— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 4 3 ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ poe den angenommen. 8 ſ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 7 „ 2 2— 1 5 1— 1 1— 1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben fuür Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Sämmtliche Werke von Alexandre Dumas. Deutſch von Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 4845. Das Braut⸗Kleid von Alerandre Dumas. Deutſch bearbeitet von Ludwig Hauff. Drei Theile. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen vucfandlung.* 1845. — I. Wir ſprechen von der Zeit zwiſchen dem Frieden von Tilſit und dem Congreſſe zu Erfurt, das heißt von der Zeit des höchſten Glanzes des Kaiſerreichs. Eine Dame ſaß in ihrem Morgennegligé, beſtehend aus einem langen Schlafmantel von indiſchem Mouſſelin mit prachtvollen Valenciennen beſetzt, unter welchen man nichts als die Spitzen von ein paar Sammtpantoffeln hervorblicken ſah, mit einem Kopfputze nach der Mode jener Zeit, das heißt auf der Spitze des Kopfes thro⸗ nend und die Stirne mit zahlreichen Locken von kaſta⸗ nienbraunen Haaren umſchattend, welche durch die Re⸗ gelmäßigkeit ihrer Ringeln verriethen, daß der Haar⸗ künſtler ſo eben erſt da geweſen— dieſe Dame ſaß alſo auf einem mit blauem Atlas überzogenen Sopha in einem reizenden Boudoir, welches das entlegenſte Zimmer einer Wohnung im erſten Stocke in Nro. 11 der Straße Taitbout war. Zunächſt wollen wir einige Worte über die Dame, dann über das Boudoir ſagen, und hierauf wollen wir auf die Sache ſelbſt eingehen.— Wir ſagten, eine Dame; wir hätten aber beim erſten Anblick faſt ſagen können, ein junges Mädchen, denn obgleich ſie ungefähr ſechsundzwanzig Jahre zählte, ſo ſchien ſie doch nicht älter als neunzehn zu ſein. Dieſe Dame war außer der Zierlichkeit ihrer Taille, der Feinheit ihrer Füße, und der Weiße ihrer Hände mit einer jener Figuren ausgeſtattet, welche zu allen Zeiten das Vorrecht gehabt haben, die Köpfe derer zu verrücken, die ſich ihrer ſicher glaubten. Sie war ge⸗ rade nicht ſchön, überhaupt nach der Art, was man zu jener Zeit unter ſchön begriff, wo die Gemälde Da⸗ vids faſt ganz Frankreich zu dem Geſchmacke der Grie⸗ chen zurückgeführt hatten, der ſo glücklicher Weiſe wäh⸗ rend der beiden vorhergehenden Regierungen aufgegeben worden war; nein, im Gegentheile war ihre Schoͤnheit von einer launenhaften Phantaſie. Vielleicht waren ihre Augen zu groß, ihre Naſe zu klein, ihre Lippen zu roth, ihr Teint zu durchſichtig; aber es war nur in den Momenten, in welchen dieſes reizende Geſicht ruhig war, daß man dieſe auffallenden Fehler wahrnehmen konnte; denn ſo wie es ſich durch irgend einen Aus⸗ druck belebte, dann war dieſes Geſicht, deſſen Bild wir hier zu entwerfen wagen, im Stande, jeden möglichen Ausdruck anzunehmen, den der ſchüchternſten Jungfrau, ſo wie den der ſchamloſen Bacchantin; ſo wie es ſich belebte, durch irgend einen Ausdruck der Traurigkeit oder der Freude, des Mitleides oder des Scherzes, der Liebe oder der Verachtung, da ſtanden alle Züge dieſes niedlichen Geſichts in ſo voller Uebereinſtimmung, daß man nicht ſagen konnte, welchen dieſer Züge man än⸗ dern möchte; ſo wie ſie zuverläſſig zu einer Regelmäßig⸗ keit des Ganzen beitrugen, ſo würde man durch das Hinwegnehmen irgend eines das Pikante der Phyſio⸗ gnomie geraubt haben. Dieſe Dame hielt eine Papierrolle in der Hand, auf welche Zeilen von verſchiedener Handſchrift geſchrie⸗ ben waren. Von Zeit zu Zeit erhob ſie die Hand mit einer Art von Ermattung, aber voll Anmuth, brachte das Manuſcript vor ihre Augen, las einige von dieſen Linien, rümpfte anmuthsvoll die Naſe, ſtieß einen Seuf⸗ zer aus, ließ die Hand zurückfinken, und dieſe ſchien jeden Augenblick bereit, ſich zu öffnen und die verwünſchte Papierrolle fallen laſſen zu wollen, welche für dieſen — —— Augenblick die Hauptſache einer Verſtimmung war, deren Verbergen ſich die Dame nicht angelegen ſein ließ. Sie war eine der erſten Künſtlerinnen des Theatre- Prançais; die Rolle gehörte einer der langweiligſten Tragödien jener Epoche an; wir bezeichnen die eine mit dem Namen Fernande, wir werden uns aber ſehr wohl hüten, den Titel der andern zu nennen. Das Boudoir war zwar von außerordentlicher Eleganz, trug aber dennoch den Stempel des ſchlechten Geſchmacks jener Epoche. Es war ein allerliebſtes, viereckiges Gemach mit blauem Atlas tapeziert, von welchem jedes Blatt zwiſchen zwei Säulen von korin⸗ thiſcher Ordnung eingerahmt war, auf deren goldenen Kapitälern ein Fries von Stuck ruhte, auf welchem nach dem Genre von Pompeji eine Menge von Amo⸗ retten gemalt waren, die, mit Bogen und Köchern ver⸗ ſehen, zu nicht wenigen Altären Hymens und der Treue ihre Schlachtopfer führten. Dieſes Boudoir hatte vier Thüren, zwei davon waren der Symmetrie wegen ge⸗ blendet. Dieſe vier Thüren waren weiß bemalt und erhaben gearbeitet, und in jedem Fache hatten ſie Ver⸗ zierungen, die aus einem Thyrſus des Bacchus und aus einer Maske Thaliens und Melpomenens gebildet waren. Eine dieſer Thüren war geöffnet und ließ den feuchten Dampf und den lieblichen Duft eines parfümirten Ba⸗ des in das Boudoir hereindringen. Was die Möbeln dieſes Boudoirs betrifft, ſo wa⸗ ren ſie mit blauem Atlas gleich den Wänden überzo⸗ gen, und ſie hatten die rauhe und unangenehme Form, die heute noch die Leute von Geſchmack und die Ver⸗ ehrer des Comfortablen überraſcht, die nicht begreifen können, wie man ſolche Nachbildungen des Antiken machen und wie man ſich derſelben bedienen konnte; denn man vermochte kaum, ſich auf ein Canapee zu legen, ſich auf einen Fauteuil oder überhaupt auf die Stühle zu ſetzen. Wir ſprechen hiebei nicht von den Tabourets in der Form eines X; denn dieſe waren 8 10 die einzigen Möblen, welche, abgeſehen von ihrer ex⸗ centriſchen Form und ihren athenienſiſchen Verzierun⸗ gen, zu ihrer Beſtimmung etwas taugten. 8 Die Zierrathen des Kamins waren von derſelben Gattung; die Pendule ſtellte einen großen runden Schild dar, wahrſcheinlich den des Achilles, getragen von vier magern Amoretten, welche unter ſeiner Laſt ſeufzten. Die Candelaber beſtanden aus vier andern Amoretten, die in eine Gruppe vereinigt waren, und deren vier Flambeaux einen vierarmigen Leuchter bildeten. Wie wir geſagt haben, war Alles, ungeachtet ſei⸗ nes ſchlechten Geſchmacks, reich, kokett, elegant und anziehend durch den Glanz, die Anmuth und die Schön⸗ heit der Sirene, die darin wohnte. Man ſieht, daß wir von unſerem Gegenſtande hingeriſſen ſind, und daß wir wider unſern Willen in den mythologiſchen Styl jener Zeit verfallen. Die Göttin, welche man in dieſem kleinen Tem⸗ pel anbetete, lag alſo, wie wir angedeutet haben, nach⸗ läſſig hingeſtreckt auf ein Sopha; ſie hatte den An⸗ ſchein, ihre Rolle zu ſtudiren, dachte aber im Grunde an nichts anderes, als wie ſie ihren Peplos tragen und wie ſie ihre Tunika in der neuen Tragödie falten wolle, in der ſie jetzt mitſpielen ſollte. Da öffnete ſich die Thüre und ihr Kammermädchen trat mit jener familiären Haltung ein, die zu gleicher Zeit die Ver⸗ traute der Tragödie und die Zofe der Komödie be⸗ zeichnet, Ismene und Dorine, die Rathgeberin und Bewahrerin der Geheimniſſe. 3 „Wie, Sie find es ſchon wieder?“ rief die Schau⸗ ſpielerin mit einem bezaubernden Anfluge ubler Laune, die, indem ſie einen Tadel auszuſprechen ſucht, zu ſa⸗ gen ſcheint, daß man wohl gethan habe, denſelben zu verdienen.„Ich habe doch beſtimmt genug geſagt, daß ich allein ſein will, unbedingt allein, um meine Rolle zu ſtudiren; ich werde dieſe nie auswendig lernen, und 11 das wird Ihre Schuld ſein, verſtehen Sie, Mademoi⸗ ſelle Cornelie?“ Das Kammermädchen nannte ſich mit ihrem ei⸗ gentlichen Taufnamen Marie; allein ſie hatte dieſen Namen zu gemein gefunden und ſich daher kraft eigener Autorität um⸗ und wiedergetauft, um den wohlklin⸗ gendſten und überhaupt den ausgezeichnetſten Namen, den Namen Cornelie anzunehmen. „Mein Gott, ich bitte Sie tauſendmal um Ver⸗ zeihung,“ ſagte die Zofe,„und ich bin bereit, dem Veranlaſſer gegenüber die Verantwortlichkeit für dieſen Verzug auf mich zu nehmen. Ein ſchöner junger Mann verlangt mit Ihnen zu ſprechen, und zwar ſo dringend, daß ich kein Mittel gefunden habe, ihn zuruͤckzu⸗ zgeiſen. „Und wie nennt ſich Ihr ſchöner junger Mann Mademoiſelle?“ 1 „Herr Eugene.“ „Herr Eugene?“ verſetzte die Schauſpielerin, in⸗ dem ſie langſam die drei Sylben, welche dieſes Wort bilden, wiederholte.„Herr Eugene. Aber das iſt ja kein Name?“ „O ja, Madame, es iſt ein Name und zwar ein ſeßr hübſcher Name. Ich liebe den Namen Eugene ehr.“ „So! Und Sie wollen, daß ich Ihre Sympathien mir aneigne! Können Sie mir ein Bild Ihres Schütz⸗ lings entwerfen?“ „O gewiß, er iſt, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, ein ſchöner junger Mann, ohngefähr fünf Schuh, fünf Zoll groß, hat ſchwarze Haare, ſchwarze Augen, einen ſchwarzen Schnurrbart, und bezaubernde weiße kleine Zähne. Er iſt in bürgerlicher Kieidung, aber ich wollte darauf wetten, daß er Offizier iſt; über⸗ ne trägt er das Band der Ehrenlegion im Knopf⸗ oche.“— Zu einer früheren Zeit konnte dieſe letzte Bezeich⸗ nung noch als eine Auskunft betrachtet werden; heut zu Tage möchte ſie viel zu unbeſtimmt ſein. „Herr Eugene, ſchwarz, das Band der Ehren⸗ legion...“ wiederholte Fernande, indem ſie ihr Ge⸗ dächtniß zu Hilfe nahm, dann wandte ſie ſich wieder zu Mademoiſelle Cornelie und ſagte:„und erinnern Sie ſich nicht, daß Sie während des Jahres, welches Sie nun in meinen Dienſten find, dieſen jungen Mann geſehen haben?“ „Niemals, Madame!“ „So wollen wir ſehen, wer es ſein kann. Iſt es Eugene d'Erville?“ „O nein, Madame, der iſt es nicht.“ „Eugene de Caſtelluix?“ „Der iſt es auch nicht.“ „Eugene von Clos⸗Benaud?“ „Auch der iſt es nicht.“ —„Wenn dies der Fall iſt, ſo ſagen Sie, meine Theure, dieſem Herrn, daß ich nicht zu Hauſe bin.“ „Wiel Sie befehlen mir!...„ „Gehen Sie.“ Fernande ſprach dieſes letzte Wort mit einer ſol⸗ chen Würde einer Theaterprinzeſſin aus, daß ſich die Zofe, ſo ſehr ſie auch Luſt hatte, die Sache ihres Schützlings zu verfechten, gezwungen ſah, abzutreten, und dem Befehle, der ihr ſo beſtimmt gegeben worden, Folge zu leiſten. 1 Mademoiſelle Cornelie ging alſo hinaus, und Fernande nahm mit einer noch zerſtreuteren und ver⸗ drießlicheren Miene als zuvor das Manuſcript wieder auf, allein ſie hatte noch keine vier Verſe darin ge⸗ leſen, als ſich die Thüre ſchon wieder öffnete, und die Zofe wieder eintrat. „Nun, Sie kommen noch einmal!“ ſagte Fer⸗ nande in einem Tone, welcher ernſt zu ſein verſuchte, her, aber ſchon viel von ſeiner Strenge verloren a „ 13 „Ach, mein Gott, Madame,“ erwiederte Corne⸗ lie,„ja, ich bin es wieder, aber Sie werden mir verzeihen; Herr Eugene will durchaus nicht weg⸗ gehen.“ „Wie, er will nicht weggehen?“ „Nein, er ſagt: er wiſſe, daß Sie nie ſo frühe ausgehen.“ „Wenn auch; aber ich empfange am Morgen nur meine Freunde.“ „Er ſagt, daß er einer von Ihren Freunden ſei.“ „O, zum Beiſpiele? Das wird verwickelt; Eu⸗ gene, ein ſchwarzer Schnurrbart, das Band der Ehren⸗ legion, einer meiner intimen Freunde; iſt es nicht Eugene de Miremont?“ „Nein, Madame, dieſer hier iſt beſſer.“ „Eugene d'Harcourt?“ „O, dieſer hier iſt viel beſſer.“ „Eugene d'Argy?“ „O, der hier iſt unendlich beſſer.“ „Aber wiſſen Sie, Mademoiſelle, daß Sie meine Neugierde aufregen?“ „Uebrigens,“ fuhr die Zofe fort, indem ſie ihrer Gebieterin ein kleines Schmuckkäſtchen von rothem Maroquin in der Größe eines Fünffrankenthalers über⸗ reichte,„übrigens hatte er beigefügt, ſtellen Sie die⸗ ſes Fernanden zu und ſie wird wiſſen, wer ich bin.“ „Fernanden?“. „Ja, Madame, ſo hat er geſagt.“ „Meiner Treu, ich gebe zu, daß ich nicht die Ge⸗ ringſte der Welt bin,“ ſagte die Schauſpielerin, indem ſie das Schlößchen öffnete und das kleine Schmuckkäſt⸗ chen neugierig betrachtete.“. „Da ſehen Sie; Ihr Portrait!“ rief die Zofe. „O, wie es Ihnen ähnlich iſt, wie Sie ſo ſchön mit dem Schleier ſind, der da um Ihren Kopf flattert;“ „Mein Portrait,“ murmelte Fernande, indem ſie ſichtbar durch eine letzte Anſtrengung ihre Erinnerungen . 14 zu ſammeln ſuchte.„Mein Portrait! Meiner Treu, ich finde mich nicht zu rechte.“ Nach einem augenblicklichen Schweigen rief ſie: „Ach, Eugene?“ „Za.“ „Ein Schwarzer 24 „Ja. „Das Band der Ehrenlegion?“ „Ja.“. „Einer meiner Freunde... Dieſes Portrait, dieſe Chiffer: E. B. die ich auf dem Käſtchen nicht be⸗ merkt hatte. Das iſt es, das iſt es; mein Gott, wie wenig Gedächtniß ich habe und wie zerſtreut ich bin; laſſen Sie ihn hereinkommen, laſſen Sie ihn herein⸗ kommen, dieſen armen Eugene, den ich im Vorzim⸗ mer warten ließ. Wenn ich bedenke, daß mir daſſelbe, 8 iſt noch nicht ein Monat, mit Jerome begegnet i 74 Mademoiſelle Cornelie ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſie ſchoß wie ein Pfeil und ſo hinaus, daß kaum die Vorwürfe, welche Fernande hinſichtlich ihres Gedächtniſſes an ſich richtete, beendigt waren, als ſchon an der Stelle Cornelie's der ſchöne junge Mann, ſchwarz an Haaren, Augen und Schnurrbart und mit dem rothen Bande, unter der Thüre erſchien. „Verzeihen Sie, meine liebe Fernande,“ rief der junge Mann lachend;„aber auf meine Ehre, ich war we davon entfernt, daran zu zweifeln, daß Sie in meiner Abweſenheit uneinnehmbar ſein werden.“ 4„Wer daran zweifelt, das ſind Sie, mein theurer Prinz,“ ſagte Fernande, indem ſie dem Neuangekom⸗ menen eine Hand darreichte, welche dieſer mit der Miene eines Siegers küßte.„Sie ließen ſich bloß und einfach unter dem Namen Eugene anmelden; aber ich kenne ſo viele Eugenes.... 9 4„Daß Sie mich mit allen andern Eugenes der Welt verwechſelt haben, das iſt ſehr ſchmeichelhaft für 15 mich. Ah! Entſchuldigen Sie, mein Portrait! Haben Sie die Güte, es mir zurückzugeben.“ „Sie denken alſo noch daran?“ ſagte Fernande mit einer bezaubernden Koketterie. „Immer,“ ſagte der Prinz, indem er ein Ta⸗ bouret neben den Sopha ſtellte. „Cornelie,“ bemerkte Fernande,„ſo lange ſeine kaiſerliche Hoheit bei mir ſein wird, bin ich für Nie⸗ mand zu ſprechen.“ Cornelie machte große Augen, ſie hatte bis jetzt zu ihrer Gebieterin viele Prinzen kommen ſehen; aber unter dieſen Prinzen gab es wenige, die man mit dem pompöſen Titel„Hoheit,“ am allerwenigſten aber mit dem„kaiſerliche Hoheit“ bezeichnete. Madamoiſelf Cornelie trat ab, ohne ein Wort zu entgegnen. „Und ſeit wann ſind Sie in Paris, mein theurer Eugene? Ah, verzeihen Sie, gnädigſter Herr, ich ſpreche immer zu Ihnen, wie wenn Sie noch ein ein⸗ facher Oberſt der Conſular⸗Garde wären.“ „Und Sie thun wohl daran, meine ſchöne Fer⸗ nande. Sie fragen, ſeit wann ich angekommen bin? Seit geſtern, und mein erſter Beſuch gilt Ihnen, Un⸗ dankbare!“ „Wie ſo? Sie ſind hieher gekommen.. 2“ „Nein, ich würde Sie nicht aufgeſucht haben, als bis Sie geſpielt hätten.“ „Ah, das iſt wahr?“ „Ich war im Francais.“ „In der Loge des Kaiſers? Ich habe Sie dort nicht geſehen.“ „Weil Sie nicht hingeſehen haben, Ungetreue! war nicht dort, aber Poniatowsky war da.“ „Ich habe ihn wahrhaftig dort nicht ge⸗ ſehen.“ „O, dreifache Lügnerin;“ rief der Prinz.„Nein, Madame, ich war incognito in einer Baignoire.“ „ „Allein?“ „Nein, mit Ihrem Portrait.“ „O, mein Gott, welche Artigkeiten Sie mir ſa⸗ gen; aber ich ſchwöre Ihnen, daß ich auch nicht ein Wort davon glaube.“ „Es iſt dennoch die reine Wahrheit.“ „Nun, ich bin verzweifelt, daß Sie hieher ge⸗ kommen ſind.“ „Und warum? Sie waren in der Zaire anbetungs⸗ würdig; in der Roxelane wunderbar.“ b. „Ich war nicht ſchön.“ 9 „Laſſen Sie das, Sie waren im Gegentheile ent⸗ zückend.“ „Nein, ich war ſehr übler Laune.“ „Weil Poniatowsky zuviel mit ſeiner Nachbarin D geplaudert hat.“ al „Abſcheulicher!“ „Oder iſt vielleicht Duroc geſtorben?“ „Trauriger!“ „Iſt vielleicht Murat zu Grunde gerichtet.“ br „A propos von Murat, er iſt Großherzog, nicht wahr? Und man ſagt, daß man ihn zum Vice⸗König 4 machen will, wie Sie, oder wie Joſeph zum König fü und was weiß ich ſonſt noch?“ „Ja, ich habe einige Worte davon ſprechen hören. da „Wohlan, alle dieſe Königreiche werden doch we⸗ br nigſtens gute Hülfsquellen darbieten.“ „Keine zu ſchlechten, und wenn es Ihnen nur im Mindeſten auf der Welt angenehm iſt, nun ſo wollen ter wir.... ſo wollen wir davon plaudern.“ an „Sie, mein lieber Eugene, Sie ſind immer Prinz. bei Ihnen iſt es nicht, wie bei Ihrem Kaiſer. „Nun, was hat er denn gethan, mein Kaiſer? Ich glaubte, da er Sie zur Kaiſerin ge⸗ macht habe.“ Q205ͤA— 17 „Nun ja, er iſt liebenswürdig; plaudern wir ſpäter etwas davon. Denken Sie, ich habe Luſt, Frankreich zu verlaſſen und nach Mailand zu gehen.“ „Gehen Sie dahin, meine Liebe, gehen Sie da⸗ hin; Sie werden dort ſehr gut aufgenommen werden. Ich komme gerade nach Paris, um meine Truppe zu recrutiren, und dann nach Erfurt und Dresden zu gehen. Sind Sie mit bei der Reiſe nach Dresden?“ „Ich weiß, daß Mars, Georges und Talma da⸗ bei ſind; aber zu mir hat man noch kein Wort davon geſagt.“ „Wünſchen Sie dabei zu ſein?“ „Und wenn ich wünſchte dabei zu ſein? Wün⸗ ſchen Sie, mein theurer Prinz, daß ich offen ſpreche? Das war es, was mich geſtern Abends in eine ſolch' abſcheuliche Laune verſetzte.“ „Wirklich!“ „Auf mein Wort.“ „Wohlan, ich will es mit Rovigo in Ordnung bringen. Ich glaube, daß er die Sache auf ſich hat.“ „Ach, Sie werden ein Amor ſein.“ „Nun, thun Sie von Ihrer Seite auch etwas für mich.“ 3 „O, Alles, was Sie wünſchen,“ „Geben Sie mir das Repertoire dieſer Woche, damit ich meine Soiréen mit den Ihrigen in Einklang bringen kann. Ich will die Templer ſehen; werden Sie darin ſpielen?“ „Ja, ich werde darin eine Art von Leichenbeglei⸗ terin machen. Ich wollte, daß Sie mich in einem andern Stücke ſehen würden.“ „Ich werde Sie in allen ſehen.“ „Sie wollen alſo dieſes Repertoire?“ „ a.“. „O, es iſt jetzt ſehr ſchlecht beſtellt, das Alles ſind nichts als Ränke, Cabalen und Intriguen. Unſere Das Brautkleid. 2 arme Comédie- francaise geht, wie ich fürchte, wo das Café Ludwig's XV. hinging.“ „Wahrhaftig?“ „Aber, wo doch dieſes Repertoire ſein mag? Ach, jetzt erinnere ich mich.“ 3 w Fernande ſtreckte die Hand nach einem Glockenzuge 8 aus, der in einen Bogen und einen Köcher von Bronze S endete, und läutete. Mademoiſelle Cornelie erſchien. al „Was haben Sie mit dem Repertoire gemacht, N welches ich Ihnen geſtern gegeben habe?“ ſagte Fer⸗ ſie nande. yf „Ich habe es in eine Ihrer Taſſen im Schlaf⸗ ſie zimmer gelegt.“ 1o „Holen Sie es, Seine kaiſerliche Hoheit verlangt B nach demſelben.“ Mademoiſelle Cornelie ging weg, kam nach einem fr Augenblick wieder, und brachte die wöchentliche Thea⸗ teranzeige. 3 mi Fernande nahm ſie ihr aus den Händen, gab ſie ſel dem Prinzen, wandte ſich dann gegen die an ihrem ton Platze ſtehen gebliebene Cornelie und fragte: „Nun, warum warten Sie?“ „Ich bitte Sie um Entſchuldigung, Madame,“ Al erwiederte die Zofe,„aber es iſt jemand da, der Sie Hi zu ſprechen wünſcht.“ 4 Sie begleitete dieſe Worte mit einem jener Blicke, zeh durch welche die Dienerin der Herrin ſagt:„Seien ein Sie ruhig, ich weiß, was ich thue.“ Tr „Noch einmal, ein ſchöner junger Mann?“ fragte nic Fernande. von „O nein, Madame, diesmal iſt es ein armes, Au junges Mädchen, welches ſehr traurig iſt, und einen vie großen Kummer zu haben ſcheint.“ „Wie heißt ſie?“ „Cäcilie.“ 8. „Cäcilie, Cäcilie und?“ 7„Nur Cäcilie.“ 3 19 „Nun,“ ſagtt der Prinz,„das iſt heute der Tag der Taufnamen.“. „Und was verlangt fie?“ „Sie wünſcht Ihnen, Madame, etwas zu zeigen, was Sie, wie ich gewiß weiß, ſchön finden werden. Ich habe ihr ſogleich geſagt, daß es unnütz ſei, weil Sie gegenwärtig im Begriff ſtehen, öconomiſch zu ſein; aber das arme Kind bat ſo dringend, daß ich den Muth nicht hatte, ſie fortzuſchicken. Ich ſagte ihr, daß ſie warten ſolle, und daß, ſo wie Madame ſie em⸗ pfangen könnten, dies geſchehen würde. Dann hat ſie ſich ſchüchtern in einen Winkel geſetzt, ihren Car⸗ ton auf die Knie nehmend, und ſo harrt ſie Ihrer Befehle.“ „Werden Eure kaiſerliche Hoheit erlauben?2...“ fragte Fernande. 3 „Warum nicht,“ entgegnete der Prinz,„es wird mir ſehr angenehm ſein, dieſes junge Mädchen zu ſehen, und das zu bewundern, was ſie in ihrem Car⸗ ton hat, den ſie ſo beſcheiden auf ihren Knieen hält.“ „Laſſen Sie ſie hereinkommen,“ ſagte Fernande. Cornelie ging ſogleich weg und kam nach einem Augenblicke wieder, Mademoiſelle Cäcilie ankündigend. Hinter Cornelia trat die angekündigte Perſon ein. Es war ein ſchönes, junges Mädchen von neun⸗ zehn Jahren, mit blonden Haaren, roſigem Teint und einer Taille, ſo ſchlank wie Schilf; ſie war in großer Trauer und ganz ſchwarz gekleidet; ihr Kleid hatte nicht die geringſte Verzierung, ebenſowenig ihre Haube von derſelben Farbe; ihre Wangen waren blaß, ihre Augen roth; man ſah ihr an, daß ſie viel gelitten und viel geweint hatte. Nach der Beſchreibung, welche Mademoiſelle Cor⸗ nelie von der Perſon gab, die ſie zu ſprechen wünſchte, hatte Fernande von Anfang an geglaubt, mit irgend einer jungen Arbeiterin zu thun zu haben, welche be⸗ auftragt iſt, Muſter in der Stadt herumzutragen; aber bei dem erſten Blicke, welchen ſie auf dieſes traurige und ernſte junge Mädchen, warf, bemerkte ſie mit Er⸗ ſtaunen eine würdevolle, züchtige Haltung, welche über ihre ganze Perſon verbreitet war. Cäcilie war an der Thüre ſtumm und unbeweg⸗ lich ſtehen geblieben. „Kommen Sie näher, Mademoiſelle,“ ſagte Fer⸗ nande,„und ſagen Sie mir, was mir das Vergnügen verſchafft, Sie zu ſehen.“ „Madame,“ entgegnete Cäcilie mit zitternder Stimme, in welcher jedoch mehr Schmerz als Furcht lag,„in dieſem Carton hier iſt eine Robe, welche ich ſchon mehreren Perſonen gezeigt habe; aber der Preis, der für dieſelbe bezahlt werden ſoll, hat immer das überſtiegen, was die Perſonen, welchen ich ſie zum Kaufe angeboten habe, geben wollten. Die letzte der⸗ ſelben hat mir, indem ſie mir das Kleid zurückgab, geſagt, daß nur eine Königin eine ſolche Robe kaufen könne, und deswegen bin ich zu Ihnen gekommen, die Sie eine Königin find.“ Dieſe Worte waren mit einer zitternden Stimme, aber zu gleicher Zeit auch mit ſo viel Trauer und Würde geſprochen worden, daß ſich das Staunen des Prinzen und Fernandens verdoppelte; indeſſen mußte die ſchöne Künſtlerin doch über die letzten Worte lächeln. „Ach ja,“ ſagte ſie,„eine Königin, eine Königin von ſieben bis halb zehn Uhr Abends; eine Königin, deren Königreich im Theater iſt, welche Mauern von Pappe zum Palaſte hat, und ein Stirnband von Bronze als Krone trägt! Indeſſen ſind Sie doch nicht ganz irre gegangen, indem ſie hieher gekommen ſind, denn wenn ich auch eine falſche Königin bin, ſo haben Sie doch einen wahren König gefunden.“ Das junge Mädchen heftete mit ernſter Würde die ſchönen blauen Augen auf den Prinzen; ihr Aus⸗ 21 druck aber zeigte, daß ſie die ſo eben ausgeſprochenen Worte durchaus nicht verſtehe. Inzwiſchen hob Cäcilie den Deckel des Car⸗ tons aus. Fernande ſtieß einen Ruf der Bewunderung und der Ueberraſchung aus. „O, dieſe wunderbare Robe!“ rief ſie, indem ſie mit der Haſtigkeit einer Frau, die ein Meiſterſtück der Toilette gewahr wird, ſich derſelben bemächtigte, ſie auf dem Sopha aus einander und die Hand unter den Stoff legte, um über die Feinheit des Muſſelins, und über die Schönheit der Stickerei urtheilen zu können. In der That hatte man vielleicht zu Nancy, in dieſer Beziehung das Land der Wunder, nichts geſe⸗ hen, was dieſem Kleide glich, welches ſo mit Sticke⸗ reien beladen war, daß man nur mit Mühe den Muſ⸗ ſelin unter den ſchlankſten Stengeln, den zarteſten Blättern, den ſchönſten Blumen, die je den neidiſchen Blick einer Tochter Evas überraſcht hatten, durchſehen konnte; es war nicht das Werk eines Weibes; es war gewiß die launenhafte Schöpfung irgend einer Fee. So wenig der Prinz eine ſolche Art von Meiſter⸗ ſtücken ſchätzen konnte, ſo erkannte er doch, daß dieſes leir ein Wunder der Geduld und der Geſchicklich⸗ eit ſei. Fernande blieb einige Minuten in Betrachtung verſunken vor dieſen graciöſen Arabesken ſtehen; dann richtete ſie an Cäcilie die Frage: „Wer hat denn dieſes Kleid geſtickt?“ „Ich, Madame,“ entgegnete Cäcilie. „Und wie viele Jahre haben Sie zu dieſer Arbeit gebraucht? „Zwei und ein halbes Jahr, Madame.“ „Das glaube ich gerne; ſehen Sie doch, Prinz, das iſt zum Vergnügen und nicht handwerksmäßig ge⸗ ſtickt und das macht die Sache noch koſtbarer. Zwei und ein halbes Jahr! Da mußten Sie ungeheuer arbeiten.“ „Tag und Nacht, Madame.“ „Und Sie haben ein ſolches Werk zu dem Zwecke unternommen, daſſelbe zu verkaufen?“ „Ich habe es aus einem andern Grunde unter⸗ nommen, Madame.“ „Ich begreife, daß Sie nicht im Stande waren, dieſes Kleid zu verkaufen, Mademoiſelle; denn das⸗ ſelbe muß ſo viel koſten, als das Löſegeld eines Kö⸗ nigs beträgt.“ „Ach ja, ich bin gezwungen, einen ſehr hohen Preis. 4 dafür zu fordern, und darum habe ich auch, ſo drin⸗ gend nothwendig ich des Geldes bedarf, bis jetzt noch keinen Käufer dafür gefunden.“ „Und welchen Preis verlangen Sie dafür?“ fragte 1 lächelnd der Prinz. Das junge Mädchen ſchwieg einen Augenblick, als 1 ob es ſich fürchte, die verhängnißvollen Worte den Lippen entſchlüpfen zu laſſen, die ſo oft ſchon ihre Hoffnungen vernichtet hatten. Endlich ſagte ſie mit kaum vernehmbarer Stimme:. „Dreitauſend Frank.“ „Wie meinen Sie?“ fragte Fernande. „Dreitauſend Frank,“ wiederholte Cäcilie. „Bei Gott!“ ſagte die Schauſpielerin mit einer Bewegung der Augen und des Mundes, welche un⸗ 2 möglich beſchrieben werden kann.„Bei Gott, das iſt theuer, aber es hat dieſen Werth.“ In dem nämlichen Augenblicke rief das junge Mädchen, indem es die Hände faltete und faſt auf die 8 Kniee ſank: „Madame, Sie werden, ich ſchwöre es Ihnen, eine heilige und edle Handlung begehen, wenn Sie es kaufen.“ 4 „Mein Gott,“ ſagte Fernande,„ich würde dieſes— Kleid von Herzen gern kaufen, mein Kind, und ich ge⸗ ———————,—,—p — 23 ſtehe Ihnen ſogar, daß ich ſehr große Luſt dazu habe, aber Tauſend Thaler.“ „O, mein Gott, was ſind denn tauſend Thaler für Sie!“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie umher blickte und ſich einen Begriff von dem Glücke der Per⸗ ſon, an welche ſie dieſe Worte richtete, durch die Be⸗ trachtung des koſtbaren Meublements des Boudoirs zu machen ſchien, welches wir beſchrieben haben. „Wie, was tauſend Thaler für mich ſind!“ rief die Künſtlerin;„es ſind drei Monate meines Einkom⸗ mens. Nichten Sie Ihre Bitte an den Prinzen, mein Kind, und er wird dieſes Kleid für irgend eine ſchöne Dame des Hofes kaufen.“ „In der That,“ ſagte der Prinz,„die Dame hat Recht; ich nehme dieſes Kleid, mein Kind.“ „Sie, Sie, mein Herr! Sie, Prinz!“ rief das junge Mädchen,„iſt es wahr, daß Sie es nehmen, und um den Preis, den ich dafür fordere?⸗ „Ja,“ antwortete der Prinz,„und wenn Ihnen eine größere Summe nothwendig ſein ſollte..... „Nein, gnädiger Herr,“ ſagte das junge Mädchen. „Ich brauche dreitauſend Frank; dreitauſend Frank ge⸗ nügen mir. Uebrigens iſt auch dieſes Kleid nicht mehr als dreitauſend Frank werth.“ „Nun,“ ſagte der Prinz,„haben Sie die Güte, dieſen Carton meinem Kammerdiener Jean zuzuſtellen, den Sie an der Thüre mit meinem Kutſcher plaudernd finden werden. Sagen Sie ihm, daß er es in meinen Wagen legen ſoll, und geben Sie ihm Ihre Adreſſe, damit ich Ihnen heute noch dieſe Summe zuſtellen laſ⸗ ſen kann, welche Sie ſo dringend nothwendig zu haben ſcheinen.“ „O ja!“ entgegnete das junge Mädchen,„und ich ſchwöre es Ihnen, daß nur eine ſo große Noth mich zwingen konnte, mich von dem Kleide zu trennen.“ Indem das arme Kind dieſe Worte ſprach, drückte es mehrmals ſeine Lippen mit einer Miſchung von Freude und von Schmerz, welche das Herz zerriß, auf das Kleid, von welchem ſie ſich trennen mußte. Dann grüßte ſie noch einmal Fernande und den Prinzen, und ſchritt der Thüre zu. „Noch ein Wort!“ ſagte Fernande,„und verzeihen Sie es zwei Gefühlen, die ich empfinde, und, wie ich glaube, in gleichem Grade, nämlich der Neugierde, die Sie in mir erregt haben, und dem Antheile, den ich an Ihnen nehme. Für wen war dieſes Kleid be⸗ ſtimmt?“ „Für mich, Madame.“ „Für Sie?“ „Ja; es war mein Hochzeitkleid.“ Und das junge Mädchen ſtürzte aus dem Zimmer, einen Seußzer erſtickend. Am folgenden Tage ließ ſich der Prinz ſelbſt nach der bezeichneten Adreſſe führen und fragte nach Cäci⸗ lien. Dieſes junge Mädchen hatte ihn lebhaft intereſ⸗ firt, er hatte den Vorfall der Kaiſerin erzählt, und die Kaiſerin verlangte ſie zu ſehen. „Mademoiſelle Cäcilie?“ ſagte der Thürhüter. „Ja, Mademoiſelle Cäcilie, ein junges, blondes Mädchen, mit einem blauen Augenpaare, achtzehn bis Heunzehn, Jahre alt. Wohnt ſie nicht hier, rue du coq Nro. 5.2. „O, ich weiß, was der Herr ſagen will,“ entgeg⸗ nete der Thürhüter;„aber Mademoiſelle Cäcilie iſt: nicht mehr hier. Ihre Großmutter iſt vor drei Tagen geſtorben und vorgeſtern wurde ſie begraben; geſtern war Mademoiſelle Cäcilie den ganzen Tag ausgegan⸗ gen, und dieſen Morgen iſt ſie abgereist.“ „Von Paris?“ „Wahrſcheinlich.“ „Nach welchem Lande?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie iſt ihr Familienname?“ „Den haben wir nie gehört.“ MN△ 8— O— S.— — Der Prinz konnte, obgleich er dieſe Frage fünf oder ſechsmal immer unter einer andern Form wieder erhob, dennoch nicht mehr erfahren. 4 Acht Tage ſpater trat Fernande in dem:„Philo⸗ ſophen, ohne es zu wiſſen,“ mit einer ſo wunder⸗ bar geſtickten Robe auf, daß das Gerücht ſich verbrei⸗ tete, es ſei ein Geſchenk, welches Sultan Selim der bezaubernden Roxelane gemacht habe. Und nun wollen wir, da uns unſere Eigenſchaft als Geſchichtsſchreiber das Vorrecht gibt, alle Geheim⸗ niſſe zu kennen, erzählen, wer dieſes geheimnißvolle junge Mädchen war, welches nur einen Augenblick den Prinzen und Fernanden erſchienen, und das man in der rue du cod Nro. 5. nur unter dem Namen Cäci⸗ lie kannte. 3 II. Die Barriére Saint⸗Denis. „Am 20. September 1796 zeigte ſich eine kleine, mit Leinwand überſpannte Carriole mit einer Seiten⸗ öffnung, mit Stroh belegt und durch einen Bauern ge⸗ fuͤhrt, welcher auf der Deichſel ſaß, um ſechs und ein halb Uhr Morgens an der Barrière Saint⸗Denis; ſie folgte einem Dutzend anderer Karren, welche alle das dringende Verlangen zeigten, die Hauptſtadt zu verlaſſen, was zu jener Zeit eine nicht ſehr leichte Sache war. „Jaedes Fuhrwerk, welches ſich zeigte, wurde einer ſtrengen Durchſuchung unterworfen. Außer den Doua⸗ niers, deren Geſchäft es war„die eingehenden Fuhr⸗ werke einfach zu beſichtigen, waren vier Municipaloffi⸗ cianten an der Barrière ſtationirt, um die Päſſe zu vifiren. Und ein Poſten freiwilliger Nationalgardiſten hielt ſich bereit, ſie zu unterſtützen, wenn es die Um⸗ ſtände nothwendig machen follten. Jeder Reiſewagen, welcher dem kleinen Fuhrwerke vorfuhr, wurde angehalten, und bis in die geheimſten Fächer durchwühlt. Keiner derſelben zeigte einen ver⸗ dächtigen Inhalt; denn alle paſſirten ohne Anſtand hinaus; ſo erreichte das kleine Fuhrwerk das Gitter⸗ thor und hielt vor dem Wachpoſten an. Der Bauer hob nun, ohne irgend eine Frage abzuwarten, die Lein⸗ wand, welche ſeinen Wagen ſchloß, in die Höhe, und reichte ſeinen Paß dar. Dieſer Paß, welcher von der Mairie zu Abbeville ausgeſtellt war, erſuchte die Behörden, den Pächter Pierre Durand, ſeine Frau, Catharina Payot, und ſeine Mutter, Gervaſia Arnould, welche alle Drei ſich nach Paris begaben, ungehindert paſſiren zu laſſen. Auf der andern Seite autoriſirt die Municipalität von Paris die genannten Perſonen, nach dem Dorfe Aonätn, ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, zurück zu kehren. Der Municipalofficiant ſtreckte ſeinen Hals in den Wagen hinein; er umſchloß eine Frau von fünf und vierzig bis fünfzig Jahren, eine andere von fünf und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, und ein kleines vierjäyriges Mädchen Alle Drei waren in Norman⸗ niſche Bauerntracht gekleidet, und ſie trugen, das Kind ausgenommen, die großen Hauben der Frauen aus dem Pays de Caux.. „Wer heißt Gervaſia Arnould?“ fragte der Mu⸗ nicipalofficiant. 4 4 „Ich, mein Herr,“ entgegnete die ältere der bei⸗ den Frauen. „Wer heißt Katharina Payot?“ fuhr der Fragende ort. — ⁸— 838AGA 5⁴ 8 ——— 27 „Ich, Bürger,“ antwortete die Jüngere. „Warum ſteht dies kleine Mädchen nicht auf dem Paſſe?“ „Potztauſend, mein Herr,“ ſagte der Bauer, in⸗ dem er auf die an die beiden Frauen gerichtete Fragen antwortete.„Das iſt ein großer Fehler von uns; meine Frau ſagte wohl zu mir: Peter, wir müſſen ſie auch auf dem Papiere einzeichnen laſſen; aber ich er⸗ wiederte ihr, laß das gehen, Katharina, bei einem Kinde, wie dieſes iſt, lohnt es ſich nicht der Mühe.“ „Iſt es Dein Kind?“ fragte der Municipal⸗ officiant. Das Kind öffnete den Mund um zu antworten; air ſeine Mutter legte ihm die Hand auf die ippen. „Zum Henker!“ ſagte der Bauer,„wem glauben Sie denn, daß es gehöre?“ „Es iſt gut,“ ſagte der Officiant;„aber wie die Bürgerin geſagt hat, iſt es von Wichtigkeit, daß des Kindes in dem Paſſe erwähnt wird; und dann,“ fuhr er fort,„iſt es ohne Zweifel ein Irrthum, wenn es darin heißt, daß Deine Mutter fünfundſechzig und Deine Frau fünfunddreißig Jahre alt ſei, während doch keine von den beiden Bürgerinnen das Alter zu haben ſcheint, welches in dem Paſſe angegeben iſt.“ „Ich habe dennoch wohl ſechzig Jahre, mein Herr,“ ſagte die ältere der beiden Frauen. „Und ich fünfunddreißig,“ ſagte die Jüngere. „und ich, mein Herr,“ ſagte das kleine Mädchen, nich zähle vier Jahre, und kann gut leſen und ſchreiben.“ Die beiden Frauen ſchauderten zuſammen und der Bauer fuhr fort.„Das glaube ich, daß Du leſen und ſchreiben kannſt, das hat mich auch genug gekoſtet. Sechs Franken monatlich in der Schule von Abbeville; dafür danke ich! Wenn Du für dieſes Geld nicht leſen gelernt hätteſt, ſo würde ich mit Deiner Lehrerin ei⸗ nen Prozeß angefangen haben; denn ich bin nicht um⸗ ſonſt Norman.“ 4 „Genug,“ ſagte der Municipalofficiaͤnt;„Ihr ſteigt ab, und tretet ſo lange in mein Cabinet, bis man Euer Fuhrwerk viſitirt und ſich überzeugt hat, daß ſonſt Niemand darin iſt, als Ihr.“ Aber, mein Herr,“ erwiederte die ältere der beiden Bäuerinnen. „Meine Mutter,“ ſagte die jüngere, indem ſie ſie am Arme faßte. „Vorwärts, vorwärts,“ rief der Bauer;„thut doch, was der Bürger will, und wenn er ſieht, daß wir keine Ariſtokraten in unſerm Stroh verborgen haben, dann läßt er uns paſſiren. Nicht wahr, mein 4 Die beiden Frauen gehorchten und gingen in die Wachtſtube, ſo wie die ältere den Fuß in dieſelbe ſetzte, brachte ſie ihr Taſchentuch an die Naſe. Gluͤck⸗ licher Weiſe wurde dieſe Bewegung von Niemand als ihrer Begleiterin bemerkt, welche ihr zwei oder drei Zeichen gab, daß ſie die Aenßerungen von Ekel nicht — demerken laſſen ſolle, welche für eine Bäuerin nicht paſſen. Der Bauer blieb bei ſeinem Wagen. Der Municipalofficiant öffnete die Thüre ſeines Cabinets, die beiden Frauen und das Kind traten ein, und dann ſchloß er die Thüre hinter denſelben. Es trat ein augenblickliches Schweigen ein, und während deſſelben betrachtete der Ofſiciant die beiden Frauen mit der größten Aufmerkſamkeit; Beide wußten nicht, was ſie von dieſer ſtummen Befragung halten ſollten, da brachte er plötzlich der ältern einen Arm⸗ ſeſſel, zeigte der jüngern mit der Hand einen Stuhl und ſagte:„Geben Sie ſich die Mühe, ſich niederzu⸗ laſſen, Frau Marquiſe! Nehmen Sie doch Platz, Frau Baronin!“ ſagte er zu der jüngeren. Ddie beiden Frauen wurden blaß wie der Tod, und — — 29 fielen mehr auf die ihnen dargebotenen Sitze, als ſie ſich niederſetzten. „Aber, mein Herr, Sie täuſchen ſich,“ ſagte die ältere der beiden Frauen. „Bürger, ich verſichere Dich, daß Du im Irr⸗ thum biſt,“ rief die jüngere. „Verſtellen Sie ſich vor mir nicht, meine Damen; übrigens haben Sie nichts zu fürchten.“ „Aber wer ſind Sie und woher kennen Sie uns?“ „Ich bin der Exintendant der Frau Herzogin von Lorges, vormaligen Ehrendame der Frau Gräfin von Artois, welche Paris mit dem Prinzen verlaſſen hat, und mich hier zurückließ, um von ihrem Vermögen zu retten, was ich retten kann. Ich habe Sie zwanzig⸗ mal bei meiner Gebieterin geſehen, und auf den erſten Blick wieder erkannt.“ „Unſer Leben iſt in Ihren Händen, mein Herr,“ ſagte diejenige der beiden Damen, welche der Officiant mit dem Titel Baroneß bezeichnet hatte;„denn wir wollen nicht länger in Abrede ſtellen, daß wir die Perſonen find, welche Sie bei der Frau Herzogin von Lorges geſehen haben, die eine unſerer beſten Freun⸗ dinnen war. Aber Sie haben Mitleiden mit uns, nicht wahr?“ „Sie können ruhig ſein, meine Damen,“ ant⸗ wortete der Exintendant,„und ich werde Alles, was in meiner Macht ſteht, dazu beitragen, um Ihnen zu Ihrer Flucht behülflich zu ſein.“ „O, mein Herr,“. rief die Marquiſe,„glauben Sie, daß wir Ihnen ewig dankbar ſein werden, und wenn wir Ihnen, durch unſere Empfehlungen zu irgend Ltwas....⸗ „Ach, meine Mutter,“ ſagte die Baroneß,„wozu ſollen jetzt unſere Empfehlungen dem Herrn dienen höchſtens um ihn bloß zu ſtellen. Weit entfernt, daß Schutzes Anderer!“ wir etwas für Andere thun können, bedürfen wir des „Ach, ja, Du haſt Recht, meine Tochter,“ ant⸗ wortete die Marquiſe.„Ich vergeſſe immer wer wir ſind, und was aus unſerem armen Lande gewor⸗ den iſt.“ 1 „Stille, meine Mutter,“ ſagte die junge Frau, „ſprechen Sie doch um des Himmels willen ſolche Worte nicht.“ „O, Sie haben nichts zu fürchten, meine Damen,“ ſagte der Officiant,„das heißt, ſo lange Sie derglei⸗ chen Sachen bloß vor mir ſprechen... Aber wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, Frau Marquiſe, ſo iſt es der, daß Sie ſo wenig als möglich ſprechen,“ fügte er lachend bei;„denn Sie haben einen ariſtokra⸗ tiſchen Accent, und der iſt in gegenwärtiger Zeit un⸗ gangbar; und wenn Sie ſprechen, ſo rathe ich Ihnen ferner, das Du zu gebrauchen und die Leute Bürger anzureden.“. f„Niemals, mein Herr, niemals,“ ſchrie die Mar⸗ quiſe.— „Wegen mir, meine Mutter, wegen meines ar⸗ men Kindes!“ ſagte die Baroneß,„es hat ja ſeinen Vater ſchon verloren. Was ſollte aus ihm werden, wenn es auch uns beide verlieren würde?“ „Nun, es ſei!“ ſagte die Marquiſe;„ich verſpreche Ihnen, meine Tochter, zu thun, was möglich iſt.“ „Und nun, meine Damen, wollen Sie Ihre Reiſe mit dieſem Paß fortſetzen?“ 4 .us rathen Sie, mein Herr?“ fragte die Ba⸗ roneß. „Statt Ihnen zu nützen, wird er Ihnen vielmehr höchſt nachtheilig werden können. Keine von Ihnen ſcheint das Alter zu haben, welche derſelbe enthält, und wie ich Ihnen geſagt habe, Ihre Fräulein Toch⸗ ter iſt darin nicht aufgeführt.“ ———8 —6ö5ö— 31 „Was ſollen wir denn aber beginnen; wir haben keinen andern.“ „Aber wenn ich Ihnen einen verſchaffen könnte!“ „O mein Herr,“ rief die Baroneß,„wenn Sie das für uns thun wollten!“ 1 „Ohne Zweifel; allein Sie werden gezwungen ſein, hier eine halbe Stunde, oder vielleicht noch länger zu warten.“ „O, ſo lange Sie wollen,“ ſagte die Baroneß; Fdau ich fühle, daß wir in Ihrer Nähe in Sicherheit ind.“ 5 Der Municipalofſteiant ging hinaus und kam nach einem Augenblicke wieder, indem er den Paß voll von Koth und halb. zerriſſen zurückbrachte. „Bürger Greffier,“ ſagte er, indem er einem jungen Menſchen rief, der gleich ihm eine dreifarbige Schärpe umhatte.„Habe die Gefälligkeit, für mich auf die Mairie zu gehen, und einen Paß ausfertigen zu laſſen. Du wirſt dieſen da zeigen und ſagen, daß ich ihn unter das Rad eines Wagens habe fallen laſ⸗ ſen. Füge hinzu, daß die Perſonen in meinem Cabi⸗ nete ſind, und daß ich das Signalement ſelbſt hinein ſchreiben werde.“ Der junge Mann nahm den Paß aus den Händen des Municipalbeamten und ging fort, ohne die geringſte Bemerkung zu machen. „Und nun, mein Herr,“ ſagte die Baroneß,„dür⸗ fen wir wohl wiſſen, wie Sie ſich nennen, damit wir Ihren Namen im Gedächtniſſe behalten, für unſeren Erretter zu Gott beten können.“ „Ach, Madame,“ entgegnete der Offtciant, nich habe zum Glücke für Sie und für mich einen ziemlich unbekannten und ſelten genannten Namen. Ich war, wie ich Ihnen ſagte, Intendant der Frau Herzogin von Lorges, die mich mit einer engliſchen Erzieherin verheirathet hat, welche ſie zur Vollendung der Bil⸗ dung ihrer Tochter hatte kommen laſſen. Meine Frau. hat ſie, nebſt meinem ſechsjährigen Sohne bei der Aus⸗ wanderung begleitet. Gegenwärtig ſind ſie in Eng⸗ land, zu London, und wie ich vermuthe, begeben auch Sie ſich nach London.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete die Baroneß. „Ich kann Ihnen die Adreſſe der Herzogin geben, welche ſie übrigens immer bei Ihrer kgl. Hoheit der Frau Gräfin von Artois finden werden.“ „Und ſie wohnt?“ fragte die Baroneß. „Regent's⸗Street No. 14.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr; ich werde es nicht vergeſſen, und wenn Sie einige Aufträge an Ihre Frau haben..“ „Sie werden Ihr ſagen, daß ich das Glück ge⸗ habt habe, Ihnen einen kleinen Dienſt erweiſen zu können, daß bis jetzt mein Patriotismus mich vor je⸗ der mißlichen Geſchichte bewahrt hat, daß ich mich aber, da ich mich nicht für ganz ſicher halte, zu ihr begeben werde, ſobald es mir möglich geworden iſt, unſer kleines Vermögen zu retten.“ „O, mein Herr, ſeien Sie verſichert, daß ich auch nicht ein einziges Wort von dem vergeſſen werde, was Sie mir geſagt haben. Bei allem dem aber ha⸗ ben Sie mir Ihren Namen nicht genannt.“ „Sie werden ihn auf dem Viſa finden, welches ich unten an Ihren Paß ſetzen werde, und ich hoffe, daß er Sie da noch ſchützen wird, wenn ich nicht mehr da ſein werde, um Sie in Schutz zu nehmen.“ 3 In dieſem Augenblicke kam der Greffier zurück und brachte den neuen Paß; er hatte den andern auf der Mairie hinterlegen müſſen. „Setzen Sie ſich, und ſchreiben Sie!“ ſagte der Municipalofficiant zu dem jungen Menſchen. Dieſer gehorchte und füllte die gebräuchlichen Formulare aus; als er an den Namen der Perſonen gekommen war, erhob er den Kopf, damit man ſie ihm dictire. =ͤA=NSͤ ⁸ X 33 „Wie heißt Dein Mann, Bürgerin?⸗ fragte der Officiant. „Er heißt Peter Durand und iſt ſechs und dreißig Jahre alt.“ „Gut, und Deine Mutter?“ „Gervaſia Arnould und ſie iſt fünf und vierzig Jahre alt.“ „Und Du?“ „Catharina Peyot, „Und Dein Kind?“ „Cäcilie.“ „Wie alt? „Vier Jahre.“ „Gut,“ ſagte der Officiant,„nun wie viel haſt ausgelegt, Joſeph?" „Vierzig Sou,“ erwiederte der Greffier. Die Marquiſe zog einen Doppellouisd'or aus ih⸗ rer Taſche. „Meine Mutter, meine Mutter, Baroneß ihr zu, indem ſie ſie bei d dann zahlte ſie, indem ſie nach und na ouſtück und zehn Souſtücke aus der brachte, gab dieſe dem Greffier, wegging. fünf und zwanzig Jahre.“ Di — “ flüſterte die er Hand faßte; ch ein Dreißig⸗ Taſche hervor⸗ welcher grüßte und Inzwiſchen ſetzte der Officiant ſein Viſa auf den aß und als dieſes geſchehen war, reichte er das koſt⸗ bare Papier der Baroneſſe dar, indem er ſagte: „Nun, Madame, können Sie Ihre Reiſe fort⸗ ſetzen, und ich hoffe, daß ſie ohne widrigen Zufall vollendet werden wird.“ „Mein Herr,“ entgegnete die Baroneß,„der Dien erzeigt haben, läßt ſich nicht an⸗ i eit erwiedern, und meinem Herzen, in das meines Mäͤdchens übergehen, wenn dieſe einmal begreifen wird, was Dankbarkeit iſt.“ das Drnutkleid. 3 Die Marquiſe machte dem Municipalofſicianten eine würdevolle Verneigung, und die kleine Cäcilie warf ihm einen Kuß zu. Dann ſtiegen alle drei wieder in die Carriole. Peter Durand nahm ſeinen Platz auf der Deichſel wieder ein, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß die beiden Frauen und das Kind auf dem Wagen gut ſitzen, gab er dem Pferde einen Hieb mit der Peitſche, welches ſich dann in einen kurzen Trab verſetzte. „Apropos, meine Tochter,“ ſagte nach einer Weile die Marquiſin.„Wie nennt ſich dieſer brave Mann?“ „Ludwig Duval,“ ſagte die Baroneß, deren erſte Sorge es geweſen war, den Namen ihres Retters unten auf dem Paſſe aufzuſuchen. „Ludwig,“ entgegnete die Marquiſe, nes ſcheint doch, daß dieſe Leute vom Volke nicht alle Jakobiner und Mörder ſind.“ 3 Bei dieſen Worten rollten zwei große Thränen über die Wangen der Baroneß herab. Die kleine Cäcilie trocknete ſie mit zwei Küſſen ab. IIl. Man hat geſehen, daß Königinnen weinten, wie die einfachſten Frauen.* Nun einige Worte über dieſe beiden Frauen und über dieſes Kind, welche, Dank dem würdigen Offi⸗ cianten, wie wir geſehen haben, einer ſehr großen Gefahr entgingen. — Die altere dieſer beiden Damen nannte ſich die Marquiſe de la Roche⸗Bertaud, ſie war eine gebo de Chemillé, und alſo ſowohl von Geburt/als 4 ͤ cSSe=— D 2 35 ihrer Vermählung, eine der großen Damen des Kö⸗ nigreichs.. Die jüngere, ihre Tochter, war die Baroneß von Marfilly. Das Kind, wie wir ſchon geſagt haben, die En⸗ kelin der erſteren, hieß Cäcilie; ſie iſt die Heldin die⸗ ſer Geſchichte. 1 Ihr Vater, Baron Marfilly, mit der jüngeren der beiden Damen verheirathet, war acht Jahre lang Officier in der Garde geweſen. Die Baroneß Marfilly war ſeit fünf Jahren Pallaſtdame der Königin. Alle Beide waren ihrem Fürſten getreu geblieben; Baron Marſilly hätte in den Jahren 91 und 92 ſehr wohl in das Ausland flüchten können, wie es viele ſeiner Kameraden gethan hatten, allein er hatte es für Pflicht gehalten, bei dem Könige zu bleiben, und, wenn er für ihn ſterben ſollte, in ſeiner Nähe zu ſter⸗ ben. Die Baroneß war, ohne irgend eine Betrachtung anzuſtellen, bei ihrem Manne geblieben, den ſie an⸗ betete, und bei der Königin, die ſie verehrte. Als der König und die Königin verſucht hatten, nach Paris zurückgebracht würden. Sie gingen nun, um ihre Stellen ſogleich wieder in den Tuilerien ein⸗ zunehmen, und die beiden erſten Perſonen, welche der König und die Königin, beim Ausſteigen aus dem Wagen bereit fanden, ihnen ihre Huldigungen darzu⸗ bringen, waren der Baron und die Baroneß Marſilly. ſt wohl zu bemerken, daß zu jener Epoche die Verhältniſſe ſich ſchon ſo ernſt geſtaltet hatten, 4 daß dieſes Zeichen von Ergebenheit nicht unbemerkt vorüber ging. Der zwanzigſte Juni bereitete den zehnten Auguſt, und der zeynte Auguſt den ein und zwanzigſten Jänner vor. Paris bot einen eigenen Anblick dar; es ſchien, daß die Vorübergehenden nicht mehr zu ihren Ge⸗ ſchäften fich begaben, ſondern dahin, wohin die Leiden⸗ ſchaften ſie riefen. Statt dieſer gutmüthigen Phy⸗ ſiognomie, welche ſich mit Poſſen beſchäftigte, die den Charakter der Gaffer von Paris bildet, ſah man nichts als Leute, welche damit beſchäftigt ſchienen, ſich dem Saſſe hinzugeben, oder eine Rache zu verfolgen. Je⸗ den Tag hörte man von irgend einem neuen Morde ſprechen; bald war es ein unglücklicher Procurator, den man unter dem Vorwande in der Rue de Noeuille todtſchlug, daß er ein Emiſſaire Laffaytte's ſei; bald war es ein alter Garde du Corps, welchen man in das Baſſin der Tuilerien tauchte und ihm den Kopf unter das Waſſer im Angeſichte von hundert Spazier⸗ gängern hielt, welche dieſem ſchrecklichen Schauſpiele mit einem einfältigen Lachen zuſahen; eines Tages war es ein widerſpenſtiger Prieſter, den man an die Laterne unter dem Hohngelächter des Volkes knüpfte; an einem andern Tage war es Duval d'Eprameſnil, welchen man auf der Terraſſe des Feuillants auf⸗ knüpfte, und alle dieſe Morde, dieſe Metzeleien wur⸗ den mit dem pompöſen und feierlichen Namen der Volksjuſtiz beſchönigt. Wenn dergleichen Gerüchte mit dieſer ſonderbaren Entſchuldigung in die Tuilerien ge⸗ langten, ſah man ſich beſtürzt an und fragte ſich, was denn dieſe neue Juſtiz ſei, welche ungeſtraft an die Stelle der Juſtiz des Königs trete.* Das Alles kündigte irgend eine große Kataſtrophe an, als eines Tags, wie wenn ſich des Himmels Vorherſagungen mit den Drohungen der Menſchen vereinigen wollten, eines jener unheilvollen Gewitter —-r- . & S ERASOò—— n 37 losbrach, welche eine gewiſſe Harmonie zwiſchen der Ober⸗ und der Unter⸗Welt ankündigen. Es war der dritte Auguſt 1792; der ganze Tag war drückend ſchwül geweſen, eine gewiſſe Mattigkeit, ein unbeſtimmter Schrecken, eine düſtere Entmuthigung ſchien auf der Bevölkerung zu laſten; die beunruhig⸗ ten Nachbarn hatten ſich unter ihren Thüren verei⸗ nigt, oder plauderten mit einander aus den Fenſtern, zeigten ſich erſtaunt die ſchweren kupferfarbenen Wol⸗ ken, welche reißend ſchnell über die engen Straßen, gleich ungeheuren Wogen hinflogen und dann im We⸗ ſten ſich wie zu einem ungeheuren Meere von Blut vereinigten. Nie hatte der⸗ Himmel dieſe Farbe ge⸗ habt, nie war die Sonne von der Erde mit einem ſo traurigen Lebewohl geſchieden. Bald erhob ſich in den Lüften ein pfeifender und heißer Wind, der ſo ſeltſam und ſo unerwartet war, daß ſich die Gruppen, ohne ein Wort zu wech⸗ ſeln, zerſtreuten, und daß jeder nach Hauſe kehrte und die Fenſter und Thüren ſchloß. Nun brach das Ge⸗ witter los. Man erinnere ſich des Gewitters im Monat Juli, welches um einige Tage der Revolution 1830 voran⸗ ging. Nach Verlauf von einer oder zwei Stunden woll⸗ ten indeſſen die Menſchen mit den Elementen kämpfen. Bei dem Leuchten der Blitze, bei dem Rollen des Donners verbreitete ſich jene wilde Horde, welche man die Marſeiller nannte, nicht weil ſie aus Marſeille waren, ſondern weil ſie gleich den Stürmen von Mit⸗ tag gekommen waren, in den Straßen. Ein leben⸗ diges Gewitter hatte ſich mit dem Gewitter des Him⸗ mels vereinigt, und Ströme von Menſchen wechſelten mit den Strömen des Feuers, welche die Luft durch⸗ zückten, ab. Endlich aber beſiegte der Sturm Gottes dieſe Art von Aufruhr, dieſe heulenden Banden zer⸗ „ ſtreuten ſich, und die verödeten Straßen blieben das Eigenthum der Blitze und des Donners.. Während dieſer ſchrecklichen Nacht ſchlief in den Tuilerien Niemand; mehr als einmal warfen der König und die Königin durch einen halb geöffneten Fenſterladen ihre Blicke nach den Feuillants oder auf die Quai's; ſie kannten ihr Volk, ihre Stadt nicht mehr, und kaum erkannten ſie Gott wieder, indem ſie ihn ſo grollen hörten und ſich nicht erinnerten, ihn jemals beleidigt zu haben.— Erſt um ſieben Uhr Morgens legte ſich das Ge⸗ witter. Jetzt erſt erfuhr man die betrübenden Einzeln⸗ eiten. Der Blitz hatte an mehr als fünfzig Orten ein⸗ geſchlagen, achtzehn bis zwanzig Perſonen getödtet. Das Kreuz auf der Ebene von Iſſp, das Kreuz von Croſne, das Kreuz des Kirchhofs von Hay und das Kreuz der Charenton⸗Brücke waren zerſchmettert wor⸗ den. In derſelben Nacht, unter dem Brüllen des Donners war es, daß Danton, Camille des Moulins, Barbaroux und Panis den zehnten Auguſt dekretirten. Am neunten hatte der Baron von Marſilly die Wache in den Tuilerien, und die Baroneß verrichtete wie gewöhnlich ihren Dienſt bei der Königin. Um acht Uhr Morgens hörte man die Trommel in den verſchiedenen Quartieren von Paris rühren. Mandar, der Oberbefehlshaber der Nationalgarde, rief die Bürgermiliz zur Vertheidigung der Tullerien, welche man ſeit geſtern Abend von den Vorſtädten be⸗ droht wußte. Dem Apell folgten kaum drei oder vier Batail⸗ lone. Das eine davon wurde in dem Hofe der Prin⸗ zen, das andere in dem Hofe der Schweizer und die übrigen in dem untern Stockwerke des Schloſſes auf⸗ 3 geſtellt. Der Hof der Prinzen führte zu dem Pavil⸗ lon der Flora, das heißt zu dem Pavillon, welcher Au 8 —— 39 nach dem Quai geht. Der Hof der Schweizer führte zu dem Pavillon Marſan, das heißt zu dem Pavillon, welcher nach der Straße Rivoli führt. Um Mittag wies Herr von Maillardor den Schweizern die verſchiedenen Poſten an, welche ſie zu beſetzen hatten. Um halb ein Uhr erhielt der Baron Marſilly den Befehl, den König in die Kapelle zu begleiten. Die ganze königliche Familie wollte die Meſſe hören, wie ſonſt die Ritter in der Stunde des Gefechtes communi⸗ cirten; ohne noch etwas zu ſehen, ahnete man, daß ein ſchreckliches Ereigniß nahe. Es lag etwas beſonders Feierliches in dieſer Meſſe, der vorletzten, welche Ludwig XVI. hörte. Die letzte war die vom ein und zwanzigſten Jänner. Der übrige Theil des Tages verging ziemlich ruhig; man beſchäftigte ſich im Schloſſe mit einigen Vertheidigungsanſtalten. Der Baron wurde beauf⸗ tragt, die Fußböden von der Gallerie des Louvres wegzunehmen, heut zu Tag die Gallerie des Muſeums genannt. Um elf Uhr Abends trat Petion, der Maire von Paris, derſelbe, der ein Jahr ſpäter flüchten mußte, und faſt lebendig von den Wölfen in den Haiden von Saint⸗Emillon gefreſſen worden wäre, in das Zim⸗ mer des Königs, aus welchem er um Mitternacht weg⸗ ging.. Sogleich erſchien der König, öffnete die Thüre eines Zimmers, wo ein Poſten war, und ſagte, indem er Herrn von Marſilly in dem commandirenden Offi⸗ ziere erkannte: „Ich verheiße Ihnen eine viel ruhigere Nacht, als wir geglaubt haben; der Herr Maire von Paris verſichert mich, daß ſich Alles beruhigt. Laſſen Sie dieſe Nachricht dem Herrn von Maillador hinterbrin⸗ gen, was ihn indeſſen nicht verhindern ſoll, zu wachen.“ 40 Der Baron verbeugte ſich und ging hinaus, um die Befehle des Königs zu vollziehen; allein als er an den Poſten der großen Treppe gelangte, hielt er inne, lauſchte, und glaubte im erſten Augenblicke falſch gehört zu haben. Die Lärmglocke ertönte zugleich mit dem Generalmarſch und mit dem Rufe:„Auf eure Poſten!“ Dieſes Geſchrei ertönte von einem Ende der Tuilerien bis zum andern, und zu gleicher Zeit ſchloß man das grohe Gitterthor vor Carrouſſel. Eine halbe Stunde ſpäter verbreitete ſich das Ge⸗ rücht, daß die Kanoniere der Nationalgarde, welche zur Vertheidigung des Königs herbeigerufen und in dem Hofe waren, ihre Geſchütze gegen das Schloß gewendet hatten. Um zwei Uhr Morgens kündigte man dem Baron Marſilly an, daß der König ihn zu ſprechen verlange. Der Baron traf den König, die Königin, Ma⸗ dame Eliſabeth und ihre Vertrauteſten in dem Zim⸗ mer verſammelt, welches vor dem Kabinet des Königs lag. Die Baroneß ſtand mit noch zwei Ehrendamen in einer Fenſtervertiefung. Die Damen waren alle ſehr bleich. Der Cha⸗ rakter der Phyſiognomien war, ſelbſt in dieſem außer⸗ ordentlichen Zuſtand, auf dem Geſichte des Königs und der Königin der der Reſignation. Der König hatte ſich nicht, zu Bette gelegt. In dem Augenblicke, in welchem der Baron eintrat, lag er auf einem Kanapee. Seine Majeſtät erhob ſich; ſie tu ein violettes Kleid und hatte einen Degen an der eite.. Ludwig XVI. trat vor den Baron hin, faßte ihn bei einem Knopfe ſeines Kleides, wie dies ſeine Ge⸗ wohnheit war, wenn er mit ſeinen Vertrauten ſprach, und führte ihn in eine Ecke. 8 „Nun, mein lieber Baron,“ ſagte er zu ihm,„es ſcheint, daß trotz dem, was mir Herr Petion geſagt hat, die Sache eine ſchlimme Wendung annehme. Sie ———— —— AO à& —— 8αᷣ*6AANR n Vʃ — 41 verſammeln ſich, und mit Anbruch des Tages ſollen ſie, wie man verſichert, gegen die Tuilerien marſchiren. Was wollen ſie? Ich weiß es nicht... Ohne Zweifel uns erwürgen... Glauben Sie die Tuilerien in einem Zuſtande, um ſich vertheidigen zu können?“ „Sire,“ antwortete der Baron,„Sie verlangen die Wahrheit von mir, nicht wahr?“ „O ja, die Wahrheit, die volle Wahrheit. Wenn man ſie mir immer geſagt hätte, ſo wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.“ „Wenn wir mit einiger Umſicht und einiger Be⸗ harrlichkeit angegriffen werden, ſo wird ſich das Schloß nicht zwei Stunden lang halten.“ „Wie! Sie glauben, daß meine Vertheidiger mich verlaſſen werden?“ „Nein, Sire,“ verſetzte der Baron;„aber nach Verlauf von zwei Stunden werden ſie alle todt ſein.“ „Baron ſprechen Sie nicht ſo laut, ſchonen Sie die Königin! Das iſt alſo Ihre Meinung?“ „Ja, Sir.“. „Es iſt auch die Mailladors, welchen ich ſo eben hatte kommen laſſen. Baron, nehmen Sie fünfzig nehmen Sie den Poſten der porte de l'Horloge; er i*ſt durch zwei Kanonen vertheidigt. Ich will auf die bauen können, welche auf dieſem Poſten, dan bedeu⸗ tendſten der Tuilerien, ſind.“ 3 „Ich danke, Euer Majeſtät, für das Vertrauen, mit welchem Sie mich beehren und ich werde mich deſſen würdig zeigen,“ antwortete der Baron und ver⸗ beugte ſich, um ſich zurückzuziehen. „Sagen Sie einige Worte der Baroneſſe, ich er⸗ laube es,“ ſagte der König, indem er ihn zurückhielt. „Ich danke Ihnen, Sir, ich würde es nicht gewagt haben, um dieſe Gnade zu bitten, allein Euer Majeſtät. wiſſen in dem Grunde des Herzens die Wünſche deſſel⸗ ben zu leſen.“ 8 1 1 „Weil ich Vater und Gatte bin, wie Sie, Baron,“ antwortete der König, ⸗und weil ich die Königin aus dem Grunde meines Herzens liebe.“ Dann fügte er mit leiſer Stimme bei:„Arme Mary, Gott möge Dich ſchützen!“ Der Baron nahte ſich ſeiner Frau: „Luiſe,“ ſagte er,„man weiß nicht, was ſich ereig⸗ nen kann. Im Fall, daß die Tuilerien genommen wer⸗ den ſollten, flüchteſt Du Dich in das Kabinet, welches hinter der Bibliothek von der Madame Eliſabeth iſt; wenn ich nicht gefallen ſein ſollte, ſo werde ich Dich dort wieder finden.“ „Aber wenn die Königin Paris verläßt?“ „Dann werden wir uns, da ich dem Könige fol⸗ gen werde, nicht verlaſſen.“ Beide drückten ſich die Hand. „Umarmen Sie ſie!“ ſagte der König, indem er ſich gegen das Ohr des Barons neigte, und ſeine Hand auf ſeine Schulter legte;„wer weiß, ob die, die ſich in dieſem Augenblick verlaſſen, ſich nur jemals wiederſehen werden.“. „Ich danke Ihnen, Sire, ich danke Ihnen,“ ſagte der Baron. Und er drückte ſeine Frau an ſein Herz. Die Königin vergoß eine Thräne. Der Baron ſah dieſes Zeichen der Theilnahme und er ließ ſich vor Marie⸗Artoinette auf ein Knie nieder. Die Königin reichte ihm ihre Hand zum Küſſen dar. Der Baron ſtürzte aus dem Zimmer. dat fühlte, daß er wie ein Kind weinen könnte. — Der Sol⸗ ☛ 8 IV. Der Artilleriſt von Croix⸗Nouge. Nach dem Baron von Marfilly verließen der Kö⸗ nig, die Königin und Madame Eliſabeth das Zimmer. Alle drei gingen, um ihren Vertheidigern einen Beſuch abzuſtatten. Bei jedem Poſten blieb der König ſtehen, um den Perſonen, aus welchen er beſtand, einige er⸗ muthigende Worte zu ſagen. Die Königin wollte ihn nachahmen, allein ſie vermochte es nicht; ſo wie ſie zu ſprechen begann, erſtickte Schluchzen ihre Stimme. In der That war auch der Anblick, welchen die Tui⸗ lerien darboten, wenig erhebend. Die Schweizer und die franzöſiſchen Garden ſtanden an ihren Poſten, be⸗ reit für ihren König zu ſterben, aber in den Reihen der Nationalgarde herrſchte Streit. Die Bataillone von Petits⸗Pères, von der Butte des Moulins und von Filles Saint⸗Thomas waren treu geblieben und ſtanden feſt in dem Hofe der Schweizer und in dem Hofe der Prinzen; allin die Bataillone der Thermes de Julien und die Artilleriſten von Croix⸗rouge, von Finis tère und des Pantheons hatten ſchon ihre Ka⸗ nonen gegen die Tuilerien gerichtet. Der König ging mit gebrochenem Herzen zurück. Die Königin und Madame Eliſabeth hatten jede Hoffnung verloren; im Schloſſe ſchlief Niemand außer dem Dauphin. 4 Um ſechs Uhr morgens hörte man ein großes Geräuſch, es war die Avantgarde der Vorſtädte, welche auf dem Carronſelplatz debouchirte. Zu derſelben Zeit ſah man den König, die Königin und den Dauphin die große Treppe hinabſteigen. Die Königin trug das erlauchte Kind in ihren Armen; alle drei begaben ſich in die Verſammlung. Im Vorübergehen warf der König einen Blick auf den Baron Marfilly, welcher, den Degen in ſeiner Hand, an der Spitze ſeiner fünfzig Mann unter dem großen Thore ſtand. Zwei Kanonen zeigten an dem Thore ihren ehernen Schlund; die Kanoniere ſtanden hinter ihnen mit brennenden Lunten. Der Dauphin winkte mit der Hand ſeinen Ver⸗ theidigern zu, und der Ruf:„es lebe der König,“ er⸗ tönte einſtimmig von dieſer kleinen Truppe. Aber es war nicht ſo, als ſich der König der war, nahte; hier empfingen ihn ſchreckliche Verwün⸗ ſchungen. Ein Sapeur überhäufte die Königin mit Beleidigungen und riß ihr den Dauphin aus den Armen. 3 Von dieſem Menſchen getragen, kam das könig⸗ liche Kind in die Verſammlung. In demſelben Augenblicke ertönten die erſten Ka⸗ nonenſchüſſe. Bei dieſem Lärm erinnerte ſich die Baroneß an das, was ihr ihr Mann geſagt hatte, und ſie flüchtete ſich in das ihr bezeichnete Cabinet. Drei oder vier Frauen der Königin folgten ihr dahin. Mit jedem Augenblicke verdoppelte ſich der Don⸗ ner der Kanonen, und in den Zwiſchenräumen hörte man das Knattern des Gewehrfeuers. Bei jeder Salve erzitterte das Schloß von oben bis unten. Die zerſchmetterten Flieſen fielen in die Zimmer, die Ku⸗ geln ſchlugen in das Getäfel. Bald vernahm man ein Geſchrei. Dieſes Geſchrei nahte ſich, es war das der Schweizer und der Nationalgardiſten, welche man auf den Treppen niedermetzelte. Sie hatten aus der Verſammlung eine Depeſche des Königs erhalten, welche ihnen befahl, das Feuer einzuſtellen und zu capituliren. Zum Capituliren war es zu ſpät, das Schloß war mit Sturm genommen. Die Schritte der Fliehenden wiederhallten in den Zimmern, und der Kampf, welcher bis jetzt auf den „ 45 Treppen ſtatt gehabt hatte, erneuerte ſich von Zimmer zu Zimmer. Die Baroneß legte das Ohr an die Thüre des Cabinets, ſie hörte den Lärmen ſich nahen, und in jedem Schrei, den ſie vernahm, glaubte ſie den letztem Ruf ihres Mannes zu hören. Plötzlich gab die Thüre, durch einen heftigen Stoß geſprengt, nach. Drei Nationalgarden von der Butte des Moulins ſtürzten in das Cabinet und flehten um Hülfe. Sie fanden die Baroneß und ihre Begleiterin ganz außer ſich. Die Baroneß fragte um Nachrichten von ihrem Manne, vergaß ſich ſelbſt und dachte nur an ihn; allein keiner von ihnen kannte ihn, und ſie konnte da⸗ her nichts vernehmen. Bei dem Anblicke dieſer Männer, deren Kleider zerfetzt und mit Blut bedeckt waren, bemächtigte ſich das Entſetzen der armen Frauen. Das Cabinet hatte eine Thüre, welche in einen Corridor führte, und aus dieſem gelangte man mittelſt einer geheimen Treppe in die unteren Gemächer. Eine der Frauen ſchlug dieſen Weg der Rettung vor, und er wurde um ſo mehr angenommen, als man die Flintenſchüſſe und den Schmerzruf der Sterbenden bereits aus dem Zim⸗ mer vernahm, welches vor der Bibliothek lag. Män⸗ ner und Frauen ſtürzten ſich durcheinander in den Corridor, dann auf die Treppe, welche man hinab⸗ eilte. Die Baroneß allein war in dem Augenblicke, in welchen ſie ihnen folgen wollte, bei dem erſten Schritte ſtehen geblieben. Ihr Mann hatte ihr ge⸗ heißen, hier auf ihn zu warten, und dieſe Worte wa⸗ ren ihr in Mitte dieſes Entſetzens in das Gedächtniß zurückgekehrt, hatten ſie auf ihren Platz gefeſſelt. Einen Augenblick lang glaubte ſie ihre Gefährtinnen gerettet. Auf das Geländer gelehnt, folgte ſie ihnen mit den Augen und mit den Ohren auf dem Corridor und auf der Treppe. Das Geräuſch ihrer Tritte ver⸗ hallte, allein bald hörte man drei oder vier Flinten⸗ ſchüſſe, dann ein Geſchrei, und nun folgte ein Lärm, ner bemächtigten ſich der Stühle, um wenigſtens nicht den Frauen nieder. den fünf oder ſechs fliehende Perſonen verurſachten; es waren die Gefährtinnen der Baroneß und die Na⸗ tisalgardiſten, welche am Ende des Corridors auf eine Bande Marſeiller geſtoßen waren, ſich nun flüch⸗ teten, und zurückkehrten, um ein Aſyl in dem Cabinete zu ſuchen, in welchem die Baroneß noch immer wartete. Auf der Treppe ſtürzte einer der Nationalgar⸗ diſten; er hatte bei der letzten Decharge eine Kugel in den Leib erhalten, und die Frauen waren gezwun⸗ gen, über ſeinen Leichnam hinweg zu ſteigen. Nun nahte ſich der Mord von zwei Seiten. 3 Es war nicht mehr möglich, in dem Cabinete zu bleiben, man hörte die Marſeiller bereits im Corri⸗ dore toben. Es war auch keine Hoffnung, durch die Bibliothek zu entfliehen, denn dort erwürgte man ſich. Die Frauen fielen auf die Kniee nieder und die Män⸗ 4 zu ſterben, ohne ſich zu vertheidigen. In dieſem Augenblick ſchwang ſich durch ein run⸗ des Fenſter, welches zu einem abgelegenen kleinen Zimmer gehörte, ein Mann in der Uniform der Ka⸗ noniere von Croix⸗Rouge herum und fiel zwiſchen Dieſe ſtießen einen Schrei des Entſetzens aus und die Nationalgarden ſchickten ſich W an, ihm den Kopf mit ihren Stühlen zu zerſchmettern, als plötzlich die Baroneß einen Schrei ausſtieß und ihre beiden Hände nach dieſem Manne ausſtreckte; es war der Baron. In einem Augenblicke erkannten ihn die Frauen, und die beiden Nationalgardiſten wußten, daß ſie es mit einem Freunde zu thun hatten. Mit wenigen Worten ſetzte ſie der Baron von dem Vorgefallenen in Kenntniß; von ſeinem Poſten vertrieben, von Zimmer zu Zimmer verfolgt, fand er an der Thüre des anſtoßenden Cabinets den Leichnam eines Artilleriſten von Croix⸗Rouge; er ſchleppte der ſelben in das Cabinet, zog ſeine Kleider an und du ̈NDr —— Miarfilly.“ 1 das kleine Fenſter, welches, wie er wußte, in Verbin⸗ dung mit der Bibliothek ſtand, hatte er ſich mit ſeiner Frau wieder vereinigt. Kaum hatte er dieſe Erklärung gegeben, als die Marſeiller, welche die Flüchtlinge aus dem Geſichte verloren hatten, aber den Blutſpuren gefolgt waren, die Treppe heraufſtürzten. Der Baron ergriff einen ſchnellen, raſchen und angemeſſenen Entſchluß, und eilte ihnen entgegen. „Hieher Kameraden!“ rief er.„Hieher!“ ſeiller. „Ja, Kameraden, wir waren gefangen gehalten. Dieſe beiden braven Nationalgardiſten und ich ſollten erdroſſelt werden, da verbargen uns dieſe Frauen in dieſem Cabinete hier. Das Leben für ſie; denn ſie haben uns das Leben gerettet!“ „Wohlan, wenn ſie rufen:„es lebe die Nation 17 Die armen Frauen riefen Alles, was ſie wollten. Dann zerſtreuten ſich die Marſeiller in die Zim⸗ mer, indem ſie die beiden Nationalgardiſten mit ſich führten. „Und dieſe armen Frauen, die uns gerettet ha⸗ ben,“ rief der Baron,„wollt Ihr Andern überlaſſen, die ſie vielleicht erwürgen werden, indem ſie nicht wiſſen, welche Dienſte ſie uns geleiſtet haben?“ „Nein,“ antworteten die Marſeiller, inden ſie umkehrten;„aber was willſt Du, daß wir mit ihnen machen ſollen?“ „Ich verlange, daß man ſie nach Hauſe bringe, und daß ihre Aufopferung belohnt werde.“ „Dann ſollen ſie unſern Arm nehmen und uns ſagen, wo ſie wohnen.“ „Wo wohnſt Du, Bürgerin?“ fragte der Baron ſeine Frau. „Straße Verneuil No. 6,“ erwiederte Frau von „Kanonier von Croix⸗Rouge?“ riefen die Mar⸗ „Kamerad!“ ſagte der Baron zu jenem der Mar⸗ ſeiller, der ihm das gutmüthigſte Geſicht zu haben ſchien.„Ich empfehle Dir dieſe da. Sie hat am meiſten für mich Sorge getragen, und ſie wohnt da in der Nähe, Du haſt nur über die Seine zu gehen.“) „Sei ruhig,“ ſagte der Marſeiller,„ſie wird ſicher nach Hauſe gelangen; ich ſtehe Dir gut dafür!”“ „Aber Du, Bürger,“ ſchrie die arme Frau, indem ſie ſich an den Arm ihres Mannes anklammerte,„was willſt Du beginnen?“ „Ich?“ ſagte der Baron, indem er die Sprache und die Haltung annahm, die mit ſeiner jetzigen Klei⸗ dung übereinſtimmte,„ich will ein wenig ſehen, was aus dem König geworden iſt.“ Die Baroneß ſtieß einen Seufzer aus, ließ den Arm ihres Mannes los und entfernte ſich am Arme ihres Beſchützers. Der Baron ſtieg durch das kleine Fenſter in das benachbarte Cabinet, zog ſeine Uniform wieder an, die er nur auf einen Augenblick und in der Hoffnung abgelegt hatte, daß er mittelſt dieſer Verkleidung ſeine Frau retten könne. Die Baroneß erwartete vergebens ihren Mann den ganzen Tag hindurch am 10. und 11.. Am 11. Abends erkannte ein Portier, als man die Leichname vom Hofe der Schweizer wegnahm und er half, ſie auf den Karren werfen, den Baron, ließ den Leichnam in ſeine Loge tragen, und ſetzte die Frau von Marſilly, welche wohlbehalten nach Hauſe gekom⸗ men war, davon in Kenntniß, daß ihr Mann unter den Todten wieder erkannt worden ſei. X 8ASSSS * V. Die Marquiſe de la Noche⸗Bertaud. Der Schmerz der Baroneß war ungeheuer; aber da ſie eine zugleich einfache und ſtarke Seele war, ſo gewährte es ihr einen großen Troſt, daß ihr Mann ſtarb, indem er ſeine Pflicht erfüllte. Es blieb ihr genug übrig, um mit ihrer Mutter und ihrem Kinde leben zu können. Mit der Marquiſe in Paris bleiben, hieß ſich tauſend Gefahren ausſetzen. Die Marquiſe war einer jener Charaktere, die keiner Verſtellung fähig ſind, weder durch die Kraft ihrer Seele, noch in Folge po⸗ litiſcher Ueberzeugung, ſondern blos darum, weil es ihr, in einem gewiſſen Kreiſe geboren und nach einer gewiſſen Art erzogen, unmöglich war, auch nur einen Augenblick lang ihre Geburt, ihre Meinung, ihren Haß, oder ihre Sympathieen zu verbergen. Ueberdies wurden die Zeiten in jedem Augenblicke ſtürmiſcher; der König und die Königin waren im Tempel; die einzelnen Niedermetzlungen währten in den Straßen fort und erwarteten das große Blutbad, welches ſich ſchon heimlich vorbereitete. Herr Guillotin kam end⸗ lich, um der legislativen Verſammlung das philan⸗ tropiſche Werkzeug vorzulegen, welches er die Güte hatte zu erfinden; wie man ſieht, war es Zeit, Frank⸗ reich zu verlaſſen. Aber Frankreich zu verlaſſen war keine ſo leichte Sache. Die ſtrengſten Strafen erwarteten die, welche auszuwandern ſuchten, und es täuſchte nicht, indem man eine Gefahr floh, ſiel man in eine andere, weit größere.— Die Marquiſe wollte Alles leiten; ſie ſprach von Das Brautkleid. 4 4 digſten Bedürfniſſe hinreichten. Ueberdies glaubte jeder⸗ 50 der Berline, von Poſtpferden, von Päſſen, welche ſie durch die Protektion fremder Geſandten erlangen wollte, die, wie ſie ſagte, im Namen ihres Souveräns alle dieſe Hallunken da zwingen würden, ſie, ihre Tochter und ihre Enkelin hinauszulaſſen. Die Baro⸗ naeß bat ſie, ihr dieſe Angelegenheit zu überlaſſen, und nach vielen Bitten erlangte ſie endlich von ihrer Mut⸗* keri. daß ſie ſich in dieſe Sache nicht mehr miſchen wolle. Sie war es alſo, die Alles leitete. Der Baron beſaß ein Landgut, welches zwiſchen Abbeville und Montreuil lag. Dieſes Landgut hatte ein Pächter inne, deſſen Vorältern ſeit zweihundert Jahren die Pächter der Ahnen des Herrn von Mar⸗ ſilly geweſen waren. Die Baroneß glaubte mit vol⸗ lem Rechte, auf dieſen braven Mann rechnen zu kön⸗ nen. Sie ſchickte ihm einen alten Bedienten, der den Baron aufgezogen hatte und ſeit vierzig Jahren in der Familie diente; dieſer alte Diener bekam aus Furcht vor Durchſuchungen keine ſchriftliche Inſtruktion, wohl aber eine mündliche von Seite der Baroneß, und er wußte Alles, was er zu ſagen hatte. Die Familie des Pächters beſtand gerade aus ei⸗ ner Mutter und einer Frau. Es wurde die Ueberein⸗ kunft getroffen, daß er nach Paris kommen ſolle und daß die Marquiſe und die Baroneß mittelſt der Klei⸗ der und der Päſſe dieſer beiden Bäuerinnen die Haupt⸗ ſtadt verlaſſen ſollten. Während dieſer Zeit traf die Baroneß Marfilly alle Anſtalten zur Abreiſe. 3 Es gab zu jener Zeit, wo Alles baare Geld in/ Aſſignaten verwandelt worden war, ſehr wenig ge⸗ münztes Geld, indeſſen gelang es der Baroneß, zwan⸗ zigtauſend Franken zuſammenzubringen, welche mit achtzig oder hunderttauſend Franken, der Marquiſe ge⸗ hörend, den Emigranten zur Beſtreitung der nothwen⸗ mann, daß dieſer Stand der Dinge nicht lange dauern 1 8 3 n 51 könne und ſelbſt nach der Anſicht der das Schlimmſte Vorausſehenden, mußte die Sache vor drei oder vier Jahren beendigt ſein. Die beiden armen Damen beſchäftigten ſich alſo mit den Vorbereitungen zur Abreiſe. Dieſe waren von Seite der Baroneß nicht von langer Dauer, und mit jener verſtändigen Einfachheit ausgeführt, welche die Grundlage ihres Charakters bildete; daſſelbe war aber nicht von Seiten der Mar⸗ quiſe der Fall. Als ihre Tochter ihr Zimmer betrat, fand ſie ſie unter einer Menge von Kiſten, Koffern und andern Päcken, welche hingereicht haben würden, drei Wagen voll zu füllen. Sie wollte keines ihrer Kleider zurücklaſſen, und ſogar ihr Tiſchzeug mit fort⸗ nehmen. „Meine Mutter,“ ſagte die Baroneß, indem ſie traurig den Kopf ſchüttelte,„Sie machen ſich viel un⸗ nöthige Mühe. Um keinen Verdacht zu erregen, kön⸗ nen wir wenig mehr mitnehmen, als das Kleid, wel⸗ ches wir auf uns haben. Und was die Linnen betrifft, ſo würde ein einziges Ihrer geſtickten, oder mit Spitzen beſetzten Taſchentücher hinreichen, uns zu erkennen und zu verhaften.“ „Aber immerhin, meine Liebe,“ ſagte die Mar⸗ quiſin,„wir können doch nicht ungekleidet fort⸗ gehen?“. „Ja, meine Mutter, Sie haben recht,“ antwortete die Baroneß mit ihrer unverſiegbaren Sanftheit;„allein wir werden nicht anders als unter der Bedingung weg⸗ gehen, in ganz einfache Kleider gehüllt zu ſein, die im Einklange mit unſerm Stande ſtehen. Vergeſſen Sie nicht,“ fügte ſie bei, indem ſie zu lachen ver⸗ ſuchte,„daß wir Bäuerinnen ſind, Mutter und Frau eines Bauern. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie ſich Ger⸗ vaſia Arnoult nennen, und daß ich Katharina Payot heiße.“ S welche Zeit, mein Gott, welche Zeit!“ mur⸗ * 52 3 melte die Marquiſe.„Wenn doch nur Se. Majeſtät von dem erſten Augenblicke an dieſen Mißbrauch unter⸗ drückt, Herrn Necker hätte aufhängen, und Herr von Laffayette hätte erſchießen laſſen, ſo würden wir nicht dahin gelangt ſein, wo wir jetzt ſind.“ Denken Sie an die, die noch viel unglücklicher als wir ſind, und eine Vergleichung mit dieſen wird Ihnen Geduld geben. Denken Sie an den König und die Königin, welche im Tempel gefangen ſind; denken Sie an den armen kleinen Dauphin, und haben Sie Mitleid, wenn auch nicht mit mir, doch wenigſtens mit Cäcilien, welche eine Waiſe wäre, wenn ſie uns verlieren würde.“ Dies waren zu gewichtige Gründe, als daß ſich nicht die Marquiſe in dieſelben gefügt hätte; ſie fügte ſich ſeufzend. Die Marquiſe war im Luxus geboren; ſie war gewohnt, darin zu leben, ſie rechnete darauf, darin zu ſterben, und die überflüſſigſten Dinge waren ihr zum abſoluten Bedürfniſſe geworden. 1 Aber es war noch viel ſchlimmer, als die Baro⸗ neß ihr ihren Antheil Linnen zuſtellte, welche ſie zu⸗ ſammengemacht hatte, und der, obwohl er nicht aus ganz grober Leinewand beſtand, dennoch ſehr rauh gegen die ungariſche Leinwand und den Batiſt war, deren ſie ſich gewöhnlich bediente; die Hemden beſon⸗ ders brachten ſie außer ſich, und ſie erklärte, daß ſie niemals ſolche Leinewand anlegen würde, die blos für Bauern tauge.. „Ach meine Mutter!“ antwortete die Baroneß traurig,„wir werden ſehr glücklich ſein, wenn wir acht Tage lang den Glauben erregen können, daß wir der Klaſſe angehören, die Sie ſo ſehr verachten, und die heut zu Tage allmächtig iſt.“— 8 „Das wird aber nicht lange dauern,“ rief die Marauiſe,„ich hoffe ſehr, daß es nicht lange dauern wird —— — —⁴— „Ich hoffe es auch, meine Mutter; aber da es ——8JO A— 3 R— 53 nun einmal ſo iſt, ſo werde ich, wenn Sie wollen, indem wir den Tag unſerer Abreiſe erwarten, Ihre Leinewand tragen, um ihr wenigſtens das erſte Rauhe zu benehmen.“. Dieſer Vorſchlag der Baroneß rührte die Mar⸗ quiſe, deren Herz vortrefflich war, aufs Tiefſte, ſie willigte in Alles, und zu den zahlreichen Opfern, welche ſie ſchon gebracht hatte, fügte ſie das letzte hinzu, wel⸗ ches, wie ſie ſagte, für ſie das peinlichſte unter allen war. Während dieſer Unterhandlungen kam der Pächter, ſeine Mutter und ſeine Frau; die Baroneß empfing ſie als Leute, welche kamen, ihnen das Leben zu ret⸗ ten; die Marquiſe aber als Leute, welchen ſie wohl die Ehre erzeigen wollte, daß ſie ſich ihr weihen. Nebſt den Kleidern, die ſie bei ſich hatten, brach⸗ ten ſie ihre ſchönſten, ihre Sonntagskleider mit. Dieſe waren für die Baroneß und für die Marquiſe be⸗ ſtimmt. Glücklicherweiſe war ihr Wuchs beinahe derſelbe. Am Abende ihrer Ankunft verrammelte man die Thü⸗ ren, ſchloß die Läden, und legte die Kleider an. Die Baroneß ſchickte ſich bewundernswürdig in die Unbe⸗ quemlichkeit dieſer neuen Kleidung, aber die Marquiſe brach in Klagen aus. Die Haube wollte auf ihrem Kopfe nicht halten, die Holzſchuhe thaten ihr an den Tüße wehe, die Taſchen waren nicht an dem rechten rte. Die Baroneß gab ihr den Rath, dieſe Kleider bis zum Augenblick ihrer Abreiſe anzubehalten, um ſich daran zu gewöhnen; aber die Marquiſe antwortete, daß ſie lieber ſterben, als dieſe Fetzen eine Stunde früher anziehen wolle, als es unumgänglich nothwen⸗ dig ſei. Die Abreiſe wurde auf den zweiten Tag feſtgeſetzt. Während dieſer Zeit fertigte Katharina Payot der kleinen Cäcilie einen vollſtändigen Anzug; das Kind 54 war reizend in dieſem Anzug und von demſelben be⸗ zaubert; Veränderung iſt das Glück der Kindheit. Am Abend vor der Abreiſe beſchäftigte ſich Peter Durand damit, ſeinen Paß vifiren zu laſſen. Die Sache war weniger ſchwierig, als man erwartet hatte; er war mit ſeiner Mutter, ſeiner Frau, ſeinem Wagen und ſeinem Pferde hereingekommen, und fünf Tage ſpäter ging er mit ſeiner Mutter, ſeiner Frau, ſeinem Wagen und ſeinem Pferde wieder hinaus. Dagegen ließ ſich nichts ſagen. Man hatte wohl daran ge⸗ dacht, das Kind den eingeſchriebenen Perſonen bei⸗ ſetzen zu laſſen, allein man fürchtete, daß dieſer Bei⸗ ſatz Verdacht bei der Municipalität erregen könne, und nach reifer Ueberlegung wurde beſchloſſen, nichts von dem Kinde zu ſagen. Am folgenden Morgen um fünf Uhr ſtand der kleine Wagen angeſpannt in dem Hofe des Hotels. Die Marquiſe, welche gewohnt war, ſich um zwei Uhr zu Bett zu legen und um Mittag aufzuſtehen, hatte vorgezogen, gar nicht zu ſchlafen; die Baroneß hatte die Nacht dazu verwendet, das Gold in ihr Corſett und die Diamanten in die Falten des Kleides der kleinen Cäcilie zu nähen. Um fünf Uhr trat die Baroneß in das Zimmer ihrer Mutter, und fand ſie bereit; aber obgleich ſie ganz als Bäuerin gekleidet war, ſo hatte ſie doch die Diamanten an ihren Ohrenringen und einen pracht⸗ vollen Smaragd an ihrem Finger; man hätte glauben ſollen, daß ſie im Sinne hatte, auf einen Maskenball zu gehen, und daß ſie dieſe Vorkehrung getroffen habe, damit man ihre Verkleidung ſogleich erkenne. Nach einer kurzen Erörterung brachte es die Ba⸗ roneß dahin, daß ſie ihre Ohrenringe heraus und den Ring herunter nahm, was ſie jedoch nur unter tiefen Gruhzern that. 3 4 er wahrhafte Streit entſtand aber erſt da, als es ſich darum handelte, in den Wagen zu ſteigen. Die N —— 0— ʃMℳP d n Marquiſe hatte das Fuhrwerk, welches beſtimmt war, ſie aus Frankreich zu bringen, noch nicht geſehen, und ſie hatte ſich einen Begriff von ſo etwas, wie von ei⸗ nem Reiſewagen, oder wenigſtens von einem Fiaker, gemacht. Beim Anblick des Wagens blieb ſie wie ver⸗ nichtet ſtehen; allein wie bedeutungsvolle Umſtände be⸗ deutende Entſchlüſſe herbei führen, ſo machte die Mar⸗ quiſe eine letzte heftige Anſtrengung und ſtieg in die Carrole. Die Baroneß weinte ſtill, indem ſie ihr Hotel verließ, wo ſie ſo glücklich geweſen war, ihre Leute, die ihr ſo treu gedient hatten, und die Bäuerinnen, die ihr einen ſo großen Beweis ihrer Ergebenheit geliefert hatten. Die kleine Cäcilie that nichts, als daß ſie wiederholte: „Aber wo iſt denn der Papa, warum reist er denn nicht mit uns?“ Alles ging gut bis an die Barrière Saint⸗Denis; dort aber fand die Scene Statt, welche wir erzählt haben, und die, ſtatt ſchlimm auszufallen, wie man es hätte glauben ſollen, einen ſo glücklichen Ausgang für die arme Emigrantenfamilie hatte.. In der That machte man, wie es der gute Offi⸗ eiant vorausgeſehen hatte, Dank dem neuen Paſſe, der geregelter war, als der frühere, den Reiſenden wenig Schwierigkeiten. Ueberdies hielten ſie zur größeren Sicherheit bloß an kleinen Dorfwirthshäuſern an, wie dieſes Leuten von ihrer ſcheinbaren Beſchaffenheit zu⸗ kommt. Das Pferd war gut und machte täglich ſeine zwölf Stunden, ſo daß am Abende des ſechsten Tages die Flüchtlinge in Boulogne waren. Als ſie durch Abbeville kamen, hatte Peter Du⸗ Pand ſeinen Paß zur Fortſetzung der Reiſe viſiren aſſen. 3 Wir übergehen mit Stillſchweigen die Klagen der Marquiſe, wenn ſie in den Betten der Wirthshäuſer ſchlafen und ein Talglicht brennen mußten. 2 4 56 Die Baroneß ertrug alle ariſtokratiſchen Launen derſelben mit engelgleicher Milde. Die kleine Cäcilie war entzückt; ſie ſah Bäume, Blumen und Felder. Die Kinder ſind wie die Vögel, ſie verlangen nicht mehr, als dieſes. Nachts langten ſie zu Boulogne an, und ſtiegen im Hotel de France, rue de Paris, ab. Madame Ambron war Inhaberin deſſelben, Roya⸗ liſtin aus dem Grund ihrer Seele, und die Baroneß hatte ſich an ſie wie an eine Frau gewendet, auf die man ſich verlaſſen kann. In der That hatte ſich die Baroneß ihr kaum entdeckt, als die Wirthin für Alles gut ſtand und ihr verſprach, daß ſie in der Nacht des folgenden Tages, wenn der Wind gut ſein würde, nach England abreiſen könne. Sie gab indeſſen den Reiſenden geringe Zimmer, wie ſie für Bäuerinnen ſich ſchickten; aber von einer ſo bewunderungswürdigen Reinlichkeit, daß die Mar⸗ quiſe ſogar auf Augenblicke ihr Seufzen einſtellte, wel⸗ Das ſeit ihrer Abreiſe aus dem Hotel nicht aufgehört atte.. Am folgenden Morgen ſchloß wirklich Madame Ambron, welche mit allen Seeleuten der Küſte in Ver⸗ bindung ſtand, einen Vertrag mit dem Eigenthümer einer kleinen Slupe, welcher ſich verbindlich machte, um die Summe von hundert Louisd'or die drei Flücht⸗ linge nach⸗Dover zu bringen. Den ganzen Tag hindurch waren die Augen der Baroneß auf eine Wetterfahne gerichtet, auf welche ſie von ihren Fenſtern aus ſehen konnte. Der Wind war contrair und wehte ſeit fünf oder ſechs Tagen beſtän⸗ dig aus derſelben Richtung. Aber wie wenn Gott, der die arme Familie durch den Tod ihres Hauptes genug⸗ ſam geprüft glaubte, ihr endlich ſeine Barmherzigkeit zuwende, drehte ſich gegen Abend die Wetterfahne, und die Wirthin trat freudig zu ihnen herein, um der Ba⸗ — 57 roneß zu ſagen, daß ſie ſich vor dem Schließen der Barrieren zur Abreiſe bereit halten ſolle. Um fünf Uhr beſtiegen die Baroneß, die Marquiſe und die kleine Cäcilie das Fuhrwerk wieder, und Peter Durand ſetzte ſich auf die Deichſel. Vermöge der neuen Viſa, und als wenn ſie nach Montreuil zurück kehren wollten, gelangten ſie ohne Schwierigkeit hinaus. Aber eine halbe Stunde vor der Stadt wurde ein Feldweg eingeſchlagen, der nach einem der Madame Ambron ge⸗ hörigen Landhauſe führte, welches nur eine Viertel⸗ ſtunde von der See lag. Gewöhnlich wurden in die⸗ ſem Hauſe die Reiſenden, die nach England überzu⸗ ſchiffen wünſchten, aufgenommen⸗ Madame Ambron hatte ſich jetzt ſelbſt dahin bege⸗ ben, und die würdige Frau empfing die Baroneß, ihre Mutter und ihr Kind bei ihrer Ankunft. Es war zehn 1 Uhr Nachts; man wartete bis Mitternacht. Um Mitternacht wurde an der Thüre gepocht, es war der Eigenthümer der Slupe ſelbſt. Der getroffe⸗ nen Uebereinkunft gemäß zahlte ihm die Baroneß fünf⸗ zig Louisd'or voraus; die übrigen fünfzig ſollten ge⸗ zahlt werden, ſo wie man den Fuß an die Küſte Eng⸗ lands ſetzte.— Die beiden Frauen hüllten ſich in ihre Pelze, Madame Ambron unterſtützte die Marquiſe, welche dieſe halbe Stunde, zu Fuß und mitten in der Nacht zurück gelegt, in eine tödtliche Angſt verſetzte; Peter Durand nahm die kleine Cäcilie auf ſeinen Arm und trug ſie. Je weiter man vorwärts ging, um ſo mehr hörte man das Meer, welches ſich an der Küſte mit dem langen und traurigen Murmeln brach, welches dem Athmen des Oceans gleicht. Die Marquiſe ſchauderte bei dem Gedanken, ſich auf einer kleinen Schaluppe einzuſchiffen, und ſprach davon, ſich in der Provinz verbergen zu wollen. Von Zeit zu Zeit betrachtete die Baroneß die kleine Cäcilie, welche auf den Armen des Pächters eingeſchlafen war, und trocknete, ohne ein Wort zu ſagen, eine Thräne. Man gelangte an die Brandung der Küſte; es mußte hinab geſtiegen werden. Man ſah Nichts, als eine Art mit der Spitzhaue zugehauene Mauer; die Marquiſe erhob ein großes Geſchrei. Ein ſchmaler Weg, zwei Fuß breit, führte an die⸗ ſer Mauer hin; die Baroneß nahm ihr Kind von den Armen Durands und ſtieg zuerſt hinab, Madame Am⸗ bron folgte ihr, indem ſie ſich an der Hand des Päch⸗ ters hielt. Die Marquiſe, von dem Schiffer unterſtützt, ſchloß den Zug. Man kam auf den Strandſtein. Die Baroneß erſchrack einen Augenblick. So weit als man ſehen konnte, war kein Menſch und keine Barke ſichtbar; allein der Schiffer pfiff und man ſah einen kleinen Punkt ſichtbar werden, der ſich vergrö⸗ ßerte, indem er näher kam. Es war ein Nachen mit zwei Ruderern. Frau von Marſilly wandte ſich noch einmal um, um der Madame Ambron zu danken, und Peter Du⸗ rand das letzte Lebewohl zu ſagen. Sie ſah den bra⸗ ven Pächter, den Hut zwiſchen ſeinen Händen drehend, mit der Miene eines auffallend verlegenen Mannes, der etwas ſagen will, und es nicht wagt. „Sie haben mir etwas zu ſagen, mein Freund?“ fragte die Baroneß. „Entſchuldigen Sie, Frau Baronin,“ ſagte Peter Durand,„denn es iſt nicht meine Sache, ſich in Ihre Angelegenheiten zu miſchen.“. „Sprechen Sie immerhin, mein lieber Peter, Al⸗ les, was Sie mir ſagen, wird gut aufgenommen werden.“ 5 —„ Ich wollte Ihnen ſagen, Frau Baroneß,“ fuhr Peter fort,„daß Sie ſo abreiſen, in einem Momente, wo Sie am wenigſten daran denken, und nach einem 59 ſo theuern Lande, wie England, ohne zu wiſſen, wie lang Sie dort bleiben werde...“ „Nun,“ ſagte die Baroneß, indem ſie ſah, daß Peter ſtockte. „Nun,“ fuhr Peter fort,„Sie haben vielleicht nicht alle die Mittel mit ſich genommen, welche noth⸗ wendig ſind?“ „Hören Sie, mein Freund,“ ſagte die Baroneß, indem ſie ihm die Hand drückte,„ich verſtehe Sie.“ „Und,“ fuhr Peter fort,„wenn die Frau Baroneß ... Wir haben noch ſechs Jahre Pacht, und ich hoffe wohl, daß die Frau Baroneß ihn uns erneuern wird; ich ſage daher, daß wenn die Frau Baroneß uns er⸗ lauben wollte, ihr im Voraus zwei Jahre Pacht zu bezahlen.... es wäre uns überdies ein Dienſt damit erzeigt, weil die Räuber uns dieſes Geldes berauben könnten, und weil es in Ihren Händen viel ſicherer wäre, als in den unſerigen.... wenn daher die Frau Baroneß dieſe zehntauſend Franken annimmt, ſo wird es uns ein großes Vergnügen ſein. Hier ſind ſie in einem kleinen Sack, und Alles in alten Louisd'ors; o, Sie können ſie mit dem größten Vertrauen nehmen, es iſt nicht ein beſchnittener darunter.“ „Ja, mein Freund, ich nehme ſie an,“ ſagte die Baroneß,„wir werden uns in einer glücklicheren Zeit wiederſehen, und ſeien Sie ruhig, Peter, ich werde Ihre Treue nicht vergeſſen.“ „Vorwärts in den Nachen, in den Nachen!“ rief der Schiffer,„ein Douanier könnte durch Zufall ſeine Runde machen, und wir wären verloren!“ Dieſe Mahnung war begründet. Die Baroneß drückte zum letzten Mal mit ihrer zarten, weißen Hand die derbe, runzlige Hand Durand's, ſie umarmte Ma⸗ dame Ambron und ſprang in die Barke, wo die Mar⸗ quiſe und Cäcilie ihrer ſchon harrten. In dieſem Augenblick vernahm man eine Stimme, die„Wer da?“ rief. 60 „Vorwärts,“ ſagte der Schiffer,„laßt uns rudern, lebhaft rudern, Kinder!“ Und indem er in die Barke ſprang, trieb er ſie mit einem Stoße des Fußes in das Meer. Zehn Minuten ſpäter befand man ſich am Bord des Slups, und am Morgen des folgenden Tages ſchifften ſich die drei Flüchtlinge in Dover aus. VI. Das Landhaus. So wie ſie den Fuß ans Land geſetzt hatte, wollte die Baroneß ſogleich einen Wagen nach London nehmen, allein die Marquiſe erklärte, da ſie nun das Glück ge⸗ habt habe, Frankreich zu verlaſſen und ſich an einem ſichern Orte zu befinden, ſo werde ſie auch nicht einen Schritt weiter in dieſem lächerlichen Aufzuge machen, zu welchem ſie die Noth gedrungen habe. Da dieſer Aufenthalt von keiner Bedeutung war, ſo willigte die Baroneß ein, und ſo ſeltſam auch oft die Anforderungen der Frau von la Roche⸗Bertaud waren, ſo unter⸗ warf ſich denſelben die Baroneß faſt immer mit jener kindlichen Hingebung, die man noch häufig in den großen Familien findet, welche die Ueberlieferungen des ſiebzehnten Jahrhunderts bewahrt haben. Demgemäß ließ ſich die Baroneß in den erſten Gaſthof von Dover führen und hier öffnete die Mar⸗ quiſe trotz der Anſtrengungen der Reiſe und ehe ſie noch etwas genoſſen hatte, eine Kiſte, welche ſie in der Car⸗ riole verborgen und brachte aus derſelben ihre Wäſche und ihre gewöhnlichen Kleider hervor. Nachdem ſie mit Verachtung die populären Lum⸗ pen, welche ſie ſo ſehr gedrückt„ weit von ſich gewor⸗ „—=—=—ͤ———— ASͤS ———— ——*—ͤ—— 2 410 — u— 61 fen hatte, begann ſie ihre Toilette, und hielt dieſe nicht eher für vollendet, als bis ſie vollſtändig friſirt und gepudert, und zwar mit derſelben Sorgfalt war, als wenn ſie dieſen Abend noch in einen Zirkel der Köni⸗ gin gehen wolle. Die Baroneß wandte alle ihre Sorge bloß der kleinen Cäcilie zu, welche glücklicherweiſe die Seefahrt gut beſtanden hatte; da ſie indeſſen ſich beeilte, nach London zu kommen und ſich dort eine Wohnung aus⸗ zuſuchen, ſo ließ ſie noch denſelben Tag das ganze In⸗ nere eines Wagens miethen, welcher am folgenden Morgen um neun Uhr nach der Hauptſtadt abfuhr. Die Reiſe von Dover nach London wurde mit der gewöhnlichen Schnelligkeit gemacht. Die Reiſenden kamen, faſt ohne ſich aufzuhalten, durch Canterbury und Rocheſter, und noch an demſelben Tage langten ſie in London an. Die Baroneß war von ihrem Schmerze zu ſehr grgriffen, um auf das zu merken, was um ſie her vor⸗ ging; aber die Marquiſe war entzückt. Sie ſah Livreen, Wappen, Puder, Sachen, die ſie ſeit zwei oder drei Jahren nicht mehr in Frankreich geſehen hatte, und ſie fand nun, daß London die ſchönſte Stadt der Welt, und die Engländer das größte Volk der Erde ſeien. Die beiden Reiſenden ſtiegen in einem Hotel in Golden⸗Square ab, welches ihnen Madame Ambron bezeichnet hatte; es lag nur ein Paar hundert Schritte von der Regents⸗Street; die Baronin ſchickte ſogleich einen Brief an die Herzogin de Lorges, um ſie von ihrer Ankunft in Kenntniß zu ſetzen.. Noch an demſelben Abende kam die Herzogin de Lorges herbei. Die Baroneß und ſie waren ſehr intim, und die Herzogin bot ihr ihre Dienſte für den Fall an, daß ſie in London bleiben wolle. Allein das war die Abſicht der Frau von Marſilly nicht; ſie wollte, während ſie in der Fremde ſich auf⸗ halten würde, das zurückgezogenſte Leben führen; ſie bat 62 daher die Herzogin bloß, ihr zu ſagen, ob ſie nicht ein kleines niedliches Dorf kenne, welches für fie als Aufenthalt geeignet ſei; damit ſie ſich ganz der Er⸗ ziehung ihres Kindes widmen könne. Die Herzogin be⸗ nannte ihr Hendon, als einen jener angenehmen Aufent⸗ haltsorte, die mit der Nähe der Hauptſtadt die Einſam⸗ keit des Landlebens verbinden, und die Baronin gelobte ſich, übermorgen das kleine Paradies zu beſuchen, wel⸗ ches ihr die Freundin empfahl. Am folgenden Tage ſtattete die Baroneß und die Marquiſe der Herzogin ihren Gegenbeſuch ab. Die erſte Sorge der Baronin war, ſich nach Madame Du⸗ val zu erkundigen, indem ſie, wie man ſich erinnern wird, allein der Sorgſamkeit des Mannes derſelben zu verdan⸗ ken hatte, daß ſie und ihre Mutter in Boulogne an⸗ langten, ohne auf irgend eine Weiſe beunruhigt wor⸗ den zu ſein. Die Herzogin ließ ſie rufen und einige Augenblicke ſpäter trat Madame Duval ein, von ihrem Sohne, einem charmanten Kinde von ſechs Jahren begleitet, welchen man ſogleich der kleinen Cäcilie zum Spielgenoſſen gab. Nachdem die Baroneß der Madame Duval erzählt hatte, welche Verpflichtungen ſie gegen ihren Mann habe, entledigte ſie ſich der Auf⸗ träge deſſelben an ſie. Die gute Frau hörte mit einer wahrhaften Dankbarkeit jedes ihrer Worte an; es waren mehr als drei Monate, ſeit ſie keine Nachricht von ihrem Manne erhalten hatte, der es nicht wagte, ſeine Briefe der Poſt anzuvertrauen und ſie ihr nur durch Gelegenheiten ſchicken konnte, welche von Tahu Tag ſeltener wurden. Uebrigens hatten ſeit drei Mo⸗ naten die Niedermetzelungen vom 10. Auguſt und vom 2. und 3. September Statt gehabt und die von Nach⸗ richten beraubte, gute Frau wußte nicht, ob er nicht unter der Zahl der Schlachtopfer ſei. Als ſie dieſes erfuhr, rief ſie ihr Kind herbei und dieſes kam, die kleine Cäcilie unter den Armen haltend. „Heinrich“ ſagte ſie,„bitte die Frau Baronin um ————— ☛α¶ mh/— ——— —————— 3 ——yoo—+ 63 Erlaubniß, ihr die Hand küſſen zu dürfen und danke ihr aus dem Grund Deines Herzens; denn ſie hat mich ſo eben verſichert, daß Du noch einen Vater haſt.“ „Und wo iſt mein Vater?“ fragte die kleine Cä⸗ cilie,„wo iſt er, Mutter?“ Die arme Frau zerfloß in Thränen, nahm dann die beiden Kinder in ihre Arme und umſchloß ſie ſo, zu großem Verdruſſe der Marquiſe zu gleicher Zeit. Am Abende erhielt die Baroneß einen Brief von der Herzogin, in welchem dieſe ihr ankündigte, daß ſie nicht zugeben könne, daß ſie allein nach Hendon gehe, daß ſie vielmehr morgen ihren Wagen nehmen und mit ihr das kleine Dorf beſuchen wolle, welches zu ihrer Reſidenz beſtimmt ſei. Am andern Morgen um zehn Uhr war die Herzo⸗ gin wirklich bei der Baroneß, dieſe und die kleine Cä⸗ cilie waren bereit; allein die Marquiſe hatte ihre Toi⸗ lette noch nicht vollendet. Von London nach Hendon ſind nur einige Stun⸗ den, man gelangte daher in zwei Stunden dahin. Die Baroneß war von dieſem ruhigen und beſcheidenen Anblick der kleinen engliſchen Häuſer entzückt. Eine Frau von einfachem Geſchmacke, und innerlichen Ge⸗ nüſſen huldigend, hatte ſie überhaupt ſeit dem Tode ihres Mannes die Abgeſchiedenheit und Einſamkeit in einem dieſer Häuſer geträumt, wie ſie jetzt bei jedem Schritte an der Straße vor ihr ſtanden. Es ſchien ihr, daß in ſolchen Wohnungen das Leben immer glück⸗ lich, oder wenigſtens immer ruhig ſein müſſe. Man langte zu Hendon an; es war ſo, wie es die Herzogin geſchildert hatte, eines jener reizenden engliſchen Dörfer, wie man ſie nicht in Holland und Belgien leicht findet. Die Baroneß zog Erkundigungen ein, ob eines von den ſchönen Häuſern, welche ſie ſah, zu miethen ſei, und man bezeichnete ihr fünf oder ſechs, welche ihr nach den erhaltenen Mittheilungen vollkom⸗ men genügend ſein konnten. 64 Die Baroneß hatte eine ſo große Eile, eine dieſer niedlichen Wohnungen zu beziehen, daß ſie ſich ſogleich auf den Weg machte, und bei dem erſten, welches ſie ſah, ſtehen bleiben wollte. Allein die Herzogin war mit der innern Einrich⸗ tung dieſer kleinen Wohnungen mehr bekannt, und ver⸗ ſicherte ſie, daß ſie noch viel ſchönere finden würde, als die, welche ſie für ein Wunder hielt. Dieſer Verſiche⸗ rung glaubend, ſetzte Frau von Marfilly ihren Weg fort. Nachdem ſie ſechs oder ſieben geſehen hatte, kamen ſie in eine ſo reizende, daß die Herzogin ſelbſt geſtehen mußte, es würde ſchwer ſein, eine beſſere zu finden, und man fragte nun nach dem Preiſe. Frau von Mar⸗ ſilly konnte noch an demſelben Tage einziehen, ſo gut ſchien ſie ihr, und man forderte die Summe von acht⸗ zig Pfund Sterling jährlich. Es war ein kleines Haus von zwei Stockwerken, weiß mit grünen Läden, der Länge derſelben nach lief ein Gitterwerk von derſelben Farbe hin, ganz beſetzt mit Rankengewächſen, deren breite Blätter die verſchie⸗ denſten Nuancen des ſchönſten Purpurs in dieſem Augen⸗ blicke zeigten. Zur Facade dieſes Hauſes gelangte man durch einen kleinen Hof auf deſſen beiden Seiten ſich Blu⸗ menhügel erhoben. Drei Staffeln führten zu einer Thüre von derſelben Farbe, wie die Fenſterläden, und in der Mitte derſelben prangte ein Hammer von Kup⸗ fer, der polirt war und glänzte, wie wenn er von Gold wäre. Wenn man durch dieſe Thüre eingetreten war, befand man ſich in einem Corridor, der durch das ganze Haus ſich hinzog, um auf der andern Seite in einen kleinen niedlichen Garten zu führen, der unge⸗ fähr einen halhen Morgen groß, und, wie man es nur in England ſieht, mit einem grünen Grasplatze und einer rund herum führenden Allee verſehen war, in wel⸗ cher ſich von Zeit zu Zeit große Akazien, Judasbäume, und ſpaniſche Flieder befanden. Im Hintergrunde war 8 — 1bESͤ—& SͤSSSOS -9 65 ein ländliches Cabinet mit einem Tiſche und vier Stüh⸗ len, ein kleiner Bach, welcher über Felſen en miniatur herunterplätſcherte, an deren Ende er ein kleines Baſ⸗ fin bildete, in welches die Mittagsſonne nicht eindrin⸗ gen konnte. 3 Das Innere dieſes Hauſes war ſehr einfach. „Vier Thüren führten in den Corridor des Erdge⸗ ſchoßes. Nämlich die des Speiſeſaals, die des Salons, die eines Schlafzimmers und die eines Arbeitscabinets. Der Speiſeſaal und der Salon ſtanden mit ein⸗ ander in Verbindung, ebenſo das Schlafzimmer und das Arbeitscabinet. Der erſtere Stock hatte eine verſchiedene Einthei⸗ lung; die dahin führende Treppe ging in ein Vorzim⸗ mer, in welches ſich drei Thüren öffneten, die in der Mitte war die Thüre eines niedlichen Salons, und von denen auf der Seite führt die eine in ein Schlaf⸗ zimmer und die andere in ein Boudoir. Der obere Theil war der Dienerſchaft vorbehalten und enthielt außer den Zimmern derſelben eine Waſchkammer. Die Marquiſe fand wohl dieſes Haus zu klein und zu dürftig, höchſtens zu einem Abſteigequartier geeignet; allein die Baroneß ſagte lachend zu ihr, daß man den Winter in London zubringen werde, und indem ſie dieſe Verſicherung wiederholte, nahm ſie Frau von la Roche⸗ Bertaud für Ernſt und gab ihre Zuſtimmung zu der Wahl ihrer Tochter... Aber die Wohnung war, wie man das leicht ein⸗ ſehen wird, durchaus nicht meublirt, man mußte alles kaufen oder alles miethen. Die Herzogin von Lorges und die Marqurſe von la Roche⸗Bertaud, welche ohne Unterlaß Frankreich, wie es daſſelbe verdiene, durch die auswartige Coalition gezüchtigt, die Emigrirten nach Paris zurückkehren, die legitimen Fürſten wieder auf ihre Throne geſetzt ſahen, waren fur eine einfache Miethe; aber Frau von Marſilly, welche die Sache Das Brautkleid. 5 66 aus dem Grunde eines wirklichen Schmerzes und mit⸗ ⸗ hin aus einem viel poſſitiveren Standpunkte betrachtete, berechnete, daß eine dreijährige Miethe einen Kauf auf⸗ wiege, und entſchloß ſich daher, daß man die Möbeln und alle übrigen nöthigen Utenſilien kaufen ſolle. Sie lud ihre Mutter ein, das Appartement ſich aus⸗ zuſuchen, welches ihr gefalle, damit ſie es ohne Zöge⸗ rung und ſobald als möglich nach ihrem Geſchmacke herrichten laſſen könne. Die Ma quiſe fand, daß das ganze Haus für ſie und ihre Kleider nicht zu groß ſei, ſie ſagte, daß ſie in ihrem Schloſſe zu Touraine Schränke habe, in welche ſie dieſe Zimmer alle hineinſtecken könne. Es mochte wahr ſein; aber man war nicht zu Tourain, ſondern in England; man mußte daher ſeinen Entſchluß faſſen und ſich entſcheiden. Nachdem die Marquiſe wohl zwanzigmal die Treppe hinauf und hinabgegangen war, nachdem ſie alle Winkel und Ecken ihrer künftigen Wohnung gemuſtert, entſchied ſie ſich für das Schlaf⸗ zimmer und Cabinet im Erdgeſchoße. Nachdem die Wahl getroffen war, kehrte man nach London zurück. Da die Frau von Marſilly wünſchte, ſich ſo bald als möglich einzurichten, ſo ſchickte am folgenden Tage die Herzogin ihren Tapezierer, um das Maß zu nehmen. 3 Die Baroneß proteſtirte gegen dieſe ariſtokratiſche Manier und geſtand der Herzogin offen, daß ſich ihr ganzes Vermögen in dieſem Augenblicke auf hundert tauſend Franken, die Diamanten der Marquiſe mit einbegriffen, belaufe. Die Herzogin hatte aber er⸗ wiedert, daß mit hundert tauſend Franken und einiger Sparſamkeit Frau von Marfilly wohl fünf oder ſechs Jahre warten könne, daß es aber immer evident ſei, daß man dieſe Zeit nicht zu warten brauche, indem die Truppen der Alliirten kaum fünfzig Stunden von der Hauptſtadt entfernt ſeien. * 67 Ueberdies hatte man Pächter, Landgüter, Hülfs⸗ quellen, man würde Geld aus Frankreich beziehen. Alle dieſe Gründe ſchienen der Herzogin und der Marquiſe ſo richtig, daß ſie nicht begreifen konnten, warum ſie die Baroneß nicht auf der Stelle aner⸗ kenne. Die Baroneß gab in einem Stücke nach, ſie acceptirte den Tapezierer, ſie behielt ſich aber den An⸗ kauf der Möbeln vor. Acht Tage ſpäter war das Landhaus bereit, ſeine Bewohner aufzunehmen; Alles war von außerordent⸗ licher Einfachheit, aber von wunderbarem Geſchmacke und Nettigkeit. Uebrigens hatte man Alles kaufen müſſen: Weißzeug, Silbergeräthe, Möbel, Kleider ꝛc. ꝛc. ſo daß, wie ökonomiſch auch die Baroneß zu Werke ging, die Einrichtung zwanzigtauſend Frank koſtete. Es war der fünfte Theil deſſen, was ſie beſaß, es blieb ihr an baarem Geld nicht mehr als die zehn⸗ tauſend Livre von Peter Durand, denn die weiteren ſechzig oder achtzigtauſend Frank an Diamanteu gehör⸗ ten, wie geſagt, der Marquiſe. Aber damit konnte man fünf oder ſechs Jahre leben, und ohngeachtet der Zweifel, welche das Unglück in dem Herzen der Frau von Marfilly wegen der Zukunft erregt hatte, konnte ſie ſich nicht enthalten, ganz leiſe zu wiederholen: „In fünf oder ſechs Jahren kann ſich vieles er⸗ eignen.“ In der That waren dieſe fünf oder ſechs Jahre beſtimmt, die wichtigſten Ereigniſſe zu ſehen. Aber für den gegenwärtigen Augenblick haben wir uns mit unſerem kleinen Landhauſe und ſeinen zwei Bewohnerinnen zu beſchäftigen. 7. VII. Die Erziehung. Man wird leicht einſehen, daß die Marquiſe ihrer 5 Tochter bei allen dieſen Einrichtungen des Hauſes durchaus nutzlos war; ſie war daher die ganze Zeit hindurch bei der Herzogin de Lorges geblieben und dieſe hatte dafür Madame Duval gebeten, die mög⸗ lichſte Sorgfalt auf die Einrichtung ihrer Freundin zu wenden. Madame Duval war, wie bereits erwähnt wurde, eine Engländerin von bürgerlicher Abkunft, aber von einer ausgezeichneten Erziehung, ſo daß ſie ſich der Profeſſur hätte widmen können. Zu der Sympathie, welche ein gemeinſchaftliches Unglück der Baronin für ſie einflößte, trat die Dankbarkeit für tauſend kleine« ihr geleiſtete Dienſte hinzu, und daraus ergab ſich in fünf oder ſechs Tagen, während welchen die beiden Frauen beiſammen blieben und die Einrichtungen des Land⸗ hauſes bewerkſtelligten, eine gewiſſe Innigkeit zwiſchen Beiden, in welcher jedoch Madame Duval mit einem ſicheren Takte ſtets die Entfernung beobachtete, welche die Sitte der Geſellſchaft zwiſchen ſie und der Baroneß geſtellt hatte. Die beiden Kinder, welche von Allem dem noch nichts wußten, ſpielten inzwiſchen mit einander auf dem Raſen des Gartens oder auf dem Teppiche des Salons, bald liefen ſie ſich nach, oder gingen Hand in Hand in der den Garten umgebenden Allee. Nach Verlauf von acht Tagen war Alles fertigz Madame Duval verpflichtete ſich, für die Baroneß 4 eine Frau ausfindig zu machen, welche ſowohl für die Küche als für das Hausweſen ſorgen könne, und kehrte nach London zurück. 8 69 Den beiden Kindern verurſachte dieſe Trennung viel Schmerz. Am folgenden Tage langte die Herzogin de Lor⸗ ges an und brachte in ihrem Wagen die Marquiſe de la Roche⸗Bertaud und eine franzöſiſche Kammerfrau mit, welche die Marquiſe ausſchließend für ihren Dienſt angenommen hatte. Die Baroneß ſah mit einiger Unruhe auf dieſen Zuwachs der Dienerſchaft, auf welchen ſie nicht ge⸗ rechnet hatte. Allein ſie kannte die ariſtokratiſchen Ge⸗ wohnheiten ihrer Mutter und da dieſe eine Bedienung nothwendig hatte, ſo hielt ſie es für grauſam, die Marxquiſe dieſes Luxus zu berauben, ſie, die ſchon ſo viele Opfer in ihrer Lage gebracht hatte. Gewiß war dieſe Lage ſehr unabhängig von dem Willen der Baronin. Frau von Marfilly war wie ihre Mutter an alle Bequemlichkeiten eines großen und eleganten Lebens gewöhnt, und ſie hatte daher gleich ihrer Mutter die Beengung ſchmerzlich zu füh⸗ len, welche ſie in ihrer gegenwärtigen Lage, wenn ſie dieſe mit ihrer frühern, reichern Stellung verglich, zu ertragen hatte; allein es gibt ſolche hingebende Cha⸗ raktere, die immer ſich ſelbſt vergeſſen, um an andere zu denken. Frau von Marſilly war einer dieſer Cha⸗ raktere, erhoben durch den Schmerz, und ihre vor⸗ züglichſte Sorge war ihre Mutter. Die kleine Cäcilie wußte noch nichts von den Er⸗ eigniſſen der Welt; Schmerz und Glück waren für ſie leere Worte, die ſie nur einem Echo gleich ausſprach, ohne ihren Werth zu kennen und ohne noch einen Un⸗ terſchied in dem Tone zu machen, mit welchem ſie ſie ausſprach. Sie war übrigens ein allerliebſtes Mädchen von drei und einem halben Jahre, mit all' den bezaubern⸗ den Inſtinkten der weiblichen Natur den guten Ein⸗ drücken zuschelnd wie eine Frühlingepflanze der Sonne, natürlich glücklich, und nichts als der müt⸗ 6 70 terlichen Liebe bedürfend, um alle Tugenden in ſich zu vereinigen. Die Baronin, welche dieſe glücklichen Anlagen bemerkte, behielt ſich allein die Sorge vor, ſie zu ent⸗ wickeln. Dieſe Sorge wurde ihr übrigens gerne von der Marquiſe überlaſſen, obgleich auch ſie ihre Enkelin liebte. Auf den erſten Blick hatte ſie für weniger ge⸗ übte Augen den Anſchein, ſie mehr zu lieben, als ſie ihre Tochter liebte. Sie rief ſie von einem Ende des Zimmers in das andere; ſie ließ ſie ſich aus dem Gar⸗ ten bringen, um ſie leidenſchaftlich zu umarmen, aber wenn das Kind zehn Minuten bei ihr war, genirte es ſie, und ſie ſchickte es zu ihrer Mutter zurück. Die fünfundvierzig Jahre alte Marquiſe liebte Cäcilien, wie das Kind ſeine Puppe, das heißt, um mit ihr die Mutter zu ſpielen. Cäcilie war für ſie nicht, was ſie für ihre Mutter war, ein Bedürfniß bei Tag und bei Nacht, ſie war ihr bloß eine Zerſtreuung auf einige Augenblicke. In einem Momente des Enthuſiasmus hätte die Marquiſe für ihre Enkelin das Leben hinge⸗ geben, aber ſie hätte ſich ſo wenig für ihre Enkelin, als für irgend Jemand in der Welt, eine Entbehrung von acht Tagen auferlegt. In den erſten Tagen erhob ſich eine ernſte Erör⸗ terung zwiſchen der Baroneß und ihrer Mutter über Cäciliens Erziehung. Die Marquiſe wollte eine glänzende Erziehung in allem dem Range würdig, zu welchem ihre Enkelin in der Welt berufen werden würde, wenn der König an ſeinen Feinden ſich rächen und ſeinen Thron wieder beſteigen würde, der Baroneß nicht nur ihre verlorenen Güter zurückgab, ſondern ihr auch ſeinen Dank durch Vergrößerung ihres Vermögens erſtattete. Sie ver⸗ langte daher, daß Cäcilien ein Sprachmeiſter, ein Tanz⸗ und ein Zeichenmeiſter gegeben werden müſſe. ———— Die Baroneß war dagegen einer ganz verſchiede 71 nen Anſicht; als eine Frau von Geiſt und Verſtand betrachtete ſie die Sachen aus ihrem Geſichtspunkte. Der König und die Königin waren Gefangene, ſie und ihre Mutter waren Verbannte, die Zukunft ſchien ihr ziemlich ungewiß und mehr mit düſteren Dünſten, als mit goldenen Scheinen verſehen, und für dieſe Zu⸗ kunft mußte man Cäcilie erziehen. Daher ſchien ihr eine Erziehung, welche eine einfache Frau aus ihr ma⸗ chen würde, die ohne Bedürfniſſe und mit Wenigem zufrieden war, die beſte zu ſein, welche man ihr in dieſem Augenblicke geben könne, und die dann immer noch die Freiheit geſtattete, wenn die Zeiten ſich än⸗ dern und beſſer werden würden, auf den vortrefflichen Grund, welcher gelegt worden war, eine glänzendere Erziehung zu bauen. Ueberdies war, um dem Mädchen Lehrer im Tan⸗ zen, im Zeichnen und in den Sprachen zu geben, das Vermögen erforderlich, welches man gehabt hatte, und nicht das, welches man gegenwärtig beſaß. Wohl machte die Marquiſe das Anerbieten, einen Theil ihrer Diamanten die er Erziehung zu weihen; aber die Ba⸗ roneß, welche viel weiter ſah, und ihr für ihre Liebe zu ihrer Enkelin, eine Liebe, die ſie fortriß, das zu opfern, was ihr das Theuerſte auf der Welt war, aus dem Grunde des Herzens dankte, bat ſie, dieſe Hülfsquelle der äußerſten Noth vorzubehalten, einer Noth, die, wenn die Sachen in Frankreich ſo fort⸗ kinaen, nicht ermangeln würde, ſich empfinden zu aſſen. Indem ſie ſich mit dieſer Erziehung allein bela⸗ ſtete, konnte die Baroneß Cäcilien die erſten Grund⸗ züge aller Künſte und Alles einem jungen Mädchen nothwendigen Wiſſens beibringen, und ferner, indem ſie ſie ganz unter mütterlicher Aufſicht entwickelte, den vortrefflichen Inſtinkten zu Hülfe kommen, welche die Natur in dieſes junge Herz gelegt hatte, ſie konnte da⸗ für ſorgen, daß die ſchlimmen Grundſätze, welche * 72 fremder Einfluß herbeiführen könnte, in ihrem Geiſte nie zu wurzeln vermochten. Die Marquiſe, welche nicht gerne ſtritt, gab bald den überzeugenden Gründen der Baroneß nach, und Frau von Marfilly ſah ſich, in Folge der ſtillſchwei⸗ genden Einwilligung ihrer Mutter, Herrin der Er⸗ ziehung Cäciliens. Sie ging auch ſogleich an's Werk. Große und heilige Seelen finden eine Linderung ihres Schmerzes in der Erfüllung ihrer Pflichten. Der Schmerz der Baronin war tief, aber ſüß war die Pflicht, die ſie ſich auferlegt hatte. Die Baroneß traf eine gehörige Eintheilung der Zeit; ſie war überzeugt, daß ein Kind die erſten Elemente deſſen, was eine Frau wiſſen muß, ſpielend lernen könne. Sie bot Cäcilien die Arbeit unter dem Geſichtepunkte eines Spieles dar, und das Kind gab ſich derſelben um ſo lieder hin, weil ihm alle ſeine Arbeit durch die Mutter vorgezeichnet war, und weil es ſeine Mutter anbetete.. So war denn der Morgen dem Leſen, dem Schrei⸗ ben und dem Zeichnen gewidmet, der Nachmittag der Muſik und dem Spaziergange. Dieſe verſchiedene Uebungen des Geiſtes und des Körpers waren durch drei Ruheſtunden unterbrochen, nach welchen der Salon des Erdgeſchoſſes für eine kürzere oder längere Zeit ein Ort der Verſammlung wurde. Nach Verfluß einiger Zeit hörte die Marquiſe auf, bei dem Frühſtücke zu erſcheinen. Dieſes, welches um zehn Uhr Morgens ſtatt fand; ſtörte ſie zu ſehr in ihren Gewohnheiten. Die Marquiſe war dreißig Jahr lang in ihrem Leben zwiſchen elf Uhr und Nachmittag auf⸗ geſtanden und ſie hatte ſich nicht ein einziges Mal in ihrem Leben Jemand von Stand, auch nicht einmal ihrem verſtorbenen Manne ohne ihren Puder und ohne ihre Schönpfläſterchen gezeigt. Es war alſo für ſie viel zu unbequem, ſich dieſer neuen Lebensweiſe zu 3 44 73 .8 unterwerfen, ſie nahm ſich daher von derſelben aus, 3 und wie in ihrem Hotel in der Rue de Verneull, d orachte man ihr den Chocolad vor ihr Bett. 8 „ Die Baronin brachte ihre Zeit mit den Sorgen für das Hausweſen und die Erziehung ihrer Tochter zu. Die Marquiſe, welche weder eine Erzieherin, noch * eine Haushälterin war, verbrachte die ihrige, in dem . Zimmer eingeſchloſſen, mit dem Leſen der Erzählungen 3 Marmoniel's und der Romane Crebillon's, des Soh⸗ 3 nes, während Mademoiſelle Aſpaſia, dies war der 2 Name der franzöſiſchen Kammerfrau, die, ſo wie ſie .— ihre Gebieterin angekleidet war, nichts mehr zu thun — hatte, neben ihr ſtickte oder nähte, und, zum Range „ einer Geſellſchaftsdame erhoben, durch ihre Unterhal⸗ t tung die Zwiſchenräume ausfüllte, welche zwiſchen den verſchiedenen Lektüren der Marquiſe lagen. 3 Die Marquiſe hatte wohl verſucht, Verbindungen 1 mit einigen ihrer Nachbarn auf dem Lande anzuknüp⸗ ’ fen, aber die Baronin hatte, indem ſie ihr in dieſer . Beziehung alle Freiheit ließ, erklärt, daß ſie, was ihre . Perſon betreffe, iſolirt leben werde. So verging der Winter. Das Innere dieſer klei⸗ 3 nen, durch die Baroneß geregelten Familie, war auch . nicht ein einziges Mal außer der Ordnung gekommen; 2 nur brachte hie und da die Marquiſe eine kleine Un⸗ g ordnung in die Verwendung der Zeit, aber Alles kam ſogleich wieder durch den feſten Willen der Baroneß in ſeinen gewohnten Gang. Indeſſen wurden die Nachrichten aus Frankreich für die Emigrirten immer trauriger. Ein Tag, ſchreck⸗ licher als alle vergangenen Tage, ein Tag, vor wel⸗ chem der zehnte Auguſt und der zweite September er⸗ blichen, hatte ſich nicht blos für Frankreich, vielmehr für ganz Europa erhoben, es war der ein und zwan⸗ zigſte Januar. Der Schlag war für die arme ein⸗ ſame Familie ſchrecklich. Der Tod des Königs ging dem der Königin voran. Das letzte Band zwiſchen * —2G ͤ—— * 74 der Revolution und dem Königreiche, und vielleicht ſogar zwiſchen Frankreich und der Monarchie war zer⸗ riſſen. Die Marquiſe wollte an dieſe blutige Neuig⸗ keit nicht glauben, anders aber war es bei der Ba⸗ roneß, welche die Zukunft von der düſtern Seite be⸗ trachtet hatte, weil ſie ſie von Seite ihrer Trauer anſah. Das Unglück gewöhnt ſich an das Unglück, es glaubt an Alles und dennoch glaubt es nichts als Wahrheit.. Als die kleine Cäcilie ihre Mutter weinen ſah, wie ſie ſie vor ſechs Monaten weinen geſehen hatte fragte ſie: „Hat denn der Vater geſchrieben, daß er nicht mehr zurückkommen würde?“ Die ſchrecklichen Ereigniſſe, welche ſich jetzt in Frankreich folgten, änderten in dem gewöhnlichen Leben der Baroneß Nichts, die Thränen ausgenommen, die ſie ihr koſteten. Die kleine Cäcilie wuchs faft ſichtlich und gleich den Blumen in dem Garten, ſie ſchien be⸗ reit mit dem Frühling zu blühen. 4 Es waren die erſten Tage des Frühlings in der That wiedergekommen, und Alles rings um das Haus her hatte einen fefſtli Anblick angenommen; der Garten blühte auf, die Roſenſtöcke bedeckten ſich mit Blättern und mit Knöpfen, die Flieder fingen an, ihre purpurnen, blühenden Trauben zu zeigen, die Akazien ſchaukelten im Winde ihre duftenden Zweige, der Bach, welchen das Eis des Winters in ſeinem unterirdiſchen Lauf zurückgedrängt hatte, erſchien noch ganz von Froſt zitternd; es gab bis an das Haus Nichts, was nicht vermöge dieſer ſproſſenden Blüthen ein lebendiges An⸗ ſehen, ein Ausſehen der Jugend und der Freude, wel⸗ ches der Winter geraubt hatte, angenommen hätte. Es war auch eine Epoche des Glucks für die kleine Cäcilie. Während des ganzen Winters, dieſem düſtern, traurigen, kalten und regneriſchen Winter von London, hatte ſie ihre Mutter mit der größten Sorg⸗ 75 falt eingeſchloſſen gehalten, und das Kind, an das Leben von Paris und an die Erforderniſſe in dem Hotel der Straße Verneuil gewöhnt, hatte keinen großen Unterſchied zwiſchen dieſem Winter und dem vorigen geſehen, welch letztern ſie vielleicht ſchon ver⸗ geſſen hatte. Aber als ſie den Frühling kommen ſah, dieſen in Paris unbekannten Gaſt, als ſie ihn faſt mit der Hand erreichen konnte, Alles entſtehen, Alles ſich beleben, Alles blühen ſah, da wurde ihre Freude groß, und alle Zeit, welche ſie nicht auf ihre Studien ver⸗ wenden mußte, brachte ſie im Garten zu. Ihre Mutter ließ ſie gewähren, ſie zeigte ihr den Himmel, der ſich nach und nach von ſeinem Nebel⸗ ſchleier befreite, und wenn ein Strahl der Sonne durch irgend einen Riß der Wolken brach und dieſer den Azur des Firmamentes ſehen ließ, ſagte ſie der kleinen Cäcilie, daß dieſer Sonnenſtrahl der Blick Gottes ſei, der ſich auf die Erde hefte, und daß dieſer göttliche Blick die Welt blühen mache. Was die Marquiſe betraf, ſo gab es für ſie weder Frühling noch Winter. Sie ſtand immer um elf ein halb Uhr auf, nahm ihre Chocolade im Bette zu ſich, kleidete ſich an, ließ ſich friſiren und pudern, die Schönpfläſterchen auflegen und las wohl zum zwan⸗ zigſten Mal die Erzählungen Marmontel's und die Romane Crebillon's, deren Schönheiten ſie mit Made⸗ moiſelle Aſpaſia zergliederte.. Die Baroneſſe betete für ihren Mann und für den König, welche todt waren, für die Königin und den Dauphin, welche dem Tod entgegengingen. Von Zeit zu Zeit hörte man ſagen, daß die republikaniſchen Armeen bedeutende Siege erfochten haben, und die Namen Fleurus und Valmy ertönten bis in das Innerſte des kleinen Landhauſes. 3 ren Jungen, welche die Hälſe aus den Reſtern heraus⸗ VIII. Gott überall. Dank dieſem iſolirten Leben, welches die Baro⸗ nin und dem excentriſchen Leben, welches die Mar⸗ quiſe führte, wurde die kleine Cäcilie unter ganz eigen⸗ thümlichen Verhältniſſen erzogen. Es wurde bereits geſagt, daß in Folge des Er⸗ ziehungsſyſtems der Baronin kein Lernen dem Kinde als Arbeit vorgeſtellt wure; wenn indeſſen die Mutter, nachdem ſich ihr Geiſt mit Leſen, oder durch den Un⸗ terricht auf dem Piano oder im Zeichnen beſchäftigt hatte, glaubte, daß ſie einer Zerſtreuung bedürfe, dann öffnete ſich die Thüre des Gartens dem Kinde. Dieſer Garten war fur daſſelbe das Paradies. Die Baronin beaufſichtigte ihre Tochter auch hier, und ſie hatte dort die ſchönſten Blumen vereinigt, die man finden konnte. Es waren da Lilien, Roſenſtöcke, großer, ſtarker Hogedorn und Schneeballen, um das Auge und den Geruch zu entzücken. Die kleine Cäcilie mit ihren halb nackten Beinen, ihrem kurzen Rocke, ihren blonden, fliegenden Haaren, und ihren ſammtnen Wangen ſchien eine Blume mehr in dieſem Blumen⸗ garten. Dieſer ſchien überdies nicht blos ein Gut der Lilien und der Roſen, er war ganz und gar eine kleine Welt; die ſchönſten Inſekten waren auf dem Raſen ſichtbar, oder durchzogen von Zeit zu Zeit die Allee, gleich lebenden Brillanten; glänzende Schmetterlinge ſchienen vom Himmel zu regnen und flatterten in un⸗ gleichem und launenhaftem Fluge über dieſen pracht⸗ vollen Teppich; endlich hüpften, die Diſtelfinken und die Grasmücken von Aſt zu Aſt, reichten den Schnabel & 77 ſtreckten und die Schnäbel aufſperrten, um die ihnen gebrachten Mooſe und trockenen Kräuter aufzunehmen. Da die Baroneß Niemand empfing, damit die kleine Cäcilie von der Geſellſchaft der Kinder ihres Alters ganz ausgeſchloſſen ſei, ſo wurde der Garten ihre Welt. Die Blumen, die Schmetterlinge und die Vögel wurden ihre Freunde. Bei dem erſten Worte, welches ſie davon zu ihrer Mutter ſprach, hatte dieſe ihr erklärt, daß jedes Ding von Gott komme und von Gott ſein Leben erhalte. Sie hatte ihr gezeigt, wie der Blick der Sonne die Natur belebe, und ſie machte ſie darauf aufmerkſam, daß die Blumen, welche ſich des Morgens öffneten, ſich Abends ſchlöſſen, daß die Schmetterlinge, welche während der heißen Stunden des Tages herbeikamen, lange vor dem Ende der Nacht verſchwanden, daß die Vögel, welche mit der Morgendämmerung erwachten, mit der Abenddämme⸗ rung ſchliefen, die Nachtigall ausgenommen, deren Geſang wie ein Gebet, wie eine nächtliche Hymne, wie ein melodiſches Echo durch die Nacht ſchallte. Nun dieſes Zwitſchern des Morgens und des Abends, das lebendige Aufſchwingen dieſer fliegenden Blumen, welche man Schmetterlinge nennt, dieſes Alles war, Dank dem religiöſen und poetiſchen Gefühle der Baroneß, nichts anders, als das Beten der Weſen und der Dinge, nichts anders als die Art, in welcher die Vö⸗ gel, die Schmetterlinge und die Pflanzen Gott prieſen und ihm Lob ſangen. Aber die Freunde, welche Cäcilie am meiſten unter ihren Freunden liebte, waren die Blumen. Wenn ſie nach irgend einem ſchönen Schmetterlinge mit goldenen Flügeln lief, da entwiſchte ihr der Schmetterling aus ihren Händen, wenn ſie irgend einen Vogel überra⸗ ſchen wollte, der in einem Strauche zwitſcherte, flog der Vogel davon und vollendete ſeinen Geſang auf irgend einem Baume, wo ihn das Kind nicht errichen konnte; aber ihre Blumen, ihre geliebten Blumen, — 78 die ließen ſich umarmen, liebkoſen, ſogar pflücken. Wohl verloren ſie, einmal gepflückt, ihre Farbe und ihre Duſt⸗ ſie welkten traurig dahin, und ſtarben endlich.. So geſchah es mit einer Roſe auf ihrem Stengel, von welcher die Baroneß ihrem Mädchen begreiflich machen wollte, was das Leben ſei, wobei ſie ihr mit⸗ telſt eines abgebrochenen Stiels zeigte, was der Tod ſei. A Von jetzt an pflückte Cäcilie keine Blume mehr. Die Ueberzeugung von einem wirklichen Leben, welches unter einer ſcheinbaren Gefühlloſigkeit verborgen war, begründete zwiſchen dem Kinde und den Blumen, ſei⸗ nen Freunden, Beziehungen, durch welche ſich vermöge ſeiner jungen Einbildungskraft Alles erklärte; ſo wa⸗ ren die Blumen für ſie bald geſund und bald krank, traurig oder freudig; ſie betrübte ſich mit den einen; ſie freute ſich mit den andern; wenn ſie krank waren, ſorgte ſie fur ſie und unterſtützte ſie; wenn fie traurig waren, gab ſie ihnen Troſt. Eines Tages, als ſie zu einer frühern Stunde als gewöhnlich in den Garten gegangen war, und ihre Lilien und Hyacinthen ganz mmit Thau bedeckt ſah, kam ſie weinend zurück, und ſagten daß ihre Blumen einen Kummer haben und weinen; an einem andern Tage überraſchte ſie die Baronin, als ſie einer Roſe, an welche ſie angeſtoßen hatte, ein Stück Zucker zu eſſen geben, und ſie dafür tröſten wollte, daß ſie ihr das Abfallen einiger Blätter verurſachte. So waren auch unter den Zeichnungen, die aus ihrem Bleiſtifte hervorgingen, unter den Phan⸗ taſiegebilden, welche ihre Nadel erzeugte, die Blumen immer die Auserwählten. Wenn ſie eine Lilie ſchöner blühen ſah, als die andere, ſo zeichnete ſie dieſelbe ab, wie man das Bild eines Freundes zeichnet, wenn ſie eine Roſe ſah, viel lebhafter an Farbe, viel reicher an Knöpfen, ſo ſtickte ſie dieſelbe in ihre Stickerei, um ſie nicht zu vergeſſen. So lebte ſie während des Früh⸗ „—*——2*— 79 lings, während des Sommers und während des Herb⸗ ſtes mit der Wirklichkeit, während des Winters aber lebte ſie mit dem Bilde fort. Nach den Blumen liebte Cäcilie am meiſten die Vögel. Wie die Sperlinge der Jovanne d'Arc, welche herbeikamen, ſich auf ihre Schulter ſetzten und ihr Futter ſogar in dem Corſett der Jungfrau von Vau⸗ couleurs ſuchten, ſo hatten die Vögel des Gartens des kleinen Hauſes nach und nach Cäcilie gewohnt. Cäcilie kam in der That zwei oder dreimal des Tags um Getreidekörner unter den Bäumen auszuſtreuen, auf welchen ihre geſangreichen Gäſte ihre Neſter ge⸗ baut hatten, und da ſie die Jungen ſchonte, ſo fürch⸗ teten ſich Vater und Mutter nicht vor ihr; ſo kam es, daß die Vögelchen, welche an das Kind gewohnt wurden, vor demſelben durchaus keine Furcht hatten, und daß der Garten für Cäcilie eine wahrhafte Vo⸗ liere geworden war, deren Bewohner ihre ſanften Geſänge begannen, ſo wie ſie ihrer anſichtig wurden, die ihr folgten, wie die Küchlein der Pächterin folgen, und um ſie herflogen, wenn ſie mit ihren Blumen plauderte, oder unter ihrem Bogengange las.. Was die Schmetterlinge betrifft, ſo waren ſie ihr trotz ihrer lebhaften Farben bald gleichgültig gemorden und ſo ſehr auch das Kind verſucht hatte, dieſen un⸗ beſtändigen Juwelen der Lüfte entgegen zu kommen, ſo hatte ſie immer gleichgültig hiegegen geſchienen; zweimal hatte ſie verſucht, ſich ihrer zu bemächtigen, einmal eine prachtvolle Atalante mit ihrem Sammt⸗ kleide, ein andermal einen herrlichen Apoll mit ſeinem goldenen Leib, und jedesmal waren die Ueberbleibſel ihrer Flügel in den Händen des Kindes geblieben, welches, nachdem ſie es losgelaſſen, erkannt hatte, daß ihr Flug ungewiß, daß das, was ſie als eine Liebes⸗ bezeiig betrachtet habe, für ſie eine Verwun⸗ ung ſei. So haben wir alſo die Welt geſchildert, in wel⸗ . cher Cäeilie lebte; ihre Großmutter, die ſie mit ade⸗ ligem Stolze liebte, und ſie zuweilen durch die Aus⸗ drücke ihrer Liebe erſchreckte; ihre Mutter, immer ru⸗ hig, heiter, religiös, gebeugt; ihre Blumen, deren Schmerzen und deren Freuden ſie begriff; ihre Vögel, deren Geſang ſie lauſchte, ihre Schmetterlinge, deren Flug ſie folgte. Von Zeit zu Zeit wurde indeſſen die Einſamkeit der kleinen Familie etweder durch die Ankunft der Herzogin de Lorges geſtört, welche vorzüglich wegen. der Marquiſe kam, oder durch die Ankunft der Madame Duval, welche hauptſächlich der Baronin wegen ſich einfand. In der erſten Zeit waren dieſe Beſuche der Madame Duval ein kleines Feſt für Cäcilie, denn im⸗ mer brachte ſie Eduard mit. Dann gingen dieſe beiden Kinder ſpazieren, ſpielten, liefen in dem Gar⸗ ten umher, pflückten Kräuter, pflanzten Blumen, ver⸗ ſteckten ſich in den Gebüſchen, brachen die Aeſte von den Bäumen, auf welche ſie zu ſteigen verſuchten, ſtör⸗ ten die Vögel auf und verfolgten die Schmetterlinge. Aber nach und nach war Cäcilie, wie wir geſehen haben, in ein gewiſſes Verhältniß mit den Gäſten ihres Paradieſes geſetzt worden, ſo daß ſie, wenn Eduard kam, ihn nur mit großer Unruhe in ihre kleine Welt einfuhrte. Sie wollte ihrem ſtürmiſchen Ge⸗ fährten ſogleich die Gefühle ihrer Blumen, das Zwit⸗ ſchern ihrer Vögel und die Unbeſtändigkeit der Schmet⸗ terlinge begreiflich machen, allein der flatterhafte Schü⸗ ler begann zu lachen, und ſagte ihr, daß die Blumen leblo’e Dinge ſeien, und weder Liebe noch Haß, weder Schmerz noch Freude haben. Die Vögel wollte Eduard fangen und ſie in den Käfig ſtecken, obgleich ihm Cäeilie vorhielt, daß der. ute Gott, welcher ihnen die Flügel gegeben, ihnen 9 ein ſolches Geſchenk nicht gemacht habe, um von einem Stäbchen zum andern in dem engen Raume eines vergitterten Gefängniſſes zu hüpfen, ſondern um —————J—-— — —-2 8 2= &—8—-ͤ— — * 8 8 N8 X — t⸗ 81 ſich in die Lüfte zu ſchwingen und ſich auf die Wipfel der Bäume und auf die Dächer der Häuſer zu ſetzen. Endlich hatte ein zweiter Umſtand Eduard im Geiſte ſeiner jungen Freundin vernichtet. 1. Eines Tages, während ſie mit einer ihrer Roſen ſo wichtige Sachen plauderte, daß ſie ihren Geſell⸗ ſchafter darüber vergeſſen hatte, kam dieſer mit einem prächtigen Pfauenauge zu ihr, deſſen Körper mit einer Nadel durchſtochen war und der ſich ſchrecklich auf ſei⸗ nem Hute, an den er ihn geſteckt hatte, abzappelte. Cäcilie ſtieß einen Schrei aus, aber darüber erſtaunte Eduard höchlich und verſicherte, daß er ſchon mehr als dreihundert Schmetterlinge habe, die ſo angeheftet, ſymmetriſch geordnet und in Schachteln aufbewahrt ſeien, in welchen ſie ſich ſo ſchön erhielten, als wären ſie noch am Leben. Von dieſem Tage an hatte ſich Cäcilie gelobt, daß Eduard nie wieder in ihren Garten kommen ſolle, und in der That hatte ſie ihn bei ſeinem erſten Be⸗ ſuche unter verſchiedenen Vorwänden in dem Zimmer zurückgehalten, indem ſie all ihr Spielgeräthe zu ſei⸗ ner Verfügung ſtellte, ihm erlaubte, Puppen, Kauf⸗ läden und Küchen zuſammenzubrechen, aber durchaus nicht mehr haben wollte, daß er über ihre Blumen ſhotts, ihre Vögel beunruhige und ihre Schmetterlinge quäle. Die Frau von Marfilly bemerkte dieſes Streben ihres Kindes, Eduard vom Garten entfernt zu halten, und als er fort war, fragte ſie, aus welcher Ürſache ſie ihm den Eintritt in den Garten verweigert habe: Jetzt erzählte Cäcilie ihrer Mutter, was während der früheren Beſuche vorgegangen ſei, und fragte ſie, ob ſie Unrecht gehabt, ſo zu handeln. „»Nein, meine Tochter,“ antwortete die Baroneſſe, nim Gegentheil billige ich es, und Du haſt recht, es iſt einer von den Mißgriffen unſers Stolzes, wenn wir Das Brautkleid⸗ glauben, daß die Welt nur wegen uns geſchaffen ſei. Jedes Ding hienieden iſt, wie der Menſch, ein Werk Gottes, Gott iſt in der Blume, in dem Vogel, in dem Schmetterlinge, in dem ephemeren Tropfen Waſſer, wie in dem Weltenmeer, das unendlich iſt, in dem hellen Grün, das aus dem Graſe leuchtet, wie in der Sonne, die die Welt erhellt.“ Gott iſt überall.. IX. Die Zeit enteilt. Während die exilirte Familie ferne von der Welt in einem kleinen Winkel Englands ſich niederließ, trugen ſich ungeheure Ereigniſſe in dem übrigen Theile Europa's zu. Der Tod des Königs und der Königin hatte ſeine Früchte getragen; ihre Mörder hatten gleich den aus den Drachenzähnen des Cadmus entſtandenen alten Kriegern, ſich ſelbſt zu Grunde gerichtet. Der Convent hatte die Girondiſten proſcribirt, dann hatten die Guillotineurs die Septembriſeurs aufgefreſſen, endlich war der neunte Thermidor gekommen, und das durch die revolutionären Zuckungen noch ganz erſchöpfte Frank⸗ reich ruhte einen Augenblick. 3 Nachdem das Schreckenſyſtem verkündet worden war, hatte Ludwig Duval, der, wie wir geſehen haben, von ganzem Herzen. Royaliſt war, nicht mehr den Muth gehabt, in Frankreich zu bleiben. Er opferte den Theil ſeines Vermögens, den er noch nicht Zeit gehabt hatte, flüſſig zu machen, er war nach England abgereist und an einem ſchönen Tage, zur großen —9 ͤ&ᷣ SEO- SͤAᷓ eoe Aen R — ͤe 8³ Freude ſeiner Gattin in London angekommen. Aber da die Herzogin de Lorges in London keinen Inten⸗ danten nothwendig hatte, indem ſie nicht mehr über 500,000 Livre Renten herrſchte, und da Herr Duval noch zu jung war, um dem Nichtsthun ſich ergeben zu können, auch nicht genug beſaß, um von ſeinen Renten zu leben, trat er als Kaſſier in ein Banquier⸗ haus ein, wobei die vierzig oder fünfzig tauſend Franken, die er beſaß, ihm als Caution dienten. Bald wurde ſeine Redlichkeit ſo gut erkannt und ſeine Kenntniſſe bewährten ſich ſo, daß der Banquier ihm einen kleinen Antheil an den Geſchäften gab. Inzwiſchen verließ die Gräfin Artois England, und führte die Herzogin de Lorges mit ſich; Madame Duval bat, bei ihrem Manne bleiben zu dürfen, und dieſes wurde um ſo lieber bewilligt, als die Emigration ſich verlängerte und die Emigrirten zum Oeconomiſiren zwang. Die gute Familie blieb daher ganz zu London, während die Herzogin de Lorges nach Deutſchland abreiſte. Während dieſer Zeit regte die plebeiſche Familie derſelbe Umſtand auf, welcher die adelige Familie aufregte. Gegen die Erwartungen der Marquiſe wa⸗ ren die Alliirten über die Gränze zurückgetrieben wor⸗ den und die Emigrirten konnten nicht nur keine Un⸗ terſtůtzung aus Frankreich beziehen, im Gegentheil waren ihre Güter confiscirt, Eigenthum der Nation und bereits verkauft worden. Das erſte, woran die Baronin dachte, war, dem armen Peter Durand den zweijährigen Pacht zurückzuerſtatten, welchen er ihr im Augenblick ihrer Rückreiſe vorgeſchoſſen hatte; die zehntauſend Frank wurden daher dem ehrlichen Pächter mit einem Briefe zurückgeſchickt, in welchem die Ba⸗ ronin verſicherte, daß ſie Dank den Hülfsquellen, die ſie ſich in der Fremde zu öffnen gewußt, nicht nur an nichts Mangel leide, vielmehr im Ueberfluſſe lebe. Die Baronin hatte mit Grund vorausgeſetzt, daß es dieſer Verſicherung bedürfe, um den braven Mann zu beſtimmen, eine Summe zurückzunehmen, die er mit ſo viel Zartheit und Ergebenheit angeboten hatte. Die Baronin ſah ſich hiedurch allein auf die Be⸗ nützung der Diamanten, die ſie perſönlich beſaß und auf jene ihrer Mutter beſchränkt. Sie war damals zu der Marquiſe gegangen, hatte ſie in Mitte ihrer Lectüre des„Sopha“ unter⸗ brochen und ihr eine ungeſchmückte Darſtellung ihrer Lage gemacht. Nachdem dieſe Darſtellung geendigt war, fragte die Marquiſe: „Nun, meine Tochter?“ „Nun, meine Mutter,“ antworte die Baroneſſe, „mein Rath iſt, daß wir beide das zuſammenwerfen, was wir noch an Diamanten beſitzen, daß wir ſie auf einmal verkaufen, um ſo eine Summe zu erringen, die hinlänglich genug iſt, um ſie bei der Bank von London anzulegen, worauf wir dann ſo viel als mög⸗ lich von den Erträgniſſen derſelben leben werden,“ Dieſer Vorſchlag war wohl einer der vernünftig⸗ ſten, allein um in Vollzug geſetzt zu werden, mußte ſich die Marquiſe von ihren Diamanten trennen. Aber die Diamanten der Marquiſe waren Alles, was ihr von ihrem ehemaligen Glanze blieb. Von Zeit zu Zeit nahm ſie ſie aus ihrem Schmuckkäſtchen, und ob⸗ gleich ſie niemand als Mademoiſelle Aſpaſia bewundern konnte, ſo war doch auch dieſes ein Troſt für ſe. „Aber,“ antwortete die Marquiſe, indem ſie die Frage zu umgehen ſuchte,„wäre es nicht vernünftiger, wenn wir dieſe Diamanten, welche Familiendiamanten ſind, und auf die wir viel halten müſſen, immer ge⸗ rade nur in der erforderlichen Quantität verkaufen würden? So würden wir denn bei unſerer Rückkehr nach Frankreich immer das finden, was uns in unſerem Unglücke geblieben iſt.“ „Nache der Art, wie die Sachen gehen,“ antwortete die Baronin,„iſt unſere Rückkehr nach Frankreich nicht nahe, und wenn wir ſo fort leben, wie bisher, wer⸗ 4 —-“ ——————,— 1S5SSSS= — — 85⁵ den wir unaufhörlich unſer kleines Kapital angreifen, während, wenn wir Alles auf einmal verkaufen, im Stande ſein werden, von unſern Intereſſen zu leben.“ „Aber,“ ſagte die Marquiſe, indem ſie es ver⸗ ſuchte, ihre Tochter bei der natürlichen Liebe anzu⸗ greifen,„ich muß Dir geſtehen, daß ich dieſe Dia⸗ manten aufhob, damit ſie eines Tags die Mitgift meiner Enkelin werden ſollen. Armes Kind fuhr die Marquiſe fort, indem ſie den Kopf ſchüttelte, und in einem Winkel ihrer Augenlieder eine Thräne ſuchte, die nicht da war; vielleicht hatte ſie nie andere. „Meine Mutter,“ entgegnete die Baroneß, indem ſie traurig lächelte,„ich muß Ihnen bemerken, daß Cäcilie nicht älter als ſieben Jahre iſt, daß wir ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht vor zehn Jahren, von jetzt an, verheirathen werden, und daß in zehn Jahren von jetzt an ihre Diamanten, wenn Sie meine Vorſchläge nicht annehmen, gleich den meinigen einer nach dem andern verſchwunden ſein werden, und das theilweiſe und ohne nur die geringſten Intereſſen zu tragen.“ „Aber ſo wird denn,“ rief die Marquiſe, indem ſie ſich erhitzte, gerade weil ſie die Richtigkeit der Be⸗ merkung ihrer Tochter begriff;„aber ſo wird denn dieſes arme Kind keine Mitgift haben.“ „Seine Mitgift, meine Mutter,“ erwiederte die Baroneß mit jener unveränderlichen Milde, welche aus ihr das Muſter eines Engels auf Erden machte, „ſeine Mitgift wird ein Name ohne Makel, eine reli⸗ giöſe Erziehung und, wenn man zu dieſen vorzüg⸗ lichen Gütern ein zerbrechliches hinzufügen darf, etwas Schönheit ſein, eine Schönbheit, ſage ich, welche immer noch ſteigen zu wollen ſcheint.“ „Gut, gut, meine Tochter,“ bemerkte die Mar⸗ quiſe,„ich werde darüber nachſinnen.“. „Sinnen Sie darüber nach, meine Mutter,„ent⸗ 1 86 gegnete die Baroneß und ging, indem ſie die Mar⸗ quiſe ehrfurchtsvoll grüßte, weg.. Acht Tage ſpäter kam die Baroneß wieder auf dieſen Gegenſtand zurück, aber während dieſer acht Tage hatte ſich die Marquiſe, welche Zeit gehabt, über ihre Lage nachzudenken, ein ſolches Arſenal von ſchlechten Gründen geſammelt, daß die Baroneß ein⸗* ſah, daß es ein vergebliches Bemühen bei ihrer Mutter ſein würde, und ſie beſtand nicht länger darauf. Die Diamanten, welche die Baronin forderte, waren das Eigenthum der Marquiſe, ſie hatte das Recht, ſie ihr zu geben und zu verweigern. Nur deswegen zog ſich die arme Frau mit zerriſſenem Herzen zurück, weil ſie erkannte, daß das einzige Mittel, um auf vernünftige Weiſe gegen das Schickſal zu kämpfen, ihr durch eine ihrer Launen geraubt ſei, welche die Erziehung in den Wiiſe nicht aber in das Herz ihrer Mutter gelegt atte. Am nämlichen Tage ſchrieb die Baroneß an Herrn Duval, daß ſie am nächſten Sonntage ihn, feine Frau und ihren Sohn, wenn ſie nichts beſſeres zu thun hätten, einlade, den Tag in Hendon zuzu⸗ bringen. Die gute Familie kam gegen Mittag an. Ob⸗ gleich die Angelegenheiten des Herrn Duval mehr und mehr ſich verbeſſerten und er bereits Aſſocié des Hau⸗ ſes geworden war, in welchem er früher als Commis ſtand, war er das geblieben, was er früher war, das heißt ein einfacher und ehrbarer Mann, der das Ver⸗ trauen der Herzogin de Lorges und die Freundſchaft der Frau von Marſilly verdiente. 3 Die Marquiſe ſah indeſſen mit Mißvergnügen das, was ſie eine Neigung ihrer Tochter, zu den klei⸗ nen Leuten hinabzuſteigen, nannte. Sie hatte ihr ſchon oft ihr viel zu intimes Verhältniß mit Duvals vorgeworfen und als ihr die Baronin den außeror⸗ dentlichen Dienſt in das Gedächtniß zurückrief/ welcher 87 den Grund zu dieſem Verhältniß gelegt hatte, da war die Marquiſe gezwungen, die Verpflichtungen anzuer⸗ kennen, welche ſie gegen den würdigen Officianten hatte, ſuchte ſie aber zu ſchwächen, indem ſie ſagte, daß er nichts anders gethan habe, als was jeder ehrbare Mann an ſeiner Stelle gethan haben würde. Und doch war dieſes gewiß noch ein Verdienſt in jener Epoche, in welcher es ſo wenig ehrbare Leute gab. So kam es, daß, nachdem die Marquiſe am Abende zuvor von dem Beſuche in Kenntniß geſetzt worden, der am folgenden Tage ſtattfinden ſollte, ſie in dem Augenblicke, in welchem die Familie Duval in den Salon eintrat, ihrer Tochter ſagen ließ, daß ſie ſie bei ihren Gäſten entſchuldigen möchte, daß ſie aber die Migraine bekommen habe. Ihrer Gewohnheit gemäß ſchloß Cäcilie die Thüre ihres Gartens vor Eduard, welcher damals ein großer Junge von neun oder zehn Jahren, und unfähiger als je war, das Leben der Blumen zu begreifen, die Vögel in Ruhe zu laſſen, und mit dem Schmerze der Schmet⸗ terlinge Mitleid zu haben. In Folge der beſondern Sorgfalt, welche Herr Duval auf die Erziehung Eduards verwendet hatte, und die, wenn ſie auch nicht ſo poetiſch, doch wenig⸗ ſtens ebenfalls ſo vollkommen, als jene war, welche Frau von Marſilly Cäcilien gegeben hatte, machte Eduard auf der Stelle nicht blos die verwickeltſten Multiplicationen, ſondern er dividirte auch auf die ſchwierigſte Weiſe, nicht blos mit der Feder in der Hand, auch im Kopfe. So war das theure Kind der Stolz ſeines Vaters. Nach dem Mittageſſen bat die Baroneſſe Herrn Duval, mit ihr in ihr Cabinet zu gehen. Dort angelangt, bat ſie ihn, ſich niederzulaſſenz ſie zog dann ein Fach heraus, nahm aus demſelben ein Käſtchen, welches ihre einzigen Diamanten enthielt; d. h. zwei paar Ohrenringe und ein Kreuz, und ſetzte 88 ihm mit aller Einfachheit der Seelengröße aus einan⸗ der, in welcher Verlegenheit ſie ſich beſinde, und daß ſie ihn bitte, bei ſeiner Rückkehr nach London dieſe Edelſteine bei irgend einem ehrbaren Juwelier zu Geld zu machen, und ihr dieſes Geld zu überſchicken. Herr Duval beeilte ſich, zur Verfügung der Ba⸗ ronin dieſelbe Summe zu ſtellen, ohne daß ſie noth⸗ wendig hätte, die Diamanten zu verkaufen, und wie⸗ derholte ihr das, was ihr die Herzogin de Lorges und ihre Mutter ſchon zwanzigmal geſagt hatten, daß näm⸗ lich ein ſolcher Zuſtand nicht von Dauer ſein könne. Aber die Baronin lehnte dieſes Anerbieten mit jenem Danke ab, welcher nicht verletzen kann, und mit jener Beſtimmtheit, welche nicht erlaubt, daß man darauf beſtehe. Als die Baroneſſe ſich der verbindenden De⸗ licateſſe des Herrn Duval ganz hingab und ihm ſagte, daß die Diamanten ganz neu mit fünfzehntauſend Fran⸗ ken bezahlt worden ſeien, fügte ſie bei, daß ſie jetzt keinen höheren Werth als von acht⸗ bis neuntauſend haben werden, wie ſie beſtimmt glaube. Das hieß dem Herrn Duval ſagen, daß er nichts gewinnen würde, wenn er es verſuchen wollte, ſie über den wahren Werth der Diamanten zu täuſchen. Herr Duval war daher gezwungen, ſogleich auf die Hoffnung zu verzichten, der Baroneſſe mehr zuzu⸗ ſtellen, als die Diamanten wirklich werth waren. Nachdem dieſe kleine Angelegenheit geordnet war, kehrten die Baroneſſe und Herr Duval in den Salon zurück, in welchem die beiden Kinder unter der Aufſicht der Madame Duval ſpielten, und die Unterhaltung lenkte ſich nun natürlich auf die Ereigniſſe der Zeit. Die Epoche der Expedition nach Aegypten war eingetreten; indem ſich Bonaparte aus Frankreich ent⸗ fernte, ſchien er die Natur des Sieges mitgenommen zu haben. Die ihres Anführers beraubten Franzoſen ließen ſich in Italien und in Deutſchland ſchlagen. Das Directorium beging gewaltige Albernheiten in Frank⸗ ◻—+₰&———9—9 au ☛ — 89 reich. Die auswärtigen Niederlagen und dieſe inner⸗ lichen Albernheiten wurden in der Ferne noch vergrößert, es ging daraus hervor, daß die Hoffnungen der Emi⸗ granten ſich vergrößerten, und daß die Baronin nicht ganz an der Zukunft zweifeln konnte. Ueberdieß hieß, an der Zukunft mit der Ueberzeugung zweifeln, daß ſie die gute Sache nicht unterſtützen würde, faſt ſo viel, als an Gott zweifeln. Am folgenden Tage erhielt die Baroneſſe durch Madame Duval die Bezahlung für ihre Diamanten, die Summe von neuntauſeud Franken. Um keinen Zweifel übrig zu laſſen, war dieſer Summe die Schätzung eines der erſten Juweliere Lon⸗ dons beigefügt. X. Symptome. Dieſe neuntauſend Franken reichten der Baronin zum Leben für zwei Jahre hin. Aber während dieſer zwei Jahre hatten ſich bedeutende Ereigniſſe zugetragen, ſtatt daß jedoch dieſe die Lage der Royaliſten verbeſſert hätten, raubten ſie ihnen jede Hoffnung. Bonaparte war aus Aegypten zurückgekommen, hatte den achtzehnten Brumaire durchgemacht, ſich zum Conſul ernannt, und die Schlacht von Marengo ge⸗ wonnen. Es gab wohl noch einige Optimiſten, welche ſag⸗ ten, daß der junge General für die Bourbons arbeite, und daß er, wenn er mit den Jakobinern fertig ge⸗ worden ſei, den Scepter in die Hände des legitimen Königs niederlegen werde; aber die„ welche die Sa⸗ 90 chen mit einem geſunden Auge betrachteten, glaubten auch nicht ein einziges Wort davon. In Erwartung der Dinge zitterte Europa vor dem Sieger von Lodi, von den Pyramiden und von Marengo. Die Baroneſſe wartete bis auf den letzten Augen⸗ blick, um bei der Marquiſin einen neuen Verſuch zu machen. Dieſe hatte, ſeitdem die Frage erhoben wor⸗ den war, auch nicht eine Sylbe mehr hierüber ge⸗ ſagt; ſie beunruhigte ſich auf keine Weiſe darüber, wovon ihre Tochter lebe, und ſie hatte ſie auch nicht ein einzigesmal gefragt, welches ihre Hülfsquellen ſeien. Deßwegen erſchien die Marquifin ſehr erſtaunt, als ihre Tochter aufs Neue von ihren Diamanten ſprach. Wie das erſtemal, erſchöpfte die Marquiſe alle Gründe, welche ſie in ihrem Geiſte finden konnte, um ihren ſo koſtbaren Schmuck zu vertheidigen; aber dieß⸗ mal war der Kampf hitzig, denn die Baronin beſtand mit ſo viel Ehrfurcht, Würde und Ruhe darauf, daß endlich die Marquiſe, indem ſie tief ſeufzte, ſich ge⸗ zwungen ſah, aus ihrer Kaſſette ein Collier herauszu⸗ nehmen, welches ungefähr fünfzehntauſend Franken Werth war. Die Baronin beſtand wiederholt darauf, daß man einen einzigen Verkauf und zwar von Allem dem vor⸗ nehme, was übrig geblieben ſei, und daß man die fünzigtauſend Franken, welche man daraus erlöſen könne, bei der Bank anlege; allein bei dieſem Vor⸗ ſchlage ſchrie die Marquiſe dermaßen, daß Frau von Marſilly erkannte, jeder Verſuch dieſer Art ſei er⸗ folglos. 7 Die Marquiſe verlangte überdies noch, daß ihr von der Verkaufsſumme des Collier die Summe von tauſend Thalern zugeſtellt werde, um dieſelbe zu ihren kleinen perſönlichen Ausgaben verwenden zu können. Frau von Marſilly verſchaffte ſich die fünfzehntauſend Frank auf dieſelbe Weiſe, auf welche ſie ſich die neun⸗ —— 91 tauſend Frank verſchafft hatte. Wie das erſtemal bot Herr Duval alle möglichen Dienſte an; aber Frau von Marfilly wies ſie, wie das erſtemal, zurück. Inzwiſchen wuchs Cäcilie heran, ſie war jetzt ein ſchönes Mädchen von zwölf Jahren, ernſt und ſanft, zärtlich und religiös, ſie hatte das Geſicht eines Engels in all ſeiner Friſche, die Seele ihrer Mutter mit aller ihrer Reinheit, das heißt, wie ſie geweſen war, ehe ſie von dem Unglücke niedergeſchmettert worden. 3 Oft betrachtete ihre Mutter ſie, wie ſie wuchs und blühte in der Mitte ihrer Roſen, ihrer Freundin⸗ nen, Gefährtinnen, Schweſtern; dann dachte ſte, daß das Kind in drei Jahren zu einer Frau reif ſein würde, und ſie ſeufzte tief, ſie fragte ſich, welche Zu⸗ kunft dieſem merkwürdigen Geſchöpfe der Natur vor⸗ behalten ſei.— Eine Sache beruhigte Frau von Marfilly vorzüglich, nicht wegen ihr ſelbſt, ſondern ihres Kindes wegen, ſie fühlte, daß unter dieſem nebelichten Klima von Eng⸗ land, in Mitte dieſer ewigen Vorſicht, welche für ſie und ihre Tochter erheiſcht wurde, ihre Geſundheit an⸗ fing, zerrüttet zu werden. Frau von Marſilly hatte immer eine ſchwache Bruſt gehabt und obgleich ſie das zweiunddreißigſte Jahr erreicht hatte, ohne einen ernſten Anfall erlitten zu haben, ſo hatte ſie doch nie ganz den organiſchen Fehler beſeitigen können, der ſeit einiger Zeit, vorzüglich im Herbſte, ihr dieſe Leiden zuzog, welche ſchreckliche Symptome einer nicht zu hei⸗ lenden Krankheit waren. Indeſſen war es unmöglich, daß Jemand außer ihr dieſen unſichtbaren Kummer bemerkt hätte. Im Gegentheile mußte den Augen anderer ihre⸗Geſundheit beſſer ſcheinen, als ſie je war. Ihr gewöhnlich blaſ⸗ ſer Teint färbte ſich mit einem Roth, welches das ei⸗ ner zweiten Jugend ſchien. Ihre Stimme, die ge⸗ wöhnlich etwas ſchwach war, und die das Unglück und 92² die Traurigkeit dumpf gemacht hatten, belebte ſich manchmal durch einen regen und ſcharfen Accent, der nichts anders als die Aufregung des Fiebers war, den mant aber für ein Uebermaß an Lebenskraft halten onnte. In der That war Fräulein de la Roche⸗Bertaud als junges Mädchen nicht ſo ſchön und liebenswürdig geweſen, als es Frau von Marſilly war. Aber dieſe Symptome der Zerſtörung ihrer Ge⸗ ſundheit entgingen ihr nicht; gegen das Jahr 1802, in dem Augenblicke, in welchem ſich die Thore Frank⸗ reichs den Emigranten wieder öffneten, hatte ſie einen Augenblick lang den Gedanken, nach Frankreich zurück⸗ zukehren, obgleich das Hôtel in der Straße Verneuil verkauft war, obgleich ihre beiden Landgüter in der Normandie und die drei Güter in der Touraine und in der Bretagne veräußert waren, und zwar zu ſehr geringen Preiſen an Spekulanten, welche ein Geſchäft daraus machten, nationale Ländereien zu kaufen, wie man es zu jener Epoche nannte. Aber es war ein bedeutungsvoller Umſtand, nach Frankreich zurückzu⸗ kehren, ohne hinſichtlich des Vermögens geſichert zu ſein; eine Wohnungsveränderung, ein Verkauf, eine Reiſe brachten den kleinen Hülfsquellen der Baronin einen ſchrecklichen Nachtheil. Die Marquiſe trieb wohl ihre Tochter an, das Meer zu durchſchiffen, und ihren Rang und ihren Titel in Paris wieder anzunehmen, und ſie behauptete, daß ſie, wenn ſie nur einmal in Paris ſein würde, durch ihre alten Bekannten in der Hauptſtadt Mittel ſinden werde, den Aufkäufern an die Kehle zu gehen, welche ſich ſo unbefugter Weiſe der Hötels, der Landgüter und der Schlöſſer bemäch⸗ tigt hatten. Wie man leicht begreifen wird, hatte die Baronin kein großes Vertrauen auf die ökonomiſche Geſchicklichkeit ihrer Mutter, ſie entſchloß ſich daher, noch zu warten, ehe ſie einen Beſchluß faſſen würde. So erreichte man das Jahr 1803. Cäcilie zählte 93 dreizehn Jahre, ſchien aber fünfzehn alt. Ihr Herz hatte, indem es ganz die Gefühle eines jungen Mädchens annahm, ſeinen kindlichen Glauben bewahrt, und, die Spiele mit Eduard ausgenommen, welche übrigens ſeit zwei oder drei Jahren außerordentlich zu⸗ rückhaltend geworden waren, hatte ſie nie mit einem andern Manne, als mit Herrn Duval geſprochen. Die Vorſorge ihrer Mutter hatte vollkommen zu ihrer Er⸗ ziehung genügt. Dieſe Erziehung war überhaupt mehr eine aus⸗ gezeichnete, als eine höhere; ſie verſtand Alles, was eine Frau von der Welt wiſſen mußte, um ſich deſſel⸗ ben zu bedienen, nicht um es zu lehren; das Engliſche und Italieniſche waren hievon allein ausgenommen. Sie zeichnete auch auf eine bezaubernde Weiſe Blumen und Landſchaften; allein ihr Talent beſchränkte ſich auf das Aquarell und erhob ſich nicht bis zu der Oelma⸗ lerei. Sie ſpielte auch auf dem Piano, um ſich zu be⸗ gleiten, wenn ſie mit ihrer ſanften, lieblichen, biegſamen, vibrirenden Stimme irgend eine zärtliche Romanze, oder einen melancholiſchen Abendgeſang ſang; aber es würde ihr nie der Gedanke gekommen ſein, Effect ma⸗ chen zu wollen, wenn ſie eine Sonate oder eine Arie ſang. Es iſt wahr, daß ſie ſich oft auf ihrem Piano ſeltſamen Improviſationen hingab, wunderbaren Träu⸗ men mit unbekannten Melodien, aber das war, wenn man ſo ſagen darf, die Muſik ihres Herzens, welche aus demſelben unwillkührlich hervorquoll. Nebſt dem kannte ſie Geſchichte und Geographie auf eine ausge⸗ zeichnete Weiſe, aber ſie glaubte im Ernſte, ſie nur darum gelernt zu haben, damit ſie im Falle des Ge⸗ fragtwerdens darauf antworten könne. Was die Sprachen betraf, ſo wußte ſie nicht, daß es ein Talent ſei, mehrere Sprachen zu ſprechen, und ſie ſprach ſie ohne Unterſchied; das Italieniſche und Franzöſiſche mit ihrer Mutter, engliſch mit der Diener⸗ ſchaft und mit den Lieferanten. 94 Inzwiſchen hatte die gute Familie Duval, welche fortfuhr glücklich zu ſein, die Verbindungen mit der Baronin aufgegeben. Tauſendmal hatte Herr Duval die Marguiſe, die Frau von Marfilly und Cäcilie ein⸗ geladen, eine Woche, vierzehn Tage, oder einen Monat in ihrem Hauſe zu London zuzubringen. Aber Frau von Marſilly hatte es immer abgelehnt, ſie wußte, wie leicht es iſt, auf die Seele eines Mädchens von vier⸗ zehn Jahren Eindrücke zu machen, und ſie zitterte da⸗ vor, in das ruhige und eingezogene Leben Cäciliens irgend ein Verlangen eindringen zu laſſen, welchem nicht genügt werden konnte. So oft ſie dagegen die Familie Duval's ſah, warf ſie ihr die Seltenheit ihrer Beſuche vor, und ſei es nun, daß er durch dieſen Vor⸗ wurf aufgeregt wurde, oder daß er irgend einen Ent⸗ ſchluß hegte, den er Niemand mittheilte, Herr Duval fing in der That an, viel häufiger in der kleinen Ein⸗ ſiedelei zu erſcheinen, in welcher ſeine Ankunft, ſo wie die ſeiner Gattin und ſeines Sohnes, ſtets mit dem größten Vergnügen begrüßt wurden, die Marquiſe aus⸗ genommen, welche mit ihren ariſtokratiſchen, uns bereits bekannten Ideen, mehr als einmal ihr Staunen über die Neigung ausſprach, welche ihre Tochter gegen dieſe Bürgerlichen hegte. Indeſſen hatte fie ihren Entſchluß gefaßt und ſeit langer Zeit, wenn die Familie Duval ihre Sonntage in Hendon zubrachte, kam die Mar⸗ quiſe zum Mittageſſen. Dann aber machte ſie große Toilette, ſchmückte ſich mit dem, was ihr von Diaman⸗ ten geblieben war, was ihr, nach ihrer Meinung eine große Ueberlegenheit über Madame Duval gab, die man ſtets im einfachſten Anzuge und ohne den gering⸗ ſten Schmuck ſah. Alle dieſe kleinen Affectationen machten der Ba⸗ roneß außerordentlich viel zu leiden, allein ſie erlaubte ſich ihrer Mutter gegenüber auch nicht die geringſte Bemerkung. Herr und Madame Duval ſchienen übrigens dieſe † —₰—᷑—yrw—ypB2————— S=S SS 95 ariſtokratiſchen Regungen der Marquiſe nicht zu be⸗ merken, oder, wenn ſie etwas davon merkten, gaben ſie ſich wenigſtens das Anſehen, es ſehr natürlich zu finden; jedoch konnte man leicht wahrnehmen, daß ſie der Baronin Dank wußte, weil ſie ſich gegen ſie ganz anders benahm, als die Marquiſe. 3 Cäcilie, das anbetungswürdige Kind, hatte nicht die geringſte Idee von allen dieſen ſocialen Unter⸗ ſchieden; ſie wußte, daß Herr Duval ihrer Mutter ei⸗ nen großen Dienſt geleiſtet habe. Sie lachte, wenn ſie eintrat, ſie reichte ihm die Hand, wenn ſie hinaus⸗ ging, ſie nahte Madame Duval faſt ſo oft, als ihrer Mutter, und ſagte, ſie möchte wohl einen Bruder ha⸗ ben wie Eduard. Dieſe treffliche und liebenswürdige Herxzlichkeit rührte dieſe guten Leute bis zu Thränen, und wäh⸗ rend ihres ganzen Heimweges, oft auch den folgenden Tag hindurch, richtete ſich ihre Unterhaltung auf die Baroneß und auf Cäcilien. Es waren wieder einige Monate mehr entſchwun⸗ den und mit ihnen hatten ſich die Mittel der Baronin vermindert. Wie geſagt, hatte die Marquiſe, als ſie ihr ihre Diamanten zuſtellte, verlangt, daß eine be⸗ ſtimmte Summe ihr ausgehändigt werde. Die Baro⸗ nin hatte ſie ihr zugeſtellt, und ſie hatte dieſe Summe in bloßen Gringfügigkeiten vergeudet. Es gab eine viel peinlichere Scene, als die be⸗ reits erzählte, als Frau von Marſilly einen neuen Schritt bei ihrer Mutter thun mußte. Die Marquiſe begriff nicht, wie in ſo kurzer Zeit der Preis für die⸗ ſes Collier verſchwunden ſei, und die Baronin mußte ihr den Datum in das Gedächtniß zurückrufen, und die Verwendung des Geldes nachweiſen, wenn ſie ihren Bitten nachgeben ſollte. Sie ſtellte hierauf ihrer Tochter eine Agrafe zu, welche ohngefähr zehntauſend Frank werth ſein konnte. Frau von Narfilly ſchrieb wie gewöhnlich an 96 Herrn Duval, und Herr Duval kam wie gewöhnlich herbei. Er fand die Baronin ſchrecklich verändert, ob⸗ gleich es keine acht Tage waren, ſeit er ſie geſehen hatte, ihr Geſicht konnte die Spuren der Thränen nicht verleugnen. Selbſt Cäcilie, welche keinen Begriff von der Lage ihrer Mutter hatte und nicht wußte, daß das arme Kind auf dieſer Welt verlaſſen ſei, hatte ſeit zwei oder drei Tagen die Traurigkeit ihrer Mutter wahrgenommen, eine Traurigkeit, welche ſo zu ſagen die phyſiſchen Leiden offen an den Tag legte, welche ſie bisher unter dem Schleier ihrer ununterbrochenen Heiterkeit verborgen hatte. Cäcilie erwartete alſo Herrn Duval und als er anlangte, hielt ſie ihn im Corridor an. 4 „O, mein Gott, mein Herr Duval,“ ſagte ſie, „ich habe Sie mit Unruhe erwartet; meine Mutter iſt ſehr traurig und ſehr unruhig. Ich habe ſie gefragt, was ſie habe, allein ſie betrachtet mich wie ein Kind, und will mir nichts ſagen. Herr Duval, wenn Sie Kwas für ſie thun können, ſo bitte ich Sie, es zu thun. 3 1 „Meine theure Cäcilie,“ erwiederte der brave Mann, indem er ſie zärtlich betrachtete,„ich habe Ihrer Frau Mutter mehr als einmal alle die kleinen 3 Dienſte angeboten, welche ich ihr erweiſen kann; aber ſtets wurden ſie abgelehnt. Ach!“ fügte er ſeufzend hinzu,„ich bin nicht ihres Gleichen, und darum nimmt ſie nichts von mir an.“. „Sie ſind nicht ihres Gleichen, mein lieber Herr Duval? Ich verſtehe Sie nicht recht. Empfängt Sie meine Mutter, wenn Sie uns beſuchen, anders, als Sie empfangen zu werden wünſchen?“. „O, nein, Gott ſei Dank, die Frau Baronin iſt im Gegentheil voll Güte für mich.“ „Sollten Sie ſich vielleicht zufälliger Weiſt über mich zu beklagen haben, mein lieber Herr Duval? IInI ſie zu fragen, ob ſie krank 97 dieſem Falle, ich ſchwöre es Ihnen, wäre es ohne meine Abſicht geſchehen, wenn ich je etwas gethan ha⸗ ben ſollte, was Ihnen unangenehm war, und ich bitte Sie deßhalb vielmals um Vergebung.“ „Ah, wie ſollte ich mich über Sie beklagen kön⸗ nen, mein theures Kind?“ rief Herr Duval, hinge⸗ riſſen von der Zärtlichkeit gegen Cäcilien.„Eben ſo gut würde man ſich über einen Engel des Himmels beklagen können; ich ſollte mich über Sie beklagen, o, nein, nein!“ „Aber was hat denn meine Mutter?“ „Was ſie hat? Ich weiß es,“ ſagte Herr Duval. „O, wenn Sie es wiſſen, ſo ſagen Sie es mir ... Und wenn ich etwas vermag. „Sie vermögen viel, mein Kind.“ „O, ſo ſagen Sie es. „Ich will zunächſt Ihre Frau Mutter ſehen, ich will aufrichtig mit ihr ſprechen, und wenn ſie das ge⸗ nehmigt, was ich ihr ſagen werde,.... wohlan, ſo iſt es an Ihnen, die Gnade zu erflehen, von welcher vielleicht das Glück von uns Allen abhängt.“ Cäcilie betrachtete Herrn Duval mit großen, er⸗ ſtaunten Augen; allein dieſer drückte ihr, ohne ein Wort zu ſagen, die Hand und trat zu Frau von Mar⸗ filly ein. XI Entwürfe. Wie wir geſagt haben, traf Herr Duval Frau von Marfilly ſo verändert, daß ſeine erſten Worte waren, ſei? Frau von Marſilly Das Brautkleid. 8 98 machte mit dem Kopfe ein Zeichen, daß dies nicht der Fall, reichte Herrn Duval die Hand und bat ihn, ſich zu ihr zu ſetzen. „Mein lieber Herr Duval,“ ſagte ſie nach einem augenblicklichen Schweigen,„ich habe wohl nicht noth⸗ wendig, Ihnen zu ſagen, warum ich Sie habe rufen laſſen, Sie zweifeln wohl nicht daran?“ „Ach, ja, Frau Baroneß,“ antwortete der brave Geſchäftsmann,„und ich geſtehe Ihnen, daß ich bei dem Empfange Ihres Briefes mir gelobte, mit Ihnen eine Erörterung zu beginnen, wenn Sie es erlauben werden.“ 4 „Ich höre Sie, mein theurer Herr,“ verſetzte die Baronin,„wir ſind gegen einander ſo vertraut, daß es erlaubt ſein wird, gegenſeitig kein Geheimniß zu haben; überdies bin ich überzeugt, daß Sie dieſe Er⸗ örterung aus Theilnahme, nicht aus Neugierde ver⸗ langen.“ „Frau Baroneß,“ entgegnete Duval, ſich verbeu⸗ gend,„es iſt das drittemal, daß Sie mir Diamanten zu verkaufen geben, und ich weiß nicht, ob Ihnen noch viel übrig bleibt.“ „Ohngefähr für dieſelbe Summe, die Sie mir ſchon zugeſtellt haben.“ „Nun, ſo erlauben Sie mir eine Bemerkung, wenn Sie ſie alle zuſammen und auf einmal verkauft hät⸗ ten, ſo würden Sie ſechzig oder ſiebzigtauſend Livres auf einmal bekommen haben; dieſe ſiebzigtauſend Liv⸗ res bei der Bank von England angelegt, würden Jh⸗ nen eine Rente von hundertachzig Pfund Sterling ab⸗ geworfen haben, und wenn Sie ein oder zweitauſend Franken jährlich dieſer Rente beifügten, ſo würden Sie haben leben können.“ „Ich weiß es, und dieß war auch mein erſter Ge⸗ danke; aber dieſe Diamanten gehören nicht mir, ſon⸗ dern meiner Mutter, und als ich ihr dieſes Mittel vor⸗ geſchlagen habe, hat ſie es förmlich verworfen.. 99 „O, daran erkenne ich ſie,“ verſetzte Herr Duval, „das iſt zu vernünftig für ſie...“ Dann, indem ſich faßte, fuhr er fort:„Verzeihen Sie mir das, was ich ſagte, Frau Batoneß, aber es iſt mir unwillkühr⸗ lich entwiſcht.“ „O, das hat nichts zu ſagen, mein lieber Freund; meine Mutter hat einige Lächerlichkeiten, ich weiß es wohl; aber ich habe auch geſehen, daß Sie, der Sie das oft bemerkten, die Güte hatten, nicht darauf zu achten. Um indeſſen auf den Gegenſtand meines Brie⸗ fes zurückzukommen, ſo empfangen Sie hier, mein lie⸗ ber Herr Duval, eine Agrafe, welche zehntauſend Franks ungefähr werth iſt, und ich bitte Sie, ſie zu Geld zu machen.“ „Sehr gerne,“ erwiederte Herr Duval, indem er die Agrafe in ſeiner Hand hin und her drehte;„das heißt, wenn ich ſage, ſehr gerne, ſo iſt es eine Art, ſo zu reden, denn ich geſtehe es Ihnen, daß es mir ſchwere Sorge macht, wenn ich ſehe, wie Sie ſich ſo nach und nach aller Reſte Ihres Glückes berauben.“ „Was wollen Sie, mein lieber Duval?“ entgeg⸗ nete die Baronin mit einem melancholiſchen Lächeln, ue wüſ die Prüfungen hinnehmen, die Gott uns endet. „Aber nach Ihrem eigenen Geſtändniſſe, Frau Ba⸗ roneß,“ fuhr Duval fort,„und ich muß Sie um Ent⸗ ſchuldigung bitten, wenn ich darauf zurückkomme, aber nach Ihrem eigenen Geſtändniſſe haben Sie ſchon die Hälfte Ihrer Diamanten veräußert. Mit dieſer Hälfte haben Sie ſechs oder ſieben Jahre gelebt, und mit der andern Hälfte werden Sie auch noch ſechs oder ſieben Jahre leben; aber dann, was ſoll dann aus Ihnen werden?“— „Was dem Herrn gefällt, Herr Duval.“ „And Sie haben keine Entwürfe gemacht?“ „Keine.“ „Keine Hoffnung für die Zukunft?“— 100 „Ich habe die Hoffnung, daß der König Lud⸗ wig XVIII. nach Frankreich zurückkehren, und daß man uns die Güter zurückgeben wird, welche man uns con⸗ fiscirt hat.“ „Ach, Frau Baroneß, Sie wiſſen wohl, daß dieſes eine Hoffnung iſt, die täglich ſchwächer wird. Bona⸗ parte machte ſich, nachdem er General en Chef gewe⸗ ſen war, zum Conſul, darauf zum erſten Conſul, und, jetzt, ſagt man, daß er ſich zum Kaiſer machen wolle. Sie ſind keine von denen, welche glauben, daß er den Thron den Bourbonen zurückgeben werde.“ Die Baronin machte mit dem Haupte eine ver⸗ neinende Bewegung. 3 „Nun, ich wiederhole es Ihnen, was werden Sie beginnen, wenn dieſe fünf oder ſechs Jahre verfloſſen ſein werden?“ 3 Die Baronin ſeufzte, antwortete aber nichts. „Fräulein Cäcilie zählt vierzehn Jahre,“ bemerkte Herr Duval. Die Baronin vergoß eine Thräne. „In zwei oder drei Jahren muß man daran den⸗ ken, ſie zu verheirathen.“ „O, mein lieber Herr Duval,“ rief Frau von Mar⸗ filly,“ ſprechen Sie doch nicht davon; wenn ich an das Schickſal denke, welches dieſes theure Kind erwartet, dann könnte ich an der Vorſehung zweif ln.“ „Und Sie haben Unrecht, Frau Baroneß, man darf nicht glauben, daß Gott ſeine Engel, wie dieſer einer iſt, auf die Erde herabſendet, um ſie zu verlaſſen; ſie wird irgend einem jungen edlen Manne Liebe einflößen, und dieſer wird ihr ein reiches, glückliches und geehrtes Leben bereiten.“ „Ach, mein lieber Herr Duval, Cäcilie iſt arm, und ſolche Hingebungen ſind ſelten, wer ſollte ſie übri⸗ gens hier ſuchen? Seit den zehn Jahren, welche wir hier wohnen, ſind Sie und Eduard die einzigen Män⸗ ner, welche dieſes Haus betraten. Aber entſchuldigen 101 Sie, mein lieber Herr Duval, daß ich vergeſſen habe, Sie um Nachrichten von Ihrer Frau und Ihrem Sohne zu fragen; wie befindet ſich Madame Duval, wie geht es dem lieben Eduard?“ „Dem Himmel ſei Dank, beiden geht es gut; ich danke Ihnen, Frau Baroneß, und ich bin vorzüglich mit meinem Sohne ſehr zufrieden; er iſt ein braver Junge, für den ich, wie für mich ſelbſt gut ſtehe, und der, ich bin überzeugt, eine Frau einſt glücklich machen wird,“ „Er würde das Beiſpiel ſeines Vaters vor Augen haben,“ ſagte lächelnd die Baroneß,„und er wird ihm folgen, ich hoffe es. Ja, Sie haben Recht, es wird eine glückliche Frau werden, welche Eduard heirathen wird.“ „Iſt das wirklich Ihre Meinung, Frau Baroneß?“ fragte Duval lebhaft. „Ohne Zweifel, welchen Grund ſollte ich haben, die Wahrheit nicht zu ſagen?“ „O, ich habe gewußt, daß Sie mir hierauf ant⸗ worten, wie man auf einen andern Gegenſtand ant⸗ wortet, oder vielmehr, daß es geſchah, um mir Ver⸗ gnügen zu machen.“ d „Nein, ich habe Ihnen nach meinem Herzen ge⸗ antwortet.“ „Ja, wenn Sie mir das verſichern, ſo ermuthigt es mich, Frau Baroneß. Hören Sie, ich bin hieher gekommen, um mit Ihnen von einem Entwurfe zu ſpre⸗ chen. Als ich zu London war, ſchien mir nichts ein⸗ facher, als dieſer Entwurf; allein je mehr ich mich Hendon genaht habe, je mehr fühlte ich, daß dieſer Entwurf etwas Gewagtes, etwas Kühnes, ich möchte faſt ſagen etwas Lächerliches habe.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Duval?“ „Ein Beweis, daß mein Entwurf keinen gewöhn⸗ lichen Sinn hat.“ 1⁰² „Warten Sie,“ entgegnete die Baronin,„ich glaube indeſſen..„ „Sie lächeln, davon bin ich überzeugt; ich habe Ihnen geſagt, daß Fräulein Cäcilie einen Mann ſehr glücklich machen würde; Sie haben mir geſagt, daß Eduard eine Frau ſehr glücklich machen würde...“ „Herr Duval... l⸗ „Verzeihen Sie, Frau Baroneß, es iſt eine große Kühnheit, ich weiß es, und glauben Sie nicht, daß ich den Zwiſchenraum vergeſſe, der uns trennt. Aber in der That, wenn ich an den Zufall denke, welcher zwei ſo getrennte Leben, wie die unſrigen waren, ſich nahe brachte, dann erlaube ich mir zu hoffen, daß die Vor⸗ ſehung den Willen habe, meine Familie zu ehren und zu ſegnen. Dann, ſehen Sie, Frau Baroneß, würde dieſes da viele Dinge ausgleichen. Ich ſpreche nicht von meinem kleinen Vermögen; ich habe es Ihnen an⸗ geboten, Sie haben es zurückgewieſen; aber Sie wiſ⸗ ſen, daß in England der Handelsſtand angeſehen iſt; nun, mein Sohn wird Banquier werden.. O, mein Gott, ich weiß ſehr gut, daß Madame Eduard Duval kurzweg genannt zu werden, ſehr wenig für die Tochter der Frau Baroneß von Marſilly iſt, und für die Enkelin der Frau Marquiſe de la Roche⸗Bertaud; aber ſehen Sie, wenn mein Eduard Herzog wäre und wenn es Gott gefiele, daß er Millionen zu den Füßen Cäciliens legen könnte, er würde ſie ihr zu Füßen legen, wie die drei⸗ oder viermalhunderttauſend Frank, welche wir beſitzen. Und Sie weinen nun?“ „Ja, ich weine, mein lieber Herr Duval, denn Ihr Vorſchlag, und beſonders die Art, womit Sie ihn gemacht haben, geht mir zu Herzen. Wenn ich allein in dieſer Sache zu befragen wäre, ſo würde ich Ihnen, mein lieber Herr Duval, die Hand reichen und Ihnen ſagen: Ein ſolcher Vorſchlag überraſcht mich nicht, denn er kommt von Ihrem Herzen, und ich nehme ihn 10 —n n S—-6—— 1 ——* — 103 an. Aber Sie wiſſen das wohl, ich muß mit Cäci⸗ lien, ich muß mit meiner Mutter davon ſprechen.“ „O!“ entgegnete Herr Duval,„was Fräulein Cäcilien betrifft, ſo glaube ich wohl, daß es von ihrer Seite gehen würde. Vor einem Jahre ſtieg dieſer Ge⸗ danke in mir auf, und ſeit dem beobachte ich ſie, wenn ſie mit Eduard beiſammen iſt. Gewiß liebt ſie ihn nicht, ich weiß es wohl, daß einem jungen Mädchen aus einer Familie wie Fräulein Cäcilie nie der Ge⸗ danke gekommen ſein würde, daß ſie einen Menſchen, der Nichts iſt, wie mein Sohn, lieben könne. Aber ſie kennt ihn nun ſeit langer Zeit, ſie verabſcheut ihn nicht, und wenn ſie weiß, daß es Ihnen Vergnügen macht, ſo wird ſie ſich gewiß dazu entſchließen. Aber was die Frau Marquiſe de la Roche⸗Bertaud betrifft, ſo geſtehe ich Ihnen, daß ich mich auf dieſer Seite im Voraus für geſchlagen halte.“ „Laſſen Sie mich dieſe Angelegenheit leiten, mein lieber Herr Duval,“ ſagte die Baroneß,„ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mein Beſtes thun werde.“ „Nun, Frau Baroneß,“ bemerkte Duval, indem er die Diamanten⸗Agrafe in ſeinen Händen hin⸗ und herdrehte,„nun ſcheint es mir, nachdem die Sachen zwiſchen uns auf dieſen Punkt gekommen ſind, un⸗ nütz...“ „Mein lieber Herr,“ unterbrach ihn die Baroneß; „noch iſt nichts entſchieden; Sie wiſſen es, ich habe es Ihnen geſagt. Aber, wenn auch Alles entſchieden wäre, ſo zählt Cäcilie doch erſt vierzehn Jahre, und erſt in zwei Jahren würden wir ernſtlich über die Sache ſprechen können. Dieſes abwartend, bitte ich Sie, mir den Dienſt zu erzeigen, wegen deſſen ich Sie um die Güte gebeten habe, zu mir zu kommen.“ Herr Duval ſah wohl, daß es kein Mittel gebe, die Baroneß zu einer entſchiedenen Antwort vor Ab⸗ lauf der feſtgeſetzten Friſt zu bringen; er erhob ſich, und ſchickte ſich an, wegzugehen. Die Baroneß ver⸗ 104 ſuchte vergebens, ihn beim Mittageſſen zurückzuhalten; Herr Duval hatte Eile, ſeiner Frau die Hoffnung zu⸗ rückzubringen, welche er gefaßt hatte. Er ging weg, indem er auf's Neue die Intereſſe Eduards der Frau von Marfilly empfahl. Der erſte Gedanke der Baronin, als ſie ſich allein befand, war der, dem Himmel zu danken; ohne Zwei⸗ fel würde jede andere an ihrer Stelle dieſes Glück nur als ein ſehr mittelmäßiges betrachtet haben; allein zehn Jahre des Unglücks lehrten die Baroneß die Dinge aus dem wahren Geſichtspunkte zu betrachten. Aus Frankreich verbannt, ohne irgend eine Hoffnung, da⸗ hin zurückzukehren, zu Grunde gerichtet, ohne irgend eine Hoffnung, das zertrümmerte Glück wieder zu er⸗ langen, von einer Krankheit befallen, welche den Menſchen gewöhnlich nicht lange am Leben läßt, konnte ſie fur Cäcilien nichts Beſſeres wünſchen, als die Ge⸗ legenheit, welche ſich ihr darbot, ergreifen. Woher kam ihr Unglück, woher kam ihre Ver⸗ bannung, woher ihr Ruin? Blos von ihrem hohen Stande. Der Adel iſt der Epheu des Königsthums, das Königthum, indem es fiel, hatte den Adel mit ſich geriſſen, und ſie, eines der ſchwachen Trümmer des großen umgeſtürzten Gebäudes, ſie eilte dem Unter⸗ gange in der Einſamkeit des Unglücks und in der Nacht der Verbannung entgegen. Aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach würde ein Mann der Kaſte Cäcilien in ihrer Einſamkeit nicht aufgeſucht haben. Ueberdies hatten die jungen Leute von Adel in dieſem Augen⸗ blicke überhaupt wegen ihrer finanziellen Erſchütterung nothwendig, reiche Erbinen zu heirathen, um ihr Leben friſten zu können. Cäcilie war arm, ſie hatte nichts mehr, als ihren ſchönen Namen, aber der Namen der Frau verliert ſich, wie man weiß, in dem des Man⸗ nes. Daher konnte man Cäcilien nicht ihres Namens wegen ſuchen, und wir wiederholen es, Cäcilie hatte nichts, als ihren Namen. 1 105 Indeſſen darf man nicht glauben, daß die Baro⸗ neß ſich ohne einen Kampf entſchloß; es war erforder⸗ lich, daß ſie ſich die Vortheile dieſer Verbindung einen nach dem andern vergegenwärtigte, damit ihr Geiſt ohne eine gewiſſe Reue dabei verweilen könnte, und dennoch hatte, wie wir geſehen haben, die Baronin mit Herrn Duval eine perſönliche Verpflichtung nicht eingehen wollen ſondern ſie hatte eine doppelte Ge⸗ nehmigung zur Bedingung gemacht, die ihrer Tochter und die ihrer Mutter. Was Frau von Marſilly gedacht hatte, trat ein; Cäcilie hörte mit einem mit Unruhe gepaarten Erſtau⸗ nen das, was ihr die Baroneß hinſichtlich ihrer Ent⸗ würfe für die Zukunft ſagte. Als ſie geendet hatte, fragte Cäcilie: „Ich ſoll Sie verlaſſen, meine Mutter?“ „Nein, mein Kind,“ entgegnete die Baroneß,„es kann im Gegentheil das einzige Mittel ſein, daß wir immer beiſammen bleiben. „In dieſem Falle verfügen Sie über mich, was Sie thun werden, iſt gut.“ Wie es die Baroneß varausgeſehen hatte, empfand Cäcilie für Eduard nichts, als ein ſchweſterliches Ge⸗ fühl; aber das gute Kind konnte ſich in ſeinen Ge⸗ fühlen täuſchen; da ſie nie einen andern Mann, als ihn und ſeinen Vater geſehen hatte, ſo wußte ſie durch⸗ aus nicht, was Liebe fei. Sie willigte alſo ohne irgend eine Schwierigkeit ein, vorzüglich, weil ihr ihre Mutter geſagt hatte, daß dies das ſicherſte Mittel ſei, damit ſie nie getrennt würden. Daſſelbe geſchah aber von der Marquiſe de la Roche⸗Bertaud nicht. Bei den erſten Worten, welche die Baroneß vor ihr über dieſes Projekt fallen ließ, erklärte ſie, daß dieſes eine ungeheure Mesalliance ſei, zu welcher ſie nie ihre Zuſtimmung geben werde. XII. Der Menſch denkt. Am folgenden Sonntage kam, wie gewöhnlich, die Familie Duval zum Beſuche bei der Baronin, welche ſie auch allein empfing; die Marquiſe hatte ihre Migraine wieder. Zwiſchen den beiden Familien wurde kein Wort gewechſelt, was auf die zukünftige Heirath Bezug ge⸗ habt hätte, nur küßten ſich Madame Duval und Frau von Marſilly, Eduard küßte Cäcilien die Hand, und Cäcilie erröthete. Es war offenbar, daß Alles von dem Projekte wußte, und daß daſſelbe alle Wünſche des Herrn. Duval, ſeiner Frau und ſeines Sohnes erfüllte. Die Herzen dieſer drei floſſen vor Freude über. Was die Baronin betraf, ſo war ſie nicht ohne eine ſtumme Traurigkeit; es war ſeit dreihundert Jah⸗ ren vielleicht das Erſtemal, daß man ſich des Adels verluſtig machte. Obwohl ſie überzeugt war, daß die⸗ 1 ſer Verſtoß gegen die ariſtokratiſchen Geſetze, welche 4 ihren edlen Ahnen gehorcht hatten, blos das Glück d ihrer Tochter zum Zwecke habe, ſo konnte ſie doch ihrer Unruhe nicht Herr werden. Cäcilie betrachtete ihre Mutter. Seit einigen Tagen fing ſie an, gewahr zu werden, daß ihre Ge⸗ ſundheit wanke; beſonders an dieſem Tage war, ohne Zweifel in Folge der ſtattgehabten Aufregungen, das Geſicht der Baroneß einem heftigen Wechſel unterwor⸗ fen; auf die lebhafteſte Röthe folgte eine außerordent⸗ liche Bläſſe, und von Zeit zu Zeit peinigte ihre Bruſt ein zerreißender Huſten. Bei dem Nachtiſche erhob ſich die Baronin und ging hinaus. Die bennruhigte Cä⸗ cilie folgte ihr nach und traf ihre Mutter an die 107 Mauer des Corridors gelehnt, ein Sacktuch vor ihrem Munde. Als die Baronin ihre Tochter bemerkte, verbarg ſie ſchnell ihr Sacktuch; aber dennoch nicht ſchnell genug, daß Cäcilien nicht Spuren von Blut wahrgenommen hätte. Cäcilie ſtieß einen Schrei aus, die Baroneß erſtickte ihn durch eine Umarmung, un dann gingen Beide in den Speiſeſaal zurück. 1 Auf der einen wie auf der andern Seite erzeugte dieſer Vorfall eine Unruhe. Madame Duval hatte ſich mit jener Theilnahme, welche jede Anſchuldigung von Neugierde ausſchließt, nach der Urſache erkundigt, welche die Baronin und Cäcilien nach einander hinaus⸗ gerufen hatte. Die Baroneß erwiderte, daß ſie plötz⸗ lich unwohl geworden ſei und Cäcilien waren einige Thränen entfallen. Indem ſie Abſchied nahmen, bat Cäcilie Herrn Duval, am folgenden Tage unter irgend einem Vor⸗ wande den beſten Arzt von London nach Hendon zu ſchicken, und Herr Duval verſprach es ihr. Als Cäcilie und ihre Mutter allein waren, brach die bisher in das arme Herz zurückgedrängte ſchmerz⸗ liche Aufregung los; ſie hätte ihrer Mutter gerne ihre Unruhe verborgen, allein ſie konnte ſich noch nicht verſtellen, am allerwenigſten konnte ſie den Schmerz verbergen; denn Cäcilie war bisher noch nicht unglück⸗ lich geweſen.. Die Baroneß hatte nicht den Muth, ihrer Toch⸗ ter ihre eigene Unruhe zu verbergen; dieſe entſchul⸗ digte ja überdies ihre Projekte einer Verbindung der plebeiſchen Familie Duval mit der adeligen Familie Narſu, und nun verſuchte Cäcilie die Baroneß zu röſten.— Es gibt in der That ein Alter, in welchem nichts unmöglicher ſcheint, als der Tod, und dieſes Alter hatte Cäcilie erreicht. Im vierzehnten Jahre ſcheint in der Natur Alles ewig zu ſein, weil es ſcheint, daß man in ſeinem Herzen eine Ewigkeit trage. 108 Am folgenden Tage ſtellte ſich ein Freund des Herrn Duval der Baronin vor, er kam, wie er ſagte, um aus Auftrag des verehrungswürdigen Banquiers, der Baronin die Summe von zehn tauſend Frank zu⸗ zuſtellen, welche er an ſie abzutragen habe. Dieſe Summe hatte Herr Duval am Abende zuvor in ſei⸗ nem Portefeuille mitgehabt; allein da ihn Cäcilie ge⸗ beten hatte, unter irgend einem Vorwande einen Arzt zu ſchicken, ſo hatte er ſeine Banknoten bei ſich behal⸗ ten und geglaubt, daß durch ſie die Einführung des Arztes, als eine leichte und durchaus nicht vorbereitete Sache erſcheinen würde. Der Arzt ließ auch im Ver⸗ laufe des Geſpräches merken, daß, da er einen Kran⸗ ken in Hendon zu beſuchen, ſein Freund, Herr Duval, ihn beauftragt habe, den Auftrag an die Baronin zu vollziehen, der ihm nun die Ehre gebe, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen.— Bei dieſen Worten des Arztes ergriff Cäcilie die Gelegenheit, ihm die Beſorgniſſe auszuſprechen, welche ſie über das Befinden ihrer Mutter hege. Die Ba⸗ ronin lächelte traurig; mit dem Inſtinkte eines Kran⸗ ken hatte ſie ſich nicht einen Augenblick über dieſe ganz kleine Komödie getäuſcht, ſie ſetzte daher dem Arzte, der einer der beſten Aerzte Londons war, unbefangen die Symptome auseinander, welche ſie fürchten ließen, daß ihre Geſundheit ernſtlich angegriffen ſei. Der Arzt ſchien die Unruhe der Frau von Mar⸗ ſilly auf keine Weiſe zu theilen, aber nichts deſtoweni⸗ ger traf er die Anordnung, daß die ſtrengſte Aufmerk⸗ ſamkeit und Pflege erforderlich ſei. Dann fügte er im Wege der Unterhaltung und wie ein Mann, der nicht weiß, ob ſein Rath befolgt werden kann, bei, daß höchſt wahrſcheinlich eine Verbeſſerung der Ge⸗ ſundheit herbeigeführt werden würde, wenn die Ba⸗ ronin ſieben oder acht Monate auf Hyeres, zu Nizza, oder zu Piſa zubringen könne. Cäcilien ſchien Nichts leichter, als dieſer letzte 3 — — d8 dA ꝙa d 109 Theil der Anordnung des Arztes. Sie war daher außerordentlich erſtaunt, als ſie in ihre Mutter drang, dem Rathe des Arztes zu folgen, und die Mutter ihr erwiederte, daß ſie in Allem folgen werde, die Reiſe ausgenommen. Ihr Erſtaunen vermehrte ſich noch, als ihre Mutter, nachdem ſie in ſie gedrungen hatte, einen ſo bedeutungsvollen Rath nicht zu verſchmähen, verſicherte, daß ſie zu arm ſeien, um eine ſolche Aus⸗ gabe zu beſtreiten. Cäcilie wußte durchaus nicht, was Reichthum und was Armuth ſei. Ihre Blumen ſproßten, blühten, ſtarben ab, ohne irgend einen Unterſchied zwiſchen ihnen; alle hatten einen gleichen Antheil an dem Waſ⸗ ſer, welches ihre Wurzeln erfriſchte, an der Sonne, die ihre Blüthen entfaltete, ſie glaubte, daß es bei den Menſchen wie bei den Pflanzen ſei, und daß ſie alle den gleichen Anſpruch auf die Güter der Erde und die Gaben des Himmels haben. Die Baronin erzählte nun ihrer Tochter zum Erſtenmale, daß ſie reich geweſen, daß dies aber nun nicht mehr der Fall ſei, daß ſie ein Haus, Landgüter und Schlöſſer gehabt, daß aber dieſes Alles verkauft worden, daß ihr von Allem nichts als dieſer kleine Fleck geblieben ſei, auf welchem ſie jetzt lebten, und überdies war dieſes kleine Landhaus nicht ihr Eigen⸗ thum, ſie benützten daſſelbe nur, indem ſie eine jähr⸗ liche Summe bezahlten, und wenn ſie ein einziges Jahr aufhören würden, dieſe Summe zu bezahlen, ſo würde man ſie aus der Wohnung hinausſchicken, ohne daß ſte wüßten, wohin ſie gehen ſollten. Hierauf fragte Cäcilie ihre Mutter, woher das Geld gekommen, von welchem ſie bisher lebten, und ihre Mutter verheimlichte ihr nicht einen Augenblick, daß die Quelle, welche bald vertrockenen müſſe, die Diamanten ihrer Großmutter ſeien. Das arme Kind fragte, ob es Nichts zum Wohle der Familie beitra⸗ gen könne, und ob es nicht, da jedes gezwungen ſei, 110 4 entweder von einem erworbenen Vermögen, oder durh irgend einen Erwerb zu leben, auf die eine oder die andere Weiſe ſeiner Familie helfen könne. Jetzt er⸗ fuhr ſie, daß in dieſer Welt das Weib ſein Schickſal empfange, nicht geſtalte, daß ihr Geſchick faſt immer von ihrem Manne abhänge. Cäcilie dachte daher an das, was ihr ihre Mut⸗ ter, von einem Verbindungsprojekte mit der Familie Duval geſagt hatte, und indem ſie ſich in die Arme der Baronin warf, ſagte ſie: „O, meine Mutter, ich werde ſehr glücklich ſein, ich ſchwöre es Ihnen, Eduard zu heirathen.“ Frau von Marſilly erkannte wohl, welche Hin⸗ gebung in dieſem Entſchluſſe Cäciliens liege und daß n ſie von dieſer Seite wenigſtens keinen Einwurf gegen C ihre Projekte finden würde. d Die Tage verfloſſen, ohne irgend eine Aenderung u in der Lage der armen Familie herbeizuführen, die c ausgenommen, daß die Baronin immer ſchwächer 3 wurde; inzwiſchen wurden die Nachrichten für die n Royaliſten etwas beſſer, das Gerücht, daß Bonaparte den Thron den Bourbonen zurückgeben müſſe, gewann H einige Conſiſtenz. Man ſprach von einem vollſtändigen ſi Bruche zwiſchen den Jacobinern und dem erſten Con⸗ L ſul, man verſicherte, daß der König Ludwig XVIII. n an Letzteren über dieſen Gegenſtand geſchrieben, und p daß er von dem jungen Sieger zwei Briefe bekommen b habe, welche ihm nicht alle Hoffnung raubten. d 3 Inzwiſchen langte ein Brief der Herzogin de Lor⸗ ges an, welche ſeit dem vorigen Abend nach London ſc zurückgekehrt war und der Frau von Narfilly ihren S Beſuch auf übermorgen ankündigte. w Die Nachricht erzeugte große Freude bei der Ba⸗ d ronin und Cäcilie, die Marquiſe aber war ganz ent⸗ zückt darüber. Sie ſollte ſich nun in ihrer Sphäre wieder finden, wieder jemand haben, mit dem ſie auiſe, welche große Toilette gemacht hatie, machte ihr 111 plaudern, und, wie ſie ſagte, von dieſen Duvals ſich ſäubern könne. Sie ließ nun Cäcilie auf ihr Zimmer kommen, was nur bei außerordentlichen Gelegenheiten der Fall war, und empfahl ihr, der Herzogin auch nicht ein Wort von den unſinnigen Heirathsprojekten zu ſagen, von welchen ihre Mutter in einem Augenblicke der Verwirrung geſprochen habe. Daſſelbe empfahl ſie der Baronin, welche, da ſie im voraus die Einwürfe er⸗ rieth, welche ihr ihre edle Freundin machen würde, keinen Anſtand nahm, Alles zu verſprechen, was ſie von ihr wollte. 1 An dem beſtimmten Tage, um zwei Uhr Nach⸗ mittags, waren die Baronin, die Marquiſe und Cä⸗ cilie in dem Salon verſammelt, ein Wagen hielt vor dem kleinen Landhauſe an, man hörte den Hammer unter einer ariſtokratiſchen Hand ertönen; einige Se⸗ cunden ſpäter kündigte die Kammerfrau die Frau Her⸗ zogin de Lorges und den Chevalier Heinrich de Sen⸗ nones an. Es war ſchon ſieben bis acht Jahre, daß ſich die Herzogin und die Baroneß nicht wieder geſehen hatten, ſie umarmten ſich, wie zwei alte Freundinnen, deren Liebe weder Zeit noch Trennung erkalten konnte, aber während dieſer Umarmung konnte die Herzogin den peinlichen Eindruck nicht verbergen, welchen das ſicht⸗ bare Altern, das ſich in den Zuͤgen der Baronin aus⸗ drückte, auf ſie machte. Die Baronin bemerkte es. „Sie finden mich ſehr verändert, nicht wahr?“ ſagte ſie ganz leiſe zu der Herzogin;„aber ich bitte Sie, ſprechen Sie auch nicht ein Wort davon, Sie würden meine arme Cäcilie beunruhigen. Wir wer⸗ den ſogleich in den Garten gehen und plaudern.“ Die Herzogin drückte ihr die Hand. „Immer dieſelbe,“ ſagte ſie. Dann wandte ſich die Herzogin gegen die Mar⸗ 112 große Complimente über ihr geſundes Ausſehen und wandte ſich dann an Cäcilie. „Meine ſchöne Cäcilie,“ ſagte ſie,„Sie haben Alles gehalten, was Sie verſprochen haben. Kommen Sie, umarmen Sie mich und empfangen Sie meine Glückwünſche; denn ich weiß von den guten Duvals, welche mir geſtern ſchon ihre Ehrfurcht bezeugten, daß ſie ein vollendetes Mädchen geworden find.“ Cäcilie nahte ſich und die Herzogin küßte ſie an die Stirne. 4 Sich hierauf an dend, ſagte ſie: „Meine liebe Baroneß, und Sie, meine theure Marquiſe, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Neffen, Herrn Heinrich de Sennones, vorſtelle, wel⸗ chen ich Ihnen als einen charmanten jungen Mann empfehle.“ Ungeachtet dieſes gerade in das Geſicht geſagten Complimentes verbeugte ſich der Chevalier ſehr zier⸗ lich und mit größtem Anſtonde. „Sie wiſſen, meine Damen, daß die Herzogin für mich eine zweite Mutter war, und Sie werden daher über ihr übertriebenes Lob nicht ſtaunen.“ Die Baronin und die Marquiſe grüßten ihn, und als er ſich gegen Cäciliens Seite wandte, verneigte ſich dieſe. Frau von Marfilly zurückwen⸗ Ungeachtet der beſcheidenen Ablehnung des Che⸗ valier war man doch gezwungen, einzugeſtehen, daß die Herzogin nicht zu viel geſagt habe. Heinrich hatte ſein zwanzigſtes Jahr vollendet, und er war ein ſchö⸗ ner, junger Mann, an welchem man jene Eleganz der Manieren ſolcher Kinder bemerkt, welche, durch einen Hofmeiſter aufgezogen, das älterliche Haus nie ver⸗ laſſen haben und mit einer treueren Sorge auferzogen und bewahrt wurden, als man ſie gewöhnlich bei der 8 Erziehung auf den Univerſitäten findet. Heinrich war übrigens, wie der größte Theil der Emigranten, ohne —e——— 1 e— ͤ-9—— O O ͤErSeSͤŔ SESD 113 Vermögen. Er hatte ſeine Mutter faſt ſchon bei der Geburt verloren, ſein Vater war gutllotinirt worden, und er hatte von Niemand ein Vermögen zu erwarten als von einem Onkel, der ſich nach Guadeluppe be⸗ geben und, wie man ſagte, durch große commercielle Spekulationen ſein Vermögen verzehnfacht hatte. Ver⸗ möge einer beſondern Eigenthümlichkeit ſeines Charak⸗ ters hatte dieſer Onkel erklärt, daß ſein Reffe von ihm nichts zu erwarten haben ſolle, wenn er ſich nicht dem Handel widmen würde. Es iſt leicht begreiflich, daß der Reſt der Familie über eine ſolche Bedingung murrte, und daß man Heinrich de Sennones zu einem ganz andern Zwecke erzogen hatte, als um aus ihm einen Zucker⸗ und Kaffee⸗Krämer zu machen. Alle dieſe Einzelnheiten wurden in jener gleich⸗ gültigen Weiſe der Unterhaltung ausgetauſcht, welche unter Leuten einer gewiſſen Welt gewöhnlich iſt. Man wird leicht begreifen, daß die ganze Handels⸗Welt von der Herzogin und ihrem Neffen mit vieler Leichtfertig⸗ keit behandelt wurde, und daß die Marquiſe ſich hie⸗ bei hervorthat. Die Baronin und Cäcilie, welche empfanden, daß ein Theil ihrer Stichelreden auf die gute Familie falle, welche ihre gewöhnliche Geſellſchaft war, miſchten ſich wenig in die Unterhaltung, welche bald eine ſo ſcherzhafte Wendung nahm, daß die Ba⸗ ronin, um ſie abzubrechen, ſich des Arms der Herzo⸗ gin bemächtigte und ſie, wie ſie bei der erſten Um⸗ armung verſichert hatte, in den Garten führte. Die Marquiſe, Cäcilie und Heinrich blieben al⸗ ein. 4 Kaum hatte die Marquiſe Heinrich bemerkt, als ſie vermöge ihrer ewigen Oppoſition gegen die Pro⸗ jekte der Baronin zu ſich ſelbſt ſagte, daß dieſer der Mann ſei, welcher ſich für Cäcilie ſchicke, nicht aber ein Bürgerlicher, wie dieſer Eduard Duval. Das Brautkleid. gehalten; aber bei Cäcilien war es nicht ſo; man 114 So wie die Baronin und die Herzogin aus dem Zimmer weggegangen waren, gab die Marquiſe der Sehnſucht nach, ihr geliebtes Kind glänzen zu laſſen, und unter dem Vorwand, den Chevalier zu unterhal⸗ ten, hieß ſie dieſelbe nach und nach ihre Stickereien und ihre Album herbeibringen. Obgleich Heinrich, wie wir zu ſeinem Lobe zu ſagen uns beeilen, die Meiſterſtuͤcke der Stickerei wäh⸗ rend der langen Soiréen in England und Deutſchland zu würdigen gelernt und eine große Anzahl derſelben bei ſeiner Tante hatte ausführen ſehen, ſo war er doch über die Albums ſeyr erſtaunt. Dieſe enthielten, wie wir bereits geſagt haben, die Abbildungen der ſchön⸗ ſten Blumen, welche in Cäciliens Garten gewachſen waren, und jede Blume hatte ihren eigenen Namen, der unten angeſchrieben ſtand. Ueberyaupt bemerkte Heinrich mit Ueberraſchung, daß, wenn man ſo ſagen darf, jede dieſer Blumen eine eigenthuͤmliche Phyſiog⸗ nomie hatte, die mit dem ihr gegebenen Namen über⸗ einſtimmte. Er bat Cäcilie um die Erklärung dieſer Eigenthümlichkeit, und Cäcilie gab ſie einfach und wahr, indem ſie ihm erzählte, wie ſie in Mitte dieſer Blumen aufgezogen worden ſei, wie ſie ſich in ein in⸗ times Verhältniß mit dieſen friſchen und duftenden Freundinnen g ſetzt habe, wie ſie, von Sympathie hingeriſſen, wenn man ſo ſagen kann, ſich beſtrebt habe, die Freuden und die Leiden ihrer Lilien und Roſen kennen zu lernen, und wie ſie endlich nach ihren Charakteren und ihren Abenteuern ſie getauft und ih⸗ nen einen mit ihren Verhältniſſen im Einklange ſtehen⸗ den Namen gegeben habe. Heinrich hörte dieſe ganze Erklärung, wie wenn er eine bezaubernde Erzählung einer Fee hörte. Jedes andere Mädchen, welches ihm ſo etwas geſagt haben würde, hätte er für eine Närrin, oder für eine Zierpuppe ſah, daß das reine Kind ſein Leben erzählte, ſeine 115 Gefühle, ſeine Freuden und Leiden. Vielleicht lieh ſte dieſe nur ihren Blumen, aber das war in gutem Glauben, und ſie erzählte unter anderm Heinrich die Geſchichte einer Roſe, welche ſo unglücklich war, daß dieſe Geſchichte ihm faſt Thränen in die Augen trieb. Die Marquiſe hörte dies Alles mit an, und ver⸗ ſuchte von Zeit zu Zeit der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben; alle dieſe botaniſchen Abenteuer ſchienen ihr nachgerade fad und unzweckmäßig; aber Heinrich, der ihrer Meinung nicht war, führte ohne Unterlaß die Unterhaltung auf dieſen Gegenſtand zu⸗ rück, ſo neu und merkwürdig ſchien ihm die Sache, ſo ſehr ſchien es ihm, daß er nicht mit einem menſch⸗ lichen Geſchöpfe, ſondern im Gegentheile mit irgend einer phantaſtiſchen Schöpfung eines Oſſian oder eines Goethe zuſammen ſei. 3 So wie indeſſen die Marquiſe das Wort Muſik ausſprach und das Piano öffnete, bat Heinrich, wel⸗ cher ſelbſt ein vortrefflicher Muſiker war, Cäcilien, ihm etwas zu ſingen. Dieſe wußte nicht, um was ſie gebeten werde. Sie wußte damals noch nicht, ob ſie ein Talent hie⸗ zu beſitze oder nicht; vielleicht wußte ſie auch nicht, was Talent ſei.. Wie die Malerei, ſo war muſtkaliſche Uebung für Cäcilie ganz Gemüthsſache, und als ſie nun eine oder zwei Romanzen und einige Abendgeſänge mit einem Zauber und mit einer unendlichen Anmuth geſungen hatte, fragte ſie Heinrich mit der größten Einfachheit, ob ſie ihn nicht etwas hören laſſen wolle, was ſie ſelbſt gedichtet habe.. Cäcilie, ohne ſich bitten zu laſſen und ohne ſich zu ſträuben, ließ ihre Hände auf das Piano nieder⸗ ſinken, und begann eine jener beſonderen Träumereien, wie ſie ſie oft auf dem melodiſchen Inſtrumente machte. Ein ſanfter Takt mit einem dämpfenden Pedale zeigte an, daß es Nacht ſei. Alles Geräuſch der Erde er⸗ 116 ſtarb nach und nach, ein faſt allgemeines Schweigen herrſchte, welches nur das Murmeln eines Baches unterbrach; dann erhob ſich in Mitte dieſer erhabenen Ruhe der Dunkelheit der Geſang eines Vogels, eines melodiſchen, unbekannten Vogels, welcher weder die Nachtigall, noch die Grasmücke war. Ein Vogel, welcher in dem Herzen Cäciliens, wie ein Echo himm⸗ liſcher Melodien ſang, und deſſen Stimme faſt immer ſagte: Glaube, Liebe, Hoffnung! Als Heinrich dieſe eigenen Symphonien hörte, be⸗ deckte er ſeine Stirn mit ſeinen beiden Händen, und als er ſie wegnahm, ohne daran zu denken, eine Thräne zu trocknen, die in den Wimpern ſeiner Augen zitterte, ſah er Cäcilien den Kopf zurückgebeugt, die Blicke gen Himmel gerichtet und die Augen feucht. Heinrich war auf dem Punkte, ſich ihr zu Füßen zu werfen, und ſie gleich einer Madonna anzubeten. In ieſen Augenblick kamen die Baronin und die Herzogin zurück. XIII. Gott lenkt. Als die Herzogin de Lorges und Heinrich de Sen⸗ nones abgereist waren, nachdem die Marquiſe und die Baronin ſich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, als ſich Cäcilie endlich allein fand, ſchien es ihr, daß in ihrem Leben eine große Aenderung eingetreten ſei. Aber während ſie darnach forſchte, worin dieſe Aende⸗ rung beſtehe, fand ſie es nicht, ſie konnte es ſich nicht ſagen. 1 Ach, das erſte Gefühl der Liebe war in das Herz n⸗ ie ls in ei. 117 des armen Kindes gekommen, und gleich dem erſten Strahle der Sonne zeigte es ihren Augen eine Menge von Dingen, welche bisher in der Nacht ihrer Gleich⸗ gültigkeit ſich verloren hatten. Zuerſt ſchien es ihr, als bedürfe ſie friſche Luft; ſie ging in den Garten. Eine Gewitterſchwüle herrſchte, ihre Blumen neigten ſich auf ihren Stängeln, wie wenn auch für ſie die Luft zu drückend wäre. Sonſt tröſtete ſie Cäcilie, heute aber ſenkte Cäcilie den Kopf gegen die Bruſt, ohne Zweifel im Vorgefühle eines nahenden Gewitters. Sie machte zweimal die Runde um ihre kleine Welt, ſie ſetzte ſich in ihre Laube, ſie verſuchte, dem Geſang einer Grasmücke zu folgen, welche auf einem Fliederbaume ſaß, allein es war wie eine Art von Schleier zwiſchen ihrem Geiſt und den Gegenſtänden, von denen ſie umgeben war; ſie war nicht mehr die Herrin ihrer Gedanken, es lag etwas Unbekanntes in ihr, welches neben ihr dachte; ihre Pulſe ſchlugen plötz⸗ lich ſo heftig, daß ſie zitterte, als hätte ſie ein Fieber. Einige große Regentropfen fielen und ein Donnerſchlag ließ ſich hören; Cäcilie hörte den Donner nicht, ſie fühlte den Regen nicht; ihre beunruhigte Mutter rief fie, aber erſt bei dem zweiten Rufe erkannte ſie die Stimme derſelben. „Als ſie in den Salon zurück kehrte, ſah ſie noch ihr Album auf dem Tiſche, ihr Piano noch geöffnet. Sie betrachtete ihre Blumen, ſie blieb bei den Seiten ſtehen, welche ſie mit Heinrich betrachtet hatte, und ließ an ihrem Gedächtniſſe Alles das vorüber ziehen, was ſie dem jungen Manne geſagt und was er ihr geantwortet hatte. Dann ſetzte ſie ſich an ihr Piano, ihre Finger fielen auf dieſelben Taſten, und dieſelbe melodieen⸗ reiche Phantaſie begann; aber ſie war noch viel inni⸗ ger, viel melancholiſcher, als die erſte. Bei dem letzten Ton ihrer Stimme, bei dem letz⸗ 118 ten Klange der Saiten empfanv Cäcilie, daß ſich eine Hand auf ihre Schulter legte; es war die Hand ihrer Mutter. Die Baronin war noch viel blaſſer, als gewöhn⸗ lich, und lächelte auch viel trauriger, als ſonſt. Cäcilie ſchauderte, ſie glaubte, daß ihre Mutter mit ihr von Heinrich ſprechen wolle. Von Heinrich! In dieſem Augenblicke von Furcht war es das erſte Mal, daß der junge Mann ſich ſo perſönlich ihrem Geiſte darſtellte; bis jetzt lag ein Et⸗ was von ihm in Allem umhergeſtreut, was ſie umgab, allein dieſes Etwas war unkörperlich, wie ein Dunſt, unbetaſtbar, wie ein Duft. Sie glaubte alſo, daß ihre Mutter von Heinrich mit ihr ſprechen wolle.. Sie täuſchte ſich; ihre Mutter ſprach nur von dem, was die Herzogin ihr geſagt hatte; dieſe wußte beſtimmt, daß es fur Ludwig XVIII. durchaus keine Hoffnung gebe, nach Frankreich zurückzukehren. Bona⸗ parte's Macht befeſtigte ſich von Tag zu Tag mehr, ſie befeſtigte ſich aber für ſeine eigene Rechnung. Die Herzogin, an das Haus der Gräfin von Artois ge⸗ knüpft, hatte daher faſt ſchon den Entſchluß gefaßt, im Auslande zu bleiben, und dieß war auch der Entſchluß, welchen die Baronin nehmen mußte. Während dieſer ganzen Unterredung war auch nicht ein Wort von Heinrich geſprochen worden, und dennoch ſchien es Cäcilien, daß jedes Wort, welches ihre Mutter ſprach, auf ihn Bezug habe. Jedes Wort, welches ſie ſprach, hatte aber auf Eduard Bezug. In der That, wenn man Cäcilien geſagt hätte, daß die politiſchen Ereigniſſe fort fuhren, ihre Mutter in das Exil zu verurtheilen, und eben ſo ihre Groß⸗ mutter, ſo hieß es ihr ſagen, daß die Projekte der Verbindung mit der Familie Duval mehr feſt geſtellt ſeien, als je, weil Cäcilie jetzt die pecuniären Verhält⸗ 119 niſſe kannte, in welchen ſich die Baronin und die Mar⸗ quiſe befanden. Nebſtdem fügte Frau von Marſilly einige Worte über ihre eigene Geſundheit bei, und nun wandte ſich Lbeilie gegen ihre Mutter, betrachtete ſie und vergaß Alles.. War es nun eine Folge ihrer vorgefaßten Mei⸗ nungen, oder war die Krankheit in jene Periode vor⸗ gerückt, in welcher ſie ſich reißender entwickelt, die Baronin war, wie wir geſagt haben, ſchrecklich ver⸗ ändert, ſie bemerkte den Eindruck, den ihr Anblick auf ihre Tochter machte, und ſie lächelte traurig. Cäcilie ſtützte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Mutter und fing zu weinen an; in ihrem Herzen ſprach es, aber die Lippen hatten die Kraft nicht, zu ſagen: „O, ſeien Sie ruhig, meine Mutter, ich werde Eduard heirathen.“ Ihr armes Kind machte einen großen Eindruck auf ſie, denn man muß es geſtehen, daß der Vergleich, welchen das Herz der Baronin zwiſchen dem Neffen der Herzogin de Lorges und dem Sohne des Herrn Duval gleich von dem erſten Anblicke des Erſteren an gemacht hatte, durchaus nicht zum Vortheile des Letzteren war; wohl waren Beide von demſelben Alter, wohl hatten Beide eine ausgezeichnete Erziehung erhalten, wohl waren Beide ſchön, und dennoch beſtand ein großer Unterſchied zwiſchen Beiden. Der zwanzigjährige Eduard war noch ein furchtſamer, faſt ein linkiſcher Schüler, während Heinrich ein junger, eleganter Mann und fur die große Welt geſchaffen war. Beide hatten eine aus⸗ gezeichnete Erziehung erhalten; aber Eduard hatte, wenn man ſo ſagen darf, nur den materiellen Theil ſeiner Erziehung bewahrt, er wußte, was er gelernt hatte, und das war Alles; aber ſeine individuelle Or⸗ ganiſation, ſein eigener Geiſt hatte zu den erlanaten Kenntniſſen Nichts hinzugefügt. Was dagegen Heinrich wußte, und bei den wenigen Worten war es Cäcilien 120 leicht geweſen, zu ſehen, daß er viel wiſſe, ſo hätte man ſagen können, daß er es immer gewußt habe, und daß jedes Ding, von ſeinem Geiſte aufgefaßt und verbeſſert, einen neuen Werth durch die glückliche Or⸗ ganiſation erhalten habe, welche ſich mit ihm beſchäf⸗ tigte. Beide waren ſchön, allein Eduard war von jener bedeutungsloſen Schönheit, welche ſich merkwür⸗ diger Weiſe mit der Gemeinheit der Phyſiognomie verbindet, während Heinrich die ausgezeichnete Schön⸗ heit beſaß, welche die Race allein gibt und die phy⸗ ſiſche Erziehung entwickelt; kurz, um in zwei Worten Alles auszudrücken, der Eine hatte gewöhnliche Ma⸗ nieren, der Andere die eines vollkommenen Edel⸗ mannes. Als am kommenden Sonntage Eduard mit ſeinen Eltern kam, da war es, wo der Unterſchied Cäcilien bemerklich wurde, und um ſo bemerklicher werden mußte, als die Marquiſe gegen ihre Gewohnheit dies⸗ mal herbei gekommen war, und, mag es Zufall, oder mag es Berechnung geweſen ſein, den Augenblick be⸗ nützte, in welchem Herr Duval einen Gang in das Dorf, und Madame Duval mit der Baronin einen Spaziergang im Garten machte, um die Scene zu wie⸗ derholen, welche mit Heinrich ſtattgehabt hatte. In⸗ ſtinktmäßig hatte Cäcilie immer ihre Talente vor Eduard geheim gehalten, aber diesmal mußte ſie in Folge der Aufforderung ihrer Großmutter, ihr Album aus dem Pulte hervor ziehen und die ſchönen Blumen an das Tageslicht bringen, welche es umſchloß. Aber Eduard, indem er Cäcilien die Complimente machte, welche die ſchöne Ausführung verdiente, begriff den Gedanken nicht, der dieſe Blumen geſchaffen hatte, ob⸗ gleich die Namen am Ende jeder Seite geſchrieben ſtanden. Cäcilie begriff, daß jede Erklärung in dieſer Hinſicht nutzlos ſein würde, und machte nicht einmal den Verſuch, dem jungen Manne den verborgenen und innigen Sinn anzudeuten, in welchem ſie zu ihm 121 ſprechen wollte, als er noch Kind war und ſo viel darüber gelacht hatte. Alle dieſe Blumen, welche nach und nach an den Augen Eduards vorüber gingen, wa⸗ ren alſo nichts, als eine Reihe von Bildern, welche mehr oder weniger gut illuminirt waren. So hatte ſie Heinrich nicht betrachtet. Die Marquiſe, welche die jungen Leute nicht aus den Augen verlor, bemerkte, welchen Eindruck Eduards Proſaismus auf ihre En⸗ kelin machte; obgleich ſie für ſich ſelbſt die ganze poe⸗ tiſche Zartheit nicht begriff, welche Cäcilie an dem jungen, ihr beſtimmten Manne vermißte, ſo ſah ſie doch, daß ſein Proſaismus ihr wehe thue; ſie entſchloß ſich daher, ihn bis auf den Grund blos zu ſtellen, und als das Album geſchloſſen war, bat ſie Cätcilien, ſich an das Piano zu ſetzen. Zum erſten Male wei⸗ gerte ſich Cäcilie; ſie hatte noch nie vor Eduard ge⸗ ſungen, und obgleich Eduard jedesmal bei ſeiner Hie⸗ herkunft das Piano geſehen, ſo hatte er doch an das junge Mädchen noch nie eine Frage in dieſem Betreff geſtellt. Als jedoch die Marquiſe den Vorſchlag machte, unterſtützte er ihn ſehr artig, und ſo, daß Cäcilie nicht anders konnte, und dieſen doppelten Bitten nachgab. Mit dem Geſange war derſelbe Fall, wie mit den Zeichnungen. Eduard applaudirte und lobte Cä⸗ cilie ungemein, aber er applaudirte und lobte ſie, wie ein Menſch, der ſie nicht verſtanden hatte. Je unge⸗ ſtümer ſeine Lobeserhebungen und ſein Beifall wurde, um ſo weher thaten ſie Cäcilien, weher, als wenn er geſchwiegen hätte. So kam es, daß, als die Marquiſe ihre Enkelin bat, die Symphonie zu ſpielen, welche ſie drei oder vier Tage früher geſpielt hatte, oder wenigſtens etwas dergleichen, Cäcilie für dieß Mal ſtandhaft ſich wei⸗ gerte. Einen Augenblick ſtand Eduard der Marquiſe aus Höflichkeit bei, allein da er nur ein ſehr mittel⸗ mäßiger Freund der Muſik war, beſtand er nicht mit 122 indiscreter Weiſe darauf. Uebrigens muß man ſagen, daß, wenn er darauf beſtanden hätte, Cäcilie auf ihrer Weigerung beharrt haben würde, weil es ihr eine Ent⸗ weihung geſchienen hätte, vor Eduard das zu ſingen, was ſie vor Heinrich geſungen hatte. Sie zeigte eine wahrhaft dankbare Geſinnung gegen ihre Mutter, als dieſe mit Madame Duval herein kam und durch ihre Gegenwart den Bitten ein Ende machte, durch welche ſie das erſte Mal, ohne daß man ſich einen Grund hievon denken konnte, ihre Großmutter ermüdete. Der Reſt des Tages ging wie gewöhnlich vor⸗ über, nur wurde es Cäcilien, trotz der Mühe, die ſie ſich gab, unmöglich, ihre Geiſtesabweſenheit zu verber⸗ gen. Uebrigens bemerkte dieſe Niemand, ausgenommen die Baronin und die Marquiſe.. Die Baronin war ſehr ermüdet und begab ſich auf ihr Zimmer, ſo wie die Duvals fort waren, Cä⸗ cilie begleitete ſie in ihr Zimmer und bemerkte, daß ihre Mutter ſie von Zeit zu Zeit mit Unruhe betrach⸗ tete. Woher kam dieſer ungewöhnliche Blick? Sie hatte gute Luſt, ihre Mutter um den Grund zu fragen, aber ihre drei oder vier Mal zu dieſer Frage geöffne⸗ ten Lippen ſchloßen ſich wieder, ohne es gethan zu aben. Die Baronin beobachtete Stillſchweigen, aber als fie ſich trennten, ſchloß ſie ihre Tochter viel heftiger in ihre Arme, als ſie es ſonſt gewohnt war, und als ſie ihr den Kuß auf die Stirne drückte, ſtieß ſie einen tie⸗ fen Seufzer aus. Coäcilie ging aus dem Zimmer ihrer Mutter, um in ihr Zimmer zu gehen; aber in dem Corridor traf ſie Mademoiſelle Aſpaſia, welche ſie im Namen ihrer Gebieterin bat, zu dieſer zu kommen. Die Marquiſe lag zu Bett und las; ſie hatte früher die kokette Gewohnheit gehabt, welche dem acht. ſehnten Jahrhundert ganz eigenthümlich war, im Bett hre Beſuche zu empfangen, und dieſe Gewohnheit 123 8 à hatte ſie beibehalten, obgleich ſie ſechzig Jahre alt rer wear und niemand mehr empfing. Uebrigens waren nt⸗ alle ihre ariſtokratiſchen Erinnerungen an eine andere en, V Zeit für die Marquiſe ſo natürlich, daß ſie dadurch ine nicht lächerlich wurde. ls Als ſie Cäcilie gewahrte, legte ſie ihr Buch un⸗ pre ter ihr Kopfkiſſen, gab ihrer Enkelin ein Zeichen, ſich che zu ihr zu ſetzen, und das junge Mädchen gehorchte. nd„Sie haben mich rufen laſſen, gute Großmutter?“ ſagte Cäcilie, indem ſie die auf der Bettdecke liegende pr⸗ Hand derſelben, die noch Zeichen der ehemaligen Schön⸗ ſie heit, in Folge der außerordentlichen Sorge trug, welche r die Marquiſe dafür hatte, küßte; ich hatte einen Au⸗ en genblick gefürchtet, Sie möchten unwohl ſein, aber Ihr „ gutes Ausſehen zeugt von dem Gegentheile.“ ich„Das täuſcht Dich, mein gutes Kind, ich habe ä⸗ ſchreckliche Vapeurs, ich kann dieſe Duval's nicht ſe⸗ aß hen, ohne daß mir ihr Anblick ſchon meine Migraine b⸗ zuzieht; um ſo ſchlimmer iſt es, wenn ich ſie höre.“ ie„Herr Duval iſt aber dennoch ein ſehr guter e, Mann, liebe Großmutter, und ich hörte Sie ja dieſes e⸗ ſelbſt ſagen.“ zu„Ja, es iſt wahr, und er ſtand lange im Dienſte der Herzogin, auch habe ich dieſe immer ſeine Redlich⸗ ls keit loben hören.“ in„Madame Duval iſt eine ſehr anmuthige und ſie ausgezeichnete Dame.“ k⸗„O ja, dieſe Engländerinnen, mit ihrem blaſſen Teint, ihren ſchlanken Taillen, und ihren langen Haa⸗ ren, haben immer das Ausſehen, einer gewiſſen Welt anzugehören; allein ungeachtet dieſes Ausſehens war, wie Du es weißt, mein liebes Kind, Madame Duval gleich ihrem Manne in dem Dienſte der Herzogin.“ Als Erzieherin, liebe Großmutter; man darf das Erziehen nicht mit dem Dienen verwechſeln.“ „Das iſt wahr, ich räume es ein, es iſt nicht ganz daſſelbe, obwohl es ſich ſehr gleicht; aber wenn 124 . 4 ich zu Dir von Herrn und Madame Duval ſpreche, was wirſt Du zu ihrem Sohne ſagen?“ „Von Eduard?“ fragte das junge Mädchen ſchüchtern. „Ja, von Eduard.“ „Gute Großmutter,“ fuhr Cäcilie ganz furchtſam fort,„ich werde ſagen, daß Eduard ein guter und ehrbarer junger Mann iſt, arbeitſam, redlich, der eine Erziehung erhalten hat...“ „Die ſeinen Verhältniſſen entſpricht, meine Toch⸗ ter; denn es wäre lächerlich von ſeinen Eltern, ihn über ſeinen Stand erheben zu wollen und zu verſu⸗ chen, ihm eine Erziehung zu geben, wie ſie der Che⸗ valier de Senonnes erhalten hat.“ Cäcilie zitterte, ſchlug die Augen nieder, und ein lebhaftes Roth überflog ihre Stirne. Keines dieſer drei Zeichen entging der Marquiſe. „Nun, Du antworteſt nicht?“ ſagte ſie. „Was wollen Sie denn, gute Großmutter, daß ich antworten ſoll?“ fragte Cäcilie. „Wie es mir ſcheint, könnteſt Du mir ſagen, was Du von dieſem jungen Manne denkſt?“ „Iſt es ſchicklich, liebe Großmutter, daß junge Mädchen ihre Meinung ſo über junge Männer ſagen?“ „Du haſt mir doch Deine Meinung über Eduard geſagt.“— „O, über Eduard, das iſt etwas anderes,“ ant⸗ wortete das junge Mädchen. „Ja,“ entgegnete die Marquiſe,„ich begreife, Du liebſt Eduard nicht...“ „Meine gute Mutter!“ rief Cäcilie, wie wenn ſie ſbon ihrer Großmutter Stillſchweigen erflehen wollte. unbarmherzig fort.— „O!“ murmelte Cäcilie, indem ſie ihren Kopf auf dem Kiſſen der Marquiſe verbarg. „Und Du liebſt Heinrich?“ fuhr die Marquiſe zͤS—————„——.. cdod FIn. ᷣ * 125 „Nun,“ ſagte dieſe,„nun, warum ſchämſt Du Dich? Wenn Du Cduard liebteſt, dann hätteſt Du Dich zu ſchämen, nicht aber wenn Du Heinrich liebſt, welcher ein in jeder Beziehung paſſender Junge iſt, ein ſehr ſchöner Chevalier, und der meiner Treu⸗ ganz und gar dem armen Baron d'Ambrée gleicht, welcher bei der Belagerung von Mahon den Tod fand.“ Die Marquiſe ſtieß einen Seufzer aus. „Aber, gute Großmutter, vergeſſen Sie die Ab⸗ Pihten meiner Mutter hinſichtlich Eduards, vergeſſen ie 44 „Meine liebe Cäcilie, Deine Mutter hat immer einen etwas ſchwachen Kopf gehabt; das Unglück hat ſie zur Närrin gemacht. Man muß den Ereigniſſen die Stirne bieten, nicht aber vor ihnen zurückweichen. Deine Mutter hat Dir geſagt, daß Du Eduard heira⸗ then ſollſt, und ich, mein Kind, ſage Dir, daß Du Heinrich heirathen wirſt.“ Cäcilie erhob ihr blondgelocktes Haupt und be⸗ trachtete mit gefalteten Händen und mit ſtarren Bli⸗ cken ihre Großmutter, wie wenn ſie eine Madonna betrachte, die ihr die Erfüllung eines für unmöglich gehaltenen Wunders verſpreche. In dieſem Augenblicke ertönte die Klingel der Baronin heftig, Cäcilie verließ erſchrocken das Zimmer der Marquiſe und ſtürzte in das ihrer Mutter. Sie traf Frau von Marfilly ohnmächtig; ein hef⸗ tiges Blutſpucken hatte dieſe Schwäche hervorgerufen. Cäcilie vergaß Heinrich und Eduard, ſie vergaß Alles, um nur an ihre Mutter zu denken. 3 Vermöge der Salze, welche Cäcilie ſie einathmen leß und mittelſt friſchen Waſſers, welches ihr die Nammerfrau auf die Stirn ſpritzte, kam die Baronin ſchnell zu ſich. Ihre erſte Bewegung war, vor ihrer Tochter das vooll von Blut befindliche Taſchentuch zu verbergen, welches ihr während ihrer Ohnmacht entfallen war. 126. Allein es war der erſte Gegenſtand geweſen, welcher i Cäcilien in die Augen gefallen, und Cäcilie hielt es ſchon in ihrer Hand. „Mein armes Kind!“ rief die Baronin. r „Meine gute Mutter!“ flüſterte Cäcilie.„Es iſt ¹ nichts, es iſt nichts; Sie fehen wohl, daß Sie wieder ſ bei ſich find.“. 2 In demſelben Augenblick kam Mademoiſelle Aſpaſia, v um im Namen der Marcquiſe ſich nach dem Befinden e der Baronin zu erkundigen. ſi „ZBeſſer, viel beſſer,“ antwortete die Kranke;„ſa⸗- d gen Sie meiner Mutter, daß es nichts, als ein mo⸗ T mentaner Krampf war, und daß ſie ſich ja nicht 8ih b ihrer Ruhe ſolle ſtören laſſen.“ a Cäcilie ergriff die Hände ihrer Mutter und küßte v ſie weinend. 4 Wie es die Baronin wirklich geſagt hatte, war T die Kriſis vorbei, aber jede ihrer Kriſen ſchwächte ſie. ſchrecklich. So ſehr ihre Mutter ſie bat, wollte Cä⸗ ih cilie doch nicht in ihr Zimmer zurückkehren, die Kam⸗ in merfrau machte ihr ein Gurtbett neben das der Ba⸗ ronin, und ſo brachte ſie die Nacht bei ihr zu. Jetzt erſt konnte Cäcilie bemerken, wozu die Nächte ihrer Mutter geworden waren, Nächte der Aufregungen, in welchen kurze Augenblicke fieberhaften Schlafes die Kräfte nicht wieder herſtellen konnten, welche durch einen ununterbrochenen Huſten erſchöpft worden waren.. Bei jeder Bewegung, welche die Baroneß machte, war Cäcilie nahe an ihrem Bette, denn eine ernſtliche Mädchens bemächtigt. ſuchte, fich zuſammenzunehmen, vermehrte ihre Schme zen. Indeſſen ſchlief gegen Morgen die Baronin Folge ihrer Entkräftung ein; Cäcilie überwachte noch einen Augenblick dieſen Schlaf, dann wurde aber bei 4 127 er ihr die Natur über den Willen Herr, und auch ſie 8 ſchlief ein.. Jetzt konnte Cäcilie erkennen, wie unabhängig von unſerem Willen die Träume ſind; denn kaum hatte ſie die Augen geſchloſſen, als ſie Alles, was um er ſie vorgegangen war, vergaß, und das Zimmer ihrer Muutter ſich in prachtvolle Gärten verwandelte, voll a, voon Blumen und von Vögeln. Aber diesm l waliete in ein ſeltſames Mpſterium ob, und in ihrem Geiſte hatte ſich, ohne daß ſie ſich erklären konnte, wie, der Duft n⸗- der Blumen in eine Sprache und der Geſang der ⸗ Vögel in eine Idee verwandelt, welche ſie vollſtändig in begriff, nicht vermöge einer Anſchauung, wie man ſie aauf der Erde hat, ſondern vermöge eines viel mehr te vervollkommten Organiem; denn ein dunkles Gefühl ſagte Cäcilten, daß ſie im Himmel ſei, daß Vögel und r Blumen Gott lobpreiſen. 3 ie Dann befand ſich Cäcilie plötzlich, ohne daß ſie i⸗ ihn geſehen hatte, ohne daß ſie fühlte, wie er ſich nahte, ne in Heinrichs Armen. 1 Indeſſen fühlte ſie weder ſeine Arme, noch ſeinen Körper, und Heinrich war ſehr blaß. ie Heinrich betrachtete ſie mit Blicken einer unend⸗ er lichen Zärtlichkeit, und Cäcilie gewahrte, daß ſie ſich en in den Augen deſſen, den ſie liebt, wie in einem Spie⸗ n, gel ſehen könne. Sie betrachtete ſich darin und er⸗ ft kannte mit einem gewiſſen Schrecken, daß ſie eben ſo blaß ſei, als er.— Sie legte die Hand auf ihr Herz; es ſchlug nicht mehr; eine Stimme flüſterte ihr in das Ohr, daß fie Deide geſtorben ſeien. In der That ſchien es Cäcilien, als habe ſie gar ichts Irdiſches mehr an ſich. Ihr Blick drang durch die Gegenſtände hindurch, ſie ſah von der andern Seite die Stämme der Bäume, die Mauern ſchienen Duünſten gleich, alle Gegenſtände waren durchſichtig, und man hätte ſagen können, daß der Garten, in 2₰ a 128 welchem ſie ſich befand, nichts als immaterielle Seelen enthalte, daß dieſe aber dennoch ihre irdiſche Form, das Düſtere derſelben abgerechnet, bewahrt hätten. Plötzlich ſchien es ihr, als wenn ſie vor ſich eine verſchleierte Fran ſehe, welche den Gang ihrer Mutter habe. Jemehr dieſe Frau nahte, um ſo mehr wurde Eäcilie in ihrer Meinung beſtärkt; nur ging die Frau nicht, ſie ſchwebte, und ſtatt in ein Kleid gehüllt, war ſie mit einem Betttuche bedeckt. Nun warf Cäcilie von Neuem ihre Blicke auf ſich und Heinrich, und ſie ſah, daß ſie alle drei mit Leichengewändern beklei⸗ det waren. Ihre Mutter kam immer näher. Endlich erkannte Cäcilie durch die Falten des ſie bedeckenden Schleiers die Züge ihres Geſichts. „O meine Mutter,“ rief ſie, indem ſie verſuchte, den Schatten zu umarmen,„ich glaube, daß wir ſehr gglücklich find; denn wir find alle drei geſtorben.“ Bei dieſen in ihrem Traume deutlich ausgeſpro⸗ chenen Worten, ließ ſich ein ſo tiefer und ſo ſchmerz⸗ licher Seufzer vernehmen, daß Cäcilie ihre Augen öffnete. 4 Die Baronin ſtand vor ihrem Bette wie eine Todte gekleidet und faſt einem Schatten gleichend. Die arme Mutter war zuerſt aufgewacht, ſie hatte den Schlaf ihrer Tochter bewacht, wie das Mäd⸗ chen den ihrigen bewacht hatte. Als ſie dann ſah, daß ein ſchwerer Traum ſie quäle, war ſie aufgeſtan⸗ den, um ſie zu wecken, und da hatte ſie die eben er⸗ wähnten Worte Cäciliens vernommen, welche dieſe ganz laut ausgeſprochen. Cäcilie glaubte einen Augenblick ihren Traum fortzuſetzen, allein die Rede ihrer Mutter zeigte ihr bald ihren wachen Zuſtand. 7 „ Du biſt alſo unglücklich, armes Kind, weil Du es für ein Glück betrachteſt, mit mir geſtorben zu ſein.“ „O nein, nein, meine Mutter!“ rief Cäcilie, „und wenn Ihre Geſundheit wieder hergeſtellt iſt, was 129 ſollte mir dann fehlen, um wieder glücklich zu ſein? Ich glaube, daß ich einen unſinnigen Traum geträumt habe, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir!“ „Ach, mein liebes Kind, iſt es nicht viel mehr an mir, Dich um Verzeihung zu bitten? Indeſſen habe ich, Gott weiß es, Alles gethan, um Dich an ein einfaches und demüthiges Leben zu gewöhnen. Warum hat Gott in Dich die Geſinnungen Deiner Geburt, und nicht die des Reichthums gelegt? Sage mir, mein Kind, habe ich Dich, ohne es zu wiſſen, in den Vorurtheilen der Kaſte, im Stolze des Ranges aufgezogen?“ „O, meine Mutter, meine Mutter!“ rief Cäcilie, „Sie haben es verſucht, aus mir eine Heilige zu ma⸗ chen, wie Sie ſind, und es iſt nicht Ihre Schuld, wenn Sie nur ein ſtolzes Mädchen geſchaffen haben.“ „Du liebſt alſo?...“ fragte die Baronin auf⸗ athmend. „Ach, meine Mutter, ich weiß nicht, aber in mei⸗ nem Traume ſchien es mir, daß ich viel glücklicher ſes⸗ wenn ich ſterbe, als wenn ich mit einem andern ebe. „So geſchehe denn der Wille des Herrn und nicht der meinige,“ rief die Baronin, indem ſie die Hände faltete und ihre Augen zum Himmel mit einem Blicke unbeſchreiblicher Reſignation erhob XlIV. Der Todeskampf einer Heiligen. Man täuſche ſich nicht, die Reſignation der Ba⸗ roneß war verdienſtlich; alle ihre Bemühungen waren Das Brautkleid. 9 130 ſeit zehn Jahren darauf gerichtet geweſen, Cäcilie ganz von der Welt zu trennen und dieſe junge Seele rein und unbekannt mit jeder Leidenſchaft zu erhalten. Ihr Vorhaben, ſie mit Eduard zu verbinden, war in der Ueberzeugung der Baronin gegründet, daß ſie ihre Tochter den Wechſelfällen der Politik entziehe, welche zu jener Zeit die am höchſten geſtellten Namen und Köpfe traf; ſie hatte geglaubt, ihr ein ruhiges und ungetrübtes Glück zu ſichern, und dieſer Gedanke hatte ſich in ihrem Geiſte von dem Tage an feſtgeſetzt, an welchem ihr Herr Duval die Eröffnung gemacht hatte. Sie hatte die Oppoſition der Marquiſe vorausgeſehen, und ſich entſchloſſen, dieſelbe mit Erfolg zu bekämpfen. Aber ſie hatte nicht geträumt, daß die Ausführung dieſes Vorhabens, ein ſchmerzliches Opfer für Cäcilie werden könne, und in der That hatte ſich bis zu dem Augenblicke, in welchem das junge Mädchen Heinrich geſehen, keine Stimme in ihrem Herzen gegen Eduard erhoben; glücklich im Gehorchen, glücklich, den Wün⸗ ſchen ihrer Mutter zu gehorchen, hatte ſie, wie wir ſagten, zwei oder dreimal dieſen Gegenſtand ſelbſt zur Sprache gebracht, um ſie zu beruhigen; aber der Zu⸗ fall, oder vielmehr das Verhängniß hatte Heinrich nach Hendon geführt. Die Marquiſe hatte ſich der Meſal⸗ kiance ihrer Enkelin, welche abgeſchloſſen werden ſollte, widerſetzt, und ſie hatte die Sympathieen bemerkt, welche die beiden jungen Leute gegenſeitig für hegten. Die mit Cäcilie gepflogene Ünterredung hatte ſie über die Geſinnung derſelben aufgeklärt; dieſe Gefühle waren in der Mitte ihres Schlafes wach geblieben, und die über ihr Bett gebeugte Mutter hatte die Geheimniſſe ihres Herzens errathen, welche der Traum ausgeplaudert hatte. Heinrich war bei dem Anblick Cäciliens lebhaft betroffen worden, groß war ſein Erſtaunen geweſen, in Mitte eines kleinen Dorfes ein junges Mädchen finden, welches ohne einen andern Unterricht, als de —2— ——„ͤͤͤ 131 ihrer Mutter, zu einem ſo hohen Grade der Auszeich⸗ nung emporgeſtiegen war, daß es alles weit übertraf, was er bisher in der Welt geſehen hatte. Der Ein⸗ druck, den ſie auf ihn machte, war tief, und während der Rückreiſe hatte er mit ſeiner Tante nur von Cä⸗ cilien geſprochen. Die Herzogin de Lorges erzählte ihm die tragiſche Geſchichte der Frau von Marfilly, wie ihr Mann am zehnten Auguſt getödtet worden und wie die Baroneß, ihre Mutter und die kleine Cäcilie, geführt von einem Bauern und auf einem Karren flüchtend, vermöge der Nachſicht des Herrn Duval wohlbehalten und glücklich in England angekommen ſeien. Das Pittoreske dieſer Erzählung hatte, wie man ſich leicht denken kann, die Glorie der Poeſie, welche in den Augen Heinrichs Cäcilien ſchon umgab“, nur vermehrt, ſo daß er bei ſeiner Zurückkunft nach Lon⸗ don kein anderes Verlangen hatte, als das nach Hen⸗ don zurückzukehren, keine andere Beſchäftigung, als die, einen ſchicklichen Vorwand für einen zweiten Be⸗ ſuch zu finden. Dieſer Vorwand zeigte ſich unglücklicherweiſe bald. Die Aufregung, welche Frau von Marſilly empfand, als ſie die keimende Liebe ihrer Tochter für einen an⸗ dern, als den gewahrte, den ſie ihr beſtimmt hatte, führte eine neue Kriſis herbei, die Baronin hatte ſich am nämlichen Tage ſchrecklich leidend wieder zu Bette gelegt, und die Marquiſe hatte natürlich, ohne etwas über die Urſachen zu ſagen, an die Herzogin geſchrie⸗ ben, um ſie von dem Zuſtande ihrer Tochter in Kenntniß zu ſetzen. Cäcilie hatte ihrerſeits an Herrn Duval geſchrieben, um ihr den Arzt zu ſchicken, und ſie hatte ihm die Furcht, welche ihr die Schwäche ihrer Mutter einflößte nicht verborgen. Daher kam es, daß am folgenden Morgen, faſt in dem nämlichen Augenblicke zwei Wagen an der Thüre des kleinen Landhauſes anhielten; der eine brachte die Herzogin de Lorges und ihren Neffen, der andere Madame Duval und ihren Sohn. 132 Wenn Heinrich und ſeine Tante allein gekommen wären, hätte ſich vielleicht Cäcilie in ihr Zimmer ein⸗ ſchließen und ſo vermeiden können, Heinrich zu ſehen; aber der zweifache Beſuch machte ihre Gegenwart nothwendig. Die beiden jungen Männer konnten in vas Zimmer der Baronin, welche das Bett hütete, nicht eintreten und wurden von der Marauiſe em⸗ pfangen. Dieſe ließ ſogleich ihre Enkelin rufen, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. Cäcilie, welche durch die Fenſterläden den Wagen der Herzogin de Lorges geſehen und ihren kleinen Rück⸗ zugsplan entworfen hatte, war alſo, trotz des gefaßten Entſchluſſes, gezwungen, hinabzugehen, und ſie ge⸗ ſtand ſich ſelbſt, daß es ſie viel Mühe gekoſtet haben würde, ihren Vorſatz zu halten. Sie traf die beiden jungen Leute bei ihrer Groß⸗ mutter. Heinrich und Eduard kannten ſich, jedoch ſo, wie ſich der Neffe der Herzogin de Lorges und der Sohn des Herrn Duval kennen konnten, das heißt, ſie kannten ſich ohne irgend ein intimeres Verhältniß. Heinrich war viel zu gebildet, um auf irgend eine Weiſe den Vorzug geltend zu machen, welchen ihm ſeine Geburt und ſeine Stellung in der Welt über Eduard gaben, und Eduard war durch ſeine Familie in einer viel zu einfachen Weiſe erzogen worden, als daß er ohne Veranlaſſung verſucht hätte, über die Kluft ſich hinwegzuſetzen, welche ihn von Heinrich trennte. Kurz, Heinrich gegenüber blieb Eduard immer, nicht der Sohn des Banquier Duval, viel reicher und überhaupt viel unabhängiger, als ſeine frühere Gebieterin, ſondern der Sohn des Intendanten der Herzogin de Lorges. Cäcilie verlor, wie man leicht begreifen wird, keine der früheren Rückſichten aus den Augen, und die Marquiſe mit dem Vorſatze, ihren Schützling in dem Geiſte des jungen Mädchens noch mehr zu erhöhen, ließ ſie gewähren. Uebrigens muß man einräumen, daß die Ueberlegenheit Heinrichs 133 über Eduard nicht bloß in der zufälligen Geburt und in den Vorzügen der Erziehung, ſondern in Allem be⸗ ruhte, in dem Tone ſeiner Stimme, in der Zierlich⸗ keit ſeiner Bewegung, in der Unbefangenheit ſeines Benehmens. Eduard konnte einſt etwas werden, Hein⸗ rich war es ſchon. Ueberdieß öffnete Eduard, mag es nun aus Schüchternheit oder Unwiſſenheit geweſen ſein, den Mund kaum. Es iſt wahr, man ſprach von vielen Gegenſtänden, welche der arme Junge nicht kannte, nämlich von auswärtigen Höfen. Heinrich war ſeit drei Jahren gereist, ſein Name und der ſeiner Tante, die von ſeiner Familie dem Unglücke bewährte Treue, das Wohlwollen, welches das erlauchte Haus, dem das ſeinige ſo ſehr ergeben war, für ihn hegte, hatten ihm die Palläſte der Könige der Erde geöffnet. Er kannte daher, ſoviel es einem jungen Manne von ſei⸗ nem Alter möglich war, alle ausgezeichneten Perſonen Italiens, Deutſchlands und Englands, während der arme Eduard von eminenten Perſonen niemand, als den Banquier kannte, in deſſen Haus, wie geſagt, ſein Vater Kaſſier geweſen war, und dann den kleinen Antheil bekommen hatte, der ſich ſo fruchtbringend für ihn zeigte. Die Marquiſe hatte, ohne gerade böſe zu ſein, dennoch in ihrem Charakter einige unverſöhnliche Züge, und dieſe betrafen vorzüglich die Aufrechthaltung der ſocialen Stellung. Sie behandelte daher den armen Eduard mit einer ſolchen Verachtung, und zwar mehr noch durch den Mangel aller Beachtung, als durch die Bitterkeit ihrer Worte, welche ſie an ihn richtete, daß ſie den Zweck, welchen ſie ſich vorgeſetzt hatte, nicht erreichte und Cäcilien ein tiefes Mitleid für ihren jungen Freund einflößte. Cäcilie fühlte ſich daher durch dieſen allzuſichtlichen Vorzug beengt, ſtand auf und entfernte ſich unter dem Vorwande, daß ſie ſich über den Zuſtand ihrer Mutter unterrichten wolle. 134 Das junge Mädchen wandte ſich in der That ge⸗ gen das Zimmer der Kranken, aber hier erwartete ſie ein anderer Gegenſtand der Verlegenheit. Die Her⸗ zogin de Lorges ſaß am obern Theile des Bettes der Baronin, Madame Duval am Fuße deſſelben. Die Herzogin hatte den erſten Armſtuhl ergriffen, Madame Duval hatte ſich einen Stuhl geſucht. Die Frau von Marfilly wandte ſich mit einer gleichen Herzlichkeit und mit derſelben Zuvorkommenheit an die Herzogin und an Madame Duval. Aber Madame Duval ſprach zu der Herzogin nicht anders, als in der drit⸗ ten Perſon, was eine alte Gewohnheit von ihr war, die ſie auch jetzt nicht abgelegt hatte, weil ihr das Gefühl ihrer eigenen Würde nicht erlaubte, auf ihren kleinen kaufmänniſchen Reichthum ſtolz zu ſein. Cäeilie fand bei der Mutter dieſelbe Unterwürfig⸗ keit, welche ſie bei dem Sohne gefunden hatte; nur das Schreckliche beſtand für Eduard, daß es bei der Mutter eine einfache ſociale, bei Eduard aber eine Unterwürfigkeit des Organismus war. So brachte dieſer Beſuch Eduard im Geiſte Cäciliens den letzten Stoß bei. Heinrich hatte, ohne an Cäcilie ein ein⸗ ziges Wort zu richten, welches von ſeiner Seite als eine Anſpielung auf die Gefühle hätte betrachtet werden können, welche er für ſie hegte, die Sprache der Augen mit ihr geſprochen, welche junge Herzen niemals täuſcht, und mehrmals hatte Cäcilie an der Verlegen⸗ heit und dem Erröthen Eduards bemerken können, daß der junge Menſch ſich der Stellung vollkommen be⸗ wußt ſei, in welcher er ſich befand. Auch als ſie von Madame Duval und Eduard Abſchied nahm, reichte ſie wie gewöhnlich der Mutter die Stirne und dem Sohne die Hand. Madame Duval antwortete auf dieſe doppelte freundliche Bewegung, dadurch, daß ſie auf die Stirne küßte, Eduard begnügte ſich damit, ſie zu grüßen. Während dieſes zweifachen Beſuches war der Arzt A S8SSN — B8 S8X f e 135 gekommen, allein er hatte ſich begnügt, einige be⸗ ſänftigende Getränke vorzuſchreiben, und die Fort⸗ ſetzung derſelben Lebensweiſe anzuempfehlen. Cäcilie hatte große Luſt, die Nacht in dem Zim⸗ mer ihrer Mutter zuzubringen, allein noch erröthend über das, was ſich in der vergangenen Nacht ereignet hatte, gab ſie den Bitten der Frau von Marfilly nach und zog ſich in ihr Zimmer zurück. So wie ſie mit ſich allein war, dachte ſie über die Ereigniſſe dieſes Tages nach, und die zweifache Erinnerung, die an Heinrich und jene an Eduard, ging an ihrem Geiſte vorüber. Man wird jedoch leicht erkennen, daß Eduard bald den Platz räumte und mehr und mehr aus dem Gedächtniſſe des Mäd⸗ chens entſchwand, welches ſich bald nur mit ſeinem Nebenbuhler beſchäftigte. Indeſſen muß man es einräumen, daß vielleicht unter andern Umſtänden die Erfolge Heinrichs auf das einfache und unerfahrene Herz des jungen Mädchens viel ſchneller geweſen wären; allein in dieſem Mo⸗ mente war das Herz derſelben von einem zu großen Schmerze ergriffen. Der Zuſtand der Frau von Mar⸗ ſilly, welcher dem unbegreiflichen Leichtſinne der Mar⸗ quiſe ganz entging, entſchleierte ſich ganz vor dem ſorgſam forſchenden Blicke Cäciliens; dieſe fühlte, daß ihre Mutter tödtlich erkrankt ſei, und unter ſolchen Umſtänden betrachtete ſie es faſt als Verbrechen, einen einzigen andern Gedanken, als den an ihre Mutter zu haben. „Was kindliche Liebe an Sorgfalt und Aufopferung erfinden kann, das bewährte Cäcilie gegen ihre Mut⸗ ter. In dem Augenblicke, in welchem man die ver⸗ läßt, die man liebt, empfindet man den Werth der Augenblicke, welche noch gegönnt ſind, um mit ihnen zu leben, am meiſten, und man wirft ſich bitter die Stunden der Gleichgütltigkeit vor, in welchen man ſich von ihnen entfernt hatte. Cäcilie brachte jetzt alle 136 ihre Augenblicke im Zimmer der Baronin zu, und ſie verließ ihr Lager nur zur Eſſenszeit, und auch da blieb ſie immer nur einen Augenblick bei Tiſche. Die Marquiſe kam von Zeit zu Zeit, um ihrer Tochter ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten, aber, wie ſie ſagte, liebte ſie dieſe ſo ſehr, daß ſie nicht lange Zeit den Anblick der allzuſichtbaren Zerſtörung ertragen konnte, welche die Krankheit verurſachte. Faſt alle Tage kam Heinrich, um ſich nach Frau von Marfilly zu erkundigen; bald begleitete er die Herzogin de Lorges in ihrem Wagen, bald kam er allein und zu Pferde. In dem einen, wie in dem andern Falle war Cäcilie ſelten bei dem Empfange des jungen Mannes; allein obgleich ſie ſich ſagte, daß es eine Profanation ſei, mit dem ſchmerzlichen Ge⸗ fühle, welches ihr der Zuſtand ihrer Mutter verur⸗ ſachte, ein anderes Gefühl zu paaren, ſo konnte ſie es doch nicht über ſich gewinnen, Heinrich durch die ge⸗ ſchloſſenen Jalouſien nicht zu betrachten, wenn er an⸗ kam und wenn er abging. Eduard, durch die Geſchäfte des Bureau abge⸗ halten, konnte nur an Sonntagen kommen. Seit dem Tage, an welchem die Rede von dem Verbindungsprojekte zwiſchen den beiden jungen Leuten geweſen und Frau von Marſilly, den Wünſchen des Herrn Duval entſprechend, ihm geſagt hatte, daß er ihrer Klugheit die Leitung dieſer Angelegenheit über⸗ laſſen ſolle, ſeit dieſem Tage war zwiſchen den beiden Familien nicht ein Wort mehr über dieſen Gegenſtand gewechſelt worden. Die Baronin hatte Mühe, ihre Verlegenheit zu unterdrücken, wenn ſie den Beſuch ihrer alten Freunde empfing, und daraus entwickelte ſich ein Gefühl der Beengung und des Zweifels, wel⸗ ches nach und nach veranlaßte, daß Herr Duval und Eduard von ihren kleinen Reiſen nach Hendon ablie⸗ ßen und daß Madame Duval fortfuhr, allein zu 4 1 kommen. —2Aͤ£ASRℛ SNVRAᷣN8 137 Während dieſer Zeit wurde die Schwächen der Baroneß immer bedeutender, ſie durchlebte den Som⸗ mer in den Abwechſelungen der Beſſerung und der Verſchlimmerung, welche dieſen Bruſtkrankheiten eigen iſt; aber als der Herbſt kam und mit ihm die feuchten Ausdünſtungen der Erde, ſteigerte ſich die Krankheit auf eine ſolche Weiſe, daß es keinem Zweifel unter⸗ worfen war, das gefürchtete Ende ſei nicht ferne. Cäcilie verließ, wie geſagt, ihre Mutter nie, und ſo groß iſt die Macht eines tiefen und wirklichen Schmerzes, daß ſie dahin gelangte, daß ſie alles An⸗ dere vergaß und nur an ihre Mutter dachte. Heinrich kam fortwährend. Obgleich das junge Mädchen, ſo oft er kam, einen freudigen Eindruck empfand, ſo ſchien es doch, als ob das Gefühl, wel⸗ ches ſie für den jungen Mann hegte, ſeine Natur ge⸗ ändert habe. Auf dem Puankte, auf welchen ſie jetzt gelangte, war jeder Entwurf für die Zukunft in ihrem Geiſte beſeitigt, und von der Schwere der gegenwär⸗ tigen Gefahr niedergedrückt, hatte ſie nur die Kraft, gegen dieſe Gefahr anzukämpfen. Frau von Marfilly, die gewohnt war, ſtets in dem Herzen ihrer Tochter, wie in einem vor ihr aufgeſchlagenen Buche zu leſen, entging auch nicht eine der Aufregungen, welche Cä⸗ eilie empfand, und da ſie überzeugt war, daß es viel gefährlicher ſei, wenn ihre Tochter einen Mann hei⸗ rathe, den ſie nicht liebe, als wenn man die Sorge für ihre Zukunft der Vorſehung anheim ſtelle, ſprach ſie von ihrer Verbindung nicht mehr mit ihr. Cäcilie dagegen gedachte oft deſſen, was ihr ihre Mutter eines Tags geſagt hatte; oft überraſchte ſie den Blick der Sterbenden, welcher voll Unruhe auf ſie gerichtet war, und dann ergriff ſie ein heißes Ver⸗ langen, ſich in die Arme ihrer Mutter zu werfen, und ihr zu ſagen, daß ſie ſehr glücklich ſein werdé, wenn ſie Eduard heirathe. So groß aber auch die Macht der kindlichen Liebe gegen den Willen der Mutter war, 138 ſo ſehr ſie entſchloſſen, ihm zu folgen, ſo wie er aus⸗ geſprochen werden würde, ſo hatte ſie doch nicht den Muth, dieſem vorzugreifen. Inzwiſchen raubte jeder Tag einen Theil der noch übrigen Kräfte der Baronin, jede Nacht brachte eine fieberhafte Aufregung, welche ſie noch ſchwächer machte; der Schlaf, dieſe große Unterſtützung der Natur, war bei ihr von ſo ſchrecklichen Träumen erfüllt, daß er wie eine Art von Vampir erſchien, welcher ihr das Leben ausſaugte. In Mitte dieſer Leiden bewahrte ſie aber eine bewunderungswürdige Geiſteskraft, und das durchaus phyſiſche Uebel, welches auf ihr laſtete, ſchien auf ihren Geiſt keine andere Wirkung zu haben, als die, ihre Einbildungskraft aufzuregen, und ihre Ge⸗ danken zur Poeſie zu ſteigern. Wenn Cäcilie ſah, daß dieſer Zuwachs der Seele, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, in dem Augenblicke, in welchem dieſer den Körper verlaſſen wolle, aus den Augen und in den Worten ihrer Mutter überſtröme, dann konnte ſie ſich dem Glauben nicht hingeben, daß die Baronin ſo nahe daran ſei, ſie zu verlaſſen. Die Baroneß ihrerſeits fühlte ſich über die Unwiſſenheit ihrer Tochter glücklich, und hütete ſich wohl, ihr zu ſagen, daß der Augenblick ihrer Trennung ſo nahe ſei. Die Marquiſe muthmaßte wohl, daß ihre Tochter ſehr krank ſei; aber ſie war noch viel weiter als Cäcilie davon entfernt, den hohen Grad und die Schwere der Krankheit zu erkennen. Fran von Marfilly hatte ſtets ſehr ſtrenge religiöſe Gefinnungen genährt, jene innige Ueberzeugung von der himmliſchen Gerechtigkeit, von der Wiedervergel⸗ tung, welche die Seele in einer andern Welt erwar⸗ tet, und dieſe Gedanken hatten ſie in Mitte des Un⸗ glücks, welches ſie umwogte, ruhig und heiter erhal⸗ ten. So wie ſie das Gefahrvolle ihrer Lage erkannt,⸗ hatte ſie einen katholiſchen Prieſter kommen laſſen, welcher, ein Irländer von Geburt, in dem kleinen 139 Dorfe Edgware, ohngefähr zwei Meilen von Hendon wohnte. Dieſer Prieſter beſuchte die Baronin während ihrer Krankheit alle Tage. Eines Morgens, wenige Minuten vor der Stunde, in welcher der Prieſter gewöhnlich kam, ergriff Frau von Marſilly die Hände der vor ihrem Bette ſitzenden Cäcilie und zog dieſe an ſich, um ſie, wie ſie des Tages wohl zwanzigmal that, zu umarmen. „Mein Kind,“ ſagte ſie,„betrübe Dich nicht über das, was Du vorgehen ſiehſt; Du gewahrſt es, ich werde von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick ſchwächer, Gott kann mich zu ſich rufen und ich muß mich vorbereiten, vor ſeinem Throne rein vor allen menſchlichen Schwächen zu erſcheinen. Ich habe daher geſtern dem Prieſter geſagt, daß er heute wiederkom⸗ men ſolle, um mich mit den Heilmitteln des Herrn zu verſehen. Heute, mein Kind, werde ich communiciren, und Du, nicht wahr, Du verläßt mich während dieſer heiligen Handlung nicht. Du wirſt an meinen Kiſſen knieen, Du wirſt zu gleicher Zeit mit mir beten, da⸗ mit Du, wenn mir die Stimme verfallen ſollte, das angefangene Gebet fortſetzen kannſt.“ „O, meine Mutter, meine Mutter!“ rief Cäcilie, „o, ſeien Sie ruhig; ich werde Sie nicht eine Stunde, nicht eine Minute, nicht einen Augenblick verlaſſen, und Gott wird Ihnen ein langes Leben ſchenken, damit ich es ganz mit Ihnen hinbringen kann! Aber war es denn ſo dringend, einen Prieſter zu fordern, und hatten Sie nicht Zeit, um ſich auf dieſe traurige Ceremonie vor⸗ zubereiten.“— Die Baroneß lächelte, zog dann Cäcilie von Neue an ihre Bruſt und ſagte:. „Ich habe nach der Anweiſung des Arztes ge⸗ handelt.“ Cäcilie ſchrack zuſammen; dieſes letzte Wort hatte ihr alle Hoffnung geraubt, welche ihr noch geblieben ar. 140 In dieſem Augenblicke ertönte das Glöckchen des Sacriſtans und erweckte ein ſchmerzliches Echo in dem innerſten Grunde des Herzens des jungen Mädchens. Da öffneten ſich die Thüren wie von ſelbſt. Zwei Chorknaben traten ein, jeder eine brennende Kerze in der Hand, ihnen folgte der Prieſter, welcher die Hoſtie trug. Man ſah die Marquiſe im Corrivor erſcheinen, bleich und durch ihre Kammerfrau unterſtützt; das Vor⸗ zimmer füllte ſich mit einigen armen Katholiken, wel⸗ chen die Baronin, ſo arm ſie ſelbſt war, die gewöhnli⸗ chen Almoſen gab. Hierauf ertönte abermals das Glöckchen, die Baronin erhob ſich auf ihrem Bette, alle Umherſtehenden knieten nieder und die heilige Hand⸗ lung begann. Man muß einer ſolchen Handlung beigewohnt, man muß die Gebete Sterbender über dem Haupte einer geliebten Perſon gehört haben, um Alles das begreifen zu können, was in dem Herzen eines Kindes vorgeht, welches den Leib ſeiner Mutter zurückbehält, während die Engel ſich ſchon mit ihrer Seele zum Him⸗ mel emporſchwingen. Die Baronin hörte die Gebete des Prieſters mit ihrer gewohnten Heiterkeit und Ruhe, ſie betete ſelbſt, und antwortete auf die geheiligten Worte; aber zwei⸗ mal wurde ſie während der Ceremonie ohnmächtig, ſie ging von einer verzehrenden Röthe zu einer ſolchen Bläſſe über, daß man ſie zweimal hätte für todt hal⸗ ten können, wenn nicht ihr Puls gezeigt hätte, daß ſie noch lebe, und daß das Feuer des Fiebers jene Quelle des Lebens noch nicht verzehrt habe, welche Gott in den Grund unſeres Herzens legte. Endlich erhielt die Baroneß die geweihte Hoſtie. Der Prieſter entfernte ſich, wie er gekommen war, ſeine Aſſiſtenten folgten ihm, und man hörte ferner und fer⸗ ner das Tönen des Glöckchens, deſſen Schall einen ſo tiefen Eindruck auf das Herz des jungen Mädchens ge⸗ macht hatte. 141 Von dieſem Augenblick an ſchien die Baronin viel ruhiger, und es ſchien ſogar eine merkliche Beſſerung in ihrem Zuſtande eingetreten zu ſein. Cäcilie, welche ohne Unterlaß die Augen auf ihre Mutter gerichtet hatte, baute auf dieſen Strahl der Hoffnung und wil⸗ ligte auf die Bitte ihrer Mutter ein, dieſe Nacht die engliſche Kammerfrau an ihre Stelle treten zu laſſen; ſie that es aber nur unter der Bedingung, daß man ſie auf der Stelle wecke, wenn irgend eine Criſis eintreten ſollte. Die Marquiſe ſtellte einige Bitten, als wolle ſie bei ihrer Tochter bleiben, aber auch dießmal bat die Baronin, wie immer, ihre Mutter, daß ſie ſich nicht einer Anſtrengung ausſetzen möchte, welche ihr Alter nicht erlaube. Der erſte Theil der Nacht ging ruhig vorüber; allein gegen Morgen fuͤhr Cäcilie aus ihrem Schlafe auf; ſie hatte ſich rufen hören; ſie ſprang aus ihrem Bette, warf ein Nachtkleid um, und ſtürzte ſich in das Zimmer ihrer Mutter. Die Baronin hatte dießmal einen neuen Anfall von Blutſpucken, und zwar einen ſo bedeutenden be⸗ kommen, daß die Kammerfrau nicht gewagt hatte, ſie zu verlaſſen, um ihre Tochter zu holen; überdieß war Frau von Marſilly in ihren Armen ohnmächtig gewor⸗ den, und jene hatte ſich daher gezwungen geſehen, Cä⸗ cilien zu rufen. Dieſen Hülferuf hatte das junge Mäd⸗ chen gehört. Als die Baronin wieder zu ſich kam, war der erſte Ausdruck ihres Geſichts ein Lächeln. Der Anfall war ſo heftig geweſen, daß ſie geglaubt hatte, ſterben zu müſſen, ohne ihre Tochter wieder geſehen zu haben; und ſiehe da, Gott gab es zu, daß ſie wieder zu ſich kam und daß ſie ihre Tochter noch einmal ſah. Cäcilie lag auf den Knieen vor dem Bette ihrer Mutter, ſie hielt eine Hand der Sterbenden, betete und weinte zu gleicher Zeit. Sie blieb in dieſer Stellung, obgleich die Baronin aus ihrer Ohnmacht ganz er⸗ 142 wacht war; denn dieſe, indem ſie die Augen zum Him⸗ mel erhob und ihre andere Hand auf den Kopf ihrer Tochter legte, empfahl jetzt Gott dieſes ſchöne und un⸗ ſchuldige Geſchöpf, welches ſie verlaſſen mußte. Obgleich die Baronin wieder etwas Ruhe gewon⸗ nen hatte, ſo war es doch unmöglich, Cäcilien zu be⸗ ſtimmen, in ihr Zimmer zurückzukehren; denn es ſchien ihr, daß, wenn ſie ihre Mutter nur auf einen Augen⸗ blick verlaſſen würde, dieſer von Gott ausgeſucht ſein könne, um ſie ihr zu entreißen. In der That war un⸗ bezweifelt, daß die Baronin nur noch einen Hauch hatte End daß dieſer Hauch im nächſten Augenblick aufhören önne. Der Tag brach an. Als die Kranke den erſten Schimmer deſſelben durch die Jalouſieen dringen ſah, verlangte ſie, daß man das Fenſter öffne. Man hätte glauben können, ſie fürchte, daß dieſe Sonne die letzte ſei, und daß ſie auch nicht einen Strahl derſelben ver⸗ lieren wolle. Glücklicherweiſe war es einer jener ſchönen Herbſt⸗ tage, welche Frühlingstagen gleichen. Ein Baum er⸗ hob ſeine Aeſte bis zum Dache hinauf und war noch ganz mit Blättern bedeckt, welche zur Hälfte noch grün⸗ ten und zur Hälfte ſchon abgeſtorben waren. Bei jedem Hauch der Lüfte fielen einige von dieſen Blättern ab und ſtiegen wirbelnd in die Höhe. Die Baronin folgte ihnen melancholiſch mit den Augen; ſie lächelte bei jedem derſelben, welches auf die Erde niederſank; ſie dachte, daß bald der Hauch des Todes ihre Seele ent⸗ führen werde, wie der Wind dieſe armen Blätter ent⸗ führte. Cäcilie, welche die Augen der Mutter auf die⸗ ſen Gegenſtand gerichtet ſah, folgte dieſem ſanften und melancholiſchen Blicke und errieth, welcher Gedanke den Geiſt ihrer Mutter aufrege. Sie wollte nun das Fen⸗ ſter ſchließen, aber die Baronin hielt ſie davon ab, in⸗ dem ſie ſagte:— „Laß mich ſehen, mit welcher Leichtigkeit die Blät⸗ 143 ter ſich von dieſem Baume trennen; ich hoffe, daß es mit meiner Seele eben ſo ſein wird, mein armes Kind, und daß ſie ſich von meinem Leibe trennen wird, ohne mich zu viel leiden zu laſſen.“ 1 „Befinden Sie ſich denn ſchlimmer, meine Mutter?“ fragte Cäcilie mit Bangigkeit. „Nein, es ſcheint mir im Gegentheile, daß ich mich beſſer befinde; ſeit langer Zeit iſt es das erſte Mal, daß ich keine Schmerzen empfinde, und wenn die Ab⸗ weſenheit des Schmerzes das Leben wäre, ſo glaube ich, daß ich noch länger leben könnte.“ „O, meine Mutter, welch himmliſche Worte Sie mir da ſagen!“ rief Cäcilie, an den geringſten Strahl der Hoffnung ſich anklammernd;„vielleicht hat Gott mein Flehen erhört; vielleicht würdigte er mich, Sie mir wieder zu geben.“ Cäcilie fank auf ihre Kniee nieder, faltete die Hände und betete mit einer ſolchen Inbrunſt, daß ihre Mutter, indem ſie das Haupt zurücklegte, ihre Thränen nicht zurückhalten konnte. „Warum legen Sie das Haupt mit dieſer Miene des Zweifels zurück, meine Mutter? Hat Gott nicht ſchon oft viel größere Wunder gethan, als das, welches ich von ihm erflehte? Und Gott weiß es, meine Mut⸗ ter,“ fügte Cäcilie hinzu, indem ſie ihre Hände mit einer bewunderungswürdigen Andacht zum Himmel er⸗ hob,„Gott weiß es, daß nie ein glühenderes Herz, als das meinige, ein Wunder von ihm erflehte, daß ſelbſt das Magdalenens, als ſie für ihren Bruder La⸗ zarus bat, daß ſelbſt das des Jairus, als er für ſeine Tochter flehte, nicht inniger war.“. Und Cäcilie betete mit leiſer Stimme, während die Baronin melancholiſch das Haupt bewegte. Um Mittag ließ die Marquiſe ſich nach dem Be⸗ finden ihrer Tochter erkundigen. Trotz der gewöhnli⸗ chen Leichtfertigkeit ſah ſie doch die traurige und ver⸗ hängnißvolle Veränderung, welche ihr bevorſtand, und 144 nun erſt begriff ſie, was ſie die heilige Handlung am geſtrigen Abend nicht hatte begreifen laſſen, daß der Tod da ſei.. Während des Tages hatte die Baronin einige Anwandlungen jener Ermattung, welcher ſie unterworfen war, allein dießmal waren dieſe Ohnmachten faſt ohne Schmerz; ſie ſchloß die Augen, erblaßte, und das war Alles. Bei den erſten beiden Ohnmachten, bei welchen die Marquiſe gegenwärtig war, erhob ſie ein Jammer⸗ geſchrei und ſagte, daß Alles zu Ende, daß ihre Toch⸗ ter geſtorben ſei. Cäcilie und die Baronin baten ſie, um ſolche ſchmerzliche Auftritte ſich zu erſparen, daß ſie auf ihrem Zimmer bleiben möge. Die Marquiſe ließ ſich einige Augenblicke bitten und gab dann nach. Cäcilie, dieſe ſanfte und zärtliche Seele, ſtimmte ſo mit ihrer Mutter überein, daß ſie beide, ſo zu ſa⸗ gen in einander verſchmolzen, wie die Düfte zweier gleicher Blumen, welche man vereinigte, und die man zu gleicher Zeit einathmete. Gegen Abend fühlte ſich die Baronin viel ſchwä⸗ cher, ſie verlangte, daß man das Fenſter wieder öffne, welches man den Tag hindurch geſchloſſen hatte; die⸗ ſes Fenſter war auf der Abendſeite und die Sonne war auf dem Punkte unterzugehen. Cäcilie machte eine Bewegung, um ihrer Mutter zu gehorchen, allein dieſe drückte ihr die Hand mit einer Kraft, welche man bei einer Sterbenden nicht vermu⸗ thet hätte, und ſagte: „Verlaſſe mich nicht.“ Cäcilie betrachtete ihre Mutter; das Fieber hatte pachgelaſſens die Baronin war blaß, ihre Hand war alt. Cäcilie rief die Kammerfrau und dieſe öffnete das Fenſter. Die Baronin ſtrengte ſich an und wandte ſich der untergehenden Sonne zu. 145 In die em Augenblicke begann eine Nachtigall im Garten zu ſingen. Es war einer jener Abendgeſänge, ſo melodiſch, ſo ſchmelzend, ſo durchdringend, wie ſie dieſe Königin⸗ nen der Harmonie hören laſſen. 4 „Höre!“ ſagte die Baronin, indem ſie Cäcilien an zog. Cacllie lauſchte, indem ſie ihre Stirn an die Bruſt der Mutter legte; ſie hörte den langſamen und unre⸗ gelmaßigen Schlag ihres Herzens. Es ereignete ſich jetzt, was ſich manchmal ereignet, das heist, daß ſie nach und nach aufhörte, den Geſang des Vogels zu hören, und auf dieſes letzte Symptom des Lebens zu merken, welches in der Bruſt ihrer Mut⸗ ter ſich regte. 8 Es ſchien ihr, als wenn ſich von Moment zu Mo⸗ ment die Pulſationen verminderten, allein ſie fuhr im⸗ mer noch fort, zu lauſchen. Die Nachtigall war auf⸗ geflogen und ſetzte hundert Schritte weiter ihren melo⸗ diſchen Geſang fort. Nach Verfluß einiger Minuten flog der Vogel wieder weiter und zwar ſo fern, daß die lauteſten Töne ſeines Geſanges bloß an das Ohr der Sterbenden drangen. Jetzt hörte der Geſang plötzlich auf. In demſelben Augenblicke ſtockten die Pulſe. Cä⸗ eilie ſchauderte; ein Gedanke fuhr ihr durch die Seele, der Gedanke, daß die Nachtigall, welche nun ſchwieg, die Seele ihrer Mutter ſei, die zum Himmel empor⸗ ieg. Sie erhob den Kopf, die Baronin war blaß und regungslos, die Lippen ſtanden etwas auf, die Augen waren halb geöffnet. Cäcilie beugte ſich über ſie, dann murmelte die Baronin das Wort„Lebewohl“ auf eine faſt unverſtändliche Weiſe. Cäcilie fühlte über ihr Ge⸗ ſicht einen lauwarmen lieblichen Hauch ſich verbreiten; Das Prautkleid. 10 146 die Augen der Kranken ſchloßen ſich, die Lippen preß⸗ ten ſich zu ammen, ein leiſer Schauer durchbebte den ganzen Körper, ihre Hand zitterte ſanft und ſuchte die Hand ihrer Tochter zu drücken. Jetzt war Alles zu Ende. Dieſer Hauch, welchen Cäcilie auf ihrem Geſichte empfunden hatte, war die Seele der Baronin, die zu Gott empor ſtieg; dieſer leichte Schauer war das letzte Lebewohl, welches die Mutter der Tochter ſagte. Ja, es war alles zu Ende, die Baronin hatte zu athmen aufgehört. Nicht einen Schrei, nicht einen Seufzer ſtieß Cä⸗ eilie aus, nur zwei große Thränen rollten über ihre Wangen herab. Dann ging ſie in den Garten hinaus, pflückte eine ſchöne Lilie voll Friſche und Duft, und legte ſie in die Hände ihrer Mutter. So ſchien der Körper der Baronin das aus Wachs deforur Bild irgend einer ſchönen Heiligen des Para⸗ dieſes. Jetzt kniete Cäcilie an dem Bette nieder, nachdem ſie der Marquiſe hatte ſagen laſſen, ſie möge kommen, damit ſie, während ſie für die Seele ihrer Mutter bete, für die Seele ihrer Tochter beten könne. XIV. 3 Das Lebewohl. Wir wollen bei dem Leichenbegängniſſe und bei den ſchmerzlichen Ceremonien, welche denſelben folgten, nicht verweilen, dieſe nur andeuten. Kaum hatten die Herzogin de Lorges und Herr Duval den Tod der Ba⸗ 8 147 ronin vernommen, als beide nach Hendon eilten. Es war die Folge eines leicht erklärlichen Zartgefühls, daß die Herzogin Heinrich, Herr Duval aber Eduard nicht mitbracte. Dank der Freundſchaft der Einen und der Vermittlung des Andern fand Cäcilie die liebreichen Tröſtungen, deren ſie ſo ſehr bedurfte, von der einen Seite, und von der andern den Schutz eines Geſchäfts⸗ mannes, welcher unter ſolchen Umſtänden ſo nothwen⸗ dig iſt. Die Baronin wurde auf dem Friedhofe des Dorfes beerdigt. Schon ſeit langer Zeit hatte ſie ſich die Stelle ausgeſucht, welche ſie einnehmen wollte, und ſie hatte ſie durch den Prieſter einweihen laſſen. „Derr Schmerz der Marquiſe war lebhaft; ſie liebte ihre Tochter ſo ſehr, als ſie zu lieben fähig war; allein ihr Charakter war keiner von jenen, auf welche der Schmerz einen tiefen Eindruck macht. Sie ſtammte aus jener Zeit, in welcher das Mitgefühl noch eine Ausnahme war. Ehe er nach London zurückkehrte, machte Herr Duval Cäcilien das Anerbieten aller möglichen Dienſt⸗ leiſtungen, ohne ihr jedoch ein Wort von den Projec⸗ ten zu ſagen, welche zwiſchen ihm und ihrer Mutter gemacht worden waren. Cäcilie antwortete in jenem Tone der Verbindlichkeit, in welchem man ſich nichts vergibt, daß, wenn ſie irgend einen Dienſt in Anſpruch ſu nehmen habe, ſie nur an ihn, ſonſt an Niemand ch wenden würde. Die Marquiſe und die Herzogin hatten eine lange Unterredung gehabt, die Marquiſe hatte der Herzogin ihren feſten Entſchluß aus einander geſetzt, nach Frank⸗ reich zurückzukehren. Der feſte Wille der Baronin hatte allein vermocht, ihre Mutter zu verhindern, dieſes ſeit längerer Zeit genährte Vorhaben auszuführen. Sie hatte nie dieſe Confiscation der Güter begreifen kön⸗ nen, deren Folgen ſie doch fühlte, und ſie glaubte, daß ihr Anwalt irgend ein Mittel finden werde, um über 148 dieſen Verkauf der Nationalgüter den Sieg davon zu tragen, den ſie für durchaus unerlaubt hielt. Zwei Tage nach der Beerdigung der Baronin ließ ſie Cäcilie auf ihr Zimmer rufen und kundigte ihr an, daß ſie ſich bereit halten ſolle, nach Frankreich ab⸗ zureiſen.. Dieſe Nachricht erfüllte Cäcilien mit einem tiefen Erſtaunen; ſie hatte nie den Gedanken gehabt, daß ein Tag kommen könne, an welchem ſie dieſes ihr zur Heimath gewordene Dorf, dieſes Landhaus, in welchem ſie erzogen worden, dieſen Garten verlaſſen könne, in welchem ſie ihre Jugend in der Mitte ihrer Anemonen, ihrer Lilien und ihrer Roſen verlebt hatte. Sie hatte nie gedacht, daß ſie dieſes Zimmer verlaſſen würde, in welchem ihre Mutter, dieſer Engel von Sanftmuth, Geduld und Reinheit, ihre letzten Seufzer ausgehaucht hatte; ſie hatte nie den Gedanken gehegt, den kleinen Friiedhof zu verlaſſen, in welchem ſie ihren letzten Schlaf ſchlief. Sie ließ daher die Marquiſe zweimal die Auf⸗ forderung wiederholen, ſich zur Abreiſe vorzubereiten, und als ſie ſich überzeugt hatte, daß ſie ſich nicht täuſche, zog ſie ſich in ihr kleines Zimmer zurück, um ſich auf die Revolution vorzubereiten, welche in ihrem Leben vor ſich gehen ſollte. In dieſem ſo ruhigen, ſo reinen und ſo friedlichen Leben war jeder Wechſel eine Revolution. Zuerſt ſchien es Cäcilien, daß das, worüber ſie Schmerz empfinde, die es Dorf, dieſes Landhaus, die⸗ ſer Garten, dieſes Zimmer und dieſer Friedhof ſei; allein als ſie ihre Gedanken tiefer durchforſchte, fand ſie, daß Heinrichs Bild ſich etwas mit all' dieſen Ge⸗ genſtänden verſchmolzen habe, von welchen ſie ſich nur mit Schmerz trennte. 5 3 Jetzt fing ſie an, ſich ſehr unglücklich zu fühlen, England zu verlaſſen. Sie trat in ihren Garten hinaus. A — ⁸½ —,—— ⁸ð⏑—— 8—— 149 Wie geſagt, waren gerade dieſe letzten, ſchönen Tage des Herdſtes, das letzte Lächeln des ſcheidenden Jahres; jede ſich neigende Blume ſchien Cäcilien zu grüßen, jedes Blatt im Herabfallen ihr ein Lebewohl zu ſagen. Die Zufluchtsorte der ſüßen Frühlingsmor⸗ gen und der warmen Sommerabende hatten alle das Geheimnißvolle verloren. Das Auge drang durch die Gebüſche und durch das Dickicht. Die Vögel ſangen nicht mehr unſichtbar und verſteckt unter dem Laube, man ſah ſie hupfen, unruhig auf den entblätterten Aeſten herum hüpfen, wie wenn ſie einen Schutz gegen den Schnee des Winters ſuchten. Es kam Cäcilie zum erſten Male vor, daß ſie wie ein Vogel ſei. Der Winter würde auch für ſie kommen, und indem ſie die⸗ ſes Landhaus verlaſſe, verliere ſie ihre mütterliche Zufluchtsſtätte, ihr gewohntes Obdach, ohne daß ſie noch wiſſe, welches Dach von Stroh oder von Schiefer ihr von der Zukunft beſchieden ſei. Und wenn ſie ging, in welche Hände würde ihr ſchöner Garten fallen? All' dieſe Bäume, all' dieſe Pflanzen, dieſe Blumen, deren Leben ſie ſtudirte, deren Sprache ſie verſtand, deren Gedanken ſie errieth, was ſollte aus ihnen werden, wenn ſie nicht mehr da war, der lebendige Mittelpunkt, der durch ſein Leben Alles belebte und an ſich anzog? Vielleicht würde dieſer Gar⸗ ten unartigen Kindern überlaſſen werden, die ihn ver⸗ wüſteten, oder einem unwiſſenden Miethsmanne, der nicht einmal den Namen ihrer Freundinnen wußte, de⸗ ren Leben ſie kannte. Wohl würde ſie in Frankreich andere Blumen, andere Pflanzen, andere Bäume fin⸗ den; allein es waren die Bäume nicht, die ſie unter ihrem Schatten groß wachſen ſahen, es waren die Pflanzen nicht, welche ſie mit ihren Händen befeuchtet hatte, es waren die Blumen nicht, die, wenn man ſo ſagen darf, von Geſchlecht zu Geſchlecht ſie für ihre mütterliche Sorgfalt mit ihren köſtlichſten Düften ge⸗ lohnt hätten. Nein, nein, das waren Fremde, und 1⁵0 die arme Cäcilie glich jenem jungen Mädchen, welche man aus dem Kloſter nimmt, in dem ſie erzogen wor⸗ den, die man aus den Armen ihrer geliebten Gefähr⸗ tinnen reißt, um ſie in eine Welt hinein zu werfen, in der ſie Niemand kennen und in der ſie ſelbſt unbe⸗ kannt ſind. In dieſem kleinen Garten lag eine ganze Welt voll Gedanken für Cäcilien. Sie verließ den Garten, aber nur um nach dem Zimmer ihrer Mutter zu gehen. Da gab es eine Welt voll Andenken. Das Zimmer war in demſelben Zuſtand erhalten worden, in welchem es zur Zeit der Baronin war. Alles war an ſeinem Platze; Cäcilie, welche geglaubt hatte, ihr Leben in Hendon zuzubringen, wollte ſich ſelbſt eine Täuſchung bereiten, und in der That, wenn ſie einmal in dieſes Zimmer ſich eingeſchleſſen, in wel⸗ chem das Leben alle ſeine Erinnerungen, der Tod aber nicht eine Spur zurück gelaſſen hatte, dann konnte ſie glauben, ihre Mutter ſei für einen Augenblick ausge⸗ gangen und müſſe jede Minute wiederkehren. Seit dem Tode ihrer Mutter hatte ſich Cäcilie mehr als einmal in dieſes Zimmer eingeſchloſſen. Die wahrhafte Erleichterung des Schmerzens wurde dem Menſchen von Gott durch das gegeben, was er für den Schmerz ſchuf, das heißt, die Thränen. Welcher Art aber auch der menſchliche Schmerz ſei, es gibt Augenblicke, in welchen die Thränen vertrocknen, gleich verſiegenden Quellen; dann iſt die Bruſt gepreßt, das Herz ſchwillt an, dann fordert man Thränen, und die verſiegten Thränen wollen nicht kommen; aber in dem Augenblicke, in welchem ſich ein vergeſſenes An⸗ denken dem Geiſte darbietet, in welchem ein Ton, der nur die gewöhnliche Sprache der verlorenen Perſon in das Gedächtniß ruft, zu unſerem Ohre dringt, in dem Augenblicke, in welchem ein Gegenſtand, den dieſe Perſon gebrauchte, uns in die Augen fällt, verſchwin⸗ 151 det dieſe Trockenheit des Herzens ſogleich, und alsbald entquellen Thränen, zahlreicher als zuvor, und die Seufzer, welche uns erſtickten, ſchwingen ſich empor, der Schmerz in ſeinem Uebermaße kommt ſich ſelbſt zu fe. Dieſe Thränenquelle war es, welche Cäcilie bei jedem Schritte in dem Zimmer ihrer Mutter fand. Gleich beim Eingange, der Thüre gegenüber, ſah ſie das Bett, auf welchem ſie ihre Seele ausgehaucht hatte, am Fuße dieſes Bet es das Krucifix, welches ſie geküßt, als ſie die heiligen Sakramente empfangen; zwiſchen den zwei Fenſtern in einer Porzellanvaſe die Lilie, welche ſie in der Hand hatte, als ſie geſtorben war, und die nun auch, bleich und leidend, wie ſie, ſtarb; auf dem Kamine die kleine Börſe von Filet, welche einige Münzen und ein Goldſtück enthielt. In den Taſſen an der Seite ein oder zwei Ringe, zwi⸗ ſchen den Taſſen die Pendule, welche die Zeit bis zu dem Augenblicke gezeigt hatte, in welchem ſie in Mitte des allgemeinen Schmerzes vergeſſen worden und ſtehen geblieben war, wie ein Herz, welches aufhört zu ſchla⸗ gen; und endlich in den Kommoden und in den Schränken die Wäſche, die Kleider der Baronin. Alles war da. Und Alles war ein Andenken für Cäcilien, jeder Gegenſtand rief ihr ihre Mutter in das Gedächtniß, ſei es nun in einer beſonderen Lage, oder in ihrer gewöhnlichen Stellung. In dieſem Zimmer endlich war es, wo ſie ihre Thränen ſuchte, wenn dieſe ver⸗ ſiegt waren. Und dieſes Zimmer ſollte ſie verlaſſen, wie ihren Garten; dieſes Zimmer, wo ihre Mutter durch die Er⸗ innerung ſich überlebte, die jeder Gegenſtand von ihr darbot. Indem ſie dieſes Zimmer verließ, trennte ſie ſich zum zweiten Male von ihrer Mutter; nachdem ihr Körper geſtorben war, ſollte nun gewiſſermaßen auch ihr Gedächtniß ſterben. 153 Indeſſen war gegen einen Befehl der Marquiſe nicht zu handeln. Die Marquiſe hatte die mütterliche Gewalt der Baroneß geerbt; es war nunmehr an dieſer, Cäcilien zu dem Ziele zu führen, welches ihr die Zukunft bezeichnete. Cäcilie holte ihr Album. Als wenn ſie ſich ſelbſt mißtraue, wollte ſie ihren Schmerz verſinnlichen, und ſie fertigte eine Zeichnung des Bettes, des Kamins, der hauptſächlichſten Geräth⸗ ſchaften des Sterbezimmers. fibf fertigte ſie eine Zeichnung des Zimmers elbſt. Hierauf, da der Tag ſeinem Ende nahte, rief ſie die Kammerfrau ihrer Großmutter und erbat ſich von der Marquiſe die Erlaubniß, dem Grabe ihrer Mutter Lebewohl zu ſagen. Es war einer jener proteſtantiſchen Friedhöfe, ohne Kreuz und ohne Grabſteine, ein gemeinſchaftliches Feld, ein allgemeines Aſyl, eine Ruheſtätte, in welcher der Staub wieder zu Staub wurde, ohne daß eine einzige Inſchrift weder die Individualität des Verſtor⸗ benen, noch den liebenden Sinn der Lebenden bezrich⸗ nete. So iſt der proteſtantiſche Cultus, ein auf Grün⸗ den beruhender Cultus, ein algebraiſches Syſtem, wel⸗ ches Alles beweiſen will, und deſſen erſtes Ergebniß war, die Baſis jeder poetiſchen Religion, den Glauben zu ertödten. Nur das Grab der Mutter Cäcllien's zeichnete ſich vor den andern dieſer Gräber, welche Nichts, als mehr oder minder mit Raſen bedeckte Hü⸗ gel waren, durch ein ſchwarzes Kreuz aus, auf wel⸗ chem man in weißen Buchſtaben den Namen der Ba⸗ ronin las. 3 Aber dieſes Grab und dieſes Kreuz waren in einem Winkel des Friedhofes unter ſchönen, immer grünenden Bäumen, und bot einen maleriſchen Anblick dar, wie ihn kein anderer Theil dieſes traurigen Fel⸗ des der Vernichtung hatte. — ͤ-8 △ʃ⏑ ——& — 153³ Cäctlie kniete vor dieſer friſch aufgeworfenen Erde nieder. Zu arm, um ihrer Mutter ein Denkmal er⸗ richten zu können, hatte ſie in ihren Gedanken die ſchönſten Roſen und die ſchönſten Lilien ihres Gartens auf dieſes Grab verpflanzt und im nächſten Frühlinge kam ſie hieher, um die Seele ihrer Mutter in dem Dufte der Blumen einzuathmen. Auch auf dieſen Troſt mußte ſie verzichten. Garten, Zimmer, Grab, Allem mußte ſie Lebewohl ſagen.* Cäcilie zeichnete das Grab ihrer Mutter. Je mehr ſie mit der Zeichnung voran rückte, war das Bild Heinrichs, welches während der jüngſten Tage immer nur unbeſtimmt in ihrem Gedächtniß ſich gezeigt hatte, viel beſtimmter, viel ſichtbarer, wenn man ſo fagen darf, viel gegenwärtiger geworden, ohne daß ſie wußte, wie und warum. Es ſchien ihr, daß er, auf einen Augenblick durch die erſchütternden Ereigniſſe aus ihrem Leben verbannt, jetzt viel inniger, viel noth⸗ wendiger, als zuvor, darein zurück kehrte. Ihr Den⸗ ken glich einem durch ein Gewitter aufgeregten See, welcher dieſe Aufregung einige Zeit fortbehält, der aber, je mehr ſich das Ungewitter legt, ſeine Reinheit wie⸗ der gewinnt und von Neuem die Gegenſtände zurück⸗ ſtrahlt, welche er zuvor wiederſpiegelte. Je weiter ihre Zeichnung gedieh, je mehr ſchien es Cäcilien, daß Heinrich nicht bloß in ihrer Erinne⸗ Sung Klebe, ſondern daß er auch wirklich in Perſon a ſei. 3 In dieſem Augenblicke hörte ſte ein leichtes Ge⸗ räuſch hinter ſich, ſie wandte ſich um, und ſie gewahrte Heinrich. Heinrich war in ihren Gedanken ſo gegenwärtig, daß ſie nicht im Mindeſten erſtaunte, ihn zu ſehen. Es iſt wohl Euch, es iſt mir, es iſt der ganzen Welt begegnet, durch einen magnetiſchen Inſtinkt zu fühlen, ſo zu ſagen mit den Augen der Seele eine von uns geliebte Perſon nahen zu ſehen, und ohne den 154 Blick auf ſie gerichtet zu haben, zu errathen, daß ſie da ſein müſſe und ihr die Hand zu reichen. Heinrich, welcher drei Tage früher mit ſeiner Tante nicht hatte kommen können, war allein gekom⸗ men; er war nicht gekommen, um ſich der Marquiſe vorzuſtellen; dies war durchaus ſeine Abſicht nicht; er war gekommen, um dieſen kieinen Winkel der Erde zu beſuchen, welcher, wie er fühlte, Cäcilie ſo oft beſu⸗ chen mußte. Der Zufall hatte es gefügt, daß er Cäcilien traf. Warum war der Gedanke an dieſe fromme Pil⸗ gerſchaft nicht auch in Eduards Geiſt erwacht? Cäcilie, welche es gewöhnlich kaum wagte, Hein⸗ rich anzublicken, reichte ihm die Hand wie einem Bru⸗ der dar. 1 Heinrich ergriff Cäcilien's Hand, drückte ſie und agte: „O, ich habe viel wegen Ihnen geweint, weil ich nicht mit Ihnen weinen konnte.“ „Heinrich,“ ſagte Cäcilie,„ich bin ſehr glücklich, Sie zu ſehen.“ Heinrich verbeugte ſich. „Ja,“ fuhr Cäcilie fort,„ich habe an Sie gedacht. Ich habe Sie um einen großen Dienſt zu bitten.“ „O, mein Gott, womit könnte ich Ihnen dienen, mein Fräulein?“ rief Heinrich.„Verfügen Sie über mich, ich bitte Sie darum!“ 2 „Heinrich, wir reiſen ab, wir verlaſſen England, vielleicht für lange Zeit, vielleicht für immer.“ Cäciliens Stimme zitterte, große Thränen perlten über ihre Wangen herab; allein ſie wurde Herr über ſich, und fuhr fort: „Heinrich, ich empfehle Ihnen das Grab meiner Mutter.“. „Mein Fräulein,“ ſagte Heinrich,„Gott iſt mein Zeuge, daß mir dieſes Grab eben ſo theuer iſt, als 15⁵ e Ihnen ſelbſt; allein auch ich verlaſſe England, viel⸗ leicht für lange Zeit, vielleicht für immer.“ r„Auch Sie?“ 2„Ja, mein Fräulein.“ e„Aber wohin gehen Sie denn 2“ r„Ich gehe... ich gehe nach Frankreich,“ ent⸗ u gegnete Heinrich erröthend.. 2„Nach Frankreich!“ flüſterte Cäcilie, indem ſie den jungen Mann anblickte. . Indem ſie fühlte, daß auch ſie erröthe, ſenkte ſie 2 das Haupt auf ihre Hände herab und flüſterte: „Nach Frankreich!“ 5 Dieſes Wort änderte die Beſtimmung Cäciliens, ddieſes Wort erhellte ihre Zukunft. Heinrich ging nach Frankreich! Von jetzt an er⸗ d kannte ſie erſt die Möglichkeit, in Frankreich zu leben; biss jetzt hatte ſie es nicht vermocht. h Sie erinnerte ſich, daß Frankreich ihr Geburts⸗ and, daß England nur ihr Adoptiv⸗Vaterland ſei. „ Sie erinnerte ſich, daß man nur in Frankreich ihre Mutterſprache ſpreche, daß die Sprache dieſes Landes ihre Sprache, die ihrer Mutter und die Hein⸗ . richs ſei. Sie erinnerte ſich daran, daß ihr Aufenthalt in 1 der Fremde, ſo mild er auch war, immer nur ein r Eiril ſei, ſie erinnerte ſich, daß ihre Mutter ihr vor ihrem Tode geſagt hatte:„Ich würde ſo gerne in . Frankreich ſterben.“ Geheimnißvolle Gewalt eines Wortes, die uns n 6 den Vorhang erhebt, der uns unſern ganzen Horizont er verbarg. 4 Cäcilie fragte Heinrich um nichts mehr, und als ihre Kammerfrau bemerkte, daß es ſpät ſei, und daß die Nacht hereinbreche, grüßte ſie Heinrich und ent⸗ ferrnte ſich. In dem Augenblicke, in welchem ſie den Friedhof veerließ, warf ſie einen Blick zurück und ſah Heinrich 1⁵6 an derſelben Stelle ſitzen, an welcher ſie geſeſſen hatte. An der Thüre wartete ein Bedienter zu Pferd und feſ hielt ein anderes Pferd an der Hand. 3 un So war alſo Heinrich, wie er geſagt hatte, bloß we gekommen, um das Grab der Baronin zu beſuchen, und pachdem er es gethan hatte, kehrte er nach Hauſe we zurück. XVI. m Die Abreiſe. Als Cäcilie nach Hauſe zurückkehrte, traf ſie Herrn al Duval bei der Marquiſe, und obgleich der Banquier und ihre Großmutter in ihrer Gegenwart nichts von Geſchäften ſprachen, ſo konnte das junge Mädchen doch bemerken, daß Herr Duval gekommen ſei, um der Marquiſe de ſa Roche⸗Bertaud Geld zu bringen. In dem Augenblicke, in welchem Herr Duval das kleine Landhaus verließ, ſtellte er der Marquiſe bei ihrer Durchreiſe durch London ſein Haus zur Ver⸗ fügung; allein die Marquiſe dankte ihm und ſagte, daß, wenn ſie bei jemand abſteige, ſo würde dieſes bei der Herzogin geſchehen, welche es ihr angeboten habe; da e aber wahrſcheinlich nur ein oder zwei Tage ſich in London aufhalten werde, ſo würde ſie ohne Zweifel mit ihrer Enkelin in einem Gaſthofe abſteigen. Cäcilie bemerkte, daß Herr Duval, als er von ihr und ihrer Großmutter Abſchied nahm, ſehr traurig war. Aber dieſe Traurigkeit ſchien mehr einem Ge⸗ fühle frommer Theilnahme, als einer perſönlichen Un⸗ ruhe zu entſpringen. ☛— 157 Die Marquiſe hatte die Abreiſe auf übermorgen feſtgeſetzt und ſie bat daher Cäcilien, eine Auswahl unter den Gegenſtänden zu treffen, welche ihr die noth⸗ wendigſten, oder die theuerſten ſeien. Herr Duval hatte es auf ſich genommen, Alles was übrig blieb, verkaufen zu laſſen. Dieſes Wort verkaufen, machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf Cäciliens Herz; es ſchien, als ſei es eine ſchreckliche Entweihung, die Gegenſtände verkau⸗ fen zu laſſen, welche ihrer Mutter gehört hatten. Sie bemerkte dieß ihrer Großmutter, aber dieſe entgegnete, daß es unmöglich ſei, dieſes geringfügige Mobiliar mit nach Frankreich zu nehmen, indem die Transport⸗ koſten den Werth zweifach überſteigen würden. Dieſe Antwort war ſo begründet, daß fie nur durch Rückſichten des Herzens angegriffen werden konnte, aber dieſe Rückſichten ſind, wie man ſagt, zwar ſehr heilige, aber ſehr ſchlimme Gründe. Cäcilie war daher gezwungen, ſich zu fügen; aber ſte bemächtigte ſich der Gegenſtände, die zum perſön⸗ lichen Gebrauche ihrer Mutter gedient hatten, z. B. ihrer Waſche, ihrer Kleider, und bemerkte, daß Alles in zwei Koffer gebracht werden könne, und daß ſie in ihrem Schmerze einen unendlichen Troſt darin finde, dieſe Gegenſtände, welche ihrer Mutter gehört hatten, mit ſich zu nehmen. Die Marquiſe antwortete Cäeilien, daß ſie in die⸗ ſer Hinſicht thun könne, was ihr gut ſcheine, daß ſie ihr aber bemerklich machen müſſe, daß es ſonſt in gro⸗ ßen Familien gebräuchlich geweſen ſei, alle Kleidungs⸗ ſtücke zu verbrennen, welche Perſonen, die an einer Bruſtkrankheit ſtarben, gehörten, indem dieſe Krankheit für anſteckend gelte, und dergleichen Kleider die Per⸗ ſon, welche ſie trage, der Gefahr ausſetzte, ſich dieſelbe Krankheit zuzuziehen und denſelben Tod zu ſterben. Cäcilie lächelte traurig und dankte ihrer Groß⸗ mutter für die Erlaubniß, die ſie ihr gegeben hatte. Cäcilie war hinausgegangen und hatte einen Schritt in den Corridor zuruckgelegt, als die Marquiſe ſie zu⸗ rückrief. Sie hatte ihr bloß zu ſagen, daß ſie ſich wohl in Acht nehmen ſolle, daß keine Gegenſtände, deren ſich die Baroneß bedient hatte, unter ihre Effekten kommen. Mit ſechzig Jahren fürchtete die Marquiſe den Tod mehr, als ihre Enkelin mit ſechzehn. Cacilie ließ ſich in das Zimmer ihrer Mutter die erforderlichen Kiſten bringen, dann ſchloß ſie ſich an⸗ dachtsvoll ein, indem ſie ſogar nicht wollte, daß ihr die Kammerfrau bei Erfüllung der heiligen Pflicht beiſtehe, welche ſie zu vollbringen hatte. Es war eine ſüße, aber zugleich auch eine trau⸗ rige Nacht für Cäcilie, die ſie nun ganz und allein in dem Zimmer ihrer Mutter und mit den Erinnerungen an dieſe zubrachte. Um zwei Uhr morgens fühlte Cäcilie, welche we⸗ nig an das Wachen gewöhnt war, unwillkürlich Schlafz ſie warf ſich ganz angekleidet auf das Bett, aber zu⸗ vor fiel ſie vor dem Cruzifix auf ihre Kniee nieder, und da ſie die Gegenſtände, welche ſie umgaben, fort⸗ geriſſen durch ihre kindliche Liebe, auf den höchſten Grad der Begeiſterung erhoben, ſo bat ſie Gott, daß, wenn es wahr ſei, was ſie erzählen gehört, daß die Todten die Lebenden noch beſuchen, er ihrer Mutter erlauben möge, daß ſie zu ihr komme, und ihr in die⸗ ſem Zimmer, in welchem ſie ihr Kind ſo oft an da Herz gedrückt, ein letztes Lebewohl ſage. 8 Und Cäcilie ſchlief mit ausgebreiteten Armen ein, aber Gott milderte zu ihren Gunſten das ſtrenge Ge⸗ ſetz des Todes nicht, und wenn ſie ihre Mutter wieder⸗ ſah, ſo war es nur im Traume. Der folgende Tag ging unter den weiteren Vorbereitungen zur Abreiſe vorüber; aus dem Zimmer ihrer Mutter ging Cäcilie in das ihrige und unter den Erinnerungen an ihre 159 Kindheit, unter welchen ihre Albums eine ſo große Stelle einnahmen, ging der Abend hin. Am folgenden Morgen verließen Cäcilie und ihre Großmutter das kleine gaſtliche Haus, welches ſie zwölf Jahre lang bewohnt hatten. Mit dem Grauen des Tages erhob ſich Cäcilie, um zum letztenmale in ihren Garten zu gehen; der Regen ſchoß in Strömen erab.. Cäcilie ſtellte ſich an das Fenſter; der Garten war traurig und betrübt; die letzten Blätter fielen von den Bäumen, die letzten Blumen ſenkten ihre Kelche, nie⸗ dergedrückt von dem Waſſer des Regens. Cäcilie fing zu weinen an, es ſchien ihr, daß, hätte ſie ihre Freun⸗ dinnen während eines ſchönen Frühlingstages verlaſſen, ſie weniger getrauert haben würden, indem ſie den ganzen Sommer vor ſich gehabt hätten, während ſie ſie in dieſem Augenblicke im Todeskampfe und geneigt gegen jenes Grab der Natur zurückließ, welches man Winter nennt. Den ganzen Tag hindurch wartete Cäcilie, daß der Himmel ſich aufkläre, um nach dem Friedhofe ge⸗ hen zu können, allein der Regen fiel den ganzen Tag hindurch in Strömen herab, es war alſo unmöglich auszugehen. Gegen drei Uhr kam der Reiſewagen und der Kutſcher der Herzogin de Lorges, man packte die Koffer auf; der letzte Augenblick war gekommen. Die Marquiſe war über die Abreiſe entzückt. Während der zwölf Jahre, welche ſie in dieſem reizen⸗ den Landhauſe zugebracht, hatte ſie ſich weder an die Menſchen, noch an die Dinge gewöhnt; ſie hatte nicht Peine angenehme Erinnerung. Cäcilie glich einer Wahnſinnigen, ſie berührte die Möbeln, ſie umarmte ſie, ſie weinte, ein Theil ihrer Seele blieb in Hendon zurück.. In dem Augenblicke, in welchem man in den Wa⸗ en ſtieg, war ſie beinahe ohnmächtig, man mußte ſie aſt in denſelben tragen. Sie wollte den Schlüſſel des kleinen Hauſes mit ſich nehmen, den man in London während der Durch⸗ reiſe dem Herrn Duval zuzuſtellen hatte, und ſie legte ihn auf ihr Herz. Dieſer Schlüſſel war der ihrer Vergangenheit; den zu ihrer Zukunft hatte Gott allein. Sie bat den Kutſcher, einen Umweg zu machen und an der Thure des Friedhofes anzuhalten. Da der Regen noch immer ſtrömend herabgoß, ſo war ihr das Ausſteigen unmöglich. Aber indem ſie ihre Blicke durch die Gitter der Thüre ſchweifen ließ, konnte ſie noch einmal das Grab, das kleine Kreuz und die großen Bäume ſehen, welche es beſchützten. Aber die Marquiſe bat ſie, nicht ſo lange an ei⸗ nem ſolchen Orte zu halten, weil ihr die Nachbarſchaft eines Friedhofs die unangenehmſten Eindrücke mache. Cacilie rief noch einmal:. 3 „Lebe wohl, meine Mutter, lebe wohl!“ iPunn warf ſie ſich in den Fond des Wagens zurück. 4 Sie hüllte ihr Haupt in ihren ſchwarzen Schleier und öffnete ihre Augen nicht eher, als bis der Wagen anhielt. 6 Man war an der Thüre des Gaſthauſes„König eorg.“ Im Hofe ſtand ein anderer Wagen ganz bereit und angeſpannt. Die Herzogin erwartete die Marquiſe in den Gemächern des Gaſthauſes, welche für ſie be⸗ reitet worden waren. Ihr Neffe, Heinrich, welchen ſie nach Dover geſchickt hatte, um ſich nach Schiffen, die nach Frankreich gingen, zu erkundigen, ſchrieb ihr, daß ein Fahrzeug zur Abfahrt bereit ſei und morgen unter Segel gehen werde.. Wenn man von dieſem Fahrzeuge Gebrauch ma⸗ chen wollte, ſo war es nothwendig, ſogleich abzureiſen⸗ — 8 ANN 161 Cäcilie verlangte, zu Madame Duval zu gehen; allein dieſe wohnte in der City und um dahin zu gehen und zurückzukommen, war mehr als eine Stunde erforder⸗ lich. Die Marquiſe widerſetzte ſich daher dieſem Be⸗ ſuche und ſagte ihrer Enkelin, ſie ſolle bloß an jene ſchreiben. Das arme Kind fühlte, daß ein Brief nicht ge⸗ nüge, um von den alten guten Freunden ihrer Mutter Abſchied zu nehmen. Aber was vermochte ſie gegen den Willen der Marquiſe; ſie mußte gehorchen. Sie ſchrieb alſo. Was nur ein Brief an zärtlichen Ausdrücken und an innigem Bedauern enthalten kann, das enthielt Cä⸗ ciliens Brief. Sie ſagte darin Allen Lebewohl, Herrn Duval, Madame Duval und auch Eduard. Sie über⸗ ſchickte Herrn Duval den Schlüſſel des kleinen Hauſes, indem ſie ihm ſagte, daß wenn ſie reich wäre, ſie die⸗ ſes kleine Haus, obgleich ſie von ihm ſich entferne, ob⸗ wohl ſie England fuͤr immer verlaſſe, als das Heilig⸗ thum ihrer Jugend behalten würde. Aber ſie war arm, und ſie erneuerte an Herrn Duval im Namen der Marquiſe die Bitte, die Möbeln zu verkaufen und den Betrag hiefür ihrer Großmutter zu überſenden. Man ſtellte dieſen Brief der Frau Herzogin de Lorges zu, welche ſich verbindlich machte, ihn am fol⸗ genden Tage an ihren früheren Intendanten abzuſenden. Ehe die Herzogin ihre Freundin, die Marquiſe, verließ, machte ſie ihr alle die Anerbietungen an Geld, welche unter Leuten von Stand ohne Bedenken gemacht werden, indem man ſie wie einen geleiſteten Dienſt annimmt, allein vermöge des Verkaufs des Reſtes ih⸗ rer Diamanten glaubte ſich die Marquiſe ſo genügend geſichert, daß ſie nichts weiter bedürfe, um die Zurück⸗ gabe ihrer Güter erwarten zu können.. Endlich kam der Augenblick, in den Wagen zu ſteigen. Cäcilie hätte Alles darum gegeben, wenn ſie Das Brautkleid. 11 errn und Madame Duval noch einmal umarmen, duard die Hand hätte drücken können. Im Grund ihres Herzens fühlte ſie, daß es faſt eine Undankbar⸗ keit ſei, ſo zu handeln; allein ſie war, wie ſchon ge⸗ ſagt wurde, nicht im Stande, den Eingebungen ihres Herzens zu folgen. Sie kniete ſich nieder, bat ihre Mutter um Verzeihung, und als man ſie benachrich⸗ tigte, daß der Wagen ihrer harre, begnügte ſie ſich mit der Antwort, daß ſie bereit ſei. Es. war eine ſehr traurige Sache für Cäcilie, in einer regneriſchen Nacht von London abreiſen zu müſſen, ohne jemand anderm als der Herzogin, welche ſie kaum kannte, Lebewohl geſagt zu haben. Man durcheilte London, welches Cäcilie nie geſe⸗ hen hatte, ohne daß das junge Mädchen ein einziges⸗ mal zum Fenſter hinausgeblickt hätte, nur an der rei⸗ nen Luft und an dem Aufhören des Pflaſters erkannte ſie, daß man ſich jetzt auf dem Lande befinde. Da der Wagen mit der Poſt fuhr und ſich nir⸗ gend länger aufhielt, als zum Umſpannen erforderlich war, wurde der Weg ſehr ſchnell zurückgelegt und um fünf Uhr Morgens war man zu Dover angelangt. Der Wagen hielt im Hofe eines Hotels. Der Schein einiger Fackeln erſchreckte die geſchloſſenen Au⸗ gen Cäciliens; ſie öffnete ſie noch ganz betäubt von dem Schaukeln des Wagens, und noch befallen von der dadurch herbeigeführten Schläfrigkeit, begegnete ihr erſter Blick Heinrich, welcher ihre Ankunft erwartete. Cäcilie fühlte ſich ſo heftig erröthen, daß ſie den Schleier über ihr Geſicht herabſchlug. Heinrich reichte zuerſt der Marquiſe, dann ihr die Hand, um beim Ausſteigen Hülfe zu leiſten; es war das erſtemal, daß Cäciliens Hand der Heinrichs be⸗ gegnete, und der junge Mann fühlte dieſe ſo ſehr zit⸗ tern, daß er es nicht wagte, ſie zu drücken.; In dem Gaſthofe waren die Zimmer in Be⸗ — — 163 reitſchaft geſetzt und erwarteten die Reiſenden; man ſah, daß eine umſichtige Hand Alles zuvor Koepnet hatte. Da das Fahrzeug nicht vor zehn Uhr Morgens abging, ſo hatten die beiden Reiſenden wenigſtens ei⸗ nige Stunden Ruhe. Heinrich bat ſie, ſich wegen gar nichts zu beun⸗ ruhigen und bloß zur benannten Stunde ſich bereit zu halten, indem ſein Kammerdiener die Einſchiffung aller ihrer Effecten beſorgen werde; dieß konnte um ſo leich⸗ ter geſchehen, als der Wagen ganz beladen war, und man nur die Koffer von demſelben zu nehmen brauchte, um ſie nach dem Fahrzeuge zu ſchaffen. Nachdem er die Marquiſe und Cäcilie noch gefragt hatte, ob ſie ihm nicht noch einige Befehle zu ertheilen hätten, empfahl er ſich. Cäcilie ſchloß ſich in ihr Zimmer ein; aber wie groß auch ihre Müdigkeit war, ſie verſuchte umſonſt einzuſchlafen. Dieſes unerwartete Erſcheinen Heinrichs hatte ihrem armen Herzen eine zu große Aufregung verurſacht, als daß der Schlaf ſich ihr nahen konnte. Nun blieb ihr noch ein letzter Zweifel, über wel⸗ chen ſie eine Frage an Heinrich nicht gemacht hatte. Heinrich hatte ihr geſagt, daß er auch nach Frankreich gehe: reiste er wohl auf dem nämlichen Fahrzeuge? Dieſer Zweifel war, wie man leicht einſehen wird, hinreichend, um Cäcilie am Schlafen zu hindern. Aber dieſe Schlafloſigkeit war nicht ohne Thränen; zum erſtenmale ſeit dem Tode ihrer Mutter fühlte ſie, daß jemand für ſie wache. Die Bedienten, welche ihre Ankunft erwarteten, dieſe zu ihrem Empfange in Bereitſchaft geſetzten Zim⸗ mer, daß ihre Effecten in dem Augenblicke auf das Fahrzeug geſchafft wurden, ohne daß es ſie nur im Geringſten beläſtigte, das Alles war die Wirkung eines freundſchaftlichen Waltens, welches ſich mit Sorgen belud und mit Zuvorkommenheit handelte. Dieſes Etwas, welches über ſie wachte, dieſes freundſchaftliche Walten, welches ihren Wünſchen zuvor⸗ kam, das war Heinrichs Liebe. Heinrich liebte ſie alſo wirklich, aufrichtig, innig? Wie wohl es thut, ſich geliebt zu fühlen! Und dieſer Gedanke war ſo ſüß, daß er Cärilien einſchläferte, daß das junge Mädchen gegen den Schlaf kämpfte, indem es fürchtete, der Schlaf könnte ihr die⸗ ſes aefähl von Schutz, welches ſie ſo glücklich machte, rauben. Sie ſah den Tag grauen, ſie zählte die Stunden, ſie ſtand auf, ohne daß man nöthig hatte, ſie aufzu⸗ mecken; ſie war ſchon auf, als man an ihrer Thüre opfte. Sie ging nun zu ihrer Großmutter und fand ſie, wie gewöhnlich, ihre Chocolade im Bette nehmend; ſie hatte Luſt, ſie zu fragen, ob Heinrich zu gleicher Zeit mit ihnen abreiſe; ſie öffnete zwei⸗ oder dreimal den Mund, um dieſe Frage zu beginnenz allein jedes⸗ mal ſchloßen ſich die Lippen, ohne daß ſie vermocht hätte, ein Wort zu ſprechen. Inzwiſchen rückte die Zeit voran, Cäcilie kehrte nach ihrem Zimmer zurück, um der Marquiſe Zeit zu laſſen, ſich anzukleiden. Dieſe hatte alle ihre alten Gewohnheiten beibehalten, ſie legte alle Morgen ihr Roth auf, und Mademoiſelle Aſpaſia allein bediente ſie bei der Toilette, die nach ihrer Meinung keine Toi⸗ lette geweſen wäre, wenn dieſe ariſtokratiſche Ergän⸗ zung nicht ſtattgehabt hätte.. Cäciliens Fenſter ging nach der Straße; am Ende der Straße ſah man das Thor und über die Häuſer her ſah man die Wimvpeln der Schiffe, welche im Winde flatterten. Cäcilie ſtellte ſich an das Fenſter. Verſchiedene Wagen fuhren in der Straße umher, aber in Mitte aller dieſer Fahrzeuge bemerkte Cäcilie eines, welches vom Hafen herkam. Sie folgte ihm mit den Augen. Der Wagen hielt an der Thüre an, 165 ihr Herz pochte, der Schlag öffnete ſich, Heinrich ſprang heraus, ihr Herz pochte noch heftiger. Sie zog ſit eilig vom Fenſter zurück. Aber nicht ſo ſchnell, daß ſie Heinrich, indem er den Kopf erhob, nicht geſehen hätte. Cäcilie blieb ſtehen, erröthend und verlegen, eine Hand auf ihr Herz gelegt, deſſen Bewegungen ſie zu hemmen ſuchte, die andere an den Fenſterriegel ange⸗ klammert. Sie hörte die Schritte Heinrichs, als er in den Salon eintrat, welcher ihr Zimmer von dem der Mar⸗ quiſe trennte; jetzt hielten dieſe Schritte an. Heinrich wagte nicht, in das Zimmer Cäciliens einzutreten, und Cäcilie getraute ſich nicht, in den Salon hinauszugehen. Dieß währte zehn Minuten lang fort. Nach Verfluß von zehn Minuten klingelte Hein⸗ rich; eine Kammerfrau kam. „Mademoiſelle,“ ſagte Heinrich,„haben Sie die Güte, dieſen Damen zu ſagen, daß ſie die Gewogen⸗ heit haben möchten, ſich zu beeilen, in einer Viertel⸗ ſtunde wird das Schiff unter Segel gehen.“ „Hier bin ich, mein Herr,“ ſagte Cäcilie heraus⸗ tretend und vergeſſend, daß die Antwort anzeige, daß ſie die Rede gehört habe;„hier bin ich, und ich will meine Großmutter davon in Kenntniß ſetzen, daß Sie warten.“ Sie grüßte dann Heinrich und ging ſchnell durch den Salon zu der Marquiſe. Die Marquiſe war beinahe bereit, und fünf Mi⸗ nuten ſpäter trat ſie mit ihrer Enkelin hexaus. Hein⸗ rich bot der Marquiſe ſeinen Arm und Cäcilie folgte beiden, von Mademoiſelle Aſpaſia begleitet, von wel⸗ cher ſich die Marquiſe nicht trennen wollte. (Ein einziger Gedanke beſchäftigte ununterbrochen Cäciliens Seele. Würde ſie wohl Heinrich bloß bis an das Schiff begleiten, oder mit ihnen gehen? Während des ganzen Wegs getraute ſie ſich nicht, 166 eine Frage an Heinrich zu ſtellen, und Heinrich ſprach auch nicht ein Wort, welches auf dieſen Gegenſtand Bezug gehabt hätte, nur ſeine Augen begegneten öfters denen des jungen Mädchens, und beide ſchienen ſich durch Blicke zu fragen. Heinrich hatte eine elegante Kleidung, welche eben⸗ ſogut ein Jagd⸗ als ein Reiſekleid ſein konnte; es war daher unmöglich, hieraus etwas zu ſchließen. Man langte im Hafen an, ſtieg aus dem Wagen, eine Barke war bereit, die drei Frauen beſtiegen ſie, Heinrich folgte ihnen und die Ruderer trieben ſie ge⸗ gen das Schiff. Heinrich gab der Marquiſe ſeine Hand, um an Bord zu ſteigen, dann reichte er ſie Cäcilien. So ſehr die Hand des jungen Mädchens zitterte, ſo konnte ſich Heinrich doch nicht enthalten, ſie zu drücken. Eine Wolke lagerte ſich auf den Augen Cäciliens, es ſchien ihr, daß ſie ohnmächtig werden wolle. Es war das erſtemal, daß ihr Heinrich anders, als durch einen Blick ſagte, daß er ſie liebe. Aber war dieſer Druck nicht ſein Lebewohl? Als ſie den Fuß auf das Verdeck ſetzte, wankte Cäcilie ſo, daß ſie Schutz an einer Pyramide von Kof⸗ fern, Kiſten und Käſten ſuchte, welche am Fuße des Beſanmaſtes aufgeſchichtet war, und welche einige Ma⸗ troſen aus Furcht vor ſchlechtem Wetter mit einer Decke von Wachstuch überdeckten. Aber ſo unſicher und ſo verzagt der Blick Cäciliens war, ſo entdeckte ſie doch einen Namen, auf welchen ihre Augen einen Augenblick haften blieben. Dieſer Name ſtand auf einen Koffer geſchrieben, es war eine Adreſſe, und dieſe Adreſſe ſagte Cäcilien Alles, was ſie zu wiſſen wünſchte, denn ſie war fol⸗ genden Inhaltes: „Herrn Vicomte Heinrich de Senonnens, bureaux reſtante.. Paris.. Frankreich.“ Cäcilie athmete auf, richtete ihre Augen gen — nn —-—-——— —ᷣ— 2à A⏑ 167 Himmel, und dieſe begegneten jenen des jungen Mannes. Es ſchien, daß Alles, was in dem Herzen des jungen Mädchens vor ſich ging⸗ auf ihrem Geſichte⸗aus⸗ gedrückt ſei; denn Heinrich nahte ſich ihr mit einem vorwurfsvollen Blicke und ſagte nach einem augenblick⸗ lichen Stillſchweigen: „O, Cäcilie, wie konnten Sie auch nur einen Augenblick glauben, daß ich Sie verlaſſen würde?“ XVII. Die Neiſe. Durch einen jener auf dem Meere ſo häufigen Wechſel der Atmoſphäre hatte ſich das Wetter ganz ge⸗ Jahreszeit ſo ſelten iſt. Dieſes erlaubte den Paſſc⸗ gieren, auf dem Heinrich dem Himmel aus dem innerſten Grunde ſeines Herzens, denn es geſtattete ihm, in der Nähe Cäciliens zu bleiben, welche er hätte verlaſſen müſſen, wenn ſchlechtes Wetter die Reiſenden gezwungen hätte! ſich in das Zimmer der Damen einzuſchließen. Alles, was Cäcilie ſah, war für ſie neu ntereſ⸗ ſant; ſie erinnerte ſich wohl, aber es war faſt nur wie ein Traum, daß ſi noch als kleines Kind hinabgeſtiegen, oder in den Ar⸗ men ihrer Mutter getragen worden war, daß ſie nach⸗ dem ſie eine große Waſſerfläche, welche ihr wie ein ungeheurer Spiegel vorkam, durchſchifft, einen Hafen 168 mit ſeinen Schiffen geſehen hatte, welche ſich gleich vom Winde gebeugten Bäumen bewegten. Aber ſie war drei und ein halb Jahr alt, als alle dieſe Gegen⸗ ſtände ihren Blicken begegnet waren, und dieſe blieben in ihrem Geiſte dunkel, unbeſtimmt, ſchwankend, gleich magiſchen Schatten. Der Anblick, dieſes Meer, dieſe Küſten, dieſe Schiffe waren alſo etwas Neues für Cä⸗ cilien, für dieſes arme Kind, welches gewiſſermaßen wie die Pflanze an den Boden, ſo an das kleine Haus gebunden geweſen war, welches ſie zwölf Jahre lang bewohnt, während welcher ſie keinen andern Horizont geſehen hatte, als den, welchen man aus ihren Fen⸗ ſtern, oder aus denen ihrer Mutter wahrnahm. Seit dem Tode ihrer Mutter war es alſo das erſtemal, daß der Anblick fremdartiger Gegenſtände ſie einen Augenblick von dem Verluſte abzog, welchen ſie erlitten hatte; Heinrich ſtand neben ihr, und ihn be⸗ fragte ſie neugierig über Alles, was ſie umgab. Hein⸗ rich antwortete auf alle dieſe Fragen, wie ein Mann, welchem auch nicht die geringſte Einzelnheit fremd iſt, und Cäcilie fuhr in ihren Fragen vielleicht weniger aus Neugierde, als darum fort, ſeine Stimme zu hören. Es ſchien ihr, daß ſie in ein ganz neues Leben über⸗ trete und daß ſie Heinrich in dieſes unbekannte Treiben einführe. Dieſes Schiff, welches ſie nach einem andern Lande, nach ihrem Vaterlande brachte, riß ſie von der Vergangenheit los, und trieb mit ihr der Zukunft ent⸗ gegen. Die Ueberfahrt war glücklich. Der Himmel war, wie bereits geſagt, ſo ſchön, wie er an einem Herbſttage in England ſein kann; ſo ſchön, daß man zwei Stunden naach der Abfahrt von Dover die Küſten Frankreichs gleich einem Nebel bemerkte, während jene von Eng⸗ land noch vollkommen ſichtbar waren; aber nach und nach verlor ſich England in den Dünſten des Horizonts, während die Ufer Frankreichs mehr und mehr hervor⸗ traten, Cäciliens Augen wandten ſich abwechſelnd von —O——*——-—y ——-9—— 2828* A — འ⏑⏑ʃ⏑̈—— ‿— X△ 169 der einen zu der andern, welche von dieſen beiden Kü⸗ ſten würde für ſie wohl die glücklichere, oder welche die unglücklichere ſein? Gegen ſieben Uhr Abends landete man zu Bou⸗ logne; die Nacht war ſchon lange eingetreten. Die Marquiſe erinnerte ſich des Gaſthauſes zur Poſt, ob⸗ wohl ſie den Namen ihrer früheren Wirthin vergeſſen hatte; bloß der Straße, in welcher dieſer Gaſthof lag, erinnerte ſie ſich; ſie wurde früher Rue Royal, hierauf Rue du Club des Jacobins genannt und nennt ſich nun Rue de la Nation. Obgleich die See ſehr ruhig war, ſo fühlte ſich doch die Marquiſe außerordentlich ermüdet. Heinrich führte daher Cäcilien und ihre Großmutter in den Gaſt⸗ hof, und dann kehrte er zurück, um die Ausſchiffung ihrer Effecten zu überwachen. Cäcilie hatte ihre Mutter zwanzigmal die Ereig⸗ niſſe jenes ſchrecklichen Abends ihrer Einſchiffung erzäh⸗ len hören. Sie hatte zwanzigmal ihre Mutter dieſe gute Madame d⸗Ambron nennen hören, welche ſie mit ſo vieler Hingebung bis an das Meer begleitete, und, weniger vergeſſen als ihre Großmutter, hatte ſich das junge Mädchen dieſes Namens erinnert. So wie Cäcilie auf ihrem Zimmer war, ließ ſie die gegenwärtige Beſitzerin dieſes Gaſthofes rufen, und da ſie aus dem Alter derſelben erkannte, daß ſie nicht die nämliche Perſon ſein könne, von welcher ihre Mut⸗ ter ſo oft geſprochen hatte, ſo fragte ſie, ob ſie Ma⸗ dame d'Ambron gekannt habe, welche dieſes Gaſthaus zur Poſt im Jahre 1792 beſeſſen, und ob dieſelbe noch zu Boulogne wohne? Die gegenwärtige Beſitzerin nannte ſich auch Ma⸗ dame d'Ambron; allein ſie war die Schwiegertochter jener; ſie hatte deren älteſten Sohn geheirathet, und ihre Schwiegermutter hatte ſich zurückgezogen, indem ſie ihnen den Gaſthof überließ.— Madame d'Ambron wohnte in dem Nebengebäude 170 und ſie brachte den größten Theil des Tags in ihrer früheren Wohnung zu. Cäcilie fragte, ob ſie nicht zu ſprechen ſei, und man erwiederte ihr, daß dieß die leichteſte Sache von der Welt, und daß man Madame d'Ambron davon in Kenntniß ſetzen wolle, daß die Reiſenden ſie zu ſprechen wünſchten. In der Zwiſchenzeit kam Heinrich zurück;z wegen der Douane konnte man die Effecten erſt am folgen⸗ den Mittage ausſchiffen. Er gab von dieſer Verzö⸗ gerung der Marquiſe und Cäcilien Kenntniß, welche ſchon geäußert hatten, daß ſie am Morgen des folgen⸗ den Tages abzureiſen wünſchten; man kam daher über⸗ ein, daß die Abreiſe erſt übermorgen vor ſich gehen ſolle. Dieſe Abreiſe war der Gegenſtand ernſthafter Er⸗ örterungen zwiſchen der Marqutſe und ihrer Enkeltoch⸗ ter. Die Marquiſe wollte mit der Poſt reiſen, allein um mit der Poſt zu reiſen, mußte man einen Wagen miethen, oder kaufen, und Cäcilie, die von ihrer Mut⸗ ter erfahren hatte, wie unbedeutend die Hülfsquellen ſeien, die ihrer Mutter verblieben, hatte ihrer Groß⸗ mutter bemerkt, welche große Erſparniß für ſie eine Reiſe mit der Diligence ſein würde. Ihr Wirth, wel⸗ cher zu gleicher Zeit der Director der öffentlichen Fahr⸗ anſtalten war, kam ihr zu Hülfe, und ſetzte der Mar⸗ quiſe auseinander, daß ſie, wenn ſie das Coupe für ſich, ihre Tochter und die Kammerfrau nehme, für ſich eben ſo allein ſein würde, als in einer Kaleſche oder in einer Berline, und daß die Reiſe faſt eben ſo ſchnell gehe, wie mit der Poſt. Endlich ließ ſich die Marquiſe, zu ihrem großen Verdruſſe, durch dieſe vernünftigen Gründe überreden, und man hatte für übermorgen auf das Coupé die drei Namen der Marquiſe de la Roche⸗Bertaud, Cäcilie de Marfilly und Madmoiſelle Aſpaſia eingetragen. Als Heinrich dieſe Vorkehrung erfuhr, nahm er einen Platz —— —— 171 im Innern der Diligence. In dieſem Augenblicke trat Madame d'Ambron ein, und ſtellte ſich mit ihrer gewöhnlichen Zuvorkommenheit zur Verfügung der Per⸗ ſonen, welche nach ihr gefragt hatten. 1 Als ſie dieſe würdige Frau ſah, welche ſo viel für ihre Großmutter, für ihre Mutter, und für ſie, als fie arme Flüchtlinge waren, gethan hatte, öffnete Cäcilie die Arme, um ſich ihr an den Hals zu werfen; aber ein Zeichen der Marquiſe hielt ſie zurück. „Was ſieht dieſen Damen zu Befeyl?“ fragte Ma⸗ dame d'Ambron. „Meine Liebe,“ antwortete die Marquiſe,„ich bin die Marquiſe de la Roche⸗Bertaud und hier iſt Fräu⸗ lein Cäcilie de Marfilly, meine Enkelin.“ Madame d'Ambron grüßte, aber es war augen⸗ ſcheinlich, daß die beiden ausgeſprochenen Namen ihrem Gedächtniſſe fremd ſeien. Die Marquiſe bemerkte dieß und ſagte: „Meine liebe Frau, erinnern Sie ſich denn nicht, daß wir ſchon in Jhrem Gaſthofe logirten?“ „Es iſt möglich, daß Sie mir dieſe Ehre ſchon erzeigten,“ entgegnete Madame d'Ambron; aber ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich mich nicht erinnere, zu welcher Zeit oder bei welcher Gelegenheit.“ „Meine theure Madame d'Ambron,“ ſagte Cäcilie, „Sie werden ſich unſerer gewiß erinnern. Denken Sie an die zwei unglücklichen Flüchtlinge, die an einem Septemberabende des Jahres 1792 auf einem klei⸗ nen Karren, als Bäuerinnen gekleidet, und durch einen ihrer Pächter, Namens Peter geführt, bei Ihnen ankamen!“ 1 „Ja, ja, gewiß,“ rief Madame d'Ambron, jetzt erinnere ich mich. Die jüngere der beiden Damen hatte ſogar ein kleines Mädchen von drei oder vier Jahren bei ſich, einen kleinen Cherub, einen kleinen ngel.“— „Halten Sie ein, meine theure Madam⸗ d'Ambron,“ 172 unterbrach ſie Cäcilie lächelnd,„denn wenn Sie es noch einmal ſagen würden, ſo würde ich nicht wagen, ihnen zu bemerken, daß dieſes kleine Mädchen, dieſer kleine Cherub, dieſer kleine Engel...“ „Nun?“ „Nun! Ich bin.“ „Wie, Sie ſind es, mein armes Kind?“ rief die gute Wirthin. „Nun, nun,“ murmelte die Marquiſe, über dieſe Vertraulichkeit aufgebracht, „O, entſchuldigen Sie,“ rief Madame d'Ambron, indem ſie ſich ſammelte, und ohne daß ſie das Mur⸗ meln der Marquiſe gehört hatte:„Entſchuldigen Sie, mein Fräulein, aber ich habe Sie ſo klein geſehen.“ Cäcilie reichte ihr die Hand. „Aber Sie waren ja drei?“ fragte Madame d'Am⸗ bron, indem ſie um ſich blickte, als wolle ſie die Ba⸗ ronin ſuchen. „Ach!“ ſeufzte Cäcilie. „Ja, ja,“ fuhr Madame d'Ambron fort, indem ſie vollſtändig begriff, was dieſer ſchmerzliche Ausruf des jungen Mädchens bedeuten ſoll,„ja, die Auswanderung iſt eine ſchmerzliche Sache, und es gibt viele, deren Abreiſe ich geſehen habe, deren Heimkehr ich aber nicht ſehen werde. Sie müſſen ſich tröſten, mein liebes Fräulein; Gott hat ſeine Gründe, uns zu prüfen, und er züchtigt, wie Sie wiſſen, die, die er lieb hat.“ „Meine liebe Frau,“ ſagte die Marquiſe,„wir wollen nicht davon ſprechen, ich bin ſehr reizbar und dieſe Erinnerungen ſchmerzen mich.“ „Ich bitte ſehr um Entſchuldigung, Frau Mar⸗ quiſe,“ antwortete die gute Wirthin;„es geſchah nur, um dem Fräulein zu beweiſen, daß ich mich Ihres Aufenthaltes in meinem Gaſthofe noch erinnere; aber wenn es der Frau Marquiſe gefällig ſein ſollte, mir zu ſagen, zu welchem Zwecke Sie mich rufen ließen.“ „Nicht ich habe Sie rufen laſſen, meine liebe Ma⸗ 7 —,b .„——=S 8 8 A A— A ——+—— 173 dame d'Ambron; ſondern meine Enkelin, Fräulein von Marfilly; benehmen Sie ſich daher mit dieſer.“ „Wenn dieß der Fall iſt, und wenn Sie mein Fräulein... „Ich habe Sie bitten laſſen, meine vortreffliche Madame d'Ambron, um Ihnen mit einigen herzlichen ders, als mit ewigem Danke lohnen kann. Dann habe ich Sie auch noch bitten wollen, ob Sie mich morgen früh nicht durch Jemand an das Meeresufer und an die Stelle führen laſſen könnten, an welcher wir, es ſind nun bald zwölf Jahre, uns einſchifften, vorausgeſetzt, daß meine gute Großmutter erlaubt, daß ich dieſen Gang unternehme,“ fuhr Cäcilie fort, indem ſie ſich an die Marquiſe wandte. „Gewiß,“ entgegnete dieſe,„wenn die Madame d'Ambron eine kluge und verſtändige Perſon zur Be⸗ gleitung mitgibt. Ich würde Dir Aſpaſia anbisten, aber Du weißt, daß ich ſie, beſonders Morgens nicht entbehren kann.“ „Ich ſelbſt werde mitgehen, Frau Marquiſe!“ rief Madame d'Ambron.„Ich werde mich glücklich ſchätzen, Sie zu begleiten, und da ich dabei war, als Sie ab⸗ reisten, ſo kann ich gewiß jeden vielleicht zu wünſchen⸗ den Aufſchluß beſſer als Zemand ertheilen.“ „Und ich, Frau Marquiſe,“ ſagte Heinrich, der dieſe Scene mit der lebhafteſten Theilnahme vernom⸗ men hatte,„darf Sie wohl um die Erlaubniß bitten, Fräulein Cäcilie zu begleiten.“ „Ich ſehe nichts Unſchickliches darin, Heinrich,“ antwortete die Marquiſe,„und weil Sie die pittores⸗ ken Erinnerungen lieben, ſo geht, meine Kinder, geht!“ Dann machte die Marquiſe ihrer ehemaligen Wir⸗ thin ein kleines Zeichen, welches ſagen wollte:„Ma⸗ hamee Aunbron, ich empfehle ſie Ihnen, wachen Sie er ſie.“ ⸗ 174 Madame d'Ambron machte ein beſtätigendes Zei⸗ chen, und nachdem der Gang auf den nächſten Mor⸗ gen feſigeſetzt war, zog ſich jedes auf ſein Zimmer zurück. Heinrich und Cäcilie brachten beide eine gute und ſüße Nacht zu; ſie hatten ſich um elf Uhr Nachts ver⸗ laſſen; um acht Uhr Morgens ſollten ſie ſich wieder ſehen. Für die, welche ſich in England kaum einmal in acht Tagen, und da nur in Gegenwart von Zeugen ſahen, war dieß ein erfreulicher Wechſel. Sie ſahen ſich jetzt alle Tage, und ſie ſahen ſich nicht bloß, ſon⸗ dern ſie ſollten nun auch Arm in Arm gehen; es mußte ſchwierige Stellen geben, an welchen Heinrich Cäcilien die Hand reichen würde, dann andere noch ſchwierigere, an welchen er ſie unterſtützen mußte; kurz dieſer Spa⸗ ziergang war für den jungen Mann ein großes Feſt. Schon um ſechs Uhr Morgens war er bereit, und er konnte die Trägheit der Zeit nicht begreifen; er beſchuldigte alle Uhren Frankreichs, daß ſie gegen die von England zu ſpät gehen. Es gab keine Uhr, ſelbſt die ſeinige nicht, die bis⸗ her ganz richtig ging, welche er nicht angeſchuldigt hätte, daß ſie unrecht gehe. Auch Cäcilie war ſehr bald wach, aber ſie wagte nicht nach der Uhr zu fragen. Nach der Helle des Tages ſchien es ihr wohl, daß es noch ſehr frühe ſei; zwei oder drei Mal war ſie von ihrem Bett nach dem Fenſter gegangen, um ſich zu überzeugen, und einmal hatte ſie durch ihre Vorhänge Heinrich bemerkt, der ganz reiſefertig war und nach ihrem Fenſter blickte, um von dieſem zu erfahren, ob ſie nicht bereit ſei, weil ſein Auge durch den geheimnißvollen Vorhang nicht dringen konnte. Cäcilie klingelte nun, und fragte, welche Zeit es ſei; es war ſechs ein halb Uhr. Sie bat das Stubenmädchen, ſie ſogleich davon in Kenntniß zu ſetzen, wenn Madame d'Ambron kom⸗ men würde. ns —.&— —₰ᷣ, — 175 2 Aber Madame d'Ambron, welche die Gründe nicht hatte, vor der feſtgeſetzten Stunde zu kommen, welche Heinrich und Cäcilien drängten, kam erſt zur feſtge⸗ ſetzten Zeit. Sogleich ging Cäcilie hinab und traf Heinrich in dem Salon. Die beiden jungen Leute ſtellten die ge⸗ wöhnlichen Fragen an einander und beide geſtanden ſich, daß dieſe in einem armen Gaſthofe zugebrachte Nacht eine der beſten Nächte war, die ſie je gehabt. Da Cäcilie den Einſchiffungsplatz zu ſehen ver⸗ langt hatte, hielt es Madame d'Ambron für unnöthig, die jungen Leute denſelben Weg zu führen, welcher in jener gefahrvollen Nacht gemacht wurde, wo Peter ge⸗ zwungen worden war, zur Beſeitigung jeden Verdachts die Straße nach Montreuil wieder einzuſchlagen. Man begnügte ſich, die Rue de la Nation bis an das Ende hinab zu gehen und dann bei der Octroi⸗Einnahme der Stadt einen kleinen Feldweg einzuſchlagen. Dieſer Feldweg führte an die Küſte. Vielleicht wäre für eine andere als Cäcilie ein ſolcher Gang eine ſehr einfache und gleichgültige Sache geweſen; allein für das junge Mädchen, welche noch nie etwas geſehen hatte, deren Spaziergänge durch die Mauer ihres kleinen Gartens auf der einen und auf der an⸗ dern Seite durch die Kirchenthüren beſchränkt waren, war dieſes Alles etwas Neues, etwas Außerordentli⸗ ches. Gleich einem Vogel, der ſeinem Käfige entwiſcht und ſich nun mit einem gewiſſen Schrecken ganz in Freiheit ſieht, ſchien ihr die Welt ungeheuer; dann kam ihr plötzlich die Luſt, ihre Füße zu erproben, wie der Vogel ſeine Flügel prüft, und über dieſen Raum wegzulaufen, ein unbekanntes Ding zu ſuchen, deſſen Exiſtenz ſie fühlte, welches ſie aber weder ſah, noch begriff. Dieß Alles zog ihr ein unaufhörliches Errö⸗ then, ein plötzliches Zuſammenſchrecken zu, welches auf den Arm Heinrichs überging, auf den ſie ſich eſtützt hatte. Dieſer antwortete hierauf durch einen anften ¹ 176 Druck, der ſo aufregend wie jener war, den Cäcilie in dem Augenblick empfunden hatte, als ſie im Hafen von Dover das Fahrzeug beſtieg, welches ſie nach Frankreich zurückführte. Endlich kam man an der Küſte an; hier ſah man das Meer in ſeiner ganzen Ausdehnung, in ſeiner ganzen Majeſtät. Der Anblick des Oceans zeigt eine düſtere Größe, welche ſelbſt zur Zeit des Sturms das mittelländiſche Meer nie hat. Das mittelländiſche Meer iſt ein See, ein Azurſpiegel, es iſt der Aufent⸗ haltsort der blonden und launenhaften Amphitrite. Der Ocean aber iſt der alte Neptun, welcher in jedem ſeiner Arme eine Welt wiegt. Cäcilie blieb einen Augenblick verwundert ſtehen; der Gedanke an den Tod, ver Gedanke an die Unend⸗ lichkeit bemächtigten ſich ihrer im Anblicke dieſer Un⸗ ermeßlichkeit, und zwei große Thränen rollten über ihre Wangen. Dann ſah ſie den kleinen Fußſteig zu ihren Füßen, welchen ſie in jener Gewitternacht in den Armen ihrer Mutter hinabgeſtiegen war. 1 Ohne daß es ihr Madame d'Ambron ſagte, daß er es ſei, hatte ihn Cäcilie erkannt. Heinrich folgte ihr, bereit, ſie zu halten, wenn ihr Fuß auf dieſem ſchmalen Raume ausgleiten ſollte, der nicht geſtattete, daß zwei Perſonen nebeneinander gingen. Man gelangte an den Strandſtein; es war der Ort, an welchem die Flüchtlinge die kleine Einſchiffung erwartet hatten. Cäcilie erinnerte ſich aller dieſer Umſtände wie durch einen Wolkenſchleier hindurch;z was ſie beſonders als Kind betroffen gemacht hatte, das war der ewige Lärm, welchen das Anſchlagen der Wel⸗ len an die Felſen verurſachte, was dem mächtigen Athem des Oceans gleicht. Noch tönte dieſes Geräuſch fort, und ſie erkannte es in der Tiefe ihrer Erinnerun⸗ gen wieder. Sie blieb einen Augenblick unbeweglich, ws Beetrachtungen verſunken, ſtehen; dann ſah ſie ͤ= ͤ 2 N— —.* —— +ε AA 177„* Heinrich um, der in ihrer Nähe ſtand, wie wenn ſie im Anblicke eines ſolchen Schauſpiels nöthig habe, ſich auf etwas zu ſtützen, und ſie lehnte ſich an ſeinen Arm und liſpelte nur die Worte: „Ach wie ſchön! Wie groß! Wie erhaben!“ Heinrich antwortete nicht, er hielt den Hut in ſei⸗ ner Hand, er ſtand mit entblößtem Haupte da, wie in einer Kirche. 4 Gott iſt überall! Aber die jungen Leute empfan⸗ den, daß er beſonders hier ſei. So blieben ſie in ihren Betrachtungen eine Stunde lang ſtehen, ohne ein Wort zu wechſeln, das eine auf vdas andere geſtützt, und vielleicht waren ihre Geſin⸗ nungen gleich; ſie fühlten Beide ihre Schwäche und ihre Kraftloſigkeit einer ſolchen Macht und einer ſolchen Größe gegenüber. Einem ſolchen Anblicke gegenüber hatten ſich Paul und Virginie geſchworen, ſich immer zu lieben und ſich niemals zu trennen. Arme Alcyone! Madame d'Ambron erinnerte Cäcilie und Heinrich daran, daß es Zeit ſei, in das Gaſthaus zurückzukeh⸗ ren; die beiden jungen Leute wären den ganzen Tag dageblieben, ohne an das Enteilen der Zeit zu denken. Sie kehrten daher auf dem kleinen Fußſteige zu⸗ rück, aber nicht ohne alle zehn Schritte anzuhalten, nicht ohne lange Blicke des Schmerzens und des Lebe⸗ wohls zurückzuwerfen, nicht ohne von dieſen ſchönen Steinen mit ihren lebhaften Farben, mit ihren Adern, welchen das Meer ſo vielen Glanz gibt, daß man ſie für köſtliche Steine halten könnte, und welche zwei Stunden ſpäter ein Bild der Dinge dieſer Welt, wei⸗ ter nichts als gewöhnliche Kieſelſteine ſind, einige mit⸗ zunehmen. Als ſie in den Gaſthof zurückkehrten, trafen ſie die Marquiſe ganz angekleidet und in der Unterredung Das Brautkleid. 12 8 mit einem Advokaten begriffen, nach welchem ſie ge⸗ ſchickt hatte, um ſich mit ihm über die Anſprüche zu benehmen, welche ſie darauf zu haben glaubte, in ihre Güter wieder eingeſetzt zu werden, die ihr der Convent confiscirt hatte. Der Advocat hatte der Marquiſe den Stand der Sache erklärt, wovon dieſe keinen Begriff gehabt hatte; er hatte ihr geſagt, daß das Conſulat ſich der Monarchie zuwende, daß Bonaparte, ehe noch drei Monate verfloſſen ſein würden, Kaiſer ſein werde, und daß er auf dem neuen Throne, indem er auf die Vergangenheit und Zukunft ſich ſtützen müſſe, die alten Familien, welche ſich der neuen Dynaſtie anſchließen⸗ würden, unzweifelhaft ſehr wohl aufnehmen werde. Was aber die confiscirten Güter betreffe, ſo ſei an deren Zurückgabe nicht zu denken, aber dagegen habe, gewiſſermaßen als Entſchädigung, das Kaiſerreich Geld, Penſionen, Anſtellungen und Majorate denen zu bieten, welche dieſe Entſchädigung und dieſen Tauſch annehmen wollen. Dieſe Unterredung hatte der Marquiſe ſehr viel zu denken gegeben, Cäͤcilie aber begriff nicht, welchen Einfluß die politiſchen Ereigniſſe auf ihre Beſtimmung haben könnten. Ein Umſtand ſetzte die Marquiſe ſehr in Staunen, nämlich die Ruhe, mit welcher ſich Frank⸗ reich der Herrſchaft eines Corſen unterwarf, eines un⸗ bedeutenden Artillerieofficiers, der einige Schlachten gewonnen und den 18. Brumaire herbeigeführt hatte, und das war Alles. Cäcilie und Heinrich unterhielten ſich ſehr lange über dieſen Gegenſtand; Heinrich war aus dem inner⸗ ſten Grunde ſeines Herzens Anhänger der vertriebenen Dynaſtie, welcher ſeine ganze Familie treu geblieben war; aber Heinrich war jung; Heinrich hatte eine Zukunft von Ruhm geträumt, er hatte eine militäri⸗ ſche Erziehung genoſſen. Heinrich ſagte ſich im Inner⸗ ſten ſeines Herzens, vielleicht um die geheime btimme 179 ſeines Gewiſſens zu beſchwichtigen, daß in Frankreich dienen ſo viel ſei, als Frankreich dienen. Dieſer Mann, welcher an der Spitze der Regierung ſtand, hatte das Land mächtig und glorreich gemacht, und hierin lag die Abſolution von ſeiner Illegitimität. In ſeinen Augen war Bonaparte ein Uſurpator, aber nichts deſto weniger hatte er alle die glänzenden Eigenſchaf⸗ ten, welche eine Uſurpation ertragen laſſen. Der Tag ging unter ſolchen Unterredungen vor⸗ über, Heinrich leiſtete Cäcilien und der Marquiſe ſo lange Geſellſchaft, als es die Discretion erlaubte, und die Marquiſe ſelbſt verlängerte den Beſuch, indem fie ihn einlud, mit ihr und ihrer Enkelin zu diniren. Am Abende verlangte Cäcilie noch einmal das Meer zu ſehen und bat ihre Großmutter, mit ihr einen Spaziergang auf dem Hafendamme zu machen. Die Marquiſe ſchützte vor, daß dieſes zu weit ſei, und daß ein ſolcher Spaziergang ſie entſetzlich ermüden würde, da ſie die Gewohnheit zu gehen durchaus ab⸗ gelegt habe; allein Cäcilie führte ſie an das Fenſter, zeigte ihr den nur wenige Schritte entfernten Hafen, und beſtürmte ſie ſo lange, bis ſie endlich nachgab. Heinrich bot ſeinen Arm der Marquiſe, und Cäci⸗ lie folgte, von Mademoiſelle Aspaſia begleitet, nach. Bei jedem Schritte beklagte ſich die Marquiſe über das ſchlechte Pflaſter; im Hafen aagelangt, ſchimpfte ſie über den üblen Geruch der Schiffe, und als ſie am Ende des Hafendammes angekommen war, beklagte ſie ſich über die Seeluft. Die Marquiſe war eine jener Naturen, welche, wenn ſie etwas für andere thun, dieſe das Opfer, veiche ſie ihnen bringen, Minute für Minute hören aſſen. Dieſer Umſtand ließ Cäcilien noch mehr den un⸗ geheuren Unterſchied erkennen, der zwiſchen der Mar⸗ guiſe und ihrer Mutter obwaltete. 3 Man kam in das Gaſthaus zurück, die Marquiſe 180 war ſchrecklich ermüdet und wollte ſich auf der Stelle auf ihr Zimmer begeben. Die jungen Leute waren daher gezwungen, ſich zu trennen; allein nur um am folgenden Morgen wieder vereinigt zu werden; denn an dieſem fuhr die Diligence um ſechs Uhr ab. Der Tag hatte ihnen ſo viele Erinnerungen dar⸗ geboten, daß eine ſüße Nacht folgen mußte. Am folgenden Morgen begannen die Klagen der Marquiſe aufs Neue. Hatte man je ſo etwas erlebt, ſich morgens um ſechs Uhr auf die Reiſe zu begeben? Sie war ganz verzweifelt, daß ſie nicht ihrem erſten Gedanken gefolgt war, und einen Wagen mit der Poſt genommen hatte, was ihr erlaubt haben würde, ganz nach ihrem Belieben abzureiſen, allenfalls um elf Uhr Vormittags, nachdem ſie ihre Chocolade zu ſich ge⸗ nommen hatte. Aber zu jener Zeit waren ſchon, wie heute noch, die Conducteure der Diligence unerbittlich. Um ſechs Uhr mußte die Marguiſe fertig ſein; um ſechs Uhr ſetzte ſich die ſchwerfällige Maſchine in Bewegung nach Paris. 3 Wie wir geſagt, waren die Marquiſe, Cäcilie und Mademoiſelle Aspaſia in dem Coupee, und Hein⸗ rich in dem Innern des Wagens; auf jeder Station ſtieg Heinrich ab, um ſich zu erkundigen, wie ſich die Damen befinden. Für's erſte und zweite fand es die Marquiſin ſehr ſchmutzig, allein, obgleich ſie ſich au⸗ ßerordentlich über die ſchauerliche Nacht beklagte, wäh⸗ rend welcher ſie reiſen ſollte, ſo war ſie doch ſchon auf ver dritten Station in tiefen Schlaf verſunken. Dennoch aber verſicherte ſie, als man am Mor⸗ gen in Abeville anhielt, um zu frühſtücken, daß ſie bihtend der Nacht auch nicht ein Auge geſchloſſen abe. Die jungen Leute waren es, welche nicht ein Auge geſchloſſen hatten, aber ſie hüteten ſich wohl, etwas zu ſagen, und überhaupt ſich zu beklagen. Sogleich ——— „——,— S-˙ — 181 nach dem Frühſtücke machte man ſich wieder auf den Weg und man hielt nicht früher als in Beauvais an, um zu Mittag zu eſſen. Heinrich hatte die Thüre geöffnet, ehe der Conducteur aus ſeinem Cabriolet geſtiegen war, und die Marquiſe wurde mehr und mehr durch ihn bezaubert. Bei Tiſch beſchäftigte ſich Heinrich nur mit dieſen beiden Damen und ſorgte für ſie auf's Angelegent⸗ lichſte; als die Marquiſe wieder in den Wagen ſtieg, dankte ſie ihm durch einen Händedruck und Cäcilie durch ein Lächeln. Um ſieben Uhr Abends gewahrte man die Lichter von Paris. Cäcilie wußte, daß man an die Barrière Saint⸗Denis gelange, und daß die Fuhrwerke gewöhn⸗ lich bei der Douane angehalten würden. Sie wußte auch, daß es an dieſer Douane war, wo die Marquiſe und die Baronin nicht erkannt wurden; obgleich da⸗ mals noch ein Kind, hatte ſie den Aufenthalt in dieſem kleinen Kabinete im Gedächtniſſe behalten, und als der Wagen anhielt, bat ſie ihre Großmutter um die Er⸗ laubniß, dieſen Ort zu ſehen, an welchem die Baronin und die Marquiſe ſo viel ausgeſtanden hatten. Die Marquiſe bewilligte es ihr, allein ſie fragte dabei, wie es möglich ſei, mit ſo traurigen Erinnerungen ſich zu befaſſen. Heinrich bat den Befehlshaber des Po⸗ ſtens um die Erlaubniß, daß eine junge Dame durch die Wachtſtube gehe und für einen Augenblick in das Zimmer im Hintergrund trete. Wie man ſich denken kann, wurde dieſe Erlaubniß ſogleich ertheilt. Die Marquiſe wollte nicht ausſteigen, deswegen ſtieg Cäcilie allein mit Heinrich ab. Sie ging gerade auf das Kabinet zu, und erkannte es wieder. Es war Alles noch wie damals; hier ſtand noch der alte höl⸗ zerne Tiſch, dort waren noch die alten Strohſtühle. Auf einigen dieſer Stühle und vor dieſem Tiſche hatte ſie den guten Herrn Duval geſehen. Mit dieſer Erinnerung kamen alle übrigen Erinnerungen zurück. 182 Cäcilie erinnerte ſich mit Herrn Duval an Alles, an ſeine Frau und Eduard, den ihr ihre Mutter be⸗ ſtimmt, und den ſie nicht einmal im Augenblick ihrer Abreiſe wieder geſehen hatte. Im Herzen des armen Kindes ließ ſich ſo etwas vernehmen, was wie Reue klang, und die Erinnerung 4n ihre Mutter trat hinzu; Thränen entſtürzten ihren ugen. Diejenigen, welche Cäcilie begleiteten, konnten, Heinrich ausgenommen, nicht begreiſen, was dieſer alte Tiſch von Holz und dieſe alten Strohſtühle Be⸗ trübendes haben konnten. 84435 Aber für Cäcilie lag hier die ganze Vergangen⸗ heit ihres Lebens. Der Conducteur rief Cäcilie und Heinrich, beide ſtiegen wieder in die Deligence, dieſe ſetzte ſich in Be⸗ wegung und fuhr durch die Barriere ein. Cäcilie kehrte nach zwölf Jahren durch dieſelbe Barriere nach Paris zurück, durch welche ſie es ver⸗ laſſen hatte. Hinausgehend als Kind, weinte ſie; als Jung⸗ frau zurückkehrend, weinte ſie noch. Ach, noch einmal mußte das arme Kind durch die nämliche Barrière hinaus. XVIII. Der Herzog von Enghien. Die Marquiſe und Cäcilie ſtiegen im Hotel de Nar⸗ ab, in welchem Heinrich gleichfalls ſein Zimmer nahm. 7 — ———ͤSZ — 183 Die erſten Tage gingen mit dem Einziehen von Erkundigungen vorüber; die Marquiſe ſchickte nach ih⸗ rem Prokurator. Aber nicht blos dieſer Prokurator war geſtorben, ſondern es gab überhaupt keine Proku⸗ ratoren mehr. Sie war daher gezwungen, ſich mit einem Advokaten zu begnügen, und dieſer wiederholte ihr Wort für Wort, was ihr der Advokat in Bou⸗ logne bereits geſagt hatte. Während der zwölf Jahre, welche die Marquiſe im Auslande zugebracht, hatte Paris ein ganz neues Geſicht angenommen, ſo daß ſie das Volk nicht mehr kannte, welches ſie verlaſſen hatte. Das äußere Anſe⸗ hen, die Moden, die Sprache, Alles hatte ſich verän⸗ dert. Die Marquiſe de la Roche⸗Bertaud hatte er⸗ wartet, die Hauptſtadt traurig und düſter ob des Un⸗ glücks zu ſehen, welches ſie zum Theile ſelbſt wahrge⸗ nommen, zum Theile hatte erzählen hören. Aber dem war nicht ſo; das ſorgenloſe, das vergeſſende Paris hatte ſeinen gewöhnlichen Gang wieder angenommen, und überdies hatte es noch einen ſtolzen und feſtlichen Anſchein, welchen die Marquiſe nicht kannte. Paris fühlte inſtinktmäßig, daß es die Hauptſtadt eines viel größeren Frankreichs werden ſolle, als es je war, und auch noch die, von einer Menge anderer Königreiche, welche ſich ihm gutmüthig unterwarfen. Paris hatte endlich, damit wir uns eines Ausdruckes der Marquiſe bedienen, das Ausſehen eines Emporkömmlings ange⸗ nommen. So iſt es mit den Verbannten; es ſcheint, daß ſie eine gewiſſe Quantität perſönlicher Atmosphäre, welche ſie in der Fremde einathmen, mit ſich bringen und fortfahren, ſich in derſelben zu bewegen und die Ereigniſſe bewegen zu laſſen, welche ſie geſehen haben, und welche ſie intereſſiren. Für ſie bleibt das Vater⸗ land, welches ſie verlaſſen haben, immer auf demſel⸗ ben Punkte, auf welchem ſie es verließen. Sie glau⸗ ben die Gemüther für dieſelben Gegenſtände erglüht, 184 womit ſich ihr Geiſt beſchäftigt, die Zeit vergeht, ohne ſie einen Schritt vorwärts zu bringen. Nun naht die Stunde ihrer Zurückkunft; denn, Gott ſei Dank, in unſeren Tagen gibt es keine ewige Verbannung mehr. Nun befinden ſie ſich hinter der ganzen Zeit zurück, welche ſie außerhalb des Landes zugebracht haben, und ſie begegnen nun andern Ereigniſſen, an⸗ dern Menſchen, andern Gedanken, welche ſie nicht an⸗ erkennen wollen, und die auch ihrerſeits ſie nicht an⸗ erkennen. Wie man es der Marquiſe de la Roche⸗Bertaud geſagt hatte, ſo wandte ſich die Republik einer Mo⸗ narchie zu, und der erſte Conſul war auf dem Punkte, Kaiſer zu werden. Alles bereitete ſich auf dieſes große Ereigniß vor, welches den Reſt jener Republikaner ver⸗ nichtete, die der Aufregung der Parteien entgangen waren, und gegen welches die Royaliſten aus der Fremde proteſtirten. So willigte nun jeder Royaliſt ein, unter der Conſulariſchen Fahne Dienſte zu nehmen, jede Frau von Adel entſchloß ſich, einen Theil des Hauſes der künftigen Kaiſerin auszumachen, wenn ſie gut aufgenommen würde, und, wenn ſie gut aufge⸗ nommen worden, Vortheile zu erlangen, auf welche die älteſten und die treueſten Diener keine Anſprüche hatten. Es war ganz einfach; nach Verdienſt konnte man die alten Freunde nicht belohnen; es war nichts als eine Undankbarkeit, während die Vernachläßigung des Vereinigens mit den Feinden ein Fehler geweſen wäre. Man wird leicht erkennen, daß auf einer Seite die Lage der Dinge ſehr verführeriſch für eine alte Frau war, welche nur noch wenige Tage zu leben hatte, und ebenſo auf der andern Seite für einen jun⸗ gen Mann, welcher eine ganze Zukunft vor ſich hatte. Heinrich ſah alle Tage junge Leute von ſeinem Alter, welche ſchon Capitäns waren. Die Marquiſe de la Roche⸗Bertaud, ſah alle Tage in Wagen, auf welchen die Wappen wieder zu erſcheinen anfingen, die alten ——— 185 Freundinnen vorüber fahren, die während des Kaiſer⸗ reichs mehr gefunden, als ſie während der Revolution verloren hatten. Nach und nach verband ſich Heinrich mit einigen jungen Männern; die Marquiſe erneuerte die Bekanntſchaft mit einigen ihrer alten Bekannten. Man macht Heinrich Vorſchläge, der Marquiſe Eröff⸗ nungen; der verführeriſche Ruhm auf der einen, das Anſehen des Wohlergehens auf der andern Seite, das Alles arbeitete unterirdiſch an dem politiſchen, ſehr jungen Glauben Heinrichs, und an dem ſehr alten Glauben der Marquiſe de la Noche⸗Bertaud. Aber ſie wagten es nicht, ſich gegenſeitig zu geſtehen, was ſie im Sinne hatten. Das Oerz des Einen war noch zu rein, das Herz der Andern war zu abgeſtumpft, als daß ſie nicht Beide erkannten, daß ihre Unterwer⸗ fungen unter die Herrſchaft Bonaparte's ein Abfall ſei. Beide hatten im Grunde ihres Herzens einen Vorwand, den ſie als hörbar betrachteten, und dieſer Vorwand, der zu gleicher Zeit als eine Entſchuldigung für den Ehrgeiz Heinrichs und für den Egoismus der Marquiſe galt, war ihre Liebe für Cäcilie. Was ſollte auch in der That aus Cäcilien, dem armen Kinde, werden, wenn es zwiſchen einem Ge⸗ liebten ohne Zukunft, und eine Großmutter ohne Ver⸗ mögen geſtellt wurde. Uebrigens hatten Heinrich und die Marquiſe, beide dieſe guten oder ſchlimmen Gründe, welche die ab⸗ trünnigen Getreuen immer zu Hülfe rufen, ange⸗ nommen. So hatte man entdeckt, daß Bonaparte nicht, wie man geſagt hatte, ein Corſe von unbekannter Herkunſt, ein emporgekommener Soldat, ein glücklicher Officier ſei; Bonaparte gehörte einer der älteſten Familien Italiens an, einer ſeiner Ahnen war Podeſta von Florenz um 1300 geweſen; ſein Name war ſeit vier Jahrhunderten in Genua's goldenem Buche einge⸗ ſchrieben, und ſein Großvater, der Marquis de Bona⸗ 186 parte, wie die reinen Royaliſten zu ſagen beliebten, hatte einen Bericht über die Belagerung von Rom durch den Connetable Bourbon geſchrieben. Es hätte einen beſſeren Grund gegeben, als dieſe alle, den nämlich, daß Napoleon ein Mann von Ge⸗ nie war, und daß jeder Mann von Genie den Platz verdient, welchen ihn das Volk einnehmen läßt, und der von dem Volke denen zurückgegeben werden kann, über welche er uſurpirend herrſchte. Ferner ſagte man zu jener Zeit, was auch wahr war, daß Bongparte, rein von allen Exceſſen der Re⸗ volution, ſeine Hände nie in das Blut der Bourbonen getaucht habe. Es war noch von keinem Proiekte für die Zukunft zwiſchen Cäcilie und Heinrich die Rede geweſen, aber dennoch hatten ſie, vermöge des ſympathetiſchen Zuges, welcher ſich ihrer beim erſten Anblicke bemächtigt hatte, und der nun ſeit der ſechs Monate, während welcher ſie ſich in England alle Wochen, in Frankreich alle Tage ſahen, ſich nur vermehren konnte, begriffen, daß ſie ſich gegenſeitig gehörten. Hatten ſie daher nothwendig, Entwürfe zu machen, und gegenſeitige Verſprechungen auszutauſchen? Sie hatten, wie Romeo und Julie, indem ſie ſich gewahr⸗ ten, im Innerſten des Herzens einen jener Schwüre geleiſtet, die ſelbſt nicht der Tod auflöſen kann. Wenn ſie von der Zukunft ſprachen, ſo ſagte Je⸗ des von ihnen: wir, ſtatt: ich, und das war Alles. Aber dieſe Zukunft, wir müſſen es wiederholen, exiſtirte nicht, ſo lange die Marquiſe und Heinrich ſich nicht der neuen Regierung angeſchloſſen hatten. Heinrich hatte, wie erwähnt, kein anderes Vermö⸗ gen zu erwarten, als das von ſeinem Onkel, ein Ver⸗ mögen, welches dieſer im Handel errungen, der ſich aber dadurch, daß ihn ſein plebeiſcher Entſchluß von der Familie getrennt, dahin erklärt hatte, daß er ſein ——— 187 Vermögen nur demienigen ſeiner Neffen hinterlaſſen würde, welcher, gleich ihm, dem Anathem Hohn ſpre⸗ chend, wie er Kaufmann werden würde. Heinrich hatte ohne Zweifel eine reiche und ſchöne Erziehung genoſ⸗ ſen, allein zu jener Zeit ſtanden für einen jeden, et⸗ was ernſten Ehrgeiz nur zwei Laufbahnen offen, die der Waffen und die der Diplomatie, und dieſe beiden Carrieren hängen von der Regierung ab. Was Cäcilie betraf, ſo hatte ihre Entſagung der väterlichen Grundſätze weniger Bedeutung. Eine Frau erhält ihre Stellung durch die Umſtände und durch die Männer. Sie begriff, daß ſie, wenn ſie das ſchüch⸗ terne Kind bliebe, welches ſie war, ein lebender Vor⸗ wurf für Heinrich bleiben würde. Als ihre Großmutter von den Propoſitionen ſprach, welche man ihr gemacht hatte, nämlich davon, in das Haus der künftigen Kaiſerin einzutreten, begnügte ſie ſich, zu antworten, daß ſie zu jung und zu unwiſſend ſei, um in Gegenſtänden der Politik einen Willen zu haben, daß ſie ſich daher darauf beſchränken müſſe, ih⸗ rer Großmutter zu gehorchen. Da ſie den Zweifel kannte, welchem ſich Heinrich ſeit einiger Zeit hingab, beeilte ſie ſich, ihm an dem⸗ ſelben Tage die Frage, welche ihre Großmutter an ſie gerichtet hatte, und die darauf gegebene Antwort mit⸗ zutheilen, und ſie freute ſich, ihren Geliebten ein Opfer, wenn auch auf Koſten ihres Gewiſſens, zu bringen. Hierauf hatte Heinrich nur gewartet, um anzu⸗ nehmen. Er beeilte ſich jetzt, ſeinen gänzlichen und vollſtändigen Beitritt dem Freunde zu erklären, welcher mit der Unterhandlung beauftragt worden war, und noch am nämlichen Abende ſprach man laut und in Gegenwart der Marquiſe von einer gemeinſchaftlichen Zukunft, welche doppelt glänzend durch die doppelten Stellungen werden ſollte. Heinrich folgte dem Kaiſer 188 zur Armee, Cäcilie blieb bei der Kaiſerin in den Tuilerien. Als Heinrich ſich zurückgezogen hatte, und Cäcilie wie gewöhnlich ihre im Bette liegende Großmutter umarmte, ergriff dieſe ſie bei der Hand, betrachtet ſie lächelnd und ſprach: „Nun, was denkſt Du von dieſer Zukunft, wenn Du ſie mit der vergleichſt, welche Dir Deine arme Mutter vorbehalten hatte?“ „Ach,“ antwortete Cäcilie,„wenn nur Eduard Heinrich geweſen wäre.“ Dann zog ſie ſich auf ihr Zimmer zurück und weinte; denn der Name ihrer Mutter war mit einem Vorwurfe ausgeſprochen worden, und es ſchien ihr, daß Niemand das Recht habe, ihre Mutter zu tadeln. Wer konnte auch für dieſe Ausſichten gut ſtehen? Gewiß war die militäriſche Laufbahn eine glänzende, aber ſie war beſonders zu jener Zeit ſehr gefährlich; man gelangte ohne Zweifel ſchnell vorwärts, allein während der Tod rings umher mähte. Der Krieg wurde mit Maſſen geführt, und jedes Schlachtfeld verſchlang Tauſende von Menſchen. Cäcilie kannte Heinrich; er war tapfer, feurig, ehrgeizig; er wollte ein Ziel erringen, ein Reſultat erreichen, für ihn gab es keine Hinderniſſe. Wenn aber Heinrich getödtet werden würde, was ſollte aus ihr werden? Sie hatte daher Recht, wenn ſie ſagte, daß eine Zurückgezogen⸗ heit mit Heinrich, eine Zurückgezogenheit in einem kleinen Hauſe, wie das von Hendon war, ihr Glück ſein würde, wenn, wie ſie ihrer Großmutter geſagt hatte, Eduard Heinrich geweſen wäre. Zwei Tage ſpäter trat Heinrich in einer glänzen⸗ den Uniform ein; es war die eines Brigadiers der Guiden, was ihm den Nang eines Lieutenants in der Armee gab, und es war eine große Gunſt, daß Hein⸗ rich einen ſolchen Anfang gemacht hatte. Cäcilie war der Madame Louis Bonaparte vor. 3 ——,—-— —— 189 geſtellt worden, und hatte ihr alle Unglücksfälle ihrer Familie erzählt. Man weiß, welch vortreffliches Herz dieſe anmu⸗ thige Dame hatte, welche unter dem Namen der Kö⸗ nigin Hortenſe populär blieb. Sie hatte dem jungen Mädchen ihre Protection verſprochen, und man war übereingekommen, daß, wenn ihr das Haus der Kai⸗ ſerin verſchloſſen ſein ſollte, Fräulein de Marfilly bei ihr eine Stelle finden würde. So ſchien denn Alles vortrefflich für die beiden jungen Leute zu gehen, und man erwartete nichts mehr, als die Verwirklichung des Verſprechens, welches Jo⸗ ſephinens Tochter gemacht hatte; da verbreitete ſich eines Morgens in den Straßen von Paris eine ſchreck⸗ liche Neuigkeit. Der Herzog von Enghien war in den Gräben von Vincennes erſchoſſen worden. Am nämlichen Tage reichte Heinrich de Senonnes ſeine Entlaſſung ein, und Cäcilie ſchrieb an Madame Louis Bonaparte, daß ſie ihr ihr Wort zurück gebe, und daß man zu Gunſten einer Anderen über ihren Platz verfügen möge, welchen man ihr verſprochen hatte. Die beiden jungen Leute hatten dieſen Schritt gethan, ohne ſich gegenſeitig beſprochen zu haben, und als der Abend kam, und Beide nicht zögerten, ſich das zu ſagen, was ſie gethan hatten, vermehrte ſich ihre Liebe durch die Ueberzeugung, daß ſie ſich gegenſeitig mehr als je würdig ſeien. Einige Tage nach dieſem Ereigniſſe erhielt die Marquiſe einen Brief von Herrn Duval. Dem ihm ertheilten Auftrage zu Folge hatte er das kleine Mo⸗ biliar der Baronin verkauft, und er übermachte Cäci⸗ lien und der Marquiſe den aus 6000 Franks beſtehen⸗ den Erlös. SEss war bis auf 500 Frank das, was dieſes kleine 190 Mobiliar neu gekoſtet hatte, und ſo ungehalten auch die Marquiſe auf Herrn Duval war, ſo mußte ſie doch anerkennen, daß er wenigſtens als Intendant große Kenntniß und große Treue beſitze. XIX. Der Entſchluß. Statt der ihnen nun mangelnden Zukunft mußte eine andere geſchaffen werden, man erſchöpfte nach und nach alle Combinationen, welche die Einbildungskraft der beiden jungen Leute und der Marquiſe zu Tag fördern konnten, und nachdem man Alles erörtert, Alles durch⸗ gangen, Alles für unmöglich gefunden hatte, kam man auf die erſte Idee zurück, welche ſich ihrem Geiſte dar⸗ geboten, und die man im Anfange verworfen hatte, weil es vielleicht die einzige vernünftige war; man kam darauf zurück, die von dem Onkel in Guadeloupe eſetzten Bedingungen einzugehen und Heinrich entſchloß cch, Kaufmann zu werden. Es gibt in dieſer Welt zweierlei Arten von Han⸗ del, den gewöhnlichen und erbärmlichen Handel des Krämers, welcher unter dem Schatten ſeines Schildes den Käufer erwartet, an welchem er bei einem Handel von einer Stunde einen Thaler gewinnen wird; und den poetiſchen und großartigen Seehandel, welcher ei⸗ nen Welttheil mit dem andern durch ſeine Schiffe ver⸗ bindet, der, ſtatt mit dem Käufer ſpitzfindig zu han⸗ deln, mit der Kraft des Oceans handelt, indem jede neue Reiſe ein neues Gefecht iſt, welches er mit dem Himmel und mit dem Meere beſteht, und der in dem Hafen gleich einem Triumphator einläuft und, wie =S=S gASee .—⏑— ——9 2— 2—— L 8 2—— N Da dieſer Onkel ein Millionär war, ſo war das ge⸗ dieſe Wohlthat angenommen worden, unternahm entweder und zog ſich mit ihr und der Marquiſe in irgend einen 191 König ſein Zelt, ſein Schiff mit ſeiner Flagge ſchmückt. Dieſer Handel, der der Bewohner von Tyrus in alter Zeit, der Piſaner, der Genueſen und Venetianer im Mittelalter und der aller großen Nationen des neun⸗ zehnten Jahrhunderts; dieſer Handel iſt vereinbar mit dem Adel; denn der Gewinn iſt immer durch eine Wahl zwiſchen Leben und Tod bedingt, und jede Un⸗ ternehmung, die eine große Gefahr mit ſich bringt, er⸗ hebt den Menſchen, ſtatt ihn zu erniedrigen. Aber was Heinrich ſagte, um ſich in ſeinem Entſchluſſe zu ermuthigen, das hatte die arme Cäcilie auch geſagt, aber ſie hatte gezittert, indem ſie ſich es ſagte. Die Gründe, welche zuerſt veranlaßt hat⸗ ten, die Idee einer Reiſe nach den Antillen, auf welche man nun bei dem Mangel beſſerer Hülfsquellen zurückkehren mußte, als eine unglückliche zu verwerfen, waren dieſe: Heinrich, indem er eine kleine Beilaſt mit ſich nahm, war, ſo mittelmäßig dieſe auch ſein mochte, bei ſeiner Ankunft im Guadeloupe ſicher, von ſeinem Onkel mit offenen Armen empfangen zu werden. ringſte, was er für ſeinen Neffen thun konnte, ihm 150,,00 bis 200,000 Franks anzubieten. Nachdem Heinrich eine neue Reiſe, oder begnügte ſich mit die⸗ ſer vergoldeten Mittelmäßigkeit, heirathete Cäcilie kleinen Winkel der Welt zurück, wo er weiter nichts zu thun, als ſich die Mühe zu nehmen hatte, glücklich zu ſein, und die Ereigniſſe abzuwarten, welche viel⸗ leicht durch einen Wechſel in der höhern Region der Politik ihm erlauben würden, ſich eine Zukunft voll Glanz und voll Ruhm zu erwerben. Pemn aber dieſe Ereigniſſe nicht eintreten ſollten, ſo fü dis Peinrih. indem er Cäcilie betrachtete und ſein Herz prüfte, daß er genug Liebe empfinde, um ein ruhiger Leben im Verborgenen zu führen. Nachdem dieſer Entſchluß einmal geſagt worden war, wurde feſtgeſetzt, daß die Abreiſe im Monat No⸗ vomber ſtattfinden ſolle. Drei Monate behielten ſich alſo die jungen Leute bevor, ehe ſie ſich trennten, und im Alter Cäciliens und Heinrichs ſind drei Monate gleich drei Jahrhunderten. Beide hatten bei dieſem Entſchluſſe viel gelitten, aber die vorgeſetzte Friſt hatte fie getröſtet, wie wenn dieſe Friſt niemals ablaufen inde⸗ wie wenn dieſe drei Monate ein Menſchenalter eien. 3 Indeſſen kam die Zeit der Abreiſe, welche im An⸗ fange, während des erſten Monats, langſam hergn⸗ rückte, entſetzlich ſchnell nach, ſeit man den zweiten Mo⸗ nat zurückgelegt hatte, und als man im dritten an⸗ langte, ſchien ſie Flügel zu haben. Je mehr die jungen Leute den Moment ihrer Trennung nahen ſahen, deſto mehr verfielen ſie in ihre frühere Traurigkeit; ihre ganze Zukunft, welche fie glänzend und geſichert geſehen hatten, wurde wieder wogend und düſter wie die Stürme, von welchen ſie abhing. Von Zeit zu Zeit ſchlich ſich wohl in Mitte ihrer Seufzer und ihrer Thränen irgend ein freudiges Hoffen für die Zurückkunft; aber dies geſchah faſt nur ſchüchtern und wie wenn ſie fürchteten, Gott möge ſie wegen ihrer zu großen Zuverſicht beſtrafen. Was die Marquiſe betraf, ſo verließ dieſe ihr ſorgloſer Sinn nie. Ihr Leben, getheilt zwiſchen ih⸗ rem Bette, ihrer Toilette und ihrer Lectüre, ging ebenſo ruhig hin, wie wenn es auf den ſicherſten Grund feſten beruhte. Die Liebe der beiden jungen Leute ging an ihr ſo keuſch und ſo rein vorüber, allein in Folge ihrer eignen Keuſchheit, nicht der groß⸗ mütterlichen Aufſicht. Glücklicher Weiſe liebte Heinrich Cäcilien ſo ſehr und glücklicherweiſe waren beide zu ſehr von der Unwandelbarkeit ihrer Geſinnungen, und von ihrem feſten Willen überzeugt, als daß ſie —— ⏑—— ☛— R NNd △̈8Au*EERE 193 eine andere Wache als die ihres Schutzengels noth⸗ wendig gehabt hätten. Die letzten Tage des dritten Monats nahten. Heinrich wollte ſich in Plymouth einſchiffen; er hatte in Paris das wenige Geld ausgegeben, über welches er verfügen konnte und nur in England hoffte er mit Hülfe ſeiner Familie und ſeiner Freunde die Summe zu bekommen, die er nothwendig hatte, um ſeine kleine Beilaſt anzukaufen. Für einſichtsvolle Geiſter und erhabene Seelen gibt es nichts Traurigeres auf der Welt, als das Ge⸗ lingen ihrer Unternehmungen von etwas mehr oder weniger Glück abhängen zu ſehen. Der zehnte Theil des Einkommens, deſſen ſich ſonſt die Familien der beiden KindeFerfrenten, würde heute hingereicht haben, ſie beide vollkommen glücklich zu machen. Jeden Augen⸗ blick, wenn ſie nur die Augen auf die Straße hefteten, ſahen Sie irgend einen Dummkopf oder einen Ränke⸗ ſüchtigen, auf den Kiſſen eines koſtbaren Wagens weich⸗ lich ausgeſtreckt, und ſie ſagten ſich, daß ſie, Leute von ausgezeichnetem Geiſte, von überlegenen Kenntniſſen und von bevorrechteter Abſtammung glücklich ſein wür⸗ den, eine Revenue zu beſitzen, welche dem gleich komme, was die Unterhaltung dieſes Wagens koſte, der Seine Nichtigkeit oder Ungezogenheit ſpazieren fuhr. Dieſe erbärmliche Summe, welche ſie nicht be⸗ ſaßen, die ihnen aus den Händen gefallen war, ohne daß ſie daran gedacht hatten, ſie zu bedauern, bedingte ihre ganze Zukunft. Um dieſe Summe zu erlangen, wollten ſich jetzt die armen, liebenden und zerriſſenen Herzen auf ſechs Monate trennen, vielleicht für ein Jahr, ſie, die ſeit vier Monaten nicht begriffen, daß ſie nur einen Tag ohne einander leben könnten. Da indeſſen, wie ſie bemerkten, ſeit dem Ereig⸗ niſſe, welches alle ihre Entwürfe vernichtet hatte, die Sachen ihren Gang wie vorher gingen, da ſie ſahen Das Brautkleid. 13 194 daß dieſen Glücksmännern, welche die Welt an dem Gängelbande ihres mächtigen Willens zu führen ſchie⸗ nen, Alles gelinge, als ſie dachten, daß mit Aus⸗ nahme einiger treuen und religiöſen Herzen, wie der ihrigen, alle Herzen die Erinnerung an das königliche Opfer verloren zu haben ſchienen, welchem ſie, wie einem Leichen⸗Brandopfer ihr Glück geopfert hatten, da fragten ſie ſich, ob es nicht beſſer geweſen wäre, wenn ſie die Augen geſchloſſen und das Haupt geſenkt hätten, wie die ganze übrige Welt that. Dann aber rief die Stimme ihres Gewiſſens viel lauter, als die Stimme ihrer Selbſtſucht, und ſchwach gemacht durch ihr Unglück, wurden ſie wieder durch die Gewißheit ſtark, eine Pflicht erfüllt zu haben Dennoch fragten ſie ſich von Zeit zu Zeit, ob der Weg, den ſie eingeſchlagen, der einzige ſei, der ihnen offen ſtand, und ob ihnen nicht vermöge der Erzie⸗ hung, welche ſie erhalten hatten, die Hülfsquellen der Kunſt offen geſtanden ſein würden; allein keine dieſer beiden Erziehungen war in dieſer Hinſicht auf einen ſolchen Grad geſteigert worden, daß man eine Hülfs⸗ quelle hieraus hätte machen können, und dann wollte Heinrich ſich wohl Allem unterziehen, aber ſeine Cäci⸗ lie ſollte für ihre Perſon geſchützt gegen alle wider⸗ wärtigen Ereigniſſe ſein. Es gibt Augenblicke im menſchlichen Leben, wo man ſich von dem Verhängniſſe, wie von einem eiſer⸗ nen Netze umfangen ſieht. Man ſucht vergebens nach einem Auswege, man muß ſich auf den verlaſſen, der ſich uns öffnet und der uns ebenſowohl zum Verder⸗ ben, als zum Heile führen kann. Die armen Kinder kamen daher immer wieder auf dieſe unglückliche Reiſe nach Guadeloupe zurück, ſie verſuchten ohne Unterlaß ſie hinauszuſchieben, ſie gli⸗ chen dem Siſyphus mit ſeinen Felſen; die Reiſe ſiel ohne Unterlaß auf ihr Haupt ſtets wieder zurück. Der Tag, welchen Heinrich zu ſeiner Abreiſe feſt⸗ 195 geſetzt hatte, nahte. Allein da ihn nichts dazu zwang als ſein Wille, an dieſem Tage abzureiſen, und ob⸗ gleich er ſchon am Morgen zu Cäcilien gekommen war und den ganzen Tag bei ihr zugebracht hatte, ſo ſtan⸗ den jetzt die beiden jungen Leute am Abende dieſes Tages, ohne daß ein einziges Wort über dieſe grau⸗ ſame Trennung über ihre Lippen gekommen wäre. Endlich, in dem Augenblicke des Scheidens, be⸗ trachteten ſie ſich beide, indem ſie traurig lächelten; beide erkannten ihre gegenſeitigen Gefühle durch das Gefühl, welches jedes in ſich ſelbſt empfand. „Wann werden Sie abreiſen, Heinrich?“ fragte Cäcilie. „Niemals,“ antwortete Heinrich.„Niemals, ich fühle es, wenn mich nicht eine ſtärkere Macht als die meines Willens dazu zwingt.“ „Sie werden alſo immer bleiben; denn wenn Sie vorausſetzen, daß ich dieſer ſtärkere Wille ſei, ſo werde ich nie den Muth haben, Sie aufzufordern, mich zu verlaſſen.“ 4 „Was ſoll ich denn thun?“ fragte Heinrich. Cäcilie ergriff ſeine Hand und führte ihn vor das kleine Crucifix, welches ſie aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter mitgenommen und mit hieher gebracht hatte. Heinrich begriff ihre Abſicht. „Och ſchwöre,“ ſagte er,„bei der, die da ſtarb, indem ſie die Augen auf dieſes Kreuz heftete; ich ſchwöre, in acht Tagen von heute an abzureiſen, und während meiner ganzen Reiſe keinen andern Gedan⸗ ken zu haben, als den, ſobald als möglich zurückzu⸗ kehren, um das Glück des Kindes derſelben zu be⸗ gründen.“ „Und ich,“ ſagte Cäcilie,„ich ſchwöre, Heinrich zu erwarten, ohne eine andere Hoffnung, als die ſei⸗ — Zurückkunft, und wenn er nicht zurückkommen ollte... Heinrich legte ſeine Hand auf Cäͤciliens Mund 196 und hielt den Schluß ihrer Rede zurück; dann beglei⸗ teten beide dieſen Schwur im Angeſichte des Crucifixes mit einem reinen und keuſchen Kuſſe, wie ihn Bruder und Schweſter wechſeln. Am folgenden Tage traten Heinrich und Cäcilie in das Zimmer der Marquiſe; die jungen Leute ver⸗ bargen ſich nichts mehr über den Stand ihres Ver⸗ mögens. Heinrich hatte zu wiſſen verlangt, was Cä⸗ cilien bleiben werde, damit die beiden Frauen, wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit die erforderlichen Anordnungen treffen könnten. Die Marquiſe, welche es verabſcheute, ſich mit Geſchäften zu befaſſen, ſuchte ſogleich die Frage Heinrichs und Cäciliens zu beſeitigen; allein da beide ſehr hartnäckig darauf beſtanden, ſo ergriff ſie ein Mittel, um ſich aus dieſer unangenehmen Lage zu ziehen, und dieſes Mittel beſtand darin, daß ſie Cä⸗ eilien den Schlüſſel zu dem Secretär zuſtellte und ihr den Auftrag ertheilte, ſelbſt zu zählen. In dem Seeretär lagen 8500 Francs, das war Alles, was von dem Vermögen der Marquiſe und der Baroneß geblieben war. Wenn man die Sachen etwas öconomiſch einrich⸗ tet, ſo konnte man ein und ein halb Jahr beiläufig davon leben, und Heinrichs Reiſe, ſollte ja nicht län⸗ ger als ſechs Monate währen. In dieſer Hinſicht konnten alſo die jungen Leute ruhig ſein. Indeſſen ertheilte Heinrich einen Rath, welchen ſowohl die Klugheit, als ſeine Liebe vorſchrieb, er rieth Cäcilien und der Marquiſe ſtatt in dem Gaſt⸗ hauſe zu bleiben, in welchem ſie abgeſtiegen waren, ein kleines eingerichtetes Quartier zu miethen, welches ſie viel weniger koſten würde. Indem er dieſe Maß⸗ regel, zu welcher es doch eines Tages kommen müßte, ausführte, ſo lange er in Paris war, lernte Heinrich doch wenigſtens das Zimmer kennen, welches Cäcilie bewohnen würde, und er konnte während ſeiner lan⸗ gen Abweſenheit mit den Augen der Erinnerung ihr 197 in dieſes Zimmer zu jeder Stunde des Tags und der Nacht folgen. Dies war wohl ein minder wichtiger Grund, der in den Augen der Marquiſe geltend ge⸗ macht werden konnte, welche von einer ſolchen Zärt⸗ lichkeit des Herzens nichts wußte; man ſtützte ſich hauptſächlich auf die durch die Oeconomie gebotene Nothwendigkeit, und ſie leiſtete endlich Folge. Vom Morgen des folgenden Tages an war Hein⸗ rich in Bewegung, und er fand endlich ein paſſendes Quartier in der Rue du Cog⸗Saint⸗Honoré, 5. Der Tag wurde zu dem Umzuge verwendet. Man brachte die Rechnungen des Gaſthofes in Ordnung, welchem man ein wenig mehr als 500 Franken ſchul⸗ dete, und ſo fand ſich alſo Cäciliens Kapital auf etwas weniger als 8000 Franken beſchränkt. So ſah alſo Heinrich Cäcilien in ihrem neuen Zimmer eingeführt; er ſtellte mit ihr jedes Möbel an den Platz, an welchem es bleiben ſollte, er befeſtigte das Crucifix in dem Alkov, er legte die Albums auf die Tiſche und war überzeugt, daß Alles ſo bleiben würde. Alle dieſe Unternehmungen ſchienen der Marquiſe ſehr überflüſſig; allein für die jungen Leute waren ſie von der größten Wichtigkeit. 4 Die Tage enteilten. Oft hatte Heinrich Cäcilien gefragt, was ihre Lieblingsbeſchäftigung während ſeiner Abweſenheit ſein werde, und Cäcilie hatte ihm lächelnd geantwortet: „Ich werde mein Hochzeitkleid ſticken.“ Am Abende vor ſeiner Abreiſe brachte Heinrich Cäcilien ein Stück prachtvollen Muſſelins. Das war das Hochzeitkleid. Sie begann die erſte Blume in ſeiner Gegenwart. Die letzte ſollte ſie bei ſeiner Zurückkunft ſticken. Die jungen Leute trennten ſich nicht vor Morgens drei Uhr. Es war die letzte Nacht, die ſie mit ein⸗ ander verleben ſollten, und ſie konnten es nicht über ſich gewinnen, ſich zu trennen. 3 198 Um acht Uhr waren ſie wieder vereinigt. Dieſer Tag hatte für Beide etwas Feierliches. Nachdem er den Eid geleiſtet, hatte Heinrich auch nicht einen Augenblick den Gedanken gehegt, länger zu blei⸗ ben. Er hatte daher ſeinen Platz auf der Malle⸗Poſt von Boulogne genommen, um fünf Uhr Abends mußte er abreiſen. Wir wollen keinen Verſuch machen, die Einzeln⸗ heiten dieſes letzten Tages zu beſchreiben. Obgleich die Geſchichte, welche wir erzählen, mehr die Gefühle als die Ereigniſſe bezeichnen ſoll, obgleich wir vor Allem uns vorgenommen haben, einfach und wahr zu ſein und obgleich wir dieſes Vorhaben erreicht zu ha⸗ ben glauben, ſo wollen wir es doch nicht wagen, in die Geheimniſſe dieſer zwei jungen reinen und von Schmerz zerriſſenen Herzen einzudringen. Thränen, Verſprechungen, lange und zärtliche Küſſe, das iſt die Geſchichte dieſes letzten Tages, des ſchmerzhafteſten im Leben Cäciliens nach dem, an welchem ſie ihre Mut⸗ ter verloren hatte. Und unter dem Allem enteilten die Stunden rei⸗ ßend ſchnell, unaufhaltbar, unbarmherzig; die armen Kinder richteten jeden Augenblick ihre Augen auf die Uhr und von der Uhr auf ſich. Sie würden Jahre ihres Lebens für einen Tag, ja, als der Augenblick der Abreiſe nahte, für eine Stunde gegeben haben. Endlich bezeichnete die Uhr vier drei Viertel, end⸗ lich noch zehn Minuten auf fünf Uhr. Sie gingen hin, um noch einmal vor dem Crucifixe niederzuknieen. Als ſie ſich erhoben, hatten ſie nicht mehr Zeit, als nur ſich das letztemal zu küſſen. SHeeinrich eilte aus dem Zimmer, allein jetzt ſtieg Cäcilte einen ſolchen Schmerzruf aus, daß er zurück⸗ kehrte. Ein letztes Wort, ein letzter Schwur, eine letzte Thräne, ein letzter Kuß wurde gewechſelt, bis ſich Heinrich aus ihren Armen rieß und enfeilte. 3 Ciäcile beugte ſich über das Treppengeländer hin⸗ . — 199 ab und folgte ihm mit den Augen; dann lief ſie an ihr Fenſter um ihn in ſein Cabriolet ſteigen zu ſehen;z; Heinrich erblickte ſie am Fenſter und grüßte zu ihr herauf, indem er ſeinen Hut ſchwenkte. Das Cabriolet fuhr auf der Seite nach der Straße Saint⸗Honoré ab. Eine Maſſe von Fuhrwerken hielt es eine Secunde auf; Heinrich ſtellte ſich auf den Sitz und gab mit ſeinem Sacktuche Cäcilien ein Zeichen. Er ſah, denn es war Nacht, am Fenſter einen Schatten, ein Sacktuch, welches ihm antwortete. Das Cabriolet konnte endlich ſeinen Weg fort⸗ ſetzen, aber Heinrich beugte ſich ſo lange aus demſel⸗ ben heraus, und grüßte ſo lange bis es um die Ecke der Straße hinum war. Dann warf er ſich auf den Sitz und ſchluchzte. 1 Er war von Cäcilien ſchon ſo weit getrennt, als wenn der ganze atlantiſche Ocean zwiſchen ihnen äge. XX. Der Briefwechſel. Als Cäcilie das Cabriolet, welches Heinrich fort⸗ führte, an der Straßenecke verſchwinden ſah, war fie faſt ohnmächtig auf einen Stuhl zurückgeſunken. Zehn Minuten ſpäter klopfte es an ihre Thüre, es war ein Commiſſionär, welcher ein Billet brachte. Cäcilie warf einen Blick auf die Adreſſe und erkannte Heinrichs Schriftzüge. Sie ſtieß einen Freudenſchrei aus, legte in die Hand des Auvergnaten alle Münze, welche ſie in ihrer Börſe hatte, und eilte in ih Zim⸗ mer, zitternd vor unerwartetem Glücke. —— ——— — ᷣ 2⁰0 Ja, Glück; denn wenn man mit dieſer erſten Liebe liebt, die in das Innerſte der Seele ihre Flam⸗ menwurzeln treibt, die keine andere Liebe heraus⸗ reißen kann, dann iſt Alles Glück, oder Verzweiflung. Das junge Mädchen öffnete alſo zitternd das Billet und las, halb lächelnd, halb weinend, folgende Zeilen: „Geliebte Cäcilie! „Ich komme in dem Hofe der Poſt in dem Augen⸗ blicke an, in welchem der Wagen abfahren will. In⸗ deſſen reiße ich ein Blatt aus meiner Brieftaſche und ſchreibe Ihnen, den einen Fuß auf den Tritt des Wa⸗ gens geſetzt, dieſe wenigen Worte.* „Ich liebe Sie, Cäcilie, wie noch nie das Herz eines Sterblichen geliebt bat. Sie ſind mir Alles, mein Weib hienieden, mein Engel im Himmel, mein Entzücken und mein Glück überall. Ich liebe Sie! Ja, ich liebe Sie! „Der Wagen fährt ab, noch ein Lebewohl!“ Dies war der erſte Brief, welchen Cäcilie von Heinrich empfing; ſie las ihn, ſie las ihn zehnmal wieder, in einem fort, und dann ſank ſie, wie um Gott zu danken, ſo geliebt zu werden, vor dem Cruzi⸗ fix auf ihre Kniee nieder und betete. Noch an demſelben Abende begann Cäcilie die Zeichnung zu ihrem Kleide. Es kam ihr vor, daß je mehr ſie ihre Arbeit beeile, deſto ſchneller die Rückkehr Heinrichs erfolgen würde. Es war eine Zuſammen⸗ ſetzung der ſchönſten Blumen, welche ſie in ihrem Album aufbewahrt hatte; es waren ihre Freundinnen, 3 dre Delabelinnenn welche ſie ihrem zukünftigen Glücke weihte. Von Zeit zu Zeit unterbrach ſich Cäcilie, um den Brief noch einmal zu leſen. Noch in derſelben Nacht wurde die Zeichnung vollendet. Dann legte ſich Cäcilie ſchlafen, Hein⸗ O— ä—u 201 richs Billet in der Hand, die Hand auf ihrem Herzen. Als ſie erwachte, bedurfte ſie einiger Zeit, um ihre Gedanken zu ſammeln; ſie glaubte, geträumt zu haben, daß Heinrich abgereist ſei; endlich tagte die Wirklichkeit in ihrem Geiſte auf, und ſie wurde, wie am Abend, zu ihrem Billete, ihrem einzigen Troſte, zurückgeführt. Der Tag ging traurig und langſam vorüber. Es war das erſtemal ſeit fünf Monaten, daß Cäcilie einen Tag verlebte, ohne Heinrich zu ſehen. Eine Karte Frankreichs in der Hand, folgte ſie ihm auf ſeinem Wege und ſuchte zu errathen, wo er in dem Augenblicke ſei, in welchem ſie an ihn dachte. Die Marquiſe war noch genau dieſelbe, das heißt, ſie war ſorglos und egoiſtiſch. Da ſich Heinrich viel⸗ mehr mit Cäcilien als mit ihr beſchäftigte, ſo ver⸗ mißte ſie ihn nicht; indeſſen ließ fie doch Heinrich Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren und liebte ihn ſo ſehr, als ſie einen fremden Menſchen zu lieben vermochte. Daher hatte die arme Cäcilie auch nicht einen Menſchen auf der Welt, der ihr einen Theil der Laſt ihres Herzens hätte tragen helfen; nicht einen Mund, der ihr auf die Worte ihres Schmerzes durch ein Wort des Troſtes geantwortet hätte; nicht ein Herz, in wel⸗ ches ſie das ihrige hätte ergießen können. Sie ver⸗ ſchloß daher, wie gewöhnlich, Alles in ſich, und wenn ſie zu ſehr litt, dann dachte ſie an ihre Muttter und vergoß Thränen, oder ſie dachte an Gott und betete. Am folgenden Tage um neun morgens klopfte der Briefträger an die Thüre; er brachte einen zweiten Brief Heinrichs. Cäcilie erkannte die Schrift und nahm den Brief mit einer ſolchen Begierde aus den Händen des braven Mannes, daß dieſer über die Eile des Mädchens lächelte. Der Inhalt dieſes Briefs war folgender: „Man hält einen Augenblick an, und ich ſchreibe Ihnen: 1 202 „Ich bin in Abeville, in demſelben Zimmer, in welchem wir zuſammen gefrühſtückt haben, als wir nach Paris gingen. Ich habe mich, theure Cäcilie, aan den Platz geſetzt, an welchem Sie ſaßen, vielleicht auf den nämlichen Stuhl, und während die andern Reiſenden, fortwährend eſſend, ſich über ein ſchlechtes Mittageſſen beklagen, ſchreibe ich an Sie. „Seitdem ich Sie verlaſſen, habe ich nicht einen Augenblick aufgehört, an Sie zu denken. Da ich auf derſelben Straße reiſe, auf welcher ich mit Ihnen ge⸗ reist bin, ſo iſt Alles voll Erinnerungen für mich. Ich erkenne jede Station wieder, an welcher der Wa⸗ gen anhielt, wo ich zu Ihnen hintrat, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Ach, ich habe Nie⸗ mand bei mir, der mich intereſſirt; ich habe zwei Reiſegefährten, die ich noch nicht einmal recht betrach⸗ tet, mit denen ich noch kein einziges Wort gewechſelt habe. „Auf dem ganzen Wege habe ich nur mit Ihnen geplaudert, Cäcilie; Sie haben eine Stimme in mei⸗ nem Herzen, zu dieſer ſpreche ich, und ſie antwortet mir; es ſcheint mir, daß ich ein Echo von Ihnen mit mir fortgenommen habe; habe ich Ihnen nicht etwas Aehnliches zurückgelaſſen, und lebe ich nicht ein wenig in Ihnen, wie Sie in mir ſind? „Morgen, um neun Uhr früh, werden Sie dieſen Brief haben, ſo verſichert man mich. Cäcilie, um neun Uhr morgens gedenken Sie mein. Schließen Sie die Augen, rufen Sie ſich die Küſte von Boulogne in's Gedächtniß; ich werde am Fuße der Brandung auf dem Strandſteine ſein. Ich werde dieſes große und mächtige Meer hören, deſſen Brauſen einen ſo tiefen Eindruck auf uns gemacht hat, als wir es zu⸗ ſammen hörten. Ich ſage Ihnen nicht, daß ich an Sie denken werde; ich wiederhole es Ihnen, Sie find in mir, Sie machen einen Theil meines Lebens aus; ich liebe Sie, ſowie ich lebe, man könnte ſagen, daß jeder Schlag meines Herzens eine Silbe Ihres Na⸗ 7. 4 203 mens ausſpricht. Adieu, Cäcilie! Nur die Abweſenheit kann einen Maßſtab für die Sehnſucht abgeben. Ich werde Ihnen von Boulogne ſchreiben, wo ich mich nur einige Stunden aufhalten werde; je mehr ich mich beeile, mich von Ihnen zu entfernen, deſtomehr be⸗ ſchleunige ich lneinf Rückkunft. r Heinrich.“ Dieſer Brief verurſachte Cäcilien eine unaus⸗ ſprechliche Freude. Anfangs glaubte ſie es nicht; er enthielt jene ewigen Wahrheiten des Herzens, welche das Herz hören und unaufhörlich wiederholen muß. Endlich bewies er Cäcilien, daß Heinrich ohne Unter⸗ laß an ſie denke, wie ſie unaufhörlich an ihn dachte. Das arme Kind zählte die Stunden des Tages, und die Minuten des folgenden; man hätte glauben können, daß ihr ganzes Leben an dieſem Briefe von Boulogne hänge. Sie begann ihr ſchönes Kleid zu ſticken; aber ſie gewahrte mit Schrecken, daß die Stickerei, wie ſie ſie gezeichnet hatte, wenigſtens ſieben bis acht Monate er⸗ fordere; und da die ſtrengſten Berechnungen, welche die jungen Leute unter ſich angeſtellt hatten, die Rück⸗ kehr auf ſieben Monate feſtgeſetzt hatten, ſo befand ſich Cäcilie im Rückſtande. Für die Marquiſe gab es, wie man glauben mußte, weder einen Zeitraum, noch einen Ocean, noch einen Sturm; ſie ſprach von der Zukunft mit je⸗ ner Ruhe der Greiſe, welche auf Jahre hinaus be⸗ ſacnen⸗ während ſie ſelbſt nur noch einige Tage aben. Am folgenden Tage wachte Cäcilie um fünf Uhr Morgens auf, ſie richtete ihre ſcharfen Augen auf die Pendule, ſie bebte bei dem mindeſten Geräuſche; um neun Uhr empfing ſie folgenden Brief. „Ich bin in Boulogne, theure Cäcilie! 204 „Ich ließ mir das kleine Zimmer geben, welches Sie inne gehabt haben; ich bin alſo noch bei Ihnen. „Ich ließ mir Madame d'Ambron rufen und ſprach mit ihr von Ihnen. 1„Wir ſind alſo noch durch unſichtbare, aber den⸗ noch wirkliche Bande verknüpft, und ſo oft ich die Plätze wieder ſehen werde, an welchen ich Sie ſah, ſo wird es mir ſcheinen, daß ſie nahe bei mir find, wie meine Gattin. Wenn ich England verlaſſen haben werde, um nach Amerika zu gehen, wie ich jetzt Frank⸗ reich verlaſſe, um nach England zu reiſen, dann wer⸗ den Sie wie ein Engel um mich ſein. „Hier ſind Sie meinen Augen noch ſichtbar; dort werden Sie nur meinem Herzen noch ſichtbar ſein; aber überall, wo ich ſein werde, werde ich den Him⸗ mel betrachten, feſt überzeugt, daß der Himmel, der Ihr vergangenes Vaterland war, auch Ihr zukünftiges Vaterland ſein werde. „Man kommt und ſetzt mich davon in Kenntniß, daß ein kleines Fahrzeug nach England abgehen werde, ich habe alſo gerade noch Zeit, um nach jenem Ufer zu eilen, welches eine dreifache Erinnerung an mein Herz ſein wird, an jenes Ufer, welches Sie ohne mich geſehen haben, welches wir gemeinſchaftlich ſahen, und welches ich ohne Sie wiedergeſehen habe. „Ich verlaſſe Sie alſo bloß mit der Hand, theure Cäcilie; bei meiner Zurückkehr werde ich dieſen Brief fortſetzen. „Dieſes große und herrliche Ding, das Meer, habe ich mit einem tiefen Gefühle im Herzen geſehen, wie dieſes allen früheren Gedanken entſpricht, wie es zugleich tröſtet und zuverſichtlich macht, wie das von der Erde zum Himmel erhebt; wie das die Schwäche des Menſchen und die Größe Gottes erkennen läßt. Ich glaube, ich würde ewig an dieſem Ufer ſitzen ge⸗ dlieben ſein, an welchem wir zuſammengingen und wo es mir ſchien, daß ich, wenn ich gehörig ſuchen würde, 8 SSͤRS — Gg8u B=— 205 Ihre Fußſtapfen wieder finden müßte. Mein Herz dehnte ſich bei dem Anblicke, den ich vor Augen hatte, aus. Ich liebe Sie mit mehr als mit menſchlicher Liebe, ich liebe Sie, wie die Blumen bei der Wieder⸗ kehr des Frühlings die Sonne lieben, wie während der ſchönen Sommernächte das Meer das Firmament liebt, wie zu jeder Zeit die Erde Gott liebt. „O, in dieſem Augenblicke, Cäcilie, und der Herr wird mir verzeihen, wenn ein gottloſer Hochmuth darin liegt, biete ich den Ereigniſſen, welche uns trennen, Trotz, wäre es auch der Tod. Wie ſich Alles in der Natur vermiſcht und vermengt, die Düfte mit den Düften, die Wolken mit den Wolken, das Le⸗ ben mit dem Leben; warum follte ſich nicht auch der Tod mit dem Tode vermiſchen, und da jede Sache, indem ſie ſich miſcht, ſich befruchtet, warum ſollte der Tod ſich nicht auch mit dem Tode miſchen, welches eine von den Bedingungen der Natur iſt, ein Hinderniß der 1 Ewigkeit, ein Widerſtrahlen des Unendlichen. Warum ſollte alſo der Tod allein ſteril ſein? Gott hätte es nicht gethan, wenn es für ihn nur einer Vernichtungsmaſchine bedurft hätte, und wenn er, indem er die Körper trennte, die Seelen nicht hätte vereinigen wollen. „So hat alſo, Cäcilie, ſelbſt der Tod nicht die Macht, uns zu trennen; denn die Schrift ſagt: daß der Herr den Tod beſiegt habe. „Alſo auf Wiederſehen, Cäcilie, und kein Lebe⸗ wohl; auf Wiederſehen, vielleicht in dieſer Welt, ge⸗ wiß in der zukünftigen. 14„Warum kommen mir heute dieſe Gedanken? Ich weiß es nicht. Iſt es eine Erinnerung? Iſt es ein Vorgefühl? 3„Auf Wiederſehen; man ruft mich; das Fahrzeug iſt bereit. Ich vertraue dieſen Brief der Madame d'Ambron, welche ihn ſelbſt auf die Poßt Hringen wird. r einrich.“ Acht Tage waren vergangen, als ein neuer Brief . kam. Wir haben dieſes Kapitel überſchrieben:„Der . 206 Briefwechſel,“ und unſere Leſer werden uns alſo er⸗ lauben, den Titel zu rechtfertigen, indem wir ihnen den vierten Brief vor Augen legen: „Sie wachen über mich, Cäcilie, Ihr Athem treibt mich, Ihr Stern leuchtet mir. „Hören Sie, und Sie werden ſehen, wie uns Alles gelingt; mein Gott, es iſt erſchrecklich, ich wollte lieber einige Schwierigkeiten haben; ich wünſchte, ei⸗ nen Feind zu bekämpfen, ein Hinderniß zu beſiegen haben. Mein Gott, Du wirſt von ſo vieler Güte müde werden, ehe ich noch an das Ziel meines Weges ge⸗ langt bin. 8 „Ich wußte, daß ich bei meiner Ankunft in Lon⸗ don weder die Herzogin de Lorges, noch ſonſt Jemand von meiner Familie treffen würde. In der That war Alles verreist, allein da ich nicht auf meine Verwand⸗ ten zählte, die ſelbſt zu arm ſind, um meß zi helfen, ſo verurſachte mir ihre Abweſenheit keinen andern Kummer, als den, ſie nicht zu ſehen. Ich hatte auf einen guten, vortrefflichen Mann gerechnet. Ich darf ſagen, auf einen alten Diener, ich darf ſagen, auf einen Freund unſerer Familie, auf Jemand, den Sie kennen und lieben, Cäcilie, auf den guten Herrn Duval. „Sie wiſſen, Cäcilie, daß ich gleich Ihnen kein Vermögen habe. Ich konnte daher nur auf ein Dar⸗ lehen rechnen, für welches meine Rechtlichkeit bürgte; es gab aber nur einen Menſchen, an den ich mich mit dieſer Bitte wenden konnte, um von ihm einen ſolchen Dienſt zu erbitten. Dieſer Mann war Herr Duval. „Ich habe übrigens nicht einen Augenblick gezö- gert, mich an ihn zu wenden, und ich war von Paris mit dieſer Abſicht abgereist. Ich zweifelte keinen Au⸗ genblick an ſeinem guten Willen, ich kannte ihn. „Aber, Cäcilie, Sie wiſſen, oder viel mehr Sie wiſſen es nicht, aber Sie errathen es, es gibt tauſend Wege, um Dienſte zu erzeigen, und zwar von dem Dienſte an, den man erzwingt, bis zu jenem, den man anbietet. 207 „Armer Herr Duval; kaum hatte ich ihm geſagt, denn ich verbarg ihm nichts, weder meine Liebe zu Ihnen, Cäcilie, noch unſere Stellung, noch unſere Hoff⸗ nungen, welche ganz auf ihm beruhten; kaum hatte ich es ihm geſagt, als ſich ſeine Frau an ihn wendete und rief: 3 „Nun, habe ich es Dir nicht zwanzigmal wieder⸗ holt, daß ſie ſich lieben 20 „Alſo, Cäcilie, hatten die guten Leute an uns ge⸗ dacht, ſich mit uns beſchäftigt, und wenn wir ihnen auch nicht unſere Gefühle anvertrauten, ſo war doch unſere Li ür ihn kein Geheimniß mehr. „Jetzt kam Herr Duval auf mich mit thränenden Augen zu; ja, Cäcilie, dieſer vortreffliche Mann war dem Weinen nahe; dann ſagte er mir: „ Lieben Sie ſie treu, Herr Heinrich, lieben Sie ſie innig; denn es iſt ein edles junges Mädchen, und wenn Leute, wie wir, es je gewagt hätten, die Augen bis zu ihr zu erheben, ſo wäre ſie allein die Frau ge⸗ weſen, die ich für meinen Eduard gewünſcht hätte.“ „Dann reichte er mir die Hand, was er noch nie gewagt hatte, ſeit ich ihn kenne, und die meinige kräf⸗ tig drückend, fuhr er fort:— „„Noch einmal, machen Sie ſie, glücklich, und nun laſſen Sie uns von unſern Geſchäften ſprechen,““ fügte er die Augen trocknend bei. „Die Sache war ſchnell abgemacht, ohne eine Börſe zu öffnen; der Handel iſt auf eine ſolche Weiſe ein großes Ding; ich hatte gehört, daß, um einige erbärmliche Tauſende von Frank einzubringen, Stem⸗ pelpapier, Schreibereien, Notare, Generaleinnehmer und eine Menge anderer Gegenſtände nothwendig ſeien. ſc eder Duval nahm einen Streifen Papier und reb: „„Ich habe die Ehre, den Herren Smith und Thurnſen die Nachricht zu ertheilen, daß ich dem Herrn Vicomte Heinrich de Sennones auf die Summe von 50,000 Fr. accreditire.““ „Dann unterzeichnete er, ſtellte mir das Papier zu, und Alles war abgemacht, noch am nämlichen Tage ſtellte ich mich dieſen Herren vor, ich ſetzte ihnen meinen Wunſch, nach Guadeloupe zu ſegeln, und eine Beilaſt zu haben, aus einander. Sie hatten gerade ein Schiff nach den Antillen in Ladung, und fragten mich, mit welchen Gegenſtänden ich ſpeculiren wolle. Ich erwiederte ihnen, daß ich ganz fremd im Handel ſei, und daß ich ſie bitte, über dieſen enſtand mit Herrn Duval zu ſprechen. Sie verſpra dieß mor⸗ genden Tages zu thun. „Ich kehrte zu Herrn Duval zurück; denn ich hatte einen Gegenſtand mit ihm zu beſprechen, den ich jetzt ausführlicher mit Ihnen, theuerſte Cäcilie, abhan⸗ deln will, und dieſer Gegenſtand war Ihr kleines Haus zu Hendon.— „Ich erkundigte mich daher bei Herrn Duval, wer der neue Eigenthümer deſſelben ſei.. .„In den Einzelnheiten, die Sie jetzt vernehmen ſollen, werden Sie das Herz dieſes vortrefflichen Man⸗ nes kennen lernen. „Der Eigenthümer war er. Verſtehen Sie, Cä⸗ cilie? Sie und Ihre Mutter anbetend, hat er das Haus gekauft, nebſt den Möbeln, die darin waren, damit es immer wie ein Denkmal des irdiſchen Wan⸗ dels ſeiner Heiligen und ſeines Engels bleibe. So ſpricht er nämlich von Ihrer Mutter, ſo nennt er Sie. „Er wollte mit mir gehen; aber Madame Duval verhinderte es. . 2 „1 „„Der Herr Vicomte wird vorziehen, allein nach Hendon zu gehen,““ ſagte ſie zu ihm;„„bleibe alſo hier, Deine Gegenwart wird alle ſeine Erinnerungen ſtören.““ „In dem Herzen einer Frau liegt ein zartes Ge⸗ fühl, welches der zartfühlendſte Mann in dem ſeinigen nie finden wird. 209 „Herr Duval ſtellte mir alſo die Schlüſſel zu dem Landhauſe zu. Niemand geht dahin, ſelbſt ſie nicht, und bloß Ihre alte engliſche Kammerfrau, welche in die Dienſte der Madame Duval getreten iſt, hat den Auftrag, Ihr Paradies zu überwachen. „Am andern Morgen in aller Frühe reiste ich ab, in zwei und einer halben Stunde war ich in Hendon. Ich erinnere mich, daß ich, als ich das erſtemal die Herzogin de Lorges dahin begleitete, mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit, ich könnte ſagen, mit einer gewiſſen Verachtung, dieſes reizende Landhaus betrat. Verzei⸗ hen Sie mir, Cäcilie, ich hatte Sie damals noch nicht geſehen, i unte Sie noch nicht. Von dem Augen⸗ blicke an, wo ich Sie ſah, wo ich Sie kennen lernte, wurde das kleine Haus für mich ein Tempel, deſſen Gottheit Sie waren, deſſen Allerheiligſtes Ihr Zim⸗ mer war. „„ ch ſage es Ihnen, Cäcilie, ich hatte noch nie eine ſolche Aufregung empfunden, als die war, die ich empfand, indem ich mich dieſem Hauſe nahte. Ich hatte Luſt, vor der Thüre niederzuknieen und ihre Schwelle zu küſſen. „Ich trat indeſſen ein, meine Hand zitterte, in⸗ „dem ich den Schlüſſel in das Schloß brachte, meine Beine wankten unter mir, als ich die Thüre aufge⸗ ſchloſſen hatte und mich im Corridor befand. Ich be⸗ ſuchte ſogleich den Garten, da gab es keine Blumen, keine Blätter, keinen Schatten mehr. Alles war in dem traurigen Zuſtande, in welchem Sie es vor zehn Monaten verlaſſen hatten. „Ich ſetzte mich auf die Bank des Laubganges. Ihre Freunde, die Vögel, hüpften ſingend auf den ent⸗ blätterten Aeſten. Dieſe Vögel hatten Sie geſehen, Cäcilie; Sie hatten die Geſänge gehört, die ſie ſangen. „Ich blieb, um ſie zu hören, die Augen auf Ihre geſchloſſenen Fenſter gerichtet, hinter welchen Sie, wie Das Brautkleid. 14 7 ich jeden Augenblick erwartete, erſcheinen mußten, denn es iſt Alles, wie ich Ihnen geſagt habe, geblieben, wie es zu Ihrer Zeit war. „Dann bin ich die kleine Wendeltreppe hinaufge⸗ ſtiegen und in das Zimmer Ihrer Mutter gegangen; ich hatte mich vor dem Platze niedergekniet, an wel⸗ chem das Crucifix war, und ich habe für uns gebetet. Dann habe ich die Thüre zu Ihrem Zimmer halb ge⸗ öffnet. Seien Sie überzeugt, theure Cäcilie, daß ich nicht ſelbſt hineinging, ich habe es zu ſehr geachtet. Endlich riß ich mich von dieſem kleinen Hauſe los, in welchem ich einen ſo guten Theil meines Lebens zu⸗ rückgelaſſen habe, um einen Beſuch zu machen, der noch viel heiliger war, als alle anderen. Sie erra⸗ then, Cäcilie, daß ich von dem Grabe Ihrer Mutter ſprechen will. „Wie in Ihrem Garten, wie in Ihrem Zimmer, wie überall, ſieht man, daß eines Freundes Hand hier gewaltet hat. Im Frühling mußte es mit Blumen bedeckt geweſen ſein, und an ihren welken Stengeln, an ihren vertrockneten Blättern erkannte ich dieſelben Blumen, welche in Ihrem Garten waren. Ich habe einige Blätter von einem Roſenſtocke und von einem Heliotrop aufgehoben, zwei Pflanzenarten, welche dem Winter am Beſten Widerſtand geleiſtet haben; ich ſchicke ſie Ihnen hier. Ich wage es kaum zu ſagen, daß ich auf jede einen Kuß drückte, überzeugt, daß Sie ſie an Ihre Lippen bringen werden. „Es mußte geſchieden ſein. Fünf oder ſechs Stun⸗ den waren über dieſer heiligen Pilgerſchaft verfloſſen, und ich hatte eine Zuſammenkunft mit den Herren Smith und Thurnſon in der Soirée des Herrn Duval verabredet. Um acht Uhr war ich zurück. Dieſe Her⸗ ren handelten mit der ſtrengſten kaufmänniſchen Ge⸗ wiſſenhaftigkeit. Sie kannten meinen Onkel vollſtän⸗ dig, ſie wußten, daß er ein ungeheuer reicher Mann und, einige Eigenthümlichkeiten abgerechnet, ſehr gut ſei. —+—-B8B8Sð 88=BÖ 8 8˙ 211 „Alles wurde in dieſer Soirée in Ordnung ge⸗ bracht; eine ſehr ſchöne Brigg, vollſtändig geladen, befindet ſich im Hafen, und der Ausrüſter derſelben iſt ein Freund von dieſen Herren, er gibt mir eine Theil⸗ nahme von 50,000 Francs an ſeiner Schiffsladung, und ſehen Sie, meine theure Cäcilie, welches Glück mich verfolgt, dieſes Schiff fährt morgen früh ab. „Ach, beinahe hätte ich vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß ſich mein Schiff die„ſchöne Anna“ nennt, ein faſt eben ſo ſchöner Name wie Cäcilie. „Ich verlaſſe Sie daher bis auf morgen; morgen im Augenblick der Abreiſe werde ich dieſen Brief auf die Poſt bringen laſſen. 11 Uhr Morgens. „Der ganze Morgen, theure Cäcilie, wurde durch meine Vorbereitungen zur Abreiſe in Anſpruch genom⸗ men. Glücklicherweiſe bezieht ſich bei dieſer ganzen Reiſe Alles auf Sie, und daher hindert mich nichts, auch nur einen Augenblick lang an Sie zu denken. „Das Wetter iſt unglaublich ſchön für einen Herbſt⸗ tag, Herr Duval und Eduard ſind da, Madame Du⸗ val hat mir ihre Glückwünſche durch ihren Mann und ihren Sohn geſchickt; beide werden mich an den Bord des Schiffs begleiten.. „Es ſcheint, daß geſtern in dieſer guten Familie eine große Neuigkeit bekannt wurde. Ich habe zu ent⸗ decken geglaubt, daß Eduard gewiſſermaßen an eine Frau verlobt war, für welche er nur geſchwiſterliche Liebe empfand, während er eine andere liebt. Aber Herr und Madame Duval, Sklaven ihres gegebenen Wortes, wollten in die Verbindung nicht willigen, ſo lange ſie nicht ihres früheren Verſprechens entbunden ſeien. Die Nachricht, daß ſie davon freigegeben ſeien, iſt, wie ich Ihnen ſchon ſagte, vorgeſtern an ſie ge⸗ langt, ſo daß, aller Wahrſcheinlichkeit nach, der arme Wen in kurzer Zeit die heirathen wird, welche er iebt. „Er iſt ſehr glücklich.“ .„Mittags, an Bord der ſchönen Anna. „Wie Sie ſehen, meine theure Cäcilie, war ich noch einmal gezwungen, Sie zu verlaſſen. Ich konnte in der That Eduard und ſeinen Vater nicht bei mir haben, ohne ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Beide haben, wie Sie wohl einſehen, ihr Geſchäftszimmer verlaſſen, um mich zu begleiten. Es iſt die Frage, ob ſie ſo viel für den König Georg thun würden. „Die kleine Brigg ſcheint mir wahrhaftig ihres Namens werth zu ſein, ſie iſt eine Art Packetboot, zu gleicher Zeit zur Ueberfahrt und für den Handel ge⸗ baut, in welchem, was ein ſeltener Fall iſt, die Men⸗ ſchen faſt eben ſo gut verſorgt ſind, als wie die Waa⸗ ren. Der Capitän iſt ein Irrländer, Namens John Cikins, er hat mir ein vortreffliches Zimmer Nro. 5 gegeben, und es iſt dieſelbe Nummer, welche das Haus trägt, das Sie nun bewohnen. Ach, daß ich Ihnen nicht mehr ſchreiben kann: das Schiff beginnt unter Segel zu gehen, und da man die Anker lichtet, entſteht eine ſo ſtarke Bewegung, daß ſie mich am Schreiben verhindert. „Auf Wiederſehen alſo, theure Cäcilie, oder viel⸗ mehr Adieu; denn für mich hat dieſes Wort Adieu nicht die Bedeutung, welche man ihm leiht; es iſt ein Bitten zu Gott, daß er über Sie wache. Adieu alſo, ich laſſe Sie unter den Blicken des Herrn. Wir reiſen unter den beſten Anzeichen ab; alle Welt pro⸗ phezeit uns eine glückliche Ueberfahrt. Cäcilie, Cäcilie, ich wollte wohl ſtark ſein, ich wollte Ihnen wohl von meiner Kraft geben, allein es iſt mir unmöglich, in Ihrer Gegenwart Stoicismus zu zeigen. Cäcilie, ich leide ſehr, weil ich Sie verlaſſen muß. In Boulogne verließ ich nur Frankreich; indem ich England ver⸗ laſſe, verlaſſe ich Europa. „Adieu, Cäcilie! Adieu, meine Liebe! Adieu, mein guter Engel, beten Sie für mich, ich baue auf nichts 213 mehr, als auf Ihre Gebete; bis zum letzten Augen⸗ blicke ſchreibe ich Ihnen, aber man zwingt Herrn Du⸗ val und ſeinen Sohn in die Schaluppe hinabzuſteigen, ich allein habe ſie bisher aufgehalten. Ein Wort noch und dann ſchließe ich meinen Brief: Ich liebe Sie; Adieu, Cäcilie! Cäcilie, Adieu! „Adieu „Ihr Heinrich.“ XXI. Der Onkel in Guadeloupe. Cäcilie erhielt dieſen Brief vier Tage nachdem er geſchrieben worden; ſeit zwei Tagen hatte Heinrich die küße Frankreichs und Englands aus den Augen ver⸗ oren. Man wird den zweifachen Eindruck begreifen, wel⸗ chen dieſer Brief in dem armen Kinde hervorbrachte. Dieſe Pilgerſchaft Heinrichs zu dem Landhauſe und nach dem Grabe riefen ihr alle Freuden und alle Lei⸗ den der Vergangenheit zurück; die Abreiſe Heinrichs, eine Abreiſe, die ſo ſehr als möglich verzögert wurde, über welche die Feder des jungen Mannes jetzt zum Letztenmal ſeinen Schmerz ausſprach, riefen ihr alle ihre Befürchtungen und alle ihre Hoffnungen von der Zukunft ins Gedächtniß. Heinrich ſchiffte zu dieſer Stunde zwiſchen Himmel und Meer dahin. Sie fiel auf die Kniee, indem ſie den Brief durchlas, und flehte lange für ihn zu Gott. Dann dachte ſie an die übrigen Stellen des Brie⸗ fes, an dieſe gute Familie Duval, von welcher Hein⸗ rich eine Unterſtützung verlangt hatte, ohne zu wiſſen, daß dieſes Mädchen, deſſen Liebe er ihnen geſtanden, die Frau Eduards werden ſollte, der eine andere Liebe im Herzen trug, und Sclave der Verpflichtungen ſeiner Eltern, dieſe mit einer Treue erfüllt hätte, mit welcher ein Kaufmann einen Wechſel bezahlt, hätte ihn dieſe Verpflichtung auch unglücklich gemacht. Cäcilie eilte nun an ihren Schreibpult und in dem erſten Augenblicke ihrer Aufregung ſchrieb ſie an Ma⸗ dame Duval einen langen Brief, in welchem ſie ihr die Gefühle ihres Herzens darſtellte und ſie ihre Mut⸗ ter nannte. Die herrliche Organiſation Cäciliens war ſo ganz geeignet, Alles das zu fühlen, was edel und groß iſt. Dann kehrte ſie zu dem Hochzeitskleide zurück, wel⸗ ches ihre große Arbeit, ihre große Zerſtreuung, ihr ein⸗ ziges Glück war. Die Marquiſe fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, ſie brachte ihre Morgen im Bett liegend und leſend zu, oder ließ ſich einen Roman vorleſen. Cäcilie ſah ſie buchſtäblich nie anders, als zur Zeit des Speiſens. Es lag ein förmlicher Abgrund zwiſchen dieſen Beiden; die eine war ganz geiſtig, die andere ganz ſinnlich; die eine beurtheilte alles durch das Herz, die andere prüfte Alles aus dem Geſichtspunkte des Verſtandes. 3 Vor Mademoiſelle Aſpaſia fühlte Cäcilie einen geheimen Abſcheu, ſo daß ſie nicht einmal einen Dienſt von ihr verlangte, welchen dieſe vielleicht abgeſchlagen hätte. Sie hatte daher eine Uebereinkunft mit einer guten Frau, welche in den Manſarden des nämlichen Hauſes wohnte und Madame Dubois hieß, getroffen. Dieſe Frau kam alle Tage herab, und machte den kleinen Haushalt des armen Kindes zurecht. 3 Wie wir bemerkt haben, hatte die Marquiſe einige Beziehungen mit ihren alten Freundinnen bewahrt. Dieſe Freundinnen kamen von Zeit zu Zeit in ihr de⸗ müthiges Gemach, um ſie zu beſuchen, und luden ſie 215 ein, ſie zu beſuchen und von ibren Equipagen Gebrauch zu machen. Allein die Marquiſe war auf ihre Ar⸗ muth ſtolz. Uebrigens hatte die wenige Bewegung, welche ſie ſeit dreißig Jahren gehabt, ihre Fettleibigkeit herdeigeführt. Sie war außerordentlich dick und jede Bewegung erzeugte eine Müdigkeit. Sie brachte ihr Leben in ihrem Zimmer und Cä⸗ cilie in dem ihrigen zu. Der Tag verfloß für das arme Kind, indem ſie in ihren Gedanken auf der Karte der abenteuerlichen Schifffahrt folgte, welche nach einer andern Welt ging. Sie hatte vollſtändig begriffen, daß wenigſtens drei Monate verſtreichen würden, ohne daß ſie einen Brief von Heinrich erhielt. Sie erwartete daher keinen. Dies hinderte ſie aber dennoch nicht, bei jedem Pochen an die Thüre zu zittern. Einen Augenblick lang bebte die Nadel zwiſchen ihren Fingern; dann erſchien die Perſon, welche geklopft, und da dieſe mit Heinrich nichts zu ſchaffen hatte, nahm Cäcilie ihre Arbeit wieder auf und ſeufzte. Dieſe Arbeit war ein Wunder von Ge⸗ duld, von Kunſt und Geſchmack; es war nicht blos eine einfache Stickerei, es war eine Zeichnung in erhabener Arbeit. Alle dieſe Blumen, obgleich leblos, wie die, aus welchen man die Kronen für die Jungfrauen macht, die man zum Altare führt, oder für jene, welche man zum Grabe trägt, waren lebend und belebt. Eine jede von ihnen rief Cäcilie eine Erinnerung aus ihrer Kindheit zurück, und während ſie ſtickte, plauderte ſie mit ihnen von der Zeit, die ſie, dieſes ephemere Mäd⸗ lhn der Sonne, ephemer zu London mit ihnen verlebt atte. Eines Morgens, als Cäcilie wie gewöhnlich ar⸗ beitete, läutete es an der Thüre, aber dießmal zitterte ſie noch viel mehr als gewöhnlich; es kam ihr vor, als ſei dieſe Art zu läuten, die des Briefträgers. Sie lief ſogleich hinaus um zu öffnen; er war es wirklich und überreichte ihr einen Brief. Sie ſtieß —jä= —— V ——— — 216 einen Freudenſchrei aus; die Adreſſe dieſes Briefs war von der Hand Heinrichs. Sie warf die Augen auf den Stempel; der Brief war in Havre geſtempelt. Sie wurde faſt ohnmächtig. War er angekommen? Wie konnte ſie, nach einer Abweſenheit von kaum ſechs Wo⸗ chen, von Heinrich einen Brief von Havre aus datirt, erhalten? War er nach Frankreich zurückgekehrt? Sie hielt den Brief in ihrer Hand, zitterte und getraute ſich nicht, ihn zu öffnen. Jetzt erſt gewahrte ſie, daß der Briefträger noch da ſtand, ſie bezahlte ihn und eilte auf ihr Zimmer. hatt ir gerne ſie das lächelnde Geſicht dieſes Mannes atte 3 Sie öffnete den Brief, er trug das Datum:„Auf dem Meere.“ Heinrich hatte eine Gelegenheit gefunden, ihr zu ſchreiben; ſie las, was folgt! 4„Geliebte Caäcilie! —„Sehen Sie, wie wahr es iſt, daß mir Ihre Ge⸗ bete nur Glück bringen; da findet ſich gegen alles Er⸗ warten eine Gelegenheit, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe. „Dieſen Morgen hat der Matroſe auf dem Maſt⸗ korbe ein Segel ſignalifirt. Da man immer wegen des Krieges auf der Hut iſt, eilten der Capitän und die Paſſagiere ſogleich auf das Verdeck. Nach Verlauf einiger Minuten erkannte man, daß das Fabrſeng ein Kauffahrer ſei, und über dies wandte ſich das Schiff gegen uns, indem es Nothſignale gab. „Erwarten Sie nicht ein großes, trauriges, oder tragiſches Abenteuer. Nein, theure Cäcilie, Gott hat nichts anderes gewollt, als Ihrem Herzen Nachricht über den zu geben, der dieſen Brief an Sie ſchreibt. Das Schiff, ein franzöſiſches aus Havre, war einige FTage nach ſeiner Abfahrt von New⸗York durch eine dreitägige Windſtille aufgehalten worden, und fürchtete, Mangel an Waſſer zu leiden, ehe es nach Frankreich 217 komme. Der Capitän ließ ihm ein Dutzend Tonnen Waſſer zukommen, und ich ergriff die Feder, um Ihnen, theure Cäcilie, noch einmal zu ſagen, wie ſehr ich Sie liebe, daß ich jede Stunde des Tages und der Nacht an Sie denke, und daß Sie ohne Aufhören mir nahe, um mich, in mir find. „Wiſſen Sie, woran ich denke, Cäcilie, indem ich dieſe beiden Schiffe neben einander, in einer Entfernung von hundert Schritten liegen ſehe, von welchen das eine nach Pointe⸗à⸗Pitre und das andere nach Havre ſegelt? Es iſt, daß ich von einer dieſer Schaluppen auf die andere überginge, in vierzehn Tagen in Hävre und am folgenden Abende zu Ihren Füßen ſein würde. „Ich dürfte nur wollen, und ich würde Sie wie⸗ derſehen, ja, ich würde Sie wiederſehen, Cäcilie. Begrei⸗ fen Sie das? Allein es würde von den Menſchen eine Thorheit genannt werden, es würde uns in das Ver⸗ derben ſtürzen. „O, mein Gott, warum haben wir denn nicht irgend ein Project gefunden, welches mich nicht von Ihnen getrennt hätte. Es kommt mir vor, daß, wenn ich durch ein Wort, durch einen Blick von Ihnen er⸗ muthigt worden wäre, mir alles gelungen ſein würde, was ich unternahm. Sie ſehen, Cäcilie, daß mir un⸗ ter Ihrem Schutze, ſelbſt ferne von Ihnen, Alles gelingt. „O, ich wiederhole es Ihnen, dieſes außerordent⸗ liche Glück erſchreckt mich. Ich fürchte, daß wir beide ſchon die Erde verlaſſen haben, und auf dem Wege zum Himmel ſind. 1 „Verzeihen Sie meine düſtern Prophezeihungen, allein der Menſch iſt hier ſo wenig für das Glück ge⸗ ſchaffen, daß im Grunde jeder Wahl, die er trifft, ein Zweifel liegt, welcher dieſe Freude hindert, eine voll⸗ kommene Glückſeligkeit zu ſein.. „Wiſſen Sie, Cäcilie, wie ich meine Tage zu⸗ bringe? Damit, Ihnen zu ſchreiben. Ich werde Ihnen * ——— 218 ein langes Tagebuch mit zurückbringen, in welchem Sie, Stunde für Stunde, alle meine Gedanken finden wer⸗ den. Sie ſollen dann ſehen, daß mein Geiſt nicht einen Augenblick von Ihnen entfernt war. „Wenn die Nacht eintritt, ſteige ich, weil es ver⸗ boten iſt, auf dem Schiffe Licht zu haben, auf das Verdeck; ich betrachte dieſes prachtvolle Schauſpiel des Sonnenunterganges im Meere; ich betrachte alle die Sterne, die am Himmel aufgehen, einen nach dem andern, und ſeltſamer Weiſe führt mich der Dank ge⸗ en Gott, ſeine Anbetung, zur Traurigkeit, denn ich hrahe mich, ob Gott, welcher alle dieſe Welten in Be⸗ wegung ſetzt, denen allen er mit ſeinen ewigen Augen zu gleicher Zeit folgt, auch auf jeden Menſchen achten kann, welcher ſeine Hände zu ihm erhebt. „Und in der That, was liegt der Allmacht und der Majeſtät Gottes an dieſen Einzelnheiten unſeres erbärmlichen Lebens, und wie können ihm die glückli⸗ chen oder unglücklichen Ereigniſſe unſeres Daſeins in dieſem ungeheuern All anliegen? Was kann ihm bei dieſer reichen Erndte daran liegen, wenn einige Aeh⸗ ren von einem dieſer millionenfachen Felder, von wel⸗ chen ſich jedes eine Welt nennt, durch den Hagel zer⸗ knickt, oder durch den Sturm entwurzelt wird? „Mein Gott! Mein Gott! Wenn Du mich nicht hören würdeſt, wenn ich zu Dir ſpreche, wenn Du mich nicht hören würdeſt, wenn ich zu Dir flehe, daß Su mich zu Cäcilien zurückführen möchteſt, die meiner arrt! „Wohlan, theure Cäcilie, in welche Gedanken werde ich mich noch verlieren, während jeder meiner Briefe Ihnen Kraft bringen ſollte, wie kommt es, daß ſie Ihnen nichts als Entmuthigung bringen. Entſchul⸗ digen Sie mich, verzeihen Sie mir! Ich habe einen Freund am Bord bekommen, es iſt der Lootſe. Der arme Junge hat auch eine Frau, die er liebt, in Gra⸗ veſend zurücklaſſen müſſen. An der Weiſe, mit welcher „ —9HõNM᷑M8»n-nͤ———* ——,—— 8R=SN — du 2ʃ9 er ſeufzend den Himmel betrachtete, habe ich einen Leidensgefährten erkannt. Nach und nach habe ich mich an ihn angeſchloſſen, er hat mir von ſeiner geliebten Jenny, und ich habe ihm, verzeihen Sie mir, Cäcilie, von Ihnen erzählt. „So habe ich doch Jemand, dem ich Jhren Na⸗ men nennen, dem ich ſagen kann, daß ich Sie liebe; ich habe noch ein Herz gefunden, welches das meinige verſteht. „Das Herz eines Matroſen? wird man mir viel⸗ leicht ſagen. Unglücklich aber ſind die, welche ſo et⸗ was ſprechen. Dieſer junge Menſch, mit welchem ich alle Nächte von Ihnen ſpreche, heißt Samuel. Sie ſollen ſeinen Namen wiſſen. „Sprechen Sie in Ihren Gebeten ein Wort über ihn, damit er ſeine Jenny wieder fieht. Ich habe ihm verſprochen, daß Sie es thun würden. „Adieu, Cäcilie, Adieu, meine Liebe, die Scha⸗ luppe des franzöſiſchen Fahrzeugs kehrt an ihren Bord zurück, und ich ſtellte dieſen Brief dem Hochboots⸗ manne zu, welcher mir auf ſein Ehrenwort verſprochen hat, ihn bei ſeiner Ankunft in Hapre ſelbſt auf die Poſt zu bringen. Noch einmal Adieu, meine heißge⸗ liebte Cäcilie; in zwanzig oder fünfundzwanzig Tagen werde ich, wenn das Wetter fortfährt, uns günſtig zu ſein, in Guadeloupe mich befinden. „Tauſendmal Adieu! Ich liebe Sie. hr Heinrich. N. S. „Ein Wort in Ihren Gebeten für Samuel und Jenny.“ Es würde ein Werk der Unmöglichkeit ſein, wenn wir unſern Leſern den tiefen Eindruck ſchildern woll⸗ ten, welchen dieſer Brief auf Cäcilie hervor brachte. Je unerwarieter der Brief kam, deſto ſtärker war der Eindruck. Cäcilie fiel auf ihre Kniee nieder. Thränen 22²0 des Dankes füllten ihre Augen. Es war nicht eigent⸗ lich ein Gebet, was fie ſprach, es waren Namen, welche ſie liſpelte, und unter dieſen Namen waren, wie Heinrich ſie gebeten hatte, die von Samuel und Jenny.. Dann ſetzte ſie ſich wieder muthiger und ver⸗ trauensvoller als je zu ihrem Hochzeitkleide nieder. Die Tage ſchwanden, ſie folgten ſich mit ihrer monotonen Regelmäßigkeit, ohne etwas Neues zu bringen. Dieſer unerwartete Brief, dieſer höchſt glück⸗ liche Brief hatte Cäcilien die Hoffnung gegeben, daß irgend ein Ereigniß, dem erſten gleich, ihr Nachrichten von ihrem Geliebten bringen würde. Aber wie Hein⸗ rich geſagt hatte, war dieſes Ereigniß ein glücklicher Zufall, und es war keine Hoffnung vorhanden, daß ſich ein ſolcher wiederholen würde. Während dieſer Zeit hatten große Ereigniſſe ſtatt⸗ gehabt; die Republik war ein Kaiſerreich, Bonaparte war Napoleon geworden; das erſchrockene Europa hatte dieſem ſeltſamen Schauſpiele zugeſehen, ohne ſeine Stimme dagegen zu erheben. Alles ſchien der neuen Dynaſtie eine lange Dauer zu ſichern; die, welche die neuen Auserwählten umgaben, waren reich, glänzend, glücklich. Als Cäcilie einigemal unter ihren Fenſtern dieſe glänzenden Cavaliere und dieſen eleganten Adel, der zur Hälfte aufgefriſcht und zur Hälfte neugeſchaf⸗ fen war, vorüber kommen ſah, ſagte ſie ſich wohl mit einem Seufzer: So würde Heinrich, ſo würde ich ſein, wenn wir die Ereigniſſe ihren Lauf hätten gehen laſſen. Aber plötzlich dachte ſie an das Blut, welches in den Gräben von Vincennes gefloſſen war, und ſie antwortete ſich mit einem Seufzer:„Das Gewiſſen trügt nicht, wir haben recht gehandelt.“ Noch ein Monat verfloß und Cäcilie begann mit größerer Ungeduld zu harren. Noch eine Woche ging dahin, und dann verfloſſen noch vier Tage, einer lang⸗ ſamer, als der andere. Endlich ließ ſich am Morgen — A „A828 221 des fünften dieſes ſo lang erwartete Läuten hören, welches Cäcilie ſo gut kannte. Cäcilie eilte an die Thüre. Es war ein Brief von Heinrich. Wir wollen dieſen neuen Brief unſern Leſern vor Augen legen. „Geliebte Cäcilie! „Zuerſt und vor allem Andern, unſer Glück iſt daſſelbe. Ich bin in Guadeloupe nach einer ziemlich langen Ueberfahrt angekommen; nicht Stürme, ſondern Windſtille haben ſie verzögert. Ich habe meinen On⸗ kel, welches der beſte und trefflichſte Menſch der Welt iſt, gefunden; er fühlt ſich ſehr glücklich, mich in ſei⸗ nem Regimente, wie er ſich ausdrückt, engagirt zu ſehen, und er hat mir auf der Stelle erklärt, daß ich mich als ſeinen Erben betrachten könne. 4„Im Vorübergehen will ich Ihnen ſagen, theure Cäcilie, daß mein Onkel ungeheuer reich iſt. „Wie nun auch jede Sache ihre ſchlimme Seite hat, ſo hat der gute Mann, obgleich er mich von einer ſo heißen Liebe ergriffen ſah, mir erklärt, daß er mich unter keinem Vorwande vor zwei Monaten abreiſen laſſen würde. Ich habe Anfangs große Luſt gehabt, ihm zu erklären, daß ich um dieſen Preis auf die Erbſchaft verzichte; allein, meine Liebe, ich überlegte, daß dieſe zwei Monate beinahe erforderlich ſeien, um meine kleine Beilaſt zu verkaufen, und dann hat mich der Capitän der ſchönen Anna verfichert, daß er ſo viel Zeit bedürfe, um eine neue Ladung einzunehmen, und ſo mußte ich mich fügen. So bin ich alſo an Pointre à Pitre gefeſſelt, für wenigſtens zwei Monate lang. Glücklicher Weiſe geht morgen in der Frühe ein Fahrzeug ab, und bringt Ihnen dieſe Nachrichten von Ihrem armen Verbannten, der Sie, Cäcilie, mehr Uiebt, als irgend das Wort eines Sterblichen zu ſa⸗ gen, mehr, als es ein Gedanke der Welt auszuſprechen vermag. „Ich habe meinem Onkel Alles geſagt, Alles er⸗ 222 zählt; Anfangs hatte er Geſichter geſchnitten, als ich ihm ſagte, daß Sie nicht aus einer Kaufmannsfamilie ſeien; als er aber vernahm, wie vollendet Sie ſeien, als ich ihm ſagte, daß Sie ihn aus Liebe zu mir lie⸗ ben würden, hatte er ſich darüber getröſtet, daß Sie von gutem und altem Adel ſind. Ich muß Ihnen ſa⸗ gen, Cäcilie, daß dieſer theure Onkel mit ſeiner Ma⸗ nie, ein Comptoirmann zu ſein, die leibhaftige Ariſto⸗ kratie iſt, und daß er, obwohl der Partikel ſelten über ſeine Lippen kommt, und er den Titel bei jedem Men⸗ ſchen haßt, der einen hat, er dennoch das Wörtchen hort. oft bei Leuten vorſetzt, welchen es nicht ge⸗ ührt. Welche prachtvolle und großartige Natur, theure Cäcilte, und wie glücklich werde ich ſein, ſie mit Ih⸗ nen zu bewundern. Wie wird ſich unſer Gedanke in der Unermeßlichkeit dieſes endloſen Meeres verlieren! Wie wird unſer Auge in dieſem ſo reinen und ſo kla⸗ ren Himmel ſchwelgen, durch welchen das Auge bis zu Gott hinauf dringen zu können glaubt.. „Unglücklicher Weiſe iſt Ihnen dieſe ganze Natur fremd, Cäcilie, Sie kennen dieſe Pflanzen, dieſe Blu⸗ men nicht, Sie kennen dieſe Früchte nicht, und dieſe kennen Sie nicht. Am andern Tage hat mich eine ungeheure Freude erfüllt, indem ich eine aufbrechende Roſe erblickte; ſie erinnerte mich an England, Hen⸗ don, Ihr Landhaus, Ihren Garten, und an unſer Grab. „Welch ſchreckliche und welch köſtliche Gabe des Himmels iſt doch das Gedächtniß! In einer Sekunde habe ich achtzehnhundert Stunden durchflogen; ich fand mich neben Ihnen ſitzend, in der Laube Ihres Gartens, den ich mit ſeinen geringſten Einzelnheiten erkannte, von Ihren prachtvollen Gefährtinnen umgeben, den Roſen, den Lilien, den Tulpen, den Anemonen und den Veilchen, herab bis zu dem grünen Raſen, auf welchem freudig die Körner ſuchend, welchen Sie jeden 138=ͤ S —— ö— d NN 2A 223 Tag hinwarfen, die munteren Finken, die glänzenden Diſtelfinken und die dreiſten Sperlinge freudig herum⸗ hüpften. 6 4 „Ich weiß nicht, woher es kommt, theure Cäcilie, aber heute iſt mir das Herz voll von Freude und Hoffnung, es iſt hier Alles ſo ſchön, ſo großartig, die Vegetation der Bäume, das Leben der Menſchen, daß mein ewiger Zweifel von mir zu weichen, und mein ſo lange gepreßtes Herz ſich zu erweitern und freier zu ſchlagen beginnt. „Ich habe ſchon viele Zeilen geſchrieben, ohne Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe; aber, Cäcilie, ich fürchte, es Ihnen zu oft zu wiederholen; wenn ich es Ihnen mündlich ſagen könnte, dann ſcheint es mir, daß der Ausdruck meiner Augen, der Ton meiner Stimme, ſo gut für mich ſprechen würden, daß Sie mir meine ewigen Wiederholungen verzeihen müßten. „Da kommt mein Onkel und will mich durchaus fortführen, um mir ſeine Pflanzungen zu zeigen. widerſtehe; allein er ſagt mir, daß ſie einſt die Ihri⸗ gen werden würden, und dieſer Grund beſtimmt mich, Sie auf eine oder zwei Stunden zu verlaſſen. Auf Wiederſehen, Cäcilie! „Wiſſen Sie, Cäcilie, was wir thun werden, wenn Sie einſt hieher kommen, um auf Guadeloupe zu wohnen? Wir werden eine Zeichnung von dem klei⸗ nen Landhauſe, und einen Plan von dem kleinen Gar⸗ ten fertigen. Wir werden Saamen von allen Ihren Blumen mitnehmen, und mitten in der Pflanzung mei⸗ nes Onkels werden wir das kleine Paradies von Hen⸗ don beſitzen. „Ich bringe meine Tage damit zu, Entwürfe zu machen, Luftſchlöſſer zu bauen, und Gott zu bitten, auf meine Traume nicht zu zürnen und ihnen zu gön⸗ nen, daß ſie einſt verwirklicht werden. „Glücklicher Weiſe bin ich faſt immer allein, d. h. mit Ihnen, Cäcilie; Sie gehen an meiner Seite ein⸗ her, ich plaudere mit Ihnen, ich lache auf Sie; oft iſt die Täuſchung ſo groß, daß ich meine Hand aus⸗ ſtrecke, um die Ihrige zu ergreifen; dann verſchwinden Sie mir, wie ein Dunſt, und zerfließen, wie ein Schatten. „Wenn das Schiff, welches Ihnen dieſen Brief bringt, einmal abgeſegelt ſein wird, ſo werde ich wahr⸗ ſcheinlich keine Gelegenheit mehr haben, Ihnen vor einem Monat oder ſechs Wochen zu ſchreiben; die Ge⸗ legenheiten ſind in dieſem Augenblicke hier ſelten, und in zwei Monaten werde ich zu Ihnen reiſen. Cäeilie, Sie begreifen, welch ein Augenblick es für mich ſein wird, wenn ich die Küſten Frankreichs, wenn ich Pa⸗ ris, wenn ich die rue du Coq wiederſehen, wenn ich die fünf Treppen hinauf ſteigen, wenn ich an Ihrer Thüre läuten, wenn ich zu Ihren Knieen niederſinken werde! Mein Gott, werde ich im Stande ſein, ſolch ein Glück zu ertragen, ohne wahnſinnig zu werden? „Adieu, Cäcilie, ſo werde ich Ihnen ewig ſchrei⸗ ben, und warum? Um Ihnen hundertmal dieſelben Dinge zu ſagen und wieder zu ſagen. Adieu, Cäcilie; ich ſage Ihnen nicht, daß Sie an mich denken ſollen; es iſt unmöglich, daß ich allein ſo liebe, wie ich liebe. Adieu, Cäcilie. Beten Sie, beten Sie für meine Zu⸗ rückkunft; denn nur Ihrem Gebete verdanke ich, ich weiß es, bis jetzt dieſen Zuſammenfluß von Umſtän⸗ den, der ſo beſtändig glücklich iſt, daß ich, ich wieder⸗ hole es zum hundertſtenmal, vor ſo viel Glück erſchrecke. „Adieu, Cäcilie; ich beauftrage eine ſchöne ver⸗ goldete Wolke, die ſo glänzend iſt, daß ſie das Aus⸗ ſehen eines Wagens der Engel hat, Ihnen alle meine Grüße zu bringen; ſie zieht langſam gegen Frankreich an dieſem glänzenden Himmel hin, von welchem man in unſerer Heimath keinen Begriff hat; und ſehen Sie, ſie entfaltet ſich, ſie nimmt die Geſtalt eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln an, um ſchneller zu eilen. ——— ——,.——— Dank Dir, meine ſchöne Wolke! Dank Dir! Grüße ſie im Vorübergehen, und ſage ihr, daß ich ſie liebe. „Adieu, ich werde Sie nicht verlaſſen, und Gott . weiß, was Allem ich mich ausſetzen würde. Ach hätte ich nur eine Zeile, ein Wort, eine Sylbe von Ihnen! „Noch einmal, zum letztenmal Adieu. Ich liebe Sie; Adieu, Adieu! Ihr 3 Heinrich.“ So lang dieſer Brief war, ſo kurz ſchien er doch Cäcilien, ſie las ihn wiederholt, den ganzen Tag hin⸗ durch und endlich wußte ſie ihn, wie die übrigen, aus⸗ wendig. So, und immerfort an ihrem ſchönen Hoch⸗ zeitkleide arbeitend, wiederholte ſich das arme Kind alle Worte ihres Geliebten, und von Zeit zu Zeit, wenn dieſe Worte nicht mehr genügten, griff ſie wie⸗ der nach den Briefen, um ihr Herz durch die Berüh⸗ rung des Papiers und durch den Anblick der Schrift⸗ züge zu ſtärken. Inzwiſchen ſchritt die Arbeit an dem Kleide vor⸗ wärts. Sie war, wie geſagt, eine prachtvolle Guir⸗ lande von Stickereien, welche rund herumlief und bis zu dem Gürtel hinauf gefertigt werden mußte, um ſich da in Aeſte zu theilen, von welchen die einen auf je⸗ nen Theil des Körpers ſich fortſetzen mußten, den man das Handgelenke nennt, während die anderen ſich eigen⸗ ſinnig und launiſch unter den Aermel wanden, wäh⸗ rend die am untern Ende des Kleides vereinigt blieben. Das Kleid war ſchon mehr als zur Hälfte fertig und aller Wahrſcheinlichkeit nach mußte Heinrich noch drei oder vier Monate ausbleiben. Das Kleid mußte alſo bis zu ſeiner Zurückkunft vollendet ſein. Von Zeit zu Zeit fragte die Marquiſe um Nach⸗ richt von dem Reiſenden, aber in einem Tone, wie man nach einem Fremden fragt. Die Marquiſe hatte nicht aus Wohlwollen für Heinrich, ſondern aus Ab⸗ Das Brautkleid. 15 226 neigung gegen Eduard an dieſe Verbindung gedacht. Sie wollte ihre Enkelin nicht als die Frau eines Kauf⸗ manns ſehen. Das war es.. Inzwiſchen folgten ſich Tage auf Tage, Cäcilie wußte, daß kein Schiff vor ſechs Wochen von Guade⸗ loupe abſegeln würde; Heinrich hatte es ihr ja geſchrie⸗ ben. Sie erwartete daher voll Geduld die bezeichnete Zeit. Als aber zwei Monate verfloſſen waren, da wierde ſie unruhig. Endlich erhielt ſie unter demſelben Zittern vor Glück, unter derſelben freudigen Aufregung eines Morgens folgenden neuen Brief: „Ich reiſe ab, theure Cäcilie, ich reiſe ab. Das Schiff, welches Ihnen dieſen Brief bringt, geht nur acht Tage vor mir ab, und vielleicht komme ich, da die ſchöne Anna für eine vortreffliche Seglerin gilt, zu gleicher Zeit mit meinem Briefe, vielleicht noch vor demſelben an. Ach, begreifen Sie es, Cäci⸗ lie? Ich reiſe ab, ich reiſe reich ab. Ich habe hundert Procente an meiner kleinen Beilaſt gewonnen. Ich werde auf der Stelle die fünfzigtauſend Franes dem Herrn Duval zurückſtellen. Es bleiben mir fünfzig⸗ tauſend andere, und mein Onkel hat mir eine Ladung gegeben, welche einen Werth von hunderttauſend Tha⸗ lern haben kann; nebſtdem hat er mir noch ein Hoch⸗ zeitsgeſchenk von hunderttauſend Franken gemacht. „Meine heißgeliebte Cäcilie, begreifen Sie, in welcher Trunkenheit ich mich befinde? Ich frage den Capitän unaufhörlich, ob es wahr ſei, daß ſeine Ab⸗ reiſe auf den achten März feſtgeſetzt; denn am achten März werden wir abreiſen. „Er bejahte es in der Vorausſetzung, daß der Wind nicht conträr werde, und dann iſt ſeine Abreiſe unwiderruflich auf dieſen Tag feſtgeſetzt. Da aber um dieſe Zeit gewöhnlich der Wind vollſtändig regelmäßig iſt, ſo wird uns, wie ich hoffe, nichts zurückhalten. .„Mein Gott! Mein Gott, iſt es denn wahr, daß ich Sie wiederſehen ſoll, meine heißgeliebte Cäcilie, —.— b AR* 28*+ R——-- SSSSXNKw. 227 meinen angebeteten Engel! Iſt es wahr, daß alle meine Furcht grundlos war; iſt es wahr, daß Deine Güte niemals müde wird, und daß das Glück, welches mich bisher begleitete, nur der Vorbote jenes Glückes iſt, welches mich bis nach Frankreich begleiten ſoll. „Mein Gott, Du biſt gut, Du biſt groß, Du biſt barmherzig; ich danke Dir! „Oder eigentlich, mein Gott, nicht wahr, ſie iſt es, welche betet, welche wacht, welche es für mich und für ſich verdient? „Uebrigens habe ich in meiner Freude und in meinem Glücke einen Gefährten, Samuel, den armen Samuel, Sie erinnern ſich deſſen, des Lootſen, von welchem ich Ihnen geſagt habe, des Unglücklichen, dem einige hundert Franc fehlten, um glücklich zu ſein, wie uns einige Tauſende fehlten. Sie werden einſehen, daß ich mit tauſend Thalern das Glück dieſes Men⸗ ſchen begründete. Ich habe ihm dieſe tauſend Thaler in Ihrem Namen gegeben, Cäcilie. Bei ſeiner Rück⸗ kehr wird er Jenny heirathen, und wenn das erſte Kind ein Knabe ſein wird, ſo wird es Heinrich, iſt es ein Mädchen, ſo wird es Cäcilie genannt werden. „Acht Tage! Welch eine lange Zeit, acht Tage! Acht Tage zu warten, ohne mich Ihnen nähern zu können! Wenn man auf einem Schiffe, oder in einem Wagen iſt, ſo fühlt man doch wenigſtens, man mag durch die Schwingen des Windes fortgetrieben, oder durch Pferde fortgezogen werden, daß man ſich bewegt, daß man vorwärts kommt, daß man ſich nähert; und dieſe Bewegung gibt einen Troſt. Unſere Mutter wiegt uns, während wir ſchon groß find. „Ich glaube in der That, daß ich lieber vierzehn Tage länger auf dem Meere zubringen würde, wenn ich mich dagegen gleich auf den Weg machen könnte. „Faſt zögere ich, Ihnen dieſen Brief zu ſchicken; Cäcilie, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe, was, wie ich fürchte, unmöglich iſt, und wenn unſer Fahr⸗ ————ʒ——————:—— — 228 zeug durch widrigen Wind, durch irgend einen Zufall um eine Woche, um vierzehn Tage, um einen Monat ſich verſpäten wird, zu welcher Pein würde Ihr Leben werden, welches ganz der Erwartung hingegeben iſt? O, Sie zu erwarten, Cäcilie, zu wiſſen, daß Sie mir entgegenkommen wollen, und dennoch nicht vorwärts kommen, die Ferne, welche zwiſchen uns liegt, nicht verkürzen zu konnen, indem ich mich Ihnen entgegen⸗ ſtürze, das würde für mich, ich fühle es, ein ſchreckli⸗ ches Unglück, unerträglich ſein; ich fühle, daß es noch viel ſchlimmer wäre als das, keine Nachrichten von Ihnen zu haben, und dennoch habe ich den Muth nicht, mich des Rufes zu enthalten:„Ich komme, Cäcilie, ich komme, erwarten Sie mich.“ „Ja, erwarten Sie mich, meine angebetete Cäcilie, ja, ich komme, ich eile herbei, erwarten Sie mich, da bin ich, ich bin Ihnen nah, ich liege zu Ihren Füßen. Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, Cäcilie; ich liebe Sie ſo ſehr! „Noch einmal Adieu, Cäcilie; in acht Tagen reiſe ich ab. Auf Wiederſehen, Cäcilie, auf Wiederſehen! Erwarten Sie mich von einem Augenblicke zum an⸗ dern; noch einmal Cäcilie, ich komme. . r Heinrich.“ XXII. Das Hochzeitskleid. Man kann ſich vorſtellen, welchen Eindruck ein ſolcher Brief auf das junge Mädchen machte. Sie fiel vor dem Cruciſixe nieder, und nachdem ſie ihr Gebet ——— ——-—+⁸ ——— 229 verrichtet, ihren Dank Ihm dargebracht hatte, eilte ſie zur Marquiſe, um ihr dieſe gute Nachricht zu hinter⸗ bringen. Die Marquiſe war in dem Leſen eines neuen Romans begriffen, deſſen gekünſtelte Liebſchaften ſie mehr, als die wirkliche Liebe ihrer Enkelin anſprachen; ſie machte aber nichtsdeſtoweniger Cäcilien ihre auf⸗ richtigen Glückwünſche und küßte ſie auf die Stirne. „Nun, mein Kind,“ ſagte ſie,„Du ſiehſt wohl, daß Deine arme Mutter gewöhnlichen Verſtand nicht hatte, als ſie auf dieſes Heirathsproject mit den Du⸗ vals einging, und daß ich allein recht hatte. Du ver⸗ dankſt alſo mir allein Dein Glück, mein Kind; vergiß das nie.“ Cäcilie kehrte mit zerriſſenem Herzen nach ihrem Zimmer zurück. Dieſer Vorwurf, welcher ihrer armen Mutter in dem Augenblicke gemacht wurde, in welchem ſie ſo glücklich war, machte ſie bis auf den innerſten Grund ihres Herzens erbeben. Wie ſie vorhin ſich niedergekniet hatte, um Gott zu danken, ſo kniete ſie ſich jetzt noch einmal nieder, um ihre Mutter um Vergebung zu bitten. Dann las ſie den Brief wohl zehnmal wieder, und endlich ſetzte ſie ſich zur Arbeit an ihr Hochzeitkleid. Man hätte glauben ſollen, daß das arme Kind die Stickerei gerade auf die Zurückkunft berechnet habe, und daß die Stickerei zu enden und Heinrich wieder⸗ zuſehen das Werk des nämlichen Augenblicks ſein müſſe; denn kaum hatte ſie noch acht Tage zu arbeiten. Faſt neun Monate würden dann zwiſchen der er⸗ ſen und der letzten Blume dieſer glanzvollen Zeichnung iegen. Aber mit welcher Seele, mit welcher Freude, mit welchem Glücke arbeitete ſie jetzt. Wie dieſe Blumen unter ihren Fingern ſich belebten! Wie ſie, Rivalinnen der Töchter des Frühlings, Töchtern der Liebe glichen! Und wie ſie Anfangs Zeugen ihrer Traurigkeit waren, ſo waren ſie nun Zeugen ihres Glücks. O ja, Heinrich hatte recht gehabt, die Stunden ſchienen der armen Cäcilie lange, aber ſie verfloßen dennoch. Endlich kam der Abend, und die Nacht trat ein; aber Cäcilie konnte kaum ſchlafen. Jeder Wagen, der vorüberfuhr, regte ſie auf. Hatte Heinrich nicht geſchrieben, daß die ſchöne Anna eine gute Seglerin ſei und daß er vielleicht zu gleicher Zeit mit ſeinem Briefe ankommen könne; es iſt wahr, daß dieß viel verlangt hieß; Heinrich hatte es vorausgeſehen; eine Verzögerung könnte eintreten. Man mußte alſo we⸗ nigſtens noch acht Tage zugeben, das war viel ver⸗ nünftiger, als zu hoffen. Cäcilie wiederholte ſich, daß ſie eine Thörin ſei, wenn ſie hoffe; aber dennoch hoffte ſie. Bei jedem Geräuſche im Hauſe lief ſie an die Treppe, bei jedem Geräuſche in der Straße lief ſie an das Fenſter. So verging auch der folgende Tag, dann der nächſtfolgende, dann die folgenden Tage, und der achte, welchen Cäcilie als das Ende ihres War⸗ tens feſtgeſetzt hatte, war für ſie eine wahrhafte Pein. Seit dem geſtrigen Abende hatte Cäcilie ihr Hoch⸗ zeitskleid fertig gemacht; die letzte Blume war ſtrah⸗ lend und freudig unter ihren Fingern vollendet. Der achte Tag verging, wie die andern. Von zwei Uhr bis zum Eintritt der Nacht blieb Cäcilie an ihrem Fenſter, die Augen auf die Ecke der Straße Saint⸗Honoré gerichtet und ſich einbildend, daß jeden Augenblick ein Cabriolet erſcheine, welches ihr Heinrich zuführte, wie ſie ihn in dem Cabriolet geſehen hatte, welches ihn ihr entführte. Durch eines jener ſeltſamen Geheimniſſe, welche beweiſen, daß die Zeit nicht exiſtirt und nichts als ein leeres Wort iſt, entſchwand dieſer ganze Zeitraum, während deſſen ſie Heinrich erwartet hatte, ſpurlos; es ſchien ihr, daß es bloß der Abend ſei, welcher dahin hegangen, und daß während der Nacht ein Traum ge⸗ ko mmen ſei, in welchem ſie dieſe lange Reiſe geträumt 231 Die Nacht kam, die Finſterniß wurde dichter; aber dennoch brachte Cäcilie, wie wenn es ſchön wäre, die ganze Nacht am Fenſter zu. Bei den erſten Strahlen der Sonne entſchloß ſie ſich, matt vor Müdigkeit, das Herz gedrückt, bereit in Thränen zu zerfließen, ſich niederzulegen. Dieſer Schlaf war kurz und aufgeregt, jeden Au⸗ genblick erwachte ſie, plötzlich auffahrend, indem ſie glaubte, den Ton der Glocke zu hören. Der Tag ging mit derſelben Trägheit vorüber, wie der Abend. Jetzt begann ſie mit ihrer Liebe zu ſtreiten, ſich ſelbſt zu überreden, daß die beiden Fahrzeuge ſich nicht mit dieſer methodiſchen Regelmäßigkeit folgen konnten. Die ſchöne Anna konnte im Augenblicke ihrer Ab⸗ reiſe um einige Tage, vielleicht um eine Woche auf⸗ gehalten worden ſein. Eine in jenen Tropenländern ſo häufig vorkommende Windſtille konnte ſie zurückge⸗ halten haben. Sie legte ſich noch einmal drei Tage auf, während welcher ſie nicht hoffen dürfe; aber was ſollte ſie während dieſer drei Tage beginnen. Die arme Cäcilie nahm ihr Hochzeitkleid wieder auf und begann ein neues Bouquet in jede Ecke der Stickerei zu ſticken. Die drei Tage verfloſſen. Dann noch vier an⸗ dere, endlich eine Woche; die vier Bouquete waren vollendet. Heinrich hatte ſchon den wahrſcheinlichen Zeitpunkt ſeiner Ankunft um vierzehn Tage überſchritten; jetzt war Cäcilie nicht blos ungeduldig, ſie war auch un⸗ ruhig. Jetzt erwachten alle Träume in ihrem Geiſte, welche eine aufgeregte Einbildungskraft erzeugt; dieſes ungeheure Meer, deſſen dumpfes Brauſen einen ſo ſtar⸗ ken Eindruck in Boulogne auf ſie gemacht hatte, dieſes tobende Meer mit ſeinen Launen, ſeinen Stür⸗ men, ſeinen Orkanen, was hatte es aus der ſchönen Anna und aus Heinrich gemacht? 3 Waren ſchon die Tage Cäciliens in Folge des 23² Wartens und der Unruhe ſchrecklich, ſo waren doch die Nächte noch ſchrecklicher. Dieſer unaufhörliche Gedanke, der ihren Geiſt beſchäftigte, den aber während des Tages die Vernunft bekämpfte, erwachte bei Nacht wie ein Geſpenſt, und da die Sinne ihn nicht mehr unter⸗ drückten, ſo quälte er ihren Schlaf mit ewigen phan⸗ taſtiſchen Erſcheinungen. Kaum war ſie eingeſchlafen, ſo erſchienen ihr bald ihre Mutter, bald Heinrich, dann begann eine ganze Dichtung von namenloſem Schmerze, welche ſie zu einem Erwachen voll von Schrecken, von Seufzern und Thränen führte. SHeinrich war nun einen Monat länger aus, als er ſollte. Um ſich zu zerſtreuen, nahm Cäcilie ihre Zuflucht zu dem armen Hochzeitkleide; ſie entſchloß ſich, den Grund deſſelben mit Bouqueten zu überſäen, wie ſie ſchon in die Ecken geſtickt hatte. Dann quälte ſie noch ein anderer Gedanke, wel⸗ cher in ihrer Seele aufzutauchen begann; die Marquiſe fuhr fort, in ihrem ſorgloſen Egoismus zu leben. Eines Tages öffnete Cäcilie den Secretär, in welchem Alles war, was ſie und ihre Großmutter beſaß; es waren noch 1500 Franken da. Sie eilte zu der Marquiſe und theilte ihr mit der möglichſten Schonung ihre Befürchtungen mit. „Nun,“ ſagte die Marquiſe,„wird von jetzt an bis zu dem Augenblick, in welchem dieſe 1500 Francs ausgegeben werden, das iſt in drei oder vier Mona⸗ ten von heute an, Heinrich nicht zurückgekehrt ſein?“ Cäcilie öffnete den Mund, um zu ſagen:„ja, aber wenn er nicht da iſt?“ allein die Worte erſtarben ihr auf den Lippen; denn es ſchien ihr, als dürfe ſie nicht an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln. Es ſchien ihr, daß ſie, wenn ſie zweifeln würde, ihr Schickſal verdiene. Durch die Ueberzeugung ihrer Großmutter wieder etwas belebt, kehrte ſie auf ihr Zimmer zurück. Und in der That, warum ſollte Heinrich nicht —— 233 wieder kommen? Es war noch nicht ſo viel Zeit ver⸗ floſſen, um verzweifeln zu dürfen; Heinrich war um einige Wochen im Rückſtande, und das war Alles. Was er befürchtet hatte, konnte eingetreten ſein; ohne Zweifel hatte die ſchöne Anna an dem feſtgeſetzten Tage nicht abſegeln können. Heinrich war auf dem Wege, er berührte vielleicht jetzt England, er war jetzt vielleicht in Frankreich gelandet, er konnte kommen, ehe noch dieſe neubegonnene Arbeit vollendet war. Cäcilie, voll von einem momentanen Muthe und von einer ephemeren Hoffnung, ſetzte ſich zu ihrem Hoch⸗ zeitkleide nieder, und die neuen Stickereien gingen aus ihren Nadeln hervor, wie aus der einer Fee. So verfloſſen drei Monate. Alle Bouquete waren vollendet, das Kleid wurde ein Wunder. Die, welche es ſahen, ſagten, daß es für eine Frau zu ſchön und daß es würdig ſei, der heiligen Jungfrau von Lieſſe, von Loreto, oder vom Berge Carmel dargebrächt zu werden. tecii begann neue Blumen zwiſchen den Bou⸗ queten. Eines Morgens trat Mademoiſelle Aſpaſia in das Zimmer des jungen Mädchens, was ein höchſt ſeltener Fall war. „Was wollen Sie, Aſpaſia?“ rief Cäcilie.„Iſt meiner guten Großmutter etwas begegnet?“ „Nein, Gott ſei Dank, mein Fräulein; allein im Secretär iſt kein Geld mehr, und ich komme, um ſie zu fragen, wo ich welches bekommen werde?“ Ein kalter Schweiß trat auf Cäciliens Stirne; der lang gefürchtete Augenblick war gekommen. „Es iſt gut,“ ſagte ſie,„ich werde darüber mit der Frau Marquiſe ſprechen.“ Cäcilie trat in das Zimmer ihrer Großmutter. „Nun, theure Großmutter,“ ſagte ſie,„was ich vorausgeſehen hatte, iſt eingetreten.“ „Was, mein Herzchen?“ fragte die Marquiſe. „» . 2a „Unſer kleines Vermögen iſt erſchöpft und Heinrich iſt noch nicht zurück.“ 5 „O, er wird zur zurückkommen.“ „Aber was wer beginnen?... Die Marquiſe betra kleinen Finger ein ovat umgeben. „Ach!“ ſagte ſie, indem ſie einen Seufzer aus⸗ ſtieß,„es koſtet mir groß Ueberwindung, mich von diefem Ringe zu trennen, aber es muß geſchehen.“ „Meine Mutter,“ ſagte Cäcilie,„ſie brauchen ſich ja blos von dieſen Diamanten zu trennen, welche Sie durch einen Reif erſetzen können, der Ring wird Ihnen doch immer bleiben.“ Die Marquiſe ſtieß einen zweiten Seufzer aus, welcher andeutete, daß ſie an den Diamanten eben ſo ſehr, wie an dem Medaillon hänge, und gab dann Cäcilie den Ring. Das arme Mädchen konnte Niemand die Sorge anvertrauen, das Kleinod zu verkaufen, welches ihr die Marquiſe zugeſtellt hatte; denn das hieße ihr be⸗ vorſtehendes Elend ihrer Vertrauten mittheilen, un dieſes war ein Geheimniß, in welches ſie dendeun ſelle Aſpaſia weniger als irgend jemand einweihen wollte. Cäcilie ging daher ſelbſt zu einem Juwelier und brachte 800 Francs zurück. Dies war der Werth, uf welchen der Kaufmann die Umfaſſung geſchätzt hatte; derſelbe erhielt zu gleicher Zeit den Auftrag, den Kreis von Diamanten, durch einen Reif von Gold zu erſetzen. Von dieſem Augenblicke an begriff Cäcilie, daß nebſt dem Unglücke, daß Heinrich nicht zurückkomme, noch ein zweites beſtehe, und gegen das erſtere ohn⸗ mächtig, wollte ſie ſich wenigſtens gegen das zweite wahren. Als ſie am dritten Tage den Ring der Mar⸗ quiſe holte, nahm ſie die Deſſins ihrer Stickerei mit, ckkommen, mein Kind, er wird wir, indem wir darauf warten, ttete ihre Hand, ſie hatte am Medaillon mit Diamanten 235 und da ihr der Juwelier durch ſein freundliches Weſen Zutrauen eingeflößt hatte, ſo zeigte ſie ihm dieſe Ar⸗ beit und fragte ihn, ob er nicht irgend einen Sticke⸗ reien⸗Zeichner kenne, bei welchem ſie von ihrem Ta⸗ lente Gebrauch machen könne. Der Juwelier rief ſeiner Frau, welche, nachdem ſie die Deſſins bewundert hatte, verſprach, mit sinem Kaufmann darüber zu ſprechen. Drei Tage ſpäter hatte Cäcilie eine Hülfsquelle, ſie konnte täglich ſechs bis acht Franc verdienen. Von dieſem Augenblicke an war das arme Mäd⸗ chen wieder viel ruhiger und dachte nun ausſchließend an Heinrich. Die Tage vergingen, und immer noch kam keine Nachricht. Heinrich war nun vier Monate zu lang aus. Cäcilie ſchien mehr und mehr kalt und theilnahmslos zu werden, ihr ganzer Schmerz concen⸗ trirte ſich in ihr und drückte auf ihr Herz. Von Zeit zu Zeit ſchauderte ſie noch, wenn es zu der Stunde läutete, in welcher ſonſt der Briefträger kank; aber am Zuge der Glocke erkannte ſie, daß er es nicht ſei, und ſie ſank in den Fauteuil zurück, aus welchem ſie ſich halb erhoben hatte. Ihre ewige Beſchäftigung, eine faſt maſchinenartig gewordene, war ihr Kleid, welches ſie ganz und gar mit Stickereien überdeckte. Jeden Tag füllte Cäcilie einen neuen Zwiſchenraum zus, jeden Tag entſtand eine neue Blume unter ihrer wundervollen Nadel; drei Monate verfloſſen abermals und keine Nachricht kam, um dem armen Kinde Freude oder Thränen zu bringen. Wäßhrend dieſer drei Monate war das Geld, wel⸗ ches durch den Verkauf des Rings der Marquiſe ein⸗ gegangen war, ausgegeben; allein vermöge der Hülfs⸗ quelle, welche Cäcilie ſich geſchaffen hatte, bemerkte es Niemand; alle Wochen trug das junge Mädchen ihre Deſſins zu dem Kaufmann und alle Wochen ſtellte er ihr vierzig bis fünfzig Francen zu. Dieſe Summe genügte für die kleine Haushaltung; und da ihr die neue Arbeit immer noch Zeit zu ihrer Stickerei übrig 236 ließ, ſo fuhr ſie fort, täglich zwei oder drei Stunden an dieſer zu arbeiten, denn es ſchien ihr, daß ſo lange ſie daran arbeiten könne, fie ſich noch immer durch etwas an die Vergangenheit anklammere, und daß noch nicht alle Hoffnung, Heinrich wiederzuſehen, ver⸗ loren ſei. Endlich kam ein Augenblick, wo jedes neue Hinzu⸗ fügen unmöglich wurdez; auch die kleinſten leeren Plätze waren ausgefüllt, das Hochzeitkleid Cäciliens war ertig. Eiines Morgens hielt ſie es auf ihren Knieen, ſchüttelte traurig den Kopf und ſuchte vergebens eine Stelle, um noch eine kleine Blume, irgend eine nied⸗ liche Arabeske anzubringen, als plötzlich die Glocke er⸗ tönte. Cäcilie ſtand von ihrem Stuhle auf, ſie hatte den Zug des Briefträgers erkannt. Cäcilie lief nach der Thüre; er war es wirklich. Er hielt einen Brief in der Hand; aber dieſer Brief war nicht von ſeiner Handſchrift, es war ein großer viereckiger Brief mit einem amtlichen Siegel. Cäcilie zitterte, indem ſie den Brief nahm. „Was iſt dies?“ ſagte ſie mit einer faſt erlöſchen⸗ den Stimme. „Ich weiß nicht, mein Fräulein,“ ſagte der Brief⸗ 4 träger;„aber geſtern hat man uns verſammelt, um uns von Seite des Polizeipräfekten zu befragen, ob wir nicht ein Fräulein Cäcilie de Marſilly kennen. Ich antwortete, daß ich vor noch nicht langer Zeit mehrere Briefe an eine Perſon dieſes Namens ausgetragen habe, welche in der Rue du Coq⸗Saint⸗Honoré Nr. 5 wohnte. Man zeichnete meine Erklärung auf, und dieſen Morgen ſtellte mir mein Chef dieſen Brief mit dem Auftrage zu, Ihnen denſelben zu überbringen. Er kommt vom Miniſterium der Marine.“ „ Ach, mein Gott, mein Gott!“ rief Cäcilie,„Was ſoll das heißen?“ „Ich hoffe, daß es eine gute Nachricht ſei, mein 7 237 Fränlein⸗ ſagte der Briefträger, indem er ſich zu⸗ rückzog. „Ach!“ rief Cäcilie,„ich erwarte gute Nachrichten nur von einer einzigen Handſchrift, und dieſe iſt es Der Briefträger öffnete die Thüre, um ſich zu entfernen. „Warten Sie, damit ich Sie bezahle,“ ſagte Cäcilie. „Ich danke, mein Fräulein, der Brief iſt frei,“ ſagte der Briefträger. 1 3 entfernte ſich, Cälilie ging in ihr Zimmer zurück. Sie hielt den Brief in der Hand, getraute ſich aber nicht, ihn zu öffnen. Endlich erbrach ſie das Siegel und las, was folgt: 3„Am Bord der Handelsbrigg: die ſchöne „Anna, commandirt durch den Capitän John Dickins. „Heute, am 28 März 1805, um 3 Uhr Nachmit⸗ tags, als wir auf der Höhe der Azoren waren, im zwei und zwanzigſten Grade der Breite und im zwei und vierzigſten Grade der Länge. „Wir Eduard Thurnſon, Steuermann auf der Brigg„die ſchöne Anna,“ auf der Bagbordswache des genannten Fahrzeugs uns befindend, wurden durch den Lootſen Samuel benachrichtigt, daß der Vicomte Carl Heinrich de Sennones in dem Regiſter der Paſſagiere unter Nr. 9 eingezeichnet, ſo eben geſtorben ſei. „Wir haben uns, begleitet von Herrn William Smith, der Medicin Befliſſenen, in das Zimmer Nr. 5 begeben, wo wir einen Leichnam fanden, welchen wir vollſtändig als den des Herrn Vicomte Heinrich de Sennones erkannten. „Der Zeuge Samuel hat uns hierauf erklärt, daß um drei Uhr weniger fünf Minuten der Vicomte Carl Heinrich de Sennones in ſeinen Armen verſchieden ſei, und daß er, um ſich von dem Aufhören des Lebens zu 238 überzeugen, ihm einen Spiegel vor die Augen gehal⸗ ten habe, daß aber das Glas rein geblieben ſei, daß er daher an ſeinem Tod nicht mehr gezweifelt habe und gekommen ſei, uns hievon Anzeige zu machen. „Herrr William Smith, der Medicin Befliſſener, Paſſagier am Bord, der den Kranken behandelt hatte,. unterſuchte den Leichnam und gab folgende Erklärung ab. „Wir erklären auf unſere Seele und unſer Gewiſſen, daß der Vicomte Carl Heinrich de Sennones am gelben Fieber geſtorben iſt, von welchem er ohne Zweifel ſchon angeſteckt war, als er Guadeloupe ver⸗ ließ; daß es drei Tage iſt, daß ſich die erſten Sym⸗ ptome zeigten, und daß die Krankheit ſolch' reißende und ſchreckliche Fortſchritte machte, daß er, ungeachtet aller Hülfe der Kunſt, heute um drei Uhr weniger fünf Minuten geſtorben iſt. „Zur Beglaubigung deſſen haben wir gegenwärti⸗ ges Protokoll aufgenommen, welches nach Vorleſen durch uns unterzeichnet wurde, und durch den Arzt, welcher den Verſtorbenen behandelte, und durch den benannten Zeugen. „Geſchehen am Bord, auf dem Meere, im Jahre, Monate und am Tage wie oben genannt. „Unterzeichnet: John Dickins, Capitän. ⸗ Eduard Thomſon, Steuermann. ⸗ Wilhelm Smith, der Medicin Be⸗ fliſſener. „Der Lootſe Samuel hat erklärt, daß er nicht ſchreiben könne, und hat daher ſein Kreuz gemacht.“ Als Cäcilie dieſen Brief las, ſtieß ſie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. 4 — 4 XXIII. Selten ein Unglück allein. Als Cäcilie wieder zu ſich kam, fand ſie Made⸗ moiiſelle Aspaſia beſchäftigt, ſie Salze einathmen zu laſſen. Der Schrei, den das arme Mädchen ausge⸗ ſtoßen hatte, war bis an das Zimmer der Marquiſe gehört worden, und dieſe hatte ihre Geſellſchafterin ab⸗ geſchickt, um ſich zu erkundigen, was ſich zugetragen habe. Einen Augenblick ſpäter ging die Marquiſe ſelbſt, weil Mademoiſelle Aspaſia nicht zurückkam, in das Zimmer. Ungeachtet der wenigen Uebereinſtimmung, welche zwiſchen beiden herrſchte, warf ſich Cäcilie in die Arme ihrer Großmutter, zeigte ihr das ſchreckliche Protokoll, deſſen eiſiger Inhalt mit einem Male alle ihre Hoff⸗ nungen, alle ihre Träume vernichtet hatte. Dieſes Protokoll war das Erſcheinen des Todes ſelbſt, dieſes kalten, theilnahmsloſen, unerbittlichen Todes, dieſes Todes, der alle die Vorſichtsmaßregeln bei Seite ſetzt, welche die Güte Gottes, oder die Um⸗ ſicht eines Freundes in Anwendung bringt. So konnte auch Cäcilie ewig nur wiederholen: „Todt, todt, todt!“... Die Marquiſe war niedergeſchmettert; mit einem Blicke hatte ſie überſehen, in welch' ſchreckliche Lage ſie und ihre Enkelin durch dieſe Kataſtrophe verſetzt werde. Alle ihre Hoffnungen auf Ruhe, auf Wohlleben und auf Luxus beruhten auf Heinrich de Sennones. Der Brief, welchen er acht Tage vor ſeiner Abreiſe von Guadeloupe geſchrieben, und in welchem er ſeiner Verlobten eine Schilderung ſeines kleinen Reichthums gegeben, hatte den Berechnungen der Marquiſe zur Grundlage gedient; und nun war Alles zu Ende. Hein⸗ rich war todt, die Diamanten waren verkauft, die Quellen der unglücklichen Familie waren verſiegt, und es blieb ihr nichts, gar nichts, beſonders nach den Anſichten der Marquiſe, welche nicht wußte, daß ſie ſeit drei oder vier Monaten ſchon von der Arbeit Cä⸗ ciliens lebe. Mademoiſelle Aspaſia allein hatte es wahr⸗ genommen, denn ſchon zwei⸗ oder dreimal hatte ſie gegen die Marquiſe den Wunſch geäußert, ſich auf das and zurückzuziehen, indem ihre ſchlechte Geſundheit jetzt der größten Ruhe bedürfe. Der Schmerz der Marquiſe war alſo viel größer, als Cäcilie ſich ihn gedacht hatte; denn dieſe konnte nicht im Grunde des Herzens ihrer Großmutter die wahren Urſachen ihres Schmerzes leſen. 5 Es war ein Glück für das arme Mädchen; denn in dem Momente, in welchem ſie ihre Großmutter wan⸗ ken ſah, erlangte ſie ihre Kraft wieder, um ſie zu un⸗ terſtützen. Die Marquiſe war im Nachtgewande aus ihrem Bette geſtiegen, man brachte ſie in ihr Zimmer zurück und legte ſie zu Bette. Indeſſen konnte Cäcilien dieſe kalte Ankündigung des Todes ihres Geliebten nicht genügen; ſie wollte nähere Umſtände wiſſen, ſie wollte wiſſen, wie ihr die⸗ ſer Brief zugekommen ſei, kurz, das arme Kind zwei⸗ felte, gleich jedem Unglücklichen, der von einem uner⸗ warteten Schlage getroffen wird, und bedurfte noch einer weiteren Ueberzeugung ihres Schmerzes. Der Brief war von dem Miniſterium der Marine geſie⸗ gelt, und daher kam Cäcilien ganz natürlich der Ge⸗ danke, ſich an das Marine⸗Miniſterium zu wenden, um die gewünſchten Aufklärungen zu erhalten. Sie überließ die Sorge für ihre Großmutter der Made⸗ moiſelle Aspaſia, warf einen Schleier über ihren Hut, nahm den verhängnißvollen Brief, ſteckte ſich in ihre Enveloppe, ging hinab und warf ſich in einen Fiaker, um ſich nach dem Marine⸗Miniſterium führen zu laſſen. Als ſie an der Thüre ankam zeigte ſie ihren Brief 241 dem Thürhüter und fragte ihn, aus welchem Bureau dieſer Brief komme; der Thürhüter antwortete ihr, daß er aus dem Secretariat ſei. Cäcilie ging nun in das Sekretariat hinauf und verlangte den Employé zu ſprechen, welcher dieſen Brief geſchrieben hatte; da er noch nicht angekommen war, wartete ſie. Endlich kam er. Es war eine ſeltſame Sache; Cäcilie hatte, ſeitdem ſie wieder zu ſich gekomg men war, auch nicht eine Thräne vergoſſen. Der Employeè erklärt ihr, daß dieſes Protokoll von Plymouth gekommen ſei, wo die ſchöne Anna nach ihrer Rückkehr von Guadeloupe Anker geworfen hatte, und daß es bloß von folgender Nachricht begleitet ge⸗ weſen ſei: „Nachdem der Vicomte Carl Heinrich de Senno⸗ nes am Bord der ſchönen Anna am 28. März 1805 geſtorben iſt, und in dieſem Augenblick keinen be⸗ kannten Verwandten in England hat, ſo bitten wir die franzöſiſche Regierung, ſeinen Tod dem Fräulein Cäcilie de Marſilly, von welcher er, wie von ſeiner Verlobten, ſehr oft mit dem Lootſen Samuel ge⸗ ſprochen hat, bekannt zu machen. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach hält ſich Fräulein Cäcilie de Marſilly in Frankreich auf. Das Proto⸗ koll, welches ſeinen Tod feſtſtellt, legen wir bei.“ Cäcilie vernahm alle dieſe Einzelheiten mit ge⸗ brochenem Herzen, aber mit trockenen Augen; man hätte glauben ſollen, daß der Thränenquell vertrocknet ſei, oder vielmehr, daß die Thränen nach innen fließen. Sie fragte nur noch, ob man ihr nicht ſagen könne, woohin der Leichnam gebracht worden ſei. Der Employé erwiederte ihr, daß, wenn ein Rei⸗ ſender oder ein Matroſe am Bord eines Fahrzeuges ſterbe, ſein Leichnam nicht mitgenommen, ſondern kurz und einfach in's Meer geworfen werde.— Cäcilie erkannte nun, wie durch einen plötzlichen Das Brautkleid. 16 3 242 Blitzſtrahl erhellt, jenes große Weltmeer, welches ſtür⸗ mend und brauſend an ihre Füße an dem Tage hin⸗ gewogt hatte, an welchem ſie am Arme Heinrichs auf den Strandſteinen von Boulogne ging. Sie dankte dem Employé für ſeine Aufklärungen und entfernte ſich. Nun war für Cäcilie Alles klar. Dieſe lange Zeit, welche ſeit dem Tode Heinrichs verfloſſen, und die ſie it Warten zugebracht, hatte ſie verloren, um zu ſuchen, wo er blieb. Die Nachforſchungen waren, wie ſie gewöhnlich von Regierungen im Allgemeinen, wenn ſie kein beſonderes Intereſſe haben, geſchehen, ange⸗ ſtellt worden. Man hatte die Nachricht in den Zei⸗ tungen angekündigt, aber Cäcilie las kein Journal, endlich hatte man eines Tags ſich entſchloſſen, die Brief⸗ träger zu verſammeln und ſich an dieſe zu wenden, und nun hatte einer dieſer braven Leute erklärt, daß er achtzehn Monate früher Briefe an ein Fräulein Cäci⸗ lie de Marfilly gebracht habe, und daß dieſe Rue du Coq Nr. 5 wohne. Cäcilie kehrte nach Hauſe, ſtieg ihre fünf Treppen hinauf und wollte gerade läuten, als ſie bemerkte, daß die Thüre auf ſtehe; da ſie glaubte, daß Mademoiſelle Aspafia zu irgend einer Nachbarin gegangen ſei, ließ ſie die Thüxe auf ſtehen, wie ſie ſie gefunden hatte. Ihre erſte Sorge war zu der Marguiſe hineinzugehen, dieſe lag im Bette, den Kopf auf beide Hände geſtützt und ſchlief.„ Cäcilie ging in ihr Zimmer und zunächſt zu dem Sekretär, welcher ihren Schatz umſchloß, das heißt, Heinrichs Briefe.. Unter dieſen Briefen ſuchte ſie den heraus, wel⸗ chen ihr Heinrich von Boulogne geſchrieben hatte, und ſie las folgende Zeilen: 3 „ Dieſes große und heilige Ding, das Meer, habe ich mit einem tiefen Gefühl im Herzen geſehen; wie dieſes allen höheren Gedanken entſpricht, wie es zu⸗ b gleich tröſtet und zuverſichtlich macht, wie das von der Erde zum Himmel erhebt, wie es die Schwäche des Menſchen, und die Größe Gottes erkennen läßt. „Ich glaube, ich würde ewig an dieſem Ufer ſitzen geblieben ſein, an welchem wir zuſammen gingen, und wo es mir ſchien, daß ich, wenn ich gehörig ſuchen würde, Ihre Fußſtapfen wieder finden müßte. Mein Herz dehnte ſich bei dem Anblicke, den ich vor Augen hatte, aus. Ich liebe Sie mit mehr, als mit menſch⸗ licher Liebe, ich liebe Sie, wie die Blumen bei der Wiederkehr des Frühlings die Sonne lieben, wie wäh⸗ rend der ſchönen Sommernächte das Meer das Fir⸗ mament liebt, wie zu jeder Zeit die Erde Gott liebt. „O, in dieſem Augenblicke, Cäcilie, und der Herr wird mir verzeihen, wenn ein gottloſer Hochmuth darin liegt, biete ich den Ereigniſſen, welche uns trennen, Trotz, wäre es auch der Tod. Wie ſich Alles in der Natur vermiſcht und vermengt, die Düfte mit den Düften, die Wolken mit den Wolken, das Leben mit dem Leben; warun ſollte ſich nicht auch der Tod mit dem Tode vermiſchen, und da jede Sache, indem ſie ſich miſcht, ſich befruchtet, warum ſollte der Tod ſich nicht auch mit dem Tode vermiſchen, welcher eine von den Bedingungen der Natur iſt, ein Hinderniß der Ewigkeit, ein Widerſtrahlen des Unendlichen, warum ſollte der Tod allein ſteril ſein? Gott hätte es nicht gethan, wenn es für ihn nichts als einer Vernichtungs⸗ maſchine bedurft hätte, und wenn er, indem er die Körper trennte, die Seele nicht hätte vereinigen wollen. „So hat alſo, Cäcilie, ſelbſt der Tod nicht die Macht, uns zu trennen; denn die Schrift ſagt: daß der Herr den Tod beſiegt habe. „Alſo auf Wiederſehen, Cäcilie, und kein Lebe⸗ wohl; auf Wiederſehen, vielleicht in dieſer Welt, ge⸗ wiß in der zukünftigen.“ 4 „Ja, ja, armer Heinrich,“ lispelte Cäcilie,„ja, Du haſt recht, ja, auf Wiederſehen, gewiß!“ 4 In dieſem Augenblicke hörte Cäcilie einen Schrei in dem Zimmer der Marquiſe. Sie eilte hinaus und ſtieß im Corridor auf Mademoiſelle Aspaſia, welche bleich und ſprachlos auf ſie zulief. „Was gibt es denn, was iſt begegnet?“ rief Cäcilie. Als ſie bemerkte, daß ihr Aspaſia nicht antworte, ſtürzte ſie in das Zimmer ihrer Großmutter. Der Kopf der Marquiſe war von dem Kiſſen her⸗ abgeſunken und lag auf dem Kopfpfühle, während ihr Arm am HBette herunterhing. Die Hand der Marquiſe war kalt. Cäcilie ergriff den Kopf ihrer Großmutter und legte ihn wieder auf das Kopfkiſſen. Sie küßte ſie wiederholt, ſie beſchwor ſie, ihr zu antworten; aber Alles war vergebens, die Marquiſe blieb ſtumm, wie ſie ta geblieben war. Die Marquiſe hatte aufgehört zu ſein. Während Mademoiſelle Aspaſta auf einen Augen⸗ blick weggegangen war, hatte ſie der Schlag ge⸗ troffen. Alles war ſchon zu Ende, als Cäcilie zurückgekehrt war und ſie geſehen hatte. 1 Es war ein Tod ohne Schmerz, ohne daß ſie eine Klage ausſtieß, ohne daß ſie eine Bewegung machte, ein Tod gerade wie ihr Leben war; denn ſie hatte eben ſo wenig an den Tod als an das Leben gedacht; ein Tod in dem Augenblicke, in welchem ihr das Leben zum erſtenmale, ſchwer, vielleicht bitter geworden wäre. Es iſt eine eigene Erſcheinung, daß, wenn zwei große Schmerzen in demſelben Momente eine Perſon treffen, der eine die Seele gegen den andern verthei⸗ digt; einer dieſer beiden Schmerzen hätte Cäcilien niedergedrückt; gegen beide erhob ſie ſich ſtark. Vielleicht hatte ihr der Tod Heinrichs irgend ei⸗ 245 nen verhängnißvollen Entſchluß eingeflößt, und der Tod ihrer Großmutter beſchleunigte die Ausführung. Bei dem Anblicke der todten Marquiſe erklärte Mademoiſelle Aspaſia, daß ihr Schmerz ſo groß ſei, daß ſie nicht einen Augenblick mehr in dieſem Hauſe bleiben könne. Cäcilie ſtand von dem Bette ihrer Großmutter auf, an welchem ſie betete, machte die Rechnung der Mademoiſelle Aspaſia, bezahlte ſie und ſtattete ihr ih⸗ ren Dank für das ab, wofür kein Geld Zahlung lei⸗ ſten kann, das heißt, für die Aufmerkſamkeit, welche ſie der Marquiſe zugewendet hatte. Dann rief das junge Mädchen die gute Frau, welche ihre kleine Haushaltung beſorgte und bat dieſe, ſich mit der Eigenthümerin der Wohnung zu benehmen und alle Anordnungen des Leichenbegängniſſes zu tref⸗ fen, welche erforderlich waren. Da Cäcilie im ganzen Hauſe ſehr geliebt war und für ein Muſter kindlicher Liebe und der Keuſchheit galt, ſo beeilte ſich jedes, ihr Dienſte zu leiſten, ſo weit es in ſeinen Kräften ſtand. Jetzt kehrte Cäcilie in ihr Zimmer zurück und öff⸗ nete eine Schublade, aus dieſer nahm ſie ihr Hoch⸗ zeitskleid. Bei dem Anblicke desſelben brachen ihre ſo lange 3 zurückgehaltenen Thränen aus. Es war aber auch Zeit; ein längeres Zurückhalten hätte ihr das Herz gebrochen. Nachdem ſie lange geweint hatte, während ſie das ſchöne Kleid auf ihren Knieen hielt, während ſie jedes Bouquet, jede Blume, jede Arabeske küßte, nach⸗ dem ſie ihre beiden Hände zum Himmel erhoben hatte, Heinrich, Heinrich ausrufend, warf ſie zum zweitenmal den Schleier über ſich und ging weg. Die Bezahlung der Mademoiſelle Aspaſia hatte ihre letzten Hülfsquellen erſchöpft, es blieb ihr nichts mehr übrig, um ihre Großmutter begraben zu laſſen, * um den gefaßten Entſchluß auszuführen, als ihr Hoch⸗ zeitskleid zu verkaufen. Sie eilte zu dem Kaufmanne, welcher ihr ihre Deſſins abgekauft hatte und entfaltete vor ſeinen Augen dieſes Wunder von Arbeit, Geſchmack und von Ge⸗ duld, über welches ſie ſich faſt zwei Jahre hingebeugt hatte. Allein auf den erſten Blick erklärte ihr der Kaufmann, daß er ihr nicht ſo viel bezahlen könne, als die Sache werth ſei, und er begnügte ſich, ihr die erforderlichen Anweiſungen zu geben. Noch am nämlichen Tage machte Cäcilie einige Gänge, allein alle waren vergebens. Der folgende Tag war der Beerdigung der Mar⸗ guiſe geweiht. Da man glaubte, daß die Marquiſe, oohne reich zu ſein, einiges Vermögen habe, ſo machte die Eigenthümerin die erforderlichen Vorſchüſſe und beſtritt alle Koſten des Gottesdienſtes und der Beer⸗ ddigung. Am nächſtfolgenden Tage machte ſich Cäcilie wwieder auf den Weg, und wir haben geſehen, wie das arme Kind, nachdem ſie andere fruchtloſe Verſuche ge⸗ maacht hatte, zu Fernanden kam, und wie der Prinz, von den Thränen des armen jungen Mädchens gerührt, und indem er Fernandens Wünſchen entſprechen wollte, das wunderbare Kleid kaufte und den Preis deſſelben noch am nämlichen Tage bezahlte. So wie Cäcilie ihre dreitauſend Frank erhalten hatte, rief ſie die Eigenthümerin in ihre Wohnung, er⸗ ſtattete ihr die gehabten Auslagen, bezahlte ihr den * laufenden Miethzins und erklärte ihr, daß ſie morgen abreiſen werde. 4 So dringend ſie auch die Eigenthümerin bat, ſo verweigerte Cäcilie doch hartnäckig, ihr zu ſagen, wo⸗ hin ſie gehe. 4 Am folgenden Tage verließ das arme Mädchen wirklich das Haus und nahm das Geheimniß mit ſich. Einige Zeit lang beſchäftigten ſich die, welche Cäcilie gekannt hatten, mit dieſem Verſchwinden und — fuhren fort, davon zu ſprechen. Dann kam ihr Name nach und nach weniger mehr in der Unterhaltung vor 4 und da ſie nicht wieder erſchien, vergaß man ſie ganz und gar. XXIV. Schluß. Drei Monate nach den Ereigniſſen, welche wir erzählt haben, fuhr eine ſchöne Handelsbrigg mit vol⸗ len Segeln gegen die Antillen, indem ſie die Paſſat⸗ ihee welche zwiſchen den Wendekreiſen wehen, auf⸗ uchte. Dieſe Brigg war keine andere, als unſere alte 6 Bekannte, die ſchöne Anng. Sie war ſeit vierzehn Tagen von London abgeſe⸗ gelt, wo ſie eine Ladung nach Guadeloupe eingenom⸗ men hatte, als gegen fünf Uhr Abends der Matroſe auf dem Maſtkorbe jenes Wort ertönen ließ, welches immer einen tiefen Eindruck auf den Geiſt der Reiſen⸗ den, beſonders aber auf den der Seeleute macht, das Wort: Land! Bei dieſem Rufe, welcher bis unter die Verdecke des Fahrzeuges drang, eilte Alles, was von Paſſagieren am Bord war, auf das Verdeck. Unter dieſen befand ſich ein junges Mädchen von neunzen 9 bis zwanzig Jahren. Sie ging auf den Lootſen zu, welcher, als er ſie kommen ſah, ſeine Mütze ehrfurchts⸗ voll abnahm: „Habe ich nicht Land rufen hören, guter Sa⸗ . muel?“ fragte ſie. „Ja, Fräulein Cäcilie,“ antwortete dieſer. „Und welches Land?“ „Die Azoren.“ „Endlich!“ ſagte das junge Mädchen, und ein melancholiſches Lächeln umzog ihre Lippen, dann, in⸗ dem ſie ihren Blick, der eine Minute in die Ferne ge⸗ ſchweift, auf den Lootſen richtete, ſagte ſie:„Sie ha⸗ ben mir verſprochen, mir den Platz anzuzeigen, wo Heinrichs Körper in das Meer geworfen wurde.“ „Ja, mein Fräulein, und ich werde auch mein or halten, wenn der Augenblick gekommen ſein wird.“ „Sind wir noch weit von dieſer Stelle ent⸗ fernt?“. „Wir können ohngefähr noch vierzig Meilen da⸗ von ſein.“ Alſo werden wir in vier Stunden dahin kom⸗ men?“ „Gewiß; man ſollte glauben, daß das Schiff ſei⸗ nen Weg wiſſe und nicht auf zehn Schritte davon ab⸗ weichen wolle.“ „Und Sie ſind ſicher, daß Sie ſich nicht täu⸗ ſchen?“ „Gewiß, mein Fräulein; die erſte Inſel bildete mit der zweiten einen Winkel, und da die Nacht ſchön iſt, ſo können Sie vollkommen ruhig ſein, daß ich den Platz wieder erkennen werde.“ „Gut alſo, Samuel,“ ſagte das junge Mädchen, „eine halbe Stunde früher, als wir dahin kommen, werden Sie mich rufen.“ 1 ſe730 verſpreche es Ihnen,“ erwiederte der Ma⸗ roſe. Das junge Mädchen grüßte Samuel durch ein Neigen des Kopfes, ging die Treppe hinab und in das Zimmer Nro. 5, in welchem ſie ſich einſchloß. Eine Stunde, nachdem das junge Mädchen das Verdeck verlaſſen hatte, läutete die Glocke zum Mittag⸗ eſſen; alle Paſſagiere gingen nun in den Speiſeſaal hinab, aber Cäcilie erſchien nicht. Da ſie ſelten an der Tafel ſich ſehen ließ, ſo bemerkte man ihre Ab⸗ . — . —xE —— ☛— 249 weſenheit nicht, nur der Capitän ließ ſie fragen, ob ſie wünſche, daß man ihr Mittageſſen auf dem Zim⸗ mer ſervire. Allein ſie dankte, indem ſie ſagte, daß ſie Nichts eſſe. Das Schiff fuhr fort, mit vollem Winde zu ſe⸗ geln, indem es neun Knoten in der Stunde zurücklegte, ſo daß man den Azoren ſich eiligſt nahte. Die Paſſa⸗ giere waren wieder auf das Verdeck hinauf geſtiegen, und erfreuten ſich an der Friſche des Abends, indem ſie die Blicke auf dieſe Gruppe von Inſeln richteten, welche ungefähr noch vier bis fünf Stunden von dem Fahrzeuge entfernt waren. Der Capitän John Dickens und der Lieutenant Wilhelm Thurnſon plauderten mit einander, und der Bootsmann Samuel träumte. Von Zeit zu Zeit warfen die beiden Officiere die Augen auf ihn, dann nahten ſie ſich, fortwährend plau⸗ dernd, ihm, und blieben vor ihm ſtehen. „Nicht wahr, Samuel, das iſt ſie?“ ſagte der Capitän. „Die, von welcher Herr Heinrich immer mit mir ſprach?“ „Ja, und die er Cäcilie nannte.“ „Sie iſt es wirklich, Capitän.“ „Sehen Sie, William,“ ſagte der Capitän,„ſie iſt es alſo, ich habe es errathen.“ „Und was will ſie in Guadeloupe machen?“ „Nun, Sie wiſſen, daß Herr Heinrich einen rei⸗ chen Onkel dort hat, der Millionär iſt; wahrſcheinlich wird ſie zu ihm gehen.“ Die beiden Offiziere ſetzten ihren Spaziergang fort und auch ihre Unterredung, die ſie unterbrochen hatten, um ſich an Samuel mit der Frage zu wenden, die wir erzählt haben. Indeſſen nahte die Nacht, man brachte den Thee auf das Verdeck, und fragte Cäcilie, ob ſie heraufzu⸗ kommen beliebe; allein wie beim Mittageſſen, lehnte 250 ſie es ab, indem ſie ſagte, daß ſie nichs zu ſich neh⸗ men wolle.. Mit der in dieſen Breiten gewöhnlichen Schnel⸗ ligkeit trat die Nacht ein, um acht Uhr war die Fin⸗ ſterniß vollkommen; um neun Uhr hatte ſich Jeder⸗ mann in ſeine Cajüte zurückgezogen; auf dem Ver⸗ decke war Niemand mehr, als der Bootsmann und der zweite Lieutenant. Die Brigg ſegelte mit ihrem großen Segel und mit den Marsſegeln. Um neun ein halb Uhr erhob ſich der Mond hin⸗ ter den Azoren, und erhellte die Nacht, wie die Sonne einen unſerer nebeligen Tage des Nordens er⸗ hellt. Die Inſeln zeichneten ſich ganz beſtimmt am Horizonte ab. Man nahte dem Orte, wo Heinrichs Leichnam in das Meer geworfen worden war, und Samuel, ſei⸗ nem Verſprechen getreu, ließ Cäcilien rufen. Cäcilie kam ſogleich herauf; ſie hatte ihren Anzug geändert, ſie war ganz weiß gekleidet, und trug einen Schleier, wie eine Braut. Sie nahm einen Stuhl und ſetzte ſich neben den Bootsmann. Samuel betrachtete ſie erſtaunt, dieſes weiße Kleid, dieſer überflüſſige Putz, auf welchen, wie man ſah, das Mädchen all' ihre Sorgfalt verwendet hatte, erſchienen dem guten Matroſen ſeltſam. „Wir nahen ihm alſo, Samuel?“ fragte Cäcilie. „Ja, mein Fräulein,“ antwortete Samuel, fun in einer halben Stunde werden wir dort ein. „Und Du wirſt den Platz wieder erkennen?, „Dafür ſtehe ich gut, wie wenn ich mit den Inſtrumenten des Capitäns die Höhe gezogen hätte.“ „Ich habe Dich noch nie um die Einzelnheiten ſeiner letzten Augenblicke gefragt, Samuel, aber jetzt, dieſen Abend, wünſchte ich zu wiſſen, wie er geſtor⸗ ben iſt.“ „Warum immer von Gegenſtänden ſprechen, wel⸗ che Ihnen Kummer machen, Fräulein Cäcilie? Sie werden mich am Ende noch verabſcheuen.“ „Wenn Jenny ferne von Dir geſtorben wäre, Sa⸗ muel würdeſt Du nicht wünſchen, alle die näheren Um⸗ ſtände ihres Todes zu kennen, und würdeſt Du nicht dem ſehr dankbar ſein, der ſie Dir erzählen würde.“ „O, ja, mein Fräulein, es würde mir dieſes als ein großer Troſt erſcheinen.“* „Du ſiehſt alſo, Samuel, daß es grauſam von Dir wäre, wenn Du das nicht thäteſt, was ich von Dir wünſche.“ „Ich weigere mich deſſelben auch nicht; ich liebte dieſen armen Heinrich ſo ſehr, und das war auch nicht mehr als billig; denn nebſt dem, daß er ſo liebenswürdig und freundlich war, hat er mir bei meiner Abreiſe von Guadelupe die dreitauſend Frank gegeben, wel⸗ che mir noch fehlten, um Jenny zu heirathen, ſo daß n es nur ihm verdanke, wenn ich jetzt glücklich in. „Armer Heinrich!“ ſeufzte Cäcilie;„er war ſo gut.“ „Als Herr Smith, der Arzt, mir ſagte, daß er krank ſei, habe ich einen Matroſen an meine Stelle geſetzt und ging ſogleich zu ihm hinab. Armer, jun⸗ ger Mann! Was iſt es mit uns! Am Abende hatte er ſich bloß unwohl gefühlt, während der Nacht war das Fieber gekommen, und in dem Augenblicke, in welchem ich zu ihm hinabkam, lag er ſchon im Delirium; allein in Mitte deſſelben erkannte er mich doch; aber ſein einziger Gedanke waren Sie, Fräulein Cäcilie, man erkannte es deutlich aus allen ſeinen Erinnerun⸗ gen, Sie waren es allein.“ „Mein Gott, mein Gott!“ rief Cäcilie, indem ſie Thränen wiederfand. 8 „Ja, und dann ſprach er von einem kleinen Hauſe in England, von Blumen in einem Garten, von Boulogne, von einem Hochzeitkleide, und dann von einem Leichentuche, welches Sie ſtickten, damit Sie Beide darin begraben würden.“ „Ach, das iſt die Wahrheit,“ ſagte Cäcilie. „Vom erſten Augenblicke an ſah ich, daß er ver⸗ loren ſei; ich habe gar Viele an dieſer Krankheit ſterben ſehen. Das gelbe Fieber verſchont nicht, und da er damit behaftet war, ſo wollte ihn Niemand pflegen; man hätte glauben ſollen, der arme Junge habe die Peſt. Vorwärts, ſagte ich damals zu mir, vorwärts, Samuel, in der Noth erkennt man ſeine Freunde. Dich geht es vor Allen an. Ich ſuchte den Capitän auf und fagte zu ihm:„„Capitän, Sie müſ⸗ ſen Jemand an meine Stelle am Steuerruder com⸗ mandiren, mein Poſten iſt gegenwärtig am Bett des Herrn Heinrich, und den werde ich nicht verlaſſen, bis er geſtorben ſein wird.““ „Gut, Samuel,“ ſagte Cäcilie, indem ſie eine der rauhen Hände des Matroſen in die ihrige nahm, während die andere Hand deſſelben fortfuhr, das Steuerruder zu berühren. „„Der Capitän machte einige Schwierigkeiten, denn wenn ich das gelbe Fieber bekommen würde, ſo hatte er Furcht für mich, nnd er vertraute auf mich als Piloten. Allein ich ſagte ihm: Capitän, wir ha⸗ ben die Wendekreiſe paſſirt, und jetzt würde Sie ein Kind mit verbundenen Augen nach Plymouth führen. Aber wenn ich von der Krankheit befallen werden und ſierben ſollte, ſo finden Sie in meinem Sacke drei⸗ tauſend Franken, welche mir Herr Heinrich gegeben hat, und hievon geben Sie die Hälfte meiner armen Mutter und die andere meiner Jenny.““„„Nun, gut, mein Knabe,““ ſagte er dann,„„gehe hin und thue, was Du thun zu müſſen glaubſt; ſei ruhig, dort oben wohnt ein guter Gott.“ℳ 253 Cäcilie ſtieß einen Seufzer aus und blickte gen Himmel. „Ich hatte ihn nur eine halbe Stunde verlaſſen, und das Fieber hatte Fortſchritte gemacht. Jetzt er⸗ kannte er mich kaum wieder, er hatte ein heftiges Fieber und jeden Augenblick ſagte er:„ich athme Feuer, warum laßt ihr mich denn Feuer athmen.“ Dann verlangte er zu trinken, und ſprach von Ihnen immer von Ihnen, Cäcilie hier, Cäcilie dort, er ſagte, man wolle ſie von einander trennen; allein Sie ſeien ſeine Frau, und Sie würden wohl wiſſen, überall hinzugelangen, wo er ſei. „Er hatte Recht, Samuel!“ flüſterte Cäcilie. „Die Nacht verging ebenſo, er hatte immer bren⸗ nendes Fieber, ich ſprach von Ihnen, um ihn zu trö⸗ ſten, und ich ſah, obwohl er mich nicht mehr erkannte, daß er ſo oft zitterte, als ich Ihren Namen nannte. Dann verlangte er Feder, Tinte und Papier; er wollte wahrſcheinlich an Sie ſchreiben. Ich verſuchte, ihm zu Gefallen, einen Bleiſtift ihm zu geben, aber Alles, was er zu ſchreiben vermochte, waren die drei erſten Buchſtaben Ihres Namens. Er warf nun Blei⸗ ſtift und Papier weg und ſchrie:„„Feuer! Feuer! Du haſt mir Feuer gegeben.““ „Er hat alſo wohl ſehr gelitten?“ fragte Cäcilie. „Nun, das weiß man nicht,“ entgegnete Samuel; „wenn der Verſtand nicht mehr da iſt, dann, ſagen einige, habe der Schmerz aufgehört; denn dieſer be⸗ ſtehe nur ſo lange, als das Empfindungsvermögen vorhanden ſei. Aber ich glaube nicht daran, auf dieſe Weiſe würden die armen Thiere, welche keinen Ver⸗ ſtand haben, nicht leiden. Die ganze Nacht verging ſo. Von einer Stunde zur andern kam der Arzt, er ließ ihm zu Ader, er legte ihm Senfpflaſter auf; aber alles dies, indem er den Kopf ſchüttelte; man ſah wohl, daß er, um ſich in ſeinem Gewiſſen zu recht⸗ fertigen, zwar handle, daß er aber keine Hoffnung habe. In der That fing ich am Morgen des dritten Tages auch zu verzweifeln an. Das Fieber ging fort, aber das Leben mit ihm. So lange er das Fieber hatte, hatte ich die größte Mühe der Welt, um ihn am Aufſtehen zu verhindern; denn er wollte zu Ihnen; als das Fieber vorbei war, hätte ich ihn mit dem kleinen Finger im Bette zurückgehalten. O, ſehen Sie, Fräulein Cäcilie, das war nicht mehr er, der ſchwach war, und ich war nicht der, der ſtark war, ſondern der Tod war da.“ „Mein Gott, mein Gott!“ rief Cäcilie,„vergieb ! 11 Samuel glaubte falſch gehört zu haben und fuhr fort: „Die Schwäche mußte ſich vermehren, er hatte noch einmal zwei oder drei Anwandlungen, daß man Nanite⸗ das Leben kehre zurück; allein es war im egentheil die Seele, welche dem Körper Lebewohl ſagte, und um drei Uhr, weniger fünf Minuten, ich ſehe ihn noch vor mir, wie ich Sie vor mir ſehe, mein Fräulein, richtete er ſich auf, blickte mit einem ſtieren Auge um ſich, ſprach Ihren Namen aus, fiel auf ſein Kiſſen zurück und war todt.“ „Und dann, dann Samuel?“ „Nun, Sie wiſſen, mein Fräulein, am Borde ſind die Ceremonien nicht lang, beſonders wenn der Todte an einer anſteckenden Krankheit geſtorben iſt. Ich hielt ihm einen Spiegel vor den Mund. Gute Nacht, er hatte keinen Athem mehr. Dann ging ich, um dem Capitän zu ſagen: Capitän, es iſt aus, er iſt todt!“— „Mein Gott, mein Gott!“ flüſterte Cäcilie zum zweitenmale,„nicht wahr, Du wirſt mir verzeihen?“ „Nun, ſagte der Capitän zu mir: wenn er todt iſt, mein Freund Samuel, dann kommſt Du mit uns, um das Protokoll zu machen, und dann gehſt Du 255 wieder auf Deinen Poſten.“„Verzeihung, Capitän,“ antwortete ich,„aber es iſt noch nicht zu Ende; der arme Herr Heinrich, wer wird ihn denn in ſeine Hängematte nähen? Wenn er auch nur ein einfacher Paſſagier iſt, ſo darf man ihn doch nicht in's Meer werfen, wie einen Hund.“ 3 „Du haſt recht,“ erwiederte der Capitän,„aber mache geſchwind;“ ich antwortete durch ein Zeichen mit dem Kopfe und machte mich an die Arbeit; denn Alles am Bord beeilte ſich, von der armen Leiche ſich zu entfernen. Auch die Ceremonie war nicht lange. Als ich dem Capitän ſagte, daß Herr Heinrich in das Lei⸗ chentuch gehüllt ſei, erwiederte er:„ Haſt Du ihm eine Kugel an den Fuß befeſtigt?“„Zwei, Capitän, zwei,“ erwiederte ich,„man ſoll mit ſeinen Freunden nicht knauſern.“„Gut,“ ſagte der Capitän,„man bringe die Leiche auf das Verdec.“ Ich nahm ſie in meine Arme, trug ſie hinauf; man legte ſie auf das Brett. Der Capitän, welcher ein Irländer und folg⸗ lich katholiſch iſt, ſprach einige Gebete, dann hob man das Brett auf, der Leichnam glitt hinab, fiel in's Meer und verſchwand. Das iſt nun Alles.“ „Ich danke,“ ſagte Cäcilie,„aber wir müſſen bun dem Orte nahen, wo Du ihn in's Meer geworfen a.ℳ „Meiner Treu, mein Fräulein, in fünf Minuten müſſen wir dahin kommen; wenn wir den großen Palmbaum, welchen man auf der uns am nächſten liegenden Inſel ſieht, dem Bugſpriet gerade gegenüber haben, da iſt es.“ „Und von wo aus hat man ſeinen Körper hinab⸗ geworfen, Samuel?“ „Vom Backbord, von hier aus können Sie den Platz nicht ſehen, der große Segel verbirgt ihn vor uns; er iſt zwiſchen der Treppe, und zwiſchen den Wandtauen des Beſanmaſts.“ „Gut,“ ſagte Cäcilie. 2⁵6 Und das junge Mädchen ging gegen den bezeich⸗ eten Dri hin, und verſchwand hinter dem großen egel. „Arme Cäcilie,“ murmelte Samuel. „Wenn wir gerade an der Stelle ſind,“ ſagte Ezeni„nicht wahr, dann wirſt Du mich in Kenntniß etzen.“ „Seien Sie ohne Sorgen, mein Fräulein.“ Samuel bückte ſich, ſo daß er unter den Segeln hindurchſehen konnte, und er ſah, wie Cäcilie auf den Knieen lag und betete. Ohngefähr fünf Minuten verfloſſen, während welcher der Pilot ſeine Augen auf den Palmbaum ge⸗ richtet hatte. Endlich, als der Palmbaum ſich gerade dem Bugſpriet gegenüber befand, rief er: „Hier iſt es!“ „Hier bin ich, Heinrich!“ antwortete eine Stimme; hierauf ließ ſich das Fallen eines ſchweren Körpers in das Waſſer vernehmen. 3 „Zemand im Meere?“ rief der zweite Lieutenant, welcher die Wache hatte. Samuel war mit einem Sprunge vom Steuer⸗ ruder an der Schanze. Er ſah etwas Weißes, wel⸗ ches das Kielwaſſer des Schiffes herumdrehte. End⸗ lich ſank dieſe Art ſchwimmenden Dunſtes auf der Oberfläche des Waſſers unter und verſchwand. „Darum alſo hat ſie,“ ſprach Samuel, indem er den Ruderſtock wieder ergriff,„darum alſo hat ſie Gott gebeten, er möge ihr verzeihen!“ Die ſchöne Anna ſetzte ihre Reiſe fort, und langte nach einer weitern Fahrt von achtzehn Tagen glücklich in Point a Pitre an.