„—— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ßen, 3 Eduard Oftmann in Gie Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— f. „„= 5. Auswärtige für Hin⸗ „ ür beſch Sämmtliche Werke von Alexandre Dumas. — Deutſch von Angnſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1846.. Der Frauenkrieg. Von Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. Siebentes und achtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1846. I. Während Canolles am andern Tage ſeine Morgen⸗ runde machte, näherte ſich ihm Vibrac und übergab ihm ein Billet nebſt einem Schlüſſel; Beides hatte in der Nacht ein Unbekannter gebracht und dem Lieutenant von der Wache mit der Bemerkung, es bedürfe keiner Antwort, eingehändigt. Canolles bebte, als er die Handſchrift von Frau von Cambes erkannte, und vermochte nur zitternd das Billet zu öffnen. Es enthielt folgende Worte: „In meinem letzten Schreiben benachrichtigte ich Euch, daß das Fort Saint⸗George in der Nacht angegriffen werden würde; in dieſem ſage ich Euch, daß das Fort Saint⸗George morgen genommen ſein wird; als Mann, als Soldat des Königs ſeid Ihr keiner andern Gefahr preisgegeben, als der, Gefangener zu werden; Fräulein von Lartigues aber befindet ſich in einer ganz andern Lage; der Haß, den man gegen ſie hegt, iſt ſo groß, daß ich nicht für ihr Leben ſtehen würde, wenn ſie in die Hände der Bordeleſen fiele. Beſtimmt ſie, zu fliehen, ich gebe Euch die Mittel dazu. „Oben an Eurem Bette, hinter einer Tapete mit dem 2 8 Wappen der Herren von Cambes, denen einſt die Inſel Saint⸗George als ein Theil ihres Grundbeſitzes gehörte, womit mein verſtorbener Gemahl den Koͤnig beſchenkt hat, findet Ihr eine Thüre, zu der ich Euch hiemit den Schlüſ⸗ ſel ſchicke. Dieſe Thüre iſt eine von den Oeffnungen ei⸗ nes unterirdiſchen Ganges, welcher ſich unter dem Fluſſe durchzieht und in dem Herrenhauſe von Cambes ausmün⸗ det. Laßt Fräulein Nanon von Lartigues durch dieſen wans fliehen, und wenn Ihr ſie liebt.... flieht mit ihr. „Ich ſtehe mit meiner Ehre für ihr Leben. „Gott befohlen. Wir ſind quitt. „Vicomteſſe von Cambes.“ Canolles las dieſes Billet wieder und wieder, ſchau⸗ erte vor Schrecken bei jeder Zeile, erbleichte bei jedesma⸗ ligem Leſen; er fühlte, ohne dieſes Geheimniß ergründen zu können, daß eine fremde Macht ihn umhüllte und über ihn verfügte. Der unterirdiſche Gang, welcher von ſeinem Bette aus mit dem Schloſſe Cambes zuſammenhing, hätte er nicht dazu dienen koͤnnen, wenn das Vorhandenſein deſ⸗ ſelben bekannt geweſen wäre, Saint⸗George in die Hände des Feindes zu liefern? Vibrae folgte auf dem Geſichte des Gouverneur den Jöbie Bewegungen, welche ſich darauf abſpiegelten, und ragte: „Schlimme Nachrichten, Commandant?2“ „Ja, es ſcheint, man wird uns in der nächſten Nacht angreifen.“ „Die Starrköpfe!“ rief Vibrar;„ich hätte geglaubt, fie koͤnnten ſich für gehoͤrig geſtriegelt halten, und wir wür⸗ den vor mindeſtens acht Tagen nicht mehr von ihnen ſpre⸗ chen hören.“ „Ich brauche Euch nicht die ſtrengſte Wachſamkeit zu empfehlen,“ ſagte Canolles. „Seid unbeſorgt, Commandant. Ohne Zweifel wer⸗ den ſie uns zu überrumpeln ſuchen, wie das letzte Mal.“ „Ich weiß es nicht, aber wir wollen uns für jeden Fall bereit halten und dieſelben Vorſichtsmaßregeln neh⸗ men, wie jüngſt. Vollendet die Runde an meiner Stelle; ich kehre in meine Wohnung zurück, wo ich einige Befehle auszufertigen habe.“ Vibrac machte ein Zeichen der Beiſtimmung und ent⸗ fernte ſich mit der ganzen militäriſchen Sorgloſigkeit, die den Männern eigenthümlich iſt, welche bei jedem Schritte der Gefahr zu begegnen ausgeſetzt ſind. Canolles kehrte in ſeine Wohnung zurück und ging mit aller möglichen Behutſamkeit zu Werk, um von Na⸗ non nicht geſehen zu werden; nachdem er ſich verſichert hatte, daß er allein war, ſchloß er ſich ein. Oben an ſeinem Bette erblickte er das Wappen der Herren von Cambes auf einem von einem goldenen Band umgebenen Stück Tapete. Canolles hob das Band auf, das, ſich von der Ta⸗ pete losmachend, den Rand einer Thüre zeigte. Dieſe Thüre öffnete ſich mit dem Schlüſſel, den die Vicomteſſe dem jungen Mann zugleich mit dem Billet hatte zuſtellen laſſen, und die Mündung eines unterirdiſchen Ganges bot ſich, gähnend und ſichtbar in der Richtung des. Schloſſes Cambes ſich vertiefend, den Augen von Ca⸗ nolles. Canolles blieb einen Augenblick ſtumm und der Schweiß lief von ſeiner Stirne. Dieſer geheimnißvolle Gang, der nicht der einzige ſein konnte, erſchreckte ihn unwillkürlich. Er zündete eine Kerze an, um denſelben zu unter⸗ ſuchen. Zuerſt ſtieg er zwanzig ſteile Treppen hinab, dann fuhr er auf einem ſanfteren Abhange fort, in die Tiefe der Erde einzudringen. Bald hörte er ein dumpfes Geräuſch, das ihm An⸗ fangs bange machte, da er nicht wußte, welcher Urſache er daſſelbe zuſchreiben ſollte; aber weiter vorrückend er⸗ 10 kannte er über ſeinem Haupte das ungeheure Toſen des ſein Gewäſſer nach dem Meere wälzenden Fluſſes. Mehre Spalten hatten ſich in dem Gewölbe gebildet, durch welche in verſchiedenen Perioden Waſſer eingedrungen ſein mußte, aber ohne Zweifel zu rechter Zeit wahrge⸗ nommen, hatte man dieſe Spalten mit einem Cement ver⸗ ſtopft, das ſpäter härter geworden war, als der Stein, den es befeſtigte. Beinahe zehn Minuten lang hörte Canolles das Rol⸗ len des Waſſers über ſeinem Kopfe; dann verminderte ſich das Geräuſch allmälig und bald war es nur noch ein Gemurmel. Endlich erloſch das Gemurmel ebenfalls, Stillſchweigen trat ein, und nachdem er fünfzig Schritte unter dieſem Stillſchweigen gemacht hatte, gelangte Ca⸗ nolles zu einer Treppe, der ähnlich, auf welcher er her⸗ abgeſtiegen war; dieſe Treppe ſchloß auf ihrer letzten Stufe Heeine maſſive, durch eine eiſerne Platte feuerfeſte, Thüre, welche zehn Mann mit vereinigten Kräften nicht zu er⸗ ſchüttern im Stande geweſen wären. „Nun begreife ich,“ ſagte Canolles;„man wird Na⸗ non an dieſer Thüre erwarten und ſie retten.“ Canolles kehrte um, ging unter dem Waſſer durch, fand ſeine Treppe wieder, ſtieg in ſein Zimmer hinauf, befeſtigte das Band und begab ſich äußerſt nachdenkend zu Nanon. Nanon war, wie gewöhnlich, umgeben von Karten, Briefen und Büchern. Die arme Frau führte auf ihre Weiſe den Bürgerkrieg für den Koͤnig. Sobald ſie Ca⸗ nolles gewahrte, reichte ſie ihm entzückt die Hand und ſprach: e König kommt, und in acht Tagen ſind wir au⸗ ßer Gefahr.“ „Er kommt immer,“ erwiederte Canolles,„doch leider trifft er nie ein.“ „Oh! dießmal bin ich gut unterrichtet, lieber Baron, und er wird vor acht Tagen hier ſein.“ 11 „So ſehr er ſich auch beeilen mag, Nanon, ſo wird er doch für uns zu ſpät kommen.“ „Was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, daß Ihr, ſtatt Euch auf dieſen Karten und Papieren zu erhitzen, wohl daran thun würdet, an Mittel zur Flucht zu denken.“ „Fliehen! und warum?“ „Weil ich ſchlimme Kunde habe, Nanon. Eine neue Expedition bereitet ſich vor: dießmal kann ich unter⸗ liegen.“— „Wohl, mein Freund, iſt es nicht abgemacht, daß Euer Geſchick das meinige, daß Euer Glück das meine iſt?2 „Nein, das kann nicht ſein; ich wäre zu ſchwach, wenn ich für Euch zu befürchten hätte. Wollten ſie Euch nicht in Agen im Feuer ſterben laſſen? Wollten ſie Euch nicht in den Fluß ſtürzen? Hoͤrt, Nanon, aus Mitleid für mich beſteht nicht darauf, hier zu bleiben, Euere Gegen⸗ wart würde mich irgend eine Feigheit begehen laſſen.“ „Mein Gott, Canolles, Ihr erſchreckt mich:“ „Nanon, ich flehe Euch an, ſchwört mir, wenn man mich angreift, das zu thun, was ich befehlen werde.“ „Ohl mein Gott, wozu ſoll dieſer Eid nützen?“ „Um mir die Kraft zum Leben zu geben. Nanon, wenn Ihr mir nicht blindlings zu gehorchen gelobt, ſo ſchwoͤre ich Euch, daß ich mich bei der nächſten Gelegen⸗ heit todten laſſe.“ „Ahl ich ſchwoͤre Euch bei unſerer Liebe, ich werde Alles thun, was Ihr wollt.“ „Gott ſei Dank! theuere Nanon, nun bin ich ruhig. Packt Eure koſtbarſten Juwelen zuſammen. Wo iſt Euer Gold 2 „In einem in Eiſen gebundenen Faß.“ „Haltet Alles bereit, damit man es mit Euch fort⸗ nehmen kann.“ „Oh! Canolles, Ihr wißt wohl, daß der wahre 12 Schatz meines Herzens weder in meinem Gold, noch in meinen Juwelen beſteht. Canolles, ſoll alles Dieß nicht dazu dienen, mich von Euch zu entfernen?“ „Nanon, nicht wahr, Ihr haltet mich für einen Mann von Ehre? Wohl, bei meiner Ehre, was ich thue, wird mir einzig und allein von der Furcht vor der Gefahr, der Ihr preisgegeben ſeid, eingegeben.“ 1 „Und Ihr glaubt im Ernſte an dieſe Gefahr?“ „Ich glaube, daß die Inſel Saint⸗George morgen genommen ſein wird.“ „Aber wie?“ „Ich weiß nicht, aber ich glaube es.“ „Und wenn ich zur Flucht einwillige? DSo werde ich Alles thun, um zu leben, Nanon, das ſchwoͤre ich Euch.“ „Ihr befehlt, Freund, und ich gehorche,“ ſagte Nanon, ihm die Hand reichend, und ſie vergaß in ihrem Eifer, ihn anzuſchauen, die zwei ſchweren Thränen, welche an ihren Wangen herabliefen. Canolles drückte Nanon die Hand und ging hinaus. Wäre er noch einen Augenblick geblieben, ſo würde er dieſe zwei Perlen mit ſeinen Lippen aufgefaßt haben, aber er legte die Hand auf den Brief der Vicomteſſe, und dieſer Brief verlieh ihm, einem Talisman ähnlich, die Kraft, ſich zu entfernen. Der Tag war grauſam. Die ſo beſtimmte Drohung: „Morgen wird die Inſel Saint⸗George genommen ſein,“ toſte unabläßig in den Ohren von Canolles. Wie? durch welches Mittel? welche Gewißheit hatte die Vicomteſſe, um ſo zu ihm zu ſprechen? Würde er zu Waſſer, würde er zu Lande angegriffen werden? Von welchem Punkte aus ſollte dieſes unſichtbare, aber dennoch gewiſſe Unglück über ihn einbrechen? Es war, um verrückt zu werden. So lange der Tag währte, verbrannte Canolles, überall ſeine Feinde ſuchend, die Augen in der Sonne. Am Abend gebrauchte Canolles ſeine Augen, um die 13 Tiefen des Waldes, die Horizonte der Ebene, die Krüm⸗ mungen des Fluſſes zu ſondiren. Alles vergebens, er ſah nichts. 3 Und als es völlig Nacht geworden war, erleuchtete ſich ein Flügel des Schloſſes Cambes: es war das erſte Mal, daß Canolles daſelbſt Licht erblickte, ſeitdem er ſich auf der Inſel Saint⸗George befand. „Ah!“ ſagte er,„die Retter von Nanon ſind an ihrem Poſten.“ Und ein tiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt. „Welch ein ſeltſames, geheimnißvolles Räthſel um⸗ ſchließt das menſchliche Herz! Canolles liebte Nanon nicht mehr, Canolles betete Frau von Cambes an, und dennoch fühlte Canolles ſeine Seele in dem Augenblick brechen, wo er ſich von derjenigen, welche er nicht mehr liebte, trennen ſollte; nur fern von ihr und wenn er ſie zu verlaſſen im Begriffe war, fühlte er die wahre Kraft der ſon⸗ derbaren Zuneignng, die er für dieſes reizende Geſchöpf hegte. Die ganze Garniſon war auf den Wällen, um zu wachen. Des Schauens müde, befragte Canolles die nächt⸗ liche Stille. Nie war eine Finſterniß ſtummer geweſen, kein Geräuſch ſtörte dieſe Ruhe, welche die einer Wüſte zu ſein ſchien. Plötzlich kam Canolles der Gedanke, der Feind würde vielleicht durch den von ihm durchforſchten unterirdiſchen Gang in das Fort dringen. Es war dies nicht ſehr wahrſcheinlich, denn in dieſem Falle würde man ihn nicht zum Voraus darauf aufmerkſam gemacht haben; nichts⸗ deſtoweniger beſchloß er, dieſen Gang zu bewachen. Er ließ ein Pulverfaß mit einer Lunte bereit halten, wählte den Bravſten von ſeinen Sergenten, wälzte das Faß auf die letzte Stufe des unterirdiſchen Gewölbes, zündete eine Fackel an und gab ſie dem Sergenten in die Hand. Zwei Soldaten ſtanden in ſeiner Nähe. „Wenn ſich mehr als ſechs Menſchen in dieſem Gange 14 zeigen,“ ſagte er zu dem Sergenten,„ſo fordere ſie zuerſt auf, ſich zurückzuziehen; weigern ſie ſich, ſo zünde die Lunte an und wälze das Faß fort; da der Gang abhängig iſt, ſo wird es mitten unter ihnen zerſpringen.“ Der Sergent nahm die Fackel; die zwei Soldaten blieben beleuchtet von dem röthlichen Reflexe hinter ihm ſtehen, während zu ihren Füßen das Pulverfaß lag. Canolles ſtieg, wenigſtens von dieſer Seite beruhigt, wieder hinauf; aber in ſein Zimmer zurückkehrend, er⸗ blickte er Nanon, die ihm, da ſie ihn hatte vom Walle herabſteigen und in ſeine Wohnung gehen ſehen, gefolgt war, um Kunde zu erhalten. Erſchrocken ſchaute ſie die ihr unbekannte gähnende Oeffnung an. „Ahl mein Gott,“ fragte ſie,„was bedeutet dieſe Thure?“ „Es iſt die des Ganges, durch welchen Du fliehen ſollſt, theuere Nanon.“ „Du haſt mir verſprochen, ich würde Dich nur im Falle eines Angriffs zu verlaſſen haben.“ „Und ich verſpreche es Dir abermals.“ „Alles ſcheint ruhig um die Inſel her, mein Freund.“ „Auch innerhalb des Fert ſcheint Alles ruhig, nicht wahr? Dennoch ſind zwanzig Schritte von uns ein Pul⸗ verfaß, ein Mann und eine Fackel. Näherte der Mann die Fackel dem Pulverfaß, ſo würde in einer Sekunde in dieſem ganzen Schloß kein Stein mehr auf dem andern bleiben. So iſt Alles ruhig, Nanon!“ Die junge Frau erbleichte. „Ah! Ihr macht mich beben,“ rief ſie. „Nanon,“ ſprach Canolles,„ruft Euere Frauen, ſie mögen mit Eueren Schmuckkäſtchen hierher kommen, Euern Kammerdiener, er komme mit Eurem Gelde. Vielleicht habe ich mich getäuſcht, vielleicht wird dieſe Nacht nichts vorfallen; aber gleichviel„ wir wollen uns bereit halten.“ „Wer da?“ rief die Stimme des Sergenten in dem unterirdiſchen Gewölbe. Eine andere Stimme antworiete„ aber ohne einen feindlichen Ton.— „Hoͤrt,“ ſagte Canolles,„man kommt, um Euch zu holen.“ „Man greift noch nicht an, mein Freund, Alles i*ſt ruhig; laßt mich bei Euch bleiben, ſie werden nicht fommen.“ Als Nanon dieſe Worte vollendete, erſcholl der Ruf: „Wer da?“ dreimal in dem innern Hof, und das dritte Mal folgte darauf der Knall einer Muskete. Canolles eilte an das Fenſter und öffnete es. „Zu den Waffen!“ rief die Schildwache,„zu den Waffen!“ 4 Canolles ſah in einer Ecke eine ſchwarze, bewegliche Maſſe; es war der Feind, welcher aus einer niedrigen, gewöͤlbten Pforte hervorſtrömte„die ſich nach einem Keller öffnete, welcher als Holzkammer benützt wurde; ohne Zweifel war in dieſem Keller eine geheime Oeffnung, wie oben an dem Bette von Canolles. „Hier ſind ſie!“ rief Canolles;„beeilt Euch, hier ſind ſie.“ „In demſelben Augenblick erwiederte das Feuer von etwa zwanzig Musketen den Schuß der Schildwache. Ein paar Kugeln zerſchmetterten die Scheiben des Fenſters, welches Canolles raſch wieder ſchloß. Er wandte ſich um, Nanon lag auf den Knieen. Durch die innere Thüre liefen die Frauen und ihr Lackei herbei; „Es iſt kein Augenblick zu verlieren, Nanon,“ rief Canolles;„kommt! kommt!“ Und er zog die junge Frau in ſeine Arme empor, wie er es mit einer Feder gethan hätte, drang in den un⸗ terirdiſchen Gang und rief den Leuten von Nanon zu, ſie ſollten ihm folgen. Der Sergent war„ die Fackel in der Hand, an ſei⸗ nem Poſten; die zwei Soldaten hielten ſich, die Lunte — 16 angezündet bereit, Feuer auf eine Gruppe zu geben, in deren Mitte bleich und unter vielen Freundſchaftsverſiche⸗ rungen unſer alter Bekannter, Meiſter Pompsée, erſchien. „Ohl Herr von Canolles,“ rief er,„ſagt ihnen doch, wir ſeien die Leute, die Ihr erwartet; was Teufels! man macht keine ſolche Späſſe mit Freunden.“ „Pompée,“ ſprach Canolles,„ich empfehle Euch dieſe Dame; es hat mir Jemand, den Ihr kennt, bei ſei⸗ ner Ehre für ſie gebürgt. Ihr haftet mir für ſie mit Euerem Kopfe.“. „Ja, ja, ich hafte für Alles,“ erwiederte Pompée. „Canolles, Canolles, ich verlaſſe Euch nicht,“ rief Nanon, ſich an den Hals des jungen Mannes anklam⸗ mernd;„Canolles, Ihr habt mir verſprochen, mir zu folgen.“ „Ich habe gelobt, das Fort Saint⸗George zu ver⸗ theidigen, ſo lange ein Stein auf dem andern ſtünde, und ich werde mein Verſprechen halten.“ Und trotz des Geſchreis, des Flehens, der Bitten von Nanon übergab er ſie den Händen von Pompée, der, un⸗ terſtützt von zwei oder drei Lackeien von Frau von Cam⸗ bes und der eigenen Dienerſchaft der Flüchtigen, dieſe in die Tiefe des unterirdiſchen Ganges fortzog. Canolles folgte mit den Augen einige Sekunden dem zarten, weißen Phantome, das ſich, die Arme nach ihm ausgeſtreckt, entfernte. Plötzlich aber erinnerte er ſich, daß er anderswo erwartet wurde, und eilte mit dem Sergen⸗ ten und den zwei Soldaten nach der Treppe. Vibrac war in ſeinem Zimmer, ohne Hut, bleich und den Degen in der Hand. „Commandant,“ rief er, als er Canolles erblickte, „der Feind,.. der Feind!“ „Ich weiß es.“ „Zd99 65 31 ſhun 2 0 „Bei Gott! eine ſchoͤne Frage; wir müſſen 4 ten laſſen⸗“ ſchoͤne Frage; wir müſſen uns toͤh⸗ 17 Canolles eilte nach dem Hofe. Unterwegs bemerkte er eine Schanzgräberart und ergriff dieſelbe. Der Hof war voll von Feinden; ſechzig Soldaten der Garniſon verſuchten es, in einer Gruppe vereinigt die Thüre der Wohnung von Canolles zu vertheidigen. Ge⸗ ſchrei und Flintenſchüſſe von der Seite des Walles ver⸗ kündigten, daß man überall handgemein war. „Der Commandant! der Commandant!“ riefen die Soldaten, ſobald ſte Canolles gewahr wurden. „Jal ja!“ antwo ete dieſer,„der Commandant kommt, um mit ⸗Euch zu ſterben. Muth! Freunde! Muth! man hat Euch durch Verrath gefaßt, da man Euch nicht beſiegen konnte.“ „Alles iſt gut im Kriege,“ ſprach die ſpöttiſche Stimme von Ravailly, der, den Arm in der Binde, ſeine Leute anfeuerte, Canolles zu ergreifen.„Ergib Dich, Ca⸗ nolles, ergib Dich, und Du ſollſt eine gute Capitulation bekommen.“ „Ah! Du biſt es, Ravailly,“ rief Canolles.„Ich glaubte doch die Schuld der Freundſchaft an Dich abge⸗ tragen zu haben? Du biſt nicht zufrieden, warte..!“ Und Canolles ſprang fünf bis ſechs Schritte vor, und ſchleuderte die Art, welche er in der Hand hielt, mit ſol⸗ cher Gewalt nach Ravailly, daß ſie neben dem Kapitän von Navailles den Helm und den Hauſſe⸗col eines Bür⸗ gerofficiers ſpaltete, welcher todt niederſtürzte. „Peſt!“ ſprach Ravailly,„ſo erwiederſt Du die Höf⸗ lichkeiten, die man Dir erzeigt? Ich ſollte übrigens an Deine Manieren gewoͤhnt ſein. Freunde, er iſt raſend, Feuer auf ihn! Feuer!“ Auf dieſen Befehl brach ein kräftiges Gewehrfeuer aus den feindlichen Reihen hervor, und fünf bis ſechs Mann fielen neben Canolles. „Feuer!“ rief dieſer ebenfalls,„Feuer!“ Aber es antworteten kaum ein paar Musketenſchüſſe. In dem Augenblick überrumpelt„ wo ſie es am wenigſten Der Frauenkrieg. II. 2 0 18 erwarteten, und durch die Nacht beängſtigt, hatten die Sol⸗ daten von Canolles den Muth verloren. Canolles ſah, daß nichts mehr zu thun war. „Geht herein,“ ſagte er zu Vibrac,„geht herein, und laßt Euere Leute ebenſalls hereingehen; wir verrammeln uns und ergeben uns nur, wenn ſie unſere Stellung im Sturme erobert haben.“ „Feuer!“ wiederholten zwei andere Stimmen, die von d'Eſpagnet und Larochefoucault.„Erinnert Euch, daß Euere todten Kameraden Rache fordern. Feuer!“ Und der Eiſenorkan pfiff abermals um Canolles, ohne ihn zu treffen, aber er decimirte zum zweiten Male ſeine kleine Truppe. „Zurück!“ rief Vibrac,„zurück!“ „Friſch auf!“ ſchrie Ravailly;„vorwärts! Freunde, vorwärts!“ Die Feinde rückten vor; Canolles hielt mit höchſtens zehn Mann den Angriff aus; er hatte die Flinte eines tod⸗ ten Soldaten aufgehoben und bediente ſich derſelben als einer Keule. Seine Gefährten zogen ſich zurück und er ſelbſt zog ſich zuletzt mit Vibrac in das Innere. Beide ſtemmten ſich nun gegen die Thüre an; es ge⸗ lang ihnen, dieſelbe, trotz der Anſtrengungen des Feindes, zuzudrücken und mittelſt einer ungeheuren eiſernen Stange zu befeſtigen. Die Fenſter waren vergittert. „Aerte, Hebeeiſen, Kanonen, wenn es ſein muß!“ rief die Stimme des Herzogs von Larochefoucault;„wir müſſen ſie Alle haben, todt oder lebendig.“ Ein furchtbares Feuer folgte auf dieſe Worte; mehre Kugeln durchlöcherten die Thüre, eine derſelben zerſchmet⸗ terte Vibrac den Schenkel. „Meiner Treue, Commandant,“ ſagte dieſer,„ich habe meine Rechnung, ſucht nun die Euere in Ordnung zu bringen; das geht mich nichts mehr an.“ —+̃—½ 19 Und er ſank an der Mauer hin, da er ſich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Canolles ſchaute umher; ein Dutzend Soldaten war noch im Vertheidigungsſtande; der Sergent, den er in dem unterirdiſchen Gewölbe als Wache aufgeſtellt hatte, befand ſich unter ihnen. „Die Fackel,“ ſagte er zu ihm,„was haſt Du mit der Fackel gemacht?“ „Meiner Treue, Commandant, ich habe ſie neben das Faß geworfen.“ „Brennt ſie noch?“ „Wahrſcheinlich.“ „Gut. Laß alle dieſe Leute durch die Thüren, durch die hinteren Fenſter hinaus. Erlange für ſie und für Dich die beſte Capitulation, die Du zu erzielen vermagſt; das Uebrige geht mich an.“ „Aber, mein Commandant...“ „Gehorche.“ Der Sergeint beugte das Haupt und machte ſeinen Soldaten ein Zeichen, ihm zu folgen. Sogleich verſchwan⸗ den Alle durch die inneren Gemächer: ſie hatten die Ab⸗ ſicht von Canolles begriffen und verſpürten keine große Luſt in ſich, mit ihm in die Luft geſprengt zu werden. Canolles horchte einen Augenblick; man bearbeitete die Thüre mit Artſtreichen, ohne daß das Gewehrfeuer deß⸗ halb aufhörte; man ſchoß auf den Zufall und nach den Fenſtern, in der Vermuthung, die Belagerten könnten hin⸗ ter denſelben im Hinterhalte liegen. Klötzlich verkündigte ein gewaltiges Geräuſch, daß die Thüre nachgegeben hatte, und Canolles hörte, wie die Menge mit Freudengeſchrei in das Schloß ſtürzte. „Gut, gut,“ murmelte eer,„in fünf Minuten wird dieſes Freudengeſchrei in ein Geheule der Verzweiflung ver⸗ wandelt ſein.“ Und er eilte in den unterirdiſchen Gang. Aber auf dem Faſſe ſaß ein junger Mann, die Fa⸗ 20 ckel zu ſeinen Füßen, den Kopf auf ſeine beiden Hände geſtützt. Bei dem Geräuſche erhob der junge Mann das Haupt, und Canolles erkannte Frau von Cambes. „Ah!“ rief ſie aufſtehend,„da iſt er endlich.“ „Claire,“ murmelte Canolles,„was wollt Ihr hier?“ „Mit Euch ſterben, wenn Ihr ſterben wollt.“ „Ich bin entehrt, verloren, ich muß wohl ſterben.“ „Ihr ſeid gerettet und glorreich, gerettet durch mich!“ „ Verloren durch Euch! Hört ihr ſie? ſte kommen, hier ſind ſie! Flieht, Claire, flieht durch dieſen unterirdi⸗ ſchen Gang; Ihr habt fünf Minnten, das iſt mehr, als Ihr braucht.“ 8 „Ich fliehe nicht, ich bleibe.“ „Aber wißt Ihr, warum ich hier herabgeſtiegen bin? wißt Ihr, was ich thun will?“ Frau von Cambes hob die Fackel auf, näherte ſich dem Pulferfaß und erwiederte: „Ich vermuthe es.“ „Claire,“ rief Canolles erſchrocken,„Claire!“ „Wiederholt noch einmal, daß Ihr ſterben wollt, und wir ſterben mit einander.“ Das bleiche Antlitz der Vicomteſſe deutete eine ſolche Entſchloſſenheit an, daß Canolles begriff, ſie würde thun, was ſie ſagte: er hielt inne. „Aber, was wollt Ihr denn?“ fragte er. „Daß Ihr Euch ergebet.“ „Nie!“ rief Canolles. „Die Zeit iſt koſtbar,“ ſprach die Vicomteſſe,„ergebt Euch. Ich biete Euch das Leben, ich biete Euch die Ehre as indem ich Euch die Entſchuldigung des Verrathes gebe.“ „So laßt mich fliehen, ich lege mein Schwert vor die Füße des Königs und verlange Gelegenheit, mir Genug⸗ thuung zu verſchaffen.“ —.——- 21 „Ihr werdet nicht fliehen.“ „Trräe di „Weil ich nicht ſo leben kann; weil ich nicht von Euch getrennt leben kann; weil ich Euch liebe.“ „Ich ergebe mich, ich ergebe mich,“ rief Canolles, vor Frau von Cambes auf die Kniee ſtürzend und die Fackel, welche er in der Hand hielt, weit von ſich ſchleudernd. „Ah!“ murmelte die Vicomteſſe,„dießmal halte ich ihn, und man wird ihn mir nicht mehr nehmen.“ Es lag hierin etwas Seltſames und doch Erklärli⸗ ches: die Liebe wirkte auf eine entgegengeſetzte Weiſe auf dieſe zwei Frauen.. Zurückhaltend, ſanft, ſchüchtern, war Frau von Cam⸗ bes entſchieden, kühn und ſtark geworden. Launenhaft, eigenſinnig, glühend, war Nanon ſchüch⸗ tern, ſanft und zurückhaltend geworden. So kam es, weil Frau von Cambes ſich immer mehr von Canolles geliebt fühlte. So, weil Nanon fühlte, daß die Liebe von Canolles jeden Tag mehr abnahm. II. Dieſe zweite Rückkehr der Armee der Prinzen war ſehr verſchieden von der erſten. Diesmal gab es Lorbeeren für Jedermann, ſelbſt für die Beſiegten. Das Zartgefühl von Frau von Cambes hatte einen guten Theil davon für Canolles vorbehalteu, der, ſobald er an der Seite ſeines Freundes Ravailly durch die Varrieére einzog, wie ein gro⸗ ßer Kapitän umgeben und wie ein tapferer Soldat beglück⸗ wünſcht wurde.. 5 ½ 1 1 22 Wohl bewahrten die Beſiegten vom zweiten Tage vor⸗ her, und beſonders diejenigen, welche einen Puff im Kampfe bekommen hatten, einen gewiſſen Groll gegen ihren Beſieger. Aber Canolles war ſo gut, ſo ſchön, ſo einfach, er ertrug zugleich ſo heiter und ſo würdig ſeine neue Lage, er war umgeben von einem Geleite ſo eifriger Freunde, die Offi⸗ ciere und Soldaten des Regimentes Navailles prieſen ihn ſo ſehr als ihren Kapitän und als Gouverneur der Inſel Saint⸗George, daß die Bordeleſen bald vergaßen. Sie hatten überdies ganz Anderes zu denken; Herr von Bouil⸗ lon kam am nächſten Tage oder zwei Tage nachher an, und aus den genaueſten Nachrichten ging hervor, der Köͤ⸗ nig würde ſpäteſtens in acht Tagen in Libourne ſein. Frau von Condé zitterte vor Begierde, Canolles zu ſehen; ſie betrachtete ihn im Vorüberziehen hinter dem Fenſtervorhang verborgen und fand an ihm eine wahre Er⸗ oberermiene, welche vortrefflich dem Rufe entſprach, den ihm Freunde und Feinde bereitet hatten. Frau von Tour⸗ ville behauptete, im Gegenſatz gegen die Meinung der Frau Prinzeſſin, es fehle ihm an Diſtinction. Lenet verſicherte, er halte ihn für einen muthigen Mann, und Herr von La⸗ rochefoucault beſchraͤnkte ſich auf die Bemerkung: „ Ah! ahl hier iſt alſo der Held!“ Man wies Canolles eine Wohnung in der großen ing der Stadt, im Schloſſe Trompette an. Am Tage atte er vollkommene Freiheit, in der Stadt ſpazieren zu ehen, ſeine Geſchäfte zu beſorgen oder ſeinem Vergnügen achzulaufen. Bei dem Zapfenſtreiche kehrte er nach Hauſe, Alles auf ſein Ehrenwort, nie eine Flucht zu verſuchen und nicht mit Denen außen zu correſpondiren. Ehe Canolles dieſen letzten Schwur leiſtete, hatte er um Erlaubniß gebeten, vier Zeilen ſchreiben zu dürfen; dieſe Erlaubniß wurde ihm ertheilt, und er ſchrieb an Na⸗ non folgenden Brief: „Gefangen, aber frei in Bordeaur, auf mein Ehren⸗ wort, keine Correſpondenz mit Außen zu unterhalten, 23 ſchreibe ich Euch dieſe paar Worte, theuere Nanon, um Euch meiner Freundſchaft zu verſichern, an der Ihr mei⸗ nes Stillſchweigens wegen zweifeln könntet. Ich verlaſſe mich auf Euch, daß Ihr meine Ehre bei dem König und der Königin vertheidigen werdet. „Baron von Canolles.“ In dieſen, wie man ſieht, ſehr ſanften Bedingungen, ließ ſich der Einfluß von Frau von Cambes erkennen. Canolles brauchte fünf bis ſechs Tage, bis er mit allen Mahlen, mit allen Feſten zu Ende war, die ihm ſeine Freunde gaben; man traf ihn beſtändig mit Ravailly, welcher, den linken Arm in dem von Canolles und den rechten in der Binde, mit ihm ſpazieren ging; wenn die Trommel ertöͤnte und die Bordeleſen zu irgend einer Expe⸗ dition aufbrachen oder zu irgend einem Auſſtande eilten, war man ſicher, auf ihrem Wege Canolles zu ſehen, ent⸗ weder Ravailly am Arm oder allein, die Hände auf dem Rücken, neugierig, lächelnd, harmlos. Seit ſeiner Ankunft hatte er indeſſen Frau von Cam⸗ bes nur ſelten geſehen und kaum ein paar Worte mit ihr ge⸗ ſprochen; es ſchien der Bicomteſſe zu genügen, daß er nicht mehr bei Nanon war, und ſie fühlte ſich glücklich, daß ſie ihn, wie ſie es geſagt hatte, bei ſich behalten konnte. Ca⸗ nolles ſchrieb ihr und beklagte ſich auf eine zarte Weiſe, und ſie ließ ihn in einigen Häuſern der Stadt durch die für das Auge unſichtbare, aber für das Herz fühlbare Protec⸗ tion der Frau empfangen, welche liebt, ohne errathen ſein zu wollen. Noch mehr: Canolles erhielt durch die Vermittelung von Lenet die Erlaubniß, Frau von Condé ſeine Huldigung darzubringen, und der ſchöne Gefangene zeigte ſich hier zu⸗ weilen, coquettirend und die Frauen der Prinzeſſin um⸗ ſchwirrend. „ Uebrigens ſchien kein Menſch weniger an den politi⸗ ſchen Angelegenheiten Theil zu nehmen, als Canolles; Fran von Cambes ſehen, ein paar Worte mit ihr wechſeln, 24 wenn es ihm nicht gelang, mit ihr zu ſprechen, eine zart⸗ liche Geberde von ihr erhaſchen, ihr die Hand drücken, wenn ſie in den Wagen ſtieg, obgleich er ein Hugenott war, ihr das Weihwaſſer reichen, das war die große Be⸗ ſchäftigung der Tage des Gefangenen. In der Nacht dachte er an die große Angelegenheit des Tages.— Nach einiger Zeit genügte übrigens dieſe Zerſtreuung dem Gefangenen nicht mehr. Da er aber das Zartgefühl von Frau von Cambes begriff, welche noch mehr für die CEhre von Canolles, als für die ihrige befürchtete, ſo ſuchte er den Kreis ſeiner Zerſtreuungen auszudehnen. Zuerſt ſchlug er ſich mit einem Officier der Garniſon und mit zwei Bürgern, wobei immerhin einige Stunden verfloßen. Da er aber den Einen von ſeinen Gegnern entwaffnete und die andern Zwei verwundete, ſo entging ihm bald dieſer Zeitvertreib in Ermangelung von Menſchen, welche ihn zu zerſtreuen geneigt waren. Dann hatte er einige Male Glück bei Frauen. Ca⸗ nolles war, abgeſehen vom ſchönen Mann, ſeitdem er als Gefangener in Bordeaux verweilte, äußerſt intereſſant ge⸗ worden. Drei volle Tage und den ganzen Morgen des vierten ſprach man von ſeiner Gefangenſchaft; das war beinahe ſo viel, als bei der des Herrn Prinzen. Eines Tages, als Canolles Frau von Cambes in der Kirche zu ſehen hoffte, und Frau von Cambes, vielleicht aus Furcht, ihn daſelbſt zu treffen, nicht gekommen war, bot Canolles, ſeinem Poſten bei der Säule getreu, einer reizenden Frau, die er noch nicht geſehen hatte, Weihwaſ⸗ ſer; das war nicht der Fehler von Canolles, ſondern der von Frau von Cambes; wäre die Vicomteſſe gekommen, ſo würde er nur ſie geſehen, nur ihr Weihwaſſer gngebo⸗ ten haben. An demſelben Tage, während Canolles in ſich ſelbſt nachforſchte, wer die reizende Brunette ſein könnte, erhielt er ein Einladungsſchreiben, um den Abend bei dem Ge⸗ —, ßſ —=— S * ☛ NR . — ͤg 2——— 25 neralanwalt Lavie zuzubringen, bei demſelben, der ſich dem Einzug der Frau Prinzeſſin hatte widerſetzen wollen und als Stütze der königlichen Herrſchaft beinahe eben ſo ſehr verhaßt war, als Herr von Epernon. Canolles, der immer mehr das Bedurfniß fühlte, ſich zu zerſtreuen, nahm die Einladung dankbar an und begab ſich um ſechs Uhr zu dem Generalanwalt. Die Stunde mag unſern modernen Loͤwen ſeltſam vorkommen, aber Canolles entſprach aus zwei Gründen ſo frühzeitig der Einladung des Herrn Generalanwalts: ein⸗ mal ſpeiste man zu jener Zeit um zwolf Uhr zu Mittag und die Abendunterhaltungen begannen unendlich weniger ſpät; zweitens kehrte Canolles regelmäßig ſpäteſtens um halb zehn Uhr in das Schloß Trompette zurück, und er mußte daher, wenn er mehr als blos erſcheinen wollte, unnter den Erſten ſich einfinden. Als Canolles in den Salon trat, ſtieß er einen Freudenſchrei aus; Madame Lavie war niemand Anderes, als die reizende Brunette, der er am Morgen ſo artig Weihwaſſer gereicht hatte. Canolles wurde in dem Salon des Generalanwalts als ein Royaliſt empfangen, der ſeine Probe abgelegt hat. Kaum fand die Vorſtellung ſtatt, als er ſich von Huldi⸗ gungen umgeben ſah, welche einen von den ſieben Weiſen Griechenlands zu betäuben im Stande geweſen wären. Man verglich ſeine Vertheidigung bei dem erſten Angriff mit der von Horatius Cocles, und ſeine Niederlage mit der Einnahme des durch die Liſt von Ulyſſes überwältigten rojaä. „Mein lieber Herr von Canolles,“ ſagte der General⸗ anwalt zu ihm,„ich weiß von guter Hand, daß bei Hofe ſtark von Euch und der ſchönen Vertheidigung, die Euch mit Ruhm bedeckt hat, die Rede geweſen iſt; die Königin hat auch geſchworen, Euch, ſobald ſie könnte, auszuwech⸗ ſeln und Euch am Tage Eurer Rückkehr in ihren Dienſt 26 zum Grade eines Regimentschef oder eines Brigadier zu erheben; wollt Ihr nun ausgetauſcht ſein 2 „Meiner Treue,“ antwortete Canolles, Madame Lavie einen mörderiſchen Blick zuwerfend,„ich ſchwoͤre Euch, es iſt mein größter Wunſch, daß die Königin nicht zu ſehr eile; ſie müßte mich gegen Geld oder gegen einen guten Militär austauſchen. Ich bin dieſe Ausgabe nicht werth und verdiene dieſe Ehre nicht. Ich werde warten, bis Ihre Majeſtät Bordeaux genommen hat, wo ich mich vortrefflich befinde; dann kann ſie mich umſonſt haben.“ Madame Lavie lächelte anmuthreich. „Teufel,“ ſagte ihr Gatte,„Ihr ſprecht lau von Eurer Freiheit, Baron.“ „Ei, warum ſoll ich mich dafür erwärmen?“ ent⸗ gegnete Canolles;„glaubt Ihr, es ſei mir ſehr angenehm, wieder activen Dienſt zu nehmen, um mich täglich der Gefahr ausgeſetzt zu ſehen, einen von meinen Freunden zu todten?“ „Aber welches Leben führt Ihr hier?“ verſetzte der Generalanwalt;„ein Leben unwürdig eines Mannes von Eurer Bedeutung. Ihr bleibt fremd jedem Rathe, jedem Unternehmen, und ſeid genöthigt, Andere der Sache dienen zu ſehen, der ſie angehören, während Ihr die Arme kreuzt. Ihr ſeid hier unnütz, machtlos, und dieſe Lage muß Euch drücken.“ Canolles ſchaute Madame Lavie an, und dieſe ſchaute ihn ebenfalls an. „Nein,“ erwiederte Canolles,„Ihr täuſcht Euch, ich langweile mich nicht im Geringſten. Ihr beſchäftigt „Euch mit Politik, was ſehr langweilig iſt, ich beſchäftige mich mit Liebe, was ſehr unterhaltend iſt. Ihr ſeid die Einen Diener der Königin, die Andern Diener der Prin⸗ zeſſin. Ich hänge mich nicht ansſchließlich an eine Ge⸗ bieterin, ich bin der Sklave aller Frauen.“ Dieſe Antwort fand Anklang, und die Herrin des Hauſes drückte ihre Meinung durch ein Lächeln aus. 27 Bald bildeten ſich die Partien, Canolles ſetzte ſich zum Spiele. Madame Lavie betheiligte ſich zur Hälfte niſt ihm gegen ihren Gatten, welcher fünfhundert Piſtolen verlor. Am andern Tage fiel es dem Volke, ich weiß nicht, aus welcher Veranlaſſung, ein, einen Aufſtand zu machen. Ein Parteigänger der Prinzen ſchlug, mehr Fanatiker als die Uebrigen, vor, mit Steinwürfen die Scheiben von Herrn von Lavie zu zerſchmettern. Als die Scheiben zer⸗ ſchmettert waren, ſchlug ein Anderer vor, Feuer an ſein Haus zu legen. Man lief bereits nach den Bränden, als Canolles mit einer Abtheilung des Regiments Navailles anlangte, Madame Lavie in Sicherheit brachte und ihren Gatten einem Dutzend Wüthender entriß, welche, da ſie ihn nicht verbrennen konnten, den Generalanwalt wenig⸗ ſtens hängen wollten. „Nun, mein lieber Mann der Thätigkeit,“ ſagte Canolles zu Herrn Lavie, den der Schrecken ganz entfärbt hatte,„was haltet Ihr nun von meiner Trägheit? Iſt es nicht geſcheiter von mir, daß ich nichts thue?“ Wonach er nach dem Schloſſe Trompette zurückkehrte, in Betracht, daß eben der Zapfenſtreich ertönte. Bei ſei⸗ ner Rückkehr fand er auf ſeinem Tiſche einen Brief, deſ⸗ ſen Form ſein Herz ſchlagen, deſſen Handſchrift den gan⸗ zen Mann erbeben machte. Es war die Handſchrift von Frau von Cambes. Er öͤffnete den Brief und las: „„Seid morgen gegen ſechs Uhr Nachmittags allein in der Carmeliterkirche und ſetzt Euch in den erſten Beicht⸗ ſtuhl rechts beim Eingange. Ihr werdet die Thüre offen ſinden.“ „Halt!“ rief Canolles,„das iſt ein origineller Ge⸗ danke.“ Es war noch eine Nachſchrift dabei: Macht kein Rühmens,“ ſagte dieſe,„daß Ihr da⸗ hin geht, wo Ihr geſtern und heute geweſen ſeid; bedenkt 28 wohl, Bordeaur iſt keine royaliſtiſche Stadt; das Schick⸗ ſal, das der Herr Generalanwalt ohne Euch erlitten ha⸗ ben dürfte, möge Euch zur Ueberlegung bringen!“ „Gut,“ dachte Canolles,„ſie iſt eiferſüchtig. Ich habe alſo, was ſie auch ſagen mag, Recht gehabt, heute und geſtern zu Herrn Lavie zu gehen.“ III. Es iſt nicht zu leugnen, Canolles hatte ſeit ſeiner Ankunft in Bordeaux alle Qualen der unglücklichen Liebe durchgemacht. Er hatte die Vicomteſſe umſchmeichelt, von Anbetern umgeben geſehen, ohne ſich ihr huldigend nähern zu dürfen, und zum Troſte war ihm nicht mehr, als im Vorübergehen ein von Claire den Forſchungen der Läſterſüchtigen entzogener geheimer Blick zu Theil gewor⸗ den. Nach der Scene in dem unterirdiſchen Gewölbe, nach den glühenden Worten, die zwiſchen ihm und der Vicomteſſe in dieſem äußerſten Augenblick ausgetauſcht worden waren, ſchien ihm der Stand der Dinge nicht mehr Lauheit, ſondern Eis. Da aber Canolles im Grunde dieſer Kälte fühlte, daß er wahrhaft und tief geliebt wurde, ſo hatte er den Entſchluß gefaßt, der Unglücklichſte der glücklichen Liebhaber zu ſein. Die Sache war im Ganzen leicht. In Folge des Wortes, das er hatte geben müſſen, keine Correſpondenz mit Außen zu unterhalten, war Na⸗ non von ihm in den kleinen Winkel des Gewiſſens, be⸗ ſtimmt für Liebesvorwürfe, verbannt worden; da er nun keine Kunde von der jungen Frau hatte und ſich folg⸗ lich den Aerger erſparte, den der Buchſtabe, das heißt, die fühlbare Erinnerung an die Frau, der man untren k⸗ g⸗ ch te 29 iſt, immer verurſacht, ſo waren dieſe Vorwurfe durchaus nicht ünerträglich für ihn. Zuweilen jedoch, in dem Augenblick, wo das freu⸗ digſte Lächeln das Antlitz des jungen Mannes erleuchtete, in dem Augenblick, wo ſich ſeine Stimme in den witzigſten, luſtigſten Worten hörbar machte, zog eine Wolke über ſeine Stirne und ein Seufzer drang, wenn nicht aus ſeinem Herzen, doch aus ſeinen Lippen hervor. Dieſer Seufzer galt Nanon; dieſe Wolke war die Erinnerung an vergangene Zeiten, welche ihren Schatten auf die Gegen⸗ wart warf. Frau von Cambes bemerkte dieſe Sekunden der Trau⸗ rigkeit. Ihr Auge durchforſchte alle Tiefen des Herzens von Canolles, und ſie bedachte, daß ſie Canolles nicht ganz allein ſich ſelbſt überlaſſen konnte. Zwiſchen einer alten Liebe, welche noch nicht ganz erloſchen war, und ei⸗ ner neuen Leidenſchaft, deren Entſtehen völlig in den Grän⸗ zen der Möglichkeit lag, konnte ſich der Ueberſchuß des glühenden Saftes, der ſonſt durch militäriſche Beſchäfti⸗ gungen und durch die Vertretung eines hohen Poſtens verbraucht wurde, in ein der reinen Liebe, die ſie ihm einzuflößen ſuchte, entgegengeſetztes Element verwandeln. Sie wollte übrigens nur Zeit gewinnen, damit die Er⸗ innerung an ſo viele romanhafte Abenteuer, welche die Neugierde aller Höflinge wach erhalten hatten, verſchwin⸗ den moͤge. Vielleicht täuſchte ſich Frau von Cambes, vielleicht hätte ſie es ganz laut ihre Liebe geſtehend da⸗ hin gebracht, daß man ſich weniger oder minder lang damit beſchäftigt haben würde. Derjenige aber, welcher mit ſchärferer Aufmerkſamkeit und mit mehr Erfolg als die Anderen die Fortſchritte dieſer geheimnißvollen Liebe verfolgte, war Lenet. Sein forſchendes Auge hatte ſeit einiger Zeit das Daſein die⸗ ſer Liebe wahrgenommen, ohne den Gegenſtand derſelben zu kennen; er hatte die Lage und die Stellung dieſer Liebe allerdings nicht genau errathen, er wußte nicht, ob ſie ein⸗ 30 ſeitig oder getheilt war: zuweilen zitternd und unentſchieden, zuweilen ſtark und entſchloſſen, beinahe immer gleichgültig gegen die Luſtbarkeiten, welche man um ſie her genoß, war ihm Frau von Cambes nun wahrhaft im Herzen ge⸗ troffen erſchienen; plötzlich war der Eifer, den ſie für den Krieg gezeigt hatte, erloſchen; ſie war weder mehr zitternd, noch ſtark, noch unentſchieden, noch entſchloſſen; ſie war nachdenkend, ſie lächelte ohne Grund, ſie weinte ohne Ur⸗ ſache, als antworteten ihre Lippen und ihre Augen den Variationen ihres Gedankens, den entgegengeſetzten Sprün⸗ gen ihres Geiſtes; dieſe Veränderung hatte ſich ſeit ſechs oder ſieben Tagen geſtaltet; ſeit ſechs oder ſieben Tagen war Canolles gefangen. Canolles war alſo unzweifelbar der Gegenſtand dieſer Liebe. Lenet fühlte ſich uͤbrigens ganz geneigt, dieſe Liebe zu begünſtigen, welche eines Tags der Frau Prinzeſſin einen ſo tapfern Vertheidiger geben konnte. Herr von Larochefoucault war vielleicht in der Er⸗ forſchung des Herzens von Frau von Cambes noch weiter vorgerückt, als Lenet. Aber ſeine Geberden, ſeine Augen, ſein Mund ſagten ſo genau, was er ihnen allein zu ſagen geſtattete, daß Niemand zu behaupten im Stande geweſen wäre, ob er Liebe oder Haß für Frau von Cambes hegte. Von Canolles ſprach er nicht, er ſchaute ihn nicht an, und er beachtete ihn überhaupt ſo wenig, als ob er gar uaht vorhanden geweſen wäre; im Uebrigen zeigte er ſich N. als je kriegeriſch, ſuchte eine Heldenſtellung zu behaupten, worin ihn ein über jede Prüfung erhabener Muth und wahre militäriſche Geſchicklichkeit unterſtützten, und verlieh ſeinem Verhältniß als Generaliſſimus jeden Tag mehr Ge⸗ wicht. Herr von Bouillon dagegen, kalt, geheimnißvoll, berechnend, vortrefflich in ſeiner Politik durch Gichtanfälle bedient, welche zuweilen ſo zur rechten Zeit kamen, daß man die Wirklichkeit derſelben zu leugnen verſucht war, unterhandelte beſtändig, verſtellte ſich ſo viel als möglich, indem er ſich nicht daran gewöhnen konnte, die Kluft zu ———,———,— 31 ermeſſen, welche Richelieu und Mazarin trennte, und ſtets fuür ſeinen Kopf befürchtete, den er beinahe auf demſelben Schaffot wie Cing⸗Mars verloren hätte, und nur dadurch erkauft hatte, daß er ſeine Stadt Sedan hergab und wenn nicht rechtlich doch factiſch auf ſeine Eigenſchaft als ſouverainer Fürſt Verzicht leiſtete. Was die Stadt ſelbſt betrifft, ſo wurde dieſe von der Gewalt der galanten Sitten fortgeriſſen, welche von allen Seiten auf ſie überſtrömten. Zwiſchen zwei Feuern, zwi⸗ ſchen zwei Ruinen waren die Bordeleſen ſo wenig ſicher des kommenden Tages, daß man dieſes precäre Daſein, welches die Zukunft nur nach Sekunden zählen konnte, etwas verſüßen mußte. Man erinnerte ſich der mächtigen Stadt La Rochelle, die von Ludwig XIIlI. verheert worden war, und der tiefen Bewunderung, welche Anna von Oeſterreich dieſer Waffen⸗ that zollte; warum ſollte Bordeaur nicht dem Haſſe und Ehrgeize dieſer Fürſtin eine zweite Ausgabe von La Ro⸗ chelle bieten?“ Man vergaß immer, daß derjenige, welcher ſeine Bleiwage über die zu hohen Köpfe und Mauern hatte hingehen laſſen, todt war, und daß der Cardinal Mazarin kaum als ein Schatten des Cardinal Richelieu betrachtet werden konnte. Es ließ ſich alſo Jeder gehen, und dieſer Schwindel Aeif Canolles wie die Andern; wohl ſuchte er zuweilen Alles in Zweifel zu ziehen, und in ſeinen ſkeptiſchen An⸗ fällen zweifelte er an der Liebe von Frau von Cambes wie an den anderen Dingen der Welt. In ſolchen Augen⸗ blicken wuchs Nanon in ſeinem Herzen und ſie geſtaltete ſich gerade in Folge ihrer Abweſenheit zärtlicher und erge⸗ bener. Wäre Nanon in ſolchen Augenblicken vor ihm er⸗ ſchienen, der Unbeſtändige würde Nanon zu Füßen gefallen ſein. Mitten unter allen dieſen unzuſammenhängenden Ge⸗ danken, welche nur diejenigen Herzen begreifen können, welche zwiſchen zwei Liebesleidenſchaften geſtanden ſind, empfing 32 Canolles den Brief der Vicomteſſe. Natürlich verſchwand ſogleich jede andere Idee. Nachdem er den Brief geleſen, begriff er nicht, daß er je eine Andere, als Frau von Cambes hatte lieben können; nachdem er ihn zum zweiten Male geleſen hatte, glaubte er immer nur ſie geliebt zu aben. j Canolles brachte eine von den ſieberhaften Nächten in, welche zugleich brennen und beruhigen, indem die Glückſeligkeit das Gegengewicht der Schlaflofigkeit bildet. Obgleich er die ganze Nacht kaum ein Auge geſchloſſen hatte, ſtand er doch ſchon am frühen Morgen auf. Man weiß, wie die Verliebten die Stunden zubringen, die einem Rendezvous vorhergehen; ſie ſchauen ihre Uhr an, laufen dahin und dorthin und ſtoßen mit dem Kopfe an ihre theuerſten Freunde, die ſie nicht mehr erkennen. Canolles machte alle Thorheiten, die ſein Zuſtand heiſchte. Genau zur beſtimmten Stunde(er trat zum zwan⸗ zigſten Male in die Kirche) ging er auf den Beichtſtuhl zu, den er offen fand. Durch die düſtern Glasſcheiben drangen die Strahlen der untergehenden Sonne; das ganze Innere des religiöſen Gebäudes war durch jenes geheim⸗ nißvolle Licht erleuchtet, das ſo ſanft iſt für die Betenden und für die Liebenden. Canolles hätte ein Jahr von ſeinem Leben gegeben, um nicht in dieſem Augenblick eine Hoff⸗ nung zu verlieren. Er ſchaute umher, um ſich zu verſichern, daß die Kirche verlaſſen war, durchforſchte mit den Augen jede Kapelle; als er ſich überzeugt hatte, daß ihn Niemand ſehen konnte, trat er in den Beichtſtuhl, den er wieder hinter ſich ſchloß. Einen Augenblick nachher erſchien Claire ſelbſt in einen dicken Mantel gehüllt an der Thüre, vor der ſie Pompee als Wache zurückließ; nachdem ſie ſich ebenfalls verſichert hatte, daß ſie nicht Gefahr lief, man könnte ſie ſehen, kniete ſie auf einen der Fußſchämel des Beichtſtuhls nieder.. 33 „Endlich,“ ſagte Canolles,„endlich ſeid Ihr hier, Madame! endlich habt Ihr Gnade mit mir gehabt.“ „Ich mußte wohl, da Ihr Euch in das Verderben ſtürztet,“ erwiederte Claire, äußerſt unruhig darüber, daß ſie im Tribunal der Wahrheit eine, allerdings ſehr unſchul⸗ dige, Lüge ſagte, die darum aber doch eine Lüge war. „Madame, alſo nur einem Gefühle des Erbarmens habe ich die Wohlthat Euerer Gegenwart zu verdanken? Ohl Ihr müßt zugeben, ich hatte das Recht, etwas Beſſeres als dies von Euch zu erwarten.“ ihre bewegte Stimme zu befeſtigen;„ich wiederhole, Ihr n Lavie dem geſchworenen Feinde der Prinzeſſin, ginget. Geſtern rochefoucault, der Alles weiß, und ſie ſprach folgende Worte, welche mich „Wenn wir auch die Komplotte unſerer Gefangenen zu befürchten haben, ſo müſſen wir da Strenge anwenden, wo wir nachſichtig geweſen ſind; bei precären Lagen bedarf es kräftiger Entſchließungen; wir ſind nicht nur bereit, ſolche zu faſſen, ſondern auch entſchieden, ſie auszuführen.“ ie Vicomteſſe ſprach dieſe Worte mit feſterer Stim⸗ me; es ſchien ihr, Gott würde zu Gunſten des Vorwandes die Handlung entſchuldigen. Sie legte eine Art von Dämpfer auf ihr Gewiſſen. „Ich bin nicht der Ritter Ihrer Hoheit, Madame,“ erwiederte Canolles,„ich bin der Eurige: Euch habe ich mich ergeben, Euch ganz allein; Ihr wißt unter welchen Umſtänden und unter welcher Bedingung.“ „Ich glaubte nicht, es wären Bedingungen gemacht worden. „Nicht mit dem Munde vielleicht, aber mit dem Herzen. Ah! Madame, nach dem, was Ihr mir geſagt Der Frauenkrieg. II. 3 8 34 hattet, nach dem Glücke, das Ihr mich hattet erſchauen laſſen, nach den Hoffnungen, die Ihr mir gegeben!... Ahl Madame, geſteht offen, daß Ihr ſehr grauſam ge⸗ weſen ſeid.“ „Freund,“ entgegnete Elaire,„iſt es an Euch, mir einen Vorwurf darüber zu machen, daß ich auf Eure Ehre wie auf die meinige bedacht war? Begreift Ihr nicht, ahnet Ihr nicht, daß ich eben ſo viel gelitten habe, als Ihr, mehr als Ihr, weil ich nicht die Kraft beſaß, dieſes Leiden zu ertragen? Hört mich, und mögen die Worte, die aus der tiefſten Tiefe meines Herzens hervorkommen, in die Tiefe des Eurigen dringen. Freund, ich habe Euch geſagt, ich litt mehr als Ihr, denn eine Furcht quälte mich, die Ihr nicht haben konntet, denn Ihr wißt wohl, daß ich nur Euch liebe. Fühlt Ihr, indem Ihr hier ver⸗ weilt, ein Bedauern in Beziehung auf diejenige, welche nicht hier iſt, und hegt Ihr in den Träumen über Cuere Zukunft eine Hoffnung, die nicht mich betrifft?“ „Madame, Ihr habt an meine Offenherzigkeit appellirt und ich will offenherzig ſprechen; ja, wenn Ihr mich meinen ſchmerzlichen Betrachtungen überlaßt, wenn Ihr mich der Vergangenheit gegenüber allein laßt, wenn Ihr mich durch Euere Abweſenheit dazu verdammt, mit den ſchalen Tröpfen, welche den Bürgermädchen den Hof ma⸗ chen, in den Spielhäuſern umherzuſchweifen, wenn Ihr mich mit den Augen vermeidet oder mich ſo theuer ein Wort, eine Geberde, einen Blick, deſſen ich vielleicht un⸗ würdig bin, erkaufen laßt, ja, dann grolle ich mir, daß ich nicht kämpfend geſtorben bin, ich mache es mir zum Veruui daß ich mich ergeben habe, ich fühle Gewiſſens⸗ iſſe.“ „Gewiſſensbiſſe?“ „Ja, Madame, Gewiſſensbiſſe, denn ſo wahr Gott auf dieſem heiligen Altar iſt, vor welchem ich Euch ſage, daß ich Euch liebe, weint, ſeufzt zu dieſer Stunde, eine Frau, die ihr Leben für mich geben würde, und den⸗ 3⁵ noch ſagt ſie ſich, ich ſei entweder ein Feiger oder ein Verräͤther.“ „Ohl mein Herr!“ „Allerdings, Madame: hatte ſie mich nicht zu dem gemacht, was ich bin? hatte ich ihr nicht geſchworen, ſie zu retten?“ „Ihr habt ſie auch gerettet, wie mir ſcheint.“ „Ja, von den Feinden, welche ihr Leben hätten martern können, aber nicht von der Verzweiſlung, welche ihr Herz zerreißt, wenn dieſe Frau erfährt, daß Ihr es ſeid, der ich mich ergeben habe.“ Claire neigte das Haupt und ſeufzte. „Ah! Ihr liebt mich nicht,“ ſagte ſie. Canolles ſeufzte ebenfalls. „Ich will Euch nicht in Verſuchung führen, mein Herr,“ fuhr ſie fort,„ich will nicht Schuld ſein, daß Ihr eine Freundin verliert, der ich nicht an Werth gleich komme; doch Ihr wißt, ich liebe Euch ebenfalls; ich habe eine voͤllig ergebene, eine ausſchließliche Liebe von Euch verlangt; ich ſprach zu Euch: Ich bin frei, hier iſt meine Hand; ich biete ſie Euch, denn ich habe Euch Nie⸗ mand entgegenzuſetzen, ich kenne Niemand, der für mich über Euch ſtünde.“— „Ahl Madame,“ rief Canolles,„Ihr entzückt mich, Ihr macht mich zum Gliücklichſten der Sterblichen!“ „Oh!“ entgegnete Claire traurig,„Ihr, Herr, Ihr liebt mich nicht.“ „Ich liebe Euch, ich bete Euch an, nur läßt ſich nicht ausdrücken, was ich durch Euer Stillſchweigen, durch Eure Zurückhaltung gelitten habe.“ „Mein Gott, Ihr Männer errathet alſo nichts?“ erwiederte Claire, ihre ſchönen Augen zum Himmel auf⸗ ſchlagend.„Ihr habt nicht begriffen, Canolles, daß ich Euch nicht wollte eine lächerliche Rolle ſpielen laſſen, daß man nicht moͤglicher Weiſe glauben ſollte, die Zurückgabe der Inſel Saint⸗George ware eine unter uns abgemachte 36 Sache? Nein, Ihr ſolltet, ausgewechſelt von der Königin oder von mir losgekauft, ganz mir gehoͤren. Ach! Ihr wolltet nicht warten.“ „Oh! Madame, nun werde ich warten. Eine Stunde wie dieſe, ein Verſprechen Eurer ſanften Stimme, die mir ſagt, Ihr liebet mich, und ich werde Stunden, Tage, Jahre warten...“ „Ihr liebt noch Fräulein von Lartigues?“ verſetzte Frau von Cambes den Kopf ſchüttelnd. „Madame,“ antwortete Canolles,„wenn ich Euch ſagte, ich hege für ſie nicht eine dankbare Freundſchaft, ſo würde ich lügen; glaubt mir, nehmt mich mit dieſem Gefühle. Ich gebe Euch Alles, was ich Euch an Liebe geben kann, und das iſt viel.“ „Achl ich weiß nicht, ob es annehmen ſoll, denn Ihr legt zwar ein ſehr edles, aber auch ſehr liebendes Herz an den Tag.“— „Hört,“ ſprach Canolles,„ich würde ſterben, um Euch eine Thräne zu erſparen, und ich mache, ohne be⸗ wegt zu werden, diejenige weinen, welche Ihr nennt: arme Frau!l ſie hat Feinde, und die Menſchen, welche ſie nicht kennen, verfluchen ſie. Ihr habt nur Freunde, die Men⸗ ſchen, welche Euch nicht kennen, achten Euch; diejenigen, welche Euch kennen, lieben Euch; beurtheilt alſo den Unterſchied dieſer zwei Gefühle, von denen das eine mein Gewiſſen, das andere mein Herz heiſcht.“ „Ich danke, mein Freund. Aber vielleicht folgt Ihr einer Euch fortreißenden, durch meine Gegenwart veran⸗ laßten Bewegung, was Ihr einſt bereuen dürftet? Legt Eure Worte auf die Wagſchale. Ich gebe Euch bis morgen Zeit, mir zu antworten. Wenn Ihr Fräulein von Lartigues etwas ſagen wollt, wenn Ihr zu ihr gehen wollt, Ihr ſeid frei, Canolles, ich nehme Euch bei der Hand und führe Euch ſelbſt aus den Thoren von Bordeaux.“ 1 „Madame,“ antwortete Canolles,„es iſt nicht nöthig, 37 bis morgen zu warten; ich ſage Euch mit glühendem Herzen, aber mit kaltem Kopfe: Ich liebe Euch, ich liebe nur Euch, ich werde immer nur Euch lieben.“ „Ahl Dank, Dank, mein Freund,“ rief Claire, in⸗ dem ſie das Gitter auf die Seite gleiten ließ und ihre Hand durchſchob. Euch meine Hand, Euch mein Herz.“ Canolles ergriff dieſe Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. „Pompée macht mir ein Zeichen, daß es Zeit ſei, zu gehen,“ ſagte Claire;„ohne Zweifel wird man die Kirche ſchließen. Lebet wohl, mein Freund, oder vielmehr auf Wiederſehen. Morgen werdet Ihr erfahren, was ich für Euch, das heißt, für uns zu thun gedenke. Morgen ſeid Ihr glücklich, denn ich werde glücklich ſein.“ 1 Und unfähig, das Gefühl zu bemeiſtern, das ſie zu dem jungen Manne hinriß, zog ſie ebenfalls ſeine Hand an ſich, küßte die Spitze ſeiner Finger, entfloh mit leichten Schritten und ließ Canolles zurück, freudig wie die Engel, deren himmliſche Concerte ein Echo in ſeinem Herzen zu haben ſchienen. IV. Indeſſen ſetzten ſich, wie es Nanon geſagt hatte, der König, die Königin, der Cardinal und Herr de La Meil⸗ lerahe in Bewegung, um die rebelliſche Stadt zu be⸗ ſtrafen, welche es gewagt hatte, offen für die Prinzen Partei zu ergreifen; ſie näherten ſich langſam, aber ſie näherten ſich: Als der Koͤnig in Libourne anlangte, empfing er eine Deputation von Bordeleſen, welche erſchienen, um 38 ihn ihrer Ehrfurcht und Ergebenheit zu verſichern; ſo wie die Dinge ſtanden, war dies eine ſeltſame Verſicherung. Die Königin empfing auch die Abgeſandten von der Höhe ihres öſterreichiſchen Stolzes herab. „Meine Herren,“ ſagte ſie,„wir werden unſern Weg durch Vayres verfolgen; wir können alſo bald ſelbſt beur⸗ theilen, ob Euere Ehrfurcht und Eure Ergebenheit ſo groß ſind, als Ihr ſagt.“ Bei dem Worte Vayres ſchauten ſich die Abgeord⸗ neten, ohne Zweifel von einem der Koͤnigin unbekannten Umſtande unterrichtet, mit einer gewiſſen Unruhe an. Anna von Oeſterreich, der nichts entging, gewahrte auch dieſes gegenſeitige Anſchauen, und ſie ſprach: „Brechen wir ſogleich nach Vayres auf, der Platz iſt gut, wie uns der Herr Herzog von Epernon verſichert hat; wir werden den König dort einquartieren.“ Dann ſich gegen ihren Kapitän und die Leute ihres Gefolges umwendend: „Wer commandirt in Vayres?“ „Madame, man ſagt, ein neuer Gouverneur,“ antwor⸗ tete Guitaut. „Hoffentlich ein ſicherer Mann?⸗ verſetzte die Königin die Stirne faltend. „Ein Mann des Herrn Herzogs von Epernon.“ Die Stirne der Königin klärte ſich auf, und ſie rief: „Wenn es ſich ſo verhält, wollen wir raſch mar⸗ ſchiren.“ „Madame,“ entgegnete der Herzog de La Meilleraye, „Eure Majeſtät mag nach ihrem Belieben handeln, aber ich glaube, man ſollte nicht raſcher marſchiren, als die Armee. Ein kriegeriſcher Einzug in die Citadelle von Vayres müßte eine vortreffliche Wirkung hervorbringen, denn es iſt ſehr erſprießlich, wenn die Unterthanen des Königs die Kräfte Seiner Majeſtät kennen lernen, das er⸗ muthigt die Getreuen und entmuthigt die Treuloſen.“ An 39 „Ich glaube, Herr de La Meilleraye hat Recht,“ ſprach der Cardinal Mazarin. „Und ich ſage, er hat Unrecht,“ erwiederte die Königin. „Wir haben von Bordeaur nichts zu befürchten; der Koͤnig iſt ſtark durch ſich ſelbſt und nicht durch ſeine Armee; ſeine Haustruppen werden genügen.“ Herr de La Meilleraye beugte das Haupt als Zeichen des Gehorſams und ſprach: „Eure Majeſtät befehle, ſie iſt die Königin.“ Die Königin rief Guitaut und befahl ihm, die Garden, die Musketiere und die Chevaurlegers zu verſammeln. Der König ſtieg zu Pferde und ſtellte ſich an die Spitze der⸗ ſelben. Die Nichte von Mazarin und die Ehrendamen ſtiegen in einen Wagen. Man brach ſogleich nach Vayres auf. Die Armee folgte, und da man nur zehn Lieues zurückzulegen hatte, ſo ſollte ſie drei bis vier Stunden nach dem Koͤnig ein⸗ treffen und ſich auf dem linken Ufer der Dordogne lagern. Der Koͤnig zählte kaum zwoͤlf Jahre und war dennoch bereits ein ſchmucker Reiter, der ſein Pferd mit aller An⸗ muth führte und in ſeiner ganzen Perſon jenen Raceſtolz offenbarte, welcher in der Folge aus ihm den in Dingen der Etiquette anſpruchsvollſten König Europas machte. Unter den Augen der Königin erzogen, aber verfolgt von den ewigen Knickereien des Cardinals, der es ihm an den nothwendigſten Dingen fehlen ließ, erwartete er mit wü⸗ thender Ungeduld die Stunde ſeiner Volljährigkeit, welche am nächſten 5. September ſchlagen ſollte, und es ent⸗ ſchlüpften ihm zuweilen mitten unter ſeinen Kinderlaunen königliche Aufwallungen, welche andeuteten, was er eines Tags ſein würde. Dieſer Feldzug war ihm daher ſehr lächelnd erſchienen: es war gleichſam ein Austritt aus den Knabenſchuhen, eine Lehre im Feldherrnthum, ein Verſuch in der Königswürde. Er marſchirte daher ſtolz, bald an dem Schlage der Carroſſe, die Königin grüßend und mit 40 Frau von Frontenac liebäugelnd, in welche er, wie man ſagte, verliebt war, bald an der Spitze ſeiner Haus⸗ truppen mit Herrn de La Meilleraye und dem alten Guitaut von den Feldzügen Ludwig XIII. und den Hel⸗ denthaten des verſtorbenen Herrn Cardinals plaudernd. Während man ſich ſo unterhielt und marſchirte, legte man eine Meile nach der andern zurück und man fing an die Thürme und Gallerieen des Fort von Vayres zu erblicken. Das Wetter war herrlich, die Landſchaft maleriſch, die Sonne ſchoß ihre Strahlen ſchräge auf den Fluß; man hätte glauben ſollen, es wäre eise Syazierfahrt, in ſol⸗ chem Grade heuchelte die Königin eine heitere, frohe⸗ Laune. Der König marſchirte zwiſchen Herrn de La Meil⸗ leraye und Guitaut und hatte ſein Augenmerk auf den Platz gerichtet, in welchem man keine Bewegung wahrzu⸗ nehmen vermochte, obgleich hoͤchſt wahrſcheinlich die Schild⸗ wachen, die man erblickte, ihrer Seits dieſe glänzende wurhnt der Armee des Königs entdeckt und ſignaliſirt atten. Die Carroſſe der Königin verdoppelte ihren Gang und nahm ihren Platz in der erſten Reihe ein. „Eines ſetzt mich in Erſtaunen, Herr Marſchall,“ jagte Mazarin. „Was, Monſeigneur?“ „Mir ſcheint, die guten Gouverneurs wiſſen in der Regel, was um ihre Feſtung her vorgeht, und ſie ſind einem König, wenn er die Gnade hat, nach dieſer Feſtung zu marſchiren, wenigſtens eine Deputation ſchuldig.“ „Ah, bah!“ ſprach die Königin, in ein ſchallendes, aber gezwungenes Lachen ausbrechend:„Ceremonien! Geht, das iſt unnöthig, die Treue iſt mir lieber.“ Herr de La Meilleraye bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinem Taſchentuche, um, wenn nicht eine Grimaſſe, doch wenigſtens ſeine Luſt zu verbergen, eine ſolche zu machen. „Aber es rührt ſich in der That kein Menſch,“ ſagte der junge Koͤnig, unzufrieden über ein ſolches Vergeſſen 41 der Regeln der Etiquette, woraus er einſt die Baſen ſei⸗ ner Größe machen ſollte. „Sire,“ erwiederte Anna von Oeſterreich,„hier ſind die Herren de La Meilleraye und Guitaut, welche Euch ſagen werden, daß es die erſte Pflicht eines Gouverneurs, beſonders in einem feindlichen Lande iſt, ſich aus Furcht vor einem Ueberfall ruhig und gedeckt hinter ſeinen Mauern zu halten. Seht Ihr nicht Euere Fahne, die Fahne von Heinrich IV. und Franz I., auf der Citadelle flattern?“ Und ſie deuteten it Stolz auf dieſes bezeichnende Em⸗ blem, welches bewies ii ſehr ſie in ihrer Hoffnung Recht hatte. Der Zug ſetzte ſeinen Marſch fort und entdeckte ein vorgeſchobenes Werk, das erſt ſeit einigen Tagen errichtet zu ſein ſchien. „Ah!l ah!“ ſagte der Marſchall,„der Gouverneur ſcheint in der That ein Mann vom Handwerk zu ſein. Dieſer Vorpoſten iſt gut gewählt und die Verſchanzung geſchickt angelegt.“ Die Königin ſchaute aus dem Kutſchenſchlag hervor, und der König erhob ſich in ſeinen Steigbügeln. Eine einzige Schildwache ging auf dem Halbmonde*) auf und ab; ſonſt ſchien die Verſchanzung ſo öde und ſtumm, wie die Citadelle. „Gleich viel,“ ſprach Mazarin,„obſchon ich die mili⸗ täriſchen Pflichten eines Gouverneur nicht kenne, obſchon ich kein Soldat bin, finde ich doch dieſe Art, ſich gegen eine Majeſtät zu benehmen, ſehr ſeltſam.“ „Rücken wir immer vor,“ ſprach der Marſchall,„wir werden ſehen.“ Als die kleine Truppe nur noch hundert Schritte von der Verſchanzung entfernt war, blieb die Schildwache, welche bis jetzt auf und ab gegangen war, ſtille ſtehen. Nachdem ſie einen Augenblick geſchaut hatte, rief ſie: *) Eine Art von Außenwerk. 42 „Wer da?“ „Der König!“ antwortete Herr de La Meilleraye. Bei dieſem einzigen Worte erwartete Anna von Oe⸗ ſterreich die Soldaten laufen, die Officiere ſich beeilen, die Brücken niederfallen, die Thore ſich öffnen, die Schwer⸗ ter hoch in der Luft ſchwingen zu ſehen. Nichts von allem Dem fand ſtatt. Die Schildwache zog ihr rechtes Bein gegen das linke zurück, kreuzte die Muskete vor den Ankommenden, und beſchränkte ſich darauf, mit lauter rſeer Stimme„Halt!“ zu rufen. 1 Der König erbleichte vor Zorn; Anna von Oeſterreich biß ſich die Lippen blutig; Mazarin murmelte einen in Frankreich durchaus nicht anſtändigen italieniſchen Fluch, den er ſich nie hatte abgewöhnen können: der Herr Marſchall de La Meilleraye hatte nur einen Blick für Ihre Majeſtäten, aber dieſer war beredt. „Ich liebe die Vorſichtsmaßregeln für meinen Dienſt,“ ſagte die Königin, bemüht, ſich ſelbſt zu belügen; denn trotz der ſcheinbaren Sicherheit ihres Geſichtes fing ſie an, in ihrem Innern unruhig zu werden. „Ich liebe die Achtung vor meiner Perſon,“ murmelte der König, ſeinen verdrießlichen Blick auf die unempfind⸗ liche Schildwache heftend. Indeſſen wurden die Worte:„Der König! der Kö⸗ nig!“ von der Schildwache mehr als Meldung, denn als Zeichen der Achtung ausgerufen, von verſchiedenen Stim⸗ men wiederholt und gelangten bis in das Innere der Fe⸗ ſtung. Man ſah nun oben auf dem Walle einen Mann erſcheinen, an den ſich die ganze Garniſon anſchloß. Dieſer Mann hob ſeinen Commandoſtab in die Höhe; ſogleich ſchlugen die Trommler den Marſch, die Soldaten des Fort präſentirten die Gewehre, und ein Kanonenſchuß erſcholl ernſt und feierlich. „Seht Ihr!“ ſagte die Königin,„ſie entſprechen ihrer Schuldigkeit; beſſer ſpät, als gar nicht. Vorwärts!“ 43 „Verzeiht, Madame,“ entgegnete der Marſchall de La Meilleraye,„aber ich ſehe durchaus nicht, daß ſie die Thore Kſden, und wir können nur hinein, wenn die Thore offen ſind.“ „Sie vergeſſen dies zu thun, in dem Erſtaunen und der Begeiſterung, worein ſie dieſer erhabene Beſuch, den ſie nicht erwarteten, verſetzt hat,“ erlaubte ſich ein Hoͤfling zu bemerken. „Man vergißt dergleichen Dinge nicht, mein Herr,“ erwiederte der Marſchall. Dann ſich gegen den König und die Königin umwen⸗ dend, fügte er bei: „Erlauben mir Ihre Majeſtäten, ihnen einen Rath zu geben?“ „Sprecht, Marſchall.“ „Ihre Majeſtäten ſollten ſich auf fünfhundert Schritte von hier mit Guitaut und ſeinen Garden zurückziehen, während ich mit den Musketieren und den Chevaurlegers den Platz recognosciren gehen würde.“ Die Koͤnigin antwortete nur: „Vorwärts! und wir werden ſehen, ob man uns den Durchgang zu verweigern wagt.“ Der junge König gab entzückt ſeinem Pferde die Sporen und befand ſich zwanzig Schritte voraus. Der Marſchall und Guitaut ſprengten ihm nach und holten ihn ein. „Man kommt hier nicht durch,“ ſagte die Schild⸗ wache, welche ihre feindliche Stellung nicht verlaſſen hatte. „Es iſt der König!“ riefen die Pagen. b„Zurück!“ ſchrie die Schildwache mit einer drohenden eberde. u gleicher Zeit ſah man über der Bruſtwehr die Hüte und Musketen der Soldaten erſcheinen, welche die erſte Verſchanzung bewachten. Ein lang anhaltendes Gemurmel empfing dieſe Worte und dieſe Erſcheinung. Herr de La Meilleraye ergriff das 44 Pferd des Königs am Zaume, ließ es umwenden und be⸗ fahl zugleich dem Kutſcher der Königin, ſich zurückzubege⸗ ben. Die zwei beleidigten Majeſtäten zogen ſich ungefaͤhr auf die Entfernung von tauſend Schritten von den erſten Schanzen zurück, während ſich ihr Gefolge wie eine Schaar von Voͤgeln nach dem Flintenſchuſſe des Jägers zer⸗ ſtreute. Der Marſchall de La Meilleraye ließ etwa fünfzig Mann zur Bewachung des Königs und der Königin zu⸗ rück, ſammelte den Reſt der Truppe und wandte ſich wie⸗ der nach den Verſchanzungen. Als er hundert Schritte von den Gräben entfernt war, blieb die Schildwache, welche ihren ruhigen, abge⸗ meſſenen Marſch wieder fortgeſetzt hatte, abermals ſtehen. „Nehmt einen Trompeter, ſteckt Euer Sacktuch an die Spitze Eures Degens, Guitaut,“ ſprach der Mar⸗ ſchall„und fordert den unverſchämten Gouverneur auf, ſich zu ergeben.“ Guitaut gehorchte, ſteckte die friedlichen Zeichen auf, welche in allen Ländern der Welt die Herolde beſchützen und rückte gegen die Verſchanzung vor. „Wer da?“ rief die Schildwache. „Parlamentär,“ antwortete Guitaut, ſeinen Degen und das Tuch, womit derſelbe verziert war, ſchwingend. „Laßt ihn kommen,“ ſagt derſelbe Mann, welchen man bereits auf dem Walle der Feſtung hatte erſcheinen ſehen; ohne Zweifel hatte ſich derſelbe durch einen bedeck⸗ ten Weg an dieſen Poſten begeben. Das Thor wurde geöffnet, eine Brücke ſenkte ſich nieder.. 1 „Was wollt Ihr?“ fragte ein Offizier, der an dem Thore wartete. 4“N dem Gouverneur ſprechen,“ antwortete Gui⸗ taut. „Hier bin ich,“ ſagte der Mann, welcher bereits 45 zweimal erſchienen war, einmal auf dem Walle der Fe⸗ ſtung, einmal an der Bruſtwehr der Verſchanzungen. Guitaut bemerkte, daß dieſer Mann ſehr bleich, aber ruhig und höͤflich war. „Ihr ſeid der Gouverneur von Vayres?“ fragte Guitaut. „Ja, mein Herr.“ „Und Ihr weigert Euch, das Thor Eurer Feſtung Seiner Majeſtät dem Koͤnig und der Königin Regentin zu öffnen?“ „Zu meinem Schmerze.“ „Und was verlangt Ihr?“ „Die Freiheit der Herren Prinzen, deren Gefangen⸗ ſchaft das Land verheert und zu Grunde richtet.“ „Seine Majeſtät unterhandelt nicht mit ihren Unter⸗ thanen.“ „Ach! das iſt uns bekannt, mein Herr; wir ſind auch bereit zu ſterben, im Bewußtſeiu, daß wir für den Dienſt des Koͤnigs den Tod empfangen, obgleich es den Anſchein hat, als führten wir Krieg gegen ihn.“ „Es iſt gut,“ ſagte Guitaut,„mehr wollten wir nicht wiſſen.“ Und er entfernte ſich, nachdem er auf eine ziemlich vornehme Weiſe den Gouverneur gegrüßt hatte, der äu⸗ ßerſt höflich dankte. Nichts rührte ſich in der Baſtei. Guitaut kehrte zu dem Marſchall zurück und meldete den Erfolg ſeiner Sendung. Der Marſchall rief, die Hand nach dem Dorfe Inon ausſtreckend: „Sogleich ſollen fünfzig Mann im Galopp in jenen Flecken reiten und auf der Stelle alle Leitern zurückbrin⸗ gen, die ſie daſelbſt finden.“ Fünfzig Mann ſprengten mit verhängten Zügeln fort, und da das Dorf nicht ſehr entfernt war, ſo befanden ſie ſich in einem Augenblick an Ort und Stelle, 46 „Nun ſteigt ab, meine Herren,“ ſagte der Marſchall: „die Hälfte von Euch wird, mit Musketen bewaffnet, den Sturm beſchützen; der Reſt erklettert die Leitern.“ Der Vorſchlag wurde mit Freudengeſchrei aufgenom⸗ men. Die Garden, die Musketiere und die Chevauxlegers ſtiegen raſch ab und hielten ihre Waffen in Bereitſchaft. Mittlerweile kamen die fünfzig Reiter mit etwa zwan⸗ zig Leitern zurück. Es war immer noch Alles ruhig in der Baſtei; die Schildwache ging auf und ab, und man ſah immer noch das Ende der Musketen und die Ecken der Hüte über die Gallerie emporragen. Die Haustruppen ſetzten ſich, von dem Marſchall ſelbſt commandirt, in Marſch; ſie beſtanden im Ganzen aus ungefähr vierhundert Mann, von denen ſich die eine Hälfte, wie es der Marſchall befohlen hatte, anſchickte, die Mauern zu erſteigen, die andere, den Sturm zu un⸗ terſtützen. Der König, die Königin und ihr Hof folgten von ferne mit Bangen den Bewegungen der kleinen Truppe. Die Königin ſelbſt ſchien ihre ganze Sicherheit verloren zu haben; um beſſer zu ſehen, hatte ſie ihren Wagen umdrehen laſſen, der nun eine ſeiner Seiten den Feſtungs⸗ werken bot. Kaum hatten die Angreifenden fünfzig Schritte ge⸗ macht, als ſich die Schildwache dem Rande des Walles näherte und mit einer Donnerſtimme:„Wer da!“ rief. „Antwortet nicht,“ ſagte Herr de La Meillleraye, „und vorwärts!“ „Wer da!“ rief zum zweiten Male die Schildwache, ihr Gewehr zurecht machend. „Wer da!“ wiederholte ſie zum dritten Male. Und ſie ſchlug an. „Feuer auf dieſen Burſchen!“ ſprach Herr de La Meillleraye. In demſelben Augenblick brach eine Salve von Mus⸗ ——A — 2 47 ketenſchuſſen aus den königlichen Reihen hervor; getroffen wankte die Schildwache, ließ ihre Muskete entſinken, welche in den Graben rollte, und ſtürzte mit dem Rufe:„Zu den Waffen!“ nieder. Ein einziger Kanonenſchuß erwiederte das Beginnen der Feindſeligkeiten. Die Kugel pfiff über die erſte Reihe hin, tauchte in die zweite und dritte, warf vier Soldaten nieder und riß zurückprallend einem von den Pferden am Wagen der Königin den Bauch auf. Ein langer Schrei des Schreckens ertoͤnte aus der Gruppe, welche Ihre Majeſtäten bewachte; der König wich zurück. Anna von Oeſterreich fiel beinahe vor Wuth und Mazarin vor Angſt in Ohnmacht. Man ſchnitt die Stränge des rodten Pferdes, ſo wie die der lebendigen Roſſe ab, welche ſich vor Schrecken bäumten und den Wagen zu zertrümmern drohten. Acht bis zehn Garden ſpannten ſich an denſelben an und zogen die Königin aus dem Bereiche der Kugeln. Während dieſer Zeit demasquirte der Gouverneur eine Batterie von ſechs Stücken. Als der Marſchall de La Meilleraye dieſe Batterie erblickte, welche in einigen Sekunden ſeine drei Compagnien aufzu⸗ reiben drohte, dachte er, es wäre unnütz, den Angriff weiter zu treiben, und befahl den Rückzug. In dem Augenblick, wo die Haustruppen den erſten Schritt rückwärts machten, verſchwanden die feindlichen Anſtalten von der Feſtung. Der Marſchall kehrte zu der Königin zurück und er⸗ ſuchte ſie irgend einen Punkt der Umgegend zu ihrem Hauptquartiere zu wählen. Die Königin gewahrte auf der andern Seite der Dordogne das kleine, vereinzelte, We den Bäumen verlorene, einem Schlößchen ähnliche aus. „Seht nach, wem jenes Haus gehört,“ ſagte ſie zu Guitaut,„und bittet um Gaſtfreundſchaft für mich.⸗ Guitaut entfernte ſich ſchleunigſt, ſetzte in der Fähre ——— — — 3 4 1 b 48 des Schiffers von Iſſon über den Fluß, kehrte bald zu⸗ rück und meldete, das Haus würde nur von einem In⸗ tendanten bewohnt; dieſer hätte geantwortet, dasſelbe gehörte Herrn von Epernon und ſtände Ihrer Majeſtät zu Dienſten. „Vorwärts alſo!“ ſprach die Königin;„aber wo iſt der König?“ Man rief nun den kleinen Ludwig XIV., der etwas bei Seit geritten war; er kehrte zurück und man ſah, obgleich er ſeine Thränen zu verbergen ſuchte, daß er geweint hatte. „Was habt Ihr denn, Sire?“ fragte die Koͤnigin. „Oh! nichts, Madame,“ antwortete das Kind:„ich werde hoffentlich eines Tags König ſein... und dann wehe denen, welche mich beleidigt haben.“ „Wie heißt der Gouverneur 2 fragte die Königin. Niemand konnte ihr antworten, Niemand wußte es. Man erkundigte ſich nun bei dem Fährmann, und dieſer nannte Richon. 3„Es iſt gut,“ ſagte die Königin,„ich werde mich dieſes Namens erinnern.“ „Und ich auch,“ ſprach der junge König. V. Ungefähr hundert Mann von den königlichen Haus⸗ truppen ſetzten mit Ihren Majeſtäten über die Dordogne; der Reſt blieb bei dem Marſchall de La Meilleraye, wel⸗ cher feſt entſchloſſen, Vayres zu belagern, die Armee erwartete. Kaum war die Köͤnigin in dem kleinen Hauſe ein⸗ daus⸗ agnez wel⸗ Ermee ein⸗ 49 quartiert, das ſie, in Folge des Aufwandes von Nanon, weit über ihre Hoffnung wohnbar fand, als Guitaut er⸗ ſchien, um ihr zu ſagen, ein Kapitän, der eine wichtige Angelegenheit verhandeln zu müſſen behaupte, erbitte ſich die Ehre einer Audienz. 4 „Wer iſt dieſer Kapitän?“ fragte die Königin. „Der Kapitän Cauvignac, Madame.“ „Gehoͤrt er zu meiner Armee?“ „Ich glaube nicht.“* „Erkundigt Euch, und gehoͤrt er nicht zu meiner Ar⸗ mee, ſo ſagt ihm, ich könne ihn nicht empfangen.“ „Ich bitte Euere Majeſtät um Vergebung, daß ich in dieſem Punkte nicht ihrer Anſicht bin,“ ſagte Mazarin, naber es ſcheint mir, daß ſie ihn gerade wenn er nicht von ihrem Heere wäre, empfangen müßte.“ „Warum?“ „Weil er, wenn er zu der Armee Euerer Majeſtät gehört und ſich von der Köͤnigin eine Audienz erbittet, nur ein getreuer Unterthan ſein kann, während er, wenn er im Ge⸗ gentheil zur feindlichen Armee gehört, möglicher Weiſe ein Verräther iſt. Die Verräther aber, Madame, ſind in die⸗ ſem Augenblick nicht zu verachten, in Betracht, daß fie ſehr nützlich ſein können.“ „Laßt ihn alſo eintreten, da dies die Anſicht des Herrn Cardinals iſt,“ ſprach die Königin. Der Kapitän wurde ſogleich eingeführt und erſchien mit ſo viel Ungezwungenheit und Leichtigkeit, daß die Köͤ⸗ nigin, gewohnt, auf diejenigen, welche ſich ihr näherten, einen entgegengeſetzten Eindruck hervorzubringen, ſehr dar⸗ über erſtaunte. Sie maß Cauvignac vom Kopf bis zu den Füßen; aber dieſer hielt den koͤniglichen Blick vortrefflich aus. „Wer ſeid Ihr, mein Herr? fragte die Königin. „Der Kapitän Cauvignac,“ antwortete der Eintretende. „In weſſen Dienſt ſeid Ihr?“ 4 Der Frauenkrieg. II. 4 50 „Im Dienſte Euerer Majeſtät, wenn ſie gnädigſt will.* „Ob ich will? allerdings. Gibt es übrigens einen andern Dienſt im Königreich? Sind wir zwei Koͤnigin⸗ nen in Frankreich?“ „Gewiß nicht, es gibt nur eine Königin in Frank⸗ reich und das iſt diejenige, welcher ich in dieſem Augen⸗ blick meine tiefſte Ehrfurcht zu Füßen zu legen das Glück habe; aber es gibt zwei Meinungen, wie es mir wenig⸗ ſtens ſo eben geſchienen hat.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte die Königin, die Stirne faltend. „Ich will damit ſagen, Madame, daß ich in der Gegend umherſpazierte und mich gerade auf einer An⸗ höhe befand, welche die ganze Landſchaft beherrſcht, die, wie Euere Majeſtät bemerken konnte, bewunderungswürdig ſchön iſt, als ich wahrzunehmen glaubte, daß Herr Richon dieſelbe nicht mit aller ihr ſchuldigen Achtung empfing; dies beſtätigte mir, was ich übrigens bereits vermuthet hatte, daß es in Frankreich zwei Meinungen gibt: die royaliſtiſche und eine andere, und daß Herr Richon zu die⸗ ſer andern gehört.“ Das Geſicht von Anna von Oeſterreich verdüſterte ſich immer mehr. „Ah! ihr glaubtet dies zu ſehen?“ ſagte ſie. „Ja, Madame,“ antwortete Cauvignae mit vollkom⸗ men naivem Tone.„Ich glaubte ſogar zu ſehen, daß ein Kanonenſchuß mit einer Kugel aus der Feſtung abgefeuert wurde, und daß dieſe Kugel die Carroſſe Euerer Majeſtät verletzte.“ „Genug, mein Herr... Habt Ihr Euch nur von mir Audienz erbeten, um Euere albernen Bemerkungen zu machen? „Ah! Du biſt unhöflich,“ ſagte Cauvignac in ſeinem Innern;„dann ſollſt Du theuerer bezahlen.“ „Nein, Madame, ich habe mir Audienz erbeten, um —,—— gſt den in⸗ nk⸗ en⸗ ück ig⸗ in, der Un⸗ die, dig don 93 het die ie⸗ ſich m⸗ ein ert tät von zu em um 54 Euch zu ſagen, daß Ihr eine ſehr große Königin ſeid, und daß meine Bewunderung für Euch ohne Gleichen iſt.“ „Ahl wirklich?“ verſetzte die Königin mit trockenem Tone. „In Betracht dieſer Größe und dieſer Bewunderung, welche eine natürliche Folge davon iſt, habe ich beſchloſſen, mich ganz und gar dem Dienſte Euerer Majeſtät zu weihen.“. „Ich danke,“ ſprach die Koͤnigin mit Ironie; dann ſich gegen ihren Kapitän der Garden umwendend: „Guitaut, man jage dieſen Schwätzer hinaus!“ „Um Vergebung, Madame,“ ſagte Cauvignac, nich werde gehen, ohne daß man mich hinausjagt, aber wenn ich gehe, bekommt Ihr Vayres nicht.“ Und Cauvignac verbeugte ſich anmuthig vor Ihrer Majeſtät und pirouettirte auf ſeinen Abſätzen. „Madame,“ ſagte Mazarin leiſe,„ich glaube, Ihr habt Unrecht, daß Ihr dieſen Menſchen fortſchickt.“ „Kehret um,“ rief die Königin,„und ſprecht; Ihr ſeid ein ſeltſamer Burſche und ſcheint mir beluſtigend.“ „Euere Majeſtät iſt ſehr gut,“ erwiederte Cauvignac ſich verbeugend. „Was ſpracht Ihr vorhin von Vayres?“ „Madame, ich ſagte, wenn Euere Majeſtät immer noch die Abſicht hätte, welche ich ſie dieſen Morgen kund⸗ geben zu ſehen glaubte, die Abſicht, in die Feſte Vayres zu gelangen, ſo würde ich mir eine Pflicht daraus machen, ſie dort einzuführen.“ „Wie dies 2 „Ich habe hundert und fünfzig Mann in Vayres welche mir bache he fünſzig ziahß „Cuch 7 „Ja, mir.“ „Nun?“ „Ich trete dieſe hundert und fünfzig Mann Euerer Anjeſädadene dieſe fünfzig Cuerer ☛ „Hernach?“ „Hernach 2 „Ja.“ „Hernach müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn ſich Euere Majeſtät mit dieſen hundert und fünfzig Por⸗ tiers nicht ein Thor öffnen laſſen könnte.“ Die Königin lächelte. „Der Burſche hat Witz,“ ſagte ſie. Cauvignac errieth ohne Zweifel vas Compliment, denn er verbeugte ſich zum zweiten Male. „Wie viel verlangt Ihr, mein Herr?“ fragte die Königin. „Ohl mein Gott, Madame, fünfhundert Livres für den Portier, das iſt die Gage, die ich den Meinigen gebe.“ „Ihr ſollt ſie haben.“ „Und für mich?“ „Ah! Ihr verlangt auch etwas für Euch.“ „Ich wäre ſtolz, wenn ich einen Grad von der Groß⸗ muth Euerer Majeſtät erhielte.“ „Welchen Grad verlangt Ihr?2 „Ich würde gern Gouverneur von Branne. Ich habe immer Gouverneur zu ſein gewünſcht.“ „Bewilligt.“ „Dann iſt die Sache, abgeſehen von einer kleinen Förmlichkeit, abgemacht.“ „Was für eine Förmlichkeit iſt dies?2“ „Beliebt Euerer Majeſtät dieſes Papierchen zu unter⸗ zeichnen, das ich zum Voraus entworfen habe, in der Hoff⸗ nung, meine Dienſte würden von meiner großmüthigen Fürſtin angenommen?⸗ „Was enthält dieſes Papier?“ „Leſet, Madame.“ Und anmuthig den Arm ausſtreckend und das Knie mit der ehrfurchtsvollſten Miene beugend, überreichte Cau⸗ vignac der Königin ein Papier. Die Königin las: en 53 „An dem Tage, an welchem ich ohne Schwertſtreich in Vayres einziehe, bezahle ich an den Herrn Kapitän Cau⸗ vignac die Summe von fünf und ſiebenzigtauſend Livres und mache ihn zum Gouverneur von Branne.“ „Alſo,“ ſprach die Königin mit gedrängtem Zorne, „alſo traut der Kapitän Cauvignae nicht genug unſerem königlichen Wort und will eine Schrift haben?“ „Madame, eine Schrift ſcheint mir immer das Beſte in wichtigen Angelegenheiten,“ erwiederte Cauvignac ſich verbeugend.„Verba volant, ſagt ein altes Sprüch⸗ wort, die Worte fliegen, und Euere Majeſtät wolle ent⸗ ſchuldigen: es iſt mir ſchon Manches fortgeflogen.“ „Unverſchämter!“ rief die Königin,„diesmal hinaus!“ „Euere Majeſtät, ich gehe, aber Ihr bekommt Vay⸗ res nicht.“ Das Manoeuvre wiederholend, das ihm bereits ein⸗ mal gelungen war, pirouettirte der Kapitän auch jetzt wieder auf ſeinen Abſätzen und ging nach der Thüre zu. Aber mehr aufgebracht, als das erſte Mal, rief ihn Anna von Oeſterreich nicht zurück. 8 Cauvignae ging hinaus. „Man verhafte dieſen Menſchen,“ rief die Königin. Guitaut machte eine Bewegung, um zu gehorchen. „Verzeiht, Madame,“ ſagte Mazarin,„aber ich glaube, Euere Majeſtät hätte Unrecht, wenn ſie ſich einer erſten Bewegung des Zornes überließe.“ „Und warum dies?“ fragte die Königin. „Weil ich befürchte, Ihr werdet dieſen Menſchen ſpä⸗ ter noͤthig haben, und wenn ihn Euere Majeſtät auf irgend eine Weiſe beläſtigt, ſo wird ſie dann gezwungen ſein, ihm das Doppelte zu bezahlen.“ „Gut,“ ſprach die Koͤnigin,„man wird ihm bezahlen, was man bezahlen muß; mittllerweile aber verliere man ihn nicht aus dem Blick.“. „Ohl das iſt etwas Anderes, und ich bin der Erſte, der dieſer Vorſichtsmaßregel vollkommen beipflichtet.“ 54 „Guitaut, ſeht, wohin er geht,“ ſagte die Koͤnigin. Guitaut entfernte ſich und kehrte nach einer halben Stunde zurück. „Nun,“ fragte Anna von Oeſterreich,„was iſt aus ihm geworden?“ „Oh!l Euere Majeſtät kann vollkommen ruhig ſein,“ antwortete Guitaut,„Euer Mann ſucht nicht im Gering⸗ ſten, ſich zu entfernen. Ich habe mich erkundigt; er wohnt drei hundert Schritte von hier, bei einem Wirthe Namens Biscarros.“ „Und dahin hat er ſich zurückgezogen 2⸗ „Nein, Madame, er hat ſich auf eine Anhöhe begeben und betrachtet von dort aus die Vorbereitungen, welche Herr de La Meilleraye trifft, um die Verſchanzungen zu überwältigen. Dieſes Schauſpiel ſcheint ihn ungemein zu intereſſiren.“ „Und das übrige Heer?“ „Es kommt und ſtellt ſich nach Maßgabe ſeines Ein⸗ treffens in Schlachtordnung auf.“ „Der Marſchall wird alſo ſogleich angreifen?“ „Madame, ich glaube, es wäre beſſer, wenn man den Truppen eine Nacht Ruhe ließe, ehe man einen Angriff wagte.“ „Eine Nacht Ruhe!“ rief Anna von Oeſterreich,„die königliche Armee ſoll einen Tag und eine Nacht vor einem ſolchen Neſte aufgehalten worden ſein! Unmöͤglich, Gui⸗ taut, ſagt dem Marſchall, er habe ſogleich anzugreifen. Der Koͤnig will dieſe Nacht in Vayres ſchlafen.“ „Aber, Madame,“ flüſterte ihr Mazarin zu,„mir ſcheint, dieſe Vorſicht des Marſchalls...“ „Mir ſcheint,“ ſprach Anna von Oeſterreich,„wenn das königliche Anſehen verletzt worden iſt, kann man nicht ſchnell genug Rache dafür nehmen. Geht, Guitaut, und ſagt Herrn de La Meilleraye, die Königin ſchaue auf ihn.“ Und mit einer majeſtätiſchen Geberde Guitaut ent⸗ 55⁵ laſſend, nahm die Königin ihren Sohn bei der Hand, ging ebenfalls hinaus und ſtieg, ohne ſich darum zu bekümmern, ob man ihr folgte, eine Treppe hinauf, welche auf eine Terraſſe führte. Dieſe Terraſſe, für welche man ſchmale Fernſichten mit der größten Kunſt gemacht hatte, beherrſchte die ganze Gegend. Die Königin warf einen raſchen Blick auf die Land⸗ ſchaft. Hundert Schritte hinter ihr zog ſich die Straße von Libourne hin, an der ſich das Haus unſeres Freundes Biscarros weiß hervorhob. Zu ihren Füßen floß die Gironde ruhig und majeſtätiſch, zu ihrer Rechten er⸗ hob ſich das Fort Vayres, ſchweigſam wie eine Ruine; rings um das Fort her breiteten ſich kreisförmig die neu errichteten Verſchanzungen aus. Einige Schildwachen gin⸗ gen auf der Gallerie auf und ab; fünf Kanonen ſtreckten durch die Schießſcharten ihren ehernen Hals und ihren gähnenden Schlund vor; zu ihrer Linken traf Herr de La Meilleraye Vorkehrungen zum Lagern. Das ganze Heer war eingetroffen, wie Guitaut geſagt hatte, und drängte ſich um ihn. Auf einer Anhöhe ſtand ein Mann und verfolgte auf⸗ merkſam mit ſeinen Blicken alle Bewegungen der Bela⸗ gernden und der Belagerten; dieſer Mann war Cauvignac. Guitaut ſetzte in der Fähre des Fiſchers von Iſſon über den Fluß. Die Koͤnigin ſtand auf der Terraſſe, unbeweglich, die Stirne gerunzelt, und an ihrer Hand den kleinen König haltend, der dieſes Schauſpiel mit einer gewiſſen Neu⸗ fiohoe betrachtete und von Zeit zu Zeit zu ſeiner Mutter agte: 3 „Madame, erlaubt doch, daß ich mein ſchones Schlacht⸗ roß beſteige, und laßt mich mit Herrn de La Meilleraye ziehen, der die Unverſchämten beſtrafen wird.“ Neben der Königin ſtand Mazarin, deſſen feines, ſpöttiſches Geſicht für den Augenblick den Charakter ern⸗ ſten Nachdenkens angenommen hatte, was nur bei großen Veranlaſſungen der Fall war, und hinter der Königin und dem Miniſter hatten ſich die Ehrendamen aufgeſtellt, welche, das Stillſchweigen von Anna von Oeſterreich nachahmend, kaum unter ſich ein paar haſtige Worte mit leiſer Stimme auszutauſchen wagten. Alles dies hatte von Anfang den Anſchein vollkomme⸗ ner Ruhe, aber man begriff, daß es die Ruhe der Mine war, welche ein Funke in Sturm und Zerſtörung verwan⸗ delt. Es war beſonders Guitaut, dem alle Blicke folgten, denn von ihm ſollte die Exploſion kommen, die man mit ſo verſchiedenartigen Gefühlen erwartete. Von Seiten des Heeres war die Erwartung ebenfalls groß, denn kaum hatte der Bote das linke Ufer der Dor⸗ dogne berührt, kaum hatte man ihn erkannt, als Aller Augen ſich nach ihm wandten. Sebald Herr de La Meille⸗ raye ihn erblickte, verließ er die Gruppe, in deren Mitte er ſich befand, und ging ihm entgegen. Guitaut und der Marſchall ſprachen einen Augenblick mit einander. Obgleich der Fluß an dieſer Stelle ziem⸗ lich breit und die Entfernung groß war, welche die kö⸗ nigliche Gruppe von den zwei Officieren trennte, ſo war ſie doch nicht groß genug, daß man nicht hätte den Ausdruck des Erſtaunens auf dem Geſichte des Marſchalls wahrnehmen können. Offenbar kam ihm der Befehl, den er erhielt, unzeitgemäß vor; er erhob auch einen Blick des Zweifels nach der Gruppe, in deren Mitte die Königin ſichtbar war. Aber Anna von Oeſterreich, die den Gedan⸗ ken des Marſchalls begriff, machte zugleich mit dem Kopfe und der Hand eine ſo gebieteriſche Geberde, daß der Mar⸗ ſchall, der ſeit langer Zeit ſeine herriſche Souverainin kannte, den Kopf als Zeichen, wenn nicht der Beipflichtung, doch des Gehorſams ſenkte, In demſelben Augenblick ſchwangen ſich auf einen Befehl des Marſchalls drei bis vier Kapitäne, welche bei 9 57 ihm den Dienſt verſahen, den nun unſere Adjutanten thun, in den Sattel und ſprengten in vollem Galopp in ver⸗ ſchiedenen Richtungen fort. Ueberall, wo ſie durchkamen, wurde die Lagerungs⸗ arbeit, die man ſo eben begonnen hatte, ſogleich unter⸗ brochen, und man ſah, wie bei dem Raſſeln der Trommeln und dem Lärm der Trompeten die rinen Soldaten das Stroh, das ſie trugen, die andern den Hammer fallen ließen, mit welchem ſie die Pfähle zu den Zelten einſchlu⸗ gen; Alle liefen zu den in Bünden aufgeſtellten Waffen, die Grenadiere ergriffen ihre Flinten, die einfachen Solda⸗ ten ihre Piken, die Kanoniere ihre Werkzeuge; es fand eine unerhörte Verwirrung ſtatt, veranlaßt durch das Kreuzen aller dieſer in entgegengeſetzter Richtung forteilen⸗ den Leute; dann lichteten ſich allmählig die Felder des ungeheuren Schachbrettes, die Ordnung folgte auf den Tumult, Jeder fand ſich unter ſeiner Fahne, die Grenadiere im Mittelpunkte, die Fußtruppen auf dem rechten Flügel, die Artillerie auf dem linken; die Trompeten und Trom⸗ meln ſchwiegen. Eine einzige Trommel machte ſich hinter den Ver⸗ ſchanzungen hörbar, dann ſchwieg ſie ebenfalls, und eine Grabesſtille ſchwebte über der Ebene. Nun erſcholl ein Commando, klar, beſtimmt und feſt. Die Königin konnte in der Entfernung, in der ſie ſtand, die Worte nicht hören, aber ſie ſah auf der Stelle die Truppen ſich in Colonnen formiren; ſie zog ihr Taſchentuch und ſchwang es in der Luft, während der junge König mit dem Fuße ſtampfte und mit fieberhafter Stimme: „Vorwärts! vorwärts!“ rief. Das Heer antwortete durch den einzigen Schrei:„Es lebe der König!“ Dann brach die Artillerie im Galopp auf, ſtellte ſich auf eine kleine Anhöhe, und beim Klange der Trommeln, welche das Zeichen zum ⸗Angriff gaben, ſetzten ſich die Colonnen in Bewegung. Es war keine regelmäßige Belagerung, ſondern nur 58 eine einfache Erſtürmung. Die in der Eile von Richon errichteten Verſchanzungen waren Wälle von Erde: man hatte alſo keine Laufgräben zu eröffnen, ſondern einen Sturm vorzunehmen. Es waren indeſſen alle Vorſichts⸗ maßregeln von dem Commandanten von Vayres genommen worden, und man ſah, daß er mit ungewöhnlicher Geſchick⸗ lichkeit alle Mittel, die ihm das Terrain bot, benützt hatte. 3 Ohne Zweifel hatte es ſich Richon ſelbſt zum Geſetz gemacht, nicht zuerſt zu ſchießen, denn auch dießmal er⸗ wartete er die Ausforderung des königlichen Heeres; nur ſah man wie bei dem erſten Angriffe die furchtbare Reihe der Musketen ſich ſenken, deren Feuer eine ſo große Verheerung unter den Haustruppen angerichtet hatte. Zu gleicher Zeit donnerten die ſechs in Batterie auf⸗ geſtellten Stücke, und die Erde der Bruſtwehren und die Paliſſaden, womit dieſe bekränzt waren, flogen auf. Die Antwort ließ nicht auf ſich warten: die Artil⸗ lerie der Verſchanzungen donnerte ebenfalls und grub tiefe Lücken in die Reihen der königlichen Armee; aber auf den Ruf der Führer verſchwanden dieſe blutigen Furchen; die Lefzen der einen Augenblick geoͤffneten Wunde ſchloſſen ſich wieder, die einen Moment erſchütterte Hauptcolonne ſetzte ſich abermals in Marſch. Nun war die Reihe an den Musketen, zu krachen und zu praſſeln, während die Kanonen wieder geladen wurden. Funf Minuten nachher antworteten ſich die zwei ent⸗ gegengeſetzten Geſchützſalben mit einem Schuſſe, zwei Stürmen ähnlich, welche mit einander kämpften, zwei Donnern ähnlich, die zu gleicher Zeit hallen. Da das Wetter ruhig war, da kein Hauch die Luft bewegte und der Rauch ſich über dem Schlachtfelde auf⸗ häufte, ſo verſchwanden bald die Belagerten und die Be⸗ lagerer in einer Wolke, welche in Zwiſchenräumen mit einem flammenden Blitze das Artilleriefeuer zerriß. 59 Von Zeit zu Zeit ſah man aus dieſer Wolke an den hinterſten Theilen des königlichen Heeres Menſchen hervorkommen, die ſich mühſam fortſchleppten und eine Blutſpur zurücklaſſend in verſchiedenen Entfernungen nie⸗ derſtürzten. Bald vermehrte ſich die Zahl der Verwundeten, der Lärm der Kanonen und des Kleingewehrfeuers währte fort; die königliche Artillerie ſchoß indeſſen nur noch auf den Zufall und zoͤgernd, denn unter dem dichten Rauche konnte ſie die Freunde nicht mehr von den Feinden un⸗ terſcheiden. * Die Artillerie der Feſtung aber ließ, da ſie nur Feinde vor ſich hatte, ihre Schüſſe furchtbarer und eiliger ferſchallen, als je. Endlich ſtellte die königliche Artillerie ihr Feuer ganz ein; offenbar lief man Sturm und kämpfte Leib an Leib. Es trat auf Seiten der Zuſchauer ein Augenblick der Bangigkeit ein, während deſſen der Rauch, der nicht mehr von dem Feuer der Musketen und des groben Geſchützes unterhalten wurde, langſam auſſtieg. Man ſah nun, wie die königliche Armee in Unordnung zurückgetrieben wurde und den Fuß der Wälle mit Todten beſtreut verließ. Eine Art von Breſche war gemacht; einige ausgeriſſene Paliſ⸗ ſaden ließen eine Oeffnung erſcheinen, aber dieſe Oeffnung war mit Männern, Piken und Musketen beſetzt; und mit⸗ ten aus dieſen Männern ragte mit Blut bedeckt, und den⸗ noch ruhig und kalt, als ob er als Zuſchauer der Tra⸗ gödie beiwohnte, in welcher er ſo eben eine ſo furchtbare Rolle geſpielt hatte, Nichon hervor, eine Art in der Hand haltend, welche durch die Streiche, die er geführt hatte, abgeſtumpft war. „Ein Zauber ſchien dieſen Mann zu beſchützen, der beſtändig mitten im Feuer, immer in der erſten Reihe, unabläßig hochaufgerichtet und entblößt ſtand; keine Kugel hatte ihn erreicht, keine Pike hatte ihn berührt; er war eben ſo unverwundbar als unempfindlich. 60 Dreimal führte der Marſchall de La Meilleraye die königlichen Truppen in Perſon zum Sturme zurück; dreimal wurden die königlichen Truppen unter den Augen des Königs und der Königin zurückgeſchlagen. Stille Thränen floſſen über die bleichen Wangen des Königs. Anna von Oeſterreich ballte die Fäuſte und mur⸗ melte:„Oh! dieſer Menſch, dieſer Menſch! Wenn er je in meine Hände fällt, werde ich an ihm ein furchtbares Beiſpiel geben.“ Zum Glück brach die Nacht raſch und düſter herein; es war wie ein Schleier, der ſich über die königliche Röthe ausbreitete. Der Marſchall de La Meilleraye ließ zum Rückzug blaſen. Cauvignac verließ ſeinen Poſten, ſtieg von der An⸗ höͤhe herab, auf der er ſich aufgehalten hatte, und wandelte die Hände in ſeinen Hoſentaſchen über den Wiesgrund nach dem Hauſe des Meiſter Biscarros. „Madame,“ ſagte Mazarin, mit dem Finger auf Cauvignac deutend,„dort iſt ein Mann, der Euch um ein wenig Gold alles Blut erſpart hätte, das wir ver⸗ goſſen haben.“ „Bah!“ erwiederte die Königin, hiſt dies der Rath eines ſparſamen Mannes, wie Ihr ſeid?“ „Madame, es iſt wahr, ich kenne den Werth des Goldes, aber ich kenne auch den Werth des Blutes, und in dieſem Augenblick iſt das Blut für uns theurer, als das Gold.“ „Seid unbeſorgt, das vergoſſene Blut wird gerächt werden. Comminges,“ fügte die Königin, ſich an den Lieutenant ihrer Garden wendend bei,„ſucht Herrn de La Meilleraye auf und bringt ihn mir.“ „und Ihr, Bernouin,“ ſprach der Cardinal, indem er ſeinem Kammerdiener Cauvignac zeigte, der nur noch ein paar Schritte von dem Gaſthauſe zum Goldenen Kalb entfernt war,„Ihr ſeht wohl jenen Menſchen?20 „Ja, Monſeigneur.“ ⏑B8ᷣg* 8 8 N—A — 61 Wohl, holt ihn in meinem Auftrage und führt ihn in dieſer Nacht insgeheim in mein Zimmer. Am Tage nach ihrer Zuſammenkunft mit ihrem Ge⸗ liebten in der Carmeliterkirche begab ſich Frau von Cam⸗ bes zu der Prinzeſſin, in der Abſicht, das Verſprechen zu erfüllen, das ſie Canolles geleiſtet hatte. Die ganze Stadt war in Bewegung; man hatte die Ankunſt des Königs vor Vayres und zugleich mit dieſer Ankunft die wunderbare Vertheidigung von Richon gemel⸗ det, dem es gelungen war, mit fünfhundert Mann drei⸗ mal die zwölftauſend Mann ſtarke königliche Armee zu⸗ rückzuſchlagen. Die Frau Prinzeſſin hatte die Kunde un⸗ ter den Erſten vernommen und in ihrem Entzücken mit den Händen klatſchend ausgerufen: „Ohl daß ich nicht hundert Kapitäne wie meinen braven Richon habe.“ Frrau von Cambes ſtimmte in die allgemeine Be⸗ wunderung ein, denn ſie fühlte ſich doppelt glücklich, da ſie laut dem Benehmen eines Mannes, den ſie ſchätzte, Beifall zollen, und zugleich Gelegenheit finden konnte, zu günſtiger Zeit eine Bitte anzubringen, deren Erfolg die Verkündigung eines Unglücks gefährdet hätte, während im Gegentheil der glückliche Erfolg durch die Ankündigung eines Sieges beinahe geſichert war. Aber mitten in ihrer Freude hatte die Prinzeſſin doch zu große Geſchäfte, als daß Claire ihr Geſuch vorzutra⸗ gen gewagt hätte. Man mußte Richon eine Verſtärkung an Mannſchaft zukommen laſſen, deren Nothwendigkeit für ihn man wohl einſah, in Betracht, daß die Verbin⸗ dung des Heeres von Herrn von Epernon mit dem könig⸗ lichen Heere nahe bevorſtand. Man organiſirte den Ent⸗ ſatz, den man Richon ſchicken wollte, im Rathe. Als Claire ſah, daß die politiſchen Angelegenheiten für den Augenblick den Vorrang vor den Herzensangelegenheiten hatten, zog ſie ſich in ihren Charakter als Staatsräthin 62 zuruck, und es war an dieſem Tage nicht mehr von Ca⸗ nolles die Rede. 7 Ein ſehr kurzes, aber ſehr zärtliches Wort meldete dem theuren Gefangenen dieſe Zoͤgerung. Die neue Friſt war ihm minder grauſam, als man glauben dürfte; es liegen in der Erwartung eines glücklichen Ereigniſſes bei⸗ nahe eben ſo viele ſüße Empfindungen, als in dem Er⸗ eigniß ſelbſt. Canolles hatte zu viel Liebeszartgefühl im Herzen, um ſich nicht in dem zu gefallen, was er das Vorgemach des Glückes nannte. Claire bat ihn, mit Ge⸗ duld zu warten; er wartete beinahe mit Freude. Am andern Tage war der Entſatz organiſirt; um eilf Uhr Morgens brach er auf, um den Fluß hinauf zu fahren, da jedoch Wind und Strömung conträr waren, ſo berechnete man, daß er, wie ſehr er ſich auch beeilte, da er nun mit dem Ruder vorrückte, erſt am nächſtfol⸗ genden Tage ankommen könnte. Der Kapitän Ravailly, der die Erpedition befehligte, war beauftragt, zu gleicher Zeit die Citadelle Branne zu recognosciren; dieſe gehörte der Königin an und das Gouvernement war, wie man wußte, erledigt. 3 Der Morgen ging für die Prinzeſſin in Ueberwachung der Vorkehrungen und Einzelheiten beim Einſchiffen hin. Der Nachmittag ſollte einem großen Rathe gewidmet werden, welcher zum Zwecke hatte, ſich, wenn es möͤglich wäre, der Verbindung des Herzogs von Epernon und des Marſchalls de La Meilleraye zu widerſetzen, oder wenig⸗ ſtens dieſe Verbindung bis zu dem Augenblick zu verzö⸗ gern, wo der Richon zugeſchickte Entſatz in der Citadelle eingetroffen wäre. Claire mußte alſo abermals bis zum andern Tage warten; aber gegen vier Uhr hatte ſie Gelegenheit, Ca⸗ nolles, der unter ihren Fenſtern vorüberging, ein ſo an⸗ muthiges Zeichen zu machen, dieſes Zeichen war ſo voll Bedauern und Liebe, daß Canolles ſich beinahe glücklich fühlte, zum Warten genöthigt zu werden. A;— N&☛— K KN&ᷣ— Rh 8Q» V 63 Am Abend jedoch, um ſicher zu ſein, daß die Zoͤ⸗ gerung ſich nicht noch länger ausdehnen würde, und um ſich gleichſam ſelbſt zu zwingen, der Prinzeſſin das Ge⸗ ſtändniß zu machen, das ihr einige Unruhe bereitete, erbat ſich Claire auf den andern Tag eine Privataudienz von Frau von Condé, die ihr, wie ſich denken läßt, ohne Wi⸗ derſpruch bewilligt wurde. Zur beſtimmten Stunde erſchien Claire bei der Prin⸗ zeſſin, von der ſie mit ihrem reizendſten Lächeln em⸗ pfangen wurde; ſie war gemäß der Bitte von Frau Cam⸗ bes allein. „Nun, Kleine,“ ſprach die Prinzeſſin,„was gibt es denn ſo Ernſtes, daß Du Dir eine geheime Privataudienz von mir erbitteſt, während Du weißt, daß ich meinen Freunden zu jeder Stunde des Tages zur Verfügung ſtehe?“ „Madame,“ antwortete die Vicomteſſe,„inmitten des Eurer Hoheit gebührenden Glückes bitte ich Euch, ganz beſonders die Augen auf Eure getreue Dienerin zu werfen, welche auch ein wenig Glück nöthig hat.“ „Mit dem groͤßten Vergnügen, meine gute Claire, nie wird das Glück, das Gott Dir ſchickt, dem gleich kommen, das ich Dir wünſche. Sprich alſo, welche Gnade wünſcheſt Du? Liegt ſie in meiner Macht, ſo zähle im Voraus darauf, daß ſie bewilligt wird.“ .„Wittwe, frei, und zu frei, denn dieſe Freiheit iſt mir drückender, als mir die Sklaverei wäre,“ antwortete Claire, „wünſchte ich meine Vereinzelung mit einer beſſeren Lage zu vertauſchen.“ „„Das heißt: Du willſt Dich verheirathen, nicht wahr Kleine?“ fragte die Prinzeſſin lachend. „Ich glaube, ja, Madame,“ antwortete Claire er⸗ röthend. „Wohl, es ſei, das iſt unſere Sache.“ Claire machte eine Bewegung.„Sei unbeſorgt, wir werden Deinen Stolz im Auge haben; Du brauchſt einen Herzog, einen 64 Pair, Bicomteſſe. Ich werde Dir das unter unſeren Ge⸗ treuen ausſuchen.“ „Euere Hoheit nimmt ſich zu viel Mühe,“ verſetzte Frau von Cambes,„und es war durchaus uns nicht meine Abſicht, ihr eine ſolche Beſchwerde zu verurſachen.“ „Ja, aber ich will dieſe übernehmen, denn ich muß Dir in Glück zurückbezahlen, was Du mir an Anhänglichkeit gegeben haſt; doch, nicht wahr, Du wirſt das Ende dieſes Krieges abwarten? 20 „Ich werde ſo wenig als möglich warten,“ erwiederte Claire lächelnd. „Du ſprichſt, als ob Deine Wahl bereits getroffen wäre, als ob Du den Gatten, den Du von mir verlangſt, unter der Hand hätteſt?“ „Die Sache verhält ſich wirklich ſo, wie Euere Ho⸗ heit ſagt.“ „In der That! und wer iſt der Tlickliche Sterbliche? Sprich, fürchte Dich nicht.“ „Ohl Madame, entſchuldigt mich, ich weiß nicht wa⸗ rum, aber ich zittere am ganzen Leibe.“ 3 Die Prinzeſſin lächelte, nahm Claire bei der Hand, zog ſie an ſich und ſagte:„Gutes Kind!“ Dann ſchaute ſie die Vicomteſſe mit einem Ausdruck an, der ihre Verlegen⸗ heit verdoppelte, und fragte:„Kenne ich ihn?⸗ „Ich glaube, Euere Hoheit hat ihn mehrere Male geſehen.“ „Es bedarf nicht der Frage, ob er jung iſt?“ „Acht und zwanzig Jahre.“ „Ob er von Adel iſt?“ „Er iſt ein guter Edelmann.“ „Ob er brav iſt?“ „Sein Ruf iſt gegründet.“ „Ob er reich iſt?“ „Ich bin es.“ „Ja, Kleine, ja, und wir haben es nicht vergeſſen. Du beſitzeſt eine der groͤßten Grundherrſchaften unter en⸗ ale en. ter 65 unſern Anhängern, und wir erinnern uns mit Freuden, daß in dem Krieg, den wir führen, die Louisd'or von Herrn von Cambes und die ſchweren Thaler Deiner Bauern uns mehr als ein Mal der Verlegenheit entzogen haben.“ „Cure Hoheit erweiſt mir große Ehre, indem ſie mich daran erinnert, wie ſehr ich ihr ergeben bin.“ „Gut. Wir werden aus ihm einen Oberſten un⸗ ſeres Heeres machen, wenn er nur Kapitän, einen Re⸗ giments⸗Chef, wenn er nur Oberſter iſt; denn ich ſetze voraus, er iſt getreu?“ „Er war bei Lens, Madame,“ antwortete Claire mit aller Gewandtheit, die ſie ſeit einiger Zeit aus ihren di⸗ plomatiſchen Studien geſchöpft hatte. „Vortrefflich! Nun brauche ich nur noch Eines zu wiſſen?“ fügte die Prinzeſſin bei. „Was, Madame?“ „Den Namen des Gliücklichen, der bereits Dein Herz beſitzt und bald auch die Perſon der ſchönſten Streiterin meines Heeres beſitzen wird.“ n ihre letzten Verſchanzungen gedrängt, faßte Claire ihren ganzen Muth zuſammen, um den Namen des Baron von Canolles auszuſprechen, als ploͤtzlich der Galopp eines Pferdes im Hofe erſcholl, worauf das dumpfe Geräuſch folgte, das wichtige Nachrichten zu begleiten pflegt. Die Prinzeſſin hörte den doppelten Lärmen und lief an das Fenſter. Der Bote ſprang, mit Schweiß und Staub be⸗ deckt, vom Pferde und ſchien umgeben von vier bis fünf Perſonen, die ſeine Erſcheinung herbeigezogen hatte, ein⸗ zelne Umſtände mitzutheilen, welche, wie ſie aus ſeinem Munde hervor kamen, die Zuhörer immer mehr in Beſtür⸗ zung verſetzten. Die Prinzeſſin vermochte ihre Neugierde nicht mehr länger zu bewaltigen, öffnete das Fenſter und rief: „Laßt ihn herauf kommen!“ „Der Bote ſchaute empor, erkannte die Prinzeſſin und ſtürzte nach der Treppe. Fünf Minuten nachher Der Frauenkrieg. Iu. 5 t ganz mit Koth ordnung, in das Zimmer ſchnürter Stimme: „Verz zeiht, erſcheine! Aber rich ten, welche d ertrümmern: Die einz Fünf ubis dige dengnd d ſie blichen ſt umm vor 1 di war niemand 2 es, derholt, was Ihr ſoeben geſagt habt; es bhn mh Mühre, Euch zu glauben.“ „Ich Miedenh hole, mei rr; Vayres hat capitulirtz“ „„wie „Capi Prinzeſſin;„und der Ent⸗ ſatz, den⸗ „Iſt z kommen, Madame. Richon ergab ſich in dem Augenblick wo wir ankamen.“ „Richon ergab ſich,“ rief die Prinzeſſin,„der Feige!“ Bei dieſem Ausruf durchl lief ein Schauer die Adern aller Anweſenden, es blieben jedoch Alle ſtumm, mit Aus⸗ nahme von Lenet. „Madame,“ ſagte er mit ſtrengem Tone und ohne Schonung für den Stolz von Frau von Condé,„vergeßt nicht, daß die Ehre der Menſchen in dem Worte der Fürſten liegt, wie ihr d eben in dder and Gottes. Nennt den Bravſten E; es werden Euch ſonſt morgen die Tr 1, wenn ſie ſehen, wie Ihr ihres Gleichen behandelt, und Ihr werdet allein, ver⸗ flucht und verloren bleiben.“ 3 „Mein Herr!“ rief die Prinzeſſin. 67 „Madame,“ ſprach Lenet,„ich wiederhole Euerer Ho⸗ heit, Richon iſi kein Feiger; ich ſtehe für ihn mit Leib und Seele, hat er capitulirt, ſo konnte er es ſicherlich nicht anders machen.“ Bleich vor Zorn, war die Prinzeſſin im Begriff, Lenet eine von den ariſtokratiſchen Ausſchweifungen zuzuſchleu⸗ dern, in denen ſie den geſunden Verſtand hinreichend durch den Stolz zu erſetzen glaubte; aber bei dem Anblick aller der Geſichter, die ſich von ihr abwandten, aller der Augen, welche die ihrigen flohen, bei dem Anblick von Lenet mit der erhabenen Stirne, von Ravailly mit dem geſenk⸗ ten Haupte begriff ſie, daß ſie wirklich verloren wären, wenn ſie bei dieſem unſeligen Syſteme beharrte. Sie rief daher ihren gewöhnlichen Beweisgrund zu Hülfe und ſprach: „Ich unglückliche Fürſtin, Alles verläßt mich, Glück und Menſchen! Ah, mein Kind, mein armes Kind, Du biſt verloren, wie Dein Vater!⸗ Dieſer Schrei der Frauenſchwäche, dieſer Ausbruch des mütterlichen Schmerzes findet immer ein Echo in den Herzen. Die Komoͤdie, welche der Prinzeſſin ſchon ſo oft gelungen war, brachte auch diesmal ihre Wirkung hervor. Während dieſer Zeit ließ ſich Lenet Alles mittheilen, was Ravailly über die Capitulation von Vayres hatte in Erfahrung bringen können. „ Ahl ich wußte es wohl,“ rief er nach einem Au⸗ genblick. „Was wußtet Ihr?“ fragte die Prinzeſſin. „Daß Richon kein Feiger war, Madame.“ „Und wie wißt Ihr das?“ „Weil er zwei Tage und zwei Nächte ausgehalten hat; weil er ſich unter den Trümmern ſeines von Kugeln durch⸗ löcherten Fort begraben haben würde, hätte ſich nicht, wie es ſcheint, eine Compagnie von Rekruten empört und ihn zur Capitulation gezwungen.“ 68 „Mein Herr, er mußte eher ſterben, als ſich ergeben,“e ſagte die Prinzeſſin. „Ei, Madame, ſtirbt man, wenn man will?“ entgeg⸗ nete Lenet.„Aber er iſt wenigſtens mit Gewährſchaft ge⸗ fangen?“ fügte er ſich an Ravailly wendend bei. „Ich fuͤrchte, ohne Gewährſchaſt,“ antwortete Ra⸗ vailly.„Man ſagte mir, ein Lieutenant der Garniſon⸗ habe unterhandelt, und ſo könnte wohl ein Verrath dahin⸗ ter ſtecken, und Richon dürfte, ſtatt ſeine Bedingungen ge⸗ macht zu haben, ausgeliefert worden ſein.“ „Ja, ja,“ rief Lenet,„verrathen, ausgeliefert, ſo iſt es; ich kenne Richon und weiß, daß er nicht nur keiner Feigheit, ſondern ſogar keiner Schwäche fähig iſt. Oh? Madame,“ fuhr Lenet ſich an die Prinzeſſin wendend fort, „verrathen, ausgeliefert, hört ihr? Raſch, raſch, beſchäf⸗ tigen wir uns nur mit ihm. Ein Verrath mit einem Lieutenant gemacht, ſagt Ihr, Herr Ravailly? Ein großes Unglück ſchwebt über dem Haupte des armen Richon. Schreibt ſchnell, Madame, ſchreibt, ich bitte Euch.“ „Ich!“ entgegnete mit ſcharfem Tone die Prinzeſſin, „ich! was ſoll ich ſchreiben? und warum 2 „Um ihn zu retten, Madame.“ „Bah! wenn man eine Feſtung übergibt, nimmt man ſeine Vorſichtsmaßregeln.“ „Aber hört Ihr denn nicht, daß er ſie nicht übergeben hat, Madame? hört Ihr nicht, daß der Kapitän ſagt, er ſei verrathen, vielleicht verkauft worden? daß ein Lieute⸗ nant und nicht er unterhandelt hat?“⸗ „Was wird man denn Euerem Richon thun?“ „Was man ihm thun wird? Ihr vergeßt, Madame, mit welcher Liſt er nach Vayres gekommen iſt? daß wir ein Blanquett von Herrn von Epernon benützt haben? daß er gegen eine von dem König und der Königin in Perſon befehligte Armee Stand gehalten hat? daß Richon zuerſt die Fahne des Aufruhrs erhob? daß man an ihm ein Beiſpiel geben wird? Ohl Madame, im Namen des —— 69 Himmels, ſchreibt an Herrn de La⸗ Meilleraye; ſchickt einen Boten, einen Parlamentär ab.“. „Und welchen Auftrag werden wir dieſem Boten, die⸗ ſem Parlamentär geben?“ „Den Auftrag, um jeden Preis den Tod eines braven Kapitäns zu verhindern; denn wenn Ihr Euch nicht beeilt, ... ohl ich kenne die Koͤnigin, Madame, vielleicht wird Euer Bote zu ſpät kommen.“ „Zu ſpät!“ entgegnete die Prinzeſſin.„Haben wir keine Geißeln? Haben wir nicht in Chantilly in Montron und ſo⸗ gar hier gefangene Officiere des Königs?“ Claire ſtand erſchrocken auf und rief: „Ah! Madame! Madame! thut, was Herr Lenet ſagt; die Repreſſalien werden Herrn Richon nicht die Frei⸗ heit geben.“ „Es handelt ſich nicht um die Freiheit, es han⸗ deſ ſich um das Leben,“ ſprach Lenet mit düſterer Beharr⸗ ichkeit. „Wohl,“ ſagte die Prinzeſſin,„was ſie thun werden, wird man ebenfalls thun; das Gefängniß für das Gefängniß, das Schaffot für das Schaffot.“ Claire ſtieß einen Schrei aus, fiel auf die Knie und rief: „Ach! Madame, Herr Richon iſt einer meiner Freunde. Ich kam, um Euch um eine Gnade zu bitten, und Ihr habt mir dieſelbe zu bewilligen verſprochen. Wohl, ich flehe Euch an, Euer ganzes Anſehen zu gebrauchen, um Herrn Richon zu retten.“ Die Vicomteſſe lag auf den Knieen. Die Prinzeſſin ergriff dieſe Gelegenheit, um den Bitten von Claire zu be⸗ willigen, was ſie den etwas rauhen Rathſchlägen von Le⸗ net verſagte. Sie ging an einen Tiſch, nahm eine Feder, und ſchrieb an Herrn de La Meilleraye, um ſich von ihm die Auswechſelung von Richon gegen einen von den Officieren, die ſie gefangen hielt, nach der Wahl der Königin zu er⸗ bitten. Als dieſer Brief geſchrieben war, ſuchte ſie mit den Augen den Boten, den ſie abſchicken ſollte. Da erbot ſich Ravailly, obgleich noch leidend an ſeiner aſten Wunde, obgleich beinahe gelähmt d durch die neue Anſtrengung, un⸗ ter der einzige. u Bedingung, daß man ihm ein friſches Pferd gebe. Die Prinz eſſin bevollmächtigte ihn, aus ihren Ställen eines nach ſeinem Belieben zu nehmen, und Kapitän ei le fort, angeſtachelt durch das Geſchrei Menge, durch die Ermahnungen von Lenet und das Fle von Claire. Einen Augenblick nachher hörte man den Lärmen des verſammelten Volkes, dem Ravailly ſeine Sendung erk laͤrt hatte; es ſchrie in ſeiner Freude aus vollem Halſe: „Die Frau Prinzeſſin! Der Herr Herzog von En⸗ ghien!“ Müde dieſer täglichen Erſcheinungen, welche viel mehr Befehl een als Huldigungen glichen, wollte es die Prinzeſſi einen Augenblick verſuchen, ſich dem Ve erlnageß des Volkes zu entziehen, aber es wurde, wie dies unter ſolchen Umſtänden teſchieht, hartnäckig, und das Geſchrei artett bald in ein Gebrülle aus. „Wohlan! 37 ſagte die Pri inzeſſin Hand nehmend,„wohlan! wir S gehorchen.“ Und ihr Antlitz einem fr en Lächeln be⸗ waffnend, erſchien ſie auf dem Balcon und begrüßte das Volk, deſſen Skiavin und Königin ſie zugleich war. in 1 hen Sohn an der In dem Auge inzefſit unter dem enthuſtaſtiſchen Beifallsgeſ auf dem Pale con zeigte, hörte man Pplöelich i in d der Ferne den Lär me mur⸗ 74 3 ber in.„A inzeſſi en eſſ 41 9 ver i die vernah v — n 8 3, un ieß 72 „Branne! der Gouverneur von Branne! der Gouver⸗ neur gefangen!“ „Ah! ah!“ ſagte Lenet,„der Gouverneur von Branne gefangen? Das iſt gar nicht ſo ſchlimm. Es gibt uns einen Geißel, der uns für Richon haftet.“ „Hatten wir nicht bereits den Gouverneur der Inſel Saint⸗George?“ entgegnete die Prinzeſſin. „Es macht mich ſehr glücklich, daß der von mir be⸗ antragte Plan zum Behuf der Einnahme von Branne ſo gut gelungen iſt,“ ſprach Frau von Tourville. „Madame,“ ſagte Lenet,„wir wollen uns noch nicht mit einem ſo vollſtändigen Siege ſchmeicheln; der Zufall treibt ſein Spiel mit den Plänen des Mannes und zuwei⸗ len ſogar mit den Plänen der Frau.“ „Mein Herr,“ erwiederte Frau von Tourville, ſich mit ihrer gewoͤhnlichen Bitterkeit zurückwerfend,„wenn der Gouverneur gefangen iſt, ſo muß auch die Feſtung genom⸗ men ſein.“ „Was Ihr da ſagt, Madame, iſt nicht vöoͤllig logiſch; aber ſeid unbeſorgt, haben wir Euch dieſen doppelten Er⸗ folg zu verdanken, ſo bin ich wie immer der Erſte, der Euch ſeine Glückwünſche darbringt.“ „Bei allem Dem ſtaune ich nur,“ ſprach die Prinzeſſin, welche bereits an dem glüͤcklichen Ereigniſſe, das ſie erwar⸗ tete, eine für den ariſtokratiſchen, den Grund ihres Charak⸗ ters bildenden, Stolz verletzende Seite ſuchte,...„ich muß nur ſtaunen, daß ich nicht zuerſt von dem, was vorgeht, unterrichtet werde; das iſt eine unverzeihliche Unſchicklich⸗ keit, wie ſie der Herr Herzog von Larochefoucault immer begeht.“ „Ei! Madame,“ ſagte Lenet,„es fehlt uns an Sol⸗ daten zum Streiten, und Ihr wollt noch, daß wir ſie von ihren Poſten entfernen, um ſie zu Boten zu machen! Ach! verlangen wir nicht zu viel, und wenn uns eine gute Kunde zukommt, ſo nehmen wir ſie ſo, wie ſie uns Gott ſchickt, und fragen wir nicht, wie wir ſie erhalten haben.) Mittlerweile wuchs die Menge immer mehr an, denn die einzelnen Gruppen verbanden ſich mit der Hauptgruppe, wie ſich die Bäche mit einem Fluſſe vermiſchen. Unter dieſer Hauptgruppe, welche aus etwa tauſend Menſchen beſtehen mochte, erſchien ein kleiner, ungefähr dreißig Mann ſtarker, Kern von Soldaten, und mitten unter dieſen dreißig Mann ein Gefangener, den die Soldaten gegen die Wuth des Volkes zu beſchützen ſchienen. „Tod! Tod!“ ſchrie das Volk,„Tod dem Gouverneur von Branne!“ „Ah! ah!“ ſagte die Prinzeſſin mit triumphirendem Lächeln,„es ſcheint offenbar, ſie bringen einen Gefangenen, und dieſer Gefangene iſt der Gouverneur von Branne.“ „Ja,“ verſetzte Lenet;„aber ſeht, Madame, es ſcheint auch, der Gefangene läuft Gefahr, umgebracht zu wer⸗ den. Hoͤrt Ihr die Drohungen, ſeht Ihr die wüthenden Geberden? Madame, ſie werden die Soldaten überwältigen, ſie werden ihn in Stücke zerreißen. Ohl die Tiger, ſie riechen Fleiſch und moͤchten gern Blut ſaufen.“ „Sie mögen ſaufen!“ rief die Prinzeſſin mit der den Weibern, wenn ihre ſchlimmen Leidenſchaften aufgeregt ſind, eigenthümlichen Wildheit,„ſie mögen ſaufen, es iſt das Blut eines Feindes.“ „Madame,“ entgegnete Lenet,„bedenkt wohl, dieſer Feind ſteht unter dem Schutze der Ehre von Condé; und überdies, wer ſagt Euch, daß in dieſem Augenblick Richon, unſer braver Richon, nicht derſelben Gefahr preisgegeben iſt, wie dieſer Unglückliche? Ahl ſie ſind auf dem Punkte, die Soldaten zu überwältigen; wenn ſie ihn berühren, iſt er verloren. Holla! zwanzig Mann,“ rief Lenet, ſich um⸗ wendend,„zwanzig bereitwillige Leute, um den Soldaten dieſe ganze Canaille zurücktreiben zu helfen. Wenn ein Haar von dem Haupte des Gefangenen fällt, ſeid Ihr mir mit dem Eurigen dafür verantwortlich.“ Bei dieſen Worten ſtürzten zwanzig Musketiere von der Burgergarde, den beſten Familien von Bordeaur an⸗ e Menge mit Kol orte; Armee, obald aufſpeiſen. 4 Und er zuckt e e „Ah! die, wiell:icht etw nahm, und lwiehe keine Furcht. Es lebe „Meiner Treue, ja,“ Gouverneur von 2 wenn er leben kü de bald in kräftigen Huldigung, auf da unſern Freund Denn es war haben, Cauvignac, der Gouverneur von Bra Hauf ptſtadt der Guien So beſchützt Geiſtesgegenwart, des Präftdenten und während von der an zeſſin ge führt. Erarae trat ſtolz Wohnung von Frau von Condé ein; e zu leugnen, daß ihm Herz unter walt tig ſchlug. heldenmüthigen Anſchein ge⸗ „ mein Herr, C*ℳ Verratl ief unt erzeie chnet? Von Herrn von G ) Verraih doß ſagle 1 55 1 Compag 43 der Lohn inin die ei dieſen Wor ſtaunen auf dem geſchie von Cauvign ute umher, als ſuchte er die Perſon Worte gerichtet wä⸗ ren, und ließ dann, heinde eit überzeugt, daß er der Gee 8 ſ ar, mit etner Geberde einen Hüften herabfallen. „Meine Com) neinen ſolchen 6 gung 8 als ob Ihr ſeid ein mödiant, wie es ſcheint; aber ich werde mich weder durch Euere Geſichter noch durch Euere Worte bethoͤren laſſen, ſo ſehr ſie auch mit einander im Einklang ſtehen mögen.“ „Ich heuchle nicht, Madame,“ antwortete Cauvignac: „wie ſoll ich wiſſen, Hoheit, was in Vayres vorgefallen iſt, da ich nie dort geweſen bin?“ „Ausflucht, nichts Anderes als Ausflucht.“— „Ich habe auf ſolche Worte nichts zu erwiedern, Madame, wenn nicht, daß Euere Hoheit mit mir unzu⸗ frieden zu ſein ſcheint. Euere Hoheit halte es meinem offenherzigen Charakter zu gut, daß ich mir die Freiheit nehme, mich zu vertheidigen: ich glaubte eher mich über ſie beklagen zu dürfen.“ „Ihr, mein Herr, Euch über mich beklagen?“ rief die Prinzeſſin, ganz erſtaunt über eine ſolche Keckheit. „Allerdings, Madame,“ antwortete Cauvignac, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen:„auf Euer Wort und auf das des hier gegenwärtigen Herrn Lenet rekrutire ich eine Compagnie Braver, ich gehe gegen ſie um ſo heiligere Verbindlichkeiten ein, als dieſe beinahe insgeſammt auf das Ehrenwort geſtellt waren. Und nun, da ich komme und von Euerer Hoheit die verſprochene Summe verlange.... eine Erbärmlichkeit, dreißig oder vierzig tauſend Livres, bemerkt wohl, nicht für mich beſtimmt, ſondern für die neuen Vertheidiger, die ich den Herren Prinzen angeworben hatte, weiſt mich Euere Hoheit ab, ja, ſie weiſt mich ab; ich berufe mich auf Herrn Lenet. „Das iſt wahr,“ ſagte Lenet,„als ſich der Herr einfand, hatten wir kein Geld.“ „Konntet Ihr nicht ein paar Tage warten? Hing Eure Treue und die Eurer Leute von der Stunde ab?’?“ „Ich wartete ſo lange, als es Herr von Larochefou⸗ 3 cault ſelbſt von mir forderte, das heißt acht Tage. Nach Ablauf dieſer acht Tage erſchien ich abermals; diesmal ün ge Weigerung; ich berufe mich wieder auf Herrn enet. durch aſſen, gen.“ gnac: fallen dern, unzu⸗ einem beiheit über ef die imme ierzig mmt, derren tt ab, Hing b 24 4 efou⸗ Nach esmal 3 Herrn enet.“ 8 Herr 77 Die Prinzeſſin wandte ſich gegen den Rath, ihre Lippen waren zuſammengepreßt und ihre Augen ſchleuder⸗ ten Blitze unter ihrer gerunzelten Stirne hervor. „Leider muß ich geſtehen,“ erwiederte Lenet,„daß das, was dieſer Herr ſagt, genau der Wahrheit ent⸗ ſpricht.“ Cauvignac richtete ſich triumphirend hoch auf. „Nun, Madame,“ fuhr er fort,„was hätte ein Intrigant unter dieſen Umſtänden gethan 2 Ein Intrigant würde ſich und ſeine Leute an die Königin verkauft ha⸗ ben. Ich, der ich die Intrigue verabſcheue, ich habe die Compagnie, jedem Mann ſein Chrenwort zurückgebend, entlaſſen, und allein vereinzelt, in einer völligen Neu⸗ tralität das gethan, was Salomo der Weiſe im Zweifel thun heißt: ich habe mich jeder Handlung enthalten.“ „Aber Eure Soldaten, mein Herr, Eure Soldaten 14 rief die Prinzeſſin wüthend. „Madame,“ antwortete Cauvignac,„da ich weder König noch Prinz, ſondern nur Kapitän bin, da ich we⸗ der Unterthanen noch Vaſallen habe, ſo nenne ich meine Soldaten nur die Soldaten, welche ich bezahle; weil aber die meinigen, wie Euch Herr Lenet beſtätigt hat, durch⸗ aus nicht bezahlt wurden, ſo betrachteten ſie ſich als frei. Da werden ſie ſich nun gegen ihren neuen Chef⸗ gekehrt aden. Was iſt zu machen? Ich geſtehe, ich weiß es „Aber Ihr, Herr, der Ihr die Partei des Königs ergriffen habt, was könnt Ihr ſagen? Eure Neutralität habe Euch bedrückt?“. „Nein, Madame; aber meine Neutralität ſchien, ſo unſchuldig ſie auch war, den Parteigängern Seiner Ma⸗ jeſtät verdächtig. An einem ſchönen Morgen wurde ich im Wirthshauſe zum Goldenen Kalb, auf der Straße von Libourne, verhaftet und vor die Koͤnigin geführt.“ „Und da habt Ihr mit ihr unterhandelt?⸗ „Madame,“ antwortete Cauvignae,„ein Mann von 78 Gemüth hat ſehr empfindl Zartheit eines Fürſten zu war verwundet; man hatt geſtoſſen, der ich blindling dem ganzen Vertrauen der s mit dem ganzen beſteigen zu laſſen, ſagte dieſe große Fürſtin zu mir: 5 „2 Anführer. Und Euch,““ fügte ſie ſich noch einmal an mich e ——— aAðAõ eine groß⸗ ae entging vor Wuth fragte ſie. Benehmens ortete Cauvi in C erdings bin ich Goheit gekämpft väcke nach mei⸗ einer Abtheilung Eurer Sol⸗ mich verhaftete. Ich da n, meinen Rang oder meine d verlange daher, ich wie⸗ s Edelmann, ſondern auch als behandelt zu werden.“ , ſoll geſchehen, mein Herr,“ antwortete die Prinzeſſin,„Ihr habt die Stadt als G fängniß, nur müßt Ihr auf Euer Ehrenwort ſchwören, daß Ihr dieſelbe nicht rlaſſen ſuchen werdet.“ „Nadame, ich werde Alles ſchwören, was Eure Hoheit fordert.“ „Gut; Lenet, laßt dem Herrn die Formel geben, wir wollen ſeinen Schwur empfangen.“ Lenet diktirte die Worte des Eides, den er Cauvig⸗ nac leiſten lafſe ſollte. Cauvignac hob die Hand auf und ſchwur feierlich, die Stadt nicht eher zu verlaſſen, als bis die Prinzeſſin ihn ſeines Eides entbunden hätte. „Nun entfernt Euch,“ ſagte die Prinzeſſin:„aber wir verlaſſen uns auf Eure Redlichkeit als Edelmann und auf Eure Ehre als Soldat.“ 1 Cauvignac ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er verbeugte ſich und ging ab; aber während ſeines Abgangs 80 hatte er Zeit, eine Geberde von Lenet aufzufaſſen, welche bedeutete: „Madame, er hat Recht und wir haben Unrecht; ſo geht es, wenn man in der Politik knickert.“ Lenet, der jedes Verdienſt zu ſchätzen wußte, hatte allerdings die ganze Feinheit des Charakters von Cau⸗ vignac erkannt, und gerade weil er ſich in keinem Punkte durch die Scheingründe, welche dieſer angegeben, bethören ließ, bewunderte er, wie ſich der Gefangene aus einer der ſchlimmſten Lagen zu ziehen wußte, in der ſich ein Ueberläufer befinden kann. Cauvignac aber ging ſehr nachdenkend, das Kinn in der Hand, die Treppe hinab und ſagte mit ſich ſelbſt ſprechend: 8 „Nun handelte es ſich darum, meine hundert und fünfzig Mann gegen etwa hunderttauſend Livres aber:nals an ſie zu verkaufen, was gar wohl moͤglich iſt, da der geſcheite und ehrenwerthe Ferguzon vollkommene Freiheit für ſich und die Seinigen erhalten hat. Ich werde ſicher⸗ lich früher oder ſpäter Gelegenheit dazu finden. Schön, ſchön,“ fuhr Cauvignac ganz getröſtet fort,„ich ſehe, daß ich, indem ich mich fangen ließ, kein ſo ſchlechtes Geſchäft gemacht habe, als ich Anfangs glaubte.“ VII. — Nun wollen wir einen Schritt zurück machen und die Aufmerkſamkeit unſerer Leſer auf die ihnen nur un⸗ vollſtändig bekannten Ereigniſſe lenken, welche ſich in Vay⸗ res zugetragen hatten.. Nach einigen um ſo furchtbareren Stürmen, als der General der königlichen Truppen mehr Leute opferte, um S er==——— B— 81 weniger Zeit zu verlieren, waren die Außenwerke genom⸗ men worden; aber die braven Vertheidiger dieſer Werke zogen ſich, nachdem ſie das Terrain Fuß füͤr Fuß ſtreitig gemacht hatten und das Schlachtfeld mit Todten beſtreut war, durch den bedeckten Weg zurück und ſtellten ſich in Vayres feſt. Herr de La Meilleraye verleugnete ſich nun nicht, daß er, wenn er fünf bis ſechshundert Mann ver⸗ loren hatte, um einen ſchlechten, von einer Paliſſade über⸗ ragten Erdwall zu erobern, ſechsmal ſo viel verlieren würde, um ein Fort zu nehmen, das von guten Mauern umgeben war und von einem Manne vertheidigt wurde, deſſen ſtrategiſche Kenntniſſe und militäriſchen Muth er auf ſeine Koſten ſchätzen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte. Man war alſo entſchloſſen, Laufgräben zu eröffnen und eine regelmäßige Belagerung zu machen, als man die Vorhut der Armee des Herzogs von Epernon erblickte, welche ſich mit dem Heere des Herrn de La Meilleraye verband, wodurch die königlichen Streitkräfte verdoppelt wurden. Dies änderte völlig die Geſtalt der Dinge. Man unternimmt mit vierundzwanzig tauſend Mann, was man mit zwölftauſend nicht zu unternehmen wagt. Der Sturm wurde auf den andern Tag beſchloſſen. 3 An der Unterbrechung der Laufgraben⸗Arbeiten, an den neuen Vorkehrungen, die man traf, und beſonders bei dem Anblick der eingetroffenen Verſtärkung erkannte Ri⸗ chon, daß es die Abſicht war, ihn ohne Unterlaß zu be⸗ drängen, und einen Sturm für den andern Tag ahnend, verſammelte er ſeine Leute, um ihre Stimmung zu beur⸗ theilen, an welcher zu zweifeln er übrigens nach der Art und Weiſe, wie ſie bei der Vertheidigung der erſten Schanzen zu Werke gegangen waren, keine Urſache hatte. Er erſtaunte auch im hoͤchſten Grade, als er die neue Haltung der Garniſon wahrnahm. Seine Leute warfen einen düſtern, unruhigen Blick auf das königliche Heer, und ein dumpfes Murren machte ſich aus ihren Reihen hoͤrbar. Der Frauenkrieg. II. 6 8² Richon verſtand keinen Spaß unter den Waffen, und beſonders keinen Spaß dieſer Art. „Holla! wer murrt?“ ſagte er, ſich nach der Seite umwendend, wo das mißbilligende Getöſe am deutlichſten geweſen war. „Ich,“ erwiederte ein Soldat, der mehr Keckheit be⸗ ſaß, als die anderen. „Du!“ „Ja, ich.“ „Dann komm hierher und antworte.“ Der Soldat trat aus Reihe und Glied und näherte ſich ſeinem Chef. „Was fehlt Dir, daß Du Dich beklagſt 2 fragte Richon, die Arme kreuzend und den Soldaten feſt an⸗ ſchauend. „Was mir fehlt?“ „Ja, was Dir fehlt? Haſt Du Deine Brodration?“ „Ja, Commandant.“ „Deine Fleiſchration?“ „Ja, Commandant.“ „Deine Weinration 2 „Ja, Commandant.“ „Biſt Du ſchlecht quartiert?“ „Nein.“ „Haſt Du einen Soldrückſtand zu fordern?“ „Nein.“ „Dann ſprich: was wünſcheſt Du, was willſt Du und was bedeutet dieſes Gemurre?“ 4 „Es bedeutet, daß wir uns gegen unſern König ſchlagen, was für einen franzöſiſchen Soldaten hart iſt.“ „Du bedauerſt alſo, nicht im Dienſte Seiner Majeſtät zu ſein?" „Bei Gott, ja.“ „Und Du wünſcheſt mit Deinem König wiederber⸗ einigt zu werden?“ 5 83 „Ja,“ ſagte der Soldat, der durch die Ruhe von Richon getäuſcht glaubte, die Sache würde ſich mit der einfachen Ausſchließung aus den Condé'ſchen Reihen endigen. „Es iſt gut,“ ſprach Richon, den Mann bei ſeinem Wehrgehänge ergreifend;„da ich aber die Thore geſchloſſen habe, ſo mußt Du den einzigen Weg nehmen, der Dir übrig bleibt.“ „Welchen?“ fragte der Soldat erſchrocken. „Dieſen,“ erwiederte Richon, hob ihn mit ſeinen hereuliſchen Armen auf und ſchleuderte ihn über die Bruftwehre. Der Soldat ſtieß einen Schrei aus und fiel in den Graben, der zu ſeinem Glück mit Waſſer gefüllt war. Ein finſteres Schweigen erfolgte auf dieſe kräftige Handlung. Richon glaubte die Meuterei gedämpft zu ha⸗ ben, wandte ſich wie ein kühner Spieler, welcher Alles für Alles einſetzt, gegen ſeine Leute um und ſagte: „Wenn noch mehr Parteigänger des Königs da ſind, ſo mögen ſie ſprechen, und man wird ſie nach ihrem Be⸗ lieben hinauslaſſen.“ Etwa hundert Soldaten riefen: „Ja, ja! wir ſind Parteigänger des Konigs und wol⸗ len hinaus.“ „Ah! ah!“ erwiederte Richon, der nun begriff, daß es ſich nicht um eine einzelne Meinung, ſondern um einen allgemeinen Aufruhr handelte.„Ah! das iſt etyoas Ande⸗ res. Ich glaubte, es wäre nur ein Meuterer. hier, und ſehe nun, daß ich es mit fünf hundert Feigen Zu thun habe.“ Richon hatte Unrecht, die Geſammtheit anzuklagen: es hatten nur etwa hundert Mann geſpre chen, die Uebri⸗ gen waren ſtill geblieben; aber der Reſt murrte nun in die Anſchuldigung der Feigheit mitverf ochten ebenfalls. .„Stille,“ ſagte Richon,„wir wollen nicht Alle zu gleicher Zeit ſprechen; ein Officiec, wenn ein Officier vor⸗ handen iſt, der an ſeinem Eide zam Verrather werden will, 84 führe das Wort für Alle; er, das ſchwoͤre ich, kann un⸗ geſtraft ſprechen.“ Ferguzon trat nun einen Schritt vor, begrüßte ſeinen Commandanten mit ausgezeichneter Höflichkeit und ſprach: „Commandant, Ihr hört den Wunſch der Garniſon. Ihr kämpft gegen Seine Majeſtät unſern König; die Mehrzahl von uns war aber nicht davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt, daß man uns anwarb, um gegen einen ſolchen Feind Krieg zu führen. Einer von den hier anweſenden Braven,— dem man in ſeiner Geſinnung Gewalt angethan, hätte mitten im Sturme ſich in der Richtung ſeiner Muskete täuſchen und Euch eine Kugel vor den Kopf jagen können; aber wir ſind wahre Soldaten und keine Feige, wie Ihr mit Unrecht geſagt habt. Hört alſo die Anſicht meiner Gefährten, ſo wie die meinige. Gebt uns dem König zu⸗ rück, oder wir werden uns ſelbſt zurückgeben.“ Dieſe Rede wurde mit einem allgemeinen Hurrah aufgenommen, welches bewies, daß die von dem Lieute⸗ nant ausgedrückte Meinung, wenn auch nicht die der gan⸗ zen Garniſon, doch wenigſtens die der Mehrzahl bildete. Richon begriff, daß er verloren war. „Ich kann mich nicht allein vertheidigen,“ ſagte er, „und will mich nicht ergeben. Da mich meine Soldaten verlaſſen, ſo mag Einer für ſie unterhandeln, wie es ihm beliebt und wie es ihnen beliebt, aber dieſer Eine werde ich nicht ſein. Wenn nur die paar Braven, welche mir treu geblieben ſind, vorausgeſetzt, es finden ſich ſolche, mit dem Leben davon kommen,... mehr verlange ich nicht. Sprecht, wer wird der Unterhändler ſein?“ „Ich, mein Commandant, wenn Ihr wollt und wenn mich meine Gefährten mit ihrem Vertrauen be⸗ ehren.“ „Ja, ja, der Lieutenant Ferguzon! der Lieutenant Ferguzon!“ riefen fünfhundert Stimmen, unter denen man die Stimmen von Barrabas und Carrotette unterſcheiden konnte. 8⁵ „Ihr alſo, mein Herr,“ ſprach Nichon.„Ihr mö⸗ get frei in Vayres aus und eingehen.“ „Und Ihr habt mir keine beſondere Inſtructionen zu geben, mein Commandant?“ fragte Ferguzon. „Die Freiheit für meine Leute.“ „Und für Euch?“ 4 „Nichts.“ Eine ſolche Verleugnung hätte verirrte Menſchen zu⸗ rückgebracht; aber ſie waren nicht nur verirrt, ſie waren verkauft. „Jal jal die Freiheit für uns!“ riefen ſie. „Seid unbeſorgt, Commandant,“ ſprach Ferguzon, „ich werde Euch in der Capitulation nicht vergeſſen.“ Richon lächelte traurig, zuckte die Achſeln, ging in ſeine Wohnung zurück und ſchloß ſich in ſeinem Zim⸗ mer ein. Ferguzon begab ſich ſogleich zu den Royaliſten. Herr de La Meilleraye wollte indeſſen nichts ohne das Gut⸗ heißen der Koͤnigin thun, die Königin aber hatte, um, wie ſie ſagte, nicht mehr der Schmach des Heeres beizuwoh⸗ nen, das kleine Haus von Nanon verlaſſen und ihr Quar⸗ tier in dem Stadthauſe von Libourne genommen. Der Marſchall gab deshalb Ferguzon zwei Soldaten zur Bewachung, ſtieg zu Pferde und eilte nach Libourne. Er fand Herrn von Mazarin, dem er eine⸗große Neuig⸗ keit mitzutheilen glaubte; aber bei den erſten Worten des Marſchalls trat ihm der Miniſter mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln entgegen und ſagte: „Wir wiſſen Alles, Herr Marſchall, die Sache iſt geſtern Abend in Ordnung gekommen. Unterhandelt mit dem Lieutenant Ferguzon, aber macht Euch für Herrn Richon nur mit Euerem Worte verbindlich.“ „Wie, nur mit meinem Worte?“ entgegnete der Marſchall;„iſt mein Wort verpfändet, ſo gilt es hoffent⸗ lich ſo viel als eine Handſchrift.“ „Thut es immerhin, Herr Marſchall; gich habe von 86 Seiner Heiligkeit beſondere Indulgenzen, welche mir ge⸗ ſtatten, die Leute ihres Eides zu entbinden.“ „Es iſt möglich,“ ſprach der Marſchall;„ aber dieſe Indulgenzen gehen die Marſchälle von Frankreich nichts an.“ Mazarin lächelte und bedeutete dem Marſchall durch ein Zeichen, er koͤnnte nach dem Lager zuruckkehren. Der Marſchall kam brummend zurück, gab Ferguzon einen geſchriebenen Schirmbrief für ſich und ſeine Leute, und verpfändete ſein Wort in Beziehung auf Richon. Zwei Stunden nachher, als Richon bereits von ſeinen Fenſtern aus die Verſtärkung erblickte, die ihm von Ravailly zuge⸗ führt wurde, trat man in ſein Zimmer und verhaftete ihn im Namen der Köͤnigin. 1 Im erſten Augenblick prägte ſich eine große Zufrie⸗ denheit auf dem Antlitz des braven Commandanten aus; blieb er frei, ſo konnte Frau von Condé den Verdacht des Verrathes gegen ihn hegen; war er gefangen, ſo bürgte gerade ſeine Gefangenſchaft für ihn. In dieſer Hoffnung blieb er zurück, ſtatt ſich mit den Andern zu entfernen. Man begnügte ſich aber nicht damit, daß man ihm den Degen nahm, wie er Anfangs erwartet hatte, ſondern ſobald er entwaffnet war, warfen ſich vier Mann, die ihn am Thore erwarteten, auf ihn und banden ihm die Hände auf den Rücken. Richon ſetzte dieſer unwürdigen Behandlung nur die Nuhe und Reſignation eines Märtyrers entgegen. Er war eine von den kraftvollen Seelen, den Vorfahren der Volks⸗ helden des 18ten und 19ten Jahrhunderts. Richon wurde nach Libourne gebracht und vor die Königin geführt, welche ihn hochmüthig vom Scheitel bis zur Zehe maß, vor den Koͤnig, der ihn mit einem wüthen⸗ den Blick niederſchmetterte, vor Herrn von Mazarin, wel⸗ cher zu ihm ſagte: „Ihr habt ein hohes Spiel geſpielt, Herr Richon.“ — — 87 „Und ich habe verloren, nicht wahr, Monſeigneur? Nun fragt es ſich nur noch, um was wir ſpielen.“ „Ich fürchte, Ihr habt um Eueren Kopf geſpielt,“ erwiederte Mazarin. „Man melde Herrn von Epernon, daß ihn der Koͤ⸗ nig ſehen will,“ ſagte Anna von Oeſterreich.„Dieſer Menſch aber hat hier ſein Urtheil zu erwarten.“ Und mit ſtolzer Verachtung ſich zurückziehend, verließ ſie das Zimmer, dem König die Hand reichend und ge⸗ folgt von Mazarin und den Höflingen. Herr von Epernon war wirklich vor einer Stunde eingetroffen, aber der verliebte Greis konnte ſich nicht ent⸗ halten, vor allen Andern Nanon zu beſuchen. Im Her⸗ zen der Guienne war ihm zu Ohren gekommen, wie ſchön Canolles die Inſel Saint⸗George vertheidigt hatte, und als ein Mann voll Vertrauen zu ſeiner Geliebten machte er Nanon Complimente über das Benehmen ihres theuren Bruders, deſſen Phyſiognomie übrigens, wie er ſehr naiv bemerkte, weder. ſo viel Adel, noch ſo viel Muth an⸗ kündige. Nanon hatte etwas Anderes zu thun, als innerlich über die Fortſetzung dieſes Quiproquo zu lachen. Es handelte ſich in dieſem Augenblick nicht nur um ihr eigenes Glück, ſondern auch um die Freiheit ihres Geliebten. Nanon war ſo ra⸗ ſend in Canolles verliebt, daß ſie an den Gedanken einer Untreue von ſeiner Seite nicht glauben wollte, obgleich ſich derſelbe ſehr oft in ihrem Innern regte. In ſeiner Sorge, ſie zu entfernen, hatte ſie nur eine zärtliche Theil⸗ nahme erblickt; ſie hielt ihn für gefangen durch Gewalt, ſie beweinte ihn und ſie ſehnte ſich nach dem Augenblick, 8 ſi ihn mit Hülfe von Herrn von Epernon befreien unte. Sie hatte auch durch zehn Briefe, die ſie an den Herzog ſchrieb, mit aller Gewalt ſeine Rückkehr be⸗ ſchleunigt. Endlich kam er an und Nanon trug ihm ihre Bitte 5 1p 88 in Betreff ihres angeblichen Bruders vor, welchen ſie ſo⸗ bald als möglich den Händen ſeiner Feinde, oder vielmehr denen von Frau von Cambes entziehen wollte, denn ſie glaubte, Canolles laufe keine andere Gefahr, als die, ſich immer mehr in die Bicomteſſe zu verlieben. Aber dieſe Gefahr war für Nanon eine Todesgefahr. Sie bat daher Herrn von Epernon mit aufgehobenen Hän⸗ den um Befreiung ihres Bruders. „Das kommt vortrefflich,“ erwiederte der Herzog,„ich habe ſo eben erfahren, daß der Gouverneur von Vayres ſich hat gefangen nehmen laſſen. Nun, man wechſelt ihn gegen den braven Canolles aus. „Ohl das iſt eine Gnade des Himmels, mein theuerer Herzog,“ rief Nanon. „Ihr liebt dieſen Bruder alſo ungemein, Nanon 2“ „Ohl mehr als mein Leben.“ „Wie ſeltſam, daß Ihr nie von ihm ſprachet, vor je⸗ 7 nem Abend, wo ich ſo albern war... „Alſo, Herr Herzog?“ unterbrach ihn Nanon. „Ich ſchicke den Gouverneur von Vayres an Frau von Condé zurück, die uns dafür Canolles gibt; das kommt im Krieg jeden Tag vor und i*ſt eine ganz einfache Auswechſelung.“ „Ja, aber wird Frau von Condé Herrn von Canol⸗ les nicht höher ſchätzen, als einen einfachen Officier?“ „Wohl, dann ſchickt man ihr ſtatt eines Offteiers zwei, drei; kurz man ordnet die Sache ſo, daß Ihr zu⸗ frieden ſein werdet, meine Schönſte, und wenn unſer bra⸗ ver Commandant der Inſel Saint⸗George nach Libourne kommt, bereiten wir ihm einen Triumph.“ „Nanon war außer ſich vor Freude. Wieder in den Beſitz von Canolles zu gelangen, das war der glühende Traum aller ihrer Stunden. Was Herr von Epernon ſa⸗ gen würde, wenn er wahrnähme, wer dieſer Canolles wäͤre, darum kümmerte ſie ſich wenig. Wäre Canolles einmal gerettet, ſo würde ſie ihm eröffnen, es ſei ihr Geliebter, 89 ſie würde es ganz laut ausſprechen, ſie würde es aller Welt ſagen! So ſtanden die Dinge, als der Bote der Königin eintrat. 1 „Seht,“ ſagte der Herzog,„das geht ganz erwünſcht; ich begebe mich zu der Königin und bringe das Auswech⸗ ſelungs⸗Cartel zurück.“ „Somit kann mein Bruder hier ſein?.. „Vielleicht morgen.“ „Geht,“ rief Nanon,„und verliert keine Minute. „Ohl morgen, morgen,“ fügte ſie ihre Arme mit einem bewunderungswürdigen Ausdruck des Gebetes zum Himmel erhebend bei.„Morgen, Gott woli? es!“ „Ah! welch ein Herz!“ murmelte Herr von Epernon, während er ſich entfernte. Als der Herzog von Epernon in das Zimmer der Koͤnigin trat, biß ſich Anna von Oeſterreich, roth vor Jorn, in ihre dicken Lippen, welche die Bewunderung ihrer Höflinge bildeten, gerade weil ſie der mangelhafte Punkt ihres Geſichtes waren. Herr von Epernon, ein galanter, an das Lächeln der Damen gewöͤhnter Mann, wurde wie ein meuteriſcher Bordeleſe empfangen. Der Herzog ſchaute die Königin erſtaunt an: ſie hatte ſeinen Gruß nicht erwiedert und betrachtete ihn mit ge⸗ runzelter Stirne von der Höhe ihrer königlichen Majeſtät herab. 4 3— „Ah! ah, Ihr ſeid es,“ ſagte ſie endlich, nachdem ſie eine Zeit lang geſchwiegen hatte;„kommt hierher, daß ich Euch mein Compliment über die Art und Weiſe mache⸗ wie Ihr die Aemter in Euerem Gouvernement be⸗ etzt.” „Was habe ich denn gethan, Madame,“ fragte der Herzog voll Verwunderung,„und was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Es iſt zum Gouverneur von Vayres ein Mann er⸗ 90 nannt worden, der mit ſeinen Kanonen nach dem Koͤnig geſchoſſen hat;.. mehr nicht.“ „Von mir, Madame?“ rief der Herzog;„Euere Majeſtät irrt ſich offenbar. Ich habe den Gouverneur von Vayres nicht ernannt, wenigſtens nicht, daß ich wüßte.“ Herr von Epernon nahm etwas zurück, weil ihm ſein Gewiſſen zum Vorwurf machte, daß er nicht immer allein ernannte. „Ah! das iſt etwas Neues,“ entgegnete die Koͤnigin; „Herr Richon iſt vielleicht nicht von Euch ernannt worden?“. Und ſie legte einen äußerſt boshaften Nachdruck auf das Wort vielleicht. Vertraut mit dem Talente von Nanon, die Menſchen mit den Aemtern paſſend zuſammenzufügen, beruhigte ſich der Herzog ſogleich und ſprach:— „Ich erinnere mich nicht, Herrn Richon ernannt zu haben; aber wenn ich ihn ernannt habe, ſo muß Herr Ri⸗ chon ein guter Diener des Königs ſein.“ „In der That,“ verſetzte die Königin,„Herr Richon iſt Euerer Meinung nach ein guter Diener des Königs; Peſt! welch ein Diener,... er tödtet uns in weniger als drei Tagen fünfhundert Mann.“ „Madame,“ ſprach der Herzog ſehr unruhig,„wenn es ſich ſo verhält, ſo muß ich geſtehen, daß ich Unrecht habe. Aber ehe ich mich der Verurtheilung unterziehe, laßt mich den Beweis erlangen, daß ich ihn ernannte, Dieſen Beweis will ich ſuchen.“ Die Königin machte eine Bewegung, um den Herzog zurückzuhalten, aber ſie beſann ſich wieder eines Andern und antwortete: „Geht, und wenn Ihr mir Eueren Beweis gebracht habt, ſo werde ich Euch den meinigen geben.“ Herr von Epernon lief eilig weg und begab ſich ohne anzuhalten zu Nanon. önig kuere von ßte.“ ſein illein igin; annt auf 1 t zu Ri⸗ chon igs; iger venn recht iehe, unte. rzog dern acht ohne 91 „Nun,“ rief ſie,„bringt Ihr mir das Auswechſelungs⸗ Cartel, mein theuerer Herzog?⸗ „Ohl ja, es handelt ſich wohl darum!“ antwortete der Herzog.„Die Königin iſt wüthend.“ „Und woher rührt die Wuth Ihrer Majeſtät?“ „Davon, daß Herr Richon von Euch oder von mir zum Gouverneur von Vayres ernannt worden iſt, und daß uns dieſer Gouverneur, welcher ſich wie ein Loͤwe vertheidigt haben muß, fuͤnfhundert Mann getödtet hat.“ „Herr Richon!“ wiederholte Nanon,„ich weiß nichts davon.“ „Der Teufel ſoll mich holen, ich auch nicht.“ „Dann erwiedert keck der Koͤnigin, ſie täuſche ſich.“ „Aber ſprecht, täuſcht Ihr Euch nicht vielleicht?“ „Wartet, ich will mir nichts vorzuwerfen haben und werde es Euch ſagen.“ Nanon ging in ihr Arbeitscabinet und ſchlug in ihrem Geſchäftsregiſter bei dem Buchſtaben R. nach; er war rein von jedem an Richon verliehenen Patente. „Ihr könnt Euch wieder zu der Königin begeben,“ ſagte ſie zurückkehrend,„und ihr kühn entgegnen, ſie irre ſich. Herr von Epernon machte nur einen Sprung von der Wohnung von Nanon bis zum Stadthauſe. „Madame,“ ſprach er ſtolz bei der Königin eintre⸗ tend,„ich bin unſchuldig an dem Verbrechen, das man mir aufbürdet. Die Ernennung von Herrn Richon rührt von den Miniſtern Euerer Majeſtät her.“ „ Dann unterzeichnen meine Miniſter Epernon„ℳ er⸗ wiederte die Königin mit ſcharfem Tone. „Wie ſo?“ „Allerdings, da ſich dieſe Unterſchrift auf dem Pa⸗ tente von Herrn Richon ſindet.“ „Unmoͤglich, Madame,“ entgegnete der Herzog mit dem abnehmenden Tone eines Menſchen, der an ſich ſelbſt zu zweifeln anfängt, 92 Die Koͤnigin zuckte die Achſeln. „Unmöglich!“ ſagte ſie.„Wohl, ſo leſet.“ Und ſie nahm ein auf dem Tiſche liegendes Patent und gab es dem Herzog. Herr von Epernon ergriff das Patent, durchlief es mit gierigen Blicken, unterſuchte jede Falte des Papiers, jedes Wort, jeden Buchſtaben, und war ganz beſtürzt: eine furchtbare Erinnerung durchzuckte ſeinen Geiſt. „Kann ich dieſen Herrn Richon ſehen?“ fragte er. „Nichts leichter,“ antwortete die Königin;„ich habe ihn in dem Zimmer nebenan warten laſſen, um Euch die⸗ ſes Vergnügen zu bereiten.“ Dann ſich gegen die Wachen umwendend, welche ih⸗ rer Befehle an der Thüre harrten: „Man führe den Elenden herein.“ Die Wachen gingen hinaus, und einen Augenblick nach⸗ her wurde Richon mit gebundenen Händen und bedecktem Kopfe eingeführt. Der Herzog ſchritt auf ihn zu und heftete auf den Gefangenen einen Blick, den dieſer mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Würde aushielt. Da er ſeinen Hut auf dem Kopfe hatte, ſo warf ihn einer von den Wachen mit verkehrter Hand auf den Boden. Dieſe Beleidigung brachte nicht die geringſte Bewe⸗ gung auf Seiten des Gouverneur von Vayres hervor. „Legt ihm einen Mantel auf die Schultern, bindet ihm eine Maske vor das Geſicht,“ ſagte der Herzog,„und gebt mir eine angezündete Kerze. Sogleich vollzog man die zwei erſten Befehle. Die Königin betrachtete mit Erſtaunen dieſe ſeltſamen Vorbe⸗ reitungen. Der Herzog ging im Kreiſe um den maskir⸗ ten Richon, beſchaute ihn mit der größten Aufmerkſam⸗ keit, ſuchte alle ſeine Erinnerungen zu beleben und ſchien noch zu zweifeln. „Bringt mir die verlangte Kerze,“ ſagte erz„dieſe Probe wird meine Zweifel löſen.“ 93 Man brachte die Kerze. Der Herzog näherte das Patent dem Lichte, und bei der Wärme der Flamme er⸗ ſchien ein mit ſympathetiſcher Dinte unter die Unterſchrift gezeichnetes doppeltes Kreuz auf dem Papier. Bei dieſem Anblick erheiterte ſich die Stirne des Her⸗ „zogs und er rief: „Madame, dieſes Patent iſt allerdings von mir unter⸗ zeichnet, aber es war weder für Herrn Richon, noch für einen Andern beſtimmt, ſondern iſt mir von dieſem Men⸗ ſchen in einer Art von Hinterhalt ausgepreßt worden; doch ehe ich dieſes Blanquett aus meinen Händen gab, hatte ich auf das Papier ein Zeichen gemacht, das Euere Maje⸗ ſtät darauf ſehen kann, und dieſes Zeichen dient als ſchla⸗ gender Beweis gegen den Schuldigen. Schaut.“ Die Königin nahm gierig das Papier und beſchaute es, während ihr der Herzog die Marke mit dem Ende des Fingers zeigte. „Ich verſtehe kein Wort von der Anſchuldigung, die Ihr gegen mich vorbringt,“ ſagte Richon ganz einfach. „Wie,“ rief der Herzog,„Ihr waret nicht der ver⸗ larvte Mann, dem ich dieſes Papier auf der Dordogne zugeſtellt habe 2⸗ „Ich habe vor dieſem Tage nie mit Euerer Herrlich⸗ keit geſprochen, ich bin nie verlarvt auf der Dordogne ge⸗ weſen,“ antwortete Richon mit kaltem Tone. „Waret Ihr es nicht, ſo war es ein von Euch ab⸗ geſandter Mann, der an Euexer Stelle erſchien.“ „Es würde mich nichts nützen, wollte ich die Wahr⸗ heit verbergen,“ ſagte Richon ſtets mit derſelben Ruhe; „dieſes Patent, Herr Herzog, habe ich von der Frau Prinzeſſin von Condé aus den Händen des Herrn Herzogs von Larochefoucault erhalten; es war mit meinem Namen und Vornamen von Herrn Lenet, deſſen Handſchrift Ihr vielleicht kennt, ausgefüllt. Wie das Patent in die Hände der Frau Prinzeſſin gelangte, auf welche Weiſe Herr von Larochefoucault Beſitzer deſſelben war, an wel⸗ 94 chem Orte mein Name und mein Vorname von Herrn Lenet auf dieſes Papier geſchrieben wurden, iſt mir völ⸗ lig unbekannt, kümmert mich ſehr wenig und geht mich nichts an.“ „Ah! Ihr glaubt?“ verſetzte der Herzog mit höhni⸗ ſchem Tone. Und ſich der Koͤnigin nähernd, erzählte er dieſer eine ziemlich lange Geſchichte, welcher Anna von Oeſterreich ihre ganze Aufmerkſamkeit ſchenkte: es war die Angeberei von Cauvignac und das Abenteuer auf der Dordogne; als Frau begriff die Königin vollkommen die Regung der Ei⸗ ferſucht des Herzogs. Sobald er geendigt hatte, ſagte ſie: „Das iſt nur eine Schändlichkeit einem Hochverrathe beigefügt; wer kein Bedenken trug, auf ſeinen König zu feuern, konnte auch das Geheimniß einer Frau ver⸗ kaufen.“ „Was Teufels ſprechen ſie da?“ murmelte Richon, die Stirne faltend, denn ohne genug zu hören, um die Unterredung zu verſtehen, hörte er doch hinreichend, um zu errathen, daß ſeine Ehre gefährdet war; überdies ver⸗ hießen ihm die flammenden Augen der Königin und des Herzogs nichts Gutes, und ſo muthig auch der Comman⸗ dant von Vayres war, ſo beunruhigte ihn doch dieſe dop⸗ pelte Drohung, obgleich man auf ſeinem mit verachtender Ruhe bewaffneten Antlitz unmöglich auch nur entfernt wahrnehmen konnte, was in ſeinem Innern vorging. „Man muß ihm ſein Urtheil fällen,“ ſagte die Kö⸗ nigin.„Verſammelt mir einen Kriegsrath, wobei Ihr den Vorſitz führt, Herr Herzog von Epernon. Wählt Euere Beiſitzer, und dann raſch zu Werke gegangen.“ „Madame,“ ſagte Richon,„es iſt kein Kriegsrath zu verſammeln, kein Ürtheil zu fällen. Ich bin Gefange⸗ ner auf das Wort des Herrn Marſchalls de La Meilleraye; ich bin freiwilliger Gefangener, denn ich konnte Vayres 95 mit meinen Soldaten verlaſſen, ich konnte vor oder nach ihrem Abgange fliehen und habe es nicht gethan.“ „Ich verſtehe mich nicht auf ſolche Angelegenheiten,“ ſagte die Königin aufſtehend, um ſich in einen anſtoßenden Saal zu begeben;„habt Ihr gute Gründe, ſo macht ſie vor den Richtern geltend. Solltet Ihr hier nicht bequem Sitzung halten können, Herr Herzog?“ „Ja, Madame,“ antwortete dieſer; und er wählte zwoͤlf Officiere im Vorzimmer und bildete auf der Stelle das Tribunal. Richon fing an zu begreifen: die improviſirten Rich⸗ ter nahmen ihre Plätze; der Rapporteur fragte ihn nach ſyen Namen, nach ſeinem Vornamen und ſeiner Eigen⸗ aft. Richon beantwortete dieſe drei Fragen. „„Ihr ſeid des Hochverraths angeklagt, indem Ihr mit Kanonen auf die Soldaten des Königs geſchoſſen habt,“ ſagte der Rapporteur;„geſteht Ihr, Euch dieſes Verbrechens ſchuldig gemacht zu haben?“ „Leugnen hieße die Augenſcheinlichkeit ableugnen; ja mein Herr, ich habe gegen die Soldaten des Koͤnigs ge⸗ ſchoſſen.“ „Kraft welches Rechtes?“ „Kraft des Kriegsrechtes, kraft deſſelben Rechtes, auf das unter ähnlichen Umſtänden Herr von Condé, Herr von Beaufort, Herr von Elbeuf und ſo viele Andere ſich berufen haben.“ „Dieſes Recht beſteht nicht, mein Herr, denn es iſt nichts Anderes, als Aufruhr.“ „Kraft dieſes Rechtes hat jedoch mein Lieutenant di Capitulation gemacht. Auf dieſe Capitulation berufe 11.— ich mich „Capitulation!“ rief der Herzog von Epernon mit ironiſchem Tone, denn er dachte ſich, die Königin horche, und ihr Schatten dictirte ihm das verletzende Wort: 96 „Capitulation! Ihr mit einem Marſchall von Frankreich capituliren!“ „Warum nicht,“ erwiederte Richon,„da dieſer Mar⸗ ſchall von Frankreich mit mir unterhandelte?“ „Dann zeigt dieſe Capitulation, und wir werden ihren Werth beurtheilen.“ „Es iſt eine mündliche Uebereinkunft.“ „So bringt Euere Zeugen bei.“ „Ich kann nur einen beibringen.“ „Wen 2. „Den Marſchall ſelbſt.“ „Man rufe den Marſchall,“ ſagte der Herzog. „Unnöͤthig,“ ſprach die Koͤnigin, die Thüre öffnend, hinter der ſie horchte;„der Marſchall iſt vor zwei Stun⸗ den abgegangen; er marſchirt mit unſerer Vorhut gegen Bordeaux.“ Dieſe Erſcheinung verwandelte alle Herzen in Eis, denn ſie legte den Richtern die Verbindlichkeit auf, Richon zu verurtheilen. Der Gefangene lächelte bitter. „Ah!“ ſagte er,„ſo hält Herr de La Meilleraye ſein Wort! Ihr habt wahr geſprochen, mein Herr,“ fügte er ſich an den Herzog von Epernon wendend bei, vich hatte Unrecht, daß ich mit einem Marſchall von Frankreich un⸗ terhandelte.“ Von dieſem Augenblick an verſchloß ſich Richon in ein verächtliches Stillſchweigen und hörte ganz auf zu nthoren, welche Fragen man auch an ihn richten mochte. Dies vereinfachte die Procedur ungemein, und die uübrigen Förmlichkeiten dauerten auch kaum eine Stunde. Man ſchrieb wenig und ſprach noch weniger. Der Ray⸗ porteur trug auf Todesſtrafe an und auf ein Zeichen des Herzogs pflichteten alle Richter mit ihren Stimmen dieſem Antrage bei. Richon horte das Urtheil, als ware er ein einfacher S ————+ = Sed n ohs 97 Zuſchauer geweſen, und wurde, immer unempfindlich und ſtumm, noch während der Sitzung dem Generalprofoß übergeben. Der Herzog von Epernon begab ſich zu der Königin; er fand ſie in einer reizenden Laune und wurde von ihr zur Tafel geladen. Der Herzog, der ſich in Ungnade glaubte, nahm die Einladung an und ging zu Nanon, um ihr mitzutheilen, er habe das Glück, immer noch bei ſeiner Gebieterin in Gnade zu ſtehen. Er fand ſie in einem Lehnſtuhle an einem Fenſter ſitzend, das nach dem öffentlichen Platze von Libourne ging. „Nun,“ fragte ſie ihn,„habt Ihr etwas entdeckt?“ „Ich habe Alles entdeckt,“ antwortete der Herzog. „Bah!“ verſetzte Nanon unruhig. „Ah! mein Gott, ja! Erinnert Ihr Euch der An⸗ geberei, der ich alberner Weiſe Glauben ſchenkte, jener Angeberei, welche Euere Liebſchaft mit Euerem Bruder betraf?“ „Nun?“ „Erinnert Ihr Euch des Blanquetts, das man von mir forderte?“ „Ja; weiter?“ „Der Angeber iſt in unſeren Händen, meine Liebe, in den Zeilen ſeines Blanquetts gefangen, wie der Fuchs in der Falle.“ „In der That!“ rief Nanon erſchrocken; denn ſie wußte, daß dieſer Angeber Cauvignac war, und obgleich ſie keine tiefe Zärtlichkeit für ihren Bruder hegte, wollte ſie doch nicht, daß ihm Unglück widerführe; überdies konnte dieſer Bruder, um ſich aus der Schlinge zu ziehen, eine Menge Dinge ſagen, welche Nanon gar zu gern geheim gehalten ſah. „Er ſelbſt, meine Liebe,“ fuhr Herr von Epernon fort,„was ſagt Ihr zu dieſer Geſchichte? Der Burſche hatte ſich mit Hulfe ſeines Blanquetts aus eigener Macht⸗ Der Frauenkrieg. I. 7 98 vollkommenheit zum Gouverneur von Vayres ernannt; aber Vayres iſt genommen und der Schuldige in unſern Händen.“. Alle dieſe Einzelnheiten ſtanden ſo ſehr im Einklang mit den induſtriellen Unternehmungen von Cauvignac, daß Nanon ſich von einem doppelten Schrecken ergeiffen fuͤhlte. 4„Und dieſer Menſch,“ fragte ſie mit zitternder Stimme, „was habt Ihr mit ihm gemacht?“ „Ah! meiner Treue,“ antwortete der Herzog,„Ihr ſollt ſelbſt ſehen, was wir mit ihm gemacht haben; ja, meiner Treue,“ fügte er aufſtehend bei,„das macht ſich vortrefflich, hebt dieſen Vorhang auf, oder öͤffnet vielmehr geradezu das Fenſter; es iſt ein, Feind des Königs, und den kann man wohl hängen ſehen.“ „Hängen!“ rief Nanon,„was ſagt Ihr, Herr Herzog? den Mann des Blanquetts hängen?“ „Ja, meine Schöͤne. Seht Ihr unter der Halle an jenem Balken den baumelnden Strick, ſeht Ihr das Volk herbeilaufen. Gewahrt Ihr die Fufiliere, welche den Mann bringen; dort unten, links? Schaut, der König ſtellt ſich an ſein Fenſter.“ Das Herz von Nanon hob ſich in ihrer Bruſt und ſchien bis in ihre Kehle emporzuſteigen: ſie hatte jedoch mit einem raſchen Blicke geſehen, daß der Mann, den man herbeiführte, nicht Cauvignac war. „Gut, gut,“ ſagte der Herzog,„Herr Richon wird kurzweg gehenkt, das wird den Burſchen die Frauen ver⸗ leumden lehren.“ „Aber,“ rief Nanon den Herzog bei der Hand er⸗ greifend und alle ihre Kräfte zuſammenraffend,„aber dieſer Unglückliche iſt nicht ſchuldig; es iſt vielleicht ein braver Soldat; es iſt am Ende ein ehrlicher Mann; Ihr laßt einen Unſchuldigen ermorden.“ 4 „Nein, nein, Ihr täuſcht Euch gewaltig, meine Liebe; er iſt Fälſcher und Verleumder. Ueberdies, wäte 8 1 99 er auch nur Gouverneur von Vayres, ſo bliebe er immer⸗ hin Hochverräther; und es ſcheint mir, es würde hinreichen, wäre er auch nur dieſes Verbrechens ſchuldig.“ „Hatte er aber nicht das Wort von Herrn de La Meilleraye? „Er ſagt es, doch ich glaube es nicht.“ „Warum hat der Marſchall dem Tribunal nicht über einen ſo wichtigen Punkt Aufklärung gegeben?⸗ „Er war zwei Stunden, ehe der Angeklagte vor ſeinen Richtern erſchien, abgereiſt.“ „Ah, mein Gott! mein Gott! irgend Etwas ſagt mir, daß dieſer Mann unſchuldig iſt,“ rief Nanon,„und daß ſein Tod Allen Unglück bringen wird. Ahl Herr, in des Himmels Namen, Ihr, der Ihr mächtig ſeid, Ihr, der Ihr behauptet, Ihr könnet mir nichts abſchlagen, ge⸗ währt mir die Begnadigung dieſes Mannes.“ „Unmöglich, meine Theuere, die Koͤnigin ſelbſt hat ihn verurtheilt, und da, wo ſie iſt, habe ich keine Gewalt mehr.“ Nanon ſtieß einen Seufzer aus, der einem Aech⸗ zen glich. In dieſem Augenblick war Richon unter der Halle angelangt; man führte ihn, immer ruhig und ſchweigſam, bis zu dem Balken, von welchem der Strick herabhing; eine Leiter war zum Voraus aufgerichtet und harrte ſeiner: Richon ſtieg dieſe Leiter mit feſtem Tritte hinauf und beherrſchte mit ſeinem majeſtätiſchen Haupte die Menge, auf welche ſich ſein mit kalter Verachtung bewaffneter Blick heftete. Der Profoß ſchlang ihm nun den Kno⸗ ten um den Hals, und der Ausrufer erklärte mit lauter Stimme, der König laſſe dem Sieur Etienne znuhau, Fälſcher, Verräther und Bauern, ſein Recht wider⸗ fahren. „Wir leben in einer Zeit,“ ſprach Richon,„wo es beſſer iſt, ein Bauer zu ſein, wie ich, als Marſchall von Frank⸗ reich zu heißen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Leiter 100 unter ihm weggezogen wurde und ſein Koͤrper an dem unſeligen Balken hin und herſchwankte. Eine allgemeine Bewegung des Schreckens zerſtreute die Menge, ohne daß ein einziger Ruf:„Es lebe der Koͤnig 44 ſich hörbar machte, obgleich Jedermann die zwei Maje⸗ ſtäten noch an ihrem Fenſter ſehen konnte. Nanon ver⸗ barg ihren Kopf in ihren Händen und flüchtete ſich in die entfernteſte Ecke des Zimmers. „Nun,“ ſagte der Herzog,„was Ihr auch denken möget, liebe Nanon, ich glaube dieſe Hinrichtung wird als gutes Beiſpiel dienen, und ich bin neugierig, zu erfahren, was ſie in Bordeaur machen, wenn ſie ſehen, daß man ihre Gouverneurs henkt.“ Bei dem Gedanken an das, was ſie thun koͤnnten, öffnete Nanon den Mund, um zu ſprechen, aber ſie ver⸗ mochte nur einen furchtbaren Schrei auszuſtoßen und hob ihre beiden Hände zum Himmel auf, als wollte ſie ihn anflehen, er möge geſtatten, daß der Tod von Richon nicht gerächt werde; dann ſtürzte ſie, als wären alle Federn des Lebens in ihr gebrochen, mit ihrer ganzen Höhe auf den Boden. „Nun! nun!“ rief der Herzog,„was habt Ihr denn, Nanon, was erfaßt Euch? Koͤnnt Ihr darüber, daß man einen Bauern hängt, in einen ſolchen Zuſtand gerathen? Höret, liebe Nanon, erhebt Euch; kommt zu Euch; aber, Gott verzeihe mir, ſie iſt ohnmächtig... und die Leute in Agen behaupten, ſie ſei unempfindlich. Holla! herbei! Salze, Hülfe! kaltes Waſſer!“ Und als der Herzog ſah, daß Niemand auf ſein Ge⸗ ſchrei kam, eilte er ſelbſt hinaus, um zu holen, was er ver⸗ gebens von ſeinen Dienern verlangte, die ihn allerdings nicht hören konnten, da ſie noch ganz mit dem Schauſpiele beſchäftigt waren, mit welchem ſie die königliche Freigebig⸗ keit gratis bewirthet hatte. VIII. In dem Augenblick, wo in Libourne das ſo eben von uns erzählte furchtbare Drama ſtattfand, ſchrieb Frau von Cambes, an einem Tiſche von Eichenholz mit gedrehten Füßen ſitzend, Pompée vor ſich, der eine Art von Inven⸗ tar über ihr Vermägen machte, folgenden Brief an Canolles: „Abermals eine Verzögerung, mein Freund. In der Minute, wo ich Euern Namen der Frau Prinzeſſin nennen und ſie um ihre Einwilligung zu unſerer Verbindung bitten wollte, kam die Nachricht von der Einnahme von Vayres, welche die Worte auf meinen Lippen in Eis verwandelte; aber ich weiß, was Ihr leiden müßt, und beſitze nicht die Kraft, zugleich Euren Schmerz und den meinigen zu er⸗ tragen. Der günſtige Erfolg oder der Umſchlag des Glückes bei dieſem unſeligen Kriege können uns zu weit führen, wenn wir uns nicht entſchließen, die Umſtände zu bewälti⸗ gen... Morgen, mein Freund, morgen Abend um ſieben Uhr werde ich Euere Frau ſein. „Vernehmet meinen Plan für unſer Verfahren, den ich Euch zu befolgen bitte; es iſt höchſt weſentlich, daß Ihr Euch in allen Stücken danach richtet. „Ihr bringt den Nachmittag bei Frau von Lalasne zu, welche, ſeitdem ich Euch bei ihr vorgeſtellt habe, wie ihre Schweſter, ſehr viel auf Euch hält. Man wird ſpie⸗ len; ſpielt wie die Andern, nehmt jedoch keine Einladung zum Abendbrod an; mehr noch, wenn der Abend gekommen 102 iſt, entfernt Euere Freunde, ſollten ſich ſolche um Euch finden. Wenn Ihr dann allein ſeid, werdet Ihr einen Boten eintreten ſehen, ich weiß noch nicht welchen, der Euch bei Euerem Namen rufen wird, als ob irgend eine Angele⸗ genheit Euch in Anſpruch nähme; wer es auch ſein mag, folgt ihm mit Vertrauen, denn er kommt in meinem Auf⸗ trag, und ſeine Sendung beſteht darin, daß er Euch in die Capelle zu führen hat, in der ich Euerer harre. „Ich wollte, es wäre in der Carmeliter⸗Kirche, mit der bereits ſo ſüße Erinnerungen für mich verknüpft ſind, aber ich wage es noch nicht, dies zu hoffen; es wird übri⸗ gens doch der Fall ſein, wenn man einwilligt, vie Kirche für uns zu ſchließen. „In Erwartung dieſer Stunde thut mit meinem Briefe, was Ihr mit meiner Hand thut, wenn ich ſie Euch zu entziehen vergeſſe. Heute ſage ich Euch auf morgen, morgen ſage ich Euch auf immer.“ Canolles befand ſich gerade in einem von ſeinen men⸗ ſchenfeindlichen Augenblicken, als er dieſen Brief erhielt; den ganzen vorhergehenden Tag, den ganzen Morgen hatte er nichts von Frau von Cambes geſehen, obgleich er im Verlauf von vier und zwanzig Stunden vielleicht zehnmal vor ihren Fenſtern vorübergegangen war. Da geſtaltete ſich die gewohnliche Gegenwirkung in dem Innern des verliebten jungen Mannes. Er beſchuldigte die Vicomteſſe der Coquetterie, er zweifelte an ihrer Liebe; er hing ſich unwillkührlich in der Erinnerung wieder an Nanon, die Gute, die Ergebene, die Glühende, machte ſich beinahe eine Ehre aus dieſer Liebe, aus der ſich Claire eine Schande zu machen ſchien, und er ſeufzte, der Arme, zwiſchen der befriedigten Liebe, welche nicht erlöſchen konnte, und der begehrlichen Liebe gefaßt, die ſich nicht befriedigen ließ: der Brief der Vicomteſſe entſchied Alles zu ihren Gunſten. Canolles las dieſen Brief wieder und wieder: er küßte ihn nach der Vorausſicht von Claire zwanzigmal, wie er es mit ihrer Hand gemacht haben würde. Bei 40K näherer Meberlegung konnte ſich Canolles nicht verleugnen, daß ſein e Liebe für die Vicomteſſe die wichtigſte, ernſteſte Angel⸗ genheit ſeines Lebens war. Bei andern Frauen hatte dieſes Gefühl immer ein anderes Ausſehen und be⸗ ſ'ovoers eine andere Entwickelung genommen. Canolles hatie ſeine Rolle als ein vom Glück bei den Weibern be⸗ günſtigter Mann geſpielt, er hatte ſich als Sieger geberdet und ſich beinahe das Recht, unbeſtändig zu ſein, vorbehalten. Bei Frau von Cambes ſah er ſich im Gegentheil einer hoͤheren Macht unterworfen, gegen die er ſich nicht einmal zu ſträuben wagte, weil er zugleich fühlte, daß ihm dieſes Sklaventhum von heute ſüßer war, als ſeine Macht von ehemals. Und in den Augenblicken der Entmuthigung, wo er Zweifel an der Wirklichkeit der Zuneigung von Claire faßte, in dieſen Stunden, wo das verwundete Herz ſich gleichſam auf ſich ſelbſt zurückwirft und ſeine Schmerzen mit dem Geiſte gräbt, geſtand er ſich, ohne nur über dieſe Schwäche zu erröthen, die er ein Jahr vorher einer großen Seele unwürdig gehalten hätte, daß Frau von Cambes verlieren für ihn ein unerträgliches Unglück wäre. Aber ſie lieben, von ihr geliebt ſein, ſie in Herz und Seele und Perſon beſitzen; ſie in der ganzen Unabhängig⸗ keit ſeiner Zukunft beſitzen, denn Frau von Cambes ver⸗ langte nicht einmal von ihm, daß er ſeine Geſinnung der Partei, der Frau Prinzeſſin opfere,... ſie forderte nur Liebe von ihm; der glücklichſte, der reichſte Offtcier der Armee des Königs werden; denn warum den Reichthum vergeſſen? der Reichthum verdirbt nichts; im Dienſte Seiner Majeſtät bleiben, wenn Seine Majeſtät die Treue würdig belohnen würde; ſie verlaſſen, wenn die Majeſtät, nach dem Gebrauche der Könige, ſich undankbar benähme, war dies nicht eine groͤßere, wenn man ſo ſagen darf, ſtolzere Seligkeit, als er ſich je in ſeinen ſüßeſten Träumen zu er⸗ ſehnen gewagt hatte? Aber Nanon? Ach! Nanon! Nanon! das war der dumpfe Gewiſſens⸗ 104 biß, der immer im Grunde edler Seelen bleibt! Nur in gemeinen Herzen ſindet der Schmerz, den er verurſacht, kein Echo. Nanon, arme Nanon! Was würde ſie thun, was würde ſie ſagen, was würde aus ihr werden, wenn ihr die furchtbare Nachricht zu Ohren käme, ihr Geliebter wäre der Gatte einer Andern?... Ach! ſie würde ſich nicht rächen, obgleich ſie alle Mittel zur Rache in Händen hätte, und dieſer Gedanke peinigte Canolles am meiſten. Ohl wenn Nanon ſich wenigſtens zu rächen ſuchte, auf irgend eine Weiſe ſich rächte, ſo würde der Ungetreue in ihr nur noch eine Feindin ſehen und wäre wenigſtens von ſeinen Gewiſſensbiſſen befreit. Nanon hatte ihm indeſſen nicht auf den Brief geant⸗ wortet, in welchem er ſie gebeten, ſie möge ihm nicht mehr ſchreiben. Wie kam es, daß ſie ſo ängſtlich ſeine Vorſchriften befolgte? Hätte Nanon gewollt, ſo würde ſie ſicherlich Gelegenheit gefunden haben, ihm ein paar Zeilen zukommen zu laſſen. Nanon hatte es alſo nicht verſucht, Briefe mit ihm zu wechſeln. Ach! wenn Nanon im Stande wäre, ihn nicht mehr zu lieben! Und die Stirne von Canolles verdüſterte ſich bei dem Gedanken, es wäre möglich, daß ihn Nanon nicht mehr liebte. Es iſt grauſam, daß man die Selbſtſucht des Stolzes ſelbſt in dem edelſten Herzen finden muß. Zum Glück hatte Canolles ein Mittel, Alles zu ver⸗ geſſen, das, den Brief von Frau von Cambes wieder und wieder zu leſen; er las ihn wieder und wieder, und das Mittel wirkte. Unſerem Verliebten gelang es auf dieſe Art, ſich über Alles, was nicht ſein eigenes Glück betraf, zu betäuben. Und um ſeiner Geliebten, welche ihm zu Frau von Lalasne zu gehen befahl, von vorne herein zu gehorchen, machte er ſich ſchön, was bei ſeiner Jugend, bei ſeiner Anmuth und ſeinem Geſchmack keine Schwierig⸗ keit war, und wanderte in dem Augenblick, wo es zwei Uhr ſchlug, nach dem Hauſe der Präſidentin. Canolles war ſo ſehr mit ſeinem Glücke beſchäftigt, ͤͤ— 105 daß er, über das Quai ſchreitend, ſeinen Freund Ravailly nicht gewahrte, der ihm von einem Schiffe, welches kräftig gerudert auf dem Fluſſe herbeifuhr, tauſend Zeichen machte. Die Verliebten marſchiren in ihren glücklichen Augenblicken ſo leichten Schrittes, daß ſie die Erde nicht zu berühren ſcheinen. Canolles war alſo bereits ferne, als Ravailly landete. Kaum am Ufer, gab der Letztere mit kurzem Tone den Leuten vom Kahne einige Befehle, und eilte nach der Wohnung von Frau von Condé fort. Die Prinzeſſin ſaß bei der Tafel, als ſie Geräuſch im Vorzimmer hörte; ſie fragte, wer daſſelbe veranlaßte, und man antwortete ihr, es wäre der Baron von Ravailly welcher, von ihr an Herrn de La Meilleraye abgeſandt, in dieſem Augenblicke zurückkäme. „Madame“ ſagte Lenet,„ich glaube, es wäre gut, wenn ihn Euere Hoheit ſogleich empfangen würde; was für Nachrichten er auch bringen mag, ſie ſind immerhin von Belang.“ Die Prinzeſſin machte ein Zeichen, und Ravailly trat ein; aber er war ſo bleich, ſein Geſicht war ſo verſtört, daß Frau von Condé ſchon bei ſeinem Anblick vermuthete, ſie hätte einen Unglücksboten vor ſich. „Was gibt es, Kapitän,“ fragte ſie,„was iſt Neues vorgefallen?“ „Entſchuldigt, Madame, daß ich ſo vor Euerer Ho⸗ heit erſcheine, aber ich dachte, die Kunde, welche ich zu überbringen hätte, dürfte keinen Aufſchub dulden.“ „Sprecht, habt Ihr den Marſchall geſehen 20 „Der Marſchall hat ſich geweigert, mich zu empfan⸗ gen, Madame.“ „Der Marſchall hat ſich geweigert, meinen Geſandten zu empfangen!“ rief die Prinzeſſin. „Ohl Madame, das iſt noch nicht Alles.“ „Was noch mehr? ſprecht! ſprecht! ich höͤre.“ „Der arme Richon...“ 106 „Nun, ja, ich weiß es; er iſt gefangen, denn ich habe Euch abgeſandt, um über ſeine Auslöſung zu unter⸗ handeln.“ „Ich bin zu ſpät gekommen, wie ſehr ich mich auch beeilte.“ „Wie, zu ſpät!“ rief Lenet,„ſollte ihm ein Ungluͤck widerfahren ſein?“ „Er iſt todt!“ „Todt!“ wiederholte die Prinzeſſin. „Man hat ihm den Prozeß als Verräther gemacht; er wurde verurtheilt und hingerichtet.“ „Verurtheilt! hingerichtet!“ ſprach Lenet ganz be⸗ ſtürzt,„Hört Ihr, Madame? Ich ſagte es Euch.“ „Und wer hat ihn verurtheilt, wer hat dieſe Frech⸗ heit gehabt?“ „Ein Tribunal unter dem Vorſitze des Herzogs von Epernon oder vielmehr der Königin ſelbſt; man begnügte ſich auch nicht mit dem Tod, dieſer Tod ſollte entehrend ſein.“ „Wie! Richon 12 „Gehenkt, Madame, gehenkt, wie ein Schurke, wie ein Dieb, wie ein Moͤrder! Ich habe ſeinen Leichnam un⸗ ter der Halle von Libourne geſehen.“ Die Prinzeſſin ſprang von ihrem Sitze auf, als ob ſie von einer unſichtbaren Feder bewegt worden wäre. Le⸗ net ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. Frau von Cambes, welche ſich erhoben hatte, fiel auf ihren Stuhl zurück und fuhr nach ihrem Herzen, wie man es macht, wenn man eine tieſe Wunde erhalten hat; ſie war ohnmächtig. „Bringt die Vicomteſſe weg,“ ſagte der Herzog von Larochefoucault,„wir haben in dieſem Augenblick keine Muße, an die Ohnmachten der Damen zu denken.“ Zwei Frauen trugen die Bicomteſſe hinaus. „Das iſt eine ſcharfe Kriegserklärung,“ ſprach der Herzog unempfindlich. „Das iſt ſchändlich!“ ſagte die Prinzeſſin. 38 ́ Sͤ ——— eced 107 „Das iſt grauſam!“ rief Lenet. „Das iſt unpolitiſch!“ ſagte der Herzog. „Aber ich hoffe, wir werden uns rächen, und zwar auf eine nachdrückliche Weiſe!“ rief die Prinzeſſin. „Ich habe meinen Plan,“ ſprach Frau von Tourville, welche noch nichts geſagt hatte;„Repreſſalien, Hoheit, Repreſſalien.“ „Wartet einen Augenblick, Madame,“ erwiederte Lenet.„Teufel, wie raſch Ihr zu Werke geht. Die Sache iſt ſo ernſt, daß man wohl überlegen muß.“ „Nein, mein Herr, im Gegentheil, auf der Stelle,“ ſagte Frau von Tourville;„je ſchneller der König ge⸗ ſchlagen hat, deſto mehr müſſen wir uns beeilen, mit demſelben Schlage zu antworten.“ „Ei! Madame,“ rief Lenet,„Ihr ſprecht in der That vom Blutvergießen, als ob Ihr Königin von Frank⸗ reich wäret. Sagt Euere Meinung wenigſtens erſt, wenn Ihre Hoheit Euch darum fragt.“ „Madame hat Recht,“ rief der Kapitän der Garden, „Repreſſalien, ſo lautet das Kriegsgeſetz.“ „Höoͤret,“ verſetzte der Herzog von Larochefoucault, ſtets ruhig und unempfindlich,„wir wollen die Zeit nicht mit Worten verlieren. Die Nachricht wird die Stadt durchlaufen, und in einer Stunde vermögen wir weder mehr die Ereigniſſe, noch die Leidenſchaften, noch die Menſchen zu beherrſchen. Die erſte Sorge Euerer Hoheit muß es ſein, eine ſo feſte Stellung zu nehmen, daß man ſie für unerſchütterlich hält.“ „Wohl,“ erwiederte die Prinzeſſin, ich übertrage Euch dieſe Sorge, Herr Herzog, und verlaſſe mich ganz und gar darauf, daß Ihr meine Ehre und Euere Zunei⸗ gung rächen werdet, denn ehe Richon in meinen Dienſt trat, war er in dem Eurigen; ich erhielt ihn von Euch, und Ihr gabet ihn mir mehr als einen Euerer Freunde, denn als einen Euerer Diener.“ „Seid unbeſorgt,“ ſprach der Herzog,„ich werde 108 mich deſſen, was ich Euch, mir und dieſem armen Tod⸗ ten ſchuldig bin, erinnern.“ Und er näherte ſich dem Kapitän der Garden und ſprach lange ganz leiſe mit ihm, während ſich die Frau Prinzeſſin, gefolgt von Frau von Tourville und von Le⸗ net, der ſich voll Schmerz an die Bruſt ſchlug, ent⸗ fernte. 3 Die Vicomteſſe war an der Thüre. Als ſie wieder zu ſich kam, war es ihr erſter Gedanke, zu Frau von Condé zurückzukehren; Claire traf ſie auf dem Wege, aber mit einem ſo ſtrengen Geſicht, daß ſie dieſelbe nicht per⸗ ſönlich zu fragen wagte. „Mein Gott! mein Gott! was wird man machen?“ rief die Vicomteſſe ſchüchtern und wie zum Gebete die Hände faltend. „Man wird ſich rächen,“ antwortete Frau von Tour⸗ ville mit Majeſtät. „Sich rächen! und wie?“ fragte Claire. Frau von Tourville ging weiter, ohne ſich zu einer Antwort herbeizulaſſen; ſie dachte bereits über ihr Requi⸗ ſitorium nach. „Sich rächen!“ wiederholte Claire.„Oh! Herr Le⸗ net, was wollen ſie damit ſagen?“ „Madame,“ antwortete Lenet,„wenn Ihr einigen Einfluß auf die Prinzeſſin habt, gebraucht ihn, daß ſie nicht unter dem Namen von Repreſſalien einen furchtba⸗ ren Mord begeht.“ Und er ging ebenfalls vorüber und ließ Claire ganz erſchrocken zurück. Durch eine jener inneren Anſchauungen, welche an Ahnungen glauben laſſen, hatte ſich wirklich ſogleich die Erinnerung an Canolles auf eine ſchmerzliche Weiſe vor den Geiſt der jungen Fran geſtellt. Sie hoͤrte in ihrem Herzen gleichſam eine traurige Stimme, welche ihr von dieſem abweſenden Freunde ſprach; ſie ſtieg mit wüthen⸗ der Haſt in ihre Wohnung hinauf, begann raſch ſich an⸗ 109 zukleiden, um zu dem Rendezvous zu gehen, als ſie wahr⸗ nahm, daß daſſelbe erſt in drei bis vier Stunden ſtattha⸗ ben ſollte. Canolles hatte ſich indeſſen der ihm von der Vicom⸗ teſſe gegebenen Vorſchrift gemäß bei Frau von Lalasne eingefunden. Es war der Geburtstag des Präſidenten und man gab ihm eine Art von Feſt. Da man gerade in der ſchönſten Jahreszeit war, verſammelte ſich die ganze Ge⸗ ſellſchaft im Garten, wo man auf einem großen Raſen ein Ringſpiel eingerichtet hatte. Canolles, der eine außer⸗ ordentliche Gewandtheit und ſehr viel Anmuth beſaß, ließ ſich ſogleich in mehre Ausforderungen ein und feſſelte mit ſeiner Geſchicklichkeit den Sieg beſtändig an ſeine Seite. Die Damen lachten über die Ungeſchicklichkeit der Nebenbuhler von Canolles und bewunderten ſeine Ge⸗ wandtheit; bei jedem neuen Schlag, den er that, er⸗ ſchollen lange anhaltende Bravos, die Sacktücher flatter⸗ ten in der Luft, und es war Alles, daß die Sträuße mich den Händen entſchlüpften, um zu ſeinen Füßen zu allen. Dieſer Triumph war für Canolles nicht hinreichend, um ihn von dem großen Gedanken abzubringen, der ſeinen Geiſt beſchäftigte, aber er ließ ihn Geduld faſſen. Wie ſehr man auch Eile haben mag, um zum Ziele zu ge⸗ langen, ſo nimmt man doch die Zögerungen des Marſches in Geduld hin, wenn dieſe Zögerungen Huldigungen ſind. Je näher aber die erwartete Stunde kam, deſto häufiger wandten ſich die Blicke des jungen Mannes nach dem Gitter, durch welches die Gäſte aus und eingingen, und n das natürlich auch der verheißene Geſandte kommen mußte. Plötzlich und während Canolles ſich Glück wünſchte, daß er aller Wahrſcheinlichkeit nach nur noch eine ſehr kurze Zeit zu warten hätte, ging ein ſonderbares Geräuſch in dieſer freudigen Menge umher. Canolles bemerkte, daß ſich da und dort Gruppen bildeten, leiſe mit einander ſpra⸗ 110 chen und ihn mit einer ſeltſamen, wie es ſchien, ſchmerz⸗ lichen Theilnahme anſchauten; Anfangs ſchrieb er dieſe Theilnahme ſeiner Perſon und ſeiner Geſchicklichkeit zu und erwies ſich die Ehre dieſes Gefühls, deſſen wahre Urſache zu errathen er weit entfernt war. Er fing indeſſen, wie geſagt, mittlerweile an zu be⸗ merken, daß etwas Schmerzliches in dieſer Aufmerkſamkeit lag, deren Gegenſtand er war; lächelnd näherte er ſich einer von den Gruppen; die Perſonen, aus denen ſie be⸗ ſtand, ſuchten ebenfalls zu lächeln, aber ihr ganzes Weſen verrieth eine gewiſſe Verlegenheit, und diejenigen, welche nicht mit Canolles ſprachen, entfernten ſich. Canolles wandte ſich um; er ſah, daß allmälig alle Gäſte verſchwanden. Es war, als hätte ſich plötzlich eine unſelige Kunde in der Verſammlung verbreitet und alle Welt mit Schrecken und Schauer erfüllt. Der Präſident Lalasne ging, eine Hand am Kinn, die andere auf der Bruſt, mit finſterer Miene hinter ihm hin und her. Die Präſidentin, welche ihre Schweſter am Arm hielt, be⸗ nützte einen Augenblick, wo ſie Niemand ſehen konnte, machte einen Schritt gegen Canolles und ſagte, ohne das Wort an irgend Jemand zu richten, mit einem Tone, der die Seele des jungen Mannes im höchſten Maße in Unruhe verſetzte: „Wäͤre ich Kriegsgefangener, ſelbſt auf Ehrenwort, ſo würde ich aus Furcht, man könnte mir gegenüber das gegebene Wort nicht halten, auf ein gutes Pferd ſpringen und nach dem Fluſſe jagen; ich gäbe einem Schiffer zehn, zwanzig, hundert Louisd'or, wenn es ſein müßte, aber ich würde mich aus dem Staube machen.“ Canolles ſchaute die zwei Frauen erſtaunt an, und dieſe machten gleichzeitig ein Zeichen des Schreckens, das für ihn unbegreiflich blieb. Er ſchritt vorwärts und wollte ſich von den zwei Frauen die Erklärung der Worte er⸗ bitten, die ſte geſprochen hatten, aber ſie entflohen, wie Geſpenſter, wobei die eine den Finger auf den Mund ——— 11¹ legte, um ihm anzudeuten, er möge ſchweigen, während die andere den Arm emporhob, um ihm zu bezeichnen, er möge fliehen. 6 In dieſem Augenblick erſcholl der Name Canolles am itter. Der junge Mann bebte am ganzen Leibe. Dieſer Name ſollte von dem Boten von Frau von Cambes aus⸗ geſprochen werden. Er ſtürzte nach dem Gitter. „Iſt der Herr Baron von Canolles hier?“ fragte eine rauhe Stimme. „Ja,“ rief Canolles, Alles vergeſſend, um ſich nur 19 Verſprechens von Claire zu erinnern;„ja, hier bin i 17 „Ihr ſeid Herr von Canolles 24 ſagte nun ein Ser⸗ gent, die Schwelle des Gitters überſchreitend, hinter wel⸗ chem er geſtanden hatte. „Ja, mein Herr.“ „Der Gouverneur der Inſel Saint⸗Georeſe? Ja.“ „Der Erkapitän vom Regiment Navailles?“ „Ja. ⸗ Der Sergent wandte ſich um, machte ein Zeichen, und vier hinter einem Wagen verborgene Soldaten rückten ſogleich vor. Der Wagen ſelbſt fuhr ſo nahe heran, daß ſein Fußtritt die Schwelle des Gitters berührte; der Ser⸗ gent forderte Canolles auf, einzuſteigen. Der junge Mann ſchaute umher, er war ganz allein und ſah nur in der Ferne unter den Bäumen, wie zwei Schatten, Frau von Lalasne und ihre Schweſter, welche, an einander angelehnt, ihn voll Mitleid zu betrachten ſchienen. „Bei Gott!“ ſagte Canolles zu ſich ſelbſt, denn er begriff durchaus nicht, was vorging,„bei Gott! Frau ven Cambes hat da ein ſeltſames Geleite gewählt. Aber,, fügte er über ſeine eigenen Gedanken lächelnd bei,„w ir wollen in Beziehung auf die Wahl der Mittel nich zt häkelig ſein.“ 5 112 „Wir warten auf Euch, Commandant,“ ſagte der Sergent. „Verzeiht, meine Herren, hier bin ich,“ erwiederte Canolles. Und er ſtieg in den Wagen. Der Sergent und zwei Soldaten ſtiegen mit ihm ein; die zwei anderen ſetzten ſich der eine neben den Kutſcher, der andere hinten auf, und die plumpe Maſchine entfernte ſich ſo ſchnell, als ſie zwei kräftige Pferde fortziehen konnten. Alles dies war ſonderbar und fing an Canolles zu denken zu geben; er wandte ſich auch an den Sergenten und fragte: wohl ſagen, wohin Ihr mich führt?“ „Zuerſt in's Gefängniß,“ antwortete der Mann, an den die Frage gerichtet war. Canolles ſchaute dieſen Mann äußerſt erſtaunt an und entgegnete: 9 „Wie, in's Gefängniß! Kommt Ihr nicht im Auf⸗ trage einer Frau 20 „Allerdings.“ „Und dieſe Frau iſt nicht die Vicomteſſe von Cambes?“ „Nein, mein Herr, die Frau Prinzeſſin von Condé.“ „Die Frau Prinzeſſn von Condé!“ rief Canolles. „Armer junger Mann!“ murmelte eine Frauensperſon, welche eben vorüberging. Und ſie machte das Zeichen des Kreuzes. Canolles fühlte, wie ein jäher Schauer ſeine Adern durchlief. Etwas entfernter blieb ein Mann, der mit einer Pike in der Hand auf der Straße einherſchritt, plötzlich ſtille ſtehen, als er den Wagen und die Soldaten erblickte, Canolles neigte ſich heraus; ohne Zweiſel erkannte ihn die⸗ ſer Mann, denn er zeigte ihm die Fauſt mit einem drohen⸗ den, wüthenden Ausdruck. 3 32 „Nun, da wir allein ſind, mein Herr, könnt Ihr mir 118 „Ohl ſie ſind wahre Narren in Euerer Stadt,“ ſagte Cauolles, indem er noch zu lächeln verſuchte;„bin ich denn ſeit einer Stunde ein Gegenſtand des Mitleids oder des Haſſes geworden, daß mich die Einen beklagen und die Andern bedrohen?“ „Ei, mein Herr,“ antwortete der Sergent,„dieje⸗ nigen, welche Euch beklagen, haben nicht Unrecht, und diejenigen, welche Euch bedrohen, könnten wohl Recht haben.“ „Wenn ich nur wenigſtens verſtünde...“ „Ihr werdet ſogleich verſtehen,“ erwiederte der Ser⸗ gent. Man langte vor dem Thore des Gefängniſſes an und ließ Canolles mitten unter dem Volke, das ſich zu ver⸗ ſammeln anfing, ausſteigen. Nur hieß man ihn, ſtatt ihn in ſein gewöhnliches Zimmer zu führen, in einen mit Wachen gefüllten Kerker hinabgehen. „Ich muß doch am Ende erfahren, woran ich mich zu halten habe,“ ſagte Canolles zu ſich ſelbſt. Und er zog zwei Louisd'or aus der Taſche, näherte ſich einem Soldaten und drückte ſie ihm in die Hand. Der Soldat zoͤgerte das Geld anzunehmen. „Nimm, mein Freund,“ ſprach Canolles zu ihm, „denn die Frage, die ich an Dich richten will, kann Dich in keiner Beziehung gefährden.“ „So ſprecht, mein C Halländant,⸗ erwiederte der Laldat und ſteckte vorläufig die zwei Louisd'or in die aſche. „Nun, ich möchte gern die Urſache meiner plötzlichen Verhaftung erfahren?“ „Man ſollte glauben, Ihr wüßtet nichts von dem Tode des armen Herrn Richon. „MNichon iſt todt!“ rief Canolles und ſtieß einen Schrei des tiefſten Schmerzes aus, denn man erinnert ſich, daß ſie eine innige Freundſchaft verband.„Mein Gott! wäre er todt geſchoſſen worden?“ Der Frauenkrieg. III. 8 1144 „Nein, mein Commandant, man hat ihn gehenkt.“ „Gehenkt!“ murmelte Canolles erbleichend und die Hände faltend; und er ſchaute die düſteren Geräthſchaften, die ihn umgaben, und die wilde Miene ſeiner Waͤchter an und fügte bei:„Gehenkt! Teufel! das könnte wohl meine Heirath auf unbeſtimmte Zeit vertagen!“ IX. Frau von Cambes hatte ihre Toilette, eine einfache reizende Toilette, beendigt; ſie warf eine Art von Mantel über ihre Schultern und machte Pompée ein Zeichen, ihr voranzugehen; es war beinahe Nacht, und da ſie zu Fuße weniger bemerkt zu werden glaubte, als in einer Carroſſe, hatte ſie Befehl gegeben, ihren Wagen am Ausgang der Carmeliter⸗Kirche in der Nähe einer Kapelle warten zu laſſen, in der ſie getraut werden ſollte. Pompée ſtieg die Treppe hinab, und die Vicomteſſe folgte ihm. Dieſes Recognoscirgeſchäft erinnerte den alten Soldaten an die bekannte Patrouille, die er am Vorabend der Schlacht von Corbie gemacht hatte. Unten an der Treppe, als die Vicomteſſe an dem Saale hinſchritt, in welchem ein gewaltiger Lärmen ſtatt⸗ fand, begegnete ſie Frau von Tourville, die den Her⸗ zog von Larochefoucault, ſich eifrig mit ihm beſprechend, nach dem Cabinet der Prinzeſſin fortzog: „Ohl ich bitte, Madame, nur ein Wort,“ ſagte ſiez „was hat man beſchloſſen?“ „Mein Plan iſt angenommen,“ rief Frau von Tout⸗ ville triumphirend.. 114 „Und worin beſtand Euer Plan, Madame? ich kenne ihn nicht.“ „Die Repreſſalien, meine Liebe, die Repreſſalien.“ „Verzeiht, Madame, aber ich bin unglücklicher Weiſe nicht ſo mit den Kriegsausdrücken vertraut, wie Ihr; was verſteht Ihr unter dem Worte Repreſſalien?“ „Das iſt ganz einfach, liebes Kind.“ „So erklärt Euch doch.“ „Nicht wahr, ſie haben einen Officier der Herren Prinzen gehenkt?“ „Ja, nun?“ „Nun! wir wollen in Bordeaur einen Officier der königlichen Armee ſuchen und ihn ebenfalls aufhängen.“ „Großer Gott!“ rief Frau von Cambes erſchrocken, „was ſagt Ihr da, Madame?“ „Herr Herzog,“ fuhr die Wittwe fort, ohne daß es ſchien, als bemerkte ſie den Schrecken von Claire,„hat man nicht bereits den Gouverneur verhaftet, der auf Saint⸗ George commandirte?“ „Ja, Madame,“ antwortete der Herzog. „Herr von Canolles iſt verhaftet?“ rief Claire. „Ja, Madame,“ erwiederte der Herzog mit kaltem Tone;„Canolles iſt verhaftet oder wird es werden; der Befehl iſt in meiner Gegenwart gegeben worden, und ich hate die mit der Ausführung beauftragten Leute abgehen ehen.“ „Man wußte alſo, wo er war?“ fragte Claire mit einer letzten Hoffnung. „Er war in dem kleinen Hauſe unſeres Wirthes, des Herrn Präſidenten Lalasne, wo er, wie man mir ſagt, be⸗ deutende Siege im Ringſpiele davontrug.“ Claire ſtieß einen Schrei aus; Frau von Tourville wandte ſich erſtaunt um; der Herzog ſchaute die junge Frau mit einem unmerklichen Lächeln an. „Herr von Canolles iſt verhaftet!“ ſprach die Vicom⸗ teſſe;„mein Gott, was hat er denn gethan, was hat er 116 mit dem furchtbaren Ereigniß gemein, das uns troſtlos macht?“ „Was er damit gemein hat? Alles, meine Liebe. Iſt es nicht ein Gonverneur wie Richon?“ Claire wollte ſprechen, aber ihr Herz ſchnürte ſich dergeſtalt zuſammen, daß das Wort auf ihren Lippen zu Eis wurde. Den Herzog beim Arm faſſend und ihn peſ Schrecken anſchauend, gelang es ihr jedoch zu mur⸗ meln: 3„Oh! nicht wahr, Herr Herzog, das iſt nur eine Finte, eine Manifeſtation, und weiter nicht? Man kann, ſo ſcheint es mir wenigſtens, einem Gefangenen auf Ehren⸗ wort nichts thun?“ „Madame, Richon war ebenfalls Gefangener auf Ehrenwort.“ „Herr Herzog, ich flehe Euch an...“ „Erſparet Euch die Bitten, Madame, ſie ſind frucht⸗ los. Ich vermag nichts in dieſer Angelegenheit, der Rath allein wird entſcheiden.“ Claire ließ den Arm von Herrn von Larochefoncault los und lief geraden Wegs in das Cabinet von Frau von Condé. Lenet ging bleich und bewegt mit großen Schrit⸗ ten auf und ab; Frau von Condé ſprach mit dem Her⸗ zog von Bouillon. Frau von Cambes ſchlich ſich, leicht und bleich wie ein Schatten, zu der Prinzeſſin. „Oh! Madame, im Namen des Himmels, eine Unterredung von nur einer Sekunde, ich flehe Euch an.“ „Ah! Du biſt es, Kleine; ich habe in dieſem Augen⸗ blick keine Muße dazu,“ antwortete die Prinzeſſin;„aber nach dem Rathe gehöre ich ganz Dir.“ „Madame, Madame, gerade vor dem Rathe muß ich Euch ſprechen.“ Die Prinzeſſin war auf dem Punkte, nachzugeben, als eine Thüre, der gegenuber, durch welche die Vicomteſſe tlos Iſt ſich zu ihn ur⸗ eine nn, en⸗ auf 117 eingetreten war, ſich oͤffnete und Herr von Larochefoucault erſchien. „Madame,“ ſagte er,„der Rath iſt verſammelt und erwartet ungeduldig Euere Hoheit.“ „Du ſiehſt, Kleine,“ ſprach Frau von Condé,„es iſt mir in dieſem Augenblick unmöglich, Dich zu hoͤren; aber komm' mit uns in den Rath, und wenn er beendigt iſt, gehen wir mit einander und plaudern.“ Es gab für Claire kein Mittel, auf ihrer Bitte zu beharren. Geblendet durch die furchtbare Geſchwindigkeit, mit der die Ereiguiſſe vorrückten, fing die arme Frau an von einem Schwindel befallen zu werden; ſie befragte alle Blicke, ſie verdolmetſchte alle Geberden, ohne etwas zu ſehen, ohne daß ihre Vernunft ihr begreiflich machte, um was es ſich handelte, ohne daß ihre Thatkraft ſie dieſem furchtbaren Traume zu entziehen vermochte. Ddie Prinzeſſin begab ſich in den Saal. Claire folgte ihr maſchinenmäßig, ohne zu bemerken, daß Lenet ihre eiſige Hand gefaßt hatte, welche ſie wie ein Leichnam her⸗ abhängen ließ. Man trat in das Rathszimmer; es mochte ungefähr acht Uhr Abends ſein. Der Verſammlungsort war ein weiter, ſchon an und für ſich düſterer, aber durch große Vorhänge noch mehr verdüſterter Saal. Eine Art von Eſtrade war zwiſchen den zwei Thüren errichtet worden, welche den zwei Fen⸗ ſtern gegenuͤberlagen, durch die der letzte Schimmer des verſcheidenden Tages eindrang. Auf dieſer Eſtrade ſtan⸗ den zwei Lehnſtühle, der eine für Frau von Condé, der andere für den Herrn Herzog von Enghien. Von jeder Seite dieſer Lehnſtühle ging eine Reihe von Tabourets aus, welche für die Frauen beſtimmt waren, die den Geheimen⸗ rath Ihrer Hoheit bildeten. Alle andere Richter mußten ſich auf die zu dieſem Behufe aufgeſtellten Bänke ſetzen. Der Herzog von Bonillon ſtützte ſich auf den Lehnſtuhl 118 der Frau Prinzeſſin, der Herzog von Larochefoncault auf den des kleinen Prinzen. Lenet ſetzte ſich dem Greffier gegenüber; neben ihm ſtand, zitternd, ganz verwirrt, Frau von Cambes. Man führte ſechs Officiere von der Armee von Condé, ſechs Officiere von der Municipalität, und ſechs Juraten der Stadt ein. Sie nahmen ihre Plätze auf den Bänken. Zwei Candelaber, jeder drei Kerzen tragend, beleuch⸗ teten allein dieſe improviſirte Verſammlung; ſie ſtanden auf einem Tiſche vor der Frau Prinzeſſin und ſetzten die Hauptgruppe in's Licht, während die übrigen Anweſen⸗ den allmälig ſich mit dem Schatten vermiſchten, je mehr ſie ſich von dem ſchwachen Mittelpunkte der Helle ent⸗ fernten. Die Soldaten der Armee der Frau Prinzeſſin be⸗ wachten, die Hellebarde in der Hand, die Eingänge. Man höoͤrte außen den Lärmen der brüllenden Menge. Der Greffier rief die Namen auf, Jeder erhob ſich, ſobald die Reihe an ihn kam, und antwortete. Dann ſetzte der Berichterſtatter die Angelegenheit aus⸗ einander: er erzählte die Einnahme von Vayres, den Wort⸗ bruch von Herrn de La Meilleraye, den entehrenden Tod von Richon. Ein beſonders dazu aufgeſtellter Officier, der zum⸗ Voraus hiezu Befehl erhalten hatte, oͤffnete in dieſem Augen⸗ blick ein Fenſter, und es drang ein wahrer Strom von Stimmen ein; dieſe Stimmen riefen:„Rache für den bra⸗ ven Richon! Tod den Mazarinern!“. So bezeichnete man die Royaliſten. „Ihr hört, was die große Stimme des Volkes ver⸗ laugt,“ ſprach Herr von Larochefoucault.„In zwei Stun⸗ den hat nun dieſes Volk, unſere Macht verachtend, ſich ſelbſt Gerechtigkeit verſchafft, oder die Repreſſalien ſind nicht mehr der Sache und Zeit gemäß. Urtheilen wir alſo, meine Herren, und zwar ohne Verzug.“ —=— — d 119 Die Prinzeſſin ſtand auf und rief: „Und warum urtheilen? wozu ein Urtheil? Ihr habt das Urtheil ſo eben vernommen, das Volk von Bordeaur hat es ausgeſprochen.“ „In der That,“ ſagte Frau von Touroille,„nichts iſt einfacher, als die Lage der Dinge. Es iſt die Strafe der Wiedervergeltung, und nichts Anderes. Dergleichen müßte ſich gleichſam durch Eingebung, und nur von Pro⸗ foß zu Profoß machen.“ Lenet konnte nicht mehr länger zuhören; er ſprang von ſeinem Platze aus mitten in den Kreis und rief: „Ah! kein Wort mehr, ich bitte Euch, Madame, denn eine ſolche Anſicht wäre zu unheilvoll, wenn ſie vor⸗ herrſchte. Ihr vergeßt, daß ſelbſt die königliche Gewalt, auf ihre Art, das heißt auf eine ſchändliche Weiſe ſtra⸗ fend, die Achtung vor den juridiſchen Formen wahrte und die gerechte oder ungerechte Strafe durch einen Spruch von Richtern beſtätigen ließ.“ „Ah! ich darf nur ein Wort ausſprechen, und Herr Lenet iſt ſicherlich der entgegengeſetzten Meinung,“ erwie⸗ derte Frau von Tourville.„Leider ſteht diesmal meine Meinung im Einklang mit der Ihrer Hoheit.“ „Ja, leider,“ ſprach Lenet. „Mein Herr!.. rief die Prinzeſſin. „Ei! Madame, wahret wenigſtens den Schein,“ ent⸗ gegnete Lenet;„wird es Euch nicht immer freiſtehen, zu verurtheilen?⸗ „Herr Lenet hat Recht,“ ſprach der Herzog von La⸗ rochefoucault;„der Tod eines Menſchen iſt eine zu ernſte Sache, beſonders unter ſolchen Umſtänden, als daß wir die Verantwortlichkeit auf einem Haupte laſten laſſen dürften, und wäre es auch ein fürſtliches Haupt.“ Dann ſich an das Ohr der Prinzeſſin neigend, ſagte d ne, daß es nur die Gruppe der Vertrauten allein hören onnte: „Madame, vernehmet die Meinung von Allen, und 120 behaltet, um das Urtheil auszuſprechen, nur diejenigen, deren Ihr ſicher ſeid. Auf dieſe Art haben wir nicht zu befürch⸗ ten, unſere Rache köͤnnte uns entgehen.“ „Einen Augenblick,“ ſprach Herr von Bouillon, ſich auf ſeinen Stock ſtützend und ſein gichtiſches Bein aufhe⸗ bend:„Ihr habt davon geſprochen, man ſolle die Verant⸗ wortlichkeit von dem Haupte der Prinzeſſin entfernen; ich weiſe ſie nicht zurück, aber ich verlange, daß die Uebrigen ſie mit mir theilen. Ich will nichts Anderes, als fortwah⸗ rend Nebell ſein, doch in Geſellſchaft, mit der Frau Prin⸗ zeſſin einer Seits und dem Volke anderer Seits. Teufel! man ſoll mich nicht vereinzeln. Ich habe meine Souverä⸗ netät in Sedan über einem Spaſſe dieſer Art verloren. Damals hatte ich eine Stadt und einen Kopf. Der Car⸗ dinal von Richelien nahm meine Stadt; heute habe ich nur noch einen Kopf, und es gelüſtet mich nicht, mir die⸗ ſen vom Cardinal Mazarin nehmen zu laſſen. Ich ver⸗ lange daher die Herren Notabeln von Bordeaux als Bei⸗ ſitzer./. „Solche Unterſchriften neben den unſern!“ murmelte die Prinzeſſin,„pfui!“ „Der Pflock hält den Balken, Madame,“ erwiederte der Herzog von Bouillon, den die Verſchwörung von Cing⸗Mars für ſein ganzes übriges Leben klug gemacht atte. 9„Iſt das Euere Anſicht, meine Herren?“ „Ja,“ antwortete der Herzog von Larochefoucault. „Und Ihr, Lenet?“ „Madame,“ ſprach Lenet,„ich bin glücklicher Weiſe weder Prinz, noch Herzog, noch Officier, noch Jurat. Ich habe alſo das Recht, mich jedes Ausſpruchs zu enthalten, und enthalte mich.“. Da erhob ſich die Prinzeſſin und ermahnte die Ver⸗ ſammlung, welche ſie berufen hatte, die königliche Ausforderung durch einen kräftigen Akt zu erwiedern. Kaum hatte ſie ihre Rede geendigt, als ſich das Fenſter — — 121 abermals öffnete und man in den Saal des Tribunals ein⸗ dringend zum zweiten Male die tauſend Stimmen des Volkes wie mit einem Munde ſchreien hörte: „Es lebe die Frau Prinzeſſin! Rache für Richon! Tod den Epernoniſten und Mazarinern!“ Frau von Cambes faßte Lenet beim Arm und ſagte: „Herr Lenet, ich ſterbe.“ „Die Frau Vicomteſſe von Cambes bittet Ihre Ho⸗ heit um Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen,“ ſprach Lenet. „Nein, nein,“ verſetzte Claire,„ich will...“ „Euer Platz iſt nicht hier, Madame,“ unterbrach ſie Lenet,„Ihr vermöget nichts für ihn, ich werde Euch Al⸗ les mittheilen, und wir werden ihn zu retten ſuchen.“ „Die Vicomteſſe mag ſich entfernen,“ ſprach die Prin⸗ zeſſin.„Denjenigen Damen, welche der Sitzung nicht bei⸗ wohnen wollen, ſteht es frei, ihr zu folgen. Wir wollen nur Männer hier.“ Keine von allen den Frauen rührte ſich: eine der ewigen Beſtrebungen der zum Verführen beſtimmten Hälfte des Menſchengeſchlechts iſt es, ſich die Ausübung der Rechte des zum Herrſchen beſtimmten Theiles anzumaßen. Dieſe Damen fanden, wie die Prinzeſſin geſagt hatte, Gelegen⸗ heit, ſich für einen Augenblick zu Männern zu machen, und das war ein zu glücklicher Umſtand, als daß ſie ihn nicht hätten benützen ſollen. Frau von Cambes entfernte ſich unterſtützt von Lenet. Auf der Treppe begegnete ſie Pompée, den ſie auf Erkun⸗ digung ausgeſchickt hatte. „Nun?“ fragte ſie. „Nun!“ antwortete er,„er iſt verhaftet.“ „Herr Lenet,“ ſprach Claire,„ich habe nur noch Ver⸗ trauen zu Ench und hoffe nur noch auf Gott!“ Und ſie kehrte voͤllig niedergeſchmettert in ihr Zim⸗ mer zurück. „Nennt mir die Fragen, die ich demjenigen vorzule⸗ 122 gen habe, welcher erſcheinen wird,“ ſprach die Prinzeſſin in dem Augenblick, wo Lenet wieder ſeinen Platz beim Gref⸗ ſe einnahm;„und ſagt mir, auf wen das Loos fallen ſoll?“ „Das iſt ganz einfach, Madame,“ antwortete der Her⸗ zog.„Wir haben ungefähr Dreihundert Gefangene, wo⸗ runter zehn bis zwölf Officiere; fragen wir ſie nur nach ihren Namen und ihren Graden in der königlichen Armee; der Erſte, der als Feſtungscommandant erkannt wird, wie es mein armer Richon war, iſt derjenige, welchen das Schickſal bezeichnet hat.“ „Es iſt unnöthig, unſere Zeit damit zu verlieren, daß wir zehn bis zwölf verſchiedene Officiere befragen, meine Herren,“ ſagte die Prinzeſſin.„Ihr habt das Regiſter, Herr Greffier, ſucht und nennt die Gefangenen von glei⸗ chem Grade mit dem, welchen Herr Richon einnahm.“ „Es ſind nur zwei,“ antwortete der Greffier:„der Gouverneur der Inſel Saint⸗George und der Gouverneur von Branne.“ „Allerdings, wir haben zwei,“ rief die Prinzeſſin; „Ihr ſeht, das Schickſal hat uns gut bedacht. Sind ſie verhaftet, Labuſſiere?“. „Gewiß, Madame,“ antwortete der Kapitän der Gar⸗ den,„und Beide harren in der Feſtung dem Befehle, hier zu erſcheinen, entgegen.“ „Sie mögen erſcheinen,“ ſagte die Prinzeſſin. „Welchen ſoll man bringen?⸗ fragte Labuſſiore. „Bringt ſie Beide,“ erwiederte die Prinzeſſin,„nur werden wir mit dem erſten dem Datum nach, mit dem Herrn Gouverneur von Saint⸗George, anfangen.“ X. Ein ſchreckenvolles Stillſchweigen, nur unterbrochen durch das Geräuſch der Tritte des abgehenden Kapitäns der Garden und durch das fortwährend wiederentſtehende Gemurmel der Menge, folgte auf dieſen Befehl, durch den die Rebellion auf eine noch gefährlichere und furchtbarere Bahn geſchleudert wurde, als diejenige war, auf welcher ſie ſich bis jetzt bewegt hatte. Es hieß durch einen Akt der Prinzeſſin und ihrer Räthe die Armee und die Stadt ge⸗ wiſſermaßen außer das Geſetz ſtellen; es hieß eine ganze Bevölkerung für die Intereſſen und Leidenſchaften von We⸗ nigen verantwortlich machen; es hieß im Kleinen das thun, was die Gemeinde Paris am 3. September that. Aber die Gemeinde Paris handelte bekanntlich im Großen. Kein Hauch war in dem Saale zu vernehmen; Aller Augen waren auf die Thüre geheftet, durch welche man die Gefangenen eintreten zu ſehen erwartete. Um ihre Präſidenten⸗Rolle gut zu ſpielen, gab ſich die Prinzeſſin den Anſchein, als blätterte ſie in den Regiſtern; Herr von Larochefoucault hatte eine träumeriſche Stellung angenom⸗ men, Herr von Bouillon plauderte mit Frau von Tour⸗ liig über ſeine Gicht, die ihm viele Schmerzen verur⸗ ſachte. Lenet näherte ſich der Prinzeſſin, um einen letzten Verſuch zu machen; nicht als ob er gehofft hätte, aber er war einer von den ſtrengen Männern, welche eine Pflicht 124 Knfüſlen⸗ weil es für ſie eine Verbindlichkeit iſt, ſie zu er⸗ erfüllen. „Bedenkt doch, Madame,“ ſagte er,„Ihr ſetzt auf einen Wurf die Zukunft Eueres Hauſes.“ „Dabei iſt kein Verdienſt,“ erwiederte die Prinzeſſin, „ich habe volle Sicherheit, daß ich gewinne.“ „Herr Herzog,“ ſprach Lenet, ſich an Larochefoucault wendend,„Ihr, der Ihr ſo hoch über den gewoͤhnlichen Verſtandeskräften und menſchlichen Leidenſchaften ſteht, nicht wahr, Ihr werdet zur Maͤßigung rathen?“ „Mein Herr,“ antwortete der Herzog heuchleriſch,„ich discutire die Sache in dieſem Augenblick mit meiner Vernunft.“ „Berathet ſie“ mit Euerem Gewiſſen, Herr Herzog, das wird beſſer ſein!“ entgegnete Lenet. In dieſer Sekunde vernahm man ein dumpfes Ge⸗ räuſch. Es war das Gitter, welches wieder geſchloſſen wurde. Dieſes Geräuſch wiederhallte in allen Herzen, denn es verkündigte die Ankunft von Einem der beiden Gefangenen. Bald erſchollen Tritte auf der Treppe, die Hellebarden klirrten auf den Steinplatten, die Thüre wurde geöffnet, und Canolles erſchien. Nie hatte er ſo zierlich ausgeſehen, nie war er ſo hübſch geweſen; voll Heiterkeit, hatte ſein Antlitz die pur⸗ purne Blüthe der Freude und der Unwiſſenheit beibehalten. Er trat mit einem leichten, ungezwungenen Gange vor, wie er es bei dem Advokaten Lavie oder bei dem Präſi⸗ denten Lalasne gethan hätte, und begrüßte ehrfurchtsvoll die Prinzeſſin und die Herzoge. Die Prinzeſfin war ſelbſt erſtaunt über dieſen voll⸗ kommenen Anſtand; ſie blieb auch eine Zeit lang in Be⸗ trachtung des jungen Mannes verlieft. Endlich brach ſie das Stillſchweigen mit den Worten: „Nähert Euch, mein Herr.“ 3 feaulles gehorchte und verbeugte ſich zum zweiten Male, 125 „Wer ſeid Ihr?0 „Ich bin der Baron Louis von Canolles.“ „Welchen Grad hattet Ihr in dem köͤniglichen Heere inne?“ „Ich war Oberſtlieutenant.“ „Waret Ihr nicht Gouverneur der Inſel Saint⸗ George?“ „Ich hatte die Ehre.“ „Ihr habt die Wahrheit geſprochen?“ „In jeder Hinſicht, Madame.“ „Habt Ihr die Fragen und die Antworten geſchrieben, Greffier?“ e Der Greffier machte, ſich verbeugend, ein bejahendes Zeichen. „So unterſchreibt, mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin. Canolles nahm die Feder, wie ein Menſch, der nicht weiß, in welcher Abſicht eine Aufforderung an ihn ergeht, aber aus Achtung vor dem Range der Per⸗ ſon, welche dieſelbe ausſpricht, gehorcht, und unterſchrieb lächelnd. „Es iſt gut, mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin,„Ihr könnt Euch nun zurückziehen.“ Canolles grüßte abermals ſeine edeln Richter und entfernte ſich mit derſelben Ungezwungenheit und Anmuth, ohne irgend eine Neugierde, irgend ein Erſtaunen kundzu⸗ geben. 3 Kaum hatte ſich die Thüre wieder hinter ihm ge⸗ ſchloſſen, als die Prinzeſſin aufſtand und raſch fragte; „Nun, meine Herren?“ „Nun, Madame, ſtimmen wir ab,“ ſagte der Herzog von Larochefoueault. „Stimmen wir ab,“ wiederholte der Herzog von Bouillon. t Dann ſich gegen die Juraten umwendend fügte er bei: „Wollen uns dieſe Herren ihre Anſicht ſagen?“ 126 „Nach Euch, Monſeigneur,“ antwortete einer von den Bürgern. „Nein, vor Euch!“ rief eine ſchallende Stimme. Dieſe Stimme hatte einen ſolchen Ausdruck von Fe⸗ ſtigkeit, daß Jedermann darüber erſtaunte. 3 „Was ſoll das bedeuten?“ fragte die Prinzeſſin, indem ſie das Geſicht desjenigen, welcher geſprochen hatte, zu erkennen ſuchte. „Das ſoll heißen,“ rief ein Mann ſich erhebend, damit kein Zweifel über die Perſon des Sprechenden möglich wäre, „das ſoll heißen, daß ich André Lavie, Advocat des Königs, Rath beim Parlament, im Namen des Königs und beſonders im Namen der Menſchheit für die in Bordeaur auf Ehrenwort zurückgehaltenen Gefangenen Privilegium und Sicherheit verlange. Dem zu Folge ſpreche ich meine Meinung dahin aus...“ „Oh! ohl Herr Advocat,“ entgegnete die Prinzeſſin die Stirne faltend,„ich bitte keinen Prozeßſtyl in meiner wir verfolgen, iſt eine Sache des Gefühls, und kein ſchmu⸗ tziger, ärgerlicher Rechtsſtreit; jedes von den Gliedern, welche dieſes Tribunal bilden, wird, denke ich, das vor⸗ liegende Verhältniß begreifen.“ „Ja, ja,“ wiederholten im Chor die Juraten und die Offieiere,„ſtimmen wir ab, meine Herren, ſtimmen wir ab!“ ohne ſich durch die Anrede der Prinzeſſin aus der Faſſung bringen zu laſſen,„ich verlange Privilegium und Sicherheit für die auf Ehrenwort zurückgehaltenen Gefangenen. Das iſt kein Prozeßſtyl, es iſt der Styl des Völkerrechts.“ „Und ich füge bei,“ ſprach Lenet:„man hat Richon gehört, ehe man ſo grauſam gegen ihn verfahren iſt, und die Gerechtigkeit fordert, daß wir die Angeklagten ebenfalls hören.“ „Und ich,“ ſagte d'Eſpagnet, der Bürger⸗Anführer, Gegenwart, denn ich verſtehe ihn nicht. Die Sache, die „Ich habe es geſagt und wiederhole es,“ rief Lavie, en 127 welcher Saint⸗George mit Herrn von Larochefoucault an⸗ gegriffen hatte,„ich erkläre, daß morgen die Stadt ſich empört, wenn man mit dieſer Milde zu Werke geht.“ Ein Gemurre von Außen ſchien dieſe Erklärung zu erwiedern und zu beſtätigen. „Beeilen wir uns,“ ſprach die Prinzeſſin.„Wozu verurtheilen wir den Gefangenen?“ „Die Gefangenen, Madame,“ ſagten einige Stimmen, „denn es ſind ihrer zwei.“ „Einer genügt Euch alſo nicht 2u ſprach Lenet, ver⸗ ächtlich über dieſe blutige Knechterei lächelnd. „Welchen denn? welchen?“ wiederholten dieſelben Stimmen. „Den Fetteſten, Cannibalen!“ rief Lavie.„Ah! Ihr beklagt Euch über Ungerechtigkeit, Ihr ſchreit über ſchänd⸗ liche Verletzung, und wollt eine Mordthat durch zwei Morde erwiedern! Eine ſchöne Verſammlung von Phi⸗ loſophen und Soldaten, die ſich zu Gurgelabſchneidern machen!“ Die flammenden Augen der Mehrzahl der Richter ſchienen bereit, den muthigen Advocaten des Königs nieder⸗ zuſchmettern. Fran von Condé hatte ſich erhoben und blickte auf ihre Fäuſte geſtützt umher, als wollte ſie die Anweſenden befragen, ob die Worte, die ſie gehört hatte, wirklich ausgeſprochen worden wären, und ob ſich auf der Welt ein Menſch fände, der die Kühnheit hätte, ſolche Dinge in ihrer Gegenwart zu ſagen. Lavie begriff, daß ſeine Anweſenheit Alles verſchlim⸗ mern würde, und daß ſeine Art, die Angeklagten zu ver⸗ theidigen, ſtatt ſie zu retten, dieſelben in das Verderben ſtürzen müßte. Er beſchloß daher, ſich zu entfernen, je⸗ och als ein Richter wegzugehen, der ſich ſeiner Stimme begibt, und nicht wie ein Soldat, der die Flucht ergreift. Und er ſprach: „Im Namen Gottes proteſtire ich gegen das, was 128 Ihr thun wollt; im Namen des Königs verbiete ich es Euch.“ Und ſeinen Stuhl mit einer Geberde majeſtätiſchen Zornes umwerfend, verließ er den Saal, die Stirne hoch, der Gang ſicher, wie ein Mann, der ſich ſtark fühlt durch eine Pflichterfüllung und ſich wenig um das Unglück be⸗ kümmert, das aus einer erfüllten Pflicht für ihn hervor⸗ gehen kann. „Frecher!“ murmelte die Prinzeſſin. „Gut, gut! laſſen wir ihn gewähren,“ ſagten ei⸗ nige Stimmen:„an Meiſter Lavie wird auch die Reihe kommen.“ „Stimmen wir ab,“ riefen beinahe insgeſammt die Richter. 3 „Aber warum abſtimmen,“ ſprach Lenet,„ohne die beiden Angeſchuldigten gehört zu haben? Vielleicht wird Euch der Eine ſchuldiger erſcheinen, als der Andere? Vielleicht werdet Ihr auf ein Haupt die Rache fallen laſſen, die Ihr an zwei Menſchen üben wollt.“ In dieſem Augenblick hörte man zum zweiten Male das Geräuſch des Gitters. „Wohl, es ſei,“ ſagte die Prinzeſſin,„wir ſtimmen über Beide zugleich ab.“ Das Tribunal hatte ſich bereits ſtürmiſch erhoben, ſetzte ſich aber wieder, und man vernahm abermals den Lärmen von Tritten, das Klirren der Hellebarden, die Thüre öffnete ſich, und Cauvignac erſchien. Der Eintretende bildete einen ſchlagenden Contraſt mit Canolles: ſo ſehr er ſich auch Mühe gegeben hatte, ſeine vom Pöbel ſtark beſchädigten Kleider wieder auszu⸗ beſſern, ſo waren doch die Spuren der Unordnung daran zurückgeblieben. Seine Augen warfen ſich lebhaft auf die Juraten, auf die Offieiere, die Herzoge und die Prin⸗ zeſſin, und umfaßten gleichſam mit einem Kreisblicke das ganze Tribunal; dann rückte er mit der Miene eines Fuchſes, der den Jäger von der Fährte abbringen will, 4 . 129 ſo zu ſagen bei jedem Schritte mit dem Fuße den Boden ſondirend, das Ohr auf der Lauer, bleich und ſichtbar un⸗ ruhig vor, und ſprach, ohne abzuwarten, daß man ihn befragte. „Euere Hoheit hat mir die Ehre erzeigt, mich vor ſich rufen zu laſſen?“ 4⁴ „Ja, mein Herr,“ antwortete die Prinzeſſin;„ich wollte durch Euch ſelbſt Gewißheit über einige Punkte er⸗ langen, die Euch betreffen und uns in Verlegenheit ſetzen.“ „Madame,“ erwiederte Cauvignac ſich verbeugend, „ich bin ganz bereit, der Gunſt zu entſprechen, welche mir Euere Hoheit erweiſt.“ Und er verbeugte ſich abermals mit der artigſten Miene, die er anzunehmen vermochte, aber dieſer Miene fehlte es ſichtbar an der Leichtigkeit des Anſtands und an der Natürlichkeit. „Das wird bald geſchehen ſein,“ ſprach die Prinzeſ⸗ ſin,„beſonders wenn Ihr eben ſo beſtimmt antwortet, als wir fragen.“ „Ich erlaube mir Euerer Hoheit zu bemerken,“ er⸗ wiederte Cauvignac,„da die Frage ſtets vorbereitet wird, was bei der Antwort nie der Fall ſein kann, ſo iſt es viel ſchwieriger, zu antworten, als zu fragen.“ „Oh! unſere Fragen werden ſo klar und deutlich ſein,“ verſetzte die Prinzeſſin,„daß wir Euch jedes Nach⸗ denken dadurch erſparen. Euer Name?“ „Madame, das iſt gerade von Anfang an eine Frage, welche zu einer Verlegenheit Anlaß gibt.“ „Wie ſo?“ „Ja, es kommt oft vor, daß man zwei Namen be⸗ ſitzt, den Namen, welchen man von ſeiner Familie em⸗ pfangen, und den, welchen man ſich ſelbſt gegeben hat. Ich, zum Beiſpiel glaubte einigen Grund zu haben, mei⸗ nen erſten Namen aufzugeben, um einen andern minder bekannten anzunehmen. Welchen von dieſen Namen ſoll ich Euch nun nennen?4 Der Frauenkrieg. II. 9 130 „Denjenigen, unter welchem Ihr in Chantilly er⸗ ſchienen ſeid, denjenigen, unter welchem Ihr Euch ver⸗ bindlich gemacht habt, mir eine Compagnie anzuwerben, denjenigen, unter welchem Ihr ſie geworben, den endlich, unter welchem Ihr Euch an Hearn Mazarin verkauft habts „Verzeiht, Madame, aber es ſcheint mir, ich habe bereits die Ehre gehabt, ſiegreich alle dieſe Fragen bei der Audienz zu beantworten, welche Euere Hoheit mir dieſen Morgen zu bewilligen die Gnade hatte.“ „Zu dieſer Stunde richte ich auch nur eine Frage an Euch,“ ſagte die Prinzeſſin, welche ungeduldig zu werden anfing,„Ihr ſollt mir nur Euren Namen nennen.“ „Nun, das iſt es gerade, was mich in Verlegenheit ſetzt.⁰ „Schreibt der Baron von Cauvignac,“ ſagte die Prinzeſſin. Der Angeklagte machte keine Einwendung und der Greffier ſchrieb. 3 „Nun Eueren Grad?“ ſprach die Prinzeſſin;„ich hoffe, es wird Euch nicht ſchwierig ſein, dieſe Frage zu beantworten.“ „Im Gegentheil, Madame, gerade dieſe Frage ſetzt mich in die größte Verlegenheit. Sprecht Ihr von mei⸗ nem Grad als Gelehrter, als Baccalaureus, als Rechts⸗ licentiat, als Doctor der Theologie, ſo antworte ich Euch, wie Euere Hoheit ſieht, ohne Zögern.“ „Nein, mein Herr, wir ſprechen von Eurem militä⸗ riſchen Grade.“ „Ah! wohl, über dieſen Punkt Euerer Hoheit zu antworten, iſt mir nicht möglich.“ „Warum?“. 4 „Weil ich ſelbſt nie genau wußte, was ich war.“ „Sucht Euch hierüber feſtzuſtellen, mein Herr, denn ich wünſche es zu wiſſen.“ „Nun wohl, ich habe mich zuerſt aus eigener Macht⸗ 4 131 vollkommenheit zum Lieutenant ernaunt; da ich aber nicht beauftragt war, mir ein Patent zu unterzeichnen, und während der ganzen Zeit, die ich dieſen Titel führte, nie mehr als ſechs Mann unter meinen Befehlen hatte, ſo halte ich mich nicht für berechtigt, denſelben geltend zu machen.“* „Ich, ich,“ ſagte die Prinzeſſin,„ich habe Euch zum Kapitän gemacht; alſo ſeid Ihr Kapitän!“ „Ohl das iſt gerade der Punkt, wo ſich meine Verlegenheit verdoppelt und wo mein Gewiſſen ſchreit. Jeder militäriſche Grad im Staate, davon habe ich mich nunmehr überzeugt, muß dem königlichen Willen entflie⸗ ßen, um eine Geltung zu erlangen. Euere Hoheit hatte nun ganz unzweifelbar das Verlangen, mich zum Kapitän zu machen, aber ich glaube, ſie hatte nicht das Recht dazu. Ich wäre alſo in dieſem Fall eben ſo wenig Ka⸗ pitän geweſen, als ich Lieutenant war.“— „Es mag ſein, mein Herr; aber geſetzt, Ihr wäret nicht Lieutenant durch eigene Machtvollkommenheit, nicht Kapitän durch meine Ernennung geweſen, inſofern wir Beide nicht berechtigt waren, ein Patent zu unterzeichnen, ſo ſeid Ihr doch wenigſtens Gouverneur von Branne, Und da es diesmal der Konig war, der Eueren Beſtal⸗ lungsbrief unterzeichnete, ſo werdet Ihr die Gültigkeit des Aktes nicht in Abrede ziehen.“ „Und das iſt gerade derjenige von den dreien, wel⸗ cher am meiſten angefochten werden kann, Madame.“ „Wie ſo?“ rief die Prinzeſſin. „Ich bin allerdings ernannt worden, aber nicht in Function getreten. Was conſtituirt den Titel? Nicht der Beſitz dieſes Titels, ſondern die Erfüllung der mit dem Titel verbundenen Functionen. Ich aber habe keine von den Functionen des Titels erfüllt, zu dem ich erhoben wurde; ich habe nie den Fuß in mein Gouvernement ge⸗ ſetzt; folglich bin ich eben ſo wenig Gouverneur von Branne, 2 als ich Kapitän war, bevor ich Gouverneur wurde, und Lieutenant, ehe ich Kapitän war.“ „Man hat Euch jedoch auf der Straße nach Branne gefunden.“ „Allerdings; aber hundert Schritte von der Stelle, wo verhaftet wurde, theilt ſich die Straße in zwei Aeſte; einer von den Wegen führt nach Branne, der an⸗ dere nach Iſſon. Wer kann behaupten, daß ich nicht eben ſo gut nach Iſſon, als nach Branne ging?⸗ „Gut,“ ſagte die Prinzeſſin;„das Tribunal wird Euere Vertheidigung in Erwägung ziehen. Greffier, ſchreibt Gouverneur von Branne.“ „Madame,“ ſprach Cauvignac,„ich kann mich dem nicht widerſetzen, daß Euere Hoheit ſchreiben läßt, was ihr beliebt.“ „Es iſt geſchehen, Madame,“ ſagte der Greffier. „Gut. Und nun, mein Herr,“ ſprach die Prinzeſſin zu Cauvignac,„unterzeichnet das Verhör.“ „Es würde dies mit dem größten Vergnügen ge⸗ ſchehen,“ erwiederte Cauvignac,„und ich wäre entzückt, etwas zu thun, was Euerer Hoheit angenehm ſein duürfte; aber bei dem Streite, den ich dieſen Morgen mit dem Pöbel von Bordeaur auszuhalten hatte, bei dieſem Streite, aus dem mich Euere Hoheit ſo edelmüthig durch den Da⸗ zwiſchentritt ihrer Musketiere zog, verſtauchte ich unglück⸗ licher Weiſe meine rechte Hand, und es iſt mir mein gan⸗ zes Leben hindurch unmöglich geweſen, mit der linken zu ſchreiben.“. „Zeichnet die Weigerung des Beklagten auf, mein Herr,“ ſagte die Prinzeſſin zu dem Greffier. „Die Unmöglichkeit, Herr, ſchreibt die Unmöglich⸗ keit,“ rief Cauvignac;„Gott ſoll mich behüten, daß ich einer ſo großen Fürſtin, wie Ihr ſeid, irgend etwas ver⸗ weigere, wenn es in meiner Macht läge.“ Und ſich mit der tiefſten Ehrfurcht verbeugend, ging Cauvignac in Begleitung ſeiner zwei Wachen hinaus. — 2 133 „Ich glaube, Ihr habt Recht, Herr Lenet,“ ſagte der Herzog von Larochefoucault,„und wir haben Unrecht gehabt, uns dieſen Mann nicht zu ſichern.“ 3 Lenet war in ſeinem Geiſte zu ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen, um zu antworten. Diesmal hatte ihn ſeine gewöhnliche Scharfſichtigkeit ſchlecht bedient; er hoffte, Canvignae würde den Zorn des Tribunals ſich allein zu⸗ ziehen; aber Cauvignac hatte mit ſeinen ewigen Ausflüch⸗ ten mehr beluſtigt, als geärgert. Sein Verhoͤr hatte nun die ganze Wirkung zerſtört, welche durch das von Canol⸗ les hervorgebracht worden war, und der Adel, die Frei⸗ müthigkeit, die Loyalität des erſten Gefangenen waren, ſo zu ſagen, unter dem liſtigen Benehmen von Cauvignae ver⸗ ſchwunden. Als man zur Abſtimmung ſchritt, wurde auch ein⸗ hellig der Tod ausgeſprochen. Die Prinzeſſin ließ die Stimmen zuſammentragen und verkündigte feierlich das Urtheil, welches gefäͤll worden war. Dann unterzeichnete Jeder das Protokoll der Ver⸗ handlung. Zuerſt der Herzog von Enghien, ein armes Kind, das nicht wußte, was es unterzeichnete, und deſſen erſte Unterſchrift einem Menſchen das Leben koſten ſollte; dann die Prinzeſſin, dann die Herzoge, dann die Damen des Rathes, dann die Officiere und die Juraten; und ſo hatte ſich alle Welt der Repreſſalien theilhaftig gemacht. Adel und Bürgerthum, Armee und Parlament, Jedermann mußte beſtraft werden; bekanntlich aber beſtraft man in dn Regel Niemand, wenn man Jedermann beſtrafen oll. Als endlich Alle unterzeichnet hatten, oͤffnete die Prin⸗ zeſſin, welche nun ihre Rache in Händen hatte, und deren Stolz dieſe Rache ſchmeichelte, das bereits zweimal geöff⸗ nete Fenſter abermals und ſprach, dem Bedurfniß der Volks⸗ thüm lichkeit nachgebend, mit lauter Stimme: 134 „Meine Herren Bordeleſen, Richon wird gerächt, würdig gerächt werden, verlaßt Euch auf uns.“ Eiin donnerähnliches Hurrah empfing dieſe Erklärung, und das Volk zerſtreute ſich in den Straßen, zum Voraus glücklich uͤber das Schauſpiel, welches ihm das Wort der Prinzeſſin verhieß. Aber kaum war Frau von Condé in ihr Zimmer mit Lenet zurückgekehrt, der ihr traurig folgte, immer noch hoffend, ſie zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu be⸗ wegen, als die Thüre ſich öffnete, Frau von Cambes, bleich, ſchluchzend, zu ihren Füßen ſtürzte und ausrief: „Oh! Madame, im Namen des Himmels, hoͤrt mich! im Namen des Himmels, ſtoßt mich nicht zurück!“ „Was gibt es denn, mein Kind?“ fragte die Prin⸗ zeſſin, und warum weinſt Du ſo?“ „Ich weine, Madame, weil ich gehört habe, daß auf den Tod geſtimmt worden iſt, und daß Ihr dieſe Abſtim⸗ mung beſtätigt habt; und dennoch könnt Ihr Herrn von Canolles nicht tödten laſſen.“ „Und warum nicht, meine Liebe? ſie haben wohl Richon umgebracht.“ „Madame, weil es derſelbe Herr von Canolles iſt, der Euere Hoheit in Chantilly gerettet hat.“ „Soll ich ihm dafür Dank wiſſen, daß er ſich durch unſere Liſt bethören ließ?“ „Wohl, Hoheit, darin liegt gerade der Irrthum: Herr von Canolles wurde nicht eine Minute durch die Unter⸗ ſchiebung bethört. Mit dem erſten Blicke hat er mich erkannt.“ „Dich, Claire?*9 „Ja, Madame. Wir hatten einen Theil des Weges mit einander gemacht, Herr von Canolles kannte mich,⸗ Herr von Canolles verliebte ſich in mich, und unter dieſen Umſtänden.... nun, Madame, er hatte vielleicht Un⸗ recht, doch es kommt Euch nicht zu, ihm darüber Vor⸗ N —— X 13⁵ würfe zu machen... unter dieſen Umſtänden brachte er ſeine Pflicht der Liebe zum Opfer.“ „Alſo derjenige, welchen Du liebſt... 2 „Ja, Madame.“ „Lilſo derjenige, welchen Du heirathen zu dürſen mich um Erlaubniß gebeten haſt... 2“ „Ja. „War.. 2 „Herr von Canolles,“ rief die Vicomteſſe.„Herr von Canolles, der ſich mir in Saint⸗George ergeben hat, und der ohne mich ſich ſelbſt und Euere Soldaten in die Luft zu ſprengen im Begriffe war... Herr von Canolles endlich, der fliehen konnte und mir ſeinen Degen übergab, um nicht von mir getrennt zu werden. Ihr begreift alfo, Madame, daß ich, wenn er ſtirbt, auch ſterben muß, denn ich habe ihn dann in das Verderben geſtürzt.“ „Mein liebes Kind,“ erwiederte die Prinzeſſin mit einer gewiſſen Bewegtheit,„bedenke doch, daß Du etwas Unmögliches von mir verlangſt. Richon iſt todt, Richon muß gerächt werden! Es hat eine Berathung ſtattgefun⸗ den, ſie muß vollzogen werden; ſelbſt wenn mein Gemahl von mir forderte, was Du forderſt, müßte ich es ihm ver⸗ weigern.“ „Oh! ich Unglückliche!“ rief Frau von Cambes, ſich zurückwerfend und in ein gewaltiges Schluchzen ausbre⸗ chend;„ich habe meinen Geliebten in das Verderben ge⸗ ſtürzt.“ Lenet, welcher noch nicht geſprochen hatte, näherte ſich nun der Prinzeſſin und ſagte: „Madame, habt Ihr nicht genug mit einem Opfer, braucht Ihr zwei Köpfe, um den von Herrn Richon zu bezahlen?“ „Ah! ahl geſtrenger Herr,“ erwiederte die Prinzeſſin, „das heißt, Ihr fordert von mir das Leben des Einen und den Tod des Andern? Sprecht, iſt das gerecht?“ „Madame, wenn zwei Menſchen ſterben ſollen, ſo iſt 136 es einmal gerecht, daß, wo möglich, nur Einer ſtirbt, wenn überhaupt ein Mund das Recht hat, die von der Hand Gottes angezündete Flamme auszublaſen. Sodann ſt es gerecht, daß, wenn man zu wählen hat, der ehrliche Mann im V rzug vor dem Böſewicht am Leben bleibt. Man muß ein Jude ſein, um Barnabas in Freiheit zu ſetzen und Jeſus an das Kreuz zu ſchlagen...“ „Ohl Herr Lenet or Lenet, ſprecht für mich, ich beſchwöre Euch,“ rief Claire;„denn Ihr ſeid ein Mann, und man wird Euch vielleicht Gehör ſchenken; und Ihr, Madan me,“ fuhr ſie, ſich an die Prinzeſſin wendend, fort, „erinnert Euch nur, daß ich mein Leben im Dienſte Eueres Hauſes zugebracht habe.“ „Und ich auch,“ ſagte Lenet.„Und dennoch habe ich für dreißig Jahre der Treue nichts von Euerer Hoheit verlangt; aber bei dieſer Gelegenheit werde ich, wenn Euere Hoheit unbarmherzig iſt, für dieſe dreißig Jahre der Treue mir eine Gnade von ihr erbitten.“ „Welche?“ „Mir meinen Abſchied zu geben, Madame, damit ich mich zu den Füßen des Königs werfen kann, dem ich ſo⸗ dann den Reſt meines Daſeins, welchen ich der Ehre Eueres Hauſes geweiht hätte, widmen werde.“ „Nun wohl, 4 rief die Prinzeſſin, beſt⸗ ſees durch die gemeinſchaftlichen Bitten,„drohe nicht zt, mein alter Freund, weine nicht, meine ſanfte Claire, beruhigt Euch Beide: ein Einziger wird ſterben, da Ihr es ſo haben wollt; aber man bitte mich nicht mehr um die Begnadigung deſ ſſen, welcher zum Tode beſtimmt ſein wird.“ Claire ergriff die Hand der Prinzeſſin, bedeckte ſie mit Küſſen und rief: „Oh! Dank, Dank, Madame: von dieſem Augenblick an gehört mein Leben und das ſeinige Euch allein.“ „Und indem Ihr ſo handelt, Madame,“ ſprach Lenet, „ſeid Ihr zugleich gerecht und Lapnherzig, was bis jeßt nur das Vorrecht Gottes geweſen iſt 137 „Oh! darf ich ihn nun ſehen, darf ich ihn befreien?“ rief Claire ungeduldig. „Eine ſolche Kundgebung iſt in dieſem Augenblick unmöglich,“ ſprach die Prinzeſſin;„ſie würde uns zum Verderben gereichen. Die Gefangenen mögen noch im Kerker bleiben; man läßt ſie dann zu gleicher Zeit heraus, den Einen für die Freiheit, den Andern für den Tod.“ „Aber kann ich ihn nicht wenigſtens ſehen, beruhi⸗ gen, tröſten?“ fragte Claire. „Ihn beruhigen, liebe Freundin? ich glaube nicht, daß dies klug wäre: man würde die Entſcheidung erfah⸗ ren, man würde die Gunſt deuten; nein, unmöglich, be⸗ gnügt Euch, daß Ihr ihn gerettet wißt. Ich werde den zwei Herzogen meinen Entſchluß ankündigen.“ „Gut, ich füge mich. Dank, Dank, Madame,“ rief Claire. Und Frau von Cambes eilte fort, um in Freiheit zu weinen und Gott aus dem Grunde ihres von Freude und Dankbarkeit überſtroͤmenden Herzens zu preiſen. XI. Die zwei Kriegsgefangenen hatten zwei Zimmer in derſelben Feſtung inne. Dieſe zwei Zimmer ſtießen an einander und lagen im Erdgeſchoß; aber die Erdgeſchoſſe der Gefängniſſe können für dritte Stockwerke gelten. Die Gefängniſſe fangen nicht wie die Häuſer bei der Erde an, ſie haben in der Regel zwei Stockwerke Kerkerlöcher. Jede Thüre war von einem Piquet aus den Garden der Prinzeſſin ausgewählter Leute bewacht; aber die 138 Menge, als ſie dieſe Vorkehrungen geſehen hatte, welche ihre Rachgier ganz befriedigten, verließ allmählig die Zugänge des Gefängniſſes, ſobald es ihr zu Ohren kam, Canolles und Cauvignac wären dahin geführt worden. Die Piquets, welche in der innern Hausflur aufgeſtellt waren, mehr um die Geſangenen vor der Volks⸗ wuth zu beſchützen, als aus Furcht, ſie könnten entweichen, verließen ihren Poſten und begnügten ſich, die Schildwachen zu verſtärken. Als das Volk, da wo es war, nichts mehr zu ſehen hatte, wandte es ſich natürlicher Weiſe nach dem Orte, wo die Hinrichtungen vollzogen wurden, das heißt nach der Eſplanade; die von dem Nathsſaale der Menge zu ge⸗ ſchleuderten Worte hatten ſich im Augenblick in der Stadt verbreitek; Jeder erklärte ſte auf ſeine Weiſe; aber am Klarſten ſtellte ſich dabei heraus, es würde noch in der Nacht oder ſpäteſtens am andern Morgen ein furchtbares Schauſpiel ſtattfinden und es war noch eine Wolluſt mehr für den Poͤbel, daß er nicht wußte, woran er ſich in Be⸗ ziehung auf dieſes Schauſpiel zu halten hatte, denn es blieb ihm der Reiz des Unerwarteten. Handwerksleute, Bürger, Frauen, Kinder liefen alſo nach den Wällen, und da es finſtere Nacht war und der Mond erſt gegen Mitternacht aufgehen ſollte, ſo trugen Viele Fackeln in der Hand. Dabei waren alle Fenſter of⸗ fen und viele Leute hatten auf die Geſimſe Lichter oder Lampen geſtellt, wie man dies bei Feſtlichkeiten thut. Doch an dem Gemurmel der Menge, an den beſtürzten Geſich⸗ tern der Neugierigen, an den ſich folgenden Patrouillen zu Fuß und zu Pferd erkannte man, daß es kein gewöhnliches Feſt war, was ſich durch ſo düſtere Vorbereitungen an⸗ kündigte. 8 Von Zeit zu Zeit brach wüthendes Geſchrei aus den Gruppen hervor, die ſich mit einer Geſchwindigkeit, welche nur gewiſſen Ereigniſſen eigenthümlich iſt, bildeten und zerſtreuten. Dieſes Geſchrei war immer dasſelbe, wie 139 das, welches ſich zwei oder drei Mal in das Innere des Tribunals Bahn gebrochen hatte. „Tod den Gefangenen! Rache für Richon!“ Das Schreien, der Schimmer der Fackeln, der Lär⸗ men der Pferde entzogen Frau von Cambes ihrem Ge⸗ bete; ſie ſtellte ſich an ihr Fenſter und betrachtete voll Schrecken alle die Männer und Frauen mit den verſtörten Augen, mit den rauhen Stimmen, welche in einen Cireus losgelaſſene wilde Thiere zu ſein ſchienen, wie ſie durch ihr Gebrülle die menſchlichen Opfer herbeirufen, die ſie ver⸗ ſchlingen ſollen; ſie fragte ſich, wie es möglich wäre, daß ſo viele Weſen, denen die zwei Gefangenen nie etwas ge⸗ than hätten, mit ſolcher Erbitterung den Tod von zweien ihres Gleichen forderten; und die arme Frau, die von den menſchlichen Leidenſchaften nur diejenigen kannte, welche das Leben verſüßen, wußte ſich keine Antwort zu geben. Von ihrem Fenſter aus ſah Frau von Cambes über den Häuſern und Gärten die Firſte der hohen, düſteren Thürme der Feſtung erſcheinen. Dort befand ſich Canolles, dahin waren hauptſächlich ihre Blicke gerichtet. Sie konnte indeſſen nicht umhin, dieſe von Zeit zu Zeit in die Straße fallen zu laſſen; dann ſah ſie die drohenden Geſichter, dann hoͤrte ſie das Rachegeſchrei, und eiſiger Schauer, wie der des Todes, durchlief ihre Adern. „O!“ ſagte Claire,„ſie mögen mir immerhin ver⸗ bieten, ihn zu ſehen, ich muß zu ihm dringen. Dieſes Ge⸗ ſchrei kann zu ihm gelangt ſein; er kann glauben, ich ver⸗ geſſe ihn; er kann mich anklagen; er kann mich verfluchen. Oh! jeder Augenblick, welcher vergeht, ohne daß ich ein Mittel, ihn zu beruhigen, ſuche, erſcheint mir als ein Ver⸗ rath gegen ihn; es iſt mir nicht möglich, in Unthätigkeit zu verharren, während er mich vielleicht um Hülfe anruft. Oh! ich muß ihn ſehen... Ja, aber, mein Gott, wie ihn ſehen? wer wird mich in ſein Gefängniß führen? Welche Macht wird mir die Pforten öffnen? Die Frau Peinzeſſin hat mir einen Paſſirſchein verweigert, und es 140 war mir unmittelbar vorher ſo viel bewilligt worden, daß ſie wohl das Recht dazu hatte. Es ſind Wachen, Feinde um die Feſtung her; eine ganze brüllende Bevölkerung, welche Blut riecht und ſich ihre Beute nicht entreißen laſ⸗ ſen will; man wird glauben, ich wolle ihn entführen, ret⸗ ten; oh! ja, ich würde ihn retten, wenn er nicht bereits unter dem Schutze des Wortes der Frau Prinzeſſin in Sicherheit wäre. Sage ich ihnen, ich wünſche ihn nur zu ſehen, ſo werden ſie mir nicht glauben und mich zurück⸗ weiſen; und dann: gefährde ich nicht dadurch⸗ daß ich ei⸗ nen ſolchen Verſuch gegen den Willen der Frau Prinzeſſin wage, die bei ihr erlangte Gnade? ſetze ich mich nicht dadurch dem aus, daß ſie das gegebene Wort zurücknimmt? „Und doch, ihn ſo in Angſt und Pein die langen Ftunden der Nacht zubringen laſſen, oh! ich fühle es, für , für mich iſt das unmsglich. „Wir wollen Gott anflehen, und er wird mich viel⸗ leicht erleuchten.“ Und Frau von Cambes kniete zum zweiten Male vor ihr Crucifir nieder, und begann mit einer Inbrunſt zu be⸗ ten, welche ſelbſt die Frau Prinzeſſin gerührt haben müßte, wenn die Frau Prinzeſſin ſie hätte hören können. „Oh!l ich gehe nicht, ich gehe nicht,“ ſagte ſie;„denn ich ſehe ein, daß es mir unmöglich iſt, dahin zu gehen... Er wird mich vielleicht die ganze Nacht anklagen... Aber morgen, nicht wahr, mein Gott, morgen wird er mich bei ſich freiſprechen?“ Der Lärmen, die immer mehr zunehmende wilde Be⸗ geiſterung der Menge, die Reflere des Unglück weisſagenden Lichtes, welche wie Blitze zu ihr drangen und auf Au⸗ genblicke ihr dunkel gebliebenes Gemach erhellten, floͤßten ihr eine ſolche Angſt ein, daß ſie ſich die Ohren mit den Händen verſtopfte und ihre geſchloſſenen Augen auf das Kiſſen ihres Betpultes drückte. Da öffnete ſich die Thüre, unde ohne daß ſie ihn hörte, trat ein Mann ein, der einen Augenblick auf der —— 39—— 141 Schwelle ſtehen blieb, einen Blick liebevollen Mittleids auf ſie heftete, und als er ſah, daß ſich, durch ihr Schluchzen bewegt, die Schultern der jungen Frau ſo ſchmerzlich ho⸗ ben, ſich ihr mit einem Seufzer näherte und ſeine Hand auf ihre Schulter legte. Claire ſchaute erſchrocken auf und rief: „Herr Lenet!... Herr Lenet, oh! Ihr habt mich alſo nicht verlaſſen?“ 1 „Nein, ich dachte, Ihr wäret noch nicht hinreichend beruhigt, und erdreiſtete mich, zu Euch zu gehen, um zu fragen, ob ich Euch in irgend einer Beziehung nützlich ſein könnte.“ „Oh, lieber Herr Lenet,“ rief die Vicomteſſe,„wie gut ſeid Ihr, und wie danke ich Euch!“ „Es ſcheint, ich täuſchte mich nicht,“ ſprach Lenet. „Ohl mein Gott, man tänſcht ſich ſelten, wenn man denkt, Deine Geſchöpfe leiden,“ fügte er mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln bei. „Oh! ja Herr, ja, Ihr ſagt die Wahrheit: ich leide!“ „Habt Ihr nicht Alles, was Ihr wünſchtet, erlangt, Madame? und ich geſtehe, ſogar mehr noch, als ich zu hoffen wagte.“ „Allerdings; aber.. ℳ „Aber... ich begreife. Nicht wahr, es macht Euch bange, die Freude dieſes blutgierigen Pöbels zu ſehen, und das Schickſal des andern Unglücklichen, der ſtatt Eueres Geliebten ſterben ſoll, erregt Euer Mitleid?“ Claire erhob ſich auf ihre Kniee und blieb eine Minute unbeweglich, die Augen ſtarr auf Lenet gehef⸗ tet; dann drückte ſie ihre eiſige Hand an ihre mit Schweiß bedeckte Stirne und ſprach: „Oh! vergebt mir! oder vielmehr verflucht mich! denn in meiner Selbſtſucht dachte ich nicht einmal hieran. Nein, Lenet, nein, ich geſtehe Euch in aller Demuth mei⸗ nes Herzens, dieſe Befürchtungen, dieſe Thränen, dieſe 142 Gebete gehören demjenigen, welcher leben wird; denn ganz aufgelöſt in meiner Liebe, hatte ich den Armen, welcher ſterben ſoll, vergeſſen!“ Lenet lächelte traurig und erwiederte: Ja, es muß ſo ſein, denn es liegt in der menſch⸗ lichen Natur; vielleicht bildet die Selbſtſucht der Einzelnen das Heil der Maſſen. Jeder zieht um ſich ſelbſt und um die Seinigen einen Kreis mit dem Schwerte. Sprecht, Madame, legt Euer Geſtändniß bis zum Ende ab. Be⸗ kennt offenherzig, daß Ihr es kaum erwarten könnt, bis der Unglückliche ſeinem Schickſal unterlegen iſt, denn durch ſeinen Tod ſichert dieſer Unglückliche Euerem Verlobten das Leben.“ „Ohl Leuet, ich ſchwöre Euch, daran habe ich noch nicht gedacht. Aber nothigt meinen Geiſt nicht, hiebei zu verweilen, denn ich liebe ihn ſo ſehr, daß ich nicht weiß, was ich im Wahnſinn meines Herzens zu wünſchen im Stande bin.“ Armes Kind!“ ſprach Lenet mit einem Tone tiefen „) Mitleids,„warum habt Ihr alles Dies nicht früher ge⸗ ſagt 4 „Ohl mein Gott, Ihr erſchreckt mich. Iſt es denn zu ſpät, iſt er noch nicht ganz gerettet?“ „Er iſt es, da die Frau Prinzeſſin ihr Wort gege⸗ ben hat; aber.. „Was aber 2 3 „Aber, ach! iſt man irgend einer Sache ſicher auf dieſer Welt, und Ihr, die Ihr ihn, wie ich, für gerettet haltet, weint Ihr nicht, ſtatt Euch zu freuen?“ „Ich weine, weil ich ihn nicht beſuchen kann, mein Freund,“ entgegnete Claire.„Bedenkt, daß er dieſen ab⸗ ſcheulichen Lärmen hören und an eine ihm nahe bevor⸗ ſtehende Gefahr glauben muß; bedenkt, daß er mich der Lauheit, des Verrathes anklagen kann! Oh Lenet, Lenet, welche Pein! In der That, wenn die Prinzeſſin wüßte, was ich leide, ſie hätte Erbarmen mit mir.“ 143 „Wohl, Bicomteſſe, Ihr müßt ihn ſehen...“ „Ihn ſehen? unmöglich! Ihr wißt, daß ich die Prinzeſſin um Erlaubniß hiezu gebeten habe und daß mir Ihre Hoheit es abgeſchlagen hat.“ „Ich weiß es und billige es im Innern meines Her⸗ zens, und dennoch..“ „Und dennoch ermahnt Ihr mich zum Ungehorſam!“ rief Claire erſtaunt und ſchaute Lenet ſo ſcharf an, daß dieſer verlegen unter ihrem Blicke die Augen nieder⸗ ſchlug. „Ich bin alt, theure Vicomteſſe,“ erwiederte er,„und mißtrauiſch gerade weil ich alt bin; nicht bei dieſer Ge⸗ legenheit, denn das Wort der Prinzeſſin iſt heilig: es wird nur Einer von den Gefangenen ſterben, hat ſie geſagt; aber im Verlaufe eines langen Lebens gewohnt, alle Chan⸗ cen gegen denjenigen ſich wenden zu ſehen, der ſich am meiſten begünſtigt glaubt, iſt es mein Grundſatz, daß man ſtets die Gelegenheit, welche ſich bietet, ergreifen muß. Seht Euren Verlobten, glaubt mir, ſeht ihn, Vicomteſſe.“ „ Ohl ich ſchwöre Euch, Ihr erſchreckt mich, Lenet,“ rief Claire. „Das iſt nicht meine Abſicht; wäre es Euch übrigens lieber, wenn ich Euch riethe, Ihr ſolltet ihn nicht ſehen? Nicht wahr, nein? Und Ihr würdet mich ohne Zweifel mehr ſchelten, wenn ich gekommen wäre, um Euch das Gegentheil von dem zu ſagen, was ich Euch ſage.“ 1„Ja, ich geſtehe es. Aber Ihr ſprecht davon, daß ich ihn ſehen ſoll; das war mein einziges, mein innigſtes Verlangen: es war der Gegenſtand des Gebetes, das ich an Gott richtete, als Ihr erſchienet. Iſt es aber nicht etwas Unmögliches?“ „Gibt es etwas Unmögliches für die Frau, welche Saint⸗George erobert hat?“ verſetzte Lenet lächelnd. „Ach!“ ſprach Claire,„ſeit zwei Stunden ſuche ich ein Mittel, in die Feſtung zu dringen, ung habe bis jetzt noch keines gefunden.“ 1 144 „Und was gebt Ihr mir, wenn ich es Euch biete?“ „Ich gebe Euch... Ohl ich gebe Euch die Hand an dem Tage, wo ich mit ihm vor den Altar trete.“ „Ich danke, mein Kind, Ihr habt Recht: in der That, ich liebe Euch, wie ein Vater; ich danke.“ „Das Mittel! das Mittel!“ „Hier iſt es. Ich hatte die Prinzeſſin um einen Paſſirſchein gebeten, in der Abſicht, mich mit den Ge⸗ fangenen zu beſprechen; denn wäre es möglich geweſen, den Kapitän Cauvignac zu retten, ſo hätte ich dieſen Menſchen gern wieder für unſere Partei gewonnen; nun aber iſt dieſer Paſſirſchein unnütz, da Ihr ihn durch Euere Gebete für Herrn von Canolles zum Tode verur⸗ theilt habt.“ Claire ſchauerte unwillkürlich. „Nehmt alſo dieſes Papier,“ fuhr Lenet fort; nes i*ſt, wie Ihr ſeht, kein Name darin genannt.“ Claire nahm das Papier und las: „Der Kerkermeiſter der Feſtung wird den Inhaber des Gegenwärtigen mit demjenigen von den zwei Kriegs⸗ gefangenen, mit welchen er ſich zu unterreden wünſcht, eine Beſprechung von einer halben Stunde gewähren. Claire Clemence von Condé.“ „Ihr habt ein Männergewand?“ ſagte Lenet,„Zieht es an. Ihr habt den Paſſirſchein, benützt ihn.“ „Armer Officier!“ murmelte Claire, welche den Ge⸗ danken an Cauvignac nicht aus ihrem Geiſte zu vertreiben vermochte,„hingerichtet an der Stelle von Canolles!" „Er unterliegt dem gemeinſchaftlichen Geſetze,“ er⸗ wiederte Lenet.„Schwach, wird er von dem Starken ver⸗ ſchlungen: ohne Stitze, bezahlt er für denjenigen, welchen man begünſtigt. Ich beklage ihn, denn er iſt ein Burſche von Geiſt.“ Mittlerweile drehte Claire das Papier in ihren Hän⸗ den hin und her. „Wißt Ihr,“ ſagte ſie,„daß Ihr mich mit dieſem 2 u ind at, nen He⸗ ſen, eſen nun irch ur⸗ 145 Paſſirſchein auf eine grauſame Weiſe verſucht? Wißt Ihr, daß ich, wenn ich meinen Freund einmal in meinen Armen habe, im Stande bin, ihn bis an das Ende der Welt zu führen?“ „Ich würde es Euch rathen, Madame, wenn es mög⸗ lich wäre. Aber dieſer Schein iſt keine Carte blanche, und Ihr koͤnnt ihm keine andere Beſtimmung geben, als diejenige, welche er hat.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Claire, das Papier noch einmal leſend;„und doch hat man mir Herrn von Canolles bewilligt; er gehoͤrt mir, man kann ihn mir nicht mehr entreißen.“ „Es denkt auch Niemand daran. Vorwärts, Ma⸗ dame, verliert keine Zeit; legt Euere Männerkleider an und geht. Dieſer Paſſirſchein gewährt Euch eine halbe Stunde; ich weiß wohl, daß eine halbe Stunde wenig i*ſt; aber nach dieſer halben Stunde wird das ganze Leben kommen. Ihr ſeid jung, das Leben wird lang ſein, Gott mache es glücklich.“ Claire faßte Lenet bei der Hand, zog ihn an ſich und küßte ihn auf die Stirne, wie ſie es nur dem zärtlichſten Vater gethan haben könnte.. „Geht, geht,“ ſprach Lenet, indem er ſie ſanft fort⸗ ſchob,„verliert keine Zeit, wer wahrhaft liebt, hat keine Reſignation.“ Als er ſie dann in ein anderes Zimmer gehen fah, wo Pompée von ihr gerufen auf ſie wartete, um ihr beim Wechſeln der Kleider zu helfen, murmelte er: „Ach! wer weiß?“ Der Frauenkrieg. m. 10 XII. Das Geſchrei, das Gebrülle, die Drohungen, die wilde Aufregung der Menge waren Canolles durchaus nicht entgangen. Durch die vor ſeinem Fenſter angebrachten Gitterſtangen hatte er das belebte Gemälde wahrnehmen können, das ſich unter ſeinen Augen entrollte und von einem Ende der Stadt zum andern durchherrſchte. „Bei Gott!“ ſagte er,„es iſt ein ſehr verdrießlicher Vorfall... der Tod von Richon... Armer Richon! er war ein Braver; ſein Tod wird unſere Gefangenſchaft verdoppeln; man wird mich nicht mehr, wie bis jetzt, in der Stadt umherlaufen laſſen; kein Rendezvous und ſogar keine Heirath mehr, wenn ſich Claire nicht mit einer Ge⸗ fängnißkapelle begnügt. Sie wird ſich begnügen. Man heirathet ſich eben ſo gut in der einen Kapelle, als in der andern. Es iſt indeſſen ein trauriges Vorzeichen... Warum, des Teufels, iſt die Nachricht nicht morgen ſtatt heute eingelaufen?“ Dann ſich dem Fenſter nähernd, um hinauszuſchauen, fuhr er fort: „Welche Bewachung! zwei Soldaten vor der Thüre, Und wenn ich bedenke, daß ich hier acht Tage, vielleicht vierzehn Tage eingeſchloſſen bleiben ſoll, bis irgend ein Ereigniß vorfällt, das dieſes vergeſſen läßt! Es iſt nur gut, daß ſich die Ereigniſſe ſehr raſch in den gegen⸗ wärtigen Zeitläuften folgen, und daß die Bordeleſen einen leichten Sinn haben; mittlerweile werde ich darum nicht 147 minder unangenehme Augenblicke hinbringen. Arme Claire! ſie muß in Verzweiflung ſein; glücklicher Weiſe weiß ſie, daß ich verhaftet bin. Ja, es iſt ihr bekannt, und folglich weiß ſie auch, daß es nicht mein Fehler iſt. Aber wohin, des Teufels, gehen denn alle dieſe Leute? Man ſollte glauben, nach der Eſplanade. Dort gibt es aber zu dieſer Stunde weder eine Parade, noch eine Hin⸗ richtung zu ſehen; ſie laufen insgeſammt in derſelben Richtung. Es iſt, als ob ſie wüßten, daß ich hier wie ein Bär hinter meinem Gitter eingeſperrt bin...“ Canolles ging einige Male mit gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab; die Mauern eines wahren Ge⸗ fängniſſes hatten ihn für den Augenblick zu philoſophiſchen Gedanken zurückgeführt, mit denen er ſich in gewöhnlichen Zeiten wenig beſchäftigte. „Es iſt ein albernes Ding um den Krieg!“ mur⸗ melte er.„Der arme Richon, mit dem ich vor kaum einem Monat zu Mittag ſpeiſte, iſt nun todt. Der Uner⸗ ſchrockene hat ſich ſicherlich auf ſeinen Kanonen tödten laſſen, wie ich es auch hätte thun ſollen, wie ich es ge⸗ than haben würde, hätte mich irgend eine andere Perſon als die Vicomteſſe belagert. Dieſer Frauenkrieg iſt der furchtbarſte von allen Kriegen. Wenigſtens habe ich in keiner Beziehung zu dem Tode meines Freundes beige⸗ tragen. Gott ſei Dank! ich zog nie das Schwert gegen einen Bruder, und das tröſtet mich. Dies habe ich aber⸗ mals meinem guten kleinen weiblichen Genius zu ver⸗ danken.“ In dieſem Augenblick trat ein Officier ein und unter⸗ brach das Selbſtgeſpräch von Canolles. „Wollt Ihr Abendbrod, mein Herr?“ fragte der fficier.„Befehlt nur, der Kerkermeiſter iſt angewieſen, Gnch ein Mahl ganz nach Eueren Wünſchen bereiten zu aſſen.“ „Ah! gut,“ ſagte Canolles,„ſie gedenken wenigſtens mich die Zeit, die ich hier zubringen werde, auf eine an⸗ 8 148 ſtändige, ehrenhafte Weiſe zu behandeln. Ich befürchtete einen Augenblick das Gegentheil, als ich das gekniffene Geſicht der Prinzeſſin und die widerwärtige Miene aller Anweſenden gewahrte...“ „Ich warte,“ wiederholte der Officier ſich verbeu⸗ gend. 1 „Ah! richtig; verzeiht. Euere Frage führte mich durch ihre außerordentliche Höflichkeit auf gewiſſe Betrach⸗ tungen. Doch zur Sache: ja, mein Herr, ich werde zu Nacht ſpeiſen, denn ich habe ſtarken Hunger; aber ich pflege ſehr mäßig zu leben, und ein Soldatenmahl genügt mir.“ „Sodann,“ verſetzte der Officier, indem er ſich ihm voll Theilnahme näherte:„habt Ihr keinen Auftrag... in der Stadt zu beſorgen... erwartet Ihr nichts? Ihr ſagtet, Ihr wäret Soldat, ich bin es auch; handelt alſo gegen mich, wie gegen einen Kameraden.“ Canolles ſchaute den Officier erſtaunt an und er⸗ wiederte: „Nein, Herr, nein, ich habe keinen Auſtrag in der Stadt; nein, ich erwarte nichts, wenn nicht eine Perſon, die ich nicht nennen kann. Was den Punkt betrifft, daß ich gegen Euch handeln ſoll, wie gegen einen Kameraden, ſo danke ich Euch; hier iſt meine Hand, und wenn ich ſpäter etwas brauche, ſo werde ich mich deſſen erinnern, mein Herr.“ Diesmal war es der Officier, welcher Canolles erſtaunt anſchaute. „Gut, mein Herr,“ ſagte er.„Ihr ſollt ſogleich be⸗ dient werden.“ Und er entfernte ſich. Einen Augenblick nachher traten zwei Soldaten ein und brachten ein vollſtändiges Abendbrod, beſtehend aus viel ausgeſuchteren Gerichten, als Canolles vies verlangt hatte. Canolles ſetzte ſich an den Tiſch und ſpeiſte mit gutem Appetit. Die Soldaten ſchauten ihn ebenfalls erſtaunt an.. 3 149 Canolles hielt dieſes Erſtaunen für Lüſternheit, und da der Wein ein vortreffliches Guinne⸗Gewächs war, ſo ſagte er: 3 „Meine Freunde, verlangt zwei Gläſer.“ Einer von den Soldaten ging hinaus und kehrte bald mit den verlangten Gläſern zurück. 3 Canolles füllte ſie, goß ein paar Tropfen Wein in ſein Glas und ſprach: „Auf Euere Geſundheit, meine Freunde.“ Die zwei Soldaten nahmen ihre Gläſer, ſtießen ma⸗ ſchinenmäßig mit Canolles an, und tranken, ohne ſeinen Toaſt zu erwiedern. „Sie ſind nicht höflich,“ dachte Canolles,„aber ſie trinken gut; man kann nicht Alles haben.“ Und er ſetzte ſein Abendbrod ſiegreich bis zum Schluſſe ort. Als er geendigt hatte, ſtand er auf, und die Soldaten trugen die Tafel weg. Der Officier kehrte zurück. „Ahl bei Gott!“ ſagte Canolles zu ihm,„Ihr hät⸗ ke mit mir ſpeiſen ſollen; das Abendbrod war vortreff⸗ i 9.7 „Ich hätte nicht die Ehre haben können, mein Herr, denn ich komme ſelbſt dieſen Augenblick von Tiſche. Und ich kehre zurück... „Um mir Geſellſchaft zu leiſten? Wenn es ſich ſo verhält, empfangt mein Kompliment; denn das iſt ſehr liebenswürdig von Euch.“ „Nein, mein Herr, mein Auftrag iſt minder ange⸗ nehm. Ich komme, um Euch zu benachrichtigen, daß es keinen proteſtantiſchen Geiſtlichen im Gefängniß gibt, und daß der Kaplan ein Katholik iſt. Ich weiß aber nun, daß Ihr Proteſtant ſeid, und die Verſchiedenheit des Cul⸗ tus wird Euch vielleicht widrig ſein.“ „Mir, mein Herr; warum 2“ fragte Canolles ſehr naiv. 150 „Um Euer Gebet zu verrichten...“ erwiederte der Officier verlegen. „Mein Gebet!“ ſagte Canolles lachend,„ich werde morgen daran denken; ich bete nur Morgens.“ Der Officier ſchaute Canolles mit einem Erſtaunen an, das ſich allmälig in tiefes Mitleid verwandelte. Er verbeugte ſich und trat ab. „Ah! die Welt verrückt ſich alſo?“ ſprach Canolles. „Seit dem Tode des armen Richon haben alle Leute, die mir begegnen, das Ausſehen von Dummköpfen oder von Narren. Teufel! werde ich denn nicht irgend ein ver⸗ nünftiges Geſicht ſehen 2“ Kaum hatte er dieſe Worte vollendet, als die Thüre ſeines Gefängniſſes ſich abermals öffnete, und ehe er die eintretende Perſon erkennen konnte, warf ſich Jemand in ſeine Arme, ſchlang ſeine beiden Hände um ſeinen Hals und übergoß ſein Antlitz mit Thränen. „Holla!“ rief der Gefangene, ſich von der Umar⸗ mung losmachend;„abermals ein Narr. In der That, ich bin in den Petites⸗Maiſons!“ Aber bei der Bewegung, die er zurückweichend machte, warf er den Hut des Unbekannten zu Boden, und die ſchönen blonden Haare von Frau von Cambes entrollten ſich auf ihre Schultern. „Ihr hier?“ rief Canolles auf ſie zueilend, um ſie in ſeine Arme zu faſſen;„Ihr! ah, verzeiht, daß ich Euch nicht erkannt oder vielmehr nicht errathen habe.“ „Stille!“ ſagte Claire ihren Hut aufhebend und raſch wieder auf den Kopf ſetzend.„Stille! denn wenn man wüßte, daß ich es bin, ſo würde man mir vielleicht mein Glüͤck entziehen. Endlich iſt es mir alſo geſtattet, Euch noch zu ſehen. Oh! mein Gott, mein Gott, wie glücklich bin ich.“ Und ſie fühlte, wie ihre Bruſt ſich erweiterte, und brach in ein heftiges Schluchzen aus. „Noch!“ ſprach Canolles,„es iſt Euch geſtattet, —— 151 2 Und Ihr ſagt mir das, mich noch zu ſehen, ſagt Ihr lltet mich alſo nicht mehr unter Thränen. Ah! Ihr ſo ſehen?“ fuhr er lachend fort. „Ohl lacht nicht, mein Freund,“ verſetzte Claire; „Euere Heiterkeit thut mir wehe. Lacht nicht, ich bitte Euch. Wenn Ihr wüßtet, wie viel Mühe ich gehabt habe, um zu Euch zu gelangen... und es fehlte nicht viel, daß ich nicht gekommen wäre!. Ohne Lenet, ohne dieſen vortrefflichen Mann.... Doch ſprechen wir von Euch, armer Freund. Mein Gott! Ihr ſeid alſo hier? Euch finde ich wieder! Euch kann ich abermals an mein Herz drücken.“ 4 „Ja, ich, ich bin es,“ erwiederte Canolles lächelnd. „Ohl laßt das, es iſt unnoͤthig, heuchelt nicht dieſes luſtige Weſen, es iſt mir Alles bekannt. Man wußte nicht, daß ich Euch liebte, und verheimlichte nichts vor mir.“ „Aber was wißt Ihr denn?“ fragte Canolles. „Nicht wahr!“ fuhr die Vicomteſſe fort,„nicht wahr, Ihr erwartetet mich? nicht wahr, Ihr wurdet unzufrieden über mein Stillſchweigen? nicht wahr, Ihr klagtet mich bereits an? 4 „Ich, unzufrieden! allerdings, aber ich klagte Euch nicht an; ich vermuthete, daß irgend ein Umſtand, ſtärker als Euer Wille, Euch von mir entfernt hielt; und bei allem Dem iſt mein größtes Unglück, daß unſere Heirath verſchoben, vielleicht auf acht, auf vierzehn Tage verſcho⸗ ben wurde.“ Claire ſchaute Canolles mit demſelben Erſtaunen an, das der Officier einen Augenblick vorher kundgegeben hatte. „Wie,“ ſagte ſie,„ſprecht Ihr im Ernſte oder ſeid Ihr in der That nicht mehr erſchrocken? „Ich, erſchrocken! worüber? ſollte ich etwa einer mir unbekannten Gefahr preisgegeben ſein?“ fragte er lachend. „Ohl der Unglüͤckliche,“ rief Claire;„er wußte nichts.“ Dann aber befürchtete ſie ohne Zweifel, ſie könnte 152 ohne Vorbereitung die ganze Wahrheit demjenigen ent⸗ hüllen, welchen dieſe Wahrheit ſo grauſam bedrohte, und hielt mit einer gewaltigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt die Worte zurück, welche aus ihrem Herzen auf ihre Lip⸗ pen geſprungen waren. „Nein, ich weiß nichts,“ ſprach Canolles mit ern⸗ ſtem Tone.„Aber nicht wahr, Ihr werdet mir Alles ſagen? Ich bin ein Mann; ſprecht, Claire, ſprecht.“ „Ihr wißt, daß Richon todt iſt.“ „Ja, ich weiß es.“ 3 „Ihr wißt, wie er geſtorben iſt?“ „Nein, aber ich vermuthe es. Nicht wahr, er iſt auf ſeinem Poſten, auf der Breſche von Vayres getödtet worden?“ Claire ſchwieg einen Augenblick; dann erwiederte ſie ernſt wie das Erz, das ein Todtengeläute erſchallen läßt: „Er iſt in der Halle von Libourne gehenkt worden.“ Canolles machte einen Sprung rückwärts und rief: „Gehenkt! Richon, ein Soldat, gehenkt!“ Dann erbleichte er plotzlich, fuhr mit zitternder Hand üͤber ſeine Stirne und fügte bei: „Ah! ich begreife nun Alles; ich begreife meine Ver⸗ haftung; ich begreife mein Verhör; ich begreife die Worte des Officiers, das Stillſchweigen der Soldaten; ich be⸗ greife Euren Schritt und Euere Thränen, als Ihr mich ſo heiter ſaht; ich begreife endlich das Gedränge, das Geſchrei, die Drohungen. Richon iſt ermordet worden, und an mir wird man Richon rächen!..“ „Nein, nein, mein Vielgeliebter! nein, armer Freund meines Herzens,“ rief Claire, ergriff ſtrahlend vor Freude die Hände von Canolles und tauchte ihre Augen in die ſeinigen; nnein, nicht Dich werden ſie opfern, theuerer Gefangener. Ja, Du täuſchteſt Dich nicht, Du warſt bezeichnet! ja, Du warſt verurtheilt; ja, Du haſt den Tod von Nahem geſehen, mein ſchöner Bräutigam. Aber 153 ſei unbeſorgt, Du kannſt jetzt lachen; Du kannſt von Glück und Zukunft ſprechen. Diejenige, welche Dir i hr ganzes Leben widmen wird, hat das Deinige gerettet! Sei freu⸗ dig!.. aber ganz leiſe, denn Du wirſt vielleicht Deinen unglücklichen Gefährten erwecken, denjenigen, auf welchen der Sturm fallen ſoll, denjenigen, welcher ſtatt Deiner ſterb en muß.“ „Ohl ſchweigt, ſchweigt, theuere Freundin! Ihr macht mich zu Eis,“ erwiederte Canolles, der ſich trotz der glü⸗ henden Liebkoſungen von Claire nur wenig von dem furcht⸗ baren Schlage erholte, den er erhalten hatte. Ich, der ich ſo ruhig, ſo vertrauensvoll, ſo kindlich luſtig war, lief Gefahr, ſterben zu müſſen! Und wann dies? in welchem Augenblick? gerechter Himmel! in dem, wo ich Ener Gatte werden ſollte. Oh! bei meiner Seele, es wäre ein doppel⸗ ter Mord geweſen.“ „Sie nennen das Repreſſalien,“ ſagte Claire. „Ja, ja; ſie haben Recht.“ „Ah! nun ſeid Ihr düſter und träumeriſch.“ „Oh!“ rief Canolles,„ich habe nicht vor dem Tode bange; aber der Tod trennt von Euch.“ „Wäret Ihr geſtorben, mein Vielgeliebter, ſo wäre ich auch geſtorben. Aber ſtatt Euch ſo zu betrüben, freut Euch mit mir. In dieſer Nacht, in einer Stunde vielleicht werdet Ihr das Gefängniß verlaſſen. Wohl! entweder hole ich Euch ſelbſt, oder ich erwarte Euch am Ausgang. Dann fliehen wir, ohne eine Minute, ohne eine Sekunde zu verlieren. Ja, auf der Stelle; ich will nicht warten. Dieſe verfluchte Stadt erfüllt mich mit Schrecken. Heute iſt es mir noch gelungen, Euch zu retten; aber morgen würde Euch vielleicht irgend ein unerwartetes Mißgeſchick mir abermals entreißen.“ „Oh! wißt Ihr, vielgeliebte Claire, daß Ihr mir zu viel Glück mit einem Schlage verleiht. Oh! ja, zu viel Glück, ich werde daran ſterben...“ 154 „Wohl! ſo überlaßt Euch wieder Euerer Sorgloſig⸗ keit, nehmt Euere Heiterkeit wieder an.“ „Und Ihr, nehmt die Euerige auch wieder.“ „Seht, ich lache.“ „Und dieſer Seufzer?“ „Dieſer Seufzer, mein Freund, gilt dem Unglück⸗ lichen, der unſere Freude mit ſeinem Leben bezahlt." „Ja, ja, Ihr habt Recht. Oh! warum koͤnnt Ihr mich nicht ſogleich fortführen! Auf, mein guter Engel, öffne Deine Flügel und trage mich von hinnen.“ „Geduld, Geduld, mein theuerer Gatte, morgen trage ich Dich fort... ja, in das Paradies unſerer Liebe. Einſtweilen bin ich hier...⸗ 3 Canolles nahm ſie in ſeine Arme und drückte ſie an ſeine Bruſt; ſie hing ſich mit ihren Händen an den Hals des jungen Mannes und ſank zitternd an dieſes Herz, das, zuſammengepreßt von ſo verſchiedenartigen Gefühlen, kaum mehr ſchlug. Plöͤtzlich und zum zweiten Male drang ein ſchmerz⸗ liches Schluchzen aus ihrer Bruſt auf ihre Lippen, und ſo glücklich Claire auch war, ſo übergoß ſie doch mit ihren Thränen das Antlitz von Canolles, das ſich zu dem ihrigen herabgeneigt hatte. 3 „Nun!“ ſagte er,„iſt dies Euere Heiterkeit, armer Engel?“— „Es iſt der Reſt meines Schmerzes.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und der Officier, welcher bereits bei Canolles geweſen war, ver⸗ kündigte, die in dem Paſſirſcheine bewilligte halbe Stunde ſei abgelaufen.’ „Lebe wohl,“ flüſterte Canolles,„oder verbirg mich in einer Falte Deines Mantels und nimm mich mit.“ „Armer Freund,“ verſetzte Claire mit leiſer Stimme, „ſchweige doch, denn Du brichſt mir das Herz. Siehſt Du nicht, daß ich vor Verlangen Dich fortzuführen ſterbe? Habe Geduld für Dich, habe Geduld für mich; in einigen 15⁵ Stunden ſind wir wiedervereinigt, um uns nie mehr zu verlaſſen.“ „Ich habe Geduld,“ erwiederte Canolles, durch die⸗ ſes Verſprechen völlig beruhigt;„doch wir müſſen uns trennen; auf, Muth gefaßt! Sprechen wir das Abſchieds⸗ wort: Gott befohlen, Claire.“ 3„Gott befohlen,“ ſprach ſie, bemüht zu lächeln;„Gott e... Aber ſie konnte das Abſchiedswort nicht vollenden; zum dritten Male erſtickte das Schluchzen ihre Stimme. „Gott befohlen!“ rief Canolles, die Vicomteſſe aber⸗ mals in die Arme faſſend und ihre Stirne mit Küſſen bedeckend,„Gott befohlen.“ .„ Teufel,“ murmelte der Officier,„zum Glück weiß ich, daß der arme Junge nicht mehr viel zu befürchten hat, ſonſt würde mir dieſe Scene das Herz brechen.“ Der Officier geleitete Claire bis an die Thüre, kam dann zurück und ſagte zu Canolles, der noch voll Aufre⸗ gung auf einen Stuhl geſunken war: „Es genügt nun nicht, glücklich zu ſein, man muß auch Mitleid haben. Euer Nachbar, Euer unglücklicher Gefährte, derjenige, welcher ſterben ſoll, iſt allein; Nie⸗ mand beſchützt ihn, Niemand tröſtet ihn: er wünſcht Euch zu ſehen; ich habe es auf mich genommen, ihm dieſe Bitte zu gewähren; aber Ihr müßt ebenfalls einwilligen.“ „dOb ich einwillige!“ rief Canolles,„der Unglückliche! ich erwarte ihn, ich öffne ihm die Arme! Ich kenne ihn nicht, aber gleichviel.“ „Doch er ſcheint Euch zu kennen.“ „Weiß er, welches Schickſal ihm bevorſteht?“ „Nein, ich glaube nicht. Ihr begreift, daß man ihn in Unwiſſenheit laſſen muß...“ „Ohl ſeid unbeſorgt.“ „Höret alſo: es ſchlägt eilf Uhr, ich kehre auf den Poſten zurück; von eilf Uhr an ſind die Kerkermeiſter allein regierende Herren im Innern des Gefängniſſes. Der Euere 156 iſt benachrichtigt; er weiß, daß Euer Nachbar bei Euch ſein wird, und wird ihn in dem Augenblick, wo er ihn in ſeinen Kerker zurückkehren laſſen muß, bei Euch holen. Weiß der Gefangene nichts, ſo theilt ihm auch nichts mit; weiß er etwas, ſo ſagt ihm von uns, wir Soldaten beklagen ihn aus dem Grunde unſeres Herzens, denn ſterben iſt nichts, aber gehenkt werden, das heißt, bei Gott! zweimal ſterben.“ „Iſt es denn entſchieden, daß er ſterben wird?⸗ „Er muß denſelben Tod erleiden, wie Richon. Das ſind vollſtändige Repreſſalien. Aber wir plaudern, und er harrt ohne Zweifel Euerer Antwort mit Bangigkeit entgegen.“ „Holt ihn, mein Herr, und glaubt mir, daß ich Euch für ihn und für mich dankbar bin.“ Der Officier ging hinaus, öffnete die Thüre des an⸗ ſtoßenden Kerkers, und Cauvignac trat, zwar etwas bleich, aber mit ungezwungener Haltung, und die Stirne hoch, in das Zimmer von Canolles, der ihm einige Schritte entgegenging. Der Officier machte Canolles ein letztes Abſchieds⸗ zeichen, ſchaute Cauvignac mitleidig an, ging hinaus und führte ſeine Soldaten fort, deren ſchwere Tritte ſich all⸗ mälig unter dem Gewoͤlbe verloren. Bald machte der Kerkermeiſter ſeine Runde. Man hörte ſeine Schlüſſel im Gange klirren. Cauvignac war nicht niedergeſchlagen, weil in dieſem Menſchen ein unerſchütterliches Vertrauen auf ſich ſelbſt, eine unerſchöpfliche Hoffnung auf die Zukunft vorwalteten. Aber unter einem ruhigen Anſchein und unter einer bei⸗ nahe heiteren Maske hatte ſich ein tiefer Schmerz einge⸗ ſchlichen, und dieſer biß wie eine Schlange in ſein Herz. Die ſkeptiſche Seele, welche ſtets an Allem gezweifelt hatte, zweifelte endlich auch an ſich felbſt... Seit dem Tode von Richon aß Cauvignae nicht mehr, ſchlief er nicht mehr. 157 Gewohnt, das Unglück Anderer zu verſpotten, weil er das ſeinige heiter hinnahm, war es unſerem Philoſophen nicht einmal in den Sinn gekommen, über ein Ereigniß zu lachen, das ein ſo trauriges Reſultat herbeiführte, und unwillkürlich ſah er in allen den geheimnißvollen Fäden, welche ihn für den Tod von Richon verantwortlich mach⸗ ten, die unbeugſame Hand der Vorſehung, und er fing an, wenn nicht an eine Belohnung der guten Handlungen, doch an eine Beſtrafung der ſchlechten zu glauben. Er fügte ſich alſo und traäumte, aber während er ſich fügte, aß und trank er, wie geſagt, nicht mehr. Und... ſonderbares Geheimniß dieſes, zwar nicht ſelbſtſüchtigen, aber perſönlichen Gemüths!.. was ihn noch ſtärker berührte, als ſein eigener, von ihm vorherge⸗ ſehener Tod, das war der Tod des Gefährten, von dem er wußte, daß er zwei Schritte von ihm entweder das unſelige Urtheil, oder den Tod ohne Urtheil erwartete. Alles dies brachte ihm immer wieder Richon, ſein Rache⸗ geſpenſt, und die doppelte Kataſtrophe in den Kopf, welche aus dem entſprang, was er Anfangs als einen muthwilli⸗ gen Streich angeſehen hatte. Sein erſter Gedanke war es geweſen, zu entweichenz; denn er glaubte, obgleich Gefangener auf Ehrenwort, da man, indem man ihn in den Kerker führte, die gegen ihn eingegangenen Verſprechungen verletzt hatte, ebenfalls und ohne Bedenken die ſeinigen verletzen zu können. Aber trotz ſeines ſcharfſichtigen Geiſtes und ſeiner ſinnreichen Mittel erkannte er, daß die Sache unmöglich war. Da überzeugte er ſich noch mehr, daß er in den Klauen eines un⸗ erbittlichen Geſchickes lag, und von nun an verlangte er nichts Anderes mehr, als einige Augenblicke mit ſeinem Gefährten, deſſen Name ein trauriges Erſtaunen in ihm erregt hatte, ſprechen zu dürfen und ſich in ſeiner Perſon mit der ganzen, ſo grauſam von ihm verletzten, Menſchheit zu verſöhnen. Wir wollen nicht behaupten, daß alle dieſe Gedanken 158 Gewiſſensbiſſe waren, nein... Cauvignac war zu ſehr Philoſoph, um ſolche zu haben, aber es war wenigſtens das, was ihnen ſehr ähnlich iſt, nämlich ein heftiger Aerger, das Boͤſe umſonſt gethan zu haben. Mit der Zeit, und unter Verhältniſſen, welche Caupignac in dieſer Stimmung des Geiſtes erhalten hätten, würde dieſes Ge⸗ fühl vielleicht denſelben Erfolg gehabt haben, wie die Reue, aber es gebrach an Zeit. Als Cauvignac in das Zimmer von Canolles trat, wartete er nun mit ſeiner gewöhnlichen Klugheit, bis der Officier, der ihn eingeführt, ſich entfernt hatte; ſobald er ſodann die Thüre wohl verſchloſſen ſah, ging er auf Ca⸗ nolles zu, der ihm, erwähnter Maßen, einige Schritte entgegen gethan hatte, und drückte ihm liebevoll die Hand. Trotz der ernſten Lage konnte ſich Cauvignac eines Lächelns nicht enthalten, als er den eleganten, ſchönen jungen Mann mit dem abenteuerlichen Geiſte, mit der heiteren Laune erkannte, welchen er bereits zweimal unter Umſtänden, die von ſeinen jetzigen ſehr verſchieden waren, überraſcht hatte, einmal, um ihn in Aufträgen nach Nantes zu ſchicken, das zweite Mal, um ihn nach Saint⸗George zu führen. Dabei erinnerte er ſich auch der vorüberge⸗ henden Uſurpation ſeines Namens und der ſchönen Myſtifi⸗ cation des Herzogs in Folge davon. Und ſo traurig das Gefängniß war, ſo war doch die Erinnerung dergeſtalt heiter, daß die Vergangenheit einen Augenblick den Sieg über die Gegenwart davon trug. Canolles erkannte in ihm ebenfalls auf den erſten Blick denjenigen, mit welchem er unter den zwei erwähnten Umſtänden in Berührung gekommen war, und da ihm Cauvignae im Ganzen bei dieſen zwei Umſtänden gute Botſchaft gebracht hatte, ſo nahm ſein Mitleid über das dem Unglücklichen bevorſtehende Schickſal noch mehr zu, und wurde um ſo tiefer, als er wußte, daß ſeine Ret⸗ tung den unwiderruflichen Untergang von Cauvignac ver⸗ urſachte; und bei einem ſo zarten Gemüthe, wie er es ———,——,——— ,— 0,. 2—— ———2— x&ᷣ& RN nnͤA N— 159 beſaß, veranlaßte ein ſolcher Gedanke viel mehr Gewiſſens⸗— biſſe, als ein wirkliches Verbrechen in dem von Cauvignac erzeugt haben würde. Er empfing dieſen daher mit zuvorkommendem Wohl⸗ wollen. „Nun, Baron,“ ſprach Cauvignac zu ihm,„was ſagt Ihr zu der Lage, in der wir uns befinden? es ſcheint mir, ſie iſt ziemlich precär.“* „Ja, wir ſind hier als Gefangene, und Gott weiß, wann wir dieſen Ort verlaſſen werden,“ antwortete Ca⸗ nolles, bemüht ruhig und gefaßt zu erſcheinen, um die Todesſtunde ſeines Gefährten wenigſtens durch die Hoffnung zu verſüßen. 4 „Wann wir dieſen Ort verlaſſen werden!“ verſetzte Cauvignac;„Gott, den Ihr anruft, möge in ſeiner Barm⸗ herzigkeit beſchließen, daß es ſo ſpät als möglich geſchehe; aber ich glaube nicht, daß er geneigt ſein wird, uns eine lange Friſt zu gewähren. Von meinem Kerker aus ſah ich, wie Ihr es von dem Euerigen aus ſehen konntet, eine gierige Menge nach einem gewiſſen Orte laufen, der, wenn ich mich nicht täuſche, die Eſplanade ſein muß. Ihr kennt die Eſplanade, mein lieber Baron, und wißt, wozu ſie dient?“ „Ah, bah!l ich glaube, Ihr übertreibt es mit unſerer Lage. Ja, das Volk lief nach der Eſplanade, aber ohne Zweifel nur, um einer militäriſchen Züchtigung beizuwohnen. Uns den Tod von Richon bezahlen zu laſſen, das wäre ab⸗ ſcheulich! denn wir ſind der Eine wie der Andere un⸗ ſchuldig an dieſem Tode.“ Cauvignac bebte und heftete einen Blick auf Canolles, der von einem düſteren Ausdruck allmälig in einem Aus⸗ druck des Mitleids überging.. „Sieh da,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„abermals Einer, der ſich über ſeine Lage täuſcht. Ich mußfichm jedoch ſagen, wie ſich die Sache verhält— denn wozu ihm ſchöne Ausſichten gewähren.. damit der Schlag nachher 160 noch ſchmerzlicher wird? während wenigſtens, wenn man Zeit hat, ſich vorzubereiten, der Abſturz ſtets etwas leichter erſche int.“ Nachdem eer Canolles eine Zeit lang ſtillſchweigend und prüfend betrachtet hatte, faßte er ihn bei den Händen und ſagte: „Mein lieber Herr, wir wollen ein paar Flaſchen von dem guten Weine von Branne fordern, den Ihr wohl kennt. Ach! ich hätte nach Wohlgefallen davon getrunken, wenn ich länger Gouverneur geweſen wäre, und ich geſtehe ſo⸗ gar, daß meine Vorliebe für dieſen Wein mich veranlaßte, mir vorzugsweiſe dieſes Gouvernement zu erbitten. Gott ſtraft mich für meine Leckerei.“ „Es iſt mir ganz genehm,“ erwiederte Canolles, und zer klopfte an die Thüre, aber man antwortete ihm nicht; er verdoppelte den Lärmen, und nach einem Augen⸗ blick näherte ſich ein Kind, das im Gange ſpielte, dem Gefangenen. „Was wollt Ihr?“ fragte das Kind. „Wein,“ ſprach Canolles;„Dein Vater ſoll zwei Flaſchen bringen.“ Das Kind entfernte ſich, kam bald wieder zurück und ſagte: „Papa hat in dieſem Augenblick mit einem Herrn zu ſprechen, wird aber ſogleich kommen.“ 3 „Berzeih,“ ſagte Cauvignac,„willſt Du mir wohl auch eine Frage erlauben?“ „Fraget immerhin.“ „Mein Freund,“ fuhr er in ſeinem einſchmeichelndſten Tone fort,„mit welchem Herrn ſpricht Dein Papa?⸗ „Mit einem großen Herrn.“ 3 „Dieſes Kind iſt reizend,“ ſagte Cauvignae;„wartet, und wir werden etwas erfahren.“. „Und wie iſt dieſer Herr gekleidet?“ „Ganz ſchwarz.“ 164 „Ah! DTeufel! Ihr hört, ganz ſchwarz. Und wie nennt man denn den großen, ſchwarz gekleideten Herrn?2“ „Man nennt ihn Herr Labvie.“ „Ah! ahl verſetzte Cauvignac,„der Advocat des Königs; ich glaube, von dem haben wir nichts Schlimmes zu erwarten. Benützen wir alſo den Umſtand, daß ſie mit einander plaudern, um ebenfalls zu plaudern.“ Und er ſchob ein Geldſtück unter der Thüre durch⸗ und ſagte: Nimm, mein kleiner Freund, da haſt Du etwas, um Dir Bälle dafür zu kaufen... Man muß ſich überall Freunde machen,“ fügte er aufſtehend bei. „Nun, Herr,“ ſprach Canolles,„Ihr ſagtet...“ „Ah! ja,“ erwiederte Cauvignac.„Ich ſagte, Ihr ſcheinet mir in einem ſtarken Irrthum über das Schickſal begriffen zu ſein, das unſerer bei dem Austritt aus dieſem Gefängniß harre; Ihr ſprecht von der Eſplanade, von mili⸗ täriſcher Züchtigung, von Staupenſchlag für Fremde; ich wäre verſucht zu glauben, es ſei von uns die Rede und es handle ſich um etwas Beſſeres.“ „Geht doch!“ „Ah! Ihr ſeht die Dinge unter einem minder dü⸗ ſteren Lichte, als ſie mir erſcheinen. Jeden Falls rühmt Euch nicht zu ſehr des Standes Euerer Angelegenheit; ſie ſteht eben auch nicht ſehr grün. Doch die Euerige thut nichts zu der meinigen, und die meinige, ich muß es ſagen, weil ich davon überzeugt bin, iſt teufelmäßig verworren. Wißt Ihr wohl, wer ich bin, mein lieber Herr?“ 1 Das iſt eine ſonderbare Frage! Ihr ſeid der Kapitän Cauvignac, Gouverneur von Branne, wie mir ſcheintse . Ja, für den Augenblick; aber ich habe nicht immer dieſen Namen geführt, ich habe nicht immer dieſen Titel inne gehabt. Ich habe oft meinen Namen verändert, ich habe es in verſchiedenen Graden verſucht; eines Tages, Der Franenkrieg. I. 11 16² zum Beiſpiel, nannte ich mich Baron von Canolles, ge⸗ rade wie Ihr.“ Canolles ſchaute Cauvignac in das Geſicht. „Ja,“ fuhr dieſer fort,„ich begreife; nicht wahr, Ihr fragt Euch, ob ich ein Narr ſei? Beruhigt Euch, ich erfreue mich aller meiner geiſtigen Fähigkeiten, und bin nie ſo ſehr bei geſundem Verſtande geweſen.“ „So erklärt Euch.“ „Nichts iſt leichter. Der Herr Herzog von Eper⸗ non.. nicht wahr, Ihr kennt den Herrn Herzog von Epernon?“ „Dem Namen nach, denn ich habe ihn nie ge⸗ ſehen.“ „Zu meinem Glück. Als mich Herr von Epernon eines Tages bei einer Dame fand, wo Ihr, wie ich wußte, nicht ſchlecht gelitten waret, nahm ich mir die Freiheit, Euern Namen zu entlehnen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr?2“ „Schon gut, ſchon gut; beliebt Euch etwa den Egois⸗ mus zu ſo weit treiben, daß Ihr auf eine Frau in dem Augenblick eiferſüchtig ſeid, wo Ihr eine andere zu hei⸗ rathen gedenkt? Und wäret Ihr es auch, was in der Natur des Menſchen liegt, der offenbar ein niedriges Thier iſt, ſo werdet Ihr mir doch ſogleich vergeben... Ich gehöre Euch zu nahe an, als daß wir uns ſtreiten ſollten.“ „Ich verſtehe kein Wort von dem, was Ihr mir ſagt, mein Herr.“ „Ich ſage, daß ich ein Recht habe, von Euch als Bruder oder wenigſtens als Schwager behandelt zu werden.“ „Ihr ſprecht in Räthſeln, und ich verſtehe nicht mehr, als vorhin.“ „Nun wohl, mit einem einzigen Worte werdet Ihr begreifen. Mein wahrer Name iſt Roland von Lartigues, und Nanon iſt meine Schweſter.“ 163 Canolles ging von einem kalten Mißtrauen zu einer plötzlichen Wärme über und rief: „Ihr, der Bruder von Nanon! Oh! armer Junge!“ „Ja wohl, armer Junge,“ erwiederte Cauvignac; „Ihr habt das richtige Wort geſprochen, Ihr habt den Finger auf die Sache gelegt, denn außer einer Menge von Unannehmlichkeiten, welche aus der Inſtruktion meines kleinen Prozeſſes hier entſpringen werden, habe ich noch das Unglück, Roland von Lartigues zu heißen und der Bruder von Nanon zu ſein. Ihr wißt, daß meine theuere Schweſter nicht im Geruche der Heiligkeit bei den Herren Bordeleſen ſteht. Erfährt man meine Verwandtſchaft mit Nanon, ſo bin ich dreimal verloren; hier aber gibt es einen Laroche⸗ foucault und einen Lenet, welche Alles wiſſen.“ „Ah!“ ſagte Canolles, durch die Worte von Cauvig⸗ nac auf alte Erinnerungen zurückgeführt,„ahl ich begreife nun, warum mich die arme Nanon einſt in einem Briefe ihren Bruder nannte. Vortreffliche Freundin!“ „Ah! ja, es war eine gute Perſon, und ich bereue, daß ich ihre Ermahnungen nicht immer buchſtäblich ge⸗ nommen habe; aber was wollt Ihr? wenn man die Zu⸗ kunft errathen könnte, ſo bedürfte man Gottes nicht mehr.“ „ Und was iſt aus ihr geworden?“ fragte Canolles. „Wer kann das ſagen? Arme Frau! ſie iſt wahr⸗ ſcheinlich in Verzweiflung, nicht über mich, von deſſen Verhaftung ſie nichts weiß, ſondern über Euch, deſſen Schickſal ſie vielleicht kennt.“ „Beruhigt Euch,“ ſprach Canolles,„Lenet wird nicht ſagen, daß Ihr der Bruder von Nanon ſeid. Herr von Larochefoucault hat keinen Grund, Euch zu grollen. Man wird alſo nichts von allem Dem erfahren.“ „Wenn man von allem Dem nichts erfährt, ſo wird man, glaubt mir, immerhin andere Dinge erfahren; man wird zum Beiſpiel erfahren, daß ich ein gewiſſes Blan⸗ Auett verkauft habe, und daß dieſes Blanquett... bah! 164 vergeſſen wir das, wenn es möglich iſt. Welch ein Un⸗ glück, daß kein Wein kommt,“ ſuhr er ſich nach der Thüre umwendend fort.„Es gibt nichts, was ſo gut vergeſſen macht, als der Wein.“ „Auf, auf, Muth gefaßt!“ rief Canolles. „Glaubt Ihr etwa, es fehle mir daran? Ihr werdet mich in dem großen Augenblick ſehen, wenn wir einen Gang nach der Eſplanade machen.... Eines plagt mich jedoch: werden wir erſchoſſen, geköpft oder gehenkt?⸗ „Gehenkt!“ rief Canolles.„Bei Gott! wir ſind Edelleute, und man würde dem Adel keine ſolche Schmach anthun.“ „Wohl, Ihr werdet ſehen, ſie ſind am Ende im Stande, mich noch mit meiner Genealogie zu peinigen... und dann... „Was? „Wer wird zuerſt hinübergehen, Ihr oder ich?“ „Mein lieber Freund, ſetzt Euch um Gottes willen keine ſolche Dinge in den Kopf. Nichts iſt minder ſicher, als der Tod, mit dem Ihr Euch zum Voraus beſchäftigt: man richtet, verurtheilt und vollſtreckt nicht ſo in einer Nacht.“. „Hört,“ entgegnete Cauvignac,„ich war dabei, als man dem armen Richon den Prozeß machte; Gott ſei ſeiner Seele gnädig! Nun wohl, Prozeß, Urtheil, Auf⸗ hängen, dies Alles dauerte höchſtens drei bis vier Stun⸗ den; ſetzen wir etwas weniger Thätigkeit, weil Frau Anna von Oeſterreich Königin von Frankreich und Frau von Condé nur Prinzeſſin von Geblüt iſt, ſo gibt das für uns vier bis fünf Stunden. Da nun aber zwei Stunden ſeit unſerer Verhaſtung vorüber ſind, und zwei, ſeitdem wir vor unſern Richtern erſcheinen mußten, ſo bleiben uns noch eine oder zwei Stunden zu leben, und das iſt kurz.“ 3 „In jedem Fall wird man wohl den Tag abwarten, um uns hinzurichten.“ „Ah! das iſt durchaus nicht ſicher; eine Hinrichtung 2 165 mit Fackeln iſt etwas ſehr Schönes; es koſtet allerdings mehr, da aber die Frau Prinzeſſin der Bordeleſen in dieſem Augenblick ſehr bedarf, ſo könnte ſie ſich wohl ent⸗ ſchließen, dieſe Ausgabe zu machen.“ „Stille!“ ſagte Canolles,„ich höre Tritte.“ „Teufel!“ murmelte Canvignac ein wenig erblei⸗ chend. 6 „Ohne Zweifel bringt man uns den Wein herauf,“ ſagte Canolles. „Ah! ja,“ ſprach Cauvignac einen mehr als auf⸗ merkſamen Blick auf die Thüre heftend;„kommt der Kerker⸗ meiſter mit Flaſchen herein, ſo iſt es gut; doch wenn im Gegentheil...“ Die Thüre oͤffnete ſich und der Kerkermeiſter erſchien ohne Flaſchen.. Cauvignac und Canolles wechſelten einen ausdrucks⸗ vollen Blick; aber der Kerkermeiſter merkte nicht darauf. Er ſchien ſo eilig, die Zeit war ſo kurz, es war ſo finſter im Kerker... Er trat ein und ſchloß die Thüre wieder. Dann näherte er ſich den Gefangenen, zog ein Papier aus der Taſche und fragte: „Welcher von Euch Beiden iſt der Baron von Ca⸗ nolles?⸗ „Ahl Teufel!“ murmelten gleichzeitig die zwei Män⸗ ner, einen neuen Blick austauſchend.. Canolles zögerte jedoch, ehe er antwortete, und Cau⸗ vignac ebenſo; der Erſte hatte dieſen Namen zu lange ge⸗ führt, um zu bezweifeln, daß der Aufruf an ihn gerichtet war; der Andere hatte ihn genug geführt, um zu befürch⸗ ten, er werde daran erinnert. Canolles begriff jedoch, daß er antworten mußte, und ſprach: „Ich bin es.“ Der Kerkermeiſter näherte ſich ihm.. „Ihr waret Feſtungs⸗Gouverneur?“ 166 1 „ Ja.“ „Aber ich war auch Feſtungs⸗Gouverneur; ich nannte mich auch Canolles,“ ſagte Cauvignac.„Wir wollen uns deutlich erklären, damit keine Täuſchung obwalten kann. Was mir mit dem armen Nichon begegnete, iſt genug, und ich will nicht noch den Tod eines Andern verur⸗ ſachen.“ „Ihr nennt Euch alſo gegenwärtig Canolles?" fragte der Kerkermeiſter. „Ja,“ antwortete Canolles. „Ihr nanntet Euch alſo früher Canolles?“ ſagte der Kerkermeiſter zu Cauvignac. „Ja,“ antwortete dieſer;„ja, früher, nur einen Tag, und ich fange an zu glauben, daß ich an dieſem Tag ei⸗ nen albernen Gedanken gehabt habe.⸗ „Ihr ſeid alſo Beide Feſtungs⸗Gouverneurs 2 „Ja,“ antworteten gleichzeitig Canolles und Cau⸗ vignac. „Nun eine letzte Frage, welche Alles aufklären wird.“ Die zwei Gefangenen hoͤrten mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit.. „Welcher von Euch Beiden iſt der Bruder von Ma⸗ dame Nanon von Lartigues?“ Hier machte Cauvignac eine Grimaſſe, welche in ei⸗ nem minder feierlichen Augenblick komiſch geweſen wäre. „Ich ſagte es Euch,“ rief er, ſich an Canolles wen⸗ dend,„ich ſagte es Euch, bei dieſem Punkte würde man mich angreifen.“ Dann zu dem Kerkermeiſter: „Und wenn ich der Bruder von Madame Nanon von Lartigues waͤre, was würdet Ihr mir ſagen, mein Freund?2⸗ „Ich würde Euch ſagen, Ihr ſollet mir auf der Stelle folgen.“ „Peſt!“ murmelte Cauvignac. 167 „Aber ſie hat mich auch ihren Bruder genannt,“ ſprach Canolles, der es verſuchen wollte, etwas von dem Sturme abzuwenden, welcher ſich ſichtbar auf dem Haupte ſeines unglücklichen Gefährten ſammelte. „Einen Augenblick,“ verſetzte Cauvignac, ging an dem Kerkermeiſter vorüber und nahm Canolles bei Seite;„ei⸗ nen Augenblick, mein edler Herr, es iſt nicht billig, daß Ihr unter ſolchen Umſtänden ein Bruder von Nanon ſein ſollt. Ich habe bis jetzt andere Menſchen genug für mich bezahlen laſſen, und die Gerechtigkeit fordert, daß ich nun ebenfalls bezahle.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Cauvignac. „Oh! das wäre zu lang; überdies ſeht Ihr, daß un⸗ ſer Kerkermeiſter ungeduldig wird und mit dem Fuße ſtampft. Gut, gut, mein Freund, ſeid ruhig, man folgt Euch. Gott befohlen, theuerer Gefährte,“ fuhr Cauvignac fort;„es ſind wenigſtens alle Zweifel in der Hinſicht gelöſt, daß ich zuerſt hinübergehe. Gott gebe, daß Ihr mir nicht zu bald folgt. Nun fragt es ſich nur noch, welche Todesart beſchloſſen worden iſt. Teufel, nur nicht der Strang. Ja! man geht, man geht! Ihr ſeid ſehr eilig, mein braver Mann! Auf, mein theuerer Bruder, mein theuerer Schwager, mein theuerer Gefährte, mein theuerer Freund... Ein letztes Fahrewohl, und guten Abend!’“ Cauvignac machte noch einen Schritt gegen Canolles und reichte ihm die Hand; Canolles nahm dieſe Hand in die ſeinige und drückte ſie liebevoll. Wäͤhrend dieſer Zeit ſchaute ihn Cauvignac mit einem ſeltſamen Ausdrucke an.. „Was wollt Ihr von mir?“ ſagte Canolles:„habt Ihr etwas von mir zu verlangen?“ „Ja.“ „So thut es unumwunden.“ „Betet Ihr zuweilen?“ fragte Cauvignac.⸗ „Ja,“ erwiederte Canolles. „Wohl, wenn Ihr betet, ſprecht ein Wort ſür mich.“ 168 Und ſich zu dem Kerkermeiſter umwendend, welcher immer ungeduldiger zu werden ſchien; ſagte er: „Ich bin der Bruder von Madame Nanon von Lar⸗ tigues; kommt, mein Freund.“ Der Kerkermeiſter ließ ſich das nicht zweimal ſagen und führte Cauvignac fort, welcher von der Thuͤrſchwelle aus Canolles ein letztes Zeichen machte. Dann ſchloß ſich die Thüre, die Tritte entfernten ſich im Gange, und Alles verſank in eine Stille, die dem Schweigen des Todes glich. Canolles blieb tief in eine ſchreckenartige Traurigkeit verſunken. Dieſe Art, einen Menſchen nächtlicher Weile, ohne Geräuſch, ohne Borbereitungen, ohne Wachen fortzu⸗ führen, war gräßlicher, als alle Vorkehrungen zu einer Hinrichtung beim hellen Sonnenſcheine. Nichtsdeſtoweniger galt die ganze Bangigkeit von Canolles ſeinem Gefährten, denn ſein Vertrauen auf Frau von Cambes war ſo groß, daß er, ſeit er ſie geſehen, trotz der unſeligen Kunde, die ſie ihm mitgetheilt hatte, nicht mehr für ſich ſelbſt fürchtete. Das Einzige, was ihn zu dieſer Stunde wirklich be⸗ ſchäftigte, war das ſeinem Geſährten bevorſtehende Schick⸗ ſal. Die letzte Bitte von Cauvignae ſtellte ſich vor ſeinen Geiſt;... er kniete nieder und betete. Nach einigen Augenblicken ſtand er wieder auf; er fü hlte ſich getröſtet und ſtark und erwartete nur noch die An⸗ kunft der ihm von Frau von Cambes verheißenen Hülfe oder ihre perſönliche Erſcheinung. Mittlerweile folgte Canvignac dem Kerkermeiſter in dem düſteren Gange, in ernſte Gedanken vertieft und ohne ein Wort zu ſprechen. Am Ende des Ganges ſchloß der Kerkermeiſter die Thüre eben ſo ſorgfältig, als er dies bei dem Kerker von Canolles gethan hatte, und nachdem er eine Zeit lang auf ein dumpfes Geräuſch gehorcht, das vom untern Stockwerk —S S 169 heraufſtieg, ſagte er, ſich ungeſtüm gegen Cauvignac um⸗ wendend: „Auf, vorwärts, mein edler Herr.“— „Ich bin bereit,“ antwortete Cauvignac ziemlich ma⸗ jeſtätiſch. „Schreit nicht ſo laut,“ verſetzte der Kerkermeiſter, nund geht ſchneller.⸗ „Und er eilte auf eine Treppe zu, welche in die unter⸗ irdiſchen Kerker führte. „Oh! oh!“ ſagte Cauvignac zu ſich ſelbſt,„ſollte man mich zwiſchen vier Wänden erdroſſeln oder in eine Oubliette ſioßen wollen? Ich hörte wohl ſagen, man habe ſich zuweilen begnügt, die vier Glieder auf einem öffentli⸗ chen Platze auszuſtellen, wie dies Ceſare Borgia bei Don Ramiro d'Orco gethan hat. Dieſer Kerkermeiſter iſt ganz allein; er hat ſeine Schlüſſel am Gürtel. Dieſe Schluͤſſel müſſen irgend eine Thüre öffnen. Er iſt klein, ich bin groß; er iſt ſchwach, ich bin flark; er iſt vorne, ich bin hinten; ich habe ihn bald erwürgt, wenn ich will. Will ich es?“ Und Cauvignae, der ſich geantwortet hatte, er wolle es, ſtreckte ſchon ſeine beiden knochigen Hände aus, um ſein Vorhaben auszuführen, als der Kerkermeiſter, voll Schre⸗ cken ſich umwendend, ihm zuflüſterte: „Stille! hört Ihr nichts?“ Cauvignac aber fuhr immer mit ſich ſelbſt ſprechend . „In allem Dem liegt offenbar etwas Dunkles, und ſo viele Vorſichtsmaßregeln müſſen mich, wenn ſie mich nicht beruhigen, ſehr unruhig machen.“ Plötzlich Kille ſtehend fragte er: „He dal ſagt, wohin führt Ihr mich?⸗ „Seht Ihr es nicht?“ entgegnete der Kerkermeiſter; vin den Keller.“ „Oh wehe!“ murmelte Cauvignac,„wollen ſie mich lebendig begraben?⸗ 4 fort: 170 Der Kerkermeiſter zuckte die Achſeln, drang in ein Irrſal von Gängen, gelangte zu einer niedrigen, bogen⸗ foͤrmigen Thüre, hinter welcher ein ſeltſames Geräuſch ſtattfand, und öffnete. „Der Fluß!“ rief Cauvignac erſchrocken, als er das Waſſer, düſter und ſchwarz wie der Acheron, hinrollen ah. „Ja, der Fluß; könnt Ihr ſchwimmen?“ 3„Ja... nein... ja...; das heißt, warum des Teufels fragt Ihr das?“ „Weil wir, wenn Ihr nicht ſchwimmen könnt, genö⸗ thigt ſind, ein Schiff abzuwarten, das da unten liegt, und dadurch verlieren wir eine Viertelſtunde, abgeſehen davon, daß man das Signal, welches ich machen muß, hören und uns wieder erwiſchen kann.“ „Uns wieder erwiſchen?“ rief Cauvignac.„Ahl theue⸗ rer Freund, wir fliehen alſo 2“ „Allerdings fliehen wir.“ „Wohin?“ „Wohin wir wollen.“ „Ich bin alſo frei?“ „Frei wie die Luft.“ „Ohl mein Gott!“ rief Cauvignac. Und ohne ein Wort dieſem beredten Ausrufe beizufü⸗ gen, ohne ſich umzuſchauen, ohne zu ſehen, ob ihm ſein Gefährte folgte, ſtürzte er ſich in den Fluß und tauchte raſcher unter, als es eine verfolgte Fiſchotter hätte thun koͤnnen. Der Kerkermeiſter ahmte ſein Beiſpiel nach, und nach einer Viertelſtunde lautloſer Anſtrengung, um den Strom zu durchbrechen, befanden ſich Beide im Angeſicht des Schif⸗ fes. Der Kerkermeiſter pfiff nun dreimal, während er be⸗ ſtändig ſchwamm; die Schiffer erkannten das verabredete Signal, kamen ihnen entgegen, zogen ſie raſch in die Barke, begannen, ohne ein Wort zu ſprechen, kräftig zu rudern, und brachten Beide in weniger als fünf Miunten an das entgegengeſetzte Ufer. 171 „Ah! rief Cauvignae, der ſeit dem Augenblick, wo er ſich ſo muthig in das Waſſer geſtürzt, keine Sylbe von ſich gegeben hatte,„ah! nun bin ich gerettet. Theuerer Kerkermeiſter meines Herzens, Gott wird Euch belohnen!“ „In Erwartung des Lohnes, den mir Gott gewähren mag,“ erwiederte der Kerkermeiſter,„habe ich immerhin vierzigtauſend Livres erhalten, die mir Geduld faſſen helſen werden.“ „Vierzigtauſend Livres!“ rief Cauvignac voll Erſtau⸗ nen,„wer Teufels kann vierzigtauſend Livres für mich aus⸗ gegeben haben?“ XIII. Es bedarf nun eines Wortes der Erläuterung, wo⸗ nach wir den Faden unſerer Geſchichte wieder aufnehmen werden. Ueberdies iſt es Zeit zu Nanon von Lartigues zurück⸗ zukehren, welche beim Anblick des, unter der Halle des Marktplatzes von Libourne verſcheidenden, unglücklichen Richon einen Schrei ausgeſtoßen hatte und in Ohnmacht gefallen war. Nanon war indeſſen, wie man bereits wahrnehmen konnte, keine Perſon von ſchwächlicher Natur; trotz der Zartheit ihres Körperbaus hatte ſie lange anhaltenden Kummer ertragen, Anſtrengungen erduldet, Gefahren getrotzt, und dieſe zugleich kräftige und liebende, mit einer ungewöhnlichen Stählung ausgerüſtete Seele wußte ſich nach den Umſtänden zu biegen und bei jeder Erholung, die ihr das Schickſal goͤnnte, ſtärker wieder aufzuſpringen. 172 Der Herzog von Epernon, der ſie kannte oder viel⸗ mehr zu kennen glaubte, durfte daher wohl ſtaunen, als er ſie beim Anblick eines phyſiſchen Schmerzes voͤllig nie⸗ dergeſchmettert ſah, ſie, die, als ihr Pallaſt in Agen von den Flammen verzehrt wurde, beinahe lebendig verbrannt wäre, ohne einen Schrei auszuſtoßen, aus Furcht, ſie könnte dadurch ihre Feinde ergötzen, welche nach dieſer Marter lechzten, die Einer von ihnen, wüthender als die Anderen, der Favoritin des verhaßten Gouverneur bereitet hatte; ſie, Nanon, welche mitten in dieſen Aufruhr zwei von ihren Frauen, die für ſie und ſtatt ihrer ermordet wurden, hatte ſterben ſehen, ohne nur im Mindeſten das Geſicht zu verändern. 3 Die Ohnmacht von Nanon dauerte beinahe zwei Stunden und endigte mit furchtbaren Nervenanfällen, wäh⸗ rend welcher ſie nicht ſprechen, ſondern nur unartieulirte Schreie ausſtoßen konnte. Es ſah ſo ſchlimm aus, daß die Königin ſelbſt, nachdem ſie viele Boten zu der Kranken geſchickt hatte, ihr in Perſon einen Beſuch machte, und daß Herr Mazarin, welcher kurz zuvor angekommen war, ſich an ihr Bett ſetzte, um daran Mediecin zu treiben, worin ſich ſeine Eitelkeit ſtets gefallen hatte: Medicin für den bedrohten Koͤrper, Theologie für die gefährdete Seele! Nanon kam jedoch erſt ſpät in der Nacht wieder zum Bewußtſein und brauchte hienach noch einige Zeit, um ihre Gedanken zu ſammeln; dann aber preßte ſie ihren Kopf zwiſchen ihre beiden Hände und rief mit herzzerrei⸗ ßendem Tone: „Ich bin verloren! ſie haben ihn mir getödtet!“ Zum Glück waren dieſe Worte ſo ſeltſam, daß die Anweſenden dieſelben auf Rechnung des Deliriums ſetzten. Ihr Ausruf blieb jedoch den Zeugen desſelben im Gedächtniß, und als der Herzog von Epernon am Morgen von einer Erpedition zurückkehrte, die ihn ſeit dem vorher⸗ gehenden Tage von Libourne entfernt gehalten hatte, erfuhr er zugleich den Verlauf der Krankheit und die Worte, — 173 die ſie geſprochen hatte, als ſie wieder zu ſich gekommen war. Der Herzog kannte genau das aufbrauſende Weſen dieſer Feuerſeele; er begriff, daß dies mehr als Dilirium war, begab ſich zu Nanon und ſagte, den erſten Augenblick des Alleinſeins benützend, den ihr die Beſuche ließen: „Theure Freundin, es iſt mir mitgetheilt worden, was Ihr Alles in Folge des Todes von Richon, den man unter Euern Fenſtern zu henken ſo unklug war, gelitten habt... „Ja, ja,“ rief Nanon,„das iſt ſchändlich! das iſt abſcheulich!“ „Seid unbeſorgt, nun, da ich weiß, welche Wirkung es auf Euch hervorbringt, werde ich in Zukunft die Re⸗ bellen auf dem Promenadeplatz und nicht mehr auf dem Marktplatz henken laſſen. Aber von wem ſprachet Ihr denn, als Ihr ſagtet, man habe ihn Euch getödtet? Ich denke, das kann nicht Richon ſein, denn Richon iſt nie etwas für Euch geweſen, nicht einmal ein einfacher Be⸗ kannter.“ „Ah! Ihr ſeid es, Herr Herzog?“ ſagte Nanon, indem ſie ſich auf ihre Ellenbogen erhob und den Herzog beim Arme faßte. „Ja,“, ich bin es, und es freut mich, daß Ihr mich wiedererkennt, denn das beweiſt, daß es beſſer bei Euch geht. Aber von wem ſprachet Ihr denn?⸗ „Von ihm! Herr Herzog, von ihm!“ ſagte Nanon mit einem Reſte von Delirium:„Ihr habt ihn getödtet! Ohl der Unglückliche!“ „Theure Freundin, Ihr erſchreckt mich. Was ſagt Ihr denn?“ „Ich ſage, daß Ihr ihn getödtet habt. Begreift Ihr nicht, Herr Herzog?“ „Meine liebe Freundin,“ erwiederte der Herzog von Epernon, der Nanon dadurch zum Sprechen zu bringen verſuchte, daß er in die Gedanken einging, welche ihr 174 vom Delirium eingegeben wurden,„wie kann ich ihn ge⸗ töͤdtet haben, da ich ihn gar nicht kenne?“ „Wißt Ihr nicht, daß er Kriegsgefangener iſt, daß er Kapitän, daß er Gouverneur war, daß er dieſelben Titel und denſelben Grad hatte, wie der arme Richon, und daß die Bordeleſen an ihm den Tod deſſen rächen werden, den Ihr habt ermorden laſſen: denn Ihr möget Euch immerhin den Anſchein der Gerechtigkeit geben, es iſt doch ein wahrer Mord.“ Durch dieſe Rede, durch das Feuer dieſer funkeln⸗ den Blicke, durch die fieberhafte Thätigkeit dieſer energiſchen Geberde aus der Faſſung gebracht, wich der Herzog er⸗ bleichend zurück und rief: „Oh! das iſt wahr! das iſt wahr; der arme Canolles, ich hatte es ganz vergeſſen.“ „Mein armer Bruder,“ rief Nanon, glücklich, aus⸗ brechen zu können, indem ſie ihrem Geliebten den Titel gab, unter welchem Herr von Epernon ihn kannte. „Bei Gott, Ihr habt Recht, und ich bin ein Mann ohne Gehirn. Wie Teufels konnte ich unſern armen Freund vergeſſen! Aber noch iſt keine Zeit verloren; zu dieſer Stunde kann die Nachricht kaum nach Bordeaur gelangt ſein; bis man ſich dann verſammelt, Gericht gehalten hat... Ueberdies werden ſie zoͤgern.“ „Hat die Königin gezögert?“ „Die Königin iſt die Königin; ihr ſteht das Recht über Leben und Tod zu. Sie aber ſtnd Rebellen.“ „Ach! ein Grund mehr für ſie, nichts zu ſchonen; doch ſagt, was wollt Ihr thun?“ „Ich weiß noch nicht, aber verlaßt Euch auf mich.“ „Oh!“ rief Nanon, indem ſie ſich zu erheben ſuchte, ner wird nicht ſterben, und wenn ich ſelbſt nach Bordeaur gehen und mich ſtatt ſeiner ausliefern müßte.“ „Seid ruhig, meine liebe Nanon, das iſt meine Sache. Ich habe das Schlimme gethan, und werde es gut machen, ſo wahr ich ein Edelmann bin. Die Königin . — 175 hat nech einige Freunde in der Stadt; ſeid alſo unbe⸗ ſorgt.“ 2 Der Herzog leiſtete dieſes Verſprechen aus dem Grunde ſeines Herzens. Nanon las in ſeinen Augen den Entſchluß, die Offenherzigkeit und beſonders den Willen; ſie wurde von einer ſolchen Freude erfaßt, daß ſie, die Hände des Herzogs ergreifend und ihre feurigen Lippen darauf drückend, ausrief: „Oh! Monſeigneur, wie werde ich Euch lieben, wenn Euch das gelingt!“ Der Herzog fühlte ſich bis zu Thränen gerührt: es war das erſte Mal, daß Nanon mit einem ſolchen Erguſſe zu ihm ſprach und eine ſolche Verheißung von ſich gab. Er verſicherte Nanon abermals, daß ſie nichts zu befürchten hätte, entfernte ſich ſodann aus ihrem Zimmer, ließ einen von ſeinen Dienern kommen, deſſen Geſchicklich⸗ keit und Treue ihm bekannt waren, befahl ihm, ſich nach Bordeaur zu begeben, in die Stadt zu dringen, und müßte er die Wälle mit Sturmleitern erſteigen, und dem Advo⸗ Laten Lavie folgende, ganz eigenhändig von ihm geſchriebene, Note zu übergeben:. „Verhindern, daß Herrn von Canolles, Kapitän, „Platzeommandanten im Dienſte Seiner Majeſtät irgend „etwas Mißliches widerfährt. „Wenn dieſer Officier verhaftet iſt, wie man anneh⸗ men muß, ihn durch alle erdenkliche Mittel befreien; die „Wächter durch alles Gold, das ſie verlangen mögen, vverführen; bis auf hunderttauſend Thaler, bis auf eine Million gehen, wenn es ſein muß, und das Wort des „Herrn Herzogs von Epernon für die Oberaufſicht eines „koniglichen Schloſſes verpfänden. „Scheitert vie Beſtechung, Gewalt verſuchen; vor „Nichts zurückweichen: der Brand, der Mord, Alles wird nentſchuldigt. „Signalement: „Wuchs hoch, Augen braun, Naſe gekrümmt. Im „Falle eines Zweifels, fragen:„„Seid Ihr der Bru⸗ „d er von Nanon 24 „Schnelligkeit; es iſt keine Minute zu ver⸗ „lieren.“ Der Bote ging ab. Drei Stunden nachher war er in Bordeaux. Er trat in einen Pachthof, vertauſchte ſeine Kleider gegen einen leinen Bauernkittel, und drang, einen Wagen voll Mehl ſührend, in die Stadt. Lavie erhielt den Brief eine Stunde nach der Ent⸗ ſcheidung des Kriegsrathes. Er ließ ſich das Thor des befeſtigten Schloſſes öffnen, ſprach mit dem Kerkermeiſter, bot ihm zwanzigtauſend Livres, die dieſer ausſchlug, dann dreißigtauſend Livres, die er abermals ausſchlug, und end⸗ lich vierzigtauſend Livres, welche er annahm. Man weiß, wie Cauvignac, getäuſcht durch die Frage, welche nach der Meinung des Herzogs von Epernon vor jedem Mißgriff ſchützen ſollte:„Seid Ihr der Bruder von Nanon?“ in der einzigen Regung des Edelmuthes, die er vielleicht ſein ganzes Leben hindurch gehabt hatte:„Ja!“ antwortete und, die Stelle von Canolles einnehmend, zu ſeinem großen Erſtaunen die Freiheit erlangte. Cauvignac wurde auf einem raſchen Roſſe nach dem Dorfe Saint⸗Loubès fortgetragen, das den Epernoniſten gehörte. Hier fand man einen Boten des Herzogs, der dem Flüchtling auf dem Leibpferde des Herzogs, einer ſpaniſchen Stute von unſchätzbarem Werthe, entgegenge⸗ ritten war. „ Iſt er gerettet!“ rief er, ſich an den Anführer der Escorte wendend, welche Cauvignac geleitete. „Ja,“ rief dieſer,„wir bringen ihn.“. Mehr verlangte der Bote nicht; er wandte ſein Pferd um und jagte ſchnell wie ein Meteor in der Richtung von Libourne fort. Anderthalb Stunden nachher ſtürzte das verſchlagene Roß an dem Thore der Stadt nieder und wälzte ſeinen Reiter zu den Füßen von Herrn von Epernon 8B SZ.—— 8————— — 22 edn &— 177 non, der das Wort:„Ja,“ erwartend vor Ungeduld zit⸗ terte. Obgleich halb gerädert, hatte der Bote doch noch die Kraft, dieſes ſo koſtſpielige Wort:„Ja,“ auszuſpre⸗ chen, und der Herzog eilte, ohne eine Sekunde zu verlie⸗ ren, in die Wohnung von Nanon, welche, immer noch auf dem Bette ausgeſtreckt, ihren ſtarren Blick auf die von einer Schaar von Dienern beſetzte Thüre heftete. „Ja,“ rief der Herzog von Epernon,„ja, er iſt ge⸗ rettet, theure Freundin, er folgt mir, und Ihr ſollt ihn ſehen.“ Nanon hüpfte gleichſam vor Freude in ihrem Bette; dieſe Worte nahmen von ihrer Bruſt die Laſt, die ſie er⸗ ſtickte; ſie hob ihre Hände zum Himmel empor und rief, das Antlitz in Thränen gebadet, die dieſes uner⸗ wartete Glück ihren Augen entriß, welche die Verzweif⸗ lung trocken gemacht hatte, mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck: 4 „Ohl mein Gott, mein Gott, ich danke Dir.“ Dann ihre Augen vom Himmel zur Erde ſenkend, ſah ſie an ihrer Seite den Herzog von Epernon, der über ihr Glück ſo glücklich war, daß man hätte glauben ſollen, er nehme nicht weniger Antheil an dem theuren Gefan⸗ genen, als ſie ſelbſt. Jetzt erſt regte ſich in ihrem Geiſte der beunruhigende Gedanke: „Wie wird der Herzog für ſeine Güte, für ſeine Sorge belohnt, wenn er den Fremden an der Stelle des Bruders ſieht? wenn er den Betrug einer beinahe ehe⸗ brecheriſchen Liebe dem ſo reinen Gefühle brüderlicher Freundſchaft unterſchoben wahrnimmt?“ Die Antwort von Nanon an ſich ſelbſt war kurz und energiſch. „Nun wohl, gleichviel,“ dachte dieſes an Verleug⸗ nung und zärtlicher Ergebenheit erhabene Herz,„ich werde ihn nicht mehr länger täuſchen, ich werde ihm Alles ſa⸗ gen; er wird mich fortjagen, er wird mich verfluchen; dann werfe ich mich zu ſeinen Füßen, um ihm für das zu danken, was er ſeit drei Jahren für mich gethan hat. Der Frauenkrieg. I. 12 4 178 Dann gehe ich, zwar arm, gedemüthigt, aber reich durch meine Liebe und glücklich durch das neue Leben, das un⸗ ſerer harrt, von hinnen...“ Mitten unter dieſem Verleugnungstraume, in welchem der Ehrgeiz der Liebe geopfert wurde, öffnete ſich die Reihe der Diener, ein Mann ſtürzte in das Zimmer, in welchem Nanon lag, und rief: „Meine Schweſter! meine gute Schweſter!“ Nanon richtete ſich in ihrem Bette auf, öffnete er⸗ ſchrocken die Augen, wurde weißer, als das geſtickte Kiſ⸗ ſen hinter ihrem Kopfe, fiel wie vom Blitze getroffen wieder zurück und ſchrie: „Cauvignac! mein Gott! Cauvignac!“ „Cauvignac!“ wiederholte der Herzog und ließ einen Blick umherlaufen, der offenbar denjenigen ſuchte, an welchen dieſer Ausruf gerichtet war.„Cauvignac,“ ſagte er,„wer heißt denn Cauvignac?“ Cauvignac hütete ſich wohl, zu antworten; er war noch zu wenig gerettet, um ſich eine Offenherzigkeit zu erlauben, welche überdies ſelbſt unter den gewoͤhnlichen Lebensverhältniſſen keine Eigenſchaft ſeines Charakters war; er begriff, daß er ſeine Schweſter verlor, wenn er ant⸗ wortete, und unfehlbar ſich ſelbſt zu Grunde richtete, wenn er ſeine Schweſter verlor; ſo erfindſam er war, ſo blieb er doch ſtecken, und überließ es Nanon, zu ſprechen, mit dem Vorſatze, ihre Worte noͤthigen Falls zu ver⸗ beſſern. „Und Herr von Canolles!“ rief dieſe, auf Cauvig⸗ nac den doppelten Blitz ihrer Augen ſchleudernd, in einem Tone wüthenden Vorwurfs. Der Herzog faltete die Stirne und fing an auf ſei⸗ nen Schnurrbart zu beißen. Die Anweſenden, Finette, welche ſehr bleich war, und Cauvignae ausgenommen, der ſich alle erdenkliche Mühe gab, um nicht zu erblei⸗ chen, wußten nicht, was dieſer unerwartete Zorn bedeuten ſollte, und ſchauten ſich erſtaunt an. 179 „Arme Schyweſter,“ flüſterte Cauvignac dem Herzog in das Ohr,„ſie hat ſo bange für mich gehabt, daß ſie delirirt und mich nicht wiedererkennt.“ „Mir haſt Du zu antworten, Elender,“ rief Nanon, „mir. Wo iſt Herr von Canolles? Was iſt aus ihm ge⸗ worden? Antworte, antworte doch!“ Cauvignac faßte einen verzweifelten Entſchluß; er mußte Alles gegen Alles einſetzen und ſich in ſeiner Un⸗ verſchämtheit feſtſtellen; denn ſein Heil in einem Geſtänd⸗ niſſe ſuchen, den Herzog von Epernon mit der doppelten Perſon des falſchen Canolles, den er begünſtigt, und des wahren Cauvignac, welcher Soldaten gegen die Koͤnigin angeworben und dieſelben Soldaten an die Königin ver⸗ kauft hatte, bekannt machen, hieß offenbar ſich mit Richon an dem Galgen auf dem Marktplatze vereinigen wollen. Er näherte ſich daher dem Herzog von Epernon und ſagte, Thränen in den Augen: „Ohl gnädiger Herr, das iſt nicht mehr Delirium, das iſt Wahnſinn; der Schmerz hat ihr, wie Ihr ſeht, den Geiſt ſo verwirrt, daß ſie ihre nächſten Verwandten nicht mehr erkennt. Kann ihr Jemand die verlorene Vernunft zurückgeben, ſo bin ich es; laßt alſo, ich bitte Euch, alle dieſe Diener abtreten, Finette ausgenom⸗ men, welche hier bleiben ſoll, um ihr Beiſtand zu leiſten, wenn ſie deſſen bedarf; denn, wie ich, würdet Ihr wohl ärgerlich ſein, müßtet Ihr Gleichgültige auf Koſten dieſer armen Schweſter lachen ſehen.“ Vielleicht hätte ſich der Herzog nicht ſo raſch in das von Cauvignac eröffnete Mittel ergeben, denn dieſer fing an, ſo leichtgläubig Herr von Epernon auch war, dem⸗ ſelben einiges Mißtrauen einzuflößen, wäre nicht ein Bote erſchienen, um ihm im Auftrage der Koͤnigin zu melden, man erwarte ihn im Pallaſte, wo Herr von Mazarin ei⸗ nen außerordentlichen Rath zuſammenberufen habe. Während der Abgeſandte ſich ſeiner Botſchaft entle⸗ 180 digte, neigte ſich Cauvignae zu Nanon herab und ſagte raſch zu ihr: „Beruhigt Euch in des Himmels Namen, meine Schweſter, damit wir ein paar Worte unter vier Augen austauſchen können, und Alles wird wieder gut gemacht werden.“ Nanon fiel, wenn nicht beruhigt, doch Herrin ihrer ſelbſt, auf ihr Bett zurück, denn die Hoffnung, in ſo kleiner Doſe ſie auch gegeben wird, iſt ein Balſam, der die Leiden des Herzens beſänftigt. Der Herzog kehrte ſich gegen Nanon um und ſagte, ihr die Hand küſſend: „Auf, theure Freundin, die Kriſe iſt hoffentlich vor⸗ über; ſammelt Euere Sinne, ich laſſe Euch mit dieſem Bruder, welchen Ihr ſo ſehr liebt, denn die Koͤnigin ruft mich. Glaubt mir, daß es keines geringeren Umſtandes, als eines Befehles Ihrer Majeſtät bedarf, wenn ich Euch in einem ſolchen Augenblick verlaſſe.“ Nanon fühlte, daß ihr das Herz beinahe brach. Sie hatte nicht die Kraft, dem Herzog zu antworten, ſchaute nur Cauvignac an und drückte ihm die Hand, als wollte ſie ſagen: „Haſt Du mich nicht getäuſcht, mein Bruder, darf ich wirklich hoffen?“ Cauvignac erwiederte dieſen Händedruck mit einem ähnlichen Drucke und ſprach, ſich an Herrn von Epernon wendend: „Ahl Herr Herzog, die heftigſte Kriſe iſt wenigſtens vorüber, und meine Schweſter wird zu der Ueberzeugung gelangen, daß ſie einen treuen Freund und ein Herz bei ſich hat, das bereit iſt, Alles zu unternehmen, um ihr die Freiheit und das Glück wiederzugeben.“ Nanon konnte nicht länger an ſich halten, ſie, das trockene Auge, der ſtarke Geiſt, brach in ein Schluchzen aus; es hatten ſie ſo viele Dinge niedergeſchmettert, daß ſie nur noch ein gewöhnliches Weib, das heißt, ſchwach 181. war und das Bedürfniß der Thränen fühlte. Der Herzog entfernte ſich den Kopf ſchüttelnd und mit dem Blicke Cauvignac Nanon empfehlend. Kaum war er weggegangen, als Nanon ausrief: „Ohl welche Leiden hat mir dieſer Menſch bereitet; ich glaube, es hätte mich das Leben gekoſtet, wenn er einen Augenblick länger geblieben ware.“ Cauvignac empfahl ihr mit einem Zeichen der Hand Stillſchweigen; dann hielt er ſein Ohr an die Thüre, um ſich zu überzeugen, daß ſich der Herzog wirklich entfernte. „Oh! was iſt mir daran gelegen!“ rief Nanon,„er mag hören oder nicht hören; Ihr habt mir zwei Worte zugeflüſtert, um mich zu beruhigen; ſprecht, was denkt Ihr? was hofft Ihr?“ 1 „Meine Schweſter,“ erwiederte Cauvignac, eine ernſte Miene annehmend, welche bei ihm durchaus nicht Ge⸗ wohnheit war,„ich will Euch nicht verſichern, daß ich des Erfolges gewiß bin, aber ich wiederhole, was ich be⸗ reits geſagt habe, ich werde Alles in der Welt zu die⸗ ſem Behufe thun.“ „Des Erfolges, wobei?“ fragte Nanon;„pverſtehen wir uns dießmal auch richtig und findet nicht ein furcht⸗ bares Quiproquo unter uns ſtatt?“ „Bei der Rettung des armen Canolles.“ Nanon ſchaute ihn mit einer furchtbaren Starrheit an und rief: „Nicht wahr, er iſt verloren?“ „Ach! wenn ich Euch meine Meinung offen ſagen ſoll, ſo muß ich geſtehen, daß ich ſeine Lage für ſehr ſchlimm halte.“ .„Wie er das ſagt!“ rief Nanon.„Weißt Du, Un⸗ glücklicher, was dieſer Mann für mich iſt?⸗ „Ich weiß, daß es ein Mann iſt, den Ihr Euerem Bruder vorzieht, da Ihr eher ihn als mich rettetet, und mich, als Ihr mich erblicktet, mit einer Verſluchung em⸗ pfinget.“ 4 182 Nanon machte ein Zeichen der Ungeduld. „Ei bei Gott! Ihr habt Recht,“ fuhr Cauvignac fort,„und ich ſpreche das nicht als einen Vorwurf, ſon⸗ dern als eine einfache Bemerkung aus; denn höret, die Hand auf dem Herzen, wären wir noch Beide im Kerker des Schloſſes Trompette, und ich wüßte, was ich jetzt weiß, ſo würde ich zu Herrn von Canolles ſagen:„„Ihr ſeid von Nanon ihr Bruder genannt worden, Euch ver⸗ langt man und nicht mich;“, und er wäre an meiner Stelle gekommen, und ich wäre an der ſeinigen ge⸗ ſtorben. 9 „Er wird alſo ſterben?2“ rief Nanon mit einem furchtbaren Ausbruche des Schmerzes;„er wird ſterben?“ „Meine Schweſter, Alles, was ich Euch ſagen kann, und worauf wir das, waß wir thun wollen, gründen müſſen, iſt: So eben hat es neun Uhr geſchlagen; ſeit den zwei Stunden, die man mich galoppiren läßt, kann Vieles geſchehen ſein. Verzweifelt nicht, denn es kann auch gar nichts geſchehen ſein. Es kommt mir ein Ge⸗ danke.“ „Sprecht geſchwinde.“ „Ich habe eine Meile von Bordeau hundert Mann und meinen Lieutenant.“ „Einen ſichern Mann?“ „Ferguzon.“ „Nun? „Nun, meine Schweſter, was auch Herr von Boutil⸗ lon thun, was Herr von Larochefoucault ſagen, was die Frau Prinzeſſin, welche ſich für einen viel größern Feldherrn hält, als ihre zwei Generale, denken mag, ich habe die Idee, daß ich mit hundert Mann, von denen ich die Hälfte opfern werde, zu Herrn von Canolles gelange.“ „Ahl Ihr täuſcht Euch, mein Bruder, Ihr gelangt nicht zu ihm!“ 183 „Mord und Tod! ich dringe zu ihm, oder ich laſſe mich niederhauen.“ „Ah! Euer Tod wird mir Euern guten Willen dar⸗ than aber ihn nicht retten. Er iſt verloren! er iſt ver⸗ oren!“ „Und ich ſage Euch, nein, und müßte ich mich ſtatt ſeiner ausliefern,“ rief Cauvignac, mit einem Exguſſe von Quaſiedelmuth, der ihn ſelbſt in Erſtaunen ſetzte. „Euch ausliefern!“ „Ja, allerdings, mich; denn es hat am Ende Nie⸗ mand Urſache dieſen guten Herrn von Canolles zu haſſen; es liebt ihn im Gegentheil Jedermann, während man mich verabſcheut.“ „Euch! und warum verabſcheut man Euch?“ „Das iſt ganz einfach, inſofern ich Euch durch die engſten Bande des Blutes anzugehören die Ehre habe. Ver⸗ zeiht, meine Schweſter, aber was ich Euch da ſage, iſt äußerſt ſchmeichelhaft für eine gute Royaliſtin.“ „Wartet einen Augenblick,“ ſprach langſam Nanon, ihren Finger auf ihre Lippen legend. „Ich höre.“ „Ihr ſagt, ich werde von den Bordeleſen verabſcheut?“ „Das heißt, ſie verfluchen Euch.“ „Ah! wirklich!“ rief Nanon mit einem halb nach⸗ denklichen, halb freudigen Lächeln. „Ich glaubte nicht, Euch damit etwas zu ſagen, was Euch ſo angenehm wäre.“ „Doch, doch,“ rief Nanon;„es iſt, wenn auch nicht gerade angenehm, doch mindeſtens ſehr geſcheit. Ja, Ihr habt Recht,“ fuhr ſie mehr mit ſich ſelbſt, als mit ihrem Bruder ſprechend fort;„nicht Herrn von Canolles haßt man, Euch auch nicht. Wartet, wartet.“ Und ſie ſtand auf, legte um ihren geſchmeidigen, glü⸗ henden Hals einen langen ſeidenen Mantel, ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb in aller Eile einige Zeilen, welch 184 Cauvignac, nach der Röthe ihrer Stirne und dem Wogen ihres Buſens zu urtheilen, für ſehr wichtig halten mußte. „Nehmt dies,“ ſagte ſie, den Brief verfiegelnd;„eilt allein, ohne Soldaten und ohne Escorte, nach Bordeaux; es iſt in meinem Stalle ein Berberroß, das den Weg in einer Stunde zurücklegt. Erreicht die Stadt ſo ſchnell, als menſchliche Mittel es geſtatten, übergebt dieſen Brief der Frau Prinzeſſin, und Canolles iſt gerettet.“ Cauvignae ſchaute ſeine Schweſter erſtaunt an; da er aber die Schärfe dieſes kräftigen Geiſtes kannte, verlor er keine Zeit mit Erläuterung ihrer Worte: er ſtürzte in den Stall, ſprang auf das bezeichnete Roß, und hatte nach einer halben Stunde bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt; Nanon aber, ſobald ſie ihn von ihrem Fenſter aus hatte abgehen ſehen, kniete— ſie, die Atheiſtin— nieder, verrichtete ein kurzes Gebet, ſchloß ſodann ihr Gold, ihre Juwelen und Diamanten in. eine Kiſte, beſtellte eine Carroſſe und ließ ſich von Finette Kleider anziehen. XIV. Die NYacht lagerte ſich über Bordeaux und abgeſehen von dem Quartiere der Eſplanade, nach dem ſich alle Welt drängte, ſchien die Stadt verlaſſen. Kein anderes Geräuſch in den entfernten Straßen dieſes bevorzugten Ortes, als die Tritte der Patrouillen; keine andere Stimme, als die irgend einer Alten, welche ihre Thüre voll Schrecken ſchließend nach Hauſe kehrte. Aber auf der Seite der Eſplanade, im Abendnebel, ————3— 185⁵ hörte man einen dumpfen, fortwährenden Lärmen, ähnlich dem Toſen der Fluthen, wenn ſie in das Meer zurück⸗ ſtürzen. Die Frau Prinzeſſin hatte ihre Correſpondenz been⸗ digt und ließ dem Herrn Herzog von Larochefoucault ſagen, ſie könnte ihn empfangen. Zu den Füßen der Frau Prinzeſſin, demuͤthig auf einen Teppich gekauert, mit der lebhafteſten Angſt ihr Geſicht und ihre Laune ſtudirend, ſchien Frau von Cambes den Augenblick zu erwarten, wo ſie, ohne läſtig zu ſein, ſprechen könnte; aber dieſe erzwungene Geduld, dieſe ge⸗ fliſſentliche Sanftmuth wurden durch die krampfhaften Zu⸗ ckungen ihrer Hände, welche ein Taſchentuch zerknitterten, gewaltig Lügen geſtraft. „Siebenundſtebenzig Unterſchriften,“ rief die Prin⸗ zeſſin,„Ihr ſeht, daß nicht Alles Vergnügen iſt, wenn man eine Königin ſpielt.“ „Oh! wohl, Madame,“ erwiederte die Vicomteſſe;„denn indem Ihr die Stelle der Königin einnahmet, verliehet der Euch zugleich ihr ſchönſtes Vorrecht, das, Gnade zu üben.“ „Und das, zu ſtrafen, Claire,“ verſetzte ſtolz die Prin⸗ zeſſin von Condé. „Und die achtundſiebenzigſte kommt unter einen Be⸗ gnadigungsbrief, nicht wahr, Madame?“ ſprach Claire. „Was ſagſt Du, Kleine?“ „Ich ſage, meines Erachtens ſei es für mich Zeit, hinzugehen und meinen Gefangenen zu befreien; ſoll ich ihn nicht mit dem furchtbaren Schauſpiel, ſeinen Ge⸗ fährten zum Tode führen zu ſehen, verſchonen? Ah! Madame, da Ihr Gnade üben wollt, ſo laßt ſie voll⸗ ſtändig angedeihen.“ „Meiner Treue, ja, Du haſt Necht, Kleine; aber ich vergaß in der That mein Verſprechen unter dieſen ernſten Geſchäften, und Du haſt wohl gethan, daß Du mich daran erinnerteſt.“ 186 „Alſo? rief Claire ganz freudig. „Alſo thue, was Du willſt.“ „Noch eine Unterſchrift, Hoheit,“ ſagte Claire mit einem Lächeln, welches das härteſte Herz erweicht hätte, mit einem Lächeln, das kein Maler wiederzugeben vermoͤchte, weil es nur der Frau, welche liebt, das heißt dem Leben in ſeinem göttlichſten Weſen eigen iſt. Und ſie ſchob ein Papier auf den Tiſch der Frau Prinzeſſin und bezeichnete mit der Fingerſpitze die Stelle, worauf ſich ihre Hand legen ſollte. Frau von Condé ſchrieb. 2 „Befehl an den Herrn Gouverneur des Schloſſes Trom⸗ pette, die Frau Vicomteſſe von Cambes zu Herrn Baron von Canolles, dem wir hiemit die volle Freiheit geben, einzulaſſen.“ „Iſt es ſo gut?“ fragte die Prinzeſſin. „Oh! ja, Madame!“ rief Frau von Cambes. „Und ich ſoll unterzeichnen?“ „Ganz gewiß.“ „Liebe Kleine, man muß Alles thun, was Du willſt,“ ſagte die Prinzeſſin mit ihrem freundlichſten Lächeln. Und ſie unterzeichnete. Claire fiel über das Papier her, wie ein Adler über ſeine Beute. Sie nahm ſich kaum Zeit, der Frau Prin⸗ zeſſin zu danken, drückte die Schrift an ihr Herz und ſtürzte aus dem Gemache. Auf der Treppe begegnete ſie Herrn von Larochefou⸗ cault, dem ſtets ein ziemlich zahlreicher Cortege von Ka⸗ pitänen und Leuten aus der Bürgerſchaft bei ſeinen Gängen durch die Stadt folgte. Claire warf ihm einen kleinen freudigen Gruß zu: Herr von Larochefoucault blieb einen Moment auf dem Nuheplatz der Treppe ſtehen und folgte ihr, ehe er bei Frau von Condé eintrat, mit den Augen bis zu den unterſten Stufen. 187 Als er zu Ihrer Hoheit kam, ſagte er: „Madame, Alles iſt bereit.“ „Wo?4 „Dort unten.“ Die Prinzeſſin ſuchte in ihrem Geiſte. „Auf der Eſplanade,“ fuhr der Herzog fort. „Ahl ſehr gut,“ erwiederte die Prinzeſſin, große Ruhe heuchelnd, weil ſie fühlte, daß man ſie beobachtete, und weil ſie, trotz ihrer Frauennatur, die ihr zu ſchauern ge⸗ bot, auf ihre Würde als Parteihaupt hörte, welche ihr keine Schwäche zu zeigen vorſchrieb.„Wohl, wenn Alles bereit iſt, ſo geht, Herr Herzog.“ Der Herzog zögerte. „Haltet Ihr es für angemeſſen, daß ich dem Akte beiwohne?“ ſagte die Prinzeſſin mit einem Zittern der Stimme, das ſie trotz ihrer Selbſtbeherrſchung nicht völlig zu bewältigen vermochte.— „Ganz wie es Euch beliebt, Madame,“ erwiederte der Herzog, der in dieſem Augenblick vielleicht eine von ſeinen phyſiologiſchen Studien machte. „Wir werden ſehen, Herzog, wir werden ſehen; Ihr wißt, daß ich viele Verurtheilte begnadigt habe.“ „Ja, Madame.“ „Und was ſagt Ihr zu dieſer Maßregel?“ „Ich ſage, daß Alles, was Euere Hoheit thut, wohl gethan iſt.“ „Ja,“ ſprach die Prinzeſſin, ich ziehe das vor. Es iſt würdiger von uns, den Epernoniſten zu zeigen, daß wir uns nicht fürchten, Repreſſalien zu gebrauchen als Macht gegen Macht mit Ihrer Majeſtät zu unterhandeln, daß wir aber auf unſere Kräfte vertrauend das Boͤſe ohne Wuth, ohne Uebertreibung zurückgeben.“ „Das iſt ſehr politiſch.“ „Nicht wahr?“ ſagte die Prinzeſſin, welche aus dem Tan von Larochefoucault ſeine wahre Anſicht zu erkennen uchte. 3 188 „Doch,“ fuhr der Herzog fort,„es iſt immer noch Euere Meinung, daß Einer von Beiden den Tod von Ri⸗ chon ſühnen ſoll; denn bliebe dieſer Tod ohne Rache, ſo könnte dies auf den Gedanken führen, Cuere Hoheit ſchätze die braven Leute, welche ſich ihrem Dienſte widmen, ſehr gering.“ „Oh! gewiß; Einer von Beiden wird ſterben, bei meinem Fürſtenworte.“ 3„Darf ich wiſſen, welchem Euere Hoheit Gnade be⸗ willigt hat?“ „Herrn von Canolles.“ „Ah!⸗ Dieſes Ahl wurde auf eine ſeltſame Weiſe aus⸗ geſprochen. „Solltet Ihr etwas Beſonderes gegen dieſen Edel⸗ mfan einzuwenden haben, Herr Herzog?“ fragte die Prin⸗ eſſin. „Ich, Madame, habe ich je etwas für oder gegen Jemand? Ich theile die Menſchen in zwei Kategorien: in die Hinderniſſe und die Stützen. Man muß die einen niederwerfen und die andern aufrecht erhalten,... ſo lange ſie uns aufrecht erhalten; das iſt meine Politik, Madame, und ich möchte beinahe ſagen, meine Moral.“ „Was Teufels ſucht er und wo will er hinaus?“ fragte ſich ganz leiſe Lenet;„es kam mir doch immer vor, als haßte er den armen Canolles.“ „Nun wohl,“ ſagte der Herzog,„wenn mir Euere Hoheit nichts Anderes zu befehlen hat... „Nein, Herr Herzog.“ „Ich verabſchiede mich von Euerer Hoheit.“ „Alſo noch dieſen Abend?“ fragte Frau von Condé. „In einer Viertelſtunde.“ Lenet ſchickte ſich an, dem Herzog zu folgen. ſi„Ihr wollt das anſehen, Lenet?“ fragte die Prin⸗ zeſſin. „Ohl nein, Madame,“ antwortete Lenet;„Ihr wißt, 8 189 ich bin nicht für die heftigen Gemüthsbewegungen, und werde mich begnügen, halbwegs, das heißt bis zu dem Gefäng⸗ niß zu gehen, um das rührende Schauſpiel der Befreiung des armen Canolles durch die von ihm geliebte Frau zu ſehen.“ 3 Der Herzog machte eine Philoſophenmiene; Lenet zuckte die Achſeln, und der Leichenzug verließ den Pallaſt, um ſich nach dem Gefängniß zu begeben. Frau von Cambes hatte nicht fünf Minuten gebraucht, um dieſen Raum zurückzulegen; ſie kam an, zeigte den Befehl der Schildwache bei der Zugbrücke, dann dem Con⸗ cierge des Schloſſes, und ließ endlich den Geuverneur rufen. Dieſer prüfte den Befehl mit dem trockenen Auge eines Gefängnißgouverneur, das ſich weder vor Todes⸗ urtheilen, noch vor Gnadenbriefen belebt, erkannte das Siegel und die Unterſchrift von Frau von Condé, ver⸗ beugte ſich vor der Bötin, wandte ſich ſodann gegen die Thure um und ſagte: „Ruft den Lieutenant.“ Hienach bedeutete er Frau von Cambes durch ein Zei⸗ chen, ſie möge ſich ſetzen; aber Frau von Cambes war zu aufgeregt und ungeduldig, und blieb ſtehen. Der Gouverneur glaubte ein Wort an ſie richten zu müſſen. „Ihr kennt Herrn von Canolles?“ fragte er mit demſelben Tone, mit dem er:„Wie viel Uhr iſt es?“ gefragt haben dürfte. „Ohl ja, mein Herr,“ antwortete die Vicomteſſe. „Es iſt vielleicht Euer Bruder, Madame?“ „Nein, mein Herr.“ „Euer Freund?“ „ Es iſt... mein Bräutigam,“ antwortete Frau von Cambes, in der Hoffnung, nach dieſem Geſtändniſſe würde der Gouverneur die Erlöͤſung des Gefangenen et⸗ was beſchleunigen. 190 „Ah!“ verſetzte der Gouverneur mit demſelben Tone, deſſen er ſich bis jetzt bedient hatte,„ich mache Euch mein Kompliment, Madame.“ Und da der Gouverneur keine Frage mehr an Claire zu richten hatte, ſo kehrte er in ſeine Unbeweglichkeit und in ſein Stillſchweigen zurück. Der Lieutenant trat ein. „ Herr d'Outremont,“ ſagte der Gouverneur,„ruft den Oberſchließer und laßt Herrn von Canolles in Freiheit ſetzen; hier iſt ſein Auslaßbefehl.“ 2 Der Lieutenant verbeugte ſich und nahm das Papier. „Wollt Ihr hier warten?“ fragte der Gouverneur. „Iſt es mir denn verboten, dem Herrn zu folgen?“ „Nein, Madame.“ „Dann folge ich ihm; Ihr begreift, ich will die Erſte ſein, die ihm verkündigt, daß er gerettet iſt.“ „Geht, Madame, und empfangt die Verſicherung meiner Hochachtung.“ Frau von Cambes machte eine raſche Verbeugung vor dem Gouverneur und folgte dem Lieutenant. Es war gerade derſelbe junge Mann, der mit Ca⸗ nolles und Cauvignac geſprochen hatte, und er ſchritt da⸗ her mit der Eile der Sympathie voran. In einem Augenblick waren Frau von Cambes und er im Hofe. „Der Oberſchließer?“ rief der Lieutenant. Dann ſich gegen Frau von Cambes umwendend, ſagte er:. ſein„Seid unbeſorgt, Madame, er wird ſogleich hier Der zweite Gefangenwärter erſchien und meldete: „Herr Lieutenant, der Oberſchließer iſt verſchwunden; man hat ihn vergebens gerufen.“ „Ohl Herr,“ rief Frau von Cambes,„wird dies abermals einen Verzug veranlaſſen?“ 191 „Ihr habt doppelte Schlüſſel von allen Kerkern?“ fragte Herr d'Outremont. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Gefangenwärter. „Oeffnet das Zimmer von Herrn von Canolles.“ „Herr von Canolles, Nro. 2 2 „Allerdings Nro. 2, öffnet raſch.“ „Ich glaube, es ſind überdies Beide beiſammen,“ ver⸗ ſetzte der Gefangenwärter;„man wird den Guten wählen.“ Die Gefangenwärter ſind ſtets ſpaßhaft geweſen. Aber Frau von Cambes war zu gluͤcklich, um ſich über dieſen grauſamen Scherz zu ärgern. Sie lächelte im Gegentheil; ſie würde dieſen Mann umarmt ha⸗ ben, wenn es noͤthig geweſen wäre, damit ſie Canolles eine Sekunde früher hätte ſehen können. Endlich oͤffnet ſich die Thüre. Canolles, der Tritte im Gange gehoͤrt, der die Stimme der Vicomteſſe er⸗ kannt hat, Canolles wirft ſich in ihre Arme, und über jede Rückſicht erhaben, vergißt ſie, daß er weder ihr Gatte, noch ihr Bruder iſt, und preßt ihn mit aller Gewalt an ihre pochende Bruſt. Die Gefahr, der er preisgegeben war, die ewige Trennung, an der ſie ſo nahe wie an einem Abgrunde geſtanden ſind, reinigen Alles. 5 „Nun, mein Freund,“ ſagte ſie ſtrahlend vor Freude und Stolz,„Ihr ſeht, daß ich Wort halte; ich habe Euere Begnadigung erlangt, wie ich es Euch verſprach, und komme, um Euch zu holen.“ Und während ſie ſprach, zog ſie Canolles nach dem Gange fort. „Mein Herr,“ ſagte der Lieutenant,„Ihr möget Euer ganzes Leben dieſer Dame widmen, denn ihr habt Ihr es offenbar zu verdanken.“ 4 Canolles antwortete nicht, aber ſein Auge ſchaute zärtlich den Befreiungsengel an, und ſeine Hand drückte die Hand der Frau... 3 „Oh!l eilt nicht ſo ſehr,“ ſagte der Lieutenant lachelnd, „ 192 „es iſt vorbei und Ihr ſeid frei; laßt Euch alſo Muße, Euere Flügel zu öffnen.“ Aber ohne dieſe beruhigenden Worte zu berückſichtigen, zog Frau von Cambes Canolles unabläſſig durch die Gänge fort. Canolles ließ ſich, mit dem Lieutenant Zei⸗ chen austauſchend, von Claire leiten. Man kam an die Treppe, man ſprang hinab, als ob die zwei Liebenden die Flügel gehabt hätten, von denen der Lieutenant ſprach. Endlich befand man ſich im Hofe; noch eine Thüre, und die Atmoſphäre des Gefängniſſes wird nicht mehr auf dieſen zwei armen Herzen laſten. Nun öͤffnet ſich auch dieſe letzte Schranke. Aber auf der andern Seite der Thüre verſperrte eine Truppe von Edelleuten, Leibwachen und Bogenſchützen die Zugbrücke: es war Herr von Larochefoucault mit ſeinen Trabanten. Frau von Cambes ſchauerte, ohne zu wiſſen warum. Es war ihr immer ein Ungkück widerfahren, ſo oft ſie dieſen Mann begegnet hatte. Ginzg in Canolles irgend eine Bewegung vor, ſo blieb ſie im Grunde ſeines Herzens und ſtieg nicht auf ſein Geſicht empor. Der Herzog grüßte Frau von Cambes und Canolles und blieb ſogar ſtehen, um ihnen einige Artigkeiten zu ſa⸗ gen. Dann machte er dem Haufen von Edelleuten und Leibwachen, die ihm folgten, ein Zeichen, und ihre Reihen öffneten ſich. Plöͤtzlich vernahm man eine Stimme aus dem Hin⸗ tergrunde des Hofes, und es erſchollen die Worte: „He! Numero 1 iſt leer, der andere Gefangene iſt ſeit fünf Minuten nicht mehr in ſeinem ZimmerV; ich ſuche ihn vergebens und kann ihn nirgends finden.“ Bei dieſen Worten durchlief ein langes Schauern Alle, die ſie hoͤrten: der Herzog von Larochefoucault bebte, und unfähig, eine erſte Bewegung zu unterdrücken, ſtreckte er ſeine Hand aus, als wollte er Canolles feſtnehmen. 193 Claire ſah dieſe Bewegung und erbleichte. „Kommt, kommt,“ ſagte ſie zu dem jungen Manne, „laßt uns eilen.“ „Verzeiht, Madame,“ ſprach der Herzog;„ich bitte Euch um einen Augenblick Geduld: wir wollen, wenn es Euch gefällig iſt, dieſen Irrthum ſich aufklären laſſen; ich ſtehe Euch dafür, es iſt in einer Minute abgemacht.“ Und auf ein zweites Zeichen des Herzogs ſchloß ſich der Haufen wieder, der ſich geöffnet hatte. Canolles ſchaute Claire, den Herzog, die Treppe an, von wo die Stimme kam, und erbleichte ebenfalls. „Aber, mein, Herr,“ fragte Claire,„wozu ſoll es nützen, daß ich warte? Frau von Condé hat die Freilaſ⸗ ſung von Herrn von Canolles unterzeichnet; hier iſt der Befehl, er enthält ſeinen Namen; nehmet, ſeht.“ „Ja wohl, Madame, und es iſt auch nicht meine Abſicht, die Gültigkeit dieſes Befehles in Abrede zu zie⸗ hen, er wird in einem Augenblick eben ſo gut ſein, als jetzt; faßt alſo Geduld, ich habe Jemand abgeſchickt, der unge⸗ ſäumt zurückkommen muß. „Aber was geht das uns an?“ fragte Claire,„und was hat Herr von Canolles mit dem Gefangenen Nro. 1 gemein?“ „Herr Herzog,“ ſprach der Kapitän der Garden, wel⸗ chen Herr von Larochefoucault abgeſchickt hatte,„wir haben vergebens geſucht; der andere Gefangene iſt nirgends zu finden; der Oberſchließer iſt ebenfalls verſchwunden, und das Kind des letzteren, das man befragt hat, ſagt, ſein Vater und der Gefangene ſeien durch die geheime Pforte, welche nach dem Fluſſe führt, abgegangen.“ „Ho! ho!“ rief der Herzog, wißt Ihr etwas hievon, Herr von Canolles? Eine Entweichung!“ 3 Bei dieſen Worten begreift und erräth Canolles Alles. Er begreift, daß es Nanon iſt, welche über ihm wachte; er begreift, daß er es iſt, den man holen wollte, daß er es iſt, den man unter dem Namen des Bruders Der Frauenkrieg. II. 13 194 von Fräulein von Lartigues bezeichnete; daß Cauvignac, ohne es zu wiſſen, ſeinen Platz eingenommen und die Frei⸗ heit da gefunden hat, wo er den Tod zu treffen glaubte. Alle dieſe Gedanken bilden ſich gleichzeitig in ſeinem Kopfe; er fährt mit den Händen an die Stirne, erbleicht und wankt ebenfalls, und erholt ſich erſt wieder, da er die Vi⸗ comteſſe an ſeinem Arme zittern und keuchen ſieht; keines von dieſen Zeichen eines unwillkührlichen Schreckens iſt dem Herzog entgangen. „Schließt die Thore,“ rief dieſer.„Herr von Canol⸗ les habt die Güte, zu verweilen; Ihr begreift, es muß ſich Alles aufklären.“ „Aber, Herr Herzog,“ rief die junge Frau, nes iſt hoffentlich nicht Euer Wille, Euch dem Befehle der Prin⸗ zeſſin zu widerſetzen?“ „Nein, Madame,“ erwiederte der Herzog,„doch ich halte es für wichtig, ſie von dem, was vorgeht, in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Ich ſage Euch nicht:„„Ich werde ſelbſt dahin gehen;““ Ihr könntet glauben, es ſei meine Abſicht, einen Einfluß auf unſere erhabene Gebieterin auszuüben, ſondern ich ſage Euch:„„Geht Ihr, Madame, denn beſſer, als irgend Jemand, werdet Ihr die Gnade von Frau von Condé zu erflehen wiſſen.““ Lenet machte Claire ein unmerkliches Zeichen. „Ohl ich verlaſſe ihn nicht,“ rief Frau von Cambes, krampfhaft den Arm des jungen Mannes preſſend. „Und ich,“ ſagte Lenet,„ich laufe zu Ihrer Hoheit; kommt mit mir, Herr Kapitän, oder Ihr ſelbſt, Herr Herzog.“ „Wohl, ich begleite Euch; der Herr Kapitän wird hier bleiben und die Nachſuchungen in meiner Abweſenheit fortſetzen; vielleicht findet er den andern Gefangenen.“ Und als wollte er dem letzten Theile ſeiner Rede noch ei⸗ nen beſondern Nachdruck geben, ſagte der Herzog von Laroche⸗ foucault dem Officier einige Worte in das Ohr, wonach er ſich mit Lenet entfernte. In demſelben Augenblick werden die zwei 195 jungen Leute durch die Woge von Reitern, welche Herrn von Larochefoucault folgten, und hinter denen ſich das Thor wieder ſchließt, in den Hof zurückgedrängt. Seit zehn Minuten hat die Scene einen ſo ernſten, ſo düſteren Charakter angenommen, daß ſich die Anweſen⸗ den bleich und ſtumm einander anſchauen, und in den Au⸗ gen von Claire und Canolles zu leſen ſuchen, wer von Beiden am meiſten leide. Canolles begreift, daß alle Kraft von ihm kommen muß; er iſt liebevoll gegen ſeine Freun⸗ din, welche bleich, die Augen geröthet, die Kniee zitternd, ſich an ſeinen Arm hängt, ihn drückt, an ſich zieht, ihm mit einer Miene erſchreckender Zärtlichkeit zulächelt und irre Blicke auf allen den Menſchen umherlaufen läßt, un⸗ ter denen ſie vergebens einen Freund ſucht. Der Kapitän, welcher ſeiner Seits Befehle von dem Herzog von Larochefoucault erhalten hat, ſpricht ebenfalls leiſe mit ſeinen Officieren. Canolles, deſſen Auge ſicher i*ſt, deſſen Ohr auf die geringſten Worte horcht, welche ſei⸗ nen Zweifel in Gewißheit verwandeln können, hört ihn, obgleich er die Vorſicht gebraucht, ſo leiſe als möglich zu reden, die Worte ſprechen: „Man müßte jedoch ein Mittel finden, die arme Frau zu entfernen.“ Er trachtet nur danach, ſeinen Arm von dem liebe⸗ vollen Drucke zu befreien, der ihn zurückhält. Claire be⸗ merkt ſeine Abſicht und klammert ſich mit ihrer ganzen Kraft an ihn an. „Man muß noch mehr ſuchen,“ ruft ſie;„man hat viel⸗ leicht ſchlecht geſucht und wird dieſen Menſchen wiederfin⸗ den. Suchen wir, ſuchen wir Alle, er kann unmöglich entwichen ſein. Warum wäre Herr von Canolles nicht mit ihm, nicht ſo gut wie er entwichen? Auf! Herr Ka⸗ pitän, ich flehe Euch an, gebt Befehle, daß man ſucht.“ „Man hat geſucht, Madame,“ antwortete er,„und ſucht noch in dieſem Augenblick. Der Kerkermeiſter weiß wohl, daß die Todesſtrafe ſeiner harrt, wenn er ſeinen 196 Gefangenen nicht zum Vorſchein bringt; Ihr begreift alſo wohl, daß er ein Intereſſe dabei hat, die thätigſten Nach⸗ ſuchungen anzuſtellen.“ „Mein Gott!“ murmelte Claire,„und Herr Lenet kommt nicht zurück!“ „Geduld, theuere Freundin, Geduld,“ ſagte Canolles, mit jenem weichen Tone, in welchem man mit den Kin⸗ dern ſpricht,„Herr Lenet iſt ſo eben erſt weggegangen und vermochte kaum die Wohnung der Frau Prinzeſſin zu erreichen; laßt ihm wenigſtens Zeit, das Vorgefallene aus⸗ einanderzuſetzen und ſodang mit der Antwort zu uns zu⸗ rückzukehren.“ Und während er dieſe Worte ſprach, drückte er ſanft die Hand der Vicomteſſe. Als er ſodann den ſtarren Blick und die Ungeduld des Officiers wahrnahm, der an der Stelle von Herrn von Larochefoucault befehligte, ſagte er: „Kapitän, wollt Ihr mit mir ſprechen?“ „Allerdings, mein Herr,“ antwortete der Kapitän, dem die Ueberwachung der Vicomteſſe höͤchſt peinlich wurde. „Mein Herr,“ rief Frau von Cambes,„führt uns zu der Frau Prinzeſſin, ich bitte Euch inſtändig. Was thut das Euch? Es iſt beſſer, Ihr führt uns zu ihr, als daß wir hier in Ungewißheit bleiben; ſie wird ihn ſehen, mein Herr, ſie wird mich ſehen, ich rede mit ihr, und ſie wiederholt ihr Verſprechen.“ „Madame,“ ſagte der Offizier, mit allem Eifer den von der Vicomteſſe ausgeſprochenen Gedanken ergreifend, „Madame, das iſt eine vortreffliche Idee; geht ſelbſt, geht, Ihr habt alle Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg.“ „Was ſagt Ihr, Baron?“ erwiederte die Vicomteſſe, „glaubt Ihr, daß es gut ſein wird? Wollt Ihr mich nicht täuſchen? was ſoll ich thun?“ „Geht, Madame,“ ſprach Canolles mit einer äußer⸗ ſten Anſtrengung gegen ſich ſelbſt. 1 197 Die Vicomteſſe ließ ſeinen Arm los, verſuchte es, einige Schritte zu machen, kehrte aber dann wieder zu ihrem Ge⸗ liebten zurück und rief: „Ohl nein, nein, ich werde ihn nicht verlaſſen.“ Dann, als ſie hörte, daß das Thor wieder geöffnet wurde:— „Gott ſei gelobt, Herr Lenet und der Herr Herzog kommen zuruͤck.“ Hinter dem Herrn Herzog, welcher mit ſeiner unem⸗ pfindlichen Miene wieder eintrat, erſchien wirklich Lenet, das Geſicht verſtört und die Hände zitternd. Bei dem erſten Blick, den der arme Rath mit ihm austauſchte, begriff Canolles, daß er nichts mehr zu hoffen hatte und daß er wirklich verurtheilt war. „Nun?“ fragte die junge Frau, während ſie eine ſo heftige Bewegung gegen Lenet machte, daß ſie Canolles mit ſich fortzog. „Nun,“ ſtammelte Lenet,„die Frau Prinzeſſin iſt in Verlegenheit.“ „In Verlegenheit?“ rief Claire,„was ſoll das be⸗ deuten? „Das bedeutet, daß ſie nach Euch verlangt,“ ſagte der Herzog,„daß ſie Euch ſprechen will.“ „Iſt das wahr, Herr Lenet?“ rief Claire, ohne ſich darum zu bekümmern, was in dieſer Frage Beleidigendes für den Herzog lag. 4 „Ja, Madame,“ ſtammelte Lenet. „Aber er?“ fragte ſie. „Wer?“ „Herr von Canolles?“ „Nun, Herr von Canolles kehrt in ſein Gefängniß zurück und Ihr bringt ihm die Antwort der Prinzeſſin,“ erwiederte der Herzog. „Werdet Ihr bei ihm bleiben, Herr Lenet?“ fragte Claire. 8 „Madame...“ 198 „Werdet Ihr bei ihm bleiben?“ wiederholte fie. „Ich verlaſſe ihn nicht.“ „Ihr verlaßt ihn nicht, Ihr ſchwört es mir?“ „Mein Gott!“ murmelte Lenet, den jungen Mann anſchauend, der ſein Urtheil erwartete, und die junge Frau, welche ein Wort von ihm toͤdten ſollte;„mein Gott! da eines von Beiden verurtheilt iſt, ſo gib mir wenigſtens die Kraft, das andere zu retten.“ „Ihr ſchwöret nicht, Herr Lenet?“ „Ich ſchwöre es Euch,“ antwortete der Rath und legte mit der groͤßten Anſtrengung ſeine Hand an ſein Herz, das unter dieſer Marter beinahe brach. „Ich danke, mein Herx,“ ſagte ganz leiſe Canolles, „ich begreife.“ Dann ſich gegen die Vicomteſſe umwendend, ſprach er: „Geht, Madame, Ihr ſeht wohl, daß ich zwiſchen Lenet und dem Herrn Herzog keine Gefahr laufe.“ 1 Lat ſie nicht gehen, ohne ſie zu küſſen,“ flüſterte enet. Kalter Schweiß brach aus der Stirne von Canolles; er fühlte es wie einen Nebel vor ſeinen Augen hinziehen; er hielt Claire, welche wegzugehen im Begriffe war, zu⸗ rück, ſtellte ſich, als hätte er ihr einige Worte leiſe zu ſagen, näherte ſie ſeiner Bruſt und ſprach, ſich an ihr Ohr bückend:— „Bittet ohne Erniedrigung; ich will für Euch leben, aber es muß Euer Willle ſein, daß ich geehrt lebe.“ „Ich werde ſo bitten, daß ich Dich rette;“ erwiederte ſie;„biſt Du nicht mein Gatte vor Gott?“ Und ſich zurückziehend, fand Canolles ein Mittel, ih⸗ ren Hals mit ſeinen Lippen zu berühren, aber mit ſo viel Vorſicht, daß ſie es nicht fühlte, und daß die arme Wahn⸗ ſinnige ſich entfernte, ohne ihm ſeinen letzten Kuß zurück⸗ zugeben. Doch in dem Augenblick, wo ſie den Hof ver⸗ ließ, wandte ſie ſich um; aber es hatte ſich zwiſchen ihr und dem Gefangenen eine Hecke von Menſchen gebildet. 199 „Freund,“ ſagte ſie,„wo biſt Du? ich kann Dich nicht mehr ſehen; ein Wort, noch ein Wort, daß ich mich mit dem Tone Deiner Stimme entferne.“ „Geht, Claire,“ rief Canolles,„ich erwarte Euch.“ „Geht, geht, Madame,“ ſprach ein mildherziger Officier, je früher Ihr geht, deſto eher könnt Ihr zu⸗ rückgekehrt ſein.“ „Herr Lenet, lieber Herr Lenet,“ rief die Stimme von Claire in der Ferne,„ich baue auf Euch, Ihr ſeid mir verantwortlich!“ Und das Thor ſchloß ſich hinter ihr. „Gut,“ murmelte der Herzog,„es macht ſich nicht ohne Mühe; aber wir ſind doch wenigſtens in die Mög⸗ lichkeit verſetzt.“ XV. Sobald die Vicomteſſe verſchwunden und ihre Stimme in der Ferne erloſchen war, ſobald ſich das Thor wieder hinter ihr geſchloſſen hatte, zog ſich der Kreis der Officiere enger um Canolles zuſammen, und man ſah zwei Menſchen mit Unglück weiſſagenden Geſichtern erſcheinen, welche ſich dem Herzog näherten und ihn demüthig um ſeine Befehle fragten. 3 Der Herzog begnügte ſich, ihnen ſtatt jeder Antwort Canolles zu bezeichnen. Hierauf trat er auf den Gefangenen zu, grüßte ihn mit der ihm eigenthümlichen eiſigen Höflichkeit und ſprach: „Ihr habt ohne Zweifel begriffen, daß der Abgang 200 Eueres Unglücksgefährten auf Euch das Schickſal zurück⸗ fallen läßt, für das er beſtimmt war.“ .„Ja, mein Herr,“ antwortete Canolles,„ich vermuthe es wenigſtens; aber deſſen bin ich gewiß, daß die Frau Prinzeſſin meine Perſon namentlich begnadigt hat. Ihr konntet ſo eben meinen Auslaßbefehl in den Händen der Nrau, Dironntrſſe von Cambes ſehen, wie ich ihn geſehen habe. „Es iſt wahr, mein Herr,“ ſprach der Herzog;„aber die Frau Prinzeſſin konnte das, was vorgefallen iſt, nicht ahnen.“ 1 „Alſo nimmt die Frau Prinzeſſin ihre Unterſchrift zurück?“ „Ja,“ antwortete der Herzog. „Eine Prinzeſſin von Geblüt bricht ihr Wort!“ Der Herzog blieb unempfindlich.— Canolles ſchaute umher und fragte dann: „Iſt der Augenblick gekommen?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich glaubte, man würde die Rückkehr der Frau Vicomteſſe von Cambes abwarten; man hat ihr verſprochen, es würde nichts in ihrer Abweſenheit vorgehen. Bricht denn heute Jedermann ſein Wort!“ Und der Gefangene heftete einen vorwurfsvollen Blick, nicht auf den Herzog von Larochefoucault, ſondern auf Lenet. „Ach! Herr,“ rief dieſer, Thränen in den Augen, „vergebt uns. Die Frau Prinzeſſin hat Euere Be⸗ gnadigung auf das Entſchiedenſte verweigert; daß ich ſie darum angefleht habe, iſt der Herr Herzog Zeuge und Gott auch. Aber es ſollten Repreſſalien für den Tod des armen Richon genommen werden, und ſie war von Stein. Ur⸗ theilt nun ſelbſt, Herr Baron: ſtatt die furchtbare Lage, in der Ihr Euch befindet, zur Hälfte auf Euch, zur Hälfte auf der Vicomteſſe laſten zu laſſen, wagte ich, ver⸗ zeiht mir, denn ich fühle, ich bedarf Euerer Verzeihung, 2 —,—-. — D ͤSS ͤ 201 wagte ich es, ſie auf Euch allein laſten zu laſſen, auf Euch, der Ihr Soldat, auf Euch, der Ihr Edelmann ſeid.“ „Ich werde ſie alſo nicht mehr ſehen!“ ſtammelte Canolles, den die Erſchütterung beinahe erſtickte.„Als Ihr mich ſie zu küſſen auffordertet, war es zum letzten Male?“ Ein Schluchzen, ſtärker als der Stoicismus, als die Vernunft, als der Stolz, brach die Bruſt von Lenet; er zog ſich zurück und weinte bitterlich. Canolles ließ nun ſeinen durchdringenden Blick auf allen den Menſchen um⸗ hergehen, die ihn umgaben; er ſah nur durch den grau⸗ ſamen Tod von Richon verhärtete Leute, welche ſeine Hal⸗ tung beobachteten. „Ohl es iſt ein furchtbarer Gedanke,“ murmelte der junge Mann in einem Momente übermenſchlicher Hellſich⸗ tigkeit, welche der Seele unermeßliche Horizonte auf Alles eröffnet, was man das Leben nennt, das heißt auf einige kurze Augenblicke, welche wie Inſeln mitten in einen Ocean von Thränen und Leiden geworfen ſind...„es iſt gräßlich. Ich hatte da eine angebetete Frau, welche mir zum erſten Male ſagte, ſie liebe mich! eine lange und ſchöne Zukunft! die Erfüllung eines Traumes meines ganzen Lebens! und in einer Sekunde nimmt der Tod die Stelle von allem Dem ein!“ Sein Herz ſchnürte ſich zuſammen, und er fühlte ein Prickeln in ſeinen Augen, als ob er weinen ſollte; doch er erinnerte ſich, daß er, wie Lenet geſagt hatte, Sol⸗ dat und Mann war! „Stolz,“ dachte er,„einziger Muth, welcher wirk⸗ lich beſteht, komm' mir zu Hülfe! Ich ſoll ein ſo erbärm⸗ liches Ding wie das Leben beweinen! Wie man lachen würde, wenn man ſagen könnte:„„Als Canolles erfuhr, daß er ſterben ſollte, weinte er.““ Wie machte ich es an dem Tage, als man Saint⸗George belagerte und die Bor⸗ deleſen mich wie heute tödten wollten? Ich kämpfte, ich 202 ſcherzte, ich lachte... Wohl, beim Himmel, der mich hört und vielleicht Unrecht gegen mich hat, und beim Teufel, der in dieſem Augenblick mit meinem guten Engel kämpft, ich werde es heute machen, wie ich es an jenem Tage gemacht habe, und wenn ich nicht mehr kämpfe, ſo werde ich wenigſtens noch ſcherzen, ſo werde ich wenig⸗ ſtens immer lachen.“ Sogleich wurde ſein Geſicht ruhig, als ob jede Er⸗ ſchütterung aus ſeinem Herzen entflohen wäre; er fuhr mit der Hand durch ſeine ſchönen ſchwarzen Haare, näherte ſich mit feſten Schritten und ein Lächeln auf den Lippen Herrn von Larochefoucault und Lenet, und ſprach: „Meine Herren, in dieſer Welt voll verſchiedenartiger, ſeltſamer, unerwarteter Vorfälle muß man ſich an Alles gewöhnen; ich habe, und es war Unrecht von mir, daß ich Euch nicht um Erlaubniß hiezu bat, ich habe mir eine Minute genommen, um mich an den Tod zu gewöh⸗ nen; iſt dies zu viel, ſo genehmigt meine Entſchuldigung, daß ich Euch warten ließ.“ Ein tiefes Erſtaunen durchlief die Gruppen; der Ge⸗ fangene ſelbſt fühlte, daß man vom Erſtaunen zur Be⸗ wunderung überging, und dieſes ſo ſtolze Gefühl erhob ihn und verdoppelte ſeine Kräfte. „Wenn Ihr wollt, meine Herren,“ ſagte er,„ſo erwarte ich Euch.“ Eine Minute lang von Bewunderung ergriffen, nahm der Herzog ſein Phlegma wieder an und machte ein Zei⸗ en. Auf dieſes Zeichen öffneten ſich die Thore abermals und der Zug wollte ſich in Marſch ſetzen. „Einen Augenblick,“ rief Lenet,„um Zeit zu ge⸗ winnen,„einen Augenblick, Herr Herzog!“ „Nicht wahr, wir führen Herr von Canolles zum Tode? Der Herzog machte eine Geberde des Erſtaunens, und Canolles ſchaute Lenet verwundert an. ——₰——— au —12 R A 203 „Ja,“ ſprach der Herzog. „Nun wohl,“ verſetzte Lenet,„wenn dem ſo iſt, ſo kann dieſer würdige Edelmann eines Beichtigers nicht entbehren.“ „Verzeiht, verzeiht, mein Herr,“ entgegnete Canol⸗ les,„ich kann ſeiner wohl entbehren, und zwar vollkom⸗ men.“ „Wie ſo?“ fragte Lenet, indem er dem Gefangenen Zeichen machte, die dieſer nicht verſtehen wollte. „Weil ich Hugenott bin,“ erwiederte Canolles,„und zwar ein ſtarker Hugenott, das ſage ich Euch. Wenn Ihr mir ein letztes Vergnügen bereiten wollt, ſo laßt mich ſterben, wie ich bin.“ Und während er ſich weigerte, bewies Lenet eine Ge⸗ berde der Dankbarkeit, daß der junge Mann ſeine Ab⸗ ſicht ſehr gut verſtanden hatte. „Nun vorwärts, wenn uns nichts Anderes mehr zu⸗ rückhält,“ ſprach der Herzog. „Er ſoll beichten! er ſoll beichten!“ ſchrieen einige Wüthende. Canolles erhob ſich auf den Fußſpitzen, ſchaute mit ruhigem, ſicherem Auge umher, und ſagte in ſtrengem Tone zu dem Herzog: „Wollen wir Feigheiten begehen? Es ſcheint mir, wenn irgend Jemand hier das Recht hat, ſeinen Willen zu thun, ſo bin ich dies, ich der Held des Feſtes; ich ſchlage alſo einen Beichtiger aus, aber ich verlange das Schaffot, und zwar ſo bald als möglich; ich bin meiner Seits des Wartens müde.“ „Stille dort!“ rief der Herzog, ſich nach den Grup⸗ pen umwendend. Dann, als die Macht ſeiner Stimme und ſeines Blickes das Stillſchweigen wirklich wiederher⸗ geſtellt hatte, ſagte er zu Canolles:. „Mein Herr, Ihr werdet thun, wie Euch beliebt.“ „Ich danke, gnädigſter Herr. Und nun wollen wir 204 aufbrechen und unſere Schritte beſchleunigen, wenn es Euch gefällig iſt 2...“ Lenet nahm Canolles beim Arm und ſagte zu ihm: „Geht im Gegentheil langſam. Wer weiß? Ein Aufſchub, eine Ueberlegung, ein Ereigniß liegen im Be⸗ reiche der Möglichkeit. Geht langſam, ich beſchwöre Euch im Namen derjenigen, welche Euch liebt, welche ſo ſehr weinen wird, wenn Ihr zu ſchnell geht...“ „Oh! ſprecht mir nicht von ihr, ich bitte Euch,“ erwiederte Canolles;„mein ganzer Muth ſcheitert an dem Gedanken, daß ich für immer von ihr getrennt werden ſoll; aber was ſage ich?... im Gegentheil, Herr Lenet, ſprecht mir von ihr, wiederholt mir, daß ſie mich liebt, daß ſie mich ſtets lieben wird, und beſonders, daß ſie mich beweinen wird.“ „Auf! theures, unglückliches Kind, erweicht Euch nicht, bedenkt, daß man uns beobachtet, und daß man nicht weiß, wovon wir ſprechen."“ Canolles hob ſtolz das Haupt empor und ſeine ſchö⸗ nen Haare rollten durch eine Bewegung voll Anmuth in ſchwarzen Locken über ſeinen Hals herab. Man war in die Straße gelangt; zahlreiche Fackeln erhellten ſeinen Zug, ſo daß man ſein Geſicht ruhig und lächelnd ſehen konnte. Er hörte einige Frauen weinen und andere ſagen: „Armer Baron, ſo jung und ſo ſchön!“ Man ſetzte ſtillſchweigend den Marſch fort, dann ſprach er plötzlich: „Ohl Herr Lenet, ich möchte ſie doch noch ein Mal ſehen!“ 3 „Soll ich ſie holen? ſoll ich ſie Euch bringen?“ fragte Lenet, der keinen Willen mehr hatte. „SOh! ja,“ murmelte Canolles. „Wohl, ich laufe; aber Ihr werdet ſie tödten.“ „Deſto beſſer!“ gab die Selbſtſucht dem Herzen des 20⁵ jungen Mannes ein,„wenn Du ſie tödteſt, ſo wird ſie nie ein Anderer beſitzen.“ Doch raſch dieſe letzte Schwäche überwindend, hielt er Lenet am Arme zurück und ſagte zu ihm: „Nein, nein; Ihr habt ihr verſprochen, bei mir zu bleiben; bleibt.“ „Was ſagt er?“ fragte der Herzog den Kapitän der Garden.. Canolles hörte die Frage und erwiederte:— „Herr Herzog, ich ſage, ich hätte nicht geglaubt, daß es von dem Gefängniß bis zu der Eſplanade ſo weit wäre.“ „Ach!“ ſprach Lenet,„beklagt Euch nicht, armer junger Mann, denn wir ſind an Ort und Stelle.“ Die Fackeln, welche die Vorhut beleuchteten, die der Escorte voranging, verſchwanden wirklich in dieſem Au⸗ genblick an der Wendung der Straße. Lenet drückte dem jungen Manne die Hand und ging, da er, ehe man auf den Richtplatz käme, einen letz⸗ ten Verſuch wagen wollte, auf den Herzog zu und ſagte zu ihm: hnerr Herzog, noch einmal flehe ich Euch um Gnade an; Ihr bereitet unſerer Sache ein ſicheres Verderben, wenn Ihr Herrn von Canolles hinrichten laßt.“ Im Gegentheil,“ erwiederte der Herzog,„wir be⸗ weiſen, daß wir ſie als gerecht erachten, da wir uns nicht fürchten, Repreſſalien zu gebrauchen.“ „Die Repreſſalien ſind unter Gleichgeſtellten üblich, Herr Herzog! Ihr möget. aber ſagen, was Ihr wollt, die Königin wird ſtets die Königin ſein, und wir ſind ihre Unterthanen.“ „Streiten wir nicht über ſolche Dinge in Gegenwart von Herrn von Canolles,“ antwortete mit lauter Stimme der Herzog,„Ihr ſeht wohl, daß dies unſchicklich iſt.“ „Sprecht nicht von Gnade in Gegenwart des Herrn Herzogs,“ ſagte Canolles,„Ihr ſeht wohl, daß er ſeinen 206 Staatsſtreich auszuführen im Begriffe iſt; ſtören wir ihn nicht wegen ſolcher Kleinigkeiten....“ Der Herzog erwiederte nichts, aber an ſeinen zu⸗ ſammengepreßten Lippen, an ſeinem ironiſchen Blicke ſah man, daß der Pfeil getroffen hatte. Mittlerweile wurde der Marſch fortgeſetzt, und Canolles befand ſich nun eben⸗ falls am Eingange der Eſplanade; in der Ferne, das heißt am andern Ende des Platzes, ſah man die gedrängte Menge und den weiten Kreis, welchen die glänzenden Musketenläufe bildeten; in der Mitte erhob ſich etwas Schwarzes, Ungeſtaltes, was Canolles in der Finſterniß zu erkennen nicht bemüht war, denn er glaubte, es wäre ein gewöhnliches Schaffot; aber zum Mittelpunkte des Platzes gelangend, beleuchteten die Fackeln plötzlich dieſen Anfangs unkenntlichen ſchwarzen Gegenſtand und hoben die furchtbare Silhouette eines Galgens hervor. „Ein Galgen!“ rief Canolles ſtille ſtehend und die Hand nach der Maſchine ausſtreckend.„Iſt es nicht ein Galgen, was ich dort ſehe, Herr Herzog?“ „In der That, Ihr täuſcht Euch nicht,“ antwortete dieſer mit kaltem Tone. Die Röthe der Entrüſtung färbte die Stirne des jungen Mannes, er ſchob die zwei Soldaten, welche an ſeinen Seiten gingen, zurück, befand ſich mit einem Sprunge vor Herrn von Larochefoucault und rief: „Mein Herr, vergeßt Ihr, daß ich Edelmann bin? Alle Welt weiß und dem Henker ſelbſt iſt es nicht unbe⸗ kannt, daß ein Edelmann darauf Anſpruch zu machen hat, daß man ihm den Kopf abhaut.“ „Mein Herr, es gibt Umſtände...“ „Mein Herr, nicht in meinem Namen ſpreche ich zu Euch, ſondern im Namen des ganzen Adels, bei welchem Ihr einen ſo hohen Rang einnehmt, Ihr, der Ihr Prinz, der Ihr Herzog ſeid; es wäre eine Schmach, nicht fur mich, der ich unſchuldig bin, ſondern fur Euch Alle, ſo ————— 207 viel Ihr Euerer ſeid, wenn Einer der Euerigen am Galgen ſterben müßte.“ „Mein Herr, der König hat Richon hängen laſſen!“ „Richon war ein braver Soldat, ſo edel dem Herzen nach, als irgend ein Menſch auf dieſer Welt; aber er war nicht adelig ſeiner Geburt nach; ich bin dies... „Ihr vergeßt, daß es ſich hier um Repreſſalien han⸗ delt,“ ſagte der Herzog:„man würde Euch hängen, ſelbſt wenn Ihr ein Prinz von Geblüt wäret.“ Mit einer unüberlegten Bewegung ſuchte Canolles ſeinen Degen an ſeiner Seite, als er ihn aber nicht fand, gewann das Gefühl ſeiner Lage wieder ſeine ganze Kraft, ſein Zorn verſchwand, und er begriff, daß ſein Ueberge⸗ wicht gerade in ſeiner Schwäche lag. „Herr Philoſoph,“ ſagte er,„wehe denen, welche Repreſſalien gebrauchen, und zweimal wehe denen, welche, wenn ſie dieſelben gebrauchen, der Menſchlichkeit kein Ge⸗ hoͤr ſchenken! Ich verlangte nicht Gnade, ich verlangte Gerechtigkeit. Es gibt Menſchen, welche mich lieben, mein Herr, ich lege auf dieſes Wort einen beſonderen Nach⸗ druck, weil es Euch, wie ich wohl weiß, nicht bekannt iſt, daß man lieben kann. In das Herz dieſer Menſchen werdet Ihr für immer, mit der Erinnerung an meinen Tod, das gemeine Bild des Galgens einprägen. Ich bitte Euch, einen Schwertſtreich, eine Musketenkugel; gebt mir Eueren Dolch, daß ich ihn mir ſelbſt in die Bruſt ſtoße, und dann henkt meinen Leichnam, wenn es Euch Ver⸗ gnügen macht.“— „Richon iſt lebendig gehenkt worden,“ erwiederte kalt der Herzog. „Es iſt gut. Doch höret mich: eines Tags wird Euch ein furchtbares Unglück treffen; eines Tags werdet Ihr Euch erinnern, daß dieſes Unglück der Himmel als Strafe über Euch verhängt; ich meines Theils ſterbe mit der Ueberzeugung, daß mein Tod Euer Werk iſt.“ Und ganz bebend, ganz bleich, aber voll Muth und 208 Begeiſterung, näherte ſich Canolles dem Galgen und ſetzte ſtolz und verächtlich vor dem Volke den Fuß auf die erſte Sproſſe der Leiter. „Meine Herren Henker,“ ſprach er,„thut nun, was Eueres Amtes iſt.“ „Es iſt nur Einer,“ rief die erſtaunte Menge; „der Andere! wo iſt der Andere? man hat uns zwei ver⸗ ſprochen.“ „Ah! das tröſtet mich,“ ſagte Canolles lächelnd, „dieſer vortreffliche Pöbel iſt nicht einmal mit dem, was Ihr für ihn thut, zufrieden: hoͤrt Ihr es, Herr Herzog?“ „Tod! Tod! Rache für Richon!“ bruͤllten zehntauſend Stimmen. „Wenn ich ſie aufhetzte,“ dachte Canolles,„ſie ſind im Stande, mich in Stücke zu zerreißen, dann würde ich nicht gehenkt, und der Herzog wäre wüthend. Ihr ſeid Feige,“ rief er,„ich erkenne unter Euch Menſchen, welche bei dem Angriffe auf das Fort Saint⸗George waren, und die ich habe fliehen ſehen. Ihr rächt Euch heute an mir dafür, daß ich Euch geſchlagen habe.“ Ein Gebrülle antwortete ihm. „Ihr ſeid Feiglinge!“ fuhr er fort,„Rebellen, Elende!“ Tauſend Meſſer ſunkelten und es ſielen Steine vor dem Galgen nieder. „Vortrefflich,“ murmelte Canolles; dann mit lauter Stimme: Der Köniz hat Richon hängen laſſen, und daran hat er wohl gethan; wenn er Bordeaur nimmt, wird er noch viele Andere hängen laſſen.“ Bei dieſen Worten ſtürzte die Menge wie ein Strom gegen die Eſplanade, warf die Wachen nieder, zertrüm⸗ merte die Paliſſaden und drang brüllend gegen den Gefan⸗ genen vor. Indeſſen hatte einer von den Henkern, auf ein Zeichen des Herzogs, Canolles unter den Armen, emporge⸗ hoben, während ihm der andere eine Schlinge um den Hals zog. 1 209 7 Canolles fühlte den Druck des Strickes und ver⸗ doppelte ſeine Schmähungen; wollte er zu rechter Zeit getödtet werden, ſo hatte er keine Minute zu verlieren. In dieſem äußerſten Momente ſchaute er umher, aber überall ſah er nur flammende Augen und drohende Waffen. Ein Menſch allein, ein Soldat zu Pferde, zeigte ihm ſeine Muskete. „Cauvignac! es iſt Cauvignac!“ rief Canolles ſich mit ſeinen beiden Händen, die man nicht gebunden hatte, an die Leiter anklammernd. Cauvignac machte demjenigen, welchen er nicht hatte retten koͤnnen, mit ſeinem Gewehre ein Zeichen und ſchlug auf ihn an. 3 Canolles verſtand ihn und rief, mit einer Bewegung des Kopfes: 5 „Ja, ja.“ Nun haben wir zu erzählen, wie Cauvignac hier⸗ her kam. 3 XVI. Wir haben Cauvignac von Libourne abgehen ſehen und wiſſen, in welcher Abſicht er abging. Als er zu ſeinen von Ferguzon befehligten Soldaten gelangte, hielt er einen Augenblick an, nicht um Athem zu ſchöpfen, ſondern um den Plan auszuführen, den ein ſo raſcher Ritt ſeinem erfindungsreichen Geiſte zu bilden geſtattet hatte. Zuerſt hatte er ſich geſagt, und zwar mit ſehr viel Vernunft, wenn er nach dem, was vorgefallen war, vor der Frau Prinzeſſin zu erſcheinen wagte, ſo würde die Frau Prinzeſſin, welche Canolles, gegen den ſie nichts Der Frauenkrieg. Iu. 14 210 hatte, hängen ließ, nicht verfehlen, auch ihn hängen zu laſſen, dem ſie wohl etwas vorwerfen könnte, und ſeine Sendung, in der Beziehung erfüllt, daß Canolles vielleicht gerettet wäre, wärde dadurch mißglücken, daß man ihn henkte... Er beeilte ſich daher, mit einem von ſeinen Soldaten die Kleider zu wechſeln, ließ Barrabas, welcher der Frau Prinzeſſin weniger bekannt war, als er, ſein ſchoͤnſtes Gewand anziehen, nahm ihn mit ſich und jagte auf der Straße nach Bordeaur fort. Eines beunruhigte ihn jedoch: der Inhalt des Briefes, welchen er bei ſich trug, und den ſeine Schweſter mit ſo großem Vertrauen ge⸗ ſchrieben hatte, daß man ihn ihrer Meinung nach nur der Prinzeſſin zu übergeben brauchte, damit Canolles gerettet wäre; dieſe Unruhe nahm dergeſtalt zu, daß er ganz ein⸗ fach den Brief zu leſen beſchloß, wobei er ſich ſelbſt die Bemerkung machte, ein guter Unterhändler könnte in ſeiner Negociaton nicht ſiegen, wenn er nicht ganz mit der An⸗ gelegenheit, mit der man ihn beauftragt, bekannt wäre,.... und dann ſündigte Cauvignac allerdings nicht aus einem übertriebenen Zutrauen zu ſeiner Verwandtin, und Nanon, obgleich ſie ſeine Schweſter war und gerade weil ſie ſeine Schweſter war, konnte wohl gegen ihren Bruder, einmal wegen des Abenteuers in Jaulnay, und dann wegen ſeiner unerwarteten Entweichung aus dem Schloſſe Trompette ei⸗ nen Groll hegen und, die Rolle des Zufalls ſpielend, Alles wieder an ſeine Stelle bringen, was nur eine ein⸗ fache Familien⸗Ueberlieferung geweſen wäre. Cauvignac öffnete leicht den Brief, der mit einem Wachsſiegel verſchloſſen war, und wurde von einem ſeltſamen, ſchmerzlichen Eindrucke ergriffen, als er denſelben las: Nanon ſchrieb Folgendes: „Frau Prinzeſſin, es bedarf eines Sühnopfers für den unglücklichen Richon: nehmt keinen Unſchuldigen, nehmt die wahre Schuldige; Herr von Canolles ſoll nicht ſter⸗ ben, denn Herrn von Canolles toͤdten, hieße einen Mord durch einen andern Mord rächen. In dem Augenblick, o 211 Ihr dieſen Brief leſet, habe ich nur noch eine Meile zu⸗ rückzulegen, um mit Allem, was ich beſitze, nach Bor⸗ deaux zu gelangen; Ihr liefert mich dem Volke aus, das mich haßt, denn es wollte mich bereits zweimal erwür⸗ gen, und behaltet meine Reichthümer, welche ſich auf zwei Millionen belaufen. Oh! Madame, auf den Knieen flehe ich Euch um dieſe Gnade an; ich trage zum Theil die Schuld an dieſem Kriege; bin ich todt, ſo iſt der Friede in der Provinz hergeſtellt, und Euere Hoheit trium⸗ phirt. Madame, eine Viertelſtunde Friſt! Ihr laßt Ca⸗ nolles nicht eher frei, als bis Ihr mich in Händen habt; aber dann, bei Euerer Seele, nicht wahr, dann laßt Ihr ihn frei? „Und ich bin Euere ehrerbietige und dankbare Nanon von Lartigues.“ Cauvignac war, nachdem er dieſe Zeilen geleſen hatte, ganz erſtaunt, als er ſein Herz übervoll und ſeine Augen feucht fühlte. Er blieb einen Augenblick unbeweglich und ſtumm, als könnte er nicht an dieſe Worte glauben. Plötzlich aber rief er:. „Es iſt alſo wahr, es gibt auf dieſer Welt edle Her⸗ zen, nur aus Vergnügen, ſo zu ſein! Mord und Tod! man wird ſehen, daß ich ſo gut wie jeder Andere in Stande bin, Edelmuth zu üben, wenn es ſein muß.“ Und da er ſich am Thore der Stadt befand, übergab er ſeinen Brief Barrabas mit der einfachen Inſtruktion: „Auf Alles, was man Dir ſagen wird, antworte nur: „„Befehl des Koͤnigs!““ und händige dieſen Brief keiner andelg Perſon als Frau von Condsè ſelbſt ein.“ Während Barrabas nach dem von der Frau Prin⸗ zeſſin bewohnten Pallaſte eilte, ſchlug Cauvignae den Weg nach dem Schloſſe Trompette ein. Barrabas ſtieß auf kein Hinderniß; die Straßen wa⸗ ren verlaſſen, die Stadt ſchien leer, die ganze Bevölkerung war nach der Eſplanade gezogen. An dem Thore des Pallaſtes 212 wollten ihm die Wachen den Eingang verwehren; aber ge⸗ mäß der Vorſchrift von Cauvignae ſchwang er ſeinen Brief in der Luft und rief: „Auf Befehl des Königs... auf Befehl des Kö⸗ nigs!“ Die Wachen hielten ihn für einen Boten vom Hofe und hoben ihre Hellebarden auf. Barrabas drang alſo in den Pallaſt, wie er in die Stadt gedrungen war. Es war aber, wie man ſich vielleicht erinnern wird, nicht das erſte Mal, daß der würdige Lieutenant von Mei⸗ ſter Cauvignac die Ehre hatte, vor Frau von Condé zu er⸗ ſcheinen. Er ſprang alſo vom Pferde, und da er ſeinen Weg kannte, ſo lief er raſch nach der Treppe und drang mitten durch die geſchäftigen Bedienten in die fürſtlichen Gemächer; hier blieb er ſtille ſtehen, denn er befand ſich einer Dame gegenübep, in welcher er die Frau Prinzeſſin erkannte, zu deren Füßen eine andere Frau lag. „Oh!l Gnade, Hoheit, Gnade im Namen des Him⸗ mels!“ rief dieſe. „Claire,“ erwiederte die Prinzeſſin,„laß mich, ſei vernünftig, bedenke, daß wir unſerer Eigenſchaft als Frauen entſagt haben, wie wir unſern Kleidern entſagten: wir ſind die Statthalter des Herrn Prinzen, und die Staats⸗ raiſon befiehlt.“ 4 8„Oh! Madame, es gibt keine Staatsraiſon mehr für mich,“ rief Claire,„es gibt keine politiſche Partei, keine Meinung mehr für mich, er nur allein iſt für mich in dieſer Welt vorhanden, die er verlaſſen ſoll, und wenn er ſie verlaſſen hat, gibt es für mich nur noch den Tod.“ „Claire, mein Kind, ich habe Dir bereits geſagt, es wäre unmöglich,“ verſetzte die Prinzeſſin;„ſie haben uns Richon getödtet, wenn wir ihnen nicht Gleiches mit Glei⸗ chem vergelten, ſind wir entehrt.“ „Oh! Madame, man hat ſich nie dadurch entehrt, daß man Gnade übte; man hat ſich nie dadurch entehrt, gebe.“ daß man von einem dem Koöͤnige des Himmels und den Königen der Erde vorbehaltenen Vorrechte Gebrauch machte; ein Wort, Madame, ein einziges Wort, der Unglückliche erwartet es.“ „Claire, Du biſt toll, ich ſage Dir, es iſt un⸗ möglich.“ „Aber ich habe ihm geſagt, er ſei gerettet; ich habe ihm ſeine, eigenhändig von Euch unterzeichnete, Begnadigung gezeigt; ich habe ihm geſagt, ich würde mit der Beſtäti⸗ gung des Gnadenbrieſes zurückkehren!“ „Ich ertheilte dieſen unter der Bedingung, daß der An⸗ dere für ihn bezahlen würde; warum hat man den Andern entkommen laſſen?“ „Er iſt nicht an dieſer Entweichung Schuld, das ſchwöre ich Euch; überdies iſt der Andere vielleicht nicht gerettet; man wird ihn am Ende wiederfinden.“ „Oh! ja, nimm Dich wohl in Acht,“ ſagte Barra⸗ bas, der gerade in dieſem Augenblick eintrat. „Madame, ſie werden ihn fortführen; Hoheit, die Zeit läuft ab; ſie werden des Wartens müde werden!“ „Du haſt Recht, Claire,“ ſprach die Prinzeſſin;„denn ich habe befohlen, daß um eilf Uhe Alles vorüber ſein ſon es ſchlägt gerade eilf Uhr, und Alles muß beendigt ein.“ Die Vicomteſſe ſtieß einen Schrei aus und erhob ſic als ſie ſich umwandte, ſtand ſie Barrabas gegen⸗ über. „Wer ſeid Ihr? was wollt Ihr?“ rief ſie;„kommt Ihr ſchon, um ſeinen Tod zu verkündigen?“ „Nein, Madame,“ antwortete Barrabas mit ſeiner freundlichſten Miene,„ich komme im Gegentheil, um ihn zu retten.“ „Wie dies?“ rief die Vicomteſſe;„ſprecht ge⸗ ſchwinde.“ „Indem ich dieſen Brief der Frau Prinzeſſin über⸗ 7 214 Frau von Cambes ſtreckte den Arm aus, entriß den Brief den Händen des Boten, überreichte ihn der Prin⸗ zeſſin und rief: „Ich weiß nicht, was dieſer Brief enthält, aber im Namen des Himmels, leſet.“ Die Prinzeſſin öffnete den Brief und las ganz laut, während Frau von Cambes, bei jeder Zeile erbleichend, die Worte verſchlang, wie ſie von den Lippen der Prin⸗ zeſſin fielen. „Von Nanon!“ rief die Prinzeſſin, nachdem ſie ge⸗ leſen hatte.„Nanon iſt hier! Nanon liefert ſich aus. Wo iſt Lenet? wo iſt der Herzog? Iſt Niemand da?“ —„Ich bin da, bereit zu laufen, wohin Euere Hoheit will.“ „Lauft auf die Eſplanade, lauft nach dem Richtplatz, ſagt, man ſolle die Vollziehung des Urtheils verſchieben; doch nein, man würde Euch keinen Glauhen ſchenken.“ Und die Prinzeſſin ſprang nach einer Feder und ſchrieb unten an das Billet:„Verſchiebt,“ und übergab den Brief Lffen Barrabas, der aus dem Zimmer eilte. „Oh!“ murmelte die Vieomteſe,„ſie liebt ihn mehr als ich; und, ich Unglückliche! ihr wird er das Leben zu verdanken haben.“ Und dieſer Gedanke wirft ſie wie vom Blitze getroſ⸗ fen auf einen Stuhl nieder, ſie, die aufrecht ſtehend alle Schläge dieſes furchtbaren Tages ertragen hatte. Barrabas verlor indeſſen keine Sekunde; er eilte die Treppe hinab, als ob er Flügel hätte, ſprang wieder auf ſein Pferd und ritt im Galopp nach der Eſplanade fort. In derſelben Zeit, in der er ſich nach dem Pallaſte begab, war Cauvignac geraden Wegs nach dem Schloſſe Trompette geritten. Beſchützt durch die Nacht, unkennt⸗ lich gemacht durch den breitkrämpigen, über die Augen her⸗ abgeſchlagenen Hut, fragte er hier und erfuhr ſeine Ent⸗ meſchen in allen Einzelnheiten, und wie Canolles für ihn bezahlen ſollte. Da jagte er inſtinktartig und ohne zu 215 wiſſen, was er dort thun wollte, ſein Pferd mit aller Wuth ſpornend, die Menge durchſchneidend, Alles nieder⸗ werfend, was ſich ihm in den Weg ſtellte, nach der Eſplanade; hier angelangt, erblickt er den Galgen und ſtöͤßt einen Schrei aus, der ſich unter dem Gebrülle des Volkes verliert, welches Canolles herausfordert und aufſta⸗ chelt, um ſich von ihm zerreißen zu laſſen. In dieſem Augenblick gewahrt ihn Canolles; er er⸗ räth ſeine Abſicht und bedeutet ihm mit einem Zeichen des Kopfes, er ſei willkommen. Cauvignac erhebt ſich auf den Steigbügeln, ſchaut umher, ob er nicht Barrabas oder einen Boten der Prin⸗ zeſſin kommen ſehe, horcht, ob er nicht das Wort „Gnade!“ erſchallen höre, aber er ſieht nichts, er hoͤrt nichts, als Eanolles, den der Henker von der Leiter los⸗ zumachen und in die Luft zu ſchleudern im Begriffe iſt, während er mit einer Hand auf ſein Herz deutet. Da ſenkt Cauvignac ſeine Muskete in der Richtung des jungen Mannes, ſchlägt an, zielt und gibt Feuer. „Ich danke,“ ſprach Canolles die Arme oͤffnend; nich ſterbe wenigſtens den Tod eines Soldaten.“ Die Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt. Der Henker ſtieß den Korper ab, und dieſer blieb am Ende des entehrenden Stranges hängen,. aber es war nur noch eine Leiche. Der Knall wirkte wie ein Signal, tauſend andere Musketenſchüſee donnern gleichzeitig. Eine Stimme ruft: „Haltet ein! haltet ein! ſchneidet den Strick ab.“ Aber dieſe Stimme verliert ſich im Gebrülle der Menge; überdies wird der Strick von einer Kugel abge⸗ ſchnitten; vergebens leiſtet die Wache Widerſtand, ſie wird von den Volkswogen zurückgeworfen; der Galgen wird zer⸗ trümmert, niedergeriſſen, vernichtet; die Henker fliehen, die Menge breitet ſich wie ein Schatten aus, bemächtigt ſich 216 des Leichnams, zerfleiſcht ihn und ſchleppt ihn in Fetzen durch die Stadt. Dumm in ihrem Haſſe, glaubte die Menge die Strafe des Edelmanns zu ſchärfen, während ſie ihm im Gegen⸗ theil die Ehrloſigkeit erſparte, die er ſo ſehr fürchtete. Während dieſer Bolksbewegung erreichte Barrabas den Herzog, und obgleich er ſelbſt einſah, daß er zu ſpät kam, üͤbergab er ihm doch ſeine Depeche. Der Herzog zog ſich mitten unter den Flintenſchüſſen nur etwas beiſeit, denn er war kalt und ruhig in ſeinem Muthe, wie in Allem, was er that; dann entſiegelte er den Brief und las ſeinen Inhalt. „Das iſt Schade,“ ſprach er, ſich gegen ſeine Officiere umwendend,„was dieſe Nanon vorſchlug, wäre vielleicht mehr werth geweſen, aber was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ſchehen.“ Nach kurzer Ueberlegung fügte er bei. „Doch, wenn ich bedenke... da ſie unſere Antwort jenſeits des Fluſſes erwartet, ſo könnte man dieſe Angele⸗ genheit vielleicht dort wieder anknüpfen.“ Und ohne ſich weiter um den Boten zu bekümmern, gab er ſeinem Pferde die Sporen und kehrte mit ſeiner Escorte zu der Prinzeſſin zurück. In demſelben Augenblick brach der ſeit einiger Zeit dräuende Sturm über Bordeaur los, und von Blitzen be⸗ gleitet ſtel ein gewaltiger Regen auf den Platz der Eſpla⸗ nade, als wollte er das unſchuldige Blut abwaſchen. XVII. Während dieſe Dinge in Bordeaur vorfielen, während der Pöbel den Leichnam des unglücklichen Canolles durch — Es hatte ſo eben eilf Uhr geſchlagen. Ein Läufer, der zu Pferde folgte, ſprang haſtig zu Boden, ſobald er den Wagen unbeweglich ſah, und öffnete den Kutſchenſchlag. Eine Dame ſtieg raſch aus, befragte den von einem blutigen Reflere gerötheten Himmel und horchte auf den entfernten Lärmen. „Ihr wißt gewiß, daß uns Niemand gefolgt iſt,“ ſprach ſie zu ihrer Kammerfrau, welche nach ihr ausſtieg. „Nein, Madame,“ antwortete dieſe;„die Piqueurs, welche auf Euern Befehl zurückgeblieben ſind, haben den Wagen eingeholt und ſagen, ſie hätten nichts geſehen und nichts gehört.“ „Und Ihr, hoͤrt Ihr nichts, in der Richtung der Stadt?“ „Es kommt mir vor, als höͤrte ich entferntes Ge⸗ ſchrei.”“ „Seht Ihr nichts?“ „Ich ſehe etwas wie den Schimmer einer Feuers⸗ brunſt.“ „Das ſind Fackeln.“ G „Ja, Madame, ja, denn ſie bewegen, ſich, ſie laufen wie Irrlichter. Hoͤrt Ihr, Madame? der Lärmen verdoppelt ſich, und das Geſchrei wird ganz deutlich.“ „Mein Gott!“ rief die junge Frau und ſank auf 218 dem feuchten Boden auf die Kniee;„mein Gott! mein Gott!“ Das war ihr einziges Gebet. Ein einziges Wort bot ſich ihrem Geiſte, ihr Mund vermochte nur ein Wort zu⸗ articuliren, es war der Name des Einzigen, der ein Wun⸗ der zu ihren Gunſten bewirken konnte. Die Kammerfrau hatte ſich nicht getäuſcht; es be⸗ wegten ſich in der That Fackeln, das Geſchrei ſchien nä⸗ her zu kommen; man höoͤrte einen Flintenſchuß, dem fünf⸗ zig andere folgten, dann ein gewaltiges Geräuſch, dann erloſchen die Fackeln und das Geſchrei entfernte ſich; der Regen fing an herabzuſtürzen, ein Sturm brauſte am Himmel; aber was kümmerte ſich die junge Frau darum: ſie hatte nicht vor den Blitzen bange. Ihre Augen waren beſtändig auf die Stelle geheftet, wo ſie ſo viele Fackeln geſehen, wo ſie einen ſo gewaltigen Lärmen gehört hatte. Sie ſah nichts mehr, ſie hörte nichts mehr, und bei dem Schimmer der Blitze kam es ihr vor, als wäre der Platz leer. „Oh! ich habe nicht die Kraft, länger zu warten,“ rief ſie.„Nach Bordeaur! man führe mich nach Bor⸗ deaur!“ Ploͤtzlich hoͤrte man ein Geräuſch von Pferden, das ſich raſch näherte. „Ah!“ ſprach ſie,„endlich kommen ſie. Hier ſind ſie. Adieu, Finette, ziehe Dich zurück, Finette, ich muß allein gehen; nehmt ſie zu Euch auf Euer Pferd, Lom⸗ bard, und laßt Alles, was ich mitgebracht habe, im Wagen.“ „Aber was wollt Ihr denn machen, Madame!“ rief die Kammerfrau ganz erſchrocken. „Gott befohlen, Finette, lebe wohl!“ „Warum Lebewohl, Madame? Wohin geht Ihr denn?“ f „Ich gehe nach Bordeaur.“ 219 „Ohl im Namen des Himmels, thut das nicht, Ma⸗ dame, ſie werden Ench tödten.“ „Nun, warum glaubſt Du denn, daß ich dahin gehen will?⸗ „Oh! Madame! Lombard zu Hülfe! herbei, wir müſ⸗ ſen ſie verhindern...“ „Stille! entſerne Dich, Finette. Ich habe mich Dei⸗ ner erinnert; ſei unbeſorgt, entferne Dich, es ſoll Dir kein Mnge widerfahren. Gehorche, ſie nahen. Hier ſind ſie p 7 Ein Reiter, in einiger Entfernung von einem andern Reiter geſolgt, jagte wirklich herbei; man hörte ſein Pferd mehr brüllen als ſchnaufen. „Meine Schweſter! meine Schweſter!“ ſchrie er. „Ohl ich komme noch zu rechter Zeit.“ „Cauvignac!“ rief Nanon.„Nun, iſt es abgemacht? erwartet er mich? brechen wir auf?⸗ Aber ſtatt zu antworten, ſpringt Cauvignac vom Pferde und faßt Nanon, welche ihn mit der unbeweglichen Starr⸗ heit der Geſpenſter und Wahnſinnigen gewähren läßt, in ſeine Arme. Er legt ſie in den Wagen, läßt Finette und Lombard zu ihr einſteigen, ſchließt den Kutſchenſchlag und ſchwingt ſich auf ſein Roß. Wieder zu ſich gekommen, ſchreit und zerarbeitet ſich die arme Nanon vergebens. „Laßt ſie nicht los,“ ruft Cauvignac,„laßt ſie um Alles in der Welt nicht los. Barrabas, bewache den an⸗ dern Schlag, und Dir, Kutſcher, zerſchmettere ich die Hirn⸗ ſchale, wenn Deine Pferde aus dem Galopp fallen.“ Dieſe Befehle werden ſo raſch gegeben, daß ein Au⸗ genblick des Zögerns eintritt; der Wagen ſetzt ſich ſehr langſam in Bewegung; die Bedienten zittern, die Pferde wollen nicht vorwärts. „Aber beeilt Euch doch, tauſend Teufel!“ ſchrie Cau⸗ vignac;„ſie kommen, ſie kommen.“ Man vernahm wirklich in der Ferne den Huſſchlag 220 von Pferden, dem Rollen eines Donners ähnlich, der raſch und drohend näher kommt. Die Furcht iſt anſteckend. Bei der Stimme von Cau⸗ vignac begreift der Kutſcher, daß irgend eine große Ge⸗ fahr dräut, und faßt die Zügel ſeiner Pferde. „Wohin fahren wir?“ ſtammelte er. „Nach Bordeaux! nach Bordeaur!“ ruft Nanon aus dem Innern des Wagens. „Tauſend Donner, nach Libourne!“ ſchreit Cauvignac. „Herr, die Pferde werden fallen, ehe ſie zwei Mei⸗ len gemacht haben.“ „Ich verlange nicht, daß ſie ſo viel machen!“ ruft Cauvignac und peitſcht ſie mit ſeinem Degen.„Wenn ſie nur bis zu dem Poſten von Ferguzon kommen, mihr fordere ich nicht.“ Und die plumpe Maſchine ſetzt ſich in Bewegung und rollt mit einer furchtbaren Geſchwindigkeit fort. Menſchen und Pferde beleben ſich gegenſeitig, die einen durch Ge⸗ ſchrei, die andern durch Wiehern. Nanon hat es verſucht, zu widerſtreben, zu kämpfen, aus dem Wagen zu ſpringen; doch ſie erſchöpft ihre Kräfte in dieſem Kampfe und fällt gelähmt zurück; ſie hört nicht mehr, ſie ſieht nicht mehr. Sie ſtrengt ſich an, in dieſem Gemenge die fliehenden Schatten feſtzuhalten, aber es faßt ſie der Schwindel, ſie ſchließt die Augen, ſtößt ei⸗ nen Schrei aus und bleibt kalt in den Armen ihrer Kam⸗ merfrau. Cauvignac iſt an dem Kutſchenſchlage vorbeigeritten und hat die Köpfe der Pferde erreicht. Sein Roß läßt einen Feuerſtreifen auf dem Pflaſter der Straße zurück. „Herbei! Ferguzon, herbei!“ ruft er.. Und er hört etwas wie ein Hurrah in der Ferne. „Hölle!“ ſchrett Cauvignac,„Du ſpielſt gegen mich, doch ich glaube, du wirſt heute übermals verlieren.“ Es ertönen mehre Flintenſchüſſe von hinten, aber vorne antwortet man durch ein allgemeines Feuer. ————,——— , er 221 Der Wagen hält an, zwei Pferde ſind vor Anſtren⸗ gung geſtürzt, ein drittes hat eine Kugel niedergeſchmet⸗ tert.. Ferguzon und ſeine Leute fallen über die Truppen von Herrn von Larochefoucault her; da ſie ihnen der An⸗ zahl nach dreifach überlegen ſind, ſo vermögen die Bor⸗ deleſen keinen Widerſtand zu leiſten, wenden ihre Pferde und Sieger und Beſiegte, Verfolger und Flüchtige, verſchwinden wie eine Wolke, die der Wind fortträgt, in der Finſterniß der Nacht. Cauvignac bleibt mit den Dienern allein und Finette ſucht die jedes Gefühles beraubte Nanon wiederzübe⸗ leben. Zum Glück war man nur hundert Schritte von dem Dorfe Carbonblanc entfernt. Cauvignac trug Nanon in ſeinen Armen bis zu dem erſten Hauſe des Dorfes. Hier legte er, nachdem er Befehl gegeben hatte, den Wagen nachzubringen, ſeine Schweſter auf ein Bett, zog ſodann aus ſeiner Bruſt einen Gegenſtand hervor, den Finette nicht unterſcheiden konnte, und ſteckte ihn in die krampf⸗ haft zuſammengepreßte Hand dex armen Frau. Als Nanon am andern Tage aus dem, was ſie für einen furchtbaren Traum hielt, erwachte, griff ſie mit dieſer Hand in ihr Geſicht, und etwas Seidenes, Duf⸗ tendes ſtreifte ihre bleichen Lippen. Es war eine Haarlocke von Canolles, welche Cau⸗ vign ac heldenmüthig mit Gefahr ſeines Lebens von den bordeleſiſchen Tigern erobert hatte. XVIII. Acht Tage und acht Nächte hindurch blieb Frau von Cambes, nachdem ſie die furchtbare Kunde vernommen, wie im Wahnſinn in dem Bette, in das man ſie ohnmäch⸗ tig gebracht hatte. Ihre Frauen wachten an ihrem Lager, Pompée aber bewachte die Thüre; nur der alte Diener allein vermochte, an dem Bette ſeiner unglücklichen Gebieterin niederknieend, einen Funken Vernunft in ihr zu erwecken. Zahlreiche Beſuche belagerten dieſe Thüre; aber ſtreng wie ein alter Soldat ſich an die Vorſchrift haltend, ver⸗ theidigte der treue Stallmeiſter muthig den Eingang, ein⸗ mal in der Ueberzeugung, daß jeder Beſuch ſeiner Herrin läſtig ſein müßte, und dann auf Befehl des Arztes, der vor einer zu ſtarken Bewegung für Frau von Cambes bange hatte. Jeden Morgen erſchien Lenet an der Thüre der ar⸗ men jungen Frau, aber Lenet wurde eben 8 wenig als die Anderen angenommen. Die Frau Prinzeſſin ſelbſt kam mit einem großen Gefolge, als ſie eines Tags die Mutter des armen Richon beſucht hatte, welche in einer Vorſtadt von Bordeaur wohnte. Abgeſehen von der Theil⸗ nahme, welche Frau von Condé für die Vicomteſſe onte, war es ihr Zweck, eine völlige Unparteilichkeit zur Schau zu ſtellen. 223 Sie erſchien daher, um die Souveränin zu ſpielen, aber Pompée bemerkte ihr in aller Ehrfurcht, er hätte eine Verordnung, von welcher er nicht abgehen könnte; alle Männer, ſelbſt die Herzoge und Generale, alle Frauen, ſelbſt die Prinzeſſinnen, müßten ſich dieſer Verord⸗ nung fügen, und Frau von Condé mehr als irgend eine Andere, in Betracht, daß nach dem, was vorgefallen, ihr Beſuch eine furchtbare Kriſe herbeiführen könnte. Der Prinzeſſin, welche ſich einer Pflicht entledigte oder zu entledigen glaubte, war es ſehr willkommen, ſich zurückziehen zu können; ſie ließ ſich das alſo nicht zwei⸗ mal ſagen und entfernte ſich mir ihrem Gefolge. Am neunten Tage kam Claire wieder zum Bewußt⸗ ſein; während ihres achtmal vierundzwanzig Stunden an⸗ haltenden Deliriums hatte ſie nicht zu weinen aufgehört; obgleich das Fieber in der Regel die Thränen trocknet, ſo hatten doch die ihrigen gleichſam eine Furche unter ihrem Augenliede gegraben, welches von einem roth und blaß⸗ blauen Kreiſe umgeben war, wie das der erhabenen Jung⸗ frau von Rubens. Am neunten Tage kehrte, wie geſagt, in dem Augen⸗ blick, wo man es am wenigſten erwartete und bereits zu verzweifeln anfing, die Vernunft wie durch einen Zauber bei ihr zurück: ihre Thränen verſiegten, ihre Augen ſchau⸗ ten umher und heſteten ſich mit einem traurigen Lächeln auf ihre Frauen, welche ihr ſo eifrig beigeſtanden waren, und auf Pompée, der ſie ſo gut bewacht hatte; dann blieb ſie einige Stunden ſtumm und auf ihren Ellenbogen ge⸗ lehnt und verfolgte mit ſtarrem Blicke denſelben Gedanken, der immer lebendiger in ihrem wiedergeborenen Geiſte ſich erzeugte und ausbildete. Plötzlich ſagte ſie, ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihre Kräfte ihrem Entſchluſſe entſprächen: „Man kleide mich an.“ Die Frauen näherten ſich ihr erſtannt und wollten in Chrfurcht und Liebe Einſprache thun. Pompée machte drei Schritte im Zimmer und faltete die Hände, als wollte er ſie anflehen. Die Vicomteſſe wiederholte jedoch ſanft, aber mit fe⸗ ſtem Tone: „Ich habe bereits geſagt, man ſolle mich ankleiden; kleidet mich an.“ Die Frauen ſchickten, ſich an zu gehorchen. Pompée verbeugte ſich und ging rückwärts hinaus. Ach! die roſigen, vollen Wangen hatten der Bläſſe, der Magerkeit der Sterbenden ihre Stelle eingeräumt; ihre immer noch ſchöne und reizend geformte Hand hob ſich durchſichtig und elfenbeinartig mattweiß auf ihre Bruſt, welche die Weiße des Batiſts verdunkelte, in den ſie ge⸗ gehüllt war; unter der Haut liefen ihre bläulichrothen Adern hin... ein Symptom der Erſchöpfung in Folge von langen Leiden. Die Gewänder, welche ſie kurz zuvor ausgezogen hatte, ſielen, ſtatt wie früher ihren zierlichen Wuchs hervorzuheben, in langen und weiten Falten an ihr herab. Man kleidete ſie nach ihrem Begehren, aber die Toilette dauerte lange, denn ſie war ſo ſchwach, daß man dreimal eine Ohnmacht befürchtete; als ſie endlich ange⸗ kleidet war, näherte ſie ſich einem Fenſter. Doch plöͤtzlich zurückweichend, als ob der Anblick des Himmels und der Stadt ſie erſchreckt hätte, ſetzte ſie ſich an einen Tiſch, verlangte Tinte und Feder, und ſchrieb an die Prinzeſſin, um ſich die Gnade einer Audienz zu erbitten. Zehn Mi⸗ nuten nachdem dieſer Brief durch Pompée an die Frau Prinzeſſin abgeſchickt war, hörte man das Geräuſch eines Wagens, welcher vor dem Hotel hielt, und beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick wurde Frau von Tourville gemeldet. „Habt Ihr wirklich an die Frau Prinzeſſin geſchrie⸗ ben, um Euch eine Audienz von ihr zu erbitten?“ fragte Frau von Tourville die Vicomteſſe von Cambes. „Ja, Madame,“ antwortete Claire;„ſollte ſie mir dieſelbe verweigern 2⸗ 4 „Ohl im Gegentheil, liebes Kind; ich eile herbei, ſe, hre ich iſt, ge⸗ jen lge vor hen ihr die nan ge⸗ lich der ch, ſin, MNi⸗ rau nes em⸗ rie⸗ agte mir rbei, 225 um Euch in ihrem Auftrage zu ſagen, Ihr wiſſet wohl, daß Ihr keiner Audienz bedürfet und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht unangemeldet bei ihr eintreten fönnet.“ „Ich danke, Madame, und werde von der Erlaubniß Gebrauch machen.“ „Wie?“ rief Frau von Tourville.„Ihr wollt Euch in dem Zuſtand, in welchem Ihr Euch befindet, hinaus⸗ wagen?“ „Seid unbeſorgt, Madame,“ erwiederte die Vicom⸗ teſſe;„ich fühle mich vollkommen wohl.“ „Und Ihr kommt?...“ „In einem Augenblick.“ „Ich werde die Frau Prinzeſſin von Euerer Ankunft benachrichtigen.“ Und Frau von Tourville entfernte ſich, wie ſie ge⸗ kommen war, nachdem ſie der Vicomteſſe eine ceremoniöſe Verbeugung gemacht hatte. Die Kunde von dieſem uner⸗ warteten Beſuche brachte, wie man ſich leicht denken kann, eine große Wirkung an dem kleinen Hofe hervor; die Lage der Vicomteſſe hatte ebenſo allgemeine als lebhafte Theil⸗ nahme eingefloͤßt, denn es billigte entfernt nicht Jeder⸗ mann das Benehmen der Frau Prinzeſſin unter den jüng⸗ ſten Umſtänden. Die Neugierde ſteigerte ſich daher auf den höchſten Grad: Officiere, Ehrendamen, Höflinge füll⸗ ten das Cabinet von Frau von Condé, welche nicht an den zugeſagten Beſuch glauben wollte, denn noch am Tage vorher hatte man den Zuſtand von Claire als beinahe ver⸗ zweifelt geſchildert. Plötzlich meldete man die Frau Vicomteſſe von Cambes. Claire erſchien.„ Beim Anblick dieſes wachsbleichen, marmorartig kal⸗ ten, unbeweglichen Geſichtes, deſſen hohle, von einem dunkeln Kreiſe umgebene Augen nur noch einen Funken, Der Franenkrieg. II. 15 226 den letzten Refler der von ihr vergoſſenen Thränen, hatten, erhob ſich ein ſchmerzliches Gemurmel um die Prinzeſſin. Claire ſchien es nicht zu bemerken. Lenet kam ihr tief erſchüttert entgegen und reichte ihr die Hand. Aber ohne ihm die ihrige dagegen zu bieten, machte Claire eine Verbeugung voll erhabenen Anſtands und ging durch die ganze Länge des Saales mit feſtem Schritte, obgleich ſie ſo bleich war, daß man jeden Augenblick be⸗ fürchten mußte, ſie würde fallen. Sehr bewegt und ſelbſt ſehr bleich, ſah die Prinzeſſin Claire mit einem Gefühle vorſchreiten, das dem Schrecken glich, und ſie beſaß nicht die Kraft, dieſes Gefübl zu ver⸗ bergen, welches ſich unwillkührlich auf ihrem Antlitz aus⸗ rägte. „„Madame,“ ſprach die Vicomteſſe mit ernſtem Tone, „ich habe Euere Hoheit um die Gnade einer Audienz ge⸗ beten, um ſie im Angeſichte Aller zu fragen, ob ſie, ſeit⸗ dem ich ihr zu dienen die Ehre gehabt habe, mit meiner Treue und Ergebenheit zufrieden geweſen iſt.“ Die Prinzeſſin drückte ihr Taſchentuch an ihre Lippen und antwortete ſodann: „Allerdings, theuere Vicomteſſe, ich bin bei jeder Ge⸗ legenheit vollkommen mit Euch zufrieden geweſen und habe Euch meine Dankbarkeit mehr als einmal ausge⸗ drückt.“ „Dieſes Zeugniß iſt koſtbar für mich,“ erwiederte die Vicomteſſe,„denn es berechtigt mich, Euere Hoheit zu bitten, mir gnädigſt meinen Abſchied gewähren zu wollen.“ „Wie!“ rief die Prinzeſſin,„Ihr verlaßt mich, Claire?“ 4 Claire verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ſchwieg. Man ſah auf allen Geſichtern die Scham, die Reue und den Schmerz. Eine Todesſtille ſchwebte über der Verſammlung. — 4 227 „Aber warum verlaßt Ihr mich?“ fragte die Prinzeſſin. „Ich habe nur noch wenige Tage zu leben, Ma⸗ dame,“ antwortete die Vicomteſſe,„und dieſe wenigen Tage möͤchte ich gern zum Werke meines Heils an⸗ wenden.“ „Claire, liebe Claire,“ rief die Prinzeſſin,„bedenkt doch... „Madame,“ unterbrach ſie die Vicomteſſe,„ich wage es, mir zwei Gnaden von Euch zu erbitten; darf ich hoffen, daß Ihr ſie mir gewähren werdet?“ „Ahl ſprecht, ſprecht, denn ich bin glücklich, etwas für Euch thun zu können.“ „Ihr könnt es.“ „Dann nennt dieſe Gnaden.“ „Die erſte iſt die Bewilligung der ſeit dem Tode von Frau von Montivy erledigten Sainte⸗Radegonde⸗ Abtei.“ „Euch eine Abtei, liebes Kind! Ihr denkt nicht daran.“. „Die zweite, Madame,“ fuhr Claire mit einem leichten Zittern der Stimme fort,„die zweite beſteht darin, daß es mir erlaubt ſein möge, auf meinem Gute Cambes den Leib meines von den Einwohnern von Bordeaur er⸗ mordeten Bräutigams, des Herrn Baron Raoul von Ca⸗ nolles, beſtatten zu laſſen.“ Die Prinzeſſin wandte ſich, ihre kraftloſen Hände an ihr Herz preſſend, ab. Der Herzog von Larocheſoucault erbleichte und gerieth in ſichtbare Verwirrung. Lenet öſſ⸗ nete die Thüre des Saales und entfloh. „Euere Hoheit antwortet nicht?“ ſprach Claire: „ſchlägt ſie mir meine Biiten ab? ich habe vielleicht zu viel verlangt?“ Frau von Condé hatte nur noch Kraft genug, um mit dem Kopfe ein Zeichen der Einwilligung zu machen; dann ſiel ſie ohnmächtig in ihren Lehnſtuhl. 2 Claire wandte ſich wie eine Bildſäule um, man öff⸗ 228 nete ihr einen breiten Weg, ſie ſchritt kalt und aufrecht an allen den gebeugten Stirnen vorüber, und erſt nachdem ſie den Saal verlaſſen, bemerkte man, daß Niemand daran gedacht hatte, Frau von Condé Hülfe zu leiſten. Nach fünf Minuten rollte ein Wagen langſam durch den Hof: es war die Vicomteſſe, welche Bordeaux verließ. „Was beſchließt Euere Hoheit?“, fragte die Mar⸗ quiſe von Tourville Frau von Condé, als dieſe wieder zu ſich kam. „Man willfahre der Frau Vicomteſſe in Betreff der beiden von ihr ſo eben vorgebrachten Wünſche, und bitte ſie, uns zu verzeihen.“ ——