; Du haſt ſie gefürchtet und dennoch begangen, Du haſt ſie erſehnt mit heimlichem Bangen, Sag an, ob ſie ſchrecklich?... 1 28 III. Die Rue des Foſſés⸗Saint⸗Victor. Als ſich Maurice mit der jungen Frau allein fand, fühlte er ſich ein wenig verlegen. Die Furcht, bethört zu ſein, der Reiz dieſer wunderbaren Schönheit, ein unbe⸗ ſtimmter innerer Vorwurf, der das reine Gewiſſen des eraltirten Republikaners bedrückte, hielten ihn im Augen⸗ blick zurück, wo er der jungen Frau ſeinen Arm zu geben im Begriff war. 1 „Wohin gehen Sie, Bürgerin?“ ſagte er zu ihr. „Ach! mein Herr, ſehr weit,“ antwortete ſie. „Aber doch. „In die Gegend des Jardin des Plantes.“ „Es iſt gut: gehen wir.“ „Ohl mein Gott, mein Herr,“ ſprach die Unbekannte, nich ſehe wohl, daß ich Sie beläſtige; doch glauben Sie mir, ohne das Unglück, das mir begegnet iſt, und wenn ich nicht große Gefahr zu laufen überzeugt wäre, würde ich Ihren Edelmuth nicht ſo mißbrauchen.“ „Aber, Madame,“ ſprach Maurice, der bei dieſem Zuſammenſein unter vier Augen die von dem Wörter⸗ buch der Republik vorgeſchriebene Sprache vergaß und zu ſeiner gewöhnlichen Sprache zurückkehrte,„wie kommt es, aufrichtig geſtanden, daß Sie ſich zu dieſer Stunde auf den Straßen von Paris befinden? Sehen Sie, ob Sie, uns ausgenommen, eine einzige Perſon erblicken?“ „Mein Herr, ich habe es Ihnen geſagt: ich machte einen Beſuch im Faubourg du Roule. Ich entfernte mich. um Mittag von Hauſe, ohne etwas von dem zu wiſſen, was vorgeht, und kehrte nun zurück, ohne mehr erfahren zu haben: meine ganze Zeit verging in einem etwas ent⸗ legenen Hauſe.“ „Ja,“ murmelte Maurice,„in irgend einem Hauſe von Ci⸗devant, in einem Ariſtokratenſchlupfwinkel. 29 Geſtehen Sie, Bürgerin, daß Sie, während Sie ganz laut Beiſtand von mir verlangen, ganz leiſe darüber lachen, daß ich Ihnen denſelben gewähre.“ „Ich!“ rief ſie,„und warum dies 2“ „Allerdings; Sie ſehen, daß ein Republikaner Ihnen als Führer dient; nun, dieſer Republikaner verräth ganz einfach ſeine Sache.“ „Aber, Bürger,“ verſetzte die Unbekannte,„Sie ſind im Irrthum, ich liebe die Republik eben ſo ſehr als Sie.“ „Wenn ſie eine gute Patriotin ſind, haben Sie nichts zu befürchten. Woher kommen Sie?“ „Ohl mein Herr, ich bitte!“ ſagte die Unbekannte. Es lag in dieſem mein Herr ein ſolcher Ausdruck tiefer, zarter Schamhaftigkeit, daß ſich Maurice in den darin enthaltenen Gefühlen nicht täuſchen zu können glaubte. „Dieſe Frau kommt ſicherlich von einem Liebesren⸗ dezvous,“ ſagte er. Und ohne zu begreifen, warum, fühlte er, wie ſich bei dieſem Gedanken ſein Herz zuſammenſchnürte. Von dieſem Augenblick an verſank er in ein Still⸗ ſchweigen. 3. Die zwei nächtlichen Wanderer hatten indeſſen die Rue de la Verrerie erreicht, nachdem ſie drei oder vier Patrouillen begegnet waren, welche ſie mit Hülfe des Loſungswortes frei ziehen ließen, als bei einer letzten der Officier Schwierigkeiten zu machen ſchien. Maurice glaubte dem Loſungsworte ſeinen Namen und ſeine Wohnung beifügen zu müſſen. „Gut,“ ſagte der Officier,„daß iſt für Dich, aber die Bürgerin?“ „Die Bürgerin?“ „Wer iſt ſie?“ „Es iſt... die Schweſter meiner Frau.“ Der Officier ließ ſie vorüber.. „Sie ſind alſo verheirathet, mein Herr?“ flüſterte die Unbekannte. „Nein, Madame; warum dies?“ „Weil es dann kürzer geweſen wäre, Sie hätten ge⸗ ſagt, ich ſei Ihre Frau,“ erwiederte ſie lachend. „Madame,“ ſprach Maurice,„der Name Frau iſt ein heiliger Titel, den man nicht leichtſinnig geben muß. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.“ Nun war die Reihe an der Unbekannten, ſie fühlte ebenfalls, wie ihr Herz ſich zuſammenſchnürte, und verſank auch in ein Stillſchweigen. In dieſem Augenblick gingen ſie über den Pont Marie. Die junge Frau marſchirte immer ſchneller, je mehr man ſich dem Ziele des Laufes näherte. Man kam über den Pont de la Tournelle. „Wir ſind, glaube ich, in Ihrem Quartier,“ ſagte Maurice, als er den Fuß auf den Quai Saint⸗Bernard ſetzte. „Ja, Bürger,“ ſprach die Unbekannte,„doch gerade hier bedarf ich Ihres Beiſtands am meiſten.“ „In der That, Madame, Sie verbieten mir, indiseret zu ſein, und thun zu gleicher Zeit Alles, was Sie können, um meine Neugierde rege zu machen. Ich bitte, etwas Vertrauen, ich habe es, wie ich glaube, wohl verdient. Werden Sie mir nicht die Ehre erweiſen, mir zu ſagen, mit wem ich ſpreche?“ 3 „Mein Herr,“ verſetzte die Unbekannte lächelnd,„Sie ſprechen mit einer Frau, die Sie von der größten Gefahr, welcher ſie je preisgegeben war, gerettet haben, und die Ihnen ihr ganzes Leben dankbar ſein wird.“ „Ich verlange nicht ſo viel von Ihnen, Madame; ſeien Sie minder dankbar und ſagen Sie mir in dieſer Sekunde Ihren Namen.“ „Unmöglich.“ „Sie hätten ihn doch dem erſten beſten Sectionär ge⸗ nannt, der Sie auf den Poſten geführt haben würde.“ „Nein, niemals!“ rief die Unbekannte. „Dann wären Sie in den Kerker gebracht worden.“ „Ich war zu Allem entſchloſſen.“ „Aber der Kerker in dieſem Augenblick...“ „Iſt das Schaffot, ich weiß es.“ 31 „Und Sie hätten das Schaffot vorgezogen?“ „Dem Verrath... meinen Namen nennen hieß ver⸗ rathen!“ „Ich ſagte Ihnen wohl, daß Sie mich eine ſonder⸗ bare Rolle fuͤr einen Republikaner ſpielen ließen!“ „Sie ſpielen die Rolle eines edelmüthigen Mannes. Sie finden eine arme Frau, die man beleidigt, Sie ver⸗ achten ſie nicht, obgleich ſie vom Volke iſt, und da ſie abermals beleidigt werden kann, ſo führen Sie dieſe Frau, um ſie aus dem Schiſſbruch zu retten, bis zu dem elenden Quartiere zuruck, das ſie bewohnt: das iſt das Ganze.“ „Ja, Sie haben Recht, dem Anſcheine nach; das hätte ich glauben können, wenn ich Sie nicht geſehen, wenn Sie nicht mit mir geſprochen hätten Doch Ihre Schönheit, Ihre Sprache bezeichnen eine Frau von Di⸗ ſtinction; gerade aber dieſe Diſtinction, im Gegenſatz mit Ihrer Kleidung und dieſem elenden Quartier, beweiſt mir, daß Ihr Ausgang zu dieſer Stunde irgend ein Geheimniß verbirgt; Sie ſchweigen... ſprechen wir nicht mehr da⸗ von. Sind wir noch fern von Ihrer Wohnung, Madame?“ In dieſem Augenblick traten ſie in die Rue des Foſſés⸗ Saint⸗Victor, durch die Rue de Seine. „Sie ſehen jenes kleine, ſchwarze Gebäude?“ ſagte die Unbekannte, indem ſie die Hand gegen ein Haus aus⸗ ſtreckte, das jenſeits der Mauern des Jardin des Plantes lag. „Sehr gut, Madame. Befehlen Sie, ich bin da, um zu gehorchen.“ „Sie werden ärgerlich?“ „Ich! nicht im Geringſten; was iſt übrigens Ihnen daran gelegen?“ „Es iſt mir viel daran gelegen, denn ich habe mir von Ihnen noch etwas zu erbitten.“ „Was?“ „Einen ſehr herzlichen und liebevollen Abſchied, einen Freundesabſchied!“ Einen Freundesabſchied! oh! Sie erweiſen mir zu viel Ehre, Madame. Ein ſeltſamer Freund, der nicht 32 einmal den Namen ſeiner Freundin weiß, und dem dieſe Freundin ihre Wohnung verbirgt, ohne Zweifel aus Furcht vor der Unannehmlichkeit, ihn wiederzuſehen.“ Die junge Frau neigte das Haupt und antwortete nicht. „Madame,“ fuhr Maurice fort,„wenn ich ein Ge⸗ heimniß errathen habe, ſo dürfen Sie mir deßhalb nicht grollen, ich trachtete nicht darnach.“ „Ich bin an Ort und Stelle, mein Herr,“ ſprach die Unbekannte. Man war vor der Rue Saint⸗Jacques, welche von hohen, ſchwarzen Häuſern eingefaßt, von dunkeln Gängen und von Gäßchen durchzogen war, in denen Lohgerber und ähnliche Handwerker ihre Geſchäfte betrieben, denn zwei Schritte daran läuft das kleine Flüßchen Biévre. „Hier?“ ſagte Maurice,„hier wohnen Sie?“ „Ja.* „Unmöglich!“— „Es iſt dennoch ſo. Leben Sie wohl, mein braver Ritter, leben Sie wohl, mein edler Beſchützer!“ „Leben Sie wohl, Madame,“ erwiederte Maurice mit einer leichten Ironie;„aber ſagen Sie mir, um mich. zu beruhigen/ daß Sie keine Gefahr mehr laufen.“ „Keine.“ „Dann entferne ich mich. 7 Und Maurice machte eine kalte Verbeugung und wich zwei Schritte zurück. Die Unbekannte blieb einen Augenblick auf demſel⸗ ben Platze. 4„Ich möchte nicht gern ſo von Ihnen Abſchied neh⸗ men,“ ſagte ſie,„geben Sie mir Ihre Hand, Herr Maurice.“ Maurice näherte ſich der Unbekannten und reichte ihr ſeine Hand. Er fühlte, daß ihm die junge Frau einen Ring an den Finger leten ließ. „Ohl ohl was machen Sie denn da? Sie bemerke nicht, daß Sie einen von Ihren Ringen verlieren?“ 33 „Ohl mein Herr,“ erwiederte ſie,„was Sie da thun, iſt ſehr ſchlimm.“ „Nicht wahr, Madame, es fehlte mir nur noch das Laſter, undankbar zu ſein?“ „Ich bitte Sie, mein Herr... mein Freund, verlaſſen Sie mich nicht ſo, ſprechen Sie, was wünſchen Sie, was verlangen Sie?“ „Nicht wahr, um bezahlt zu ſein?“ verſetzte der junge Mann voll Bitterkeik. „Nein,“ ſprach die Unbekannte mit einem bezaubernden Ausdruck,„aber um mir das Geheimniß zu vergeben, das ich gegen Sie zu bewahren genöthigt bin.“ Als Maurice in der Dunkelheit dieſe ſchönen, beinahe thränenfeuchten Augen glänzen ſah, als er dieſe warme Hand in ſeinen Handen zittern fühlte, als er dieſe Stimme hörte, welche beinahe zum Tone der Bitte herabgeſunken war, ging er plötzlich vom Zorn zu einem Gefuhl der Begeiſterung über. „Was ich verlange?“ rief er,„ich verlange, Sie wiederzuſehen.“ „Unmöglich.“ 3 „Wäre es nur ein einziges Mal, eine Stunde, eine Minute, eine Secunde.“ „Unmöglich, ſage ich Ihnen.“ „Wie!“ fragte Maurice.„Sagen Sie mir im Ernſt, daß ich Sie nie wiederſehen werde 2“ „Nie!“ antwortete die Unbekannte wie ein ſchmerz⸗ liches Echo. „Oh, Madame, Sie ſpotten meiner offenbar,“ ſprach aurice. Und er erhob ſein edles Haupt und ſchüttelte ſeine langen Haare nach der Weiſe eines Mannes, der einer Gewalt entkommen will, die ihn unwillkührlich umfeſſelt hält. Die Unbekannte ſchaute ihn mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck an. Man ſah, daß ſie nicht ganz dem Gefuhl entgangen war, das ſie einfloßte. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 3 34 „Hören Sie,“ ſprach ſie nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen, das nur durch einen Seufzer unterbrochen worden war, welchen Maurice vergebens zu erſticken geſucht hatte. „Hören Siel ſchwören Sie mir bei Ihrer Ehre, Ihre Augen von dem Momente an, wo ich es ſagen werde, bis zu dem, wo Sie ſechzig Secunden gezählt haben, geſchloſſen zu halten; doch hier... bei Ihrer Ehre.“ „Und wenn ich ſchwöre, was wird geſchehen?“ „Es wird geſchehen, daß ich Ihnen meine Dankbar⸗ keit beweiſe, wie ich ſie nie einem Menſchen zu beweiſen gelobe, würde man auch mehr für mich thun, als Sie für mich gethan haben, was übrigens ſchwer wäre.“ „Aber darf ich denn nicht wiſſen... 2“ „Nein, vertrauen Sie mir, und Sie werden ſehen.“ „In der That, Madame, ich weiß nicht, ob Sie ein Engel oder ein Teufel ſind.“ „Schwören Sie?“ „Nun ja, ich ſchwöre.“ „Was auch geſchehen mag, Sie werden die Augen nicht öffnen... was auch geſchehen mag, verſtehen Sie meh Und ſollten Sie ſich von einem Dolchſtoße getroffen ühlen.“ „Bei meinem Ehrenwort, Sie betäuben mich mit dieſer Forderung.“ „Ei, ſo ſchwören Sie doch, mein Herr, Sie wagen, wie mir ſcheint, nicht viel.“ „Nunl ich ſchwöre, was mir auch begegnen mag,“ ſagte Maurice und ſchloß halb die Augen. Er blieb ſtehen. „Laſſen Sie mich Sie nur noch einmal ſehen, nur ein einziges Mal, ich flehe Sie an,“ ſprach er. Die junge Frau ſchlug ihren Capuchon mit einem Lächeln zurück, das nicht ganz von Coquetterie frei war;z und bei dem Schimmer des Mondes, der in dieſem Augen⸗ blick zwiſchen zwei Wollen durchſchlüpfte, konnte er zum zweiten Male dieſe langen, in ebenholzſchwarzen Locken herabhängenden Haare, den vollkommenen Bogen einer 3⁵ doppelten, wie mit chineſcher Tuſche gezeichneten Augbraue, zwei mantelartig geſchlitzte, ſammetne, ſchmachtende Augen, eine Naſe von der ausgezeichnetſten Form und Lippen, friſch und glänzend wie Korallen ſehen. „Ohl Sie ſind ſchön, ſehr ſchön, zu ſchön!“ rief Maurice. „Schließen Sie die Augen,“ ſagte die Unbekannte. Maurice gehorchte. Die junge Frau nahm ſeine zwei Hände in die ihrigen und drehte ihn, wie ſie wollte. Plötzlich ſchien ſich eine duftende Wärme ſeinem Geſichte zu nähern, und ein Mund ſtreifte ſeinen Mund und ließ zwiſchen ſeinen beiden Lippen den Ring, den er ausgeſchlagen hatte. Es war ein Gefuhl, raſch wie der Gedanke, bren⸗ nend wie eine Flamme. Maurice hatte eine Empfindung, welche beinahe dem Schmerze glich, ſo unerwartet war ſie, ſo ſehr war ſie in die Tiefe des Herzens gedrungen und hatte die geheimſten Fibern deſſelben beben gemacht. Er machte eine ungeſtuͤme Bewegung und ſtreckte die Arme vor ſich aus. „Ihr Schwur!“ rief eine bereits entfernte Stimme. Maurice drückte ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Hände auf ſeine Augen, um der Verſuchung, meineidig zu werden, zu widerſtehen. Er zählte nicht mehr, er dachte nicht mehr, er blieb ſtumm, unbeweglich, ſchwankend. Nach einem Augenblick hörte er etwas wie das Ge⸗ raͤuſch einer Thüre, die ſich auf fünfzig oder ſechzig Schritte von ihm ſchloß. Dann wurde wieder Alles ſtill und ſchweigſam. Nun löſte er ſeine Finger, öffnete die Augen wieder und ſchaute umher wie ein Erwachender, und er hätte vielleicht geglaubt, er erwache wirklich und Alles, was ihm begegnet, ſei nur ein Traum geweſen, hätte er nicht zwiſchen ſeinen Lippen den Ring feſtgehalten, der dieſes unglaubliche Abenteuer zu einer unbezweifelbaren Wahr⸗ heit machte. 3 IV. Sitten der Zeit. Als Maurice Lindey wieder zu ſich kam und umher⸗ ſchaute, ſah er nur düſtere Gäßchen, welche ſich rechts und links hinzogen; er ſuchte zu forſchen, zu erkennen, doch ſein Geiſt war verwirrt; die Nacht war duſter, der Mond, der einen Augenblick früher vorgetreten, um das reizende Geſicht der Unbekannten zu beleuchten, hatte ſich wieder hinter Wolken verborgen. Nach einem Augenblick grau⸗ ſamer Ungewißheit ſchlug der junge Mann den Weg nach ſeinem Hauſe ein, das in der Rue du Roule lag. Als Maurice in die Rue Sainte⸗Avoie kam, ſtaunte er über die Menge der Patrouillen, welche in dem Quar⸗ tiere des Temple kreiſten. 4 „Was gibt es denn, Sergent?“ fragte er den An⸗ führer einer ſehr geſchäftigen Patrouille, welche die Rue des Fontaines durchſucht hatte. „Was es gibt?“ verſetzte der Sergent;„mein Officier, man hat in dieſer Nacht die Frau Capet und ihr ganzes Geniſte entführen wollen.“ „und wie dies?“ „Eine Patrouille von Ci⸗devant, welche ſich, ich weiß nicht wie, das Loſungswort verſchafft hatte, war in der Tracht von Chaſſeurs der Nationalgarde in den Temple gedrungen und ſollte ſie entführen. Derjenige, welcher den Corporal vorſtellte, nannte zum Glück den Officier der Garde, als er mit ihm ſprach, mein Herrz ſo hat ſich der Ariſtokrat ſelbſt verkauft!“ 3 „Teufel!“ rief Maurice.„Und man hat die Ver⸗ ſchwörer feſtgenommen?“ „Nein; die Patrouille erreichte die Straße und zer⸗ ſtreute ſich von da aus.“ „Hat man Hoffnung, dieſe Burſche einzufangen?“ 37 „Ohl es iſt Einer dabei, welchen zu bekommen von großer Wichtigkeit wäre, der Anführer, ein magerer, langer Menſch, der unter die Leute der Wache durch einen der Municipale vom Dienſt eingeführt wurde. Hat uns der Schurke laufen gemacht! Doch er wird eine Hinterthüre gefunden haben und durch die Madelonnettes entflohen ſein.“ Unter allen andern Umſtänden wäre Maurice bei den Patrioten geblieben, welche über dem Heile der Republik wachten; doch ſeit einer Stunde war die Liebe für das Vaterland nicht mehr ſein einziger Gedanke. Er ſetzte alſo ſeinen Weg fort, die Neuigkeit, welche er erfahren, zerſchmolz allmälig in ſeinem Geiſte und ſie verſchwand unter dem Ereigniß, das ihm begegnet war. Uebrigens waren dieſe angeblichen Entführungsverſuche ſehr häufig geworden, die Patrioten ſelbſt wußten, daß man ſich der⸗ ſelben bei gewiſſen Veranlaſſungen als politiſcher Mittel bediente, weshalb dieſe Nachricht dem jungen Republikaner keine große Unruhe einflößte.. Als Maurice nach Hauſe kam, fand er ſeinen Will⸗ fährigen: zu dieſer Zeit hatte man keine Bedienten mehr; Maurice, ſagen wir, fand ſeinen Willfährigen, der ihn erwartete und in der Erwartung eingeſchlafen war und im Schlafe vor Unruhe ſchnarchte. Er weckte ihn mit allen Rückſichten, die man ſeines Gleichen ſchuldig iſt, ließ ſich ſeine Stiefeln ausziehen, ſchickte ihn weg, um nicht in ſeinen Gedanken geſtört zu ſein, legte ſich zu Bette und entſchlummerte, da es ſpät und er jung war, trotz aller Gedanken, welche ſeinen Geiſt durchkreuzten. Am andern Morgen fand er einen Brief auf ſeinem Nachttiſch. Dieſer Brief war von einer zarten, zierlichen, unbe⸗ kannten Schrift. Er betrachtete das Siegel, es hatte als Deviſe nur das einzigliche Wort: Nothing, Nichts. Er öſſnete den Brief, er enthielt nur folgende Worte: „Dank!“ „Ewige Erkenntlichkeit gegen ein ewiges Vergeſſen!“ 4 5 38. Maurice rief ſeinen Bedienten: die wahren Patrioten läuteten nicht, die Glocke erinnerte an die Knechtſchaft; auch machten viele Willfährige, wenn ſie bei ihren Herren eintraten, dies zur Bedingung bei den Dienſten, die ſie ihnen zu leiſten einwilligten. 3 Der Willfährige von Maurice hatte ungefähr dreißig Jahre vorher auf dem Taufſteine den Namen Jean erhal⸗ ten; Joch im Jahre 92 enttaufte er ſich, da Jean nach ber⸗ Viokrati und dem Deismus roch, und nannte ſich cävola. „Seävola,“ fragte Maurice,„weißt Du, was dieſer Brief bedeutet?“ „Nein, Bürger.“ „Wer hat ihn Dir übergeben?“ „Der Concierge.“ „Und wer hat ihn demſelben gebracht?“ „Ohne Zweifel ein Commiſſionär, da kein Stempel der Station darauf iſt.“ „Gehe hinab und bitte den Concierge, heraufzukom⸗ men.“ Der Concierge kam herauf, weil ihn Maurice darum bat, und weil Maurice bei allen Willfährigen, mit denen er in Verbindung ſtand, ſehr beliebt war; doch der Con⸗ cierge erklärte, jeden andern Miethsmann würde er ge⸗ beten haben, herabzukommen. Der Concierge nannte ſich Ariſtides. Maurice befragte ihn. Ein unbekannter Mann hatte den Brief gegen acht Uhr Morgens gebracht. Der junge Mann mochte immerhin ſeine Fragen ver⸗ doppeln, ſie unter allen möglichen Seiten darſtellen, der Concierge konnte ihm nichts Anderes antworten. Maurice bat ihn, zehn Franken anzunehmen, und forderte ihn auf, dieſem Mann, wenn er ſich wieder zeigen würde, zu fol⸗ gen, ohne daß es abſichtlich zu ſein ſcheine, und ihm dann zu ſagen, wohin er gegangen ſei. Wir müſſen ſogleich bemerken, daß der Mann zur größten Zufriedenheit von Ariſtides, der durch den Auf⸗ 39 trag, einem von ſeines Gleichen zu folgen, ſich etwas ge⸗ demüthigt fühlte, nicht wieder kam. Sobald Maurice allein war, zerknitterte er den Brief voll Aerger, zog den Ring von ſeinem Finger, legte ihn mit dem zerknitterten Brief auf den Nachttiſch und wandte ſich mit der Naſe gegen die Wand um, in der tollen An⸗ maßung, abermals einſchlafen zu wollen; doch nach Ver⸗ lauf einer Stunde kam Maurice von dieſer Prahlerei zu⸗ rück, küßte den Ring und las den Brief abermals: der Ring war ein ſehr ſchöner Saphir. Der Brief war, wie geſagt, ein reizendes kleines Bil⸗ let, das auf eine Meile nach der Ariſtokratie roch. Als Maurice ſich dieſer Prüfung hingab, öffnete ſich ſeine Thüre. Manrice ſteckte ſeinen Ring wieder an ſeinen Finger und verbarg den Brief unter ſeinem Kopfkiſſen. War es die Scham einer entſtehenden Liebe? War es die Beklommenheit eines Patrioten, welcher nicht will, daß man erfahre, er ſtehe in Verbindung mit Leuten, die ſo unklug ſeien, ein Billet zu ſchreiben, deſſen Wohlgeruch allein ſowohl die Hand, die es geſchrieben, als die, welche es entſiegelte, gefährden konnte? Der Eintretende war ein als Patriot gekleideter jun⸗ ger Mann, doch als Patriot von der höchſten Eleganz. Seine Carmagnole war von feinem Tuch, ſeine Hoſe von Caſimir und ſeine Strümpfe von feiner Seide. Was ſeine phrygiſche Mütze betrifft, ſo hätte ſie in Beziehung auf ihre zierliche Form und ihre ſchöne Purpurfarbe die von Paris ſelbſt beſchämt. Er trug dabei in ſeinem Gürtel ein Paar Piſtolen aus der königlichen Erfabrik von Verſailles und einen ge⸗ raden, kurzen Säbel, dem der Zöglinge des Marsfeldes ähnlich. 3 „Ah! Du ſchläfſt, Brutus, und das Vaterland iſt in Gefahr,“ ſagte der Eintretende.„Pfui doch!“ „Nein, Lorin,“ verſetzte Maurice lachend,„ich ſchlafe nicht, ich träume“ „Ja, ich begreife.“ 40 „Wohl, ich, ich begreife nicht.“ „Bah!“ „Von wem ſprichſt Du? Wer iſt dieſe Eucharis?“ „Nun! die Frau.“ „Was für eine Frau?“ „Die Frau der Rue Saint⸗Honoré, die Frau der Patrouille, die Unbekannte, für welche wir, Du und ich, geſtern Abend unſern Kopf gefährdet haben!“ „Ohl ja,“ ſprach Maurice, der vollkommen wußte, was ſein Freund ſagen wollte, aber ſich nur den Anſchein gab, als verſtünde er ihn nicht,„die unbekannte Frau!“ „Nun! wer war es?“ „Ich weiß es nicht.“ „War ſie hübſch?“ „Bah!“ machte Maurice, verächtlich die Lippen ver⸗ ziehend. „Eine bei irgend einem Liebesrendezvous vergeſſene arme Frau. „Ja uns arme Menſchenkinder Plagt die Liebe unabläßig.“ „Es iſt möglich,“ murmelte Maurice, dem der Ge⸗ danke, welchen er Anfangs gehabt hatte, zu dieſer Stunde gewaltig widerſtrebte, und der lieber in ſeiner ſchönen Unbekannten eine Verſchwörerin, als eine verliebte Frau ſehen wollte. „Und wo wohnt ſie?“ „Ich weiß es nicht.“ „Gehe doch! Du weißt es nicht, unmöglich!“ „Warum?“ „Du haſt ſie zurückgeführt.“ „Sie iſt mir auf dem Pont Marie entkommen.“ „Dir entkommen!“ rief Lorin mit einem ungeheuren Gelächter.„Eine Frau Dir entkommen, gehe doch.“ „Kann die Taub dem Geier entfliehen, Wenn der Lüfte Tyrann in den Krallen ſie hält? 41 Umſonſt wird die Gazell zu retten ſich mühen, Wenn brüllend das Tigerthier über ſie fällt. —„Lorin,“ ſprach Maurice,„wirſt Du Dich denn nie daran gewöhnen, zu ſprechen wie alle andere Menſchen 2 Du peinigſt mich furchtbar mit Deiner grauſamen Poeſie.“ —„Wie, ich ſoll ſprechen wie alle andere Menſchen! mir ſcheint, ich ſpreche beſſer als jeder Andere. Ich ſpreche wie der Bürger Demonſtier in Proſa und in Verſen. Was meine Poeſie betrifft, mein Lieber, ſo kenne ich eine Emilie, die ſie nicht ſchlecht findet; doch kommen wir auf die Deinige zurück.“ „Auf meine Poeſie?“ „Nein, auf Deine Emilie.“ „Habe ich eine Emilie?“ „Gehe doch, Deine Gazelle wird ſich zur Tigerin ge⸗ macht und Dir die Zähne gezeigt haben, ſo daß Du zwar geplagt, aber verliebt biſt.“ „Ich verliebt?“ verſetzte Maurice, den Kopf ſchüttelnd. „Ja, Du verliebt.“ „Nun kein Geheimniß mehr, Cytherens Strriche treffen ſicherer Als die von Zeus dem Donnerfürſten.“ „Lorin,“ ſagte Maurice, indem er ſich mit einem gebohrten Schlüſſel bewaffnete, der auf dem Nachttiſch lag,„ich erklaͤre Dir, daß ich pfeife, ſobald Du noch einen einzigen Vers ſprichſt.“ „So laß uns von Politik ſprechen. Ich bin übrigens zu dieſem Behuſe gekommen; weißt Du das Neueſte?“ „Ich weiß, daß die Witwe Capet entſpringen wollte.“ „Bahl! nur dieſes.“ „Was gibt es noch mehr?“ „Der berüchtigte Chevalier von Maiſon⸗Rouge iſt in Paris.“ „In der That!“ rief Maurice, indem er ſich aufſetzte. „Er ſelbſt, in Perſon.“* „Wann iſt er gekommen?“ „Geſtern Abend.“ „Wie dies?“ „Verkleidet als Chaſſeur der Nationalgarde. Eine Frau, von der man glaubt, ſie ſei eine als Frau aus dem Volk verkleidete Ariſtokratin, brachte ihm Kleider an die Barrière; einen Augenblick nachher kamen ſie Arm in Arm herein. Erſt als ſie vorübergegangen waren, faßte die Schildwache Verdacht. Der Mann von der Wache hatte die Frau mit einem Päckchen hinausgehen ſehen, und ſah ſie mit einer Art von Militär am Arm zurück⸗ kommen; das war verdächtig; er machte Lärm und man lief ihnen nach. Sie verſchwanden in einem Hotel der Rue Saint⸗Honoré, deſſen Thüre ſich wie durch einen Zauber öffnete. Das Hotel hatte einen zweiten Ausgang nach den Champs⸗Elyſées. Guten Abend... der Che⸗ valier von Maiſon⸗Rouge und ſeine Mitſchuldige ſind verſchwunden. Man wird das Hotel niederreißen und den Eigenthümer guillotiniren; doch das wird den Chevalier nicht abhalten, den Verſuch zu erneuern, der bereits vor vier Monaten zum erſten und zum zweiten Male geſchei⸗ tert iſt.“ 4 „Er iſt alſo nicht verhaftet?“ „Ahl ja wohl, verhafte Protheus, mein Lieber, Du weißt, was Ariſtaͤus durchzumachen hatte, um damit zum Ziele zu gelangen. „Pastor Aristäus fugiens Peneia tempe.“ „Nimm Dich in Acht,“ ſprach Maurice, indem er den Schlüſſel an den Mund ſetzte. „Nimm Dich bei Gott ſelbſt in Acht, denn diesmal wirſt Du nicht mich ſondern Virgil auspfeifen.“ 4 „Es iſt richtig, und ſo lange Du ihn nicht überſetzeſt habe ich nichts zu ſagen. Doch kehren wir zu dem Che valier von Maiſon⸗Rouge zurück.“ „Ja, wir müſſen geſtehen, daß es ein tüchtige Mann iſt,“ 8 NERERR= gE* n 43 „Um ſolche Dinge zu unternehmen, bedarf es eines großen Muthes.“ „Ja, eines großen Muthes.“ „Ja, oder einer großen Liebe.“ „Glaubſt Du an die Liebe des Chevalier für die Kö⸗ nigin?“ „Ich glaube nicht daran, ich ſage es nur wie Jeder⸗ mann. Uebrigens hat ſie ſo viele Andere verliebt gemacht, daß man nicht ſtaunen dürfte, wenn ſie auch ihn verführt hätte. Sie hat wohl Barnave verführt, wie man ſagt.“ „Gleichviel, der Chevalier muß ein Einverſtändniß im Temple ſelbſt haben.“ „Das iſt möglich: „Denn es ſprengt die heiße Liebe Schloß und Gitter.“ „Lorin!“ „Ahl es iſt wahr.“ „Du glaubſt das alſo wie die Andern?“ „Warum nicht?“ „Weil Deiner Rechnung nach die Königin zweihun⸗ dert Liebhaber gehabt hätte.“ „Zweihundert, dreihundert, vierhundert. Sie iſt ſchön genug hiezu. Ich behaupte nicht, ſie habe dieſelben geliebt, aber die Leute haben ſie geliebt. Jedermann ſieht die Sonne, und die Sonne ſieht nicht Jedermann.“ „Du ſagſt alſo, der Chevalier von Maiſon⸗Rouge?“ „Ich ſage, daß man in dieſem Augenblick ein wenig Treibjagen auf ihn hält, und wenn er den Leithunden der Republik entgeht, muß er ein feiner Fuchs ſein.“ „Und was macht die Gemeinde bei allem dem?“ „Die Gemeinde wird ein Decret verkündigen, in Folge deſſen jedes Haus wie ein offenes Regiſter auf ſeiner Fa⸗ Lade den Namen der Bewohner und Bewohnerinnen auf⸗ zuweiſen hat. Das iſt die Verwirklichung jenes Traumes der Alten. Warum gibt es nicht ein Fenſter an den Her⸗ 44 zen der Menſchen, damit Jedermann ſehen könnte, was darin vorgeht!“ „Ohl ein vortrefflicher Gedanke,“ rief Maurice. „Ein Fenſter an das Herz des Menſchen zu ſetzen?“ „Nein, ſondern eine Liſte an die Thüre der Häuſer zu hängen.“. Mauriee dachte in der That, es wäre dies ein Mit⸗ tel, ſeine Unbekannte oder wenigſtens eine Spur zu finden, die ihn weiter leiten würde. —„Nicht wahr?“ verſetzte Lorin.„Ich habe bereits gewettet, dieſe Maßregel werde uns fünfhundert Ariſtokra⸗ ten in die Hände liefern. Ah! bald hätte ich vergeſſen, wir haben dieſen Morgen im Club eine Deputation von Freiwilligen empfangen; ſie kamen, geführt von unſern Gegnern in der vergangenen Nacht, welche ich erſt ver⸗ ließ, als ſie ganz und gar betrunken waren; ſie kamen, ſage ich, mit Blumengewinden und Immortellenkränzen.“ „In der That!“ verſetzte Maurice lachend;„und wie viel waren es?“ „Dreißig; ſie hatten ſich raſiren laſſen und trugen Sträuße am Knopfloch.„Bürger des Clubs der Ther⸗ mopylen,““ ſprach der Redner,„als wahre Patrioten wün⸗ ſchen wir, daß die Einigkeit der Franzoſen nicht durch ein Mißverſtändniß geſtört werde, und wir kommen, um auf's Neue Brüderſchaft zu ſchließen.““ „Sodann...“ 5 „Sodann ſchloßen wir auf's Neue Brüderſchaft, und bei der Wiederholung machte man einen Altar für das Vaterland mit dem Tiſch des Secretaire und zwei Flaſchen, in welche man Sträuße ſieckte. Da Du aber Held des Feſtes warſt, ſo rief man Dich dreimal auf, um Dich zu bekränzen, und als Du nicht antworteteſt, inſofern Du 4 nicht da warſt, indeß man immer etwas bekränzen muß, die Ordnung, in der die Ceremonie ſtattgefunden hat.. Als Lorin dieſe wahrhaftige Erzählung beendigte, welche zu jener Zeit nichts Burleskes hatte, hörte man Geräuſch ſo bekränzte man die Büſte von Waſhington. Das iſt 8 4⁵ auf der Straße, und Anfangs entfernte, bald aber immer näher kommende Trommeln ließen den damals ſo gewöhn⸗ lichen Lärmen des Generalmarſches vernehmen. „Was iſt das?“ fragte Maurice. „Es iſt eine Verkuͤndigung des Beſchluſſes der Ge⸗ meinde,“ antwortete Lorin. „Ichulaufe nach der Section,“ rief Maurice, indem er aus dem Bette ſprang und ſeinen Willfährigen rief, um ſich ankleiden zu laſſen. „Und ich, ich gehe zu Bette,“ verſetzte Lorin:„ich habe in dieſer Nacht wegen Deiner wüthenden Freiwilligen nur zwei Stunden geſchlafen. Schlägt man ſich bloß ein wenig, ſo läßſt Du mich ſchlafen, ſchlägt man ſich viel, ſo kommſt Du und holſt mich.“ „Warum haſt Du Dich denn ſo ſchön gemacht?“ fragte Maurice, einen Blick auf Lorin werfend, der eben aufſtand, um ſich zu entfernen. „Weil ich, um zu Dir zu kommen, genöthigt bin, durch die Rue Béthiſy zu gehen, und weil es in der Rue Béthiſy im dritten Stocke ein Fenſter gibt, das ſich immer öffnet, wenn ich vorübergehe.“. „Und Du befürchteſt nicht, man könnte Dich für einen Muscadin*) halten?“ „Ich ein Muscadin! oh, ja wohl! ich bin im Ge⸗ gentheil als ein tüchtiger Sans⸗culotte bekannt. Doch, man muß dem ſchönen Geſchlechte ein Opfer bringen. Der Cultus des Vaterlandes ſchließt den der Liebe nicht aus. Der eine heiſcht im Gegentheil den andern. „Beſchloſſen hat die Republik, Daß man der Griechen Vorbild folge, Der Freiheit Alter ſei ein Seitenſtück Für den der Grazien beim Volke. Wage es, dies auszupfeifen, und ich zeige Dich als Museadin nannte man während der Revolution in Frank⸗ veich die nach der Mode gekleideten Herren, beſonders wegen der Wohlgerüwhe, die ſie verbreiteten, im Gegenſatz zu den Sans⸗culottes. 46 Ariſtokraten an und laſſe Dich ſo raſiren, daß Du nie mehr eine Perrücke trägſt. Guten Tag, mein Freund.“ Lorin reichte Maurice herzlich ſeine Hand, die der junge Secretaire ebenſo herzlich drückte, und ging dann, ein Lied an Chloris trällernd, weg. V. Was für ein Mann der Bürger Maurice Lindey war. Während ſich Maurice Lindey, nachdem er ſich haſtig angekleidet, auf die Section der Rue Lepelletier begibt, deren Secretaire er iſt, wie man weiß, verſuchen wir es, vor den Augen des Publikums die Vorgänge dieſes Man⸗ nes zu ſchildern, der ſich auf der Scene durch eine von jenen Aufſchwingungen des Herzens gezeigt hat, wie ſie bei edlen und mächtigen Naturen häufig vorkommen. Der junge Mann hatte am Tage zuvor die Wahr⸗ heit geſrrochen, als er ſagte, er heiße Maurice Lindey und wohne in der Rue du Roule. Er hätte beifügen können, er ſei ein Kind jener Halbariſtokratie, welche der Robe bewilligt wird. Seine Vorfahren hatten ſich ſeit zweihundert Jahren durch die ewige parlamentariſche Op⸗ poſition ausgezeichnet, welche die NRamen Molé und Mau⸗ pon berühmt gemacht. Sein Vater, der gute Lindey, der ſein ganzes Leben damit hinbrachte, daß er gegen den Deſpotismus ſeufzte, ſtarb, als am 14. Juli 89 die Ba⸗ ſtille in die Hande des Volkes ſiel, vor Schrecken darüber, daß er den Deſpotismus durch eine kriegführende Freihe erſetzt ſah, und hinterließ ſeinen einzigen Sohn, unab⸗ hängig durch das Vermögen und Republikaner durch das Gefuhi. ——te 47 e Die Revolution, welche ſo bald auf dieſes große Er⸗ eigniß folgte, fand Maurice mit allen Bedingungen der r Stärke und der männlichen Reife, wie ſie dem Athleten entſprechen, der auf den Kampfplatz zu treten im Begriff 4 iſt, und ſeine republikaniſche Erziehung verſtärkte ſich durch ein beſtändiges Beſuchen der Clubs und das Leſen aller Pamphlete der Zeit. Gott weiß, wie viel Maurice der⸗ gleichen hatte leſen müſſen. Tiefe und auf Schlüſſen be⸗ ruhende Verachtung der Hirarchie, philoſophiſche Erwägung der Elemente, die den Körper bilden, abſolute Ableugnung jedes Adels, der nicht perſönlich iſt, unparteiiſche Schätzung der Vergangenheit, glühender Eifer für die neuen Ideen, Sympathie für das Volk, gemiſcht mit der ariſtokratiſch⸗ ten der Organiſationen, dies war in moraliſcher Hinſicht nicht derfenige, welchen wir gewählt haben, ſondern der, welchen das Tagebuch, aus dem wir dieſen Gegenſtand ſchöpfen, uns als Helden dieſer Geſchichte gegeben hat. In phyſiſcher Hinſicht war Maurice Lindey ein Mann von fünf Fuß acht Zoll, fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahre alt, muskelig wie ein Herkules, ſchön in jener franzöſiſchen Schönheit, welche bei einem Franken eine beſondere Race hervorhebt, das heißt eine reine Stirne, blaue Angen, kaſtanienbraune gelockte Haare, roſige Wan⸗ gen und Zähne wie Elfenbein. Nach dem Portrait des Mannes, die Stellung des ürgers. Maurice, wenn nicht reich, doch wenigſtens unab⸗ hängig, Maurice, der einen geachteten und beſonders popu⸗ lären Namen führte, Maurice, bekannt durch ſeine liberale Erziehung und durch ſeine Grundſätze, welche noch liberaler waren als ſeine Erziehung, Maurice hatte ſich gleichſam an die Spitze einer Partei, beſtehend aus allen jungen patriotiſchen Bürgern, geſtellt. Vielleicht galt er bei den Sans⸗culottes für etwas lau und bei den Sectionären für etwas parfumirt. Doch er wußte ſich Verzeihung für ſeine Lauheit bei den Sans⸗culottes dadurch zu verſchaffen, daß er wie aͤrmliche Nohre die knotigſten Knuͤttel zerbrach, — 48 für ſeine Eleganz bei den Sectionären, daß er ſie auf zwanzig Schritte durch einen Fauſtſchlag zwiſchen die zwei Augen fortſchleuderte, wenn ihn dieſe zwei Augen auf eine Weiſe auſchauten, die ihm nicht behagte. In phyſiſcher, in moraliſcher, in bürgerthümlicher Beziehung hatte nun Maurice der Einnahme der Baſtille beigewohnt; er war bei dem Zuge nach Verſailles geweſen, er hatte wie ein Löwe am zehnten Auguſt gekämpft und an dieſem merkwürdigen Tage, man muß ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, ebenſo viele Patrioten als Schweizer getödtet: denn er wollte ſo wenig den Mörder unter der Carmagnole als den Feind der Republik unter dem rothen Kleide dulden. Er hatte ſich, um die Vertheidiger des Schloſſes zur Uebergabe zu ermahnen und um ein weiteres Blutver⸗ gießen zu verhindern, vor die Mundung einer Kanone ge⸗ worfen, welche ein Pariſer Artilleriſt eben losbrennen wollte; er war zuerſt durch ein Fenſter in den Louvre eingedrun⸗ gen, trotz des Kleingewehrfeuers von fünfzig Schweizern und eben ſo vielen im Hinterhalt liegenden Edelleuten, und als er die Zeichen der Capitulation erbliekte, hatte ſich ſein furchtbarer Säbel bereits durch zehn Uniformen Bahn gebrochen; da er nun nach Muße ſeine Freunde Gefangene niedermetzeln ſah, welche ihre Waffen wegwar⸗ fen, ihre Hände flehend ausſtreckten und um ihr Leben baten, fing er an wie wüthend auf eben dieſe Freunde einzuhauen, was ihm einen Ruf, würdig der ſchönen Tage von Rom und Griechenland, verſchaffte. Sobald der Krieg erklärt war, trat Maurice unter die Schaaren und ging nach der Grenze mit den erſten fünfzehn hundert Freiwilligen ab, welche die Stadt gegen die Feinde ſchickte, und denen jeden Tag fünfzehn hundert andere folgen ſollten. In der erſten Schlacht, die er mitmachte, nämlich bei Jemappes, erhielt er eine Kugel, die ſich, nachdem ſie die ſtählernen Muskeln ſeiner Schul⸗ ter getheilt, auf dem Knochen abplattete. Der Vertrete des Volkes kannte Maurice und ſchickte ihn zur Heilun 49] nach Paris zurück. Einen ganzen Monat wälzte ſich Maurice, vom Fieber verzehrt, auf ſeinem Schmerzens⸗ lager; doch der Januar fand ihn wieder auf den Beinen und er befehligte, wo nicht dem Namen, doch wenigſtens der Sache nach den Club der Thermopylen, das heißt, hundert junge Leute von der Pariſer Bürgerſchaft, welche ſich bewaffnet hatten, um ſich jedem Verſuche zu Gunſten des Tyrannen Capet zu widerſetzen; mehr noch: die Stirne gefaltet durch einen düſteren Zorn, das Auge erweitert, das Herz gepreßt durch eine ſeltſame Miſchung von morali⸗ ſchem Haß und körperlichem Mitleid, wohnte Maurice, den Säbel in der Fauſt, der Hinrichtung des Königs bei und blieb, allein vielleicht von dieſer ganzen Menge, ſtumm, als das Haupt dieſes Sohnes vom heiligen Lud⸗ wig niederſtel, deſſen Seele zum Himmel aufſtieg; nur hob er, ſobald dieſes Haupt gefallen war, ſeinen furcht⸗ baren Sabel in die Luft und alle ſeine Freunde riefen: „Es lebe die Freiheit!“ ohne zu bemerfen, daß diesmal ſeine Stimme ausnahmsweiſe ſich nicht mit der ihrigen vermiſcht hatte. Dies war der Mann, der am Morgen des eilften März nach der Rue Lepelletier ging, der Mann, dem unſere Geſchichte mehr Relief in den Einzelheiten eines Fhiriäe Lebens geben wird, wie man es zu jener Zeit ührte. Gegen zehn Uhr kam Maurice in die Section, deren Secretaire er war. Die Bewegung war groß. Es handelte ſich darum, eine Adreſſe an den Convent zu Unterdrückung der Com⸗ plotte der Girondiſten zu beſchließen. Man erwartete Maurice voll Ungeduld. Es war nur von der Rückkehr des Chevalier von Maiſon⸗Rouge und von der Kühnheit die Rede, mit der dieſer erbitterte, unermüdliche Verſchwörer zum zweiten Male nach Paris gekommen war, wo man doch, wie er wußte, einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt hatte. Man Der Chevalier in Maiſon⸗Rouge. 1. 4 — würde zum zweiten Male auf ſeinen Lippen brennen. Doch brachte mit dieſer Rückkehr den Verſuch vom vorhergehen⸗ den Tag in Verbindung, und Jeder drückte ſeinen Haß und ſeine Verachtung gegen die Ariſtokraten und Verräther aus. Doch gegen die allgemeine Erwartung war Maurice unempfindlich und ſchweigſam, faßte geſchickt die Procla⸗ mation ab, beendigte in drei Stunden ſein ganzes Ge⸗ ſchäft, fragte, ob die Sitzung aufgehoben ſei, nahm auf eine bejahende Antwort ſeinen Hut, ging hinaus und wan⸗ derte der Rue Saint⸗Honoré zu. Als er in dieſe Straße gelangte, kam ihm Paris ganz neu vor. Er ſah die Ecke der Rue du Coq, wo ihm in der Nacht die ſchöne Unbekannte, ſich unter den Händen der Soldaten ſträubend, erſchienen war. Dann folgte er, von der Rue du Cog bis zum Pont Marie, dem⸗ ſelben Wege, den er an ihrer Seite durchlaufen hatte, blieb ſtehen, wo ſie von den verſchiedenen Patrouillen auf⸗ gehalten worden waren, und wiederholte an den einzel⸗ nen Stellen, die ihn daran erinnerten, als hätten ſie ein Echo ihrer Worte behalten, das Geſpräch, das ſie mit einander gepflogen; nur war es ein Uhr Nachmittags und die Sonne, welche dieſen ganzen Spaziergang beleuchtete, machte auf jedem Schritte die Erinnerungen der Nacht hervorſpringend. Maurice ſchritt über die Brücken und trat bald in die Rue Victor, wie man ſie damals nannte. „Arme Frau!“ murmelte Maurice,„ſie bedachte ge⸗ ſtern nicht, daß die Nacht nur zwölf Stunden währt und daß ihr Geheimniß wahrſcheinlich nicht länger als die Nacht dauern würde. Bei der Helle der Sonne werde ich die Thüre wiederfinden, durch die ſie geſchlüpft iſt, und wer weiß, ob ich ſie nicht ſelbſt an irgend einem Fenſter erblicke.“ 8 4 Er trat ſodann in die alte Rue Saint⸗Jacques und ſtellte ſich, wie die Unbekannte am Tage zuvor geſtanden hatte. Einen Augenblick ſchloß er die Augen: der arme Narr glaubte vielleicht, der Kuß vom vorhergehenden Abend 6 A NNAN 8 n — 51 er fühlte nichts davon, als die Erinnerung. Die Erinne⸗ rung brannte allerdings immer noch. Maurice öffnete die Augen wieder, ſah die zwei Gäßchen, das eine rechts, das andere links. Sie waren kothig, ſchlecht gepflaſtert, mit Schranken verſehen und von klei⸗ nen, über einen Bach geſprengten Brucken durchſchnitten. Man ſah hier Arkaden von Balken, Schlupfwinkel, zwanzig ſchlecht befeſtigte, verfaulte Thüren. Es war die plumpe Arbeit in ihrem ganzen Elend, das Elend in ſeiner ganzen Häßlichkeit. Da und dort fand ſich ein Garten, bald durch Hecken, bald durch Zäune von Weinpfählen, zuweilen auch durch Mauern geſchloſſen; Häute trockneten unter Schoppen und verbreiteten den abſcheulichen Geruch der Lohgerberei, bei dem einem übel wird. Maurice ſuchte, ſtellte zwei Stunde lang zuſammen und fand nichts, errieth nichts; zehnmal drang er in dieſes Labyrinth, zehnmal kehrte er zurück, um ſich zu orientiren. Doch alle ſeine Verſuche waren vergeblich, alle ſeine Nachforſchungen fruchtlos. Die Spuren der jungen Frau ſchienen durch den Nebel und den Regen verwiſcht worden zu ſein. „Vorwärts!“ ſprach Maurice zu ſich ſelbſt,„ich habe geträumt. Dieſe Cloake kann nicht einen Augenblick mei⸗ ner ſchönen Fee von der letzten Nacht als Aufenthaltsort gedient haben.“ Es lag in dem wilden Republikaner eine Poeſie, viel wahrer, als die in ſeinem Freunde mit den anakreon⸗ tiſchen Verſen, denn auf dieſen Gedanken kehrte er zurück, um die Glorie nicht zu trüben, die das Haupt ſeiner Un⸗ bekannten beleuchtete. Allerdings kehrte er in Verzweif⸗ lung zurück. „Lebe wohl! ſchöne Geheimnißvolle,“ ſagte er,„Du haſt mich als Dummkopf oder als Kind behandelt. Würde ſie denn hierher gegangen ſein, wenn ſie wirklich hier wohnte? Nein, ſie ging nur hier durch, wie der Schwan über einen verpeſteten Sumpf zieht. Und wie die des Vogels in der Luft iſt ihre Spur unſichtbar.“ VI. Der Temple. An demſelben Tage, zur ſelben Stunde, wo Maurice, ſchmerzlich enttäuſcht, uüber den Pont de la Tournelle zu⸗ rückging, machten mehrere Municipale, begleitet von San⸗ terre, einen ſtrengen Beſuch in dem großen Thurme des Temple, den man ſeit dem 13. Auguſt 1792 in ein Ge⸗ fängniß verwandelt hatte. Dieſer Beſuch galt beſonders einer Wohnung im dritten Stocke, welche aus einem Vorzimmer und drei Stuben beſtand. ine von dieſen Stuben war von zwei Frauen, einem l1ungen Mädchen und einem Kind von neun Jahren, ins⸗ geſammt in Trauer, bewohnt.. Die Aeltere von dieſen zwei Frauen mochte ſieben und dreißig bis acht und dreißig Jahre alt ſein; ſie ſaß an einem Tiſche und las. Die Zweite ſaß und arbeitete an einer Stickerei; ſie mochte acht und zwanzig bis neun und zwanzig Jahre alt ſein. Das junge Mädchen war vierzehn und ſtand bei dem Kinde, das, krank und liegend, die Augen ſchloß, obgleich bei dem Geräuſch, welches die Municipale machten, das Schlafen durchaus unmöglich war. Die Einen ſchüttelten die Betten, die Andern entfal⸗ teten die Leinwandſtücke, wieder Andere, welche ihre Nach⸗ forſchungen beendigt hatten, ſchauten mit einer frechen Starrheit die unglücklichen Gefangenen an, die ihre Augen hartnäckig die Eine auf ihr Buch, die Andere auf ihre Stickerei, die Dritte auf ihren Bruder geheftet hielten. Die Aelteſte von dieſen Frauen war groß, bleich und ſchön; diejenige, welche las, ſchien beſonders ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ihr Buch zuſammenzudrängen, obglei NAGRN 53 aller Wahrſcheinlichkeit nach nur ihre Augen laſen und nicht ihr Geiſt. Einer von den Municipalen näherte ſich ihr, packte mit rohem Weſen das Buch, das ſie in der Hand hielt, und ſchleuderte es mitten in das Zimmer. Die Gefangene ſtreckte die Hand nach dem Tiſche aus, ergriff einen zweiten Band und fuhr fort zu leſen. Der Montagnard machte eine wüthende Geberde, um ihr den zweiten Band zu entreißen, wie er es mit dem erſten gethan hatte. Aber bei dieſer Geberde, bei der die Gefangene, welche am Fenſter ſtickte, bebte, ſprang das Mädchen vor, umſchlang mit ſeinen Armen den Kopf der Leſerin und flüſterte weinend: „Ohl arme, arme Mutter!“ Dann küßte das Mädchen die Leſerin. Die Gefangene drückte hierauf ihren Mund auf das Ohr des Maͤdchens, als ob ſie daſſelbe küſſen wollte, und ſprach zu ihm: „Marie, es iſt ein Billet in der Mündung des Ofens verborgen, nimm es weg.“ „Vorwärts! vorwärts!“ rief der Municipal, indem er das Mädchen brutal zurückzog und von ſeiner Mutter trennte.„Werdet Ihr Euch bald genug geküßt haben?“ „Mein Herr,“ verſetzte das Maͤdchen,„hat der Con⸗ vent beſchloſſen, daß die Kinder ihre Mütter nicht mehr küſſen dürfen?“ „Nein; doch er hat beſchloſſen, daß die Verräther, die Ariſtokraten und die Ci⸗devant beſtraft werden ſollen, und wir ſind deshalb hier, um Euch zu befragen. Laß hören, Antoinette, antworte.“ Diejenige, welche man auf eine ſo plumpe Weiſe an⸗ redete, würdigte den Fragenden nicht einmal eines Blickes. Sie wandte im Gegentheil den Kopf ab und eine leichte Röthe zog über ihre von dem Schmerz gebleichten und von den Thränen durchfurchten Wangen. „Es iſt unmöglich,“ fuhr dieſer Mann fort,„daß 54 Du nichts von dem Verſuche der letzten Nacht gewußt haſt. Woher kommt er?“. Dasſelbe Stillſchweigen von Seiten der Gefangenen. „Antworten Sie, Antoinette,“ ſprach Santerre, indem er ſich ihr näherte, ohne den Schauer des Abſcheus zu bemerken, der die junge Frau bei dem Anblick dieſes Man⸗ nes ergriff, welcher am Morgen des ein und zwanzigſten Januar Ludwig XVI. aus dem Temple geholt hatte, um ihn nach dem Blutgerüſte zu führen.„Antworten Sie. Man hat in dieſer Nacht gegen die Republik conſpirirt und Sie der Gefangenſchaft zu entziehen geſucht, die Ihnen, in Erwartung der Strafe für Ihre Verbrechen, von dem Willen des Volkes auferlegt worden iſt. Sprechen Sie, wußten Sie, daß man conſpirirte?“ 4 Marie bebte bei dem Tone dieſer Stimme, die ſie zu fliehen ſchien, indem ſie, ſo viel ſie konnte, auf ihrem Stuhle zurückwich. Doch ſie antwortete eben ſo wenig auf dieſe Frage, als auf die zwei andern, eben ſo wenig San⸗ — . terre, als dem Municipal. „Sie wollen alſo nicht antworten?“ rief Santerre, heftig mit dem Fuße ſtampfend. Die Gefangene nahm ein drittes Buch vom Tiſche. Santerre wandte ſich um: die rohe Macht dieſes. Menſchen der achtzig tauſend Mann befehligte und nur eine Geberde nöthig gehabt hatte, um die Stimme des ſterbenden Ludwig XVI. zu bedecken, brach ſich an der Würde einer armen Gefangenen, deren Kopf er ebenfalls fallen machen konnte, die er aber nicht zu beugen vermochte. „Und Sie, Eliſabeth!“ ſprach er zu der andern Frau, welche einen Augenblick ihre Stickerei unterbrochen hatte, um die Hände zu falten und zu beten, Nicht zu dieſen Menſchen, ſondern zu Gott,„werden Sie antworten?“ „Ich weiß nicht, was Sie fragen, und kann Ihnen folglich nicht antworten,“ erwiederte ſie. 3 „Ei, Mord und Tod! Bürgerin Capet,“ verſetzte Santerre ungeduldig,„es iſt doch klar, was ich ſage. Ich ſage, daß man geſtern einen Verſuch gemacht hat, un 5⁵ Euch entweichen zu laſſen, und daß Ihr die Schuldigen, kennen müßt.“ „Wir haben keine Verbindung mit Außen und können alſo weder wiſſen, was man für uns thut, noch was man gegen uns thut.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Municipal,„wir wollen ein⸗ mal ſehen, was Dein Neffe ſagt.“ Und er näherte ſich dem Bette des jungen Dauphin. Bei dieſer Drohung erhob ſich Marie Antoinette plötzlich und rief: „Mein Herr, mein Sohn iſt krank und ſchläft... wecken Sie ihn nicht auf.“ „So antworte.“ „Ich weiß nichts.“ Der Municipal ging gerade auf das Bett des kleinen Gefangenen zu, der ſich, wie geſagt, ſtellte, als ſchliefe er. „Auf! auf! erwache, Capet,“ ſagte er und ſchüttelte den Kleinen ungeſchlacht am Arme. 3 Das Kind öffnete die Augen und lächelte. Die Municipale umgaben ſodann ſein Bett. Von Schmerz und Furcht bewegt, machte die Kö⸗ nigin ihrer Tochter ein Zeichen; dieſe benützte den gün⸗ ſtigen Augenblick, ſchlüpfte in ein anſtoßendes Zimmer, öffnete eine von den Mündungen des Ofens, zog ein Billet heraus, verbrannte es, kehrte dann ſogleich in das Zimmer zurück und beruhigte ihre Mutter mit einem Blicke. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte das Kind. „Wiſſen, ob Du in dieſer Nacht nichts gehört haſt?“ „Nein, ich habe geſchlafen.“ „Du liebſt es ſehr, zu ſchlafen, wie es ſcheint.“ „Ja, weil ich träume, wenn ich ſchlafe.“ „Und was träumſt Du?“ „Daß ich meinen Vater wiederſehe, den Ihr ge⸗ tödtet habt“ 3 „Du haſt alſo nichts gehört?“ fragte ungeſtüm Santerre. „Nichts.“ 8 56 „Dieſe jungen Wölfe ſind in der That ſehr gut mit der Wölfin einverſtanden,“ ſprach der wüthende Municipal; „und es hat dennoch ein Complott ſtattgefunden.“ Die Königin lächelte. „Die Oeſterreicherin verſpottet uns,“ rief der Munici⸗ pal.„Nun wohl, da dem ſo iſt, ſo wollen wir das Deeret der Gemeinde in ſeiner ganzen Strenge vollziehen. Erhebe Dich, Capet.“ „Was wollt Ihr machen?“ rief die Königin, die ſich ſelbſt vergaß.„Seht Ihr nicht, daß mein Sohn krank iſt, daß er das Fieber hat? Wollt Ihr ihm denn den Tod bereiten?“ „Dein Sohn,“ entgegnete der Municipal,„iſt ein Gegenſtand beſtändiger Unruhe für den Rath des Temple. Er iſt ein Zielpunkt aller Verſchwörungen. Man ſchmei⸗ chelt ſich mit der Hoffnung, Euch insgeſammt zu entfüh⸗ ren. Nun wohl, man komme. Tiſon!... Ruft Tiſon.“ Tiſon war ein Taglöhner, der die gemeineren Haus⸗ geſchäfte im Temple zu verrichten hatte. Er kam. Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, von dunkler Hautfarbe, mit einem rohen Geſichte und ſchwarzen, ſtruppigen Haaren, welche bis auf die Augbrauen herabfielen. „Tiſon,“ ſprach Santerre,„wer hat geſtern den Ge⸗ fangenen Speiſe gebracht?2⸗ Tiſon nannte einen Namen. „Und wer brachte ihnen ihr Weißzeug?“ „Meine Tochter.“ „Deine Tochter iſt alſo Wäſcherin?“ „Gewiß.“ „Und Du haſt ihr die Kundſchaft der Gefangenen gegeben?“ „Warum nicht? Eben ſo gut, daß ſie das gewinnt, als wenn es eine Andere gewinnen würde. Es iſt nicht mehr das Geld der Tyrannen, ſondern das der Nation, da die Nation für ſie bezahlt.“ 57 „Man hat Dich beauftragt, die Wäſche ſorgfältig zu unterſuchen.“ „Nunl entledige ich mich nicht meiner Pflicht? Zum Beweis: Geſtern fand ich ein Sacktuch, an das man zwei Knoten gemacht hatte; ich überbrachte es dem Rath und dieſer befahl meiner Frau, die Knoten zu löſen, es zu bügeln und dann Madame Capet zu ubergeben, ohne ihr etwas zu ſagen.“ Bei der Erwähnung von zwei Knoten an einem Sack⸗ tuch bebte die Königin, ihre Augen erweiterten ſich und Madame Eliſabeth und ſie tauſchten einen Blick. „Tiſon,“ ſprach Santerre,„Deine Tochter iſt eine ürgerin, deren Vaterlandsliebe Niemand in Verdacht zieht, doch von heute an iſt ihr der Eintritt in den Temple nicht mehr geſtattet.“ „O miein Gott!“ rief Tiſon erſchrocken,„was ſagt Ihr mir da,„wie ich ſoll meine Tochter nur wiederſehen, wenn ich ausgehe!“ „Du wirſt nicht mehr ausgehen,“ ſprach Santerre. Tiſon ſchaute umher, ohne ſein irres Auge auf ir⸗ de einem Gegenſtand verweilen zu laſſen; ploͤtzlich aber rief er: „Ich werde nicht mehr ausgehen! Ahl ſo iſt es 2 Nunl ich will ganz von hier fort. Ich nehme meine Ent⸗ laſſung, ich bin kein Verräther, kein Ariſtokrat, daß man mich hier gefangen halten könnte. Ich ſage Euch, daß ich von hier fort will.“ „Bürger,“ ſprach Santerre,„gehorche den Befehlen der Gemeinde und ſchweige, oder Du könnteſt Dich ſchlecht dabei befinden; das ſage ich Dir. Bleibe hier und überwache, was vorgeht. Man beobachtet Dich, hüte Dich alſo.“ 5 Die Königin, welche ſich vergeſſen glaubte, erheiterte ſich allmählig wieder und legte ihren Sohn in ſein Bett. „Laß Deine Frau heraufkommen,“ ſprach der Muni⸗ cipal zu Tiſon. Dieſer gehorchte, ohne ein Wort zu ſagen. Die 4 58 Drohungen von Santerre hatten ihn ſanft wie ein Lamm gemacht. Die Frau Tiſon eilte herbei. „Komm hierher, Bürgerin,“ ſprach Santerre;„wir werden in das Vorzimmer gehen, und während dieſer Zeit durchſuchſt Du die Gefangenen.“ „Höre doch, Frau,“ ſagte Tiſon,„ſie wollen unſere Tochter nicht mehr in den Temple kommen laſſen.“ „Wie? ſie wollen unſere Tochter nicht mehr in den Temple kommen laſſen. Wir werden unſere Tochter nicht mehr ſehen?“. Tiſon ſchüttelte den Kopf. „Was ſagt Ihr mir denn da?“ „Ich ſage, daß wir einen Bericht an den Rath des Temple machen werden, und daß der Rath entſcheiden ſoll. Mittlerweile...“ „Mittlerweile will ich meine Tochter wiederſehen,“ verſetzte die Frau. „Stille!“ rief Santerre,„man hat Dich hierher be⸗ rufen, um die Gefangenen zu durchſuchen; durchſuche ſie, dann wird man ſehen.“ „Aber...“ „Oh! oh!“ machte Santerre, die Stirne faltend,„mir ſcheint, die Leute werden verdorben.“ ——ę—ę—ÿ—ꝛ—ꝛ—·— „Thue, was der Bürger General ſagt, thue es, Frau. Du hörſt, er ſagt, nachher werde man ſehen.“ Hiebei ſchaute Tiſon Santerre mit einem demüthigen Lächeln an. „Es iſt gut,“ ſprach die Frau;„geht, ich bin bereit, ſie zu durchſuchen!“ Die Männer gingen hinaus. „Meine liebe Madame Tiſon,“ ſagte die Königin, „glauben Sie mir...“ „Ich glaube nichts, als daß Du die Schuld von allem Unglück des Völkes biſt, Bürgerin Capet,“ verſetzte d furchtbare Weib, mit den Zähnen knirſchend.„Finde ich etwas Verdächtiges bei Dir, ſo ſollſt Du auch ſehen.“ 59 Vier Männer blieben an der Thüre, um die Frau Tiſon zu unterſtützen, wenn die Königin Widerſtand lei⸗ ſten würde. Man fing bei der Königin an. Man fand bei ihr ein Sacktuch mit drei Knoten, das unglücklicher Weiſe eine bereit gehaltene Antwort auf das von Tiſon erwähnte zu ſein ſchien, einen Bleiſtift, ein Ska⸗ pulier und Siegellack. „Ahl ich wußte das wohl,“ rief die Tiſon,„ich ſagte es den Municipalen, die Oeſterreicherin ſchreibe! vor Kurzem fand ich einen Tropfen Siegellack auf der Dille des Leuchters.“ „Oh! Madame,“ ſprach die Königin mit flehendem Tone,„zeigen Sie nur das Skapulier...“ „Ahl ja wohl,“ verſetzte die Frau,„Mitleid mit Dir... Hat man Mitleid mit mir?.. Man nimmt mir meine Tochter.“ Madame Eliſabeth und Madame Royale hatten nichts bei ſich. Die Frau Tiſon rief die Municipale zurück, und dieſe kamen, Santerre an ihrer Spitze; ſie übergab ihnen die bei der Königin gefundenen Sachen, welche von Hand zu Hand gingen und der Gegenſtand von zahlloſen Muth⸗ maßungen warenz das Sacktuch mit den drei Knoten be⸗ ſonders nahm lange die Einbildungskraft der Verfolger des königlichen Geſchlechts in Anſpruch. „Nun wollen wir Dir das Decret des Convents vor⸗ leſen,“ ſagte Santerre. „Was für ein Deeret?“ fragte die Königin. „Das Decret, welches beſiehlt, daß Du von Deinem ohne getrennt werden ſollſt.“ „Es iſt alſo wahr, dieſer Beſchluß iſt gefaßt worden?“ „Ja. Der Convent iſt zu ſehr für die Geſundheit Deines Kindes beſorgt, das ihm von der Nation zur Be⸗ wachung anvertraut worden iſt, um es in Geſellſchaft einer ſo entſittlichten Mutter, wie Du biſt, zu laſſen.“ Die Augen der Königin ſchleuderten Blitze. 60 „Erhebt wenigſtens eine Anklage, Ihr Tiger!“ „Das iſt bei Gott nicht ſchwierig,“ verſetzte ein Mu⸗ nicipal,„höre!“ Und er ſprach eine von jenen ſchändlichen Anklagen, wie ſie Sueton gegen Agrippina vorbringt. „Ohl“ rief die Königin hochaufgerichtet, bleich, er⸗ haben vor Entrüſtung,„ich appellire an das Herz von allen Müttern.“ „Ruhig! ruhig!“ verſetzte der Municipal,„das iſt Alles ſchön und gut; doch wir ſind ſchon ſeit zwei Stunden hier, und können nicht den ganzen Tag verlieren. Stehe auf, Capet, und folge uns.“ „Nie! nie!“ rief die Königin, indem ſie zwiſchen die Municipale und den jungen Ludwig ſtürzte und das Bett zu vertheidigen ſich anſchickte, wie es eine Tigerin mit ihrer Höhle thut,„nie werde ich mir mein Kind entreiſ⸗ ſen laſſen“ „Ohl meine Herren,“ ſprach Eliſabeth mit einem be⸗ wunderungswürdigen Ausdruck der Bitte die Hände faltend, „meine Herren, im Namen des Himmels, haben Sie Mit⸗ leid mit zwei Müttern.“ „Sprechen Sie,“ verſetzte Santerre,„nennen Sie die Namen, geſtehen Sie den Plan Ihrer Genoſſen, erklären Sie, was die zwei Knoten an dem mit Ihrer Waͤſche durch die Tochter Tiſon überbrachten Sacktuch und die an dem Sacktuch, das man in Ihrer Taſche gefunden, bedeuten ſollen, und man wird Ihnen Ihren Sohn laſſen.“ Ein Blick von Madame Eliſabeth ſchien die Königin anzuflehen, ſie möge dieſes furchtbare Opfer bringen. Doch dieſe trocknete ſich ſtolz eine Thräne, welche wie ein Diamant im Winkel ihres Auges glänzte, und ſprach: „Lebe wohl, mein Sohn. Vergiß nie Deinen Vater, der im Himmel iſt, Deine Mutter, welche ſich bald mit ihm wiedervereinigen wird; ſprich jeden Abend und jeden Morgen das Gebet, das ich Dich gelehrt habe. Lebe wohl, mein Sohn.“ 61 Sie gab ihm einen letzten Kuß, erhob ſich kalt und unbeugſam und ſagte: 6 „Ich weiß nichts, meine Herren, thun Sie, was Sie wollen.“ Doch dieſe Königin hätte mehr Kraſt gebraucht, als das Herz einer Frau, und beſonders das einer Mutter enthält. Sie fiel vernichtet auf einen Stuhl zurück, wäh⸗ rend man das Kind wegtrug, deſſen Thränen floßen, das die Arme nach ihr ausſtreckte, aber keinen Schrei hören ließ. Die Thüre ſchloß ſich hinter den Municipalen, welche das königliche Kind wegtrugen, und die drei Frauen blie⸗ ben allein. Es trat einen Augenblick verzweifeltes Stillſchweigen ein, das nur durch Schluchzen unterbrochen wurde. Die Königin ſprach zuerſt. „Meine Tochter,“ ſagte ſie,„das Billet?“ „Ich habe es verbrannt, wie Sie mich geheißen, meine Mutter.“ „Ohne es zu leſen?“ „Ohne es zu leſen.“ 1 „So fahre wohl, letzter Schimmer, äußerſte Hoffnung!“ ſprach Madame Eliſabeth. „Oh! Sie haben Recht, Sie haben Recht, meine Schweſter, das heißt zu viel leiden.“ Dann ſich gegen ihre Tochter umwendend: „Doch Du haſt wenigſtens die Handſchrift geſehen, Marie?“ „Ja, meine Mutter, einen Augenblick.“ Die Königin ſtandauf, ſchaute nach der Thüre, ob ſie nicht beobachtet würde, nahm eine Nadel aus ihren Haaren, näherte ſich der Wand, zog aus einer Spalte ein kleines, in Form eines Billets gefaltetes Papier, zeigte dieſes illet der Prinzeſſin und ſagte: „Sammle alle Deine Erinnerungen, ehe Du mir antworteſt, meine Tochter; war die Handſchrift dieſelbe wie dieſe hier?“ 62 „Ja, ja, meine Mutter,“ rief die Prinzeſſin,„ja, ich erkenne ſie!“ „Gott ſei gelobt!“ ſprach die Königin, voll Inbrunſt auf die Kniee fallend.„Wenn er ſeit dieſem Morgen ſchreiben konnte, ſo iſt er gerettet. Dank! mein Gott! Dank! ein ſo edler Freund verdiente wohl eines Deiner Wunder.“ 4 „Von wem ſprechen Sie denn, meine Mutter?“ fragte die Prinzeſſin.„Wer iſt dieſer Freund? Sagen Sie mir ſeinen Namen, daß ich ihn Gott in meinen Gebeten empfehlen kann.“ „Du haſt Recht, meine Tochter; vergiß dieſen Namen nie, denn er iſt der eines Edelmanns voll Ehre und Muth; dieſer iſt nicht aus Ehrgeiz ergeben, denn er hat ſich nur in den Tagen des Unglücks enthüllt. Er hat nie die Königin von Frankreich geſehen, oder die Königin von Frankreich hat vielmehr ihn nie geſehen, und er gibt ſein Leben hin, um ſie zu vertheidigen. Vielleicht wird er be⸗ lohnt, wie man heut zu Tage jede Tugend belohnt, durch einen ſurchtbaren Tod... Doch wenn er ſtirbt.... ohl dort oben, dort oben werde ich ihm danken... es iſt.. Die Königin ſchaute unruhig umher, dämpfte die Stimme und ſprach: „Es iſt der Chevalier von Maiſon⸗Rouge... betet für ihn.“ VII. Spielerſchwur. Der Entführungsverſuch, ſo bezweifelbar er auch ge⸗ weſen war, weil er nicht einmal einen Anfang der Aus⸗ führung gehabt hatte, erregte doch auf das Lebhafteſte den 63 Zorn und das Intereſſe der Andern. Was übrigens dieſem Ereigniß eine beinahe materielle Wahrſcheinlichkeit verlieh, war der Umſtand, daß der Sicherheitsausſchuß in Erfah⸗ rung brachte, ſeit drei Wochen, oder ſeit einem Monat ſeien Emigranten in Menge auf verſchiedenen Punkten der Grenze nach Frankreich zurückgekehrt. Es war klar, daß Menſchen, welche ihren Kopf wagten, dies nicht ohne eine Abſicht thaten, und dieſe Abſicht war ohne allen Zweifel, zur Entführung der königlichen Familie beizutragen. Auf den Vorſchlag des Conventsmitgliedes Oſſelin war bereits das furchtbare Decret bekannt gemacht worden, das jeden Emigranten, der wieder einen Fuß nach Frank⸗ reich geſetzt zu haben überwieſen, jeden Franzoſen, der Auswanderungspläne gehabt zu haben überwieſen, jeden Bürger, der bei ſeiner Flucht oder bei ſeiner Rückkehr einen Emigrirten oder einen Emigranten unterſtützt zu haben, jeden Bürger endlich, der einem Emigrirten eine Zufluchtsſtätte gewährt zu haben überwieſen würde, zum Tode verurtheilte. Dieſes furchtbare Geſetz war die Einweihung der Schreckensregierung. Es fehlte nichts mehr, als das Geſetz der Verdächtigen. Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge war ein zu thä⸗ tiger und zu verwegener Feind, als daß ſeine Rückkehr nach Paris und ſeine Erſcheinung im Temple nicht die ſtrengſten Maßregeln nach ſich gezogen haben ſollte. Schär⸗ fere Durchſuchungen, als man je vorgenommen, fanden in einer Menge von verdächtigen Häuſern ſtatt. Doch außer der Entdeckung von einigen emigrirten Frauen, welche ſich fangen ließen, und ein paar Greiſen, die ſich nicht die Mühe geben wollten, den Henkern die wenigen Tage, die ihnen blieben, ſtreitig zu machen, hatten die Nachforſchungen kein Reſultat. Die Sectionen waren, wie man ſich leicht deuken kann, einige Tage lang in Folge dieſes Ereigniſſes ſehr beſchäftigt, und der Secretaire der Section Lepelletier, einer der ein⸗ flußreichſten von Paris, hatte wenig Zeit, an ſeine Un⸗ bekannte zu denken. Anfangs, als er die Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques ver⸗ ließ, beſchloß er zu vergeſſen; er verſuchte es auch, dies zu thun, doch es ging, wie ſein Freund Lorin geſagt hatte: „Sobald man denkt, daß man vergeſſen ſoll, Kommt die Erinnerung.“ Maurice hatte indeſſen nichts geſagt, nichts geſtanden. Er hatte in ſeinem Innern die Einzelnheiten dieſes Aben⸗ teuers verſchloſſen, welche der Nachforſchung ſeines Freundes entgehen konnten. Doch dieſer kannte Maurice als eine heitere, offenherzige Natur, er ſah ihn jetzt unabläſſig träumeriſch, die Einſamkeit ſuchend, und vermuthete, wie er ſagte, der Schelm Cupido ſei hier eingedrungen. Es iſt zu bemerken, daß Frankreich unter ſeinen achtzehn Jahr⸗ hunderten der Monarchie wenige ſo mythologiſche Jahre gehabt hat, als das Jahr der Gnade 1793. Der Chevalier war indeſſen nicht gefangen; man hörte nicht mehr von ihm ſprechen. Ihres Gemahls und ihres Kindes beraubt, begnügte ſich die Königin zwiſchen ihrer Tochter und ihrer Schwägerin zu weinen, wenn ſie allein war. Der junge Dauphin begann unter den Händen des Schuſters Simon das Märtyrthum, das ihn in zwei Jahren mit ſeinem Vater und mit ſeiner Mutter vereinigen ſollte. Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Der Vulkan der Montagnards ruhte, ehe er die Gi⸗ rondiſten verſchlang. 3 Maurice fühlte das Gewicht dieſer Ruhe, wie man die Schwere der Atmoſphäre bei ſtürmiſchem Wetter fühlt; er wußte nicht, was er mit einer Muße machen ſollte, die ihn ganz und gar der Gluth eines Gefühles preisgab, welches, wenn es auch nicht Liebe war, doch ſehr der Liebe glich; er las den Brief wieder, küßte ſeinen ſchönen Saphir und beſchloß, trotz des Schwures, den er geleiſtet, einen letzten Verſuch zu wagen, der indeſſen, wie er gelobte, der letzte ſein ſollte. 4 -☛ N 8G— O SàA* ⏑☛ —— gleicher Zeit ſeine körperli Der Chevalier 65 Es war dem jungen Mann wohl eingefallen, er ſollte ſich nach der Section des J ardin des Plantes be⸗ geben und dort Erkundigungen bei dem Secretaire, ſeinem Collegen, einziehen. Doch der erſte Gedanke, und wir könnten wohl ſagen, der einzige G edanke, den er gehabt, ſeine ſchöne Unbekannte wäre in irgend ein politiſches Complott verwickelt, hielt ihn zuruck: der Gedanke, eine Indiscretion von ſeiner Seite könnte dieſe reizende Frau auf den Revolutionsplatz führen und dieſen Engelskopf auf dem Blutgerüſte fallen machen, bewirkte, daß ein gräßlicher Schauer die Adern von Maurice durchlief. Er beſchloß alſo, das Abenteuer allein und ohne irgend eine rkundigung zu verſuchen. Sein Plan war übrigens ſehr einfach. Die an jeder Thüre angebrachten Liſten ſollten ihm die erſten Anzeichen geben; Fragen bei den Concierges müßten ſodann das Geheimniß vollends aufklaren. In ſeiner Eigenſchaft als Secretaire der Rue Lepelletier war er vollkommen befugt, zu fragen. Uebrigens wußte Maurice den N kannten nicht; doch er ſollte durch Analog Fin ſo reizendes Geſchöpf mußte not ihrer Form im Einklang ſtehenden Namen haben, den Namen einer Sylphide, einer Fee, eines Engels. Denn bei ihrer Ankunft auf Erden hätte man ihre Erſcheinung als die eines erhabenen, übernatürlichen Weſens begrußen muſſen. Der Name würde ihn alſo unfehlbar führen. Maurice zog eine Carmagnole von grobem, braunem Tuch an, ſetzte eine rothe Feſttagsmütze auf und trat ſeine Forſchungsreiſe an, ohne Jemand davon in Kenntniß zu ſetzen. Er hielt in der Hand einen von jenen Knüppeln, die man eine Conſtitution nannte, eine Waffe, welche, von kuleskeule hatte. amen ſeiner Unbe⸗ ien geführt we den. hwendig einen mit ſeiner Fauſt geführt, den Werth einer Her In ſeiner Taſche trug er ſeine Beſtallung als Seeretaire der Sertion Lepelletier mit ſich. Dadurch waren alſo zu che Sicherheit und ſeine mora⸗ von Maiſon⸗Rouge, 1 5 66 liſche Gewährſchaft gegeben. Er ſing damit an, daß er abermals die Rue Saint⸗Victor und die Rue Vieille⸗Saint⸗ Jacques durchlief und bei dem Scheine des abnehmenden Tages alle die Namen las, welche mit einer mehr oder minder geübten Hand auf die Füllung jeder Thüre ge⸗ ſchrieben waren. Maurice war bei ſeinem hundertſten Hauſe und folg⸗ lich bei ſeiner hundertſten Liſte, ohne daß ihn etwas hätte glauben machen können, er wäre entfernt auf der Spur ſeiner Unbekannten, die er nur unter der Bedingung er⸗ kennen wollte, daß ſich ſeinen Augen ein Name, in der Art deſſen, was er geträumt, bieten würde, als ein braver Schuhmacher, der die Ungeduld auf dem Geſichte des Leſers wahrnahm, ſeine Thüre öffnete, mit ſeinem ledernen Riemen und ſeiner Pfrieme heraustrat und Maurice über ſeine Brille anſchaute. 8 „Willſt Du Auskunft über die Miethsleute dieſes Hauſes haben, Bürger?“ ſagte er;„in dieſem Fall ſprich, ich bin bereit, Dir zu antworten.“ „Ich danke, Buͤrger,“ ſtammelte Maurice,„ich ſuchte den Namen eines Freundes.“ „Nenne den Namen, Bürger, ich kenne Jedermann in dieſem Quartier; wo wohnte Dein Freund?“ „Er wohnte, wie ich glaube, in der Rue Vieille⸗ Saint⸗Jacques, doch ich befürchte, er iſt ausgezogen.“ „Aber wie hieß er? Ich muß ſeinen Namen wiſſen.“ Maurice zögerte einen Augenblick; dann ſprach er den erſten den beſten Namen aus, der ſich ſeinem Gedächtniß bot⸗ „René,“ ſagte er.. „Und ſein Stand?“ Maurice war umgeben von Lohgerbereien. „Lohgerbergeſelle.“ 3 4 „In dieſem Fall,“ ſprach ein Bürger, der ſtehen ge⸗ blieben war und Manrice mit einer gewiſſen Gutherzigkeit anſchaute, in welche ſich indeſſen etwas Mißtrauen miſchte „in dieſem Falle müßte man ſich an den Meiſter wend „Das iſt richtig,“ ſagte der Portier,„das iſt g and 3 8 1 67 richtig; die Meiſter wiſſen die Namen ihrer Arbeiter und hier kommt der Bürger Dirmer, der iſt Vorſteher einer Gerberei und hat mehr als fünfzig Arbeiter in ſeinem Geſchäft; er kann Dir Auskunſt geben.“ Maurice wandte ſich um und ſah einen guten Hand⸗ werksmann von hohem Wuchſe, von einem gefälligen Ge⸗ ſichte und einem Reichthum in der Kleidung, der den wohl⸗ habenden Geſchäftsmann ankündigte. „Nur müßte man, wie der Bürger Portier geſagt hat, den Namen dieſes Freundes wiſſen,“ fuhr der Hand⸗ werksmann fort. „Ich habe ihn genannt, René.“ „René iſt nur ein Taufnamen, und ich frage nach dem Familiennamen.“ „Meiner Treue,“ verſetzte Maurice, den dieſes Verhör ungeduldig zu machen anfing,„den Familiennamen weiß ich nicht.“ „Wie!“ ſprach der Bürger mit einem Lächeln, worin aurice mehr Ironie, als jener durchſcheinen laſſen wollte, zu entdecken glaubte,„wie, Bürger, Du weißt den Familien⸗ namen Deines Freundes nicht!“ 3 „Nein!“ „Dann wirſt Du ihn wahrſcheinlich nicht finden.“ Und der Bürger grüßte höflich, machte ein paar Schritte und trat in ein Haus der Rue Bieille⸗Saint⸗Jacques. „Allerdings, wenn Du ſeinen Familiennamen nicht weißt...“ ſagte der Portier. „Nein, ich weiß ihn nicht!“ verſetzte Maurice, dem es, um eine Gelegenheit zu haben, ſeine ſchlimme Laune überſtrömen zu laſſen, nicht unangenehm geweſen wäre, wenn man Händel mit ihm geſucht hätte, und der, es iſt nicht zu leugnen, nicht weit davon entfernt war, ſelbſt Streit zu ſuchen,„und was hernach?“ „Nichts, Bürger, gar nichts; nur da Du den Na⸗ men Deines Freundes nicht weißt, iſt es, wie Dir der Barger Dirmer geſagt hat, wahrſcheinlich, daß Du ihn nicht finden wirſt.“ 3 Und der Bürger Portier kehrte, die Achſeln zuckend, in ſeine Loge zurück. Maurice hatte gute Luſt, den Bürger Portier durch⸗ zuprügeln, doch dieſer war alt und ſeine Schwäche rettete ihn. Zwanzig Jahre weniger und Maurice hätte das ſchmäh⸗ liche Schauſpiel der Gleichheit vor dem Geſetze, aber der Ungleichheit vor der Kraft gegeben. 3 Der Tag neigte ſich überdies und Maurice hatte nur noch einige Minuten Licht Er benützte es, um in das erſte Gäßchen und dann in das zweite einzudringen; er prüfte jede Thüre, er unterſuchte jeden Winkel, er ſchaute über jeden Zaun, er⸗ hob ſich über jede Mauer, warf einen Blick in das Innere jedes Gitters, durch jedes Schlüſſelloch, klopfte endlich an einige verlaſſene Magazine, ohne Antwort zu erhalten, und verbrauchte beinahe zwei Stunden in dieſer frucht⸗ loſen Nachforſchung. Es ſchlug neun Uhr Abends. Es war völlig Nacht geworden; man hörte kein Geräuſch, man bemerkte keine Bewegung mehr in dieſem öden Quartier, aus dem das Leben ſich mit dem Tag zurückgezogen zu haben ſchien. Voll Verzweiflung war Maurice im Begriff, eben⸗ falls auf ſeinen Rückzug zu denken, als er plötzlich bei der Biegung eines ſchmalen Ganges Licht glänzen ſah. Er wagte ſich ſogleich in dieſen düſtern Gang, ohne zu bemerken, daß in demſelben Augenblick, wo er eindrang, ein neugieriger Kopf, der ſeit einer Viertelſtunde aus einer Baumgruppe, welche die Mauer überragte, allen ſeinen Bewegungen folgte, haſtig hinter eben dieſer Mauer ver⸗ ſchwand. Einige Secunden, nachdem der Kopf verſchwun⸗ den war, warfen ſich drei Männer, die aus einer kleinen, in derſelben Mauer angebrachten Thüre hervorkamen, in en Gang, in welchem ſich Maurice verloren hatte, wäh⸗ rend zu größerer Vorſicht ein Vierter die Thüre dieſes Ganges ſchloß. Maurice fand am Ende des Ganges einen Hof: der andern Seite dieſes Hofes glänzte das Licht. Er klopft 69 an die Thüre eines armſeligen, einſamen Hauſes; doch bei d/ dem erſten Schlag, den er that, erloſch das Licht. Maurice verdoppelte ſein Klopfen, doch Niemand h⸗ antwortete; er ſah, daß man entſchloſſen war, nicht zu te autworten; er begriff, daß er hier ſeine Zeit unnütz ver⸗ 3 lieren würde, durchſchritt den Hof und kehrte unter den Gang zurück. Zu gleicher Zeit drehte ſich die Thüre des Hauſes ir ſachte auf ihren Angeln, drei Männer traten hervor und ein Pfiff machte ſich hörbar. in Maurice wandte ſich um und ſah drei Schatten in er der Entfernung von zwei Längen ſeines Stockes. r⸗ In der Finſterniß, bei dem Scheine des Lichtes, das le ets für die Augen beſteht, welche ſeit langer Zeit an n die Dunkelheit gewöhnt ſind, ſchimmerten drei Klingen mit / falben Refleren. 4 Maurice begriff, daß er abgeſchnitten war. Er wollte 1 mit ſeinem Stocke ein Rad ſchlagen, doch der Gang war t ſo eng, daß ſein Stock die beiden Mauern berührte. In 3 demſelben Augenblick betäubte ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf. Es war ein unvorhergeſehener Angriff, den die vier Männer machten, welche aus der kleinen Thüre 7 der Mauer hervorkamen. Sieben Männer warfen ſich zu 1 gleicher Zeit auf Maurice, ſchlugen ihn trotz ſeines ver⸗ . zweifelten Widerſtandes nieder, umwicklen ſeine Hände mit t tricken und verbanden ihm die Augen. - Maurice hatte keinen Schrei ausgeſtoßen, nicht um Hülfe gerufen. Die Kraft und der Muth wollen immer ſich ſelbſt genügen und ſcheinen ſich einer fremden Hülfe — zu ſchämen. „ Haätte Maurice aber auch gerufen, ſo wäre doch in ddieſem öden Quartiere Niemand gekommen. Maurice wurde alſo gebunden und geknebelt, ohne daͤß er eine Klage von ſich gab. Er hatte ſich überlegt, daß wenn man ihm die Au⸗ en verband, dies nicht geſchah, um ihn ſogleich zu tödten. in dem Alter von Maurice iſt jede Friſt eine Hoffnung. ———y—— — — 70 Er ſammelte daher ſeine ganze Geiſtesgegenwart und harrte der Dinge, die da kommen ſollten. „Wer biſt Du?“ fragte eine noch von dem Kampfe aufgeregte Stimme. 3 „Ich bin ein Mann, den man ermordet,“ antwor⸗ tete Maurice. „Mehr noch, Du biſt ein todter Mann, wenn Du laut ſprichſt, wenn Du rufſt oder ſchreiſt.“ „Wenn ich hätte ſchreien wollen, ſo würde ich nicht bis jetzt gewartet haben.“ „Und Du biſt bereit, meine Fragen zu beantworten 2 „Frage zuerſt, und ich werde dann ſehen, ob ich antworte.“ „Wer ſchickt Dich 2“ „Niemand.“ „Du kommſt alſo aus eigenem Antrieb?“ „Ja." „Du lügſt.“ Maurice machte eine furchtbare Bewegung, um ſeine Hände zu befreien: die Sache war unmöglich. „Ich lüge nicht,“ ſagte er. „In jedem Fall, magſt Du aus eigenem Antrieb kommen oder geſchickt ſein, biſt Du ein Spion.“ „Und Ihr ſeid Feige!“ „Feige, wir!“ „Ja, Ihr ſeid ſieben oder acht gegen einen geknebel⸗ ten Mann, und Ihr beleidigt dieſen Mann. Feige! Feige! Feige!“ gedie Heftigkeit von Maurice ſchien ſeine Gegner, ſtatt ſie zum Zorne zu reizen, vielmehr zu beſchwichtigen. Gerade in ſeiner Heftigkeit lag der Beweis, daß dieſer junge Mann nicht war, was man ihm zum Vorwurf ——— machte; ein wahrer Spion hätte gezittert und um Gnade gebeten. 4. „Es iſt dies keine Beleidigung,“ ſprach eine andere Stimme, die zwar ſanfter, aber zugleich gebieteriſcher klang, als jede von denen, welche ſich hörbar gemacht hat⸗ te — X — ε— 741 ten.„In dieſen Zeitläuften kann man Spion ſein, ohne unehrlich zu ſein. Nur wagt man dabei ſein Leben.“ „Seien Sie willkommen, Sie, der Sie dieſes Wort geſprochen, ich werde redlich darauf antworten.“ „Was wollten Sie in dieſem Quartier machen?“ „Ich ſuchte eine Frau.“ Ein Gemurmel der Ungläubigkeit empfing dieſe Ent⸗ ſchuldigung. Dieſes Gemurmel nahm immer mehr zu und wurde ein Sturm. „Du lügſt,“ verſetzte dieſelbe Stimme.„Es gibt hier keine Frau, und wir wiſſen, was mir mit Frau ſagen; es gibt keine Frau in dieſem Quartier zu verfolgen. Ge⸗ ſtehe Dein Vorhaben, oder Du wirſt ſterben.“ „Geht doch,“ ſprach Maurice,„Ihr werdet mich nicht tödten, wenn Ihr nicht wahre Räuber ſeid.“ Nach dieſen Worten machte Maurice eine zweite, noch heftigere und unerwartetere Anſtrengung, als das erſte Mal, um ſeine Hände von dem Stricke zu befreien, mit dem ſie umſchlungen waren. Doch plötzlich zerriß ihm eine ſchmerzliche, ſcharfe Kälte die Bruſt. Maurice fuhr unwillkürlich zurück. „Ah! Du fühlſt das,“ ſagte einer von den Männern. „Und, es gibt noch acht Zoll, ähnlich dem Zoll, mit dem Du Bekanntſchaft gemacht haſt.“ „So vollendet,“ entgegnet Maurice voll Reſignation. „Das wird doch wenigſtens ſogleich vorbei ſein.“ „Wer biſt Du, ſprich?“ ſagte die ſanfte und zugleich gebieteriſche Stimme. „Meinen Namen wollt Ihr wiſſen?“ „Ja, Deinen Namen.“ „Ich bin Maurice Lindey.“ „Wie!“ rief eine Stimme,„Maurice Lindey, der Reyolutio... der Patriot! Maurice Lindey, der Secre⸗ taire der Section Lepelletier?“ Dieſe Worte wurden mit ſo viel Wärme ausgeſpro⸗ chen, daß Maurice einſah, ſie ſeien entſcheidend. Darauf 72 antworten hieß auf die eine oder die andere Weiſe unab⸗ anderlich ſein Schickſal feſtſtellen. Maurice war einer Lüge unfähig. Er richtete ſich als wahrer Spartaner hoch auf und ſprach mit feſter Stimme: „Ja, Maurice Lindey; ja, Maurice Lindey, der Secretaire der Section Lepelletier; ja, Maurice Lindey, der Patriot, der Revolutionär, der Jacobiner; Maurice Lindey endlich, deſſen ſchönſter Tag der ſein wird, wo er für die Freiheit ſtirbt.“ Eine Todesſtille erfolgte auf dieſe Antwort. Maurice Lindey bot ſeine Bruſt dar und erwartete von einem Augenblick zum andern, die Klinge, deren Spitze er nur gefühlt hatte, würde ſich ganz und gar in ſeine Bruſt tauchen. 8 „Iſt es wirklich wahr?“ fragte nach einigen Secun⸗ den eine Stimme, welche eine gewiſſe Erſchütterung ver⸗ rieth.„Höre, junger Mann, lügſt Du nicht?“ „Durchſucht meine Taſchen,“ erwiederte Maurice,„und Ihr werdet meine Beſtallung finden. Schaut auf meine Bruſt, und wenn ſie mein Blut nicht verwiſcht hat, ſo findet Ihr meine Anfangsbuchſtaben, ein M und ein L, auf mein Hemd geſiickt.“ Sogleich fühlte ſich Maurice durch kräftige Arme von der Erde aufgehoben. Er wurde während eines ziemlich kurzen Raumes getragen und hörte eine erſte und dann eine zweite Thüre öffnen. Nur war die zweite ſchmaler, als die erſte, denn die Männer die ihn trugen, konnten kaum durchkommen. Das Gemurmel und das Gefluͤſter baueast „Ich bin verloren,“ ſagte Maurice zu ſich ſelbſt, „fie werden mir einen Stein an den Hals hängen und mich in irgend ein Loch der Bisvre werfen.“ Doch nach einem Augenblick fühlte er, daß ſeine Träger ein paar Stufen hinaufſtiegen. Eine lauere Luft traf an ſein Geſicht und man legte ihn auf einen Stuhl. Er hörte eine Thüre doppelt ſchließen. Tritte entfernten 1 3 ſich. Er glaubte wahrzunehmen, daß man ihn allein ließ, horchte mit ſo großer Aufmerkſamkeit, als es nur immer ein Menſch thun kann, deſſen Leben von einem Wort ab⸗ hängt, und es kam ihm vor, als hörte er dieſelbe Stimme, ddie ſein Ohr bereits durch eine Miſchung von Sanftheit und Entſchiedenheit berührt hatte, zu den Andern ſagen: „Wir wollen uns berathen.“ ——C—j VIII. Genevi bve. Es verging eine Viertelſtunde, welche Maurice wie ein Jahrhundert vorkam. Nichts natürlicher jung, ſchön, kräftig, unterſtützt in ſeiner Kraft durch hundert ergebene Er verſuchte es abermals, ſeine Bande zu brechen. Seine ſtählernen Musleln ſchwellten ſich an, der Strick ging in das Fleiſch, riß aber nicht. Das Furchtbarſte war, daß man ihm die Hät pin Rücken gebunden hatte, und daß er folglich ſeine i Augen zu reißen vermochte: hätte er ſehen können, ſo wäre er auch vielleicht zu fliehen im tande geweſen Dieſe verſchiedenen Verſuche gingen vor ſich, ohne daß ſich Jemand widerſetzte, ohne daß irgend Etwas ſich um ihn her rührte; er ſchloß daraus, daß er allein war. Seine Füße traten auf etwas Weiches, Dumpfes, 74 auf Sand, auf fette Erde vielleicht. Ein ſcharfer, durch⸗ dringender Geruch machte ſich fühlbar und bezeichnete die Anweſenheit vegetabiliſcher Subſtanzen. Maurice dachte, er wäre in einem Gewächshauſe oder in etwas Aehnli⸗ chem. Er machte ein paar Schritte, kam an eine Mauer, drehte ſich, um mit ſeinen Händen zu taſten, fühlte Gartengeräthſchaften und ſtieß einen Freudenſchrei aus. Mit unerhörter Anſtrengung gelang es ihm, alle dieſe Inſtrumente, eines nach dem andern, zu unterſuchen. Seine Flucht wurde nun eine Frage der Zeit: ſchenkte ihm der Zufall oder die Vorſehung fünf Minuten und es ſich fand unter dieſem Geräthe ein ſchneidendes Werk⸗ zeug, ſo war er gerettet. Er fand einen Spaten. Bei der Art, wie man Maurice gebunden hatte, war es ein ganzer Kampf, um dieſen Spaten ſo umzudrehen, daß das Eiſen nach oben kam. Auf dieſem Eiſen, das er mit ſeinen Lenden an der Wand ffeſthielt, durchſchnitt oder durchſägte er vielmehr den Strick an ſeinen Fauſt⸗ gelenken. Die Operation dauerte lange, denn das Eiſen des Spatens ſchnitt ſehr langſam. Der Schweiß lief ihm von der Stirne; er hörte etwas wie ein ſich näherndes Geräuſch von Tritten, machte eine letzte, heftige, uner⸗ hörte, äußerſte Anſtrengung, und der halb durchgearbeitete Strick brach. Diesmal jauchzte er vor Freude, er war wenigſtens geewiß, daß er ſich vertheidigend ſterben würde. Maurice riß die Binde von ſeinen Augen. Er hatte ſich nicht getäuſcht; er befand ſich zwar nicht in einem Treibhauſe, wohl aber in einem Pavillon, in den man einige von den Pflanzen eingeſchloſſen hatte, welche die ſchlimme Jahreszeit nicht in der freien Luft ertragen können. In einer Ecke lagen die Gärtner⸗ werkzeuge, von denen ihm eines einen ſo großen Dienſt geleiſtet hatte. Vor ihm war ein Fenſter: er ſtürzte nach dieſem Fenſter; es war vergittert, und ein mit einem Carabiner bewaffneter Mann ſtand als Schildwache davor. 75⁵ Auf der andern Seite des Gartens, in einer Ent⸗ fernung von ungefähr dreißig Schritten, erhob ſich ein kleiner Kiosk, der das Gegenſtück von dem von Maurice bildete. Eine Jalouſie war herabgelaſſen; doch durch dieſe Jalouſie glänzte ein Licht. Er näherte ſich der Thüre und horchte: eine andere Wache ging vor der Thüre auf und ab. Dies waren die Tritte, die er gehört hatte. Doch im Hintergrund des Ganges erſchollen verwor⸗ rene Stimmen, die Berathung war offenbar in einen Streit ausgeartet. Maurice konnte nicht in ganzer Folge hören, was geſprochen wurde. Es drangen jedoch einige Worte bis zu ihm, und unter dieſen, als ob für ſie allein die Entfernung minder groß geweſen wäre, hörte er die Worte: Spion, Dolch, Tod. Maurice verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. Eine Thüre öffnete ſich und er hörte deutlicher. „Ja,“ ſagte eine von den Stimmen:„ja, es iſt ein Spion, er hat etwas entdeckt und iſt ſicherlich abgeſchickt worden, um unſere Geheimniſſe zu erlauern. Wenn wir ihn frei laſſen, laufen wir Gefahr, von ihm angezeigt zu werden.“ „Aber ſein Wort?“ ſprach eine Stimme. „Sein Wort wird er geben, doch er wird zum Ver⸗ räther daran werden. Iſt er ein Edelmann, daß man auf ſein Wort bauen könnte?“ Maurice knirſchte mit den Zähnen bei dem Gedan⸗ ken, es hätten noch einige Menſchen die Anmaßung, z glauben, man müßte ein Edelmann ſein, um die geſchwo⸗ rene Treue zu wahren. enn he er uns, um uns anzuzeigen?“ „Sicherlich kennt er uns nicht, er weiß nicht, was wir thun. Doch er weiß die Adreſſe, wird zurückkommen, und zwar dann in guter Begleitung.“ Dieſes Beweismittel ſchien bündig zu ſein. „Nun,“ ſagte die Stimme, welche wiederholt Mau⸗ 76 rice ſo geklungen hatte, als mußte ſie die des Chef ſein, „es iſt alſo entſchieden?“ „Ja, hundertmal ja, ich begreife Sie nicht mit Ih⸗ rer Großmuth, mein Lieber; wenn der Wohlfahrtsaus⸗ ſchuß uns in den Händen hätte, ſo würden Sie wohl ſehen, ob er Umſtände machte.“ 1 „Sie beharren alſo bei Ihrem Entſchluß, meine Herren?“ „Gewiß, und Sie werden ſich hoffentlich nicht wider⸗ ſetzen.“ „Ich habe nur eine Stimme, meine Herren; ſie war dafür, daß man ihm die Freiheit geben ſollte. Sie haben ſechs, ſie ſind alle ſechs für den Tod, den Tod alſo.“ Der Schweiß, der Maurice von der Stirne floß, wurde völlig zu Eis. „Er wird ſchreien, brüllen,“ ſagte die Stimme.„Ha⸗ ben Sie wenigſtens Madame Dirmer entfernt?“ „Sie weiß nichts. Sie iſt in dem Pavillon gegenüber.“ „Madame Dirmer,“ murmelte Maurice;„ich fange an zu begreifen. Ich bin bei dem Rothgerbermeiſter, der in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques mit mir ſprach und über mich ſpottend ſich entfernte, als ich ihm den Namen meines Freundes nicht nennen konnte. Doch was für ein Intereſſe kann ein Rothgerbermeiſter dabei haben, daß er mich ermordet?“ Maurice ſchaute umher und erblickte ein eiſernes Piausk nit einem eſchenen Stiele.. 4 Er ſprang auf dieſes harmloſe Werkzeug zu, das im ſeiner Hand eine furchtbare Waffe werden ſollte. 82 4 8 Dann kehrte er hinter die Thüre zurück und ſtellte ſich ſo, daß ſie ihn bedeckte, wenn ſie geöfft burde. Sein Herz ſchlug, um ſeine Bruſt it. erer. e, und in der Stille hörte man das Geräuſch dieſer Schläge. Plötzlich ſchauerte Maurice vom Scheitel bis zu den Zehen: eine Stimme ſagte: 1 „Wenn Ihr mir glauben wollt, ſo brecht Ihr ganz 77 einfach eine Scheibe aus und ſtreckt ihn durch die Git⸗ terſtangen mit einem Carabinerſchuß nieder.“ 4 „Oh! nein, nein, keinen Knall,“ ſagte eine andere Stimme:„ein Knall kann uns verrathen. Ah! Sie hier, Dirmer, und Ihre Frau?“ „Ich habe durch die Jalouſie geſchaut; ſie vermuthet nichts, ſie lieſt.“ „Dirmer, Sie mögen entſcheiden; ſind Sie für einen Carabinerſchuß, oder für einen Dolchſtoß?“ „So viel als möglich kein Feuergewehr. Den Dolch.“ „Es ſei, den Dolch. Vorwärts!“ „Vorwärts!“ wiederholten gleichzeitig fünf oder ſechs Stimmen. Maurice war ein Kind der Revolution, ein ehernes Herz, eine atheiſtiſche Seele, wie es viele zu ſeiner Zeit gab. Doch bei dem Wort vorwärts, das hinter der 1 Thüre ausgeſprochen wurde, die ihn allein vom Tod trennte, fiel ihm das Zeichen des Kreuzes ein, das ihn ſeine Mutter gelehrt hatte, als ſie ihn, noch ein Kind, ſeine Gebete auf den Knieen ſprechen ließ. Die Tritte näherten ſich, dann hielten ſie⸗ an, dann 1 knarrte der Schlüſſel im Schloß und die Thüre öffnete ſich langſam.. 3 Während der zuletzt abgelauſenen Minute hatte ſich Maurice geſagt: 1„Verliere ich meine Zeit mit Schlagen, ſo werde ich 5 getödtet. Stürze ich mich auf die Mörder, ſo erraſche 5 ich ſie; ich erreiche den Garten, das Gäßchen, ich rette 2 8 * mich vielleicht.“ Sogleich nahm er den Anſatz eines Löwen, ſtieß ein wildes Geſchrei aus, worin mehr Drohung als Schrecken lag, warf zwei erſten Männer nieder, welche, da ſie glaubten, er wäre geknebelt und ſeine Augen waͤren ver⸗ bunden, entfernt keinen ſolchen Angriff erwarteten, drängte die Andern bei Seite, legte mit Hülfe ſeiner ſtählernen Kniebeugen zehn Klafter in einer Secunde zurück, ſah am Ende des Ganges eine nach dem Garten gehende, weit 78 geöffnete Thüre, ſtürzte dahin, ſprang zehn Stufen hinab, befand ſich im Garten, orientirte ſich ſo gut als möglich und lief nach der Thüre. Die Thüre war mit zwei Riegeln und mit dem Schloſſe verſchloſſen. Maurice zog die Riegel, wollte das Schloß öffnen: es war kein Schluͤſſel daran. Während dieſer Zeit waren ſeine Verfolger auf die Freitreppe gelangt. Sie erblickten ihn. „Dort iſt er!“ riefen ſie,„ſchießt auf ihn, Dirmer, ſchießt auf ihn, tödtet! tödtet ihn!“ Maurice brüllte; er war im Garten eingeſchloſſen; eer maß mit dem Auge die Mauern, ſie waren zehn Fuß hoch. Alles dies nahm nur den Zeitraum einer Secunde ein. Die Mörder ſtürzten ihm nach.* Maurice hatte einen Vorſprung von ungefähr dreißig Schritten; er ſchaute umher mit dem Blicke des Ver⸗ dammten, der nur den Schatten einer Möglichkeit der Rettung verlangt, um eine Wirklichkeit daraus zu machen. Er erblickte den Kiosk, die Jalouſie und hinter der Jalouſie das Licht. Er machte nur einen Sprung von zehn Fuß, packte die Jalouſte, riß ſie auf, drang, indem er es zerbrach, durch das Fenſter und ſiel in ein erleuchtetes Zimmer, worin eine Frau, beim Feuer ſitzend, las. 3 Dieſe Frau ſtand erſchrocken auf und rief um Hülfe. .„Geh auf die Seite, Geneviéve,“ rief die Stimme von Dirmer,„geh auf die Seite, daß ich ihn tödten kann.“ Und Maurice ſah zehn Schritte von ſich einen Cara⸗ binerlauf ſich ſenken. Doch kaum hatte die Frau ihn angeſchaut, als ſie einen furchtbaren Schrei ausſtieß, und ſta auf die Seite zu treten, wie ihr Gatte es ihr befahl, ſich zwiſchen ihn und den Flintenlauf warf.— Dieſe Bewegung drängte die ganze Aufmerkſamkeit von Maurice auf das edelmüthige Geſchöpf zuſammen, das ſo plötzlich ſich zu ſeiner Beſchützerin gemacht hatte. Er ſtieß ebenfalls einen Schrei aus. 3 79 Es war ſeine ſo ſehr geſuchte Unbekannte. „Siel... Siel...“ rief er. „Stille,“ ſagte ſie. Dann wandte ſie ſich gegen die Mörder, welche ſich, verſchiedene Waffen in der Hand, dem Fenſter genähert hatten, und rief ihnen zu: „Ohl Ihr werdet ihn nicht tödten!“ „Es iſt ein Spion,“ rief Dirmer, deſſen ſanftes, freundliches Geſicht einen Ausdruck unverſöhnlicher Ent⸗ ſchloſſenheit angenommen hatte;„es iſt ein Spion, er muß ſterben.“„ „Ein Spion!“ ſagte Genevieve,„er ein Spion! Kommen Sie hierher, Dirmer. Ich habe Ihnen nur ein Wort zu ſagen, um Ihnen zu beweiſen, daß Sie ſich ſonderbar täuſchen.“ 3 Dirmer naͤherte ſich dem Fenſter. Genevieéve trat zu ihm, neigte ſich an ſein Ohr und ſprach ein paar Worte leiſe mit ihm. Der Meiſter Rothgerber ſchaute raſch empor. „Er!“ ſagte er. „Er ſelbſt,“ erwiederte Genevigve. „Sind Sie deſſen ſicher?“ Die junge Frau antwortete diesmal nicht, ſondern wandte ſich gegen Maurice um und reichte ihm lächelnd die Hand. Die Züge von Dirmer nahmen nun einen ſeltſan Ausdruck von Zahmheit und Kälte an. Er ließ ben ſeines Carabiners auf die Erde fallen. „Dann iſt es etwas Anderes,“ ſagte er. Hierauf bedeutete er ſeinen Gefährten durch ein Zei⸗ hen, ſie mögen ihm folgen, trat mit ihnen auf die Seite und ſprach ein paar Worte, wonach ſie ſich entfernten. „Verbergen Sie dieſen NRing,“ flüſterte Genevisve während dieſer Zeit;„Jedermann kennt ihn hier.“ Maunrire zog raſch den Ring von ſeinem Finger und ſteckte ihn in ſeine Weſtentaſche. 80. Einen Augenblick nachher öffnete ſich die Thüre des Pavillon und Dirmer kam unbewaffnet auf Maurice zu. „Verzeihen Sie, Bürger,“ ſagte er,„ich wußte früher nicht, wie ſehr ich Ihnen verbunden bin! Doch meine Frau hatte, während ſie ſich des Dienſtes erinnerte, den Sie ihr am Abend des zehnten März geleiſtet, Ihren Na⸗ men vergeſſen. Es war uns alſo völlig unbekannt, mit wem wir zu thun hatten; glauben Sie mir, ſonſt hätten wir nicht einen Augenblick an Ihrer Ehre gezweifelt, oder gegen Ihre Abſichten Verdacht gehabt. Ich bitte Sie alſo noch einmal um Verzeihung!“. Maurice war im höchſten Maße erſtaunt; er erhielt ſich nur durch ein Wunder des Gleichgewichts aufrecht, fühlte, wie ſich ſein Kopf drehte, war nahe daran, zu fallen, und lehnte ſich an den Kamin. „Aber warum wollten Sie mich denn tödten?“ „Das iſt gerade das Geheimniß, Bürger, und ich werde es Ihrer Rechtſchaffenheit anvertrauen,“ antwortete Dirmer.„Ich bin, wie Sie wiſſen, Rothgerbermeiſter und Chef der Gerberei. Die meiſten Säuren, die ich anwende, um meine Häute zu bereiten, ſind verbotene Waaren. Die Schmuggler, deren ich mich bediene, waren vor einer An⸗ zeige gewarnt worden, welche dem Generalrathe gemacht werden ſollte Als ich ſah, wie Sie Erkundigungen ein⸗ zogen, bekam ich bange. Meine Schmuggler hatten noch mehr Angſt als ich vor Ihrer rothen Mütze und beſon⸗ ders vor Ihrem entſchiedenen Ausſehen, und ich verberge Ihnen nicht, daß Ihr Tod beſchloſſen war.“ „Ich weiß es bei Gott wohl,“ rief Maurice,„und Sie lehren mich da nichts Neues. Ich hörte Ihre Be⸗ rathung mit an und ſah Ihren Carabiner.“*. „Ich habe Sie bereits um Verzeihung gebeten,“ ver⸗ ſetzte Dermer mit einer Miene rührender Gutmüthigkeit. „Begreifen Sie nun, daß wir, ich und mein Aſſocié Herr Morand, in Folge der Unordnungen der Zeit, im Zuge ſind, ein ungeheures Glück zu machen. Wir haben t.. ————& 3Se —— 841 die Lieferung der militäriſchen Taſchen und laſſen jeden Tag fünfzehn hundert bis zwei tauſend verfertigen. Bei dem herrlichen Zuſtande der Dinge, in welchem wir leben, hat die Municipalität, der ſehr viele Geſchäfte obliegen, keine Zeit, unſere Rechnungen genau zu unterſuchen, ſo daß wir, ich muß es geſtehen, etwas im Trüben fiſchen; um ſo mehr, als uns die Zubereitungsſtoffe, die wir uns, wie geſagt, durch Schmuggelei verſchaffen, zwei hundert Procent Gewinn einbringen.“ „Teufel! das ſcheint mir ein ziemlich anſtändiger Ge⸗ winn zu ſein,“ ſagte Maurice,„und ich begreife nun Ihre Furcht, eine Anzeige von mir könnte ihn aufhören machen. Nun aber, da Sie mich kennen, ſind Sie beruhigt, nicht wahr?“ „Ich fordere nicht einmal mehr Ihr Wort von Ihnen,“ erwiederte Dirmer. Dann legte er die Hand auf die Schulter von Mau⸗ rice, ſchaute ihn lächelnd an und ſprach: „Nun, da wir hier in kleinem Ausſchuß und unter Freunden ſind, kann ich Sie wohl fragen: was wollten Sie hier machen, junger Mann? Wohl verſtanden,“ fuüͤgte der Meiſter Rothgerber bei,„wenn Sie ſchweigen wollen, ſteht es Ihnen vollkommen frei.“ „Ich habe es Ihnen, glaube ich, geſagt,“ ſtammelte aurice. „Ja,“ verſetzte der Bürger,„ich weiß, es war von einer Frau die Rede.“ „Mein Gott! verzeihen Sie mir, Bürger,“ ſprach Maurice,„ich begreife vollkommen, daß ich Ihnen eine Erklärung ſchuldig bin. Nun wohl, ich ſuchte eine Frau, welche mir eines Abends unter der Maske ſagte, ſie wohne in dieſem Quartier. Ich kenne weder ihren Namen, noch ihre Stellung, noch ihre Wohnung. Ich weiß nur, daß ich wahnſinnig in ſie verliebt bin und daß ſie klein iſt.“ eneviéve war groß. „Daß ſie blond iſt und eine ſehr aufgeweckte Miene hat.“ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 6 Geneviève war braun, mit großen, nachdenkenden Aug en. „Kurz eine Griſette,“ fuhr Maurice fort;„ich habe auch, um ihr zu gefallen, dieſes Volkskleid angezogen.“ „Das erklärt Alles,“ verſetzte Dirmer mit einem evan⸗ geliſchen Glauben, den nicht der geringſte hinterhältiſche Blick Lügen ſtrafte. Geneviéve war erröthet und hatte ſich, als ſie dieſes Rothwerden fühlte, abgewendet. „Armer Bürger Lindey!“ ſagte Dirmer lachend,„welch eine ſchlimme Stunde haben wir Sie zubringen laſſen! Und Sie ſind gewiß der Letzte, dem ich gern Leides gethan hätte; ein ſo guter Patriot, ein Bruder... Doch in der That, ich glaubte, ein Boshafter mißbrauche Ihren Namen.“ „Wir wollen nicht mehr hievon ſprechen,“ verſetzte Maurice, welcher begriff, daß es Zeit war, ſich zurückzu⸗ ziehen;„bringen Sie mich wieder auf meinen Weg und vergeſſen wir die Sache.“ „Ich ſoll Sie wieder auf Ihren Weg bringen,“ rief Dirmer,„Sie wollen uns verlaſſen? Ahl nein, nein! ich gebe, oder vielmehr mein Aſſocié und ich geben den braven Jungen, welche Sie ſo eben ermorden wollten, Abendbrod.. ich rechne darauf, daß Sie mit ihnen zu Nacht ſpeiſen; Sie ſollen ſehen, daß ſie nicht ſo ſehr Teufel ſind, als es den Anſchein hat.“ „In der That,“ ſagte Maurice, unendlich erfreut, ein paar Stunden bei Geneviève bleiben zu können,„in der That, ich weiß nicht, ob ich annehmen ſoll... „Wiel ob Sie annehmen ſollen,“ verſetzte Dirmer, „ich denke wohl: es ſind gute, treuherzige Patrioten, wie Sie; überdies werde ich nur glauben, daß Sie mir ver⸗ zeihen, wenn wir das Brod mit einander gebrochen haben.“ . Geneviève ſagte kein Wort. Maurice war auf d Folter. In Wahrheit,“ ſtammelte der junge Mann,„ich befürchte, Sie zu beläſtigen, Bürger... dieſe Kleidung.. mein ſchlechtes Ausſehen...“ 4 83 en Genevisve ſchaute ihn ſchüchtern an und ſagte: „Unſer Anerbieten kommt von gutem Herzen.“ b„Ich willige ein, Bürgerin,“ erwiederte Maurice ſich verbengend. r.„Nun wohl, ich will meine Gefährten beruhigen,“ he ſagte der Meiſter Rothgerber;„wärmen Sie ſich mittler⸗ weile, lieber Freund.“ 28 lle Er ging hinaus. Maurice und GeneviGve blieben allein. ch„Ahl mein Herr,“ ſprach die junge Frau mit einem 11 Ton, dem ſie vergebens den Ausdruck des Vorwurfs zu 3 verleihen ſuchte;„Sie haben Ihr Wort gebrochen; Sie tr ſind indiscret geweſen.“ 4„Wie! Madame,“ rief Maurice,„ſollte ich Sie ge⸗ 8 fährdet haben? Ahl dann verzeihen Sie mir; ich ent⸗ de ferne mich, und nie..“. d„Gott!“ rief ſie aufſtehend,„Sie ſind an der Bruſt verwundet! Ihr Hemd iſt ganz von Blut gefärbt!“ ff Auf dem ſo feinen, ſo weißen Hemd von Maurice, 1 das einen ſeltſamen Widerſpruch mit ſeinen plumpen Klei⸗ en dern bildete, hatte ſich in der That eine große, rothe n, Platte ausgebreitet. 1„Ohl ſeien Sie unbeſorgt, Madame,“ ſagte der junge jr Mann, veiner von den Schmugglern hat mich mit ſeinem olche geſtochen.“ t, Genevisve erbleichte, nahm ihn bei der Hand und in flüſterte ihm zu: 3 Verzeihen Sie mir das Böſe, das man Ihnen zu⸗ r, gefügt. Sie haben mir das Leben gerettet, und ich wäre ie beinahe die Urſache Ihres Todes geworden.“ „Bin ich nicht gut belohnt, da ich Sie wieder ge⸗ 4 funer denn nicht wahr, Sie glaubten nicht einen Augen⸗ ick ich habe eine Andere geſucht, als Sie.“ „Kommen Sie mit mir,“ unterbrach ihn Genevieve; nich werde Ihnen Wäſche geben. Unſere Gäſte ſollen Sie nicht in dieſem Zuſtande fehen: es wäre ein zu ſchrecklicher Vorwurf für ſie.“ 84 „Ich beläſtige Sie wohl, nicht wahr?“ entgegnete Maurice ſeufzend. „Nicht im Geringſten, ich erfülle eine Pflicht. Und,“ füͤgte ſie bei,„ich erfülle ſie mit großem Vergnügen.“ Geneviéve führte Maurice in ein Ankleidecabinet von einer Eleganz, die er in dem Hauſe eines Gerbermeiſters nicht zu finden erwartete. Es iſt wahr, dieſer Gerber⸗ meiſter ſchien ein Millionär zu ſein. Dann öffnete ſie alle Schränke und ſprach: „Nehmen Sie, Sie ſind zu Hauſe.“ Und ſie entfernte ſich. 3 8 Als Maurice das Cabinet verließ, fand er Dirmer, welcher zurückgekehrt war.. „Vorwärts! vorwärts!“ ſagte er,„zu Tiſche; man erwartet nur Sie.“ 3 1X. Das Abendbrod.* Als Maurice mit Dirmer und Genevicve in den Speiſeſaal trat, der in dem Hauptgebäude lag, wohin man ihn am Anfang geführt hatte, war das Abendbrod auf⸗ getragen, aber der Saal noch leer.. Er ſah nach und nach alle Gäſte, ſechs an der Zahl, eintreten. Es waren insgeſammt Männer von angenehmem Aeußerem, meiſtens jung, nach der Mode des Tages geklei⸗ det, und zwei oder drei hatten ſogar die Carmagnole und die rothe Mütze. Dirmer ſtellte ihnen Maurice vor und nannte ſeine ⸗ Titel und Eigenſchaften. Dann wandte er ſich gegen Maurice und ſprach:; 8⁵ „Sie ſehen, Bürger Lindey, Sie ſehen hier alle Per⸗ ſonen, die mich in meinem Gewerbe unterſtützen; in Folge der Zeitäufte, in Folge der revolutionären Grundſätze, welche die Entfernung aufgehoben haben, leben wir Alle auf dem Fuße der heiligſten Gleichheit. Alle Tage ver⸗ einigt uns zweimal derſelbe Tiſch und ich bin glücklich, daß Sie die Güte haben, unſer Familienmahl zu theilen. Auf, zu Tiſche, Bürger, zu Tiſche.“ „Und... und Herr Morand ſagte ſchüchtern Ge⸗ neviève,„warten wir nicht auf ihn?“ „Ahl es iſt wahr,“ antwortete Dirmer.„Der Bürger orand, von dem ich Ihnen ſchon geſprochen habe, Bürger Lindey, iſt mein Aſſocié. Er iſt, wenn ich ſo ſagen darf, mit dem moraliſchen Theile des Hauſes beauftragt; er beſorgt die Schreibereien, führt die Kaſſe, ordnet die echnungen, gibt und empfängt das Geld und hat deshalb am meiſten Geſchäfte von uns Allen. Daher kommt es, daß er zuweilen länger ausbleibt. Ich will ihn benach⸗ richtigen laſſen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thuͤr und der Bürger Morand trat ein. 3 Es war ein Mann von kleinem Wuchſe, braun, mit dicken Augenbratken; eine grüne Brille, wie ſie die Men⸗ ſchen tragen, deren Geſicht durch die Arbeit angeſtrengt iſt, verbarg ſeine ſchwarzen Augen, verhinderte aber den Funken nicht, hervorzuſpringen. Bei den erſten Worten, die er ſprach, erkannte Maurice die zugleich ſanfte und gebieteriſche Stimme, welche beſtändig bei der furchtbaren Berathung, die ihm beinahe das Leben gekoſtet hätte, für das mildere Verfahren geweſen war; er trug einen braunen Frack mit großen Knöpfen, eine Weſte von weißer Seide, und ſein ziemlich feiner Jabot wurde häufig während des Abendbrodes von einer Hand geplagt, deren Weiße und Zartheit, ohne Zweifel, weil es die eines Lederhändlers war, Maurice ungemein bewunderte. Man nahm Platz. Der Bürger Morand wurde zur Rechten von Geneviéve, Maurice zu ihrer Linken geſetzt; 86 Dirmer ſetzte ſich ſeiner Frau gegenüber; die andern Gäſte nahmen ohne zu wählen ihren Poſten um eine längliche Tafel. . Das Abendbrod war ausgeſucht: Dirmer hatte den Appetit eines Gewerbsmannes und machte mit viel Herz⸗ lichkeit die Honneurs ſeines Tiſches. Die Arbeiter, oder diejenigen, welche für ſolche galten, leiſteten ihm in dieſer Hinſicht gute Geſellſchaft. Der Bürger Morand ſprach wenig, aß noch weniger, trank beinahe nichts, und lachte ſelten. Maurice fühlte bald, vielleicht wegen der Erin⸗ nerungen, die ſeine Stimme wieder erregte, eine lebhafte Sympathie für ihn; nur war er im Zweifel über ſein Alter, und dieſer Zweifel beunruhigte ihn; bald hielt er ihn für einen Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, bald für einen ganz jungen Menſchen. Dirmer hielt ſich, als ſie ſich zu Tiſche ſetzten, für verbunden, ſeinen Gäſten eine Art von Grund für die Zu⸗ laſſung eines Fremden in ihren kleinen Kreis anzugeben. Er entledigte ſich dieſer Verbindlichkeit als ein naiver und wenig an das Lügen gewöhnter Mann. Doch die Gäſte ſchienen nicht ſehr ſchwierig in Beziehung auf Gründe zu ſein, denn trotz aller Ungeſchicklichkeit, mit der der Lederhändler hiebei zu Werke ging, befriedigte ſeine kleine Einführungsrede Jedermann. Maurice ſchaute ihn erſtaunt an und ſprach in ſeinem Innern: „Bei meiner Ehre, ich glaube, ich täuſche mich. Iſt dies derſelbe Mann, der mich vor drei Viertelſtunden mit glühendem Auge und drohender Stimme, einen Carabiner in der Hand, verfolgte und durchaus tödten wollte? In jenem Augenblick hätte ich ihn für einen Helden oder für einen Mörder gehalten. Alle Wetter! wie die Liebe zum Ledergeſchäft einen Menſchen verwandelt?“ Es walteten in der Tiefe des Herzens von Maurice, während er alle dieſe Bemerkungen machte, ein Schmerz und eine Freude, beide ſo tief, daß der junge Mann ſich nicht hätte genau ſagen können, was die Lage ſeiner Seele war. Er befand ſich endlich wieder bei der ſchönen Unbekannten, 87 die er ſo ſehr geſucht: ſie hatte, wie er es ſich zuvor ge träumt, einen ſüßen Namen. Er berauſchte ſich in dem Glück, ſie an ſeiner Seite zu fühlen; er verſchlang ihre geringſten Worte, und der Ton ihrer Stimme, ſo oft ſie erklang, machte die geheimſten Saiten ſeines Herzens vibriren. Doch dieſes Herz war gebrochen durch das, was er ſah. Geneviève war wohl ſo, wie er ſie im Helldunkel er⸗ blickt: jenen Traum einer ſtürmiſchen Nacht zerſtörte die Wirklichkeit nicht. Es war wohl die zierliche Frau mit dem traurigen Auge, mit dem erhabenen Geiſt. Es war wohl, was ſich ſo oft in den letzten Jahren, die dem berüchtigten Jahre 93, in welchem man ſich befand, vorhergegangen, ereignet hatte, es war wohl das Mädchen von Rang, wegen des immer tieferen Ruins, in den der Adel ver⸗ ſunken, genöthigt, eine Verbindung mit dem Bürger⸗ thum, mit dem Handel einzugehen. Dirmer ſchien ein braver Mann zu ſein; er war unzweifelbar reich; ſein Benehmen gegen Geneviéve war ſichtbar das eines Menſchen, der ſich die Aufgabe ſtellt, eine Frau glücklich zu machen. Aber dieſe Gutmüthigkeit, dieſer Reichthum, dieſe vortreff⸗ lichen Abſichten, konnten ſie die ungeheure Kluft ausfüllen, welche zwiſchen der Frau und dem Mann, zwiſchen dem poetiſchen, ausgezeichneten, reizenden Mädchen und dem Mann mit den materiellen Geſchäften und dem gemeinen Ausſehen befeſtigt war? Mit welchem Gefühle füllte Ge⸗ neviéve dieſe Kluft aus?... Ach! der Zufall ſagte es nun Maurice hinreichend, mit der Liebe. Und er mußte wohl auf die erſte Meinung, die er von der jungen Frau gehabt, zurückkommen, nämlich auf die, daß ſie an dem Abend, wo er ihr begegnet war, von einem Liebesrendez⸗ vons nach Hauſe kehrte. Der Gedanke, daß Genevive einen Mann liebe, marterte das Herz von Maurice. Dann ſeufzte er, dann beklagte er es, daß er gekommen war, um eine noch ſtärkere Doſe von dem Gifte zu neh⸗ men, das man Liebe nennt. In anderen Augenblicken, wenn er die ſo fanfte, ſo 90 „Man wußte, daß Maiſon⸗Rouge in Paris war?“ fragte Morand mit kaltem Tone.„Und wußte man auch, durch welches Mittel er dahin gekommen war?“ „Ganz genau.“ „Ah, Teufel!“ verſetzte Morand, indem er ſich vor⸗ wärts neigte, um Maurice anzuſchauen.„Ich waͤre be⸗ gierig, dies zu erfahren, bis jetzt hat man uns noch nichts Beſtimmtes hierüber ſagen können. Aber Sie, Bürger, Sie, der Secretaire von ſeiner der bedeutendſten Sectionen von Paris, Sie müſſen beſſer unterrichtet ſein?“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Maurice,„das was ich Ihnen ſagen werde, iſt auch ſtrenge Wahrheit.“ Alle Gäſte und ſelbſt Genevitve ſchienen dem, was der junge Mann zu ſagen im Begriffe war, die größte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Nun wohl!“ ſprach Maurice,„der Chevalier von Maiſon⸗Rouge kam von der Vendée, wie es ſcheint; er hatte mit ſeinem gewöhnlichen Glück ganz Frankreich durch⸗ zogen: während des Tags an der Barrière du Roule an⸗ gelangt, wartete er hier bis Abends um neun Uhr. Um neun Uhr Abends ging eine Frau, als Frau aus dem Volke verkleidet, durch dieſe Barrière hinaus und brachte dem Chevalier die Kleidung eines Chaſſeur der National⸗ garde; zehn Minuten nachher kehrte ſie mit ihm zurück; die Schildwache, welche ſie allein hatte hinausgehen ſehen, ſchöpfte Verdacht, als ſie in Begleitung zurückkam. Sie machte Lärm auf dem Poſten, der Poſten kam heraus, die zwei Schuldigen begriffen, daß es auf ſie abgeſehen war, und warfen ſich in ein Hotel, wo ſich eine zweite Thüre nach den Champs⸗Elyſées für ſie öffnete. Es ſcheint, daß eine ganz und gar den Tyrannen ergebene Patrouille den Chevalier an der Ecke der Rue Barre⸗du⸗ Ber erwartete. Das Uebrige wiſſen Sie“ „Ahl ah!“ ſagte Morand,„was Sie uns da erzäh⸗ len, iſt ſeltſam.“ „Und beſonders genau,“ ſprach Maurice. — — 3 wiſchen laſſen.“ 91 „Ja, es ſieht ſo aus; doch die Frau, weiß man, was aus ihr geworden iſt?“ „Nein, ſie iſt verſchwunden, und man weiß durchaus nicht, wer ſie iſt und was ſie iſt.“ Der Aſſocié des Bürger Dirmer und der Bürger Dirmer ſelbſt ſchienen freier zu athmen. Geneviéve hatte dieſe ganze Erzählung bleich, unbe⸗ weglich, ſtumm angehört. 3 .„Aber wer kann ſagen,“ ſprach der Bürger Morand mit ſeiner gewöhnlichen Kälte,„wer kann ſagen, der Che⸗ valier von Maiſon⸗Rouge habe zu der Patrouille gehört, welche den Lärmen im Temple veranlaßt?“ „Einer von meinen Freunden, ein Municipal, hatte an dieſem Tage Dienſt im Temple und erkannte ihn.“ „Er wußte alſo ſein Signalement?“ „Er hatte ihn früher geſehen.“ „Und was für ein Mann iſt dieſer Chevalier von Maiſon⸗Rouge äußerlich?“ „Ein Mann von fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren, klein, blond, von angenehmer Geſichtsbildung, mit herrlichen Augen und prächtigen Zähnen.“ Es trat ein tiefes Stillſchweigen ein. „Nun!“ ſagte Morand,„wenn Ihr Freund, der Municipal, den angeblichen Chevalier von Maiſon⸗Rouge erkannte, warum hat er ihn nicht verhaftet?“ „Einmal befürchtete er, weil er nichts von ſeiner Ankunft in Paris wußte, durch eine Aehnlichkeit getäuſcht zu werden, und dann iſt mein Freund ein wenig lau; im Zweifel that er, was die Weiſen und die Lauen thun: im Zweifel enthielt er ſich.“ „Sie hätten nicht ſo gehandelt, Bürger?“ ſagte Dirmer heftig lachend. „Nein, ich muß es geſtehen, lieber würde ich mich getäuſcht haben, als daß ich einen ſo gefährlichen Mann, wie es der Chevalier von Maiſon⸗Rouge iſt, hätte ent⸗ 88 reine, ſo harmoniſche Stimme hörte, wenn er dieſen ſo durchſichtigen Blick befragte, der nicht zu befürchten ſchien, man könnte durch ihn in der Tiefe der Seele leſen, gelangte Maurice zum Glauben, ein ſolches Geſchöpf wäre durchaus unfähig, zu täuſchen, und dann fühlte er eine bittere Freude bei dem Gedanken, daß dieſer ſchöne Körper, Seele und Materie, dieſem guten Bürger mit dem ehrlichen Lächeln, mit den Alltagsſpäſſen gehörte und immer nur ihm ge⸗ hören würde. 24. Man ſprach von Politik: das konnte kaum anders ſein. Was in einer Zeit ſagen, wo die Politik ſich in Alles miſchte, auf den Grund der Teller gemalt war, alle Wände bedeckte, und zu jeder Stunde in den Straßen proclamirt wurde. Plötzlich verlangte einer von den Gäſten, der bis dahin geſchwiegen hatte, Kunde von den Gefangenen im Temple. Maurice bebte unwillkührlich bei dem Klange dieſer Stimme. Er erkannte den Mann, der, ſtets für die äußerſten Mittel, ihn zuerſt mit ſeinem Dolche geſtochen und dann für ſeinen Tod geſtimmt hatte. Dieſer Mann, ein Rothgerber, ein Werkführer, ſo bezeichnete ihn wenigſtens Dirmer, erweckte bald die gute Laune von Manrice, als er die patriotiſchſten Gedanken 3 und die revolutionärſten Grundſätze ausſprach. Der junge Municipal war unter gewiſſen Umſtänden durchaus kein Feind von den kräftigen Maßregeln, wie ſie damals ſo ſehr in der Mode, und deren Apoſtel und Held Danton war. An 4 der Stelle dieſes Mannes, deſſen Waffe und Stimme ſo ſchmerzliche Empfindungen bei ihm erregt hatten und noch erregten, hätte er denjenigen, welchen er für einen Spion gehalten, nicht ermordet, ſondern in einen Garten geführt und hier, mit gleichen Waffen, einen Säbel in der Hand wie ſein Gegner, ohne Gnade und Barmherzigkeit bekämpft. Das hätte Maurice gethan. Doch er begriff bald, wie es zu viel verlangen hieß, daß ein Rothgerbergeſelle thun ſollte, was Maurice gethan hätte. 89 Dieſer Mann mit den äußerſten Maßregeln, der in ſeinen politiſchen Anſichten dieſelben heftigen Syſteme zu haben ſchien, wie bei ſeinem Privatbenehmen, ſprach alſo vom Temple und wunderte ſich darüber, daß man ſeine Gefangenen einem permanenten, leicht zu beſtechenden Rath und Municipalen anvertraute, deren Treue ſchon mehr als einmal verſucht worden war. „Ja,“ ſprach der Bürger Morand,„doch, man muß zugeben, daß bis jetzt bei jeder Veranlaſſung das Benehmen dieſer Municipale das Vertrauen gerechtfertigt hat, welches die Nation in ſie ſetzt, und die Geſchichte wird einſt ſagen, nicht nur der Bürger Robespierre allein verdiene den Namen des Unbeſtechlichen.“ „Allerdings, allerdings,“ verſetzte der Andere,„doch daraus, daß eine Sache noch nicht geſchehen iſt, zu ſchließen, ſie werde nie geſchehen, wäre einfältig. Es iſt gerade wie mit der Nationalgarde,“ fuhr der Werkführer fort;„die Compagnien der verſchiedenen Sectionen werden jede nach ihrer Reihe zum Dienſt des Temple berufen und zwar ohne Unterſchied. Gebt Ihr nicht zu, daß ſich in einer Compagnie von zwanzig bis fünf und zwanzig Mann ein Kern von acht bis zehn entſchloſſenen Burſchen finden könnte, welche in einer ſchönen Nacht die Schildwachen ermorden und die Gefangenen entführen dürften?“ „Bah!“ verſetzte Maurice,„Du ſiehſt, Bürger, daß dies ein ſchlechtes Mittel iſt, denn vor drei Wochen oder einem Monat wollte man es anwenden, und es iſt nicht gelungen.“ „Ja,“ entgegnete Morand,„aber nur weil einer von den Ariſtokraten, welche die Patrouille bildeten, ſo unklug war, als er, ich weiß nicht mit wem ſprach, ſich das ort mein Herr entſchlüpfen zu laſſen.“ „Und dann,“ ſagte Maurice, der durchaus beweiſen wollte, die Polizei der Republik ſei gut beſchaffen,„und dann, weil man bereits die Rückkehr des Chevalier von Maiſon⸗Rouge nach Paris wahrgenommen hatte.“ „Bah!“ rief Dirmer. 92 „ und was hätten Sie denn gethan, mein Herr 2“ fragte Geneviéve.— „Was ich gethan hätte, Bürgerin?“ verſetzte Mau⸗ rice,„oh mein Gott! das wäre kurz geweſen; ich hätte alle Thore des Temple geſchloſſen; dann wäre ich gerade auf die Patrouille zugegangen, hätte den Chevalier am Kra⸗ gen gepackt und zu ihm geſagt:„Chevalier von Maiſon⸗ ouge, ich verhafte Sie als Verräther an der Nation;““ und hätte ich ihn einmal am Kragen gehabt, ſo würde ich ihn nicht mehr losgelaſſen haben, dafür ſtehe ich.“ „Aber was wäre dann geſchehen?“ fragte Geneviéve. „Man hätte ihm und ſeinen Mitſchuldigen den Proceß gemacht und zu dieſer Stunde wäre er gulllotinirt.“ Geneviéve ſchauerte und warf ihrem Nachbar einen Blick des Schreckens zu. Doch der Bürger Morand ſchien dieſen Blick nicht zu bemerken, leerte phlegmatiſch ſein Glas und ſprach: „Der Bürger Lindey hat Recht; es war nichts An⸗ deres zu thun; doch leider hat man es nicht gethan.“ „ Weiß man, was aus dem Chevalier von Maiſon⸗ Rouge geworden iſt?“ fragte Geneviéve. „Bah!“ verſetzte Dirmer,„wahrſcheinlich verlangte er nicht mehr und hat, als er ſeinen Verſuch mißlungen ſah, Paris unmittelbar verlaſſen.“ „Und vielleicht ſogar Frankreich,“ fügte Morand bei. „Keines Wegs, keines. Wegs,“ ſprach Maurice. „Wie, er hat die Unklugheit gehabt, in Paris zu bleiben!“ rief Genevitve. „Er hat ſich nicht von der Stelle gerührt.“ 3 Eine allgemeine Bewegung des Erſtaunens empfing die von Maurice mit ſo viel Sicherheit ausgeſprochene Anſicht. „Es iſt eine Vorausſetzung, was Sie da ſagen, Bürger,“ entgegnete Morand,„eine Vorausſetzung, nichts Anderes.“ „Nein, ich behaupte eine Thatſache.“ „Ohl ich geſtehe,“ verſetzte Geneviève,„ich meines — 93 Theils kann nicht glauben, was Sie ſagen, Bürger, denn das wäre eine unverzeihliche Unklugheit.“ „Sie ſind eine Frau, Bürgerin; Sie begreifen alſo Eines, was bei einem Mann von dem Charakter des Che⸗ valier von Maiſon⸗Rouge alle mögliche Betrachtungen per⸗ ſönlicher Sicherheit überwiegen mußte.“ „Und was kann mehr Gewicht haben, als die Furcht, das Leben auf eine ſo ſchauderhafte Weiſe zu verlieren?“ „Ei mein Gott! Bürgerin, die Liebe,“ ſprach Maurice. „Die Liebe!“ wiederholte Genevieve. „Allerdings. Wiſſen Sie denn nicht, daß der Che⸗ valier von Maiſon⸗Rouge in Antoinette verliebt iſt?“ Ein ſchüchternes, gezwungenes Gelächter der Ungläu⸗ bigkeit machte ſich auf zwei oder drei Seiten hörbar. Dir⸗ mer ſchaute Maurice an, als wollte er in der Tiefe ſeiner Seele leſen. Geneviéve fühlte, wie Thränen ihre Augen befeuchteten, und ein Schauer, der Maurice nicht entgehen — konnte, durchlief ihren ganzen Körper. Der Bürger Morand vergoß Wein von ſeinem Glaſe, das er in die⸗ ſem Augenblick an ſeine Lippen ſetzte, und Maurice hätte über ſeine Bläſſe erſchrecken müſſen, wäre nicht die ganze Aufmerkſamkeit des jungen Mannes in dieſem Augenblick auf Genevisve zuſammengedrängt geweſen. „Sie ſind bewegt, Bürgerin?“ flüſterte Maurice, „Haben Sie nicht geſagt, ich würde begreifen, da ich eine Frau ſei? Nun wohl, uns Frauen rührt ſtets eine Ergebenheit, ſo ſehr ſie auch unſern Grundſätzen widerſprechen mag.“ „Und die des Chevalier von Maiſon⸗Rouge iſt um ſo größer, als man verſichert, er habe nie mit der Köni⸗ gin geſprochen.“ „Ah! Bürger Lindey,“ ſprach der Mann mit den äußerſten Mitteln,„mir ſcheint, erlaube, daß ich Dir dies ſage, mir ſcheint, Du biſt ſehr nachſichtig gegen den Chevalier.“ „Mein Herr,“ erwiederte Manrice, der ſich vielleicht — abſichtlich des Wortes bediente, das gebräuchlich zu ſein aufgehört hatte,„ich liebe alle ſtolze und muthige Natu⸗ ren: was mich indeſſen nicht abhält, ſie zu bekämpfen, wenn ich ihnen in den Reihen meiner Feinde begegne. Ich verzweifle nicht, den Chevalier von Maiſon⸗Rouge eines Tags zu treffen.“ „Und...“ machte Genevisve. „Und wenn ich ihn treffe... nun ſo werde ich mit ihm kämpfen.“ Das Abendbrod war beendigt. Geneviève gab das Beiſpiel zum Rückzug, indem ſie zuerſt aufſtand. In dieſem Augenblick ſchlug die Pendeluhr. „Mitternacht,“ ſagte Morand mit kaltem Tone. „Mitternacht!“ rief Maurice,„ſchon Mitternacht!“ „Das iſt ein Ausruf, der mir Vergnügen macht,“ ſprach Dirmer;„er beweiſt mir, daß Sie ſich nicht ge⸗ langweilt haben, und gewährt mir die Hoffnung, wir wer⸗ den uns wiederſehen. Es iſt das Haus eines guten Pa⸗ trioten, das man Ihnen öffnet und, ich hoffe, Sie werden bald wahrnehmen, Bürger, daß es das eines Freundes iſt.“ Maurice verbeugte ſich, wandte ſich gegen Geneviéve und fragte: 5. „Erlaubt mir die Bürgerin auch, wiederzukommen?“ „Ich erlaube es nicht nur, ich bitte Sie darum,“ ſprach lebhaft Geneviéve.„Gute Nacht, Burger.“ Und ſie kehrte in ihre Wohnung zurück. Maurice nahm Abſchied von allen Gäſten, grüßte beſonders Morand, der ihm ungemein gefallen hatte, drückte Dirmer die Hand und entfernte ſich betäubt, aber mehr freudig als betrübt über alle die ſo verſchiedenartigen Ereigniſſe, welche dieſen Abend belebt hatten. 3 „Ein ärgerliches, ärgerliches Zuſammentreffen!“ ſagte nach dem Abgange von Maurice die junge Frau, indem ſie in Gegenwart ihres Mannes, der ſie in ihr Zimmer geführt, in Thränen zerfloß. „Bah!l der Bürger Maurice Lindey, ein anerkannter Patriot, Seeretaire einer Section, rein, angebebetet, volks⸗ 95 thümlich, iſt im Gegentheil eine ſehr koſtbare Erwerbung für einen armen Rothgerber, der eingeſchmuggelte Waaren in ſeinem Hauſe Pot, entgegnete Dirmer lächelnd. „Sie glaubell alſo, mein Freund,“ fragte ſchüchtern Genevieve. „Ich glaube, daß es ein Patent des Patriotismus, ein Siegel der Abſolution iſt, das er auf unſer Haus drückt; und ich denke, von dieſem Abend an wäre ſogar der Chevalier von Maiſon⸗Rouge in unſerem Hauſe in Sicherheit.“ Hienach küßte Dirmer ſeine Frau mit einer viel mehr väterlichen als ehelichen Zuneigung auf die Stirne, ließ ſie in dem kleinen Pavillon, der ihr allein geweiht war, und ging wieder in den andern Theil des Gebäudes, wel⸗ chen er mit den Gäſten, die wir an ſeinem Tiſche geſehen, bewohnte. . X. Der Schuhflicker Simon. Man war zum Anfang des Monats Mai gelangt; ein reiner Tag erweiterte die Bruſt, welche müde war, die eifigen Nebel des Winters einzuathmen, und die Strah⸗ len einer warmen, belebenden Sonne fielen auf die ſchwarze Mauer des Temple herab. Doch trotz dieſes ſchönen Tages und obgleich man den Gefangenen anbot, ſie könnten im Garten ſpazieren ggeehen, weigerten ſich die drei Frauen, ihr Gefängniß zu veerlaſſen; ſeit der Hinrichtung ihres Gemahls blieb die Koönigin hartnäckig in ihrem Zimmer, um nicht vor der Thure des Gemaches, das der König im zweiten Stocke bewohnt hatte voruͤbet gehen zu müſſen. 96 Wenn ſte zufällig ſeit der unſeligen Epoche des 21ſten Januar Luft ſchöpfte, ſo geſchah es oben auf dem Thurme, deſſen Zinnen man mit Laden verſchloſſen hatte. Die Nationalgarden vom Dienſte, welche davon in Kenntniß geſetzt waren, daß die drei Frauen ihr Zimmer zu verlaſſen Erlaubniß erhalten hatten, warteten alſo ver⸗ gebens den ganzen Tag, daß ſie von dieſer Erlaubniß Gebrauch machen würden. Gegen fuüͤnf Uhr kam ein Mann herab und näherte ſich dem den Poſten commandirenden Sergenten. „Ah! ah! Du biſt es, Vater Tiſon,“ ſprach der Frbtere der ein Nationalgarde von heiterer Laune zu ſein chien. „Ja, ich bin es, Bürger; ich bringe Dir vom Mu⸗ nicipal Maurice Lindey, Deinem Freunde, der da oben iſt, die vom Rathe des Temple meiner Tochter zugeſtan⸗ dene Erlaubniß, dieſen Abend ihrer Mutter einen Beſuch zu machen.“ „Und Du gehſt in dem Augenblick aus, wo Deine Tochter kommen wird, entarteter Vater?“ ſagte der Sergent. „Ohl ich gehe ſehr ungern weg, Bürger Sergent. Ich hoffte auch, mein armes Kind zu ſehen, das ich ſeit zwei Monaten nicht geſehen habe, und es, was man ſo ſagt, tüchtig zu umarmen, wie ein Vater ſeine Tochter umarmt. Ja wohl, geh' ſpazieren! Der Dienſt, der verdammte Dienſt treibt mich fort; ich muß auf die Ge⸗ meinde gehen, um meinen Bericht abzuſtatten. Ein Fiacre erwartet mich vor der Thüre mit zwei Gendarmen, und dies gerade in dem Augenblick, wo meine arme Sophie kommen wird.“ „Uuglücklicher Vater!“ rief der Sergent. „Aus Liebe für das Vaterland Verſtummt in dir des Blutes Stimme, Wenn jenes ſeußzt und dieſe fleht, 4— So opfere der Pflicht..“ 3 4 6 e. „Sage, Vater Tiſon, wenn Du zufällig einen Reim 1 97 auf Stimme findeſt, ſo wirſt Du mir es mittheilen. Er fehlt mir für den Augenblick.“ „Und Du, Bürger Sergent, wenn meine Tochter kommt, um ihre arme Mutter zu beſuchen, welche beinahe ſtirbt, daß ſie ihr Kind nicht ſehen kann, ſo läßſt Du ſie vorbei.“ „Der Befehl iſt in Ordnung,“ erwiederte der Ser⸗ gent, in welchem der Leſer ohne Zweifel bereits unſern Freund Lorin erkannt hat;„ich habe alſo nichts zu ſagen; kommt Deine Tochter, ſo wird ſie paſſiren.“ „Ich danke, braver Thermopyle, ich danke,“ ſprach iſon. Und er entfernte ſich, um der Gemeinde ſeinen Be⸗ richt zu machen, und murmelte: „Ahl wie wird meine arme Frau glücklich ſein.“ „Weißt Du, Sergent,“ ſprach ein Nationalgarde, als er Tiſon weggehen ſah und die Worte hörte, die er ſich entfernend ſagte;„weißt Du, daß einen ſolche Dinge Herz ſchauern machen?“ „Was für Dinge, Bürger Devaur?“ fragte Lorin. „Wie!“ verſetzte der mitleidige Nationalgarde,„die⸗ ſen Mann mit dem ſo harten Geſichte, dieſen Mann mit dem ehernen Herzen, dieſen unbarmherzigen Wächter der önigin weggehen ſehen, eine Thräͤne im Auge, halb vor Freude, halb vor Schmerz bei dem Gedanken, ſeine Frau werde ſeine Tochter umarmen, und er werde es nicht kön⸗ nen! Sergent, man darf hierüber nicht zu viel nachden⸗ ken, denn in der That, das macht traurig.“ „Allerdings, und darum denkt dieſer Menſch, der eine Thräne im Auge weggeht, wie Du ſagſt, ſelbſt nicht nach.“ „Und worüber ſollte er nachdenken?“ „Daß ſeit drei Monaten die Frau, welche er mit unbarmherziger Roheit behandelt, ihr Kind ebenfalls nicht geſehen hat. Er denkt nicht an ihr Ungluck, er denkt aur an das ſeinige; das iſt das Ganze. Dieſe Frau war Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 7 8 98 allerdings Königin,“ fuhr der Sergent in einem ſpötti⸗ ſchen Tone fort, deſſen Sinn nicht leicht zu verdolmet⸗ ſchen war,„und man braucht für eine Königin nicht die⸗ ſelben Rückſichten zu nehmen, die man für die Frau eines Taglöhners nimmt.“ „Gleichviel, Alles dies iſt ſehr traurig,“ verſetzte Devaur. „Traurig, aber nothwendig,“ ſprach Lorin;„es iſt alſo wie Du geſagt haſt, das Beſte, nicht darüber nach⸗ zudenken.“ 3 Und er fing an zu trällern: „Unter grünem Gebüſche, Wanderte geſtern allein, 4 Sanft lauſchend dem Vogelgeziſche Niſette im düſteren Hain.“ Lorin war ſo weit in ſeinem bukoliſchen Liede, als ſich plötzlich ein gewaltiges Geräuſch auf der linken Seite des Poſtens hörbar machte: es war gemiſcht aus Schwü⸗ ren, Drohungen und lautem Weinen. „Was iſt das?“ fragte Devaur.— „Man ſollte glauhen, es wäre die Stimme eines Kin⸗ des,“ erwiederte Lorin horchend. „In der That,“ verſetzte der Nationalgarde,„es iſt ein armer Kleiner, den man ſchlägt; wahrlich, man ſollte nur diejenigen, die keine Kinder haben, hieher ſchicken.“ 4„Willſt Du ſingen?“ ſagte eine rauhe, weingrüne Stimme. Und die Stimme ſang, gleichſam um ein Beiſpiel zu geben: „Madame Beto that verſprechen, Ganz Paris den Hals zu brechen. „Nein,“ rief das Kind,„ich werde nicht ſingen.“ „Willſt Du ſingen?“ Und die Stimme fing wieder an: „Madame Veto that verſprechen..“ 99 „Nein,“ rief das Kind,„nein! nein! nein!“ „Ahl kleiner Schurke,“ rief die heiſere Stimme. Und das Geräuſch eines pfeifenden Riemens durch⸗ ſchnitt die Luft. Das Kind heulte vor Schmerz „Ahl alle Gewitter,“ ſagte Lorin,„das iſt der ſchändliche Simon, der den kleinen Capet ſchlägt.“ — Einige Nationalgarden zuckten die Achſeln, zwei oder drei ſuchten zu laͤcheln. Devaur ſtand auf und ent⸗ fernte ſich. „Ich ſagte es wohl,“ murmelte er„„die Väter ſoll⸗ ten nie hieher kommen.“ Plötzlich öffnete ſich eine niedrige Thüre und das königliche Kind machte, gejagt von der Peitſche ſeines Wächters, fliehend mehrere Schritte im Hof; doch hinter ihm erſcholl etwas Schweres auf dem Pflaſter und traf es an das Bein. „Ah!“ rief das Kind. Und es wankte und fiel auf ein Knie. „Bring mir meinen Leiſten, kleines Ungeheuer, oder ich werde Dir...“ Das Kind ſtand auf und ſchüttelte den Kopf, eine Weigerung bezeichnend. „Ahl ſteht es ſo...“ rief dieſelbe Stimme,„warte, Du ſollſt ſehen...“ Und der Schuhflicker Simon ſtürzte aus ſeiner Stube hervor, wie ein wildes Thier aus ſeiner Höhle. „Holla! holla!“ ſprach Lorin die Stirne faltend; „wo hinaus, Meiſter Simon?“ „Ich will dieſen kleinen Wolf beſtrafen,“ erwiederte der Schuhflicker. „Und warum ihn beſtrafen?“ „Warum?“ „Ja.“ „Weil dieſer kleine Schuft weder ſingen will, wie ein guter Patriot, noch arbeiten, wie ein guter Bürger.“ „ Nun, was macht das Dir?“ entgegnete Lorin, „hat Dir die Nation Capet anvertraut, damit Du ihn ſingen lehrſt?“ „Ei, ei!“ entgegnete Simon erſtaunt,„in was miſchſt Du Dich, Bürger Sergent? Das frage ich Dich.“ „In was ich mich miſche? ich miſche mich in das, was jeden Mann von Herz angeht. Es iſt aber eines Mannes von Herz, der ein Kind ſchlagen ſieht, unwür⸗ dig, zu dulden, daß man es ſchlägt.“ „Bahl der Sohn des Tyrannen.“ „Iſt ein Kind, ein Kind, das keinen Theil an den Verbrechen ſeines Vaters gehabt hat, ein Kind, das nicht ſchuldig iſt, und das man folglich nicht ſtrafen darf.“ „Und ich, ich ſage, daß man mir den Kleinen gege⸗ den hat, daß ich mit ihm mache, was ich will. Ich will, daß er das Lied von Madame Veto ſingt, und er wird es fingen“ „Elender!“ rief Lorin,„Madame Veto iſt die Mutter dieſes Kindes; möchteſt Du gern, daß man Deinen Sohn zwänge, zu ſingen, Du ſeiſt eine Canaille?“ „Ich!“ brüllte Simon;„ſchlimmer, ohl ſchlimmer Ariſtokrat von einem Sergenten.“ „Ahl keine Beleidigungen,“ ſagte Lorin,„ich bin nicht Capet, und man läßt mich nicht mit Gewalt fingen.“ „Ich werde Dich verhaften laſſen, ſchlimmer Ci⸗ devant.“ „Du,“ verſetzte Lorin,„Du wirſt mich verhaften laſſen; verſuche es, einen Thermopylen verhaften zu laſſen.“ „Gut, gut, wer zuletzt lacht, lacht am beſten; mittler⸗ weile hebe meinen Leiſten auf, Capet, und mache Deinen Schuh, oder tauſend Donner!...“ „Und ich,“ rief Lorin, welcher furchtbar erbleichte und die Fäuſte geballt, die Zähne an einander gepreßt, einen Schritt vorwärts that,„ich ſage Dir, daß er Deinen Leiſten nicht aufheben wird, ich ſage Dir, daß er keine Schuhe machen wird, hörſt Du, ſchlimmer Geſelle? Ahl ja, Du haſt da Deinen großen Säbel, doch er macht mir 104 ebenſo wenig bange, als Du ſelbſt. Wage es nur, ihn zu ziehen.“ „Ah! alle Teufel“ brüllte Simon, vor Wuth er⸗ bleichend. In dieſem Augenblick traten zwei Frauen in den Hof; die eine von ihnen hielt ein Papier in der Hand, ſie wandte ſich an die Schildwache. „Sergent,“ rief die Schildwache,„es iſt die Tochter von Tiſon, welche ihre Mutter zu ſehen verlangt.“ „Laß ſie vorbei, da es der Rath des Temple geſtattet,“ ſprach Lorin, der ſich nicht einen Augenblick abwenden wollte, aus Furcht, Simon könnte ſeine Zerſtreuung be⸗ nützen, um das Kind zu ſchlagen. Die Schildwache ließ die zwei Frauen vorüber; doch kaum waren ſie vier Stufen der dunklen Treppe hinauf⸗ geſtiegen, als ſie Maurice Lindey begegneten, der für einen Augenblick in den Hof hinabging. Es war beinahe Nacht geworden, ſo daß man die Züge ihrer Geſichter nicht unterſcheiden konnte. Maurice hielt ſie an und fragte: „Wer ſeid Ihr, Bürgerinnen, und was wollt Ihr?“ „Ich bin Sophie Tiſon,“ ſagte die eine von den zwei Frauen.„Ich habe die Erlaubniß erhalten, meine Mut⸗ ter zu beſuchen, und komme deshalb hierher.“ „Ja,“ verſetzte Maurice; doch die Erlaubniß iſt nur für Dich allein, Bürgerin!“ „Ich habe meine Freundin mitgebracht, damit wir wenigſtens zwei Frauen mitten unter den Soldaten ſeien“ 3„Sehr gut; doch Deine Freundin wird nicht hinauf⸗ gehen“ „Wie es Ihnen beliebt, Bürger,“ ſagte Sophie Tiſon, indem ſie ihrer Freundin, welche, ſich an die Wand an⸗ lehnend, von Erſtaunen und Schrecken ergriffen zu ſein ſchien, die Hand drückte. „Bürger Schildwachen,“ rief Maurice, indem er den Kopf erhob und ſich an die Wachen wandte, welche in jedem Stocke aufgeſtellt waren,„laßt die Bürgerin Tiſon paſſiren; 102 ihre Freundin darf aber nicht vorbei. Sie wird auf der Treppe warten, und Ihr ſeid dafür beſorgt, daß man ſie anſtändig behandelt“ „Ja, Bürger,“ antworteten die Wachen. „Geht alſo,“ ſagte Maurice. Die zwei Frauen gingen an ihm vorbei. Maurice ſprang die vier oder fünf Stufen vollends hinab und ſchritt raſch in den Hof. „Was gibt es?“ fragte er die Nationalgarden, „was veranlaßt dieſen Lärmen? Man hört das Geſchrei eines Kindes bis im Vorzimmer der Gefangenen.“ „Höre,“ ſagte Simon, der, an die Manieren der Municipale gewöhnt, als er Maurice erblickte, glaubte, es käme ihm Verſtärkung zu;„höre, dieſer Ariſtokrat, dieſer Ci⸗devant verhindert mich, Capet durchzuprügeln“ Und er deutete mit der Fauſt auf Lorin. „Ja, bei Gott! ich verhindere ihn,“ ſagte Lorin vom Leder ziehend,„und wenn Du mich noch ein einziges Mal Ci⸗devant, Ariſtokrat oder Verräther nennſt, ſo renne ich Dir meinen Säbel durch den Leib.“ „Eine Drohung!“ rief Simon;„Wache! Wache!“ „Ich bin die Wache,“ ſprach Lorin,„rufe mich alſo nicht, denn wenn ich auf Dich losgehe, biſt Du des Todes.“ „Herbei, Bürger Municipal, Hulfe!“ rief Simon, diesmal ernſtlich von Lorin bedroht. „Der Sergent hat Recht,“ ſagte kalt der Municipal, den Simon zu Hülfe rief;„Du entehrſt die Nation, Feiger, Du ſchlägſt ein Kind!“ 1 „Und warum ſchlägt er es, begreifſt Du es, Maurice! weil das Kind nicht Nadame Veto ſingen, weil das Kind nicht ſeine Mutter ſchmähen will.“ 1 „Elender!“ rief Maurice. „Und Du auch?“ ſagte Simon;„ich bin alſo von Verräthern umgeben.“ 3 „Ah! Schurke,“ verſetzte der Municipal, indem er Simon an der Gurgel packte und ihm ſeinen Riemen au 103 den Händen riß;„verſuche es, ein wenig zu beweiſen, daß Maurice Lindey ein Verräther iſt.“ 8 Und er ließ mit aller Gewalt den Riemen auf die Schultern des Schuhflickers fallen. „Ich danke, mein Herr,“ ſagte das Kind, das dieſer Scene ſtoiſch zuſchaute;„doch er wird ſich an mir rächen.“ „Komm, Capet,“ ſprach Lorin,„komm, mein Kind, wenn er Dich noch einmal ſchlägt, rufe um Hülfe, und man wird dieſen Henker beſtrafen. Vorwärts, kleiner Capet, kehre in Deinen Thurm zurück.“ „Warum nennen Sie mich Capet, Sie, der Sie mich beſchützen, Sie wiſſen wohl, daß Capet nicht mein Name iſt.“ „Wie, es iſt nicht Dein Name,“ verſetzte Lorin, wie heißt Du denn?“ „Ich heiße Ludwig Carl von Bourbon. Capet iſt der Name von einem meiner Ahnen. Ich kenne die Ge⸗ ſchichte von Frankreich; mein Vater hat ſie mich gelehrt.“ „Und Du willſt ein Kind, das ein König die Geſchichte ben Frankreich gelehrt hat, Schuhe flicken lehren?“ rief orin. 3 „Oh! ſei unbeſorgt,“ ſprach Maurice zu dem Kind, vich werde meinen Bericht machen“ „Und ich den meinigen,“ verſetzte Simon.„Ich werde unter Anderem ſagen, daß Ihr ſtatt einer Frau, welche in den Thurm einzutreten berechtigt war, zwei ein⸗ gelaſſen habt.“ In dieſem Augenblick kamen in der That zwei Frauen aus dem Thurm heraus Maurice lief auf ſie zu. „Nun, Burgerin,“ ſagte er, indem er ſich an dieje⸗ nige wandte, welche auf ſeiner Seite war,„haſt Du Deine Mutter geſehen?“ 3 Sophie Tiſon trat ſogleich zwiſchen den Municipal und ihre Gefährtin „Ja, Bürger, ich danke,“ ſagte ſie. Mauriee hatte gern die Freundin des Mädchens ge⸗ ſehen, oder wenigſtens ihre Stimme gehört; doch ſie war 104 in ihren Mantel gehüllt und ſchien entſchloſſen, kein Wort zu ſprechen. Es kam ihm ſogar vor, als zitterte ſie. Dieſe Furcht erregte Verdacht bei Maurice Er ſtieg haſtig hinauf und ſah, als er in das erſte Zimmer gelangte, durch das an der Thüre angebrachte Fenſter die Königin etwas verbergen, was er für ein Billet hielt. „Ohl oh!“ ſagte er,„ſollte ich bethört worden ſein?“ Er rief ſeinem Collegen und ſprach zu ihm: „Bürger Agricola, tritt bei Marie Antoinette ein und verliere ſie nicht aus dem Blicke.“ 3 „Ho! ho!“ verſetzte der Municipal,„iſt etwa.. 2“ „Gehe hinein, ſage ich Dir, und zwar ohne einen Augenblick, eine Minute, eine Secunde zu verlieren.“ der Municipal trat bei der Königin ein. „Rufe die Frau Tiſon,“ ſagte Maurice zu einem Nationalgarde 1 Fünf Minuten nachher erſchien die Frau Tiſon 94 ſtrahlend. -„ch habe meine Tochter geſehen,“ ſagte ſie. „Wo dies?“ fragte Maurice. „Hier, in dieſem Vorzimmer.“ „Gut. Und Deine Tochter hat die Oeſterreicherin nicht zu ſehen verlangt?“ „Nein“ „Sie iſt nicht zu ihr hineingegangen?“ „Nein.“ „Und während Du mit Deiner Tochter plauderteſt, iſt Niemand aus dem Zimmer der Gefangenen herausge⸗ lommen?“ „Weiß ich es? Ich ſchaute meine Tochter an, die ich ſeit drei Monaten nicht geſehen hatte.“ „Erinnere Dich wohl...“ „Ah! ja, ich glaube mich zu erinnern.“ „Was?“" 8 „Das junge Maͤdchen i*ſt herausgekommen.“ „Marie Thereſe?“ ———— —-— * Maurice anſchaute, 1⁰⁵ „Ja.“ „Und ſie hat mit Deiner Tochter geſprochen?“ Nein.“ 7 „Deine Tochter hat Dir nichts übergeben?“ „Nein.“ „Sie hat nichts vom Boden aufgehoben? „Meine Tochter?“ „Nein, die von Marie Antoinette?2 „Doch, ſie hat ihr Sacktuch, aufgehoben.“ „Ahl Unglückliche!“ rief Maurice Und er ſtuͤrzte nach dem Strange der Glocke und zog heftig daran. Es war die Lärmglocke. XI. Das Billet. Die zwei andern Municipale von der Wache eilten ſchnell herauf. Ein Detachement vom Poſten begleitete ſie. ie Thüren wurden geſchloſſen, zwei Schildwachen verſperrten die Ausgänge jedes Zimmers. „Was wollen Sie, mein Herr,“ ſagte die Königin zu Maurice, da dieſer eintrat:„ich war im Begriff, mich zu Bette zu legen, als der Bürger Munteipal(die Königin deutete auf Agrieola) plötzlich in dieſes Zimmer ſtürzte, ohne mir zu ſagen, was er wünſchte.“ „Madame,“ erwiederte Maurice ſich verbeugend,„nicht mein College wünſcht etwas, ſondern ich.“ „Sie, mein Herr,“ fragte Marie Antoinette, indem deſſen gutes Benehmen ihr einige ankbarkeit eingeflößt hatte;„und was wünſchen Sie 2“ 106 „Ich wünſche, daß Sie mir das Billet zuſtellen, das Sie ſo eben verbargen, als ich eintrat.“ Die Prinzeſſin Marie Thereſe und Madame Eliſabeth bebten. Die Königin wurde ſehr bleich. „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ ſagte ſie,„ich ver⸗ barg nichts.“ „Du lügſt, Oeſterreicherin!“ rief Agricola. Maurice legte raſch ſeine Hand auf den Arm ſeines Collegen. „Einen Augenblick, mein lieber College,“ ſagte er, „laß mich mit der Bürgerin ſprechen. Ich bin ein wenig Anwalt.“. „Gut alſo; doch alle Gewitter! ſchone ſie nicht!“ „Sie verbargen ein Billet, Bürgerin,“ ſprach Mau⸗ rice mit ſtrengem Tone.„Sie müſſen mir dieſes Billet übergeben.“ „Was für ein Billet?“ „Dasjenige, welches Ihnen die Tochter Tiſon über⸗ brachte, und das die Bürgerin Ihre Tochter(Maurice be⸗ zeichnete die junge Prinzeſſin) mit ihrem Sacktuch aufhob.“ Die drei Frauen ſchauten ſich erſchrocken an. „Aber, mein Herr, das iſt mehr als Tyrannei,“ ver⸗ ſetzte die Königin;„Frauen! Frauen!“ „Wir wollen nichts verwechſeln,“ ſprach Maurice mit feſtem Ausdruck.„Wir ſind weder Nichter noch Henker, ſondern beaufſichtigende Perſonen, das heißt Ihre Mitbür er, beauftragt, Sie zu bewachen. Wir haben einen Befehl, ihn verletzen iſt Verrath. Bürgerin, ich bitte Sie, geben Sie mit das Billet, das Sie verborgen haben.“ „Meine Herren,“ ſprach die Königin ſtolz,„da Sie Aufſeher ſind, ſo ſuchen Sie und berauben Sie uns des Schlafes dieſe Nacht wie immer.“ „Gott behüte uns, daß wir die Hand an Frauen legen. Ich werde die Gemeinde benachrichtigen laſſen und wir erwarten ihre Befehle. Nur werden Sie ſich nicht zu Bette legen, Sie ſchlafen in Lehnſtühlen, wenn es Ihn⸗ 7 ————————— .—— 107 beliebt, und wir bewachen Sie...Wenn es ſein muß, wer⸗ den die Durchſuchungen beginnen.“ „Was gibt es denn?“ fragte die Frau Tiſon, welche mit beſtürzter Miene an der Thüre erſchien. „Was es gibt, Bürgerin? Dadurch, daß Du Deine Hand zu einem Verrathe hergegeben, haſt Du Dich für immer des Vortheils beraubt, Deine Tochter zu ſehen.“ „Meine Tochter zu ſehen!... was ſagſt Du da, Bürger?“ fragte die Tiſon, welche noch nicht rechtbegriff, warum ſie ihre Tochter nicht ſehen ſollte. „Ich ſage Dir, daß Deine Tochter nicht hierher ge⸗ kommen iſt, um Dich zu ſehen, ſondern um der Bürgerin Capet einen Brief zu bringen, und daß ſie nicht wieder⸗ kommen wird.“ „Aber wenn ſie nicht wiederkommt, kann ich ſie nicht mehr ſehen, da es uns verboten iſt, hinauszugehen?“ „Diesmal kannſt Du Niemand einen Vorwurf darüber machen, denn es iſt Deine Schuld,“ ſagte Maurice. „Ohl oh!“ ſchrie die arme Mutter,„meine Schuld! was ſagſt Du da, meine Schuld? Es iſt nichts gefchehen, dafür ſtehe ich. Oh!l wenn ich glaubte, es waͤre etwas geſchehen, wehe Dir, Antoinette, Du müßteſt es mir theuer bezahlen!“ Ganz außer ſich wies dieſe Frau der Königin die Fauſt. „Bedrohe Niemand,“ ſagte Maurice,„erlange viel⸗ mehr durch Sanftmuth, daß das, was wir fordern, ge⸗ than wird; denn Du biſt Fran, und die Bürgerin Antoi⸗ nette, welche ſelbſt Mutter, wird ohne Zweifel Mitleid mit einer Mutter haben. Morgen wird Deine Tochter verhaftet, morgen wird ſie eingekerkert... entdeckt man ſodann etwas, und Du weißt, daß man immer etwas ent⸗ deckt, wenn man will, ſo iſt ſie verloren, ſie und ihre Gefährtin.“ Die Tiſon, welche Maurice mit wachſendem Schrecken angehört hatte, wandte ihren beinahe irren Blick nach der Königin und rief: 108 „Du hörſt, Antoinettel... meine Tochter!... Du wirſt meine Tochter in das Verderben geſtürzt haben.“ Die Königin ſchien ebenfalls erſchrocken, nicht über die Drohung, welche in den Augen der Gefangenwärterin funkelte, ſondern über die Verzweiflung, die man darin las. „Kommen Sie, Madame Tiſon,“ ſagte ſie,„ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Holla! keine Schmeicheleien!“ rief der College von Maurice;„Mord und Tod, wir ſind nicht zu viel! Vor der Municipalität, ſtets vor der Municipalität!“ „Laß ſie gewähren, Buͤrger Agricola,“ ſagte Maurice dieſem in das Ohr;„wenn wir nur die Freiheit erhalten, gleichviel auf welche Weiſe!“ „Du haſt Recht, Bürger Maurice... aber...“ „Gehen wir hinter die Glasthüre, Bürger Agricola, und wenn Du mir glauben willſt, wenden wir den Rücken; ich bin überzeugt, die Perſon, gegen welche wir dieſe Nach⸗ giebigkeit haben, wird es uns nicht bereuen laſſen.“ Die Königin hörte dieſe Worte, welche, um von ihr gehört zu werden, geſprochen wurden, und warf dem jun⸗ gen Manne einen dankbaren Blick zu. Maurice wandte den Kopf ſorglos ab und ging auf die andere Seite der Glasthüre. Agricola ſolgte ihm. „Du ſiehſt wohl dieſe Frau,“ ſagte er zu Agricola, „als Königin iſt es eine große Verbrecherin, als Frau iſt ſie eine wuͤrdige, große Seele. Man thut wohl daran, daß man die Kronen bricht, das Unglück läutert.“ „Alle Teufel, wie gut ſprichſt Du, Bürger Maurice!“ erwiederte Agricola.„Ich höre Dich gern, Dich und Deinen Freund Lorin. Sind das auch Verſe, was Du da geſagt haſt?“ Maurice lächelte. Während dieſer Unterredung ſiel die Scene, welche Maurice vorhergeſagt, wirklich auf der andern Seite der der Glasthüre vor. Die Fran Tiſon hatte ſich der Königin genähert. „Madame,“ ſprach dieſe zu ihr,„Ihre Verzweiflung AAA 109 bricht mir das Herz; ich will Sie nicht Ihres Kindes be⸗ rauben, das ſchmerzt zu ſehr; doch bedenken Sie, wenn ich thue, was dieſe Menſchen verlangen, wird Ihre Tochter vielleicht ebenfalls verloren ſein.“ „Thun Sie, was ſie ſagen,“ rief die Tiſon,„thun Sie, was ſie ſagen!“ „Doch zuvor erfahren Sie wenigſtens, um was es ſich handelt.“ „Um was handelt es ſich?“ fragte die Gefangenwär⸗ terin mit ungeſtümer Neugierde. „Ihre Tochter brachte eine Freundin mit.“ „Ja, eine Arbeiterin wie ſie; ſie wollte wegen der Soldaten nicht allein kommen.“ „Dieſe Freundin hat Ihrer Tochter ein Billet über⸗ geben. Ihre Tochter ließ es fallen, Marie, welche vorüber⸗ ging, hob es auf. Es iſt allerdings ein ſehr unbedeuten⸗ des Papier, aber boshafte Leute könnten einen Sinn darin finden. Hat Ihnen der Municipal nicht geſagt, wenn man finden wolle, finde man immer?“ „Hernach? hernach?“ „Nun, das iſt Alles: Sie wollen, daß ich dieſes Papier aushändige; ſoll ich einen Freund opfern, ohne Ihnen vielleicht Ihre Tochter dafür zu geben?“ „Thun Sie, was ſie ſagen!“ rief die Frau,„thun Sie, was ſie ſagen!“ „Aber begreifen Sie doch, wenn dieſes Papier Ihre Tochter gefährdet!“ ſprach die Königin. „Meine Tochter iſt wie ich eine gute Patriotin,“ rief die Megäre.„Gott ſei Dank! die Tiſon ſind bekannt: thun Sie, was ſie ſagen.“ 3 „Mein Gott! wenn ich Sie nur überzeugen könnte!“ verſetzte die Königin. „Meine Tochter! man ſoll mir meine Tochter zurück⸗ geben!“ rief die Tiſon mit den Füßen ſtampfend.„Gib das Papier, Antoinette, gib es.“ „Hier iſt es, Madame.“ 110 Die Königin reichte der Unglücklichen ein Papier; dieſe hob es freudig über ihren Kopf empor und rief: „Kommt! kommt, Bürger Municipale. Ich habe das Papier! nehmt es und gebt mir mein Kind zurück.“ „Sie opfern unſere Freunde, meine Schweſter,“ ſagte Madame Eliſabeth. „Nein, meine Schweſter,“ entgegnete traurig die Kö⸗ nigin,„ich opfere nur uns, das Papier kann Niemand gefährden.“ Auf das Geſchrei der Frau Tiſon kamen Maurice und ſein College dieſer entgegen; ſie reichte ihnen ſogleich das Billet. Die Municipale öffneten es und laſen: „Im Oſten! es wacht noch ein Freund!“ Maurice hatte nicht ſobald die Augen auf das Papier geworfen, als er zu zittern anfing. Die Handſchriſt ſchien ihm nicht unbekannt. „Oh! mein Gott,“ rief er,„ſollte es die von Gene⸗ viève ſein?“ Oh! nein, das iſt unmöglich, ich bin ein Narr. Sie gleicht ihr allerdings, doch was könnte Gene⸗ visve mit der Königin gemein haben? Er wandte ſich um und ſah, daß Marie Antoinette ihn anſchaute. Die Frau Tiſon aber verſchlang Maurice, in Erwartung ihres Schick⸗ ſals, mit den Blicken. „Du haſt ein gutes Werk gethan,“ ſprach er zur Tiſon,„und Sie, Bürgerin,“ ſagte er zur Königin,„Sie haben ein ſchönes Werk gethan.“ „Dann beſtimme Sie mein Beiſpiel, mein Herr,“ erwiederte Marie Antoinette,„verbrennen Sie dieſes Pa⸗ pier und Sie werden ein Werk der Barmherzigkeit thun.“ „Du ſcherzeſt, Oeſterreicherin,“ rief Agricola,„wir ſollen ein Papier verbrennen, das uns vielleicht eine ganze Brut von Ariſtokraten packen läßt; meiner Treue, nein, das wäre zu albern.“* 1„In der That, verbrennt es,“ ſagte die Tiſon,„das könnte meine Tochter gefährden.“ „Ich glaube wohl, Deine Tochter und die Ander * 7 V 3 1 r 2 4 —— ð— d 111 ſprach Agricola und nahm aus den Händen von Maurice das Papier, das dieſer ſicherlich verbrannt hätte, wenn er allein geweſen wäre. Zehn Minuten nachher wurde das Papier auf dem Bureau der Mitglieder der Gemeinde niedergelegt; man öffnete es ſogleich und deutete es auf alle mögliche Weiſen. „Im Orient!*) es wacht noch ein Freund,“ ſagte eine Stimme,„was Teufels kann das bedeuten?“ „Bei Gott,“ entgegnete ein Geograph in Lorient, das iſt klar, Lorient iſt eine kleine Stadt der Bretagne und liegt zwiſchen Vannes und Quimper. Mord und Tod! man ſollte dieſe Stadt verbrennen, wenn es wahr iſt, daß ſie Ariſtokraten enthält, welche noch über der Oeſterrei⸗ cherin wachen.“ „Das dünkt mir um ſo gefährlicher,“ ſagte ein Ande⸗ rer,„als Lorient ein Seehafen iſt, weshalb man dort ein Einverſtändniß mit England gründen kann.“ „Ich ſchlage vor,“ ſagte ein Dritter,„daß man eine Sonmiſſten nach Lorient ſchickt und dort eine Unterſuchung anſtellt.“ Dieſe Motion machte die Minorität lachen, entflammte aber die Majorität; man beſchloß, eine Commiſſion zu Ueber⸗ wachung der Ariſtokraten nach Lorient zu ſchicken. Von der Berathung unterrichtet, ſagte Maurice zu ſich ſelbſt: „Ich vermuthe wohl, wo der Orient ſein kann, von dem die Rede iſt, aber ſicherlich iſt es nicht in der Bretagne.“ Am andern Tag verlangte die Königin, welche, wie geſagt, nicht mehr in den Garten hinabging, um nicht an dem Zimmer vorüber zu müſſen, wo ihr Gatte ein⸗ geſchloſſen geweſen war, auf den Thurm zu ſteigen, um mit ihrer Tochter und Madame Eliſabeth Luft zu ſchöpfen. Ihre Bitte wurde ihr ſogleich bewilligt; doch nach ihr ſtieg Maurice hinauf; er blieb hinter einer Art von Schil⸗ derhäuschen, das der obere Theil der Treppe bedeckte, ſtehen *) A P'orient, im Oſten. 112 und erwartete verborgen das Reſultat des Billets vom vor⸗ hergehenden Tage. 3 Die Königin ging Anfangs gleichgültig mit Madame Eliſabeth und ihrer Tochter auf und ab; dann hielt ſie an, während die zwei Prinzeſſinnen ihren Spaziergang fortſetzten, wandte ſie ſich gegen Oſten und betrachtete auf⸗ merkſam ein Haus, an deſſen Fenſtern mehrere Perſonen erſchienen. Die eine von ihnen hielt ein weißes Sacktuch. Maurice zog ein Augenglas aus ſeiner Taſche, und während er es richtete, machte die Königin eine große Bewegung, als wollte ſie die Neugierigen des Feuſters auffordern, ſich zurückzuziehen. Doch Maurice hatte be⸗ reits einen Männerkopf mit blonden Haaren und bleicher Geſichtsfarbe bemerkt, deſſen Gruß beinahe bis zur Demuth achtungsvoll war. Hinter dieſem jungen Mann, denn der Neugierige ſchien höchſtens fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren alt zu ſein, ſtand eine Frau, halb durch ihn verborgen. 1 Maurice richtete ſein Fernglas nach ihr und machte, als er Geneviéve zu erkennen glaubte, eine Bewegung, die ihn in den Blick brachte. Sogleich warf ſich die Frau, welche ebenfalls ein Fernglas in der Hand hielt, rückwärts und zog den jungen Mann mit ſich. War es wirklich Ge⸗ neviève? Hatte ſie ihrer ſeits Maurice auch erkannt? Hatte ſich das neugierige Paar nur auf die Aufforderung der Königin zurückgezogen? 4 Maurice wartete einen Augenblick, um zu beobachten, ob der junge Mann und die junge Frau nicht wieder erſchei⸗ nen würden. Als er aber bemerkte, daß das Fenſter leer blieb, empfahl er ſeinem Collegen Agricola die größte Wach⸗ ſamkeit, ſtieg haſtig die Treppe hinab und legte ſich an der Ecke der Rue Portefoin in Hinterhalt, um zu ſehen, ob die Neugierigen des Hauſes herausgingen. Vergebens, Niemand erſchien. 4 Er konnte dem Verdachte nicht widerſtehen, der ihm das Herz ſeit dem Augenblick zernagte, wo die Gefährtin der Tochter Tiſon, ſo hartnäckig verborgen und ſtumm geblieben war, und nahm ſeinen Lauf nach der Rue Vielle⸗ Saint⸗Jacques, wo er, den Geiſt ganz verſtört von dem ſeltſamſten Argwohne, anlangte. Ais er eintrat, ſaß Genevitve in einem weißen Mor⸗ gengewande unter einer Jasminlaube, wo ſie ſich das Frühſtück auftragen zu laſſen pflegte. Sie bot Maurice wie gewöhnlich einen herzlichen guten Morgen und lud ihn ein, eine Taſſe Chocolade mit ihr zu nehmen. Dirmer, welcher mittlerweile auch herbeikam, drückte die größte Freude darüber aus, daß er Maurice zu dieſer unerwarteten Stunde des Tages ſehe. Doch ehe Maurice die Taſſe Chocolade getrunken, die er angenommen, for⸗ derte Dirmer, ſtets voll Begeiſterung für ſein Gewerbe, ſeinen Freund den Secretaire von der Section Lepelletier auf, mit ihm einen Gang in die Werkſtätten zu machen. Maurice willigte ein. „Erfahren Sie, mein lieber Maurice,“ ſprach Dirmer, indem er den jungen Mann beim Arm nahm und fort⸗ zog, verfahren Sie eine höchſt wichtige Neuigkeit.“ ine politiſche?“ fragte Maurice, beſtandig von ſeiner Idee in Anſpruch genommen. „Ci, lieber Bürger,“ erwiederte Dirmer lächelnd, be⸗ ſchäftigen wir uns mit der Politik? Nein, nein, eine ganz induſtrielle, Gott ſei Dank! Mein ehrenwerther Freund Morand, der, wie ſie Sie wiſſen, einer der ausgezeichnetſten Chemiker iſt, hat das Geheimniß eines rothen Maroquin gefunden, wie man ihn bis jetzt noch nicht geſehen, denn er iſt unveränderlich. Dieſe Färbung will ich Ihnen zeigen. Uebrigens werden Sie Morand bei der Arbeit ſehen, das iſt ein wahrer Künſtler.“ Maurice begriff nicht ganz, wie man ein Künſtler in rothem Maroquin ſein konnte, aber er nahm nichts⸗ deſtoweniger den Vorſchlag an, folgte Dirmer, durch ſchritt mit ihm die Werkſtätten und ſah in einer beſonderen Ab⸗ eilung den Buͤrger Morand beim Werke: er hatte ſeine Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 8 3 — 114 grüne Brille, trug ſein Arbeitskleid und ſchien wirklich im höchſten Grade beſchäftigt, das ſchmutzige Weiß einer Schafshaut in Purpur zu verwandeln; ſeine Hande und ſeine Arme, die man unter den zurückgeſchlagenen Aermeln erbliclte, waren roth bis an die Ellenbogen. Er gab ſich in der That mit freudigem Herzen ganz und gar der Cochenille hin, wie Dirmer ſagte. Völlig in ſeine Arbeit vertieft, grüßte er Maurice nur mit dem Kopf. „Nun, Bürger Morand,“ fragte Dirmer,„was ſagen wir 2“ „Wir werden hundert tauſend Livres jährlich durch dieſes Verfahren allein gewinnen. Doch ſeit acht Tagen ſchlafe ich nicht mehr und die Säuren haben mir das Geſicht verſengt.“ Manrice ließ Dirmer bei Morand und kehrte zu Ge⸗ neviéve zurück, während er leiſe murmelte: „Man muß geſtehen, daß das Gewerbe eines Muni⸗ cipals einen Helden dumm machen würde. Nach acht Tagen im Temple wurde man ſich für einen Ariſtokraten halten und ſich ſelbſt anzeigen. Guter Dirmer! Braver Morand! Süße Geneviéve? Und ich hatte ſie einen Augen⸗ blick im Verdacht!“ 1 Genevieve erwartete Maurice mit ihrem ſanften Lä⸗ cheln, um ihn bis zum Schein den Verdacht vergeſſen zu laſſen, den er in der That gefaßt hatte. Sie war, was ſie immer war, ſanft, freundſchaftlich, reizend. Die Stunden, in denen Maurice Geneviépe ſah, waren die, in welchen er wirklich lebte. Die ganze übrige Zeit hatte er jenes Fieber, das man das Fieber von 93 nennen könnte, welches Paris in zwei Lager theilte und aus dem Daſein einen Kampf zu jeder Stunde machte. Gegen Mittag mußte er jedoch Geneviéve verlaſſen und nach dem Temple zurückkehren. Am Ende der Rue Saint⸗Avoye begegnete er Lo der von ſeiner Wache abkam; er marſchirte in geich oſſen” Reihe, trat aber hervor und ging auf Maurice zu, deſſen 115 Geſicht immer noch das ſüße Glück ausdrückte, das der Anblick von Genevieve ſtets in ſein Herz goß. „Ah!“ ſagte Lorin, ſeinem Freunde herzlich die Hand ſchüttelnd: „Vergebens birgſt Du Dein heimliches Sehnen, Nicht das Wort, Dein Seufzen thut's kund. Das Schmachten im Buſen, im Auge die Thränen, Dein Herz überſtrömt von Liebe zur Stund.“ 8 Maurice legte die Hand an ſeine Taſche, um ſeinen Schlüſſel zu ſuchen. Dies war das Mittel, das er gewählt hatte, um der ppoetiſchen Begeiſterung ſeines Freundes einen Damm zu ſetzen. Doch dieſer ſah die Bewegung und entfloh lachend. „Ah!l höre doch,“ rief Lorin, der ſich nach ein paar Schritten wieder umdrehte,„Du biſt noch auf drei Tage im Temple, Maurice; ich empfehle Dir den kleinen Capet.“ ₰ XII. Liebe. Maurice lebte in der That nach einiger Zeit ſehr glücklich und ſehr unglücklich. Es iſt immer ſo beim An⸗ fang großer Leidenſchaften. Seine gewöhnliche Arbeit bei der Section Lepelletier, ſeine Beſuche am Abend in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques, einige Erſcheinungen da und dort im Club der Thermo⸗ pylen füllten alle ſeine Tage aus. Er verleugnete ſich nicht, daß Geneviève jeden Abend hehhr⸗ in langen Zügen eine hoffnungsloſe Liebe trinken ieß. Geneviève war eine von den züchtigen, aber ſcheinbar 4 leichten Frauen, welche treuherzig einem Freunde die Hand 116 reichen, unſchuldig ihre Stirne ſeinen Lippen mit dem Ver⸗ trauen einer Schweſter oder der Unwiſſenheit einer Jung⸗ frau nahern, vor denen aber Liebesworte Blasphemien und materielle Begierden Ruchloſigkeiten zu ſein ſcheinen. Gibt es in den reinſten Träumen, welche die erſte Weiſe von Naphael auf die Leinwand befeſtigt hat, eine Madonna mit lächelnden Lippen, mit keuſchen Augen, mit dem himmliſchen Ausdrucke, ſo iſt ſie es, die man dem göttlichen Schüler von Perugnio entlehnen muß, um dar⸗ aus das Portrait von Geneviève zu machen. Inmitten dieſer Blumen, deren Friſche und Wohlge⸗ ruch ſie beſaß, abgeſondert von den Arbeiten ihres Gatten und von ihrem Gatten ſelbſt, erſchien Geneviéve Maurice, ſo oft er ſie ſah, wie ein lebendiges Räthſel, deſſen Sinn er nicht errathen konnte, und deſſen Schluſſel er nicht zu fordern wagte. 8 Eines Abends, als er wie gewöhnlich mit ihr allein geblieben war, als ſie Beide an dem Fenſter ſaßen, durch welches er einſt ſo geräuſchvoll und haſtig eingedrungen, als die Wohlgerüche des blühenden Flieders mit dem ſanf⸗ ten Abendwinde herbeiſchwammen, der auf den ſtrahlenden Sonnenuntergang folgt, wagte es Maurice, nach einem langen Stillſchweigen, und nachdem er während dieſes Stillſchweigens dem verſtändigen, andächtigen Auge von Genevieve gefolgt war, das einen auf dem Azur des Him⸗ mels hervortretenden ſilbernen Stern betrachtete, wagte er es, ſte zu fragen, wie es käme, daß ſie ſo jung ware, wäh⸗ rend ihr Gatte bereits das mittlere Lebensalter überſchrit⸗ ten hätte, ſo erhaben in ihrem Weſen, waͤhrend Alles hei ihrem Gatten eine gewöhnliche Erziehung, eine miedrige Geburt bezeichnete; ſo poetiſch endlich, indeß ihr Gatte ſeine Aufmerkſamkeit ganz allein dem Geſchaͤfte des Abwägens, des Ausbreitens und des Färbens der Hante ſeiner Fabrik widmete. 5 „Warum,“ fragte Maurice,„warum bei einem Ger⸗ bermeiſter dieſe Harfe, dieſes Piano, dieſe Paſtellemalereien, 1 von denen Sie mir zugeſtanden haben, ſie ſeien Ihr Werk 2. 117 Warum endlich dieſe Ariſtokratie, die ich bei Andern verab⸗ ſcheue, während ich ſie bei Ihnen anbete?“ Geneviéve heftete auf Maurice einen Blick voll Un⸗ ſchuld und antwortete: „Ich danke für dieſe Frage; ſie beweiſt mir, daß Sie ein zartfühlender Mann ſind, und daß Sie ſich nie bei ir⸗ gend Jemand nach mir erkundigt haben“ „Nie, Madame: ich habe einen ergebenen Freund, der für mich ſterben würde, ich habe hundert Kameraden, welche bereit ſind, überallhin zu marſchiren, wohin ich ſie führen werde; doch wenn es ſich um eine Frau handelt und be⸗ ſonders um eine Frau wie Geneviove, ſo kenne ich von allen dieſen Herzen nur ein einziges, dem ich mich anvertraue, und das iſt das meinige.“ Ich danke, Maurice,“ ſprach die junge Frau.„Ich werde Sie alſo ſelbſt von Allem unterrichten, was Sie zu wiſſen wünſchen“ „Zuerſt Ihr Name als Mädchen?“ fragte Maurice; kenne Sie nur unter Ihrem Frauennamen.“ Genevisve begriff den verliebten Egvismus dieſer Frage und lächelte. „Geneviève du Treilly,“ ſagte ſie. Maurice wiederholte: .„Geneviéve du Treilly.“ „Meine Familie,“ fuhr Geneviève fort,„war zu Grunde gerichtet, ſeit dem amerikaniſchen Kriege, an wel⸗ chem mein Vater und mein älterer Bruder Theil genom⸗ men hatten“ 3„Beide Edelleute?“ verſetzte Maurice. „Nein, nein,“ entgegnete Geneviéve erröthend. „Sie haben mir doch geſagt, Ihr Mädchenname ſei Geneviève du Treilly geweſen“ „Ohne Partikel, Herr Maurice; meine Familie war reich, gehörte aber in keiner Hinſicht zum Adel“ „Sie mißtrauen mir,“ verſetzte lächelnd der junge Mann. „Oh! nein, nein,“ erwiederte Geneviéve.„In Ame⸗ 118 rika war mein Vater mit dem Vater von Herrn Morand in Verbindung gertreten; Herr Dirmer war der Geſchäfts⸗ freund von Herrn Morand. Dieſer ſah, daß wir zu Grunde gerichtet waren, er wußte, daß Herr Dirmer ein unabhängiges Vermögen beſaß, und ſtellte ihn meinem Vater vor, der ihn wiederum mir vorſtellte. Ich bemerkte, daß man zum Voraus eine Heirath beſchloſſen hatte, ich begriff, daß dies der Wunſch meiner Familie war, ich liebte nicht, hatte nie geliebt, und willigte ein. Seit drei Jah⸗ ren bin ich die Frau von Dirmer und ich muß ſagen, ſeit drei Jahren iſt mein Gatte ſo gut, ſo vortrefflich ge⸗ gen mich geweſen, daß ich trotz der von ihnen wahrgenom⸗ menen Verſchiedenheit des Geſchmacks und des Alters dieſe Verbindung nicht einen Augenblick bereut habe“ „Doch als Sie Herrn Dirmer heiratheten, ſtand er noch nicht an der Spitze dieſer Fabrik?“ „Nein, wir wohnten in Blois. Nach dem 10. Au⸗ guſt kaufte Herr Dirmer dieſes Haus und die dazu ge⸗ hörigen Werkſtätten; damit ich nicht mit den Arbeitern vermengt wäre, und um mir ſogar den Anblick der Dinge zu erſparen, welche meine, wie Sie ſagten, ein wenig ariſtokratiſchen Gewohnheiten hätten verletzen können, ſchenkte er mir dieſen Pavillon, wo ich allein, zurückge⸗ zogen, nach meinem Geſchmacke, nach meinen Wünſchen und glücklich lebe, wenn ein Freund, wie Sie, Maurice, kommt, um meine Träumereien zu zerſtreuen oder zu theilen“ Nach dieſen Worten reichte Genevicve Maurice eine Hand, die dieſer inbrünſtig küßte. Genevisve erröthete leicht. „Nun, mein Freund,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand zurückzog,„nun wiſſen Sie, wie es kommt, daß ich die Frau von Herrn Dirmer bin.“ a,“ verſetzte Maurice, Geneviéve feſt anſchauend 3 „doch Sie ſagen mir nicht, wie Herr Morand der Aſſoci von Herrn Dirmer geworden iſt?“ „dOhl das iſt ganz einfach. Herr Dixmer hatte, wie 119 ich Ihnen ſagte, einiges Vermögen, doch nicht genug, um fuͤr ſich allein eine Fabrik von der Wichtigkeit dieſer zu übernehmen. Der Sohn von Herrn Morand, ſeinem Be⸗ ſchützer, wie ich Ihnen ſagte, von dieſem Freunde meines Vaters, wie Sie ſich erinnern, ſchoß die Hälfte der Fonds zu, und da er Kenntniſſe in der Chemie beſaß, gab er ſich der Ausbeutung mit jener Thätigkeit hin, welche Sie ſelbſt bemerken konnten, und durch die der Handel von Herrn Dirmer, der von ihm mit dem ganzen mate⸗ riellen Theile beauftragt wurde, eine ungeheure Ausdeh⸗ nung gewonnen hat.“ „Und Herr Morand iſt auch einer von Ihren guten Freunden, nicht wahr, Madame?“ „Herr Morand iſt eine edle Natur, eines von den erhabenſten Herzen, die ſich unter dem Himmel finden,“ antwortete Geneviéve mit ernſtem Tone. „Wenn er Ihnen keine andere Proben davon gege⸗ ben hat,“ ſagte Maurice etwas gereizt durch die Wichtig⸗ keit, welche die junge Frau dem Aſſocié ihres Mannes beilegte,„als die, daß er die Koſten des Etabliſſement mit Herrn Dirmer theilte und eine neue Farbe für den Maroquin erfand, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu be⸗ merken, daß das Lob, das Sie ihm ſpenden, ſehr pomp⸗ haft iſt.“ „Er hat mir noch andere Beweiſe gegeben, mein Herr,“ erwiederte Genevieve. „ Doch er iſt noch jung, nicht wahr?“ fragte Mau⸗ rice, obgleich es bei ſeiner grünen Brille ſchwierig iſt, zu ſagen, welches Alter er hat.“ „Er iſt fünf und dreißig Jahre alt.“ „Sie kennen ſich ſeit langer Zeit?“ „Seit unſerer Kindheit.“ 3 Manurice biß ſich auf die Lippen. Er hatte Morand ſtets im Verdacht gehabt, er liebe Geneviove. „Ah!“ ſagte Maurice,„das erklärt ſeine Vertraulich⸗ keit mit Ihnen.“ „In den Schranken gehalten, wie Sie ſtets geſehen 120 haben, mein Herr,“ entgegnete Genevive lächelnd, mir ſcheint dieſe Vertraulichkeit, welche kaum die eines Freun⸗ des iſt, bedurfte keiner Erklärung“ „Oh! verzeihen Sie, Madame, Sie wiſſen, daß jede lebhafte Zuneigung ihre Eiferſucht hat, und meine Freund⸗ ſchaft war eiferſüchtig auf die, welche Sie fuͤr Herrn Morand zu hegen ſchienen.“ Er ſchwieg. Geneviéve ſchwieg ebenfalls. Es war an dieſem Tage nicht mehr die Rede von Morand, und Maurice verließ diesmal Geneviéve verliebter als je, denn er war eiferſüchtig.— So blind auch der junge Mann war, welche Binde ihm ſeine Leidenſchaft um die Augen legte, welche Unruhe ſie auch in ſein Herz brachte, ſo fanden ſich doch in der Erzahlung von Geneviéve viele Lücken, viele Stockungen, viele Verſchweigungen, auf welche er im Augenblick nicht aufmerkſam geworden war, die ihm aber ſpater wieder in den Kopf kamen, ihn ſeltſam peinigten, ohne daß ihn dabei die große Freiheit, welche ihm Dirmer ließ, mit Geneviève ſo oft und ſo lange, als es ihm gefiel, zu plaudern, und die Einſamkeit, in der ſich Beide jeden Abend befanden, zu beruhigen vermochten. Mehr noch, Maurice, der der tägliche Gaſt des Hauſes geworden war, blieb nicht nur in völliger Sicherheit mit Genevisve, welche übrigens gegen die Wünſche des jungen Mannes durch ihre Engelreinheit beſchützt zu ſein ſchien, ſondern er begleitete ſie auch bei den Gaͤugen, die ſie von Zeit zu Zeit im Quartiere zu machen genöthigt war. Inmitten dieſes vertraulichen Verhältniſſes, das er im Hauſe gewonnen hatte, ſetzte ihn Eines in Erſtaunen; dies war der Umſtand, daß je mehr er, allerdings viel⸗ leicht, um die Gefühle beſſer bewachen zu können, die er bei ihm fuͤr Genevieve vorausſetzte, daß je mehr er, ſagen wir, nähere Bekanntſchaſt mit Morand zu machen ſuchte, deſſen Geiſt ihn, trotz ſeiner Vorurtheile, verführte, deſſen erhabene Manieren ihn ungemein anzogen, dieſer ſeltſame Mann ſich abſichtlich immer mehr von Maurice zu ent⸗ 1 8 121 fernen bemüht war. Er beklagte ſich bitter bei Geneviève, denn er zweifelte nicht, daß Morand in ihm einen Neben⸗ buhler errathen hatte und daß es von ſeiner Seite die Eiferfucht war, was ihn von ihm entfernte. „Der Bürger Morand haßt mich,“ ſagte er eines Tags zu Genevieve. „Sie,“ entgegnete Geneviève, indem ſie ihn mit ihrem ſchönen, erſtaunten Auge anſchaute;„Sie, mein Herr, Morand haßt Sie?“ „Ja, ich bin deſſen ſicher“ „Und warum ſollte er Sie haſſen?“ „Soll ich es Ihnen ſagen?“ rief Maurice. „Gewiß,“ verſetzte Genevieve. „Nun wohl... weil ich...“ Maurice hielt inne. Er wollte ſagen:„weil ich Sie liebe. „Ich kann Ihnen nicht mittheilen, warum,“ ſprach Maurice erröthend. Der wilde Republikaner war bei Ge⸗ neviève ſchüchtern und verzagt wie ein Mädchen. Genevisve lächelte. „Sagen Sie,“ verſetzte ſie,„ſagen Sie, es finde keine Sympathie zwiſchen Ihnen ſtatt, und ich werde Ihnen vielleicht glauben. Sie ſind eine glühende Natur, ein glänzender Geiſt, ein Mann von ausgezeichnetem Cha⸗ rakter. Morand iſt ein auf einen Chemiker gepfropfter Kaufmann Er ſſt ſchüchtern, er iſt beſcheiden. Und dieſe Schüchternheit, dieſe Beſcheidenheit verhindern ihn, den erſten Schritt Ihnen entgegen zu thun“ „Und wer verlangt, daß er mir den erſten Schritt entgegen thun ſoll? Ich habe fünfzig ihm entgegen ge⸗ than. Er hat mir nie geantwortet. Nein“ fuhr Mau⸗ rice den Kopf ſchüttelnd fort,„nein, es iſt ſicherlich nicht dieſes.“ „Nun, was iſt es denn?“ Maurice zog es vor, zu ſchweigen. Am andern Tage, nachdem er dieſe Erklärung mit 122 Geneviève gehabt hatte, kam er Nachmittags um zwei Uhr zu ihr; er fand ſie in einer Ausgangstoilette. „Ahl ſeien Sie willkommen,“ ſagte Geneviève,„Sie werden mir als Ritter dienen.“ „Und wohin gehen Sie?“ fragte Maurice. „Ich muß nach Auteuil. Das Wetter iſt köſtlich, und ich wünſchte ein wenig zu Fuß zu gehen; unſer Wagen wird uns bis jenſeits der Barrieère führen, dann gehen wir zu Fuße nach Auteuil, und wenn ich beendigt habe, was mir in Auteuil zu beſorgen obliegt, kehren wir zurück und nehmen wieder unſern Wagen, der bei der Barrière auf uns wartet.“ „Oh!“ rief Maurice entzückt,„welch einen herr⸗ lichen Tag bieten Sie mir!“ Die zwei jungen Leute entfernten ſich. Jenſeits Paſſy ſtiegen ſie aus, ſprangen leicht auf den Rand des Weges und ſetzten ihre Promenade zu Fuß fort. Als ſie nach Auteuil kamen, blieb Genevisve ſtehen. „Erwarten Sie mich am Saume des Parkes,“ ſagte ſie,„wenn ich meine Angelegenheiten beendigt habe, hole ich Sie wieder ab.“ „Zu wem gehen Sie?“ „Zu einer Freundin.“ „Zu der ich Sie nicht begleiten kann?“ Geneviève ſchüttelte lächelnd den Kopf und erwiederte: „Unmöglich.“ Maurice biß ſich auf die Lippen. „Es iſt gut“ ſagte er,„ich werde warten.“ „Was denn?“ fragte Geneviè ve. „Nichts,“ antwortete Maurice.„Werden Sie lange ausbleiben?“ 4 „Wenn ich Sie zu beläſtigen geglaubt hätte, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr Tag in Anſpruch genommen iſt,“ verſetzte Geneviève,„ſo hätte ich Sie nicht um den kleinen Dienſt, mit mir zu kommen, gebeten; ich hätte mich von.“ 123 „Von Herrn Morand begleiten laſſen,“ unterbrach ſie Maurice lebhaft. „Nein, Sie wiſſen, daß Herr Morand in der Fabrik von Rambouillet iſt und erſt dieſen Abend zurückkom⸗ men ſoll.“ „Ah!l dieſem Umſtande habe ich den Vorzug zu ver⸗ danken?“ „Maurice,“ ſprach Geneviève mit ſanftem Tone, „ich kann die Perſon, mit der ich mich zuſammenbeſchie⸗ den, nicht warten laſſen: wenn es Ihnen laͤſtig wird, mich zu führen, ſo kehren Sie nach Paris zurück, nur ſchicken Sie mir meinen Wagen.“ „Nein, nein, Madame,“ verſetzte Maurice lebhaft. Und er grüßte Geneviséve; dieſe ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus und ging nach Auteuil hinein. Maurice begab ſich zu der verabredeten Stelle, ſpa⸗ zierte auf und ab und ſchlug mit ſeinem Stocke, wie Tarquinius, alle Köpfe von Gräſern, Blumen oder Di⸗ ſteln ab, die er auf ſeinem Wege fand. Dieſer Weg war indeſſen auf einen kleinen Raum beſchränkt; wie alle ſehr unruhige Menſchen, drehte ſich Maurice immer nach weni⸗ gen Schritten wieder um. 3 Was Maurice ſo ſehr beunruhigte, war, daß er durchaus hätte wiſſen mögen, ob ihn Genevisve liebte oder nicht liebte: ihr ganzes Benehmen gegen den jungen Mann war das einer Schweſter und einer Freundin; doch er fühlte, daß dies nicht mehr genügte. Er liebte ſie mit ſeiner vollen Liebe. Sie war der einzige Gedanke ſeiner Tage, der unabläßig erneuerte Traum ſeiner Nächte geworden. Früher verlangte er nichts Anderes, als Ge⸗ nevisve wiederzuſehen, jetzt war dies nicht mehr genug: Geneviève mußte ihn lieben. Geneviève blieb eine Stunde abweſend, die ihm ein Jahrhundert dunkte; dann ſah er ſie mit einem Lächeln auf den Lippen erſcheinen. Maurice trat im Gegentheil mit gefalteter Stirne auf ſie zu. Unſer armes Herz iſt 124 ſo beſchaffen, daß es den Schmerz gerade aus dem Schoße des Glüctes zu ſchöpfen trachtet. Geneviéve nahm lächelnd den Arm von Maurice. „Hier bin ich,“ ſagte ſie;„verzeihen Sie, mein Freund, daß ich Sie habe warten laſſen.“ Maurice antwortete durch eine Bewegung des Kopfes, und Beide wählten den Weg durch eine weiche, reizende, ſchattige, buſchige Allee, we che ſie auf einem Umwege nach der Landſtraße zurückführen ſollte. Es war einer von den köſtlichen Frühlingsabenden, wo jede Pflanze dem Himmel ihre Ausſtrömung zuſendet, wo jeder Vogel, unbeweglich auf dem Zweige oder durch das Geſträuch hüpfend, Gott ſeine Liebeshymne zuwirft; einer von jenen Abenden endlich, welche in der Erinnerung zu leben beſtimmt ſcheinen. Maurice war ſtumm; Geneviève war nachdenkend; ſie entblätterte mit einer Hand die Blumen eines Straußes, den ſie mit ihrer andern Hand hielt, welche auf den Arm von Maurice geſtützt war. 4 „Was haben Sie?“ fragte plötzlich Maurice,„und was macht Sie heute ſo traurig?“ Geneviéve hatte ihm antworten können: Mein Glück. Sie ſchaute ihn mit ihrem ſanften, poetiſchen Blicke an und ſprach: „Aber Sie ſelbſt, ſind Sie nicht trauriger als ge⸗ wöhnlich?“ „Ich,“ verſetzte Maurice,„ich habe ein Recht, traurig zu ſein, ich in unglucklich; doch Sie...“ „Sie, unglucklich?“ „Allerdings; bemerken Sieü zuweilen am Zittern meiner Stimme, daß ich leide Begegnet es mir nicht, wenn ich mit Ihnen oder Ihrem Gatten ſpreche, daß ich plötzlich aufſtehe und genöthigt bin, vom Himmel Luft zu verlangen, weil es mir vorkommt, als zerſpränge meine Bruſt?“ „Welchem Umſtande ſchreiben Sie dieſes Leiden zu?2“ fragte Geneviéve verlegen. 125 „Wenn ich ein geziertes Mädchen wäre,“ ſagte Maurice mit einem ſchmerzlichen Gelächter,„ſo würde ich Ihnen antworten, ich leide an den Nerven.“ „Und in dieſem Augenblick leiden Sie?“ „Sehr.“ „Dann laſſen Sie uns nach Hauſe zurückkehren.“ „Schon, Madame?“ „Allerdings.“ „Ahl es iſt wahr,“ murmelte der junge Mann,„ich vergaß, daß Herr Morand mit Einbruch der Nacht von Rambouillet zurückkommen ſoll, und daß die Nacht eben einbricht“ Geneviève ſchaute ihn mit einem Ausdruck des Vor⸗ wurfes an „Ei! abermals,“ ſagte ſie.. „Warum haben Sie neulich Herrn Morand ein ſo pomphaftes Lob geſpendet?“ verſetzte Maurice.„Es iſt Ihr Fehler.“ „Seit wann darf man in Gegenwart von Leuten, die man achtet, nicht ſagen, was man von einem achtbaren Manne denkt?“ „Es iſt eine ſehr lebhafte Achtung, welche die Schritte ſo ſehr beſchleunigen macht, wie Sie es in dieſem Au⸗ genblicke thun, aus Furcht, einige Minuten zu ſpät zu kommen.“ „Sie ſind heute unendlich ungerecht, Maurice; habe ich nicht einen Theil des Tages mit Ihnen zugebracht?“ „Sie haben Recht, und ich bin in der That zu an⸗ ſpruchsvoll,“ verſetzte Maurice, der ſich dem Ungeſtüm ſeines Charakters hingobz„Wir wollen Herrn Morand wiederſehen, vorwärts.“ 3 Geneviéve fühlte den Aerger von ihrem Geiſte in ihr Herz übergehen. „Ja,“ ſagte ſie,„wir wollen Herrn Morand wieder⸗ ſehen. Dieſer iſt wenigſtens ein Freund, der mir nie eine Pein bereitet“ „Solche Leute ſind koſtbare Freunde,“ ſagte Maurice, 4* vor Eiferſucht erſtickend,„und ich weiß, daß ich meines Theils ähnliche kennen zu lernen wunſchte.“ Sie waren in dieſem Augenblick auf der Landſtraße. Der Horizont röthete ſich; die Sonne fing an zu ver⸗ ſchwinden und ließ ihre letzten Strahlen auf dem vergol⸗ deten Simswerk des Doms der Invaliden funkeln. Ein Stern, der erſte, derjenige, welcher ſchon an einem andern Avend die Blicke von Geneviéve auf ſich gezogen hatte, glänzte im flüſſigen Azur des Himmels. Geneviève verließ den Arm von Maurice mit dulden⸗ der Traurigkeit und ſprach: „Was haben Sie mich denn leiden zu machen?“ „Ah!“ verſetzte Maurice,„das geſchieht, weil ich min⸗ der geſchickt bin, als gewiſſe Menſchen, die ich kenne, weil ich nicht weiß, wie man ſich Liebe erringt.“ „Maurice!...“ rief Geneviéve. „Ohl Madame, wenn er beſtändig gut, beſtändig gleich iſt, ſo iſt dies nur der Fall, weil er nicht leidet.“ Geneviéve ſtützte abermals ihre weiße Hand auf den mächtigen Arm von Maurice. „Ich bitte Sie,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„ſpre⸗ chen Sie nicht mehr, ſprechen Sie nicht mehr.“ „Und warum?“ „Weil mir Ihre Stimme weh thut.“ „Alſo mißfallt Ihnen Alles an mir, ſogar meine 4 Stimme?“ „Schweigen Sie, ich beſchwöre Sie.“ „Ich werde gehorchen, Madame.“ 8 Und der ungeſtüme junge Mann fuhr mit der Hand über ſeine von Schweiß befeuch Stirne. Geneviève ſah, daß er wirklich litt. Die Naturen von der Art von Maurice haben unbekannte Schmerzen. „Sie ſind mein Freund, Maurice,“ ſagte Genevieve, indem ſie ihn mit einem himmliſchen Ausdruck anſchaute; ein koſtbarer Freund für mich: Maurice, machen Sie, daß ich meinen Freund nicht verliere.“ 4 „O dauern.“ „Sie täuſchen ſich, ich würde ihn lange bedauern, immer!“ „Geneviéve! Genevive!“ rief Maurice,„haben Sie Mitleid mit mir!“ Genevisve ſchauerte. Es war das erſte Mal, daß Maurice ihren Namen mit einem ſo tiefen Ausdruck ſprach. „Nun wohl,“ fuhr Maurice fort,„da Sie mich er⸗ rathen haben, ſo laſſen Sie mich Alles ſagen, Geneviéve; und ſollten Sie mich auch mit einem Blicke tödten... ich ſchweige zu lange; ich werde ſprechen, Genevieve.“ „Mein Herr,“ rief die junge Frau,„ich habe Sie im Namen unſerer Freundſchaft angeſteht, zu ſchweigen; mein Herr, ich flehe Sie abermals an, daß Sie meinetwegen ſchweigen, wenn Sie es nicht Ihretwegen thun wollen. Kein Wort mehr, im Namen des Himmels, kein Wort mehr!“* „Die Freundſchaft, die Freundſchaft. Ahl wenn Sie eine Freundſchaft der ähnlich, welche Sie für mich hegen, auch für Herrn Morand haben, ſo leiſte ich Verzicht auf Ihre Freundſchaft, Genevicve: ich brauche mehr als Andere.“ „Genug,“ verſetzte Madame Dirmer mit einer könig⸗ lichen Geberde,„genug, Herr Lindey; hier iſt unſer Wagen, wollen Sie mich zu meinem Gatten zurückführen.“ 3 Maurice zitterte vor Fieber und Aufregung; als Ge⸗ neviéve, um zum Wagen zurüctzukehren, der nur ein paar Schritte entfernt ſtand, ihre Hand auf den Arm von Mau⸗ erice legte, kam es dem jungen Mann vor, als wäre dieſe Hand von Flammen. Beide ſtegen in den Wagen. Man fuhr durch ganz Paris, ohne daß Eines oder das Andere ein Wort geſprochen hätte. Nur hielt Genevisve auf der ganzen Fahrt ihr Sacktuch vor die Augen Als ſie nach der Fabrik zurückkamen, war Dirxmer in ſeinem Arbeitscabinet beſchäftigt; Morand kehrte von Ram⸗ 8h! Sie würden ſeinen Verluſt nicht lange be⸗ 128 bouillet nach Hauſe und wechſelte eben die Kleider. Ge⸗ neviève reichte Maurice in ihr Zimmer tretend die Hand und ſagte zu ihm: „Leben Sie wohl, Maurice, Sie haben es gewollt.“ Maurice antwortete nicht, er ging gerade auf den Kamin zu, wo ein Miniaturbild Genevisve vorſtellend hing: er küßte es glühend, drückte es an ſein Herz, brachte es wieder an ſeinen Platz und verließ das Zimmer. Maurice kehrte in ſeine Wohnung zurück, ohne zu wiſſen wie; er durchſchritt Paris, ohne etwas zu ſehen, ohne etwas zu hören; die Dinge waren vor ihm vorge⸗ fallen wie in einem Traum, und er konnte ſich weder von ſeinen Handlungen, noch von ſeinen Worten, noch von dem Gefühl, das ihm dieſelben eingeflößt, Rechenſchaft ablegen. Es gibt Augenblicke, wo die heiterſte, die kräf⸗ tigſte Seele ſich zu Heftigkeiten hinreißen läßt, welche ihr die untergeordneten Gewalten der Einbildungekraft be⸗ fehlen Manrice ging nicht nach Hauſe, er lief: er entklei⸗ dete ſich ohne die Hülfe ſeines Kammerdieners; er ant⸗ wortete ſeiner Köchin nicht, die ihm ein bereitſtehendes Abendbrod zeigte, nahm die Briefe des Tages vom Tiſche, las ſie alle, einen nach dem andern, ohne“ ein einziges Wort zu verſtehen. Der Nebel der Eifer⸗ ſucht, der Rauſch der Vernunft waren noch nicht ver⸗ ſchwunden. Um zehn Uhr legte ſich Maurice maſchinenmäßig nieder, wie er alle Dinge gethan hatte, ſeitdem er Gene⸗ viève verlaſſen. Wenn man Maurice bei kaltem Blute wie von einem Andern ſein ſeltſames Benehmen erzählt hätte, ſo würde er es nicht begriffen haben; er würde denjenigen für einen Narren gehalten haben, der dieſe verzweifelte Handlung begangen hätte, wozu ihn weder eine zu große Zurück⸗ haltung, noch eine zu große Hingebung von Geneviève berechtigten; er fühlte nur einen furchtbaren Schlag, der ſeinen Hoffnungen verſetzt worden war, ſeinen Hoffnungen, —,——- 8. über die er ſich nie Rechenſchaft gegeben und auf denen, ſo ſchwankend ſie auch waren, alle ſeine Glücksträume beruhten, welche, ungreifbarem Dunſte ähnlich, geſtaltlos am Horizont ſchwammen. Es geſchah Maurice auch, was beinahe immer in ſolchen Fällen geſchieht; betaubt von dem Schlage, den er erhalten, entſchlummerte er, ſobald er ſich im Bette fühlte, oder er blieb vielmehr bis am andern Morgen des Gefühls beraubt.. Ein Geräuſch erweckte ihn indeſſen: es war das, wel⸗ ches ſein Willfahriger die Thüre öffnend machte; er kam, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, um die Fenſter des Schlaf⸗ zimmers von Maurice, weiche nach einem großen Garten gingen, zu öffnen und um Blumen zu bringen. Man eultivirte die Blumen ungemein im Jahr 93 und Maurice betete ſie anz aber er warf nicht einmal einen Blick auf die ſeinigen. Halb erhoben ſtützte er ſei⸗ nen Kopf auf ſeine Hand und ſuchte ſich deſſen, was am Tage vorher vorgefallen war, zu erinnern. Maurice fragte ſich ſelbſt, ohne ſich Antwort ge⸗ ben zu können, was die Urſachen ſeiner Verdrießlichkeit geweſen ſeien; die einzige war ſeine Eiferſucht gegen Mo⸗ rand; aber der Augenblick, ſich mit der Eiferſucht gegen einen Mann zu unterhalten, war ſchlecht gewählt, wenn ſich dieſer Mann in Rambouillet befand und wenn man unter vier Augen mit der Frau, die man liebt, dieſes Alleinſein mit der Süßigkeit genießt, mit der es die Na⸗ tur umgibt, welche an einem der ſchönen Frühlingstage erwacht. führt und wo ſie mehr als eine Stunde geblieben war, vorgefallen ſein könnte; nein, die beſtaͤndige Marter ſeines Lebens bildete der Gedanke, Morand wäre verliebt in eenevieve und— ſonderbare Phantaſie des Gehirns, ſeltſame Combination der Laune nie hatte eine Ge⸗ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I 9 130 berde, nie hatte ein Blick, nie hatte ein Wort des Aſſocié von Dirmer einer ſolchen Vorausſetzung einen Anſchein von Wirklichkeit gegeben! Die Stimme des Kammerdieners entzog ihn ſeiner Träumerei „Bürger,“ ſagte dieſer zu ihm, indem er auf die auf dem Tiſche liegenden offenen Briefe deutete,„haben Sie diejenigen ausgewählt, welche Sie behalten wollen, oder kann ich Alles verbrennen?“ „Was verbrennen?“ verſetzte Maurice. „Die Briefe, die der Bürger geſtern vor Schlafen⸗ gehen geleſen hat.“ Maurice erinnerte ſich nicht, einen einzigen geleſen zu haben. „Verbrenne Alles,“ ſagte er. „Hier ſind die von heute, Bürger,“ ſprach der Will⸗ ährige. h Er reichte Maurice ein Paquet Briefe und warf die andern in das Feuer. Maurice nahm das Paquet, das man ihm reichte, fühlte Siegellack unter ſeinen Fingern und glaubte unbe⸗ ſtimmt einen befreundeten Wohlgeruch zu erkennen. Er ſuchte unter den Briefen und ſah ein Siegel und eine Handſchrift, die ihn beben machten Dieſer Mann, ſo ſtark jeder Gefahr gegenüber, er⸗ bleichte ſchon bei dem Geruche eines Briefes. Der Willfährige näherte ſich ihm, um ihn zu fragen, was er hätte; doch Maurice hieß ihn mit einem Zeichen ſeiner Hand hinausgehen. Maurice drehte den Brief um und um; er hatte die Ahnung, daß er ein Unglück für ihn enthielt, und zitterte, wie man vor dem Unbekannten zittert. Er raffte indeſſen ſeinen ganzen Muth zuſammen, öff⸗ nete den Brief und las wie folgt: 131 „Bürger Maurice, „Wir müſſen Bande brechen, welche die Geſetze der Freundſchaft zu überſchreiten trachten. Sie ſind ein Mann von Ehre Burger, und nun, nachdem eine Nacht auf das, was geſtern Abend zwiſchen uns vorgefallen, hingegangen, muſſen Sie begreifen, daß Ihre Gegenwart in meinem Hauſe eine Unmöglichkeit geworden iſt. Ich zähle darauf, daß Sie eine Entſchuldigung nach Ihrem Belieben bei meinem Gatten finden werden. Dadurch, daß ich noch heute einen Brief von Ihnen für Herrn Dirmer ankommen ſehe, werde ich mich überzeugen, daß ich den Verluſt eines leider verirrten Freundes zu beklagen habe, welchen wieder⸗ zuſehen mich jedoch der geſellſchaftliche Wohlanſtand durchaus verhindert. Leben Sie wohl für immer. Genevisve.“ N. S. „Der Ueberbringer erwartet die Antwort.“ Maurice rief; der Kammerdiener erſchien. „Wer hat dieſen Brief gebracht?“ „Ein Bürger Commiſſionar.“ „Und er iſt noch da?“ „Ja. ℳ Maurice ſeufzte nicht, zögerte nicht. Er ſprang aus dem Bette, zog eine Hoſe an, ſetzte ſich vor ſein Pult, nahm das erſte, das beſte Popier(zufällig war es ein Pa⸗ pier mit einem auf den Namen der Section gedruckten Briefkopf), und ſchrieb: „Bürger Dirmer, „Ich liebte Sie, ich liebe Sie noch, doch ich kann Sie nicht mehr ſehen.“ Maurice ſuchte die Urſache, aus der er den Bürger 132 Dirmer nicht mehr ſehen konnte, und eine einzige bot ſich ſeinem Geiſt; es war diejenige, welche ſich zu jener Zeit dem Geiſte von Jedermann geboten hätte. Er fuhr alſo fort: „Es ſind gewiſſe Gerüchte über Ihre Lauheit für die öſſentliche Sache im Umlauf. Ich will Sie nicht anklagen, und habe von Ihnen nicht den Auftrag Sie zu vertheidi⸗ gen. Empfangen Sie mein Bedauern und ſeien Sie über⸗ zeugt, daß Ihre Geheimniſſe in meinem Herzen begraben bleiben werden.“ Maurice überlas nicht einmal mehr dieſen Brief, den er, wie geſagt, unter dem Eindruck der erſten Idee, die ſich ihm geboten, geſchrieben hatte. Die Wirkung, welche er hervorbringen mußte, unterlag keinem Zweifel. Dirmer, ein vortrefflicher Patriot, wenigſtens wie Maurice aus ſei⸗ nen Reden hatte entnehmen können, Dirmer würde ſich bei Empfang deſſelben ärgern; ſeine Frau und der Bür⸗ ger Morand würden ihn ohne Zweifel auffordern, beharr⸗ lich zu ſein, er würde nicht einmal antworten und das Vergeſſen mußte ſich wie ein ſchwarzer Schleier uͤber der lachenden Vergangenheit ausbreiten, um ſie in eine düſtere Zukunſt zu verwandeln. Maurice unterzeichnete, verſiegelte den Brief, gab ihn ſeinem Willfährigen und der Commiſ⸗ ſionär ging ab. Da entſchlüpfte ein ſchwacher Seufzer dem Herzen des Republikaners, er nahm ſeine Handſchuhe, ſeinen Hut, und begab ſich auf die Section. Der arme Brutus hofſte ſeinen Stoicismus bei den öffentllchen Angelegenheiten wiederzufinden. Die öffentlichen Angelegenheiten waren furchtbar. Der 31. Mai bereitete ſich vor. Der Schrecken, der ſich, einem Strome ähnlich, vor der Montagne herabſtürzte, ſuchte den Damm fortzureißen, den ihm die Girondiſten entgegenſetzen wollten, die Girondiſten, dieſe kühnen Ge⸗ mäßigten, die es gewagt hatten, Rache für die September⸗ 133 metzeleien zu fordern und einen Augenblick zu kämpfen, um dem König das Leben zu retten. Wahrend Maurice mit ſo viel Eifer arbeitete, daß ihm das Fieber, welches er vertreiben wollte, ſeinen Kopf verzehrte, ſtatt ſeines Herzens, kehrte der Bote in die Rue Vieille Saint⸗Jacques zurück und füllte das Haus mit Er⸗ ſtaunen und Schrecken. Der Brief, nachdem er unter den Angen von Gene⸗ visve vorübergegangen war, wurde Dirmer überbracht. Dirmer öffnete und las ihn, ohne ihn Anfangs zu begreifen; dann theilte er denſelben dem Bürger Morand mit, der ſeine elfenbeinweiße Stirne auf ſeine Hand fal⸗ len ließ. In der Lage, in der ſich Dirmer, Morand und ſeine Gefährten befanden,— eine Maurice völlig unbekannte Lage, welche jedoch unſere Leſer durchdrungen haben,— war dieſer Brief in der That ein Donnerſchlag! „Iſt er ein ehrlicher Mann? fragte Dirmer voll Angſt. „Ja,“ antwortete Morand ohne Zögern. „Gleichviel!“ verſetzte verjenige, welcher für die äußer⸗ ſten Mittel geweſen war,„wir hatten, wie Sie ſehen, Un⸗ recht, daß wir ihn nicht tödteten“ „Mein Freund,“ ſprach Morand,„wir kämpfen gegen die Gewalt; wir brandmarken ſie mit dem Namen Ver⸗ brechen. Wir haben wohl daran gethan, was daraus er⸗ folgen mag, daß wir keinen Menſchen getödtet; denn, ich Miederhole es, ich halte Maurice für ein edles, redliches erz.“ d Ja doch wenn dieſes edle, redliche Herz, das eines überſpannten Republikaners iſt, ſo wird er es, wenn er etwas erlauſcht hat, vielleicht ſelbſt für ein Verdrechen halten, nicht ſeine eigene Ehre, wie Sie ſagen, auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern.“ „Aber glauben Sie, daß er etwas weiß?“ verſetzte orand.“ „Eil hören Sie nicht? er ſpricht von Geheimniſſen, die in ſeinem Herzen begraben bleiben ſollen.“ — „Dieſe Geheimniſſe ſind offenbar diejenigen, welche ihm von mir in Beziehung auf unſere Schmuggelei an⸗ veertraut wurden; er kennt keine andere. Doch,“ fuhr Mo⸗ rand fort,„hat er keinen Verdacht wegen der Zuſammen⸗ kunft in Auteuil geſchöpft? Sie wiſſen, daß er Ihre Frau begleitete.“ „Ich ſelbſt hieß Geneviéve Maurice als Schutzwache mitnehmen.“ „Hören Sie,“ verſetzte Morand,„wir werden bald ſehen, ob Ihr Argwohn gegründet iſt. Die Reihe der Wache im Temple kommt an unſer Bataillon am 2. Juni, das iſt in acht Tagen; Sie ſind Kapitän, Dirmer, und ich bin Lieutenant: wenn unſer Bataillon, oder ſogar un⸗ ſere Compagnie Gegenbefehl erhält, wie ihn eines Tags das Bataillon der Butte⸗des⸗Moulins erhalten hat, welches Santerre durch das der Gravilliers erſetzen ließ, ſo iſt Alles entdeckt und wir haben nur noch Paris zu fliehen oder kämpfend zu ſterben. Doch wenn Alles den gewöhn-⸗ lichen Lauf der Dinge verfolgt...“ „So ſind wir auf gleiche Weiſe verloren,“ entgegnete Dirmer. „Warum dies?“ „Bei Gott! lief denn nicht Alles auf die Mitwirkung dieſes Municipal hinaus? War er es nicht, der uns, ohne es zu wiſſen, den Weg bis zur Königin öffnen ſollte?“ „Das iſt wahr,“ ſprach Morand niedergeſchlagen. „Sie ſehen alſo,“ verſetzte Dirmer, die Stirne fal tend,„wir müſſen um jeden Preis mit dieſem jungen Mann wieder anknüpfen.“ „Doch wenn er ſich weigert, wenn er ſich zu ge⸗ fährden befürchtet?“ „Hören Sie, ich will Geneviève befragen, ſie hat er zuletzt verlaſſen und ſie weiß vielleicht etwas.“ „Dirmer, ich ſehe ſehr ungern, daß Sie mit allen dieſen Complotten Geneviève vermiſchen; nicht als ob ich eine Indiscretion von ihrer Seite befurchtete, ohl großer Gott, nein, doch das Spiel, das wir ſpielen, iſt furcht⸗ 13⁵ bar, und ich ſchäme mich und fühle zugleich Mitleid, daß wir bei unſerem Einſatze den Kopf einer Frau gefahrden.“ „Der Kopf einer Frau hat ganz daſſelbe Gewicht, wie der eines Mannes, da wo die Liſt, die Unſchuld oder die Schönheit eben ſo viel und zuweilen ſogar mehr vermögen, als die Kraft, die Macht und der Muth; Genevive theilt unſere Ueberzeugungen und unſere Sympathien, Genevisve wird unſer Schickſal theilen.“ „Thun Sie es, lieber Freund,“ erwiederte Morand, nich habe geſagt, was ich ſagen mußte. Thun Sie es, Geneviève iſt in jeder Beziehung würdig der Sendung, die Sie ihr übertragen oder die ſie ſich vielmehr ſelbſt übertragen hat. Mit den Heiligen macht man die Mär⸗ tyrer.“ Und er reichte ſeine weiße, frauenartige Hand Dirmer, der ſie zwiſchen ſeinen kraftigen Händen drückte. Dirmer empfahl Morand und ſeinen Gefahrten mehr Wachſamkeit als je und ging zu Genevisve. Sie ſaß vor einem Tiſche, das Auge auf eine Sti⸗ ckerei geheftet und die Stirne geſenkt. Sie wandte ſich bei dem Geräuſch der Thüre um und erkannte Dirmer.. „Ah! Sie ſind es, mein Freund,“ ſagte ſie. „Ja,“ antwortete Dirmer mit einem heiteren, lächeln⸗ den Geſichte:„ich empfange von unſerem Freunde Mau⸗ rice einen Brief, den ich nicht verſtehe. Nehmen Sie, leſen Sie, und ſagen Sie mir, was Sie davon denken.“ Geneviève nahm den Brief mit einer Hand, deren Zittern ſie, trotz ihrer Selbſtbeherrſchung, nicht verbergen konnte, und las. Dirmer folgte ihr mit dem Blicke; ihre Augen durch⸗ liefen jede Zeile.. „Nun?“ fragte er, als ſie geendigt hatte. „Nunl! ich denke, daß Herr Maurice Lindey ein ehr⸗ licher Mann iſt, und daß man nichts von ſeiner Seite zu befürchten hat,“ antwortete Geneviéve. 136 „Sie glauben, er wiſſe nicht, wer die Perſonen ſind“ die Sie in Auteuil beſucht haben?“ „Ich bin es feſt überzeugt“ „Warum dann der ungeſtüme Entſchluß? Kam er Ihnen geſtern kälter oder bewegter vor, als gewöhnlich 2“ „Nein,“ ſprach Genevisve,„ich glaube, daß er der⸗ ſelbe war“ 5 „Bedenken Sie wohl, was Sie ſprechen, Genevieve, denn ihre Antwort wird, wie Sie begreiſen müſſen, einen gewichtigen Einfluß auf unſere Pläne haben“ „Warten Sie doch,“ ſagte Geneviève mit einer Auf⸗ regung, welche, ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengte, ihre Kälte zu bewahren, ſichtbar wurde;„warten Sie doch...“ „Gut!“ verſetzte Dirmer mit einem leichten Zuſam⸗ menziehen ſeiner Geſichtsmuskeln;„gut, ſammeln Sie alle Ihre Erinnerungen.“ „Ja,“ ſprach die junge Frau,„ja, ich erinnere mich, er war geſtern verdrießlich; Herr Maurice,“ fuhr ſie mit einem leichten Zögern fort,„Herr Maurice iſt ein wenig Tyrann bei ſeinen Freundſchaften und wir haben zuweilen ganze Wochen geſchmollt.“ „Es wäare alſo ein einfaches Schmollen?“ fragte Dirmer. „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Genevisve, Sie begreifen wohl, daß wir in unſerer Lage keine Wahrſcheinlichkeit brauchen, ſondern eine Ge⸗ wißheit.“ „Nun wohl, mein Freund, ich bin deſſen gewiß.“ „Dieſer Brief wäre alſo nur ein Vorwand, um nicht mehr in das Haus zu kommen?“ „Mein Freund, wie ſoll ich Ihnen ſolche Dinge ſagen?“ „Sprechen Sie, Genevisve, ſprechen Sie, denn jede andere Frau als Sie würde ich nicht darüber fragen“ „Es iſt ein Vorwand,“ ſprach Geneviéve, die Augen niederſchlagend.. „Ah!“ machte Dirmer. 137 Dann nach einem Augenblick des Stillſchweigens zog eer eine Hand, mit der er die Schläge ſeines Herzens zu⸗ ruckgedrängt hatte, aus ſeiner Weſtentaſche, legte ſie auf die Lehne des Sruhles ſeiner Frau und ſprach: „Thun Sie mir einen Gefallen, liebe Freundin.“ „Und welchen?“ fragte Genevisve, indem ſie ſich er⸗ ſtaunt umwandte. „Kommen Sie einer Gefahr bis zum Schatten zu⸗ vor; Maurice iſt vielleicht in unſere Geheimniſſe tiefer eingedrungen, als wir argwöhnen. Was Sie für einen Vorwand halten, iſt vielleicht eine Wirklichkeit. Schreiben Sie ihm ein Wort.“. „Ich?“ verſetzte Geneviève bebend. „Ja, Sie; ſagen Sie ihm, Sie haben den Brief geöffnet, und Sie wünſchen eine Erklärung darüber zu haben; er wird kommen, Sie befragen ihn und werden dann leicht errathen, um was es ſich handelt.“ „Oh! nein, nein,“ rief Geneviève,„ich kann nicht thun, was Sie fordern, ich werde es nicht thun.“ „Liebe Geneviève, wie können Sie, wenn ſo mäch⸗ tige Intereſſen wie die, welche auf uns beruhen, im Spiele ſind, vor elenden Ruckſichten der Eitelkeit zurück⸗ weichen?“ „Ich habe Ihnen meine Mein ing über Maurice ge⸗ ſagt, mein Herr,“ antwortete Geneviève;„er iſt reolich, er iſt ritterlich, doch er iſt auch launenhaft, und ich will mich keiner andern Knechtſchaft unterziehen, als der von meinem Gatten.“ 3 3 Dieſe Antwort wurde mit ſo viel Ruhe und ſo viel Feſtigkeit gegeben, daß Dirmer begriff, es ware wenig⸗ ſtens für dieſen Augenblick fruchtlos, wenn er auf ſeinem Verlangen beſtehen würde; er fügte kein Wort mehr bei, ſchaute Genevieve an, ohne daß es den Anſchein hatte, als betrachtete er ſie, fuhr mit ſeiner Hand über ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne und ging hinaus. Morand erwartete ihn voll Unruhe. Dirmer erzählte ihm Wort für Wort, was vorgefallen war. 138 „Gut,“ ſprach Morand,„bleiben wir hiebei und denken wir nicht mehr daran. Ehe ich Ihrer Frau einen Schatten von Kummer verurſachen, ehe ich die Eitelkeit von Genevisve verletzen würde, leiſtete ich darauf Verzicht..“ Dirmer legte ihm die Hand auf die Schulter, ſchaute ihn feſt an und erwiederte: „Sie ſind ein Narr, mein Herr, oder Sie denken nicht ein Wort von dem, was Sie ſagen.“ „Wie, Dirmer, Sie glauben?“ „Ich glaube, Chevalier, daß es Ihnen eben ſo wenig als mir freigeſtellt iſt, Ihre Gefühle dem Impulſe Ihres Herzens zu uͤberlaſſen. Weder Sie, noch ich, noch Gene⸗ viève gehören uns, Morand. Wir ſind Dinge, berufen, ein Princip zu vertheidigen, und die Principien ſtützen ſich auf die Dinge, welche ſie zermalmen.“ Morand bebte und ſchwieg— ein träumeriſches, ſchmerzliches Stillſchweigen. 3. So machten ſie einige Gänge durch den Garten, ohne ein einziges Wort auszutauſchen. Dann verließ Dirmer Morand. „Ich habe einige Befehle zu geben,“ ſagte er mit vollkommen ruhigem Tone.„Ich verlaſſe Sie, Herr Morand.“ Morand reichte Dirmer die Hand, ſchaute ihm nach, als er ſich entfernte, und ſprach: „Armer Dirmer, ich befürchte ſehr, daß lbei Allen er es iſt, der am meiſten wagt.“ Dirmer kehrte wirklich in ſeine Werkſtätte zurück, ertheilte einige Befehle, las die Zeitungen, ordnete eine Austheilung von Brod und Lohkuchen an die Armen der Section an, begab ſich ſodann in ſeine Wohnung und ver⸗ tauſchte ſeine Arbeitstracht gegen ſeine Ausgangskleider. Eine Stunde nachher wurde Maurice, als er ganz und gar in ſeine Leſungen und Anreden vertieft war, durch die Stimme ſeines Willfährigen unterbrochen, der ſichan ſein Ohr neigte und ganz leiſe zu ihm ſagte: „Bürger Lindey, einer der Ihnen, wenigſtens wie er 139 behauptet, ſehr wichtige Dinge mitzutheilen hat, erwartet ie in Ihrem Hauſe.“ Maurice kehrte nach Hauſe zurück und war ſehr er⸗ ſtaunt, als er in ſeiner Wohnung Dirmer in den Zeitun⸗ gen blatternd fand. Auf dem ganzen Rückwege hatte er ſeinen Bedienten befragt, dieſer aber war, da er den Mei⸗ ſter Rothgerber nicht kannte, nicht im Stande geweſen, ihm eine Auskunft zu geben. Da er Dirmer erblickte, blieb Maurice auf der Thür⸗ ſchwelle ſtehen und erröthete unwillkührlich. 3 Dirmer ſtand auf und reichte ihm lächelnd die Hand. „Welche Fliege ſticht Sie und was haben Sie mir geſchrieben?“ fragte er den jungen Mann.„In der That, das heißt mich fühlbar ſchlagen, mein lieber Maurice. Ich, ein lauer und falſcher Patriot, ſchreiben Sie! Gehen Sie doch, Sie können mir ſolche Dinge nicht in das Ge⸗ ſicht wiederholen; geſtehen Sie vielmehr, daß ſie einen ſchlimmen Streit mit mir ſuchen.“ „Ich werde Alles geſtehen, was Sie wollen, mein lieber Dirmer, denn Ihr Benehmen gegen mich iſt ſtets das eines artigen, zuvorkommenden Mannes geweſen, aver ich habe nichtsdeſtoweniger einen Entſchluß gefaßt, und dieſer Entſchluß iſt unwiderruflich.“ „Wie ſo?“ fragte Dirmer;„Sie geſtehen ſelbſt zu, daß Sie uns nichts vorzuwerſen haben, und Sie verlaſſen uns dennoch?“ „Lieber Dirmer, glauben Sie mir, daß ich, um zu handeln, wie ich handle, um mich eines Freundes zu be⸗ rauben, wie Sie ſind, ſehr triftige Gründe haben muß.“ „Ja,“ verſetzte Dirmer, indem er zu laͤcheln ſuchte, „ja, aber in jedem Fall ſind dieſe Gründe nicht diejenigen, welche Sie mir geſchrieben haben. Die, welche Sie mir geſchrieben, ſind nur ein Vorwand.“ Maurice dachte einen Augenblick nach und erwiederte ſodann: 3 „Hören Sie, Dirmer, wir leben in einer Zeit, wo der Zweifel, in einem Briefe ausgeſprochen, Sie beunruhi⸗ 140 gen muß, das begreife ich wohl; es wäre alſo nicht die Sache eines Mannes von Ehre, Sie unter dem Gewichte einer ſolchen Unruhe zu laſſen. Ja, Dirmer, die Grunde, die ich Ihnen angegeben habe, waren nur ein Vorwand“ Dieſes Geſtänoniß, das die Stirne des Handelsmannes hätte aufhellen ſollen, ſchien ſie im Gegentheil zu ver⸗ duſtern. „Nun aber den wahren Beweggrund?“ verſetzte Dirmer. „Ich kann Ihnen denſelben nicht ſagen,“ erwiederte Maurice,„und dennoch, wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie ihn auch billigen, deſſen bin ich ſicher.“ Dirmer drang in ihn. „Sie wollen alſo durchaus?“ ſagte Maurice. „Ja,“ antwortete Dirmer. „Nun wohl,“ ſprach Maurice, der eine gewiſſe Er⸗ leichterung darin fühlte, daß er ſich der Wahrheit nähern ſollte;„hören Sie, wie ſich die Sache verhalt: Sie haben eine junge und hübſche Frau, und die, obgleich wohlbe⸗ kannte, Keuſchheit dieſer jungen und hübſchen Frau konnte es nicht verhindern, daß meine Beſuche bei Ihnen ſchlecht gedeutet wurden“ Dirmer erbleichte leicht. „Wirklich!“ ſagte er;„dann mein lieber Maurice, muß Ihnen der Gatte fur das Schlimme danken, das Sie dem Freunde zufügen.“ „Sie begreifen,“ ſprach Maurice, nich bin nicht ſo eitel zu wahnen, meine Gegenwart könnte gefährlich für Ihre Ruhe oder für die Ihrer Frau ſein, aver ſie kann eine Quelle von Verleumdungen werden, und Sie wiſſen, je alberner die Verleumdungen ſind, deſto leichter finden ſie Glauben.“.. „Kind!“ verſetzte Dirmer die Achſeln zuckend. „Kind, ſo lange Sie wollen,“ entgegnete Maurice, „doch in der Ferne werden wir darum nicht minder Freunde ſein, denn wir werden uns Nichts vorzuwerfen haben, während in der Nähe im Gegentheil...“ „Nun in der Nähe?“ 141 „Die Dinge am Ende eine ſchlimme Wendung hätten nehmen können“ „Denken Sie, Maurice, ich hätte glauben können...“ „Eil mein Gott..“ verſetzte der junge Mann. „Aber warum haben Sie mir das nicht eher geſchrie⸗ ben, als geſagt, Maurice?“ „Sehen Sie, gerade um das, was in dieſem Augen⸗ blick unter uns vorfällt, zu vermeiden.“ „Sind Sie ärgerlich, Maurice, daß ich Sie hinreichend liebe, um hierher gekommen zu ſein und Sie um eine rklärung gebeten zu haben?“ Ohl ganz im Gegentheil,“ rief Maurice,„ich ſchwöre Ihnen, ich bin glücklich, Sie noch einmal geſehen zu ha⸗ ben, ehe ich Sie nicht mehr ſehe.“ „Uns nicht mehr ſehen, Bürger! wir liebten Sie doch ſo ſehr,“ verſetzte Dirmer, indem er die Hand des jungen Mannes nahm und zwiſchen den ſeinigen drückte. Maurice bebte. „Morand,“ fuhr Dirmer fort, dem dieſes Beben nicht entgangen war, der ſich aber den Anſchein gab, als hätte er es nicht bemerkt,„Morand wiederholte mir noch dieſen Morgen: Thun Sie Alles, was Sie können, um den lieben Herrn Maurice zurückzubringen.“ „Ahl mein Herr,“ ſprach der junge Mann die Stirne faltend und ſeine Hand zurückziehend,„ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß ich ſo weit in der Freundſchaft des Bürger Morand vorgerückt wäre.“ „Zweifeln Sie daran?“ verſetzte Dirmer. „Ich glaube es weder, noch zweifle ich daran; ich habe keinen Beweggrund, mich über dieſen Gegenſtand zu befragen: wenn ich zu Ihnen ging, Dirmer, ging ich Ihretwegen und Ihrer Frau wegen, und nicht dem Bür⸗ ger Morand zu Liebe.“ „Sie kennen ihn nicht, Maurice,“ entgegnete Dirmer;3 „Morand iſt eine ſchöne Seele.“ „Ich will es Ihnen zugeſtehen,“ ſprach Maurice bitter laͤchelnd. 3 1 1 1 142 „Kommen wir nun auf den Gegenſtand meines Be⸗ ſuches zurück,“ fuhr Dirmer fort. Maurice verbeugte ſich wie ein Menſch, der nichts mehr zu ſagen hat und wartet. „Sie behaupten alſo, es ſei ein Gerede entſtanden?“ „Ja, Bürger.“ „Sprechen wir offenherzig. Warum ſchenkten Sie einem leeren Gewäſche müſſiger Nachbarn irgend eine Auf⸗ merkſamkeit? Haben Sie nicht Ihr Gewiſſen, Maurice, und hat Geneviéve nicht ihre Redlichkeit?“ „Ich bin jünger als Sie,“ ſprach Maurice, der über dieſe Beharrlichkeit zu ſtaunen anfing,„und ich ſehe die Dinge vielleicht mit einem empfindlicheren Auge Deshalb erkläre ich Ihnen, daß über den Ruf einer Frau wie Gene⸗ vive nicht einmal das leere Gewäſche müſſiger Nachbarn ſtattfinden darf. Erlauben Sie mir alſo, lieber Dirmer, daß ich bei meinem erſten Entſchluſſe beharre.“ „Wohl,“ verſetzte Dirmer,„Und da wir eben im Zuge des Geſtehens ſind, ſo geſtehen wir noch etwas Anderes.“ B „Was?“ fragte Maurice erröthend.„Was ſoll ich geſtehen?“ „Daß es weder die Politik, noch das Gerede über Ihre häufigen Beſuche bei mir iſt, was Sie bewegt, uns zu verlaſſen.“ „Was iſt es denn?“ „Das Geheimniß, das Sie erforſcht haben.“ „Was für ein Geheimniß?“ fragte Maurice mit einem Ausdruck naiver Neugierde, der den Rothgerber beruhigte. „Die Angelegenheit der Schmuggelei, die Sie an dem Abend ergründeten, an welchem wir auf eine ſo ſeltſame Weiſe Bekanntſchaft machten. Sie haben mir dieſen Betrug nie vergeben, und Sie beſchuldigen mich, ich ſei ein ſchlechter Republikaner, weil ich mich engliſcher Erzeugniſſe in meiner Gerberei bediene.“ „Mein lieber Dirmer,“ erwiederte Maurice,„ich 143 8 ſchwöre Ihnen, wenn ich zu Ihnen kam, hatte ich völlig vergeſſen, daß ich bei einem Schmuggler war.“ 8 „In Wahrheit?“ „In Wahrheit.“. „Sie hatten alſo keinen andern Beweggrund, von meinem Hauſe wegzubleiben, als den, welchen Sie mir nannten?“ „Bei meiner Ehre.“ „Nun wohl, Manrice,“ ſprach Dirmer, indem er auf⸗ ſtand und dem jungen Mann die Hand drückte,„ich hoffe, Sie werden überlegen und von dem Entſchluß zu⸗ ruckkommen, der uns Allen ſo viel Schmerz bereitet.“ Maurice verbeugte ſich und antwortete nicht, was einer letzten Weigerung gleichkam. Dirmer entfernte ſich, in Verzweiflung darüber, daß er ſich die Verbindung mit dieſem Manne hatte nicht er⸗ halten können, den ihm gewiſſe Umſtände nicht allein ſehr nützlich, ſondern auch beinahe unentbehrlich machten. Es war Zeit. Maurice wurde von tauſend entgegen⸗ geſetzten Wünſchen bewegt. Dirmer bat ihn, wiederzu⸗ kommen; Genevisve könnte ihm verzeihen. Warum ſollte er alſo verzweifeln? Lorin hätte an ſeiner Stelle ſicher⸗ lich eine Menge von Aphorismen aus ſeinen Lieblings⸗ ſchriftſtellern gezogen. Doch da war der Brief von Ge⸗ neviève; dieſer förmliche Abſchied, den er mit ſich in die eection genommen, und den er auf ſeinem Herzen trug, mit dem kleinen Worte, das er am Morgen nach dem Tage erhalten, wo er ſie aus den Händen der Menſchen geriſſen, die ſie beleidigten; dann ſprach noch mehr als Alles dies die halsſtarrige Eiferſucht des jungen Mannes gegen den verhaßten Morand, die erſte Urſache ſeines ruches mit Genevisve. Mauriee blieb alſo unbeugſam in ſeinem Entſchluſſe. Aber es iſt nicht zu leugnen, es trat eine Leere für ihn ein, durch die Entbehrung des Beſuches, den er jeden Tag in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques gemacht hatte; und wenn die Stunde kam, wo er nach dem Quartier 144 Saint⸗Victor zu wandern gewohnt geweſen war, verſank er in eine tiefe Schwermuth, und von dieſem Augenblick durchlief er alle Phaſen der Erwartung und des Beklagens. Jeden Morgen erwartete er, wenn er erwachte, einen Brief von Dirmer zu finden, und diesmal ſagte er ſich, er, der dem mündlichen Andringen widerſtanden hatte, er würde einem Briefe nachgeben; jeden Tag ging er mit der Hoffnung aus, Geneviève zu begegnen, und zum Voraus hatte er tauſend Gründe gefunden, wenn er ihr begegnen würde, um auf ſie zuzugehen und mit ihr zu ſprechen. Jeden Abend kehrte er nach Hauſe zuruck mit der Hoffnung, den Boten zu finden, der ihm eines Mor⸗ gens, ohne daß er es vermuthete, den Schmerz gebracht hatte, welcher ſeitdem ſein beſtändiger Gefährte geworden war. Oft auch in ſeinen Stunden der Verzweiflung brüllte dieſer Mann mit der mächtigen Natur bei dem Gedanken, eine ſolche Qual zu fühlen, ohne ſie demjenigen, welcher ſie ihn hatte erdulden laſſen, zurückzugeben. Die erſte Urſache aber von allen ſeinen Leiden war Morand. Dann entwarf er einen Plan, Morand aufzuſuchen und Streit mit ihm anzufangen. Doch der Aſſocié von Dirmer war ſo ſchwächlich, ſo harmlos, daß ihn beleidigen oder herausfordern eine Feig⸗ heit von Seiten eines Koloſſen wie Maurice geweſen wäre. Lorin hatte wohl zuweilen einige Zerſtreuung in den Kummer zu bringen geſucht, den ihm ſein Freund hart⸗ näckig verſchwieg, ohne ihm das Vorhandenſein deſſelben abzuleugnen. Er hatte Alles gethan, was er in der Praris und in der Theorie vermochte, um dem Vaterland ein Herz zurückzugeben, das völlig von den Schmerzen einer andern Liebe eingenommen war. Aber, obgleich die Verhältniſſe ernſter Natur waren, obgleich er bei jeder andern Beſchaffenheit des Geiſtes Maurice ganz und gar in den politiſchen Strudel fortgeriſſen hätte, war er doch nicht im Stande geweſen, dem jungen Republikaner die frühere Thätigkeit wieder zu verleihen, die aus ihm einen Helden des 14. Juli und 10. Auguſt gemacht hatte. Die zwei Syſteme, welche ſich ſeit beinahe zehn Monaten 145 einander gegenüberſtanden, aber bis jetzt gewiſſermaßen nur leichte Angriffe auf einander ausgeführt, nur durch Schar⸗ mützel präludirt hatten, ſchickten ſich in der That nunmehr an, ſich Leib an Leib zu faſſen, und es war offenbar, daß der Kampf, wenn er einmal begonnen, für das eine oder das andere tödtlich werden mußte. Dieſe beiden Syſteme waren, im Schooße der Revolution ſelbſt geboren, das der Mäßigung,zyertreten durch die Girondiſten, das heißt, durch Beſſt, Wier,Herhnea Valazé, Languinais, Barbarour u. ſ. w. und das des Schreckens oder der Montagne, vertreten durch Danton, Ropespierre, Chénier, Fabre, Marat, Collot d'Herbois, Hébert u. ſ. w. Nach detinatb. Auguſt ſchien der Einfluß wie nach jedem Treffen auf die gemäßigte Partei überzugehen. Ein Miniſterium war aus den Trümmern des alten Miniſte⸗ riums mit einer neuen Beifügung gebildet worden. Ro⸗ land, Cervien und Clavières, ehemalige Miniſter, waren abermals berufen worden; Danton, Monge und Lebrun wurden neu ernannt. Mit Ausnahme von einem einzigen, der mitten unter ſeinen Collegen das energiſche Element vertrat, gehörten alle andere Miniſter der gemäßigten Partei an. Wenn wir ſagen gemäßigt, ſo begreift man wohl, daß wir beziehungsweiſe ſprechen. 4 Doch der 10. Auguſt hatte ſein Echo im Auslande gefunden und die Coalition hatte ſich beeilt, nicht Lud⸗ wig XVI. perſönlich, ſondern dem in ſeinen Grundfeſten erſchütterten royaliſtiſchen Prinzip zu Huͤlfe zu marſchiren. Es erſchollen die bedrohlichen Worte von Braunſchweig, und wie eine furchtbare Verwirklichung fielen Longwy und Verdun in die Gewalt des Feindes. Dann fand die terroriſtiſche Reaction ſtatt. Danton träumte von den Septembertagen und verwirklichte dieſen blutigen Traum, der dem Feinde Frankreich als in der Geſammtheit mit⸗ ſchuldig an einem ungeheuren Morde und bereit für ſein gefährdetes Daſein mit der ganzen Energie der Verzweif⸗ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 10 8 146 lung zu kämpfen gezeigt hatte. Der September hatte Frankreich gerettet, aber während er es gerettet, zugleich außer das Geſetz geſtellt. Sobald Frankreich gerettet und die Energie unnöthig geworden war, gewann die gemäßigten Partei wieder Kräfte. Da wollte ſie eine Anklage gegen die Schreckens⸗ tage erheben. Das Wort Mörder wurdcgk ausgeſprochen. Ein neues Wort wurde ſogax eabularium der Nation beigefügt, das Wort: Eſeur). Danton hatte es muthig angenommen. Wie Chlodwig hatte er einen Augenblick das Haupt unter der Bluttaufe gebeugt, doch nur um es höher undadrohender wieder zu erheben. Es bot ſich eine andere Gelegeſtheit, den vor⸗ übergegangenen Schrecken wieder aufzunehmen, dies war der Prozeß des Königs. Die Gewaltthat und die Mäßi⸗ gung traten noch nicht ganz in einen Kampf der Perſonen, ſondern in einen Kampf der Principien. Den Verſuch der beziehungsweiſen Kräfte machte man an dem königlichen Gefangenen. Die Mäßigung wurde beſiegt und der Kopf von Ludwig XVI. ſiel auf dem Schaffot. Wie der zehnte Auguſt, ſo verlieh der 21. Januar der Coalition wieder ihre ganze Thatkraft. Es war aber⸗ mals derſelbe Mann, den man ihr entgegenſetzte, aber nicht mehr daſſelbe Glück. In ſeinen Fortſchritten ge⸗ hemmt, durch die Unordnung in allen Verwaltungszwei⸗ gen, welche die Unterſtützung an Mannſchaft und Geld bis zu ihm zu gelangen verhinderte, erklärt ſich Dumou⸗ riez gegen die Jacobiner, die er dieſer Deſorganiſation beſchuldigt, ſchlägt ſich auf die Partei der Girondiſten und richtet ſie dadurch zu Grunde, daß er ſich für ihren Freund erklärt. *) Man unterſchied zwiſchen Septembriſeur und Septembriſtz Septembriſeur war einer, der an den im September 1792 ver⸗ übten Mordthaten Theil genommen; Septembriſt einer, der an denſelben keinen unmittelbaren Antheil genommen, wohl aber ſie gebilligt hatte. 4 Der Ueberſ. 2 147 Da erhebt ſich die Vendée; die Departements drohen; die Unfälle führen Verräthereien herbei und die Verrä⸗ thereien haben Unfälle zur Folge. Die Jacobiner klagen die Gemäßigten an und wollen ſie am 10. März, näm⸗ lich an dem Abend, an welchem unſere Erzählung beginnt, ſchlagen. Doch zu viel Eile von Seiten ihrer Gegner rettet ſie, und vielleicht auch jener Regen, der Pétion, dieſen tiefen Anatomiker des Pariſer Geiſtes, zu den Wor⸗ ten veranlaßt:„Es regnet, es wird in dieſer Nacht nichts geſchehen.“ Doch ſeit dem 11. März war Alles für die Gi⸗ rondiſten eine Weiſſagung ihres Untergangs: Marat in Anklageſtand verſetzt und freigeſprochen; Robespierre und 4 Danton verſöhnt, für den Augenblick wenigſtens, wie ſich ein Tiger und ein Löwe verſöhnen, um den Stier nieder⸗ zuwerfen, den ſie verzehren ſollen: Henriot, der Septem⸗ briſeur, zum Generalcommandanten der Nationalgarde er⸗ nannt: Alles prophezeit den furchtbaren Tag, der in einem Sturme den letzten Damm fortreißen ſollte, den die Re⸗ volution dem Schrecken entgegenſetzte. Dies waren die großen Ereigniſſe, an denen, unter allen andern Umſtänden, Maurice den thätigen Antheil genommen hätte, den ihm ſeine mächtige Natur, ſeine be⸗ geiſterte Vaterlandsliebe zuwieſen. Doch zum Glück oder zum Unglück für Manrice hatten weder die Ermahnungen von Lorin, noch der ſchreckliche Aufruhr in den Straßen aus ſeinem Geiſte den einzigen Gedanken, der ihn gefeſſelt hielt, vertreiben können, und als der 31. Mai kam, lag der furchtbare Stuͤrmer der Baſtille und der Tuilerien auf ſeinem Bett, verzehrt von jenem Fieber, das die Stärkſten tödtet, während es nur eines Blickes bedarf, um es zu zerſtreuen, eines Wortes, um es zu heilen. XIII. Ml 4) Der 31. Mai. Am Morgen des bekannten 31. Mai, wo die Sturm⸗ glocke und der Generalmarſch von Tagesanbruch an er⸗ ſchollen, rückte das Bataillon des Faubourg Saint⸗Bictor im Temple ein. Als alle die üblichen Förmlichkeiten vollzogen und die Poſten vertheilt waren, ſah man die Municipale von Dienſt ankommen und vier Kanonen wurden zur Ver⸗ ſtärkung denjenigen beigefügt, welche man bereits am Thore des Temple aufgepflanzt hatte. Zu gleicher Zeit mit den Kanonen kam Santerre mit ſeinen gelben, wollenen Epauletten und ſeinem Rocke, auf dem ſich ſeine Vaterlandsliebe in großen Fettflecken leſen ließ. Er ließ das Bataillon die Revue paſſiren, fand es in geeignetem Zuſtand und zählte ſodann die Municipale, welche nur ihrer drei waren. 3 „Warum drei Municipale?“ fragte er,„und wer iſt der ſchlechte Bürger, welcher fehlt.“ „Der Fehlende, Bürger General, iſt kein Lauer,“ antwortete unſer alter Bekannter Agricola;„denn es iſt der Seeretaire der Section Lepelletier, der Anführer der braven Thermopylen, der Burger Maurice Lindey.“ „Gut, gut,“ verſetzte Santerre,„ich muß wie Du den Patriotismus des Bürger Maurice Lindey anerkennen; deſſen ungeachtet wird man ihn, wenn er in zehn Mi⸗ punen nicht gekommen iſt, auf die Liſte der Abweſenden etzen.“ be Und Santerre ging zu andern Dingen über. Einige Schritte von dem General waren in dem Augenblick, wo er dieſe Worte ſprach, ein Kapitän der Chaſſeurs und ein Soldat: der eine auf ſeine Flinte ge⸗ ſtützt, der andere auf einer Kanone ſitzend. 4 149 „Haben Sie gehört?“ ſagte mit halber Stimme der Kapitän zu dem Soldaten,„Maurice iſt noch nicht ge⸗ kommen.“ „Ja, doch ſeien Sie unbeſorgt, er wird kommen, wenn er nicht in einem Aufruhr begriffen iſt.“ „Wenn er nicht kommen könnte,“ verſetzte der Ka⸗ pitän,„würde ich Sie als Schildwache auf die Treppe ſtellen, und da ſie ohne Zweifel auf den Thurm ſteigt, ſo können Sie ihr ein Wort ſagen.“ In dieſem Augenblick trat ein Mann ein, in wel⸗ chem man an ſeiner dreifarbigen Schärpe einen Muni⸗ cipal erkannte: nur war dieſer Mann dem Kapitän und dem Chaſſeur unbekannt; ihre Augen richteten ſich auch ſehr aufmerkſam auf ihn. „Bürger General,“ ſprach der Eintretende, indem er ſich an Santerre wandte, nich bitte Dich, mich an der Stelle des Bürgers Maurice Lindey anzunehmen, der krank iſt; hier iſt das Zeugniß des Arztes; die Reihe der Wache käme in acht Tagen an mich; ich tauſche mit ihm, in acht Tagen wird er den Dienſt für mich thun, wie ich ihn heute für ihn thue.“ „Wenn der Capet und die Capettes in acht Tagen noch leben,“ verſetzte einer von den Municipalen. Santerre erwiederte den Scherz des Eiferers mit einem kleinen Lächeln, dann wandte er ſich gegen den Man⸗ datar von Maurice um und ſprach: „Es iſt gut, unterzeichne im Regiſter am Platze von Maurice Lindey und trage bei der Colonne der Bemerkun⸗ gen die Urſache dieſer Vertauſchung ein.“ Der Kapitän und der Chaſſeur hatten ſich mit freu⸗ digem Erſtaunen angeſchaut. „In acht Tagen,“ ſagten ſie zu einander. „Kapitän Dirmer,“ rief Santerre,„ſtellen Sie ſich mit Ihrer Compagnie in den Garten.“. Kommen Sie, Morand,“ ſprach der Kapitaͤn zu ſeinem Gefährten. 4 Die Trommel erſcholl und die Compagnie entfernte K 150 ſich, geführt von dem Meiſter Rothgerber, in der vorge⸗ ſchriebenen Richtung. Man ſtellte die Waffen in Pyramiden auf und die Compagnie trennte ſich in Gruppen, welche nach ihrer Laune hin und her zu gehen anfingen. Der Ort ihres Spazierganges war derſelbe Garten, wo zur Zeit von Ludwig XVI. die königliche Familie zuweilen Luft geſchöpft hatte. Dieſer Garten war kahl, unfruchtbar, öde, und entbehrte völlig der Blumen, der Bäume und des Grüns. Ungefähr fünf und zwanzig Schritte von demjenigen Theile der Mauer, der nach der Rue Porte⸗Foin ging, erhob ſich eine Art von Hütte, welche die Vorſicht der Municipalität zur größeren Bequemlichkeit der im Temple aufgeſtellten Nationalgarden zu errichten geſtattet hatte; dieſe Nationalgarden fanden hier an den Tagen des Auf⸗ ruhrs, wo es hinauszugehen verboten war, zu eſſen und zu trinken. Die Direction dieſer kleinen inneren Schenke war ein Gegenſtand ſehr vielſeitigen Strebens geweſen. End⸗ lich hatte man die Conceſſion einer vortrefflichen Patriotin, der Witwe eines am 10. Auguſt getödteten Vorſtädters gegeben, welche auf den Namen Frau Plumeau antwortete. Dieſe kleine, aus Brettern und Kleiberlehm gebaute Hütte lag mitten auf einer Rabatte, deren Grenze man noch an einer Hecke von Zwerchbuchs erkannte. Sie be⸗ ſtand aus einer einzigen Stube von etwa zwölf Fuß im Gevierte, unter welcher ſich ein Keller ausdehnte, in den man auf Stufen hinabſtieg, die nur plump aus der Erde ausgehauen waren. Hier verſchloß die Witwe Plumeau ihre Flüſſigkeiten und ihre Eßwaaren, über welchen ſie und ihre Tochter, ein Kind von zwölf bis fünfzehn Jahren, abwechſelnd wachten. Kaum hatten die Nationalgarden ihren Bivonac be⸗ zogen, als⸗ſie, wie geſagt, die einen im Garten auf⸗ und abzugehen, die andern mit den Aufſehern zu ſprechen an⸗ fingen, während dieſe die Zeichnungen an der Mauer be⸗ trachteten, welche alle irgend einen patriotiſchen Gegen⸗ — 12 151 ſtand darſtellten, zum Beiſpiel den gehenkten König mit der Inſchrift:„Herr Veto nimmt ein Luftbad,“ oder den guillotinirten König mit der Inſchrift:„Herr Veto ſpuckt in den Sack,“ und während jene wiederum Madame Plu⸗ meau Eröffnungen über ihre gaſtronomiſchen Abſichten machten, wie ſie ihnen ihr mehr oder minder ſtarker Ap⸗ petit eingab. Unter der Zahl der Letzteren war der Kapitän und der Chaſſeur, wie wir ſchon bemerkt haben. „Ah! Kapitän Dirmer,“ ſagte die Wirthin,„ich habe herrlichen Wein von Saumur.“ „Gut, Bürgerin Plumeau, doch der Wein von Sau⸗ mur taugt, wenigſtens meiner Anſicht nach, nichts ohne den Käſe von Brie,“ erwiederte der Kapitän, der, ehe er dieſes Syſtem ausſprach, vorſichtig umhergeſchaut und unter den verſchiedenen Eßwaaren, welche ſtolz auf den Fächern der Schenke ausgebreiket lagen, die Abweſenheit der von ihm geſchätzten Speiſe wahrgenommen hatte. „Ah! mein Kapitän, das iſt eine unleugbare That⸗ ſache, doch das letzte Stück iſt genommen worden.“ „Dann: keinen Käſe von Brie, keinen Wein von Saumur,“ verſetzte der Kapitän,„und bemerke wohl, Burgerin, der Verbrauch lohnte ſich ſchon der Mühe, da ich die ganze Compagnie bewirthen wollte.“ „Mein Kapitän, ich verlange fünf Minuten von Dir und hole bei dem Bürger Aufſeher, der mit mir concur⸗ rirt und immer Vorrath hat; ich werde ihn ein wenig theurer bezahlen, doch Du biſt ein zu guter Patriot, um mich nicht zu entſchädigen.“ „Ja, ja, gehe,“ antwortete Dirmer,„und wir wer⸗ den mittlerweile in Deinen Keller hinabſteigen und uns ſelbſt unſern Wein wählen.“ „Thue, als ob Du zu Hauſe wäreſt, Kapitän.“ Und die Witwe lief aus Leibeskräften nach der Loge des Aufſehers, während der Kapitän und der Chaſſeur mit einem Lichte verſehen die Fallthüre aufhoben und in den Keller hinabſtiegen. 4 15² „Gut!“ ſagte Morand nach einer kurzen Unterſuchung, „der Keller läuft in der Richtung der Rue Porte⸗Foin; er iſt neun bis zehn Fuß tief und hat kein Mauerwerk.“ „Wie iſt der Boden beſchafſen?“ fragte Dirmer. „Kreidenartiger Tuff. Es iſt aufgearbeitete Erde; alle dieſe Gärten ſind wiederholt umgewühlt worden und es gibt nirgends einen Felſen.“ „Geſchwinde!“ rief Dirmer,„ich höre die Holzſchuhe unſerer Marketendnerin; nehmen Sie zwei Flaſchen Wein und laſſen Sie uns wieder hinaufgehen.“ Es erſchienen Beide an der Oeffnung der Fallthüre, als die Plumeau mit dem ſo dringend verlangten Briekäſe zurückkehrte. Hinter ihr kamen mehrere durch das gute Ausſehen des berühmten Käſes angelockte Chaſſeurs. 4 Dirmer machte die Honneurs: er bewirthete ſeine Compagnie mit ungefähr zwanzig Flaſchen Wein, während der Bürger Morand von der Aufopferung von Curtius, von der Uneigennützigkeit von Fabricius und von der Va⸗ terlandsliebe von Brutus und Caſſius erzählte, lauter Geſchichten, welche beinahe ebenſo hoch geſchätzt wurden, als der Käſe von Brie und der Wein von Anjou, womit Dirmer die Chaſſeurs bewirthete, was nicht wenig be⸗ ſagen will. Es ſchlug eilf Uhr. Um halb zwölf Uhr löſte man die Wachen ab. „Geht nicht gewöhnlich von zwölf Uhr bis ein Uhr die Oeſterreicherin ſpazieren?“ fragte Dirmer Tiſon, der an der Hütte vorüberkam. „Von zwölf bis ein Uhr, ganz richtig.“ Und er fing an zu ſingen: „Madam' monte à son tour, Mironton, tonton, mirontaine.“*) *) Madame ſteigt auf den Thurm u. ſ. w. 153 Dieſer neue Spaß wurde mit einem allgemeinen Ge⸗ lächter von den Nationalgarden aufgenommen. Sogleich rief Dirmer die Leute von ſeiner Compagnie auf, welche von halb zwölf Uhr bis halb ein Uhr die Wache beziehen ſollten, hieß das Frühſtück beſchleunigen und ließ Morand das Gewehr nehmen, um ihn, wie es verabredet war, in den letzten Stock des Thurmes, gerade in das Schilderhäuschen zu ſtellen, hinter dem Mau⸗ rice ſich am Tage verborgen hatte, wo er die Zeichen wahrgenommen, welche man der Königin von einem Fen⸗ ſter der Rue Porte⸗Foin machte. Wer Morand in dem Augenblick, wo er dieſen ſehr einfachen und ſehr erwarteten Befehl erhielt, beobachtet haben würde, hätte ihn unter den langen Locken ſeiner ſchwarzen Haare erbleichen ſehen können. Plötzlich erſchütterte ein dumpfer Lärmen die Höfe des Temple und man hörte es in der Ferne wie einen Orkan von Geſchrei und Gebrülle. „Was iſt das?“ fragte Dirmer Tiſon. „Ohl ohl das iſt nichts; eine kleine Meuterei, die uns gern dieſe Schurken von Briſſotins machen möchten, ehe ſie nach der Gutllotine gehen.“ Der Lärm wurde immer bedrohlicher, man hörte die Artillerie raſſeln, und eine Truppe von tobenden Menſchen kam am Temple vorüber und ſchrie: „Es leben die Sectionen! Es lebe Henriot! Nieder mit den Briſſotins! Nieder mit den Rolandiſten! Nieder mit Madame Veto!“ „Gut, gut!“ ſprach Tiſon, ſich die Hände reib nd, „ich will Madame Veto öffnen, damit ſie ſich ohne Hin⸗ derniß der Liebe erfreut, welche ihr Volk für ſie hegt.“ „Ohl ohl Tiſon!“ rief eine furchtbare Stimme. „Mein General?“ antwortete dieſer, indem er raſch wieder ſtehen blieb. „Heute kein Ausgang,“ ſagte Santerre,„die Ge⸗ fangenen werden ihr Zimmer nicht verlaſſen.“ Der Befehl ließ keine Einrede zu. 154 „Gut,“ ſagte Tiſon,„das iſt eine Mühe weniger.“ Dirmer und Morand wechſelten einen düſteren Blick; dann ſpazierten ſie wartend, bis die Stunde der Wache, welche nun unnütz war, ſchlagen würde, Beide ſcheinbar gleichgültig zwiſchen der Hütte und der nach der Rue Porte⸗Foin gehenden Mauer hin und her. Hier fing Morand an, die Entfernung zu meſſen, indem er geome⸗ triſche Schritte, nämlich Schritte von drei Fuß, machte. „Wie groß iſt die Entfernung?“ fragte Dirmer „Sechzig bis ein und ſechzig Fuß,“ antwortete Morand. „Wie viel Tage wird man brauchen?“ Morand dachte nach und zog auf dem Sande ein paar geometriſche Linien, die er ſogleich wieder verwiſchte. „Man wird wenigſtens ſieben Tage brauchen,“ ſagte er. „Maurice iſt in acht Tagen auf der Wache,“ flüſterte Dirmer.„Von heute bis in acht Tagen müſſen wir nothwendig mit Maurice ausgeſöhnt ſein.“ Es ſchlug halb zwölf Uhr. Morand nahm ſeufzend wieder ſein Gewehr und löſte, geführt von ſeinem Cor⸗ poral, die Wache ab, welche auf der Plattſorm des Thurmes hin und her ging. chdem die von uns erzählten nämltich mm erſten Junt. um beneviove an ihrem gewöhnlichen fragte ſich, warum die Tage ſo in, warum dieſe Tage ſo langſam Am andern Tage, Scenen vorgefallen wa zehn Uhr Morgens ſaß Platze beim Fenſter; traurig für ſie anft 15⁵ vergingen, warum ſie den Abend, ſtatt ihn mit Sehnſucht zu erwarten, nunmehr mit Angſt erwartete. Ihre Nächte beſonders waren traurig; ihre Nächte waren früher ſo ſchön geweſen, dieſe Nächte, welche in Träumen vom vorhergehenden Tage und vom kommenden verliefen. In dieſem Momente fielen ihre Augen auf einen prachtvollen Kaſten mit getigerten Nelken und mit rothen Nelken, welche ſie ſeit dem Winter in dem kleinen Treib⸗ hauſe zog, wo Maurice gefangen geweſen war, um ſie in ihrem Zimmer blühen zu laſſen. Maurice hatte ſie, dieſelben in dieſem Kaſten von Mahagoniholz, in welchem ſie eingeſchloſſen waren, pfle⸗ gen gelehrt; ſie hatte ſie begoſſen, geſäubert, ſelbſt mit Stäben verſehen, während Manrice da geweſen war; denn wenn er am Abend kam, gefiel ſie ſich darin, ihm die Fortſchritte zu zeigen, welche in Folge ihrer ſchweſterlichen Sorge die reizenden Blumen in der Nacht gemacht hatten. Doch ſeitdem Maurice zu kommen aufgehoͤrt, waren die armen Nelken vernachläſſigt worden, und in Ermang⸗ lung von Fürſorge und Erinnerung blieben die verſchmach⸗ teten Knoſpen leer und neigten ſich vergelbend über ihre Valluſtrade hinaus, auf welche ſie halb verwelkt herab⸗ fielen.— Genevisve begriff bei dieſem Anblick den Grund ihrer eigenen Traurigkeit. Sie ſagte ſich, es ſei mit den Blumen wie mit gewiſſen Freundſchaften, die man hegt, die man leidenſchaftlich pflegt und anbaut und die dann das Herz erblühen machen. Dann ſchneidet eines Morgens eine Laune oder ein Unglück die Freundſchaft an ihrer Wuthel ab und das Herz, das dieſe Freundſchaft belebte, zieht ſich verſchmachtend und verwelkt zuſammen. 8 Die junge Frau empfand die furchtbare Bangigkeit ihres Herzens; das Gefühl, das ſie hatte bekämpfen wollen, das ſie zu beſtegen gehofft, ſträubte ſich in ihrem Innerſten und ſchrie mehr als je, es würde nur mit dieſem Herzen ſterben; dann hatte ſie einen Augenblick der Verzweiflung, 81 156 denn ſie fühlte, daß ihr der Kampf immer unmöglicher wurde: ſie neigte ſachte das Haupt, küßte eine von den verwelkten Knoſpen und weinte. Ihr Gatte trat in dem Augenblick bei ihr ein, wo ſie ihre Thränen trocknete. Doch Dirmer war ſeinerſeits ſo ſehr von ſeinen eigenen Gedanken in Anſpruch genommen, daß er die ſchmerzliche Kriſe nicht errieth, welche ſeine Frau durchgemacht hatte, und er ſchenkte der verrathenden Röthe ihrer Augenlider keine Aufmerkſamkeit. Allerdings erhob ſich Geneviéve raſch, als ſie ihren Gatten erblickte, und lief ihm entgegen, ſo daß ſie dem Fen⸗ ſter den Rücken in der Halbtinte zuwandte. „Nun?“ ſagte ſie. „Nichts Neues; es iſt unmöglich, ſich ihr zu nähern, unmöglich ihr etwas zukommen zu laſſen, unmöglich ſogar, ſie zu ſehen.“ „Wie!“ rief Geneviève,„bei all dem Lärmen, der in Paris ſtattgefunden hat.“ „Eil gerade dieſer Lärmen hat das Mißtrauen der Wächter verdoppelt; ſie befürchteten, man würde die allge⸗ meine Aufregung benützen, um einen Verſuch auf den Temple zu machen, und in dem Augenblick, wo Ihre Majeſtät auf die Plattform ſteigen ſollte, wurde von San⸗ terre der Befehl gegeben, weder die Königin, noch Ma⸗ dame Eliſabeth, noch die junge Prinzeſſin aus ihrem Zim⸗ mer zu laſſen.“ „Armer Chevalier! er muß ſehr betrübt geweſen ſein.“ „Er war in Verzweiflung, als er ſah, daß dieſe Chamke uns entging, und erbleichte dergeſtalt, daß ich ihn fortzog, aus Furcht, er könnte ſich verrathen.“ „Aber,“ fragte ſchüchtern Geneviève,„aber war denn im Temple kein Ihnen bekannter Municipal?“ „Es ſollte einer dort ſein, doch er iſt nicht gekommen.“ „Wer 2 „Der Bürger Maurice⸗Lindey,“ erwiederte Dirmer mit einem Ton, den er gleichguͤltig zu machen bemüht war. 157 „Und warum iſt er nicht gekommen?“ fragte ihrer⸗ ſeits Genevitve, welche ſich auf dieſelbe Weiſe gegen ſich anſtrengte. „Er war krank.“ „Krank?“ „Ja, und zwar ziemlich ſchwer, da er, der Ihnen be⸗ kannte Patriot, ſich genöthigt ſah, ſeine Reihe einem An⸗ dern abzutreten.“ „Das iſt ärgerlich.“ „Ohl mein Gott! wäre er auch da geweſen, Gene⸗ vieve,“ verſetzte Dirmer,„das hätte uns eben ſo wenig ge⸗ nützt. Nun, da wir entzweit ſind, würde er es vielleicht vermieden haben, mit mir zu ſprechen.“ „Ich glaube, mein Freund, Sie übertreiben die ernſte Lage der Dinge. Es kann eine Laune von Herrn Maurick ſein, nicht mehr hieherzukommen, er kann wichtige Gründe haben, Sie nicht mehr zu ſehen; doch er iſt da⸗ rum nicht unſer Feind. Die Kälte ſchließt die Höflichkeit nicht aus, und wenn er Sie hätte auf ſich zukommen ſehen, ſo würde er, davon bin ich feſt überzeugt, die Häͤlfte des Weges gemacht haben.“ „Geneviéve,“ ſprach Dirmer,„für das, was wir von Maurice erwarteten, würde es mehr als der Höflich⸗ keit bedürfen, und es war nicht zu viel an einer wahren und tiefen Freundſchaft. Dieſe Freundſchaft iſt gebrochen und wir haben von dieſer Seite keine Hoffnung mehr.“ Und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, waͤhrend ſeine gewöhnlich ſo ruhige Stirne ſich traurig faltete. „Doch wenn Sie glauben, daß Maurice für Ihre Pläne ſo nöthig iſt...“ verſetzte ſchüchtern Geneviève. feh„Ja, ich verzweifle daran, ſie ohne ihn gelingen zu ehen.“ „Warum verſuchen Sie denn nicht einen neuen Schritt bei dem Bürger Lindey?“ 3 Es kam ihr vor, als dürfte der Ton ihrer Stimme, wenn ſie den jungen Mann bei ſeinem Familiennamen ⸗ 158 nennen würde, minder zärtlich ſein, als wenn ſie ſeinen Taufnamen ausſpräche. „Nein,“ erwiederte Dirmer den Kopf ſchüttelnd,„nein, ich habe Alles gethan, was ich thun konntez ein neuer Schritt würde ſeltſam erſcheinen und müßte nothwendig bei ihm Verdacht erregen; nein; und dann hören Sie, Genevisve, ich ſehe weiter als Sie in dieſer ganzen Ange⸗ legenheit: es iſt eine Wunde tief im Herzen von Maurice.“ „Eine Wunde?“ fragte Genevieéve ſehr erſchüttert. „Ei, mein Gott! was wollen Sie damit ſagen? Sprechen Sie, mein Freund!“ „Ich will damit ſagen, und Sie ſind davon über⸗ zeugt, wie ich, Geneviève, daß unſer Bruch mit dem Bürger Liney auf etwas mehr, als auf einer Laune beruht.“ 3 „Und was ſchreiben Sie denn dieſen Bruch zu?“ „Dem Stolze vielleicht,“ ſprach Dirmer raſch. „Dem Stolze?..“ „Ja, er that uns, wenigſtens ſeiner Meinung nach, Ehre an, dieſer gute Bürger von Paris, dieſer Halb⸗ ariſtokrat des Beamtenſtandes, der ſeine Empfindlichkeiten unter ſeinem Patriotismus beibehalten hat, er that uns Ehre an, dieſer in ſeinem Club, in ſeiner Section, in ſeiner Municipalität allmächtige Republikaner, indem er ſeine Freundſchaft Lederfabricanten ſchenkte. Vielleicht ſind wir zu wenig zuvorkommend gegen ihn geweſen? viel⸗ leicht haben wir uns vergeſſen?“ „Doch wenn wir zu wenig zuvorkommend geweſen ſind, wenn wir uns vergeſſen haben, ſo gleicht, wie mir ſcheint, der Schritt, den Sie gemacht, Alles aus.“ „Ja, vorausgeſetzt, daß das Unrecht von meiner Seite gekommen wäre, wenn es aber im Gegentheil von Ihnen kam...“ 8 „Von mir? Wie ſoll ich ein Unrecht gegen Herrn Maurice begangen haben?“ ſprach Geneviéve erſtaunt. „Ei! wer weiß? bei einem ſolchen Charakter: haben Sie ihn nicht ſelbſt, und zwar zuerſt, der Laune beſchuldigt? Hören Sie, Geneviève, ich komme auf meinen erſten Gedanken zurück, Sie hatten Unrecht, Maurice nicht zu ſchreiben.“ „Ich!“ rief Genevisve,„können Sie dergleichen denken?“ „Ich denke es nicht nur,“ antwortete Dirmer,„ſon⸗ dern ſeit den drei Wochen, die der Bruch dauert, habe ich ſogar ſehr viel daran gedacht.“ „Und 2 fragte Genevieve ſchüchtern. „Und ich betrachte dieſen Schritt als unerläßlich.“ „Oh!“ rief Genevieve,„nein, nein, Dirmer, fordern Sie das nicht von mir.“ „Sie wiſſen, Genevisve, daß ich nie etwas von Ihnen fordere, ich bitte Sie nurz verſtehen Sie mich wohl, ich bitte Sie, an den Bürger Maurice zu ſchreiben.“⸗ „Aber...“ verſetzte Genevieve. „Hören Sie,“ ſprach Dirmer, ſie unterbrechend: „entweder ſind ernſte Urſachen zum Streite zwiſchen Ihnen und Maurice vorhanden, denn über mein Benehmen hat er ſich nie beklagt, oder Ihre Zwiſtigkeit mit ihm rührt von einer Kinderei her.“ Geneviève antwortete nicht. „Rührt dieſe Zwiſtigkeit von einer Kinderei her, ſo wäre es thöricht von Ihnen, ſie in Ewigkeit auszudehnen: hat ſie einen ernſten Beweggrund, ſo dürfen wir, auf dem Punkte wo wir ſtehen, begreifen Sie das wohl, weder mehr mit unſerer Würde, noch mit unſerer Eitelkeit rech⸗ nen. Glauben Sie mir, wir wollen einen Streit von jungen Leuten nicht mit unermeßlichen Intereſſen in die Wagſchale legen. Ueberwinden Sie ſich, ſchreiben Sie ein Wort an den Bürger Lindey, und er wird wiederkommen.“ Geneviève dachte einen Augenblick nach und erwie⸗ derte dann: „Aber könnte man denn nicht ein minder compromit⸗ tirendes Mittel finden, um das gute Einverſtändniß zwi⸗ ſchen Ihnen und Herrn Maurice wiederherzuſtellen?“ 1„Compromittirend, ſagen Sie? Mir ſcheint, das iſt im Gegentheil ein ganz natürliches Mittel.“ „Nicht für mich, mein Freund.“ „Sie ſind ſehr hartnäckig, Geneviève.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie dies wenigſtens zum erſten Male an mir bemerken.“ Dirmer, der ſeit einigen Augenblicken ſein Sacktuch in ſeinen Händen zerknitterte, wiſchte ſeine ſchweißbedeckte Stirne ab und ſprach: „Ja, und gerade deshalb vermehrt ſich mein Erſtaunen.“ „Mein Gott!“ verſetzte Geneviève,„iſt es möglich, Dirmer, daß Sie die Urſachen meines Widerſtandes nicht begreifen und mich zum Sprechen zwingen wollen!“ Und ſie ließ ſchwach und wie zum Aeußerſten zu getrie⸗ ben, ihren Kopf auf ihre Bruſt ſinken, ihre Arme an den Seiten herabfallen. Dirmer ſchien ſich gewaltig gegen ſich ſelbſt anzu⸗ ſtrengen, nahm Geneviève bei der Hand, nöthigte ſie, den Kopf emporzuheben, ſchaute ihr in die Augen und brach in ein Gelächter aus, das Geneviève ſehr gezwungen vor⸗ gekommen ſein müßte, wenn ſie in dieſem Augenblick min⸗ der erſchüttert geweſen wäre.. „Ich ſehe, was es iſt,“ ſagte er;„in der That, Sie haben Recht. Ich war blind. Mit all Ihrem Geiſte, Genevieève, mit all Ihrer Erhabenheit ſind Sie einer All⸗ täglichkeit unterlegen. Sie haben befürchtet, Maurice könnte in Sie verliebt werden.“ Geneviève fühlte, wie eine tödtliche Kälte in ihr Herz drang. Dieſe Ikonie ihres Gatten in Beziehung auf die Liebe, welche Maurice für ſie hegte, auf eine Liebe, deren Heftigkeit ſie, ſo wie ſie den Charakter des jungen Mannes kannte, zu ſchätzen wußte, auf eine Liebe endlich, welche ſie, ohne es ſich anders als durch dumpfe Gewiſſens⸗ biſſe geſtanden zu haben, ſelbſt in der Tiefe ihres Herzens theilte, dieſe Ironie verſteinerte ſie. Sie hatte nicht die Kraft, zu ſchauen. Sie fühlte, daß es ihr unmöglich wäre, zu antworten. „Nicht wahr, ich habe errathen?“ verſetzte Dirmer, „Nun wohl, beruhigen Sie ſich, Geneviéve, ich kenne ——— —2 2— ²³3 X — Maurice; es iſt ein wilder Republikaner, der keine andere Liebe in ſeinem Herzen hegt, als die für das Vaterland.“ „Mein Herr, ſind Sie deſſen, was Sie ſagen, ge⸗ wiß?“ ſprach Genevisve. „Allerdings,“ erwiederte Dirmer;„wenn Maurice Sie liebte, ſo hätte er, ſtatt ſich mit mir zu entzweien, die Zuvorkommenheit gegen denjenigen verdoppelt, welchen zu hintergehen in ſeinem Intereſſe lag. Liebte Sie Mau⸗ rice, ſo wüͤrde er nicht ſo leicht auf den Titel eines Haus⸗ freundes, mit deſſen Hülfe man gewöhnlich ſolche Ver⸗ räthereien bedeckt, verzichtet haben.“ „Ich bitte Sie,“ rief Genevisve,„ſcherzen Sie nicht über dergleichen Dinge.“ „Ich ſcherze nicht, Madame, ich ſage Ihnen nur, t zu viel thun, um ſie zu ſich zurückzuführen, wenn ſie ſich entfernt haben. eneviève, nicht wahr, Sie werden an Maurice ſchreiben?“ Und ſie ließ ihr Haupt in ihre Hände fallen; denn efahr zu ſtützen gehofft hatte, entging ihr gänzlich und ſtürzte ſie niederwaͤrts ſtatt ſie zurückzuhalten. Dirmer ſchaute ſie ein paar Secunden lang an, ſuchte dann zu lächeln und ſprach: „Auf, meine liebe Freundin, keine Fraueneitelkeit; will Maurice wieder anfangen, Ihnen eine gute Erklärung zu machen, ſo lachen Sie über die zweite, wie Sie über die erſte gelacht haben. Ich kenne Sie, Geneviève, Sie ſind ein würdiges, edles Herz. Ich bin Ihrer ſicher.“ „dOh!“ rief Geneviève, indem ſie ſich ſo niedergleiten Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 11 16² ließ, daß eines ihrer Kniee die Erde berührte;„o mein Gott! wer kann der Andern ſicher ſein, da Niemand ſeiner ſelbſt ſicher iſt.“ Dirmer wurde bleich, als ob all ſein Blut zum Her⸗ zen zurückflöße. „Geneviève,“ ſprach er,„ich habe Unrecht gehabt, Sie alle Qualen durchmachen zu laſſen, die Sie ſo eben ausgeſtanden. Ich hätte Ihnen ſogleich ſagen müſſen: Geneviève, wir leben in der Zeit großer Opfer; Geneviève, ich habe der Königin, unſerer Wohlthäterin, nicht nur meinen Arm, nicht nur meinen Kopf, ſondern auch meine Glückſeligkeit geweiht. Andere werden ihr ihr Leben ge⸗ ben; ich werde mehr thun, ich werde meine Ehre auf das Spiel ſetzen; und geht meine Ehre unter, ſo iſt es nur eine Thräne mehr in den Ocean der Schmerzen, der Frankreich zu verſchlingen ſich anſchickt. Doch meine Ehre wagt nichts, wenn ſie unter der Obhut einer Frau wie meine Gene⸗ vieve ſteht.“ Zum erſten Male hatte ſich Dirmer ganz geoffenbart. Geneviève erhob das Haupt, heftete auf ihn ihre Au⸗ gen voll Bewunderung, ſtand langſam auf, gab ihm ihre Stirne zu küſſen und ſprach: 3 „Sie wollen es 2u Dirmer machte ein bejahendes Zeichen. „So dictiren Sie,“ ſagte ſie und nahm eine Feder. „Nein, nein,“ entgegnete Dirmer,„es iſt genug da⸗ mit, daß man dieſen würdigen jungen Mann braucht, vielleicht mißbraucht; und da er ſich mit uns in Folge eines Briefes, den er von Genevisve empfängt, ausſöhnen wird, ſo ſoll dieſer Brief auch wirklich von Genevieve und nicht von Herrn Dirmer ſein.“ Dirmer küßte ſeine Frau zum zweiten Male auf die Stirne, dankte ihr und entfernte ſich. Dann ſchrieb Genevisve zitternd: „Bürger Maurice, „Sie wiſſen, wie ſehr Sie mein Gatte liebte. Haben 16³3 drei Wochen der Trennung, die uns wie ein Jahrhundert vorgekommen ſind, gemacht, daß Sie ihn vergeſſen? Kom⸗ men Sie, wir erwarten Sie; Ihre Rückkehr wird für uns ein wahres Feſt ſein. Genevisve.“ XV. Die Göttin Vernunft. Maurice war, wie er es dem General Santerre hatte ſagen laſſen, ernſtlich krank. Seitdem er das Zimmer hütete, beſuchte ihn Lorin regelmäßig und that Alles, was er vermochte, um ihn zu irgend einer Zerſtreuung zu beſtimmen. Aber Maurice blieb unerſchütterlich. Es gibt Krankheiten, die man nicht heilen will. Am 1. Juni kam er gegen ein Uhr. „Was geht denn heute Beſonderes vor?“ fragte Maurice;„Du biſt herrlich.“ Das Coſtume von Maurice war wirklich ſtreng der Vorſchrift gemäß: eine rothe Mütze, die Carmagnole und der dreifarbige Gürtel geſchmückt mit den zwei Inſtru⸗ menten, die man damals die Schenkkännchen des Abbé Maury nannte, während ſte früher und ſeitdem ganz ein⸗ fach den Namen Piſtolen hatten. „Zuerſt,“ antwortete Lorin,„gibt es im Allgemeinen den Eisbruch der Gironde, welche ſich hinzurichten im Be⸗ griffe iſt, jedoch beim Raſſeln der Trommeln. In dieſem Augenblick zum Beiſpiel macht man die rothen Kugeln auf der Place du Carouſſel glühend; insbeſondere aber findet dns Feierlichkeit ſtatt, zu der ich Dich auf übermorgen einlade.“ 164 „Aber was gibt es denn heute? Du kommſt, um mich zu holen, ſagſt Du?“ „Ja, heute haben wir die Probe.“ „Welche Probe?“ „Die Probe von der großen Feierlichkeit.“ „Mein Lieber, Du weißt, daß ich ſeit acht Tagen nicht ausgehe; folglich bin ich mit nichts auf dem Laufen⸗ den und ich bedarf ſehr der Belehrung.“ „Wie, ich habe es alſo nicht geſagt?“ „Du haſt mir nichts geſagt.“ „Du weißt vor Allem, daß wir Gott auf einige Zeit unterdrückt und daß wir ihn durch das höchſte Weſen er⸗ ſetzt haben.“ „Ja, ich weiß das.“ „Nun, es ſcheint, man hat wahrgenommen, daß das höchſte Weſen ein Gemäßigter, ein Rolandiſt, ein Giron⸗ diſt war.“ „Lorin, keinen Scherz über heilige Dinge; Du weißt, ich liebe das nicht.“ „Was willſt Du, mein Lieber, man muß ſeinem Jahr⸗ hundert angehören. Ich liebte auch meinen alten Gott vor Allem, weil ich an ihn gewöhnt war. Was das höchſte Weſen betrifft, ſo ſcheint es, daß dasſelbe wirklich Unrecht hat, und daß, ſeitdem es da oben iſt, Alles ſchief geht; unſere Geſetzgeber haben endlich ſeine Abſetzung beſchloſſen.“ Maurice zuckte die Achſeln. „Zucke die Achſeln, ſo lange Du willſt,“ verſetzte Lorin. „Auf der Weiſen ernſtes Geheiß Soll auch der Thorheit ein Cult ſich weihen, Schwarz bleibt Schwarz und Weiß bleibt Weiß, Doch mögen den Schein ſie ſich leihen, Wir Stützen des Momos, wir Narren, Opfern der Thorheit den Farren, Obgleich nur in partibus. „So, daß wir nun ein wenig die Göttin Vernunft anbeten werden,“ fügte Lorin bei. —— ⏑⏑O⏑Q— 165 „Und Du machſt alle dieſe Mummereien mit?“ ſprach aurice. „Ahl mein Freund, wenn Du die Göttin Vernunft kennen würdeſt, wie ich ſie kenne, ſo wäreſt Du einer ihrer wärmſten Parteigänger. Höre, ich will ſie mit Dir bekannt machen, ich will ſie Dir vorſtellen.“ „Laß mich mit all' dieſen Narrheiten in Ruhe; ich bin traurig, Du weißt es wohl.“ „Ein Grund mehr; ſie wird Dich erheitern, denn es iſt ein gutes Mädchen. Eil Du kennſt ſie, die ſtrenge Göttin, welche die Pariſer mit dem Lorbeer bekränzen und auf einem Karren von Goldpapier umherführen werden! Es iſt... errathe...“ „Wie ſoll ich errathen?“ „Es iſt Arthemiſe.“ „Arthemiſe?“ verſetzte Maurice, in ſeinem Gedächtniß ſuchend, ohne daß ſich bei dieſem Namen irgend eine Erin⸗ nerung in ihm regte. „Ja, eine große Brünette, deren Bekanntſchaft ich im vorigen Jahre auf einem Ball der Oper gemacht habe; kannſt Du Dich nicht mehr entſinnen, Du ſpeiſteſt mit uns zu Nacht und machteſt ſie berauſcht.“ „Ahl ja, es iſt wahr,“ erwiederte Maurice,„ich erinnere mich nun; und ſie iſt es.“ „Sie iſt es, welche am meiſten Hoffnung hat... Ich habe ſie bei dem Concurſe vorgeſchlagen: alle Ther⸗ mopylen haben mir ihre Stimmen zugeſagt. In drei Ta⸗ gen die allgemeine Wahl. Heute vorbereitendes Mahl; heute vergießen wir Champagnerwein; übermorgen werden wir vielleicht Blut vergießen! Doch man mag antworten, was man will, Arthemiſe wird Göttin, oder der Teufel ſoll mich holen. Auf, komm', wir wollen ſie ihre Tunica anlegen laſſen.“ „Ich danke. Ich hatte immer einen Widerwillen gegen dergleichen Dinge.“ Gegen das Ankleiden der Göttinnen? Peſt! mein Lieber, Du biſt ſchwierig. Nun, ſo höre, wenn es Dich 166 zerſtreuen kann, werde ich ihr die Tunica anlegen, und Du magſt ſie ihr ausziehen.“ „Lorin, ich bin krank, und habe nicht nur keine Heiter⸗ keit mehr, ſondern auch die Heiterkeit der Andern thut mir weh.“ „Ah! Du erſchreckſt mich! Maurice. Du ſchlägſt Dich nicht mehr, Du lachſt nicht mehr, ſollteſt Du zu⸗ fällig conſpiriren?“ „Ich? Gefiele es Gott!“ „Du willſt ſagen: geſtele es der Göttin Vernunft!“ „Laß mich, Lorin, ich kann nicht, ich will nicht aus⸗ gehen, ich bin im Bette und bleibe hier.“ Lorin kratzte ſich hinter dem Ohr und erwiederte: „Gut!l ich ſehe, was es iſt.“ „Und was ſiehſt Du?“ „Ich ſehe, daß Du die Göttin Vernunft erwarteſt.“ „Beim Teufel!“ rief Maurice,„die witzigen Freunde ſind ſehr läſtig; gehe, oder ich belade Dich mit Ver⸗ wünſchungen, Dich und die Göttin.“ Maurice hob die Hand auf, um zu fluchen, als er durch ſeinen Willfährigen unterbrochen wurde, der in dieſem Augenblick einen Brief für den Bürger, ſeinen Bruder, in der Hand haltend eintrat. „Bürger Ageſilaus,“ ſprach Lorin,„Du trittſt in einem ſchlimmen Augenblick ein; Dein Herr war im Be⸗ griff, erhaben zu werden.“ Maurice ließ ſeine Hand fallen und ſtreckte ſie gleich⸗ gültig nach dem Briefe aus; doch kaum hatte er ihn be⸗ rührt, als er bebte, denſelben gierig ſeinen Augen näherte, die Schrift und das Siegel mit dem Blicke verſchlang, und erbleichend, als ob er einer Ohnmacht nahe wäre, dieſes Siegel erbrach. Oh! oh!“ murmelte Lorin,„es ſcheint, unſer Inte⸗ reſſe erwacht.“ Maurice hörte nicht mehr, er las mit ſeiner ganzen Seele die vier Zeilen von Geneviève. Nachdem er ſie geleſen, las er ſie noch einmal, dreimal, viermal, dann 1 wiſchte er ſich die Stirne ab, ließ ſeine Hände zurückfallen und ſchaute Lorin wie ein völlig verdutzter Menſch an. „Teufel!“ ſagte Lorin,„dieſer Brief muß wohl wich⸗ tige Nachrichten enthalten.“ Maurice las den Brief zum fünften Male und eine neue Röthe färbte ſein Antlitz. Seine vertrockneten Augen befeuchteten ſich, ein tiefer Seufzer erweiterte ſeine Bruſt; dann vergaß er plötzlich ſeine Krankheit und die Schwäche, welche eine Folge daran war, und ſprang aus ſeinem Bette. „Meine Kleider!“ rief er ſeinem erſtaunten Will⸗ fährigen zu,„meine Kleider, Ageſilaus. Ahl mein armer Lorin, mein guter Lorin, ich erwartete es jeden Tag, doch ich hoffte nicht darauf. Dort, eine weiße Hoſe, ein Jabot⸗ hemd; man friſire und raſire mich auf der Stelle.“ Der Willfährige beeilte ſich, die Befehle von Maurice zu vollziehen, friſirte und raſirte ihn in einem Nu. „Ohl ſie wiederſehen, ſie wiederſehen!“ rief der junge Mann.„orin, in der That, ich habe bis jetzt nicht ge⸗ wußt, was das Glück iſt.“ „Mein armer Maurice,“ ſagte Lorin,„ich glaube, Du bedarfſt des Beſuches, den ich Dir gerathen habe.“ „Ohl lieber Freund,“ rief Maurice,„verzeihe mir, doch in Wahrheit, ich habe meine Vernunft nicht mehr.“ „Dann biete ich Dir die meinige an,“ verſetzte Lorin, über dieſen abſcheulichen Calembour lachend. Am Wunderbarſten dabei war, daß Maurice auch lachte. Das Glück hatte ihn leicht zugänglich für den Witz gemacht. Das war noch nicht Alles. „Halt,“ ſagte er, indem er ein mit Blüthen bedecktes Orangenbäumchen abſchnitt,„biete dieſen Strauß in meinem Namen der würdigen Witwe von Mauſolos an.“ „Das laſſe ich mir gefallen!“ rief Lorin,„das iſt eine hübſche Artigkeit! ich verzeihe Dir auch. Und dann kommt es mir vor, als wäreſt Du im höchſten Maße verliebt, und ich habe ſtets die tiefſte Achtung vor großem Unglück gehabt.“ 3 ——— — 168 „Nun wohl, ja, ich bin verliebt,“ rief Maurice, dem das Herz beinahe vor Freude überſtrömte;„ich bin ver⸗ liebt, und kann es nun geſtehen, da ſie mich liebt, denn da ſie mich zurückruft, liebt ſie mich, nicht wahr, Lorin?“ „Ganz gewiß,“ antwortete gefälliger Weiſe der An⸗ beter der Göͤttin Vernunft;„doch nimm Dich in Acht, Maurice, die Art, wie Du die Sache auffaſſeſt, macht mir bange... „Was iſt's, wenn Dein Herz Egeria liebt, Ein Verrath, den Eros der Zwingherr verübt, Lieb' die Vernunft wie ich, und auf immer Schwindet für Dich der Thorheit Schimmer!“ „Bravol bravo!“ rief Maurice in die Hände klatſchend. Und er ſprang unaufhaltſam und zu vier und vier die Treppe hinab, erreichte den Quai und eilte in der ſo wohlbekannten Richtung der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques fort. „Ich glaube, er hat Beifall geklatſcht, Ageſilaus?“ fragte Lorin. „„Ja, gewiß, Bürger, und darüber dürfen Sie ſich nicht wundern, denn was Sie ſagten, war ſehr hübſch.“ „Dann iſt er kranker, als ich glaubte,“ ſagte Lorin. Und er ſtieg ebenfalls die Treppe hinab, doch mit einem ruhigeren Schritt. Denn Arthemiſe war nicht Ge⸗ neviève. Kaum befand ſich Lorin mit ſeinem blühenden Orangen⸗ bäumchen in der Rue Saint⸗Honoré, als eine Menge von jungen Bürgern, denen er je nach der Stimmung ſeines Geiſtes Decimen oder Fußtritte unter die Carmagnolen zu ertheilen die Gewohnheit angenommen hatte, ihm ehrfurchtsvoll folgte, ohne Zweifel im Glauben, er ſei einer von den tugendhaften Männern, denen nach einem Antrage von Saint Jeſt ein weißes Kleid und ein Strauß von Orangenblüthen geboten werden ſollten. Da das Gefolge ſich immer mehr vergrößerte, ſo ſelten war ſelbſt in jener Zeit ein tugendhafter Mann zu ſehen, ſo hatten ſich mehrere tauſend junge Bürger ver⸗ 169 ſammelt, als der Strauß Arthemiſe angeboten wurde, eine Huldigung, worüber mehrere andere Vernünfte, welche ſich um denſelben Rang bewarben, bis zur Migräne erkrankten. An dieſem Abend verbreitete ſich in Paris die be⸗ rühmte Cantate Vive la déesse Raison! Flamme pure, douce lumière*). Und da ſie ohne den Namen eines Verfaſſers, was den Scharfſinn der revolutionären Archäologen ſehr in Anſpruch genommen hat, auf uns gelangt iſt, ſo hätten wir beinahe die Kühnheit, zu behaupten, ſie ſei für die ſchöne Arthemiſe von unſerem Freund Hyacinth Lorin ge⸗ macht worden. XVI. Der verlorene Sohn. 1 Maurice wäre nicht ſchneller geweſen, hätte er Flügel eſeſſen. Die Straßen waren voll von Menſchen, doch Maurice bemerkte dieſe Menge nur, weil ſie ſeinen Lauf verzögerte; man ſagte in allen Gruppen, der Convent ſei belagert, die Majeſtät des Volks ſei in ſeinen Vertretern, die man auszugehen verhindere, beleidigt, und dies hatte wohl einige Wahrſcheinlichkeit, denn man hörte die Sturmglocke er⸗ tönen und die Lärmkanonen donnern. Doch was kümmerte ſich Maurice in dieſem Augen⸗ blick um die Sturmglocke und um die Lärmkanonen? Was machte es ihm, ob die Abgeordneten heraus konnten **) Es lebe die Göttin Vernunft! eine reine Flamme, ein ſanftes Licht. 170 oder nicht heraus konnten, da ſich das Verbot nicht auf ihn erſtreckte? Er lief nur. Während er lief, bildete er ſich ein, Geneviéve erwarte ihn an dem kleinen Fen⸗ ſter, das nach dem Garten ging, um ihm aus der Ferne, ſobald ſie ihn nur immer erblickte, ihr reizendſtes Lächeln zuzuſenden. . Dirmer wäre ohne Zweifel auch von dieſer glückli⸗ chen Rückkehr unterrichtet und würde Maurice ſeine gute, dicke, in ihrem Drucke ſo treuherzige, redliche Hand reichen. Er liebte Dirmer, an dieſem Tage liebte er ſogar Morand und ſeine ſchwarzen Haare und ſeine grüne Brille, unter der er bis daher ein duckmäuſeriſches Auge glän⸗ zen zu ſehen geglaubt hatte. Er liebte die ganze Schöpfung, denn er war glück⸗ lich;z er hätte gern Blumen auf den Kopf von allen Menſchen geworfen, damit alle Menſchen glücklich gewe⸗ ſen wären wie er. Er täuſchte ſich jedoch in ſeinen Hoffnungen, der arme Maurice; er täuſchte ſich, wie es zehnmal unter zwanzigmal dem Menſchen geſchieht, der mit ſeinem Her⸗ zen und nach ſeinem Herzen rechnet. Statt des ſanften Lächelns, das Maurice, wie er erwartete, aus der Ferne, ſobald er erblickt würde, em⸗ pfangen ſollte, hatte ſich Geneviéve gelobt, Maurice nur eine kalte Höflichkeit zu zeigen— ein ſchwacher Damm, den ſie dem Strom entgegenſetzte, der ihr Herz zu über⸗ fluthen drohte. Sie hatte ſich in ihr Zimmer im erſten Stock zurück⸗ gezogen und wollte erſt in das Erdgeſchoß hinabgehen, wenn ſie gerufen würde. Ach! ſie täuſchte ſich auch. Nur Dirmer täuſchte ſich nicht; er belauerte Mau⸗ rice durch ein Gitter und lächelte ironiſch. Der Bürger Morand färbte phlegmatiſch kleine Schwänze, welche man auf weiße Katzenfelle ſetzen ſollte, um Hermelin daraus zu machen. b V 171 Maurice ſtieß die kleine Gangthüre auf, um ver⸗ traulich durch den Garten einzutreten; wie früher ließ die Thüre ihr Glöckchen auf die beſondere Weiſe ertönen, welche andeutete, daß es Maurice war, der die Thüre öffnete. Geneviève, welche an ihrem geſchloſſenen Fenſter ſtand, bebte. Sie ließ den Vorhang wieder fallen, den ſie leicht geöffnet hatte. Das erſte Gefühl von Maurice, da er bei ſeinem Wirthe eintrat, war alſo eine Enttäuſchung. Genevicve erwartete ihn nicht nur nicht an ihrem Fenſter im Erd⸗ geſchoße, ſondern als er in den kleinen Salon kam, wo er von ihr Abſchied genommen hatte, ſah er ſie nicht und war genöthigt, ſich melden zu laſſen, als ob er wäh⸗ rend der drei Wochen ſeiner Abweſenheit ein Fremder ge⸗ worden wäre. Sein Herz ſchnürte ſich zuſammen. Es war Dirmer, den Maurice zuerſt ſah; Dirmer lief herbei und ſchloß Maurice mit einem Freudengeſchrei in ſeine Arme. Da kam Genevisve herab; ſie hatte ſich mit ihrem Perlmuttermeſſer auf die Wangen geſchlagen, um das Blut zurückzurufen, aber ſie war noch nicht zwanzig Stu⸗ fen hinabgeſtiegen, als der gezwungene Carmin, gegen das Herz zurückfließend, wieder verſchwand. Maurice ſah Geneviève im Halbſchatten der Thüre erſcheinen; er ging lächelnd auf ſie zu, um ihr die Hand zu küſſen, und gewahrte nun erſt, wie ſehr ſie ſich ver⸗ ändert hatte. Sie bemerkte ihrerſeits mit Schrecken die Magerkeit von Maurice, ſowie das glänzende, fieberhaſte Licht ſeines Blickes. „Sie ſind alſo hier, mein Herr?“ ſagte ſie zu ihm mit einer Stimme, deren Bewegtheit ſie nicht zu bewäl⸗ tigen vermochte. 172 Sie hatte ſich gelobt, mit gleichgültigem Tone zu ihm zu ſagen: „Guten Abend Bürger Maurice, warum machen Sie ſich denn ſo ſelten?“ Die Variante kam Maurice noch kalt vor, und den⸗ noch welche Nuance! Dirmer ſchnitt die langen Prüfungen und gegenſei⸗ tigen Anſchuldigungen kurz ab. Er ließ das Mittagsbrod auftragen, denn es war beinahe zwei Uhr. Als man in den Speiſeſaal kam, bemerkte Maurice, daß ſein Gedeck gelegt war. Dann erſchien der Bürger Morand mit demſelben kaſtanienbraunen Rocke und derſelben Weſte. Er hatte immer noch ſeine grüne Brille, ſeine großen ſchwarzen Locken und ſeinen weißen Jabot. Maurice war ſo freund⸗ lich, als er nur immer konnte, gegen dieſe Geſammtheit, die ihm, wenn er ſie unter den Augen hatte, unendlich weniger Furcht einflößte, als wenn er davon entfernt war. In der That, welche Wahrſcheinlichkeit, daß Gene⸗ viove dieſen kleinen Chemiker liebte? Man mußte ſehr verliebt und folglich ſehr närriſch ſein, um ſich ſolche Poſſen in den Kopf zu ſetzen. Ueberdies wäre der Augenblick zur Eiferſucht ſchlecht gewählt geweſen. Maurice hatte in ſeiner Weſtentaſche den Brief von Geneviéve und ſein Herz ſchlug freudig darunter. Geneviève hatte ihre Heiterkeit wieder gewonnen. Es iſt eine Eigenthümlichkeit in der Organiſation der Frauen, daß die Gegenwart beinahe immer die Spuren der Ver⸗ gangenheit und die Drohungen der Zukunft bei ihnen zu verwiſchen vermag. Genevisve, welche ſich glücklich fühlte, wurde wieder Herrin ihrer ſelbſt, das heißt, ruhig und kalt, obgleich freundlich... eine andere Nuance, welche Maurice zu be⸗ greifen nicht ſtark genug war. Lorin hätte die Erklärung davon in Parny, in Bertin oder in Gentil⸗Bernard ge⸗ funden. 3 173 Das Geſpräch ſiel auf die Göttin Vernunft; der Fall der Girondiſten und der neue Cultus, der die Erbſchaft des Himmels zu einem Kunkellehen machte, waren die zwei Ereigniſſe des Tages. Dirmer behauptete, es wäre ihm nicht unangenehm geweſen, wenn er dieſe unſchätzbare Ehre Geneviéve angeboten geſehen hätte. Maurice wollte darüber lachen. Doch Genevisve trat der Meinung ihres Gatten bei und Maurice ſchaute Beide er⸗ ſtaunt darüber an, daß der Patriotismus einen ſo ver⸗ nünftigen Geiſt wie den von Dirmer und eine ſo poetiſche Natur wie die von Geneviéve in dieſem Grade irreleiten konnte. Morand entwickelte eine Theorie der politiſchen Frau, indem er von Théroigne von Méricourt, der Heldin des 10. Auguſt, zu Madame Roland, dieſer Seele der Gi⸗ rondiſten, aufſtieg. Dann ſchleuderte er beiläufig ein paar Worte gegen die Strickerinnen. Dieſe Worte machte Maurice lächeln; es waren jedoch grauſame Spöttereien gegen die Patriotinnen, denen man ſpäter den Namen Gulllotine⸗Leckerinnen gab. „Ah! Bürger Morand,“ ſprach Dirmer,„ehren wir den Patriotismus, ſelbſt wenn er ſich verirrt.“ „Ich meines Theils,“ verſetzte Maurice,„ich finde die Frauen ſtets patriotiſch genug, wenn ſie nur nicht zu ariſtokratiſch ſind.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Morand,„ich geſtehe of⸗ fenherzig, ich finde eine Frau eben ſo verächtlich, wenn ſie das Weſen eines Mannes affectirt, als ich einen Mann feige finde, der eine Frau beſchimpft, ſelbſt wenn es ſeine grauſamſte Feindin wäre.“ Morand hatte Maurice auf einem ganz natürlichen Wege auf ein zartes Gebiet geführt. Maurice antwortete durch ein beſtätigendes Zeichen. Die Schranken waren geöffnet. Dirmer fügte, wie ein Herold, der die Stimme erhebt, bei: „Einen Augenblick Geduld, Morand; Sie nehmen 174 hoffentlich die Frauen aus, welche feindſelig gegen die Nation geſinnt ſind.“ Ein Stillſchweigen von einigen Secunden erfolgte auf dieſen Gegenſtoß gegen die Antwort von Morand und das Zeichen von Maurice. Maurice unterbrach dieſes Stillſchweigen und ſagte mit traurigem Tone: „Wir wollen Niemand ausnehmen; ach! die Frauen, welche die Feindinnen der Nation geweſen, ſind heute hart geſtraft, wie mir dünkt.“ „Sie meinen die Gefangenen des Temple, die Oeſter⸗ reicherin, die Schweſter und die Tochter von Capet,“ rief Dirmer mit einer Zungenfertigkeit, welche ſeinen Worten jeden Ausdruck benahm. Morand erbleichte in Erwartung der Antwort des jungen Municipal, und wenn man ſie geſehen, hätte man glauben können, ſeine Nägel wollten eine Furche auf ſei⸗ ner Bruſt ziehen, ſo tief drückten ſie ſich ein. „Ganz richtig, ſie meine ich,“ ſprach Maurice. „Wie?“ verſetzte Morand mit gepreßter Stimme, „iſt es wahr, was man ſagt, Bürger Maurice?“ „Und was ſagt man?“ fragte der junge Mann. „Daß die Gefangenen zuweilen grauſam gerade von denjenigen behandelt werden, deren Pflicht es wäre, ſie zu beſchützen.“ „Es gibt Menſchen,“ erwiederte Maurice,„die den Namen eines Menſchen nicht verdienen. Es gibt Feige, welche nicht gekämpft haben und die Beſiegten nothwendig morden müſſen, um ſich ſelbſt zu überreden, daß ſie Sie⸗ ger ſeien.“ „Ohl Sie gehören nicht zu dieſen Menſchen, Maurice, deſſen bin ich gewiß,“ rief Genevieve. „Madame,“ antwortete Maurice,„ich habe die Wache bei dem Schaffot bezogen, auf welchem der König geſtor⸗ ben iſt. Ich hatte den Säbel in der Hand und war da, um Jeden zu todten, der ihn hätte retten wollen. Als er aber in meine Nähe kam, nahm ich unwillkührlich den Hut ab, wandte mich gegen meine Leute um und ſprach zu ihnen:„„Bürger, ich ſage Euch, daß ich dem Erſten, der den ehemaligen König ſchmäht, den Sabel durch den Leib renne.““ Ohl ich fordere Männiglich auf, zu ſagen, ob ein einziger Schrei ſich aus meiner Compagnie hörbar gemacht hat. Ich war es auch, der zuerſt einen von den zehn tauſend Zetteln ſchrieb, welche in Paris angeheftet wurden, als der König von Varennes zurückkam: „„Wer den König grüßt, wird geſchlagen, wer ihn ſchmäht, wird gehenkt.““ „Nun wohl,“ fuhr Maurice fort, ohne die furchtbare irkung zu bemerken, welche dieſe Worte in der Verſamm⸗ lung hervorbrachten,„ich habe alſo bewieſen, daß ich ein guter und offenherziger Vaterlandsfreund bin, daß ich die Könige und ihre Parteigänger verabſcheue. Aber trotz meinen Anſichten, welche durchaus auf tiefer Ueberzeugung beruhen, trotz der Gewißheit, der ich lebe, daß die Oeſter⸗ reicherin einen großen Antheil an dem Unglück hat, das Frankreich verheert, nie, nie wird ein Menſch, wer es auch ſein mag, und wäre es Santerre ſelbſt, die Erkönigin in meiner Gegenwart beleidigen.“ „Bürger,“ unterbrach ihn Dirmer, wie ein Mann, der eine ſolche Keckheit nicht billigt,„wiſſen Sie, daß Sie unſerer ſehr ſicher ſein müſſen, um ſolche Dinge in unſerer ſegenwart zu ſagen?“ „Vor Ihnen, vor Allen, Dirmer, und ich füge bei: Sie wird vielleicht auf dem Schaffote ihres Gemahls ſterben, doch ich gehöre nicht zu denjenigen, welchen eine Frau bange macht, und ich werde ſtets mit ſchonender Achtung behandeln, was ſchwächer iſt als ich.“ „Und die Königin,“ fragte ſchüchtern Genevisve,„hat ſie Ihnen zuweilen bewieſen, Herr Maurice, daß ſie em⸗ pfänglich für die Zartheit war, an die ſie entfernt nicht gewöhnt iſt?“ „Die Gefangene hat mir wiederholt für meine Rück⸗ ſichten gegen ſie gedankt, Madame.“ 176 „Dann muß ſie es mit Vergnügen ſehen, wenn die Reihe der Wache an Sie kommt?“ „Ich glaube es,“ antwortete Maurice. „Sagen Sie,“ ſprach Morand zitternd wie ein Weib, „da Sie zugeſtanden haben, was Niemand jetzt mehr zu⸗ geſteht, nämlich ein edles Herz: Sie verfolgen die Kinder eben ſo wenig?“ 1 „Ich!“ verſetzte Maurice,„fragen Sie den ſchändli⸗ chen Simon, was der Arm des Municipal wiegt, in deſſen Gegenwart er den kleinen Capet zu ſchlagen die Frechheit gehabt hat.“ Dieſe Antwort brachte eine unwillkührliche Bewegung an dem Tiſche von Dirmer hervor: alle Gäſte erhoben ſich ehrfurchtsvoll. Maurice allein blieb ſitzen und vermuthete nicht, daß er dieſen Aufſchwung der Bewunderung veranlaßte. „Nun, was gibt es denn?“ fragte er erſtaunt. —„ Ich glaubte, man habe aus der Werkſtätte gerufen,“ antwortete Dirmer. „Nein, nein,“ ſagte Geneviève.„Ich glaubte es An⸗ fangs auch, doch wir haben uns getäuſcht.“ Und Alle ſetzten ſich wieder nieder. „Ah! Bürger,“ ſagte Morand mit zitternder Stimme, „Sie ſind alſo der Municipal, von dem man ſo viel ge⸗ ſprochen, und der ein Kind ſo edelmüthig vertheidigt hat 2 „Man hat davon geſprochen?“ verſetzte Maurice mit einer faſt erhabenen Naivetät. „Ah! das iſt ein edles Herz,“ rief Morand, ſtand vom Tiſche auf, um ſeine Gefühle nicht zum Ausbruch kommen zu laſſen, und begab ſich in die Werkſtätte, als ob ihn eine dringende Arbeit dahin riefe. „Ja, Bürger,“ antwortete Dirmer,„ja man hat da⸗ von geſprochen, und man muß ſagen, daß alle Menſchen von Herz und Muth Sie gelobt haben, ohne Sie zu kennen.“ „Und laſſen wir ihn unbekannt,“ verſetzte Geneviève, „der Ruhm, den wir ihm geben würden, wäre ein zu gefährlicher Ruhm.“. 177* So hatte Jedes, bei dieſem ſeltſamen Geſpräche, ohne es zu wiſſen, ein Wort über Heldenmuth, Aufopferung und Gefühl vorgebracht. Selbſt die Liebe hatte ihre lauten Klänge gefunden. XVII. Die Minirer. Im Augenblick, wo man den Tiſch verließ, wurde Dirmer benachrichtigt, ſein Notar erwarte ihn in ſeinem Cabinet; er entſchuldigte ſich bei Maurice, den er übri⸗ gens auf dieſe Art zu perlaſſen die Gewohnheit hatte, und begab ſich an den Ort, wo ihn der Notar erwartete. Es handelte ſich um den Ankauf eines kleinen Hauſes in der Rue de la Corderie, dem Garten des Temple ge⸗ genüber. Es war mehr ein Platz als ein Haus, was Dirmer kaufte, denn das gegenwärtige Gebäude zerfiel beinahe in Trümmer, doch er hatte die Abſicht, es wieder aufbauen zu laſſen. 8 Der handet hatte auch durchaus keinen Anſtand bei dem Eigenthümer gefunden; der Notar hatte ihn an dem⸗ ſelben Denen beſucht und war mit ihm für die Summe von neunzehn tauſend fünfhundert Livres übereingekommen. Er erſchien bei Dirmer, um den Vertrag unterzeichnen zu laſſen und das Geld für das Gebäude in Empfang zu nehmen; der Eigenthümer ſollte im Verlaufe des Tages das Haus völlig räumen, damit die Arbeiter ſchon am nächſten Morgen zum Werke ſchreiten könnten. Sobald der Vertrag unterzeichnet war, begaben ſich Dirmer und Morand mit demt Notar nach der Rue de la Corderie, um ſogleich die neue Erwerbung in Augen⸗ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 12 — ꝗMͦ-x—— K 178 ſchein zu nehmen, denn man hatte den Kauf mit Vorbe⸗ halt der Beſichtigung abgeſchloſſen. Dieſes Haus lag ungefähr da, wo jetzt die Nummer 20 iſt, hatte drei Stockwerke und darüber eine Manſarde. Der untere Theil war früher an einen Weinhändler ver⸗ miethet geweſen und enthielt vortreffliche Keller. Der Eigenthümer rühmte hauptſächlich die Keller; das war der bemerkenswerthe Theil des Hauſes; Dirmer und Morand ſchienen einen geringen Werth auf dieſe Keller zu legen, und dennoch ſtiegen Beide, wie aus Ge⸗ fälligkeit, in das hinab, was der Eigenthümer ſeine Souter⸗ rains nannte. Gegen die Gewohnheit der Hauseigenthümer hatte dieſer nicht gelogen; die Keller waren herrlich, einer der⸗ ſelben erſtreckte ſich bis unter die Rue de la Corderie und man hörte von dieſem Keller aus die Wagen über dem Kopfe hinrollen. Dirmer und Morand ſchienen dieſen Vortheil durch⸗ aus nicht hoch anzuſchlagen und ſprachen ſogar davon, die Gewölbe ausfüllen zu laſſen, welche, obgleich vortreff⸗ lich für einen Weinhändler, für gute Bürger, die das ganze Haus einzunehmen gedächten, durchaus unnütz wären. Nach dem Keller beſuchte man den erſten, dann den zweiten, dann den dritten Stock: aus dem dritten ſchaute man völlig in die Gärten des Temple; ſie waren wie ge⸗ wöhnlich von der Nationalgarde beſetzt, der der Genuß davon überlaffen blieb, ſeitdem die Königin nicht mehr ſpazieren ging. Dirmer und Morand erkannten ihre Freundin, die Witwe Plumeau, welche mit ihrer gewöhnlichen Thä⸗ tigkeit die Honneurs ihrer Schenke machte; doch ohne Zweifel war ihr Verlangen, ebenfalls von derſelben er⸗ kannt zu werden, nicht groß, denn ſie hielten ſich hinter dem Hauseigenthümer verborgen, der ſie auf die Vor⸗ theile dieſer eben ſo wechſelreichen, als angenehmen Aus⸗ ſicht aufmerkſam machte. 1 Der Käufer verlangte ſodann die Manſarden zu ſehen. r r 179 Der Eigenthümer hatte dieſe Forderung ohne Zwei⸗ fel nicht erwartet, denn er trug den Schluſſel nicht bei ſich; doch gerührt durch das Bundel von Aſſignaten, das man ihm gezeigt, ging er raſch hinab, um ihn zu holen. „Ich hatte mich nicht getäuſcht,“ ſagte Morand, „dieſes Haus taugt vortrefflich für unſere Zwecke.“ „Und was ſagen Sie zum Keller?“ „Daß dies eine Unterſtützung der Vorſehung iſt, die uns zwei Tage Arbeit erſparen wird.“ „Glauben Sie, daß er in der Richtung des Kellers der Schenke geht?“ „Er neigt ſich ein wenig nach links, doch gleichviel.“ „Aber wie können Sie Ihre unterirdiſche Linie mit der Gewißheit verfolgen, daß Sie ausmünden, wo Sie wollen?“ verſetzte Dirmer. „Seien Sie unbeſorgt, das iſt meine Sache.“ „Wenn wir von hier aus das Zeichen geben würden, daß wir wachen?“ „Die Königin würde es von der Plattform aus nicht ſehen, denn ich glaube, nur die Manſarden allein ſind in der Höhe der Plattform, und daran zweifle ich noch.“ „Gleichviel,“ ſagte Dirmer,„Toulan oder Mauny können es von irgend einer Oeffnung aus ſehen und wer⸗ den Ihre Majeſtäͤt benachrichtigen.“ Hienach machte Dirmer Knoten unten an einen Vor⸗ hang von weißem Calicot und ließ den Vorhang durch das offene Fenſter gehen, als ob ihn der Wind hinaus⸗ getrieben hätte. Dann, als wären Beide ungeduldig, die Manſarden in Augenſchein zu nehmen, gingen ſie hinaus, um den Eigenthumer auf der Treppe zu erwarten, nachdem ſie zuvor die Thüre des dritten Stockwerkes zugemacht hatten, damit dem würdigen Manne nicht der Gedanke käme, ſei⸗ nen flatternden Vorhang zurückzuziehen. Die Manſarden erreichten, wie es Morand vorher⸗ geſehen, noch nicht einmal die Höhe der Zinnen des Thur⸗ mes. Dies war zugleich eine Schwierigkeit und ein Vor⸗ 8 — 180 theil: eine Schwierigkeit, weil man ſich nicht durch Zeichen der Königin mittheilen konnte; ein Vortheil, weil dieſe Unmöglichkeit jeden Verdacht beſeitigte. Die hohen Hau⸗ ſer waren natuͤrlich diejenigen, welche man am Schärfſten bewachte. „Man müßte durch Mauny, Toulan oder die Toch⸗ ter Tiſon ein Mittel finden, ihr ſagen zu laſſen, ſie möge Obacht geben,“ ſprach Dirmer. „Ich werde darauf bedacht ſein,“ antwortete Morand. Man ging hinab. Der Notar wartete im Wohn⸗ zimmer mit dem Vertrage. „Es iſt gut,“ ſprach Dirmer,„das Haus ſagt mir zu; bezahlen Sie dem Bürger die neunzehn tauſend fünf hundert Lipres und laſſen Sie ihn unterzeichnen.“ Der Hauseigenthümer zählte ängſtlich die Summe und unterzeichnete. „Du weißt, Bürger,“ ſprach Dirmer,„die Haupt⸗ bedingung iſt, daß mir das Haus noch dieſen Abend über⸗ geben wird, damit ſchon morgen die Arbeiten anfangen können.“. „Ich werde mich darnach richten, Bürger, Du kannſt die Schlüſſel mitnehmen, dieſen Abend um acht Uhr iſt es völlig geräumt.“ „Ah! Bürger Notar,“ ſagte Dirmer,„haſt Du mir nicht geſagt, das Haus habe einen Ausgang nach der Rue Porte⸗Foin?“ „Ja, Bürger,“ antwortete der Hauseigenthümer, „doch ich ließ ihn verſchließen, denn ich habe nur einen Willfährigen und dieſer arme Teufel hatte, genöthigt zwei Thuͤren zu bewachen, zu viel Mühe. Der Ausgang iſt indeſſen auf eine Weiſe vermauert, daß man ihn abermals mit einer Arbeit von kaum zwei Stunden anbringen kann. Wollt Ihr Euch davon überzeugen, Bürger?“ „Ich denke, es iſt unnöthig„, erwiederte Dirmer, „ich lege keinen Werth auf dieſen Ansgange Und Beide entfernten ſich, nachdem ſie zum dritten Male den Hauseigenthümer ſein Berſpch 2 den, die Woh⸗ 8 4 — rr 184 nung bis acht Uhr Abends zu räumen, hatten wieder⸗ holen laſſen.. Um neun Uhr kamen Beide zurück, in einer gewiſſen Entfernung gefolgt von fünf bis ſechs Männern, auf welche bei der in Paris herrſchenden Verwirrung Niemand aufmerkſam war. Sie traten zuerſt Beide ein; der Verkäufer hatte Wort gehalten, das Haus war völlig leer. Man fchloß die Läden mit der größten Sorgfalt, ſchlug dann Feuer und zündete Kerzen an, welche Morand in ſeiner Taſche mitgebracht hatte. Hienach traten die fünf oder ſechs Männer hinter einander ein. Es waren die gewöhnlichen Gäſte des Meiſter Roth⸗ gerbers, dieſelben Schmuggler, welche eines Abends Mau⸗ rice hatten tödten wollen und ſeitdem ſeine Freunde ge⸗ worden waren. Man ſchloß die Thüren und ſtieg in den Keller hinab. Dieſer am Tage ſo ſehr verachtete Keller war am Abend der wichtigſte Theil des Hauſes geworden. Man hörte, wie es der Eigenthümer bemerkt hatte, die Wagen über dem Kopfe rollen, was bewies, daß man ſich wirklich unter der Straße befand. Man verſtopfte zuerſt alle Oeffnungen, durch welche ein neugieriger Blick dringen konnte. Dann richtete Morand ein leeres Faß auf und zeich⸗ nete auf ein Papier mit Bleiſtift geometriſche Linien. Während er dieſe Linien zeichnete, traten ſeine Ge⸗ fährten, von Dirmer geführt, aus dem Hauſe, folgten der Rue de la Corderie und blieben an der Ecke der Rue du Beauce vor einem bedeckten Wagen ſtehen. In dieſem Wagen ſaß ein Mann, der Jedem ein Pionnier⸗Werkzeug gab, dem Einen ein Grabſcheit, dem Andern eine Haue, Dieſem eine Hebeſtange, Jenem einen Karſt. Jeder ver⸗ barg das Werkzeug, das man ihm gegeben hatte, entweder unter ſeinem Oberrock oder unter ſeinem Mantel. Die 182 Gräber ſchlugen wieder den Weg nach dem kleinen Hauſe ein und der Wagen verſchwand. MNorand hatte ſeine Arbeit beendigt. Er ging gerade auf eine Ecke des Kellers zu und ſprach: „Hier grabt.“ Die Befreiungsarbeiter ſchritten ſogleich zum Werke. Die Lage der Gefangenen im Temple war immer ernſter und beſonders immer ſchmerzlicher geworden. Einen Augenblick hatten die Königin, Madame Eliſabeth und Madame Royale wieder einige Hoffnung gefaßt. Von Mitleid für die erhabenen Gefangenen ergriffen, hatten ihnen die Municipale Toulan und Lepitre Theilnahme kundgegeben. Wenig an dieſe Zeichen von Mitgefühl ge⸗ wöhnt, waren die armen Frauen Anfangs mißtrauiſch geweſen. Doch man mißtraut nicht lange, wenn man hofft. Was konnte übrigens der Königin geſchehen, welche von ihrem Sohne durch das Gefängniß, von ihrem Gatten durch den Tod getrennt war? daß ſie wie dieſer das Blut⸗ gerüſte beſteigen mußte. Das war ein Schickſal, welches ſie ſeit langer Zeit vor ſich erblickte, ein Schickſal, an das ſie ſich endlich gewöhnt hatte Als zum erſten Male die Reihe wieder an Toulan und Lepitre kam, bat ſie die Königin, ſie möchten ihr, wenn ſie wirklich an ihrem Schickſale Theil nähmen, die einzelnen Umſtände bei dem Tode des Königs erzählen. Dies war eine traurige Prüfung, der man ihr Mitgefühl unterwarf. Lepitre hatte der Hinrichtung beigewohnt, er gehorchte dem Befehl der Königin. Die Königin verlangte die Zeitungen, welche einen Bericht über die Hinrichtung enthielten. Lepitre verſprach ſie bei der nächſten Wache zu bringen; die Reihe der Wache kehrte von drei zu drei Wochen wieder. Zur Zeit des Königs waren vier Municipale im Temple, nach ſeinem Tod nur noch drei; einer wachte bei Tag und zwei wachten in der Nacht. Toulan und Le⸗ 4 183 pitre erſannen eine Liſt, um ſtets bei Nacht mit einander auf der Wache zu ſein. Ueber die Wacheſtunden wurden Looſe gezogen; man ſchrieb auf einen Zettel Tag und auf die zwei anderen Nacht. Jeder zog einen Zettel aus einem Hut, der Zu⸗ fall brachte die Wächter der Nacht zuſammen. Lepitre und Toulan waren jedes Mal mit einander auf der Wache; ſie ſchrieben Tag auf die drei Zettel und bo⸗ ten den Hut dem Municipal, den ſie beſeitigen wollten. Dieſer ſtreckte die Hand in die improviſirte Urne und zog nothwendig einen Zettel heraus, auf dem das Wort Tag ſtand. Toulan und Lepitre vernichteten die zwei andern und murrten dabei gegen den Zufall, der ihnen beſtändig die unangenehmere Wache gab, nämlich die der Nacht. Als die Königin ihrer zwei Wächter ſicher war, brachte ſie dieſelben in Verbindung mit dem Chevalier von Mai⸗ ſon⸗Rouge. Dann wurde ein Entweichungsplan feſtgeſtellt. Die Königin und Madame Eliſabeth ſollten verkleidet als Municpalbeamte mit Karten fliehen, die man ihnen ver⸗ ſchaffen würde. Was die zwei Kinder, nämlich Madame Royale und den jungen Dauphin betrifft, ſo hatte man bemerkt, daß der Mann, der die Laternen im Temple anzündete, ſtets zwei Kinder von demſelben Alter wie die Prinzeſſin und der Prinz mitbrachte. Es wurde ver⸗ abredet, daß Turgy, von dem wir noch nicht geſprochen, ſich in die Tracht des Anzünders kleiden und Madame Royale und den Dauphin entführen ſollte. Wir wollen nun mit zwei Worten ſagen, wer Turgy war. Turgy war ein ehemaliger Diener der Mundküche des Königs, der mit einem Theile des Haushaltes der Tuilerien in den Temple kam, denn der König hatte An⸗ fangs eine ziemlich gut organiſirte Tafelbedienung. Im erſten Monat koſtete dieſe Bedienung die Nation dreißig bis vierzig tauſend Franken. Eine ſolche Verſchwendung konnte begreiflicher Weiſe nicht lange dauern. Die Gemeinde traf eine andere An⸗ ordnung. Man entließ Küchenmeiſter, Köche und Küchen⸗ 184 jungen. Ein einziger Küchendiener wurde beibehalten, dieſer Küchendiener war Turgy. Turgy war daher ein ganz natürlicher Vermittler wiſchen den Gefangenen und ihren Parteigängern, denn Turgy konnte hinausgehen und folglich Billets wegtragen und Antworten zurückbringen. Gewöhnlich waren dieſe Billets als Pröpfe zuſam⸗ mengerollt auf den Mandelmilchflaſchen, die man der Königin und Madame Eliſabeth zukommen ließ. Sie waren mit Citrone geſchrieben und die Buchſtaben blie⸗ ben unſichtbar, bis man ſie dem Feuer näherte. Alles war zur Flucht bereit, als eines Tags Tiſon ſeine Pfeife mit einem Propfe von einer dieſer Flaſchen anzündete. Wahrend das Papier brannte, ſah er Cha⸗ raktere erſcheinen. Er löſchte das halbverbrannte Papier aus und überbrachte das Bruchſtück dem Rath des Temple. ier näherte man es dem Feuer, doch man konnte nur einige Worte ohne Folge leſen, da die andere Hälfte des Papiers in Aſche verwandelt war.— Nur erkannte man die Handſchrift der Königin Als man Tiſon befragte, erzählte er, er habe einige Gefäl⸗ ligkeiten von Seiten von Lepitre und Toulan gegen die Gefangenen zu bemerken geglaubt. Die zwei Commiſſäre wurden der Municipalität angezeigt und konnten nicht mehr in den Temple zurückkehren. Es blieb noch Turgy. Doch das Mißtrauen war im höchſten Grade rege gemacht; nie ließ man ihn allein bei den Prinzeſſinnen, jede Verbindung mit Außen war alſo unmöglich geworden. Eines Tags gab jedoch Madame Eliſabeth Turgy zum Reinigen ein kleines Meſſer mit einem goldenen Hefte, deſſen ſie ſich bediente, um ihr Obſt zu ſchneiden. Turgy vermuthete etwas und zog, während er es ab⸗ wiſchte, das Heft zurück: es enthielt ein Billet. Dieſes Billet war ein ganzes Alphabet von Zeichen. Turgy gab das Meſſer Madame Eliſabeth zuruck, doch ein anweſender Municipal entriß es ihren Händen b 185⁵ und unterſuchte das Meſſer, an dem er ebenfalls die Klinge vom Heſte trennte; glücklicher Weiſe war das Billet nicht mehr darin. Der Municipal confiscirte nichtsdeſtoweniger das Meſſer. Da erſann der unermüdliche Chevalier von Maiſon⸗ Rouge den zweiten Verſuch, den man mittelſt des Hauſes, das Dirmer gekauft, ausführen ſollte. Die Gefangenen hatten indeſſen allmälig alle Hoff⸗ nung verloren. Die Königin, welche ungemein über das Geſchrei erſchrak, das von der Straße bis zu ihr drang, und durch eben dieſes Geſchrei erfuhr, daß man die Gi⸗ rondiſten, die letzte Stütze des Moderantismus, in An⸗ klageſtand zu verſetzen beabſichtigte, war an dieſem Tage von einer ſchmerzlichen Traurigkeit. Denn waren die Gi⸗ rondiſten todt, ſo hatte die königliche Familie keinen Ver⸗ theidiger mehr im Convent. Um ſieben Uhr trug man das Abendbrod auf. Die Municipale unterſuchten jede Platte wie gewöhnlich, ent⸗ falteten eine nach der andern die Servietten, ſondirten das Brod, der Eine mit einer Gabel, der Andere mit ſeinen Fingern, und ließen die Macronen und die Nüſſe zerbrechen, Alles aus Furcht, es könnte ein Billet bis zu den Gefangenen gelangen; als dieſe Vorſichtsmaßregeln genommen waren, luden ſie die Königin und die Prin⸗ zeſſin ein, ſich zu Tiſche zu ſetzen, dies mit den einfachen Worten: 3 „Witwe Capet, Du kannſt ſpeiſen.“ Die Königin ſchüttelte den Kopf, zum Zeichen, daß ſie keinen Hunger habe. Doch in dieſem Augenblick kam Madame Royale auf ſie zu, als ob ſie ihre Mutter umarmen wollte, und ſagte leiſe zu ihr: „Setzen Sie ſich zu Tiſche, Madame, ich glaube, Turgy macht uns ein Zeichen.“ Die Königin bebte und ſchaute empor. Turgy ſtand ihr gegenüber, die Serviette auf dem linken Arme und mit der rechten Hand ſein Auge berührend. 186 Sie erhob ſich ſogleich, ohne eine Schwierigkeit zu machen, und nahm ihren gewöhnlichen Platz am Tiſche. Die zwei Municipale wohnten dem Mahle bei; es war ihnen verboten, die Prinzeſſinnen einen Augenblick mit Turgy allein zu laſſen. Die Füße der Königin und die von Madame Eliſa⸗ beth begegneten ſich unter dem Tiſche und drückten ſich. Da die Königin Turgy gegenüber ſaß, ſo entging ihr nicht eine Geberde des Dieners. Uebrigens waren ſeine Geberden ſo natürlich, daß ſie den Municipalen kein Mißtrauen einflößen konnten und auch wirklich keines einflößten. Nach dem Abendbrode trug man mit denſelben Vor⸗ ſichtsmaßregeln ab, die man beim Auftragen genommen hatte; die geringſten Brodbrocken wurden aufgehoben und unterſucht; dann ging Turgy zuerſt hinaus, ihm folgten die Municipale, doch die Tiſon blieb. Dieſe Frau war ganz wild geworden, ſeitdem man ſie von ihrer Tochter getrennt hatte, von deren Schickſal ſie durchaus nichts wußte. So oft die Königin Madame Royale umarmte, bekam ſie Anfälle von Wuth, welche dem Wahnſinn glichen; die Königin, deren mütterliches Herz den Schmerz der Mutter begriff, hielt oft in dem Augenblick inne, wo ſie ſich dieſen Troſt, den einzigen, der ihr blieb, den Troſt, ihre Tochter an ihr Herz zu drücken, geben wollte. Tiſon kam, um ſeine Frau zu holen, doch dieſe er⸗ klärte, ſie würde ſich nicht eher entfernen, als bis die Witwe Capet ſich niedergelegt hätte. Madame Eliſabeth nahm nun Abſchied von der Kö⸗ nigin und ging in ihr Zimmer. Die Königin entkleidete ſich und ging zu Bette, ebenſo Madame Royale; dann nahm die Frau Tiſon die Kerze und entfernte ſich. Die Municipale lagen bereits auf ihren Gurtbetten im Corridor. „ 3 187 Der Mond, dieſer bleiche Gaſt der Gefangenen, ließ durch die Oeffnung des Ladens einen ſchrägen Strahl fallen, der vom Fenſter zum Fuße des Bettes der Köni⸗ gin glitt. Einen Augenblick blieb Alles ruhig und ſchweigſam im Zimmer Dann drehte ſich ſachte eine Thüre auf ihren Angeln: ein Schatten trat in den Lichtſtrahl und näherte ſich den Häupten des Bettes. Es war Madame Eliſabeth. „Haben Sie geſehen?“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Ja,“ antwortete die Königin. „Haben Sie verſtanden?“ „So gut, daß ich nicht daran glauben kann.“ „Wir wollen die Zeichen wiederholen.“ „Zuerſt berührte er ſein Auge, um uns zu bezeichnen, daß etwas Neues vorgehe.“ „Dann legte er ſeine Serviette von ſeinem linken Arm auf ſeinen rechten, was beſagen will, daß man ſich mit unſerer Befreiung beſchäftige. „Hierauf drückte er die Hand an ſeine Stirne, wo⸗ durch er bedeutete, die Hülfe, die er uns ankündige, komme aus dem Innern und nicht vom Ausland.“ „Als Sie ihn ſodann baten, morgen Ihre Milch nicht zu vergeſſen, machte er zwei Knoten an ſein Taſchentuch.“ „Es iſt alſo abermals der Chevalier von Maiſon⸗ Rouge. Edles Herz!’"“ „Er iſt es,“ ſprach Madame Eliſabeth. „Schläfſt Du, meine Tochter?“ fragte die Königin. „Nein, meine Mutter,“ antwortete Madame Royale. „So bete, Du weißt für wen.“ Madame Eliſabeth kehrte geräuſchlos in ihr Zimmer zurück, und fünf Minnten lang hörte man die Stimme der jungen Prinzeſſin, welche in der Stille der Nacht mit Gott ſprach. 3 Es war dies gerade in dem Augenblicke, wo auf die 188 Angabe von Morand die erſten Schläge mit der Haue in dem kleinen Hauſe der Rue de la Corderie geſchahen. XVIII. Wolken. Abgeſehen von der Berauſchung der erſten Blicke, hatte ſich Manrice unter ſeiner Erwartung bei der Auf⸗ nahme gefunden, die ihm Genevisve bereitet, und er rechnete auf die Einſamkeit, um den Weg wieder zu gewinnen, den er auf der Bahn ſeiner Zuneigung verloren hatte, oder wenigſtens verloren zu haben ſchien. Doch Genevisve hatte ihren feſten Planz ſie gedachte ihm keine Gelegenheit mehr zu einem Zuſammenſein unter vier Augen zu geben, um ſo mehr) als ſie üch gerade durch ihre Sußigkeit erinnerte, wie gefährlich ſolche Zuſammen⸗ künfte waren. 1 Maurice zählte auf den andern Tag; eine Verwandtin, ohne Zweifel zum Vorans benachrichtigt, war zum Beſuch gekommen und Genevisve hatte ſie zurückgehalten. Dies⸗ mal ließ ſich nichts ſagen, denn. onnte kein Fehler auf Seiten von Geneviève ſein. Als Maurice wegging, wurde er beauftragt, die Ver⸗ wandtin, welche in der Rue des Foſſés⸗Saint⸗Victor wohnte, zurückzuführen. Manrice entfernte ſich mit einem verdrießlichen Ge⸗ ſichte, doch Geneviève lächelte ihm zu und Maurice nahm dieſes Lächeln für ein Verſprechen. Leider täuſchte ſich Maurice. Am andern Tag, am 2. Juni, einem furchtbaren Tage, der den Fall der Gi⸗ rondiſten ſah, gab Maurice ſeinem Freunde Lorin, welcher ihn durchaus in den Convent mitnehmen wollte, den Ab⸗ 189 ſchied und ſetzte Alles bei Seite, um ſeine Freundin zu ſehen. Die Göttin der Freiheit hatte eine furchtbare Ne⸗ benbuhlerin an Geneviève. Maurice traf Geneviève in ihrem kleinen Salon, Geneviève voll Anmuth und Zu⸗ vorkommenheit; doch bei ihr war eine junge Kammerfrau mit der dreifarbigen Cocarde, welche in einer Fenſterecke Sacktücher zeichnete und ihren Platz nicht verließ. Maurice faltete die Stirne: Geneviève bemerkte, daß der Olympiet ſchlechter Laune war; doch da ſie ihre Lie⸗ benswürdigkeit nicht ſo weit trieb, daß ſie die junge Will⸗ fährige entließ, ſo wurde Maurice ungeduldig und ent⸗ fernte ſich eine Stunde früher als gewöhnlich. Alles dies konnte Zufall ſein. Maurice faßte Geduld, dieſen Abend war überdies die Lage der Dinge ſo furcht⸗ bar, daß, obgleich Maurice ſeit einiger Zeit außerhalb der Politik lebte, der Lärmen bis zu ihm drang. Es bedurfte nicht weniger als den Fall einer Partei, welche zehn Monate in Frankreich regiert hatte, um ihn einen Augen⸗ blick ſeiner Liebe zu entziehen. Am andern Tage dasſelbe Verfahren von der Seite von Geneviève: Maurice hatte in der Vorausſicht dieſes Syſtems ſeinen Plan feſtgeſtellt: als Maurice zehn Minuten nach ſeiner Ankunft ſah, daß die Kammerfrau, nachdem ſie ein Dutzend Sacktücher gezeichnet, ſechs Dutzend Servietten angriff, zog er ſeine Uhr, ſtand auf, grüßte Geneviève und entfernte ſich ohne ein Wort zu ſagen. Mehr noch: als er wegging, drehte er ſich nicht ein einziges Mal um.— Geneviève, welche ſich erhoben hatte, um ihm mit den Augen durch den Gaxten zu folgen, blieb einige Se⸗ eunden ohne Gedanken, bleich, die Nerven angegriffen, und fiel dann ganz beſtürzt über die Wirkung ihrer Diplomatie auf ihren Stuhl zuruck. 3 In dieſem Augenblick trat Dirmer ein. „Maurice iſt weggegangen?“ rief er erſtaunt. „Ja,“ ſtammelte Genevièvde. „Aber er iſt kaum erſt gekommen 24 190 „Ungefähr vor einer Viertelſtunde.“ „Dann wird er wohl wieder kommen.“ „Ich bezweifle es.“ 4 „Laſſen Sie uns, Muguet“*), ſagte Dirmer. Die Kammerfrau hatte dieſen Blumennamen aus Haß gegen den Namen Marie angenommen, den ſie unglück⸗ licher Weiſe wie die Oeſterreicherin fuͤhrte. Auf die Aufforderung ihres Herrn ſtand ſie auf und ging hinaus. „Nun, liebe Genevisve,“ fragte Dirmer,„iſt der Friede mit Maurice geſchloſſen?“ „Im Gegentheil, mein Freund, ich glaube, wir ſind zu dieſer Stunde kälter als je.“ „Und wer hat diesmal Unrecht?“ „Maurice ohne allen Zweifel.“ „Laſſen Sie hören, machen Sie mich zum Richter.“ „Wis!“ verſetzte Geneviève erröthend,„Sie errathen nicht?“ 3„Warum er ſich geärgert hat? Nein.“ „Er iſt Muguet gehäſſig geworden, wie es ſcheint“ „Bah! wahrhaftig? Dann muß man dieſes Mäd⸗ chen wegſchicken. Ich werde mich wegen einer Kammer⸗ jungfer nicht elnes Freundes wie Maurice berauben.“ „Oh!“ ſagte Geneviève,„ich glaube nicht, daß er verlangen würde, man ſollte ſie aus dem Hauſe verbannen, und er dürfte ſich wohl damit begnugen...“ „Womit?“ „Daß man ſie aus meinem Zimmer verbannte.“ „Und Maurice hat Recht,“ ſprach Dirmer.„Ihnen und nicht Muguet macht Manrice Beſuch, es iſt alſo unnöthig, daß Muguet im Zimmer bleibt, wenn Maurice kommt.“ Geneviève ſchaute ihren Gatten erſtaunt an. „Aber, mein Freund..“ ſagte ſie. „Genevieve,“ erwiederte Dirmer,„ich glaubte in *) Maiblümchen. ——SFl,„8—D—r3 191 Ihnen eine Verbündete zu haben, die mir die Aufgaben, welche ich mir geſtellt, leichter machen würde, und Ihre Befürchtungen verdoppeln unſere Schwierigkeiten Vor vier Tagen glaubte ich Alles unter uns abgethan und feſt⸗ geſtellt, nun iſt Alles wieder auszugleichen. Genevieve, habe ich Ihnen nicht geſagt, ich vertraue auf Sie, auf Ihre Ehre; habe ich Ihnen nicht geſagt, Maurice müße ein innigerer, ein minder mißtrauiſcher Freund von uns werden, als je? O mein Gott! die Frauen find doch ein ewiges Hinderniß bei unſern Plänen.“ „Haben Sie denn nicht ein anderes Mittel? Für uns Alle, wie ich bereits geſagt, wäre es beſſer, wenn Maurice entfernt würde.“ „Ja, für uns Alle vielleicht, doch für diejenige, welche über uns iſt, der wir unſer Vermögen, unſer Leben, unſer Glück ſogar zu opfern geſchworen haben, muß dieſer junge Mann zurückkommen. Wiſſen Sie, daß man gegen Turgy Verdacht hat, und daß man davon ſpricht, den Prinzeſſinnen einen andern Diener zu geben?“ „Es iſt gut, ich werde Muguet wegſchicken.“ „Ei, mein Gott, Geneviève,“ ſprach Dirmer, mit einer von jenen Bewegungen der Ungeduld, welche ſo ſel⸗ ten bei ihm vorkamen,„warum ſprechen Sie mir hievon? Warum blaſen Sie das Feuer meines Geiſtes mit dem Ihrigen an, warum ſchaffen Sie mir Schwierigkeiten in der Schwierigkeit ſelbſt? Genevieve, thun Sie als ehrliche, ergebene Frau, was Sie thun zu müſſen glauben, mehr ſage ich Ihnen nicht; morgen werde ich ausgegangen ſein; morgen erſetze ich Morand bei ſeinen Ingenieurarbeiten. Ich ſpeiſe nicht mit Ihnen zu Mittag, doch er wird mit Ihnen ſpeiſen; wir haben etwas von Maurice zu erbitten, er wird Ihnen erklären, was das iſt. Bedenken Sie wohl, was von ihm zu erbitten iſt, denn es handelt ſich um eine wich⸗ tige Sache; es iſt nicht das Ziel, auf das wir losgehen, ſondern das Mittel; es iſt die letzte Hoffnung dieſes ſo guten, ſo edlen, ſo ergebenen Mannes, dieſes Beſchützers von 192 Ihnen und von mir, für den wir unſer Leben hingeben müſſen.“ 3 „Und für den ich das meinige auch hingeben würde,“ rief Geneviève voll Begeiſterung. „Ich weiß nicht, wie es gekommen iſt, Genevisve, doch Sie haben dieſen Mann nicht bei Maurice beliebt zu machen gewußt, und es war doch vor Allem von Be⸗ lang, daß er ihn liebte. In der ſchlimmen Stimmung des Geiſtes, in die Sie ihn verſetzt haben, wird ſomit Mau⸗ rice vielleicht Norand verweigern, was ſich dieſer von ihm erbittet und was wir um jeden Preis erhalten müſſen. Soll ich Ihnen nun fagen, Geneviève, wohin Morand alle ihre Zartheiten und Empfindſamkeiten führen werden?“ „Ohl mein Herr,“ rief Genevieve die Hände faltend und erbleichend,„oh! mein Herr, ſprechen wir nie hievon.“ „Nun wohl,“ verſetzte Dirmer,“ indem er ſeine Lip⸗ pen auf die Stirne ſeiner Frau drückte,„ſeien Sie ſtark und überlegen Sie.“ Und er verließ das Zimmer. „Oh, mein Gott! mein Gott!“ murmelte Geneviève voll Bangigkeit,„wie viel Gewalt thun ſie mir an, damit ich dieſe Liebe annehme, der meine ganze Seele entge⸗ genfliegt.“ Der andere Tag war wie geſagt eine Decadi.*) Es gab ein Herkommen in der Familie Dirmer wie bei allen bürgerlichen Familien jener Zeit; dies war ein längeres und feierlicheres Mittagsmahl am Sonntag, als an den andern Tagen. Seit ſeinem vertraulichen Verkehr mit dem Hauſe hatte Maurice, einmal für allemal zum Mittageſſen eingeladen, nie hiebei gefehlt. An dieſem Tag kam Maurice, obgleich man ſich erſt um zwei Uhr zu Tiſche zu ſetzen pflegte, zur Mittagsſtunde. Nach der Art und Weiſe, wie er weggegangen war, verzweifelte Geneviève beinahe, ihn zu ſehen. *) Decadi, der zehnte Tag einer Deeade im republikaniſchen Kalender, wie der Sonntag gefeiert. 193 Es ſchlug in der That zwölf Uhr, ohne daß man Maurice erblickte, dann halb ein Uhr, dann ein Uhr. Es läßt ſich nicht beſchreiben, was während dieſes Wartens in dem Herzen von Genevieve vorging. Sie hatte ſich Anfangs ſo einfach als möglich ge⸗ kleidet, als ſie aber ſah, daß er zögerte, ſteckte ſie, in jenem Gefühle der dem Herzen der Frau natürlichen Coquetterie, eine Blume an ihre Seite, eine Blume in ihre Haare und wartete abermals, indeß ſie ihr Herz immer mehr ſich zuſammenſchnüren fühlte. So erreichte man beinahe den Augenblick, wo man ſich zu Tiſche ſetzen ſollte, und Maurice erſchien nicht. Um zwei Uhr weniger zehn Minuten hörte Gene⸗ viève den Tritt des Pferdes von Maurice, den ihr ſo wohlbekannten Tritt. „Oh! da iſt er,“ rief ſie;„ſein Stolz konnte nicht geßen ſeine Liebe Stand halten. Er liebt mich! er liebt m ch!“ Maurice ſprang von ſeinem Pferde und übergab es dem Gärtner, befahl ihm aber, ihn zu erwarten, wo er war. Genevisve ſah ihn abſteigen und bemerkte voll Un⸗ Tht⸗ daß der Gärtner das Pferd nicht in den Stall ührte. Maurice trat ein; er war an dieſem Tag von einer glänzenden Schönheit. Der weite ſchwarze Rock mit großen Umſchlägen, die weiße Weſte, die gemslederne Hoſe, welche Beine geformt nach denen von Apollo hervorhob, ſein Kragen von weißem Batiſt und ſeine ſchönen, eine breite, glatte Stirne enthüllenden Haare machten aus ihm einen Typus von Zierlichkeit und kräf⸗ tiger Natur. 3 Er trat ein; das Herz von Genevisve erweiterte ſich und ſie empfing ihn ſtrahlend. „Ah! Sie ſind hier,“ ſprach ſie, indem ſie ihm die Hand reichte,„nicht wahr, Sie ſpeiſen mit uns zu Mittag?“ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. J. 13 194 „Im Gegentheil, Bürgerin,“ erwiederte Maurice mit kaltem Tone,„ich wollte Sie um Erlaubniß bitten, weg⸗ bleiben zu dürfen.“ „Wegbleiben?...“ „Ja, die Geſchäfte der Section nehmen mich in An⸗ ſpruch. Ich befürchtete, Sie könnten auf mich warten und mich der Unhöflichkeit beſchuldigen; deshalb bin ich gekommen.“ Genevisve fühlte, wie ihr Herz, das einen Augenblick von einem Wohlbehagen ergriffen geweſen war, ſich aber⸗ mals zuſammenpreßte.. „O mein Gott!“ ſprach ſie,„und Dirmer, der nicht hier ſpeiſt, Dirmer zählte darauf, Sie bei ſeiner Rück⸗ kehr zu finden, und beauftragte mich, Sie zurückzuhalten.“ „Ah! dann begreife ich, warum Sie auf mein Blei⸗ ben dringen, Madame. Es iſt die Folge eines Befehles Ihres Gatten. Und ich errieth das nicht ſogleich! In der That, ich werde nie von meinen Albernheiten zurück⸗ kommen.“— „Maurice!“ ¹ 3 „Doch ich habe mich mehr an Ihre Handlungen, als an Ihre Worte zu halten. Es geziemt ſich für mich, ein⸗ zuſehen, daß, wenn Dirmer nicht hier ſpeiſt, für mich ein Grund mehr vorhanden iſt, nicht zu bleiben. Seine Abweſenheit wäre ein Zuwachs von Beengung für Sie.“ „Warum dies?“ fragte ſchüchtern Genevi ve. „Weil Sie es ſich ſeit meiner Rückkehr zur Aufgabe gemacht zu haben ſcheinen, mich zu vermeiden; weil ich Ihretwegen, nur Ihretwegen allein zurückgekommen bin, mein Gott! das wiſſen Sie wohl, und weil ich ſeit meiner Rückkehr beſtändig Andere als Sie getroffen habe.“ SStille!“ verſetzte Geneviéève,„Sie ſind abermals Agehalten, mein Freund, und ich thue doch mein 3 2 eſtes.“ „Nein, Geneviève, Sie können noch etwas Beſſeres thun, Sie können mich empfangen wie fruͤher oder mich ganz und gar fortjagen.“ „Hören Sie, Maurice,“ erwiederte Geneviève mit zärtlichem Tone,„begreifen Sie meine Lage, errathen Sie meine Bangigkeit und ſpielen Sie nicht mehr den Tyrannen gegen mich.“ Und die junge Frau näherte ſich ihm und ſchaute ihn voll Traurigkeit an. Maurice ſchwieg. „Aber was wollen Sie denn von mir?“ fuhr ſie fort. „Ich will Sie lieben, Geneviève, da ich fühle, daß ich nun nicht mehr ohne dieſe Liebe leben kann.“ „Maurice, haben Sie Mitleid!“ „Madame, dann hätten Sie mich ſollen ſterben laſ⸗ ſen!“ rief Maurice. „Sterben!“ „Ja, ſterben oder vergeſſen.“ „Sie könnten alſo vergeſſen,“ rief Geneviève, der die Thränen aus dem Herzen in die Augen ſprangen. „Ohl! nein, nein,“ ſprach Maurice, während er auf die Kniee fiel,„nein, Genevisve, ſterben vielleicht, ver⸗ geſſen, nie! nie!“ „Und dennoch,“ verſetzte Geneviève mit Feſtigkeit, „dennoch wäre es das Beſte, Maurice, denn dieſe Liebe iſt ein Verbrechen.“ „Haben Sie das Herrn Morand geſagt?“ verſetzte Maurice, der durch dieſe plötzliche Kälte wieder Faſſung erlangte. „Herr Morand iſt kein Wahnſinniger wie Sie, Mau⸗ rice, ich habe nie nöthig gehabt, ihm anzudeuten, wie er ſich in dem Hauſe eines Freundes benehmen ſollte.“ „Wetten wir,“ erwiederte Maurice ironiſch lächelnd, „wetten wir, daß, wenn Dirmer auswärts ſpeiſt, Morand ſich nicht von hier wegbegeben wird. Ahl das müſſen Sie mir entgegenſtellen, Geneviève, wenn Sie mich ver⸗ hindern wollen, Sie zu lieben; denn ſo lange Morand hier iſt, hier an Ihrer Seite, ohne Sie eine Secunde zu verlaſſen,“ fuhr er mit Verachtung fort,„ohl nein, 196 nein, ſo lange dies der Fall iſt, werde ich Sie nicht lie⸗ ben, oder mir wenigſtens nicht geſtehen, daß ich Sie liebe.“ „Und ich,“ rief Geneviève, durch dieſen ewigen Ver⸗ dacht bis zum Aeußerſten getrieben, indem ſie den Arm des jungen Mannes mit einer Art von Wuth drückte,„ich ſchwöre Ihnen, hören Ste wohl, Maurice, es ſei dies ein für allemal geſagt, es ſei geſagt, um nie wiederzu⸗ kehren, ich ſchwöre Ihnen, daß Morand nie ein Wort von Liebe an mich gerichtet, daß mich Morand nie geliebt hat, daß mich Morand nie lieben wird: ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre, ich ſchwore es Ihnen bei der Seele meiner Mutter!“ „Ach! ach!“ rief Maurice,„wie gern möchte ich Ihnen glauben.“ „Ohl glauben Sie mir, armer Narr,“ ſagte ſie mit einem Lächeln, das für jeden Andern als einen Eiferſüch⸗ tigen ein reizendes Geſtändniß geweſen wäre,„glauben Sie mir; wollen Sie übrigens mehr hieruüber wiſſen? Nun wohl, Morand liebt eine Frau, vor der alle Frauen der Erde verſchwinden, wie die Blumen des Feldes vor den Geſtirnen des Himmels verſchwinden.“ „Und welche Frau kann ſo die andern Frauen ver⸗ dunkeln, während ſich Geneviève unter ihrer Zahl findet?“ „Iſt diejenige, welche man liebt, nicht immer das Meiſterwerk der Schöpfung?“ verſetzte Geneviève lächelnd. „Nun,“ ſprach Maurice,„wenn Sie mich nicht lieben, Genevicve...“ Die junge Frau erwartete voll Bangen das Ende des Satzes. „Wenn Sie mich nicht lieben,“ fuhr Maurice fort, „ſo können Sie mir doch wenigſtens ſchwören, nie einen Andern zu lieben.“ „Oh! was das betrifft, Manrice, ich ſchwöre es Ihnen und zwar von ganzem Herzen,“ rief Geneviève entzückt, daß ihr Maurice ſelbſt dieſen Vergleich mit ihrem Gewiſſen bot.. 197 Maurice ergriff die beiden Hände, welche Geneviéve zum Himmel erhob, und bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. „Nun werde ich gut, leicht zugänglich, vertrauens⸗ voll, edelmüthig ſein,“ ſprach er.„Ich will Ihnen zu⸗ lächeln, ich will glücklich ſein.“ 4 „Und Sie werden nicht mehr verlangen?“ „Ich werde mich bemühen.“ „Ich denke, es iſt nun unnöthig, daß man Ihnen dieſes Pferd an der Hand hält,“ ſagte Geneviéve. „O Geneviével ich wollte, die ganze Welt würde warten, und ich könnte ſie Ihretwegen warten laſſen.“ Man hörte Tritte im Hofe. „Man kommt, um uns zu melden, daß aufgetragen iſt,“ ſprach Geneviéve. Sie drückten ſich verſtohlen die Hand. Morand kam und verkündigte, daß man nur Maurice und Geneviéve erwarte, um ſich zu Tiſche zu ſetzen. Er hatte ſich für dieſes Mittagsmahl auch ſchön gemacht. XIX. Die Bitte. Auf eine ausgeſuchte Weiſe gekleidet, war Morand ein Gegenſtand nicht geringer Neugierde von Maurice. Der verfeinertſte Muscadin hätte nichts an dem Knoten ſeiner Halsbinde, an den Falten ſeiner Stiefeln, an der Zartheit ſeiner Wäſche zu tadeln gefunden. Doch es iſt nicht zu leugnen, es waren immer die⸗ ſelben Haare und dieſelbe Brille. Es kam dann Maurice vor, ſo ſehr hatte ihn der Schwur von Genevieve beruhigt, als erblickte er zum erſten Male dieſe Haare und dieſe Brille unter ihrem wahren Lichte. „Der Teufel ſoll mich holen!“ ſagte Maurice zu ſich ſelbſt, indem er ihm entgegen ging,„der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je mehr gegen Dich eiferſüchtig bin, vor⸗ trefflicher Bürger Morand! Ziehe, wenn Du willſt, alle Tage Dein taubenhalsfarbiges Kleid von den Decadis an, und laß Dir für dieſe Decadis einen Rock von Goldſtoff machen. Von heute an verſpreche ich Dir nur noch Deine Haare und Deine Brille zu ſehen und Dich nicht mehr zu beſchuldigen, Du liebeſt Geneviève.“ Man begreiſt, wie viel offenherziger und inniger der Händedruck, den er dem Bürger Morand in Folge dieſes Selbſtgeſpräches gab, ſein mußte, als der, welchen er ihm gewöhnlich gab. Gegen die Gewohnheit fand das Mittagsmahl in kleinem Ausſchuß ſtatt. Nur drei Couverte lagen auf einem ſchmalen Tiſche. Maurice begriff, daß er unter dieſem Tiſch dem Fuße von Geneviéve begegnen könnte; der Fuß würde dann die von der Hand begonnene ſtumme, verliebte Phraſe fortſetzen. Man nahm Platz. Maurice ſah Genevisve in ſchräger Richtung, ſie ſaß zwiſchen dem Lichte und ihm; ihre ſchwarzen Haare hatten einen blauen Refler wie der Flügel des Adlers; ihre Geſichtshaut funkelte, ihr Auge war feucht vor Liebe. 3 Maurice ſuchte und traf den Fuß von Genevisve. Bei der erſten Berührung, deren Wiederſchein er auf ihrem Geſichte wahrzunehmen trachtete, ſah er ſie zugleich er⸗ röthen und erbleichen, doch der kleine Fuß blieb friedlich unter dem Tiſche, entſchlummert zwiſchen ſeinen zwei Füßen. Mit ſeinem taubenhalsfarbigen Rocke ſchien Morand ſeinen Decadi⸗Geiſt wieder angenommen zu haben, dieſen gläanzenden Geiſt, den Maurice zuweilen von den Lippen dieſes ſeltſamen Mannes hatte ſpringen ſehen, dieſen Geiſt, der ohne Zweifel ſo gut die Flamme ſeiner Augen be⸗ 199 gleitet haben würde, hätte nicht eine grüne Beille dieſe Flamme erſtickt. Er ſprach tauſend Tollheiten, ohne je zu lachen: was die Kraſt der Scherzhaftigkeit von Morand bildete, was ſeinen Einfällen einen ſeltſamen Zauber verlieh, war ſein unſtörbarer Ernſt. Dieſer Kaufmann, welcher ſo viele Reiſen für den Handel mit Fellen aller Art gemacht hatte, von den Pantherfellen bis zu den Kaninchenbälgen, dieſer Chemiker mit den rothen Armen, kannte Aegypten wie Herodot, Afrika wie Levaillant und die Oper und die Boudoirs wie ein Muscadin. „Aber der Teufel ſoll mich holen, Bürger Morand,“ ſprach Maurice,„Sie ſind nicht allein ein Gelehrter, ſondern auch ein Weiſer.“ „Ohl ich habe viel geſehen, und beſonders viel ge⸗ leſen,“ erwiederte Morand;„und dann muß ich mich nicht auch ein wenig auf das Leben der Vergnügungen vorbe⸗ reiten, das ich zu umfaſſen gedenke, ſobald ich mein Glück gemacht habe? Es iſt Zeit, Bürger Maurice,„es iſt Zeit!“ „Bah!“ verſetzte Maurice,„Sie ſprechen wie ein Greis; wie alt ſind Sie denn?“ Morand wandte ſich bebend bei dieſer Frage um, ſo natürlich ſie auch war. „Ich bin acht und dreißig Jahre alt,“ ſagte er. „Ah! ſo iſt es, wenn man ein Gelehrter iſt, wie Sie ſagen, man hat kein Alter mehr.“ Geneviève fing an zu lachen, Maurice bildete den Chor; Morand begnügte ſich zu lächeln. 3 „Sie ſind alſo viel gereiſt?“ fragte Maurice, indem er den Fuß von Geneviéve, der ſich unmerklich frei zu machen ſuchte, feſt zwiſchen ſeine Füße preßte. „Einen Theil meiner Jugend habe ich im Auslande hingebracht,“ antwortete Morand. „Viel geſehen, verzeihen Sie, viel beobachtet, hätte ich ſagen ſollen, denn ein Mann wie Sie kann nicht ſehen, ohne zu beobachten.“ 200 „Meiner Treue, ja, viel geſehen,“ erwiederte Morand, vich möchte beinahe ſagen, daß ich Alles geſehen.“ „Alles, Buͤrger! das iſt viel,“ entgegnete Maurice lachend;„eil wenn Sie ſuchten.“ „Ohl ja, Sie haben Recht. Es gibt zwei Dinge, die ich nie geſehen habe. Freilich werden dieſe zwei Dinge immer ſeltener.“ „Was iſt das? fragte Maurice. „Das erſte,“ antwortete Morand mit ernſtem Tone, hiſt ein Gott.“ „Ahl Bürger Morand,“ rief Maurice,„in Ermang⸗ lung eines Gottes könnte ich Ihnen eine Göttin zeigen.“ „Wie dies?⸗ unterbrach ihn Genevieve. „Ja, eine Göttin von ganz neuer Schöpfung, die Göttin Vernunft. Ich habe einen Freund, von dem Sie mich zuweilen ſprechen hörten, meinen lieben, braven Lorin, ein goldenes Herz, einen trefflichen Mann, der nur den einzigen Fehler hat, daß er Reime und Wort⸗ ſpiele macht.“ „Nun?..“. „Er hat die Stadt Paris mit einer vollkommen be⸗ 8 ſchaffenen Göttin Vernunft beſchenkt, gegen die man nichts einzuwenden gefunden. Es iſt die Bürgerin Arthemiſe, Ertänzerin der Oper und gegenwärtig Parfumeriehändlerin in der Rue Martin. Sobald ſie definitiv als Göttin an⸗ genommen iſt, kann ich ſie Ihnen zeigen.“ Morand dankte Maurice ernſt mit dem Kopfe und fuhr fort: „Das andere iſt ein König.“ „Ohl das iſt noch ſchwieriger,“ ſprach Geneviéve, indem ſie ſich zu lächeln zwang;„es gibt keinen mehr.“ „Sie hätten den letzten ſehen ſollen,“ verſetzte Mau⸗ rice,„das waͤre klug geweſen.“ „Die Folge davon iſt,“ ſprach Morand,„daß ich mir keinen Begriff von einer gekrönten Stirne machen kann;z das muß ſehr traurig ſein.“ „In der That ſehr traurig,“ ſagte Maurice;„ich * 201 ſtehe Ihnen dafür, ich, der ich ungefähr alle Monate eine ſolche ſehe.“ „Eine gekrönte Stirne?“ fragte Genevisve. 3 „Oder wenigſtens eine, welche die ſchwere, ſchmerz⸗ liche Laſt einer Krone getragen hat,“ antwortete Maurice. „Ahl ja die Königin,“ ſprach Morand,„Sie haben Recht, das muß ein truͤbſeliges Schauſpiel ſein.“ „Iſt ſie ſo ſchön und ſo ſtolz, als man ſagt?“ fragte Geneviéve. „Haben Sie dieſe Frau nie geſehen, Madame?“ fragte nun Maurice erſtaunt. „Ich? Nie,“ erwiederte Genevisve. „In der That, das iſt ſeltſam!“ rief Maurice. „Und warum ſeltſam?“ verſetzte Geneviéève;„wir wohnten bis zum Jahre 91 in der Provinz; ſeit 91 wohne ich in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques, welche ungemein der Provinz gleicht, abgeſehen davon, daß man nie Sonne und ebenſo wenig Luft und Blumen hat; Sie kennen mein Leben, Bürger Maurice... es iſt ſtets daſſelbe geweſen; wie ſoll ich die Königin geſehen haben? Nie hat ſich eine Gelegenheit dazu geboten.“ „Und ich glaube nicht, daß Sie diejenige benützen werden, welche ſich leider bieten dürfte,“ ſprach Maurice. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Genevisve. „Der Bürger Maurice ſpielt auf eine Sache an, welche kein Geheimniß mehr iſt,“ erwiederte Morand. „Auf was?“ fragte Geneviéve. 1 „Auf die wahrſcheinliche Verurtheilung von Marie Antoinette und auf ihren Tod auf demſelben Schaffot, auf dem ihr Gemahl geſtorben iſt. Der Bürger ſagt end⸗ lich, Sie werden, um ſie zu ſehen, nicht den Tag be⸗ nützen, wo ſie den Temple verläßt, um nach dem Richt⸗ platze zu gehen.“. „Oh! gewiß nicht,“ rief Geneviève bei dieſen von Morand mit einer eiſigen Kaltblütigkeit ausgeſprochenen Worten. „Dann machen Sie ſich zur Trauer bereit,“ fuhr 202 der unempfindliche Chemiler fort,„denn die Oeſterreicherin iſt gut bewacht, und die Republik iſt eine Fee, welche unſichtbar macht, wenn es ihr gutdünft.“ „Ich geſtehe,“ ſagte Geneviève,„ich wäre doch ſehr neugierig geweſen, dieſe arme Frau zu ſehen.“ „Sprechen Sie,“ rief Maurice, eifrig bemüht, al⸗ len Wünſchen von Geneviève entgegenzukommen,„haben Sie wirklich große Luſt hiezu? Dann ſagen Sie ein Wort: die Republik, ich pflichte hierin dem Bürger Mo⸗ rand bei, die Republik iſt eine Fee; doch ich in meiner Eigenſchaft als Municipal bin ein wenig Zauberer.“ „Könnten Sie mich die Königin ſehen laſſen?“ rief Genevieve. „Gewiß kann ich es.“ „Und wie dies?“ fragte Morand mit Geneviève einen raſchen Blick wechſelnd, welcher unbemerkt von dem jun⸗ gen Manne vorüberging. „Nichts iſt einfacher,“ antwortete Maurice.„Es gibt allerdings Municipale, denen man mißtraut, aber ich habe hinreichend Beweiſe von meiner Anhänglichkeit an die Sache der Freiheit geliefert, um nicht zu dieſen zu gehören. Ueberdies hängt die Erlaubniß des Eintritts in den Temple gemeinſchaftlich von den Municipalen und den Anführern des Poſtens ab. Der Anfuhrer des Poſtens iſt aber ge⸗ rade an dieſem Tage mein Freund Lorin, der mir beru⸗ fen zu ſein ſcheint, den General Santerre zu erſetzen, indem er in drei Monaten vom Grade eines Corporals zu dem eines Adjutant⸗Majors geſtiegen iſt. Nun wohl, ſuchen Sie mich im Temple an dem Tage auf, wo ich die Wache habe, nämlich nächſten Donnerſtag.“ „Ah! ich hoffe, Sie ſind nach Wünſchen bedient,“ ſagte Morand;„ſehen Sie, wie ſich das gut trifft!“ „Ohl nein, nein,“ ſagte Geneviève,„ich will nicht.“ „Und warum nicht?“ rief Maurice, der in dieſem Beſuche im Temple nichts Anderes erblickte, als ein Mittel, Genevisve an einem Tag zu ſehen, wo er dieſes Gluckes be⸗ raubt zu ſein glaubte. 4 203 „Weil dies,“ antwortete Geneviève,„weil dies viel leicht Sie, lieber Maurice, einer Gefahr, einem unan⸗ genehmen Streite ausſetzen hieße, und weil ich es mir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen könnte, wenn Ihnen, unſerem Freunde, durch die Befriedigung einer Laune von mir eine Sorge bereitet würde.“ „Das iſt ſehr weiſe geſprochen, Geneviève,“ ſagte Morand.„Glauben Sie mir, das Mißtrauen iſt groß, die beſten Patrioten werden gegenwärtig beargwohnt; lei⸗ ſten Sie auf dieſen Plan Verzicht, der bei Ihnen, wie Sie ſagen, eine einfache Laune der Neugierde iſt.“ „Man ſollte glauben, Sie ſprächen aus Eiferſucht, Morand, und da Sie weder eine Königin noch einen König geſehen, ſo wollen Sie auch nicht, daß Andere ſolche ſehen. Streiten Sie nicht mehr, ſeien Sie von der Partie.“ „Ich! meiner Treue, nein.“ .„Es iſt nicht mehr die Bürgerin Dirmer, welche in den Temple zu kommen wünſcht, ich bin es, der Sie bit⸗ tet, ſowie auch Sie, Herr Morand, einem armen Gefange⸗ anen eine Zerſtreuung zu bereiten,“ ſprach Manrice,„denn ſobald das große Thor hinter mir geſchloſſen wird, bin ich, glücklicher Weiſe nur für vier und zwanzig Stunden, eben ſo ſehr Gefangener, als es ein König, ein Prinz von Geblüt wäre.“ Und mit ſeinen beiden Füßen den Fuß von Gene⸗ viève drückend, fügte er bei: „Kommen Sie doch, ich bitte Sie darum.“ „Hören Sie, Morand,“ ſagte Geneviéve,„begleiten Sie mich.“ „Es iſt ein verlorener Tag, der um eben ſo viel den verzögern wird, wo ich mich aus dem Geſchäfte zurück⸗ ziehe...“ verſetzte Morand. „Dann gehe ich nicht,“ ſprach Genevisve. „Und warum nicht?“ fragte Morand. „Ei mein Gott! das iſt ganz einfach: weil ich nicht darauf zählen kann, daß mich Dirmer begleitet, und 204 8 weil ich, wenn Sie mich nicht begleiten, Sie, ein ver⸗ nünftiger Mann, ein Mann von acht und dreißig Jahren, nicht die Keckheit haben werde, allein den Poſten der Kanoniere, der Grenadiere und der Chaſſeurs zu trotzen, um nach einem Municipal zu fragen, der nicht mehr als drei bis vier Jahre älter iſt als ich.“ „Wenn Sie meine Gegenwart für unerläßlich hal⸗ ten, Bürgerin...“ verſetzte Morand. „Vorwärts, vorwaͤrts, gelehrter Bürger, ſeien Sie galant, als ob Sie ein ganz einfacher Menſch wären,“ ſprach Maurice,„opfern Sie die Hälfte Ihres Tages der Frau Ihres Freundes“ „Es ſei!“ ſagte Morand. „Nun bitte ich Sie nur um Eines,“ fuhr Maurice fort,„um Verſchwiegenheit. Ein Beſuch im Temple iſt ein verdächtiger Schritt und irgend ein Unfall, der ſich in Folge dieſes Beſuches ereignete, würde uns Alle unter die Guillotine bringen. Peſt! die Jacobiner ſcherzen nicht! Sie haben geſehen, wie die Girondiſten von ihnen behan⸗ delt worden ſind.“ 3 „Teufel!“ rief Morand,„was der Bürger Mauricen da ſagt, iſt wohl zu erwägen: das wäre eine Art, mich aus dem Geſchäft zurückzuziehen, die mir durchaus nicht behagen würde.“ „Haben Sie nicht gehört, daß der Bürger Maurice Alle ſagte?“ „Nun wohl, Alle?“ „Alle mit einander.“ „Ja gewiß,“ erwiederte Morand,„die Geſellſchaft iſt angenehm, doch meine ſchöne Empfindſame, ich will lieber in Ihrer Geſellſchaft leben, als darin ſterben.“ „Ah! Teufel, wo hatte ich denn meinen Kopf, als ich glaubte, dieſer Menſch wäre in Genevive verliebt?“ fragte ſich Maurice. „Es iſt alſo abgemacht,“ verſetzte Geneviéve;„Mo⸗ rand, mit Ihnen ſpreche ich, mit Ihnen, dem Zerſtreu⸗ ten, mit Ihnen, dem Träumer; nächſten Donnerſtag: fan⸗ gen Sie nicht Mittwoch Abend einen chemiſchen Verſuch an, der Sie vier und zwanzig Stunden in Anſpruch nimmt, wie dies zuweilen der Fall iſt.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ antwortete Morand;„über⸗ dies werden Sie mich bis dahin daran erinnern.“ „Geneviève ſtand vom Tiſche auf; Maurice ahmte ihr Beiſpiel nach; Morand wollte daſſelbe thun und ihnen vielleicht folgen, als einer von den Arbeitern dem Che⸗ miker eine kleine Flaſche mit einer Flüſſigkeit brachte, welche ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregte. „Beeilen wir uns,“ ſagte Maurice, Genevisve fort⸗ ziehend. „Ohl ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte dieſe,„er iſt wenigſtens für eine gute Stunde beſchäftigt.“ Und die junge Frau überließ ihm ihre Hand, die er zärtlich in ſeinen Händen drückte. Sie hatte Gewiſ⸗ ſensbiſſe für ihren Verrath und bezahlte ihm dieſelben mit Glück. „Sehen Sie,“ ſagte ſie durch den Garten ſchreitend, indem ſie Maurice Nelken zeigte, die man in einer Kiſte von Mahagoniholz in den Garten gebracht hatte, um ſie, wenn es möglich wäre, wiederzuerwecken:„ſehen Sie, meine Blumen ſind todt.“ „Wer hat ſie getödtet?“ verſetzte Maurice,„Ihre Nachläßigkeit: arme Nelken!“ „Nicht meine Nachläſſigkeit, ſondern Ihr Abfall, mein Freund.“ „Sie verlangten doch nur wenig, Genevieve: ein we⸗ nig Waſſer und ſonſt nichts, und mein Abgang mußte Ihnen viel Zeit laſſen.“ „Ah!“ ſprach Genevisve,„wenn die Blumen ſich mit Thränen begießen würden, ſo wären dieſe armen Nelken, wie ſie dieſelben nennen, nicht todt.“ Maurice umfing ſie mit ſeinen Armen, zog ſie raſch an ſich und drückte, ehe ſie Zeit hatte, ſich zu vertheidigen, ſeine Lippen auf das halb lächelnde, halb ſchmachtende Auge, das die Kiſte mit den verwelkten Pflanzen betrachtete. 206 Genevisve hatte ſich ſo viel vorzuwerfen, daß ſie nach⸗ ſichtig war. Dirmer kam ſpät zurück, und als er kam, fand er Morand, Geneviéve und Maurice, welche im Garten über Botanik plauderten. XX. Das Sträußermädchen. Endlich erſchien der große Tag, der Tag der Wache von Maurice. Man trat eben in den Monat Juni ein. Der Himmel war dunkelblan und von dieſem Indigogewölbe hob ſich das matte Weiß der neuen Häuſer ab. Man bekam allmälig ein Vorgefühl von der Ankunft des furcht⸗ baren Hundes, den die Alten als von einem unauslöſchli⸗ chen Durſte verzehrt darſtellten, und der nach dem Sprüch⸗ worte des Pariſer Pöbels die Pflaſterſteine ſo gut leckt. Paris war ſauber wie ein Teppich, und aus der Luft fal⸗ lend, von den Bäumen aufſteigend, aus den Blumen her⸗ vorſtrömend, kreiſten und berauſchten Wohlgerüche, als wollten ſie die Bewohner der Hauptſtadt ein wenig den Blutdunſt vergeſſen machen, der unabläſſig auf dem Pflaſter ſeiner Plätze dampfte. Maurice ſollte um neun Uhr in den Temple eintre⸗ ten; ſeine zwei Collegen waren Merceveault und Agricola. Um acht Uhr war er in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques, im großen Coſtume eines Bürger⸗Municipal, nämlich mit einer dreifarbigen Schärpe, welche ſeine geſchmeidige, ner⸗ vige Geſtalt umſchloß; er war wie gewöhnlich zu Pferd zu Geneviéve gekommen und hatte unter Wegs die durch⸗ aus nicht verhehlten Lobeserhebungen und Beifallsbezeu⸗ gungen der guten Patrioten, die ihn vorüberkommen ſahen, einernten können. 5 —— —.——— Genevisve war ſchon bereit: ſie trug ein einfaches Kleid von Mouſſeline, eine Art von Mantel von leichtem Taffet und eine kleine Haube mit der dreifarbigen Cocarde verziert. Morand, der ſich, wie wir geſehen, viel hatte bitten laſſen, trug ohne Zweifel aus Furcht, der Ariſtokratie ver⸗ dächtig zu ſein, ſein Alltagskleid, ein halb bürgerliches, halb handwerkmänniſches Kleid. Er war kaum nach Hauſe zurückgekehrt, und ſein Geſicht trug die Spuren großer Mudigkeit an ſich. Er behauptete die ganze Nacht gearbeitet zu haben, um ein wichtiges Geſchäft zu vollenden. Dirmer war ſogleich nach der Rückkehr ſeines Freundes Morand ausgegangen. „Nun!“ fragte Geneviéve,„was haben Sie beſchloſ⸗ ſen, Maurice, und wie werden wir die Königin ſehen?“ „Hören Sie,“ antwortete Maurice,„mein Plan iſt gemacht. Ich komme mit Ihnen in den Temple; ich em⸗ pfehle Sie Lorin, meinem Freunde, der die Wache comman⸗ dirt. Ich übernehme meinen Poſten und hole Sie im günſtigen Augenblick.“ „Aber wo werden wir die Gefangene ſehen, und wie werden wir ſie ſehen?“ fragte Morand. „Während ihres Frühſtücks, oder während ihres Mit⸗ tagsmahles, wenn es Ihnen genehm iſt, durch die Glas⸗ thuͤre der Municipale.“ „Vortrefflich!“ ſprach Morand. Maurice ſah nun, wie Morand ſich dem Schranke im Hintergrunde des Speiſeſaales näherte und haſtig ein Glas lautern Wein trank. Das ſiel ihm auf. Morand war ein ſehr nüchterner Mann und trank gewöhnlich nur ge⸗ röthetes Waſſer. Genevisve bemerkte, daß Maurice den Trinker erſtaunt anſchaute, und ſagte: „Stellen Sie ſich vor, daß dieſer unglückliche Morand ſich mit der Arbeit umbringt, ſo daß er wohl im Stande iſt, ſeit geſtern Morgen nichts zu ſich genommen zu haben.“ 208 „Er hat alſo nicht hier zu Mittag geſpeiſt?“ fragte Maurice. „Nein, er machte Verſuche in der Stadt.“ „Geneviève ging mit einer unnöthigen Vorſicht zu Werke. Als wahrhaft Verliebter, das heißt, als Egoiſt hatte Maurice dieſe Handlung von Morand nur mit der oberflächlichen Aufmerkſamkeit bemerkt, die der Verliebte Allem zugeſteht, was nicht die Frau iſt, die er liebt. Dieſem Glas Wein fügte Morand eine Schnitte Brod bei, die er raſch verſchluckte. „Und nun,“ ſagte der Eſſer,„nun bin ich bereit, Bürger Maurice; gehen wir, wenn es Ihnen beliebt.“) Maurice, der die verwelkten Stempel von einer der todten Nelken, die er im Vorübergehen gepflückt hatte, ent⸗ blätterte, bot Geneviève ſeinen Arm und ſprach: „Gehen wir.“ Sie gingen wirklich. Maurice war ſo glücklich, daß ſeine Bruſt ſein Glück nicht faſſen konnte. Hätte er nicht an ſich gehalten, er würde vor Freude geſchrieen haben. In der That, was konnte er mehr verlangen: nicht nur liebte man Morand nicht, deſſen war er gewiß, ſondern man liebte ſogar ihn, das hoffte er. Gott ſandte eine ſchöne Sonne auf die Erde, der Arm von Genevidve zitterte lunter dem ſeinigen, und aus vollem Halſe den Trinan der Jacobiner und den Sturz von Briſſot und ſeinen noſſen brüllend, verkündigten die öffentlichen Ausrufer, das Vaterland ſei gerettet. Es gibt wirklich im Leben Augenblicke, wo das Herz des Menſchen zu klein iſt, um die Freude oder den Schmerz zu faſſen, der ſich darin zuſammendräͤngt. „Ohl welch ein ſchöͤner Tag!“ rief Morand. Maurice wandte ſich erſtaunt um, es war dies der erſte Erguß, der in ſeiner Gegenwart aus dieſem beſtän⸗ dig zerſtreuten oder gedrückten Geiſte hervorkam. „Ohl ja, ja, ſehr ſchön,“ ſprach Geneviève, indem ſie ſich an den Arm von Mauriee hing.„Möchte er bis ſprach ſein kleines Compliment mit einer ga lichen Anmuth; dabei war ſein Compliment bewunderungs⸗ ſum Abend rein und wolkenlos bleiben, wie er es in die⸗ ium Augenblick iſt!“ Maurice wandte dieſes Wort auf ſich an, und ſein Glück verdoppelte ſich. Morand betrachtete Geneviève durch ſeine grüne Brille mit einem beſondern Ausdruck von Dankbarkeit: vielleicht wandte er dieſes Wort auch auf ſich an. So ſchritt man über dem Petit Pont, durch die Rue Juiverie und über den Pont Notre⸗Dame; dann ſchlug man den Weg nach der Rue Bar⸗du⸗Bec und die Rue Saint⸗Avoye ein. Je weiter man kam, deſto leichter wurde der Schritt von Maurice, während im Gegentheil der von ſeiner Gefährtin und ſeinem Gefährten, immer langſamer wurde. Man gelangte zu der Ecke der Rue des Vieilles⸗ Haudriettes, als plötzlich ein Sträußermädchen unſern Wan⸗ derern den Weg verſperrte, und ihnen ihren blumenbela⸗ denen Korb anbot. „Ohl die herrlichen Nelken!“ rief Maurice. „Ohl ja, ſie find ſehr ſchön,“ ſprach Genevisve.„Es ſcheint diejenigen, welche dieſelben pflegten, wurden durch nichts Anderes beunruhigt, denn dieſe ſind nicht todt.“ Ddieſes Wort erklang ſehr ſanft in dem Herzen des jungen Mannes. 4 „ Ahl mein ſchöner Municipal,“ ſagte das Straußer⸗ mädchen,„kaufe der hübſchen Bürgerin einen Strauß. Sie iſt weiß gekleidet, hier ſind herrliche rothe Nelken; Weiß und Purpur gehen ſehr gut zuſammen; ſie ſteckt den Strauß an ihr Herz, und da ihr Herz ganz nahe bei Deinem blauen Rocke iſt, ſo habt Ihr die Nationalfarbe.“ Das Sträußermädchen war jung und hübſch;„es nz eigenthüm⸗ würdig gewählt, und hätte ſie es ausdrücklich gethan, es würde nicht beſſer auf die Umſtände gepaßt haben. Ueber⸗ dies waren die Blumen beinahe ſymboliſch. Es waren Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 14 Nelken, denen ähnlich, welche in der Mahagonikiſte ge⸗ ſtorben. „Ja,“ ſprach Maurice,„ich kaufe Dir ab, weil es Nelken ſind, hörſt Du wohl? Alle andere Blumen haſſe ich.“ „Oh! Maurice“ ſagte Geneviéve,„das iſt ganz un⸗ nöthig, wir haben ſo viele im Garten.“ Doch trotz dieſer Weigerung der Lippen ſagten die Augen von Geneviève, daß ſie vor Verlangen, einen Strauß zu beſitzen, ſtarb. Maurice nahm den ſchönſten von allen Sträußen; es war übrigens derjenige, welchen ihm die hübſche Blu⸗ menhändlerin darreichte; er beſtand aus ungefähr zwanzig hochrothen Nelken von zugleich ſcharfem und lieblichem Geruch. „Nimm,“ ſagte Maurice zu der Händlerin, indem er ein Aſſignat von fünf Livres auf ihren Korb warf,„nimm, das iſt für Dich“ „Ich danke, mein ſchöner Municipal,“ erwiederte das Sträußermädchen,„fünfmal Dank.“ Und das Mädchen ging auf ein anderes Bürgerpaar zu, in der Hoffnung, ein Tag, der ſo herrlich angefangen, würde ein guter Tag ſein. Während dieſer ſcheinbar ein⸗ fachen Scene, welche nur einige Minuten gedauert hatte, wiſchte ſich Morand, der auf ſeinen Beinen wankte, die Stirne ab, war Genevieève bleich und zitternd. Sie nahm, ihre reizende Hand krampfhaft zuſammenpreſſend, den Strauß, den ihr Maurice bot, und hielt ihn vor ihr Ge⸗ ſicht, weniger um den Geruch einzuathmen, als um ihre Aufregung zu verbergen Der übrige Weg wurde luſtig zurückgelegt, wenigſtens was Mauriee betrifſt. Die Heiterkeit von Geneviève war erzwungen. Die von Morand offenbarte ſich auf eine bizarre Weiſe, nämlich durch unterdrückte Seufzer, durch ſchallendes Gelächter und durch furchtbare Scherze, welche wie ein Rottenfeuer auf die Vorübergehenden fielen. Um neun Uhr kam man in den Temple. Santerre verlas die Municipale. A 211 „Hier,“ rief Maurice, indem er Geneviéve unter der Obhut von Morand zurückließ. „Ah! ſei willkommen,“ ſprach Santerre und reichte Maurice die Hand. Maurice hutete ſich wohl, die Hand zurückzuweiſen, die ihm angeboten wurde. Die Freundſchaft von Santerre war ſicherlich eine der koſtbarſten in jener Zeit. Als ſie den Menſchen ſahen, der das bekannte Raſ⸗ ſeln der Trommeln befehligt hatte, ſchauerte Geneviéve, erbleichte Morand. „Wer iſt denn dieſe hübſche Bürgerin?“ fragte San⸗ terre Maurice,„und was will ſie hier?“ „Es iſt die Frau des braven Bürgers Dirmer; Du haſt gewiß von dieſem braven Patrioten ſprechen hören, Bürger General?“ „Ja, ja,“ verſetzte Santerre,„er iſt Eigenthümer einer Rothgerberei und Kapitän bei den Chaſſeurs der Legion Victor.“ „So iſt es.“ „Gut! gut! Sie iſt, meiner Treue, hübſch. Und dieſer Affe, der ihr den Arm gibt?“ 4 5 „Iſt der Burger Morand, der Aſſocié ihres Gatten, Chaſſeur in der Compagnie von Dirmer.“ Santerre näherte ſich Geneviéve und ſagte: „Guten Morgen, Bürgerin.“ GeneviGve raffte ihren ganzen Muth zuſammen und erwiederte lächelnd: „Guten Morgen, Bürger General.“ Santerre fühlte ſich zugleich durch das Lächeln und den Titel geſchmeichelt. „Und was willſt Du hier, ſchöne Patriotin?“ fuhr Santerre fort. „Die Bürgerin hat nie die Witwe Capet geſehen und möchte ſie nun gern einmal anſchauen,“ erwiederte Maurice. „Ja,“ ſprach Santerre,„ehe... Und er machte eine abſcheuliche Geberde. 212 „Ganz richtig,“ antwortete Maurice mit kaltem Tone. „Gut,“ verſetzte Santerre;„mache nur, daß man ſie nicht in den Thurm gehen ſieht; das wäre ein ſchlechtes Beiſpiel; übrigens verlaſſe ich mich auf Dich.“ Santerre drückte Maurice abermals die Hand, machte Genevieève eine Protectorsgeberde mit dem Kopf und ging zu Erledigung ſeiner anderen Functionen über. Nach vielen Evolutionen von Grenadieren und Chaſ⸗ ſeurs, nach einigen Manveuvres der Kanonen, von denen man glaubte, ihr dumpfes Schallen würde eine heilſame Einſchüchterung in der Umgegend verbreiten, nahm Maurice wieder den Arm von Genevisve und ging auf den Poſten am Thore zu, bei welchem ſich Lorin, ſein Bataillon be⸗ fehligend, heiſer ſchrie. „Gut!“ rief er,„hier kommt Maurice mit einer Frau, die mir ein wenig angenehm zu ſein ſcheint. Sollte der Duckmäuſer Mitbewerber bei meiner Göttin Vernunft ſein? Arme Arthemiſe, wenn dem ſo wäre!“ „Nun, Bürger Adjutant,“ ſagte der Kapitän. „Ahl richtig; aufgepaßt!“ rief Lorin,„in Rotten, links, links.. guten Morgen, Maurice;... Geſchwind⸗ ſchritt, Marſch!“ Die Trommeln raſſelten, die Compagnien bezogen ihre Noſte und als jede auf dem ihrigen war, lief Lorin erbei. Die erſten Complimente wurden ausgetauſcht. Maurice ſtellte Lorin Geneviève und Morand vor. Dann begannen die Erklärungen. „Ja, ja, ich begreife,“ ſagte Lorin;„Du wünſcheſt, daß der Bürger und die Bürgerin Einlaß in den Thurm erhalten, das iſt leicht; ich werde die Schildwachen ſtellen und ihnen ſagen, ſie können Dich mit Deiner Geſellſchaft durchlaſſen.“ Zehn Minuten nachher traten Geneviève und Morand im Gefolge von drei Municipalen ein und ſtellten ſich hinter die Glasthüre. 213 XXI. Die rothe Nelke. Die Königin war ſo eben erſt aufgeſtanden. Seit zwei oder drei Tagen krank, blieb ſie länger als gewöhn⸗ lich im Bette. Da ſie indeſſen von ihrer Schwägerin hörte, die Sonne ſei prachtvoll aufgegangen, ſtrengte ſie ſich an und verlangte, um ihre Tochter friſche Luft ſchöpfen zu laſſen, auf der Terraſſe ſpazieren zu gehen, was ihr ohne Schwierigkeiten bewilligt wurde. Dann beſtimmte ſie auch noch eine andere Urſache. Einmal, allerdings nur ein einziges Mal, hatte ſie den Dauphin von der Höhe des Thurmes herab im Garten erblickt. Aber bei der erſten Geberde, welche Sohn und Mutter ausgetauſcht, war Simon dazwiſchen getreten und hatte das Kind hineingehen heißen. Doch ſie hatte ihn geſehen und das war viel. Wohl war der junge Gefangene ſehr bleich und ſehr verändert. Dann war er auch wie ein Kind aus dem Volke in eine Carmagnole und in eine grobe Hoſe gekleidet. Aber man hatte ihm wenigſtens ſeine ſchönen, blonden gelockten Haare gelaſſen, welche ihm eine Glorie machten, die das Mär⸗ tyrerkind ohne Zweifel nach dem Willen Gottes fuͤr den Himmel behalten ſollte. Wenn ſie ihn nur einmal wiederſehen könnte, wel⸗ ches Feſt für dieſes Mutterherz! Hiezu kam noch etwas Anderes. „Meine Schweſter,“ hatte Madame Eliſabeth zu ihr geſagt,„Sie wiſſen, daß wir im Corridor einen Stroh⸗ halm gefunden haben, der in einer Ecke der Mauer empor⸗ ſtand. In unſerer Zeichenſprache bedeutet das, daß wir auf Alles um uns her aufmerkſam ſein ſollen und daß ein Freund nahe.“ 4 „Es iſt wahr,“ hatte die Königin geantwortet, die 214 ihre Schwägerin und ihre Tochter mitleidig anſchaute und ſich ſelbſt ermuthigte, daß ſie nicht an ihrer Rettung ver⸗ zweifeln möge. Den Anforderungen des Dienſtes war Genüge ge⸗ ſchehen. Maurice war nun um ſo mehr Herr im Thurme, als der Zufall ihn für die Wache am Tage und die Muni⸗ cipale Agricola und Mercevault als Wächter für die Nacht bezeichnet hatte. Die abgehenden Municipale entfernten ſich, nachdem ſie ihr Protokoll bei dem Rathe des Temple zurückgelaſſen hatten. „Nun, Bürger Municipal,“ ſagte die Frau Tiſon, als ſie Maurice begrüßte,„Ihr bringt Geſellſchaft, um unſere Tauben anzuſchauen. Nur ich bin verurtheilt, meine arme Heloiſe nicht mehr zu ſehen.“ „Es ſind Freunde von mir, welche die Frau Capet nie geſehen haben,“ erwiederte Maurice. „Sie werden vortrefflich hinter der Glasthüre ſtehen:“ „Gewiß,“ ſagte Morand. „Nur werden wir das Anſehen von jenen grauſamen Neugierigen haben, welche von der andern Seite eines Gitters ſich an den Qualen eines Gefangenen weiden,“ ſprach Geneviève. „Nun, warum führt Ihr ſie nicht auf den Weg nach dem Thurme, Eure Freunde, da die Frau heute dort. mit ihrer Schwägerin und ihrer Tochter ſpazieren geht, denn ihr haben ſie die Tochter gelaſſen, während man mir, die ich nicht ſchuldig bin, mein Kind genommen hat. Oh! die Ariſtokraten! was man auch thun mag, ſie werden immer noch Begünſtigungen für ſie haben, Bürger Maurice.“ „Aber ſie haben ihr den Sohn genommen,“ verſetzte dieſer. „Ahl wenn ich einen Sohn hätte,“ murmelte die Gefangenwärterin,„ich glaube, dann würde ich den Ver⸗ luſt meiner Tochter weniger beklagen.“ Genevisve hatte während dieſer Zeit einige Blicke mit Morand gewechſelt. 215 „Mein Freund,“ ſagte die junge Frau zu Maurice, „die Bürgerin hat Recht. Wenn Sie mich auf irgend eine Weiſe an den Weg von Marie Antoinette ſtellen könnten, ſo würde mir das minder widerſtreben, als ſie von hier aus zu betrachten. Mir ſcheint, daß dieſe Art, die Perſonen zu beſchauten, zugleich demüthigend für ſie und für uns iſt“ „Gute Geneviève,“ verſetzte Maurice,„Sie haben alſo jegliches Zartgefühl?“ „Ahl bei Gott, Bürgerin,“ rief einer von den zwei Collegen von Maurice, welcher im Vorzimmer Brod und. Würſte frühſtückte,„wenn Sie Gefangene wären und die Witwe Capet die Neugierde hätte, Sie ſehen zu wollen, ſie würde nicht ſo viele Umſtände machen, die Schelmin, um dieſe Laune zu befriedigen.“ Mit einer Bewegung, raſcher als der Blitz, wandte Geneviève die Augen auf Morand, um zu beobachten, welche Wirkung dieſe Beleidigung auf ihn hervorbrächte. Morand bebte in der That; ein ſeltſamer, ſo zu ſagen phosphorescirender Schimmer ſprang aus ſeinen Angen⸗ lidern hervor und ſeine Fäuſte zogen ſich einen Augenblick krampfhaft zuſammen; doch alle dieſe Zeichen waren ſo raſch, daß ſie unbemerkt vorübergingen. 3 „Wie heißt dieſer Municipal?“ fragte Geneviève Maurice. „Es iſt der Bürger Mercevault,“ antwortete der junge Mannz dann fügte er bei, als wollte er ſeine Grobheit entſchuldigen:„ein Steinhauer.“ Mercevault hörte es und warf einen Seitenblick auf Maurice. „Vorwärts!“ ſagte die Frau Tiſon,„mach' ein Ende mit Deiner Wurſt und mit Deiner Halbflaſche, daß ich abtragen kann!“ „Es iſt nicht der Fehler der Oeſterreicherin, wenn ich zu dieſer Stunde hier ſpeiſe; hätte ſte mich am 10. Auguſt umbringen können, ſo würde ſie es ſicherlich gethan haben; ———— 216 am Tage wo ſie in den Sack nieſen muß, werde ich auch der Erſte in Reihe und Glied und feſt auf dem Poſten ſein.“ Morand wurde bleich wie ein Todter. „Gehen wir, Bürger Maurice,“ ſagte Genevieve, „gehen wir, wohin Sie uns zu führen verſprochen haben; hier komme ich mir wie eine Gefangene vor, ich erſticke.“ Maurice führte Morand und Geneviève hinaus; von Lorin in Kenntniß geſetzt, ließen ſie die Schildwachen ohne Schwierigkeit vorüber. Er ſtellte ſie an einen kleinen Gang des oberen Stockes, ſo daß in dem Augenblick, wo die Königin, Ma⸗ dame Eliſabeth und die junge Prinzeſſin zur Gallerie hinaufſtiegen, die erhabenen Gefangenen nothwendig an ihnen vorüberkommen mußten. Da der Spaziergang auf zehn Uhr beſtimmt war und man nur noch einige Minuten zu warten hatte, ſo verließ Maurice nicht nur ſeine Freunde nicht, ſondern er nahm ſogar den Bürger Agricola, dem er begegnet war, mit ſich, damit nicht der leiſeſte Verdacht über dieſem etwas ungeſetzlichen Schritte ſchwebte. 3 Es ſchlug zehn Uhr. „Oeffnet!“ rief unten aus dem Thurme eine Stimme, in der Maurice die des General Santerre erkannte. Sogleich nahm die Wache ihre Gewehre und man ſchloß die Gitter. Im ganzen Thurme entſtand ein Ge⸗ räuſch von Eiſen, von Steinen und Tritten, das einen gewaltigen Eindruck auf Morand und Geneviève machte, denn Maurice ſah ſie Beide erbleichen. „Welche Vorſichtsmaßregeln„ um drei Frauen zu be⸗ wachen!“ flüſterte Geneviève. „Ja,“ ſagte Morand, der zu lachen ſich anſtrengte, „wenn diejenigen, welche es verſuchen, ſie entweichen zu laſſen, an unſerem Platze wären und ſehen würden, was* wir ſehen, das dürfte ihnen das Gewerbe entleiden.“ 5 „In der That,“ ſprach Geneviéve,„ich fange an, zu befürchten, daß ſie nicht entkommen werden.“— 1 „Und ich hoffe es,“ verſetzte Maurice. r 4 217 Bei dieſen Worten neigte er ſich über das Treppen⸗ geländer und ſagte ſodann: „Aufgepaßt, hier ſind die Gefangenen.“ 3 „Nennen Sie mir dieſelben, denn ich kenne ſie nicht,“ ſprach Geneviéve. „Die zwei Erſten, welche heraufſteigen, ſind die Schweſter und die Tochter von Capet. Die Letzte, der ein Hund vorangeht, iſt Marie Antoinette.“ Geneviève machte einen Schritt vorwärts. Morand lehnte ſich im Gegentheil, ſtatt zu ſchauen, an die Mauer an. 1 Seine Lippen waren bleicher und erdfahler als der Stein des Thurmes.. Geneviéve mit ihrem weißen Gewande und ihren ſchönen, reinen Augen ſchien ein Engel zu ſein, der die Gefangenen erwartete, um ihren bittern Pfad zu erleich⸗ tern und im Vorübergehen etwas Freude in ihr Herz zu bringen. Madame Eliſabeth und die königliche Prinzeſſin gingen vorbei, nachdem ſie einen erſtaunten Blick auf die Fremden geworfen hatten; ohne Zweifel dachte die Erſtere, es wären diejenigen, welche ihnen die Zeichen verkündigten, denn ſie wandte ſich lebhaft gegen die junge Prinzeſſin um und drückte ihr die Hand, während ſie zugleich ihr Sacktuch, um die Königin aufmerkſam zu machen, fal⸗ len ließ. „Geben Sie Obacht, meine Schweſter,“ ſagte ſie, vich habe mein Sacktuch entſchlüpfen laſſen“ Und ſie ging mit der jungen Prinzeſſin weiter. Die Königin, bei der ein leuchender Athem und ein kurzer, trockener Huſten ein Unwohlſein ankündigten, bückte ſich, um das Sacktuch aufzuheben, das zu ihren Füßen gefallen war; aber ſchneller als ſie bemächtigte ſich ihr kleiner Hund deſſelben und brachte es Madame Eliſabeth. Sie ſtieg daher weiter hinauf und befand ſich nach eini⸗ gen Stufen ebenfalls vor Geneviéve, Morand und dem jungen Municipal. G 218 „Ohl Blumen!“ ſagte ſie;„ich habe lange keine mehr geſehen. Wie das gut riecht und wie glücklich ſind Sie, daß Sie Blumen beſitzen, Madame.“ Schnell wie der Gedanke, der ſich in dieſen ſchmerz⸗ lichen Worten geäußert hatte, ſtreckte Genevisve die Hand aus, um ihren Strauß der Königin anzubieten. Marie Antoinette erhob das Haupt, ſchaute ſie an, und eine un⸗ merkliche Röthe erſchien auf ihrer entfärbten Stirne. Aber durch eine ganz natürliche Bewegung, in der Gewohnheit des leidenden Gehorſams gegen die Vorſchrift, ſtreckte Maurice die Hand aus, um den Arm von Gene⸗ viève zurückzuhalten. Die Königin zögerte, ſie ſchaute Maurice an, erkannte in ihm den jungen Municipal, der mit ihr zwar mit Feſtigkeit, zugleich aber auch mit Ehrfurcht zu ſprechen pflegte, und fragte: „Iſt es verboten, mein Herr?“ „Nein, nein, Madame,“ antwortete Maurice.„Ge⸗ neviève, Sie können Ihren Strauß anbieten.“ 1„Oh! Dank, Dank, mein Herr,“ rief die Königin mit lebhafter Erkenntlichkeit; dann grüßte Marie Antoi⸗ nette Geneviève mit einer anmuthreichen Freundlichkeit, griff mit einer abgemagerten Hand nach dem Strauße und pflückte auf den Zufall eine Nelke aus der Maſſe der Blumen. „Nehmen Sie Alles, Madame, nehmen Sie,“ ſagte Genevisve ſchüchtern. „Nein,“ entgegnete die Königin mit einem reizenden Lächeln;„dieſer Strauß kommt vielleicht von einer Per⸗ ſon, die Sie lieben, und ich will Sie deſſelben nicht be⸗ rauben.“ 1 Geneviéve erröthete und dieſe Röthe machte die Kö⸗ nigin lächeln. „Vorwärts, Bürgerin Capet,“ ſprach Agricola,„Sie müſſen Ihren Weg fortſetzen“ Die Königin grüßte und ſtieg weiter hinauf; doch 219 ehe ſie verſchwand, wandte ſie ſich noch einmal um und murmelte: „Wie gut riecht dieſe Nelke und wie hübſch iſt dieſe Frau!“ „Sie hat mich nicht geſehen,“ flüſterte Morand, der, beinahe knieend im Halbſchatten des Corridors, wirklich den Blicken der Königin entgangen war. „Aber Sie haben ſie gut geſehen, nicht wahr, Mo⸗ rand, nicht wahr, Geneviève?“ ſagte Maurice, doppelt glücklich, einmal durch das Schauſpiel, das er ſeinen Freunden verſchafft, und dann durch das Vergnügen, das er um ſo geringe Koſten der unglücklichen Gefangenen ge⸗ macht hatte. „Ohl ja, ja,“ ſagte Genevisve,„ich habe ſie gut geſehen und nun, wenn ich hundert Jahre lebte, würde ich ſie immer ſehen.“ „Und wie finden Sie Marie Antoinette?“ „Sehr ſchön“ „Und Sie, Morand?2“ Morand faltete die Hände, ohne zu antworten. „Sagen Sie doch,“ ſprach leiſe und lachend Maurice, „ſollte Morand etwa in die Königin verliebt ſein 20. Geneviève bebte; aber ſie faßte ſich ſogleich wieder und antwortete ebenfalls lachend: 5 „Meiner Treue, das ſieht gerade ſo aus.“ „Nun, Sie ſagen mir nicht, wie Sie Marie Antoi⸗ nette gefunden haben?“ fragte Manrice. „Ich habe ſie ſehr bleich gefunden,“ erwiederte er. Maurice nahm den Arm von Genevisve und ließ ſie in den Hof hinabſteigen. Auf der dunklen Treppe kam es ihm vor, als ob Geneviève ihm die Hand küßte. „Was ſoll das bedeuten, Geneviève?“ ſagte Maurice. „Maurice, ich werde nie vergeſſen, daß Sie wegen einer Laune von mir den Kopf gewagt haben.“ „Ohl Genevisve, das iſt Uebertreibung. Sie wiſſen, daß Dankbarkeit von Ihnen gegen mich nicht das Gefühl iſt, nach dem ich ſtrebe.“ A 220 Genevisve drückte ihm ſanft die Hand. Morand folgte ihnen wankend. 3 Man kam in den Hof. Lorin erkannte die zwei Be⸗ ſuche und ließ ſie aus dem Temple hinaus. Doch ehe Geneviève wegging, nahm ſie Maurice das Verſprechen ab, am andern Tage in der Rue Vieille⸗ Saint⸗Iacques zu Mittag zu ſpeiſen. XXII. Simon der Cenſor. 6 Maurice kehrte, das Herz voll von einer himmliſchen Freude, an ſeinen Poſten zurück: er fand die Frau Tiſon in Thränen. „Was haben Sie denn wieder, Mutter?⸗ fragte er. „Ich bin wüthend,“ antwortete die Gefangenwärterin. „Und warum?“ „Weil für die armen Leute dieſer Welt Alles Unge⸗ rechtigkeit iſt.“ „Aber...“ „Sie ſind reich, Sie ſind Bürger, Sie kommen nur auf einen Tag hieher, und man erlaubt Ihnen, ſich hier von hübſchen Frauen beſuchen zu laſſen, welche der Oeſter⸗ reicherin Sträuße geben, und mir, die ich beſtändig in dem Taubenſchlage niſte, verbietet man, meine arme He⸗ loiſe zu ſehen.“ Maurice druͤckte ein Aſſignat von zehn Lipres in ihre Hand und erwiederte: „Nehmen Sie, gute Tiſon, nehmen Sie und faſſen Sie Muth. Ei mein Gott! die Oeſterreicherin wird nicht ewig währen.“ „Ein Aſſignat von zehn Livres!“ verſetzte die Ge 221 fangenwärterin,„das iſt hübſch von Ihnen. Doch ein Wickel, der die Haare meiner armen Tochter umſchloſſen gehabt hätte, wäre mir lieber geweſen.“ Simon, der eben die Treppe heraufkam, hörte dieſe Worte und ſah, wie die Gefangenwärterin das Aſſignat, das ihr Maurice geſchenkt, in die Taſche ſteckte. Wir wollen ſagen, in welcher Stimmung des Geiſtes ſich Simon befand. Simon kam vom Hofe, wo er Lorin getroffen hatte. Es herrſchte offenbar eine Antipathie zwiſchen dieſen beiden Männern. Dieſe Antipathie gründete ſich viel weniger auf die heftige Scene, die wir unſern Leſern vor Augen geſtellt haben, als auf die Verſchiedenheit der Racen, dieſe ewige Quelle von Feindſeligkeiten oder von jener Abneigung, welche man geheimnißvoll nennt, während ſie ſich doch ſo leicht erklären läßt. Simon war häßlich; Lorin war hübſch. Simon war ſchmutzig; Lorin roch gut. Simon war ein prah⸗ leriſcher Republikaner; Lorin war einer von den glühenden Patrioten, welche für die Revolution nur Opfer gebracht hatten, und dann, wenn es hätte zu Schlägen kommen ſollen, ſo fühlte Simon inſtinktartig, daß ihm die Fauſt des Muscadin, nicht minder zierlich als Maurice, eine plebejiſche Züchtigung zugeſchieden hätte. Als Simon Lorin gewahrte, blieb er ſtehen und er⸗ bleichte. „Dieſes Bataillon bezieht alſo abermals die Wache,“ murrte er. „Nun und hernach?“ entgegnete ein Grenadier, dem dieſe Rede mißfiel;„mir ſcheint, es iſt ſo viel werth, als ein anderes.“ 2 Simon zog einen Bleiſtift aus der Taſche ſeiner Carmagnole und ſtellte ſich, als ſchriebe er auf ein Blatt Papier, das beinahe ſo ſchwarz war, als ſeine Hände. „Ei, ei!“ ſagte Lorin,„Du kannſt alſo ſchreiben, ſeitdem Du der Lehrer von Capet biſt; ſeht, Bürger, bei ———ſſſn1n meiner Ehre, er macht eine Note; es iſt Simon der Cenſor.“ Ein allgemeines Gelächter, das aus den Reihen der jungen Nationalgarden hervorbrach, welche beinahe durch⸗ gängig wiſſenſchaftlich gebildete Leute waren, machte den elenden Schuhflicker ganz verdutzt. „Gut, gut,“ ſagte er, die Zähne bleckend und vor Zorn erbleichend,„Du ſollſt Fremde in den Thurm ein⸗ gelaſſen haben, und zwar ohne Erlaubniß der Gemeinde. Gut, gut, ich werde von dem Munieipal ein Protokoll aufnehmen laſſen.“ „Der verſteht wenigſtens zu ſchreiben,“ erwiederte Lorin;„Du weißt, es iſt Maurice, braver Simon, Mau⸗ rice die Eiſenfauſt. Du kennſt ihn wohl?“ Gerade in dieſem Augenblick gingen Morand und Genevive hinaus. Sobald er dies gewahrte, ſtürzte Simon in den Thurm, wo er eben erſchien, als Maurice der Frau Tiſon ein Afſignat von zehn Livres zum Troſte ſchenkte. Maurice gab nicht Obacht auf die Gegenwart dieſes Elenden, von dem er ſich übrigens aus Inſtinkt entfernte, ſo oft er ihm auf ſeinem Wege begegnete, wie man ſich von einem giftigen oder ekelhaften Gewürme entfernt. „Ah! ah!“ ſagte Simon zu der Frau Tiſon, welche ihre Thränen mit der Schürze abtrocknete,„Du willſt alſo durchaus gutllotinirt werden, Bürgerin?“ „Ich,“ verſetzte die Frau Tiſon,„und warum dies 2“ „Wie! Du empfängſt Geld von den Municipalen, um die Ariſtokraten bei der Oeſterreicherin einzulaſſen.“ „Ich! ſchweige doch, Du biſt ein Narr“ „Das wird im Protokoll aufgenommen werden,“ ſprach Simon mit gewichtigem Nachdruck. „Gehe doch, es ſind Freunde des Municipal Maurice, eines der beſten Patrioten, die es gibt.“ 1 „Verſchwörer, ſage ich Dir; die Gemeinde wird übrigens unterrichtet werden, und ſie ſoll das Urtheil fällen.“ 223 „Ah! Du willſt mich anzeigen, Polizeiſpion!“ „Ganz richtig, wenn Du Dich nicht ſeibſt anzeigſt.“ „Was anzeigen, was ſoll ich anzeigen?“ „Was vorgefallen iſt.“ „Es iſt aber nichts vorgefallen.“ „Wo waren die Ariſtokraten?“ „Hier auf der Treppe.“ 3 „Als die Witwe Capet in den Thurm hinauſſtieg?“ „Ja.“ „Und ſie haben ſich geſprochen?“ „Sie haben ſich zwei Worte geſagt.“ 4 „Zwei Worte, Du ſiehſt; übrigens riecht es hier nach Ariſtokratie.“ „Das heißt, es riecht nach Nelken.“ „Nach Nelken! warum nach Nelken?“ „Weil die Bürgerin einen duftenden Strauß hatte.“ „Welche Bürgerin?“ „Diejenige, welche die Königin vorübergehen ſah.“ „Du ſiehſt wohl, Du ſagſt die Königin, Frau Tiſon; Du wirſt durch den häufigen Beſuch der Ariſtokraten ver⸗ dorben. Nun, auf was gehe ich deun da?“ ſagte Simon, indem er ſich bückte. „Eil gerade auf einer Blume, auf einer Nelke,“ ſprach die Tiſon;„ſie wird aus den Händen der Bürgerin Dirmer gefallen ſein, als Marie Antoinette eine Blume aus ihrem Strauße nahm.“ „Die Frau Capet hat eine Blume aus dem Strauße der Burgerin Ditmer genommen?“ verſetzte Simon. „Ja, und ich habe ihr denſelben gegeben, verſtehſt Du?“ rief mit drohender Stimme Maurice, der dieſes Ge⸗ ſpräch ſeit einigen Augenblicken hörte und daruber unge⸗ duldig wurde. „Es iſt gut, es iſt gut, man ſieht, was man ſieht, und man weiß, was man ſagt,“ murrte Simon, welcher immer noch die von ſeinem breiten Fuße zertretene Nelke in der Hand hielt.. „Und ich,“ verſetzte Maurice,„ich weiß Eines, und will es Dir ſagen: daß Du nichts hier in dem Thurme zu ſchaffen haſt, und daß Dein Henkerspoſten unten bei dem kleinen Capet iſt, den Du jedoch heute nicht ſchlagen wirſt, inſofern ich hier bin und ich es Dir verbiete.“ Ahl Du drohſt mir und nennſt mich einen Henker,“ rief Simon, indem er die Blume zwiſchen ſeinen Fingern zermalmte;„ah! wir werden ſehen, ob es den Ariſtokraten erlaubt iſt... Nun, was iſt denn das?“ „Was?“ fragte Maurice. „Was fühle ich denn in der Nelke? Ah! ah!“ Und vor den erſtaunten Augen von Maurice zog Simon aus dem Kelche der Blume ein kleines, mit der größten Sorgfalt zuſammengerolltes Papier, das man auf eine künſtliche Weiſe in den Mittelpunkt ihres dichten Buſches geſchoben hatte. „Ohl oh!“ rief Maurice ebenfalls,„mein Gott, was iſt denn das?“ „Wir werden es erfahren, wir werden es erfahren,“ ſagte Simon, indem er ſich der Luke näherte.„Ah! Dein Freund Lorin behauptet, ich könne nicht leſen, nun wohl, Du wirſt es ſehen.“ Lorin hatte Simon verleumdet, er konnte das Ge⸗ druckte in allen Charakteren leſen, und das Geſchriebene, wenn es von einer gewiſſen Größe war. Doch das Billet war ſo fein geſchrieben, daß Simon ſeine Zuflucht zu ſeiner Brille nehmen mußte. Er legte dem zu Folge das Billet auf die Luke und fing an ſeine Taſchen zu durch⸗ ſuchen. Während er aber mitten in dieſer Arbeit war, öffnete der Bürger Agricola die Thüre des Vorzimmers gerade dem kleinen Fenſter gegenüber, und es entſtand ein Luftzug, der das federleichte Papier fortriß, ſo daß Simon, als er, nachdem er nach kurzem Suchen ſeine Brille gefunden und auf die Naſe geſteckt hatte, ſich umwandte, vergebens nach dem Papier ſchaute; das Papier war verſchwunden. Simon ſtieß ein Gebrülle aus. „Es war hier ein Papier!“ ſchrie er,„es war hier 225 eines; doch nimm Dich in Acht, Bürger Municipal, es muß ſich wieder finden.“. Und er ſtieg raſch hinab und ließ Maurice ganz be⸗ ſtürzt zurück. Zehn Minuten nachher traten drei Mitglieder der Gemeinde in den Thurm. Die Königin war noch auf der Terraſſe und man hatte Befehl gegeben, ſie in völ⸗ liger Unwiſſenheit über das, was vorgefallen, zu laſſen. Die Mitglieder der Gemeinde ließen ſich zu ihr führen. Der erſte Gegenſtand, der ihnen in die Augen ſiel, war die rothe Nelke, welche ſie noch in der Hand hielt. Sie ſchauten ſie erſtaunt an, der Präſident der Deputation näherte ſich ihr und ſprach: „Geben Sie uns dieſe Blume.“ Die Königin, welche nicht auf dieſen Ueberfall ge⸗ faßt war, bebte und zögerte. „Geben Sie dieſe Blume, ich bitte Sie, Madame,“ rief Maurice mit einer Art von Schrecken. Die Königin überreichte die verlangte Nelke. Der Präſident nahm ſie und begab ſich, gefolgt von ſeinen Collegen, in einen anſtoßenden Saal, um die Durch⸗ ſuchung vorzunehmen und das Protokoll abzufaſſen. Man öffnete die Blume, ſie war leer. Maurice athmete. „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte eines von den Mit⸗ gliedern,„das Herz der Nelke iſt herausgenommen wor⸗ den. Die Höhlung iſt allerdings leer, doch in dieſer Höhlung war ſicherlich ein Billet enthalten.“ „Ich bin bereit, alle nothwendige Erklärungen und Aufſchlüſſe zu geben,“ ſprach Maurice,„doch vor Allem verlange ich verhaftet zu werden.“ „Wir nehmen Kenntniß von Deinem Verlangen,“ ſagte der Präſident,„doch wir entſprechen demſelben nicht, Du biſt als ein guter Patriot bekannt, Bürger Lindey.“ „Und ich ſtehe mit meinem Leben für Freunde, die ich mit mir hier her zu bringen die Unklugheit hatte.“ Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge. I. 15 „Stehe für Niemand,“ ſprach der Anwalt. Man hörte einen gewaltigen Lärmen in den Höfen. Es war Simon, der, nachdem er vergebens das vom Wind entführte Billet geſucht, ſich zu Santerre be⸗ geben und dieſem den Verſuch, die Königin zu entführen, mit allen Zugaben erzählt hatte, welche einem ſolchen Ereigniß der Zauber ſeiner Einbildungskraft zu verleihen vermochte. Santerre lief herbei; man verſchloß den Temple und wechſelte die Wache zum großen Aerger von Lorin, welcher gegen dieſe Beleidigung, die man ſeinem Bataillon zufügte, feierlichſt proteſtirte. „Ahl boshafter Schuhflicker,“ ſagte er zu Simon, indem er ihn mit ſeinem Säbel bedrohte,„Dir habe ich dieſen Scherz zu verdanken, doch ſei unbeſorgt, ich werde ihn Dir zurückgeben.“ „Ich glaube vielmehr, daß Du Alles mit einander der Nation bezahlen wirſt,“ ſprach der Schuhflicker ſich die Hände reibend. „Bürger Maurice,“ ſagte Santerre,„halte Dich zur Verfügung der Gemeinde, die Dich befragen wird.“ „Ich bin zu Deinen Befehlen, Commandant, doch ich habe bereits verhaftet zu werden verlangt und verlange es abermals.“ „Warte, warte,“ murmelte Simon duckmänſeriſch, „da Dir ſo viel daran gelegen iſt, ſo wollen wir Deine Sache beſorgen.“ 3 Und er ging zu der Frau Tiſon. 227 XXIII. Die Göttin Vernunft. und in der Umgegend das kleine Papier, das all dieſen Lärmen verurſachte, und, wie man nicht bezweifelte, ein ganzes Complott enthielt. Man befragte die Königin, nachdem man ſie von ihrer Schwägerin und ihrer Tochter getrennt hatte; doch ſie antwortete nur, ſie habe auf der Treppe eine junge Frau mit einem Strauße getroffen, dieſe junge Frau habe nur eine Blume daraus zu pflücken, und auch dies ſei mit der Einwilligung des Municpal Maurice geſchehen. Sie hatte nichts Anderes zu ſagen; es war die Wahrheit in ihrer ganzen Einfachheit und in ihrer gan⸗ zen Kraft.“ Alles wurde Maurice mitgetheilt, als die Reihe an ihn kam, und er beſtätigte die Ausſage der Königin als offen und genau. 4 „Aber es beſtand ein Complott?“ ſagte der Präſident. „Das iſt nicht möglich,“ entgegnete Maurice,„ich habe der Bürgerin Dirmer, als ich bei ihr zu Mittag ſpeiſte, den Vorſchlag gemacht, ihr die Königin zu zeigen, die ſie noch nicht geſehen hatte. Doch es war nichts in Beziehung auf den Tag oder das Mittel beſtimmt.“ „Aber man hatte ſich mit Blumen verſehen,“ ſagte der Präſident,„dieſer Strauß war zum Voraus gemacht woorden?“ „Keines Wegs, ich habe dieſe Blumen einem Sträußer⸗ mädchen abgekauft, das uns dieſelben an der Ecke der MRie des Vieilles⸗Haudrlettes anbot.“ 8 3„Doch dieſes Sträußermädchen hat ihr d Strauß wenigſtens dargereicht?“ 3 Man ſuchte den ganzen Tag im Hof, im Garten ihr den Strauß angeboten, doch ſie habe ſich begnügt, 228 „Nein, Bürger, ich habe ihn ſelbſt aus zehn bis zwölf ausgewählt; allerdings wählte ich den ſchönſten“ „Aber man konnte das Billet unter Weges hinein⸗ ſtecken?“ „Unmöglich, Bürger, ich habe die Bürgerin Dirmer nicht einen Augenblick verlaſſen, und um eine ſolche Ope⸗ ration bei jeder von den Blumen vorzunehmen, denn, bemerkt wohl, jede von den Blumen mußte, wie Simon behauptet, ein ähnliches Billet enthalten, hätte man einen halben Tag gebraucht.“ „Konnte man denn nicht zwiſchen dieſe Blumen zwei bereitgehaltene Billets geſteckt haben?“ „In meiner Gegenwart hat die Gefangene eine Nelke auf den Zufall genommen, nachdem ſie den ganzen Strauß ausgeſchlagen.“ 3 „Deiner Anſicht nach waltet alſo kein Complott ob, Bürger Lindey?“ „Doch wohl, es waltet ein Complott ob,“ erwiederte Maurice,„und ich bin der Erſte, der nicht nur daran glaubt, ſondern der es beſtätigt; nur rührt dieſes Complott nicht von meinen Freunden her. Da jedoch die Nation keiner Furcht preisgegeben ſein darf, ſo biete ich eine Caution an und ſtelle mich als Gefangener.“ „Keines Wegs,“ antwortete Santerre:„verfährt man ſo gegen Erprobte, wie Du biſt? Stellſt Du Dich als Gefangener, um für Deine Freunde zu ſtehen, ſo würde ich mich als Gefangener ſtellen, um für Dich zu ſtehen. So iſt die Sache einfach, nicht wahr, es liegt keine poſ⸗ ſitive Anzeige vor? Niemand wird erfahren, was ſich ereignet hat. Verdoppeln wir unſere Wachſamkeit, Du beſonders, und es wird uns gelingen, den Grund der Dinge kennen zu lernen, indem wir die Oeffentlichkeit vermeiden.“ „Ich danke, Tommandant„“ ſprach Maurice,„doch ich antworte Ihnen, was Sie an meiner Stelle antwor⸗ ten würden. Wir dürfen nicht hiebei ſtehen bleiben, wirr müſſen die Blumenhändlerin auffinden.“ — — ——— 8 „Die Blumenhändlerin iſt fern, doch ſei unbeſorgt, man wird ſie ſuchen. Ueberwache Du Deine Freunde, ich werde die Correſpondenz des Gefängniſſes überwachen. Man hatte nicht an Simon gedacht, doch Simon hatte ſeinen Plan. Er kam gegen das Ende der von uns mitgetheilten Sitzung, um Kunde zu verlangen, und erfuhr die Ent⸗ ſcheidung der Gemeinde. „Ah! es bedarf, um die Sache abzumachen, einer regelmäßigen Anzeige,“ ſagte er,„wartet fünf Minuten und ich bringe ſie.“— 3 „Was gibt es denn?“ fragte der Präſident. Der Schuhflicker erwiederte: „Die muthige Bürgerin Tiſon denuncirt die heimli⸗ chen Ränke und Schliche des Parteigängers der Ariſtokra⸗ tie Maurice, ſowie auch die Verzweigungen eines anderen ihm befreundeten, falſchen Patrioten Namens Lorin.“ „Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Simon,“ ſprach der Präſident.„Dein Eifer für die Nation führt Dich vielleicht irre; Maurice Lindey und Hyacinth Lorin ſind Erprobte.“ „Man wird das vor dem Tribunal ſehen,“ erwie⸗ derte Simon. 3. 4 „Bedenke wohl, Simon, das würde ein ärgerlicher Proceß für alle gute Patrioten werden.“ „Aergerlich oder nicht, was macht das mir? Fürchte ich etwa das Aergerniß? Man wird wenigſtens die volle „Wahrheit über die Verräther erfahren.“ 87„Du beſtehſt alſo darauf, im Namen der Frau Tiſon Deine Anzeige zu machen?“ „Ich werde ſelbſt dieſen Abend bei den Cordeliers denunciren, und zwar Dich mit den Andern, Bürger Präſident, wenn Du nicht die Verhaftung des Verräthers Manrice decretirſt.“* „Wohl, es ſei,“ ſprach der Präſident, der, nach der ewohnheit jener unglücklichen Zeit, vor demjenigen zit⸗ 230 terte, welcher am Lauteſten ſchrie.„Wohl, es ſei, man wird ihn verhaften.“ Wahrend dieſe Entſcheidung gegen ihn gegeben wurde, war Maurice nach dem Temple zurückgekehrt, wo ihn ein Billet mit folgenden Worten erwartete: „Da unſere Wache mit Gewalt unterbrochen worden iſt, ſo werde ich Dich aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht vor morgen früh wiederſehen können: komm zu mir zum Frühſtück und ſetze mich während des Frühſtücks in Kennt⸗ niß über alle die Ränke und Verſchwörungen, welche Mei⸗ ſter Simon entdeckt hat. Er behauptet nämlich, alles Unglück ſei einer Nelke zuzuſchreiben. Ich meinerſeits will eine Roſe fragen, wo der Grund der Unthat zu ſuchen? „Und morgen werde ich Dir meinerſeits ſagen, was mir Arthemiſe geantwortet hat. Dein Freund Lorin.“ —— „Nichts Neues,“ antwortete Maurice,„ſchlafe im Frieden dieſe Nacht und frühſtücke morgen ohne mich, in⸗ ſofern ich wegen der Vorfälle des heutigen Tages wahr⸗ ſcheinlich nicht vor Mittag ausgehen werde. „Wie gern möcht ich Dir der Zephir ſein, um das Recht zu haben, der Roſe von der Du ſprichſt, einen 4 Kuß zu ſchicken. Dein Freund Maurice. N. S. Ich glaube übrigens, daß die Verſchwörung nur ein falſcher Lärmen war.“ Lorin war wirklich gegen eilf Uhr in Folge der un⸗ geſchlachten Motion des Schuhflickers mit ſeinem ganzen Bataillon abgezogen. Er hatte ſich über dieſe Demüthigung mit einen 4 — 2341 1 Verſe getröſtet und war, wie es dieſer Vers ſagte, zu Arthemiſe gegangen. Arthemiſe war entzückt, als ſie Lorin kommen ſah. Das Wetter war herrlich; ſie ſchlug einen Spazier⸗ gang die Quais entlang vor, der auch angenommen wurde. Sie folgten dem Kohlenhafen, plauderten über Po⸗ litik, Lorin erzahlte ſeine Austreibung aus dem Temple und ſuchte zu errathen, welche Umſtände dieſelbe veran⸗ laßt haben konnten, als ſie, die Höhe der Rue des Barres erreichend, ein Sträußermädchen erblickten, das wie ſte am rechten Ufer der Seine hinaufging. „Ah! Bürger Lorin, Du wirſt mir hoffentlich einen Strauß ſchenken,“ ſagte Arthemiſe. 4 „Wie!“ verſetzte Lorin,„zwei, wenn es Dir ange⸗ nehm iſt.“ 1 Und Beide verdoppelten ihre Schritte, um die Blumen⸗ händlerin einzuholen, welche ſelbſt ihren Weg mit ſehr raſchem Schritt verfolgte. Bei dem Pont Marie blieb das Mädchen ſtehen, neigte ſich über die Brüſtung und leerte ſein Körbchen in den Fluß. Die einzelnen Blumen wirbelten einen Augenblick in der Luft. Durch ihr Gewicht hinabgezogen ſielen die Sträuße etwas ſchneller, dann folgten Sträuße und Blu⸗ men auf der Oberfläche ſchwimmend dem Laufe des Flußes. „Halt!“ ſagte Arthemiſe, die Blumenhändlerin betrach⸗ tend, welche ein ſo ſeltſames Gewerbe trieb;„man ſollte glauben... aber ja... aber nein... aber doch.. ohl was das ſonderbar iſt!“ Die Blumenhändlerin legte einen Finger auf ihre Lippen, als wollte ſie Arthemiſe bitten, ſie möge ſchweigen, und verſchwand.— „Was iſt es denn?“ ſagte Lorin;„kennſt Du dieſe ſterbliche Göttin?“ „Nein. Ich glaubte Anfangs, doch ich täuſchte mich ſicherlich.“ 232 „„Sie hat Dir doch ein Zeichen gemacht,“ verſetzte LCorin. 8 4„Warum iſt ſie denn dieſen Morgen Sträußermäd⸗ chen?“ fragte Arthemiſe ſich ſelbſt. „Du geſtehſt alſo, daß Du ſie kennſt, Arthemiſe?“ „Ja,“ antwortete Arthemiſe,„es iſt eine Blumenhaͤnd⸗ lerin, der ich zuweilen abkaufe.“ „In jedem Fall,“ ſagte Lorin,„in jedem Fall hat dieſe Blumenhändlerin ſonderbare Manieren, um ihre Waaren abzuſetzen.“ Nachdem Beide zum letzten Male die Blumen ange⸗ ſchaut hatten, welche bereits die hölzerne Brücke erreichten und einen neuen Antrieb von dem Flußarme erhielten, der unter ihren Bögen durchläuft, ſetzten ſie ihren Weg nach der Rapée fort, wo ſie unter vier Augen zu Mittag zu ſpeiſen gedachten. 1 Dieſer Vorfall hatte für den Augenblick keine Folge. Nur prägte er ſich, da er ſeltſam war und einen geheim⸗ nißvollen Charakter bot, in die poetiſche Einbildungskraft von Lorin ein.. Die gegen Maurice und Lorin gerichtete Anzeige der Frau Tiſon erregte einen großen Laͤrmen im Club der Jacobiner und Maurice erhielt im Temple von der Ge⸗ meinde die Nachricht, ſeine Freiheit ſei von der öffentlichen Entrüſtung bedreht. Es war dies eine Aufforderung an den jungen Municipal, ſich zu verbergen, wenn er ſchuldig wäre. Doch man fand ihn auf ſeinem Poſten, als man kam, um ihn zu verhaften. 3 Maurice wurde auf der Stelle verhört. 88 Während er feſt bei ſeinem Entſchluſſe blieb, keinen von ſeinen Freunden, deren er ſicher ſein konnte, in den Proceß zu verwicheln, forderte Maurice, der nicht der Mann war, ſich lächerlicher Weiſe durch das Stillſchweigen wie ein Romanheld zu opfern, eine Unterſuchung gegen das Sträußer⸗ mädchen. Es war fünf Uhr Abends, als Lorin nach Hauſe zu⸗ —— 233 rückkehrte: er erfuhr ſogleich die Verhaftung von Maurice und welche Forderung dieſer geſtellt hatte. Alsbald erinnerte er ſich des Sträußermädchens vom Pont Marie, das ſeine Blumen in die Seine geworfen. Dies war eine plötzliche Offenbarung. Die ſeltſame Blu⸗ menhändlerin, das Zuſammentreffen der Quartiere, das Halbgeſtändniß von Arthemiſe, Alles rief ihm inſtinktmäßig ⸗ zu, hier finde ſich die Erklärung des Geheimniſſes, deſſen Enthüllung Maurice forderte. 8 Er ſprang aus ſeinem Zimmer, eilte die vier Stock⸗ werke hinab, als ob er Flügel gehabt hätte, und lief zu der Gsöttin Vernunft, welche goldene Sterne auf ein Kleid von blauer Gaze ſtickte. Das war ihr Göttergewand. „Laß die Sterne ruhen, liebe Freundin,“ ſagte Lorin. 8„Man hat Manrice dieſen Morgen verhaftet und wird wahrſcheinlich dieſen Abend mich verhaften.“ „Manrice verhaftet!“ „Oh! mein Gott, ja. In dieſer Zeit iſt nichts ge⸗ wöhnlicher, als große Ereigniſſe, und man ſchenkt ihnen nur keine Aufmerkſamkeit, weil ſie truppenweiſe kommen. Alle dieſe großen Ereigniſſe aber geſchehen in Folge von Niichtswürdigkeiten. Vernachläßigen wir daher die Nichts⸗ vbuürdigkeiten durchaus nicht. Wer war die Blumenhänd⸗ lerin, der wir dieſen Morgen begegneten, liebe Freundin?“" Arthemiſe bebte. 3„Was für eine Blumenhändlerin 2 3 „Ei, bei Gott! das Mädchen, das ſeine Sträuße ſo verſchwenderiſch in die Seine warf.“ „Ach! mein Gott!“ ſagte Arthemiſe,„iſt dieſes Er⸗ 4 eigniß denn ſo wichtig, daß Du mit ſolcher Hartnäckig⸗ keit darauf zurückkehrſt?“ 3 „So wichtig, liebe Freundin, daß ich Dich bitte, meine Frage auf der Stelle zu beantworten.“ „Mein Freund, ich kann nicht.“ „Göttin, nichts iſt Dir unmöglich.“ 234 „Ich habe meine Ehre verpfändet, Stillſchweigen zu beobachten.“ „Und ich habe meine Ehre verpfändet, Dich ſprechen zu machen.“ „Aber warum dringſt Du denn ſo ſehr in mich?“ „Damit... alle Wetter! damit Maurice nicht der Hals abgeſchnitten wird.“ „Ah! mein Gott! Maurice guillotinirt?“ rief die junge Frau erſchrocken. „Ohne von mir zu ſprechen, der ich wahrhaſtig nicht dafür zu ſtehen wage, daß ich den Kopf noch auf meinen Schultern habe.“ 3 „Ohl nein, nein, das hieße ſie unfehlbar verderben.“ In dieſem Augenblick ſtürzte der Willfährige von Lorin in das Zimmer von Arthemiſe und rief: „Ahl Bürger, rette Dich! rette Dich!“ „Und warum dies?“ fragte Lorin. „Die Gendarmen haben ſich bei Dir gezeigt; wäh⸗ rend ſie die Thüre einſtießen, erreichte ich das Nachbar⸗ haus uͤber das Dach kletternd und lief hierher, um Dich zu benachrichtigen.“ 3 Arthemiſe ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. „Arthemiſe,“ ſprach Lorin, indem er ſich aufrecht vor ſie ſtellte,„vergleichſt Du das Leben eines Strãäußer⸗ mädchens mit dem von Maurice und mit dem Deines Ge⸗ liebten? Wenn dem ſo iſt, ſo höre ich auf, Dich für die Göttin Vernunft zu halten, und erkläre Dich für die Göt⸗ tin Tollheit.“ „Arme Heloiſe!“ rief die Ertänzerin der Oper,„es iſt nicht mein Fehler, wenn ich Dich verrathe.“ „Gut! gut! liebe Freundin,“ ſprach Lorin, indem er Arthemiſe ein Papier bot.„Du haſt mich bereits mit dem Taufnamen beſchenkt, ſchenke mir auch den Familien⸗ namen und die Adreſſe.“ „Ohl den Namen ſchreiben, nie! nie!“ rief Arthe⸗ miſe,„ich will ihn Dir ſagen.“ — 23⁵ „Sage ihn mir und ſei unbeſorgt, ich werde ihn nicht vergeſſen.“ Arthemiſe gab mündlich Lorin den Namen und die Adreſſe der falſchen Blumenhändlerin an. Sie hieß Heloiſe Tiſon und wohnte in der Rue des Nonandières Nro. 24. Bei dieſem Namen ſtieß Lorin einen Schrei aus und entfloh aus Leibeskräften. Er war noch nicht am Ende der Straße, als ein Brief bei Arthemiſe eintraf. Dieſer Brief enthielt nur folgende Zeilen: „Kein Wort über mich, theure Freundin, die Offen⸗ barung meines Namens würde mich unſehlbar ins Ver⸗ derben ſtürzen. Warte bis morgen, um mich zu nennen, denn dieſen Abend werde ich Paris verlaſſen haben. Deine Heloiſe.“ „O mein Gott!“ rief die zukünftige Göttin,„wenn ich das hätte ahnen können, ſo würde ich bis morgen ge⸗ wartet haben.“— „Und ſie ſtürzte nach dem Fenſter, um Lorin zurück⸗ zurufen, wenn es noch Zeit wäre, doch er war ver⸗ ſchwunden. XXIV. Die Mutter und die Tochter. Wir haben bereits geſagt, daß die Kunde von dieſem Ereigniß ſich in wenigen Stunden in ganz Paris ver⸗ breitete. Es gab in der That damals Indiscretionen, welche ſich von Seiten einer Regierung, deren Politik ſich. znf der Straße anknüpfte und entwickelte, leicht begreifen aſſen. 236 Das Gerücht erreichte daher furchtbar und drohend die Rue Vieille⸗Saint⸗Jarques und zwei Stunden nach der Verhaftung von Maurice erfuhr man dort dieſe Ver⸗ haftung. Durch die Thätigkeit von Simon waren die Einzeln⸗ heiten des Complottes ſchnell aus dem Temple hinausge⸗ drungen, nur hatte die Wahrheit, die Jeder mit einigen erdichteten Zuſätzen ſchmückte, bei dem Meiſter Rothgerber einige Veränderungen erlitten; man ſagte, es handle ſich um eine vergiftete Blume, die man der Königin zugeſteckt und mit deren Hülfe die Oeſterreicherin ihre Wachen hätte einſchläfern ſollen, um aus dem Temple zu entfliehen. Dieſen Gerüchten fügte ſich ein gewiſſer Verdacht über die Treue des am Abend zuvor von Santerre entlaſſenen Ba⸗ taillon bei, ſo daß bereits mehrere Opfer dem Haſſe des Volkes bezeichnet waren. Doch in der Rue Vieille⸗Saint⸗Jacques täuſchte man ſich, und zwar aus Gründen, durchaus nicht über die Na⸗ tur des Ereigniſſes, und Morand und Dirmer entfernten ſich ſogleich und ließen Geneviève der heftigſten Verzweif⸗ lung preisgegeben zurück. Begegnete Maurice ein Unglück, ſo war wirklich Ge⸗ neviève die Urſache dieſes Unglücks. Sie hatte an der Hand den blinden jungen Mann bis in den Kerker ge⸗ führt, wo er eingeſchloſſen war, und aus welchem er aller Wahrſcheinlichkeit nach nur hervorgehen würde, um das Schaffot zu beſteigen. Doch in jedem Fall ſollte Maurice nicht mit ſeinem Kopfe ſeine Hingebung gegen eine Laune von Geneviève bezahlen. Wurde Maurice verurtheilt, ſo klagte ſich Ge⸗ neviève ſelbſt bei dem Tribunal an, ſie geſtand Alles. Sie nahm die Verantwortlichkeit auf ſich, auf ſich allein, wohl verſtanden, und auf Koſten ihres Lebens rettete ſie Maurice. Statt zu zittern bei dem Gedanken, für Maurice zu ſterben, fand Geneviéve im Gegentheil eine bittere Glück⸗ ſeligkeit hierin. 237 Sie liebte den jungen Mann, ſie liebte ihn mehr, als es ſich für eine Frau geziemte, welche nicht ſich an⸗ gehörte. Es war für ſie ein Mittel, Gott ihre Seele rein und fleckenlos zurückzubringen, wie ſie dieſelbe von ihm erhalten hatte. Vor dem Hauſe trennten ſich Morand und Dirmer. Dirmer ging nach der Rue de la Corderie, Morand lief nach der Rue des Nonandières. Als der Letztere an das Ende des Pont Marie kam, erblickte er die Menge der Müßigen und Neugierigen, welche ſich während oder nach einem Ereigniſſe auf dem Platze aufſtellen, wo dieſes Ereigniß ſtattgefunden hat, wie die Raben ſich auf einem Schlachtfeld verſammeln. Bei dieſem Anblick blieb Morand ſtehen; ſeine Beine wichen unter ihm, er war genöthigt, ſich auf das Ge⸗ länder der Brücke zu ſtützen. Nach einigen Minuten erlangte er wieder die wun⸗ derbare Gewalt, die er bei großen Veranlaſſungen über ſich ſelbſt hatte, miſchte ſich in die Gruppen, fragte und erfuhr, man habe zehn Minuten vorher in der Nue des Nonandières Nro. 24. eine junge Frau feſtgenommen, welche ſicherlich des Verbrechens ſchuldig ſei, deſſen man ſie angeklagt, denn man habe ſie überraſcht, wie ſie mit dem Einpacken ihrer Habſeligkeiten beſchäftigt geweſen. Morand erkundigte ſich nach dem Club, in welchem das Madchen verhört werden ſollte. Er erfuhr, daß man ſie vor die Mutterſeetion geführt, und begab ſich ſogleich dahin.. Der Club war vollgepfropft von Menſchen. Doch durch Ellenbogenſtöße und Fauſtſchläge gelang es Mo⸗ rand, auf die Tribune zu ſchlüpfen. Das Erſte, was er erblickte, war die hohe Geſtalt, das edle Antlitz und die verächtliche Miene von Maurice, der vor der Bank der Angeklagten ſtand und mit ſeinem Blick den perorirenden Simon niederſchmetterte. „Ja, Bürger,“ ſchrie Simon,„ja, die Bürgerin Tiſon klagt den Bürger Lindey und den Bürger Lorin 5 238 an. Der Bürger Lindey ſpricht von einem Sträußer⸗ mädchen, auf das er ſein Verbrechen abladen will, doch ich ſage Euch zum Voraus, das Sträußermädchen wird ſich nicht finden; es iſt ein Complott von einer Geſell⸗ ſchaft von Ariſtokraten, welche ſich, die feigen Burſche, den Ball einander zuwerfen. Ihr habt übrigens geſehen, daß ſich der Bürger Lorin bereits aus dem Staube ge⸗ macht hatte, als man in ſeine Wohnung kam. Nun, er wird ſich ebenſo wenig finden, als das Sträußermädchen.“ „Du haſt gelogen, Simon,“ rief eine wüthende Stimme,„er wird ſich wiederfinden, denn hier iſt er.“ Und Lorin brach in den Saal ein. „Platz gemacht,“ rief er, die Zuſchauer auf die Seite ſtoßend,„Platz!“ Dieſer Eintritt von Lorin, der auf eine ganze natür⸗ liche Weiſe, ohne Manier, ohne eine Abſichtlichkeit, nur mit der dem Charakter des jungen Mannes inwohnenden Kraft 4 und Trenherzigkeit geſchah, brachte die größte Wirkung auf die Tribunen hervor, welche Beifall zu klatſchen und bravo zu rufen anfingen. 3 Maurice begnügte ſich zu lächeln und ſeinem Freunde die Hand wie ein Menſch zu reichen, der ſich geſagt hatte: „Ich bin ſicher, daß ich nicht lange allein auf der Bank der Angeklagten bleiben werde.“ 4 Die Zuſchauer betrachteten mit einer ſichtbaren Theil⸗ nahme die zwei hübſchen jungen Leute, welche wie ein auf die Jugend und auf die Schönheit eiferſüchtiger Dämon der Schuhflicker des Temple anklagte. Dieſer gewahrte den ſchlimmen Eindruck, der auf ihm zu laſten anfing, und entſchloß ſich, einen letzten Schlag u thun. 3 1 hana er, brüllte er,„ich verlange, daß die edel müthige Bürgerin Tiſon gehört werde. Ich ver unge, daß ſie ſpreche. Ich verlange, daß ſie anklage. 4 „Bürger,“ ſagte Lorin,„ich verlange, daß zuvor die 57* junge Blumenhändlerin, welche man verhaftet hat und ohne Zweifel vor Euch führen wird, gehört werde.“ „Nein,“ rief Simon,„das iſt abermals ein falſcher Zeuge, ein Parteigänger der Ariſtokraten. Ueberdies brennt die Bürgerin Tiſon vor Begierde, das Gericht zu erleuchten.“ Während dieſer Zeit ſprach Lorin leiſe mit Maurice. „Ja,“ riefen die Tribunen,„ja, die Anzeige der Frau Tiſon; ja, ja, ſie ſoll ihre Anzeige machen!“ „Iſt die Buͤrgerin Tiſon im Saale?“ fragte der Präſident. „Allerdings iſt ſie da,“ rief Simon.„Bürgerin Tiſon, ſage doch, daß Du da biſt.“ „Hier bin ich, mein Präſident,“ ſprach die Gefangen⸗ wärterin;„doch wird man mir meine Tochter zurückgeben, wenn ich die Anzeige mache?“ „Deine Tochter hat nichts mit der Angelegenbeit zu ſchaffen, die uns in Anſpruch nimmt,“ erwiederte der Präſident;„rede zuerſt und wende Dich dann an die Gemeinde, um Dein Kind wieder zu verlangen.“ „Hörſt Du? der Bürger Präſident befiehlt Dir, Deine Anzeige zu machen,“ rief Simon,„ſprich alſo auf der Stelle.“ „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte der Präſident, in⸗ dem er ſich, erſtaunt über die Ruhe des gewöhnlich ſo auf⸗ brauſenden jungen Mannes, gegen Maurice umwandte, „Bürger Municipal, haſt Du nicht zuvor etwaß zu ſprechen?“ „Nein, Bürger Präſident, außer etwaͤ, daß ed, ehe er einen Mann, wie ich bin, einen Feigen und Verräther nannte, geſcheiter von Simon geweſen wäre, wenn er ge⸗ wartet haben würde, bis man beſſer unterrichtet hätte.“ „Was ſagſt Du? was ſagſt Du? wiederholte Simon mit dem ſpöttiſchen Tone des Menſchen aus dem Volk, der dem Pariſer Pöbel eigenthümlich iſt. „Ich ſage,“ erwiederte Maurice mehr traurig als zornig,„ich ſage, daß Du ſogleich grauſam geſtraft ſein wirſt, wenn Du ſiehſt, was geſchieht.“ „Und was wird denn geſchehen?“ fragte Simon. 240 „Bürger Präſident,“ ſprach Maurice, ohne ſeinem gehäſſigen Ankläger zu antworten,„ich verbinde mich mit meinem Freund, um Dich zu bitten, daß das junge Mäd⸗ chen, das man ſo eben verhaftet hat, gehört werde, ehe man dieſe arme Frau ſprechen läßt, der man ohne Zwei⸗ fel ihre Ausſage eingeblaſen hat.“ „Hörſt Du, Bürgerin?“ rief Simon,„hörſt Du, man hat dort geſagt, Du ſeiſt ein falſcher Zeuge?“ „Ich, ein falſcher Zeuge,“ ſprach die Tiſon,„oh! Du wirſt ſehen; warte, warte!“ „Bürger,“ ſagte Maurice,„aus Mitleid beſiehl die⸗ ſer Unglücklichen, zu ſchweigen.“ 4 „Ahl Du haſt Furcht!“ ſchrie Simon,„Du haſt Furcht! Bürger Präſident, ich verlange die Anklage der Bürgerin Tiſon.“ „Ja, ja, die Anklage!“ ſchrieen die Tribunen. „Stille!“ rief der Präſident,„die Gemeinde kommt zurück.“ 4 In dieſem. Augenblick hörte man einen Wagen, der 4 außen unter einem Gebrülle und unter einem gewaltigen Geräuſch von Waffen rollte. Simon wandte ſich unruhig nach der Thüre um. „Verlaſſe die Tribune,“ ſagte der Präſident zu ihm, „Du haſt das Wort nicht mehr.“ Simon ſtieg ſea 4 In dieſem Augenblick traten. die Gendarmen mit einer, bald wieder zurückgedrängten, Woge von Neugieri⸗ gen ein, und eine Frau wurde in den Gerichtsſaal ge⸗ ſtoßen. 3 „Iſt ſie es?“ fragte Lorin Maurice. „Ja, ja, ſie iſt es,“ ſprach dieſer.„Ohl die un⸗ glückliche Frau, ſie iſt verloren!“ „Das Sträußermädchen! das Sträußermädchen,“ mur⸗ melte man auf den Tribunen, welche die Neugier unge⸗ mein in Bewegung ſetzte;„es iſt das Sträußermädchen!’“ „Ich verlange vor Allem die Ausſage der Frau ſchnurte alle Herzen zuſammen. liche!“ Tiſon,“ brüllte der Schuhflicker,„Du hatteſt ihr be⸗ fohlen, ihre Anzeige zu machen, und ſiehſt, daß ſie nicht ſpricht.“ Die Frau Tiſon wurde aufgerufen und begann eine furchtbare, umſtändliche Anzeige. Ihrer Behauptung nach war das Sträußermädchen allerdings ſchuldig, Maurice und Lorin aber waren ihre Gonoſſen. Dieſe Anklage brachte eine unſägliche Wirkung auf das Publikum hervor. Simon triumphirte indeſſen. „Gendarmen, führt das Sträußermädchen herein,“ rief der Präſident. „Ohl das iſt gräßlich,“ murmelte Morand, indem er ſeinen Kopf in ſeinen Händen verbarg. Die Blumenhaͤndlerin wurde gerufen und ſtellte ſich unten an die Tribune, der Tiſon gegenüber, deren Zeug⸗ ſchaft das Vergehen, deſſen man ſie beſchuldigte, zu einem Capitalverbrechen gemacht hatte. Da hob ſie ihren Schleier auf. „Heloiſe!“ rief die Tiſon,„meine Tochter... Du hier... „Ja, meine Mutter,“ antwortete mit ſanftem Tone das junge Mädchen. „Und warum biſt Du zwiſchen zwei Gendarmen 24 „Weil ich angeklagt bin, meine Mutter!“ „Du... angeklagt!“ rief die Tiſon voll Angſt,„und von wem?“ „Von Dir, meine Mutter!“ Ein furchtbares Stillſchweigen, ein Schweigen des Todes lagerte ſich plötzlich uͤber dieſen geräuſchvollen Maſ⸗ ſen und das ſchmerzliche Gefühl dieſer furchtbaren Scene „Ihre Tochter!“ flüſterten einzelne Stimmen leiſe und wie in der Entfernung.„Ihre Lochter, die Unglück⸗ Maurice und Lorin ſchauten die Anklä Der Chevalier von Maiſon⸗Rouge J. 1 2 gerin und die 16 242 Angeklagte mit einem Gefühle tiefen Mitleids und ehr⸗ fürchtigen Schmerzes an. Simon, während er das Ende dieſer Seene zu ſehen wünſchte, in der Hoffnung, Maurice und Lorin würden dabei gefährdet bleiben, war bemüht, ſich den Blicken der Tiſon zu entziehen, welche mit irrem Auge umherſchaute. „Wie heißeſt Du, Bürgerin?“ fragte der Präſident, ſelbſt erſchüttert, das ruhige, ergebene junge Mädchen. „Heloiſe Tiſon, Bürger.“ „Wie alt biſt Du?“ „Neunzehn Jahre.“* „Wo wohnſt Du?“ „In der Rue des Nonandières Nro. 24.“ „Haſt Du an den Bürger Municipal Lindey, den Du hier auf dieſer Bank ſiehſt, dieſen Morgen einen Nelken⸗ ſtrauß verkauft?“ Die Tochter Tiſon wandte ſich gegen Maurice, ſchaute ihn an und ſprach ſodann: „Ja, Bürger, ich habe dies gethan.“ Die Frau Tiſon ſchaute ihre Tochter mit Augen an, welche die Angſt furchtbar erweitert hatte. „Weißt Du, daß jede von dieſen Nelken ein an die Witwe Capet gerichtetes Billet enthielt?“ „Ich weiß es,“ antwortete die Angeklagte. Eine Bewegung des Schreckens und der Bewunderung verbreitete ſich durch den Saal. „Warum botſt Du dieſe Nelken dem Bürger Mau⸗ rice an?“ „Weil ich die Schärpe des Municipals an ihm er⸗ blickte und vermuthete, er würde in den Temple gehen.“ „Wer ſind Deine Genoſſen?“ 7 „Ich habe keine.“ 1 „Wie, Du haſt das Complott für Dich allein gemacht?“ „Wenn es ein Complott iſt, ſo habe ich es ganz allein gemacht.“ 3 „Aber wußte der Bürger Maurice?...“ „Daß dieſe Blumen Billets enthielten?“ —, —ee Ja.“ „Ja. „Der Bürger Maurice iſt Municipal; der Bürger aurice konnte die Königin unter vier Augen und zu jeder Stunde des Tags und der Nacht ſehen. Hatte der Bürger Maurice der Königin etwas zu ſagen, ſo brauchte er nicht erſt zu ſchreiben, da er ſprechen konnte.“ „Und Du kannteſt den Bürger Maurice nicht? „Ich ſah ihn in der Zeit, wo ich bei meiner armen utter war, in den Temple kommen; doch ich kannte ihn nur vom Sehen.“ „Siehſt Du, Elender!“ rief Lorin, mit der Fauſt Simon bedrohend, der den Kopf ſenkte und niedergeſchmet⸗ tert durch die Wendung, welche die Sache nahm, unbe⸗ merkt zu fliehen ſuchte.„Siehſt Du, was Du gethan haſt?“ Alle Blicke wandten ſich mit einem Gefühle tiefer Entrüſtung gegen Simon. Der Präſident fuhr fort: „Da Du den Strauß überreicht haſt, da Du wußteſt, daß jede Blume ein Papier enthielt, ſo mußt Du auch wiſſen, was auf das Papier geſchrieben war.“ „Allerdings weiß ich es.“ „Nun, ſo ſage uns, was auf dem Papier ſtand?“ „Bürger,“ ſprach mit großer Feſtigkeit das junge Mädchen,„ich habe Alles geſagt, was ich ſagen konnte und beſonders was ich ſagen wollte.“ „Du weigerſt Dich, zu antworten?“ Ja.“ „Und Du weißt, welcher Gefahr Du Dich ausſetzeſt?“ „Ja.“ „Du hoffſt vielleicht auf Deine Jugend, auf Deine Sthönheit?“ „Ich hoffe nur auf Gott.“ „Bürger Maurice Lindey,“ ſprach der Präfident, „Bürger Hyacinth Lorin, Ihr ſeid frei, die Gemeinde er⸗ kennt Eure Unſchuld und läßt Eurer Bürgertugend Ge⸗ rechtigkeit widerfahren. Gendarmen führt die Bürgerin Heloiſe in das Gefängniß der Sertion.“ 244 Bei dieſen Worten ſchien die Frau Tiſon zu erwachen, gab einen furchtbaren Schrei von ſich und wollte vor⸗ ſtürzen, um ihre Tochter noch einmal zu umarmen: doch die Gendarmen verhinderten ſie daran. „Ich verzeihe Dir, meine Mutter,“ rief die Tochter, während man ſie fortſchleppte. Die Frau Tiſon ſtieß ein wildes Gebrülle aus und ſiel wie todt nieder. 8 8„Edles Mädchen!“ murmelte Morand mit einer ſchmerz⸗ lichen Bewegung. XXV. Das Billet. In Folge der von uns erzählten Ereigniſſe kam eine letzte Scene als Vervollſtändigung des Dramas hun⸗ das ſich in ſeinem düſteren Gange zu entrollen anfing.. Die Frau Tiſon, niedergeſchmettert durch das, was vorgefallen war, verlaſſen von denen, welche ſie begleitet hatten, denn es liegt etwas Gehäſſiges ſogar in den unfrei⸗ willigen Verbrechen, und es iſt ein ſehr großes Verbrechen, wenn eine Mutter ihr Kind tödtet, ſelbſt wenn es in einem Uebermaß patriotiſchen Eifers geſchieht, die Frau Tiſon, nachdem ſie eine Zeit lang in einer völligen Unbeweglich⸗ keit verharrt war, erhob das Haupt, ſchaute irre umher, ſtieß, als ſie ſich allein ſah, einen Schrei aus und ſtürzte nach der Thüre. Einnige Neugierige, noch hartnäckiger als die Anderen, ſtanden an dieſer Thüre; ſie traten auf die Seite, als ſie die Tiſon erblickten, deuteten mit dem Finger auf ſie und ſagten zu einander: „Siehſt Du dieſe geklagt!“ Die Tiſon gab einen Schrei der Verzweiflung von ſich und eilte in der Richtung des Temple fort. Als ſie aber den dritten Theil der Rue Michel⸗le⸗ Comte erreicht hatte, ſtellte ſich ein Mann vor ſie, ver⸗ ſperrte ihr den Weg und ſagte, indem er ſein Geſicht in ſeinem Mantel verbarg: Frau? Sie hat ihre Tochter an⸗ „Du biſt zufrieden, Du haſt Dein Kind getödtet.“ 8 „Mein Kind getödtet! mein Kind getödtet!“ rief die arme Mutter;„nein, nein, das iſt nicht möglich.“ „Es iſt doch ſo, denn Deine Tochter iſt verhaftet.“ „Und wohin hat man ſie geführt?“ „In die Conciergerie, von da wird ſie zu dem Re⸗ volutionsgerichte abgehen, und Du weißt, was aus denen wird, welche dahin kommen.“ „Gehen Sie auf die Seite und laſſen Sie mich vor⸗ bei,“ rief die Tiſon. „Wohin gehſt Du?“ „Nach der Conciergerie.“ „Was willſt Du dort machen?“ „Sie noch einmal ſehen.“ „Man wird Dich nicht einlaſſen“ „Man wird mich wohl vor der Thüre liegen, dort leben, dort ſchlafen laſſen. Ich bleibe, bis ſie heraus⸗ kommt, und ſehe ſie wenigſtens noch einmal.“ „Wenn Jemand Dir verſpräche, Dir Deine Tochter zurückzugeben?“ „Was ſagen Sie?“ „Ich frage Dich, ob Du, wenn ein Mann Dir ver⸗ ſpräche, Dir Deine Tochter zurückzugeben, thun würdeſt, was dieſer Mann Dich thun hieße?“ 3. „Alles für meine Tochter, Alles für meine Heloiſe,“ rief die Frau, voll Verzweiflung die Hände ringend;„Alles, Alles, Alles!“ „Höre,“ verſetzte der Unbekannte,„Gott ſtraft Dich.“ „Und wofür?“⸗ 4 246 „Für die Qualen, die Du einer armen Mutter, wie Du biſt, bereitet haſt.“— „Von wem ſprechen Sie? Was wollen Sie damit ſagen?“ „Du haſt oft Deine Gefangenen ganz nahe an den Rand der Bereſßane indem Du in dieſem Augenblick einher⸗ gehſt, durch Deine Anzeigen und Deine Rohheiten geführt. Goottt ſtraft Dich, indem er das Mädchen, das Du ſo ſehr geliebt, dem Tode überantwortet.“— „Sie haben geſagt, es gebe einen Menſchen, der meine Tochter retten könne... Wo iſt dieſer Menſch! Was will er? Was verlangt er?“ „Dieſer Menſch will, daß Du aufhörſt die Königin zu verfolgen, daß Du ſie um Verzeihung bitteſt wegen der Beleidigungen, die Du ihr zugefügt haſt, und daß Du, wenn Du wahrnimmſt, daß dieſe Frau, welche ſelbſt eine leidende, weinende, verzweifelnde Mutter iſt, durch einen unmöglichen Umſtand, durch ein Wunder des Himmels ſich zu retten im Begriff iſt, ſtatt ſich ihrer Flucht zu widerſetzen, ſie mit allen Deinen Kraͤften unterſtützeſt.“ „Höre, Bürger, nicht wahr, Du ſt dieſer Menſch?“ „Nun wohl?“ „Du verſprichſt, meine Tochter zu retten?“ Der Unbekannte ſchwieg. „Verſprichſt Du es mir? Machſt Du Dich dazu anheiſchig? Schwörſt Du es mir? Stehſt Du mir da⸗ für? Antworte!“ „Höre: Alles, was ein Menſch thun kann, um eine Frau zu retten, werde ich thun, um Dein Kind zu retten“ „Er kann ſie nicht retten!“ ſchrie die Tiſon unter lautem Geheule.„Er kann ſie nicht retten! er log, als er ſie zu retten verſprach.“ „Thue, was Du für die Königin vermagſt, und ich werde thun, was ich für Deine Tochter vermag.“ „Was iſt mir an der Königin gelegen, es iſt eine Mutter, die eine Tochter hat, und nichts Anderes. Wenn man Jemand den Kopf abſchlägt, ſo wird es nicht ihre 6 247 Tochter ſein, ſondern ſie ſelbſt. Man ſchneide mir den Hals ab, und rette meine Tochter. Man führe mich nach der Guillotine unter der Bedingung, daß kein Haar von ihrem Hanpte fällt, und ich werde auf dem Wege nach der Guillotine ſingen: „Ahl çHa ira, ga ira ga ira „Les Htawonaſos à IEamterns,A Und die Tiſon fing an mit einer furchtbaren Stimme zu ſingen; doch ſie unterbrach ihren Geſang plötzlich durch ein ſchallendes Gelächter. Der Mann in dem Mantel ſchien ſelbſt erſchrocken über dieſen Anfang des Wahnſinns und machte einen Schritt rückwärts. „Oh! Du wirſt Dich nicht ſo entfernen,“ ſagte die Tiſon in Verzweiflung, indem ſie ihn an ſeinem Mantel zurückhielt;„man kommt nicht und ſpricht zu einer Mutter: „„Thue das und ich rette Dir Dein Kind,““ um hernach zu ſagen:„„Vielleicht!““ Wirſt Du ſie retten?“ „Ja.“ 3 „Wann dies?“ „An dem Tag, wo man ſie von der Conciergerie nach dem Schaffot führt.“ „Warum warten? Warum nicht in dieſer Nacht, dieſen Abend, auf der Stelle?“ „Weil ich nicht kann.“ „Ahl Du ſiehſt wohl, Du ſiehſt wohl,“ rief die Tiſon, „Du ſiehſt, daß Du nicht kannſt, aber ich kann.“ „Was kannſt Du?“ „Ich kann die Gefangene, wie Du ſie nennſt, verfol⸗ gen, ich kann die Königin, wie Du ſagſt, überwachen, Du Ariſtokrat! Ich kann zu jeder Stunde des Tags und der Nacht in das Gefängniß, und werde Alles dies thun. Wir werden wohl ſehen, ob ſie entflieht, wir wer⸗ den ſehen, ob ſie durchkommen ſoll, da man meine Tochter nicht retten will. Kopf für Kopf, willſt Du? Madame Veto iſt Königin geweſen, ich weiß es wohl, 248 Heloiſe Tiſon iſt nur ein armes Mädchen, ich weiß es ebenfalls; doch auf der Guillotine ſind wir Alle gleich.“ „Nun es ſei,“ ſprach der Mann mit dem Mantel, „rette ſie und ich werde ſie retten.“ „Schwöre.“ „Ich ſchwöre.“ „Bei was?“ „Bei was Du willſt.“ „Haſt Du eine Tochter?“ „Nein.“ „Nun,“ verſetzte die Tiſon, indem ſie ihre Arme ent⸗ muthigt fallen ließ,„bei was willſt Du ſchwören?“ „Höre, ich ſchwöre Dir bei Gott.“ „Bah!“ entgegnete die Tiſon,„Du weißt wohl, daß ſie den alten abgeſchafft und den neuen noch nicht ge⸗ macht haben.“ „Ich ſchwöre Dir bei dem Grabe meines Vaters.“ „Schwöre nicht bei einem Grabe, das würde ihr Unglück bringen Oh! mein Gott, mein Gott! wenn ich bedenke, daß ich in drei Tagen auch bei dem Grabe mei⸗ ner Tochter ſchwören werde. Meine Tochter, meine arme Heloiſe!...“ rief die Tiſon in ein ſo gewaltiges Ge⸗ ſchrei ausbrechend, daß ſich mehrere Fenſter öffneten. Bei dem Anblicke der Fenſter, welche man da und dort öffnete, ſchien ſich ein anderer Mann von der Mauer zu trennen und ging auf den erſten zu. „Es iſt mit dieſer Frau nichts zu machen,“ ſagte der Erſte zum Zweiten,„ſie iſt wahnſinnig.“ „Nein, ſie iſt Mutter,“ ſprach dieſer und zog ſeinen Gefährten fort. Als die Tiſon ſah, wie ſie ſich entfernten, ſchien ſie zu ſich zu kommen. „Wohin geht Ihr?“ rief ſie,„wollt Ihr Heloiſe ret⸗ ten? Dann wartet auf mich, ich gehe mit Euch. Wartet auf mich, wartet doch auf mich!“ Und die arme Mutter verfolgte ſie brüllend; doch an der Ecke der nächſten Straße verlor ſie dieſelben aus dem 249 Blicke. Sie wußte nicht, nach welchem Punkte ſie ſich wenden ſollte, blieb einen Augenblick unentſchieden, ſchaute nach allen Seiten, ſtieß, als ſie ſich in der Nacht und im Stillſchweigen, dieſem doppelten Symtome des Todes, allein ſah, ein herzzerreißendes Geſchrei aus und fiel auf das Pflaſter nieder. 1 Es ſchlug zwei Uhr. Mittlerweile, und als dieſelbe Stunde im Glockenthurme des Temple erſcholl, las die Königin bei einer rauchenden Lampe zwiſchen ihrer Tochter und ihrer Schwägerin ſitzend und vor den Blicken der Municipale durch Madame Royale verborgen, welche ſich ſtellte, als umarmte ſie ihre Mutter, las die Königin, ſagen wir, wiederholt ein kleines Billet, geſchrieben auf Papier ſo zart, als man es nur immer hatte finden können, mit einer ſo feinen Handſchrift, daß kaum ihre durch die Thränen verſengten Augen die Kraft beſaßen, ſie zu entziffern. Das Billet enthielt folgende Worte: „Morgen Dienſtag verlangen Sie die Erlaubniß, in den Garten hinabzugehen, was man Ihnen ohne Schwierig⸗ keiten zu machen, geſtatten wird, inſofern Befehl gegeben iſt, Ihnen dieſe Vergünſtigung zu gewähren, ſobald ſie die⸗ ſelbe fordern werden. Wenn Sie drei oder viermal auf und abgegangen ſind, ſtellen Sie ſich, als ob ſie müde wären, nähern Sie ſich der Weinbude und bitten Sie die Frau Plumeau um Erlaubniß, ſich bei ihr ſetzen zu dürfen. Nach einem Augenblick geben Sie ſich den Anſchein, als ob Sie noch ſchlimmer würden und in Ohnmacht fielen. Dann wird man die Thüren ſchließen, damit man Ihnen Hülfe leiſten kann, und Sie werden ſich mit Madame Eli⸗ ſabeth und Madame Royale allein befinden. Sogleich wird ſich die Kellerthüre öffnen, ſtürzen Sie ſich, Sie, Ihre Schwägerin und Ihre Tochter durch dieſe Oeffnung, und Sie ſind alle Drei gerettet.“ „Mein Gott!“ ſprach die junge Prinzeſſin,„ſollte unſer unglückliches Geſchick endlich müde geworden ſein?“ —ÿ,ÿ — 250 „Oder wäre dieſes Billet etwa eine Falle?“ verſetzte Madame Eliſabeth. 4 „Nein, nein,“ ſprach die Königin:„dieſe Charaktere haben mir ſtets die Gegenwart eines geheimnißvollen, aber ſehr wackern und ſehr treuen Freundes geoffenbart.“ „Das Billet kommt vom Chevalier?“ fragte die junge Prinzeſſin. 3„Von ihm ſelbſt,“ antwortete die Königin. Madame Eliſabeth faltete die Hände. „Wir wollen das Billet, jede ihrerſeits, leiſe noch einmal leſen,“ ſagte die Königin,„damit wenn eine von uns etwas vergäße, die andere ſich deſſelben erinnerte.“ Und alle drei laſen noch einmal mit den Augen, als ſie aber hiemit zu Ende waren, hörten ſie die Thüre ihres Zimmers ſich auf ihren Angeln drehen. Die zwei Prin⸗ zeſſinnen wandten ſich um, die Königin allein blieb, wie ſie war; nur hob ſie mit einer beinahe unmerklichen Be⸗ wegung das kleine Billet an ihre Haare und ſteckte es in ihre Friſur. Es war einer von den Municipalen, der die Thüre öffnete „Was wollen Sie, mein Herr?“ fragten gleichzeitig Madame Eliſabeth und Madame Royale. „Hm!“ ſagte der Municipal,„mir ſcheint, Sie gehen heute ſehr ſpät zu Bette.“ „Iſt durch eine neue Verordnung der Gemeinde vor⸗ geſchrieben, zu welcher Stunde ich zu Bette gehen ſoll?“ verſetzte die Königin, indem ſie ſich mit ihrer gewöhnlichen Würde umwandte. „Nein, Bürgerin,“ ſagte der Municipal,„doch wenn es nothwendig iſt, wird man eine erlaſſen.“ „Mittlerweile, mein Herr, ehren Sie, ich ſage nicht das Zimmer einer Königin, aber das einer Frau,“ ſprach Marie Antoinette. „In der That,“ brummte der Municipal,„dieſe Ari⸗ ſtokraten ſprechen immer, als ob ſie Etwas wären.“ — ——— — 251 Durch eine Würde, welche zur Zeit ihrer Wohlfahrt mehr den Charakter des Hochmuths gehabt hatte, aber durch dreijährige Leiden gemildert worden war, gleichſam unterjocht, zog ſich der Municipal indeſſen zurück. Einen Augenblick nachher erloſch die Lampe und die drei Frauen entkleideten ſich wie gewöhnlich ohne Licht, indem ſie aus der Finſterniß einen Schleier für ihre Scham⸗ haftigkeit machten. Am andern Morgen um neun Uhr las die Königin, in die Vorhänge ihres Bettes eingeſchloſſen, das Billet vom vorhergehenden Tage noch einmal, um ſich in keiner Hinſicht von den Inſtructionen, die es enthielt, zu entfernen, zerriß es in beinahe ungreifbare Stuckchen, kleidete ſich hin⸗ ter ihren Vorhängen an, weckte ihre Schwägerin und be⸗ gab ſich zu ihrer Tochter. Einen Augenblick nachher ging ſie hinaus und rief die Municipale von der Wache. „Was willſt Du, Bürgerin?“ fragte einer von ihnen an der Thüre erſcheinend, während der andere ſich nicht einmal in ſeinem Frühſtück ſtören ließ, um den königlichen Ruf zu erwiedern. „Mein Herr,“ ſprach Marie Antoinette,„ich komme aus dem Zimmer meiner Tochter, die Arme iſt in der That ſehr krank. Ihre Beine ſind aufgeſchwollen und ſchmerzhaft, denn ſie macht ſich zu wenig Bewegung. Sie wiſſen aber, mein Herr, ich habe ſie zu dieſer Unthätig⸗ keit verurtheilt. Ich hatte Erlaubniß, im Garten ſpa⸗ zieren zu gehen, doch ich mußte, um hinabzugehen, an der Thüre des Zimmers vorüber, das mein Gemahl zu ſeinen Lebzeiten bewohnte; im Augenblick, wo ich an die⸗ ſer Thüre vorüberkam, wurde mir ſchwach; ich beſaß nicht die Kraft, ſtieg wieder hinauf und beſchränkte mich auf den Spaziergang auf der Terraſſe. Dieſer Spaziergang iſt nun ungenügend für die Geſundheit meiner armen Toch⸗ ter, und ich bitte Sie daher, Bürger Municipal, in mei⸗ nem Namen bei dem Bürger General Santerre die Be⸗ 252 nützung der Freiheit, die man mir geſtattet, zu reclami⸗ ren; ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ Die Königin ſprach dieſe Worte mit einem zugleich ſo ſanften und ſo würdigen Tone, ſie vermied ſo ſorgfäl⸗ tig jede Bezeichnung, welche die republikaniſche Pruderie des Municipals verletzen konnte, daß dieſer, der bedeckt vor ihr erſchienen war, wie dies die Mehrzahl dieſer Men⸗ ſchen zu thun pflegte, allmälig ſeine rothe Mütze vom Kopfe nahm, ſich, als ſie vollendet hatte, vor ihr verbeugte und erwiederte: „Seien Sie unbeſorgt, Madame, man wird von dem Bürger General die Erlaubniß verlangen, welche Sie zu haben wünſehen“ Dann entfernte er ſich und wiederholte gleichſam, um ſich ſelbſt zu überzeugen, daß er der Billigkeit und nicht einer Schwäche nachgebe. „Es iſt billig, es iſt im Ganzen nur billig.“ „Was iſt billig?“ fragte der andere Municipal. „Daß dieſe Frau ihre Tochter, welche krank iſt, ſpazieren führt.“ „Hernach?... was verlangt ſie?“ „Sie verlangt, hinabzuſteigen und eine Stunde im Garten ſpazieren zu gehen.“ des Temple auf den Revolutionsplatz zu gehen, das wird ein Spaziergang für ſie ſein“ „Bah!“ verſetzte der Andere;„ſie begehre vom Fuße Die Königin hörte dieſe Worte und erbleichte; doch ſie ſchöpfte zugleich in denſelben einen neuen Muth für das große Ereigniß, das ſich vorbereitete. Der Municipal vollendete ſein Frühſtück und ging hinab. Die Königin verlangte, ihrerſeits mit ihrer Toch⸗ ter in ihrem Zimmer zu frühſtücken, was ihr bewilligt wurde. Um das Geruͤcht ihrer Krankheit zu bekräftigen, blieb Madame Royal liegen und Madame Eliſabeth und die Königin verweilten bei ihrem Bette. 3 Um eilf Uhr kam Santerre, ſeiner Gewohnheit ge⸗ * * 25³3 mäß. Seine Ankunſt wurde gewöhnlich durch die Trom⸗ meln, welche herausſchlugen, und durch den Eintritt des neuen Bataillon und der neuen Municipale, welche die⸗ jenigen ablöſten, deren Wache ſich endigte, verkündigt. Als Santerre das abgehende Bataillon und das auf⸗ ziehende Bataillon inſpicirt hatte, als er ſein plumpes Pferd mit den unterſetzten Gliedern im Hofe des Temple hatte paradiren laſſen, hielt er einen Augenblick an: dies war der Moment, wo diejenigen, welche ihn ſprechen wollten, ihre Forderungen, ihre Anzeigen oder ihre Bit⸗ ten an ihn richteten Der Municipal benützte dieſen Halt, um ſich ihm zu nähern. „Was willſt Du?“ fragte Santerre mit barſchem Tone. „Bürger,“ antwortete der Municipal,„ich komme im Auftrage der Königm.“ „Was iſt das, die Königin?“ unterbrach ihn San⸗ terre. „Ahl es iſt wahr,“ ſprach der Municipal, ſelbſt er⸗ ſtaunt, daß er ſich hatte hinreißen laſſen.„Was ſpreche ich denn? Bin ich ein Narr? Ich komme, um Dir von Madame Veto zu ſagen...“ „So iſt es gut,“ verſetzte Santerre,„ſo verſtehe ich Dich. Nun, was willſt Du mir ſagen? Laß hören!“ „Ich will Dir ſagen, daß die kleine Veto krank iſt, wie es ſcheint, aus Mangel an Luſt und Bewegung“ „Nun, iſt die Nation hieran Schuld? Die Nation hat ihr den Spaziergang im Garten erlaubt, ſie hat es ausgeſchlagen, guten Abend!“ „Gerade das iſt es, ſie bereut es jetzt, und fragt, ob Du ihr erlauben wolleſt, daß ſie herabgehe.“ „Dagegen erhebt ſich keine Schwierigkeit. Ihr hört es, Ihr Leute?“ ſagte Santerre ſich an das ganze Ba⸗ taillon wendend.„Die Witwe Capet wird herabkommen, um im Garten ſpazieren zu gehen. Die Sache iſt ihr von der Nation bewilligt: doch nehmt Euch in Acht, daß 8 354 ſie nicht über die Mauer entflieht; denn wenn das ge⸗ ſchieht, laſſe ich Euch Allen den Kopf abſchlagen.“ 3 Dieſer Scherz des Bürger General wurde mit einem Ausbruch homeriſchen Gelächters aufgenommen. „Und nun, da Ihr es wißt, guten Tag,“ ſprach Santerre.„Ich gehe in den Convent. Es ſcheint, man hat Roland und Barbarour wiedervereinigt und es han⸗ delt ſich darum, ihnen einen Paß für die andere Welt auszufertigen.“ Es war dieſe Neuigkeit, was den Bürger General in ſo luſtige Laune verſetzte. Santerre entfernte ſich im Galopp. Das Bataillon, welches von der Wache abkam, ver⸗ ließ den Temple hinter ihm. Endlich traten die Muni⸗ cipale ihren Platz den Neuangekommenen ab, welche die Inſtructionen von Santerre in Beziehung auf die Königin erhalten hatten. Einer von den Municipalen ging zu Marie Antoi⸗ nette hinauf und überbrachte ihr dieſe Entſcheidung. Die Königin dankte dem Municipal und bemerkte, indeß ſie ihm dankte, daß ihre Tochter erröthete und ihre Schwägerin im Geiſte Gott gedankt hatte. „Oh!“ dachte ſie, während ſie durch das Fenſter zum Himmel emporſchaute,„ſollte Dein Zorn ruhen, o Herr, ſollte Deine furchtbare Rechte müde ſein, auf uns zu laſten? Ich danke, mein Herr,“ ſprach ſie zu dem Municipal mit dem reizenden Lächeln, das Barnave in das Verderben ſtürzte und ſo viele Menſchen wahnſinnig machte,„ich danke 1“ Dann wandte ſie ſich zu ihrem kleinen Hunde um, der ihr auf den Hinterpfoten nachhüpfte, denn er erkannte an den Blägfen ſeiner Gebieterin, daß etwas Außerordent⸗ liches vorging, und ſagte: „Vorwärts, Black, wir gehen ſpazieren.“ Der kleine Hund ſing an zu kläſſen und zu ſpringen; er ſchaute den Municipal an, denn er begriff ohne Zwei⸗ ſel, daß von dieſem Manne die Nachricht kam, welche 25⁵ ſeine Gebieterin ſo freudig machte, näherte ſich ihm krie⸗ chend und mit ſeinem langen, ſeidenen Schweife wedelnd, und wagte es ſogar, ihn zu liebkoſen.. Dieſer Mann, der vielleicht unempfindlich gegen die Bitten der Königin geblieben wäre, fühlte ſich ganz ge⸗ rührt bei den Liebkoſungen des Hundes. „Schon dieſem kleinen Thiere zu Liebe, Bürgerin Ca⸗ pet, hätten Sie öfter ausgehen ſollen,“ agte er,„die Menſchlichkeit beftehlt, daß man für alle Geſchöpfe Sorge trägt.“ „Zu welcher Stunde werden wir hinabgehen?“ fragte die Königin.„Denken Sie nicht, daß uns die Sonne wohlthun dürfte?2 „Sie können hinabgehen, wann Sie wollen,“ ant⸗ wortete der Municipal,„es iſt kein beſonderer Befehl in dieſer Hinſicht gegeben worden. Wenn Sie jedoch um Mittag hinabgehen wollen, ſo wird es, da es der Au⸗ genblick iſt, wo man die Wachen wechſelt, weniger Be⸗ wegung im Thurme veranlaſſen.“— „Wohl, es ſei, um Mittag!“ ſagte die Königin, in⸗ dem ſie die Hand auf das Herz legte, um die Schläge zuxückzudrängen. Und ſie ſchaute dieſen Mann an, der minder hart zu ſein ſchien, als ſeine Amtsbrüder, und vielleicht als Lohn für ſeine Nachgiebigkeit gegen die Wünſche der Gefangenen das Leben in dem Kampfe verlieren ſollte, auf den die Verſchworenen ſannen. Aber auch in dieſem Augenblick, wo ein gewiſſes Mitleid das Herz der Frau zu erweichen im Begriffe war, erwachte die Seele der Königin; ſie dachte an den 10. Auguſt und an die auf den Teppichen ihres Palaſtes um⸗ herliegenden Leichname ihrer Freunde. Sie dachte an den 2. September und an den Kopf der Prinzeſſin von Lam⸗ balle, der am Ende eines Spießes vor ihren Fenſtern emporgehoben worden war. Sie dachte an den 21. Ja⸗ nuar und an ihren Gemahl, wie er auf einem Blutge⸗ ruͤſte beim Raſſeln der Trommeln, welche ſeine Stimme 256 1 erſtickten, ſtarb. Sie dachte endlich an ihren Sohn, ein armes Kind, deſſen Schmerzgeſchrei ſie, ohne ihm Hülfe bringen zu können, mehr als einmal von ihrem Zimmer aus gehört hatte, und ihr Herz verhärtete ſich. „Ach!“ murmelte ſie,„das Unglück iſt wie das Blut der Hydren des Alterthums; es befruchtet Saaten von neuem Unglück.“ 1 7*