4 8 ſ j ———.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4⁴ „ 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 4 Nel.— pPf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— „——— A N — — —. 4 Sämmtliche Werke von Alexandre Dumas. Deutſch von Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. ———.—— † Der Frauenkrieg. Von Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen 8 8 von 8 1 Auguſt Zoller. Erſtes bis drittes Bändchen. SFtuttgart. VVerlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. I. In einiger Entfernung von Libourne, der ſo heiteren Stadt, welche ſich in dem raſchen Gewäſſer der Dor⸗ dogne ſpiegelt, zwiſchen Fronſac und Saint⸗Michel la⸗ Rivière, lag einſt ein hübſches Dorf mit weißen Mauern und rothen Dächern, halb verborgen unter Linden und Buchen. Die Straße von Libourne nach Saint⸗André⸗ de⸗Cubzac ging mitten durch die ſymmetriſch aneinander gereihten Häuſer. Hinter einer von dieſen Häuſer⸗ reihen, auf etwa hundert Schritte, ſchlängelte ſich der Fluß, deſſen Breite und Macht ſchon an dieſem Orte die Nähe des Meeres zu bezeichnen anfangen. Aber der Bürgerkrieg iſt hier durchgezogen: er hat zuerſt die Bäume umgeworfen, ſodann die Häuſer entvölkert, welche, ſeiner ganzen launenhaften Wuth preisgegeben und nicht im Stande wie die Bewohner zu fliehen, in ihrer Weiſe gegen die Barbarei innerer Empörungen proteſtirend, auf den Raſen ſtürzten. All⸗ mählig aber hat die Erde, welche dazu geſchaffen zu ſein ſcheint, Allem, was da war, als Grab zu dienen, den Leichnam dieſer einſt ſo luſtigen Häuſer bedeckt. Das Gras iſt auf dem trügeriſchen Grunde gewachſen, und der Reiſende, der dieſer Straße folgt, vermuthet nicht entfernt, wenn er auf den ungleichen Hügeln eine von den großen Heerden trifft, wie man ſie bei jedem Schritte im Süden weiden ſieht, daß Schä⸗ fer und Schafe auf dem Kirchhofe wandeln, wo ein Dorf ſchläft. Doch in der Zeit, von der wir ſprechen, das heißt gegen die Mitte des Monats Mai 1650, blühte das fragliche Dorf auf den zwei Seiten der Straße, welche dasſelbe wie eine große Pulsader nährte, mit dem erfreu⸗ lichſten Aufſchwunge der Vegetation und des Lebens. Der Fremde, der damals dahin gekommen wäre, hätte ſie ganz nach ſeinem Geſchmacke gefunden, dieſe Bauern, welche damit beſchäftigt waren, ihre Pferde an den Pflug zu ſpannen oder von demſelben abzuſpannen, dieſe Fiſcher, welche ihre Netze, in denen der weiß und roſen⸗ farbige Fiſch der Dordogne zappelte, an das Ufer zogen, und dieſe Hufſchmiede, wie ſie auf den Amboß ſchlugen, daß unter ihren Armen eine Funkengarbe emporſprang, welche die Schmiede mit jedem Hammerſchlage er⸗ leuchtete. Am meiſten aber, beſonders wenn ihm ein langer Weg den Appetit gegeben hätte, der bei den Straßen⸗ läufern ſprüchwörtlich geworden iſt, würde ihn etwa fünfhundert Schritte von dem Dorfe ein niedriges, langes, nur aus einem Erdgeſchoße und einem Stock⸗ werke beſtehendes Haus erfreut haben, das durch ſei⸗ nen Kamin gewiſſe Dünſte und durch ſeine Fenſter ge⸗ wiſſe Gerüche von ſich gab, welche, noch mehr als die Figur eines vergoldeten Kalbes, gemalt auf eine Platte von rothem Zlech, die an einer eiſernen, in dem Gefſimſe des erſten Stockwerkes befeſtigten Stange ächzte, dem Fremden andeuteten, daß er end⸗ lich zu einem von den gaſtfreundlichen Häuſern gelangt war, deren Bewohner es gegen eine gewiffe Entſchä⸗ digung übernehmen, die Kräfte der Reiſenden wieder⸗ herzuſtellen. Warum lag der Gaſthof zum Goldenen Kalb, wird man mir ſagen, fünfhundert Schritte vom Dorfe, ſtatt in ſeiner natürlichen Reihe unter den auf den beiden Seidn des Weges gruppirten lachenden Häuſern zu ehen 8 Einmal war der Wirth, wenn auch gleichſam ver⸗ — ——y—— loren in dieſem Winkel der Erde, was die Küche be⸗ trifft ein Künſtler erſten Ranges. Wohnte er nun am Anfang oder in der Mitte, oder am Ende von einer der langen Häuſerzeilen, welche das Dorf bilde⸗ ten, ſo lief er Gefahr, mit einigen von den Sudel⸗ köchen vermiſcht zu werden, die er als ſeine Genoſſen zuzulaſſen genöthigt war, welche er aber nie als ſei⸗ nes Gleichen zu betrachten ſich entſchließen konnte. Wenn er ſich dagegen von denſelben trennte und ver⸗ einzelte, ſo zog er die Blicke der Kenner auf ſich, welche, ſo bald ſie nur einmal ſeine Küche gekoſtet hatten, ſich einander ſagten: Gehſt Du von Libourne nach Saint⸗André⸗de⸗Cubzac oder von Saint⸗An⸗ dré⸗de⸗Cubzac nach Libourne, ſo verſäume es nicht, zum Frühſtück, Mittageſſen, oder zum Abendbrod in dem Wirthshauſe zum Goldenen Kalb, fünfhundert Schritte von dem kleinen Dorfe Matifou, anzuhalten. Und die Kenner hielten an, verließen das Haus zufrieden, ſchickten andere Kenner dahin, ſo daß der geſcheite Wirth allmählig ſein Glück machte, was ihn indeſſen— eine ſeltene Erſcheinung— nicht abhielt, ſeine Wirthſchaft auf derſelben gaſtronomiſchen Höhe zu erhalten, woraus ſich ſchließen läßt, daß Meiſter Biscarros, wie wir bereits geſagt haben, ein wahrer Künſtler war. An einem der ſchönen Abende des Monat Mai, wo die Natur im Süden bereits erwacht, auch im Norden zu erwachen anfängt, entſtrömten dichterer Nauch und noch lieblichere Gerüche als gewöhnlich den Kaminen und Fenſtern des Gaſthofes zum Goldenen Kalbe, während auf der Schwelle des Hauſes Meiſter Biscarros in Perſon, weiß gekleidet nach dem Ge⸗ brauche der Opferprieſter aller Zeiten und aller Län⸗ der, mit ſeinen erhabenen Händen Feldhühner und Wachteln rupfte, welche zu einem von den feinen Mah⸗ 8 len beſtimmt waren, die er ſo gut zu ordnen verſtand und in Folge ſeiner Vorliebe für die Kunſt, welche er trieb, in ihren kleinſten Einzelnheiten ſelbſt zu beſorgen gewohnt war. Der Tag neigte ſich alſo. Die Gewäſſer der Dor⸗ dogne, welche in einer von den gekrümmten Abſchwei⸗ fungen, die ihren Lauf bezeichnen, ſich ungefähr eine Viertelmeile von der Straße entfernt hielten, um an dem Fuße des kleinen Fort Vapres hinzuſtrömen, fin⸗ gen an unter dem dunkeln Laubwerk weiß zu werden. Ein ruhiger, ſchwermüthiger Charakter verbreitete ſich mit der Abendluft über der Landſchaft. Die Arbeiter verharrten bei ihren ausgeſpannten Pferden, die Fi⸗ ſcher bei ihren triefenden Netzen; das Geräuſch des Dorfes erſtarb und nach dem Schalle des letzten Ham⸗ merſchlages, der den arbeitſamen Tag ſchloß, ließ ſich der erſte Geſang der Nachtigall in einem nahen Ge⸗ ſträuche vernehmen. Bei den erſten Noten, welche der Kehle des ge⸗ fiederten Muſikers entſtiegen, ſing Meiſter Biscarros ebenfalls an zu ſingen, ohne Zweifel um die Nachti⸗ gall zu begleiten. Die Folge dieſer harmoniſchen Ne⸗ denbuhlerſchaft und der Aufmerkſamkeit, welche der Wirth ſeiner Arbeit ſchenkte, war, daß er eine Truppe beſtehend aus ſechs Reitern nicht bemerkte, die am Ende des Dorfes Matifou erſchien und nach ſeinem Gaſthauſe vorrückte. Aber ein Ausruf, der aus einem Fenſter des er⸗ ſten Stockes kam, die ſchnelle, geräuſchvolle Bewegung, mit der dieſes Fenſter geſchloſſen wurde, bewirkte, daß der würdige Gaſtwirth ſeine Naſe in die Höhe ſtreckte. Er ſah nun den Reiter, welcher an der Spitze ſeiner Truppe unmittelbar auf ihn zumarſchirte. Unmittelbar iſt nicht ganz das richtige Wort, und 3 wir beeilen uns, es zurückzunehmen; denn dieſer Mann hielt von zwanzig zu zwanzig Schritten an, warf nach rechts und links beobachtende Blicke und erforſchte mit dem Auge Fußpfade, Bäume und Gehölze. Dabei hielt er mit der einen Hand eine Muskete auf ſeinem — —— 11 Knie, um zum Angriff, wie zur Vertheidigung bereit zu ſein, und machte von Zeit zu Zeit ſeinen Gefähr⸗ ken, die in Allem ſeine Bewegungen nachahmten, ein Zeichen, ſich in Marſch zu ſetzen. Dann wagte er wieder einige Schritte, und daſſelbe Manoeuvre be⸗ gann abermals. Biscarros folgte mit den Augen dieſem Reiter, deſſen Marſch ihn ſo mächtig in Anſpruch nahm, daß er während dieſer ganzen Zeit die Federn, welche er zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger hielt, dem Vogel aus dem Leibe zu rupfen vergaß. „Das iſt ein vornehmer Herr, der mein Haus ſucht,“ ſprach Biscarros,„dieſer würdige Edelmann ſcheint kurzſichtig zu ſein. Mein goldenes Kalb iſt doch friſch gemalt und das Schild ſpringt bedeutend vor. Wir wollen uns ein wenig in das Licht ſtellen.“ Meiſter Biscarros pflanzte ſich mitten auf der Straße auf, wo er das Geflügel mit Geberden voll Erhabenheit und Majeſtät zu rupfen fortfuhr. Dieſe Bewegung brachte die von dem Wirthe er⸗ wartete Wirkung hervor. Kaum erblickte ihn der Rei⸗ ter, als er gerade auf ihn zuritt und mit höflicher Begrüßung zu ihm ſagte: „Um Vergebung, Meiſter Biscarros, habt Ihr nicht auf dieſer Seite eine Truppe von Kriegsleuten geſehen, welche meine Freunde find und mich ſuchen müſſen? Kriegsleute will viel ſagen, Leute vom Schwerte iſt das rechte Wort, bewaffnete Leute, ja, bewaffnete Leute, das drückt meinen Gedanken beſſer aus. Habt ſhr alſo eine kleine Truppe bewaffneter Leute ge⸗ ſehen?“ Biscarros fühlte ſich im höchſten Maße geſchmei⸗ chelt, als er ſeinen Namen nennen hörte, und grüßte ebenfalls auf das Freundlichſte. Es war ihm ent⸗ gangen, daß der Fremde mit einem Blicke, den er auf ſein Gaſthaus warf, den Namen und die Eigen⸗ — 12 ſchaft auf dem Schilde geleſen hatte, wie er jetzt auch die Identität auf dem Geſichte des Eigenthümers las. „Was bewaffnete Leute betrifft, mein Herr,“ ant⸗ wortete er nach kurzem Nachdenken,„ſo habe ich nur einen Edelmann und ſeinen Stallmeiſter geſehen. Beide hielten vor ungefähr einer Stunde bei mir an.“ „Ah, ahl“ ſprach der Fremde, das Kinn eines bartloſen und dennoch bereits männlichen Geſichtes ſtreichelnd,„ah, ah! ein Edelmann und ſein Stall⸗ meiſter befinden ſich in Eurem Wirthshauſe, und Beide bewaffnet, behauptet Ihr?“ „Mein Gott, ja, mein Herr. Soll ich dieſem Edelmann ſagen laſſen, daß Ihr ihn zu ſprechen wünſcht?“. „Iſt dies aber auch ſchicklich?“ verſetzte der Fremde. „Einen Unbekannten ſtören, hieße vielleicht gar ſich zu vertraulich benehmen, beſonders wenn dieſer Unbe⸗ kannte von Stande iſt. Nein, nein, Meiſter Biscar⸗ ros, habt nur die Güte, mir denſelben zu ſchildern, kder vielmehr mir ihn zu zeigen, ohne daß er mich eht.“ „Euch denſelben zeigen, iſt ſchwierig, mein Herr, in Betracht, daß er ſich ſelbſt zu verbergen ſcheint; denn er ſchloß ſein Fenſter in dem Augenblick, wo Ihr und Eure Gefährten auf der Straße ſichtbar wurdet; Euch denſelben ſchildern, iſt viel leichter. Es iſt ein kleiner, blonder, zarter junger Menſch, kaum ſechzehn Jahre alt, und ſcheint gerade nur die Kraft zu haben, um den Hofdegen zu tragen, der an ſeinem Wehrgehänge befeſtigt iſt.“ Die Stirne des Fremden faltete ſich unter dem Schatten einer Erinnerung. 3„Sehr gut,“ ſprach er,„ich weiß, was Ihr ſa⸗ gen wollt: ein junger Menſch, blond, von weibiſchem Ausſehen, auf einem Barber reitend und gefolgt von einem alten Stallmeiſter, der ſo ſteif iſt, wie der Piquebube. Das iſt es nicht, was ich ſuche.“ ——— 0Q 13 „Ah! den ſucht der Herr nicht?“ ſprach Bis⸗ carros. 3 „Nein.“ „Nun, in Erwartung deſſen, welchen der Herr ſucht und der unfehlbar hier vorbeikommen muß, weil es nur eine Straße gibt, könnte der Herr bei mir eintreten und ſich und ſeine Gefährten erfriſchen.“ „Ich danke, ich kann nicht mehr, als Euch dan⸗ ken und Euch bitten, mir zu ſagen, wie viel Uhr es ſein mag.“ „Es ſchlägt ſo eben ſechs Uhr im Dorfe, mein Herr; hört Ihr den ſchweren Klang der Glocke 2 „Wohl. Nun noch einen letzten Dienſt, Herr Biscarros.“— „Mit Vergnügen.“ 3 „Sagt mir wenn es Euch gefällig iſt, wie ich 8 einen Nachen und einen Schiffer verſchaffen önnte.“ „Um über den Fluß zu ſetzen?“ „Nein, um darauf ſpazieren zu fahren.“ „Nichts leichter. Der Fiſcher, welcher mir meine Fiſche liefert.... Liebt Ihr Fiſche, mein Herr?“ fragte Biscarros in Form einer Parentheſe und zu ſeinem Gedanken zurückkehrend, den Fremden zu einem Abendbrod in ſeinem Gaſthauſe zu veranlaſſen. „Das iſt eine mittelmäßige Speiſe,“ antwortete der Fremde;„wenn der Fiſch jedoch gehörig gewürzt iſt, ſage ich nicht pfui.“ „Ich habe ſtets vortreffliche Fiſche, mein Herr.“ „Dazu wünſche ich Euch Glück. Kommen wir jedoch auf den zurück, welcher ſie Euch liefert.“ „Das iſt richtig. Um dieſe Zeit hat er ſein Tage⸗ werk vollbracht und ſitzt ohne Zweifel beim Eſſen. Ihr könnt von hier aus ſeine Barke an den Weiden, ganz da unten neben der Ulme, angebunden ſehen. Sein Haus iſt hinter jenem Weidengebüſche verborgen. Ihr findet ihn ſicherlich bei Tiſche.“ 14 „Ich danke, Meiſter Biscarros, ich danke,“ ſprach der Fremde, gab ſeinen Gefährten ein Zeichen, ihm zu folgen, ritt raſch nach den Bäumen zu und klopfte 5n bie bezeichnete Hütte. Die Frau des Fiſchers nete. Der Fiſcher ſaß, wie Meiſter Biscarros geſagt hatte, bei Tiſche. „Nimm Deine Ruder,“ ſprach der Reiter,„und folge mir. Es iſt ein Thaler zu verdienen.“ Der Fiſcher ſtand mit einer Haſt auf, welche zum Beweiſe diente, wie wenig freigebig der Wirth zum Goldenen Kalbe ſeine Händel mit ihm abſchloß. „Wollt Ihr nach Vayres hinab fahren?“ fragte er. „Nein. Ihr ſollt mich nur bis mitten in den Fluß führen und einige Minuten mit mir daſelbſt eiben.“ Der Fiſcher machte große Augen bei Auseinander⸗ ſetzung dieſer ſeltſamen Laune. Da aber ein Thaler zu verdienen war und er zwanzig Schritte hinter dem Reiter, welcher an ſeine Thüre geklopft hatte, die Ge⸗ ſichter ſeiner Gefährten erblickte, ſo machte er keine Schwierigkeiten, wobei er wohl bedachte, daß der Mangel an gutem Willen auf ſeiner Seite die Anwen⸗ dung der Gewalt herbeiführen würde, und daß er bei einem ſolchen Streite die angebotene Belohnung ver⸗ lieren müßte. Er erwiederte alſo ſchleunig dem Fremden, er ſtünde mit ſeiner Barke und ſeinen Rudern zu Dienſten. Die kleine Truppe rückte nun unmittelbar gegen den Fluß vor, und während der Fremde bis an den Rand des Waſſers ritt, hielt ſie auf der Höhe der Böſchung ſtille, und ſtellte ſich, ohne Zweifel aus Furcht vor einem Ueberfalle, ſo auf, daß ſie nach allen Seiten ſehen konnte. Von dem Punkte aus, wo die Truppe ſtand, konnte ſie zugleich die Ebene beherrſchen, 15 die ſich hinter ihr ausdehnte, und die Einſchiffung be⸗ ſchützen, die zu ihren Füßen vorging. Der Fremde, ein großer, blonder, bleicher junger Mann, von geſcheitem Geſichte, obgleich ein dunkler Kreis ſeine blauen Augen umgab und ein Ausdruck eyniſchen Charakters ſeine Lippen umſchwebte, der Fremde, ſagen wir, unterſuchte ſorgfältig ſeine Piſto⸗ len, ſteckte ſeine Muskete in das Bandelier, ließ einen langen Raufdegen in der Scheide ſpielen und heftete ſeine Blicke aufmerkſam auf das entgegengeſetzte Ufer, einen weiten Wiesgrund, der von einem Fußpfade durch⸗ ſchnitten war, welcher vom ſteilen Ufer des Fluſſes ausging und in gerader Linie nach dem Dorfe Iſon zulief, deſſen gebräunten Glockenthurm und weißlichen Rauch man in dem vergoldeten Dunſte des Abends erſchaute. Ebenfalls auf der andern Seite und ungefähr in der Entfernung von einer Viertelmeile erhob ſich rechts das kleine Fort Vayres. „Nun,“ ſprach der Fremde, welcher ungeduldig zu werden anfing, ſich an ſeine als Wachen aufgeſtellten Gefährten wendend,„kommt er? Seht Ihr ihn rechts oder links, hinten oder vorne erſcheinen?“ „Ich glaube,“ ſprach einer von den Männern, „ich ſehe eine ſchwarze Gruppe auf dem Wege von Iſon; aber ich bin meiner Sache noch nicht ganz gewiß, denn die Sonne blendet mich. Halt! ja, ja, ſo iſt es. Einer, zwei, drei, vier, fünf Männer; ein goldbordirter Hut und ein blauer Mantel. Es iſt der Bote, den wir erwarten; er hat ſich zu größerer Sicherheit ein Geleite mitgenommen.“ „Er hat Recht gehabt,“ antwortete phlegmatiſch der Fremde.„Nimm mein Pferd, Ferguzon.“ Derjenige, an welchen dieſer Befehl in einem halb freundſchaftlichen, halb gebietenden Tone gerichtet war, beeilte ſich zu gehorchen und ſtieg an der Böſchung hinab. Mittlerweile ſprang der Fremde vom Pferde, 16 warf in dem Augenblick, wo der Andere ſich ihm nä⸗ herte, demſelben den Zügel zu und ſchickte ſich an, in den Nachen zu gehen. 3 „Höre,“ ſprach Ferguzon und legte ihm ſeine Hand auf den Arm,„keine unnütze Verwegenheit, Cauvignacz bemerkſt Du die geringſte verdächtige Bewegung von Seiten Deines Mannes, ſo jage ihm eine Kugel in den Kopf. Du fiehſt, der liſtige Gevatter führt eine ganze Truppe mit ſich.“ „Ja, ſie iſt aber weniger ſtark als die unſerige. Außer der Ueberlegenheit des Muthes haben wir noch die der Anzahl, und es iſt ſomit nichts zu befürchten. Ahl es erſcheinen bereits ihre Köpfe.“ „Wie werden ſie es machen?“ ſprach Ferguzon, „fie können ſich keinen Nachen verſchaffen. Doch wohl, dort findet ſich einer wie durch ein Zauberwerk.“ „Es iſt der meines Vetters, des Fährmannes von Iſon,“ ſprach der Fiſcher, den dieſe Vorbereitungen ungemein zu intereſſiren ſchienen, während er jedoch zitterte, es könnte ein Seetreffen an Bord ſeiner Scha⸗ luppe und der ſeines Vetters ſtattfinden. „Gut, der Blaumantel ſchifft ſich ein,“ ſagte Fer⸗ guzon;„meiner Treue allein, ſtreng nach den Bedin⸗ gungen des Vertrags.“ 4 „Wir wollen ihn nicht warten laſſen,“ verſetzte der Fremde, ſprang ebenfalls in das Schiff und machte demn Fiſcher ein Zeichen, ſich an ſeinen Poſten zu be⸗ geben. 4 „Wohl aufgepaßt, Roland!“ rief Ferguzon, zu ſeinen klugen Ermahnungen zurückkehrend:„der Fluß iſt breit. Nahe Dich nicht zu ſehr dem entgegenge⸗ ſetzten Ufer, denn Du könnteſt eine Ladung von ihren Mus⸗ keten bekommen, die wir nicht zurückzugeben vermöch⸗ ten. Halte Dich, wenn es möglich iſt, dieſſeits der Abgränzungslinie.“ 1. Derjenige, welchen Ferguzon bald Roland, bald Cauvignae genannt hatte und der auf dieſe beiden 17 Namen antwortete, ohne Zweifel, weil der eine ſein Taufname, der andere ſein Familienname oder ſein Kriegsname war, machte ein Zeichen mit dem Kopf. „Du haſt nichts zu befürchten,“ ſprach er, nich dachte ſo eben daran: Unklugheiten zu begehen iſt gut für diejenigen, welche nichts einzuſetzen haben. Aber die Angelegenheit iſt zu vortheilhaft, als daß ich al⸗ berner Weiſe den Verluſt der Frucht wagen ſollte. Wird eine Unklugheit bei dieſer Gelegenheit begangen, ſo geſchieht es nicht von meiner Seite. Vorwärts, Schiffer!“ Der Fiſcher band ſein Seil los, ſtieß ſeinen lan⸗ gen Bootshaken in die Erde, und die Barke fing an ſich vom Ufer zu entfernen; zu gleicher Zeit ging die Schaluppe des Fährmannes von Iſon vom entgegen⸗ geſetzten Ufer ab. In der Mitte des Fluſſes war eine kleine Ver⸗ pfählung, die ſich drei Fuß über das Waſſer erhob, und darüber wehte eine weiße Fahne, welche den lan⸗ gen Transportſchiffen, die auf der Dordogne herab⸗ kamen, eine gefährliche Felsbank andeutete. Bei nie⸗ drigem Waſſerſtande konnte man ſogar die Oberfläche dieſer Felſen ſchwarz und glatt über dem Strome ſehen; in dieſem Augenblicke aber, wo die Dordogne voll war, deuteten nur die kleine Fahne und ein leich⸗ tes Strudeln des Waſſers die Gegenwart der Klip⸗ pen an. Ddie zwei Ruderer begriffen ohne Zweifel, daß hier die Zuſammenkunft der Parlamentäre ſtattfinden könnte, und lenkten ihre Fahrzeuge deshalb in dieſer Richtung. Der Fährmann von Iſon kam zuerſt an Ort und Stelle und band auf Befehl ſeines Paſſagiers hein Schiff an einen von den Ringen der Verpfäh⸗ ung. In dieſem Augenblick wandte ſich der Fiſcher, wel⸗ cher vom entgegengeſetzten Ufer abgefahren war, nach ſeinem Reiſenden um, in der Abſicht, deſſen Befehle Der Frauenkrieg. 1. 3 2 18 einzuholen; er war aber nicht wenig erſtaunt, als er in ſeiner Barke nur einen verlarvten und in ſeinen Mantel eingewickelten Menſchen fand. Die Angſt, welche ihn nie verlaſſen hatte, ver⸗ doppelte ſich jetzt und er fragte nur ſtammelnd die fremde Perſon um ihre Befehle. „Binde Deinen Kahn an dieſes Holz an,“ ſprach Cauvignac, die Hand nach einem von den Pfählen ausſtreckend,„ſo nahe als möglich, zu dem Schiffe je⸗ nes Herrn.“ Und ſeine andeutende Hand ging zu dem Herrn über, den der Fährmann von Iſon gebracht hatte. Der Ruderer gehorchte und durch die Strömung Bord an Bord gelegt, erlaubten die Barken den zwei Bevollmächtigten, folgende Unterredung zu eröffnen. - II. „Wie? Ihr ſeid verlarvt, mein Herr?“ fragte zu⸗ gleich erſtaunt und trotzig der mit dem Fährmann von Iſon Angekommene, ein dicker Mann von unge⸗ fähr fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, mit finſterem, ſtarrem Auge, dem eines Raubvogels ähn⸗ lich, mit grauwerdendem Schnurrbarte und Kinnbarte, der, wenn er keine Maske vorgenommen, wenigſtens ſeine Haare und ſein Geſicht ſo gut als möglich unter einem betreßten Hute und ſeine Kleider und ſeinen Körper unter einem langen blauen Mantel verborgen hatte. Die Perſon näher betrachtend, welche ihn ange⸗ redet hatte, konnte ſich Cauvignac nicht enthalten, ſein Sehennen durch eine unwillkürliche Bewegung zu ver⸗ rathen. „Nun, mein Herr?“ fragte der alte Edelmann, „was habt Ihr?“ 2A& AA 19 „Nichts, mein Herr; ich hätte beinahe das Gleich⸗ gewicht verloren. Aber ich glaube, Ihr erwieſet mir die Ehre, das Wort an mich zu richten; was ſagtet Ihr? „Ich fragte, warum Ihr verlarvt wäret?“ 4 „Die Frage iſt freimüthig und ich beantworte ſie mit derſelben Freimüthigkeit: ich habe mich verlarvt, um mein Geſicht zu verbergen.“ „Ich kenne es alſo?“ „Ich glaube nicht; aber hättet Ihr es einmal ge⸗ ſehen, ſo könntet Ihr es ſpäter wiedererkennen, was, wenigſtens meiner Meinung nach, völlig unnütz iſt.“ „Ihr ſeid offen, mein Herr.“ „Ja, wenn mir meine Offenheit keinen Schaden bringen kann.“ „Und dieſe Offenherzigkeit geht ſo weit, daß Ihr die Geheimniſſe Anderer enthüllt?“ 4„Za, wenn mir dieſe Enthüllung etwas einbringen ann. „Ihr treibt ein ſonderbares Geſchäft.“ .„Den Teufel, man thut, was man kann, mein Herr. Ich bin nach und nach Advocat, Arzt, Soldat und Parteigänger geweſen. Ihr ſeht, daß es mir nicht an Gewerben fehlt.“ „Und was ſeid Ihr gegenwärtig?“ „Ich bin Euer Diener,“ ſprach der junge Mann und verbeugte ſich mit geheuchelter Ehrfurcht. „Habt Ihr den fraglichen Brief?“ „Habt Ihr das verlangte Blanquett?“ „Hier iſt es.“ „Wollen wir austauſchen?“ „Noch einen Augenblick, mein Herr; Euere Rede gefällt mir, und ich wünſchte dieſes Vergnügen nicht ſobald zu verlieren.“ „Meine Rede gehört, wie ich ſelbſt, ganz Euch; plaudern wir alſo, wenn es Euch angenehm iſt.“ „Wollt Ihr, daß ich in Euern Nachen hinüber⸗ 3 20 komme, oder zieht Ihr es vor, in den meinigen zu ſteigen, damit wir in dem frei bleibenden Schiffe unſere Ruderer entfernt von uns halten können.“ 3 „ Unnöthig, mein Herr, Ihr ſprecht ohne Zweifel eine fremde Sprache?“ „Ich ſpreche Spaniſch.“. „Ich auch, plaudern wir alſo in dieſer Sprache, wenn es Euch beliebt.“ „Vortrefflich! Welcher Grund,“ fuhr der Edel⸗ mann fort, indem er ſich von dieſem Augenblicke an des verabredeten Idioms bediente,„welcher Grund bewog Euch, dem Herzog von Epernon die Untreue der fraglichen Dame zu enthüllen?“ „Ich wollte dieſem würdigen Herrn einen Dienſt leiſten und mich bei ihm in Gunſt ſetzen.“ „Ihr grollt alſo Fräulein von Lartigues?“ „Ich? ganz im Gegentheil, ich habe ſogar, ich muß es geſtehen, einige Verbindlichkeiten gegen ſie, und es würde mir ſehr leid thun, wenn ihr Unglück widerführe.“ 3 „Ihr habt alſo den Herrn Baron von Canolles zum Feinde?“ „Ich habe ihn nie geſehen, ich kenne ihn nur dem Rufe nach, und es iſt nicht zu leugnen, er beſitzt den eines galanten Cavaliers und eines braven Edelmannes.“ „Es iſt alſo nicht ein Beweggrund des Haſſes, der Euch zu Eurer Handlungsweiſe antreibt?“ 4„Pfui doch! wenn ich einen Haß gegen den Herrn Baron von Canolles hätte, ſo würde ich ihn bitten, ſich mit mir die Hirnſchale zu zerſchmettern oder die Gurgel abzuſchneiden, und er iſt ein zu galanter Mann, um je eine Partie dieſer Art auszuſchlagen.“ „Ich muß mich alſo an das halten, was Ihr mir geſagt habt.“ „Das wird, glaube ich, das Beſte ſein.“ „Wohl, Ihr habt den Brief, der zum Beweis für die Untreue von Fräulein von Lartigues dient, = Hier iſt er! es iſt, ohne Vorwurf, das zweite Mal, daß ich ihn zeige.“ Der alte Edelmann warf von ferne einen trau⸗ rigen Blick auf das feine Papier, durch welches die Charaktere durchſchienen. Der junge Mann entfaltete langſam den Brief. „Ihr erkennt wohl die Handſchrift, nicht wahr?“ „Ja. 3 „Dann gebt mir das Blanquett, und Ihr bekommt den Brief.“ „Sogleich! Erlaubt Ihr mir noch eine Frage?“ „Sprecht, mein Herr.“ Und der junge Mann machte den Brief wieder zu und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Wie habt Ihr Euch dieſes Billet verſchafft?“ „Das will ich Euch wohl ſagen.“ „Ich höre. „Es iſt Euch nicht unbekannt, daß die etwas ver⸗ ſchwenderiſche Regierung des Herzogs von Epernon dieſemn in Guienne große Verlegenheiten zugezogen at. „Weiter.“ „ Es iſt Euch nicht unbekannt, daß die furchtbar geizige Regierung von Herrn von Mazarin dieſem in der Hauptſtadt große Verlegenheiten zugezogen hat.“ „Was haben Herr von Mazarin und Herr von Epernon bei dieſer Sache zu thun?“ „Wartet: aus dieſen zwei entgegengeſetzten Re⸗ gierungen iſt ein Zuſtand der Dinge hervorgegangen, der ganz bedeutend einem allgemeinen Kriege gleicht, wobei Jeder Partei ergreift: Herr von Mazarin führt in dieſem Augenblick Krieg für die Königin; Ihr führt Krieg für den König; der Herr Coadjutor führt Krieg für Herrn von Beaufort; Herr von Beaufort führt Krieg für Frau von Montbazon; Herr von Laroche⸗ foucault führt Krieg für Frau von Longueville; der Herr Herzog von Orleans führt Krieg für Fräulein Soyon; das Parlament führt Krieg für das Volk; endlich hat man Herrn von Condé, der für Frankreich Krieg führte, in das Gefängniß geſteckt. Da ich nun wenig dabei gewinnen würde, wenn ich für die Köni⸗ gin, für den König, für den Herrn Coadjutor, für Herrn von Beaufort, für Frau von Montbazon, für Frau von Longueville, für Fräulein Soyon, für das Volk oder für Frankreich Krieg führte, ſo kam mir der Gedanke, keine Partei zu erwählen, ſondern der⸗ jenigen zu folgen, zu welcher ich mich für den Augen⸗ blick hingezogen fühle. Alles iſt daher bei mir eine Angelegenheit des Augenblicks. Was ſagt Ihr zu die⸗ ſem Gedanken?“ „Er iſt ſehr geiſtreich.“ „Ich ſammelte dem zufolge eine Armee; Ihr ſeht ſie am Ufer der Dordogne aufgeſtellt.“ „Fünf Mann, den Teufel!“ „Es iſt einer mehr, als Ihr ſelbſt habt, es wäre alſo ſehr Unrecht von Euch, ſie zu verachten.“ „Aeußerſt ſchlecht gekleidet,“ fuhr der alte Edel⸗ mann fort, welcher ſehr übler Laune und folglich im Zuge des Herabſetzens war. „Es iſt wahr,“ ſprach der Andere,„ſie gleichen ſehr den Gefährten von Falſtaff. Falſtaff iſt einer von meinen Bekannten, ein engliſcher Edelmann; aber dieſen Abend bekommen ſie neue Kleider, und wenn Ihr ſie morgen wieder trefft, werdet Ihr ſehen, daß es wirklich hübſche Burſche find.“ „Kommen wir auf Euch zurück; ich habe nichts mit Euren Leuten zu thun.“ 3 „Nun wohl, indeß wir Krieg auf meine Rech⸗ nung führten, begegneten wir dem Einnehmer des Bezirkes, welcher, den Beutel Seiner Majeſtät füllend, von Dorf zu Dorf ging. So lange nur noch eine einzige Steuer einzuziehen übrig blieb, gaben wir ihm ein treues Geleite, und als ich ſeinen Sack ſo dick wer⸗ 4 23 den ſah, hatte ich redlich geſtanden große Luſt, mich auf die Partei des Königs zu ſchlagen. Aber die Er⸗ eigniſſe verwickeln ſich teufelmäßig: eine Bewegung übler Laune gegen Herrn von Mazarin, die Klagen, die wir von allen Seiten gegen den Herrn Herzog von Epernon hörten, machten, daß wir in uns gin⸗ gen. Wir dachten, es wäre Gutes, viel Gutes bei der Sache der Prinzen, und meiner Treue! wir er⸗ griffen ſie mit allem Eifer. Der Einnehmer ſchloß ſeine Runde mit dem vereinzelten Häuschen, das Ihr da unten halb unter Pappeln und Adamsfeigenbäumen verborgen ſeht.“ „Das von Nanon!“ murmelte der Edelmann,„ja, ich ſehe es!“ 3 „Wir lauerten auf ihn, als er heraus kam, wir folgten ihm, wie wir es ſeit fünf Tagen thaten, wir ſetzten etwas unterhalb Saint⸗Michel mit ihm über die Dordogne, und als wir mitten im Fluſſe waren, theilte ich ihm unſere politiſche Bekehrung mit und lud ihn mit aller Höflichkeit, der wir fähig find, ein, uns das Geld zuzuſtellen, welches er bei ſich hatte. Könnt Ihr wohl glauben, mein Herr, daß er ſich weigerte? Meine Gefährten durchwühlten nun ſeine Taſchen, und da er ſchrie, daß ein Scandal daraus hätte entſtehen können, ſo bedachte mein Lieutenant, ein Junge voll Mittel, derjenige, welchen Ihr da un⸗ ten in einem rothen Mantel und mein Pferd an der Hand haltend erblickt, er bedachte, ſage ich, daß das Waſſer die Luftſtrömungen auffange und eben dadurch die Fortſetzung des Schalles unterbreche; es iſt dies ein phyſikaliſcher Grundſatz, den ich in meiner Eigen⸗ ſchaft als Arzt begriff und beifällig aufnahm. Derje⸗ nige alſo, welcher den Vorſchlag gemacht hatte, zog den Kopf des Widerſpänſtigen gegen den Fluß und hielt ihn einen Fuß unter dem Waſſer, nicht weiter. Der Einnehmer ſchrie nicht mehr, oder beſſer geſagt⸗ man hörte ihn wenigſtens nicht mehr ſchreien. Wir 1 8 24 konnten uns alſo im Namen des Prinzen alles Geldes bemächtigen, das er bei ſich führte, und eben ſo auch der Correſpondenz, die man ihm übergeben hatte. Ich gab das Geld meinen Soldaten, welche, wie Ihr ſehr richtig bemerktet, deſſelben bedurften, um ſich neu zu equipiren, und behielt die Papiere, dieſes unter an⸗ deren. Es ſcheint, der brave Einnehmer diente Fräu⸗ lein von Lartigues als galanter Mercur.“ „In der That,“ murmelte der alte Edelmann,„es war, wenn ich mich nicht täuſche, eine Creatur von Nanon: und was iſt aus dieſem Elenden geworden?“ „Ah, Ihr ſollt ſehen, ob wir wohl gethan haben, dieſen Elenden, wie Ihr ihn nennt, in das Waſſer zu tauchen; ohne dies hätte er ſicherlich die ganze Erde in Aufruhr gebracht; denn denkt Euch, als wir ihn aus dem Fluſſe zogen, war er, obgleich er kaum eine Viertelſtunde darin verweilt hatte, vor Wuth ge⸗ ſtorben.“ „Und Ihr habt ihn ohne Zweifel abermals hinein⸗ getaucht?“ „Wie Ihr ſagt.“ „Aber wenn der Bote ertränkt worden iſt?“ „Ich habe nicht geſagt, er wäre ertränkt worden.“ „Streiten wir nicht über Worte: wenn der Bote todt iſt...“ „Ah, was das betrifft, ja wohl.“ 1 „So wird Herr von Canolles nicht in Kenntniß geſetzt worden ſein und folglich nicht zu dem Rendez⸗ vous kommen?“ Oh! nur Geduld, ich führe den Krieg gegen die Mächte und nicht mit Privatleuten. Herr von Ca⸗ nolles hat ein Duplikat von dem Briefe bekommen, der ihm Rendezvous gab. Nur glaubte ich, die eigene Handſchrift hätte einigen Werth und behielt ſie.“ „Was wird er denken, wenn er die Handſchrift nicht erkennt?“ æ̊ N AAn-d —— —— 8 2⁵ „Die Perſon, welche ihn zu ſehen wünſcht, habe ſich aus größerer Vorſicht der Hülfe einer fremden Hand bedient.“ Der Fremde betrachtete Cauvignac mit einer ge⸗ wiſſen Bewunderung, veranlaßt durch ſo viel, mit einer ſolchen Geiſtesgegenwart vermiſchte, Unverſchämt⸗ heit. Er wollte ſehen, ob es kein Mittel gäbe, dieſen kühnen Spieler einzuſchüchtern. „Aber die Regierung, aber die Nachforſchungen,“ ſagte er,„denkt Ihr nicht zuweilen daran?“ 1 „Die Nachforſchungen?“ verſetzte der junge Mann lachend, ah, ja wohl! Herr von Epernon hat etwas ganz Anderes zu thun, als Nachforſchungen anzuſtel⸗ len; und dann habe ich Euch nicht geſagt, daß das, was ich that, geſchehen ſei, um mich in Gunſt bei ihm zu ſetzen? Er wäre alſo ſehr undankbar, wenn er mir dieſe nicht bewilligte.⸗ „Ich verſtehe nicht ganz,“ erwiederte der alte Edelmann ironiſch.„Wie Euch, der Ihr nach Eurem eigenen Geſtändniſſe die Partei des Prinzen ergriffen habt, iſt der ſeltſame Gedanke gekommen, Herrn von Epernon einen Dienſt zu leiſten?“ „Das iſt die einfachſte Sache der Welt: die Ein⸗ ſicht der Papiere, welche ich bei dem Einnehmer vor⸗ fand, hat mich von der Reinheit der Abſichten des Königs überzeugt. Seine Majeſtät iſt völlig gerecht⸗ fertigt in meinen Augen, und der Herr Herzog hat tauſendmal Recht gegen die unter ſeiner Verwaltung Stehenden. Hier iſt alſo die gute Sache und des⸗ halb habe ich für die gute Sache Partei ergriffen.“ „Das iſt ein Räuber, den ich hängen laſſen werde, wenn er je in meine Hände fällt,“ brummte der alte Edelmann und zog dabei an den krauſen Haaren ſei⸗ nes Schnurrbarts. „Ihr ſagt?“ fragte Cauvignac, unter ſeiner Maske mit den Augen blinzelnd.. 26 „Nichts. Nun eine Frage: was werdet Ihr mit dem Blanquett machen, das Ihr von mir fordert?“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich einen Ent⸗ 4 ſchluß hierüber gefaßt habe. Ich forderte ein Blan⸗ quett, weil es die bequemſte, die tragbarſte, die ela⸗ ſtiſcſſte Sache der Welt iſt. Wahrſcheinlich werde ich es für irgend einen außerordentlichen Umſtand aufbe⸗ wahren; möglicher Weiſe verſchleudere ich es auch für die nächſte beſte Laune, die mir in den Kopf kommt; vielleicht lege ich es Euch ſchon vor dem Ende dieſer Woche vor; vielleicht gelangt es auch erſt in drei bis vier Monaten mit einem Dutzend von Indoſſenten wie ein in den Handel geworfener Wechſel zu Euch. Aber ſeid unbeſorgt, jedenfalls werde ich es nicht zu etwas mißbrauchen, worüber wir, Ihr und ich, zu erröthen haben. Man iſt im Ganzen Edelmann.“ „Ihr ſeid Edelmann?“ 3 „Ja, mein Herr, und zwar einer von den beſten.“ 4 „Dann laſſe ich ihn rädern,“ murmelte der Unbe⸗ kannte;„dazu ſoll ihm ſein Blanquett nützen.“ 3„Seid Ihr entſchloſſen, mir das Blanquett zu ge⸗ ben?“ fragte Cauvignac. „Ich muß wohl,“ antwortete der alte Edel⸗ mann „Ich nöthige Euch nicht, wohl verſtanden. Es iſt ein Tauſch, den ich Euch vorſchlage. Behaltet Euer Papier und ich behalte das meinige.“ „Den Brief?“ „Das Blanquett?“ Und er ſtreckte mit einer Hand den Brief aus, während er mit der andern eine Piſtole ſpannte. „Laßt Eure Piſtole in Ruhe,“ ſprach der Fremde und öffnete ſeinen Mantel,„denn ich habe auch Pi⸗ ſtolen, und zwar ebenfalls geſpannte.“ „Hier iſt Euer Brief.“ ——-— 8 8N AN R 9 27 Der Austauſch der Papiere wurde nun auf eine redliche Weiſe vorgenommen, und jede der beiden Par⸗ teien prüfte ſtillſchweigend, nach Muße und mit Auf⸗ merkſamkeit das, welches man ihr zugeſtellt hatte. „Nun, mein Herr,“ ſprach Cauvignac,„welchen Weg nehmt Ihr?“ „Ich muß auf das rechte Ufer des Fluſſes.“ „Und ich auf das linke,“ antwortete Cauvignac. „Wie wollen wir das machen? Meine Leute ſind auf der Seite, wohin Ihr wollt, die Eurigen auf der, wohin ich will.“ „Nichts iſt leichter. Schickt meine Leute in Eurem Nachen zurück, ich ſchicke Euch die Eurigen in mei⸗ nem. „Ihr habt einen raſchen, erfindungsreichen Geiſt.“ „Ich war zum Heerführer geboren.“ „Ihr ſeid es.“ 3 „Ah! das iſt wahr,“ ſprach der junge Mann,„ich hatte es vergeſſen.“ Der Fremde machte dem Fährmann ein Zeichen, ſeine Barke loszubinden und ihn auf das entgegenge⸗ ſetzte Ufer in der Richtung eines Gebüſches zu führen, das ſich bis an die Straße ausdehnte. Der junge Mann erwartete vielleicht irgend einen Verrath und erhob ſich halb, um ihm mit den Augen zu folgen, die Hand ſtets an die Krappe ſeiner Pi⸗ ſtole gelegt und bereit, bei der geringſten verdächtigen Bewegung Feuer auf den Fremden zu geben. Aber dieſer ließ ſich nicht einmal herbei, das Mißtrauen, deſſen Gegenſtand er war, zu bemerken, begann, dem jungen Manne mit einer wirklichen oder geheu⸗ chelten Sorgloſigkeit den Rücken zuwendend, den Brief zu leſen, und war bald völlig in die Lecture ver⸗ ſunken. „Erinnert Euch wohl des Augenblicks,“ ſprach Cauvignac,„es iſt morgen Abend um acht Uhr.“ 28 Der Fremde antwortete nicht, und ſchien ſogar nicht einmal gehört zu haben. „Ah,“ ſagte Cauvignac leiſe und mit ſich ſelbſt ſprechend, während er beſtändig den Kolben ſeiner Piſtole ſtreichelte,„bedenkt man, daß ich, wenn es mir gefiele, die Erbfolge des Gouverneur der Guienne öffnen und dem Bürgerkrieg Einhalt thun könnte! z Aber iſt der Herzog von Epernon todt, wozu ſoll 1 mir dann ſein Blanquett nützen, und iſt der Bürger⸗ G krieg geendigt, wovon ſolle ich leben? In der That, 3 es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß ich ein Narr d werde! Es lebe der Herzog von Epernon! Es lebe der Bürgerkrieg! Vorwärts, Schiffer, an Deine Ruder, wir wollen raſch nach dem rechten Ufer 1 ſteuern und dieſen würdigen Herrn nicht lange auf ſeine Escorte warten laſſen.“ 3 1 Eiien Augenblick nachher landete Cauvignac an dem linken Ufer der Dordogne, gerade in der Mi⸗ nute, wo der alte Edelmann ihm Ferguzon und ſeine fünf Banditen in dem Schiffe des Fährmannes von Iſon zurückſchickte. Er wollte ihm an Pünktlichkeit nicht nachſtehen und wiederholte ſeinem Schiffer den Befehl, die vier Leute des Unbekannten in ſeine Barke aufzunehmen und nach dem rechten Ufer zu führen. Mitten im Fluſſe begegneten ſich die zwei Truppen und grüßten einander höflich. Dann landete jede an dem Punkte, wo ſie erwartet wurde. Der alte Edelmann drang mit ſeiner Escorte in das Gehölze, das ſich von dem Ufer des Fluſſes nach der Landſtraße ausdehnte, und Cauvignac ſchlug an der Spitze ſeins Heeres den Weg nach Iſon ein. 1 III. Eine halbe Stunde nach der ſo eben von uns er⸗ zählten Scene öffnete ſich daſſelbe Fenſter, das ſo raſch geſchloſſen worden war, vorſichtig wieder, und auf das Gefimſe dieſes Fenſters lehnte ſich, nachdem er zuvor aufmerkſam rechts und links geſchaut hatte, mit dem Ellenbogen ein junger Menſch von ſechzehn bis achtzehn Jahren, in ſchwarzer Kleidung mit bauſchigen Manchetten an der Handwurzel. Ein Hemd von fei⸗ nem geſticktem Batiſt trat ſtolz aus ſeinem Leibrocke hervor und fiel wellenförmig auf ſeine mit Bändern überladenen Beinkleider. Seine kleine, zierliche, flei⸗ ſchige Hand zerknitterte ungeduldig damlederne, auf den Nähten geſtickte Handſchuhe. Ein perlgrauer Filz⸗ hut, der ſich an ſeinem Ende unter der Krümmung einer herrlichen blauen Feder bog, beſchattete ſeine langen Haare mit den goldenen Reflexen, welche auf eine wundervolle Weiſe ein ovales Geſicht mit weißer Hautfarbe, mit roſigen Lippen und ſchwarzen Brauen umgaben. Aber dieſes anmuthige Geſammtweſen, das aus dem jungen Manne einen der reizendſten Cavaliere machen mußte, war für den Augenblick durch einen Ausdruck übler Laune verdüſtert, welche ohne Zweifel von einer vergeblichen Erwartung herrührte, denn der junge Mann befragte mit ſeinen verweinten Augen die in der Ferne bereits in den Abendnebel ge⸗ tauchte Landſtraße. In ſeiner Ungeduld ſchlug er ſeine linke Hand mit den Handſchuhen. Bei dem Lärm, den er machte, ſchaute der Wirth, welcher ſeine Feldhühner vollends erayn hatte, empor, nahm ſeine Mütze ab und ragte: 3 „um welche Stunde werdet Ihr zu Nacht ſpeiſen, 1 gnädiger Herr, denn man erwartet nur Eure Befehle, um aufzutragen?“ „Ihr wißt wohl, daß ich nicht allein zu Nacht ſpeiſe, und daß ich einen Gefährten erwarte,“ verſetzte dieſer.„Wenn Ihr ihn kommen ſeht, könnt Ihr Euer Mahl auftragen laſſen.“ „Ah, mein Herr,“ antwortete Meiſter Biscarros, „es iſt nicht um Euren Freund zu tadeln, denn es ſteht ihm ſicherlich frei, zu kommen oder nicht zu kom⸗ men, aber ich halte es für eine ſchlechte Gewohnheit, auf ſich warten zu laſſen.“ „Es iſt nicht ſeine Gewohnheit, und ich ſtaune über dieſes Zögern.“ „Ich gehe weiter, ich ſtaune nicht nur, ſondern ich bekümmere mich darüber. Der Braten wird ver⸗ brannt ſein.“— „Nehmt ihn vom Spieße.“ „Dann wird er kalt ſein.“ „Setzt einen andern an das Feuer.“ „Er wird nicht gar werden.“ „Dann, mein Freund, macht es, wie Ihr wollt,“ ſprach der junge Mann, der ſich trotz ſeiner ſchlimmen Laune eines Lächelns über die Verzweiflung des Wir⸗ thes nicht erwehren konnte.„Ich überlaſſe die Sache ganz Eurer erhabenen Weisheit.“ „Es gibt keine Weisheit, und wäre es die des Königs Salomo,“ verſetzte der Wirth,„welche ein gewärmtes Mittagsbrod eßbar machen könnte.“ Und auf dieſes Ariom, das Boileau vierzig Jahre ſpäter in Verſe brachte, kehrte Biscarros, ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd, in ſein Haus zurück. Der Jüngling, als wollte er ſeine Ungeduld hin⸗ tergehen, zog ſich in ſein Zimmer zurück, ließ einen Augenblick ſeine Stiefeln auf dem Boden klingen und ging bei dem entfernten Geräuſche von Pferdetritten, das er gehört zu haben glaubte, abermals an das Fenſter. 31 „Endlich,“ rief er,„endlich iſt er da, Gott ſei gelobt!“ 7 Er ſah wirklich jenſeits des Gebüſches, wo die Nachtigall ſang, deren melodiſchen Tönen der junge Mann in ſeiner großen Unruhe ohne Zweifel keine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, den Kopf eines Rei⸗ ters erſcheinen. Zu ſeinem Erſtaunen aber erwar⸗ tete er vergebens, der Reiter würde auf dem Wege ausmünden. Der Ankömmling zog ſich nach rechts, drang in das Gehölze, oder vielmehr ſein Hut ſank in demſelben, ein ſicherer Beweis, daß er abgeſtiegen war. Einen Augenblick nachher gewahrte der Beobh⸗ achter durch die vorſichtig auf die Seite geſchobenen Zweige eine graue Kaſake und den Blitz von einem der letzten Strahlen der untergehenden Sonne, der ſich auf dem Laufe einer Muskete ſpiegelte. Der junge Mann blieb in Gedanken verſunken an ſeinem Fenſter. Der in dem Gehölze verborgene Rei⸗ ter war offenbar nicht der Gefährte, den er erwartete, und der Ausdruck von Ungeduld, der ſein Geſicht zu⸗ pmmenzog„ machte einem Ausdruck der Neugierde atz. Bald zeigte ſich ein zweiter Hut an der Bie⸗ gung der Straße: der junge Mann zog ſich ſo weit zurück, daß er nicht mehr geſehen werden konnte. Dieſelbe graue Kaſake, daſſelbe Manoeuvre des Pferdes, dieſelbe glänzende Muskete. Der Zweite richtete an den, welcher zuerſt gekommen war, einige Worte, welche unſer Beobachter der Entfernung wegen nicht hören konnte, und in Folge der Kunde, die ihm ſein Gefährte ohne Zweifel gab, drang er in die mit dem Gehölze parallel liegende Baumgruppe, ſtieg ebenfalls vom Pferde und wartete. 3 Von dem e Mann befand, ſe auerte ſich hinter einen Felſen benen Punkte, wo ſich der junge er den Hut über dem Felſen; ne⸗ 32 ben dem Hute funkelte ein leuchtender Punkt, es war das Ende des Musketenlaufes. Ein Gefühl unbeſtimmter Bangigkeit regte ſich in dem jungen Manne, der, immer mehr zurückweichend, die Scene beobachtete. „Oh, oh!“ fragte er ſich,„bin ich es, oder ſind es die tauſend Louisd'or, die ich bei mir trage, woran man ſich vergreifen will? Aber nein, vorausgeſetzt Richon kommt an, und ich kann mich dieſen Abend auf den Weg begeben, ſo gehe ich nach Libourne und nicht nach Saint⸗André⸗de⸗Cubzac. Folglich komme ich nicht an dem Orte vorüber, wo dieſe Burſche ſich verborgen halten. Wenn nur mein alter Pompée da wäre, ich könnte ihn um Rath fragen. Aber wenn ich mich nicht täuſche, ja, meiner Treuel hier erſchei⸗ nen noch zwei Männer, ſie ſtoßen zu den Andern. Ei, ei, das ſieht ganz aus, wie ein Hinterhalt.“ Der junge Mann machte abermals einen Schritt rückwärts. In dieſem Augenblick erſchienen wirklich zwei Menſchen an demſelben Punkte des Weges. Aber diesmal hatte nur einer von ihnen die graue Kaſake an. Der Andere ritt auf einem mächtigen Rappen, war in einen großen Mantel gehüllt, trug einen ver⸗ brämten Filzhut mit einer weißen Feder, und man ſah unter dem Mantel, den der Abendwind emporhob, eine reiche Stickerei glänzen, welche ſich über einen nacaratfarbigen Leibrock hinſchlängelte. Man hätte glauben ſollen, der Tag verlängere ſich, um dieſe Scene zu beleuchten, denn die letzten Strahlen der Sonne entzündeten, ſich aus einem von den ſchwarzen Wolkenlagern löſend, welche ſich zuwei⸗ len auf eine ſo pittoreske Weiſe am Horizont aus⸗ ſtrecken, plötzlich tauſend Rubine an den Fenſterſchei⸗ ben eines hübſchen Hauſes, das etwa hundert Schritte von dem Fluſſe lag, und ohne dieſes, verloren zwiſchen den Zweigen einer dichten Baumgruppe, von dem jun⸗ 33 gen Menſchen nicht bemerkt worden wäre. Dieſe Licht⸗ verſtärkung erlaubte wahrzunehmen, einmal, daß die Blicke der Spione ſich abwechſelnd dem Eingange des Dorfes und dem kleinen Hauſe mit den funkelnden Fenſterſcheiben zuwandten; dann, daß die grauen Ka⸗ ſaken die größte Achtung vor der weißen Feder zu ha⸗ ben ſchienen, mit der ſie nur mit entblößtem Haupte ſprachen, und endlich, daß eine Frau, als ſich eines von den erleuchteten Fenſtern öffnete, auf dem Balcon er⸗ ſchien, ſich einen Augenblick vorbeugte, als ob ſie ebenfalls Jemand erwartete, und dann, ohne Zweifel aus Furcht geſehen zu werden, wieder zurückkehrte. Zu gleicher Zeit ſenkte ſich die Sonne hinter den Bergen, und je mehr ſie ſich ſenkte, deſto mehr ſchien das Erdgeſchoß des Hauſes in den Schatten zu fallen, und die Fenſter allmählig verlaſſend, ſtieg das Licht auf das Schieferdach und verſchwand endlich, nachdem es noch einen Augenblick auf einem Bündel vergoldeter Pfeile geſpielt hatte, welche die Wetterfahne bildeten. Für jeden verſtändigen Geiſt gab es hier hinrei⸗ chend Andeutung, und auf dieſe Andeutung konnte man, wenn nicht Gewißheiten, doch wenigſtens Wahrſchein⸗ lichkeiten gründen. Es unterlag kaum einem Zweifel, daß dieſe Men⸗ ſchen das kleine vereinzelte Haus bewachten, auf deſ⸗ ſen Balcon ſich einen Augenblick eine Frau gezeigt hatte. Es unterlag kaum einem Zweifel, daß dieſe Frau und dieſe Männer eine und dieſelbe Perſon, aber in verſchiedenen Abſichten, erwarteten. Es war ferner wahrſcheinlich, daß dieſe Perſon durch das Dorf und folglich vor dem Gaſthauſe vorüberkommen mußte, das auf halbem Wege zwiſchen dem Dorfe und dem Gehölze lag, wie das Gehölze halbwegs des Gaſt⸗ hofes und des berührten kleinen Hauſes war. Es er⸗ ſchien endlich unzweifelhaft, daß der Reiter mit der weißen Feder der Anführer der Reiter mit den grauen Kaſaken war, und daß derfelbe aus dem Eifer zu Der Frauenkrieg. 1. 3 um weiter zu ſehen, entwickelte, von Eiferſucht getrieben und auf eigene Rechnung lauerte. In dem Augenblick, wo der junge Mann in ſei⸗ nem Innern dieſe Reihenfolge von Schlüſſen vollendete, die ſich an einander ketteten, wurde die Thüre ſeines Zimmers geöffnet, und Meiſter Biscarros trat ein. „Mein lieber Wirth,“ ſagte der junge Mann, ohne demjenigen, welcher zu ſo gelegener Zeit bei ihm ein⸗ trat, Zeit zu laſſen, den Beweggrund ſeines Beſuches zu erklären, einen Beweggrund, den er überdies errieth, „mein lieber Wirth, kommt hieher und ſagt mir, wenn meine Frage keine Unbeſcheidenheit iſt, wem jenes kleine Haus gehört, welches man da unten wie einen weißen Punkt mitten unter den Pappeln und Adamsfeigenbäumen erblickt?“ Der Wirth folgte mit den Augen der Richtung des Zeigefingers und erwiederte, ſich an der Stirne kratzend, mit einem Lächeln, das er ſpöttiſch zu ma⸗ chen ſuchte: „Meiner Treue, bald dem Einen, bald dem An⸗ dern,.. Euch, wenn Ihr einen Grund habt, die Ein⸗ ſamkeit zu ſuchen, mag es Euer Wunſch ſein, Euch lbß zu verbergen, oder irgend Jemand ſonſt zu ver⸗ ergen.“. Der Jüngling erröthete.. „Aber wer bewohnt gegenwärtig dieſes Haus?“ fragte er. „Eine junge Dame, die ſich für eine Wittwe aus⸗ gibt, und die der Schatten ihres erſten und vielleicht auch ihres zweiten Gatten von Zeit zu Zeit beſucht. Nur iſt Eines zu bemerken: dieſe zwei Schatten ver⸗ ſtändigen ſich ohne Zweifel unter einander und kom⸗ men nie zu gleicher Zeit.“ 3 „Und ſeit wann,“ fragte lächelnd der junge wie es ſcheint, ſo bequeme Haus?“ ſchließen, den er, ſich in ſeinen Steigbügeln erhebend, 8 f 1 k I 3 3 Mann,„bewohnt die ſchöne Wittwe das vereinzelte, . —————,——, ͤ—— — 35 „Seit ungefähr zwei Monaten. Sie lebt indeſ⸗ ſen ſehr zurückgezogen, und ich glaube, es kann ſich Niemand rühmen, ſie ſeit dieſen zwei Monaten ge⸗ ſehen zu haben; denn ſie geht äußerſt ſelten aus, und wenn ſie ausgeht, nur verſchleiert. Eine reizende kleine Kammerfrau kommt jeden Morgen zu mir und beſtellt die Speiſen für den Tag: man bringt ſie zu ihr, ſie empfängt die Platten in der Haus⸗ flur, bezahlt die Rechnung reichlich und ſchließt die Thüre unmittelbar vor der Naſe des Kellners. Die⸗ ſen Abend zum Beiſpiel findet dort ein Mahl ſtatt und für fie bereitete ich die Wachteln und Feldhühner, die Ihr mich habt rupfen ſehen.“ „Und wem gibt ſie Abendbrod?“ „Ohne Zweifel einem von den zwei Schatten, von denen ich vorhin ſprach.“ „Habt Ihr zuweilen dieſe zwei Schatten geſehen?“ „Ja, aber nur vorüberkommen, wenn die Sonne untergegangen war, oder am Morgen, ehe der Tag graute.“ „Ich bin darum nicht minder überzeugt, daß Ihr ſie wahrnehmen mußtet, mein lieber Herr Biscarros, denn bei dem erſten Worte, das Ihr ſprecht, ſieht man, daß Ihr ein Beobachter ſeid. Laßt hören, was habt Ihr Beſonderes an dem Weſen dieſer zwei Schat⸗ ten wahrgenommen?“ „Der eine iſt der eines Mannes von ſechzig bis fünfundſechzig Jahren, und dieſer ſieht mir aus, als wäre er der des erſten Gatten, denn er kommt wie ein Schatten, welcher des rechtlichen Vorzugs zur Zeit ſicher iſt. Der andere iſt der eines jungen Mannes von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren. Die⸗ ſer iſt, ich muß es geſtehen, etwas ſchüchterner und hat ganz das Ausſehen einer gefolterten Seele. Ich wollte auch wetten, es iſt der des zweiten Gatten.“ „Um welche Zeit ſollt Ihr dem Befehle gemäß das Abendbrod heute liefern?“ 36 „Um ucht Uhr.“ „Es iſt halb acht,“ ſprach der junge Mann, eine ſehr ſchöne Uhr, die er bereits wiederholt um Rath gefragt hatte, aus ſeiner Taſche ziehend.„Ihr habt alſo keine Zeit zu verlieren.“ „Oh, ſeid unbeſorgt, es wird bereit ſein. Ich kam nur herauf, um von dem Eurigen zu ſpre⸗ chen unde Euch zu ſagen, daß ich es völlig wieder angefangen habe. Da Euer Gefährte ſo lange zö⸗ gert, ſo macht nur, daß er erſt in einer Stunde kommt.“ „Hört, mein lieber Wirth,“ ſprach der junge Cavalier mit der Miene eines Menſchen, für den die wichtige Angelegenheit eines pünktlich aufgetragenen Mahles nur eine ſecundäre Sache iſt,„quält Euch nicht wegen unſeres Abendbrodes, ſelbſt wenn die Perſon, die ich erwarte, käme, denn wir haben mit einander zu reden. Iſt das Eſſen nicht bereit, ſo ſprechen wir vorher, iſt es bereit, ſo ſprechen wir nachher.“ „In der That, mein Herr,“ ſagte der Wirth,„Ihr ſeid ein ſehr gefälliger Edelmann, und da Ihr Euch auf mich verlaſſen wollt, ſo werdet Ihr gewiß auch mit mir zufriedea ſein.“ Biscarros machte hienach eine tiefe Verbeugung, welche der junge Mann mit einem leichten Zeichen des Kopfes erwiederte, und er trat ab. „Und nun begreife ich Alles,“ ſagte der junge Mann zu ſich ſelbſt und nahm neugierig wieder ſei⸗ nen Poſten am Fenſter ein.„Die junge Dame erwar⸗ tet irgend Einen, der von Libourne kommen muß, und die Männer im Gehölze beabſichtigen den Gaſt anzu⸗ gehen, ehe dieſer Zeit gehabt hat, an die Thüre zu lopfen.“ In derſelben Minute und gleichſam um die Vor⸗ herſehungen unſeres ſcharfſichtigen Beobachters zu recht⸗ feigen, ließ ſich der Tritt eines Pferdes auf der Lin⸗ 37 ken vernehmen. Raſch wie der Blitz ſondirte das Auge des jungen Mannes das Gehölze, um das Benehmen der im Hinterhalte liegenden Leute zu beobachten. Ob⸗ gleich die Nacht bereits die Gegenſtände in einer Halb⸗ dunkelheit zu vermengen anfing, kam es ihm doch vor, als ſchöben die Einen die Zweige auf die Seite, während die Andern ſich erhoben, um über die Felſen zu ſchauen, und Alle ſich zu einer Bewegung vorberei⸗ teten, die ganz den Anſchein eines Ängriffes hatte. Zu gleicher Zeit drang ein hartes Geräuſch, wie das einer Muskete, welche man ſpannt, an ſein Ohr, und machte ſein Herz beben. Da wandte er ſich raſch nach der Seite von Libourne, ſuchte denjenigen zu er⸗ ſchauen, welchen dieſes mörderiſche Geräuſch bedrohte, und ſah, die Naſe im Wind, den Arm auf der Hüfte gerundet, auf einem völlig losgekoppelten Pferde im Trabe einen jungen Menſchen erſcheinen, deſſen mit weißem Atlaß ausgefüttertter Mantel anmuthig die rechte Schulter enthüllte. Von ferne erſchien dieſes Geſicht voll Eleganz, voll weicher Poeſie und freudigen Stolzes; von Nahem war es ein Antlitz mit feinen Linien, mit belebtem⸗Teint, mit glühendem Auge, mit einem Munde, halb geöffnet durch die Gewohnheit des Lächelns, mit zartem ſchwarzem Schnurrbart und kleinen weißen Zähnen. Ein triumphirendes Schwingen der Reit⸗ peitſche, ein kurzes Pfeifen, dem ähnlich, welches bei den Petits⸗maitres jener Zeit, nach dem Beiſpiele von Herrn Gaſton von Orleans, Mode war, machten voll⸗ ends aus dem Ankömmling den Cavalier nach den bei dem Hofe von Frankreich, welcher bei allen Höfen Eu⸗ ropa's bereits den Ton anzugeben begann, in Kraft ſtehenden Geſetzen. Fünfzig Schritte hinter ihm, und ein Pferd rei⸗ tend, deſſen Gang er nach dem des Pferdes ſeines Herrn regelte, kam ein ſehr anmaßender und aufge⸗ blaſener Lackei, welcher einen nicht minder ausgezeich⸗ 38 neten Rang unter den Bedienten, als ſein Herr unter den Edelleuten einzunehmen ſchien. Der ſchöne Jüngling, der an dem Fenſter des Gaſthofes ſtand, konnte ſich, ohne Zweifel noch zu jung, um kalt einer Scene, wie ſie ihm verheißen war, beizuwohnen, eines Bebens bei dem Gedanken nicht erwehren, daß die zwei Ungverleichlichen, welche ſo ſorglos und ſicher vorrtickten, aller Wahrſcheinlichkeit nach, zu dem Hinterhalte gelangend, der ihrer harrte, den Waffen ihre Feinde unterliegen ſollten. Ein raſcher Kampf ſchien ſich in ihm zwiſchen der Schüchternheit ſeines Alters und ſeiner Nächſtenliebe zu entſpinnen. Endlich gewann das edle Gefühl die Oberhand, und als der Reiter vor der Thüre des Gaſt⸗ hauſes vorüberzog, ohne auf ſeine Seite zu ſchauen, rief der junge Mann, einer raſchen Aufwallung, einem unwiderſtehlichen Entſchluſſe nachgebend, dem ſchönen Reiſenden zu: „Hollah! mein Herr, haltet an, wenn es Euch Heihel iſt, denn ich habe Euch etwas Wichtiges mit⸗ zutheilen.“ Bei dieſer Stimme und bei dieſen Worten hob der Reiter den Kopf emyor und hielt, als er den jungen Mann an dem Fenſter ſah, ſein Pferd mit ei⸗ ner Handbewegung an, die dem beſten Stallmeiſter Ehre gemacht hätte. 1 „Haltet Euer Pferd nicht an, mein Herr,“ fuhr der junge Mann fort,„nähert Euch mir im Gegentheil, als ob es ohne beſondere Abſicht geſchähe und wie wenn Ihr mich kennen würdet.“ Der Reiſende zögerte einen Augenblick; als er aber an der Miene desjenigen, welcher zu ihm ſprach, wahrnahm, daß er es mit einem jungen Edelmanne von guter Haltung und ſchönem Antlitz zu thun hatte, nahm er den Hut in die Hand und ritt lächelnd vor.* 39 „Hier bin ich zu Euern Dienſten, mein Herr,“ ſprach er,„was ſteht zu Befehl?“ „Kommt immer näher, mein Herr,“ fuhr der Un⸗ bekannte am Fenſter fort,„denn was ich Euch zu ſa⸗ gen habe, läßt ſich nicht laut ſagen. Setzt Euern Hut auf; man muß glauben, wir kennen uns ſeit langer nuinn und Ihr wollet mich in dieſem Gaſthauſe be⸗ uchen.“ i9. Mein Herr,“ ſprach der Reiſende,„ich begreife nicht.“ „Ihr werdet ſogleich begreifen. Mittlerweile be⸗ deckt Euch; kommt noch näher, immer näher; reicht mir die Hand. So iſt es gut. Ich bin entzückt, Euch zu ſehen. Nun überſchreitet dieſen Gaſthof nicht, oder Ihr ſeid verloren.“ „Was gibt es denn? In der That, Ihr erſchreckt mich,“ ſprach lächelnd der Reiſende. „hr begebt Euch in jenes kleine Haus, wo das Licht glänzt, nicht wahr?“ Der Reiter machte eine Bewegung.„Auf dem Wege nach jenem Hauſe aber, dort, wo ſich die Straße biegt, in dem düſteren Ge⸗ büſche haben ſich vier Menſchen in Hinterhalt gelegt und warten auf Euch.“ „Ah,“ ſprach der Reiter und ſchaute mit allen ſeinen Augen den kleinen, bleichen jungen Mann an, nah! Ihr ſeid Eurer Sache gewiß?“ „Ich habe geſehen, wie ſie nach einander ankamen, von ihren Pferden ſtiegen und ſich theils hinter den Bäumen, theils hinter den Felſen verbargen. Als Ihr ſo eben aus dem Dorfe herausrittet, hörte ich ſie ihre Musketen ſpannen.“ .„Gut!“ verſetzte der Reiter, welcher ebenfalls ſich zu beunruhigen anſing. „Ja, mein Herr, es iſt, wie ich Euch ſage,“ fuhr der junge Mann mit dem grauen Hute fort,„und wenn es heller wäre, vermöchtet Ihr ſie vielleicht zu ſehen und zu erkennen.“ 40 „Oh, ich brauche ſie nicht zu erkennen,“ ſprach der Reiſende;„ich weiß ſehr wohl, wer dieſe Menſchen find. Aber, wer hat Euch geſagt, mein Herr, daß ich in jenes Haus gehe und daß man auf mich lauert?“ „Ich habe es errathen.“ „Ihr ſeid ein reizender Oedipus. Ich danke Euch. Ah! man will mich alſo todt ſchießen! Wie viel Mann find es zu dieſer Operation?“ „Vier, von denen der eine der Führer zu ſein ſcheint. „Dieſer Führer iſt älter als die Andern, nicht wahr?“ „Ja, ſo viel ich von hier aus beurtheilen konnte.“ 9„Gebückt?“. „Weiße Feder, geſtickter Leibrock, brauner Man⸗ tel, ſonderbare, aber gebieteriſche Geberden.“ „Ganz richtig, es iſt der Herzog von Epernon.“ „Der Herzog von Epernon!“ rief der junge Edel⸗ ann „Ahl gut, ich erzähle Euch da meine Angelegen⸗ heiten,“ ſagte lachend der Reiſende;„doch gleichviel, Ihr leiſtet mir einen ſo wichtigen Dienſt, daß ich es nicht ſo genau nehme. Und wie ſind die Leute von ſeinem Gefolge gekleidet?“ „Graue Kaſaken.“ „Ganz richtig, das ſind ſeine Stockträger.“ ſind„Aus denen aber heute Musketenträger geworden nd. „Bei meiner Ehre, ſehr verbunden! Wißt Ihr nun, was Ihr jetzt thun ſolltet, mein edler Mann?“ „Nein, aber ſagt mir Euere Meinung, und wenn das, was ich thun ſoll, Euch dienen kann, ſo bin ich zum Voraus dazu geneigt.“ „Habt Ihr Waffen?“ „Ja, ich habe meinen Degen.“ „Habt Ihr Euern Bedienten?“ 4 ——— —— 8* RN 41 „Allerdings, aber er iſt nicht hier, ich habe ihn Einem, den ich erwarte, entgegen geſchickt.“ „Nun, yr ſolltet mir hülfreiche Hand leiſten.“ „Wozu?“ „Zum dieſe Elenden anzugreifen und ſie und ihren Führer um Gnade bitten zu laſſen.“ „Seid Ihr verrückt, Herr!“ rief der junge Mann in einem Tone, welcher bewies, daß er nicht im Min⸗ deſten zu einem ſolchen Unternehmen geneigt war. „In der That, ich bitte Euch um Verzeihung,“ ſprach der Reiſende,„ich vergaß, daß Euch die Sache nichts angeht.“ Dann ſich gegen ſeinen Bedienten umwendend, welcher, da er ſah, daß ſein Herr anhäelt, die gehö⸗ nige Entfernung beobachtend, ebenfalls angehalten hatte, agte er: „Caſtorin, komm' hieher.“ 8u gleicher Zeit legte er die Hand an die Holfter ſeines Sattels, als wollte er ſich des guten Zuſtan⸗ des ſeiner Piſtolen verſichern. „Ah, Herr!“ rief der junge Edelmann und ſtreckte den Arm gleichſam uͤm ihn zurückzuhalten aus:„Herr, im Namen des Himmels! wagt Euer Leben nicht bei einem ſolchen Abenteuer. Tretet vielmehr in den Gaſthof ein, um bei demjenigen, welcher Euerer harrt, keinen Verdacht zu erwecken. Bedenkt, es handelt ſich um die Ehre einer Frau.“ „Ihr habt Recht,“ ſprach der Reiter,„obgleich es ſich bei dieſem Verhältniß nicht gerade um die Ehre, ſon⸗ dern um das Glück handelt. Caſtorin, mein Freund,“ fuhr er, ſich an ſeinen Lackeien wendend, fort,„wir gehen für den Augenblick nicht weiter.“ „Wie!“ rief Caſtorin, in ſeinen Hoffnungen bei⸗ nahe eben ſo ſehr getäuſcht, wie ſein Gebieter,„was ſagt der gnädige Herr?“ „„Ich ſage, Mademoiſelle Francinette werde dieſen Abend des Glückes Dich zu ſehen beraubt ſein, weil 42 wir die Nacht im Gaſthofe zum Goldenen Kalbe zu⸗ bringen. Gehe alſo hinein, beſtelle mir Abendbrod und laß' mir ein Bett bereiten.“ Und da der Reiter ohne Zweifel bemerkte, daß Caſtorin Einwendungen machen wollte, begleitete er die letzten Worte mit einer Bewegung des Kopfes, die keine längere Erörterung zuließ. Caſtorin verſchwand unter der großen Thüre, das Ohr geſenkt und ohne daß er ein einziges Wort mehr wagte. Der Reiſende folgte Caſtorin einen Augenblick mit den Augen, ſchien dann, nachdem er nachgedacht hatte, ſeinen Entſchluß zu faſſen, ſtieg ab, ging hinter ſeinem Lackeien durch das Thor, warf ihm die Zügel ſeines Pferdes zu und war milswei Sprüngen vor dem Zimmer des jun⸗ gen Edelmannes, der, als er plötzlich ſeine Thüre auf⸗ gehen ſah, ſich einer Bewegung des Erſtaunens ver⸗ miſcht mit Furcht nicht erwehren konnte, welche jedoch der Ankömmling wegen der Dunkelheit nicht wahrnahm. „Alſo,“ ſprach der Reiſende, ſich heiter dem jun⸗ gen Manne nähernd und herzlich eine Hand ſchüt⸗ telnd, die man ihm nicht reichte,„alſo es iſt abge⸗ macht, ich verdanke Euch das Leben.“ „Ah, Herr, Ihr übertreibt den Dienſt, den ich Euch geleiſtet habe,“ entgegnete der Jüngling und machte einen Schritt rückwärts. „Nein, keine Beſcheidenheit, es iſt, wie ich Euch ſage. Ich kenne den Herzog: er iſt roh wie der Teu⸗ fel! Ihr aber ſeid ein Muſter von Scharfſichtigkeit, ein Phönix chriſtlicher Menſchenfreundlichkeit. Doch ſagt mir, Ihr, der Ihr ſo liebenswürdig, ſo mitlei⸗ dig ſeid, habt Ihr Eure Güte ſo weit getrieben, daß Ihr Kunde bis in das Haus gelangen ließet?“ „In welches Haus?“ „ In das Haus, wohin ich mich begab, wo man mich erwartet.“ „Nein,“ ſprach der junge Mann,„ich geſtehe, ich dachte nicht daran, und hätte ich auch daran gedacht, „2„—J——·—-⸗ ——.————= 1 8—A XNKAG 8=— 43 ſo wären mir doch keine Mittel zu Gebot geſtanden. Ich bin ſelbſt erſt ſeit zwei Stunden hier und kenne Niemand in jenem Hauſe.“ „Ah! Teufel!“ rief der Reiſende mit einer Be⸗ wegung der Unruhe.„Arme Nanon, wenn Ihr nur nichts geſchieht!“ „Nanon! Nanon von Lartigues!“ rief der junge Mann erſtaunt. „Ah! Ihr ſeid ein Zauberer?“ ſprach der Reiſende. „Ihr ſeht Menſchen ſich an der Straße in Hinterhalt legen und errathet, an wen ſie ſich machen wollen. Ich ſage Euch einen Taufnamen und Ihr errathet den Familiennamen. Erklärt mir dies geſchwinde, oder ich zeige Euch an und laſſe Euch von dem Parlament von Bordeaux zum Scheiterhaufen verurtheilen.“ „ Diesmal werdet Ihr zugeſtehen,“ verſetzte der junge Mann,„daß es nicht viel Witz brauchte, um Euch auf die Fährte zu kommen. Sobald Ihr den Herzog von Epernon als Euern Nebenbuhler genannt hattet, war es offenbar, daß, wenn Ihr eine gewiſſe Nanon nanntet, dies die Nanon von Lartigues ſein mußte, die Schöne, die Reiche, die durch ihren Geiſt Glänzende, von der der Herzog bezaubert iſt und welche in ſeinem Gou⸗ vernement herrſcht, weshalb ſie von der ganzen Guienne beinahe eben ſo ſehr verflucht wird, als er ſelbſt. Und Ihr waret auf dem Wege zu dieſer Frau?“ fuhr der Jüngling mit dem Tone des Vorwurfs fort. „ Meiner Treuel ja, ich geſtehe es, und da ich ſie kinmal genannt habe, ſo verleugne ich fie nicht. Ueberdies wird Nanon mißkannt und verleumdet. Na⸗ non iſt eine reizende Perſon, ihren Verſprechungen äußerſt getreu, ſo lange ſie ein Vergnügen darin fin⸗ det, dieſelben zu halten, und demjenigen ganz ergeben, welchen ſie liebt, ſo lange ſie ihn liebt. Ich ſollte die⸗ ſen Abend mit ihr ſpeiſen, aber der Herzog hat den Fleiſchtopf umgeworfen. Wünſcht Ihr, daß ich Euch morgen Nanon vorſtelle? Was Teufels! der Herzog 44 with wohl früher oder ſpäter nach Agen zurückkehren müſſen.“ „Ich danke,“ erwiederte der junge Edelmann mit trockenem Tone.„Ich kenne Fräulein von Lartigues nur dem Namen nach und wünſche ſie nicht anders kennen zu lernen.“ „Ihr habt bei Gott Unrecht. Nanon iſt in jeder Beziehung ein gutes Mädchen.“ Der junge Mann faltete die Stirne. „Ah, um Vergebung,“ verſetzte der Reiſende er⸗ ſtaunt,„aber ich glaubte, in Eurem Alter.“ „Mein Alter iſt allerdings das, in welchem man dergleichen Vorſchläge gewöhnlich annimmt,“ verſetzte der Jüngling, als er die ſchlimme Wirkung bemerkte, welche ſein ſtrenges Weſen hervorbrachte,„und ich würde ihn ebenfalls gern annehmen, wäre ich nicht hier auf der Durchreiſe und genöthigt, meinen Weg noch in dieſer Nacht fortzuſetzen.“ Ohl bei Gott, Ihr werdet wenigſtens nicht gehen, bevor ich weiß, wer der edle Ritter iſt, der mir auf eine ſo zuvorkommende Weiſe das Leben gerettet hat.“ Der junge Mann ſchien zu zögern; dann nach einem Augenblick: „Ich bin der Vicomte von Cambes.“ „Ah, ah!“ rief der Andere,„ich hörte von einer reizenden Vicomteſſe von Cambes ſprechen, welche eine bedeutende Anzahl von Gütern rings um Bordeaux beſitzt und die Freundin der Frau Prinzeſſin iſt.“ leb /Das iſt meine Verwandtin,“ ſprach der Jüngling ebhaft. „Meiner Treue, ich mache Euch mein Compliment, Vicomte, denn man nennt ſie unvergleichlich. Ich hoffe, wenn mich die Gelegenheit in dieſer Hinſicht begün⸗ ſtigt, werdet Ihr mich derſelben vorſtellen. Ich bin der Baron von Canolles, Kapitän in Navailles, und benütze für den Augenblick einen Urlaub, den mir der r 45 Herzog von Epernon auf Empfehlung von Fräulein von Lartigues bewilligt hat.“ „Der Baron von Canolles!“ rief der Vicomte und ſchaute dieſen mit der ganzen Neugierde an, welche in ihm der in den galanten Abenteuern jener Zeit be⸗ rühmte Name erweckte. „Ihr kennt mich?“ ſprach Canolles. „Nur dem Rufe nach,“ antwortete der Vicomte. „Dem ſchlimmen Rufe nach, nicht wahr? Was wollt Ihr? Jeder folgt ſeiner Natur und ich, ich liebe das bewegte Leben.“ „Es ſteht Euch vollkommen frei, mein Herr, zu leben, wie es Euch zuſagt,“ erwiederte der Vicomte. „Erlaubt mir jedoch eine Bemerkung.“ „Welche?“ Es wird hier eine Frau furchtbar Euretwegen gefährdet, und der Herzog wird ſich dafür, daß er durch Euch hintergangen worden iſt, rächen.“ „Teufel! Ihr glaubt?“ „Allerdings, wenn auch eine... leichtſinnige ... Frau, iſt darum Nanon von Lartigues nicht min⸗ der Frau, und durch Euch compromittirt. Es iſt folg⸗ lich Eure Sache, über ihr zu wachen.“ „Ihr habt meiner Treue Recht, junger Neſtor, und ich vergaß bei dem Zauber Eurer Unterhaltung meine Pflichten als Edelmann. Wir werden verrathen worden ſein, und der Herzog weiß ohne Zweifel Alles. Wäre nur Nanon davon in Kenntniß geſetzt: ſie iſt ge⸗ ſchickt, und ich würde mich auf ſie verlaſſen, daß ſie es dahin brächte, daß der Herzog um Verzeihung bit⸗ ten müßte. Laßt hören, verſteht Ihr den Krieg, jun⸗ ger Mann?“ „Noch nicht,“ antwortete der Vicomte lachend; aber ich glaube da, wohin ich gehe, werde ich ihn n.“ „Wohl, eine erſte Lection! Ihr wißt, daß man 46 im guten Kriege, wenn die Kraft unnütz iſt, Liſt an⸗ wenden muß; helft mir alſo eine Liſt ausführen.“ „Gern. Aber ſprecht, auf welche Art?“ „Das Wirthshaus hat zwei Thüren.“ „Das weiß ich nicht.“ „Aber ich weiß es; eine geht auf die Landſtraße, die andere auf das Feld. Ich entferne mich durch diejenige, welche auf das Feld geht, beſchreibe einen Halbkreis und klopfe an das Haus von Nanon, wel⸗ ches ebenfalls eine Hinterthüre hat.“ „Ja, damit man Euch dort ertappt!“ rief der Werunnie„Ihr ſeid in der That ein guter Tak⸗ er. „Damit man mich ertappt?“ verſetzte Canolles. „Allerdings. Des Harrens müde, und da er Euch nicht wieder von hier herauskommen ſah, wird der Herzog nach dem Hauſe zurückgekehrt ſein.“ 4 3- ich gehe aber nur hinein und ſogleich wieder zurück. „Seid Ihr einmal innen, ſo kommt Ihr nicht wieder heraus.“ „Junger Mann,“ ſprach Canolles,„Ihr ſeid offen⸗ bar ein Zauberer.“ „Ihr werdet ertappt und vielleicht unter ihren Augen getödtet, das iſt das Ganze.“ „Bah!“ ſagte Canolles,„es gibt Schränke.“ „Oh!“ rief der Vicomte. Dieſes Oh!l wurde mit einem ſo beredten Tone ausge⸗ ſprochen, es enthielt ſo viele verſchleierte Vorwürfe, es lag darin ſo viel Schamhaftigkeit, ſo viel Zartgefühl, daß Canolles plötzlich inne hielt und trotz der Dunkelheit ſeinen durchdringenden Blick auf den jungen Mann heftete, der ſich mit dem Ellbogen auf das Fenſter⸗ gefimſe lehnte. Der Vicomte fühlte das ganze Gewicht dieſes Blickes und verſetzte mit heiterer Miene: 47 „Ihr habt im Ganzen Recht, Baron, geht; ver⸗ bergt Euch nur gut, damit man Euch nicht ertappt.“ „Nein, ich habe Unrecht,“ ſprach Canolles,„und Ihr habt Recht. Aber wie ſie benachrichtigen?“ „Es ſcheint mir, ein Brief...“ „Wer wird ihn zu ihr tragen?“ „Ich glaubte einen Lackeien bei Euch geſehen zu haben. Ein Lackei wagt unter ſolchen Umſtänden nur einige Stockſchläge, während ein Edelmann ſein Leben einſetzt.“ „Ich will meinen Kopf verlieren, wenn Caſtorin den Auftrag nicht vortrefflich vollzieht, um ſo mehr, als ich vermuthe, daß der Burſche ein Einverſtändniß im Hauſe hat.“ „„hr ſeht, daß ſich Alles auf dieſe Art ordnen läßt,“ ſprach der Vicomte. „Ja; habt Ihr Dinte, Papier und Feder?“ „Nein,“ ſagte der Vicomte,„doch es gibt da unten.“ „Um Vergebung,“ verſetzte Canolles,„aber in der That, ich weiß nicht, wie mir dieſen Abend geſchieht, und ich mache Dummheit auf Dummheit. Gleichviel⸗ ich danke für Euren guten Rath, Vicomte, und werde ihn ſogleich befolgen.“ Und ohne mit den Augen den jungen Mann zu verlaſſen, den er ſeit einigen Momenten mit beſonderer Beharrlichkeit prüfend anſchaute, erreichte Canolles die Thüre und ſtieg die Treppe hinab, während der Vi⸗ comte ſehr beunruhigt murmelte: hab„Wie er mich anſchaut: ſollte er mich erkannt aben!“ Canolles war indeſſen hinabgegangen, und nach⸗ dem er einen Augenblick als tief bekümmerter Mann die Wachteln, die Feldhühner und die Leckerbiſſen be⸗ trachtet hatte, welche Meiſter Biscarros ſelbſt in dem Tiſchkorbe auf dem Kopfe ſeines Küchengehülfen auf⸗ häufte, und die ein Anderer vielleicht eſſen ſollte, 48 obgleich ſie für ihn beſtimmt waren, fragte er nach dem Zimmer, das ihm Caſtorin hatte bereiten müſſen, ließ ſich Dinte, Feder und Papier bringen und ſchrieb folgenden Brief an Nanon: „Liebe Dame, „Hundert Schritte von Euerer Thüre könnt Ihr, wenn Euch die Natur die Fähigkeit verliehen hat, in der Nacht zu ſehen, in einer Baumgruppe den Herzog von Epernon erblicken, der mich erwartet, um mich todt ſchießen zu laſſen und Euch hernach furchtbar zu compromittiren. Aber ich wünſche eben ſo wenig das Leben zu verlieren, als Euch Euere Ruhe verlieren zu laſſen. Bleibt alſo im Frieden auf jener Seite. Ich, was mich betrifft, will ein wenig den Urlaub be⸗ nützen, den Ihr einſt unterzeichnen ließet, damit ich von meiner Freiheit Gebrauch mache, um Euch zu ſehen. Wohin ich gehe, weiß ich nicht, und ich weiß ſogar nicht, ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Wie dem ſein mag, ruft Euren Flüchtling zurück, ſobald der Sturm vorüber iſt. Man wird Euch im Gol⸗ denen Kalbe ſagen, welchen Weg ich eingeſchlagen habe. Hoffentlich werdet Ihr mir für das Opfer Dank wiſſen, das ich mir auferlege. Euere Intereſſen ſind mir theuerer, als mein Vergnügen. Ich ſage mein Vergnügen, denn es hätte mir Freude gemacht, Herrn von Epernon und ſeine Sbirren unter ihrer Verklei⸗ dung durchzuprügeln. Glaubt alſo, liebe Seele, daß ich Euer Ergebener und vor Allem ſehr Treuer bin.“ Canolles unterzeichnete, das von der gascogni⸗ ſchen Prahlerei, deren Wirkung auf die Gascognerin Nanon er kannte, ganz kochende Billet, rief dann ſei⸗ nen Bedienten und ſagte zu dieſem: „Hierher, Meiſter Caſtorin, und geſtehe offenherzig, wie weit Du mit Mademoiſelle Franeinette gekommen „Gnädiger Herr,“ antwortete Caſtorin ganz er⸗ — 49 fa über dieſe Frage,„ich weiß nicht, ob ich o„ „Sei unbeſorgt, Meiſter Dummkopf, ich habe keine Abſicht auf ſie, und Du haſt nicht die Ehre, mein Ne⸗ benbuhler zu ſein. Ich verlange von Dir nur eine einfache Auskunft.“. „Ahl dann iſt es etwas Anderes, gnädiger Herr. Mademoiſelle Francinette beſitzt Verſtand genug, um meine Eigenſchaften zu würdigen.“ 3 5 „Du ſtehſt alſo auf das Beſte mit ihr, Taugenichts? Sehr gut. Nimm dieſes Billet, umgehe den Wies⸗ grund...“ „ Ich weiß den Weg genau,“ ſprach Caſtorin mit einer anmaßenden Miene. „Das iſt richtig. Klopfe an der Hinterthüre; ohne Zweifel kennſt Du auch die Hinterthüre?“ „Allerdings.“ „Immer beſſer. Schlage dieſen Weg ein, klopfe an die Thüre und übergib dieſen Brief Mademoiſelle Francinette.“ „Ich kann alſo in dieſem Falle...“ rief Caſtorin freudig.„ „Du kannſt ſogleich abgehen und haſt zehn Mi⸗ nuten für den Gang hin und zurück. Dieſer Brief muß im Augenblick Fräulein Nanon von Lartigues übergeben werden.“ „Aber, gnädiger Herr,“ entgegnete Caſtorin, der ein mißliches Abenteuer roch,„wenn man mir die Thüre nicht öffnet?“ „So biſt Du ein Dummkopf; Du mußt doch eine beſondere Art des Anklopfens haben, bei der man ei⸗ nen artigen Menſchen nicht außen läßt; iſt es anders, ſo bin ich ein ſehr beklagenswerther Edelmann, daß 19 einen ſolchen Lumpenkerl in meinen Dienſten abe.“ „Ich habe meine Weiſe,“ erwiederte Caſtorin mit Der Frauenkrieg.. 4 50 ſeiner ſiegreichſten Miene.„Ich klopfe zuerſt zweimal in gleichen Zwiſchenräumen, dann zum dritten Male.“ „Ich frage Dich nicht, auf welche Weiſe Du klopfſt, gleichviel, wenn man Dir nur öffnet. Er⸗ wiſcht man Dich, ſo verſchlinge das Papier; thuſt Du es nicht, ſo ſchneide ich Dir bei Deiner Rückkehr die Ohren ab, wenn dies nicht bereits geſchehen iſt.“ Caſtorin ging wie der Blitz ab. Aber unten an der Treppe blieb er ſtille ſtehen und ſieckte das Billet, gegen alle Regel, oben in ſeinen Stiefel; dann ent⸗ fernte er ſich durch die Thöre des Geflügelhofes, machte einen langen Umkreis, wobei er durch das Gebüſch ſchlich wie ein Fuchs und über die Gräben ſetzte wie ein Windhund, klopfte an die geheime Thüre, auf die Weiſe, welche er ſeinem Gebieter zu erklären ver⸗ ſucht hatte, und dieſes Klopfen war auch ſo wirkſam, daß ſich ſogleich die Thüre öffnete. Zehn Minuten nachher kam Caſtorin, ohne daß ihm irgend etwas Mißliches begegnet war, zurück und meldete ſeinem Herrn, das Billet wäre in die ſchönen Hände von Fräulein Nanon übergeben worden. Canolles hatte dieſe zehn Minuten benützt, um ſeinen Mantelſack zu öffnen, ſeinen Schlafrock heraus⸗ zunehmen und ſich den Tiſch decken zu laſſen. Er hörte zu ſeiner großen Befriedigung den Bericht von Caſto⸗ rin, machte einen Gang in die Küche, gab mit lauter Stimme ſeine Befehle und gähnte unmäßig, wie ein Menſch, der ungeduldig den Augenblick des Schlafen⸗ gehens erwartet. Ließ der Herzog von Epernon ihn belauern, ſo ſollte er durch dieſes Manoeuvre auf den Glauben kommen, der Baron hätte nie die Abſicht ge⸗ habt, weiter als zu dem Gaſthauſe zu gehen, wohin er als ein einfacher und harmloſer Reiſender gekom⸗ men wäre, um Abendbrod und ein Nachtlager zu for⸗ dern. Dieſer Plan hatte wirklich das von dem Ba⸗ ron gewünſchte Reſultat; ein Menſch, der einem Bauern glich, trank in dem dunkelſten Winkel der Wirthoſtube, seeeeeeeee rief dem Kellner, bezahlte ſeine Zeche, ſtand auf und entfernte ſich ein Lied trällernd. Canolles folgte ihm an die Thüre und ſah, wie er ſich nach der Baum⸗ gruppe wandte. Zehn Minuten nachher hörte er den nuitt mehrerer Pferde: der Hinterhalt war aufge⸗ oben. Der Baron kehrte nun zurück, und da ſein Geiſt in Beziehung auf Nanon völlig frei war, ſo dachte er nur daran, den Abend auf die vergnüglichſte Weiſe zu⸗ zubringen. Er befahl demzufolge Caſtorin, Karten und Würfel bereit zu legen, und als hiefür geſorgt war, zu dem Vicomte von Cambes zu gehen und nachzufragen, ob er ihm wohl die Ehre erweiſen würde, ihn zu empfangen. Caſtorin gehorchte und fand auf der Schwelle des Zimmers einen alten Stallmeiſter mit weißen Haaren, welcher die Thüre halb geöffnet hielt und auf ſein Compliment mit einer verdrießlichen Miene ant⸗ wortete: „Unmöglich, der Herr Vicomte hat in dieſem Au⸗ genblick Geſchäfte.“ 3 „Sehr gut,“ ſprach Canolles,„ich werde warten.“ Und als er ein gewaltiges Geräuſch in der Ge⸗ gend der Küche vernahm, begab er ſich, um die Zeit zu tödten, dahin und ſah nach, was ſich in dieſem wichtigen Theile des Hauſes ereignete. Es war der arme Küchenjunge, welcher mehr todt als lebendig zurückkehrte. An der Biegung des Weges war er von vier Männern angehalten worden, die ihn über den Zweck ſeines nächtlichen Spazierganges be⸗ fragten, und als ſie hörten, er habe Abendbrod zu der Dame des vereinzelten Hauſes zu tragen, ihn ſeiner Mütze, ſeines weißen Wammſes und ſeiner Schürze be⸗ raubten. Der Jüngſte von den vier Männern zog ſo⸗ dann die Inſignien ſeines Standes an, ſtellte den Korb im Gleichgewicht auf ſeinen Kopf und ſetzte ſtatt des Küchenlehrlings den Weg nach dem kleinen Hauſe fort. Zehn Minuten nachher kehrte er zurück und beſprach ſich ganz leiſe mit demjenigen, welcher der Anführer der Truppe zu ſein ſchien. Dann gab man dem Kü⸗ chenjungen ſein Wamms, ſeine Mütze und ſeine Schürze zurück, ſetzte ihm ſeinen Korb wieder auf den Kopf und ertheilte ihm einen Fußtritt, um ihn in die Rich⸗ tung zu bringen, die er verfolgen ſollte. Mehr ver⸗ langte der arme Teufel nicht. Er lief aus Leibes⸗ kräften und ſiel halb todt vor Schrecken auf die Thür⸗ ſchwelle, wo man ihn aufhob. Dieſes Abenteuer war ſehr unverſtändlich für alle Welt, mit Ausnahme von Canolles. Da dieſer aber keinen Grund hatte, eine Erläuterung darüber zu ge⸗ ben, ſo ließ er Wirth, Kellner, Mägde und Küchen⸗ jungen ſich in Vermuthungen verlieren, und während ſie nach Kräften ſchwärmten, ging er zu dem Vicomte hinauf, öffnete in der Vorausſetzung, die erſte Anfrage, die er durch die Vermittelung von Caſtorin geſtellt hatte, überhebe ihn eines zweiten Schrittes dieſer Art, die Thüre ohne weitere Umſtände und trat ein. Eine beleuchtete und mit zwei Gedecken verſehene Tafel ſtand mitten im Zimmer und erwartete, um voll⸗ ſtändig zu ſein, nur die Platten, mit denen ſie ge⸗ ſchmückt werden ſollte. Canolles bemerkte dieſe zwei Gedecke und betrach⸗ tete dieſelben als ein freudiges Vorzeichen. Als aber der Vicomte ihn erblickte, ſtand er mit einer ſo ungeſümen Bewegung auf, daß man leicht ſehen konnte, der Beſuch habe den jungen Mann über⸗ raſcht und das zweite Gedecke ſei nicht, wie er ſich Anfangs geſchmeichelt hatte, für ihn beſtimmt. Dieſer Zweifel wurde durch die erſten Worte be⸗ ſtätigt, die der Vicomte an ihn richtete. „Darf ich wohl fragen, Herr Baron,“ ſagte dieſer, ſtets ceremoniös gegen ihn vorſchreitend,„welchem neuen Umſtande ich die Ehre Eures Beſuches zu ver⸗ danken habe?“ —,— 53 „Ei,“ erwiederte Canolles, etwas verblüfft durch dieſen ſonderbaren Empfang,„einem ganz natürlichen Umſtande. Ich bekam Hunger und dachte, Ihr müßtet auch bekommen haben. Ihr ſeid allein, ich bin auch allein und wollte die Ehre haben, Euch den Vorſchlag zu machen, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen.“ Der Vicomte ſchaute Canolles mit ſichtbarem Miß⸗ trauen an und ſchien einigermaßen in Verlegenheit zu ſein, wie er ihm antworten ſollte. „Bei meiner Ehre,“ ſprach Canolles lachend,„man ſollte glauben, ich machte Euch bange. Seid Ihr Malteſer⸗ ritter? Beſtimmt man Euch für die Kirche, oder hat Euch Eure Familie im Abſcheu vor den Canolles auf⸗ gezogen?2... Bei Gott, ich werde Euch nicht in einer Stunde zu Grunde richten, die wir mit einander bei Tiſche zubringen.“ „Ich kann unmöglich zu Euch hinab kommen, Baron.“ „Gut, ſo kommt nicht herab, aber da ich zu Euch herauf gekommen bin....“ „Noch viel unmöglicher, mein Herr. Ich erwarte Jemand.“ Diesmal wurde Canolles gleichſam aus dem Sat⸗ tel gehoben. 72 Ihr erwartet Jemand?“ ſprach Canolles. „Meiner Treue,“ ſagte Canolles nach kurzem Still⸗ ſchweigen,„meiner Treue, es wäre mir lieber, Ihr hättet mich meinen Weg fortſetzen laſſen, auf die Ge⸗ fahr, was mir auch begegnet ſein dürfte, ſtatt durch den Widerwillen, den Ihr gegen mich an den Tag legt, den Dienſt zu verderben, den Ihr mir leiſtetet, und wofür ich Euch nicht genug gedankt zu haben ſcheine.“ Der Jüngling erröthete, näherte ſich Canolles und ſprach mit zitternder Stimme: „Um Vergebung, mein Herr, ich begreife meine 54 ganze Unhöflichkeit, und wenn es nicht wichtige Ange⸗ legenheiten, Familienangelegenheiten wären, die ich mit der Perſon zu beſprechen habe, welche ich erwarte, ſo würde ich es mir zugleich zur Ehre und zum Ver⸗ Fnügen ſchätzen, Euch als Dritten zu empfangen, ob⸗ on....7 „Oh, vollendet,“ ſprach Canolles,„was Ihr mir auch ſagen möget, ich bin entſchloſſen, mich nicht dar⸗ über zu ärgern.“ „Obſchon,“ fuhr der junge Mann fort,„unſere Bekanntſchaft eine von den unvorhergeſehenen Wir⸗ kungen des Zufalls, eines von den ephemeren Ver⸗ hältniſſen iſt...“ „Und warum dies?“ fragte Canolles.„Auf dieſe Art ſchließen ſich im Gegentheil die langen und auf⸗ richtigen Freundſchaften. Man braucht nur der Vor⸗ ſehung aus dem, was Ihr dem Zufall zuſchreibt, ein Verdienſt zu machen.“ „Die Vorſehung, mein Herr,“ verſetzte der Vi⸗ comte lachend,„will, daß ich in zwei Stunden ab⸗ reiſe, und aller Wahrſcheinlichkeit nach einer der Eu⸗ rigen entgegengeſetzten Straße folge. Empfangt alſo mein ganzes Bedauern, daß ich nicht, wie ich es wünſchte, dieſe Freundſchaft annehmen kann, die Ihr mir auf eine ſo herzliche Weiſe bietet, und deren vol⸗ len Werth ich zu ſchätzen weiß.“ 3 „Meiner Treue,“ ſprach Canolles,„Ihr ſeid ein ſeltſamer Junge, und Euer edelmüthiges Weſen hatte mir Anfangs einen ganz andern Begriff von Eurem Charakter gegeben. Doch es mag ſein, wie Ihr es wünſcht. Ich habe allerdings nicht das Recht, For⸗ derungen zu ſtellen, denn ich bin Euch zu Dank verpflichtet, und Ihr habt viel mehr für mich gethan, als ich von einem Unbekannten zu erwarten befugt war. Ich kehre zurück, um allein zu Nacht zu ſpei⸗ ſen; aber in der That, Vicomte, es wird mir ſchwer, 55 denn das Selbſtgeſpräch gehört nicht zu meinen Ge⸗ wohnheiten.“ Ungeachtet deſſen, was Canolles geſagt hatte, und trotz des Entſchluſſes, ſich zu entfernen, den ſeine Worte ankündigten, zog er ſich nicht zurück. Irgend etwas, worüber er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, feſſelte ihn an den Boden. Er fühlte ſich unwiderſtehlich zu dem Vicomte hingezogen; aber dieſer nahm eine Kerze, näherte ſich Canolles, reichte ihm die Hand und ſprach mit einem reizenden Lächeln: „Mein Herr, wie es auch ſein mag, und ſo kurz unſer Zuſammentreffen auch geweſen iſt, ſo glaubt mir doch, daß es mich entzückt, wenn ich Euch zu irgend Etwas nützlich geweſen bin.“ Canolles ſah nur das Compliment: er nahm die Hand, die ihm der Vicomte darreichte und die, ſtatt den männlichen, freundſchaftlichen Druck zu erwiedern, ſich lau und zitternd zurückzog. Er begriff, daß, ſo umwickelt er auch mit einer höflichen Phraſe war, der Abſchied, den ihm der junge Mann gab, darum nicht minder als ein Abſchied betrachtet werden mußte, und entfernte ſich, völlig in ſeinen Hoffnungen getäuſcht und ganz in Ge⸗ danken verſunken. An der Thüre begegnete er dem zahnloſen Lä⸗ cheln des alten Dieners, der die Kerze aus den Hän⸗ den des Vicomte nahm, Canolles auf eine unterthä⸗ nige Weiſe bis an ſein Zimmer begleitete und dann ſogleich wieder zu ſeinem Herrn hinaufſtieg, welcher ihn oben an der Treppe erwartete. „Was macht er?“ faagte der Vicomte mit leiſer Stimme. „Ich glaube, er entſchließt ſich, allein zu Nacht zu ſpeiſen,“ antwortete Pompée. „Dann wird er nicht mehr heraufkommen.“ „Ich hoffe es wenigſtens.“ „Beſtelle die Pferde, Pompée, es iſt immerhin 56 gewonnene Zeit. Aber,“ fügte der Vicomte horchend bei,„was für ein Lärm iſt das?⸗. „Man ſollte glauben, es wäre die Stimme von Herrn Richon.“ „Und die von Herrn von Canolles.“ „Sie zanken ſich, wie es ſcheint.“ „Im GSegentheil, ſie erkennen ſich. Hört!“ „Wenn nur Richon nicht ſchwatzt!“ „Oh, es iſt nichts zu befürchten, er iſt ein um⸗ ſichtiger Mann.“ „Stille... Die zwei Horcher ſchwiegen, und man vernahm die Stimme von Canolles. „Zwei Gedecke, Meiſter Biscarros!“ rief der Baron⸗„zwei Gedecke! Herr Richon ſpeiſt mit mir.“ „Nein, wenn es Euch gefällig iſt,“ antwortete Richon.„Unmöglich!“ „Ahl Ihr wollt alſo allein zu Nacht ſpeiſen, wie der junge Edelmann.“ „Welcher Edelmann?“ „Der da oben.“ „Wie heißt er?“ „Vicomte von Cambes.“ „Kennt Ihr den Vicomte?“ „Bei Gott! er hat mir das Leben gerettet.“ „Er?“ „Ja, er.“ „Wie dies?“ „Speiſt mit mir zu Nacht, und ich erzähle Euch die Geſchichte während des Mahles.“ „Ich kann nicht; ich ſpeiſe mit ihm.“ „In der That, er erwartet Jemand.“ „Das bin ich, und da ich bereits zu ſpät komme, ſo erlaubt Ihr mir, daß ich Euch verlaße, nicht wahr, Baron?“ „Nein, Donner und Teufel! ich erlaube es nicht!“ — 57 rief Canolles.„Ich habe mir in den Kopf geſetzt, in Geſellſchaft zu ſpeiſen, und Ihr eßt mit mir oder 6 eſſe mit Euch. Meiſter Biscarros, zwei Ge⸗ decke!* Aber während Canolles ſich umwandte, um zu ſehen, ob dieſer Befehl vollzogen werde, hatte Richon die Treppe erreicht und ſtieg raſch die Stufen hinauf. Als er auf die letzte Stufe gelangte, begegnete ſeine Hand einer kleinen Hand, die ihn in das Zimmer des Vicomte von Cambes zog, deſſen Thüre ſich hinter ihm ſchloß und deren Verſchluß zu größerer Sicherheit noch durch zwei Riegel verſtärkt wurde. „In der That,“ murmelte Canolles, während er vergeblich mit ſeinen Augen den verſchwundenen Ri⸗ chon ſuchte und ſich an ſeinen einſamen Tiſch ſetzte,„in der That, ich weiß nicht, was man in dieſem ver⸗ fluchten Lande gegen mich hat. Die Einen laufen mir nach, um mich zu todten, die Andern fliehen mich, als ob ich die Peſt hätte. Beim Teufel, mein Appetit ſtirbt dahin. Ich fühle, daß ich traurig werde, und bin fähig mich zu betrinken, wie ein Landsknecht. Hollah, Caſtorin! hierher, damit ich Dich durchprügle. Sie ſchließen ſich da oben ein, als ob ſie ſich verſchwören wollten! Ah, doppelter Ochs, der ich bin, in der That, ſie conſpiriren! So iſt es: damit erklärt ſich Alles. Für wen aber conſpiriren ſie? für den Coadjutor, für die Prinzen, für das Parlament, für den König, für Herrn von Mazarin? Meiner Treue, ſie mögen con⸗ ſpiriren, für oder gegen wen ſie wollen, mir gleich⸗ viel, mein Appetit hat ſich wieder eingeſtellt. Caſto⸗ in, laß auftragen und ſchenke mir ein; ich verzeihe r." Und Canolles hielt ſich philoſophiſch an das erſte Abendbrod, das für den Vicomte von Cambes bereitet worden war und von Meiſter Biscarros, in Ermang⸗ lung neuer Mundvorräthe, ihm aufgewärmt ſervirt werden mußte.. Während der Baron von Canolles vergeblich ei⸗ nen Menſchen ſuchte, der ſein Abendbrod mit ihm thei⸗ len ſollte, und ſeiner fruchtloſen Nachforſchungen müde allein zu Nacht zu ſpeiſen ſich entſchloß, wollen wir ſehen, was bei Nanon vorging. Nanon, was ihre Feinde auch geſagt und geſchrie⸗ ben haben mögen, und unter die Zahl ihrer Feinde muß man die meiſten Schriftſteller rechnen, welche fi mit ihr beſchäftigten, war zu jener Zeit ein reizendes Geſchöpf von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jah⸗ ren, klein von Wuchs, mit brauner Haut, aber mit ge⸗ ſchmeidigem, anmuthigem Weſen, mit lebhaften, friſchen Farben, mit tiefſchwarzen Augen, deren durchſichtige Hornhaut in allen Regenbogenfarben, in allen Re⸗ flexen und Feuern ſpielte, wie die der Katzen. Hei⸗ teren Angeſichts, ſcheinbar lachend, war Nanon jedoch weit entfernt, ihren Geiſt allen Launen, allen Nichts⸗ würdigkeiten hinzugeben, welche mit tollen Arabesken den ſeidenen und goldenen Einſchlag ſticken, aus dem ge⸗ wöhnlich das Leben einer Petite⸗maitreſſe beſteht. Reif⸗ lich und lange in ihrem eigenſinnigen Kopfe abgewo⸗ gen, nahmen im Gegentheil die ernſthafteſten Erörter⸗ ungen ein im höchſten Maße verführeriſches, leuchten⸗ des Aeußere an, wenn ſie ſich durch ihre vibrirende Stimme mit dem ſtark gascogniſchen Accente verdol⸗ metſchten. Niemand hätte unter dieſer roſigen Maske mit den feinen, lachenden Zügen, unter dieſem glüh⸗ enden Blicke voll wollüſtiger Verſprechungen die un⸗ ermüdliche Beharrlichkeit, die unüberwindliche Stand⸗ haftigkeit und Tiefe des Staatsmannes errathen, und dennoch waren dies die Eigenſchaften oder die Fehler von Nanon, je nachdem man ſie von der Vorderſeite oder von der Rückſeite der Medaille betrachten will, dennoch war dies der berechnende Geiſt, das ehrgei⸗ e Genüi, dem ein Körper voll Eleganz als Hülle diente. Nanon war von Agen. Der Herr Herzog von „„—— r=o .“ Epernon, der Sohn des unzertrennlichen Freundes von Heinrich IV., desjenigen, welcher mit ihm im Wagen ſaß, in dem Augenblicke, wo ihn das Meſſer von Ra⸗ vaillac traf, und über welchem der Verdacht ſchwebte, der bis auf Catharina von Medicis zurückging, der Herzog von Epernon hatte, zum Gouverneur der Guienne ernannt, wo ihn ſein hochmüthiges Weſen, ſeine Anmaßungen und ſeine Erpreſſungen allgemein verhaßt machten, dieſes kleine Bürgermädchen, die Tochter eines einfachen Advokaten, ausgezeichnet. Er machte ihr den Hof und ſiegte mit großer Mühe und nach einer Vertheidigung, welche mit der Geſchicklich⸗ keit eines großen Taktikers ausgehalten wurde, der ſeinen Sieger den Preis des Sieges fühlen laſſen will. Aber als Löſegeld für ihren nun verlorenen Ruf beraubte Nanon den Herzog ſeiner Macht und ſeiner Freiheit. Nach Verlauf einer Verbindung von ſechs Monaten mit dem Gouverneur der Guienne war es wirklich ſie, welche die ſchöne Provinz regierte, und ſie gab mit Wucher allen denen, welche ſie einſt verletzt oder gedemüthigt hatten, die empfangenen Beleidigun⸗ gen zurück. Königin aus Zufall, wurde ſie Tyrannin aus Berechnung. Bei ihrem feinen Geiſte hatte ſie das Vorgefühl, daß man die wahrſcheinliche Kürze der Herrſchaft durch den Mißbrauch erſetzen müßte. S ie bemächtigte ſich demzufolge Alles deſſen, was in ihr Bereich kam, riß Schätze, Einfluß, Ehrenſtellen an ſich. Sie wurde reich, ſie ernannte zu Aemtern, und empfing die Beſuche von Mazarin und den erſten Herren des Hofes. Mit wunderbarer Geſchicklichkeit die verſchiedenen Elemente, über welche ſie zu verfügen hatte, zuſammenfaſſend, machte ſie ſich daraus ein ih⸗ rem Anſehen nützliches, ihrem Vermögen vortheilhaftes Amalgam. Jeder Dienſt, den Nanon leiſtete, hatte ſeinen beſtimmten Preis. Ein Grad im Heere, eine Stelle in der bürgerlichen Verwaltung, Alles war in einen Tarif gebracht. Nanon bewilligte einen ſolchen 60 Grad oder eine ſolche Stelle, aber man mußte ihr da⸗ für in ſchönem, gutem Gelde oder durch ein königliches Geſchenk Zahlung leiſten. Wenn ſie ſich ſo eines Bruchſtückes von Gewalt zum Vortheile irgend eines Menſchen entäußerte, ſo nahm ſie dieſts Bruchſtück un⸗ ter einer andern Form wieder ein. Sie gab die Gewelt⸗ behielt aber das Geld, das der Nerv da⸗ von iſt. Dies erklärt die Dauer ihrer Herrſchaft; denn die Menſchen zögern in ihrem Haſſe, einen Feind zu ſtür⸗ zen, dem noch ein Troſt bleibt. Die Rache will eine völlige Niederlage, ein gänzliches Zugrunderichten. Die Völker jagen ungerne einen Tyrannen fort, der ihr Gold mit ſich nehmen und lachend weggehen würde. Nanon von Lartigues beſaß zwei Millionen. Sie lebte auch mit einer Art von Sicherheit auf dem Vulcan, der beſtändig um ſie her bebte. Sie hatte gefühlt, wie der Volkshaß der Fluth ähnlich ſtieg, immer größer wurde und mit ſeinen Wellen die Gewalt von Herrn von Epernon peitſchte, der an ei⸗ nem Tage des Zorns von Bordeaux vertrieben, Na⸗ non mit ſich zog, wie die Barke dem Schiffe folgt. Nanon beugte ſich unter dem Sturme, bereit ſich wie⸗ der zu erheben, ſobald der Sturm vorübergegangen wäre. Sie nahm Herrn von Mazarin zum Mu⸗ ſter und trieb, eine demüthige Schülerin, von ferne die Politik des gewandten, geſchmeidigen Italieners. Der Cardinal bemerkte dieſe Frau, welche durch die⸗ ſelben Mittel, die aus ihm einen erſten Miniſter und den Beſitzer von fünfzig Millionen gemacht hatten, ſich vergrößerte und bereicherte. Er bewunderte die kleine Gascognerin; er that noch mehr, er ließ ſie gewäh⸗ ren. Man wird vielleicht ſpäter erfahren, warum. Deſſen ungeachtet und obgleich Einige, die ſich ſehr ut unterrichtet nannten, die Behauptung ausſprachen, fe ſtehe in unmittelbarem Briefwechſel mit Herrn von Mazarin, ſprach man doch wenig von den politiſchen .„= ͤ p-, 61 Intriguen der ſchönen Nanon. Canolles ſelbſt, der üͤbrigens hübſch, jung und reich, nicht begriff, daß man Intrigant zu ſein nöthig haben könnte, wußte nicht, woran er ſich in dieſer Beziehung zu halten atte. Was ihre Liebesintriguen betrifft, mag es nun ſein, daß Nanon, mit ernſteren Sorgen beſchäftigt, dieſe auf ſpätere Zeiten verſchob, mag der Lärm, den die Liebe von Herrn von Epernon für ſie machte, den Lärm gleichſam verſchlungen haben, den Liebſchaften zweiten Ranges hätten machen können, jedenfalls wa⸗ ren ſelbſt ihre Feinde nicht verſchwenderiſch an Scan⸗ dal gegen ſie geweſen, und in ſeiner perſönlichen und nationalen Eitelkeit, konnte Canolles mit einem ge⸗ wiſſen Rechte glauben, Nanon habe ſich vor ſeiner Ankunft unüberwindlich gezeigt. Wurde Canolles wirk⸗ lich der erſte Liebeserguß dieſes bis dahin nur dem Ehrgeize zugänglichen Herzens zu Theil, oder hatte die Klugheit ſeinen Vorgängern eine unbegrenzte Discretion gerathen, Nanon mußte als Geliebte ein reizendes Meis„Nanon mußte beleidigt eine furchtbare Feindin ein. 4 Die Bekanntſchaft von Nanon und Canolles hatte ſich auf die natürlichſte Weiſe gebildet. Canolles, Lieutenant im Regimente Navales, wollte Kapitän werden. Er mußte zu dieſem Behufe an Herrn von Epernon, den commandirenden General der Infanterie, ſchreiben. Nanon las den Brief, ſie antwortete wie gewöhnlich, im Glauben, ſie behandle eine Geſchäfts⸗ ſache, und bewilligte Canolles eine Zuſammenkunft in dieſem Sinne. Canolles wählte unter ſeinen Fami⸗ lienjuwelen einen prachtvollen Ring, der wenigſtens fünfhundert Piſtolen werth war. Es war dies immer noch minder theuer, als ſich eine Compagnie zu kau⸗ fen, und begab ſich ſodann zu dem Rendezvous. Aber der Sieger Canolles, dem ſein prunkendes Geleite von gutem Glück vorausging, brachte diesmal die Berech⸗ 62 nungen und das Beſteurungsweſen von Fräulein von Lartignes in Verwirrung. Es war das erſte Mal, daß er Nanon ſah, es war das erſte Mal, daß Nanon ihn ſah. Sie waren Beide jung, ſchön und geiſtreich. Die Zuſammenkunft ging in gegenſeitigen Artigkeiten hin, von dem Geſchäfte war nicht mit einer Sylbe die Rede, und dennoch wurde das Geſchäft abgemacht. Am andern Morgen erhielt Canolles ſein Kapitäns⸗ patent, und als der koſtbare Ring von ſeinem Finger an den von Nanon überging, war es nicht mehr der Preis des befriedigten Ehrgeizes, ſondern das Pfand glücklicher Liebe. Zu Erklärung des Aufenthaltes von Nanon in der Naähe des Dorfes Matifou wird die Geſchichte genü⸗ gen. Der Herzog von Epernon hatte ſich, wie wir erwähnten, in Guienne verhaßt gemacht. Nanon, der man die Ehre erwies, ſie in einen böſen Genius zu verwandeln, hatte ſich verwünſcht gemacht. Ein Auf⸗ ſtand verjagte Beide von Bordeaux und trieb ſie nach Agen. In Agen aber begann der Aufruhr abermals. Eines Tags warf man auf einer Brücke den vergol⸗ deten Wagen um, in welchem Nanon den Herzog ein⸗ holen ſollte. Nanon befand ſich, ohne daß man wußte wie, im Fluſſe, und Canolles zog ſie heraus. In ei⸗ ner Nacht brach in dem Hauſe von Nanon Feuer aus. Canolles drang bis in ihr Schlafzimmer und rettete ſie aus den Flammen. Nanon dachte, ein dritter Ver⸗ ſuch könnte den Bewohnern von Agen wohl gelingen. Obgleich Canolles ſich ſo wenig als möglich von ihr entfernte, ſo hätte er doch nur durch ein Wunder ſtets im beſtimmten Augenblicke bei ihr ſein können, um ſie der Gefahr zu entziehen. Sie benützte einen Abgang des Herzogs, der eine Runde in ſeinem Gouvernement verſuchen wollte, und eine Escorte von zwölfhundert Mann, von welcher ein Theil zu dem Regiment Na⸗ vales gehörte, um ſich aus der Stadt zu gleicher Zeit mit Canolles zu entfernen, wobei ſie aus dem Schlage — ö-, N— A=— AXAS dASͤ ——— 63 ihrer Carroſſe den Pöbel verhöhnte, der gern den Wa⸗ gen in Stücke geſchlagen hätte, aber nicht den Muth dazu beſaß. Dann wählten der Herzog und Nanon, oder Ca⸗ nolles hatte vielmehr insgeheim das kleine Landhaus gewählt, wo Nanon wohnen ſollte, bis man ihr ein Haus in Libourne eingerichtet haben würde. Canolles erhielt einen Urlaub, ſcheinbar um einige Familien⸗ angelegenheiten in der Heimath abzumachen, in Wirk⸗ lichkeit aber, um das Recht zu haben, ſein Regiment zu verlaſſen, das nach Agen zurückgekehrt war, und um ſich nicht zu weit von Matifou zu entfernen, wo ſeine beſchützende Gegenwart nothwendiger wurde, als je. Die Ereigniſſe begannen wirklich einen beunruhigenden Ernſt anzunehmen. Die Prinzen von Condé, von Conti und Longueville boten, am vorhergehenden 17. Januar verhaftet und in Vincennes eingeſperrt, den vier oder fünf Parteien, welche Frankreich zu dieſer Zeit theilten, einen vortrefflichen Vorwand zum Bür⸗ gerkriege. Der Widerwille des Volkes gegen den Herzog von Epernon, von dem man wußte, daß er ganz und gar dem Hofe angehörte, wuchs immer mehr, obgleich man vernünftiger Weiſe hätte hoffen ſollen, er könnte nicht mehr zunehmen. Eine von allen Parteien, welche in der ſeltſamen Lage, in der ſich Frankreich befand, nicht mehr wußten, woran ſie waren, gewünſchte Ka⸗ taſtrophe ſtand nahe bevor. Nanon verſchwand wie die Vögel, welche den Sturm kommen ſehen, vom Horizont und kehrte in ihr Blätterneſt zurück, um dunkel und unbekannt das Ereigniß abzuwarten. Sie gab ſich für eine Wittwe aus, welche die Ein⸗ ſamkeit ſucht: ſo hatte ſie, wie man ſich erinnern wird, Meiſter Biscarros bezeichnet. Herr von Epernon war alſo am Tage vorher zu der reizenden Einſiedlerin gekommen und hatte ihr an⸗ gekündigt, er würde zu einer Rundreiſe von acht Ta⸗ gen abgehen. Sobald er ſich entfernt hatte, ſchickte 64 Nanon durch den Einnehmer, ihren Günſtling, ein Wort an Canolles, der ſich, ſeinen Urlaub benützend, in der Gegend aufhielt. Nur verſchwand dieſes kleine Wort im Original, wie wir erzählt haben, unter den Händen des Boten, und es wurde daraus eine Einla⸗ dungsabſchrift von der Feder von Cauvignac. Der ſorgloſe Baron beeilte ſich, dieſer Einladung Folge zu leiſten, als ihn der Vicomte von Cambes vierhundert Schritte von ſeinem Ziele zurückhielt. Das Uebrige wiſſen wir. Nanon erwartete alſo Canolles, wie eine liebende Frau wartet, das heißt, zehnmal in der Minute ihre Ühr aus der Taſche ziehend, jeden Augenblick ſich dem Fenſter nähernd, auf jedes Geräuſche horchend und mit dem Blicke die rothe, glänzende Sonne befragend, welche hinter den Berg hinabſank, um dem erſten Schatten der Nacht Platz zu machen. Zuerſt klopfte man an die Vorderthüre, und ſie ſchickte haſtig Fran⸗ einette dahin. Aber es war nichts Anderes, als der vorgebliche Küchenjunge, welcher das Abendbrod brachte, wozu der Gaſt fehlte. Nanon tauchte ihre Blicke in das Vorzimmer und ſah den falſchen Boten von Meiſter Biscarros, welcher ſeinerſeits in das Schlafzimmer ſchaute, wo ein kleiner Tiſch mit zwei Gedecken bereit ſtand. Nanon empfahl Francinette, die Fleiſchſpeiſen warm zu halten, ſchloß traurig die Thüre und kehrte an ihr Fenſter zurück, das ihr, ſo viel man bei der den Dunkelheit ſehen konnte, eine leere Straße zeigte. Ein zweiter Schlag, ein Schlag beſonderer Art, erſcholl an der Hinterthüre und Nanon rief:„Er iſt es!“ Aber befürchtend, er könnte es abermals nicht ſein, blieb ſie unbeweglich mitten im Zimmer ſtehen. Einen Augenblick nachher öffnete ſich die Thüre, und Mademoiſelle Francinette erſchien, mit beſtürzter Miene, ſtumm und das Billet in der Hand haltend, auf der Schwelle. Die junge Frau erblickte das Papier, lief » 65 auf die Zofe zu, entriß ihr daſſelbe, öffnete es und las mit der größten Angſt. Nanon war wie vom Blitze getroffen. Sie liebte Canolles in hohem Maße, aber bei ihr war der Ehr⸗ geiz ein Gefühl, das der Liebe gleich kam, und wenn ſie den Herzog verlor, verlor ſie nicht nur ihr zukünf⸗ tiges Glück, ſondern vielleicht auch Alles, was ihr das frühere Glück gebracht hatte. Doch es war eine Frau von Kopf; ſie fing damit an, daß ſie die Kerze aus⸗ löſchte, welche ihren Schatten hätte zeigen können, und lief an das Fenſter. Es war die höchſte Zeit. Vier Männer näherten ſich dem Hauſe, von dem ſie nur noch etwa zwanzig Schritte entfernt waren. Der Mann mit dem Mantel ging voraus und in dem Mann mit dem Mantel erkannte Nanon ganz genau den Herzog. In dieſem Augenblick trat Mademoiſelle Francinette, ein Licht in der Hand, ein. Nanon warf einen Blick der Verzweiflung auf den Tiſch, auf die zwei Ge⸗ decke, auf die zwei Fauteuils, auf die zwei geſtickten Kopfkiſſen, welche ihre freche Weiße auf dem carmoiſin⸗ rothen Grund der Damaſtvorhänge ausbreiteten, auf das appetitliche Nachtnegligé endlich, das ſo gut mit allen dieſen Vorbereitungen im Einklange ſtand. „Ich bin verloren,“ dachte ſie. Aber beinahe in demſelben Augenblicke kam die⸗ ſem feinen Geiſte ein Gedanke, und ein Lächeln um⸗ ſchwebte die Lippen von Nanon. Raſch wie der Blitz ergriff ſie das für Canolles beſtimmte einfache Kriſtall⸗ glas und warf es auf den Zufall in den Garten, zog aus einem Etui den goldenen Becher mit dem Wappen des Herzogs, legte neben den Teller ſein Gedeck von Vermeil, lief dann, zwar kalt vor Schrecken, aber mit einem in Eile gebildeten Lächeln, die Stufen hinab und gelangte in dem Augenblick zur Thüre, wo ein ern⸗ ſter, feierlicher Schlag daran ertönte. Francinette wollte öffnen, aber Nanon ergriff ſie Der Frauenkrieg. I. 5 66 beim Arme, ſtieß ſie auf die Seite und ſagte mit dem raſchen Blicke, welcher bei ertappten Frauen den Ge⸗ danken ſo gut erſetzt: „Es iſt der Herr Herzog, den ich erwarte, und nicht Herr von Canolles.“ Dann zog ſie ſelbſt die Riegel zurück und warf ſich dem Manne mit der weißen Feder, der eines ſei⸗ ner wildeſten Geſichter bereit hielt, um den Hals. „Ah!“ rief Nanon,„mein Traum hat mich alſo nicht getäuſcht. Kommt, mein lieber Herzog, Ihr ſollt bedient werden, wir ſpeiſen ſogleich zu Nacht.“ Epernon war ganz verblüfft; da jedoch die Lieb⸗ koſung einer hübſchen Frau immer gut hinzunehmen iſt, ſo ließ er ſich küſſen. Alsbald aber erinnerte er ſich wieder, welche nie⸗ perſchueternd⸗ Beweiſe er gegen ſie beſaß, und agte: „Einen Augenblick, mein Fräulein, erklären wir uns, wenn es Euch gefällig iſt.“ 4 Und er machte mit der Hand den Männern, die ihm folgten, ein Zeichen. Sie wichen ehrfurchtsvoll zurück, jedoch ohne ſich gänzlich zu entfernen; er trat allein mit ernſtem, abgemeſſenem Schritte in das Haus. „Was habt Ihr denn, mein lieber Herzog?“ ſagte Nanon, mit einer ſo gut geheuchelten Heiter⸗ keit, daß man ſie hätte für natürlich halten ſollen. „Habt Ihr vielleicht das letzte Mal, da Ihr hieher kamet, etwas vergeſſen, daß Ihr Euch ſo ängſtlich nach allen Seiten umſchaut?“ „Ja,“ ſprach der Herzog,„ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, ich wäre kein Dummkopf, kein Géronte, wie Herr Cyrano von Bergerac ſie in ſeinen Komö⸗ dien bringt, und da ich vergeſſen habe, Euch das zu ſagen, ſo komme ich in Perſon zurück, um es Euch zu beweiſen.“ „Ich begreife Euch nicht, Monſeigneur,“ erwiederte 67 Nanon mit der ruhigſten, offenſten Miene.„SIch bitte, erklärt Euch.“. 4 Der Blick des Herzogs heftete ſich auf die zwei Fauteuils, ging von den zwei Fauteuils auf die zwei Gedecke und von den zwei Gedecken auf die zwei Kopf⸗ kiſſen über. Auf dieſen verharrten ſeine Augen länger, un die Röthe des Zornes ſtieg dem Herzog in das eſicht. Nanon hatte Alles dies vorhergeſehen und erwar⸗ tete den Erfolg der Prüfung mit einem Lächeln, das ihre Zähne, ſo weiß wie Perlen, enthüllte. Nur glich dieſes Lächeln einem Zuſammenziehen der Nerven, und dieſe Zähne würden wohl geklappert haben, hätte ſie die Furcht nicht an einander geſchloſſen gehalten. 1 Se Herzog wandte ſeinen zornigen Blick auf ſie zurück. „ ch warte immer noch auf das Belieben von Monſeigneur,“ ſprach Nanon mit einer anmuthigen Verbeugung. „Das Belieben von Monſeigneur,“ antwortete er, „beſteht darin, daß Ihr mir erklaͤren ſollt, warum die⸗ ſes Abendbrod?“, „Weil ich, wie geſagt, einen Traum hatte, der mir ankündigte, daß Ihr, obgleich Ihr mich geſtern verlaſſen, doch heute zurückkommen würdet. Meine Träume täuſchen mich nie. Ich ließ alſo ein Abend⸗ brod nach Eurem Geſchmacke bereiten.“ Der Herzog machte eine Grimaſſe, welche ſeiner Abſicht nach für ein ironiſches Lächeln gelten ſollte. „Und dieſe zwei Kopfkiſſen?“ ſagte er. „Sollte Monſeigneur im Sinne haben, zum Nacht⸗ lager nach Libourne zurückzukehren? Diesmal hätte mein Traum gelogen, denn er kündigte mir an, Mon⸗ ſeigneur würde bleiben.“ Der Herzog machte eine zweite Grimaſſe, welche noch bezeichnender war, als die erſte. „Und dieſes reizende Negligé, Madame? und dieſe ausgezeichneten Wohlgerüche?“ „Es iſt eines von denjenigen, welche ich anzu⸗ ziehen pflege, wenn ich Monſeigneur erwarte. Dieſe Wohlgerüche kommen von den Säckchen Peau d'Espagne, welche ich in meine Schränke lege, und die Monſeig⸗ neur, wie er mir oft geſagt hat, allen andern Odeurs bordichi weil es auch der Lieblingsgeruch der Köni⸗ gin iſt.“ „Ihr erwartetet mich alſo 2“ fuhr der Herzog mit einem ironiſchen Lachen fort. 3 „Ah, Monſeigneur,“ ſprach Nanon, ebenfalls die Stirne faltend,„Gott vergebe mir! ich glaube, Ihr habt Luſt in die Schränke zu ſchauen. Solltet Ihr zu⸗ fällig eiferſüchtig ſein?“ Der Herzog nahm eine majeſtätiſche Miene an. „Eiferſüchtig, ich? o nein! Gott ſei Dank! ich habe dieſe Lächerlichkeit nicht an mir. Alt und reich, weiß ich natürlich wohl, daß ich getäuſcht werden muß; aber denjenigen, welche mich täuſchen, will ich wenigſtens beweiſen, daß ich nicht ihr Thor bin.“ „Und wie werdet Ihr ihnen dies beweiſen?“ ſprach Nanon.„Ich bin begierig, es zu erfahren.“ „SOh, das wird nicht ſchwierig ſein; ich brauche ihnen nur dieſes Papier zu zeigen.“ 91 Der Herzog zog ein Billet aus ſeiner Taſche. „Ich habe keine Träume mehr,“ ſagte er;„in meinem Alter träumt man nicht mehr, ſelbſt im wachen Zuſtande, aber ich erhalte Briefe. Leſt dieſen, er iſt intereſſant.“ 4 Nanon nahm zitternd den Brief, den ihr der Her⸗ zog reichte, und bebte, als ſie die Schrift ſah; aber dieſes Beben war unmerklich, und ſie las: „Monſeigneur der Herzog von Epernon wird be⸗ nachrichtigt, daß dieſen Abend ein Mann, der ſich ſeit ſechs Monaten eines vertraulichen Umgangs mit Fräu⸗ lein Nanon von Lartigues erfreut, zu dieſer kommen, 12 69 bei ihr Abendbrod nehmen und die Nacht zubringen wird. „Da man Monſeigneur den Herzog von Epernon nicht in irgend einer Ungewißheit laſſen will, ſo ſetzt man ihn davon in Kenntniß, daß ſich dieſer glückliche Nebenbuhler Baron von Canolles nennt./.. Nanon erbleichte, der Streich traf mitten in das erz.. „Ah, Roland! Roland!“ murmelte ſie,„ich glaubte doch von Dir befreit zu ſein!“. hi„Bin ich unterrichtet?“ ſprach der Herzog trium⸗ phirend. „Ziemlich ſchlecht,“ antwortete Nanon,„und wenn Eure politiſche Polizei nicht beſſer iſt, als Eure Liebes⸗ polizei, ſo beklage ich Euch.“ „Ihr beklagt mich?“ „Ja; denn dieſer Herr von Canolles, dem Ihr die unentgeldliche Ehre erweiſt, ihn für Euern Nebenbuh⸗ ler zu halten, iſt nicht hier, und Ihr könnt überdies warten und Ihr werdet dann ſehen, ob er kommt.“ „Er iſt gekommen!“ „Er!lu rief Nanon,„das iſt nicht wahr!“ Diesmal lag ein Ausdruck tiefer Wahrheit in dem Tone der Angeſchuldigten. „Ich will ſagen: er iſt bis auf vierhundert Schritte hieher gekommen und hat zu ſeinem Glücke in dem Gaſt⸗ hauſe zum Goldenen Kalbe angehalten.“ Nanon begriff, daß der Herzog viel weniger weit vorgerückt war, als ſie Anfangs geglaubt hatte. Sie zuckte die Achſeln, denn ein anderer Gedanke, den ihr ohne Zweifel der Brief eingegeben hatte, welchen ſie in ihren Händen hin und her drehte, keimte in ihrem Innern.. „Iſt es möglich,“ ſagte ſie,„daß ein Mann von Geiſt, einer der gewandteſten Politiker des Königreichs, ſich von anonymen Briefen fangen läßt?“ 70 „Anonym ſo lange Ihr wollt, aber wie erklärt Ihr mir dieſen Brief?“ 3 „Ohl die Erklärung iſt nicht ſchwierig, es iſt eine Folge des ſchönen Benehmens unſerer Feinde in Agen. Herr von Canolles bat Euch in Familienangelegenhei⸗ ten um einen Urlaub, den Ihr ihm bewilligtet. Man wußte, daß er hier durchkam, und baute auf ſeine Reiſe dieſe lächerliche Anſchuldigung.“ Nanon gewahrte, daß das Geſicht des Herzogs, ſtatt ſich zu entrunzeln, immer düſterer wurde. „Die Erklärung wäre gut,“ ſagte er,„wenn die⸗ ſem Briefe, den Ihr Euren Feinden zuſchreibt, nicht eine gewiſſe Nachſchrift beigefügt wäre, die Ihr in Eurer Ünruhe zu leſen vergeſſen habt.“ Ein tödtlicher Schauer durchlief den ganzen Kör⸗ per der jungen Frau. Sie fühlte, daß ſie den Kampf, wenn ihr der Zufall nicht zu Hülfe käme, nicht länger aushalten könnte. 1* „Eine Nachſchrift?“ wiederholte ſie. „Ja, leſt,“ ſagte der Herzog. „Nanon verſuchte zu lächeln, aber ſie fühlte, daß ihre Züge ſich nicht mehr zu dieſem Anſcheine der Ruhe hergaben. Sie begnügte ſich alſo, mit dem ſicherſten Tone, den ſie anzunehmen vermochte, zu leſen: „Ich habe in meinen Händen den Brief von Fräu⸗ lein von Lartigues an Herrn von Canolles, durch wel⸗ chen das Rendezvous, das ich Euch melde, auf dieſen Abend feſtgeſetzt iſt. Ich gebe dieſen Brief für ein Blanquett, das mir der Herr Herzog durch einen ein⸗ zigen Menſchen in einem Schiffe auf der Dordogne vor dem Dorfe Saint⸗Michel⸗la⸗Rivière um ſechs Uhr Abends einhändigen läßt.“ „Und Ihr hattet dieſe Unklugheit!“ rief Nanon. „Eure Handſchrift iſt mir ſo koſtbar, liebe Dame, daß ich dachte, ich könnte einen Brief von Euch nicht zu theuer bezahlen.“ 3 71 „Ein ſolches Geheimniß der Indiseretion eines Mitwiſſers ausſetzen! Ah, Herr Herzog!...“ „Dergleichen vertrauliche Mittheilungen, Madame, nimmt man in Perſon in Empfang, und ſo habe ich es auch mit dieſer gemacht. Der Mann, der ſich auf die Dordogne begab, war ich ſelbſt.“ „Ihr habt alſo meinen Brief?“ „Hier iſt er.“ Durch eine raſche Anſtrengung des Gedächtniſſes ſuchte Nanon ſich deſſen zu erinnern, was der Brief enthielt, aber es war ihr unmöglich. Ihr Gehirn fing an ſich zu verwirren. S ie war alſo genöthigt, ihren eigenen Brief zu übernehmen und wieder zu leſen. Er enthielt kaum drei Zeilen: Nanon erfaßte ſie mit einem gierigen Blicke und erkannte zu ihrer unbeſchreiblichen Freude, daß dieſer Brief ſie nicht völlig compromittirte. „„Leſt laut,“ ſprach der Herzog,„ich bin wie Ihr, ich habe den Inhalt dieſes Briefes vergeſſen.“ Nanon fand das Lächeln wieder, das ſie einige Secunden vorher vergeblich geſucht hatte, und las, der Aufforderung des Herzogs gehorchend: „Ich werde um acht Uhr zu Nacht ſpeiſen. Seid Ihr frei? Ich bin es. In dieſem Falle ſeid pünktlich, mein lieber Canolles, und fürchtet nichts für unſer Geheimniß.“ „Das iſt klar, wie es mir ſcheint!“ rief der Her⸗ zog bleich vor Wuth. „Das ſpricht mich frei,“ dachte Nanon. „Ah! ahl“ fuhr der Herzog fort,„Ihr habt ein Geheimniß mit Herrn von Canolles?“ Nanon begriff, daß ein Zögern von einer Secunde ſie in das Verderben ſtürzen würde. Ueberdies hatte ſie alle Muße gehabt, den ihr von dem anonymen Briefe eingeflößten Plan in ihrem Gehirn reifen zu laſſen. „»Nun ja,“ ſprach ſie, den Herzog feſt anſchauend, „ich habe ein Geheimniß mit dieſem Herrn.“ „Ihr geſteht es zu?“ rief der Herzog von Epernon. r„Ich muß wohl, da man Euch nichts verbergen ann.“ „Oh!“ ſchrie der Herzog. „Ja, ich erwartete Herrn von Canolles,“ fuhr Na⸗ non ruhig fort. „Ihr erwartetet ihn?“ „Ja, ich erwartete ihn.“ „Ihr wagt es, dies zu geſtehen?“ „Laut. Wißt Ihr wohl, was Herr von Canol⸗ les iſt?“ „Ein Dummkopf, den ich grauſam für ſeine Un⸗ klugheit beſtrafen werde.“ „Er iſt ein hochherziger und braver Edelmann, den Ihr auch fortan wohlwollend behandeln werdet.“ „Ohl ich ſchwöre bei Gott, daß dem nicht ſo ſein 41 „Keinen Schwur, Herr Herzog, wenigſtens nicht, ehe ich geſprochen habe,“ antwortete Nanon. „Sprecht, aber ſprecht geſchwinde.“ „Ihr habt alſo nicht wahrgenommen, Ihr, der Ihr die tiefſten Falten des Herzens durchforſcht,“ ver⸗ ſetzte Nanon,„welchen Vorzug ich Herrn von Canol⸗ les gönnte? Ihr habt ſie nicht wahrgenommen, die Bitten, die ich zu ſeinen Gunſten an Euch richtete, das Kapitänspatent, welches ich ihm verſchaffte, die Bewilligung von Geldern zu einer Reiſe nach der Bretagne mit Herrn de la Meilleraye, den Urlaub neulich, mit einem Wort, Ihr habt mein beſtändiges Trachten, mir ihn zu verpflichten, nicht wahrge⸗ nommen?“ „Madame, Madame,“ ſprach der Herzog,„Ihr überſchreitet die Gränzen.“ 3 7 den Gotteswillen, Herr Herzog, wartet bis zum En 2, ſoll. ——+—.—— N — 8ERES=— WO N R*r† 73 „Was brauche ich noch ferner zu warten, und was habt Ihr mir noch zu ſagen?“ 1 „Daß ich für Herrn von Canolles die zärtlichſte Theilnahme hege.“ „Ich weiß es, bei Gott! ich weiß es wohl!“ .„Daß ich ihm mit Leib und Seele ergeben bin.“ „Madame, Ihr mißbraucht..“ „Daß ich ihm bis zum Tode dienen werde, und zwar weil..“. „Weil er Euer Liebhaber iſt; das iſt nicht ſchwer zu errathen.“ „Weil er,“ fuhr Nanon mit einer dramatiſchen Bewegung, den zitternden Herzog beim Arm ergrei⸗ fend, fort,„weil er mein Bruder iſt.“ Der Arm des Herzogs ſiel an ſeiner Lende herab. „Euer Bruder!“ ſprach er. Nanon machte ein Zeichen mit dem Kopfe, beglei⸗ tet von einem triumphirenden Lächeln. Nach einem kurzen Augenblicke rief der Herzog: „Das fordert Erläuterung.“ „Ich will ſie Euch geben,“ verſetzte Nanon.„Um welche Zeit iſt mein Vater geſtorben?“ „Vor ungefähr acht Monaten.“ „Um welche Zeit habt Ihr das Kapitänspatent für Herrn von Canolles unterzeichnet?“. „Ich denke, um dieſelbe Zeit,“ fuhr der Herzog „Vierzehn Tage hernach,“ ſagte Nanon. „Vierzehn Tage hernach... es iſt möglich.“ „Es iſt traurig für mich,“ fuhr Nanon fort,„die Schande einer andern Frau zu enthüllen, dieſes Ge⸗ heimniß aufzudecken, das unſer Geheimniß iſt, verſteht Ihr wohl? Aber Eure ſeltſame Eiferſucht treibt mich an, Euer grauſames Benehmen zwingt mich da⸗ zu. Ich ahme Euer Beiſpiel nach, Herr Herzog, ich begehe eine Sünde gegen die Großmuth.“ „Jahrt fort, fahrt ſort!“ rief der Herzog, welcher fort. * ——„ 83 74 bereits ſich an die Phantaſien zu halten anfing, welche die ſchöne Gascognerin ſchmiedete. „Nun wohl, mein Vater war ein Advokat, dem es nicht an einer gewiſſen Berühmtheit fehlte. Vor achtundzwanzig Jahren war mein Vater noch jung; mein Vater war ſtets ſchön geweſen. Er liebte ſchon vor ſeiner Verheirathung die Mutter von Herrn von Canolles, deren Hand man ihm verweigert hatte, weil ſie adelig und er bürgerlich war. Die Liebe übernahm es, wie dies ſo oft geſchieht, den Fehler der Natur gut zu machen, und während einer Reiſe von Herrn von Canolles.. Begreift Ihr nun?“ „Ja, aber wie kommt es, daß dieſe Freundſchaft für Herrn von Canolles Euch ſo ſpät erfaßt hat?“ „Weil ich erſt bei dem Tode meines Vaters das Band erfuhr, das uns vereinigte; weil dieſes Geheim⸗ niß in einem Briefe enthalten war, den mir der Ba⸗ ron ſelbſt, mich ſeine Schweſter nennend, über⸗ reichte.“ „Und wo iſt dieſer Brief?“ fragte der Herſog. „Vergeßt Ihr den Brand, der Alles bei mir ver⸗ zehrt hat, meine koſtbarſten Juwelen, meine geheimſten Papiere?“ „Das iſt wahr.“ „Zwanzigmal wollte ich Euch dieſe Geſchichte er⸗ zählen, überzeugt, Ihr würdet Alles für denjenigen thun, welchen ich ganz leiſe meinen Bruder nenne; aber er hat mich ſtets zurückgehalten, ſtets gebeten, den Ruf ſeiner noch lebenden Mutter zu ſchonen. Ich achtete ſeine Bedenklichkeiten, weil ich ſie verſtand.“ „Ahl wirklich?“ ſprach der Herzog beinahe gerührt. „Armer Canolles!“— „Und dennoch war es ſein Glück, daß er ſich wei⸗ gerte,“ fuhr Nanon fort. „Es zeugt von einem zarten Gemüthe,“ verſetzte 4 der Herzog,„und ſein Skrupel macht ihm Ehre.“ „Zch haite noch mehr gethan, ich hatte ihm einen —— ☛—— ———— 75 Eid geleiſtet, dieſes Geheimniß niemals irgend Je⸗ mand in der Welt zu enthüllen. Aber Euer Verdacht machte den Becher überſtrömen. Wehe mir! ich habe meinen Eid vergeſſen; wehe mir! ich habe das Ge⸗ heimniß meines Bruders verrathen.“ Und Nanon zerfloß in Thränen. 1 Der Herzog ſiel vor ihr auf die Kniee und küßte ihre ſchönen Hände, die ſie ganz niedergeſchlagen hän⸗ gen ließ, während ihre Augen, zum Himmel emporge⸗ richtet, Gott um Vergebung wegen ihres Meineides zu bitten ſchienen. „Ihr ſagt: Wehe mir!“ rief der Herzog.„Sagt doch: Glück für Alle! Die verlorene Zeit ſoll dem lieben Canolles wieder eingebracht werden. Ich kenne ihn nicht, aber ich will ihn kennen lernen. Ihr ſtellt mir Canolles vor, und ich werde ihn lieben, wie einen Sohn.“ 3 chel„Sagt, wie einen Bruder,“ verſetzte Nanon lä⸗ elnd. Dann zu einem andern Gedanken übergehend, rief ſie, den Brief zerknitternd, den ſie in das Feuer zu werfen ſich ſtellte, während ſie ihn ſorgfältig in die Taſche ſteckte, um ſpäter den Urheber damit zu faſſen: „Ungeheuer von Anzeigern!“ „Aber ich bedenke,“ ſagte der Herzog,„warum kommt denn der Junge nicht? Warum ſollte ich war⸗ ten, um ihn zu ſehen? Ich werde ihn ſogleich im Gol⸗ denen Kalbe holen laſſen.“ „Ah!l ja, damit er erfährt, daß ich nichts zu ver⸗ bergen vermag, und daß ich Euch mit Hintanſetzung meines Eides Alles geſagt habe.“ „Ich werde discret ſein.“ „Ahl mein Herr Herzog, nun muß ich Euch den Krieg ankündigen,“ verſetzte Nanon mit jenem Lächeln, das die Teufel von den Engeln entlehnt haben. „Und warum denn, meine theuere Schöne?“ 76 „Weil Ihr einſt lüſterner nach einem Zuſammen⸗ ſein unter vier Augen waret, als jetzt. Glaubt mir, wir wollen zu Nacht ſpeiſen, und morgen früh iſt es noch Zeit, Canolles holen zu laſſen.“(Von jetzt bis morgen kann ich Canolles benachrichtigen, dachte Nanon.) riſche s ſei,“ ſprach der Herzog,„ſetzen wir uns zu e.“ Und von einem Reſte von Zweifel gepeinigt, fügte er ganz leiſe bei: „Von jetzt bis morgen werde ich ſie nicht ver⸗ laſſen, und wenn ſie nicht eine Zauberin iſt, wird ſie kein Mittel finden, ihn zu unterrichten.“ „Alſo,“ ſprach Nanon und legte ihren Arm auf die Schulter des Herzogs,„alſo iſt es mir erlaubt, meinem Freunde eine Bitte für meinen Bruder vorzu⸗ tragen?“ „Wiel verſetzte Epernon,„Alles, was Ihr wollt, 4 „Ohl Geld,“ ſagte Nanon,„deſſen bedarf er nicht; er hat mir den prächtigen Ring gegeben, den Ihr bemerkt habt, und der von ſeiner Mutter kommt.“ 3„Avancement alſo?“ „Ja, Avancement. Wir machen ihn zum Oberſten, nicht wahr?“ „Teufel! zum Oberſten; wie raſch Ihr verfahrt, meine Geliebte! Er müßte zu dieſem Behufe der Sache des Königs einen Dienſt geleiſtet haben.“ „2*Er iſt bereit, alle Dienſte zu leiſten, die man ihm nennen wird.“ „Oh!“ ſprach der Herzog, Nanon aus einem Win⸗ kel ſeines Auges betrachtend,„oh! ich hätte wohl einen Vertrauensauftrag für den Hof.“ „Einen Auftrag für den Hof!“ rief Nanon. „Ja,“ verſetzte der alte Hofmann,„aber das würde Euch trennen.“ Geld ——,„— —„—— Nanon ſah, daß ſie dieſen Ueberreſt von Mißtrauen vollends vernichten mußte. „Ohl fürchtet dieß nicht, mein lieber Herzog. Was liegt in der Trennung, wenn dieſe von Vortheil für ihn ſein kann. Verbannt ihn, ſchickt ihn aus dem Vater⸗ lande, wenn es zu ſeinem Beſten gereicht, und küm⸗ mert Euch nicht um mich. Bleibt mir nur die Liebe meines theuren Herzogs, iſt das nicht mehr, als ich brauche, um glücklich zu ſein?“ „Gut, es iſt abgemacht,“ erwiederte der Herzog, „morgen früh laſſe ich ihn holen und gebe ihm ſeine Inſtructionen. Und nun, wie Ihr geſagt habt,“ fügte er mit einem ſehr beſänftigten Blick auf die zwei Fauteuils, auf die zwei Gedecke und die zwei Kopf⸗ kiſſen bei,„und nun wollen wir zu Nacht ſpeiſen, meine Schönſte.“ Und jedes von ihnen ſetzte ſich zu Tiſch, das Ge⸗ ſicht ſo lächelnd, daß ſelbſt Francinette, ſo genau ſie auch als vertraute Kammerfrau die Art und Weiſe des Herzogs und den Charakter ihrer Gebieterin kannte, glaubte, ihre Gebieterin wäre vollkommen ruhig und der Herzog völlig beruhigt. IV. Der Reiter, welchen Canolles mit dem Namen Richon begrüßt hatte, war in den erſten Stock des Gaſthofes zum Goldenen Kalb hinaufgeſtiegen und ſpeiſte in Geſellſchaft des Vicomte zu Nacht. Er war es, den der Vicomte ungeduldig erwar⸗ tete, als ihn der Zufall zum Zeugen der feindſeligen Vorkehrungen des Herrn von Epernon machte und ihn in den Stand ſetzte, dem Baron von Canolles den von uns bezeichneten Dienſt zu leiſten. Er hatte Paris acht Tage vorher und Bordeaur an demſelben Tage verlaſſen, und brachte alſo die neu⸗ ſten Nachrichten über die Wirren, die von Paris bis Bordeaur entſtanden und ein immer mehr beuntuhi⸗ gendes Anſehen gewannen. Während er bald von der Einkerkerung der Prinzen, der Angelegenheit des Ta⸗ ges, bald von dem Parlament von Bordeaux, der Macht des Ortes, bald von Mazarin, dem König des Augenblicks, ſprach, betrachtete der junge Mann ſtill⸗ ſchweigend ſein männliches, gebräuntes Antlitz, ſein ſicheres, durchdringendes Auge, ſeine weißen, ſcharfen, unter dem langen ſchwarzen Schnurrbart ſchimmern⸗ den Zähne, und alle die verſchiedenen Zeichen, welche aus Richon das Muſterbild des wahren Glücksritters machten. „Alſo,“ ſprach der Vicomte nach einem Augen⸗ blick,„alſo iſt die Frau Prinzeſſin zu dieſer Stunde in Chantilly?“ Bekanntlich bezeichnete man auf dieſe Art die zwei Herzoginnen von Condé, nur fügte man bei der Her⸗ zogin von Condé Mutter den Titel Wittwe bei. „Ja,“ antwortete Richon,„und ſie erwartet Euch dort ſobald als möglich.“ „Und in welcher Lage iſt ſie in Chantilly?⸗ „In einer wahren Verbannung; man bewacht ſie wie ihre Schwiegermutter mit der größten Sorgfalt, denn man vermuthet bei Hofe, daß ſie ſich nicht allein an Klagen beim Parlamente halten werde, ſondern etwas Wirkſameres zu Gunſten der Prinzen machi⸗ nire. Leider fehlt es wie immer an Geld.. Doch bei dieſer Gelegenheit: habt Ihr das, was man Euch ſchul⸗ dig war, eingezogen? Es iſt dies eine Frage, die man an Euch zu ſtellen mich ganz beſonders beauftragte.“ „Mit großer Mühe,“ antwortete der Vicomte, „brachte ich zwanzigtauſend Livres zuſammen, die ich in Gold bei mir habe; das iſt Alles.“ „Das iſt Alles! Teufel, Vicomte, man ſieht wohl⸗ n-———————ͤ— H —— 79 daß Ihr Millionär ſeid: ſo verächtlich von einer ſolchen Summe in einem ſolchen Augenblick ſprechen! Zwan⸗ zigtauſend Livres; wir ſind minder reich als Herr von Mazarin, aber reicher als der König.“ „Ihr glaubt alſo, Richon, die Frau Prinzeſſin werde die beſcheidene Gabe annehmen?“ „Mit Dank: Ihr bringt Ihr genug, um ein Heer damit zu bezahlen.“ „Glaubt Ihr, daß wir deſſen bedürfen werden?“ „Weſſen? eines Heeres? Gewiß, und wir beſchäf⸗ tigen uns damit, eines zu ſammeln. Herr von La⸗ rochefoucault hat vierhundert Edelleute angeworben, unter dem Vorwande, ſie dem Leichenbegängniſſe ſeines Vaters beiwohnen zu laſſen. Der Herzog von Bouil⸗ lon geht mit derſelben Anzahl, wenn nicht mit einer größeren, nach Guienne ab. Herr von Turenne ver⸗ ſpricht einen Gang gegen Paris zu machen, in der Ab⸗ ſicht, Vincennes zu überfallen und die Prinzen durch einen Handſtreich zu entführen: er wird dreißigtauſend Mann, ſeine ganze Nordarmee, die er dem königlichen Dienſte abſpänſtig macht, bei ſich haben. Ohl ſeid unbeſorgt, die Dinge ſind in gutem Zuge,“ fuhr Ri⸗ chon fort;„ich weiß nicht, ob wir große Geſchäfte machen werden, ſicherlich aber machen wir gewaltigen Lärmen...“ „Seid Ihr dem Herzog von Epernon nicht begeg⸗ net?“ unterbrach ihn der junge Mann, deſſen Augen funkelten bei dieſer Aufzählung von Kräften, welche ihm den Triumph der Partie verhieß, der er angehörte. „Dem Herzog von Epernon?“ fragte der Glücks⸗ ritter ganz verwundert,„wo ſoll ich ihm denn begeg⸗ net ſein? Ich komme nicht von Agen, ſondern von Bordeaux.“ „Ihr könntet ihn einige Schritte von hier getrof⸗ fen haben,“ verſetzte der Vicomte lächelnd. „Ahl richtig, wohnt nicht die ſchöne Nanon von Lartigues in der Gegend?“ „Zwei Musketenſchüſſe von hier.“ „Das erklärt mir die Anweſenheit des Baron von Canolles im Gaſthofe zum Goldenen Kalb.“ „Kennt Ihr ihn?“ „Wen? den Baron? Ja. Ich könnte mich ſogar ſeinen Freund nennen, wäre Herr von Canolles nicht von vortrefflichem Adel, indeß ich ein armer Bürgers⸗ mann bin.“ „Bürgersleute wie Ihr, Richon, ſind ſo viel werth als Prinzen, in der Lage, in der wir uns be⸗ ſinden. Ihr wißt übrigens, daß ich Euern Freund, den Baron von Canolles, vor Prügeln oder vielleicht vor etwas noch Schlimmerem bewahrt habe.“ 34 „Ja, er hat mir ein paar Worte davon geſagt, aber ich hörte ihn nicht ſehr aufmerkſam an, denn ich hatte Eile, zu Euch zu gelangen. Seid Ihr ſicher, daß er Euch nicht erkannt hat?7 „Man erkennt diejenigen ſchlecht, welche man nie geſehen hat.“ 4 lt„Ich errieth auch nur, was ich ihm erwiedern ollte.“ „In der That,“ ſagte der Vicomte, ver ſchaute mich ſehr aufmerkſam an.“ Richon verſetzte lächelnd: „Ich glaube es wohl, man trifft nicht jeden Tag Edelleute Euerer Art.“ „Er ſcheint mir ein luſtiger Cavalier zu ſein,“ ſprach der Vicomte nach kurzem Stillſchweigen. „Luſtig und gut; ein reizender Geiſt und ein gro⸗ ßes Herz. Der Gascogner iſt, wie Ihr wißt, nie mittelmäßig: entweder iſt er vortrefflich oder er taugt nichts. Dieſer iſt von gutem Gehalt. In der Liebe wie im Kriege iſt er zugleich ein Petitmaitre und ein braver Kapitän; es thut mir leid, daß er gegen uns hält. Ihr hättet in der That, da der Zufall Euch in Verbindung mit ihm brachte, dieſen Umſtand benützen ſollen, um ihn für unſere Sache zu gewinnen.“ 1 * 81 Eine flüchtige Röthe zog wie ein Meteor über die bleichen Wangen des Vicomte hin. „Euer Freund kam mir unbedeutend vor,“ ſagte der Vicomte. „Ei, mein Gott,“ erwiederte Richon mit der ſchwermüthigen Philoſophie, die man zuweilen bei Männern von kräftigem Schlage trifft,„ſind wir denn ſo ernſthaft und vernünftig, wir, die wir in unſeren unklugen Händen die Fackel des Bürgerkrieges halten, wie wir es mit einer Kirchenkerze thun würden? Iſt der Herr Coadjutor, welcher Paris mit einem Worte beſchwichtigt oder in Aufruhr bringt, ein ſehr ernſter Mann? Iſt Herr von Beaufort, der einen ſo großen Einfluß in der Hauptſtadt ausübt, daß man ihn den König der Hallen nennt, ein ſehr ernſter Mann? Iſt Frau von Chevreuſe, welche nach Belieben Miniſter macht und abſetzt, eine ſehr ernſte Frau? Iſt Frau von Longueville, welche drei Monate im Stadthauſe gethront hat, ſehr ernſt? Iſt endlich die Frau Prin⸗ zeſſin von Condeé, welche ſich geſtern noch mit Kleidern, Juwelen und Diamanten beſchäftigte, eine ſehr ernſte Frau? Iſt der Herr Herzog von Enghien ein ſehr ernſter Parteiführer, er, der noch unter den Händen von Frauen mit Puppen ſpielt, und vielleicht ſeine erſte Hoſe an⸗ zieht, um ganz Frankreich umzuwälzen? Ich ſelbſt, wenn man mir erlaubt, meinen Namen nach ſo vielen erhabenen Namen anzuführen, bin ich eine ſo ernſte Perſon, ich, der Sohn eines Müllers aus Angouleme, ich, ein ehemaliger Diener des Herrn von Larochefoucault, ch, dem eines Tages mein Herr ſiatt einer Bürſte oder eines Mantels ein Schwert gegeben hat, das ich, mich zum Kriegsmanne improviſirend, muthig an meine Seite ſchnallte? Und dennoch iſt der Sohn des Müllers von Angouleème, der ehemalige Kammerdiener von Herrn von Larochefoncault, Kapitän geworden. Er bringt eine Compagnie auf die Beine, welche vier bis fünfhundert Mann vereinigt, mit deren Leben er ſpielt, Der Frauenkrieg. I.. 6 als hätte ihm Gott das Recht dazu gegeben. Er ſteht auf der Leiter zur Größe, wird Oberſter, Gouverneur, und wer weiß was ſonſt noch werden. Es geſchieht vielleicht, daß er zehn Minuten lang, eine Stunde, ſogar einen Tag das Geſchick des Königreichs in ſeinen Händen hält. Ihr ſeht, das hat große Aehnlichkeit mit einem Traume, und doch werde ich es für eine Wirklichkeit halten, bis zu dem Tage, wo irgend eine mächtige Kataſtrophe mich erweckt...“— „Und an dieſem Tage,“ verſetzte der Vicomte, „wehe allen Denen, welche Euch erwecken, Richon, denn Ihr werdet ein Held ſein..“ „Ein Held oder ein Verräther, je nachdem wir die Stärkeren oder die Schwächeren ſind. Unter dem vorigen Cardinal hätte ich die Augen zweimal aufge⸗ macht, denn der Einſatz beim Spiele wäre mein Kopf geweſen.“ „Stille, Richon, ſucht mich nicht glauben zu ma⸗ chen, Betrachtungen dieſer Art halten einen Mann wie Euch zurück, Euch, den man als einen der bravſten Soldaten des Heeres anführt.“ „Ei, allerdings,“ entgegnete Richon, mit einer unüberſetzbaren Bewegung der Schultern, nich war brav als König Ludwig XIII. mit ſeinem bleichen Geſichte, ſeinem blauen Ordensbande und ſeinem wie ein Kar⸗ funkel glänzenden Auge, an ſeinem Schnurrbarte kauend, mit ſchriller Stimme uns zurief:„„Der König fteht Euch, vorwärts, meine Herren!““ Aber wenn ich nicht mehr hinter mir, ſondern mir gegenüber auf der Bruſt des Sohnes dasſelbe blaue Band, das ich noch auf der Bruſt des Vaters ſehe, wiederfinden und meinen Soldaten zurufen ſoll:„„Feuer auf den König von Frankreich!““ an dieſem Tag,“ fuhr Richon den Kopf ſchültelnd fort,„an dieſem Tag, Vicomte, fürchte ich bange zu haben und ſchief zu ſchießen...“ „Was iſt Euch denn heute Unangenehmes wide fahren, daß Ihr die Dinge in ſo ſchlimmem Lichte — 83 trachtet, mein lieber Richon?“ fragte der junge Mann. „Der Bürgerkrieg, ich weiß wohl, iſt eine traurige Sache, zuweilen aber ſehr nöthig.“ „Ja, wie die Peſt, wie das gelbe Fieber, wie das ſchwarze Fieber, wie die Fieber aller Farben. Glaubt Ihr z. B., Herr Vicomte, es ſei ſehr noth⸗ wendig, daß ich, der ich dieſen Abend mit ſo großem Vergnügen dem Baron Canolles die Hand gedrückt habe, ihm morgen den Degen in den Leib renne, weil ich der Frau Prinzeſſin diene, die meiner ſpottet, und er Herrn von Mazarin, der ſeiner ſpottet Und dennoch wird es ſo ſein.“ Der Vicomte machte eine Bewegung des Abſcheus. „Wenigſtens, wenn ich mich nicht täuſche,“ fuhr Richon fort,„und er mir nicht auf irgend eine Weiſe die Bruſt durwbohrt. Ah, Ihr begreift den Krieg nicht, Ihr Andern, Ihr ſeht nur ein Meer von Intriguen und ſtürzt Euch darein als in Euer natürliches Ele⸗ ment. Ich ſagte es einſt Seiner Hoheit und man gab mir Recht, Ihr lebt in einer Sphäre, von der aus das Artillericfeuer, das uns tödtet, Euch nur wie ein ein⸗ faches Feuerwerk erſcheint.“ 3 „In der Thaͤt, Richon, Ihr macht mir bange,“ ſagte der Vicomte,„und wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich Euch zu meinem Schutze hätte, würde ich es nicht wagen, mich auf den Marſch zu begeben. Aber unter Euerem Geleite,“ fügte der junge Mann, dem Parteigänger ſeine kleine Hand reichend, bei,„fürchte ich nichts.“ »Unter meinem Geleite,“ ſagte Richon,„ahl ja, Ihr erinnert mich daran. Ihr müßt meines Geleites entbehren, Herr Vicomte, und die Partie iſt abge⸗ brochen.“. „Sollt Ihr denn nicht mit mir nach Chantilly zu⸗ rückejranlet, Jh 9 ch Chantilly zu „Das beißt, ich ſollte in einem Fall zurückkehren, wenn ich hier nicht nothwendig wäre. Aber meine 84 Wichtigkeit hat, wie ich Euch ſagte, ſo ſehr zugenom⸗ men, daß ich beſtimmten Befehl von der Frau Prin⸗ zeſſin erhielt, die Gegend des Fort, auf welches man kind beſtimmte Abſicht zu haben ſcheint, nicht zu ver⸗ aſſen. Der Vicomte ſtieß einen Ausruf des Schreckens aus. „So reiſen ohne Euch!“ rief er,„reiſen mit dem würdigen Pompée, der noch tauſendmal mehr Haſen⸗ fuß iſt, als ich, die Hälfte von Frankreich allein oder beinahe allein durchziehen! Oh! nein, ich reiſe nicht, das ſchwöre ich Euch, ich würde vor Angſt ſterben, ehe ich ankäme..,. „Oh, Herr Vicomte,“ verſetzte Richon in ein ſchal⸗ lendes Gelächter ausbrechend,„Ihr denkt alſo nicht mehr an den Degen, der an Eurer Seite hängt?“ „Lacht immerhin, ich reiſe nicht. Die Frau Prin⸗ zeſſin hat mir verſprochen, Ihr würdet mich geleiten, und nur unter dieſer Bedingung machte ich mich an⸗ heiſchig.“ „Wie Ihr wollt, Vicomte,“ verſetzte Richon mit geheucheltem Ernſte.„Jedenfalls zählt man auf Euch in Chantilly, und nehmt Euch in Acht, die Prinzen ver⸗ lieren leicht die Geduld, beſonders wenn ſie Geld er⸗ warten.“ „Und zu allem Unglück,“ ſagte der Vicomte,„ſoll ich noch in der Nacht abreiſen.“ „Deſto beſſer,“ ſprach Richon lachend,„man wird nicht ſehen, daß Ihr bange habt, und Ihr findet am Ende noch Feigherzigere, als Ihr ſeid, und ſchlagt ſie in die Flucht.“— „Ihr glaubt?“ ſagte der Vicomte, trotz dieſer Verheißung nur ſchlecht beruhigt. 3 „Ueberdies gibt es ein Mittel, Alles auszuglei⸗ chen,“ ſagte Richon.„Ihr habt wegen des Geldes Furcht, nicht wahr? Gut, ſo laßt es mir, und ich ſchicke 3 es durch drei bis vier ſichere Männer ab. Alles wohl beachiet, iſt es übrigens doch das ſicherſte Mittel, das Gel 85 an Ort und Stelle gelangen zu laſſen, wenn Ihr es ſelbſt dahin bringt.“ „Ihr habt Recht, ich reiſe, Richon, und da man völlig wacker ſein muß, ſo behalte ich das Geld. Ich glaube, daß Ihre Hoheit nach dem, was Ihr ſagt, noch mehr des Geldes bedarf, als meiner. Käme ich ohne Geld, ſo würde mir vielleicht nicht der beſte Em⸗ pfang zu Theil.. „Ich ſagte Euch ſchon von Anfang, Ihr hättet das Ausſehen eines Helden. Auch gibt es überall Sol⸗ daten des Königs, und wir ſind noch nicht im Kriege begriffen. Traut indeſſen nicht zu viel und befehlt Pompse, ſeine Piſtolen zu laden.“ „Ihr ſagt mir das, um mich zu beruhigen?“ „Allerdings, wer die Gefahr kennt, läßt ſich nicht überraſchen. Geht alſo, die Nacht iſt ſchön, und Ihr könnt vor Tag in Monlieu ſein.“ „Und wird unſer Baron unſere Abreiſe nicht be⸗ ſpähen?“ „Oh, in dieſem Augenblick thut er, was wir ge⸗ than haben, das heißt, er ſpeiſt zu Nacht, und wenn ſein Abendbrod dem unſerigen gleich kommt, ſo iſt er ein zu guter Gaſt, um die Tafel ohne einen mächtigen Beweggrund zu verlaſſen. Ueberdies will ich hinab⸗ gehen und ihn zurückhalten.“ „Dann entſchuldigt mich wegen meiner Unhöflich⸗ keit gegen ihn. Er ſoll nicht, wenn er mich eines Tags in minder edelmüthiger Stimmung als heute trifft, Streit mit mir anfangen. Euer Baron muß in dieſer Be⸗ ziehung ein raffinirter Menſch ſein.“ „Ihr habt das rechte Wort geſagt, und er wäre in der That der Mann„ Euch bis an das Ende der Welt zu folgen, nur um den Degen mit Euch zu kreu⸗ zen. Doch ſeid ruhig, ich werde Euch entſchuldigen.“ „Ja, wartet aber nur, bis ich abgegangen bin.“ „Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun.“ „Und Ihr habt keinen Auftrag an Ihre Hoheit?“ „Ich glaube wohl, Ihr erinnert mich an den al⸗ lerwichtigſten Auftrag.“ „Habt Ihr geſchrieben?“ „Nein, es find ihr nur zwei Worte zu überbringen.“ „Welche?“ 3 1 „Bordeaux— jal“ „Sie weiß, was dieß bedeutet?“ „Vollkommen. Auf dieſe zwei Worte kann ſie ganz ſicher abreiſen. Ich ſtehe für Alles."— „Vorwärts, Pompée,“ ſagte der Vicomte zu dem alten Diener, der in dieſem Augenblick den Kopf durch die halb geöffnete Thüre ſtreckte,„vorwärts, mein Freund, wir müſſen reiſen.“ „Oh, ohl reiſen!“ rief Pompée,„der Herr Vi⸗ comte denkt nicht daran. Es kommt ein furchtbarer Sturm.“ „Was ſagt Ihr da, Pompée?“ verſetzte Richon, „es iſt keine Wolke am Himmel.“ „Aber in der Nacht können wir uns verirren.“ „Das wäre ſchwierig; Ihr braucht nur der Land⸗ ſtraße zu folgen. Ueberdies iſt prächtiger Mondſchein.“ „Mondſchein! Mondſchein!“ murmelte Pompee, „Ihr begreift wohl, daß ich dieß nicht meinetwegen ſage, Herr Richon.“ „Allerdings,“ verſetzte Richon,„ein alter Soldat!“ „Wenn man den Krieg gegen die Spanier mitge⸗ macht hat, und in der Schlacht von Corbie verwundet worden iſt...“ fuhr Pompée, ſich brüſtend, fort. „So hat man vor nichts mehr Furcht, nicht wahr? Gut, das kommt vortrefflich; denn der Herr Vicomte iſt nicht in jeder Beziehung beruhigt, das ſage ich Euch wohl.“ 3 Zr v2, oh,“ rief Pompée erbleichend,„Ihr habt „Mit Dir nicht, mein braver Pompée,“ erwieder der junge Mann,„ich kenne Dich und weiß, daß Du Dich tödten laſſen würdeſt, ehe man an mich käme 87 „Allerdings, allerdings,“ ſprach Pompée,„wenn Ihr aber zu ſehr Angſt haͤttet, ſo müßte man warten bis morgen.“ „Unmöglich, mein guter Pompée; packe alſo die⸗ ſes Gold auf Dein Pferd. Ich folge Dir ſogleich.“ „Das iſt eine ſchwere Summe für einen Nacht⸗ ritt,“ ſprach Pompée, den Sack abwägend. „Es iſt keine Gefahr dabei, wenigſtens behauptet es Richon. Sind die Piſtolen in den Holftern, iſt der Degen in der Scheide, die Muskete am Haken?“ „Ihr vergeßt,“ antwortete der alte Diener,„daß man ſich, wenn man ſein ganzes Leben Soldat gewe⸗ ſen iſt, nicht auf einem Verſehen ertappen läßt. Ja, Herr Vicomte, Alles iſt an ſeiner Stelle.“ „Seht,“ ſagte Nichon,„kann man mit einem ſolchen Gefährten Furcht haben? Glückliche Reiſe alſo, Vicomte!“ „Ich danke für den Wunſch, aber der Weg iſt lang,“ antwortete der Vicomte, mit einem Reſte von Angſt, den das martialiſche Geſicht von Pompée nicht zu zerſtreuen vermochte.“ „Bah!“ ſprach Richon,„jeder Weg hat einen An⸗ fang und ein Enve. Meine unterthänigſte Empfehlung an die Frau Prinzeſſin. Sagt ihr, ich gehöre ihr und Herrn von Larochefoucault bis zum Tode, und vergeßt nicht die zwei fraglichen Worte: Bordeaux— ja! Ich ſuche Herrn von Canolles auf.“ „Sagt mir doch, Richon,“ ſprach der Vicomte, dieſen beim Arme in dem Augenblick zurückhaltend, wo er den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzte, „wenn dieſer Canolles ein ſo braver Soldat und ein ſo guter Edelmann iſt, wie Ihr ſagt, warum macht Ihr nicht einen Verſuch, ihn für unſere Partei zu gewin⸗ nen? Er könnte uns entweder in Chantilly oder ſchon auf der Reiſe einholen. Da ich ihn bereits ein wenig kenne, ſo würde ich ihn vorſtellen.“ 88 Richon ſchaute den Vicomte mit einem ſo ſelt⸗ ſamen Lächeln an, daß dieſer, welcher ohne Zweifel an den Zügen des Parteigängers erkannte, was in ſeinem Geiſte vorging, raſch beifügte: „Uebrigens will ich nichts geſagt haben, macht unten, was Ihr machen zu müſſen glaubt. Gott be⸗ fohlen!“ 2 ſein Zimmer zurück, ſei es aus Furcht, Richon könnte die plötzliche Röthe ſehen, die ſein Geſicht bedeckte ſei es, daß er bange hatte, von Canolles gehört zu werden, deſſen ſchallendes Gelächter bis in den erſten Stock drang. Er ließ alſo den Parteigänger die Treppe hinab⸗ ſteigen, gefolgt von Pompée, welcher das Felleiſen mit einer ſcheinbaren Nachläßigkeit trug, um nicht errathen zu laſſen, was es enthalten könnte. Nachdem einige Minuten vorübergegangen waren, betaſtete er ſich, um zu ſehen, ob er nichts vergeſſen hatte, löſchte ſeine Kerzen aus, ſtieg ebenfalls behutſam die Treppe hinab, wagte einen ſchüchternen Blick durch den erleuchteten Spalt einer Thüre des Erdgeſchoßes, hüllte ſich in ei⸗ nen Mantel, den ihm Pompoe reichte, ſetzte ſeinen kleinen Fuß auf die Hand des Stallmeiſters, ſchwang ſich leicht auf ſein Pferd, brummte einen Augenblick über die Langſamkeit des alten Soldaten und ver⸗ ſchwand im Schatten. In der Sekunde, wo Richon in das Zimmer von Canolles trat, den er unterhalten ſollte, während der kleine Vicomte Anſtalten zu ſeiner Abreiſe traf, erſcholl ein Freudengeſchrei aus dem Munde des halb auf ſeinem Stuhl zurückgelehnten Barons, was zum Beweiſe diente, daß dieſer nicht grollte. 3 Auf dem Tiſche, mitten zwiſchen zwei durchſichtigen Körpern, welche volle Flaſchen geweſen waren, ſtand un⸗ terſetzt und ſtolz auf ihre Rundheit eine Phiole um⸗ Und er reichte ihm die Hand und kehrte raſch in flochten von Rohren, durch deren Zwiſchenraum das — 89 lebhafte Licht von vier Kerzen Funken von Topaſen und Nubinen hervorſpringen ließ. Es war eine Fla⸗ ſche von jenen alten Collioure⸗Weinen, von denen ein bereits erwärmter Gaumen den honigartigen Saft zu ſchlürfen liebt; ſchöne getrocknete Feigen, Mandeln, Biscuite, ſcharfe Käſe, eingemachte Trauben offenbar⸗ ten die intereſſirte Berechnung des Wirthes, eine Be⸗ rechnung, für deren weiſe Genauigkeit zwei leere Fla⸗ ſchen und eine dritte halbvolle zum Belege dienten. Es war in der That gewiß, daß Jeder, der ein ſolches herausforderndes Deſſert berühren würde, ſo nüchtern er auch war, eine bedeutende Summe Flüfſigkeit auf⸗ brauchen mußte. Canolles ſetzte ſeinen Stolz nicht in ein Einſied⸗ lerleben. Als Hugenott(Canolles war von einer pro⸗ teſtantiſchen Familie und bekannte ſich wohl oder übel zu der Religion ſeiner Väter), als Hugenott, ſagen wir, glaubte Canolles vielleicht auch nicht an die Hei⸗ ligſprechung der frommen Einfiedler, die den Himmel Waſſer trinkend und Wurzeln eſſend gewonnen hatten. So traurig oder ſo verliebt er auch ſein mochte, ſo war er doch nie unempfänglich für den Geruch eines guten Mittagsbrodes oder für den Anblick jener Fla⸗ ſchen von beſonderer Form mit rothem, gelbem oder grünem Wachſe, welche unter getreuem Korke das Reinſte vom Gascogner⸗, Champagner⸗ oder Burgun⸗ derblute verſchloſſen halten. Bei dieſem Umſtande hatte alſo Canolles wie gewöhnlich den Reizen des Anblicks nachgegeben. Von dem Anblick war er auf den Ge⸗ ruch, von dem Geruch auf den Geſchmack übergegangen, und da von den fünf Sinnen, womit ihn die gute ge⸗ meinſchaftliche Mutter, welche man Dame Natur nennt, drei völlig befriedigt waren, ſo faßten ſich die zwei andern in Geduld und warteten, bis die Reihe an ſie käme, mit einer Reſignation voll Glückſeligkeit. In dieſem Augenblick trat Richon ein und fand Canolles ſich auf ſeinem Stuhle wiegend. 90 „Ah!“ rief dieſer,„Ihr kommt zur rechten Zeit, mein lieber Richon; ich mußte irgend Jemand finden, um das Lob von Meiſter Biscarros auszuſprechen, und war beinahe darauf angewieſen, ihn gegen dieſen Schafskopf von Caſtorin zu rühmen, der nicht weiß, was trinken heißt, und den ich nie eſſen lehren konnte. Schaut dieſe Etagère an, lieber Freund, und werft einen Blick auf dieſen Tiſch, an dem ich Euch Platz zu nehmen bitte. Iſt er nicht ein wahrer Künſtler, ein Menſch, den ich meinem Freunde, dem Herzog von Epernon, empfehlen will, dieſer Wirth zum Goldenen Kalbe? Hört die Einzelnheiten meines Mahles und urtheilt ſelbſt, mein lieber Richon, Ihr, der Ihr ein Kenner ſeid. Kraftſuppe, Hors⸗d'oeuvre von mari⸗ nirten Auſtern, Sardellen und kleinem Geflügel, Ka⸗ paun mit Oliven, nebſt einer Flaſche Medoc, von der hier der Leichnam ſteht, ein junges Feldhuhn mit Trüffeln, Erbſen in Caramel, eine Gelée von Vogel⸗ kirſchen mit der hier liegenden Flaſche Chambertin an⸗ gefeuchtet; ſodann dieſes Deſſert und dieſe Flaſche Collioure, welche ſich zu vertheidigen ſucht, aber das Schickſal der andern theilen wird, beſonders wenn wir zu zwei Krieg gegen dieſelbe führen. Ich bin bei Gott! ſehr guter Laune, und Biscarros iſt ein großer Meiſter. Setzt Euch hieher, Richon, Ihr habt zu Nacht geſpeiſt, ich habe auch geſpeiſt; doch gleichviel, wir fangen wieder von vorne an.“ „Ich danke, Baron,“ ſprach Richon lachend,„ich habe keinen Hunger mehr.“ „Streng genommen, will ich das zugeben, man 3 kann keinen Hunger mehr haben, hat aber ſtets Durſt. Koſtet einmal dieſen Collioure.“ Richon reichte ihm ſein Glas. „Ihr habt alſo,“ fuhr Canolles fort,„mit Eurem kleinen einfältigen Vicomte zu Nacht geſpeiſt? Ahl ich bitte um Vergebung, Richon. Nein, ich täuſche mich, es iſt im Gegentheil ein reizender Junge, dem ich das 91 Vergnügen ſchulde, das Leben von ſeiner ſchönen Seite zu koſten, ſtatt die Seele durch drei bis vier Löcher hinzugeben, die der brave Herzog von Epernon meiner Haut beizubringen gedachte. Ich bin alſo dieſem jun⸗ gen Vicomte, dieſem bezaubernden Ganymed zu Dank verpflichtet. Ah, Richon, Ihr habt ganz das Ausſehen, als wäret Ihr das, was man von Euch ſagt, das heißt, der wahre Diener von Herrn von Condé.“ „Stille, Baron!“ rief Richon;„habt keine ſolche Gedanken, Ihr macht mich vor Lachen ſterben.“ „Vor Lachen ſterben! Geht doch, nein, mein Lieber. Igne tantum perituri Quia estis..... Landeriri. Ihr kennt doch den Klagegeſang, nicht wahr? Es iſt ein Weihnachtslied von Eurem Patron, verfaßt auf den germaniſchen Fluß Rhenus, als er eines Tags einen ſeiner Gefährten beruhigte, der durch das Waſſer ſterben zu müſſen bange hatte. Teufel von einem Nichon! Ich habe einen Abſcheu vor Eurem kleinen Edelmanne, der ſich auf dieſe Art um den nächſten beſten vorüberziehenden Cavalier bekümmert.“ Und Canolles warf ſich in ſeinem Stuhle lachend und ſeinen Schnurrbart mit einem ſolchen Anfalle von Heiterkeit kräuſelnd zurück, daß Richon nothwendig daran Theil nehmen mußte. „Alſo ernſthaft, mein lieber Richon,“ ſagte Ca⸗ nolles,„nicht wahr, Ihr conſpirirt?“— Richon fuhr zu lachen fort, aber auf eine minder offenherzige Weiſe. „Wißt Ihr, daß ich große Luſt hatte, Euch und Euern kleinen Edelmann verhaften zu laſſen? Bei Gott, das wäre luſtig und beſonders ganz leicht geweſen. Ich hatte die Stockträger meines Gevatters Epernon bei der Hand. Ahl Richon in der Wachtſtube und der kleine Edelmann ebenfalls!“ 92 In dieſem Augenblick hörte man den Galopp von zwei ſich entfernenden Pferden. 4 „Oho!“ ſprach Canolles horchend.„Was iſt das, Richon, wißt Ihr es?“ „Ich glaube es zu vermuthen.“ „So ſprecht.“ „Der kleine Edelmann reiſt ab.“ „Ohne von mir Abſchied zu nehmen?“ rief Ca⸗ nolles.„Das iſt offenbar ein armſeliger Wicht.“ „Nein, mein lieber Baron, es iſt ein Menſch, der Eile hat, und nichts Anderes.“ Canolles faltete die Stirne und erwiederte: „Was für ſonderbare Manieren! Wo iſt dieſer Junge erzogen worden? Richon, mein Freund, ich ſage Euch, daß er Unrecht thut. Unter Edelleuten be⸗ nimmt man ſich nicht ſo. Bei Gott, ich glaube, wenn ich ihn hier hätte, ich würde ihm die Ohren reiben. Der Teufel hole ſeinen guten Tropfen von einem Va⸗ ter, der ihm aus Knickerei ohne Zweifel keinen Lehrer gegeben hat.“ „Aergert Euch nicht, Baron,“ ſprach Richon la⸗ chend,„der Vicomte iſt nicht ſo ſchlecht erzogen, als Ihr wohl glauben möget; denn er hat mich bei ſeinem Abgange beauftragt, Euch ſein Bedauern auszudrücken, und mir anempfohlen, Euch tauſend ſchmeichelhafte Dinge zu ſagen.“ 4 „Gut, gut,“ erwiederte Canolles,„Weihwaſſer von Hof, das aus einer großen Unverſchämtheit eine kleine Unhöflichkeit macht, weiter nichts. Beim Henker, ich bin in einer ſehr wilden Laune. Sucht Streit mit mir, Richon! Ihr wollt nicht? Wartet. Gottes Tod, Richon, ich finde Euch ſehr häßlich.“ Richon fing an zu lachen und verſetzte: „Mit dieſer Laune, Baron, wäret Ihr, wenn Ihr ſpieltet, im Stande, mir hundert Piſtolen abzuge⸗ winnen. Das Spiel begünſtigt, wie Ihr wißt, großen Aerger.“ — 93 Richon kannte Canolles und wußte, was er that, wenn er der ſchlimmen Laune des Barons einen ſolchen Abfluß öffnete. „Ah, bei Gott, das Spiel!“ rief er,„ja, das Spiel, Ihr habt Recht! Mein Freund, das iſt ein Wort, welches mich mit Euch ausſöhnt. Richon, ich finde Euch ſehr angenehm. Ihr ſeid ſchön, wie Ado⸗ nis, und ich verzeihe Herrn von Cambes. Caſtorin, Karten!“ Caſtorin lief von Biscarros begleitet herbei. Beide richteten einen Tiſch zu, und die zwei Gefährten ſingen an zu ſpielen. Caſtorin, dem es ſeit zehn Jah⸗ ren von einer Martingale träumte, und Biscarros, der das Geld mit gierigem Auge betrachtete, blieben auf jeder Seite des Tiſches ſtehen, um zuzuſchauen. In weniger als einer Stunde gewann Richon, trotz deſſen, was er prophezeit hatte, ſeinem Gegner achtzig Piſtolen ab. Canolles, welcher kein Geld mehr bei ſich hatte, befahl nun Caſtorin aus ſeinem Mantelſacke zu holen.“ „Unnöthig,“ ſprach Richon, dem dieſer Befehl nicht entgangen war;„ich habe keine Zeit, um Euch Re⸗ vanche zu geben.“ „Wie! Ihr habt keine Zeit?“ ſagte Canolles. „Nein, es iſt eif Uhr, und um Mitternacht muß ich auf meinem Poſten ſein.“ „Geht doch, Ihr ſcherzt wohl.“ „Mein Herr Baron,“ erwiederte Richon mit ern⸗ ſtem Toné,„Ihr ſeid Militär und kennt folglich die Strenge des Dienſtes.“ „Warum ſeid Ihr dann nicht abgegangen, ehe Ihr mir das Geld abgewonnen hattet?“ ſprach Canol⸗ les, halb lachend, halb mürriſch. „Macht Ihr es mir vielleicht zum Vorwurfe, daß ich Euch einen Beſuch abſttete?“ fragte Richon. 6„Gott behüte! Ich habe nur nicht die geringſte Luſt zu ſchlafen und werde mich hier furchtbar lang⸗ 94 weilen. Wenn ich Euch den Vorſchlag machte, Euch zu begleiten, Richon?“ „So würde ich dieſe Ehre zurückweiſen, Baron. Angelegenheiten, wie die, mit welcher ich beauftragt bin, werden ohne Zeugen abgemacht.“ 2 „Ganz gut; in welcher Richtung geht Ihr?“ „Ich bitte Euch, mich dies nicht zu fragen.“ „In welcher Richtung iſt der Vicomte gereiſt?“ „Ich muß Euch hierauf antworten, daß ich es nicht weiß.“ Canolles ſchaute Richon an, um ſich zu verſichern, ob kein Hohn in dieſer unhöflichen Antwort läge; aber das gutmüthige Auge und das offenherzige Lächeln des Gouverneur von Vayres entwaffneten, wenn nicht ſeine Ungeduld, doch wenigſtens ſeine Neugierde. „Ihr ſeid dieſen Abend ganz aus Geheimniſſen zuſammengeſetzt, mein lieber Richon; doch Ihr habt vollkommene Freiheit. Ich hätte mich vor drei Stun⸗ den, wenn man mir gefolgt wäre, auch bedeutend ge⸗ ärgert, obgleich der Folgende nicht minder enttäuſcht worden wäre, als ich. Alſo noch ein Glas Collioure⸗ Wein und glückliche Reiſe.“ Hienach füllte Canolles die Gläſer, und Richon entfernte ſich, nachdem er auf die Geſundheit des Ba⸗ rons getrunken hatte, ohne daß es dieſem nur in den Kopf kam, er wolle zu erfahren ſuchen, auf welchem Weg er ſich enifernte. Aber allein mitten unter halb abgebrannten Kerzen, leeren Flaſchen und zerſtreuten Karten fühlte ſich der Baron in eine von jenen trauri⸗ gen Stimmungen verſetzt, die man nur verſteht, wenn man ſie ſelbſt erlebt hat; denn ſeine Heiterkeit von dem ganzen Abend war mit einem Verdruſſe gemacht worden, über welchen er ſich zu betäuben geſucht hatte, ohne daß es ihm völlig gelungen war. Er ſchleppte ſich alſo nach ſeinem Schlafzimmer und warf dabei durch die Scheiben des Ganges eine Blick voll Kummer und Zorn nach dem vereinzelten 9⁵ Hauſe, von dem ein Fenſter mit einem röthlichen Re⸗ flere beleuchtet war, und das von Zeit zu Zeit von Schatten durchzogen wurde, woraus deutlich genug hervorging, daß Fräulein von Lartigues eine Nacht minder einſam als die ſeinige zubrachte. Auf der erſten Stufe der Treppe ſtieß Canolles mit ſeinem Stiefel an etwas. Er bückte ſich und hob einen von den kleinen perlgrauen Handſchuhen des Vicomte auf, den dieſer bei ſeinem eiligen Abgange aus dem Gaſthauſe von Meiſter Biscarros hatte fallen laſſen und ohne Zweifel nicht für koſtbar genug hielt, um ſeine Zeit mit Suchen zu verlieren.. Was auch Canolles in einem Augenblicke der Menſchenfeindlichkeit, der einem getäuſchten Liebhaber wohl zu verzeihen war, denken mochte, es herrſchte in dem kleinen einſamen Hauſe keine größere Freude, als im Gaſthofe zum Goldenen Kalb. Unruhig und bewegt wälzte Nanon die ganze Nacht hindurch tauſend Pläne in ihrem Gehirne umher, um Canolles in Kenntniß zu ſetzen; ſie ſuchte Alles, was an Geiſt und Liſt in dem Kopfe einer wohl organi⸗ ſirten Frau enthalten iſt, zu benützen, um ſich der precären Lage zu eatziehen, in der ſie ſich befand. Es handelte ſich nur darum, dem Herzog eine Minute zu ſtehlen, um mit Francinette zu ſprechen, oder zwei inuten, um eine Zeile an Canolles auf ein Stück Papier zu ſchreiben. Aber es war, als vermuthete der Herzog Alles, was in ihr vorging, als läſe er die Unruhe ihres Geiſtes durch die heitere Maske, mit der ſie ihr Ge⸗ ſicht bedeckt hatte, und als hätte er ſich ſelbſt geſchwo⸗ ren, ihr nicht einen Augenblick die Freiheit zu laſſen, die ihr doch ſo nothwendig war. „Nanon hatte Migräne: Herr von Epernon wollte ihr nicht erlauben, aufzuſtehen, um ihr Riechfläͤſchchen zu holen, und holte es ſelbſt. Nanon ſtach ſich mit einer Nadel, wodurch plötz⸗ 96 lich ein Rubin an der Spitze ihres zarten Fingers er⸗ ſchien; ſie wollte in ihrem Neceſſaire ein Stückchen von dem berühmten Roſataffet holen, den man zu jener Zeit zu ſchätzen anfing. Unermüdlich in ſeiner Zuvor⸗ kommenheit ſtand Herr von Epernon auf, ſchnitt das Stückchen Roſataffet mit einer verzweiflungsvollen Ge⸗ ſchicklichkeit ab und verſchloß das Neceſſaire wieder. Nanon ſtellte ſich, als wäre ſie in tiefen Schlaf verſunken: ſogleich fing der Herzog auch an zu ſchnar⸗ chen; da öffnete Nanon ihre Augen wieder und ver⸗ ſuchte es bei dem Scheine der Nachtlampe, welche in ihrer alabaſternen Umhüllung auf dem Tiſche ſtand, aus dem in der Nähe ihres Bettes und im Bereiche ihrer Hand liegenden Leibrocke des Herzogs deſſen Schreibtafel zu ziehen; aber in dem Augenblick, wo ſie bereits den Bleiſtift in ihren Fingern hielt und ein Blatt Papier ausgeriſſen hatte, öffnete der Herzog ein Auge und ſagte: „Was macht Ihr, mein Herzchen?“ 4„Ich ſuchte, ob kein Kalender in Euerer Schreih⸗ tafel wäre.“. „Wozu?“ „Um zu ſehen, auf welchen Tag Euer Namens⸗ feſt fällt.“ „Ich heiße Louis, und mein Namenstag fällt auf den 24. Auguſt, wie Ihr wißt: Ihr habt alſo gehörig Zeit, Euch darauf vorzubereiten.“ Und er nahm ihr die Schreibtafel wieder aus der Hand und ſteckte ſie in ſeinen Rock. Nanon hatte bei dem letzten Manoeuvre wenig⸗ ſtens einen Bleiſtift und ein Stück Papier gewonnen. Sie ſteckte Beides unter ihren Kopfpfühl und warf ſehr geſchickt die Nachtlampe um, in der Hoffnung, in der Finſterniß ſchreiben zu können; aber der Herzog läutete und verlangte mit gewaltigem Geſchrei Licht, indem er behauptete, er könne ohne Licht nicht ſchlafen, Francinette lief ſo ſchnell herbei, daß Nanon nicht Zeit — 97 gehabt hatte, nur die Hälfte ihres Satzes zu ſchreiben, und der Herzog befahl aus Furcht, es könnte ſich die⸗ ſer Unfall wiederholen, die zwei Kerzen auf den Ka⸗ min zu ſtellen. Nun erklärte Nanon, ſie könne nicht bei Licht ſchlafen, drehte ganz fieberhaft vor Ungeduld die Naſe gegen die Wand und erwartete den Tag mit einer leicht begreiflichen Bangigkeit. Dieſer Tag begann an dem Gipfel der Pappel⸗ bäume zu erſcheinen und ließ die zwei Kerzen er⸗ bleichen. Der Herzog von Epernon, der ſich ein Ver⸗ dienſt daraus machte, die Gewohnheiten des mili⸗ täriſchen Lebens zu befolgen, erhob ſich bei dem er⸗ ſten Strahle, welcher durch die Fenſterläden drang, kleidete ſich allein an, um ſeine kleine Nanon nicht einen Augenblick zu verlaſſen, hüllte ſich in einen Schlafrock und läutete, um zu erfahren, ob nichts Neues vorgefallen wäre. Francinette erwiederte dieſe Frage, indem ſie dem Herzog ein Päckchen mit Depechen übergab, welche Courtauvaux, ſein Lieblingspiqueur, in der Nacht ge⸗ bracht hatte. Der Herzog fing an dieſelben zu entſiegeln und las ſie mit einem Auge; das andere Auge, dem der Herzog den verliebteſten Ausdruck zu geben ſuchte, ver⸗ ließ Nanon nicht. Nanon hätte den Herzog in Stücke zerriſſen, wenn ſie es im Stande geweſen wäre. „Wißt Ihr,“ ſagte der Herzog, nachdem er einen Theil der Depechen geleſen hatte,„wißt Ihr, was Ihr thun ſolltet, liebe Freundin?“ „Nein, Monſeigneur,“ antwortete Nanon,„aber wenn Ihr Befehle geben wolltet, ſo würde man ſich darnach richten.“ „Ihr ſolltet Euern Bruder holen laſſen. Ich er⸗ halte ſo eben von Bordeaur einen Brief, welcher die von mir gewünſchte Auskunft enthält; er könnte ſo⸗ gleich abreiſen, und bei ſeiner Rückkehr hätte ich einen Der Frauenkrieg. J. 7 98 Vorwand, ihm das Commando zu übergeben, das Ihr für ihn nachſucht.“ Das Antlitz des Herzogs drückte das unzweideu⸗ tigſte Wohlwollen aus. „Auf,“ ſagte Nanon zu ſich ſelbſt,„Muth gefaßt! ich darf hoffen, daß Canolles in meinen Augen leſen oder ein halbes Wort verſtehen wird.“ Dann antwortete ſie laut: 3 „Schickt ſelbſt, mein lieber Herzog;“ denn ſie ver⸗ muthete, der Herzog würde ſie nicht gewähren laſſen, wenn ſie die Sache beſorgen wollte. 4 Der Herzog von Epernon rief Francinette und beauftragte ſie, ſich nach dem Gaſthauſe zum Goldenen Kalbe zu begeben, ohne eine andere Inſtruktion, als die Worte: „Sagt dem Herrn Baron von Canolles, Fräu⸗ lein von Lartigues erwarte ihn beim Frühſtück.“ Nanon warf Francinette einen Blick zu, aber ſo beredt dieſer Blick auch war, ſo konnte Francinette doch nicht varin leſen:„Sagt dem Herrn Baron von Ca⸗ nolles, ich ſei ſeine Schweſter.“ Franeinette ging ab; ſie begriff, daß ein Betrug hinter dieſer Sache verborgen war, der eine gefähr⸗ liche Wendung nehmen konnte. 3 Mittlerweile ſtand Nanon auf und ſtellte ſich hin⸗ ter den Herzog, um Canolles mit dem erſten Blicke auffordern zu können, er möge auf ſeiner Hut ſein, und zugleich beſchäftigte ſie ſich damit, eine Phraſe bereit zu halten, mit deren Hülfe der Baron ſchon bei den erſten Worten von Allem unterrichtet werden ſollte, was er wiſſen mußte, um nicht falſche Noten in dem Familtentrio anzuſchlagen, das nun ausgeführt wer⸗ den würde.. Sie umfaßte mit dem Augenwinkel die ganze Straße bis zu der Biegung, wo ſich der Herzog von Epernon am Abend vorher mit ſeinen Sbirren ver⸗ borgen gehalten hatte. 7 99 „Ah!“ ſagte plötzlich der Herzof,„vort kommt Francinette zurück.“ Und er heftete ſeine Augen auf die von Nanon, welche nun genöthigt war, ihren Blick von der Straße abzuwenden, um den des Herzogs zu erwiedern. Das Herz von Nanon ſchlug, daß es die Bruſt hätte zerſprengen ſollen; ſie hatte nur Francinette ſehen können, und hätte ſo gern Canolles geſehen, um in ſeinem Geſichte irgend eine beruhigende Linie zu ſuchen. Man kam die Stufen herauf: der Herzog ſchickte ſich zu einem zugleich vornehmen und freundſchaftlichen Lächeln an. Nanon drängte die Röthe zurück, die ihr in die Wangen ſtieg, und belebte ſich zum Kampfe. Francinette klopfte leicht an die Thüre. „Herein!“ rief der Herzog. Nanon nahm die Phraſe, mit der ſie Canolles begrüßen wollte, auf die Zungenſpitze. Die Thüre öffnete ſich; Francinette war allein. Nanon befragte das Vorzimmer mit einem gierigen Blicke; es war Niemand 5 Vorzimmer.. „Madame,“ ſprach Francinette mit dem unſtör⸗ baren Gleichgewichte einer Komödien⸗Soubrette,„der Herr Baron von Canolles iſt nicht mehr im Gaſthauſe zum Goldenen Kalb.“ Der Herzog machte große Augen und wurde düſter. Nanon warf den Kopf zurück und athmete. „Wir,“ ſagte der Herzog,„der Herr Baron von Tapolhes iſt nicht mehr im Gaſthauſe zum Goldenen 0 e 24 „Du täuſcheſt Dich ſicherlich, Francinette,“ fügte Nanon bei. „Madame,“ erwiederte Francinette,„ich wieder⸗ hole, was mir Herr Biscarros ſelbſt geſagt hat.“ „Er wird Alles errathen haben, dieſer liebe Ca⸗ 100 nolles,“ murmelte ganz leiſe Nanon.„Eben ſo ge⸗ ſcheit, eben ſo gewandt, als muthig und ſchön.“ „Holt mir ſogleich den Meiſter Biscarros,“ ſagte der Herzog mit der Miene ſeiner ſchlimmen Tage. 4„Ohl ich denke mir,“ ſprach Nanon raſch,„er wird erfahren haben, Ihr wäret hier, und befürchtete ohne Zweifel, er könnte ſtören. Der arme Canolles iſt ſo ſchüchtern!“ „Er, ſchüchtern!“ rief der Herzog,„es ſcheint mir, er ſteht nicht in dieſem Rufe.“ „Nein, Madame,“ verſetzte Franeinette,„der Herr Baron iſt wirklich abgereiſt.“ „Aber, Madame,“ ſagte der Herzog,„wie kommt es, daß der Baron Furcht vor mir gehabt hat, wäh⸗ rend Francinette nur beauftragt war, ihn in Euerem Namen einzuladen? Ihr habt ihm alſo geſagt, ich wäre hier, Francinette?“ „Ich konnte es ihm nicht ſagen, Herr Herzog, denn er war nicht mehr da.“ 3 Trotz dieſer Erwiederung von Francinette, welche mit der Eile der Offenherzigkeit und Wahrheit ge⸗ geben wurde, ſchien der Herzog wieder von ſeinem ganzen Mißtrauen erfaßt zu werden. Nanon war 85 Freude und hatte nicht mehr die Kraft, etwas zu agen. „Soll ich immer noch Meiſter Biscarros holen?“ fragte Francinette. „Mehr als je,“ erwiederte der Herzog mit ſeinem rauhen Tone,„oder vielmehr, ja, wartet. Bleibt hier, Euere Gebieterin könnte Euerer bedürfen, und ich will Courtauvaux abſchicken.“. Francinette verſchwand. Fünf Minuten nachher erſchien Courtauvaux an der Thüre. „Gehe zu dem Wirthe zum Goldenen Kalbe,“ ſprach der Herzog,„ſage ihm, er ſolle hierher kommen und den Küchenzettel zu einem Frühſtück mitbringen. Gib 101 ihm dieſe zehn Louisd'or, damit er ein gutes Mahl bereitet. Vorwärts.“ Courtauvaux empfing das Gold auf ſeinem Rock⸗ ſcoße und entfernte ſich, um den Befehl ſeines Ge⸗ bieters zu vollziehen. Er war ein Diener von gutem Hauſe, der ſein Handwerk ſo genau kannte, als alle Criſpine und alle Mascavilles jener Zeit. Er ſuchte Biscarros auf und ſagte zu ihm: „Ich habe den gnädigen Herrn überredet, ein fei⸗ nes Frühſtück bei Euch zu beſtellen; er hat mir acht Louisd'or gegeben, zwei behalte ich natürlich für die Puubmiſſon: hier find ſechs für Euch, kommt ge⸗ winde.“ Zitternd vor Freude band Biscarros eine weiße Schürze um ſeine Hüften, ſteckte die ſechs Louisd'or ein, drückte Courtauvaux die Hand und eilte dem Pi⸗ queur nach, der ihn im ſchnellſten Laufe nach dem klei⸗ ſogar das lebhafteſte Verlangen, mit Biscarros zu ſhäachen. Er wurde daher, ſobald er ankam, einge⸗ Biscarros trat, ſeine Schürze artig in den Gür⸗ tel zurückgeſchlagen und die Mütze in der Hand, ein. „Ihr habt geſtern einen jungen Edelmann bei Euch gehabt,“ ſagte Nanon,„den Herrn Baron von Canolles, nicht wahr?“ „Was iſt aus ihm geworden?“ fragte der Herzog. 102 „Ubgereiſt ſagte der Herzog,„wirklich abge⸗ 2 „Wirklich abgereiſt.“ 1 „Wohin iſt er gegangen?“ fragte Nanon. 3„Das kann ich nicht ſagen, denn in Wahrheit, ich weiß es nicht, Madame.“ „Ihr wißt wenigſtens, welchen Weg er einge⸗ ſchlagen hat?“ „Den Weg nach Paris.“ „Um wie viel Uhr hat er vieſen Weg eingeſchla⸗ gen?“ fragte der Herzog. „Gegen Mitternacht.“ „Und ohne etwas zu ſagen?“ fragte ſchüchtern Nanon.. „Ohne etwas zu ſagen; er hat nur einen Brief⸗ zurückgelaſſen, mit dem Befehl, ihn an Mademoiſelle Franeinette zu übergeben.“ „Und warum habt Ihr den Brief nicht abgegeben, Schuft?“ ſagte der Herzog.„Iſt das Euere Achtung vor dem Befehle eines Edelmannes?“ „Ich habe ihn übergeben, gnädiger Herr.“ „Franeinette!“ rief der Herzog. 3 Francinette, welche horchte, machte nur einen Sprung von dem Vorzimmer in das Schlafzimmer. „Warum haſt Du den Brief Deiner Gebieterin nicht übergeben, den Herr von Canolles für ſie zurück⸗ ließ?“ fragte der Herzog. „Aber, Monſeigneur...“ murmelte die Kam⸗ merfrau ganz erſchrocken. „Monſeigneur,“ dachte Biscarros, ſich in die ent⸗ fernteſte Ecke des Zimmers kauernd;„Monſeigneur... das iſt ein verkleideter Prinz.“ 3 3 „„Ich habe ihn nicht verlangt,“ ſprach Nanon ganz bleich. „Gib,“ ſagte der Herzog und ſtreckte die Hand reiſt aus. Die arme Francinette reichte ihm langſam den Brieſ 1 103 dar, während ſie ihrer Gebieterin einen Blick zuwandte, mit dem ſie ſagen wollte:. „Ihr ſeht, daß es nicht mein Fehler iſt; dieſer Dummkopf von einem Biscarros hat Alles ver⸗ dorben.“ Ein doppelter Blitz ſchoß aus dem Augapfel von Nanon und erdolchte ihn gleichſam in ſeiner Ecke. Der Unglückliche ſchwitzte große Tropfen und hätte gern die Louisd'or gegeben, die er in ſeiner Taſche hatte, wäre er, den Stiel einer Caſſerole in der Hand, vor ſeinem Herde geſtanden. Während dieſer Zeit nahm der Herzog den Brief, öffnete ihn und las. So lange er las, ſtand Nanon kälter und bleicher als eine Bildſäule da und fühlte kein Leben mehr in ihrem Herzen. „Was bedeutet dieſes verwirrte Geſchreibſel?“ ſagte der Herzog. Nanon begriff nach dieſen paar Worten, daß der Brief ſie nicht gefährdete, und erwiederte: „Leſet laut und ich kann es Euch vielleicht er⸗ klären.“ „Theuere Nanon,“ las der Herzog. Und nach dieſen Worten wandte er ſich nach der jungen Frau um, welche, ſich immer mehr beruhigend, ſeinen Blick mit bewunderungswürdiger Keckheit aus⸗ ielt. „Theuere Nanon,“ fuhr der Herzog fort,„ich be⸗ nütze den Urlaub, den ich Euch zu verdanken habe, und mache zu meiner Zerſtreuung einen kleinen Ga⸗ lopp auf der Straße nach Paris. Auf Wiederſehen; ich empfehle Euch mein Glück.“ „Ohl er iſt ein Narr, dieſer Canolles!“ „Ein Narr! warum?“ fragte Nanon. al„Reiſt man ſo ohne allen Grund um Mitternacht 87n der That,“ ſagte Nanon mit ſich ſelbſt ſpre⸗ 104 „Sprecht, erklärt mir dieſe Abreiſe!“ „Ei, mein Gott! Monſeigneur,“ erwiederte Na⸗ non mit einem reizenden Lächeln,„nichts iſt leichter.“ „Sie nennt ihn auch Monſeigneur!“ murmelte Biscarros.„Offenbar ein Prinz.“ „Sprecht, ſprecht!“ „Wie, Ihr wißt nicht, um was es ſich handelt?“ „Nicht entfernt.“ „Wohl, Canolles iſt ſiebenundzwanzig Jahre alt; er iſt jung, ſchön, ſorglos. Welcher Thorheit glaubt Ihr, daß er den Vorzug gönnt? der Liebe. Er wird an dem Gaſthauſe des Meiſter Biscarros eine hübſche Reiſende haben vorüberkommen ſehen, und iſt ihr dann wahrſcheinlich gefolgt.“ „Verliebt! Ihr glaubt?“ rief der Herzog, lächelnd bei dem ganz natürlichen Gedanken, daß Canolles, wenn er in irgend eine Reiſende verliebt wäre, nicht in Nanon verliebt ſein könnte. „Ganz gewiß verliebt. Nicht wahr, Meiſter Bis⸗ carros?“ ſagte Nanon, entzückt, als ſie ſah, daß der Herzog ihren Gedanken annahm.„Antwortet offen⸗ herzig: habe ich nicht richtig errathen?“ „Biscarros dachte, der Augenblick wäre gekommen, die Gunſt der jungen Frau wieder zu gewinnen, und antwortete, während er auf ſeinen Lippen ein Lä⸗ cheln von vier Zoll in der Weite hinſtreifen ließ: hab„In der That, die gnädige Frau könnte Recht aben. Nanon machte einen Schritt gegen den Wirth und ſprach unwillkührlich zitternd: „Nicht wahr?“ „Ich denke wohl,“ antwortete Biscarros mit ſchlauer Miene. „Ihr denkt?“ „Ja, wartet nur; in der That, Ihr öffnet mir die Augen.“ „Ahl erzählt uns das, Meiſter Biscarros,“ ver⸗ —,„ —————y—o-— — 105 ſetzte Nanon, welche ſich dem erſten Verdachte der Ei⸗ ferſucht hinzugeben anfing;„ſagt, wer ſind vie reiſen⸗ den Frauen, welche in dieſer Nacht in Euerem Gaſt⸗ haufe angehalten haben?“ „Ja, ſprecht,“ ſagte der Herzog, ſeine Beine aus⸗ ſtreckend und ſich mit den Ellbogen auf die Lehnen ſeines Stuhles ſtützend. „Es find keine reiſende Frauen angekommen,“ ant⸗ wortete Biscarros. Nanon athmete. „Sondern nur,“ fuhr der Wirth fort, ohne zu vermuthen, daß jedes von ſeinen Worten das Herz von Nanon hüpfen machte,„ſondern nur ein blonder, zier⸗ licher, kleiner Edelmann, der nicht aß, nicht trank und Furcht hatte, ſich bei Nacht auf den Weg zu begeben. Ein Edelmann, welcher Furcht hatte,“ fügte Biscar⸗ ros mit einer kleinen Kopfbewegung voll Schlauheit bei:„Ihr begreift, nicht wahr?“ „Ahl ahl ah!“ rief voll Heiterkeit der Herzog, geradezu in die Angel beißend. Nanon erwiederte ſein Lachen mit einer Art von Zähneknirſchen. „Fahrt fort,“ ſagte ſie,„das iſt reizend. Ohne Zweifel erwartete der junge Edelmann Herrn von Canolles?“ „Nein, nein, er erwartete zum Abendbrod einen großen Herrn mit einem Schnurrbart und hat ſogar Herrn von Canolles etwas angefahren, als er mit ihm zu Nacht ſpeiſen wollte; aber der wackere Edelmann ließ ſich durch eine ſolche Kleinigkeit nicht aus der Faſſung bringen. Das iſt ein unternehmender Kame⸗ rad, wie es ſcheint, und nach der Abreiſe des Großen, der rechts abgegangen war, eilte er dem Kleinen nach, welcher ſich nach Links gewendet hatte. Als Biscarros nach dem Schluſſe ſeiner Rede das frohe Geſicht des Herzogs wahrnahm, glaubte er 106 in eine Tonleiter ſo furchtbaren Lachens ausbrechen zu dürfen, daß die Fenſterſcheiben zitterten. Völlig beruhigt, hätte der Herzog Biscarros um⸗ armt, wäre er auch nur im Geringſten Edelmann ge⸗ weſen. Nanon hörte bleich, ein krampfhaftes, eiſiges Lächeln auf den Lippen, jedes Wort, das von dem Munde des Wirthes fiel, mit dem verzehrenden Glau⸗ ben, welcher die Eiferſüchtigen antreibt, in langen Zügen und bis auf die Hefe den Trank zu trinken, der ſie tödtet. „Aber was bringt Euch auf den Glauben,“ ſprach ſie,„dieſer kleine Edelmann ſei eine Frau, Herr von Canolles ſei verliebt in dieſe, und er laufe nicht aus Langweile und Laune auf der Landſtraße umher.“ „Was mich auf dieſen Glauben bringt?“ ant⸗ wortete Biscarros, dem daran lag, die Ueberzeugung im Innern ſeiner Zuhörer feſtzuſtellen;„ich will es Euch ſagen.“ „Ja, ſagt es uns, mein lieber Freund,“ ver⸗ ſetzte der Herzog;„Ihr ſeid in der That ſehr beln⸗ ſtigend.“— „Monſeigneur iſt allzu gütig!“ ſprach Biscarros. „Vernehmt alſo.“ Der Herzog wurde ganz Ohr. Nanon hörte die Fäuſte zuſammenpreſſend. „Ich vermuthete nichts und hielt den kleinen blon⸗ den Cavalier für einen Mann, als ich Herrn von Ca⸗ nolles mitten auf der Treppe begegnete; in der linken Hand hielt er ſeine Kerze, in der rechten einen kleinen Handſchuh, den er leidenſchaftlich betrachtete und beroch. „Oh! ohl oh!“ rief der Herzog, deſſen Heiterkeit immer mehr zunahm, je mehr er für ſich zu fürchten aufhörte. „Einen Handſchuh!“ wiederholte Nanon, indem ſie ſich zu erinnern ſuchte, ob ſie nicht ein ſolches Pfand im Beſitze ihres Ritters gelaſſen hätte,„einen Hand⸗ ſchuh von dieſer Art?“ —„—— 107 Und ſie zeigte dem Wirthe einen von ihren Hand⸗ ſchuhen. c S-hein⸗ ſagte Biscarros,„einen Männerhand⸗ u. „Einen Männerhandſchuh! Herr von Canolles de⸗ trachtete und beroch einen Männerhandſchuh! Ihr ſeid ein Narr!“ „Nein, denn es war ein Handſchuh von dem klei⸗ nen Edelmann, von dem hübſchen, blonden Cavalier, der nicht aß, nicht trank und bei Nacht Furcht hatte; ein ganz kleiner Handſchuh, in den die Hand von Ma⸗ dame kaum hineingekommen wäre, obgleich Madame gewiß eine ſehr ſchöne Hand hat.“ Nanon ſtieß einen halblauten, dumpfen Schrei aus, als ob ſie von einem unſichtbaren Pfeile gettof⸗ fen worden wäre. „Ich hoffe,“ ſagte ſie mit einer heftigen Anſtren⸗ gung,„Ihr ſeid nun hinreichend unterrichtet, Mon⸗ ſeigneur, und wißt Alles, was Ihr zu wiſſen wünſcht.“ Und die Lippen bebend, die Zähne geſchloſſen, die Augen ſtarr, zeigte ſie mit dem Finger Biscarros die Thüre; als der letztere aber auf dem Antlitz der jungen Frau dieſe Zeichen des Zornes wahrnahm, ohne die Sache begreifen zu können, blieb er mit offenem Munde und aufgeſperrten Augen ſtehen. „Iſt die Abweſenheit dieſes Cavaliers ein ſo außer⸗ ordentliches Unglück,“ dachte er,„ſo wird ſeine Rück⸗ kehr ein großes Glück ſein. Wir wollen dieſem edeln Herrn mit einer ſüßen Hoffnung ſchmeicheln, damit er guten Appetit bekommt.“ In Folge dieſes Schluſſes nahm Biscarros ſeine liebenswürdigſte Miene an, ſetzte mit einer Bewegung voll Anmuth ſeinen rechten Fuß vor und ſprach? „Dieſer Cavalier iſt allerdings abgereiſt, kann aber jeden Augenblick wiederkommen.“ Der Herzog lächelte bei dieſer Bemerkung. 108 „Es iſt wahr,“ ſagte er,„warum ſollte er nicht wiederkommen? Vielleicht iſt er bereits zurückgekehrt. Seht nach, Herr Biscarros, und bringt mir Ant⸗ wort.“ „Aber das Frühſtück!“ ſagte Nanon lebhaft,„Ich flerbe vor Hunger.“ „Das iſt richtig,“ verſetzte der Herzog,„Cour⸗ tauvaur kann gehen. Courtauvaux, komm' hierher, gehe in das Gaſthaus des Meiſter Biscarros und fieh nach, ob der Herr Baron von Canolles nicht zu⸗ rückgekommen iſt. Findeſt Du ihn nicht dort, ſo frage, erkundige Dich, ſuche in der Umgegend. Ich will mit dieſem Herrn frühſtücken. Vorwärts.“ Courtauvaux entfernte ſich, und Biscarros, der das verlegene Stillſchweigen der zwei Perſonen be⸗ merkte, machte Miene, ein neues Auskunftsmittel von ich zu geben. „Seht Ihr nicht, daß Madame Euch gehen heißt?“ ſprach Francinette. „Einen Augenblick, einen Augenblick!“ rief der Herzog,„der Teufel, nun verliert Ihr den Kopf, meine liebe Nanon; und das Frühſtück! Ich bin wie Ihr, ich habe Hunger zum Sterben. Nehmt, Meiſter Biscarros, fügt dieſe ſechs Louisd'or den an⸗ dern bei, es iſt die Bezahlung für die angenehme Ge⸗ ſchichte, die Ihr uns erzählt habt.“ Dann befahl er dem Hiforiker, dem Koche Platz zu machen, und wir müſſen geſtehen, Meiſter Biscar⸗ ros glänzte nicht weniger in dem zweiten Geſchäfte, als in dem erſten. Nanon hatte indeſſen nachgedacht und mit einem Blicke die ganze Lage umfaßt, in welche ſie die Ver⸗ muthung von Meiſter Biscarros verſetzte. Einmal, war die Vermuthung richtig? und dann, war ſie dies auch, ließ ſich das Benehmen von Canolles nicht ent⸗ ſchuldigen? In der That, welch' eine grauſame Täuſchung für einen braven Edelmann, wie er, mußte 109 dieſes mißglückte Rendezvous ſein! Welche Schmach war dieſe Späherei des Herzogs von Epernon und dieſe Canolles auferlegte Nothwendigkeit, gleichſam dem Triumphe ſeines Nebenbuhlers beizuwohnen! Nanon war ſo verliebt, daß ſie, ſein Benehmen einem Anfalle von Eiferſucht zuſchreibend, Canolles nicht nur entſchuldigte, ſondern auch beklagte und ſich bei⸗ nahe dazu Glück wünſchte, ſo ſehr von ihm geliebt zu werden, daß dadurch eine kleine Rache von ſeiner Seite hervorgerufen worden war. Aber vor Allem mußte das Uebel an der Wurzel abgeſchnitten werden, ſie mußte den Fortſchritt dieſer kaum entſtehenden Liebe hemmen. 1 Hier durchzuckte ein furchtbarer Gedanke den Geiſt von Nanon, ein Gedanke, der die arme Frau beinahe niederſchmetterte. Wenn dieſes Zuſammentreffen von Canolles und dem kleinen Edelmann ein Rendezvous wäre! Aber nein, ſie war toll, denn der junge Edel⸗ mann wartete auf einen Herrn mit einem Schnurr⸗ bart. Er benahm ſich auf eine unhöfliche Weiſe gegen Canolles, und Canolles ſelbſt erkannte das Geſchlecht des Unbekannten vielleicht nur an dem zufällig von ihm aufgefundenen kleinen Handſchuhe. 3 tnn Gleichviel, man mußte Canolles in den Weg reten. Sich mit ihrer ganzen Energie bewaffnend, kehrte ſie zu dem Herzog zurück, der Biscarros, mit Com⸗ plimenten und Empfehlungen überladen, ſo eben ent⸗ laſſen hatte. „Welch ein Unglück, Monſeigneur,“ ſagte ſie,„daß die Unbeſonnenheit des närriſchen Canolles ihn einer Ehre beraubt, wie Ihr ſie ihm angedeihen laſſen woll⸗ tet. Dem Gegenwärtigen war ſeine Zukunft geſichert, der Abweſende verliert ſie vielleicht ganz und gar.“ 5„Doch wenn wir ihn wiederfinden?“ ſagte der Herzog. 110 „Ohl es iſt keine Gefahr,“ erwiederte Nanon, „handelt es ſich um eine Frau, ſo iſt er nicht zurück⸗ gekehrt!“ „Was iſt zu thun, mein Herzchen?“ ſprach Herr von Epernon.„Die Jugend iſt das Alter des Ver⸗ gnügens; er iſt jung und beluſtigt ſich.“ „Aber ich,“ verſetzte Nanon,„ich, die ich ver⸗ nünftiger bin, als er, wäre der Meinung, man ſollte dieſe unzeitige Freude ein wenig ſtören.“ „Ah, zänkiſche Schweſter!“ rief der Herzog. „Er wird mir vielleicht im Augenblick grol⸗ len,“ fuhr Nanon fort,„aber ſicherlich ſpäter Dankt wiſſen.“* „Nun, ſo laßt hören, habt Ihr einen Plan? Mir es ganz lieb, wenn Ihr einen habt, ſo nehme ich ihn an.“ „Allerdings.“ „So ſprecht.“ „Wolltet Ihr ihn nicht zur Königin ſchicken, um eine dringende Nachricht zu überbringen?“ „Wohl, aber wenn er noch nicht zurückgekom⸗ men iſt?“. „Laßt ihm nachſetzen, und da er ſich auf der Straße nach Paris befindet, ſo iſt immerhin ſo viel Weg zu⸗ rückgelegt.“ „Ihr habt bei Gott Recht.“ „Beauftragt mich hiemit, und Canolles hat den Befehl ſchon an dieſem Abend oder ſpäteſtens morgen, dafür ſtehe ich Euch.“ „Aber wen werdet Ihr ſchicken?“ „Braucht Ihr Courtauvaux?“ „Ich durchaus nicht.“ „Gebt ihn mir, und ich ſchicke ihn mit meinen Inſtruktionen ab.“ „Oh, der diplomatiſche Kopf! Ihr werdet 4s weit bringen, Nanon.“ „Dürfte ich ewig meine Erziehung unter einem 111 ſo guten Herrn machen,“ ſprach Nanon,„mehr begehre ich nicht.“ Und ſie ſchlang ihren Arm um den Hals des al⸗ ten Herzogs, der vor Freuden bebte.. „Was für einen köſtlichen Scherz bereiten wir unſerem Seladon,“ ſagte ſie. „Das wird reizend zu erzählen ſein, meine Liebe.“ „In der That, ich möchte ihm gerne ſeldſt nach⸗ laufen, um das Geſicht zu ſehen, das er dem Boten machen wird.“ „Leider, oder vielmehr glücklicher Weiſe iſt das nicht möglich, und Ihr ſeid genöthigt, bei mir zu bleiben.“ „Ja, aber wir wollen keine Zeit verlieren. Schreibt Euern Befehl, Herzog, und ſtellt Courtauvaux zu mei⸗ ner Verſügung.“— Der Herzog nahm eine Feder und ſchrieb auf ein Stück Papier nur die zwei Worte: „Bordeaux— nein!“ Und er unterzeichnete. 3 Dann ſchrieb er auf dieſe lakoniſche Depeche die Adreſſe: 4. „An Ihre Majeſtät die Königin Anna von Oeſter⸗ reich, Regentin von Frankreich.“ Nanon aber ſchrieb zwei Zeilen, die ſie dem Pa⸗ piere beifügte, nachdem ſie dieſelben dem Herzog ge⸗ zeigt hatte. Dieſe zwei Zeilen lauteten: „»Mein lieber Baron, beifolgende Depeche iſt, wie Ihr ſeht, für Ihre Majeſtät die Königin beſtimmi. Bei Eurem Leben überbringt ſie auf der Stelle. Es handelt ſich um das Wohl des Königreiches.. 3 Eure gute Schweſter Nanon.“ Nanon hatte kaum dieſes Billet vollendet, als man das Geräuſch eiliger Schritte unten an der Treppe vernahm, und Courtauvaux öffnete, raſch heraufſtei⸗ 112 geude die Thüre mit dem freudigen Geſichte eines eenſchen, welcher eine Nachricht bringt, von der er weiß, daß ſie ungeduldig erwartet wird. „Hier iſt Herr von Canolles, welchen ich nur hun⸗ dert Schritte von dieſem Hauſe getroffen habe,“ ſagte der Piqueur. Der Herzog ſtieß einen Ausruf wohlgefälligen Erſtaunens aus. Nanon erbleichte, murmelte:„Es ſteht alſo geſchrieben, daß ich ihn nicht vermeiden ſoll,“ und lief nach der Thüre. 3 In dieſem Augenblick erſchien auf der Schwelle eine neue Perſon, gekleidet in ein prachtvolles Gewand, ihren Hut in der Hand haltend und auf das Anmu⸗ thigſte lächelnd. V. Hätte der Blitz zu den Füßen von Nanon einge⸗ ſchlagen, ſo würde es kein größeres Erſtaunen hervor⸗ gebracht haben, als dieſe unerwartete Erſcheinung ver⸗ urſachte, und es hätte ihr keinen ſchmerzlicheren Aus⸗ ruf entriſſen, als der war, welcher unwillkührlich ihrem Munde entfuhr. „Er!“ rief ſie. 3 „Allerdings, meine gute kleine Schweſter,“ ant⸗ wortete eine freundliche Stimme.„Doch um Verge⸗ bung,“ fuhr der Eigenthümer dieſer Stimme fort, als er den Herrn Herzog von Epernon erblickte,„um Vergebung, ich beläſtige Euch vielleicht?“ Und er verbeugte ſich bis auf den Boden vor dem Gouverneur von Guienne, der ihn mit einer wohlwollenden Geberde empfing. 113 „auvignac,“ murmelte Nanon, aber ſo leiſe, daß dieſer Name eher mit dem Herzen, als mit den Lippen ausgeſprochen wurde. „Seid willkommen, Herr von Canolles,“ ſagte der Herzog mit der freundlichſten Miene.„Eure Schweſter und ich haben ſeit geſtern Abend nur von Euch geſprochen, und ſeit geſtern Abend verlangen wir nach Ench.“ „Ah, Ihr verlangt nach mir! in der That?“ ſagte Cauvignac, und warf einen Blick auf Nanon, in wel⸗ chem ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Ironie und Zweifel lag. „Ja,“ ſagte Nanon,„der Herr Herzog hat die Gits gehabt, zu wünſchen, daß Ihr ihm vorgeſtellt würdet.“ „Nur die Furcht, läſtig zu ſein,“ ſprach Cauvig⸗ nac, abermals ſich verbeugend,„hat mich abgehalten, früher um dieſe Ehre zu bitten.“ „In der That, Baron,“ erwiederte der Herzog, vich habe Euer Zartgefühl bewundert, muß Euch aber einen Vorwurf darüber machen.“ „Mir, Monſeigneur, einen Vorwurf über mein Zartgefühl? Ahl ahl“ „Ja, und wenn Eure gute Schweſter nicht für Eure Angelegenheiten geſorgt hätte...“ 1 „Ahl“ ſprach Cauvignac, einen Blick beredten Vor⸗ wurfes auf Nanon werfend;„ah, meine gute Schwe⸗ ſter hat für die Angelegenheiten.. „Ihres Bruders geſorgt,“ verſetzte Nanon leb⸗ haft.„Was iſt natürlicher?“ „Und heute noch, wem verdanke ich das Vergnü⸗ gen, Euch zu ſehen?“ „Ja,“ ſprach Cauvignac,„wem verdankt Ihr das Vergnügen, mich zu ſehen, Monſeigneur?"?⸗ „Wohl dem Zufall, einzig und allein dem Zufall, welcher Eure Rückkehr bewirkte.“ Der Frauenkrieg. 1. 8 114 „Ab!“ ſagte Cauvignge zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, ich war abgereiſt.“ „Ja, Ihr waret abgereiſt, ſchlechter Bruder, und zwar, ohne mich durch mehr als zwei Worte, welche hüire Unruhe noch verdoppelten, davon in Kenntniß zu ſetzen.“. „Was wollt Ihr, meine liebe Nanon, man muß den Verliebten wohl etwas hingehen laſſen,“ erwie⸗ derte der Herzog lächelnd. „Ohl ohl die Sache wird verwickelt,“ ſprach Cau⸗ vignac zu ſich ſelbſt.„Ich bin verliebt, wie es ſcheint.“ „Geſteht, daß Ihr es ſeid,“ ſagte Nanon. „Ich werde es nicht leugnen,“ verſetzte Cauvignac mit einem ſiegreichen Lächeln und ſuchte aus allen Augen irgend einen kleinen Brocken Wahrheit zu zie⸗ hen, mit deſſen Hülfe er eine gute, große Lüge zuſam⸗ menſetzen könnte. „Ja, ja,“ ſagte der Herzog,„aber wir wollen frühſtücken, wenn es Euch gefällig iſt. Ihr erzählt uns Eure Liebſchaft während des Frühſtücks. Fran⸗ einette, ein Gedeck für Herrn von Canolles. Ihr habt hoffentlich noch nicht gefrühſtückt, Kapitän?“ „Nein, Monſeigneur, und ich geſtehe ſogar, daß die friſche Morgenluft meinen Appetit wunderbar ge⸗ ſchärft hat.“ „Sagt die Nachtluft, ſchlimmer Mann,“ verſetzte der Herzog;„denn ſeit geſtern lauft Ihr auf der Land⸗ ſtraße umher.“⸗. „Meiner Treu,“ ſprach Cauvignac ganz leiſe,„der Schwager hat es richtig errathen. Nun, es ſei, ich geſtehe, die Nachtluft.“ „Wohl,“ ſagte der Herzog, reichte Nanon den Arm und ging, von Cauvignac gefolgt, in den Speiſe⸗ ſaal.„Hier findet Ihr hoffentlich hinreichend Stoff, um Euern Appetit zu befriedigen, ſo gut er auch be⸗ ſchaffen ſein mag.“ 115 Biscarros hatte ſich wirklich ſelbſt lbertroffen. Die Gerichte waren nicht zahlreich, aber ausgeſucht. Der gelbe Wein von Guienne und der rothe Wein von Burgund fielen wie Perlen von Gold und Cascaden von Rubinen aus der Flaſche. Cauvignac ſchlang. „Dieſer Junge arbeitet auf das Anmuthigſte,“ ſagte der Herzog.„Aber Ihr, Nanon, eßt Ihr nicht?“ „Monſeigneur, ich habe keinen Hunger. „Die liebe Schweſter!“ rief Cauvignac.„Und wenn ich bedenke, daß das Vergnügen, mich zu ſehen, „Was macht Ihr Gutes, Canolles?“ ſprach der Herzog mit einer Vertraulichkeit, welche Cauvignac als ein bezauberndes Vorzeichen erſchien.„Wohl ver⸗ „Oh! Monſeigneur, er verſteht ſehr gut einen Spaß,“ ſagte Nanon. „Wir können ihn alſo auf das Kapitel von dem kleinen Edelmann bringen?“ fragte der Herzog. „Ja,“ ſagte Nanon,„von dem kleinen Edelmann, den Ihr geſtern Abend geiroffen habt.“ 116 3. „Ab! ja, auf meinem Wege,“ ſprach Cauvigna „Und dann im Gaſthauſe von Meiſter Biscar⸗ ros,“ fügte der Herzog bei. „Und dann in dem Gaſthauſe von Meiſter Bis⸗ ee⸗ 7 verſetzte Cauvignac.„Das iſt meiner Treue wahr! „Ihr ſeid ihm alſo wirklich begegnet?“ fragte Nanon. 3 „Dieſem kleinen Edelmann? Ja.“ 5„Wie ſah er aus? Laßt hören, ſagt es mir offen⸗ erzig.“ „Meiner Treue,“ verſetzte Cauvignac,„es war ein reizendes Männchen, blond, ſchlank, zierlich.“ beiß 8 iſt es,“ ſprach Nanon, ſich in die Lippen eißend. „Und Ihr ſeid verliebt in ihn?“ „In wen?“ „In den blonden, kleinen, ſchlanken, zierlichen Edelmann.“ „Oho! Monſeigneur! Was wollt Ihr damit ſa⸗ gen?“ rief Cauvignac. „Tragt Ihr immer noch den kleinen perlgrauen Handſchuh an Eurem Herzen?“ fuhr der Herzog la⸗ chend fort. „Den kleinen perlgrauen Handſchuh?“ „Ja, den welchen Ihr geſtern Abend ſo leiden⸗ ſchaftlich berochet und küßtet.“ Cauvignac verſtand nichts von Allem dem. 3 „Den Handſchuh, der Euch den Betrug, die Me⸗ta⸗mor⸗pho⸗ſe(der Herzog legte auf jede Sylbe einen Nachdruck) errathen ließ.“ An Cauvignac begriff aus dieſem einzigen Worte es. „Ah!“ rief er,„der Edelmann war alſo eine Frau? Bei meinem Ehrenworte! ich vermuthete es.“ „Es unterliegt keinem Zweifel mehr,“ murmelt Nanon. 1 — 117 „Gebt mir doch zu trinken, meine Schweſter,“ ſagte Cauvignac.„Ich weiß nicht, wer die Flaſche geleert hat, welche vor mir ſteht, aber es iſt nichts mehr darin.“ 4 „Nun, nun,“ rief der Herzog,„da gibt es Mit⸗ tel; denn ſeine Liebe hindert ihn nicht zu eſſen und zu trinken, und die Angelegenheiten des Königs werden nicht darunter leiden.“ „Die Angelegenheiten des Königs darunter leiden! Nie! Die Angelegenheiten des Königs vor allen Din⸗ gen. Die Angelegenheiten des Königs, das iſt heilig! Auf die Geſundheit Seiner Majeſtät, Monſeigneur!“ „Man kann alſo auf Eure Ergebenheit zählen, Baron?⸗ „Auf meine Ergebenheit für den König?“ „Ja.“ „Ich glaube wohl, daß man darauf zählen kann. Ich würde mich für ihn in Stücke hauen laſſen.“ „Und das iſt ganz einfach,“ ſprach Nanon, welche befürchtete, Cauvignac könnte in ſeiner Begeiſterung für den Medoc und den Chambertin die Perſon ver⸗ geſſen, deren Rolle er ſpielte, um in ſeine eigene In⸗ dividualität zurückzufallen,„und das iſt ganz einfach. Seid ihr nicht durch die Güte des Herrn Herzogs Ka⸗ pitän im Dienſte Seiner Majeſtät?“ „Ich werde es nie vergeſſen,“ ſprach Cauvignac mit einer thränenreichen Rührung, während er die Hand auf ſein Herz legte. „Wir werden es noch beſſer machen, Baron, wir werden es in der Zukunft beſſer machen.“ „Ich danke, Monſeigneur, ich danke.“ „Und wir haben bereits angefangen.“ „Wirklich!“ „Ja. Ihr ſeid zu ſchüchtern, mein junger Freund,“ verſetzte der Herzog von Epernon.„Wenn Ihr einer Protection bedürft, wendet Euch an mich; nun, da es unnöthig iſt, Umwege zu machen, nun, da Ihr Euch 118 nicht mehr zu verbergen braucht, nun, da ich weiß, daß Ihr der Bruder von Nanon ſeid.. „Monſeigneur,“ rief Cauvignac,„ich werde mich fortan unmittelbar an Euch wenden.“ „Ihr verſprecht es mir?“ „Ich gelobe es.“ 3 „hr werdet wohl daran thun. Indeſſen ſoll Euch Eure Schweſter erklären, um was es ſich handelt. Sie hat Euch einen Brief von mir zu übergeben. Viel⸗ leicht liegt Euer Glück in der Botſchaft, die ich Euch auf ihre Empfehlung anvertraue. Nehmt den Rath Euerer Schweſter, nehmt ihn, junger Mann, nehmt ihren Rath, es iſt ein guter Kopf, ein ausgezeichneter Geiſt, ein edles Herz; liebt Eure Schweſter, Baron, und Ihr könnt meiner Gunſt verſichert ſein.“ „Monſeigneur,“ rief Cauvignac,„meine Schwe⸗ ſter weiß, wie ſehr ich ſie liebe, und daß ich nichts An⸗ terss wünſche, als ſie glücklich, mächtig und reich zu ehen.. 1 „Dieſe Wärme gefällt mir,“ ſagte der Herzog. „Bleibt alſo bei Nanon, während ich mich mit einem gewiſſen Burſchen beſchäftige. Doch bei dieſer Gele⸗ genheit, Baron,“ fuhr der Herzog fort,„Ihr könntet mir vielleicht Auskunft über dieſen Banditen geben?“ „Gern,“ antwortete Cauvignac,„nur muß ich wiſſen, von welchem Banditen Monſeigneur ſpricht; es gibt viele und aller Art zur Zeit.“ „Ihr habt Recht; aber dieſer iſt einer von den Unverſchämteſten, welche mir je vorgekommen ſind.“ „Wirklich! rief Cauvignac. „Denkt Euch, daß mir dieſer Elende für den Brief, den Eure Schweſter geſtern an Euch ſchrieb und den er ſich durch eine ſchändliche Gewaltthat verſchafft hatte, ein Blanquett auspreßte.“ „Ein Blanquett, wirklich? Aber welches Intereſſe habt Ihr denn, dieſen Brief einer Schweſter an ihren Bruder zu beſitzen?“ rief Cauvignac mit naiver Miene. 119 „Vergeßt Ihr, daß ich nichts von dieſer Verwandt⸗ ſchaft wußte?“ „Ah, das iſt wahr.“ „Und daß ich ſo albern war, Ihr vergebt mir Nanon?“ fuhr der Herzog, der jungen Frau die Hand reichend, fort,„und daß ich ſo albern war, eiferſüch⸗ tig auf Euch zu ſein?“ 8 „Wirklich? eiferſüchtig auf mich! Ah, Monſeig⸗ neur, Ihr hattet ſehr Unrecht.“ „Ich wollte Euch alſo fragen, ob Ihr nicht irgend einen Verdacht in Beziehung auf den Menſchen hättet, welcher die Rolle des Angebers bei mir ſpielte?“ „n der That, nein.. Aber Ihr begreift, Mon⸗ ſeigneur, ſolche Handlungen bleiben nicht unbeſtraft, und Ihr werdet eines Tags erfahren, wer dieſe be⸗ gangen hat.“ „Ja, gewiß, ich werde es eines Tags erfahren,“ erwiederte der Herzog,„und ich habe zu dieſem Behufe meine Maßregeln getroffen. Doch es wäre mir lieber, ich wüßte es ſogleich.“ 3 „Ah!“ verſetzte Cauvignac, die Ohren ſpitzend, nah, Ihr habt zu dieſem Behufe Eure Maßregeln ge⸗ troffen?“ 4 „Ja, ja,“ fuhr der Herzog fort,„und der Burſche müßte viel Glück haben, wenn ihn ſein Blanquett nicht an den Galgen brächte.“ „Und wie wollt Ihr dieſes Blanquett von den an⸗ dern Befehlen, welche Ihr gebt, unterſcheiden, Mon⸗ ſeigneur 2 fragte Cauvignac. „Ich habe ein Zeichen daran gemacht.“ „Ein Zeichen?“ „Ja, unſichtbar für Jedermann, aber ich werde es mit Hülfe eines chemiſchen Verfahrens erkennen.“ „Halt, halt, halt!“ ſprach Cauvignac;„das iſt ſehr geiſtreich, Monſeigneur. Aber man muß nur auf der Hut ſein, daß er die Falle nicht vermuthet.“ „Ohl es iſt keine Gefahr. Wer ſoll es ihm ſagen?“ 12⁰ „Ahl das iſt wahr,“ verſetzte Cauvignac,„nicht Nanon, nicht ich...“ „Ich auch nicht,“ ſprach der Herzog. „Ihr auch nicht! Ihr habt alſo Recht, Monſeigneur, Ihr müßt unfehlbar eines Tages erfahren, wer dieſer Menſch iſt, und dann..“ „Und dann, da ich meines Wortes quitt gegen ihn bin, denn man wird ihm für das Blanquett das, was er wünſchte, gegeben haben, laſſe ich ihn hängen.“ „Amen!“ ſprach Cauvignac. „Und nun,“ fuhr der Herzog fort,„da Ihr mir keine Auskunft über dieſen Burſchen geben könnt...“ aot Rin in der That, Monſeigneur, ich kann es n. 3„Wohl, ich laſſe Euch, wie ich vorhin ſagte, mit Eurer Schweſter. Nanon,“ fuhr der Herzog fort,„gebt dieſem jungen Manne genaue Inſtructionen, und er ſoll beſonders keine Zeit verlieren.“ 4„Seid ruhig, Monſeigneur.“ „Alſo Gott befohlen.“ Und der Herzog machte mit der Hand einen an⸗ muthigen Gruß gegen Nanon, eine freundſchaftliche Geberde gegen ihren uder⸗ und ſtieg mit dem Ver⸗ ſprechen, wahrſcheinlich noch an demſelben Tage zu⸗ rückzukehren, die Treppe hinab. Nanon begleitete den Herzog auf den Vorplatz. „Peſt!“ ſprach Cauvignac,„der würdige Herr hat wohl daran gethan, mich in Kenntniß davon zu ſetzen. Er iſt nicht ſo dumm, als er ausſieht! Aber was ſoll ich mit dem Blanquett machen? Verdammt! was man mit einem Wechſel macht: ich werde es dis⸗ contiren.“ „Nun, mein Herr,“ ſprach Nanon zurückkehrend, und die Thüre ſchließend,„nun kommt es an uns Beide.“ „Ja, liebes Schweſterchen,“ antwortete Cauvig⸗ nac,„denn ich bin nur gekommen, um mit Euch zu u N 9 A 121 plaudern. Aber um gut zu plaudern, muß man ſttzen. Setzt Euch doch, ich bitte.“ Und Cauvignac zog einen Stuhl zu ſich, und be⸗ deutete Nanon durch ein Zeichen, dieſer Stuhl ſei für ſie beſtimmt. Nanon ſetzte ſich mit einem Stirnefalten, das nichts Gutes ankündigte. „Vor Allem,“ ſprach Nanon,„warum ſeid Ihr nicht da, wo Ihr ſein ſolltet?“ „Ah! liebes Schweſterchen, das iſt nicht höflich. Wenn ich da wäre, wo ich ſein ſoll, ſo wäre ich nicht bier ſund Ihr hättet folglich nicht das Vergnügen, mich zu ſehen.“ „Habt Ihr nicht in den geiſtlichen Stand einzutre⸗ ten gewünſcht?“ „Ich nicht; ſagt, die Perſonen, welche ſich für mich intereſſiren, Ihr beſonders wünſchtet mich eintre⸗ ten zu ſehen. Perſönlich hatte ich nie einen inneren Beruf für die Kirche.“ „Eure Erziehung iſt doch eine völlig religlöſe ge⸗ weſen.“ „Ja, meine Schweſter, und ich glaube fie auch benützt zu haben.“ 3 „Keine Läſterung, mein Herr, wir wollen nicht über heilige Dinge ſpotten.“ „Ich ſpotte nicht, mein Schweſterchen, ich erzähle nur. Hört: Ihr habt mich zu den Minimen von An⸗ goulème geſchickt, wo ich meine Studien machen ſollte.“ „Nun?“ „Nun, ich habe ſie gemacht. Ich verſtehe Grie⸗ chiſch wie Homer, Lateiniſch wie Cicero und die Theo⸗ logie wie Johannes Huß. Da ich bei dieſen würdigen Brüdern nichts mehr zu lernen hatte, ſo ging ich von ihnen, immer Eurem Wunſche gemäß, zu den Carme⸗ litern von Rouen über, um das Gelübde abzulegen.“ „Ihr vergeßt, daß ich Euch eine jährliche Rente von hundert Piſtolen verſprach, und daß ich mein Ver⸗ — 122 ſprechen gehalten habe. Hundert Piſtolen für einen Carmeliter war, wie es mir ſcheint, mehr als hin⸗ reichend.“ „Ich leugne es nicht, meine liebe Schweſter, aber unter dem Vorwande, ich wäre noch nicht Carmeliter, hat das Kloſter beſtändig dieſe Rente eingezogen.“ „Und wenn es ſich auch ſo verhielte, habt Ihr nicht, indem Ihr Euch der Kirche weihtet, das Ge⸗ lübde der Armuth abgelegt?“ „Meine Schweſter, wenn ich das Gelübde der Ar⸗ muth ablegte, ſo habe ich auch, ich ſchwöre es Euch, daſſelbe ſtreng erfüllt; denn Niemand war ärmer als ich.“ „Aber wie ſeid Ihr aus dem Kloſter gekommen?“ „Ahl gerade wie Adam aus dem irdiſchen Para⸗ dieſe: das Wiſſen hat mich zu Grund gerichtet, meine Schweſter, ich war zu gelehrt.“ „Wie, Ihr waret zu gelehrt?“ „Ja, denkt Euch, daß ich unter den Carmelitern, welche ſich durchaus nicht des Rufes erfreuen, als ſtün⸗ den ſie auf der Stufe von Pico de Mirandola, von Eras⸗ mus und Descartes, für ein Wunder galt, wohl ver⸗ ſtanden für ein Wunder der Wiſfenſchaft. Dadurch erfolgte, daß man, als der Herr Herzog von Longue⸗ ville durch Rouen kam, um dieſe Stadt aufzufordern, ſich zu Gunſten des Parlaments zu erklären, mich zu Herrn von Longueville abſandte, um eine Zwieſprache mit ihm zu pflegen, was ich in ſo zierlichen, gewähl⸗ ten Worten that, daß Herr von Longueville nicht nur mit meiner Beredſamkeit ſehr zufrieden war, ſondern auch fragte, ob ich nicht ſein Secretär werden wollte. 2Es war gerade zur Zeit, als ich Profeß thun ſollte.“ „Ja, ich erinnere mich, und Ihr batet mich ſo⸗ gar unter dem Vorwande, von der Welt Abſchied zu nehmen, um hundert Piſtolen, die ich Euch eigenhän⸗ dig zukommen ließ. &— 1 Au KN— —‧ 123 „Das find die einzigen, welche ich erhalten habe, ſo wahr ich ein Edelmann bin.“ „Aber Ihr ſolltet auf die Welt Verzicht leiſten?“ „Ja, das war meine Abſicht, doch es war nicht die der Vorſehung, welche ohne Zweifel Pläne mit mir hegt. Sie hat durch das Organ des Herrn von Longueville anders über mich verfügt; ich ſollte nach ihrem Willen nicht Mönch bleiben. Ich fügte mich alſo in den Willen dieſer guten Vorſehung, und ich muß ſagen, ich bereue es nicht.“ „Ihr ſeid alſo nicht mehr beim geiſtlichen Stande?“ „Nein, wenigſtens nicht für den Augenblick, liebe Schweſter. Ich wage nicht zu behaupten, ich werde nie mehr zu demſelben zurückkehren; denn welcher Menſch kann am Abend ſagen, was er am Morgen thun wird? Hat nicht Herr von Rancé den Drappiſten⸗Orden ge⸗ ſtiftet? Vielleicht mache ich es wie Herr von Rancé und erfinde irgend einen neuen Orden. Aber ich habe nun den Krieg gekoſtet, und das hat mich für einige Zeit profan und unrein gemacht. Bei der nächſten Gelegenheit werde ich mich reinigen.“— „Ihr, ein Kriegsmann!“ ſprach Nanon die Achſeln zuckend. „Warum nicht? Ich ſage Euch nicht, ich ſei ein Duguesclin, ein Dunois, ein Bayard, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Nein, ich bin nicht ſo ſtolz, zu behaupten, ich habe mir nicht einige leichte Vorwürfe zu machen, und ich werde nicht wie der erhabene Con⸗ dottiere Sforza fragen, was Furcht ſei. Ich bin ein Menſch, und wie Plautus ſagt: homo sum et nihil humani a me alienum puto; was bedeutet: ich bin ein Menſch und nichts Menſchliches iſt mir fremd. Ich habe Furcht, wie es einem Menſchen Furcht zu haben erlaubt iſt, was mich jedoch nicht abhält, bei Gelegen⸗ heit brav zu ſein. Ich ſpiele ſogar, wenn ich dazu genöthigt werde, ganz angenehm mit dem Degen und mit der Piſtole. Aber meine wahre Neigung, mein 124 entſchiedener Beruf, ſeht Ihr, das iſt die Diplomatie. Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, meine liebe Nanon, werde ich ein großer Politiker. Die Politik iſt eine ſchöne Laufbahn, denkt an Mazarin, wenn er nicht gehängt wird, muß er es weit bringen. Nun, ich bin wie Herr von Mazarin. Eine von meinen Befürch⸗ tungen, die größte ſogar, iſt auch die, gehängt zu werden.“ „Ihr ſeid alſo Kriegsmann?“ „Und Hofmann nöthigen Falles. Ahl mein Auf⸗ enthalt bei Herrn von Longueville hat mir viel ge⸗ nützt.“ 5 „Und was habt Ihr bei ihm gelernt?“ 1 „Was man bei den Prinzen lernt: Krieg führen, Gondy.“ „Sehr wohl.“ „Unumſchränkter Herr der Stadt war. Nun, in dieſem Augenblicke gehörte ich dem Herrn Herzog von Elboeuf. Er iſt ein lothringiſcher Prinz, man braucht ſich nicht zu ſchämen, Herrn von Elboeuf zu gehören. Herr von Elboeuf war aber für den Augenblick der ☛— ———— 125 Feind des Coadjutors. Ich zettelte alſo einen Aufruhr zu Gunſten von Herrn von Elboeuf an und fing...“ „Wen? den Coadjutor?“ 4 „Nein, ich hätte nichts mit ihm anzufangen ge⸗ wußt, und wäre nur dadurch in Verlegenheit gerathen. Ich ſing ſeine Geliebte, Fräulein von Chevreuſe.“ „Aber das iſt abſcheulich,“ rief Nanon. „Nicht wahr, es iſt abſcheulich, daß ein Prieſter eine Geliebte hat? Gerade das iſt es, was ich mir auch ſagte. Es war nur meine Abſicht, ſie zu entfüh⸗ ren und ſie ſo weit wegzubringen, daß er ſie nie mehr ſehen würde. Ich ließ ihm alſo meine Abſicht mitthei⸗ len; aber dieſer Teufel von einem Menſchen hat Gründe, denen man nicht widerſtehen kann. Er bot mir tau⸗ ſend Piſtolen.“ „Arme Frau, ſich ſo verhandelt zu ſehen!“ „Wiel ſie mußte im Gegentheii entzückt darüber ſein, denn das bewies ihr, wie ſehr Herr von Gondy ſie liebte! Nur die Männer der Kirche haben eine ſolche Ergebenheit für ihre Geliebte. Ich glaube, das rührt davon her, daß ihnen dieſe Sache verboten iſt.“ „Ihr ſeid alſo reich?“ „Ich?“ rief Cauvignac. „Allerdings, mittelſt dieſer Räubereien.“ „Sprecht mir nicht hievon. Hört, Nanon, ich habe Unglück gehabt: die Kammerjungfer von Fräulein von Chevreuſe, welche mir Niemand abkaufen wollte, und die folglich bei mir blieb, ſtahl mir das Geld.“ „Es bleibt Euch doch hoffentlich die Freundſchaft von denjenigen, welchen Ihr, den Coadjutor verletzend, dientet.“ „Ah, Nanon, man ſieht wohl, daß Ihr die Prin⸗ zen nicht kennt! Herr von Elboeuf hat ſich mit dem Coadjutor ausgeſoͤhnt. In dem Vertrag, welchen ſie mit einander abſchloſſen, wurde ich aufgeopfert. Ich ſah mich alſo genöthigt, in den Sold von Herrn von Mazarin zu treten. Herr von Mazarin aber iſt ein 126 Knauſer. Da er die Belohnung nicht in das Gleichge⸗ wicht mit dem Dienſte ſetzte, ſo willigte ich in ein An⸗ erbieten, das man mir machte, und unternahm eine neue Meuterei zu Ehren des Rathes Brouſſel, welche zum Zwecke hatte, den Kanzler Seguier todtzuſchla⸗ gen; aber meine ungeſchickten Leute ſchlugen ihn nur halb todt. Mitten unter dieſem Streite lief ich die größte Gefahr, die mich je bedroht hatte. Herr von Meilleraie drückte eine Piſtole, wenige Schritte von mir entfernt, auf mich ab. Zum Glücke bückte ich mich, die Kugel flog über meinem Kopfe hin, und der be⸗ rühmte Marſchall tödtete nur ein altes Weib.“ „Welch ein Gewebe von Abſcheulichkeiten!“ rief Nanon. „Nein, meine liebe Schweſter, das ſind die Noth⸗ wendigkeiten des Bürgerkrieges.“ „Ich begreife jetzt, wie ein Menſch, der zu ſolchen Dingen fähig iſt, wagen konnte, was Ihr geſtern ge⸗ wagt habt.“ „Was habe ich denn gethan?“ fragte Cauvignac mit der unſchuldigſten Miene der Welt,„was habe ich gewagt?“ „Ihr habt es gewagt, eine ſo angeſehene Perſon wie Herrn von Epernbn in das Geſicht zu betrügen. Aber das begreife ich nicht, das habe ich, ich geſiehe es, nie gedacht, daß ein von meinen Wohlthaten über⸗ häufter Bruder kalt den Plan faſſen könnte, ſeine Schwe⸗ ſter zu Grunde zu richten.“ „Meine Schweſter zu Grunde richten!.. ich?“ ſagte Cauvignac. „Ja, Ihr!“ verſetzte Nanon;„ich brauchte nicht Eure Erzählung abzuwarten, welche mir beweiſt, daß Ihr zu Allem fähig ſeid, um die Handſchrift des Bil⸗ lets zu erkennen. Seht! wollt Ihr leugnen, daß dieſer gnonyme Brief von Eurer Hand iſt?“ Entrüſtet legte Nanon den verrätheriſchen Brief, 12⁷ welchen ihr der Herzog am Abend vorher zugeſtellt hatte, ihrem Bruder vor die Augen. Cauvignac las ihn, ohne aus der Faſſung zu kommen. „Nun,“ ſagte er,„was habt Ihr gegen dieſen Brief? Findet Ihr ihn etwa ſchlecht abgefaßt? Es würde mir ſehr leid für Euch thun, denn es bewieſe, daß Ihr keine Literatur beſitzt.“ „Es handelt ſich nicht um die Abfaſſung, mein Herr, ſondern um die Sache ſelbſt. Seid Ihr es oder ſeid Ihr es nicht, der dieſen Brief geſchrieben hat?“ „Ich bin es allerdings. Hätte ich die Sache leug⸗ nen wollen, ſo würde ich meine Handſchrift verſtellt haben; aber das war unnöthig. Es lag nie in mei⸗ ner Abſicht, mich vor Euren Augen zu verbergen. Ich wünſchte ſogar, daß Ihr erkennen würdet, der Brief käme von mir.“ „Ihr geſteht es!“ rief Nanon mit einer Geberde des Abſcheus. 8 „Das iſt ein Reſt von Demuth, liebe Schweſter. Ja, ich muß Euch ſagen, ich wurde von einer Art von Rache angetrieben.“ „Von Rache?“ „Ja, von einer ſehr natürlichen.“ „Rache gegen mich, Unglücklicher! Bedenkt Ihr auch, was Ihr ſagt? Was habe ich Euch Böſes zuge⸗ ka, daß Euch der Gedanke kommt, ſich an mir zu r en 2 „Was Ihr mir gethan habt? Ah! Nanon, verſetzt Euch an meine Stelle. Ich verlaſſe Paris, weil ich dort zu viel Feinde hatte; das iſt das Unglück von allen Politikern. Ich wende mich an Euch, ich flehe Eure Hülfe an. Erinnert Ihr Euch? Ihr habt drei Briefe erhalten. Ihr werdet wohl nicht ſagen, Ihr habet meine Handſchrift nicht erkannt. Es war ganz die des anonymen Billets, und überdies hatte ich die Briefe unterzeichnet. Ich ſchrieb drei Briefe an Euch, um Euch um hundert armſelige Piſtolen zu bit⸗ ten. Hundert Piſtolen von Euch, die Ihr Millionen beſitzt! Das war eine Erbärmlichkeit, aber Ihr wißt, hundert Piſtolen ſind meine Zahl. Nun wohl, meine Schweſter ſtößt mich zurück. Ich zeige mich bei mei⸗ ner Schweſter: meine Schweſter läßt mich abweiſen. Natürlich erkundige ich mich. Vielleicht iſt ſie im Un⸗ glück, denke ich; das iſt der Augenblick, um ihr zu beweiſen, daß ihre Wohlthaten nicht auf ein undank⸗ bares Land gefallen ſind. Vielleicht iſt ſie nicht mehr frei. Dann muß man ihr vergeben. Ihr ſeht, mein Herz ſuchte Entſchuldigungen für Euch. Da erfahre ich, meine Schweſter ſei frei, glücklich, reich, ſehr reich, und ein Fremder, ein Baron von Canolles, maße ſich meine Rechte an und laſſe ſich von ihr an meiner Stelle protegiren. Nun verdrehte mir die Eiferſucht den Kopf.“ „Sagt die Habgier. Ihr habt mich an den Herrn von Epernon verkauft, wie Ihr Fräulein von Chev⸗ reuſe an den Coadjutor verkauftet. Ich frage Euch, was ging es Euch an, daß ich mit Herrn von Ca⸗ nolles in Verbindung ſtand?“ „Michl nichts, und ich hätte nicht daran gedacht, mich darüber zu beunruhigen, würdet Ihr Eure Ver⸗ bindung mit mir fortgeſetzt haben.“ „Wißt Ihr wohl, daß Ihr, wenn ich ein einziges Wort zu dem Herrn Herzog von Epernon ſagte, wenn ich ihm ein unumwundenes Geſtändniß machte, ver⸗ loren wäret? Ihr habt ſelbſt ſo eben und aus ſeinem eigenen Munde gehört, was für ein Schickſal er dem⸗ jenigen beſtimmt, der ihm ſein Blanquett geſtohlen hat.“ „Sprecht nicht mehr davon; ich ſchauerte bis in das Mark meiner Knochen, und ich bedurfte meiner gan⸗ zen Selbſtbeherrſchung, um mich nicht zu verrathen.“ „Und Ihr zittert nicht, Ihr, der Ihr doch zuge⸗ ſteht, daß Ihr die Furcht kennt?“ „Nein; denn dieſes unumwundene Belenntniß — u— u —— —,¹2 129 würde beweiſen, daß Herr von Canolles nicht Euer Bruder iſt. Die Worte Eures Briefes nähmen, an einen Femden gerichtet, eine ärgerliche Bedeutung an. Glaubt mir, ein Geſtändniß mit Umwegen, wie das, welches Ihr vorhin machtet, iſt mehr werth. Undank⸗ bare, ich will nicht ſagen Blinde, bedenkt doch, wie viele von mir vorhergeſehene Vortheile aus der klei⸗ nen durch meine Sorge vorbereiteten Komödie entſprin⸗ gen. Erſtens waret Ihr ſehr verlegen und zittertet vor AÄngſt, Herrn von Canolles kommen zu ſehen, der, nicht in Kenntniß geſetzt, bei Eurem kleinen Familien⸗ romane furchtbar im Rebel herumgetappt wäre. Meine Erſcheinung hat im Gegentheil Alles gerettet. Euer Bruder iſt kein Geheimniß mehr. Herr von Epernon nahm ihn an und zwar, ich muß es ſagen, auf eine ſehr artige Weiſe. Nun braucht der Bruder ſich nicht mehr zu verbergen, er iſt vom Hauſe; folglich Brief⸗ wechſel, äußere und innere Rendezvous, vorausgeſetzt, daß der Bruder mit den ſchwarzen Haaren und Augen die Unſchicklichkeit nicht ſo weit treibt, daß er dem Herrn Herzog von Epernon gerade in das Geſicht ſchaut. Ein Mantel gleicht ungeheuer einem andern Mantel, und ſieht Herr von Epernon einen Mantel von Euch gehen, wer wird ihm ſagen, ob es der eines Bruders iſt oder nicht? Ihr ſeid alſo frei wie der Wind. Nur habe ich mich um Euch zu dienen, umgetauft und nenne mich Canolles; das iſt unbequem. Ihr ſolltet mir für dieſes Opfer Dank wiſſen.“ Dieſem Redeſtrom, einem Reſultat einer unglaub⸗ lichen Unverſchämtheit, wußte Nanon ganz verſteinert keine Gründe mehr entgegenzuſetzen. Den Sieg, den er im Sturme davon getragen, benützend, fuhr Cauvignac fort: „Und nun, liebe Schweſter, da wir nach einer ſo langen Abweſenheit wieder vereinigt find, da Ihr nach ſo vielen Kreuz⸗ und Querzügen einen wahren Bru⸗ der wieder gefunden habt, geſteht, daß Ihr fortan, Der Frauenkrieg. 1. 9 130 Dank ſei es dem Schilde, den die brüderliche Liebe über Euch ausbreitet, auf beiden Ohren ſchlafen werdet. Ihr werdet ſo ruhig leben, als ob ganz Guienne Euch anbetete, was, wie Ihr wißt, nicht der Fall iſt; aber Guienne muß nach unſerer Pfeife tanzen. In der That, ich quartiere mich auf Eurer Schwelle ein; Herr von Epernon macht mich zum Oberſten; ſtatt ſechs Mann habe ich zweitauſend. Mit dieſen zweitauſend Mann erneure ich die Arbeiten des Hercules. Man ernennt mich zum Herzog, zum Pair; Frau von Epernon ſtirbt, Herr von Epernon heirathet Euch.. „Vor Allem dem hört zweierlei,“ ſagte Nanon mit kurzem Tone. „Was, liebe Schweſter? Sprecht, ich bitte Euch.“ „Erſtens werdet Ihr dem Herzog das Blanquett zurückgeben, ſonſt hängt man Euch. Ihr habt den Spruch aus ſeinem eigenen Munde gehört. Sodann entfernt Ihr Euch ſogleich von hier, oder ich bin ver⸗ loren, was für Euch zwar nichts iſt, aber Ihr ſtürzt Euch mit mir ins Verderben, ein Grund, der Euch vielleicht bewegen wird, meinen Untergang in Betracht zu ziehen.“ 3 „Zwei Antwortey, liebe Dame: dieſes Blanquett iß mein Eigenthum, und Ihr könnt mich nicht abhal⸗ ten, mich häͤngen zu laſſen, wenn es mir gefällt.“ „Immerhin!“ „Ich danke! aber ſeid unbeſorgt, es wird dem nicht ſo ſein. Ich habe Euch ſo eben meinen Wider⸗ willen gegen dieſe Todesart ausgedrückt. Ich behalte alſo das Blanquett, wenn Ihr nichr etwa Luſt habt, es mir abzukaufen, in welchem Falle wir mit einan⸗ der handeln können.“ „Ich brauche es nicht, ich ertheile ſelbſt Blan⸗ quette.“ 4 3 „Glückliche Nanon!“ „Ihr behaltet es alſo?“ 8 „Ja. 624 —— O — — 131 „Auf die Gefahr, was auch daraus entſtehen mag?“ 4 „Seid unbeſorgt, ich weiß, wo ich es anbringe. In Eurem Verlangen, Euch meiner zu entledigen, ver⸗ geßt Ihr Eines.“ „Was? „Den wichtigen Auftrag, von dem der Herzog geſprochen hat und der mein Glück machen ſoll.“ Nanon erbleichte. „Aber, Unglücklicher,“ ſprach ſie,„Ihr wißt wohl, daß dieſer Auftrag nicht für Euch beſtimmt iſt. Ihr wißt wohl, daß die Lage der Dinge mißbrauchen ein Verbrechen wäre, das früher oder ſpäter ſeine Strafe nach ſich ziehen müßte.“ „Ich will auch keinen Mißbrauch, ſondern einen Gebrauch davon machen.,“ „Ueberdies iſt Herr von Canolles in dem Auftrage genannt.“ „Heiße ich nicht Baron von Canolles?“ „Ja, aber man kennt dort nicht allein ſeinen Na⸗ men, ſondern auch ſein Aeußeres. Herr von Canolles iſt wiederholt bei Hofe geweſen.“ „Das laſſe ich mir gefallen, das iſt ein guter Grund, und zwar der erſte, den Ihr mir angebt; Ihr ſeht auch, ich füge mich darein.“ „Ueberdies würdet Ihr dort Eure politiſchen Feinde finden,“ ſprach Nanon,„und Euer Geſicht iſt vielleicht, obgleich Ihr unter einer andern Geſtalt er⸗ ſcheint, nicht minder bekannt, als das von Herrn von Canolles.“ „Ohl das würde nichts zu der Sache thun, wenn es, wie der Herzog geſagt hat, Zweck der Sen⸗ dung iſt, Frankreich einen großen Dienſt zu leiſten. Die Botſchaft wird dem Boten durchhelfen. Ein Dienſt von dieſer Wichtigkeit ſchließt Begnadigung in ſich, und die Amneſtie des Vergangenen iſt ſtets die erſte Be⸗ dingung politiſcher Bekehrungen. Glaubt mir alſo, 13² liebe Schweſter, es iſt nicht an Euch, mir Bedingungen zu machen, ſondern an mir, Euch die meinigen vorzu⸗ ſchlagen.“ „ Laßt hören, worin beſtehen fie?“ „Vor Allem, wie ich Euch ſo eben ſagte, die erſte Bedingung jedes Vertrages, das heißt allgemeine Amneſtie.“ „Iſt das Alles?“ „Dann die Bezahlung unſerer Rechnungen.“ „Ich bin Euch etwas ſchuldig, wie es mir ſcheint?“ „ hr ſeid mir die hundert Piſtolen ſchuldig, um die ich Euch bat, und die Ihr mir verweigertet.“ „Hier ſind zweihundert.“ „Gut, daran erkenne ich Euch, Nanon.“ „Aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Ihr das Schlimme, was Ihr angerichtet, wieder gut macht.“ „Das iſt nur zu billig. Was ſoll ich zu dieſem Behufe thun?“ „Ihr ſteigt zu Pferde und jagt auf der Straße von Paris fort, bis Ihr Herrn von Canolles gefunden habt.“ „Dann verliere ich ſeinen Namen?“ „Ihr gebt ihm denſelben zurück.“ „Und was ſoll ich ihm ſagen?“ „Ihr ſtellt ihm dieſen Befehl zu und verſichert Euch, daß er auf der Stelle zu Vollſtreckung deſſel⸗ ben abreiſt.“— „Iſt das Alles?“ „Ja.“ 3 4 „Iſt es nothwendig, daß er erfährt, wer ich bin?“ „Im Gegentheil, es iſt von größter Wichtigkeit, daß er es nicht weiß.“ — 133 „Ah! Nanon, ſolltet Ihr Euch Eures Bruders ſchämen?“ Nanon antwortete nicht; ſie dachte nach. „Aber wie bin ich ſicher,“ ſprach ſie nach einem Augenblick,„daß Ihr meinen Auftrag getreulich er⸗ füllen werdet? Wenn es etwas Heiliges für Euch gäbe, würde ich einen Eid von Euch verlangen.“ „Thut etwas Beſſeres.“ „Was?“ „Verſprecht mir hundert weitere Piſtolen, wenn ich Euern Auftrag vollzogen habe.“ Nanon zuckte die Achſeln und erwiederte:„Es iſt abgemacht.“ „Nun, ſeht, ich fordere keinen Eid von Euch und Euer Wort genügt mir. Wir ſagen alſo hundert Pi⸗ ſtolen für die Perſon, die Euch in meinem Namen den Empfangſchein von Herrn von Canolles zuſtellt.“ „Ja; aber Ihr ſprecht von einem Dritten: ge⸗ denkt Ihr nicht zufällig ſelbſt zurückzukommen?“. „Wer weiß? Ein Geſchäft ruft mich ſelbſt in die Gegend von Paris.“ Nanon entſchlüpfte unwillkührlich eine Bewegung der Freude. „Oh! das iſt nicht freundlich„ ſprach Cauvignac lachend.„Doch gleichviel, liebe Schweſter, ohne Groll.“ „Ohne Groll; aber zu Pferde.“ „Sogleich zu Pferde: laßt mir nur Zeit zum Steigbügeltrunke.“ Cauvignac goß in ſein Glas den Reſt der Flaſche Chambertin, begrüßte ſeine Schweſter mit einer Ge⸗ berde voll Achtung, ſprang zu Pferde und verſchwand in einem Augenblick in einer Staubwolke. VI. Der Mond begann ſich zu erheben, als der Vi⸗ eomte, gefolgt von dem treuen Pompée, das Gaſthaus des Meiſter Biscarros verließ und auf der Straße nach Paris forteilte. Nach ungefähr einer Viertelſtunde, während wel⸗ cher ſich der Vicomte ganz ſeinen Gedanken überließ und etwa anderthalb Lieues zurücklegte, wandte ſich dieſer gegen ſeinen Stallmeiſter um, welcher ernft drei Schritte hinter ſeinem Herrn ritt. „Pompée,“ fragte der junge Mann,„haſt Du vielleicht meinen Handſchuh von der rechten Hand?“ „Nicht, daß ich wüßte, gnädiger Herr,“ antwortete Pompee.. „Was machſt Du denn an Deinem ßelleiſen?“ „Ich ſehe, ob es gut angebunden iſt, und ziehe die Riemen feſter, aus Furcht, es könnte klingen. Der Klang des Goldes bringt Unglück, gnädiger Herr, und veranlaßt beſonders bei Nacht ein ſchlimmes Zuſam⸗ mentreffen.“ „Das iſt wohl gethan, Pompée,“ verſetzte der Vicomte,„und ich ſehe es gern, daß Du ſo ſorgfältig und klug biſt.“ „Das ſind ganz natürliche Eigenſchaften bei einem Soldaten, Herr Vicomte, Eigenſchaften, welche ſich vor⸗ trefflich mit dem Muthe vereinigen laſſen. Da der Muth jedoch nicht Verwegenheit iſt, ſo bedaure ich, offenherzig geſtanden, daß Herr Richon uns nicht be⸗ gleiten konnte; denn zwanzigtauſend Franken find be⸗ ſonders in ſo ſtürmiſchen Zeiten, wie die gegenwärti⸗ gen, ſchwer zu bewachen.“ 8. 135 „Was Du da ſagſt, iſt ſehr geſcheit, Pompée,“ antwortete der Vicomte,„und ich bin in jeder Be⸗ ziehung Deiner Meinung.“ „Ich wage ſogar zu behaupten,“ fuhr Pompée, in ſeiner Furcht durch die Billigung des Vicomte ermu⸗ thigt, fort,„daß es unklug iſt, ſich ſo preiszugeben, wie wir es thun. Reiten wir alſo neben einander, wenn es Euch gefällig iſt, damit ich meine Muskete unterſuchen kann.“ 3 „Nun, Pompée?“ „Das Feuerrad iſt in gutem Zuſtande, und wer uns anhalten wollte, könnte eine ſchlimme Viertel⸗ bunde durchzumachen haben. Ohl ohl! was ſeh' ich dort?“ „Wo?“ 4 „Vor uns, etwa auf hundert Schritte, gegen unſerer Rechten. Schaut, in dieſer Richtung.“ „Ich ſehe etwas Weißes.“ „Oh! oh!“ ſprach Pompée,„Weißes; Lederwerk vielleicht. Auf meine Ehre, ich habe große Luſt, die Hecke dort links zu benützen; das heißt man in der Kriegsſprache ſich verſchanzen. Verſchanzen wir uns, Herr Vicomte.“ „Iſt es Lederwerk, Pompée, ſo wird es von Soldaten des Königs getragen, und die Soldaten des Königs plündern die Vorüberziehenden nicht.“ „Laßt Euch nicht täuſchen, Herr Vicomte. Man hört im Gegentheil nur von Straßenläufern ſprechen, die ſich einen Schild aus der Uniform Seiner Majeſtät machen, um tauſend Niederträchtigkeiten zu begehen, von denen die einen immer verdammungswerther ſind als die andern. Kürzlich erſt hat man in Bordeaur zwei Chevaurlegers gerädert, welche.... Ich glaube, ich erkenne die Uniform der Chevauxlegers, gnädiger Herr.“ „Die Uniform der Chevauxlegers iſt blau, Pom⸗ pee, und was wir ſehen iſt weiß.“ „Ja, aber oft ziehen ſie eine Blouſe über ihre Uniform an; das hatten die Elenden gethan, welche kürzlich in Bordeaux gerädert wurden. Dieſe dort ge⸗ berden ſich gewaltig, wie es mir ſcheint; ſie drohen; das iſt ihre Taktik, Herr Vicomte; ſie legen ſich ge⸗ wöhnlich am Wege in Hinterhalt und nöthigen, den Carabiner in der Fauſt, den Reiſenden von ferne, ſeine Börſe niederzuwerfen.“ „Aber, mein lieber Pompée,“ ſprach der Vicomte, der, obgleich ſelbſt ſehr erſchrocken, doch ſeine Geiſtes⸗ gegenwart nicht verlor,„wenn ſie von ferne mit ih⸗ 38 Carabiner drohen, ſo thue daſſelbe mit dem Dei⸗ nigen.“ „Ja, aber ſie ſehen mich nicht,“ erwiederte Pom⸗ pée,„meine Kundgebung wäre alſo unnöthig.“ „Wenn ſie Dich nicht ſehen, ſo können fie Dir, wwiee es mir ſcheint, auch nicht drohen,“ ſprach der Vi⸗ romte. „Ihr verſteht durchaus nichts vom Kriege,“ ver⸗ ſetzte ver Stallmeiſter in ſehr übler Laune.„Es wird hier daſſelbe geſchehen, was mir in Corbie begeg⸗ net iſt.“ „Hoffentlich nicht, denn, wenn ich mich recht er⸗ innere, wurdeſt Du in⸗Corbie verwundet.“ „Ja, und zwar furchtbar verwundet. Ich war bei Herrn von Cambes, einem verwegenen Manne; wir machten eine Nachtpatrouille, um den Ort zu recog⸗ nosciren, wo die Schlacht ſtattfinden ſollte. Wir be⸗ merken Lederwerk, ich fordere ihn auf, ſich nicht durch unnöthige Tapferkeit einer Gefahr auszuſetzen. Er iſt halsſtarrig und reitet gerade auf das Lederwerk zu. Ich drehe aus Zorn den Rücken. In dieſem Augenblick kommt eine verfluchte Kugel.... Vicomte, wir wol⸗ len klug ſein!“ „Wir wollen klug ſein, Pompée, damit bin ich ganz einverſtanden. Sie ſcheinen mir jedoch unbe⸗ weglich.“ —ͤ———— ——+, ————— — — 137 „Sie riechen ihre Beute; wir wollen warten.“ Die Reiſenden hatten zum Glück nicht lange zu warten. Nach einem Augenblick befreite ſich der Mond von einer Wolke, deren Franſen er verfilberte, und be⸗ leuchtete etwa fünfzig Schritte von den zwei Reiſen⸗ den ein paar Hemden, welche mit ausgeſpannten Aer⸗ meln hinter einer Hecke getrocknet wurden. Das war das Lederwerk, welches Pompée an ſeine unſelige Patronille bei Corbie erinnert hatte. Der Vicomte brach in ein Gelächter aus und gab ſeinem Pferde die Sporen. Pompée folgte ihm, ru⸗ end: 3 „Welch' ein Glück, daß ich nicht meiner erſten Eingebung folgte! Ich wollte eine Kugel in dieſer NRichtung abſenden, und hätte das Ausſehen eines Don Quixote gehabt. Seht, Vicomte, wozu Klugheit und Kriegserfahrung nützen!“ Auf große Gemüthsbewegungen folgt immer eine Zeit der Ruhe. Nachdem die Reiſenden an den Hem⸗ den vorüber waren, legten ſie zwei Lieues in ange⸗ nehmer Stimmung zurück. Das Wetter war herrlich; der Schatten fiel breit und ſchwarz wie Ebenholz von dem Gipfel eines Waldes herab, welcher eine von den Seiten des Weges begränzte. „Ich liebe den Mondſchein durchaus nicht,“ ſagte Pompée.„Wird man von ferne erſchaut, ſo läuft man ſiets Gefahr, unverſehens überfallen zu werden. Ich habe oft von Kriegsleuten ſagen hören, der Mond begünſtige von zwei Menſchen, die ſich ſehen, immer nur einen einzigen. Wir ſind im vollen Lichte, Herr Vicomte, das iſt unklug.“ „Nun, ſo laß' uns im Schatten marſchiren, Pompée.“ „Ja, aber wenn Menſchen am Saume dieſes Waldes im Hinterhalte lägen, ſo würden wir buch⸗ ſtäblich uns ihnen in den Rachen werſen. Im Felde 138 nähert man ſich nie einem Walde, den man nicht zu⸗ vor hat recognosciren laſſen.“ „Leider fehlt es uns an einem Vortrabe zu die⸗ ſem Behuf. Nennt man nicht ſo diejenigen, welche den Wald recognosciren, mein braver Pompée?“ „Allerdings,“ murmelte der Stallmeiſter;„dieſer Teufel von einem Richon, warum iſt er nicht mitge⸗ kommen? Wir hätten ihn als Vorhut abgeſchickt, wäh⸗ rend wir ſelbſt den Kern des Heeres gebildet haben würden.“ „Nun, Pompée, wozu entſchließen wir uns? bleiben wir im Mondſcheine oder gehen wir in den Schatten?“ „Wir wollen in den Schatten gehen, Herr Vi⸗ comte, es iſt, glaube ich, doch klüger.“ „In den Schatten alſo.“ „Ihr habt Furcht, nicht wahr, Herr Vicomte?“ 2„Nein, mein lieber Pompée, das ſchwöre ich ir.“ „Ihr hättet Unrecht, denn ich bin da und wache. Ihr begreift, wäre ich auch allein, ſo würde mich das doch wenig bekümmern. Ein alter Soldat fürchtet weder Gott, noch den Teufel. Aber Ihr ſeid ſo ſchwer zu bewachen, als der Schatz, den ich hinter mir habe, und dieſe doppelte Verantwortlichkeit erſchreckt mich. Ah! ahl was iſt das für ein ſchwarzer Schatten, den ich da unten ſehe? Diesmal geht er.“ „Das iſt nicht zu bezweifeln,“ ſprach der Vi⸗ comte. 1 „Wie erſprießlich iſt es doch, in der Dunkelheit zu marſchiren: wir ſehen den Feind, und er ſieht uns nicht. Kommt es Euch nicht vor, als trüge der Un⸗ glückliche eine Muskete?? „Ja, aber dieſer Menſch iſt allein, Pompée, und wir find zu zwei.“ „Herr Vicomte, diejenigen, welche allein mar⸗ ſchiren, ſind am meiſten zu fürchten, denn dieſes Allein⸗ 139 ſein deutet entſchloſſene Charaktere an. Der berüch⸗ tigte Baron des Adrets marſchirte immer allein. Ah! ſeht, er ſchlägt auf uns an. Er wird ſchießen, bückt Euch!“ „Nein, Pompée, er nimmt nur die Muskete auf die andere Schulter.“ „Gleichviel, bücken wir uns immerhin, das iſt ſo der Brauch. Wir wollen das Feuer, die Naſe auf dem Sattelknopf, aushalten.“ „Aber Du ſiehſt doch, daß er nicht ſchießt, Pompée.“ „Er ſchießt nicht?“ ſprach der Stallmeiſter, ſich erhebend;„gut, er hat ſich wohl gefürchtet, und iſt von unſerem entſchloſſenen Ausſehen eingeſchüchtert worden. Ahl er hat bange. Laßt mich zuerſt mit ihm ſprechen, und ſprecht nach mir, ſchwellt aber Eure Stimme an.“ Der Schatten rückte immer mehr vor. „Holla! Freund, wer ſeid Ihr?“ rief Pompée. Der Schatten hielt mit einer Bewegung ſichtbaren Schreckens an. „Schreit doch ebenfalls,“ ſagte Pompée. „Es iſt überflüſſig,“ erwiederte der Vicomte.„Der arme Teufel hat genng Angſt.“ „Ah, er hat Angſt,“ ſagte Pompée und ritt raſch den Carabiner in der Hand vor. „Snade, Herr,“ ſprach der Menſch auf die Kniee ſallend;„ich bin ein armer Handelsmann und habe ſeit acht Tagen kein Sacktuch verkauft und folglich keinen Pfenning in der Taſche.“ Was Pompée für eine Muskete gehalten hatte, war ein Ellenſtab, mit dem der arme Teufel ſeine Waaren maß. „Erfahrt, mein Freund,“ ſprach Pompée maje⸗ ftätiſch,„daß wir keine Räuber, ſondern Kriegsleute ſind, welche bei Nacht marſchiren, da ſie nichts fürch⸗ ten. Zieht alſo ruhig Eures Wegs, Ihr ſeid frei.“ „Nehmt, mein Freund,“ fügte die ſanſtere Stimme 140 des Vicomte bei,„hier iſt eine halbe Piſtole für die Auſe die wir Euch gemacht haben, und Gott geleite Euch.“ Der Vicomte reichte mit ſeiner kleinen, weißen Hand eine halbe Piſtole dem armen Teufel, welcher ſich, dem Himmel für vieſes glückliche Zuſammentreffen dankend, entfernte. 3 „Ihr habt Unrecht gehabt, Herr Vicomte, Ihr habt ſehr Unrecht gehabt,“ ſprach Pompée nach zwan⸗ zig Schritten. „Unrecht! worin?“ „Darin, daß Ihr dieſem Menſchen eine halbe Piſtole gabet. Bei Nacht muß man nie zugeſtehen, daß man Geld hat. War nicht der erſte Ruf dieſes Haſenfußes, er habe keinen Pfennig bei ſich?“ „Das iſt richtig,“ erwiederte der Vicomte lächelnd, „aber es war ein Haſenfuß, wie Ihr ſagt, während wir, wie Ihr ebenfalls ſagt, Kriegsleute ſind, welche nichts fürchten.“ „Zwiſchen Fürchten und Mißtrauen, Herr Vicomte, iſt ein eben ſo großer Unterſchied, wie zwiſchen Ban⸗ gigkeit und Klugheit. Ich wiederhole aber, es iſt nicht klug, einem Unbekannten, den man auf der Landſtraße trifft, zu zeigen, daß man Geld beſitzt.“ „Wenn dieſer Unbekannte aber allein und ohne Waffen iſt?“ „Er kann einer bewaffneten Bande angehören; er kann ein Spion ſein, den man vorgeſchoben hat, um das Terrain zu recognosciren; er kann mit Maſſen zurüdkommen, und was ſollen zwei Menſchen allein, ſo brav ſie auch ſein mögen, gegen Maſſen thun?“ Der Vicomte erkannte diesmal die Wahrheit des Vorwurfes, den ihm Pompée machte, oder ſchien ſich vielmehr, um den Verweis abzukürzen, dem Urtheils⸗ ſpruche zu unterwerfen, und man gelangte ſo an das liſer des kleinen Fluſſes Saye bei Saint⸗Genes. ——,———— 11—- 2 Z A& —— — — — — 141 Es war keine Brücke da, und man mußte durch⸗ waten. Pompée gab dem Vicomte nun eine gelehrte Theorie, wie man über Flüſſe ſetzt, zum Beſten, in⸗ ſofern jedoch eine Theorie keine Brücke iſt, mußte man nichtsdeſtoweniger, ſobald die Theorie abgemacht war, durchwaten. Zum Glück war der Fluß nicht tief, und dieſer neue Vorfall diente dem Vicomte abermals zum Be⸗ weiſe, daß von ferne betrachtet und beſonders bei Nacht die Dinge viel furchtbarer ſind, als von Nahem betrachtet. Der Vicomte fing an ſich wirklich zu beruhigen, und überdies ſollte in etwa einer Stunde der Tag er⸗ ſcheinen, als die zwei Reiſenden, zu dem Walde ge⸗ langt, welcher Marſas umgibt, plötzlich anhielten. Sie hatten wirklich und zwar ganz deutlich hinter ſich den Galopp von mehreren Pferden gehört. Zu gleicher Zeit hoben ihre eigenen Pferde den Kopf in die Höhe, und eines deſſelben wieherte. „Diesmal,“ ſprach Pompée mit erſtickter Stimme, das Pferd ſeines Gefährten am Zügel faſſend,„dies⸗ mal, Herr Vicomte, werdet Ihr hoffentlich ein we⸗ nig Gelehrigkeit zeigen und die Sache der Erfah⸗ rung eines alten Soldaten überlaſſen. Ich höre eine Truppe berittener Leute; man verfolgt uns. Ahl es iſt die Bande Eures falſchen Handelsmannes. Ich ſagte es Euch wohl, Unkluger, der Ihr ſeid. Keinen falſchen Muth, retten wir unſer Leben und unſer Geld; die Flucht iſt zuweilen ein Mittel zu fiegen. Horaz ſtellte ſich, als wollte er fliehen...“ „Wohl, fliehen wir, Pompée,“ erwiederte der Vicomte zitternd. Pompee gab beide Sporen; ſein Pferd, ein vor⸗ trefflicher Rothſchimmel, ſprang unter dem Stachel mit einem Eifer, der das Barberroß des Vicomte 142 entflammte, und Beide jagten wie der Blitz auf dem Pflaſter fort, aus welchem Funken ſprangen. Dieſer Lauf dauerte ungefähr eine halbe Stunde; aber ſtatt Boden zu gewinnen, kam es den zwei Flüchtlingen vor, als näherten ſich ihre Feinde. Plötzlich erhob fich eine Stimme mitten aus der Finſterniß, eine Stimme, welche gemiſcht mit dem Pfeifen, hervorgebracht durch den Wind, den die zwei Reiter durchſchnitten, die unheilſchwangere Drohung der Geiſter der Nacht zu ſein ſchien. Dieſe Stimme machte, daß ſich die grauen Haare auf dem Haupte von Pompeée ſträubten. „Sie rufen:„„Haltet an!““ murmelte er,„ſie rufen:„Haltet an!“ „Nun, ſollen wir anhalten?“ fragte der Vi⸗ comte. „Im Gegentheil, verdoppeln wir unſere Geſchwin⸗ digkeit, wenn es möglich iſt! Vorwärts! vorwärts!“ „Ja, ja, vorwärts! vorwärts!“ rief der Vi⸗ comte, diesmal eben ſo ſehr erſchrocken, als ſein Ver⸗ theidiger. 3. „Sie kommen näher! hört Ihr ſie?“ ſprach Pompée. „Ach, a!“ „Es find ihrer mehr als dreißig. Hört Ihr, fie rufen abermals. Wir ſind verloren!“ „Reiten wir die Pferde todt!“ ſprach der Vi⸗ comte, am ganzen Leibe zitternd. „Vicomte! Vicomte!“ rief die Stimme.„Haltet an! haltet an! Angehalten, alter Schuft!“ „Das iſt Einer, der uns kennt. Das iſt Einer, der weiß, daß wir der Frau Prinzeſſin Geld bringen. Das iſt Einer, der weiß, daß wir conſpiriren. Wir werden lebendig gerädert!“ 3 „Aufgehalten, aufgehalten!“ fuhr die Stimme „Sie ſchreien, man ſolle uns aufhalten,“ ſagte · Pompee,„ſie haben Leute voraus; wir find abge⸗ ſchnitten.“ „Wenn wir uns auf die Seite werfen würden, in dieſes Feld hier, und ließen unſere Verfolger vorüber⸗ ziehen?“ „Das iſt ein Gedanke,“ ſprach Pompée,„vor⸗ wärts!“ Die zwei Reiter ließen ihre Thiere zugleich den Zügel und das Knie fühlen, und wandten ſich links. Das Pferd des Vicomte ſprang, geſchickt gehoben, über den Graben; aber das plumpere Roß von Pompée nahm zu wenig Rand; die Erde ſank unter ſeinen Füßen, und es ſtürzte mit ſeinem Herrn nieder. Der arme Stallmeiſter ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Der Vicomte, welcher bereits fünfzig Schritte auf dem Felde gemacht hatte, hörte dieſen Unglücksruf, wandte, obgleich ſelbſt voll Schrecken, ſein Pferd um und kehrte zu ſeinem Gefährten zurück. „Gnade!“ rief Pompée.„Löſegeld! ich ergebe mich! ich gehöre zu dem Hauſe Cambes.“ Ein ungeheures Gelächter antwortete auf dieſes klägliche Geſchrei, und der Vicomte, welcher in dieſem Augenblicke anlangte, ſah Pompée den Steigbügel des Siegers umfaſſen, der ihn mit einer vom Lachen zu⸗ ſammengepreßten Stimme zu beruhigen ſuchte. „Der Herr Baron von Canolles!“ rief der Vi⸗ comte. „Ja, bei Gott! Aber, Vicomte, es iſt nicht ſchön, daß Ihr die Leute, welche Euch ſuchen, ſo rennen aßt.“ „Der Herr Baron von Canolles!“ wiederholte Pom⸗ pee, immer noch an ſeinem Glücke zweifelnd.„Der Herr Baron von Canolles und Herr Caſtorin.“ „Ja, Herr Pompee,“ ſprach Caſtorin, ſich auf den Steigbügeln erhebend, um über die Schultern ſeines Herrn zu ſehen, welcher lachend ſich auf den Sattel⸗ 14⁴ knopf beugte.„Was macht Ihr denn in dieſem Gra⸗ ben?“ „Ihr ſeht es,“ erwiederte Pompee;„mein Pferd ſtürzte in dem Augenblick, wo ich mich, Euch für Feinde haltend, zum Behufe einer kräftigen Vertheidigung ver⸗ ſchanzen wollte. Herr Vicomte,“ fuhr Pompee, auf⸗ ſtehend und ſich ſchüttelnd, fort,„es iſt Herr von Ca⸗ nolles.“ 4 „Wie, mein Herr, Ihr hier?“ murmelte der Vi⸗ comte, mit einer Art von Freude, welche unwillkühr⸗ lich in ſeinem Tone durchdrang. r „Meiner Treue, ja, ich ſelbſt,“ antwortete Canol⸗ les und ſchaute den Vicomte mit einer Feſtigkeit an, welche ſich durch das Auffinden des Handſchuhes er⸗ klärte.„Ich langweilte mich zum Sterben in dem Gaſthauſe. Richon verließ mich, nachdem er mir mein Geld abgewonnen hatte. Ich erfuhr, Ihr wäret auf der Straße nach Paris abgereiſt. Glücklicher Weiſe hatte ich in der ſelben Richtung ein Geſchäft und be⸗ gab mich auf den Marſch, um Euch einzuholen. Ich vermuthete nicht, daß ich, um dies zu erlangen, mit Sturmeseile jagen mußte. Teufel, mein Herr, was für ein Reiter ſeid Ihr!“ Der Vicomte lächelte und ſtammelte einige Worte. „Caſtorin,“ fuhr Canolles fort,„hilf doch Herrn Pompeée auf den Sattel;„Du ſiehſt, daß es ihm trotz ſeiner Geſchicklichkeit nicht gelingen will.“ Caſtorin ſtieg ab und unterſtützte Pompée, der nach und nach wieder ſeinen Sattel erreichte. „Nun laßt uns weiter reiten, wenn es Euch ge⸗ fällig iſt,“ ſprach der Vicomte. „Einen Augenblick,“ ſagte Pompée ſehr verlegen, neinen Augenblick, Herr Vicomte, es ſcheint mir, es fehlt mir etwas.“ „Ich glaube wohl,“ erwiederte der Vieomte,„es fehlt Dir das Felleiſen.“ —— ,—— 2E e ——9— 145 „Ah, mein Gott!“ rief Pompée, ein tiefes Er⸗ ſtaunen heuchelnd. „Unglücklicher,“ ſprach der Vicomte,„ſollteſt Du es verloren haben.“ „Es kann nicht fern ſein, gnädiger Herr,“ antwor⸗ tete Pompée. „Iſt es nicht dieſes?“ fragte Caſtorin, den verlang⸗ ten Gegenſtand mühſam aufhebend. „Allerdings,“ rief Pompée. „Gewiß,“ ſagte der Vicomte. „s iſt nicht ſein Fehler,“ verſetzte Canolles, der fich einen Freund aus dem alten Stallmeiſter machen wollte.„Bei dem Sturze werden die Riemen gebro⸗ chen ſein, und das Felleiſen hat ſich losgemacht.“ „Die Riemen find nicht gebrochen, gnädiger Herr, ſondern abgeſchnitten,“ ſagte Caſtorin. „Oh, oh, Herr Pompée,“ rief Canolles,„was ſoll das bedeuten?“ „Das ſoll bedeuten,“ verſetzte der Vicomte mit ernſtem Tone,„daß Herr Pompée in ſeiner Furcht von Räubern verfolgt zu werden, das Felleiſen geſchickt abgeſchnitten hat, um nicht der Verantwortlichkeit des Schatzmeiſters ausgeſetzt zu ſein. Wie nennt man dieſe Liſt mit einem Kriegsausdrucke, Herr Pompée?“ Pompée wollte ſich mit ſeinem Jagdmeſſer ent⸗ ſchuldigen, das er ungeſchickter Weiſe gezogen hätte: da er aber keine genügende Erklärung geben konnte, ſo blieb in den Augen des Vicomte der Verdacht an ihm kleben, er habe das Felleiſen ſeiner eigenen Si⸗ cherheit opfern wollen. Canolles war in der beſten Laune. „Gut! gut! gut!“ ſprach er,„laßt die Sache ab⸗ gemacht ſein. Bindet nur das Felleiſen wieder feſt. Caſtorin, hilf Herrn Pompée. Ihr habt Recht, Mei⸗ ſter Pompée, wenn Ihr die Räuber fürchtet, denn der Sack iſt ſchwer und wäre eine gute Beute.“ Der Frauenkrieg. I. 10 146 „Scherzt nicht, gnädiger Herr,“ murmelte Pom⸗ pée zitternd;„jeder nächtliche Scherz iſt zweideutig.“ „Ihr habt Recht, Pompée, immer Recht,“ fuhr Canolles fort;„ich will auch Euch und dem Vicomte als Geleite dienen. Eine Verſtärkung von zwei Män⸗ nern wird Euch nicht unnütz ſein.“ „Nein, gewiß nicht,“ rief Pompée,„die Anzahl bildet die Sicherheit.“ „Und Ihr, Vicomte, was denkt Ihr von meinem Anerbieten?“ ſprach Canolles, als er ſah, daß der Vicomte ſeinen höflichen Vorſchlag mit weniger Be⸗ geiſterung aufnahm, als ſein Stallmeiſter. „Ich, mein Herr,“ verſetzte der Vicomte,„ich er⸗ kenne darin Eure gewöhnliche Artigkeit und danke Euch aufrichtig dafür. Aber wir verfolgen nicht denſelben Weg, und ich müßte Euch läſtig zu werden befürchten.“ „Wie,“ ſprach Canolles ärgerlich, da er wahr⸗ nahm, daß der Streit in dem Gaſthauſe auf der Land⸗ ſtraße wieder beginnen ſollte,„wie, wir verfolgen nicht denſelben Weg? Geht Ihr nicht nach...“ „Nach Chantilly,“ rief eilig Pompee, zitternd bei dem Gedanken, ſeine Reiſe ohne einen andern Gefähr⸗ ten als den Vicomte fortſetzen zu müſſen. Dieſer machte eine ſehr bezeichnende Geberde der Ungeduld, und wenn es Tag geweſen wäre, hätte man ſehen können, wie ihm die Röthe des Zorns in die Wangen ſtieg. „Vortrefflich!“ rief Canolles, ohne daß er den wüthenden Blick zu bemerken ſchien, mit welchem der Vicomte Pompée niederſchmetterte.„Chantilly iſt gerade mein Weg. Ich gehe nach Paris, oder viel⸗ mehr,“ fügte er lachend bei,„ſeht, Vicomte, ich habe nichts zu thun und weiß nicht, wohin ich gehe. Geht Ihr nach Paris, ſo gehe ich nach Paris; geht Ihr nach Lyon, ſo gehe ich nach Lyon; geht Ihr nach Marſeille, ich habe längſt eine Leidenſchaft, die Provence zu ſehen, und ich gehe nach Marſeille; geht Ihr nach Stenay, ——- n 147 wo die Heere Seiner Majeſtät ſtehen, ſo gehen wir nach Stenay. Obgleich im Süden geboren, habe ich doch fiets eine Vorliebe für den Norden gehabt.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Vicomte mit einer ge⸗ wiſſen Feſtigkeit, die er ohne Zweifel dem von Pom⸗ pée in ihm angeregten Zorne zu danken hatte,„muß ich es Euch ſagen, ich reiſe ohne Geſellſchaft, wegen perſönlicher Angelegenheiten von höchſtem Belange, aus ſehr ernſten Gründen, und wenn Ihr auf Eurer Ab⸗ ſicht beſteht, ſo nöthigt Ihr mich zu meinem großen Bedauern, Euch zu bemerken, daß Ihr mich in meinen Schritten beläſtigt.“ Es brauchte nichts Geringeres, als die Erinnerung an den kleinen Handſchuh, welchen Canolles auf ſeiner Bruſt zwiſchen ſeinem Rocke und ſeinem Hemde verbor⸗ gen hielt, daß der Baron, lebhaft und aufbrauſend wie ein Gascogner, nicht losbrach. Doch er hielt an ſich. „Mein Herr,“ verſetzte er mit ernſtem Tone,„ich habe nie ſagen hören, die Landſtraßen gehören eigen⸗ thümlicher der einen Perſon, als der andern. Man nennt ſie ſogar, wenn ich mich nicht täuſche, den Weg des Königs, zum Beweiſe, daß alle Unterthanen Sei⸗ ner Majeſtät das gleiche Recht haben, ſich derſelben zu bedienen. Ich befinde mich alſo auf dem Wege des Königs, ohne die Abſicht, Euch zu beläſtigen. Ich bin ſogar hier, um Euch Dienſte zu leiſten, denn Ihr ſeid jung, ſchwach und ohne große Vertheidigungsmittel. Ich glaubte nicht auszuſehen wie ein Menſch, der die Reiſenden ausplündert; da Ihr Euch jedoch auf dieſe Art erklärt, ſo unterwerfe ich mich dem Spruche, meine ärgerliche Miene beklagend. Vergebt mir, daß ich Euch läſtig war. Ich habe die Ehre, Euch mein Com⸗ pliment zu machen. Glückliche Reiſe!“ Und Canolles ließ ſein Pferd eine leichte Wendung machen und ritt, nachdem er den Vicomte gegrüßt hatte, auf die andere Seite der Straße, wohin ihm Caſtorin in der That und Pompee in der Abſicht folgte. 148 Canolles ſpielte dieſe Seene mit ſo anmuthiger Höflichkeit, mit ſo verführeriſcher Geberde, indem er mit ſeinem breiten Hute ſeine ſo reine, von ſchwarzen, ſeide⸗ nen Haaren beſchattete Stirne wieder bedeckte, daß der Vicomte mehr von ſeiner vornehmen Miene, als von ſeinem Verfahren berührt wurde. Er hatte ſich, wie geſagt, entfernt; Caſtorin folgte ihm gerade und ſteif in ſeinen Steigbügeln. Pompée, welcher auf der andern Seite des Weges geblieben war, ſtieß Seufzer aus, daß die Kieſelſteine auf der Straße hätten zerſpringen ſollen; der Vicomte, welcher zahlreiche Betrachtungen angeſtellt hatte, beſchleunigte nun den Gang ſeines Pfer⸗ des, holte Canolles ein, welcher ſich ſtellte, als ſähe und hörte er ihn nicht, und flüſterte ihm, mit einer kaum verändlichen Stimme die Worte:„Herr von Canol⸗ es!“ zu. Canolles bebte und wandte ſich um; ein Schauer der Luſt durchlief ſeine Adern, und es kam ihm vor, als ob ſich alle Muſik der himmliſchen Sphären ver⸗ einigte, um ihm ein göttliches Concert zu geben. „Vicomte!“ entgegnete er. „Hört, mein Herr,“ antwortete dieſer mit einer weichen, ſammetartigen Stimme,„ich fürchte in der That, unhöflich gegen einen Mann von Euerem Ver⸗ dienſte zu ſein. Vergebt mir meine Schüchternheit. Ich wurde von Aeltern erzogen, welche voll von Be⸗ fürchtungen, entſtanden aus Liebe für mich, waren; ich wiederhole, vergebt mir, ich habe nie die Abſicht ge⸗ habt, Euch zu beleidigen, und zum Beweiſe unſerer aufrichtigen Ausſöhnung erlaubt mir, an Eurer Seite zu marſchiren.“ „Wie?“ rief Canolles,„hundertmal, tauſendmal! Ich hege keinen Groll, und zum Beweiſe...“ Und er reichte ihm eine Hand, in welche ein zar⸗ tes, leichtes, flüchtiges Händchen fiel oder vielmehr ſchlüpfte. Der Reſt der Nacht ging in tollen Plaudereien — ☛& —BB8öBU8n 149 des Barons hin, und der Vicomte hörte beſtändig und lachte zuweilen. Die zwei Diener folgten. Pompeée erklärte Ca⸗ ſtorin, wie die Schlacht von Corbie verloren worden war, während man ſie hätte vollkommen gewinnen können, würde man es nicht verſäumt haben, ihn in den Rath zu rufen, welcher am Morgen der Schlacht gehalten wurde. „Doch ſagt,“ ſprach der Vicomte zu Canolles, als der erſte Schimmer des Morgens anbrach,„wie habt Ihr Eure Angelegenheit mit dem Herzog von Epernon abgemacht?“ „Die Sache war nicht ſchwierig,“ erwiederte Ca⸗ nolles.„Nach dem, was Ihr mir mittheiltet, hatte er mit mir und ich nicht mit ihm zu thun. Entweder iſt er müde geworden, mich zu erwarten, und hat ſich zu⸗ rückgezogen, oder er iſt halsſtarrig geweſen, und war⸗ tet noch.“ „Aber Fräulein von Lartigues?“ fügte der Vicomte mit einem leichten Zögern bei. „Fräulein von Lartigues, Vicomte, kann nicht zugleich zu Hauſe mit Herrn von Epernon und im Gol⸗ denen Kalbe mit mir ſein. Man muß von den Frauen nicht zu viel verlangen.“ „Das iſt keine Antwort, Baron; ich frage Euch, wie Ihr Euch, verliebt in Fräulein von Lartigues, von Ihr trennen konntet?“ Tanolles ſchaute den Vicomte mit bereits zu klar ſehenden Augen an, denn es war Tag, und es lag auf dem Geſichte des jungen Mannes kein anderer Schat⸗ ten als der ſeines Hutes. Er fühlte ſich nun von einer tollen Luſt erfaßt, zu antworten, wie er dachte; aber Pompée, aber Caſto⸗ rin, aber die ernſte Miene des Vicomte hielten ihn zu⸗ rück. Dann regte ſich noch ein Zweifel in ihm. „Wenn ich mich täuſchte, wenn es trotz dieſes klei⸗ nen Handſchuhs und dieſer kleinen Hand ein Mann 150 wäre. In der That, ein ſolcher Mißgriff müßte mich völlig niederſchmettern!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er geduldete ſich alſo und erwiederte die Frage des Vicomte mit jenem Lächeln, mit welchem man Alles beantwortet. Man hielt in Barbezieux an, um zu frühſtücken und die Pferde ausſchnaufen zu laſſen. Canolles früh⸗ ſtückte diesmal mit dem Vicomte, und bei dem Früh⸗ ſtücke bewunderte er dieſe Hand, deren nach Biſam duftende Hülle eine ſo große Aufregung ihn ihm her⸗ vorgebracht hatte. In dem Augenblick, wo man ſich zu Tiſche ſetzte, war der Vicomte überdies genöthigt, ſeinen Hut abzunehmen und ſeine ſo glatten, ſo ſchönen, in eine ſo zarte Haut gepflanzten Haare zu entblößen, und jeder Andere, als ein bereits verliebter und folg⸗ lich bereits blinder Menſch, wäre von ſeiner Ungewiß⸗ heit befreit geweſen. Aber Canolles hatte zu ſeyr Furcht zu erwachen, um nicht die Dauer ſeines Traumes aus⸗ zudehnen. Er fand etwas Reiſendes in dieſem Incog⸗ nito des Vicomte, das ihm eine Menge von kleinen Vertraulichkeiten geſtattete, welche ihm ein gänzliches Erkennen oder ein volles Geſtändniß unterſagt hätten. Er ſprach alſo kein Wort, das den Vicomte auf den Verdacht bringen konnte, ſein Incognito wäre ver⸗ rathen. Nach dem Frühſtück begab man ſich wieder auf den Weg, und man marſchirte bis zum Mittageſſen. Von Zeit zu Zeit brachte eine Müdigkeit, die er nicht länger verbergen konnte, auf das Geſicht des Vicomte eine bleichere Farbe oder in ſeinen Körper ein leichtes Beben, nach deſſen Urſache ihn Canolles freundſchaft⸗ lich fragte. Herr von Cambes lächelte dann und ſchien nicht mehr zu leiden. Er ſchlug ſogar vor, den Schritt zu verdoppeln, was aber Canolles mit der Bemerkung zurückwies, man habe einen weiten Weg zu machen, und es ſei folglich weſentlich, die Pferde zu ſchonen. Nach dem Mittageſſen fühlte der Vicomte eine R — —— ‿ A9— à d — 151 gewiſſe Schwierigkeit, aufzuſtehen. Canolles erhob ſich und unterſtützte ihn. „Ihr bedürft der Ruhe, mein junger Freund,“ ſagte er zu ihm;„eine auf dieſe Art fortgeſetzte Reiſe würde Euch auf der dritten Etape tödten. Wir reiten in dieſer Nacht nicht, ſondern ſchlafen im Gegeniheil. Ihr ſollt Euch eines guten Schlummers erfreuen, und das beſte Zimmer des Gaſthofs ſoll das Eurige ſein, oder ich will ſterben.“ Der Vicomte ſchaute Pompée mit ſo verblüffter Miene an, daß Canolles ſeine Luſt zu lachen nicht un⸗ terdrücken konnte. „Wenn man eine große Reiſe unternimmt, wie wir,“ ſprach Pompée,„ſo müßte Jeder ſein Zelt haben.“ „Oder ein Zelt für zwei,“ verſetzte Canolles mit der natürlichſten Miene der Welt,„das würde ge⸗ nügen.“ Ein Schauer durchlief den ganzen Körper des Vicomte.* Der Schlag war gethan und ſeine Wirkung ent⸗ ging Canolles nicht: aus einem Augenwinkel ſah er⸗ daß der Vicomte Pompee ein Zeichen machte. Pom⸗ pée näherte ſich ſeinem Herrn, dieſer ſagte ihm leiſe ei⸗ nige Worte, und bald ritt Pompée unter irgend einem Vorwande voraus und verſchwand. Anderthalb Stunden nach dieſem Vorfall, worüber Canolles nicht einmal eine Erklärung forderte, erblick⸗ ten die Reiſenden, als ſie in einen großen Flecken ein⸗ ritten, den Stallmeiſter auf der Schwelle eines Gaſt⸗ hauſes von ziemlich gutem Ausſehen. 13 „Ahl ah,“ ſagte Canolles,„es ſcheint, wir wer⸗ den die Nacht hier zubringen, Vicomte?“ „Ja, wenn Ihr wollt, Baron.“ „Ich will Alles, was Ihr wollt, denn, wie ge⸗ ſagt, ich reiſe für mein Vergnügen, während Ihr Euerer Aeußerung nach in Geſchäften reiſt. Nur be⸗ 15² urchir ich, Ihr werdet in dieſem Neſte nicht bequem ein.“ „Oh!“ erwiederte der Vicomte,„elne Nacht iſt bald vorüber.“ Man hielt an und raſcher als Canolles lief Pompèe herbei und hielt ſeinem Herrn den Steigbü⸗ gel. Canolles bedachte überdies, daß ein ſolcher Eifer eines Mannes gegen einen andern Mann lächerlich wäre. „Raſch, mein Zimmer,“ ſagte der Vicomie.„In der That, Ihr habt Recht, Herr von Canolles,“ fügte er, ſich nach ſeinem Gefährten umwendend, bei,„ich bin wirklich ſehr müde.“ „Hier, gnädiger Herr,“ ſprach die Wirthin und deutete auf ein ziemlich großes Zimmer; es ging nach dem Hofe, ſeine Fenſter waren vergittert und darüber lagen die Speicher des Hauſes. „Wo iſt mein Zimmer?“ rief Canolles. Und er warf lüſtern ſeine Augen auf eine Thüre, welche an die des Vicomte ſtieß und deren Dünnleibig⸗ keit einen ſehr gebrechlichen Wall gegen eine ſo ge⸗ ſchärfte Neugierde, wie die ſeinige, bildete. „Das Eurige?“ ſprach die Wirthin,„folgt mir, gnädiger Herr, ich werde Euch führen.“. Und ohne daß es den Anſchein hatte, als be⸗ merkte ſie ſeinen Aerger, führte ſie ihn an das Ende einer ganz mit Thüren bevölkerten und von dem Zim⸗ mer des Vicomte durch die volle Breite des Hofes ge⸗ trennten Hausflur. Der Vicomte verfolgte dieſes Manoeuvre von der Schwelle ſeines Zimmers. „Nun bin ich meiner Sache gewiß,“ ſagte Canol⸗ les;„aber ich habe wie ein Dummkopf gehandelt, wollte ich jedoch eine böſe Miene machen, ſo würde ich mein Spiel unwiederbringlich verlieren;z nehmen wir alſo unſer freundlichſtes Geſicht an.“ Und er kehrte auf den Balcon zurück, der, wie geſagt, die äußere Hausflur bildete, und rief: — 153 „Gute Nacht, lieber Vicomte, Ihr bedürft in der That der Ruhe; ſoll ich Euch morgen wecken? Nein. Nun, ſo werdet Ihr mich vielleicht wecken, wenn Ihr aufgeſtanden ſeid. Gute Nacht!“ 3 „Gute Nacht, Baron,“ erwiederte der Vicomte. „Doch, fehlt es Euch an nichts,? fuhr Canolles fort,„ſoll ich Euch nicht Caſtorin leihen, um Euere Neſteln zu löſen?“ „Ich danke, ich habe Pompée; er ſchläft im näch⸗ ſten Zimmer.“— „Eine ganz gute Vorſichtsmaßregel; ich will Caſto⸗ rin dasſelbe thun laſſen. Eine Klugheitsmaßegel, nicht wahr, Pompée? Man kann in einem Wirthshauſe nicht vorſichtig genug ſein. Gute Nacht, Vicomte.“ Der Vicomte antwortete durch einen ähnlichen Wunſch, und die Thüre ſchloß ſich. „Gut, gut, Vicomte,“ murmelte Canolles,„mor⸗ gen iſt die Reihe an mir, die Wohnungen zu beſtellen, und ich werde mich zu entſchädigen wiſſen. Schön, er ſchließt Alles bis auf die doppelten Vorhänge; er brei⸗ tet ein Tuch davor aus, damit ſogar ſein Schatten unſichtbar wird. Beim Teufel, es iſt ein ſehr ſcham⸗ hafter Junge, dieſer kleine Edelmann, aber gleichviel. Morgen.“. Und Canolles ging brummend in ſein Zimmer zurück, kleidete ſich ſehr übler Laune aus, legte ſich verdrießlich nieder und träumte, Nanon fände in ſeiner Taſche den perlgrauen Handſchuh des Vicomte. VII. Am andern Morgen war Canolles noch luſtigerer Laune, als am Tage vorher; auch der Vicomte von 154 Cambes gab ſich einer offeneren Heiterkeit hin, und ſelbſt Pompée wurde muthwillig, während er Caſtorin ſeine Feldzüge erzählte. Der ganze Morgen verging in Freundlichkeiten dieſer Art. Beim Frühſtück entſchuldigte ſich Canolles, daß er den Vicomte verlaſſen müßte, aber er hätte einen lan⸗ gen Brief an einen in der Gegend wohnenden Freund zu ſchreiben, und würde ſich überdies veranlaßt ſe⸗ hen, einen Beſuch bei einem von ſeinen Freunden zu machen, deſſen Haus unmittelbar an der Landſtraße etwa drei bis vier Meilen von Poitiers liegen müßte. Canolles erkundigte ſich nach ſeinem Freunde bei dem Wirthe, und dieſer erwiederte, er würde etwas vor dem Dorſe Jaulnay das Haus deſſelben finden, das an zwei Thürmchen zu erkennen wäre. Da Caſtorin die kleine Truppe verlaſſen mußte, um den Brief an ſeine Adreſſe zu überbringen, da Canolles ſelbſt einen Plan auszuführen hatte, ſo wurde der Vicomte gebe⸗ ten, zum Voraus den Ort zu bezeichnen, wo man Nachtlager halten würde. Der Vicomte blickte auf eine kleine Karte, welche Pompée in einem Etui mit ſich führte, und ſchlug das Dorf Jaulnay vor. Ca⸗ nolles machte keine Einwendung und trieb die Falſch⸗ bei ſogar ſo weit, daß er ganz laut zu Pompée agte: „Wenn man Euch wieder als Quartiermeiſter vorausſchickt, wie geſtern, ſo beſtellt für mich wo mög⸗ lich ein Zimmer in der Nähe des von Eurem Herrn, damit wir ein wenig mit einander zu plaudern im Stande find.“ Der mürriſche Stallmeiſter wechſelte einen Blick mit dem Vicomte und lächelte, entſchloſſen, nicht zu thun, was Canolles ihm ſagte. Caſtorin, welcher vor⸗ her ſchon ſeine Inſtruktionen erhalten hatte, holte den Brief, und Canolles ertheilte ihm Befehl, ſich zum Nachtlager in Jaulnay einzufinden. In Beziehung auf das Gaſthaus war kein Irr⸗ 155 thum möglich, denn Jaulnay beſaß nur das zum Grand⸗ Charles⸗Martel. Man begab ſich auf den Marſch. Fünfhundert Schritte von Poitiers, wo man Mittagsbrod genom⸗ men hatte, ſchlug Caſtorin einen Seitenweg rechts ein; man ritt noch zwei Stunden; da erkannte Canolles, nach den Merkmalen, die er ſich hatte nennen laſſen, das Haus ſeines Freundes, zeigte es dem Vicomte, nahm Abſchied von dieſem, wiederholte Pompée den Auftrag, ihm das geeignete Zimmer zu beſorgen, und ſchlug einen Seitenweg links ein. Der Vicomte war völlig beruhigt; die Scene am Abend vorher war ohne Streit abgelaufen, und er hatte den ganzen Tag nicht die leichteſte Anſpielung gehört; er fürchtete daher von Seiten von Canolles nicht mehr den geringſten Widerſtand gegen ſeinen Willen; und von dem Augenblick, wo der Baron für ihn nur ein einfacher, guter, luſtiger, witziger Reiſe⸗ gefährte blieb, entſprach es ganz ſeinen Wünſchen, den Marſch vollends mit ihm zu machen. Hielt der Vi⸗ comte die Vorſichtsmaßregel für überflüſſig, oder wollte er ſich nicht von ſeinem Stallmeiſter trennen und al⸗ lein auf der Landſtraße ſein,— Pompée wurde nicht vorausgeſchickt. Man kam bei Nacht in das Dorf; der Regen ſtürzte in Strömen herab. Zum Glück war ein Zim⸗ mer geheizt. Dem Vicomte lag nur daran, eiligſt die Kleider zu wechſeln; er nahm daher dieſes Zimmer und beauftragte Pompée, für das Quartier von Ca⸗ nolles zu ſorgen. „Es iſt bereits geſchehen,“ ſprach der ſelbſtſüch⸗ tige Pompée, welcher vor Begierde, ſich in das Bett zu legen, brannte;„die Wirthin hat verſprochen, dafür beſorgt zu ſein.“ „Gut. Mein Neceſſaire?“ „Hier.“ „Meine Flacons?“ 156 „Hier find fie.“ „Ich danke. Wo ſchläfſt Du, Pompeer?“ „Am Ende der Hausflur.“ „Und wenn ich etwas brauche?“ „Dier iſt eine Glocke; die Wirthin wird kom⸗ men. „Wohl. Dieſe Thüre ſchließt gut, nicht wahr?“ „Der Herr Vicomte kann ſelbſt ſehen.“ „Es find keine Riegel daran?“ „Nein, aber ein Schloß.“ „Gut. Ich werde mich von innen einſchließen. Es iſt kein anderer Eingang vorhanden?“ „Nicht, daß ich wüßte.“ Pompée nahm das Licht und ging im Zimmer umher. „Sieh nach, ob die Läden feſt ſind.“ „Die Haken find eingelegt.“ „Gehe, Pompée.“ Pompée entfernte ſich, und der Vicomte drehte den Schlüſſel um. Eine Stunde nachher verließ Caſtorin, der zuerſt in dem Gaſthauſe angelangt war und neben Pompée wohnte, ohne daß dieſer es vermuthete, ſein Zimmer auf den Fußſpitzen und öffnete Canolles die Thüre. Canolles ſchlüpfte mit pochendem Herzen in das Haus, befahl Caſtorin die Thüre wieder zu verſchlie⸗ ßen, ließ ſich das Zimmer des Vicomte bezeichnen und ſtieg hinauf. Der Vicomte war im Begriff, ſich zu Bette zu legen, als er Tritte in der Hausflur hörte. Der Vicomte war, wie man bereits bemerken konnte, äußerſt furchtſam. Dieſe Tritte machten, daß er bebte und mit der größten Aufmerkſamkeit horchte. Die Tritte hielten vor ſeiner Thüre an. Eine Sekunde nachher klopfte man. „Wer iſt da?“ fragte eine ſo ſehr zitternde Stimme, daß Canolles den Klang nicht erkannt haben würde, hätte er nicht bereits wiederholt Gelegenheit gehabt, die Variationen dieſer Stimme zu ſtudiren. „Ich!“ antwortete Canolles. „Wie, Ihr?“ verſetzte die Stimme, von einem Schrecken zum andern übergehend. „Ja, denkt Euch doch, Vicomte, es iſt kein Platz mehr in unſerem Gaſthauſe, es iſt kein einziges Zim⸗ mer mehr frei. Euer Dummkopf von einem Pompée hat nicht an mich gedacht. Es gibt kein anderes Wirths⸗ haus im Dorfe, und da in Euerem Zimmer zwei Bet⸗ ten ſtehen..“ Der Vicomte warf voll Schrecken einen Blick auf die Zwillingsbetten, welche nur durch einen Tiſch ge⸗ trennt neben einander in dem Alkoven ſtanden. „Nun, Ihr begreift wohl,“ fuhr Canolles fort, „ich bitte um das eine; öffnet mir raſch, ich flehe Euch an, denn ich ſterbe vor Kälte.“ Man hörte jetzt ein Durcheinanderwerfen, ein Zerknittern von Kleidern und haſtige Schritte. „Ja, ja, Baron,“ ſagte der Vicomte mit einer Stimme, welche immer mehr Beſtürzung verrieth;„ja, ich komme, ich eile.“ „Ich warte, aber ich bitte, öffnet ſchleunigſt, wenn Ihr mich nicht in Eis verwandelt finden wollt.“ „Verzeiht, aber ich ſchlief.“ „Mir kam es vor, als hättet Ihr Licht.“ „Ihr täuſchtet Euch.“ Und das Licht wurde ſogleich ausgelöſcht; Canolles beklagte ſich nicht darüber. „Hier bin ich... Ich finde die Thüre nicht,“ fuhr der Vicomte fort. „Ah! das glaube ich wohl,“ erwiederte Canolles. „Ich höre Euere Stimme am andern Ende des Zim⸗ mers... hierher...“ 2 1⁵58⁸ „Ich ſuche die Glocke, um Pompée herbeizu⸗ rufen.“ „Pompée iſt am entgegengeſetzien Ende der Haus⸗ flur und wird Euch nicht hören. Ich wollte ihn wecken, um zu fragen, wie die Sache ſtehe; aber un⸗ möglich: er ſchläft wie ein Dachs.“ „Dann werde ich die Wirthin rufen.“ „Bahl! die Wirthin hat ihr Bett einem Reiſen⸗ den abgetreten und iſt auf dem Speicher ſchlafen ge⸗ gangen. Niemand würde kommen, mein lieber Freund. Warum wollt Ihr übrigens Leute rufen? ich brauche Niemand.“ „Aber ich?“. „Ihr, Ihr öffnet mir Euere Thüre, und ich danke Euch dafür. Ich ſuche mein Bett, lege mich nieder, und damit iſt es aus. Oeffnet alſo, ich bitte.“ „Es müſſen ſich doch andere Zimmer finden, und wären ſie auch ohne Betten,“ ſprach der Vicomie ganz in Verzweiflung.„Wir wollen rufen, ſuchen...“ „Aber, lieber Vicomte, es hat halb eilf Uhr ge⸗ ſchlagen... Ihr werdet das ganze Wirthshaus auf⸗ wecken; man wird glauben, es brenne im Hauſe. Das gibt eine Geſchichte, daß man die ganze Nacht nicht mehr ſchlafen kann, und das wäre Schade, denn ich ſterbe vor Schlaf.“ Dieſe Worte ſchienen den Vicomte etwas zu be⸗ ruhigen. Kleine Tritte näherten ſich der Thüre und dieſe wurde geöffnet. Canolles trat ein und ſchloß die Thüre wieder hinter ſich. Der Vicomte hatte ſich, nachdem er ge⸗ öffnet, eiligſt wieder entfernt. Der Baron befand ſich nun in einem beinahe dunkeln Zimmer, denn die letzten Kohlen des Kamins erloſchen eben und gaben nur einen unzureichenden Schein von ſich. Die Atmoſphäre war lau und von allen Wohlgerüchen geſchwängert, welche die verfei⸗ =— 159 neriſte, ausgeſuchteſte Sorgſalt der Toilette an⸗ deuten. „Ahl ich danke, Vicomte,“ ſprach Canolles,„denn man iſt in der That hier beſſer, als in der Haus⸗ ur.“ „Ihr habt Luſt zu ſchlafen, Baron?“ ſagte der Vicomte. „Za, gewiß. Zeigt mir mein Bett, Ihr, der Ihr das Zimmer kennt, oder laßt mich die Kerze wieder anzünden.“ „Nein, nein, das iſt unnöthig,“ erwiederte lebhaft der Vicomte,„Euer Bett iſt links.“ Da die Linke des Vicomte die Rechte des Barons war, ſo ging der Baron rechts, traf ein Fenſter, in der Nähe des Fenſters einen Tiſch, und auf dem Tiſche ein Glöckchen, das der Vicomte in ſeiner Beſtürzung vergebens geſucht hatte. Er ſteckte das Glöckchen, für jeden Fall in die Taſche. „Aber, was macht Ihr denn?“ rief er.„Ich glaube, wir ſpielen blinde Kuh, Vicomte. Ihr ſolltet wenigſtens Aufgepaßt! rufen. Was Teufels ſtöbert Ihr denn im Schatten umher?“ „Ich ſuche das Glöckchen, um Pompée zu rufen.“ „Was wollt Ihr denn mit Pompée?“ „Ich will.. ich will, er ſoll ſich ein Bett neben dem meinigen machen.“. „Für ſich... was ſagt Ihr da, Vicomte? Lackeien in unſerem Zimmer! Stille! Ihr habt Ge⸗ wohnheiten, wie furchtſame junge Mädchen. Pfui! wir ſind ſo große Burſche, daß wir uns ſelbſt ver⸗ theidigen können. Nein, gebt mir nur die Hand und eleitet mich nach meinem Bette, das ich nicht finden ann... oder... zünden wir die Kerze wie⸗ der an.“ „Nein, nein, nein!“ rief der Vicomte. 160 „Da Ihr mir die Hand nicht reichen wollt,“ ver⸗ ſetzte Canolles, ſo ſolltet Ihr mir wenigſtens ein Fa⸗ denende geben, denn ich bin in einem wahren Laby⸗ rinthe.“ Und er rückte mit ausgeſtreckten Armen in der Richtung vor, wo er die Stimme gehört hatte; aber er ſah es wie einen Schatten an ſich hinſchlüpfen und ſpürte einen Wohlgeruch, der an ihm vorüberzog; er ſchloß die Arme, hatte aber wie der Orpheus des Vir⸗ gil nur die Luft umarmt. „Dort! dort!“ rief der Vicomte am andern Ende des Zimmers.„Ihr ſeid zunächſt an Enrem Bette, Baron.“ „Welches von beiden gehört mir?“ „Gleichviel, ich lege mich nicht ſchlafen.“ „Wie, Ihr legt Euch nicht ſchlafen?“ rief der Baron, ſich bei dieſem unklugen Worte umwendend; „was werdet Ihr denn thun?“ „Ich bringe die Nacht auf einem Stuhle zu.“ „Eine ſolche Kinderei werde ich nicht dulden; kommt, Vicomte, kommt.“ Und von einem letzten Lichtſtrahle, der vom Ka⸗ minherde aufſprang und dann ſtarb, geleitet, erblickte Canolles den Vicomte in eine Ecke zwiſchen dem Fen⸗ ſter und der Commode gekauert und ganz in einen Mantel gewickelt. Dieſer Strahl war nur ein Blitz; aber er ge⸗ nügte, um den Baron zu leiten und dem Vicomte begreiflich zu machen, daß er verloren war. Canolles ging mit ausgeſtreckten Armen gerade auf ihn zu, und obgleich das Zimmer wieder völlig in Finſterniß ge⸗ hüllt war, begriff doch der arme junge Mann, daß er diesmal ſeinem Verfolger nicht entgehen würde. „Baron! Baron!“ ſtammelte der Vicomte,„geht nicht weiter, ich flehe Euch an; Baron, verlaßt Euern Platz nicht, keinen Schritt mehr, wenn Ihr ein Edel⸗ mann ſeid.“ 161 Canolles blieb ſtille ſtehen; der Vicomte war ſo nahe bei ihm, daß er ſein Herz ſchlagen hörte, daß er den warmen Ouft ſeines Hauches fühlte; zu gleicher Zeit ſchien ihn ein köſtlicher, berauſchender Wohlgeruch, zuſammengeſetzt aus allen Ausſtrömungen der Jugend und Schönheit, ein Wohlgeruch, tauſendmal ſüßer als der der Blumen, völlig zu umfangen, um ihm die Möglichkeit zu benehmen, dem Vicomte zu gehorchen, und hätte er auch Luſt dazu gehabt. Er blieb indeſſen einen Augenblick, wo er war, ſeine Hände gegen dieſe Hände ausgeſtreckt, die ihn zum Voraus zurückſtießen, und fühlend, daß er nur noch eine Bewegung zu machen hatte, um den reizen⸗ den Körper zu berühren, deſſen Geſchmeidigkeit er ſo oft ſeit zwei Tagen bewundert hatte... „Gnade! Gnade!“ flüſterte der Vicomte mit einer Stimme, in der ſich ein Anfang von Wolluſt mit dem Schrecken vermiſchte.„Gnade!“ Und die Stimme erloſch auf den Lippen, und Canolles fühlte, wie dieſer reizende Körper an dem Täfelwerk hinglitt und auf die Kniee fiel. Seine Bruſt erweiterte ſich; in der Stimme, die ihn anflehte, lag ein Ausdruck, der ihm zum Beweiſe diente, daß ſein Gegner bereits halb beſiegt war. Er machte noch einen Schritt, ſtreckte die Hände aus und begegnete den gefaltenen, bittenden Händen des jungen Mannes, der diesmal nicht mehr die Kraft hatte, einen Schrei auszuſtoßen, und nur einen bei⸗ nahe ſchmerzlichen Seufzer von ſich gab. Plötzlich vernahm man den Galopp eines Pferdes unter dem Fenſter; haſtige Schläge erſchollen an der Thüre des Wirthshauſes; auf dieſe Schläge folgte ein ſhwaltigrs Getöſe. Man rief und pochte abwech⸗ elnd. „Herr Baron von Canolles!“ rief eine Stimme. „Oh! Dank, mein Gott! ich bin gerettet,“ mur⸗ melte der Vicomte. Der Frauenkrieg. I. 11 162 „Die Peſt dieſem Thiere!“ ſprach Canolles,„konnte es nicht morgen früh kommen?“ .„Herr Baron von Canolles!“ rief die Stimme, „Herr Baron von Canolles, ich muß Euch ſogleich ſprechen.“ „Was gibt es denn?“ fragte der Baron und machte einen Schritt rückwärts. „Gnädiger Herr, gnädiger Herr!“ ſagte Caſtorin vor der Thüre,„man fragt nach Euch, man ſucht Euch.“ „Wer denn, Dummkopf?“ „Ein Eilbote.“. „Von wem?“ „Von dem Herzog von Epernon.“ „Was will er von mir?“ „Dienſt des Königs.“ Bei dieſem magiſchen Worte, dem man gehorchen mußte, öffnete Canolles, fortwährend fluchend, die Thüre und ging die Treppe hinab. Man hörte Pompée ſchnarchen. Der Eilbote war eingetreten und wartete in der Wirthsſtube; Canolles ſuchte ihn auf und las erblei⸗ chend den Brief von Nanon; denn der Eilbote war, wie man bereits errathen haben wird, Courtauvaux ſelbſt, der ungefähr zehn Stunden nach Canolles ab⸗ reiſte und dieſen, trotz aller Eile, erſt auf der zweiten Etape hatte einholen können. Einige Fragen, welche Canolles an Courtauvaux richtete, ließen dem Baron keinen Zweifel darüber, wie nothwendig ſeine ſchleunige Abreiſe war. Er las den Brief zum zweiten Male und der Aus⸗ druck: Euere theuere Schweſter Nanon, machte ihm begreiflich, was vorgefallen war, daß ſich nämlich Fräulein von Lartigues dadurch aus der Verlegenheit gezogen hatte, daß ſie ihn für ihren Bruder aus⸗ ab. Canolles hatte wiederholt in nicht ſehr ſchmeichel⸗ 82—9& 2S——-——— ₰2à 2 163 haften Ausdrücken Nanon ſelbſt von dieſem Bruder ſprechen hören, deſſen Stelle er nun eingenomen. Dies vermehrte noch den Widerwillen, mit dem er dem Befehle des Herzogs Folge leiſtete. „Es iſt gut,“ ſagte er zu Courtauvaux, ohne ihm einen Credit in dem Wirthshauſe zu eröffnen? oder ihm ſeine Börſe in die Hände zu leeren, was er bei jeder andern Veranlaſſung ſicherlich gethan haben würde;„es iſt gut: ſagt Euerem Herrn, Ihr habet pic getroffen und ich habe auf der Stelle ge⸗ orcht.“ f zuund Fräulein von Lartigues ſoll ich nichts agen?“⸗ „Sagt Ihr, ihr Bruder wiſſe das Gefühl zu ſchätzen, das ſie bei ihrer Handlungsweiſe beſtimmt habe, und ſei ihr dafür verbunden. Caſtorin, ſattle die Pferde!“ Und ohne etwas Anderes zu dem Boten zu ſprechen, der über dieſe unfreundliche Aufnahme ganz verblüfft war, ging Canolles zu dem Vicomte hinauf, den er bleich, zitternd und wieder angekleidet fand. Auf dem Kamine brannten zwei Kerzen. 4 Canolles warf einen Blick innigen Bedauerns auf den Alkoven und beſonders auf die Zwillingsbetten, an deren einem ein leichter, kurzer Druck ſichtbar war. Der Vicomte folgte dieſem Blicke mit einem Gefühle der Schamhaftigkeit, das ihm die Röthe in das Ge⸗ ſicht ſteigen machte. „Freut Euch, Vicomte,“ ſprach Canolles,„Ihr ſeid nun für den Reſt der Reiſe von mir befreit. Ich gehe im Dienſte des Königs mit der Poſt.“ „Wann geht Ihr?“ fragte der Vicomte mit einer noch nicht ganz beruhigten Stimme. 1 „Auf der Stelle; ich reiſe nach Nantes, wo der Hof ſich aufhält, wie es ſcheint.“ „Gott befohlen, mein Herr,“ vermochte der junge Mann kaum zu antworten, und er ſank auf einen 164 Stuhl zurück, ohne daß er ſeine Augen nach ſeinem Gefährten aufzuſchlagen wagte. „ Canolles machte einen Schritt gegen ihn. „Ich werde Euch ohne Zweifel nicht mehr ſehen,“ ſprach er mit tief hewegter Stimme. „Wer weiß?“ verſetzte der Vicomte und ſuchte zu lächeln. „Verſprecht Eines einem Manne, welcher ewig Euer Andenken bewahren wird,“ ſagte Canolles und legte ſeine Hand mit einem Einklange der Stimme und der Geberde, der keinen Zweifel an ſeiner Auf⸗ richtigkeit mehr übrig ließ, auf das Herz. „Was verlangt Ihr?“ „Daß Ihr zuweilen an mich denken werdet.“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Ohne Groll...“ „Ja...¹ .„Eine Bekräftigung dieſes Verſprechens,“ ſagte Canolles. Der Vicomte reichte ihm die Hand. Canolles nahm dieſe zitternde Hand ohne eine andere Abſicht, als ſie in der ſeinigen zu drücken, aber mit einer Bewegung, welche ſtärker war, als ſein Wille, preßte er ſie an ſeine glühenden Lippen und frirzer aus dem Zimmer, während er die Worte mur⸗ melte: „Ahl Nanon, Nanon, kannſt Du mich je für den Verluſt entſchädigen, den Du mir verurſacht haſt?“ VIII. Chantilly. Folgen wir jetzt den Prinzeſſinnen des Hauſes Condé in die Verbannung nach Chantilly, von der 9 —— ͤ h-SAS =— es er 165 Richon dem Vicomte eine ſo ſchauderhafte Schilderung gemacht hatte, ſo ſehen wir: Unter dieſen Alleen von Kaſtanienbäumen, welche mit einem Blüthenſchnee beſtreut ſind, auf dieſen Raſen, welche ſich bis zu den blauen Teichen ausdeh⸗ nen, einen Schwarm von Spaziergängern, lachend, plaudernd und ſingend, beſtändig ſich umher bewegen. Da und dort erſcheinen, mitten unter dem hohen Graſe, gleichſam in den grünen Wogen verloren, einige Fi⸗ guren von Leſern, welche ſich in die Blätter der Mode⸗ ſchriftſteller jener Zeit, in die Werke von Herrn la Calprenede, von Herrn d'Urfé oder von Fräulein von Secudery vertieft haben; im Innern von Geißblatt⸗ und Rebwind⸗Lauben hört man Lauten ſtimmen und unſichtbare Menſchen ſingen. In der großen Allee, welche nach dem Schloſſe führt, eilt von Zeit zu Zeit mit der Schnelligkeit des Blitzes ein Reiter, der Ueber⸗ bringer irgend eines Befehles, vorüber. Auf der Terraſſe gehen mittlerweile drei in Atlas gekleidete und in einiger Entfernung von ſtummen, ehrfurchtsvollen Pagen gefolgte Damen mit ernſten Mienen und ceremoniöſen, majeſtätiſchen Geberden hin und her; eine Frau von edler Haltung, trotz ihrer ſiebenundfünfzig Jahre, ſpricht im Lehrertone über Staatsangelegenheiten; eine äußerſt ſteife junge Frau in düſteremn Gewande horcht zu ihrer Rechten, die Stirne faltend, auf die weiſen Theorien ihrer Nach⸗ barin; eine andere Alte, die ſteifſte und abgemeſſenſte von allen Dreien, weil ſie ihrem Stande nach die am wenigſten erhabene iſt, ſpricht, hört und überlegt zu gleicher Zeit. Die Dame in der Mitte iſt die Frau Prinzeſſin Wittwe, die Mutter des Siegers von Rocroix, Nörd⸗ lingen und Lens, den man, ſeitdem er verfolgt wird und dieſe Verfolgung ihn nach Vincennes gebracht hat, den großen Condé zu nennen cäifängt, ein Name, den ihm die Nachwelt bewahren w Dieſe Dame, aus 166 deren Zügen man noch die Ueberreſte jener Schönheit zu erkennen vermag, welche ſie zu der letzten und vielleicht tollſten Liebſchaft von Heinrich IV. gemacht hat, iſt zugleich in ihrer Mutterliebe und in ihrem Stolze als Prinzeſſin durch einen fachino italiano be⸗ leidigt worden, den man Mazarini nannte, als er Be⸗ dienter des Cardinals Bentivoglio war, und den man nun Seine Eminenz den Cardinal Mazarin nennt, ſeitdem er der Liebhaber von Anna von Oeſterreich und erſter Miniſter von Frankreich geworden iſt. Er hat es gewagt, Condé in das Gefängniß zu ſperren und die Mutter ſowie die Gemahlin des ed⸗ len Gefangenen nach Chantilly zu verbannen. Die Dame rechts iſt Claire Clemence von Maillé, Prinzeſſin von Condé, die man einer ariſtokratiſchen Gewohnheit jener Zeit zufolge kurz Frau Prinzeſſin nennt, um damit zu bezeichnen, die Frau des Haup⸗ tes der Familie Conde ſei die erſte Prinzeſſin von Ge⸗ blüt, die vorzugsweiſe Prinzeſſin: ſie iſt ſtets ſtolz ge⸗ weſen, aber ſeitdem ſie verfolgt wird, hat ihr Stolz um den Grad der Verfolgung zugenommen, und ſie iſt hochmüthig geworden. Dazu verdammt, eine ſecun⸗ däre Rolle zu ſpielen, ſo lange der Herr Prinz frei war, hat ſie die Gefangenſchaft ihres Gemahls zum Stande einer Heldin erhoben: ſie iſt beklagenswerther als eine Wittwe, und ihr Sohn, der Herzog von Enghien, welcher demnächſt ſein ſiebentes Jahr erreicht, erſcheint intereſſanter als eine Waiſe. Die Augen ſind auf ſie gerichtet, und ohne Furcht, ſich lächerlich zu machen, iſt ſie in Trauer gekleidet. Seitdem von Anna von Oeſterreich dieſen in Thränen zerfließenden Damen die Verbannung auferlegt worden iſt, hat ſich ihr gellendes Geſchrei in dumpfe Drohungen verwan⸗ delt: aus Unterdrückten ſind ſie Rebellinnen geworden. Die Frau Prinzeſſin, ein Themiſtokles in der Nacht⸗ haube, hat ihren Miltiades im Unterrock, und die Lor⸗ beeren von Frau von 7 welche einen Augen⸗ —eSͤͤ Sͤ— ☛ — 167 blick Königin von Paris geweſen iſt, verhindern fie zu ſchlafen. 1. Die Duenna links iſt die Marquiſe von Tourville, welche es nicht wagt, Romane zu ſchreiben, aber in der Politik componirt: ſie hat nicht perſönlich den Krieg geführt, wie der brave Pompée, und nicht wie er in der Schlacht von Corbie eine Kugel bekommen; aber ihr Gatte, ein ziemlich hochgeſchätzter General, iſt bei La Rochelle verwundet und bei Freyburg ge⸗ tödtet worden; Erbin ſeines Vermögens, glaubte ſie natürlich zu gleicher Zeit auch Erbin ſeines militäri⸗ ſchen Genies zu ſein. Seit ihrer Ankunft bei den Prinzeſſinnen in Chantilly hat ſie bereits drei Feld⸗ zugspläne gemacht, welche hintereinander die Bewun⸗ derung der Frauen des Gefolges erregten und nicht aufgegeben, aber auf den Tag verſchoben wurden, wo man das Schwert ziehen und die Scheide wegwerfen würde. Sie wagt es nicht, die Uniform ihres Ge⸗ mahls anzulegen, obgleich ſie zuweilen große Luſt da⸗ zu hat, aber ſie beſitzt ein Schwert, welches in ihrem Zimmer über ihrem Kopfkiſſen hängt und von Zeit zu Zeit, wenn ſie allein iſt, zieht ſie es mit einer höchſt martialiſchen Miene aus der Scheide. Trotz ſeines feſtlichen Ausſehens dürfte alſo Chan⸗ tilly nur eine große Kaſerne ſein, und wenn man gut ſuchen würde, fände man Pulver in den Kellern und Bajonette in den Hecken. Die drei Frauen wenden ſich bei ihrem düſtern Spaziergange immer wieder nach dem Hauptthore des Schloſſes und ſcheinen auf die Ankunft irgend eines wichtigen Boten zu warten. Bereits hat die Frau Prinzeſſin Wittwe wiederholt den Kopf ſchüttelnd und ſeufzend geſagt: „Wir werden ſcheitern, meine Tochter, wir werden gedemüthigt werden.“ „Man muß etwas Ruhm gut bezahlen,“ entgeg⸗ nete Frau von Tourville, ohne von ihrer ecki⸗ 168 gen Haltung zu verlieren,„und es gibt keinen Sieg ohne Kampf!“ „Wenn wir ſcheitern, wenn wir beſiegt werden,“ verſetzte die junge Prinzeſſin,„ſo werden wir uns rächen.“ „Madame,“ ſprach die Prinzeſſin Wittwe,“ wenn wir ſcheitern, ſo hat Gott den Herrn Prinzen befiegt. Wolltet Ihr Euch an Gott rächen?“ Die junge Prinzeſſin verbeugte ſich vor der erha⸗ benen Demuth ihrer Schwiegermutter, und auf dieſe Art ſich becomplimentirend und gegenſeitig Weihrauch ſtreuend hatten die drei Perſonen viel Aehnlichkeit mit einem Biſchofe und ſeinen zwei Diaconen, welche Gott zum Vorwande der Huldigungen nehmen, die ſie ein⸗ ander gegenſeitig darbringen. „Weder Herr von Turenne, noch Herr von Laro⸗ chefoucault, noch Herr von Bouillon,“ murmelte die Wittwe,„Alles fehlt zugleich.“ „Noch Geld!“ verſetzte Frau von Tourville. „Und auf wen ſoll man zählen,“ ſprach die Prin⸗ zeſſin,„wenn Claire ſelbſt uns vergißt.“ „Wer ſagt Euch, meine Tochter, daß Frau von Cambes Euch vergißt?“ „Sie kommt nicht zurück!“ „Vielleicht iſt ſie verhindert; die Wege werden durch die Armee, von Herrn von Saint⸗Aignan be⸗ wacht, wie Ihr wißt.“ „Sie könnte wenigſtens ſchreiben.“ „Wie ſoll ſie dem Papiere eine ſo wichtige Ange⸗ legenheit anvertrauen: den Beitritt einer ganzen Stadt wie Bordeaux zu der Partei der Herren Prinzen!.... Nein, von dieſer Seite werde ich nicht beunruhigt.“ „Ueberdies,“ verſetzte Frau von Tourville,„hatte einer von den Plänen, die ich Eurer Hoheit vorzu⸗ legen mich beehrte, die Aufwieglung der Guienne zum Zweck.“ 6 „Ja, ja, und wir werden auch dazu gelangen, —————SA 2——— N 469 wenn es nothwendig iſt,“ erwiederte die Frau Prin⸗ zeſſin;„aber ich ſchließe mich der Anſicht meiner Frau Mutter an, und ich fange an zu glauben, daß Claire irgend eine Unannehmlichkeit widerfahren iſt, ſonſt wäre ſie ſchon hier. Vielleicht haben ihre Pächter nicht Wort gehalten; ein Croquant*) ergreift immer die Gelegenheit, nicht zu bezahlen, wenn er ſich loszumachen vermag. Weiß man denn, was die Leute der Guienne, trotz ihrer Verſprechungen gethan oder nicht gethan haben? Gascogner!...“ „Schwätzer!“ ſagte Frau von Tourville.„Aller⸗ dings brav im Einzelnen, aber ſchlechte Soldaten in der Truppe, nur gut zu ſchreien: Es lebe der Herr Prinz! wenn ſie Furcht vor dem Spanier haben.“ „Sie haßten jedoch Herrn von Epernon,“ ver⸗ ſetzte die Prinzeſſin Wittwe;„denn ſie haben ihn in Agen im Bildniß aufgehängt und verſprachen ihn in Perſon in Bordeaux zu hängen, wenn er je zurück⸗ kehren würde.“ „Er wird zurückgekehrt ſein und ſie ſelbſt haben hängen laſſen,“ ſagte die Frau Prinzeſſin ärgerlich. „Und Alles dies,“ ſprach Frau von Tourville,„iſt der Fehler von Herrn Lenet, von Herrn Pierre Lenet,“ wiederholte ſie mit Nachdruck, von dieſem hartnäckigen Rathe, den Ihr ſortwährend behaltet, während er nur dazu taugt, unſern Plänen in den Weg zu treten. Wenn er meinen zweiten Entwurf nicht zurückgewieſen hätte, welcher, wie Ihr Euch erinnert, das Schloß Vayres, die Inſel Saint⸗George und die Feſte Blaye durch Ueberrumpelung wegzunehmen beabſichtigte, ſo würden wir Bordeaux jetzt belagert halten, und Bor⸗ deaux müßte wohl capituliren.“ „Ohne der Meinung Ihrer Hoheiten vorgreifen zu wollen, ware es mir lieber, wenn es ſich von ſelbſt *) Ein Schimpfname gewiſſer rebelliſcher Bauern, beſon⸗ ders zur Zeit von Heinrich 1V. und Ludwig Xal. anbieten würde,“ ſprach hinter Frau von Tourville eine Stimme, deren achtungsvoller Ton nicht ganz von einer gewiſſen ironiſchen Färbung frei war.„Eine Stadt, welche capitulirt, weicht der Gewalt und macht ſich zu nichts verbindlich; eine Stadt, welche ſich von ſelbſt anbietet, compromittirt ſich und iſt genöthigt, bis zum Ende dem Glücke derjenigen zu folgen, wel⸗ chen ſie ſich angeboten hat.“ Die drei Damen wandten ſich um und erblickten Pierre Lenet, welcher, während ſie abermals einen Gang nach dem großen Thore des Schloſſes machten, worauf ihre Blicke immer wieder ſich richteten, durch eine kleine Thüre auf die Terraſſe getreten war und ſich ihnen von hinten genähert hatte. Was Frau von Tourville geſagt hatte, entſprach theilweiſe der Wahrheit. Pierre Lenet, der Rath des Herrn Prinzen, ein kalter, geſcheiter, ernſter Mann, war von dem Prinzen beauftragt, Freunde und Feinde zu überwachen, und es machte ihm, was ſich nicht ver⸗ leugnen läßt, viel mehr Mühe, die Freunde des Herrn Prinzen zu verhindern, ſeine Sache zu gefährden, als die ſchlimmen Pläne ſeiner Feinde zu bekämpfen. Aber geſchickt und verſchmitzt wie ein Advokat, an die Chi⸗ canen und Ränke des Palaſtes gewöhnt, ſiegte er ge⸗ wöhnlich durch irgend eine glückliche Gegenmine oder durch irgend eine unerſchütterliche Trägheit. Gerade in Chantilly ſelbſt aber lieferte er ſeine geiſtreichſten Schlachten. Die Eitelkeit von Frau von Touroille, die Ungeduld der Frau Prinzeſſin, die ariſtocratiſche Unbeugſamkeit der Wittwe waren von ſo hohem Be⸗ lang, als die Schlauheit von Mazarin, der Stolz von Anna von Oeſterreich und die Unentſchloſſenheit des Parlaments. Von den Prinzen mit der Correſpondenz beauf⸗ tragt, hatte es ſich Lenet zum Geſetze gemacht, den Prinzeſſinnen die Nachrichten nur zu geeigneter Zeit mitzutheilen, und ob die Zeit geeignet wäre, darüber 2———*— —,—ͤͤ— ———— 171 entſchied nur er als Richter; denn da die weibliche Diplomatie nicht immer durch das Geheimniß arbeitet, was der erſte Grundſatz der männlichen Diplomatie iſt, ſo waren viele Pläne von Lenet durch ſeine Freunde an ſeine Feinde verrathen worden. Trotz des Widerſtandes, den ſie bei ihm finden mußten, erkannten die Prinzeſſinnen die Ergebenheit und beſonders die Nützlichkeit von Pierre Lenet und empfingen daher den Rath mit einer freundſchaftlichen Geberde. Es zeigte ſich ſogar ein leichtes Lächeln auf den Lippen der Wittwe. 3 „Nun, mein lieber Lenet, Ihr habt es gehört,“ ſprach ſie,„Frau von Touroille beklagte ſich oder be⸗ klagte vielmehr uns. Alles geht ſchlechter und ſchlech⸗ ter. Ahl unſere Angelegenheiten, mein lieber Lenet!“ „Madame,“ erwiederte Lenet,„ich bin weit ent⸗ fernt, die Dinge ſo ſchwarz zu ſehen, wie ſie Eure Hoheit ſieht. Ich hoffe viel von der Zeit und der Rückkehr des Glückes. Ihr kennt das Sprüchwort: Geduld und Zeit machen Alles möglich.“ „Geduld, Rückkehr des Glückes, das iſt Philoſophie, Per Lenet, und nicht Politik!“ rief die Frau Prin⸗ zeſſin. Lenet lächelte ebenfalls. „Die Philoſophie iſt in allen Dingen nützlich, Madame, und beſonders in der Politik. Sie lehrt uns beim Siege nicht ſtolz werden und bei einem Umſchlage die Geduld nicht verlieren.“ „Gleichviel,“ ſprach Frau von Tourville,„ein gu⸗ ter Eilbote wäre mir lieber, als alle Eure Maximen. Nicht wahr, Frau Prinzeſſin?“ deJa⸗ ich muß es geſtehen,“ erwiederte Frau von ondé. „Eure Hoheit wird befriedigt werden; denn fie wird heute drei erhalten,“ verſetzte Lenet mit derſelben Kaltblütigkeit. „Wie, drei!“ 172 „Ja, Madame, den erſten hat man auf der Straße von Bordeaux geſehen, der zweite kommt von Stenay, und der dritte von Larochefoucault.“ Die zwei Prinzeſſinnen ſtießen einen Schrei freu⸗ digen Erſtaunens aus. Frau von Tourville kniff ſich in die Lippen. „Es ſcheint mir,“ ſagte ſie mit geheuchelier Freundlichkeit, um ihren Aerger zu verbergen und in ein goldenes Blatt die Bitterkeit zu wickeln, die ſie losſchleudern wollte,„es ſcheint mir, daß ein geſchickter Nekromante, wie Ihr, nitht auf ſo ſchönem Wege ſtehen bleiben und, nachdem er uns die Eilboten angekündigt hat, auch den Inhalt der Depechen mittheilen ſollte.“ „Meine Wiſſenſchaft, Madame, geht nicht ſo weit, als Ihr glaubt,“ erwiederte er beſcheiden.„Sie be⸗ ſchränkt ſich auf den getreuen Diener. Ich melde, aber errathe nicht.“ In demſelben Augenblick, als wäre Lenet von ei⸗ nem Geiſte bedient worden, erblickte man zwei Reiter, welche im Galopp durch das Gitter des Schloſſes ſprengten. Sogleich verließ ein Haufe von Neugieri⸗ gen die Raſen und Blumenbeete und drängte ſich an das Geländer, um einen Theil an den Nachrichten zu erhalten. Die zwei Reiter ſtiegen ab, der eine derſelben übergab dem andern, welcher ſein Lackei zu ſein ſchien, den Zügel ſeines von Schweiß triefenden Pferdes und lief mehr als er ging zu den Prinzeſſinnen, welche er an einem Ende der Gallerie erblickte, während er durch das andere eintrat. „Claire!“ rief die Frau Prinzeſſin. „Ja, Hoheit; empfangt meine Huldigung, Ma⸗ dame.“ Und ein Knie auf die Erde ſetzend, verſuchte es der Jüngling, die Hand der Frau Prinzeſſin zu er⸗ greifen, um ſie ehrfurchtsvoll zu küſſen. 173 „In meine Arme! theure Vicomteſſe, in meine Arme! rief Frau von Condé, ſie aufhebend. Und nachdem er ſich mit allen Zeichen der Ehr⸗ furcht hatte von der Frau Prinzeſſin umarmen laſſen, wandte ſich der Reiter gegen die Frau Prinzeſſin Wittwe, vor der er ſich achtungsvoll verbeugte. „Sprecht raſch, liebe Claire!“ ſagte dieſe. „Ja, ſprich,“ wiederholte Frau von Condé, nhaſt Du Richon geſehen?“ „Ja, Hoheit, und er hat mir einen Auftrag an Euch gegeben.“ „Einen guten oder einen ſchlimmen?⸗ „Ich weiß es ſelbſt nicht; er beſteht in zwei Worten.“ „In welchen? Schnell, ich ſterbe vor Ungeduld.“ Nnnd die lebhafteſte Angſt war auf dem Geſichte der zwei Prinzeſſinnen ausgeprägt. „Bordeaux— ja,“ ſagte Claire, ſelbſt unruhig über die Wirkung, welche dieſe zwei Worte hervor⸗ bringen würden. Aber ſie ward bald beruhigt, denn die Prinzeſſin⸗ nen erwiederten dieſe Worte mit einem Triumphge⸗ ſihrei⸗ auf welches Lenet vom Ende der Gallerie her⸗ eilief. „Lenet! Lenet! kommt, kommt!“ rief die Frau Prinzeſſin;„Ihr wißt nicht, welche Nachricht die gute Claire uns überbringt?“ „Doch, Madame,“ erwiederte Lenet lächelnd,„ich weiß es, und deshalb beeilte ich mich nicht.“ „Wie! Ihr wißt es?“ „Bordeaur, jal Nicht wahr?“ ſprach Lenet. „In der That, mein lieber Pierre, Ihr ſeid ein Zauberer,“ verſetzte die Frau Wittwe. „Aber wenn Ihr es wußtet,“ ſagte im Tone des Vorwurfs die Frau Prinzeſſin,„warum habt Ihr uns nicht durch dieſe paar Worte unſerer Unruhe entzogen, die Ihr doch wahrnehmen mußtet.“ 174 „Weil ich der Frau Vicomteſſe von Cambes den Lohn für ihre Anſtrengungen laſſen wollte,“ antwortete Lrnet, ſich ganz bewegt vor Claire verbeugend,„und dann auch, weil ich den Freudenausbruch Euerer Ho⸗ heiten auf dieſer Terraſſe und vor aller Welt befürch⸗ fete.“ „Ihr habt Recht, ſtets Recht, Pierre, mein guter Pierre,“ ſprach die Frau Prinzeſſin.„Wir wollen ſchweigen!“ „Und wir haben dies dem braven Richon zu ver⸗ danken,“ verſetzte die Prinzeſſin Wittwe.„Nicht wahr, Ihr ſeid zufrieden mit ihm, und er hat gut manoeu⸗ vrirt, ſprecht, Gevatter Lenet?“ Gevatter war das Schmeichelwort der Prinzeſſin Wittwe, welche dieſes Wort von Heinrich IV. geerbt hatte, der es oft gebrauchte. „Richon iſt ein Mann von Kopf und gewandter Ausführung,“ ſagte Lenet,„und Euere Hoheit mag glauben, wenn ich ſeiner nicht ſo ſicher wie meiner ſelbſt geweſen wäre, ſo hätte ich ihn Euch nicht em⸗ pfohlen.“ „Was werden wir für ihn thun?“ fragte die Frau Prinzeſſin. „Man muß ihm einen Poſten von Bedeutung ge⸗ ben,“ erwiederte die Wittwe. „Einen Poſten von Bedeutung? Euere Hoheit denkt nicht daran,“ entgegnete ſpitzig Frau von Tour⸗ ville,„ſie vergißt, daß Richon kein Edelmann iſt.“ „Ich auch nicht, Madame, ich bin es auch nicht,“ verſetzte Lenet,„was den Herrn Prinzen, wie ich ver⸗ muthe, nicht abhält, einiges Vertrauen zu mir zu ha⸗ ben. Ich achte und bewundere gewiß den Adel Frank⸗ reichs, aber es gibt Umſtände, unter denen, ich wage es zu behaupten, ein großes Herz mehr werth iſt, als ein altes Wappen.“ „Und warum hat der gute Richon dieſe herrliche Kunde nicht ſelbſt überbracht?“ ſprach die Prinzeſſin. —R ₰ 28 d 038 2 —u 2½— 175 „Er iſt in Guienne geblieben, um eine gewiſſe Anzahl Leute zu ſammeln, und ſagt mir, er könne bereits auf etwa dreihundert Soldaten zählen; nur meint er, ſie werden in Ermangelung von Zeit ſchlecht dreffirt ſein, um ſich im Felde zu halten, und es wäre ihm lieber, wenn man für ihn das Commando eines feſten Platzes, wie Vayres oder Saint⸗Georges, er⸗ langen würde. Da hält er ſich für ſicher, Eueren Hoheiten vollkommen nützlich ſein zu können.“ „Aber wie dies erlangen?“ fragte die Prinzeſſin. „Wir ſtehen zu dieſer Stunde zu ſchlecht bei Hofe, um Jemand zu empfehlen, und derjenige, welchen wir em⸗ pfehlen würden, dürfte ſogleich verdächtig werden.“ „Madame,“ ſprach die Vicomteſſe,„vielleicht hätte man ein Mittel, das mir Herr Richon ſelbſt an die and gegeben hat.“ „Welches?“ „Herr von Epernon iſt, wie es ſcheint,“ fuhr die Vicomteſſe erröthend fort,„in ein gewiſſes Frauenzim⸗ mer verliebt.“ „Ahl ja, die ſchöne Nanon,“ verſetzte die Frau Prinzeſſin verächtlich,„wir wiſſen das.“ „Nun, es ſcheint, daß der Herzog von Epernon dieſer Frau nichts abzuſchlagen vermag, und daß dieſe Frau Alles bewilligt, was man ihr bezahlt. Könnte man nicht ein Patent für Herrn Richon von ihr er⸗ kaufen?“ „Das wäre gut angelegtes Geld,“ ſagte Lenet. „Ja, aber die Kaſſe iſt auf dem Trockenen, Ihr beißt es wohl, Herr Rath,“ ſprach Frau von Tour⸗ ville. Lenet wandte ſich lächelnd gegen Frau von Cam⸗ bes um und ſagte zu dieſer: „Das iſt der Augenblick, Madame, Ihren Hohei⸗ ten zu beweiſen, daß Ihr an Alles gedacht habt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Lenet?“ „Er will damit ſagen, Madame, daß ich ſo glück⸗ 176 lich bin, Euch eine ſchwache Summe, die ich mit großer Mühe von meinen Pächtern bezogen habe, anbieten zu können; der Betrag iſt ſehr gering, aber ich vermag im Augenblick nicht mehr. Zwanzigtauſend Liores!“ fuhr die Vicomteſſe, die Augen niederſchlagend und zögernd fort, denn ſie war ganz beſchämt, daß ſie den erſten Damen des Königreiches, nach der Königin, eine ſo kleine Summe anbieten ſollte. „Zwanzigtauſend Livres!“ riefen die zwei Prin⸗ zeffinnen. „Das iſt ein ganzes Vermögen in dieſen Zeit⸗ läuften,“ fügte die Wittwe bei. „Dieſe theuere Claire,“ rief die Frau Prinzeſſin, „wie werden wir uns je unſerer Schuld gegen ſie ent⸗ ledigen?“ „Euere Hoheit mag ſpäter daran denken.“* „Und wo iſt dieſe Summe?“ fragte Frau von Tourville. „In dem Gemach Ihrer Hoheit, wohin ſie mein Stallmeiſter Pompée meinem Befehle gemäß getragen hat.“ „Lenet,“ ſprach die Frau Prinzeſſin,„Ihr werdet Euch erinnern, daß wir dieſe Summe Frau von Cam⸗ bes ſchuldig find.“⸗ „Sie iſt ſchon in unſerem Paſſivum eingetragen,“ erwiederte Lenet, zog ſein Schreibebuch aus der Taſche und zeigte bei dem Datum des Tages die zwanzig⸗ tauſend Livres der Vicomteſſe, welche bei einer Colonne aufgerechnet waren, deren Geſammtſumme die Prin⸗ zeſfinnen hätte erſchrecken müſſen, würden ſie ſich die Mühe gegeben haben, ein wenig zu addiren. „Aber, wie habt Ihr es gemacht, daß Ihr durch⸗ gekommen ſeid, liebe Schöne?“ ſprach die Frau Prin⸗ zeſſin,„man ſagt uns, Herr von Saint⸗Aignan halte die Straße beſetzt und unterſuche Menſchen und Gegen⸗ ſtände gerade wie ein Steuereinnehmer.“ „Durch die Klugheit von Pompée, Madame, ſind — 0— —————— 177 wir dieſer Gefahr entgangen,“ antwortete die Vicom⸗ teſſe;„wir machten einen großen Umweg, der unſere Ankunft um anderthalb Tage verzögerte, aber unſere Reiſe ſicherte; ſonſt wäre ich ſchon ſeit vorgeſtern bei Euerer Hoheit.“ „Beruhigt Euch, Madame,“ ſprach Lenet,„es iſt noch keine Zeit verloren, man hat nur den heutigen Tag und den morgigen gut anzuwenden. Euere Hohei⸗ ten mögen ſich erinnern, daß wir heute drei Courriere erwarten; einer iſt bereits eingetroffen, die zwei an⸗ dern fehlen alſo noch.“— „Darf man den Namen der zwei andern erfahren?“ fragte Frau von Tourville, immer in der Hoffnung, den Rath auf einem Verſehen zu ertappen, denn ſie führte gegen ihn einen Krieg, der, wenn auch nicht erklärt, darum doch nicht minder ernſter Natur war. „Der erſte, wenn meine Ahnungen mich nicht täu⸗ ſchen, wird Gourville ſein,“ antwortete Lenet, ner kommt vom Herzog von Larochefoucault.“ „Vom Prinzen von Marfillac, wollt Ihr ſagen,“ verſetzte Frau von Tourville. „Der Herr Prinz von Marfillac iſt jetzt Herzog von Larochefoucault, Madame.“ „Sein Vater iſt alſo geſtorben?“ „Vor acht Tagen.“ „Wo dies?“ „In Verteuil.“ „Und der zweite?“ fragte die Frau Prinzeſſin. „Der zweite iſt Blanchefort, Kapitän der Garden des Herrn Prinzen. Er kommt von Stenay von Herrn von Turenne.“ 3 „Wenn es ſich ſo verhält,“ ſprach Frau von Tour⸗ ville,„ſo könnte man, um jeden Zeitverluſt zu vermeiden, ſich an den erſten Plan halten, den ich für den wahr⸗ ſcheinlichen Fall des Beitritts der Herren von Turenne und Marfillac gemacht habe.“ 12 Der Frauenkrieg. J. 178 Lenet lächelte auf ſeine gewöhnliche Weiſe und ent⸗ gegnete mit dem höflichſten Tone: „Verzeiht, Madame, aber die von dem Herrn Prinzen ſelbſt feſtgeſtellten Pläne find zu dieſer Stunde in der Ausführung begriffen und verheißen einen voll⸗ ſtändigen Erfolg.“—— „Die von dem Herrn Prinzen feſtgeſtellten Pläne,“ verſetzte Frau von Tourville ſpitzig,„von dem Herrn Prinzen, der im Thurme von Vincennes ſitzt und mit Niemand in Verbindung ſteht!...“. „Hier ſind die Befehle des Herrn Prinzen von ſei⸗ ner eigenen Hand geſchrieben und von geſtern datirt,“ ſprach Lenet und zog aus ſeiner Taſche einen Brief des Prinzen von Condé,„ich habe ſie dieſen Morgen er⸗ halten. Wir ſtehen im Briefwechſel mit einander.“ Das Papier wurde dem Nathe von den zwei Prin⸗ zeſſinnen beinahe aus den Händen geriſſen, und ſie ver⸗ ſchlangen mit Freudenthränen den Inhalt. „Ah! die Taſchen von Lenet enthalten alſo ganz Frankreich?“ ſagte lachend die Frau Prinzeſſin Wittwe. „Noch nicht, Madame, noch nicht,“ antwortete der Rath,„aber mit Gottes Hülfe werde ich ſie zu dieſem Behufe hinreichend vergrößern laſſen. Nun aber,“ fügte er abſichtlich die Vicomteſſe bezeichnend bei,„nun aber muß die Frau Vicomteſſe der Ruhe bedürfen, denn die lange Reiſe.. Die Vicomteſſe begriff das Verlangen von Lenet, mit den zwei Prinzeſſinnen allein zu bleiben, maßzte, auf ein Lächeln der Wittwe, das ſie in dieſem Gedan⸗ ken beſtätigte, eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und ent⸗ fernte ſich. Frau von Tourville blieb und verſprach ſich eine reiche Ernte geheimnißvoller Nachrichten, aber auf eine unmerkliche Geberde der Frau Wittwe gegen ihre Schwie⸗ gertochter kündigten die zwei Prinzeſſinnen gleichzeitig durch eine erhabene und nach allen Regeln der Etiquette ausgeführte Verbeugung Frau von Tourville an, das 179 Ende der politiſchen Sitzung, zu der man ſie berufen hatte, ſei gekommen. Die Dame mit den Theorien begriff ganz gut die Aufforderung, machte den Prin⸗ zeſſinnen eine noch viel ernſtere und ceremoniöſere Re⸗ verenz, als ſie es gethan hatten, und entfernte ſich, Gott zum Zeugen für den Undank der Fürſten nehmend. Die zwei Prinzeſſinnen gingen in ihr Cabinet, und Lenet folgte ihnen. „Wenn nun,“ ſagte Lenet, nachdem er ſich ver⸗ ſichert hatte, daß die Thüre geſchloſſen war,„wenn nun Eure Hoheiten Gourville empfangen wollten, er iſt angekommen und wechſelt nur die Kleider, da er es nicht wagte, ſich in ſeinem Reiſegewand vor Euch zu zeigen.“ „Welche Kunde bringt er?“ „Die Kunde, daß Herr von Larochefoucault dieſen Abend oder morgen mit fünfhundert Edelleuten hier ſein wird.“ 3— „Fünfhundert Edelleute!“ rief die Prinzeſſin,„das iſt eine ganze Armee.“— 26G „Welche unſern Weg ſchwieriger machen wird. Mir wären fünf bis ſechs Diener lieber geweſen, als dieſer ganze Troß; wir hätten uns leichter Herrn von Saint⸗Aignan entzogen. Nun wird es beinahe un⸗ möglich ſein, den Süden zu erreichen, ohne beunru⸗ higt zu werden.“ 3 „Deſto beſſer, wenn man uns beunruhigt,“ rief die Prinzeſſin;„denn geſchieht dies, ſo werden wir kämpfen und ſiegen: der Geiſt von Herrn von Condé wied mit uns marſchiren.“ Lenet ſchaute die Prinzeſſin Wittwe an, als wollte er auch ihre Anſicht vernehmenz aber in den Bürger⸗ kriegen der Regierung von Ludwig XIII. erzogen, hatte Charlotte von Montmorency ſo viele hohe Häupter ſich beugen ſehen, um in das Gefängniß zu gehen oder auf das Blutgerüſte zu rollen, weil ſie hatten aufrecht blei⸗ 180 ben wollen, und ſie fuhr deshalb traurig über ihre von ſchmerzlichen Erinnerungen ſchwere Stirne und ſprach: „Ja, darauf ſind wir beſchränkt. Uns verbergen oder ſchlagen: ein furchtbares Ding! Wir lebten ruhig mit etwas Ruhm, den Gott unſerem Hauſe geſandt hatte; wir ſuchten, wenigſtens hoffe ich, daß Keines von uns an⸗ dere Abſichten hatte, wir ſuchten in dem Rang zu bleiben, in welchem wir geboren ſind, und nun treiben uns die Zufälle der Zeit an, unſern Herrn zu bekämpfen.“ „Madame“ entgegnete ungeſtüm die junge Prin⸗ zeſſin,„ich ſehe mit weniger Schmerz, als Euere Ho⸗ heit, die Nothwendigkeit, in die wir verſetzt ſind. Mein Gemahl und mein Schwager erdulden eine unwürdige Gefangenſchaft; dieſer Gemahl und dieſer Schwager ſind Euere Söhne; überdies iſt Euere Tochter geächtet. Das entſchuldigt gewiß alle Unternehmungen, die wir verſuchen dürften.“ „Ja,“ ſprach die Wittwe mit einer Traurigkeit voll Reſignation,„ja, ich ertrage dies mit mehr Geduld, als Ihr, Madame, aber es ſcheint auch, als wäre es unſer Schickſal geworden, geächtet oder gefangen zu ſein. Kaum war ich die Gattin des Vaters Eueres Ge⸗ mahls, als ich, verfolgt von der Liebe König Hein⸗ rich IV., Frankreich verlaſſen mußte. Kaum waren wir dahin zurückgekehrt, als wir nach Vincennes mußten, verfolgt von dem Haſſe von Richelieu. Heute im Ge⸗ fängniß, iſt mein Sohn im Gefängniß auf die Welt gekommen und konnte nach Verlauf von zwelunddreißig Jahren das Zimmer wiederſehen, wo er geboren wurde. Ach! Euer Schwiegervater, der Herr Prinz, hatte alſo Recht bei ſeinen düſteren Prophezeiungen; als man ihm das Gewinnen der Schlacht von Rocroy meldete, als man ihn in den Saal führte, der mit den Fahnen ausgeſchmückt war, welche man den Spaniern abgenom⸗ men hatte, ſprach er, ſich gegen mich umwendend:„Gott kennt die Freude, die mir dieſe That meines Sohnes bereitet; aber erinnert Euch, Madame, je mehr ſich un⸗ ſ n r ſ 6 ¹ d A&£— 8————* 181 ſer Haus Ruhm erringt, deſto mehr wird ihm Unglück widerfahren. Wenn ich nicht das Wappen von Frank⸗ reich hätte, das doch zu ſchön iſt, um es aufzugeben, ſo nähme ich zum Wappen einen Falken, den ſeine Schellen verrathen, mit der Deviſe: Fama nocet!““ Wir haben zu viel Geräuſch gemacht, meine Tochter, und dhs hadet uns. Seid Ihr nicht auch meiner Meinung, enet?“ „Madame,“ antwortete Lenet, verdüſtert durch die Erinnerungen, welche die Prinzeſſin hervorgerufen hatte, „Euere Hoheit hat Recht, aber wir find zu weit ge⸗ gangen, um nun zurückzuweichen; mehr noch: unter den ÜUmſtänden, in denen wir uns befinden, handelt es ſich darum, einen raſchen Entſchluß zu faſſen, denn wir dürfen uns unſere Lage nicht verbergen. Wir find nur ſcheinbar frei, die Königin hat ihre Augen auf uns ge⸗ richtet und Herr von Saint⸗Aignan belagert uns. Wir müſſen darauf bedacht ſein, Chantilly trotz der Wach⸗ ſamkeit der Königin und der Belagerung von Herrn von Saint⸗Aignan zu verlaſſen.“ 2 „Verlaſſen wir Chantilly, aber den Kopf hoch in der Luft,“ rief die Frau Prinzeſſin. „Ich bin auch dieſer Anſicht,“ ſprach die Prinzeſſin Wittwe,„die Condé ſind keine Spanier und verrathen nicht; es find keine Italiener und ſchmieden keine Ränke, was ſie thun, thun ſie am lichten Tage und mit erha⸗ bener Stirne.“ „Madame,“ ſagte Lenet mit dem Tone innerer Sicherheit,„Gott iſt mein Zeuge, daß ich der Erſte bin, der die Befehle Euerer Hoheit vollzieht, wie ſie auch lauten mögen; aber um Chantilly zu verlaſſen, wie Ihr dies thun wollt, müſſen wir eine Schlacht lie⸗ fern. Ohne Zweifel iſt es nicht Euere Abſicht, Frauen am Tage des Kampfes zu ſein, nachdem Ihr Männer im Rathe geweſen ſeid; Ihr werdet an der Spitze Euerer Parteigänger marſchiren, Ihr werdet Eueren Sol⸗ daten das Kriegsgeſchrei zuwerfen; aber Ihr vergeßt, 18² daß neben Euerem koſtbaren Daſein eine nicht minder koſtbare Exiſtenz zu tagen beginnt: es iſt die des Herrn Herzogs von Enghien, Eueres Sohnes und Enkels; werdet Ihr Euch der Gefahr ausſetzen, in demſelben Grabe die Gegenwart und die Zukunft Eueres Hauſes zu begraben? Glaubt Ihr, der Vater werde Mazarin nicht als Geißel dienen, während der verwegenen Un⸗ ternehmungen, die man im Namen des Sohnes aus⸗ führt? Kennt Ihr die Geheimniſſe des Thurmes von Vincennes nicht mehr, welche auf eine ſo unſelige Weiſe von dem Großprior von Vendome, von dem Marſchall d'Ornano und von Puy⸗Laurent ergründet worden find? Habt Ihr das unheilvolle Zimmer vergeſſen, das, nach den Worten von Frau von Rambouillet, wie Arſenik in das Gewicht fällt? Nein, meine Damen,“ fuhr Lenet die Hände faltend fort,„nein, Ihr werdet Chantilly verlaſſen, wie es Frauen geziemt, die man verfolgt; erinnert Euch, daß Euere ſicherſte Wache die Schwäche iſt: ein Kind, das man ſeines Vaters, eine Frau, die man ihres Gatten beraubt, eine Mutter, der man ihren Sohn nimmt, entziehen ſich, ſo gut ſie kön⸗ nen, der Falle, worin man ſie feſthielt. Wartet, um zu handeln und laut zu ſprechen, bis Ihr dem Stärkeren nicht mehr als Bürgſchaft dient; ſeid Ihr Gefangene, ſo werden Euere Parteigänger ſtumm blei⸗ ben, ſeid Ihr aber frei, ſo werden ſie ſich erklären, denn ſie haben nicht mehr zu befürchten, daß man ih⸗ nen die Bedingungen Euerer Loskaufung dictirt. Unſer Plan iſt mit Gourville beſprochen. Wir ſind eines gu⸗ ten Geleites ſicher, mit welchem wir die Beleidigun⸗ gen auf dem Wege vermeiden werden; denn es ſtehen heute zwanzig verſchiedene Parteien im Felde und er⸗ heben ſich gegen Freund und Feind. Willigt ein; Al⸗ les iſt bereit.“ „Insgeheim abreiſen, wie Miſſethäter davonſchlei⸗ chen!“ rief die junge Herzogin.„Oh! was wird der Herr Prinz ſagen, wenn er erfährt, daß ſeine Mutter, — 8 ʃ' „ KR AA An 183 ſeine Gattin und ſein Sohn ſich einer ſolchen Schmach unterzogen haben?“ „Ich weiß nicht, was er ſagen wird, aber wenn es Euch gelingt, verdankt er Euch ſeine Freiheit, wenn Ihr ſcheitert, gefährdet Ihr ſeine Hülfsmittel und be⸗ ſonders ſeine Lage nicht, wie Ihr dies durch eine Schlacht thun würdet.“ 3 Die Wittwe erbleichte einen Augenblick und ſprach ſodann mit einem Antlitz voll rührender Schwermuth: „Lieber Herr Lenet, überredet meine Tochter, denn ich meines Theils bin genöthigt, hier zu bleiben. Ich habe bis jetzt gekämpft, aber endlich unterliege ich; der verzehrende Kummer, den ich umſonſt zu verbergen ſuche, um diejenigen, welche mich umgeben, nicht zu entmuthigen, wird mich an ein Schmerzenslager feſſeln, das vielleicht mein Sterbebett ſein wird; doch Ihr habt es geſagt: Man muß vor Allem auf Sicherung des Wohles der Condé bedacht ſein. Meine Schwieger⸗ tochter und mein Enkel werden Chantilly verlaſſen und, wie ich hoffe, vernünftig genug ſein, Euere Rathſchläge, ich ſage noch mehr, Cuere Befehle zu befolgen. Be⸗ „Madame,“ ſprach Lenet mit leiſer Stimme,„die Unpäßlichkeit Euerer Hoheit wäre eine Wohlthat des Himmels, wenn Euere Perſon nicht litte. Bleibt im Ihr, Madame,“ fuhr er, ſich an die junge Prinzeſſin wendend, fort,„laßt Euern Arzt Bourdelot rufen, 184 und da wir bald die Ställe und Equipagen werden in Anſpruch nehmen müſſen, kündigt überall an, es ſei Euere Abſicht, im Park einen Hirſch zu hetzen. Auf dieſe Art wird Niemand überraſcht ſein, Menſchen, Waffen und Pferde in Thätigkeit zu ſehen.“ „Aber ein ſo vorſichtiger Mann, wie Ihr ſeid, Lenet, muß doch fühlen, daß man ſich über dieſe ſelt⸗ ſame Jagdpartie im Augenblick, wo meine Frau Mutter krank wird, wundern dürfte? „Es iſt auch für Alles vorhergeſehen, Madame. Wird nicht der Herr Herzog von Enghien übermorgen ſieben Jahre alt und muß aus den Händen der Frauen treten?⸗ „Ja.“ „Wohl, wir ſagen, dieſe Jagdpartie gelte dem Anlegen der erſten Hoſe des jungen Prinzen, und Ihre Hoheit habe ſo ſehr darauf beſtanden, ihre Krankheit dürfe dieſer Feier keinen Eintrag thun, daß Ihr dem Drängen habet nachgeben müſſen.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief mit einem freu⸗ digen Lächeln die Wittwe, ganz ſtolz auf dieſe erſte Ver⸗ kündigung der Männlichkeit ihres Enkels;„ja, der Vorwand iſt gut, und in der That, Lenet, Ihr ſeid ein würdiger Rath.“ „Aber der Herzog von Enghien wird in einem Wagen ſein, um der Jagd zu folgen?“ fragte die Prinzeſſin. „Nein, Madame, zu Pferde. Ohl Euer mütter⸗ liches Herz erſchrecke darüber nicht. Ich habe einen kleinen Sattel erfunden, den Vialas, ſein Stallmei⸗ ſter, vor dem Bogen des ſeinigen anbringen wird; auf dieſe Art iſt uns Monſeigneur der Herzog von Enghien im Geſichte, und wir können am Abend in voller Sicher⸗ heit abreiſen; denn, ſetzt den Fall, man müßte die Flucht ergreifen, ſo wird der Herr Herzog von En⸗ ghien überall durchkommen, während ihn zu Wagen das erſte Hinderniß aufhielte.“ 2 185 „Ihr gedenkt alſo zu reiſen?“ „Uebermorgen Abend, Madame, wenn Euere Hoheit keinen Grund hat, ihre Abreiſe zu verzögern.“ „Ohl nein, im Gegentheil, wir wollen uns ſo⸗ bald als möglich aus unſerem Geſängniß entfernen, Lenet.“ „Und was macht Ihr, ſeid Ihr einmal aus Chan⸗ tilly?“ fragte die Wittwe. „Wir ziehen durch das Heer von Herrn von Saint⸗ Aignan, dem wir wohl eine Binde um die Augen zu legen im Stande ſein werden. Wir ſtoßen zu Herrn von Larochefoucault und ſeinem Geleite und gelangen nach Bordeaux, wo man uns erwartet. Sind wir einmal in der zweiten Stadt des Königreichs, in der Capitale des Südens, ſo können wir unterhandeln oder Krieg führen, wie es Euern Hoheiten beliebt. Uebri⸗ gens beehre ich mich, Euch daran zu erinnern, Ma⸗ dame, daß wir ſelbſt in Bordeaux keine Hoffnung ha⸗ ben, uns lange zu halten, wenn wir nicht in der Um⸗ gebung einige Plätze beſitzen, welche die königlichen Truppen nöthigen, eine Diverſion zu machen. Zwei von dieſen Plätzen ſind beſonders von großem Belang: Vayres, das die Dordogne beherrſcht und das Ein⸗ bringen der Lebensmittel in die Stadt geſtattet, und die Inſel Saint⸗Georges, welche von den Bordeleſen ſelbſt als der Schlüſſel ihrer Stadt betrachtet wird. Aber wir werden ſpäter hieran denken; für den Augenblick denken wir nur daran, von hier wegzukommen.“ „Ich glaube, es wird nichts leichter ſein,“ ſprach die Frau Prinzeſſin.„Wir ſind allein und die Herren hier, was Ihr auch ſagen möget, Lenet.“ „Rechnet auf nichts, Madame, ehe Ihr in Bor⸗ deaux ſeid; nichts iſt leicht bei dem teufliſchen Geiſte von Herrn von Mazarin, und wenn ich gewartet habe, bis wir allein waren, um Eueren Hoheiten meinen Plan auseinanderzuſetzen, ſo geſchah dies zur Wah⸗ rung meines Gewiſſens, das ſchwöre ich Euch; denn 186 ich fürchte in dieſem Augenblick ſogar für die Sicher⸗ heit des Planes, den mein Kopf allein erſonnen hat, und den Euere Ohren allein vernahmen. Herr von Mazarin erfährt die Nachrichten nicht, er erräth fie.“ „Ohl ich fordere ihn heraus, dieſen Plan zu ver⸗ eiteln,“ ſprach die Prinzeſſin;„aber geleiten wir meine Frau Mutter in ihre Gemächer; ſchon heute werde ich das Gerücht von der Jagdpartie verbreiten, welche wir übermorgen halten wollen. Macht die Einladun⸗ gen, Lenet.“ 2 „Verlaßt Euch auf mich, Madame.“ Die Wittwe ging in ihre Wohnung zurück und legte ſich zu Bette. Bourdelot, der Arzt des Hauſes Condé und Lehrer des Herrn Herzogs von Enghien, wurde gerufen. Die Nachricht von dieſer unerwarteten Un⸗ päßlichkeit verbreitete ſich alsbald in Chantilly, und in einer halben Stunde waren die Bosquets, die Galle⸗ rien, die Luſtſtücke verlaſſen, und die Gäſte der zwei Prinzeſfinnen drängten ſich im Vorzimmer der Frau Wittwe. Lenet brachte den ganzen Tag mit Schreiben hin und am Abend wurden mehr als fünfzig Einladungen durch die zahlreichen Diener dieſes königlichen Hauſes in allen Richtungelt ausgetragen. IX. Der für die Ausführung der wichtigen Pläne von Pierre Lenet beſtimmte Tag war einer von den düſter⸗ ſten Tagen dieſes Frühjahres, das man herkömmlicher Weiſe die ſchöne Jahreszeit nennt, während es, beſon⸗ ders in Frankreich, beinahe immer die unangenehmſte iſt. Der Regen fiel zart und dicht auf die Raſenſtücke ——— S x ——— 2 A— A R 5 1SA n r⸗ er U⸗* te ke 187 von Chantilly, einen grauen Nebel durchſtreifend, wel⸗ ſcher die Gebüſche des Gartens unt das Gehölze des Parkes umhüllte. In den weiten Höfen warteten, an ven Pfoſten aufgereiht, fünfzig geſattelte Pferde, das Ohr geſenkt, das Auge traurig, und ungeduldig die Erde mit dem Fuße kratzend; Meuten von gekoppelten und in Gruppen von zwölf vereinigten Hunden harr⸗ ten, bald geräuſchvoll ſchnaufend, bald mit langem Gähnen, und verſuchten es mit gemeinſchaftlicher An⸗ ſtrengung den Diener fortzuziehen, der die vom Regen triefenden Ohren ſeiner Lieblinge abtrocknete. Da und dort gingen, die Hände auf dem Rücken und das Horn an der Hüfte, die Piqueurs in gelb⸗ lichen Uniformen hin und her. Einige gegen die Un⸗ gunſt der Witterung durch die Bivouacs von Nocroy oder Lens abgehärtete Offiziere trotzten dem Waſſer des Himmels und vertrieben die Langeweile des Wartens, indem ſie in Gruppen auf den Terraſſen oder auf den äußeren Treppen plauderten. Jeder wußte, daß es ein Feſttag war, und hatte ſeine feierliche Miene angenommen, um den Herzog von Enghien in ſeiner erſten Hoſe ſeinen erſten Hirſch hetzen zu ſehen. Jeder Offizier im Dienſte des Prin⸗ zen, jeder Schutzgenoſſe dieſes erhabenen Hauſes hatte, eingeladen durch das Rundſchreiben von Pierre Lenet, nach Chantilly eilend das erfüllt, was er als eine Pflicht betrachtete. Die durch den Geſundheitszuſtand der Prinzeſſin Wittwe veranlaßte Unruhe war überdies durch ein günſtiges Bulletin von Bourdelot zerſtreut worden. Die Prinzeſſin hatte nach einem Aderlaß am Morgen ein Brechmittel, die allgemeine Panacee jener Zeit, genommen. Um zehn Uhr waren alle perſönlichen Gäſte von Frau von Condé eingetroffen. Jeder wurde nach Ue⸗ berreichung ſeines Briefes eingeführt, und diejenigen, welche dieſen zufällig vergeſſen hatten, erhielten, von Lenet erkannt, Einlaß auf ein Zeichen des letzteren 3 188 gegen den Portier. Dieſe Eingeladenen mochten, im de Verein mit den Dienern des Hauſes, eine Truppe von r achtzig bis neunzig Perſonen bilden, von denen die he Mehrzahl um das prachtvolle weiße Pferd verſammelt 5 war, das mit einem gewiſſen Stolze vor ſeinem gro⸗ ßen franzöſiſchen Sattel einen kleinen Sitz von Sam⸗ 4 met mit Lehne, beſtimmi für den Herzog von Enghien, 1 trug, worauf dieſer ſeinen Platz bekommen ſollte, wenn ſt ſich Vialas, ſein Stallmeiſter, auf den Hauptſattel ge⸗ ſi ſetzt haben würde. g Man ſprach jedoch noch nicht davon, zur Jagd auſzubrechen, und ſchien noch andere Gäſte zu erwarten. 2 Gegen halb eilf Uhr kamen drei Edelleute, gefolgt 1 von ſechs Dienern, welche bis unter die Zähne bewaff⸗ 9 net waren und ſo aufgeſchwollene Felleiſen bei ſich führ⸗ 1 ten, daß man hätte glauben ſollen, ſie wollten eine Reiſe durch ganz Europa machen, es kamen drei Edel⸗.1 leute, ſagen wir, in das Schloß und wollten, als ſie im Hofe die Pfoſten erblickten, welche zu dieſem Be⸗ hufe errichtet zu ſein ſchienen, ihre Pferde daran an⸗ binden laſſen. Sogleich erſchien ein blaugekleideter Mann mit einem filbernen Meurdehine und näherte ſich, die Hellebarde in der Hand, den Ankömmlingen, in denen man an ihrem vom Regen durchnäßten Gepäcke und an den von Koth beſchmutzten Stiefeln Reiſende, welche einen langen Weg zurückgelegt, erkannte.. „Woher kommt Ihr, meine Herren?“ fragte der Schweizer, ſeine Hellebarde vorhaltend. „Vom Norden,“ antwortete einer von den Reitern. „Und wohin geht Ihr?“ „Zum Leichenbegängniſſe.“ „Der Beweis?“ „Seht unſern Trauerflor.“ Die drei Herren hatten wirklich jeder einen Trauer⸗ flor an ſeinem Degen. „Entſchuldigt mich, meine Herren,“ ſprach nun der Schweizer,„das Schloß ſteht zu Euerer Verfügung; es iſt eine Tafel bereit, eine Halle geheizt, die Lackeien harren Euerer Befehle; Euere Leute wird man im Ge⸗ ſindeſaal bewirthen.“ Die Edelleute, treuherzige Landjunker, ausgehun⸗ gert und neugierig⸗ grüßten, ſtiegen ab, warfen den Zügel ihrer Pferde in die Hände ihrer Lackeien, ließen ſich den Weg in den Speiſeſaal zeigen und entfernten ſich in dieſer Richtung. Ein Kammerherr erwartete ſie an der Thüre und diente ihnen als Führer. Während dieſer Zeit wurden die Pferde durch die Bedienten des Hauſes den fremden Lackeien abgenom⸗ men, in den Stall geführt, geſtriegelt, gebürſtet, ab⸗ gerieben und zum Freſſen vor einen Trog voll Haber und eine Raufe voll Stroh geſtellt. Kaum ſaßen die drei Edelleute bei Tiſche, als ſechs ‚weitere Reiter, gefolgt von ſechs, nach Art der ſo eben beſchriebenen, equipirten und bewaffneten Lackeien ein⸗ ritten und wie ihre Vorgänger, die Pfoſten erblickend, ihre Pferde an die Ringe binden wollten. Aber der Mann mit der Hellebarde, welcher einen ſtrengen Be⸗ fehl erhalten hatte, näherte ſich ihnen und ſprach, ſeine Fragen erneuernd: „Woher kommt Ihr?“ „Aus der Picardie. Wir ſind Offiziere in Turenne.“ „Wohin geht Ihr?“ „Zum Leichenbegängniß.“ „Der Beweis.“ „Seht unſern Trauerflor.“ Und ſie zeigten, wie die Erſten, den Flor, der an dem Griffe ihres Degens hing. Man erzeigte den Letzteren dieſelbe Höflichkeit, und ſie nahmen ihre Plätze an der Tafel; man verwandte dieſelbe Sorge auf ihre Pferde, und ſie nahmen ihre Plätze im Stalle. Nach ihnen zeigien ſich vier Andere, und dieſelbe Scene erneuerte ſich. 190 Zu zwei und zwei, zu vier und vier, zu fünf und fünf, allein oder in Truppen, prachtvoll oder ſchmutzig, aber insgeſammt gut beritten, gut bewaffnet, gut equi⸗ pirt, kamen von zehn Uhr bis Mittags hundert Rei⸗ ter, die der Hellebardier auf dieſelbe Weiſe befragte, worauf ſie angaben, woher ſie kamen, und ihren Flor zeigend beifügten, ſie gingen zu dem Leichenbegängniß. Als Alle geſpeiſt und Bekanntſchaft gemacht hat⸗ ten, während ſich ihre Leute erquickten und ihre Pferde ausruhten, trat Lenet in den Saal, wo ſie ſich ver⸗ ſammelt fanden, und ſprach zu ihnen: „Meine Herren, die Frau Prinzeſſin dankt Euch durch meine Stimme, daß Ihr ſie mit Euerem Beſuche beehrt, während Ihr auf dem Wege zu dem Herrn Herzog von Larochefoucault begriffen ſeid, der Euch bei dem Leichenbegängniſſe ſeines Vaters erwartet. Be⸗ trachtet dieſe Wohnung als die Euerige und habt die Güte, an der Unterhaltung einer Hetzjagd Theil zu nehmen, welche der Herr Herzog von Enghien befoh⸗ len hat, der heute ſeine erſte Hoſe anlegt.“ Ein ſchmeichelhaftes Gemurmel des Beifalls und des Dankes wurde dieſem erſten Theile der Rede von Lenet zu Theil, der, als ein geſchickter Redner, ſeine Worte bei einer Stelle von ſicherer Wirkung unterbrach. „Nach der Jagd,“ fuhr er fort,„werdet Ihr Abendbrod an der Tafel der Frau Prinzeſſin finden, die Euch ſelbſt zu danken wünſcht, wonach es Euch vollkommen frei ſteht, Euere Reiſe fortzuſetzen.“ Einige von den Edelleuten hörten mit beſonderer Aufmerkſamkeit den Ausſpruch dieſes Programmes, das ihrem freien Willen einigermaßen in den Weg zu treten ſchien; aber ohne Zweifel durch den Herrn Her⸗ zog von Larochefoucault darauf vorbereitet, waren ſie auf etwas Aehnliches gefaßt, denn Niemand machte eine Einwendung; die Einen gingen zu ihren Pferden, die Andern öffneten ihre Felleiſen, um ſich in den Stand zu ſetzen, würdig vor den Prinzeſſinnen zu er⸗ n == R& à „— α A*—— 2 8ͤ — N 191 ſcheinen, wieder Andere blieben bei der Tafel und plauderten von den Zeitangelegenheiten, welche mit den Ereigniſſen des Tages einen gewiſſen Zuſammen⸗ hang zu haben ſchienen. Viele gingen unter dem großen Balcon umher, auf welchem nach vollendeter Toilette der Herr Herzog von Enghien, zum letzien Mal der Sorge der Frauen anvertraut, erſcheinen ſollte. Mit ſeinen Ammen und Kindswärterinnen im Innern ſeiner Gemächer, wußte der Prinz nichts von ſeiner Wichtigkeit. Aber bereits voll ariſtokratiſchen Stolzes betrachtete er mit unge⸗ duldigem Blicke das reiche und dennoch ernſte Gewand, das er zum erſten Male anziehen ſollte; es war ein mit mattem Silber geſticktes, ſchwarzes Sammetkleid, das ſeinem Putze das düſtere Ausſehen der Trauer ver⸗ lieh: ſeine Mutter wollte durchaus für eine Wittwe gelten, und war darauf bedacht, in eine gewiſſe Rede die Worte: Armer verwaiſter Prinzl einfließen zu laſſen. Aber es war nicht der Prinz, der mit der größten Gierde dieſe glänzenden Gewänder, die Inſignien ſei⸗ ner ſo ſehr erſehnten Männlichkeit, betrachtete, ein an⸗ deres Kind, nur wenige Monate älter, mit roſigen Wangen, mit blonden Haaren, ſtrotzend von Geſund⸗ heit, Kraft und Ungeſtüm, verſchlang mit ſeinen Blicken den Prunk, der ſeinen glücklichen Gefährten umgab. Bereits hatte es, außer Stands, ſeiner Neugierde zu widerſtehen, gewagt, ſich dem Stuhle zu nähern, auf welchem die ſchönen Kleider lagen, den Stoff be⸗ fühlt und die Stickereien geſtreichelt, während der kleine Prinz auf eine andere Seite ſchaute. Aber ein⸗ mal geſchah es, daß der Herzog von Enghien zu rech⸗ ter Zeit ſeine Augen zurücklenkte und daß Pierrot ſeine Hand zu ſpät zurückzog. „Nimm Dich in Acht:“ rief der kleine Prinz är⸗ gerlich,„nimm Dich in Acht, Pierrot. Du wirſt meine Hoſe verderben, ſie iſt von geſticktem Sammet, ſiehſt 19² Du, und der wird abgenutzt, wenn man ihn berührt. Ich verbiete Dir, meine Hoſe zu berühren.“ Pierrot verbarg die ſchuldige Hand hinter ſeinem Rücken und drehte ſeine Schultern mit der Bewegung übler Laune hin und her, die man bei Kindern aller Lebenslagen wahrnimmt.. „Aergert Euch nicht, Louis,“ ſprach die Frau Prin⸗ zeſſin zu ihrem Sohne, den eine ziemlich häßliche Gri⸗ maſſe entſtellte.„Wenn Pierrot Euer Kleid noch ein⸗ mal berührt, ſo laſſen wir ihn peitſchen.“ Pierrot verwandelte ſeine grollende Verzerrung in eine drohende und ſagte; „Monſeigneur iſt Prinz, aber ich bin Gärtner, und wenn Monſeigneur mich verhindert, ſeine Kleider zu berühren, ſo werde ich ihn verhindern, mit meinen Perlhühnern zu ſpielen. Ah, ich bin ſtärker als Mon⸗ ſeigneur, er weiß es wohl!“⸗ Kaum hatte er dieſe unklugen Worte geſprochen, als die Amme des Prinzen, die Mutier von Pierrot, den unabhängigen kleinen Burſchen an der Hand er⸗ griff and zu ihm ſagte: „Pierrot, Du vergiſſeſt, daß Monſeigneur Dein Herr iſt, der Herr von Allem, was ſich im Schloß und um das Schloß fiudet, und daß folglich Deine Perl⸗ hühner ihm gehören.“ „Wie!“ rief Pierrot,„ich glaubte, er wäre mein der... „Dein Milchbruder, ja.“ „Wenn er mein Bruder iſt, ſo müſſen wir alſo theilen, und wenn meine Perlhühner ihm gehören, ſo gehören ſeine Kleider mir.“ Die Amme war im Begriff, ihm eine Auseinander⸗ ſetzung über die Verſchiedenheit zwiſchen einem wirk⸗ lichen Bruder und einem Milchbruder entgegenzuſtellen; aber der junge Prinz, der Pierrot ſeinem ganzen Triumphe beiwohnen laſſen wollte, denn er wünſchte Bru 193 hauptſächlich Pierrots Bewunderung und Neid zu er⸗ regen, ließ ihr keine Zeit dazu. „Fürchte Dich nicht, Pierrot,“ ſagte er,„ich habe keinen Groll gegen Dich, Du wirſt mich ſogleich auf meinem hübſchen großen Schimmel und auf meinem ſchönen kleinen Sattel ſehen. Ich reite auf die Jagd, und ich werde den Dambock tödten.“ „Ah! ja,“ erwiederte der unehrerbietige Pierrot mit dem frechſten Zeichen der Jronie,„Ihr werdet lange zu Pferde bleiben. Ihr wolltet eines Tages auf mei⸗ nem Eſel reiten, und mein Eſel hat Euch abgeworfen.“ „Ja, aber heute,“ verſetzte der junge Prinz mit der ganzen Majeſtät, diel er zu Hülfe rufen und in ſeinen Erinnerungen finden konnte,„heute ſtelle ich meinen Vater vor und werde nicht fallen; überdies hält mich Vialas in ſeinen Armen.“ „Vorwärts, vorwärts!“ ſprach die Frau Prin⸗ zeſſin, um den Streit von Pierrot und dem Herrn Herzog von Enghien kurz abzuſchneiden,„vorwärts, man kleide den Prinzen an! Es ſchlägt ein Uhr, und alle un⸗ ſere Edelleute warten voll Ungeduld. Lenet, laßt zum Aufbruch blaſen.“ In demſelben Augenblick ertönte der Klang des Horns in den Höfen und drang bis in das Innere der Gemächer. Jeder lief zu ſeinem friſchen, ausgeruhten Pferde und ſchwang ſich in den Sattel. Der Hetzmei⸗ ſter mit ſeinen Leithunden und die Piqgueurs mit ihren Meuten zogen voraus. Dann ſtellten ſich die Edelleute im Spalier auf, und der Herzog von Enghien, auf ſeinem Schimmel reitend, erſchien unterſtützt von Vialas, ſeinem Stallmeiſter, umgeben von Ehrenda⸗ men, Stallmeiſtern, Edelleuten, und gefolgt von ſeiner Mutter, welche glänzend von Schmuck auf einem rabenſchwarzen Pferde ritt. Neben ihr auf einem Pferde, das fie mit unendlicher Anmuth lenkte, war die Vicomteſſe von Cambes, anbetungswürdig in ihren Der Frauenkrieg. I. 13 194 Frauengewändern, die ſie endlich zu ihrer großen Freude wieder angelegt hatte. Frau von Tourville ſuchte man vergebens mit den Blicken; ſie war ſeit zwei Tagen verſchwunden und hatte ſich, wie Achill, unter ihr Zelt zurückgezogen. Dieſe glänzende Cavalcade wurde mit einſtimmi⸗ gem Beifallsrufe aufgenommen. Man zeigte ſich, auf den Steigbügeln aufſtehend, die Frau Prinzeſſin und den Herrn Herzog von Enghien, welche die Mehrzahl dieſer Edelleute nicht kannte, denn ſie hatten nie den Hof beſucht und waren all' dieſem königlichen Gepränge fremd geblieben. Das Kind grüßte mit einem reizen⸗ den Lächeln, die Frau Prinzeſſin mit füßer Majeſtät; ſie waren die Gattin und der Sohn desjenigen, wel⸗ chen ſogar ſeine Feinde den erſten Feldherrn Europa's nannten. Dieſer erſte Feldherr Europa's wurde ver⸗ folgt, eingekerkert, gerade von den Menſchen, die er bei Lens vor dem Feinde gerettet und in Saint⸗Ger⸗ main vor den Rebellen beſchützt hatte. Das war mehr, als es bedurfte, um die Begeiſterung zu erregen. Der Enthuſtasmus erreichte auch den höchſten Grad. Die Frau Prinzeſſin ſchlürfte mit langen Zügen alle dieſe Beweiſe“ ihrer Volksthümlichkeit ein. Auf einige Worte, die ihr Lenet zuflüſterte, gab ſie ſodann den Befehl zum Aufbruch, und bald zog man von den Luſtſtücken in den Park, deſſen Thore insgeſammt durch die Soldaten des Regiments Condé bewacht waren. Hinter den Jägern wurden die Gitter wieder verſchloſ⸗ fen, und als wäre dieſe Vorſichtsmaßregel noch unzu⸗ länglich, damit ſich kein falſcher Bruder in das Feſt miſche, blieben die Soldaten als Schildwachen hinter den Gittern, und an jedem derelben ſtand ein Schwei⸗ zer, gekleidet wie der des Hofes und mit einer Helle⸗ barde bewaffnet wie er, mit dem Befehle, nur denje⸗ nigen zu öffnen, welche die drei Fragen zu beantworten chten, aus denen die Parole beſtand. nen Augenblick, nachdem man die Gitter wieder ——₰— N œ A& 8&ᷣ A& XN¼ B———õ 8α̈ 88NA ———B———— SSSSSS 1— RSAEH 0 N — 22 195 geſchloſſen hatte, kündigten der Schall des Hornes und das wüthende Gebelle der Hunde an, daß der Hirſch aufgejagt war. Auf der andern Seite des Parkes, der von dem Connetable Anna von Monimorency erbauten Ring⸗ mauer gegenüber, auf der Rückſeite der Straße, hiel⸗ ten indeſſen auf das Geräuſch der Hörner und auf das Bellen der Hunde horchend ſechs Reiter an, ſtreichel⸗ ten ihre Pferde und ſchienen Rath zu halten. Sah man ihre völlig neuen Gewänder, das glän⸗ zende Zeug ihrer Pferde, die prachtvollen Mäntel, welche von ihren Schultern auf den Rücken ihrer Pferde herabfielen, den Luxus der Waffen, welche künſtlich angebrachte Oeffnungen erſchauen ließen, ſo durfte man wohl ſtaunen über die Vereinzelung dieſer ſo ſchönen, ſo funkelnden Herren zur Stunde, wo der ganze Adel der Umgegend in dem Schloſſe von Chantilly verſam⸗ melt war. Dieſe glänzenden Herren wurden jedoch verdun⸗ kelt durch den Prunk ihres Führers oder desjenigen, welcher ihr Führer zu ſein ſchien: Federn am Hute, vergoldetes Wehrgehänge, feine, goldbeſpornte Stiefeln, ein langer Degen mit ciſelirtem Griffe, dies war nebſt einem herrlichen himmelblauen Mantel von ſpaniſcher Form die Equipirung dieſes Reiters. 1 „Bei Gott,“ ſprach er nach einem Augenblicke tiefen Nachdenkens, während deſſen die ſechs Rei⸗ ter mit ziemlich verlegener Miene einander angeſchaut hatten,„wie gelangt man in einen Park, durch das Thor oder durch das Gitter? Zeigen wir uns vor dem erſten Thore oder vor dem erſten Gitter, und wir wer⸗ den Eintritt finden. Reiter von unſerem Anſehen läßt man nicht außen, wenn Menſchen geöffnet wird, welche ausſehen wie die Leute, denen wir ſeit dieſem Morgen begegnen.“ „Ich wiederhole Euch, Cauvignac,“ erwiederte einer von den fünf Reitern, an welche die Rede des 196 Führers gerichtet war,„ich wiederhole Euch, daß dieſe ſchlecht gekleideten Leute, welche trotz ihrer Tracht und ihrer lümmelartigen Haltung zu dieſer Stunde ſich im Parke befinden, einen Vorzug vor uns beſaßen, den, daß ſie die Parole hatten. Wir haben ſie nicht und werden nicht hineinkommen.“ „Ihr glaubt, Ferguzon?“ ſagte mit einer gewiſſen Achtung vor der Anſicht ſeines Lieutenants derjenige, welcher zuerſt geſprochen hatte, und in dem unſere Le⸗ ſer den Abenteurer wieder erkennen, den ſie auf den erſten Seiten dieſer Geſchichte gefunden haben.. „Ob ich es glaube? Ich bin deſſen gewiß. Meint Ihr denn, dieſe Leute jagen, um zu jagen? Larifari! ſie conſpiriren, das iſt unzweifelhaft.“ „Ferguzon hat Recht,“ ſprach ein Dritter, ſie conſpiriren, und wir kommen nicht hinein.“ „Eine Hirſchjagd iſt indeſſen auch gut mitzuneh⸗ men, wenn man ſie auf ſeinem Wege trifft.“ „Beſonders wenn man der Menſchenjagd müde iſt, nicht wahr, Barrabas?“ verſetzte Cauvignac.„Nun wohl! man ſoll nicht ſagen, es ſei uns dies vor der Naſe vorübergezogen. Wir haben Alles, was man braucht, um würdiß bei dieſem Feſte zu erſcheinen; wir find glänzend, wie neue Thaler. Braucht der Herr Herzog von Enghien Soldaten, wo kann man ſchönere finden? Braucht er Meuterer, wo findet man zierlichere? Der am wenigſten koſtbare von uns hat das Ausſehen eines Kapitäns.“ „Und Ihr, Cauvignac,“ verſetzte Barrabas,„Ihr könntet zur Noth für einen Herzog und Pair gelten.“ Ferguzon ſagte nichts, er dachte nach. „Leider,“ fuhr Cauvignac lachend fort,„leider iſt Ferguzon nicht der Anſicht, daß man heute jagen ſoll.“ „Peſt!“ ſprach Ferguzon,„ich bin nicht ſo elel; die Jagd iſt ein edelmänniſches Vergnügen, das mi unter jeder Bedingung zuſagt. Ich ſage auch nicht pfui für mich und rede eben ſo wenig Anderen ab. ₰ 197 Ich ſage nur, daß uns der Eingang in dieſen Park, wo man jagt, durch Thore und Gitter verſchloſſen iſt.“ „Horch!“ rief Cauvignac,„die Hörner geben das Signal, daß man den Hirſch geſehen.“ „Aber damit iſt nicht geſagt, daß wir nicht jagen werden,“ fuhr Ferguzon fort. „Wie ſollen wir jagen, Dummkopf, wenn wir nicht hinein können?“ „Ich ſage nicht, daß wir nicht hinein können,“ entgegnete Ferguzon. „Wie follen wir hinein, da die Thore und Gitter, für die Andern geöffnet, Deiner Anſicht nach für uns geſchloſſen ſind 2“ „Warum ſollten wir nicht an dieſer kleinen Mauer und für uns allein eine Breſche machen, durch welche wir und unſere Pferde durch könnten und hinter der wir gewiß Niemand finden würden, um Entſchädigung von uns zu verlangen?“ „Hurrah!“ rief Cauvignac, freudig ſeinen Hut ſchwenkend,„ich gebe Dir volle Genugthuung, Fer⸗ guzon. Du biſt der Mann der großen Mittel unter uns, und wenn ich den König von Frankreich von ſei⸗ nem Throne geſtürzt habe, um den Herrn Prinzen dar⸗ auf zu ſetzen, ſo verlange ich für Dich die Stelle⸗del Signor Mazarino Mazarini. An das Werk, Gefähr⸗ ten, an das Werk!“ Nach dieſen Worten ſprang Cauvignac von ſeinem Pferde und fing an, unterſtützt von ſeinen Gefährten, von denen Einer genügte, um die Roſſe von Allen zu halten, die bereits erſchütterten Steine der Ringmauer abzubrechen. In einem Augenblick hatten die fünf Arbeiter eine Breſche von drei bis vier Fuß in der Breite gemacht. Dann ſtiegen ſie wieder zu Pferde und ſetzten, ange⸗ führt von Cauvignac, in den Platz. „Nun,“ ſagte dieſer zu ihnen, ſich nach der Ge⸗ gend wendend, wo er den Klang der Hörner hörte, 198 „nun ſeid artig und benehmt Euch mit guter Manier, und ich verſpreche Euch Abendbrod bei dem Herrn Her⸗ zog von Enghien.“ X. Wir haben geſagt, unſere ſechs Edelleute von neuer Fabrik ſeien gut beritten geweſen; ihre Pferde hatten üͤberdies vor denen der am Morgen angekommenen Reiter das Verdienſt, daß ſie friſch waren. Sie er⸗ reichten daher bald das Jagdgefolge und miſchten ſich unter die Jäger, ohne irgend einen Widerſpruch zu finden. Die meiſten Eingeladenen kamen aus verſchie⸗ denen Provinzen und kannten ſich nicht unter einander. Waren die Eindringlinge einmal im Park, ſo konnten ſie auch für Eingeladene gelten. Alles wäre daher vortrefflich gegangen, wenn ſie ſich in ihrer Reihe ge⸗ halten hätten oder ſogar, wenn ſie ſich damit begnügt haben würden, die andern zu überſchreiten und ſich un⸗ ter die Piqueurs und das Jagdperſonal zu miſchen. Aber dem war nicht ſo. Nach einem Augenblick ſchien Cauvignac überzeugt, die Jagd werde ihm zu Ehren gegeben. Er riß ein Horn aus den Händen eines Hunde⸗ führers, der es ihm nicht zu verweigern wagte, ſprengte an die Spitze der Hetzmeiſter, jagte dem Jagdkapitän an der Naſe hin, durchſchnitt Buſch und Holz, ſtieß wie ein Verzweifelter in ſein Horn, verwechſelte die Signale, ſchmetterte die Hunde nieder, warf die Be⸗ dienten um, grüßte auf eine coquettiſche Weiſe die Da⸗ men, wenn er an ihnen vorüber kam, fluchte, ſchrie und feuerte ſich ſelbſt an, wenn er ſie aus dem Ge⸗ ſichte verloren hatte, und gelangte auf den Hirſch in — un—— dem Augenblick, wo das Thier, nachdem es den Teich durchzogen hatte, vor Mattigkeit niederſank. „Halali, Halali!“ rief Cauvignac,„der Hirſch ge⸗ hört uns! Corbleu! wir haben ihn.“ „Cauvignae,“ ſprach Ferguzon, der ihm auf eine Pferdslänge folgte,„Ihr macht, daß man uns Alle vor die Thüre wirft. Im Ramen Gottes, mäßigt Euch!“ Aber Cauvignac hörte nicht, ſondern ſprang, als er ſah, daß das Thier den Hunden Stand hielt, vom Pferde, zog ſeinen Degen und ſchrie mit der ganzen Gewalt ſeiner Lungen: „Halali! Halali!“ Und ſeine Gefährten, den klugen Ferguzon ausge⸗ nommen, ſchickten ſich durch ſein Beiſpiel ermuthigt an, auf ihre Beute loszuſtürzen, als der Jagdkapitän, Cau⸗ vignac mit ſeinem Meſſer auf die Seite drängend, die⸗ „Sachte, mein Herr, die Frau Prinzeſſin befeh⸗ ligt die Jagd. Es iſt alſo ihre Sache, dem Hirſche den Fang zu geben oder dieſe Ehre wem es ihr be⸗ Cauvignac wurde durch dieſe ſtrenge Ermahnung zu ſich ſelbſt zurückgerufen, und als er ziemlich unwillig zurückwich, ſah er ſich plötzlich von der Menge der Jäger umgeben, für welche die fünf Minuten Halt don Cauvignac genügt hatten, um ihn einzuholen, und In demſelben Augenblick ſah man durch eine lange Allee die Frau Prinzeſſin herbeiſprengen, gefolgt von dem Herrn Herzog von Enghien, den Edelleuten und Damen, die es ſich zur Ehre geſchätzt hatten, fie nicht zu verlaſſen. Sie war ſehr aufgeregt, und es ließ ſich wahrnehmen, daß ſie durch dieſen Scheinkrieg zu einem wahren Kriege präludirte. Als ſie mitten im Kreiſe angelangt war, hielt fie 200 an, warf einen fürſtlichen Blick umher und erſchaute Cauvignac und ſeine Gefährten, welche von den un⸗ ruhigen, argwöhniſchen Blicken der Piqueurs und Jagd⸗ bedienten gleichſam verſchlungen wurden. Der Kapitän näherte ſich ihr, ſein Meſſer in der Hand; es war ein Meſſer, das gewöhnlich dem Herrn Prinzen diente, mit einer Klinge vom feinſten Stahl und einem Griffe von Vermeil. „Kennt Ihre Hoheit dieſen Herrn?“ ſagte er leiſe, Cauvignae mit dem Auge bezeichnend. „Nein,“ erwiederte ſie,„aber wenn er hereinge⸗ kommen iſt, ſo iſt er auch wohl irgend Jemand be⸗ kannt.“ „Niemand kennt ihn, Hoheit, und alle diejenigen, welche ich befragt habe, ſehen ihn zum erſten Male.“ „Aber er konnte doch nicht ohne die Parole durch die Gitter gelangen?“ „Allerdings nicht,“ verſetzte der Kapitän;„ich wage es jedoch Eurer Hoheit zu rathen, dieſem Men⸗ ſchen zu mißtrauen.“ „Man muß vor Allem wiſſen, wer er iſt,“ ſprach die Prinzeſſin. „Man wird es ogleich erfahren,“ antwortete mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln Lenet, der die Prinzeſfin begleitet hatte.„Ich habe einen Normannen, einen Picarden und einen Bretagner abgeſchickt, und er wird gehörig ausgeforſcht werden; für den Augenblick aber wolle ſich Euere Hoheit die Miene geben, als merke ſie nicht auf ihn, ſonſt entkommt er uns.“ „Ihr habt Recht, Lenet; kehren wir zu unſerer Jagd zurück!“ „Cauvignac,“ ſagte Ferguzon,„ich glaube, es iſt hohen Ortes von uns die Rede. Mir ſcheint, es wäre nicht übel, wenn wir uns unſichtbar machen würden.“ „Du glaubſt!“ erwiederte Cauvignac,„ah! meiner Treue, deſto ſchlimmer. Ich will das Halali ſehen, mag kommen, was da will,.“ =———, ——, 8—+₰—— e ͤ— 201 „Ich weiß wohl, es iſt ein ſchönes Schauſpiel,“ verſetzte Ferguzon,„aber wir dürſten unſere Plätze et⸗ was theurer bezahlen, als im Hotel de Bourgogne.“ „Madame,“ ſprach der Jagdkapitän, der Prin⸗ zeſſin das Meſſer reichend,„wem will Euere Hoheit die Ehre gönnen, dem Thiere den Fang zu geben?“ „Ich behalte ſie mir ſelbſt vor, mein Herr,“ ant⸗ wortete die Prinzeſſin;„eine Frau von meinem Rang muß ſich daran gewöhnen, Eiſen zu berühren und Blut fließen zu ſehen.“ „Namur,“ ſagte der Jagdkapitän zum Büchſen⸗ meiſter,„haltet Euch bereit.“ Der Büchſenmeiſter trat aus den Reihen und ſtellte ſich, die Büchſe in der Fauſt, zwanzig Schritte von dem Thiere auf. Dieſes Manoeuvre hatte zum Zweck, den Hirſch mit einer Kugel zu tödten, wenn er, zur Ver⸗ zweiflung getrieben, wie dies zuweilen geſchieht, ſtatt die Frau Prinzeſſin zu erwarten, auf ſie losbrechen würde. Die Frau Prinzeſſin ſtieg vom Pferde, nahm das Meſſer und ging, die Augen ſtarr, die Wangen glühend, die Lippen halb zurückgeworfen, auf das Thier zu, das, beinahe gänzlich unter den Hunden begraben, von einem buntſcheckigen, tauſendfarbigen Teppich bedeckt zu ſein ſchien. Ohne Zweifel glaubte das Thier nicht, der Tod käme zu ihm unter den Zügen dieſer ſchönen Fürſtin, aus deren Hand es vielleicht mehr als zehnmal geäſt hatte; es war auf die Kniee gefallen, ſuchte eine Bewegung zu machen, und man konnte die ſchwere Thräne wahrneh⸗ men, welche den Todeskampf des Hirſches, des Dam⸗ bocks und des Rehs begleitet. Aber es hatte keine Zeit mehr, ſich zu erheben; die Klinge des Meſſers, worauf ein Sonnenſtrahl ſpielte, verſchwand völlig in ſeinem Halſe; der Schweiß ſpritzte bis in das Geſicht der Frau Prinzeſſin, der Hirſch erhob den Kopf, ſchrie ſchmerzlich, warf einen letzten Blick des Vorwurfs auf ſeine ſchöne Gebieterin, fiel und ſtarb. In demſelben Augenblick verkündigten alle Hörner 202 ſein Verenden, und es erſcholl der tauſendfältige Ruf: „Es lebe die Frau Prinzeſſin!“ während der junge Prinz auf ſeinem Sattel jauchzte und freudig in die Hände klatſchte. Die Frau Prinzeſſin zog das Meſſer aus dem Halſe des Thieres, ließ einen Amazonenblick um ſich hergehen, gab die mit Schweiß überzogene Waffe dem Jagdkapitän zurück und ſtieg wieder zu Pferde. Da trat Lenet zu ihr. „Darf ich der Frau Prinzeſſin ſagen,“ ſprach er mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln,„an wen ſie, den Hals des armen Thieres durchbohrend, dachte 2„ „Ja, Lenet, ſprecht, Ihr macht mir ein Vergnügen.“ „Sie dachte an Herrn von Mazarin, und hätte es gern geſehen, wenn er an der Stelle des Hirſches geweſen wäre.“ „Ja, das iſt es,“ rief die Frau Prinzeſſin,„und ich ſchwöre Euch, ich hätte ihn ohne Mitleid erſtochen; aber in der That, Lenet, Ihr ſeid ein Zauberer.“ Dann ſich gegen die übrige Geſellſchaft umwen⸗ dend, ſprach ſie: „Nun, da die Jagd vorüber iſt, meine Herren, habt die Güte, mir zu folgen. Es iſt jetzt zu ſpät, um einen andern Hirſch zu lanciren, und überdies erwartet uns das Abendbrod.“ Cauvignac erwiederte dieſe Einladung mit der an⸗ muthigſten Geberde. „Was macht Ihr denn, Kapitän?“ fragte Ferguzon. „Ich willige bei Gott ein. Siehſt Du nicht, daß uns die Frau Prinzeſſin zum Abendbrod einladet, wie ich dies Euch verſprochen habe?“ „Cauvignac, Ihr möget mir glauben oder nicht, aber an Euerer Stelle würde ich die Breſche wieder zu erreichen ſuchen.“ „Ferguzon, mein Freund, Euere gewöhnliche Scharf⸗ ſichtigkeit läßt Euch im Stiche. Habt Ihr nicht be⸗ merkt, wie jener ſchwarz gekleidete Herr Befehle er⸗ 203 theilte? Er hat ein falſches Fuchsgeſicht, wenn er lacht, und ſieht aus wie ein Dachs, wenn er nicht lacht. Ferguzon, die Breſche wird bewacht, und ritten wir auf die Breſche zu, ſo würden wir damit andeuten, wir wollen da hinaus, wo wir herein gekommen ſind.“ „Aber was ſoll denn aus uns werden?“ „Seid unbeſorgt, ich ſtehe für Alles.“ Auf dieſe Verſicherung ritten die ſechs Abenteurer mitten unten die Edelleute und wandten ſich mit ihnen dem Schloſſe zu. Cauvignac hatte ſich nicht getäuſcht: man verlor ſie nicht aus dem Blicke. Lenet ritt auf der Seite; er hatte zu ſeiner Rechten den Kapitän der Jagden, zu ſeiner Linken den Intendanten des Hauſes Condé. „Wißt Ihr gewiß,“ ſprach er,„daß Niemand dieſe Reiter kennt?“ „Niemand; wir haben mehr als fünfzig Edelleute befragt und immer dieſelbe Antwort erhalten: ſie ſind Jedermann vollkommen fremd.“ Der Normanne, der Picarde und der Bretagner kehrten zu Lenet zurück, ohne mehr angeben zu können; nur hatte der Normanne eine Breſche im Parke erblickt und dieſe als ein geſcheiter Menſch bewachen laſſen. „Dann müſſen wir zum wirkſamſten Mittel un⸗ ſere Zuflucht nehmen,“ ſprach Lenet;„wir wollen nicht durch eine Handvoll Spione hundert brave Edelleute der größten Gefahr preisgeben. Sorgt dafür, Herr In⸗ tendant, daß Niemand aus dem Hofe und aus der Gal⸗ lerie heraus kann, wo die Cavalcade einreiten wird; Ihr, Herr Kapitän, ſtellt, wenn die Thüre der Gal⸗ lerie wieder geſchloſſen iſt, ein Piquet von zwölf Mann mit geladenen Gewehren auf. Nun geht, ich verliere fie nicht aus dem Blicke.“ Lenet hatte übrigens keine große Mühe, die Auf⸗ gabe, die er ſich ſelbſt geſtellt, zu erfüllen. Cauvignac und ſeine Genoſſen zeigten durchaus keine Luſt, zu fliehen. Cauvignac ritt, zierlich ſeinen Schnurrbart 204 kräuſelnd, in der erſten Reihe; Ferguzon folgte ihm, beruhigt durch ſein Verſprechen, denn er kannte ſeinen Führer zu genau, um nicht überzeugt zu ſein, er würde ſich nicht in dieſen Bau gewagt haben, wenn der Bau nicht einen zweiten Ausgang hätte; Barrabas aber und ſeine drei Gefährten folgten dem Lieutenant und dem Kapitän, ohne an etwas Anderes zu denken, als an das vortreffliche Abendbrod, das ihrer harrte: es wa⸗ ren im Ganzen materielle Menſchen, welche mit völ⸗ liger Sorgloſigkeit den geiſtigen Theil der geſellſchaft⸗ lichen Beziehungen ihren Führern überließen, zu denen ſie ein vollkommenes Zutrauen hatten. Alles ging nach der Vorausſicht des Rathes und wurde nach ſeinem Befehle vollzogen. Die Frau Prin⸗ zeſſin ſetzte ſich in den großen Empfangſaal unter einen Himmel, der ihr als Thron diente; ſie hatte an ihrer Seite ihren Sohn, welcher, wie wir dies beſchrieben haben, gekleidet war. Die Prinzeſſin erhob ſich wirklich und nahm das Wort. Ihre Rede*) war hinreißend. Diesmal über⸗ ſchritt Clemence von Maillé Brézé jedes Maß und trat ganz offen gegen Mazarin in die Schranken; electriſirt durch die Erinnerung an die dem Adel Frankreichs in der Perſon der Prinzen widerfahrene Schmach und mehr noch vielleicht durch die Hoffnung auf die guten Bedingungen, die man dem Hofe im Falle des Gelin⸗ gens machen könnte, unterbrachen die Anweſenden wie⸗ derholt die Rede der Frau Prinzeſſin und ſchworen mit lauter Stimme, treu der Sache des erhabenen Hauſes Condé zu dienen und ihm beizuſtehen, damit es aus der Erniedrigung hervorgehen könnte, in welche Maza⸗ rin dasſelbe habe verſenken wollen. *) Die Liebhaber von Neden können dieſe vollſtändig in den Memoiren von Pierre Lenet wiederfinden. Wir unſeres Theils ſind der Anſicht von Heinrich W., welcher behauptete. den langen Reden, welche er anzuhören genöthigt geweſen ſei, habe er ſeine grauen Haare zu danken. A. D. uB B 8 A=ò;Mꝛ—ↄ/ 8gB;' N A — — 8 K AR SUAOABn A AR A— A 205 „Meine Herren,“ rief die Prinzeſſin ihre Rede ſchließend,„die Mitwirkung Euerer Tapferkeit, das An⸗ erbieten Euerer Ergebenheit iſt es, was von Euern edeln Herzen dieſe Waiſe hier fordert. Ihr ſeid unſere Freunde, Ihr habt Euch wenigſtens als ſolche hier eingefunden; was könnt Ihr für uns thun?“ Dann begann nach einem kurzen, feierlichen Still⸗ ſchweigen eine zugleich im höchſten Maße großartige und rührende Scene. Einer von den Edelleuten verbeugte ſich, ehrfurchts⸗ voll die Prinzeſſin begrüßend, und ſprach: „Ich heiße Géerard von Montalent und bringe vier Edelleute, meine Freunde, mit mir. Wir haben unter unter uns fünf gute Schwerter und zweitauſend Piſto⸗ len, die wir dem Herrn Prinzen zur Verfügung ſtel⸗ len. Hier iſt unſer Beglaubigungsſchreiben, unterzeich⸗ net von dem Herrn Herzog von Larochefoucault.“ Die Prinzeſſin grüßte ebenfalls, nahm das Be⸗ glaubigungsſchreiben aus den Händen des Gebers, reichte es Lenet und machte den Edelleuten ein Zeichen, auf ihre Rechte zu gehen. Kaum hatten ſie ihren Platz eingenommen, als ein anderer Edelmann ſich erhob und ſprach: „Ich heiße Claude Raoul von Leſſac, Graf von Clermont. Ich komme mit ſechs mir befreundeten Edel⸗ leuten. Wir haben jeder tauſend Piſtolen und bitten um die Gunſt, ſie in den Schatz Euerer Hoheit legen zu dürfen. Wir ſind bewaffnet aͤnd equipirt, und ein ein⸗ facher Sold wird uns genügen. Hier iſt unſer Be⸗ glaubigungsſchreiben, unterzeichnet von dem Herrn Herzog von Bouillon.“ 4 „Geht zu meiner Rechten, meine Herren;“ ſagte die Prinzeſſin, nahm den Brief von Herrn von Boutl⸗ lon, durchſah denſelben wie den erſten und übergab ihn Lenet.„Glaubt an meine volle Dankbarkeit.“ Die Edelleute gehorchten. Ich heiße Louis Ferdinand von Lorges, Graf von 206 Duras,“ ſprach nun ein dritter Edelmann.„Ich komme ohne Freunde und ohne Geld, reich und ſtark durch mein Schwert allein, mit welchem ich mir einen Weg durch die Feinde gebahnt habe, denn ich war in Belle⸗ garde belagert. Hier iſt mein Beglaubigungsſchreiben, unterzeichnet von dem Herrn Vicomte von Turenne.“ „Kommt, kommt, mein Herr,“ rief die Frau Prinzeſſin, indem ſie mit einer Hand das Beglaubi⸗ gungsſchreiben nahm und ihm die andere zum Kuſſe reichte.„Kommt, und haltet Euch an meiner Seite, ich mache Euch zu einem meiner Brigadiers.“ Das Beiſpiel wurde von allen Edelleuten nachge⸗ ahmt: jeder kam mit einem Beglaubigungsſchreiben ent⸗ weder von Herrn von Larochefoucault, oder von Herrnvon Bouillon, oder von Herrn von Turenne, übergab den Brief und ging zur Rechten der Prinzeſſin. Als die rechte Seite voll war, ließ die Prinzeſſin zur Linken gehen. So entleerte ſich der Hintergrund des Saales all⸗ mählig. Bald blieben nur noch Cauvignac und ſeine Sbirren, eine einſame Gruppe bildend, nach welcher Jeder mißtrauiſch murmelnd einen Blick des Zornes und der Drohung richtete. Lenet ſchaute nach der Thüre. Die Thüre war wohl verſchloſſen. Er wußte, daß ſich hinter derſel⸗ ben der Kapitän mit zwölf bewaffneten Leuten hielt. Dann ſein Auge wieder auf die Unbekannten lenkend, fragte er: „Und wer ſeid Ihr, meine Herren? Werdet Ihr uns die Ehre erweiſen, Euch zu nennen und uns Eure Beglaubigungsſchreiben zu zeigen?“ 3 Der Anfang der Scene, deren Ausgang ihn bei ſeinem bekannten Verſtande bedeutend beunruhigte, hatte einen Schatten der Bangigkeit auf das Geſicht von Ferguzon geworfen, und dieſe Bangigkeit theilte ſich ſachte ſeinen Gefährten mit, welche wie Lenet nach der Thüre ſchauten. Aber majeſtätiſch in ſeinen Mantel drapirt, war ihr Führer völlig unempfindlich geblieben. 2ᷣ—— X N—* à—,— 8—9——n G d 207 Auf die Aufforderung von Lenet machte er zwei Schritte vorwärts, verbeugte ſich mit unendlich anmaßlicher Grazie und ſprach: „Madame, ich heiße Roland von Cauvignac und bringe für den Dienſt Eurer Hoheit dieſe fünf Edel⸗ leute, welche den erſten Famlien der Guienne ange⸗ hören, aber das Incognito zu bewahren wünſchen.“ „Ihr ſeid wohl nicht nach Chantilly gekommen, ohne von irgend Jemand empfohlen worden zu ſein, meine Herren,“ ſagte die Prinzeſſin, bewegt durch den furchtbaren Lärmen, welcher durch die Feſtnahme die⸗ ſer ſechs verdächtigen Menſchen entſtehen ſollte.„Wo iſt Euer Beglaubigungsſchreiben?“ Cauvignac verbeugte ſich wie ein Menſch, ver die Richtigkeit einer Forderung anerkennt, durchwühlte ſein Wamms und zog ein viereckig zuſammengefaltetes Pa⸗ pier daraus hervor, das er Lenet mit der tiefſten Ver⸗ beugung übergab.. Lenet öffnete, las, und der freudigſte Ausdruck ent⸗ runzelte ſein von einer ganz natürlichen Furcht zuſam⸗ mengezogenes Geſicht. Während Lenet las, ließ Cauvignac einen trium⸗ phirenden Blick auf den Amweſenden umherlaufen. „Madame,“ ſagte Lenet, ſich an das Ohr der Prinzeſſin neigend,„ſchaut, welch ein Glück, ein Blan⸗ quett von Herrn von Epernon!“ „Mein Herr,“ rief die Prinzeſſin mit dem an⸗ muthigſten Lächeln,„Dank, dreifachen Dank für meinen Gemahl, Dank für mich, Dank für meinen Sohn!“ Das Erſtaunen machte alle Zuſchauer ſtumm. „Mein Herr,“ ſprach Lenet,„dieſe Schrift iſt zu koſtbar, als daß es Eure Abſicht ſein kann, ſie uns ohne Bedingung abzutreten. Dieſen Abend nach dem Eſſen bereden wir uns darüber, wenn es Euch gefäl⸗ lig iſt, und Ihr werdet uns ſagen, wie wir Euch an⸗ genehm ſein können.“ Hienach ſieckte Lenet das Blanquett ein, welches 208 Pahehnar nicht von ihm zurückzuverlangen die Zart⸗ eit hatte. „Nun,“ ſprach Cauvignac zu ſeinen Gefährten, „habe ich Euch nicht geſagt, ich würde Euch zum Abend⸗ brod bei dem Herrn Herzog von Enghien einladen?“ „Zu Tiſche, meine Herren!“ rief die Prinzeſſin. Die Flügel der Seitenthüre öffneten ſich bei die⸗ ſen Worten, und man ſah ein herrliches Abendbrod in der großen Gallerie des Schloſſes aufgetragen. Das Mahl war äußerſt lärmend: zehnmal bean⸗ tragt, wurde die Geſundheit des Herrn Prinzen ſtets von den Gäſten auf den Knieen, das Schwert in der Hand und mit Verwünſchungen gegen Mazarin, daß die Wände hätten berſten ſollen, ausgebracht. Fergu⸗ zon, ein Gascogner, war bis jetzt nur in der Lage geweſen, die Weine ſeines Landes kennen zu lernen, die er vortrefflich fand, welche aber, wenn man be⸗ währten Männern glauben darf, damals noch nicht in hohem Rufe ſtanden. Bei Cauvignac war es nicht ſo: Cauvignac ſchlug das Gewächs von Moulin⸗à⸗Vent, von Nuits und Chambertin zu ſeinem wahren Werthe an und machte nur einen mäßigen Gebrauch davon. Er hatte das ſchiefe Lächeln von Lenet nicht vergeſſen und dachte, er würde ſeine ganze Vernunft nöthig ha⸗ ben, um mit dem liſtigen Rath einen Handel abzu⸗ ſchließen, den er nicht zu bereuen hätte. Er erregte auch die Bewunderung von Ferguzon, Barrabas und ſeinen drei andern Gefährten, welche, mit den Ur⸗ ſachen dieſer Mäßigkeit nicht vertraut, ſo einfältig wa⸗ ren, zu glauben, ihr Führer gehe in ſich. Gegen das Ende des Mahles und als die Geſund⸗ heiten häufiger zu werden begannen, entfernte ſich die Prinzeſſin mit dem Herrn Herzog von Enghien und ließ ſo den Gäſten die Freiheit, den Schmauß, ſo lange es ihnen belieben würde, in die Nacht auszudehnen. Es war indeſſen Alles nach ihren Wünſchen gegangen und ſie machte eine umſtändliche Erzählung von der 209 Scene im Saale und dem Bankeit in der Gallerie, wo⸗ bei ſie nur Eines wegließ, das Wort, welches ihr Le⸗ net in dem Augenblick, als ſie ſich von der Tafel er⸗ hob, zugeflüſtert hatte: „Eure Hoheit wolle nicht vergeſſen, daß wir um zehn Uhr aufbrechen.“ Es war bald neun Uhr. Die Frau Prinzeſſin be⸗ gann ihre Vorkehrungen. Während dieſer Zeit wechſelten Lenet und Cauvignac einen Blick. Lenet ſtand auf, Cauvignac that daſſelbe; Le⸗ net entfernte ſich durch eine kleine Thüre in der Ecke der Gal⸗ lerie, Cauvignac begriff das Manoeuvre und folgte ihm. Lenet führte Cauvignac in ſein Cabinet: der Aben⸗ teurer marſchirte mit ſorgloſer Miene hinter ihm. Aber während er ging, ſpielte ſeine Hand nachläßig mit dem Griffe eines langen Dolches, der in ſeinem Gürtel ſtack, und ſein raſches, glühendes Auge durchforſchte die halbgeöffneten Thüren und die flatternden Vorhänge. Er befürchtete nicht gerade, man würde ihn ver⸗ rathen, aber es war ſein Grundſatz, ſtets gegen den Verrath auf der Hut zu ſein. Sobald Lenet in dem durch eine Lampe hell be⸗ leuchteten Cabinet war, bezeichnete er Cauvignac mit der Hand einen Stuhl. Caupignac ſetzte ſich an eine Seite des Tiſches, worauf die Lampe brannte, und Le⸗ net an die andere. „Mein Herr,“ ſagte Lenet, um mit einem Schlage das Vertrauen von Cauvignac zu gewinnen,„ich gebe Euch hier vor Allem Euer Blanquett zurück. Es ge⸗ hört wohl Euch, nicht wahr 2 „Mein Herr,“ antwortete Cauvignac,„es gehört demjenigen, welcher es beſitzt, da, wie Ihr ſehen könnt, kein anderer Name darauf ſteht, als der des Herzogs von Epernon.“ „Wenn ich Euch frage, ob es Euch gehöre, ſo frage ich, ob Ihr es mit der Bewilligung des Herrn Herzogs von Epernon beſitzet?“ Der Frauenkrieg. 1I. 14 210 „Ich habe es von ſeiner eigenen Hand, mein Herr.“ „Es iſt alſo weder entwendet, noch durch Gewalt ausgepreßt: ich ſage nicht durch Euch, ſondern durch irgend einen Andern, von dem Ihr es empfangen hät⸗ tet. Ihr habt es vielleicht nur von zweiter Hand.“ „Es iſt mir, ſage ich Euch, von dem Herzog ge⸗ geben worden, freiwillig und als Austauſch gegen ein Papier, das ich ihm zugeſtellt habe.“ „Habt Ihr gegen den Herrn Herzog von Epernon die Verbindlichkeit ubernommen, mit dieſem Blanquett eher Eines, als etwas Anderes zu thun?“ „Ich habe gegen den Herrn Herzog von Epernon keine Verbindlichkeit übernommen.“ „Derjenige, weicher es beſitzt, kann alſo in voller Sicherheit davon Gebrauch machen?“ „Er kann es.“ „Warum benützt Ihr es denn nicht ſelbſt?“ „Weil ich, daſſelbe behaltend, nur ein Ding da⸗ durch zu gewinnen vermag, während ich, wenn ich es abtrete, zwei dadurch gewinnen kann.“ „Worin beſtehen dieſe zwei Dinge?“ „Einmal in Geld.“ „Wir haben wenig.“ „Ich werde diüig fein.“ „Und dann 2 1 „In einem Grade in der Armee der Herren Prinzen.“ „Die Herren Prinzen haben keine Armee.“ „Sie werden eine haben.“ „Würdet Ihr nicht ein Patent, um eine Compag⸗ nie auszuheben, vorziehen?“ ch wollte Euch dieſen Vergleich vorſchlagen.“ „Es bleibt alſo noch das Geld?“ „Ja, es bleibt noch das Geld.“ „Welche Summe verlangt Ihr?“ „Zehntauſend Livres. Ich habe Euch bereits ge⸗ ſagt, ich würde billig ſein.“ 211 „Zehntauſend Livres!“ „Ja. Ich bedarf wohl einiger Vorſchüſſe, um meine Leute zu bewaffnen und zu equipiren.“ „In der That, das iſt nicht zu viel.“ „Ihr willigt alſo ein?“ „Der Handel iſt abgeſchloſſen.“ Lenet zog ein unterzeichnetes Patent hervor, füllte es mit den Namen aus, die ihm der junge Mann nannte, fügte das Siegel der Frau Prinzefſin bei und übergab es Cauvignac. Dann öffnete er, an eine geheime Feder drückend, eine Art von Kaſſe, worin der Schatz des Rebellenheeres verſchloſſen war, und nahm zehntauſend Livres in Gold daraus, die er in Häufchen von je zwanzig Louisd'or an einander reihte. Cauvignac zählte ſie ſehr genau und machte bei dem letzten Lenet ein Zeichen, daß das Blanquett ihm gehöre. Lenet nahm daſſelbe und verſchloß es in der Kaſſe, denn er dachte ohne Zweifel, ein ſo koſtbares Papier könnte nicht ſorgfältig genug aufbewahrt werden. In dem Augenblick, wo Lenet in die Taſche ſeines Wammſes den Schlüſſel der Kaſſe ſteckte, trat ein athem⸗ loſer Diener ein und meldete, man verlange nach ihm in einer höchſt wicktigen Angelegenheit. Lenet und Cauvignac verließen das Cabinet, Le⸗ net um dem Diener zu folgen, Cauvignac, um in den Bankettſaal zurückzukehren. Mittlerweile traf die Frau Prinzeſſin ihre Vorbe⸗ reitungen zur Abreiſe, welche darin beſtanden, daß ſie ihr Staatsgewand gegen ein Amazonenkleid vertauſchte, das zugleich für den Wagen und für das Pferd gut war, daß ſie ihre Papiere auslas, um die unnöthigen zu verbrennen und die koſtbaren mitzunehmen, daß ſie ihre Diamanten, welche ſie aus der Faſſung hatte brechen laſſen, damit ſie weniger Platz einnähmen, zu⸗ ſammen legte, um bei dringender Gelegenheit Gebrauch davon zu machen.. Was den Herzog von Enghien betrifft, ſo ſollte 212 er in dem Gewande reiſen, in welchem er auf der Jagd geweſen war, in Betracht, daß man noch nicht Zeit gehabt hatte, ihm noch ein anderes machen zu laſſen. Sein Stallmeiſter Vialas ſollte ſich beſtändig am Kutſchenſchlage halten und den Schimmel reiten, der ein Vollblutrenner war, um ihn auf ſeinen kleinen Sattel zu nehmen und im Galopp fortzuführen, wenn es nöthig wäre. Anfangs befürchtete man, er würde einſchlafen, und ließ Pierrot kommen, um mit ihm zu ſpielen: aber dieſe Vorſichtsmaßregel war unnöthig; der Stolz, ſich in Männerkleidern zu ſehen, hielt ihn wach. Die Wagen, welche man insgeheim angeſpannt hatte, als ſollten ſie die Frau Vicomteſſe von Cambes nach Paris bringen, wurden unter eine dunkle Allee von Kaſtanienbäumen geführt, wo man ſie unmög⸗ lich wahrnehmen konnte, und wo fie mit geöffneten Schlägen und die Kutſcher auf den Sitzen nur zwanzig Schritte von dem Hauptgitter ſtille ſanden. Man war⸗ tete nur noch auf das Signal, das eine Fanfare von Hörnern geben ſollte. Die Augen auf die Pendeluhr gerichtet, welche zehn Uhr weniger fünf Minuten be⸗ zeichnete, ſtand die Frau Prinzeſſin bereits auf und ging auf den Herrn Herzog von Enghien zu, um ihn bei der Hand zu nehmen, als ſich plötzlich die Thüre öffnete und Lenet mehr in das Zimmer ſtürzte, als eintrat. Sobald die Frau Prinzeſſin ſein bleiches Geſicht und ſeinen verſtörten Blick wahrnahm, erbleichte ſie ebenfalls. „Ohl mein Gott,“ ſagte ſie, ihm entgegengehend, „was habt Ihr, was gibt es?“ „Ich habe,“ ſtammelte Lenet mit einer von der Aufregung zuſammengepreßten Stimme,„daß ein Edel⸗ mann angekommen iſt.... und Euch im Auftrag des Königs zu ſprechen verlangt.“ „Großer Gott!“ rief die Frau Prinzeſſin,„wir find verloren! Mein lieber Lenet, was iſt zu thun? „Nur Eines.“ 213 „Was?“. „Wir müſſen den Herrn Herzog von Enghien ſo⸗ gleich auskleiden und Pierrot ſeine Kleider anziehen laſſen.“ „Aber ich will nicht, daß man mir meine Kleider auszieht, um ſie Pierrot zu geben!“ rief der junge Prinz, bereit, ſchon bei dieſem Gedanken allein in Thrä⸗ nen zu zerfließen, während Pierrot im Uebermaße ſei⸗ ner Freude unrichtig gehört zu haben befürchtete. „Es muß ſein, Monſeigneur,“ ſprach Lenet mit dem mächtigen Tone, den man bei ernſten Gelegen⸗ heiten findet, und der ſelbſt auf ein Kind Eindruck zu machen im Stande iſt, oder man wird im Augenblick Euch und Eure Mama in daſſelbe Gefängniß führen, in welchem der Prinz, Euer Vater, eingeſperrt iſt.“ Der Herzog von Enghien ſchwieg, während Pier⸗ rot im Gegentheil, unfähig, ſeine Gefühle zu bemei⸗ ſtern, ſich einem unſäglichen Ausbruche der Freude und des Stolzes überließ. Man fuhrte Beide in einen Saal in der Nähe der Kapelle, wo die Metamorphoſe vor ſich gehen ſollte. „Zum Glück,“ ſprach Lenet,„zum Glück iſt die Frau Wittwe hier, ſonſt wären wir von Mazarin ge⸗ ſchlagen.“ „Warum dies?“ „Weil der Bote mit einem Beſuche bei der Frau Wittwe anfangen mußte, in deren Vorzimmer er ſich in dieſem Augenblicke befindet.“ „Aber dieſer Bote des Königs iſt ohne Zweifel nur ein Aufſeher, ein Spion, den uns der Hof ſchickt?“ „Eure Hoheit hat es geſagt.“ „Dann hat er den Befehl, uns ſtreng zu be⸗ wachen.“ „Ja, aber was iſt Euch daran gelegen, wenn er nicht Euch bewacht!“ „Ich begreife Euch nicht, Lenet.“ Lenet lächelte, g 214 „Ich begreife mich, Madame, und ſtehe für Alles. Laßt Pierrot als Prinzen kleiden und den Prinzen als Härier Ich übernehme es, Pierrot ſeine Lection zu ehren.“ „Oh, mein Gott, meinen Sohn allein reiſen laſſen!“ „Euer Sohn, Madame, wird mit ſeiner Mutter reiſen.“ „Unmöglich.“ „Warum? Wenn man einen falſchen Herzog von Enghien gefunden hat, ſo wird man auch eine falſche „Oh, vortrefflich! ich begreife, mein guter Lenet, mein lieber Lenet; aber wer wird mich vorſtellen?“ fügte die Prinzeſſin mit einer gewiſſen Unruhe bei. „Seid unbeſorgt, Madame,“ antwortete der un⸗ ſtörbare Rath,„die Prinzeſſin von Condé, der ich mich Man vernehme, wie ſich die Scene ereignet hatte, von der Lenet der rinzeſſin Meldung machte. Während die Edelleute in dem Feſtſaale zu trinken, die Geſundheiten der Herren Prinzen auszubringen und Mazarin zu verfluchen fortfuhren, während Lenet in ſeinem Cabinet mit Cauvignac um den Tauſch des Blanquetts handelte, während endlich die Frau Prin⸗ zeſſin ihre letzten Vorkehrungen zur Abreiſe traf, hatte ſich ein Reiter, gefolgt von einem Lackeien, an dem Hauptthore des Schloſſes gezeigt und geläutet. Der Portier öffnete, aber hinter dem Portier fand der Ankömmling den uns bekannten Hellebardier. „Woher kommt Ihr?“ fragte dieſer. „Von Nantes,“ antwortete der Reiter. Bis dahin ging Alles gut. t „Wohin geht Ihr?“ fuhr der Hellebardier fort, 20K8 ³⏑ᷣ B⁸— ½ 215 „Zu der Frau Prinzeſſin Wittwe von Condé, ſo⸗ dann zu der Frau Prinzeſſin und endlich zu dem Herrn Herzog von Enghien.“ Man darf nicht herein,“ ſprach der Hellebardier und ſtreckte ſeine Hellebarde quer vor. „Befehl des Königs,“ erwiederte der Reiter und zog ein Papier aus ſeiner Taſche. Bei dieſen furchtbaren Worten ſenkte ſich die Hel⸗ lebarde, die Schildwache rief, ein Offizier des Hauſes lief herbei, der Bote übergab ſein Beglaubigungsſchreiben und wurde ungeſäumt in die fürſtlichen Gemächer ein⸗ geführt. Zum Glücke war Chantilly groß und die Gemä⸗ cher der Frau Herzogin Wtiwe lagen fern von der Gallerie, wo die letzten Scinen des lärmenden Ban⸗ ketts vorfielen, deſſen erſten Theil wir ſkizzirt haben. Hätte der Bote zuerſt vie Frau Prinzeſſin und ihren Sohn zu ſehen verlangt, ſo wäre wirklich Alles verloren geweſen. Aber der Etiquetie gemäß mußte er vorher die Frau Prinzeſſin Mutter begrüßen. Der erſte Kammerdiener ließ ihn alſo in ein großes, an das Schlafgemach Ihrer Hoheit anſtoßendes, Cabinet ein⸗ zum dritten Male zur Ader gelaſſen. Ich will ihr Euere Ankunft melden und werde in einer Minute die Ehre haben, Euch einzuführen.“ Der Bote machte ein einwilligendes Zeichen mit dem Kopfe und blieb allein, ohne wahrzunehmen, daß durch das Schlüſſelloch drei Köpfe hinter einander neu⸗ gierig ſein Benehmen belauerten und ihn zu erkennen ſuchten. 1 Es war zuerſt Lenet; dann Vialas, der Stallmei⸗ ſter des Prinzen, und endlich La Rouſſière, der Kapi⸗ tän der Jagden. Falls der Eine oder der Andere den 216 Boten erkannt hätte, wäre er unter dem Vorwande, ihm Geſellſchaft zu leiſten, eingetreten und hätte ihn angeredet, um ihn zu unterhalten und um Zeit zu gewinnen. Aber Keiner kannte denjenigen, welchen gut auf⸗ zunehmen man ein ſo großes Intereſſe hatte. Es war ein hübſcher junger Mann in Infanterie⸗Uniform; er betrachtete mit einer Gleichgültigkeit, welche man leicht für einen Widerwillen gegen ſeine Senrung hätte hal⸗ ten können, die Familienporträts und die Ausſtattung des Cabinets, wobei er beſonders vor dem im glän⸗ zendſten Augenblick ihrer Schönheit und Jugend gemal⸗ ten Porträt der Wittwe ſlehen blieb, bei der er ein⸗ geführt werden ſollte. 4 * Seinem Verſprechen getreu, ſuchte der Kamerdiener nach Verlauf von wenigen Minuten den Boten wieder auf, um ihn zu der Prinzeſſin Wittwe zu führen. Charlotte von Montmorency hatte ſich aufrecht ge⸗ ſetzt: ihr Arzt Bourdelot verließ ſo eben ihr Lager; er begegnete dem Officier auf der Schwelle und machte ihm eine ſehr ceremoniöſe Verbeugung, die der Officier auf dieſelbe Weiſe erwiederte. Als die Prinzeſfin die Tritte des Beſuches und die Worte hörte, dieer mit dem Arzte wechſelte, machte ſie ein raſches Zeichen gegen den Bettgang, und der Vorhang mit den ſchweren Franſen, der das Bett mit Ausnahme der Seite umhüllte, welche die Prinzeifin geöffnet hatte, um den Beſuch zu empfangen, bewegte ſich ein paar Sekunden lang unmerklich. In dem Bettgange der Prinzeſſin befanden ſich wirklich die junge Prinzeſſin von Condé, welche durch eine geheime, in dem Täfelwerk angebrachte Thüre ein⸗ getreten war, und Lenet, den es drängte, ſchon am An⸗ fang der Unterredung zu erfahren, was der Bote des Rönis bei den Prinzeſſinnen in Chantilly machen önnte.. Der Officier trat drei Schritte in das Zimmer ———— 217 und verbeugte ſich mit einer Ehrfurcht, welche nicht allein eine Folge der Etiquette⸗Vorſchriften war. Die Frau Wittwe hatte ihre großen Augen mit der ſtolzen Miene einer in Zorn geratbenden Königin erweitert: ihr Stillſchweigen war von Stürmen ſchwan⸗ ger. Ihre mattweiße Hand, welche durch den drei⸗ fachen Aderlaß noch weißer geworden war, machte dem Deimn ein Zeichen, die Depeche zu übergeben, welche er rachte. Der Bote ſtreckte ſeine Hand gegen die der Prin⸗ zeſſin aus und leate achtungsvoll in dieſelbe den Brief von Anna von Oeſterreich; dann wartete er, bis die Prinzeſſin die vier Zeilen, welche derſelbe enthielt, ge⸗ leſen hatte. „Sehr gut!“ murmelte die Prinzeſſin, das Papier mit einer Kaltblütigkeit ſchließend, welche zu groß war, um nicht geheuchelt zu ſein, ich begreife die Abſicht der Köniain, ſo ſehr ſie auch in höfliche Worte gehüllt iſt: ich bin Euere Gefangene“ „Madame!“ rief der Officier verlegen. „Eine leicht zu bewachende Gefangene, mein Herr,“ fuhr Frau von Condé fort,„denn ich bin nicht im Stande, weit zu fliehen, und habe, wie Ihr bei Euerem Ein⸗ tritte ſehen konntet, einen ſtrengen Wächter, meinen Arzt, Herrn Bourdelot.“ Als die Prinzeſſin dieſe Worte geſprochen hatte, heſtete ſie ihren Blick feſter auf ven Boten, deſſen Züge ihr ſo angenehm erſchienen, daß ſie den bittern Em⸗ pfang etwas milderte, den ſie einem ſolchen Befehle ſchuldig zu ſein glaubte.. „Ich wußte,“ fuhr ſie fort,„daß Herr von Ma⸗ zarin vieler unwürdigen Gewaltthaten fähig iſt, aber ich hielt ihn nicht für ſo furchtſam, daß er vor einer alten, kranken Frau, vor einer armen Wittwe und einem Kinde bange haben könnte, denn ich ſetze vor⸗ aus, daß der Befehl, deſſen Ueberbringer Ihr ſeid, 218 auch die Prinzeſſin meine Schwiegertochter und den Herzog meinen Enkel betrifft.“ „Madame,“ erwiederte der junge Mann, Nich wäre in Verzweiflung, wenn mich Euere Hoheit nach der Sendung beurtheilen würde, die ich unglücklicher Weiſe zu erfüllen genöthigt bin. Ich kam in Nantes als Ueberbringer einer Botſchaft für die Königin an. Die Nachſchrift des Sendſchreibens empfahl den Boten Ihrer Majeſtät: die Königin hatte ſodann die Gnade, mich in ihrer Nähe bleiben zu heißen, in Betracht, daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit meiner Dienſte bedür⸗ fen würde. Zwei Tage nachher ſchickte mich die Köni⸗ gin hieher; aber wenn ich auch, wie es meine Pflicht war, die Sendung übernahm, mit der mich Ihre Ma⸗ jeſtät zu beauftragen geruhte, ſo wage ich es doch, zu bemerken, daß ich nicht darum nachgeſucht hatte, und daß ich ſie ſogar ausgeſchlagen haben würde, wenn die Könige Weigerungen zu ertragen vermöchten.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich der Officier zum zweiten Male ſo ehrfurchtsvoll, als er es das erſte Mal gethan hatte. „Euere Erklärung betrachte ich als ein gutes Vor⸗ zeichen, und ich hoffs, ſeitdem Ihr ſie mir gegeben habt, in Ruhe krank ſein zu können. Doch keine falſche Scham, mein Herr, ſagt mir ſogleich die Wahrheit. Wird man mich ſogar in meinem Zimmer bewachen, wie man es meinem armen Sohne in Vincennes macht? Werde ich das Recht haben, zu ſchreiben, und wird man meine Briefe unterſuchen oder nicht? Erlaubt mir dieſe Krankheit, wider allen Anſchein, je wieder aufzuſtehen, wird man meine Spaziergänge beſchränken?“ „Madame,“ antwortete der Officier,„hört den Befehl, den die Königin mir ſelbſt zu geben die Gnade gehabt hat.. „„Geht,““ ſprach Ihre Majeſtät,„verfichert meine Baſe Condé, ich werde für die Herren Prinzen Alles thun, was die Sicherheit des Staates mir zu thun ge⸗ 71 2—— ½.—*O— 8 ˙ 219 ſtattet. Ich bitte ſie durch dieſen Brief, einen von meinen Officieren zu empfangel, der als Vermittler zwiſchen mir und ihr für die Botſchaften dienen mag, die ſie mir zukommen laſſen will. Dieſer Officier,““ fügte die Konigin bei,„werdet Ihr ſein.““ „Dies, Madame,“ fuhr der junge Mann ſtets mit denſelben ehrfurchtsvollen Kundgebungen fort,„dies ſind die eigenen Worte Ihrer Majeſtät.“ Die Prinzeſſin hatte dieſe Erzählung mit der Auf⸗ merkſamkeit angehört, die man anwendet, um in einer diplomatiſchen Note den Sinn zu erhaſchen, der oft aus einem Worte, ſo oder anders geſtellt, oder aus einem da oder dort angebrachten Komma entſpringt. Nach kurzem Nachdenken kniff ſich die Prinzeſſin, ohne Zweifel in dieſer Botſchaft Alles das ſehend, was fie von Anfang darin zu ſehen befürchtet hatte, nämlich⸗ eine unmittelbare Späherei, in die Lippen und ſprach: „Ihr werdet in Chantilly wohnen, mein Herr, wie es die Königin wünſcht, und möget überdies ſa⸗ gen, welche Gemächer Euch angenehmer und bequemer ſind, um Euren Auftrag zu erfüllen, und dieſe Gemä⸗ cher ſollen die Eurigen ſein.“ „Madame“ antwortete der Bote, leicht die Stirne faltend,„ich habe die Ehre gehabt, Euerer Hoheit viele Dinge zu erklären, welche nicht in meinen Inſtructionen lagen. Ich bin zwiſchen dem Zorne Euerer Hoheit und dem Willen der Königin als ein armer Offizier und beſonders als ein ſchlechter Höfling in einer gefähr⸗ lichen Stellung. Indeſſen ſcheint es mir, Euere Hoheit könnte einen Beweis von Großmuth geben, indem ſie davon abſtünde, einen Mann zu demüthigen, der nur ein leidendes Werkzeug iſt. Es iſt ärgerlich für mich, daß ich zu thun habe, was ich thue; aber die Königin hat befohlen, und es iſt an mir, gewiſſenhaft den Befeh⸗ len der Königin Folge zu leiſten. Ich hätte dieſes Geſchäft nicht verlangt, ich wäre glücklich geweſen⸗ 220 würde man es einem Andern übertragen haben: das heißt, wie es mir ſcheint, genug geſagt.“ Und der Officier erhob ſein Haupt mit einer Röthe, welche eine ähnliche Röthe auf der ſtolzen Stirne der Prinzeſſin hervorrief. Mein Herr,“ erwiederte ſie,„auf welche Rangſtufe der Geſellſchaft wir auch geſtellt ſein mögen, wir ſind, wie Ihr ſagt, Ihrer Majeſtät Gehorſam ſchuldig. Ich werde alſo das Beiſpiel, das Ihr mir gebt, beſfolgen und wir werden ihr gehorchen. Aber Ihr müßt wohl begreifen, wie hart es iſt, einen würdigen Edelmann Eurer Art nicht bei ſich aufnehmen zu können, ohne frei zu ſein, ihm nach Belieben die Ehren des Hauſes erweiſen zu können. Von dieſem Augenblicke an ſeid Ihr Herr hier. Befehlt.“ Der Officier machte eine tiefe Verbeugung vor der Prinzeſſin und ſprach: Gott verhüte, daß ich die Entfernung, die mich von Euerer Hoheit trennt, und die Achtung vergeſſe, die ich ihrem Hauſe ſchuldig bin. Euere Hoheit wird zu befehlen fortfahren, und ich werde der erſte ihrer Die⸗ ner ſein.“ Nach dieſen Worrten entfernte ſich der junge Edel⸗ mann ohne Verlegenheit, ohne fin knechtiſches Beneh⸗ men, ohne Hochmuth, und ließ die Wittwe bewegt von einem Zorne zurück, der um ſo heftiger war, als ſie ſich nicht an einen ſo beſcheidenen und ehrfurchts⸗ vollen Boten halten konnte. Mazarin bildete auch an dieſem Abend den Ge⸗ genſtand des Geſpräches. Der Miniſter wäre von die⸗ ſem Bettgange aus niedergeſchmettert worden, hätten Verwünſchungen die Macht zu tödten, wie Wurfgeſchoß. Der Edelmann fand im Vorzimmer den Lackei, der ihn eingeführt hatte. „Mein Herr,“ ſagte dieſer, ſich dem Boten nä⸗ hernd,„die Frau Prinzeſſin von Condé, von der Ihr Euch eine Audienz im Auftrage der Königin erbeten 89 †———— 8 R RẼ 221 habt. willigt ein, Euch zu empfangen. Wollt mir olgen.“ Der Officier begriff dieſe Wendung, welche dazu diente, den Stolz der Prinzeſſinnen zu retten, und er ſchien ſo dankbar für die Gunſt, die man ihm erzeigte, als wäre dieſe Gunſt nicht durch höhern Befehl aufer⸗ legt worden. Hinter dem Kammerdiener die Gemächer durchſchreitend, gelangte er zu der Thüre des Schlaf⸗ zimmers der Prinzeſſin. Hier wandte ſich der Kammerdiener um und ſprach: „Die Frau Prinzeſſin hat ſich bei ihrer Rückkehr von der Jagd zu Bette begeben, und da ſie ſehr müde iſt, ſo wird ſie Euch liegend empfangen. Wen ſoll ich Ihrer Hoheit melden 2„ „Meldet den Herrn Baron von Canolles im Auf⸗ trage Ihrer Majeſtät der Königin Regentin,“ erwie⸗ derte der junge Edelmann. Bei dieſem Namen, den die angebliche Prinzeſſin von ihrem Bette aus hörte, machte ſie eine Bewe⸗ gung des Erſtaunens, welche, wenn ſie geſehen wor⸗ den wäre, ihre Identität bedeutend gefährdet haben würde. Sie ſchlug raſch mit der rechten Hand den Spitzenbeſatz ihrer Haube auf die Augen vor, während ſie mit der linken die reiche Decke ihres Bettes bis an das Kinn zog, und rief mit bebender Stimme: „Laßt ihn eintreten!“ 1 Der Officier trat ein. XI. Man führte Canolles in ein weites, mit einer düſteren Tapete ausgeſchlagenes Gemach, das nur von einer Nachtlampe beleuchtet war, welche auf einer Con⸗ ſole zwiſchen den zwei Fenſtern ſtand. Bei dem ſchwa⸗ 222 chen Lichte, das ſie verbreitete, konnte man jedoch über der Lampe ein großes Gemälde erſchauen, welches eine Frau in Lebensgröße, ein Kind an der Hand haltend, darſtellte. In der Vertiefung eines geräumigen Alko⸗ vens, in welchen kaum der matte, zitternde Schein drang, unterſchied man unter den ſchweren Vorhängen eines Bettes die Frau, auf welche der Name des Baron von Canolles eine ſo ſeltſame Wirkung hervor⸗ gebracht hatte. Der Edelmann begann wieder die gewöhnlichen Förmlichkeiten, d. h. er machte gegen das Bett die drei vorgeſchriebenen Schritte, verbeugte ſich und machte dann noch drei. Die zwei Kammerfrauen, welche ohne Zweifel Frau von Condé beim Zubettegehen gehol⸗ fen hatten, entfernten ſich, der Kammerdiener verſchloß die Thüre wieder, und Canolles befand ſich mit der Prinzeſſin allein. Es war nicht an Canolles, das Geſpräch zu be⸗ ginnen. Er wartete alſo, daß man das Wort an ihn richten würde; da aber die Prinzeſſin ihrerſeits ein hartnäckiges Stillſchweigen beobachten zu wollen ſchien, ſo dachte der Officier, es wäre beſſer, über die Schick⸗ lichkeit wegzugehen, als länger in einer ſo peinlichen Lage zu verharren. Er verhehlte ſich indeſſen nicht, daß ver Sturm, welcher noch in dieſem verächtlichen Stillſchweigen zuſammengehalten würde, ohne Zweifel bei den erſten Worten losbrechen ſollte, und daß er einen zweiten Zorn einer Prinzeſſin, noch furchtbarer als der erſte, inſofern ſie jünger und intereſſanter war, auszuhalten haben würde. Aber gerade das Uebermaß der Schmach, die man ihm anthat, machte den jungen Mann kuhn, und ſich zum dritten Male nach Maßgabe der Umſtände, d. h. ſteif und abgemeſſen verbeugend, was als ein Vor⸗ zeichen der ſchlimmen Laune betrachtet werden konnte, welches ſein gascogniſches Gehirn erhitzte, ſprach er: „Madame, ich habe die Ehre gehabt, im Auftrage SERZESS —— 8B9— 1u 1ASRÖ g 223 Ihrer Majeſtät der Königin Regentin mir eine Audienz von Eurer Hoheit zu erbitten; Eure Hoheit hatte die Gnade, mir ſie zu bewilligen. Will ſie nun das Maß ihrer Gute voll machen, indem ſie mir durch ein Wort, durch ein Zeichen kundgibt, daß ſie meine Gegenwart zu bemerken die Gnade gehabt hat und mich zu hören bereit iſt? Eine Bewegung hinter den Vorhängen und unter der Decke verkündigten Canolles, daß man ihm ant⸗ worten würde. Es ließ ſich in der That eine beinahe erſtickte Stimme hören, ſo groß war die Aufregung derſelben. „Sprecht, mein Herr,“ ſagte dieſe Stimme,„ich höre Euch.“ 4 Canolles nahm einen redneriſchen Ton an und begann: „Ihre Majeſtät die Königin ſchickt mich zu Euch, Madame, um Eurer Hoheit ihr Verlangen auszudrü⸗ cken, ihre freundſchaftliche Verbindung mit Euch fort⸗ zuſetzen.“ Es ging eine ſichtbare Bewegung hinter dem Bette vor. Die Prinzeſſin unterbrach den Redner und ſagte mit bebender Stimme: Mein Herr, ſprecht nicht mehr von der Freund⸗ ſchaft, welche zwiſchen Ihrer Majeſtät der Königin und dem Hauſe Condé herrſcht; es finden ſich Beweiſe vom Gegentheil in den Kerkern von Vincennes.“ „Ah!“ dachte Canolles,„es ſcheint, ſie haben ſich das Wort gegeben und werden mir alle daſſelbe wie⸗ derholen.“ Während dieſer Zeit bewerkſtelligte ſich eine neue Bewegung, welche der Bote in Folge ſeiner peinlichen Lage nicht wahrnahm, in dem Gange hinter dem Bett. Die Prinzeſſin fuhr fort: „Zur Sache, mein Herr, was wollt Ihr?“ „Ich will nichts, Madame,“ ſprach Canolles, ſich hoch aufrichtend.„Ihre Majeſtät die Königin will, daß ich in dieſes Schloß dringe, daß ich, ſo unwürdig 224 ich auch dieſer Ehre bin, Euerer Hoheit Geſellſchaft leiſte, und ſo viel in meinen Kräften ſteht, dazu bei⸗ trage, die gute Eintracht zwiſchen den Prinzen des kö⸗ niglichen Geblüts wiederherzuſtellen, welche ſich ohne Grund in einer ſo ſchmerzlichen Zeit entzweit haben.“ „Ohne Grund!“ rief die Prinzeſſin,„Ihr be⸗ hauptet, unſer Bruch habe keinen Grund?“ „Vergebt, Madame,“ verſetzte Canolles,„ich be⸗ haupte nichts, ich bin nicht Richter, ich bin nur Dol⸗ metſcher.“ „Und mittlerweile, bis ſich dieſe Eintracht wieder⸗ herſtellte, läßt mich die Königin beſpähen unter dem Vorwande...“ „Alſo bin ich ein Späher!“ ſprach Canolles mit bitterem Tone,„das Wort iſt heraus! Ich danke Eurer Hoheit für ihre Freimüthigkeit.“ Und in der Verzweiflung, die ſich ſeiner zu be⸗ mächtigen anfing, machte Canolles eine von den ſchö⸗ nen Bewegungen, welche mit ſo vieler Begierde die Maler für ihre lebloſen Gemälde, die Schauſpieler für ihre lebenden Bilder ſuchen. „Es iſt alſo feſtgeſtellt, ich bin ein Spion,“ fuhr Canolles fort.„Wohl, Madame, wollt mich behan⸗ deln, wie man ſolche Elende behandelt; vergeßt, daß ich der Geſandte einer Königin bin, daß dieſe Königin für alle meine Handlungen verantwortlich iſt, daß ich nur ein ihrem Hauche gehorchendes Atom bin. Laßt mich durch Eure Lackeien fortjagen, laßt mich durch Eure Edelleute tödten, ſtellt mir Leute gegenüber, denen ich mit dem Stock oder mit dem Degen antworten kann; wollt aber nicht ſo grauſam einen Officier be⸗ leidigen, welcher zugleich ſeine Pflicht als Soldat und als Unterthan erfüllt, Ihr, Madame, die Ihr durch die Geburt, das Verdienſt und das Unglück ſo hoch geſtellt ſeid!“ Dieſe Worte, dem Herzen entſprungen, ſchmerzlich wie ein Seufzer, ſcharf wie ein Vorwurf, mußten ihre 225 Wirkung hervorbringen und brachten ſie auch hervor. Als die Prinzeſſin dieſelben gehört hatte, erhob ſie ſich, ſtützte ſich auf den Ellenbogen und ſprach, die Augen glänzend, die Hand zitternd, und mit einer Geberde voll Bangigkeit gegen den Boten: „Es iſt bei Gott entfernt nicht meine Abſicht, einen ſo braven Edelmann wie Ihr ſeid zu beleidigen. Nein, Herr von Canolles, ich hege keinen Verdacht gegen Eure Rechtſchaffenheit; rügt meine Worte, ſie ſind verletzend, ich gebe es zu, doch ich wollte Euch nicht verletzen; nein, nein, Ihr ſeid ein edler Cava⸗ lier, Herr Baron, und ich laſſe Euch volle Gerechtig⸗ keit widerfahren.“ Und da die Prinzeſſin, um dieſe Worte zu ſpre⸗ chen, ohne Zweifel fortgezogen durch die edelmüthige Bewegung, welche dieſelben ihrem Herzen entriß, ſich aus dem Schatten des Himmels, den die dicken Vor⸗ hänge bildeten, vorgebeugt hatte, da man ihre weiße Stirne unter der Haube, ihre in Flechten herabhän⸗ genden blonden Haare, ihre glühend rothen Lippen, ihre feuchten, ſanften Augen hatte ſehen können, ſo bebte Canolles; denn es zog ihm vor ſeinen Augen wie eine Viſion vorüber, und er glaubte abermals einen Wohlgeruch einzuathmen, der ihn ſchon in der Erinnerung berauſchte. Es kam ihm vor, als öffnete ſich eines von jenen goldenen Thoren, durch welche die Träume einziehen, um ihm den beflügelten Schwarm lachender Gedanken und Liebesfreuden zuzuführen. Sein Blick fiel ſicherer und klarer auf das Bett der Prin⸗ zeſſin, und in dem kurzen Raume einer Sekunde, wäh⸗ rend des raſchen Schimmers eines Blitzes, der die ganze Vergangenheit beleuchtete, erkannte er in der vor ihm liegenden Prinzeſſin den Vicomte von Cambes. Seine Auffegung war ſeit einigen Augenblicken ſo groß, daß die falſche Prinzeſſin ſie auf Rechnung des ärgerlichen Vorwurfes ſetzen konnte, der ihm ſo wehe gethan hatte. Und da ihre Bewegung, wie geſagt, nur Der Frauenkrieg. J. 15 226 einen Moment gedauert hatte, da ſie bemüht geweſen war, ſogleich wieder in den Halbſchatten zurückzukehren, ihre Augen abermals zu verſchleiern, raſch ihre ſo weiße und zarte Hand, welche ihr Incognito verrathen konnte, zu verbergen, ſo verſuchte ſie es, nicht ohne eine gewiſſe innere Erſchütterung, aber wenigſtens ohne äußere Unruhe, das Geſpräch wieder anzuknüpfen, wo ſie es gelaſſen hatte. 3„Ihr ſagtet alſo, mein Herr?“ ſprach die junge rau... Doch Canolles war geblendet, bezaubert; die Vi⸗ ſionen zogen vor ſeinen Augen hin und her; ſeine Ge⸗ danken wirbelten, er verlor das Gedächtniß, den Ver⸗ ſtand; er war im Bexgriff, die Achtung zu ver⸗ lieren und zu fragen. Ein einziger Inſtinkt, vielleicht derjenige, welchen Gott in das Herz der Liebenden gé⸗ legt hat, den die Frauen Schüchternheit nennen und der nur Geiz iſt, rieth Canolles, noch Verſtellung zu üben, zu warten, ſeinen Traum nicht zu verlieren, nicht durch ein unkluges, zu ſchnell entfahrenes Wort das Glück ſeines ganzen Lebens zu gefährden.— Er fügte keine Geberde, keine Sylbe dem bei, was er genau ſagen und thun wollte. Großer Gott! was ſollte aus ihm werden, wenn dieſe erhabene Prin⸗ zeſſin ihn erkennen, in ihrem Schloſſe Chantilly einen Abſcheu gegen ihn faſſen würde, wie ſie Mißtrauen in dem Gaſthauſe des Meiſter Biscaros gegen ihn gefaßt hatte; wenn ſie auf die bereits aufgegebene Anklage zurückkäme und glaubte, er wolle mit einem offtztellen Titel, mit einem königlichen Titel ausgerüſtet Verfol⸗ gungen fortſetzen, welche gegen den Vicomte oder die Vicomteſſe von Cambes verzeihlich, aber beinahe frech und verbrecheriſch waren, wenn es ſich um eine Prin⸗ zeſſin von Geblüt handelte. „Aber,“ dachte er plötzlich,„iſt es möglich, daß eine Prinzeſſin von dieſem Namen, von dieſem Range allein mit einem einzigen Diener reiſte?“ Und wie es immer bei einer ſolchen Gelegenheit geſchieht, wo ſich der ſchwankende, geſtörte Geiſt auf etwas zu ſtützen ſucht, ſo ſchaute Canolles verwirrt um ſich her, und ſeine Augen hefteten ſich auf das Porträt der ihren Sohn an der Hand haltenden Frau. Bei dieſem Anblick durchzuckte plötzlich ein Licht ſeinen Geiſt, und unwillkührlich machte er einen Schritt, um ſich dem Gemälde zu nähern. Die falſche Prinzeſſin konnte ſich ihrerſeits eines leichten Schreies nicht enthalten, und als ſich Canolles bei dieſem Schrei umwandte, ſah er, daß ihr bereits verſchleiertes Geſicht nunmehr völlig maskirt war. „Oh, oh!“ fragte Canolles ſich ſelbſt,„was ſoll das bedeuten? Entweder iſt es die Prinzeſſin, die ich auf dem Wege von Bordeaux getroffen habe, oder man bethört mich durch eine Liſt, und ſie iſt es nicht, welche in, dieſem Bette liegt. In jedem Fall werden wir ehen.“ „Madame,“ ſprach er plötzlich,„ich weiß nun, was ich von Euerem Stillſchweigen denken muß, und ich habe erkannt...“ „Was habt Ihr erkannt?“ rief lebhaft die Dam⸗ im Bett. „Ich habe erkannt,“ erwiederte Canolles,„daß ich ſo unglücklich war, Euch dieſelbe Meinung einzuflößen⸗ die ich bereits der Frau Prinzeſſin Wittwe einflößte.“ „Ah,“ machte unwillkührlich die Stimme mit einem Seufzer der Erleichterung. Der Satz von Canolles war keineswegs logiſch und bildete ſogar eine Abweichung in dem Geſpräch; aber der Schlag war gethan. Canolles hatte die ängſt⸗ liche Bewegung bemerkt, die ihn früher unterbrach, und 4 die freudige Bewegung, welche ſeinen letzten Worten zu Theil wurde.— „Nur,“ fuhr der Officier fort,„nur bin ich dar⸗ um nicht minder genöthigt, Euerer Hoheit zu ſagen, ſo unangenehm mir auch die Sache ſein mag, daß ich im 228 Schloſſe bleiben und Euere Hoheit überall, wohin es ihr zu gehen belieben wird, begleiten muß.“ „Alſo kann ich nicht einmal in meinem Zimmer allein ſein?“ rief die Prinzeſſin.„Oh, mein Herr, das iſt mehr als unwürdig!“ „Ich habe Euerer Hoheit bereits bemerkt, daß ſo meine Inſtructionen lauten; aber Euere Hoheit mag ſich beruhigen,“ fügte Canolles, einen durchdringenden Blick auf die Dame des Bettes heftend und jedes Wort be⸗ ſonders betonend, bei:„ſie muß beſſer als irgend Je⸗ mand wiſſen, daß ich der Bitte einer Frau Folge zu leiſten verſtehe.“ „Ich!“ rief die Prinzeſſin mit einem Tone, in welchem mehr Verlegenheit als Erſtaunen lag.„In der That, mein Herr, ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt. Ich kenne die Umſtände nicht, auf die Ihr anſpielt.“”0 „Madame,“ fuhr der Officier ſich verbeugend fort,„ich glaubte, der Kammerdiener, der mich ein⸗ führte, hätte Euerer Hoheit meinen Namen genannt. Ich bin der Baron von Canolles.“ „Wohl!“ ſprach die Prinzeſſin mit zlemlich feſter Stimme,„was iſt mir daran gelegen, mein Herr?“ „Ich glaubte bereits die Ehre gehabt zu haben, Euerer Hoheit angenehm zu ſein.“ „Mir, ich bitte, wie dies?“ fragte die Stimme mit einer Unruhe, welche Canolles an einen gewiſſen ſehr zornigen, aber zugleich ſehr furchtſamen Ton erin⸗ nerte, der in ſeinem Gedächtniß geblieben war. Canolles dachte, er ſei weit genug gegangen; über⸗ dies war er beinahe ſicher in ſeiner Meinung. „Indem ich meine Inſtructionen nicht nach dem Buchſtaben erfüllte,“ erwiederte er mit der Miene der tiefſten Achtung. Die Prinzeſſin ſchien beruhigt und ſprach: „Mein Herr, ich will Euch nicht zu einem Ver⸗ — 5 ͤ-dͤ=ͤ——— —E 229 gehen veranlaſſen. Erfüllt Eure Inſtructionen, wie ſie auch lauten mögen.“ „Madame,“ verſetzte Canolles,„ich weiß zum Glücke noch nicht, wie man eine Frau verfolgt, alſo noch viel weniger, wie man eine Prinzeſſin beleidigt. Ich habe daher die Ehre, Euerer Hoheit zu wiederholen, was ich bereits der Frau Prinzeſſin Wittwe ſagte: ich wäre ihr unterthänigſter Diener.... Habt die Gnade, mir Euer Wort zu geben, daß Ihr das Schloß nicht ohne meine Geſellſchaft verlaſſen werdet, und ich be⸗ freie Euch von meiner Gegenwart, welche, ich begreife es wohl, Euerer Hoheit verhaßt ſein muß.“ 3 rlder mein Herr, dann vollzieht Ihr nicht Eure Befehle?“ 3 ſgta35 werde thun, was mich mein Gewiſſen thun eißt.“ 3 „Herr von Canolles,“ ſprach die Stimme,„ich ſchwöre Euch, Chantilly nicht zu verlaſſen, ohne Euch zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Dann, Madame,“ ſagte Canolles, ſich bis zur Erde verbeugend,„dann verzeiht mir, daß ich die un⸗ willkührliche Urſache Eures Zornes geweſen bin. Euere Hoheit wird mich nur wiederſehen, wenn ſie mich rufen läßt.“ „Ich danke Euch, Baron,“ ſprach die Stimme mit einem freudigen Ausdrucke, welcher ſein Echo in dem Bettgange zu haben ſchien.„Geht, geht, ich danke Euch; morgen werde ich das Vergnügen haben, Euch wiederzuſehen.“ Diesmal erkannte der Baron, um ſich nicht ferner zu täuſchen, die Stimme, die Augen und das unbe⸗ ſchreiblich wollüſtige Lächeln des reizenden Weſens, das ihm an dem Abend, wo der unbekannte Reiter ihm den Befehl des Herzogs von Epernon überbracht hatte, gleichſam durch die Hände geſchlüpft war. Es waren jene unfaßbaren Ausſtrömungen, welche die Luft mit Wohlgerüchen ſchwängern, die das geliebte Weib ein⸗ 230 athmet, es war der warme Dunſt, der ein Körper iſt, deſſen Umriſſe die liebende Seele zu umarmen glaubt, — eine erhabene Anſtrengung der Einbildungskraft, dieſer launenhaften Fee, die ſich durch die Idealität nährt, wie ſich die Materie durch das Poſitive nährt. Ein letzter Blick auf das Porträt, ſo ſchlecht es auch beleuchtet war, zeigte dem Baron, deſſen Augen ſich überdies an dieſe Halbdunkelheit zu gewöhnen an⸗ fingen, die Adlernaſe der Maillé, die ſchwarzen Haare und das tiefliegende Auge der Prinzeſſin, während die Frau vor ihm, welche den erſten Akt der von ihr un⸗ ternommenen ſo ſchwierigen Rolle geſpielt hatte, ein hervorſtehendes Auge, eine gerade Naſe mit weiten Oeffnungen, einen im Winkel durch die Gewohnheit des Lächelns ausgehöhlten Mund und jene runden Wangen beſaß, welche jeden Gedanken an fleißiges Nachſinnen entfernen. Canolles wußte Alles, was er wiſſen wollte; er verbeugte ſich daher mit derſelben Ehrfurcht, als glaubte er ſich von einer Prinzeſſin zu verabſchieden, und begab ſich in ſein Gemach. „ 8