675 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seihß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnayme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für nöhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mrt.— Pf. T 9 ——— — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In die für ihn beſtimmte Wohnung zurückkehrend, fing er an raſch auf⸗ und abzugehen, wie es die Gewohn⸗ heit unentſchiedener Leute iſt, ohne Caſtorin zu bemer⸗ ken, der, ſeine Rückkehr erwartend, ſich bei ſeinem Ein⸗ tritte erhoben hatte und ihm nachfolgte, in ſeinen Hän⸗ den völlig ausgeſpannt einen Schlafrock haltend, hinter welchem er gleichſam verſchwand. Caſtorin ſtieß an ein Geräthe, Canolles wandte um. „Nun, ¹ ſagte er,„was machſt Du da mit dieſem Schlafrock 20 „Ich warte darauf, daß der gnädige Herr ſein Kleid ablegt.“ „Ich weiß nicht, wann ich es ausziehen werde. Lege dieſen Schlafrock auf einen Stuhl und warte.“ iel der gnädige Herr zieht ſich nicht aus?“ fragte Caſtorin, der, von Natur ein launenhafter Dis„ dieſen Abend noch mürriſcher war, als ge⸗ lich.„Der gnädige Herr gedenkt ſich nicht ſogleich wl fen zu legen?“ „Nein.“ „Und wann gedenkt der gnädige Herr ſich nieder⸗ zulegen?“ „Was kümmert es Dich?“ „Viel, inſofern ich ſehr müde bin.“ „Ahl in der That,“ ſprach Canolles ſtille ſtehend und Caſtorin in das Geſicht ſchauend,„Du biſt ſehr müde?“ Und der Edelmann las deutlich auf dem Geſichte ſeines Lackeien den frechen Ausdruck der Bedienten, welche vor Verlangen, ſich aus der Thüre werfen zu laſſen, beinahe ſterben. „Sehr müde!“ ſprach Caſtorin. Canolles zuckte die Achſeln. „Geh',“ ſagte er zu ihm,„halte Dich im Vorzim⸗ mer auf; wenn ich Deiner bedarf, werde ich läuten.“ „Ich ſage dem gnädigen Herrn zum Voraus, daß er, wenn er lange zögert, mich nicht mehr im Vorzim⸗ mer finden wird.“ „Und wo wirſt Du ſein, wenn ich fragen darf?“ „In meinem Bett; es ſcheint mir, wenn man zweihundert Stunden zurückgelegt hat, iſt es wohl Zeit, ſchlafen zu gehen.“ „Herr Caſtorin, Ihr ſeid ein Unverſchämter.“ „Findet der gnädige Herr, daß ein Unverſchämter nicht würdig iſt, in ſeinem Dienſte zu ſein, ſo hat der gnädige Herr nur ein Wort zu ſagen, und ich werde ihn von meinem Dienſte befreien,“ antwortete Caſto⸗ rin, ſeine majeſtätiſche Miene annehmend. „Canolles befand ſich nicht in einem Augenblickder Ge⸗ duld, und wäre Caſtorin im Stande geweſen, nur den Schatten des Sturmes vorherzuſehen, der ſich im In⸗ nern ſeines Herrn zuſammenballte, ſo würde er offen⸗ bar, ſo ſehr es ihn auch drängte, ſich frei eehen, auf einen andern Moment gewartet haben, ihm dieſen Vorſchlag zu machen. Canolles ging gerade auf ſeinen Bedienten zu, nahm einen von den Knöpfen ſeines Rockes zwiſchen den Daumen und den Zeige⸗ finger, eine Bewegung, welche bei einem größeren Manne, als der arme Canolles je geworden iſt, Ge⸗ wohnheit war, und ſprach: A D2— A& — — 1888 X „Wiederhole 14 „Ich wiederhole,“ antwortete Caſtorin mit derſel⸗ ben Ünklugheit,„daß ich den gnädigen Herrn, wenn er nicht mit mir zufrieden iſt, ſogleich von meinen Dienſten befreien werde.“ Canolles ließ Caſtorin los und nahm mit ernſter Miene ſeinen Stock. Caſtorin begriff, um was es ſich handelte. „Gnädiger Herr!“ rief er,„bedenkt wohl, was Ihr thun wollt. Ich bin nicht mehr ein einfacher Lackei. Ich bin im Dienſte der Frau Prinzeſſin.“ „Ah, ah!“ rief Canolles, den bereits erhobenen Stock wieder ſenkend,„ah! Du biſt im Dienſte der Frau Prinzeſſin?“ „Ja, Fwädiger Herr, ſeit einer Viertelſtunde,“ ſprach Caſtorin, ſich aufrichtend. zund wer hat Dich in ihren Dienſt aufgenom⸗ men?“ „Herr Pompée, ihr Intendant.“ 2Derr Pompéee!“- 3 „Ja.“ „Ei, warum ſagteſt Du mir das nicht ſogleich?“ rief Canolles.„Ja, ja, Du haſt Recht, wenn Du mei⸗ nen Dienſt verläſſeſt, mein lieber Caſtorin; und hier ſind zwei Piſtolen, um Dich für die Schläge zu ent⸗ ſchädigen, die ich Dir zu geben im Begriffe war.“ „Oh!“ ſprach Caſtorin, der es nicht wagte, das Geld zu nehmen,„was ſoll das bedeuten? Der gnädige Herr ſpottet meiner?“ „Nein.... werde im Gegentheil Lackei der Frau Prinzeſſin, mein Freund. Nur ſage mir: wann ſollte Dein Dienſt beginnen?“ „Von dem Augenblick an, wo der gnädige Herr mir die Freiheit gegeben haben würde.“ „Wohl, ich gebe Dir die Freiheit morgen früh.“ „Und von jetzt bis morgen früh?“ Der Frauenkrieg. II. 2 gehorchen.“ „Biſt Du immer noch mein Lackei und mußt mir „Gern! Und was befiehlt der gnädige Herr?“ fragte Caſtorin, inde ſtolen anzunehmen. m er ſich entſchloß, die zwei Pi⸗ „Ich befehle Dir, daß Du, da Du zu ſchlafen Luſt haſt, Dich aus legſt.“ nicht.“ kleideſt und Dich in mein Bett „Wie? was ſagt der gnädige Herr? ich begreife „Du haſt nicht nöthig, zu begreifen, ſondern zu ge⸗ horchen. Kleide Dich aus, ich will Dir helfen.“ „Wie? der gnädige Herr will mir helfen 2 „Allerdings, da Du die Rolle des Chevalier von Canolles ſpielen ſollſt, muß ich wohl die von Caſtorin ſpielen.“ Und ohne die Erlaubniß ſeines Lackeien abzuwar⸗ ten, nahm ihm der Baron ſeinen Rock ab, den er an⸗ zog, ſeinen Hut, den ehe jener von ſeinem Erſtaunen ſich erholt hatte, dop⸗ pelt ein und ging r er auf den Kopf ſetzte, ſchloß ihn, aſch die Treppe hinab. Canolles fing endlich an, klar in dieſem ganzen Geheimniß zu ſehen, noch für ihn in eine obgleich ein Theil der Ereigniſſe Wolke gehüllt blieb. Seit zwei Stunden kam es ihm vor, als wäre nichts von dem, was er geſehen, nichts von dem, was er gehört, voll⸗ kommen natürlich geweſen. Die Haltung jedes Ein⸗ zelnen in Chantilly war abgemeſſen; alle Perſonen, die er traf, ſchienen ihm eine Rolle zu ſpielen, und dennoch verſchmolzen die De welche dem von der tails in eine allgemeine Harmonie, Königin abgeſchickten Wächter an⸗ deutete, daß er, wenn er nicht durch eine große My⸗ ſtification bethört werden ſollte, ſeine Aufmerkſamkeit verdoppeln mußte. Die Verbindung von Pompée mit dem Vicomte von Cambes erhellte viele Zweifel. Was von dieſen bei Canolles noch übrig blieb, zerſtreute ſich vollends⸗ 11 als er, kaum in den Hof getreten, trotz der tiefen Fin⸗ ſterniß der Nacht vier Männer einherſchreiten und durch dieſelbe Thüre, durch die er hinausgegangen war, ein⸗ zutreten ſich anſchicken ſah; dieſen vier Männern ging derſelbe Kammerdiener voran, der ihn bei den Prinzeſ⸗ ſinnen eingeführt hatte. Ein anderer Mann folgte von hinten in ſeinen Mantel gehüllt. Auf der Thürſchwelle blieb die kleine Truppe, die nrjahit des Mannes im Mantel erwartend, ſtille ehen. „Ohr wißt, wo er wohnt,“ ſagte dieſer mit gebie⸗ teriſchem Tone, ſich an den Kammerdiener wendend; „Ihr kennt ihn, da Ihr ihn geführt habt. Ueberwacht ihn ſo, daß er nicht hinaus kann. Stellt Eure Leute auf der Treppe, im Gange, gleichviel, wo Ihr wollt, auf, wenn er nur, ohne etwas zu vermuthen, ſelbſt bewacht iſt, ſtatt Ihre Hoheiten zu bewachen.“ Canolles machte ſich unbemerkbarer als eine Vi⸗ ſion in einer Ecke, wohin die Nacht ihren dichteſten Schatten warf; von hier aus ſah er, ohne bemerkt zu werden, die vier Männer, die man ihm zu Wächtern gab, unter dem Gewölbe verſchwinden, während der Mann in dem Mantel, nachdem er ſich verſichert hatte, daß ſeine Befehle ausgeführt wurden, den Weg wie⸗ der einſchlug, auf welchem er gekommen war. „Das zeigt noch nichts Genaues an,“ ſagte Ca⸗ nolles, ihm mit den Augen folgend,„denn der Aerger kann ſie veranlaſſen, mir Gleiches mit Gleichem zu vergelten; wenn nur dieſer Teufel von einem Caſtorin nicht ruft, ſchreit, irgend eine Dummheit begeht!... Ich habe Unrecht gehabt, ihn nicht zu knebeln. Leider iſt es jetzt zu ſpät. Vorwärts, wir wollen unſere Runde beginnen.“ . Nachdem Canolles einen forſchenden Blick hatteumher laufen laſſen, durchſchritt er den Hof und gelangte zu dene ßlügel des Gebäudes, hinter welchem die Ställe 13 ſamſten Blick ab, der je in das Heiligthum einer Ver⸗ ſchwörung gedrungen iſt. Man vernehme, was er ſah.. Neben einer Frau, welche ſtand und die letzte Na⸗ del befeſtigte, die auf ihrem Kopfe einen Reiſe⸗ hut feſthalten ſollte, kleideten einige Dienſtmädchen ein Kind vollends in ein Jagdgewand: das Kind wandte Canolles den Rücken zu, und dieſer konnte nur ſein blondes Haar unterſcheiden. Aber die Dame, deren ganzes Geſicht von dem Glanze zweier ſechsarmiger Leuchter übergoſſen war, die auf jeder Seite der Toilette Bedienten, Karyatiden ähnlich, hielten, bot Canolles das genaue Original des Porträts, das er kurz zuvor in dem Halb chatten des Gemachs der Prinzeſſin erblickt hatte: es war das längliche Geſicht, den ſtrengen Mund, die Naſe mit der gebieteriſchen Biegung der Frau, deren lebendes Bild Canolles erkannte. Alles an ihr kündigte die Herr⸗ ſchaft an, ihre kühne Geberde, ihr funkelnder Blick, ihre ungeſtümen Kopfbewegungen. Alles kündigte bei den Anweſenden den Gehorſam an, ihee Verbeugungen, die Eilſertigkeit, mit der ſie den verlangten Gegenſtand brachten, die Raſchheit, mit welcher fie auf die Stimme jhrer Gebieterin antworteten oder ihren Blick be⸗ ragten. Mehrere Officianten des Hauſes, unter denen Ca⸗ nolles den Kammerdiener erkannte, packten in Fellei en, in Koffer und Mantelſäcke, die Einen Juwelen, die Andern Geld und wieder Andere das Arſenal der Frauen, Toilette genannt. Der kleine Prinz ſpielte und lief während dieſer Zeit unter den eiligen Bedien⸗ ten hin und her; aber unglücklicher Weiſe vermochte Canolles ſein Geſicht nicht zu ſehen. „Ich hatte es vermuthet,“ murmelte er;„man hintergeht mich: dieſe Leute treffen Vorkehrungen zur Abreiſe. Ja, aber mit einer Geberde kann ich dieſe Scene der Myſtification in eine Scene der Trauer u——6 G— 15 men von Oberofficieren anlegten; er ſah auch den würdigen Pompée, aufgeblaſen von Stolz, in einem orangefarbigen, mit Silber geſtickten Kleide, wie er ſich hochmüthig wiegte und wie Don Japhet von Arme⸗ nien auf den Griff eines ungeheuren Raufdegens drückte, während er hinter ſeiner Gebieterin ging, welche auf das Anmuthigſte ihr langes Atlaßgewand aufhob. Dann begann links durch eine entgegengeſetzte Thüre geräuſchlos das Gefolge der Prinzeſſin zu defiliren, welche Anfangs mit der Haltung, nicht einer Flüchtigen, ſondern einer Königin einherſchritt. Hierauf kam der Stallmeiſter Vialas, der in ſeinen Armen, in einen Mantel eingewickelt, den kleinen Herzog von Enghien hielt. Lenet trug ein ciſelirtes Kiſtchen und Papier⸗ ſtöße, und der Schloßhauptmann endigte den Zug, der durch zwei mit entblößten Degen einherſchreitende Die⸗ ner eröffnet wurde. Alle dieſe Menſchen entfernten ſich durch einen ge⸗ heimen Gang: ſogleich ſprang Canolles von ſeinem Obſervatorium herab und lief nach dem Gewölbe, deſ⸗ ſen Lichter mittlerweile ausgelöſcht worden waren. Da ſah er den ganzen Cortege nach den Ställen ziehen: man wollte abreiſen. In dieſem Augenblick ſtellte ſich der Gedanke an die Verpflichtungen, die ihm durch die Sendung der Königin auferlegt waren, wieder vor den Geiſt von Canolles. Die Frau, welche ſich entfernen wollte, war der völlig gepanzerte und bewaffnete Bürgerkrieg, der, wenn er ſie entſchlüpfen ließ, abermals das Einge⸗ weide Frankreichs zerfreſſen ſollte. Allerdings war es für ihn, den Mann, ſchmählich, ſich zum Spion und Wächter einer Frau zu machen; aber es war auch eine Frau, jene Longueville, weche das Feuer an vier Ecken von Paris gelegt hatte. Canolles lief nach der den Park beherrſchenden Terraſſe und näherte ſeinen Lippen das filberne Pfeifchen. Es wäre geſchehen geweſen um alle dieſe Vorbe⸗ 16 reitungen. Frau von Condèé wäre nicht aus Chantilly gekommen, oder wäre ſie auch hinausgekommen, ſo hätte ſie keine hundert Schritte gethan, ohne mit ihrem Ge⸗ leite von einer dreifachen Macht umzingelt zu ſein; ſo erfullte Canolles ſeine Sendung, ohne die geringſte Gefahr zu laufen; ſo zerſtörte er mit einem Schlage das Glück und die Zukunft des Hauſes Condé, und mit demſelben Schlage gründete er auf den Trümmern ſein Glück und ſeine Zukunft, wie dies einſt die Vitry und die Luynes und kürzlich erſt die Guitaut und die Mioſſens unter Umſtänden gethan hatten, welche für das Heil des Königreiches vielleicht noch minder wich⸗ tig waren. Aber Canolles ſchlug die Augen nach dem Gemache auf, wo unter Vorhängen von rothem Sammet ſanft und ſchwermüthig der Schimmer der Nachtlampe ſicht⸗ bar war, welche bei der falſchen Prinzeſſin brannte, veren: geliebten Schatten er unbeſtimmt zu erblicken glaubte. Alle Entſchlüſſe der Ueberlegung, alle Berechnungen der Selbſtſucht verſchwanden bei dieſem ſanften Licht⸗ ſtrahle, wie bei dem erſten Schimmer des Tages alle Träume und alle Geſpenſter der Nacht verſchwinden. „Mazarin,“ ſagte er zu ſich ſelbſt mit einem lei⸗ denſchaftlichen Erguſſe,„Mazarin iſt reich genug, um alle dieſe Prinzen und Piinzeſfinen zu verlieren, die ihm entkommen; aber ich bin nicht reich genug, um den Schatz zu verlieren, der von nun an mir gehört, und den ich, eiferſüchtig wie ein Drache, bewachen werde. Jetzt iſt ſie allein, in meiner Macht, von mir abhängig; zu jeder Stunde des Tags und der Nacht kann ich in ihr Gemach eintreten; ſie wird nicht fliehen, ohne es mir zu ſagen, denn ich habe ihr heiliges Wort erhalten. Was liegt mir daran, daß die Königin hin⸗ tergangen iſt und daß Mazarin wüthend wird? Man hat mich beauftragt, die Frau Prinzeſſin von Condé zu bewachen; ich bewache ſie. Man hätte mir nur ihr —2—2ͤ— 06 8A Odn 17 Signalement geben oder einen geſchickteren Spion als ich bin gegen ſie ausſchicken ſollen.“ Canolles ſteckte ſein Pfeiſchen wieder in die Taſche und hörte, wie die Riegel klirrten, wie der entfernte Donner der Carroſſen über die Brücken des Parkes rollte und das abnehmende Geräuſch eines Reiterzuges ſich nach und nach verlor; als Alles, Viſion und Lär⸗ men, verſchwunden war, ſchlich er, ohne zu bedenken, daß er ſein Leben gegen die Liebe einer Frau, das heißt gegen den Schatten des Glückes eingeſetzt hatte, in den zweiten öden Hof und ſtieg vorſichtig ſeine Treppe hinauf, welche wie das Gewölbe in die tiefſte Dunkel⸗ heit verſenkt war. Aber wie behutſam er auch zu Werke ging, er konnte es nicht verhindern, daß er, als er in den Gang kam, an eine Perſon ſtieß, welche an ſeiner Thüre zu lauſchen ſchien und einen dumpfen Schrei des Schre⸗ ckens ausſtieß. „Wer ſeid Ihr? wer ſeid Ihr?“ fragte die Per⸗ ſon mit ängſtlichem Tone. „Ei, wer ſeid Ihr, der Ihr wie ein Spion an dieſer Treppe umherſchleicht?“ entgegnete Canolles. „Ich bin Pompée.“ „Der Intendant der Frau Prinzeſſin?“ „Ja! jal der Intendant der Frau Prinzeſfin.“ „Ah! das kommt vortrefflich!“ ſprach Canolles, „ich bin Caſtorin.“ „Caſtorin, der Diener von Herrn Baron von Canolles?“ „Er ſelbſt.“ „Ahl mein lieber Caſtorin, ich wette, daß ich Euch große Angſt eingejagt habe.“ „Mir 2 „ a, verdammtl wenn man nicht Soldat geweſen iſt. Kann ich etwas für Euch thun?“ fuhr Pompee, ſeine wicht e Miene wieder annehmend, fort. „Ja.“ 18 Redet.“ 7/. „Ihr könnt ſogleich der Frau Prinzeſſin melden, daß ſie mein Herr zu ſprechen wünſche.“ „Um dieſe Stunde?“ „Allerdings.“ „Unmöglich!“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Sie wird alſo meinen Herrn nicht empfangen?“ „Nein!“ „Befehl des Königs, Herr Pompée; ſagt Ihr dies.“ „Befehl des Königs!“ rief Pompée,„ich gehe.“ Und Pompée entfernte ſich in aller Eile, ange⸗ trieben zugleich durch die Achtung und die Furcht, dieſe zwei Hebel, welche ſogar eine Schildkröte laufen zu machen im Stande find. Canolles ſetzte ſeinen Weg fort, kehrte in ſeine Wohnung zurück, fand Meiſter Caſtorin, welcher wie ein Bürgermeiſter in einem großen Lehnſtuhle ausge⸗ ſtreckt ſchnarchte, zog ſeine Officierskleider wieder an und eeibarleie das Ereigniß, das ſich für ihn vorbe⸗ reitete. „Meiner Treue!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn ich auch die Angelegenheiten von Herrn von Mazarin nicht ſehr gut betreibe, ſo ſcheint es mir doch, ich be⸗ ſorge die meinigen nicht zu ſchlecht.“ Canolles erwartete vergebens die Rückkehr von Pompee; als er aber nach Verlauf von zehn Minuten ſah, daß er ſelbſt nicht und auch Niemand ſtatt ſeiner kam, beſchloß er, ganz allein zu erſcheinen. Er weckte daher Caſtorin, deſſen Galle der Schlaf einer Stunde beſchwichtigt hatte, ſchärfte ihm mit ei⸗ nem Tone, der keinen Widerſpruch zuließ, ein, ſich für Alles, was da kommen dürfte, bereit zu halten, und ſchlug den Weg nach den Gemächern der Prin⸗ zeſſin ein.. An der Thüre fand der Baron einen Bedienten 1 28—2— 19 in ſehr übler Laune, weil ihn die Klingel im Augen⸗ blick rief, wo ſein Dienſt zu Ende war, und wo er, wie Meiſter Caſtorin, nach einem anſtrengenden Tag einen erquickenden Schlaf beginnen zu können glaubte. „Was wollt Ihr?“ ſragte der Diener, als er Canolles gewahrte. „Ich wünſche der Frau Prinzeſſin von Condé meine Ehrfurcht zu bezeigen.“ „Zu dieſer Stunde, mein Herr?“ „Wie, zu dieſer Stunde?“ „Ja, mir ſcheint, es iſt ſehr ſpät.“ „Was ſagt Ihr da, Burſche?“ „Doch, mein Herr!“ ſtammelte der Bediente. „Ich wünſche nicht mehr, ich will,“ ſprach Canol⸗ les mit ſtolzem Tone. „Ihr wollt. Nur die Frau Prinzeſſin hat hier zu gebieten.“ „Der König gebietet überall.. Befehl des Königs!“ Der Lackei bebte und ſenkte den Kopf. „Um Vergebung,“ ſagte er zitternd,„aber ich bin nur ein armer Diener; ich kann es alſo nicht auf mich nehmen, Euch die Thüre der Frau Prinzeſſin zu öffnen; erlaubt mir, daß ich einen Kammerherrn wecke.“ „Haben die Kammerherrn im Schloſſe Chantilly die Gewohnheit, ſich um eilf Uhr ſchlafen zu legen?“ „Man hat den ganzen Tag gejagt,“ ſtammelte der Lackei. „Das iſt richtig,“ murmelte Canolles;„ſie breu⸗ chen Zeit, um irgend Jemand als Kammerherrn zu kleiden.“ Dann fügte er laut bei: „Es iſt gut: thut es. Ich werde warten.“ „Der Lackei lief ſpornſtreichs weg, um im Schloſſe Lärm zu ſchlagen, wo Pompeée, erſchrocken über ſein ſchlimmes Zuſammentreffen, bereits unſägliche Angſt verbreitet hatte. 20 Canolles horchte und öffnete die Augen, als er allein war. Er hörte nun in den Gängen und Zimmern um⸗ herlaufen; er ſah bei dem Schimmer erlöſchender Lich⸗ ter mit Musketen bewaffnete Lente in den Winkeln der Treppen ſich aufſtellen; er beobachtele, daß überall ein bedrohliches Gemurmel an die Stelle der ſtummen Furcht trat, welche einen Augenblick vorher im ganzen Schloſſe geherrſcht hatte. Canolles legte die Hand an ſeine Pfeife und näh⸗ erte ſich einem Fenſter, durch deſſen Scheiben er wie eine wolkige Maſſe die Gipfel der großen Bäume her⸗ vortreten ſah, an deren Fuß er die zweihundert Mann, die er mitgebracht, ſich hatte in Hinterhalt legen laſſen. „Nein,“ ſagte er,„das würde uns geradezu zur Schlacht führen, und dabei fände ich nicht meine Rech⸗ nung. Ich will lieber warten. Das Schlimmſte, was mir hiebei widerfahren kann, iſt, daß ich ermordet werde, während ich, wenn ich eile, ſie verlieren kann.“ Eanolles hatte kaum dieſe Betrachtung für ſich an⸗ geſtellt, als er eine Thüre ſich öffnen und eine neue Pecſon erſcheinen ſah. „Die Frau Prinzeſſin iſt nicht ſichtbar,“ ſprach dieſe Perſon haſtig,„ſie liegt im Beite und hat ver⸗ boten, irgend Jemand, wer es auch ſein möchte, zu ihr zu laſſen.“. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Canolles, dieſe ſeltſame Perſon vom Kopf bis zum Fuße meſſend,„und wer hat Euch zu der Frechheit veranlaßt, mit einem Edel⸗ mann den Hut auf dem Kopf zu ſprechen?“ Und mit dem Ende ſeines Stockes ließ Canolles den Hut des Unbekannten ſpringen. „Mein Herr!“ rief dieſer, ſtolz einen Schritt zu⸗ rücktretend. „Ich habe Euch gefragt, wer Ihr wäret,“ wie⸗ derholte Canolles. 3 „Ich bin,“ antwortete jener,„wie Ihr an mei⸗ 21 ner Uniform ſehen könnt, der Kapitän der Garden Jh⸗ rer Hoheit.“ Canolles lächelte. Er hatte wirklich Zeit gehabt, mit dem Blicke den zu taxiren, welcher mit ihm ſprach, und er erkannte, daß er irgend einem Aufwärter mit einem Bauch ſo dick wie ſeine Flaſchen, irgend einem blühenden Vatel gegenüberſtand, der in einen Officiersrock eingezwängt war, welchen man aus Mangel an Zeit oder wegen zu großen Bauches nicht gehörig hatte zuhäkeln können. „Gut, mein Herr Kapitän der Garden,“ ſprach Canolles,„hebt Euren Hut auf und antwortet.“ Der Kapitän führte den erſten Theil der Auffor⸗ derung von Canolles als ein Menſch aus, der die ſchönen Maximen der militäriſchen Disciplin:„Wer com⸗ mandiren will, muß zu gehorchen verſtehen,“ ſtudirt hat. „Kapitän der Garden,“ verſetzte Canolles,„Teu⸗ fel! das iſt ein ſchöner Poſten.“ „Allerdings, mein Herr, ziemlich ſchön; doch was weiter?“ ſprach der Menſch, ſich in die Bruſt werfend. „Blaſt Euch nicht ſo ſehr auf, mein Herr Kapi⸗ tän,“ ſagte Canolles,„oder Ihr werdet Eure letzte Neſtel zerbrechen, und Eure Hoſe wird Euch auf die Ferſen fallen, was nicht ſehr anmuthig ausſtieht.“ „Aber, mein Herr, wer ſeid Ihr?“ fragte der vorgebliche Kapitän. „Mein Herr, ich werde das Beiſpiel der Höflich⸗ keit, das Ihr mir gegeben habt, nachahmen und Eure Frage beantworten, wie Ihr die meinige beantwortet habt. Ich bin Kapitän in Navaille und komme im Namen des Königs als Botſchafter mit einem fried⸗ lichen oder einem gewaltthätigen Charakter bekleidet, und werde den einen oder den andern von dieſen Charaktern annehmen, je nachdem man den Befehlen Seiner Maje⸗ ſtät gehorchen oder nicht gehorchen wird.“ „Gewaltthätig!“ rief der falſche Kapitän,„ein gewaltthätiger Chargkter?..“ „Sehr gewaltthätig, das ſage ich Euch zum Voraus.“ „Selbſt bei Ihrer Hoheit?“ „Warum nicht? Ihre Hoheit iſt nur die erſte Un⸗ terthanin Seiner Majeſtät.“ „Mein Herr, verſucht nicht Gewalt. Ich habe fünfzig bewaffnete Leute, bereit die Ehre Ihrer Hoheit zu rächen.“ Canolles wollte ihm nicht ſagen: dieſe fünfzig be⸗ waffneten Leute wären eben ſo viele Lackeien und Kü⸗ chenjungen, würdig unter einem ſolchen Führer zu die⸗ nen; und was die Ehre der Prinzeſſin beträfe, ſo wäre dieſe gegenwärtig auf der Straße nach Bordeaux. Er antwortete nur mit jener Kaltblütigkeit, welche mehr einſchüchert, als eine Drohung, und dem muthigen, an Gefahren gewöhnten Menſchen eigenthümlich iſt: „Habt Ihr fünfzig bewaffnete Leute, mein Herr Kapitän, ſo habe ich zweihundert Soldaten, welche die Vorhut eines königlichen Heeres bilden. Gedenkt Ihr Euch in offenen Aufruhr gegen Seine Majeſtät zu ſetzen?“ „Nein, mein Herr, nein,“ antwortete raſch und, wie es ſchien, ſehr herabgeſtimmt der dicke Mann. „Gott behüte mich; aber ich bitte Euch, mir zu be⸗ zeugen, daß ich nur der Gewalt weiche.“ „Das iſt das Geringſte, was ich Euch als einem Amtsgenoſſen ſchuldig bin.“ „Wohl, ich werde Euch alſo zu der Frau Prin⸗ zeſſin Wittwe führen, welche noch nicht eingeſchlafen iſt.) Es bedurfte für Canolles keiner Ueberlegung, um die furchtbare Gefahr zu würdigen, welche für ihn in dieſer Falle lag; aber er entzog ſich raſch derſelben mit Hülfe ſeiner Allmacht. „Ich habe keinen Befehl, die Frau Prinzeſſin Wittwe zu beſuchen, wohl aber Ihre Hoheit die junge Frau Prinzeſ ſin.“ Der Kapitän der Garden ſenkte abermals ſeinen Kopf, verlieh ſeinen dicken Beinen eine rückſchreitende Bewegung, ſchleppte ſeinen langen Degen auf dem Bo⸗ 4 5 A 4* O R NR R =28* 23 den und ſchritt majeſtätiſch über die Thürſchwelle zwi⸗ ſchen zwei Schildwachen durch, welche während dieſer Scene zitterten und bei der Verkündigung der Ankunft von zweihundert Mann ihren Poſten beinahe verlaſſen hätten, ſo wenig waren ſie geneigt, Märtyrer der Wrene in einem Winkel des Schloſſes Chantilly zu werden. Nach zehn Minuten kehrte der Kapitän, gefolgt von zwei Wachen, unter unzähligen Bücklingen zurück, um Canolles abzuholen und zu der Prinzeſſin zu gelei⸗ ten, in deren Gemach derſelbe eingeführt wurde, ohne eine neue Zögerung erleiden zu müſſen. Canolles erkannte das Zimmer, die verſchiedenen Geräthſchaften und ſogar den ſüßen Geruch, der ihn berauſcht hatte. Aber vergebens ſuchte er zwei Dinge: das Porträt der wahren Prinzeſſin, durch welches er, als er es bei ſeinem erſten Beſuche geſehen, das erſte Licht über die Liſt erhalten hactte, durch welche man ihn bethören wollte, und das Geſicht der falſchen Prin⸗ zeſſin, für die er ein ſo großes Opfer brachte. Das Porträt hatte man weggenommen, und in Folge einer etwas verſpäteten Vorſichtsmaßregel war das Geſicht der im Bette liegenden Perſon mit einer völlig hoch⸗ geborenen Ungezogenheit dem Bettgange zugewendet. Zwei Frauen ſtanden in dieſem Bettgange. Canolles wäre gern über dieſen Mangel an Rück⸗ ſicht weggegangen; aber da er befürchtete, eine neue Stellvertretung geſtatte der Frau von Cambes zu fliehen, wie die Prinzeſſin geflohen war, ſo ſträubten ſich ſeine Haare vor Schrecken auf ſeinem Haupte, und er wollte ſich ſogleich der Identität der Perſon verſichern, welche das Bett einnahm, wobei er die Gewalt zu Hülfe rief, die ihm ſeine Sendung verlieh. „Madame,“ ſprach er mit einer tiefen Verbeugung, nich bitte Eure Hoheit um Verzeihung, daß ich mich ſo vor ſie ſtelle, beſonders nachdem ich mein Wort ge⸗ geben habe, ich würde ihre Befehle erwarten; aber 24 ich habe ſo eben ein gewaltiges Geräuſch in dem Schloſſe gehört.“— Die in dem Bette liegende Perſon bebte, antwor⸗ tete aber nicht. Canolles forſchte nach irgend einem Zeichen, an welchem er zu eckennen vermöchte, ob er wirklich diejenige, welche er ſuchte, vor Augen hätte. Aber inmitten der Wogen von Spitzen und in der ſchwellenden, weichen Umgebung von Eiderdunen und Vorhängen war es ihm unmöglich, etwas Anderes zu erkennen, als die Form einer liegenden Perſon. „Und,“ fuhr Canolles fort,„und ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, mich zu verſichern, ob dieſes Bett wirk⸗ lich immer noch dieſelbe Perſon enthält, mit der ich eine halbe Stunde zu ſprechen die Ehre gehabt habe.“ Diesmal war es nicht mehr ein einfaches Beben, ſondern eine wahre Bewegung des Schreckens. Dieſe Bewegung entging Canolles nicht und er erſchrack ſelbſt darüber. 8 „Wenn ſie mich getäuſcht hat,“ dachte er,„wenn ſie, trotz ihres feierlichen Wortes, geflohen iſt, ſo ver⸗ laſſe ich das Schloß, ich ſteige zu Pferde, ich ſetze mich an die Spitze meiner zweihundert Mann und hole meine Flüchtlinge ein, und ſollte ich Feuer an dreißig Dörfer legen, um meinen Weg zu beleuchten.“ Canolles wartete einen Augenblick, aber die lie⸗ gende Perſon antwortete nicht und drehte ſich auch nicht um.— 5 „Madame,“ ſprach Canolles endlich mit einer Un⸗ geduld, die er zu verbergen nicht mehr den Muth be⸗ ſaß,„ich bitte Euere Hoheit, ſich zu erinnern, daß ich der Geſandte des Königs bin und daß ich im Namen des Königs die Ehre verlange, ihr Geſicht zu ſehen.“ „Ohl das iſt eine unerträgliche Inquifition!“ ſagte nun eine zitternde Stimme, deren Klang den jungen Officier vor Freude beben machte, denn er er⸗ kannte eine Stimme, welche Niemand nachzuahmen im Stande war.„Iſt es, wie Ihr ſagt, mein Herr⸗ 25 der König, der Euch nöthigt, ſo zu verfahren, ſo kann dies nur der Fall ſein, weil der König als ein Kind noch nichts von den Pflichten eines Edelmannes weiß; eine Frau zwingen, ihr Geſicht zu zeigen, heißt ihr dieſelbe Beleidigung anthun, als ob man ihr die Maske abreißen würde.“ „Madame, es gibt ein Wort, vor dem ſich die Menſchen beugen, wenn es von Königen kommt, und — Könige, wenn es vom Schickſal kommt: es muß ein.“ „Wohl, da es ſein muß,“ ſprach die junge Frau, „da ich allein und ohne Schutz gegen den Befehl des Königs und die Forderungen ſeines Boten bin, ſo ge⸗ horche ich, mein Herr: ſchaut mich an.“ ienach entfernte eine ungeſtüme Bewegung den Wall von Kopfkiſſen, Decken und Spitzen, welcher die ſchöne Belagerte verbarg, und in der improviſirten Breſche erſchien, mehr roth durch die Scham als durch die Entrüſtung, der blonde Kopf, den die Stimme vor⸗ her ſchon verrathen hatte. Mit dem raſchen Blicke ei⸗ nes Mannes, der daran gewöhnt iſt, ſich von, wenn nicht ähnlichen, doch wenigſtens gleich bedeutenden La⸗ gen Rechenſchaft zu geben, verſicherte ſch Canolles, daß es nicht der Zorn war, der dieſe durch ſammetene Wimpern verſchleierten Augen niedergeſchlagen hielt und die Hand zittern machte, welche an den ſchnee⸗ weißen Hals die Wogen eines flüchtigen Haares und den Batiſt duftender Tücher preßte. Die falſche Prinzeſſin blieb einen Augenblick in dieſer Lage, der ſie gern etwas Drohendes verliehen hätte, wäͤhrend Canolles ſie, die Wohlgerüche einſchlür⸗ fend und mit beiden Händen die Schläge ſeines vor Freude ſpringenden Herzens zurückdrängend, anſchaute. „Nun amein Herr,“ ſagte nach einigen Sekunden die ſchöne Verfolgte,„iſt die Demüthigung groß ge⸗ nug? Habt Ihr mich nach Muße betrachtet? Ja, nicht Der Frauenkrieg. II. 3 26 wahr? Euer Triumph iſt vollſtändig! Wohl, ſo ſeid ein edelmüthiger Sieger und entfernt Euch.“ „Ich würde dies gerne thun, Madame, aber ich muß meinen Inſtructionen vollſtändig Genüge leiſten. Ich habe bis jetzt nur den Theil meiner Sendung er⸗ füllt, welcher Euere Hoheit betrifft; doch iſt es nicht hinreichend, Euch geſehen zu haben, ich muß nun auch den Herzog von Enghien ſehen.“ Auf dieſe Worte, ausgeſprochen mit dem Tone eines Mannes, der das Recht hat zu befehlen und Gehorſam heiſcht, folgte ein furchtbares Stillſchweigen. Die falſche Prinzeſſin erhob ſich, ſtützte ſich auf eine Hand und heftete auf Canolles einen von den ſeltſamen Blicken, die nur ihr anzugehören ſchienen, ſo viele Dinge enthielten ſie zumal. Dieſer wollte ſagen:„Habt Ihr mich erkannt, wißt Ihr, wer ich in der That bin? Wenn Ihr es wißt, ſo verſchont mich, verzeiht mir, Ihr ſeid der Stärkere, habt Mitleid mit mir!“ Canolles begriff Alles, was dieſer Blick ſprach, aber er ſtahlte ſich gegen feine verführeriſche Beredſam⸗ keit und antwortete darauf mit der Stimme: „Unmöglich, Madame, der Befehl iſt genau.“ „Es geſchehe alſo in Allem, wie Ihr es wünſcht mein Herr, da Ihr weder für meine Lage, noch für Sohne zu führen, nicht Eueren Sohn zu Euch führen? entgegnete Canolles;„das wäre meiner Anſicht na⸗ viel deſſer.“ „Und warum, mein Herr?“ fragte die falſche Prinzeſſin, offenbar unruhiger über dieſe neue Forde rung, als ſie es über irgend eine andere geweſen war „Weil ich mittlerweile Euerer Hoheit einen Pun meiner Sendung mittheilen werde, der nur ihr ahen eröffnet werden kann.“ 4 „Mir allein?“ 1e 27 „Euch allein,“ antwortete Canolles mit einer Ver⸗ beugung tiefer als jede, welche er bis dahin gemacht hatte. Der Blick der Prinzeſſin, welcher ſtufenweiſe von der Würde zur Bitte, von der Bitte zur Unruhe überge⸗ gangen war, heftete ſich dießmal auf Canolles mit der Starrheit des Schreckens. „Was liegt in dieſem Alleinſein mit mir, das Euch ſo ſehr zu ängſtigen vermag, Madame?“ ſprach Ca⸗ nolles.„Seid Ihr nicht Prinzeſſin und bin ich nicht Edelmann?“ „Ja, Ihr habt Recht, mein Herr, und ich habe Unrecht, daß ich fürchte. Ja, obgleich es das erſte Mal „ daß mir das Vergnügen zu Theil wird, Euch zu ſehen, ſo iſt doch das Gerücht von Euerer Artigkeit und Rechtſchaffenheit bis zu mir gedrungen. Geht, meine Damen, holt den Herrn Herzog von Enghien und kommt mit ihm zurück.“ Die zwei Frauen verließen den Bettgang, ſchritten nach der Thüre, wandten ſich noch einmal um, um zu ſehen, ob der Befehl ernſtlich gemeint wäre, und entfernten ſich auf ein Zeichen ihrer Gebieterin oder wenigſtens derjenigen, welche ihren Platz einnahm, aus dem Zimmer. Canolles folgte ihnen mit dem Blicke, bis ſie die Thüre zugemacht hatten. Dann wandte er ſeine von Pende funkelnden Augen auf die falſche Prinzeſſin zurück. „Sprecht,“ ſagte dieſe ſich aufſetzend und ihre Hände kreuzend,„ſprecht, Herr von Canolles, warum verfolgt Ihr mich auf eine ſolche Weiſe?“ Und bei dieſen Worten ſchaute ſie den jungen Officier an, nicht mit dem hochmüthigen Prinzeſſinnen⸗ Blick, den ſie verſucht hatte, und der ihr nicht gelun⸗ gen war, ſondern im Gegentheil mit einem ſo rühren⸗ den und bezeichnenden Ausdruck, daß alle die reizenden Einzelnheiten ihres erſten Zuſammentreffens, alle die berauſchenden Epiſoden ihrer Reiſe, alle die Erinne⸗ rungen dieſer entſtehenden Liebe in Maſſe wie balſa⸗ miſche Düfte das Herz des Barons umhüllend auf⸗ tauchten. „Madame,“ ſagte er, einen Schritt gegen das Bett machend,„ich verfolge die Frau Prinzeſſin von Condé und nicht Euch, die Ihr nicht die Frau Prin⸗ zeſſin ſeid.“ 3 Diejenige, an welche dieſe Worte gerichtet waren, ſtieß einen kurzen Schrei aus, wurde ſehr bleich und drückte eine von ihren Händen an ihr Herz. „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr, und für wen haltet Ihr mich 2“ erwiederte ſie.* „Ahl was das betrifft... ich wäre ſehr verlegen, müßte ich es Euch erklären; denn ich würde beinahe ſchwören, daß Ihr der reizendſte Vicomte ſeid, ſeid Ihr nicht etwa die anbetungswürdigſte Vicomteſſe.“ „Mein Herr“ ſprach die falſche Prinzeſſin, welche auf Canolles, indem ſie ihn an ſeine Würde erinnerte, Eindruck zu machen hoffte,„ich begreife von Allem, was Ihr mir ſagt, nur Eines: daß Ihr Euch gegen die Achtung verfehlt, daß Ihr mich beleidigt.“ „Madame,“ ſprach Canolles,„man verfehlt ſich nicht gegen die Achtung vor Gott, weil man ihn an⸗ betet, man beleidigt die Engel nicht, weil man ſich vor ihnen auf die Kniee wirft.“ Und bei dieſen Worten bückte ſich Canolles, als wollte er niederknieen. „Mein Herr,“ ſagte raſch die Vicomteſſe, Canol⸗ les zurückhaltend,„die Prinzeſſin von Condé kann nicht dulden..“ „Madame, die Prinzeſſin von Condèé reitet in die⸗ ſem Augenblick auf einem guten Pferde, Seite an Seite mit Herrn Vialas ihrem Stallmeiſter und Herrn Lenet ihrem Rathe, mit ihren Edelleuten, ihren Kapitänen, mit ihren Haustruppen endlich, auf der Straße nach Bordeaur und hat nichts mit dem zu 29 ſchaffen, was in dieſer Minute zwiſchen dem Ba⸗ ron von Canolles und dem Vicomte oder der Vicom⸗ teſſe von Cambes vorgeht.“ „Was ſprecht Ihr denn da, mein Herr? Seid Ihr verrückt?“ „Nein, Madame, ich ſage nur, was ich geſehen habe, ich erzähle nur, was ich gehört habe.“ „Wenn Ihr geſehen, wenn Ihr gehört habt, was Ihr ſagt, ſo muß Eure Sendung zu Ende ſein.“ „Ihr glaubt, Madame? Ich ſoll alſo nach Paris zurückkehren und der Königin geſtehen, daß ich, um einer Frau nicht zu mißfallen, die ich liebte(ich nenne Niemand, Madame, waffnet alſo Eure Augen nicht mit Zorn), ihre Befehle verletzt, die Flucht ihrer Fein⸗ din geſtattet, das, was ich geſehen, unbeachtet gelaſ⸗ ſen, die Sache meines Königs verrathen habe?⸗ Die Vicomteſſe ſchien bewegt und ſchaute den Ba⸗ ron mit beinahe zärtlichem Mitleid an. „Habt Ihr nicht die allerbeſte Entſchuldigung,“ ſagte ſie,„die Unmöglichkeit? Konntet Ihr allein die ſtarke Escorte der Frau Prinzeſſin feſtnehmen? Hatte man Euch den Befehl gegeben, allein fünfzig Edelleute zu bekämpfen?“ „Ich war nicht allein, Madame,“ ſprach Canolles den Kopf ſchüttelnd;„ich hatte und habe noch dort in dem Gehölze, fünfhundert Schritte von uns, zweihun⸗ dert Soldaten, die ich mit einem einzigen Tone dieſer Pfeife verſammeln und zu mir rufen kann; es wäre mir alſo leicht geweſen, die Frau Prinzeſſin feſtzuneh⸗ men; denn dieſe hätte im Gegentheil nicht Widerſtand leiſten können. Und dann, wäre mein Geleite auch ſchwächer geweſen als das ihrige, indeß daſſelbe viermal ſtärker iſt, ſo hätte ich immerhin kämpfen, immerhin kämpfend mich tödten laſſen können; es wäre mir dies ſo leicht geweſen,“ fügte der junge Mann mit einer tiefen Verbeugung bei,„als es mir ſüß ſein würde, dieſe Hand zu küſſen, wenn ich es wagte.“ 30 Dieſe Hand, auf welche der Baron glühende Blicke heftete, dieſe feine, fleiſchige, weiße Hand war in der That aus dem Bette gefallen und zitterte bei jedem Worte des jungen Mannes. Die Vicomteſſe, ſelbſt ge⸗ blendet durch die Electricität der Liebe, deren Wirkun⸗ gen ſie in dem kleinen Wirthshauſe von Jaulnay em⸗ pfunden hatte, erinnerte ſich nicht, daß ſie dieſe kleine Hand, welche Canolles einen ſo glücklichen Verglei⸗ chungspunkt geliefert hatte, zurückziehen ſollte; ſie ver⸗ gaß es alſo, und der junge Officier ſank auf ein Knie und drückte ſeinen Mund mit wollüſtiger Schüchternheit auf die Hand, welche bei der Berührung ſeiner Lippen i zurünri als ob ſie ein glühendes Eiſen gebrannt ätte. „Ich danke, Herr von Canolles,“ ſprach die junge Frau,„ich danke aus dem Grunde meines Herzens für das, was Ihr für mich gethan habt; glaubt, daß ich es nie vergeſſen werde. Aber verdoppelt den Werth des Dienſtes, den Ihr mir leiſtet, dadurch, daß Ihr meine Lage in Betracht zieht und Euch entfernt. Müſ⸗ ſen wir uns nicht verlaſſen, da Euere Aufgabe voll⸗ bracht iſt?“ Dieſes uns mit einem ſo zarten Tone ausgeſpro⸗ chen, daß darin gleichſam ein Anklang von Bedauern zu liegen ſchien, machte beinahe ſchmerzhaft die ge⸗ heimſten Faſern des Herzens von Canolles vibriren. Das Gefühl des Schmerzes findet ſich faſt immer im Grunde großer Freuden. „Ich werde gehorchen,“ ſprach der Baron.„Nur bemerke ich Euch, nicht um ungehorſam zu ſein, ſon⸗ dern um Euch vielleicht einen Gewiſſensbiß zu erſparen, daß ich, Euch gehorchend, verloren bin. In dem Au⸗ genblick, wo ich meinen Fehler geſtehe und nicht mehr das Anſehen habe, als wäre ich der Bethörte Euerer Liſt, werde ich das Opfer meiner Gefälligkeit. Man erklärt mich zum Verräther, man kerkert mich ein... 31 erſchießt mich vielleicht und das iſt ganz einfach; denn ich habe verrathen.“ Claire fließ einen Schrei aus und ergriff ſelbſt die Hand von Canolles, welche ſie mit einer reizenden Verwirrung ſogleich wieder fallen ließ. „Was wollen wir denn thun?“ fragte ſie. Das Herz des jungen Mannes dehnte ſich aus, dieſes ſelige wir wurde entſchieden das Lieblingswort von Frau von Cambes. „Euch zu Grunde richten, Euch, der Ihr ſo edel⸗ müthig ſeid!“ fuhr ſie fort,„Ich, Euch in das Ver⸗ derben ſtürzen... ohl nie. Um welchen Preis kann ich Euch retten? ſprecht, ſprecht.“ „Ihr müßtet mir erlauben, Madame, meine Rolle bis zum Ende zu ſpielen. Ich ſollte, wie ich ſagte, als Euer Thor erſcheinen, und Herrn von Mazarin von dem, was ich ſehe, und nicht von dem, was ich weiß, Meldung machen.“ „Ja, aber wenn man wüßte, daß Ihr Alles dies für mich thut, wenn man erführe, daß wir uns bereits begegnet haben, daß Ihr mich bereits geſehen habt, wäre ich ebenfalls verloren; bedenkt das!“ „Madame,“ ſprach Canolles mit vortrefflich ge⸗ ſpielter Schwermuth,„bei Euerer kalten Miene, bei Euerer Würde, welche in meiner Gegenwart zu be⸗ haupten Euch ſo wenig koſtet, glaube ich nicht, daß Ihr Euch ein Geheimniß entſchlüpfen laſſen würdet, welches überdies, in Euerem Herzen wenigſtens, nicht beſteht.“. Claire ſchwieg, aber ein flüchtiger Blick und ein un⸗ merkliches Lächeln, welches unwillkürlich die Lippen der ſchönen Gefangenen umſpielte, antworteten Canolles auf eine Weiſe, die ihn zum glücklichſten Sterblichen machte. „Ich werde alſo bleiben?“ ſagte er mit unaus⸗ ſprechlicher Freude. „Da es ſein muß!“ erwiederte die Vicomteſſe. „Dann ſchreibe ich Herrn von Mazarin.“ „Ja, geht.“ „Wie dies?“ „Ich ſage, Ihr ſollt gehen und ſchreiben.“ „Nein, ich muß ihm von hier, von Euerem Zim⸗ mer aus ſchreiben, ich muß meinen Brief vom Fuße Eueres Bettes datiren.“ „Aber das iſt nicht ſchicklich.“ „Hier ſind meine Inſtructionen, Madame, leſet ſie ſelbſt.“ f tEnolles reichte der Vicomteſſe ein Papier, und e las: „Der Herr Baron von Canolles wird die Frau Prinzeſſin von Condé und den Herrn Herzog von Eng⸗ hien, ihren Sohn, nie aus den Augen laſſen.“ „Nie aus den Augen,“ ſprach Canolles. „Nie aus den Augen, ſo iſt es.“ Claire begriff nun den Vortheil, den ein Verlieb⸗ ter wie Canolles aus ſolchen Inſtructionen ziehen konnte, aber ſie begriff auch, welchen Dienſt ſie der Prinzeſſin leiſtete, indem ſie in Beziehung auf ihre Perſon den Irrthum des Hofes verlängerte. „Schreibt alſo,“ ſagte ſie als eine in das Un⸗ vermeidliche ſich fügende Frau. Canolles fragte mit dem Blicke und ſie zeigte ihm ebenfalls mit dem Blick ein Neceſſaire, welches Alles enthielt, was man zum Schreiben braucht; der junge Mann öffnete dasſelbe, nahm Papier, Feder und ein Dintenfaß daraus, legte Alles auf einen Tiſch, zog dieſen Tiſch ſo nahe als möglich zu dem Bett, bat, als ob Claire die kranke Prinzeſſin wäre, um Erlaub⸗ niß ſich zu ſetzen, was ihm bewilligt wurde, und ſchrieb an Herrn von Mazarin folgende Meldung: „Monſeigneur, 4 „Ich bin im Schloſſe Chantilly um neun Uhr Abends angekommen, Ihr erſeht hieraus meine Eile, denn ich habe die Ehre gehabt, um halb ſieben Uhr von Euerer Eminenz Abſchied zu nehmen. 33 „Ich fand die zwei Prinzeſſinnen im Bette, die Frau Wittwe ſehr krank, die Frau Prinzeſſin ermüdet von einer Jagd, die ſie am Tage gemacht hatte. „Nach den Inſtructionen Euerer Eminenz habe ich mich zu Ihren Hoheiten verfügt, welche in demſelben Augenblick alle ihre Gäfte verabſchiedeten, und ich be⸗ wache zu dieſer Stunde die Frau Prinzeſſin und ihren Sohn unter meinen Augen.“— .„Und ihren Sohn,“ wiederholte Canolles, ſich ge⸗ gen die Vicomteſſe umwendend.„Teufell ich glaube, ich lüge, und doch möchte ich nicht gern lügen.“ „Beruhigt Euch,“ verſetzte Claire lachend,„wenn Ihr meinen Sohn nicht geſehen habt, ſo werdet Ihr ihn ſehen.“ „Und ihren Sohn unter meinen Augen,“ fuhr Ca⸗ nolles lachend fort. Dann den Brief wieder aufnehmend, wo er ab⸗ gebrochen hatte: „Jch habe die Ehre aus dem Zimmer der Frau Prinzeffin und an ihrem Kopfkiſſen ſitzend dieſen Brief Euerer Eminenz zu ſchreiben.“ Er unterzeichnete und zog, nachdem er Claire ehr⸗ furchtsvoll um Erlaubniß gebeten hatte, an einer Klin⸗ gelſchnur: ein Kammerdiener erſchien. „Ruft meinen Lackei,“ ſprach Canolles,„un benachrichtigt mich, wenn er im Vorzimmer iſt.“ Fünf Minuten nachher meldele man dem Baron, Caſtorin wäre an ſeinem Poften. „„Nimm,“ ſagte Canolles zu ihm,„bringe dieſes Billet dem Officter, der meine zweihundert Mann commandirt, ſage ihm, er ſolle es durch einen eigenen Boten nach Paris ſchicken.“ „Aber Herr Baron“ entgegnete Caſtorin, dem die Vollziehung eines ſolchen Auftrags mitten in der Nacht äußerſt unangenehm vorkam,„ich glaube Euch Pſagt zu haben, daß ich von Herrn Pompee in den Dienſt der Frau Prinzeſſin aufgenommen worden bin.“ 34 „Ich ertheile Dir auch dieſen Befehl im Namen der Frau Prinzeſſin. Will Euere Hoheit,“ fügte Ca⸗ nolles ſich umwendend bei,„vielleicht die Gnade ha⸗ ben, meine Worte zu beſtätigen? Sie weiß, wie wich⸗ tig es iſt, daß dieſer Brief ſogleich überbracht wird.“ „Geht,“ ſprach die falſche Prinzeſſin mit einem Caſtorin verbeugte ſich bis auf die Erde und trat ab. „Nun,“ ſagte Claire, indem ſie ihre beiden Hände gefalten und flehend gegen Canolles ausſtreckte,„nun entfernt Ihr Euch, nicht wahr?“ „Verzeiht... Euer Sohn, Madame 2 „Das iſt richtig,“ erwiederte Claire lächelnd, Frau von Cambes hatte kaum dieſe Worte ge⸗ ſprochen, als man wirklich nach der Sitte jener Zeit an ihrer Thüre kratzte. Der Kardinal von Richelieu hatte, ohne Zweifel in ſeiner Liebe für die Katzen, dieſe Weiſe ſich anzumelden in die Mode gebracht. Während der langen Periode ſeiner Macht und ſeines welcher auf dieſe Succeſſion wohl ein Recht hatte, und wäre es nur mit dem Titel eines natürlichen Er⸗ ben geweſen, endlich an der von Herrn von Mazarin. Man konnte alſo auch wohl an der der Frau Prinzeſſin ratzen. „Man kommt,“ ſprach Frau von Cambes. „Gut, ich nehme meinen officiellen Charakter wie⸗ der an.“ Und Canolles ſchob den Tiſch bei Seite, zog den Stuhl zurück, griff nach ſeinem Hute und ſtellte ehrfurchtsvoll vier Schritte von dem Bett der Prin⸗ zeſſin auf. *„ Herein,“ rief die Vicomteſſe. 35— Sogleich trat das ceremoniöſeſte Gefolge, das man ſehen konnte, in das Gemach. Es waren die Frauen, die Officianten, die Kam⸗ merherrn, der ganze gewöhnliche Dienſt der Prinzeſſin. „Madame,“ ſprach der erſte Kammerdiener,„man hat den Herrn Herzog von Enghien geweckt; er kann alſo nun den Geſandten Seiner Majeſtät empfangen.“ Ein Blick von Canolles gegen Frau von Cambes ſagte dieſer ſo deutlich, als es die Stimme hätte thun können: „Waren wir dahin übereingekommen?“ Dieſer Blick, der alle Bitten eines gemarterten Herzens in ſich trug, wurde vortrefflich begriffen, und ohne Zweifel aus Dankbarkeit für Alles das, was Ca⸗ nolles gethan hatte, vielleicht auch ein wenig, um jene Bosheit zu üben, welche ewig in der Tiefe ſelbſt der beſten weiblichen Herzen verborgen iſt, ſagte ſie: „Bringt den Herrn Herzog von Enghien hieher. Pafer Herr wird meinen Sohn in meiner Gegenwart ehen.“ Man gehorchte ſchleunigſt, und einen Augenblick nachher wurde der junge Prinz in das Zimmer gebracht. In den geringſten Einzelnheiten die letzten Vor⸗ kehrungen zu der Abreiſe der Frau Prinzeſſin verfol⸗ gend, hatte der Baron erwähnter Maßen den jungen Prinzen ſpielen und umherlaufen ſehen, ohne jedoch ſein Geſicht betrachten zu können. Canolles hatte nur ſeinen Anzug, ein einfaches Jagdgewand, wahrgenom⸗ men. Er dachte alſo, man hätte demſelben nicht ihm zu Ehren das glänzende Coſtume angelegt, in welchem er vor ſeinen Augen erſchien. Der Gedanke, den er bereits gehabt, der Prinz wäre mit ſeiner Mutter ab⸗ gereist, wurde daher beinahe zur Gewißheit in ihm. Er betrachtete eine Zeit lang ſtillſchweigend den Erben des erhabenen Hauſes Condé, und ohne in irgend einer Beziehung die Achtung zu vermindern, welche in ſeiner 36 ganzen Perſon ausgedrückt war, umſchwebte ein un⸗ merkliches Lächeln der Ironie ſeine Lippen. , bin zu glücklich,“ ſagte er ſich verbeugend, „daß mir die Ehre zu Theil wird, Seiner Hoheit dem Herzog von Enghien meine Huldigung darbringen zu dürfen.“— Frau von Cambes, auf welche das Kind ſeine Au⸗ gen geheftet hielt, machte dieſem ein Zeichen mit dem Kopfe, damit es grüße, und da es ihr vorkam, als ob Canolles allen Einzelnheiten dieſer Scene mit allzu⸗ liſtiger Miene folgte, ſo ſagte ſie mit einer boshaften Berechnung, welche Canolles beben machte, denn or errieth bereits an der Bewegung der Lippen der Vi⸗ comteſſe, daß er das Opfer eines wriblichen Verrathes werden ſollte:. „Mein Sohn, der Officier, der vor Euch ſieht, iſt Herr von Canolles, von Seiner Majeſtät abgeſandt; reicht Herrn von Canolles Eure Hand zum Kuſſe.“ Gehörig abgerichtet von Lenet, der, wie er es der Frau Prinzeſſin verſprach, ſich mit ſeiner Erziehung beſchäftigt hatte, ſtreckte Pierrot eine Hand aus, die er in eine adelige Hand zu verwandeln nicht mehr im Stande geweſen war, und Canolles ſah ſich genöthigt, unter dem halb erfſtickten Gelächter der Anweſenden einen Kuß auf dieſe Hand zu drücken, welche ſelbſt ein minder Erfahrener in dergleichen Dingen als nicht der Ariſtokratie angehörend leicht erkannt haben würde. „Ah, Frau von Cambes;“ flüſterte Canolles,„Ihr werdet mir dieſen Kuß bezahlen.“ Und er verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor Pierrot, um ihm für die Ehre, die er ihm erwieſen, zu danken. Er begriff, daß es ihm nach dieſer Probe, der letzten des Programms, unmöglich war, länger in dem Zimmer einer Frau zu bleiben, und ſprach, ſich nach dem Bette umwendend: 4. „Madame, mein Auftrag für dieſen Abend iſt er⸗ 37 füllt, und ich habe Euch nur noch um Erlaubniß zu bitten, mich entfernen zu dürfen.“ „Geht, mein Herr,“ ſprach Claire,„Ihr ſeht, daß wir ruhig hier ſind, und könnt alſo ebenfalls ru⸗ hig ſchlafen.“ 4 „Ich wage es noch, eine hohe Gunſt von Euch zu erbitten, Madame.“ „Welche?“ fragte Frau von Cambes unruhig; denn ſie erkannte an dem Stimmtone des Barons, daß er ſich eine Genugthuung zu nehmen beabſichtigte. „Die, mir dieſelbe Gnade zu bewilligen, welche mir der Prinz Euer Sohn gewährt hat.“ Diesmal war die Vicomteſſe gefangen. Es gab kein Mittel, einem Officier des Königs die ceremonielle Gunſt zu verweigern, die er auf dieſe Art im Ange⸗ ſichte Aller forderte. Frau von Cambes ſtreckte daher ihre zitternde Hand gegen Canolles aus. Dieſer ſchritt auf das Bett zu, als wäre er gegen den Thron einer Königin gegangen, faßte mit der Spitze ſeiner Finger die Hand, die man ihm reichte, ſetzte ein Knie auf die Erde und drückte auf dieſe feine, weiße, zitternde Haut einen langen Kuß, den Jedermann der Ehrfurcht zuſchrieb, während er für die Vicomteſſe allein ein glühendes Preſſen der Liebe war. „Ihr habt mir verſprochen, Ihr habt mir ſogar geſchworen, das Schloß nicht zu verlaſſen, ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen,“ ſprach Canolles auf⸗ ſtehend mit halber Stimme.„Ich rechne auf Euer Verſprechen und auf Euern Schwur.“ „Rechnet darauf, mein Herr,“ ſagte Frau von Cambes und fiel einer Ohnmacht nahe auf ihr Kopf⸗ kiſſen zurück. 6 Canolles, den der Ausdruck der Stimme zitt gemacht hatte, ſuchte in den Augen der ſchönen C fangenen die Beſtätigung der Hoffnung, di ihm Ton verlieh; aber die Augen der Vicomteſſe hermetiſch geſchloſſen. 8 Canolles dachte, die geſchloſſenen Kiſten enthalten die koſtbarſten Schätze, und zog ſich das Paradies im Herzen zurü Es läßt ſich nicht ſagen, wie dieſe Nacht für un⸗ 1 ſern Baron vorüberging, wie ſein Wachen und ſein Schlaf nur einen langen Traum bildeten, während 4 deſſen in ſeinem Geiſte alle Einzelnheiten des chimäri⸗ ſchen Abenteuers hin und herzogen, welche den koſtbar⸗ ſten Schatz in ſeinen Beſitz brachten, den je ein Gei⸗ ziger unter den Flügeln ſeines Herzens hätte ausbrü⸗ ten können; es laſſen ſich die Pläne nicht anführen, 1 um die Verrücktheit iſt eine ermüdende ür jeden andern Geiſt, als für den des s war ſpät eingeſchlafen, wenn man über⸗ eberhafte Delirium, welches auf ſein Wa⸗ Schlaf nennen darf, und dennoch beleuch⸗ bereits erwacht,.. ein Licht, zu ſtark, um das einer Nacht⸗ lampe zu. ſein, röthete die hermetiſch geſchloſſenen Da⸗ maſtvorhänge. Canolles blieb ſtille ſtehen bei die⸗ ſem Anblick, der ohne Zweifel ſogleich in ſeinem Geiſte eine große An ahl unfinniger Conjecturen rege machte, und verbarg ch, ſeinen Spaziergang unterbrechend, hinter einer Bildſäule, wo er allein mit ſeiner Chi⸗ 99„ märe den ewigen Dialog verliebter Herzen begann, welche den geliebten Gegenſtand in allen poetiſchen Ausſtrömungen der Natur finden. Der Baron war ſeit ungefähr einer halben Stunde auf ſeinem Obſervatorium und betrachtete mit unaus⸗ ſprechlichem Glück dieſe Vorhänge, vor denen jeder An⸗ dere als er gleichgültig vorübergegangen wäre, als er ein Fenſter der Gallerie ſich öffnen und eben dieſes Fenſter beinahe in demſelben Augenblick das ehrliche Geſicht von Meiſter Pompée umrahmen ſah. Alles, was auf die Vicomteſſe Bezug hatte, flößte Canolles ein mächtiges Intereſſe ein; er wandte daher ſeinen Blick von dieſen ſo anziehenden Vorhängen ab und glaubte zu bemerken, daß Pompée eine Correſpondenz durch Zeichen mit ihm einzuleiten trachtete. Anfangs zweifelte Canolles, ob dieſe Zeichen an ihn gerichtet wären, und ſchaute rings um ſich her; aber Pompée, der den Zweifel des Barons wahrnahm, begleitete dieſe Zeichen mit einem anrufenden Pfeifen, das wohl von Seiten eines Stallmeiſters dem Botſchafter Seiner Majeſtät des Königs von Frankreich ziemlich unſchicklich vorgekommen wäre, hätte dasſelbe nicht zur Entſchul⸗ digung einen weißen Punkt gehabt, der unmerklich ge⸗ weſen wäre für jedes andere Auge, als für das eines Verliebten, welcher ſogleich in dieſem Punkte ein zu⸗ ſammengerolltes Papier erkannte. „Ein Billet!“ dachte Canolles,„ſie ſchreibt mir, was bedeutet das?“. Und er näherte ſich ganz zitternd, obgleich ſeine erſte Bewegung große Freude war; aber es liegt in den großen Freuden der Verliebten ein Theil von Furcht, der vielleicht den größten Reiz derſelben bildet: von ſeinem Glücke überzeugt ſein, heißt bereits nicht mehr glücklich ſein. Je näher Canolles kam, deſto mehr wagte es Pompee, ſein Papier zu zeigen; endlich ſtreckte Pompée ſeinen Arm und Canolles ſeinen Hut aus. Dieſe zwei Männer verſtanden ſich alſo vortrefflich, wie man ſieht. Der erſte ließ das Billet fallen und der zweite fing es geſchickt auf. Dann verbarg ſich dieſer unter einer Hecke, um es auem leſen zu können, und Pompée, der ohne Zweifel einen Schnupfen befürchtete, machte er zu. Aber man liest nicht ſo das erſte Billet der Frau, die man liebt, beſonders wenn dieſes unerwartete Bil⸗ let keinen andern Grund hat, uns zu beunruhigen, als weil es einen Angriff auf unſer Glück enthalten gangen war? Dieſes Billet konnte alſo nur eine un⸗ angenehme Nachricht enthalten. Canolles war ſo ſehr hievon überzeugt, daß er das Papier nicht einmal ſeinen Lippen näherte, wie as: „Mein Herr, länger in der Lage verharren, in der wir uns befinden, iſt etwas rein Unwögliches. Ich hoffe, Ihr werdet in dieſer Hinſicht denken, wie ich. Ihr müſſet darunter leiden, daß Ihr in den Augen al⸗ ler Leute des Hauſes für einen läſtigen Aufſeher gel⸗ tet; anderſeits, wenn ich Euch beſſer empfange, als die Frau Prinzeſſin an meiner Stelle thun würde, muß doppelte Komödie, deren Entwickelung der ſichere Ver⸗ Canolles trocknete ſich die Stirne ab, ſeine Ah⸗ nungen hatten ihn nicht getäuſcht. Mit dem Tage, dem großen Jäger von Phantomen, verſchwanden alle ich befürchten, man werde errathen, wir ſpielen eine dies bei den Liebenden unter ſolchen Umſtänden ge⸗ 41 ſeine goldenen Träume; er ſchüttelte den Kopf, ſtieß einen Seufzer aus und fuhr fort: „Stellt Euch, als entdecktet Ihr die Liſt, der wir uns bedient haben; es gibt, um zu dieſer Entdeckung zu gelangen, ein ganz einfaches Mittel, das ich Euch ſelbſt an die Hand geben werde, wenn Ihr Euch mei⸗ ner Bitte zu fügen mir verſprechen wollt. Ihr ſeht, ich verberge Euch nicht, wie ſehr ich von Euch abhänge. Fügt Ihr Euch in meine Bitte, ſo laſſe ich Euch mein Porträt zukommen, worauf unter dem Bilde ſelbſt mein Name und mein Wappen angebracht ſind. Ihr ſagt, Ihr habet dieſes Porträt bei einer Eurer nächt⸗ lichen Runden gefunden und durch daſſelbe erkannt, daß ich nicht die Frau Prinzeffin ſei. RBrauche ich Euch zu bemerken, daß ich Euch als ein Andenken der Dankbarkeit, welche ich im Herzen be⸗ wahren werde, wenn Ihr noch dieſen Morgen abreist, bevollmächtige, dieſes Miniaturbild zu behalten, vor⸗ ausgeſetzt, Ihr leget irgend einen Werth darauf? „Verlaßt uns alſo, wenn es möglich iſt, ohne mich wieder zu ſehen, und Ihr werdet meine ganze Dank⸗ barkeit mit Euch nehmen, während ich meiner Seits zuer Andenken als das von einem der edelſten, recht⸗ ſchaffenſten Männer, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, bewahren will.“ Canolles las das Billet zum zweiten Male und blieb wie verſteinert. Welche Gunſt ein Abſchiedsbrief enthält, in welchen Honig man eine Weigerung oder ein Lebewohl einhüllt, Abſchied, Weigerung und Lebe⸗ wohl ſind darum nicht minder eine grauſame Täuſchung für das Herz. Es war allerdings etwas Süßes um dieſes Porträt; aber die Urſache, aus der es angebo⸗ ten wurde, benahm ihm einen großen Theil ſeines Werthes. Wozu überdies das Porträt, wenn das Ori⸗ ginal da iſt, wenn man es unter den Händen hat und nur nicht freizugeben braucht? Ja, aber Canolles, der nicht vor dem Zorne der . Der Frauenkrieg. I. 4 Königin und von Mazarin zurückgewichen war, zitterte vor einem Stirnefalten von Frau von Cambes. Aber wie hatte ihn dieſe Frau hintergangen, zu⸗ erſt auf der Straße, dann in Chantilly, indem ſie den Platz der Frau Prinzeſſin einnahm, und endlich dadurch, daß ſie ihm am Abend eine Hoffnung gab, die ſie ihm am Morgen wieder benahm! Doch von allen dieſen Täuſchungen war die letzte die grauſamſte. Auf der Straße kannte ſie ihn noch nicht und entledigte ſich eines läſtigen Gefährten, das war das Ganze. Den Platz von Frau von Condé einnehmend, gehorchte ſie nur einem höhern Befehle, ſpielte ſie nur eine ihr von ihrer Fürſtin vorgeſchriebene Rolle; ſie konnte nicht anders handeln. Aber diesmal, da ſie ihn kannte, nachdem ſie ſeine Ergebenheit gewürdigt, nachdem ſie zweimal dieſes uns ausgeſprochen, das in der Tiefe des Herzens des jungen Mannes vibrirt hatte, zum Ausgangspunkte zurückkehren, ihre Güte, ihre Dank⸗ barkeit verleugnen, einen ſolchen Brief ſchreiben: das war in den Augen von Canolles mehr als Grauſam⸗ keit, es war beinahe Verhöhnung. Er gerieth in den heftigſten, ſchmerzlichſten Zorn, ohne zu bemerken, daß hinter den Vorhängen, wo alles Licht erloſchen war, als ob es der Tag unnöthig gemacht hätte, eine Zuſchauerin, gut verborgen durch den Damaſt, die Pantomime ſeiner Verzweiflung be⸗ trachtete und ſich vielleicht daran ergötzte. „Ja, ja,“ dachte er, ſeine Gedanken mit Geber⸗ den begleitend, welche mit dem Gefühl in Einklang ſtanden, das ihn beſchäftigte,„ja, das iſt ein förm⸗ licher Abſchied, ein großes Ereigniß bekränzt mit ei⸗ ner gewöhnlichen Entwickelung, eine poetiſche Hoffnung in eine rohe Täuſchung verwandelt, Aber ich werde die Lächerlichkeit, die man mir bereiten will, nicht ſo hinnehmen. Ich ziehe ihren Haß der angeblichen Dank⸗ barkeit vor, die ſie mir verſpricht. Ah„ ja, ich ſoll nur ihrem Verſprechen trauen 1... Es wäre gerade ſo 1 7 43 gut, wenn man der Beſtändigkeit des Windes oder der Ruhe des Meeres trauen würde. Ah! Madame, Ma⸗ dame!“ fügte Canolles, ſich gegen das Fenſter wen⸗ dend bei,„Ihr azeht mir zweimal; aber ich ſchwöre, ich finde eine ähnliche Gelegenheit, und Ihr werdet mir nicht zum dritten Male entgehen.“ Hienach ging Canolles in ſeine Wohnung zurück, in der Abſicht, ſich anzukleiden und ſich, ſollte er Ge⸗ walt gebrauchen müſſen, zu der Vicomteſſe zu begeben. Als er aber den Fuß in ſein Zimmer ſetzte und die Augen auf ſeine Pendeluhr warf, bemerkte er, daß es kaum ſieben Uhr war. Es war noch Niemand im Schloſſe aufgeſtanden. Canolles warf ſich in einen Lehnſtuhl, ſchloß die Augen, um ſeine Gedanken zu erfriſchen und, wenn es möglich wäre, die Phantome zu verjagen, welche um ihn her tanzten, und öffnete ſie nur wieder, um von fünf zu fünf Minuten ſeine Uhr zu befragen. Es ſchlug acht Uhr. Das Schloß begann wach zu werden und füllte ſich allmählig mit Geräuſch und Bewegung. Canolles wartete noch eine halbe Stunde mit unſäglicher Pein. Endlich konnte er nicht mehr länger an ſich halten, ging hinab, erblickte Pompée, der umgeben von Lackeien, denen er ſeine Feld üge in der Picardie unter dem verſtorbenen König erzählte, mit ſtolzer Miene die Luft in dem großen Hofe ein⸗ ſchlürfte, und ſprach: „Ihr ſeid der Intendant Ihrer Hoheit?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Pompée erſtaunt. „Sabt die Güte Ihrer Hoheit zu melden, daß ich nie Ehre zu haben wünſche, ihr meine Achtung zu be⸗ eigen. „Aber, mein Herr, Ihre Hoheit...“ „Iſt aufgeſtanden.“ „Doch“ „Geht.“ „Ich glaubte, die Abreiſe des Herrn Baron..“ 2 44 „Meine Abreiſe hängt von der Unterredung ab, die ich mit Ihrer Hoheit haben werde.“ „Ich ſage dies, weil ich keinen Befehl von meiner Gebieterin habe.“ „Und ich ſage dies, weil ich einen Befehl vom König habe.“ Bei dieſen Worten ſchlug Canolles majeſtätiſch an die Taſche ſeines Rockes, eine Geberde, die er als die befriedigendſte von allen wählte, die er ſeit dem Tage vorher hatte anwenden können. Aber während unſer Botſchafter dieſen Staats⸗ ſtreich machte, fühlte er, wie ihn ſein Muth verließ. Seit dem vorhergehenden Abend hatte ſich ſeine Wich⸗ tigkeit in der That bedeutend vermindert: die Frau Peinzeſſin war bereits zwölf Stunden abgereist und ohne Zweifel die ganze Nacht marſchirt; ſie mußte alſo zwanzig bis fünfundzwanzig Lieues von Chantilly ent⸗ fernt ſein. Wie ſehr Canolles auch ſeine Leute eilen laſſen würde, es war nun keine Möglichkeit mehr, ſie einzuholen, und holte er ſie auch ein, wer bürgte ihm dafür, daß die Escorte der Flüchtigen, welche bei ih⸗ rem Aufbruch etwa hundert Edelleute bei ſich gehabt hatte, nicht bereits auf drei bis vierhundert Partei⸗ gänger angewachſen war? Es blieb Canolles immer noch übrig, ſich tödten zu laſſen, wie er am Abend vorher geſagt hatte; aber hatte er auch das Recht, die Leute, die ihn begleiteten, mit ſich tödten und ſie ſo die blutige Strafe für ſeine verliebten Launen ausſte⸗ hen zu laſſen? Frau von Cambes, hatte ſie ſich am Tage vorher über ihre Gefühle in Beziehung auf ſeine Perſon getäuſcht, war ihre Unruhe nur eine Komödie geweſen, Frau von Cambes konnte ſeiner öffentlich ſpotten; dann Verhöhnung von Seiten der Lackeien, Verhöhnung von den im Walde verborgenen Soldaten, Ungnade von Mazarin, Zorn der Königin und, mehr als Alles, der Untergang ſeiner entſtehenden Liebe; denn * 45 nie hat eine Frau denjenigen geliebt, welchen ſie einen einzigen Augenblick lächerlich zu machen beabſichtigte. Während er dieſe Gedanken in ſeinem Innern hin und her drehte, kam Pompée zurück, um ihm zu ſagen, die Prinzeſſin erwarte ihn. Diesmal war jedes Ceremoniel verbannt, die Vi⸗ comteſſe erwartete ihn ganz angekleidet und ſiehend in einem kleinen Salon. Spuren von Schlaflofigkeit, die man vergebens zu verwiſchen geſucht hatte, waren auf ihrem reizenden Antlitz ſichtbar; ein leichter, blauer Kreis um ihre Augen beſonders deutete an, daß ſich dieſe kaum oder gar nicht geſchloſſen hatten. „Ihr ſeht, mein Herr,“ ſagte ſie, ohne ihm Zeit zu laſſen, zuerſt zu ſprechen,„ich füge mich Euerem Wunſche, doch, ich geſtehe es, in der Hoffnung, daß dieſe Zuſammenkunft die letzte ſein werde und daß Ihr Euch ebenfalls dem meinigen füget.“ „Verzeiht, Madame, aber nach unſerer Unterre⸗ dung geſtern Abend hoffte ich auf weniger Strenge in Eueren Forderungen, und ich zählte darauf, im Austauſch für das, was ich für Euch, für Euch allein gethan habe, denn ich kenne Frau von Condé nicht, verſteht mich wohl? würdet Ihr die Gnade haben, mich län⸗ ger in Chantilly zu dulden.“ „ Ja, mein Herr, ich geſtehe, die von meiner Lage unzertrennliche Unruhe... die Größe des Opfers, das Ihr mir brachtet, das Intereſſe der Frau Prinzeſſin, für welche ich Zeit gewinnen ſollte, vermochten meinem Munde einige Worte zu entreißen, welche nicht im Ein⸗ klang mit meinem Innern ſtanden; aber während die⸗ ſer Nacht habe ich nachgedacht: ein längerer Aufent⸗ halt von Euch oder von mir in dieſem Schloſſe wird unmöglich.“ „Unmöglich, Madame! rief Canolles.„Ihr ver⸗ geßt, daß Alles für den möglich iſt, welcher im Na⸗ men des Königs ſpricht?“ „Herr von Canolles, ich hoffe, daß Ihr vor Al⸗ 46 lem Edelmann ſeid und die Lage nicht mißbrauchen werdet, in welche mich meine Ergebenheit für die Prin⸗ zeſſin verſetzt hat.“ „Madame, vor Allem bin ich verrückt; mein Gott! Ihr habt es wohl geſehen, denn nur ein Verrückter konnte thun, was ich gethan habe. Uebt alſo Mitleid mit meiner Verrücktheit, Madame, ſchickt mich nicht ſort, ich flehe Euch an!“ „Dann werde ich den Platz verlaſſen, mein Herr. Ich werde Euch, wider Euern Willen, zu Euern Pflich⸗ ten zurückbringen. Wir wollen ſehen, ob Ihr mich mit Gewalt zurückhaltet, ob Ihr uns Beide dem Lärmen eines Scandals preisgebt. Nein, nein, mein Herr!“ fuhr die Vicomteſſe mit einem Tone fort, den Canol⸗ les zum erſten Male wahrnahm,„nein, Ihr werdet bedenken, daß Ihr nicht ewig in Chantilly bleiben könnt; Ihr werdet bedenken, daß man Euch anderswo erwartet.“ Dieſes Wort, welches wie ein Blitz in den Augen von Canolles glänzte, erinnerte ihn an die Scene im Wirthshauſe von Biscarros, an die Entdeckung, welche Frau von Cambes von der Liebſchaft des jungen Man⸗ nes mit Nanon gemacht hatte, und Alles war ihm klar. Ihre Schlafloſigkeit war nicht durch die Angſt vor der Gegenwart, ſondern durch die Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit veranlaßt worden. Der Entſchluß am Mor⸗ gen, Canolles zu meiden, war nicht das Reſultat der Ueberlegung, ſondern der Ausdruck der Eiferſucht. Es trat nun zwiſchen den einander gegenüberſte⸗ henden Perſonen ein kurzes Stillſchweigen ein; jedes horchte auf das Wort ſeines eigenen Geiſtes, der in ſeiner Bruſt mit den Schlägen ſeines Herzens ſprach. „Eiferſüchtig!“ ſagte Canolles zu ſich ſelbſt,„ei⸗ ferſüchtig! Ohl! nun begreife ich Alles. Ja, ja! ſie will ſich verſichern, daß ich ſie hinreichend liebe, um ihr jede andere Liebe zu opfern! Es iſt eine Probe!“ Frau von Cambes aber ſprach zu ſich ſelbſt: h. 47 „Ich bin für Herrn von Canolles eine Zerſtreuung des Geiſtes; er hat mich auf ſeinem Wege in dem Au⸗ genblick getroffen, wo er die Guienne zu verlaſſen ge⸗ nöthigt war, und folgte mir, wie der Reiſende einem Jrrlichte folgt: aber ſein Herz iſt in dem kleinen von Bäumen umgebenen Hauſe geblieben, in welches er ſich an dem Abend begeben wollte, wo ich ihn traf. Ich kann alſo unmöglich einen Mann bei mir behalten, der eine Andere liebt, und den ich, wenn ich ihn länger ſehen würde, vielleicht zu lieben die Schwäche hätte. Ohl es hieße nicht nur meine Ehre, ſondern auch die Intereſſen der Frau Prinzeſſin verrathen, wäre ich ſo feig, den Agenten ihrer Verfolger zu lieben!“ Plötzlich rief ſie, ihren eigenen Gedanken beant⸗ wortend: „Oh! nein, nein, Ihr müßt abreiſen, mein Herr; geht oder ich gehe.“ „Ihr vergeßt, Madame,“ ſprach Canolles,„ich habe Euer Wort, daß Ihr nicht abreist, ohne mich zuvor davon in Kenntniß geſetzt zu haben.“ „Wohl, mein Herr, ich benachrichtige Euch, daß ich Chantilly in dieſem Augenblick verlaſſe.“ „Und Ihr glaubt, ich werde es geſtatten?“ „Wie!“ rief die Vicomteſſe,„Ihr wollt mir Ge⸗ walt anthun!“ 4 „Madame, ich weiß nicht, was ich thun werde, aber das weiß ich, daß es mir unmöglich iſt, Euch zu verlafſen.“ „Alſo bin ich Euere Gefangene?“ „Ohr ſeid eine Frau, die ich bereits zweimal ver⸗ ren habe und nicht zum dritten Male verlieren will.“ „Gewalt alſo?“ 3 „Ja, Madame, Gewalt,“ antwortete Canolles, „wenn es das einzige Mittel iſt, Euch ehalten.“ 3„Ah!“ rief Frau von Cambes,„welch ein Glück, 48 eine Frau zu behalten, welche ſeufzt, welche nach Frei⸗ heit ruft, uns nicht liebt, uns haßt.“ Canolles bebte und ſuchte raſch auszuſcheiden, was in dem Worte und was im Geiſte lag. Er begriff, daß der Augenblick gekommen war, Alles gegen Alles einzuſetzen.. „Madame,“ ſagte er,„die Worte, die Ihr mit einem ſo wahren Ausdruck geſprochen habt, daß ich mich über ihre Bedeutung nicht täuſchen kann, haben jede Ungewißheit in mir gelöst. Ihr ſeufzend, Ihr eine Sklavin! ich eine Frau zurückhalten, die mich nicht liebt, die mich haßt! Nein, Madame, nein, ſeid unbeſorgt, es wird nicht ſo ſein. Ich glaubte nach dem Glücke, das ich fühlte, Euch zu ſehen, Ihr würdet meine Gegenwart ertragen; ich hoffte, nachdem ich Achtung, Ruhe des Gewiſſens, Zukunſt, vielleicht die Ehre verloren habe, Ihr würdet mich für dieſes Opfer durch das Geſchenk einiger Stunden entſchädigen, welche ich vielleicht nie wieder finden werde. Alles dies wäre möglich geweſen, wenn Ihr mich geliebt hättet, ſogar wenn ich Euch gleichgültig geweſen wäre; denn Ihr ſeid gut, und hättet aus Mitleid gethan, was eine Andere aus Liebe gethan haben würde. Aber ich habe nicht mehr mit der Gleichgültigkeit, ſondern mit dem Haſſe zu ſchaffen. Hiernach iſt es eiwas Anderes; Ihr habt Recht. Vergebt mir nur, Madame, daß ich nicht begriff, wie man gehaßt werden kann, wenn man wahnſinnig liebt. Es iſt an Euch, Königin, Gebieterin und frei in dieſem Schloſſe wie überall zu bleiben; es iſt an mir, mich zu entfernen, und ich entferne mich. In zehn Minuten habt Ihr Euere Frei⸗ heit wiedererlangt. Lebt wohl, Madame, lebt wo*h3l auf ewig.“ Und in einer Verwirrung, welche, am Anfang ge⸗ ſpielt, am Ende ſeiner Rede wahrhaft und ſchmerzlich ge⸗ worden war, verbeugte ſich Canolles vor Frau von Cambes, drehte ſich um, ſuchte die Thüre, die er nicht 7 ———— 49 fand, und wiederholte dabei die Worte:„Lebt wohl! Lebt wohl!“ mit einem tief gefühlten Ausdrucke, der vom Herzen kommend auch zum Herzen ging. Wahre Betrübniß hat ihre Stimme wie der Sturm. Frau von Cambes hatte dieſen Gehorſam von Canolles nicht erwartet; ſie hatte Kräfte für einen Kampf und nicht für einen Sieg geſammelt, und wurde ihrer Seits durch ſo viel Reſignation, gemiſcht mit ſo viel Liebe, überwältigt; und als der junge Mann die Arme auf den Zufall ausſtreckend und mit einer Art von Schluchzen bereits zwei Schritte gegen die Thüre gemacht hatte, fühlte er plötzlich, wie ſich eine Hand mit dem bezeichnendſten Drucke auf ſeine Schulter legte: man berührte ihn nicht nur, man hielt ihn zu⸗ rück. Er wandte ſich um. Sie ſtand immer noch vor ihm. Anmuthig aus⸗ geſtreckt, berührte ihr Arm immer noch ſeine Schulter, und der Ausdruck von Würde, den er einen Augenblick vorher auf ihrem Antlitz wahrgenommen hatte, war in ein köſtliches Lächeln zerſchmolzen. „Schön, mein Herr!“ ſprach ſie,„ſo gehorcht Ihr der Königin! Ihr würdet abreiſen, während Ihr Be⸗ fehl habt, hier zu bleiben, Verräther, der Ihr ſeid!“ Canolles ſtieß einen Schrei aus, fiel auf die Kniee und rief, ſeine Stirne auf die Hände drückend, die ſie ihm reichte: „Ohl das iſt um vor Freude zu ſterben!“ „Ach! freut Euch noch nicht,“ entgegnete die Vi⸗ comteſſe;„denn wenn ich Euch zurückyhalte, ſo geſchieht es, damit wir uns nicht ſo verlaſſen, damit Ihr nicht die Meinung von mir mit fortnehmet, ich ſei eine Undankbare, damit Ihr mir freiwillig mein Wort zu⸗ rückgebet, damit Ihr in mir wenigſtens eine Freundin ſehet, da die entgegengeſetzten Parteien, denen wir fol⸗ ſen„ mich hindern, je etwas Anderes für Euch zu n. 4 50 „Oh, mein CGott!“ ſprach Canolles,„ich habe mich alſo abermals getäuſcht: Ihr liebt mich nicht!“ „Sprechen wir nicht von unſeren Gefühlen, Ba⸗ ron, ſondern von der Gefahr, der wir uns ausſetzen, wenn wir Beide hier bleiben; geht oder laßt mich ge⸗ hen; es muß ſein.“ „Was ſagt Ihr da2“ „Die Wahrheit. Laßt mich hier; kehrt nach Pa⸗ ris zurück; ſagt Mazarin, ſagt der Königin, was Euch begegnet iſt. Ich werde Euch unterſtützen, ſo viel ich vermag; aber geht, geht.“. „Muß ich Euch denn wiederholen,“ rief Canolles, „Euch verlaſſen iſt ſterben!“ „Nein, nein, Ihr werdet nicht ſterben, denn Ihr dürft die Hoffnung bewahren, daß wir uns in glück⸗ licheren Zeiten wiederfinden.“ „Der Zufall hat mich auf Euere Straße geworfen, Madame, oder vielmehr Euch bereits zweimal au die meinige gebracht. Der Zufall wird müde werden, und wenn ich Euch verlaſſe, finde ich Euch nicht wie⸗ der.“ „Wohl, ich werde Euch ſuchen!“ 4 „Oh, verlangt von mir, daß ich für Euch ſterbe; der Tod iſt ein ſchmerzhafter Augenblick, und nicht mehr. Aber verlangt noch nicht, daß ich Euch verlaſſe. Schon bei dieſem Gedanken bricht mein Herz. Bedenkt doch, ich habe Euch kaum geſehen, kaum mit Euch geſpro⸗ chen.“ „Gut... wenn ich Euch erlaube, heute noch zu bleiben, wenn Ihr mich den ganzen Tag ſehen und ſprechen könnt, werdet Ihr zufrieden ſein?“ „Ich verſpreche nichts.“ „Dann ich auch nicht. Ich habe nur die Verbind⸗ lichkeit een Euch übernommen, Euch von dem Au⸗ genblick in Kenntniß zu ſetzen, wo ich abreiſen würde. Wohl, in einer Stunde Fiſ ich.“ e „Man muß alſo Alles thun, was ihr wollt? Man muß Euch in jedem Punkte gehorchen? Ich muß alſo Selbſtverleugnung üben, um blindlings Euern Willen zu befolgen? Nun denn, wenn es ſein muß, ſeid unbeſorgt: Ihr habt nur noch einen Sklaven vor Euch, der bbee iſt, Euch zu gehorchen. Befehlt, Madame, efehlt.“ Claire reichte dem Baron die Hand und ſprach mit ihrem ſanfteſten, einſchmeichelndſten Tone: „Ein neuer Vertrag im Austauſch gegen mein Wort: wenn ich Euch von dieſem Augenblick bis heute Abend um neun Uhr nicht verlaſſe, werdet Ihr um neun Uhr abreiſen?“ „Ich ſchwöre es Euch.“. „Kommt alſo; der Himmel iſt blau, er verheißt uns einen herrlichen Tag; der Thau benetzt den Ra⸗ ſen, Wohlgeruch durchſtrömt die Luft, balſamiſch duftet das Gehölze. Holla, Pompée!“ Der würdige Intendant, welcher ohne Zweifel Befähl erhalten hatte, vor der Thüre zu warten, trat ein. „Meine Luſtroſſe,“ ſprach Frau von Cambes mit ihrer fürſtlichen Miene;„ich reite dieſen Morgen nach den Teſchen und komme durch den Pachthof zurück, wo ich frühſtücken werde... Ihr begleitet mich, Herr Baron,“ fuhr ſie fort;„es liegt in den Attributen Eueres Amtes, da Ihr von Ihrer Majeſtät der Köni⸗ gin den Befeyl erhalten habt, mich nicht aus dem Auge zu laſſen.“ Eine Wolke erſtickender Freude blendete den jun⸗ gen Mann und umhüllte ihn, wie jene Dünſte, welche einſt die Götter im Himmel entzückten; er ließ ſich ohne Widerſtand, beinahe ohne Willen führen; er ath⸗ mete heftig, er war berauſcht, er war verrückt. In⸗ mitten eines reizenden Gehölzes, unter geheimnißvollen Baumgängen, deren ſchwankende Zweige auf ſeine ent⸗ blößte Stirne fielen, öffnete er bald ſeine Augen wie⸗ der für die materiellen Dinge: er war zu Fuß, ſtumm, 8 52 das Herz gepreßt durch eine Freude beinahe ſo bren⸗ nend, als der Schmerz, einherſchreitend, ſeine Hand z verſchlungen mit der Hand von Frau von Cambes, n wfche ſo bleich, ſo ſtumm, und wohl ſo glücklich war 2 wie er. 3 Pompée ging hinter ihnen, nahe genug, um Alles 2 zu ſehen, fern genug, um nichts zu hören. 4 ſe 3 II. 6 Das Ende dieſes berauſchenden Tages kam, wie v das Ende eines Traumes immer kommt; die Stunden u waren wie Sekunden für den ſeligen Edelmann vor⸗ n übergegangen, und dennoch kam es ihm vor, als hätte d er an dieſem einzigen Tage Erinnerungen genug für C drei gewöhnliche Exiſtenzen zuſammengehäuft. Jede m. von dieſen Alleen war mit einem Worte, mit einer Erinnerung an die Vicomteſſe bereichert worden; ein Blick, eine Geberde, ein Finger auf den Mund gelegt, un Alles hatte ſeine Bedeutung. Den Park hinabgehend, 60 hatte ſie ihm die Hand gedrückt; am Ufer hinaufſtei⸗ gend, hatte ſie ſich auf ſeinen Arm geſtützt; an der 9 Mauer des Parkes hinſchreitend, war ſie müde gewor⸗ den und niedergeſeſſen; und bei jeder von dieſen Er⸗ ve ſcheinungen, welche wie Blitze vor den Augen des jun⸗ gen Mannes vorübergingen, war die Landſchaft, durch ſe einen phantaſtiſchen Schimmer erleuchtet, ſeiner Erin⸗ nerung nicht nur in ihrer Geſammtheit, ſondern auch in 3 kihren geringſten Einzelnheiten gegenwärtig ge⸗ ge ieben. Canolles ſollte die Vicomteſſe den Tag hindurch nicht verlaſſen: fühſtückend, lud ſie ihn zum Mittag⸗ . ffen. beim Mittageſſen lud ſie ihn zum Abendbrod E ein. 3 en⸗ nd 28, ar les 58 Mitten unter allem Glanze, den die falſche Prin⸗ zeſfin entwickeln mußte, um den Geſandten des Kö⸗ nigs zu empfangen, unterſchied Canolles die ſüßen Aufmerkſamkeiten der verliebten Frau. Er vergaß die Diener, die Etiquette, die Welt; er vergaß ſogar ſein Verſprechen, ſich zu entfernen, und wähnte ſich für die Ewigkeit in dieſes irdiſche Paradies einquartiert, deſſen Adam er wäre, während Frau von Cambes die Eva ſein ſollte. Als aber die Nacht gekommen war, als man das Abendbrod, wie die andern Acte des Tages, mit unſäg⸗ licher Freude beendigt hatte, als bei dem Deſſert eine Ehrendame Herrn Pierrot, der immer noch als Herzog von Enghien verkleidet war und die Umſtände benützte, um zu ſpeiſen, wie es kaum vier Prinzen von Geblüt mit einander gethan hätten, einführte, und die Glocke der Pendeluhr zu ſchlagen anfing, ſagte Frau von aambes, nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß es zehn⸗ mal ſchlagen ſollte: „Nun iſt die Stunde eingetreten.“ „Welche Stunde?“ fragte Canolles, der zu lächeln und einem großen Unglück durch einen Scherz zu be⸗ gegnen ſuchte. „Die Stunde, das Wort zu halten, das Ihr mir gegeben habt.“ „Ei, Madame,“ verſetzte Canolles traurig,„Ihr vergeßt alſo nichts?“ „Vielleicht hätte ich vergeſſen wie Ihr; aber die⸗ ſes verleiht mir das Gedächtniß.“ Und ſie zog aus ihrer Taſche einen Brief, den ſie in dem Augenblick, wo ſie ſich zu Tiſche ſetzte, empfan⸗ gen hatte. „Von wem iſt dieſer Brief?“ ſagte Canolles. „Von der Frau Prinzeſfin, die mich zu ſich ruft.“ „Das iſt wenigſtens ein Vorwand! Ich danke Euch, daß Ihr dieſe Schonung für mich gehabt habt.“ „Täuſcht Euch nicht, Herr von Canolles,“ erwie⸗ 54 derte die Vicomteſſe mit einer Traurigkeit, welche ſie zu verbergen ſich nicht die Mühe nahm.„Ich hätte dieſen Brief nicht ſo früh empfangen, würde ich Euch zur verabredeten Stunde an Eure Abreiſe erinnert haben. Glaubt Ihr, die Leute, von denen wir um⸗ geben find, könnten lange unſer Einverſtändniß gar nicht wahrnehmen? Unſere Umgangsverhältniſſe, Ihr müßt es geſtehen, find nicht die einer verfolgten Prinzeſſin mit ihrem Verfolger. Nun aber, wenn Euch dieſe Trennung ſo grauſam iſt, als Ihr vorgebt, laßt Euch ſagen, Herr Baron, daß es nur von Euch abhängt, wenn wir uns nicht trennen ſollen.“ „ Sprecht! oh ſprecht!“ rief Canolles. „Errathet Ihr nicht?“ „Oh gewiß, Madamel ich errathe und zwar voll⸗ kommen. Ihr wollt davon ſprechen, daß ich der Frau Prinzeſſin folge?2... „Sie ſelbſt ſpricht hievon in dieſem Briefe,“ ſagte lebhaft Frau von Cambes. „Ich freue mich, daß dieſer Gedanke nicht von Euch kommt, ich freue mich über die Verlegenheit, mit der Ihr mir dieſen Vorſchlag macht; nicht als ob ſich mein Gewiſſen über die Idee, dieſer oder jener Partei zu dienen, empörte; nein, ich habe keine Ueberzeugung; wer hat eine ſolche bei dieſem Krieg, abgeſehen von den Betheiligten? Ift das Schwert aus der Scheide gezogen, mag der Streich von hier oder von dort kom⸗ men, was iſt mir daran gelegen? Ich kenne nicht den Hof, ich kenne nicht die Prinzen: unabhängig durch mein Vermögen, ohne Ehrgeiz, erwarte ich nichts von den Einen, nichts von den Andern. Ich bin Offizier, ſonſt nichts.“ „Ihr willigt alſo ein, mir zu folgen?“ „Nein.“ ſagt 2 „Weil Ihr mich weniger ſchätzen würdet.“ „Warum nicht, wenn die Dinge ſind, wie 3hr SE XcESBSͤ ee —ðA=Xͤ— S de 55 .„Sſt dies das einzige Hinderniß, das Euch zurück⸗ hält „Ich ſchwöre es Euch.“ „Oh, dann fürchtet nichts.“ „Ihr glaubt ſelbſt nicht an das, was Ihr in dieſem Augenblick ſagt,“ verſetzte Canolles lächelnd und den Finger aufhebend;„ein Ueberläufer iſt ſtets ein Verräther. Das erſte Wort iſt füßer, aber beide Worte ſind gleich bedeutend.“ „Wohl, Ihr habt Recht,“ ſprach Frau von Cam⸗ bes,„und ich werde nicht weiter darauf beſtehen. Wäret Ihr in einer gewöhnlichen Lage, ſo hätte ich Euch für die Sache der Prinzen zu gewinnen ge⸗ ſucht. Aber abgeſandt vom König, beauftragt mit ei⸗ ner Vertrauensſendung von Ihrer Majeſtät der Köni⸗ gin Regentin und dem erſten Miniſter, geehrt durch das Wohlwollen des Herrn Herzogs von Epernon, der trotz des Verdachts, den ich Anfangs geſchöpft hatte, Euch, wie man mich verſichert, auf eine ganz beſondere Weiſe begünſtigt....“ Canolles erröthete.. „Werde ich mit der größten Discretion zu Werke gehen. Doch hört mich, Baron: ſeid verſichert, wir verlaſſen uns nicht auf immer; wir ſehen uns wieder, das ſagen mir meine Ahnungen.“ „Wo dies?“ fragte Canolles. wi d0 weiß es nicht; aber wir ſehen uns gewiß ieder. 1 Cannolles ſchüttelte traurig den Kopf und erwie⸗ erte: „Ich zähle nicht darauf; es beſteht Krieg unter uns: das iſt zu viel, beſonders wenn nicht zugleich Liebe obwaltet.“ „Und dieſer Tag?“ fragte er mit einer bezaubern⸗ den Betohung die Vicomteſſe,„rechnet Ihr ihn für nichts 20 „Es iſt der einzige, an welchem ich gelebt zu ha⸗ 56 hen Uberlenst ſein darf, ſeitdem ich auf der Welt n. „Ihr ſeht alſo, daß Ihr undankbar ſeid 24— „Gewährt mir einen zweiten Tag, wie dieſen.“ „Ich kann nicht, ich muß heute Abend reiſen.“ „Ich verlange ihn nicht für morgen, nicht für übermorgen; ich bitte darum einmal in der Zukunft. Nehmt die Zeit, die ihr wollt, wählt den Ort, der Euch beliebt, aber laßt mich mit einer Gewißheit le⸗ ben; ich würde zu ſehr leiden, hätte ich nur eine Hoff⸗ nung.“ „Wohin geht Ihr, wenn Ihr mich verlaßt?“ 6„Nach Paris, um von meiner Sendung Rechen⸗ ſchaft abzulegen.“ 4„Und ſodann?“ „In die Baſtille vielleicht.“ 1 3 „Aber vorausgeſetzt, Ihr geht nicht dahin?“ „Dann kehre ich nach Libourne zurück, wo mein Regiment ſein muß.“ „Und ich nach Bordeaux, wo ohne Zweifel die Prinzeſf verweilt. Kennt Ihr ein ſehr vereinzelt iegendes Dorf auf der Straße von Bordeaux nach Libourne?2⸗ „Ich kenne eines, deſſen Andenken mir beinahe ſo theuer iſt als Chantilly.“ „Jaulnay,“ ſagte lächelnd die Vicomteſſe. „Jaulnay,“ wiederholte Canolles. „Wohl, man braucht vier Tage, um nach Jaul⸗ nay zu gelangen; wir haben heute Dienſtag; ich werde mich den ganzen Sonntag dort aufhalten.“ „Oh Dank! Dank!“ rief Canolles, eine Hand an ſeine Lippen drückend, welche ihm zu entziehen Frau von Cambes nicht den Muth hatte.— Doch nach einem Augenblick ſagte ſiie: „Nun bleibt uns noch übrig, unſere kleine Komös⸗ die zu ſpielen.“ „Ah! ja, das iſt wahr, Madame. Die Komödie, 57 welche mich in den Augen von ganz Frankreich vollkom⸗ men lächerlich machen muß. Aber ich habe nichts da⸗ gegen zu ſagen: ich wollte es ſo, ich habe die Rolle, die ich ſpiele, nicht gewählt aber die Entwickelung veranlaßt, welche dieſelbe krönt.⸗ Frau von Cambes ſchlug die Augen nieder. „Nun lehrt mich, was ich noch zu thun habe,“ ſagte Canolles gelaſſen.„Ich erwarte Eure Befehle und bin zu Allem bereit.“ Claire war ſo bewegt, daß Canolles den Sam⸗ met ihres Kleides unter den ungleichen, haſtigen Schlä⸗ gen ihres Buſens ſich heben ſehen konnte. „Ihr bringt mir ein ungeheures Opfer, ich weiß esz aber beim Himmel, glaubt mir, ich bewahre Euch eine ewige Dankbarkeit. Ja, Ihr ſetzt Euch für mich der Ungnade des Hofes aus; ja, man wird Euch ſtreng beurtheilen. Ich bitte Euch, verachtet Alles dies, wenn Euch der Gedanke, Ihr habet mich glücklich ge⸗ macht, ein gewiſſes Vergnügen bereitet.“ „Ich werde darnach trachten, Madame.“ „Glaubt mir, Baron,“ fuhr Frau von Cambes fort,„der kalte Schmerz, dem ich Euch preisgegeben ſehe, iſt eine furchtbare Gewiſſenspein für mich. An⸗ dere würden Euch vielleicht vollſtändiger belohnen, als ich es thue; aber, mein Herr, eine Belohnung, die man ſo leicht bewilligte, würde Euer Opfer nicht würdig bezahlen.“ 4 Bei dieſen Worten ſchlug Claire die Augen mit einem Seufzer ſchamhafter Betrübniß nieder. „Iſt dies Alles, was Ihr mir zu ſagen habt?“ fragte Canolles. „Nehmt,“ ſprach die Vicomteſſe, aus ihrer Bruſt ein Porträt ziehend, das ſie Canolles überreichte; „nehmt dieſes Porträt, und bei jedem Schmerz, der für Euch aus dieſer unglücklihen Angelegenheit her⸗ ooorgehen wird, ſchaut es an, ſagt Euch, daß Ihr für diejenige leidet, deren Bildniß Ihr vor Euch habt, Der Frauenkrieg. II. 5 58 und daß jedes von Euren Leiden mit Bedauern bezahlt wird.“ „Iſt dies Alles?“ „Mit Achtung.“ „Iſt dies Alles?“ „Mit Sympathie.“.. „Ei, Madame, noch ein Wort!“ rief Canolles, „was koſtet es Euch, mich vollkommen glücklich zu machen?“ „Claire machte eine raſche Bewegung gegen den jungen Mann, reichte ihm die Hand und öffnete den Mund, um beizufügen: „Mit Liebe.“ Aber in derſelben Zeit wie der Mund, öffneten ch die Thüren, und der vorgebliche Kapitän der Gar⸗ den erſchien begleitet von Pompée. 1 „In Jaulnay werde ich vollenden,“ ſprach die Vicomteſſe. „Euern Satz oder Euern Gedanken?“ 3 „Beides: der eine drückt immer den andern aus. .„Madame,“ ſprach der Kapitän der Garden,„die Pferde Eurer Hoheit ſind angeſpannt.“ „Spielt den Erſtaunten,“ ſagte ganz leiſe Claire zu Canolles. Der Edelmann lächelte mitleidig gleichſam gegen ſich ſelbſt und fragte: „Wohin geht Eure Hoheit?“ „Ich reiſe ab.“ „Vergißt Eure Hoheit, daß ich von Ihrer Maje⸗ ſtät beauftragt bin, Euch nicht einen Augenblick zu verlaſſen?“ „Mein Herr, Eure Sendung iſt vorbei.“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Daß ich nicht Ihre Hoheit, die Frau Prinzeſſi von Condé, ſondern nur die Frau Vicomteſſe von Cambes, ihre erſte Ehrendame, bin. Die Frau Prin⸗ 59 zeſſin iſt geſtern Abend abgereiſt, und ich gehe jetzt ab, um ſie wieder einzuholen.“ Canolles blieb unbeweglich; es widerſtrebte ihm ſichtbar, dieſe Komödie vor einem Haufen von Lackeien fortzuſpielen. Um ihn zu ermuthigen, ſandte ihm Frau von Cambes ihren ſüßeſten Blick zu. Dieſer Blick verlieh ihm einigen Muth. „Man hat alſo den König getäuſcht?“ ſprach er. „Und wo iſt der Herr Herzog von Enghien?“ „Ich habe Pierrot den Befehl gegeben, auf den Raſen zurückzugehen,“ ſprach eine ernſte Stimme am Eingang des Gemaches. Dieſe Stimme war die der Frau Prinzeſſin, welche, vanddioet Geſellſchaftsdamen unterſtützt, an der Thüre and. „Kehrt nach Paris, nach Nantes, nach Saint⸗ Germain, an den Hof zurück, Eure Sendung iſt voll⸗ bracht. Ihr werdet dem Köuig melden, daß diejeni⸗ gen, welche man verfolgt, zur Liſt ihre Zuflucht neh⸗ men und dadurch die Anwendung der Gewalt zu nichte machen. Es ſieht Euch jedoch frei, in Chantilly zu bleiben, um mich zu bewachen, mich, die ich das Schloß nie verlaſſen habe und nie verlaſſen werde, weil dies nicht in meiner Abſicht liegt. Wonach ich mich von Euch verabſchiede, Herr Baron.“ Roth vor Scham, fand Canolles kaum die Kraft, ſich zu verbeugen; er ſchaute die Vicomteſſe an und ſprach mit einem Tone des Vorwurfs: „Oh Madame, Madame!“ B Sif Vicomteſſe begriff dieſen Blick und hörte dieſe orte. 5 Eure Hoheit erlaube mir,“ ſagte ſie, ſich an die Wittwe wendend,„daß ich noch eine Secunde lang die NRolle der Frau Prinzeſſin ſpiele. Ich will dem Herrn Baron von Canolles im Namen der erhabenen Gäſte für die Achtung und Zartheit danken, womit er bei . 60 Erfüllung einer ſo ſchwierigen Aufgabe zu Werke ge⸗ gangen iſt. Ich glaube, daß Eure Hoheit derſelben Anſicht iſt, und hoffe folglich, daß ſie ihren Dank mit dem meinigen verbinden wird.“ Gerührt durch dieſe ſo feſten Worte und mit ih⸗ rer Scharfſichtigkeit vielleicht einen Theil dieſes neuen Geheimniſſes durchdringend, ſprach nun die Wittwe mit einer Stimme, in der die Bewegung nicht zu ver⸗ kennen war: „Für Alles das, was Ihr gegen uns gethan habt, Vergeſſenheit; für Alles, was Ihr für mein Haus ge⸗ than habt, Dank!“ Canolles ſetzte ein Knie vor der Prinzeſſin auf die Erde, und ſie reichte ihm dieſelbe Hand zum Kuſſe, welche Heinrich IV. ſo oft geküßt hatte. Dies war die Vollendung der Scene; dies war der unabweisbare Abſchied, und es blieb Canolles nur noch übrig, abzureiſen, wie Frau von Cambes dies zu thun ſich anſchickte. Er zog ſich alſo in ſein Gemach zurück und beeilte ſich, Marzarin das verzweiflungs⸗ vollſte Bulletin zu ſchicken, das er zu erſinnen ver⸗ mochte: dieſes Bulletin ſollte ihm das Aufbrauſen und Anfahren der erſten Bewegung des Erſtaunens erſparen; dann durchſchritt er mit einiger Furcht vor Beleidigungen die Reihen der Diener des Schloſſes ihedtang in den Hof, wo man ihm ſein Pferd bereit elt. In dem Augenblick, wo er den Fuß in den Steig⸗ bügel zu ſetzen im Begriffe war, ließ eine gebieteriſche Stimme die Worte vernehmen: „Erweiſt dem Geſandten Seiner Majeſtät des Königs, unſeres Herrn, die ſchuldige Ehre!“ 8 Bei dieſen Worten ſenkten ſich alle Stirnen vor Canolles, der, nachdem er ſich vor dem Fenſter, woran die Frau Prinzeſſin ſtand, verbeugt hatte, ſeinen Pferde die Sporen gab und den Kopf hochgetragen verſchwand. 61 Caſtorin aber, aus dem Zauber des ſchönen Trau⸗ mes geriſſen, den ihm Pompée in ſeiner falſchen In⸗ tendantenrolle bereitet hatte, folgte ſeinem Gebieter mit hängenden Ohren. III. Es iſt nun Zeit, zu einer der wichtigſten Perſonen dieſer Geſchichte zurückzukehren, welche auf einem gu⸗ ten Pferde reitend der Landſtraße von Bordeaux nach Paris folgt, umgeben von fünf Gefährten, deren Au⸗ gen ſich bei dem geringſten Schütteln eines Sackes voll Goldthaler, den der Lieutenant Ferguzon an ſei⸗ nem Sattelbogen hängen hat, weit aufſperren. Dieſe Harmonie erfreut und erfriſcht die Truppe, wie der Klang der Trommeln und Inſtrumente den Soldaten auf dem Marſche wiederbelebt. „Gleichviel, gleichviel,“ ſagte einer von den ſechs Männern,„zehntauſend Livres, das iſt ein ſchöner Pfennig.“ „Das heißt,“ erwiederte Ferguzon,„man könnte es einen ſchönen Pfennig nennen, wäre derſelbe Nie⸗ mand etwas ſchuldig; aber dieſer Pfennig iſt der Frau Prinzeſſin eine Compagnie ſchuldig. Nimium satis est! wie die Alten ſagen, was ſich mit den Worten überſetzen läßt: Nur das zuviel iſt genug. Wir aber, mein lieber Barrabas, haben das berühmte genug nicht, welches dem zuviel entſpricht.“ „Wie theuer iſt es doch, ein ehrlicher Mann zu ſcheinen,“ ſprach Cauvignac;„der ganze Geldvorrath des königlichen Steuereinnehmers iſt in Sattel und Zeug, in Röcken und Stickereien aufgegangen. Wir funkeln wie vornehme Herren und treiben den Luxus ſo 6²2 weit, daß wir ſogar Börſen haben; allerdings iſt nichts darin. Oh trügeriſcher Schein!“ „Sprecht für uns, Kapitän, und nicht für Euch,"“ verſetzte Barrabas;„Ihr habt die Börſe und damit zehntauſend Livres.“ „Freund,“ entgegnete Cauvignac,„haſt Du nicht gehört oder ſchlecht verſtanden, was Ferguzon in Be⸗ ziehung auf unſere Verbindlichkeiten gegen die Frau Prinzeſſin ſagte? Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche ſich zu einer Sache anheiſchig machen und et⸗ was Anderes thun. Herr Lenet hat mir zehn tauſend Livres ausbezahlt, um eine Compagnie zu errichten; ich errichte ſie oder der Teufel ſoll mich holen. An dem Tage, wo ich ſie errichtet habe, iſt er mir vierzig tauſend weitere ſchuldig; bezahlt er dieſe vierzigtau⸗ ſend Livres nicht, ſo werden wir ſehen... „Mit zehntauſend Livres!“ riefen im Chor vier ironiſche Stimmen; denn Ferguzon ſchien, voll Ver⸗ trauen zu den Mitteln des Führers, von der ganzen Truppe allein überzeugt zu ſein, Cauvignac würde zu dem verſprochenen Reſultate gelangen.„Mit zehn⸗ tauſend Livres wollt Ihr eine Compagnie errichten?“ „Ja,“ ſagte Cauvignac,„wenn man auch etwas beifügen müßte.“ 2„Und wer wird etwas beifügen?“ fragte eine Sti mme. „Ich nicht!“ verſetzte Ferguzon. „Wer denn?“ fragte Barrabas.. „Bei Gott! der erſte Beſte. Halt, ich bemerke gerade einen Menſchen, dort auf der Landſtraße. Ihr werdet ſehen...“ „Ich begreife,“ ſprach Ferguzon. „Iſt das Alles?“ fragte Cauvignac. „Und ich bewundere.“ „Ja,“ ſagte einer von den Reitern, ſich Cauvig⸗ nac nähernd,„ja, ich ſehe ein, daß Euch daran gele⸗ gen iſt, Kapitän, Euere Verbindlichkeiten zu erfüllen, 1 br ig⸗ le⸗ en, 63 wir könnten jedoch dabei verlieren, wenn wir zu ehr⸗ lich wären. Heute ſind wir nothwendig; aber mor⸗ gen, wenn die Compagnie auf den Beinen iſt, wird man vertraute Offiziere dabei ernennen und uns ent⸗ laſſen, uns, die wir die Mühe gehabt haben, ſie zu bilden. „Ihr ſeid mit wenigen Buchſtaben ein Dumm⸗ kopf, mein Freund Carrotel, und es iſt nicht das erſte Mal, daß ich das ſage,“ erwiederte Cauvignac;„die elende Einwendung, die Ihr gemacht habt, beraubt Euch des Grades, den ich für Euch bei dieſer Com⸗ pagnie beſtimmt hatte; denn wir werden offenbar die ſechs Offiziere dieſes Kerns der Armee ſein. Ich hätte Euch zum Unterlieutenant ernannt, Carrotel; Ihr wer⸗ det nur Sergent. In Folge der Armſeligkeit, die Ihr ſo eben vernommen habt, ſollt Ihr, Barrabas, der Ihr nichts ſagtet, dieſen Poſten einnehmen, bis Ihr, wenn Ferguzon gehängt iſt, durch das Recht der An⸗ cienneté zum Lieutenant vorrückt. Doch verlieren wir unſern erſten Soldaten, den ich dort erblicke, nicht aus dem Auge.“— „Habt Ihr einen Gedanken, wer dieſer Menſch ſein dürfte, Kapitän?“ fragte Ferguzon. „Keinen.“ „Er muß ein Bürger ſein, denn er trägt einen ſchwarzen Mantel.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Seht, der Wind hebt ihn auf.“ „Trägt er einen ſchwarzen Mantel, ſo iſt er ein reicher Bürger; deſto beſſer: wir rekrutiren für den Dienſt der Herren Prinzen und die Compagnie muß folglich gut zuſammengeſetzt ſein. Hätten wir für den Knauſer Mazarin zu werben, da wäre Alles gut; aber für die Prinzen, Teufel! Ferguzon, mir däucht, meine Compagnie wird mir Ehre machen, wie Fal⸗ ſtaff ſagt.“ Die ganze Truppe gab den Pferden die Sporen, 64 um den Bürger zu erreichen, welcher friedlich mitten auf dem Pflaſter einherzog. Als der würdige Mann, welcher ein gutes Maul⸗ thier ritt, die ſchönen Herren auf ſich zu galoppiren ſah, ſtellte er ſich ehrfurchtsvoll am Rande der Straße auf und grüßte Cauvignac.. „Er iſt höflich,“ ſagte dieſer,„das iſt ſchon gut, aber er kennt den militäriſchen Gruß nicht und den muß man ihn lehren.“ Cauvignac gab ihm den Gruß zurück, ſtellte ſich an ſeiner Seite auf und fragte:. Rebt„Mein Herr, wollt uns ſagen, ob Ihr den König e 2 3 „Bei Gott!“ antwortete der Bürger. „Vortrefflich!“ rief Cauvignac und machte dabei entzückte Augen.„Und die Königin?“— 2uaSie Königin? ich hege die größte Verehrung für „Herrlich! Und Herrn von Mazarin?“. „Herr von Mazarin iſt ein großer Mann, mein Herr, und ich bewundre ihn,“ „Ausgezeichnet! Wir haben alſo die Ehre ge⸗ habt, einem guten Diener Seiner Majeſtät zu begeg⸗ nen?“ „Mein Herr, ich rühme mich deſſen.“. „Der bereit iſt, dem König ſeinen Eifer zu be⸗ weiſen?“ „Bei jeder Gelegenheit.“ „Wie ſich das glücklich trifft! Nur die Landſtra⸗ ßen gewähren ein ſolches Zuſammentreffen.“ —„Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte der Bür⸗ ger, der Cauvignac mit einer gewiſſen Unruhe zu be⸗ trachten anfing. 4 „Ich will damit ſagen, mein Herr, daß Ihr uns folgen müßt.“ 3 „Euch folgen, und wohin, mein Herr?“ „Ich weiß es nicht genau: wohin wir gehen.“ 6⁵ „Mein Herr, ich reiſe nur in Geſellſchaft von Leuten, die ich kenne.“ „Das iſt ganz ſchön und dient zum Beweiſe, daß Ihr ein kluger Mann ſeid; ich will Euch alſo ſagen, wer wir find.“ Der Bürger machte eine Bewegung, welche an⸗ deutete, er glaube es bereits errathen zu haben. Cau⸗ vignac fuhr fort, ohne daß es ſchien, als hätte er dieſe Bewegung wahrgenommen: „Ich bin Roland von Cauvignac, Kapitän einer allerdings abweſenden Compagnie, welche jedoch wür⸗ dig vertreten wird: durch Louis Gabriel Ferguzon, meinen Lieutenant, durch George Guillaume Barra⸗ bas, meinen Unterlieutenant, durch Zephirin Carrotel, meinen Sergent, und durch dieſe zwei Herren, von denen der eine mein Fourrier, der andere mein Quar⸗ tiermeiſter iſt. Ihr kennt uns nun, mein Herr,“ fügte Cauvignac mit der lächelndſten Miene bei,„und ich wage zu hoffen, daß Ihr keinen Widerwillen gegen uns habt.“. „Aber mein Herr, ich habe bereits Seiner Maje⸗ ſtät in der Stadtgarde gedient, und bezahle regelmäßig meine Steuern und Abgaben,“ antwortete der Bürger. „Mein Herr,“ entgegnete Cauvignac,„ich werbe Euch auch nicht für den Dienſt Seiner Majeſtät, ſon⸗ dern vielmehr für den der Herren Prinzen, deren un⸗ würdigen Stellvertreter Ihr vor Euch ſeht.“ „Für den Dienſt der dem König feindſeligen Prinzen!“ rief der Bürger immer mehr erſtaunt; „aber wie kommt es, daß Ihr mich fragtet, ob ich Seine Majeſtät liebte?“ „Mein Herr, weil ich, hättet Ihr den König nicht geliebt, hättet Ihr die Königin angeklagt und auf Herrn von Mazarin geſchmäht, mich wohl gehütet ha⸗ ben würde, Euch in Euren Geſchäften zu ſtören; Ihr wäret mir heilig geweſen wie ein Bruder!“ 66 „Aber, mein Herr, ich bin kein Sklave, kein Leib⸗ eigener.“ „Nein, Ihr ſeid ein Soldat; das heißt, es ſteht Euch vollkommen frei, Kapitän zu werden, wie ich, oder Marſchall von Frankreich, wie Herr von Tu⸗ renne. „Mein Herr, ich habe in meinem Leben viel plai⸗ „Deſto ſchlimmer, das Prozeſſiren iſt eine abſcheu⸗ liche Gewohnheit! Ich habe nie einen Prozeß ge⸗ habt,.. vielleicht weil ich ſtudirte, um Advocat zu werden.“ „Aber beim Plaidiren habe ich die Rechte des Kö⸗ nigreichs kennen gelernt.“ 3 „Das iſt eine ſehr lange Sache. Ihr wißt, mein Herr, daß es von den Pandecten des Juſtinian bis zum Parlamentsſpruche, welcher bei Gele⸗ eenheit des Todes des Marſchalls d'Ancre erklärt, ein Fremder könne nie Miniſter in Frankreich ſein, achtzehntauſend ſiebenhundert und zweiundſiebenzig Geſetze gibt, die Or⸗ donanzen nicht zu rechnen; aber man findet bevorzugte Organiſationen, welche ein erſtaunliches Gedächtniß beſitzen: Pico von Mirandola ſprach mit achtzehn Jah⸗ ren zwölf Sprachen. Und welchen Vortheil habt Ihr aus der Kenntniß dieſer Geſetze gezogen, mein Herr?“ „Den Vortheil, zu wiſſen, daß man nicht auf der Landſtraße wirbt, ohne eine Vollmacht zu haben.“ „Ich habe eine, mein Herr, hier iſt ſie.“ „Von der Frau Prinzeſſin?“ „Von Ihrer Hoheit ſelbſt.“ Hiebei lüpfte Cauvignac ehrfurchtsvoll den Hut. „Es gibt alſo zwei Könige in Frankreich?“ rief der Bürger.. „Ja, mein Herr, und ich gebe mir die Ehre, Euch zu bitten, dem meinigen den Vorzug zu gönnen, und betrachte es als eine Pflicht, Euch für ſeinen Dienſt zu gewinnen.“ 8G I8XoAG——— 67 1 3 Mein Herr, ich werde an das Parlament appel⸗ ren. „Das iſt wirklich ein dritter König, und Ihr wer⸗ det wahrſcheinlich Gelegenheit haben, ihm ebenfalls zu dienen. Vorwärts, mein Herr!“ „Unmöglich, man erwartet mich in Geſchäften.“ „Wo?“ „In Orleans.“ „Wer?“ „Mein Anwalt.“ „Weshalb 2 „In Geldangelegenheiten.“ „‚Die erſte Angelegenheit iſt der Dienſt für den Staat.“ „Kann man meiner nicht entbehren?“ „Wir zählen auf Euch, und Ihr würdet uns in der That fehlen. Wenn Ihr Euch jedoch, wie Ihr ſagt, in Geldangelegenheiten nach Orleans begeben wolltet.“ „Ja, in Geldangelegenheiten.“ „Um wie viel Geld handelt es ſich?“ „Um viertauſend Livres.“. „Die Ihr einziehen wolltet?“ „Nein, die ich bezahlen ſollte.“ „An Euern Anwalt?“ „Ganz richtig.“ „Für einen gewonnenen Prozeß?“ „Für einen verlorenen.“ „ In der That, das verdient Beachtung.... Viertauſend Livres?“. „Viertauſend Livres.“ „Das iſt gerade die Summe, welche Ihr zu be⸗ zahlen hättet, falls die Herren Prinzen einwilligen irder, Euere Dienſte durch einen Söldner erſetzen zu en. „Den Teufel! ich bekäme einen Stellvertreter für hundert Thaler.“ „Einen Stellvertreter von Euerem Ausſehen, ei⸗ 68 nen Stellvertreter, der ſein Maulthier die Füße aus⸗ wärts reitet, einen Stellvertreter, der achtzehntauſend ſiebenhundert und zweiundſiebenzig Geſetze kennt! Geht⸗ doch, mein Herr, für einen gewöhnlichen Menſchen würden hundert Thaler ſicherlich zureichen; aber wenn wir uns mit gewöhnlichen Menſchen begnügten, ſo lohnte es ſich nicht der Mühe, mit dem König zu concurriren. Wir brau⸗ chen Leute von Euerem Verdienſt, von Euerem Rang, von Euerer Geſtalt. Den Teufel! ſetzt Euch nicht her⸗ ab; mir ſcheint, Ihr ſeid viertauſend Livres werth.“ „Ich ſehe wohl, wo das hinaus will,“ rief der Bürger,„das iſt ein Raub mit bewaffneter Hand.“ „Mein Herr, Ihr beleidigt uns,“ entgegnete Cau⸗ vignac,„und wir würden Euch zur Genugthuung bei lebendigem Leibe ſchinden, wäre uns nicht daran ge⸗ legen, einen guten Ruf in den Armeen der Herren Prinzen zu bewahren; nein, mein Herr, gebt uns Euere viertauſend Livres, aber haltet dies nicht für eine Erpreſſung, denn es iſt nur Nothwendigkeit.“ „Wer ird dann meinen Anwalt bezahlen?“ „Wir. 3 „Ihr? Bringt Ihr mir einen Empfangsſchein?“ „In aller Ordnung.“ „Von ihm unterzeichnet?“ „Von ihm unterzeichnet.“ „Dann iſt es etwas Anderes.“ „Ihr willigt alſo ein?“. „Ich muß, da ich es nicht anders machen kann.“ „So gebt uns nun die Adreſſe des Anwalts und einige unerläßliche Notizen.“ „Ich habe Euch bereits geſagt, es wäre eine Ver⸗ urtheilung in Folge eines verlorenen Prozeſſes.“ „Gegen wen?“ 8 „Gegen einen gewiſſen Biscarros, Kläger, als Eibe ſeiner Frau, welche von Orleans war.“ „Aufgepaßt!“ rief Ferguzon. Cauvignac machte aus dem Winkel ſeines Auges 4 ls 2 69 ein Zeichen, welches ſagen wollte:„Fürchte nichts, ich bin auf der Lauer.“ „Biscarros,“ wiederholte Cauvignac,„iſt das nicht ein Wirth in der Gegend von Libourne?“ „Allerdings; er wohnt zwiſchen dieſem Dorfe und Saint⸗Martin de Cubſac.“ „Und heſitzt den Gaſthof zum Goldenen Kalb?“ „So iſt es. Kennt Ihr ihn?“. „Ein wenig.“ 1 „Der Elende! mich zur Wiedererſtattung einer Summe verurtheilen zu laſſen.“ „Die Ihr ihm nicht ſchuldig waret?“ „Doch... die ich ihm aber nie zu bezahlen hoffte../. „Ich begreife, das iſt hart.“ „Ich gebe auch mein Wort, daß ich dieſes Geld litba in Eueren Händen, als in den ſeinigen ſehen würde.“ „Ich glaube, Ihr werdet befriedigt werden.“ „Aber mein Empfangsſchein?“ 5„Kommt mit uns und Ihr ſollt ihn in guter Form aben.“ „Wie werdet Ihr Euch dabei benehmen?“ „Das iſt meine Sache.“ Man ſetzte den Marſch gegen Orleans fort, wo man zwei Stunden nachher ankam. Der Bürger führte die Werber in das Wirthshaus, welches am nächſten bei ſeinem Anwalt lag. Es war eine ab⸗ lerulihe oinkeifneie mit dem Schilde zur Taube er Arche.. „Wie wollen wir es nun machen?“ ſagte der Bürger.„Ich möchte nur gegen meinen Empfangs⸗ ſchein mich meiner viertauſend Livres entäußern.“ 1 „Es mag ſo ſein. Kennt Ihr den Schreiber Eueres Anwalts?“ 8 „Ganz genau.“— „Wenn wir Euch ſeine Beſcheinigung überbrächten, 70 würdet Ihr keine Schwierigkeit machen, uns Euer Geld zuzuſtellen?“ „Keine; aber ohne Geld wird mein Anwalt kei⸗ nen Schein geben: ich kenne ihn.“ „Ich ſchieße die Summe vor“ ſagte Cauvignac. Und er zog aus ſeiner Reiſetaſche viertauſend Livres, zweitauſend in Louisd'or und zwei in Halbpi⸗ ſtolen, und reihte die Stöße vor den Augen des er⸗ ſtaunten Bürgers an einander. „Wie heißt Euer Anwalt?“ ſagte er nun. „Meiſter Rabodin.“ „Wohl, nehmt eine Feder und ſchreibt.“ Der Bürger gehorchte. „Meiſter Rabodin, ich ſchicke Euch hier die vier⸗ tauſend Livres Unkoſten und Schadenerſatz, wozu ich gegen Meiſter Biscarros verurtheilt worden bin, den ich im Verdacht habe, daß er einen verbrecheriſchen Gebrauch davon machen will. Habt die Güte, dem Ueberbringer Euern Empfangsſchein in guter Form ausgeſtellt zu übergeben.“ „Weiter?“ fragte der Bürger.— „Datirt und unterzeichnet.“ b 4 Der Bürger datirte und unterzeichnete. „Nun nimm dieſen Brief und dieſes Geld,“, ſprach Cauvignac zu Ferguzon,„verkleide Dich als Müller und gehe zu dem Anwalt.“ „Was ſoll ich bei dem Anwalt thun? „Du übergibſt ihm dieſe Summe und nimmſt ſeinen Schein in Empfang. 4 4 „Sonſt nichts 20 3 „Sonſt nichts.“ „ ch begreiſe nicht.“ .„Deſtp beſſer, der Auftrag wird pünktlicher vollzo⸗ gen werden.“. Ferguzon hatie ernternehen großes Zutraufn zu ſeinem Kapitän und ging auch, ohne etwas zu er⸗ wiedern, auf die Thürk zu..* 6* 8* 4 4 4 ———9———— t 71 „Laß uns Wein heraufbringen, und zwar vom beſten,“ ſprach Cauvignac;„der Herr muß etwas an⸗ gegriffen ſein.“ Ferguzon verbeugte ſich zum Zeichen des Gehor⸗ ſams und trat ab. Nach einer halben Stunde kam er zurück und fand Cauvignac mit dem Bürger an ei⸗ nem Tiſche ſitzend; Beide thaten dem berühmten Or⸗ leans⸗Weine Ehre an, der den gascogniſchen Gaumen von Heinrich IV. ſo ſehr entzückte. „Nun?“ fragte Cauvignac. „Hier iſt der Schein.“ „Iſt er ſo richtig?“ Zett Lanpignar reichte dem Bürger den geſtempelten ettel. „Allerdings.“ „Der Empfangsſchein iſt in Ordnung?“ „Vollkommen.“ „Ihr macht alſo keine Schwierigkeit, mir gegen dieſen Schein das Geld zu geben?“ „Nein.“ „Gebt es.“ Der Bürger zählte die viertauſend Livres auf; Cauvignac ſieckte ſie in ſeine Reiſetaſche, wo ſie die viertauſend abgegangenen Livres erſetzten. „Und hiermit bin ich freigekauft?“ ſprach der Bürger. 4 „Ohl mein Gott, ja, wenn Ihr nicht durchaus dienen wollt.“ „Nicht in Perſon, aber.“ „Aber was? Sprecht, ich habe eine Ahnung, wir werden uns nicht verlaſſen, ohne ein zweites Geſchäft zu machen.“ „Es iſt möglich,“ verſetzte der Bürger, völlig er⸗ heitert durch den Beſitz ſeines Scheines; naber ich habe en ch den Veſis ſeines Eheinzzz„aber i he 2„Ah! ah 15 3 3 „Ein widerſpänſtiger, leichtfinniger Burſche!“) 72 G„Deſſen Ihr Euch gern entledigen möchtet?“ „Nicht gerade, der aber, glaube ich, einen guten Soldaten geben würde.“ 3 5„Schickt ihn mir, ich mache einen Helden aus m.“ „Ihr werdet ihn alſo anwerben?“ „Mit Vergnügen.“ 8 „Ich habe auch einen Taufpathen, einen Jungen von Verſtand, der in den geiſtlichen Stand eintreten will; ich muß ein ſchweres Koſtgeld für ihn bezahlen.“ „Ihr würdet es deßhalb vorziehen, wenn er die Muskete nähme, nicht wahr? Schickt mir den Pathen mit dem Neffen; das koſtet Euch fünfhundert Livres für Beide, mehr nicht.“ „Fünfyundert Livres! ich begreife nicht.“ „Gewiß, man bezahlt beim Eintritt.“ „Warum wollt Ihr mich alſo für den Nichteintritt bezahlen laſſen?“. „Da walten beſondere Gründe ob; Euer Neffe und Euer Pathe bezahlen jeder zweihundert und fünf⸗ zig Livres, und Ihr hört nie mehr von ihnen reden.“ „Teufel, es iſt verführeriſch, was Ihr mir da ſagt, und ſie werden ſich wohl dabei beſinden?“ „Das heißt, haben ſie einmal den Dienſt unter meinen Befehlen gekoſtet, ſo würden ſie ihre Lage nicht mehr gegen die des Kaiſers von China vertauſchen. Fragt dieſe Herren, wie ich ſie nähre. Sprecht Bar⸗ rabas, antwortet Carrotel!“ „In der That,“ ſagte Barrabas,„wir leben wie die vornehme Herren.“ „Und wie ſind ſie gekleidet? Seht.“ Carrotel machte eine Pirouette, um ſeinen glän⸗ zenden Anzug auf allen Seiten zu zeigen. „Es iſt allerdings nichts gegen das Ausſehen ein⸗ zuwenden,“ ſprach der Bürger. „Ihr ſchickt mir alſo Euere zwei jungen Leute?“ ——— 73 „Ich habe große Luſt. Werdet Ihr Euch lange hier aufhalten?“ „Nein, wir ziehen morgen früh weiter; aber um ſie zu erwarten, reiten wir nur im Schritt. Bezahlt die fünfhundert Livres und die Sache iſt abgemacht.“ „Ich habe nur zweihundert und fünfzig bei mir.“ „Ihr gebt ihnen die zweihundert und fünfzig an⸗ dern mit, das iſt ſogar ein Vorwand, ſie zu mir zu ſchi⸗ cken; denn Ihr begreift, ſie könnten ſonſt, wenn Ihr keinen Vorwand hättet, etwas vermuthen.“ 4 „Aber vielleicht werden ſie mir antworten, ein Einziger genüge zur Beſorgung des Auftrags?“ „Ihr ſagt ihnen, die Wege ſeien nicht ſicher, und gebt jedem ſünf und zwanzig Livres, das iſt ein Vor⸗ ſchuß auf ihren Sold.“ Der Bürger machte ganz verwunderte Augen. „ In der That,“ ſagte er,„nur für die Militäre nat ekeine Schwierigkeit, welche ſie aufzuhalten ver⸗ möchte. Und hierauf bezahlte er die zweihundert und fünf⸗ zig Livres an Cauvignac und entfernte ſich ganz ent⸗ zückt, daß er Gelegenheit gefunden hatte, für fünf⸗ hundert Livres einen Neffen und einen Pathen unter⸗ zubringen, welche ihn mehr als hundert Piſtolen jähr⸗ lich gekoſtet hatien. IV. „Nun, Meiſter Barrabas„“ ſprach Cauvignac, „habt Ihr in Eurem Felleiſen irgend einen Anzug, der etwas weniger elegant iſt, als derjenige, welchen Ihr tragt, und Euch das Anſehen eines Steuerbeamten verleihen würde?“ Der Frauenkrieg. II. 6 3 74 „Ich habe den des Einnehmers, welchen Ihr, wie Ihr wißt... „Gut, ſehr gut, Ihr habt wohl auch ſein Patent?“ „Der Lieutenant Ferguzon ſagte mir, ich ſolle es nicht verlieren, und ich habe es ſorgfältig aufbewahrt.“ „Der Lieutenant Ferguzon iſt der vorſichtigſte Menſch, den ich kenne. Kleidet Euch als Einnehmer und ſteckt das Patent zu Euch." Barrabas ging hinaus und kam nach zehn Minu⸗ ten völlig umgeſtaltet wieder zurück. Er fand Cauvignac ganz ſchwarz gekleidet und zum Täuſchen einem Manne der Juſtiz ähnlich. Beide wanderten nach dem Hauſe des Anwalts: Meiſter Rabodin hatte eine Wohnung im dritten Stocke, beſtehend aus einem Vorzimmer, einer Schreibſtube und einem Cabinet. Ohne Zweifel waren dabei noch andere Zimmer. Da ſie aber für ſeine Kunden nicht geöffnet wurden, ſo ſprechen wir nicht davon. Cauvignac durchſchritt das Vorzimmer, ließ Bar⸗ rabas in der Schreibſtube, warf im Vorübergehen ei⸗ nen forſchenden Blick auf die zwei Schreiber, welche ſich ſtellten, als kritzelten ſie, während ſie Marelle ſpiel⸗ ten, und ging in das Allerheiligſte. Meiſter Rabodin ſaß an einem Schreibtiſch, wel⸗ cher dergeſtalt mit Acten überladen war, daß der ehr⸗ würdige Anwalt wirklich unter Urkunden, Contracten und Urtheilsſprüchen begraben zu ſein ſchien. Er war ein großer, ausgetrockneter, gelber Mann mit einem ſchwarzen Kleide, welches ſo feſt an ſeinen Gliedern klebte, wie. die Haut einer Schlange auf ihrem Kör⸗ per klebt. Als er das Geräuſch der Tritte von Cau⸗ vignac hörte, erhob er ſeinen langen, gekrümmten Rücken und richtete den Kopf auf, der nun den Wall überragte, von welchem er umgeben war. Cauvignac glaubte einen Augenblick den Bafilisk gefunden zu haben, ein Thier, das die neueren Gelehr⸗ ten als fabelhaft betrachten, ſo ſehr glänzten die klei⸗ 2 75 nen Augen des Anwalts im düſteren Schimmer des Geizes und der Gierde. „Mein Herr,“ ſprach Cauvignac,„ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich ſo bei Euch einfinde, ohne zuvor gemeldet zu ſein; aber,“ fügte er mit ſeinem hehen Lächeln bei,„das iſt ein Vorrecht meines mtes.“ „Ein Vorrecht Eures Amtes,“ ſprach Meiſter Ra⸗ bodin,„was für ein Amt habt Ihr denn, wenn ich fragen darf?“ „Ich bin Executor Seiner Majeſtät, mein Herr.“ „Executor Seiner Majeſtät?“ „Ich habe dieſe Ehre.“ „Ich begreife nicht, mein Herr.“ „Ihr werdet ſogleich begreifen. Nicht wahr, Ihr kennt Herrn Biscarros?“ „Allerdings kenne ich ihn; er iſt mein Client.“ „Was denkt Ihr von ihm, wenn ich fragen darf?“ „Was ich von ihm denke?“ „Ja.“ „Ich denke... ich denke.. ich denke, er iſt ein ſehr braver Mann.“ „Mein Herr, Ihr täuſcht Euch.“ „Wie, ich täuſche mich?“ „Euer braver Mann iſt ein Rebell.“ „Wie, ein Rebell?“ „Ja, mein Herr, ein Rebell, der die vereinzelte Lage ſeines Wirthshauſes benützte, um einen Herd der Verſchwörung daraus zu machen.“ „In der That!“ „ Der ſich anheiſchig gemacht hat, den König, die Königin und Herrn von Mazarin zu vergiften, wenn ſie zufällig bei ihm anhalten würden.“ „Wirklich!“ „Und den ich ſo eben verhaftet und wegen Hoch⸗ verraths in den Kerker von Libourne gebracht habe.“ „Mein Herr, ich bin außer mir vor Erſtaunen.“ 8 druch Meiſter Rabodin, ſich in ſeinem Stuhle um⸗ rehend. Vernehmt noch mehr,“ fuhr der falſche Executor fort:„Ihr ſeid in dieſer Sache compromittirt.“ „Ich!“ rief der Anwalt von Orangegelb zu Apfel⸗ grün übergehend,„ich compromittirt, wie dies?“ „Ihr beſitzt eine Summe, welche der ſchändliche Biscarros zu Bezahlung eines Heeres von Aufrührern beſtimmt hatte.“ „Ich empfing allerdings für ihn...“ 3 „Eine Summe von viertauſend Livres; man hat mit ihm die Folter der ſpaniſchen Stiefeln vorgenom⸗ men und bei dem achten Keile geſtand der Feige, dieſe Summe müßte ſich bei Euch finden.“ „Sie iſt allerdings hier; aber erſt ſeit einem Au⸗ genblick.“ „Deſto ſchlimmer, mein Herr, deſto ſchlimmer.“ „Warum deſto ſchlimmer?“ „Weil ich genöthigt bin, mich Euerer Perſon zu verſichern.“ „Meiner Perſon?“ „Allerdings: die Anklageacte bezeichnet Euch als Mitſchuldigen.“ Der Anwalt ging von Apfelgrün zu Bouteillen⸗ grün über. „Ah, wenn Ihr dieſe Summe nicht empfangen hättet,“ fuhr Cauvignac fort,„dann wäre es etwas Anderes. Aber Ihr geſteht, ſie empfangen zu haben, und darin liegt ein Beweis, wie Ihr wohl begreift.“ „Mein Herr, wenn ich Euch dieſelbe zu geben ein⸗ willige, wenn ich ſie Euch ſogleich zuſtelle, wenn ich erkläre, daß ich in keiner Verbindung mit dem elenden Biscarros ſtehe, wenn ich ihn verleugne?“— „Es wird nichtsdeſtoweniger ſchwerer Verdacht über Euch ſchweben. Ich muß Euch jedoch ſagen, daß die ſchleunige Ausfolgung des Geldes „Mein Herr, ſogleich!“ rief Meiſter Rabodin,. „Das Geld iſt noch hier in dem Sack, in welchem man es mir überbrachte. Ich habe die Summe nur nach⸗ gezählt.“ „Und ſie iſt genau?“ „Zählt ſelbſt, mein Herr, zählt ſelbſt.“ „Nein, mein Herr, denn ich bin nicht ermächtigt, das Geld Seiner Majeſtät einzuziehen; aber ich habe den Steuereinnehmer von Libourne bei mir, der mir beigegeben worden iſt, um die verſchiedenen Summen zu erheben, welche der elende Biscarros an einzelnen Orten niederlegte, um ſie im Falle der Noth zu ge⸗ brauchen.“ „In der That, er hat mir ſehr eingeſchärft, ihm dieſe viertauſend Livres, wenn ich ſie empfangen hätte, ohne Verzug zu überſchicken.“ 1 „Seht Ihr? er weiß ohne Zweifel bereits, daß die Frau Prinzeſſin aus Chantilly entflohen iſt und nach Bordeaux zieht. Er raffte alle ſeine Mittel zu⸗ ſammen, um ſich zum Parteiführer zu machen. Der Schuft! Und Ihr vermuthetet nichts?“ „Nichts, mein Herr, nichts?“ 1 ſebt nd Niemand hat Euch davon in Kenntniß ge⸗ etzt?“ „Niemand.“ „Was ſagt Ihr da?“ rief Cauvignac, mit dem Finger nach dem Briefe des Bürgers deutend, der ganz offen auf dem Schreibtiſche von Meiſter Rabodin liegen geblieben war.„Was ſagt Ihr da, während Ihr mir ſelbſt den Beweis vom Gegentheile liefert?“ „Wie! den Beweis?“ „Leſt nur ſelbſt.“ Rabodin las mit zitternder Stimme: „Meiſter Rabodin, ich ſchicke Euch hier die vier⸗ tauſend Livres Unkoſten und Schadenerſatz, wozu ich gegen Meiſter Biscarros verurtheilt worden bin, den ich im Verdacht habe, daß er einen verbrecheriſchen Gebrauch davon machen will.“ „Einen verbrecheriſchen Gebrauch!“ wiederholte Cauvignac,„Ihr ſeht, daß ſich der abſcheuliche Ruf Eures Clienten bis hieher verbreitet hat.“ „Mein Herr, ich bin wie vom Donner gerührt,“ ſprach der Anwalt. „Ich kann Euch nicht verbergen, daß meine Be⸗ fehle ſtreng ſind,“ verſetzte Cauvignac. „Mein Herr, ich ſchwöre Euch, ich bin unſchuldig.“ „Biscarros ſagte bei Gott daſſelbe, bis man ihn der Folter unterworfen hatte; nur hat er bei dem fünf⸗ ten Keil die Sprache geändert.“ „Ich ſage Euch, daß ich bereit bin, Euch das 65 zu übergeben. Hier iſt es, nehmt es, es brennt mich.“ „Wir wollen die Dinge ganz in Ordnung ab⸗ machen,“ ſprach Cauvignac.„Ich habe Euch bereits bemerkt, daß ich nicht beauftragt bin, die Gelder des Königs einzuziehen.“ Dann gegen die Thüre ſchrei⸗ tend, rief er:„Kommt herein, Herr Einnehmer. Je⸗ dem ſein Amt.“ Barrabas trat ein. „Der Herr geſteht Alles,“ fuhr Cauvignac fort. „Wie, ich geſtehe Alles!“ rief der Anwalt. „Ja, Ihr geſteht, daß Ihr mit Biscarros eine Cor⸗ reſpondenz unterhalten habt.“ „Mein Herr, ich habe nur zwei Briefe von ihm empfangen und nur einen an ihn geſchrieben.“ „Der Herr geſteht, daß er Geldſummen in Ver⸗ wahrung hat, die dem Angeklagten gehören.“ „Hier ſind ſie, mein Herr. Ich habe außer die⸗ ſen viertauſend Livres nie eiwas von ihm erhalten und bin bereit, ſie Euch zu übergeben.“ 1 1 „Herr Einnehmer,“ ſprach Cauvignac,„zeigt Euer Patent vor, zählt das Geld und gebt einen Schein im Namen Seiner Majeſtät.“ Barrabas reichte ſein Patent dem Anwalt, dieſer ſtieß es aber zurück, da er ihn nicht durch das Leſen deſſelben beleidigen wollte. „Nun,“ ſprach Cauvignac, während Barrabas aus Furcht vor einem Irrthum das Geld zählte,„nun müßt Ihr mir folgen.“ „Euch folgen?“ anllerdings. Habe ich Euch nicht geſagt, Ihr wäret verdächtig?“ „Mein Herr, ich ſchwöre Euch, daß Seine Ma⸗ jeſtät keinen treueren Diener hat, als mich.“ „„s iſt nicht genug mit der Verſicherung, Ihr wißt das beſſer als ich, mein Herr Anwalt. Bei der Rechtspflege reicht das Behaupten nicht zu, es bedarf der Beweiſe.“ „Beweiſe, mein Herr, ich werde fie geben.“ „Welche?“ „Mein ganzes vergangenes Leben.“ „Das iſt nicht genug: es bedarf einer Gewähr⸗ ſchaft für die Zukunft.“ „Sagt mir, was ich thun kann, und ich werde es thun.“ „Es gäbe wohl ein Mittel, auf eine unbeſtreitbare Walſ Eure Ergebenheit gegen den König an den Tag zu legen.“. „Welches?“ „„s iſt in dieſem Augenblick in Orleans einer meiner Freunde, ein Kapitän, der eine Compagnie für den König anwirbt.“ „Nun?, „Das Mittel beſtände darin, daß Ihr bei dieſer Compagnie eintreten würdet.“ „Ich, mein Herr, ein Anwalt....“ „Der König braucht ſehr nothwendig Anwälte, denn ſeine Angelegenheiten ſind äußerſt verwirrt.“ „Ich würde ſie gern betreiben, mein Herr, aber meine Schreibſtube?“ „Ihr laßt ſie durch Eure Schreiber führen.“ 80 „Unmöglich, die Unterſchriften?“ „Verzeiht, meine Herren, wenn ich mich in das Geſpräch miſche,“ ſagte Barrabas. „Sprecht immerhin,“ verſetzte der Anwalt. „Es ſcheint mir, böte der Herr, der einen ſehr traurigen Soldaten geben würde...“ „Ja, Herr, Ihr habt Recht, einen ſehr traurigen,“ ſprach der Anwalt. „Böte der Herr an ſeiner Stelle Eurem Freunde oder vielmehr dem König....“ „Was kann ich dem König bieten?“ „Seine zwei Schreiber.“ „Allerdings,“ rief der Anwalt,„allerdings, und zwar mit großem Vergnügen. Euer Freund mag beide nehmen, ich gebe ſie ihm: es ſind vortzeffliche Zungen.“ fe„Der eine derſelben ſchien mir nur ein Kind zu ſein.“* 3 „Fünfzehn Jahre, mein Herr, fünfzehn Jahre, und äußerſt gewandt auf der Trommel. Komm hieher, Fricotin.“ 8 1 Cauvignac bedeutete mit einem Zeichen der Hand, man möge Herrn Fricotin laſſen, wo er war, und fuhr fort: „Der Andere?“ „Achtzehn Jahre, mein Herr; fünf Fuß, ſechs Zoll, ſtrebt varnach, Schweizer in Saint⸗Sauveur zu werden, und hat folglich Kenntniſſe in der Handhabung der Hellebarde. Hieher, Chalumeau!“ „Aber er ſchielt abſcheulich, wie es mir vorkam,“ ſagte Cauvignac mit einem zweiten dem erſten ähn⸗ lichen Zeichen. „„Deſ beſſer, mein Herr, deſto beſſer. Ihr ſtellt ihn als Schildwache auf, und wenn er auf Knem h. ſten ſteht, wird er zugleich rechts und links ſehen, wäh⸗ rend die Andern nur vor ſich ſehen.“ 3 „Das iſt wohl ein Vortheil; aber Ihr begreiſt, der König iſt ſehr beengt; wenn man mit Kanonen⸗ 81 ſchüſſen plaidirt, koſtet es noch mehr, als wenn man ſeine Prozeſſe mit Worten betreibt. Der König kann die Equipirung dieſer zwei Burſche nicht übernehmen. Es iſt genug, wenn er ſich ihre Inſtructionen und ihren Sold aufladet.“ „Mein Herr,“ ſprach Meiſter Rabodin,„wenn es nur deſſen bedarf, um meine Ergebenheit gegen den König darzuthun.. Wohl, ich werde ein Opſer bringen.“ 1 Cauvignac und Barrabas ſchauten ſich gegenſei⸗ g an. „Was denkt Ihr davon, Herr Einnehmer?“ fragte Cauvignac. „Ich denke, der Herr hat ein redliches Ausſehen,“ antwortete Barrabas. „Und man muß folglich Rückſicht auf ihn neh⸗ men. Gebt dem Herrn einen Schein für fünſhundert Livres.“ „Fünfhundert Livres!“ „Einen motivirten Schein für die Equſpirung von zwei jungen Soldaten, welche Meiſter Rabodin in ſei⸗ nem Eiſer Seiner Majeſtät anbietet.“ „Aber mittelſt dieſes Opfers werde ich doch wohl ruhig bleiben können?“ „Ich glaube es.“ „Man wird mich nicht beläſtigen?“ „Ich hoffe es.“ ſol wnd wenn man mich gegen alle Gerechtigkeit ver⸗ olg e 20 „So würdet Ihr Euch auf mein Zeugniß be⸗ zufene Doch werden Eure zwei Schreiber einwilli⸗ gen X. „Sie werden entzückt ſein.“ „Seid Ihr deſſen gewiß?“ „Ja. Man ſollte ihnen indeſſen nicht ſagen...“ „Welche Ehre ihnen vorbehalten iſt, nicht wahr?“ „Es wäre klüger.“ 82 „Wie es alſo machen?“ „Das iſt ganz einfach; ich ſchicke ſie Eurem Freunde. Wie heißt derſelbe?“ „Kapitän Cauvignac.“ „Ich ſchicke ſie Eurem Freunde, dem Kapitän Cau⸗ vignac, unter irgend einem Vorwande. Es wäre beſ⸗ ſer, wenn es außerhalb Orleans geſchehen könnte, damit es keinen Lärmen macht.“ „Ja, und damit die Einwohner von Orleans nicht die Luſt erfaßt, Euch mit Ruthen zu ſtreichen, wie es Kammlhs jenem Schulmeiſter des Alterthums thun ieß.“ „Ich ſchicke ſie Euch vor die Stadt, auf die Land⸗ ſtraße von Orleans nach Tours zum Beiſpiel.“ „In das erſte Wirthshaus.“ „JZa; ſie finden den Kapitän Cauvignac bei Tiſch; er bietet ihnen ein Glas Wein, ſie nehmen es an, er ſchlägt ihnen die Geſundheit des Königs vor, fie trinken in der Begeiſterung und find Sol⸗ daten.“ „Vortrefflich, nun könnet Ihr ſie rufen.“ Der Anwalt rief die zwei jungen Leute. Fricotin war ein kleiner Burſche von kaum vier Fuß, lebhaft und unterſetzt; Chalumeau war ein großer Bengel von fünf Fuß ſechs Zoll, dünn wie eine Spargel und roth wie eine Rübe. „Meine Herren,“ ſagte Cauvignac,„Meiſter Ra⸗ bodin, Euer Anwalt, beauftragt Euch mit einer ver⸗ trauensſendung. Ihr ſollt morgen früh in dem erſten Wirthshauſe, das ſich auf der Straße von Orleans nach Blois findet, einen Bund Acten bezüglich auf ei⸗ nen Prozeß zwiſchen Kapitän Cauvignac und Herrn von Larochfoucault holen. Meiſter Rabodin wird jedem von Euch fünfundzwanzig Livres Belohnung für dieſen Gang ſchenken.“ Fricotin, ein leichtgläubiger Junge, machte einen drei Fuß hohen Sprung. Chalumeau, welcher miß⸗ 83 trauiſchen Charakters war, ſchaute zugleich Cauvignac und den Anwalt mit einem zweifelhaften Ausdrucke an, wobei er noch dreimal mehr ſchielte, als ge⸗ wöhnlich. „Halt, halt,“ verſetzte Meiſter Rabodin lebhaft, „ich habe mich nicht zu den fünfzig Livres anheiſchig gemacht.“ „Für welche Summe,“ fuhr der falſche Exemte fort,„ſich Meiſter Rabodin bei dem Honorar des Pro⸗ zeſſes zwiſchen Cauvignac und dem Herzog von Laroche⸗ foucault ſchadlos halten wird.“ Meiſter Rabodin ließ den Kopf ſinken; er mußte dench dieſe Thüre oder durch die des Gefängniſſes gehen. „Gut,“ ſprach der Anwalt, vich willige ein; aber Ihr werdet mir hienach einen Schein geben.“ „Seht,“ ſagte der Einnehmer,„ſeht, wie ich Eurem Verlangen zuvorgekommen bin.“ Und er übergab ihm ein Papier, auf welchem fol⸗ gende Zeilen geſchrieben ſtanden: „Erhalten von Meiſter Rabodin, dem ſehr ge⸗ treuen Unterthanen Seiner Majeſtät, als freiwillige Gabe eine Summe von fünfhundert Livres zu Unter⸗ ſtützung des Königs in ſeinem Kriege gegen die Herren Prinzen.“ „Wenn Ihr beſondern Werth darauf legt,“ ſagte Varrabas,„ſo werde ich die zwei Schreiber auf den Schein ſetzen.“ „Nein,“ entgegnete raſch der Anwalt,„es iſt vor⸗ trefflich ſo.“. „Doch hört,“ ſprach Cauvignac zu Meiſter Rabo⸗ din,„heißt Fricotin ſeine Trommel nehmen und Cha⸗ lumeau ſich mit ſeiner Hellebarde bewaffnen. Man hat dies dann immer weniger zu kaufen.“ „Unter welchem Vorwand ſoll ich ihnen dieſen Auftrag geben?“ — 84 „Bei Gott, unter dem Vorwand, daß ſie ſich un⸗ terwegs zerſtreuen mögen.“. Hienach entfernten ſich der falſche Exemte und der falſche Einnehmer, Meiſter Rabodin aber blieb ganz verblüfft durch die Gefahr, der er preisgegeben ge⸗ weſen war, und fühlte ſich nur zu glücklich, ſo leichten Kaufes davon gekommen zu ſein. V. Am andern Tage ging es, wie Cauvignac vorher⸗ geſehen hatte: der Neffe und der Pathe kamen zuerſt, beide auf demſelben Pferde reitend; dann erſchienen Fricotin und Chalumeau, der eine mit ſeiner Trom⸗ mel, der andere mit ſeiner Hellebarde. Es gab wohl, als man ihnen erklärte, ſie hätten die Ehre in den Dienſt der Prinzen eingereiht zu werden, von der ei⸗ nen oder der andern Seite Schwierigkeiten, aber dieſe hoben ſich vor den Drohungen von Cauvignac, den Werſprechungen von Ferguzon und der Logik von Bar⸗ rabas. Das Pferd des Neffen und des Pathen wurde dazu beſtimmt, das Gepäcke zu tragen, und da es eine Fußgänger Compagnie war, deren Bildung Cauvignac übernommen hatte, ſo konnten die Rekruten nichts da⸗ gegen einwenden. Man begab ſich auf den Weg. Der Marſch von Cauvignac glich einem Triumphzug. Der erfinderiſche Parteigänger fand Mittel, die hartnäckigſten Anhänger des Friedens in den Krieg zu führen. Die Einen ließ er der Sache des Königs, die Andern der Sache der Prinzen ſich anſchließen. Einige glaubten dem Parla⸗. mente zu dienen, Andere dem König von England, der von einer Landung in Schottland, um ſeine Stagten —O9ͤℳ—Oℳ OB— S—6 8⁵ wiederzuerobern, ſprach. Wohl fand einige Abſchei⸗ dung in den Farben ſtatt, wohl zeigte ſich eine Dis⸗ harmonie in den Reclamationen, welche der Lieutenant Ferguzon trotz ſeiner Ueberredungsgabe der Tonart des leidenden Gehorſams zu unterwerfen Mühe hatte. Doch mit Hülfe einer beſtändigen, wie Cauvignac ſagte, für den Erfolg des Unternehmens nothwendigen Opera⸗ tion rückte man vor, ohne zu wiſſen, was man thun ſollte. Cauvignac hatte vier Tage, nachdem er Chan⸗ tilly verlaſſen, fünfundzwanzig Mann beiſammen: es war dies, wie man ſieht, ſchon eine ziemlich hübſche Patrouille. Viele Flüſſe, welche, wenn ſie ſich in das Meer ſtürzen, großes Geräuſch machen, haben einen minder mächtigen Urſprung. Cauvignac ſuchte einen Mittelpunkt: er gelangte in ein kleines Dorf, welches zwiſchen Chatellerault und Poitiers lag, und glaubte hier gefunden zu haben, was er ſuchte. Es war Jaulnay; Cauvignac erkannte das Dorf, in welches er eines Abends den Befehl für Canolles gebracht hatte, und ſchlug ſein Hauptquartier in dem Wirthshauſe auf, in welchem er an jenem Abend ziemlich gut geſpeiſt zu haben ſich erinnerte. Ueberdies hatte man keine Wahl, denn dieſes Wirths⸗ Pa war erwähntermaßen das einzige im ganzen orfe. So geſtellt, auf der Hauptſtraße von Bordeaux nach Paris, hatte Cauvignac hinter ſich die Truppen des Herrn von Larochefoucault, welcher Saumur bela⸗ gerte, und vor ſich die des Königs, welche ſich in der uienne zuſammengezogen. Jedermann die Hand reichend, hütete ſich Cauvignac wohl, irgend eine Farbe aufzupflanzen, ehe die geeignete Gelegenheit gekommen wäre, und war darauf bedacht, einen Kern von etwa hundert Mann zu bilden, um daraus erklecklichen Vor⸗ theil zu ziehen. Das Rekrutirungsgeſchäft nahm ſei⸗ nen raſchen Fortgang und Cauvignac hatte ſeine Ar⸗ beit beinahe zur Hälfte abgemacht. Als nun Cauvignac, nachdem er den ganzen Mor⸗ gen mit der Menſchenjagd zugebracht hatte, ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß vor der Thüre des Wirthshauſes auf der Lauer ſtand und mit ſeinem Lieutenant und ſeinem Unterlieutenant plauderte, ſah er am Ende der Straße eine junge Dame zu Pferde erſcheinen, der ein Stall⸗ meiſter ebenfalls zu Pferde und zwei mit Gepäck be⸗ ladene Maulthiere folgten. Das leichte Weſen, mit dem die ſchöne Amazone ihr Roß regierte, die ſteife, ſtolze Haltung ihres Stall⸗ meiſters machten eine Erinnerung im Kopfe von Cau⸗ vignac rege. Er legte ſeine Hand auf den Arm von Ferguzon, der an dieſem Tage übler Laune ziemlich traurig in die Fauſi ſchaute, und ſagte auf die Reiſende deutend, zu ihm: „Hier kommt der fünfzigſte Soldat des Regiments von Cauvignac, oder ich will des Todes ſein.“ „Wie? dieſe Dame?“ „Allerdings.“ „Ahl wir haben bereits einen Neffen, der Advo⸗ eat, einen Pathen, der Pfarrer werden ſollte, zwei Schreiber, zwei Apotheker, einen Arzt, drei Bäcker und zwei Gänſehirten; mir ſcheint, das ſind genug ſchlechte Soldaten, ohne daß man eine Frau beizufü⸗ gen nöthig hätte, denn eines Tags wird man ſich doch ſchlagen müſſen.“ „Ja, aber unſer Schatz beläuft ſich erſt auf fünf⸗ undzwanzigtauſend Livres(man ſieht, der Schatz hatte wie die Truppe die Natur des Schneeballs), und ich denke, es wäre nicht übel, wenn man eine runde Summe, etwa dreißigtauſend Livres, erreichen könnte.“ „Ah!l wenn Du die Dinge aus dieſem Geſichts⸗ punkte betrachteſt, habe ich nichts einzuwenden, und pflichte Dir vollkommen bei.“ „Stille! Du wirſt ſehen. 4 Cauvignac näherte ſich der jungen Dame, welche 8 87 vor einem der Fenſter des Wirthshauſes angehalten hatte und die Wirthin befragte, die ihr vom Zimmer aus Antwort gab. „Euer Diener, mein edler Herr,“ ſagte er mit Flne ſchlauen Miene, die Hand höflich an den Hut egend. „Mein edler Herr! ich!“ erwiederte die Dame lä⸗ d.. „Ihr ſelbſt, ſchöner Vicomte.“ ie Dame erröthete. „Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt?“ eln entgegnete ſie. „Ohl doch wohl, und zum Belege dient, daß Ihr bereis einen halben Fuß Roth auf den Wangen abt.“ „Ihr täuſcht Euch offenbar, mein Herr.“ 16 feRein, nein, ich weiß im Gegentheil ſehr gut, was age.“ „Genug des Scherzes, mein Herr „Ich ſcherze nicht, und wenn Ihr den Beweis ha⸗ ben wollt, ſo werde ich Euch denſelben geben. Ich habe die Ehre gehabt, Euch vor ungefähr drei Wochen in der Tracht Eueres Geſchlechts an dem Ufer der Dor⸗ dogne zu begegnen; es folgte Euch damals Euer treuer Stallmeiſter, Herr Pompée. Habt Ihr noch Herrn Pompée? Ahl ja, da iſt er! Dieſer liebe Herr Pom⸗ pée, werdet Ihr auch ſagen, ich kenne ihn nicht?“ Der Stallmeiſter und die junge Dame ſchauten ſich verwundert an. „Ja, ja,“ fuhr Cauvignae fort,„Ihr ſtaunt, mein ſchöner Vicomte; aber wagt es zu behaupten, ich habe Euch nicht begegnet, dort auf der Straße von Saint⸗ Martin⸗de⸗Cubſac, eine Viertelmeile von dem Wirths⸗ 1 hauſe des Meiſter Biscarros.“ He„Ich leugne dieſes Zuſammentreffen nicht, mein rr.“ uhl Ihr ſeht wohl.“ 88 „Nur war ich an jenem Tage verkleidet.“ „Nein, nein, heute ſeid Ihr es. Uebrigens, da das Signalement des Vicomte von Cambes in ganz Guienne verbreitet worden iſt, begreife ich wohl, daß Ihr es für klüger hieltet, um jeden Verdacht abzuwen⸗ den, für den Augenblick dieſes Coſtume zu wählen, das Euch, um Euch Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, mein edler Herr, vortrefflich ſteht.“ 4„Mein Herr,“ ſprach die Vicomteſſe mit einer Un⸗ ruhe, welche ſie vergebens zu verbergen ſuchte,„wenn Ihr Euere Rede nicht mit geſcheiten Worten vermiſch⸗ teis würde ich Euch in der That für einen Narren alten.“ „Ich werde Euch nicht daſſelbe Kompliment ma⸗ chen und finde es ſehr vernünftig, ſich zu verkleiden, wenn man conſpirirt.“ Die junge Frau heftete einen immer ängſtlicheren Blick auf Cauvignac und erwiederte: „In der That, es ſcheint mir, ich habe Euch ir⸗ gendwo geſehen, aber ich erinnere mich nicht mehr wo. „ DDas erſte Mal, wie ich Euch ſagte, an dem Ufer der Dordogne.“ „Und das zweite Mal?“ „Das zweite Mal in Chantilly.“ „An dem Jagdtage?“ „Ganz richtig.“*† „Dann habe ich nichts zu befürchten, Ihr ſeid Einer der Unſern.“ „Warum dies?“ „Weil Ihr bei der Frau Prinzeffin geweſen ſeid.“ „Erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß dies kein Grund iſt.“. „Es ſcheint mir jedoch. „Es waren dort zu viele Menſchen, als daß man von allen hätte überzeugt ſein können, es wären Freunde.“ —9 S— :- S 3 8 89 „Nehmt Euch in Acht, mein Herr, Ihr würdet mir einen ſonderbaren Begriff von Euch geben.“) „Ohl denkt von mir, wie Ihr wollt, ich bin nicht ſehr empfindlich.“ „Aber was wünſcht Ihr denn?“ „ ch wünſchte Euch, wenn Ihr es annehmen wollt, die Honneurs dieſes Gaſthofes zu machen.“ „Ich danke, mein Herr, und bedarf Euerer nicht. ch erwarte Jemand.“ „Es iſt gut, ſteigt ab, und in Erwartung dieſes Jemand wollen wir plaudern.“ „Was ſoll ich thun, gnädige Frau?“ fragte Pompée. „Abſteigen, ein Zimmer verlangen und Abendbrod beſtellen,“ ſagte Cauvignac. 1 „Mein Herr,“ verſetzte die Vicomteſſe,„mir däucht, es iſt meine Sache, Befehle zu geben.“ „Es kommt darauf an, Vicomte, inſofern ich in Jaulnay commandire und fünfzig Mann zu meiner Verfügimg habe. Pompée thut, was ich Euch geſagt abe.“ „Pompée ließ den Kopf ſinken und trat in das Wirthshaus. „Aber, mein Herr, Ihr nehmt mich in Haft?“ fragte die junge Frau. „Vielleicht.“ „Wie, vielleicht 2 „„Ja, das hängt von der Unterredung ab, die wir miteinander pflegen werden; aber habt doch die Güte, abzuſteigen, Vicomte; gut, nehmt meinen Arm; die Leute vom Hauſe werden Euer Pferd in den Stall führen.“ „Ich gehorche, mein Herr, denn Ihr ſeid, wie Ihr geſagt habt, der Stärkere; ich habe kein Mittel, Wider⸗ ſtand zu leiſten; ich mache Euch jedoch auf Eines auf⸗ merkſam: die Perſon, welche ich erwarte, wird kommen, und dieſe Perſon iſt ein Offizier des Königs.“ 7 7 Der Frauenkrieg. I. 90 „Wohl, Vicomte, Ihr erweiſt mir die Ehre, mich ihm vorzuſtellen, und ich werde entzückt ſein, ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ Die Vicomteſſe begriff, daß kein Widerſtreben möglich war, und ging voraus, wobei ſie Cauvignac durch ein Zeichen andeutete, es ſtünde ihm frei, ihr zu olgen. Cauvignac begleitete ſie bis an die Thüre des Zimmers, welches Pompée hatte bereit machen laſſen, und war im Begriff, die Schwelle hinter ihr zu über⸗ ſchreiten, als Ferguzon, raſch die Treppe heraufſteigend, ſich ſeinem Ohre näherte und ihm zuflüſterte: „Kapitän, ein Wagen mit drei Pferden, ein ver⸗ larvter junger Mann in dem Wagen, zwei Lackeien an den Schlägen.“ „Gut,“ ſagte Cauvignac.„Das iſt ohne Zweifel der erwartete Herr.“ „Ahl man erwartet einen Herrn?“ „Ja, und ich gehe ihm entgegen. Du, bleibe im Gange, verliere die Thüre nicht aus dem Auge, laſſe Jedermann hinein, aber Niemand heraus.“ „Genug, Kapitän.“ Ein Reiſewagen hielt in der That vor der Thüre des Wirtbshauſes, begleitet von vier Mann von der Compagnie Cauvignac, die ihm eine Viertelmeile von der Stadt begegnet waren und von dieſem Augenblicke als Escorte gedient hatten. Ein Herr, in blauen Sammet gekleidet und in einen Pelzmantel gehüllt, lag in dem Wagen. Seit dem Augenblicke, wo die vier Mann ſeine Carroſſe um⸗ gaben, hatte er viele Fragen an ſie gerichtet; als er aber ſah, daß dieſe Fragen, ſo dringend ſie auch wa⸗ ren, keine Antwort erhielten, ſchien er in Geduld zu warten und hob nur von Zeit zu Zeit den Kopf empor, um zu ſehen, ob ſich nicht irgend ein Führer näherte, von dem er eine Erläuterung über das ſon⸗ derbare Benehmen ſeiner Leute verlangen könnte. —--———=o——, ——————. ————— 91. Es war übrigens unmöglich, den Eindruck, den dieſes Ereigniß auf den jungen Reiſenden hervorgebracht hatte, richtig zu beurtheilen, inſofern eine von den Masken von ſchwarzem Atlaß, Wolf genannt, welche damats ſo ſehr in der Mode waren, die Hälfte ſeines Geſichtes verbarg. Was indeſſen die Maske ſehen ließ, der Obertheil der Stirne und der Untertheil des Geſichtes, deutete Jugend, Schönheit und Geiſt an; die Zähne waren klein und weiß, und durch die Larve funkelten die Augen. Zwei große Lackeien, bleich und zitternd, obgleich ſie die Muskete auf dem Knie hielten, ritten auf der Seite des Wagens und ſchienen an den Schlägen auf ihre Pferde genagelt; das Bild hätte für eine Scene gehalten werden können, wobei Räuber ſich eines Rei⸗ ſenden und ſeiner Begleitung bemächtigt,— abgeſehen voom hellen Tage, vom Wicthshauſe, von dem lachen⸗ den Geſichte von Cauvignac und dem ruhigen Weſen der ſcheinbaren Räuber. Bei dem Anblick von Cauvignac, der, wie geſagt, an der Thüre erſchien, ſtieß der junge Mann einen halb unterdrückten Schrei des Erſtaunens aus und fuhr raſch mit der Hand an ſein Geſicht, als wollte er ſich verſichern, daß ſeine Maske immer noch daran wäre. Die Gewißheit hierüber ſchien ihn ruhiger zu machen. So raſch auch die Bewegung geweſen war, ſo war ſie Cauvignac doch nicht entgangen; er ſchaute den Reiſenden als ein Mann an, der die Signale⸗ ments, ſelbſt auf den verſtellteſten Zügen, zu buchſta⸗ biren gewohnt iſt; dann bebte er in Folge eines Er⸗ aunens, das beinahe dem gleichkam, welches der in blauen Sammet gekleidete Cavalier kundgegeben hatte; aber er faßte ſich bald wieder, nahm den Hut mit ganz beſonderer Artigkeit in die Hand und ſprach: „Seid willkommen, ſchöne Dame.“ Die Augen des Reiſenden glänzten vor Erſtaunen durch die Oeffnungen ſeiner Maske. 92 „Wohin geht Ihr?“ fuhr Cauvignac fort. „Wohin ich gehe?“ erwiederte der Reiſende, ohne den Gruß von Cauvignac zu beachten und nur ſeine Frage beantwortend;„wohin ich gehe? Ihr müßt es beſſer wiſſen, als ich, da es mir nicht frei ſteht, meine Meie forküüſeten. Ich gehe dahin, wohin Ihr mich rt. „Erlaubt mir, Euch zu bemerken,“ entgegnete Cauoignac mit zunehmender Höflichkeit,„daß dies nicht antworten heißt, ſchöne Dame. Ihr ſeid nur für den Augenblick in Verhaft genommen. Haben wir eine Minute mit offenem Herzen und offenem Geſichte über unſere kleinen gegenſeitigen Angelegenheiten geſprochen, ſo werdet Ihr Euere Reiſe ohne irgend ein Hinderniß fortſetzen.“ „Verzeiht,“ ſagte der junge Mann,„aber ehe wir weiter gehen, wollen wir vor Allem einen Irrthum berichtigen. Ihr gebt Euch den Anſchein, als hieltet Ihr mich für eine Frau, während Ihr im Gegentheil n meinen Kleidern ſehr gut ſeht, daß ich ein Mann in.“ „Ihr kennt das lateiniſche Sprüchwort: Ne ni- mium crede colori. Der Weiſe urtheilt nicht nach dem Scheine. Ich maße mir nun an, ein Weiſer zu ſein, und ſo erkannte ich unter dieſer lügenhaften Tracht... „Was?“ fragte der Reiſende ungeduldig. „Wie ich Euch ſagte: eine Frau.“ „Aber wenn ich Euch eine Frau bin, warum ver⸗ haftet Ihr mich dann?“ „Teufel! weil in dieſen Zeitläuften die Frauen gefährlicher ſind, als die Männer; man könnte auch fireng genommen unſeren Krieg den Frauenkrieg nen⸗ nen. Die Königin und Frau von Condé find die zwei kriegführenden Mächte. Sie haben zu Generallieute⸗ nants Fräulein von Chevreuſe, Frau von Montbazon⸗ Frau von Longueville... und Euch genommen. Fräu⸗ ——ͤ—— —& ᷣ 1 —, SSͤR S-,A —G 93 lein von Chevreuſe iſt der General des Herrn Coad⸗ jutors; Frau von Montbazon iſt der General von Herrn von Beaufort; Frau von Longueville iſt der General von Larochefoucault, und Ihr, Ihr habt ganz das Ausſehen, als wäret Ihr der General des Herrn Herzogs von Epernon.“ „Ihr ſeid ein Narr, mein Herr,“ ſagte der junge Reiſende die Achſeln zuckend. „Ich werde Euch ebenſo wenig glauben, ſchöne Dame, als ich vorhin dem jungen Manne glaubte, der mir daſſelbe Compliment machte.“ „Ihr behauptetet vielleicht gegen ſie, ſie wäre ein ann.“ 4 „Allerdings. Ich erkannte zneinen kleinen Edel⸗ mann, den ich an einem gewiſſen Abend Anfangs Mai um das Gaſthaus von Meiſter Biscarros hatte herum⸗ ſtreichen ſehen, und ließ mich durch ſeinen Weiberrock, ſeinen Kopfputz und ſeine kleine Flötenſtimme nicht täuſchen; ſo wenig als ich mich durch Euer blaues Wamms, Euern grauen Filzhut und Eure Stiefeln mit den Spitzen täuſchen laſſe. Ich ſagte ihm:„„Nehmt einen amen an, welchen Ihr wollt, nehmt eine Tracht nach Eurem Belieben, nehmt eine Stimme, wie es Euch gefällt, Ihr ſeid darum nichtsdeſtoweniger der Vi⸗ comte von Cambes.“ fend„Der Vicomte von Cambes!“ rief der junge Rei⸗ nde. 5 „Ah! der Name fällt Euch auf, wie es ſcheint. Solltet Iyr ihn zufällig auch kennen?“ „Ein ſehr junger Menſch, beinahe ein Kind?⸗ „Höchſtens ſiebzehn, bis achtzehn Jahre.“ „Sehr blond?“ „Sehr blond.“ „Große blaue Augen?“ „Sehr groß, ſehr blau.“ Er iſt hier?“ „Er iſt da.“ 94 „Und Ihr ſagt: er ſey.. „Als Frau verkleidet, der ſchlimme Menſch, wie Ihr als Mann, Böſe.“ „Und was macht er hier?“ rief der junge Mann mit einer Heftigkeit, welche immer ſtärker hervortrat, je mehr Cauvignac im Gegentheil nüchtern wurde in Geberden und geizig an Worten. „Er behauptet, ein Rendezvous mit einem ſeiner Freunde zu haben,“ antwortete Cauvignac, auf jedes ſeiner Worte einen beſondern Nachdruck legend. „Mit einem ſeiner Freunde?“ „Ja.“ „Einem Edelmanne?“ „Wahrſcheinlich. „Baron?“ „Vielleicht.“ 3/ „Und ſein Name?“ Die Stirne von Cauvignae faltete ſich unter einem neuen Gedanken, der ſich zum erſten Male ſeinem Geiſte darbot und bei ſeinem Eintritt in dieſen eine ſichtbare Revolution in ſeinem Gehirne hervorbrachte. „Oh, oh,“ murmelte er,„das wäre ein hübſcher zug.“ „Und ſein Name?“ wiederholte der junge Reiſende. „Wartet doch!“ ſprach Cauvignac,„wartet.... ſein Name endigt mit olles.“ 3 „Herr von Canolles!“ rief der junge Reiſende, deſſen Lippen ſich mit einer Todesbläſſe bedeckten, wo⸗ durch ſeine ſchwarze Maske ſurchtbar von der Weiße ſeiner Haut abſtach. „So iſt es, Herr von Canolles,“ verſetzte Cau⸗ vignac, auf den ſichtbaren Theilen des Geſichtes und auf dem ganzen Körper des jungen Mannes der Re⸗ volution folgend, welche in ihm vorging.„Herr von Canolles, ganz richtig. Ihr kennt Herin von Canol⸗ les ebenfalls! Ihr kennt, ſcheint es, die ganze Welt?u „Scherz bei Seite,“ ſtammelte der junge Mann 95 der an allen Gliedern zitterte und einer Ohnmacht nahe zu ſein ſchien.„Wo iſt dieſe Dame?“ „In jenem Zimmer; ſeht, dort das dritte Fenſter, jenes mit den gelben Vorhängen.“ „Ich will ſie ſehen!“ rief der Reiſende. „Ohol ſollte ich mich getäuſcht haben,“ ſprach Cauvignac,„und Ihr wäret der Herr von Canolles, den ſie erwartet? Oder vielmehr wäre Herr von Ca⸗ nolles nicht der hübſche Cavalier, der dort im Trabe einherreitet, gefolgt von einem Lackeien, welcher ganz das Ausſehen eines Einfaltspinſels hat?“ Der junge Reiſende warf ſich mit ſolcher Eile gegen die vordere Glasſcheibe des Wagens, daß er ſie mit der Stirne zerbrach. 5 „Er iſt es! er iſt es!“ rief er, ohne nur wahrzu⸗ nehmen, daß einige Tropfen Blutes aus ſeiner leichten Wunde floßen.„Oh, Unglückliche! Er kommt, findet ſie wieder, ich bin verloren!...“ „Ah, Ihr ſeht wohl, daß Ihr eine Frau ſeyd?“ „Sie hatten ſich Rendezvous gegeben,“ fuhr der junge Mann die Hände ringend fort;„ohl ich werde mich rächen.“ Cauoignac wollte einen neuen Scherz verſuchen, aber der junge Mann machte ihm ein gebieteriſches Zeichen mit einer Hand, während er mit der andern ſeine Maske abriß, und es erſchien das bleiche Antlitz von Nanon ganz bewaffnet mit Drohungen vor den ruhigen Blicken von Cauvignac. VI. „Guten Morgen, Schweſterchen,“ ſagte Cauvignac un Nanon, der jungen Frau mit unſtörbarem Phlegma die Hand reichend. 3 96 „Guten Morgen; Ihr hattet mich alſo wiederer⸗ kannt, nicht wahr?“ „In dem Augenblick, wo ich Euch erblickte; es war nicht hinreichend, Euer Geſicht zu verbergen, Ihr mußtet auch das reizende kleine Mahl und dieſe Perl⸗ zähne verſchleiern. Nehmt wenigſtens eine ganze Maske vor, wenn Ihr Euch verkleiden wollt, Eitle; aber Ihr ſeyd nicht vorſichtig.... et fugit ad salices.“ „Genug,“ ſprach gebieteriſch Nanon,„ſprechen wir im Ernſte.“) „Es iſt mir ganz lieb; nur wenn man im Ernſte ſpricht, macht man gute Geſchäfte.“ ier?“ „In Perſon.“ 4 3 „Und Herr von Canolles trete in dieſem Augen⸗ blick in das Wirthshaus?“ „Noch nicht. Er ſteigt vom Pferde und wirft „Ihr ſagt alſo, die Vicomteſſe von Cambes ſei ſeinem Lackeien die Zügel zu. Ah, er iſt von jener Seite auch bemerkt worden. Seht, das Fenſter mit den gelben Vorhängen öffnet ſich und der Kopf der Vicomteſſe kommt hervor. Ahl ſie ſtößt einen Freuden⸗ ſchrei aus. Herr von Canolles ſtürzt in das Haus; verher Euch, Schweſterchen, oder es iſt Alles ver⸗ oren.“. Nanon warf ſich zurück und drückte krampfhaft die Hand von Cauvignac, der ſie mit einer Miene väterlichen Mitleids anſchaute. „Und ich, die ich ſo eben nach Paris reiſen wollte,“ riefedanon, ich, die ich Alles wagte, um ihn wieder⸗ zuſehen!“ „Ah! Opfer, Schweſterchen, und zwar für einen Undankbaren. Bei meiner Seele, Ihr hättet Eure Wohlthaten beſſer anbringen können!“ „Was werden ſie nun ſagen, da ſie vereinigt ſind? Was werden ſie thun?“ „In der That, theuere Ranon, Ihr bringt mich N — ‚1— NöSA 97 ſehr in Verlegenheit, daß Ihr eine ſolche Frage an mich richtet,“ ſprach Cauvignac,„bei Gott, ſie werden ſich ungemein lieben, wie ich vermuthe.“ „Oh, das wird nicht ſein!“ rief Nanon und biß ſich wüthend in die elfenbeinglatten Nänel. „ch glaube im Gegentheil, es wird ſeyn,“ ver⸗ ſetzte Canvignac.„Ferguzon, welcher Befehl erhalten hat, Niemand herauszulaſſen, iſt nicht beauftragt, Nie⸗ mand hineinzulaſſen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach tau⸗ ſchen in dieſem Augenblicke die Vicomteſſe und Canol⸗ les alle Arten von Liebkoſungen aus, von denen die einen immer reizender ſind, als die andern. Teufel! meine liebe Nanon, Ihr habt Euch zu ſpät auf den Weg gemacht.“ 8 „Ihr glaubt,“ verſetzte die junge Frau mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke tiefer Jronie und gehäſſiger Verſchmitztheit,„Ihr glaubt! wohl, ſteigt zu mir ein.“ Cauvignac gehorchte. „He, Bertrand,“ fuhr Nanon, ſich an einen von den Musketenträgern wendend⸗ fort,„ſagt dem Kutſcher, er ſolle ohne Geräuſch umkehren und ſich unter der ſaumgruppe aufſtellen, welche wir beim Eingange des Dorfes rechts gelaſſen haben.“ 8 Dann ſich gegen Cauvignac umwendend. „Werden wir dort nicht gut ſein, um mit einan⸗ der zu ſprechen?“ 1 „Vollkommen, aber erlaubt mir, ebenfalls meine Vorſichtsmaßregeln zu treffen.“ 6„Trefft fie.“ Cauvignac machte vier von ſeinen Leuten, welche ſummend und ſich ausbreitend, wie Horniſſe im Sonnen⸗ ein, um das Wirthshaus lungerten, ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ihr thut wohl daran, daß Ihr dieſe Leute mit⸗ nehmt,“ ſagte Nanon,„und wenn Ihr mir glauben 98 wollt, nehmt lieber ſechs als vier, wir könnten Arbei für ſie bekommen.“ „Gut,“ ſprach Cauvignac,„Arbeit, das iſt es, was ich brauche.“ 4 „Dann follt Ihr befriedigt werden,“ erwiederte die junge Frau. 1 Und der Wagen drehte ſich um und nahm Nanon, roih von dem Feuer ihres Gedankens, und Cauoignac mit, welcher ſcheinbar ruhig und kalt war, darum ſich aber nicht minder anſchickte, den Eröffnungen, welche ihm ſeine Schweſter machen wollte, eine tiefe Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken. Mittlerweile war Canolles, angezogen durch den Freudenſchrei, den Frau von Cambes, ihn erblickend, ausgeſtoßen hatte, in das Wirthshaus geeilt und hatte das Zimmer der Vicomteſſe erreicht, ohne auf Fergu⸗ zon zu achten, der im Gange ſtand, aber da er keinen Befehl in Beziehung auf Canolles erhalten hatte, ſei⸗ nem Eintritte auch keine Schwierigkeit entgegenſetzte. „Ah, Herr!“ rief Frau von Cambes, als ſie ihn gewahrte,„kommt geſchwinde, denn ich erwarte Euch mit der größten Ungeduld.“ „Dieſe Worte würden mich zum glücklichſten Men⸗ ſchen der Welt machen, Madame, wenn Eure Bläſſe und Eure Unruhe mir nicht deutlich ſagten, daß Ihr mich nicht meinetwegen allein erwartet.“. „Ja, Herr, Ihr habt Recht,“ verſetzte Claire mit ihrem reizenden Lächeln,„ich will eine Verbindlichkeit mehr gegen Euch haben.“ „Welche?“. „Die, daß Ihr mich irgend einer Gefahr entziehi, welche mich bedroht.“ „Einer Gefahr?“ „Ja. Wartet.“ Claire ging an die Thüre und ſtieß den Riegel vor 3 8 „Sch bin erkannt worden,“ ſagte ſie zurückkehrend. gel nd. 99 „Von wem?“ „Von einem Manne, deſſen Namen ich nicht weiß, deſſen Geſicht und Stimme mir aber nicht fremd ſind. Mir däucht, ich habe ſeine Stimme an dem Abend gehört, an welchem Ihr in dieſem Zimmer den Befehl erhieltet, ſogleich nach Mantes zu reiſen. Es ſcheint mir, ich habe ſein Geſicht auf der Jagd in Chantilly an dem Tage geſehen, wo ich die Stelle von Frau von Condé einnahm.“ „Für wen haltet Ihr dieſen Menſchen?“ „Für einen Agenten des Herrn Herzogs von Epernon, folglich für einen Feind.“ „Teufel!“ rief Canolles;„und Ihr ſagt, man habe Euch erkannt 2....“ „Ich bin deſſen gewiß: er nannte mich bei mei⸗ nem Namen und behauptete nur, ich wäre ein Mann. Es ſind überall hier in der Gegend Offiziere der könig⸗ lichen Partei. Man weiß, daß ich zu der Partei der Prinzen gehöre, und gedachte mich zu beunruhigen; aber Ihr ſeid hier, und ich fürchte nichts mehr. Ihr ſeid ſelbſt Offizier, Ihr gehört zu derſelben Partei wie ſie, Ihr werdet mir als Schutzwache dienen.“ „Ach, ich fürchte ſehr, Euch nichts Anderes zu Schutz und Vertheidigung bieten zu können, als mei⸗ nen Degen.“ „Wie ſo?“ „Von dieſem Augenblick an, Madame, bin ich nicht mehr im Dienſte des Königs.“. „Sprecht Ihr wahr?“ rief Claire voll Freude. „Ich habe mir gelobt, meine Entlaſſung, datirt von dem Orte aus einzugeben, wo ich Euch treffen würde. Ich habe Euch getroffen, meine Entlaſſung wird von Jaulnay datirt ſein.“ „Oh, freil frei! Ihr ſeid frei; Ihr könnt Euch der Partei der Gerechtigkeit, der Redlichkeit anſchließen; Ihr könnt der Sache der Herren Prinzen, das heißt, der des ganzen Adels dienen. Oh, ich wußte wohl, 100 daß Ihr ein zu würdiger Edelmann wäret, um nicht auf dieſe Seite zu treten.“ Und ſie reichte Canolles eine Hand, die er mit Entzücken küßte. „Wie hat ſich das gemacht?“ rief Claire,„wie iſt das gegangen? Erzählt mir die Sache in allen ihren Einzelnheiten.“ „Oh, das wird nicht lange währen. Ich ſchrieb zum Voraus an Herrn von Mazarin, um ihm zu mel⸗ den, was vorgefallen war. In Mantes anlangend, erhielt ich Befehl, mich zu ihm zu begeben. Er nannte mich ein armſeliges Gehirn, ich nannte ihn einen arm⸗ ſeligen Kopf; er lachte, ich ärgerte mich. Er erhob die Stimme, ich ſchickte ihn über alle Berge. Ich kehrie in mein Hotel zurück und wartete, ob es ihm belieben würde, mich in die Baſtille zu werfen; er erwartete, daß die Ueberlegung mich bewegen würde, Mantes zu verlaſſen. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stun⸗ den kam mir die Ueberlegung, und auch dieſe habe ich Euch zu verdanken, denn ich erinnerte mich deſſen, was Ihr mir verſprochen hattet, und dachte, Ihr könn⸗ tet auf mich warten, und wäre es auch nur eine Se⸗ cunde. Die freie Luft athmend, von jeder Verant⸗ wortlichkeit, von jeder Partei losgebunden, ohne Ver⸗ bindlichkeit und ohne Bevorzugung, ſtellte ſich nur Eines vor mein Gedächtniß: daß ich Euch liebte, Ma⸗ dame, und daß ich es Euch nun laut und unumwun⸗ den ſagen könnte.“ „Ihr habt alſo für mich Euren Grad verloren, Ihr ſeid für mich in Ungnade gefallen, für mich zu Grunde gerichtet! Lieber Herr von Canolles, wie ſoll ich je meine Schuld gegen Euch abtragen, wie ſoll ich Euch je meine Dankbarkeit beweiſen?“ Und mit einem Lächeln und einer Thräne, welche ihm hundertmal erſetzten, was er verloren hatte, machte Frau von Cambes Canolles zu ihren Füßen ſinken „Ahl Madame,“ ſprach er,„von dieſem Augen⸗ — oͤGAN= ðN—' X8ͤ 101 blick an bin ich im Gegentheil reich und glücklich, denn ich werde Euch folgen, ich werde Euch nicht mehr verlaſſen; denn ich werde glücklich ſein durch Euern Anblick, reich durch Eure Liebe.“ „Es hält Euch alſo nichts zurück?“ „Nein!“ „Ihr gehört ganz mein, und indem ich Euer Herz behalte, kann ich Eunern Arm der Frau Prinzeſſin an⸗ bieten?“ „Ihr könnt es.“ „Ihr habt alſo Eure Entlaſſung abgeſchickt?“ „Noch nicht; ich gollte Euch zuvor wiederſehen; aber wie geſagt, nun da ich Euch geſehen habe, werde ich ſie ſogleich hier ſchreiben. Ich hatte mir das Glück, Euch zu gehorchen, vorbehalten.“ „ So ſchreibt denn, ſchreibt vor Allem! Wenn Ihr nicht ſchreibt, wird man Euch als Ueberläufer betrach⸗ ten. Ihr müßt ſogar warten, ehe Ihr einen entſchei⸗ denden Schritt thut, bis dieſe Entlaſſung angenom⸗ men iſt.“ ieber kleiner Diplomat, fürchtet nichts, ſie wer⸗ den ſie mir bewilligen und zwar gern. Meine Unge⸗ ſchicklichkeit in Chantilly läßt ſie meinen Verluſt nicht ſehr bedauern. Haben ſie nicht geſagt, ich wäre ein armſeliges Gehirn?“ fügte Canolles lachend bei. „Ja, doch ſeid unbeſorgt, wir werden uns für die Meinung, die ſie von Euch gefaßt haben, entſchä⸗ digen. Eure Sache in Chantilly wird einen günſtige⸗ ren Erfolg in Bordeaux haben, als in Paris. Doch ſchreibt, Baron, ſchreibt geſchwinde, damit wir reiſen können; denn ich geſtehe Euch, der Aufenthalt in die⸗ ſem Wirthshauſe beruhigt mich nicht im Mindeſten.“ „Sprecht Ihr von der Vergangenheit und ängſtigen Euch Erinnerungen ſo ſehr?“ ſagte Canolles, indem er die Augen voll Liebe umherlaufen ließ und dann auf den kleinen Alkoven mit zwei Betten heftete, der bereits ſeinen Blick wiederholt angezogen hatte. 1⁰² „Nein, ich ſpreche von der Gegenwart, und es handelt ſich nicht mehr um Euch bei meinem Schrecken. Heute fürchte ich Euch nicht mehr.“ „Und wen fürchtet Ihr denn? was habt Ihr zu befürchten?“ „Ei, mein Gott, wer weiß! 3 In dieſem Augenblick, als ſollte die Bangigkeit der Vicomteſſe gerechtfertigt werden, erſchollen drei Schläge mit feierlichem Ernſte an der Thüre. . Canolles und die Vicomteſſe ſchwiegen und ſchau⸗ ten einander unruhig und fragend an. f ee Namen des Königs,“ ſprach eine Stimme, „öffnet!“ Und plötzlich flog die zerbrechliche Thüre in Stücke. Canolles wollte nach ſeinem Degen eilen, aber bereits hatte ſich ein Mann zwiſchen dieſen und ihn geworſen. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Baron. „Ihr ſeid Herr von Canolles, nicht wahr?⸗ „Allerdings.“ „Lapltän im Regiment Navailles?“ „Jg.. „Abgeſandter im Auftrage des Herrn Herzogs von Epernon?“ Canolles machte ein Zeichen mit dem Kopfe. „So verhafte ich Euch im Namen des Königs und Ihrer Majeſtät der Königin Regentin.“ 3 „Euer Befehl?“ „Hier iſt er.“ „Aber mein Herr,“ ſprach Canolles, das Papier zurückgebend, nachdem er einen raſchen Blick darauf geworfen hatte,„mir ſcheint, ich kenne Euch.“ 3 „Bei Gott, ich glaube wohl, daß Ihr mich kennt! Habe ich Euch nicht in dieſem Dorfe, wo ich Euch heute verhafte, von Seiten des Herrn Herzogs von Epernon den Auftrag überbracht, an den Hof abzurei⸗ ſen? Euer Glück lag in dieſem Auftrage, mein edler 103 Herr Ihr habt ihn verletzt; deſto ſchlimmer für 8 u 1 N8. 5 8 Claire erbleichte und fiel weinend auf einen Stuhl. Sie hatte den unbeſcheidenen Frager ebeufalls erkannt. 1„Herr von Mazarin rächt ſich,“ murmelte Ca⸗ nolles. „Vorwärts, mein Herr, vorwärts,“ ſprach Cau⸗ vignac. 8 Claire rührte ſich nicht. Canolles ſchien nahe daran, verrückt zu werden. Sein Unglück war ſo groß, ſo ſchwer, ſo unerwartet, daß er unter ſeinem Gewichte niederſank: er beugte das Haupt und fügte ſic. Ueberdies hatten zu jener Zeit die Worte: Im amen des Königsl noch ihren ganzen Zauber, und Niemand wagte es, zu widerſtehen. „Wohin führt Ihr mich, wein Herr?⸗ ſprach er; voder iſt es Euch vielleicht verboten, mir den Troſt zu geben, daß ich weiß, wohin ich gehe?“ „Nein, nein Herr, ich will es Euch ſagen. Wir führen Euch nach der Feſtung der Inſel Saint⸗George.“ „Gott befohlen, Madame,“ ſprach Canolles, ſich ehrfurchtsvoll vor Frau von Cambes verbeugend,„Gott befohlen.“ „Sieh, ſieh,“ ſagte Cauvignac zu ſich ſelbſt,„die Dinge ſind weniger vorgerückt, als ich glaubte. Ich nilh es Nanon ſagen und das wird ihr Vergnügen machen.“ Dann auf die Thürſchwelle tretend, rief er: „Vier Maun, um den Kapitän zu geleiten, und vier Mann voraus.“ „Und ich!“ rief Frau von Cambes„die Arme ge⸗ gen den Gefangenen ausſtreckend,„wohin führt man mich? Denn wenn der Baron ſchuldig iſt, ohl ſo bin ich es noch viel mehr.“ „Jhr, Madame,“ antwortete Cauvignac,„Ihr könnt Euch entfernen, Ihr ſeid frei.“ . 104 Und er ging, den Baron mit ſich nehmend, hinaus. Frau von Cambes erhob ſich, belebt durch einen Hoffnungsſtrahl, und traf Vorkehrungen zu ihrer ſchleu⸗ nigen Abreiſe, damit nicht entgegengeſetzte Befehle dem guten Stande der Dinge für ſie in den Weg treten möchten. „Frei,“ ſagte ſie,„ich kann alſo über ihm wachen. Vorwärts!“ Und an das Fenſter eilend, erblickte ſie den Reiter⸗ zug, der Canolles fortſchleppte, tauſchte mit ihm ein letztes Lebewohl mit der Hand, rief Pompée, der ſich in der Hoffnung eines Aufenthaltes von zwei bis drei Tagen bereits in dem beſten Zimmer, das er gefun⸗ den, eingerichtet hatte, und gab ihm Befehl, Alles für ihre Abreiſe vorzubereiten. VII. Der Weg geſtaltete ſich für Canolles noch trau⸗ riger, als er ſich vorgeſtellt hatte. Auf das Pferd, welches ſelbſt dem ſcharf bewachten Gefangenen das falſche Ausſehen der Freihelt verleiht, folgte der Wa⸗ gen— ein ſchlechtes, ledernes Ding, einem Wacht⸗ ſchiffe ähnlich, Patache genannt, wie man es in der Touraine nach ſeiner Form und ſeiner ſchlagenden Bewegung noch ſinden kann; überdies hatte Canolles ſeine Kniee in die eines Menſchen mit einer Adlernaſe verhalftert, deſſen Hand mit einer Art von Eitelkeit an dem Kolben einer eiſernen Piſtole lag. Zuweilen in der Nacht— bei Tag ſchlief er— hoffte der Ge⸗ fangene die Wachſamkeit des neuen Argus zu über⸗ liſten; aber neben der Adlernaſe glänzten zwei große, runde, flammende, zu nächtlichen Beobachtungen beſon⸗ ders geeignete Augen, ſo daß Canolles, auf welche ——-ſ 10⁵ Seite er ſich auch wandte, ſtets dieſe runden Augen in der Richtung ſeines Blickes funkeln ſah. Während er ſchlief, ſchlief eines von dieſen Augen ebenfalls, aber nur eines: die Natur hatte dieſem Menſchen die Gabe verliehen, nur mit einem Auge zu ſchlafen. Zwei Tage und zwei Nächte vergingen Canolles in traurigen Betrachtungen; denn die Feſtunz der In⸗ ſel Saint⸗George, eine im Ganzen unſchuldige Feſtung, nahm in den Augen des Gefangenen einen immer gräß⸗ licheren Charakter an, je tiefer ſich Furcht und Gewiſ⸗ ſensbiſſe in ſein Herz eingruben. Gewiſſensbiſſe, weil er einſah, daß ſeine Sendung an die Frau Prinzeſſin eine Vertrauensſendung geweſen war, die er um einen geringen Preis an ſeine Liebe verkauft hatte, und daß die Folge des Fehlers, den er begangen, unberechenbar war. In Chantilly war Frau von Condé nur eine flüchtige Frau. In Bor⸗ deaux war Frau von Condé eine rebelliſche Prinzeſſin. Die Furcht, weil er aus der Ueberlieferung die finſteren Rachewerke einer zornigen Anna von Oeſter⸗ reich kannte. Hiezu kam noch ein anderer Gewiſſensbiß, der vielleicht heftiger in ſeinem Gemüthe brannte, als die ſo eben erwähnten. Es gab in der Welt eine Frau, jung, ſchön, geiſtreich, die ihren Einfluß nur benützt hatte, um ihn vorwärts zu bringen, eine Frau, die ſich ihres Anſehens nur bedient hatte, um ihn zu be⸗ ſchützen, eine Frau, welche aus Liebe für ihn zwanzig⸗ mal ihre Lage, ihre Zukunft, ihr Glück gewagt hatte, dieſe Frau nun, nicht nur die Reizendſte der Gelieb⸗ tinnen, ſondern auch die Ergebenſte der Freundinnen, hatte er auf eine rohe Weiſe, ohne Entſchuldigung, ohne Urſache, in dem Augenblick verlaſſen, wo ſie an ihn dachte, und ſtatt ſich zu rächen, hatte ſie ihn mit neuer Huld verfolgt, und ihr Name, ſtatt ſich mit dem Tone des Vorwurfs bei ihm einzufinden, hatte Der Frauenkrieg. U. 8 106 mit der ſchmeichelnden Süßigkeit einer beinahe könig⸗ lichen Gunſt an ſein Ohr geklungen. Dieſe Gunſt war allerdings in einem ſchlimmen Augenblick erſchie⸗ nen, in einem Augenblick, wo Canolles ſicherlich eine Ungnade vorgezogen hätie, aber war dies der Fehler von Nanon? Nanon hatte in der Sendung zu Ihrer Majeſtät nur eine Vergrößerung von Glück und Ehre für den Mann erblickt, an welchen ſie beſtändig dachte. Alle Diejenigen, welche zwei Frauen zugleich ge⸗ liebt haben— ich bitte meine Leſerinnen um Ver⸗ zeihung, dieſes für ſie, welche immer nur eine Liebe hegen, unbegreifliche Phänomen iſt bei uns Männern ein gewöhnliches,— alle Diejenigen, ſage ich, welche zwei Frauen zugleich geliebt haben, weiden auch be⸗ greifen, daß Nanon, je mehr ſich Canolles in dieſe Betrachtungen vertiefte, immer mehr auf ſeinen Geiſt den Einfluß wiedergewann, den er bereits für ſie verloren geglaubt hatte. Die rauhen Ecken des Cha⸗ rakters, welche bei den Reibungen des innigen Um⸗ gangs verletzen und vorübergehenden Verdruß erzeugen, verſchwinden in der Enifernung, während im Gegen⸗ theil gewiſſe ſüße Erinnerungen in der Einſamkeit an Stärke gewinnen. Die ätheriſche Liebe endlich, die nur Gunſtbezeugungen verſprach— es iſt dies eine traurige Wahrnehmung— verflüchtigt ſich in der Ab⸗ geſchiedenheit; während ſich im Gegentheil in der Ab⸗ geſchiedenheit, die materielle Liebe dem Gedächtniß, bewaffnet mit ihren irdiſchen Genüſſen, welche auch ihren Werth haben, darſtellt. Schön und verloren, gut und hintergangen, ſo erſchien nun Nanon dem ge⸗ fangenen Canolles. Canolles ſtieg in ſein Inneres mit einer gewiſſen Naivetät, und nicht mit dem böſen Willen der Angekiag⸗ ten hinab, welche man zu einem allgemeinen Geſtändniß nöthigt. Was hatie ihm Nanon gethan, daß er ſie verließ? Was hatte ihm Frau von Cambes gethan, daß er ihr folgte? Was lag denn ſo Wünſchenswerthes, 2 — -ͤtn n —= oͤA K EgN 1⸗ 107 ſo Liebereizendes in dem kleinen Cavalier des Wirths⸗ hauſes zum Goldenen Kalbe? Gebührte Frau von Cam⸗ bes auf eine ſo ſiegreiche Weiſe der Vorzug vor Na⸗ non? Haben die blonden Haare ſo ſehr den Vorrang vor den ſchwarzen, daß man ſich meineidig und un⸗ dankbar gegen ſeine Geliebte, verrätheriſch und un⸗ redlich gegen ſeinen König nur in der Abſicht benehmen dürfte, die ſchwarzen Flechten gegen blonde zu ver⸗ tauſchen? Und dennoch, o Elend der menſchlichen Or⸗ ganiſation! Canolles ſtellte, wie man ſieht, alle dieſe fhnureichen Betrachtungen an... und überzeugte ſich nicht. Das Herz iſt voll ſolcher Geheimniſſe, welche das Glück der Liebenden und die Verzweiflung der Philo⸗ ſophen bilden. Dies hielt jedoch Canolles nicht ab, ſich ſelbſt zu grollen und ganz kräftig mit ſich zu zanlen. „Man wird mich beſtrafen,“ ſagte er, von dem Gedanken ausgehend, die Strafe tilge den Fehler; „man wird mich beſtrafen, deſto beſſer! Es wird dort irgend ein guter, rauhborſtiger, ſehr grober Kapitän ſein, der mir von der Höhe ſeiner Würde als Ober⸗ kerkermeiſter herab einen Befehl von Mazarin vor⸗ lieſt; der mir mit dem Finger ein Kerkerloch anweiſt und mich fünfzehn Fuß unter der Erde mit den Rat⸗ ten und Kröten verfaulen läßt, während ich hätte am hellen Tage leben, in der Sonne blühen und mich meines Daſeins in den Armen einer Frau erfreuen können, welche mich liebte, welche ich liebte und, mei⸗ ner Treue! vielleicht noch liebe. „Verdammter, kleiner Vicomte, warum dienteſt u einer ſo reizenden Vicomteſſe als Hülle? „Ja, aber gibt es auf der Welt eine Vicomteſſe, welche werth ware, was dieſe mich koſten wird? „Denn es iſt nicht genug mit dem Gouverneur und dem Kerker fünfzehn Fuß unter der Erde; hält man mich für einen Verräther, ſo wird man die Dinge 108 nicht halb aufgeklärt laſſen; man wird mit mir an⸗ binden wegen meines Aufenthalts in Chantilly, den ich, ich muß es geſtehen, nicht genug ſühnen würde, wenn er fruchtbarer für mich geweſen wäre, der mir aber im Ganzen, wenn ich die Rechnung ſchließe, nur drei Küſſe auf die Hand eingetragen hat. Dreifacher Thor, der die Macht beſaß, ſie mißbrauchen konnte, und nicht einmal Gebrauch davon gemacht hat! Armſeliges Ge⸗ hirn, wie Herr von Mazarin ſagte, das verrathen hat, und ſich nicht einmal für ſeinen Verrath bezahlt machte! Wer wird ihn mir nun bezahlen?“ Verächtlich durch eine Bewegung die Frage ſeines Geiſtes beantwortend, zuckte Canolles die Achſeln. Der Mann mit den runden Augen, der, ſo hell⸗ ſehend er auch war, dieſe Pantomime doch nicht ver⸗ ſtehen konnte, ſchaute ihn erſtaunt an. „Wenn man fragt,“ fuhr Canolles fort,„werde ich nicht antworten, denn was hätte ich zu ant⸗ worten? Daß ich Herrn von Mazarin nicht liebte? Dann mußte ich ihm nicht dienen. Daß ich Frau von Cambes liebte? Ein ſchöner Grund einer Königin und einem erſten Miniſter gegenüber! Aber die Richter ſind ſehr empfindliche Menſchen; wenn ſie fragen, wol⸗ len ſie, daß man ihnen antworte; es giebt rohe Keile in den Provinzkerkern; man wird mir dieſe kleinen Kniee brechen, auf die ich ſo ſtolz war, und mich ganz verkrümmt zu meinen Ratten und Kröten zurück⸗ ſchicken. Ich werde mein ganzes Leben krummbeinig bleiben, wie der Herr Prinz von Conti, und das iſt ſehr häßlich, vorausgeſetzt ſogar, daß mich die Gnade Ihrer Majeſtät unter ihre Fittiche nimmt, was ſie zu thun ſich wohl hüten wird.“ Es gab außer dieſem Gouverneur, dieſen Ratten, dieſen Kröten, dieſen Keilen, gewiſſe Schaffote, auf denen man die Rebellen enthauptet, gewiſſe Galgen, um die Verräther daran zu hängen, gewiſſe Parade⸗ plätze, auf denen man die Deſerteurs erſchießt. Aber —— ½————— Ad 28-8 nASiSA8BBNNR 109 dies war, wie man leicht begreift, für einen hübſchen Jungen, wie Canolles, nichts im Vergleich mit krum⸗ men Beinen. 3— Er beſchloß alſo, ſich einen klaren Blick zu ver⸗ ſaſſen und ſeinen Reiſegefährten in dieſer Hinſicht zu efragen. Die runden Augen, die Adlernaſe und das ver⸗ drießliche Ausſehen dieſes Menſchen ermuthigten Ca⸗ nolles nicht beſonders, ein ſolches Geſpräch zu wagen. So unempfindlich jedoch ein Geſicht ſein mag, ſo giebt es doch Momente, wo es ſich ein wenig entrunzelt, und Canolles benützte eine Secunde, in der eine Gri⸗ maſſe, welche einem Lächeln glich, über das Geſicht des Gefreiten hinzog, der ihn ſo gut bewachte. „Mein Herr?“ ſagte er. „Men Herr...“ antwortete der Gefreite. „Entſchuldigt mich, wenn ich Euch Euren Betrach⸗ tungen entreiße.“ „Es bedarf keiner Entſchuldung; ich ſtelle nie Betrachtungen an.“ „Ah, T ufel! da ſeid Ihr mit einer glücklichen Natur begabt“ „Ich beklage mich auch nicht.“ „Das iſt nicht wie bei mir, denn ich habe große Luſt, mich zu beklagen.“ „Worüber?“ „Daß man mich in einem Augenblick, wo ich am wenigſten daran dachte, fortnimmt, um mich ich weiß nicht wohin zu führen.“ „Doch, mein Herr, Ihr wißt es, denn man hat es Euch geſagt.“ 3 „Richtig. Nicht wahr, wir ſehen nach der Inſel Saint⸗George?“ br. 3 „Allerdings.“ „Glaubt Ihr, ich werde lange dort bleiben?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr; aber nach der 110 Art und Weiſe, wie Ihr mir empfohlen ſeid, denke ich a. „AAd ah! Die Inſel Saint⸗George iſt ſehr häß⸗ „Kennt Ihr die Feſtung nicht?“ „Im Innern, nein; ich bin nie hineingekommen.“ „Mein Herr, es iſt nicht ſchön dort, und ab⸗ geſehen von den Zimmern des Gouverneur, die man neu hat herſtellen laſſen, wodurch ſie ſehr angenehm geworden ſind, bildet das Uebrige einen ziemlich trau⸗ rigen Aufenthalt.“ „Gut. Glaubt Ihr, daß man mich verhört?“ „Es iſt ſo gebräuchlich.“ „Und wenn ich nicht antworte?“ „Wenn Ihr nicht antwortet?“ „Za.“ „Teufel! Ihr wißt, dann gibt es die Folter.“ „Die ordentliche?“ „Die ordentliche oder die außerordentliche, je nach der Amſchuldigung. Welches Verbrechens bezüchtigt man u „Ich befürchte, eines Staatsverbrechens.“ „Ah! dann bekommt Ihr die außerordentliche Folter zu koſten... Zehn Krüge.“ eie, zehn Krüge?“ „Ja. „Was ſagt Ihr?“ „Ich ſage, daß Ihr die zehn Flaſchenkeſſel be⸗ kommen werdet.“ „Auf der Inſel Saint⸗George beſteht alſo das Waſſer in Kraft?“ „Verdammt! Herr, Ihr begreift, an der Ga⸗ ronne... „Das iſt richtig; man hat die Sache bei der Sanr, Und wie viel Eimer machen zehn Flaſchen⸗ eſſel? „Drei Eimer, drei und einen halben Eimer.“ 111 „Ich werde aufſchwellen.“ „Ein wenig. Aber wenn Ihr ſo vorſichtig ſeid, Euch mit dem Kerkermeiſter gut zu ſtellen...“ „Nun?“ „Er wird mit ſich handeln laſſen.“ „Habt'die Güte, mir zu ſagen: worin beſteht der Dienſt, den der Kerkermeiſter mir leiſten kann?“ „Er kann Euch Oel trinken laſſen.“ „Das Oel iſt alſo ein Specificum?“ „Vortrefflich, Herr.“ „Ihr glaubt?“ „Ich ſpreche aus Erfahrung, denn ich habe ge⸗ trunken...“ „Ihr habt getrunken?“ „Um Vergebung, ich wollte ſagen, ich habe es geſehen. Die Gewohnheit, mit Gascognern zu reden, macht, daß ich zuweilen ein Wort falſch ausſpreche oder gar verwechſele.“ „Ihr ſagtet alſo,“ verſetzte Canolles, der ſich trotz des Ernſtes ſeiner Unterredung eines Lächelns nicht nithalten konnte,„Ihr ſagtet alſo, Ihr hättet geſe⸗ en... 4 „Ja, mein Herr, ich habe einen Mann die zehn Flaſchenkeſſel mit der größten Leichtigkeit trinken ſehen, weil die Sache durch Oel auf die gehörige Weiſe vor⸗ bereitet war. Er ſchwoll allerdings auf, wie das ge⸗ wöhnlich iſt; aber mit einem guten Feuer bewirkte man, daß er ohne großen Verluſt abſchwoll. Das iſt das Weſentliche bei dem zweiten Theile der Operation. Behaltet wohl die Worte: Wärmen ohne zu brennen.“ „ Ich begreife,“ ſagte Canolles.„Der Herr war vielleicht Scharfrichter?“ „Nein, nein, Herr,“ erwieverte der Andere mit beſcheidenem Tone. „Oder Gehülfe?“ „Nein, nur wißbegieriger Liebhaber.“ „Ah! ahl und der Herr heißt?“ 11²2 „Barrabas.“ „Ein ſchöner Name, ein alter Name, rühmlichſt in der Schrift bekannt.“ 1 „In der Paſſion, mein Herr.“ „So wollte ich ſagen, aber aus Gewohnheit be⸗ diente ich mich des andern Ausdrucks.“. „Der Herr zieht die Schrift vor, der Herr iſt alſo Hugenott?“ „Ja, aber ein ſehr unwiſſender Hugenott. Solltet Ihr wohl glauben, daß ich kaum dreitauſend Verſe aus den Pſalmen auswendig weiß?“ „In der That, das iſt ſehr wenig.“ „Die Muſik behielt ich beſſer... Man hat in meiner Familie viel gehenkt und verbrannt.“ „Ich hoffe, es wird den Herrn kein ſolches Schick⸗ ſal treffen.“ „Nein, man iſt heut zu Tage viel duldſamer; man wird mich höchſtens ertränken.“ Barrabas brach in ein Gelächter aus. 4 . Das OHerz von Canolles jauchzte vor Freude. Er hatte ſeinen Wächter gewonnen. Würde der Interims⸗ gefangenwärter ſein bleibender Kerkermeiſter, ſo hatte er alle Hoffnung, das Oel zu erhalten; er beſchloß da⸗ her, das Geſpräch wieder aufzunehmen, wo er es ab⸗ gebrochen hatte.. „Herr Barrabas,“ ſagte er,„ſind wir beſtimmt, uns bald zu trennen, oder wird mir länger die Ehre Euerer Geſellſchaft zu Theil werden?“ „Mein Herr, ich werde es bei meiner Ankunft auf der Inſel Saint⸗George lebhaft bedauern, Euch ver⸗ laſſen zu müſſen; ich habe Befehl, zu meiner Compag⸗ nie zurückzukehren.“ „Sehr gut. Ihr gehört dann zu einer Compagnie Bogenſchützen?“ „Nein, mein Herr, zu einer Compagnie Soldaten.“ „Durch den Miniſter errichtet?“ 113 „Nein, durch den Kapitän Cauvignac, welcher Euch zu verhaften die Ehre gehabt hat.“ 3 „Und Ihr dient dem König?“ 82* „Ich glaube ja, mein Herr.“ „Was Teufels ſagt Ihr da! ſeid Ihr deſſen nicht gewiß?“ „Man iſt auf dieſer Welt keiner Sache gewiß.“ „Wenn Ihr einen Zweifel habt, ſo müßt Ihr, um Euch Sicherheit zu verſchaffen, Eines thun.“ „Was 2“ „Mich gehen laſſen.“ „Unmöglich, Herr.“ br„Ich werde Euch Euere Gefälligkeit anſtändig be⸗ zahlen.“ „Womit?“ 1 „Mit Geld, bei Gott!“ „Der Herr hat keines.“ „Wie, ich habe keines?“ „Nein.“ Canolles durchſuchte ſeine Taſchen. „In der That,“ ſagte er,„meine Börſe iſt ver⸗ ſchwunden; wer hat mir meine Börſe genommen?“ „Ich, mein Herr,“ antwortete Barrabas mit einer ehrfurchtsvollen Verbeu ung. „Und warum dies h „Damit mich der Herr nicht beſtechen kann.“ Canolles ſchaute den würdigen Wächter mit Be⸗ wunderung an, und da ihm das Argument unwiderleg⸗ bar vorkam, ſo entgegnete er auch durchaus nichts. So kam es, daß die Reiſenden wieder in ein Stillſchweigen verſanken, wodurch die Fahrt gegen das nde abermals den ſchwermüthigen Gang nahm, den ſie am Anfang gehabt hatte. 5 1 dem dunkelſten Purpur zur Leichenbläſſe über. VIII. Der Tag fing an zu grauen, als die Patache zu dem Dorf gelangte, welches unfern von der Inſel lag, auf die man ſich begab. Canolles fühlte, daß der Wagen anhielt, und ſtreckte ſeinen Kopf durch das Loch, welches mit ſeiner Klappe dazu beſtimmt war, den freien Leu⸗ ten Luft zu verſchaffen, und zugleich auf eine bequeme Weiſe dazu diente, den Gefangenen dieſelbe abzu⸗ ſchneiden. Ein hübſches Dörſchen, beſtehend aus etwa hun⸗ dert um eine Kirche gruppirten Häuſern auf dem Ab⸗ hange eines Hügels und beherrſcht von einem Schloſſe, hob ſich in der durchſichtigen Morgenluft hervor, über⸗ ſtrömt von den Sonnenſtrahlen, welche Dunſtflocken, ſchwimmenden Gaſen ähnlich, vor ſich hertrieben. In dieſem Augenblick fuhr der Wagen eine Anhöhe hin⸗ an, und der Kutſcher, welcher von ſeinem Sitze abge⸗ ſtiegen war, ging neben demſelben. „Mein Freund,“ fragte Canolles,„ſeid Ihr aus dieſer Gegend?“ „Ja, Herr, ich bin aus Libourne.“. „Dann müßt Ihr dieſes Dorf kennen. Was für b Haus iſt das? Was für reizende Hütten ſehe ich er 2⸗ 8 „Mein Herr,“ antwortete der Bauer,„dieſes Schloß iſt die Domäne Cambes, und das Dorf gehört zu der Herrſchaft.“ Canolles bebte und ging in einem Augenblick von u-A N NX NNSA ſchwe „Mein Herr,“ ſagte Barrabas, deſſen rundem Auge nichts entging,„ſolltet Ihr Euch zufällig an dieſer Oeffnung verwundet haben?“ „Nein... Ich danke.“ Dann fuhr Canolles den Bauern befragend fort: „Wem gehört dieſes Gut?“ „Der Vicomteſſe von Cambes.“ „Einer jungen Wittwe?“ „Sehr hübſch und ſehr reich.“ „Und folglich ſeßr von Bewerbern umſchwärmt?“ „Allerdings: Schöne Mitgift, ſchöne Frau; dabei ſehlt es nie an Bewerbern.“ 4 „Guter Ruf?“ „Ja, aber wüthend für die Herren Prinzen.“ „In der That, ich glaube ich habe dies gehört.“ „Ein Teufel, mein Herr, ein wahrer Teufel.“ „Ein Engel,“ murmelte Canolles, der ſo oft er auf Claire zurückkam, mit dem Entzücken der Anbe⸗ tung zu ihr zurückkehrte.„Ein Engel.“ Dann fügte er laut bei: „Wohnt ſie zuweilen hier?“ „Selten, mein Herr, aber ſie hat ſich lange hier aufgehalten. Ihr Gemahl hatte ſie hier gelaſſen, und die ganze Zeit, die ſie im Schloſſe zubrachte, war ſie der Segen der Gegend. Jetzt iſt ſie bei den Herren Prinzen, wie man ſich erzählt.⸗ Der Wagen hatte die Anhöhe erreicht und ſollte nun auf der andern Seite hinabfahren; der Führer bat mit einem Zeichen der Hand um Erlaubniß, wieder auf ſeinen Bock ſteigen zu dürfen. Canolles befürch⸗ tete durch das Fortſetzen ſeiner Fragen Verdacht zu er⸗ regen, zog ſeinen Kopf in die Patache zurück, und das chwere Geſährt wurde wieder im kurzen Trabe, dem höchſten Maße ſeiner Eile, fortgezogen. Nach einer Viertelſtunde, während welcher Canol⸗ les, immer unter dem Blicke von Barrabas, in das 116 tiefſte Nachdenken verſenkt geblieben war, machte die Patache Halt. 5 1„Halten wir an, um zu frühſtücken?“ fragte Ca⸗ nolles. „Wir halten hier ganz an, mein Herr, denn wir ſind an Ort und Stelle. Dort iſt die Inſel Saint⸗ Hernah und wir haben nur noch über den Fluß zu etzen.“ „Es iſt wahr,“ murmelte Canolles.„So nahe und ſo fern!“ „Mein Herr, man kommt uns entgegen,“ ſprach Barrabas;„wollt Euch zum Ausſteigen bereit halten.“ Der zweite Wächter von Canolles, welcher auf dem Bocke neben dem Kutſcher ſaß, ſtieg ab und öffnete den verſchloſſenen Schlag, wozu er den Schlüſſel hatte. Canolles wandte ſeine Blicke von dem kleinen weißen Schloſſe, das er nicht aus dem Auge verloren hatte, nach der Feſtung, welche ſein Wohnort werden ſollte. Er gewahrte zuerſt jenſeits eines ziemlich ra⸗ ſchen Flußarmes eine Fähre, und bei der Fähre einen Poſten von acht Mann. PPinüer dem Poſten erhoben ſich die Werke der Ci⸗ tadelle. 3 „Gut,“ ſagte Canolles zu ſich ſelbſt,„man hat mich erwartet und die gewöhnlichen Maßregeln ge⸗ troffen.„Das ſind meine neuen Wächter?“ fragte er laut ſeinen Begleiter Barrabas. „Gerne würde ich dem Herrn gehörig antworten,“ erwiederte Barrabas,„aber in der That, ich weiß es t.“ 4 In dieſem Augenblick, nachdem ſie ein Signal ge⸗ geben hatten, welches von der Schildwache am Thore des Fort wiederholt wurde, ſtiegen die acht Soldaten und der Sergent in das Schiff, fuhren über die Ga⸗ ronne und landeten in der Sekunde, wo Canolles den Fußtritt verließ. — 2— N 117 Als der Sergent einen Officier erblickte, näherte er ſich ſogleich, grüßte militäriſch und fragte: 3 „Habe ich die Ehre mit dem Herrn Baron von Canolles, Kapitän im Regimente Navailles, zu ſprechen?“ „Mit ihm ſelbſt,“ antwortete Canolles, erſtaunt über die Höflichkeit dieſes Menſchen. Der Sergent wandte ſich gegen ſeine Leute, comman⸗ dirte: Gewehr auf die Schulter, und bezeichnete ſodann Canolles mit dem Ende ſeiner Pike das Schiff. Ca⸗ nolles nahm ſeinen Platz zwiſchen den zwei Wächtern; die acht Soldaten und der Sergent ſtiegen nach ihm ein, und das Fahrzeug entfernte ſich vom Ufer, während Canolles einen letzten Blick auf Cambes warf, das all⸗ mählig durch die Veränderung des Terrain verſchwand. Beinahe die ganze Inſel war bedeckt mit äußeren und inneren Böſchungen, mit Glacis und Baſteien; ein kleines Fort in ziemlich gutem Zuſtande beherrſchte die Geſammtheit dieſer Werke. Man gelangte in das Innere durch ein gewölbtes Thor, vor welchem eine Schildwache auf und abging. „Wer da?“ rief dieſe. 4 Die kleine Truppe machte Halt, der Sergent ent⸗ fernte ſich von derſelben, rückte gegen die Schildwache vor und ſagte ihr einige Worte. „Ins Gewehr!“ rief die Schildwache. Sogleich kamen etwa zwanzig Mann, aus denen der Poſten beſtand, aus der Wachtflube hervor und ſtellten ſich in aller Eile vor dem Thore in Reih' und Glied auf. „Kommt, mein Herr!“ ſagte der Sergent zu Ca⸗ 8. Der Trommler ſchlug den Marſch. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte ſich der junge ann.— Und er marſchirte vorwärts, ohne zu begreifen, hier vorging, denn alle dieſe Vorbereitungen gli⸗ chen mehr einem hohen Officier erwieſenen militäriſchen nolle 118 Honneurs, als Vorſichtsmaßregeln gegen einen Gefan⸗ genen. Das war noch nicht Alles: Canolles haite nicht wahrgenommen, daß ſich in dem Augenblick, wo er aus dem Wagen ſieg, ein Fenſter in der Wohnung des Gouverneurs öffnete, und daß ein Ofſicier aufmerkſam die Bewegungen des Schiffes und die Aufnahme beo⸗ bachtete, die dem Gefangenen und ſeinen zwei Wäch⸗ tern bereitet wurde. Als dieſer Officier ſah, daß Canolles den Fuß auf die Inſel ſetzte, ſtieg er raſch herab und kam ihm ent⸗ gegen. „Ah! ah!“ ſagte Canolles zu ſich ſelbſt, das iſt der Commandant des Platzes, der ſeinen Miethsmann in Augenſchein nehmen will.“ „In der That,“ ſprach Barrabas,„Ihr werdet nicht verſchmachten, wie gewiſſe Perſonen, welche man acht volle Tage in einem Hausgange läßt; man wird Euch ſogleich in die Gefangenenliſte eintragen.“ „Deſto beſſer,“ erwiederte Canolles. Mittlerweile näherte ſich der Officier. Canolles nahm die ſtolze, würdige Haltung eines verfolgten Mannes an. Einige Schritte von Canolles zog der Officier den Hut ab und fragte: „Habe ich die Ehre mit dem Herrn Baron von Canolles zu ſprechen?“ „Mein Herr,“ antwortete Canolles,„Euere Artig⸗ keit macht mich in der That verwirrt. Ja, ich bin der Baron von Canolles; ich bitte Euch, behandelt mich mit der Höflichkeit eines Officiers gegen einen andern Ofſicier, und weiſt mir ein Quartier ſo wenig ſchlecht als möglich an.“ „Mein Herr,“ ſprach der Officier,„der Aufenthalt hier iſt eigener Art; um jedoch Euern Wünſchen zuvor⸗ zukommen, hat man alle mögliche Verbeſſerungen vor⸗ genommen.“ 119 „Und wem habe ich dieſe ungewöhnlichen Maßre⸗ geln zu verdanken?“ fragte Canolles lächelnd. „Dem König, der Alles, was er thut, gut ihut.“ „Ganz gewiß, ganz gewiß, mein Herr. Gott ſoll mich behüten, daß ich den König verleumde, beſonders bei dieſer Gelegenheit; es wäre mir indeſſen nicht un⸗ angenehm, einige Auskunft zu erhalten.“ „Befehlt, mein Herr, ich ſtehe zu Euerer Verfü⸗ gung; aber ich nehme mir die Freiheit, Euch zu be⸗ merken, daß die Garniſon Euch erwartet, um Euch zu empfangen.“ „Peſt!“ murmelte Canolles,„eine ganze Garniſon, um einen Gefangenen zu empfangen, den man ein⸗ ſperrt, mir ſcheint, das ſind gar zu viele Umſtände.“ Dann fügte er laut bei:„Ich bin zu Eueren Befehlen, mein Herr, und bereit, Euch zu folgen, wohin Ihr mich führen wollt.“ „Erlaubt mir alſo, Euch voran zu gehen, um Euch die Honneurs zu machen.“ Canolles folgte ihm, ſich im Stillen Glück wünſchend, daß er in die Hände eines ſo höflichen Man⸗ nes gefallen war. „Ich glaube, Ihr kommt mit der gewöhnlichen Folter davon, nur vier Flaſchenkeſſel,“ flüſterte ihm Barrabas zu. „Deſto beſſer!“ ſprach Canolles,„ich werde um die Hälfte weniger anſchwellen.“ Als Canolles in den Hof der Citadelle kam, fand er einen Theil der Garniſon unter den Waffen. Der Officler, der ihn führte, zog nun den Degen und verbeugte ſich vor ihm. „Mein Gott, was für Umſtände!“ murmelte Ca⸗ nolles. In demſelben Augenblick ertönte die Trommel un⸗ ter dem Gewölbe; Canolles wandte ſich um, und eine zweite Relhe von Soldaten, welche aus dieſem Ge⸗ wölbe hervormarſchirte, ſtellte ſich hinter der erſten auf. 120 Zugleich überreichte der Officier Canolles zwei Schlüſſel. Was iſt das?“ fragte der Baron,„was macht Ihr denn?“ „Wir erfüllen das gewöhnliche Ceremoniel nach den ſtrengſten Regeln der Etiquette.“ „Für wen haltet Ihr mich denn?“ fragte der Ba⸗ ron im höchſten Maße erſtaunt. „Für den, der Ihr ſeid, wie mir ſcheint, für den Herrn Baron von Canolles.“ „Weiter?“ „Gouverneur der Inſel Saint⸗George.“ Canolles war ſo geblendet, daß er beinahe zu Bo⸗ den ſank. Der Officier fuhr fort: „Ich werde ſogleich die Ehre haben, dem Herrn Gouverneur die Ernennung zu übergeben, welche mir dieſen Morgen in Begleitung eines Briefes zugekom⸗ men iſt, der mir ſeine Ankunft auf heute ankündigte.“ Canolles ſchaute Barrabas an, deſſen Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Verwunderung auf ihn geheftet waren. „Ich bin alſo Gouverneur der Inſel Saint⸗George? ſtammelte Canolles. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Officier,„und Seine Majeſtät hat uns durch dieſe Wahl ſehr glück⸗ lich gemacht.“. „PJör ſeid ganz ſicher, daß kein Irrthum obwal⸗ tet „Mein Herr, folgt mir in Euere Wohnung und Ihr werdet dort Euer Patent finden.“ Ganz verblüfft über ein Ereigniß, das entfernt nicht demjenigen gleich, welches er erwartet hatte, ſetzte ſich Canolles in Marſch und folgte, ohne ein Wort zu ſagen, dem Officier, der ihm den Weg zeigte, mitten durch die Trommeln, die man nun wieder rührte, durch die Soldaten, welche ihre Gewehre prä⸗ 121 ſentirten, und durch alle Bewohner der Feſtung, die ihn mit freudigem Zuruf empfingen; bleich und zit⸗ ternd grüßte er rechts und links und befragte Barra⸗ bas mit verwirrten Blicken. Als er in einem hübſchen Zimmer angelangt war, von deſſen Fenſtern man, wie er ſogleich wahrnahm, das Schloß Cambes erſchaute, las er ſein Patent, das in gehöriger Form abgefaßt, von der Königin un⸗ terzeichnet und von dem Herzog von Epernon con⸗ trafignirt war. 4 Bei dieſem Anblick brachen Canolles die Beine, und er fiel ganz beſtürzt in einen Lehnſtuhl. Doch nach allen dieſen Fanfaren, nach dem Mus⸗ ketenſeuer, nach den geräuſchvollen Kundgebungen mi⸗ litäriſcher Huldigung, und beſonders nach dem erſten Erſtaunen, das dieſe Kundgebungen in ihm hervorge⸗ bracht hatten, wünſchte Canolles zu wiſſen, woran er ſich in Beziehung auf den ihm von der Königin über⸗ tragenen Poſten zu halten hätte, und ſchlug die Augen wieder auf, die er eine Zeit lang auf den Boden ge⸗ heftet hatte. 4 Er ſah nun ſeinen Exkerkermeiſter, nicht minder erſtaunt als er ſelbſt, mit dem Weſen ſeines gehorſam⸗ ſten Dieners vor ſich ſtehen. 6 Ah! Ihr ſeid es, Meiſter Barrabas,“ ſagte er zu m. „Ja, Herr Gouverneur.“ „Könnt Ihr mir erklären, was vorgefallen iſt? Ich habe alle Mühe, es für etwas Anderes, als für einen Traum zu halten.“ „Ich erkläre Euch, gnädiger Herr, daß ich, als ich von der außerordentlichen Folter, das heißt von den acht Flaſchenkeſſeln ſprach, Euch, ſo wahr ich Barra⸗ bas heiße, die Pille noch zu vergolden glaubte.“ „Ihr waret alſo überzeugt?“ „Daß ich Euch zum Rädern hierher führte.“ „Ich danke,“ ſprach Canolles unwillkührlich ſchau⸗ Der Frauenkrieg. I. 9 122 dernd:„habt Ihr eine beſtimmte Anſicht über das, was mir begegnet?“ „Ja, mein Herr.“ „Habt die Güte, mir dieſelbe auseinanderzu⸗ ſetzen.“. „Hört alſo. Die Königin wird eingeſehen haben, wie ſchwierig die Sendung war, mit der ſie Euch be⸗ auftragt hatte. Als die erſte Bewegung des Zornes vorüber war, hat ſie wohl bereut, und da Ihr im Ganzen kein haſſenswerther Mann ſeid, ſo hat Euch Ihre allergnädigſte Majeſtät für die zu harte Beſtra⸗ fung wieder entſchädigt.“ „Unzuläßig,“ erwiederte Canolles. „Unzuläßig, Ihr glaubt?“ „Wenigſtens unwahrſcheinlich.“ „Unwahrſcheinlich?“ „Ja.“ „Mein Herr Gouverneur, dann habe ich Euch nur noch meine unterthänige Reverenz zu machen. Ihr könnt auf der Inſel Saint⸗George glücklich ſein wie ein König. Vorrtrefflicher Wein, Wildpret, das die Ebene liefert, Fiſche, welche bei jeder Fluth die Bar⸗ ken von Bordeaux und die Weiber von Saint⸗George bringen; gnädiger Herr, ohl das iſt wundervoll.“ „Sehr gut, ich werde Eueren Rath zu befolgen ſuchen; nehmt dieſe Anweiſung und geht zu dem Zahl⸗ meiſter, der Euch zehn Piſtolen dagegen einhändigen wird. Ich würde ſie Euch ſelbſt geben, da Ihr mir aber aus Klugheit mein Geld genommen habt...“ „Und daran habe ich wohl gethan,“ rief Barrabas; „denn hättet Ihr mich beſtochen, ſo wäret Ihr geflo⸗ hen, und wäret Ihr geflohen, ſo hättet Ihr ganz na⸗ türlich die hohe Stellung verloren, zu der Ihr nun gelangt ſeid, was mich für immer untröſtlich gemacht haben würde.“ „Vortrefflich geſchloſſen, weißer Barrabas. Ich habe bereits bemerkt, daß Ihr große Stärke in der ——6— n 123 Logik beſitzt. Mittlerweile nehmt dieſes Papier als ein Zeugniß Euerer Beredſamkeit. Die Alten ſtellten, wie Ihr wißt, die Beredſamkeit mit goldenen Ketten dar, welche aus ihrem Munde hervorkamen.“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Barrabas,„dürfte ich es wagen, Euch zu bemerken, daß ich es für unnöthig halte, zu dem Zahlmeiſter zu gehen...“ „Wie! Ihr ſchlagt es aus?“ rief Canolles er⸗ aunt. 4 „Nein, Gott ſoll mich bewahren! Dem Himmel ſei es gedankt, ich habe keinen ſolchen falſchen Stolz. Aber ich bemerke, daß aus einem Kiſtchen, welches auf Euerem Kamin ſteht, gewiſſe Schnüre hervorſehen, welche ganz den Eindruck von Börſenſchnüren auf mich machen.“ „Ihr verſteht Euch auf Schnüre, Meiſter Barra⸗ bas,“ ſagte Canolles ganz erſtaunt; denn es ſtand wirklich auf dem Kamin ein Kiſtchen von alter Faience mit Silber incruſtirt und mit Schmelzwerk der Re⸗ nalſanee.„Wir wollen ſehen, ob Euere Ahnungen rich⸗ g find.“ Canolles hob den Deckel des Kiſtchens auf und fand in der That eine Börſe und in der Börſe tau⸗ ſend Piſtolen mit folgendem Billet: „Für die Privatkaſſe des Herrn Gouverneur der Inſel Saint⸗George.“ „Bei Gott,“ ſprach Canolles erröthend,„die Kö⸗ nigin macht ihre Sachen gut.“ Und unwillkührlich kam ihm die Erinnerung an Buckingham in den Kopf;z vielleicht hatte die Königin hinter irgend einem Vorhange das ſiegreiche Antlitz des ſchönen Kapitäns erſchaut, vielleicht begünſtigte ſie ihn mit einer zärtlichen Theilnahme; vielleicht.. man erinnert ſich, daß Canolles ein Gascogner war. Leider zählte die Königin damals zwanzig Jahre mehr, als zur Zeit von Buckingham. Wie dem ſein mochte und von welcher Seite ihm 124 das Geſchenk auch zukam, Canolles tauchte ſeine Hand in die Börſe, nahm zehn Piſtolen heraus und übergab ſie Barrabas, der ſich hienach unter wiederholten ehr⸗ furchtsvollen Bücklingen entfernte. IX. Als Barrabas weggegangen war, rief Canolles den Officier und bat dieſen, ihn zu der Revue zu füh⸗ en die er mit ſeinen neuen Staaten vornehmen wollte. Der Officier unterzog ſich ſogleich ſeinen Befeh⸗ len. An der Thüre fand Canolles eine Art von Ge⸗ neralſtab, beſtehend aus den übrigen Hauptperſonen der Citadelle; er plauderte mit ihnen, ließ ſich alle Mittel und Quellen erklären, welche die Oertlichkeit bot, und beſchaute unter ihrer Führung die Baſteien, die Gla⸗ cis, die Halbmonde, die Keller und Speicher. Er kehrte endlich um eilf Uhr, nachdem er Alles geſehen hatte, zurück. Sein Gefolge zerſtreute ſich, und Ca⸗ nolles blieb allein mit dem erſten Officier, den er Anfangs getroffen hatte. „Nun,“ ſprach dieſer ſich ihm geheimnißvoll näh⸗ ernd,„nun hat der Herr Gouverneur nur noch ein Zimmer und eine Perſon zu ſehen.“ „Was beliebt?“ fragte Canolles. „Das Zimmer dieſer Perſon iſt dort,“ erwiederte der Officier, den Finger nach einer Thüre ausſtreckend, welche Canolles wirklich noch nicht geöffnet hatte. „Ahl es iſt dort?“ ſagte Canolles. „ Ja.“ „Und die Perſon auch?“ „ a 71 7 Sehr gut. Doch verzeiht: ich bin ſehr müde, —— 125 da ich Tag und Nacht reiſen mußte, und mein Kopf iſt dieſen Morgen nicht ganz geſund; ich bitte daher, erklärt Euch ein wenig deutlicher.“ „Wohl,“ fuhr der Officier mit ſeinem feinſten Lächeln fort,„das Zimmer...“ „Die Perſon...“ verſetzte Canolles. „Welche Euch erwartet, iſt dort. Ihr begreift nun, nicht wahr?“ Canolles machte eine Bewegung, als käme er aus dem Lande der Abſtractionen zurück, und ſprach: „Ja, ja, ſehr gut; und ich kann dort eintreten?“ „Allerdings, denn man erwartet Euch.“ „Vorwärts,“ ſagte Canolles. Sein Herz pochte, um die Bruſt zu zerſprengen; er ſah nicht mehr, er fühlte nur, wie ſich ſeine Furcht und ſein Verlangen in einem Grade vermiſchten, daß er ein Narr zu werden bange hatte, ſtieß in dieſem Zuſtande eine zweite Thüre auf und erblickte hinter einem Vorhange die lachende, muthwillige Nanon, welche einen gewaltigen Schrei ausſtieß, als wollte ſie ihm Angſt machen, und dann raſch ihre beiden Arme um den Hals des Barons ſchlang. Canolles blieb unbeweglich, mit hängenden Armen und blickloſem Auge. „Ihr!“ ſtammelte er. „Ich!“ ſprach ſie, ihr Lachen und ihre Küſſe ver⸗ doppelnd. Die Erinnerung an ſein Unrecht durchzuckte den Geiſt von Canolles, der, ſogleich die neue Wohlthat ſeiner treuen Freundin errathend, von dem Gewichte der Reue und der Dankbarkeit niedergeſchmettert blieb. „Ah!“ ſagte er,„Ihr habt mich alſo gerettet, während ich mich wie ein Wahnfinniger zu Grunde richtete; Ihr wacht über mir, Ihr ſeid mein Schutzengel.“ „Nennt mich nicht Euern Engel, denn ich bin ein Teufel; doch erſcheine ich nur im geeigneten Augenblick, das müßt Ihr geſtehen?“ 126 „Ihr habt Recht, theuere Freundin, denn in der That, ich glaube, Ihr errettet mich vom Schaffot.“ „Ich glaube es auch. Ahl! Baron, wie kam es, daß Ihr, der Scharffichtige, der Schlaue, Euch durch dieſe Zieraffen von Prinzeſſinnen bethören ließet?“ Canolles erröthete bis unter das Weiße der Au⸗ gen, aber Nanon war entſchloſſen, nichts von dieſer Verlegenheit zu bemerken. „In der That,“ ſagte er,„ich weiß es nicht, ich begreife es ſelbſt nicht.“ „Ohl ſie find ſehr verſchmitzt. Ahl meine Herren, Ihr wollt mit den Frauen den Krieg führen. Was hat man mir doch erzählt? Man zeigte Euch ſtatt der lungen Prinzeſſin ein Ehrenfräulein, eine Kammer⸗ frau, irgend ein unbedeutendes Geſchöpf... was?“ Canolles fühlte, wie das Fieber aus ſeinen zittern⸗ den Fingern in ſein ausgetrocknetes Gehirn ſtieg. „Ich glaubte die Prinzeſſin zu ſehen,“ ſagte er, „denn ich kannte ſie nicht.“ 3 „Und wer war es denn?“ „Ich denke, eine Ehrendame.“ „Armer Junge, daran iſt dieſer Verräther Ma⸗ zarin Schuld. Den Teufel! wenn man den Leuten eine ſo ſchwierige Sendung überträgt, gibt man ihnen auch ein Portrait. Hättet Ihr nur ein Portrait der Frau Prinzeſſin gehabt oder geſehen, ſo würdet Ihr ſie ſicherlich erkannt haben. Sprechen wir übrigens nicht mehr hievon. Wißt Ihr, daß Euch dieſer ab⸗ ſcheuliche Mazarin, unter dem Vorwande, Ihr hättet den König verrathen, zu den Kröten werfen wollte?“ „Ich vermuthete es.“ „Ich aber ſagte:„„Wir wollen ihn zu den Na⸗ nons werfen laſſen.““ Sprecht, habe ich wohl daran gethan?“ Obgleich ganz eingenommen von der Erinnerung an die Vicomteſſe, obgleich er das Portrait der Vicom⸗ teſſe auf ſeinem Herzen trug, konnte Canolles doch nicht 127 gegen die außerordentliche Güte, gegen dieſen in den ſchönſten Augen der Welt ſtrahlenden Geiſt Stand halten: er neigte das Haupt und drückte ſeine Lippen auf die hübſche Hand, die mon ihm reichte. „Und Ihr ſeid hierher gekommen, um mich zu er⸗ warten?? „Ich war im Begriff, Euch in Paris aufzuſuchen, um Euch hierher zu führen. Ich brachte Euch Euer Patent; dieſe Abweſenheit währte mir zu lang; Herr von Epernon fiel allein mit ſeinem ganzen Gewicht auf mein einförmiges Leben zurück. Da erfuhr ich Euer Mißgeſchick... Doch ich vergaß, Euch zu ſagen: Ihr wißt, Ihr ſeid mein Bruder?“ „Ich vermuthete es, als ich Euern Brief las.“ „Man hatte Euch ohne Zweifel verrathen. Der Brief, den ich Euch ſchrieb, war in ſchlechte Hände ge⸗ fallen. Der Herzog kam wüthend an. Ich ernannte Euch zu meinem Bruder, armer Canolles, und wir werden durch die legitimſte Verbindung beſchützt. Ihr ſeid nun beinahe verheirathet, mein armer Freund.“ Canolles ließ ſich durch die unglaubliche Gewalt dieſer Frau hinreißen. Nachdem er ihre weißen Hände geküßt hatte, küßte er ihre ſchwarzen Augen. Der Schatten von Frau von Cambes mußte, traurig das Haupt verhüllend, entfliehen.“ „Von da an,“ fuhr Nanon fort,„habe ich für Alles geſorgt, Alles geordnet; ich machte aus Herrn von Epernon Euern Beſchützer oder vielmehr Euern Freund; ich beſchwichtigte den Zorn von Mazarin. Dann wählie ich als Zufluchtsort Saint George, denn Ihr wißt, lieber Freund, man will mich immer noch ſteinigen. Nur Ihr allein in der Welt liebtet mich ein wenig, theuerer Canolles. Sprecht, ſagt mir, daß Ihr mich liebet.“ Und die reizende Nanon ſchlang ihre Arme aber⸗ mals um den Hals von Canolles und tauchte ihren glühenden Blick in die Augen des jungen Mannes, als —— 128 wollte ſie ſeinen Gedanken in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens ſuchen. Canolles fühlte in dieſem Herzen, worin Nanon zu leſen ſuchte, daß er gegen ſo große Ergebenheit nicht unempfindlich bleiben konnte. Eine geheime Ah⸗ nung ſagte ihm, es läge etwas mehr als Liebe in Na⸗ non, es läge Großmuth in ihr, ſie liebte nicht nur, ſondern ſie vergäbe auch. Der junge Mann machte ein Zeichen mit dem Kopfe, um die Frage von Nanon zu beantworten, denn er hätte es nicht gewagt, ihr mit dem Munde zu ſa⸗ gen, daß er ſie liebte, obgleich im Grunde ſeiner Bruſt alle Erinnerungen zu ihren Gunſten ſprachen. „Ich wählte alſo die Inſel Saint⸗George,“ fuhr ſie fort,„um mein Geld, meine Juwelen und meine Perſon in Sicherheit zu bringen. Welcher Andere, ſagte ich mir, als der Mann, der mich liebt, kann mein Leben vertheidigen? Welcher Andere, als mein Geliebter, kann mir meine Schätze bewahren? Alles iſt in Eueren Händen, Leben und Reichthum: theuerer Freund: werdet Ihr ſorgfältig über Allem wachen, werdet Ihr ein treuer Freund und treuer Wächter ſein?“ In dieſem Augenblick erklang eine Trompete im Hofe, und ſie vibrirte in dem Herzen von Canolles; er hatte vor ſich die Liebe beredter, als ſie je geweſen war, er hatte hundert Schritte von ſich den drohenden Krieg, den entflammenden, berauſchenden Krieg. „Oh! ja, Nanon,“ rief er,„Euere Perſon und Euere Habe ſollen bei mir in Sicherheit ſein, und ich ſchwöre Euch, ich werde ſterben, um Euch vor der ge⸗ ringſten Gefahr zu retten.“ „Ich danke Euch, mein wackerer Ritter, ich bin von Euerer Tapferkeit eben ſo ſehr, als von Euerem Edel⸗ muth überzeugt. Ach!“ fügte ſie lächelnd bei,„wäre ich auch Euerer Liebe ſo gewiß!“ „Oh!“ murmelte Canolles,„ſeid verſichert...“ „Gut, gut,“ ſprach Nanon,„die Liebe beweiſt ſich 129 nicht durch Schwüre, ſondern durch Handlungen; nach dem, was Ihr thun werdet, mein Freund, wollen wir Euere Liebe beurtheilen.⸗ Und die ſchönſten Arme der Welt um den Hals von Canolles ſchlingend, neigte ſie ihr Haupt auf die pochende Bruſt des jungen Mannes. „Nun muß er vergeſſen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „und er wird vergeſſen.“ X. An demſelben Tag, an welchem Canolles in Jaul⸗ nay unter den Augen von Frau von Cambes verhaftet worden war, reiſte dieſe ab, um ſich wieder zu der Fran Prinzeſſin zu begeben, welche ſich vor Coutras efand. Der würdige Stallmeiſter bemühte ſich vor Allem, ſeiner Gebieterin zu beweiſen, daß man, wenn die Bande von Cauvignac kein Löſegeld verlangt oder keine Gewaltthat gegen die ſchöne Reiſende begangen habe, dies einzig und allein ſeinem entſchloſſenen Aus⸗ ſehen und ſeiner Kriegserfahrenheit verdanke. Weniger leicht zu überzeugen, als Pompée Anfangs gehofft hatte, bemerkte ihm Frau von Cambes allerdings, er ſei eine Stunde lang völlig verſchwunden; Pompée aber erklärte ihr, er ſei während dieſer Stunde in ei⸗ nem Gange verborgen geweſen, wo er mit Hülfe einer Leiter eine ſichere Flucht für die Frau Vicomteſſe vor⸗ bereitet habe; nur ſei er genöthigt worden, mit jenen unbändigen Soldaten, die ihm den Beſitz der Leiter ſtreitig gemacht, zu kämpfen, was er auch, wie ſich er⸗ rathen laſſe, mit ſeinem wohlbekannten, unbezähmba⸗ ren Muthe gethan habe. 4 130 Dieſes Geſpräch führle Pompée natürlich auf das Lob der Soldaten ſeiner Zeit, welche, wild gegen den Feind, wie ſie dies bei der Belagerung von Montauban und in der Schlacht bei Corbie bewieſen, ſich ſanft und höflich gegen ihre Landsleute benommen hätten, Eigenſchaften, deren ſich die Soldaten der Neuzeit nicht rühmen könnten. Es iſt nicht zu leugnen, Pom⸗ pée war, ohne es zu vermuthen, einer ungeheuren Gefahr entgangen, der Gefahr, in Werberhände zu fallen. Da er wie gewöhnlich mit funkelnden Augen und mit ganz militäriſchen Bruſtwendungen einherging, ſo hatte er gleich von Anfang die Blicke von Cauvignac auf ſich gezogen; aber in Folge der nächſten Ereigniſſe, welche den Ideengang des Kapitäns veränderten, in Folge der zweitauſend Piſtolen, die dieſer empfing, um ſich nur mit dem Baron von Canolles zu beſchäftigen, in Folge der philoſophiſchen Betrachtung endlich, daß die Eiferſucht die herrlichſte der Leidenſchaften iſt, und daß man die Eiferſucht ausbeuten muß, wenn man ſie auf ſeinem Wege trifft, verachtete der theuere Bruder un⸗ ſern Meiſter Pompée und ließ Frau von Cambes ihren Weg nach Bordeaux fortſetzen; in den Augen von Nanon war Bordeaux immer noch ſehr nahe bei Ca⸗ nolles. Sie hätte die Vicomteſſe gern in Peru, in Indien oder in Grönland gehabt. Anderer Seits, wenn Nanon daran dachte, daß ſie fortan ganz allein ihren lieben Canolles zwiſchen guten Mauern halten würde, und daß vortreffliche, für die Soldaten des Königs ſehr wenig zugängliche, Fe⸗ ſtungswerke auch Frau von Cambes in ihrer Rebellion einſchließen ſollten, fühlte ſie ihre Bruſt von der un⸗ ſäglichen Freude ſich ausdehnen, welche die Kinder und die Liebenden allein auf Erden kennen. Wir haben geſehen, wie dieſer Traum ſich ver⸗ wirklichte, und wie Canolles und Nanon ſich auf der Inſel Saint⸗George wiederfanden.. Frau von Cambes reiſte alſo traurig und zitternd. — S3 A N X Aꝗ R 8A8BSBSAnRSRVSgügE 8 NX à A 131 Pompée vermochte ſie, trotz ſeiner Prahlereien, entfernt nicht zu beruhigen, und nicht ohne große Furcht ſah ſie gegen Abend an demſelben Tag, an welchem ſie wieder von Jaulnay aufgebrochen war, einem Quer⸗ wege folgend eine beträchtliche Truppe von Reitern erſcheinen. Es waren die Edelleute, welche von dem bekann⸗ ten Leichenbegängniſſe des Herzogs von Larochefoucault zurückkehrten, das unter dem ſcheinbaren Grunde, ſei⸗ nem Vater die letzte Ehre zu erweiſen, dem Prinzen von Marfillac als Vorwand gedient hatte, um aus Frankreich und der Picardie den ganzen Adel zuſam⸗ menzuziehen, welcher Mazarin noch mehr haßte, als er dem Prinzen zugethan war. Aber ein Umſtand fiel Frau von Cambes und beſonders Pompee auf: unter dieſen Edelleuten trugen die Einen den Arm in der Schlinge, Andere ließen in den Steigbügel ein in Compreſſen eingepacktes Bein herabhängen; Mehre tru⸗ gen blutige Binden um die Stirne; man mußte daher dieſe ſo grauſam zugerichteten Edelleute ſehr von Nahem ſehen, um in ihnen die munteren, flinken Jäger zu erkennen, welche den Hirſch im Parke von Chan⸗ tilly gehetzt hatten. Doch die Furcht hat ſcharfe Augen: Pompée und Frau von Cambes erblickten unter dieſen blutigen Bin⸗ den einige ihnen bekannte Geſichter. „Teufel! gnädige Frau,“ ſprach Pompée,„dieſes Leichenbegängniß iſt ſchlimm abgelaufen. Die Edelleute müſſen der Mehrzahl nach vom Pferde gefallen ſein; ſeht, wie ſie geſtriegelt ſind.“ „Das betrachtete ich eben auch,“ verſetzte Frau von Cambes. „Mich erinnert es an die Rückkehr von Corbie,“ ſagte Pompée;„nur war ich damals nicht unter den Braven, welche zurückkamen, ſondern unter den Braven, welche man zurückbrachte.“ „Aber,“ fragte Claire einiger Maßen beunruhigt 13³² über ein Unternehmen, das ſich unter ſo traurigen Auſpicien ankündigte,„aber werden denn dieſe Herren nicht durch irgend Jemand befehligt? Haben ſie keinen Chef? Iſt dieſer Chef todt, daß man ihn nicht ſieht? Schaut doch.“ „Madame,“ antwortete Pompeée ſich ſtolz in ſei⸗ nem Sattel aufrichtend,„nichts iſt leichter, als einen Chef unter den Leuten zu erkennen, welche er befehligt. Gewöhnlich marſchirt bei der Schwadron der Officier im Centrum mit ſeinen Unterofficieren; im Treffen marſchirt er hinter oder auf der Seite der Truppe. Richtet alſo die Augen nach den verſchiedenen Punkten, die ich Euch bezeichne, und Ihr könnt ſelbſt urtheilen.“ „Ich ſehe nichts, Pompée; aber es ſcheint mir, man folgt uns; ſchaut hinter uns.“ „Hm! hm!l nein, gnädige Frau,“ erwiederte Pom⸗ pee huſtend, aber ohne ſich umzuwenden, aus Furcht, er könnte wirklich Jemand ſehen.„Nein, Niemand; aber wartet auf den Anführer. Sollte es nicht der mit der rothen Feder ſein?... Nein... Der mit dem goldenen Degengriffe? Nein... Der den Schecken reitet... ein Pferd, wie das von Herrn von Turenne?... Nein. Das iſt ſeltſam, es kann von keiner Gefahr die Rede ſein, aber der Anführer dünte ſich doch zeigen; es iſt hier nicht wie in orbie..“ „Ihr täuſcht Euch, Meiſter Pompée,“ ſprach hinter dem armen Stallmeiſter, der beinahe vom Pferde ge⸗ fallen wäre, eine ſcharfe, ſpöttiſche Stimme:„Ihr täuſcht Euch, es iſt ſchlimmer, als bei Corbie.“ Claire wandte ſich raſch um und erblickte zwei Schritte hinter ſich einen Reiter von mittlerem Wuchſe und in einer Kleidung von geſuchter Einfachheit, welcher ſie mit glänzenden, kleinen Fuchsaugen anſchaute. Mit ſeinen dicken ſchwarzen Haaren, mit ſeiner beweglichen, gekniffenen Lippe, mit ſeiner galligen Bläſſe und ver⸗ drießlichen Stirne flößte dieſer Reiter Traurigkeit am 133 chten Tage ein, und würde vielleicht Schrecken am end eingeflößt haben. „Der Herr Prinz von Marſillac!“ rief Claire ganz bewegt.„Ohl ſeid willkommen, mein Herr.“ „Sagt, der Herr Herzog von Larochefoucault, denn nun, da mein Vater geſtorben iſt, habe ich dieſen Na⸗ n li n A n 2 n men geerbt, unter welchem ſich meine Handlungen, die . guten wie die böſen, einſchreiben werden.“. r„Ihr kommt zurück?“ fragte Claire zögernd. n„Wir kommen geſchlagen zurück, Madame.“ 2.„Geſchlagen, gerechter Himmel! Ihr?“ ,„Ich ſage, wir kommen geſchlagen zurück, Ma⸗ dame, weil ich meiner Natur nach nur ſehr wenig , Prahler bin und weil ich mir die Wahrheit ſage, wie ich ſie Anderen ſage; ſonſt könnte ich behaupten, wir 2 kämen als Sieger zurück; aber wir find in der That 2 geſchlagen, inſofern unſer Plan auf Saumur geſchei⸗ ; tert iſt. Ich bin zu ſpät gekommen; wir verlieren r d dieſen wichtigen Platz, welchen Jarzé kurz zuvor über⸗ it geben hatte. Es wird ſich nun, vorausgeſetzt, daß die n Frau Prinzeſſin Bordeaux inne hat, wie ihr dies ver⸗ n ſprochen war, der ganze Krieg in der Guyenne con⸗ n centriren.“ 5„Aber, mein Herr, wenn die Capitulation von n Saumur ohne Schwertſtreich ſtattgefunden hat,— ſo habe ich Euere Worte verſtanden,— was bedeutet denn r das, was ich ſehe, warum ſind ſo viele Edelleute verwundet?“ r„Weil wir,“ ſprach Larochefoucault mit einem ge⸗ wiſſen Stolze, den er trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung 3 nicht zu verbergen vermochte,„weil wir einigen könig⸗. ſe lichen Truppen begegnet ſind.“ r„Und man hat ſich geſchlagen?“ fragte raſch Frau it von Cambes. 1„Ohl mein Gott, ja, Madame.“ ⸗„Alſo iſt bereits das erſte franzöſiſche Blut durch 134 Franzoſen vergoſſen worden, und Ihr, Herr Herzog, habt das Beiſpiel gegeben?“ „Ich, Madame!“ ſeid„„br, der Ihr ſo kalt, ſo ruhig, ſo vernünftig eid?“ „Wenn man eine ungerechte Sache gegen mich vertheidigt, werde ich zuweilen ziemlich unvernünftig.“ „Ihr ſeid wenigſtens nicht verwundet?“ „Nein. Ich habe diesmal mehr Glück gehabt, als bei den Schanzen von Paris. Damals glaubte ich genug vom Bürgerkrieg bekommen zu haben, um nicht mehr mit ihm in Rechnung zu treten. Aber ich täuſchte mich. Der Menſch baut ſtets Plane, ohne die Leiden⸗ ſchaft um Rath zu fragen,— den einzigen und wah⸗ ren Architecten ſeines Lebens, der ſein Gebäude wieder⸗ herſtellt, wenn es ihn nicht gänzlich niederwirft.“ Frau von Cambes lächelte; ſie erinnerte ſich, daß Herr von Larochefoucault geſagt hatte, für die ſchönen Augen von Frau von Longueville habe er mit Königen den Krieg geführt und würde ihn mit Göttern führen. Dieſes Lächeln entging dem Herzog nicht; er gönnte der Vicomteſſe auch nicht Zeit, dem Lächeln den Ge⸗ danken folgen zu laſſen, der es erzeugt hatte, und fuhr fort: „Aber Ihr, Madame, laßt Euch mein Kompliment machen, Ihr ſeid ein wahres Muſter von Tapferkeit.“ „Warum?“ „Wiel allein reiſen, mit einem einzigen Stall⸗ meiſter, gleich einer Clorinde oder Bradamante! Oh! man hat mir auch Euer reizendes Benehmen in Chan⸗ tilly mitgetheilt. Ihr habt auf eine bewunderungs⸗ würdige Weiſe einen armen Teufel von einem könig⸗ lichen Officier überliſtet... Ein leichter Sieg, nicht wahr?“ fügte der Herzog mit einem Lächeln und einem Blicke bei, welche bei ihm ſo viel ſagen wollten. 7 2 ſo?“ fragte Frau von Cambes äußerſt be⸗ wegt. ——⁸ XKR8NDuA⏑— ——ß— 135 „Ich ſage leicht, weil er nicht mit gleichen Waffen gegen Euch kämpfte. Indeſſen iſt mir etwas bei der Erzählung aufgefallen, die man mir von dieſem Aben⸗ teuer gemacht hat.“ 4 Und durchdringender als je heftete der Herzog ſeine kleinen Augen auf die Vicomteſſe. Es gab für Frau von Cambes kein Mittel, ſich ehrenhaft fechtend zurückzuziehen. Sie ſchickte ſich daher zu einer Vertheidigung an, welche ſie ſo kräftig als dun rimmer möglich auszuführen entſchloſſen war, und prach: „Sagt, Herr Herzog, was iſt Euch aufgefallen?“ „Die außerordentliche Geſchicklichkeit, Madame, mit der Ihr dieſe komiſche Rolle ſpieltet; wenn ich dem, was man mir erzählt, glauben darf, hatte der Officier Eueren Stallmeiſter und ſogar Euch ſelbſt ſchon geſehen.“ Dieſe letzten Worte, obgleich mit der ganzen zu⸗ rückhaltenden Geſchicklichkeit eines Mannes von Takt gegen die Vicomteſſe abgeſchoſſen, brachten nichtsdeſto⸗ weniger einen tiefen Eindruck auf Frau von Cambes ervor. „Er hatte mich geſehen, ſagt Ihr, mein Herr?“ „Verſtändigen wir uns, Madame: nicht ich ſage es, ſondern immer die unbeſtimmte Perſon, Man ge⸗ nannt, deren Macht die Könige eben ſo gut, als die letzten ihrer Unterthanen unterworfen find.“ „Und wo hatte er mich geſehen?“ „Man ſagt, auf der Straße von Libourne nach Chantilly, in einem Dorfe, welches Jaulnay heißt; nur dauerte das Zuſammenſein nicht lange, weil der Officier von dem Herrn Herzog von Epernon Befehl erhielt, auf der Stelle nach Mantes abzureiſen.“ „Aber wenn dieſer Officier mich geſehen hätte, wie ſollte er mich nicht wieder erkannt haben?“ „Ohl das Man, von dem ich Euch ſo eben ſprach, und das auf Alles Antwort gibt, ſagte, die Sache 136 wäre möglich geweſen, inſofern das Zuſammenſein in der Finſterniß ſtattgefunden hätte.“ „Diesmal, mein Herr Herzog,“ verſetzte die Vi⸗ comteſſe völlig zitternd,„diesmal weiß ich in der That nicht, was Ihr meint.“ „Dann werde ich wohl ſchlecht unterrichtet worden ſein,“ erwiederte der Herzog mit geheuchelter Gutmü⸗ thigkeit.„Uebrigens, was iſt im Ganzen ein Zuſam⸗ mentreffen von einem Augenblick? Allerdings, Ma⸗ dame,“ fügte er artig bei,„allerdings ſeid Ihr nach Antlitz, Geſtalt und Haltung ganz geeignet, einen tie⸗ fen Eindruck zu hinterlaſſen, und ſollte das Beiſam⸗ menſein auch nur einen Augenblick dauern.“ „Aber die Sache wäre nicht möglich,“ verſetzte die Vicomteſſe,„denn Ihr ſagt ſelbſt, das Zuſammentreffen habe in der Finſterniß ſtattgefunden.“ „Das iſt richtig, Ihr parirt geſchickt, Madame; ich täuſche mich alſo, wenn Euch nicht der junge Mann bereits vor dieſem Zuſammenſein wahrgenommen hat; dann wäre das Abenteuer in Jaulnay nicht mehr gerade ein Begegnen...“ „Und was wäre es dann?“ erwiederte Claire. „Nehmt Euch in Acht mit Eueren Worten, Herr Herzog.“ „Ihr ſeht auch, daß ich inne halte; unſere liebe franzöſiſche Sprache iſt ſo arm, daß ich vergebens ein Wort ſuche, um meinen Gedanken auszudrücken. Es wäre ein Appuntamento, wie die Italiener, eine As⸗ signation, wie die Engländer ſagen.“ 3 „Wenn ich mich nicht irre, Herr Herzog, üherſetzen ſich dieſe Worte in das Franzöſiſche mit Rendez-vous.“ „Sieh' da! ich ſage eine Albernheit in zwei frem⸗ den Sprachen, und das geſchieht mir gerade einer Perſon gegenüber, welche dieſe beiden Sprachen ver⸗ ſteht. Verzeiht, Madame, Engliſch und Italieniſch find entſchieden ſo arm, als das Franzöfiſche.“ Claire drückte mit der linken Hand an ihr Herza — R u A8 8;— ₰— 137 um freier zu athmen; Eines, woran ſie immer ge⸗ zweifelt, regte ſich wieder in ihrem Geiſte, daß näm⸗ lich Herr von Larochefoucault für fie, wenigſtens in Gedanken und im Verlangen, eine Untreue an Frau von Longueville begangen hatte, und daß ihn die Eifer⸗ ſucht veranlaßte, ſo zu ſprechen. Zwei Jahre früher hatte ſich in der That der Prinz von Marfillac ſo hart⸗ näckig um ihre Gunſt beworben, als es der märriſche Charakter, die beſtändigen Schwankungen und übrigen Zaghaftigkeiten. geſtatteten, welche aus ihm den ge⸗ häſſigſten Frind machten, wenn er nicht der dankbarſte Freund war. Die Vcomteſſe hielt es auch für klüger, nicht geradezu mit einem Manne zu brechen, welcher auf dieſe Weiſe die öffentlichen Angelegenheiten und die Familien⸗Intereſſen neben einander in einer Linie behandelte, und erwiederte deshalb: „Wißt Ihr, Herr Herzog, daß Ihr unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, ein koſtbarer Mann ſeid, und daß Herr von Mazarin, der ſich doch etwas darauf einbildet, keine Polizei hat, welche beſſer beſchaffen iſt, als die Euerige?“ „Wenn ich nichts wüßte, Madame,“ entgegnete der Herzog von Larochefoucault,„ſo würde ich zu ſehr dieſem guten Miniſter gleichen, und dann haͤtte ich keinen Grund, Krieg gegen ihn zu führen. Ich gebe 85 reuch Mühe, mich in Allem auf dem Laufenden zu erhalten.“ „Selbſt in Beziehung auf die Geheimniſſe Euerer Verbündeten, wenn ſie hätten?“ „Ihr habt da ein Wort ausgeſprochen, das ſich ſchlecht verdolmetſchte, verſtände man darunter: ein Frauen⸗Geheimntß. Dieſe Reiſe und dieſes Zuſammen⸗ treffen waren alſo ein Geheimniß?“ „Verſtändigen wir uns, Herr Herzog, denn Ihr habt nur zur Hälfte Recht. Das Zuſammentreffen war ein Zufall. Die Reiſe war ein Geheimniß und ſogar Der Frauenkrieg. II. 10 138 ein Frauen⸗Geheimniß, denn ſie war in der That nur mir und der Frau Prinzeſſin bekannt.“ 3 Der Herzog lächelte. Dieſe gute Vertheidigung ſtachelte ſeinen Scharffinn. „Und Lenet,“ ſagte er,„und Richon, und Frau von Tourville und einem gewiſſen Vicomte von Cambes, den ich nicht kenne, von welchem ich zum erſten Male bei dieſer Gelegenheit habe ſprechen hören? Da der letztere Euer Bruder iſt, ſo werdet Ihr mir allerdings ſagen, das Geheimniß ſei nicht aus der Familie ge⸗ kommen.“ Claire lachte, um den Herzog nicht zu erzürnen, deſſen Stirne ſie bereits ſich falten ſah, und erwiederte: „Wißt Ihr etwas, Herzog?“ „Nein, aber theilt es mir mit, und wenn es ein Geheimniß iſt, Madame, ſo verſpreche ich Euch, ſo verſchwiegen zu ſein als Ihr und es nur meinem Generalſtab zu ſagen.“ „Thut das, mir iſt es ganz lieb, obgleich ich mich dadurch der Gefahr ausſetze, mir eine Prinzeſſin zur Feindin zu machen, deren Haß ſich bloßzuſtellen nicht gerathen iſt.“ 1 Der Herzog erröthete unmerklich. „Nun, das Geheimniß?“ ſagte er. „Wißt Ihr, wer bei der Reiſe, die man mich unternehmen ließ, der von der Frau Prinzeſſin für mich beſtimmte Begleiter war?“ „Nein. „Ihr ſelbſt.“ „In der That, ich erinnere mich, daß die Frau Prinzeſfin mich fragen ließ, ob ich einer Perſon, welche von Libourne nach Paris zurückkehrte, als Escorte die⸗ nen könnte.“ „Und Ihr habt es abgelehnt?“ „Ich war durch wichtige Geſchäfte in Poitou zu-⸗ rückgehalten.“ 8 Herzen etwas Heiliges, wie hohes Glück. Der Officier 139 7 „Ja; Ihr hattet die Couriere von Frau von Longue⸗ ville zu empfangen.“ Larochefoucault ſchaute Frau von Cambes lebhaft an, als wollte er die Tiefe ihres Herzens durchforſchen, ehe die Spur dieſer Worte verſchwunden wäre, und ſagte dann, ſich ihr nähernd: „Macht Ihr mir einen Vorwurf hierüber?“ „Nein; Euer Herz iſt an dieſem Orte ſo gut an⸗ gebracht, daß Ihr ſtatt der Vorwürfe Komplimente zu erwarten berechtigt ſeid.“ „Oh!“ verſetzte der Herzog⸗ unwillkürlich ſeufzend, „wäre es der Wille des Himmels geweſen, daß ich dieſe Reiſe mit Euch gemacht hätte!“ „Und warum dies?“ „Weil ich nicht nach Saumur gegangen wäre,“ antwortete der Herzog mit einem Tone, aus dem ſich ſchließen ließ, daß er eine andere Antwort bereit hatte, dieſe aber nicht geben wollte oder nicht zu geben wagte. Lir⸗Richon wird ihm Alles geſagt haben„“ dachte aire. „Uebrigens beklage ich mich nicht über mein Privat⸗ unglück,“ fuhr der Herzog fort,„inſofern ein öffent⸗ liches Glück daraus entſpringt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr Herzog? Ich verſtehe Euch nicht.“ „Ich will damit ſagen: wenn ich bei Euch geweſen wäre, ſo würdet Ihr nicht mit dem Officier zuſammen⸗ getroffen ſein, welcher— ſo offenbar begünſtigt der Himmel unſere Sache— zufällig derſelbe war, den Mazarin nach Chantilly ſchickte.“ „Ohl Herr Herzog,“ ſprach Claire mit einer von einer ſchmerzlichen, friſchen Erinnerung zuſammenge⸗ preßten Stimme,„ſcherzt nicht über dieſen unglück⸗ lichen Officier!“ „Warum? Iſt er eine geheiligte Perſon?“ „Ja, jetzt, denn großes Unglück hat für edle 140 iſt vielleicht zu dieſer Stunde todt und hat ſeinen Irr⸗ thum oder ſeine Ergebenheit mit dem Leben bezahlt.“ „An Liebe geſtorben?“ fragte der Herzog. „Sprechen wir ernſthaft. Ihr wißt, daß wenn ich mein Herz verſchenkte, dies nicht an Leute geſchehen würde, welchen ich auf der Landſtraße begegne. Ich ſage Euch, daß dieſer Unglückliche heute auf Befehl von Herrn von Mazarin verhaftet worden iſt.“ Verhaftet! woher wißt Ihr dies? abermals durch ein Zuſammentreffen?“ „Ohl mein Gott, ja. Ich kam durch Jaulnay.. Kennt Ihr Jaulnay?“ „Sehr genau; ich habe dort einen Degenſtich in die Schulter bekommen... Ihr kamet alſo durch Jaulnay?... und dann, iſt es nicht dasſelbe Dorf⸗ don welchem die Erzählung verſichert?...4* „Laſſen wir die Erzählung, Herr Herzog,“ erwie⸗ derte Claire erröthend.„Ich kam alſo, wie ich Euch ſagte, durch Jaulnay, als ich eine Truppe bewaffneter Leute ſah, welche einen Mann verhafteten und fort⸗ führten: dieſer Mann war er.“ „Er, ſagt Ihr? Ah! nehmt Euch in Acht, Ma⸗ dame, Ihr habt geſagt er.“ „Er, der Officier! Mein Gott, Herr Herzog⸗ wie ſcharf ſeid Jyr! Laßt Euere Feinheiten, und wenn Ihr kein Mitleid mit dem Unglücklichen habt..“ „Mitleid, ich!“ rief der Herzog.„Ei! Madame, bleibt mir Zeit, Mitleid zu haben, beſonders mit Leu⸗ ten, die ich nicht kenne?“ Claire ſchaute verſtohlen das bleiche Geſicht und die von einem Lächeln ohne Ausſtrahlung zuſammen⸗ gezogenen Lippen von Larochefoucault an, und bebte unwillkürlich. „Madame,“ fuhr der Herzog fort,„gern möchte ich die Ehre haben, Euch weiter zu geleiten, aber ich muß eine Garniſon nach Montrond werfen; entſchuldigt mich daher, wenn ich Euch verlaſſe. Zwanzig Edel⸗ 141 leute, glücklicher als ich, werden Euch als Wache die⸗ nen, bis Ihr wieder zu der Frau Prinzeſſin gelangt ſeid, der Ihr gefälligſt meine Achtung bezeigen wollt.“ „Kommt Ihr nicht nach Bordeaux?“— „Für den Augenblick nicht; ich gehe nach Turenne, um Herrn von Bouillon zu holen. Wir wetteifern an Höflichkeit, wer in dieſem Kriege nicht General ſein ſoll; ich habe es mit einer ſtarken Partei zu thun, aber ich will ſie beſiegen und Lieutenant bleiben.“ Nach dieſen Worten grüßte der Herzog auf eine ceremontöſe Weiſe die Vicomteſſe und ſchlug mit lang⸗ ſamen Schritten wieder den Weg ein, den ſeine Reiter⸗ truppe verfolate. Claire ſchaute ihm nach und murmelte: „Sein Mitleid! ich rief ſein Mitleid an! Er aber ſagte, es bliebe ihm keine Zeit, um Mitleid zu haben!“ Sie ſah nun, wie eine Gruppe von Reitern ſich gegen ſie detachirte und der übrige Theil des Haufens in einen nahen Wald drang. Hinter der Truppe ritt träumeriſch und die Zügel auf dem Halſe ſeines Pferdes der Mann mit dem fal⸗ ſchen Blicke und den weißen Händen, der ſpäter oben an ſeine Memoiren folgenden, für einen moraliſtiſchen Philoſophen etwas ſeltſamen, Satz ſchrieb: „Ich glaube, man muß ſich darauf beſchränken, Mitgefühl an den Tag zu legen, aber ſich wohl hüten, zu haben. Es iſt ein Gefühl, das im Innern einer wohl beſchaffenen Seele nichts taugt und nur dazu dient, das Herz zu ſchwächen, weßhalb man es dem Volk überlaſſen muß, das, nichts aus Vernunft voll⸗ bringend, des Gefühles bedarf, um die Dinge zu thun.“ Zwei Tage nachher war Frau von Cambes der Prinzeffin wiedergegeben. —— XI. Frau von Cambes hatte oft inſtinktartig daran gedacht, was aus einem Haſſe, wie der von Laroche⸗ foucault, entſtehen könnte, aber jung, ſchön, reich, be⸗ griff ſie nicht, daß dieſer Haß, wenn ſie auch ſein Vor⸗ handenſein vorausſetzte, jemals einen traurigen Einfluß auf ihr Leben ausüben dürfte. Als jedoch Frau von Cambes auf eine unbezwei⸗ felbare Weiſe erfuhr, er habe ſich ſo ſehr um ſie be⸗ kümmert, daß er ausgekundſchaftet, was er wußte, ſo beſchloß ſie, bei der Prinzeſſin vorzubeugen. „Madame,“ ſagte ſie, in Erwiederung der Kom⸗ plimente, die ihr die Prinzeſfin machte,„beglückwünſcht mich nicht zu ſehr wegen der angeblichen Gewandtheit, die ich bei dieſer Sache entwickelt habe, denn es gibt Leute, welche behaupten, der von uns ſcheinbar be⸗ thörte Officier wäre ganz im Reinen geweſen, was er von der wahren und von der falſchen Prinzeſſin von Condé zu halten hätte.“ Da dieſe Anſicht der Frau Prinzeſſin einen Theil des Verdienſtes benahm, das ſie ſich bei Ausführung der Liſt zuſchrieb, ſo wollte ſie natürlich den Worten von Claire keinen Glauben ſchenken, und ſie erwiederte deshalb: „ a, ja, meine liebe Claire, ja, ich begreife: jetzt, da unſer Mann ſieht, daß wir ihn getäuſcht haben, möchte er ſich gern das Anſehen geben, als hätte er uns begünſtigt; leider greift er etwas ſpät nach dieſem — 143 Mittel, da er gewartet hat, bis er in Ungnade ge⸗ fallen war. Doch Ihr habt, wie Ihr ſagt, auf Euerem Wege Herrn von Larochefoucault getroffen?“ „Ja, Madame.“ „Was hat er Euch Neues erzählt?“ „Daß er nach Turenne gehe, um ſich mit Herrn von Bouillon zu verſtändigen.“ „Ja, ich weiß es, ſie ſtreiten mit einander; wäh⸗ rend ſie ſich das Anſehen geben, als ſchlügen ſie dieſe Ehre aus, kämpfen ſie, wer Generaliſſimus unſerer Heere werden ſoll. Wenn wir Frieden machen, wird der Rebell, je mehr er zu fürchten geweſen iſt, ſich ſeine Rückkehr deſto theurer bezahlen zu laſſen berech⸗ tigt ſein. Doch ich beſitze, um ſie in Einklang zu bringen, einen Plan von Frau von Tourville.“ „Oh! oh!“ rief die Vicomteſſe, bei dieſem Namen lächelnd,„Euere Hoheit hat ſich alſo mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Räthin verſöhnt?“ „Ich mußte wohl; ſie kam zu uns nach Montrond und brachte ihre Papierrolle mit einer Gravität, daß Lenet und ich uns bald darüber zu Tode gelacht hätten. „Wenn auch Euere Hoheit,““ ſprach ſie,„„keinen Werth auf dieſe Reflexionen, die Frucht emfiger Nacht⸗ wachen, legt, ſo bringe ich doch meinen Tribut zu der hochherzigen Verbindung.““ „Das war eine wahre Rede.“ „In drei Punkten.“ „Und Euere Hoheit antwortete?“ „Nein, ich überließ Lenet das Wort.„„Madame,““ ſprach er,„„wir haben nie an Euerem Eifer und noch weniger an Euerem erleuchteten Geiſte gezweifelt; die⸗ ſer iſt uns ſo koſtbar, daß die Frau Prinzeſſin und ich ihn jeden Tag vermißten und beklagten...““ Kurz, er ſagte ihr eine Menge ſo ſchöner Dinge, daß er ſie verführte, wonach ſie ihm ihren Plan übergab.“ „Worin beſteht er?“ „Daß nicht Herr von Bouillon, nicht Herr von 144 Larochefoucault, ſondern Herr von Turenne zum Gene⸗ raliſſimus ernannt werden ſoll.“ ‚Mir ſcheint, die Räthin hat diesmal ziemlich gut gerathen: was ſagt Ihr dazu, Herr Lenet?“ „Ich ſage, daß die Frau Vicomteſſe Recht hat, und daß ſie eine gute Stimme mehr zu unſern Ver⸗ handlungen bringt,“ antwortete Lenet, der gerade in dieſem Augenblick mit einer Papierrolle eintrat, welche er ſo gravitätiſch in der Hand hielt, als es nur immer Frau von Tourville hätte thun können.„Leider kann Herr von Turenne die Nord⸗Armee nicht verlaſſen, und unſer Plan verlangt, daß er gegen Paris marſchire, während Mazarin und die Königin gegen Bordeaux marſchiren werden.“ „Ihr möget wahrnehmen, theuere Freundin, das Lenet der Mann der Unmöglichkeiten iſt. Auch iſt nicht Herr von Bouillon, nicht Herr von Larochefoucault, nicht Herr von Turenne unſer Generaliſſimus, ſondern Lenet! Was hält Euere Excellenz in der Hand? etwa eine Proclamation?“ „Ja, Madame.“ „Wohl verſtanden, die von Frau von Tourville.“ „Allerdings, abgeſehen von einigen nothwendigen Warberungen in der Redaction. Ihr wißt, der Kanzlei⸗ y 4 „Gut, gut!“ ſprach die Prinzeſſin lachend,„wir wollen nicht an dem Buchſtaben feſthalten, wenn nur der Geiſt darin iſt.“ „Er iſt darin.“ „Und wo wird Herr von Bouillon unterzeichnen?“ „Auf derſelben Linie mit Herrn von Larochefoucault.“ „Damit ſagt Ihr mir nicht, wo Herr von Laroche⸗ foucault unterzeichnet.“. „Herr von Larochefoucault wird unter dem Herrn Herzog von Engbien unterzeichnen.“ „Der Herr Herzog von Enghien ſoll eine ſolche 145 Aahe nicht unterzeichnen! Bedenkt doch, ein Kind, enet. „Ich habe hieran gedacht, Madame. Wenn der König ſtirbt, wird der Dauphin ſein Nachfolger, und wäre er nur einen Tag alt. Warum ſollte es bei demm, Hauſe Conde nicht wie bei dem Hauſe Frankreich ein? „Aber was wird Herr von Larochefoucault, was wird Herr von Bouillon ſagen?“ „Der Erſte hat geſagt, und iſt gegangen, nachdem er geſagt hat; der Zweite erfährt die Sache erſt, wenn fie geſchehen iſt, und mag dann ſagen, was er will,— uns gleichviel!“ „Das iſt alſo die Urſache der Kälte, welche der Herzog gegen Euch kundgegeben hat, Claire?“ „„Laßt ihn kalt, Madame,“ ſprach Lenet,„er wird ſich bei dem erſten Kanonenſchuß erwärmen, den der Marſchall de La Meilleraye gegen uns abfeuert. Dieſe Herren wollen den Krieg; wohl, ſie ſollen ihn führen.“ „Hütet Euch, daß Ihr ſie nicht zu unzufrieden macht,“ ſprach die Prinzeſſin,„wir haben nur ſie...“ „Und ſie haben nur Enern Namen; ſie mögen es verſuchen, ſich für eigene Rechnung zu ſchlagen, und Ihr werdet ſehen, wie lange ſie es aushalten: wenn ich et⸗ was geben ſoll, ſo muß ich auch etwas bekommen.“ Frau von Touryille war bereits einige Sekunden eingetreten; doch auf die ſtrahlende Miene, die ihr Antlitz bei ihrem Eintritt verherrlicht hatte, folgte eine Nuance von Unruhe, welche die letzten Worte ihres Nebenbuhlers, des Rathes, noch verdoppelten. Sie ging raſch vor und ſprach: „Sollte der Plan, den ich Euerer Hohelt vorge⸗ ſchlagen habe, ſo unglücklich geweſen ſein, nicht die Billigung von Herrn Lenet zu erhalten?“ „Im Gegentheil, Madame,“ antwortete Lenet ſich verbeugend,„ich habe ſorgfältig den größeren Theil Euerer Abfaſſung beibehalten; nur wird die Procla⸗ 146 mation, ſtatt von dem Herzog von Bouillon oder von dem Herzog von Larochefoucault, von ſeiner Hoheit dem Herzog von Enghien unterzeichnet werden; der Name dieſer Herren wird nach dem des Prinzen kommen.“ „Ihr gefährdet den jungen Prinzen, mein Herr.“ „Es iſt nur zu billig, daß er gefährdet wird, Madame, inſofern man ſich für ihn ſchlägt.“ „Aber die Bordeleſen lieben den Herrn Her⸗ zog von Bouillon, ſie beten den Herrn Herzog von Larocheſoucault an, während ſie den Herzog von Eng⸗ hien nicht einmal kennen.“ „Ihr ſeid in einem Irrthum begriffen,“ antwortete Lenet ein Papier aus der Taſche ziehend, welche die Frau Prinzeſſin ſtets durch ihren Inhalt in Erſtaunen ſetzte,„denn hier iſt ein Brief von dem Herrn Präſi⸗ denten von Bordeaux, worin er mich bittet, die Pro⸗ Nenatonen durch den jungen Herzog unterzeichnen zu aſſen.“. „Ei! kümmert Euch nichts um die Parlamente, Lenet,“ rief die Prinzeſſin,„es lohnt ſich nicht der Mühe, der Gewalt der Königin und des Herrn von Malaten zu entgehen, wenn wir in die der Parlamenie allen.“ Lenet. „Allerdings.“ „Wohl, das iſt die conditio sine qua non; ſie werden kein Zündkraut für einen Andern als den Her⸗ zog von Enghien abbrennen.“. Frau von Tourville biß ſich in die Lippen. „Ihr habt uns alſo von Chantilly fliehen, Ihr habt uns hundertundfünfzig Lieues machen laſſen,“ ſprach die Prinzeſſin,„damit wir eine Schmach von den Bor⸗ deleſen binnehmen?“ „Was Ihr für eine Schmach haltet, Madame, iſt eine Ehre. Was kann für die Prinzeſſin von Condé „Will Euere Hoheit nach Bordeaux hinein 24 fragte AR N N ‿—— 147 ſchmeichelhafter ſein, als zu ſehen, daß man ſie auf⸗ nimmt und nicht die Andern? „Alſo werden die Bordeleſen ſelbſt die zwei Her⸗ zoge nicht aufnehmen?“ „Sie nehmen nur Euere Hoheit auf.“ „Was kann ich allein thun?“. „Eil mein Gott, zieht immerhin ein, laßt bei Euerem Einzug die Thore offen, und die Andern ziehen hinter Euch ein.“ „Wir können ihrer nicht entbehren.“ „Das iſt meine Meinung und in vierzehn Tagen wird es auch die Meinung des Parlaments ſein. Bor⸗ deaux ſtößt Euere Armee zurück, vor der es bange hat, und in vierzehn Tagen wird es dieſelbe zur Verthei⸗ digung rufen. Ihr könnt dann das doppelte Verdienſt anſprechen, zweimal gethan zu haben, was die Bor⸗ deleſen von Euch verkangen, und dann, ſeid unbeſorgt, laſſen ſie ſich vom erſten bis zum letzten Tage für Euch tödten.“ „Bordeaux iſt alſo bedroht?“ fragte Frau von Tourville.. 3 „Sehr bedroht,“ antwortete Lenet,„deßhalb iſt es dringend, dort eine beſtimmte Stellung einzunehmen. So lange wir nicht innen ſind, kann Bordeaux, ohne daß ſein Glück dadurch gefährdet wird, ſich weigern, uns ſeine Thore zu öffnen; ſind wir einmal dort, ſo kann uns Bordeaux nicht ohne ſich zu entehren aus ſeinen Mauern jagen.“ „Und wer bedroht Bordeaux, wenn ich fragen darf? „Der König, die Koͤnigin, Herr von Mazarin. Die königlichen Streitkräfte rekrutiren ſich; unſere Feinde faſſen feſten Fuß; die Inſel Saint⸗George, welche nur drei Lieues von der Stadt entfernt liegt, hat ſo eben Verſtärkung, eine Zufuhr an Munition und einen neuen Gouverneur erhalten. Die Borde⸗ leſen werden es verſuchen, die Inſel zu nehmen, und 148 ſich natürlich ſchlagen laſſen, inſofern ſie es mit den beſten Truppen des Königs zu thun haben. Gehörig geſtriegeit, wie es Bürgern gebührt, welche Soldaten parodiren wollen, werden ſie mit lauter Stimme die Herzoöge von Bouillon und Larochefoucault herbeirufen. Dann haltet Ihr dieſe zwei Herzoge in Euern Händen, dann ſchreibt Ihr den Parlamenten die Bedingungen vor. „Aber wäre es nicht beſſer, einen Verſuch zu ma⸗ chen, dieſen neuen Gouverneur für uns zu gewinnen, ehe die Bordeleſen eine Niederlage erlitten haben, welche ſie entmuthigen dürfte?“ „Seid Ihr in Bordeaux, wenn dieſe Niederlage ſtattfindet, ſo habt Ihr nichts zu befürchten; den Gouverneur zu gewinnen, iſt nicht möglich.“ „Nicht möglich! warum?“ „Weil der Gouverneur ein perſönlicher Feind Euerer Hoheit iſt.“ „„Ein perſönlicher Feind von mir?“ „Ig. „Woher rührt dieſe Feindſchaft?“ „Davon, daß er Euerer Hoheit die Myſtification, deren Opfer er in Chantilly geweſen iſt, nie verzeihen wird. Oh! Herr von Mazarin iſt kein Dummkopf, wie Ihr glaubt, obgleich ich mich beſtändig abmühe, um Euch das Gegentheil zu beweiſen; es mag zum Belege dienen, daß er auf die Inſel Saint⸗George, das heißt in die beſte Stellung des Landes, rathet wen geſchickt hat?“ „Ich ſagte Euch bereits, daß ich durchaus nicht wüßte, wer es ſein könnte.“ „Nun, den Officier, über den Ihr ſo viel lachtet, und der durch ſeine unbegreifliche Ungeſchicklichkeit Euch entfliehen ließ?“ edenn von Canolles!“ rief Claire. „Ja. 149 „Herr von Canolles Gouverneur der Inſel Saint⸗ George!“ „In Perſon.“ „Unmöglich! ich habe ihn in meiner Gegenwart, vor meinen eigenen Augen verhaften ſehen.“ „Ganz richtig, aber er erfreut ſich ohne Zweifel einer mächtigen Protection, und ſeine Ungnade hat ſich in Gunſt verwandelt.“ „Und Ihr hieltet ihn bereits für todt, meine arme Claire! ſprach lachend die Prinzeſſin. „Seid Ihr Euerer Sache ganz ſicher?“ fragte Claire im höchſten Maße erſtaunt. Lenet ſteckte die Hand ſeiner Gewohnheit gemäß in die bekannte Taſche, zog ein Papier heraus und er⸗ wiederte: 4 „Hier iſt ein Brief von Richon, der mir alle Um⸗ ftände der Beſtallung des neuen Gouverneurs meldet und nur ſein Bedauern darüber ausdrückt, daß Euere Pohei nicht ihn ſelbſt auf die Inſel Saint⸗George ge⸗ etzt hat.“ „Die Frau Prinzeſſin ſollte Herrn Richon auf die Inſel Saint⸗George ſetzen!“ ſprach Frau von Tourville mit einem triumphirenden Lachen.„Verfügen wir über die Ernennung von Gouverneurs auf die Plätze Seiner Majeſtät?“ „Wir verfügten über eine, Madame, und das war genug,“ antwortete Lenet. „Ueber welche?“ F au von Tourville bebte, als ſie Lenet in ſeine Taſche greifen ſah. „Das Blanqueit des Herrn Herzogs von Epernon,“ disf die Prinzeffin,„es iſt wahr, ich hatte es ver⸗ geſſen.“ „Bahl! was bedeutet das?“ entgegnete Frau von Tourville mit verächtlichem Tone;„ein Fetzen Papier und nichts Anderes.“ „Dieſer Fetzen Papier, Madame,“ ſprach Lenet, 150 „iſt die Ernennung, der wir als Gegengewicht gegen das, was geſchehen iſt, bedürfen. Es iſt das Gegen⸗ gewicht der Inſel Saint⸗George, es iſt unſer Heil, es iſt irgend ein anderer Platz an der Dordogne, wie die Inſel Saint⸗George an der Garonne iſt“ „Und Ihr ſeid ſicher,“ fragte Claire, welche nichts von dem, was ſeit fünf Minuten geſprochen wurde, gehört hatte und bei der von Lenet mitgetheilten und durch Richon beſtätigten Nachricht geblieben war,„Ihr ſeid ficher, mein Heir, daß derſelbe Herr von Canolles, den man in Jaulnay verhaftet hat, nunmehr Gouver⸗ neur der Inſel Saint⸗George iſt?“ „Ich habe die vollkommene Sicherheit.“ „Herr von Mazarin hat eine eigene Art, ſeine Gouverneurs in ihre Gouvernements zu führen,“ ſprach Frau von Cambes.„ „Ja,“ ſagte die Prinzeſſin,„und dahinter ſteckt ſicherlich etwas.“ „Allerdings,“ erwiederte Lenet,„Fräulein Nanon von Lartigues.“ „Nanon von Lartigues!“ rief die Vicomteſſe von Saubes, der eine furchtbare Erinnerung das Herz zerriß. Kchtl eſ Dirne!“ ſprach die Prinzeſſin ver⸗ ä. „Ja, Madame,“ antwortete Lenet.„Das Mäd⸗ chen, welches Euere Hoheit zu ſehen ſich weigerte, als es ſich um die Gunſt, vorgeſtellt zu werden, bewarb, und das die Königin, in den Geſetzen der Etiquette weniger ſtreng als Ihr, empfangen hatte; weshalb das Mädchen Euerem Kammerherrn antwortete, die Frau Prinzeſſin von Condé könnte möglicher Weiſe eine größere Dame ſein, als Anna von Oeſterreich, aber Anna von Oeſterreich beſäße ſicherlich mehr Klugheit, als die Prinzeſſin von Condé.“ 4 „Euer Gedächtniß täuſcht Euch, oder Ihr wollt 8 mich ſchonen,“ rief die Prinzeſfin.„Die Unverſchämte ——„ 151 begnügte ſich nicht, zu ſagen: Mehr Klugheit, ſie ſagte auch: Mehr Geiſt.“ „Es iſt möglich,“ ſprach Lenet lächelnd.„Ich ging in dieſem Augenblick in das Vorzimmer und hörte das Ende des Satzes nicht.“ „Aber ich, die ich an der Thüre horchte,“ ver⸗ ſetzte die Frau Prinzeſſtn,„ich hörte ihn vollſtändig.“ „Wohl, Ihr begreift, Madame, daß dieſe Frau Euch auf das Erbittertſte bekriegen wird. Die Königin hätte Euch Soldaten zu bekämpfen geſchickt, Nanon nich, Enih Feinde ſchicken, die man niederſchmettern muß. „Ihr hättet ſie vielleicht an der Stelle Ihrer Ho⸗ heit ehrfurchtsvoll empfangen?“ ſagte Frau von Tour⸗ ville mit ſpitzigem Tone zu Lenet. „Nein, Madame,“ erwiederte dieſer,„ich hätte ſie lachend empfangen und würde ſie erkauft haben.“ „Wenn es ſich nur darum handelt, fie zu erkau⸗ fen, ſo iſt es immer noch Zelt.“ „Es iſt allerdings immer noch Zeit; nur wird es zu dieſer Stunde für unſere Börſe zu theuer ſein.“ „Wie viel koſtet ſie?“ fragte die Prinzeffin. „Fünfmalhunderttauſend Livres vor dem Kriege.“ „Aber jetzt?“ „Eine Million.“ „Um dieſen Preis würde ich Herrn von Mazarin erkaufen.“ „Wohl möͤglich,“ ſprach Lenet;„die Dinge, welche bereits verkauft und wieder erkauft worden find, finken im Preiſe.“ „Aber, wenn man ſie nicht erkaufen kann, ſo muß man ſie feſtnehmen,“ ſprach Frau von Tourville, welche iſtets für die gewaltſamen Mittel war. „Madame, Ihr würdet dieſes Ziel erreichend Ihrer Hoheit einen wahren Dienſt erweiſen, aber es wird ſchwer zu erreichen ſein, inſofern man gar nicht weiß, wo ſie iſt. Doch, wir wollen uns nicht hiemit 152 beſchäftigen, ziehen wir zuerſt in Bordeaux ein, und dann werden wir auch nach der Inſel Saint⸗George ge⸗ langen.“ „Nein, nein,“ rief Claire,„ziehen wir zuerſt nach der Inſel Saint⸗George.“ Dieſer aus der Tiefe des Herzens der Vicomteſſe hervorbrechende Ausruf machte, daß die zwei Frauen ſich nach ihr umwandten, während Lenet Claire ſo auf⸗ merkſam, als es nur immer Herr von Larochefoucault hätte thun können, aber mit mehr Wohlwollen an⸗ ſchaute. „Biſt Du denn toll?“ ſprach die Prinzeſſin,„Du hörſt doch, daß Lenet ſagt, der Platz ſei unein⸗ nehmbar.“ „Das iſt möglich,“ entgegnete Claire,„aber ich glaube, daß wir ihn nehmen werden.“ „Solltet Ihr einen Plan haben?“ fragte Frau von Tourville mit der Miene einer Frau, welche Uebergriffe in ihr Territorium zu ſehen befürchtet. „Vielleicht,“ antwortete Claire. „Aber wenn die Inſel ſo theuer zu erkaufen iſt⸗ wie Lenet ſagt.“ ſprach die Prinzeſſin lachend,„ſo find wir wohl nicht reich genug?“ „Man wird ſie nicht erkaufen,“ erwiederte Claire, „und dennoch wird man fie bekommen.“ „Durch Gewalt alſo,“ ſprach Frau von Tourville; Ameint liebe Freundin, Ihr geht auf meinen Plan n. „So iſt es!“ ſagte die Prinzeſſin.„Wir ſchicken Richon ab, um Saint⸗George zu belagern; er iſt aus der Gegend, er kennt die Oertlichkeiten, und vermag ein Mann ſich dieſer Feſtung zu bemächtigen, die Ihr für ſo mächtig erklärt, ſo iſt er es.“ „Ehe Ihr dieſes Mittel anwendet,“ entgegnete Claire,„laßt mich das Abenteuer verſuchen. Scheitere ich, ſo macht die Sache nach Euerem Gutdünken.“ 153 „Wie!“ rief die Prinzeſſin erſtaunt,„Du willſt nach der Inſel Saint⸗George gehen?“ „Ich gehe.“ „Allein?“ „In Begleitung von Ponpée.“ „Und Du haſt nicht bange?“ „Ich gehe als Parlamentär, wenn Euere Hoheit bie Gnade haben will, mir ihre Inſtructionen zu über⸗ geben.“. „Oh! das iſt neu,“ rief Frau von Tourville; „mir ſcheint, daß ſich die Diplomaten nicht auf dieſe Art improviſiren, und daß man lange Studien in die⸗ ſer Wiſſenſchaft machen muß, welche Herr von Tour⸗ ville, einer der beſten Diplomaten ſeiner Zeit, wie er einer der größten Krieger war, ſür die ſchwierigſte von allen Wiſſenſchaften erklärte.“ „Wie unzulänglich ich auch ſein mag, Madame,“ antwortete Clatre,„ſo werde ich es doch verſuchen, wenn es mir die Frau Prinzeſſin erlauben will.“ „Sicherlich wird es Euch die Frau Prinzeſſin er⸗ lauben,“ ſprach Lenet, der Prinzeſſin einen Blick zu⸗ werfend,„und ich bin ſogar überzeugt, daß, wenn es auf der Welt eine Perſon gidt, welche bei einer ſol⸗ chen Unterhandlung durchzudringen vermag, Ihr dies ſeid 2 .. „Und was wird denn die Frau Vicomteſſe thun, was ein Anderer nicht zu thun vermöchte?⸗ „Sie wird ganz einfach mit Herrn von Canolles handeln, was ein Mann nicht thun würde, ohne zum Fenſter hinaus geworfen zu werden.“ „Ein Mann, das mag ſein,“ verſetzte Frau von Tourville,, aber eine Frau...“ „Geht eine Frau nach der Inſel Saint⸗George,“ ſprach Lenet,„ſo iſt es beſſer, wenn es die Frau Vi⸗ comteſſe unternimmt, da ſie zuerſt den Gedanken ge⸗ habt hat.“ Der Frauenkrieg. II. 11 154 In dieſem Augenblick trat ein Bote bei der Frau Prinzefſin ein. Er war der Ueberbringer eines Brie⸗ fes vom Parlament von Bordeaux. „Ah!“ rief die Prinzeiſin,„ohne Zweifel die Ant⸗ wort auf meine Anfrage.“ Die zwei Frauen näherten ſich, angetrieben von einem Gefühle der Neugierde und der Theilnahme. Lenet aber blieb mit ſeinem gewöhnlichen Phlegma an ſeinem Platze; ohne Zweifel wufte er bereits, was der Brief enthielt. Die Prinzeſſin las mit gierigen Blicken. „Sie fordern mich, ſie rufen mich, ſie erwarten mich!“ ſprach ſie. „Ah!“ rief Frau von Tourville mit triumphirendem ne. „Aber die Herzoge,“ entgegnete Lenet,„aber das Heer?“ „Sie ſprechen nicht davon.“ „Dann find wir entblößt,“ verſetzte Frau von Tourville. „Nein,“ entgegnete die Prinzeſſin,„denn durch das Blanquett des Herzogs von Epernon werde ich Vayres haben, das die Dordogne beherrſcht.“. „Und ich,“ ſagte Claire,„ich werde Saint⸗George, den Schluſſel der Garonne, haben.“ „Und ich,“ fügte Lenet bei,„ich werde die Her⸗ zoge und das Heer haben, wenn Ihr mir Zeit dazu gönnt.“ XII. Am zweiten Tage kam man vor Bordeaux an; man mußte ſich endlich darüber entſcheiden, wie man in die Stadt gelangen ſollte. Die Herzoge waren mit ihrem Heer nur noch etwa zehn Lieues entfernt; man konnte daher ebenſowobhl einen friedlichen Einzug, als ein gewaltſames Eindringen verſuchen. Die Hanptſache war, zu ermitteln, ob man einen höheren Werth darauf zu legen hätte, wenn man in Bordeaux befehligen oder wenn man dem Parlamente geborchen würde. Die Frau Prinzeffin verſammelte ihren Rath, beſtehend aus Frau von Tourville, Claire, ihren Ehrendamen und Lenet. Frau von Tourville, welche ibren Gegner kannte, hatte darauf gedrungen, ihn vem Rathe nicht beiwohnen zu laſſen, inſofern der Krieg ein Frauenkrieg wäre, wobei man ſich der Männer nur zum Kämpeen bediente. Aber die Frau Prinzeſſin erklärte, da ihr Lenet durch den Prinzen, ihren Gemahl, beigegeben wäre, ſo könnte ſie ihn nicht aus dem Sitzungsſaale ausſchließen, in welchem überdies ſeine Gegenwart k in Gewicht hätte, in Betracht, daß man zum Voraus übereingekommen wäre, ihn ſprechen zu laſſen, ſo viel er wollte, ohne im Geringſten auf ſeine Worte zu hören. Die Vorſichtsmaßregel von Frau von Tourville war keineswegs eine unnütze Maßregel; ſie hatte die zwei abgelaufenen Marſchtage dazu angewendet, in dem Geiſte der Frau Prinzeſſin kriegeriſche Gedanken rege zu machen, zu denen ſich dieſe nur zu ſehr hin⸗ 156 neigte, und ſie befürchtete, Lenet könnte abermals das mit ſo vieler Sorgfalt aufgebaute Gerüſte ihrer Ar⸗ beit zerſtören. Als der Rath verſammelt war, ſetzte Frau von Tourville wirklich ihren Plan auseinander; man ſollte insgeheim die Herzoge und ihr Heer kommen laſſen, ſich mit Gewalt oder in Güte eine Anzahl Schiffe verſchaffen und den Fluß hinabfahrend unter dem Ge⸗ ſchrei:„Herbei Bordeleſen! Es lebe Condé! Nieder mit Mazarin!“ in die Stadt gelangen. Der Einzug der Frau Prinzeſſin wurde auf dieſe Art ein wahrer Triumphzug, und Frau von Tourville kam auf einem Umweg auf ihren berühmten Plan zu⸗ rück, ſich mit Gewalt der Stadt Bordeaux zu bemäch⸗ tigen und ſo der Königin bange vor einem Heere zu machen, deſſen Probeſtück ein ſo ſchöner Handſtreich wäre. Lenet billigte Alles mit dem Kopfe und unterbrach dabei Frau von Tourville zuweilen durch bewundernde Ausrufungen; als ſie ihren Plan völlig auseinander⸗ geſetzt hatte, ſagte er:. „Herrlich, Madame; nun wollt die Güte haben, Euere Gedanken zuſammenzufaſſen.“ „Das iſt ſehr leicht und wird mit zwei Worten geſchehen ſein,“ erwiederte die gute Dame triumphi⸗ rend und ſich durch ihre eigenen Worte begeiſternd: „Inmitten des Kugelregens, beim Klange der Glocken, bei dem Geſchrei der Wuth oder der Liebe der Ein⸗ wohnerſchaft wird man ſchwache Frauen unerſchrocken ihre hochherzige Sendung verfolgen ſehen; man wird ein Kind in den Armen ſeiner Mutter das Parlameni um ſeinen Schutz anflehen ſehen. Dieſes rührende Schauſpiel wird unfehlbar die roheſten Gemüther er⸗ weichen. Wir fiegen ſo halb durch die Gewalt, halb durch die Gerechtigkeit unſerer Sache, und dies iſt⸗ wie ich glaube, der Zweck Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin.“ 1⁵7 Das Reſumé machte noch mehr Wirkung, als die Rede; die Prinzeſſin klattchte Beifall; Claire, welche das Verlangen, zum Parlamentär auf der Inſel Saint⸗ George ernannt zu werden, immer mehr ſtachelte, klatſchte Beifall; der Kapitän der Garden, in deſſen Stand es lag, die großen Schwertſtreiche zu lieben, klatſchte Beifall; Lenet ging noch über das Beifall⸗ klatſchen hinaus, er nahm die Hand von Frau von Tourville, drückte ſie mit eben ſo viel Ehrfurcht als Empfindſamkeit und rief: „Madame, hätie ich nicht gewußt, wie groß Euere Klugheit iſt, wie genau Ihr aus Inſtinkt oder durch Studtum die große bürgerliche und militärtſche Frage kennt, welche uns beſchäſtigt, ſo wäre ich ſicher⸗ lich zu dieſer Stunde davon überzeugt, und ich würde mich vor der nützlichſten Räthin, welche Ihre Hoheit je finden konnte, in den Staub niederwerfen.“ „Nicht wahr, Lenet,“ ſprach die Prinzeſſin,„nicht wahr, das iſt ſchön? Ja, es war auch meine Anſicht. Raſch, vorwärts, Vialas, man bekleide den Herrn Herzog von Enghien mit dem kleinen Degen, den ich für ihn habe machen laſſen, ſo wie mit ſeinem Helme und ſeiner übrigen Rüſtung.“ „Ja, thut das, Vialas. Doch erlaubt zuvor noch ein einziges Wort,“ ſprach Lenet, während Frau von Touryville, welche ſich Anfangs vor Stolz ganz auf⸗ geblaſen hatte, vertraut mit den Spitzfindigkeiten Le⸗ net's, ihr gegenüber, ſich zu verdüſtern anfing. „Laßt hören,“ ſagte die Prinzeſſin,„was gibt es noch?“ „Gewiß, nichts, Madame; denn nie bot man eine Sache, welche mehr im Einklang mit dem Charaker einer ſo erhabenen Prinzeſſin ſtand, wie Ihr ſeid, und eine ſolche Anſicht konnte nur aus Euerem Hauſe ommen.“ Dieſe Worte brachten ein neues Aufblaſen bei Frau von Tourville hervor und führten das Lächeln auf 158 die Lippen der Frau Prinzeſſin zurück, welche die Stirne zu falten angefangen hatte. „Aber, Madame,“ ſprach Lenet, deſſen Blick die irkung dieſes furchtbaren Aber auf dem Geſichte ſeiner geſchworenen Feindin verfolgte,„während ich— ich ſage nicht einmal ohne Widerſtreben, ſondern ſogar mit Begeiſterung— dieſem Plane als dem einzigen paſ⸗ ſenden beipflichte, erlaube ich mir doch eine kleine Mo⸗ dification zum Vorſchlag zu bringen.“ Frau von Tourville machte eine halbe Wendung um ſich ſelbſt und nahm dann zur Vertheidigung bereit eine ſteife, trockene Haltung an. Die Stirne der Frau Prinzeſſin runzelte ſich wieder. Lenet verbeugte ſich, bat durch ein Zeichen mit der Hand, fortfahren zu dürfen, und ſprach: „Der Klang der Glocken, das Geſchrei der Liebe der Einwohnerſchaſt erfüllen mich zum Voraus mit einer Freude, die ich nicht auszudrücken vermag. Aber ich bin über den Kugelregen, von welchem die gnädige Frau geſprochen hat, keines Wegs ſo ſehr beruhigt, als ich es gern ſein möchte.“ 4 Frau von Touroille richtete ſich hoch auf und nahm eine martialiſche Stellung an. Lenet verbeugte ſich noch tiefer und fuhr, indem er die Stimme um einen halben Ton finken ließ, fort: 3 „Es wäre ſicherlich ſchön, eine Frau und ihr Kind ruhig inmitten dieſes Sturmes zu ſehen, der gewöhn⸗ lich ſelbſt die Männer mit Schrecken erfüllt. Aber ich befürchte, es könnte eine von dieſen Kugeln nach dem Gebrauche roher, verſtandloſer Dinge blindlings tref⸗ fend Herrn von Mazarin gegen uns Recht geben und unſern, übrigens ſo herrlichen Plan, zerftören. Ich bin der Meinung, daß man, wie dies Frau von Tourville mit ſo viel Beredtſamkeit geſagt hat, den jungen Prinzen und ſeine erhabene Mutter ſich einen Weg bis zum Parlament öffnen ſehen ſoll, aber durch die Bitte und nicht durch die Waffen. Ich denke end⸗ 159 lich, es werde ſchöner ſein, ſo die roheſten Gemüther zu erweichen, als auf eine andere Art die ſtärkſten Her⸗ zen zu befiegen. Ich denke, daß das eine von den beiden Mitteln unendlich mehr Chancen bietet, als das andere, und daß es vor Allem Zweck der Frau Prinzeffin iſt, in die Stadt Bordeaux zu gelangen. Ich ſage aber, daß nichts weniger ſicher ſein kann, um dieſes Ziel zu erreichen, als wenn wir eine Schlacht liefern.“ „Ihr werdet ſehen,“ ſprach Frau von Tourville ſpitzig,„daß der Herr meinen Plan Stein für Stein niederreißt und ganz ſachte einen Plan von ſeiner Art an der Stelle des meinigen vorſchlägt.“ „Ich!“ rief Lenet, während die Prinzeſſin Frau von Tourville mit einem Lächeln und einem Blicke be⸗ ruhigte,„ich, der Eifrigſte von Eueren Bewunderern? nein, tauſendmal nein! Aber ich weiß, daß ein Officier Seiner Majeſtät, der von Blaye kommt, Herr Dalvimar, mit dem Auftrage, die Zuraten*) und das Volk gegen Ihre Hoheit aufzuwiegeln, in der Stadt erſchienen iſt. Und ich ſage, daß Herr von Mazarin, wenn er den Krieg mit einem Schlage endigen kann, dies thun wird. Darum fürchte ich dieſen Hagel von Kugeln, wovon ſo eben Frau von Tourville geſprochen hat, und unter dieſen Kugeln mehr noch die verſtändigen, als die rohen und verſtandloſen.“ Dieſe letzten Worte von Lenet ſchienen die Prin⸗ zeſſin nachdenklich zu machen. „Ihr wißt immer Alles, Herr Lenet,“ entgegnete Frau von Tourville mit einer vor Zorn zitternden Stimme. „Ein gutes, heißes Treffen wäre übrigens eiwas Schönes geweſen,“ ſagte ſich zurückwerfend und mit *) Jurat hieß in Bordeaux eine Magiſtratsperſon, welche ungefähr dieſelbe Bedeutung hatte, wie in anderen Stadten Schöff. 3 Fechtſaale, der Kapitän der Garden, ein alter Sol⸗ dat, welcher beſonderes Vertrauen zur Gewalt hatte und im Falle eines Treffens ſich mit Ruhm zu bedecken hoffte. cenet trat ihm auf den Fuß, während er ihn zu⸗ gleich lächeind anſchaute. „Ja, Kapitän,“ ſagte er,„aber nicht wahr, Ihr denkt auch, daß das Heil des Herrn Herzogs von En⸗ ghien für unſere Sache höehſt nothwendig iſt, und daß, wenn er ſlirbt oder gefangen wird, der wahre Gene⸗ rali ſſtmus des Heeres der Prinzen gefangen oder todt iſt?“ Der Kavitän der Garden wußte, daß der pomp⸗ hafte Titel Generaliſſimus zum Scheine einem Prin⸗ zen von ſieben Jahren verliehen ihn in Wirklichkeit zum erſten Brigadier des Heeres machte; er begriff die Albernheit, welche er begangen hatte, leiſtete auf ſei⸗ nen Vorſchlag Verzicht und unterſtützte auf das Wärmſte die Meinung von Lenet. Mittlerweile hatte ſich Frau von Tourville der Prinzefſin genähert und leiſe mit ihr geſprochen. Lenet ſah, daß er einen neuen Kampf zu beſtehen haben ſollte. Die Prinzeſſin wandte ſich wirklich gegen ihn um und ſagte mit ärgerlichem Tone:. „Es iſt nichtsdeſtoweni er ſeltſam, daß man mit ſo aroßer Erbitterung vernichtet, was ſo gut gemacht war. „Ihre Hoheit iſt in einem Irrtbum begriffen,“ entgegnete Lenet.„Nie bin ich mit Erbitterung bei meinen Raihſchkägen zu Werke gegangen, und wenn ſch vernichte, ſo geſchieht es, um wlederherzuſtellen. Will ſich Euere Hoheit trotz der Gründe, die ich ihrer Prüfung zu unterwerfen die Ehre habe, immer noch mit ihrem Sohne tödten laſſen, ſo hat ſie zu gebieten, und wir laſſen uns an ihrer Seite tödten: das iſt eine Sache, welche ſich leicht ausführen läßt, und der dem Fuße Appels machend, als waͤre er in einem* 4 161 erſte Knecht Eueres Gefolges oder der letzte Schlucker der Stadt iſt im Stande, es zu thun. Wenn wir aber trotz Mazarin, troz der Königin, trotz der Parlamente, trotz des Fräuleins Nanon von Lartigues, trotz aller ſchlimmen Chancen, weiche unzertrennlich von der Schwäche ſind, auf die wir uns beſchränkt ſehen, ſie⸗ gen wollen, ſo haben wir, glaube ich, ſo zu ver⸗ fahren...“— „Mein Herr,“ rief Frau von Tourville mit der größten Heftigkeit,„es gibt keine Schwäche da, wo man den Namen Condé einer Seits und zweitauſend Solvaten von Rocroy, Nördlingen, Lens anderer Seits findet, und wenn deſſen ungeachtet Schwäche ſtatt hat, ſo ſind wir auf jede Weiſe verloren, und Euer Plan, ſo herrlich er auch ſein mag, wird uns nicht retten.“ „Madame, ich habe geleſen,“ erwiederte Lenet ruhig und zum Voraus ſich an der Wirkung ergötzend, welche er auf die unwillkührlich auf ſeine Worte auf⸗ merkſame Prinzefſin hervorzubringen gedachte,„ich habe geleſen, daß die Wittwe eines der erhabenſten Römer, unter Tiber, die hochherzige Agrippina, der die Verfolgung Germanicus, ihren Gemahl, entriſſen hatte, eine Fürſtin, welche nach ihrem Belieben ein Heer, zitternd vor Unwillen bei der Erinnerung an den todten Führer, in das Feld rufen konnte, lieber al⸗ lein nach Brundiſium ging, in Trauer gekleidet und an jeder Hand ein Kind haltend, Apulien und Cam⸗ panien durchzog und ſo, bleich, die Augen von Thränen geröthet, den Kopf geſenkt einherſchritt, während die Kinder ſchluchzten und mit ihren Blicken flehten.... daß ſodann Alle, welche dies ſahen— und es lebten mehr als zwei Millionen zwiſchen Brundiſtum und om,— in Thränen zerfloßen, in Verwünſchungen und Drohungen ausbrachen, wodurch ihre Sache nicht allein vor Rom, ſondern auch vor ganz Italien, nicht allein bei ihren Zeitgenoſſen, ſondern auch bei der Nachwelt gewonnen war; denn ſie fand keinen Wider⸗ 162 ſtand gegen ihre Thränen und Seufzer, während ſie den Lanzen die Lanzen, den Schwertern die Schwerter ſich hätte entgegenſtellen ſehen. Ich glaube, daß die Aehnlichkeit zwiſchen Jörer Hoheit und Agrippina, zwi⸗ ſchen dem Herrn Prinzen und Germanicus, zwiſchen Piſo, ſeinem Verfolger und Mörder, und Herrn von Mazarin als groß betrachtet werden darf. Iſt nun die Aehnlichkeit idenliſch, die Lage der Dinge dieſelbe, ſo verlange ich auch daſſelbe Verfahren; denn meiner Anſicht nach muß das, was in einer Epoche ſo gut ge⸗ lungen iſt, in der andern auch gelingen.“ Ein beifälliges Lächeln verbreitete ſich über die Züge der Prinzeffin und ſicherte Lenet den Triumph ſeiner Rede. Frau von Tourville verſchanzie ſich in ver Ecke des Zimmers und bedeckte, einer antiken Statue ähnlich, ihr Antlitz mit einem Schleier. Frau von Cambes, welche einen Freund in Lenet gefunden hatte, gab ihm die Unterſtützung, die er ihr gewährte, mit dem Kopfe Beifall nickend zurück. Der Kapitän weinte wie ein Kriegstribun, und der kleine Herzog von Engbien rief: 4 „Mama! nicht wahr, Ihr haltet mich bei der Hand und kieidet mich in Trauer?“ „Ja, mein Sohn,“ antwortete die Prinzeſſin. „Lenet, Ihr wißt, daß es ſtets meine Abſicht geweſen iſt, vor den Bordeleſen in Trauer zu erſcheinen.“ „Um ſo mehr,“ ſprach Frau von Cambes leiſe, „als Schwarz Euerer Hoheit vortrefflich ſteht.“ „Stille, liebe Kleine,“ verſetzte die Prinzeſſin, „Frau von Tourville wird es laut genug ſchreicn, ohne daß Ihr es ganz leiſe zu ſagen braucht.“ Das Programm über die Art und Weiſe, wie man in Bordeaux erſcheinen wollte, wurde nach dem Vorſchlag von Lenet feſtgeſtellt. Die Damen der Es⸗ corte erhielten Befehl, Vorkehrungen zu treffen. Der junge Prinz bekam ein mit filbernen und weißen Po⸗ ſamenten beſetztes Kleid von gewäſſertem Taffet, nebſt —Aoͤ=S—— 3- 163 einem mit weißen und ſchwarzen Federn bedeckten Hut. Die Prinzeſſin, welche die größte Einfachbeit heu⸗ chelte, um Agrippina zu gleichen, an veren Vorbild ſie ſich in jeder Beziehung zu halten beſchloſſen hatte, kleidete ſich in Schwarz, ohne irgend ein Geſchmeide. Lenet, der Unternehmer des Feſtes, vervielfältigte ſich, damit es den Zwecken entſprechend ausfallen möchte. Das Haus, welches er in einer kleinen Stadt, zwei Lieues von Bordeaux bewohnte, wurde nicht leer von Parteigängern der Frau Prinzeffin, die, ehe ſie dieſelbe in Bordeaux einziehen ließen, wiſſen wollten, welche Art des Einzugs ihr angenehm ware. Lenet rieth ihnen, wie ein moderner Theaterdirector, Blu⸗ men, Beifallsgeſchrei und Glocken; da er auf die krie⸗ geriſche Frau von Tourville bedacht ſein wollte, ſo trug er nebenbei auch noch auf eine Begrüßung mit einigen Kanonenſchüſſen an. Am 31 ſten Mai ſetzte ſich die Prinzeſſin auf Ein⸗ ladung des Parlaments in Marſch. Wohl hatte ein gewiſſer Lavie, Generaladvocat beim Parlament und wüthender Parteigänger von Mazarin, zwei Tage vor⸗ her die Thore ſchließen laſſen, um zu verhindern, vaß die Prinzeſſin Aufnahme fände, wenn ſie ſich zeigen würde; aber die Parteigänger von Condé waren an⸗ derer Seits thätig geweſen, und das Volk hatte ſich, von ihnen aufgewiegelt, an demſelben Morgen unter dem Geſchrei:„Es lebe die Frau Prinzeſſin! Es lebe der Herzog von Enghlen!“ zuſammengerottet und die Thore mit der Art erbrochen, ſo daß ſich nichts dem Einzuge widerſetzte, der in der That den Charakter eines Triumphes annahm. Die Beobachter konnten in dieſen zwei Ereigniſſen die Eingebung der Häupter der zwei Parteien finden, welche die Stadt theilten; denn Lavie empfing unmittelbar die Anweiſungen des Her⸗ zogs von Epernon, und die Anſtifter des Volkes han⸗ delten ganz nach den Rathſchlägen und Aufträgen von enet . 164 Kaum hatte die Prinzeſſin das Thor hinter ſich, als die ſeit geraumer Zeit vorbereitete Scene in rieſt⸗ gen Verhältuniſſen ſtattſtand. Die militäriſche Begrü⸗ ßung wurde von den im Haſen liegenden Schiffen aus⸗ geführt und die Kanonen der Stadt antworteten dar⸗ auf. Die Blumen fielen auf die Straßen oder durch⸗ zogen die Stadt in Gewinden, ſo daß das Pfiaſter bedeckt und die Luft mit Wohlgerüchen geſchwängert war; das Beifallsgeſchrei ertäönté von dreißigtauſend Eifrigen jedes Alters und jedes Geſchlechts, deren Be⸗ geiſterung mit dem Intereſſe, das die Frau Prinzeſſin und ihr Sohn einflößten, und mit dem Haſſe zunahm, den fie gegen Mazarin hegten. Der kleine Herzog von Enghien war übrigens der geſchickteſte Schauſpieler bei dieſer ganzen Scene. Die Frau Prinzeſſin hatte darauf Verzicht geleiſtet, denſel⸗ ben an der Hand zu führen, aus Furcht, ihn zu ſehr zu ermüden, oder damit er nicht unter den Roſen be⸗ graben würde; er wurde deßhalb von ſeinem Kammer⸗ herrn getragen, bekam dadurch freie Hände, ſandte rechts und links Küſſe aus und nahm auf das Anmu⸗ thigſte ſeinen Federhut ab. Das Volk von Bordeaux berauſcht ſich leicht; die Frauen gelangten zu einer wüthenden Begeiſterung für dieſes ſo anmuthreich weinende Kind, die alten Ma⸗ giſtrate wurden erſchüttert durch die Worte des kleinen Redners, welcher ſagte:„Meine Herren, dient mir als Vater, da der Herr Cardinal mir den meinigen ge⸗ nommen hat.“ Vergebens verſuchten es die Anhänger des Mini⸗ ſters einiger Maßen Widerſtand zu leiſten; die Fäuſte, die Steine und ſelbſt die Hellebarden ſchärften ihnen Klugheit ein, und man mußte ſich darein fügen, das Feld den Triumphatoren frei zu laſſen. Frau von Cambes, welche ihren Platz hinter der Prinzeſſin hatte, zog indeſſen vieler Menſchen Blicke auf ſich. Sie konnte nicht an ſo viel Glorie denken, 165 ohne ſich innerlich darüber zu betrüben, daß der Ex⸗ folg des laufenden Tages vielleicht den Beſchluß des vorhergehenden vergeſſen machen würde. Sie befand ſich alſo auf dem Wege, geſtoßen von Anbetern, be⸗ drängt vom Volke, überſtrömt von Blumen und ehr⸗ furchtsvollen Liebkoſungen, zitternd, man könnte ſie im Triumphe forttragen, womit einige Rufe die Frau Prinzeſſin, den Herzog von Enghien und ihr Gefolge zu bedrohen begannen, als ſie Lenet erblickte, der, ihre Verlegenheit wahrnehmend, Claire die Hand bot, damit ſie mit ſeiner Unterſtützung einen Wagen errei⸗ chen könnte. Ihren eigenen Gedanken beantwortend, ſagte ſie zu ihm: „Ahl Ihr ſeid ſehr glücklich, Herr Lenet, Ihr macht Euere Anſichten in allen Dingen geltend, und ſtets find es diejenigen, welche man befolgt. Aller⸗ vings,“ fügte ſie bei,„find ſie gut und man befindet ſich wohl dabei.“ „Mir ſcheint, Ihr habt Euch nicht zu beklagen, Madame,“ erwiederte Lenet,„die einzige Meinung, welche Ihr ausgeſprochen habt, iſt angenommen worden.“ „Wie ſo?“ „Iſt man nicht übereingekommen, daß Ihr die hbet Saint⸗George für uns zu bekommen verſuchen ollt?“ „Ja, aber wann wird man mir erlauben, mich in das Feld zu begeben?“. „Schon morgen, wenn Ihr mir zu ſcheitern ver⸗ ſprechen wollt.“ „Seid unbeſorgt, ich fürchte nur zu ſehr, daß ich Eueren Abſichten entſprechen werde.“ „Deſto beſſer.“ „Ich begreife Euch nicht.“ „Wir brauchen den Widerſtand der Inſel Saint⸗ George, um von den Bordeleſen das Heer und unſere zwei Herzoge zu erhalten, welche mir, ich muß es 166 ſagen, obgleich ſich hierin meine Meinung der von Frau von Tourville nähert, unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, höchſt nothwendig er⸗ ſcheinen.“ „Allerdings,“ antwortete Claire,„aber obgleich ich in Kriegsſachen nicht die Kenntniſſe von Frau von Tourville beſitze, ſo däucht mir doch, daß man ei⸗ nen Platz nicht angreift, ohne zuvor eine Aufforderung an denſelben ergehen zu laſſen.“ „Was Ihr da ſagt, iſt vollkommen richtig.“ „Man wird alſo einen Parlamentär nach der In⸗ ſel Saint⸗George abſchicken?“ „Ohne allen Zweifel.“ „Wohl! ich verlange dieſer Parlamentär zu ſein.“ Die Augen von Lenet erweiterten ſich vor Er⸗ ſtaunen. „Ihr!“ ſagte er,„Ihr! Es ſind alſo unſere Da⸗ men insgeſammt Amazonen geworden?“ „Laßt mir dieſe Phantaſie hingehen, mein lieber Herr Lenet.“ „Ihr habt Recht. Das Schlimmſte, was Euch im Ganzen begegnen kann, iſt, daß Ihr Saint⸗George nehmt.“ „Abgemacht alſo?“ —77 a. „Jor verſprecht mir Eines?⸗ „Was 2* „Daß Niemand den Namen und die Eigenſchaft des Parlamentärs, den Ihr abgeſchickt habt, unter einer andern Bedingung erfährt, als wenn ihm das Unternehmen gelungen iſt.“ „Einverſtanden,“ ſprach Lenet, Frau von Cambes die Hand reichend. „Und wann werde ich abgehen?“ „Wann Ihr wollt.“ „Morgen?“ A A& ☛ι 167 „Morgen, es ſei.“ „Gut. Seht, die Frau Prinzeſſin ſteigt nun auf die Terraſſe des Herrn Präſidenten von Lalasne. Ich trete Frau von Touroille meinen Theil an dem Tri⸗ umphe ab. Iyr entſchuldigt mich bei Ihrer Hoheit mit einer Unpäßlichkeit. Laßt mich nach der Wohnung führen, die man für mich zubereitet hat: ich will meine Vorkehrungen treffen und über meine Sendung nach⸗ denken, welche mich unabläfſig beunruhigt, weil es die erſte dieſer Art iſt, die ich vollziehe, und Alles in dieſer Welt, wie man ſagt, vom erſten Auftreten ab⸗ haͤngt.“ 9, Teufel“ rief Lenet,„ich wundere mich nicht, daß Herr von Larochefoucault auf dem Punkte war, für Euch eine Untreue an Frau von Longueville zu be⸗ gehen; Ihr ſeid in gewiſſen Dingen ſo viel und in manchen mehr werth als ſie.“ Das iſt möglich,“ ſprach Claire,„ich weiſe das Kompliment nicht ganz von mir; aber wenn Ihr ei⸗ nigen Einfluß auf Herrn von Larochefoucault ausübt, mein lieber Herr Lenet, ſo befeſtigt ihn in ſeiner erſten Liebe, denn die zweite macht mir bange.“ „Wir werden uns bemühen,“ erwiederte Lenet lächelnd;„dieſen Abend gebe ich Euch Eure Inſtruc⸗ tionen.“ „Ihr willigt alſo ein, daß ich Saint⸗George für Euch nehme?“ „Ich muß wohl, da Ihr es wünſcht.“ „Und die zwei Herzoge und das Heer?“ „Ich habe in meiner Taſche noch ein anderes Mittel, um ſie kommen zu laſſen.“ Hienach gab Lenet dem Kutſcher die Adreſſe der Wohnung von Frau von Cambes, verabſchiedete ſich von dieſer und eilte der Prinzeſſin nach. Gaft.“ XIII. Am Tage nach der Ankunft der Frau Prinzeſſin in Bordeaux fand ein großes Mittagsmahl auf der Inſel Saint⸗George ſtatt, wozu Canolles die vornehm⸗ ſten Officiere der Garniſon und die anderen Feſtungs⸗ Gouverneurs der Provinz eingeladen hatte. Um zwei Uhr Nachmittags, zu der für das Mahl feſtgeſetzten Stunde, war Canolles umgeben von einem Dutzend Herren, die er der Mehrzahl nach zum erſten Male ſah; ſie erzählten von dem großen Ereianiß des vorhergehenden Tages, beluſtigten ſich auf Rechnung der Damen, welche die Prinzeſſin begleiteten, und gli⸗ chen nur ſehr wenig Leuten, welche in das Feld zu rücken im Begriffe ſind und die wichtigſten Intereſſen des Königreichs in ihren Händen haben. Ganz ſtrahlend und prachtvoll in ſeinem mit Gold überzogenen Kleide belebte Canolles noch dieſe Heiter⸗ keit durch ſein Beiſpiel. Man ſollte auftragen. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, aber es fehlt uns noch ein „Wer?“ fragten die jungen Leute, ſich einander anſchauend. „ Der Gouverneur von Vayres, dem ich geſchrie⸗ ben habe, obgleich ich ihn nicht kenne, und der, gerade weil ich ihn nicht kenne, auf einige Rückſicht Anſpruch zu machen hat. Ich bitte Euch alſo, mir eine Friſt von einer halben Stunde zu bewilligen.“ . 169 „Der Gouverneur von Vayres!“ ſprach ein alter Officier, der, ohne Zweifel an millitäriſche Regelmäßig⸗ keit gewöhnt über dieſe Zögerung einen Seufzer aus⸗ ſtieß;„wenn ich mich nicht täuſche, iſt es der Mar⸗ quis von Bernay, aber er verſieht den Dienſt nicht ſelbſt, ſondern hat einen Stellvertreter.. „Dann wird er nicht kommen,“ verſetzte Canolles, „oder es kommt ſein Stellvertreter ſtatt ſeiner. Er ſelbſt wird bei Hofe ſein und nach Gunſtbezeugungen. ſtreben.“ „Baron,“ ſprach einer der Gäſte,„mir ſcheint, man hat nicht nöthig bei Hofe zu ſein, um zu avan⸗ ciren, und ich kenne einen Commandanten, der ſich nicht zu beklagen hat. Teufel! in drei Monaten Kapi⸗ tän, Oberſt⸗Lieutenant„Gouverneur der Inſel Saint⸗ George! Geſteht, das iſt ein hübſcher Weg.“ „Ich muß es geſtehen,“ ſagte Canolles erröthend, Lund da ich nicht weiß, wem ich eine ſolche Gunſt zu⸗ ſchreiben ſoll, ſo muß ich annehmen, es walte ein guter Genius in meinem Hauſe, daß es ſo trefflich gedeiht.“ „Wir kennen den guten Genius des Herrn Gou⸗ verneur,“ ſprach ſich verbeugend der Lieutenant, wel⸗ cher Canollts in die Feſtung eingeführt hatte,„es iſt ſein Verdienſt.“ „Ich will das Verdienſt nicht in Abrede ziehen,“ verſetzte ein anderer Officier,„ich bin im Gegentheil der erſte, der es anerkennt. Aber dieſem Verdienſte füge ich die Empfehlung einer gewiſſen Dame bei,... der geiſtreichſten, der liebenswürdigſten, der wohlthä⸗ tigſten Dame von Frankreich, wohl verſtanden, nach der Königin.“ „Keine Zweideutigkeit, Graf,“ entgegnete Ca⸗ nolles demienigen zulächelnd, welcher zuletzt geſprochen hatte;„habt Ihr eigene Geheimniſſe, ſo behaltet ſie für Si 3 gehören ſie Eueren Freunden, ſo behaltet ſie für eſe.“ Der Frauenkrieg. n. 12 170 „Ich geſtehe,“ ſagte ein Officier,„als ich von einem Aufſchub ſprechen hörte, glaubte ich, man würde uns zu Gunſten irgend einer glänzenden Toilette um Entſchuldigung bitten. Nun ſehe ich, daß ich mich ge⸗ täuſcht habe.“ „Wir werden alſo ohne Frauen ſpeiſen?“ fragte ein Anderer. „Allerdings! wenn ich nicht die Frau Prinzeſſin und ihr Gefolge einlade, ſehe ich nicht ein, wen wir haben könnten,“ antwortete Canolles.„Vergeſſen wir nicht, meine Herren, daß unſer Mittagsmahl ein ernſtes Mahl iſt; wenn wir von Staatsangelegenheiten und Geſchäften ſprechen, ſo werden wir wenigſtens nur uns beläſtigen.“ „Gut geſagt, Commandant, obgleich in dieſem Augenblick die Frauen einen wahren Kreuzzug gegen unſer Anſehen und unſere Herrſchaft machen; dafür zeugt, was in meiner Gegenwart der Herr Cardinal zu Don Louis de Haro ſagte.“ „Was ſagte er?“ fragte Canolles. „„Ihr ſeid ſehr glücklich! Die Frauen Spaniens beſchäftigen ſich nur mit Geld, mit Coquetterie und Galants, während die Frauen Frankreichs keinen Lieb⸗ haber mehr annehmen, ohne ihm zuvor über die poli⸗ tiſche Frage auf den Zahn gefühlt zu haben, ſo daß die Liebes⸗Rendezvous gegenwärtig in ernſter Be⸗ ſprechung von Regierungs⸗Angelegenheiten hingehen.““ „Man nennt auch den Krieg, den wir führen, den Frauenkrieg,“ ſprach Canolles,„was übrigens nur ſchmeichelhaft für uns ſein kann.“ In dieſem Augenblick war die halbe Stunde Friſt, welche Canolles gefordert hatte, abgelaufen; die Thüre Hurbe geöffnet, es erſchien ein Lackei und meldete, es ei ſervirt. Canolles lud ſeine Gäſte ein, ihm zu folgen; als ſie ſich aber in Marſch ſetzten, erſcholl eine andere Meldung im Vorzimmer. 171 „Der Herr Gouverneur von Vayres.“ 4 „Ahl ah!“ ſagte Canolles,„das iſt ſehr liebe würdig von ihm.“ Und er machte einen Schritt, um dem ihm unbe⸗ kannten Collegen entgegenzugehen; plötzlich aber wich er voll Erſtaunen zurück und rief: „Richon! Richon, Gouverneur von Vayres.“ „Ich ſelbſt, mein lieber Baron,“ antwortete Ri⸗ chon, trotz ſeiner Leutſeligkeit die ihm eigenthümliche ernſte Miene beibehaltend. „Ah! deſto beſſer, tauſendmal beſſer!“ ſprach Ca⸗ nolles ihm herzlich die Hand drückend.„Meine Her⸗ ren,“ fügte er bei,„Ihr kennt dieſen Ehrenmann nicht, aber ich kenne ihn und ſage laut, man konnte ein ſo wichtiges Amt keinem rechtſchaffeneren Manne anvertrauen.“ Richon ließ einen Blick ſo ſtolz wie der eines Adlers umhergehen, und als er in allen Augen nur ein leichtes Erſtaunen, gemäßigt durch viel Wohl⸗ wollen, wahrnahm, ſagte er: „Mein lieber Baron, nun, da Ihr ſo offen für mich gebürgt habt, wollt mich gütigſt denjenigen Her⸗ ren vorſtellen, denen ich bekannt zu ſein nicht die Ehre habe.“ Und hiebei bezeichnete Richon mit den Augen drei bis vier Edelleute, denen er wirklich ganz fremd war. Es fand nun der Austauſch von Artigkeiten ſtatt, der einen ſo edeln und zugleich ſo freundſchaftlichen Charakter allen Verbindungen und Verhältniſſen jener Zeit verliehen. Richon war nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde bereits der Freund von allen dieſen jungen Officieren und konnte von jedem derſelben ſeinen De⸗ gen oder ſeine Börſe verlangen. Seine Gewährſchaft waren ſein wohlbekannter Muth, ſein fleckenloſer Ruf und ſein in ſeine Augen geſchriebener Adel. „Bei Gott! meine Herren,“ ſagte der Comman⸗ dant von Braunes,„man muß zugeben, daß Herr 172 von Mazarin, obgleich ein Mann der Kirche, ſich auf die Kriegsleute verſteht und ſeit einiger Zeit die Sa⸗ chen gut macht. Er wittert den Krieg und wählt ſeine Gouverneurs: Canolles hier, Richon in Vapres.“ läsi„Wird man ſich ſchlagen?“ fragte Richon nach⸗ äßig. „Ob man ſich ſchlagen wird,“ antwortete ein jun⸗ ger Mann, welcher unmittelbar vom Hof kam.„Ihr fragt„wob man ſich ſchlagen werde, Herr Richon?“ 3„Ja.“. „Wohl, ich frage Euch, in welchem Zuſtand ſind Euere Baſteien?“ „Sie ſind beinahe neu, mein Herr, denn ſeit den drei Tagen, die ich auf dieſem Platze bin, habe ich mehr Ausbeſſerungen vornehmen laſſen, als man ſeit drei Jahren gemacht hat.“ „Nun, ſie werden bald eingeweiht werden,“ ſprach der junge Mann. „Deſto beſſer,“ verſetzte Richon;„was können Kriegsleute verlangen? den Krieg.“ „Gut,“ rief Canolles,„der König mag jetzt auf beiden Ohren ſchlafen, denn er hält die Bordeleſen mit ſeinen zwei Flüſſen im Zaume.“ „Derjenige, welcher mich auf meinen Poſten ge⸗ ſetzt hat, kann allerdings auf mich zählen,“ ſagte Richon. „Seit wann ſeid Ihr in Vayres, mein Herr?“ „Seit drei Tagen; und Ihr Canolles, ſeit wann ſeid Ihr auf Saint⸗George?“ „Seit acht; hat man Euch einen Einzug bereitet, wie mir, Richon? Mein Einzug war glänzend, und ich habe dieſen Herren in der That noch nicht genug gedankt; ich hatte Glocken, Trommeln, Vivat's; es ſehlte nur die Kanone, aber man verſpricht fie mir in wenigen Tagen, und das tröſtet mich.“ „Wohl, das iſt der Unterſchied, welcher zwiſchen uns ſtattfand,“ erwiederte Richon;„mein Ein⸗ 173 zug iſt eben ſo beſcheiden geweſen, als der Euerige glänzend war; ich hatte Befehl, hundert Mann in die Feſtung zu führen, hundert Mann vom Regiment Tu⸗ renne, und ich wußte nicht, wie ich ſie einführen ſollte, als mir in Saint⸗Pierre, wo ich mich aufhielt, mein Patent, unterzeichnet von Herrn von Epernon, zu⸗ kam. Ich brach ſogleich auf, übergab meinen Brief dem Lieutenant, und nahm ohne Trommeln und Trom⸗ peten Beſitz vom Platze. Nun bin ich daſelbſt.“ Canolles, der Anfangs lachte, fühlte, wie ſich bei dem Tone, mit welchem die letzten Worte geſpro⸗ chen wurden, ſein Herz unter dem Drucke einer dü⸗ ſteren Ahnung zuſammenſchnürte. „Und Ihr ſeid zu Hauſe?“ fragte er Richon. „Ich niſte mich zu dieſem Behufe ein,“ ſprach Richon ruhig. „Wie viel Mann habt Ihr?“ fragte Canolles. „Zuerſt die hundert Mann vom Regiment Turenne, alte Soldaten von Rocroy, auf die man zählen kann; ſodann eine Compagnie, welche ich in der Stadt bilde, und die ich inſtruire, ſobald die Angeworbenen mir zukommen: Bürger, junge Leute, Arbeiter, ungefähr zwei hundert Mann; endlich erwarte ich eine letzte Verſtärkung von hundert bis hundertundfünfzig Mann, welche ein Ka⸗ pitän auf dem Lande anwirbt.“ „Der Kapitän Ramblay?“ fragte einer von den Gäſten. „Nein, der Kapitän Cauvignac,“ antwortete Richon. „Ich kenne ihn nicht,“ riefen mehre Stimmen. „Ich kenne ihn,“ ſprach Canolles. „Iſt er ein erprobter Royaliſt?“ 4 „Ich kann es nicht beſtimmt ſagen; doch habe ich alle Urſache zu glauben, daß der Kapitän Cauvignac eine Creatur von Herrn von Epernon und dem Herzog ſehr ergeben ift.“ 174 „Das entſcheidet die Frage: wer dem Herzog er⸗ geben iſt, iſt es auch Seiner Majeſtät.“ „Es iſt ein Läufer von der Vorhut des Königs,“ ſagte der alte Officier, welcher bei Tiſche die durch das Warten verlorene Zeit wieder gewann.„So habe ich wenigſtens ſprechen hören.“ „Iſt Seine Majeſtät unter Wegs?“ fragte Richon mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. „Zu dieſer Stunde muß der König mindeſtens in Blois ſein,“ antwortete der junge Mann, welcher vom Hof kam. „Wißt Ihr das gewiß?“ „Ganz gewiß. Das Heer wird von dem Mar⸗ ſchall ve La Meilleraye befehligt, welcher ſich hier in der Gegend mit dem Herrn Herzog von Cpernon in Verbindung ſetzen ſoll.“ „Vielleicht in Saint⸗George?“ ſagte Canolles. „Oder vielmehr in Vayres,“ ſprach Richon.„Der Marſchall de La Meilleraye kommt von Bretagne und Vayres liegt auf ſeinem Wege.“ „Wer das Zuſammenſtoßen der beiden Armeen auszuhalten hat, risquirt viel für ſeine Baſteien,“ ſprach der Gouverneur von Braunes.„Herr de La Meille⸗ raye hat dreißig Kanonen bei ſich und Herr von Eper⸗ non fünfundzwanzig.“ 3 „Das wird ein ſchönes Feuer geben,“ ſagte Ca⸗ nolles;„leider werden wir es nicht ſehen.“ „Oh!“ verſetzte Richon,„wenn ſich nicht einer von uns für die Herren Prinzen erklärt.“ „Ja, aber Canolles iſt ſtets ſicher, irgend ein Feuer zu ſehen. Erklärt er ſich für die Prinzen, ſo ſieht er das Feuer von Herrn de La Meilleraye und Herrn von Epernon; bleibt er Seiner Majeſtät an⸗ hänglich, ſo ſieht er das Feuer der Bordeleſen.“ „Ohl was die Letzteren betrifft,“ verſetzte Ca⸗ nolles,„ich halte ſie nicht für ſehr furchtbar und ſchäme mich gewiſſer Maßen, daß ich es nur mit ih⸗ 175 nen zu thun habe. Leider gehore ich mit Leib und Seele Seiner Majeſtät und muß mich am Ende mit einem bürgerlichen Kriege begnügen.“ „Den ſie mit Euch anfangen werden, ſeid unbe⸗ ſorgt,“ ſprach Richon. „Ihr habt einige Wahrſcheinlichkeit in dieſer Be⸗ ziehung?“ fragte Canolles. „Ich habe mehr, ich habe Gewißheit,“ antwortete Richon.„Der Rath der Bürger hat beſchloſſen, vor Allem die Inſel Saint⸗George zu nehmen.“. „Gut,“ rief Canolles,„ſie mögen kommen, ich erwarte ſie.“ So weit war man in der Unterhaltung, und man hatte eben das Deſſert anzugreifen begonnen, als man plötzlich vor den Thoren der Feſtung die Trommel raſſeln hörte. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Canolles. „Ahl bei Gott!“ rief der Officier, welcher die Nachrichten vom Hof gegeben hatte,„es wäre ſeltſam, wenn man Euch in dieſem Augenblick angreifen würde, mein lieber Canolles; ein Sturm und eine Erſteigung müßten einen herrlichen Nachmittag geben.“ „Der Teufel ſoll mich holen! das fieht ganz ſo aus,“ ſagte der alte Commandant;„dieſe elenden Bürger richten es immer ſo ein, daß ſie die Leute bei der Mahlzeit ſtören. Ich war auf den Vorpoſten von Charenton während des Pariſer Krieges; wir konnten nie ruhig frühſtücken oder zu Mittag ſpeiſen.“ 1 Canolles läutete. Die Ordonnanz trat aus dem Vorzimmer ein. „Was geht vor?“ fragte Canolles. „Ich weiß noch nicht, Herr Gouverneur, ohne Zweifel ein Bote vom König oder von der Stadt.“ „Erkundige Dich und bringe mir Antwort.“ Der Soldat entfernte ſich in größter Eile. „Setzen wir uns wieder zu Tiſche, meine Herren,“ ſagte Canolles zu ſeinen Gäſten, welche der Mehrzahl 176 nach aufgeſtanden waren.„Es wird Zeit ſein, die Tafel zu verlaſſen, wenn wir die Kanone hören.“ Alle Gäſte ſetzten ſich lachend. Richon allein, über deſſen Geſicht eine Wolke hingezogen war, blieb in Erwartung der Rückkehr des Soldaten unruhig und die Augen ſtarr auf die Thüre geheftet. Aber ſtatt des weltetei erſchien ein Officier mit entblößtem Degen und ſprach: „Herr Gouverneur, ein Parlamentär.“ „Ein Parlamentär?“ fragte Canolles,„und von wem?“ „Von den Prinzen.“ „Woher kommt er.“ „Von Bordeaux.“ „Von Bordeaux!“ wiederholten alle Gäſte, Richon ausgenommen. „Ah! der Krieg iſt alſo im Ernſte erklärt, da man Parlamentäre ſchickt?“ ſprach der alte Officier. Canolles dachte einen Augenblick nach, und wͤh⸗ rend dieſes Augenblicks nahm ſein zehn Minuten vor⸗ her noch lächelndes Antlitz den ganzen Ernſt an, wel⸗ chen die Umſtände heiſchten. „Meine Herren,“ ſagte er,„vor Allem die Pflicht. Ich werde wahrſcheinlich mit dem Geſandten der Her⸗ ren Bordeleſen eine ſchwierige Frage zu löſen haben, und weiß nicht, in welchem Augenblick ich Euch wieder⸗ ſehen dürfte...“ „Nein! nein!“ riefen im Chor die Gäſte.„Im Gegentheil, entlaßt uns, Gouverneur; was Euch be⸗ gegnet, iſt ein Wink für uns, an unſere Poſten zurück⸗ zukehren... Wir müſſen uns nothwendig ſogleich trennen.“ „Es war nicht an mir, Euch dies vorzuſchlagen, meine Herren,“ erwiederte Canolles;„da Ihr es mir aber ſelbſt anbietet, ſo bin ich genöthigt, zu geſtehen, daß es das Klügſte iſt, und ich willige ein. Die 177 Pferde oder die Equipagen dieſer Herren!“ rief Ca⸗ nolles. So raſch in ihren Bewegungen, als wären ſie bereits auf dem Schlachtfeld, ſchwangen ſich die Gäſte in den Sattel oder ſtiegen in ihre Wagen, und ent⸗ fernten ſich in der Richtung ihrer Wohnſitze. Richon blieb bis zuletzt. „Baron,“ ſagte er zu Canolles,„ich wollte Euch nicht ganz wie die Anderen verlaſſen, in Betracht, daß wir uns länger kennen, als Ihr die Anderen kennt. Nun aber lebt wohl; gebt mir die Hand, und gut Glück.“ Canolles reichte Richon die Hand und erwiederte, ihn ſeſt anſchauend: „Nichon, ich kenne Euch, es geht etwas in Euch vor; Ihr ſagt es mir nicht, denn wahrſcheinlich iſt es nicht Euer Geheimniß. Ihr ſeid jedoch bewegt, und, iſt ein Mann Eueres Schlags bewegt, ſo rührt dies nicht von einer Geringfügigkeit her.“ „Sind wir nicht im Begriff, uns zu verlaſſen?“ „Wir ſchickten uns auch zur Trennung an, als wir im Gaſthauſe von Biscarros von einander Ab⸗ ſchied nahmen, und dennoch waret Ihr ruhig.“ Richon lächelte traurig und ſprach: „Baron, ich habe das Vorgefühl, daß wir uns nicht mehr ſehen werden.“ Canolles ſchauerte, ſo viel tiefe Schwermuth lag in der gewöhnlich ſo feſten Stimme des kühnen Partei⸗ gängers. „Wohl,“ ſagte er,„ſehen wir uns nicht wieder, Richon, ſo iſt dies der Fall, weil einer von uns ge⸗ ſtorben ſein wird... den Tod der Braven geſtorben, und in dieſem Fall iſt derjenige, welchen es trifft, wenigſtens ſterbend ſicher, daß er in dem Herzen eines Freundes fortlebt. Umarmen wir uns, Richon! Ihr habt mir geſagt: Viel Glück: ich ſage Euch: Guten Muth!“ Die zwei Männer warfen ſich einander in die 178 Arme und hielten eine Zeit lang ihre edlen Herzen an⸗ einander gepreßt. Als ſie ſich trennten, trocknete Richon eine Thräne, vielleicht die einzige, welche je ſeinen ſtolzen Blick ver⸗ dunkelt hatte; dann ſtärzte er, als befürchtete er, Ca⸗ nolles könnte dieſe Thräne wahrnehmen, aus dem Zim⸗ mer, denn er ſchämte ſich ohne Zweifel, einem Manne, deſſen Muth er kannte, ein ſolches Zeichen von S zwäche gegeben zu haben. XIV. Außer Canolles und dem Officier, welcher den Parlamentär gemeldet hatte und nun in einem Winkel neben der Thüre ſtand, war Niemand mehr in dem Speiſeſaal. „Was beſiehlt der Herr Gouverneur?“ ſprach der Officier nach kurzem Stillſchweigen. Canolles, welcher Anfangs in ſeine Gedanken ver⸗ tieft geblieben war, bebte bei dieſer Stimme, erhob das Haupt und fragte: „Wo iſt der Parlamentär?“ „Im Waffenſaal.“ „Wer begleitet ihn?“ „Zwei Wachen von der Bürgermiliz von Bor⸗ deaux.“ „Wer iſt es?“ „Ein junger Menſch, ſo viel ſich beurtzeilen läßt, denn er trägt einen breitkrämpigen Filzhut und iſt in einen weiten Mantel gehüllt.“ „Und wie hat er ſich angekündigt?“ „Als der Ueberbringer von Briefen der Frau Prinzeſſin und des Parlaments von Bordeaux.“ N — 179 „Bittet ihn, einen Augenblick zu warten,“ ſagte Canoles.„Iſt ſtehe zu Dienſt.“ Der Officier entfernte ſich, um ſeinen Auftrag zu vollziehen, und Canolles ſchickte ſich an, ihm zu folgen, als Nanon, ganz bleich und zitternd, aber mit ihrem liebevollen Lächeln erſchien und ihn bei der Hand faſ⸗ ſend zu dem jungen Manne ſagte: „Ein Parlamentär, mein Freund, was ſoll das be⸗ deuten?“ „Das ſoll bedeuten, liebe Nanon, daß die Her⸗ ren von Bordeaux mich erſchrecken oder verführen wollen.“ „Und was habt Ihr beſchloſſen?“ „Ihn zu empfangen.“ „Könnt Ihr Euch deſſen nicht überheben?“ „Unmöglich. Es iſt ein Gebrauch, dem man fich nicht entziehen darf.“ 1 „Ah! mein Gott!“ „Was habt Ihr, Nanon?“ „Ich habe bange.“ „Wovor 24% „Sagtet Ihr nicht, dieſer Parlamentär komme, um Euch zu erſchrecken oder zu verführen?“ „Allerdings; ein Parlamentär taugt nur zu dem einen oder dem andern von dieſen zwei Gebräuchen. Habt Ihr bange, er könnte mich erſchrecken?“ „Oh! nein; aber er wird Euch vielleicht ver⸗ führen.“ „Ihr beleidigt mich, Nanon.“ „ mein Freund, ich ſage, was ich be⸗ fürchte.“ „Ibhr zweifelt an mir in dieſer Hinſicht, und für was haltet Ihr mich denn?“ „Für das, was Ihr ſeid, Canolles, für ein edles, aber zärtliches Herz.“** „Ah!“ ſprach Canolles lachend,„was für einen 180 Parlamentär ſchickt man mir? Sollte es Cupido in V Perſon ſein?“ „Vielleicht.“ „Ihr habt ihn alſo geſehen?“ „Ich habe ihn nicht geſehen, aber ſeine Stimme gehört; ſie iſt ſehr zart für die Stimme eines Parla⸗ mentärs.“ „Nanon, Ihr ſeid toll, laßt mich meinen Dienſt vollziehen; Ihr habt mich zum Gouverneur gt⸗ macht.“ „Um mich zu vertheidigen, Freund.“ „Haltet Ihr mich für ſo feig, daß ich Euch ver⸗ rathen könnte? In der That, Ihr beleidigt mich, daß Ihr ſo an mir zweifelt.“ „Ihr ſeid alſo entſchloſſen, dieſen jungen Mann zu ſehen?“ „Ich muß, und wüßte Euch wahrlich wenig Dank, wenn Ihr Euch noch ferner der Erfüllung meiner Pflicht widerſetzen würdet.“ „Ihr möget nach Euerem Belieben handeln, mein Freund,“ erwiederte Nanon traurig.„Nur noch ein Wort... „Sprecht.“ „Wo werdet Ihr ihn empfangen?“ „In meinem Cabinet.“ „Canolles, gewährt mir eine Bitte.“ „Welche?“ „Statt ihn in Euerem Cabinet zu empfangen, empfangt ihn in Euerem Schlafzimmer.“ „Was für ein Gedanke!“ „Begreift Ihr nicht?“ „Nein.“ „Mein Zimmer geht in Eueren Alkoven.“ „Und Ihr werdet horchen?“ „Hin den Vorhängen, wenn Ihr es erlaubt.“ dann mich in Euerer Nähe bleiben, Freund; ich un in n, 181 Babe Bertranen auf mein Geſtirn und bringe Euch „Aber⸗ Nanon, wenn dieſer Parlamentär...“ „Nun?“ Käme, um mir ein Staatsgeheimniß anzuver⸗ trauen?“ „Könnt Ihr derſenigen, welche Euch ihr Leben und ihr Glück anvertraut hat, nicht ein Staatsgeheim⸗ niß anvertrauen?“ „Wohl, ſo hört uns, Nanon, da Ihr es durch⸗ aus wollt, aber haltet mich nicht länger zurück, denn der Parlamentär erwartet mich.“ ¹ „Geht, Canolles, geht, zuvor aber ſeid geſegnet für das Gute, das Ihr mir erweiſt.“ üfß Die junge Frau wollte die Hand ihres Geliebten en. „Tolle,“ ſprach Canolles, zog ſie an ſeine Bruſt und küßte ſie auf die Stirne.„Ihr werdet alſo...“ „Hinter den Vorhängen Eueres Bettes ſein. Von dort aus kann ich ſehen und hören.“ „Lacht wenigſtens nicht, Nanon, denn es ſind ernſte Dinge.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte die junge Frau,„ich werde nicht lachen.“ Canolles gab Befehl, den Boten einzuführen, und ging in ſein Zimmer, ein weites, unter Karl 1X. ausgeſtattetes Gemach von ernſtem Anſehen; zwei Kan⸗ delaber brannten auf dem Kamin, warfen aber nur einen ſchwachen Schein in den ungeheuren Raum; der anſtoßende Alkoven lag völlig im Schatten. „Seid Ihr da, Nanon?“ fragte Canolles. Ein erſticktes, keuchendes Ja gelangte zu ihm. In dieſem Augenblick erſchollen Tritte; die Schild⸗ vache präſentirte das Gewehr. Der Bote trat ein und ſolgte mit den Augen demjenigen, welcher ihn einge⸗ führt hatte, bis er mit Canolles allein zu ſein glaubte; dann lüpfte er ſeinen Hut und warf ſeinen Mantel 182 zurück. Alsbald fielen blonde Haare auf reizende Schultern herab; die feine, geſchmeidige Geſtalt einer Frau erſchien unter dem Wehrgehänge und Canolles erkannte an ihrem ſanften, traurigen Blick die Vicom⸗ teſſe von Cambes. „Ich habe Euch geſagt, ich würde Euch wieder⸗ Pnden, und halte mein Wort,“ ſprach ſie.„Hier n ich. Canolles ſchlug mit einer Bewegung des Staunens und der Furcht die Hände an einander, ſank auf einen Stuhl und murmelte: „Ihr! Ihrl Ohl mein Gott, was habt Ihr gemacht, was wollt Ihr hier?“ „Ich will Euch fragen, ob Ihr Euch meiner noch erinnert?“ Canolles ſtieß einen Seufzer aus und hielt ſeine Hände vor die Augen, um dieſe zugleich bezaubernde und unſelige Erſcheinung zu beſchwören. Nun war ihm Alles klar: die Furcht, die Bläſſe, das Zittern von Nanon, und beſonders ihr Verlangen, der Zuſammenkunft beizuwohnen. Nanon hatte mit den Augen der Eiferſucht eine Frau in dem Parla⸗ mentär erkannt. „Ich will Euch fragen,“ fuhr Claire fort,„ob Ihr bereit ſeid, die Verpflichtung, die Ihr gegen mich in dem kleinen Zimmer in Jaulnay übernommen habt, zu erfüllen, von der Königin Euere Entlaſſung zu nehmen und in den Dienſt der Prinzen zu treten?“ „Ohl ſtille! ſtille! Madame,“ rief Canolles. Claire ſchauerte bei dem Ausdrucke des Schreckens, der ſich in dem Zittern der Stimme des jungen Man⸗ nes offenbarte, ſchaute unruhig umher und fragte: „Sind wir nicht allein hier?“ „O ja, doch! Madame,“ erwiederte Canolles; „kann uns aber nicht Jemand durch dieſe Wände hören?? 183 „Ich hielt die Mauern des Fort Saint⸗George für ſtärker,“ ſagte Claire lächelnd. 5 Canolles antwortete nicht. 3 „Ich bin alſo gekommen, um Euch zu fragen,“ fuhr Claire fort,„warum ich in den acht bis zehn Tagen, die Ihr hier ſeid, nicht von Euch habe ſpre⸗ chen hören, ſo daß ich gar nicht wüßte, wer auf der Inſel Saint⸗George commandirt, wenn mich nicht der Zufall oder das öffentliche Gerücht belehrt hätte, es ſei der Mann, der mir vor kaum zwölf Tagen ge⸗ ſchworen hat, die Ungnade, die er ſich zugezogen, wäre ein Glück, denn fie geſtattete ihm, ſeinen Arm, ſeinen Math, ſein Leben der Partei zu widmen, der ich an⸗ gehöre. Nanon konnte ſich einer Bewegung nicht erwehren, welche Canolles beben und Frau von Cambes ſich um⸗ drehen machte. „Was iſt das?“ fragte dieſe. 1 „Nichts,“ antwortete Canolles,„ein gewöhnliches Larziſ in dieſem alten Zimmer voll unheimlichen rachens.“ „Wenn es etwas Anderes iſt,“ ſprach Claire, ihre Hand auf den Arm von Canolles legend,„ſo verbergt es mir nicht, Baron, denn Ihr begreift, von welcher Bedeutung von dem Augenblick an, wo ich mich ent⸗ ſchloß, Euch ſelbſt aufzuſuchen, die Unterredung iſt, die wir haben werden.“— Canolles trocknete den Schweiß, der von ſeiner Stirne lief, ſuchte zu lächeln und ſagte: „Sprecht; ich bitte Euch.“— „Ich wollte Euch alſo an dieſes Verſprechen er⸗ innern und Euch fragen, ob Ihr bereit ſeid, es zu halten?" 1 „Ach! Madame, die Sache iſt unmöglich ge⸗ worden.“ „Warum?“ „Weil ſeit jener Zeit viele unerwartete Ereigniſſe 2 184 eingetreten ſind, viele Bande, welche ich für zerriſſen hielt, ſich wieder geknüpft haben; an die Stelle der Straſe, welche ich zu verdienen glaubte, hat die Kö⸗ nigin eine Belohnung geſetzt, der ich nicht würdig war. Heute bin ich an die Partei Ihrer Majeſtät durch die.. Dankbarkeit gebunden.“ Ein Seufzer durchdrang die Luft, die arme Nanon erwartete ohne Zweifel ein anderes Wort, als das, welches ausgeſprochen wurde. „Sagt durch den Ehrgeiz, Herr von Canolles, und ich werde das begreifen; Ihr ſeid von adeligem Ge⸗ blüt; man hat Euch mit achtundzwanzig Jahren zum Oberſtlieutenant und Gouverneur einer Feflung gemacht; das iſt ſchön, ich weiß es wohl; aber es iſt nur die natürliche Belohnung für Euer Verdienſt; dieſes Ver⸗ dienſt ſchätzt jedoch nicht allein Herr von Mazarin...“ „Madame, kein Wort mehr, ich bitte Euch.“ „Entſchuldigt, mein Herr, diesmal iſt es nicht mehr die Vicomteſſe von Cambes, welche mit Euch ſpricht, es iſt die Abgeſandtin der Frau Prinzeſſin, die einen Auftrag an Euch übernommen hat und ihre Bot⸗ ſchaft erfüllen muß.“ „Sprecht, Madame,“ erwiederte Canolles mit ei⸗ nem Seufzer, der einem Stöhnen glich. „Die Frau Prinzeſſin, vertraut mit den Gefühlen, die Ihr mir zuerſt in Chantilly und dann in Jaulnay kundgegeben habt, ängſtlich beſorgt, zu erfahren, wel⸗ cher Partei Ihr wirklich angehöret, beſchloß, Euch einen Parlamentär zu ſchicken und einen Verſuch auf Eueren Platz zu machen; dieſen Verſuch, welchen ein anderer Parlamentär auf eine etwas unpaſſende Weiſe ge⸗ macht haben dürfte, übernahm ich; denn ich dachte, in Euere geheimſten Gedanken in dieſer Hinſicht einge⸗ maiht, könnte ich ihn beſſer, als irgend Jemand aus⸗ ren.“ Bruſt mit der Hand zerfleiſchend, denn während der „Ich danke, Madame,“ ſprach Canolles,„ſeine 4 ———. Of SB 185 kurzen Zwiſchenräume des Geſprächs vernahm er den keuchenden Athem von Nanon. „Hört alſo, was ich Euch im Namen der Frau Prinzeſſin vorſchlage, denn geſchähe es in dem meini⸗ gen,“ fuhr Claire mit ihrem bezaubernden Lächeln oni, ſſo würde ich die Ordnung der Vorſchläge um⸗ ehren.“ „Ich höre,“ ſprach Canolles mit dumpfem Tone. „Ihr übergebt die Inſel Saint⸗George gegen eine von den drei Bedingungen, die ich Euerer Wahl an⸗ heimſtelle. Die erſte iſt... erinnert Euch wohl, nicht i ſpreche ſo: eine Summe von zweimalhunderttauſend ivres.“ „Ohl Mademe, geht nicht weiter,“ ſagte Canolles, bemüht das Geſpräch abzubrechen.„Die Königin hat mich mit einem Commando beauftragt; dieſes Com⸗ mando iſt die Inſel Saint⸗George, und ich werde ſie bis zum Tod vertheidigen.“ „Erinnert Euch der Vergangenheit,“ rief Claire traurig,„das ſagtet Ihr mir nicht bei unſerer letzten Zuſammenkunft, als Ihr mir den Antrag machtet, Alles zu verlaſſen, um mir zu folgen, als Ihr bereits die Feder in der Hand hieltet, um denjenigen, welchen Ihr heute Euer Leben opfern wollt, Euere Entlaſſung anzubieten.“ „Ich konnte das anbieten, Madame, als es mir noch frei ſtand, meinen Weg zu wählen; heute bin ich nicht mehr frei...“ „Ihr ſeid nicht mehr frei!“ rief Claire erbleichend, 4 wie verſteht Ihr das? was wollt Ihr damit agen?“ „Ich will damit ſagen, daß ich durch die Ehre gebunden bin.“ „Wohl, ſo hört meinen zweiten Vorſchlag.“ „Wozu? habe ich Euch nicht bereits wiederholt, ich wäre unerſchütterlich in meinem Entſchluß? Ver⸗ ſucht mich alſo nicht ferner.“ Der Frauenkrieg. II. 13. 186 „Verzeiht, mein Herr,“ entgegnete Claire,„ich habe auch eine Sendung und muß ſie bis zum Ende erfüllen.“ „Thut es,“ murmelte Canolles,„aber in der That, Ihr ſeid ſehr grauſam.“ „Fordert Euere Entlaſſung, und wir werden ſodann nachdrücklicher auf Eueren Nachfolger einwirken, als auf Euch. In einem, in zwei Jahren nehmt Ihr wie⸗ der Dienſt unter dem Herrn Prinzen mit dem Grade eines Brigadier.“ Canolles ſchüttelte traurig den Kopf und er⸗ wiederte: „Ach! Madame, warum verlangt Ihr nur un⸗ mögliche Dinge von mir?“ „Mir antwortet Ihr das? in der That, ich ver⸗ ſtehe Euch nicht, mein Herr. Waret Ihr nicht im Be⸗ griff, Euere Entlaſſung zu unterzeichnen? Sagtet Ihr nicht zu derjenigen, welche damals bei Euch war und Euch mit ſo viel Freude zuhörte, Ihr nehmet ſie frei⸗ willig und aus dem Grunde Eueres Herzens? Warum ſolltet Ihr alſo nicht hier thun, wenn ich es von Euch fordere, wenn ich Euch darum bitte, was Ihr in Jaul⸗ nay zu thun vorgeſchlagen habt?“ Alle dieſe Worte drangen wie Dolchſtiche in das Herz der armen Nanon, und Canolles fühlte, wie ſie eindrangen.. „Was damals eine Handlung ohne Belang war, wäre heute ein Verrath, ein ſchändlicher Verrath!“ ſagte Canolles mit dumpfer Stimme.„Nie werde ich die Inſel Saint⸗George übergeben! nie werde ich meine Entlaſſung nehmen!“ „Wartet, wartet,“ ſprach Claire mit ihrem ſanf⸗ teſten Tone, während ſie jedoch unruhig umherſchaute, denn dieſer Widerſtand von Canolles, und beſonders der Zwang, der denjenigen zu drücken ſchien, welcher ihn leiſtete, kamen ihr ſeltſam vor.„Hört noch den letzten Vorſchlag, mit welchem ich anfangen wollte, denn nem Entſchluß, denn er ſah von ferne, bleich im 187 ich wußte und habe zum Voraus geſagt, Ihr würdet die zwei erſten zurückweiſen; die materiellen Vortheile, ... ich bin glücklich, daß ich es errathen habe, find keine Dinge, welche ein Herz, wie das Euerige, in Verſuchung führen; Ihr braucht andere Hoffnungen, als die des Ehrgeizes und des Vermögens; edle In⸗ ſtinkte bedürfen edler Belohnungen. Hört alſo...“ „In des Himmels Namen, Madame, habt Mit⸗ leid mit mir!“ ſagte Canolles und machte eine Be⸗ wegung, um ſich zurückzuziehen. Claire glaubte, er wäre erſchüttert, und in der Ueberzeugung, das, was ſie ihm ſagen wollte, müßte her Sieg vollenden, hielt ſie ihn zurück und fuhr ort: „Wenn man Euch ſtatt eines gemeinen Intereſſes ein reineres, ehrenhafteres Intereſſe böte; wenn man Euch Euere Entlaſſung, die Ihr ohne Schmach nehmen könnt, denn da die Feindſeligkeiten noch nicht begon⸗ nen haben, ſo iſt dieſe Entlaſſung weder ein Abfall, noch eine Treuloſigkeit, ſondern eine einſache Wahl, wenn man Euch, ſage ich, Euere Entlaſſung mit einer Verbindung bezahlen würde; wenn eine Frau, der Ihr geſagt habt, Ihr liebtet ſie, und die trotz dieſer Schwüre Euere Leidenſchaft nie offen erwiederte, zu Euch ſpräche: „„„Herr von Canolles, ich bin frei, ich bin reich, ich liebe Euch, werdet mein Gatte... gehen wir mit einander, gehen wir, wohin Ihr wollt, fern von allen bürgerlichen Zwiſtigkeiten, an irgend einen Ort außerhalb Frankreich,..““ nun, Herr von Canolles, würdet Ihr diesmal nicht einwilligen?“ Trotz der Röthe, trotz des reizenden Zögerns von Claire, trotz der Erinnerung an das hübſche kleine Schloß Cambes, das er von ſeinem Fenſter aus hätte ſehen können, wenn nicht während der von uns mit⸗ getheilten Scene die Nacht vom Himmel herabgeſtte⸗ gen wäre, blieb Canolles feſt und unerſchütterlich in ſei⸗ 188 Schatten, den Kopf der vor Angſt zitternden Nanon aus den gothiſchen Vorhängen hervorkommen. „Antwortet mir doch in des Himmels Na⸗ men!“ fuhr die Vicomteſſe fort;„ich kann Euer Still⸗ ſchweigen gar nicht begreifen. Seid Ihr nicht der Herr Baron von Canolles? Seid Ihr nicht derſelbe Mann, der mir in Chantilly geſagt hat, er liebe mich? der es mir in Jaulnay wiederholte, der mir ſchwur, er liebe nur mich auf der ganzen Welt und ſei bereit, mir jede andere Liebe zu opfern? Sprecht! ſprecht! antwortet in des Himmels Namen. Antwortet doch.“ Es ließ ſich ein Seufzer hören, der diesmal ſo verſtändlich, ſo deutlich war, daß Frau von Cambes nicht zweifeln konnte, es wohne eine dritte Perſon der Unterredung bei; ihre erſchrockenen Augen folgten der Richtung der Augen von Canolles, und dieſer ver⸗ mochte ſeine Blicke nicht ſo raſch abzuwenden, daß die Vicomteſſe, von denſelben geleitet, nicht den bleichen, unbeweglichen Kopf, dieſe geiſterartige Form bemerkt hult, welche keuchend allen Phaſen des Geſpräches olgte. Die zwei Frauen wechſelten durch die Dunkelhelt einen Flammenblick und ſtießen beide einen Schrei aus. Nanon verſchwand.— Frau von Cambes ergriff haſtig ihren Hut und ſaren Mantel, wandte ſich gegen Canolles und prach: „Mein Herr, ich begreife nun das, was Ihr Pflicht und Dankbarkeit nennt; ich begreife, welche Pflicht hintanzuſetzen oder zu verrathen Ihr Euch wei⸗ gert; ich begreife, daß es für jede Verführung unzu⸗ gängliche Neigungen gibt, und überlaſſe Euch ganz die⸗ ſen Neigungen, dieſer Macht, dieſer Dankbarkeit. Lebt wohl, mein Herr; lebet wohl.“ Sie machte eine Bewegung, um ſich zu entfernen, ——-0 u— 8—& łm⁰——— ⏑ᷣ-o ⏑ U A 189 ohne daß Canolles ſie aufzuhalten ſuchte; aber eine ſchmerzliche Erinnerung hielt ſie zurück. „Noch einmal, mein Herr,“ ſagte ſie,„im Namen einer Freundſchaft, die ich Euch für den Dienſt ſchul⸗ dig bin, den Ihr mir zu leiſten die Güte gehabt habt, im Namen der Freundſchaft, die Ihr mir für den Dienſt, welchen ich Euch leiſtete, ſchuldig ſeid, im Na⸗ men aller Derer, welche Euch lieben und welche Ihr liebt, ich nehme Niemand aus, macht nicht, daß es zum Kampfe kommt; morgen, übermorgen vielleicht wird man Euch in Saint⸗George angreifen; bereitet mir nicht den Schmerz, Euch beſiegt oder todt zu wiſſen.“ Canolles bebte und erwiederte aus ſeiner Verwir⸗ rung erwachend: „Madame, ich danke Euch auf den Knieen für die Verſicherung, die Ihr mir über dieſe Freundſchaft ge⸗ geben habt, welche mir koſtbarer iſt, als ich Euch ſa⸗ gen kann. Ohl mein Gott, man komme, man greife mich an. Ohl ich rufe den Feind mit heißerem Eifer herbei, als er je an den Tag legen wird, um mit mir zuſammenzutreffen. Ich bedarf des Kampfes, ich be⸗ darf der Gefahr, um mich in meinen eigenen Augen zu erheben; es komme der Kampf, es komme die Ge⸗ fahr, es komme ſelbſt der Tod; der Tod wird mir will⸗ kommen ſein, da ich weiß, daß ich reich durch Eure Freundſchaft, ſtark durch Euer Mitleid und geehrt durch Euere Achtung ſterben werde.“ „Lebet wohl, mein Herr,“ ſprach Claire und wandte ſich der Thüre zu. Canolles folgte ihr. Mitten in dem düſteren Gange ergriff er ihre Hand und ſprach mit ſo leiſer het hehnr, daß er ſelbſt Mühe hatte, ſeine Worte zu ören: „laire, ich liebe Euch mehr, als ich Euch je ge⸗ liebt habe, aber das Unglück will, daß ich Euch dieſe dude nur beweiſen kann, indem ich fern von Euch erbe.“ 190 Ein kurzes ironiſches Lachen war für den Augen⸗ blick die einzige Antwort von Frau von Cambes; aber kaum befand ſie ſich außerhalb des Schloſſes, als ein ſchmerzliches Schluchzen ſich aus ihrer zeriſſenen Bruſt hervordrängte, und ſie rief die Hände ringend: „Ahl er liebt mich nicht, mein Gott! er liebt mich nicht. Und ich, ich Unglückliche liebe ihn!“ XV. Als Canolles Frau von Cambes verließ, kehrte er in ſeine Wohnung zurück. Nanon ſtand bleich und unbeweglich mitten im Zimmer. Canolles ging mit einem traurigen Lächeln auf ſie zu; je näher er zu ihr kam, deſto mehr bog Nanon das Knie: er reichte ihr die Hand, ſie fiel zu ſeinen Füßen. „Verzeiht mir,“ ſprach ſie,„verzeiht mir, Ca⸗ nolles! Ich habe Euch hierher gebracht, ich habe Euch dieſen ſchwierigen und gefährlichen Poſten übergeben laſſen; werdet Ihr getöͤdtet, ſo bin ich die Urſache Eueres Todes. Ich bin eine Selbſtſüchtige und dachte nur an mein Glück. Verlaßt mich, geht.“ Canolles hob ſie ſachte auf und erwiederte: „Ich Euch verlaſſen! nie, Nanon, nie, Ihr ſeid mir heilig; ich habe geſchworen, Euch zu beſchützen, zu vertheidigen, zu retten; und ich werde Euch ver⸗ theidigen, oder ich ſterbe.“ „Sprichſt Du dies aus dem Grunde Deines Her⸗ zens, Canolles, ohne Zögern, ohne Bedauern?“ „Ja,“ antwortete Canolles lächelnd. „ Ich danke, mein würdiger, mein edler Freund, ich danke. Siehſt Du, dieſes Leben, an das ich mich anklammerte, ich würde es Dir heute ohne eine Klage 191 opfern; denn ſelt heute erſt weiß ich, was Du für mich gethan haſt. Man bot Dir Geld; gehören meine Schätze nicht Dir? Man bot Dir Liebe; kann es in der Welt eine Frau geben, welche Dich lieben wird, wie ich Dich liebe? Man bot Dir einen Grad! Höre, man wird Dich angreifen. Gut, wir wollen Solda⸗ ten anwerben, Waffen und Munition aufhäufen, un⸗ ſere Kräfte verdoppeln, uns vertheidigen. Ich werde für meine Liebe kämpfen, Du kämpfſt für Dein Glück. Du wirft ſie ſchlagen, mein braver Canolles; Du wirſt machen, daß die Königin ſagt, ſie habe keinen tapfereren Kapitän, als Du biſt; Deine Beförderung übernehme ich, und wenn Du reich, mit Ruhm und Ehre beladen biſt, magſt Du mich verlaſſen; ich werde meine Er⸗ innerungen zum Troſte haben.“ So ſprechend ſchaute Nanon Canolles an und er⸗ wartete die Antwort, welche die Frauen immer auf überſpannte Reden erwarten, das heißt, eine Antwort ſo toll und überſpannt als dieſe Reden. Aber Canolles ſenkte traurig den Kopf und erwiederte: „Nanon, nie werdet Ihr einen Schaden erleiden, nie werdet Ihr eine Schmach erdulden, ſo lange ich auf der Inſel Saint⸗George lebe. Beruhigt Euch alſo, denn Ihr habt nichts zu befürchten.“ „Ich danke,“ ſprach Nanon,„obgleich dies nicht Alles iſt, was ich fordere.“ Dann ganz leiſe: „Ach! ich bin verloren, er liebt mich nicht mehr.“ Canolles erhaſchte jenen Flammenblick, der wie ein Blitz ſchimmert, jene furchtbare Bläſſe einer Sekunde, welche ſo viel Schmerz enthüllt. „Wir wollen ganz und gar edelmüthig ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſonſt wären wir ehrlos! Komm', Nanon,“ fuhr er fort,„komm', meine Freundin; wirf Deinen Mantel über Deine Schultern, nimm Deinen Männerhut, die Nachtluft wird Dir wohlthun. Ich 192 kann jeden Augenblick angegriffen werden, und will meine Runde machen.“ Zitternd vor Freude kleidete ſich Nanon wie ihr Geliebter es ihr ſagte, und folgte ihm. Canolles war ein wahrer Kapitän. Beinabe als Kind in den Dienſt eingetreten, hatte er ein wirkliches Studium in ſeinem rauhen Gewerbe gemacht. Er vi⸗ fitirte auch die Feſtung nicht allein als Commandant, ſondern ebenſo als Ingenieur. Die Officiere, die ihn als Günſtling hatten ankommen ſehen und es mit ei⸗ nem Parade⸗Gouverneur zu thun zu haben glaubten, wurden einer nach dem andern von ihm über alle Vertheidigungs⸗ und Angriffsmittel befragt. Sie ſahen ſich genöthigt, in dem frivolen jungen Manne einen erfahrenen Kapitän anzuerkennen; die Aelteſten ſpracen voll Achtung mit ihm. Das Einzige, was ſie Ca⸗ nolles vorwerfen konnten, war die Weichheit ſeiner Stimme, wenn er Befehle gab, und ſeine außerordent⸗ liche Höflichkeit, wenn er fragte. Sie befürchteten, dieſe Höflichkeit könnte eine Maske der Schwäche ſein. Da jedoch Alle die dräuende Gefahr fühlten, ſo wur⸗ den die Befehle des Gouverneur mit einer pünktlichen Schnelligkeit ausgeführt, welche dem Chef dieſelbe An⸗ ſicht von ſeinen Soldaten gab, die ſie von ihm gefaßt hatten. Eine Compagnie Pionniere war im Verlaufe des Tags eingetroffen. Canolles ertheilte Befehl zu Arbeiten, welche ſogleich angefangen wurden. Ver⸗ gebens verſuchte es Nanon, ihn in das Fort zurück⸗ zuführen, um ihm die Anſtrengung einer auf dieſe Art zugebrachten Nacht zu erſparen; Canolles ſetzte ſeine Runde fort und verabſchiedete auf eine ſanfte Weiſe Nanon, indem er von ihr verlangte, daß ſie nach Hauſe kehre. Nachdem er ſodann noch drei bis vier Kundſchafter abgeſchickt hatte, welche ihm von dem Lieutenant als die Geſcheiteſten im Dienſte empfohlen wurden, legte er ſich auf einen Steinblock, um die Arbeiten zu beauffichtigen. 193 Während aber ſeine Augen maſchinenmäßig der Bewegung der Karſte und Hacken folgten, verweilte ſein Geiſt, den materiellen, in der Ausführung begrif⸗ fenen Dingen entriſſen, ganz und gar nicht allein bei den Ereigniſſen des Tages, ſondern auch bei allen den ſeltſamen Abenteuern, deren Held er ſeit dem Tage geweſen war, wo er Frau von Cambes zum erſten Male geſehen hatte. Doch ſeltſamer Weiſe ging ſein Geiſt nicht darüber hinaus; es kam ihm vor, als hätte er erſt von dieſer Stunde zu leben angefangen; als hätte er bis dahin in einer andern Welt mit niedri⸗ geren Inſtinkten, mit unvollſtändigen Empfindungen gelebt. Von dieſer Stunde war in ſeinem Leben ein Licht, das Allem einen neuen Anblick verlieh, und in dieſem neuen Tage wurde Nanon, die arme Nanon unbarmherzig einer andern Liebe geopfert, einer Liebe, heftig von ihrer Entſtehung an, wie alle ſolche Leiden⸗ ſchaften, die ſich des ganzen Lebens bemächtigen, in welches fie eingetreten ſind. Nach ſchmerzhaften Betrachtungen, vermiſcht mit himmliſchem Entzücken bei dem Gedanken, daß er von Frau von Cambes gellebt ſei, geſtand ſich Canolles, nur die Pflicht allein ſchreibe ihm vor, ein Mann von Ehre zu ſein, und die Freundſchaft, welche er für Na⸗ non hege, lege kein Gewicht in die Wagſchale bei ſei⸗ ner Entſchließung. Arme Nanon! Canolles nannte ſein Gefühl für ſie Freundſchaft. Die Freundſchaft kommt aber in der Liebe der Gleichgültigkeit ſehr nahe. Nanon wachte ebenfalls, denn ſie hatte ſich nicht entſchließen können, zu Bette zu gehen; am Fenſter ſtehend, in einen Nachtmantel gehüllt, um nicht ge⸗ ſehen zu werden, verfolgte fie nicht den traurigen, ver⸗ ſchleierten Mond, wie er durch die Wolken hinglitt, nicht die anmuthig von dem Nachtwinde gewiegten hohen Pappelbäume, nicht die majeſtätiſche Garonne, welcher eher ein rebelliſcher Vaſall, der ſich erhebt⸗ 194 um ſeinen Herrn zu bekriegen, als ein treuer, dem Ocean ſeinen Tribut überbringender Sklave zu ſein ſcheint, ſondern die langſame, peinliche Arbeit, die ſich gegen ſie in dem Geiſte ihres Geliebten bewerk⸗ ſtelligte; fie erblickte in der braunen, auf dem Steine ſich abzeichnenden Geſtalt, in dem unbeweglichen, vor einer Leuchtpfanne gekauerten Schatten das lebendige Geſpenſt ihres vergangenen Glückes; ſie, die einſt ſo Energiſche, ſo Stolze, ſo Gewandte, hatte nun ihre ganze Gewandtheit, ihren ganzen Stoilz, ibre ganze Energie verloren; man hätte glauben ſollen, ihre durch die Empfindung ihres Unglücks angeſpannten Sinne erlangten das doppelte Maß ihrer Schärfe; ſie fühlte die Liebe im Grunde des Herzens ihres Geliebten kei⸗ men, wie Gott, ſich auf das unermeßliche Himmels⸗ gewölbe neigend, den Grashalm in den Eingeweiden der Erde keimen fühlt... 1 Der Tag brach an; Canolles kehrte jetzt erſt in ſein Zimmer zurück; Nanon war wieder in das ihrige gegangen, und er wußte alſo nicht, daß ſie die Nacht hindurch gewacht hatte; er kleidete ſich nun ſorgfältig an, verſammelte abermals die Garniſon, beſuchte bei Tag die verſchiedenen Batterien und beſonders dieje⸗ nige, welche das linke Ufer der Garonne beherrſchte, ließ den kleinen Hafen durch Ketten ſchließen, richtete mit Falkonetten und Espingolen beladene Scha⸗ luppen, ließ ſeine Mannſchaft die Revue paſſiren, be⸗ lebte fie mit ſeinem ſo farbenreichen, ſo hochherzigen nhrrien und konnte ſomit erſt gegen zehn Uhr zurück⸗ eehren. Nanon erwartete ihn ein Lächeln auf den Lippen: es war nicht mehr die ſtolze, gebieteriſche Nanon, deren Launen ſelbſt Herrn von Epernon zittern machten; es war eine ſchüchtern Liebende, eine furchtſame Sklavin, die nicht einmal mehr darauf Anſpruch machte, daß man ſie liebte, ſondern nur verlangte, daß man ihr zu lieben erlaubte. 19⁵ Der Tag verging ohne ein anderes Ereigniß, als die verſchiedenen Entwickelungen des innern Dramas, das im Herzen von jedem der zwei jungen Leute ſpielte. Die von Canolles abgeſandten Läufer kamen einer nach dem andern zurück. Keiner brachte eine beſtimmte Nachricht; es herrſchte nur große Aufregung in Bordeaur, und offenbar bereitete ſich daſelbft irgend Etwas vor. Frau von Cambes hatte wirklich bei ihrer Rück⸗ kehr in die Stadt, die einzelnen Umſtände ihrer Unter⸗ redung in den geheimſten Falten ihres Herzens ver⸗ bergend, Lenet den Erfolg mitgetheilt. Die Bordeleſen verlangten mit lauter Stimme, man ſollte ſich der In⸗ ſel Saint⸗George bemächtigen. Das Volk erbot ſich in Maſſe, an der Expedition Theil zu nehmen. Die Häupter hielten dasſelbe nur unter dem Vorwande zurück, es fehle noch an einem Kriegsmanne, um die Expedi⸗ tion zu leiten, und an regelmäßigen Soldaten, welche dieſelbe unterſtützen könnten. Lenet benützte dieſen Augen⸗ blick, um den Namen der Herzoge durchgleiten zu laſ⸗ ſen und ihr Heer anzubieten: dieſe Eröffnung wurde mit der größten Begeiſterung aufgenommen, und ſelbſt die⸗ jenigen, welche am Tage zuvor dafür geſtimmt hatten, daß man ihnen die Thore verſchließe, riefen ſie nun mit gewaltigem Geſchrei herbei. Lenet überbrachte eiligſt dieſe gute Nachricht der Prinzeſſin, welche ſogleich ihren Rath verſammelte. Claire ſchützte Müdigkeit vor, weil ſie an keiner Entſchließung gegen Canolles Theil zu nehmen genö⸗ thigt ſein wollte, und zog ſich in ihr Zimmer zurück, um nach Belieben weinen zu können.. Von dieſem Zimmer aus hörte ſie das Geſchrei und die Drohungen des Volkes. Alles dieſes Geſchrei, alle dieſe Drohungen waren gegen Canolles gerichtet. Bald erſcholl die Trommel; die Compagnien ver⸗ ſammelten ſich, die Juraten ließen das Volk bewaffnen, welches Piken und Büchſen verlangte; man zog die 196 Kanonen aus dem Arſenal, man theilte Pulver aus, und zweihundert Schiffe hielten ſich bereit, mit Hülfe der Nachtfluth die Garonne hinaufzufahren, während dreitauſend Mann, am linken Ufer marſchirend, zu Land angreifen würden. Die Seearmee ſollte von d'Eſpagnet, Rathim Par⸗ lament, einem braven und verſtändigen Mann, und die Landarmee von Herrn von Larochefoucault befehligt werden, welcher ſo eben mit beinahe zweitauſend Edel⸗ leuten in die Stadt eingezogen war. Der Herzog von Bouillon ſollte erſt zwei Tage nachher mit zweitauſend weiteren Streitern eintreffen. Der Herzog von Laroche⸗ foucault betrieb den Angriff ſo ſehr als er konnte, damit ſein College ſich nicht dabei befände. XVI. Zwei Tage, nachdem Frau von Cambes unter dem Gewande eines Parlamentärs auf der Inſel Saint⸗ George erſchienen war, meldete man Canolles, welcher auf den Wällen ſeine Runde machte, ein Bote mit ei⸗ nem Briefe verlange ihn zu ſprechen.. Der Bote wurde ſogleich eingeführt und übergab Canolles ſeine Depeche. 3 Dieſe Depeche hatte ſichtbar nichts Officielles; es war ein kleiner Brief, mehr lang als breit, geſchrie⸗ ben mit einer feinen, leichten, zitternden Handſchrift auf bläuliches, glattes, wohlriechendes Papier. Canolles fühlte ſchon bei dem Anblick des Papiers ſein Herz unwillkürlich ſchlagen. „Wer hat Dir dieſen Brief gegeben?“ fragte er. „Ein Mann von fuünfundfünfzig bis ſechzig Jahren.“ ⸗ — 197 „Mit grauem Schnurrbart und Knebelbart?“ „Ja.“ „Militäriſche Haltung?“ „So iſt es.“ Canolles gab dem Manne einen Louisd'or und machte ihm ein Zeichen, ſich ſogleich zu entfernen. Dann zog er ſich mit bebendem Herzen in einen Winkel der Baſtei zurück, um den Brief, den er empfan⸗ gen hatte, zu leſen. 3 Er enthielt nur folgende Worte: „Man wird Euch angreifen. Seid Ihr meiner nicht mehr würdig, ſo zeigt Euch wenigſtens Euerer würdig.“ Der Brief war nicht unterzeichnet; aber Canolles erkannte Frau von Cambes, wie er Pompée erkannt hatte; er ſchaute umher, ob ihn Niemand beobachtete, und drückte erröthend, wie ein Kind bei ſeiner erſten Liebe, das Papier an ſeine Lippen, bedeckte es mit glühenden Küſſen und verbarg es ſodann an ſeinem Herzen. Hierauf ſtieg er auf den Kranz der Baſtei, von wo aus er den Lauf der Garonne auf ungefähr eine Meile und die umliegende Ebene in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung überſchauen konnte. Er vermochte weder auf dem Fluß, noch auf dem Lande irgend etwas wahrzunehmen⸗ „So wird der Morgen vorübergehen,“ murmelte er,„fie werden nicht am hellen Tage kommen; ohne Zweifel raſten ſie unterwegs und beginnen den Angriff am Abend.“ Canolles hörte ein leichtes Geräuſch hinter fich, und erblickte ſich umwendend ſeinen Lieutenant. „Nun, Herr von Vibrac,“ fragte Canolles,„was ſagt man?“ „Mein Commandant, man ſagt, die Fahne der Prinzen werde morgen auf der Inſel Saint⸗George flattern.“ 198 „Wer ſagt dies?“ „Zwei von unſeren zurückkehrenden Läufern; ſie haben die Vorkehrungen geſehen, welche die Bürger der Stadt gegen uns treffen.“ „Und was habt Ihr venjenigen geantwortet, welche Euch ſagten, die Fahne der Herren Prinzen würde morgen auf dem Fort Saint⸗George flattern?“ „Mein Commandant, ich antwortete, das wäre znir gleichgültig, in Betracht, daß ich es nicht ſehen würdrf.“ „So habt Ihr mir meine Antwort geſtohlen.“ „Bravo, Commandant! wir verlangten nichts An⸗ deres, und die Soldaten werden kämpfen wie die Lö⸗ wen, wenn ſie Euere Antwort erfahren.“ „Sie mögen ſich ſchlagen wie Männer, mehr for⸗ dere ich nicht... Und was ſpricht man von der An⸗ griffsweiſe?“ „General, es iſt eine Ueberraſchung, die man uns bereitet,“ antwortete Vibrac lachend. „Teufel, was für eine Ueberraſchung!“ rief Ca⸗ nolles;„das iſt bereits die zweite Warnung, welche ich erpalte... Und wer befehligt die Angreifen⸗ den?“ „Herr von Larochefoucault die Landtruppen d'Eſpagnet, Rath im Parlament, die Seetruppen.“ „Wohl, ich werde ihm einen Rath geben.“ „Wem?“ „Dem Rath im Parlament.“ „Welchen?“ „Die ſtädtiſchen Milizen mit einem wohl discipli⸗ nirten Regiment zu verſtärken, welches dieſe Bürger lehre, wie man ein gut genährtes Feuer empfängt.“ „Er hat nicht auf Eueren Rath gewartet, Com⸗ mandant, denn ehe er ein Juſtizmann war, iſt er, glaube ich, ein Kriegsmann geweſen, und er hat ſich für dieſe Expedition mit dem Regiment Navailles in Verbindung geſetzt.“ . 199 „Wie mit dem Regiment Navailles?“ „Ja.“ „Meinem ehemaligen Regiment?“ „Demſelben. Es iſt, wie es ſcheint, mit Sack und Pack zu den Prinzen übergangen.“ „Wer commandirt es?“ „Der Baron von Ravailly.“ „Wirklich!“ „Kennt Ihr ihn?“ „Jaz ein trefflicher JZunge, brav wie ſein Schwert. Dann wird es wärmer werden, als ich glaubte, und wir bekommen Unterhaltung.“ „Was befehlt Ihr, Commandant?“ „Man verdoppele bie Poſten; die Soldaten ſollen ſich ganz angekleidet mit den geladenen Gewehren im Bereiche ihrer Hand niederlegen; eine Hälfte hat zu wachen, während die andere ruht; die wachende Hälfte ſ ſc hinter den Böſchungen verborgen halten. Wartet noch.“ „Ich warte.“. „Habt Ihr irgend Jemand die Meldung des Bo⸗ ten mitgetheilt?“ „Niemand in der Welt.“: „Gut. Haltet die Sache noch einige Zeit geheim. Wählt etwa zehn von Eueren ſchlechteſten Soldaten; Ihr müßt Wilddiebe und Fiſcher hier haben?“ „Wir haben nur zu viele, Commandant.“ „Wählt alſo, wie ich Euch ſage, zehn aus; gebt ihnen Urlaub bis morgen Mittag; ſie werden ihre Angeln in die Garonne werfen, ihre Schlingen auf der Ebene legen. Dieſe Nacht werden ſie ſicherlich von d'Eſpagnet und Herrn von Larochefoncault aufge⸗ fangen und ausgeforſcht.“ „Ich begreife nicht.“ „Ihr begreift nicht, daß die Angreifenden glauben ſollen, wir leben in völliger Sicherheit? Dieſe Men⸗ ſchen, welche nichts wiſſen, werden ihnen mit einer 200 Miene der Wahrheit, wodurch ſie ſich hintergehen laſ⸗ ſen, weil ſie nicht geheuchelt iſt, ſchwören, daß wir auf beiden Ohren ſchlafen.“ „Ahl ſehr gut.“ „Laßt den Feind herannahen, laßt ihn ſich aus⸗ ſchiffen, laßt ihn ſeine Leitern aufpflanzen.“ „Aber wann wird man feuern?“ „Wann ich es befehle; geht ein einziger Schuß aus unſeren Reihen, ehe ich commandire, los, ſo laſſe ich dentenigen, welcher gefeuert hat, ſo wahr als ich Commandant bin, erſchießen.“ „Ah! Teufel.“ „Der Bürgerkrieg iſt zweimal Krieg; es liegt alſo Alles daran, daß der Bürgerkrieg nicht wie eine Jagd⸗ partie betrieben wird. Laßt die Herren Bordeleſen lachen, lacht ſelbſt, wenn es Euch Freude macht, aber erſt, wann ich ſage, man möge lachen.“ Der Lieutenant entfernte ſich und überbrachte die Befehle von Canolles den anderen Officieren, welche einander erſtaunt anſchauten. Es lagen zwei Men⸗ ſchen in dem Gouverneur: der höfliche Edelmann, der unbeugſame Commandant. Canolles kehrte zum Abendbrod zu Nanon zurück; nur war dieſes Abendbrod um zwei Stunden vorge⸗ rückt, denn Canolles hatte beſchloſſen, den Wall von Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung nicht zu verlaſſen. Er fand Nanon in einer umfangreichen Correſpondenz blätternd. „Ihr könnt Euch kühn vertheidigen, lieber Ca⸗ nolles,“ ſagte ſie zu ihm;„denn Ihr werdet nicht lange auf Unterſtützung zu warten haben: der König kommt. Herr de La Meilleraye bringt eine Armee und Herr von Epernon erſcheint mit fünfzehntauſend Mann.“ „Mittlerweile vergehen aber acht Tage, zehn Tage, Nanon,“ entgegnete Canolles lächelnd;„die Inſel Saint⸗George iſt nicht uneinnehmbar.“ 4 —,—f— —— All 201 „Oh! ſo lange Ihr commandirt, ſtehe ich für es. „Ja; aber gerade weil ich commandire, kann ich getödtet werden. Nanon, was würdet Ihr in dieſem Falle thun? Habt Ihr wenigſtens hiefür vorge⸗ ſehen?“ „Ja,“ antwortete Nanon ebenfalls lächelnd. „Wohl, haltet Euer Gepäcke bereit. Ein Boots⸗ mann wird an einem bezeichneten Poſten ſein; müßt Ihr ins Waſſer ſpringen, ſo habt Ihr vier von mei⸗ nen Leuten, gute Schwimmer, denen Befehl gegeben worden iſt, Euch nicht zu verlaſſen, und die Euch an das andere Ufer bringen werden.“ „Alle dieſe Vorſichtsmaßregeln ſind unnöthig, Ca⸗ nales werdet Ihr getödtet, ſo brauche ich nichts mehr.“ Man meldete, daß aufgetragen war. Zehnmal während des Abendbrodes ſtand Canolles auf und ging an das Fenſter, von welchem aus man nach dem Fluſſe ſehen konnte; vor dem Ende des Mahles verließ Ca⸗ nolles die Tafel Die Nacht brach eben ein. Nanon wollte ihm folgen. „Nanon,“ ſprach Canolles,„kehrt zurück und ſchwört mir, nicht auszugehen. Wenn ich Euch außen wüßte... irgend einer Gefahr preisgegeben, könnte ich nicht mehr für mich ſtehen. Nanon, es handelt ſich um meine Ehre, ſpielt nicht mit meiner Ehre.“ Nanon reichte Canolles ihre Lippen, deren Roth ſich noch mehr durch die Bläſſe ihrer Wangen hervor⸗ hob, und kehrte dann mit den Worten zurück: „Ich gehorche Euch, Canolles; Freunde und Feinde ſollen den Mann kennen lernen, den ich liebe; geht!“ Canolles entfernte ſich; er konnte nicht umhin, dieſe unter alle ſeine Wünſche ſich beugende, in allen Stücken ſeinem Willen gehorchende Natur zu bewun⸗ dern. Kaum war er an ſeinem Poſten, als die Nacht furchtbar und drohend eintrat, wie ſie ſtets erſcheint, Der Frauenkrieg. I. 14 202 wenn ſie in ihren ſchwarzen Falten ein blutiges Ge⸗ heimniß verbirgt.— Canolles hatte ſich an das Ende der Eſplanade geſtellt; er beherrſchte den Lauf des Fluſſes und ſeine zwei Ufer. Kein Mond: ein Wolkenſchleier zog ſchwer⸗ fällig am Himmel hin. Unmöglich, geſehen zu werden, aber auch beinahe unmöglich, zu ſehen. Um Mitternacht kam es ihm vor, als gewahrte er, wie dunkle Maſſen auf dem linken Ufer ſich bewegten und rieſige Formen auf dem Fluſſe hinglitten. Uebrigens war kein Geräuſch zu bemerken, als das des Windes, der durch die Blätter der Bäume wehklagte. Dieſe Maſſen hielten an, dieſe Formen blieben in der Entfernung ſtille ſtehen. Canolles glaubte, er hätte ſich getäuſcht, verdoppelte jedoch ſeine Wach⸗ ſamkeit; ſeine glühenden Augen durchdrangen die Finſter⸗ niß, ſein unabläßig geſpanntes Ohr faßte das geringſte Geräuſch auf. Die Glocke der Feſtung ſchlug drei Uhr und der Schall verlor ſich langſam und düſter in der Nacht. Canolles fing an zu glauben, er habe eine falſche Nachricht erhalten, und war im Begriff, ſich zurückzu⸗ ziehen, als plötzlich der Lieutenant Vibrac, der ſich in ſeiner Nähe befand, eine Hand auf ſeine Schul⸗ ter legte und mit der andern nach dem Fluſſe deutete.. „Ja, ja!“ ſagte Canolles,„ſie find es; vorwärts, wir werden durch das Warten nichts verloren haben. Weckt die Leute, welche ſchlafen; ſie ſollen ihren Po⸗ ſten hinter der Mauer nehmen. Nicht wahr, Ihr habt ihnen geſagt, daß ich den Erſten, welcher Feuer gibt, erſchießen laſſe 2 a. „Wohl, ſo ſagt es Ihnen zum zweiten Male.“ Man ſah wirklich bei dem erſten Schimmer Tags lange Barken, beladen mit Menſchen, welche lachten und leiſe plauderten, herannahen, während man — 203 in der Ebene eine Art von Erhöhung wahrnahm, die am Tage vorher noch nicht beſtanden hatte. Es war eine Batterie von ſechs Kanonen, welche Herr von Larochefoucault in der Nacht hatte errichten laſſen; die Leute von den Barken hatten nur ſo ſehr gezögert, weil bis jetzt die Batterie noch nicht zu beginnen im Stande geweſen war. Canolles fragte, ob die Gewehre geladen wären, und bedeutete auf eine bejahende Antwort durch ein Zeichen, man ſolle aufmerken. Die Barken kamen immer näher, und bei der er⸗ ſten Tageshelle unterſchied Canolles das Lederwerk und den eigenthümlichen Hut der Compagnie Navallles, welche erwähnter Maßen die ſeinige geweſen war: auf dem Vordertheile von einer der erſten Barken ſtand der Baron von Ravailly, der ihn im Commando der Compagnie erſetzt hatte, und auf dem Hintertheil der Lieutenant, ſein Milchbruder, den ſeine Kameraden wegen ſeiner heiteren Laune und ſeiner nie verſiegen⸗ den Scherze ungemein liebten. „Ihr werdet ſehen,“ ſagte er;„ſie rühren ſich nicht, und Herr von Larochefoucault muß ſie am Ende mit der Kanone aufwecken. Teufel! wie ſchläft man in Saint⸗George; wäre ich krank, ſo ließe ich mich dahin bringen.“ „Dieſer gute Canolles,“ verſetzte Ravailly,„er ſpielt ſeine Gouverneur⸗Rolle als Familienvater; er befürchtet, ſeine Soldaten könnten den Schnupfen be⸗ kommen, wenn ſie bei Nacht die Wache beziehen müßten.“ „In der That,“ ſagte ein Anderer,„man ſieht nicht einmal eine Schildwache.“. „Oho!“ rief der Lieutenant an das Land ſprin⸗ gend,„wacht doch auf da oben und gebt uns die Hand, daß wir hinaufſteigen können.“ Bei dieſem letzten Scherz durchlief das Gelächter die ganze Linie der Belagernden, und während drei bis 204 ſchiffte ſich der Reſt der Landtruppen aus. „Vorwärts!“ ſprach Ravailly,„ich begreife, Ca⸗ nolles will das Anſehen haben, als würde er über⸗ rumpelt, um ſich mit dem Hofe nicht zu entzweien. Meine Herren, wir wollen ſeine Höflichkeit erwiedern und Niemand tödten. Sind wir einmal in der Fe⸗ ſtung... Gnade für Alle, mit Ausnahme der Frauen, welche wohl gar keine verlangen werden! Meine Kin⸗ der, vergeſſen wir nicht, daß dies ein Krieg von Freun⸗ den iſt; ich laſſe auch den Erſten, der vom Leder zieht, über die Klinge ſpringen.“ Bei dieſer mit ächt franzöſiſcher Heiterkeit ausge⸗ ſprochenen Einſchärfung begann das Gelächter aber⸗ mals, und die Soldaten theilten die muntere Laune der Officiere. „Ahl meine Freunde,“ ſagte der Lieutenant,„es iſt etwas Schönes um das Lachen, aber man darf darüber das Geſchäft nicht vergeſſen. Zu den Leitern und ge⸗ klettert!“ Die Soldaten zogen lange Leitern aus den Bar⸗ ken und rückten gegen die Mauern.— Nun ſtand Canolles auf und näherte ſich, den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopf, wie ein Menſch, der am Morgen zu ſeinem Vergnügen friſche Luft ſchöpft, der Bruſtwehr, die er bis zum Gürtel über⸗ ragte. Es war hell genug, daß man ihn erkennen konnte. „Ei! guten Morgen, Navailles,“ rief er dem gan⸗ zen Regimente zu;„guten Morgen, Ravailly; guten Morgen, Remonengq.“ „Halt, das iſt Canolles,“ riefen die jungen Leute. „Biſt Du endlich erwacht, Baron?“ „Oh ja, was wollt Ihr? man führt hier ein Le⸗ ben wie der König von Ivetot, man legt ſich früh vier Barken in der Richtung des Hafens vorrückten, — Ka——* 20⁵ nieder und ſteht ſpät auf; aber was Teufels macht Ihr ſo frühzeitig?“ „Bei Gott,“ erwiederte Ravailly,„Du fiehſt es puy wie mir ſcheint: wir wollen Dich belagern, ſonſt nichts.“ „Und warum wollt Ihr mich belagern?“ „Um Dein Fort zu nehmen.“ Canolles brach in Gelächter aus. „Nicht wahr, Du capitulirſt?“ rief Ravailly. „Zuvor muß ich wiſſen, wem ich mich ergebe. Wie kommt es, daß Navailles gegen den König dient?“ 3 „Meiner Treue, Freund, weil wir Rebellen find. Bei genauer Ueberlegung faßten wir die Anſicht, Ma⸗ zarin wäre offenbar ein Knauſer, unwürdig der Dienſte braver Edelleute, und dem zu Folge gingen wir zu den Prinzen über. Und Du?“ „Ich, mein Lieber, bin ein wüthender Epernoniſt.“ „Bah! laß Deine Leute und komm' mit uns.“ „Unmöglich. He! Ihr da unten, laßt die Ketten vom Hafen. Ihr wißt wohl, daß man dergleichen Dinge anſchaut, aber nur von ferne; berührt man ſie, ſo bringt es Unglück. Navailly, befiehl ihnen doch, die Ketten nicht zu berühren,“ fuhr Canolles die Stirne faltend fort,„oder ich laſſe auf ſie ſchießen, und ich Lees wir, zum Voraus, Navailly, ich habe gute en. „Bah! Du ſcherzeſt,“ antwortete der Officier,„ſei vernünftig, Du haſt keine Kräfte zum Widerſtand.“ „Ich ſcherze nicht, die Leitern nieder! Ravailly, ich bitte Dich, es iſt das Haus des Königs, das Du belagerſt, gib wohl darauf Acht.“ „Saint⸗George! Haus des Königs?“ „Bei Gott! ſchaue nur, und Du wirſt die Fahne an der Ecke der Baſtei ſehen. Laß Deine Barken wie⸗ der in das Waſſer ſetzen und Deine Leitern in die Barken legen, oder ich ſchieße. Willſt Du plaudern, 206 ſo komm' allein oder mit Remoneng, und wir plaudern beim Frühſtück, ich habe einen vortrefflichen Koch auf der Inſel Saint⸗George.“ Ravailly lachte und ermuthigte ſeine Leute mit dem Blick. Während dieſer Zeit ſchickte ſich eine andere Compagnie an, aus den Schiffen zu ſteigen. Canolles bemerkte, daß der entſcheidende Augen⸗ blick gekommen war, nahm die feſte Haltung und die ernſte Miene an, wie es einem mit ſo ſchwerer Ver⸗ antwortlichkeit belaſteten Mann geziemte und rief: „Halt, Ravailly; genug des Scherzes, Remoneng; kein Wort mehr, keinen Schritt mehr, keine Geberde mehr, oder ich laſſe ſchießen, ſo wahr, als dies hier die Fahne des Königs iſt und Ihr gegen die Lilien von Frankreich marſchirt.“ Und die That mit der Drohung verbindend, warf er mit kräftigem Arme die erſte Leiter um, welche ihren Kopf über den Steinen des Walles zeigte. Fünf oder ſechs von den eifrigſten Leuten ſingen gerade an hinaufzuſteigen; der Stoß ſchleuderte ſie nieder. Sie fielen und ihr Sturz veranlaßte ein un⸗ geheures Gelächter unter den Angreifenden und unter den Belagerten: man hätte glauben ſollen, es wären Schülerſchwänke. In dieſem Augenblick verkündigte ein Signal, daß die Belagerer die Ketten geſprengt hatten, welche den Hafen ſchloßen. 1 Sogleich nahmen Ravailly und Remoneng eine Leiter, ſchickten ſich ebenfalls an, in die Gräben hinab⸗ zuſteigen, und riefen: 3 .„Herbei, Navailles! zu den Sturmleitern! auf⸗ geſtiegen!“ „Mein armer Ravailly,“ rief Canolles,„halt ein, ich bitte Dich!“ Aber in demſelben Augenblick brach die Landbat⸗ terie, welche bis jetzt geſchwiegen hatte, in Lärmen —— 207 und Licht aus und eine Kugel riß die Erde rings um Canolles auf. „Vorwärts, da ſie es durchaus haben wollen,“ ſprach Canolles ſeinen Stock ausſtreckend;„Feuer, meine Freunde, Feuer auf die ganze Linie.“ Nun ſah man, ohne daß man einen einzigen Mann erblickte, eine Reihe von Musketen ſich gegen die Bruſt⸗ wehr ſenken, ein Flammengürtel umhüllte den Kranz der Mauer, während der Donner von zwei unge⸗ heuren Kanonen der Batterie des Herzogs von Laroche⸗ foucault antwortete. Es fielen etwa zehn Mann, aber ihr Sturz ver⸗ lieh ihren Gefährten, ſtatt fie zu entmuthigen, neuen Eifer; die Landbatterie antwortete ihrer Seits der Batterie vom Wall, eine Kugel ſchlug die königliche Fahne nieder, eine zweite Kugel zerſchmetterte einen Lieutenant von Canolles Namens d'Elboin. Canolles ſchaute abermals um ſich her, ſah, daß feine Leute ihre Gewehre wieder geladen hatten, und rief: „Feuer überall!“ Dieſer Befehl wurde mit derſelben Pünktlichkeit ausgeführt, wie ſein erſter. Zehn Minuten nachher war keine Scheibe mehr auf der ganzen Inſel Saint⸗George übrig; die Steine zitterten und zerſprangen in Stücke; das ſchwere Ge⸗ ſchütz durchlöcherte die Mauern, die Kugeln prallten von den großen Platten ab, und ein dichter Rauch ver⸗ dunkelte die von Geſchrei, Drohungen und Seufzern erfüllte Luft. Canolles ſah, daß die Batterie von Herrn von Larochefoucault ſeinem Fort am meiſten Schaden zu⸗ fügte, und ſagte: „Vibrac, beſchäftigt Euch mit Ravailly und laßt ihn in meiner Abweſenheit keinen Zoll Boden gewin⸗ mneen. Ich laufe zu unſeren Batterien.“ Canolles eilte wirklich zu den zwei Kanonen, welche 208 das Feuer von Herrn von Larochefoucault erwiederten, leitete ſelbſt den Dienſt, machte ſich zum Stücklader, Stückrichter und Commandanten, brachte in einem Au⸗ genblick drei Kanonen von ſechs zum Schweigen und ſtreckte gegen fünfzig Mann auf das Zlachfeld nieder. Die Anderen, welche dieſen ſcharfen Widerſtand nicht erwartet hatten, fingen an auseinander zu laufen und zu fliehen. Herr von Larochefoucault, der ſie wieder zu ſammeln ſuchte, wurde von einem Kieſelſplitter ge⸗ troffen, der ihm den Degen aus der Hand riß. 3 Als Canolles dieſen Erfolg wahrnahm, überließ er den Reſt der Arbeit dem Anführer der Artillerie und lief zu dem Sturme zurück, den die Compagnie Na⸗ Pailies, unterſtützt von den Leuten von d'Eſpagnet, fort⸗ etzte Vibrac hielt feſt, aber er hatte eine Kugel in die Schulter bekommen. Die Erſcheinung von Canolles wurde mit Freu⸗ dengeſchrei empfangen und verdoppelte den Muth ſei⸗ ner Truppen. „Vergib,“ rief er Ravailly zu,„vergib, wenn ich genöthigt war, Dich einen Augenblick zu verlaſſen, lieber Freund, aber es geſchah, wie Du ſehen kannſt, um die Kanonen des Herrn Herzogs von Larochefoucault zum Schweigen zu bringen; ſei nur ruhig, ich bin wieder hier.“ Und da der Kapitän von Navailles, zu ſehr auf⸗ geregt, um den Scherz zu erwiedern, den er überdies vielleicht unter dem furchtbaren Lärmen der Kanonen und Musketen nicht gehört hatte, in dieſem Augenblick ſeine Leute zum dritten Male zum Sturme führte, zog Canolles eine Piſtole aus ſeinem Gürtel und drückte die Hand gegen ſeinen alten Kameraden ausſtreckend, welcher ſein Feind geworden war, raſch los. Die Kugel war von einer feſten Hand und von einem ſichern Auge gelenkt und zerſchmetterte den Arm von Ravailly. 209 „Ich danke,“ rief der Kapitän, welcher geſehen hatte, woher die Kugel kam;„ich danke und werde Dir dieſe wett machen.“ Aber trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung war der junge Kapitän genöthigt ſtille zu ſtehen, und ſein Degen ent⸗ fiel ſeinen Händen. Remoneng lief hinzu und faßte ihn in ſeine Arme. „Willſt Du Dich bei mir verbinden laſſen, Ra⸗ vailly?“ rief Canolles,„ich habe einen Wundarzt, der in keiner Beziehung meinem Koch nachſteht.“ „Nein, ich kehre nach Bordeaux zurück; aber er⸗ warte mich jeden Augenblick, ich verſpreche Dir zurück⸗ uhunmen. Nur werde ich diesmal meine Stunde wählen.“ „Zum Rückzug,“ rief Remoneng,„zum Rückzug! man flieht dort. Auf Wiederſehen, Canolles, Ihr habt die erſte Partie gewonnen.“ Remoneng ſprach die Wahrheit, die Artillerie hatte furchtbare Verheerungen unter den Landtruppen ange⸗ richtet, welche bei dieſer Affaire wenigſtens hundert Mann verloren; die Seetruppen hatten nicht weniger verloren. Den ſtärkſten Verluſt hatte jedoch die Com⸗ pagnie Navailles erlitten, welche, um die Ehre der Uniform aufrecht zu erhalten, ſtets an der Spitze der Bürger von v'Eſpagnet marſchiren wollte. Canolles hob ſeine entladene Piſtole in die Höhe und rief: „Stellt das Feuer ein, laßt ſie ruhig ſich zurück⸗ ziehen; wir haben keine Munition zu verlieren.“ Die Schüſſe, welche man ferner abgefeuert hätte, wären wirklich verlorene Schüſſe geweſen. Die An⸗ greifenden zogen ſich in Eile zurück, ließen ihre Todten auf dem Platze und nahmen nur ihre Verwundeten mit. Canolles zählte die Seinigen; er hatte ſechzehn Verwundete und vier Todte. Er ſelbſt hatte keine Schramme bekommen. „Teufel!“ ſagte er, während er zehn Minuten 210 nachher die freudigen Liebkoſungen von Nanon in Empfang nahm,„meine liebe Freundin, man hat nicht geſäumt, mich mein Gouverneur⸗Patent gewinnen zu laſſen. Welche alberne Schlächterei! Ich habe ihnen wenigſtens hundertundfünfzig Mann getödtet und einem meiner beſten Freunde den Arm zerſchmettert, um ihn zu verhindern, ſich völlig todt ſchießen zu laſſen.“ hat„Ja,“ erwiederte Nanon,„aber Ihr ſeid wohlbe⸗ alten.“ „Gott ſei Dank, und Ihr habt mir ohne Zweifel Glück gebracht, Nanon; aber aufgepaßt vor der zwei⸗ ten Partie! Die Bordeleſen find hartnäckig, und Ra⸗ vailly und Remoneng haben mir überdies wiederzu⸗ kommen verſprochen.“ „Wohl,“ verſetzte Nanon,„derſelbe Mann com⸗ mandirt im Fort Saint⸗George und dieſelben Solda⸗ ten vertheidigen es; ſie mögen kommen und ſie werden das zweite Mal noch beſſer empfangen werden, als das erſte Mal; denn nicht wahr, bis dahin habt Ihr Zeit, Euere Vertheidigungsmittel noch zu ver⸗ mehren?“ „Meine Liebe,“ ſprach Canolles vertraulich zu Nanon,„man lernt einen Platz nur durch den Ge⸗ brauch gut kennen; der meinige iſt nicht uneinnehmbar, ich habe es bald entdeckt, und wenn ich Herzog von Larochefoucault hieße, ſo hätte ich die Inſel Saint⸗ George morgen früh. Doch hört, d'Elboin wird nicht mit uns frühſtücken.“ „Warum?“ „Weil er durch eine Kanonenkugel entzwei geriſſen worden iſt.⸗ V V XVII. Die Rückkehr der Belagerer nach Bordeaux bot ein trauriges Schauſpiel. Die Bürger waren trium⸗ phirend ausgezogen, denn ſie rechneten auf ihre Anzahl, auf die Geſchicklichkeit ihrer völlig ruhigen Generale, auf den Ausgang des Ereigniſſes, in Folge der Ge⸗ wohaheit dieſes zweiten Vertrauens des Menſchen in efahr. In der That, wer von den Belagernden war in ſeiner Jugend nicht auf den Wieſen und in den Wäl⸗ dern der Inſel Saint⸗George allein oder in Geſell⸗ ſchaft umhergelaufen? Welcher Bordeleſe hatte nicht das Ruder, die Jagdmuskete, oder die Fiſchernetze in der Gegend gehandhabt, die er nun als Soldat wieder⸗ ſehen ſollte? Für unſere Bürger war die Niederlage zweimal ſchwer: die Oertlichkeit machte ihnen eben ſo ſehr Schande, als der Feind. Man ſah ſie daher mit ge⸗ ſenktem Haupte zurückkehren und mit Reſignation die Seufzer und Wehklagen der Frauen anhören, die, nach Art der Wilden in Amerika, die abweſenden Krieger zählend, allmälig die Verluſte wahrnahmen, welche die Beſiegten erlitten hatten. Ein allgemeines Gemurre erfüllte nun die große Stadt mit Trauer und Verwirrung. Die Soldaten kehrten nach Hauſe, um das Unglück jeder auf ſeine Weiſe zu erzählen. Die Anführer begaben ſich zu der 212 Prinzeſſin, welche erwähnter Maßen bei dem Präfiden⸗ ten wohnte. Frau von Condé erwartete an ihrem Fenſter die Rückkehr der Expedition. Geboren in einer Krieger⸗ familie, die Frau eines der größten Sieger der Welt, erzogen in der Verachtung der verroſteten Waffen und des lächerlichen Aufzugs der Bürger, konnte ſie ſich einer unbeſtimmten Unruhe nicht erwehren, wenn ſie bedachte, daß ihre Parteigänger eine Armee von wah⸗ ren Soldaten bekämpfen ſollten. Drei Dinge beruhig⸗ ten ſie jedoch: einmal, daß Herr von Larochefoucault die Expedition befehligte; zweitens, daß das Regiment Navailles an der Spitze marſchirte; drittens, daß der Name Condé auf die Fahnen geſchrieben war. Aber durch einen leicht begreiflichen Contraſft war Alles, was der Prinzeſſin Hoffnung gewährte, Schmerz für Frau von Cambes; wie auch Alles, was der er⸗ habenen Dame Schmerz bereiten ſollte, ein Triumph für die Vicomteſſe werden mußte. Der Herzog von Larochefoucault erſchien ganz ſtau⸗ big und blutig bei Frau von Condé. Der Aermel ſeines ſchwarzen Wammſes war offen und ſeine Hand mit Blut befleckt. „Iſt es wahr, was man mir ſagt?“ rief die Prin⸗ zeſfin, dem Herzog entgegeneilend. „Und was ſagt man, Madame?“ fragte der Her⸗ zog mit kaltem Tone. „Man ſagt, Ihr wäret zurückgetrieben worden?“ „Man ſagt nicht genug, Madame; wir find, um die Wahrheit zu ſprechen, geſchlagen worden.“ „Geſchlagen!“ rief die Prinzeſſin erbleichend;„ge⸗ ſchlagen, das iſt nicht möglich!“ „Geſchlagen,“ murmelte die Vicomteſſe,„geſchla⸗ gen von Herrn von Canolles!“ 3. „Und wie hat ſich das zugetragen?“ fragte Frau von Condé mit einem ſtolzen, ihre tiefe Entrüſtung verrathenden Tone. 213 „Das hat ſich zugetragen, wie ſich alle Verſtöße im Spiel, in der Liebe, im Kriege zutragen; wir haben mit einem Feineren oder Stärkeren, als wir ſind, an⸗ gebunden.“ „Er iſt alſo tapfer, dieſer Herr von Canolles?“ fragte die Prinzeſſin. Das Herz von Frau von Cambes zitterte vor Freude. „Ei! mein Gott,“ erwiederte Larochefoucault die Achſeln zuckend,„tapfer wie Jedermann!.. nur hatte er, da er friſche Soldaten und gute Mauern beſaß und auf ſeiner Hut war, leichten Kauf mit unſern Borde⸗ leſen. Ahl Madamoe, beiläufig geſagt, was für trau⸗ rige Soldaten! ſie flohen beim zweiten Feuer. „Und Navailles?“ rief Claire, ohne die Unklug⸗ heit dieſes Ausrufs wahrzunehmen. „Madame,“ antwortete Larochefoucault,„der ganze Unterſchied zwiſchen Navailles und den Bürgern beſtand darin, daß die Bürger geflohen ſind und Navailles eine Wendung gemacht hat.“ „Nun fehlte uns nur noch, daß wir Vayres ver⸗ lieren würden!“ 1„Ich ſage nicht nein,“ erwiederte Larochefoucault t alt. „Geſchlagen!“ wiederholte die Prinzeſſin mit dem Fuße ſtampfend,„geſchlagen von nichtsnutzigem Volk, befehligt von einem Herrn von Canolles! der Name iſt lächerlich.“ Claire erröthete bis unter das Weiße der Augen. „Ihr findet dieſen Namen lächerlich, Madame,“ verſetzte der Herzog;„Herr von Mazarin findet ihn erhaben. Und ich möchte beinahe behaupten, daß er nicht allein dieſer Anſicht iſt,“ fügte er mit einem ra⸗ ſchen, durchdringenden Blick auf Claire bei.„Die Na⸗ men find wie die Farben, Madame,“ fuhr er mit ſei⸗ nem gallichten Lächeln fort,„es läßt ſich nicht darüber ſtreiten.“. & 214 „Glaubt Ihr, Richon wäre der Mann, der ſich ſchlagen ließe?“ „Warum nicht? ich habe mich auch ſchlagen laſ⸗ ſen! Wir müſſen darauf gefaßt ſein, den bittern Kelch bis auf die Hefe zu leeren; der Krieg iſt ein Spiel; früher oder ſpäter werden wir unſere Entſchädigung nehmen.“ „Das wäre nicht geſchehen, wenn man meinen Plan befolgt hätte,“ ſagte Frau von Tourville. „Allerdings,“ ſprach die Prinzeſſin,„man will nie thun, was wir vorſchlagen, unter dem Vorwande, wir ſeien Frauen und verſtehen nichts vom Kriege. Die Männer handeln nach ihrem Kopf und laſſen ſich ſchlagen.“ „i, mein Gott! ja, Madame; aber das begeg⸗ net den beſten Generalen. Paulus Aemilius wurde bei Cannä, Pompejus bei Pharſalus und Attila bei Cha⸗ lons geſchlagen. Nur Alexander und Ihr, Frau von Tourville, ſind nie geſchlagen worden. Laßt Euern Plan hören.“. „Mein Plan, Herr Herzog,“ erwiederte Frau von Tourville mit ihrem trockenſten Tone,„beſtand darin, daß man regelmäßig belagere. Man wollte mich nicht hören und gab einem Handſtreich den Vorzug. Ihr ſeht den Erfolg.“ „Antwortet Frau von Tourville, Herr Lenet,“ ſagte der Herzog,„ich fühle mich nicht ſtark genug in der Strategie, um den Streit auszuhalten.“ „Madame,“ ſprach Lenet, deſſen Lippen ſich bis jetzt nur zu einem Lächeln geöffnet hatten,„gegen die von Euch beantragte Belagerung war einzuwenden, daß die Bordeleſen keine Soldaten, ſondern Bürger ſind; fie bedürfen des Abendbrodes zu Hauſe und des Nachtlagers im Ehebett. Eine regelmäßige Belage⸗ rung aber ſchließt eine Menge Bequemlichkeiten aus, an welche unſere braven Städter gewöhnt ſind. Sie belagerten daher Saint⸗George als Liebhaber; ſchmäht „ 215 ſie nicht, weil ſie heute geſcheitert find; ſie werden die vier Stunden noch einmal machen und den Krieg ſo oft wiederbeginnen, als es nothwendig ſein mag.“ „Ihr glaubt, ſie werden wiederbeginnen?“ fragte die Prinzeffin.— „Ohl was das betrifft,“ ſprach Lenet,„ich bin es feſt überzeugt;„ſie lieben ihre Inſel zu ſehr, um ſie dem König zu überlaſſen.“ „Und wann werden ſie dieſelbe nehmen?“ „Ohne Zweifel eines Tags...“ „Wohl an dem Tage, an welchem ſie die Inſel genommen haben,“ rief die Prinzeſſin,„ſoll dieſer un⸗ verſchämte Canolles erſchoſſen werden, wenn er ſich nicht auf Gnade oder Ungnade ergibt.“ Claire fühlte, wie ein tödtlicher Schauer ihre Adern durchlief. 3 „Ihn erſchießen!“ ſagte der Herzog von Laroche⸗ foucault;„Teufel! wenn Euere Hoheit ſo das Kriegs⸗ handwerk treibt, ſo wünſche ich mir von Herzen Glück, daß ich zu der Zahl ihrer Freunde gehöre.“ „Dann mag er ſich ergeben.“ „Ich möchte wohl wiſſen, was Euere Hoheit ſagte, wenn ſich Richon ergeben würde?“ „Richon iſt nicht im Spiele, Herr Herzog, es iſt nicht von Richon die Rede. Man bringe mir einen Bürger, einen Juraten, kurz irgend Jemand, mit dem ich ſprechen kann, und der mir die Verſicherung gibt, daß dieſe Schmach nicht ohne Bitterkeit für diejenigen ſein wird, welche mir dieſelbe zugezogen haben.“ „Das kommt vortrefflich,“ verſetzte Lenet,„Herr d'Eſpagnet bittet eben um die Ehre, bei Euerer Hoheit eingeführt zu werden.“ 4 4. „Laßt ihn eintreten,“ erwiederte die Prinzeſſin. Während dieſes ganzen Geſpräches hatte das Herz von Claire bald geſchlagen, als wollte es die Bruſt erſprengen, bald war es zuſammengepreßt wie in ei⸗ nem Schraubſtocke; ſie ſagte ſich auch, die Bordeleſen * 216 würden Canolles ſeinen erſten Sieg theuer bezahlen laſſen. Aber es war noch ſchlimmer, als d'Eſpagnet erſchien, um durch ſeine Betheuerungen die Zuſagen von Lenet zu überbieten. „Madame,“ ſagte er zu der Prinzeſſin,„Euere Hohelt mag ſich beruhigen, ſtatt viertauſend Mann werden wir achttauſend ſchicken; ſtatt ſechs Kanonen pflanzen wir zwölf auf; ſtatt hundert Mann verlieren wir zweihundert, dreihundert, vierhundert, wenn es ſein muß, aber wir nehmen Saint⸗George.“ „Bravo! Herr,“ rief der Herzog:„das heiße ich ſprechen; Ihr wißt, daß ich Euer Mann bin, ſei es als Anführer, ſei es als Freiwilliger, ſo oft Ihr die⸗ ſes Unternehmen verſuchen werdet. Doch bedenkt, daß bei fünfhundert Mann jedes Mal, wenn wir nur vier Züge wie dieſen annehmen, unfer Heer auf den fünf⸗ ten Theil vermindert werden wird.“ „Herr Herzog,“ erwiederte d'Eſpagnet,„wir haben in Bordeaux dreißigtauſend waffenfähige Männer. Wir ſchleppen, wenn es ſein muß, alle Kanonen des Ar⸗ ſenals vor die Feſtung; wir machen ein Feuer, das einen Granitberg in Staub zu verwandeln im Stande iſt; ich ſetze ſelbſt an der Spitze der Sapeurs über den Fluß und wir nehmen Saint⸗George: ſo eben haben wir zu dieſem Behuf einen feierlichen Eid geleiſtet. 2 „Ich zweifle, ob Jör Saint⸗George nehmen wer⸗ det, ſo lange Herr von Canolles am Leben iſt,“ ſprach Claire mit einer beinahe unverſtändlichen Stimme. Wohl,“ erwiederte d'Eſpagnet,„wir tödten ihn ndes. laſſen ihn tödten, und erobern Saint⸗George her⸗ nach.“— Frau von Cambes drängte einen Angſtſchrei zu⸗ rück, der aus ihrer Bruſt hervorbrechen wollte. 3 „Will man Saint⸗George nehmen?? „Wie! ob man es will,“ rief die Prinzeſſin. 734 glaube wohl, denn n man will nur dieſes. 8 217 „Wohl,“ ſprach Frau von Cambes,„man laſſe mich handeln, und ich überliefere den Platz.“ „Bah!“ entgegnete die Prinzeſſin,„Du haſt mir bereits dergleichen verſprochen und biſt geſcheitert.“ „Ich hatte Euerer Hoheit verſprochen, einen Ver⸗ ſuch bei Herrn von Canolles zu machen. Dieſer Ver⸗ ſuch 3 geſcheitert, ich fand Herrn von Canolles un⸗ eugſam.“ delrHofft Du ihn nach ſeinem Siege zugänglicher zu n den 4 4. „Nein. Diesmal ſagte ich Euch auch nicht, ich würde den Gouverneur, ſondern ich würde den Platz überliefern.“ 1 „Wie dies?“ „Indem ich Euere Soldaten bis in den Hof der Feſtung führe.“ „Seid Ihr eine Fee, Madame, daß Ihr eine ſolche Arbeit übernehmt?“ fragte Larochefoucault. „Nein, mein Herr, ich bin Grundherrin.“ „Ihr ſcherzt?“ verſetzte der Herzog. „Nein, nein,“ ſagte Lenet,„ich erſchaue Vieles in den drei Worten, welche Frau von Cambes ſo eben ausgeſprochen hat.“ „Das genügt mir,“ ſprach die Vicomteſſe,„die Anſicht von Herrn Lenet iſt Alles für mich. Ich wie⸗ derhole alſo, daß Saint⸗George genommen iſt, wenn man mich ein paar Worte mit Herrn Lenet allein ſprechen laſſen will.“ „Madame,“ verſetzte Frau von Tourville die Vi⸗ comteſſe unterbrechend,„ich nehme Saint⸗George eben⸗ falls, wenn man mich gewähren läßt.“ „Laßt zuerſt Frau von Tourville ihren Plan laut auseinanderſetzen,“ ſprach Lenet, Frau von Cambes zu⸗ rückhaltend, welche ihn in einen Winkel ziehen wollte, hlänn„Perdet Ihr mir den Eurigen leiſe mit⸗ lheilen.— „ Sprecht, Madame,“ ſagte die Prinzeſſin. Der Frauenkrieg. I. 15 George einzieht, ohne einen Flintenſchuß gethan zu haben.⸗ 3 218 „Ich breche in der Nacht mit fünfundzwanzig Bar⸗ ken auf, welche zweihundert Musketiere führen; eine andere Truppe von derſelben Zahl ſchleicht längs dem rechten Ufer hin; vier⸗bis fünfhundert Andere mar⸗— ſchiren am linken Ufer hinauf; während dieſer Zeit machen tauſend bis zwölfhundert Bordeleſen...“ „Gebt wohl Acht, Madame,“ ſagte Larochefoucault, „es ſind bereits tauſend bis zwölfhundert Mann in Anſpruch genommen.“ „Ich nehme Saint⸗George mit einer einzigen Com⸗ pagnie,“ rief Claire;„gebt mir Navailles und ich ſtehe für Alles.“ „Das iſt in Betracht zu ziehen,“ ſprach die Prin⸗ zeſfin, während Larochefoucault auf die verächtlichſte Weiſe lächelnd mitleidig die Frauen anſchaute, die über Kriegsdinge urtheilten, welche die kühnſten und unternehmendſten Männer in Verlegenheit ſetzten. „Ich höre,“ ſagte Lenet.„Kommt, Madame.“ tief Und er führte die Vicomteſſe in eine Fenſterver⸗ efung. Claire flüſterte ihm ihr Geheimniß in das Ohr, und es entſchlüpfte Lenet ein Freudenſchrei.. „In der That,“ ſprach er ſich gegen die Prinzeſſin wendend,„wenn Ihr diesmal Frau von Cambes unumſchränkte Vollmacht geben wollt, ſo iſt Saint⸗ George genommen.“ „Und wann dies?“ fragte die Prinzeſſin. 1 „Wann man will.“ 3 „Die Frau Vicomteſſe iſt ein großer Kapitän,“* ſagte Larochefoucault ironiſch. 1 „Ihr werdet darüber urtheilen, Herr Herzog,“ er⸗ wiederte Lenet,„wenn Ihr im Triumph in Saint⸗ „Dann werde ich meine Billigung nicht ver⸗ 3 weigern.“ „Wenn die Sache ſo ſicher iſt, wie 3ör ſagt,“ 219 ſprach die Prinzeſſin,„ſo bereite man Alles für morgen.“ „An dem Tage und in der Stunde, wie es Ihrer Hoheit belieben wird,“ antwortete Frau von Cambes;„ich werde ihre Befehle in meinem Gemache erwarten.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſie ſich und ging in ihre Wohnung; die Prinzeſſin, welche in einem Augenblick vom Zorn zur Hoffnung übergegangen war, that daſſelbe; Frau von Tourville folgte ihr. D'Eſpag⸗ net entfernte ſich ebenfalls, nachdem er ſeine Betheuerun⸗ gen wiederholt hatte, und der Herzog befand ſich allein mit Lenet. „Mein lieber Lenet,“ ſagte der Herzog,„da ſich die Frauen des Krieges bemächtigt haben, ſo wäre es, glaube ich, für die Männer gut, ein wenig Intriguen zu machen. Ich habe von einem gewiſſen Cauvignac ſprechen hören, der beauftragt iſt, für Euch eine Com⸗ pagnie zu rekrutiren; man hat ihn mir als einen ge⸗ wandten Burſchen geſchildert und ich verlangte nach ihm; kann man ihn wohl ſehen?“ „Monſeigneur, er wartet.“ „Er mag kommen.“ Lenet zog an einer Klingelſchnur; ein Diener er⸗ en. „Führt den Kapitän Cauvignac ein,“ ſagte net. Einen Augenblick nachher zeigte ſich unſer alter Bekannter auf der Schwelle. Aber ſtets klug, blieb er hier ſtehen.. „Nähert Euch, Kapitän,“ ſagie der Herzog,„ich bin der Herr Herzog von Larochefoucault.“ „Monſeigneur,“ antwortete Cauvignac,„ich kenne Le Cuch vollkommen.“ „ uͤhl deſto beſſer. Ihr habt den Auftrag erhalten, eine Compagnie anzuwerben?“ „Sie iſt geworben.“ 220 4 „Wie viel Mann habt Ihr zu Euerer Verfü⸗ gung?“ „Hundertundfünfzig.“ „Gut equipirt, gut bewaffnet?“ „Gut bewaffnet, ſchlecht equipirt. Ich habe mich vor Allem mit den Waffen als dem Weſentlichſten be⸗ ſchäftigt. Was die Equipirung betrifft, ſo fehlte es an Geld, in Betracht, daß ich ein ſehr uneigennützi⸗ ger Menſch bin, einzig und allein von meiner Liebe für die Herren Prinzen angetrieben wurde und von Herrn Lenet nur zehntauſend Livres erhalten hatte.“ „Und mit zehntauſend Livres habt Ihr hundertund⸗ fünfzig Soldaten angeworben?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Das iſt wunderbar.“ „Monſeigneur, ich habe nur mir allein bekannte Mittel, mit deren Hülfe ich zu Werke gehe.“ 4 „Und wo find dieſe Leute?“ „Sie ſind hier, Monſeigneur; Ihr ſollt ſehen, wie. ſchön die Compagnie iſt, beſonders in moraliſcher Be⸗ ziehung; lauter Leute von Stand;z nicht ein einziger Schlucker aus dem Bauernvolk.“ Der Herzog von Larochefoucault trat an das Fen⸗ ſter und ſah wirklich auf der Straße hundertundfünfzig Menſchen von jedem Alter, von jedem Stand, durch Ferguzon, Barrabas, Carrotette und ihre zwei an⸗ deren Gefährten, insgeſammt in ihren ſchönſten Ge⸗. wändern, in zwei Reihen gehalten. Dieſe Menſchen hatten unendlich mehr das Ausſehen einer Truppe von 8 8 Banditen, als einer Compagnie Soldaten. Sie waren, wie Cauvignac geſagt hatte, ſehr ab⸗ geriſſen, aber vortrefflich bewaffnet. „Habt Ihr einen Befehl in Beziehung auf Euere Leute erhalten?“ fragte der Herzog. „Ich habe den Befehl erhalten, ſie nach Vayres zu führen, und erwarte nur die Beſtätigung dieſes Be fehls durch den Herrn Herzog, um meine ganze Com⸗ 224. pagnie an Richon zu übergeben, welcher derſelben ent⸗ gegenharrt.⸗ 3 „Aber Ihr bleibt nicht bei ihnen in Vayres?“ „Nein, Monſeigneur, es iſt mein Grundſatz, nie die Dummheit zu begehen, mich zwiſchen vier Mauern einzuſchließen, wenn ich im freien Felde umherſtreifen kann. Ich bin geboren, das Leben der Patriarchen zu führen.“.. „Wohl, ſo verweilt, wo es Euch beliebt, aber bringt Euere Leute nach Vayres.“ „Dann bilden ſie alſo entſchieden einen Theil der Garniſon dieſes Platzes?“ „Ja.“ „Unter dem Befehle von Herrn Richon?“ „Ja.“ „Aber, Monſeigneur, was ſollen meine Leute dort thun, da bereits ungefähr dreihundert Mann in der Feſtung liegen?“ „Ihr ſeid ſehr neugierig.“ „Ohl ich frage nicht aus Neugierde, Monſeigneur, ſondern aus Furcht.“ „Was befürchtet Ihr?“ „Ich befürchte, man könnte ſie zur Unthätigkeit verurtheilen, und das wäre ärgerlich; wer eine gute Waffe roſten läßt, hat Unrecht.“. „Seid unbeſorgt, Kapitän, ſie werden nicht roſten; in acht Tagen ſchlagen ſie ſich.“. „Dann wird man ſie mir wohl tödten?“ „Wahrſcheinlich, wenn Ihr nicht, wie Ihr ein Mittel habt, Soldaten zu rekrutiren, ein Geheimniß beſitzt, um ſie unverwundbar zu machen.“ „Oh! das iſt es nicht; ich wünſchte nur, daß ſie bezahlt wären, ehe man ſie mir tödtet.“ „Sagtet Ihr nicht, Ihr hättet zehntauſend Livres empfangen?“. „Ja, auf Abſchlag. Fragt Herrn Lenet, der ein 7 — 222 geordneter Mann iſt und ſich gewiß unſerer Ueberein⸗ kunſt erinnern wird.“ Der Herzog wandte ſich gegen Lenet. „Er ſpricht die Wahrheit,“ ſagte der tadelloſe Rath;„wir haben Herrn Cauvignac zehntauſend Livres baares Geld für die erſten Auslagen gegeben; ihm aber, abgeſehen von dem Verbrauch dieſer zehntauſend Liores, noch hundert Thaler für den Mann ver⸗ ſprochen.“ „Dann find wir dem Kapitän fünfunddreißigtau⸗ ſend Livres ſchuldig?“ ſprach der Herzog. „Ganz richtig, Monſeigneur.“ „Man wird ſie Euch geben.“ „Könnten wir nicht in der gegenwärtigen Zeit ſprechen, Herr Herzog?“ „Nein, unmöglich.“ „Warum?“ „Weil Ihr zu unſeren Freunden gehört und die Fremden Allem vorgehen müſſen. Ihr begreift, daß man den Leuten nur ſchmeicheln muß, wenn man vor ihnen Angſt hat.“ „Eine vortreffliche Maxime,“ erwiederte Cauvignac; nes iſt jedoch bei allen Händeln Gewohnheit, eine Friſt zu beſtimmen.“ 1„Wohl, ſetzen wir acht Tage,“ ſprach der Herzog. „Setzen wir acht Tage,“ wiederholte Cauvignac. „Wenn wir aber in acht Tagen nicht bezahlt ha⸗ ben?“ ſagte Lenet. „Dann werde ich wieder Herr meiner Compagnie,“ antwortete Cauvignac... „Das iſt nur zu billig,“ ſprach der Herzog. „Ich mache damit, was ich will.“ „Da ſie Euch gehört.“ „Jedoch.“ bemerkte Lenet. „Bah!“ ſagte der Herzog,„wir werden ſie in Vapres eingeſchloſſen halten.“ 223 „Ich liebe ſolche Händel nicht,“ erwiederte Lenet den Kopf ſchüttelnd. „Sie ſind indeſſen ſehr gebräuchlich im Landrecht der Normandie,“ entgegnete Cauvignac;„man nennt das einen Verkauf auf Wiederkauf.“ „Es iſt alſo abgemacht?“ fragte der Herzog. „Vollkommen abgemacht,“ antwortete Cauvignac, „Und wann werden Euere Leute abgehen?“ „Sogleich, wenn Ihr befehlt.“ „Ich befehle es.“. „Dann find ſie abgegangen, Monſeigneur.“ Der Kapitän ging hinab, ſagte Ferguzon zwei Worte in das Ohr, und die Compagnie Cauvignac marſchirte, begleitet von allen den Neugierigen, welche ihr ſeltſamer ÄAnblick um ſie her verſammelt hatte, nach dem Hafen, wo die drei Schiffe ihrer harrten, auf denen ſie die Dordogne hinauf nach Vayres fahren ſollte, während ihr Führer, getreu den einen Augen⸗ blick vorher gegen den Herzog von Larochefoucault aus⸗ gedrückten Freiheits⸗Grundſätzen, ihr mit verliebten Blicken nachſchaute. In ihre Wohnung zurückgezogen, ſchluchzte und betete die Vicomteſſe mittlerweile. „Ach!“ ſagte ſie,„ich konnte ihm die Ehre nicht ganz retten, aber ich werde ihm wenigſtens den Schein wahren. Er ſoll nicht durch die Gewalt beſiegt wer⸗ den; denn ich kenne ihn, durch die Gewalt überwun⸗ den wird er ſich vertheidigend ſterben; er muß durch den Verrath zu unterliegen ſcheinen. Wenn er dann erfährt, was ich für ihn gethan und beſonders in wel⸗ cher Abſicht ich es gethan habe, wird er mich, obgleich beſiegt, noch ſegnen.“= Und durch dieſe Hoffnung beruhigt, erhob ſie ſich, ſchrieb einige Worte, die ſie an ihrer Bruſt verbarg, und ging zu der Frau Prinzeſſin, welche ſie hatte rufen laſſen, um mit ihr Hülfe den Verwundeten und Troſt und Geld den Wittwen und Waiſen zu bringen. 224 Die Prinzeſſin verſammelte alle Diejenigen, welche an dem Zuge Theil genommen hatten; ſie erhob in ihrem Namen und in dem des Herrn Herzogs von Enghien die Thaten der Männer, die ſich ausgezeich⸗ net hatten; ſprach lange mit Ravailly, der, den Arm in der Binde, ihr ſchwor, er wäre bereit, am andern Tage wiederanzufangen; legte ihre Hand auf die Schulter von d'Eſpagnet und ſagte ihm, ſie betrachte ihn und ſeine braven Bordeleſen als die feſteſten Stützen ihrer Partei; erwärmte endlich ſo gut die Phantaſie Aller, daß die Entmuthigtſten feierlich ge⸗ lobten, ſie würden ihre Entſchädigung nehmen, und auf der Stelle nach der Inſel Saint⸗George zurück⸗ kehren wollten. „Nicht auf der Stelle,“ ſagte die Prinzeſſin,„be⸗ nützt den Tag und die Nacht zur Ruhe, und über⸗ morgen werdet Ihr für immer dort eingeſetzt ſein.“ Dieſe Verſicherung, mit feſter Stimme ausgeſpro⸗ chen, wurde mit lauten Rufen kriegeriſchen Eifers auf⸗ genommen. ZJeder von dieſen Rufen tauchte ſich tief in das Herz der Vicomteſſe, denn ſie erſchienen ihr Sir Fien ſo viele das Leben ihres Geliebten bedrohende olche. 3„Du ſiehſt, wozu ich mich anheiſchig gemacht habe, Claire,“ ſprach die Prinzeffin;„es iſt Deine Gechf„ meine Schuld gegen dieſe braven Leute abzu⸗ ragen.“ „Seid unbeſorgt, Madame,“ antwortete die misonmteſſe,„ich werde halten, was ich verſprochen abe.“ 1 An demſelben Abend ging ein Eilbote nach Saint⸗ George ab. ——