Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur I duard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 17 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 4 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 4 für wöchentlich——2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. Pf. 5 8 8 — =— 5₰ 5 . — 2 18 2. 3 3 · 2 ₰ 8 2 — — ₰△ 5 ᷣ 8 — — . — — 8 5 2 5 ſen verpflichtet. 9 — ——————————— Kronen und Ketten. — Ein hiſtoriſcher Roman von Ednard Duller. —eR Dritter Band. Frankkurt am Main. Verlag von Johann David Sauerländer. 1 835. oN 8 8 —,—— Grimm. — Nicht lange litt es Herrn Ludwig im Bart am Hoflager der Kaiſerstochter, obgleich er durch ihre Vermittlung die Gunſt des wankelmüthigen Siegmund wieder gewann, welcher, um ſeine böhmiſche Krone bangend, immer wieder die Für⸗ ſten und Heere zu Kreuzzügen gegen die Huſ⸗ ſiten aufrief. Ein geheimnißvoller Schutz ſchien dieſe in ihrer Unbezwinglichkeit aufrecht zu er⸗ halten. Zwar, am 11ten des Weinmonds 1424 im feſten Lager vor der belagerten Stadt Przibislaw war der Tod an den Ziska getreten; die wilden Schaaren des im Leben immer ſieg⸗ reichen Huſſitenfeldherrn, der ein halb Tauſend Städte und Klöſter geplündert, veranſtalteten ihm zur Leichenfeier einen gar theuren Brand, ſie ſteckten die belagerte Stadt an den vier Ecken an; das war die letzte Huldigung für den blin⸗ den Mann ohne Herz, der Huſſens Flammentod gerächt. Aber mit dem Hinſcheiden Ziska's war 1 ½ — 4— die Rache nicht todt. Im letzten Willen hatte er anbefohlen, ſeine Haut auf eine Trommel zu ſpan⸗ nen, und dieſe zu rühren, ſo oft es zur Schlacht ginge oder zum Blutgericht über römiſch⸗glãubige Prieſter und Mönche. Und ſo oft die Trommel ſcholl, hatte der im ſteinernen Grabmal zu Czaslau keine Ruh', und ſeine eiſerne Keule, die drüber hing, klirrte und dröhnte, ſein Säbel, Küraß und Puſikan rüttelten ſich; er wandelte im Böhmerland von einem freiheitsluſtigen Mann zum andern und rief, haßglühend wie Sturm⸗ glockenklang, in ihre Traͤume hinein. Die beiden Procope, der Geſchorne und der Kleine, führten die kriegserfahrnen Streiter zu neuen Siegen. Vor ihnen her flog als Herold noch immer das Entſetzen; wo ſie hinkamen, war kein Wi⸗ derſtand. Siegmund verſuchte Alles, um ein ge⸗ waltiges Kreuzheer wider ſie zuſammen zu brin⸗ gen. Das Pabſt ließ in allen Landen der Chri⸗ ſtenheit das Gebot ergehen, Jedermann ſolle zum Sold der fahrenden Knechte, welche wider die Huſſiſchen angeworben würden, einen Steuer⸗ groſchen geben; alle Fürſten mußten dazu Gle⸗ ven ſenden und Kriegsbedarf, Stein⸗ und Hand⸗ — ,. —.—x; — 5— büchſen, Pulver und Pfeile; in Augsburg, der kunſtreichen Stadt, hatten die Helmſchmiede und Venediger, die Plattner, Ambosmeiſter, Hauben⸗ macher und Schwertfeger ſattſam Beſtellung und hämmerten friſch drauf los bei Tag und Nacht. Zwiſchen den baieriſchen Herzogen war wohl auf vier Jahre Friede geboten worden; aber Herr Ludwig im Bart drang gegen den Churfürſten Friedrich und Heinrich von Landshut auf neue Tagfahrten, und der Tod des letzten männlichen Sprößlings des herzoglichen Hauſes von Strau⸗ bing, Herrn Johanns, welcher in Holland das Zeitliche geſegnet, warf alſobald den Zunder zu neuen Zwiſtigkeiten zwiſchen die fürſtlichen Herrn von Ingolſtadt, München und Landshut. Ludwig im Bart ſprach als Aelteſter des Hauſes Wit⸗ telsbach das ganze Erbe an, Heinrich forderte eine Dritttheilung und die Münchener Herzoge gar eine Vierttheilung. Sie kamen zu Strau⸗ bing zuſammen, konnten ſich aber, trotz dem güt⸗ lichen Mahnbriefe Siegmund's, nicht vereinigen. Heimlich grollend verließ Ludwig im Bart Strau⸗ bing und begab ſich nach Ingolſtadt, um daſelbſt ſeinen geliebten Sohn Wieland, welcher nach — 6— Herſtellung des Friedens aus Welſchland heim⸗ gekommen war, mit der ſchönen Grafentochter Amalie von Wertheim zu vermählen. Der Anblick Wieland's, des trefflichen, ſchö⸗ nen, an Leib und Seele wohlgerathenen Sohnes, verſcheuchte in Ludwig's Herzen,— wenigſtens für einige Friſt, den Mißmuth über ſo langjährige Kränkungen, über ſo viele bitter getäͤuſchte Hoff⸗ nungen. Das alte vereiste Herz thaute dem rauhen Manne auf, heilige Erinnerungen an Ca⸗ neta und ſein kurzes Jugendglück überhauchten ſein Auge zuweilen mit Wehmuth und erweckten in ſeiner Bruſt das Bedürfniß nach Ruhe im Kreiſe der Seinigen. Bürgerſchaft und Geiſt⸗ lichkeit begannen die Segnungen des Friedens zu empfinden, welcher endlich nach ſo langen Jahren in das ruheloſe Herz einzog. Sein Haar war bleich geworden, ſeine Sitten und Reden zeigten ſich mild und leutſelig, wie ſeit langen, langen Tagen nicht. Es umgaben ihn ernſte, würdige, in allem Wiſſen tief erfahrne Männer, deren Kunſt und Gelehrſamkeit er fürſtlich lohnte. Aus Regensburg hatte er den Bruder Andreas vom Kloſter des heiligen Magnus mit ſich nach In⸗ —„— golſtadt geführt, einen Mann, der in der Ge⸗ ſchichte der Völker und Fürſten gar trefflich be⸗ wandert war und ſich darauf verſtand, die Kun⸗ den ſeiner Zeit durch die Schrift auch einer ſpätern Nachwelt zu überliefern. Dem trug Ludwig auf, jene Chronik von Baierland, die Andreas urſprünglich auf lateiniſch niedergeſchrie⸗ ben, zum Spiegel der Fürſten und zur Beleh⸗ rung des Volkes in die Mutterſprache zu über⸗ ſetzen; auch beſtellte er bei ihm einen vollſtändigen baieriſchen Stammbaum. Einmalhunderttauſend Dukaten und eine Menge ſeiner franzöſiſchen Kleinodien verwendete er, um durch den weiſen Meiſter Konrad Glätzel nach dem Vorbild des Ulmer Münſters Unſerer lieben Frau einen Dom in Ingolſtadt erbauen zu laſſen. An demſelben Tage, da der erſte Stein zu dieſem Gebände gelegt worden war, richtete er ſeinem Sohne Wieland mit ungeheurer Pracht, wie er es von Frankreich her gewohnt war, die Hochzeit aus. In der ganzen Stadt war durch des Herzogs Freigebigkeit, Fröhlichkeit und Wohlleben vollauf. Allenthalben hörte man die anmuthigſten Weiſen fahrender Spielleute; aus Augsburg hatte er eigens die Stadtpfeifer kommen laſſen, welche mit Pfeifen und Poſau⸗ nen, Lauten und Waldhörnern bei dem Hochzeit⸗ mahl Muſik machen mußten. Nicht ein trübes Geſicht war auf der ganzen Hochzeit zu ſchauen; da ſaßen der Marſchalk zu Oberdorf und der alte Wieland Swelcher, die zween Gumpenberger Heinrich und Görg, des alten Herzogs treue Räthe, der gelahrte Stiftsherr Jodocus Rot, der die geheimen Briefe auszufertigen hatte, der treffliche Niklas Heller, Landſchreiber zu Grais⸗ bach, und Herr Heinrich von Seckendorf und Erhard Muckenthaler, welcher dem jungen Gra⸗ fen von Graisbach ſtets wohl gedient, und Herr Konrad von Freiberg, genannt der Fiedelbogen, und Herr Oswald Ottlinger, alleſammt wacker Beſcheid thuend auf des jungen Ehepaares Glück und langes Leben, dem alten Herrn im Bart ſchalkhaft wünſchend, daß er ſich bald an Enkeln erfreuen möge; ſie vergaßen Alle die vielen Nar⸗ ben auf ihren Leibern, die ſie vom Allinger⸗Tage her trugen, und das mancherlei Ungemach, was ſte mit ihrem Herrn und für denſelben ſchon er⸗ duldet. — 9— Aber Einer von Allen, obgleich auch er ſein Antlitz in Freundlichkeit hüllte, trank Gift und Galle in jedem Schluck Weins, und fühlte einen Dorn im Herzen, ſo oft er ſeines Vaters par⸗ teiiſche Freude, der Neuvermählten zärtliche Lie⸗ besblicke gewahrte. Er ſaß einem großen Spiegel gegenüber, der Höckerige; ſo oft er ſein Antlitz von den Brautleuten oder dem Vater abwendete, mußte er unwillkührlich in den Spiegel ſchauen, welcher ihn, wie zum Hohn, immer wieder die eigene Mißgeſtalt zeigte. Er ſaß wie auf Kohlen und Neſſeln, und fluchte heimlich über ſich und die Welt, während ſein Anlitz noch immer den Schein der Fröhlichkeit mühſam bewahrte. End⸗ lich konnte er jenes äffiſchen Spottbildes Anſchau nicht länger mehr ertragen. Als wär' er von einer tollen Weinlaune ergriffen, ſprang er plötz⸗ lich empor, ſprach ein paar Reime zum Lobe des Rebentranks und ſchleuderte dann, als thäte er's ohne Abſicht, den ſilbernen Becher, den er emporgehoben und geleert hatte, wider den Spie⸗ gel, daß dieſer in hundert Scherben zerſprang. Der alte Herzog fuhr von ſeinem Sitze em⸗ por, zeigte ihm die gerunzelte Stirne und ſprach — — 160— zu dem Fiedelbogen:„Hm, Freiberger, es dünkt mich an der Zeit, daß Ihr mit Eurem luſtigen Herrn, dem Grafen von Graisbach, heimginget; ſonſt erwacht ſein Muth gegen unſre armen Gläſer; und das Venediger Spiegelglas hat mich, meiner Treu, mehr als Eine volllöthige Mark Silbers gekoſtet.“ „Ach, Vater,“ erwiderte boshaft lachend der Sohn,„Ihr habt ja noch viel Silbers vom Landshuter zu fordern.“ „Wer beſchwört mir den böſen Geiſt zu un⸗ ſerm Feſte?“ polterte der Alte, und fuhr dann finſter, aber ruhiger und leiſer fort:„Pah; der Schwächling kann ſich gegen den Wein nicht wehren,—“ „So wenig, wie Ihr Euch gegen die Münch⸗ ner,“ erwiederte raſch der Graf von Graisbach; „der Wein ſoll leben, hoch und dreimal hoch! Wein iſt ein guter Geſelle, er begräbt die Ge⸗ danken. Heiſſah! der Todtengräber der Vernunft ſoll leben!“ Auf einen Wink des ergrimmten alten Her⸗ zogs faßte der Freiberger ſeinen Pflegſohn raſch am Arm, flüſterte ihm ein paar Worte in's 2 — — 11— Ohr und führte ihn vom Hochzeitsmahle in ſein Schlafgemach. Als ſie drinnen waren, verrie⸗ gelte er die Thüre und ſprach zu dem jungen Prinzen:„Um's Himmelswillen, wie mochtet Ihr doch an einem ſo füßen Freudentage, da Euer Vater ſo ganz in dem Glücke Eures Bru⸗ ders ſelig iſt, und ſchon von den allerliebſten Engeln: ſeinen künftigen Enkeln träumt, ſo un⸗ geberdig ſein? O ich bitte Euch, ſagt ſelbſt, war das auch artig von Euch?“ „Ich wollte,“ entgegnete Ludwig wild,„der Grobheitsteufel regierte mit einem Dreſchflegel die Welt! Verderben über Euch, daß ihr mich beſchwatztet, die Feuerprobe meiner Geduld und Mannhaftigkeit zu beſtehen; die Peſt und Gottes Donner über mich ſelbſt, daß ich ſo ein ſieben⸗ facher Thor ſein konnte, zu verſuchen, weit wie meine Verſtellung reiche!“ „Gott! Gott! Ihr dauert mich in die Seele hinein,“ verſetzte ihm der Freiberger. „Zum Henker mit dem Mitleid!“ rief Lud⸗ wig.„Mitleid, Mitleid?! Unſere elende Schwach⸗ heit iſt's, die man alſo tauft! Ich will kein Mitleid, ich trete es mit Füßen, dies verdammte — 12— Mitleid; es iſt nichts, als heimlicher aber gifti⸗ ger Hohn; die abgeſchmackte weibiſche Welt läßt ſich eine Naſe drehen, wenn ſie's für„was Beſſ⸗ res hält.“ „Ach, Ihr mißverſteht mich ganz,“ entgeg⸗ nete der Freiberger mit einem täuſchenden An⸗ ſtrich von Treuherzigkeit;„ich wollte ſagen: es thut mir leid, ſo oft ich daran denke, wie wenig Ihr in der Welt Euer Glück machen werdet, wenn Ihr Eure Leidenſchaften ſo ſchlecht zu bändigen, Eure Geſinnungen blos ſo ſpinnweben⸗ mäßig zu verbergen verſteht! Ich habe Euch doch von Kindesbeinen an nach meinem beſten Wiſſen und in aufrichtiger Treue die Lehre ein⸗ geprägt, daß Ihr immer den Kürzern ziehen werdet, ſo lange Ihr Euch ſo gebt, wie Ihr ſeid. Ich habe doch wahrhaftig keinen Grund, Euch untreu zu rathen, denn ich liebe Euch ja, und habe keinen andern Zweck, als Euch zu nützen;— ſo wenig ich übrigens Eurem Vater oder Bruder zu ſchaden beabſichtige; hm, ſo habe ich mich nun einmal an Euch angeheimelt, und Ihr ſeid mir ſo lieb, als wär't Ihr mein leiblicher Sohn. Mein Gott! was habt Ihr 4 — 13— denn davon, wenn Ihr der Welt Euer Inneres herauskehrt? Macht es Euch etwa beſondern Spaß? Nun, dann müßt Ihr dieſen Spaß theuer genug bezahlen; denn am Ende iſt ſich Jeder ſelbſt der Nächſte, und alſo wird Jeder, wenn er einmal all' Eure Schwächen kennt, Euch d'ran gängeln; denn Gelegenheit macht Diebe.“ „Wollt Ihr mich toll machen?“ rief Lud⸗ wig;„ſchweigt, ſonſt wollt' ich, Ihr hättet je⸗ nes Spiegels Natur. Ha! Was nützt mir das Alles?! Ich liebe; und meine Liebe iſt nicht von jener ſchmachtender Thoren Art und Weiſe, die den Mondſchein zum Unterhändler zwiſchen ihnen und ihren Liebſten machen wollen, und es für ihr größtes Glück erklären, wenn ſie unglücklich ſind. Zum Geier mit ſolchen Affen! Ich liebe aus Haß. Iſt das nicht ein neuer Witz? O ich ſage Euch, ich bin von Witzen ſo ganz zuſam⸗ mengeknetet, daß ich eher noch zu viel als zu wenig davon auf dem Rücken mit mir trage. Merkt Ihr? Ha, das war wieder ein Witz, ei⸗ ner zum Todtlachen; ich wollte, mein ſogenann⸗ ter Bruder lachte ſich darüber todt.“ „Hütet Euch um Gottes Willen, ſolche Ge⸗ — 11— danken hier laut werden zu laſſen,“ warnte der Freiberger;„Ihr wißt, was ich Euch gleich zu Anfang rieth.“ „Was nützt mir der Rath? Lieben, lieben! Eine Tollhäusleridee des Schöpfers! Was liebt man denn? Die Seele? Das iſt nicht wahr; ſonſt könnte ich eben ſo gut irgend einen ſchmutzi⸗ gen Kapuziner lieben, der eine blanke Seele be⸗ ſitzt! Alſo die Körperſchönheit? Da ſteckt's. O Vater, Vater, daß du mich als Mißgeſtalt zeugteſt! „Beruhigt Euch nur, mein Prinz! Iſt denn dieſe Amalie das einzige Weib auf Erden? Ich könnte Euch, wie ein Schwarzkünſtler, genau aus⸗ einander ſetzen, daß all unſer Thun und Treiben durch geheime Zauberfäden verknüpft iſt. Der rechte Augenblick iſt nur noch nicht gekommen, Ihr habt eben die noch nicht geſehen, die Euch vom Schickſale beſtimmt iſt. Vergeßt Amalie! Ihr ſeid wahrhaftig zu größeren Dingen berufen.“ „Wer ſagt Euch denn, daß ich ſie noch liebe? Aus Haß und mit Verachtung begann ich mein Spiel mit ihr; aus Haß iſt Liebe ge⸗ worden; jetzt wird die Liebe wieder zum Haß. Ich habe den Spiegel zertrümmert, aber er that mir wahrhaftig nicht mehr zu Leid, als dieſe Liebe; denn ſie iſt der rechte Spiegel, in dem ich immer und immer nur den Hohn leſe. Man ſtößt mich zurück, weil ich vom Urbild der Schön⸗ heit ſo weit entfernt bin, als der Berg von der Ebene und die Katze vom Chriſtpüppchen.“ „Ihr ſchweift immer wieder auf dieſen Punkt zurück; ich bitte Euch, denkt an was Beſſeres. Ihr ſeid endlich zum Manne geworden, Ihr habt Kraft, Muth, Klugheit genug, um Jedermann zu zwingen, daß man Euch anerkenne. Es hängt nur von dem Belieben Eures Vaters ab,— (und er iſt alt genug dazu)— wenn er Euch einmal die Zügel in die Hand gibt, Euch ſo hoch zu ſtellen, daß Ihr Euch von mehr Schmeichlern umſchwärmt fehen könnt, als den Sonnenſtrahl von Mücken, und Thaten vollbrin⸗ get, die Euch auch alle Herzen unterwerfen. Ich dürſte ordentlich, Euch einmal als Mann, ſo recht mitten im Schwall der kühnſten, unerhör⸗ teſten Thaten zu ſehen.“ „Vor der Hand ſeht Ihr mich ja noch im⸗ mer als Hochzeitsgaſt, will ſagen: als Narr! Ha, beim Patron aller Gaudiebe, iſt es nicht — 16— eine recht prinzliche That, den Glaſermeiſtern in Venedig Arbeit zu ſchaffen? Iſt es nicht recht beſcheiden, von der Hochzeit ſeines Bruders ohne ein Tänzlein mit deſſen Frau heimzugehen? O meiner Treu, ſo beſcheiden als unprinzlich; ſo unbeſcheiden als prinzlich. Jener Baſtard hat eine Art von prinzlicher Beſcheidenheit, und mei⸗ ner Treu,'s iſt leicht beſcheiden zu ſein, wenn man genug hat!— Amalie! pfui!— Wie konnte der Herrgott dem Mann eine Rippe ſtehlen, um ein Weib daraus zu machen?“ „So kommt doch nicht immer auf dieſe Hoch⸗ zeit zurück! Was iſt denn Fürchterliches daran? Beim lebendigen Gott! ich kann mir etwas den⸗ ken, was in Liebesſachen wohl noch fürchterlicher wäre. Geſetzt z. B. Ihr hättet Euer ganzes Le⸗ ben blos an Eine,— ſogenannte heilige Idee geknüpft, Ihr hättet mit dem Schimmer derſel⸗ ben alle Eure künftigen Thaten gekrönt, Ihr hättet den Himmel drauf gebaut, Ihr wäret mit derſelben ganz verwachſen geweſen, Ihr hät⸗ tet an Gottes Daſein nicht ſo feſt geglaubt, als an die Wahrheit dieſer Eurer Vorſtellung,— und nun ſähet ihr plötzlich ein, daß ſie nichts, gar nichts, als eine plumpe, handgreifliche — 17— Betrügerei geweſen, daß Ihr Euch ſelber einen Langohr drum nennen müßtet, Ihr ſähet Alles zuſammen ſtürzen, Erde, Himmel und Hölle, und hättet keinen Anker, kein Brett, keinen Stroh⸗ halm mehr, um euch dran feſt zu halten, und ſähet, wie Euch die Jungen auf der Straße nachliefen und hinterherriefen: Da geht der Thor! und Ihr dirftet's ihnen nicht einmal wehren, weil Ihr wüßtet, daß ſie Recht haben, und Ihr müßtet es dulden, daß Euch jeder Schuft Schlamm nachwürfe,— he, mein Prinz, ich ſag' Euch dieß blos zum Exempel,— nun, wenn Euch ſo was begegnete, was würdet Ihr dann thun?— Hm! Es iſt nichts, weil man einen bloßen Begriff nicht mit Händen greifen kann; — und doch iſt dieß Nichts das furchtbarſte Et⸗ was, das es auf Erden gibt.— Ich ſagte das blos ſo zum Beiſpiel; aber ich kann mir ſo ei⸗ nen Mann ungefäͤhr denken, und darum begreife ich nicht, wie Ihr Euch nur über die Heirath Eures ſogenannten Bruders ſo gar ereifern mö⸗ get. Es geht alles ehrlich dabei her. Die jungen Leute lieben ſich, die Väter geben ihre Einwilli⸗ gung, der Prieſter legt ihre Hände in einander, III. 2 3 — 18— ſie weint und er muß wieder weinen, da er ſte weinen ſieht, und ſo kömmt die ganze, an und für ſich höchſt lächerliche Sache unter Thränen zu Stande. Dabei iſt kein Betrug, dabei iſt keine Beeinträchtigung; was geht uns Andere fremdes Glück an? Ach Gott, ich dächte doch, daß Ihr die Weiber kennen gelernt hättet, und Ihr ſpracht auch ſonſt ganz anders darüber. Denkt an Tha⸗ ten, denn Ihr habt das Recht dazu. Danket Eurem Vater, daß Ihr ſein rechtmäßiger Sohn ſeid, denn dadurch gab er Euch eine Waffe ge⸗ gen ihn ſelbſt in die Hand, wenn er irgend etwas Unbilliges gegen Euch beginnen will. Will er Euch einſt irgend ein Recht an der Herrſchaft ſchmälern, ſo braucht Ihr es nicht zu dulden; er muß Euch laſſen, was Euer iſt; er kann vor Gott und der Welt nicht anders, und,— wenn er anders handeln wollte, ſo habt Ihr, der Ihr jetzt erwachſen ſeid, nach allen fürſtlichen Geſetzen der Chriſtenheit die Befugniß, Euch gegen ihn zu wehren. O ich wollte, daß Ihr endlich einmal ſelbſt Herrſcher wäret; Ihr ſeid ſo ganz geboren dazu.“ „Freiberger! Freiberger! Ihr habt Recht; vergebt, wenn ich tolles, abgeſchmacktes Zeug geſprochen. Ihr habt Recht, Fiedelbogen, un) — 10— doch ſummt mir dieß Lied ganz eigens durch den Schädel. Ich weiß und ſehe es noch immer, wie treu und ehrlich Ihr es mit mir meinet. Ihr ſeid der einzige Menſch auf Erden, dem ich etwas ſchuldig bin, und ich will Euch's, wenn ich einſt Herzog werde, bei meiner armen Seele, treulich vergelten. Ja, ja, Ihr habt Recht, ich muß Thaten ſuchen; hier ſchrumpfe ich ganz zuſam⸗ men wie Leder an der Dürre. Ich will in ferne Laͤnder reiten, wo es durch Thaten doch noch Ehre zu gewinnen gibt; keinen Augenblick mag ich fürder zögern. Ich will das Kreuz nehmen und wider die Böhmen fechten.“ „Was fällt Euch bei? Es gibt Kreuz genug auf Erden! Ich bitte Euch, thut das nicht, das bringt Euch keinen Segen. Es iſt noch Keiner mit heiler Haut oder heiler Ehre wieder aus dieſen Schluchten und Wäldern zurückgekommen. Denkt nur, wen Ihr dort zu Feinden habt! ſchlechtes Bauernvolk, Ritter vom Dreſchflegel, die eine ganz andere Kriegskunſt ausüben, als wir hier im Baierlande verſtehen. In dieſen Hohlpäſſen und Schlupfwinkeln nimmt es ein einzelner Huſſit, mit nichts als mit ſeiner Heu⸗ 2*¾ gabel bewaffnet, gegen drei ſtattliche Ritter zu Pferde auf.— Nein, da würde ich Euch einen ganz andern Rath geben, wenn Ihr anders Luſt habt, ihn anzuhören. Ich an Eurer Stelle ginge nach Braunſchweig und ſuchte Dienſt am Für⸗ ſtenhof; des Herzogs ſchöne Tochter ſoll, wie ich für gewiß gehört habe, nächſtens an das Schooßkindchen der Münchner Herzoge, an die⸗ ſen ſanften, lammfrommen, lieben, guten Albrecht verlobt werden, der ſich ſtundenlang hinſtellen kann und den Sternen zur Laute Lieder vorſingt, damit dieſe ſie nach Augsburg zu ſeinem ſchönen Engel tragen; es wäre köſtlich, wenn Ihr die⸗ ſem blaſſen Schwärmer die Braut abgewinnen könntet; und es mag Euch auch nicht fehlen, Euer Vater hat Kleinodien genug aus Frankreich mitgebracht, welche als Euer künftiges Erbe Euch ſchon jetzt angehören,— wenn Euer Vater ſie nicht etwa zufällig früher an Wieland verſchenkt; — und, mag mir nun Einer ſagen, was er will, — mit Putz kirrt man eben Frauen. Oder, wie ware es, wenn Ihr an den Hof des Branden⸗ burgers zöget? Der kann Euch gewiß genug zu ſchaffen geben.“ „Ich meine wohl auch, denn er hat meinem — 21— Vater genug zu ſchaffen gemacht; o geht mir mit einem ſolchen Vorſchlag! Dieſer Branden⸗ burger hat es nie ehrlich mit uns gemeint, und wird es nie!“ „Gott! Ihr verwechſelt ganz die Begriffe! Wann hätte je der Brandenburger gegen das Haus Wittelsbach etwas Feindſeliges unter⸗ nommen? Daß er mit Eurem Vater böſe Hän⸗ del hat,— je nun!— das geht ja doch das Haus Wittelsbach nichts an, und Euer Va⸗ ter hat die allermeiſte Schuld dabei. Am Ende ſeid Ihr doch Eurem Hauſe mehr ſchuldig, als Eurem Vater, und der Brandenburger iſt Eu⸗ rem Hauſe ſogar verwandt. Er iſt des Kaiſers Freund, und wenn Euch je, was ich nicht hoffen will, was aber doch immer zu befürchten ſteht, Euer Vater um Eures Bruders Willen hintan⸗ ſetzen ſollte, ſo habt Ihr danſt an dem Churfur⸗ ſten und an dem Kaiſer ein paar gute Schilde, mit denen Ihr Euch gegen Euren Vater, der alt, ſchwach und thöricht wird, und blos von den Launen ſeines Wieland abhängt, ſo wie gegen die ganze Welt ſchützen und wehren könnt.“ „Mein Kopf dreht ſich um und um. Aber Ihr habt Recht. Zum Teufel auch! hier kann — 22— ich nun und nimmer bleiben. Ich will in Braun⸗ ſchweig und bei dem Brandenburger mein Heil verſuchen. Ha, was kümmern mich denn die Weiber?! Eigentlich ſollte ich der ſchönen Frau Amalie jetzt von ganzem Herzen noch danken, daß ſie meines Bruders Weib geworden iſt. Ich fühle, wie ich durch meine Thorheit vollkommen verroſtet wäre. Unſinn! Unſinn!— Ich will der Welt zu erkennen geben, wer ich bin; man ſoll den Erben, beim lebendigen Gott eben ſo ſcheuen, als den, den ich zu beerben habe. Es wird mir zuweilen etwas läſtig, mir mein Herrſcherrecht ſo lange vorenthalten zu wiſſen, und noch dazu durch einen alten Mann, der jetzt im Frieden ſich erſt recht vorbereitet, Methuſa⸗ ſems Alter zu erreichen.“ „Darüber ſollt Ihr Euch keine Sorge ma⸗ chen, mein theurer Ludwig. Mein Gott, darin liegt der Fürſten einzige Unſterblichkeit,— in der Unſterblichkeit ihrer Rechte. Ihr Herren habt Rechte, bevor Ihr an's Tageslicht kommt, Eure Windeln werden zu Dokumenten. Bei allen Teufeln! wäͤr' ich an Euer ſtatt, ich nähme, was mein iſt. Und Ihr habt eine nette Anwartſchaft.“ „Ich reite Morgen nach Braunſchweig, und habe Luſt nicht eher wieder zu kommen, als bis ich den Herzogshut auf's Haupt ſetzen kann. In dieſem verhaßten ewigen Einerlei von Flitterwo⸗ chen eines Bankerts und parteiiſchen Liebkoſungen eines Vaters mag es ein Pſittich länger aus⸗ halten, der zum Ja⸗ſagen und zum Glückwünſchen mit Zuckerbrot abgerichtet iſt, ich nicht! Ich bitte Euch, Freiberger, haltet Euer Roß mit dem Früheſten bereit, mich zu begleiten.“ „Wie meint Ihr?— Nein, mein Prinz, das geht nicht; ich kann Euch nicht begleiten. O glaubt mir, ich werde Euch hier nützzlicher ſein, als ich Euch in Braunſchweig oder Branden⸗ burg ſein könnte. Ich will, ſo wahr ich der Fiedelbogen heiße, hier auf jede Weiſe lauſchen, die aufgeſpielt wird, und ſelber mitſpielen, damit Ihr deſto unbekümmerter tanzen könnt. Es ſoll Euch nicht gereuen, mich zum Pflegevater gehabt zu haben. Ich will Euch mit aufrichtiger Treue Alles berichten, was etwa wider Euch geſponnen wird, und ſelber hier Alles ſpinnen, was Euren angebornen Feinden zum Netze werden kann, das ich endlich über ihren Häuptern zuſammenziehe. Lebt wohl, lebt wohl, mein Prinz, der Himmel ſei mit Euch und gebe, daß ich Euch bald als Herzog begrüßen kann, denn dieſer alte Mann iſt Alles eher mehr als ein Herzog. Statt ſein Reccht einzutreiben, verkehrt er mit Pfaffen und Baumeiſtern, und läßt Chroniken ſchreiben, um ſeinen Ruhm auf die Nachwelt zu bringen. Das iſt das glorreiche Ende ſeines Lebens.“ „Das iſt, hoffe ich, der Anfang meines Ruhmes!“ erwiederte Ludwig;„nun lebt wohl und erhaltet mir Eure Treue. Grüßt mir meinen Zuckerbruder, ſo wie Ihr mir einen Dieh grüßen müßtet, der mir zwei Juwele geſtohlen; und er that's. Pfui über ein Iuwel, das nicht mehr mein iſt! es hat ſeinen Glanz verloren, es gibt mir blos Anlaß, es um des neuen Trägers Willen zu haſſen. Gott befohlen, Freiberger, Gott befohlen!“ Haſtig ſtieß er dieſe letzten Worte heraus, und winkte dem Fiedelbogen, ihn ſchnell zu verlaſſen. Der Freiberger ging; Lud⸗ wig konnte die ganze Nacht über keine Ruhe fin⸗ den. Mit dem früheſten Morgen brach er auf, von tauſend Gedanken durchkreuzt, beſtieg ſein Pferd, und ritt, ohne von ſeinem Vater noch ir⸗ gend jemand Anderm freundlichen Urlaub zu neh⸗ men, von dannen. Dritter Theil. Die Vehme. Als von ſiebenmal ſieben Wochen die vorletzte heranbrach, ſeit Herr Lienhard Sandizeller, der heimlichen Vehme ächter Freiſchöffe, an dem Thore des Landshuter Schloſſes die Ladung ge⸗ rufen, machte ſich Herr Kaspar der Törringer, welcher ſeither ſtill und abgeſchieden zu Köln am Rheine lebte, aus ſeiner Herberge, unfern der alten Apoſtelnkirche, ganz allein,(ſeinen Knecht Götz ließ er zurück) zu Roß auf den Weg und ritt durch die Schildergaſſe und das Perlenſträß⸗ chen auf der Sandbank am ſtattlichen Gürzenich vorüber, vor Sankt Martin vorbei, bis zur Naͤhe der Lyskirch', wo die Stadtmauer gegen den Rhein ſteht. Ein paar Häuſer weit davon befand ſich eine Herberge, worin zur Zeit der Octaven von großen Heiligenfeſten die minder bemittelten Pil⸗ ger, welche nach der heiligen Stadt Köln zogen, ihre Unterkunft und einen wohlfeilen Schoppen ſuchten. In dies Haus, wo er ſich wäͤhrend ſeines Aufenthalts in Köln öfters mit einem guten Schluck erlabt hatte, ohne durch läſtiges Aus⸗ fragen über ſein Thun und Laſſen, Wollen und Treiben gequält zu werden,(wie es ſonſt der Wirthe Sitte bei ſtattlichen Herren iſt) trat er auch jetzt ein, um ſich, bevor er den Ritt nach Velgeſte zum Freiſtuhl bei Sweynte vor der Brücke begann, noch durch einen Johannisſegen zu ſtärken. Es war Nachmittag; ein dichter Ne⸗ bel, der bereits einige Tage angehalten, brütete in die engen Straßen der alten Stadt hinein. Zumal in der Gegend um die Lyskirche an der Burgmauer war's ſo öde, daß man ſchier Stun⸗ denlang keinen Menſchentritt hörte. Das Roß, welches er am Treppengeländer vor der Haus⸗ thüre angebunden, ſchnoberte, als wollte es, Gott weiß⸗was, herauswittern, in den dichten Nebel hinein. Der Törringer ließ ſich einen gu⸗ ten Schoppen vorſtellen und ſann der Zukunft, in deren Schooße die nahe Entſcheidung ſeiner Rechtsſache noch verborgen lag. Er hatte ſeinen Feind, den ungerechten Herrn Heinrich von Landshut, der ihn zum Aeuſſerſten getrieben, vor Ludwig Schunkatel, dem Freigraven zu Velgeſte auf der rothen Erde, beklagt vonwegen der Miſ⸗ ſethat an Herzog Ludwig in Coſtniz, und daß er, wie ein Dieb und Räuber, Törring, das alte ehrenfeſte Stammſchloß, gebrochen, und daß er an der Hausfrau Eliſabeth, einem rechtſchaffnen Weibe, ſchmachvoll und grauſam gehandelt; und hatte d'rauf angetragen, es ſolle der Herr von Landshut als ehrlos, rechtlos und friedlos erklärt werden, verfallen geben ſeine Lehen und verfallen ſein ſeines Namens als Fürſt und alles menſch⸗ lichen Troſtes, und des Waſſers und Feuers und der Pflege und des Obdachs, und der Erde und des Himmels und des Leibes. Die ſiebenmal ſieben Wochen rückten zu Ende, und der biederbe Mann, der ſein Recht bis zum letzten Athemzug wieder haben wollte, ſah mit pochendem Herzen dem Tage entgegen, wann er zu Sweynte vor der Brücke ſeinem mächtigen Feind als Beklagten endlich gegenüber ſtehen würde. Ernſte Bilder durchkreuzten wie in Träumen ſeine Seele. Mit Wehmuth gedachte er des geliebten fern en Weibes, und was für bittre Sorgen es ſich vielleicht eben jetzt um ihn machen würde. Umſonſt verſuchte er, die trüben Wolken, welche ſeinen Geiſt um⸗ gen Eiſenhauben mit einer Art von blechernen — 30— ſchwirrten, zu durchbrechen; er mochte keiner lichten, klaren Hoffnung geneſen; ſelbſt alle ſeine geheime Wiſſenſchaft, die ihm ſo oft Tröſterin geweſen, ſchien jetzt aus ſeiner Erinnerung als wie verlöſcht und ausgetilgt. Er konnte es in der engen, geheizten, dum⸗ pfigen Stube nicht länger aushalten, lerete den Schoppen, wobei er ſtill das Wohlſein und lange Leben ſeiner Hausfrau ausbrachte, und warf der alten Wirthin einen rheiniſchen Gulden auf den Tiſch, worauf ſie ihm eine Handvoll Kleingeldes herausgab und vorzählte. Der edle Törringer ſtrich es ein, gab dem Burſchen, der ihm ſein Pferd losband und den Steigbügel hielt, einen Stüber und trabte hierauf längs der Mauer in der ſchmalen engen Gaſſe langſam fort, um ſich am alten Ufer über den Rhein ſetzen zu laſſen. Während er ſo arglos ſeines Weges dahin ritt, hörte er plötzlich dicht hinter und nicht weit vor ihm Fußtritte, als wie von mehreren Män⸗ nern. Er ſchaute auf und gewahrte jetzt, daß ihm ihrer ungefähr zehn den Weg verrannten. Sie waren in gute Harniſche gekleidet und tru⸗ — 31— Schönbarten, welche ihnen den ganzen oberen Theil des Geſichts bis über den Mund bedeckten. „Ich bitt' euch, ihr Leute,“ ſprach der Tör⸗ ringer vernehmlich,„weicht ein bischen zur Seite, daß ich meines Weges fürder ziehen mag.“ Aber die mit den Schönbarten achteten ſei⸗ nes Wortes nicht, ſondern ſchloſſen ſich dichter an einander und ergriffen, ehe es der Törringer wehren konnte, ſeines Roſſes Zügel. „Hei!“ rief jetzt der Törringer, ſich zu Ar⸗ gem verſehend,„ſeid ihr ſolchen Gelichters? Nun, dann iſt's meine Schuld nicht, wenn ihr mit Beulen wieder nach Hauſe kommt. Macht Platz!“ Aber die ſauberen Geſellen hatten den bieder⸗ ben Mann derweil ſchon hinterrannt, ihm rück⸗ lings das Schwert entriſſen, und zerrten ihn vom Gaule, ſo gewaltig er auch rechts und links um ſich ſchlug und ein über das andere Mal rief: „Werdammte Strolche! ſtoßt mir lieber das Herz durch, als daß ich vor euren Diebshänden zu Schanden werden ſoll.“ „Seid ruhig, edler Herr,“ erwiederte der Eine mit verſtellter Stimme,„und folgt uns in — 32— Güte, wir wollen Euch nichts zu leide thun; nur ſollt Ihr einige Zeit. länger in Köln bleiben, als Ihr anfänglich gedachtet.“ „O du mein Herr Gott!“ rief der Törrin⸗ ger jetzt, als gewahrte er plötzlich ein blutiges Meteor in der Nacht,„ha, mir ſcheint, das ſoll wider mich noch ein ärger Bubenſtück werden.“ Mit Löwenkraft wollte er jetzt die Verkappten, die wie Blutigel an ihm hingen, von ſich ſchüt⸗ teln, aber umſonſt; einer hatte ihm mit unge⸗ meiner Gelenkigkeit ſchon feſte Stricke um die Hände geſchnürt. Der Törringer, der ſich alle Mühe gab, ſie zu zerreiſſen, bemerkte jetzt an einem Lugfenſter des Mauerthurms den Wächter, ein ſteinaltes Männlein, welches eben den Kopf herausſtreckte und kindiſch zuglozte. Der Wächter verſchwand und erſchien nach Kurzem mit einer Trompete wieder, ſteckte ſie zum Fenſter heraus und blies aus Leibeskräften. „Ha, Gott ſei Dank!“ rief der Törringer, „nun wird er doch Leute herbeilocken in dieſen Winkel,“ aber ſeine Freude verſchwand gar bald wieder, als er inne ward, daß die Trompete — 33— keinen Ton von ſich gab, während der Alte noch immer rüſtig drauf los blies. Unterdeſſen that ſich unten im Thurme das Pförtlein auf, ein altes Mütterchen trat an die Schwelle, und redete die Verkappten alſo an: „Habt keine Sorge, ihr wackern Herrn, von wegen meines Mannes und ſeines Blaſens; er hat ein gar ſchlechtes Gehör, der Alte, will's aber nie glauben; ſein Inſtrument hab' ich ihm ſauber verſtopft, nun mag er blaſen ſo lang er Luſt hat.“— Und der Alte blies auch wirklich ganz unverdroſſen weiter, zu der Strolche nicht geringem Ergötzen. „Tretet nur alſobald herein mit eurem ge⸗ bundnen Mann,“ fuhr das Mütterlein fort; „ich habe ihm ſein Loſament ſchon ſauber her⸗ gerichtet, daß Jedermänniglich damit zufrieden ſein ſoll. Nur geſchwind herein mit ihm.“ Die Strolche ließen ſich dies nicht zweimal ſagen, und ſchleppten den Törringer, welcher über die Büberei und ſeine Machtloſigkeit knirſchte, in den Thurm. Die Alte leuchtete mit einer Blend⸗ laterne einige Stufen hinab; dahin brachten ſie jetzt den biderben Mann. Eine feuchte III. 3 3 — 34— ſcheußliche Keuche, nicht hoch genug, daß er auf⸗ recht ſtehen konnte, ohne Fenſter, blos mit ein paar Luftlöchern verſehen, die in das obere Ge⸗ ſchoß führten, nahm den unglücklichen Ritter auf; ein erbärmliches Bette, welches die Alte herge⸗ richtet, konnte ihn wenig locken, ſich darauf nie⸗ der zu ſtrecken. Die Strolche legten ihm Ketten an und löſeten dann die Stricke. Hierauf bega⸗ ben ſie ſich wieder fort; nur einer von ihnen wendete ſich, bevor er ihn verließ, noch zu ihm und flüſterte ihm ſcheu in's Ohr:„Gebt noch nicht Alles auf, Herr Törringer.“ Aber der Törringer, der juſt ſeines treuen Weibes daheim gedachte, hörte ihn nicht. Die Alte ſchob den Riegel außen vor die Thüre und drehte das Vorhängeſchloß ab. Einer von den Vermummten gab ihr drei Sonnenkronen und ſprach leichthin:„Das iſt für des Ritters Koſt und Loſament. Wir werden öfter kommen und zuſehen; und wehe Euch, wenn Ihr das Vöglein entwiſchen laßt.“— Darauf verſchwanden die Geſellen nach allen Seiten in dem öden, damals nur aus hoch ummauerten Gärten gebildeten Stadtviertel. — 35— Die Alte keuchte, nachdem ſie das Außen⸗ pförtlein wieder ſorgfältig verſchloſſen, eine Treppe höher hinan, wo ihr Mann noch immer die wun⸗ derſchönſten Melodien zum Thore hinausblies, für welche es wirklich ſchade war, daß Niemand ſie hörte. Sie zupfte den tauben Thurmwächter am Aermel und zog ihn von der Fenſterlucke weg. Bedenklich ſchüttelte er das Haupt, ſtierte ſie mit großen blöden Augen an und ſprach ziemlich laut:„Was iſt das geweſen, Urſula?— was?“ Die Alte bekümmerte ſich nicht um ihn, ſon⸗ dern beguckte das ſchwere Silber, welches ſie als Pfleggeld erhalten, von allen Seiten ein über das andere mal und murmelte dann vor ſich hin: „Beim heiligen Gereon,'s iſt ſchönes Silber, aber es dünkt mich beſchnitten am Rande; iſt gewiß ſchon durch eines Lombarden Hände ge⸗ gangen oder durch eines Juden ſcharfe Krallen. Gott tröſte uns arme Leute! Nun können wir uns wieder einmal einen guten Tag anthun, und wollen den eilftauſend Jungfrauen für die ſchöne Gottesgabe danken.“ „Was?“ gröhlte der Alte; ſein Weib nahm 3* — 26— ihm die Trompete aus der Hand, verſchloß ſie in den Mauerſchrank, nöthigte ihn zum Sitzen, ſtellte ihm einen Krug Wein vor, ergriff den⸗ ſelben aber, während der Mann eben den Zinn⸗ deckel zurückſchlug und trinken wollte, ſelbſt und bedeutete ihm, nachdem ſie einen tüchtigen Schluck gethan, durch Zeichen, daß der Rittersmann, der im Thurme unten ſtecke, ein ſchweres Ver⸗ brechen wider einen ihr unbekannten hochgewal⸗ tigen fürſtlichen Herrn begangen habe, und wohl nächſtens um einen Kopf kürzer gemacht werden würde. Ueber dieſen Beſcheid gab ſich der ſtumpfſin⸗ nige Alte zufrieden und Frau Urſula that redlich das Ihrige, um ihm die Sorge zu erleichtern, wie der volle Krug geleert werden könne. Herr Kaspar der Törringer aber kam in ſei⸗ nem Thurm nach der erſten Betäubung wieder zu Sinnen, ſchüttelte ſeine Ketten, preßte ſein wie im Fieber glühendes Haupt an die feuchten Quadern der Kerkerwand und betete:„Herr mein Gott, willſt du mich ganz verlaſſen, willſt auch du mein Recht nicht entſcheiden, nachdem alle irdiſche Gerechtigkeit mich ſchelmſpöttiſch — 37— im Stich gelaſſen? Nein, nein! du kannſt nicht ſo grauſam ſein! Du wirſt mir nicht zu ſo vie⸗ lem andern ſchweren Leid, was ich ſchon getra⸗ gen, auch das noch aufbürden, daß ich, eben ich, im Kerker ſterben ſoll! O, wenn es ein Verbrechen war, was ich in's Werk zu ſetzen gedachte, ſo ſtrafe mich mit allen erſinnlichen Martern, die irgend ein Tyrann auf Erden in ſeiner Wolluſt am Peinigen nur aushecken kann, und ich will deinen Kelch bis zur Neige leeren, bis zum letzten galligen Tropfen,— aber nur das Eine gib und verleihe mir, wenn es dein Wille iſt: frei, frei, von deiner Sonne beſchienen, oder unter deinen Sternen, laß mich ſterben.“ Aber kein milder Sonnenſtrahl drang zu ihm in die grauſige Nacht, kein Sternenauge konnte tröſtlich auf ihn hernieder blicken, kein friſcher Morgenhauch erquickte ihm Haupt und Bruſt. Und doch hatte er in ſeinem tiefen Leid Luft, Sonne und Sterne; zu Sternen die Treue gegen ſein Weib, ſtatt Luft das Bewußtſeyn ſeines Rechts und ſeiner Unſchuld, als Sonne den Glauben an die ewige Freiheit und den ewigen Gott, der ſie nicht ſinken läßt. Das iſt der hei⸗ — 38— lige Zauber des ächten Männerthums: den Geiſt vermag kein Tyrann und kein Scherge zu tödten; das iſt die Frömmigkeit der Freiheit: ſie giebt nicht wie ein Galgenpater abgedroſchene Troſt⸗ worte für Leiden, nein! ſie iſt die göttliche Le⸗ benskraft ſelbſt, die niemals altert, noch ſiecht. Wohl manche Tage ſchwanden dem edlen Tör⸗ ringer in dieſem Zuſtande dahin, wo er Tag und Nacht durch nichts unterſcheiden konnte, als durch das wiederkehrende Stündlein, wann ihm die ſcheußliche Alte ſchlechte Koſt und klares Waſſer brachte. Alle Wochen kamen ein Paar von den Strolchen, ſtets mit den Schönbarten vor den Geſichtern, und ſahen nach, ob er noch feſt und ſicher läge. Am folgenden Tage nach des Törringers Un⸗ fall ritten der Herzog Heinrich von Landshut und ſein Schwager der Kurfürſt, von auserleſe⸗ ner Mannſchaft begleitet, prunkvoll zu dem Se⸗ verinsthore der Stadt Cöln ein; gaſtlich empfing ſie der Kirchenfürſt und zeigte ihnen alle die koſt⸗ baren Heiligthümer, durch welche Cöln im deut⸗ ſchen Lande beinahe ſo reich war, als jene Mut⸗ — 39— terſtadt der Chriſtenheit, das ſiebenthorige Rom; wies ihnen die Reliquien der heiligen Urſula und ihrer Jungfrauen und das Grab der heiligen drei Könige und zahlloſe andere heilige Leiber. Welche Pracht des Gottesdienſtes! Welcher Glanz der erſtaunlichſten, entzückendſten Kunſtwerke! Wel⸗ ches Leben, reich bewegt, ſelig im Wahn des Augenblickes und der Ewigkeit! Hier im Cen⸗ trum der deutſchen Chriſtenheit wird Alles zur Idee, alles zum Symbol, und jede Idee kleidet ſich in kraftvollen markigen Leib, und jedes Sym⸗ bol ſtellt ſich kolloſſal ausgeprägt als tüchtiger Träger der Männlichkeit dar. Da iſt wahrhaftig in den Tempeln der Himmel aufgethan und blickt auf die gläubige Menge in vollem Glanz herab; da ſchweben über den Sterblichen tauſende von Unſterblichen, Farbenſchimmernd, verklärt, ſelige Jungfrauen, Kirchenfürſten und Blutzeugen; und jene Drachentödter, jene Kronenträger, jene Apoſtel in den Flammengewändern, ſie ſcheinen zu winken, ſie lächeln, ſie zürnen, ſie ſegnen, ſie predigen in blendenden Farben unſterbliches Leben und das Reich der Kraft und Herrlichkeit; und hoch empor, wie verſteinerte Jahrtauſende — 40— mit allen ihren Myſterien, mit allen ihren Un⸗ geheuern, mit allen ihren kühn und lichtvoll geordnet durch einander rankenden Gedanken ragen und ſtreben, tragen und bleiben die rieſigen Pfei⸗ ler und Bogen, Saͤulen, aus Einem Stamm im ganzen Büſchel üppig aufgewachſen. Herr Heinrich von Landshut mochte ſich mit ſeiner Begleitung gleichwohl nicht allzulange in dieſer Wunderſtadt aufhalten. Ihn trieb ſeine ernſte Sache weiter auf die rothe Erde, denn immer näher rückte der Tag, an welchem er ſei⸗ nem Kläger vor dem Freiſtuhl Red' und Anr⸗ wort geben ſollte. Es war böſes Herbſtwetter, feuchter Nebel lag über den Haiden, auf denen hie und da die großen Windmühlen wie Geſpen⸗ ſter breite Flügel rührten.„Wirſt du auch wieder heimkommen?“ dachte der Herzog, als er über den Rhein fuhr. Am letzten Tage der ſiebenmal ſieben Wochen ſtand Herr Heinrich von Landshut bei Sweynte vor der Brücke dem Freiſtuhl gegenüber, und achtzehn Freigräfen und über die hundert Frei⸗ ſchöffen waren unter freiem Himmel auf dem alten Malplatz verſammelt, um unter Königs⸗ — 41— bann das heilige Ding zu hegen. Vor den Frei⸗ gräfen lag der Strick und das nackte Schwert, ſonſt waren weder ſie noch die Schöffen bewaff⸗ net. Der Kurfürſt mußte den Malplatz ver⸗ laſſen, weil er nicht„Wiſſend“ war und dies⸗ mal kein„offenbares“ ſondern ein„ſtill Ge⸗ richt“ gehalten werden ſollte. „Die Bank iſt geſpannt!“ rief der Freigräfe Ludwig Schumkatel, als der, welchen die Stuhl⸗ herren für den freien Stuhl zu Velgeſte erkohren hatten.„Frohnboten, rufet herbei den Kläger und den Beklagten vor unſer freies, heimliches, heiliges Gericht.“ 1 Darauf traten die Frohnboten ſieben Schritte in die Runde und riefen:„Kaspar von Törring, der heiligen Vehme Genoß, der du beklagt haſt vor dieſem freien Stuhl Heinrich von Landshut um dreifache todeswürdige Schuld, hör wo du auch ſeiſt auf Land oder Fluth; ich rufe dich: komm, komm, komm, und wiederhole, was du geſagt, vor Schöffen und Grafen und beweiſe oder beſchwöre auf Kreuz und Schwert mit einem Eid, der rein iſt und nicht main, daß du die Wahrheit ſprachſt.“ — 42— Dies geſprochen, und es riefen die Frohnbo⸗ ten, ſieben Schritte in der Runde tretend, auf's neue:„Heinrich von Landshut, der heiligen Vehme Genoß, der du durch Kaspar von Tör⸗ ring vor dieſem freien Stuhl beklagt biſt auf dreifache Todesſchuld, hör' wo du auch ſeieſt, zu Land oder Fluth, ich rufe dich: komm, komm, komm, und vertheidige dich gegen das, ſo dir zu⸗ widergeſprochen iſt, durch Beweis oder durch Eid auf Kreuz und Schwert, wie du dich verant⸗ worten kannſt vor dem allwiſſenden Gott.“ Anuf dieſen Aufruf trat Herr Heinrich von Landshut vor den Stuhl der Freigräfen und ſprach:„Ihr Gräfen und Schöffen, Genoſſen der heiligen Vehme, hie bin ich, aus meiner Heimath zu Euch gekommen, auf die rothe Erde, um Red' und Antwort auf Alles zu geben, was mein Kläͤger von mir fragen und verlangen wird. Doch ſprecht, Ihr Wiſſenden, und zeigt mir vor allem: wo iſt mein Kläger, auf daß ich ihm be⸗ weiſe, daß ich gethan habe, was mir als Fürſten zu thun obliegt? Ich begehre hie nach des Vehm⸗ gerichtes Geſetz und Weisthümern den Kläger zu ſehen, drum bitt' ich Euch: laſſet ihn nochmals .— 43— aufrufen, ſonſt bin ich nicht ſchuldig, mich zu vertheidigen und nenn' ihn einen meineidigen Schalk und Schelm.“ Da traten die Frohnboten auf das Geheiß des Freigräfen nochmals hin und verkündigten zum zweiten und drittenmale den Aufruf an Kas⸗ par den Törringer als Wiſſenden und Kläger. Törringer! Törringer! Törringer!— Nirgends ein Törringer! Todtenſtille ringsum. Da erhob ſich der Freigräfe zu Velgeſte, richtete das Schwert auf und nahm den Strick und ſprach mit lauter Stimme:„Von wegen des alten Geſetzes durch den großen und heiligen Kaiſer Carolus, der die heimliche Vehme feſtgeſetzt, und von wegen der Weisthümer, die ſammt dem Geſetz ſeit uralten Zeiten mit ſieben Siegeln in den Herzen aller Wiſſenden beſchloſſen liegen, daß Keiner gerichtet werden könne, wann der Kläger fehlt, und daß der Kläger, wann er fehlt, ſich ſelber als falſch, meineidig, Verläumder und der heiligen Vehme, ſo wie des Leibes und Lebens unwürdig und ver⸗ luſtig hingiebt, ſo ſprechen wir, des freien Stuhls Gräfe zu Velgeſte bei Sweynte vor der Brücke im Namen Gottes und unter Königsbann den — 44— Beklagten, Heinrich von Landshut, frei von der Schuld, ſo ihm ſein Kläger Kaspar von Tör⸗ ring beigemeſſen, und nennen den Kaspar von Törring, der ſich zur beſtimmten Friſt nicht ge⸗ ſtellt, noch einen Boten geſendet, um ſich gründlich durch Krankheit oder ſonſt arge Noth zu entſchul⸗ digen,— weil er einen freien Mann dreifachen ſchändlichen Verbrechens bezüchtigt, und ihm nichts erweiſen kann,— falſch, Verläumder und mei⸗ neidig, und ſtoßen ihn aus der heiligen Vehme Genoſſenſchaft für nun und immer, heißen ihn ehrlos, friedlos, rechtlos, verfallen an Leib und Leben, und verbieten ihm Waſſer und Feuer, und geben jedem Wiſſenden, der ihn trifft, ſei es auf dem Feld oder im Haus, zu Land oder zu Waſſer, auf der Straße oder in der Kirche, Recht und Befugniß ihn zu richten, kraft unſerer heimlichen heiligen Acht, mit Schwert oder Strick oder Dolch, und ſein Fleiſch ſoll die Vögel des Himmels atzen, und ſein Blut das Ungeziefer der Erde, auf daß Gerechtigkeit ſei auf Erden, und der Menſch lerne, daß der Ehre Ermordung ſchlimmer iſt als Unglimpf an Leib und Gut.“ Nach dieſem Spruch erhoben alle Freigräfen und Schöffen die Hände zum Schwur, daß das Urtheil gerecht ſei nach der Satzung des Kaiſers Carol Magnus und den Weisthümern der Vehme. Dann ſchlug der Gerichtsſchreiber das Blutbuch auf, ſchrieb den Namen Kaspars des Törringers zu denen der Verfallenen und ſetzte ein Kreuz dahinter. Herr Heinrich von Landshut trat nach allem dieſem aufs neue vor den Freiſtuhl und bat, als rein und frei, und Wiſſender, um die Auf⸗ nahme ſeines Schwagers, des Kurfürſten von Brandenburg, in die Genoſſenſchaft der Vehme. Die Grafen und Schöffen ſtimmten dem Vor⸗ ſchlag einmüthig bei. Die Bernauerin. — In der Faſtnacht war zu Augsburg Luſt und Freude übergenug, denn der ſchöne ſtattliche Herr, Albrecht von München, hatte um jene Zeit der alten Reichsſtadt, die er gar hoch in Ehren hielt, einen Beſuch gemacht. Er war überdiemaßen wohlgemuth, denn das edle Fräulein Eliſabeth von Würtemberg, mit welcher ihn ſein Vater Ernſt verlobt hatte und welches heimlich den Grafen Johann von Werdenberg liebte, hatte den Herzogsthron verſchmäht, und war, den Zorn der Väter nicht ſcheuend, heimlich ihres Gelieb⸗ ten Werdenbergs glückliche Hausfrau geworden. So arg Herzog Ernſt über dieſe Schmach tobte, ſo innig frohlockte Albrecht, im leichtſinnigen Won⸗ netaumel vergeſſend, daß der Vater ihm gar bald wieder eine andere fürſtliche Verlobte zuführen würde. Aber Albrechts Herz dachte nur an Eine, an die Erſte, die Herrlichſte durch Schön⸗ heit und Tugend, an das holde ſittige Bürger⸗ — 4⸗— kind aus Augsburg, Jungfrau Agnes Bernauer, welche von Jungen und Alten noch immer laut geprieſen ward. Dem milden Oheim Wilhelm hatte er ſeine Liebe vertraut; dieſer brachte, ſo oft Albrecht ſich weigerte, nach des Vaters ſtets erneuertem Wunſch: eine Fürſtentochter zu freien, immer allerlei Entſchuldigungen und Gründe für den geliehten Neffen vor, damit der ſtrenge für⸗ ſten⸗ſtolze Vater nicht die eigentliche Urſache ahnen und den Sohn die väterliche Gewalt in voller Schärfe fühlen laſſen ſollte. Sorglos lebte Al⸗ brecht unter dieſem Schutze des Oheims, Hoff⸗ nungen nährend, durch die Hoffnung ſelbſt faſt eben ſo ſelig wie durch ſeine Liebe. Und die Hoff⸗ nung iſt ja auch das höchſte Glück in der Liebe, ſie iſt der eigentliche Zauber, der uns treu und beſtäͤndig macht. Wehe dem, dem Liebe geboten wird ohne Hoffnung; er mag ſchwelgen im Tau⸗ mel der Gegenwart, der ewige Himmel iſt ihm verſchloſſen. Wehe dem, der einmal von irdi⸗ ſchen Freuden verblendet, die Hoffnung fahren ließ! Die Hoffnung hat er verloren, die Hölle in ſich aufgenommen, und trügen ihn, wie jenen Sänger, liebende Frauen auch weinend zu Grabe, — 48— das friſche Roſenkränzlein duftet dann nur auf ein kaltes Haupt, auf ein fühlloſes Herz herab. O ihr Alle, die ihr an Gott und an die Liebe glaubt, glaubt an die Hoffnung; die Hoffnung allein iſt Liebe, Glaube, Seligkeit und Leben.—— Zu Augsburg veranſtalteten die altadeligen Geſchlechter dem theuren Gaſt alles, was ſein Auge und Herz erfreuen konnte, Speer⸗Rennen, Gaſtmähler und Tänze. Da zeigte ſich der Reichs⸗ Bürger Pracht und Reichthum im vollen Glanze. Die Männer, gar ſtattlich anzuſehen mit ehrbar⸗ langem Haupthaar und zierlich gekräuſelten Bär⸗ ten, kamen in eng anliegenden ſchwarzen Gewan⸗ den, über welchen ſie ſchwarzſamtene mit Zobel oder Marder verbrämte Ueberwürfe trugen, die ihnen bis an die Waden herabreichten,— es war eine geſetzte und doch ſchmucke Tracht; wie köſt⸗ lich flunkerten auf den ſchwarzen Ehrenkleidern die feingearbeiteten goldnen oder ſilbernen Kett⸗ lein, wie ſauber ſtachen die feingefältelten blü⸗ thenweißen Hemde, über dem Halſe zuſammen⸗ geneſtelt, dagegen ab! Und erſt die Frauen und Töchter der wohlhabenden, prunkluſtigen Reichs⸗ ſtadt! Wie allerliebſt ſahen die reizenden ſchlan⸗ ken Geſtalten aus, ſo blauäugig, ſo goldhaarig, ſo wangenroth, und bei aller Schönheit ſo drei⸗ fach reizend durch Sitte, jungfräulichen Adel und holde Verſchämtheit, in den reichen, ſeidnen Leibröcken und ärmelloſen, faltigen Obergewanden, Buſen und Hals bis unter das Kinn durch zier⸗ liche Krauſen verhüllt, das üppige Gelock durch Perlen⸗geflochtene Netze oder kleine ſamtne Bi⸗ rette zuſammen gehalten, die Gürtel von feiner Silberarbeit, die roſigen Finger mit Ringen ge⸗ ſchmückt, deren mancher viel über die hundert rheiniſchen Gulden gekoſtet.— Eine Hauptluſt wurde in der Roſenau gefeiert, ein großes Arm⸗ bruſtſchießen, nach einem ſilbernen Ziele, vier Zielherren vom Rathe und ein geſchworner Schrei⸗ ber waren die Kampfrichter; die köſtlichen Preiſe, fünfunddreißig Kleinodien im Ganzen, verlohnten wohl der ſtrengen Bedingungen, daß geſchoſſen werden mußte ohne Kniff und Vortheil mit freiem ſchwebendem Arm. Auch manche ſchöne Frauen verſuchten ſich dabei und gewannen Preiſe. Dar⸗ nach ſtellten die Bürger Herrn Albrecht zu Ehren im Stadtgraben, wo die Hirſche gehegt wurden, ein Kampfſpiel an. Kaum verging ein Tag ohne Feſt. III. 4 — 50— Aber wenn der Abend heranbrach, ſchlich ſich Albrecht, von keinem ſeiner Diener und Freunde begleitet, in ein ſtilles, einſames Haus, wo am Fenſter ſchon lange mit hochklopfendem Herzen die ſchöne Agnes ſaß, und den Abgott der Stadt, den Gott ihres Lebens erwartete. Herr Kas⸗ par Bernauer hatte die aufblühende Neigung ſei⸗ nes geliebten Kindes, die flammende Leidenſchaft des Fürſtenſohnes mit trüben Blicken bemerkt. Als Albrecht nach dem Armbruſtſchießen dreimal mit dem hölzernen Klopfer an das Pförtlein ſchlug, öffnete ihm ſtatt Agnes der kummerge⸗ beugte Vater, und bat ihn mit Thränen in den Augen, ihm in die Prunkſtube des Hauſes zu folgen. Mochte auch immer in dieſer wie in der ganzen Wohnung bemerkt werden, daß Reich⸗ thum und Glanz hier nicht herrſchten, ſo war doch eben alles und jedes, vom kleinſten bis zum größten,— der einfache Eichentiſch, die alterthüm⸗ lichen Stühle, das ſaubere Linnenzeug, als des Hausſtandes Zierde, im Glasſchranke aufgeſchich⸗ tet,— Zeuge von der jungfräulichen Ordnung, Reinlichkeit und Friedlichkeit, welche beſeligend hier waltete. — 51— „Gnädiger Herr,“ ſprach der alte Bader, nachdem er den Fürſtenſohn auf den Ehrenſtuhl genöthigt;„Ihr erweiſ't meinem Hauſe große Ehre, größere, als ich jetzt ein alter, und, durch Eure Güte kummervoller, Mann, mir jemals träu⸗ men laſſen konnte. Aber wenn die Bitte eines Vaters zu Eurem Ohr und Herzen Eingang fin⸗ det, ſo erlaubt mir, mein guter, gnädiger Herr, Euch eine Bitte fürzutragen, und zürnt mir nicht, wenn ich, ein ganz geringer Mann, arm und ohne Anſehen in der Stadt, Eure Huld dabei auf’s Spiel ſetze.“ „Sprecht immerhin,“ erwiederte Albrecht haſtig und unruhig;„was könnt Ihr mir zu ſagen haben, das mir Kummer ſchaffte?“ „Ach, Herr!“ erwiederte der alte Bernauer treuherzig;„wozu der langen Worte, die ich doch nicht zierlich genug aneinander fügen kann?! Ihr wißt: ich habe eine Tochter, es iſt mein einziges, herzliebes, gutes Kind; Ihr habt uns gewürdigt, mit ihr öfter gnädig zu ſprechen, viel gnädiger, als wir es verdienen, und ich glaub' es Euch, der Ihr der rechtſchaffenſte Herr im Baierlande ſeid, ohne Schwur, daß Ihr's ehr⸗ 4 ½ — 52— lich meint, und meinem armen Kinde kein Leid anthun wollt. Ach, es waͤre auch gar zu bitter; denn ſeht, Herr, ſie iſt Euch mit ſolcher Hin⸗ gebung zugethan, wie kaum ihrem Schutzpatron, oder, Gott verzeih ihr's, mir ſelber. Sie hängt an Euch, wie der Menſch an ſeinem Heiland hängen ſoll, und meiner Treu, ich kann ihr's nicht wehren, denn ich ſeh': ſie iſt glücklich in dem ſüßen Wahn, und ich mag ihr kein Wort ſagen, das ſie betrüben könnte; ſie iſt ja mein Augapfel, mein füßes, mein einziges Kind; ich habe nichts auf Erden, nicht Geld und Gut, nicht Ehre und Achtung, keine Freude und keine Hoff⸗ nung, als ſie. Nun aber, ſagt, mein guter gnädiger Herr, wo ſoll das hinaus? Ich weiß gewiß, und möcht' ein Jurament drauf ablegen, daß ſie mir abwelkt, grad' wie ein Blümlein ohne Luft und Licht, wenn Ihr wieder fort geht; ich glaub': ſie lebt gar nicht wie andere Men⸗ ſchen von Speis und Trank, ſondern gerade nur von Euren Worten und Blicken; es iſt ein gar zu armes Kind! Und ſagt, was ſoll nun werden? Ihr müßt ja doch wieder heim, heut oder morgen, und wenn Ihr bis dahin ihr immer ſo zugethan — 133— bleibt, und plötzlich von ihr geht,— ſie über⸗ lebt's nicht. Drum bitt' ich Euch herzlich,— und nehmt mir's nicht übel,— behandelt ſie mit Schonung und Klugheit; es kann ja nicht länger ſo währen, und wenn Ihr meiner Agnes noch ſo aufrichtig in Huld zugethan ſeid, Ihr könnt doch den Lauf der Dinge nicht aufhalten; und wenn Ihr dem armen Kinde wahrhaft hold ſeid, ſo werdet Ihr Erbarmen haben, und ihr Herze⸗ leid nicht noch länger durch thörichte Hoffnungen nähren. Zürnt mir nicht, daß ich Euch frei von der Leber heraus bitte: Gewöhnt ſie durch kürzere und ſeltnere Beſuche, Euren Anblick mei⸗ den und verlieren zu lernen. Ich bitte Euch herzlich drum.“ „Hilf Himmel!“ verſetzte Albrecht raſch in höchſter Unruhe;„was für Sorgen, für namen⸗ loſen Kummer wollt Ihr ihr und Euch und mir bereiten? Wähnt Ihr etwa, ich wollte Augsburg verlaſſen, ohne Abſicht und Hoffnung, meine Agnes wieder zu ſehen? O nein, nein, ich ſchwör' Euch's, das kann ich nicht. Ich lebe ſo ganz in dem Gedanken, ſie für immer mein zu wiſſen, daß derſelbe Augenblick, wann ich ſie ohne Hoff⸗ — 554— nung von mir laſſen müßte, mich zweifeln machte, ob ich ſelbſt noch fortathmen, je fürder ſein würde. Nein, ſo wahr mich Gott für ſie, ſie für mich erſchaffen hat, ſo ſchwör' ich Euch, daß ich ſie nie, nie von mir laſſen will, als bis der Tod uns ſcheidet, der uns dann einſt wieder zuſam⸗ men bringt.“ „Wie? mein gnädiger Herr?“ entgegnete der alte Bernauer plötzlich ſehr ernſt und finſter,„iſt dieß Euer feſter Wille?“ „Ja, ſo wahr mir Gott gnädig ſei,“ be⸗ theuerte Albrecht. „Nun denn,“ ſprach nach einer kurzen Pauſe der alte Bader, deſſen Wangen vor Zorn glüh⸗ ten;„ſo erklär' ich, ein ſchlechter und verachteter Bader von Augsburg, Euch, dem hochanſehnlichen Sohn und Erben des Herzogs von München, rund heraus auf gut ſchwäbiſch, daß Ihr zur Stunde mein Haus verlaſſet, denn ich will mein einziges, herzinniggeliebtes, in Ehren auferzogenes Kind nicht um Fürſtengnade in Schande gebracht wiſſen. Daß Ihr ſie ehliget, dazu iſt ſie zu gering, blos eines ſchlechten Baders Kind; daß Ihr ſie zu Eurer Geliebten macht, dazu iſt ſie zu adelich — 55— von Tugend und Sitten, denn Tugend hat noch einen älteren Stammbaum als alle Fürſten der Welt zuſammen, und nicht für alle Kaiſer- und Königskronen möchte ich mein Kind ohne den Segen der Kirche mit Euch vereinigt wiſſen. Ha, glaubt Ihr, der Glanz Eures Herzogshutes würde ihre Schande verſtecken, oder Euer Machtgebot die Stimme und den Fluch des Vaters erſticken? Ha, wenn Ihr ſo etwas zu denken vermöchtet, dann fluch' ich der Stunde, da ich in eitler Thor⸗ heit ein Auge zudrückte, als Ihr zum erſtenmal mein Haus betratet. Und ich fluche ihr auch jetzt ſchon, da ich, lange von Vaterliebe verlockt, erſt zu ſpät einſehe, was für ein Thor ich geweſen.“ „Haltet ein, um's Himmels Willen! ſprecht kein Wort weiter,“ fiel ihm Albrecht in die Rede; „welcher unſelige Wahn verführt Euch, von mir Unwürdiges zu denken? Wähnt Ihr: ich wollte mit kaltem Blute einen Engel in den Abgrund ſtürzen? Ich bitte Euch, Herr Bernauer, lernt von Fürſten beſſer denken. Ja, ich ſage es Euch nochmals, und ich will es der ganzen Welt mit freudigem Stolze ſagen, allen Winden möchte ich's anvertrauen, daß ſie es hintragen zu allen — 56— Völkern,— allen Blumen, die blühen, möchte iches zuflüſtern, allen Sternen möchte ich's zujubeln, allen Betrübten möchte ich's zum Troſte wie Bal⸗ ſam zuträufeln: Ich liebe ſie, wie man ſeinen Schutzgeiſt liebt, denn ſie iſt's,— wie die Sonne, die Leben und Thaten erzeugt,— wie den Heiland, der die Sünden von uns nimmt! Und wahnt Ihr—— Sagt an, alter Mann, wodurch habe ich ſolch' eine Zumuthung verdient? Nein, ich ſchwöre es Euch beim allliebenden Gott, bei jenem Gott, den wir alle anbeten: ich will ſie zum ehlichen Weibe nehmen, und mit ſo fürſt⸗ lichem Glanze umgeben, wie nie eine Frau auf Erden geehret ward; ach, was iſt alle Ehre auf Erden gegen den Himmel in ihrem Herzen, in ihren Augen? Ein trübes Spiegelbild ihrer könig⸗ lichen Trefflichkeiten!“ „Weh mir!“ verſetzte der alte Bernauer kopfſchüttelnd;„mein Verſtand iſt an ſolche Dinge nicht gewohnt; Ihr entwaffnet alle meine Gedanken.— O mein gnädiger Herr,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort;„ich beſchwöre Euch, gebet ſolchen Gedanken nicht Raum, ſie ſind wider die Natur, und verderben uns alle. — 57— Laſſet mich und mein Kind lieber von Euch in ein fernes Land fliehen, wo wir nie eine Kunde mehr von Euch vernehmen; ich will Euch ver⸗ ſprechen, nicht ein Thränlein zu weinen, wenn ich meiner Tochter die Augen zudrücken muß; ich will in Elend, Noth und Verzweiflung, kinder⸗ los, ach— ja, kinderlos, Euch noch ſegnen und für Euch beten, wenn Ihr uns zu vergeſſen lernt und meine Tochter lehrt, Euch zu vergeſſen. O bei den fünf Wunden Chriſti, mein gnädiger Herr, ſeht mich hier vor Euch auf den Knieen, gebt jenen unſeligen Gedanken auf! Euer Vater i*ſt ſtolz und ſtreng, er wird Euch fluchen, er wird Euch verfolgen, Ihr werdet keine Stätte mehr haben, wo Ihr mit meinem Kinde vor ſeinem Grimme ſicher ſeid.“ „Wohin verwirrt Ihr Euch, alter Mann?“ erwiederte Albrecht;„nein, das wird er nicht, und thäte er's auch, ſo wollte ich's mit der ganzen Welt aufnehmen. All mein Leben, wie es jetzt friſch und freudig aufkeimt, und tauſend Blüthen treibt, verdanke ich ja nur ihr. Und ihr will ich auch, käm's drauf an, dieſe heilige Schuld mit meinem Herzblut bezahlen. Was —õͤͤͤͤͤſͤnͤnͤͤnͤͤͤ———ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ— — 8658— ich geſagt, dabei bleib' ich. Ihr malt Euch das Aergſte aus. Ein Engel, wie Agnes, wird ja wohl auch meines Vaters Herz erweichen. In allem hat er Rechte über mich, nur nicht über mein Herz; da bin ich Fürſt und Herr, ſo unumſchränkt als Kaiſer und Pabſt. Mag er mich enterben, was kümmert's mich? Begehrt wohl Einer nach den Schätzen der Erde, der den Him⸗ mel beſitzt? Enterbt mich mein Vater auch, ſo beſitze ich doch von meiner Mutter noch manches feſte Schloß; dorthin reicht ſein Arm nicht; in Vohburg bin ich Herr, ſie ſoll dort Fürſtin ſein! Nein, Herr Bernauer, wenn Ihr Euer Kind wahrhaft liebt, ſo dürft Ihr mir nicht widerſprechen. Ich beſchwöre Euch, macht mich und ſie nicht Zeitlebens unglücklich.“ Da thauten dem Alten die Augen von Thränen; „Gott ſei mir gnädig,“ ſprach er;„nehmt ſie hin, Ihr zerreißt mir aber das Herz; denn ich glaube noch immer: Eure Liebe verdirbt uns alle. Der Herr ſegne Euch, und laſſe Euch meinen Segen gedeihen, wenn anders das Gebet eines unglücklichen alten Mannes Kraft hat.“ Nach dieſen Worten des alten Bernauer's eilte Albrecht, das Herz von ſeeligen Träumen umgaukelt, zu Agnes, der indeſſen die Sekunden zur Ewigkeit geworden. „Endlich, endlich kommſt du mein Albrecht,“ lispelte ſie ihm entgegen,„ach, war es denn auch recht von dir, mir dein Antlitz ſo lange zu entziehen?“ „Ich that's,“ erwiederte ihr Albrecht koſend, „nur darum, damit wir uns für immer angehören dürfen, für immer, du mein Schutzgeiſt! Zürnſt du mir noch?“ 4 „Wie? mein Albrecht? Was für ein ſüß⸗ ſchauriges Mährchen willſt du mir erzählen? Ich habe mich, ſeit ich dich liebe, und dir ſagen darf, wie herzinnig von ganzer Seele ich dich liebe, zugleich mit dem wonnigen Vollbewußtſein meines Glückes an den Gedanken gewöhnen müſſen: mein Leben werde nur ſo lange währen, grade nur ſo viele Tage und Stunden lang, als ich dich ſehe; ich weiß, daß ich ſterbe, wenn du von mir gehſt, doch ich ſterbe mit Freuden, weil du mich liebſt! Zähl' ich aus den Stunden, da wir uns Aug' in Auge ſahen, die Sekunden zuſammen, davon jede reicher war als ein ganzes Leben,— o ſag', mein Albrecht hab⸗ ich nicht genug gelebt? — 460— Und ſcheidet uns der Tod, ſo zerreißt er ja die Erinnerung nicht, und die Liebe nicht; und die Sehnſucht bei langem Warten, bis wir uns wie⸗ der finden, und ganz und immer angehören, die Sehnſucht baut uns Brücken von einem Leben zum andern, von Abendträumen zu Morgentraͤu⸗ men; Liebe wird ſtark durch Scheiden! Und ſieh! Ich habe mich an den Gedanken des Todes recht freundlich anheimelnd gewöhnt, ſeit ich die Wonne kenne, die ein Wiederſehen uns giebt.“ „Du mein Stern, welche trübe Wolken? Ach, was denkſt du an Sterben?“ „Ich denke ja auch nicht dran, als blos ein⸗ zig, daß Liebe nicht ſtirbt, oder daß Sterben uns treu und ſorglich zu ewigem Leben, zu ewiger Wonne vereinigt.“ „Ach ich bitte dich Agnes, verſcheuche dieſe Gedanken! Wir haben und halten uns ja noch lebensfreudig und feſt in den Armen! Wir wollen, ſo lange unſere Herzen ſchlagen, treuinnig Herz an Herz uns angehören. Willſt du's? Willſt du vor Gott und der Kirche mein Weib ſein?“ „Herr Jeſus!“ ſtammelte Agnes, an Albrechts Herz ſinkend. Befreiungl — Sorgloſer, als er Cöln zum erſtenmal durch⸗ zogen hatte, kehrte Herr Heinrich von Landshut, nachdem die drohende Wetterwolke ſchadlos an ihm vorüber gezogen war und ſich auf das Haupt ſeines Feindes entladen hatte, nach Cöln zurück, um von da aus ſeinen Schwager, den Churfürſten, welcher ſich bald als Hauptmann des Kreuzheeres nach Böhmen begeben ſollte, nach Nürnberg zu begleiten. Die Fürſten verweilten ſich bei der Rückkehr in Cöln länger als bei der Hinfahrt, denn der mächtige Kirchenfürſt veranſtaltete dem Hauptmann des Kreuzheeres und ſeinem glau⸗ benseifrigen Schwager von Landshut Gaſtmähler und Ehrenbezeugungen die Hülle und Fülle. Der Herzog hatte noch einen andern geheimen Zweck, welcher ihn länger an Cöln feſſelte. Er ſaß eben beim luſtigen Gaſtmahl, als ein Diener zu ihm herantrat und ihm berichtete, es warte ein unbekannter Mann draußen, der ihn — 62— dringend allein zu ſprechen wünſche. Der Herzog entfärbte ſich, ſprang, um ſeine Bewegung zu verbergen, raſch von der Tafel auf, fühlte heim⸗ lich an ſeine Rechte, wo er den Dolch trug, ent⸗ ſchuldigte ſich leichthin bei den übrigen Gäſten, und verließ die Stube. Als er in den dunklen Hausflur trat, ſtand ein Mann vor ihm, in die Tracht eines fahrenden Schülers gekleidet, neigte ſich vor ihm und ſprach leiſe:„Herr, wir haben gethan nach Eurem Gebot, was iſt jetzt noch zu ſchaffen?“ Der Herzog erſchrack, als er eine bekannte Stimme hörte, gebot ihm zu ſchweigen, und führte ihn raſch in ein ſtilles Kämmerlein, worin ein Lämpchen brannte und keine Menſchenſeele lau⸗ ſchen konnte. Dann ſchob er den Riegel vor und ſprach: „Nun erzählt, was iſt's mit dem Törringer? Iſt er todt und eingegraben, wo kein Auge mehr eine Spur von ihm findet?“ Der Mann im Gewande des fahrenden Schü⸗ lers ſah ihn mit großen Augen an und erwiederte dann, von des Herzogs wirren Blicken und leichen⸗ blaſſem Ausſehen entſetzt:„Gnädiger Herr, der — 63— arme Mann liegt noch in ſeinem finſtern Thurm und harret der Erlöſung. Gebt uns den Reſt des Lohnes und laſſet uns mit Euch heimziehen.“ „Was? Alſo noch nicht todt?“ redete das böſe Gewiſſen und die Seelenangſt aus dem Herzog; bald ermannte er aber ſich wieder und fuhr ruhig fort:„So macht ihn kalt; eher gebe ich euch keinen Nürrenberger Heller weiter, bei Gott, keinen Heller!— Hal! Geſindel!— Geld, Geld, ewig nur Geld!— Geld, und halber Dienſt!— Fort!“ „Wie?“ entgegnete der Strolch,„ha, das iſt Eure wohlbekannte Knauſerei, gnädiger Herr, doch Ihr ſagt's blos zum Scherz. Aber, im Ernſt, Herr! Ich habe manches im Leben mit kaltem Blute gethan, was zehn Andre nicht zu Stande gebracht hätten,— doch ſo einen ganz ehren⸗ haften Mann wie dieſen Törringer,— für nichts und wieder nichts——— Nein, nein, Herr, das geht nicht, das thu' ich nicht, und keiner von meinen Geſellen.“ „Wie? du verdammter Ketzer?! Biſt du ſo blutſcheu, daß du nicht einmal an einem Rebellen Gerechtigkeit üben kannſt? Weißt du, daß ich dich 1 ¹ — 64— augenblicklich auf den Scheiterhaufen bringen kann, wenn ich's hier in Cöln verrathe, daß du ein böhmiſcher Kelchner biſt? Doppelt könnte ich dich auf den Scheiterhaufen bringen, du lügneri⸗ ſcher Schelm, denn du biſt auch der heiligen Acht Vollſtrecker, und klag' ich dich an vor'm heimli⸗ ehen Ding, ſo hängſt du, ehe du dich's verſiehſt, als Ketzer und Meineidiger am nächſten beſten Baum im Wald. Der Törringer ſteht im Blut⸗ buch der Vehme und in ihrem Namen fordre ich dich auf zu thun, was Recht und Fug iſt.“ „Habt Erbarmen mit mir,“ ſtöhnte der An⸗ dere entſetzt, ſich vor dem Herzog auf die Kniee werfend;„Erbarmen, aber ich kann den Tör⸗ ringer nicht tödten.“ „Und warum denn nicht? Kannſt du etwa kein Blut ſehen?““ „Ach, Herr, der Törringer hat in der letzten Fehde der Herzoge meinen Bruder, einen armen Haͤusler, aus dem Feuer getragen.“ „So gib mir den Schlüſſel zu ſeiner Keuche, daß ich den Schlüſſel in den Rhein werfe. Damit iſt's auch abgethan,— ohne Blut, und wenn er — 65— im Sterben ſchreit, ſchreit er ſo heiſer, daß keine Spinne ihn hören kann, geſchweige ſonſt wer.“ „Gerechter Gott! Lebendig, lebendig wollt Ihr ihn verkommen laſſen? Nein! das ſoll er nicht. Lieber nehm' ich ſein Blut auf mich. Ihn mit Einem Streich tödten, iſt menſchlich.— O Herr im Himmel, was red' ich? was ſchaff' ich? Aber Ihr habt mich nun einmal in Eurer Hand, drum gehorch' ich Euch.“ „Alſo endlich doch? Bei meiner armen Seele, du kannſt's mit gutem Gewiſſen thun, Böhme! Du kannſt's im Namen der heiligen Vehme thun, — ſobald ich nämlich Cöln hinterm Rücken habe— und ich will dir und deinen Geſellen rechtſchaffen den Reſt eures Lohns geben, wofern du mir eine Locke aus ſeinem Bart zum Zeichen bringſt, daß er ausgelebt hat. Du kannſt gehen.“—— Der Herzog erſchien mit unbefangener Miene wieder bei dem Gaſtmahle, entſchuldigte ſich über ſein langes Ausbleiben dadurch, daß er aus Baiern geheime Botſchaft erhalten habe, die Theilung des Straubinger Erbes betreffend, und bemerkte, daß dieſe Angelegenheit ſeine ſchleunige III. 5 —— — — — 66— Heimreiſe nöthig mache. Am andern Morgen verließ er Cöln.— Spät am Abend deſſelben Tages, an welchem die Fürſten aus der heiligen Stadt fortzogen, klopfte man an dem Pförtlein des Thurmes, in welchem der edle Törringer gefangen lag; die Alte öffnete und der Mann mit dem Schönbart ſtand vor ihr.„Führet mich zu dem im Thurm,“ ſprach er kurz und barſch;„macht raſch, alte Hexe.“ „Ich bitte Euch, ſprecht leiſe, mein Mann liegt oben im Sterben,“ erwiederte Frau Urſula zitternd und zähnklappernd,„obwohl der Alte in ſeinen letzten Jahren ein bischen gar arg ſchwer⸗ hörig geweſen, ſo könnt' er uns jetzt doch ver⸗ ſtehen, wie wir zuſammen wispern, denn Sterbende, ſagt man, hören mit dem inneren Ohr, und er könnte dann gar leicht vor dem da droben aus⸗ plaudern. St. Gereon, ſteh' mir bei! Ich wollt': Ihr hättet uns der geſtrengen Herrn nie in's Loſament gebracht; ſeit der Zeit, als wir das beſchnittne Geld im Hauſe haben, iſt der Fluch bei uns eingezogen und erſtickt meinen Mann, und rückt auch mir ſchon an den Leib.“ — 667— „Schwätzt nicht ſo viel, der Huſten bringt Euch ſonſt um; gebt lieber den Schlüſſel, ich will ſelber zu ihm.— „Heiliges Chriſtkind! Ihr wollt ihn doch nicht umbringen?“ ſtammelte die hüſtelnde Alte. „Haltet das Maul!“ polterte der Andere; freimachen will ich ihn; gebt her den Schlüſſel und die Laterne.“ Zitternd gab ihm die alte Diebshehlerin Bei⸗ des und ſank auf die Kniee, ein ſinnloſes Gebet hermurmelnd, ſo leiſe und eintönig, als klapperten ihr blos die Zähne wider einander. Indeſſen war der mit dem Schönbart die vaar Kitufen hinabgeſtiegen, ſchloß das Eiſen⸗ pförtlein auf und machte den Törringer, welcher bewußtlos dalag, von den Ketten frei.„Kommt, kommt, edler Herr,“ ſprach er dann in Todes⸗ angſt zu ihm, indem er ihn aufrüttelte,„erwacht, ermannet Euch, Ihr müßt ſchleunig fort.— Um Gott, Ihr ſeid doch nicht ſiech—— 2 Kommt zu Euch, hört mich; ah!'s iſt die höchſte Zeit!“ Aber der Törringer lag, und regte ſich nicht. In höchſter Angſt leuchtete ihm der Strolch mit 5* der Blendlaterne in's Geſicht und taumelte ent⸗ ſetzt zurück. Das war der Törringer nicht mehr, der hagre, bleifarbne Leichnam. Und doch! das war einſt der Törringer geweſen. Der Strolch ſchauderte, doch ermannte er ſich noch⸗ mal, rüttelte die Ketten, die, von den ſchlaffen, abgehagerten Armen geſunken, auf des Törrin⸗ gers Schooße lagen, und rief:„Herr, erwacht, erwacht, Ihr ſeid ja frei!“ Bei dieſem Worte regte ſich der Törringer wieder. Solche Gewalt hat ſchon der bloße we⸗ ſenloſe Klang von Freiheit. Langſam ſchlug der ſo lang und furchtbar gepeinigte Mann die Au⸗ gen wieder auf und ſtarrte ſeinen Befreier an. Dieſer aber ließ ihm nicht lange Zeit ſich zu be⸗ ſinnen, ſondern half ihm mit ſtarkem Arm vom Lager auf, und führte ihn, halbgetragen, die Stu⸗ fen hinan und durch das Pförtlein in's Freie. Als der Törringer wieder freie Luft fühlte, die ihm friſch und belebend über das Antlitz hauchte, konnte er die ungewohnte Wonne nicht gleich er⸗ tragen. Er ſank zuſammen. Der Strolch faßte ihn beim Arme, und raunte eilig ihm in's Ohr: „Herr, Herr, nur keine Zeit verloren! Ich habe Euch frei gemacht mit Gefahr meines eigenen Lebens. Doch folgt Euch der Tod noch auf den Ferſen. Was ich hätte thun ſollen und nicht gethan—, werden hier in Cöln gewiß Andere ſtatt meiner thun.— Auf, auf, Herr! Ihr müßt eilig fort, ehe man gewahrt, daß Ihr frei ſeid; Ihr habt keine Sekunde zu verlieren. Reitet aber nicht nach Baiern, und nicht auf die rothe Erde, ich beſchwöre Euch, wir haben's ſonſt Beide zu bezahlen.— Mehr darf ich Euch nicht ſagen. Reitet nach Frankreich oder Welſchland, dort ſeid Ihr geborgen.“ Der Törringer hörte nur mit halben Ohren; er hatte ſich jedoch wieder etwas erholt. Der im Schoͤnbart führte ihn jetzt durch allerlei Kreuz⸗ und Querſtraßen bis zum Lichthof, kniete dann vor ihm nieder und ſprach:„Nochmals be⸗ ſchwöre ich Euch, fort, fort aus Cöln, bevor der Morgen graut; vergebt mir meine Schuld, und wenn Ihr mir danken wollt, ſo entrinnt und ſchweigt über Alles, was ſeit vier Wochen ge⸗ ſcheh'n iſt.“ Nach dieſen Worten verſchwand er und der Törringer ſtarrte in das öde Dunkel. — 70— Als der Befreite wieder allmählig zum vollen Bewußtſein gekommen war, und über den raſchen Wechſel der Ereigniſſe ſann, beſchloß er, da ihm die letzten Worte des unbekannten Retters noch dumpf in den Ohren klangen, ſeiner Bitte zu willfahren und unverbrüchliches Schweigen zu be⸗ obachten. Er wollte keine Rache, obwohl er dunkel ahnte, daß der Landshuter Herzog ihm ſolches bittre Leid angethan; nur Eins wollte er, was er nie vergeſſen, ſein Recht; und, war er aufge⸗ halten worden, es zu betreiben, ſo ſpornte es ihn jetzt mit doppelter Gewalt, das Verſäumte nachzuholen, und ſeine Ehre, welche durch ſein Ausbleiben gefährdet ſchien, vor dem heimlichen Ding unter Königsbann als rein und unbefleckt zu erweiſen. „O du mein gutes treues Weib daheim,“ dachte er in Wehmuth,„trüge mich der Morgen⸗ ſtrahl des kommenden Tages urplötzlich vor dein Antlitz,— nur dein Herz, nicht dein Auge würde mich jetzt wieder erkennen. Herr Gott! Herr Gott! du haſt mir viel aufgebürdet; aber du biſt doch ein guter und freundlicher Gott; denn, als ich am Verſchmachten war, ſandteſt du — 21— mir den Stern deines Auges, die Freiheit, und ich lebe!— durch ſie lebe ich wieder. Was iſt mir geblieben von allen Freuden, von aller Zuverſicht der Erde? Hier unter Gottes freiem Himmel liege ich auf fremden Boden, ohne Wehr und Waffen, allein, nur vom Gebet meines Wei⸗ bes umſchwebt, weiß, daß ſie, die treue Elſe, vielleicht auf Morgen als den Tag meiner Heim⸗ kunft hofft; treulos geworden iſt mir alle Zu⸗ verſicht und Kraft meiner mühſam erkauften ge⸗ heimen Wiſſenſchaft, treulos, als wie der Wind die Worte des Meineids aus einander jagt; zer⸗ fallen ſind die Steine von den Reſten meiner einſt ſo feſten Burg; die Freunde, die einſt mit mir zu⸗ ſammen ſchworen,—— hinweg, hinweg mit die⸗ ſen Gedanken! Wozu noch mehr Wermuth?! Mag Alles treulos ſein, Gott nicht! Ich bin ja frei, frei, frei!“ „Du uraltes Kirchlein auf dem Kapitol hier, gewiß haſt du ſchon manchem Verbrecher, der deine Stufen erreichen konnte, ein Aſyl gewaͤhrt; nimm für dieſe Nacht gaſtlich einen deutſchen Mann auf, der auf deutſcher Erde verfolgt wird, weil Gottes Gabe, die Freiheit, ſein Verbrechen — 72— iſt, denn die Gewaltigen der Erde möchten gar zu gerne der Freiheit jedes Aſyl verſperren, ſelbſt ihr rechtmäßiges Haus, was ihr von Gott ſelbſt zugewieſen iſt, die Männerbruſt! O mein Va⸗ terland, hier auf deiner heiligen Erde kniee ich, an den Wenige denken, vielleicht nur zwei,— kniee und bete mit Inbrunſt: Gott der Gerech⸗ tigkeit! laß mich den Letzten ſein, der am letzten und höchſten Kleinod der Menſchheit darbt. Ich mag es nicht anders denken; es wäre zu bitter! — Rings ſchläft noch Alles. Traͤumt vielleicht noch irgend Einer, er wäre frei? O dann laß ihn nicht in Ketten erwachen, Gott der Güte, dann ſende ihm lieber, wie du alles Gute im Schlafe gibſt und den Menſchen wie Kindlein beſcheerſt, — dann ſende ihm lieber den Friedensengel, den Kettenzerbrecher, den treuen Tod!— Und Alle, die da jetzt ſchlafen, von Freiheit nicht einmal träumen, die auch am hellen Mittag in trauriger, troſtloſer Nacht wandeln, Herr! alle dieſe erwecke endlich zum Glanz deines Tages, mache ſie mün⸗ dig, die Jahrhunderte lang Kinder geblieben, und die der Freiheit nicht werth ſind, weil die Knecht⸗ ſchaft ihnen Roſen bietet, denen zerblättere dein — 73— Sturm, gewaltiger Gott, die giftigen Blüthen, daß ſie in ihrer Blindheit in die Dornen greifen und durch Schmerz und Wunden zur Erkenntniß kommen.“ Er erhob ſich und ſchritt die Stufen hinan, welche zu der auf dem Hügel gelegenen alten Kirche von Sancta Maria im Kapitol führten. Er trat unter die hölzerne Bedachung der Vorhalle, in welcher Gedenkzeichen aus dem heiligen Lande, Rieſen⸗ und Drachenknochen, in Ketten aufge⸗ hangen, ſchwebten. Auf die Schwelle des Pfört⸗ leins legte er das müde Haupt und ſchlief vov Ermattung gar bald ſüß und ruhig ein; er traͤumte von ſeiner Ehre, von ſeinem Weibe, von der Freiheit. 3 Als der Morgen graute, wurden die Pforten des Gotteshauſes aufgeſehloſſen und Herr Kaspar der Törringer trat in die niedere dunkle Ein⸗ gangshalle, durch welche man unter der Orgel in die Kirche tritt, und den ſchönen hochgewölb⸗ ten, freundlich lichten byzantiniſchen Rundbau erblicken kann. In der Vorhalle, über deren Thüre das Bild der heiligen Plectrudis, der Stif⸗ terin, zu ſchauen iſt, zeigte ſieh ein großes, — 74— ſchaudererregendes Kruzifix und mehrere andere angemalte Bildwerke; in die Wände waren grob gemeißelte Grabſteine von der Form aufgeſtellter Särge und mit ſeltſamen Monogrammen bezeich⸗ net, eingemauert; zwei ſchmale Fenſter mit Glas⸗ gemälden, welche die Heiligen Werner und Mar⸗ tin vorſtellten, ließen das dämmernde Morgen⸗ licht noch kaum in die dunkle Kapelle dringen. Keine Seele war in der Kirche, noch in dem ein⸗ ſam ſchaurigen Kreuzgang. Der Küſter hatte ſich in ſeine warme Stube zurück begeben, um noch ein Stündchen bis zur erſten Meſſe zu ruhen. Herr Kaspar der Törringer kniete und betete alſo: „Gott, bei dir iſt das Recht; ſchütze du mich, da ich ausgehe, nicht um irdiſch Gut und Gold, ſondern dieſen unſichtbaren Schatz zu gewinnen. Habe Dank, daß du mich aus den Händen der böſen Buben errettet, ich weiß ſchier ſelber nicht wie; ˙s iſt mir jetzt, da ich wieder frei bin, als hätt' ich blos geträumt, daß ich ſo lange in Ketten lag. Und ſchütze nicht mir allein das Recht, ſondern Allen, die daran noth⸗ haft ſind. Dir beichte ich, dir, der beſſer iſt, — 75— als alle Pfaffen der Welt, dir, der du die Liebe und das Erbarmen biſt; denn du weißt: ich gehe jetzt den letzten Weg, den ich auf Erden noch gehen kann, und dazu gib mir Kraft und Muth. uUnd auch mein Weib daheim, die gute Elſe, tröſte mir fein, denn ſie grämt ſich gewiß, wenn ich länger ausbleibe, als wir Beide gehofft haben; aber es muß einmal ſo ſein; du haſt mich ja ſo erſchaffen, daß ich nicht ablaſſen kann bis an mein Ende, zu vollbringen und auszufechten, was ich begonnen. Und wenn's ein Uebel wäre, oder ein Irrwahn, dem ich mein ganzes Lebelang bei Geſchriften und in Thaten nachgehangen, ſo rechne mir's nicht ſchwerer an, als wie ein Gebreſt der Seele. Und wenn ich nichts ausrichte, ſo erhöre nur meine letzte Bitte, die ich immer an dich ge⸗ ſtellt: laß mich nur frei ſterben und ſei mir gnädig hie und dort.“ Es ſtand Einer hinter ihm, das Geſicht mit einem eiſernen Schönbart verhüllt, der war ſei⸗ ner Spur lange nachgegangen. Als der biederbe Törringer eben die drei letzten Worte ſprach, holte der mit dem Schönbart gewaltig aus und ſtieß mit dem leiſen Ausruf:„Im Namen der —-— 76— beſchloſſenen ſtillen heiligen Acht!“ dem frommen Rittersmann den Dolch in's Genick. „Jeſus Maria!“ ſtöhnte der Törringer und ſank zuſammen. Der mit dem Schönbart ließ den Dolch ſtecken und ging ſchweigend von dannen. „Ich danke dir, mein Heiland,“ ſprach der Tör⸗ ringer noch leiſe,„du haſt mein Gebet erhört.— Schütze mein Weib!— In deine Hände befehl' ich mich!— Und ſterbe frei.“ Da verſchied der fromme Rittersmann. Das iſt Gerechtigkeit auf Erden!—— Bei Swert am Rheine ſtanden drei Weiden. Am Stamm der einen fanden die Bauern am Abend des folgenden Tages eine Leiche mit dem Strick um den Hals, und aus dem Stamme drei Späne herausgeſchlagen. Es war der ketzeriſche Strolch, der den Törringer befreit hatte. Die Bauern bekreuzten ſich ſchaudernd vor der Ge⸗ walt der heiligen Vehme. Liebesglück. — Zu Augsburg ſtanden in der Nebenkapelle der Ulrichskirche zwei ſelige Brautleute, und ein treuer, verſchwiegener Prieſter legte ihre Hände in einander und ſprach den Segen. Kein Zeuge war bei dieſer Trauung, welche am frühen Morgen gehalten wurde, zugegen, als der alte Bernauer, dem Thraͤnen in den Bart rannen,— ob vor Freude über das Glück ſeines Kindes,— ob vor Schmerz, daß ihm ſein einziges Glück, das theure Kind, nun für immer entriſſen war? „Wollt Ihr dem edlen Fürſten, Herrn Al⸗ brecht, treu und gehorſam ſein bis an's Grab, Jungfrau Agnes Bernauerin?“ ſprach der wür⸗ dige Leutprieſter. „Ich bin ſein, hie und drüben,“ erwiederte leiſe, züchtig zur Erde blickend, die holdſelige blaſſe Braut. Ihr Auge blickte in des Himmels vollen Glanz hinein, daß es faſt geblendet ward. — n — 78— Die Sinne ſchwanden ihr; es ſtützte ſie, als ſollte ſie in dieſer ahnungsvollen Stunde recht erken⸗ nen, daß er ihr immer eine treue, kraͤftige Stütze ſein würde, an ſeinem hochklopfenden Her⸗ zen der Gatte, der edle Albrecht. Leiſe, wie der erſte Pulsſchlag der Liebe, wie das Säuſeln des lauen Abendlüftchens,— hinge⸗ haucht, wie der erſte Kuß, wie der Duft zweier verwandten Blümlein, die ihre Kelche ſanft gegen einander neigen, klang das ſüße: Ja von den Lippen der Glücklichen und ſchwang ſich empor zu jenem Throne, welchen der Liebe ewiger Tri⸗ umphgeſang von Cherubsſtimmen umbrauſt. Liebe! du haſt ein ſchönes Heimathland! Unſterblichkeit umſäumt mit des Oceans Silberwogen die ſelige Atlantis, wo in holder Maienpracht dein Garten blüht, wo Hoffnung, als unendliche Kuppel von tauſend Sternenaugen durchflimmert, ſich nieder⸗ wölbt; und auf den Silberfluthen ziehen Schwäͤne, ſehnſüchtige Weiſen ſingend; des Lebens Schwa⸗ nengeſang wird zum Zauberlied der Nachtigall, welche die verlorne Roſe wieder findet, und in den Lilienkelchen ſchlummern Träume, die bei ſtiller Nacht auf bunten Fittichen zur Erde nieder⸗ — 70— flattern und allen Liebenden vom ſchoͤnen Hei⸗ mathland der Liebe erzählen.— Als die Liebenden vereinigt waren und der Leutprieſter ſich in ſtiller Rührung entfernt hatte, nahm Agnes von ihrem Vater Abſchied. Der alte Mann wollte ſich gar nicht tröſten laſſen; e konnte es noch immer nicht begreifen, daß er ſein geliebtes Kind verlieren ſollte, und als ſich endlich Agnes von ihm losgeriſſen und Albrecht ſie in den bedeckten Wagen gehoben hatte, der, mit tüch⸗ tigen Rennern beſpannt, bereits ihrer harrte, da begriff er's endlich freilich, der alte arme Mann, und es war ihm, als würde er ſie nie wieder ſe⸗ hen. Er durfte ſie nicht begleiten, um nicht für's erſte die heimliche Trauung zur Oeffentlichkeit zu bringen; denn Agnes konnte man wohl nicht ſobald vermiſſen, da ſie in der letzteren Zeit das väterliche Haus faſt gar nicht verlaſſen hatte. Wonnetrunken fuhren die Glücklichen auf Al⸗ brechts Schloß: Vohburg, welches zu ihrem Em⸗ pfang bereits feſtlich geſchmückt worden war. Die junge Herrin wurde fürſtlich bewillkommnet. Zahl⸗ reiche Dienerſchaft umgab ſie und gewann ſie vom erſten Anblick an um ihrer Güte und En⸗ — 80— gelmilde willen ſo lieb, daß man ihr jeden Wunſch aus dem Auge las. In ſeliger Verborgenheit lebten die Liebenden zu Vohburg, bis der Haupt⸗ mann des Kreuzheers, der Churfürſt von Bran⸗ denburg, den Aufruf ergehen ließ, den heiligen Krieg gegen die Ketzer zu beginnen. Da mußte ſich Albrecht zum erſtenmal vom Herzen ſeiner Agnes losreißen; und die erſte Schmerzensthräne perlte in ihrem Auge. — 81— Genugthuung. — Einmalhunderttauſend gewaffnete Maͤnner aus Deutſchland hatten ſich unter dem Oberfehl des Churfürſten von Brandenburg im Auguſt des Jahrs 1430 zuſammen geſchaart, empfingen von dem päbſtlichen Legaten Julian den Segen und die Zuſicherung, daß alle zahlloſen heiligen und himmliſchen Chöre den irdiſchen Streitern un⸗ ſichtbar voranziehen und ihnen Bahn brechen wür⸗ den, bis in den Kern, bis zum Herzen dieſes wildverwachſenen, urſtämmigen, altknorrigen Bö⸗ heims hinein. Durch das Vertrauen auf dieſe himmliſchen Hülfstruppen waren jene einmalhun⸗ derttauſend deutſche Männer muthig genug, um den Berg⸗ und Waͤlderwall, welcher als ewige Mauer das Böheimer Volk umringt, ſo lange zu durch⸗ brechen,— als ſie keinen Widerſtand fanden. Mit Hymnen und Litaneien rückten ſie immer weiter. Eine Unmaſſe von Prieſtern ging mit ihnen, um gleich bei der Hand zu ſein, wenn III. 3 6 — 82— dieſe verſtockten Ketzer zur wahren Lehre des Friedens und der Liebe bekehrt, oder nach Um⸗ ſtänden— gebraten werden ſollten. Dieſe ehr⸗ würdigen Herrn unterließen nicht, bei jeder Ge⸗ legenheit den Landsknechten die Geſchichte vom Falle Jericho's zu predigen, aus einander zu ſetzen und auf den vorliegenden Fall anzuwenden. Aber das tüchtige Volk der Böhmen beſtand nicht aus Philiſtern, welche man mit Eſelskinnbacken in die Flucht ſchlug. Der Kampf der Böhmen, wenn auch grauſam, gräßlich, brudermörderiſch, war nicht blos ein Glaubenskampf, obwohl die Gräuel dabei aus Fanatismus entſprangen; er war ein ahnungsvoller Krieg um Erhaltung der Freiheit, der Selbſtſtändigkeit und des ſlaviſchen Volksthums, ein Krieg, der erſt zweihundert Jahre ſpäter furchtbar endigte, als Baiern die Schlacht am weißen Berge mitſchlagen halfen, als die Edelſten des Böhmerlandes auf den blu⸗ tigen Ring geführt wurden, und ihre aufgepflanz⸗ ten Häupter herabſahen, wie der Kaiſer die alten Rechts⸗ und Freiheitsbriefe zerriß, um den Na⸗ men eines böhmiſchen Volkes für ewig auszutilgen. Dem Kreuzheere ſank der allzukühne Muth, — 83— als es zum erſtenmale aus Schluchten und Wäl⸗ dern Speer an Speer hervorragen ſah, als es im offnen Felde die eiſerne Mauer der Setz⸗ Tartſchen gewahrte, die mit Ketten an einander hingen und feſt in die Erde gerammt waren; das waren der Böhmen berüchtigte Pavzan's, ein ſicheres Zeichen, daß die huſſiſchen Männer da⸗ hinter aushalten wollten bis in den Tod. Und als endlich die Fahne mit dem Kelche ſichtbar wurde, und der geſchorne Prokop, der den Muth des Kriegers und die Grauſamkeit des Mönchs verband, da riſſen vor Ziska's Trommelfell ſogar die unſichtbaren Hilfstruppen des Kreuzheeres aus. Böhmens Todesſtunde ſollte noch nicht ſo⸗ bald ſchlagen, das herrliche Volk ſollte, ſo war es im ewigen Rathe beſchloſſen, ſeinen Namen noch blutig leſerlich einſchreiben in's Buch der Geſchichte, bevor er verhallen würde. Ha, wie die Ketzerbekehrer ſich ſo eilig die langen Kutten ſchürzten, um die Schnelligkeit ihrer Beine nicht gehemmt zu haben! Hei, wie das raubgierige Geſindel der Landsknechte, welche Böhmen als Schatzkaſten betrachteten, in den ſie bloß hinein⸗ zugreifen brauchten, um ihre Säckel voll zu ſtopfen, 6* wie dieß luftige Volk ſo leicht aus einander ſtob! Vergebens war des Feldhauptmanns viel verſuchte Klugheit, vergebens der Muth ſo mancher tapfe⸗ rer Ritter, die in ihren ſchweren Harniſchen auf den gepanzerten Pferden dem böhmiſchen Berg⸗ volk nicht Stand halten konnten, welches wie Kobolde aus allen Löchern und Schluchten her⸗ vorbrach. Waffen, Gepäck und Siegeshoffnung mußte im Stich gelaſſen werden, ſollte das nackte Leben nach Deutſchland heimkehren. Auf der Flucht allein gingen ihrer an die Tauſende zu Grunde, und hinterdrein jagten mit Speeren und Handpfeilen und mit dem Entſetzen ihres Na⸗ mens die Sieger. Hatte einſt bei Nicopolis das Kreuz vor dem Halbmond ſich beugen nlüſſen, ſo erlag es jetzt vor dem Kelch, einem Kelch voll bitterer Leiden für manche Wittwen und Waiſen. — Selbſt Albrecht von München, der ſich lange im Land gewehrt und gehalten, mußte endlich doch dem Beiſpiel der andern Fürſten folgen, und flüchtete aus Böhmen mit großem Schaden heim; nur in der Wonne des Wiederſehens ward ihm Erſatz. Die Huſſiſchen ſtreiften jetzt noch viel verwegener als je in alle Nachbarlande, und 2* zeigten dadurch, wie wenig ſie durch die prophe⸗ riſche Drohung der Heldenjungfrau Johanna d'Are erſchreckt worden waren, welche ihnen noch vor ſechs Monaten von Sully aus in einem off⸗ nen Briefe geboten hatte, die Waffen niederzule⸗ gen und ſich der Ketzerei abzuthun, ſonſt wolle ſie aus Frankreich kommen und das Schwert des Herrn über ihnen ſchwingen.— Das ſchrieb ſie am dritten März 1430, und am dreißigſten Mai 1431 wurde Frankreichs Befreierin zu Rouen von Frankreichs Pfaffen angeklagt, verurtheilt und als Zauberin und Ketzerin lebendig ver⸗ brannt!——— Während Albrecht und ſeine Gattin Agnes zu Vohburg ſorglos ſelige Tage verlebten, dachte Herzog Ernſt, allen Widerſprüchen ſeines Bru⸗ ders Wilhelm ungeachtet, auf's Neue daran, ihn mit einer Fürſtentochter zu verloben, denn er ahnte nicht, daß Albrecht durch den Segen der Kirche bereits unauflöslich verbunden war. Die Wahl des Münchner Herzoges fiel auf die Prinzeſſin Anna von Braunſchweig, an de⸗ ren Hofe ſich noch immer der Graf von Grais⸗ bach aufhielt, der mit Minnedienſt um ſie warb. — 86— Doch der Herzog von Braunſchweig zog es vor, ſich, ſtatt mit dem Fürſten von Ingolſtadt, mit denen von München durch Verſchwägerung zu verbinden, und ſagte den Geſandten Ernſt's die Hand der Prinzeſſin Anna für Albrecht feierlich zu. Dieſer Letztere hatte keine Ahnung von dem drohenden Unwetter, welches über ſein ſtilles Glück hereinbrach. Der Graf von Graisbach ver⸗ ließ erbittert den Braunſchweiger Hof und begab ſich nach Ingolſtadt zu ſeinem Vater zurück. Endlich ſchien dem alten Herrn Ludwig im Bart das Glück, welches ihn bis jetzt am Nar⸗ renſeil gezerrt, zuzulächeln; er durfte hoffen, den Reſt ſeiner Tage in Frieden und häuslicher Wonne zu vollbringen. Der Streit um das Straubinger Erbe wurde alſo geſchlichtet, daß er Schärding, (Stadt und Veſte), Stadt und Landgericht Din⸗ golfing, die Veſten Königsſtein, Neuhaus und Dießenſtein, desgleichen Veſte und Landgericht Kirchberg, und den Judenſchutz in Regensburg, der auf zweihundert Pfund angeſchlagen war, er⸗ hielt. Auf Herzog Ernſt von München fiel das Straubinger Viertel, auf deſſen Bruder Wilhelm das Kelheimer, auf Herrn Heinrich von Landshut — 87— das Vilshofer, das reichſte von allen. Ohne Murren unterwarf ſich Ludwig im Bart dieſer Austheilung durch den Spruch von fünf und zwanzig Schiedsmännern, und erhielt alle ſeine Schlöſſer und Bezirke zurück, welche ihm in ſei⸗ ner letzten unglücklichen Fehde abgewonnen worden waren. Er ſtiftete ſich, ernſt der menſchlichen Sterblichkeit gedenkend, in der neuen Liebfrauen⸗ kirche zu Ingolſtadt, deren Bau eifrigſt fortbe⸗ trieben ward, ein Grabmahl, desgleichen eines auch ſeinem Vater Stephan und ſeiner Gemahlin Anna von Bourbon;— es lag ihm jetzt, da ſein Geiſt, von äußeren Fehden und Zwiſtigkeiten abgezogen, mehr als einmal unwillkührlich der Vergangenheit gedachte, ſchwer auf dem Herzen, wie unfreundlich und unkindlich er ſich im Taumel der Jugend gegen den Vater benommen, wie rauh und fühllos er das Herz der treuen Gattin durch Gram gebrochen. Seinen unerſchöpflichen fran⸗ zöſiſchen Schatz verwahrte er theils bei dem Rath in Regensburg, theils in feſten Thürmen und Schlöſſern zu Neuburg und Ingolſtadt. Zu Nuüͤrnberg, wo Siegmund endlich den lange verſprochenen und anberaumten Rechtstag — 88— abhielt, wurde am achtundzwanzigſten März 1431 dem Gebarteten Genugthuung zugeſagt über das Unrecht, welches ihm ſein Vetter von Landshut in Coſtniz zugefügt. Auf der Burg in der Ka⸗ pelle erklärte Siegmund feierlich, Heinrich von Landshut müſſe ſein Unrecht wider Ludwig von Ingolſtadt in Recht wandeln, und forderte Letz⸗ teren auf, die Art und Weiſe der perſönlichen Ge⸗ nugthuung zu nennen, welche er von ſeinem Feinde und Beleidiger verlange. Jetzt, da er das Recht ſo nahe vor ſich ſah, daß er's mit ſicherem Griff beinahe ſchon faſſen konnte, erwachte Ludwigs ſchlummernder Trotz und Uebermuth auf's Neue; er trat vor den Stuhl des Kaiſers und ſprach:„Ich habe aus⸗ geſtanden, was Keiner bei Menſchengedenken; dreifach gelitten hab' ich durch dieſen fahrigen Mörder von Landshut, einmal als Fürſt, zum andern als Ambaſſiador der Krone von Frank⸗ reich, und zum dritteu, wär' ich auch als Bettler geboren, hab' ich gelitten als Menſ ch, als Weſen von Fleiſch und Blut, unſicherer, als ein Thier des Waldes, das nicht von ſeinen Verwandten mörderiſch angefallen wird. So verlang' ich denn — 89— zur Genugthuung: man ſoll dem fahrigen Mör⸗ der ſeine Ehre und all' ſeine Würden nehmen; — ſieben Stiche hat er mir mit eigener Hand in den Leib gebohrt,— ſieben Wunden ſoll man dafür auch ihm ſchlagen, und zwei davon auf Le⸗ ben oder Tod, wie ich gelegen habe zwiſchen Le⸗ ben und Sterben, und der Finger Gottes wird's dann weiſen, ob er geneſen mag, wie ich, oder nicht. Er hat mich tödtlich verſehrt, als ein rechter Filz, daß er durch meinen Tod mein Land gewinnen möge;— ſo ſoll auch ihm ſein Land jetzt genommen werden und mir verfallen ſein, und das von Rechtswegen.“ Statt Herzog Heinrichs, welcher es nicht gewagt hatte, bei dem Spruchtage ſich ſeinem Feinde gegenüber zu ſtellen, trat jetzt ſein An⸗ wald auf und erwiederte:„Ihr erlauchten Her⸗ ren! Obgleich mich's dünkt, daß Herrn Ludwig's Klag' und Forderung gar nicht am Platz und fürder ſtatthaft ſei;(weil kaiſerliche Majeſtät ſchon einmal zu Coſtniz alle Schuld, will ſagen: alles, was vorgefallen, verziehen, das heißt: für nicht geſchehen erklärt hat) ſo muß ich, als mei⸗ nes gnädigen Herrn Anwalt, weil kaiſerliche — 90— Majeſtät in höchſter Machtvollkommenheit und Weisheit dieſen neuen Tag angeſetzt, für's Erſte offen ſagen, daß der Herr von Ingolſtadt in ſeiner eigenen Angelegenheit zu Coſtniz geweſen, ſolcher Geſtalt alſo ſeine Sache mit einem Un⸗ glimpf wider Frankreichs Krone gar nichts ge⸗ mein hat. Für's Zweite: wenn mein gnädiger Herr in ſeinem Thun wirklich Unrecht gehabt, ſo iſt zu bedenken, daß er im Zorn gehandelt, und mich dünkt: man ſollte eher die beſtrafen, ſo zum Zorne reizen, als die, ſo im Zorne etwas begehen, was nicht geſtraft werden kann. Ueber⸗ dem hat ſich der Streit der Fürſten zu Coſtniz ergeben, und nicht zu Nürnberg, und deßhalb, dünkt mich, ſollte man ihn zu Coſtniz vor den Bürgermeiſtern nach dortigem Stadtrecht ſchlichten und abthun——“ „Wie? Ei, Ihr Wortverdreher! Habt Ihr etwa dieſe Gloſſen von dem neuen Churfürſten eingelernt bekommen? Es dünkt mich ſchier ſo;“ rief Ludwig;„ich, ein Fürſt von Baiern, hoch⸗ geboren, Niemand unterthan, als Gott und dem römiſchen König, ich ſoll wohl barfuß nach Coſtniz. pilgern, als wie ein Schneider oder ſonſt der — 91— Geſell einer ehrſamen Zunft, und des Bürger⸗ meiſters hochnaſiger Frau ein oder das andere gute Wort geben, und bitten und ſchmeicheln, damit ſie bei dem Schoppenhelden, ihrem hoch⸗ mögenden, ehrenfeſten, pantoffelküſſeriſchen Ehe⸗ herrn für mich gute Fürſprach' einlege? Hier ſteh' ich, und dort ſitzt mein einziger Richter, des Kaiſers Majeſtät, und ich hoffe, er wird mir endlich einmal Recht ſprechen.“ Jetzt erhob ſich der Kaiſer und ſprach finſtern Blickes zu Herzog Ludwig:„Ihr ſtehet vor dem Kaiſer und vor keinem Geringern; möget Ihr es nicht vergeſſen. Es thut Uns leid, daß Ihr, dem Wir gewogen und gnädig ſind, zu Coſtniz Unbill und Schaden gelitten, aber was Ihr anjetzt von Uns verlangt, wäre keine rechte und geſetzliche Genugthuung, ſondern unchriſt⸗ liche und grauſame Rache. So hört denn, was Wir in kaiſerlicher Machtvollkommenheit und Huld beſchloſſen haben und kund geben. Herzog Heinrich ſoll Euch hier zu Nürnberg öffentlich Abbitte thun, um Gottes und unſerer lieben Frauen willen, er ſoll Euch Arztlohn und Zeh⸗ rung in Coſtniz erſetzen; drei ewige Meſſen ſoll — 92— er ſtiften, die eine in Coſtniz und die andern beiden in Eurem eigenen Lande, an Orten, die Ihr beſtimmen möget, eine jegliche mit fünfzig Gulden jährlich, und Ihr und Eure Erben ſollet das Recht haben, ſie an Prieſter zu vergeben, an welche Ihr wollt. Herzog Heinrich ſoll auf ein Jahr über's Meer fahren in's gelobte Land zum heiligen Grabe;— doch mag ihm vergünſtigt ſein, die Meerfahrt ſtatt ſeiner auch durch einen Grafen oder Freiherrn abzuthun. Dann ſoll er wallfahrten nach Rom, nach Aachen, nach Ein⸗ ſiedel und zum heiligen Blut in Sachſen,— er mag es ſelber thun, oder durch einen Anwald. Dann ſoll er wider die Ketzer in Böhmen außer den Gleven, die ihm ſonſt obliegen, noch hundert dazu ſtellen. Das haben Wir zu Eurer völligen Genugthuung aus höchſter Machtvollkommenheit beſchloſſen, und gebieten Euch, die Sache damit abzuthun, Eurem Feind öffentlich und geheim zu vergeben, und nichts fürder zu beginnen, was zu Fehde und Zwiſtigkeit, und zu des Baierlan⸗ des, ſo wie des römiſchen Reiches Schaden und Abbruch führen kann. Darauf ſollt Ihr Wort und Eid leiſten.“ Auf des Kaiſers Wink brachte man den gül⸗ —— 1 ——:— — 93— denen Reliquien⸗Schrein, und Herzog Ludwig beſchwor, wenn auch unbefriedigt, auf denſel⸗ ben, des Kaiſers Gebot zu halten. Auf offnem Markt erſchien denn auch wirk⸗ lich nach langem Zögern Herr Heinrich von Landshut, und ſprach zu ſeinem Feinde:„Auf kaiſerlicher Majeſtät Gebot bin ich allhie, daß Ihr mir um Gottes und unſerer lieben Frauen wil⸗ len allen Span und Zwiſt zwiſchen uns vergeſſet.“ Darauf reichte ihm Ludwig die Spitze des Zeigefingers ſeiner rechten Hand, und erwiederte: „Im Namen Gottes und unſerer lieben Frauen, und auf des Kaiſers, unſeres gnädigſten Herrn, Verlangen, vergeb' ich Euch die Sache nach In⸗ halt des Urtheils. Die zwei Meſſen in meinem eigenen Lande ſollt Ihr ſtiften zu Ingolſtadt in der Frauenkirche, am Frauenaltar eine geſun⸗ gene und am Lienhardsaltar eine ſtille.“ Da⸗ rauf gingen die Fürſten ſcheinbar verſöhnt aus⸗ einander, aber in ihren Herzen glimmte die alte Todfeindſchaft fort. Den Herrn von Landshut wurmte die Demüthigung, und den von Ingol⸗ ſtadt ärgerte es, daß er nur eine halbe Genug⸗ thuung erhalten. — 94— Vater und Sohn. In den Armen ſeines geliebten Wieland, den er zu ſeinem Kammermeiſter gemacht, ſuchte der Gebartete alles zu vergeſſen, was ihn noch im⸗ mer ſtachelte. Mit beſonderer Zärtlichkeit und Vorliebe ließ er ihm nach und nach Gnaden und Schätze die Hülle und Fülle zufließen, und vor allen eine Menge der koſtbarſten Kleinodien aus Fran⸗ kreich; Wielands Gattin, die ſchöne Amalie, prunkte gar ſtattlich mit Krone, Schappel, Per⸗ lenkranz und Gürtel der Königin von Frankreich, daran über die fünfundfünfzig Rubine und an die dreihundert Perlen ſtrahlten; auf ihrer Tafel war ein goldener Napf, in ihrem Cloſett ein goldenes Gießfaß mit einem künſtlichen Thürmlein und Sibylllenkopf geziert, zwei goldene Waſch⸗ becken, ein Treßneyfaß, drei Platten und ſechs Schüſſeln von demſelben Metall zu ſchauen, alles durch die Freigebigkeit des wohlwollenden Schwie⸗ gervaters, Herrn Ludwig's im Bart. Der Freiberger hatte über dieß alles ſtets gar eifrig und geheim an den Grafen von Graisbach geſchrieben, als dieſer noch in der Fremde war, hatte beigefügt, daß der Herzog den Grafen Michael von Werthheim, Wielands Schwieger⸗ vater, zum oberſten Hauptmann in allen ſeinen deutſchen Beſitzthümern zu ernennen gedenke, daß er,(der Freiberger) aus alter Treue und An⸗ hänglichkeit an den Grafen von Graisbach genau auf alles achte, was daheim vorginge, und daß er gar ſehr fürchte, der alte Herzog möchte ſei⸗ nem unehelichen Sohn mit der Zeit etwa auch noch wichtigere Gaben, vielleicht gar das Erb⸗ recht einxräumen. Dieſe Briefe waren mit ein Grund geweſen, warum der Graf von Graisbach Braunſchweig verließ, und, nach einem kurzen Beſuche bei dem Markgrafen von Brandenburg, deſſen Tochter Margarethe ſein Herz gewann, und auch ihm zugethan ſchien, nach Ingolſtadt zurückkehrte. Als Vater und Sohn ſich nach langer Tren⸗ nung wieder gegenüber ſtanden, fühlte ſich jeder durch den Anblick des andern gedruͤckt, der Sohn durch die verborgene Mißgunſt gegen einen Vater, — 96— der ihn nie geliebt, ſtets zurückgeſetzt und auch jetzt durch die Begünſtigung des Bruders ſo em⸗ pfindlich gekränkt hatte,— der Vater durch das Gefühl ſeines Unrechts, welches er nicht beken⸗ nen mochte, um ſeinem Stolz nichts zu vergeben. Stumm ſtanden beide vor einander und reichten ſich zögernd die Hände, bis der Vater endlich das Schweigen brach, und ſeinen Sohn alſo an⸗ redete:„Du biſt lange von mir geweſen, Lud⸗ wig, nachdem du ohne Abſchied von mir gegangen. Laß' uns an das Vergangene nicht denken, und dir vielmehr ſagen, daß du mir wieder willkommen biſt. Höre jetzt ein ernſtes Wort, denn ich ſehe dich als Mann wieder, und als den Fürſten, der, wer weiß wie bald, ſtatt mir herrſchen ſoll. Ich bin dir manches ſchuldig, und du ſollſt finden, daß ich Niemanden gern ein Unrecht thue. Ich will dir meine Koſtbarkeiten, die ich zu Valen⸗ ciennes niedergelegt, zur freien Hand übergeben, und du ſollſt hier in Ingolſtadt von nun an mit eigenem Hofſtaat ſchaffen und walten dürfen, wie es dir geliebt, vorbehaltlich meines Haus⸗ ſchatzes, den ich im Thurm bewahre, und vorbe⸗ haltlich meiner Herrſchaftsrechte über das ge⸗ ſammte Land, worin ich Herr bleiben will bis an meinen Tod.“ „Iſt dieß alles, mein Vater?“ erwiederte der Graf von Graisbach kalt. Der Ton ſeiner Rede verletzte den Alten, doch bezähmte er ſich, im Gefühle des Unrechts, daß er ſeinen eheleiblichen Sohn gegen Wieland bis jetzt ſo zurückgeſetzt hatte.„Laß uns ohne Bit⸗ terkeit miteinander ſprechen,“ verſetzte er ſeinem Sohne ruhig und würdevoll;„es thut uns Noth, daß wir gegen die Feinde unſeres Hauſes feſt und treu zuſammenhalten, ſtatt uns zu entzweien. Als ich noch jünger war, nahm ich's allein mit Allen auf, doch meine Tage ſchwinden, und un⸗ ſere Widerſacher, die ſtets auf unſer Erbe lauern, ſind jetzt, da wenigſtens Einer von ihnen etwas gedemüthigt iſt, und— eben darum, mehr zu fürchten, als früher, da ſie uns demüthigten. Sie freuen ſich ſchon im Geiſte der Stunde, wann ich aus dem Leben ſcheide,— wer weiß: wie bald?— ſie werden frohlocken, wenn du, mein einziger Erbe, kinderlos, auf meinem Herzog⸗ ſtuhle ſitzeſt. Ich habe deßhalb zu deinem Beſten, mein Ludwig, bereits nachgeſonnen, und insge⸗ III. 7 — 98— heim für dich zu handeln begonnen. Man rühmt die Schönheit und Tugend der Königstochter von Cypern, ihr Vater Johann iſt reich und gewal⸗ tig; ich habe an ihn geſchrieben, und um ſeine Tochter für dich geworben. Sieh'! Hier iſt des Königs Antwort, der mir ſeine Zuſage gibt, und hier das Bild der Königstochter.— Nun, mein Sohn, wirſt du wohl endlich von deinem unglück⸗ ſeligen Wahne zurückkommen, daß ich blos deinem Bruder Wieland zugethan und dir abhold ſei? Du ſiehſt, wie aufrichtig ich mit dir's meine, und eben ſo ehrlich gib mir jetzt Red und Ant⸗ wort drauf.“ „Ihr ſollt ſie haben, Vater!“ ſprach der Graf von Graisbach trotzig.„Was Ihr mir heute an Rechten eingeraumt, dank ich Euch,— ob⸗ gleich ich weiß, daß ſie mir nicht bloß als Ge⸗ ſchenk gebühren. Den Schatz zu Valenciennes, den kleinſten Theil des ganzen Reichthums, den Euch meine Mutter zubrachte, kann ich gar wohl gebrauchen, ſoll ich mich anders vor meiner ſtol⸗ zen Schwägerin Amalie nicht tief in die Seele hinein ſchämen müſſen, die im königlichen Schmucke Frankreichs einhergeht. Was mein eheliches Glück — 99— betrifft, Vater, ſo ſcheint es, daß Euch der Beiſtand des Königs von Cypern ganz beſonders am Herzen liegt, und ich würde Euch zu dieſem Zweck noch ein beſſeres Mittel vorſchlagen können, nämlich: daß Ihr ſelbſt ſie heirathen ſollt, wenn ich, der von Euch, dem Bruder und der Schwä⸗ gerin ſchon genug zu dulden hat, mich noch oben⸗ drein nach der Vormundſchaft einer jungen Stief⸗ mutter ſehnen könnte.“ „Ludwig!“ rief der Alte drohend, ließ aber die erhobene geballte Fauſt langſam ſinken, denn eben, als er den Namen Ludwig gerufen, war's ihm, als hätte ſein ſeliger Vater ihm ſelber ge⸗ rufen.„Kehrt mir in meinem Sohne meine eigene Jugend zurück?“ ſann er trüb;„wehe mir, ich erinnere mich ähnlicher Worte!“ Der Graf von Graisbach hielt das Bild der Prinzeſſin von Cypern in der Hand, betrachtete es aufmerkſam, und ſprach:„Bei Gott! Gleicht die Dame dieſem Bilde, ſo glaub' ich, daß En⸗ gel ihren Himmel verlaſſen, und als Frauen auf Erden wandeln.— Ha! Thor, der ich bin!“ unterbrach er ſich ſelbſt, das Bild auf den Tiſch werfend;„ich glaube an kein Weib. Je ſchöner 7* — 100— ihre Geſtalt, je häßlicher ihr Herz! Sie würde wohl ſehr angenehm überraſcht werden, dieſe Dame von Cypern, wenn Ihr, mein Vater, um ſie recht zu gewinnen, Eures anderen Soh⸗ nes Bild malen ließet, und es ihr ſtatt des mei⸗ nigen ſchicktet; nicht wahr? Ihr habt mich ſo oft verſichert, daß ich nicht liebenswürdig bin, — daß ich ſelber dran glauben muß, und es wäre am Ende doch ein fürſtlicher Spaß, wenn ſie, von ſolch einem Bilde bezaubert, auf den Flügeln der Liebe hiehereilte, um einen— Ko⸗ bold zu umarmen, wie Ihr mich ſtets zu nen⸗ nen beliebtet, einen Kobold, deſſen Vater zu ſein Ihr die Ehre habt. Nein! Und wäre ſie ſchöner, als Mönche ſich die heilige Cäcilia den⸗ ken, und könnte ſie mich wirklich lieben, trotz meiner Mißgeſtalt, und fragtet Ihr mich: Lud⸗ wig, willſt du ſie?— ich erwiederte Euch doch aus allen Tiefen meines Willens: Herr, ich haſſe ſie, weil ich den Zwang haſſe, und Ihr habt Euch dieß ſelber zuzuſchreiben, denn Ihr lehrtet mich, was Zwang, was Haſſen iſt. Ich wollte lieber ein Weib nehmen, von dem ich wüßte: es haßt mich, als mir eine aufdringen — 101— laſſen, die mich liebt; denn hier iſt endlich die Grenze, wo Eure Gerichtsbarkeit aufhört.“ Dem alten Herzog klangen die einzelnen Worte des Sohnes, wie eben ſo viele Echo's ſei⸗ ner eigenen Jugendzeit, da er ſeinem Vater trotzig und ſpöttiſch Beſcheid gegeben. Er ſtand unbeweglich wie ein Marmorbild. Allmählich ermannte er ſich jedoch, verdrängte die feindſe⸗ ligen Erinnerungen, trat ſeinem Sohne einen Schritt näher an den Leib, und ſprach zu ihm, faſt Stirn an Stirn:„Ich hatte nicht Unrecht, als ich ſeit deiner Geburt dein Antlitz mied; ich hab' mir einen Feind in dir herangezogen, faſt ſo einen ſchlimmen, wie den Landshuter oder den Churfürſten. Traun! ich vermiſſe an dir nichts mehr, um dich völlig meine Geißel nennen zu können, als daß du noch hingingeſt und des Chur⸗ fürſten Tochter mir als Schnur in das Haus brächteſt. Geh! geh mir aus den Augen; das iſt der einzige Liebesdienſt, um den ich dich noch bitten kann, und den du mir vielleicht gewährſt, nicht aus Liebe, ſondern aus Haß. Was ich dir ge⸗ ſchenkt und angewieſen, das mag dir denn in Gottes — 102— Namen bleiben, denn ich habe mein Wort noch nie zurückgenommen.“ „Fügt noch einen Grund hinzu,“ entgeg⸗ nete ihm der Sohn,„den, daß Ihr mir geben müßt, was mein iſt.“ Der Vater würdigte ihn keines Blickes, ſon⸗ dern entfernte ſich ſchweigend, und ſuchte ſeinen lieben Wieland auf, um an deſſen Bruſt den Fluch ſeines Alters zu verträumen.—. Der Graf von Graisbach begab ſich zu dem Freiberger, und erzählte ihm ſeine Zwieſprach, wobei ihm der böſe Fiedelbogen fortwährend Recht gab und den Erbitterten ſtets noch ärger auf⸗ hetzte. Als ihm Ludwig wörtlich die Rede ſeines Vaters wiederholte:„J) vermiſſe an dir nichts mehr, um dich völlig meine Geißel nennen zu können, als daß du noch hingingeſt, und des Churfürſten Tochter mir als Schnur in das Haus brächteſt,“ brach der Freiberger in ein lautes Gelächter aus und ſprach:„Ei, meiner Treu! den Wunſch könntet Ihr Eurem Vater ja er⸗ füllen, und, bei Gott! es wäre der klügſte Streich, der mir in meinem langen Leben bis jetzt vorgekommen.— Hm Ich muß Euch bekennen, — 103— mein theurer Ludwig, ich habe eben darüber ſchon gar oft und weislich nachgedacht— denn Ihr wißt, wie ſehr mir Euer künftiges Glück am Herzen liegt,— ich glaube, bei Gott! Ihr könntet nichts Erſprießlicheres beginnen;— ſehet, aufrichtig geſprochen, das war ein Haupt⸗ grund, warum ich Euch bat, auch den Hof des Brandenburgers zu beſuchen.— Ihr runzelt die Stirne, denn Ihr denkt gewiß an Braunſchweig. Ich bitte Euch, laſſet Euch kein graues Haar wachſen, mag immerhin die eitle Anna des mond⸗ ſüchtigen Albrechts Hausfrau werden, ſo habt Ihr dann ſtets an ihr eine warme Beſchützerin, denn Frauen lohnen nie mit Undank in der Freundſchaft, wenn man ihnen früher huldigte; das iſt das einzige, was an Frauen etwa achtungs⸗ werth iſt.— Nein! Ihr dürfet dieſen Plan, den Euer guter Genius ſelbſt Eurem Vater in den Mund legte, nicht fahren laſſen.— Ihr ſahet Mar⸗ garethe von Brandenburg; ha, iſt ſie nicht eine ſchöne Jungfrau, hochſtrebend, ganz für Euch geſchaffen? Ha! Ich errathe an dieſem Eurem Lächeln, daß ſie Euch geneigt iſt.— O, glaubt mir, als einem Manne, der mit Eurem Vater — 104— alt geworden, und deſſen Schickſal mit auf⸗ merkſamen Blicken verfolgte, glaubet mir: ſein Stern neigt ſich zum Untergang; ja, es gab eine Zeit, da er der Gewaltigſte werden konnte, das war in Frankreich, aber im leichtſinnigen Uebermuth und Ueberdruß verſäumte er den Au⸗ genblick, ſich an der Mähne des Glücksroſſes zu halten, und d'rauf zu ſchwingen; und das iſt der Keim aller ſeiner Drangſale; die weite Welt war ihm damals nicht groß genug, jetzt wird ihm der Kreis, in den er hinein gebannt iſt, zu enge, er will heraus, aber das Schickſal hat ihn drin für immer gefangen. Jetzt iſt des Bran⸗ denburgers Sternbild im Aufgehen, darnach müßt Ihr jetzt Euer Horoscop ſtellen, wenn Ihr nicht mit dem Alten untergehen wollt.“ „Euer Rath führt auf Fährte;“ rief der Graf von Graisbach,„ha, mein Vater ſoll ſehen, daß ich endlich einmal mündig bin. Ich habe nicht Luſt, noch länger, und, wer weiß wie lang?— den Diener ſeiner Launen zu ſpielen. Wollt Ihr meinen Freiwerber machen und nach Bran⸗ denburg fahren?“ „Mit Freuden,“ antwortete der Freiberger, „doch bäte ich Euch gar zu gerne, mich nicht al⸗ lein ziehen zu laſſen, ſondern mir einen Ge⸗ noſſen zu geben, denn vier Augen ſehen beſſer, und zwei Zeugen verhandeln gewiſſer. Wählt mir aus Euerm jüngern Hofſtaat Einen, der Euch am liebſten iſt, damit Ihr Euch auf dop⸗ pelte Treue beſſer vertröſten möget; wie leicht könnte auch einem Einzelnen auf der weiten Fahrt irgend ein Unfall begegnen, da der letzte böhmi⸗ ſche Krieg alle Straßen mit müßigem Geſindel brodloſer Landsknechte und dergleichen bevölkert hat.“ Der Graf von Graisbach ging ſinnend auf und nieder und ſprach endlich:„Ich will mit Euch einen Mann ſenden, auf den ich große Stücke halte, und der ſich mir ſchon öfter als treu und verſchwiegen erwieſen— meinen Hof⸗ meiſter, den Wilhelm von Waldenfels.“ „Gut, gut. Und wann gebt Ihr uns Ur⸗ laub?“ fragte der Freiberger ungeduldig;„ich kann es kaum erwarten, den Grundſtein zu Eurer künftigen Größe gelegt zu wiſſen.“ „Sobald ich mich in Ingolſtadt völlig als Fürſt und Herr eingerichtet,“ erwiederte Lud⸗ — 106— wig,„dann ſchreib' ich Euch die Briefe, die Beglaubigung und die Vollmacht.“——— Der alte Herzog ſaß indeſſen bei ſeinem Wie⸗ land, blickte ihm in's Auge und ſprach:„Ich bin ſo weit gekommen, daß ich, wenn ich leben will, um Liebe betteln muß. Ich hätt' mir's nie eingebildet! Laß mich aufthauen, mein Wie⸗ land! Der Zorn iſt mir verſtarrt geworden durch böſe Worte und böſe alte Gedanken;— das iſt ein ſchlimmes Anzeichen, und eine bittere Mah⸗ nung, wie ich allmälig altre.—— Nein, nein! In dieſem Auge iſt kein Falſch, in dieſer deiner Bruſt hab' ich noch Raum,— nicht wahr?— Komm!“ rief er aufſpringend,„komm, mein Sohn, packe dein Hab und Gut zuſammen, und laß uns ſo ſchnell als möglich aus dieſem Ingolſtadt fortzie⸗ hen, wo ich mir eine Schlange hineingeſetzt habe, die nach deinem und meinem Herzen zielt.“ „Was ſinnet Ihr, mein theurer Vater? Um Gott! Eure Augen flammen. Sprecht, was iſt geſchehen?“ fragte Wieland beſorgt; doch der Alte, dem der Grimm ſchwoll, horchte nicht auf ſeines Lieblings Worte und rief:„Wo ſind die Schlüſſel zum Thurm, der meinen — 107— Schatz hegt? Gieb her, mein Wieland! Roſſe geſattelt, Sänften herbei! Hinweg noch in die⸗ ſer Woche aus Schloß und Stadt, wo ich dem ungerathenen Buben begegnen kann.— Bei deiner Seligkeit und meinem Frieden, Wieland! ſprich mir nie mehr ein günſtiges Wort für deinen Bru⸗ der, wie du bisher gethan. Ich wollte, ich waͤre taub geweſen, als ich deinen Bitten nach⸗ gab, ihm den Schatz in Valenciennes anzuweiſen und fürſtliche Hoheit einzuräumen.“ „Ach! mein theurer Vater, Ihr waret ſtets zu hart gegen den armen Ludwig, und obwohl ich von Eurer Liebe nicht gern auch nur den kleinſten Theil entbehren möchte, ſo quält es mich doch oft gar bitter, wenn ich ſehe, wie ſehr Euer Wohlwollen ihn verwahrloſt.“ „Du biſt zu gut, um fremde Schlechtigkeit begreifen zu rönnen. Wäre ich ihm niemals freund⸗ lich geweſen, es wäre uns beiden beſſer. Eben, weil ich ihm gnädig und mild ſein will, wird er zum Tieger. Wähnſt du: er danke dir's etwa, daß du mehr als einmal für ihn ein gutes Wort bei mir eingelegt? Ja, er dankt dir's durch Neid, durch ſcheuslichen Neid, ſo ſcheuslich weil — 108— ſo kleinlich. O Gott! ich wollte mein Vetter in Landshut wäͤre ſein Vater! Er hat etwas von den Gelüſten eines Wolfs an ſich. Gott, Gott! laß mich, da ich nach ſo vielem Drangſal end⸗ lich auf einen heitern Abend hoffte, nicht dahin gelangen, eine Secunde zu erleben, wann ich ihm fluchen muß. Vaterfluch iſt ein zweiſchneidig Schwert ohne Griff und verwundet den, der es führt, eben ſo wie den, den es trifft. Vater⸗ fluch!— Hinweg damit aus meinen Gedanken, hinweg damit! Wo iſt dein Großvater, Wie⸗ land? Er ſoll mir jetzt wieder ſagen, daß mein Vater mich ſegnete— als er ſtarb.— Ja ſo! der alte Swelcher iſt todt!— Horche nicht auf meine Worte, Wieland; in der Luft fliegen und ſtäuben zuweilen Gift-Atome.— Laß die Roſſe ſatteln! Deine Hausfrau ſoll ihre Hab⸗ ſeligkeiten zuſammenpacken; wir ziehen nach Neu⸗ burg; dort leben wir hinter feſten Mauern und Schanzen.— Nur Eile, Eile!— Bei'm Donner Gottes, ſo lange ich mit dieſem Buckel noch eine Luft athme, ſaug' ich mit jedem Athemzug ein mir bisher unbekanntes Gift ein: Furcht, nicht fuͤr mich, ſondern um dich und die deinen. — 109=— Denke dir: du hatteſt nie einen Bruder, denn ſonſt müßteſt du dir ja denken, was noch ſchlim⸗ mer wäre, daß er dir Luft, Licht, Liebe, Le⸗ ben mißgönnt, ſonſt müßteſt du die reine Seele an den Gedanken gewöhnen, daß Undank, Heu⸗ chelei und Mord auf Erden möglich iſt, und ich mochte nicht, daß du dies begreifen lernteſt.“ Der alte Herzog gab ſich nicht zufrieden, als bis alle Habſeligkeiten und Koſtbarkeiten theils zu Schiff, theils zu Roß und Wagen aus In⸗ golſtadt nach Neuburg hinaufgeſchafft waren und ſein Sohn Wieland ſich mit ſeiner Gemahlin, ſeinem Schwiegervater und Ludwigs ganzem Hof⸗ ſtaat eben dahin begeben hatte. Er ſelbſt ver⸗ weilte noch, um ſich in ſeinem feſten Thurme mit eignen Augen genau zu überzeugen, wie ſtark ſein Schatz noch ſei; er unterſuchte alle Kiſten und Kaſten, verſperrte alle Schlöſſer da⸗ vor eigenhändig und legte vor die Pforte des Thurmes ein geheimnißvoll künſtlich Clauſter, um ſeines Wieland künftiges Erbe vor der Habſucht des Grafen von Graisbach zu ſichern. Nachdem er Alles beſtellt, ritt er, ohne ſeinen Sohn Ludwig, der ſich des Vaters unbekümmert, bereits — 110— ganz wie ein unumſchränkter Herr benahm, zu ſehen und noch einmal zu ſprechen, nach ſeiner neuen Reſidenz, dem feſten Neuburg an der Donau.— Herzog Ernſt von München, welcher noch immer nicht ahnte, daß ſein Sohn Albrecht wirklich mit Agnes vermählt ſei, und ihn blos einer freilich unedlen Leidenſchaft fähig hielt, be⸗ rief ihn einige male zu ſich nach München und ſuchte ihn zur Vermählung mit Anna von Braun⸗ ſchweig zu überreden. Aber ſeine fürſtliche, ſtolze Hoffnung, ſein väterliches Anſehen ſcheiter⸗ ten an Albrechts treuer Liebe; gleichwohl ließ ſich der ſonſt ſo treffliche Sohn einen Fehler zu Schulden kommen, welcher ſtets mehr oder minder ſchlimme Folgen erzeugt,— er war nicht auf⸗ richtig. Dazu verleitete ihn, wenn auch aus zärt⸗ licher Zuneigung, doch in falſch angewandter Klug⸗ heit, der Oheim, Herzog Wilhelm, welcher alle Tugenden und Gebrechen eines Frömmlers an ſich trug, vor allem aber an einer gewiſſen Zag⸗ haftigkeit und Neigung zum Zögern und Hinaus⸗ ſchieben litt, und immer hoffte, das Schlimme ſei weniger ſchlimm, wenn es lange aufgehalten — 111— werde,— wovon gerade das Gegentheil wahr iſt. Er vertröſtete ſeinen Neffen immer damit, daß es ihm noch gelingen werde, den Fürſtenſtolz des Vaters zu mildern, und beſchwor jenen, das Geheimniß der glücklichen Ehe ſo lange als möglich zu bewahren; er verſprach ihm auch bei ſeiner Ehre, daß, ſo lange er ſelbſt lebe, der Gattin des theuren Neffen gewiß keine Gefahr drohen ſolle. Dem ſtolzen Vater aber ließ die Ahnung der Möglichkeit, daß ſein Sohn, von Lei⸗ denſchaft hingeriſſen, ſich einſt mit eines gemeinen Bürgers Tochter vermählen und etwa gar den Fürſtenthron theilen könnte, bei Tag und Nacht keine Ruhe. Er ſann auf dies und jenes Mittel, und achtete keines für allzuſchmerzlich, wenn es den ſüßen Wahn des Sohnes nur ganz und gar vertilgen könnte. Er liebte ſeinen Al⸗ brecht aufrichtig und herzlich, doch das unſelige Vorurtheil ſeines Standes galt ihm über Alles. Um Albrecht zu gewinnen, bevor dieſen der ent⸗ ſcheidende Schlag treffen würde, ernannte er ihn zu ſeinem Statthalter in Straubing, welches ihm bei der Theilung des Erbes zugefallen war, und übergab ihm die feſte Burg dortſelbſt.—— — 12— Herzog Wilhelm, der fromme Herr, war indeſſen von Kaiſer Siegismund, der ihm ſeine volle Gunſt zugewendet, zum Protector des neuen Concils beſtellt worden, welches ſich in Baſel verſammelt hatte, um daſelbſt Alles zu vollenden, was die vorigen Concile noch übrig gelaſſen. An ihn, den neuen Günſtling des wankelmüthigen Kaiſers, an ihn, der aus Schwäche gern Allen gefällig ſein wollte, und alle Zuſtände dadurch noch mehr verwirrte, wendeten ſich nunmehr alle, welche dem alten Herzog Ludwig im Bart abhold waren, und es mit ſcheelen Blicken betrachteten, wie er zu Neuburg ſicher, und, wenigſtens dem äuße⸗ ren Scheine nach, in Ruhe und Glück ſtill fort⸗ lebte. Aber an Ludwig nagten doch gar ſcharfer Unmuth und Gram, ſelbſt die Liebe Wieland's vermochte ſein Gemüth nicht dauerhaft zu erhei⸗ tern, nur auf der Jagd ſuchte er bei Meutege⸗ kläff, Hörnerſchall und Wildgeheul Erholung oder Betäubung; noch immer ärgerte ihn, außer dem ſtörriſchen Treiben ſeines rechtmäßigen Sohnes, auch das Bewußtſein, daß er an ſeinen Feinden noch keine wahre Sättigung genommen; er ſah mit Behagen, wenn freche Raubritter die Ge⸗ — 113— biete ſeiner fürſtlichen Nachbarn verheerten und plünderten, und begünſtigte ſogar dieſe Land⸗ plage. Am tollſten war er zu Zeiten gegen die in ſeinem Lande angeſeſſene Geiſtlichkeit, welche zer ihres zuchtloſen Wandels halber eben ſo ver⸗ achtete, als er ſie haßte, weil ſie ihm ſchon et⸗ liche Male den Bann verkündigt hatte, wovon ihm jedoch ſein Rath, Nicolaus Stock, Doctor decretorum, noch ſtets wieder Abſolution ver⸗ ſchaffte; um die reichen Prälaten zu ärgern und zu necken, legte Ludwig nun auf ihre Güter ſo viele Jäger, Falkner und Hunde, daß ſich Pfaf⸗ fen und Bauern deren faſt gar nicht erwehren konnten und die Letzteren ſich lieber in des Her⸗ zogs eigne Vogteien einſchreiben ließen, als in die der geiſtlichen Herren. Es iſt ein ſchlimm Ding, in einen Haufen Stroh muthwillig ein Fünkchen zu legen; ſollte das Stroh auch noch ſo ausgedroſchen ſein, und für gar nichts zu tangen ſcheinen, ſo fängt es doch Feuer, und ſteckt gar leicht unſer eigen Haus ſammt Hof an. Es iſt eine mißliche Abhülfe, wenn uns eine Wespe umſchwärmt, das Neſt angreifen zu wollen. Das Böſe findet aller Or⸗ III. 8 — 114— ten auf Erden leichter Freunde und Vertheidiger als das Gute. Deshalb kann das Recht nicht ſo leicht aufkommen, weil die, die im Unrecht ihren Erwerb finden, die, ſo gegen Alles treulos ſind, ſich ſelber doch treu und feſt die Hände reichen und um die Welt eine lebendige Kette bilden, die ſich immer erneut und ergaͤnzt. Mit der unzufriedenen Geiſtlichkeit verbanden ſich jetzt die dem Gebarteten feindſeligen Fürſten und wendeten ſich an den Herzog Wilhelm als den Protector des Baſeler Concils, die Biſchöfe von Eichſtätt, Paſſau und Regensburg traten als Sprecher der Herzoge von München und Landshut und des Churfürſten von Brandenburg vor die Kirchenverſammlung und klagten laut, daß der Fürſt von Ingolſtadt alles heilige Gut erbarmungslos ſchädige; keine Mahnung, keine Bitte fromme wider ſeinen Trotz. Aber Ludwig, immer rauher und unbeugſa⸗ mer, je älter er wurde, ſpottete des Kaiſers und des ganzen Concils.„Ich habe dieſen Kai⸗ ſer ſeit zwanzig Jahren kennen gelernt,“ rief er, als vom Kaiſer und Concil die Abmahnungen an ihn ergingen,„Potz Gottes Treu! Wer als — 115— Mann kein Mann war, wird auch als Greis keiner, Thorheit läßt ſich nie in Vernunft wan⸗ deln; nur ein's iſt unwandelbar an ihm: die Wandelbarkeit! Ich wollte, ich hätte mein Geld von ihm wieder, aber Borgen macht ihm keine Sorgen, und Zahlen keine Qualen. Und erſt völlig das Concil! Mich ärgert ſchon eine Mücke genug, denn es iſt ein unverſchämt Thier, was ſoll ich erſt ſagen, wenn ihrer ein ganzer Schwarm kömmt?! Pah! Mücken, nichts als Mücken! Mit einem Schlag trifft man ihrer zehn. Sie flie⸗ gen ſo lang um das Licht, bis ſie ſich endlich verbrennen.“ Da ſprachen die Väter des Concils einmü⸗ thig den Bann über den Gebarteten, und der Prälat von Kaiſersheim ritt mit der Bulle des Papſtes Eugen allenthalben in Ludwigs Landen umher, von kaiſerlichen Herolden begleitet, welche die beglaubigten Abſchriften an alle Kirchenthü⸗ ren ſchlugen, und unter Trompetenſchall ver⸗ kündigten: es ſolle keine Glocke gezogen, keine Meſſe geſungen werden, wo Herzog Ludwig und ſein Anhang wäre oder hinkäme, und jeder Prieſter, der ihm die Beichte 8* — 116— abnähme und das Abendmahl ertheile und im Siechthum ihn tröſte, und vor dem Sterben ihm die letzte Wegzehrung reichen wolle, der ſolle ſelber dem Banne der heiligen Kirche verfallen ſein. Aber, ſelbſt als der Streich auf's neue ge⸗ fallen war, beugte Ludwig das trotzige Haupt noch nicht, verweigerte ſpöttiſch den von den Klö⸗ ſtern verlangten Schadenerſatz, ging ſelbſt an die Kirchen und blies die Lichter aus und ſprach dazu: „Die Sonne am Himmel können mir die Pfaf⸗ fen doch nicht wehren; und die Sterne mit allen ihren Bannflüchen nicht auslöſchen. Wenn ich mich je vor ihrem Bannfluch beuge, dann ver⸗ dien' ich ihn. Es hat ein Mann gelebt, der ewig leben wird im Gedächtniß von Mànnern, mein Ahnher, Ludwig, der Kaiſer; der ſtarb im Bann, und iſt doch ſelig worden, ſo wahr er ein ächter Baier war. Wie ich bin, ſo will ich bleiben; iſt Gott mir einſt gnädig, ſo mögen mir die Pfaffen allewig ungnädig ſein.“ Der alte Kaiſer, bei welchem der Branden⸗ burger, die Landshuter, die Oettinger Grafen und die Reichsſtädter zuſammt mehr denn hun⸗ — 117— dert Edelleuten den alten Fürſten von Ingolſtadt verletzten Landfriedens halber angeklagt hatten, drohte ihm mit des Reiches Acht und dem Verluſt aller ſeiner Lande, welche Herzog Wilhelm im Namen des Kaiſers verwalten ſollte. Zugleich lud Siegmund ihn binnen ſechs Wochen und drei Tagen nach Baſel, daß er dort Red' und Ant⸗ wort ſtehen ſollte auf die Anklage der Fürſten wegen Friedbruches, Ungehorſams und Untreue gegen Kaiſer und Reich. Aber Siegmund mochte noch ſo lange auf ihn warten,— der trotzige Mann blieb in ſeinem feſten Neuburg und lachte über die Acht.„Dieſer Kaiſer,“ ſprach er zu ſei⸗ nem Wieland,„wechſelt von Recht zu Unrecht wie Aprilwetter; man muß dergleichen böſe Zeit austoben laſſen. Hei, hei! der erſte ſchöne Tag im Mai macht uns von allem Ungemach frei.—“ Der Kaiſer konnte es kaum glauben, daß der alte Herzog ſich um ſeinen Zorn ſo wenig kümmere, und ritt von Baſel nach Ulm, in der ſichern Erwartung, Herzog Ludwig werde, durch dieſe Nähe verlockt, ſich ihm doch endlich zu Füßen werfen, um Verzeihung zu erflehen. Aber Ludwig that keinen Schritt. Von Tag zu Tag erwartete — 118— ihn Siegmund, bis er endlich, über den Trotz des Alten auf's Aeuſſerſte erbittert, ausrief:„Bis hieher ging mein Langmuth; doch bin ich einmal über die Donaubrücke geritten, ſo will ich wahr⸗ haftig dem ſtörriſchen Mann Land und Leute ab⸗ gewinnen.“ Als dem Herzog dieſe Aeußerung zu Ohren kam, ließ er kaltblütig dem Kaiſer wie⸗ derſagen:„Kaiſerliche Majeſtät mag thun und laſſen, was ſie will, wenn ihre Langmuth bloß bis nach Ulm an die Donaubrücke reicht. Ich hab' ihrer noch Etliche im Land, die mir gut Freund ſind, und die, wenn's drauf ankäme, ſelbſt mit mir gen Böheim zögen, demſelbigen armen Volk zu Hülfe, auf denſelben Boden, wo des Kaiſers Lorbeern wachſen.“ Als der Kaiſer dieſe Drohung vonwegen Böheim's hörte, erſchrack er ernſthaft, denn er kannte den Herzog. Er befand ſich in äußerſter Verlegeuheit; ſein und des gan⸗ zen Reiches Anſehen ſtand auf dem Spiel, wenn er jetzt zuerſt die Hand zur Verſöhnung bot, und doch drängte ihn die Noth jetzt mehr als jemals dazu. Rathlos ſaß er zu Ulm, unberührt ſtand der Becher, mit duftigen Roſen bekränzt, — 119— würzig von manchen drein gemiſchten koſtbaren Specereien, vor ihm; er mundete ihm nicht. Sein Haar war erbleicht,— ohne Ehre, ohne Thaten! Ein Leben voll Wirrniſſen und Mühſe⸗ ligkeiten lag, wie eine lange Kette leer gebliebe⸗ ner Augenblicke, hinter ihm. uUnd jetzt, wenn der ſtörriſche Ludwig wirklich ſeine Spott⸗Drohung wahr machte, und mit Allen, die ihm anhingen, dem ketzeriſchen Böhmen noch zu Hülfe zöge?! Und doch,— eben jetzt dieſem Ludwig entgegen zu kommen, die Majeſtät auf's Neue zu ernie⸗ drigen, zum Kinderſpott zu machen?!— Nein, nein, es ging nicht an. Ha, wo zeigt ſich hier ein Ausweg? Wehe über dieſe Unheil bringende Krone!„Ach, wäre ich nie König und Kaiſer ge⸗ worden!“ murmelte er vor ſich;„wo fand ich in dieſem Labyrinth der Herrſchaft je Blüthen und Früchte? Und als Greis um meiner Ohnmacht willen verſpottet zu werden,— ach,'s iſt bitter, recht bitter! Kronen, Kronen, wiegt ihr auch Schande auf! Deutſchland, Böhmen, Ungarn zu beherrſchen, Herz, Kopf und Fauſt von Europa, — und doch weniger Gewalt zu haben, als der Bauer über den Stier am Pflug, als der Vater — 120— über den böſen Buben! O pfui! der Wein ſchmeckt wie Galle.“ Da trat der Käͤmmerling in des Kaiſers Stube und meldete, draußen ſei ein Mann, der aus Baierland wichtige Botſchaft bringe, und dringend um Gehör bitte. „Aus Baiern?!“ rief Siegmund plötzlich freu⸗ deverklärt.„Ha, ich werde wieder jung; der alte Trotzkopf beugt ſich alſo? Er kommt mir zu Füßen? Laßt Meſſen ſingen, laßt:„Herr Gott, dich loben wir,“ anſtimmen. Meine Krone! meinen Kaiſermantel! einen Spiegel herbei! Kraͤu⸗ ſele mir die Locken, ich will jung und kraͤftig ausſehen. O pfui, hat denn mein Arzt das Mittel noch nicht gefunden, dieſe häßlichen Fal⸗ ten aus dem Antlitz wegzuſchaffen? So, ſo iſt's gut; hm, ich ſehe für einen alten Kaiſer doch noch leidlich aus! Laßt jetzt den Boten herein⸗ treten, geſchwind, nur geſchwind!— Meinſt du, ich zittre vor Alterſchwäche?— behüte! Freund, Wir beben nur vor Ungeduld.“ Der Kämmerling ging und öffnete dem Boten die Thür. Herr Konrad von Freiberg trat her⸗ ein und begrüßte den Kaiſer ehrfurchtsvoll. — — 121— „Was bringt Ihr aus Baiern 2“ ſprach Siegmund ihn haſtig an,„wie nennt Ihr Euch?“ „Konrad von Freiberg,“ erwiederte dieſer ſich tief verneigend,„ein armer Edelmann und Herzog Ludwig des Jüngeren getreuer Knecht.“ „Ludwig des Jüngern?“ entgegnete der Kai⸗ ſer befremdet;„was ſoll das?“ „Er harret vor der Schwelle Eures Gema⸗ ches,“ verſetzte der Freiberger,„und harret nur des Augenblickes, wann Ihr, allergnädigſter Herr und Kaiſer, es ihm verſtattet, zu Eueren Füßen um Sänftigung Eures Zornes zu flehen.“ „Laſſet ihn hereintreten, Wir wollen ſeinen Fürtrag in angeborner Huld vernehmen,“ ſprach der Kaiſer langſam, das noch vor kurzem ſo ge⸗ beugte Haupt ſtolzer empor hebend. Der Freiber⸗ ger entfernte ſich; in ungewöhnlicher Haſt ſtürzte alſobald Ludwig der Höckerige zu des Kaiſers Füßen, faßte demüthig deſſen Kleid am Saume und begann:„Wohl iſt mir zu wiſſen, aller⸗ durchlauchtigſter Herr, wie unrecht und ſtörriſch mein Vater jetzt gegen Euch handelt; ich fühl es ſchwer und tief, und mit mir fühlt es ganz Baierland, ſeit langen Jahren durch meines Va⸗ — 122— ters Härte und Trotz gegeißelt. Gnädigſter Herr, Schutz und Schirm der Gerechtigkeit auf Erden! laſſet des Vaters ſchlimmes Weſen nicht mir und dem Volke entgelten, und nehmt von mir, der ſich der höchſten Majeſtät getreu und willig in Allem unterwirft, jedes Sühnopfer für des Va⸗ ters Vergehen. Deßhalb bin ich ſpornſtreichs hieher an Euren Hofhalt geritten, und flehe nun von Euch, Ihr möget, was meine Anſprüche und Fürſtenrechte betrifft, mich um des Vaters willen nicht verkürzen; ich will ſo lange zu Euern Füßen knieen, bis Ihr Gnade gewährt!— Was ſoll ich thun,— o ſprecht es aus, aller⸗ gnädigſter Herr!— um ſie zu verdienen?— Was Ihr auch fordern möget, ich will es redlich leiſten, und begehre nichts dafür hinwieder, als Euer kaiſerliches Wort, daß Ihr mein Fürſten⸗ recht ſchirmen möget, meinen Anſpruch auf die Nachfolge zum Herzogsthron; denn ich habe mehr als einen Grund, zu fürchten, daß mein Vater parteiiſch, ungerecht und höchſt unnatür⸗ lich damit umgeht, mich von der Thronfolge, allen göttlichen und menſchlichen Satzungen zu⸗ wider— auszuſchließen.“ ——O—ᷣ—ᷣ——˖˖᷑ę—ꝭ—ꝭ—— — 123— Siegmund fingerte behaglich in den zierlich gekräuſelten Locken ſeines grauen Bartes herum, hüllte ſeine Miene in alle Feierlichkeit der Maje⸗ ſtät, und erwiederte ihm in vornehm abgemeſſenen Worten:„Junger Fürſt und Lehnsmann von Baiern, Euer Vater hat ſchier freventlich und muthwillig den ſchlafenden Löwen Unſeres Zornes geweckt, alſo, daß Wir ſchon das Schwert erho⸗ ben, um ihn und Alles, was ihm anhängt, zu züchtigen. Doch, dieweil Ihr als guter Vaſall in pflichtſchuldiger unterwürfigkeit zu Unſeren Füßen kommt, wollen Wir aus angeſtammter Huld und Gnade das Richtſchwert Unſerer höch⸗ ſten Gewalt in die Scheide ſenken, ſtatt in die Herzen, und, ſtatt an Leib und Leben zu züchti⸗ gen, Uns an einer Geldbuße genügen laſſen.— Es hat Euer Vater noch von uns Darlehens⸗ briefe, verbürgt durch Unſeren Getreuen, den Chur⸗ fürſten von Brandenburg;— Wir wollen Euch gnädig ſein und Euch an allen Euren Rechten belaſſen und beſchützen, wofern Ihr, zu deſſen künftigem Erbe auch jene Verſchreibung gehört, hier in Eures Vaters und Eurem eigenen Namen für ewige Zeiten darauf verzichten wollet. Des⸗ — 124— gleichen verlangen Wir von Euch, daß Ihr in Eures Vaters und Eurem eigenen Namen mit Brief und Siegel für jetzt und immer Euch der ſogenannten Anſprüche auf Donauwörth abthuet. Und endlich ſteht Euch zu, dieweil Wir durch Eu⸗ res Vaters ſchlimmes Weſen veranlaßt worden, mit Unſerem Hofhalt hierher nach Ulm zu ziehen, die Koſten Unſeres Aufenthaltes allhie an Unſeren kaiſerlichen Schatz zu bezahlen. Wofern Ihr Euch in Eures Vaters und eigenem Namen dieſen Bedingungen durch Brief und Siegel unterwer⸗ fet, wollen Wir Eurem Vater den ſchlimmen Trotz vergeben und Euch ſelbſt bei allen Euren Fürſtenrechten und Anſprüchen getreulich belaſſen und auch fürder ſchützen.“ Ludwig ſtutzte einen Augenblick, doch beſann er ſich bald und bat dann den Kaiſer in aller Unterwürfigkeit, die Urkunden ausfertigen 3u laſſen.— Nachdem er unter die drei Briefe Name und Siegel geſetzt, erhob ſich der Kaiſer, winkte ihm gnädig, tippte ihm mit der Hand leiſe auf die Schulter und ſprach:„Ihr ſeid ein edler Sohn; der Segen des Himmels und Unſere kaiſerliche — 125— Gnade werden Euch nie fehlen. Schon ſchwebte die Reichsacht über dem trotzigen Haupte Eures Vaters;— ſeid unbeſorgt, ich werde den Blitz feſſeln, doch rathet Eurem Vater, er möge nicht ſobald den Adler wieder herausfordern, der dieſe Flammenwaffe für mich und den Frieden des Rei⸗ ches in den Krallen hält.— Im Uebrigen, um Euch Meinen redlichen Willen zu zeigen, wiſſet, daß ich unverzüglich ſelbſt nach Regensburg reiten will, um die Klagen der gekränkten Klöſter zu beſchwichtigen und einen allgemeinen weltlichen Frieden auszurufen.“ Es regte ſich etwas in Ludwigs Bruſt gegen dieſen allgemeinen Frieden. Hatte er denn des Vaters Rettung gewollt? Deshalb die Demü⸗ thigung, deshalb die Opfer? Seinem Ziele wollte er näher kommen.— Er verſuchte zu ſpre⸗ chen; der Kaiſer aber begann:„Reiſet mit Gott zu Eurem Pater heim und berichtet ihm die freund⸗ liche Schlichtung.— Wir wünſchen, daß Ihr Eure Zuſage betreffs Unſeres kaiſerlichen Schatzes bald erfüllen möget.— Reiſet mit Gott.“ Mit Unterwürfigkeit auf dem Antlitz, mit tobendem Mißmuth im Herzen, entfernte ſich Lud⸗ — 126— wig. In den Vorgemächern der kaiſerlichen Woh⸗ nung erwartete ihn ſchon mit Ungeduld der Frei⸗ berger und zog ihn haſtig nach der Herberge. „Nun,“ fragte er lauernd,„habt Ihr dieſen böſen Handel zu Eurer Zufriedenheit abgethan? War Euch der Kaiſer hold? Nicht wahr— mein Rath trug Früchte?“ „O ja, köſtliche Früchte!“ rief Ludwig bitter, „ganz beſonders ſchmackhafte Früchte! Ich wollte, ich hätte dießmal auf Euren Rath nicht gehört! — eine ganz herrliche Beſcheerung, die ich ge⸗ wann! Ich gab mein Geld hin,— um meinem Vater, dem Raufbold,— Frieden und Abſolu⸗ tion zu verſchaffen! Ich, ich,— nun ja, ich erhielt eben ein kaiſerlich Wort, ein Wort für das, was ohnehin mein iſt.— Die Peſt über dieſen ganzen Handel!“ „Gott, was ſeid Ihr nun wieder kurzſichtig!“ erwiederte der Freiberger lachend;„rechnet Ihr denn Eures tobſüchtigen Vaters Aerger für gar nichts? Hei, ich ſeh' ihn ordentlich ſchon, wie er, wenn er die Kunde erhält, mit bärbeißigen Redensarten um ſich werfen wird. Er iſt gede⸗ müthiget, nicht Ihr; das gilt doch auch was! — 127— Er wird ſpringen, wie ein Füllen, wann er die Nachricht erhält. Er hat ja jetzt keinen Schirm noch Anhaltspunkt mehr gegen den Kaiſer und den Churfürſten; aus dem Fundament, auf dem er feſt zu ſtehen wähnt, bröckelt ſich allmählich der Mörtel los und ein Stein fällt nach dem andern heraus. O, mein Rath, lieber Prinz, war nicht ſo ganz albern; die Folge wird's noch klarer bezeigen.— Ich bitt' Euch,— Ihr müßt ja doch Eurem Vater von dem Handel Kunde geben,— laßt mich den Boten ſein, einen treuern findet Ihr doch nicht!— ich will auf ſeine Züge lauern, wie der Arzt auf die des Kranken, und Euch jedes Symtom getreulich wieder nennen; bitt' Euch, edler Herr, laßt mich den Boten ſein!“ „Mir recht!“ brummte Ludwig mißmuthig.— Der alte Ludwig, welcher nicht ahnte, daß ſein Sohn auf eigne Fauſt ſich mit ſolchen De⸗ müthigungen dem Kaiſer unterworfen habe, froh⸗ lockte noch einige Tage lang triumphirend, daß Mannesſinn gewaltiger ſei, als Kirchenbann und Reichsacht. Er ließ ſich ein neues geheimes Siegel — 128— fertigen, worauf in Sonnenflammen ein Adler zu ſchauen war, welcher den Blitz in den Krallen hielt,— ein ſtolzes Sinnbild der Willenskraft, welche über alle Unfälle ſich emporſchwingt und alles Irdiſche durch himmliſchen Lichtbrand mei⸗ ſtert. Auch ſtiftete er zum Gedächtniß an ihn, den Gebarteten, für Ingolſtadt ein Pfründen⸗ haus, worin ſich die Armen zu Ehren St. Jo⸗ hann's, den man den Rauhen nennt, den Bart nicht ſollten abſcheeren laſſen. An demſelben Tage, an welchem er den Stif⸗ tungsbrief hatte ausfertigen laſſen, ritt der Frei⸗ berger durch Neuburg, bat um Gehör und hin⸗ terbrachte dem alten Herzog in ſchadenfroher Aus⸗ einanderſetzung aller, auch der kleinſten Umſtände, die Kunde, auf welche Weiſe des Kaiſers Zorn geſtillt ſei. „Ihr lügt!“ ſchrie Ludwig,„Ihr lügt! Beim Zorn Gottes, widerruft auf Euren Knieen, oder nennt mich blödſinnig und hirnverruͤckt, oder, was Ihr wollt. Sprecht, damit ich klar ſehe, wie mir bloß thörichte Frazzen eben durch den Kopf zogen, und ich wähnte, ſie aus Eurem Munde als Wahrheit gehört zu haben.“ — 129— „Nein, mein gnädiger Herr,“ entgegnete der Freiberger kalt und ruhig;„was ich Euch berichtet habe, iſt die klare, lautere Wahrheit, und Ihr möget Euren edlen Sohn ſelber fragen, ob es ſich ſo oder anders verhält.“ „Schweigt, zum Teufel!“ entgegnete Ludwig haſtig;„ſprecht mir lieber von Krokodil und Schlange, als von dieſem Buckel, mit welchem der Zorn Gottes mich geißelt.— Meinen einzi⸗ gen Halt gegen dieſen wankelmüthigen Kaiſer— die Schuldforderung mir ſo bübiſch, ſo lügneriſch aus der Hand zu winden! meinen Namen zu mißbrauchen! meine Vollmacht vorzuſchützen! dieſe meineidigen Spießbürger für immer aus meiner Zucht zu befreien! Ha!'s iſt zu toll. Ich gebe kein Sandkorn mehr um meine Vernunft. So nahe am Ziel, und durch dieß Ungeziefer, durch dieſe ſcheußliche Kröte hinterkrochen, vor aller Welt beſudelt!— Hahaha! laßt uns lachen darüber, Freiberger! Ich fange an zu glauben, daß wir eben ſo gut als Müllerthiere auf die Welt geſetzt ſein könnten, und daß ſich der Schö⸗ pfer einen ſehr albernen, abgeſchmackten Spaß erlaubte, als er in dieß langohrige Daſein ein III. 9 — 130— paar Körner von Vernunft, Willen und Frei⸗ heitsdrang hineinſchmiß!— Freiberger! Freiber⸗ ger! Ihr müßt mich entſchuldigen, wenn ich an Euch jetzt eine Art von Fuchsgeſicht entdecke.— Freiberger! Freiberger! Ihr müßt mir's nicht übel nehmen, wenn meine luſtige Laune auf Euch ſitzen bliebe, der Ihr ein beſonderes Vergnügen zu haben ſcheint, mir dieſen Streich des Buckli⸗ gen auf's Breiteſte und Umſtändlichſte zu erzäh⸗ len.— Wie iſt's mit Euch, Fiedelbogen? Man ſagt mir, daß Ihr Eurem wunderſchönen jun⸗ gen Herrn wie ſein Schatten folgt?“ „Als ein getreuer Knecht, mein gnädiger Herr,“ erwiederte Freiberger gleichgültig;„ich hab' ihm meinen Eid geleiſtet, und darnach dien' ich.“ Der alte Herzog ſchielte ihn verdächtig an, und ſprach dann:„Wenn Ihr dem Buckligen ſtets ſo nahe ſeid, ſo könntet Ihr ihm wohl viel⸗ leicht einen Auftrag von mir beſtellen?“ „Ich bin zu Euren Dienſten, mein gnädiger Herr!“ erwiederte der Freiberger. Ludwig faßte ihn feſt in's Auge und ſagte him dann dicht vor die Stirne:„Wie iſt's? Es — 131— ſcheint, Ihr ſeid hier zu Dienſten und dort zu Dienſten.— Nun denn, ſo ſagt Eurem gnädigen Herrn dort in Ingolſtadt von Eurem gnädigen Herrn hie in Neuburg, daß Euer gnaͤdiger Herr in Neuburg Euren gnädigen Herrn in Ingol⸗ ſtadt vor Gott und der Welt einen Schelm und meineidigen Buben nennt; und ich rath' Euch, Eurem Roß gute Worte zu geben, daß es Euch alſobald zu Eurem feinen gnädigen Herrn nach Ingolſtadt trage, ſonſt möchte Euch Euer gnädi⸗ ger Herr in Neuburg gar leicht einen Galgen bauen laſſen, auf dem Ihr bis Ingolſtadt hin⸗ über ſehen könntet.“. „Mein gnädiger Herr!“ entgegnete der Frei⸗ berger geſchmeidig, während die Hölle in ſeinem Herzen hell auflachte,„wodurch habe ich ſo harte Worte verdient? Was kann ich dafür, daß Euch der Himmel einen Sohn gab, der Euch mißfällig iſt? Mein Gott! was für ein Verbre⸗ chen begehe ich, daß ich Euch Dinge ſage, die Ihr von Jedermann auf der Straße hören könnt?“ „Geht zum Teufel!“ ſchrie der alte Herzog, ingrimmig mit dem Fuße ſtampfend, und drehte ihm den Rücken. 9* — 132— Der Freiberger beſtieg ſeinen Gaul wieder und ritt ſchadenfroh weiter. Der alte Herzog tobte, als jener fort war, wie ſinnlos.„O, ich erkenn's,“ rief er,„daß ich ein Thor war, die⸗ ſem Buckligen in Huld und Gnade einen Finger zu reichen; jetzt hat er mich an der Fauſt ge⸗ faßt, um mich in den Abgrund zu ſchleudern! Undank!— Pfui! Bin ich jetzt weniger ein Mann?— Nein, ſie ſollen den Triumph nicht haben, mich auch noch durch Reue über meine Thorheit gedemüthigt zu ſehen. Sie ſollen nicht den Triumph haben, um dieſes erbärmlichen Gel⸗ des willen mich knirſchen zu ſehen. Er hat mei⸗ nen Namen gemißbraucht, doch iſt mir mein Name ſo heilig, daß ich Alles erfüllen will, was unter deſſen Gewähr, wenn auch betrügeriſch, ver⸗ ſprochen ward. Ich will ihnen zeigen, daß ich, von Allen betrogen und verrathen, es als Mann doch noch mit Allen aufnehmen kann.“ Als der Freiberger ſeinen Herrn, den jungen Ludwig, erreichte, erzählte er dieſem getreulich alle leidenſchaftlich herausgeſtoßenen Reden des Vaters, und fügte zu dem vielen Herben noch manches viel Herbere auf eigne Rechnung hinzu, — 133— namentlich daß der Vater geſprochen, als ginge er damit um, dem Sohne die Hoffnung des künf⸗ tigen Erbes vorzuenthalten. Der Freiberger ſchloß ſeinen Bericht mit der erneuerten Vorſtellung, daß es die höchſte Zeit für den Grafen von Grais⸗ bach wäre, ſich mit Gewaltigen feſt zu verbinden, namentlich Brandenburg nicht zu vernachläßigen. „So tretet denn Eure Werbſchaft an,“ ſprach Ludwig der Höckerige leichtfertig lachend,„ſehet Euch aber vor, daß Ihr meinem witzigen Vaͤter oder ſeinen guten Freunden, den adeligen Wege⸗ lagerern, nicht in die Hände gerathet. Es iſt ein wahres Glück, daß Ihr mich nicht zu ſchil⸗ dern braucht. Ich wette Zehn gegen Eins, der Waldenfelſer bringt ſich auch ein Weib aus der Mark heim; er iſt dort trefflich bekannt, und, meiner Treu, die Frauen der Mark ſind ſo ſchön und ſtattlich, daß ein Baier ſich's wohl nicht ver⸗ drießen zu laſſen braucht, wenn er ſich Einer von ihnen auf Gnade oder Ungnade gefangen gibt. Auf dieſe Weihnachten, denk' ich, wäre es an der Zeit, daß Ihr die Freiwerbung anträtet.“ Speerbrechen zu Regensburg. Am Clemenstage hatte Herzog Ernſt zu Re⸗ gensburg ein großes Speerbrechen veranſtaltet, wobei ſich alle Fürſten, Ritter und edlen Herrn aus Baiern und der Pfalz verſammelten. Auf Anrathen des herzoglichen Kammermeiſters Paulus Arnſinger war auch Herr Albrecht von Vohburg hinab geritten, um an dem Ritterſpiele Theil zu nehmen. Hei, wie war der Kampfplatz ſo feſtlich geſchmückt, die Schranken und Tribünen ſo prächtig aufgeſchlagen, daß Jedem, der einreiten durfte, vor freudiger Ahnung das Herz höher ſchlug. In Friede und Einigkeit ſtanden ſich jetzt zu ei⸗ nem unblutigen Kampfe die beſten Männer ge⸗ genüber, welche ſich ſchon ſo oft in den Fehden der Herzoge Stirn an Stirn auf Leben und Tod begegnet waren,— die Pienzenauer, die San⸗ dizeller, die Gumpenberger, die Rechberge, die Laiminger, die Reichertsheimer, die Trauchhecken, — 135— die Sprittacher, die Hutingen, die Schenke von Schweinspeunt, die Haßlinger zu Ried, die Teufel, die Judmänner, die Preiſinger, die Closner, die Helfenſteiner, die Zangberger, die Königsecker, die altberühmten Abensberger, die Maxelrainer, die Magenbucher, die Teufenbacher und ſo viele andere. Marſchalk war des alten Seiz von Oberndorf geſtrenger Sohn, gleichfalls Seiz geheißen. Als die Stunde geſchlagen, wann das Speerbrechen be⸗ ginnen ſollte, ritten die Fürſten, Herrn und Rit⸗ ter langſam gegen den Kampfplatz. Hinter Allen zuletzt ging einer, der hatte das Helmgitter herab gelaſſen, trug keine Feder auf dem Helm und keinen Schild und kein Wappen noch Abzeichen, und führte eine edle Frau, die in ſchwarze Schleier dicht verhüllt an ſeiner Seite ſchritt; hinter Beiden wandelte geſenkten Hauptes ein ſchlichter Knecht, der ſtatt allen Gewaffen ein Röslein trug, ein gar ſeltnes Blümlein in ſo ſpäter Jahreszeit. Die Trompeter blieſen dreimal zur Aufforde⸗ rung; da trat der ohne Schild, den bis jetzt Keiner beachtet, vor die Schranken und verlangte — 136— Einlaß. Der Marſchalk Seiz von Oberndorf fuhr ihn rauh an und fragte, wer er ſei und was er ohne Schild und Helmzier hier zu ſuchen und zu ſchaffen hätte? „Recht, Recht, Recht!“ erwiederte dieſer; „ich ſuͤche mein Wappen wieder, und noch Einen, den hier Alle ſonſt Bruder nannten.“ Mit dieſen Worten nahm er den Helm vom Haupt und der Frau an ſeiner Seite den Schleier vom Antlitz, und die Fürſten und Herrn erkannten den lange verſchollenen Herrn Wilhelm von Törring zu Yettenbach und Herrn Kaspars des Törringers Wittwe Eliſabeth. „Edler Herr,“ ſprach Seiz von Obern⸗ dorf etwas milder, erſchüttert durch den Anblick des tiefen, tödtlichen Grams auf Frau Elſen's Antlitz,„Ihr ſollt es nicht für Unehre nehmen, wenn ich Euch die Schranken verbiete, denn Ihr kommt weder zu Roß, noch mit Schild und Wap⸗ pen, wie das Geſetz es für ein vollkommenes Speerbrechen vorſchreibt.“ „Ich komme nicht, um Speere zu urechen,“ erwiederte Herr Wilhelm der Törringer ernſt, „ich komme hieher, um Angeſichts des freien — 137— Himmels unſer Röslein in den Sand zu werfen, ſtatt des Handſchuhs, und zu fragen: Wer ſagt mir von allen dieſen Fürſten und Herrn, wo ich meinen Bruder Kaspar wieder finden ſoll?“ Da ſchwiegen Alle, als wie von geheimem Entſetzen gebannt. Die es als Wiſſende hätten ſagen können, die durften's nicht, kraft ihres Eides. Da erhob Herr Wilhelm der Törringer auf's Neue ſeine Stimme:„Hier ſteht ein Mann, meines Bruders Knecht, der ſah in Cöln deſſen Leiche heimlich vom Capitol getragen; hier ſteht meines Bruders Wittib, ohne Obdach, ohne Schutz, ohne Freund, mit dem Tod im Herzen. Und hier bin ich und erhebe die Frag': wer will mit mir in die Schranken treten und fechten auf Leben und Tod, um mit mir als guter Geſell dem Mör⸗ der, wie er auch heiße, und wo er auch ſei, durch ein Gottesurthel zu erweiſen, daß auf meines Bruders Seele und Andenken kein Flecken hafte, daß er nicht um ſchlimme That büßte und rechtlich gerichtet ward, ſondern meuchleriſch gemordet, der Büberei und dem Neid und dem Haß ſeiner Feinde erlag? Ich ſtehe hier ohne Harniſch und — 138— werfe noch den Helm von mir, wie ich die Roſe hinwarf, mit nichts bewaffnet, als mit meinem ehrlichen Schwert, und rufe den allmaͤchtigen Gott auf, daß er mir durch ſein Urthel die Ehr“ und das Recht des gemordeten Bruders herſtellen und zur Erkenntniß bringen helfe, und rufe auf jeden rechtſchaffenen Rittersmann im Baierland, daß er mir und der Wittib helfen möge, ſo wie ihm Gott einſt, und ſäße der ungerechte meuch⸗ leriſche Feind auch auf einem Fürſtenthrone, und reichte auch ſeine Gewalt weitüber das ganze deutſche Land.“ Aber kein Fürſt, kein Ritter, kein edler Herr erwiederte ein Wort. Sie ahnten den Thäter und fürchteten das heimliche Ding. Noch einmal wiederholte Herr Wilhelm der Törringer die Aufforderung. Da ritt eben der ſtattliche Herr Albrecht von München an die Schranken, hörte die Worte und begehrte Einlaß, gelobend, er wolle in dieſem Kampfe Helfer ſein. „Laßt mir die Schranken aufthun, Herr Mar⸗ ſchalk,“ rief er haſtig, als er ſah, daß ſie auf deſſen Gebot vor ihm geſchloſſen blieben. — 139— „Die Schranken auf!“ donnerte er, durch die längere Zögerung gereizt. „Es ziemt mir nicht, Euch die Schranken aufzuſchließen,“ entgegnete der Marſchalk ehrer⸗ bietig aber ſtreng. „Und wenn ich dem Rechte helfen will, und der Ehre und den Frauen, als mein Eid mir auferlegt?“ fuhr Albrecht zürnend fort;„wer wehrt mir's?“ „Ich, als Marſchalk, der auf Zucht und Sitte zu achten hat,“ entgegnete der von Ober⸗ dorf beſtimmt und mit Nachdruck;„und Ihr, mein gnädiger Herr, werdet es wohl am beſten wiſſen, und mir erlaſſen, Euch Angeſichts aller dieſer Fürſten und Herrn den Grund offen zu nennen, weßhalb Ihr nach Recht und Geſetz von jedem ehrenvollen Turnier ausgeſchloſſen bleibt.“ „Ha! was iſt das?“ rief Albrecht erblei⸗ chend,„wer ſagt mir dieß? Heraus mit Eurem Wort oder Schwert, Marſchalk!— Bleibt, edle Frau; bleibt, ehrenwerther Törringer, Ihr ſteht unter meinem Schutz.— Marſchalk! Nennt Euren Grund, oder, bei Gott! ich zerbreche alle — 140— Turnierordnung und Satzung, und begehr' Euch auf Leben und Tod.“ „So ſage ich, der Marſchalk Seiz von Ober⸗ dorf, Euch, dem Sohne des gnädigen Herzogs Ernſt von München, daß Ihr ausgeſchloſſen bleibt von allen ritterlichen Ehren, dieweil Ihr, als der böſe Leumund verkündigt, zu Vohburg in Eurem Schloß eine Jungfrau haltet, zuwider aller Zucht und Sittlichkeit, und zuwider aller chriſtlichen Ehre und Ritterpflicht; und deßwegen unterſteh' ich's mich, Euch dieſe Schranken und jede zu verbieten und wehre ſie Euch bei meinem Eid und mit meinem Marſchalksſchwert.“ Albrecht war wie zum Tode verwundet, als er das zarte Geheimniß ſeines häuslichen Glückes plötzlich durch ſo rauhe Worte enthüllt, und noch dazu die Frauenehre ſeiner geliebten Aants ſo frech geläſtert fand. „Bei Gott und allen Heiligen!“ rief er, „ich will den kennen, der mir und meiner edlen Hausfrau ſo ſchmachvolle Lügen zugeſonnen und ausgeſprengt hat.“— Sein Auge ſuchte im Kreiſe der Fürſten nach dem Vater, welcher finſter vor ſich hinſah. Mit einem Satz ſprengte er ſein — 141— Roß über die Schranken und tummelte es bis zu Ernſt hin.„Vater, mein Vater!“ ſprach er ungeſtüm zu dieſem,„habt Ihr gehört? Könnt Ihr ſolches glauben? Ich ſag's Euch hier vor allen Fürſten und Herrn laut, daß die edelſte Jungfrau im ganzen Baierland mein ehrlich ehelich Weib geworden; ich ſchwöre Euch's———“ „Zurück!“ entgegnete Ernſt unfreundlich und kalt,„ich mag mich in keine Zwieſprach einlaſſen mit Einem, deſſen Ehre auf den Tod getroffen iſt; ich kenne dich nicht, ſo lange dein böſer Leu⸗ mund nicht entkräftet iſt.“ Mit dieſen Worten wendete Herzog Ernſt, der ſeinen Sohn durch ein ſo herbes Mittel ſeiner Liebe abwendig machen wollte, ihm den Rücken. Albrecht tobte wie ſinnlos, es ſchwoll ihm vom Herzen empor, den Athem verfing ihm's, alle Pulſe durchglühte ihm's, Himmel und Erde ver⸗ ſchwamm ihm.„Hört, hört Ihr mich,“ rief er, von einem zum andern reitend, den Rittern und Herren zu,„hört, hört mich, die Ihr von liebenden Müttern geboren ſeid, die Ihr je einen Augenblick dachtet: Leben iſt Liebe; die Ihr Söhne, die Ihr Töchter habt, und Eure Söhne 8 — 142— und Töchter nicht elend machen, nicht tödten wollt, höret mich, höret mich!“— Aber keiner gönnte ihm Gehör. „Nun, ſo fahret hin,“ rief Albrecht,„ſo behaltet Eure Fürſprach, Euer Mitleid, Eure Selbſtſucht für Euch. Ich habe mit Euch nichts zu ſchaffen; kümmert ſich keiner um mich, ſo erinnert Ihr mich zur guten Stunde, daß ich auf Erden Niemand angehöre, als der Einen, der ich Treue geſchworen, dem Engel, dem Schutz⸗ geiſt meines Lebens. Sie iſt mein Weib, iſt's vor Gott und durch die Kirche, ich ſag's Euch nochmals, und werde ihr alle Ehre zu verſchaffen wiſſen, die der Tugend gebührt.— Kommt, edle Frau; kommt, Herr Törringer, Ihr ſeht, daß Ihr vor dieſen Herren Euch nur erniedrigt; bier iſt kein Recht zu erlangen, keine Ehre zu gewinnen, denn einen Zwitter von Stolz und Thorheit taufen ſie: Ehre, und die wahre Ehre, die Anbetung vor heiliger Tugend, das wahre Manneswort, Glauben, Treue und Edelſinn wird hier nicht anerkannt. Kommt mit mir, ich ſchütze Euch und ſteh' Euch mit meinem Leben dafür, daß Euch kein Haar gekrümmt werde. Fort, nur fort!“ — 143— Nach dieſen Worten ritt er wieder aus den Schranken und geleitete Herrn Törringer und Frau Eliſabeth langſam durch die ſchweigende Menge.— Herr Ernſt war von den Worten ſeines Sohnes tief ergriffen, doch ſiegte der fürſtliche Stolz in ihm über das Vatergefühl. Er verließ das Turnier nicht eher, als bis das letzte Paar den feſtlichen Kampf entſchieden hatte, und ver⸗ barg vor Jedermann ſeinen Schmerz und Zorn, neuer Maßregeln ſinnend, durch welche er den, wie er wähnte, wie von einem Zauber geblendeten und gefeſſelten Sohn aus den Banden der un⸗ fürſtlichen Liebe befreien möchte. Albrecht verweilte keine Stunde länger in Regensburg, ſondern geleitete alſobald Herrn Wilhelm den Törringer und Frau Eliſabeth, nach Vohburg, wo Agnes ſehnſüchtig ſeiner harrte. „Endlich, endlich, hab' ich dich wieder, mein Albrecht!“ ſprach die Holde, den Mann ihres Herzens umfangend,„und ich habe dich geſund, heiter, ſo ganz wieder, wie du von mir gingſt. Ach, wie glücklich bin ich jetzt! Und was für eine Thörin war ich, daß mich bei Tag und Nacht ſo — 144— entſetzliche Gedanken und Ahnungen umſchlingen, preſſen, faſt zermalmen konnten.— Ach, jetzt iſt ja Alles gut, und ich freue mich nun auch der Trennung, weil ſie mir dies Wiederfehen ſchenkt; ich habe dich ja wieder, und mir iſt, als gewänne ich dich erſt heute.“ Küſſe waren Albrechts Antwort. Seine Agnes machte ihn aller Sorgen, alles Zorns vergeſſen.„Sieh,“ ſprach er, als die erſte Freude des Wiederſehens in Küſſen geſtillt war, „ſieh, was für treffliche Gäſte ich dir mitge⸗ bracht. Ich bitte dich, meine herzige Hausfrau, betrachte die edle Frau Eliſabeth wie deine Schweſter.“ Schweſterlich nahten ſich die bei⸗ den Frauen, und umarmten ſich; aber der ernſte Blick aus Eliſabeths Augen, der als Zeuge ih⸗ res namenloſen Leides, ihres abgeſchloſſenen Le⸗ bens mahnend in Albrechts ſtilles Liebesglück fiel, erinnerte dieſen bald wieder an die Pflicht, die er der Ehre ſeiner Gattin und deren öffentlicher Anerkennung ſchuldig war. Schon am nächſten Tage ließ Albrecht die vorzüglichſten Koſtbarkeiten und den beſten Haus⸗ rath auf Wagen und Saumthiere laden und über — 145— Neuſtadt und Eckmühl nach Straubing ſchaffen. Dorthin zog er mit ſeiner treuen Gattin, be⸗ gleitet von Herrn Wilhelm dem Törringer und Frau Eliſabeth. Auf der Burg zu Straubing, wo er jetzt als Statthalter ſaß, ließ er durch Herolde öffentlich ausrufen, man ſolle Frau Agnes als ſeine Gattin und als Fürſtin ehren. Eine Menge Frauen wurden ihr zur Dienerſchaft gegeben, dazu ein eigner Hofmeiſter mit ganzem Staat. Albrecht betrieb dieſe Erhöhung mit ſol⸗ cher Haſt, mit ſolchem Ungeſtüm, daß ſeine Gattin, welcher von dem Vorfall in Regensburg jede Kunde verborgen blieb, von ſehweren Sor⸗ gen geängſtet ward; ſie wagte es nicht, ihren Gatten um die Urſache zu fragen, weil ſie ſah, daß er leicht entrüſtet wurde, wenn irgend ein Diener aus Unachtſamkeit ihr nicht alle unbe⸗ gränzte Hochachtung und Dienſtbefliſſenheit be⸗ zeigte, welche ihr Gatte für ſie von Jedermann forderte. Auch von ihrer einzigen Freundin, der Wittwe Kaspar des Törringers, vermochte ſie trotz aller ſchweſterlichen Hinneigung, welche die beiden Frauen für einander empfanden, keine Auskunft zu erhalten; Eliſabeth lebte faſt durch III. 10 — 146— nichts mehr, als durch ihren Gram, der ſie doch langſam wie ein ſchleichendes aber ſichres Gift tödtete; ihr war nur wohl, wenn ſie ungeſtört ihrem Kummer nachhängen konnte; aber den ein⸗ zigen Troſt, den letzten Himmelsbalſam, die Thräne fand ſie nicht mehr; dies ſüße Gut blieb ihr ein verlornes Kleinod. Als dürften nur Glückliche zu allem ihrem Glück noch das be⸗ ſitzen, Unglück durch Thränen in das Schatten⸗ bild des Glückes zu verwandeln! Stürzt, wie ein verlorner Stern in den ziſchenden Ocean, Schmerz und Verzweiflung in die Tiefen des Herzens, ſo haucht, wie Gottes Odem, Hoffnung über die empörte Fluth hin, Gott läßt aus ſeinem Auge eine Perle niedergleiten, es ebnen ſich die empörten Wogen, und aus den Tiefen herauf leuchtet die Perle, ſchimmert die Thräne; und des Himmels Sterne ſuchen Flächen und Tiefen wieder; das iſt die Macht der Thräne. Wehe dem, der nicht weinen darf, der das heilige Erbtheil des Kindes, das Muttermal der Hoff⸗ nung, wie einen Schandfleck, wie eine böſe Schwäre verbergen muß, der gezwungen iſt, die Thräne noch ungeboren zu verfluchen, weil ſie ſonſt im — 147— Augenblick der Geburt ihn ſelber tödtet. Aber dreifach weh' iſt dem, der nicht mehr weinen kann! Er hat auf Erden nichts mehr zu ſchaffen, denn jene Hoffnung, die nicht mehr durch Thrä⸗ nen zu tröſten braucht, lebt nicht hier; ſie kommt uns nur einmal,— wenn ſie Erfüllung wird; dann tritt ſie aber auch ſtark, freudig und lebensroth an unſer Sterbebette, kühlt uns mit leiſem Flügelſchlag und dem Odem der Unſterb⸗ lichkeit die müden, thränenloſen, ausgeglühten Augen, und lehrt uns darüber lächeln, daß wir einſt nicht weinen konnten! Aber es iſt weit, ach, ſehr weit bis zu dieſem ſeligen Augenblicke, und wären wir auch nur eine Tagreiſe davon entfernt, ſo dünkt uns dieß Ziel noch endlos fern; denn ſolche fieberheiße Augen ſehen immer nur einen Punkt, der ihnen je weiter verſchwindet, je länger ſie ihn anſtarren,— je näher ſie ihn wünſchen. Der ſtolze, ſchweigſame, thränenloſe Gram Eliſabeths umſchattete immer mehr und mehr auch Agnes, ſo ſehr ſich auch die Erſtere zwang, gegen die gute liebevolle Freundin heiter zu ſchei⸗ nen. Der Trübſinn der Bernauerin wuchs, da ſte in ihres Gatten Blicken immer deutlicher Sorge 10* — 148— zu leſen wähnte, wuchs um ſo kräftiger, je mehr ſich Albrecht Mühe gab, ihr Feſtlichkeit an Feſt⸗ lichkeit und Ehre an Ehre zu bereiten, aber über jeder Freude ſchwebte auf Geierfittigen, wie eine verhüllte Norne, brütende Ahnung. Ach, was hat denn die Erde verſchuldet, daß jede Freude, deren Zahl ohnehin ſo karg zugemeſſen iſt, ſo bald durch Sonnenbrand oder Sturm verſehrt wird? Was verbrach die Roſe, daß ſie nur einen Tag in vollſter Pracht und Herrlichkeit herrſchen darf? Ihre Schuld iſt das Daſein. Die beiden Frauen wandelten oft gar zu gerne in dem ſtillen Kreuzgang der Carmeliter. Da war es ſo ſchaurig, ſo ſüß heimlich. Umfangen von den ernſten, ſchweigenden Hallen, in denen ſich, ſo lange die Frauen dort weilten, kein Mönch blicken ließ, überwölbt von dem engen Kreis des blauen, freundlichen Himmels, lag das Gärtchen mit ſeinen Hollunderbüſchen, ſeinen einfachen Blumenbeeten, ſeinem Springquell. In einem und dem andern von den Spitzbogen des Kreuz⸗ ganges hatten ſich Vöglein Neſter gebaut und jagten ſich zwitſchernd an den offnen Betaltären und eingemauerten Grabſteinen vorbei; es war, — 149— als ſehnten ſich die guten Vöglein aus dieſem milden Aſyl gar nicht heraus. „Hier möchte ich weilen, hier möchte ich einſt ruhen,“ ſprach Agnes wie träumeriſch zu Eliſa⸗ beth,„hier muß ſich's recht ſüß und friedlich ru⸗ hen; meinſt du nicht auch meine Freundin?“ Eliſabeth ſtand ernſt und ſinnend und hörte die Frage nicht, ſie dachte an den Gatten; er⸗ haben wie eine Heilige, die auf die Erde nieder⸗ ſteigt und das Herz umpreßt fühlt vom irdiſchen Leid, und ſich wieder hinauf ſehnt in das lichte Reich, von wannen die Hoffnung und die Treue ſtammt,— ſtand ſie da. Agnes ſetzte ſich auf ein niederes Steinbänk⸗ chen unter einem der offnen Bogen. Ihre Ge⸗ danken wallfahrteten zu Albrecht, welcher zu ſei⸗ nem Oheim, Herzog Wilhelm, geritten war, um ſich durch dieſen den Vater wieder geneigt zu ma⸗ chen und ihn auch mit Agnes zu verſöhnen.„Wo mag er jetzt ſein?“ dachte ſie, denn von dem Zweck ſeiner Reiſe hatte er ihr nichts geſagt, aber die Sorge in ſeinem Scheideblicke lag ihr ſchwer auf dem Herzen.„Ach, ob wir wohl noch lange, recht lange auf Erden glücklich ſind? Ob wir einſt zuſammen ſterben werden, Herz an Herz, — 150— wie wir zuſammen gelebt?! Ach nein, ich mag nicht daran denken; denn müßte ich— früh ſterben und— alſo er mit mir,— weh mir, das war ein thörigter Gedanke, ein frevelhafter Wunſch! Nein! Nein! Viel lieber möchte ich ihm voran ziehen, ihm von meinen Tagen zulegen, damit er noch recht, recht lange ſich des ſchönen Da⸗ ſeins freuen könnte, möchte dann, wenn's ver⸗ gönnt wäre, jeden Abend auf leichten Flügeln zu ihm hernieder fliegen, und unſichtbar an ſei⸗ nem Lager wachen, und ihn vor allem Leid be⸗ hüten. Denn das kann ich mir nicht denken, daß Treue dort müßig ſein ſollte oder könnte; ach, es wäre ja Höllenqual, den Geliebten, der noch auf Erden weilt, leidend zu wiſſen, und ge⸗ feſſelt zu ſein an jene einſame blüthenloſe See⸗ ligkeit, nicht herabfliegen zu dürfen und zu troͤ⸗ ſten, um Schmerzensträume zu erleichtern oder zu verſcheuchen;— nicht mehr ſorgen zu dürfen für den Geliebten! Ich kann mir's nicht den⸗ ken.—— Ja, ich wünſchte herzlich vor meinem Albrecht zu ſterben.—“ Unwillkührlich traf ihr Blick die ſtarre, wie entgeiſterte Geſtalt Eliſa⸗ beths.—„Den Gatten überleben zu müſſen,“ dachte ſie ſchaudernd,„weh mir, das Herz wird — 151— mir grauſig und leer, wie ein wüſtes unendliches Chaos, wenn ich mir dies Loos vorſtelle. Nein, nein! Allliebender Gott, laß meinen Albrecht nicht vor mir ſterben. Gieb meiner geängſteten Seele ein freundlich Zeichen, daß ich früher ſcheide, und ihn einſt in allen Nöthen ſchützend umſchweben darf.“ Ein lauer Frühlingshauch ſäuſelte durch die Hollunderzweige. Püötzlich kam es Agnes vor, als küſſe ſie Jemand leiſe, wie der Friedensengel, auf die Stirne. Sie ſchloß, wie von einem leichten Fieberfröſteln durchrieſelt, die Augen, als wolle ſie den Friedenskuß gerne länger dul⸗ Den. Jetzt wendete ſie das Haupt und ge⸗ wahrte, daß im Frühlingslüftchen ſich eine Lilie zu ihr geneigt, deren Kelch ihre Stirne berührt hatte. Das Glöcklein mahnte ſie, jetzt den Kreuz⸗ gang zu verlaſſen, weil die Carmelitermönche ſich durch denſelben in ihre Kirche begeben ſollten. „Komm, meine theure Freundin,“ ſprach Agnes ſanft zu der trauernden Wittwe,„laß uns nach Hauſe wandeln, die ehrwürdigen Vä⸗ ter kommen. Merke dir die Stelle, wo ich ge⸗ ſeſſen; hier will ich mir ein Betgewölbe ſtiften, und— meine Grabſtätte. Und wenn ich früher ſterbe als du, o dann dringe in meinen Albrecht, daß — 152— er mich nirgends anders begraben laſſe, als hier; ich will ihn ſelber darum bitten; nach meinem Tode mahne du ihn daran.“ „Und wähnſt du, darin Ruhe zu finden?“ erwiederte Eliſabeth ernſt und feierlich;„Agnes, das Grab der Liebe iſt das Leben; im Grabe kann Liebe nicht raſten, Liebe findet kein Grab, Liebe wird erſt frei, wenn das Leben uns nicht mehr dem Tode treulos macht; Tod, der die Treue der Lebenden bricht, weiht ſie zu ewig Lebendigen. Unter dieſer Worten hatten ſie den Kreuzgang verlaſſen und die herzogliche Burg erreicht, als Al⸗ brecht von ſeiner Reiſe wieder heim kam, mit neuer Hoffnung im Herzen, weil ſein gutmüthiger Onkel ihm verſprochen, des Vaters Zorn in Bäͤlde zu ſänftigen. Und doch lebte in Agnes, trotz der herzinnigen Wonne des Wiederſehens die ungetrübte Heiterkeit nicht wieder auf; und ſtatt allen Gaben und reichen Feſten, bat ſie vom Gatten nur das Eine ſich als Liebesge⸗ ſchenk aus, daß er ihr das freundliche ſtille Plätzchen im Karmeliter Kreuzgang als Betge⸗ wölbe und Grabſtätte ſtifte.— —V—ʒy:— —— Der Brautwerber. Indeſſen hatten ſich der Freiberger und Graf Wilhelm von Waldenfels auf den Weg nach Ans⸗ bach gemacht, um daſelbſt im Namen des Gra⸗ fen von Graisbach bei dem Churfürſten um deſſen Tochter Margaretha zu werben. Am Hofe des Churfürſten befand ſich zu jener Zeit auch Ludwig, der Sohn des Herzogs von Landshut, welchen der mürriſche Vater noch immer fern von ſich hielt, denn je älter Herr Heinrich wurde, ſo ſcheuer und menſchenfeindlicher zeigte er ſich ſelbſt gegen die, an denen er Freude fin⸗ den konnte, oder deren Treue er erprobt hatte. Seit kurzer Friſt lebte dort auch zu Beſuch der Churfürſt von Sachſen, Friedrich der Zweite, wel⸗ cher ſeine Tochter Ameley mitgebracht hatte, die, obwohl kaum erſt zur Jungfrau herangekeimt, doch ſchon jedes Herz durch ihre wunderholde Anmuth entzückte. — 154— Der Chrfürſt von Brandenburg, mit wel⸗ chem der Freiberger ſchon ſeit längerer Zeit insgeheim den Plan einer Vermählung des Gra⸗ fen von Graisbach mit Margarethe beſprochen hatte, war hoch erfreut, als derſelbe jetzt zur offenen Entſcheidung gelangte. Während der Frei⸗ berger oft und eifrig verhandelte, und manches zur Sprache brachte, was den alten Herzog Ludwig im Bart für die Zukunft noch tiefer de⸗ müthigen mochte, als er ohnehin ſchon gekränkt und mannichfach verunehrt war, betrieb der ſchöne, einnehmende und zungengewandte Graf von Waldenfels die Bewerbung ſeines Herrn bei Fräulein Margarethe. Aber je eifriger Walden⸗ fels für ſeinen Herrn werben ſollte, wobei er vom Churfürſten ſelbſt Freiheit und Vergünſtigung erhielt, Margarethe oft ohne Zeugen zu ſehen und zu ſprechen, um ſo heftiger flammte in ſeinem eigenen Herzen die Neigung zu ſeiner künftigen Gebieterin empor. Ihre hohe üppige Geſtalt, der geheime Zauber ihrer Augen, welche bald majeſtätiſch jeden Gegenblick wie einen Hochver⸗ rath von ſich zu weiſen ſchienen, bald wieder wie in träumeriſcher Vergeſſenheit holde, heimliche ——y— — 155— Gewährung verſprachen, dieſer Purpurthron der Küſſe! der ſchwellend lockende Mund, dieß reich ergoß'ne Gelock, goldig ſchimmernd, als wolle es ſchon jetzt ſelbſt Kronen, die einſt darauf prangen würden, beſchämen,— alle dieſe Reize hatten ſich jetzt feindſelig verſchworen, den Hof⸗ meiſter von Waldenfels, den in jeder anderen Lage ihr Anblick ſelbſt ohne Hoffnung beſeligt hätte, elend, ſich ſelber verhaßt zu machen, und zu foltern, wie es kein Dolch vermag. Er mußte ſie ſehen, durfte ſie ohne Zeugen ſprechen, und mußte ſeine Zunge herleihen, um die ſtürmiſchen Wünſche ſeiner eigenen Bruſt zu Herolden einer fremden zu machen. Er durfte dieſe, Götterwonne verheißenden, Liebesblicke mit Gegenblicken auf⸗ ſaugen, und mußte ſelbſt, in Blicken wie in Wor⸗ ten, der Sclave eines Andern ſein; er mußte ſe⸗ hen, wie ihr Buſen, von ſeinen Minneworten höher ſchwellend, Paradieſesträume verhieß, und durfte nicht zu ihren Füßen hinſinken, nicht ſtam⸗ meln,— jubeln,— flüſtern,— rufen,— bekennen: „Hier bete ich ſelber an; alles kann der Menſch für andere thun, nur nicht ſich ſelbſt vernichten, und Vernichtung liegt in dem Gedanken, dich in den Armen eines Andern zu wiſſen!“ Er konnte ſich nicht enthalten; die Hölle lieh ſeinen Worten Doppelſinn, die Fürſtentochter mußte errathen, was der Wahnſinn ihm eingab. Aber nichts de⸗ ſtoweniger,— er war gewiß, ſo gewiß als ſeine Seligkeit wußte er's, daß ſie ihn verſtanden, daß ſie das Herz von der teufliſchen Pflicht unter⸗ ſchied,— nichts deſtoweniger benahm ſich Margarethe gegen ihn ſtets mit gleicher Liebens⸗ würdigkeit, mit gleichem Zutrauen, als haätte ſie ihn nicht verſtanden. Dieß Benehmen brachte ihn bald zur Raſerei. In einem Au⸗ genblick wurde er irre an Erde, Himmel, Gott, ihr und ſich ſelbſt; im andern glaubte er feſt und unverbrüchlich, ſie durchſchaue ihn, ſie gewähre; jetzt fluchte er ſeiner Pflicht, jetzt ſegnete er ſie als den willkommenen Anlaß, der ihn ihr nahe gebracht, als eine vom Himmel ſelbſt zugewendete Gelegenheit, das Räthſel ſeines Lebens zu löſen; jetzt kämpfte er gegen ſich ſelbſt, jetzt verdammte, jetzt pries er ſich ſelig, rein, treu; jetzt zerriß er ſeine Sophismen, jetzt gab er ſich willig neuen gefährlicheren gefangen; jetzt las er in dieſem Flammenblick der kühnſten Wünſche Erfüllung, — 157— jetzt ſchreckte ihn die majeſtätiſche Stirne marmor⸗ kalt in die Schranken ſeiner Knechtſchaft zurück, jetzt mußte er ſich zu Füßen werfen, jetzt ſah er den Dämon in ihr;— er war verloren. Ein Engel mag ein Weib erforſchen können, das Weib erſcheint uns ja als Engel; ein Menſch kann's nicht. Waldenfels ſchalt ſich ſelbſt, wenn er ſie nicht ſah, einen Doppelzüngigen Betrüger, der ſeinen Herrn verrathe, einen feigen erbärm⸗ lichen Schuft, der ſich ſelbſt verrathe. Sah er ſie, ſah er dieſe unverminderte Huld, dieſe ge⸗ heimnißvolle Nachtfeier ihrer Blicke, die leiſeſte Bewegung ihrer Wimpern, den leiſeſten Puls⸗ ſchlag ihres Buſens,— und vergeſſen, verloren war jede Bedenklichkeit, durch welche er ſich ſelbſt bändigen wollte. Er urtheilte nach ſich. Was er ſprach, war jetzt nicht Gedanke und Wort eines andern; er kümmerte ſich nicht, ob es ſo ſchien; wie warmes Herzblut quoll und ſchoß es aus den Tiefen ſeiner eigenen Seele. Es gibt nur einen Gott. Es gibt nur ein Herz. Es gibt nur eine Liebe. Es gibt nur ein Verlangen.„Ja, jetzt iſt kein Zweifel — 158— mehr,“ jauchzte ſeine Seele;„ſcheint die Sonne für eine fremde Sonne, die ihr Licht und Glut leiht, während die andere ſchläft? Und kann's und mag's auch ſo ſein,— doch hierin liegt Raſerei,— der Menſch kann nur die Sonne als ächt erkennen, deren Licht er ſieht, deren Glut er fühlt. Was iſt Pflicht? Zwang. Was iſt Zwang? Verbrechen gegen die Freiheit. Was iſt Schuid? Es gibt keine Schuld als die, Zwang zu dulden. Und iſt einer weniger frei, als der andere? Dann hat keiner ein Recht.——— Der junge Ludwig von Landshut hatte die zarte Ameley öfter geſehen, und mit jedem Mal ſich inniger geſehnt, ſie bald wieder zu ſehen. Es gibt eine erhabene Wahlverwandtſchaft der Herzen, daß das Reine und Edle vom Reinen und Edlen angezogen wird, die Guten fühlen in ſich einen Widerwillen gegen Schlechte, oder Un⸗ reine, die ſie zum erſtenmal ſehen und nicht ken⸗ nen lernen; was hiebei abſtößt und bindet, iſt das ewige Geſetz, das einzig Beſtehende, die Tugend; denn das Laſter iſt an ſich ein Nichts, freilich ein Nichts, welche Jahrtauſende lang das heilige Sein zu zerſchmettern und zu zermalmen ſcheint,— und — 159— doch iſt's ein Nichts! Liebe, Liebe! du ſchufſt Sonnen und Blumen, Sterne und Seelen, durch dich allein ward das Leben. Wer kann deinen Begriff auslöſchen und fühlen, ob er noch ſei, ein Wort finden, daß er noch ſei? Hörſt du auf, ſo laßt die Gottheit auf einem Trödelmarkt feil bieten, und keine Betſchweſter, kein Mönch wird ſie feilſchen. Liebe, Liebe! du fügſt und führſt das Edle zum Edlen in ewiger, heiliger Wiedergeburt, Blumen aus Sternen, Sterne aus Blumen, Seelen aus Gedanken und Gedan⸗ ken aus Seelen, Gedanken zu Gedanken, See⸗ len zu Seelen. Ach, lieben iſt kein Werk des Augenblicks und Zufalls. Liebende, ſeien ſie auch durch ferne Räume ſeit ihrer Kindheit von einander getrennt geweſen, ſind doch miteinander aufgewachſen, haben miteinander geſpielt, wenn auch in Träumen,— ſind, ohne daß ſie's wußten, durch einander beſſer geworden; und nun reift der Sonnenſtrahl die Keime zu Blüthen, und die blöde Welt nennt dieß Zufall.— Ludwig von Landshut und Ameley hatten ſich gefunden; es war, als wollte der Himmel dem edlen Jüng⸗ ling, an welchem keine Spur von ſeines Vaters — 160— ſchlimmem Weſen haftete, welcher alle Zurück⸗ ſetzung vom väterlichen Hof und Herzen edel und mit kindlicher Duldung ertrug, in Ameley's aufblühehder Liebe Erſatz geben für des Vaters Herz, der wie mit Allem, ſo auch mit der Liebe kargte. Zwiſchen reinen Seelen bleibt das Be⸗ wußtſein der Liebe wie Roſenduft in geheimniß⸗ vollen Kelchen verborgen; ſie entweihen die himm⸗ liſche Ahnung nicht durch irdiſche Worte, ſie leben fort, eines durch die ſtille Treue des an⸗ dern, wie Stern durch Stern; die Zukunft iſt ihre Gegenwart. Ludwig und Ameley ſprachen wenig zuſammen; wozu auch? Des Jünglings Gedanken, Blicke, Herzſchlag, ganzes Weſen war nur Eine zarte Huldigung; und jeder Tag, der Ameley's Reize holder entfaltete, entwickelte alle Ahnungen der Zukunft nur für die Eine Sonne der Liebe.—— Immer näher rückte indeß die Zeit heran, in welcher die Freiwerber des Grafen von Grais⸗ bach mit dem Jawort der Churfürſten⸗Tochter nach Baiern heimreiſen ſollten. Der Graf von Waldenfels wandelte wie ein Geſpenſt bei leben⸗ digem Leibe herum. In der letzteren Zeit glaubte — 161— er zu bemerken, daß Margarethe ſeine Huldigun⸗ gen einer beſondern Aufmerkſamkeit würdigte; er wähnte, manches Wort, was ihr entſchlüpfte, habe ſie ganz deutlich zu ſeinen Gunſten ſüe wen Jetzt oder nie war der Augenblick, das Höchſte zu wagen, und ihr endlich zu bekennen, wie ver⸗ zehrend er ſelbſt ſie liebe, wie mörderiſch der Zwang ihn getroffen, ſeine Worte und Gefühle fremdem Dienſt zu weihen. Er traf Margaretha einſam in ihrem Cloſett, ſtürzte zu ihren Füßen und ſprach:„O göttliche Herrin, die Pflicht, welche mich Euch nahe gebracht, damit ich unter⸗ gehen ſolle im ewigen Ringen und Wähnen, ſie ruft mich bald fern von Euch, nach Baiern heim, o, ich möchte jedem Tag fluchen, den ich ohne Sonne zubringen muß.“ „Rechnet Ihr die Hoffnung für gar nichts?“ entgegnete ihm Margarethe, einen ihrer Flam⸗ menblicke bedeutſam auf ihn heftend, und ihm ihre Hand geduldig gönnend, die er mit lei⸗ denſchaftlichem Ungeſtüm ergriffen. „Ja, Hoffnung, Hoffnung!“ ſchwärmte der Liebende.„Ach, und was iſt Hoffnung? die Maske der Tänſchung, die lange Kette, an wel⸗ III.— 11 — 162— cher uns das Leben ſchleppt bis zu der Stunde hin, wann die Kette endlich reißt, und das Le⸗ ben ſelbſt in ſeine Atome wieder kehrt, und das entſetzliche Nichts uns verſchlingt. Nein, Her⸗ rin! Ihr dürfet mich nicht ſo ſcheiden laſſen! Bei Allem, was dem Menſchen heilig iſt, und bei dem Heiligſten auf Erden: bei dieſem Abglanz des Himmels, bei dieſer Quelle meines Todes, bei dieſer Eurer Schönheit, beſchwöre ich Euch, laſſet mich nicht von hinnen gehen, daß ich, ohnehin die Bedingung meiner Pulsſchläge, Euern Anblick entbehrend, blind und wahnſinnig im weiten Reich der Schöpfung umherſchweifen muß; oder laſſet mich mindeſtens noch ein einzi⸗ ges Wort zu Euren Füßen ſtammeln.“ „Ein Wort? Nichts als ein Wort?“ er⸗ wiederte Margarethe hold lächelnd und ſchelmiſch mit dem Finger drohend, als wüßte ſie nur zu gut, was für ein Wort er nennen wolle, was Alles in dieſem Worte einbegriffen ſei.„Ich wäre ja grauſam, wenn ich Euch ein armes Wort verwehren wollte; kann ich's denn? So wenig als Eure Gedanken, vermag ich Eure Worte zu beherrſchen und zu feſſeln.“ — 163— „So ſag' ich Euch,“ erwiederte der Graf feurig, unfähig, ſich länger zurückzuhalten,„daß Ihr die Königin aller meiner Gedanken, Worte, Wünſche und Träume ſeid. Ich habe bis jetzt geheuchelt, und doch die Wahrheit geſprochen; nun laßt mich einmal die Wahrheit bekennen, und nicht mehr unterm Schilde der falſchen mör⸗ deriſchen Pflicht; ich liebe Euch, liebe Euch, verzehrt, aufgegeben, ganz, bis in die kleinſten Atome meines Seins hinein, hoffnungslos und hoffnungsreich zugleich, ſcheidend als hätt' ich Euch ſtets nur im Traum geſehn, und ſtets träu⸗ mend, es wäre kein Augenblick meines Lebens geweſen, da ich Euch nicht geſehen hätte,— liebe Euch, ob Ihr mich lieben, haſſen oder verab⸗ ſcheuen könnt, nur mich ſelber haſſend, wenn Ihr mich haßt, nur mich ſelber verabſcheuend, wenn Ihr mich verabſcheut.“ Margarethe erhob ſich bei dieſen Worten kalt und fremd, während ſie ihm doch ihre Hand nicht entzog.„Wie? Herr Graf,“ ſprach ſie mit eiſiger Miene und eiſiger Stimme,„wo⸗ her kommt Euch die Kühnheit, mir ſolche Worte zu ſagen? Ich will aus Mitleid gegen Euch ſie 11* — 164— vergeſſen, als hätte ich keinen Laut davon ge⸗ hört, denn erinnerte ich mich, wenn ich erſt Eures Gebieters Hausfrau bin, zufällig einſt daran, — wähnt Ihr, daß mein Gatte dann dieſe Worte mit gleicher Ruhe anhören würde?“ „So haßt, ſo verabſcheuet Ihr mich?“ fragte Waldenfels haſtig. „Wer ſagt Euch das?“ erwiederte Marga⸗ rethe mit heiterm Antlitz und ſanfter Stimme, „reiſet mit Gott, gedenket meiner, und laſſet mich Euer Antlitz freudiger ſehen, wenn ich einſt nach Baiern komme, denn, glaubt mir: dieſe blaſſe Verzweiflung ſteht Euren edlen männlichen Zügen nicht gut.“ Waldenfels ſprang vom Boden auf und wollte Margarethens Hand auf's Neue mit Küſſen be⸗ decken. Aber ſtolz und kalt entzog die Dame ſie ihm.„Ich bitt' Euch,“ ſprach ſie, den Ver⸗ zweiflungsvollen mit Hoheit anblickend,„vergeßt nicht, daß ich die Braut Eures Gebieters bin; vergäßet Ihr es je, ſo würde ich Euch ſagen muüſſen, daß ich kein Weſen auf Erden ſo verab⸗ ſcheue, als den, dem an ſeiner ſtillen Huldigung nicht genügen kann, der in toller Verwegenheit — 165— meine Ehre auf's Spiel ſetzt. Wenn Ihr mich wirklich liebt, ſo macht Euch die Liebe ſelbſt ſchon glücklich;— ich bitte Euch: erwiedert mir hierauf kein Wort, denn ich könnte Euch nichts wieder entgegnen, als was Euch noch mehr de⸗ müthigen müßte. Reiſet glücklich und gedenket mein.“ 1 Der Graf von Waldenfels verbeugte ſich ſtumm, preßte die Hand an's Herz, als wollte er alle Schläge deſſelben erſticken, und verließ die Für⸗ ſtentochter. Nur noch kurze Zeit verweilte er mit dem Freiberger am Hofe, und während dieſer Friſt benahm ſich Margarethe äußerſt zurückweiſend ſtreng, ja beinahe hochmüthig gegen ihn, er wollte ſie haſſen und verachten, er ſehnte ſich, aus dem Zauberkreis ihrer Augen zu entweichen,— aber Liebe fuhr doch flammend in alle ſeine Vor⸗ ſätze. Endlich ſchlug die Scheideſtunde; und mit dem Jawort des Churfürſten und Margarethens verließen er und der Freiberger den Hof. N 1 — Das Gericht zu Straubing. Den Herzog Albrecht ſtörte im September eine unerwartete Botſchaft aus ſeinem Liebesglück auf, die Kunde, daß ſein freundlicher Oheim, bisher ſein einziger Beſchützer, der fromme Herr Wilhelm, geſtorben ſei. Da er keine Kinder hin⸗ terlaſſen, fiel die Herrſchaft der Münchneriſchen Lande nunmehr ganz an Herzog Ernſt anheim, und dieſer ließ den Sohn freundlich zu ſich laden, auf welchem jetzt die Hoffnung des Landes be⸗ ruhte. Mit ſchwerem Herzen trennte ſich der lie⸗ bende Gatte von ſeiner Agnes und ritt nach München, wo ihm ſein Vater auf's Neue anlag, endlich doch ſeiner thörigten Liebe zu vergeſſen und zu des Landes Wohlfahrt ſich mit Anna von Braunſchweig zu verbinden. Entſetzt hörte der Sohn das wiederholte Anſinnen, bat um Aufſchub und erklärte, als keine Bitte fruchtete und ſeines Vaters Zorn ſich von Wort zu Wort ſteigerte, end⸗ ich offen und ehrlich, was der Leumund längſt aus⸗ — 167— getragen und verbreitet— daß Agnes ſein Weib ſei und eben ſo gut und vielleicht herrlicher durch ihre Tugend ſeinen künftigen Fürſtenthron zieren werde, als je eine Tochter des mächtigſten Herrſchers durch den Schimmer eines uralten Geſchlechtes.— „Wann habe ich mich dir je als liebloſer Vater gezeigt?“ rief Ernſt dawider:„ich will dein Glück und des Volkes Glück, und du ſollſt erken⸗ nen, daß mein Wille gewaltiger iſt, als der Zau⸗ ber, in welchem dich jenes Weib gefangen hält.“ „Es iſt der ſelige Zauber der Ehe,“ ent⸗ gegnete ihm Albrecht ruhig und feſt,„was wollt Ihr dawider beginnen, mein Vater? Ich liebe und ehre Euch, wie ich's als Sohn ſchuldig bin, doch ſag' ich Euch frei, und bitt' Euch herzlich, mäßigt Euern Zorn und wandelt Eure Geſinnung, denn ich habe meiner Agnes, ſie hat mir am Al⸗ tare geſchworen, daß wir einander treu ſein wol⸗ len und angehören bis in den Tod.“ 3„Es iſt gut!“ verſetzte Ernſt.„Ich habe dem Sohn nichts weiter zu ſagen. Was ich als Fürſt handeln muß, hat mit meinem Herzen und mit dir nichts zu ſchaffen. Ich werde das böſe Bei⸗ ſpiel nicht dulden, denn leider iſt ohnehin im — 168— Baierland alle Zucht und Sitte wie verſchwun⸗ ben, und kann ich auch am Abend meiner Tage nicht die Tugend ſelbſt mit einem Gewaltſtreich in's Volk zurückrufen, ſo will ich doch, daß minde⸗ ſtens der Schein derſelben ſo lange herrſche, bis ſie ſelbſt einſt wiederkehren kann.“ „Vater, mein Vater, was wollt Ihr begin⸗ nen?“ rief Albrecht.„Ach, wenn Ihr die Tu⸗ gend ſelbſt auf den Fürſtenſtuhl ſetzen wollt, ſo blicket auf meine Agnes, ſie beſitzt die Tugend nicht blos, ſie iſt es ſelbſt, gekrönt mit allem überirdiſchen Glanz.— Um's Himmelswillen, mein Vater, was ſinnet Ihr?“ „Nichts, was dich kümmern kann,“ entgeg⸗ nete Ernſt rauh;„ich ſinne, wie ich mein Für⸗ ſtenwort löſe. Laß mich allein.“ „Ich beſchwöre Euch,“ drang Albrecht in ihn,„ſagt mir, was Ihr beginnen wollt? Die Angſt tödtet mich.“ „Laß mich allein!“ herrſchte ihm Ernſt zu und entriß ihm die Hand, welche Albrecht um⸗ klammert hielt. Da hob ſich des Sohnes Bruſt voll männlichen Ungeſtüms; er rief:„Ihr mögt als Fürſt handeln, wie Ihr wollt; ich werde als — 169— Menſch und Gatte handeln, wie ich muß. Als Ihr mich zu Regensburg vor allen den Herrn beſchimpfen ließet, hab' ich Euch bewieſen, daß ich als Euer Sohn nicht unehrerbietig gegen Euch handeln kann, ſonſt,— ſonſt,— o bei Gott, ich hätte anders gethan!— Aber ich habe Euch auch bewieſen, daß mir mein Weib über Alles geht. Und auch jetzt will ich Euch ehrlich und offen ſagen, daß ich ſie ſchützen will bis zu mei⸗ nem letzten Hauch, daß ich von Euch gerades Wegs zum Kaiſer reite, um von ihm Schirm zu erbitten, für mein armes, ſchuldloſes, ſo entſetz⸗ lich verläumdetes Weib. Lebt wohl! Gott möge Euren Sinn lenken!“ Mit dieſen Worten verließ er den Vater, der ihm keinen Laut nachrief, ſondern finſter ſinnend, die geballte Fauſt auf den Tiſch geſtemmt, daſtand. Albrecht ſäumte nicht; in kurzer Friſt ſtanden für ihn und ſeine Begleiter die Roſſe geſattelt. Das helle Hufgeklapper weckte den alten Herzog aus ſeinem Sinnen und Brüten. Er trat an's Fenſter, und ſah, wie ſein Sohu zum Schloßthor hinausjagte. Dieſer Anblick brachte alle ſeine Vläne zur Reife. 8 — 170— Er ſchellte alſobald ſeinem Kammermeiſter, Herrn Paulus Arnſinger, hieß dieſem, nachdem er gekommen war, niederzuſitzen und ſprach ihm einen Befehl in die Feder an ſeinen Pfleger, den Vicedom von Straubing, im Namen des Hals⸗ gerichtes,„und von wegen aller Pön der Karo⸗ lina zu verfahren, wie ihm angeſagt würde, gegen Agnes Bernauerin, ſchuldig der Zauberei, worein ſie den edlen Herrn Albrecht verſtrickt, alſo, daß er ſeit etlichen Jahren auch nicht einen Tag fröhlich geweſen, auch auf ſichere Kundſchaft, daß ſie damit umgegangen, Herzog Wilhelms Kinder durch Gift aus dem Wege zu räumen; alſo ſoll man gegen ſie verfahren, wie Rechtens, und, was auf Zauberei für Strafe geſetzt iſt, die Waſſer⸗ probe ihr anthun; und ſo lieb den Richtern des Herzogs Huld und ihr eigner Leib wäre, ſo ungeſäumt ſollten ſie, ehe Tag und Nacht ſich ſcheiden, nach Frag und Antwort das Urthel vollſtrecken laſſen.“* Eilboten und eine gute Schaar bewaffneter Dienſtleute des Herzogs flogen mit jenem Be⸗ ſchluß nach Straubing und überbrachten denſelben dort an das Halsgericht. Zitternd aus doppelter — 171— Furcht, vor der Gewalt des Vaters und der Rache des Sohnes, laſen die Richter den verhängniß⸗ vollen Brief; manch Einer von ihnen fühlte ſo⸗ gar Mitleid mit der holden jungen Frau; doch ſo knechtiſch geſinnt iſt der Menſch, daß ein ein⸗ ziger erträumter Zornblick des Gewaltigeren die Cherubsſtimme des Mitleids erſticken kann. Alſo ſchickten ſich dieſe gerechten Richter an, das Blut⸗ gebot des Herzogs eilig zu vollſtrecken. Bei Nacht drangen die Schergen, den fürſt⸗ lichen Verdammungsbrief als guten Schild vor ſich haltend, in das Schloß und ohne Scheu bis vor das Schlafgemach der Bernauerin. Herr Paulus Arnſinger, der auf des Herzogs Gebot bei der Vollſtreckung zugegen ſein und mit Leib und Leben dafür einſtehen ſollte, pochte an die Kammerthüre und rief:„Steht auf, Bernauerin, und kleidet Euch raſch an; hier ſind Leute, die Euch von Herzog Albrecht böſe Kunde bringen.“ „Von meinem Gatten?“ ſchrie Agnes, warf ſich in die Kleider, zog züchtig den Schleier vor's Antlitz, und—öffnete. In demſelben Augenblicke rief fern auf dem Gange Herr Wilhelm der Törringer in Todes⸗ — 172— angſt um die Hausfrau ſeines Schutzherrn: „Oeffnet nicht, gnädige Frau; es ſind Strolche und böſe Buben, gegen die ich Euch ſchützen will.“ Und mit dieſem Wort eilte er auf die Räthe und Schergen zu, das ganze Haus durch den Ruf:„Verrätherei, Verrätherei gegen un⸗ ſern Herrn und ſeine Hausfrau!“ aufdonnernd. Nun rannte wohl mancher Knecht, welcher der frommen milden Hausfrau mit dankbarer Treue zugethan war, zum Schutze derſelben herbei, aber die Schergen hatten ſie ſchon in die Mitte ge⸗ nommen und ſtreckten jeden, der ihnen in den Weg kam, durch den Namen und die Vollmacht Her⸗ zogs Ernſt's, des Landesherrn, oder durch ihre ſcharfen Gewaffen zurück. „Haltet ein!“ ſchrie ihnen jetzt, als ſich die Schergen ſchon mit ihrer holden Beute trium⸗ phirend davon machen wollten, Herr Wilhelm der Törringer entgegen,„gebt meine Gebieterin los, oder, beim lebendigen Gott! ihr fühlt Tör⸗ ring'ſche Hiebe.“ Herr Paulus Arnſinger trat zu ihm hin und ſprach vornehm verächtlich: „Begebt Euch zu Bette, Herr Törringer, Ihr habt hier nichts zu ſchaffen, noch einzureden. — 173— Was wir thun, können wir vertreten vor Gott und unſerm gnädigen Herrn. Fürſten ſind an Gottes Statt, drum iſt Fürſtendienſt Gottes⸗ dienſt.“ 1 „Ha, du Herrenknecht und Federheld!“ rief Törringer hinwieder,„und Gottesläugner dazu, wenn du Mord— Gottesdienſt nennſt;— geh' mir aus dem Weg, oder beim Schatten meines Bruders, ich entehre mein Schwert an dir.“ „Im Namen der ewigen Gerechtigkeit, ſtiebt auseinander, ihr Teufel! die ihr einen Engel richten wollt,“ rief jetzt eine heiſere weibliche Stimme; geiſterbleich, mit langem flatterndem Haar, wie eine prophetiſche Sybille, ſtand hoch und erhaben Eliſabeth plötzlich mitten unter den Vollſtreckern des Blutbanns.„Ha, wähnt ihr, ihr Schergen der irdiſchen Gerechtigkeit, die ewige ſchlafe, wenn ſie nicht gleich auf Erden richtet und die Mörder durch Blitze zerſchmettert? Sie wacht! ſie wacht! es ſchallt die Poſaune. Die Gräber berſten. Die Gemordeten erheben ſich. Sie zeigen ihre Wunden. Sie ziehen die Dolche draus hervor und werfen ſie in des Richtengels — 174— Wagſchale, und die Schale ſinkt. Und der un⸗ beſtechliche Richter donnert: Ihr ſeid verdammt!“ Herr Paulus Arnſinger ſchritt, als er ſah, daß Eliſabeth's Worte ſeine Begleiter erſchütter⸗ ten, auf ſie zu, packte ſie an der Hand und rief: „Hinweg mit dir, du wahnſinniges Weib!“ Da⸗ mit ſtieß er ſie von ſich und gebot ſeinen Beglei⸗ tern, ſich nicht beirren zu laſſen und die Bernauerin hinweg zu führen. Da hing ſich Eliſabeth an ſei⸗ nen Arm, umkrampfte ihn, auf die Kniee ſinkend, und ſtöhnte:„Mach deinen Herrn nicht fuͤr die Verdammniß reif, alter Mann. Es lebt ein Gott! Gib ſie frei, auf ihr laſtet keine Schuld. Gott rächt! Gott rächt! Wollt ihr ein Opfer haben, ihr Tiger?— Hier! nehmt mich, laßt mein Leben unter euren Foltern verſtrömen, und ich will euch ſterbend noch ſegnen, weil ich dann endlich doch an's Sterben komme.“ Herr Wilhelm der Törringer hatte indeß das Schwert gezogen und rechts und links um ſich gehauen. Jetzt galt es den Dienſtleuten Ernſt's, für ihr eignes Leben Nothwehr zu gebrauchen. Sie drangen auf den Torringer ein und ſtreckten ihn, von Wunden durchbohrt, zu Boden. Arnſinger — 175— entwand ſich Eliſabeth's Händen und ſchleuderte das unſelige Weib zum zweitenmal von ſich. „Mein Heiland, erbarme dich mein,“ ſprach der Törringer mit brechender Stimme, dann gab er den Geiſt auf. Frau Eliſabeth kniete vor ihm und drückte ihm die Augen zu; ach, hätte ſie ihrem Gatten wenigſtens dieſen letzten traurigen Liebes⸗ dienſt erweiſen können! Wehe, wehe, wer ſeine Treuen überleben muß, wer einſam an den Mark⸗ ſteinen des Seins ſteht und die unabſehbare Oede, herbſtlich fahl, ohne Sonne, ohne Sterne vor ſich ſieht. Triumphirend brachten die Richter und Scher⸗ gen das Opfer aus dem Schloſſe. Frau Agnes wankte und weinte nicht; die Majeſtät der Un⸗ ſchuld thronte wie ein Diadem auf ihrer Stirne, als ſie mit den blutigen Männern durch die dunkle Nacht dahinſchritt.— Auf dem Rathhauſe verſammelte Herr Paulus Arnſinger, als des Herzogs Bevollmächtigter und Vorſtand beim Halsgericht, die zaghaften und feilen Richter und begann den kürzlichen Prozeß auf einfache Frag' und Antwort, und auf Leben und Tod. Er brachte die vom Herzoge entwor⸗ — 176— fenen Anklagpunkte vor, erklärte Agnes der Zau⸗ berei ſchuldig und befahl ihr, unter Androhung der peinlichen Frage, einen Eid auf das Cruzifix abzulegen, daß ſie niemals Herzog Albrechts Ge⸗ mahlin geweſen ſei. Hierauf erwiederte Agnes mit Ruhe und Würde:„Sollte ich dieß beken⸗ nen, ihr Herren, dann müßte ich einen Zeu⸗ gen ſtumm machen, der bei unſerer Trauung zu⸗ gegen war, der auch jetzt zugegen iſt,— den allwiſſenden, gerechten Gott. Könnt ihr dieſen zum Widerruf zwingen, o, dann will ich Alles bekennen, was ihr von mir verlangt.“ „Hört ihr?“ rief jetzt der herzogliche Kam⸗ mermeiſter,„ſie läſtert Gott! Ein neuer Grund, daß ſie des Todes ſchuldig iſt.“—„Bekennt Ihr, Bernauerin,“ fuhr er hierauf zu Agnes fort,„daß Ihr des edlen Prinzen, unſers gnä⸗ digen Herrn Albrecht's Sinnen und Trachten durch geheimen Zauber ſo gefeſſelt, daß er von keinem andern Weib auf Erden hören wollte, denn von Euch allein?“ „Heil mir,“ erwiederte Agnes,„daß es ſo iſt, wie Ihr ſagt! Ja, es war ein ſüßer Zau⸗ ber, der uns verband, der alle meine verlebten — 177— Stunden, ſo reich und ſelig machte, daß ich, ſo⸗ bald Ihr's verlangt, freudig ſterben mag, denn ich habe des Erdenlebens Wonnekelch geleert.“ „Setzt, was Ihr gehört, in Euer Buch,“ herrſchte der Kammermeiſter dem Schreiber zu, „ſie bekennt ſich zu ihrem Verbrechen, und ein Gottesurthel mag morgen entſcheiden.“ Darauf ließ er die Bernauerin in den Thurm führen und Anſtalten treffen, damit die Hinrich⸗ tung unverzuͤglich am andern Tage vollſtreckt wer⸗ den könnte.—— Am andern Tage, dem zwölften des Weinmo⸗ nats 1435, lag ein goldner Morgen auf Strom, Berg und Thal ausgebreitet. Der Herbſt legte alle ſeine Reize zur Schau; ſtolz auf das Land, welches ſie durchſtrömt, majeſtätiſch, wälzte die Donau ihre Wogen dahin. Jung und Alt war auf den Beinen, als gelte es eine Krönung zu ſchauen, als erwarte das Volk, bang aufathmend, die Nähe eines Herrſchers. Und er war auch unter ihnen, unſichtbar, der furchtbare herzloſe Fürſt; tief unten ſaß er, von den Wogen der Donau geborgen, auf mooſigem Throne, der König der Erde, der Tod, lauernd wie ein Bräutigam III. 12 genglöcklein.— Gegen die Brücke her wäͤlzt ſich 173— auf die Braut, bis er um ſeine ſchöne Beute die Arme ſchlinge. Horch! ſchrillend klingt vom Thurme das Zü⸗ langſam ein Zug gewaffneter Knechte.— „Sie kommt! ſie kommt!“— Jeder Puls⸗ ſchlag ſtockt, jede Stimme verſagt. „Sie iſt's, ſie iſt's,— der Engel der Betrübten, — die Mutter der Verwaiſ'ten!“— Jetzt nahet ſie, das lange goldige Haar gelöst, die zarten li⸗ lienweißen Hände ſchmählich mit Stricken gefeſ⸗ ſelt; und doch welche himmliſche Ruhe, welche Majeſtät auf ihrer Stirne,— Unſchuld und Treue in ihren blauen Augen! Mitleid preßt aus jeder Bruſt einen Schmerzlaut, als wäre Je⸗ dem das Herz in der Bruſt nicht mehr ſicher, wenn Gott kein Wunder thut und das Abbild jeder Tugend rettet.— Jetzt betritt ſie die Brücke mit feſtem ſichern Schritt, die Blicke himmelan ge⸗ wendet.— Man führt ſie in die Mitte.— Ein dumpfes, unheimliches Gemurmel fliegt von Mund zu Mund. Das Volk, das die gräßliche Wirk⸗ lichkeit bis jetzt noch für unmöglich, für einen bloßen Fiebertraum gehalten, hinausgeſtrömt war, — 179— als müſſe es ſich von ſeinem bloßen Irrthum überzeugen,— es beginnt die Arme zu rütteln, ſich zu regen, um dem Ungeheuren zu wehren. Den Richtern entgeht die gerechte Bewegung nicht. Es iſt die höchſte Zeit.— Ein Wink! Die Schergen ergreifen ihr Opfer.— Das weiße Ge⸗ wand flattert über die Brücke,— über den Wel⸗ len.„Mein Albrecht!“ Dieſer leiſe Ruf durch⸗ bricht die Todesſtille.— Hochauf ſchäumen die Wogen.— Sie iſt verſchwunden.—— Das Volk ſinkt in die Kniee, als erwarte es jetzt ſelbſt den Todesſtreich. Betäubt, ſinnlos— die Tauſende ringsum!— Ein Schrei!— Horch! Sie lebt! Der Strom iſt barmherzig.— Tauſendſtimmiger Jubel ſchallt ringsum.„Sie iſt eine Heilige!“ jauchzt jedes Herz. Die Donau trägt ſie ſanft auf weichen Armen an's Ufer.— Die Menge ſtrömt an die Stelle, um ſie zu retten. Hilf Himmel! Ihr goldiges Gelock umſchimmert ſie wie ein Heili⸗ genſchein.„Rettung! Rettung! Rettung!“ heult das Volk. Da ſtößt ein Nachen vom Strande,— der Freimann drin. Er rudert, als gälte es ein Men⸗ 12* — 180— ſchenleben zu retten; jetzt iſt er ihr nah, ſchwingt die Stange aus dem Kahn ſtößt damit die Huld⸗ geſtalt auf's Neue in die Fluth hinab.— Da läßt ſich der, der drunten ſitzt, nicht zum zwei⸗ tenmal erweichen; er ſtreckt die Arme nach ihr aus; er faßt ſie an ihrem goldenen Gelock; er zieht ſie hinab.— Das Volk heult und wüthet. Ein Steinhagel verfolgt den Freimann im Kahn, der nicht ſchnell genug ſtromab rudern kann, um ſein Leben zu retten. Auf flüchtigen Gäulen jagen der Arn⸗ ſinger und die andern Blutrichter davon.— Todtenklage. — Albrecht hatte am Kaiſerhofe die Zuſicherung erhalten, daß Siegmund für ihn ein kräftiges Wort zum Schutze der geliebten Bernauerin bei Herzog Ernſt ſprechen würde. Freudiger Hoff⸗ nungen voll ritt er gen Straubing heim. Aber kein Jubel des Volkes empfing ihn, die Straßen waren wie ausgeſtorben. Er verwunderte ſich über das vollſtimmige Geläute, welches ihm ent⸗ gegenſcholl, denn es war ſpät am Abend, und der folgende Tag doch kein Sonn⸗ oder Feſttag, den man etwa eingeläutet hätte. Als er weiter ritt, gewahrte er endlich, daß ſich viele Leute gegen die Altſtadt hinbegaben, und zwar eiligen Schrittes, als hätten ſie dort etwas zu verſaͤumen. Er fragte ein ſteinaltes Mütterchen, welches vor dem Häuslein ſaß, wo die Leute hineilten. „Nach dem Peters⸗Freithof,“ gab ihm die Alte Beſcheid. „Nach dem Peters⸗Freithof?“ fuhr Albrecht — 182— zu fragen fort;„wen begraben ſie dort? Scheint's doch, als wäre die ganze Stadt dabei auf den Beinen.“ Die Alte hob mühſam das gebeugte Haupt, und blickte den Fragenden an, als erinnerte ſie ſich jetzt, die Stimme deſſelben ſchon irgend ein⸗ mal gehört zu haben.„Heilige Mutter Anna!“ fuhr ſie betroffen auf, als ſie das Antlitz Al⸗ brechts gewahrte;„'s iſt unſer armer gnädiger Herr.“ Eine gräßliche Ahnung griff ihm krallig an's Herz. Doch gab er ſich Mühe, ſich ſelbſt zu verlachen, und fragte die Alte wiederholt, was denn auf dem Peters⸗Freithof für ein abſonder⸗ liches Begängniß gehalten würde. „Was? Ihr wißt nicht?“ erwiederte die Alte;„o heiliger Corbinian! Gott ſegne Euch den Verſtand! Reitet nicht hinaus, lieber junger Herr! 1 4 „Herr, mein Gott im Himmel!“ rief Al⸗ brecht; ihm war, als drücke ihn ein ungeheures Verbrechen auf der Seele; er ſpornte ſeinen Braunen und ritt hinaus. ——— — 183— Die ganze Bevölkerung Straubings war dort verſammelt, um die irdiſche Hülle der Bernau⸗ erin zur Erde zu beſtatten. Albrecht wagte es nicht, irgend jemand zu fragen, als er, vom hohen Roß herab, vor einem offenen Grabe die bleiche Ge⸗ ſtalt Eliſabeths knieen ſah. Er ließ das Helmgitter vor ſein Antlitz fallen, ſchwang ſich vom Pferde, und begab ſich in die Mitte der Betenden. Der Pfarrherr von St. Peter, umgeben von aller Geiſtlichkeit Straubing's, ſprach den Segen und ſtreuete die Aſche auf den Sarg. Alles Volk weinte, der Pfarrherr wendete ſich zu der Ver⸗ ſammlung, und ſprach, während der Sarg in die Erde geſenkt wurde, folgende Worte: „Erſticket Eure Thränen nicht, denn wenn jemals ein Weſen Thränen verdiente, ſo war es dieſe, welche alle Thränen trocknete, Eure Ar⸗ muth unterſtützte, Eure Wittwen tröſtete, Eu⸗ ren Waiſen Mutter war. Das irdiſche Gericht hat ſie verdammt, das himmliſche ſpricht ſie ſe⸗ lig. Betet nicht für ſie, denn ſie bedarf unſerer Gebete nicht mehr, ſie betet droben verklärt füur uns Alle, die wir hier auf Erden noch im Dun kel der Ungerechtigkeit wandeln; betet für den, — 184— dem ſie durch einen harten Spruch entriſſen ward, daß er ſeinem eigenen Vater, der an ihr zum Mörder ward, nicht in blinder Verzweiflung fluche, ſondern in ſtiller Ergebung deſſen gedenke, der alle irdiſchen Wege und Schickſale nach ſei⸗ nem unerforſchlichen Rathſchluſſe beſtellt; betet für den, der uns bisher ein milder frommer Herr geweſen, daß er uns trotz ſeines namenlo⸗ ſen Leides auch fürderhin ein ſolcher bleibe, denn Gott hat ihn einmal zu unſerem Herrſcher ein⸗ geſetzt; betet, betet inbrünſtig für unſern gna⸗ gen Herrn Albrecht!“ „Agnes!“ ſchrie Albrecht, ſich durch die Menge Platz machend, an dem offenen Grabe ſinnlos niederſtürzend. Lautlos ſtarrte das entſetzte Volk ringsum. Der Pfarrherr von St. Peter bewog es, ſich aus⸗ einander zu begeben, und den Schmerz des Für⸗ ſten zu ehren. Sie thaten nach dem Wunſche des ehrwürdigen Geiſtlichen. Albrecht lag wie todt. Auf einen Wink des Pfarrherrn hob man ihn auf und trug ihn in ſeine Burg, wo alſo⸗ bald Aerzte zu ihm traten und alle Mittel an⸗ Pwandten, um ihn in's Leben zurückzurufen.— 4 — 185— Am Grabe der Bernauerin wachte indeſſen Eliſabeth, und rief die Todtenklage: „Agnes, Agnes, ich klage nicht um dich, die Todte, ich klage um mich, die Lebendige. Bete, bete droben für mich, die auf Erden keine Stütze mehr hat, daß der Tod, gegen dich ſo grauſam, gegen mich endlich mild werde, ſich mein erbarme, mich von den fuͤrchtbaren Feſſeln dieſes Lebens befreie. Ach, Freundin, grüße mir den Gatten, und ſage ihm, wie innig ich mich nach ihm ſehne, daß dies mein Herz nur mehr dem Tod entgegen ſchlägt. Wehe mir, wehe mir! Ich klage um mich, die ich noch nicht geſtorben bin; ach, wann werde ich ſterben können? O bitte, bitte meinen Gatten, daß er zu mir niederſteige; treu war er ja ſtets, ſo würde er's auch jetzt ſein und ſich meiner erbarmen, und die ſehnſüchtige Seele mir löſen.— Ich klage nicht um dieß Leben, ich klage über dieß Leben, daß es kein Ende nehmen will! Wehe über dieß Leben, den Faſtnachtsmarkt des Todes, den Tummelplatz des Elend's, das Reich der Ungerechtigkeit, das Eiland der Thränen!— Wehe, wehe über dies Leben, welches uns das * — 186— rechte Leben ſo lange vorenthält! O mein Gatte! Erbarme dich mein! Höre meine Todtenklage, denn das Leben iſt todt, und nur der Tod macht lebendig. Mein Gatte, mein Gatte! Haſt du meine Thränen nicht gezählt, meine Seufzer nicht gehört? Meine Verzweiflung nicht vernom⸗ men? Meiner Treue vergeſſen? O, ſo komm, komm, komm'! Siehe, ich kann, ich kann ja nicht län⸗ ger leben. O ſchwinge dich auf einen Sonnen⸗ ſtrahl der Freiheit, und hole mich ab, oder ſende ſie mir ſelber, denn ich verdürſte in dieſen entſetzlichen Banden— um Freiheit. Ja, jetzt weiß ich und begreife, was du dein ganzes Le⸗ ben hindurch gewollt und erſtrebt,— die Freiheit. Freiheit iſt Liebe, Freiheit iſt Treue. Du Lie⸗ bender, du Treuer, komm, o, komm endlich, mache mich, die Treuliebende,— frei!“ — 187— Rache. Als Albrecht wieder zur Beſinnung gekommen war, erfuhr er den ganzen Verlauf der unſeligen Begebenheit. Die Kunde davon verwandelte ſein Weſen aus Ohnmacht in Wuth, aus blu⸗ tigem Jammer in blutige Thatkraft und Rach⸗ luſt. Der Morgen war kaum ergraut, als er auf den Peters⸗Freithof eilte, um dort den Sarg erbrechen zu laſſen, ſeine Agnes noch einmal zu ſehen. Als er hinkam, und den Todten⸗ gräber mit ſich an das Grab brachte, fand er Eliſabeth noch an demſelben. Sie lag auf dem Antlitz, die Hände gefaltet. Der Todtengräber faßte ſie am Arme, weil er glaubte, ſie wäre eingeſchlafen; aber ſie war entſchlafen. Er hob ſie auf; der erſte Strahl des Morgens traf ihre geſchloſſenen Augen, die ſich auf Erden nie mehr aufthaten. Mit der erſten Sonnenahnung des Morgens, mit dem erſten Freiheitsruf des jun⸗ gen Tages war die liebende Seele emporgeflogen, — 188— und begrüßte die Wiedergefundenen. Der Tod endet die Todtenklage. Milder, ſüßer Tod! Du Sorgenverſcheucher, du Wiedervereiner, du gu⸗ ter treuer Freund! Heil dem, welchen du end⸗ lich aus der Knechtſchaft des Augenblicks befreieſt, aus der Knechtſchaft der Jahrhunderte,— unſterb⸗ lichen Sonnen, unſterblicher Liebe zuführſt! Der Todtengräber hatte den Sarg geöffnet. Wunderbar erhalten, wie eine Heilige, lag Agnes lächelnd darin. Die Thränen verſiegten dem Gatten. Er hatte nichts mehr auf Erden, als ſein Schwert. Er berührte damit ihre Hand, wie ein Heiligthum, als wollte er es daran zum Talisman weihen. Heiße Küſſe drückte er auf die Lippen, die ihm einſt und ſo oft Bürg⸗ ſchaft der ewigen Seligkeit geweſen. „Agnes, Agnes!“ rief er, indem ſich ſein Schmerz wieder in Wuth überflammte;„es lebt dort oben ein Gott, vor deſſen Throne du als reiner Engel jetzt ſchwebeſt. So höre mich, höre mich, allgerechter Gott, und verdamme mich, wenn du je auf Erden noch einen ſo elend ge⸗ macht, als mich. Hier habe ich mein Schwert geweiht, die furchtbare Blutſchuld zu rächen, und 1 — 189— ich will's. Ha, wär' ich ein Lamm, dieſer An⸗ blick machte mich zum Tiger. O Gott, o Gott! gerechter Gott! Was bleibt denn für den Mör⸗ der übrig, wenn du die Tugend ſtrafſt? O, ſo laß mich, der ich nicht ſo tugendhaft ſein kann, wie ſie,— zum Mörder werden, und verdamme mich, damit ich wenigſtens ihr Loos theile. Gott, Gott! Man nennt dich Allvater! Warum haſt du mir einen ſolchen Vater gegeben? Rechenſchaft will ich haben. Warum mir dieſen Vater? Was that ich, um einen Mörder zum Vater zu. haben? Ich bin allein auf der Welt, ich habe Niemand mehr, bin abgetrennt von Allen, und will Antwort fordern von dem, der mir den Himmel ſtahl. Höre mich, Allwiſſender! Schütze mich, Allgerechter! Rechenſchaft will ich auf Le⸗ ben und Tod, ſo wahr dieſe im Sarge hier jetzt dein Engel iſt, ſo wahr du mich Menſch werden ließeſt, nur darum Menſch, um alles menſchliche Weh zu tragen.— Gemordet! Gemordet! Die Hölle ſelbſt hat keinen Gedanken dafür, und ein Menſch kann's vollbringen! Gemordet! Gemordet! O pfui über die Erde, daß ſie mich tragen kann, ſo lange ich dieſen Mord nicht gerächt habe! pfui —-— 190— üͤber den Himmel, der auf dieſe Leiche ſo gleis⸗ neriſch gleichgültig herabſieht, als müßte der⸗ gleichen alle Tage geſchehen! Pfui! pfui, pfui über mich ſelbſt, daß ich, ein gläubiger Thor, auf Recht, auf irdiſches Recht hoffte, und mit dem Recht in der Taſche heimkam, um den Mord triumphiren zu ſehen! Ja, du falteſt die Hände, ich ſeh' es, als forderteſt du mich im Namen der himmliſchen Gerechtigkeit auf, ja, du lächelſt, als lächelteſt du engelgleich und mild darüber, daß ich dich hinmorden ließ, ohne die Hand zu regen! Lächle nicht, Agnes! Dein Lächeln macht mich wahnſinnig, denn ich habe bis jetzt an Gott geglaubt,— und ſehe dich hier im Sarge. O, runzle lieber die Stirne, o, hebe die Hand, lege ſie an mein Herz, fordere mich auf, den Mord in ſeiner Höhle aufzuſu⸗ chen, die freche tempelſchänderiſche Gewalt auf ihrem üppigen Lotterbett; pfui, pfui über mich! Hier ſteh' ich, und mein Schwert iſt noch nicht roth, und deine blaſſen Wangen rufen noch Wehe über mich. Ach, nur dieſen einzigen Kuß ver⸗ gönne mir noch, nur dieſen einzigen, bis wir uns einſt wiederſehen.— Krieg! Krieg! Mord! — — 191— Blut! Tauſendfältig, tauſendfach heulend, him⸗ melſtürmend will ich's um mich haben, um die⸗ ſen Anblick— nicht zu vergeſſen, nicht zu be⸗ täuben deinen letzten Seufzer,— nein, wett zu ma⸗ chen, Agnes, dein Todesleid. Krieg rings um mich! Brand, Mord, Fehde, Verrätherei, Em⸗ pörung rings um mich! Der Vater hat ſich ge⸗ gen den Sohn empört. Blut iſt wider Blut zum Verräther geworden. Der Himmel hat der Erde die Treue gebrochen. Teufel haben einen Engel gemordet, und der Friede des Weltalls brennt in lichterlohen Flammen. Rache! Krieg! Rache! Leb wohl, Agnes! Rache! Rache!“ Nochmals bedeckte er die ſchöne Leiche mit Küſſen, und wollte nicht ablaſſen, bis der Todten⸗ gräber, ein kluger Mann, zu ihm herantrat, und ihm bedächtig treulich zuraunte:„Gnädiger Herr, das iſt kein gut und chriſtlich Treiben; Ihr macht der armen Frau damit nur das Herz ſchwer; glaubt mir's,— ſo was muß unſereins wiſſen.“ Da riß ſich Albrecht von dem Gewinnſt ſeines Lebens, von dem Erbtheil ſeiner Jugend und ſeines Himmels los, ſchwang ſich zu Roß, und ritt,— wer ſollte, wenn nur irgend im Glück, — 192—. ihm, den der Vater zum Bettler gemacht, zum Gaſtfreund werden? Elend beherbergt man nicht; — ritt nach kurzem Bedenken zu einem Manne, den das Glück auch längſt verlaſſen hatte,— zu Herrn Ludwig im Bart nach Neuburg. Herr Ludwig im Bart ſaß ſinnend in ſeiner Kammer, ein Brief aus Frankreich lag vor ihm. Er hatte ſeine Grafſchaft von dem Grafen von Armagnac, der ſie im Beſitz hielt, zurückgefor⸗ dert, und mußte, ſtatt wenigſtens dort zu ſeinem Recht zu gelangen, die Nachricht leſen, daß ſein Sohn, der Höckerige, hinter des Vaters Rücken gleichfalls in ſolcher Abſicht dahin geſchrieben hatte. Zugleich erſchütterten ihn andre Kunden aus Frankreich. Burgund und Frankreich hatten ſich endlich verſöhnt, und zu Arras Frieden geſchloſ⸗ ſen. Sieben Tage nach dieſem Frieden war zu Paris Ludwigs Schweſter, die friedeloſe Iſabelle, unköniglich, in halber Gefangenſchaft, von beiden Partheien gehaßt, beſchimpft und verflucht, ge⸗ ſtorben, nichts hinterlaſſend, als ihren gebrand⸗ markten Namen und das furchtbare Beiſpiel, wie viel Schuld, wie viel hunderttauſend Leben ein Weib, das einmal gefallen, auf ſich nehmen kann! — 193— Zu Waſſer wurde ihre Leiche nach Saint Denis gebracht, von Niemand begleitet, als von vier gedungenen Klageweibern. Es ward ihr an der Seite ihres unſeligen Gatten, den ſie im Leben geflohen und verrathen hatte, das Grab gemacht, und auf ihrem Denkſtein ſetzte man, zum ewigen Gedächtniß ihrer Schande, aus Marmor gehauen, eine Wölfin. Wie Grabesluft wehte es den al⸗ ten Herzog aus dieſen Kunden an. Alles Ver⸗ gangene ſtand ihm wie friſch und eben geſchehen vor der Seele. Er gedachte an den Morgen ſei⸗ nes Lebens, an die ſtolzen Hoffnungen, die ihm das Schickſal in Frankreich geboten; und jetzt ſaß er, ſtatt in Paris,— in Neuburg! und bitter fühlte er's ſelbſt, was einſt der Freiberger über ihn zu dem Buckel geſprochen, daß er ſelbſt trotz allem übertaumelnden Wollen die Schuld daran trage, daß das Glück, wie ein eitles Weib ſich furchtbar dafür räche, wenn wir ſeine Gunſtbe⸗ zeugungen im leichtſinnigen Uebermuth noch nicht für groß genug halten oder verſchmähen oder ſeine Gaben in ſtolzer Tändelei bloß durch die Finger gleiten laſſen. Es giebt kein Glück! Alle hunderttauſend Un⸗ III. 13 — 194— gefährs und Zufälle ſind nur die Aeſte, Zweige, Blätter, Blüthen und Früchte des einzigen Bau⸗ mes, der uns wie den Königen und Patriarchen auf uralten Bildern aus der eigenen Bruſt wächſt; wir tragen die Schuld, wenn ſich in allen Aeſten und Zweigen Kronen über unſer Haupt nieder⸗ neigen, wir tragen die Schuld, wenn ſie ſtatt mit Blüthen und Früchten mit giftigen Pfeilen belaubt ſind; wir wähnen: Herbſtſturm ſei es, der drein bläßt, bis ſie auf uns niederraßeln wie welkes Laub; aber es iſt blos der Hauch unſres eignen Mundes, es iſt blos unſer eigner Todes⸗ ſeufzer, ausgepreßt durch das Gewicht unſerer eigenen innerlichen Vergangenheit. 1 Herr Ludwig im Bart verwunderte ſich ge⸗ waltig, als die Thüre ſeines Gemachs aufgeriſſen ward und in voller Haſt der Sohn ſeines alten Feindes, des Münchner Fürſten, auf ihn zueilte, ſeine Hände umfaßte, und zu ihm ſprach:„Hier bin ich vor Euch, wendet Euer Auge nicht von mir, denkt nicht an alten Span und Haß; elend komm' ich zu Euch, betrogen und beſtohlen, Schutz, Freiſtatt und Gaſtfreundſchaft erflehend. Stoßt mich nicht von Euch! Laßt mich in Eurem — 195— Schloſſe mein Haupt niederlegen, das in meinem eignen Haus, an meines Vaters Herzen nicht mehr vor Mord ſicher iſt.“ Mißtrauiſch blickte der alte Herr ihn an, und erwiederte ihm bitter:„Was ſind das für Räthſel, Vetter? Ich verſtehe Euch nicht. Ihr ſeid gekränkt, und kommt zu mir, um Zuflucht zu finden? Eben zu mir? Eil führte Euch der Weg nicht über Ingolſtadt? Saht Ihr nicht den Panther dort gleißen mit ſeiner Flammen⸗ zunge? O, ich ſag Euch: nach Ingolſtadt müßt Ihr Euch wenden, wenn Ihr Euer Glück ma⸗ chen wollt. Recht und Schutz bei mir zu ſuchen?! Geht, geht! das iſt wohl am Ende einer von Eures Vaters Witzen.“ „Ja,“ verſetzte Albrecht bitter lachend,„'s iſt ein Witz, wenn auch ein mörderiſcher,'s iſt eine Faſtnachtspoſſe ohne gleichen, eine Ausge⸗ burt der fieberhaften Geckerei, denn wann hat ein Vater bei geſunder Vernunft gegen ſein eigen Fleiſch und Blut gewüthet? Ja,'s iſt nichts als eine wahnſinnige Mummerei, denn der Mord hat meines Vaters Antlitz als Larve vorgenom⸗ men, die Verräͤtherei geht im Ehrenkleide der 13 ²2 — 196— Gerechtigkeit, mit einem Fürſtenhut auf dem Haupt, und der Dolch ſelbſt ſucht ſtatt der Pur⸗ purſcheide das reinſte Herz auf Erden. Ja, Ihr habt recht,— Poſſen, Tanz, Hochzeitsfeier giebt's auf der Welt, und nur ich bin zuweilen ſo blöd, ſo thörigt, all dieß luſtige Weſen für Mord zu halten.“ „Hal was ſoll das bedeuten?“ fragte der alte Herzog aufmerkſam werdend. „Was es bedeuten ſoll?“ rief Albrecht,„pah, eine Kleinigkeit, alter Mann. Du mußt derglei⸗ chen ſchon im Leben geſehen haben, denn, wäre es neue Sitte, und mein Pater der erſte, der dieſe Mode aufbringt, dann, o dann——— fort, Wahnſinn, der mir in's Ohr flüſtert: Väͤ⸗ ter können auch morden, Fürſten können auch Henker ſein! O mein Weih! mein Weib! mein. Weib!“ Dem Alten ſchauderte es, er ahnte, wenn auch nicht den Zuſammenhang, doch, daß Entſetz⸗ liches geſchehen ſein müſſe. Er gedachte des eig⸗ nen Sohnes, gedachte der eignen Jugend, des Vaters, Caneta's, jenes Tanzes in München; Zorn und Mitleid bewegten abwechſelnd das alte — 197— Herz. Albrecht war auf einen Stuhl geſunken und preßte die Hände vor's Antlitz. „Was auch geſchehen ſei,“ ſprach Ludwig, nachdem er, Albrechts Schmerz achtend, lange geſchwiegen hatte,„Ihr ſeid zu mir als Gaſt gekommen; ich weiß jetzt nicht, daß Ihr bei Alling gegen mich die Sporen verdientet. Er⸗ mannet Euch! Schmelzt Euren Schmerz in Tha⸗ ten um. Ich bin ein alter Mann, den Niemand mag, ſelbſt jener Panther in Ingolſtadt gleißt mich an und weist mir höhnend, herausfordernd die Flammenzunge. Ich habe ſchier nichts mehr, als dies Neuburg, drin ich ſelber ſicher bin. Habt Ihr mein Wappen am Thor geſchaut? Es iſt hier ein Löwenzwinger mit zween Thurmen, das Thor offen, und draußen reiten Affen auf Steckenpferden, und recken die Arme, mir zum Schimpf und zum Spott. Aber aus den Zinnen heraus guckt noch der alte Löwe und weist ihnen die Mähne, den ſilberweißen Bart. So komm, du gehetzter junger Leu, komm zu dem alten Löwen in ſein feſtes Haus. Er hat einen Sohn ver⸗ loren, du einen Vater. Komm und lege dein Haupt unter meinem Dach nieder. Wenn ich — 198— dich anſchaue, ſo glaub' ich: in deinen Pulſen rinnt eines ächten Wittelsbachers Blut. Hier, faſſe meine Hand, die eines alten Mannes, der ſelber in Nöthen iſt; hier haſt du mich; ich bin dein Wirth und verlange keinen Dank je von dir, wenn du wieder zu Glück kommſt; ich habe auf Dank ver⸗ zichten gelernt. Aber ich hoffe: du wirſt mich einſt doch wenigſtens nicht verrathen; das trau' ich dir zu. Was begehrſt du von mir außer Obdach und Schutz?““ „Rache! Rache! Rache!“ rief Albrecht em⸗ porfahrend.„Rache für mein gemordetes Weib, Rache für ihre geſchmähte Ehre, Rache für das geſtohlne Glück, für die tempelſchänderiſch geraubte Hoffnung meines Lebens, Rache für Treu' und Tugend, die jetzt auf Erden nicht mehr ſicher iſt, Rache wider den Verrath an meiner Kindes⸗ pflicht, Rache gegen den Mörder, den ich einſt — Vater nannte!“ 3 „Ich habe dir Alles gelobt,“ entgegnete der alte Herzog, deſſen Stirne ſich finſter runzelte, „ich werde alſo auch dir halten, was ich gelobt habe. Aber ich wollte um deiner eigenen Selig⸗ keit willen, du hätteſt mir jene Worte nicht ge⸗ — 199— nannt.— Hol ich bin noch nicht ſo altersſchwach, daß ich dergleichen Warnungen aus Zaghaftigkeit oder Ohnmacht ſpräche; ich kann mich wohl noch Dreien gegenüberſtellen, die dreimal jünger ſind, als ich. Aber ich wollte doch, du hätteſt mich um dieß, eben in dieſer Sache nicht gebeten! O, glaube mir, dem Todfeinde deines Vaters, mir, der ich ihm in jeder Sekunde gern auf Leben und Tod gegenüber ſtünde, glaube mir: es iſt nicht gut, wenn Söhne gegen Vaͤter kämpfen. Nimm dir an mir kein Beiſpiel, und gewöhne dich bei Zeiten, Unrecht tragen zu lernen; für's Recht aushalten— kann nicht Jeder. Noch duldeſt du blos Unrecht; in der nächſten Se⸗ kunde, da du es rächen willſt, haſt du es viel⸗ leicht ſelber begangen. Albrecht! Albrecht! nimm dich vor einem Ding in Acht, das du nicht mit Händen greifen kannſt, und das doch deine Hand verdorren machen kann, denn dein Vater hat dich bis jetzt nur zum Tode verwundet, aber dir noch nicht— geflucht. Albrecht! Albrecht! du haſt mein Wort, und alſo mag mich treffen, was du vom Himmel auf uns Beide herabziehſt.— Ich habe dieß geſagt, wie ich's meine, jetzt handle, wie du kannſt; ich will dir in Allem helfen.“ — 200— Aber Albrecht hatte auf alle Reden und War⸗ nungen des alten Herzogs nur eine einzige Ant⸗ wort:„Rache!“ „Wollt Ihr's nicht anders,“ ſprach Ludwig, „ſo ſei es denn. Und ich weiß, daß Alles kommt, was kommen muß. Eine alberne Lehre, nicht wahr? Aber ſchon um ihrer Albernheit willen iſt ſie ſo wahr, denn wir finden auf Erden, daß das Wahre albern und nur das Alberne wahr iſt. Kommt, Albrecht, ich will Euch zu ein paar ehrlichen Leu⸗ ten führen;— gelt, das klingt ſonderbar? zu ehr⸗ lichen Leuten! Doch, im Ernſt, Einer von ihnen iſt's wenigſtens; dafür ſetz' ich mein Leben ein; denn es iſt der Stern meines Lebens, der Stern, unter deſſen freundlichen Schimmer ich einſtens ſterben werde.— Kommt mit mir zu meinem gu⸗ ten ſanften Wieland.“ Nach dieſen Worten faßte er ſeinen unglück⸗ lichen Vetter am Arme und führte ihn zu Wie⸗ land, den ſie bei ſeiner holden Gattin Amalie fanden. Der Anblick häuslichen Glückes wühlte in Albrecht's Bruſt Schmerz und Verzweiflung auf's Neue auf.„Hal! laßt mich,“ rief er, „Krieg, Blut, Brand ſehen, bis mein Auge er⸗ blindet,— nur Glück, nur Glück nicht!“ — 201— Vergebens war bei ihm aller Troſt des ſanf⸗ ten Wieland's und der holden Amalie; jeder zärt⸗ liche Liebesblick traf ihn wie ein Dolch. Der Her⸗ zog gab ihm Herrn Oswald Ottlinger, den alten treuen Dienſtmann zum Genoſſen, ſuchte ihn aber in ſeiner Rache noch hinzuhalten, damit der große Arzt, die Zeit, ſeine Wunden zu heilen vermöge. Doch der ungeſtüme Schmerz ließ ſich nicht bändigen. Albrecht mahnte den alten Herzog an ſein Verſprechen; da griff Ludwig in ſeinen Schatz, beſoldete Landsknechte und übergab ſie dem Fürſtenſohne. Sengend und brennend zog dieſer jetzt wie ein Würgengel durch ſeines Vaters Land, im blinden Zorne dem armen Volke entgelten laſſend, was der Vater aus fürſtlichem Vorurtheil grau⸗ ſam gefehlt. Hatte ohnehin in dieſem, wie im verfloſſenen Jahre, ſchlimme Witterung allen Se⸗ gen des Landes getödtet, ſo verheerten Albrechts Rotten noch den letzten Reſt früheren Wohlſtands. Der Schmerz iſt auf Erden der größte Egoiſt; er verlockt uns durch Demüthigung zu dem ſtol⸗ zen Wahne, das Wohl von Tauſenden wiege gegen ihn zu leicht; wir können's nicht begreifen, daß — 202— unſer einzelnes Elend nur ein Tropfen im Welt⸗ meer iſt. Es iſt ein ſcheußlich närriſches Troſt⸗ ſprüchlein: man könne Elend leichter tragen, wenn man wiſſe, daß Andere auch elend ſind. Pfui! daß wir ſelbſt im Elende nicht frei ſind, daß uns dieß elende Elend ſo tyranniſch hinjagt, auch An⸗ dere elend zu machen!—— Indeſſen belagerte des Landshuter Herzogs Heinrich neuer Kriegshauptmann, Herr Noth⸗ hafft, der ſich ſeinem Herrn dadurch gefällig er⸗ weiſen wollte, ohne allen andern Anlaß, als den, daß Ludwig einem ungerathnem Sohn Unterſchleif gewährt, des Ingolſtädters Stadt und Feſtung Dingolfing. Herzog Heinrich, immer froh, wenn er den alten Feind necken und ſchädigen konnte, benützte raſch die Gelegenheit weiter, verklagte allenthalben öffentlich Herrn Ludwig als Brand⸗ ſchürer zwiſchen Ernſt und Albrecht, und ließ bei Neuſtadt an der Donau zwei Schiffe Ludwig's wegnehmen und plündern, welche unter Albrecht's Geleit von Vohburg herabgefahren waren. 1 „Ha,“ rief Albrecht von Grimm entbrannt, als er die Kunde vernahm,„wollt ihr's meinem edlen Gaſtfreund ſchon entgelten laſſen, daß er ——— ſich des Rechtloſen angenommen? Rache! Rache! Agnes iſt die Loſung.“ So verband er ſich mit Herrn Johann von Oettingen und Johann von Abensberg, und zu ihm ſtieß auf des Freiberger's Rath,— gleisneriſch, um den Schein noch länger zu bewahren, als wollte er ſeinem Vater wohl,— der Graf von Graisbach. Der alte Ludwig ſchüttelte, als er von dieſem Bündniß hörte, bedenklich den Kopf, und Herr Oswald Ottlinger, der bei ihm zurückgeblieben, meinte, wohl nicht mit Unrecht, der Bucklige werde bei dieſer Gelegenheit auch Albrechts Herz, trotz Gaſtfreundſchaft und Dank⸗ barkeit, verlocken und für ſich gewinnen wollen. „Das mag ich nicht glauben,“ ſprach der Bär⸗ tige hinwieder;„von Albrecht wenigſtens glaub' ich nicht, daß er Treu' in Untreue wandeln könnte. Wohl ſteckt in jenem Buckel ein ganzes Neſt voll Ränke und Pfiffe; aber Ihr wittert ſtets noch mehr, als ich mir ſelber einbilden mag, Ottlinger! Ihr habt meinen Wieland erzogen, und habt ihn mir gut erzogen, was ich Euch danke; aber Ihr wähnt allenthalben gleich, daß Ludwig Euren Liebling beeinträchtigen wolle; ich wollt', ich hätte früherhin nicht auf Alles gehorcht, was mir zu — 204— des Buckels Mißgunſt hinterbracht ward; waͤr⸗ ich manchmal gegen ihn milder geweſen, er wäre vielleicht minder arg gerathen.“—„Und ſeine Klugheit,“ fügte Herr Ottlinger hinzu,„häaͤtte dann auch gewiß Euren treuen Sohn Wieland minder zu Ehren kommen laſſen. Ach, gnädiger Herr, es gilt, ſich noch immer vor dieſem ge⸗ fährlichen Trotzkopf zu hüten.“—„Ich will's meinen ſprach Ludwig;„ei, was Ihr klug ſeid, Herr Ottlinger, mir ſo trefflichen Rath zu ertheilen! Potz Treue! ich wäre ohne Euch gar nicht auf den Gedanken gekommen!““—„Gewiß, gnädiger Herr!“ fuhr der Ottlinger fort, wel⸗ cher, geſchmeichelt, des Herzogs Worte für baare Münze nahm, und ſeine Weisheit weiter aus⸗ kramte,„gewiß gilt es gerade dann gegen ihn beſonders auf der Hut zu ſein, wenn er ſich Euch freundlich und dienſtwillig zeigt.“—„Ich bitt⸗ Euch,“ verſetzte Ludwig,„habt Ihr vielleicht nicht noch mehr von dieſen ungemein niützlichen Lehren bei der Hand, damit ich ihrer ein Dutzend zuſammen bringe? Ein Dutzend iſt'ne ſchöne Zahl; ich gehe durchaus nicht ab, das Dutzend muß voll werden.“—„Ihr möget nun ſpotten — 295— oder nicht,“ meinte Ottlinger,„Ihr kommt doch auf meinen Rath zurück; Ihr ſeht mich freilich für ſo'ne Art von Amme an, und für den Fürſprecher des guten Wieland; und's iſt auch wahr, ich läugn' es nicht; ich hab' ihn lieb, wiemein eigen Kind. Was aber Euren Sohn Ludwig betrifft, ſo konntet Ihr wohl an der Lehre von Ulm genug haben, da Euch ſein Dienſt⸗ eifer zu ziemlich ungelegener Zeit kam.“—„Will mich denn Jedermann ärgern?“ rief der Alte, unwillig mit dem Fuße ſtampfend;„ſchweigt da⸗ von; darüber will ich nichts wieder hören.“ Mittlerweile hatten der Churfürſt von Bran⸗ denburg und der Pfalzgraf von Neumarkt zu Re⸗ gensburg vergeblich eine Ausſöhnung der ſtreiten⸗ den Parteien verſucht, und Herzog Ernſt beſen⸗ dete ſeinen allzeit zu Allem willigen Kammermeiſter, Herrn Paulus Arnſinger, an des Kaiſers Hof⸗ halt, um die an Agnes geübte That zu rechtfer⸗ tigen, und um zu gleicher Zeit den alten Fürſten von Ingolſtadt anzuklagen,„daß er Albrecht an ſich gelockt, zum Kriege wider den Vater gereizt und mit üblen Geſellen umgeben habe; er, Her⸗ zog Ernſt, fürchte, Ludwig werde den jungen — 206— Albrecht nicht eher von ſich laſſen, als bis ein groß' Unglück geſchehen ſei; der Kaiſer möchte Kraft ſeiner höchſten Gewalt dem Streite Ein⸗ halt thun, darum bitte er, als ein unglückſeliger Vater, der nach Recht und Geſetz nur deßhalb zum Aeußerſten geſchritten ſei, um von ſeinem Sohn die äußerſte Schande abzuwenden.“ Deſſen ungeachtet brannten Albrecht und ſeine Genoſſen Mangolding, Seegehoffen und Aufhauſ⸗ ſen nieder und wütheten fort, bis Albrecht's Kör⸗ per dem furchtbaren Schmerz und der immer⸗ waͤhrenden heftigen Aufregung erlag. Ein Fieber warf ihn nieder und veranlaßte einen Stillſtand bis Pfingſten.——— Als er um dieſe Zeit wieder genas, war die Blüthe ſeiner Kraft für immer gebrochen; eine träumeriſche Friedlichkeit, eine ſchwäch⸗ liche Nachgebung lag über ſein ganzes Weſen gebreitet. In dieſer Stimmung fand ihn ein Brief ſeines Vaters, der ihm ſeine aufrichtige Reue bekannte, ihn an den Tag von Alling er⸗ innerte, wo er ihn mit Gefahr des eignen Le⸗ bens gerettet habe, ihm gelobte, über dem Grabe der unglücklichen Agnes eine Kapelle zu bauen, — —— —.—— —- 207— ihm, wie in trauriger Vorahnung, geſtand, daß er nicht mehr lange zu leben hoffe und ihn be⸗ ſchwor, den Vater nicht mit einem Fluch des Sohnes belaſtet hinüber gehen zu laſſen.— Solchen Bitten vermochte Albrecht, dem das Leben ganz farblos geworden war, nicht zu widerſtehen. Er eilte in die Arme des Vaters zurück und ließ gleichgültig und willenlos Alles über ſich ergehen, was dieſer verhängte. Gedankenlos, wie blödſinnig, gab er endlich ſogar ſeine Einwilligung zur Ver⸗ mählung mit Anna von Braunſchweig.— Seine Bundesgenoſſen ſollten am dritten Juni zu Eichſtätt zuſammen treten, um ſich gleichfalls zu verſöhnen. Als aber Herr Ludwig im Bart in die Stadt ritt, ſtellte auf die heimliche Ver⸗ abredung ſeiner Gegner,(namentlich des Chur⸗ fürſten) welche ſtatt in Eichſtätt— in Regensburg ſich verſammelten,— die Geiſtlichkeit allen Got⸗ tesdienſt und das Geläute ein und verkündigte gegen ihn auf's Neue den Bann, nicht beachtend, daß Ludwig ſich bereits im vorigen Jahre davon gelöst hatte. Gedemüthigt und voll Aerger mußte er denn haſtig die Stadt verlaſſen. Aber an demſelben Tage leiſteten zu Regensburg der Churfürſt Fried⸗ 8 — 808— rich, der Pfalzgraf Johann und Herzog Heinrich von Landshut einander einen körperlichen Eid, gegen Herzog Ludwig eine Jagd anzuſtellen, ihn zu fangen, wo ſie ihn träfen, in Stadt oder Burg, und, entkäme er ihnen, wiederholt ſo lange auf ihn zu fahnden, bis dem Scorpion ſein Stachel genommen wäre. Schon im voraus theilten ſie alle Eroberung und Beute, die ſie von ihm zu gewinnen hofften. Wohl mahnten zu Regensburg die Geſandten des Basler Concils, der Biſchof Johann von Lübeck und der hochberühmte fromme und gelehrte Probſt von Münſter⸗Mayenfeld, Nikolaus Cu⸗ ſanus, die Waffen nieder zu legen und keinen neuen Vürgerkrieg zu erwecken. Nur zum Scheine und nur auf die Gegenwart unterwarfen ſich Lud⸗ wig's unerſättliche Feinde dieſem Spruch; aber ſie lauerten!— Als Ludwig heimgekommen war, überraſchte ihn Herr Ottlinger mit der Nachricht, daß der Graf von Graisbach mit der Tochter des Bran⸗ denburgers verlobt ſei. — 209— Liebes⸗Raſerei. Wir ſind die Narren der Zeit. Dieſem Nichts gehorchen wir, dieſes Nichts gleicht Könige und Bettler aus, dieſes Nichts ſaugt unſere ganze Kraft aus; gegen dieſes Nichts knirſchen wir, und dieſes Nichts behält doch ſeine Gewalt. Es zerſchlägt Kronen wie Eier, es zerbricht Scepter, wie der Richter den Stab; es überſchwemmt Alles, es verſengt Alles, es erſtickt Alles. Was iſt es am Ende, als der Dunſt unſeres berauſch⸗ ten Verſtandes, die Sefe unſerer Phantaſie, der Abſcheu unſerer Vernunft? Wir begreifen ſelbſt gar nicht, daß es ein Nichts geben könne. Denn, indem wir uns bemühen, das Daſein eines Nichts uns möglich zu denken, donnern wir im Wider⸗ ſpruch der Worte die Lüge des Gedankens, dem ein Sein anweiſend, was wir als Nichtſein be⸗ weiſen wollen. Das bleibt die ewige Thorheit unſerer Weisheit, der ewige Teufel in unſerem Himmel, das iſt die ewige Verrätherei unſeres III. 14 — 210— ſogenannten beſten Freundes, des Ich, daß wir das anerkennen, was wir verlachen, das läugnen, was wir wiſſen, uns dem unterwerfen müſſen, was wir als Nichts erkennen, was wir als Geißel fühlen. Was können zwei Jahre verändern! Ein Kaiſer ſtirbt, welcher eben ſo gut hätte ungebo⸗ ren bleiben können. Die Rache eines halbwahn⸗ ſinnigen Liebenden wird zum Lammsgehorſam unter dem Willen eines gefallſüchtigen ſtolzen Weibes; jener Albrecht, der am Grabe ſeiner Agnes ſtand, und den Himmel läugnete, weil dieſer den Mord nicht aufgehalten, es iſt derſelbe Albrecht, der jetzt nach dem Tode ſeines Vaters Ernſt, träumelnd im Herzogſchloſſe zu München ſitzt, und ſich freut, wenn der bucklige Ludwig, der Bräutigam der Brandenburg'ſchen Margaretha, der eitlen Anna von Braunſchweig Kleinodien aus dem franzöſiſchen Schatze zum Geſchenke darbietet, derſelbe Albrecht, der einſt in Neuburg bei dem Bärtigen um Freiſtatt und Gaſtfreundſchaft ge⸗ bettelt, verkehrt jetzt bei ausgewaſchnem Gedächtniß mit deſſen ungerathnen Sohn und läßt ſeine ent⸗ mannten Gedanken von wollüſtigen Lautenklängen 3— 211— ſchaukeln und jagen, während der Bucklige die eitle Fürſtin mit witzigen Schmeichelreden beſticht, und für ſeine Parthei gewinnt; derſelbe Al⸗ brecht wendet in der Folge, willenlos von den Launen ſeiner Gattin abhängend, Macht und Geld dem Buckligen zu.— Herr Heinrich von Landshut war alt gewor⸗ den, milder und edler— wahrhaftig nicht. Sein Herz war zuſammengeſchrumpft, wie ein leerer Geldbeutel, er hatte an nichts mehr Freude, als wenn er vor ſeinen Schatztruhen ſaß und rech⸗ nete, und das ſchöne Gold durch die Finger rollen ließ, und jede Tournoſe, jeden römiſchen und un⸗ gariſchen Gulden zehnmal beäugelte, oder, wenn er, von ſeinem Jägermeiſter, ſeinen Hirſch⸗, Bären⸗ und Wolfsjägern, ſeinen Windhetzern und Bürſern, ſeinen Falkenieren, Blaufüßern, Habichtern, Verlegern und Voglern, und ſeiner Meute begleitet, die Forſte durchhetzte, wohl auch den dranſtoßenden Acker irgend eines Freiſaßen oder Kaſtenknechts nicht beachtend. Das Volk, über zwei Landplagen— das Wild und die Ju⸗ den,— beide des Herzogs Günſtlinge, murrend, ergoß ſich gar zu gerne in Spottreden, da es zu — 212— feig war, den Grimm durch Thaten zu zeigen. Der Herzog trug lange und ziemlich weite Aermel am Rock, wie es die Mode damals vorſchrieb. Kam er damit auf die Straße, ſo lachte Alt und Jung, und redete ihm nach, er gehe herum wie ein Pächter oder ein Lombarde. Die Nähe von Guten verſetzte dem alten Filz den Athem. So ſelten er ſeinen Sohn Ludwig ſah, ſo raſch bannte er dieſen wieder für lange Zeit von ſei⸗ nem Antlitz hinweg. In dem Sohne aber ſchien nicht ein Tropfe vom Blute ſeines mißgearteten Vaters zu rinnen; er hatte durch ſeine öſterreichiſche Mutter habs⸗ burgiſche Tugend geerbt, und verband ſie in der Folge, als er zur Regierung kam, mit dem alten wittelsbachiſchen Hochſinn. Nie murrte er über des Vaters grundloſe Härte; als ihm, dem der Vater, wie einem Gefangenen, Stadt und Schloß Burghauſen zum Exil angewieſen hatte, gerathen ward, dem Vater trotzig und mannlich abzufor⸗ dern, was ihm der karge Filz verweigere, ſprach er als guter Sohn:„Es iſt wahr, er hält mich etwas knapp an Geld und Gut, ich habe oft kaum ehrliches Gewand, und es fällt mir ſchwer, — 213— mein Rößlein zu erhalten; aber es iſt mein Va⸗ ter, und er mag thun, was ihm gut dünkt; nicht mit einem Blick meines Auges möchte ich ihm wehe thun.“— Was den jungen Ludwig von Landshut mitten in Kränkungen und Ent⸗ behrungen ſo rein und edel erhielt, war des Him⸗ mels ſchöne heilige Gabe, Liebesglück. Nur ſelten gelang es ihm, in ſchnellen Tagreiſen an dieſen oder jenen näheren Hofhalt zu reiten, wo der Churfürſt von Sachſen ſeine Tochter mitgebracht hatte; dann galt ihm aber auch ein ſelig ver⸗ lebter Tag als köſtlicher Erſatz für viele freudlos verlebte Wochen und Monate. Er wurde ja wieder geliebt, ſo rein, ſo zart, ſo edel, als er ſelbſt liebte; und über den Häuptern der Lie⸗ benden ſtrahlte die Zukunft als heiterer Stern. Noch immer ſeit zwei Jahren hielt der alte Ludwig im Bart die Vermählung ſeines Sohnes mit der Tochter ſeines alten Feindes, des Bran⸗ denburgers, für ein Hirngeſpinſt, für unmöglich. Niemand durfte ihm davon reden, ohne zu be⸗ fahren, daß der Greis das Vollmaß jugendlichen Zorns ergoß.„Nein,'s iſt nicht wahr! nein!“ rief er ſtets, ſo oft davon zufällig die Rede kam, — 214— „er meidet mich, ſagt ihr? Nun ja! wahr iſt's, der Buckel meidet mich, weil ich ihn meide; ich büße meine Härte gerecht. Aber daß er mir dieß anthun könnte,— ha, dafür halt' ich ſeine Mutter im Grabe, ſo wenig ich ſie geliebt, für zu treu; er iſt ja mein Fleiſch und Blut; er möchte ſich lieber mit des Teufels Großmutter verheirathen, ohne mir Schande und Kränkung anzuthun, als mit dieſer neuen Gretel, deren Vater mich auf dem Gewiſſen hat!“— Nicht einmal der ge⸗ liebte Wieland durfte ihm davon ſprechen. Und doch ſann der Alte darüber Tagelang, Wochenlang, in ſeinem feſten Schloß zu Neuburg,— von ſeinem Herzen getrieben, dem ungerathenen Sohne alle Unbill, die dieſer je gegen ihn begangen hatte, zu verzeihen,— von ſeinem Stolz zurück gehalten, zuerſt die Hand zur Verſöhnung zu bieten. Am Allerheiligenabend des Jahres 1438 war zu Ingolſtadt, wo der Graf von Graisbach, der damals vierunddreißig Jahre zählte, Hof hielt, luſtiges Leben die Hülle und Fülle, und eine Un⸗ zahl Gäſte verſammelt, denn er hielt ſein fürſt⸗ liches Beilager mit Margarethe von Branden⸗ burg! Keinerlei Luſtbarkeit fehlte bei der herrlich — 215— ausgerichteten Hochzeit. Hohe Gäſte waren ge⸗ laden, und nach dem ausgeſuchten Hochzeits⸗ ſchmauſe ſpielten Muſiker liebliche Weiſen, und Alt und Jung ſchwang ſich im Tanze. Zuerſt begann dieſen der Bräutigam ſelbſt mit der Braut; dann löſte ihn von dieſer ſüßen Pflicht der alte Herr Konrad von Freiberg ab, der heute den ſchönſten Ehrentag ſeines Lebens feierte, denn endlich vollendet ſah er das Luſtwerk ſeines gan⸗ zen Lebens, und ſchwelgte, während er die alten Beine zum Ehrentänzlein abmühte, triumphirend in dem Gedanken, daß der Alte in Ingolſtadt jetzt den Sohn und ſich ſelber verfluche. Nur in dem Herzen der Braut war, ſeit ſie des Grafen von Graisbach geworden, ein ſeltſamer Wechſel vorgegangen. Sie hatte, als ſie, vom Vater begleitet, nach Ingolſtadt ge⸗ kommen war, den Hofmeiſter von Waldenfels wieder geſehen, und bebte vor deſſen Anblick Herr Gott im Himmel! wie bleich und hager war er geworden, ſeit er von ihr geſchieden, ſie traute ihren Augen kaum; und doch war es der äalte Adel ſeiner Züge, doch ſtrahlte noch der Reſt ſeiner männlichen Schönheit, ſelbſt im — 216— Ruin Göttergleich— gegen dieſen Ludwig! Es graute ihr vor dem Buckligen. An eine Mißge⸗ ſtalt gekettet zu ſein, an ein Weſen, mit deſſen Beſchreibung die Ammen die Kinder ſchrecken konnten,— und dagegen jener liebeflammende Blick des Waldenfels, der ſein ganzes Weſen wieder verklärte, jener Blick, der ſie, einſt ſtolze Herrin, jetzt ſeine Sklavin, noch immer fragend, hoffend, anbetend traf! Sie mochte ringen, wie ſie wollte,— es ſchien ihr unbe⸗ greiflich, daß ſie jemals, wenn auch im Taumel, dieſem Ludwig Herz und Hand verſchenkt; ſie fühlte ſich darüber empört, wie über eine unge⸗ heure Tyrannei, als hätte man ihr im Schlafe Feſſeln angelegt, als verſuchte ſie jetzt, erwa⸗ chend, fruchtlos dieſelben abzuſchütteln. Nein, dieſen Ludwig hatte ſie nie geliebt; dieſer Lud⸗ wig war ihr wie zur Höllenſtrafe für irgend ein unbekanntes Verbrechen aufgedrungen; je öfter ſie ihm in's Auge blicken mußte, je tiefer haßte ſie ihn, als den Dämon, der feindſelig zwiſchen ſie und ihr Glück getreten war. Und je öfter ſie ihn anſah, deſto gewaltiger wurde ſie zu Wal⸗ denfels hingezogen, mußte dieſen, konnte keinen 4 — 2417— andern anblicken. Nicht gering trug dazu bei, daß Ludwig, der ſeine junge Gattin nicht höher achtete, als alle andern Frauen, ſie ſchon bei'm Hochzeitstanze durch keine beſondere Aufmerkſam⸗ keit auszeichnete, ſondern im Gegentheile, von beiſſenden Witzen ſprudelnd, die Braut mied, und bald mit dieſer bald mit jener Dame ſich angelegentlich unterhielt, an alle andern ſüßere Worte verſchwendend, als eben an Margaretha. Ihm zur Seite wandelte immer getreu der alte Freiberger, genannt der Fiedelbogen, und reizte des Bräutigams zuweilen erkaltenden Witz und verſiegendes Behagen durch Stachelreden gegen den Vater, der jetzt wohl gewiß nicht tanze und ſpringe, während der Sohn die Freude im vollen Maße und der Zukunft ſüße Triumphahnung ge⸗ nieße.„Hm!“ flüſterte er dem Bräutigam jetzt zu;„Euer Vater tröſtet ſich wohl in dieſem Augenblick durch den Gedanken, daß Ihr näch⸗ ſtens bei ihm zu Kreuze kriechen werdet.“— „Ja, meinthalb!“ erwiederte Ludwig leichthin; „er mag ſich ſo lange freuen, bis ich meiner Mutter Erbtheil verlange.“— Und dann flatterte er wieder, als wäre er der unwiderſtehliche Adonis — 218— aller Frauen, zu einer andern Dame, und flüſterte ihr in's Ohr:„Wehe mir, daß man mich beneidet— um einen Beſitz, der mich nicht beneidenswerth macht. Für einen einzi⸗ gen Minneblick aus Euren Augen ſchlüge ich alle meine Hoffnungen los.“ Und zur nächſten: „Fräulein, Fräulein! Wollt Ihr mich bis an's Grab elend machen? Ach, warum hat der Him⸗ mel meiner Braut nicht die Zartheit Eures Antlitzes, die Seligkeit Eures Lächelns, Eure Sternenaugen, Euren Schwanenhals gegeben? Ich fürchte, ich fürchte: ich habe einſt irgend einen Frevel begangen, der mir dadurch geſtraft wird, daß Ihr nicht— Margaretha von Bran⸗ denburg heißt.“ und zur dritten:„Nein, Ihr dürft mir den Tanz nicht verſagen; wollt Ihr, daß ich ſterben ſoll, ohne gelebt zu haben? Ihr weiſet mich auf meine Braut? O, ſo weiſet mich auch gleich an die Möglichkeit, ſtatt an die Wirklichkeit, an die Ahnung der Schönheit, ſtatt an die Schönheit ſelbſt. Wehe mir, daß ich verdammt bin, mir von Euren Lippen keinen Kuß erbetteln zu dürfen! Ach, Fluch über den Augenblick, der mir ſtatt Euch jene Margarethe — 6— 219— zuerſt vorführte. Nein, nein, Ihr dürft mir, da mir Euer Herz verwehrt iſt, doch wenigſtens den Tanz nicht verſagen; und das könnt Ihr nicht, ſo wahr Ihr der Stern dieſes Abends ſeid.“ Während der edle Braͤutigam, auf ſolche Weiſe mit den Frauen ſcherzend, die Neu⸗ vermählte vergaß, hatte ſich dieſe gekränkt und von tauſend Gefühlen durchſtürmt, in ein Sei⸗ tengemach zurückgezogen. Sie verwünſchte den Augenblick, in welchem Ludwig zuerſt um ihre Hand hatte anhalten laſ⸗ ſen, und doch, wer war damals als Freiwer⸗ ber zu ihr gekommen? Derſelbe Waldenfels, den ſie im grauſamen Spiel der Eitelkeit beherrſchte, bald feſſelte, bald abſtieß, derſelbe Waldenfels, zu deſſen Füßen ſie jetzt hätte hinſinken mögen; ſie verwünſchte ihn, ſie betete ihn an, ſie hätte gern gehabt, ihn nie geſehn zu haben; ſie war überzeugt, ohne ſeinen Anblick nicht leben zu können; ſie ſehnte ſich, wieder frei zu ſein, um dann ſeine Feſſeln tragen zu können, und doch, wäre ſie wieder frei geweſen, ſo hätte auf's neue weiblicher Stolz ſie zurück gehalten, auf⸗ richtig zu bekennen, was ſie fühlte; ſo dachte ſie — 220— wenigſtens.— Da ſtand Waldenfels vor ihr. Sie fühlte den Druck ſeiner fieberglühenden Hand; ſie duldete ihn; ohne zu wiſſen was ſie that, erwiederte ſie ihn. Er ſank vor ihr auf's Knie und flüſterte:„Höret Ein Wort, ein einziges, hohe Gebieterin!— O Gott, Margaretha, Ihr dürfet mich nicht lieben, hm,— ſchon vor allem aus dem einfachen Grunde, weil Ihr mich nicht lieben wollt. Gegenliebe könnt Ihr ver⸗ wehren,— meine Liebe ſelber nicht tödten!“ „Raſender! Fort! Was wagt Ihr? Laſſet meine Hand los! Ha, wenn mein Gatte mich ver⸗ mißt? Ich beſchwöre Euch, wenn Ihr mich wahrhaft liebt, ſo verlaßt mich.“ „Ja ich liebe Euch, noch immer aus der tiefſten Hölle meiner Bruſt herauf, mit allen ihren ewigen Flammen, mit aller ihrer endloſen Qual, mit dem Grimm des Teufels, der aus dem Himmel in den Abgrund geſchleudert ward, lieb' ich Euch noch. Ihr ſeid für mich verlo⸗ ren, das will ſagen: Ich bin verloren, ich habe keinen Willen mehr, denn ich habe keine Hoffnung mehr, ich bin nichts, ich mag nichtz ſein als Euer Leibeigener„ich will für Euch — 221— dienen, beten, fluchen, meinen Bruder morden, meinen Todfeind küſſen, ſo wie ich Euch's aus den Augen abſehen kann; vor Euren ſeltſamſten Launen will ich knieen, Eure verwegenſten Träume will ich verwirklichen, Euren Abſcheu will ich als Gott anbeten, Euren Haß mit Wonne in mein Herz verſchließen, ſobald Ihr mir nur ſagt, daß Ihr mich haſſet, ſobald ich wenigſtens dadurch nur Eure Stimme, die bezaubernde, mit dürſtender Seele trinken kann. Laßt mich Euven Schatten ſein, Sonne! nur gönnt der gleichgülti⸗ gen Luft, welche von Einem zum Andern eilt, nicht mehr Recht auf Eure Schönheit, als mir! So bin ich, ſo bleib ich, ſo laßt mich ſein.“ „Macht mich nicht wahnſinnig! Fort, fort! Sonſt wird die Lippe treulos, und macht das Wort, das ich heut am Altare ſprach, zum Meineid.“ „Was iſt Eid? Was iſt Meineid? Was iſt Himmel? Was iſt Hölle? Bin ich jetzt in die Hölle verdammt, ſo herrſch' ich drin als Gott, und tauſche die Quaal nicht mit dem Himmel. Der Abgrund wird zum Paradies. Halleluja — 222— jauchzt und donnert es durch alle Räume des Weltalls.“ „Fort! Fort! Man vermißt uns.“— „Und Ihr ſtoßt mich nicht von Euch?“ „Wer ſagt Euch das?— Nur fort!“— „Und Ihr liebt dieſen Ludwig—— nicht?“ „Schweigt, ſihwrigt, um Gotteswillen, ſtill! verlaßt mich.“— „Und Ihr gönnt mir Hoffnung, Euch noch einmal zu ſehen, zu ſprechen?“ „Fort mit Euch! Ihr macht mich wahnſinnig.“ „Ich bin's— vor Wonne.“ Sie entriß ihm die Hand und eilte in den Tanzſaal zurück. Er ſchlüpfte durch eine verbor⸗ gene Thüre in andere Gemächer und verließ das Schloß. Des Vaters Groll. „Ich will vor dem Papſt einen Fußfall thun, daß er ſein Heiligenregiſter vermehre und der neuen Gretel ein Plätzchen drinnen einräume; er ſoll ihr, mit Ausnahme der Schaltjahre, den neun und zwanzigſten Februar zum Feſttage an⸗ weiſen,“ rief der alte Ludwig im Kreiſe der Seinen, als er die Kunde von der vollzogenen Hochzeit erhalten hatte;—„ſie ſoll eine neue Schutzpatronin für ungerathene Söhne werden, und übermüthige Väter ſollen zu ihr wallfahrten, wenn ſie's nach einer Geißel gelüſtet. Die neue Gretel! Wer ſagt mir doch, ob mir einſt vor dreißig und ſo viel Jahren in Frankreich ein Sohn geboren ward? Brauet mir ein Mohn⸗ tränklein!— Tauſend Mark Silber und meinen Fürſtenhut dazu, für den, der mir die Vergeſſen⸗ heitswurzel ausgräbt, ha, dem böt' ich alle Freuden meines Lebens dafür als Preis, ſo lachte mich jeder Marktſchreier aus.“ — 224— „Mäͤßigt Euch, mein geliebter Vater,“ ſprach der ſanfte Wieland,„ach gebt dem Zorn nicht ſelbſt das Meſſer gegen Euch in die Hand.“ „Sie haben mir das Meſſer in's Herz ge⸗ ſtoßen,“ erwiederte der Alte grimmig lachend, „und meiner Treu, ich will zu ihnen hingehen und ſie um Verzeihunng bitten, daß ich nicht früher geſtorben bin.“ „Blicket auf Euren treuen Sohn,“ ſprach Herr Ottlinger,„findet in ihm Erſatz, laſſet ihn nicht entgelten, was jener ungerathene an Euch verbrochen hat.“ „Ihr ſeid zu hart gegen meinen Bruder;“ fuhr Wieland fort,„ob er auch ſchwer gegen Euch fehlte, ſo müſſet Ihr doch die größere Hälfte ſeiner Schuld dem Schickſal ſelbſt zurech⸗ nen, welches die Herzen zuſammen führt; ach mein Vater, Liebe machte ihn blind gegen Euch.“ „Liebe?“ entgegnete ihm der Alte, die Hände hinterm Rücken verkreutzt;„ſage mir, Wieland, welche Amme hat dir von der Braut⸗ fahrt und dem Liebesgirren des Krokodils erzählt? Glaub's nicht, und hörteſt du ſelbſt es winſeln; ſeine Schäferſtunde iſt der Mord. Freilich! frei⸗ = 225— lich! Auch der Tieger hält Hochzeit und ſucht ſich kein Lamm zur Braut, nein, eine ſtattliche Tiegerin, aber nicht aus Liebe, es müßte denn ſein, daß man Haß:— Liebe nennt,— und das iſt jetzt gar wohl möglich, denn die Welt iſt verkehrt, Schönheit wird nach Buckeln gemeſſen, Kindespflicht nach Dolcheslänge, Kronen wiegt man mit Schwertern auf, und das einzige Recht heißt: Gewalt. Schreibt mir einen Bettelbrief, ich will einen Sack umhängen, mir einen Kno⸗ tenſtock abſchneiden und baarfuß und baarhäuptig zu meinem Sohn terminiren gehen; Gott! für ein paar Maulwurfsaugen gäbe ich den ganzen Schatz in meinem Thurm zu Ingolſtadt.— Gönnt mir Urlaub, ich will terminiren gehen. Ich will demüthig anklopfen, und wenn mich Judas, der Kettenhund, einläßt, werde ich vor der gan⸗ zen ſtattlichen Verſammlung geſenkten Hauptes die Runde machen und Jeden um den Broſam und Abfall ſeines Haſſes bitten und davon in meinen Sack ſchieben, was ich kann, und, iſt der Sack zu klein, in mein Herz auch noch; denn mit ihrem Haß geh'n ſie alle verſchwenderiſch um, ſelbſt jener Filz von Landshut.“”“ III. 15 geweſen,— und, hätte er dich auch je herzinnig — 226— „Gerechter Gott, mein Vater, kommt zu Euch,“ unterbrach ihn Wieland beſorgt, „hängt dieſen Bildern nicht nach; ihr macht Euch und uns elend.“ „Du irrſt dich im Ausdruck,“ verſetzte der Alte,„wir ſind ſchon elend, und ſind's durch ihn. Heilige Margaretha bitt' für uns! Das ſoll fortan mein Pfeilgebetlein ſein.— G'rade dieſe, dieſe, von der er wußte, wie ich ſie haſſe! Grade deßwegen, weil er's wußte! Laßt es ausſchreiben durch alle meine Lande als neue Satzung und fügt zu den zehn Geboten im Catechismus das eilfte hinzu: du ſollſt dich mit deines Vaters Todfeinden verſchwägern;— oder, wenn es durchaus bei der runden Zahl der Ge⸗ bote bleiben ſoll, ſo ſtreicht das vierte aus und flickt das neue dafür hinein.— Doch bin ich nicht ein Thor, daß ich ſo eifere?— Ihr ſteht ſtumm vor mir, aber Eure Blicke klagen mich an, daß ich Jenem das Leben gab, und Gut und Macht, und Gewalt in die Hand, Euch alle zu verderben, auch dich, mein Wieland, eben dich; hal du biſt ihm längſt ein Stein im Wege — 227— geliebt, er würde dich jetzt haſſen, blos um mir weh zu thun; mach dich gefaßt, daß er mit ſeiner neuen Gretel dich morgen beſucht, ſeiner Liebe verſichert und recht herzlich bittet, ihm deinen letzten Pfennig zu geben.— Doch ſo weit ſoll's nicht kommen; mindeſtens will ich ihm zu⸗ vorkommen, und ihm zeigen, daß ich, ſo lang ich lebe, ein freier Mann bin, daß der Wille, dem er ſo frech trotzt, von Eiſen iſt. Wo iſt mein Geheimſchreiber, der Gertzinger? Ruft ihn herbei, augenblicklich!“ „Ums Himmels willen? Was habt Ihr vor?“ beſtürmten ihn jetzt zu gleicher Zeit der Ottlinger, Wieland und deſſen Gattin, welche bis jetzt bangaufathmend geſchwiegen. „Der Gertzinger ſoll kommen!“ wiederholte Ludwig, durch die Zögerung und die Fragen ge⸗ reizt;„wie? finde ich auch hier ſchon Ungehor⸗ ſam? Wähnt Ihr: einer auf Erden könne auf⸗ halten, was ich mir einmal vorgeſetzt? Ich be⸗ ſchwöre Eure beſorgte Liebe, daß ſie mich nicht eben ſo zu ihrem Narren mache, wie dort der Haß es ſchon gethan.“ Als Wieland und Ottlinger ſahen, daß es 15* — 228— mißlich ſei, dem erbitterten Greiſe jetzt zu wi⸗ derrathen, ging der Letztere und holte den Ge⸗ heimſchreiber. „Schreibt,“ herrſchte ihm Ludwig zu,„was ich ſagen werde.—„„Im Namen des dreieinigen Gottes beſtell' ich, Ludwig, Herzog von Ingol⸗ ſtadt und Graf von Mortain, in dieſem Brief mmeinen letzten Willen. Und das iſt mein Will', daß, wenn ich geſtorben ſein werde, all mein liegendes und fahrendes Gut von Rechtswegen zufalle meinem geliebten und treuen Sohne Wie⸗ land, genannt von Freiberg, und iſt ferner mein Will', daß Niemand den Grafen von Graisbach meinen Sohn nenne, oder als Fürſten je aner⸗ kenne, denn ich erklär's hiemit offen zu Jeder⸗ manns Wiſſen, daß er unrecht, falſch, treulos, undankbar und ungehorſam gegen mich gehandelt, aller meiner väterlichen Huld zum Trotz und meinem väterlichen Willen meuteriſch entgegen. und fordre auf, Jedermann, der dies liest, oder leſen hört, ihm Huldigung zu verweigern, ihm, ſeinem Weib und ſeiner ganzen Schwäger⸗ ſchaft,—— ⸗ „Um des Heilands willen,“ unterbrach ihn — 229— Wieland, ſeine Kniee umfaſſend,„haltet ein, treibt den Unglücklichen durch Euern Zorn nicht zum Aeußerſten.“ „Schweig!“ entgegner der zürnende Vater. „Kein Wort mehr für ihn, ſonſt muß ich glau⸗ ben, daß er mir auch dich noch raubte.“ „Bedenkt doch, mein gnädiger Herr,“ ſprach Ottlinger unerſchrocken,„Eure Feinde werden dieſe Schrift zu Eurem Verderben gebrauchen, der neue römiſche König Albrecht von Oeſter⸗ reich iſt Herrn Heinrichs Schwager; Ihr wer⸗ det noch die Demüthigung erleben müſſen,—“ „Wenn ich geſtorben bin? nicht wahr, dann, meint Ihr, werd' ich die Demüthigung erleben müſſen, daß man meinen letzten Willen umſtößt? Herr, Ihr ſeid wahrhaftig klüger als ich! Gott! Eure Weisheit macht mich ſchwindeln.— Ger⸗ tzinger, ſchreibt ſtatt: letzten Willen,— feſten Willen; denn ich denke ihn zu zeigen und, allen zum Trotz, noch lange zu leben.— Und wagen ſie ſich dran, auch dieſen Brief umzuſtoßen,— ol ſie haben ſchon Aergeres gewagt!— ſo will ich ihnen doch wenigſtens bei Lebzeiten keinen Pfen⸗ nig laſſen, denn, ſeit mir der Buckel durch die — 230— neue Gretel in dieſe Landshutiſche Geſippſchaft gera⸗ then, wird bald auch ſein Götze das goldne Kalb ſein. — Schreibt, Gertzinger,— zuerſt alle die For⸗ meln von Stiftungsbriefen,— ha, potz Treue, die neue Schwägerſchaft vom Greifenorden ſoll ſich verwundern, wenn ſie nach meinem Tode meine Schätze ſucht. Nicht einen Deut ſollen ſie haben.— Zuerſt ſtifte ich ſechszehn Saͤnger, die mir, wenn ich todt bin, alltäglich ſechs Stunden lang über dem Grabe ſingen ſollen, — dann für ſechszehn Brüder und zwei Schwe⸗ ſtern zu ewigem Gebet, ſchreibt mir: ſieben und neunzig tauſend Gulden,— Tau⸗ ſend Arme ſollen in meinem Hof täglich geſpeist werden. Der Reſt meines baaren Schatzes und der Kleinodien ſei zu gleichen Häͤlften vertheilt an meinen Wieland, ſeine Gattin und künftigen Leibeserben und an den Dom Unſerer lieben Frau zu Ingolſtadt.— Der Hauptmann Michel Riederer und die zween Marſchälle von Pappenheim und Ihr, Herr Ottlinger, reitet mit gutem Kriegsvolk nach Ingolſtadt und bringt mir, was noch im Thurme liegt. Wer mir ein neues Mittel erſinnen kann, zu verſchwenden, was ich noch habe, dem will — 231— ich ſeinen Witz fürſtlich lohnen: denn ich weiß, die neue Gretel und ihr Vater, und der Lands⸗ huter, und der Buckel mit allen zuſammen werden nicht raſten, bis ſie mir durch Ränke und Kniffe abgejagt haben, was ich gewonnen; aber ich wollte den ganzen Schatz lieber in die Donau werfen, als ich allen zuſammen nur ein Schauſtück gönne.“ „Ich wollte, er läge im Meeresgrund, die⸗ ſer unſelige Schatz aus Frankreich,“ ſprach Ottlinger ernſt vor ſich hin,„es iſt, als klebte ein Fluch dran, wie am Niebelungenhort.“ „Vielleicht habt Ihr Recht,“ verſetzte ihm Ludwig, der die Worte gehört,„denn er ſtammt größtentheils von meiner Schweſter Iſabella, welcher ihr Heiland gnädig ſei!“ Hierauf befahl er dem Gertzinger, von der Willenserklärung mehrere Abſchriften zu fertigen, welche allenthalben im Lande ausfliegen ſollten. Der Geheimſchreiber ging, kam aber bald wie⸗ der und brachte einen Brief mit, welchen, an ei⸗ nen Pfeil geſpießt, ein Ungar ſo eben in die Stadt geſchoſſen. Herr Ottlinger entfaltete ihn und theilte dann dem Herzog mit, daß das Schrei⸗ — 232— ben eine förmliche Abſage und Fehdeerklärung des Grafen von Graisbach enthalte; es ſtanden bittre Klagen darin über des Vaters unnatürliche Härte, und als Grund der Abſage war angege⸗ ben, daß Herr Ludwig im Bart ſeinen rechtma⸗ ßigen Sohn, den er ganz und gar von ſich ge⸗ bannt, um ſein Erbtheil bringen wolle, und um den Nachlaß ſeiner Mutter, und das Land verarmen laſſe, und dagegen, wie ſinnlos oder altersſchwach, dem Baſtard verſchwenderiſch Alles zuwende. Ob ſolcher Verbrechen gegen göttliche und väterliche Pflichten könne der Graf von Graisbach nicht län⸗ ger müßig zuſehen, ſondern ſei entſchloſſen, ſeines Rechtes auf allen Wegen zu wahren.“ Der Brief war kaum zu Ende geleſen, als der Hauptmann Michel Riederer mit mehreren andern Briefen in der Hand hereintrat, welche gleichfalls durch die Pfeilpoſt ungariſcher Schützen in die Stadt gelangt waren. Sie enthielten die Abſagen des Grafen von Hohenloh, Conrad des Heideckers, Ulrichs von Helfenſtein, Conrads von Freiberg und Anſelms von Roſenberg. „Ha!“ rief der Herzog,„auch vom Frei⸗ berger? Mir iſt es juſt ſo, als hätt' ich — 233— auf deſſen Brief noch gewartet. Und mir iſt auch ſo, als ſchlüge mir jetzt ein alter Uebermuth auf den Nacken, oder Leichtſinn, oder, der Teufel weiß, was ſonſt,— und blieſe mir in's Ohr: Be⸗ danke dich, Alter, bei der Thorheit deiner Ju⸗ gend, daß du im Alter kannſt betteln gehn. Laß ſehen, was uns der Fiedelbogen ſchreibt.— „Nein gnädiger Herr von Neuburg, ich Con⸗ rad von Freiberg, Ritter, meines gnädigen Herrn zu Ingolſtadt Dienſtmann und Rath, thu' Euch hiemit kund und zu wiſſen, daß ich auf meines gnädigen Herrn zu Ingolſtadt Hochzeit mit der Braut aus Brandenburg ein Ehrentänzlein geſprun⸗ gen;““— Ha, ich weiß! Köſtlich!„„es iſt dies ſeit acht und dreißig Jahren, ſeit ich zu München mit Eurer Jungfer Liebſten Caneta das erſte ge⸗ tanzt, das zweite geweſen;““— Ha, Teufel! „„und wünſch' Euch, daß Ihr durch Eure Schwie⸗ gertochter eine zierlichere Nachkommenſchaft erhal⸗ tet. Wünſche Euch auch auf dieſe Faſtnacht ſtatt eines Schäffler⸗manch einen ſchönen Schwerttanz, und bitte Gott in meiner Einfaͤl⸗ tigkeit, er möge Euch ſtets bei guter Laune er⸗ halten, ſowohl gegen Euren lieben Herrn Wie⸗ land, als auch gegen meinen gnädigen Herrn zu — 234— Ingolſtadt, an dem ihr hinfür noch mehr Freude erleben möget, als bis jetzt. Das junge Ehe⸗ paar iſt wohlauf, desgleichen alle Fürſten, mit denen Ihr jetzt verſchwägert ſeid, als da ſind: der Churfürſt von Brandenburg und Euer Vetter von Landshut. Ich thät' Euch in meiner Ein⸗ falt und Aufrichtigkeit gern rathen: Ihr möch⸗ tet meinen gnädigen Herrn von Ingolſtadt und ſeine junge Frau mit Hab und Gut beſſer aus⸗ ſtatten, denn es iſt doch gar trübſelig, daß ſie Euren Schatz dort hüten ſollen, ohne den Schlüſ⸗ ſel zu haben und für ein bloßes Gotteslohn, ſtatt einer billigen Erkenntlichkeit! Solches rathe ich Euch aus alter Zuneigung. Sollte mich herzlich freuen, wenn ich Euch in dieſer Faſtnacht noch als Fiedelbogen aufſpielen könnte. Schrieb's, Conrad von Freiberg, Ritter.““ „Ha!“ rief Ludwig, den Brief zerknitternd und mit der Fauſt ſich gegen die Stirne ſchla⸗ gend,„das geſchieht mir mit Billigkeit und Recht, denn fluchwürdiger als alles Verbrechen iſt die übermüthige Thorheit. O Thorheit! Thor⸗ heit! Ich will dir Kapellen bauen. O Thorheit! Thorheit! Herrin der Welt, hier lieg' ich vor — 235— dir, wie dein Herold, wie dein Vaſall, und will's allen Vätern zupoſaunen, daß keiner vor dreiundſiebenzig Jahren klug wird. Wie ſtehn mir die dreiundſiebenzig zu Geſicht? Etwa ſo ſchmuck, wie meinem Vater Stephan, der mit zweiundſiebenzig Jahren nochmal Hochzeit hielt? Nun, vielleicht halt' auch ich wieder Hochzeit, vielleicht übers Jahr, und zwar mit einer alten Herzliebſten, die doch immer jung bleibt, mit der Thorheit. Ein Jahr! ein Jahr! Was faßt ein Jahr nicht in ſich? Vielleicht ſtirbt bis da⸗ hin wieder ein Kaiſer.— Damals in München bei jenen Sonnenwendfeuer,— unter dem Erker des Rathhauſes,— pahl alte Zeiten!— O Freiberger! Ich wollt': ich hätte dich nie geſehen. — Ihr Freunde, ich witt're Dinge, die außerm gewöhnlichen Lauf ſind.“ Gleichgültig entfaltete er jetzt die übrigen Abſagebriefe und warf ſie alle auf einen Haufen. „Wir haben einen kalten Winter,“ ſprach er dann,„dergleichen iſt doch gut, um das Holz im Ofen damit anzuſtecken; meiner Treu! der Buckel will mir ſparen helfen.— Herr Ottlin⸗ ger, laßt doch die Pferde ſatteln und reitet nach — 236— Ingolſtadt; ich glaube: wir brauchen Geld; Geld iſt doch am Ende die Angel der Welt; der von Landshut wird nächſtens eine Predigt darüber halten, und der ſchöne Graf von Graisbach ſoll als Küſter angeſtellt werden, um die Glocken zu ziehen; der von Brandenburg geht mit dem Klin⸗ gelbeutel herum; die neue Gretel hat eine Kir⸗ meßfahne dazu geſtickt, die hängen ſie dann zum Thurme heraus.— Wenn ſie Euch in Ingolſtadt nicht in den Thurm laſſen wollen, ſo thut in meinem Namen einen Fußfall vor ihnen, ſie möchten mir doch um Gotteswillen von meinem eigenen Gelde einen Zehrpfennig ſchenken, denn ich möchte gar zu gern des Landshuters Predigt hören, und dem ſchönen Küſter für die Mühe, die er als Armenvogt hat, etwas in die Hand drücken.— Beim Donner Gottes! ich will lieber meine Pferde und Maulthiere mit Gold beſchla⸗ gen laſſen, als beiſteuern, damit die neue Gre⸗ tel ein neues Kleid bekömmt, obwohl ihr Vater ein armer Mann iſt, und ſich ganz ausgegeben hat, als er die Mark kaufte und ſich wirklich her⸗ auslügen mußte, als er mich bezahlen ſollte; Gott tröſte den Kaiſer Siegismund im Grabe,— — 237— wenn ich Methuſalems Alter erreichen ſollte, borge ich keiner Majeſtät mehr, und wenn ein ganzer Ameiſenhaufe von Churfürſten ſich mit ihrer Ehre dafür verbürgten.“ Während ſeiner letzten Worte traten haſtig ſein Hauptmann, der Graf Michael von Wert⸗ heim, der ſonſt im Namen des alten Herzogs zu Ingolſtadt ſaß, und Conrad Prugker, Richter zu Ingolſtadt, die eben von daher zu Roß gekom⸗ men waren, mit Unheilverkündenden Mienen in das Gemach. „Ei, um Gott,“ ſprach ſie der alte Ludwig an,„Ihr Herren ſeht ſo weiß aus, als hätten Eure Geſichter in einer Mühle zu thun gehabt?! Sagt mir nur friſch heraus, was für Säcke bringt Ihr? ich kann mir's ſo halb und halb den⸗ ken, denn gute Botſchaft macht nicht bleich. Sprecht ohne Umſtände; Ihr findet mich in ei⸗ ner Laune, daß ich lachen könnte, wenn ich wüßte, daß Morgen oder in einer Stunde ſchon der lang' prophezeite Antichriſt käme, ohne viele umſtände alle Königreiche einzuſtreichen und ſogar mein ungeheures Kaiſerthum Ingolſtadt dazu; wahrhaftig, ich wollte dem armen Schelm darum — 238— nicht gram werden, obwohl ich ein guter Chriſt bin, wie Seine verſtorbene Heiligkeit, der Pabſt Martin, der mir den Segen gab, mir im Him⸗ mel bezeugen kann. Nun, was iſt's denn? Schellt der Klingelbeutel ſchon? Läutet der ſchöne Küſter ſchon die Kirmeß ein?“ „Wir kommen von Ingolſtadt,“ berichtete zögernd der Graf von Wertheim,„und haben kaum das Leben gerettet. Der Graf von Grais⸗ bach hat durch den Freiberger Euren Thurm er⸗ brechen laſſen und drinnen alle Kaſten und Tru⸗ hen. Mit eigner Hand raubte er Euer Maje⸗ ſtätsſiegel; ſeine Gattin wählte ſich aus Eu⸗ ren Kleinodien einen Schmuck und ſprach dabei zu mir:„Sagt Eurer Amalie, daß ſie ſich arg betrog, wenn ſie wähnte, man würde ihr laſſen, was ſie auf unrechtem Weg an ſich gebracht.“— Gefeſſelt mußten wir, als Eure treuen Dienſt⸗ leute, auf dieſer Furie Geheiß das unwürdige Schauſpiel mit anſehen. Der Schatz iſt von den Raubern bereits in Sicherheit gebracht und zahlloſes Kriegsvolk ſchwärmt auf allen Heer⸗ ſtraßen, angeworben von dem Grafen von Grais⸗ bach, der ſich aller Arten bereits Herzog von Ingolſtadt nennen läßt.“ ————— —— Freunden zu Schutz und Trutz vereinigt.——“ — 239— Lange ſtand der ergrimmte Greis lautlos da; endlich verbarg er den tobenden Zorn in Spott, und rief:„Ich hab' es längſt gewußt, daß der von Graisbach mehr beſitzt als ich, wenigſtens um einen Berg mehr, worauf ihm ſeine junge Frau aus ſanfter Gemüthsart noch ein Kreuz pflanzen wird, obwohl beſagter Berg groß genug wäre, daß ſie eine völlige Klausnerhütte ſtatt des bloßen Hauskreuzes darauf ſtiften könnte.— Glückauf! Glückauf! Die neue Geſippenſchaft nimmt ihn wacker in die Schule; er hat wirklich für ſo kurze Zeit ſchon recht artige Dinge von ihnen gelernt.“— „Wir ſind mit unſern ſchlimmen Botſchaften noch nicht zu Ende, gnädiger Herr!“ fuhr der Graf von Werthheim fort;„ich muß Euch be⸗ richten, daß Ihr Euch tüchtig vorſeht, denn Ihr habt mehr Feinde, als Ihr bis jetzt glaubt. Herzog Albrecht von München, oder, daß ich's mit dem rechten Namen nenne: ſeine Gattin Anna, die ſtatt ſeiner das Regiment führt, (während er Lieder ſingt und auf der Laute ſpielt) hat ſich mit dem Grafen von Graisbach und ſeinen Landshutiſchen und Brandenburgiſchen — 240— „Potz Treue!“ fiel ihm der alte Herzog bit⸗ ter ins Wort:„Nun, das ſind' ich ganz ver⸗ nünftig und recht, denn ich habe ihm ja erſt vor Kurzem Lichtenberg und Bayerbrunn auf vier Jahre verſchrieben. Ach er hat an ganz andere Dinge zu denken; geht er nicht noch immer mit einem ſchwärmeriſchen Anſtrich von Wahnſinn umher, das Wort Rache mit hohler Stimme buchſtabirend, und mit grauenhaften Worten he⸗ rumwerfend, daß man wirklich gerührt werden möchte bis zu Thränen, bis zur Gaſtfreundſchaft gerührt?!— Ihr Herren, wenn Ihr mir keine andern Neuigkeiten zu erzählen wißt, als Undank und Untreu, dann behaltet ſie lieber für Euch, denn ſie ſchmecken altbacken; ſie ſind juſt ſo alt als mein Taufſchein.“ „Ich habe reden hören,“ nahm der Richter Purgker das Wort;„daß Ew. Gnaden Land⸗ ſchaft in München zuſammentreten will, um dort zu vermitteln.“ „Ich will nichts von Vermittlung wiſſen,“ tobte der Greis;„ich habe gelernt, daß all dieß ſogenannte Vermitteln nur auf eine Demüthi⸗ gung deſſen hinausläuft, der im Recht gekränkt ———— — 241— iſt. Wie, ſoll ich als Vater gegen den unna⸗ türlichen Sohn noch eine Vermittlung anſprechen? Was ich mein ganzes Leben lang, ungebeugt in allen Nöthen, geſprochen, das ſprech' ich auch jetzt: Recht, mein Recht, nichts als das Recht will ich haben.“ „Doch bedenkt, gnädiger Herr,“ erlaubte ſich der Hauptmann Wertheim ihn zu unterbre⸗ chen;„die Zeitläufte ſind dermaßen beſtellt, daß Ihr mit dieſem Wahlſpruch allein nicht durch⸗ greifen könnt; der römiſche König Albrecht iſt um ſeiner Verſchwägerung willen dem Landshu⸗ ter geneigter als Euch, der Graf von Graisbach hat jetzt Mittel, zahlloſes Kriegsvolk zu werben; der Churfürſt von Brandenburg hat als kluger Mann ſeine Hausmacht ſeit Jahren verſtärkt, der Adel Eures Landes hängt den Mantel nach dem Winde, und dient dem am liebſten, bei dem das Glück iſt; die Städte ſind wider Euch, denn ſie möchten gern alle zu Reichsfreiheit kommen, und werden obendrein von der Geiſtlichkeit wider Euch aufgemahnt; und die Geiſtlichkeit ſelbſt iſt Euch ſeit alter Zeit aufſäßig, und verſäumt ge⸗ wiß die jetzige Gelegenheit nicht.“ III. 16 „O nein, denn ſie hat ein gut Gedaͤchtniß,“ erwiederte Ludwig;„aber auch ich habe das meine noch, und will Euch zum Beweiſe die ganze Unglückslitanei rückwärts herbeten. Was thun mir die Pfaffen? Sie ſpielen Bann mit mir; das bin ich ſchon gewohnt; ich weiß wie man die Lichter ausbläst, und ob ich das Glocken⸗ geläute höre, oder nicht, das macht mich nicht ſelig noch unſelig. Der Städte Muth will ich mit einem Plätteiſen bügeln; ich dächte: die Do⸗ nauwörther könnten den andern einen guten Rath geben, die Zungen vor Meineid zu hüten; über⸗ dem möcht' ich wahrhaftig wiſſen, was ſie von ihrer Reichsfreiheit haben,— ein Paar aufge⸗ blaſene Schneider als Bürgermeiſter, mein Seel, das iſt alles! Was den Adel anlangt, ſo giebt's noch Ehrenmänner, da nenn' ich Euch nur die Pappenheimer, die halten an mir, und müßten ſie mit mir in einen Kerker gehen, und ſonſt auch noch wackere Degen; wer übrigens dem Glück lieber dient, als mir, der iſt, potz Treu! kein Narr. Glückauf für dergleichen Geſellen, ſie wollen unter dem jungen buckligen Mars ihr Heil verſuchen, ſtatt unter dem alten Saturn, den ſie — 243— als Kinderfreſſer verſchreien, Glück vollauf da⸗ zu! Der Churfürſt von Brandenburg mag ſich lieber hinlegen und ſterben; ſein Geſchlecht iſt edel, aber ſeit er ſich mit den Landshutern ge⸗ ſippt hat, mag ihm Gott ſeine Sünden ver⸗ zeihen, ich kann's nicht. Der Graisbacher iſt zum Dieb an mir geworden, und ich hoffe: das Schickſal ſtraft ihn dafür durch ſein eheliches Glück; dem Landshuter wünſch' ich nichts Schlech⸗ tes, denn er iſt ſchon ſchlecht genug, und wenn ihn Gott am jüngſten Tag auferweckt, wird er den Erzengel fragen, wie hoch ſeine Zinſen derweil angewachſen ſind; der haßt mich ſo lange, als es ein Stückchen Silber auf Erden gibt. Was aber den römiſchen König angeht, der von Gott ein⸗ geſetzt iſt, um als höchſter Richter über Recht und Unrecht zu entſcheiden, ſo wird Gottes Hand ihn treffen, wenn er in dieſer Sache, da ein Vater vom eigenen Sohn bedrängt wird, Unrecht ſprechen will. Setzt Euch hin, Gertzinger, und ſchreibt an den römiſchen König:„„Es hat der Sohn wider mich verbrochen, was ſeit Chriſti Geburt nicht erhört worden.— Hätt' er ſich mei⸗ nes Leibes ermächtigen können,— was nicht an 16* — 244— ihm gelegen,— er hätte mir noch ſchwerere Unbill angethan.— Wenn ſolches gelitten wird, und un⸗ beſtraft bleibt, dann, römiſcher König, dann zieh' deinen Purpur aus, wirf deine Krone und dein Schwert von dir, und thu' dich ab aller irdiſchen Gewalt, denn ich ſage dir: ſie iſt nich⸗ tig, dann haben ſich alle Bande, die den Men⸗ ſchen an den Menſchen ketten, gelöſt; kein Dia⸗ dem ſchützt mehr, wenn der Vater vor dem Sohn nicht ſicher iſt.— Und ſo ſchaffe mir, nicht Ver⸗ mittlung,— nur Recht; und ſchaffſt du mir's nicht, ſo lad' ich dich von heut bis üher's Jahr vor Gottes Thron.“. Dieſen Brief mußte der Gertzinger nach des Herzogs Willen augenblicklich nach Wien ſenden.. Treu in den Tod! — Dooch alles fruchtete nichts. Der Graf von Graisbach wurde immerfort von ſeiner Gattin, die ihn von Stunde zu Stunde mehr haßte, aber heuchleriſch zu benützen ſuchte, geſpornt, den fluch⸗ würdigen Krieg gegen den dreiundſiebenzigjähri⸗ gen Vater fortzuſetzen. Allmählig fiel ein Schloß des Alten nach dem andern; an der Donau hatte dieſer kaum mehr einen anderen Platz, als das feſte Neuburg, worin er ſaß. Der Adel kam wirklich zu München zuſammen, und vermittelte; doch die Mehrzahl der Herren war flau oder des Bärtigen müde; die im Rainer⸗Landgericht an⸗ ſäſſigen ſagten förmlich den Gehorſam auf. Die Geiſtlichkeit ſchürte. Die Städte lauerten. Der römiſche König gebot von Ofen aus Stillſtand; doch der Graf von Graisbach achtete deſſelben ſo wenig, weil er wußte, wie wenig ernſt es ge⸗ meint war,) daß er mit Albrechts Beiſtand die Veſte Friedberg, ſeinem Vater gehörig, erſtürmte. — 26— Doch, als hätte der Alte einen prophetiſchen Blick gethan, ereilte in demſelben Jahre der Tod den römiſchen König Albrecht,(welcher den nachgebornen Ladislav hinterließ,) und den Lud⸗ wig ſo lange und ſo tief gehaßt, den Churfür⸗ ſten von Brandenburg, welcher dem Greiſe einen jungen löwenkühnen Sohn als friſchen Feind ver⸗ machte, den Markgrafen Albrecht, zubenannt Achilles. Dem römiſchen Könige folgte auf dem deutſchen Throne Friedrich von Oeſtreich, ein friedliebender, aber durch ſeine Schwäche ſtets in Hader und Zwiſt verwickelter Mann, der für alles eher paßte, als für einen deutſchen Kaiſer. König Albrechts Tod nützte dem alten Fürſten von Ingolſtadt doch inſoweit, daß der unnatür⸗ liche Krieg durch einen Stillſtand ausgeſetzt wurde. Und das arme Baierland bedurfte wahr⸗ haftig nach ſo langen furchtbaren Bürgerkriegen wenigſtens kurzer Ruhe und Erholung. Wie aber auch die Waffen für einige Zeit ruhten,— der Zorn des beleidigten Vaters, die Eiferſucht Margarethens gegen Amaliens Reich⸗ thum und Anſehen, des Freibergers Stachelreden, des Grafen von Graisbach unnatürlicher Haß — 247— gegen den alten Vater ruhten nicht. Den kargen, menſchenfeindlichen Herrn von Landshut machte das blutige Beiſpiel des Krieges zwiſchen Vater und Sohn gegen ſeinen Sohn nicht milder. Der junge Heinrich von Landshut, der von allen gegenwärtigen Zwiſtigkeiten die Seele rein hielt, lebte in glücklicher Verborgenheit nahe am Hofe des Churfürſten von Sachſen; Liebe,— reine, tugendhafte Liebe hielt ſchirmend die himmliſchen Fittige über ihn ausgeſpannt. Als Ludwig im Bart dieſe Zeichen der Zeit ſah, ſtiegen ihm, der im Laufe eines langen Le⸗ bens nie zu ſeinem Rechte gekommen war, trübe Ahnungen auf. Er hatte es trotz aller Eingriffe des Sohnes, trotz dem, daß der Graf von Grais⸗ bach ſeinem Herzen fremd und verhaßt war, doch nicht über ſich bringen können, demſelben perſönlich im Kampfe gegenüber zu treten, ſo oft ihm auch dieſer, von ſeiner Gemahlin als feig geſcholten und aufgehetzt, dazu handgreiflichen Anlaß bot. Der Bärtige ſaß, während ſeine Hauptleute den Vertheidigungskrieg führten, zu Neuburg; die Thatloſigkeit, welcher er ſich aus unwillkürlicher väterlicher Regung hingegeben, — 248— nagte wie ein Roſt an ihm, und drohte ſeine ganze ſtämmige Weſenheit allgemach auszutilgen. Tagelang ſprach er kein Wort und brütete über Erinnerungen, Gegenwart und Ahnungen. Jam⸗ merwürdig war der kräftige Greis, deſſen Sil⸗ berhaar das Unglück doppelt ehrwürdig machte, in ſolchem Zuſtande anzuſchauen. Wer ihm er⸗ geben war, dem mußte das Herz dabei bluten. Der wackere Wieland, der ihm kindlich treu und dankbar anhing, vermochte den Anblick des verſchloſſenen, leidenden Vaters nicht länger mehr zu ertragen. Er faßte ſich eines Tages das Herz, trat zu ihm und ſprach:„Nein, mein Vater, ich kann Euch nicht länger in dieſem entſetzlichen Schweigen verharren ſehen. Ihr habt mir ſonſt Eure Huld zugewendet, und wahrhaftig an keinen Undankbaren vergeudet; o, ſo machet das Maaß derſelben voll, und theilt mir mit, was Euch außer dem allgemeinen Unglück noch beſonders drückt. Ich bitt Euch herzlich, mein geliebter Vater, i hein Theil daran tragen, wie einen Theil Eurer Liebe oder Eures Erbes.“ „Eben du biſt es, mein guter Wieland,“ verſetzte der Vater mild, von des Sohnes Theil⸗ —— 1 — 249— nahme bewegt,„eben du, um den ich ſo bange. Wehe dir, wenn ich nicht mehr bin! Ich denke jetzt mehr, als jemals, an unſer allgemeines Loos, die Sterblichkeit; und zittere, der ich ſonſt vor nichts gezittert, vor dem Gedanken, daß ich vor dir ſterben werde, obwohl ich,— das weiß der gerechte Gott,— nicht wünſche, dich zu überleben. Mir graut in die tiefſte Seele hinein, je mehr ich dieſem Gedanken nachhänge, daß Gott heut oder morgen mich abruft, wie er bis auf zwei ſchon Alle abgerufen, die mit mir alt wurden; die Zwei aber, die mir zum Herzleid übrig blie⸗ ben, ſind der Landshuter und der böſe Freiberger. Nicht vor dem Landshuter graut mir ſo ſehr, als vor dieſem Fiedelbogen, dem ich im leichtſinnigen Uebermuth der Jugend und des Mannesalters die Geißel meines Alters in die Hand gab; je mehr und mehr ich meine vergangenen Jahre üͤberſinne, ſo klarer und klarer wird mir, daß dieſer Freiberger mein böſer Geiſt geweſen, daß alles Unglück, was ich für Zufall hielt, ſtets aus ſeiner Hand über mich kam. Und wenn ich nun denke, daß ich ſo bald ſterben muß, und du, mein Wieland, du, ohne Falſch und Arg, ihm ohne — 250— Schutz gegenüber ſtehen wirſt, wie leicht in ſeine Gewalt fallen kannſt,— Herr Gott! das iſt das einzige, was mir den Gedanken an den Tod verbittert. Ach, du ſiehſt mich ſo treuherzig an, gerade ſo innig, wie einſt deine Mutter, ſo ganz durchdrungen von deiner Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit, daß du gar nicht ahnen kannſt, was Sünde iſt. Und doch iſt gerade dir, ach, eben nur dir dieſer Freiberger am gehäſſigſten.— O pfui, pfui, über meine langjährige Thorheit!“ „Ich kann fürder keine Nacht das Auge zu⸗ thun,“ ſprach Wieland,„bevor ich nicht Alles weiß, was Ihr mich jetzt noch errathen laſſet. O mein Vater, dem ich all mein irdiſches Gut und Glück verdanke, gebt mir auch noch das Letzte und macht mich zum völligen Vertrauten Eures Kummers.“— In ſeinen Blicken leuchtete die Morgenröthe eines kühnen Entſchluſſes. Der alte Ludwig reichte ihm die Hand; es war dem vielgeprüften Manne Himmelsbalſam, jetzt in der Zeit der ärgſten Noth ausrufen zu können:„Ich bin nicht verlaſſen, ich habe noch ein Herz, was mich liebt!— Nein, nein! ich — 251— tauſche mit keinem der Fürſten, ob ſie noch ſo ſtolz und glücklich einhergehen.— Was hat dieſer Landshuter jetzt von ſeinem langen Leben voll Un⸗ recht und Gewalt? Seinen Schatz in Burghau⸗ ſen; das iſt auch Alles! Der Himmel gab ihm einen guten Sohn, wie er mir dich gegeben; aber er gab ihm denſelben als eine ſchärfere Zucht⸗ ruthe, denn mir meinen Ludwig. Ich kann doch dieſem Rebellen, dem Buckel, in's Antlitz ſchauen; aber er darf ſeinen Sohn nicht anblicken, ohne zu erröthen; er muß ihn von ſich bannen, weil ihn das böſe Gewiſſen drückt, ſo oft ihm Rechtſchaf⸗ fenheit und Unſchuld vor's Auge kommt; der Himmel hat mich an ihm durch dieſe ſeine Höl⸗ lenqual gerächt, daß er ſich an Gottes edelſter Gabe, einem treuen Sohnes⸗Herzen nicht erfreuen darf. Ja, mein Wieland, Gott iſt gerecht, wenn wir ſeine Wege auch lange nicht begreifen kön⸗ nen. Und weil er ſo gerecht iſt, ſo wird ſeine Hand, hoff' ich, auch jenen Freiberger noch er⸗ eilen, durch den er mich,— ich ſeh' es jetzt klar und unumſtößlich,— ſo lange züchtigte.“ Unumwunden theilte er ſeinem Wieland jetzt Alles mit, was ſich aus dem Bronnen ſeiner Er⸗ — 252— innerungen über den böſen Freiberger empor⸗ drängte. Tief erſchüttert hörte Wieland die ſelt⸗ ſamen Kunden an. Von jener Stunde an hatte ſich Wieland's eine ganz eigene Unruhe und Rührigkeit bemei⸗ ſtert. Mit beſonderem Antheil vernahm er auch die kleinſten Berichte über alle Ereigniſſe des Parteikampfes. Seine Seele ſchien von einem einzigen Gedanken ganz beherrſcht, ſein Leben, bis⸗ her ſo friedlich und harmlos, auf ein ernſtes ge⸗ waltiges Week gewendet. Sein Schwiegervater, der Graf von Wertheim, unterhielt in Wieland's Sold und Auftrag liſtige Späher im ganzen off⸗ nen Land. Er ſaß an einem neblichten Herbſtabend un⸗ ruhig und erwartungsvoll in ſeinem Gemach; kein freundliches Wort, keine ſüße Tändelei ſeiner ſchönen Gattin vermochte die Wolken von ſeiner Stirne zu verſcheuchen, noch ſeinen Lippen ein Bekenntniß abzulocken, was ihn, der ſtets ſo heiter war wie ein Maienhimmel, jetzt ſeit eini⸗ gen Wochen heimlich ſo peinige. — 253— „Wehe mir, wenn etwa deine Liebe erkaltet wäre?!“ klagte Amalie. „Nein, mein holdes Weib,“ erwiederte er, „gewiß und wahrhaftig nicht; ich liebe dich jetzt noch ſo herzinnig mit allen Pulsſchlägen unſeres erſten Findens und Begehrens. Nie kam in meine Seele ein anderer Gedanke, als an dich und an meinen guten unglücklichen Vater, dem ich vie⸗ les, ſehr vieles ſchulde.“ Er umarmte ſie und verſchloß ihr die beben⸗ den Lippen mit Küſſen. Da trat Amaliens Va⸗ ter, der Graf Michael, zu den Glücklichen und bat Wieland, ihm einige Augenblicke allein Gehör zu ſchenken. Amalie entfernte ſich, der Graf von Wertheim zog einen Brief aus dem Wamms und ſprach leiſe:„Hier iſt die Antwort; doch wollt' ich lieber: Ihr hättet dieſem heimtückiſchen Wolf nicht ſo offen und ehrlich zugeſchrieben.“ „Ich kann nicht anders.— Ha, laßt ſehen, ob er kommen wird?“ Er entfaltete den Brief und las mit kampfgluͤhenden Blicken. „unſere Späher haben es herausgebracht und berichten, daß er einrreffen wird.“ „Ja, Gott ſei Dank, er kommt. Nun ſei — 254— mir Gott gnädig, daß ich an dieſem, der ſchlim⸗ mer iſt, als Drachen, männlich und ſieghaft Ge⸗ rechtigkeit übe. Gott hat mich als Mann er⸗ ſchaffen, und ich habe bis jetzt noch nichts ge⸗ than, um ihm dafür zu danken; mein Vater überhäufte mich mit Segen und Gaben, und ich bin bis jetzt noch immer ſein Schuldner.— Ich bitt' Euch, laſſet die Roſſe ſtill aus dem Schloß führen, damit mein Vater und mein gutes Weib nichts von meiner Abweſenheit merken; ſie lieben mich, ich ſie allzu ſehr, als daß ich ſie, wenn ſie's wüßten, nicht allzu bekümmert machte. Ich gebe vor, die Nacht über nichts als Briefe zu ſchrei⸗ ben. Wenn mein Vater und Amalie zu Bette ſind, ſchleiche ich mich an's Pförtlein und ſchwinge mich am Stadtthor zu Roß. Die beſtimmte Stelle iſt bald erreicht.“ „Es bleibt doch bei der Abrede, zwiſchen der Stadt und Weichering am Moos?“ „Ja!— Ich bitt' Euch, beſtellt alſobald die Pferde.“ „Gut, es ſoll geſchehen; ich habe übrigens rings in der Gegend etliche Landsknechte verſteckt; — 255— denn man kann dieſem Doppeldeutler auf ſein Ritterwort nicht trauen.“— Der Graf von Wertheim verließ ſeinen Schwie⸗ gerſohn, um die Anſtalten zum nächtlichen Ritte zu treffen. Wieland fühlte in ſich, trotz ſeines Vorhabens, ſich von Vater und Gattin ohne Gruß zu entfernen, mächtigen Drang, von ihnen Abſchied zu nehmen; das Herz war ihm ſo voll; es galt ja die erſte Männerthat in ſeinem Leben. Wen beſchleicht nicht, wenn er die Hand an Gu⸗ tes oder Böſes legen will, ein geheimer Gaſt aus einer andern Welt? Auch ward es dem offnen, ehrlichen Mann ſchwer, ſich zu verſtellen. Amaliens Sorge ruhte nicht; ſchüchtern ſah ſie, als ihr Vater fort war, zur halboffnen Thüre herein. Ihr Anblick bewegte auf's Neue Wie⸗ land's Herz. Er ſchloß ſie liebevoll in die Arme, küßte ſie auf die Stirne und ſprach zu ihr:„Be⸗ unruhige dich nur nicht, meine gute Amalie! Gute Nacht; ich werde bis morgen wachen, denn ich habe nach Bologna an meine Freunde zu ſchreiben; ſieh! es iſt eine Sache, die mich gar nahe angeht, denn ich denke dadurch meinem Va⸗ ter einen kleinen Theil meiner Schuld abzutragen.“ — — 256— „Gebe Gott,“ erwiederte Amalie ſeufzend, „daß in Welſchland treuere Freunde zu finden ſind, als hier in unſerer Heimath. Schlaf wohl, mein Geliebter, und ſtürme nicht allzu ſehr gegen deine Geſundheit los! Ach, wie blaß wirſt du morgen ausſehen von der ernſten Arbeit dieſer Nacht!“. „Wie blaß?““ wiederholte Wieland, von der Bedeutſamkeit dieſes Wortes plötzlich tief ergriffen; —„vielleicht!— Doch gräme dich nicht. Lei⸗ denſchaftlich drückte er ſie nochmal an's Herz, und rief dann gepreßt:„Schlaf wohl! Schlaf wohl!“ Amalie entfernte ſich; Wieland ging heftig im Zimmer auf und ab.„Es iſt mir,“ ſprach er leiſe vor ſich hin,„als müßte ich den alten Vater heute noch einmal ſehen.“ Die Schloßuhr ſchlug zehn.—„Er wird wohl ſchon zu Bette ge⸗ gangen ſein und ſchläft.— Ich muß ihn noch⸗ mal ſehen, ich kann nicht anders;— ſein An⸗ blick wird die gräßliche Beklemmung von mir neh⸗ men, die mich umreift, als beginge ich eine Sünde, wenn ich ihn nicht mehr ſähe.“ Er ergriff das Licht und ſchlich ſich leiſe durch den Gang in ſeines Vaters Schlafgemach. 1 — 257— Der Alte lag ſchlummernd auf dem Bette; er ſchien mit ſchweren Träumen zu ringen, denn ſeine Bruſt hob ſich ſo mächtig, daß die Locken ſeines Silberbarts, wie von einem Lüftchen be⸗ wegt, wallten und wehten; Wieland kniete vor dem Schlafenden nieder und beſchaute ihn lange. Dann neigte er ſich über ihn und küßte in from⸗ mer Ehrfurcht des Greiſes Silberhaar.„Ja, es ſoll endlich die Dornenkrone von dieſem heili⸗ gen Scheitel genommen werden; keine Sorge, du Treuer, ſoll fürder, ſo Gott will, ſich in deine Gedanken und Träume ſchleichen; die Schlange, welche dies alte Vaterherz ſo lange umringelt, wird, bald ausgeziſcht haben.— Schlaf wohl, finde Frieden, du, der du ſo lange friedelos gingſt! Wenn du träumſt, ſo ſei dein Traum kein Fluch über Ludwig, aber ein Segen für mich! — Ich geh' einen dunklen Weg.— Und wenn wir uns nicht wieder ſehen?— Gott mag walten; auf ein Gottesurthel hab“ ich's angetragen. — Vater! mein Vater! ſchlaf wohl!“ Noch einmal küßte er die Silberlocke und ſchlich dann in ſein Gemach. Dort hüllte er ſich in den Mantel und eilte vorſichtigen leiſen Schrittes III.. 12 — 258— aus dem Schloſſe. Am Stadtthor erwartete ihn ſein Schwiegervater zu Roß und hielt auch ihm den Renner bereit. Wielend ſchwang ſich in den Bügel und jagte mit ſeinem Begleiter dem Zuſammenkunftsorte zu.. Kein Sternlein flimmerte am Brunet; rau⸗ her Wind ſchnob über's Feld. Als ſie von der bezeichneten Stelle, einer alten Marterſäule, noch ungefähr an die fünfzig Schritte entfernt waren, bat Wieland ſeinen Schwiegervater, zurück zu bleiben, weil er die Sache allein auszufechten habe. Nicht ohne Widerſtreben erfüllte der Graf dieſen Wunſch.— Wieland glaubte jetzt an der Marterſäule Hufſchlag zu hören.—„Im Namen Gottes!“ rief er, ſein Pferd anſpornend,„ſeid Ihr es, Konrad von Freiberg?“ „Ich bin's,“ erwiederte dieſer;„komm heran, du Baſtard, Wieland von Freiberg, der meinen ehrlichen Namen als ein geſtohlen Gut trägt, laß dir die Rechnung machen, was dein winziges Da⸗ ſein mich an Ehre, Leben und Seligkeit gekoſtet hat, und dann zum Teufel mit dem Kerbholz!“ „Im Namen des Dreieinigen!“ entgegnete — 259— Wieland, ſich kampffertig machend,„auf Leben und Tod und auf Gerechtigkeit an dir, du Brand⸗ ſchürer und Herzensvergifter, auf Gerechtigkeit für alles Herzleid meines Vaters ruf' ich hier in dieſer nächtlichen Stunde den Richter zur Ent⸗ ſcheidung, auf deſſen Auge ſich nie Schlaf ſenkt. Mach' dich fertig, Freiberger, in wenigen Minuten hat einer von uns Beiden vor dem ewigen Gott zu ſtehen.“ „Oho! halt noch ein Weilchen,“ rief der Frei⸗ berger;„hör' noch ein Wort von mir, bevor du gen Himmel fährſt. Du biſt meines Weibes Sohn und doch nicht mein Sohn. Daß du gezeugt biſt, ſollſt du büßen, wie ich's deinen Vater habe büßen laſſen. Ei, wie geht's ihm denn, dem treffli⸗ chen Mann? Kränkt ihn die Liebe ſeines Ludwig?— Schau, Baſtard, ich habe zu Gott einſt gebetet: er möchte mein und Ludwigs Leben unſichtbar an einander ſchmieden, und jauchzend dank' ich ihm jetzt, daß er mein Gebet erhört. Deßwegen lach' ich dein, wenn du herkommen biſt, mich im Zweikampf zu tödten; hei! ich möchte mich dir mit nackter Bruſt, baarhäuptig und ohne Schwert entgegen⸗ ſtellen, und bin doch gewiß, daß du mir kein 17* — 260— Haar krümmen kannſt, denn ich bin's überzeugt, daß mein Leben ſo lange aushalten muß, als des alten Ludwig's.— Wiſſe übrigens, daß mir an deinem Herzblut juſt nichts liegt; ich mag dich nicht tödten,— aber aufheben will ich dich, damit dein Vater noch länger an mich zu denken hat.— Hm, du wähnſt mich betrogen zu haben, weil das Feld voll deiner Lands⸗ knechte ſteckt? Betrogen du ſelbſt! Deine Späher waren auch die meinen. Hier bin ich, nicht um dich zu tödten, ſondern um dich zu fan⸗ gen und in deines Bruders Hand zu liefern. Teufel! lebt' ich noch tauſend Jahre, ſo wird der Flecken meiner Ehre nicht rein,— mein Ge⸗ dächtniß nicht ſchwach.“— 4 Er ſtieß in's Hüfthorn. Die ganze Haide wurde lebendig; Waffen raſſelten. Der Graf von Wertheim ſchrie:„Verrath!“ Er wollte ſeinem Schwiegerſohne zu Hülfe eilen, fand ſich aber im Nu von ungefähr zehn ganz in Eiſen gemummten Landsknechten ergriffen und ge⸗ feſſelt. „Zieh, du Schelm an Manneswort und Rit⸗ terehre!“ ſchrie Wieland, ingrimmig über die — 261— Treuloſigkeit des Freibergers;„Zieh', und fahr' in deinen Sünden zur Hölle.“ „Hahaha! hab' ich denn eine Ehre?“ entgeg⸗ nete der Freiberger, ſich vertheidigend;„wie willſt du Ehre von mir verlangen, du, durch deſſen Daſein dein Vater mir für ewig die Ehre ſtahl?!— Fahr' auf zu deinem Himmel, du höchſt edler Menſch; mich wirſt du doch nicht tödten.“ Die Landsknechte hatten ſich auf den Lärmen rings um die Marterſäule geſammelt, welche Wieland's Rücken deckte. Immer enger zog ſich der Kreis um die beiden Kämpfenden. „Gilt's auf Leben und Tod?“ rief der Frei⸗ berger;„ho, mein Söhnchen, gib dich doch zur Ruhe; ich ſagte dir ſchon, daß ich dich ſau⸗ ber aufheben will.“— In demſelben Augen⸗ blicke ſaß ihm Wieland's Schwert durch den Pan⸗ zer in der Bruſt. „Ha! meinſt du ſ 52“ brüllte der Verwun⸗ dete.„Faßt ihn von hinten.— Alle Teufel! ich bin hin! hin! Durch meinen Ehrendieb, durch ein Mutter⸗,— nein, zum Teufel!— durch dieß Vater⸗Söhnchen hingeſtreckt!— Faßt, ſag' ich Euch, faßt ihn heil und lebendig.— Der Graisbacher lohnt Euch den Fang.“ — 262— Die Landsknechte umringten den verrathenen Wieland, aber dieſer wehrte ſich heldenkühn. Der Freiberger ſank zu Boden und fluchte:„So haſt du mich betrogen, entehren laſſen, und doch betrogen, wie einen albernen Jungen, Gott! Schickſal! Zufall! Unſinn! Ha, unter welchem Namen ſoll man dir fluchen? Sterben müſſen, das iſt nichts,— iſt die alte Knechtſchaft,— ein Nichts, was uns wieder zum Nichts macht.— Sterben müſſen, ohne abgeſchloſſen zu haben, — früher ſterben müſſen, als dieſer Alte! — Ihn nicht einmal mehr ſehen zu können, mich an ſeiner Verlaſſenheit, ſeinem Schmerz, ſeinem ohnmächtigen Grimm nicht weiden zu können! — Sterben müſſen, bevor Alles vollbracht iſt, — ſo nahe am Ziele,— nicht nach ihm!— — Verflucht die Stunde, als mein Daſein be⸗ ſchloſſen ward, verflucht, der es gab!“ Der blinde Grimm riß ihn über die Gren⸗ zen ſeines eigenen Vorhabens. Schon hatte Wie⸗ land den günſtigen Augenblick zur Rettung haa⸗ resbreit nahe, da ſchleppte ſich noch der Freiber⸗ ger unbemerkt an ihn heran, hob mit der letzten — 263— Kraft der Verzweiflung ſein Schwert und ſtieß es dem argloſen Wieland mit dem Ausruf:„Hier fühl' ich's weich,— ſanftes Baſtardfleiſch!“ zwi⸗ ſchen Hals und Bruſt in den Leib. Darauf ſank er zurück, röchelte,— und war nicht mehr. „Mein Weib!— Mein Vater!— Gott ſchütz' Euch,——“, ſtammelte Wieland und neigte das Haupt. Des Wertheimers Landsknechte, welche von denen des Freibergers überrumpelt worden waren, hatten indeſſen die allgemeine Beſtürzung benützt, ſich frei gemacht, und auch ihren Hauptmann, den Grafen, aus den Feſſeln losgerungen. Der Zweikampf ward jetzt allgemein, das Gemetzel um ſo furchtbarer, als das dichte Dunkel Freund und Feind nicht erkennen ließ. Der Graf von Wertheim jagte auf ſeinem Rappen gegen die Marterſäule, band denſelben raſch d'ran, ſchwang ſich herab und erwiſchte, ſeinen Schwiegerſohn ſuchend, des Freibergers erkaltende Hand. „Vater!“ ſtöhnte neben ihm, kaum hör⸗ bar, der ſterbende Wieland. Entſetzt ſtieß der Wertheimer, ſeinen Irrthum bemerkend, die Ti⸗ gerleiche zurück, neigte ſich zu Wieland, richtete ihn auf und ſprach:„Kommt, laßt Euch auf h — 264— mein Roß heben.— Schleunig zurück nach Neu⸗ burg! Pflege thut Noth!“ „Mir nicht mehr,“ ſtammelte Wieland. „Herr Chriſt!“ rief der Wertheimer erſtar⸗ rend, und fragte dann leiſe:„— Was kann ich Euch beſtellen?“ „Daß ich— als treuer Sohn—“ Der Tod begrub das andere in Schweigen und ſtand als heiliger Zeuge da.— Der Wertheimers Landsknechte waren endlich über die des Freibergers Meiſter geworden. Der alte Graf hieß ihnen die Leichname aufnehmen, um ſie nach Neuburg zu tragen. Er ritt ihnen voran. Wie Geſpenſter zogen ſie durch die ſchwei⸗ gende Nacht dahin, und erreichten des alten Her⸗ zogs Schloß, als der Morgen ſeinen erſten Däm⸗ merſchein emporſandte. Der Thürmer blies eben ſein luſtiges Morgenſtücklein, als ſie vor dem Thore hielten und Einlaß begehrten. Der alte Ludwig war kaum aus dem Bette geſtiegen, als die erſte Kunde an ſein Ohr flog, und ſein Auge bald darauf die Leiche des geliehten Sohnes fand. Sprachlos und ſinnlos ſtürzte er zu Boden. — 265— Böhmiſche Geſandte zu München. Herzog Albrecht ſaß zu München in ſeinem freundlichen Schloſſe, und an ſeiner Seite die ſtolze herrſchſüchtige Gattin Anna, die ſeine Wil⸗ lenloſigkeit im dumpfem nachnagenden Schmerz während der Fehde zwiſchen den beiden Ludwigen ſchon mehr als einmal zu Unrecht verführt, we⸗ nigſtens ſeinen Namen und ſeine Macht für ihren ehemaligen Anbeter, den Grafen von Graisbach, verwendet hatte. Da trat(es war zu Anfang des Jahres 1440) Herr Ulrich von Roſen, in die Farben Böheims gekleidet, von mehreren an⸗ deren Edelleuten dieſes Reiches begleitet, feierlich zu dem Herzog heran. Sie ſprachen, im Namen der böhmiſchen Nation huldigend, den Willkomms⸗ gruß für den neuen König von Böheim. Der Herzog traute ſeinen Ohren kaum, als er vernahm, daß dieſe Huldigung ihn ſelber an⸗ gehe.„Sagt, Ihr Herrn,“ ſprach er wie träu⸗ meriſch,—„ſind dieß gute oder böſe Worte?“ — 266— Drauf erwiederte Herr Ulrich von Roſen: „Herzog von Baiern, und bald königlicher Herr von Böheim! es iſt unſeres Volkes aufrichtiger Wunſch, Euch zum Fürſten zu erhalten. Noch bleibt in allen Herzen unvergeſſen, wie Ihr einſt, ein hold⸗ ſeliger Knabe, mild und vielverheißend, dem Ar⸗ men gar hold, und leutſelig gegen Jedermann, zu Prag am Hofe Eurer königlichen Muhme Sophia geſehen wurdet, welche der geläuterten Glaubens⸗ lehre ſo warm zugethan war. Die Stände des Reiches haben ſich nun, da im verwichenen Jahre Albrecht von Oeſtreich, römiſcher König, verſtor⸗ ben, feierlich zur neuen Wahl verſammelt, und keinen Fürſten würdiger gefunden, Böhmens ur⸗ alten Ruhm zu ſchirmen und zu mehren, des Landes Wunden zu heilen, und Recht zu handha⸗ ben, denn Euch. Und deßhalb ſind wir jetzt hier und bitten Euch: Ihr wollet Euch dem Verlan⸗ gen des Volkes nicht entziehen, ſondern ſchleunig zur Krönung eilen, damit das herrenloſe Land, wo nur noch ein unmündig Kind an der Mutter Bruſt, Ladislav, der Nachgeborne, waltet, aus dem Zuſtand errettet werde, darin Niemand weiß, wer Herr oder Knecht iſt.“ — 267— Sinnend, noch immer wie in Träume verloren, hatte der Herzog die Rede des böhmiſchen Geſandten angehört, während die ſtolze Gattin bereits im Geiſt das Diadem auf ihrem Haupte ſah. Die letzten Worte Ulrichs von Roſen erweckten aber, wie ein Spruch Gottes, des Herzogs beſſeres Selbſt endlich aus der unwürdigen Träumerei. „Ich danke Euch, Herr Ulrich von Roſen,“ rief er lebhaft;„von ganzer Seele dank' ich Euch, nicht blos für die Ehre, die mir das edle Böhmervolk angethan, ſondern auch dafür, daß Ihr der Erſte ſeid, der mich wieder an Recht gemahnt.— Ach, mir ſchwirrt es, wie nach lan⸗ gen wüſten Träumen, durch die Seele.— Doch Ihr habt mich wach gerufen, und nun hört meine Antwort:— Ihr Herren von Böheim, bringet Eurem Volke meinen Dank und Gruß, und erinnert es in meinem Namen, daß man Wittwen und Waiſen ſchützen ſoll. Dem Säugling Ladislav, dem gebornen König, gebührt Eure Krone, nicht mir. Ha, wenn ich die Hand darnach ausſtreckte, das Diadem auf's Haupt ſetzte, wehe mir,— ich beginge einen Frevel an jenem göttlichen Recht, das, wie ein heiliger Patriarch, ſeit Jahrtau⸗ — 268— ſenden die Erde beherrſcht; und kein Gebet des Volkes, und kein Tedeum, donnernd emporgejubelt bei meiner Krönung, vermöchte das Stammeln der Majeſtät von den Lippen des Kindleins zu übertäuben, und kein prieſterlicher Segen über⸗ ſtrömte mich mit unſichtbarer Weihe. Würde ich wähnen, auf Volkestreue feſt zu bauen,— ſo ſänke der Grund ein, denn das Recht wäre ja unter⸗ höhlt; ohne Recht gibt es keine Treu' auf Erden, kein Fürſt kann ſie verlangen, kein Volk ſie lei⸗ ſten. Böhmen iſt wohl ein herrlich Land, von Gott geſegnet, ein Gartenthal, rings umbollwerkt ge⸗ gen jeden äußerlichen Feind, Böhmens Volk ein edles, urkräftiges, männlich bewußtes;— doch mir iſt Baiern groß genug.“ Verwundert blickten die Geſandten aus Bö⸗ heim den Fürſten an. Sein ganzes Weſen war umgewandelt. Seit er wieder erkannt, was Recht, lebte er wieder; die Zeit, da er's nicht gewußt, und nicht geübt, lag wie eine Kluft hinter ihm, wie Scheintod. Die Geſandten wurden fuürſtlich bewirthet, und ſchieden mit dem unveränderlichen Beſcheid ——— — 269— des Herzogs. Kein unfreundlicher Blick, noch der gekränkte Stolz ſeiner Gattin, nicht alle Schmeichelworte, welche ſie liſtig an ihn ver⸗ ſchwendete, vermochten ſeinen einmal gefaßten Entſchluß zu erſchüttern. Mit tiefer Schaam blickte er jetzt auf die Zeit zurück, da er ſeinem unglück⸗ lichen Gaſtfreunde die Treue gebrochen, mit Mißluſt auf die Bündniſſe, die er mit deſſen ungerathenem Sohn eingegangen, dem Willen der Gattin wil⸗ lenlos unterthan. Er nahm ſich vor, von nun an ſeine Hand und ſein Herz rein zu halten und bei dem neuen römiſchen Könige, Friedrich von Oeſtreich, den unſeligen Zwiſt zwiſchen Vater und Sohn zu vermitteln. Löwenjagd. Nicht in jenem Augenblicke, als Heinrich von Landshut ihn zu Coſtnitz für todt verließ, nicht in jenem, als Papſt Martin ihm ſtatt Rechts den Segen gab, und die Erde unter ſei⸗ nen Füßen wankte, war Ludwigs Kraft ſo ganz gebrochen, wie jetzt, nachdem die Stütze ſeines Alters, die einzige Freude ſeines Lebens, das einzige Band, welches ſeine irdiſchen Hoffnungen an die Zukunft knüpfte, das Vermaͤchtniß ſeines Jugendglückes,— ſein Sohn dahin war, für welchen er allen Stürmen mit offener Bruſt ent⸗ gegen getreten war. Vergangenheit und Zukunft ſchwindet, wenn der Schmerz die Gegenwart zur öden Einſamkeit ausdehnt, zum form⸗ und weſenloſen Begriff, zum Chaos, in welches alle Elemente des Geiſtes zurückſtrömen.— Der alte Ludwig im Bart ſprach die Ver⸗ mittlung des römiſchen Königs nur darum an, daß dieſer ihm ſein ganzes Land abnehmen, und — 271— demſelben einen Verweſer ſetzen möchte. Er ſelbſt verlangte auf Erden nichts mehr, und hatte beſchloſſen, wie auch bereits Anſtalten ge⸗ troffen, ſich nach Rattenberg im Tyroler⸗Gebirg zu begeben, wo ihn der Graf von Schaumburg mit fünfhundert Roſſen von Inſpruck her abholen, und an den Inn geleiten ſollte, auf welchem er ſich einſchiffen wollte, um nach Wien zu kommen, wo er den Reſt ſeiner Tage, fern vom Antlitz des ihm doppelt verhaßten Buckligen, in ſtiller Einſamkeit zu verleben gedachte. Aber nicht einmal dieſer letzte troſtloſe Wunſch ſollte dem Manne gewährt werden, der nichts auf Erden weiter beſaß, als ſein Unglück. Der römiſche König Friedrich ſtellte nämlich die⸗ ſem Wunſch des Alten noch die Bedingung zur Seite, daß er ſich mit ſeinem ungerathenen Sohne völ⸗ lig vergleichen, und den jetzigen Beſitzſtand ohne Widerſpruch als Recht belaſſen ſolle. Dieſes de⸗ müthigende Anſinnen rüttelte den alten Löwen aus ſeiner Thatloſigkeit empor; auch der junge Herzog erhob Einſpruch dagegen, weil er, der vieles beſaß, auch noch das Letzte erwerben — 272— wollte; unabläſſig ſtachelte ihn dazu ſeine Gattin Margarethe, die ihm, ſeit der Freiberger dahin gefahren, ſtatt deſſen als böſer Geiſt zur Seite ſtand und ihn, je mehr ſie ihn von Tag zu Tag haßte, um ſo mehr zum Mittel machte, die Pläne ihres Stolzes und ihrer Habſucht in's Werk zu ſetzen. Sie ſelbſt hing jetzt, durch einen Spott der höchſten Vergeltung, von den tyranniſchen Launen des Hofmeiſters von Waldenfels ab, deſ⸗ ſen Winke waren ihr Geſetze; dieſer aber behan⸗ delte ſie,(freilich nicht unter den Augen des Gat⸗ ten,) ganz wie eine Sklavin. Sie hatte beſchloſ⸗ ſen, nicht eher zu ruhen, als bis ſie unum⸗ ſchränkte Herrin von Ingolſtadt wäre, und dann, — die Hölle wußte, welche Keime in ihrem Herzen lagen! Anm ſechs und zwanzigſten Juli ritt der kö⸗ nigliche Herold Hans Rechner, genannt der Schwab, nach Neuburg zu Herzog Ludwig, bei welchem ſich der kaiſerliche Wappenkönig Hein⸗ rich von Heeſel, genannt Oeſterreich, und der franzöſiſche, Henry de Riche, genannt Hongrie, befanden. Er brachte dem Bärtigen des römi⸗ ſchen Königs Gebotbrief, binnen vier Jahren — 273— weder mit ſeinem Sohn noch mit deſſen Ver⸗ bündeten, Heinrich von Landshut und Markgraf Albrecht von Brandenburg Krieg zu erneuern. Lud⸗ wig, voll friſcher Kampfluſt, und im Gefühl ſeines Rechts, zögerte; endlich gelobte er, doch überlegend, daß er während dieſer Friſt ſeine Streitkraft wieder herſtellen, und dann der gan⸗ zen ruchloſen Geſippenſchaft Stirn an Stirn ge⸗ genuber treten könne,— dem Könige unverbrüch⸗ lichen Gehorſam. Am andern Tage nahm der Herold nach Kün⸗ digung des Gebotbriefs vom Grafen von Grais⸗ bach, der vor den Mauern Neuburgs mit Kriegs⸗ volk lag, den gleichen Eid und ritt zum König heim, ihm zu melden, daß der verderbliche Ha⸗ der geſchlichtet ſei. Aber der Bucklige verließ, nachdem er ſein Wort gegeben, ſeinen Stand nicht. Auf den Anhöhen vor Sanct Georgs Kirchlein lag er noch immer drohend, ſcheuchte die Schnitter vom Felde, plünderte die Reiſen⸗ den, die des Weges kamen, ſchrieb neue Abſage⸗ briefe und beſchoß ſogar die Mauern, wiewohl mehr zum Spott als für Ernſt. Der Alte brach des Königs Gebot trotz allem Unglimpf des Soh⸗ III. 18 — 274— nes nicht. Er lag wie ein alter Löwe in ſeiner Höhle, unbekümmert um alle Neckereien, feſt entſchloſſen, ſeiner Seits bis zu Ablauf der Friſt nach des Königs Recht zu handeln, um dann um ſo gewiſſer das ſeinige einzutreiben.—— Faſt drei Jahre währte dies unwürdige Spiel des Buckels. Der alte Herr im Bart hatte wäh⸗ rend ſeines langen Lebens Geduld lernen müſſen, und wandte zu ſeinem Schutz nichts an, als den Weg des Rechts,— Bittſchreiben, Vorſtellungen und Mahnungen an den römiſchen König Frie⸗ drich. Der Graf von Graisbach, von ſeiner Gattin verſpottet, daß er nie den Herzogshut gewinnen werde, wenn er auf ſeines ſtörriſchen Vaters freien Willen hoffe,— als Schein⸗Mann geſchmäht, als muthlos von ihr verachtet,— durch ſeine eigenen raſtloſen kleinen Fehden immerwäh⸗ rend geſtachelt und zu einem ſolchen Punkt ge⸗ bracht, daß er, bisher noch ungeſtraft, nach Ablauf des Stillſtandes das Aergſte zu befürch⸗ ten hatte,— durch den alten Menſchenhaſſer, Hein⸗ rich von Landshut, ſo wie durch den händelſüch⸗ tigen Markgrafen Albrecht ermuthigt,— beſchloß, den letzten Streich zu wagen, und zu verſuchen, — 275— ob menſchliche Gerechtigkeit wohl den antaſten werden, den das Glück bekrönt?! Wie böſe Vöglein flogen ſeine Abſagebriefe rings durch's Land. Vergebens mahnte der rö⸗ miſche König ab. Man war es ſeit Jahren in Deutſchland gewohnt, ſich um den ſchwachen Willen der in allen Dingen arg beſchränken Kai⸗ ſer nicht zu bekümmern; dieſer Friedrich, unrühm⸗ lich durch ſeine Behaglichkeit, der langweiligſte Fürſt, der ſeit geraumer Friſt auf dem deutſchen Throne ſaß, entbehrte vollends aller Kraft, und alles Anſehens, trotzigen und glücklichen Rebellen in ihren böſen Händeln zu wehren und ſie nie⸗ der zu ſchmettern durch den Blitz der Majeſtät. Von Gundelfingen bis Rennertshofen herab, un⸗ fern von Neuburg, hatte der kühne Markgraf Al⸗ brecht die Donau erherrſcht, und die Zufuhr geſperrt. Der Bucklige ſendete an Herzog Al⸗ brecht von München, und forderte ihn auf, aus alter Bundesgenoſſenſchaft heran zu ziehen und ihm bei'm Sturm Neuburgs zu helfen.„Wenn ich ein Schelm und Judas wäre,“ ſchrieb ihm der Herzog zurück,„ſo würd' ich's Euch thun. Ich rath' Euch aber, um Eurer Seeligkeit wil⸗ 18* — 276— len, ſteht von Eurem ruchloſen Beginnen ab, und fordert nicht die Hand des Himmels her⸗ aus.“ Der Alte in Landshut ließ von ſei⸗ ner Pfaffheit auf's neue den lang vergeſſenen Bann über den bedrängten Gebarteten verkündi⸗ gen.„Er ſelbſt wolle Hauptmann des Krieges ſein,“ ſchrieb er offen aus,„der König habe ihm des Reiches Banner übergeben.“——— Hans Stauffer und Si egmund von Ebersdorf, des Königs Geſandte an den alten Herzog, be⸗ fanden ſich noch in deſſen Schloß zu Neuburg, und beſprachen ſich eben mit ihm, einen Reichs⸗ tag zu Frankfurt in ſeiner Sache verheißend, als ein Schuß ſie plötzlich vom Fenſter zurückſchreckte, unter welchem die Steinkugel draußen niederprallte.„Ver⸗ rätherei!“ ſchrie der Stauffer erblaſſend;„un⸗ ſer Leben ſteht auf dem Spiel; weh, wenn ſelbſt der Name königlicher Majeſtät uns nicht mehr ſchützt.“ „Hier iſt unſers Bleibens nicht länger,“ fügte der Ebersdorfer haſtig hinzu;„gönnet uns Urlaub, gnädiger Herr—“ „Um noch mit Anſtand Todtengräber werden zu können?“ fiel ihm der alte Herzog in's Wort,„ich will Euch eine Pfründnerſtelle im — 277— Bruderhaus zu Ingolſtadt erwirken; nur müßt Ihr dann viel Bier trinken, um Eure Kehle geſchmeidig zu erhalten, wenn Ihr über meinem Grabe: misericordia zu ſingen habt. Miseri- cordia! Ja, misericordia! Das brummte mir die Stächlerin eben, und warf mir aus Miseri- cordia den Stein da unten zu.— Ha, ich ſeh's, der Buckel wird bibelfeſt; Stein für Brod, ſteht in der Bibel, und: einen Stein ſtatt des Her⸗ zens!— ruf ich dazu! Oh, misericordia über dieſe luſtige Welt! Misericordia ſoll aufſpielen zum jüngſten Gericht, wann Treu' und Irrlich⸗ ter zuſammen tanzen.— Schafft mir den Stein herauf!— Ich will einen feinen Witz hevorbrin⸗ gen, der mit der Welt zugleich erſchaffen wurde, — unmittelbar nach der Schöpfung des Kroko⸗ diuls.— Den Stein herauf!— Seht, ich will witzig ausrufen: Schaut, was für ein ſteinreicher Mann ich bin! will ihn in Windeln wickeln, meinen Herzogshut darauf ſtülpen und mit meinem Herz⸗ blut ihn Ludwig taufen.— Ich bitt' Euch, gebt mir einſt dieſen Stein in's Grab mit, aber legt ihn mir nicht auf's Herz,— darauf trag' ich längſt einen,— legt ihn neben mich, als die Atzung, die ein Kind ſeinem Vater giebt; und ich will ſehen, daß ich bis zum jüngſten Tag mit dieſer Koſt auskomme; dann tret' ich vor den Welt⸗ richter hin und bitt' ihn, dieſe ſteinharte Koſt wieder in Brod zu wandeln. Hal das ſind des Verſuchers Worte, und, beim Heiland, der Teu⸗ fel verſucht mich.— Gott befohlen, Ihr Her⸗ ren!— Halt, noch eins! Ich hoffe, wenn man Euch aus dem Schloſſe ziehen gewahrt, wird man Euch nichts zu Leide thun, denn,— ha! Inhr ſeid ja keine Väter!— So hört denn eine einzige Bitte.“ „Wir werden freudig Alles erfüllen, was Ihr befehlt, mein gnädiger Herr,“ ſprachen die bei⸗ den kaiſerlichen Bevollmächtigten einmüthig; es war ihnen nicht mehr ganz geheuer in der verder⸗ benreichen Nähe des alten Herzos; um jeden Preis mochten ſie ſobald als möglich Neuburg verlaſſen. „Ich bitt' Euch,“ fuhr der alte Herzog ſpottend fort,„nennt mich doch noch einigemale: gnädiger Herr; ich kann des Titels und der Gnade ſchier nicht ſatt werden; drum ſchickt mir auch der Buckel den Stein ſtatt der Gnade!— Den gnädi⸗ gen Herrn bei Seite, fleht Euch ein Vater an, — 279— der einen Sohn hatte;—— hört: die Wittwe meines Wieland lebt noch hier auf meinem Schloß bei mir.— Mir kann,— Ihr habt's ſelbſt geſe⸗ hen, vielleicht bald was menſchliches begegnen,— o Gott, beſſer was menſchliches, als ſo viel unmenſch⸗ liches, als mir ſchon begegnet iſt.— Ich mag nicht denken, wie ſich die neue Gretel alsdann freuen würde, eine Wittwe zu berauben.— Nehmt denn Frau Amalie in Eure Mitte und bedeckt ſie mit der Tarnkappe Eurer— unſichtbar machen⸗ den Majeſtät von Deutſchland, damit eine Wittwe unter milderen Sternen doch wenigſtens unge⸗ kränkt um den Todten klagen kann.— Ich ſelbſt, ich bleibe hier— ich will doch dem Buckel Bart an Bart zeigen, was es heißt: ein Mann zu ſein, wenn man nicht— Vater ſein darf.“ Die beiden königlichen Geſandten luden ihn gleichwohl ein, mit ihnen unter freiem Geleit der Majeſtät das gefährdete Schloß zu verlaſſen. Doch der Alte verſetzte ihnend ſpottend:„Ich bitt Euch, macht keine ſo ernſthaften Geſichter, denn es ſind doch nur Poſſen, die Ihr vorbringt, und Ihr wißt gar wohl, daß gerade meine Perſon den ſchönen Grafen von Graisbach noch zum gu⸗ — 280— ten Schützen machen könnte,— ei, bedenkt doch nur, wie unangenehm es für Eure armen Lungen wäre, oder für Eure ſchreibfertigen Finger, wenn ihr neben mir ſtündet und plötzlich ein Boltz oder eine Kugel durch meinen Leib den Weg in die Eurigen nähme!— Frei Geleit?! Sanct Huß bet für uns! Bricht's ein Kaiſer, mag man's einem König auch brechen!— Der Buckel iſt wirklich im Stande, ſich um dieſe wurmſtichige deutſche Majeſtät nicht zu kümmern; hat er doch die väͤterliche durchwurmt! — Puh! Moder! Moder!— Laßt die Poſſen und geleitet die Wittwe; das iſt Alles, was ich von Euch verlange.“ Die Geſandten waren froh, ſo leichten Kau⸗ fes wegzukommen. Amalie machte ſich raſch rei⸗ ſefertig und verließ mit ihnen das Schloß. Nur mit genauer Noth gelang es ihnen, dem könig⸗ lichen Geleite auch für die Wittwe Wielands An⸗ erkennung zu verſchaffen. Nachdem die Commiſſarien Friedrichs mit ihrer Schutzbefohlenen das Lager des Grafen von Graisbach im Rücken hatten, beſchoß dieſer, der die Ungeduld nicht mehr zu bändigen vermochte, auf's neue ſeines Vaters Schloß. Doch es wa⸗ — 281— ren tüchtige Leute darinnen, die ſich, des Her⸗ zogs Starrſinn theilend, bis auf den letzten Mann zu wehren vorgeſetzt hatten,— die beiden gewal⸗ tigen Marſchälle Heinrich und Lienhard von Pap⸗ penheim, der Hauptmann Michel Riederer, Ja⸗ cob Beheim, Reichard Kargel, der Pfleger Os⸗ wald Ottlinger, durch den Tod des geliebten Wieland auf's Aeußerſte gebracht, dazu viel über die hundert Edelleute und Reiſige, bewaffnete Jäger und Hofbediente; in der Stadt ſelbſt wa⸗ ren alle Bürger wehrhaft. Deshalb wurde es dem unnatürlichen Sohne, dem alten Heinrich, dem Markgrafen und ihren Hauptleuten, unter denen der Graf von Helfenſtein und Herr Conrad von Heideck das meiſte Volk zugeführt hatten, nicht gar leicht, das Schloß, wie ſie gehofft hatten, gleich nach den erſten Stürmen zu überwältigen. Achtzehn Wochen lagen ſie wie angezaubert vor den feſten Mauern. Am vierten September am ſpäten Abend war der letzte Angriff beſchloſſen. Er mußte glücken, denn Verrätherei bahnte den Weg. Die Thor⸗ wärter waren gewonnen; unter den Bürgern hatte man das Gerücht ausgeſprengt, daß die — 282.— Feinde, der langen fruchtloſen Belagerung müde, ſich verabredet hätten, mit anbrechender Dämme⸗ rung ohne Aufſehen die Gegend zu verlaſſen. Wirklich hatten auch gegen Abend einige Rotten von den anſbachiſchen Truppen ihr Lager abge⸗ brochen und den Anſchein genommen, als wollten ſie ſich über die waldigen Anhöhen zurückziehen. Voreiliger Jubel herrſchte in der Stadt; Freu⸗ denmahle und Zechgelage wurden alſobald ange⸗ ordnet, denn Niemand ahnte das drohende Unheil. Da brach, während die Mauern nur ſchwach beſetzt waren, und die treuloſen Thorwärter die Zugbrücken niederließen, mit donnerndem Unge⸗ ſtüm die ganze Heeresmacht in die verrathene Stadt hinauf. Unwiderſtehlich, durch die Ueber⸗ raſchung und Verwirrung als zwei treue Bun⸗ desgenoſſen trefflich unterſtützt, warfen die Be⸗ lagerer alles vor ſich nieder, machten jedes Haus zu ihrer ſichern Schanze, umzingelten das Schloß, zerſchoſſen das Thor mit einer Petarde, ergoſſen ihre wilden Rotten durch alle Räume und Gänge und waren in weniger als einer Vier⸗ telſtunde des letzten Aſyls Meiſter, welches der alte Ludwig auf Erden gehabt. Schaamlos dran⸗ ——— — 283— gen der Graf von Graisbach und Heinrich von Landshut mit bloßen Schwertern, durch die Ans⸗ bacher im Rücken gedeckt, in die Schlafkammer des alten Ludwig, bei welchem ſich Niemand be⸗ fand, als ſein Geheimſchreiber der Gertzinger. „Ergebt Euch! Ihr ſeyd in unſrer Gewalt!“ ſchrieen ſie ihm wild entgegen, und zuckten die Schwerter gegen ſeine Bruſt. Da hob der Vater das Auge, Zornflammen ſchoſſen unter den ſilberweißen Brauen und Wim⸗ pern hervor. Hoch emporgerichtet, voll heiliger Majeſtät, wie nie ein Kaiſer oder König, ſtand er dicht vor ſeinem Sohne und ſprach:„Hie bin ich!— Sättigt die Wuth! Da iſt mein Herz, ſtoßt zu! Ich habe Niemand mehr auf Erden, der um mich weinen kann. Ha, was zögert Ihr? Iſt ein Vaterherz nicht eine ſchöne Ziel⸗ ſcheibe für des Sohnes Schwert? Stoßt zu!“ Der Blitz ſeiner Blicke, der Klang ſeiner Worte erſchütterten ſie ein Paar Augenblicke lang. Bald aber nahm Herr Heinrich von Lands⸗ hut, der ſich zuerſt wieder faßte, das Wort: „Wir ſuchen nicht Euer Verderben, Vetter, noch begehren wir Eures Blutes, ſondern blos Eu⸗ — 284— res Leibes.— Ergebt Euch mit gutem Willen in Euer Schickſal und überlaßt deſſen Entſcheidung dem allgerechten Lenker dort oben.“ „Läſterſt du Gott, ſcheußlicher Gleisner,“ tobte Ludwig,„fahriger Mörder, ſo vollende dein Coſtnizer Werk. Ich hoffe: ein Pabſt wird dich noch dafür heilig ſprechen.“ „Ihr irrt, mein werther Vetter,“ entgeg⸗ nete ihm der Landshuter mit ſchändlicher Sanft⸗ muth;„ich habe Euch ja ſchon geſagt, daß wir blos Eures Leibes, nicht Eures Blutes begehren. Hm! Ihr müßt Euch eben in das Unvermeidliche einige Zeit lang fügen.“ „Wie? Wie?“ ſchrie Ludwig bang aufſtöh⸗ nend,„nein! ich verſtehe Euch noch immer falſch,— Ihr wollt mich, weil Ihr kein Blut ſehen könnt, mit Eurer Liebe und Verwandtſchaft erdroſſeln, weiter nichts;— nicht wahr?— weiter nichts?!“ „Nein,“ erwiederte der Landshuter kalt, „wir werden Euch in ein ritterlich Gefängniß ſetzen.“ „Gefangen?— Gefangen?— Ketten?“ rief Ludwig voll des tiefſten Entſetzens;„ſprecht das Wort nicht aus; dieſer Hauch iſt Peſt.—“ — 285— Heinrich zuckte mit höhniſchem Mitleid die Achſeln, und wiederholte deutlich und beſtimmt, was Ludwig ſchon durch Ahnung der Möglichkeit mit Grauſen erfüllte. Wie gelähmt an Verſtand wandte ſich der Vater, von dem Vetter zurück⸗ bebend, an den Sohn und ſprach, während ſeine Kniee einbrachen, und er zu den Füßen des Höckerigen ſank, mit leiſer Stimme:„Sohn! iſt es wahr? Ich,— ich glaube dem Teufel nicht;'s iſt ja der Vater der Lüge, ſo gut als ich dein Vater bin.— Haſt du je, vielleicht im Liebes⸗ rauſch, vielleicht nach einer durchſchwelgten Nacht nur mit dem Tauſendſtel eines Gedankens an Gott geglaubt, ſo ſtraf jetzt dieſen hier Lüge.— Sieh mich nicht an;— huſch, mir iſt, als läge ich vor dir auf den Knieen;— pah! Wahn, Traum, Raſerei!— Ich will dir nicht fluchen, ich habe kein Gedächtniß mehr;— nur ſtraf' ihn Lügen, oder ſtoß mich nieder und ich will dich ſegnen, daß du mir einen freien Tod gabſt— zum tauſend⸗ fachen Dank dafür, daß ich dir ein ſündenvolles Leben gab.— Der bloße Gedanke an Ketten um⸗ kettet meinen Geiſt.— O, nicht ein Vaterherz, — eine Krone iſt heilig; zerhaue das Herz, du — 286— feſtes Schwert, nur die Krone nicht.— Krone? Plunder!— Freiheit, Bettlergut, Freiheit, Frei⸗ heit,— ſiehſt du mich auch knieen?— Freiheit, hörſt du mich auch betteln?— Freiheit,— o, ſo weit bin ich gebracht,— Freiheit und Vernunft ſeid eins, nur nicht wahnſinnig laß mich werden, ich glaube faſt: ich bin's ſchon;— ich will dich nicht: Ludwig,— Wieland will ich dich zum Dank dafür nennen, will ſchwören, daß du nicht im Ehebett gezeugt biſt, daß du mich gegen einen unnatürlichen Sohn ſtets vertheidigteſt,— ich bin nicht Fürſt, nicht reich, nicht alt,— mein Haar lügt,— nicht Vater mehr, nur Menſch, Menſch bin ich noch und elend, nein,— Menſch, und rede nur, ob mich ein menſchliches Herz höre.“ Unſchlüſſig ſchwieg der Sohn; der alte Hein⸗ rich aber raunte ihm ſpöttiſch in's Ohr:„Wollt Ihr heimgehen, um Euch von Eurem Weibe auslachen zu laſſen? Ihr ſeht, der Mann iſt kindiſch und weiß nicht, was er ſpricht. Laßt Ihr Euch beſchwatzen, ſo ſeht Euch für die Zu⸗ kunft vor. Ihr ſteht am Aeußerſten, ein Schritt ab⸗ waͤrts vom Ziel verdirbt Euch.— Fügt Euch in Euer Schickſal, alter Vetter! Ihr habt mir vieles an den Hals gehezt; das iſt nun anders geworden.“ — 287— Langſam, würdevoll erhob ſich der ungluck⸗ liche Greis, und blickte ſtolz, als ſtünde er im Mittagsglanz ſeines Glückes, rings um ſich, als eben der Markgraf Albrecht heftig hereintrat und ſeine beiden Bundesgenoſſen rauh anließ, „warum ſie mit dem alten Manne ſo viel We⸗ ſens machten?“ Da rief Ludwig im Bart:„Ein treffliches Erbſtück ſeines Vaters, dieſer Mark⸗ graf,— ein beſſerer Schwager, als der Mann ſei⸗ ner Schweſter ein Sohn iſt.— Und du Buckel, wähnſt du: ich würde meine Lunge anſtrengen, um dir zu fluchen? Ich hab's nicht Noth, denn dich ver⸗ flucht ein Größerer als ich. Wollt' ich fluchen, ſo wär's über mich ſelbſt, daß ich mich drei Secun⸗ den lang vor Euch demüthigte.— Hier! Nehmt mich hin, und laßt es in der Welt auspoſaunen, daß Ihr einen Fürſten von ſiebenundſiebenzig Jahren, den Ihr achtzehn Wochen lang verge⸗ bens ehrlich belagertet, durch Verrätherei gefan⸗ gen habt,— und, wie ich die Welt kenne, ſo pro⸗ phezeihe ich Euch, daß man Euch für dieſe Helden⸗ that Ehrenkränze windet.— Nun?! Herbei mit Eu⸗ ren Eiſen und Banden! Hier ſind meine Arme, hier ſind meine Füße; der Leib muß ſich ergeben, die — 288— Seele bleibt frei; dafür iſt noch keine Kette ge⸗ hämmert worden und wird bis an's Ende der Welt keine aufzutreiben ſein.— Schleppt mich hin, wohin Ihr wollt, kein Menſch mag vielleicht wiſſen, wo ich hungre; triumphirt und jubelt, bis Eure Te deum's und Zechſprüche in des Him⸗ mels Decke ein Loch hineinpochen, tilgt die Ehre aus der Welt, brandmarkt die Tugend, laßt Euch ſelbſt ſtatt des Frevels anbeten, bringt es dahin, daß Jeder, dem ein Bart am Kinn wächſt, ſich ſchämt ein Mann zu ſein,— und ich will doch ein Mann bleiben, bis mir die Seele ausfährt, ſo wahr es einen gerechten Richter im Himmel giebt.“ Die drei Bundesgenoſſen ließen dem Greiſe Feſſeln anlegen und führten ihn dann, ohne daß es ſonſt Jemand gewahr wurde, in den tiefſten Thurm ſeines eigenen Schloſſes. Dann begaben ſie ſich in den Hof, ließen die Gefangenen: den Hauptmann Riederer, die beiden Pappenheimer, Jacob Beheim und Reichard Kargel, den Pfleger Ottlinger und den Schreiber Gertzinger, ſieben⸗ undſiebenzig Edelleute, einhundert und eilf Bür⸗ ger von Neuburg, dreiundzwanzig Dienſtleute und eilf Jäger an ſich vorüberführen und die 2 — 289— nahmhafteſten mit gutem Geleit nach Friedberg bringen; der Alte ſollte in Neuburg bleiben; ſie wagten es nicht, ihn durch's offne Land zu ſchaf⸗ fen, aus Furcht, daß der Anblick des ehrwürdi⸗ gen Greiſes die Gemüther gegen ſie aufreitzen möchte. Am andern Morgen ſchrieb der Beute⸗ meiſter die Theilungszettel des Raubes! Das Volk ſeufzte in dumpfem Grauſen über das Schickſal des alten Fürſten; doch keiner, ſelbſt die Landſtände nicht, wagte es, ein lautes Wort des Unwillens oder der Klage zu erheben, denn der Graf von Graisbach, auf den Schutz ſeiner mächtigen Geſippenſchaft pochend, nannte und ſchrieb ſich von nun an öffentlich Herzog von Bayern⸗Ingolſtadt; der römiſche König Frie⸗ drich mäßigte gar bald den erſten Unwillen über den verbrecheriſchen Sohn und nahm ihn feierlich in ſeine Gnade auf. Selbſt ein Verſuch, den Greis mit Gewalt zu befreien, konnte durchaus nicht erwirkt werden, weil die drei Bundesge⸗ noſſen das Geheimniß des unterirdiſchen Kerkers, worin er ſchmachtete, unverbrüchlich bewahrten.— Der neue Herzog hatte jetzt, von den im⸗ merwährenden Wünſchen ſeiner Gattin verfolgt, III. 19 — 290— nichts eifriger zu betreiben, als ſich in feierlicher Verſammlung der Landſchaft den Fürſtenhut auf⸗ zuſetzen und förmlich huldigen zu laſſen. Mar⸗ garethe konnte den Tag kaum erwarten, denn Graf von Waldenfels, der ſie noch immer wie eine Sklavin beherrſchte, und voll hoch⸗ fahrendern Gedanken umherging, drang mit Un⸗ geſtüm in ſie, ihren Gatten zur möglichſten Eile zu ſpornen. —— 291— Gottes Hand. Nach langen zweideutigen Unterhandlungen verſammelte Ludwig der Höckerige zu Ingolſtadt ſeine Landſchaft, ließ ſich im Beiſein ſeines Schwagers, des Markgrafen und ſeines andern Geſippen, des alten Heinrich von Landshut, durch deren Macht er die zaghaften Stände eingeſchüchtert, öffentlich huldigen und gab zur Feier dieſer fürſtlichen Handlung ein pracht⸗ volles Gelage, bei welchem ſeine hoffärthige Gattin, geputzt mit den koſtbaren Kleinodien des franzöſiſchen Kronſchatzes, nach welchem ſie ſo lange gedürſtet, erſchien. Ha, wie ſich dieſe falſche gefallſüchtige Margarethe an jenem Tage zuerſt wieder eifrig und liebevoll um ihren Gatten beſchäftigte, den ſie doch ſelbſt jetzt noch, da ihr Auge die hingebendſte Zärtlichkeit, die ſorglichſte Treue verkündete, heißer haßte als je! hinter ihrem Stuhl ſtand, ihr minniglich aufwar⸗ tend, der ſchöne Hofmeiſter, der Waldenfels, 19* dienend, wo er gebieten wollte, ein Lebehoch um das andere dem neuen Herzog zujauchzend, wäh⸗ rend er in tiefſter Seele dem Augenblick freudig entgegenbebte, wann er den Stein im Wege über⸗ ſprungen habe, an des Herzogs— Leiche ſtehe, vor Margarethe als die fürſtliche Wittwe hintrete, und ihre Hand, und mit derſelben den Herzogs⸗ hut erhielte. So hoch hinaus wollte ſein Sinn. Während der leichtſinnige Adel die Treue im Be⸗ cher begrub, und allenthalben Freude ſchallte und die Sirene: die Schmeichelei angenehme Weiſen ſang, während die wohlgenährten Prä⸗ laten jeden Trunk benedeieten,— dachte der neue Herzog nicht, daß in den tiefen feuchten Kerkern zu Neuburg ein Greis liege, deſſen Unglimpf von keinem menſchlichen,— nur vom Auge des Ewigen geſehen ward; ha, er wußte nicht, der triumphirende Verbrecher, daß er aus demſelben Becher, den der Waldenfels vollſchenkte, den Margarethe ſüßlächelnd kredenzte, den ihm die ſcheinbeiligen Pfaffen benedeieten,— den Tod in alle Adern trank. Süß war der Taumel der neu errungenen Fürſtenwürde; ſüß iſt der Rauſch des Verbrechens; wer in ihm ſchwelgt, wähnt,— — 293— weil der Himmel nicht augenblicklich nach der That den rächenden Blitz niederſendet, Gott ſchlafe, und die Vergeltung ſei blos ein Hirn⸗ geſpinſt der nagenden Nüchternheit. Aber Gott bleibt Gott. Was für Maulwürfe ſind wir, daß wir zaghaft werden, wenn wir Jahrhunderte lang von Tugend und Recht nur die Stimme im Elend, wenn wir Triumphgeſchrei des Verbrechens und der Gewalt hörend, voll Blödſinn wähnen, es ſei abge⸗ macht mit dieſem Leben, oder, wenn wir von der Weltgeſchichte uns ſchaudernd wegwenden, weil ſie bis jetzt mit keiner Hochzeit des Himmels und der Erde endigt, wenn wir unſere Spießbürgerlichkeit als Brille auf der Naſe tragen, uns noch mit ei⸗ nem ſittlichen Aerger brüſten, daß der Himmel uns nicht das Schauſpiel gönnen mag, die Tu⸗ gend in einem Purpurmantel triumphiren, das Laſter, nachdem es lang frei und ſtolz umherge⸗ gangen, an einem hanfenen Strick zum Schaffot geſchleppt zu ſehen. Für einen ſolchen Wunſch der Kleingläubigen, die nicht offen, nicht männ⸗ lich an Gott und ſich ſelbſt glauben können, iſt die Weltgeſchichte zu groß!— — 294— Wenige Wochen nach dem Huldigungsfeſte er⸗ krankte der neue Herzog an einem— böſen Fieber, wie es hieß. Die Aerzte ſchüttelten bedenklich die Köpfe und ſuchten Margarethe mit ſchonen⸗ den Worten darauf vorzubereiten, wie nahe ihr ein unerſetzlicher Verluſt ſei. Sie heuchelte tiefe Betrübniß und Sorge. In der Bruſt ihres Gat⸗ ten aber nagte ein doppeltes Gift, das, ſo er unbewußt getrunken, und das, ſo er mit vollem Bewußtſein in's Leben des Vaters gegoſſen. Von Stunde zu Stunde wuchs ſein Gebreſt; immer wüthender brannte ihm in Leib und Seele der Schmerz. Er hatte ja gethan, was ſich nicht mehr bereuen, worüber ſich nur verzweifeln läßt; wer die Eltern kränkt, der flucht Gott, denn ein Vater⸗ oder Mutterherz iſt der Tempel des Ewigen auf Erden; hier gilt keine Entſchuldi⸗ gung, daß Härte entfremden kann;— der kranke Herzog fühlte es, er dachte an den Sohn des Landshuters, der, auch von des Vaters Härte getroffen, doch die kindliche Liebe und die reine Seele erhielt. Gräßliche Traumbilder umſchwirr⸗ ten ihn, ſein Leib bäumte ſich empor vom Sie⸗ chenbette. Er wollte entrinnen, hinaus, Luft, —— — 295— Luft, gewinnen,— der Frevel lag als Alp auf ihm, äffte ihn mit der Laſt des Fürſtenhutes; der Hermelin erwärmte das vereiſete Herz nicht mehr. Er wollte ſprechen, er wollte Gebete plappern,— die Zunge verſagte dem neuen Frevel den Dienſt;— er wollte ſich mit Gott ver⸗ ſöhnen, aber Gott ſprach:„Ich will mich mit dir nicht verſöhnen, denn ich habe auch einen Bann zu ſprechen, und einen gewichtigeren als die Pfaffen.“— Und ob die Präͤlaten und Mönche ihre Weihrauchfäſſer ſchwangen, und ob ſie ihm die geweihten Kerzen in die Hand gaben, und ob ſie frevelnd ihr: Misericordia ſangen,— er ſtarb mit allen Segnungen der Sacramente ein⸗ gebalſamt, während der alte Vater im Thurme zu Neuburg lag und des Sohnes Todesſeufzer nicht hören konnte,— ſtarb einen grauenvolleren Tod, als der Mörder, auf deſſen Nacken das blitzende Beil niederfällt. Dem Ewigen enteilt Keiner, und Keiner iſt ihm zu hoch, er fragt nichts um irdiſche Gerechtigkeit; er hat ſein eig⸗ nes Geſetzbuch. In dem neuen Münſter zu Ingolſtadt ſah das Volk, auf den Knieen liegend, die Geißel ſeiner eigenen Untreue,— jetzt zerbrochen,— die ir⸗ diſchen Reſte des Sohnes, der den Vater bekämpft,— im behangenen Sarge feierlich hereingetragen; die ſchwarzen Bahrtücher deckten das ſchwarze aus⸗ gelebte Herz. Und doch flammten an allen Al⸗ tären Kerzen, doch ſangen die ſchaamloſen Geiſt⸗ lichen für die Ruhe des Todten das hohe Amt. Und die Wittwe und der Waldenfels knieten an der Bahre, die Erſte den dichten ſchwarzen Schleier vor's Antlitz ziehend, damit man die thränenloſen Augen nicht ſehen ſollte, und der Waldenfels ſang mit: Requiem aeternam da ei, domine! und blickte ſtarr auf den mit Perlen umwundenen Fürſtenhut, der auf der Bahre lag. Der nächſte Leidtragende, der trug ſein Leid fern im Kerker; der erſte Kläger hatte keine Klage, weder eine Anklage gegen den Sohn, noch eine Klage um ſein Elend, denn er war jetzt nichts mehr als ein— Mann. Hätte er die Klage erhoben, dann erſchütterte ſie die Grundfeſte des entweihten Tempels und begrub unter den Trüm⸗ mern des ſtolzen Baues ein, wenn auch aus Zaghaftigkeit,— treuloſes Volk, doch treulos, treulos und alſo ohne Entſchuldigung! — 297— Bald nach dieſem Leichenbegängniß verſam⸗ melten ſich die Prälaten, der Adel und die Bo⸗ ten der Städte, um zu berathen, was jetzt dem Lande Noth thue. Margarethe trat in ihre Mitte, und verlangte im Namen ihrer unmün⸗ digen Tochter Catharina die Herrſchaft. Dieſe Forderung und die doppelte Sorge vor der Ge⸗ walt einer herrſchſüchtigen Frau, oder dem Re⸗ giment des ſtrengen und tollkühnen Markgrafen Albrecht, dem die Schweſter wohl vielleicht Land und Volk für jetzt oder für immer übergeben könnte, bewegten alle Gemüther zu dem einmü⸗ thigen Entſchluß, das Verlangen der Wittwe abzuſchlagen, und wegen ihres Witthums, des⸗ gleichen wegen des gefangenen Greiſes einen neuen Tag in Landshut zu befahren. Auf den Leib des gefangenen alten Herzogs aber machte Margarethe, wie auf ein Vermächtniß des Gat⸗ ten, ihr Eigenthumsrecht geltend. Sie for⸗ derte zu Landshut für ſeine Freilaſſung eine halbe Million Dukaten, darunter verlangte der Mark⸗ graf in Ansbach fünfzigtauſend Goldgulden zur Vergütung ſeiner Mühe und Auslagen. Hin und wider wurde mannichfach verhandelt. Albrecht — — —y———— — 298— von München wollte vermitteln, doch durch den geheimen Betrieb der Wittwe und des Landshu⸗ ters wurde der Judashandel dahin gebracht, daß die Wittwe wenigſtens eine Menge Schlöſſer und einen ungeheuren Schatz, der Markgraf ſieben⸗ undvierzigtauſend Gulden erhalten und Herr Lud⸗ wig im Bart dem Herzog Heinrich ausge⸗ liefert werden ſollte.— Der Hofmeiſter von Waldenfels ſchäumte von Wuth. Was auch geſchah, ſein Plan war vereitelt, da Margarethe jedenfalls das Recht auf den Herzogsthron verlor. Doch er konnte ſich noch nicht an dieſen Gedanken gewöhnen; er nährte noch immer die Hoffnung, bis die Sache förmlich entſchieden ſei. Der Judashandel. Der Landshuter, welcher gar wohl überzeugt war, daß er nichts zu wagen habe, geſtattete, um einen Schein des Rechts zu retten, einem Ausſchuß der Landſchaft dem Conrad Gumpen⸗ berger, dem Ludwig Pinzenauer, dem Hans Ebſer und dem Jörg von Cramer die Erlaubniß, gen Neuburg zu fahren und den Herzog zu fra⸗ gen, ob er ſolchen Bedingungen ſeine Zuſtim⸗ mung gäbe. Es waren die Erſten, die er ſeit dem Tage ſeiner Gefangennehmung ſah. Ruhig hörte er ſie an, und ſprach als ſie ausgeredet hatten zu dem Pinzenauer:„Geht heim und ſagt meiner Landſchaft und meinem Volk, daß ich, Herzog von Ingolſtadt, dermalen in dieſem Ker⸗ ker herrſchend, Jedermann verbiete, ſich in ſol⸗ chen Handel einzulaſſen.— Ihr ſchwätzt mir von Eurer Sorge und Treue um mich?! Lehrt dieſe ſtummen vier Wände das Wörtchen Treue aus⸗ ſprechen. Treue? Entweiht dies heilige Wort — 300— durch Eure Lippen nicht! Schmutziger Eigennutz iſt's, warum Ihr zu mir gekommen ſeid, nicht Treue; Ihr fürchtet Theilungen, Verkümme⸗ rung Eurer Gerechtſame und dergleichen, wenn Ihr jenem fahrigen Mörder nicht Gehorſam lei⸗ ſtet. O ich kenne Euch. Ihr ließet mich eben ſo gut noch ein Menſchenalter lang in dieſem Thurme liegen,(wäre Gott nicht treuer als Ihr) wenn Ihr im Geringſten fürchten würdet, daß ich, wieder in Freiheit geſetzt, Eure Untreu züchtigen möchte; aber, Ihr äußerſt klugen Män⸗ ner,(auch Ehrenmänner,— wenn's! eicht ſein kann,) zuvörderſt aber unendlich kluge Män⸗ ner, Ihr habt Eure Hoffnung dahin geſtellt:„Was ſchadet's uns, wenn der Alte auch wieder frei wird? Er iſt ſchwach und kindiſch geworden, vor ſeinem Arm brauchen wir uns nicht mehr zu ſcheuen!“— So rechner Ihr;— kommt her, einer von Euch; reiche mir einer die Hand;— o, Ihyr braucht nicht zu fürchten, daß ich Euch einen Eid abnehmen will; Gott bewahre! Ich will Euch, denen ein deutſcher Handdruck nichts mehr gilt, nur zeigen, wie Euch ein deutſcher Mann noch in ſeinen alten Tagen die Hand drücken kann.“ — 361— Er ergriff Pinzenauers Rechte und drückte ſie ſo ſtark, daß der vollkräftige Mann vor Schmerz laut aufſchrie. Dann rief er mit lauter Stimme: „Seht, ſo kann ich Euch nach allen dieſen Ker⸗ kerleiden noch die Hand drücken, und bei'm lebendigen Gott, ſo will ich, wenn ich wieder frei werde, Euren Stolz zuſammendrücken und Euren Eigennutz,— nicht aus Rache, nein, da⸗ mit für Untreu Gerechtigkeit auf Erden ſei. Ihr denkt Euch jetzt gewiß:„„Der Alte iſt ein Thor uns das zu ſagen; wir werden uns jetzt hüten, ſeine Freiheit zu erwirken!““ Ihr denkt Euch's, Ihr könnt nicht anders denken, und ich kann nicht anders handeln.— Recht! Keine Gnade! — Geht! 71 Mit dieſem Beſcheid entließ er den Ausſchuß. Als Heinrich den Entſcheid hörte, veranſtaltete er eine neue Zuſammenkunft zu Landshut, und dann wieder eine zu Neuburg ſelbſt, wo der alte Herzog ihm auch mit keiner Sylbe Red und Ant⸗ wort gab. Ein anderer Tag war zu Abensberg anberaumt, wo auch Albrecht von München, der Markgraf und drei Abgeſandte des römiſchen Kö⸗ nigs eintrafen. Heinrich brannte vor Begier, — 228— um jeden Preis den gefangenen alten Todfeind in ſeinem Gewahrſam zu erhalten; erbittert über die immerwährenden Säumniſſe, warf er den Ständen vor, es ſei ihnen bei der Sache durch⸗ aus nicht Ernſt, hier handle es ſich um baar Geld, das ſollten ſie ſchaffen oder Bürgſchaft leiſten, denn er wolle ſeine Kriegskoſten nicht umſonſt verwendet haben; ſo oft ſchon habe er ſich erboten, für ſein eigenes Geld den alten Ludwig auszulöſen und zu übernehmen; nie haͤtte ſein Wort Gehör gefunden; am beſten wär's, wenn der alte Herr ihm ſchriebe, daß er,(Hein⸗ rich,) ihn zu ſich nehmen ſolle.— So kam er auch dießmal, wie bei allen Verhandlungen ſtets auf ſeinen Zweck zurück, den kinderloſen Ludwig in ſeine Gewalt zu bringen, und ihm dann durch Liſt, oder wie immer, ein Teſtament abzupreſ⸗ ſen, durch welches das Erbe von Ingolſtadt an Landshut heimfallen ſolle. Mit wachſenden Sor⸗ gen gewahrten und verfolgten ſeine Pläne die auf hn wie auf einander ſelbſt eiferſüchtigen Bun⸗ desgenoſſen, die Herzogin Witwe und Markgraf Albrecht. Doch vereinigten ſich dieſe, um ihren beiderſeitigen Vortheil nicht aus der Hand zu — 303— laſſen, und brachten den Greis heimlich von Neu⸗ burg nach Onolzbach, wo der Markgraf beſſere Gelegenheit hatte, ihn ſicher zu bewachen. Da⸗ ſelbſt beſuchte ihn Herr Ungenad, der Abgeſandte des römiſchen Königs, welcher letztere ſich bei dieſem ſchlimmen Handel in nicht geringere Ver⸗ legenheit befand, zu entſcheiden, ohne einen oder den andern der eiferſüchtigen Bewerber zu belei⸗ digen; das Recht hätte der Majeſtät wohl Kraft und Anſehen genug leihen können, die un⸗ rechten Anſprüche aller abzuweiſen und den ge⸗ kränkten Greis zu befreien! Dem königlichen Com⸗ miſſar gab der Gefangene den Beſcheid: Der König ſolle ihm ſein Recht und ſeine Freiheit ſchaffen, wei⸗ ter nichts; für das andere ſtünde er ſelbſt allein da Die Landſchaft verſammelte ſich im folgenden Jahre zu Onolzbach, dann wieder zu Ingolſtadt, und endlich wieder zu Onolzbach, und ſendete ei⸗ nen Ausſchuß an Ludwig. Er aber erwiederte ihnen:„Ei, meine Vettern geben ſich, potz Treu! gar viel Mühe um mich; ſagt ihnen: ich ließe mich bei ihnen ſchönſtens bedanken, wollt' aber ihrer Huld ſchier doch nicht empfohlen ſein. Dem König vom deutſchen Land ſteht es bei ſeinem — 304— Eide zu, mir Recht und Freiheit zu ſchaffen, ſonſt iſt er ſelbſt rechtlos, und verdient, in Eiſen und Banden zu liegen. Ich bin noch Herzog, ich hab's Euch ſchon einmal geſagt, und gebiet Euch's jetzt auch zum zweitenmal, nichts zu bewilligen. O, Potz Treu! als ob ich dieſe ganze geldhung⸗ rige Sippſchaft nicht kännte! Tollheit ohne Ende! Ich ſoll ihnen noch Geld geben, dafür, daß ſie mich in Elend und Ketten gebracht?!— Freilich, wenn's der bärbeißige Markgraf verlangt, ſo will ich wohl noch, ihm und ſeinem weiſen, ſeligen Vater zu Liebe, ein Bergmann werden, und für ihn mit den Nägeln Gold aus der Erde graben, und mich bei ihm und bei allen noch höflich be⸗ danken, daß ſie die Gnade hatten, mich vor Zug⸗ luft zu bewahren? Das ſoll ich doch wohl? Nichts, nichts, ſollen ſie haben. Und wäͤre je⸗ der Pfennig, den ich ihnen gäbe, ein Stamm, der mir ungeheure Zinſen zurückbrächte, ein Ta⸗ lisman, der— meinen Sohn, meinen Wieland nähmlich, wieder in's Leben riefe—— nichts, nichts ſollten ſie haben! Ehr' und Recht iſt beſe ſer, als Geld und Gut. Ein Mann bin ſch, ein Mann will ich bleiben“—— — 305— Eines Tages ſaß er in ſeinem Gefängniß und las in der Armenbibel eben die Geſchichte des frommen Job, als der Markgraf Al⸗ brecht ſelbſt, durch die ihm hinterbrachten Worte heftig gereizt, ungeſtüm zu ihm herein⸗ trat, und ihm zurief:„Ha, alter Praſſer, Ihr ſollt mir Geld geben, oder in meiner Gewalt ſterben.“ Da warf ihm der Greis die Bibel an den Kopf, und entgegnete:„Du, eines ſchlim⸗ men Vaters ſchlimmer Sohn, und eines ſchlim⸗ men Sohn's nicht beſſerer Schwager, nimm dein Schwert, und ſtoß mich durch und durch, und bis mir die Seele ausfährt, will ich dir doch nichts geben.“ Der Markgraf riß zornig ſein Schwert aus der Scheide, aber der Alte umrang ihn mit Lö⸗ wenkraft, wand es ihm aus der Hand, und ſprach, indem er es gegen den Boden ſtemmte, und die Klinge mit einem Fußſtoß zerſplitterte, ſpottend: „Geh, laß dir ein beſſeres ſchmieden, und merk' dir, du, deines friſchgebackenen Vaters noch nicht altgebackener Sohn, daß deine ganze Ehr⸗ und Mannbarkeit nicht um einen Heller mehr werth III. — 306— iſt, als die's ſchlechte Eiſen.“— Zähneknirſchend verließ ihn der Markgraf.—— Bald darauf wendeten ſich dieſer und Heinrich an den König nach Wien, der auch die Land⸗ ſchaft vorlud, und den Ausſpruch ertheilte: Herr Heinrich von Landshut, der Markgraf Albrecht von Onolzbach und Frau Margarethe, des verſtorbe⸗ nen Herzogs Wittib, ſollten ſich in Güte mit ein⸗ ander vertragen, und zwar bei freiem Willen des alten Herrn,— wenn ein ſolcher zu erlangen iſt, auf daß der Gefangene— mit guter Schicklichkeit von dannen gebracht werde.——— Beinahe drei Jahre waren vergangen, ſeit der Herzog im Kerker lag. Am dreizehnten Juli 1446 vertrugen ſich endlich Heinrich und der Markgraf zu Regensburg folgendermaßen: Frau Margarethe erhält ſechzigtauſend Goldgul⸗ den und den ganzen Schatz aus Frankreich, mit Ausnahme der Krone vom Tage, des gro⸗ ßen Rubins, zwanzig Demantringes, des Per⸗ lenkreuzes, des Bildes unſerer lieben Frau, der Monſtranze und aller Urkunden, ihre— Tbahte — 307— Katharine fürſtliche Ausſtattung, den Hausver⸗ trägen gemäß, der Markgraf Albrecht dreißig tauſend Gulden baar und ſiebenzehn tauſend in Verſchreibungen; der Gefangene ſoll von Onolz⸗ bach nach Neuburg gebracht, und dort Herrn Heinrich von Landshut ausgeliefert werden. Als der Judashandel ſolchermaßen endlich ein⸗ mal abgeſchloſſen war, ſäumte keine Partei nur einen Augenblick länger, die Bedingungen zu er⸗ füllen; am allereiligſten aber that Herr Heinrich, deſſen langgehegte Wünſche nun zur Wirklichkeit werden ſollten. Am fünfzehnten Auguſt brachten dreihundert wohlbewaffnete Reiter den achtzigjäh⸗ rigen Greis von Onolzbach ſtatt nach Neuburg gleich nach Ingolſtadt; an der Sonnenbrücke er⸗ wartete ihn ſchon mit fünfhundert Roſſen Herr Heinrich, und führte ihn am andern Tage über Schrobenhauſſen nach Landshut. Dort ſchämte ſich die Bürgerſchaft ſtatt ihres Fürſten, und reichte ihm den Ehrenwein. Er nahm den Be⸗ cher;— eine Thräne ſiel darein. Er trank ihn aus, auf beſſere Zeiten Baierns und des ganzen deut⸗ ſchen Vaterlandes, auf Zeiten, wann Treue und Ehre wieder einmal den Thron aufſchlügen, auf 20* — 308— ſchöne unbekannte Zeiten! Er trank ihn aus, der arme gefangene Greis, auf den Troſt aller de⸗ rer, die um Freiheit und Recht Noth litten, wie er und keine irdiſche Stütze hätten, wie er! Darauf brachten ſie ihn nach Burghaufen, und ſchloſſen ihn in demſelben Thurme ein, wo einſt der Markgraf Albrecht als Knabe mit dem Sohne des Landshuters geſpielt hatte. Seine ganze Habſeligkeit war die deutſche Bibel, ein Geſang⸗ buch, mit Silber beſchlagen, und das Euangeliun Johannis. Der Ausgang des Handels brachte den Wal⸗ denfels nahe an Wahnſinn. Frau Margarethe beredete ihn, mit ihr nach Augsburg zu ziehen. Dort lebte er in Saus und Braus und ſuchte durch tolle Orgien den Schrei des Gewiſſens zu betäuben. Umſonſt! Seine Herrin mißhandelte er, dem Grimm Luft zu machen, auf empörende Weiſe. Es war ein luſtiges Treiben, eine wak⸗ kere Hauswirthſchaft! Die Herzogin von Bai⸗ ern war eine Vürgerin der freien Reichsſtadt Augsburg geworden; den Hofmeiſter von Wal⸗ denfels aber wollte man, zu ihrer Schande, ſeines — 8 — 309— zuchtloſen Lebens halber nicht einmal in's Bür⸗ gerrecht aufnehmen, ihn, der jenem Buckligen den Trank kredenzt hatte, um ſich mit dem Her⸗ zogshut zu ſchmücken! In Saus und Braus lebte er fort, und vergeudete Margarethens Hab und Gut. Sie liebte ihn, als hätte die ewige Vergeltung ſie mit einem Zauber umgarnt, im⸗ mer noch. Jedes Stirnrunzeln von ihm machte ihr die Nächte ſchlaflos, und dann ſah ſie mit wachen Augen den Gatten leibhaft vor ſie hin⸗ treten, einen Becher in der Hand haltend, ſie auffordernd, ihm Beſcheid zu thun. Hochaufgeriſſenen Blickes, flatternden Haares, eilte ſie, dem todten Gatten zu. entrinnen. Die Dielen wankten, die Mauern neigten ſich; ſie eilte aus dem Hauſe, ſie gewann die Thüre;— „Luft, Luft!“ Auf der Schwelle lag der Waldenfels; der Dolch ſaß ihm in der Bruſt. Drei Späne wa⸗ ren aus der Pforte gehauen, und verkündigten, wer hier gerichtet hatte. Lautlos ſank ſie auf die Leiche hin. — 310— Der erſte Mai. Leben ohne Freiheit iſt Winternacht. Da ſingt kein Vogel, da grünt kein Baum, der Him⸗ mel, der ewig blaue, iſt verloren. „Aprilwetter!“ ſprach der alte Ludwig, der ſich acht Monate lang in ſeinem Kerker zu Burg⸗ hauſen befand, und während dieſer Zeit alle trü⸗ geriſchen Verſprechungen und Vorſchläge ſeines Todfeindes mit beißendem Witz von ſich gewieſen hatte;„Aprilwetter, Aprilwetter!“ ſprach er am Abende des letzten Aprils 1447 zu dem alten Kaplan Andreas, ſeinem einzigen Gefährten in der Gefangenſchaft.„Draußen ſtürmt es, als ob der Belzebub los wäre, und doch war's heute am Morgen ſo fröhlicher und heiterer Sonnenſchein, als ſollten an einem Tage tauſend Knospen zur Blüthe kommen. Wunderlich Ding! Schaut, Ka⸗ plan, das war mein Leben,— ein Apriltag!“ „Mein gnädiger Herr!“ erwiederte Meiſter Andreas;„ſprecht nicht alſo. Ihr ſeid ſchier — — 311— einundachtzig Jahre alt geworden, und werdet, ich hoff's zu Gott, wohl noch älter. Das Ende Eures Leidens iſt vor der Thüre. Ihr wißt, daß Eure Stände gegen Eure neue Ge⸗ fangenſchaft an den Kaiſer und die Churfürſten gegangen ſind, als an die von Gott geſetzten Be⸗ ſchirmer der Gerechtigkeit, Vertilger der Laſter und Zuflucht der betrübten und gepeinigten Menſchheit, daß der König von Frankreich an den Römiſchen Boten geſendet hat, um Eure Noth ſchleunig zu enden; daß Eure Stände mit Eurer Befreiungsurkund' ſchon hier in Burghau⸗ ſen heute angelangt ſind, und Euch haben bitten laſſen, Euch morgen mit dem früheſten beſuchen zu dürfen.“ „Hm!“ erwiederte der alte Herzog, der ſeit einigen Tagen an einem Gebreſt darniederlag, „von heut auf morgen iſt lang!— Und, wenn ſie mir auch die Freiheit wieder geben, können ſie mir alle meine verlornen Jahre wieder zurück erſetzen, meinen Ludwig wieder geben, daß ich ihm verzeihe,— geſchweige erſt meinen Wieland, daß er mich ſegne? Meiſter Andreas, wie wär's, wenn Ihr, wann ich einſt todt ſein werde, dem — 32— uralten Unſinn, der auf Erden herrſcht, der Für⸗ ſten zu Bettlern macht, und Väter beſtiehlt, eine Lobrede hieltet? Ich wollte, ich könnte ihm durch meinen Tod auf ewig eine Grabrede halten.— Unterbrecht mich nicht,— ich weiß, was Gewalt heißt; Gewalt, das will ſagen: Unvernunft be⸗ herrſcht die Welt.— Ich bitt' Euch, wendet mir nichts ein; ich weiß, was ich ſelber dagegen ein⸗ zuwenden habe, nämlich das, daß ich ihr doch bis zum letzten Athemzuge trotze, wie ich's bis jetzt gethan. Kaplan,— wenn ich einſt nicht mehr ſein werde, ſo denkt an mich, nur halbmal ſo oft, als ich an meinen— Wieland und an mein Recht!— und erzählt den Kindern, die jetzt auf⸗ wachſen, mein Leben, damit ſie lernen, wie man ein Mann bleiben muß.— Ich weiß nicht, wie mir heute ſo ſonderbar iſt, ſo ſchwer, als ſollte ich Rechenſchaft geben für alles Ueble, was ich in meinem ganzen Leben gethan, und doch ſo freudig.——— „Lieber Herr,“ entgegnete der wackere Ka⸗ plan ſanft,„das iſt Frühlingsahnung, was Euch befällt; wir haben Morgen den erſten Mai; da drückt nun der Winter noch, was er kann, und — 313— der junge Frühling lacht doch ſchon ahnungsvoll in's Leben hinein.“ „Ich glaube, Ihr könnt Recht haben,“ ver⸗ ſetzte der Greis;„ich habe mich ſeit meiner Ju⸗ gendzeit nie auf den Frühling ſo herzinnig gefreut, wie heuer!— Wenn's wirklich möglich wäre, daß er mir die Freiheit wieder brächte?! Ich glaube, ich ſtürbe vor Freude.— Ah, ich bin ſehr müde, Meiſter Andreas; das mag wohl Früh⸗ lingswirkung ſein.— Die Augen fallen mir faſt zu.— Ich bitt' Euch: führt mich an mein Bette und begebt Euch dann zur Ruhe.“ Der Kaplan vollzog ſeinen Wunſch und wollte ſich eben entfernen, als Ludwig ihn noch einmal zu ſich rief und ſprach:„Sagt, Meiſter Andreas, war es nicht dieſe Stube, wo Heinrichs Sohn erzogen wurde?“ „Ganz recht, mein gnädiger Herr,“ erwie⸗ derte der Kaplan,„und ich ſelber war's, der ihn erzog.“ „Er iſt,“ fuhr Ludwig mit matter Stimme fort,„ein guter Sohn geblieben.— Ach, ein guter Sohn iſt der Segen Gottes! Um ſeines Sohnes willen könnte ich ſelbſt dieſem Heinrich, der mich — 314— jetzt gefangen hält, verzeihen.— Ich wünſche ihm, daß er einſt ein gutes Weib finde; dann ſolltet Ihr, Meiſter Andreas, zu meinem Anden⸗ ken, ihn— trauen.— Ein guter Sohn wird einſt ein guter Fürſt!— Armes Vaterland, einſt ſo hoch gebracht, jetzt ſo erniedrigt und zerſplittert, du bedarfſt eines Fürſten, eines ächten; wann kommt die Zeit, daß du wieder Eins, groß und herrlich, ganz als Deutſchland daſtehen wirſt, und der Welt die Bahnen weiſeſt? Sie wird kommen, wann deine Fürſten auf dem Rechte thronen; ſie wird, ſie muß kommen!— Aber, Meiſter Andreas,“ fügte er lächelnd hinzu,„ich fürchte: wir Beide und vielleicht noch Manche, die nach uns geboren werden, werden ſie ſchwerlich erleben!— Horch, wie da draußen der Winter ſeinen letzten Sturm gegen uns losläßt! Ge⸗ mach, gemach, Herr Winter! Umſonſt gibſt du dir ſo viele Mühe; morgen iſt deine Tirannei doch zu Ende, und der junge Mai lächelt uns beim erſten Morgenſtrahl— hold wie— Freiheit in's Antlitz.— Nun, ſchlaft wohl, Meiſter Andreas!“ Der Kaplan ging; der Greis legte das müde — 315— Haupt zur Ruhe. Sanft ſchlief er ein, wie arg die Stürme auch draußen tobten. um Mitternacht wachte er aus einem furcht⸗ baren Traum auf. Seltſam genug! Es hatten ihn dieſelben Bilder umſchwirrt, wie einſt zu Coſtniz; nur das Eine war anders geworden, daß endlich der Nebel von den Fluthen wich und goldiger Morgen ihm das ſchöne Eiland in voller Pracht und Herrlichkeit zeigte.„Mein Wieland!“ rief er, aus dem Traume emporfahrend, mit ſo ſtarker Stimme, daß der Kaplan, welcher nur leiſe ſchlief, an ſein Bette eilte und ihn fragte, was er begehre. „Mein Recht, mein Recht!“ erwiederte der Greis, alle ſeine Kraft zuſammenraffend,„mein Recht, daß man mir einſt nachſagen könne: Ich war und blieb ein Mann!“ Nach dieſen Worten ſank er mit gebrochnen Augen auf ſein Lager zurück.„Heiliger Gott im Himmel!“ rief Andreas entſetzt;„er ſtirbt mir unter den Händen.“ Er war geſtorben, und geſtorben, wie er ge⸗ lebt,— unbeugſam, als Mann. — 316— Am andern Morgen begehrten die Stände mit dem Früheſten, den Herzog zu ſehen. Der Kaplan führte ſie in die Kammer und zeigte ih⸗ nen den Todten. Sie legten ihm die Urkunde ſeiner Freilaſſung auf's Herz, aber durch's Fen⸗ ſter blickte der Himmelsbote herein, der ihn be⸗ freit,— der holde Lenz; der wand dem todten Fürſten aus Morgenſtralen das Diadem um's bleiche Haupt. Die Sonne krönt jeden, die Freiheit auch; Recht aber allein iſt Freiheit und Sonne des Lebens. Frei iſt nur, wer ſich von Schuld frei fühlt. Wer Frevel auf dem Herzen trägt, und ſei es auch nur den der Willenloſigkeit, der Untreue an ſich ſelber, geſchweig an Andern,— der verdient nicht, frei zu ſein. Den laſſet prunken in Gold und Hermelin, den laſſet in ſeinen Schätzen wühlen und rechnen, den laſſet ſitzen in Mitten alles Se⸗ gens, ſelbſt des höchſten, den der Himmel der Erde wie Abendthau ſpendet,— des Kinderglückes,— er iſt doch zur furchtbarſten Knechtſchaft verdammt, zu der unter ſeinem ſteinernen Ich. Was nützt ihm ——— — 317— ſelbſt Strafloſigkeit und der Schein der Ehre? Das Verbrechen triumphirt nie über die Tu⸗ gend,— ſtets nur mit furchtbarem Hohn über den, der ihm dient! Solch ein Knecht blieb Heinrich von Lands⸗ hut bis an ſein Ende. Vater eines edlen Soh⸗ nes, und dennoch kinderlos, weil ſein Herz ſich für die Wonne des Kinderglückes nicht mehr aufthun konnte, ſtarb er mit dem Fürſtenhut auf dem Haupte und doch im Elend, der reichſte Fürſt ſeiner Zeit und doch bettelarm, nicht auf dem Schlachtfeld und doch nicht in Frieden. Nach ſeinem Tode beſtieg ſein edler Sohn den Herzogsſtuhl und theilte ihn mit der Jung⸗ frau, die ſeine erſte und einzige Liebe geweſen. Seine Tugenden tilgten vom Leichenſteine des Vaters die Schande. —n—— In demſelben Verlage ſind folgende empfehlenswerthe Jugendſchrilten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Dittmar Dr. H., Waizenkörner, geſtreut in junge Herzen. Mit Kupfern und Vignetten. Rthlr. 2. 4 gr. oder fl. 3. 48 kr. Auf Druck⸗ papier Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. 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