deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — 4 von 88 Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens † . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ä 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 den angenommen.“ 3 4 21 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe K bhinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1.. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: 3 8 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 auf 4 Monut⸗ 1 Mr.— Pf. 1 Ner. 50 Pf. 4 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Am zwanzigſten November vierzehnhundert ſie⸗ ben, geleitete der alte Herzog von Berry ſeine beiden Neffen, Burgund und Orleans, welche ſich ſeither nicht geſehen hatten, in die Auguſtiner⸗ kirche zu Paris, denn ſie hatten ſchon längſt, ſchon zu Vincennes gelobt, die Hoſtie zu theilen, zum öffentlichen Beweis ihrer aufrichtigen Ver⸗ ſöhnung, und zur heiligen Bürgſchaft derſelben. Die Herzoge wollten, als Berry ſie am vorigen Tage zum drittenmal an ihr Verſprechen erin⸗ nerte, nicht weiter widerſtreben; von Orleans ſchien, je höher ſeine Gewalt wuchs, alle Klug⸗ heit gewichen zu ſeyn; er fürchtete den Feind nicht mehr, den er ſtündlich reizte, und be⸗ gnügte ſich läppiſch mit kleinlichen Triumphen; Burgund hingegen betrachtete,— frevelhaft, wie er durch und durch war,— die hochheilige Hand⸗ lung blos als ein Poſſenſpiel; denn je länger er die 1* — 4— Bahn ſeiner Rache verfolgte, ohne ihr Ziel er⸗ reichen zu können, um ſo leichtblütiger behandelte er alles Heilige; je mehr er Frieden heucheln mußte, ſo weniger hart kam es ihm an, fromm zu ſein. Und an jenem Sonntag, als er vor allem Volk bei den Auguſtinern mit Orleans die Hoſtie theilte, hatte ſeine Heuchelei ein Meiſter⸗ ſtück vollbracht. Mordgedanken im Herzen, um⸗ armte er und küßte ſeinen Vetter Orleans. Ein feierliches Tedeum erſcholl von vielen hundert Lip⸗ pen, Trompeten verkündeten der Stadt Paris die Hoffnung ihres fortdauernden Friedens. Orleans überließ ſich hierauf zwei Tage lang im Hotel Saint Paul ſchwelgeriſchen Freuden, die Pforten dieſes Pallaſtes waren geſchloſſen und wurden für keinen aufgethan, der in die orgiſchen Myſterien nicht eingeweiht war. Burgund hin⸗ wieder ging von einem Kloſter zum andern und ließ Meſſen ſingen für die Geneſung ſeines Oheims Carl, welche er ſehnlichſt herbei wünſchte, um von dieſem in einem günſtigen Augenblicke die Einſez⸗ zung als Regent und Vormund der königlichen Prinzen zu erſchmeicheln oder zu ertrotzen. Am drei und zwanzigſten November begab ſich 2 2 — 5— Orleans aus dem Hotel Saint Paul in das der Rue Barbette, wo die Königin krank lag. Sie war herzlich erfreut, ihren vertrauten Bundesge⸗ noſſen wieder zu ſehen, und dieſer ermangelte nicht, ſie im witzelnden Tone leichtfertig von allen Necke⸗ reien und Kränkungen zu unterhalten, welche er dem verhaßten Burgund in der jüngſten Zeit hoch⸗ müthig zugemeſſen. Er verhehlte nicht, namentlich da es Iſabelle war, welcher er ſeine Heldenſtreiche erzählte, daß er die Herzogin von Burgund, von deren Tugend Jedermann nur mit höchſter Ehr⸗ furcht ſprach, grundlos verläumdet; er vergaß auch nicht, ihr von den zärtlichen Gedichten zu erzählen, welche er an jene gerichtet, und hie und dort zerſtreut hatte, wo ſie ihrem Gemahle in die Augen fallen mußten. Die Königin, reizend in ihrer Bläße, das Haar gelöſt, daß es üppig den Hals und Nacken hinab⸗ wogte, im gürtelloſen weitfaltigen dunkel violett⸗ nen Samtgewande, auf die ſchwellenden Pfühle hingegoſſen, war wie die verwundete Liebesgöttin anzuſchauen. Jener„petit sejour de la reine“ wiederhallte diesmal nicht wie ſonſt von lärmenden Feſtlichkeiten, von Muſik, Geſang, Tanz und Orgien; die Kränklichkeit Iſabellen's hatte die⸗ ſelben verſcheucht; dafür waltete zauberiſcher Däm⸗ merſchein, ſüße Düfte ſtiegen aus der goldenen mit den koſtbarſten Gewürzen gefüllten Schale, wie Opferweihrauch im Tempel der Aphrodite; und Roſen, dem zerſtörenden Herbſt bei Zeiten entriſſen, liehen jetzt die Blätter ihrer Kelche zur duftenden Purpurdecke der prachtvollen Pfühle. Aufmerkſam bald ſeine Scherze belächelnd, bald über ſeine allzu große Tollkühnheit beſorgt, hörte Iſabelle den fröhlichen Herzog, welcher, mit ihren Locken tändelnd, zu ihren Füßen ſaß. Der ſchwarze Leibrock von Damaſt, mit Marderpelz verbrämt, kleidete ihn trefflich, wie die Königin, deren Ge⸗ ſchmack eben ſo fein war als ſeine Eitelkeit groß, gleich bei ſeinem Kommen bemerkt hatte. Iſabelle kredenzte ihm einen Becher köſtlichen, mit feurigen Spezereien gewürzten Cyper⸗Weines. Der Herzog ſetzte ihn mit den Worten an die Lippen:„Ich trinke ihn auf Euer Wohl, Iſa⸗ belle, auf daß der Himmel bald die Feſſeln löſen möge, welche Euch an den unwürdigen Gatten ketten, auf Eure Freiheit und auf meine Gefan⸗ genſchaft im Netz Eurer Zauberblicke.“ „Trinket lieber der Traube Purpurblut, auf daß die Stunde bald ſchlage, in welcher Ihr Euch in Purpur hüllt!“ fügte Iſabelle hinzu und Orleans rief luſtig hinwieder:„Wohlan! Ihr bringt mir den Purpurwein, Ihr werdet mir den Purpur bringen; wie Feuertrank durchſtrömt mich dieſe heitere Zuverſicht; Ihr macht mir die alte Weißagung, daß ich im Purpur ſterben werde, zur Wahrheit; drum kann ich dieſes plumpen Burgunders getroſt ſpotten; er ſchadet mir nichts; und ich will ihn wahrhaftig künftig noch mehr demüthigen.“ Nach dieſen Worten nahm der Herzog die Laute und improviſirte ein ſchmeichelndes Minne⸗ lied zu Ehren der Königin. Er hatte es noch nicht zu Ende geſungen, als eine von den Zofen Iſabellen's leiſe klopfte, eintrat und dem Herzoge meldete, Schas de Courte⸗Heuſe, der vertraute Dienſtmann des Königs, harre am Thore und habe dem Herzog eine Nachricht von äußerſter Wich⸗ tigkeit mitzutheilen. „Gebt Ihr mir Urlaub, Iſabelle?“ fragte Orleans tändelnd,„daß ich auf kurze Friſt mei⸗ nen Geſang unterbreche? Ich ſchwöre Euch, ich ————— — 8— will früher wieder zu Euren Füßen ſein, als Ihr den Anfang meines Liedes vergeſſen könnt.“ Die Königin entließ ihn ſchmollend; raſch flog er die Treppen hinab und vernahm von Schas de Courte⸗Heuſe, daß der König ihn augen⸗ blicklich zu ſprechen wünſche. „Jetzt, zu ſolch einer ſpäten Stunde?“ ent⸗ gegnete Orleans; der Dienſtmann verſicherte hin⸗ wieder,„der König ſei unwohl, und aus der Haſt, mit welcher er ihn geſendet habe, ſchiene ihm die Abſicht hervor geleuchtet zu haben, den Herzog mit einer für ihn äußerſt wichtigen Sache zu beauftragen.“ Orleans dankte flüchtig, eilte wieder zur Kö⸗ nigin, erzählte ihr den Grund der Sendung, und verließ ſie mit dem Verſprechen, ſie baldigſt wieder zu ſehen. Er vergaß in der Eile ſeinen Hut, beſtieg ſein Maulthier, ließ ſich von ein paar Dienern mit Fackeln vorleuchten, und hieß zwei Edelknechten, ihm zu folgen. Er nahm den Weg am Hotel Saint Paul vorbei, das von Notre⸗Dame entlang. Als er in die Nähe eines, oberhalb demſelben gelegenen Hauſes kam, ſcheuten die Roſſe der Edelknechte, griffen aus und ſpreng⸗ ten mit ihren Reitern bis an die Mündung der Straße Saint Antoine. Beinahe in demſelben Augenblicke, als die Edel⸗ knechte den Herzog verlaſſen hatten, ſtürzte aus dem genannten Hauſe eine Rotte vermummter Ge⸗ ſellen auf ihn, umringte ihn und ſchrie:„à mort, à mort!“ „Feu d'enfer!“ rief der Bedrohte,„habet acht und hütet Euch; ich bin der Herzog von Orleans!“ „Den ſuchen wir eben,“ erwiederte wild lachend einer aus der Rotte und holte gegen Or⸗ leans mit der wuchtigen Streitart ſo tüchtig aus, daß er dem Herzog mit einem Hieb die linke Hand abſchlug, welche den Sattelknopf feſt hielt. Der Hieb war das Signal zu einer Unzahl von Schwerrſtreichen und Keulenſtößen, welche jetzt auf Orleans niederſauſ'ten. Raſch ließ dieſer den Zügel, den er in der andern Hand hielt, fahren, und wollte ſich vertheidigen. Aber ebenſo raſch riſſen ihn die Verſchwornen vom Sattel. Er lag am Boden, die alte Tapferkeit kehrte ihm jetzt in der Todesnoth wieder; da er ſich von allen Seiten umzingelt ſah und ſich nicht wieder erheben konnte, focht er auf den Knieen, mit — 10— den Armen ſich ſo löwenmuthig wehrend, bis es ihm gelang, mit der Rechten einem der Meuchel⸗ mörder das Schwert zu entreißen. Da rief er frohlockend:„Saint Denis et Notre⸗Dame! Jetzt findet ihr mich, heimtückiſche Schurken, bereit. Feu sacré, feu d'enfer! Kommt heran, wenn ihr Luſt habt, des Löwen Klauen zu fühlen. Ich ſtehe Euch allen und will Euch zeichnen.“ Aber in demſelben Augenblicke, während die nächſten der Angreifenden vor ſeinen Hieben zurück zu weichen begonnen, drängte der übrige Theil der Rotte, welcher bisher den Dienern des Her⸗ zogs die Fackeln ausgelöſcht und die Fliehenden verfolgt hatte, auf's neue wider Orleans. Mit der Wuth der Verzweiflung wehrte ſich dieſer. Der Lärm lockte eine Frau aus dem nächſten Hauſe, welche entſetzt: Mord, Mord! rief. Mit Stur⸗ meseile rannte einer der Verſchwornen auf die Frau zu und durchbohrte ſie mit dem Ausruf:„zur Hölle mit deiner Zunge, Plappermaul!“ Die Mörder ſchienen ihres Opfers jetzt gewiß zu ſein, denn Niemand war zur Hülfe des Her⸗ zogs mehr da. Doch eben, als ſie ſich triumphi⸗ rend auf ihn werfen wollten, um ihm den Todes⸗ ——— — 11— ſtoß zu geben, erſchallte in ihrer Mitte das Geheul: „Haro, Haro!“ und mehr als einer fühlte das gute Normannenſchwert des treuen Jacob, eines Dieners des Herzogs, welcher ſich unbemerkt in ihre Reihen geſchlichen, um ſeinen Herrn in Noth und Tod nicht zu verlaſſen. „Halt aus, Jacob; halt aus, Normanne,“ rief Orleans, als er die Stimme des einzigen Treuen erkannte, und dieſer erwiederte lautſchal⸗ lend und freudig: „Hier bin ich, mein Herr und Meiſter, hier bei Euch will ich bleiben.“ Aber in der nächſten Secunde erſtickten Schwert⸗ und Keulenhiebe und heiß hervorquellendes Blut dem Herrn wie dem Knecht alle ferneren Worte. Röchelnd ſank Orleans rücklings zur Erde nieder und kaum ein paar Schritte weiter von ihm ſein Diener Jacob. Des Herzogs Auge ſchloß ſich, leiſe ſtöhnte er noch die Worte:„Nun lieg' ich und ſterb' im Purpur! Weh mir! Wer rächt mei⸗ nen Tod?“ „Willſt du denn nie ſterben, Orleans? Fahre endlich zur Hölle!“ grollte ein Mann, aus dem Hotel Notre⸗Dame hervorſpringend, in einen — 12— dunklen Mantel gehüllt, einen Scharlach⸗Hut tief auf die Stirne gedrückt, dem Sterbenden zu, und ſtieß ihm das Schwert tief in die Bruſt. Da zuckte Orleans nochmal zuſammen und verſchied. Als der Mann im Scharlach⸗Hut ſah, daß Orleans todt ſei, ſprach er haſtig zu den übrigen Mördern:„Steckt das Haus an, wo wir uns verbargen, werft Euch auf die Gäule, jagt auf und davon auf verſchiedenen Wegen.“ Geſagt, gethan; in der nächſten Secunde waren ſie aus einander geſtoben wie Hexenbrut, und auf dem Giebel ihres Schlupfwinkels ſaß luſtig der rothe Hahn. Jetzt gerieth allmählig die Be⸗ völkerung in Bewegung; jetzt verbreitete ſich die Nachricht vom Morde des Herzogs von Orleans ſturmſchnell von Mund zu Mund; das wüthende Volk jauchzte in roher Schadenfreude, daß einer ſeiner Bedränger, und zwar der tollſte und frechſte, der unerſättlichſte, dunkeler Vergeltung erlegen. Halb todt trug man die Königin aus ihrem petit sejour in das Hotel Saint Paul. Die Diener des Herzogs von Orleans ſchafften die Leiche ihres Herrn in das Haus des Marſchall de Rieux. Nur mit Mühe gelang es den Wachen des Kö⸗ niges, die Feuersbrunſt zu löſchen, um welche ſich Niemand aus dem Volke bekümmerte, und die ärgſten Tollköpfe der Hefe zu bändigen, welche das Hotel des Marſchalls ſtürmen wollten, um die Leiche des Verhaßten zu zerreißen, in den Koth der Kothſtadt zu treten, durch die Straßen zu ſchleppen mit Triumphgeheul, wie den Rumpf eines Strolches aus des Nachrichters Fäuſten. Der Tag graute noch nicht, als man die Leiche heimlich aus dem Hotel de Rieux in die Kirche des Blancs⸗Manteaux ſchaffte, um ihr durch die Heiligkeit des Ortes die letzte Ruhe zu ſichern. Die Thore der Stadt Paris wurden geſchloſſen, und in allen Straßen Soldaten von des Königs Leibwache aufgeſtellt, um Empörung und Meuterei zu verhüten, oder gleich in den erſten Keimen erſticken zu können. Die Prinzen des königlichen Hauſes begaben ſich mit Tages Anbruch ſämmtlich in das Hotel Anjou, in der Rue de la Tixeranderie; von da verfügten ſie ſich in die Kirche des Blancs⸗Manteaux, um die Leiche zu beſichtigen. Schauder erfullte alle Anweſenden, als ſie den von ſo vielen Wunden zerfleiſchten Körper — 14— ſahen, den ausgelebten Leib des Mannes, vor dem geſtern noch ganz Frankreich ſich in ſcham⸗ loſer Geduld gebeugt hatte. Der erſte Verdacht fiel auf den Herrn von Cany, denn Orleans hatte ſcch öfters laut gerühmt, die Gunſt der Dame von Cany zu genießen; aber der Prevot von Pa⸗ ris, Tignonville, welcher ſogleich in der ganzen Stadt Nachforſchungen anſtellen ließ, erfuhr gar bald, daß ſich der Herr von Cany ſchon ſeit geraumer Zeit nicht mehr in Paris befinde und auf ſeinem einſamen Schloſſe lebe. „Ha!“ rief Burgund, ſeine grimmige Freude hinter wilder Entrüſtung über die Unthat verber⸗ gend,„ich waͤhne: Frankreich kann keinen ſolchen Schurken erzeugen, wie den, der dies blutige Werk vollbracht. O laßt mich noch einmal das Antliz meines Vetters Orleans betrachten; laßt mich auf ſein kaltes Antliz noch eine warme auf⸗ richtige Thräne weinen.“ Er näherte ſich der Bahre, und hob den Purpurſamt von der Leiche; da ſtrömte ihm aus der breiten Bruſtwunde des Todten auf's neue friſches Blut entgegen. Schau⸗ dernd warf er ſchnell die Purpurdecke wieder darüber. — 15— Das Leichenbegängniß des Herzogs von Or⸗ leans, welchen in ſeinem ſechs und dreißigſten Jahre das rächende Verhängniß ereilt hatte, wurde bei den Cöleſtinern mit allem jenen eitlen Prunck begangen, durch welchen der thörichte Menſch ſich gegen das Gefühl der Vergänglichkeit zu betäuben und zu täuſchen ſtrebt: die Herzoge von Berry, Bourbon und Burgund, und der Scheinkönig von Napolis hielten die vier Zipfel des ſchwarz⸗ ſamtnen, von Goldſtickerei ſtarrenden Bahrtuches. Furchtbar brauß'ten die Klänge des Requiems, wie Vorladungen an das allgemeine Gericht, über den Häuptern und in die Herzen der ver⸗ ſammelten Menge hinein. Aber von allen den Leidträgern des königlichen Hauſes ſchien zum Erſtaunen des ganzen Volkes, welches Burgunds frühere Geſinnungen gegen Orleans kannte, kei⸗ ner aufrichtiger bewegt, als eben jener eiſenher⸗ zige Jean sans peur, welchem manche Thräne über das todtenblaſſe Antlitz rann. Der Prevot Tignonville hatte unterdeſſen ſeine Forſchungen fortgeſetzt, und ermittelt, daß einer der Mörder ſich in das Hotel Burgund ge⸗ flüchtet hatte. Als der Trauergottesdienſt vor⸗ — 16— über war, begaben ſich alle Prinzen in das Ho⸗ tel Anjou, um ſich mit dem Prevot über die Ver⸗ folgung und Beſtrafung der Schuldigen zu be⸗ rathen. Tignonville trug den Umſtand, den er ausgemittelt, vor, warf einen ſcharfen forſchenden Blick auf Burgund, und gewahrte, daß dieſer zit⸗ terte und die gewaltige innere Aufregung zu ver⸗ bergen ſuchte. In Burgunds Seele aber heulte der Mord laut auf, ſo keck und frech der Herzog auch bisher Heuchelei und Trotz behauptet hatte. Am Sarge des Gemordeten, in der Cöleſtiner⸗ kirche war aus den Donnerklängen des Dies irae die Stimme der Rache auf das ſchuldige Haupt niedergefahren, hatte ſich in ſein falſches mein⸗ eidiges Herz eingeniſtet und ſtöhnte jetzt drinnen wie ein Echo von Orleans Todesröcheln. Wo war jetzt der Trotz des Mannes ohne Furcht? Er erinnerte ſich bei den Worten und dem ſtechenden Blick des Prevot an jenen gräßlichen Augenblick, als er die Decke von der Leiche riß und die auf's neue blutenden Wunden ihn zum erſtenmal an⸗ klagten. Betäubend ſchwirrte es ihm um alle Sinne, die Decke des Saales ſchien ihm zu wan⸗ ken, und auf ſein gezeichnetes Haupt zermalmend — 17— niederbrechen zu wollen. Wo war jetzt jener himmelſtürmende Leichtſinn, mit welchem er drei Tage vor dem Mord bei den Auguſtinern den Leib des Herrn empfangen? Seine Kniee droh⸗ ten einzubrechen, als wie von ſchlechtem Glas; er mußte ſich an dem alten Herzog von Berry und dem König von Neapolis halten, um nicht umzuſinken; ſprachlos bedeutete er beiden, ihn in eine Ecke zu führen; mitleidig und ſchaudernd thaten ſie es. Da ſtammelte der Furchtbare, mit Todesangſt im Herzen wie ein gemeiner Miſſe⸗ thäter, zu ſeinem Oheim und ſeinem Vetter: „Ahl Ah! Ich muß es ſagen!— habt Erbarmen! Ah! Ah! Es würgt mir das Herz ab. Oheime! ich habe es gethan; der Teufel hat mich ver⸗ blendet.“ Wie vom Donner gerührt ſtanden nach dieſem erſchütternden Bekenntniß Berry und Neapolis; dem erſteren, einem alten Manne, brachen die Thränen aus den Augen, und kaum hörbar ſprach er:„Wehe der Schande über Frankreich und mich; ich habe jetzt— zwei Nef⸗ fen verloren!—8“— Neapolis kam eher wieder zur Beſinnung und flüſterte zu Berry und Bur⸗ II. 2 — 18— gund:„die That iſt, Gott erbarme ſich Eurer, doch einmal geſchehen; ſo bleibt nichts andres übrig, als daß Ihr Euch ſchnell zu Roſſe ſetzt und heimlich nach Flandern jagt.“—„Ja, Ihr habt Recht, Vetter,“ erwiederte Burgund zitternd,„ich will augenblicklich fort. Nur fort! fort! fort vor Orleans! Orleans iſt ja hier ein⸗ geſargt! Ah!““ Unter dem Vorwande, daß dem Burgun⸗ der plötzlich unwohl geworden ſei, führten ihn Berry und Neapolis aus dem Saale. Raſch begab er ſich in ſein Hotel d'Artois, warf ſich auf ſein ſchnellſtes Roß und ſprengte, nur von ſechs Reitern begleitet, fort aus Paris. Als er Saint Maxence im Rücken hatte, ließ er die Brücke über die Oiſe abwerfen. Nach ſechs Stunden hatte er um ein uhr Nachmittags ſchon Bapaumes erreicht. Als man zu Paris Burgunds Flucht erfuhr, wagte es unter den Prinzen des königlichen Hau⸗ ſes, welches ſeine Gewalt fürchtete, nur einer, der alte Herzog von Bourbon, hartnäckig des Schuldigen Verfolgung und Beſtrafung zu ver⸗ — 19— langen; der Admiral von Frankreich, Sire Cli⸗ gnet de Brabant, dem der Herzog von Or⸗ leans einſt zu jener Würde geholfen hatte, ſtellte ſich an die Spitze von hundert und zwanzig dem Hauſe Orleans ergebenen Edelleuten, um den Mörder zu ſuchen, zu fangen und dem Beile der Gerechtigkeit auszuliefern; aber Anjou von Nea⸗ polis verhinderte ihn daran;— ſo tief war das königliche Haus von Frankreich geſunken, daß es ſich ſcheute, einen Verbrecher greifen zu laſſen. 2* Gerechtigkeit in Frankreich. ——y—— Valentine befand ſich zu Chateau⸗Thierry an der Marne, als ſie durch flüchtende Edelleute von der Orlcaniſtiſchen Partei die Schreckens⸗ kunde vom Morde ihres Gatten erhielt. Nicht ſeine Untreus, nicht die weit verbreitete Schande ſeines ſittenloſen Wandels, nicht ſein tyranniſch⸗ rohes Benehmen, daß er ſie ganz verſtoßen und auf die einſamen Schlöſſer gebannt, hatten je ihre tief wurzelnde Liebe für ihn vertilgen können, welche der Gram, wie der Gärtner die Blumen pflegt, mit Thränen ſo lange nezte, daß ſie nicht welken konnte, jene Liebe, welche ſie einſt zur frevelhaft ungeheuren, verderbenzeugenden That verleitet hatte. Jetzt, da ſein Herzblut alle Flecken bedeckte, jetzt erhob ſich Valentine, mit der Kraft der Verzweiflung eines liebenden Wei⸗ bes, um den Manen des Gatten das Sühnopfer zu bringen. Sie, die ſo viel geweint, aus Liebe, aus Gram, aus Reue, aus Mitleid, hatte jetzt ſſ — 21— keine Thränen mehr. Es war ihr, als hätte ſie auf Erden nur ein Werk mehr abzuthun, Ge⸗ rechtigkeit zu verlangen, und den Namen ihres Gatten rein zu waſchen. Sie ſchickte ſich an, nach Paris zu reiſen, ſuchte aber vorher noch ihre Kinder in Sicherheit zu bringen; deshalb ſchickte ſie ihre beiden älteren Söhne, Karl und Philipp, unter treuem bewaffnetem Geleite auf das Schloß von Blois; ihren jüngſten Sohn, Jean von Angouleme, nahm ſie mit ſich. Sechs weiße Roſſe zogen ihren ſchwarzen, von allen Seiten umhüllten Wagen; der König von Nea⸗ polis, die Herzoge von Berry und Bourbon, die Grafen von Clermont und Vendome und der Con⸗ netable d'Albret kamen ihr vor den Mauern von Paris entgegen und geleiteten ſie ſchweigend in die Stadt, wo ſie im Hotel Saint Paul ab⸗ ſtieg. Der rohe Pöbel, welcher, ſeit alten Zei⸗ ten durch die Burgunder wider ſie aufgehetzt, ihr ſtets die Schuld beimaß, dem König durch Zauberei ſein Leid angethan zu haben, und welcher jetzt durch den ſeit Menſchengedenken ſtrengſten Winter ſich in Hungersnoth befand, verfolgte in ſeiner blinden Wuth die trauernde Wittwe mit — 22— Flüchen, und ſogar mit Steinwürfen, als ſie aus dem Wagen ſtieg und ſich in das Hotel begab, wo der König, den jetzt die Krankheit wieder für einige Zeit frei gelaſſen hatte, ſie zur Au⸗ dienz erwartete. Ruhig duldete ſie und würde⸗ voll, unbekümmert, die Mißhandlung des Pöbels; kein zürnender Blick traf die Herzloſen, welche des Menſchen einziges Gut: den Schmerz ver⸗ höhnten. Der Schmerz richtete ihre ganze herr⸗ liche Geſtalt hoch empor, wie die einer Herr⸗ ſcherin, während er doch andere ſonſt drückt; ihr gab er das volle Bewußtſein ihrer Kraft und Würde wieder, welche ſie nur noch für den Tod⸗ ten und für ihre Kinder zu verwenden und zu behaupten hatte. Karl ſaß, beide Hände vor die Augen ge⸗ drückt, in einem Lehnſtuhle, als Valentine in das Gemach trat.„Arme Valentine,“ rief ihr 3 der König, ohnmächtig klagend entgegen,„man hat uns Euren Gatten getödtet; weh' mir, mei⸗ nen guten, treuen Bruder Orleans. Wer wird mich jetzt vor meinen Oheimen und Vettern, vor meinem eigenen Weibe ſchützen? Wehe, wehe, wehe!“ — 23— Da warf ſich Valentine mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm zu des Königs Füßen, umſchlang ſeine Knie, und ſprach:„Mein König und Herr, ich komme nicht um zu klagen, ich kann nicht mehr weinen; aber um Gerechtigkeit bettle ich hier zu Euren Füßen, und will nicht aufſtehen, bevor ſie mir gewähret.“ „Gerechtigkeit?“ fragte der König, das matte Haupt zu ihr niederſenkend und ſie mit ſanfter Gewalt vom Boden emporziehend;„Ge⸗ rechtigkeit?“ wiederholte er kleinmüthig,„und die wähnt Ihr durch mich erlangen zu können? Ach, wäre Gerechtigkeit in Frankreich, ſo trüge ich dieſe Narben nicht.“ Er zeigte ihr ſchmerz⸗ lich lächelnd an ſeinen beiden Armen die Narben der Wunden, welche ihm die Ketten gerieben hatten.„Laſſet uns um den Todten klagen,“ fuhr er wehmüthig fort,„ich hatte ja nur ei⸗ nen Bruder!“ „und den Mörder dieſes einen wollt Ihr nicht der Gerechtigkeit überliefern?“ entgegnete Valentine, deren Blicke unheimlich flammten. „Ich hatte nur ein Weſen auf Erden, welches ich liehte, das war der Vater meiner Kinder, — 24— und meine Kinder ſind jetzt verwaiſ't! König! König! Sollen die Söhne deines Bruders nicht ſicher auf ihrem eignen Erbe wandeln dürfen? Sollen ſie zittern müſſen, daß hinter jedem Buſch, aus jedem Thor ſie dasſelbe Mordſchwert erreicht, welches ihren Vater ſchlug? König! König! Ich will Gerechtigkeit für mich und meine Kinder. König! Ich verlange ſie von dir Angeſichts deſ⸗ ſen, der über Alle richtet; ich beſchwöre dein eigen Blut, welches auch in meines Louis Adern rollte. König, mein König! erbarmt dich nicht das junge Leben dieſes meines Knaben, daß es ungeſichert jeden Augenblick als Opfer des nim⸗ merſatten Burgund fallen ſoll? Schämſt du dich nicht für dieſes Kindes und deine eigne Ehre, daß der Auswurf des Volkes ungeſtraft den Sohn deines Vaters brandmarkt? Denn, ſtrafſt du den Mörder nicht, ſo prunkt er noch mit ſeiner That⸗ als hätte er ein gutes Werk gethan, und rühmt ſich, ein Richter zu ſein, ſtatt eines Verbrechers. Nicht den Bruder meines Gatten rufe ich an, und deinem ohnmächtigen Mitleid ſage ich ver⸗ ächtlich: hinweg damit! Ach! mein Leid bedarf nicht noch fremden Grames. Ich haſſe dein — 25— Mitleid, denn es demüthigt mich und ſchändet meine Kinder. Nichts als Gerechtigkeit will ich von dir, wenn du anders noch weißt, daß man dich einſt nur deshalb zum König von Frankreich ſalbte, damit du auf Erden Recht handhaben ſoll⸗ teſt, wie Gott im Himmel. Deine Richter und Schergen faſſen den Dieb, der einer Bauersfrau Eier ſtiehlt oder einem reichen Wucherer in die Kiſten greift: und du willſt den Mörder frei ren⸗ nen laſſen, der meinen Kindern den Quell ihres Lebens raubte, und dir noch die Ehre und die ewige Seligkeit rauben wird, wenn du ihn nicht ſtrafſt?“ Dieſe Worte Valentinens wirkten erſchütternd auf den König, ſie hatten die Rinde des Blöd⸗ ſinns geſchmolzen, der ihn ſo eiſig umreifte; wie alte Sagen tauchte aus dem Chaos ſeines Weſens Ehre und Königspflicht empor. Er ſprang auf, ſchloß Valentine in ſeine Arme, küßte den kleinen Angouleme auf die Stirne, und ſprach dann: „Wir ſchwören Euch, Herzogin von Orleans, daß Wir, der König von Frankreich, Euch Ge⸗ rechtigkeit ſchaffen werden gegen den Mörder Eu⸗ res Gatten, und wollen ihn fahen laſſen, wo er — 26— ſei und ſein Urtheil ausrufen laſſen an den vier Pforten, und ſeiner nicht ſchonen, das geloben und ſchwören Wir Euch, ſo wahr Uns Gott ver⸗ helfen ſolle. Amen.“ Zwei Tage darauf wiederholte die Herzogin ihre Klage vor der offenen Gerichtstafel, an welcher der König und alle Prinzen des Hauſes ſaßen. Der Kanzler von Orleans und ein Advokat des Parlamentes vereinigten öffentlich und feierlich ihre Bitten um Gerechtigkeit mit denen der Her⸗ zogin. Als ſie geendigt hatten, erhob ſich der Kanzler des Königreiches, der ſeinen Sitz auf der unterſten Stufe des Thrones hatte und rief: „König von Frankreich! ich verlange vor Gott und dem Geſetze, welches da geſchrieben ward: du ſollſt nicht tödten, und Kraft des Wortes der Schrift: wer Blut vergießt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden, daß Gerechtigkeit geübt werde wider den Mörder des Herzogs von Or⸗ leans, und daß er verfalle mit Leib und Gut als Verräther an dem König und an ſeinem ei⸗ genen Blut.“ Darauf erwiederte der König mit lauter Stimme:„und Wir, Karl der Sechſte, von — 2,— Gottes Gnaden König über Frankreich, rufen es hier aus, und thun es zu wiſſen, daß Gerechtig⸗ keit geübt werden ſoll, ohne Scheu, Rückhalt oder Verſäumniß wider Jean, der ſich nennt von Burgund, und daß Wir ihn verfallen wiſſen wollen, als hätte er gefrevelt und Hochverrath begangen an Unſerem eigenen Blute, und daß Wir nichts wiſſen wollen von Gnade und Erbar⸗ men, ſo wahr Uns Gott ſelbſt gnädig und barm⸗ herzig ſein möge.“ Thränen rannen aus ſeinen Augen, als er Valentine zu ſeinen Füßen ſah; er neigte ſich über ſie, reichte ihr die Hand und ſprach leiſe wehmüthig:„Macht Uns denn Bur⸗ gunds Blut Orleans wieder lebendig?— Ach, der König der Könige wollte mich vom Mutterleib an züchtigen, daß er mich als König geboren werden ließ! Laſſet uns nicht über die Todten weinen, ſondern über die, die gerne ſterben möch⸗ ten! Schenkt mir eine Thräne, mir, dem ein⸗ zigen Mann in Frankreich, um den Niemand weint, und der doch alles Weh von Frankreich zu tragen hat.—“ Die Kraft des Geiſtes verließ ihn wieder allmählig, der Blödſinn, aus kindiſchem Jammer geboren, ſtreckte die Arme wieder nach ihm aus. — 28— Doch an der großen Gerichtstafel war noch ein anderes Werk abzuthun, welches längſt be⸗ ſprochen worden, die Verfügung der Regentſchaft in jenen Zeitraͤumen, wann der König durch ſeine Krankheit verhindert war, ſelbſt zu herr⸗ ſchen,— eine Frage, welche lange hindurch der giftige Zankapfel geweſen war. Auch die jetzige Entſcheidung hob die Zwiſtigkeiten nicht auf, ſon⸗ dern diente dazu, die Verwirrung, die Eiferſucht, die Anmaßungen der Einzelnen zu vermehren und das königliche Anſehen, ſo wie die Gerechtigkeit zu ſchwächen. Denn es ward beſchloſſen, daß das Reich hinfür immerfort unter der Autorität des Königs regiert werden, daß man alle Befehle unter ſeinem Namen ausfertigen ſollte, daß die Verwaltung aller Staatsgeſchäfte von der Königin und den Prinzen unter Zuratheziehung des Conne⸗ table, des Kanzlers und der weiſeſten Männer des Rathes gehandhabt werden ſollte.—— Während dies am Hofe geſchah, erwachte Burgunds Trotz in der Fremde wieder; er bän⸗ digte die immer ſchwächeren Regungen von Scham und Scheu, je mehr er gewahr wurde, daß man trotz der prunkenden Formen es doch nicht wage, ſeine Verurtheilung ernſthaft zu unternehmen. Als vollends Boten zur Unterhandlung an ihn ge⸗ ſendet wurden, welche ihn ſchmeichelnd zu über⸗ reden ſuchten, ſeinen Trotz zu mildern, da er⸗ reichte ſeine Frechheit die höchſte Stufe. Er warb ein furchtbares Heer und rückte auf der Straße von Arras gegen Paris. Die Beſtürzung am Hofe war bei dieſer Nachricht allgemein, Nie⸗ mand wagte es jetzt, an ernſte Maaßregeln ge⸗ gen ihn zu denken. Der Rückfall des Königs in ſein Gebreſt vermehrte die allgemeine Verwirrung, und die Anhänger der burgundiſchen Partei, de⸗ ren es in Paris eine Unzahl gab, benützten je⸗ nes unglückliche Ereigniß, um im Volke den Wahn zu verbreiten, daß der Aufenthalt der Herzogin von Orleans auf's neue mit dem Wahnſinn des Königs zuſammenhinge. Valentine mußte, da man der Ankunft Burgunds in Paris jeden Au⸗ genblick gewärtig ſeyn konnte, um ihrer Sicher⸗ heit willen von demſelben Orte heimlich fliehen, wo man ihr noch vor ein paar Tagen öffentlich und feierlich volle Gerechtigkeit verſprochen hatte. Mit ihr entfernte ſich von dem feigen, ſelbſtſüch⸗ tigen Hofe auch der alte, tugendhafte Herzog — 30— von Bourbon und zog ſich auf die Einſamkeit ſeiner Schlöſſer zurück, wo er, um die Schande Frankreichs und ſeines Stammes wehklagend, den Reſt ſeiner Tage verlebte. Immer näher und näher rückte jetzt Burgund der Hauptſtadt. Endlich ſtand er dicht vor den Thoren, endlich konnte er ſeinen Einzug halten, und er that es, als beträte er eine mit den Waf⸗ fen in der Fauſt gewonnene Stadt. Tauſend wilde Geſellen, vom Kopf bis zum Fuß in Eiſen gehüllt, in drei große Rotten geſondert, beglei⸗ teten ihn in die Stadt; der Reſt ſeiner Armee zerſtreute ſich ſchwärmend wie fraßgieriger Heu⸗ ſchrecken dichte Wolken in den Umgebungen von Paris, und hauste rückſichtslos, unbarmherzig, ohne Scheu und Scham. Burgund ſelbſt durch⸗ ritt die Stadt unter tauſendſtimmigem Jubel und Noölgeſchrei der hoffnungstrunkenen wüthenden Pariſer, welche ihn als Befreier begrüßten. Das Hotel d'Artois nahm er zur Reſidenz, befeſtigte es nach innen und außen, und ließ es von allen Seiten durch die dichten Schaaren ſeiner furcht⸗ baren Leibwache behüten. In Mitten des Ho⸗ tels, in der ſogenannten ſteinernen Kammer, die — 31— ur einen einzigen Ausgang und kein Fenſter be⸗ ſaß, hatte er ſich ſeine Schlafſtätte beſtellt; da lag er, den Tauſende fürchteten, ruhelos bei Nacht, ſcheu vor eingebildeten Dolchen, immer⸗ fort ein blutiges Schwert vor ſich ſehend. Das iſt das Glück der Tyrannen! Wenn ſie auf Er⸗ den nichts mehr zu fürchten haben, und ſich zu⸗ rückziehen in ihre feſten ſteinernen Kammern, die kein Menſchenohr belauſchen darf, dann geht Gott mitten durch die Schaaren ihrer eiſernen Wäch⸗ ter, zerbricht die Riegel, die ſie innen vorge⸗ ſchoben, tritt vor ihre Betten, ſcheucht den Schlaf von ihren Wimpern, und hält ſeine Zwieſprach mit ihnen. Er rechnet ab jeden Tag, wie ein getreuer Hausvater, bis das Schuldbuch vollge⸗ ſchrieben iſt; dann giebt er aber die ſchwarzen oder blutigen Blätter dem Winde, daß dieſer, was jene unterm Purpur verborgen hielten,— ihre Schande, frei austrage in alle Welt. Und ſeine Sibylle, die Geſchichte, predigt es den kommen⸗ den Geſchlechtern. Oeffentlich ließ Burgund nun ſeinen unbeug⸗ ſamen Trotz ſehen, und dem thörigten Volke, welches ihn als Befreier begrüßt hatte, die Scorpionen ſtatt der Ruthen fühlen. Seine Frechheit ging ſo weit, daß er, ſtatt ſich an ſei⸗ ner Ungeſtraftheit oder an völliger Vergeſſenheit des Geſchehenen genügen zu laſſen, noch verlangte, ſeine That öffentlich gerechtfertigt zu hören; und der Hof war erbärmlich genug, ihm alle Forde⸗ rungen einzuräumen.. Am achten März begab ſich Burgund, unter den purpurnen Ueberkleidern heimlich ganz in Panzer gehüllt, in das Hotel St. Paul, wo ihn der Dauphin an des Königs ſtatt, die Herzoge von Berry, Bretagne und Lothringen, der König von Neapolis, der Kardinal von Bar, der Rek⸗ tor der Univerſität und eine Menge geiſtlicher und weltlicher Herren erwarteten; ihm nach wogte und drängte eine Unmaſſe ſeiner gefürchteten Kriegsgeſellen, verwegenen Pariſer Geſindels mit trotzigen Geſichtern und ſchwarzen Fäuſten, in den Pallaſt und in den Sal. „Da kommt der Doktor,“ raunte und flü⸗ ſterte Einer zum Andern,„da kommt der Fran⸗ ziskaner.—“ „Der wird die Rede halten.— N — 33— „Ja, und unſeren Vater Burgund vor dem Prinzen vertheidigen.—“ „Vertheidigen? Was? Braucht unſer guter Vater eine Vertheidigung? Wer biſt denn du, der mir ſo was ſpricht?“ „Ich,— ich handle mit Seife und mit Talg.“ „Ja, man ſieht dir's an, du ſchwindſüchtige Kerze. Von Vertheidigung zu reden! Mir das zu ſagen, mir, deſſen Hüte in ganz Paris bekannt ſind! Stopft ihm das Maul, wenn er von Vertheidigung ſpricht.“ „Nun, was denn ſonſt? ſagt ſelbſt, ihr Nach⸗ barn, Gevattern und Bürgersleute von Paris!“ „Ja, das möchten wir wohl hören.“ „Nun, ſo gebt acht, ich will euch's erklären, was der gelehrte Franziskaner ſprechen wird; das iſt nämlich keine Vertheidigung für Burgund. Was? ſoll ſich Burgund dafür etwa noch vertheidigen laſſen, daß er den Schurken Orleans todtſchlug, der euch im Tag zwölfmal beſteuerte? Und ich ſag' euch, der Doktor wird in ſeiner Predigt blos, ſo zu ſagen, eine Decla⸗ ration definiren; verſteht ihr das? keine Ver⸗ theidigung; ich meine nämlich, und ihr wißt; II. 3 — 34— ich bin ſo'n Stück von'nem Gelehrten,— alſo merkt's euch, eine Definition deklariren, halter doch die Mäuler, eine Circumciſion der ganzen Thatſache,— oder Circumſcription, wenn euch das deutlicher iſt, ſo'n Stück von einer Con⸗ ſcription und keine Vertheidigung, das rath' ich euch, und wer mir von'˙ner Vertheidigung ſpricht, der hat's mit mir zu thun, den nenn' ich einen rechten orleaniſtiſchen Schelm, eine Talgkerze— und das ſag' ich!“ „Pſt, pft! ſeid ſtill! der Doktor hat die Kan⸗ zel betiegen.—“ „Wollt ihr wohl ruhig ſein? hört! hört!“ „Ihr ſchreit ja noch immer, Nachbar; Euer: Still koſtet mich das Trommelfell.“ / Pſt, pſt!— Der Franziskanermönch, Doktor Jean Petit, ein langer hagerer Mann, mit bleichgrauen Wan⸗ gen und unheimlich blinzelnden Blicken, ſtand auf der Kanzel und begann, Anfangs mit leiſer Stimme, dann im Verlauf der Rede ſtärker, markerſchüt⸗ ternd, donnernd: „In nomine patris et filii et spiritus sancti! — 35— Attendite, reges et principes terrae verba do- mini, domini Dei!“ „Mein Volk begeht zwiefache Schuld, ſpricht der Herr Herr; ſie verlaſſen mich, die lebendige Quelle, und graben ſich Brunnen, die kein Waſ⸗ ſer geben. Ihre Häuſer ſind voll Argliſt, wie der Käfig voll Lockvögel; daher werden ſie reich und ſtolz, und fett in ihren Sünden, ſie halten kein Recht, ſie helfen den Armen nicht zum Recht. Darum werden ſie in Schanden fallen, weil ſie die Schande getrieben, darum müſſen ſie zuſammen fallen, und wenn ich ſie ſchlagen werde, müſſen ſie fallen, ſpricht der Herr. Der Herr Herr aber hat zuerſt die Vögel in der Luft er⸗ ſchaffen, damit ſie frei fliegen ſollen, und die Fiſche im Waſſer, damit ſie frei ſchwimmen, und die Thiere im Wald mit Zähnen und Klauen, damit ſie ſich wehren können ihrer Freiheit. Und darnach erſchuf er den Menſchen und erſchuf ihn mit zwei Händen und gab ihm den ganzen Erd⸗ ball zum Haus. Und erſchuf keinen über den Menſchen, der ſie zwingen und ſchlagen dürfe. Aber Tyrannen ſind doch auf Erden gewachſen. Wann ihr den Löwen und das Tigerthier in des 3* — 36— Königs Garten an den Mähnen faßt, und wollt ſie ſchütteln und verſpotten, ſo haben ſie vom Herrn Herrn ihre ſcharfen Tatzen, damit dürfen ſie dem Feind in's Fleiſch hacken. Ich aber ſage euch: ein Tyrann iſt ärger. Gott iſt wider den Gott⸗ loſen und ſchlägt den, der Andere ſchlug. Dem Brudermörder Kain grub er ein Zeichen auf die Stirne, der König Antiochus iſt verflucht in die ſiebente Hölle hinab; den ſchändlichen Herodes übergab der Herr Herr den Würmern und Un⸗ geziefern bei lebendigem Leib. Denn der Herr iſt gerecht und will den Tod des Gottloſen. Den Holofernes erſchlug ein Weib, und der Herr Zebaoth hat ihren Namen herrlich gemacht. Und dem Pharao im Aegypterland ſandte er ſieben Plagen und grub ihn ein mit Mann und Roß im rothen Meer.— Und alſo müſſe erſäuft werden in vothen Wellen des eigenen Blutes Jedweder, der das Volk ſchlägt!“— „Hoſiana, Hoſiana! es lebe der Doktor! Heil dem Propheten!“ ſchrieen hundert Stimmen im Volk durch einander. „Hört! hört weiter! hört den gelehrten hei⸗ ligen Mann,“ riefen Andere, Stille gebietend — 37— Den Prinzen bebten die Herzen, nur Burgund blickte wildfreudig um ſich. Der Doktor Jean Petit aber fuhr alſo fort:„Und nun horchet auf, und merket, was ich euch ſage. Gottes Wege ſind wunderbar, und ſeine Rathſchlüſſe unerforſch⸗ lich,— ihr aber werdet in Sünden empfangen, in Sünden geboren, in Sünden wachſet ihr auf, in Sünden werdet ihr grau, in Sünden fahrt ihr dahin, in Sünden zeugt ihr neue Geſchlechter bis ins dritte und vierte Glied; eure Sünden ſind Ueppigkeit, Geiz, Zwietracht, Unvernunft, Mauleſelei und Faulheit, aber eure allergrößte Sünde iſt die gegen den heiligen Geiſt, der ſich herabſenkt in Flammenzungen, gegen den heiligen Geiſt der Freiheit. Ihr ſeid ſchlechte Gefäße und der Herr muß wie ein Töpfer euch zerſchmeißen. Und deshalb, ſage ich euch, läßt er zuweilen zu, daß Geißeln über euch kommen, die euch züch⸗ tigen, auf daß ihr merket, wie ſchlecht und ver⸗ worfen ihr ſeid; alſo hat der Herr vor ſo viel hundert Jahren über das römiſche Volk den Hunnenkönig kommen laſſen, genannt Attila, die Geißel Gottes, und, was euch noch allen friſch im Gedächtniß lebt, den Soldan Bajeſſid. Aber, — 38— wann der Herr die Geißel geſchwungen hat, ſo wirft er ſie ins Feuer, und wann die Tyrannen abgenutzt ſind, ſo hält er ſein Gericht über ſie. Wer wird den Richter nicht preiſen und ehren, der den Dieb und Räuber verurtheilt. Und iſt ein Tyrann nicht ſchlimmer, als ein Dieb oder Räuber? und hat alſo einer, der ihn ſtraft, nicht ein verdienſtlicheres Werk gethan, als jeder andere Richter?— Nun ſag' ich euch aber: jener Or⸗ lean iſt dem Lande Frankreich ein ärgerer Zwing⸗ herr geweſen, als jemals Attila oder Bajeſſid. Wer iſt hier, der ſeine Thaten kennt, und mir Einſpruch erheben wird? Fragt das Volk, das er mit Skorpionen gegeißelt, das er auf Leben und Tod mit Steuern erdrückt, fragt es, ob es ſeinem Andenken Segen oder Fluch nachruft.“— „Fluch, Fluch über Orleans!“ ſchrie das Geſindel wie aus Einem Munde,„ Fluch über ſein Andenken! Heil unſerm Burgund! Heil dem Doktor Jean Petit!“ Dieſer fuhr alſo fort: „Ich, Prieſter des allmächtigen Gottes, ſtehe hier, und rufe das Todtengericht aus über Or⸗ leans. Ich ſpreche, was Tauſende wiſſen, und ſage: an dieſem Orleans haftet ſo viel Blutſchuld, — 39— daß, wie ſein Leib auf Erden verfallen iſt, ſeine Seele der Hölle verfallen ſein müſſe für die Ewig⸗ keit. Orleans iſt's, der, um die Krone Frank⸗ reichs zu gewinnen, Frankreichs König durch ver⸗ ruchte Kunſt und Zaubertränke mit unſäglichem Leid umſtrickt hat; und dieſer König von Frank⸗ reich iſt jenes Orleans Bruder. Und ſo ſag' ich euch: Kain, der den frommen Abel erſchlug, war nicht ſo ruchlos, als dieſer Orleans. Und ferner fag' ich: Orleans hat es verſucht, auch ſeinen Neffen, den Dauphin, durch einen Apfel zu ver⸗ giften; das weiß jedes Kind in Frankreich. Und ferner ſag' ich: Orleans hat heimlich mit Frank⸗ reichs Feinden Bündniſſe eingegangen und gehal⸗ ten, damit ſie ihm helfen ſollten, dies gottgeliebte Land unter ſeine Geißel zu bringen. Alles zuſam⸗ men gehalten, frag' ich endlich: wer kann anders ſagen? wer ſtraft mich Lügen? wer nennt Or⸗ leans mild, gerecht, uneigennützig, mäßig, treu? der ſoll es beweiſen. Und ſo lang dies keiner thut, ſage ich: er war grauſam, ungerecht, blutſauge⸗ riſch, ſcheuslich üppig, falſch und treulos gegen Gott den allmächtigen und gegen ſein eigen Blut. Und ſage feierlich: wer ihn gerichtet hat, der that — 410— ein Gott gefällig Werk. Amen. Sprach ich ein Wort zu viel oder zu wenig? antworte mir Einer von Allen, die hier beiſammen ſind.“ Wildes Jubelgeheul des Pariſer Geſindels und der Burgundiſchen Trabanten durchtobte den Saal und alle Räume des Pallaſtes. Die Prin⸗ zen waren während ſeiner Rede vor Angſt todten⸗ bleich geworden. Burgund ſprang triumphirend von ſeinem Sitze auf, zog den Handſchuh von der Hand, warf ihn in die Mitte des Saals, und rief mit donnernder Stimme: „Es iſt, wie der Doktor ſprach,— ich be⸗ haupte es mit meiner Ehre und meinem Leben. Hier liegt mein Handſchuh, und ich ſtehe Jedem aus dieſem Kreiſe, der ihn aufheben will, auf Tod und Leben.“ Eine Todenſtille herrſchte nach dieſer Heraus⸗ forderung rings im ganzen Saale. Der Franzis⸗ kanermönch Jean Petit ſtieg von der Tribüne und verließ die Verſammlung. Burgund aber, welcher ſich an der allgemeinen Zaghaftigkeit weidete, nahm, ermuthigt durch den Eindruck der Rede des Mönchs, das Wort: „Der gelehrlei Mann hat geſprochen; ich als — 41— Ungelehrter, deſſen Bibel in dieſer Scheide ſteckt, habe noch ein Wort zu ſprechen. Es iſt mir nicht Genüge, durch den Mönch gerechtfertigt zu ſein; ich will, daß der König mir mit Brief und Siegel es verſichert, daß ich als Richter den Wink der Vorſehung ins Werk geſetzt.“ Er ſandte herausfordernde Blicke nach allen Seiten; aber ſtatt jeder Antwort erhoben ſich die Königin und der Dauphin und verließen den Saal. „Soll das mein Entſcheid ſein?“ erhob Bur⸗ gund auf's Neue ſeine Stimme.„Heil ich dachte ſonſt, Weiber und Kinder hätten Zungen. Ihr Herren! wer hat Luſt, mir Widerpart zu halten? Wer folgt mir zum Könige?! Er ſoll und muß mir, was ich will, durch Brief und Siegel geben.“ Da erhoben ſich Alle und folgten ihm. Und der König, welcher eben erſt von ſeinem neuen Rück⸗ fall geneſen war, bewilligte in ſeiner Schwäche Alles, und fertigte ihm Brief und Siegel aus. Die Königin hielt ſich und den Dauphin in Paris nicht länger mehr für ſicher und entfloh mit ihm und ihren übrigen Kindern nach Melün. Der Herzog von Berry, der Connetable, Montagü, der junge Herzog von Bretagne und viele andere — 42— edle Herren folgten ihr ſchleunig. Burgund wü⸗ thete darüber. Am andern Tage nach jener ver⸗ ruchten Rechtfertigung mußte der Doktor Jean Petit dieſelbe auf offnem Markte, dem Dom gegen⸗ über, vor allem Volke wiederholen. Er theilte diesmal ſeine Rede in zwölf Abſätze, jeden zur Ehre eines heiligen Apoſtels, und ſteigerte ſich ſelbſt in Wuth und Sophismen ſo weit, daß er am Schluß den Herzog von Burgund mit dem Erzengel Michael verglich, welcher auf Gottes Befehl den Drachen getödtet. Das Volk jauchzte ihm Beifall. Während dies Alles ſich ereignete, ſaß Herr Ludwig im Bart in Blois einſam, nichts anders ſinnend, als das Auſehen ſeiner Schweſter mit gewaffneter Hand wider Burgund zu verfechten; denn, obwohl er ihren ſittenloſen Wandel ſtets verabſcheute, ſo wollte er doch die Ehre einer Bayerfürſtin nicht öffentlich preis gegeben wiſſen. Zu dem ſtachelte ſeinen königlichen Geiſt die Aus⸗ ſicht auf Thaten; die Blüthen des Lebens und der Liebe waren ihm früh abgeſtreift worden; er hatte die Menſchen, durch Schickſal ſo tief ge⸗ demüthigt, oder durch eigne Schuld ſo arg her⸗ — 43— abgewürdigt, kennen gelernt, daß der Werth der einzelnen aus ſeiner Berechnung verſchwand, wie ein Adler, der die ſonnigen Höhen der Firnen umkreiſt, unten in tiefen Thälern die Blumen von Diſteln nicht unterſcheidet, und die Strohdächer nicht beachtet, nur die ſilbernen Bänder der Ströme verfolgt, und über gewaltigen Berg⸗ und Waldrücken ſeine Straße nimmt. Seine Bruſt erweiterte ſich, je weiter er das Feld für ſeine Thaten vor ſich ausgebreitet ſah. Die Krone Frankreichs ſelbſt zu ergreifen, dünkte ihm nicht werthvoller(denn dies Poſſenſpiel lächerte ihn), als Frankreich für einen Andern zu meiſtern, den er warm im Herzen trug.— Obwohl er übrigens die Frauen nicht achtete, mußte er doch vor Valentinen's männlichem Geiſte und würdevollem Benehmen Ehrfurcht hegen, und es ſchien ihm ritterlich, die Wittwe jetzt nicht zu verlaſſen. Deshalb ſchickte er Eilboten mit großen Summen durch das Land, um reiſiges Volk zu werben. Bald ſtrömten ſchlagfertige Geſellen von allen Enden herbei und ſchaarten ſich zum Schutze der Königin, welche ſich in Melün verſchanzt hatte. Wer immer dem Hauſe Orleans noch anhing, ſtrömte nach Blois. In der Bretagne vereinigte der junge Herzog eine bedeutende Heeresmacht. Bald ſtießen dieſe drei Abtheilungen zuſammen und bewegten ſich gegen Paris. Da pochte das Gewiſſen wieder bei Burgund an und ſein trotziger Muth fuhr dahin. Die ſteinerne Kammer ſchien ihm nicht mehr ſicher genug, Volksneigung— eine treuloſe Welle. Er dachte ernſtlich an den Rück⸗ zug aus Paris, und verließ die Hauptſtadt heim⸗ lich, von ſeinem Fluch hinterher gehetzt. Kaum war Burgund aus der Stadt entflohn, als die Königin, Valentine, Ludwig von Baiern und die Prinzen, mit drohender Heeresmacht um⸗ geben, ihren Einzug hielten. Aber das Volk, von Burgunds Ränken ganz für dieſen verblendet, jauchzte ihnen nicht entgegen, keine Hand regte ſich, keine Mütze wurde ehrerbietig gerückt, ſelbſt als Valentine, bleich wie ein Marmorbild, in ihrer Trauerſänfte langſam daher kam. Die erſte feierliche Handlung, welche der Hof beging, war eine große Verſammlung im Louvre, in welcher Iſabelle und der Dauphin den Vorſitz führten, und alle Prinzen des Hauſes, desgleichen die Grafen von Mortagne, Alencon, Clermont, Saint Paul, Dammartin, Tancarville, der Conne⸗ table, der Kanzler, Montagü, eine Menge Pra⸗ laten und Obrigkeiten, der Prevot des Marchands und hundert Notablen der Bürgerſchaft zugegen waren. Der treue Liebling des Königs, Jean Juvenal des Urſins, erklärte mit lauter Stimme am Schluß der Verſammlung:„Es ſei der Wille des Königs, daß fortan während ſeiner Abweſen⸗ heit oder Krankheit der junge Dauphin, Herzog von Guienne, und Jſabelle die Regentſchaft aus⸗ üben ſollten, ohne Verantwortlichkeit, als allein vor Gott, dem höchſten Richter aller Gedanken und Werke.“ Wenige Tage nach dieſer feierlichen Handlung erfolgte eine neue Zuſammenkunft aller, welche bei der erſten ſich eingefunden hatten, auch Pa⸗ lentine und ihre drei Soöhne, desgleichen der Rek⸗ tor und die abgeordneten Doktoren der Univer⸗ ſität wohnten ihr bei. Die Herzogin von Orleans erhob ſich von ihrem Sitze und ſprach:„Zum zweitenmal trete ich auf, um Gerechtigkeit zu verlangen wider den Mörder meines Gatten. Du Richter im Himmel! Iſt dies dieſelbe Sonne, die einſt über Frankreich aufging, als es jenen — 46— Todten vergötterte? Bin ich hier unter den Bluts⸗ verwandten meines Gatten, welche auf einem Sproß ihres königlichen Stammes noch immer die Schande dulden? Weh' mir! Wär' ich in ein fremdes Land gezogen, rohe Scythen hätten Thrä⸗ nen vergoſſen, und ihre Kinder wehrhaft gemacht, um meinen Kindern und meinem Todten die Ehre wiederzuſchaffen. Wie? kennt man in Frankreich den Talisman nicht mehr, der Frankreichs Namen groß und furchtbar machte? Gibt es hier Herzen, die ohne Sonne und Luft ſchlagen können, und die Ehre, ein weſenloſes Ding, für eben ſo ge⸗ ringfügig halten, als die Luft, die man nur ein⸗ athmet, und nicht mit Augen ſehen, und nicht mit Händen greifen kann? und doch iſt's dieſelbe, die als blaue Kuppel ſich über Frankreich wölbt. Oder gibt es keine Ehre in Frankreich mehr? Nun, dann laßt uns vom Himmel erbetteln, daß er alle die ſtolzen Thürme und Zinnen nieder⸗ werfe, die blos als Zeugen unſerer Schmach ſich emporgipfeln. Ach, was rede ich? Ich bin ja nur ein Weib, ein ſchwaches Weib, deſſen Schwert die Spindel ſein ſoll; hier ſitzen Männer, die Schwerter an den Hüften tragen,— und immer — 42— nur an den Hüften und nicht mehr in den Fäu⸗ ſten, Männer, die ſich fürchten gelernt haben. Verzeiht, ich kann meine Worte nicht wägen; und wozu auch wägen? Burgund hält die Wage und wirft den Mord hinein, daß die Ehre auf der andern Seite federleicht himmelan fliegt. Hier ſind meine Söhne, und mein erſtgeborner mußte ſich bis jetzt ſchämen, in Frankreich die Ritter⸗ würde zu empfangen; denn wer ſollte ſie ihm geben, ſo lange Burgund Ritter zu Schanden ſchlagen kann? Dem Bettler folgt ſein Hund ans Grab, es iſt Keiner ſo tief in Frankreich, kein Miſſethäter ſelbſt, dem, wenn er blutig gebüßt, nicht die Verwandten nachweinten? Und Orleans? ——— Ich hab' euch alle hier ihm huldigen geſehen.— Ihr blickt mich ſo fragend an, ob mein Schmerz nicht ungerecht ſei? O, hätte mein Gatte mich ſelbſt ermordet, mein Geiſt würde doch jetzt vor euch hintreten, und im Namen Got⸗ tes von euch fordern, daß ſeine Ehre rein ge⸗ waſchen werde. Was hat ein Todter? Von allen Schätzen und Freuden, von allen dieſen erbärm⸗ lichen Betrügereien des Lebens bleibt ihm nichts, gar nichts als das Andenken; und ihr könnt es — 48— dulden, daß meinem Orleans dies einzige Kleinod bübiſch geſtohlen wird?—— O fürchtet nicht, ihr Herrn,“ ſchloß ſie bitter lächelnd ihre Rede, „daß ich euch noch öfter mit der Bitte um einen Ritterdienſt zur Laſt fallen werde; ich habe auf Erden nichts mehr abzuthun, als dies eine Werk. Wähnt ihr denn, daß ich, wäre dies Werk ſchon abgethan, noch Sehnſucht hätte, dies furcht⸗ bare Gewicht, dieſe Dornenkrone, von welcher die Roſen längſt abgefallen ſind, dies eiſerne Joch der Nothwendigkeit, dieſe Hoffnungsloſigkeit, dieſe bleierne Krone, ſtatt Diamanten mit Kieſeln be⸗ ſetzt, dies Leben, armſelig und im Beginne nur deshalb hoffnungsreich, damit durch eine lange Reihe von Jahren Enttäuſchung und Gram ſich recht ſicher und feſt in's Herz hineinfreſſen können, daß ich dies Leben noch tragen würde? Fürchtet nicht, ihr Herren; nein, denkt: ich ſei ein ruhe⸗ los wandernder Geiſt, der um Erlöſung jammert, und euch nicht mehr quälen wird, ſobald ihr ſein Begehren erfüllt. Und ſo habt Mitleid, nicht blos mit mir, nein, mit euch ſelbſt, damit ihr vor mir Ruhe findet, wenn ich zur Nuhe ein⸗ gehen kann.“ — 40— Nach dieſer Rede der Herzogin erhob ſich der Abt Thomas von Ceriſi und ſprach:„Es hat vor nicht langer Zeit in offener Verſammlung der ſchamloſe Mönch Jean Petit über den unglück⸗ lichen Herzog von Orleans, deſſen Seele bei Gott iſt, ſolche Worte geſprochen, daß der Vater der Lügen ſie und den Redner ſeine Kinder nennen muß. Wer mag ſich ohne Schauder der gottloſen Spitzfindigkeiten erinnern, die alle göttliche und menſchliche Rechte unterhöhlen, alle Bande des Friedens, des Vertrauens und des Gehorſams zerreißen, Spitzfindigkeiten, durch welche er, auf des räuberiſchen Burgund Anſtiften und Löhnung, die Köpfe des Volkes verwirrte und entflammte?! Hier ſteh' ich jetzt, durch Gottes Gnade ſein un⸗ würdiger Diener, und beſchwöre es: wenn Or⸗ leans auch von Schuld und Fehlern nicht rein war— doch wer kann ſich vermeſſen und ſagen: ich bin rein?— Orleans war doch frei von je⸗ nen fluchwürdigen Verbrechen, welche Burgund und deſſen Schutzredner ausſprachen. Frei ſprech' ich ihn von der Schuld geheimer Zaubermittel gegen unſern Herrn den König, und eine Lüge iſt's, daß er dem Dauphin nach dem Leben ge⸗ II. 4 — 50— ſtrebt, eine Lüge iſt's nicht minder, daß er gegen Frankreich heimliche Bündniſſe geſponnen. Dies Alles ſind niederträchtige, teufliſche Lügen, und um ihrer willen, und um des ſchnöden Wortes willen lade ich Burgund vor den Richterſtuhl des all⸗ gerechten höchſten Gottes, entſetze den Doktor Jean Petit aller ſeiner prieſterlichen Weihe und Wirde, ſchließe ihn aus von der Gemeinſchaft und dem Gnadenheil Aller, die an Chriſtus glauben, und übergebe ihn dem geiſtlichen Gericht.“ Nach ihm ſtand Pierre Couſinet, Advokat des Parle⸗ ments, auf, verlangte das Wort und ſprach: „Würde die Dame von Orleans auch nicht die Beſtrafung Burgunds verlangen, ſo müßte doch ich als Procureur du roi im Namen des Geſetzes und nach altem Brauch Frankreichs Gerechtigkeit und Buße verlangen. Im Namen Gottes und des Königs fordere ich hier laut und öffentlich durch ganz Frankreich und Burgund, Jean von Bur⸗ gund, als geſchwornen Vaſallen der Krone, und Jean, der ſich nennt von Burgund, als Meuchel⸗ mörder und Hochverräther vor das göttliche und weltliche Gericht, und thue nach altem Geſetz den Spruch, er müſſe kommen entblößten Hauptes, ohne Gürtel und Schwert, und müſſe auf den Knieen Vergebung erflehen vor der Dame von Or⸗ leans und vor ihren drei Söhnen, im Louvre, im Hofe des Pallaſtes, im Hotel Saint Paul, und an dem Ort, wo er ſein fluchwürdiges Verbrechen begangen. Und verkündigt werden müſſe dieſe Abbitte unter Trompetenſchall durch das ganze Reich. Und geſchleift müſſen werden alle ſeine Häuſer, und was ihm unter Dach und Fach gehört in der Hauptſtadt Paris, und er ſoll auf den Stätten, wo ſie ſtanden, Kreuze errichten laſſen, mit der Inſchrift ſeiner That zum ewigen Gedächtniß. Und er ſoll bauen zwei Kapellen, eine zu Jeruſalem und eine zu Rom, jegliche be⸗ ſtiftet mit einer Million Tournoſen. Und ſoll gebannt ſein über's Meer, zwanzig Jahre lang; und wo er in der Fremde hundert Meilen im uUm⸗ kreis dem Ort nahen könnte, an dem ſich das Haus Orleans oder die Königin befindet, davon ſoll er weichen, bei Strafe des Todes. Amen!“ Hierauf erhob ſich der Procureur géneral, erklärte das Urtheil für gerecht und gnädig, und verlangte von dem Dauphin an Königs Statt die Beſtätigung. Da ſprach der Dauphin:„Das 4 ¾⅔ Urtheil iſt gerecht und muß vollzogen werden.“ Jetzt bat Carl, der älteſte Sohn von Orleans, bei Berry um die Ritterwürde, erhielt ſie, und leiſtete den Vaſalleneid. Schon am andern Tage befand er ſich auf der Route von Blois, um den gegen Burgund ergangenen Spruch in's Werk zu ſetzen. Bald wurden auch von Seite der Königin Tigeonville und Guichard in's Feldlager des Her⸗ zogs von Burgund geſendet, welcher mit ſeinem Schwager dem Biſchof Jean saus bitié gegen die empörten Lütticher ausgerückt war. Burgund verſpottete die Geſandten, welche ihn als Re⸗ bellen, Feind des Staates, und Vaterlands⸗ Verräther bezeichneten und ihm verkündigten, daß der König ſeinen Rechtfertigungsbrief wider⸗ rufßg habe und zurückverlange. Des Herzogs Trotz erwachte in voller Unverſchämtheit, als er in der Ebene von Tongern über die Freiheitsluſti⸗ gen Lütticher einen vollſtändigen Sieg davon ge⸗ tragen; dreißig Tauſend Menſchen verloren an jenem Tage das Leben, und die beiden Schwäger ohne Furcht und ohne Erbarmen ließen alle Ge⸗ fangenen niedermetzlen; der Pfaffenfürſt trieb ſeine Hirtenfreude ſo weit, daß er nicht umhin konnte, das Schlachten ſeiner Schaafe ſelbſt mit⸗ anzuſehen. Der Zufall iſt der Götze dieſer Erde. Er treibt die Gerechtigkeit wie einen Kreiſel; alle pomphaften, hohlklingenden, mit Eiden aufge⸗ ſtutzten Abſichten und Redensarten entkleidet er im Nu ihrer geflickten Purpurlappen und zeigt im Kern dieſer mit Scharlach und Gold über⸗ deckten Holzgerüſte den Narren, der ſpottend mit der Schellenkappe wackelt. Ein blutiges Poſſenſpiel iſt die Geſchichte, eine ewige Ebbe und Fluth des Erhabenen und Lächerlichen, ein Tanzboden des Unbeſtändigen und Erbärm⸗ lichen, ſelbſt dann noch ein Tanzboden, wenn es der blöden Menge als Schaffot erſcheint. Der Sieg über die Lütticher vereitelte die pomphaften Anſtalten zur Verdammung Burgunds; und in der That: es iſt leichter, einen armen Schelm, der, nahe am Verhungern, in des Nachbars Garten ſteigt, zu fangen und zu beſtrafen, als vor dem mächtigen Verbrecher nicht zu huldigen. Aber Verbrechen bleibt Verbrechen. Durch die Schuld ſtellen die Herren der Erde ſich ſelbſt den niedrig⸗ ſten Sclaven gleich, und dieſe Gleichheit kann — 54— Völker zuweilen auf den Gedanken der Freiheit bringen. Man dachte jetzt bei Hofe nicht mehr daran, der Wittwe und den Waiſen Gerechtigkeit zu ſchaffen; Furcht verzwergte alle rieſenhaften Entſchlüſſe, die ein eben ſo traurig lächerliches Anſehen bekamen, als die kindiſchen Befehle des Königes, daß Burgund, der ſich in großen Tag⸗ märſchen Paris näherte, ihm ja nicht unter die Augen treten ſollte. Heimlich mußte der König ſelbſt mit Iſabelle und den Prinzen in einem be⸗ deckten Fahrzeug aus Paris flüchten. Der Her⸗ zog von der Bretagne zähmte noch einſtweilen die raſende Freude des Volkes über Burgunds Glück durch das Anſehen einer Rotte von fuͤnfzehnhun⸗ dert Bewaffneten, bis die königliche Familie die Stadt Gien, an der Loire oberhalb Orleans gele⸗ gen, erreicht hatte; von da begab ſie ſich, je näher Burgund gegen Paris zog, in die Touraine, und ſchlug den Hofhalt in Tours auf. Zu Blois war Valentine zurückgeblieben. Die Kraft ihres Lebens war tödtlich erſchüttert durch vieljährigen Gram, durch treuen Schmerz. Daß ſie von Stunde zu Stunde im raſtloſen Wechſel bald hoffen konnte, bald wieder ihre Hoffnungen — 55— verzweifelnd aufgeben mußte, daß ſie mit dem quälenden Bewußtſein im Herzen: an ihres Gatten Verirrungen und Mord mit Schuld geweſen zu ſein, ſein Andenken vor der Welt nicht reinigen, ſeinen blutigen Schatten durch keine offne Ge⸗ rechtigkeit verſöhnen konnte, das brach ihr end⸗ lich das Herz. Sie verſammelte vor ihrem Sterbe⸗ bette noch ihre drei Söhne und Jean, den Spröß⸗ ling ihres Gemahls mit der Dame von Cany, denſelben Jean, der in der Folge unter dem Namen Graf Dünois, Baſtard von Orleans, Frankreich aus der Gewalt der Engländer retten half, und ſprach:„Haltet an einander, ihr Brüder, in Treue und Einigkeit, und verlanget, wenn die Bitte einer ſterbenden Mutter euch be⸗ wegen kann, nie nach Höherem, als wozu euch das Schickſal berufen hat. Denn es iſt eine Macht, die ſtreng und unerbittlich alles Ueber⸗ maaß haßt und auszugleichen ſucht, ach, ſelbſt das der Liebe,— durch Kummer, Schmach und Hoffnungsloſigkeit. Und doch, doch iſt Liebe, bezahlt mit Thränen, Mißhandlung und frühem Tod, das heiligſte Kleinod, welches euch der Him⸗ mel ſchenken möge, ihr meine Schmerzensſöhne!! — 56— Noch ein Wort, bevor ich ſterbe, meine Kinder! o wäre dies Wort ein Juwel, damit ich ſicher wüßte, daß ihr es ſorglich bewahren werdet!— Bittet Gott, wie ich es ſterbend thue, daß er euch vor dem erſten Schritt auf dem Abweg bewahre. Rächet nicht; ich ſehe ſterbend: Gott will die Rache nicht, da er mich ſcheiden läßt, ohne ſelbſt Gerechtigkeiterlangt zu haben. Und doch beſchwöre ich euch: weichet nicht, bevor ihr Gerechtigkeit erlangt habet;— kommt, kommt, Alle, Alle, auch du Jean;— ihr ſeid ja alle eines Vaters Söhne,— reichet mir noch einmal eure Hände, ſchützet den König— betet für die Seele, eures Vaters— und für———“ Ihre Seele entſchwebte der bleichen Hülle. Burgund lag in ſeiner ſteinernen Kammer auf den Purpurkiſſen, wälzte ſich, nach Schlaf lech⸗ zend, von einer Seite zu andern, ſprang auf, als ſtehe Einer hinter ihm und greife ihm mit kalter Fauſt in den Nacken hinein, warf ſich wieder auf's Lotterbett, preßte die Augenlieder zuſam⸗ men, riß ſie weit auf, ſprang wieder empor, ſuchte Luft zu gewinnen.— Ha, die ſteinerne Kam⸗ mer hatte ja kein Fenſter, die Thüre war von Innen verriegelt; wie kam denn Orleans herein, Orleans, wie er leibt und lebt? Aber des Or⸗ leans Blicke ſind ſo ſtier, und doch ſitzen in die⸗ ſen Augenhöhlen keine Sterne; was glurrt und glotzt draus hervor, dem Burgunder in's Herz hinein gebohrt? Dieſe Lippen ſind ſo blau; ſie öffnen ſich; was hat Orleans jetzt noch zu ſagen? Er ſchließt ſie auf, aber kein Wort fährt draus hervor— nur ein Hauch, als ſchnappe er nach Luft— nein er bläſt den Burgund an, ſo eiſig, daß dem das Blut gerinnt; jetzt kommt er näher, der verhaßte Orleans, grade auf Burgund zu; er trägt denſelben ſchwarzdamaſtenen Rock mit Marderpelz, das Haupt ohne Hut. Er knöpft den Leibrock auf;— Puh! das iſt die nackte Bruſt, in der Bruſt breite, blutige Wunden. Burgund wickelt ſich in die Purpurkiſſen;— da kommts ihm durch die Kiſſen hindurch naß an die Wan⸗ gen;—er ſchleudert die Kiſſen von ſich, ſeine Hände ſind blutig, Blut hat ihm durch die Purpurkiſſen auf's Antlitz geträuft. Er ſchüttelt ſich ſchaudernd. Da ſteht dicht vor ihm Orleans wieder, und im⸗ — 58— mer Orleans. Das Blut auf ſeinem Antlitz iſt des Orleans Blut. Er will aufheulen vor Ent⸗ ſetzen; er kann's nicht. Er ſpringt vom Bette auf, er rennt in die Ecke der ſteinernen Kammer, Orleans iſt hinter ihm. Er rennt an die Thüre, DHrleans hinterdrein. Er ſtößt den Riegel auf, er fliegt durch die Gänge, bei den Wachen vorbei, die Treppe hinab—, Orleans ſteht dicht hinter ihm. Er reißt den Riegel des Schloßthores auf, er ſtürzt in's Freie, das Hotel d'Artois liegt hin⸗ ter ihm. An ſeinen Ferſen, in ſeinen Fußſtapfen Orleans, der blutige Orleans! Jetzt jagt den Mörder das böſe Gewiſſen wie blind um die Ecke der Straße. Findet er mich? Nein, ha, ich entrinne ihm— ha ha ha! Liegt er denn nicht ruhig und feſt in ſeiner Kapelle bei den Cöleſtinern? welch ein Thor bin ich! ha ha ha, lache dich ſelber aus, träumeriſcher Burgund! Weſenloſe Träume! Was ſonſt?!— Da faßte ihn ein Arm und hielt ihn feſt um⸗ krampft.„Orleans!“ heult der Mörder, und bricht, wie von Gotteshand geſchlagen, zuſammen. Aber der, der ihn gefaßt, rafft ihn mit Lö⸗ wenkraft auf, und raunt ihm in's Ohr:„Bur⸗ ae⸗ gund, du biſt jetzt in meiner Gewalt, und wirſt thun, was ich will.“ Allmählig erholt ſich Burgund zum Bewußt⸗ ſein, und erkennt, in weſſen Gewalt ihn ſein Unſtern gebracht. Es war Herr Ludwig im Bart, der ihn feſtgepackt hielt, ſo ſehr ſich Bur⸗ gund jetzt auch bemühte, der eiſernen Fauſt des Deutſchen zu entrinnen. „Gieb keinen Laut von dir,“ ſprach Ludwig, „ſonſt kitzle ich dich mit dieſem ſpitzigen Ding hier in die Hölle hinab. Folge mir ohne Verzug.“ „Wie? Ich, jetzt der Herr von Frankreich? Nicht weit von meinem eigenen Pallaſt? Mitten in meiner Hauptſtadt? Leg dich ſchlafen, Lud⸗ wig, oder morgen dein Haupt unter's Beil.“ „Und ich ſage dir, du Mörder, du wirſt mir folgen! Die Straßen ſind rings umſtellt; in jedem Hauſe ſteckt ein Dutzend meiner Leute. Gelt, kluger Burgund, das dachteſt du wohl nicht, daß ich in Paris wäre? Der Zufall jagte dich hier in meine Hand; aber wiſſe: ich hatte mir vorgeſetzt, und war juſt auf dem Wege, dich mit⸗ ten in deinem feſten Hauſe aufzuſuchen und her⸗ auszuholen; den Weg, wie ich bis zu dir ge⸗ — 60— drungen wäre, werd' ich dir freilich nicht ſagen. Schau, ſo erbärmlich iſt Tyrannenmacht, daß ein einziger feſter Wille all deine Späher und Söldner überliſten kann. Auf, folge mir, Bur⸗ gund, hier halt' ich dich an der Kehle, wie einen Dieb und Räuber, und ſpreche ſtatt al⸗ les Banns nichts zu dir, als das einzige Wort: Orleans. Hm, es iſt jetzt Mitternacht, die Stunde, wann die Geiſter der Ermordeten ih⸗ ren Spaziergang halten dürfen.“ Burgund zitterte, ſein ganzer Trotz fiel wie verkohlte Lumpen bei jener Mahnung urplötzlich von ihm. Ludwig ſchleppte ihn mit leichter Mühe in das nächſte Haus. 9 Sie traten in eine ſpärlich erleuchtete Kam⸗ mer, vor deren Thüre vier Lanzknechte Wacht hielten. „Hier iſt Pergament und Feder und Tinte,“ ſprach Ludwig kaltblütig,„ſchreib', Burgund, was ich dir ſagen werde.“ „Nein,“ erwiederte dieſer trotzig,„bin ich dein Knecht?“ „Ich denke ſo;— für heute Nacht wenig⸗ ſtens.“ —j— — 61— Burgund knirſchte vor Wuth; dann zwang er ſich zu einem Spottlächeln und ſtammelte:„ich bin wahrhaftig neugierig, zu hören, was du mir zu ſagen haſt.“ „Ich habe dir zu ſagen, Burgund, daß ich, Ludwig von Baiern, der Bruder deiner Königin, nicht geſonnen bin, dies Leid und Wirrſal im ſchönen Frankreich länger zu dulden. Schreib' an meine Schweſter und an die Prinzen, daß du dieſen Bürgerkrieg, den du heraufbeſchworen, noch im Keime erſticken willſt. Schreib', daß du Willens biſt, dich mit Frankreichs rechtmäßigen Herrſchern zu verſöhnen, daß du einen Eid auf die Reliquien deßhalb leiſten willſt, daß du nach Chartres reiteſt, und dort in der Cathedrale feierlich vor allem Volke das Friedenswerk zu Stande bringſt. Das will ich, und das wirſt du hoffentlich thun, wenn ich dir ſage, daß ganz Frankreich wie ein großer Ameiſenhaufen von meinem Kriegsvolk wimmelt; haben dir deine Späher davon nichts berichtet, du kluger, du allmächtiger Burgund? Schreib', oder, bei Gott, ich richte dich zur Stelle wie einen Dieb und Mörder.— — 62— Burgund, ſeiner Ohnmacht ſich bewußt, ge⸗ horchte, und ſchrieb den Brief an die Königin. Ludwig faltete ihn zuſammen, rief Einen der Kriegsknechte herein, flüſterte ihm ein paar Worte in's Ohr, und ſendete ihn mit dem Schrei⸗ ben fort. Als er ſich wieder mit Burgund allein befand, änderte er plötzlich ſeine Miene und ſprach freund⸗ lich:„Ich ſehe: Ihr ſeid mein lieber gefälliger Vetter. Und wer ich bin, möget Ihr, bei un⸗ ſerer lieben Frau, jetzt wohl auch erkannt haben. Deshalb laſſet uns nunmehr friedlich und freund⸗ lich zuſammen plaudern. Ach, Burgund, Ihr müßt wahrhaftig nicht glauben, ich ſei ein Eiſen⸗ freſſer; was ich jetzt that, das mußte ich für unſer Aller Wohlfahrt zu Stande bringen; ge⸗ wiß! Ihr werdet mir in Zukunft meine jetzige Staatsklugheit danken. In der That, es muß mit der Zeit einmal anders werden in Frank⸗ reich, tüchtige Männer müſſen zuſammenhalten, deshalb iſt vor allen Dingen jetzt— Friede noͤthig.“ Burgund ſtarrte ihn erſtaunt und miß⸗ trauiſch an. — 63— „Nicht dieſen Blick, lieber Vetter,“ fuhr Ludwig fort.„Verbannt gänzlich Euern Arg⸗ wohn, wir ſind ja durch Euere Gattin Marga⸗ retha geſippt, vielleicht kommt eine Zeit, daß wir uns durch unſere Kinder noch näher ſippen. Ihr habt Töchter, Burgund,— ich einen Sohn, freilich noch ein Kind,— doch wird er einſt ein Mann;— o Ihr müßt nicht an mein buckliches Söhnlein denken, ich habe noch ein älteres, das mir noch viel theurer iſt, hold wie der Tag,— doch darüber ſprechen wir noch.— Entſchuldigt mich für einen Augenblick, lieber Vetter, ich habe mit einem meiner Leute nur ein paar Worte zu ſprechen, und bin gleich wieder bei euch.“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich, und Burgund hörte, wie Ludwig außen den Schlüſſel umdrehte und den Riegel vorſchob. Von Augenblick zu Augenblick ungeduldiger, harrte Burgund, daß Ludwig wiederkehren und ihn freigeben werde; doch Ludwig kehrte nicht wieder.„Hal überliſtet, gefangen,“ tobte Bur⸗ gund nach mehrſtündigem Warten. Er rannte zur Thüre und verſuchte ſie mit Baͤrenkraft zu ſprengen; doch umſonſt! Endlich bemerkte er, — 64— daß das Fenſter der Kammer unvergittert war. Er ſah zu demſelben hinaus, der erſte Schimmer des Morgens zeigte ihm, daß es in einen Hof⸗ raum führte, und blos Mannshöhe über dem Boden ſtand. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſchloß er es auf und ſprang in den Hof hinab. Er tappte beim unſichern Zwielicht eine kleine Weile herum und gelangte endlich an ein Pförtlein, welches er unverſchloſſen fand, und welches in eine Seitengaſſe führte. Jubelnd ſtieß er es auf und war nun im Freien. Beflügelten Schrittes gewann er ſein feſtes Hotel d'Artois. Sein er⸗ ſter Befehl war, von ſeinen Trabanten alle Quar⸗ tiere der Stadt durchforſchen zu laſſen, um Lud⸗ wigs oder ſeiner Leute habhaft zu werden. Doch Ludwig war längſt aus Paris fort und in Sicherheit. Was er dem Burgunder von der großen Anzahl ſeiner Parteigänger vorgeſchwätzt hatte, war nichts mehr als kecke Drohung ge⸗ weſen; tollkühn hatte der Baier den ganzen Streich blos mit vier Männern gewagt, welche ſich jetzt gleichfalls laͤngſt außerhalb der Mauern von Paris befanden. Statt der gehofften Habhaftwerdung Ludwigs — 365— und ſeiner Geſellen erhielt Burgund Nachricht über Nachricht, daß des Baierfürſten, der Kö⸗ nigin und der Prinzen Kriegsvolk das ganze platte Land überſchwemmt habe und bis vor die Thore von Paris ſchwärme. Drohend ſtand die Ge⸗ fahr jetzt dicht vor ſeiner Stirne und zwang ihn, jenem, von Ludwig dictirten Schreiben einen zweiten Friedensbrief eilig nachzuſenden. u. 5 Armagnaken und Burgundiſche. In der Cathedrale von Chartres war eine lange Tribüne aufgeſchlagen, auf derſelben ſaß in der Nähe des Hochaltars auf einem reich ge⸗ ſchmückten Throne der König, neben ihm Iſa⸗ belle und der Dauphin mit ſeiner Gattin. Zu heiden Seiten des Chores befanden ſich die Kö⸗ nige von Neapolis und Navarra, die Herzoge von Berry und Bourbon, die Grafen von Mor⸗ tagne, Alengon, Eu, und von der Marche, Wil⸗ helm von Baiern⸗Hennegau, Ludwig im Bart, der Connetable d'Albret, die Grafen von Ven⸗ dome, Namür, Tancarville, Converſan, Tonnerre, Dammartin, und eine Menge anderer Herren aus dem Rath und dem Parlament, der Prevot des Marchands, endlich die Notablen der Pariſer Bürgerſchaft. Die Prinzen von Orleans, der Kardinal von Bar und der Marquis de Pont, ſein Bruder, der Erzbiſchof von Sens und der Biſchof von Chartres, desgleichen die Biſchöfe —— — — 62— von Angers und von Poitiers, der Schatzmeiſter der heiligen Kapelle zu Paris, Jean Chante⸗Prime und Nikolas des Prez, ſtanden hinter dem könig⸗ lichen Throne. 4 Als der Herzog von Burgund in die Cathe⸗ drale trat,(— er hatte lange auf ſich warten laſ⸗ ſen), erhob ſich Alles, nur der König, Iſabelle und der Dauphin behaupteten ihre Plätze. Vor dem Könige neigte ſich Burgund, als ob er eine leichte Kniebeugung machen wollte, und blieb dann, frei um ſich blickend, ſtehen. Da ſprach d⸗Ollehain, ſein Advokat, an ſeiner Stelle zum Könige:„Hier, königlicher Herr, ſteht vor Euch der Herzog von Burgund, Euer Vetter und Lehnsmann, der zu Euch gekommen iſt, weil Eure Freundſchaft zu ihm getrübt wurde; und er iſt jetzt zum Beſten des Königreichs und Eu⸗ res Hauſes bereit, ſich mit Euch zu verſöhnen; deshalb bittet er Euch, die alte Freundſchaft wieder herzuſtellen.“ Ein leiſes Spottlächeln überflog bei dieſen Worten Burgunds Geſicht, und er fügte zu den Worten ſeines Advokaten noch hinzu:„Sire, ich will es.“ 5* — 68— Hierauf bat der Herzog von Berry den von Burgund, ein wenig bei Seite zu treten, und flüſterte dem Könige, welcher wie ein willenloſes Kind, ſteif, als wäre er in eine fremde Majeſtät gekleidet daſaß, zu wiederholtenmalen in's Ohr, was er auf die folgenden Anreden zu antworten habe. Dann warf er ſich mit dem Dauphin und dem Könige von Neapolis und Navarra vor Karl auf die Kniee, und alle vier riefen mit lauter Stimme: „Sire, wir bitten Euch unterthänigſt, Ihr wol⸗ let mit dem Herzoge von Burgund in Frieden und Einigkeit treten.“ Der König ſtotterte mühſam die eingelernten Worte:„Wir wünſchen Unſeren Vetter Bur⸗ gund wieder in Unſere königliche Huld aufzu⸗ nehmen.“ Und als Burgund ſich nun dem Kö⸗ nige näherte, fuhr er, während Berry zum heim⸗ lichen Ergötzen Burgunds Karl's Gedächtniß eif⸗ rig unterſtützte, alſo fort:„Vetter, Wir freuen uns, Euch wieder umarmen zu können, und wiſſen von nichts mehr, was geſchehen ſein mag.“ Hierauf näherte ſich d'Ollehaine den Prin⸗ zen von Orleans und ſprach zu ihnen:„Hier, edle Herren, iſt der Herzog von Burgund, der p — 69— Euch aus Feinden zu Freunden wünſcht, und bit⸗ tet, Ihr möget jeden Rachegedanken aus Eurem Herzen verbannen.“ „Es geliebt mir,“ fügte Burgund übermü⸗ thig hinzu,„zu wünſchen, was d'Ollehaine aus⸗ geſprochen.“ Die Prinzen von Orleans vermochten auf dieſe Rede nicht gleich zu antworten. Berry flü⸗ ſterte jetzt dem Könige in's Ohr, und Karl rich⸗ tete gedankenlos folgende Worte an ſie:„Nef⸗ fen und getreue Vaſallen, ich wünſche und be⸗ fehle, daß Ihr Euch mit meinem geliebten Vet⸗ ter Burgund aufrichtig verſöhnt.“ Da trat Karl von Orleans, im Namen ſeiner Brüder zu Burgund und erwiederte, die Blicke ſenkend:„Es geziemt uns nicht, den Befehlen unſeres königlichen Lehenshauptes zu widerſtreben, deshalb vergeben wir Euch Eure ſchwere Schuld, Vetter Burgund, und laſſen ſie Gott zur Entſcheidung, ob er ſie ausgleichen wolle.“ Burgund, über dieſe unerwarteten, kühnen Worte befremdet, maß den jungen Orleans mit einem Judasblick; aber der Kardinal von Bar unterbrach alle weiteren Hin⸗ und Wiederreden, indem er ein Evangelienbuch und einen Kreuz⸗ Partikel brachte, worauf die feindſeligen Par⸗ teien feierlich den Verſöhnungseid ablegen ſollten. Als dies geſchehen war, traten Burgund und Ludwig im Bart zuſammen und ſchworen auf die⸗ ſelben Heiligthümer, die Königin Jſabelle ſtets in der Regierung des Reiches und der Bewah⸗ rung des Dauphins mit Gut und Blut zu ſchützen. Dann begaben ſich die Herzoge von Berry und Bourbon zu Burgund und dem Grafen von Ver⸗ tü, dem Jüngſtgebornen des Hauſes Orleans, um zum Unterpfande der aufrichtigen Verſöhnung die Verlobung des Letzteren mit einer Tochter des Herzogs von Burgund zu ermitteln, welche einen Brautſchatz von viertauſend Tournoſer Pfund Renten und hundert und fünfzigtauſend Livres mit⸗ bringen ſollte. Nachdem dieſe Verlobung abge⸗ ſchloſſen war, wendete ſich Burgund an Ludwig von Baiern, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, und ſuchte ihn ſo lange zu überreden, bis dieſer ſeine Einwilligung gab, Katharina von Alencon, die Tochter des Grafen von Mortagne und Schwe⸗ ſter der Königin von Cypern, zur Ehe zu neh⸗ — 21— men. Burgund betrieb dieſe Verlobung, welche in der Folge zu Melun gefeiert wurde, deßhalb mit ſolchem Eifer, weil er den Bruder der Kö⸗ nigin fürchtete und ſich durch ihn Jſabellens Gunſt gewinnen wollte. Der Graf von Mor⸗ tagne brachte auf den Wunſch Burgunds ſeine Tochter, welche ſich mit den übrigen Damen im Schiffe der Kirche befand und ſtellte ſie Herrn Ludwig im Bart vor. Ludwig neigte ſich mit höfiſcher Gewandtheit vor ihr, küßte ihr die Fin⸗ gerſpitzen, und ſprach mit einem ſeltſamen Ge⸗ miſch von Galanterie und Unhöflichkeit:„Dame von Alençon! Ihr werdet viel wagen, wenn Ihr mich zum Gatten nehmt, denn ich glaube faſt: ich bin ein Verderben der Frauen. Freilich ſchützet Euch der Zauber Eurer Schönheit, welche alle böſen Einflüſſe vernichten kann.“ „So? meinet Ihr,“ erwiederte Catharina, „daß Ihr anders wäret als die Uebrigen Eures Geſchlechts? Jeder Mann iſt das Grab des Frauenglückes; darum ſchmückt man auch Bräute wie Leichen.“ „Wie?“ entgegnete Ludwig,„iſt es möglich, daß Frauen alſo den Muth beſitzen könnten, ſich lebendigen Leibes begraben zu laſſen? Ha, ich achtete bis jetzt Frauenſchönheit als ihr höchſtes Gut, und muß mich nun gefangen geben; Hel⸗ denmuth iſt es alſo, was wir an ihnen anerken⸗ ken müſſen!“ „Nehmt Euch in Acht vor meinem Muth,“ entgegnete Catharina,„ich bin kriegsluſtig genug, um Euch vielleicht noch eine Herausforderung zu ſenden; das heißt: ich will meinen Handſchuh hinwerfen und Euch bitten, mir ihn aufzuheben.“ „An meinem Herzen,“ verſetzte Ludwig raſch. „In Gottes Namen, ſo wollen wir uns zum Zweikampf rüſten, und ein Diener der Kirche ſoll dreimal unſer Herold ſein. Nehmt mich hin, nicht ſchlechter und nicht beſſer als ich bin, und ſehet zu, ob Ihr mich bekehren könnet; denn ich muß Euch bekennen, man hält mich für nicht gar feſt im Glauben. Aber ich will gerne in den Schooß der allein ſeligmachenden kehren, wenn Ihr das Wagſtück übernehmen wollt, mich allein ſelig zu machen; nur eines dürft Ihr mit der Kirche nicht theilen— das bedinge ich mir vor⸗ aus— die Sucht, Recht zu haben.“ „Um Goteeswillen,“ entgegnete Catharina, — 73— „welches Recht haben wir dann noch, wenn wir nicht das Recht haben, Recht zu haben? Nun, in's Himmels Namen! Wißt Ihr auch, was Treue iſt?“ „O ja, vom Hörenſagen,“ ſcherzte Ludwig. „Ihr wollt doch nicht Treue von mir verlangen?“ „Freilich,“ erwiederte Catharina,„und ich denke, Euch noch hübſch zahm zu machen.“ „Wenn Euch das gelingt,“ entgegnete Lud⸗ wig,„ſo ſchwöre ich Euch— „Ich bitte Euch, ſchwört nicht; jetzt merke ich Eure Tücke, Ihr wollt, ich ſolle Euch zum Meineid verleiten? Nein. Laßt Euch ohne Schwur zähmen, und Ihr ſollt mit Euch ſelbſt zufrieden ſein, zu welchem braven Hauswirth und ehrlichen Manne ich Euch machen werde.“ „Ach Gott, Frauenerziehung verdirbt die Kin⸗ der. Ich fürchte, Ihr werdet mich noch zu ei⸗ nem unartigen Knaben machen, wenn Ihr mich zu einem artigen Manne machen wollt. Nun, Catharina, hier iſt meine Hand, nehmt ſie, als wolltet Ihr daraus wahrſagen, ob Ihr meine Launen ertragen werdet.“ „Ich will es verſuchen,“ meinte Catharina, — 74— „möge Eure Stirne ſich nie in ſo viele Runzeln ziehen, als auf Eurer Hand wunderliche Linien zu ſehen ſind.“ Burgund und der alte Mortagne traten jetzt zu den Beiden, und der Letztere ſprach, während der Erſtere Herrn Ludwig Glück wünſchte, zu ihm:„Nehmet, edler Baierfürſt, meine Catha⸗ rina denn hin, ſie iſt mein einziges Kind, und die Erbin meiner Grafſchaft.“ Die Verſammlung löſ'te ſich auf, die Fürſten und Herren begaben ſich aus der Kirche nach dem Schloße. Im Gedrange gerieth Ludwig durch Zufall an die Seite von Burgunds Narren, der ihm treuherzig die Hand ſchüttelte und zu ihm ſprach:„Nun, meiner Treu, du verdienſt mit größerem Recht der Fürſt der Thoren zu heißen, als irgend einer in Frankreich, oder ich der Thor der Fürſten. Ich bitte dich, laß dich unter die Kinderſchaft unſerer guten alten more folle zu Dijon aufnehmen, denn ein gebranntes Kind, welches das Feuer fürchtet, iſt gerade um ein Doktormäntelchen klüger als du. Vivat das Fege⸗ feuer! einer von den Päbſten, wie ſie jetzt in aller Welt ſchier auf den Straßen herumlaufen, — — — 75— wird dir Brief und Siegel für die ewige Selig⸗ keit geben, weil du Buße thuſt und zum zweiten⸗ mal heiratheſt. Ich bitte dich, nimm jeden Abend vor'm Schlafengehen ein Dekokt von Nießwurz.“ „O weh, Narr,“ antwortete ihm Lud⸗ wig,„verkaufe deinen Witz an einen Juden, und du haſt ihn betrogen, denn erſtens iſt er aus Blei, und zweitens haſt du kein Privilegium mehr darauf, denn es ſind deinesgleichen in der Chriſtenheit jetzt nicht weniger, als ihrer ge⸗ tauft ſind.“ Der Narr wurde durch das Gewühl von Lud⸗ wigs Seite weggeriſſen; dieſer aber dachte:„Und doch hat er nicht Unrecht! Aber das iſt ja eben das Luſtige, daß wir hochmüthig genug das große Poſſenſpiel der Welt verlachen, und es behaglich⸗ demüthig genug mitmachen. War dieſe Verſöh⸗ nung heute etwas anderes? Oder wurde je eine Hochzeit ſo ganz ohne Liebe beſchloſſen als die meinige? Was kümmert's mich? Nun, bei'm Himmel, ich weiß, was es mich kümmert. Mor⸗ tain iſt eine ſchöne Grafſchaft, und die gewinne ich doch wenigſtens dabei.— Ha, ha, ha, hatte jemals ein Narr Recht, ſo hatte es dieſer des — 76— Burgunders, welcher letztere mit ſammt ganz Frankreich doch nur mein Narr iſt.— Was thue ich mit einem Weib? die Erſte wurde mir auf⸗ gedrungen, die Zweite nehme ich freiwillig.— Was thue ich mit der Grafſchaft Mortain? Ich für mein Theil habe Schätze genug, aber mein Wieland ſoll einer Krone Anwartſchaft nicht ent⸗ behren. Ich will ihm, ſo lang ich noch fern von Baiern bin, dies wilde Roß, dies Frankreich, zahm reiten, damit er, wenn er ſelbſt einſt hie⸗ her kömmt, es gemächlich und ſicher lenken kann, da es die Fauſt ſeines Vaters gewohnt ſein wird. — Wieland, Wieland, du ſollſt mir höher ſtei⸗ gen, als ich ſelbſt emporzukommen trachte, und das Opfer, welches ich dir bringe, iſt, bei'm Leib Chriſti kein Geringes, denn ich nehme wie⸗ der ein Weib.— Pah, was ſind Verhältniſſe? Rechenexempel! Menſchen? Zahlen! Frauen? die Nullen unter dieſen Zahlen. Gott beſſer's! ich habe Mortain,— und damit Hollah!— Inzwiſchen hatte der Narr ſeinen Herrn ge⸗ funden, und zupfte ihn am langen gezackten Er⸗ mel.„Gott!“ flüſterte er ihm in's Ohr,„was biſt du für ein herrlicher Schneider, Burgund! —,— Ich werde mich deiner bedienen, wenn ich mich mit den Ellenbogen durch die Menge durcharbei⸗ ten muß und Löcher in die Jacke bekomme. Gelt?! du flickſt ſie mir wieder mit derſelben Nadel und denſelben Galgenſtricken, womit du dieſen Zwiſt geflickt haſt? O Burgund, ich bitte dich, ver⸗ lege dich auf die Schneiderkunſt, du kannſt noch dein Glück dabei machen, und dein Herzogthum mit den Fetzen eines Königreichs ausflicken; auch iſt es eine alt⸗adeliche Kunſt, denn der erſte Schneider war Gott der Herr, der aus ſo ei⸗ nem verſchliſſenen Stoff, wie das Chaos, die Erde zuſammenflickte, und noch immer ſo viel Stücke unter den Tiſch fallen ließ, daß die Hölle und der Himmel draus wurden; und dann kam Adam, der ſich bekanntlich zuerſt ein Wams aus Blättern machte, und dann Kain, der mit der Nadel ein bischen zu tief ſtach—— „Fahre zum Teufel, alberner Narr,“ rief der Herzog erzürnt. „Nun ſehe ein Menſchenkind einmal den Stolz ſo eines Schneiders an,“ brummte der Narr für ſich,„als ob er was beſſeres wäre als un⸗ ſer einer! Hm, nicht einmal als Narr kann man 2 — 70— fuͤglich mehr exiſtiren. Aber ich weiß, was ich thue, ich werde ein Fürſt,— ein Schneider, wollte ich ſagen, dann kann ich die Beine aus einander ſpreitzen und die Menſchheit wie Amei⸗ ſen unter mir durchpaſſiren laſſen, und, kitzelt mich eine von den Ameiſen an der Zehe,— ſchlupp!— brauche ich nur einen Schritt ſeit⸗ wärts zu thun und trete ein paar Hundert zu⸗ ſammen.“ Ludwig im Bart feierte ſeine zweite Hochzeit auf einem ſtillen Schloſſe der neu erworbenen Grafſchaft Mortain. An der Abendtafel em⸗ pfing er den Eigenthumsbrief ſeines neuen Be⸗ ſitzes, und entfernte ſich damit vom Tiſch, in eine ſtille Stube, in welcher auf ſeine Befehle der Schreiber Floriot bereits ſeiner harrte.„Sind die Urkunden in doppelter Abſchrift ausgefertigt, Meiſter Floriot?“ fragte er den Geheimſchreiber, welcher ihm dieſelben alſobald übergab.—„Gut, ich dank' Euch,“ fuhr Ludwig in einer ſehr hei⸗ tern Stimmung fort,„nehmt dieſen Beutel mit Turnoſen für Eure Mühe und Eile.— In der That, recht ſauber hingeſchrieben! die Dame von ——— — 79— Alengon wird an den hübſchen, feinen, runden Schriftzügen gewiß Vergnügen finden.— Nun bitt' ich Euch aber, lieber Floriot, ſetzt Euch noch ein bischen hin, und ſchreibt, was ich Euch ſagen will.—„„Ich, als Herr der Grafſchaft von Mortain, übergebe und ſchenke dieſelbe mit allen Rechten, Gülten und Einkünften, die daran haf⸗ ten, meinem geliebten Sohne Wieland, genannt von Freiberg, für ihn und all ſeine künftige Nach⸗ kommen, von jetzt an, für immer, zum rechtmäßi⸗ gen Eigenthum, ſetze deshalb unter dieſen Brief meinen Namen und mein herzogliches Inſiegel.“““ Als Floriot die Urkunde geſchrieben, ſetzte Ludwig Namen und Siegel darunter und ſchellte. Alſobald traten drei ehrbare Rittersleute aus Baiern, die in ſeinem Gefolge waren, herein und fügten ihre Unterſchriften als Zeugen hinzu. Ludwig nahm hierauf den Eigenthumsbrief von Mortain, und die Schenkungsurkunde an Wieland, faltete beide zuſammen, und gab ſie ſeinem Schrei⸗ ber mit den Worten:„Unten ſteht mein nor⸗ manniſcher Renner; er iſt für Euch geſattelt, Meiſter Floriot, ſchwingt Euch raſch in die Bügel, und reitet nach Baiern,— dort habt Ihr dieſe — 80— Urkunden meinem lieben Getreuen, dem Herrn Oswald Ottlinger, in eigne Hand zu übergeben. Er weiß das Weitere. Gehabt Euch wohl!“— Die wenigen Hochzeitsgäſte, welche ſich auf dem einſamen Schloſſe befanden, hatten aus der längeren Abweſenheit des Bräutigams entnommen, daß ihre Gegenwart wohl bereits entbehrlich wer⸗ den dürfte, zumal, da die Dame von Alengon ſich vom Tiſche erhob, die Gäſte beurlaubte, und das Gemach verließ, um Ludwig aufzuſuchen. Die Gäſte ließen ſich daher alſobald ihre Roſſe ſatteln und verließen mit fröhlichen und ſchalk⸗ haften Glückwünſchen die Burg.— Mitlerweile war Katharina in die Stube ge⸗ treten, wo ſie Ludwig nunmehr allein fand.„Ei,“ ſprach ſie ſchmollend, den Finger zur Drohung erhebend,„ſagt doch und gebt Rechenſchaft, mein hochmögender neue: Gebieter, Ihr habt Euch eines Majeſtätsverbrechens gegen mich ſchuldig gemacht, obgleich ich in Euch den Herrn und König an⸗ erkennen muß, und ſolche Sünden von Fürſten eigentlich gar nicht begangen werden können.“ „Ach,“ erwiederte Ludwig lachend,„Ihr ſeht gber auch augenſcheinlichſt meine Zerknirſchung. — 81— O Dame von Alengon, ich bin wirklich ein Träger aller Ruchloſigkeit, wahrhaftig ſo ganz und gar unliebenswürdig, daß ich Euch, als Euer auf⸗ richtiger Freund, keinen beſſeren und treueren Rath ertheilen kann, als den, mich nur ſo bald als möglich aus der Sonne Eures Antlitzes zu ver⸗ bannen.“ „Ei nun, ich denke: dieſe geprieſene Sonne wird bald jeden Schatten von Unliebenswürdigkeit aus Euerm Antlitz verſcheuchen.“ „O nein, ſchönſte Dame, das iſt ſie nicht im Stande; im Gegentheil, gerade der volle Sonnen⸗ glanz wird alle Mackel und Flecken an meinem Weſen in ſolcher Häßlichkeit enthüllen, daß ich Euch wirklich bitte, meinen Freundesrath zu be⸗ achten. Seht, ich will aufrichtig ſein. Wenn ich mir auch alle mögliche Mühe gäbe, Euch zu lie⸗ ben,— meiner Treu', ich brächte es doch nicht zu Stande. Ihr ſeht: Aufrichtigkeit iſt wenig⸗ ſtens noch ein Funke von Tugend in mir, aber auch wirklich der einzige. Deshalb befolgt meinen Rath und ich will Euch, fröhlicher als Jeremias, prophezeihen, daß Ihr beſſer dabei fahrt.“ „Wie? Ei endigt doch die Scherze, Ludwig! II, 6 — 82— Ihnhr wißt, ich bin leichtſinnig genug, mit Worten zu tändeln wie ein ungezogenes Kind,— doch Ihr, als ein Mann—— „Nun ja, ich bekenne Euch's ja reumüthigſt, daß ich, als ein Mann, viel zu ſchwerfällig bin, viel zu plump, viel zu unartig und ruchlos, um Euer Leben zum immerwährenden Frühling zu geſtalten. Ich bin eben gar nichts, als ein ganz ungeſchlachter Sturmwind, den Ihr um Gotteswillen von allen Blümlein und Blüthen Eures jungen Lebens abhalten müſſet.— Doch, (damit wir ernſthaft ſprechen,) erlaubt, ſchönſte Dame von Alençon, daß ich Euch zur Hoch⸗ zeitsgabe noch dies Pergament überreiche, und entſchuldigt deſſen Inhalt durch meine treue Sorge für Euer künftiges Glück. Ich wünſche nicht, daß es Euch allzu ſehr überraſche, ebenſo wenig als ich wünſche, daß es Euch verdrießlich mache; ich glaube es auch kaum. Denn was hat der Menſch für ein größeres Glück als die Frei⸗ heit? Tauſende lechzen darnach. Deshalb glaube ich Euch wahrhaft zu erfreuen, indem ich Euch, obgleich ich ſtets geehrt ſein werde, vor der Welt Euer Gatte zu heißen, durch den Inhalt dieſes — 83— Pergaments die Freiheit ertheile, zu ſchaffen und zu walten, und das Leben ganz zu genießen, wie Ihr wollt. Bei Gott, Dame von Alengon, das Lieben liegt hinter mir, dafür hat der Menſch in ſeinem ganzen langen Leben nur einen Augen⸗ blick Zeit, und wehe dem, der den rechten nicht findet! gedenket meiner, verlieret nie Eure gute Laune und gebt mir für heute Urlaub— auf Nimmerwiederſehn!“ Nach dieſer Rede küßte er ſeiner jungen Gattin, welche den Scheidungsbrief ſprachlos in der Hand hielt, eben ſo höflich als zärtlich die Hand und verließ ſie. Unten im Schloßhof ſtand bereits ſein Roß geſattelt. Er beſtieg es mit leichterem Herzen, und trabte noch in derſelben Nacht auf eine andere von den zahl⸗ reichen Burgen, welche in ſeiner neuerworbnen Grafſchaft Mortain ſtanden. Doch allmählich drückte es ihn auf dem Herzen und er machte ſich durch die Worte Luft:„Wieland, mein Wie⸗ land, du koſteſt mich viel!“ 3 Katharina von Alengon beſtieg am andern Morgen, blaß wie eine Leiche, ihren Prunkwagen, fuhr nach Ouen in der Normandie und trat dort in ein Kloſter. 6⸗ — 84— Eine Verſöhnung, welche von allen Seiten ſo wenig aufrichtig geweſen, konnte natuͤrlich nicht von langer Dauer ſein; keine Partei traute der andern. Die Prinzen von Orleans zogen ſich nach Blois und in der Folge nach Gien, die Königin mit dem Dauphin nach Melün zurück; der alte Schatzmeiſter Montagü fiel als ein Opfer der Mißgunſt Burgunds, welcher in Frankreich faſt ſchon wie ein unumſchränkter Herr regierte und Montagü's Güter, namentlich Marcouſſis, St. Yon, Chateaumüllet und Schloß Gommer an den bereits unermeßlich reichen Ludwig von Baiern ſchenkte, um dieſen deſto ſicherer an ſich zu feſſeln. Auf Burgunds Betrieb legte der König Herrn Ludwig noch ein Jahresgehalt von 12,000 Franks zu und ernannte ihn zum Gouverneur des Dau⸗ phins. Der alte Bourbon zog ſich, den Herzog von Burgund noch immer blos den Mörder Or⸗ lean's nennend, auf ſeine Schlöſſer zurück, ſtarb zu Mont⸗Lücon und ließ ſich mit den Ritter⸗ inſignien des Ordens von der Hoffnung, den er geſtiftet hatte, begraben, gleich als wollte er Frankreichs Hoffnung mit ſich in den Sarg neh⸗ men. Der alte Berry, der am längſten noch in 1 — 85— Burgunds Nähe ausgehalten, verließ, durch deſſen Tyrannei auf's Aeußerſte gebracht, den Hof und begab ſich nach Angers, wo ſich die übrigen Prin⸗ zen und die Häupter der Orleaniſchen Partei verſammelt hatten. Dort befand ſich auch der älteſte der Prinzen von Orleans, welcher nach dem Tode ſeiner Gemahlin die Tochter des mäch⸗ tigen Grafen Bernhard von Armagnac, Bona, geehlicht hatte. Durch ganz Frankreich, von den Pyrenäen bis an die Schelde, ſtand Alles unter Waffen, wüthete allenthalben Parteiung zwiſchen den Armagnaken(ſo hießen Alle, welche unter dem Befehl jenes ſtolzen, tapfern, thätigen, aber eben ſo ehrſüchtigen, unverſöhnlichen, rachluſtigen und grauſamen Herrn für die Sache der Prinzen foch⸗ ten) und zwiſchen den Bourguignon's. Das all⸗ gemeine Elend des Volkes unter einem ſo hab⸗ ſüchtigen und tyranniſchen Regiment, wie dem des Herzogs von Burgund, die allgemeine Recht⸗ und Strafloſigkeit, welche häufig mit der Willkühr der Monarchen Schritt vor Schritt geht, lockte eine Unzahl müßigen Geſindels, tolle Abentheurer, Bettler, Strolche und Gauner von allen Ecken und Enden herbei, das Kriegshandwerk zu ergrei⸗ fen. In Chartres, welches den Orleaniſchen ſeine Thore freudig aufgethan hatte, erließen die Prin⸗ zen ein Schreiben an den König, worin ſie er⸗ klärten, daß ſie die Waffen nur ergriffen hätten, um ihn und den Dauphin von der Tyrannei Bur⸗ gunds zu befreien. Dem Könige, welcher damals eben wieder lichte Augenblicke hatte, deutete Bur⸗ gund die Schrift der Prinzen falſch; Karl gerieth darüber ſo in Zorn, daß er zu Roß ſteigen wollte, um ſeine Truppen gegen ſeine eigene Verwand⸗ ten ins Feld zu führen; nur die Vorſtellungen der Deputirten der Univerſität und des Königs von Navarra, welcher heimlich zur Partei der Prinzen hielt, vermochten ihn zurück zu halten. Zu Wiceſtre wurde, wenigſtens für den Augen⸗ blick, mit Mühe vermittelt. Aber es währte nicht lange, ſo ſetzten die Trup⸗ pen der Orleaniſten unter der Anführung des Grafen von Vertus und des jungen Herzogs von Bourbon über die Seine und verbreiteten ſich in den Gebieten von Beauvais und Soiſſons. Der Herzog von Orleans verſammelte ſeine Streit⸗ kräfte im Vermandois. Der König erhob frucht⸗ los ſeine ſchwache Stimme und gebot beiden Par⸗ —— — — 87— teien, die Waffen niederzulegen; beide ſpotteten der Ohnmacht ſeiner Königswürde. Der junge Orleans verlangte auf's neue die Beſtrafung der Mörder ſeines Vaters und ſandte endlich dem Herzog von Burgund folgende Herausforderung: „Du, Jean, der du dich nennſt Herzog von Burgund, du Mörder meines Vaters und Tyrann von Frankreich, ſollſt mir Rede ſtehen, Schwert an Schwert, und Rechenſchaft ablegen; denn ich bin geſonnen, und thue dir's zu wiſſen, daß ich dich ſchädigen will, mit aller Macht, und auf alle Weiſe, wie ich kann, und rufe Gott auf zum Rich⸗ ter wider dich und deine Schandthaten. Gegeben zu Jargueau am 18. Julius 1411.“ Hierauf ſchickte ihm Burgund dieſe Antwort: „Ich, IJohann, von Gottes Gnaden Herzog in Burgund und Flandern, mache kein Hehl dar⸗ aus, daß ich deinen Vater, als einen falſchen, lehensbrüchigen, verrätheriſchen Schelm und als einen, der das Leben nach Recht und Geſetz ver⸗ wirkt hat, richten laſſen und gerichtet habe, und erkläre dich, Carl von Orleans, und deine Brüder, als eben ſo falſch, lehensbrüchig und verräthe⸗ riſch wie deinen Vater, und hefte dir noch auf — 88— den Nacken den Schimpf deiner eigenen Lüge, und alle Schuld, die du als ein verläumderiſcher Bube über mich ausbreiteſt. Ich werde kommen im Schutze des allmächtigen Gottes, der allein die Wahrheit kennt und werde dich und deine Brü⸗ der, ſammt Allen, die Euch anhängen, als falſch, lehensbrüchig, verraͤtheriſch und rebelliſch zur Strafe ziehen, ſo wahr mir Gott helfe. Gegeben in Flandern am 1. Auguſt 1411.“ Während aller jener Bewegungen war und blieb die Mehrzahl der Bevölkerung von Paris der Burgundiſchen Partei ergeben. Jeden Tag bildeten ſich auf allen Straßen und Plätzen Zu⸗ ſammenkünfte und Aufläufe. Die Orleaniſten wurden durch öffentliche Verordnung, welche beim Schall der Trompeten ausgerufen ward, geächtet, und erhielten Befehl, bei Strafe an Leib und Gut das Land zu verlaſſen. Alle Straßen waren durch Ketten geſperrt, an allen Thoren Wachen und Aufpaſſer. Der Herzog von Berry, welcher bisher Gouverneur der Hauptſtadt geweſen, mußte, weil er ſeine Vorneigung für die Partei Orleans verrieth, bei Nacht und Nebel flüchten; die Bur⸗ gerſchaft trat unter Waffen zuſammen, und er⸗ —— — 89— nannte an ſeiner Stelle den Grafen von Saint Paul, einen entſchiedenen und eifrigen Bour⸗ guignon. Kaum hatte dieſer die Gewalt in Hãͤn⸗ den, ſo ſuchte er aus dem Volke ſelbſt die Mit⸗ tel zu wählen, um ſich und die Tyrannei Bur⸗ gunds zu befeſtigen. Er bildete aus den unteren Klaſſen des Volkes, namentlich aus der Metzger⸗ Zunft eine furchtbare Rotte von fünfhundert wü⸗ ſten ſtämmigen Geſellen, welche ihm der verwe⸗ gene Meiſter Le Goix mit ſeinen drei handfeſten Söhnen, und die Thiberts und Saints⸗Yons, die Eigenthümer der uralten großen Metzig ſtellten. Sobald die Nachricht kund wurde, daß die Or⸗ leaniſten näher gegen die Stadt heranrückten, daß die Ortſchaften de Roye, Ham und Montlheri überrumpelt waren, traten neue bewaffnete Bür⸗ gerrotten auf, welche alle Abende die Straßen durchzogen, und die Poſten beſetzten. Bald wur⸗ den die Metzger der Schrecken von ganz Paris; dieſe Hauptſtadt ſelbſt ſchien nur mehr ihre Schlachtbank zu ſein. Wer ihnen als Armagnake bezeichnet ward, mochte getroſt ſeine Rechnung mit dem Leben abſchließen; dieſer Name war der Vorwand, unter welchem ſie ungeſtraft Je⸗ — 90— den, der ihnen verdächtig oder verhaßt war, zer⸗ fleiſchten, die Häuſer der Reichen plünderten. Alle Obrigkeiten der Stadt, der hohe Rath, der Hof, mußten verſtummen, wenn ſie den Ton an⸗ gaben; beinahe täglich belagerten ſie in zügel⸗ loſer Frechheit den Pallaſt des Parlaments und das Hotel Saint Paul, wo ſich der wahnſinnige König aufhielt, deſſen, durch's Unglück geheiligte Perſon darin vor ihrer Wuth bald nicht mehr ſicher war und nach dem feſten Schloſſe des Lou⸗ vre gebracht werden mußte.— Das Elend des Landes ſchien aber den ſtrei⸗ tenden Fürſten noch nicht groß genug. Um den letzten Gräuel über das unglückliche Volk loszu⸗ laſſen, bewarben ſich jetzt die Armagnaken wie die Bourguignons bei den alten, immer lauernden Feinden und Nebenbuhlern Frankreichs, den Eng⸗ ländern, um Unterſtützung, bei denſelben Englän⸗ dern, welche ſchon einmal auf Frankreichs Boden als Sieger geſtanden waren, einen franzöſiſchen König nach London gefangen geführt hatten, und fortwährend den Beherrſchern Frankreichs den Königstitel verſagten. Der Herzog von Bur⸗ gund erwarb das zweideutige Glück, von England ſechstauſend Bogenſchützen zu erhalten, welche der Graf von Arundel nach Frankreich führen ſollte. Dem Hofe blieb, um ſich doch wenigſtens die Hoffnung zu retten, nichts anderes übrig, als ſich für Burgund zu erklären. Dieſer befand ſich damals in ſeinen Erblanden. Die Königin wähnte es jetzt an der Zeit, nach Paris zurückzukehren, um bei der allgemeinen Verwirrung die Zügel wieder zu erhaſchen und das Volk, bewaffnet wie es ſchon war, durch li⸗ ſtige Ränke unmerklich für ihre Partei zu ge⸗ winnen. Aber es war verrathen worden, daß ſie mit Berry und den Orleaniſten geheimes Ver⸗ bündniß unterhielt. Als ſie daher kaum in die Stadt eingezogen war und das Louvre betreten hatte, ſah ſie ſich in der Falle. Zu den Metzgern geſellten ſich jetzt der Chirurg Jean de Troyes und Simon Cautellier, genannt Caboche, welche ſie augenblicklich gefangen hielten und in der Hauptſtadt alle Gräuel der Goir, der Thiberts und der Saint⸗Yons gedoppelten und dreifachen Maaßes wiederholten. Auf dem flachen Lande, wo die Orleaniſten Meiſter waren, excommuni⸗ eirten die dieſen ergebenen Biſchöfe die Bourguig⸗ — 92— nons. In der Stadt Paris donnerten von allen Kanzeln Bannflüche gegen die Armagnaken; alle Sonn⸗ und Feſttage wiederholten die Burgundiſch⸗ geſinnten Pfaffen nach dem Hochamte unter Glockengeläut und durch Auslöſchung der Kerzen auf den Altären, durch Abplärrung grauſamer und zuweilen ſelbſt verrückter und ſinnloſer For⸗ meln die Excommunication gegen die Armagna⸗ ken, obgleich dieſe drohend vor den Mauern von Paris ſtanden; noch mehr!— dieſe Pfaffen (ſtets die Schergen der Tyrannei, weil ſie ſelbſt gerne herrſchen möchten,— welche die Seelen ver⸗ giften, wenn ſie über die Leiber nicht herrſchen können) verſagten neugebornen Kindern, deren Eltern im Verdacht, Orleaniſten zu ſein, ſtanden, die Taufe,— Sterbenden, wenn ſie keinen Eid leiſteten, daß ſie gut Burgundiſch geſinnt wären, die letzte Wegzehrung und Löſung der Sünden. So verſchachern oft Geſellen, die nicht werth ſind, daß die Erde ſie trägt, die Hoffnung auf den Himmel. Unſelige Zeit, wann ein Volk in ſolcher Unmündigkeit groß geworden! Ein Hünd⸗ lein bleibt nur neun Tage nach der Geburt blind; und der Menſch, der mit offenen Augen geboren — 93— wird, darf oft ſein ganzes Leben hindurch nicht ſehen, und kann's nicht,— gerechte Vergeltung dafür, wenn er in ſeiner Jugend ein weichlich⸗ unmännliches Behagen am Dämmerſchein fand! So arg wüthete in Paris der Parteigeiſt, daß endlich ſeines Lebens nicht mehr ſicher war, wer ſich öffentlich ohne eine rothe Schärpe und das Andreaskreuz(das Zeichen der Burgundiſchen Partei) ſehen ließ. Die Pfaffen hefteten es auf die Altäre und hingen oder ſchrieben es mit Kreide auf die Heiligenbilder. Die poſſenhafte Knechtſchaft ging ſo weit, daß Niemand das Kreuz mehr auf die gewöhnliche Weiſe ſchlug, ſondern verſchrägt, dem heiligen Andreas und dem Herzoge von Burgund zu Ehren. Um einen ſolchen Preis, um Unſinn, Luſt an der Knecht⸗ ſchaft, und brudermörderiſche Zerſplitterung büßen Völker die Streitluſt der Herren; ſie büßen gerecht, weil ſie das Bewußtſein ihrer eigenen Würde von Anfang her untergehen ließen. Aber Alles kömmt heim. Wer den Samen des Fluchs ausſäete, wird keinen Segen ärnten. — 94— Cabochiens. Ludwig ſaß, beide Parteien verachtend, in ſtiller Zurückgezogenheit bald auf dieſem, bald auf jenem Schloſſe ſeiner Grafſchaft Mortain. Doch, obgleich er an den Wirren Frankreichs öffentlich keinen Antheil zu nehmen ſchien, ruhte ſein Geiſt nicht; ſeine Spaͤher, ſeine Unterhänd⸗ ler flogen durch's ganze Land, ſein Kriegsvolk, aus unerſchöpflichem Schatz geworben, ſchwärmte allenthalben, und pflanzte die Furcht vor ſeiner mächtigen Hand in jedes Herz. Das wollte er eben, der ſtolze, vielgewandte Mann,— man ſollte ſeine Nothwendigkeit fühlen. Immer vermeſſener ſchwelgte ſein Geiſt in Bildern künftiger Tage, wann er, den Frankreich als Herrn und Meiſter anerkannt, ſeinen geliebten Wieland vom heimi⸗ ſchen Baiern auf Frankreichs Stamm impfen werde. Darauf kamen ſtets alle ſeine Pläne zurück. Nicht unklug hatte er den Einfluß ſei⸗ ner Entfernung von der Hauptſtadt, ſeiner Ab⸗ 1 — 95— geſchiedenheit in Mortain auf die Scheu vor dem geheimnißvoll waltenden Machtherrn gerechnet, welche in den Gemüthern des Volkes und der Parteien feſtwurzeln mußte. Uebrigens hatte er heimlich bereits manche Kiſten und Truhen, voll von dem größten Theil der gewonnenen Schätze nach Baiern heim geſendet, den anderen Theil derſelben vertraute er der Obhut der ſtädtiſchen Obrigkeiten von Valenciennes und le Mans.— Neben allen Plänen, welche ihn an Frankreich feſſelten, zog ihn gleichwohl ein Doppel⸗Verlangen nach Baiern, einmal die Sehnſucht, ſeinen ge⸗ liebten Wieland, für deſſen künftige Größe allein er ſich ja ſo zahlloſen Mühen, Sorgen und Ge⸗ fahren unterzog, wieder zu ſehen, fürs Zweite die unbändige Luſt, ſeinen böswilligen Vetter, Heinrich von Landshut, der ſich der Zahlung noch immer bald ſpöttiſch, bald trotzig weigerte, endlich ernſthaft zu Paaren zu treiben. Doch lebte, abgeſehen davon, daß er grade jetzt im Reifen aller Pläne Frankreich nicht verlaſſen mochte, in Baiern ja noch immer ſein alter Vater Stephan, den er nie wieder zu ſehen ge⸗ ſchworen hatte,— ein weiterer Grund, weßhalb er noch ferner für jetzt in Frankreich blieb.— Inzwiſchen hatte Burgund, der ſtets ſo raſch als ein Chamäleon ſeine Farben wechſelnd, zwi⸗ ſchen blutigem Trotz, Argwohn, plötzlicher Ver⸗ zagtheit, geſchmeidiger Verſtellung hin und her ſchwankte, ein furchtbares Mittel ergriffen, um ſeine Gewalt zu ſchützen. Er wiegelte den Pariſer Pöbel auf, verbrüderte ſich mit dem Geſindel, und ſah es mit Freuden, daß dieſes alle alte Ordnung zuchtlos zertrümmerte, denn aus den Trümmern des Alten hoffte er ſein neues Zwinghaus aufzubauen. In der Wuth des leicht überredeten Pöbels fand ſeine Blutgier und Rachluſt zugleich eine herrliche Waffe gegen alle hochſtehenden Männer, deren Redlichkeit ihm ge⸗ fährlich ſchien, oder deren Freimüthigkeit gegen ihn ihm unvergeſſen blieb. Ein ſolcher war auch der Prevot des Eſſarts, welcher in dem Burgundiſchen Prozeß nach Recht und Pflicht gegen den Mörder geſprochen. Solche Männer der ſchonungsloſen Raſerei des Pöbels zu über⸗ antworten, koſtete ihm nichts, als ein ſchnell aus⸗ — 9,— geſtreuter Gerücht, ſie ſeien heimliche Anhänger der Orleaniſten.—. „Heraus mit dir, du Schurke des Eſſarts! Heraus, du Verräther, du Fanghund der Or⸗ leaniſten! Heraus mit ihm, reißt ihn in Stücken! Ich will ſein Haupt zum Schild meines Lagers! Ich will ſeine Zunge als Lockvogel für meine Metzig! Heraus, heraus, des Eſſarts! Die freien Bürger von Paris haben ein Wörtchen mit dir zu ſprechen.“— So ſchrieen, heulten, gröhlten viele hundert zerlumpte Kerle vor dem Hauſe des Prevot durcheinander. Der Eine war roth aufgedunſen vom Wein, der Andere bleifarbig vor Hunger, der Dritte gluthäugig vor Wuth, dem Vierten zuckten die braunen Fäuſte nach Metzgerarbeit; der trug eine Pike, der ein Schlacht⸗ beil, der einen Knittel, der ſein Schüreiſen, der zwei Meſſer in jeder Hand, der Steine, der Balken; und die Weiber zetterten dazwiſchen wie beſeſſen und hetzten die Männer. Und die bar⸗ füßigen Jungen kreiſchten unabläſſig:„Ein Huhn in den Topf! Nieder mit des Eſſarts! Brod! Geld! Blut!“ An der Spitze des ſcheußlichen Hau⸗ fens ſtanden wie Feldhauptleute geſchmückt, furcht⸗ II. 7 — 98— bar und lächerlich zugleich anzuſchauen, mit ge⸗ ſtohlenem Plunder behangen wie Vogelſcheuchen, der rothköpfige Helien de Jacqueville, der blut⸗ dürſtige, vampyrgleiche, lange, blaſſe Chirurg Jean de Troyes, und der breitſchulterige, rup⸗ pige, ſtruppige Caboche, das Haupt dieſer wil⸗ den Horde, der König aller Blutzapfer, Strolche und Unholde. Nach ihm, der jetzt die Goix, Saint Yons und Thiberts, ſeine Vorgaͤnger in der Pöbelherrſchaft überſtieg, nannten ſich alle dieſe Rotten Cabochiens, ſchmutzige weiße Müz⸗ zen waren ihre Abzeichen, Mord und Raub das einzige Handwerk, was ſie jetzt trieben, Zügelloſigkeit das einzige Geſetz, welches ſie leitete. Ein heimliches Geflüſter drang plötzlich in die Männer, raſch ward es zu tauſendſtimmigem Ge⸗ heul.„des Eſſarts iſt entwiſcht. Zur Hölle mit dem Verräther! der Schurke hat ſich in die feſte Baſtille geflüchtet! Auf, auf, auf, freie Bürger von Paris! auf, an die Baſtille, ſteckt ſein Haus an! ſchleppt ihn aus der Baſtille heraus! in Stücke mit ihm!“— Und im Nu wogte die ganze wüthende Menge vor die Baſtille, in welcher des Eſſarts ſich verſchanzt hatte. Steine flogen, Bal⸗ — 99— ken ſchmetterten gegen die Thore.„Heraus mit dir, du Geißel von Paris, du Hund von einem Orleaniſten!“ heulten die Cabochiens auf's Neue. Burgund kam wie zufällig des Weges geritten, drückte Einem und dem Anderen aus dem Geſin⸗ del freundlich lächelnd die Hand, erkundigte ſich bei dem Einen, wie ſich ſein Weib befinde, bei dem Anderen um die Kinder, bei dem Dritten um den Stand ſeines Gewerbes, nannte ſie ſeine lieben getreuen Freunde und edle freie Männer von Paris. Es lachte ihm das Herz, als er die Noth des belagerten Prevots ſah. des Eſſarts, welcher durch eine ſchmale Lucke herausblickte und jeden Augenblick ſeinen Untergang näher rücken ſah, faßte, von Todesangſt getrieben, einen ra⸗ ſchen Entſchluß, und ſchrie durch die Lucke her⸗ aus:„Burgund, Burgund! bei deiner Fürſten⸗ ehre beſchwöre ich dich, nimm du mich hin, ſei es zum Schutz, ſei es zum Tod. Hörſt du, Bur⸗ gund? ich faſſe dich an deiner Fürſtlichkeit! rette mich, rette mich!“ Da überflog ein Lächeln Burgund's Antlitz; er ſtieg vom Pferde, trat zu den Häuptern des Volkshaufens, umarmte den ſchmutzigen Caboche und ſprach:„Edle Freunde, 7½ — 100— laſſet mir dieſen Prevot; wollt ihr mir's zu Liebe thun? ich bitt' euch drum, und verſichere euch, daß ich ihn nicht entrinnen laſſe.“ „Nichts da!“ ſchrie der Volkshaufen,„des Eſſarts iſt unſer! wir wollen ihn haben!“ „Still!“ brüllte mit Bärenſtimme Caboche, geſchmeichelt durch des Herzogs Vertraulichkeit; „wie, ihr Lumpen, wollt ihr unſerem edlen Freunde Burgund dieſe Kleinigkeit nicht gewähren?“ Murrend begütigte ſich allmählig das Volk. Burgund trat vor das Thor der Baſtille und rief: „Kommt heraus, des Eſſarts, Ihr habt mein Fürſtenwort.“ Raſch wichen die Thorflügel, und der todtenbleiche Prevot ſtürzte zu Burgund's Füßen.„Ihr ſeid ein Gott,“ ſtammelte er, „ich beleidigte Euch einſt und jetzt rettet mich Euer Fürſtenwort.“ „WLaßt das,“ erwiederte Burgund kühl,„meine Trabanren ſollen Euch alſobald in Sicherheit bringen.“ Er führte ihn durch das Volk in die Mitte ſeiner nicht weit von der Baſtille harren⸗ den Leibwache, welche den Prevot umſchloß und zuerſt in's Louvre, dann in's Chatelet brachte. Burgund entfernte ſich, des neuen Triumphes ſich freuend. — 101— Als er fort war, begann der Volkshaufe ſeine Großmuth zu bereuen und wieder zu murren. „Wir wollen ihn doch haben!“ ſchrieen zuerſt Etliche, dann Hunderte. Umſonſt gebot Caboche Stille, die Cabochiens beachteten ſeinen Willen nicht. Der ſtruppige König der Lumpen ſchäumte vor Wuth, ſchwang ſein Beil und ſchwor hoch und theuer, er wolle den Wiederſpenſtigen die Schädel treffen. In demſelben Augenblick ſchwenk⸗ ten die Cabochiens heulend ihre Waffen gegen ihn, als plötzlich der Karmelitermönch Euſtach von Pavilly einen Schutthaufen hinan ſprang und den Text donnerte:„Nisi dominus custo- dierit civitatem, frustra vigilat, qui custodit eam. Wenn Gott ſeine Stadt nicht behütet, ſo wacht der umſonſt, der ſie behütet. Und es ſind ih⸗ rer leider noch genug, die euch ungeſtraft behü⸗ ten, ihr armen Bürger von Paris. Wie? ſeid ihr raſend, daß ihr euch unter euch ſelbſt verun⸗ einigen wollt, während der Dauphin einen gan⸗ zen Rudel ſchwerer Leute um ſich hegt, denen bei jedem Schritt, den ſie rechts oder links thun, euer Geld in den Taſchen klimpert? Bürger von Paris! dieſer Hof Frankreichs ſteckt, wie eine — 102— Pfütze voll Blutegel, voll breitmäuliger, quak⸗ kender Fröſche, voll Regenwürmer, die ſich nach jedem Hieb wieder ergänzen, voll platter, geſchmeidiger Schlangen, die ſich heimliche Höh⸗ len graben bis in die Hütten eurer Armuth hin⸗ ein. Duldet ihr's? Ei, warum ſchreit und win⸗ ſelt ihr dann? Was ſeid ihr ſo klug, jenen Leu⸗ ten ehrlich in die Hand zu arbeiten, und alle Mühe zu ſparen, indem ihr euch ſelbſt wechſel⸗ ſeitig todt ſchlagt; das thut der Wolf dem Wolf nicht, der Adler kämpft nicht gegen ſeinesgleichen, und ihr— ſeid freie Bürger von Paris! Zet⸗ ter, Fluch und Anathem über jeden, der ſeinen Bruder ſchlägt! Auf, ſeid keine Thoren und vergeudet die ſchöne Zeit nicht! ſtreift die Aer⸗ mel auf zum Gott gefälligen Werke, mir nach! vor den Pallaſt des Dauphin! heraus im Namen Gottes und des Saint Denys, heraus mit ſeinen Ohrenbläſern und verfluchten Räthen! Gerechtig⸗ keit an ihnen, Rache für uns, unſere Weiber, unſere Kinder, für unſere Thränen, für unſeren Hunger, für unſere Verzweiflung und Todesnoth!“⸗ „Rache! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Rache,“ brüllte das entflammte Volk wild durch einander. Der Mönch, in einer Hand ein Crucifi, in der — 103— andern ein Metzgerbeil hoch emporhaltend, führte die raſenden Cabochiens vor den Pallaſt des Dauphins. Das Hotel war bald geſtürmt, die Diener und Creaturen des Dauphins gefangen. „Zum König! zu unſerem König,“ tobte das nimmerſatte Geſindel.„Er muß uns hören! er muß unſere Gewalt rechtmäßig einſetzen. Zur Hölle mit allen Steuern! zur Hölle mit allen Blutegeln! Der König muß uns hören! er muß uns die herausgeben, die uns ſo lange ge⸗ ſchunden haben. Wiedervergeltung! Gerechtig⸗ keit! Rache!“ Sie erfüllten ihre Drohung. Der arme König vermochte ihnen nicht zu wiederſtehen und mußte der Volkswuth ihre Opfer ausliefern. Iſabelle zitterte ſchuldbewußt für ihr Leben, drohend wälzte ſich das Unheil immer näher gegen ihren üppigen Hofſtaat. In dieſer äußerſten Noth fandte ſie Eilboten an ihren Bruder, keinen Au⸗ genblick zu ſäumen, und ihr perſönlich beizu⸗ ſtehen. Ludwig beſann ſich nicht lange, er ſchmei⸗ chelte ſich, eitel geworden durch ſein Anſehen, mit dem tollkühnern Gedanken, ſeine bloße Gegen⸗ wart in Paris werde hinreichen, das Geſindel raſch in ſeinen Staub zurück zu ſchrecken. Er — 104— ſchrieb einige Zeilen an die Hauptleute ſeiner in ganz Frankreich zerſtreuten Truppen, ſich den Orleaniſten offen anzuſchließen. Er ſelbſt ritt, im Vorgefühl ſeines Triumphes, ohne Begleitung ſpornſtreichs nach Paris. Eben kam er an, um einem unerwarteten Schauſpiel beizuwohnen. Die Cabochiens hatten den ganzen Hofſtaat der Königin gefangen ge⸗ nommen, und waren daran, denſelben in die Ge⸗ fangniſſe zu ſchleppen. Burgund, der unweit da⸗ von zu Roſſe hielt, freute ſich des Anblicks. Iſabelle und der Dauphin warfen ſich, mit Thrãa⸗ nen in den Augen, vor der raſenden Menge auf die Kniee und verſchwendeten fruchtlos Bitten und Beſchwörungen um Schonung ihrer Ver⸗ wandten, Freunde und Dienſtleute. Aber das Volk lachte und ſchloß ſeine Opfer, worunter der Schatzmeiſter von Acquitaine, der Beichtvater der Königin, die Damen du Quenay, d'Anclus, de Noviant, du Chatel und des Barres befanden, zu zwei und zwei in Ketten; als plötzlich mit gezücktem Schwerte, hoch zu Roß, Herr Ludwig im Bart heranſprengte und ihnen zudonnerte: „Wem ſein Leben nicht für einen geſpaltenen Schädel feil iſt, ihr Metzgerhunde, der krieche in ſeinen Stall zurück. Hier bin ich, der Bruder eurer Königin, und will euch deutſche Zucht leh⸗ ren.—8“ Dann, zu dem Herzog von Burgund gewendet, fuhr er, die Stirne in finſteren Run⸗ zeln, fort:„Vetter, Ihr ſcheint ein ſchlechtes Gedächtniß zu haben, ſonſt müßtet Ihr Euch an das erinnern, was Ihr zu Chartres auf's Evan⸗ gelium geſchworen.“ Burgund erwiederte kein Wort, während das Volk, deſſen Wuth jetzt dreifach gereizt war, Ludwig umzingelte, ihm hinterrücks das Schwert aus der Hand entwand und ihn vom Pferde riß. Im nächſten Augenblick war er in Feſſeln ge⸗ ſchlagen und wurde unter dem Jubelgeheul und dem Spott des Pöbels mit den andern in die Conciergerie geſchleppt. Den König zwang man, unter dem großen Siegel Briefe auszuſtellen, wo⸗ durch dieſe Frevel gebilligt wurden. Dem Her⸗ zog von Burgund ſelbſt begann vor der Zukunft zu grauen, als er die immer ſteigende Gewalt des Volkes ſah, welches jeden Tag neue Ordon⸗ nanzen dictirte, die der König oder Burgund und der Staatsrath unterzeichnen mußten. Das Volk entwarf in der Eile ſogar ein neues Geſetzbuch, — 106— welches es die Ordonnances Cabochiennes nannte und welches der König, das Haupt mit der wei⸗ ßen Pöbelmütze bedeckt, im Parlament eintragen zu laſſen gezwungen ward. Sie hatten ſo viel von dem Beiſpiel ihrer früheren Zwingherrn ge⸗ lernt, daß ſie ſogar eine allgemeine Steuer aus⸗ ſchrieben, ſie, welche eben durch die furchtbaren früheren Erpreſſungen bis zu einer ſolchen Wuth geſpornt worden waren. Bald galt es als höch⸗ ſtes Verbrechen, reich, angeſehen, oder tugend⸗ haft zu ſein. des Eſſarts, welcher im Gefaͤng⸗ niſſe noch immer auf Befreiung hoffte, weil er auf Burgunds Fürſtenwort vertraute, lernte nur zu bald einſehen, daß er auf einen ſeichten Grund gebaut hatte. Man ſchleppte ihn aus der Con⸗ eiergerie, auf eine Flechte gebunden, bis zum Ho⸗ tel de la Coquille in der Straße Saint Denys, und von da auf einem Karren bis zum Schaffot. Er lächelte, als er das verſammelte Volk ſah, weil er immer noch hoffte: jetzt, jetzt müſſe Bur⸗ gund durch die Menge ſprengen und ſein Wort halten, weil er immer noch wähnte, man wolle ihn blos durch Todesangſt ſtrafen. End⸗ lich klapperte Hufſchlag; die Menge theilte ſich; „ a, das dort iſt Burgunds Federbuſch, im —ÿõ⅓··⅓ — — 107— Winde wallend; ich bin gerettet, bin frei, frei! der Fürſt hält ſein Wort,“ ruft des Eſſarts jubelnd. Burgund iſt nahe, er winkt ſtolz mit ansgeſtrecktem Arm. Da zwingt man des Eſſarts niederzuknieen, da blitzt des Henkers Schwert, da zeigt dieſer des Gerichteten blutiges Haupt dem jauchzenden Volke und dem ſchamloſen Her⸗ zog, der blos gekommen, um die Hinrichtung mit anzuſehen.— Von allen Prinzen litt der Dauphin unter dieſer Tyrannei des Volkes und des Herzogs am aller furchtbarſten. Jeder Verſuch, den er machte, um die Freiheit zu gewinnen und mit den Or⸗ leaniſten, den einzigen, von denen er Rettung er⸗ warten durfte, ein Bündniß einzugehen, koſtete ihn eine Demüthigung mehr, und nicht ſelten einem ſeiner Höflinge das Leben. Bis in die in⸗ nerſten Gemächer des Hotels Saint Paul, welches er bewohnte, bis an den Tiſch, an Spiel und Tanz, folgten ihm rückſichtslos rohe Wächter oder Späher. Er war der Verzweiflung nahe. Der Königin ging es nicht beſſer. Der König endlich galt nicht mehr als eine Puppe mit einem höl⸗ zernen Heiligenſchein. — 108— Kerker und Thron. In einem düſteren Gemache der Conciergerie ſaß Herr Ludwig im Bart einſam, finſter brütend. „Gefangen alſo!“ ſprach er, wie von Felſenlaſt gebeugt,—„gefangen!“ rief er, wild losbre⸗ chend, mit der Fauſt gegen die Bruſt ſchlagend, „erbärmlicher Leib, gefangen!— Dies alſo wäre das glorreiche Ziel aller erträumter Thaten in Frankreich?! Dies die Gewalt meines Namens, dies die Frucht zweier troſtloſen Ehen! dies der Keim aller Hoffnungen und Anwartſchaften für meinen Wieland?!— Wieland, mein geliebter Wieland! O Gott,— ſäßeſt du jetzt in Frankreich,— einſt in Frankreich, wie ich jetzt ſitze! du einſt von dieſem raſenden Volke verfolgt, gefangen! Herr Gott, was für Gedanken?! und doch kommen ſie immer wieder, und pochen an mein Gewiſſen und rufen mir zu: Vater, Vater, biſt du ein Thor oder ein Schelm, dein Schmerzenskind in dieſe Mörder⸗ grube liefern zu wollen?— Herr, mein Gott, — 109— was ſind das für Gedanken?— Lieb' ich ihn denn nicht mehr? Ach ja, noch immer ſo heiß, und heißer als je, mit tauſend Sorgen und Schmer⸗ zen lieb ich ihn, was hätte mich denn ſonſt auf dieſem blutgedüngten Boden Frankreichs ſo lange zurückgehalten, was mich zum Träger fremder Leidenſchaften erniedrigt, als eben die Liebe zu dir, mein Sohn, der Wunſch, die Hoffnung, dich einſt hier groß zu machen?!— Größe! was iſt Größe? Ich meſſe ſie jetzt nach dieſen vier Waͤn⸗ den.— Ludwig, Ludwig, mir iſt, als ertappte ich dich in einer argen Selbſttäuſchung, als kleide das Unheil ſich in den Stolz deiner Vaterliebe, um den armen Wieland in dieſe Wolfsgrube: Frankreich, herein zu locken. Ludwig, Ludwig, was beginnſt du? gib Rechenſchaft; was haſt du bereits begonnen. Das Vermächtniß deines Schutz⸗ engels, die Hoffnung deines Alters„ mitten in dieſem Lande, wo der Mord ſä't und ärntet zugleich, wo der Verrath hinter den Altären lauert, wo die Verweſung im Mantel der Ueppigkeit Säͤ⸗ renenlieder ſingt, wo der Wille des Mannes zu gelten aufhört, und nur die Willkühr tauſend⸗ köpfig herrſcht! Und du, mein Augapfel, du, dey — 110— Talisman meines ganzen Seins, hineingeſchleudert in dieſen Keſſel voll ſchäumenden Unheils, du, zarte Blüthe, geknickt vom erſten beſten Sturm! ich, der ich ja nichts beſitze als dich, der ich ja Alles aufbiete, auf mich lade, um nur dich einſt ganz zu beſitzen,— ich dann einſam, kinderlos, durch eigne Thorheit, dein Mörder!— Nein! beim lebendigen Gott, das ſoll nicht ſein, darf nicht werden. Ich habe, ſeit ich zuerſt den Fuß auf Frankreichs Erde ſetzte, blos geträumt; jetzt er⸗ kenn' ich's, jetzt bin ich erwacht und muß mich, o pfui, pfui!— der eignen Thorheit ſchämen. So wäre denn Alles, was ich bis jetzt in Frank⸗ reich gethan, eitel, vergeudet, fruchtlos?!— Ja, es wars, ich griff ins Blaue hinein, ich jagte in Fieberträumen nach luftigen Kronen, auf ſeligen Inſeln,— und habe daheim feſtes Land, dich, mein Sohn, die Krone meines Daſeins, habe dort Rechte einzutreiben, Rechte, Rechte,— und mache hier in Frankreich, daß Gott erbarm, die blutige Faſtnacht mit. O ich Thor!— Nein, es ſoll anders werden, hier, innerhalb dieſer vier Wande, zerreiß' ich meinen Schuldbrief an euch, ihr lächerlichen, betrügeriſchen, mörderiſchen Hoff⸗ — +— — 111— nungen.— Baiern! mein Sohn! mein Recht! mit dieſem dreifachen Wahlſpruch renne ich auf's Neue jetzt aus, einem neuen, unverrück⸗ ten Ziele nach. Was ich bis jetzt gelebt, liegt abgemacht hinter mir. Ha, Gott ſei Dank, ich finde endlich den Weg, der mir breit genug iſt, und den ich doch ganz ausfülle. Baiern! mein Sohn! mein Recht! Gott, du weißt, was ich mir dabei denke, was ich mir ſelber jetzt zu⸗ ſchwöre.“ Auf dem Gange vor der Thüre ließ ſich in⸗ deſſen de⸗ und wehmüthiges Winſeln und Klagen hören, nicht minder großes Lachen und Geräuſch von Näherkommenden. Bald raſſelten die Riegel und Schlöſſer, und ein Paar ruppige Cabochiens ſchoben durch die geöffnete Thüre einen wohlge⸗ nährten geiſtlichen Herrn in Ludwigs Kerkerſtube, riefen ihm höhnend zu:„Winſele nicht zu viel, Pfäfflein! der Herr da drinnen bricht dir ſonſt den Hals,“ und verſchloſſen dann die Thüre von außen wieder. Ludwig betrachtete ſich den würdigen Herrn genauer, mußte über die Todesangſt lachen, welche wie eine Ameiſe über die ſtattlichen Hügel des geiſt⸗ — 112— lichen Angeſichts hin⸗ und herrannte, und ſprach dann:„Ei, potz Treu, ſeid Ihr nicht der Beicht⸗ vater meiner Schweſter? wahrhaftig, ich erkenne Euch jetzt. Nun, ich bin dieſen edlen Bürgern von Paris jetzt doch endlich Dank ſchuldig, daß ſie mir Geſellſchaft in meiner Einſamkeit ver⸗ ſchafften, und noch dazu eine ſo gnadenreiche und heilbringende wie die Eure.“ „Ach,“ ſprach der Beichtvater,„wenn wir aus dieſem Gemach lebendig entrinnen, will ich dem wunderthätigen Gnadenort Mont Saint⸗Michel zwölf hundertpfündige Wachskerzen geloben.“ „Wollt Ihr Euch nicht lieber ſelbſt hin ver⸗ loben, ehrwürdiger Herr?“ fügte Ludwig hinzu, „denn es iſt kein Zweifel, daß man Euch, wenn Ihr Euch ganz ſteif und ehrbar auf einen Leuch⸗ ter pflanzen laſſet, im Himmel ſelbſt für eine glimmende Kerze anſehen werde, und das Brand⸗ opfer Eurer Naſe wird Euch zur ewigen Seligkeit helfen.“— „Gott verzeihe Euch Eure Sünden,“ ent⸗ gegnete der Beichtvater zerknirſcht,„obſchon Ihr fürſtliches Blut in den Adern habt, klingen doch Eure Worte abſonderlich vermeſſen und ruchlos. — 113— Herr, Herr, verzeihe dem allergnädigſten Fürſten von Baiern, denn er hat die Gnade, nicht zu wiſſen, was er ſpricht.“ „Nun,“ erwiederte Ludwig lachend,„es gibt noch Leute auf der Welt, die keine Gnade hatten, und deshalb auch keine erlangen, und der Herr verzeihe ihnen, denn ſie wußten nicht, was ſie thaten. Doch wie, ehrwürdiger Herr?! Wähnet Ihr: ich ſei ein Ketzer? O nein, dawider ſchlage ich ein Andreaskreuz, um mich zu bewahren; ich glaube feſt an die Heilthümer vom Berge An⸗ dechs, welche eine wunderthätige Maus entdeckte, und, daran zu glauben, iſt doch wirklich ein ſtar⸗ kes Stück; ich habe mir auch noch bei jeder Ge⸗ legenheit meinen Ablaß fromm und theuer ge⸗ kauft, und es wird mir keiner von allen Päͤb⸗ ſten vorwerfen können, daß ich ſeinen Neben⸗ buhler je begünſtigt hatte, was gewiß eben ſo klug als chriſtkatholiſch iſt. Ach, ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, macher kein ſo ſaures Geſicht, als ob Eure ſchöne Haushälterin ſich in der Weinſorte vergriffen und Euch ächtes Landshuter Gewächs ſtatt ſchnödem Bordeaux zum Trunk vor der Frühmeſſe gebracht hätte; ich will Euch, II. 8 — 114— wenn Ihr meinen ſeligen Frauen aus dem Fege⸗ feuer enthelfen wollt, in welchem ſie ſich ohne Zweifel jetzt befinden, weil ſie mir die Ehe zum Fegefeuer machten,— ein Zauberſprüchlein leh⸗ ren, welches Euch in allen Nöthen tröſten kann; merkt wohl auf, es heißt: Es iſt nun einmal, wie es iſt. Mit dieſem Sprüchlein könnt Ihr auskommen.— Ich bitte Euch, ſagt mir doch, weshalb Euch dies Gefängniß unbequem iſt.— Die ganze Erde iſt ein Kerker.— Oder habt Ihr Hunger?— Ja, das iſt freilich, namentlich wenn auch der Durſt zu Eurem Gaſte wird, für Euch ein trauriger Zuſtand. Doch bede ket, daß Euch der Himmel, der ſtets die liebt, de er züchtigt, durch dieſe Mortifikation eine neue Gattung von Heiligenſchein zugedacht hat, denn Ihr könnet mir keinen Maͤrtyrer aufweiſen, der verdürſten mußte. Pahl potz Treue! Laſſet uns, denen das Wohlleben zur Marter wird, das Unglück genie⸗ ßen. Der Wechſel ſchmeckt am beſten. Mir war ſeit lange nicht ſo behaglich, wie jetzt. Und wenn Ihr durchaus für Euren Kopf fürchtet,— aber Ihr habt keinen Grund dazu, ehrwürdiger Herr, — ſo verbindet Euch mit jenem edlen Carme⸗ — 115— litermönch, Euſtach von Pavilly, und unternehmt mit ihm einen Reliquienhandel; jener heilige Mann wird Euch alsdann ſchützen, denn er hat Freunde für ſeine Faſt⸗ und Fleiſchtage; ich meine: er gilt etwas bei den Metzgern und Fiſch⸗ verkäuferinnen.“ Der Beichtvater ſchlug vor Entſetzen ein An⸗ dreaskreuz um das andere, und zitterte am gan⸗ zen Leibe wie Espenlaub, als die Thüre aufging und ein Mann, mit der weißen Mütze auf dem Kopf, barſch in das Gefängniß trat.„Ihr hei⸗ ligen eilftauſend Jungfrauen ſteht mir bei,“ jam⸗ merte der Beichtvater, denn er war überzeugt, die Weißmütze, welche jetzt ein Pergament ans dem Koller zog, bringe ſein Todesurtheil. Er beruhigte ſich noch immer nicht, als er ſah, daß der Mann mit der weißen Mütze und den nack⸗ ten Beinen dem Herzog ehrerbietig das Perga⸗ ment übergab, und daß der Letztere es ohne Un⸗ ruhe las. „Im Namen unſerer heiligen Kirche,“ ſtot⸗ terte er verlegen,„erlaubt mir, als einem ſchrift⸗ kundigen Manne, Euch den Inhalt vorzuleſen.“ Er brannte vor Ungeduld und Neugierde, ob das 8*½ — 116— räthſelhafte Blatt eine Entſcheidung ſeines Schick⸗ ſals enthalte. Aber ſtatt aller Antwort fühlte er ſich von der Weißmütze ziemlich unſanft ange⸗ faßt, und, ohne daß er genöthigt war, ſeine ei⸗ genen Füße zu gebrauchen, nach horizontaler Richtung in das Nebenkämmerchen verſetzt, deſ⸗ ſen Thüre die unhöfliche Weißmütze ihm vor der Naſe zuſchloß und verriegelte. Jetzt ſtürzte der Fremde vor Ludwig auf die Kniee, riß die ſchützende weiße Mütze vom Haupte und der Herzog erkannte überraſcht ſeines Va⸗ ters und ſeinen Dienſtmann, den alten Wieland Swelcher, welcher den Saum von Herzog Lud⸗ wigs Gewand küßte und wehmüthig ſprach:„Ich hatte Euch in Paris nicht an dieſem Orte zu treffen gehofft, mein Herr und Gebieter; wenn ſonſt ein Baier, der in Paris geweſen, zu uns heimkam, der wußte von nichts zu erzählen, als von dem königlichen Hofſtaat, von der ausge⸗ ſuchten Pracht und Herrlichkeit, in welcher Ihr hier lebtet. Wie Gott will! Ihr ſteiget aus dem Kerker auf den verwaiſ'ten Thron Eures Herzogthums, und ich, der von allen Euren Unterthanen Euch zuerſt huldigt, ein alter kinder⸗ — 117— loſer Mann, der manches böſe Herzweh ausge⸗ halten, bete für Euch, daß der Himmel Euch ſo lange Jahre auf dem Thron erhalten möge, als Euer ſeliger Vater drauf ſaß, und— kummer⸗ loſer, als dieſer am Abend ſeiner Tage.“ Ludwig entblößte das Haupt und ſprach be⸗ wegt:„Friede der Aſche meines Vaters; möge er mir droben nicht anrechnen, was ich gegen ihn gefehlt;— ich weiß, ich habe ihn oft bitter ge⸗ kränkt; möge ſein verklärter Geiſt es mir nicht heimkommen laſſen!“ „Er ſtarb,“ tröſtete der alte Swelcher, „nachdem er Euch noch geſegnet hatte. Caneta,“ fügte er, das Haupt ſenkend, langſamer hinzu, „ ſieht jetzt gewiß in ſeinen Armen liebend und treu auf Euch herab.“ Ludwig war tieferſchüttert und ſchwieg lange. Doch wollte er ſeine Gefühle nicht zur Schau tragen, und fragte plötzlich, als wäre er ganz gleichgültig, den alten Swelcher, wie es ihm ge⸗ lungen ſei, bis in dieſes Gefängniß zu dringen? „Mein Weg,“ antwortete Swelcher,„führte mich über Melün, wo ich einem Häuflein or⸗ leaniſtiſcher Kriegsleute begegnete, von denen ich — 118— erfuhr, daß ihre Partei Paris von allen Sei⸗ ten umzingelt halte, und Burgund nicht lange mehr auf den Schutz der Hauptſtadt hoffen darf. Die Prinzen von Orleans und der Herzog von Berry haben Rath gehalten zu Pontoiſe, und Burgund, dem bei ſeiner ſchlechten Sache nicht ganz wohl iſt, hatte, ohne Vorwiſſen dieſer raſen⸗ den Pariſer, Geſandte zu ihnen geſchickt, um den Frieden herzuſtellen. Ihr ſeid außer Gefahr, mein herzoglicher Herr;— Burgund muß nach⸗ geben. Ich konnte mir die Freude nicht verſa⸗ gen, Eunch eiligſt ſelbſt die Nachricht davon zu bringen. Die Armagnaken gaben mir den Rath, ich ſollte, um in Paris eingelaſſen zu werden, mich für einen Burgundiſchen ausgeben; deshalb ſetzte ich die weiße Mütze auf, nahm das Au⸗ dreaskreuz und die rothe Schärpe, und be⸗ gehrte als ein vor den Armagnaken flüchtender Burgundiſcher am Thore um Gotteswillen Ein⸗ laß. Die Liſt gelang; ich war in der Stadt, ſchrieb mir die Nachricht vom Tode Eures Va⸗ ters in ganz unverfänglichen Worten auf ein Pergamentblättlein, um Euch, wenn ich Euch nicht ſprechen könnte, wenigſtens dies zukom⸗ — 119— ment zu laſſen, und ſuchte dann jede Gelegenheit auf, um hieher in die Conciergerie zu gelangen. Ihr ſehet, wie ſtattlich ich mich in meinen alten Tagen als Metzger oder Cabochien ausnehme. Das Andreaskreuz und einige tüchtige Schimpf⸗ reden auf die Armagnaken verhalfen mir zum Wachdienſt bei der Conciergerie, und Ihr hört eben, daß ich bereits genug von den Sitten mei⸗ ner Kameraden angenommen habe, denn das arme Pfäfflein da innen wimmert noch. Wollt Ihr ihm nicht geſtatten, ſeine Zelle jetzt zu ver⸗ laſſen? Mich däucht: er hat ſeine Neugierde genug gebüßt.“ „O laßt ihn immerhin noch ein bischen zap⸗ peln,“ entgegnete Ludwig;„er hat ſolch einen Ueberfluß am Leiblichen, daß er, wenn er auch abmagert, noch immer eine ſtattliche Tonne vor⸗ ſtellen kann. Wir helfen ihm zur Seligkeit, Swelcher, wenn wir ihn länger in dem Wahne belaſſen, daß er durch Durſt zum Maͤrtyrer wer⸗ den ſoll.“ Und ſo blieb denn auch der arme Beichtvater die ganze Nacht über in ſeiner Clauſe gut auf⸗ gehoben, während Ludwig und Swelcher noch — 120— vertraut über dies und jenes ſprachen, und der Erſtere auf's neue von ſeines Landshuter Vetters böſem Sinn ſich mancherlei erzählen ließ. Er nahm, darüber ingrimmig, die Mauern ſeines Kerkers zu Zeugen, daß er von ſeinem Recht nicht ablaſſen wolle, und ſollte es ihm auch ſein Leben koſten.— Am andern Morgen erfüllte die bden Raͤume der Conciergerie lautes Freudengeſchrei. Im⸗ mer näher und näher drang es an Ludwigs Kerker. Jetzt klangen draußen auf dem Gange Tritte und auf's Neue tönte der Freudenruf: Freiheit! Freiheit! Der Herzog von Berry, der Dauphin und die Königin traten in den Kerker und umarmten Ludwig. Eine Menge Armagnaken, vom Kopf bis zum Fuß gerüſtet, erfüllten die Gänge. Bur⸗ gund hatte zähneknirſchend den Frieden unter⸗ Befreiern aus dem Kerker geführt. Die Cabo⸗ chiens flohen nach allen Seiten oder verbargen —O8A6 — 121— ſich, wo ſie nur immer einen Schlupfwinkel fin⸗ den konnten. Der König, welcher wieder, was man ſo ſagte, bei Vernunft war, ließ unter Trom⸗ petenſchall den allgemeinen Frieden verkündigen. Der Dauphin empfing feierlich die Schlüſſel der Baſtille und ernannte ſeinen Oheim, Ludwig von Baiern, zu deren Kommandanten. Aber Ludwig dankte für die ihm zugedachte Ehre, und er⸗ klärte, daß er ſchleunigſt nach Baiern zurück müſſe, weil ſein Vater Stephan das Zeitliche geſegnet habe und des Landes Nothdurft die An⸗ weſenheit des neuen Fürſten verlange. Er be⸗ auftragte den Herrn Wieland Swelcher und die vertrauten Schreiber Ulrich Zweyenkircher, nach Valenciennes und le Mans zu reiſen und ſeine Kleinodien von dort nach Deutſchland zu ſchaffen. Vor ſeinem Hotel in Paris ſtanden große Wa⸗ gen, welche mit ſeinem Schatz befrachtet werden ſollten. Da hetzte heimlich der Herzog von Burgund, um ſeinen Groll mindeſtens noch in Kleinlichkeiten abzukühlen, die vielleicht zu blu⸗ tiger Endſchaft führen möchten,— aufs neue die Hefe des Pöbels, welche ihm im Stillen ſtets zugethan war, zu einem Aufſtand wider — 122— den Herrn aus Baiern, der Frankreichs Schäͤtze, des Volkes Schweiß, aus dem Lande ſchleppe. Und in kurzer Friſt ſah Ludwig ſein Hotel von einem halbnackten raubſüchtigen Haufen umge⸗ ben, welcher unter Fluchen und Schimpfen es zu ſtürmen Anſtalten machte. Schon flogen Steine, ſchon ſchwang das Geſindel Knittel und Keulen, um Ludwig ſelbſt aufzuſuchen und zu erſchlagen, als noch zur rechten Zeit ein ſtatt⸗ licher Pariſer Bürgersmann in ihre Mitte trat und mit lauter Stimme rief:„Wie, meine Mit⸗ bürger, ihr wollt dieſem armen deutſchen Fürſten nicht ein paar Mark Silber zum Reiſegeld mit⸗ geben? Laßt ihm doch die paar Pfennige, da⸗ mit er in ſeiner Heimath nicht auszuſprengen braucht, Frankreich ſei zu arm, um den Bruder ſeiner Königin zu unterſtützen. Nein, Pariſer, ihr werdet euch ſolche Schmach nicht anthun laſſen; denn ſeht, es iſt ein armer Fürſt, der blos deswegen zu uns nach Frankreich zog, um etwas an Hab' und Gut zu verdienen. Laßt ihm ſein Geld, und behaltet ihr dafür eure Ehre.“ Dieſe Rede hatte den Sinn des leichtblütigen — 13— wechſellaunigen, aufgeblaſenen Haufens ſchnell verwandelt, unter Spottreden verließen ſie Lud⸗ wigs Hotel und zerſtreuten ſich. Der Baierfürſt ſelbſt wußte von dieſer Scene nichts, denn er befand ſich im königlichen Pallaſte, wo ein Freudengelage veranſtaltet war, zur Feier des Friedens. Auch Burgund wohnte dem⸗ ſelben bei, aber mit verbiſſenem Grimm, und böſe Pläne ausheckend. Er ſah ein, daß ihm nichts anders übrig bleibe, als, ſich nach Flandern urückzuziehen, denn das böſe Gewiſſen nahm ihm jetzt, da er rings von Armagnaken umgeben war, plötzlich allen Muth. Feſtlichkeiten drängten ſich an Feſtlichkeiten. Paris glich trotz der vielen Verbannungen und Hinrichtungen, wodurch die blutgierigen Meuter ihre Verbrechen büßten, einem großen Faſtnachtsſaale, worin Alles wie durch einen Zauberſchlag die Masken wechſelte. Allenthalben waren die weißen Mützen, rothen Schärpen und Andreaskreuze verſchwunden; der Herzog von Orleans, welcher bis jetzt noch im⸗ mer um den Tod ſeines Vaters Trauer getragen hatte, zeigte ſich nun in einem prachtvollen viol⸗ letten mit Silber geſtickten Ueberwurf, auf — 121— deſſen Saum in Perlen die Deviſe geſtickt war: Le droit chemin; nach ſeinem Vorbild trugen auch die andern Prinzen, Grafen und Herren ähnliche Gewänder; das Volk und die Heiligen erſchienen mit der Armagnakiſchen Feldbinde und dieſes Abzeichen wurde ſo ſtreng in Anſehen ge⸗ halten, daß ein Kerl aus dem Pöbel, welcher den heiligen Euſtachius für einen Burgundiſchen hielt und von deſſen Bildſäule die Armagnakiſche Schärpe abnahm, verurtheilt wurde, durch des Henkers Schwert die rechte Hand zu verlie⸗ ren und bei Todesſtrafe aus Frankreichs Gren⸗ zen fern in den Bann zu gehen. Der Hof ließ ſich durch den Ernſt ſolcher blutigen Schau⸗ ſpiele in der Freude ſeines Triumphes nicht beirren. Dieſe Sorgloſigkeit war es, worauf der Herzog von Burgund ſeinen Plan baute. Er beredete am nächſten Sonntage(es war im Au⸗ guſt und das Wetter überaus mild und freundlich) den König, welcher ſeither noch immer von ſei⸗ nem Leiden frei blieb, zu einer Jagd im Forſte von Vincennes, einem Vergnügen, welches der König ſeit ſeiner Jugend vielen anderen vorzog. Freudig ſagte ihm Carl zu; der Herzog hielt je⸗ —,— — 125— doch die Sache vor allen übrigen geheim, und beorderte in der Stille ſeine vertrauteſten Die⸗ ner, ihm unbemerkt theils zu folgen, theils voran⸗ zueilen; denn er hatte nichts Geringeres im Sinne, als, da er ſich doch nun einmal zurück⸗ ziehen mußte, den König nach Flandern zu ent⸗ führen, um in deſſen Perſon eine Geißel zu be⸗ ſitzen, wenn etwa auf Veranlaſſung der Prinzen von Orleans gegen ihn in der Fremde ſtrenge Maßregeln verfügt werden ſollten. Fröhlich wie ein Kind, welches ein neues Schaukelpferd ge⸗ ſchenkt bekam, ſchwang ſich Carl zu Roß und ritt heimlich mit Burgund fort; ſein Geiſt war ſo demüthig geworden, daß er in jedem Augenblicke fürchtete, die Königin oder irgend jemand anderer möchte ihn in ſeinem Vergnügen beeinträchtigen wollen; deshalb drang er ſelbſt auf Eile und Heimlichkeit. 8 Burgund triumphirte, als er mit Carl die Brücke von Charenton erreicht hatte und nicht mehr weit von dem Platze war, wo ſeine Diener ihn erwarteten. Ungeduldig ließ er ſein Hüfthorn erſchallen, um ſie herbeizurufen, damit ſie Carl in die Mitte nehmen und mit dem koſtbaren Un⸗ — 126— terpfand in Sicherheit kommen könnten. Jetzt hörte er Roſſe und wiederholte des Hüfthorns Ruf. Da zeigten ſich plötzlich von allen Seiten gewaffnete Reiter, welche den ganzen Platz um⸗ zingelten. Sie verhielten ſich ruhig auf ihren Poſten; aber dicht vor dem Herzog ſprengte— Ludwig von Baiern, begleitet durch Juvenal des Urſins, und der Erſtere rief ihm ſpottend zu: „Vetter! Wir haben heute einen heißen Tag; nicht wahr? Wie mochtet Ihr alſo unſern kö⸗ niglichen Herrn zu einem ſo weiten Ritt ver⸗ leiten!“ 4 Dreiſt wollte ihm Burgund antworten, aber Ludwig ließ ihn nicht zu Worte kommen, wür⸗ digte ihn keines Blickes und ſprach zu dem Koͤ⸗ nige:„Ich wähne, mein Lehnsherr, daß Ihr Euch im Geleite unſeres Vetters verirrtet; er ſcheint des Weges nicht recht kundig; wenn es Euch geliebt, ſo wollen wir Euch nach Paris zurückgeleiten, wo Euer treues Volk Euch mit offnen Armen erwartet, und bereit iſt, Euch ge⸗ gen jeden offnen und heimlichen Feind zu ſchützen.“ Er begleitete dieſe letzteren Worte mit einem ſtolzen ſtechenden Seitenblick auf Burgund, wel⸗ — 12,— cher, im Bewußtſein ſeiner böſen Abſicht beſtürzt, keine andere Erwiederung hervorzuſtammeln ver⸗ mochte, als mit erkünſteltem Trotz die Worte: „Ha, Vetter von Baiern, wie könnt Ihr es wa⸗ gen, unſern königlichen Herrn ſeiner Jagdluſt zu entziehen?“ „Eurer Jagdluſt, wollt Ihr vermuthlich ſagen,“ entgegnete Ludwig;„wir ſind etlichen Eurer Leute begegnet, welche mir ſo ziemlich darnach ausſahen, als wollten ſie in Eurem Auf⸗ trag die Netze lin, aber ſeyd verſichert, wir haben dieſe Netze mit ein paar hundert ſchmucken Jungen durchbrochen, denn Ihr müßt wiſſen, Baiern hat auch einen Löwen, und der Löwe kriecht nicht zu Kreuz, wäre es auch das Andreas⸗ kreuz.— Mein Herr und König, wollt Ihr Euch nicht wieder nach Paris begeben?“ Juvenal des Urſins vereinigte mit Ludwigs Frage die gleiche Bitte, und Carl nickte beiden gutmüthig lächelnd zu. Hierauf ſchloſſen ihn beide in die Mitte und begaben ſich mit ihm auf den Weg nach Paris zurück. Seinen Zorn über den mißlungenen Anſchlag gewaltſam niederpreſ⸗ ſend, und, ſo gut es anging, Freundlichkeit heu⸗ — 128— chelnd, folgte ihnen Burgund eine geraume Strecke, bis ſie in die Nähe von Paris kamen, dort entfernte er ſich unter nichtigem Vorwand von ihnen, und jagte, ſo ſchnell ihn ein friſches 3 fferd tragen konnte, nach Flandern zurück. In Paris empfingen Iſabelle, die Prinzen von Orleans und alle andern Häupter der Ar⸗ magnaken den treuen Juvenal des Urſins, wel⸗ cher die erſte Spur des Verrathes gefunden hatte, als Retter und Befreier mit unbeſchreiblichem Jubel. Sie wollten den Baierfürſten durchaus nicht aus Frankreich laſſen, und Iſabelle beſchwor ihn als den einzigen treuen Freund, der ihr je geblieben, bei ihr zu bleiben, und— wozu er vom König die Vollmacht erhielt— an ihrer Seite über Frankreich zu herrſchen. Voll Stolz erwiederte er ihr:„Ich kann herrſchen, meine königliche Schweſter, das iſt mir genug; da ich's kann, verſchmähe ich'g; ich bin deines Frank⸗ reichs ſatt, mir graut davor, obgleich mir ſonſt vor dem Teufel nicht graut. Aber ihr habt euch in dieſem Frankreich muthwillig eine ganze Legion von Teufeln herangezogen, die euch die Hölle noch heißer machen werden, als ſie euch his jetzt ſ — 129— ſchon manchmal an die Nägel brannte. Ich kann jetzt getroſt dies Land verlaſſen, denn ich habe in meiner letzten That doch eine That vollbracht. Nun lebt wohl! Ich kehre jetzt nach Baiern heim. Meine Seele hat endlich ihren Magnet gefunden, mein Schiff ſeine Sterne. Ich will von nun an nichts mehr als mein Recht, mein Recht!— und wären der Buben in Baiern ſo viele, die mir's wehren wollten, als jener König von England in einem Jahre Häringe ſpeiſ't, oder der ganze Cöleſtiner Convent Omeletten, oder als unſer geweſener deutſcher Kaiſer Fla⸗ ſchen vertragen konnte, ohne den 1 Shwindee zu bekommen.“ Ludwig beſchleunigte jetzt ſeine Abreiſe, denn es ſtachelte ihn die ungeduldige Luſt, ſeinem Vet⸗ ter in Landshut endlich einmal Stirne an Stirne entgegen zu treten. Iſabelle und der König ver⸗ anſtalteten zum feſtlichen Abſchied Gelage an Gelage und Turnir an Turnir. Da mochte un⸗ ter allen Rittern Frankreichs gegen den ſtatt⸗ lichen Herrn aus Baiern im Rennen und Ste⸗ chen keiner aufkommen; ſeine Löwenkraft warf jeden Gegner in den Sand. Wie mancher holde II, 9 — 130— Frauenblick belohnte den gewaltigen Mann, wie manches Pfand ſtiller zärtlicher Neigung flog ihm als Preis ſeiner Ritterlichkeit zu! Im Triumph, wie er einſt gekommen war, verließ er als Frank⸗ reichs Retter, als die Blume der Ritterſchaft be⸗ grüßt, das ſchöne Frankreich, das einſt aller ſei⸗ ner Hoffnungen, ſeiner beſten Thatkraft uner⸗ meßliches Feld geweſen; er verließ es, um in die engen Grenzen eines Herzogthums— Ingolſtadt heimzukehren; aber auf dieſem kleinen Fleck konnte er unumſchränkt herrſchen, dieſe engen Grenzen wollte er wieder erweitern, ganz Baierland zu einem gewaltigen Reiche zu vereinigen, wie einſt ſein gewaltiger Ahn, Kaiſer Ludwig gethan. Was ihm aber vor allem andern im Sinne lag, war ſein Recht, ſein gutes Recht! 27* Zweiter Theil. 9* — Herr Kaspar, der Törringer. Wonniges Minneleben flüſterte in Wald und Au; König Lenz hatte ſeine Herrſchaft wieder angetreten, Sonnenſtrahl, Liebespfeil, ſein ſchim⸗ merndes Scepter, ſein mäͤchtiger Zauberſtab, lockte jedes Blümlein aus dem Schooße der Mutter⸗ erde, jedes Blättlein aus den ſchwellenden Knospen der Bäume; über Bach und Wieſengrün ſäuſelten wie Friedenshoffnungen laue Lüftchen; jungfraͤu⸗ lich mild blickte der Himmel auf Baierland herab. Es ſtand eine Burg, gar reich an Ehren, Törring genannt, ein altes ſtattliches Herren⸗ haus, darin ſeit undenklichen Zeiten die beſten Ritter von Baierland aufgewachſen; von den Törringern ging manche ruhmhafte Sage bei Alt und Jung im ganzen Land; von den Törringern wurde um ihrer Tugend, Treu' und Mannbarkeit willen allerwegen geſprochen:„„Wann die Für⸗ ſten von Baiern um Ehre auszögen, müßten ſtets — 134— die Törringer dabei ſein und das Banner voran⸗ tragen.““ Und die Burg ſchaute auch ſo frei und verwegen in's Land hinaus, als trotze ſie Jedem, der den Törringern etwas anderes nach⸗ ſagen wollte. Da ritt am Maiabend Herr Kaspar der Tör⸗ ringer langſam, mit geſenktem Haupte gegen die Burg ſeiner Väter zu. Er gab ſeinem guten Rößlein weder Schenkel noch Sporen, er trabte ſo niedergeſchlagen und finſter, als hätte er etwas heimzubringen, deſſen er ſich ſchämen müſſe. Als er an's Thor kam, ſcholl ihm von innen ſeiner Hunde fröhliches Gebell entgegen, die den guten Herrn erkannten. Bald flog auf dies Zeichen das Thor auf, Herr Kaspar der Törringer ſchwang ſich vom Roß, drückte ſeiner jungen Frau ſtumm die Hand und ſtieß mißmuthig ſeine gewaltigen Fanghunde von ſich, welche freudewedelnd an ihm hinaufſprangen. Beſtürzt über ſein finſteres Aus⸗ ſehen umſchlang ihn Eliſabeth, ſeine Hausfrau, mit zärtlicher Liebkoſung, nahm ihm ſorglich den ſchweren Eiſenhut vom Haupte und fragte ängſt⸗ lich:„Mein Gott, Törringer, was iſt dir heute?“ Die Bracken ließen ſich durch die Unfreund⸗ — 135— lichkeit ihres Herrn nicht ſchrecken, und näherten ſich ihm auf's neue; aber Törringer ſprach trüb und ernſt, als wollte er ihre Freude beſchwich⸗ tigen:„Was ſollt' ihr mir hinfür, ihr meine treuen Hunde? Als ich noch in Ehren und Gnaden ſtand, da war't ihr dem Jägermeiſter was werth und nutz;— jetzt!— Hm! Treue hat ſchlechten Lohn. Wer in dieſen Zeiten ein Mann iſt, dem wär' es gut, er ſähe nie ein Hoflager und bliebe von Herrengunſt fern. Der Teufel hole die Schranzen. Recht iſt Kinderſpiel worden.“ „Ums Himmelswillen,“ fragte Frau Eliſabeth ihren Gatten in Sorgen und Treue,„ſo ſag' doch, was fehlt dir, mein Törringer?“— „Was mir fehlt?“ erwiederte dieſer und lachte zornig in den Bart;„Mir? Ei! Nichts als die Jägermeiſterei, und deren kann ich am Ende auch noch entrathen, obgleich es ſchlecht iſt, einem ohne Grund zu nehmen, was man einem zur Ehre gegeben hat. Unſer Herzog in Landshut will ſelber jagen, das iſt ſeine ganze Fürſtlichkeit. Aber es ſind außer mir noch andere Männer in Baierland, die Pienzenauer und die Maxelrainer, die Gaiskircher, die Laininger und die Frauen⸗ — 136— berger und mein Bruder auf Yettenbach; die wif⸗ ſen von unſerm gnädigen Herrn in Landshut auch zu erzählen. Was denen allen und was mir fehlt? Unſere alten Freiheiten fehlen uns, dar⸗ auf uns ſeit undenklichen Zeiten Brief und Sie⸗ gel gegeben ſind von den Fürſten, und noch mehr als die Freiheiten,— die Freiheit ſelbſt! Hab' und Gut mag uns der karge Herr in Lands⸗ hut nehmen oder ſchmälern; aber an unſere Ge⸗ rechtſame ſoll er nicht mit dem kleinen Finger ſeiner Hand tupfen; das bleibt ihm geſchworen!“ „Ach, Törringer,“ unterbrach ihn die ängſt⸗ liche Hausfrau,„dein wildes Ausſehen erſchreckt mich auf den Tod. Ich bitte dich, Törringer, bekämpfe deinen Zorn als ein Mann, komm' mit in die Stube und laß uns bei'm Abendmahl des böſen Weſens vergeſſen.“ Und mit ſanfter Ge⸗ walt ſuchte ſie ihn während dieſer Worte in das freundliche Gelaß zu ziehen, deſſen ſpiegelblanke Fenſter, mit Tannenreiſig umkränzt, vom letz⸗ ten Schimmer der Adendröthe wiederſtrahlten. „Geh' nur vorerſt hinein, mein trautes Weib,“ erwiederte ihr Törringer etwas milder, „und beſchicke drinnen das Abendmahl, laſſe auch mehr Wein denn gewöhnlich aus dem Kel⸗ ler ſchaffen, denn vielleicht habe ich heute Abend noch Gäſte.“ Hierauf ließ er ſeine Knechte zu ſich treten, richtete einen forſchenden Blick ge⸗ gen den Himmel, und ſprach dann, die Stirn' gerunzelt, zu ihnen:„Ich ſage euch, ihr Leute, wir werden in dieſer Nacht ein gräulich Unwet⸗ ter haben; es ſteht jetzt der Octant vor Neu⸗ mond, und ich wittre, daß der Himmel mit Aufruhr ſchwanger geht und Feuerkinder gebiert, doch laſſet euch nicht beirren, was auch da kom⸗ men möge; denn ich bin im Hauſe und ſag's euch voraus; ducket euch in Kammern und Ställen.“ Ungläubig lachte mancher vom Geſinde heim⸗ lich über des finſtern Burgherrn ſchlimme Pro⸗ phezeihung, und doch gruſelte es manchem vor den ernſt und beſtimmt ausgeſprochenen Worten des Törringers, wie er mit ſo finſterm Blick ge⸗ gen den wolkenloſen Abendhimmel ſah; denn ſie wußten, daß ihr gewaltiger Meiſter in einem alten Thurm des Schloſſes oft bei Nacht geheime Kunſt trieb, und rings im Lande ſprach man mit Scheu, daß Herr Kaspar Zauber verſtünde. Das Geſinde entfernte ſich, der Törringer — 138— zog ſeinen alten Thorwart bei Seite und raunte ihm heimlich zu:„Marx, ſei heute Nacht wach⸗ ſam am Pförtlein; es werden Gäſte kommen, die ihre Pferde draußen im alten Schoppen vor der Ringmauer anbinden. Davon laß Jeden ein, der dir die Loſung bringt:„Wir wollen's haben,““ und weiſe ſie in den alten Thurm, wo ich mit den Sternen und Büchern Zwieſprach halte. Und was du etwa ſehen und hören möch⸗ teſt, Alter, dabei ſage ich dir, es iſt für dich und für keinen andern; ich will: du ſollſt gar nichts hören, und deine Zunge haſt du von Gott dem Herrn nicht zum Weiterreden be⸗ kommen. Gott befohlen, Marx.“ Der Alte verſtand den Auftrag ſeines Herrn und ging in ſein Haͤuschen am Thor. Der Tör⸗ ringer begab ſich hierauf zu ſeiner Hausfrau in die trauliche Eßſtube, deren Eſtrich mit feinem weißen Sand überſtreut und an der Schwelle mit grünem Tannenreiſig bedeckt war. Auf dem Tiſche harrte des Hausherrn ſchon das würzig duftende Nachtmahl und in blanker Kanne der Labungstrunk. „Nein, Törringer,“ begann nach einem lan⸗ —— ——— —j—-— — 139— gen drückenden Schweigen Frau Eliſabeth,„ich kann dich nicht länger mehr ſo anſehen; ach Gott! haſt von Landshut her ſo einen weiten Ritt gemacht, und ſchiebſt den Teller nach dem erſten Biſſen zurück?!“ „Mir iſt der Hunger vergangen,“ ſprach der Törriger kurz ab. „Ach nein, das kann's nicht ſeyn,“ fuhr Frau Eliſabeth beſorgt fort;„gewiß iſt ein Fie⸗ ber oder ſonſt eine Krankheit bei dir im Anzug. Du darfſt mir nichts verhehlen; ich bitte dich herzlich, ſag; mir: was iſt dir?“ „Nun, du mein gutes treues Weib,“ erwie⸗ derte ihr Törringer nach einigem Bedenken,„ſo will ich dir's auch ſagen, was ich vorhabe. Hoff's zu Gott: es wird nicht lang mehr anſtehen, daß es ja vor aller Welt offenkundig ſei. Der Her⸗ zog in Landshut iſt mir und vielen ehrenhaften Leuten ein gar ungnädiger Herr geworden. So lange er noch in mindern Jahren war, gab es ſchier in allen deutſchen Landen keinen ſo ver⸗ ſchwenderiſchen Fürſten als ihn, und auch damals ſchon keinen, der ſich aus Hab' und Gut und Leib und Blut ſeiner Leute minder ein Gewiſſen — 140— gemacht haͤtte, denn er. Wann war's doch?— Anno?—— ganz recht, Anno: acht, da ritt er, ich weiß es wie heute, leichtfertig nach Regens⸗ burg zum Turnier, während ſeine Räthe daheim in Landshut ein furchtbar Blutgericht hielten, daß ihrer ſchier an die funfzig den Kopf oder die rechte Fauſt oder beide Augen durch den Nach⸗ richter verloren, andere ſchmählich aus der Stadt gebannt wurden und ihr ganzes Hab' und Gut büßen mußten. Darauf ging er freilich ei⸗ nes Tags in ſich, als er aus ſeinen Kiſten und Kaſten für neue Schelmereien Geld heben wollte und alle Säaͤckel leer fand; ſein ganzes Herz war ihm verwandt, er focht etliche Jahre lang im Dienſt der deutſchen Herrn wider die Po⸗ lacken, und als er heimkam, ſtellte er ſich gar wohl an, ſäuberte das Land von Strolchen und Gaunern, daß man ſchier ſagen darf: ein Kind⸗ lein kann auf unſern Straßen mit vollen Geld⸗ ſäckeln ungefährdet gehen; aber was im Anfang löbliche Tugend bei ihm geweſen, die Sparſam⸗ keit, die iſt nun, da ſie über's Maaß geht, gar ein unfürſtlich Laſter geworden, daß man keinen Wucherer finden kann, der es ihm jetzt an filzi⸗ —— —,—.,— — 141— gem Geiz gleich thäte.— Dabei wollt' ich ihm nun noch nicht widerſprechen, daß er mir ohne allen Grund mein Hofamt genommen, und kann mir doch nichts zur Unehre nachſagen; aber er ſtellt ſich an, als wollt' er gerecht ſein wie Kö⸗ nig Salomo, und wird ſo ungerecht, daß es nicht mehr zu dulden iſt. Wenn einer aus dem Volke zu ihm kommt und verlangt ſein Recht, ſo iſt er gar eilig, es jedem Gemeinen und Nie⸗ dern zu ſchaffen. Aber eben ſo raſch iſt er bei der Hand, uns Herrn vom Adel die alten Ge⸗ rechtſame unter nichtigem Vorwand zu nehmen; das macht: er will herrſchen und thät' uns gar zu gern mit Stumpf und Stiel ausrotten. Im Anfang, als er ganz gelinde und ſacht— nicht meine, ſondern vorerſt meiner guten recht⸗ ſchaffenen Geſellen und Freunde Freiheiten und Gerechtſame zu wenden, und zu drehen und zu bezweifeln, und zu beſchneiden Luſt bezeigt, bin ich, der ich nichts lange auf dem Herzen haben kann und der ich Alles vertrage bis auf's Un⸗ recht, zu Landshut frei und aufrichtig vor ihn hingetreten, und habe ihm geſagt:„„Gnädiger Herr, das will nicht gut thun, wenn Ihr den — 142— Adel an ſeinen Freiheiten verkümmert; wir ſind Euch allezeit ehrlich und treu geweſen, und hät⸗ ten vielmehr das Recht, daß Ihr uns ſchützen und verfechten ſolltet, wofern jemand fremder Unbilliges wider uns handelte.““ Darauf gab er mir zur Antwort:„„Ich kenne euch Alle, und weiß recht gut, wer von beiden, dem Volk oder dem Adel, es rechtſchaffen mit mir meint; und darnach will ich auch meine Gerechtigkeit beſtellen.“% Da ſprach ich hinwieder:„„So ſagt mir eins, mein gnäͤdiger Herr; wenn Ihr Gerechtigkeit üben wollt, ſo müßt Ihr beide Augen aufthun und beide Ohren, damit Ihr nicht die eine Partei allein ſehet und hört. Und wenn Ihr dem Volke Recht ſprecht, warum gebt Ihr dem Adel Unrecht, ohne daß Ihr ihn an⸗ hören wollt? Und warum ſoll der Adel ſchlech⸗ ter ſein als das Volk? Ich will nicht das vor⸗ rechnen, was unſere Vaͤter gethan haben, denn das hieße von fremdem Gut gewuchert; aber ich möchte Euch fragen, ob wir denn ſchlechter ſind als unſere Väter?!““ Darauf blieb er mir die Antwort ſchuldig, und biß ſich in die Lippen, weil er beſchämt war; es that mir im Herzen — 143— leid, daß ich ihn dahin gebracht; es ärgert mich allemal für den andern, wenn ich ſehe, daß der Mann ſich ſchämen muß. So ließ ich's für etliche Tage gut ſein. Als er aber nach einiger Zeit nicht abſtand, meinen guten Geſellen und Freunden, einem nach dem andern wieder an ih⸗ ren Freiheitsbriefen zu ſchnitzeln, trat ich noch⸗ mals vor ihn und ſagte ihm auf gut Deutſch: „„Gnädiger Herr, das geht nicht alſo! Unſer Recht, das ſollt Ihr uns laſſen ſtehn und blei⸗ ben; die Ritterſchaft vom niederbaieriſchen Land iſt kein geduldig Lamm, das ſich ſo gar leicht ſchee⸗ ren läßt; ich rath' Euch in Treue, ſeht Euch für, ihrer etliche darunter ſind Bären und haben gar ſcharfe Tatzen.““ Jetzt wurde Herr Heinrich ganz blaß vor Zorn, und gab mir zur Antwort: „„Törringer, Törringer! Ich hab' Euch lang geduldig angehört, aber mißbraucht meine Lang⸗ muth nicht. Wollt Ihr mir's wehren, wenn ich die vielen Junker an meinem Hoflager nicht mehr leiden mag? Was kümmert Ihr Euch um Dinge, die Euch ſelber gar nichts angehen?““— „„Mein gnädiger Herr,““ verſetzte ich ihm, (es ſtieg mir ſiedheiß auf)—„„Ihr mögt wider — 144— mich handeln wie Ihr wollt; ich werde meines Theils wider Euch handeln, wie ich muß. Aber, mögt Ihr auch mich um keines Dickpfennigs Werth verkümmern, und ſchadet Ihr doch mei⸗ nen guten Geſellen und Freunden, ſo werde ich mich ihrer mit Wort und That annehmen.“““ Jetzt ſchoß dem filzigen Herzog der Zorn los. „„Törringer!““ hub er an, wider mich zu ſchelten,„„ich ſehe: Ihr ſeid nicht beſſer als die andern, und ich will euch Allen zu koſten ge⸗ ben, wer Herr im Lande iſt, ich oder Ihr. Mein oberſter Jägermeiſter ſeid Ihr— geweſe n, ich bedarf Eurer nicht mehr, und will, daß we⸗ der Ihr, noch ein anderer von Euren guten Freunden je wieder mir vor Augen komme; und was Eure ſogenannten Freiheitsbriefe betrifft, davon begehr' ich in alle Ewigkeit nichts weiter zu hören.“— Herr Gott! mußt; ich mich damals zuſammen nehmen, daß mir kein unrech⸗ tes Wort wider unſern Herrn entfuhr!„„Gnä⸗ diger Herr,“, ſprach ich nach einer kleinen Weile,„„es iſt mir ein Ding, wer bei Euch ein Hofamt trägt, ich oder ein anderer; aber ſo Ihr meine Gerechtſame angreift, werd' ich mich V — 145— zu wehren wiſſen; das ſag' ich Euch für ge⸗ wiß.“ Und nun wandt' er mir den Rücken, ließ mich vor Pfaffen und Laien, die bei der Hand waren, wie einen albernen Jungen ſtehen, und ging ſeines Weges.— Nun ſag' mir, Eliſa⸗ beth, ſoll ich wohl die Hände in den Schooß le⸗ gen, und zuſehen, bis er mir einmal die Burg berennt, und dich, und wenn uns Gott Kinder ſchenkt, auch die noch demüthigt? Nein, bei meinem Ahnherrn Seitz, den der römiſche Kaiſer auf der Tiberbrücke zum Ritter ſchlug, ich will ſchaffen und ſorgen, daß er uns kein Pünktchen in unſern Briefen wegdeuteln oder fortſtreiten ſoll. Deswegen hab' ich beſchloſſen, daß ſich alle, die durch den Herzog Unrecht leiden, recht⸗ ſchaffen zuſammenthun und in offnen Bund tre⸗ ten mögen. Ich will gar kein Einzler mehr ſein; was Alle leiden, dem mag ich mich nicht entziehen, und will unſre Sache durch⸗ fechten helfen, wenn's Noth thut, bis vor Kaiſer und Reich.“ „Heiliger Gott,“ entgegnete ihm Eliſabeth bang,„Törringer, laß die Andern ihre Sache ſelbſt abthun. Ach, wenn es zum äußerſten II. 10 — 146— kömmt, wird doch keiner von dir was wiſſen wol⸗ len, und du mußt dann die Schuld Aller büßen.“ „Schweig',“ verſetzte ihr raſch und heftig der Törringer,„das ſind Männerſachen, von denen das Weib nichts verſteht. Ein Ehren⸗ mann ließe den andern ſitzen? Ein deutſcher Ritter, der nichts begehrt, als lediglich gutes Recht, ſollte, verwaiſt von allen ſeinen treuen Geſellen, erliegen müſſen? O pfui! ſo was zu denken, hieße ſchier nichts andres, als dem eh⸗ renhaften Vaterland ſelber einen Schandfleck an⸗ heften.“ Er ſchwieg ein paar Augenblicke und lehnte ſich nachdenklich über den Tiſch hin, das erhobene Haupt auf die rechte Hand ſtützend. Es war völlig dunkel geworden; ein ſcharfer Wind pfiff durch den Hof und ſchütterte, als wollte er den ganzen uralt feſten Bau der Tör⸗ ringsburg niederwerfen, wider die klirrenden Fen⸗ ſter.„Schau, mein trautes Weib,“ begann der Törringer wieder,„es iſt ſo beſtellt im großen Haushalt der Natur, daß nichts für ſich allein beſtehen kann. Die Sterne droben am Himmel, aus denen Gutes und Böſes zu leſen iſt,— ſo viele Hunderttauſende ihrer ſind, ſie halten feſt an —,.— — — 147— einander durch göttliche Magie; jeder bleibt im ungeheuren Raume durch die innere Magnetkraft des andern ſchwebend und erhält durch ſeine eigne die andern. Sie müßten alle fallen, wenn ei⸗ ner fallen ſollte; ſelbſt die widerſtrebenden Pla⸗ neten,— Mars und Venus, Jupiter und Saturn halten einander aufrecht; es iſt keiner ſo klein und keiner ſo groß, der jünger oder älter wäre als ſeine Brüder, oder ſchwächer noch ſtärker. Und aus den Sternen iſt nicht allein des Men⸗ ſchen Horoscop zu ſtellen; ſie wirken als Vor⸗ bilder auf uns herab und in uns hinein, daß die Freiheit durch Treue uns anerſchaffen iſt; jeder hält den andern und doch geht jeder ſeine eigene Bahn. Das iſt das Myſterium des Makrokosmus, deſſen Spiegel der Menſch als Mikrokosmus iſt.“ „O ſprich nicht von dieſen geheimen Din⸗ gen,“ unterbrach ihn Eliſabeth;„mir grauet ſtets, wenn dir ein ſolches dunkles Wort ent⸗ fährt, und ich weiß mich vor Angſt nicht zu faſſen, wenn ich dich bei Nacht leiſe die Wendel⸗ treppe des alten Thurmes hinanſteigen höre, wo du unter wunderlichen Inſtrumenten aus räthſel⸗ 10*△ — 148— haften Büchern lieſeſt und verrufene Kunſt treibſt. Ach, wann wirſt du meine treue Warnung end⸗ lich einmal zu Herzen nehmen, daß dieſe Dinge des Menſchen Verderben ſind? O wüßteſt du, wie oft ich heimlich zur heiligen Jungfrau in⸗ brünſtig bete, daß dein Sinn und Herz ſich end⸗ lich von dieſem gefährlichen Spiele abwende!“ „Mein gutes Weib,“ entgegnete ihr der Tör⸗ ringer treuherzig,„ſo hat auch dich die Narre⸗ thei des Volkes angeſteckt, das mich als Schwarz⸗ kuͤnſtler verketzert, weil ich gern in die Wiſſen⸗ ſchaft hineinſtümpern möchte?! Geh', bringe Licht, und zünde dann auch das Lämpchen vor dem Muttergottesbilde an; wir wollen davor beten, aufdaß der Herr meinem Beginnen ei⸗ nen guten Ausgang ſchenken möge.“ Die Hausfrau ging und kam mit Licht wie⸗ der. Als auch das Lämpchen angezündet war, kniete der Törringer vor dem alten Muttergottes⸗ bilde, welches ſein gewaltiger Ahnherr Seiz einſt aus Rom mitgebracht hatte und betete andächtig alſo:„Heilige Mutter der Gnaden, höre mich und bitte für mich bei deinem göttlichen Sohn, der für uns alle am Kreuze geſtorben iſt, daß — 149— er, wofern es auch ſein Wille, mich ſchützen möge und bewahren bei dem rechtſchaffenen Werk, das ich in meiner Einfalt mir fürgeſetzt. Siehe, allmächtiger und allgütiger Gott, ich will nichts weiter gewinnen, als mein gutes Recht für meine Freunde und mein Weib. Du haſt uns Men⸗ ſchen ja alle frei geboren werden laſſen und kei⸗ nen Unterſchied gemacht zwiſchen uns; ſo laß uns denn auch, wenn's auf's äußerſte kömmt, frei ſterben, als ehrliche Geſellen, frei, wie du uns geſchaffen haſt. Und in Noth und Tod hilf du uns aus; dir befehl' ich mich, mein Weib und meine Freunde, Amen!“ Eliſabeth hatte ſtill betend neben ihm gekniet, aber der Inhalt ihrer Bitten war ein anderer; ſie betete, daß Gott den Frieden wieder herſtel⸗ len und erhalten möge, und durch den Frieden ihren guten theuren Herrn, für welchen ihr na⸗ menlos bangte. Der Törringer erhob ſich, durch das ſchlichte herzliche Gebet in ſeinem feſten Vertrauen auf Gott und die gute Sache beſtärkt, von den Knieen, drückte ſeiner Hausfrau die Hand und ſprach:„Ich habe dir ſchon geſagt, herzliebes — 150— Weib, daß ich heute Nacht Gäſte erwarte. Geh, hilf mir denn ein paar Kannen Bier's und Wein's in das untere Gelaß des ſogenannten verzauber⸗ ten Thurmes ſchaffen, vor dem dir ſo graut. Ich will davon dem Geſinde vor der Zeit nichts zu wiſſen thun, obgleich unſer Werk den Tag nicht zu ſcheuen braucht, und auch binnen kur⸗ zem ehrlich an den Tag kommen ſoll. Dir aber mach' ich kein Hehl. Wiſſe: es kommt mein Bru⸗ der Wilhelm mit den andern, die unſer gnädiger Herr an Rechten und Freiheiten geſchädigt hat, und wir wollen uns zuſammen beſprechen, wie dem Unweſen ein Abkommen zu treffen iſt.“ Schweigend half ihm die treue Hausfrau die Kannen in den Thurm bringen; das Werk von dieſer Nacht lag ihr ſchwer auf dem Herzen. Frauen zittern um ſo mehr vor großen Wagniſ⸗ ſen der Männer, je ſtandhafter und ruhiger ſie das Unglück, wenn es wirklich eingetreten, zu tragen vermögen. An der Schwelle des Gemaches reichte der Törringer ſeiner Hausfrau nochmals die Hand und bot ihr herzlich gute Nacht. Da konnte ſie's nicht länger verhalten, ſchmiegte ſich weinend an ſeine Bruſt, und rief:„Ach, Tör⸗ — — 151— ringer! Muß es denn ſein? Denk' auch an mich!“ „Eben, weil ich an dich denke,“ erwiederte er ihr bewegt,„thu' ich's um ſo freudiger.“ Da riß ſie ſich los und ging.— Draußen tobte das furchtbare Unwetter; Blitze fuhren die kreuz und die quer; laut zuſammen ſchmetternd, dumpf nachgrollend regte ſich der Donner wie ein im Schlafe geſtörter Rieſe; aus allen Schleuſen des Himmels ſchoßen Regen⸗ ſtröme, ungeſtüm, wie der Zorn oder die Ver⸗ zweiflung eines Volkes. Der edle Törringer ſaß in ſeinem Thurm und ſann, wie ein Seher, der Zukunft. Wohl umlagerte auch ſein geiſtiges Auge die Nacht der Gegenwart; aber ſein männ⸗ licher Wille durchbrach ſie ſiegreich und ſchwang ſich dem Morgenroth der Freiheit zu, welches dahinter lag. Das Geſinde glaubte nicht anders, als daß der jüngſte Tag im Anzug ſei und das wilde Heer den Burgfrieden Törrings mit Hufſchlag und Holtergepolter durchſchwärme. Der Thor⸗ wart wußte es beſſer, obgleich auch er, ein alter Mann, der ſich faſt ſeit ſeiner Kindheit keines — 152— ſolchen Unwetters erinnern konnte, vor dem Sturm und Regen, vor Schloßen und Blitz, Sturm ſich bekreuzte und den Wetterſegen zitternd vor ſich hin betete. Da geſchahen Schläge an's Thor, der Alte fuhr auf und fragte durch's vergitterte Guck⸗ loch hinaus um die Loſung.„Wir wollen's haben,“ erging draußen die Antwort; da ſchloß er das kleine Pförtlein auf, und ließ die Herren herein. Es kamen, zu verſchiedener Zeit, bald hinter einander, Herr Wilhelm der Törringer von Yettenbach, und die Pienzenauer, und ein Frauenberger, drei Leininger, und die Gaiskircher und Maxelrainer. Der alte Marr führte ſie in den Thurm zu ſeinem Herrn. Als ſie Alle beiſammen waren, ſo viel ihrer Herr Kaspar der Törringer erwartet hatte, reichte er ihnen den Willkommstrunk und hub dann alſo zu ſprechen an:„Ihr guten Geſellen und Freunde, ich bin kein Meiſter in langen und ſchönen Wor⸗ ten; deshalb laßt mich Euch hier auf meiner ſichern Burg, wo wir uns zuſammen gethan ha⸗ ben, kürzlich vorſprechen, was mir das Beſte dünkt, und hat einer was dawider, oder weiß er was Beſſeres und Klügeres, der ſag' es.“ * — 153— „Kaspar,“ erwiederte ſein Bruder Wilhelm, „du biſt der rechtſchaffenſte Rittersmann in ganz Baierland, und Gott hat dich noch mit beſonderen Gaben verborgener Kunſt erfüllt; das wiſſen hier alle; drum ſprich, und was du uns räthſt und vorſchlägſt, das wollen wir mit gutem Willen und ehrlich thun.“ „Nun denn,“ begann Herr Kaspar auf's Neue,„ſo hört mich an, ihr guten Geſellen und Freunde. Ihr wißt, und ſeid durch Schaden 4 klug geworden, was unſer Herr in Landshut wi⸗ der die Ritterſchaft gethan, und noch zu thun vor⸗ hat. Wüßten wir's nicht durch uns, wie unbillig und unrecht er handelt, wir könnten's an ſeinem Vetter in Ingolſtadt, Herrn Ludwig im Bart, klärlich ſehen. Unſer Herr ſteift ſich auf ſeine Verwandſchaft mit dem Burggrafen von Nürren⸗ berg, und auf ſein Gewicht bei Kaiſers Majeſtät, worein keine Wahrheit noch Treue iſt. Hat ſich doch der Kaiſer nicht geſchämt, in Koſtnitz wie ein ſchlechter Schächer ſein Ehrenwort an den zween weiſen Meiſtern aus Böheim, Huß und Hieronymus zu brechen; ſicher Geleit war ihnen verſprochen, und der Scheiterhaufen, worauf man — 154— ſie als Ketzer verbrannte, giebt Zeugniß, wie ein Kaiſer ſein Wort hält. Gott ſei es geklagt, Falſchheit und Hinterliſt und Wirrſal an allen Ecken und Enden ſpannen ein Netz aus, nicht über unſer Baiern allein— Herr Gott, über das ganze deutſche Land, ſeit der Zeit, als der edle Fürſt aus Wittelsbachiſchem Blut, Kaiſer Ludwig geſtorben iſt, den man im Grabe noch nicht ſchö⸗ ner nennen kann, als den Baier, ſeit der erſte Luxemburger den Zwitterſtamm von böhmiſcher Dickköpfigkeit und wäliſcher Zungendreſcherei auf* die heilige Erde von Renſe pflanzte. Groß und klein hält ſauber zuſammen, um alle Mannbarkeit nach und nach auszureuten; ſie ſagen, ſie wollten dem Volk ſein Recht ſchaffen, da ſie den Adel niederdrücken, aber's iſt eitel ſchlechter Vorwand für ein ſchlecht Geding. Sie wollen den Adel zu nichte machen, und die Städter dadurch kirre, bis der Bürger in ſeinen Mauern unvermerkt den— Kerker hat. Recht iſt feil geworden. Die Mark Brandenburg war einſt Wittelsbachiſch Gut und ging nur durch die Zwietracht der Fürſten ver⸗ loren; der Herzog in Ingolſtadt, ein gar mann⸗ hafter Herr, hat das nähere Kaufrecht dran und ſprach jetzt bei kaiſerlicher Majeſtät um den Wie⸗ derkauf. Aber kaiſerliche Majeſtät verkauft ſie dem Burggrafen von Nürrenberg für ſo ein Spottgeld von 400,000 ungariſchen Gulden, daß jedes Bäuerlein darüber lachen und ſagen muß, es ſind damit nicht einmal die Glockenſeile der märkiſchen Kirchen bezahlt. Und wie im Großen ſo im Kleinen. Derſelbe Herr von Ingolſtadt mag von unſerm gnädigen Herrn in Landshut nicht durch Bitten noch Rechtsbriefe, durch nichts din der Welt Zahlung der alten Schuld erlangen. Dabei mag unſer gnädige Herr freilich leicht ſpar⸗ ſam ſein können. Das alles, was Ihr ſelber wißt, ſag ich euch hier blos, um ein Beiſpiel zu geben, von dem, was ſchon geſchehen iſt, damit Ihr euch bei Zeiten nach dem fürſehen möget, was annoch kommen wird. Nein, es ſoll aber nicht länger ſo getrieben werden, und wir wollen's haben, was wir haben ſollen. Wider die Gewalt frommt nichts als Einigkeit. Haben zum Bei⸗ ſpiel nicht auch die fürſtlichen Herren in Mün⸗ chen, Landshut und Neumarkt ſich verbunden, den Pſittig zu tragen, und ſich auf vier Jahre gegen — 156— alle vereinigt, mit Ausnahme der Pfalz, des Burggrafen von Hohenzollern und des Königs von Böheim? Sie haben's gethan, weil das böſe Gewiſſen ſie drückt. So wollen denn auch wir uns zuſammenthun, aber mit gutem Gewiſ⸗ ſen, ehrlich nach unſern Rechten und Frei⸗ heiten, und, aufdaß wir ſie nicht verlieren mö⸗ gen. Nichts heimliches ſoll ſein, das bringt böſe Aernte; offen laßt uns dem Feind entgegen tre⸗ ten, der, Gott ſei's geklagt!— uns kein gnä⸗ diger Herr mehr ſein will. Laßt uns, das iſt für heute mein Rath,— von heut an über vierzehn Tagen, als am fünften Juni, nochmals zuſammen kommen, und bringe dann Jeder noch die vom Adel oder von den Städten mit, denen auch ihr Recht verkümmert wird, daß wir die Artikel des Bundes niederſchreiben, und die Urkund feierlich zu unſern andern Ritterſchaftsbriefen legen; es wird dies, wo mir recht iſt, der ſechs und zwan⸗ zigſte Freiheitsbrief ſein, und einer, den man uns nicht ſchenkt wie dem Bettler ein Stück Brod, ſondern einer, den wir bezahlen wollen mit unſerm Leib und Blut. Nun, ihr meine guten Geſellen und Freunde, ſeid ihr deſſen zufrieden, und Alle im Einverſtändniß?“ „Das ſind wir, Törringer,“ erwiederten Alle; der Maxelrainer nahm für ſich allein das Wort, und ſprach:„Hört, ihr lieben Herren! Ich dächte: noch eins könnte unſerm neuen Bunde erſprießlich ſein. Wäre es nicht gut, wenn wir auch den Herrn von Ingolſtadt, des Landshuters alten Feind einlüden, uns beizutreten?“ * Die Gaiskircher und Leininger ſtimmten ihm bei, aber Kaspar der Törringer ſchüttelte nach⸗ denkend und mißbilligend das Haupt. „Es iſt ein mannhafter Herr,“ fuhr der Maxelrainer fort,„der Herr Ludwig im Bart, der Ritterſchaft zugethan, reich an Gut und Schlöſ⸗ ſern, und gar gewaltigen Anſehens in Frankreich, als deſſen Geſandter er nächſtens auf das Concil gen Koſtnitz fahren wird; zudem reizt auch ihn der karge Herr in Landshut mit ſammt ſeinem Schwager, dem neuen Churfürſten von Branden⸗ burg faſt ſtündlich durch neue Unbill.“ „Das iſt alles wahr,“ verſetzte der Törrin⸗ ger, die Stirne runzelnd;„aber doch möͤchte ich — 158— nicht gern, daß der Fürſt in unſern Bund träte.”“ „Und warum denn nicht?“ entgegnete ihm der Maxelrainer,„iſt Herr Ludwig im Bart nicht gewandt in allen feinen Sitten, Manieren und Liſten des Hofes, ehrliebend, kriegskundig? Dul⸗ det er, wie geſagt, von Heinrich nicht auch Un⸗ recht? Ich meine, der ſollte uns eine tüchtige Stütze werden.“ „Und ich meine:“ ſprach der Törringer hin⸗ wieder,„wir beduͤrfen keiner fremden Stütze, ſo lange wir ſelbſt noch Mark in den Knochen und die Arme am Leib angewachſen haben. Ich ſchätze und ehre ihn, als einen trefflichen Herrn, und mag ihm ſein Recht gerne gewinnen helfen; aber laſſet uns unſer Recht ſelber gewinnen. Für's erſte frommt es nicht und bringt keinen Segen, ſich auf ſolche hohe Herren zu verlaſſen; für's tweite möchte er uns, die wir blos für unſere Freiheiten auftreten wollen, aus Freunden gar leicht zu Knechten machen; und für's dritte, wenn wir ihm dann dienten, käm's viel⸗ leicht— wer kann das vorſehen?— zu einem u,—— — 159— ſchlimmen Handel im Vaterland, daß Bürger wider Bürger und Brüder wider Brüder kämpfen müßten! Und das thät' mir blutig leid im Her⸗ zen⸗ Wer ſich nicht ſelbſt zur größten Stütze hat, dem wird keine helfen. Nein, ihr meine Freunde, laſſet nur uns feſt und einig bei ein⸗ ander bleiben und ausharren, brächte uns dies Vorhaben auch in Jammer und Noth; laßt uns lieber den Geiſt aufgeben, als unſer Recht. Denn das Leben iſt flüchtig wie ſchattige Wolken, die am Himmel ziehen, aber ſo unveränderlich, wie dort die Sterne, ſteht leuchtend für ewige Zeiten das Recht. Ich, wie ihr mich ſeht, und wie ihr mich kennt, und ob ihr bei mir bleibt oder mich verließet(was ich nie glauben kann), ich habe mir vorgenommen, nicht zu weichen, und ich werde thun, was ich als frommer Rittersmann meiner Ehre, meinem Weibe, und wenn mich Gott heſchenkt, meinen Kindern ſchuldig bin.“ Da ſtanden des Törringers Freunde alle auf, legten ihre Hände in die ſeinige, und gelobten, nicht von einander zu weichen. Darauf ernann⸗ ten ſie ihn zum Hauptmann des Bundes und be⸗ — 160— ſchloſſen, am 5. Juni die erſte feierliche offene Zuſammenkunft zu halten, um vier bis ſechs Ausſchüſſe zu bilden, welche den Streit mit Herrn Heinrich— für's erſte, und, ſo lange es anginge,— in Glimpf und Güte vermitteln ſollten. Mitternacht war vorbei, als die Verbündeten des Törringers Schloß eben ſo heimlich verließen, als ſie dahin gekommen waren. Das Unwetter ließ etwas nach. Herr Kaspar der Törringer beſtieg das höhere Gelaß des Thurmes und brachte den Reſt der Nacht bei ſeinen alten Geſchriften, Horoskopen und wunderlichen Inſtrumenten zu. — 161— Der Fürſten Zwiſt zu Coſtniz. Herr Ludwig im Bart hatte gar bald von dem Bunde der Baieriſchen Ritterſchaft gegen ſeinen verhaßten Vetter Kunde erhalten, ſah ihre wachſende Macht mit Freuden und ſuchte mehr als einen von ihnen, durch allerlei Gnaden zu gewinnen. Bald ſchloſſen ſich Städte und Märkte an den aufblühenden Bund, welcher der Willkühr des Fürſten zum Damme wurde; denn der Tör⸗ ringer und ſeine Freunde ließen es nicht bei lee⸗ ren Drohungen bewenden; ihre Worte waren Thaten, ſtatt daß jetzt alle Heldenſtreiche nur in Worten geübt werden, und noch dazu nicht ein⸗ mal in freien und lebendigen, ſondern auf Papier, in biſſigen, falſchen, zweideutigen, die von einem Lande zum andern geſendet werden. Wer möchte ſich die Thorheiten oder die Barbarei, oder die Pfaffengewalt und ſo manches andere Unheil ver⸗ gangener Zeiten zurückwünſchen? Aber Männer II. 11 — 162— möchte man ſich zurückwünſchen in dieſe jüngſte Zeit der Prahlhänſelei, Männer, wie unſere Vä⸗ ter waren, mit unvergifteten Knochen, mit ſtar⸗ ken treuen Herzen. Herr Ludwig im Bart hatte ſich durch ſein leutſeliges Weſen mit leichter Mühe Manchem werth gemacht, ſeine Macht galt was im Lande, wer um Unrecht flüchten mußte, wen der karge Heinrich verbannte, dem ſchloß er freudig ſein Ingolſtadt und die Thore ſeiner feſten Schlöſſer auf. Das ermuthigte viele. Sie kamen zu ihm, wie zu einem Schirmherrn und Anwalt; viele freilich wurden durch ſeinen Schutz verwegen und trotzig, ſchickten dem Landshuter Abſage⸗ briefe, brachen den Frieden des Landes und ver⸗ heerten hie und dort des Feindes Beſitzthümer. Bald mochte der friedliche Kaufherr und Krämer nicht mehr ungefäͤhrdet ſeines Weges ziehen, denn ſtets büßen die Kleinen den Zwiſt der Großen. Nun hob ſich Noth und Klage im Land. Und ſo iſt es immer, wenn um das Recht gehandelt wird, daß das Unrecht als Troßknecht ſich mit einſtellt und die gute Sache verderben hilft, oder wenigſtens gar bald verdächtig macht. Herr — 163— Ludwig im Bart aber hatte zu Ingolſtadt ſein Behagen dran, wenn er hörte, daß ſeinem bös⸗ willigen ſparſamen Vetter neu geſchädigt ward, und auch dieſer höhnte und neckte ihn auf alle Weiſe. Da beſchloß endlich Ludwig, der langen Bremſenfehde müde, vor den Kaiſer Siegmund ſelbſt zu treten, welcher in Coſtniz die Kirchen⸗ ſpaltung und den Streit dreier Päbſte um die dreifache Krone beendigen helfen wollte. Mit zweihundert Pferden zog Ludwig nach Frankreich an den Hof ſeiner Schweſter Iſabelle, welche ihn als Vaſallen ihrer Krone ſchon früher zum Geſandten am Concil ernannt hatte. Ludwig brachte den Winter in Paris zu, wo ſich Iſa⸗ belle, durch den ſtolzen Grafen von Armagnac tödtlich beleidigt, an deſſen und ihren eigenen alten Feind, den Herzog von Burgund ange⸗ ſchloſſen, und, wie eine Circe, dieſen durch alle wonnigen Rechte, welche ſie früher dem Herzog von Orleans eingeräumt, gänzlich umſtrickt und bezaubert hatte. Jetzt erfüllte ſich freilich, wie durch einen Spott des eigenſinnigen Schickſals, jener Eid, den Ludwig und Burgund einſt zu 11* — 164— Chartres auf das Evangelium geleiſtet! Und durch denſelben Spott der waltenden Vergeltung war dieſer ſtolze Burgund, dieſer unbeugſame Tyrann, zum Knecht eines Weibes herabgeſun⸗ ken, in welchem der blinde Parteihaß ſogar das Gefühl der Mutterliebe erſtickte, nachdem er die Scham längſt ausgetilgt hatte;— weil ihr Sohn, der Dauphin, ſich an ihren Feind, den gewal⸗ tigen Grafen von Armagnac, anſchloß, erklärte Iſabelle ihn des Kronrechts verluſtig und ver⸗ band ſich offen wider das Vaterland mit Frank⸗ reichs altem Feind, Engelland, deſſen löwen⸗ kühner junger Herrſcher Heinrich der Fünfte an jenem heißen Tage von Azincourt(der blos von franzöſiſchen Edelleuten— achttauſenden das Leben gekoſtet) Frankreichs Lilien für im⸗ mer zu knicken gedroht hatte. Auf Ludwig im Bart richteten ſich während des verhängniß⸗ vollen Winters von 1416 auf 17 zu wiederholten⸗ malen die Hoffnungen beider Parteien, die bange Erwartung des ganzen unglücklichen Landes. Nicht wenig ſchmeichelte es ſeinem Stolze, Iſa⸗ belle und Burgund, wie anderſeits den Dau⸗ phin und die Partei der Orleaniſten um ſeine ——— 4 3 * 3 — — 165— Gunſt buhlen zu ſehen! Mit innerlichem Spott verſchenkte er hie und dort jene Münze, die in Frankreich ſo häufig zu finden, ſchöne Worte, ſo klangvoll, weil ſie ſo leer waren. Es dünkte ihm ein luſtiges Spiel, und deshalb wendete er ſich keiner Partei ernſtlich zu. Auch lag ihm immer ein anderer Gedanke zu lebhaft in der Seele, vor Kaiſer Siegmund den böſen Zahler Heinrich ernſtlich zu mahnen; er war ſich ſeiner guten Sache ſo gewiß, daß er bereits in dem Gedanken des Triumphes ſchwelgte, den er in Gegenwart aller Fürſten des römiſchen Reiches über dieſen filzigen Herzog von Landshut davon tragen würde. Zu Ende März des Jahres 1417 reiſte er von Paris mit einem ſtattlichen Gefolge nach Coſtniz, welches in jener Zeit wie die Haupt⸗ ſtadt der chriſtlichen Welt anzuſchauen war; denn es waren auf jener engen Stelle, wo der Rhein aus dem Bodenſee in ſanfter Krümmung ſich vorbei windet, um den Unterſee zu durchſtrömen, ſeit einigen Jahren bereits zahlloſe Geſandte von Fürſten und Herren, von Städten und Hoch⸗ ſchulen, die vornehmſten Meiſter und Hirten der — 166— chriſtlichen Kirche und die beſten Edelleute aus Welſchland und Deutſchland, vom fernen Norden wie vom äußerſten Oſten, aus England, aus Polen, aus Böheim und Ungarland, ſelbſt aus der alternden Kaiſerſtadt Byzanz verſammelt, um die verderbliche langjährige Kirchenſpaltung zu Ende zu bringen. Wer, der zu den Thoren dieſer von Menſchen wimmelnden Stadt herein⸗ zog, hätte bei dem bunten Anblick ſchimmernder Ritter, ſtolzer Prälaten, zahlloſer Mönche, reich gekleideter kaiſerlicher Dienſtleute, luſtiger Lau⸗ tenſchläger, Gaukler und Perſevanten, in Hof⸗ farth und Putz einherſe chreitender fahrender Frauen, toller Studenten und übermüthiger Knechte, welche durch alle vier Winde des Himmels auf den einen Fleck zuſammen geblaſen ſchienen—, wer hätte dabei gleich an jene Stelle außerhalb der Ring⸗ mauer, auf der Fläche zwiſchen dem Rhein und dem Unterſee denken können, wo ein Maͤrtyrer der Wahrheit als Opfer eines kaiſerlichen Wort⸗ bruches zu Aſche ward?!—— Das iſt der Fluch, der über der Menſchheit hängt, daß ihre Einheiten durch das Gewimmel von hunderttau⸗ ſenden zu Nullen werden.— Das iſt der Segen —- 167— und die Hoffnung der Menſchheit, daß, hundert⸗ tauſenden zum Trotz, der Einzelne, wenn er nur eins und ganz blieb, nach Jahrhunderten wieder auflebt, daß die Wahrheit uns ſelbſt die angeborne ſüße Luſt am Leben fröhlich in die Schanze ſchlagen läßt, daß die Aſche des Menſchlichen neue Keime des Göttlichen befruch⸗ tet. Das Wort iſt einſt zur That geworden und hat den Tod und die Hölle gebändigt. Und er⸗ ſchlug es den Tod, wie ſoll es ſelbſt ſterben können?—- 1 Es war zu Anfang Aprils, als Herzog Lud⸗ wig im Bart durch Petershauſen über die Rhein⸗ brücke zum Thore vor Coſtniz einritt. Er nahm ſeinen Weg zwiſchen den Frauenklöſtern von Zo⸗ fingen und Sanct Peter, an der Sanct Johanns⸗ und Liebfrauen⸗Domkirche vorbei, mitten durch die große Straße, welche die Stadt durchſchnei⸗ det, und ſtieg in der Wildmanns⸗Herberge nahe bei Sanct Laurenz ab. Eine der erſten Neuig⸗ keiten, welche er in Coſtniz erfuhr, war die Kunde von der feierlichen Belehnung, welche der Kaiſer Siegmund am achtzehnten April dem Burggrafen von Nürnberg über die Mark und — 168— Churwürde Brandenburgs, welche dieſer ſo wohl⸗ feil erkauft, ertheilen würde. Inngrimmig ver⸗ nahm's Herr Ludwig; dieſer Burggraf von Nürn⸗ berg, des Landshuters Schwager, immer ge⸗ ſchäftig zu vermitteln, ein weiſer Mann, aber allzuſtolz und parteiiſch gegen Ingolſtadt, ſollte eben vor Ludwigs Augen den Churhut empfan⸗ gen?! Ludwig konnte dieſen Gedanken nicht er⸗ tragen; er ſah ſich ſchon im Geiſte den Anmaſ⸗ ſungen des neuen Churfürſten gegenüber, gede⸗ müthigt, weil ſein Anſpruch des Kaufrechts ſo ganz ohne Grund und hochmüthig bei Seite ge⸗ ſchoben war; er gedachte voll Zorn und Schmerz an Wittelsbachs alte Größe, wovon dieſe Luxem⸗ burger durch Liſt und Gewalt ein Stück nach dem andern bis auf's letzte abgeriſſen hatten; er, eben er, der von allen Enkeln ſeines erlauchten Ahnherrn Ludwig des Baiern allein den Sinn für Baierns einſtigen Glanz und Untheilbarkeit geerbt und bewahrt hatte, mußte jetzt, eben jetzt gekommen ſeyn, um dies Schauſpiel durch ſeine Gegenwart verherrlichen zu helfen, ein Schau⸗ ſpiel, bei welchem ſein Vetter Heinrich, leider auch ein Wittelsbacher, ein böſer Auswuchs am — 169— kräftigen Stamme, aus Schadenfreude gewiß nicht fehlte. Gewitterſchwül lag's auf ihm. Er konnte es in Coſtniz nicht einen Tag weiter aushalten, und ritt, ohne Siegmund, noch irgend einen geiſtlichen und weltlichen Herrn zu grüßen, ſchon am andern Tage zum entgegengeſetzten Thore hin⸗ aus, in die Schweiz, wo wider den unglücklichen Herzog Friedrich von Habsburg⸗Tyrol noch al⸗ lenthalben durch Siegmund's Anſtiftung Fehde glimmte. Edelmüthig verglich er ſich mit Fried⸗ rich von Tyrol über alle Anſprüche, welche ſein Vater Stephan zuſammt den andern baieriſchen Fürſten an Tyrol erhoben hatte, und kehrte erſt im Mai, als die Belehnung längſt geſchehen war, und die erſte Wuth ſeines Zornes ſich gelegt hatte, nach Coſtniz zurück. Er war kaum in ſeiner Herberge zum wilden Mann abgeſtiegen, als ihn der Kanzler des Kai⸗ ſers, der Biſchof von Paſſau, beſuchte und im Namen Siegmunds geheimes Gehör verlangte. „Was mag von mir die römiſche Majeſtät wol⸗ len?“ fragte er befremdet, ziemlich kühl. Der Biſchof erwiederte ihm,„daß der Kaiſer ihn ganz geheim zu ſprechen wünſche,“ und gab ihm — 170— nicht undeutlich zu verſtehen,„daß Siegmund, welcher ſich ſtets in Geldverlegenheit befand, ihn um ein bedeutendes Darlehen anſprechen würde.“ Dieſe Aeußerung des kaiſerlichen Kanzlers, der ihn verließ, nachdem er die Zwieſprach mit Sieg⸗ mund auf den andern Tag fetcgeſetzt hatte, er⸗ weckte Ludwigs ganze gute Laune wieder.„Nun wahrhaftig,“ ſprach er, als er allein war,„ich thäte beſſer, ein Hebräer zu werden, denn ein Fürſt von Baiern zu bleiben. Als einem Für⸗ ſten thut man mir Alles zum Poſſen;— als ein Hebräͤer ließ ich ſie alle vor mir Poſſen treiben. Potz Geier, ich will es wahrhaftig abſchwören, das Fleiſch jener unſaubren Thiere zu eſſen, will ein Schiboleth tragen ſtatt meines Herzogshutes und mich auf's Pfänderleihen verlegen. Ha, ha, ha! Nun ſieht kaiſerliche Majeſtät doch gewiß ein, daß ſie bei dem Verkauf der Mark geprellt wor⸗ den iſt, ſonſt käme ſie nicht zu mir, um mich mit aller Gewalt zum Hebräer zu machen, da⸗ mit die galante Majeſtät an ſchöne Damen Klei⸗ nodien verſchenken kann. Und meiner Treu, jetzt weiß ich, warum die Mark verſchleudert ward. Siegmund wollte ſie vermuthlich des Burggrafen 1 — 1 — — 171— ſchöner Hausfrau, meiner Baſe Elſe von Lands⸗ hut, ſchenken. Nun! ich will diesmal meine Zin⸗ ſen noch chriſtlich anrechnen, ſonſt macht es der fromme Siegmund mit einer ſolchen Schuldver⸗ ſchreibung, wie mit ſeinem Geleitsbrief für Mei⸗ ſter Huß, und wirft ihn in's Feuer; denn es iſt manchmal,— beſonders für eine römiſche Maje⸗ ſtät, etwas unbequem, zu halten, was man ver⸗ ſprochen hat.“ Als Ludwig am andern Tage zu Siegmund kam, überhäufte ihn dieſer, ein ſchöner, zierlich und ſorgfältig geputzter Mann, mit den ſüßeſten Schmeicheleien, verſprach ihm, ſtets ſeine Partei zu ergreifen, und ihn bei allem zu ſchützen, was er nach Recht und Gewiſſen wider irgend Je⸗ mand im römiſchen Reich vorzubringen habe,— und rückte dann mit dem heraus, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, nämlich daß ihm der reiche Herr von Ingolſtadt zwanzig tauſend Dukaten vorſchießen möchte. „Wie kommt es,“ erwiederte Ludwig, ſeinen Ernſt mühſam behauptend,„daß Euer Majeſtät unter den Herzogen von Baiern gerade auf mich ein ſo huldreiches Auge geworfen? denke nämlich — 172— an meinen trefflichen Vetter in Landshut, der ſo klug Haus zu halten verſteht,— obgleich ich, der ich, aufrichtig geſprochen, zu meinen Kiſten mehr Gulden aus⸗ als einfliegen ſehe, gerne bereit bin, kaiſerlicher Majeſtät bis auf meinen letzten Hel⸗ ler zu Dienſten zu ſtehen?!“ Siegmund ſchwieg ein Weilchen, dann klopfte er dem Herzog vertraulich auf die Schulter und ſprach:„Ich wende mich an Euch, weil ich glaube, daß Ihr als ein ehrenhafter Mann es mit mir aufrichtiger meinet, denn Euer Vetter Heinrich, welcher ſich— deſſelben Anſinnens gar unfreundlich erwehrt hat. Wir haben das Zu⸗ trauen zu Euch, daß Ihr als ein getreuer Lehns⸗ mann Euch nicht weigern werdet, zu des Reiches Beſten den Dienſt zu leiſten, deſſen Wir Uns von Euch verſehen.“ „Kaiſerliche Majeſtät überhäuft mich mit Gnaden,“ erwiederte Herzog Ludwig;„denn unſtreitig iſt es für einen Furſten von Baiern eben ſo viel oder mehr Ehre, kaiſerlicher Majeſtät die verlangten zwanzigtauſend ungariſchen Gold⸗ gulden vorzuſtrecken, als dieſelben von ihr zu erhalten. Wenn es Eurer Majeſtät genehm iſt, — 173— ſo werde ich den Schuldbrief ſchreiben laſſen, und Eurer Majeſtät zur Unterſchrift vorlegen. Nur möchte ich Eure kaiſerliche Majeſtät unterthänigſt bitten, daß irgend ein reicher Mann, wie etwa der neue Kurfürſt von Brandenburg, die Ver⸗ ſchreibung als Bürge mit unterſiegelte, und grade dieſer wäre mir am genehmſten, denn er muß noch viel Geld liegen haben, weil er die Mark — ſo wohlfeil bezahlte! Ihr ſeht, gnädiger Herr, daß ich ſchier wie ein Jude handle, doch bitte ich Euch, zu denken: die Ordnung fordert es alſo im Geſchäft.“ „Ich habe Euch als wackeren und getreuen Vaſallen erfunden und werde Euch den freund⸗ lichen Dienſt allezeit dankbar zu gedenken wiſſen, lieber Oheim,“ verſetzte Siegmund huldreich lächelnd und beurlaubte ihn.— Mit ſtolzem Lächeln ſchritt Ludwig die Trep⸗ pen hinab, und berechnete bei ſich bereits, daß des Kaiſers Schutz wider Heinrich von Landshut ihm nunmehr nicht entgehen könne. Er beſchloß, die gütige Geſinnung Siegmund's eilig zu benützen. Eins hatte er vergeſſen,— daß Siegmund ſeine in Unterwürfigkeit gekleidete letzte Spottrede gar — 174— wohl verſtanden, aber die Empfindlichkeit darüber verborgen hatte, weil er Ludwig für den Augen⸗ blick— brauchte.— Kurze Zeit, nachdem der Kaiſer das Geld empfangen und die Schuldverſchreibung unter⸗ zeichnet hatte, begab ſich Herr Ludwig im Bart, mit zahlreicher Ritterſchaft umgeben, in das am Hafen zu äußerſt am See gelegene Kaufhaus, um der öffentlichen Sitzung des Concils beizu⸗ wohnen. Auf einem erhabenen Sitze, umgeben von den Kurfürſten, in deren Reihe Ludwig auch den verhaßten Friedrich von Brandenburg ge⸗ wahrte, ſaß Siegmund im reichen Ornate, ſchim⸗ mernd von Gold und Juwelen. Um ihn waren eine Menge Herzoge, Fürſten, Grafen und edle Herren aus der Ritterſchaft und von den Staͤd⸗ ten verſammelt, alle in höchſter Pracht angethan, desgleichen die Abgeſandten der Nationen; gegen⸗ über die Fürſten der Kirche, Erzprieſter, Biſchöfe, Praͤlaten, Doctoren und Abgeordnete der Hoch⸗ ſchulen, eine Unmaſſe von Mönchen der verſchie⸗ denſten Orden erfüllte die hinterſten Räͤume des Saales. Ludwig trat in die Mitte der Verſamm⸗ lung, indeſſen ſein Gefolge, an der Schwelle und — — —ͦn::,·:,§˙’·₰’—4: ℳ’ʃά ˙—4—4—— — 175— vor dem breitgewölbten Thore ſtehend, ſeiner harrte. „Ich komme vor des Kaiſers Majeſtät und Angeſichts der chriſtlichen Kirche,“ begann Her⸗ zog Ludwig mit lauter Stimme zu ſprechen; „um ein gutes altes Recht einzutreiben, welches mir ſeit langen Jahren unbillig vorenthalten und abgeſtritten wird, und nehme zu Zeugen die ehr⸗ würdigen Fürſten der Kirche, welche hier verſam⸗ melt ſind, und des heiligen römiſchen Reiches Herren alle, und klage zu den Füßen der Maje⸗ ſtät, die wir über uns anerkennen, damit ſie Recht und Geſetz im deutſchen Lande bewahre.“ Der Herzog Heinrich von Landshut, welcher in Siegmunds Nähe hinter dem Stuhle des Markgrafen von Brandenburg ſtand, wurde bei dieſen Worten bleich und wendete ſein Antlitz. Der Kurfürſt von Mainz erhob ſich an des Kai⸗ ſers Statt, und erwiederte:„Wer zu klagen hat, der klage, und wem ſein Recht vorenthal⸗ ten ward, dem ſoll es wieder gegeben werden. Was iſt der Inhalt Eurer Forderung, Herzog von Ingolſtadt? Und wider wen habt Ihr zu klagen?“ — 176— „Ich klage,“ ſprach Ludwig mit erhobener Stimme,„wider Heinrich von Landshut, mei⸗ nen Vetter, auf eine alte heilige Schuld, die er böswillig zu zahlen mir weigert, ſowohl, weil er gar arg am Gelde hängt, und einen Pfennig, den er beſitzt, nicht gerne wieder aus der Hand läßt, als auch, weil er mich damit zu ärgern und meinen ſeligen Vater Stephan im Grabe dadurch zu höhnen denkt. Die Schuld aber ſchreibt ſich daher: Als das baieriſche Land un⸗ ter die Herzoge Johann, Stephan und Fried⸗ rich, unſre Väter, getheilt wurde, empfing Lands⸗ hut als zuviel neun Städte und Märkte, vier Feſten und vier Landgerichte, und achtzehntauſend ſechshundert Pfund Gülten. Nun hab' ich, bei meines Paters Lebzeiten, als deſſen Bevollmäch⸗ tigter, und nach ſeinem Tode mehr als einmal von meinem Landshuter Vetter mit Glimpf und Ernſt zurückgefordert, was mein iſt; aber er hat mir, ſtatt ſeine Schuld abzutragen, ſtets nur zu Hohn geantwortet, und ſelbſt auf jedem Tage, der zum ehrlichen Schiedſpruche angeſetzt war, es durch allerlei Ränke und Kniffe bei den Rich⸗ tern dahin gebracht, daß mir mein Recht, mein — 172— ſonnenklares Recht abgeſprochen ward, alſo, daß mir nichts mehr übrig geblieben, als kaiſerlicher Majeſtät offenes Fürſtengericht anzugehen. Da bin ich nun, klage um mein Recht, und will, daß es mir werde.“ „Es ſoll Euch werden,“ erwiederte der Kö⸗ nig Siegismund, welcher ſich von ſeinem Sitze erhob;„Wir wollen Euch auf den ſechſten Juli den Tag beraumen, der ſoll gehalten werden in hieſiger Stadt, im Auguſtinerkloſter, und es ſol⸗ len Eure Sachen durch zwei ehrenhafte Männer, Graf Ludwig von Oettingen als Fürſprecher Her⸗ zog Heinrichs, und Grafen Günther von Schwarz⸗ burg als den Eurigen mit allen Spruch⸗ und Anlaßbriefen verhandelt werden, nach deutſchem Recht und Brauch, auf Rede, Antwort und Widerrede, und ſollet Ihr durch Wort und Sie⸗ gel gehalten ſein, den Spruch, der alsdann er⸗ gehen wird, als endlichen anzunehmen.“ „Ha, gnädiger Herr,“ fuhr Ludwig auf, „ich kenne ein ſolches Geding, das taugt zu nichts, als den Draht weiter zu ſpinnen, aber ich ſage es hier laut vor allen Fürſten und Her⸗ ren: Ich bin des Narren⸗ und Gaukelſpiels ein⸗ II. 12 mal ſatt, und will,— geht's nicht im Guten,— ſo ſolle man meinen filzigen Vetter zwingen, daß er fremdes Gut nicht länger inne halte. Ich achte es, meiner Treu', eben ſo ſchlecht, frem⸗ „des Habe nicht herausgeben zu wollen, als zu ſtehlen. Und endlich werd' ich mich noch ernſt⸗ lich wehren müſſen, weil man bis jetzt meine Ge⸗ duld für Gleichgültigkeit und Schwäͤche nahm.“ Bei dieſen heftigen Worten erhob ſich der Kurfürſt von Mainz und gebot im Namen des heiligen Concils dem Herzog, ſich zu mäßigen. Ludwig zähmte ſeinen Zorn und ſchwieg, trotzig vor ſich hinblickend. Sein Schweigen ermuthigte Herrn Heinrich von Landshut, welcher ſich jetzt durch die Kurfürſtenbank Platz machte, vor Sieg⸗ mund trat, und ſprach:„Ich beſcheide mich in Unterwürfigkeit zu dem von Ew. Majeſtät ange⸗ ſetzten Schiedstage im Auguſtinerkloſter, und will bis dahin zu meiner Vertheidigung wider dieſes zornigen Herrn unrechte Klage nichts vor⸗ bringen. Aber hier zu Ew. Majeſtät Füßen und Angeſichts der heiligen Kirche, ſo wie aller ver⸗ ſammelter edler Herren, klage jetzt ich gegen Ludwig von Ingolſtadt, daß er für's Erſte den. —— 179— Freiſinger Spruchbrief vom Jahre 1408, wodurch die Sache geſchlichtet und bereits völlig abgethan worden iſt, und worunter ſeine Räthe in ſeiner Vollmacht ſein herzoglich Siegel geſetzt, als ein Meineidiger nicht vollzogen, und zweitens—“ 4 „Wer ſagt mir das?“ ſchrie Herzog Lud⸗ wig wüthend;„ich war in Paris, als jenes köſtliche Meiſterſtück von Euch vollbracht wurde, und mein Rath, der Hans Gumpenberger,— hier ſteht er an der Thüre,— drückte mein Siegel unbefugt darunter, denn Euer Helfers⸗ helfer, der Graf von Oettingen, ſetzte ihm das Schwert auf die Bruſt, und drohte ihm, auf Euer Geheiß, ihn umzubringen, wofern er's nicht thäte. Ich habe bei'm Kaiſer dawider ap⸗ pellirt, und dieſe ausgeſucht ſpitzfindigen Schieds⸗ richter erklärten die Appellation als unzuläßig; ich ſchrieb an den Pabſt, Gregorius XII.; der heilige Vater bekräftigte mein Recht.“ „Gregor's Spruch iſt ungiltig,“ unterbrachen ihn mehre Kirchenfürſten;„wir erklären alle Gewalt der Päbſte ſeit der Kiachtu paltung für null und nichtig.“ „Nun denn,“ ſprach Ludwig, ztternd vor 12* 4 — 180— Zorn, aber ſich gewaltſam bezähmend;„wenn hier Niemand iſt, der die Stimme des Unter⸗ drückten hören will, ſo habe ich an dieſer Stelle nichts weiter zu ſagen.“ Nach dieſen Worten wandte er der ganzen Verſammlung den Rücken und verließ mit ſeinem Gefolge das Kaufhaus. Herzog Heinrich blickte ihm triumphirend nach, und ſprach dann ruhig weiter:„Für's zweite ſtehe ich hier und klage wider meinen Vet⸗ ter Ludwig von Ingolſtadt, daß die Einigung der aufrühreriſchen Ritter, die im vorigen Jahr zuſammengetreten, auf ſeine Anſtiftung geſche⸗ hen,— lediglich darum, daß er mir ſchade, wo er immer könne; und klage weiter, daß er allen Verräthern, die ſich meinem Gerichtsbann ent⸗ ziehen, an ſeinem Hof und auf ſeinen Schlöſ⸗ ſern Unterſchleif gibt; und klage ferner, daß durch ſolches böſe Treiben der Friede meines Landes und meine, wie meiner Unterthanen Sicher⸗ heit, an Leib und Gut hin und verloren iſt; darum erbitte ich mir Angeſichts aller Für⸗ ſten Gerechtigkeit von Kaiſers Majeſtät, deſſen Weisheit und Huld ich mich in allem unterwerfe.“ Nach dieſen Worten begab er ſich wieder auf — 181— ſeinen Platz zurück, und Siegmund erwiederte: „Wir haben unſern Willen kund gegeben, und es ſoll darnach gehandelt werden.“ Nach dieſem Entſcheid erhob er ſich, winkte dem Biſchof von Paſſau zu ſich, flüſterte dieſem einige Worte ins⸗ geheim zu, und entließ hierauf die Verſammlung. Herzog Heinrich ging an der Seite ſeines Schwagers, der ihm, als ſie ſich außer dem Kaufhauſe befanden und zwiſchen dem Kornhauſe und dem großen Spittel ihres Weges hinwan⸗ delten, bedenklich ſagte:„Ich fürchte, mein wer⸗ ther Schwager, Ihr habt einen böſen Handel aufgerichtet mit dieſem ſtörriſchen Manne; auch habt Ihr nicht wohl gethan, dem Kaiſer das Darlehen abzuſchlagen; denn Siegmund hat ſich deshalb, wie ich erfuhr, an Euren Vetter ge⸗ wandt, der es ihm ohne Bedenken hingab; das möchte wohl des Kaiſers Sinn bei dem Schieds⸗ handel leicht wider Euch wenden.“ „und ich werde ihm doch keinen Pfennig herausgeben,“ entgegnete Heinrich,„der lange Beſitz gilt mir als Recht, und ich ſtütze mich auf den Freiſinger Spruchbrief, mag auch was immer vorgefallen ſein. Des Kaiſers Sinn iſt — 182— ein Rohr nach jedem Wind. Ich bitte Euch, Schwager, ſprecht meinetwillen mit dem Biſchof von Paſſau und andern, welche dem Kaiſer lieb und werth ſind; ich möchte die ganze Chriſten⸗ heit aufhetzen können gegen dieſen hochmüthigen, ſtachligen Mann; denn, laß ich ihn ſchaffen und treiben, wie er Luſt hat, ſo darf ich mich gefaßt machen, daß er mich nächſtens aus Landshut vertreibt, und daß er ganz Baierland unter ſein Regiment bringt; o, ich weiß: das iſt ſein al⸗ ter, hochfahrender Plan, und ſeine Macht gilt viel, zumal bei der Ritterſchaft. Aber ich will allen noch zu erkennen geben, daß ich lebendig bin,— ich will— ich will—— Hal ge⸗ mach! Ich weiß, was ich thun werde.— „Was auch geſchehen möge,“ verſetzte der Markgraf von Brandenburg,„ſo dürfet Ihr ſtets auf mich zählen; ich werde Euch nie ver⸗ laſſen, obgleich mir's lieber wäre, könnte ich dieſen unſeligen Hader in Frieden und Güte ſchlichten.——“ Wie Herr Ludwig im Bart vorausgeſehen hatte, ſo geſchah es; ſeine Sache wurde von einem Spruchtage auf den andern hinausgeſcho⸗ — 183— ben; der römiſche König Siegmund ſuchte nach Art aller Schwachen und Willenloſen, welche blos von einem Augenblick bis zum andern leben, durch Zögern zu einem feſten Entſchluß zu kommen; der Einfluß Heinrichs durch die Biſchöfe von Paſſau und Lebus, welche dem Kaiſer um Hein⸗ richs Sache ſtets in den Ohren lagen, wirkte hiebei gar mächtig ein. Am ſechsten und am neun⸗ ten Juli, und am dreiundzwanzigſten September wurde die Sache vor verſchiedenen Commiſſarien, durch die Kurfürſten von Brandenburg als Für⸗ ſprecher Heinrichs und durch Ulrich Rydrer als Anwalt Ludwigs beſprochen, bis am neunzehn⸗ ten October in der Wohnung des kaiſerlichen Kanzlers, des Biſchofs von Paſſau, der Haupt⸗ ſpruch gefällt wurde:„daß der Freiſinger Spruch⸗ brief, wenn auch Herzogs Ludwigs Siegel nur erzwungen darunter geſetzt worden ſei, doch volle Kraft habe, weil deſſen Vater Stephan und an⸗ dere Fürſten ihn doch auch unterſiegelt hätten; Herzog Heinrich ſolle im Beſitz alles deſſen blei⸗ ben, n hn ſein Vetter Ludwig abſtreite.“ Der Kurfürſt und der Biſchof hatten dies Alles gar klüglich erwirkt. Heinrich und ſein ganzer 8 4 — 184— Anhang triumphirte. Zur Feier ſeines Sieges über einen Gegner, deſſen große Macht vielen ein Dorn im Auge war, veranſtaltete der Bi⸗ ſchof von Paſſau am andern Tage ein feſtliches Frühſtück, zu welchem er den Kaiſer und eine Menge Fürſten, mit Ausnahme des einzigen Lud⸗ wig, geladen hatte. Wo Siegmund war, dieſer freundliche lebens⸗ luſtige Herr, da durfte die Freude nicht fehlen, da mußten Spielleute, Lautenſchläger, Gaukler und derlei fahrendes Volk in der Nähe ſein; und auch an Frauenſchönheit ſonnte ſich der eitle Fürſt gar gerne. Deshalb hatte der Biſchof auch die Hausfrauen des Kurfürſten von Bran⸗ denburg und des Landshuters und noch außerdem manch ein ſchönes edles Fräulein, mit dieſem oder jenem Fürſten verwandt, zu Tiſche geladen. Die Becher kreisten, durch Witze und ſchalkhafte Reime nicht minder gewürzt, als durch Ingwer, Nägelein und andere köſtliche Spezerei, wie der Kaiſer ſie liebte. In ungebundener Fröhlichkeit entſchwanden den Gäſten die Stunden als wie im Traume. Das ſpäte Frühſtück dehnte ſich zum Mittagsgelage aus und ſchien auch noch zum Kachtmahl zu werden, denn nach Tiſch mußten auf des Kaiſers Verlangen die fremden Spiel⸗ leute unterſchiedliche neue Weiſen zum Beſten ge⸗ ben, und der Kaiſer, dem die ſchöne Elſe von Brandenburg ein duftiges Kränzlein ſcherzhaft auf ſeine zierlich gekräuſelten Locken geſetzt, for⸗ derte ſie zum Tanze auf, die übrigen Fürſten folgten freudig ſeinem Beiſpiele. Noch brausten die Tanzweiſen, als mit fin⸗ ſterm Antlitz der Herzog Ludwig, ein ungebete⸗ ner Gaſt, in den Saal trat und mit Zorn⸗ blicken das fröhliche Treiben maß. Eben endigte der Tanz, der Kaiſer führte die ſchöne Elſe höf⸗ lich zu ihrem Sitze zurück und ſagte ihr einige ſüße Schmeichelworte. Da drängte ſich Herr Ludwig im Bart ungeſtüm durch die Menge der Herren und Frauen zu ihm, warf ſich vor ihm auf's Knie und ſprach heftig:„Gnädiger Herr, gedenkt in Wohlleben und Ueppigkeit auch eines Mannes, der auf deutſcher Erde ſein Recht nicht mehr finden kann. Ich bin einundfünfzig Jahre alt geworden, und alſo ſattſam klug, daß ich wohl erkennen mag, wo ich jetzt bin, bei'm Triumph nämlich, den man über mich und mein Recht — 186— feiert. Und drum komme ich eben, der Beſiegte, mitten in den Triumph, um zu ſagen, daß er etwas voreilig iſt, und daß ich, was ich ver⸗ lange, noch nicht aufgegeben habe. Man muß Eure Majeſtät fälſchlich und lügneriſch berichtet haben, und drum ſage ich hier Angeſichts meiner Feinde: ich erkenne den Spruch nicht an, und hätt' ihn das ganze Concil unterſiegelt, denn Gott ſelbſt kann aus Unrecht nicht Recht machen. Deshalb und zum letztenmal erbitte ich und for⸗ dere von Eurer Majeſtät Gerechtigkeit und habe mich auf die Kniee geworfen, wie vor Gort dem Herrn.“ Der Kaiſer, mißmuthig, in ſeiner Fröhlichkeit unterbrochen zu werden, wollte ihm eben erwie⸗ dern, als haſtig Herr Heinrich von Landshut herantrat. Ludwig ſprang raſch vom Boden auf, als er ſeiner anſichtig wurde, Heinrich aber rief ungeberdig:„Was ſchafft dieſer zudringliche Mann hier, meines Kaiſers Vergnügen zu ſtören? Es bedarf der zweckloſen Worte nicht mehr, und ich will das Gellen und Bellen nicht fürder leiden. Die Sache iſt abgethan, und ſteht im Recht, und ich werde nicht laſſen, was mein iſt, bis an mein Ende.“ — 187— Als der Kurfürſt von Brandenburg die unge⸗ ſtüme Rede ſeines Schwagers hörte, ſchritt er, böſen Ausgang befürchtend, ſchnell zu Heinrich und ſprach zu ihm:„Ich bitt' Euch, Herr Schwager, ſchweiget hier von dieſem Handel; davon geziemt mir zu ſprechen, ſtatt Euch, denn ich bin Euer Fürleger.“ Hierauf wendete er ſich ehrfurchtsvoll zu Siegmund und fuhr fort: „Gnädiger Herr, erlaubt mir, davon ein Wort zu ſprechen. Es iſt mir geſagt worden, daß Her⸗ zog Ludwig, der ſich hier ſo brüſtet, meinem Schwager öffentlich an die Ehre gegangen ſei und ihn bezüchtigt habe, dieſer hätte falſche Briefe und Gezeugniſſe gegeben und veranlaßt und ſeine Treue gebrochen, die er Herrn Ludwig zur Hand geleiſtet. Mag Herzog Ludwig deſſen die Wahr⸗ heit erweiſen, ſo er ſich getraut! Aber ich denke: er wird's nicht thun., denn es laſten auf ihm ſelber viel größere Bürden, als die, die er mei⸗ nem Schwager aufheften will.“ „Euch, friſchgebackener Markgraf, der Ihr Euch in Alles mengt, was Euch nichts angeht, ſpende ich kein Wort,“ unterbrach ihn Ludwig zornig,„aber, was ich über meinen Vetter ge⸗ — 188— ſprochen, davon will ich die Wahrheit auf meine rechte Hand und mein Leben verfechten, und füge noch dazu, was ich ſchon einmal geſagt, damit er, der die Wahrheit nie hören will, ſich's merke. Alſo abermals: Ich achte ihn nicht anders als wie einen Dieb, der mein Hab' und Gut inne hält.“ „Hei,“ rief jetzt Heinrich, voll Wuth,— „wenn du ſo gerne ſichſt, ſo zeuch mir in mein Land oder ich will dir in deines ziehen und mit dir fechten.“ „Hm!“ entgegnete ihm Ludwig mit kaltem Spott,„ich werde dir nicht die Ehre anthun, es müßte denn ſein, daß mich ein rechtſchaffener Mann in dein Land riefe, und daß ich die Ge⸗ rechtigkeit wider dich zu ſchirmen hätte; kommſt du mir aber in mein Land, du mein gelb⸗ und weißſüchtiger Vetter, ſo will ich dich mit keiner andern Macht herausjagen, als wie man die Wölf' und Bäͤren hazt. Ich bitt' dich, ſpare die verwegenen Worte, du ſparſt ja mit Allem ſo gern; du biſt übel berathen, wenn du meinſt, ich glaubte etwa an deine Drohungen, denn du haſt dich ja ſelbſt ſtets ſo angeſtellt, daß man —HS’ꝛ—Z—F—-———— — 189— deinen Worten nicht glauben darf; koſtete dich ein Krieg nicht Geld, ſo wärſt du vielleicht ſo großmüthig, mir etliche Strolche, die es dir— umſonſt thäten, auf den Hals zu ſchicken, um mir auch ſonſt noch zu rauben, was an Gut und Rechten mein iſt. Aber dich ſelber fürchte ich nicht, denn du trau'ſt dich nicht aus deinen Maus⸗ löchern und Schlupfwinkeln hervor.“ Heinrich wollte raſend auf ſeinen Vetter los⸗ ſtürzen, aber der Markgraf hielt ihn zurück, und der Kaiſer ſuchte durch Scherzworte Herrn Lud⸗ wig im Bart zu begütigen.„Ich bitte Euch, Oheim,“ ſprach er zu ihm,„helft uns, daß meines hochwürdigen Kanzlers Kannen von Wein ledig werden, aber ich bitte Euch, nchmt uns die ſchönen Frauen bei'm Tanze nicht weg. Ihr habt doch einen böſen Fuß! Was wollt Ihr tan⸗ zen oder wohl gar erſt fechten?“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Ludwig, in des Kaiſers Laune einlenkend,„denſeben böſen Fuß will ich meinem Vetter, der eine böſe Hand hat, zum voraus geben, und doch mit ihm fechten, wenn er will, heut' oder morgen.“ Heinrich wollte iym hierauf antworten un — 190— fuhr mit der Hand nach dem Dolch, als ihn eben noch zur rechten Zeit ſein Schwager, der Markgraf, welcher das Schlimmſte befürchtete und verhüten wollte, bei'm Arme ergriff und ihm den Mund zuhielt. Mit Gewalt drängte er den Widerſtrebenden, um ihn ferneren Stichel⸗ reden und dem ſchlimmen Ausbruch des eigenen Zorns zu entziehen, zur Thüre und über die Schwelle. Aber von draußen herein rief Hein⸗ rich wüthend:„Wenn du nichts als fechten willſt, Vetter, ſo ſoll dir des Fechtens noch ſatt werden, das laß ich dich beſehen.“ Herr Ludwig im Bart wollte ihm folgen, aber Sitgmund und ſein Kanzler, der Biſchof, hielten ihn mit den Worten zurück:„Ei, Ihr dürft wahrhaftig jetzt, ſo früh, noch nicht von uns gehen, edler Herzog; bleibet und koſtet des Weines, auf daß Euch der Zorn vergehe.“ Ludwigs Stirne heiterte ſich auf, als er das Antlitz ſeines Todfeindes nicht mehr gewahrte; das Gefühl einen wenigſtens augenblicklichen Trium⸗ phes that dem rauhen Manne nach ſo langen Kränkungen wohl; er ließ ſich bewegen, ſich ne⸗ ben den Kaiſer zu ſetzen, der heimlich vor Lud⸗ . 1 8 — x NK& ⏑& —+ 8⏑ 8 — 191— wigs Ungeſtüm zagte und ſich durch verſtellte Freundlichkeit und Huld bemühte, denſelben zu zähmen.„Laſſet uns,“ ſprach er, den Becher auf Ludwigs Wohlſein hebend,„heute Alles ver⸗ geſſen, was Euch, Uns und Andern Mißbehagen ſchafft, auf daß wir heute blos der Freude leben.“ Es gelang dem Kaiſer allmälig, Ludwigs Mißmuth zu verſcheuchen; der dem Gebarteten inwohnende Spottgeiſt verwandelte ſich den Frauen gegenüber in zierlichen, höflichen Witz; die ge⸗ ſtörte Fröhlichkeit wurde in kurzem wieder allge⸗ mein; nur Markgraf Friedrich blieb ſtill und theilte ſie nicht.—— Es war bereits ſpät am Abend, als Ludwig aufbrach und die Geſellſchaft, welche noch fröh⸗ lich beiſammen blieb, verließ, um ſich nach ſei⸗ ner, noch weit hinter dem Kirchlein Gottlieben, nahe an der Stadtmauer gelegenen neuen Her⸗ berge zum wilden Mann heim zu begeben. Er ſchwang ſich auf ſein Pferd, welches unten in der Halle angebunden war und trabte, das Herz voll von neuen Hoffnungen, ſein Recht bald wirk⸗ lich endlich zu gewinnen, die Straßen entlang. Als er über das Brücklein kam, das nahe an der — 192— Stadtmauer über den tiefen Kanal gebaut war, ſprangen plötzlich aus dem Hinterhalt des Straßen⸗ winkels ſein Vetter Heinrich, und deſſen Ge⸗ treue, der Erasmus Laininger, der Sweigker von Gundelfingen und der Seiboldsdorfer hervor und fielen über den Argloſen wüthend her.„Nun ficht, wenn du ſo abſonderlichen Durſt darnach G haſt,“ ſchrie Heinrich wüthend, während die andern Herren Ludwig vom Pferd zu Boden riſſen;„ſo ſicht doch, du fechtluſtiger Mann, ſicht, wenn du kannſt!“ „Willſt du den Fechtmeiſter verſuchen? Ha, Potz Treu', meinſt du, mich nieder zu zwingen?“ rief Ludwig, indem er mit der ganzen Rieſen⸗ ſtärke ſeines athletiſchen Leibes ſich zwiſchen die vier Mörder warf;„noch nicht, Vetter, ha! noch lange nicht! Komm nur heran, der du längſt ein Dieb geweſen, und nun auch zum Mörder wirſt, du ſollſt mich jetzt noch nicht beerben, ich habe die Kraft meines Leibes weder ſo ver⸗ geudet, noch beim Geldzählen ſo zuſammen ſchrum⸗ pfen laſſen wie du. Hie ſchau', den im Bart; das iſt ſein Handgeld, und nimm du— Fer⸗ ſengeld!—“ — 193— 7 und rechts und links theilte er ſo gewaltige Hiebe aus, daß Heinrich zurückſpringend ſeine andern Helfershelfer zur Hand rufen mußte, welche noch im Verſteck lauerten. Jetzt kamen ſie, der Zannried, der Wizleben, die beiden Burgau, der Puchhäuſer, die beiden Singer, der Truchſeß, der Waler, der Klosner und der Eyb; wie Hetz⸗ hunde ſchoſſen ſie hervor und hieben vor⸗ und rückwärts ſo blind und ſchonungslos auf Ludwig ein, daß dieſer endlich beſinnungslos in ſein Blut ſank. Kaum ſah Heinrich, daß Ludwig gefallen war, ſo jagte ihn mit ſammt ſeinen Geſellen das böſe Gewiſſen und Todesangſt in die Flucht. Sie wa⸗ ren zunächſt am Thore, pochten den Wäͤchter auf, zwangen ihn, zu öffnen und ſprengten alleſammt zur Stadt hinaus, die ganze Nacht hindurch rei⸗ tend, bis ſie ſich in Sicherheit wähnten. Der Tumult und des geängſtigten Thor väͤr⸗ 4 ters Lärmruf weckte die Leute in der Nachbar⸗ ſchaft und darunter auch Herzog Ludwigs Ge⸗ folge in der Wildmanns⸗Herberge. Die Ver⸗ wirrung war unbeſchreiblich, als man bei'm Fak⸗ kelſchein den Blutſpuren nachging und Herzog II. 13 1 3 — 194— Ludwig beſinnungslos, von zahlloſen Wunden be⸗ deckt, auf der Erde fand. Man hob ihn auf und trug ihn für todt in die Herberge. Viele Thrä⸗ nen floſſen; ſelbſt manche, die ihn früher ange⸗ feindet, prieſen jetzt, da ſie ihn als todt beklagten, ſeine ritterlichen Tugenden und vor allem ſeine Mannhaftigkeit und Beharrlichkeit. Als der Kaiſer am andern Tage die Kunde der unerhörten Frevelthat vernahm, regte ſich in ihm ſeit langer Zeit wieder zum erſtenmal das Gefühl, was er ſeiner eigenen, und des heiligen Conciliums Würde ſchuldig ſey. Auch den Schwäch⸗ ſten durchzuckt ja zuweilen die Mahnung großer Dinge; aber anſtatt an ſich ſelber feſtzuhalten, vergeudet er dann die Kraft, oder mindeſtens deren Schaum in kindiſchunbeholfener Wuth, und, wenn der Augenblick vorüber iſt, der ihn an den Ernſt des Lebens mahnt, giebt er ſich ſorglos den eeuenden Freuden der nächſten Augenblicke n. Siegmund war in furchtbarem Zorn ent⸗ brannt und wollte von allen Entſchuldigungen, welche Heinrichs Anhänger vorbrachten, durchaus nichts wiſſen. Er verließ alſobald Coſtniz, eifernd, daß der Sitz des Concils durch einen Meuchel⸗ —— — 1495— mord entweiht ſei; ha, dieſer fromme ehrliebende Kaiſer dachte nicht daran, daß er ſelbſt in Coſtniz ſchon einen Mord auf ſich geladen hatte, einen dreifachen Mord, zwei an jenen zwei Meiſtern aus Böheim, Huß und Hieronymus, und einen an ſeiner eignen Ehre. Er ritt nach Zürch und ſchwor, nicht eher zurück nach Coſtniz zu kehren, als bis der ungeheure Frevel gerächt ſei. Die geiſtlichen Väter der Kirchenverſammlung zitter⸗ ten und zeterten über die Verletzung der Sicher⸗ heit, über die Befleckung des durch ihre Gegen⸗ wart zum Sitz der Kirche geheiligten Ortes;— als ob eine Kirche heilig wäre, welche die Religion des Friedens durch Scheiterhaufen predigt! Die verſammelten Fürſten ſprachen in des Kai⸗ ſers und ihrem eigenen Namen die Acht des Rei⸗ ches über Heinrich von Landshut aus, der durch ſeine Blutſchuld die Ehre aller Fürſten gekränkt habe;— als ob Fürſten noch Ehre hätten, die ſtillſchweigend und müßig zuſehen, wenn die Ver⸗ nunft durch Pfaffengewalt erdrückt werden ſoll? Alle ſchworen ernſte Vergeltung, aber was ſind Schwüre? Seifenblaſen der Leidenſchaft! Der nächſte Hauch eines Mächtigeren zerbläſ't ſie. 13* — 196— Der weiſe Churfürſt von Brandenburg bot indeſſen alle Mittel auf, um den Zorn der Maje⸗ ſtät zu entwaffnen und ſeines Schwagers Schuld zu mindern. Obgleich er, von dem ſtolzen Lud⸗ wig oft beleidigt, dieſem nicht hold ſein konnte, rannte er doch geſchäftig von einem Arzt zum an⸗ dern, um des Bärtigen Wunden ſorglich unter⸗ ſuchen, pflegen und heilen zu laſſen. Würde Ludwig geneſen, ſo hoffte er, daß auch des Kai⸗ ſers und der Fürſten Zorn ſich vermindern und die Schuld ſeines Schwagers an Gewicht verlieren würde. Die Ritter und Herren franzöſiſcher Nation aber begaben ſich, nachdem ſie in Coſtniz ſo lange abgewartet, bis die Aerzte erklärt hatten, daß Ludwig am Leben bleiben würde, nach Zürch an den Hofhalt Siegismunds, welcher indeſſen über den vielen Feſten, die ihm der ehrſame Rath von Zürch veranſtaltet hatte, und bei mancher 4 Kurzweil, deren er mit ſchönen Frauen pflog, ſeines Schwures nicht mehr mit der erſten Hitze gedachte. Die Franzoſen trafen den Kaiſer an der Tafel der Predigermönche in deren Hofſtatt, und verlangten für die Frevelthat an dem Bru⸗ der ihrer Königin offene und völlige Genugthuung. — 197— Siegmund ſtellte ſich entrüſteter als er war, und wiederholte, während er juſt an neue Kurzweil und Feſtlichkeiten dachte, alle Verſicherungen, deren er ſich bereits in Coſtniz ſo hoch und theuer vermeſſen hatte und von denen gleichwohl bis jetzt keine einzige in Erfüllung gegangen war, denn ungefährdet hatte Heinrich mit ſeinen Helfers⸗ helfern die Flucht fortgeſetzt, und man beküm⸗ merte ſich nicht einmal ernſtlich darum, wo er ſich jetzt befände. Die franzöſiſchen Geſandten ſaßen noch an Tafel, wo ſie Siegmund beigezogen hatte, als draußen in der weiten Brunngaſſe ſchon der Chur⸗ fürſt von Brandenburg gegen die Predigerhofſtatt heranſprengte; er hatte kaum die Abreiſe der Franzoſen aus Coſtniz erfahren, ſo machte er ſich auch ſchon, den Zweck derſelben ahnend, auf den Weg, um ihnen nachzufolgen und ihre Be⸗ mühungen bei dem wankelmüthigen Kaiſer alſo⸗ bald zu vereiteln. Unangemeldet trat er haſtig in das freundlich geſchmückte große Refektor, wo getafelt wurde, warf ſich zu den Füßen des Kaiſers und ſprach, noch ganz blaß von der furcht⸗ baren Haſt und Jaſt:„Gnädigſter Herr, ich — 198— bring' Euch eine hohe Freudenbotſchaft, die ich Euch aber nicht nenne, bevor Ihr mir nicht eine Gnade verſprecht.“ „Was iſt es, das Ihr Uns bringt?“ erwie⸗ derte der römiſche König huldreich,„ſo Uns Eure Botſchaft wahrhaft erfreut, wollen Wir Euch zur Gnade zugeſtehen, was Wir ausrichten koͤnnen.“ „So vernehmet denn,“ fuhr Markgraf Frie⸗ drich, ſich von den Knieen erhebend fort,—„daß Herr Ludwig von Ingolſtadt auf dem Wege der Beſſerung iſt; die Aerzte haben erklärt, die Le⸗ bensgefahr ſei vorüber.“ „Nun?!— Nichts weiter?“ fragte Siegmund leichthin,„ich dachte mindeſtens, daß die Cardi⸗ näle ſich endlich zur Wahl eines heiligen Vaters vereiniget hätten.— Doch es freut mich in der That,—“ lenkte er klüglich wieder ein, als er ſah, daß die Franzoſen die Stirnen runzelten,— „es freut mich wahrlich, daß mein werther Oheim wieder geneſ't; ich hoffte es auch, denn er hat einen gar unverderblichen Leib, man wird im ganzen deutſchen Land kaum einen finden, der es ihm an Körperſtärke gleich thäte.— Nun, Mark⸗ graf, Wir ſind übrigens für jene Kunde wirklich in Eurer Schuld; ſagt, wie müſſen Wir Uns daraus löſen? Wir haben Euch eine Gnade zuge⸗ ſagt; ſprecht: was für Eine verlangt Ihr?“ „Gnade!“ erwiederte Friedrich raſch, „Gnade für Recht an einem Manne, deſſen Schuld nur aus des Zornes übergerütteltem Maaß entſprang, nur in der Verblendung, nur wie eine Art von augenblicklicher Raſerei, alſo, daß ſein Verſtand und ſein Herz keinen Theil daran haben, Gnade für einen Mann, der Euch treuer und aufrichtiger ergeben iſt, als mancher andere,— der ſich, aus Furcht, Euch durch ſeinen Anblick zu kränken, ſelbſt aus der Sonne der Majeſtät hinweggebannt hat, und nun herumirrt in Eurer Mißhuld hoffnungsloſem Dunkel,— Gnade für meinen Schwager Heinrich von Landshut.“ Befand ſich Siegismund je in Verlegenheit und rathlos, was er thun ſollte, ſo war es jetzt. Er mochte ſeinem Liebling, dem Markgrafen und Churfürſten, der ihm ſchon ſo manchen wichtigen Dienſt erwieſen hatte, und von dem er noch man⸗ chen ferneren hoffte, die Bitte nicht abſchlagen, — 2⁰00— zumal, da er eigentlich Herrn Heinrich mehr ge⸗ wogen war als dem Gebarteten; anderſeits aber bangte ihm vor der Entrüſtung Frankreichs, deſ⸗ 0 ſen Geſandten er noch vor wenigen Augenblicken ſein Wort gegeben hatte.„Ich bin gebunden,“ erwiederte er dem Markgrafen,„und kann Euch, ſo gern ich wollte, keinen andern Beſcheid erthei⸗ len, als daß Ihr Euch an dieſe Herren aus Frankreich wendet; wenn die mich löſen, ſo will ich um des Concils halber, welches meine Wiederkunft nach Coſtniz benöthigt, aus angeſtammter Huld und kaiſerlicher Gnade Eurem Begehren nicht zuwider handeln.“ Churfürſt Friedrich verſtand den leiſen Finger⸗ zeig, den ihm Siegmund zu einer Entſchuldigung gegeben, beſann ſich einige Augenblicke des Sprüch⸗ leins:„Wer ſich ſelbſt erniedrigt, wird erhöht werden,“ und that dann, ſeinen deutſchen Für⸗ ſtenſtolz verleugnend, einen Fußfall vor den fran⸗ zöſiſchen Herren, an welche er folgende Worte richtete:„Seht mich hier, ſtatt meines Schwa⸗ gers Heinrich von Landshut, zu Euren Füßen, Ihr edle Herren, und hört meine Bitte. Nicht leicht kann irgend ein anderer den hocherlauchten — 201— Bruder Eurer Frau Königin, jenen Ludwig, Gra⸗ fen von Mortain, der an Manneskraft und Tugend gleich trefflich iſt, beſſer verehren, als eben ich, der ich Euch jetzt in Demuth bitte, Ihr wollet nicht auf die Strafe des Mannes dringen, der, im Zorn auf's Aeußerſte gebracht, ſeine Ehre zu retten wähnte. Wir alle,— Ihr ſelbſt, wenn wir vermeinen, daß uns die Ehre angetaſtet wird, ſtürzen ja gewiß verblendet gegen jeden, und wär' es der eigene Bruder, der uns Unglimpf droht. Uebereilung im Zorn ſtraft ſich ſchon an uns ſelbſt und bitter genug— durch Schaam und Reue. Wer, um Euch ein Beiſpiel zu geben, wollte den Zweikampf beſtrafen, der die empör⸗ ten Leidenſchaften ausgleichen ſoll? Und, ſeht Ihr Herren, ein ſolcher Streit war dieſer. Eine perſönliche Fehde iſt, wie mir Kaiſers Ma⸗ jeſtät ſelbſt einräumen wird, noch kein Bruch des Landfriedens, noch keine Entweihung des Con⸗ cils, deſſen Mitglied übrigens der hocherlauchte Herzog Ludwig nicht iſt, geſchweige wäre dies dann Verunglimpfung einer fremden ſo ruhm⸗ vollen Krone, wie der Frankreichs. Höret Ihr Herren von Frankreich aus meinem Munde an — 202— Heinrichs von Landshut ſtatt, und neiget Euer Gemüth huldvoll zu deſſen Reue, Abbitte und Genugthuung, die er offen und feierlich leiſten wird. Ich beſchwöre Euch, als Chriſten, im Namen der Chriſtenheit, des Kaiſers Majeſtät von dem an Euch gegebenen Worte zu entbinden, damit derſelbe in die Stadt des Concils zurück⸗ kehren könne, wo die nahe Schlichtung des ver⸗ derblichen langjährigen Kirchenzwiſtes ſeine An⸗ kunft benöthigt, denn die Wahl des heiligen Va⸗ ters, welcher endlich der Chriſtenheit den Frie⸗ den wiedergeben ſoll, kann nicht eher vollzogen werden, bevor des Kaiſers Majeſtät zurückge⸗ kehrt iſt, und ſie hat ihr Wort gegeben, nicht eher wieder zu kommen, als bis die Klage gegen Heinrich von Landshut geſchlichtet ſei. Nun will ja mein gnädiger Herr, voll Milde und Huld, Acht und Bann zurücknehmen; nur Ihr allein, edle Herren, habt noch zu klagen. Die Augen der ganzen chriſtlichen Welt ſind denn jetzt auf Euch gerichtet; jetzt iſt der Augenblick, die weit⸗ gerühmte Großmuth Frankreichs in vollem Glanze zu zeigen. Löſet meinen gnädigen Herrn von ſeinem Worte, und ärntet dann dafür den Segen — 203— der wiedervereinigten Kirche und der ganzen chriſtlichen Welt!“ Die franzöſiſche Eitelkeit konnte ſo vielen Schmeicheleien nicht widerſtehen, und machte die Geſandten ihres Schützlings vergeſſen; höflich und geſchmeidig entbanden ſie den Kaiſer ſeines Wortes, der darüber hoch erfreut war, denn ſo freigebig, ja verſchwenderiſch er war, ſein Wort zu geben, eben ſo ſchwer drückte es ihn bald. Bald darauf ritt er mit ſeinem prachtvollen Gefolge an der Seite des Churfürſten Friedrich, von den fran⸗ zöſiſchen Geſandten begleitet, nach Coſtniz zurück, wo ſich, namentlich auf das Verlangen der italie⸗ niſchen, ſpaniſchen und franzöſiſchen, und ſpäter auch der engliſchen Nation, die Kardinäle endlich zur Wahl eines neuen Pabſtes vereinigten. — 204— Der Pab ſt. Indeſſen genas Ludwigs urkräftiger Leib all⸗ mählig von den Wunden, welche ihm ſein erbit⸗ terter Vetter und deſſen Helfershelfer meuchleriſch geſchlagen; doch feſſelte ihn, während ſeine Wunden nach und nach zu vernarben begannen, als Nach⸗ weh, ein heftiges Fieber an das Krankenbette. Wunderliche Bilder zogen an ſeiner Seele vor⸗ über, alte längſtvergeſſene Erinnerungen tauchten jetzt, durch den Zauber der Krankheit herauf be⸗ ſchworen, in ſeiner Bruſt wieder empor. Die Aerzte und Wärter ſchüttelten manchmal, wenn ſie eine oder die andere ſeiner irren Reden be⸗ lauſchten, und ſich bemühten, das Unzuſammen⸗ hängende derſelben zu ergänzen, gar bedenklich die Köpfe. Die Namen ſeines Vaters und Canetas und ſeiner Gemahlinnen entflohen ſeinen Lippen mehr als einmal. Seine ganze Vergangenheit ſchien endlich an dieſem eiſernen Manne der Ge⸗ genwart ihr Recht ausüben zu wollen. — 205— So lag er auch, von ſchweren Fieberträumen befangen, in der Allerſeelen⸗Nacht. Der Wäch⸗ ter an ſeinem Lager war eingeſchlummert; drauſ⸗ ſen ſchollen von allen Thürmen die letzten ver⸗ hallenden Klänge des Ave⸗Geläuts, und ſtrichen wie Sterbeſeufzer durch die nebelfeuchte Luft. Ihm aber war es im Fiebertraum, als ſchiffe er einſam auf einem ungeheuern See, auf deſſen trüben Spiegel ſich rings dichter, erſtickender Nebel gelagert habe, daß er nicht vor⸗ nicht rück⸗ wärts, noch zu beiden Seiten ausſchauen konnte. uUnd ihm war doch, als müſſe er vorwärts, nach einem Eiland ſteuern, welches er einſt im ſonni⸗ gen Glanze geſehen, umſäumt von Blüthenbäu⸗ men, ein königliches Schloß mit ſtolzen Zinnen tragend, worin die Herrſcherkrone von Frank⸗ reich ſchimmre, ihm zugedacht mit Brief und Siegel. Aber die ſelige Inſel war ihm jetzt verborgen, und ſo kräftig er auch ruderte, ſo wenig kam ſein Schiff von der Stelle. Da ſprang er unwillig auf, legte das Ruder in den Kahn, und beugte ſich darüber hinaus, um zu ſehen, ob ihn dichtverſchlungenes Seegewächs, oder eine Sandbank aufhalte. Aber, wie er in die trübe — 206— Fluth hinabblickte, ſah er's drunten wallen und ſich regen, wie Gewand. Und wie er genauer hinſah, ſo ſtand unter dem Kahn ein alter Mann im Waſſer, der den Kiel des Schiffes mit bei⸗ den Faͤuſten feſthielt, daß es nicht von der Stelle konnte; das war ſein Vater. Er wollte ihm zurufen, das Schiff loszulaſſen; aber die Stimme erſtickte ihm im Halſe, und der Alte drunten ließ jetzt den einen Arm fahren, hielt den Kiel noch feſt mit der andern Fauſt, hob die freie Rechte geballt gegen ſeinen Sohn aus dem Waſ⸗ ſer, und ſprach drunten ſo leiſe und heiſer, als rauſchten blos die Waſſer in den Tiefen:„Ich halte dein Glücksſchiff feſt, Ludwig, ſteure nur zu, es iſt doch vergebens! Du haſt das Gewal⸗ tigſte gewollt, und wirſt nur leben, um keine Frucht zu haben. Ich hatte einen Sohn, und der ließ mich einſam ſterben. Ich halte dich feſt, aber nicht durch Vater⸗Fluch. Seinen eigenen Fluch trägt jeder.“ Da ſprang Lud⸗ wig aus dem Kahne, um dem Alten in's Auge zu ſehen, und ſank, und fuhr, und ſchoß tief hinab in's Bodenloſe. Er konnte den Vater nirgends mehr gewahren. Jetzt durchſchnitt er mit gewal⸗ — 20,7— tigem Arm die Fluth, und als er wieder über die Oberfläche der Waſſer emportauchte, ge⸗ wahrte er ſein Schiff nirgends mehr, aber noch immer den dichten undurchdringlichen Nebel. Er ließ ſich nicht ſchrecken, und ſuchte mit unge⸗ bändigtem Sehnſuchts⸗ und Lebensdrang, ſchwim⸗ mend das Eiland des Friedens zu erreichen; er fühlte ſich wieder ganz als Mann, und jeder Widerſtand, den ihm die Fluthen leiſteten, freute ihn, daß er den Triumph ſeiner Kraft dran zei⸗ gen könne. Doch kaum war er eine kurze Weile hindurch geſchwommen, als er ſich zu beiden Seiten hinterrücks an den Armen gefaßt fühlte, und als er ſich zornig umſah, gewahrte er zwei blaſſe Weiber, die hinter ihm ſchwammen, jede trug ein wunderholdes Kind am Herzen. Er aber ſah nur auf die Eine hin, die ihn unausſprechlich mild anlächelte. Er wollte die Arme losmachen, um ſie zu umfangen, und ſtieß dabei die An⸗ dere, die ſich mit letzter Kraft an ihn geklammert hatte, unbarmherzig von ſich und in die grau⸗ ſigen Tiefen hinab. Jetzt wollte er die Eine mit aller Gewalt umfangen, und ſtreckte beide Arme nach ihr aus,—— da ſank er pfeilſchnell — 208— felbſt in die Tiefen, und an ſeine Ferſen hing ſich zerrend ein mißgeſtaltiges Ungethüm.— Mit einem Nothſchrei erwachte er. Der unheimliche Traum ſchien gleichwohl die Gewalt ſeines Wundfiebers vernichtet zu haben; er fühlte, nachdem er gewaltſam die letzte Erinnerung an den böſen Traum von ſich geſchüttelt hatte, neue Lebenskraft in ſeinen Gebeinen, und dachte nach ſo langer Bewußtloſigkeit zuerſt wieder an ſeinen holden Sohn Wieland,— denn deſſen Antlitz hatte er im Traume geſehen,— und neben ihm unwillkührlich an ſeinen andern ungeliebten Sohn, den höckerigen Ludwig. Immer klarer und klarer entwickelten ſich jetzt alle ſeine Gedanken. Er dachte an jenes Gaſtmahl bei dem Biſchof von Paſſau, und an jenen Augenblick, da ſein Vetter von Landshut aus dem Hinterhalt am Brücklein mit nacktem Schwerte meuchleriſch auf ihn hervorſprang. Grimm ſchüttelte alle ſeine Glieder. Als er beim Schein der Nachtlampe den ſchlafenden Waͤrter ſah, rief er ihn mit lauter Stimme an, und befahl ihm, als er noch ſchlaf⸗ trunken ſich emporraffte, Kleider herbeizuſchaffen. „Was wollt Ihr beginnen?“ ſtammelte der Wärter. „Kümmere dich um nichts, was nicht deines Amtes iſt,“ entgegnete ihm Ludwig haſtig;„Klei⸗ der herbei, Kleider!“ Der Wärter brachte, dem Befehle ſich fügend, die Kleider und that ſie ihm an. Jetzt wollte ſich Ludwig aus dem Bette begeben, um mitten in der Nacht gerades Weges zu dem Kaiſer zu eilen, und von ihm Rache gegen den Mörder Heinrich von Landshut zu verlangen. Aber kaum hatte er den Fuß auf die Erde geſetzt, um den erſten Schritt zu verſuchen, ſo übermannte ihn die Kraftloſigkeit, durch ſo ſchweren Blutverluſt und lange Fieberqualen erzeugt, dergeſtalt, daß er zuſammenſank. Der Wärter mußte ihn wieder auf das Siechenbett bringen und entkleiden.„O pfui, pfui, pfui!“ ſtöhnte Ludwig in ſeiner Ohnmacht,„pfui über dieſe Erbärmlichkeit, daß wir als Knechte unſe⸗ rer eigenen Thonklötze von Wind und Wetter abhängen und nicht beſſer dran ſind, als das ſchlechteſte Thier; daß dieſer freche Leib ſich un⸗ geſtraft gegen uns empören darf! Und pfui über II. 14 — 210— dieſe Ordnung, daß alles Gemeine und Schlechte ſich empören darf, daß der Popanz herrſcht und Männer, geboren zu handeln, die Krone des Seins hingeben müſſen für das Joch des Pflug⸗ ſtiers! Leben, Leben! Iſt Dulden und Tragen denn Leben? Wehe, wenn mir in der Stunde meiner Geburt nichts anderes vorgezeichnet ſtand, als Unbill zu tragen, warum empfing ich dann nicht den Leib des Hundes, der doch, auf's Aeußerſte gereizt, ſeine Zähne gebrauchen darf? O, dann wollt' ich, der Mörder hätte mich zum Tode getroffen, oder dem Arzt wäre die Hand ver⸗ dorrt, die meine Wunden zuerſt verband!“ Ermattet ſank ſein Haupt in die Kiſſen zu⸗ rück, ein ſanfter traumloſer Schlaf folgte der Erſchöpfung und erquickte den Kranken bis ſpät in den Morgen hinein. Als er aufwachte, fühlte er ſich neu geſtärkt, verſuchte ſich wieder zu er⸗ heben, und konnte bereits an der Hand ſeines Wärters einigemale im Gemach auf und nieder gehen. Binnen wenigen Tagen uhrite er ſich zu⸗ ſehens.—— Am eilften November ſaß er am Fenſter, gedankenios auf jene Gegend der Straße hin⸗ — ſtarrend, wo er beinahe den Tod gefunden hätte, als ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich durch das Ge⸗ läute aller Glocken von Coſtniz und das Zuſam⸗ menrennen und Durcheinanderwirren einer Menge von Menſchen erregt wurde. Immer dichter zeigte ſich das Gewühl und Gewimmel; ein fer⸗ nes Brauſen wie von vielen Stimmen wälzte ſich immer näher und näher, jetzt ward es zum tau⸗ ſendfachen Jubel;„Heil, Heil, Heil, dem, der da kommt im Namen des Herrn,“ ſcholl es don⸗ nernd wie aus einem Munde, und Ritter, Mönche, Fürſten, Grafen, weiſe Meiſter, fah⸗ rendes Volk, Reiſige und Knechte, Rathsherren und Obrigkeiten der Stadt, alles durcheinander, wälzte ſich in immer dichter anſchwellenden Wo⸗ gen durch die Straßen dem Kaufhauſe zu. Es war ein Donnerſtag, das Feſt des hei⸗ ligen Martin, als in ganz Coſtniz ſolche freudige Bewegung geſchah. In dem Kaufhauſe waren ſeit drei Tagen die Kardinäle ohne Speiſe und Trank eingemauert geweſen, um ſich durch Er⸗ leuchtung des heiligen Geiſtes zur Wahl des Pabſtes zu vereinigen, welcher, nach ſo langer Zeit endlich als erſtes rechtmäßiges Oberhaupt 14* der Chriſtenheit, der arg zerrütteten Welt den Frieden wieder geben ſollte. Um eilf Uhr Vor⸗ mittags wallte eben der Bittgang, welcher ſeit dem Beginn des Conclave täglich angeordnet war, in die Domkirche, von welcher er ausgegangen, zurück, und war kaum vor dem Kaufhauſe vor⸗ übergezogen, als von innen an das vermauerte Thor gewaltige Hammerſchläge geſchahen. Mit hochklopfenden Herzen, bang aufhorchend, blieben alle, welche ſich in der Proceſſion befanden, in ungeduldiger Erwartung ſtehen. Jetzt fiel der erſte Stein; jetzt ſtürzten die andern; und hinter der Oeffnung rief der Patriarch von Venedig mit lauter Stimme:„Heil, Heil, Heil, dem Kardinal Otto von Colonna zu Sanct Georg vom gold⸗ nen Vließ, Heil ihm, dem von Gott bezeichneten Statthalter Chriſti, welcher vom Patron des heu⸗ tigen Tages ſich nennt Martinus, dieſes Namens den fünften.“ Und ein Jubelgeſchrei der Menge, welche knieend das Kaufhaus umlagert hielt, ſtieg zum Himmel empor, und mit Blitzesſchnelle lief die freudige Kunde durch die ganze Stadt, und, als gälte es der Seele Seligkeit zu erjagen, ſtrümte — 213— Alles, was in Coſtniz war und nicht auf dem Todtenbette lag, Fremde und Einheimiſche, Män⸗ ner und Weiber, Kinder und Greiſe, heran, um den Statthalter Chriſti, welchen die Kardinäle ſeiner vorigen Gewande entkleidet und mit neuem biſchöflichen Schmuck angethan, zu ſehen und im Triumphe nach dem Dom zu führen. Achtzig⸗ tauſend Menſchen waren auf den Beinen.— Jetzt verbreitete ſich die Kunde, der Pabſt werde den auf der Seeſeite des Kaufhauſes hinausragenden Balkon beſteigen; im Nu wimmelte der ganze Hafen ſowohl, als auch die außer den Pfählen ausgebreitete Spiegelfläche des See's von zahl⸗ loſen, mit bunten Wimpeln geſchmückten, von Menſchen überfüllten Kähnen; und als nun der Pabſt ſich zeigte, ſcholl auf's neue das tauſend⸗ ſtimmige Hoſianna! Inzwiſchen war der Kaiſer im vollen fun⸗ kelnden Ornat in das Conclave geeilt, warf ſich vor dem Vater der Chriſtenheit auf die Kniee, und küßte ihm mit frommer Verehrung den Fuß. Martinus richtete ihn auf und umarmte ihn als Bruder und weltlichen Schutzherrn des Reiches Gottes auf Erden. Dann ging der Kaiſer ehr⸗ erbietig von einem Kardinal zum andern und — 214— dankte ihnen im Namen der Chriſtenheit für den Eifer, mit welchem ſie derſelben durch die Wahl des neuen Pabſtes den Frieden gegeben. Friede, Friede in allen Landen nach langem Irrſal, das war die allgemeine freudige Loſung!— Friede? Friede? Dieſelben heiligen Männer, welche ſich aus dreitägigem Hunger ſo geeilt hatten, die Wahl des neuen Zwingherrn der Seelen zu Ende zu bringen, dieſelben hatten der Vernunft eine Ketzer⸗ und Narrenkappe aufgeſetzt und Hoſianna geſungen, als der Wind Hußen's Aſche zerſtäubte. Friede? Friede? Es ſoll kein Friede auf Erden ſeyn, ſo lange Unrecht als böſe Saat keimt. In⸗ deß ſie jetzt in Coſtniz mit allen Glocken den Frieden der Chriſtenheit einläuteten, ſtand in Böheim einer, der hieß Ziska, der klopfte die Beulen aus ſeinem Helm, wetzte ſein Schwert, und nahm ſeine eiſerne Keule von der Wand; es kam um Mitternacht der Zornengel des Herrn in ſeine Kammer geſchritten und markte ihn zur Gortes⸗Geißel. Um ein Uhr begab ſich, während noch immer die Glocken erklangen, der Kaiſer mit allen Kur⸗ fürſten, Herzogen, Fürſten, Grafen, desgleichen mit den Patriarchen, Erzbiſchöfen, Biſchöfen, — 215— Aebten, Prälaten, den Würdeträgern des päbſt⸗ lichen Hofes, den Doktoren und Kanzlern aller Univerſitäten von Europa, Mönchen von allen Orden, den beiden Bürgermeiſtern von Coſtniz- und dem Rath, desgleichen mit allen Domherren in den Dom, um von da aus dem neuen Pabſt die Heilthümer der Kirche zu bringen und ihn abzuholen. Unabſehbar bewegte ſich der feierliche Zug nach dem Kaufhauſe zu. Dort beſtieg der b Pabſt einen prachtvollen milchweißen Zelter, der in Gold und Silber geſchirrt war und eine pur⸗ purne Sammetdecke trug. Der Knecht der Knechte Gottes, in dem goldſtarrenden Pallium, mit weißer Inful auf dem Haupte, ließ ſich gnädig von dem Kaiſer auf das Pferd helfen. Dreiund⸗ zwanzig Kardinäle und die übrigen dreißig Mit⸗ wähler ſtanden dabei rings im weiten Kreiſe, blaß und abgemagert; das Faſten mochte ihnen ungewohnt geweſen ſein. Nachdem der Pabſt das Prunkroß beſtiegen, küßte der Kaiſer auf's. neue Martins Fuß im Steigbügel und führte dann den Zelter am Zügel. Langſam ritten ſie durch die Straßen, allenthalben ertheilte der hei⸗ lige Vater der knieenden Menge den Segen. — 216— Als ſie gegen Abend in der Cathedrale ankamen, wurde das Te⸗Deum geſungen; fünfhundert Spiel⸗ leute begleiteten den Choral mit künſtlichen Wei⸗ ſen. Nach geendigtem Te⸗Deum hegab ſich der Zug in derſelben Ordnung, wie er gekommen war, aus dem Dome. Als der Pabſt über die Schwelle des Dom's getreten war, drängte ſich durch die Menge des Volks ein Mann, vor deſſen Fürſtenhut alle Wachen Platz machten; es war Herr Ludwig im Bart. Er hatte es nicht länger in der en⸗ gen Krankenſtube aushalten können und warf ſich jetzt bleich und zitternd, aber doch noch immer eine Heldengeſtalt voll Hoheit und Fürſtlichkeit, ungeſtüm zu den Füßen des Pabſtes, indem er ihn alſo anredete:„Heiliger Vater, der Ihr auf Erden anſtatt Gottes herrſchet, zu Euren Füßen werf' ich mich, ein Mann, den alle Welt aufgegeben; und weil mich auf Erden Niemand mehr hören will, da ich um Recht und Genug⸗ thuung ſchreie, ſo wend' ich mich durch Euch an den höchſten Gott. Euch iſt die Gewalt gegeben, zu binden und zu löſen, ſo beſchwör' ich Euch denn, nicht zu löſen, nein! zu binden die, ſo — 217— mir diebiſch und mörderiſch an Gut und Leib ge⸗ gangen. Hier ſteht des Kaiſers Majeſtät, welche den Mörder, der mir tiefe Wunden geſchlagen, ungeſtraft ſein Weſen treiben läßt; die Acht iſt wie ein Poſſenſpiel ſo ſchnell von ihm genommen, als ſie über ihn verhängt worden war; ſo flehe ich und verlange denn von Euch, daß Ihr den Bann der Kirche auf ihn ſchleudert, denn Ge⸗ rechtigkeit muß ſeyn; im Namen des höchſten Richters, der uns Fürſten einſetzt, beſchwöre ich Euch, damit ich nicht zum äußerſten getrieben werde,— ſchaffet Ihr mir Recht und Genug⸗ thuung.“ Aber der Pabſt, als deſſen Haupttugend vor ſeiner Erhöhung Demuth geprieſen worden war, ſchien von dem Augenblick an, als er ſich den Knecht der Knechte nannte, ganz umgewandelt worden zu ſein; hochmüthig blickte er auf den unterdrückten Fürſten nieder, erhob ſtumm die Hand, ertheilte ihm den— Segen und wendete ſich, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, um ſein Prunkroß zu beſteigen. Der Kaiſer war ge⸗ ſchäftig, dem heiligen Vater den Steigbügel zu halten, und ſprach während dieſer Handlung, — 218— ohne ſich nach Ludwig umzuſehen, gleichgültig: „Oheim, denkt doch an Euren böſen Fuß und geht heim; es iſt ſpät, die Nachtluft könnte Eu⸗ ren Wunden ſchaden.“— Da ſprang Ludwig, der bisher wie in Be⸗ täubung auf den Knieen gelegen hatte, vom Bo⸗ den auf, und umkrampfte zitternd ſein Schwert. Die Erde ſchien ihm zu wanken, hohnzulachen je⸗ des Antlitz von den vielen Tauſenden, durch de⸗ ren dichte Menge er ſich ſcheu, das Antlitz in den Mantel verhüllend, ſtahl.„O mein Gott, mein Gott!“ war das Einzige, was ihn der Zorn ſprechen ließ. Seine Wunden waren aufgebrochen, als er ſeine Herberge erreicht hatte; er wollte zur Stelle Coſtniz verlaſſen, aber das Siechthum kam mit zehnfacher Gewalt wieder über ihn und hielt ihn zurück. Himmel und Hölle wollte er aufbieten, um Recht und Rache zu erlangen. Er ſchrieb zur Stelle einen Brief nach Frank⸗ reich an ſeine Schweſter und an Burgund,— nicht um ihre Verwendung bei Kaiſer und Reich, ſon⸗ dern um ein Kriegsheer bittend, mit welchem er ſeinen Todtfeind fangen wollte. Aber Soldaten — 4 — 219— waren damals in Frankreich theuer, denn Eng⸗ lands glorreiches Banner wehete auf Frankreichs Küſten. Und Jſabelle, welche immer tiefer und tiefer ſank, wendete jetzt, da ihr Bruder in Noth war, ihr Herz von ihm, dem ſie, als er in Glück und Anſehen ſtand, Schätze und Schmei⸗ cheleien die Hülle und Fülle geſchenkt hatte. Das iſt das alte Einmaleins der Welt, der Undank. Das iſt der Katechismus mit Frag' und Ant⸗ wort; Dolche ſind auch Antworten.— Gar bald erging von kaiſerlicher Majeſtät, durch den Kurfürſten von Brandenburg betrieben, ein völliger Begnadigungsbrief für Her⸗ zog Heinrich von Landshut.— Iſt es nicht eine luſtige Art auf Erden, das unrecht, ſtatt ihm in dunkler Nacht ein Grab zu wühlen, und es tief einzuſcharren, damit der Strahl der Sonne es nicht gewahre,— noch in Seide und Hermelin zu hüllen, und auf einen erhabenen Stuhl zu ſetzen, damit es ausſehe, wie das Recht, das indeſſen gemordet ward?! Herrn Ludwig im Bart blieb jetzt Niemand mehr, auf den er bauen konnte, als er ſelbſt; ſi ch allein konnte er nur noch der Welt gegenüber ſtellen,— und er that's. ——ʒꝛ—y——— Herzog Ludwig's Söhne. Der Begnadigungsbrief hatte den Herzog von Landshut ſo frech und übermüthig gemacht, daß er, noch nicht geſättigt durch ſeines Feindes To⸗ desnoth, jene Drohung, die er bei'm Gaſtmahl des Biſchofs von Paßau ausgeſprochen, erfüllte, und feindlich in Herzog Ludwig's Land zog. Ei⸗ nen Monat lang belagerte er dieſem das vom raſchen blauen Inn zu drei Seiten umfloſſene feſte Städtchen Waſſerburg. Auch mit Donau⸗ wörth's Bürgern ſpann er böſe Ränke an, ver⸗ leitete ſie, ſich bei Siegismund über Ludwig's Bedrückungen zu beſchweren, und vermochte den Kaiſer, jener Stadt alle Privilegien ihrer alten Reichsfreiheit zu erneuern. Ludwig ſah es alles ziemlich geduldig an, verſtellte ſeinen Zorn hin⸗ ter Spott, drohte, den Donauwörther Bürgern allen die meineidigen Zungen ausſchneiden zu laſſen, entſetzte Waſſerburg, und verhielt ſich im übrigen ſtill, um Zeit zu gewinnen und alles zu gewinnen. Er lauerte, wie ein gereiz⸗ ter Löwe auf den zum freien Sprung günſtigen Augenblick. Dieſer erſchien, als die Friſt, binnen welcher Siegismund ſeine Schuld an Ludwig abzutragen verſprochen hatte, verſtrichen war; der Kaiſer dachte an nichts weniger, als: jene zu bezahlen. Jetzt brach Ludwig, welcher ſich indeſſen ſeines Adels und der heimlichen Hilfe der Landshuter Ritterſchaft verſichert hatte, und für zwölftauſend Gulden Jahrſold der Kaiſerstochter Eliſabeth Dienſtmann geworden war, aus ſeiner ſcheinbaren Argloſigkeit los, umging klüglich ſeinen Schuld⸗ ner, den Kaiſer, und wandte ſich mit ſeiner For⸗ derung unerwartet an deſſen Bürgen und Mit⸗ ſiegler, den Churfürſten von Brandenburg. Die⸗ ſer verweigerte die Zahlung, und raſch erging an ihn eine Herausforderung Ludwig's auf Tod und Leben. Aber der Churfürſt erwiederte ihm glattweg, er werde ſich nie mit einem Meineidi⸗ gen ſchlagen, und Ludwig ſ ei meineidig, weil er jenen Freiſinger Spruchbrief verläugnet habe, auf welchem doch ſein fürſtlich Inſiegel ſtand. Nun blieb dem gekränkten und erbitterten ε Be Manne kein andrer Ausweg, als ſich an dem Be⸗ ſitz des Churfürſten, den er als Vertheidiger Heinrichs faſt noch ärger als dieſen ſelbſt haßte, auf eigne Fauſt Genugthuung zu verſchaffen. Des Landgerichtes Nürnberg Königsbann war ſeit al⸗ ten Zeiten den Grafen von Zollern verliehen ge⸗ weſen. Ludwig zog jetzt des Brandenburgers Leute aus dem Nürnberger Landgericht, ſo Geiſtliche als Weltliche, vor ſeine eigenen Schrannen zu Graisbach. Aber der Kaiſer nahm dieſe Selbſt⸗ hilfe ſchief, und verurtheilte ihn wegen ſolchen Eingriffs in des Reiches Satzungen zu einer Geld⸗ buße von zweimal hunderttauſend Mark Silber. Trotzig forderte Ludwig jetzt vom Kaiſer ſelbſt Zurückzahlung der Schuld, aber ſtatt deren ward ihm die Antwort:„Gebt Euch zur Ruhe, gu⸗ ter Oheim, wir ziehen unſre Schuld von Eurer Buße ab.“ Da warb Herr Ludwig reiſiges Volk, und ſchickte dem Churfuͤrſten folgenden Abſagebrief: „Hochgeborner Fürſt! du neulich hochgemach⸗ ter, unendlicher Edelmann, und jetzt lügenhafter Markgraf, der du dich auch Churfürſt nennen läßeſt, aber dein Churfürſt iſt ſo viel, als ein — 223— Brief für einen ſiechen Hund, daß man ihn künf⸗ tig Roland nenne. Du haſt an deinem ganzen Leib nicht ſo viel der Ehre, daß man einen Bolz damit befiedern könnte. Du biſt ſo ganz blos aus Urkunden, Gnadenbriefen und Diplomen zu⸗ ſammengekleiſtert, daß, wenn man dir das Per⸗ gament abzieht, nichts mehr da iſt, als deine Lügenhaftigkeit, Zweideutelei, oder was nach lche faulen Tugend riecht. So ſollſt du denn Hich ſage dir, und allen deinesgleichen hie⸗ Sſenhrna und offen ab, für ewige Zeiten, und will deiner nicht und nirgends ſchonen, ſo wahr mir Gott helfen möge.“ Dieſen Abſagebrief ſchickte er dem Churfürſten nicht etwa durch einen Herold und Rittersmann, ſondern, um ihn recht zu höhnen, durch einen fahrenden Lautenſchläger zu.— Er ſaß in ſeinem Schloſſe zu Ingolſtadt, und erfreute ſich mit dem geliebten Sohne ſeiner Ca⸗ neta, Herrn Wieland, welchen Ludwig mit des Freiberger's Beiſtimmung Wieland von Freiberg hieß, am Würfelſpiele. Wieland war ein wun⸗ derſchöner Jüngling geworden; das goldige Haar, die zarte Bläſſe des edelgeformten Angeſichtes — 224— hatte er von ſeiner ſeligen Mutter geerbt, des⸗ gleichen die Innigkeit der Geſinnung und die Liebe zum Vater. Herr Ottlinger hatte ihn treff⸗ lich erzogen, in allen ritterlichen Tugenden unter⸗ wieſen, und ihm namentlich das letzte Vermächt⸗ niß der Mutter, die Liebe zum Vater, eingeflößt. Herr Ludwig konnte ſeine herzliche Freude an ihm haben, und wollte ihn auch vor aller Welt Augen groß machen; er hatte deshalb an den Pabſt geſchrieben, um ihn als legitim erklären zu laſſen, und beabſichtigte, ihn dereinſt mit ei⸗ nem Fraulein aus einem der edelſten Häuſer zu vermählen. „Du wirſt bald dein zwanzigſtes Jahr antre⸗ ten, mein Wieland,“ begann Ludwig, indem ſein Auge mit Wohlgefallen auf der edlen Ge⸗ ſtalt ſeines Sohnes ruhte, deren Anblick ihm für einige Augenblicke alle erlittene Unbill und Krän⸗ kung vergeſſen machte;„ich möchte dich gerne gerade jetzt, da viele Stürme über mein Haupt hinziehen werden, in jedem Augenblick an meinem Herzen halten können, dich, den Einzigen, der mir geblieben iſt; aber eben die Liebe, die ich nur als Sorge für dich kenne, heißt mir ſtreng — 225— und unerbittlich dich jetzt von mir zu entfernen, damit das Ungemach des Krieges dein theures Haupt nicht berühre; du biſt mir ja als Ver⸗ mächtniß gegeben worden, und drum will ich, ſelbſt um den theuren Preis, dich zu vermiſſen, die Perle deines Lebens, mein heiligſtes Kleinod, das mir kein Vetter noch Kaiſer rauben kann, in der Ferne beſſer bewahrt wiſſen, als mein Herz dich ſchützen könnte. Höre alſo: du ſollſt nach Welſchland reiſen; ich weiß, dein Sinn dürſtet nach Kunſt und Wiſſen; nun blüht in Bologna ſeit uralter Zeit der Zaubergarten der Weisheit; dort ſei denn dein Aſyl, indeß dein Vater, der keinen Helfer mehr hat als Gott, auf Leben und Tod um ſein Recht und dein Erbtheil fechten wird. Ich will dir auch einen wackeren Meiſter zum Begleiter geben, Herrn Niklas Riechesheim, der dich treu unterweiſen und in allen Fährlichkeiten durch Rath und That unterſtützen ſoll.“ „Wie? Iſt dieß denn auch wirklich unwieder⸗ ruflich beſchloſſen, mein theurer Vater; muß ich wirklich, ſo bald die geliebte Heimath verlaſſen?“ fragte Wieland ſchüchtern; Herr Ludwig be⸗ merkte die ungewöhnliche Bewegung/ des Jüng⸗ II. 15 — 226— lings, deſſen zarte Wangen ſich rötheten, und welcher noch etwas auf dem Herzen hatte, mit deſſen Mittheilung die Lippen zögerten. „Ei, Wieland! wie kommſt du mir jetzt ſo ſeltſam vor!?— Sprich, lieber Sohn, iſt es die Liebe zur Heimath allein, welche deine Sehn⸗ ſucht feſſelt?“ ſprach er forſchend,„oder liest mein Blick ſchärfer und tiefer in deinem Herzen, und findet darin ein holdes Zauberbild, welches alle deine Sinne gefangen hält? Du kannſt wahrlich aufrichtig mit mir ſprechen, mein ge⸗ liebter Sohn, du weißt ja, daß ich nur dein Glück will, und dir gerne Alles geſtatten werde, was wahrhaft zu deinem Beſten iſt.“ Wieland ſenkte nach dieſer Anrede den Blick, und erwiederte:„O mein Vater! Ihr ſeid ſo gut, ſo unendlich gut gegen mich, daß alle Scheu ſchmilzt. So wiſſet denn: in dieß Herz iſt alle Seligkeit eingezogen, die nur ein Menſch faſſen kann. Ich liebe und werde geliebt.“ Des Vaters Stirne verdüſterte ſich, ernſt und leiſe ſprach er vor ſich hin:„Hm! das iſt Vaterglück! Wenn wir das ganze Leben an das Eine: das Kind wenden und dran ſetzen, ſo raubt — 227— uns ein einziger flüchtiger Blick, ein leiſer Häͤnde⸗ druck, die erſte, halb hingehauchte Beruͤhrung zweier Lippen— das ganze lange und mühſam er⸗ rungene Kleinod.— Doch, wenn ich nur dich glücklich weiß, mein Sohn, will ich ja gerne zu deiner Wonne meine Hoffnungen in die Wag⸗ ſchale werfen. O bei Gott, Wieland, du haſt keinen treuern Freund auf Erden als mich, dem nie ein Freund wahrhaft treu geblieben; weihe mich zum Vertrauten deines Geheimniſſes ein und ich will dir, ſo wahr ich ein Fürſt bin, dein ſüßes Recht auf die Herrin deines Herzens gegen Jedermann bewachen und vertheidigen, ſo lange du in der Fremde weilſt.“ „Ich liebe Amalie, die ſchöne Grafentochter von Wertheim,“ erwiederte Wieland, den holden Namen ſcheu an des Vaters Herz fluͤſternd. „Potz Treue!“ rief Ludwig fröhlich;„ja, du biſt der echte Sohn deines Vaters, das er⸗ kenne ich an dieſer Wahl; du haſt hier eine Perle gefunden, um deren Beſitz dich gewiß mancher beneiden wird. Mein Herz verlacht ſonſt die Weiber, wenn auch mein Mund ihrer Albern⸗ 15 ¾ — 228— heit mit manchem nett gedrechſelten Worte ſchmei⸗ chelte.—— Ich, ich habe nur Eine gekannt, die zu gut war, zu herrlich, zu rein, zu engel⸗ mild, als daß man ſie hätte ein— Weib nennen mögen,— und dieſe Eine lächelt jetzt ſegnend als Friedensengel auf dich herab.—“ Der rauhe Mann mußte inne halten, um ſeine gewaltige in⸗ nere Bewegung nicht zu verrathen. Er ſammelte ſich wieder und fuhr fort:„Ich glaube faſt, Amalie hat ein Herz, das dem deiner Mutter ähnlich ſieht. Nun, derſelbe Himmel, der mich mitten in die empörte See ſchleuderte, um den Wellen mein Daſein abzuringen, ſegne dich und ſie mit allem Frieden, den er mir vorenthielt.— Aber jetzt reiſe getroſt nach Bologna, mein lieber Sohn, ich hoffe zu Gott, daß ich, bis du wie⸗ derkehreſt, meiner Feinde Herr und Meiſter ge⸗ worden bin; dann will ich eure Hände in ein⸗ ander legen, und, da der Tag ſich zum Abend neigt, mein ergrauendes Haupt an der jungen Frühlings⸗ ſonne eures Glückes wärmen. Pah, pah!— Alſo du gehſt?!—— Laß uns gleich jetzt ohne viele Worte, die uns beide nur weich und unmännlich machen, Abſchied nehmen. Nun denn, mein Schmer⸗ — — 229— zenskind, mein Wieland, leb' wohl, baue auf mich, Gott ſchütze dich!“ Er preßte einen Kuß auf ſeines Sohnes Stirne, und winkte ihm ſchweigend, ſich eilig zu entfer⸗ nen. Wieland ging. Ernſt vor ſich hinſtarrend, ſaß der Vater in ſeinem Lehnſtuhl, und ſann ver⸗ gangener Zeiten. Wieland war noch nicht lange fort, als haſtig die Thüre aufgeriſſen ward, und Conrad der Frei⸗ berger, genannt der Fiedelbogen, mit Ludwig's rechtmäßigem Sohne hereintrat. Als der Vater aufſchaute und den künftigen Erben ſeines Landes gewahrte, zuckte er unwillkührlich zuſammen. Der Sohn bemerkte es, und verzog den Mund zum höhniſchen Lachen, indem er ſeinen Vater mit folgenden Worten begrüßte:„Es ſcheint, mein Vater, daß mein Anblick Euch ſüße Bilder verſcheucht, welche ein junger Menſch, der mir, ſchluchzend wie ein Wickelkind, auf der Treppe begegnete, in Eurer Seele zurückließ. Doch was kann ich dafür, daß ich Euer Auge nicht durch den Anblick einer Schönheit, wie die Sanct Se⸗ baſtian's, erfreuen kann? Wenn irgend Jemand hieran Schuld iſt, ſo ſeid wahrhaftig Ihr — 230— es ſelbſt; denn ich bat Euch nicht, mich zu zeugen.“ Und in der That war der Anblick des jungen Ludwig, welchem ſein Vater die Grafſchaft Graisbach geſchenkt, nach der ſich der junge Prinz am liebſten nennen ließ, nicht ſehr ge⸗ eignet, Liebe einzuflößen. Der Graf von Grais⸗ bach zählte jetzt nahe an die ſechszehn Jahre, ſah aber bereits viel älter aus; ſeine übermäßig langen Beine trugen einen kurzen, mißgeſtalteten, höckerigen Rumpf; in dem dicken Kopfe ſteckten ein paar Augen, die zwar klein, aber glühend wie Kohlen unter den dichtbuſchigen; Brauen hervorblinzelten. Er hatte von den Gaben des Vaters nichts geerbt, als die gewaltige Körper⸗ kraft und den immer ſchlagfertigen ſtechenden Witz, der ſich ſeines Zieles ſtets gar ſicher ver⸗ wußte. Mit inniger Schadenfreude ſtand der Freiberger hinter ihm und weidete ſich an dem Mißbehagen des Vaters, dem er einen ſolchen Sohn zubringen konnte. Von allen Sünden im Leben rächt ſich dem Menſchen der übermüthige Leichſinn am bitterſten, der den geſchlagenen Feind für vernichtet anſieht, und dem Knecht, — 231— als wäre er ein gezähmter Wolfshund, die Wache des Hauſes anvertrauen mag. O traue keiner dem Knechtsſinn! Wähne keiner: Knechtsſinn ſei— Treue!—— „Was verſchafft mir die Freude deines Be⸗ ſuchs?“ entgegnete der alte Ludwig;„ich bitte dich, zu bedenken, daß die Zeit das koſtbarſte Gut auf Erden iſt; darnach, mein Freund, richte deine Worte ein.“ „Ihr empfehlt mir die Tugend unſeres Vet⸗ ters, die löbliche Sparſamkeit,“ verſetzte der Graf von Graisbach,„und ich werde mir Mühe geben, Eure Geduld nach dem Maß meiner Beine, für welche ich Euch ſtets dankbar ſein werde, auf die Probe zu ſtellen.“ „Zur Sache, zur Sache,“ unterbrach ihn der Herzog,„ſonſt macht mir der Kobold wirk⸗ lich noch Spaß.““ „Nun denn,“ polterte der Graf von Grais⸗ bach heraus, indem er ſeinem Vater ein offnes Schreiben übergab;„ſchaut! dieſen höflichen Brief gab mir ſo eben ein verlumpter Perſevant, welchen der Churfürſt von Brandenburg damit an Euch beſendet hatte. Der ſchmutzige Kerl — 232— hat den Brief, den er offen bekam, geleſen und wollte ſich bald todtlachen über die trefflichen Witze darin, er zeigte ſie auch unterwegs jedem, ſo viel ihrer ihm begegneten; nun leſet ſelbſt, mein Vater, es iſt die Antwort auf Euren Ab⸗ ſagebrief. Da, leſ't!“ Ludwig riß ihm das Blatt aus der Hand und las darin folgenden Inhalt von des Brandenbur⸗ gers Hand: „Hochgeborner Fürſt, unendlicher, lügenhaf⸗ tiger, ſchaamlicher Mann, der ſich ſchreibt Graf von Mortain, einer Grafſchaft, wo du dich gar nicht einmal ſehen laſſen darfſt, ſag' doch, wie biſt du auf ehrliche Weiſe zu den güldenen und ſilbernen Heiligenbildern, der Krone und allem andern Schatz aus Frankreich gekommen, daß dich die Pariſer ſchier damit nicht fortlaſſen woll⸗ ten? Das ſag' ich dir, damit du ſiehſt, was ich von dir halte.— Als du aus Frankreich gingſt, ſchworſt du hoch und theuer, nie einem andern Herrn zu dienen, als dem Dauphin, und jetzt dienſt du um zwölftauſend Gulden Jah⸗ resſoldes der Kaiſerstochter, ohne deinen Eid zu brechen, denn ſie iſt kein Herr, ſondern nur — 233— eine Frau. So ungefährlich iſt dein Wort⸗ halten, daß mich's gar nicht verwundert, deinen Brief zu haben. Aber ich ſage dir, ſieh dich bei Zeiten für, wie eine Schnecke, und zieh' deine Hörner in's Haus, ſonſt möchteſt du leichtlich deine Stumpfnaſe verderben. Vor dir und dei⸗ nesgleichen fürchte ich mich, als frommer Fürſt, ſo wenig, daß du mich eher finden ſollſt, als du mich ſucheſt.“ „Setz' dich, mein Sohn,“ herrſchte Ludwig, als er den Brief geleſen, dem Grafen von Grais⸗ bach zu,„ſetz' dich gleich zur Stelle und ſchreibe, was ich dir ſagen werde. Es iſt das Letzte, was dieſer Markgraf von mir ſchriftlich erhält, und wir wollen ihm bald ſtatt ſchwarz auf weiß, roth in's Fleiſch zu koſten geben.“ Der Graf von Graisbach ſetzte ſich mißmur thig an den Tiſch, und ſein Vater dictirte ihm, heftig im Zimmer auf⸗ und niedergehend, fol⸗ gende Worte als letzte Antwort an den Mark⸗ grafen von Brandenburg: „Du Glroſſirer ver Luge zur Wahrheit, das iſt das letzte Schreiben, deſſen ich dich werth halte. Ich ſchreib' dir's nur, um dir zu wiſſen — 234— zu thuen, warum ich nicht in Mortain bin; die Engländer halten es nämlich beſetzt, und ich könnte es wohl mit leichter Mühe wieder kriegen, und viel Hab' und Gut noch dazu, wenn ich engliſch würde. Aber dergleichen fällt mir ſau⸗ rer an, als es dir fallen würde, der du, wenn es dir Nutzen bringt, gar ſchnell von einem Seil auf's andre hüpfeſt, allen ehrlichen Leuten zur Kurzweil. Oder glaubſt du etwa, ich wüßte es nicht, was für Unterſchleif du hin⸗ ter des Kaiſers Rücken mit den böhmiſchen Kez⸗ zern hältſt, die ſich Huſſiten nennen, und al⸗ lenthalben mit Mord und Brand gegen Pfaffen und Laien wüthen? Ja, das thuſt du, der ſich in Coſtniz herabließ, dem Roß des Pabſtes die Hufe zu beſchlagen. Aber ſei nur getroſt, ich meine: die Huſſiſchen werden es dir noch heim⸗ geben, denn ſie ſind keines Fürſten Freund. Und glaubſt du etwa, ich wüßte nicht, daß du und dein Schwager euch wider mich einzelnen Mann heimlich ſchon mit einer Menge Fürſten und Stüvlt, uls do ſind der Mavkgvaf von Paden, und der Herzog von Lothringen, der Burggraf zu Plaßenburg und der Pfalzgraf, und die von 2 — 235— Leuchtenberg und Henneberg, und die Biſchöfe von Magdeburg und Eichſtätt, und die Spieß⸗ bürger von Bopfingen und Dünkelsbühl, Weißen⸗ burg, Nördlingen und Rothenburg—— geeinigt habet? Das ſag' ich dir, daß ich's weiß, wie ihr euch auf meine ganze Lebenszeit wider mich ver⸗ bunden habt; und ich denke, der Herrgott wird mich, Euch zum Poſſen, wohl hübſch alt werden laſſen. Und das will ich dir noch prophezeien, daß etwa und gewiß meine ehrenwerthen Vettern, die Herzoge in München ſich an euch gegen mich ſchließen. Ich bin alſo ganz allein, und weiß Niemanden, der mir helfen mag, als vielleicht einige aus der treuen Ritterſchaft, und doch ſpotte ich Euer alleſammt, weil ihr meint: viele Hunde ſeien des Haſen Tod; aber ihr irrt Euch, denn Ihr habt es mit einem Läwen zu thun. Schrieb's, und wünſch' Euch einen guten Aveelaß, auf Martini, wann die Gänſe fett werden, oder im Frühjahr,— in Summa, wann es der rechte Bader Euch für zuträglich halten wird.“ Als der Herzog zu Ende diktirt, trat er zu ſeinem Sohne an den Tiſch, nahm ihm das Blatt aus der Hand, las es flüchtig durch, ſchrieb ſei⸗ — — 236— nen Namen darunter, und gab es ſeinem Sohne mit den Worten wieder:„Hier Ludwig, nimm die letzte Antwort und ſchicke ſie durch, wen du willſt, an den edlen Markgrafen; du magſt dei⸗ nen ganzen Scharfſinn anſtrengen, um den ſchlech⸗ teſten Boten herauszuſinden, der es beſtellen kann.“ „Und geht es dann bald in's Feld?“ fragte haſtig der Graf von Graisbach, dem die Augen dabei funkelten;„ha, nur bald in's Feld, in's Feld, in's Feld! Ich beſchwör' Euch, Vater, ſtellt mich mit in die erſten Reihen; dieſe lan⸗ gen Beine ſollen feſt wurzeln wie die Tanne, und ich brenne vor Begierde, dieſen verhöhnten Buckel zu Ehren zu bringen.“ Staunend maß ihn der Vater»vu Kopf bis zum Fuß, die Hampfluſt des jungen Grais⸗ bachors und ſein Thatendrang milderten die Härte des Vaters gegen den ungeliebten Sohn. „Ihr möget mich meiner Mißgeſtalt halber verachten,“ fuhr der Graf von Graisbach fort, „obgleich das Kameel wahrlich ein ſehr nützliches Thier iſt; aber meiner Jahre halber ſollt Ihr mich nicht weiter verachten; ich will Euch zei⸗ — 237— gen, daß ich älter bin, als das Taufbuch aus⸗ weiſ't, lehrt mich nur, wie man Krieg führen ſoll, und ich will mich ſo mitten hinein werfen, daß mir vielleicht noch irgend ein Schwert den Buckel abſchlägt.“ „Das ſollte mir lieb ſein,“ entgegnete der Herzog lachend,„ich wollte dich in Gold ein⸗ faſſen laſſen, wenn du, durch den Krieg polirt, mir in einer freundlichern Geſtalt zurückkämſt.— Wie man Krieg führen ſoll? Du könnteſt mich eben ſo gut fragen, wie man Unbill ertragen ſoll. Beides läßt ſich nicht lehren, ſondern nur durch den Gebrauch lernen. Drei Dinge bekom⸗ men übrigens beim Kriegführen jederzeit wohl: Gute Kundſchaft, guter Rath und gutes Schwei⸗ gen. Zudem muß man den Krieg nur nicht ei⸗ nerlei treiben, ſondern ja auseinander, jetzt da, morgen dort, wechſelnd wie der Wind, wach⸗ ſam auf Alles wie der Fuchs, und immerdar kampffertig, wie der Löwe. Es freut mich an dir, Ludwig, daß du ſo friſche Luſt bezeigſt, und es ſoll dein Schad' an meiner Huld nicht ſein, wenn du immer dich ſo bezeigſt, wie ich jetzt ſehe.“ „Ich dank' Euch für die Hoffnung,“ ver⸗ — 238— ſetzte der Graf von Graisbach halb ſpöttiſch;„gebt mir jetzt Urlaub, Euch den Brief beſtellen zu laſſen, und beruft mich nur zur rechten Zeit, wenn Ihr Futter und Atzung für den Krieg be⸗ dürft.“ Des Vaters Stirne runzelte ſich bei dieſen Worten, welche ihm wie Trotz klangen; ſchwei⸗ gend winkte er dem Sohn, ſich zu entfernen. Ohne Gruß verließ dieſer, von ſeinem Hofmeiſter: dem Fiedelbogen begleitet, das Gemach. Als ſie ſich im Hofraume des Schloſſes be⸗ fanden, ergriff der Freiberger des jungen Ludwigs Arm, und ſprach zu ihm, während er ihn durch die Pforte und durch mehrere Straßen fort bis in die Nähe des Auguſtinerkloſters führte:„Nun, kommt Ihr allmählig auf die Wahrheit von dem, was ich Euch immer ſagte? Wer iſt Euch aufrichtiger zugethan, der Mann, der Euch von Kindesbeinen an in Treue, Noth und Sorgen er⸗ zogen, der Stunden lang an Eurem Lager gewacht, der Eure kindiſchen Launen ertragen,— oder der, dem Ihr freilich das Daſ ein verdankt, aber ſonſt, außer Spott und Mißgunſt, auch nichts weiter, der den Baum verfluchte, aus — 239— deſſen Holz Eure Wiege gezimmert ward, der ſtets die unverſchämte Mücke eher duldete als Euren Anblick, der in Euch nur einen Beeinträchtiger ſeines Baſtards ſieht, den er klüglich vom Pabſt als ſein rechtmäßig Kind erklären ließ, um ihm einſt alle ſeine Schätze, und Gott weiß was noch, zuwenden zu können?“ „Ja, beim Teufel,“ erwiederte der junge Lud⸗ wig,„Ihr habt Recht. Ha, ich ſchäume vor Luſt, mich in den Kampf zu ſtürzen, um meine Ohren gegen dieſen ewigen Wechſel von Spott und Grimm zu betäuben.— Meine Mißgeſtalt?! Ha, ha ha!— Pah, es iſt doch mein Vater; das ſteht ja im Taufbuch, und ſteht geſchrieben im göttlichen und menſchlichen Geſetz, daß wir die Ruthe küſſen, daß wir denen, die uns mit die⸗ ſem ſauberen Leben beſchenkten, für dieſen erſten Augenblick der Tyrannei danken, und für immer verfallen ſein ſollen.— Pah! Ich muß ihm denn eben gehorchen.“. „Unter anderm! Wie gefällt Euch dies Haus hier?“ ſprach der Fiedelbogen, ohne des Jüng⸗ lings letzte Rede zu beachten, als ſie in der Straße weiter gekommen.„Es iſt zwar, wie Ihr ſeht, ziemlich unſcheinlich von außen, birgt aber dafür inwendig ein Kleinod, wie Euer Vater ſicher kein's aus Frankreich mitbrachte, ein Kleinod, dem,— nun, ich wette meine rechte Hand drauf, — dem doch noch alle andere Kleinodien zufallen werden, eben aller königliche Prunk, den Euer Vater aus Frankreich heimſchleppte. Meiner Treu, in dieſem Hauſe wohnt das ſchönſte Weib in Baiern.““ „Ei! Was kümmern denn mich die Weiber?“ entgegnete der junge Ludwig unmuthig;„ein Weib hat mich ja geboren! Das iſt Grund genug, um alle Weiber haſſen zu müſſen, und ich danke Euch dafür, mein Hofmeiſter, daß Ihr mich frühzeitig genug in dieſer ſüßen Kunſt zu haſſen unterwieſet.— Weiber, Weiber! Ha! Ihr habt ſie mich kennen gelernt!— Weiber, Weiber!— Eben gut genug, um mit ihnen zu ſpielen, und ſchlecht genug, um ſie verachten zu können!“ „Ich bitte Euch,“ verſetzte der Fiedelbogen, „ſchimpfet Eure Mutter im Grabe nicht, denn ich ſehe jetzt aus dieſen Euren Worten, daß Ihr, ſo gewiß es einen Gott im Himmel giebt, der — 241— achte und rechte Sohn Eures Vaters ſeid; dies iſt ſo ganz ſeine Sittenlehre; und ich wünſche, daß Ihr ſie nie, nie auch nur einen Augenblick lang vergeſſen möget. Sie ſchwätzen viel von Liebes⸗ gram und gebrochenen Herzen und was des ab⸗ geſchmackten blaſſen unſinns noch, weiß Gott, wei⸗ ter iſt. Ha, ins Teufels Namen, Punktum, Punktum!— Ja, was ich ſagen wollte, wie kamen wir doch nur auf die Weiber zu ſprechen? — Ja ſo!— Ganz recht, durch die ſchöne Gra⸗ fentochter von Wertheim, welche in jenem Hauſe wohnt, an dem wir eben vorüber gingen. Run bei Gott, der Ruf lügt nicht, der dieſe Amalie das ſchönſte Weib in Deutſchland nennt.“ „Seid Ihr auf dem Punkte Eurem eigenen Glaubensbekenntniſſe abtrünnig zu werden?“ fragte der junge Ludwig lachend.„Wie zum Geier kommt Ihr immer wieder auf dieſe Schönheit zu ſprechen?“ „Weil ſich eine Neuigkeit dran knüpft, die ich Euch ſeit einiger Zeit mitzutheilen vergeſſen habe,“ verſetzte der Freiberger,„und ſie geht Euch ziem⸗ lich nahe an, da ſie das Glück Eures edlen Bru⸗ ders, des Baſtards betrifft,— oh, nicht mehr II. 16 — 242— Baſtards, nein, ſeit einiger Zeit rechtmäſ⸗ ſigen älteren Bruders, und um ſo recht⸗ mäßigeren, als er der Erbe von Eures Vaters erſter Liebe iſt. Na, ich hoffe, wir werden bald auf deſſen Hochzeit mit der ſchönen Grafentochter tanzen, denn Wieland hegt über die Liebe andere Anſichten als Ihr, Euer Vater, und ich.“ „Schweig,“ unterbrach ihn heftig der Graf von Graisbach.„'s iſt doch wahrhaftig, als wäre die Welt ein Vogelhaus, und ein einziger Staar darinnen, der mir immerfort den Namen Wieland vorplappert. Was geht mich in Guk⸗ kuks Namen ſein Glück an? Hab' er's, das Vaterherz, Geld, Gut, Schmeichelei allenthalben, das glatte Lärvchen, den platten Rücken— alſo meinthalb auch das ſchönſte Weib! Was küm⸗ merts mich? Kam' ich auch zu unſerm Vater, dem ich für dieß: unſer, das mich mit dem Baſtard an ein Joch der Liebe und Pflicht kop⸗ pelt, wenig Dank weiß, und bäte ich mir auch ein ſchönes Weib von ihm aus,— hm, ich glaube gewiß: er würde mich heimſchicken, und höchſtens etwa ſagen:„Geh, Ludwig, du biſt zu jung, — 243— oder mir ſeinen Segen geben, wie der Pabſt es ihm gethan hat.“ „unter anderm! Da fällt mir etwas ein,“ ſprach, als hätte er Ludwigs Worte nicht gehört, der Fiedelbogen;„Ihr vergeßt ja den Brief ganz, den Euch Euer Vater mitgegeben. Gebt her, ich will ihn beſtellen.“—— „Was kümmert mich dieß Weib?“ fuhr der Graf von Graisbach, ſeinen Gedanken nachhängend, fort,„mich hat ja die Natur nicht für Mäd⸗ chenträume erſchaffen. Pah! Laß fahren dahin, Buckel!— Buckel! Ja, ganz Recht, Buckel! Was meint Ihr, Herr von Freiberg, wenn ich einen weiſen Meiſter aufſuchte, der häßlich— ſchön machen kann, der mir die Beine etwas ſtutzte, und an meinem Rücken ſo viel abfeilte, bis mein Vater ſchwören könnte, meine Anmuth müſſe jedes Fräulein verrückt machen? Mißge⸗ ſtalt, Mißgeſtalt! Ha, verfluchte hündiſche Na⸗ tur, laß mich rechten mit dir; was kann man denn vor der Geburt verſchuldet haben, daß man ſein ganzes Lebelang den Spott zum Gläubiger hat? Blos ſo ein unangenehmes Zuviel auf deu Ruücken und die Beine um drei oder vier Zoll 16* — 244— länger, und die Augen etwas tiefer im Kopfe, als ein Froſch, und die Naſe etwas kürzer als ein Pferd,— o ſagt, ſind das nicht todeswürdige Verbrechen? Ich wollte ein ewiges Licht ſtiften, der ewigen Nacht des Unſinns zum Trotz, wenn ich, eben mit dieſem Zuviel und Zuwenig, juſt ſo wie ich jetzt bin, nicht um einen Zoll breit kürzer, nicht um einen Hauch ſchöner, dieſes hoch⸗ müthige Fräulein jenem hochmüthigen Bruder abwenden könnte. Pah, Unſinn, Unſinn!“—— „Aber Ihr hört mich ja gar nicht,“ ſprach der Freiberger, indem er ihn am Arme rüttelte, „ich bitte Euch jetzt ſchon zehnmal, gebet mir doch den Brief Eures Vaters, ich will Euch der Mühe überheben und das Schreiben ſelbſt nach Onolzbach zum Churfürſten tragen, und meiner Treu, ich thue es blos um Euch, damit der Brief ſicher an dieſen gelangt, und Ihr deſto eher fechten lernt. — Nun Ludwig, wo, bei allen Heiligen! ſchwär⸗ men jetzt Eure Gedanken? Ihr denket doch nicht etwa an des Grafen von Wertheim ſchönes Töch⸗ terlein? Das thäte mir wahrhaftig um Eures Bruders und um Euretwillen leid, denn ich fürchte, es würde böſe Händel abſetzen. So kommt doch — 245— um Gotteswillen zu Euch, und treibt keine Poſſen. — Gebt mir den Brief.“ „Welchen Brief?“ erwiederte zerſtreut, erſt aus ſeinem Brüten emporfahrend, der junge Lud⸗ wig.„Was für einen Brief meint Ihr?“ „Den Eures Vaters an den Churfürſten,“ verſetzte lachend der Freiberger,„mein Gott! wie oft ſoll ich's Euch denn noch wiederholen, daß ich ſelbſt ſtatt Eurer ihn beſtellen will?“ „So? Nun da; nehmt ihn!“ ſprach Lud⸗ wig, den Brief aus dem Wamſe ziehend, gleich⸗ gültig, und rief dann plötzlich, wild mit dem Fuße ſtampfend;„Krieg, Krieg ſoll ſein! Ha zum Teufel, ich möchte mir den Buckel abſchleifen laſſen, um dann———“ „Und dann,“ nahm der Freiberger ſchmunzelnd des Prinzen Rede auf,„etwa gar bei zierlichen Fräulein um Minne zu werben? Nicht wahr, mein junger Herr? O ich bitte Euch, gebt der Welt keinen Anlaß zum Spott, und Euren Bluts⸗ verwandten keinen zum Haß. Gehabt Euch wohl, und kehrt bald nach Graisbach zurück; verhaltet Euch dort einſtweilen ſtill und ruhig, und reizet nur ums Himmelswillen Euren Vater nicht, ich — 246— bitt' Euch! Wer weiß, was ſich bis dahin andern kann, oder vielleicht ſchon geändert haben wird! Die Zeit bringt Dornen, warum alſo nicht auch Roſen?—— Mit gar ſeltſamer Haſt ritt Herr Conrad von Freiberg von dannen, wählte aber nicht den gewöhnlichen Weg, welcher über Eichſtädt nach Onolzbach führte, ſondern vermied alle Haupt⸗ ſtraßen und langte gleichwohl gar bald daſelbſt an. Er überbrachte den Brief Herzog Ludwigs dem Churfürſten von Brandenburg unter vier Augen und hielt eine lange geheime Zwieſprach mit ihm. Dem Grafen von Graisbach wollte indeſſen ein Gedanke gar nicht aus dem Kopfe, ein Bild, — Amaliens, durchaus nicht aus dem Herzen. Er konnte ſich nicht geſtehen, daß er ſie liebte, aber die Vorſtellung, daß ſie ſeines Bruders Weib und Wonne werden ſollte, wurde ihm von Stunde zu Stunde unerträglicher und feindſeliger. Er lauerte nur auf die günſtige Gelegenheit, ſie ein⸗ mal zu ſprechen, denn den Höckerigen reizte das Verlangen, den Verſuch anzuſtellen, ob er trotz ſeiner Mißgeſtalt nicht doch etwa ihr Herz ge⸗ — 247— winnen könne; nach dieſem Triumph lechzte er mit teufliſcher Ungeduld.— Inzwiſchen ſchrieb Herr Ludwig im Bart an alle Fürſten, Grafen, Ritter und Freie, Knechte, Städte, Märkte und Gemeinden Briefe zur off⸗ nen Anklage zwiſchen Himmel und Erde wider den ſchamlichen, neuerlichen Mann von Branden⸗ burg. Und wie ſo viele Pfeile, flogen die Ab⸗ ſagebriefe des Herrn Bartholomä von der Leiter, des Grafeneckers, des Törringers auf Yettenbach, der Frauenberger vom Haag zu Hohenburg, der Sandizeller, der Gumpenberger, und noch vieler anderer, die dem Herzog Ludwig anhingen, nach Onolzbach gegen den Churfürſten. Hinwieder aber ergingen auch Antwortſchreiben von der Ans⸗ bachiſchen Ritterſchaft, welche dem Markgrafen zugethan war, als: von den Krailsheimen, Ber⸗ lichingen, Seckendorfen, Leonrodern, Eyben, Ell⸗ richshäuſern und Schencken. Ludwig ruhte und raſtete jetzt nicht; er ſchrieb auch offne Briefe an die Ritterſchaft fremder Länder, und forderte ſie bei ihrem Eide auf, dem unterdrückten Recht gegen die unbillige Gewalt zu helfen. Wer zu ihm reiten wollte, um Ritterſchaft zu ſuchen, der — 248— ſollte, ſo verhieß der Gebartete, Stechen und Rennen, Tanzen, und ſchöne Frauen, Sturm und Scharmützel nach Herzensluſt finden; wer zu ihm reiten wollte auf Gewinn, dem verſprach er alle ſeine Schlöſſer zu öffnen, und Proviant auf einen Monat im Vorhinein zu liefern; wer um Geld und Sold ihm helfen wollte, dem wies er auf drei Gewappnete und drei Pferde fünfzehn rheiniſche Gulden für den Monat, und Erſatz der Pferde an, die etwa im Gefecht zu Grunde gin⸗ gen, desgleichen einen Antheil an der Beute. Auf dieſe Ausſchreiben kamen ihm auch Ritters⸗ leute aus Frankreich, Böheim und Italien, und drei und ſiebenzig aus Franken, welche der von Hesberg ihm brachte.—— Am ſechszehnten Jänner 1420 war in Aichach großes Leben. Es hatten ſich alle Ritter einge⸗ funden, welche vor vier Jahren unter Herr Kas⸗ par dem Törringer zuſammen geſchworen; und zu ihnen trat am heutigen Tage Herr Ludwig im Bart, welcher ſo lange heimlich ihr Freund und Schutzherr geweſen, mit der ganzen Ritter⸗ ſchaft ſeines Landes. Sie verbanden ſich unter ſieben und ſiebenzig Siegeln, durch Handſchlag — 249— und auf die heiligen Reliquien, ſich eilf Jahre lang treu und einig wechſelſeitig gegen Jeder⸗ mann beizuſtehen, der ihre Gerechtſame und Frei⸗ heiten antaſten wolle, und alle die Feinde jedes Einzelnen zu befehden, mit Ausnahme des römi⸗ ſchen Königs und ſeiner Erbtochter, des Königes und der Königin von Frankreich, und des Erz⸗ biſchofs von Salzburg; auch ſchworen ſie, daß, wenn ein fiürſtlicher Herr ihre Beſchwerden nicht abthue, ſie ihn nicht mehr als ihren Mei⸗ ſter anerkennen, und einen andern Fürſten für ſolchen halten wollten. Zum Hauptmann des Bundes wurde auf's neue Herr Kaspar der Tör⸗ ringer gewählt, und zum Ausſchuß, Jobſt von Abensberg, die zwei von Laber, der Jörg Frauen⸗ berger zu Hohenburg, Mathäus von Kamer, und Ortwolf Laiminger. Voll neuer ſtolzer Zuverſicht ritt Ludwig gen Ingolſtadt heim, ſeine Pläne weiter verfolgend, denn jetzt ſchien ihm die Wetterwolke reif, um ſich endlich gegen ſeine Feinde Verderbenſpeiend zu entladen, und ſeine ſo lange getrübten Him⸗ mel alsdann wieder zu verlaſſen. Er hatte auch im Sinne, den alten Swelcher nach Wien zu —- 250— ſenden, um auch die Herzoge von Oeſterreich, unbeſchadet daß ſie dem Landshuter verſchwägert waren, wider dieſen aufzuhetzen. Den Krieg ge⸗ dachte er nicht von einem Punkte aus, ſondern an allen Ecken zu entzünden. Die ſeltſame Klauſel am Schwur der Ritter, daß ſie den Herrn, der ihre Freiheiten antaſte, und ihnen auf ihre Beſchwerden nicht genug thue, nicht weiter erkennen, ſondern ſich einem ande⸗ ren Fürſten unterwerfen wollten,— gab Herrn Ludwig, auf deſſen Betrieb ſie eingeſchal⸗ tet worden war, Hoffnung und Anwartſchaft, den verhaßten Landshuter gar bald von Haus und Hof jagen, und ſein ganzes Land mit Ingolſtadt verſchmelzen zu können. Das war ſein heim⸗ liches Verlangen; auch München, die ſchöne lu⸗ ſtige Stadt, welche ihm und ſeinem Vater ſtets ſo zugethan geweſen, konnte er nicht vergeſſen. Jetzt, da der Würfel einmal gefallen war, galt alles gleich. Aber bei München hatte er, wenn er noch auf die alte Vorliebe der Münchener Bürgerſchaft baute, Eins nicht beachtet: die Herzoge Ernſt und Wilhelm hatten in einer drang⸗ — 251— vollen Zeit der Stadt ihr Fürſtenwort gegeben, alles Geſchehene zu vergeben, und die alten Ge⸗ rechtſame zu ſchützen; dieß Fürſtenwort wurde ehrlich gehalten, und dankbar ſchätzten jetzt die Münchner die Treue ihrer Fürſten höher als die Leutſeligkeit des einſt ſo beliebten Herrn von In⸗ golſtadt. Als er in Ingolſtadt wieder angelangt war, fand er einen Boten aus Frankreich, welcher ihm einen Brief der Königin überbrachte, die ihn zur Hilfe gegen ihren eigenen Sohn, den Dauphin aufforderte. Ganz Frankreich, welches man nicht mehr anders als das Grab der Sitten nannte, war das blutige Feld eines allgemeinen Bürger⸗ krieges geworden und jeder Tag brachte neues Elend, neues Wirrſal, neues Entſetzen vor dem, was im Schooße des morgenden verborgen liege. Burgund's Gewalt war nach dem letzten Gemetzel in Paris immer tiefer und tiefer geſunken; es war, als zerre ihn die böſe That, die ſo lange ungerächt geblieben, von einer Stufe zur tiefern herab; das iſt die furchtbare Vergeltung, daß Jeder ſich ſelbſt zum Richter machen muß; un⸗ ſere Thaten ſind unſer Schickſal. Um den Dau⸗ — 252— phin hatten ſich die beſiegten Parteigänger von Orleans wie um eine neue Sonne gedrängt; Rouen trug bereits auf ſeinen Zinnen die Sie⸗ gesbanner des jungen Kriegsgottes von England; für Burgund und Orleans blieb, wenn ſie nicht beide dem Engländer dienen wollten, nichts mehr übrig, als die abgegriffne Larve wieder einmal vorzunehmen und dem Volke ein neues Beiſpiel fürſtlichen Meineides zu geben. Auf der Yonne⸗ brücke zu Montereau kamen Burgund und der Dauphin, der Letztere von Tannegui du Chatel, Jean Louvez und mehren andern Orleaniſchen begleitet, zuſammen. Die Hand Gottes jagte den Burgunder durch die Verrätherei der Dame von Giac, ſeiner Buhlerin, dem Verderben zu. Durch zahlloſe Stiche verſöhnten Robert le Lore, Tannegui du Chatel, Olivier Laint und Pierre Froter den blutigen Schatten des Herzogs von Orleans. Da lag nun der Mann ohne Furcht, der durch alle Geiſtesgaben zu gewaltigen Thaten berufen geweſen, der Mann ohne Treue, der Mann ohne Herz, der Mann ohne Gott, vor ſeinem Ende noch zum Sclaven ſittenloſer Wei⸗ ber herabgewürdigt, der Mann, der einſt der Ab⸗ 2 — 253— gott Frankreichs, gar bald deſſen Geißel gewor⸗ den war, da lag er nun, geplündert alles ſeines Herzogſchmuckes, acht Stunden lang in ſeinem Blute, ohne daß es Jemand wagte, ihn aufzu⸗ heben; nur die Rache ſaß als Leichenwarterin bei ihm und half den Stein über ihn wälzen, als er am andern Morgen ohne Sang und Klang in der Liebfrauenkirche von Montereau vor dem Ludwigsaltare in die Gruft geſenkt ward, und die Rache war es, die, nachdem ſie ihn begra⸗ ben, nimmer müde, ganz Frankreich und Bur⸗ gund durchrannte, den Mordbrand mit gewalti⸗ gem Flügelſchlag anfachend. Das blutige Ende zweier Buhlen ſchreckte aber die Hyäne nicht, welche zu Vincennes nach neuen Opfern lechzte. Wie einſt das Hotel Barbette, ſo berüchtigt war jetzt das Schloß zu Vincennes, wo Iſabelle Hof hielt. Ihr Gatte, der König von Frankreich, war verſchollen in ſeinem eigenen Lande; kaum ſeinen Namen hielt man mehr werthvoll genug, um ihn noch als Aushängeſchild und Popanz zu gebrauchen. Rur einmal, als wie zum letztenmal, wie ein blutiger Zornblick der ſcheidenden Sonne, erwachte ſeine Vernunft wieder, um zu hören und zu ſehen, — 254— was ſeine Gattin zu Vincennes trieb. Als er Kunde von den Orgien daſelbſt erhielt, ritt er, von einigen Schergen begleitet, heimlich nach Vin⸗ cennes, und begegnete dem Edelmann Bois Bour⸗ don, welcher eben aus den Gemächern der Kö⸗ nigin kam. Auf einen Wink Karl's ergriffen die Schergen den Schuldloſen und ſteckten ihn, das blind erfaßte Sühnopfer für den Frevel ſo vieler anderer, in einen Sack; der König ſchrieb mit eigner Hand auf einen Zettel die einfachen Worte:„Laissez passer la justice du roi.“ Dieſer Zettel ward auf den Sack geheftet; ſchweigend ſchleppten die Schergen den Verur⸗ theilten nach Paris, ſchweigend ritt der König hinter ihnen her. Wer dem Zuge begegnete und die Worte las, und des abgemagerten hohläu⸗ gigen Königs geſpenſtige Geſtalt gewahrte, warf ſich ſchnell zur Erde, wie der Wanderer in der Wüſte, wenn er dem würgenden unſichtbaren Rieſen: dem Samum begegnet. In Paris an⸗ gelangt, winkte der König ſeinen Schergen, ſie ſchleuderten ſchweigend den Sack in die Seine; Karl aber zog in ſein Schloß zurück und ſah Niemand mehr. — 255— Herr Ludwig im Bart vernahm die Kunden mit Schauder. Sie fuhren wie ſchwarze Geier durch ſeine Erinnerungen und Hoffnungen. Es wehete ihn an, als ſei auch er, der Bruder die⸗ ſer Iſabelle, dem Fluche verfallen, der ſie ver⸗ folgte. Aber je mehr er dieſem Gedanken nach⸗ hing, deſto ſtärker wuchs der Trotz in ſeiner Seele, das Geſchick, möge es ſich wie immer entſchei⸗ den, herauszufordern. — 256— — Krieg im Baierland. Bald loderte der Krieg an allen Orten auf. Der unbändige Chriſtoph Laiminger, zuſammt ſeinen tollen Vettern ſaß zu Lauf, der getreue Oswald Ottlinger, früher des jungen Wieland Hofmeiſter und dem alten Ludwig in allem er⸗ geben, hauste bei Reichertshofen; der geſtrenge Marſchalk Seiz von Oberdorf, deſſen Sohn in allen Turnieren gefürchtet war, bedrohte das Oettingiſche, der reiche Gebhard Judmann, ein allerwegen gar geachteter Herr, ſaß zu Schroben⸗ hauſen, und ſein Bruder Albrecht zu Hiltpolt⸗ ſtein; Herzog Heinrichs Beſitz zu Kraiburg, Trosberg, Roſenheim und Traunſtein umſpannte Herr Bartholmä Muracher, der von der Leiter drängte Kufſtein und Rattenberg im Tirolerge⸗ birg, zu Monheim lagerten der Freiberger, ge⸗ nannt der Fiedelbogen, und Herr Wilhelm Hu⸗ tinger; gegen Erding und Neumarkt war der Frauenberger von Hohenburg ausgeſetzt; in das — 257— markgrafliche Amt Stauff hatte ſich Seitz Erlacher eingeſponnen; zwiſchen Gunzenhauſen und Leiters⸗ hauſen lag lauernd der Parsberger, der Eggersdorfer im Amte Heidenheim. Und überall herum ſtreifte Herr Ludwig im Barte ſelbſt, begleitet von Wil⸗ helm dem Abensberger, und ſeinen vier Büchſenmei⸗ ſtern, Haus Krug, Hans von Würzburg, Heinrich Haslanger und Peter Tallinger. Der junge Graf von Graisbach, welcher in dieſem Kriege ſeine erſten Sporen verdienen ſollte, ahmte das Bei⸗ ſpiel ſeines Vaters nach, und erſchien, bald hie, bald dort, allenthalben Klugheit und perſönliche Tapferkeit im reichen Maße entwickelnd, daß es den Feinden zum Schrecken wurde, von der Nähe des buckligen Grafen zu hören. Auch hatte er Grund genug, dieſelben ſeine Fauſt fühlen zu laſſen, denn ſeine eigene Grafſchaft Graisbach, wegen deren eine beſondere Abſage geſchehen war, wurde arg bedroht. Bald war im ganzen Baierlande von nichts zu hören, als von Scharmützeln, Aufläuften und Ueberrumplungen. Die furchtbaren Hauptleute ſteckten ein Dorf um das andere, einen Markt⸗ flecken um den andern an. Kein Pfad war ſicher, II. 17 — 258— denn Feuerzeichen erhellten ihn, und aus jedem Buſch und Strauch, hinter jedem Zaun und Stein wuchs irgend ein ſchlagfertiger und hän⸗ delfüchtiger Geſelle empor. Am Vorabende vor Simon und Juda, wäͤhrend die Nürnberger gar fröhlich und guter Dinge auf dem Rathhauſe tanzten und zechten, ſchlich ſich der wilde Lai⸗ ninger aus ſeinem Quartiere zu Lauf an die Burggrafenfeſte von Nürnberg, erſchlug, was ſich wehrte, und brannte ſie aus, daß die Nürn⸗ berger ſich nicht erſt von Knechten und Mäg⸗ den heimleuchten zu laſſen brauchten.— So tolt ging es her über Jahr und Tag. Die Macht der Feinde des Gebarteten ſchien in Franken ganz gebrochen, der Krieg ſich jetzt in des Landshuters eigene Lande zu wälzen, nachdem der Damm zerſtochen war. Am Faſtnachtsabende 1421 überrumpelte der Muggenthaler Neuſtadt an der Donau,— wo Heinrich von Landshut ſein Quartier nehmen wollen. Der Muracher fing den Pfleger von Traunſtein und zündete vierundzwanzig Dörfer an; der Frauenberger zehn, und der Pfleger von Waſſerburg, Friedrich der Reichertsheimer ſteckte ihrer an die hundert anz — 259— fünfzehn im Amte Troßberg verbrannte der Mar⸗ ſchalk Seiz von Oberdorf. Jetzt ſchickten auch, des bedrängten Landshuters anzunehmen, und hauptſächlich aus Furcht, daß der Bärtige ihr eigen Land, München und die andern fröhlichen Orte begehre,— auch die Münchner Herzoge, Ernſt und Wilhelm, und Albrecht, des erſteren ſchöner Sohn, dem grimmigen Herrn von In⸗ golſtadt ihre Abſagebriefe.„Was habe ich mit Euch zu ſchaffen?“ erwiederte ihnen Ludwig; „Ihr Herren von München, ich, der ſo lange Schmach und Unbill erlitt, und dem keiner half, wollte mir blos ſelbſt helfen gegen den fahrigen Mörder, der ſich Heinrich von Landshut nennt, und gegen die verdammte Zungenhelden, ſeine Helfershelfer. Doch, wollt ihr's haben von mir, ſo habt es; und ich prophezeit' es ja, daß auch ihr gegen mich aufſtehen würdet.“ Herr Kaspar der Törringer hatte ſich wäh⸗ rend dieſer Zeit von aller Einmiſchung in des bärtigen Ludwigs Händel gehütet, und ſaß,— er, der ſonſt augenblicklich zu Roſſe war, galt es ir⸗ gend eine Fehde,— grübleriſch, finſter, ſeiner ge⸗ heimen Wiſſenſchaft ſich ganz hingebend, auf ſei⸗ 17* — 260— nem alten Schloſſe Törring. Mit Sorgen um den theuren Biedermann ſah Frau Eliſabeth ih⸗ ren Gatten, deſſen verändertes Weſen ſie nicht begreifen konnte, finſter umherwandeln, wort⸗ karg; viele Nächte lang ſchloß er ſich in ſeinem Thurme ein, und verfolgte den Lauf der Ge⸗ ſtirne. Mehr als einmal glaubte Eliſabeth und das zitternde Geſinde unheimliche Gäſte um Mit⸗ ternacht bei ihm aus⸗ und eingehen zu ſehen. Die Burgleute erzählten es unter dem Siegel des Vertrauens, daß ihr Herr Geiſter zu bannen verſtünde, und behaupteten ſteif und feſt, ſie hät⸗ ten jüngſt den alten Seiz Törringer geſehen, der mit Karl IV. nach Welſchland gezogen war, in blauer Rüſtung, zwei Roſen in der Hand tra⸗ gend, eine weiße und eine rothe, und die weiße ſei blutroth geworden, und die rothe erbleicht; und das ſeien die Roſen vom Wappen der Tör⸗ ringer geweſen. Frau Eliſabeth vermochte die Sorge nicht länger auf dem Herzen zu tragen. Als eines Morgens Herr Kaspar der Törringer von ſei⸗ nem Thurme herabſtieg, die Stirne in Runzeln, aber ſeine treuen Braggen liebkoſend und füt⸗ — 261— ternd, trat ſie zu ihm heran, und ſprach:„Ach, Törringer, nimm mir nicht übel, was ich jetzt zu dir reden will, denn ich bin nur ein einfältig Weib, und verſtehe nichts, weder von Euern Welthändeln, noch von den graulichen, heimlichen Dingen, die du treibſt. Aber es bricht mir das Herz entzwei, wenn ich dich ſo herumwandeln ſehe, als wäreſt du, Gott verzeih' mir die Sünde, geſtorben und gingeſt um; o mein Törringer, ſei doch endlich einmal aufrichtig gegen dein treues Weib, und ſage mir, was dich deinem ganzen Weſen ſo völlig entfremdet hat? Sonſt, wann es Fehde gab, warſt du der Erſte, der ſich, in⸗ deſſen ich für dein Leben zitterte, mitten hinein warf, und jetzt, da die Gelegenheit handgreiflich vor dir liegt, wonach du ſo lange gedürſtet haſt, — endlich dein gutes Recht zu erkämpfen, jetzt liegſt du, der ehrenwerthe Hauptmann des Bun⸗ des, unbekümmert um alles, was da kommen mag, zu Hauſe, und ſo oft ich dich anſehe, iſt mir, als wäre dein Blick ein Abſchied,— ſo trübe und niedergedrückt iſt dein ganzes Weſen. Du verkehrſt mit Geiſtern der Abgeſchiedenen, und wandelſt ſelbſt ſchier blos als Geſpenſt herum. — 262— Ach, ich will dir keine Vorwürfe machen; ich weiß: ſie jagen dich nur in Harniſch;— aber, wenn dein Ohr noch nicht verlernt hat, die Treue zu hören, und wenn dein Herz, einſt für mein Herz geſtimmt, dein Herz, dem ich unter mei⸗ nem jetzt ein Pfand der Liebe bewahre, wenn dies Herz noch die Schläge des meinigen auch nur ein paar Augenblicke lang belauſchen und zaͤhlen mag,— o, ſo vertraue mir den Grund deines Herzleides. Dich leiden zu ſehen, und nicht zu wiſſen, warum,— und alſo auch nicht tröſten und nicht helfen zu können,— ach, Törringer, das iſt hart!“ „Mein gutes Weib,“ erwiederte ihr der Tör⸗ ringer;„wenn ich dir alles ſagen wollte, was mich preßt, ſo müßte ich dir wahrhaftig mehr ſagen, als ich weiß. Aber das Eine will ich dir ſagen, warum ich hier auf der Bärenhaut liege, ich, des Bundes Hauptmann, während ringsum alles im baieriſchen Lande auf den Beinen iſt. Das kommt daher, Elſe, daß ich nicht ein Joch abſchütteln mag, um ein anderes auf mich zu nehmen, und das kommt daher, daß mir das Herz blutet, wenn ich ſehe, wie alle meine gu⸗ — 263— ten Freunde und Geſellen ſich ihr Recht ſchaffen. Sie ſuchen das Recht, und ſie wollen's durch Unrecht gewinnen. Armes, armes Vaterland, was kannſt denn du dafür, daß wir an unſern Gerechtſamen und Freiheiten verkürzt wurden?— Sie ſuchen die Freiheit, die armen Schelme, und haben ſich ſchier ſelbſt verkauft mit Leib und Seligkeit. Ich habe ſie zwar anfänglich treu verwarnt, aber meine Stimme ging in den Wind. Was haben ſie davon, daß ſie unſerm ungerech⸗ ten gnädigen Herrn abgeſagt? Das, daß ſie von einem andern gegängelt werden, der ihnen ſo lange ſchmeichelt, als er ſie braucht, und wenn er ſie nicht mehr braucht, dann wird er mit ihnen thun, wie es ihm juſt anſteht. Armes, armes Vaterland!“ „Ach, mein Törringer,“ verſetzte Frau Eli⸗ ſabeth;„ich kann den Sinn deiner Reden nicht faſſen, und vor allem ängſtet mich dein heim⸗ liches Thun und Treiben mit Sternen und Gei⸗ ſtern.“ „Ja,“ entgegnete ihr der Törringer lächelnd, „könnte ich den Geiſt beſchwören, will ſagen: die Vernunft, dann wäre ich der Meiſter — 264— über alle Meiſter. Aber der Geiſt ſchläft, und ich, ein armer einzelner Mann, kann ihn nicht erwecken. Der Geiſt der Welt, der Geiſt des Lebens, das iſt der wahre Geiſt, das iſt der Geiſt der Freiheitz aber die Welt will bloß Geiſter, wenn's hoch kömmt, und die ſind nicht der Mühe werth, zu erwecken; die ſollte man mit dem Siegel Salomonis zwingen und verzaubern können, daß ſie ſich ja nicht regen, denn es ſind ſchlimme Dämonen, und hauſen gar zu gerne in jeder Bruſt auf Erden; das ſind der Eigennutz und die Luſt an der Knechtſchaft, die ſich, als wie zur Faſtnachtszeit, gar tauſendfältig und poſſierlich vermummt; das ſind die böſen Geiſter der Thorheit, des Betruges und was alles zu der Sippſchaft gehört. O mein Weib, laß mich daran nicht denken! So was kocht in meinem Herzen, ſtatt in des Teufels Küche, nur Gift und Galle zu einem gar ſauberen Brei. Davor laß mich zu den Sternen flüchten, die ſollen mir Troſt ſein dafür. In den Sternen liegt's be⸗ ſchloſſen.“ „Um aller Heiligen Willen,“ unterbrach ihn Eliſabeth,„höre auf, davon zu ſprechen. Mir — 265— graut davor. Ich habe eine Ahnung, daß das geheime Ding und Weſen dich noch in's Verder⸗ ben reißt; das iſt's ja eben, was mich um dich ſo arg bangen macht.“ „Laß gut ſein, Elſe!“ entgegnete ihr Tör⸗ ringer;„die Sterne reißen keinen in's Verder⸗ ben; ſich ſelbſt reißt jeder hinein, ſei's nun da⸗ durch, daß er ſeinem Eid zuwider handelt und zum Schelmen wird, oder dadurch, daß er meint, er könne es beſſer machen, bevor der liebe Herr⸗ gott will, daß es beſſer werden ſoll. Schau, das iſt das einzige, was mich an mir ſelber irre macht, und wenn ich, der ich's doch ehrlich meine, zu Grunde gehen muß, ſo geſchieht's blos des⸗ halb, weil ich vorgegriffen habe, oder,— an mir ſelber irre geworden bin. Elſe, mir graut's, die Hand in dieſen Krieg zu ſtecken, der nichts vorwärts bringt, und weißt du, warum er nichts vorwärts bringt? Deswegen, weil wir, die wir uns frei machen wollen, uns thöricht verkauft haben; darin liegt's, und Recht geſchieht uns; aber Gott ſei Dank, meine Hand iſt bis jetzt rein geblieben.“ „Guter Gott,“ erwiederte Eliſabeth;„ſo — 266— ſehr ich ſonſt zittere, wenn ich dich von mir ferne und noch dazu in einem Kriege weiß, ſo ſehr wäre es mir doch jetzt,— Gott verzeihe mir einfältigem Weibe die Sünde,— zehnmal mehr Beruhigung, wüßte ich dich deinen Zauber⸗ büchern entfremdet, draußen auf dem Felde, wo du ſonſt warſt, und ſtets ſagteſt, daß du hinge⸗ hörſt. Manchmal erſtickt mich der Gedanke, dich nicht bei denen zu wiſſen, für die du doch alles unternommen haſt.“ Herr Kaspar der Törringer ſchwieg eine kleine Weile, und ſtreichelte ſeine Hunde. Dann blickte er ſinnend ſeine Hausfrau an, und ſprach zu ihr: „Elſe, Elſe! du haſt ein ſchweres Wort zu mir geredet; doch Gott fügt alles und wird alles vollenden. O glaube mir: es drückt mir ſchwer auf's Herz, daß ich jetzt nicht da bin, wo meine guten Geſellen und Freunde ſind, und ich wünſche es von ganzem Herzen, alles ſei Lug und Trug, was ich in den Sternen geleſen zu haben glaubte. Nun, wie Gott will! Ich will dich, mein gu⸗ tes Weib, tröſten und beruhigen, obgleich ich ſelber jetzt gar abſonderlich bewegt bin. Aber du haſt mich an etwas erinnert, was ich nie — 267— zu vergeſſen geſchworen habe, an mein Recht, und an meiner guten Geſellen und Freunde Loos. In Gottes Namen, ich will mich für das erſte ehrlich bis zum Tode hinſtellen und das zweite rechtſchaffen theilen. Fort, fort mit mir! Ja, du haſt Recht, dies Brüten und Forſchen taugt für die Länge den Teufel. Was Gott will, das geſchieht doch, und unſer Einer iſt ſchuldig, ſein Theil abzutragen. Ich danke dir, Elſe, daß du mich an mich ſelber gemahnt haſt. Nun, lebe wohl, du weißt: wenn ich etwas beſchloſſen habe, damit mag ich nicht lange ſäumen. Ich will ſtraks zu dem Herrn von Ingolſtadt reiten, und zuſehen, wo er mich brauchen und hinſtellen mag. Ich bitte dich, mache dir keine Sorgen um mich, und vergiß nicht, meine Braggen ſorglich pflegen zu laſſen, die kann ich nicht mitnehmen, denn es gibt ein fürſtlich Gehetz, und ein ſolches ſtellt man nur mit Menſchen an. Aber vergiß mir die Hunde auch ja nicht; es ſind gar treue, gute Thiere; ſo treu, wie Einem kaum ein Freund ſein kann, und ich habe ſie ſo lieb(das weiß die ganze Welt), als wenn die armen Beſtien Ver⸗ nunft im Leibe hätten.“ — 268— Die Hunde ſchienen die Freundlichkeit ihres Herrn zu fühlen, umſprangen ihn heulend und zerrten am Saum ſeines Hausrocks, als wollten ſie ihn nicht fortlaſſen, oder ihn bitten, ſie mit⸗ zunehmen.„Meiner Treu',“ rief der Törringer, „die Hunde verſtehen mich gar wohl; ſchau', liebes Weib, wie ſie ſich an mich hängen! Ich glaub': wenn mir einer die treuen Thiere ſchä⸗ digte, den könnt' ich umbringen vor Wuth.— Jürg! He, Götz! Führt meinen Braunen aus dem Stall, und ſattelt euch den Matz und den Pollack. Wir wollen nach Ingolſtadt reiten.— Ja, meine Elſe, ich glaube: aus dir hat mein guter Geiſt geſprochen. Herr Gott im Himmel! des Sengens und Brennens im Baierland ſoll einmal ein Ende werden; iſt das ein fürſtlicher Krieg? Sollen's lieber eine Metzig nennen. Hm, hm, hm! Und dazu müſſen wir helfen, die wir bloß unſer ehrlich Recht und unſre Freiheit wie⸗ der haben wollen!— Geh, Elſe! Bring' mir die Eiſenhaube, und der Pankraz ſoll mir den Harniſch und das Schwert und die Sporen ho⸗ len.— Hab' ich's nicht voraus gewußt und vor⸗ aus geſagt? Ja, wer damals dem Sterngucker — 265— glaubte! Und als ſie zu Aichach ſich von der pfiffigen Clauſel fangen ließen, hab' ich's ihnen nicht auch da wieder auf Deutſch geſagt, was für Gewinn ſie davon kriegen würden? O Blöd⸗ ſichtigkeit und kein Ende! Vor lauter Freiheiten ſeh'n ſie die Freiheit nicht mehr.“ Frau Eliſabeth kam jetzt mit dem Helm, und Pankraz, der Waffenknecht, mit den andern Ge⸗ waffen des edlen Törringers und thaten ſie ihm an. Götz und Jürg führten bereits die Pferde aus den Ställen, tränkten ſie nochmals am Brun⸗ nen, und legten ihnen dann die Zäume an. „Willſt du wirklich jetzt ſchon fort, mein Tör⸗ ringer?“ ſprach bang aufathmend die Haus⸗ frau;„ach, ich bitte dich, thu' es nicht ſo ei⸗ lig; bleib' noch bei mir; jetzt, da ich dir die Eiſenhaube bringe, und die Pferde dort ſcharren und ſtampfen höre, wird mir's mit einemmal ſo beklommen um's Herz, als beginge ich eine Todſünde, wenn ich dich von mir laſſe.“ „Nun, mit Vergunſt, meine gute Elſe,“ erwiederte ihr der Törringer aufgeräumt,„nun möcht' ich wahrhaftig ſagen: ſeh' nur einmal einer die Weiber an! Zuerſt bitteſt du mich um — 270— Gottes Willen, ich möchte die ſchwarze Kunſt an den Nagel hängen, und über Hals und Kopf, über Stock und Stein davon reiten. Jetzt, was gilt's?— beteſt du wohl noch ein Vaterunſer, da⸗ mit ich lieber ein Schwarzkünſtler werde, als hinausreite. Geht, geht, ihr Weiber, ihr wißt nie, was ihr wollt, oder vielmehr ihr wollt im⸗ mer, daß wir euren Launen nachgeben. Nun, nimm kein Aergerniß an meinen Worten, Elſe, du weißt ja doch, wie ich's meine. Und darauf kennſt du mich auch: wenn ich mir einmal etwas fürgeſetzt, das muß durch, da geb' ich nicht nach. Herr Gott im Himmel! heiß' ich denn nicht mehr der Törringer, oder hab' ich ſchon aufgehört, der Ritterſchaft Hauptmann zu ſein, bevor ſie's irgend empfunden haben? Nein, nein, das geht nicht alſo mehr länger; ehrlicher Krieg iſt ein ſchön Geſchäft, aber ſolch ein Schlachten und Brennen ſieht mir ſchier aus, wie ein Schel⸗ menſtück. Ich muß dem Ingolſtädter und mei⸗ nen Geſellen in's Gewiſſen reden, ich bin's ſchul⸗ dig, und ich will's thun, ſollten ſie mich auch alle drum aufgeben.— Und nun, mein liebes Weib, behüt' dich Gott und gedenke mein.“ — 271— „Alſo wirklich, Törringer, wirklich?“ fragte Eliſabeth weinend und beklommen, an ſeinem Arme hängend;„und erbarmeſt dich nicht des ſüßen Pfandes unter meinem Herzen?“ „Eliſabeth,“ erwiederte Törringer ernſt,„laß den da oben walten, den, der die Sterne regiert und Herr iſt über unſer Leben und Sterben. Was er will, das geſchieht. Ich bitt' dich, weine nicht; du weißt, verweinte Augen ſind das Einzige, was ich nicht leiden kann.— Ja, ſehet; es nützt euch nichts, euer Winſeln und Heulen, ihr meine guten Hunde, ich kann euch doch nicht mitnehmen; ihr müßt mir ja das Haus bewahren, merkt ihr?— bis ich wieder heim komme; wem ſollt' ich's denn beſſer zum Schutz anvertrauen als euch.“ Traurig tukten ſich die Hunde; der Törringer ſchwang ſich auf's Pferd, reichte von demſelben herab ſeiner Hausfrau nochmals die Hand, rief ihr ein herzlich:„Behüt' dich Gott,“ zu, und trabte dann, von dem Götz, Jürg und Pankraz begleitet, zu dem Thore ſeiner ſtattlichen uralten Feſte hinaus. Ohne Gefahr und Abentheuer, aber mit bit⸗ term Schmerz im Herzen über die allgemeine Verwuſtung und das Elend des Vaterlandes, ritt Herr Kaspar der Törringer an den langen rau⸗ chenden Schutthügeln der Dörfer und Flecken vorbei und erreichte ziemlich bald die ſaubere, faſt ganz neu gebaute und wohlverfeſtigte Stadt Herrn Ludwigs des Gebarteten. Der Herzog war nicht daheim, wurde aber alle Augenblicke erwartet. Es harrte ſeiner ſchon ſeit einigen Tagen ſein tapferer Sohn, Ludwig der Höcke⸗ rige, um ſich an der Seite des Vaters plötzlich gegen Landshut zu wenden, und das Herz des Feindes durch einen unvorhergeſehenen Streich zu treffen. Aber in Ingolſtadt kam dem Gra⸗ fen von Graisbach ein anderer Kriegsgedanke auf's neue in den Kopf. Er ſah die ſchöne Ge⸗ liebte Wielands wieder, und alles Verlangen, welches die Zerſtreuung des Krieges nur in den Hintergrund gedrängt hatte, ſchwoll ihm jetzt wieder unbändig im Herzen. Der Krieg hatte ihn älter, aber nicht milder gemacht. Jetzt oder nie war die Gelegenheit; der Graf von Wert⸗ heim lag im Feld; die Dienerinnen des Fräuleins — 273— hatte der junge Ludwig durch Gold und Ge⸗ ſchmeide gewonnen; als zukünftiger Erbe des Landes, der allenthalben ſeine einſtigen Rechte geltend zu machen wußte, konnte er, ohne daß man Arges vermuthen durfte, wohl in jedem Hauſe der Hauptſtadt ungehindert ein⸗ und aus⸗ gehen. So beſuchte er denn auch eines Abends die ſchöne Grafentochter, welche ihn als den Bruder ihres geliebten Wieland mit Höflichkeit empfing. „Ihr ſeid wohl ſehr zu beneiden,“ begann der Graf von Graisbach das Geſpräch,„doppelt zu beneiden, weil Ihr, holdes Fräulein, Andere beneidenswerth machen könnt. O wie glücklich, wer beneidet wird! wie elend, weſſen ganzer Schatz nur erborgt oder geſchenkt, fremdes Mitleid iſt!“ „Mich dünkt,“ entgegnete ihm das Fräulein, „Ihr ſchmälert den Werth des Mitleids allzu⸗ ſehr; iſt es doch der ſüßeſte Balſam, den uns der Himmel ſpendet.“ „Ja, für den,“ erwiederte Ludwig,„der es ſpendet, mag es wohl allerdings ein ſüßes Ge⸗ fühl ſein, ſpenden zu könnenz aber den, der es empfängt, den drückt es. Es iſt mit dem II. 18 — 274— Mitleid umgekehrt, wie mit der Liebe; wer Liebe ſpenden kann, den drückte die Liebe; er warf ſie weg, ſie iſt ihm nutzlos;— wer ſie erhaſcht, hält die Kieſel für Diamanten.“ „Ihr brecht durch dieſe harten Worte über uns Frauen den Stab,“ antwortete Amalie; „denn es ſcheint: Ihr erhebet die Männer, in⸗ dem Ihr ſie als herzlos darſtellt; und indem Ihr uns blos von der Gnade der Männer ab⸗ hängig macht, wollt Ihr uns zugleich lehren, euch von uns zu weiſen.“ „ Aufrichtig geſprochen, mein ſchönes Fräu⸗ lein,“ erwiederte Ludwig,„ſo muß ich Euch be⸗ kennen, daß ich feſt der Meinung bin, oder des Aberglaubens, wenn Ihr ſo wollt,— es gäbe Männer, die durchaus nicht geſchaffen ſind, Liebe zu verſchenken oder anzunehmen;——— mich zum Beiſpiel. Ich wüßte wahrhaftig nicht, wie in aller Welt man es anſtellen müßte, mich, der die Frauen zwar achtet— nun ja—— der ſich aber ſonſt nicht ſonderlich viel um ſie be⸗ kümmert— mich verliebt zu machen; es müßte denn ſein, daß man mir etwa einen Liebestrank beibrächte! Aber auf natürlichem Wege, — 275— blos durch die ſogenannten geheimen Zauber des Herzens mich zum girrenden Liebeshelden zu ma⸗ chen, halte ich für eben ſo unmöglich, als, daß ich ſelbſt Liebe einzuflößen im Stande wäre. Alle Achtung vor der Schönheit! aber ſie rührt mich nicht; alle Höflichkeit vor den Geiſtesgaben der Frauen! aber ich möchte meinen Kopf drum wetten, daß keine Gewandtheit der Frauenliſt je im Stande wäre, über mich einen Triumph da⸗ von zu tragen.“ „Ihr demüthigt,“ verſetzte Amalie mit Em⸗ pfindlichkeit,„die Frauenklugheit allzuſehr; ich kann nicht glauben, daß Männerwitz ſo ganz feſt und ſicher daſteht, wie er ſich gerne zeigen möchte.“ „Es kommt darauf an, von welcher Gattung der Männer Ihr ſprecht,“ unterbrach ſie der Graf von Graisbach;„wenn Ihr an ſolche denkt, die auf ihre Schönheit eitel ſein dürfen, dann gebe ich Euch Recht, denn Eitelkeit i ſt Schwäche und gebiert Schwächen. Aber, wem die Natur glücklicherweiſe ſtatt Anmuth das vollkräftige, ewig wachſame, männliche Herr⸗ ſcher⸗Bewußtſein gegeben,— den beſiegt, das glaubt auf mein Wort, keine Macht auf Erden.“ 18* — 276— „Ei, ei, Herr Graf,“ entgegnete Amalie gereizt,„Ihr ſprecht ja immer vermeſſener; es lohnte wohl der Mühe, daß das Schickſal Euren Stolz dadurch demüthigte, daß man Euch zu den Füßen einer Dame das Geſtändniß lispeln hörte: Ich bin beſiegt. Ich wollte eine Locke von meinem Haupte drum geben, könnte ich einen ſolchen Triumph über Eure Vermeſſenheit belauſchen.“ „Und wolltet Ihr ſelbſt,—— wolltet Ihr ſelbſt,— o nein, nein! Entſchuldigt mich, mein Fräulein, wenn ich vielleicht unartig werde, aber ich kann mich des Lächelns kaum enthalten,“ erwiederte Ludwig, und Amalie mußte ſich von ihm abwenden, um ihre ſteigende innere Unruhe vor ſeinem Falkenauge zu verbergen. Einige Minuten lang ſaßen beide einander ſchweigend gegenüber. Es war ein peinliches Schweigen, jeder nächſte Augenblick ſchien von den Lippen des Prinzen oder des Fräuleins ein Wört ab⸗ zulocken, ein Wort, welches weitere wie Ketten⸗ glieder begann.—— Da ertönte draußen die Abendglocke zum Hußgebet, welches in jenen Jahren, da man — 2„— allenthalben von den Gräueln der Hußiten in Böheim hörte und vor ihrem Einfall in Deutſch⸗ land zitterte, in den Städten um ſieben oder acht Uhr Abends angeordnet war. Und dieß geſchah nicht aus leerem Schrecken, denn die Hußiſchen Banden, ſtreiften bereits bis an die Marken von Baiern und Oeſtreich; vor ihnen wurde der Tapferſte blaß. Auch Heinrich von Landshut nahm vor denſelben bereits mehr als einmal Ferſengeld. Beim Schall der Hußglocke traten Herr Ludwig im Bart, der Freiberger und der Tör⸗ ringer in das Gemach. Ludwig, der ſo eben heimgekommen, hatte erfahren, daß ſein Sohn ſich bei dem Fräulein befand, und war geeilt, ihn aufzuſuchen. Ein finſterer Blick des Vaters auf ſeinen Sohn war der einzige Willkomm; ein paar Augenblicke lang ſtanden ſich die Män⸗ ner ſchweigend, jeder ſeine Empfindungen bezäh⸗ mend, gegenüber. Endlich brach der Alte das Schweigen und befahl ſeinem Sohn, ihm raſch zu folgen, denn ſie müßten noch dieſe Nacht aufſitzen. Der Graf von Graisbach zögerte; — 278— der Freiberger aber flüſterte ihm in's Ohr: „Ich beſchwöre Euch: folgt ihm; Ihr erfahrt gar bald das Weitere von mir. Der Herzog fragte dann noch Amalie freundlich ernſt nach ihrem Befinden, gab ihr einen Brief Wielands aus Bologna, und entfernte ſich dann raſch, be⸗ gleitet von ſeinem Sohne und den beiden Edel⸗ leuten.. Im Schloßhof zog der Freiberger den Gra⸗ fen von Graisbach in den Stall, und ſagte ihm eilig, waͤhrend er ihm das Roß anſchirrte:„Ich kenne Euch, als wäret Ihr durchſichtig, und weiß, was Ihr wollt; aber ich bitt' Euch, ſchlagt Euch dieſen Spaß aus dem Sinne. Ich will Euch bei guter Muße einen Weg zeigen, auf dem Ihr zu höheren Ehren gelangen könnt, und zu größerer Gewalt, als Ihr auf Eurem jetzigen zu hoffen habt. Doch gut Ding will Weile.“ Der Graf von Graisbach hörte ihn an, ohne ihm zu antworten. In ſeiner Seele hatte ſich ſeit jener Zwieſprach mit Amalie der Pfeil, den er ihr zugedacht, gegen ihn ſelbſt gewendet; jetzt liebte er ſie, und verzehrend wühlte, lohte dieſe lut gar bald in ihm zur Flamme empor. — 279— Wieland ſollte ſie nicht beſitzen; das ſchwor er ihm zu. Inzwiſchen hatte der biederbe Törringer bei dem Herzog von wegen des Krieges im Baier⸗ land ſo gut als in den Wind geſprochen, und beinahe den Zorn deſſelben auf ſich geladen. Herr Ludwig im Bart wollte von Schonung und Mäßi⸗ gung nichts wiſſen.„Das Land und Volk thut mir leid, wenn es Schaden nimmt; aber ich kann ihm nicht helfen; das iſt einmal des Kriegs Gefolg;“ ſprach der Herzog;„hätte der fah⸗ rige Mörder zu Landshut nicht mich zum Feind, ſo ſtritte er gewiß mit einem andern, und das Land müßt' es eben auch hinnehmen. Jetzt iſt mein Stern endlich einmal im Aufgehen; hei, was für ein Thor wär' ich, wollt' ich mich drun⸗ ter blos zu Bette legen.“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte Herr Kaspar der Törringer,„ich mein': wir ſind alleſammt auf Erden gar kurzſichtig; das iſt die Summa meiner Sternenweisheit; drum können wir leicht⸗ lich unſern Unſtern für unſern Glücksſtern an⸗ ſehen.“ „Und fielen die Sterne vom Himmel,“ gab — 280— ihm der Herzog zur Antwort,„ſo will ich doch zu Ende bringen, was ich begonnen. Ich bin in der Mitte der Fünfziger; meine Wetterhahns⸗ zeit iſt vorbei; jedes Jahr ſetzt mir wie alten Eichbäumen einen Ring mehr um den Kern, und jeder kommende Ring wird härter und macht mich härter. Jeder von uns zweien handelt um ſein Recht; drum laßt uns, da wir der Zeit zu Thaten benöthigen, ſie nicht mit Worten verſchwenden.“ Deer Törringer ſchwieg, weil er einſah, daß dem Herzoge nichts aus⸗ noch einzureden ſei, er nahm ſich aber vor, an ſeiner Seite zu reiten, um wenigſtens gleich bei der Hand zu ſein und weitern Schaden an Ort und Stelle verhüten zu können. Bekümmerten Blickes ſah er in die Zukunft. Von Ingolſtadt ritten ſie noch in derſelben Nacht über Schrobenhauſen und Aichach gegen Friedberg,— der Herzog Ludwig und ſein Sohn, begleitet von dem Törringer und dem Freiberger. „Was meint Ihr, Herr Törringer,“ ſprach Ludwig zu ihm, als ſie im Mondenglanz die ſtatt⸗ lichen Wartthürme der Feſte Friedberg vor ſich — 281— liegen ſahen,„was meint Ihr, ſoll ich wohl, wie Ihr mir früher gerathen, abſtehen von meinem Beginnen, ſo lange dergleichen feſte Plätze mein ſind, wie dies Friedberg oder mein wackeres, treues Waſſerburg? Und ſo hab' ich noch viel andre.“ „Gnädiger Herr,“ ſprach der Törringer ernſt,„'s iſt heut zu Tage nicht mehr wie ſonſt vor Zeiten; ſeit es Hacken- und Feldſchlangen giebt, und vor allem jene groben Donnerbüchſen, deren keine an Steinkugeln ſatt wird, iſt's noch leichter, ſich feſte Burgen bauen, als feſt auf ſie bauen zu köͤnnen.“ „Ach, Törringer, Ihr ſeid ſeit kurzem blos ein Unglücksrath geworden,“ gegenredete ihm der Freiberger ſcherzend,„und ſeht ſchwarz, was weiß iſt; das iſt Trübſinn, der Euch von Euren Zauberbüchern her anklebt. Prophezeiht uns lieber luſtige Dinge, die unſerm gnädigen Herrn beſſer behagen. Wir werden in München gar bald auf dem Schrannenplatz wieder tanzen, heiſſa, juſt auf dem Schrannenplatz muß es ſein, ich freue mich ſchon wie grimmig d'rauf. Wie wird ſich der geſtrenge Herzog Ernſt verwun⸗ — 282— dern, wenn wir ihm ſo ungebeten zu Gaſte kommen, und ſein Bruder Wilhelm, der fromme Herr; ſchade für den, daß er kein Mönch geworden iſt.“ „Ja wohl,“ fiel ihm Herr Ludwig in's Wort,„dann könnten die Münchener, die ihn auf den Händen tragen, ihn abkonterfeien laſſen, und dem Mönch auf ihrem Stadtwappen ſein Antlitz leihen. Potz Treu, meines Vetters Ernſt junger Sohn wird vermuthlich juſt von ſeiner Liebſten träumen, wenn wir an ſein Bette tre⸗ ten, und ihn unſanft aufrütteln wollen.“ „Ja, und er wird denken,“ nahm der Frei⸗ berger des Herzogs Rede auf,„wir wären etwa Bader von Augsburg, und kämen ihn von wegen ſeines Minneleids zu beſuchen, und wird uns zärtlich entgegen winſeln: o meine ſüße Agnes, o meine goldne Bernauerin!“ „So iſt es denn wahr, wovon ich ſeit kuͤrzen reden höre,“ unterbrach ihn der Törringer,„daß der ſtattliche junge Herr, dieſer Albrecht, dem Baderskind von Augsburg hold und zugethan ſei?“ „Ich hör's, und glaub's,“ bekräftigte der Freiberger;„nun und was weiter? Fürſtlichen Herrn iſt alles erlaubt, denn das Volk iſt um — 283— der Fürſten willen da, ſonſt gäb's gar keine Für⸗ ſten; wären die Fürſten um des Volkes willen, ſo müßten ſie dienen, ſo gut als unſer einer, und das ſtünde ihnen doch, bei meiner armen Seele, ſchlecht an.“ Darauf gab ihm Törringer keine Antwort, aber der Herzog und ſein Sohn lächelten ihm beide huldreich zu. So ritten ſie am andern 8 über Fürſtenfeldbruck immer näher gegen München, und von Friedberg aus folgte ihnen in getheilten Rotten, welche vorſichtig auf Feld⸗ wegen weiter drangen, ein langer Troß gewaff⸗ neten Volkes; aus allen Schlupfwinkeln, worin ſie ſich lange verborgen gehalten, ſtießen die Bür⸗ ger zu ihnen, welche um ihrer Anhänglichkeit an Ludwig aus München verbannt waren; von Waſ⸗ ſerburg her wurde gleichfalls Zuzug erwartet. Ludwig hatte nichts geringeres im Sinne, als: München ſelbſt zu überrumpeln, und er rechnete dabei auf die alte Vorliebe der Bürgerſchaft.— Als ſie in die Nähe von Gauting kamen, ſahen ſie am Rande der großen Fläche füdöſtlich eine ungemeine Helle am Horizont; anfänglich darüber ſtutzig, ritten ſie doch weiter nördlich, als ſie — 284— plötzlich hinter ſich raſchen Hufſchlag hörten. Es war Götz, des Törringers Knecht, der athemlos herbeiſprengte, und ſeinem Herrn zurief:„Nicht weiter, Herr Törringer, nicht weiter, meine gnä⸗ digen Herrn! Dort hinter uns brennt's;— ha⸗ ben's im Troß erfahren;— s iſt Baierbrun, Euer Schlößlein, Herr Herzog!“— „Ha zum Teufel,“ rief Ludwig ergrimmt, „das muß ihnen einer verrathen haben, ſonſt lägen ſie ſtatt dort auf der Lauer, in München auf ihren Käſen. Auf, Ihr Herrn, ſpreng' einer zurück, und ſag' es den Leuten, daß wir uns eilig über Starnberg und Weilheim nach Spatzen⸗ hauſen und Tölz wenden müſſen, um ſie zu umgehen. Törringer, reitet Ihr und laßt Euch die Rotten gut betreut ſein. In Weilheim ſtoßen wir zuſammen, und wollen uns dann nach dem ſcharfen Ritt der ehrlichen Tölzer gutes Bier ſauber ſchmecken laſſen. Dann haben wir den Landshuter doch vor uns, und können ihn um⸗ ſpannen; auch an Waſſerburg ſind wir dann näher; das wird uns noch ein feſter Schild.“—— — 285— An demſelben Tage, da Baierbrunn in Flam⸗ men aufging, war Herr Heinrich von Landshut ganz ſtill und ſacht von Burghauſen gegen den Tachenſee gerückt und umſtellte mit dichten Hau⸗ fen des Törringer's ſtattliches Herrenhaus. Er hatte es auf die Züchtigung ſeines ganzen frei⸗ heitsluſtigen Adels abgeſehen, aber vor allen auf deſſen Hauptmann, den gefürchteten Kaspar den Törringer. So bald es ihm zu Ohren gekom⸗ men, daß der Ritter nicht daheim ſei, erwachte des Landshuters Heldenmuth, denn es galt, eine herrenloſe Burg, worin ein Weib wohnte, zu uͤberrumpeln. Niemand im Schloſſe ahnte Ar⸗ ges, als plötzlich Herrn Kaspar's Hunde ein furchtbar Geheul ausſtießen. Als Frau Eliſa⸗ beth und die Knechte herbeikamen, gewahrten ſie zu ihrem Entſetzen, daß an das Burgthor gewal⸗ tige Schläge gethan wurden, und Fackeln, Feuer⸗ pfeile und Pechkränze in den Hof und in die Be⸗ dachungen der Ställe und Scheuern flogen. Zi⸗ ſchend und praſſelnd, wuchs gar ſchnell die Flamme, und zur gleichen Zeit brachen von allen Seiten durch's Thor und durch Breſchen die wilden Ge⸗ ſellen des ergrimmten Landshuters. Kein Aus⸗ — 286— weg war mehr; den wenigen Knechten blieb nichts andres übrig, als: ſich zu ergeben oder zu fallen. Frau Eliſabeth warf ſich vor dem Herzog, welcher hoch zu Roß gegen ſie heranſprengte, zur Erde und flehte, um des Kindes willen, das ſie un⸗ term Herzen trage, um Erbarmen; aber der Her⸗ zog ſchrie ihr zu:„Steh' auf, Weib des Re⸗ bellen, wofern du nicht unter meines Roſſes Hu⸗ fen zermalmt ſein willſt.— Ha, mich ſoll's freuen, wenn ich den letzten Keim dieſer meuteriſchen Törringer vertilgen kann.— Aus dem Wege, Frau!— Knechte, reißt mir das Wappen vom Thor, daß dieſe ſtolze Roſe doch einmal zerknickt und zerſtampft wird.— Hinweg mit dir, al⸗ bern Weib; was ſollen deine blaſſen Wangen?—“ Sein Roß war milder als er und bäumte zurück. — In demſelben Augenblick kam der armen Frau unerwartete Hülfe. Des Törringers Hunde ſpran⸗ gen wie toll an dem Roß und dem Reiter hin⸗ auf, und riſſen ihn mit ſcharfem Gebiß zu Bo⸗ den. Als die Reiſigen die Gefahr ihres Herrn ſahen, ſprangen ſie herbei und wollten die Hunde abtreiben.— Umſonſt! Die treuen Hunde ließen nicht ab, und der hochedle Herzog ſchwebte un⸗ — 287— ter ihren Zähnen in Todesnoth. Dies war für Frau Eliſabeth der günſtige Augenblick zur Flucht. Während ſich Alles um den Herzog drängte, der mit ſeinen Geſellen ſich gegen die treuen Hunde wehrte, ein Herzog gegen Hunde,— gelang es Frau Eliſabeth, ſich die ſchroffe Felshöhe herab in's offne Land zu retten. Todesangſt beflügelte und leitete ihre Schritte. Sie gelangte endlich an das Haus armer Leute, die ſie früher unter⸗ ſtützt hatte, und dieſe ſchafften dankbar der ed⸗ len Frau ein Pferd und einen treuen Begleiter.— Die Hunde waren endlich überwältigt und wälzten ſich verendend am Boden. Der Herzog wüthete, als er, nachdem er aus den Klauen und Zähnen der Braggen gerettet war, allenthalben im Schloſſe vergebens nach der Hausfrau ſich umſah, die er gar zu gerne als Geißel gegen den edlen Törringer, unritterlich genug, gefangen mit ſich weggeführt hätte. Ein paar Stunden lang ließ er im ganzen Burgfrieden forſchen, denn er hielt es für unmöglich, daß ſie demſelben ent⸗ ronnen wäre. Erſt der allgemeine Brand des ſchönen ſtattlichen Herrenhauſes ſelbſt zwang ihn, — 288— um der eigenen Sicherheit willen ſich zurück zu ziehen.— Inzwiſchen hatten die Münchener Herzoge Ludwig's Schlöſſer, Nänhofen und Lichtenberg, eingenommen, der Churfürſt Friedrich und der Graf von Oettingen gewannen Monheim, der Pfalzgraf Johann zu Neumarkt überrumpelte Ludwig's Schlöſſer Petzenſtein, Weiden, Lauf, Hiltpoltſtein, Parkſtein und noch mehrere an⸗ dere. Ludwig dagegen, dem nunmehr in ſeinem Lande ſo viel Schaden geſchah, ſteckte zur Wie⸗ dervergeltung einige Klöſter an, die in den Ge⸗ bieten ſeiner Feinde lagen; die armen Mönche, welche ſich auf keine andere Art räͤchen konnten, riefen eben auf's neue den Bann über Ludwig aus. Es ſtand nicht lange an, ſo ritt Herr Kaspar der Törringer aus dem Alpenland gen Traunſtein und Troßberg, um ſich wieder einmal nach ſei⸗ nem Hausſtand umzuſehen. Er traf unterwegs, je näher er gegen ſeine Burg kam, wohl manch ein bekanntes Geſicht und erkundigte ſich, wo er konnte, wie es daheim ginge, und um ſein lie⸗ — 289— bes, braves Weib. Aber, wen er auch fragte, es mocht' ihm keiner Antwort geben; ſie wollten nichts weiter davon wiſſen, und gaben ihm kopf⸗ ſchüttelnd bloß den Beſcheid: er möge ſich ſelbſt mit eignen Augen überzeugen. Langſam, vor ſich hin zu Boden ſtarrend, gebeugt, als hinge Kummer und Sorge auf ſei⸗ nem Nacken, trabte der biederbe Törringer den Bergweg zu ſeinem Schloſſe hinan. Sein gu⸗ tes Rößlein ſuchte den Stall. Als es nahe vor dem Thore war, ſcheute es vor dem Schutthau⸗ fen. Da fuhr der Törringer mit Eins im Sat⸗ tel empor, und rieb ſich die Augen, ob er denn wache oder träume, ob er gut bei Sinnen oder verrückt ſei? Wie? Dieß ſein feſtes Schloß? Wo iſt denn die Roſe, die über dem Thore prangte? Wo ſein feſter Thurm, in dem er manche Nächte hindurch über alten Geſchriften ſaß? Wo das Springbrünnlein in Mitten des Hofraums? Wo die treuen Hunde? Wo das friſche Tannenreis vor dem Pförtlein des Wohn⸗ hauſes? Die Scheuern voll Erndteſegens? Herr Gott im Himmel! Und die treue, liebende, ſorg⸗ liche Hausfrau?— Oede ſtarrt ihn der Schutt⸗ II. 19 — 290— haufen an; die kahlen einſamen Mauern ſcheinen bei ſeiner Ankunft zu wanken, furchtbar einſam ſteht er da auf den Trümmern ſeines Hauſes. Es iſt, als hätte ein Blitz ſein Auge geblendet, als preßte ein eiſerner Ring ihn um die Bruſt, daß er nicht athmen, nicht ſeufzen, nicht ſtöhnen kann; in ſeinem Haupte glüht es; ſeine Hand iſt vor Froſt erſtarrt. „Mein Weib, mein Weib! mein Weib!“ Dieſer Schrei ſtürmt endlich wie das Geheul ei⸗ nes wilden Thieres, das ſeinen Käfig zertrüm⸗ mert, aus ſeiner Bruſt. „O ſie iſt verloren! gewiß, gewiß verloren,“ ſtöhnt er nach erneuertem dumpfen Hinbrüten, und ſpringt vom Roß, um wenigſtens ihre Leiche zu ſuchen. Doch nicht gar lange mehr hält das bischen Kraft, was er ſich mit Mühe zuſammen⸗ gerafft, bei einander. Ermattet kniet er zwiſchen den kahlen dachloſen Mauern, den ſchmerzvollen Blick fragend nach oben gewandt, und dann auf den Schutt geſenkt; bewußtlos ſinkt er zuſam⸗ men. Das Rößlein ſucht ſeine Tränke, und ge⸗ het ſchnobernd unſicheren Trittes zwiſchen den Trümmern herum, bis es die wohlbekannte ſtei⸗ — 291— nerne Küfe findet; aber die Röhren ſind zer⸗ ſchlagen, verſtopft durch Schutt jede Oeffnung, dürr die ſteinerne Wanne.— Wohl eine Stunde lang lag der edle Tör⸗ ringer bewußtlos auf dem Schutthaufen ſeines Stammſchloſſes; da war's ihm plötz ch, als er⸗ wache er wieder in einem ſchöneren, wunderherr⸗ lichen Lande, als klängen ſüße wohlbekannte Töne an ſein Ohr, die Stimme ſeines Weibes, ſeines Bruders; es war ihm, als wollten ihn dieſe überzeugen, daß er wieder auf Erden wandle, und noch nicht geſtorben, und daß zwiſchen Lie⸗ ben und Treuen kein Sterben ſei. Auf's Neue erklangen die Stimmen.— Horch! horch!— Und es war kein Traum.„Mein Gatte, mein Bruder!“ rief's zu ihm; treue Arme hoben den kummergebeugten, einſam ver⸗ lornen Mann ſanft empor. Noch traute er ſei⸗ nen Augen nicht. Nein, nein! Es waren bloß ihre ſeligen Geiſter, die ihn umſchwebten. Aber jetzt fühlte er Eliſabeth's Küſſe warm auf ſeinen Lippen, auf ſeiner Stirne; fühlte ſei⸗ nes Bruder Wilhelm treuen Arm um ſeine Hüf⸗ ten geſchlungen. 19* — 292— „Törringer, o mein Törringer!“ rief Eli⸗ ſabeth;„du lebſt? Gelobt ſei Gott, du lebſt!“ „Richte dich an mir empor, mein theurer Bruder,“ ſprach Wilhelm,„erhole dich und be⸗ zwinge deinen Schmerz als ein Mann; denke künftig bloß an Thaten, um dich dadurch wieder zu erkräftigen.— Als der Törringer ſein Weib, ſeinen Bruder wieder in den Armen hatte, weinte er zum erſten⸗ mal in ſeinem Leben, und ſchrie wie wahnſinnig vor Freude:„Barmherziger Gott! jetzt iſt al⸗ les gut; ich bin ein reicher, ein königlicher Mann, ja, und hätte ich auch Kaiſerthümer verloren; Elſe, ich habe ja dich wieder funden, und du biſt's wirklich, und wir ſind alle noch am Leben, und haben uns alle.— O Gott, o Gott! Be⸗ wahr' mir nur mein bischen Verſtand.““ Sein Bruder Wilhelm erzählte ihm nun, als er wieder völlig zu ſich gekommen war, in Kürze die Kunde vom Sturz ſeines Hauſes; von der Rettung ſeines Weibes, welches ihn, den Wil⸗ helm Törringer, in Waſſerburg gefunden, und, daß ſie daſelbſt gehört hätten, Kaspar ſtreife noch im Hochlande umher. Drauf hätten ſie Boten aus⸗ — 293— geſandt, um auf ihn zu achten, und Einer, der mit Kaspar's Knechten zuſammengekommen,(die dieſer im Auftrage des Herzogs nach Waſſerburg geſchickt), hätte ihnen ganz kürzlich berichtet, wo⸗ hin Kaspar ſeinen Weg nehme. Da wären ſie ihm gefolgt, ſtets ſchier juſt nur um eine Stunde ſpäter, von Ort zu Ort ſeiner Spur nachrei⸗ tend, bis ſie ihn endlich hier auf den Trümmern des Stammſchloſſes getroffen und aufgehoben. Als der Törringer die völlige Kunde vom Falle ſeines Schloſſes vernommen, erwachte durch den Ingrimm über des Herzogs unfürſtlich, unritter⸗ lich und ſchäͤndlich Benehmen ſein ganzes Weſen zu neuem Lehen.„Auch meine Hunde, meine guten treuen Hunde!“ rief er ſchmerzlich;„ha, den nenn' ich einen Hund, der mir die treuen Hunde erſchlug! Ei, noch nicht genug, du mein gnädiger Herr von Landshut, daß du mir Amt, Ehre, Recht und Freiheiten nimmſt,— d feiner heldenmüthiger Dieb, der abwartet, bis der Hausherr ferne iſt, und ihm dann ſelbſt die treuen Hunde noch erſchlägt. O Heinrich, Hein⸗ rich! So wahr ich der Törringer heiße, wir ha⸗ ben jetzt verdammt mit einander abzurechnen. — 294— Ich will dich von einem Gericht zum andern ver⸗ folgen, und, wenn keines einem rechtſchaffenen Manne hilft, der an den Bettelſtab gebracht iſt und in's Elend durch die Büberei dieſes Fürſten, dann will ich dich, ſo viel Sünden du auf dem Gewiſſen haſt, hin beſchwören, woran du nicht denken ſollſt; will dich beſchwören, daß der Leu⸗ mund, der mich einen Schwarzkünſtler heißt, glau⸗ ben ſoll: er habe Recht.— Auch meine Hunde! Ihr guten, treuen Thiere! Ha! wenn ich wie⸗ der zu Kräften komme und zu Mitteln, ſo will ich an der Stelle, wo ihr als wackere Wächter ſtarbt, ſo wahr mir Gott helfe! irgend ein Denk⸗ mal bauen, und die Worte drunter ſetzen: Hier ſtand einſt des Törringer's Schloß, hier liegen des Törringer's Hunde;— und gibt's Gott, will ich dieſen Herzog bei ſeinem Bart an das Monu⸗ ment ſchleppen, und ihn zwingen, daß er ein Vaterunſer davor bete, damit auch ein Fürſt ein⸗ mal erkenne, was Treue heißt. O Hunde, Hunde! Ja, jetzt rede mir Einer noch einmal von Für⸗ ſten!— Ich bitte dich, Elſe, Bruder Wilhelm, ich bitte dich,— laßt uns machen, daß wir von hier fortkommen, ſonſt ſchwärme ich in's Blaue hin⸗ — 295— ein, und verpuffe den Reſt meiner Mannskraft. Hol ich weiß, was ich will, und ich thu', was ich will.— Nein, nein, wir ſind noch nicht ſo weit, mein Herr Fürſt! daß wir, weil wir ehr⸗ lich unſer Recht von Euch verlangen, Diebe und Räuber über uns als Herrn anerkennen. Nein, noch gibt es einen Gott im Himmel, vor dem ein Tyrann weniger iſt, tauſendfach weniger, als meine treuen Hunde hier, und noch gibt's auf Erden ein Ding, vor dem Fürſt und Bettler gleich ſteh'n. Hier auf den Trümmern unſeres alten, in Ehren erbauten, durch Schande und Büberei zernichteten Stammſchloſſes will ich gleich jetzt als Chriſt mein Teſtament machen. Ich bin ein Mann, der auf Erden nichts mehr zu ſchaffen hat, als: ſein Recht einzutreiben; und wenn das gethan iſt, dann mag Gott mir gnä⸗ dig ſein. Da, nimm mein Weib, mein gutes, liebes Weib, Bruder Wilhelm; ſchütze ſie, pflege ihrer, hebe mein Kind aus der Taufe, und thu' an ihr und meinem Kinde, wie du weißt, daß ich an dir handeln würde. Ich für mein Theil habe einſtweilen andere Dinge zu beſtellen.“ „Um aller Heiligen Willen,“ unterbrach ihn — 296— Eliſabeth;„Törringer, was willſt du beginnen? Dein Auge flammt, als lechzte dein Herz nach Mord.“ „Beim Blut Chriſti,“ fügte Herr Wilhelm der Törringer ſorglich hinzu;„ich beſchwöre dich, übereile dich nicht, und thue nichts, was dich reuen könnte. Noch haben wir Freunde und Ge⸗ noſſen, die treulich zuſammenſtehen werden, und dir helfen.“. „Wodurch verbürgſt du mir,“ erwiederte Kaspar ungläubig lächelnd,„daß ſie ſo treu in den Tod ausharren werden, als wie meine Hunde? Ich hoff' es wohl, aber ich will es nicht drauf ankommen laſſen. Ja freilich, der Herzog hat ſie vor etlichen Jahren alle belei⸗ digt, und kränkt ſie noch immer alle, wie mich; aber was geht das mich an? Ich will gerne ihnen helfen, aber mir ſelbſt will ich allein helfen.— Hml! ich könnt' es leicht abthun, mit einemmal; aber zum Zwei⸗ kampf iſt mir Heinrich zu ſchlecht, und zum Mord bin ich mir zu gut. Ihr braucht Euch alſo keine Sorgen zu machen; ich werde mein Recht durch's Recht ausfechten. Ha, ſo — 29⸗— ſehr vergißt Gott doch der Seinen nicht, daß in ſeinem Deutſchland ein rechtſchaffener Mann nicht wider ſeine Zwingherrn aufkommen ſollte. Fort! fort! Dieſer Anblick taugt für uns alle nicht.— Bruder Wilhelm, du beherbergſt ja den termini⸗ renden Bettelmönch, und ſtoßeſt den Wildfrem⸗ den nicht vor dein Thor; haſt auch mein gutes Weib aufgenommen, der Herr Gott oben ſchreibt's auf,— mußt denn, wenn auch nur auf kurze Friſt, auch mich behalten.“ „Hilf Himmel! Bruder, was ſind das für Reden?“ erwiederte ihm Herr Wilhelm;„die weiße und die rothe Roſe ſind ja auf einem Stamm gewachſen; ich meine: du kennſt mich. Mein Haus und Hof, und was ich hab', iſt dein.“ Nach dieſen Worten machten ſich die beiden Törringer und Frau Eliſabeth auf den Heim⸗ weg nach Yettenbach⸗ Herr Kaspar der Törringer ließ ſich's nach dieſem nicht verdrießen, und ritt ein⸗ über das anderemal an den Hof des Kaiſer Siegismund, um Recht und Genugthuung zu gewinnen. Aber — 298— dieſer, welchen die Gefahr der Huſſiten eben gar arg bedrohte, vertröſtete ihn von einem Tag auf den andern, indem er zugleich verſuchte, die fürſtlichen Herren, welche in Baiern ſtritten, zu verſöhnen. Doch es gelang ihm ſchlecht. Nie⸗ mand wollte die Tagfahrten anerkennen, welche er anberaumte. Die Herzoge trieben die unglück⸗ ſelige Fehde immer weiter; das Glück, welches früher einige Zeit hindurch dem Bärtigen ſo hold geweſen, folgte jetzt eben ſo unermüdlich ſeinen Feinden. Im Februar 1422 ſchickten die Donau⸗ wörther Bürger ihren Bürgermeiſter Vetter und den Kürſchnermeiſter Lang als Abgeordnete nach Burghauſen, Herzog Heinrichs feſtem Schloß an der Salzach, wo ſich bei dieſem ſeine Vettern aus München, Ernſt und Wilhelm, befanden; vor dieſen drei Fürſten klagten die Bürger wider Herrn Ludwig von Ingolſtadt, der ſie belaſte und dränge; ihre Stadt ſtehe in des heiligen rö⸗ miſchen Reichs Freiheit; die edlen Fürſten möch⸗ ten ihnen reiſig Zeug ſchaffen und ſtätig bei ih⸗ nen liegen und reiſen laſſen, dann wollten ſie ih⸗ nen die Thore aufthun und ſich mit ihnen für immer verbinden. Die Herzoge gewährten ihnen — ——-— — — 299— die Bitte, ſtellten noch zur Bedingung, daß ſie nie einen beſonderen Frieden mit Herzog Ludwig eingehen ſollten, und gaben ihnen einen adeligen Hauptmann, der in allen Kriegsangelegenheiten ſchlichten ſollte. Dadurch wurden die Donau⸗ wörther ſo keck, daß ſie dem Herzog Ludwig, der ihnen längſt grollte, einen förmlichen Fehde⸗ und Abſagebrief ſchickten. Er hatte ihnen einſt gedroht, den Donauwörther Bürgern allen die meineidigen Zungen aus dem Halſe reißen zu laſſen; jetzt, da ihm einer der Haupt⸗Ränke⸗ ſchmiede, der Kürſchnermeiſter Lang, in die Hände fiel, hielt Ludwig erbarmungslos ſein Wort. Bald hierauf brachen die Münchner und der Landshuter die ſtarke Feſte Friedberg, auf welche Ludwig ſo feſt vertraute, und verbanden ſich wech⸗ ſelſeitig treulich, ihm auch Waſſerburg wegneh⸗ men zu wollen, welches ihm noch immer uner⸗ ſchütterlich und heldenmüthig anhing. Ueber die tauſend ſteinernen Kugeln ſchädigten an vielen Orten Waſſerburgs Mauern und Thürme. Die Münchner, welche ſchon beim Sturm von Fried⸗ berg gar wild anrennen halfen, ſchickten jetzt auch gegen Waſſerburg ein tapfres Häuflein.— Mittlerweile, da Ludwig's Feinde ſolchergeſtalt das ſtandhafte Waſſerburg drängten, ſtanden auf den Feldern an der Donau zwiſchen Rain und Neuburg, nicht gar weit von Ingolſtadt, drei⸗ tauſend Pferde und neunhundert Streitwagen; es war um Sonnenwende. Furchtbar wurde ge⸗ haust gegen des Ingolſtädters Land und Leute; auch Graisbach, des jungen Grafen Schloß, ward arg berannt, doch hielt es muthig aus. Vergebens ſchickte Siegmund aus Breslau und Eichſtätt Boten an Ludwig(der um alle dieſe Schäden noch grimmiger tobte), daß er die Waf⸗ fen niederlegen, und dem Kaiſer wider die hußi⸗ ſchen Ketzer, die immer toller und furchtbarer raſeten, Hülfe ſenden ſollte. Vergebens kam der Kaiſer ſelbſt nach Nürnberg, um den lang⸗ gekränkten Mann, der endlich Alles auf die letzte Entſcheidung ſetzen wollte, zu verſöhnen. Ver⸗ gebens predigte eben daſelbſt der Kardinal⸗Legat Branda wider die Kelchbrüder den Kreuzzug; Friedrich von Brandenburg empfing die Fahne als Hauptmann, und führte geübte Kämpfer gegen die raſenden Glaubenseiferer und Blut⸗ rächer in's Feld. Aber vor jener Geißel Gottes, NX dN 8ſ8 d⅓¼—;-— ᷣ — 301— vor dem blinden Ziska, der bloß jedem Gefange⸗ nen auf's Haupt fühlte, ob es eine Glatze trüge oder nicht, und dann ſeine eiſerne Keule auf den Schädel niederſchmettern ließ, vor dieſem Ziska und ſeinen böhmiſchen Bauern ſtoben die mit dem Kreuz Bezeichneten wie Spreu auseinander. Jetzt ſchmeichelte Siegismund, in wachſender Angſt, der baieriſchen Ritterſchaft, zumal denen, die von dem Landshuter in ihren Gerechtſamen und Frei⸗ heiten gekränkt waren; ihnen erklärte der Kaiſer, um ſie für ſich zu gewinnen und gegen die Huſ⸗ ſiten in's Feld zu locken, daß ihm Alles daran gelegen ſei: ſie möchten in ihrem Weſen glück⸗ lich und ſeliglich bleiben, und bewilligte ihnen, daß ſie ſich allenthalben mit dem deutſchen Adel verbinden und auch Neichsſtädte in dies Bündniß aufnehmen dürften. Darüber waren ihrer viele froh und triumphirten, und vergaßen dabei ganz und gar ihres treuen Geſellen Kaspar des Tör⸗ ringers, des Einzigen, der ſein Recht und ſeine Genugthuung nicht gewann, ja nicht einmal an⸗ gehört wurde. — 302— Die Allinger Schlacht. Ludwig hatte alle Friedensvorſchläge des rö⸗ miſchen Königes hauptſächlich deshalb ſpottend von der Hand gewieſen, weil er den alten Plan, der ſchon einmal geſcheitert, zum zweitenmal auf⸗ nahm; er war der Mann, ſich gerade durch allen Widerſtand, der ſeinen Anſchlägen drohte, erſt recht darin beſtärken zu laſſen. München zu über⸗ rumpeln, die Fürſten ſelbſt gefangen zu nehmen, und auf dieſe Weiſe die lange Fehde durch einen Streich zu endigen,— das lag ihm im Kopfe. Sein Hauptmann, Hans Weſſenacker, ritt, mit ſieben⸗ hundert feſten Leuten zu Roß, ganz ſtill und ſacht aus dem Hochland, den Starnbergerſee entlang. Herr Ludwig im Bart und ſein Sohn, der Graf von Graisbach, lagerten mit zahlloſem Volk und den beſten Herrn vom Adel zwiſchen den beiden Flüßchen Amber und Würm. Die Rüſtung war mit ſolcher Vorſicht getrieben worden, daß die Münchner bis zum Morgen des Quatember⸗ —— 303— Samſtags gar keine Kunde oder Ahnung von der Nähe der Gefahr hatten. Der Weſſenacker war inzwiſchen bereits bis Gauting vorgerückt, und machte nun Anſtalt, von dem Dorf aufzubrechen, um mit ſeinem Vortrab, der aus den zuchtloſe⸗ ſten Geſellen zuſammen gewürfelt war, über die Würm zu gehen, und ſich den Sendlinger⸗Höhen zu nähern. Da warfen ſeine wilden Reiſigen, die es gewohnt waren, ſchier allenthalben, wo ſie geherbergt hatten, zum Abſchied und zum Ge⸗ dächtniß ein luſtig Feuer anzuzünden,— Brand in das Dorf. Es war, als wäre dies den tollen Rotten in Aubing und Germaring ein Signal geweſen, Gleiches zu thun. Aber auf den Thür⸗ men von München gewahrten die Wächter den Flammenſchein, die Feuerglocken ſchrillten, die Sturmglocken donnerten betäubend durch einander. Auf allen Straßen Münchens wühlte und wim⸗ melte es jetzt plötzlich von aufgeſchrecktem Volk; die ſeltſamſten Gerüchte liefen verwirrend von Mund zu Mund. Die Herzoge Ernſt und Wil⸗ helm, und Prinz Albrecht, des erſteren Sohn, rannten aus ihrem Schloß mitten unter das Volk, fragten, wurden gefragt, waren bald hie, bald — 304— dort, bis ſich zum Sendlinger⸗ und Angerthore flüchtig Volk von Paſing hereinrettete, Weiber und Kinder und die Reſte der Habſeligkeiten auf dem Rücken tragend, athemlos, todesmatt, ſtöhnend. Jetzt kam die Wahrheit an den Tag. Die Flüchtlinge erzählten jammernd von dem Spott und der Erbarmunggloſigkeit des hoffaͤrti⸗ gen Adels und ſeines wilden Knechtgeſindels; knieefällig hatte das arme Volk die Feinde ange⸗ fleht, um Maria, der reinen Maid willen, deren Tag heute ſei, zu ſchonen; aber die vom Adel, ſo gut wie die Knechte, gaben ihnen Spott zur Ant⸗ wort ſtatt des Erbarmens, und das böſe Geſindel ſchoß einen Feuerpfeil nach dem andern in die Hütten, und plünderte, was es nur aufraffen konnte.— Jetzt verwandelte ſich des Münchener Volkes Beſtürzung in Wuth und Muth. Alles rannte nach den Haͤuſern, um ſich zu waffnen. Durch die Straßen ſprengten, von blaſenden Trom⸗ petern begleitet, zum treuen Kampf für Weib und Kind und Fürſten auffordernd, die gewal⸗ tigen Hauptleute der Münchner Stadtviertel, Hans Barth, Franz Tichtel, Lorenz Schrenk und Hans Püttrich; der Richter zu München, — . — — —O——— — 305— Herr Jobſt von Rohrbach, ſammelte die tüch⸗ tigen Altbürgergeſchlechter, die Hundertpfund, die Gießer, die Diener, die Ligſalz, die Petſchner und mit ihnen, die ſich an die Spitze der Rotten ſtellten, von ſieben und funfzig Zünften alles wehrhafte Volk, ſtark von Knochen, und im Schlagen geübt; wo eine Trommel luſtig wir⸗ belte, eine Trompete ſo frei und hell wie zum Tanze lud, ſchaarten ſich Jung und Alt, Groß und Klein, und ſchwangen die Schwerter, die Kolben, die Spieße, die blanken Aexte und Metz⸗ gerbeile. Als die Herzoge den Grund des allgemeinen Tumults vernommen hatten, ließen ſie ſich in ihre Gewaffen kleiden und ſchritten mit dem Pfalz⸗ grafen von Neumarkt, und Johann, dem Sohn des Brandenburgers, in die Kirche, um daſelbſt die Frühmeſſe zu hören, und freudiges Volk drängte ihnen nach. Während die Meſſe geſungen ward, ſchaarte ſich immer mehr und mehr Volk in völliger Ordnung auf Schutz und Trutz, und betete ſeinen Morgenſegen; die Weiber aber brachten ihren wehrhaften Männern, Söhnen oder Brüdern in ſteinernen Halbkrügen manchen Schluck II. 20 — 306— guten Bieres zum Morgentrunk. Plötzlich blies der Wächter am Angerthor Allarm, dorthin drängte ſich jetzt Alles. Es tobten von des Weſ⸗ ſenackers tollkühnen Knechten ihrer etliche gegen das Thor, das ſie unbewacht glaubten. Aber ſie büßten gar ſchnell ihre Verwegenheit und Sicher⸗ heit; die drinnen empfingen ſie recht hitzig, jag⸗ ten ſie in den Graben, und ſchoſſen ſo unver⸗ droſſen von den Mauern auf ſie nieder, daß ih⸗ nen wohl Hören und Sehen verging, und jeder ſeinem Gott dankte, als er den Weg wieder zwi⸗ ſchen die Beine nehmen konnte. Dies alles geſchah blos wie ein luſtig Spiel; man hinterbrachte den Fürſten erſt dann die Nach⸗ richt davon, als die Meſſe zu Ende war. Jetzt traten ſie aus der Kirche und ſchritten auf den Schrannenplatz; neben Herzog Ernſt wandelte der Bartholmä Stapfer von Weſſobrun, ein Mann, der ſeine ſiebentehalb Fuß maß, gewaltig breit von Bruſt und Lenden, ein ſo kräftiger Herr, daß er in ſeinem ſchweren Eiſenkleid von rück⸗ wärts in den Sattel ſprang; den Herzog Wil⸗ helm begleitete Friedrich von Wolfſtein, und die andern drei Fürſten: Albrecht, den Pfalzgrafen, — — 307— und des Brandenburgers Sohn, der Hofmeiſter Sedlitz, der Pfleger von Grünewald und der von Starnberg; ſonſt waren der Ritter gar wenige um die Herzoge. Als ſie auf dem Schrannenplatz ſtanden, hob Herr Ernſt ſein Schwert hoch auf und ſchwor Angeſichts alles Volkes, den Unglimpf zu rächen, den der Feind am heutigen Tage der heiligen Jungfrau angethan. Drauf gab Herr Wilhelm das Feldgeſchrei: Maria, reine Maid! Und Herr Ernſt begann dann zum Volke zu ſprechen:„Ihr Bürger von München! wir, eure Herzoge ſind ſchier gar aufgegeben von aller Ritterſchaft, bis auf die wenigen Treuen hie an unſerer Seite. Aber wir wollen im Namen Gottes und Mariä doch kämpfen, und nicht etwa blos darum, wer die Herrſchaft behalten ſolle, denn das ſteht in Gottes Hand, und wir ſtellen's euch anheim, ob ihr bei uns bleiben oder in alter Anhänglichkeit euch dem Ingolſtädter zuwenden wollet. Was ihr aber auch thut, wir, die Fürſten, wollen ehrlich für euch kämpfen, für eure Weiber und Kinder, für euer Haus und Gut; denn wir 20* — 308— haben's euch einſt verſprochen, daß wir euch im⸗ merdar ſchützen und bewahren wollen. „Und Wort gehalten habt Ihr,“ ſchrieen tau⸗ ſend Stimmen jubelnd;„hei! wir ſind Euer, in Noth und Tod.“ Der Richter Jobſt von Rohr⸗ bach trat darauf beſcheidentlich zum Fürſten und ſprach im Namen Aller:„Ihr gnädigen Herren und rechte Väter der Bürgerſchaft, Ihr ſollt in ganz München keinen Einzigen finden, der nicht mit Freuden Euch ſchützt und beiſteht; glaubt nicht, daß irgend wer noch der Zeit gedenke, da die Herren von Ingolſtadt zu uns herüber ka⸗ men, reich auftafeln ließen und mit unſern Frauen und Töchtern auf dem Markte tanzten. Gerech⸗ tigkeit iſt beſſer als Tanz und Spiel, und Für⸗ ſtentreu' hält das Volk ſicherer zur guten Mauer um Euch zuſammen, als blos die gnädige Leut⸗ ſeligkeit der Ingolſtädter, unter deren Schild ſtets nur Zwietracht ausgeſäet ward, und Bürger⸗ noth aufging. Und habt keine Sorg', meine lie⸗ ben gnädigen Herrn, vonwegen des gewaltigen Adels, auf den ſich Herr Ludwig im Bart alſo ſteift. Es iſt eine Zeit' kommen, daß der Bür⸗ ger auch fühlt, was ſeines Weſens ſei, und dey — 309— Schreiner und der Maler, die da Wappen, zim⸗ mern und anſtreichen, die wiſſen gar wohl, und haben die Fäuſte ſtark genug, um ſie zu zerbrechen und zu zerſchlagen, da ſie ſelbe ſelbſt gemacht; denn Gott der Herr hat nicht zweierlei Gattungen erſchaffen. Ihr Herren, Eure Bürger wollen drein hämmern wie weiland die Sauerbäcker bei Ampfing, da ſie Eurem großen Ahn, Herrn Lud⸗ wig dem Baier, gegen Oeſterreich die deutſche Krone heraushieben. Wir haben manch ein feines Gewerk, das den Herrn vom Adel, die uns alſo die Saaten zerſtampfen, manch ein unfeines Werk ſchaffen ſoll. Hoch auf, Ihr meine gnädigen Herren, hoch auf! wir nehmen euch in die Mitte; drum in Gottes Namen laßt uns hinaus.“ Die Herzoge dankten und brachten der Stadt den Ehrentrunk; dann machten ſie ſich Alle in geſchloſſenen Reihen aus der Stadt auf den Weg gegen die Menzinger⸗Schwaig, wo des Fein⸗ des linker Flügel ſich zu äußerſt ausbreitete. Mit furchtbarem Jubelgeheul ſtürzte die ſchlachtluſtige Bürgerſchaft dawider und hieb ſo ein und häm⸗ merte, bis die Funken ſtoben, ſo luſtig und fleißig in dichten Maſſen auf ihn los, daß ſie ihn wie die — 310— Meute das Wild, geradeswegs vor ſich hintrieb. Er prallte gegen die Mitte und wurde mit dieſer auf den rechten Flügel gedrängt. Der Bürger Triumphgeſchrei ſcholl laut auf; die flammen⸗ den Dörfer und die Nothfeuer auf der hochgele⸗ genen Burg zu Dachau beleuchteten die ganze un⸗ geheure Ebene entlang das blutige Schauſpiel. Von Paſing zurück wälzte ſich die Schlacht, im ungeheuern Halbkreis, gegen Buchheim, Alling und Gülching. Schon war der Mittag herum, ſchon glaubten die Münchner Fürſten und Bürger den Tag gewonnen; da zeigte ſich plötzlich an der Allinger Fuhrt, hoch zu Roß, der grimmige Herr von Ingolſtadt und der tapfere Buckel, hinter dem Rücken ihrer flüchtigen Schaaren. „Seid ihr Männer?“ donnerte der Alte, mit blankem Schwert auf ſie einſprengend und ſie zurückjagend in die ſtets weiter vorgeſchwollenen Wogen der feindlichen Streitmaſſen.„Hei, potz Treu! ich wollte, ſie hackten wie Raben euch die Augen aus den Köpfen, und auch mir, damit wir die Schande des Adels nicht mehr ſehen können.“ „Nein Ihr Herren,“ ſchrie der Graf von — 311— Graisbach,„das iſt nicht der Grund, aber laßt uns fechten, als ob wir blind wären, um nicht zu gewahren, daß wir blos armſeliges Bürgerpack zu bändigen haben.“ „Hieher,“ rief der Alte,„hieher ins Teufels Namen, ſteht! Oder fallt lieber gleich auf die Kniee und bettelt dort den Schuhflicker, und hier den Webergeſellen, und da den geſtrengen Herrn Schneidermeiſter, und dort den vierſchrötigen Brauerknecht und die Käßſtechler und alle die Lumpen an, daß ſie euch um Gotteswillen nur am Leben laſſen. Wer heute ein Schuft werden will, der ſchlage doch, ſtatt Reißaus zu nehmen, lieber gleich mich zu Boden. Hier, hier bin ich!“ Auf dieſe Worte ſammelten ſich die fliehenden Schaaren und ſchworen in Schaam und Wuth, ihr Leben theuer zu verkaufen. Der Freiberger jagte eben auf einem ſcheuen Gaul vorüber. „Jag' du in die Hölle,“ rief ihm der alte Herzog zu, als er ihn gewahrte;„auch Einer von des Weſſenackers ſauberem Gelichter, der Gauting an⸗ ſtecken half, daß mein ganzer Plan zum zweiten⸗ mal vernichtet wird.— Feſt an einander! Ich wollt', wir hätten Ketten, um uns zuſammen⸗ — 312— zuſchließen, daß Alle mit Einem, Einer mit Allen fallen müſſen.“ Der Höckerige hörte oder beachtete das Ge⸗ bot ſeines Vaters nicht, und warf ſich tollkühn in die feindlichen Maſſen.„Bartholmä Stapfer, laß ſehen, biſt du auch tapfer?“ rief er ſpöttelnd über zehn Köpfe der Seinigen weg, als er den rieſigen Weſſobrunner in ſeinem ſchwarzen Har⸗ niſch über Alle hervorragen ſah.„Komm, hie bin ich und will den Goliath verſuchen.“ „Nun ſo laß dich finden,“ rief der Stapfer zurück,„und ſchleudre mir deinen Buckel zu.“ Und im Nu hatte er einem der Ingolſtädtiſchen, die ihn zu zwanzig umringten, das Schwert aus der Fauſt geriſſen, und hieb nun, in jeder Hand ein Schwert führend, auf die Gegner ein, daß es mehr Wunden in's Fleiſch, als Beulen in die Pickelhauben ſetzte. Waͤhrend er ſo um ſich mä⸗ hete, als köpfe er reifen Mohn, brüllte er wie zwölf Stiere zuſammen, und war ſchon auf dem Punkt, den kecken Bucklichen zu erreichen, als er plötzlich von hinten zwei Hiebe bekam, daß er ſich umwenden mußte. Der Freiberger und der Törringer hatten die Gefahr des jungen Herrn — 313— geſehen und den gewaltigen Stapfer hinterrannt. Alſobald riß der Freiberger jach den Grafen von Graisbach einen Schritt zurück und der Törringer wurde mit dem Stapfer handgemein; dem Tör⸗ ringer kam jetzt noch der gefürchtete Fritz Magen⸗ buch zu Hülfe, der beſte Reiter, den es im Baiern⸗ lande gab, der durchſtach des Stapfers Pferd, daß es mitſammt ihm ſelber ſtürzte. Da riß der Schwall des Gefechts, der zwiſchen ſie drängte, die erbitterten Feinde auseinander. Jetzt galt es keine Reihen, und keine Ordnung mehr; das Weiße im Aug' ſuchte einer beim andern als Ziel, Bruſt an Bruſt packte ſich jeder, Bart an Bart wütheten ſie im tauſendfältigen Zweikampf. Die Nacht, welche herein gebrochen und Freund vom Feind nicht mehr unterſchied, zwang die Er⸗ bitterten, ſich Raſt zu gönnen, um am andern Morgen mit erneuerter Kraft und Wuth den Kampf wieder aufzunehmen und die Entſcheidung herauszufechten. Um ihre hochaufflackernden Wacht⸗ feuer ſaßen, lagen, kauerten, ihre blutigen Waf⸗ fen feſt an ſich drückend, die Männer in den Ei⸗ ſenkleidern, die Geſichter geröthet von Blut, Hitze und Wiederſchein der Flammen. Kein — 314— Wort wurde gewechſelt; ſie ſchienen lauernd die Stille der Nacht zu behüten und blinzelten mehr als einmal ingrimmig nach den Wachtfeuern der Feinde hinüber, ob Keiner ſich rege und das Zei⸗ chen gebe zum neuen Kampf. Doch ruhig blieb's zur großen Unluſt mancher, die es kaum abwarten konnten, bis der Morgen graute und die Hähne krähten. Jetzt ſtieg's allmählich in lichtern Streifen am öſtlichen Rande der unabſehbaren Fläche em⸗ por. Licht! Licht! Die Wachtfeuer verglommen; raſſelnd in ihren ſchweren Gewaffen, vor Unge⸗ duld zitternd, rafften ſich die Männer empor, verſorgten die Roſſe und ſchwangen ſich in die Bügel, das Werk von geſtern zu erneuern und zu vollenden. Noch hatte der Morgen die Erde nicht völlig umarmt, ſo lagen die Erbitterten ſchon wieder hart aneinander. Dioe Münchner ſtießen mit Hellebarden, Schwertern und Streitkolben unſanft in die Reihen der adeligen Herrn; da galt jedes Zunftbanner für ein heiliges Kleinod und der Münch mit dem Buch in der Hand ſchwebte, von der Morgenſonne wie mit einem Heiligenſchein gekrönt, wie ein Prophet des Sie⸗ — 315— ges hoch über Allen. Herzog Ernſts Sohn, der ſchöne Albrecht, fünfundzwanzigjährig, ſeines Oheims und der Bürger Abgott, ließ auch an die⸗ ſem zweiten Tage ſeiner nicht ſpotten. Dort in den feindlichen Reihen mittendrein weht ſo ſtatt⸗ lich und verwegen des Graisbachers Banner! Das lockt den ſchönen Albrecht wie mit Zauber⸗ gewalt; er muß es haben, er ſpornt ſeinen Schek⸗ ken und erhebt kampffreudig des geſtrigen Tages Schlachtgeſchrei:„Maria reine Maid.“ Er dachte an eine reine ſüße Maid, die er einmal geſehen, nur flüchtig, aber doch für immer unvergeſſen im Herzen trug. Den ganzen Inhalt ſeines Lebens wollte er der holden ſittigen Jung⸗ frau, die ihm bis jetzt nur noch wie ein ſchönes Traumbild vor den Sinnen ſchwebte, wie einen friſchen Frühlingskranz bringen. An Agnes dachte er jetzt, an die Lilie von Augsburg, als er aus den feindlichen Reihen heraus das Banner ge⸗ winnen wollte. Bald iſt er in Mitten der Feinde. Er ſicht mit dem Fahnenträger, der das Banner auf Le⸗ ben und Tod nicht ablaſſen will. Endlich reißt er es ihm mit Löwenkraft aus der Hand, drückt es — 316— feſt an den Leib, und will mit dem gewonnenen Ehrenpreis zurück zu den Seinigen. Das ge⸗ wahrt jetzt unfern der Graf von Graisbach und ruft, ſchäumend vor Wuth, den Seinigen zu: „Tod und Verderben! Welcher Hund läßt die Fahne verloren gehen? Ein Hund, wer ſie nicht wieder gewinnt!“ Da ſtürzt ein halb Dutzend Reiſiger, wie eine Koppel Fanghunde auf Albrecht los, der ſich mit der Kraft eines Verzweifelnden gegen ſie alle wehrt. Endlich wankt der blaue und weiße Federbuſch des Jünglings, er ſinkt, er iſt verloren! Jauchzend will ſich der Graf von Graisbach bis zu ihm durchdrängen. Ha, welch ein köſtlicher Gewinn, welch ein theurer Fang! Albrecht lag bereits am Boden, als plötzlich, im Sturmwind daher jagend, ſein Vater Ernſt an ſeiner Seite ſtand, mit beiden Fäuſten den Streitkolben ſchwingend, und rechts und links niederſchmetternd, was ihm in den Weg kam. Der Graf von Graisbach ſah's und winkte einer ganzen Rotte von den Seinigen. Auch der Alte im Bart ritt eilig herbei, um ſich des doppelten Fanges zu gewiſſern. Im ſelben Augenblicke ſetzte der Reiſige, der den Prinzen ergriffen, — 317— ihm, zur Nothwehr, den Dolch auf die Bruſt, denn er bemerkte, daß Ernſt eben zum Hieb ausholte. Albrecht kam juſt zur Beſin⸗ nung, rang ſich die Hände los und packte ſeinen Feind an beiden Fäuſten.— Da fiel Ernſt's Streich, und röchelnd taumelte der Reiſige zu Boden. Ernſt hob zärtlich ſeinen Sohn vom Boden auf, umarmte ihn und rief, dankbar ge⸗ gen Himmel blickend:„Komm! Fort! Du biſt gerettet.“ Aber zu gleicher Zeit ſah er ſich jetzt rings von Feinden umgeben und gewahrte kaum fünf Köpfe weit von ihm an der Seite des Grafen von Graisbach Herrn Ludwig im Bart, der ihm einen Triumphblick zuwarf und ſpöttiſch zurief:„Gebt Euch keine Mühe, Vetter, ich will Euch und Euren Sohn bei mir in In⸗ golſtadt gut einherbergen, weil Ihr mir und meinem Sohn bei Euch in München kein Quar⸗ tier geben wolltet.— uUnbändig wehrten ſich die Zwei, Ernſt und Albrecht, gegen die Unzahl ihrer Gegner, und Ernſt ſtellte ſich ſtets ſo, daß ſein Leib den ſei⸗ nes Sohnes vor den feindlichen Streichen deckte. „Ho, erſpart Euch doch die Mühe,“ rief Ludwig — 318— auf's neue;„potz Geier! es thät' mir leid, wenn Ihr Beulen bekämt,—“„Und wenn das zier⸗ liche Antlitz Eures Sohnes verunſtaltet würde,“ fügte der Graf von Graisbach hinzu.—„Herr Gott!“ ſchrie er gleich in der nächſten Secunde, indem er ſich zufällig umgewandt,„wir ſind ver⸗ loren! rette ſich, was kann! Auf und davon!“ Mit dieſem Entſetzensausruf gab er, aller Beſin⸗ nung bar, ſeinem Roß die Sporen und ſprengte davon.„Verdammt!“ rief der alte Ludwig, als er ſah, daß Herrn Ernſt in dichten Reihen Hülfe kam.„Steht feſt!“ rief er knirſchend dem kleinen Häuflein der Seinigen zu,„ich be⸗ ſchwöre euch, haltet aneinander, ich bitt' euch, ich befehl's euch, der Teufel hol' euch! ſteht, ſteht!“ Aber die Münchner Tuchmacher, welche ihrem Herzog noch ſo eben recht zu Hülfe gekommen, ſchlugen gar grob auf die Ingolſtädtiſchen. Jetzt gelingt es Herrn Ludwig, die Reihen wieder zu bilden, ſeine Schaar verſtärkt ſich, ſie halten Stand wie die Mauern. Doch die Münchner Fürſten ſind frei, ſchwingen ſich auf friſche Roſſe und rufen luſtig ars neue das Feldgeſchrei. — 319— Beide Parteien wechſen zu ungeheuren Maſſen. Keine weicht. Herrn Ludwig umgeben von allen Seiten ſeine Treuen und decken ihn, indeſſen ſeine vorderſten Reihen die unfeinen Tuchmacher tüch⸗ tig von ſich abwehren. Jetzt ſchallt aus der Ferne und immer näher an Ludwigs Ohr der Schrek⸗ kensruf:„Jagt dem Bucklichen nach; dort ſprengt er mit verhängtem Zügel. Fangt den Bucklichen! ſein Roß ſcheut, er kann deſſen nicht Meiſter werden.“— In Ludwig's Schaaren greift paniſche Verwirrung um ſich; vorne ſchlagen die Tuch⸗ macher drein. Jetzt gelingt es ihnen, die Mauer der Ingolſtädtiſchen zu brechen, und mit Unge⸗ ſtüm, Triumph jauchzend, wirft ſich die ganze Münchner Heereskraft ihnen nach und bohrt und treibt ſich wie ein ungeheuer Keil in die Reihen der Ingolſtädtiſchen hinein, die endlich auseinan⸗ der gedrängt und zerſprengt werden. In wenigen Augenblicken iſt ihre Flucht allgemein. Wie Ge⸗ ſpenſter jagen ſie über die Ebene hin. Ludwig bebt vor Wuth; aber kein Ruf, kein Befehl, keine Bitte, keine Beſchwörung, kein Fluch aus ſeinem Munde fruchtet, wird mehr gehört. Um⸗ der Schmach der Gefangenſchaft zu entrinnen, — 320— muß er ſein Pferd ſpornen, daß ihm die Weichen bluten. An der Furth gewahrt er ſeinen Sohn und ruft ihm zornbebend zu:„Verſchnauf' dich doch, Buckel, und laß dich fangen. Ha! Deiner — Feigheit dank' ich dieſe Stunde.“ Damit jagt er von hinnen, und ihm nach der Höcke⸗ rige, der ſeines Gaules erſt jetzt wieder Meiſter ge⸗ worden. Jauchzend verfolgen die Münchner ihre Feinde; doch der Fürſt von Ingolſtadt und ſein Sohn entrinnen. Nachdem die Münchner Bürgerſchaft das Schla⸗ gen vollbracht hatte, ſtellte ſie das Treibjagen an, und des edlen Wildes wurde wahrhaftig ge⸗ nug gefangen. Es fielen in der Bürger Gewalt der gefürchtete Marſchalk Seiz von Oberdorf, mit ſeinen Söhnen, Reitleuten und Knechten, der Sandizeller, der Ramsberger, der Sattelberg, und der Auerberger, der Neuhauſer, der von Magenbug, der von Holzheim, der Schweikhardt, der Gumpenberger und der Berthold Leuchinger, der Herr Barthelmä von der Leiter, und die zween übermüthigen Laininger, Wilhelm und Chri⸗ ſtoph; es waren ihrer in allem über achtzig große Herren und dreihundert Ritter. Die Münch⸗ —,— — 321— ner ließen einen einzigen namhaften Ritter, Herrn Ludwig Ungerathen, als todt auf dem Schlacht⸗ felde, und etliche Wenige, worunter den Hein⸗ rich Höhenkircher und den jungen Oſtheimer, ge⸗ fangen ihren Feinden. Die große adelige Beute führten ſie im Triumph bei'm Geläute aller Glok⸗ ken nach München; die Bauern halfen den ſel⸗ tenen Fang treiben und vergalten mit rohem Hohn alles Elend, was ihnen die übermüthige Ritterſchaft und deren zuchtloſes Geſindel zuge⸗ fügt. Vor den Thoren kamen den ſiegreichen Bürgern Weiber und Kinder entgegen, und die Kinder fragten:„Ei, was iſt das für ſeltnes Gethier, was uns der Vater heute heimtreibt?““ Und die Weiber belehrten ſie:„Schaut, Kinder, das ſind die Herren vom Adel, vor denen wir uns alle ſo gefürchtet, wie vor dem Knecht Ru⸗ precht. Aber er gibt uns die Ruthe nicht mehr, er darf nicht einmal mehr damit drohen. Es iſt aus mit der Herrlichkeit; da, guckt, wie ſie jetzt ſo demüthig vor uns hergetrieben werden. Und merkt Euch's für alle Zeiten: Hochmuth kommt vor dem Fall.“ So wurden die ſtolzen und gewal⸗ tigen Herrn vom Adel, die ſich vor Kurzem noch II. 21 — 322— ſo hoher Dinge vermeſſen und nichts anderes ge⸗ dacht hatten, als, daß ſie durch dieſe Schlacht die immer höher aufwachſende Macht des Bürger⸗ thums gänzlich bändigen und erſticken wollten, zum Geſpött der Weiber und Kinder. Aber die Fürſten von München und die beſten aus den Bürgern dachten, da ihnen der Sieg geworden war, lieber an Großmuth, als: Gleiches mit Gleichem zu vergelten; ſie gaben den Gefangenen Friſt, ſich auf ihr ehrbar ritterlich Wort kom⸗ menden Martinstages zu Murnau zu ſtellen, und aus dem Burgfrieden dortſelbſt nicht zu weichen.— Ludwig floh ohne Aufhalt bis nach Regens⸗ burg. Der Graf von Graisbach ſprengte in's Weite, ohne daß er ſich um ſeinen Vater, dieſer ſich um ihn bekümmerte. Zu Regensburg ſaß Kaiſer Siegismund, welcher ſeit dem Augenblicke, als ihm Ludwig das große Darlehen gethan, ſtets dieſem abhold und deſſen Feinden zugethan war, obgleich er in der Noth vor den Huſſiſchen dem gewaltigen Herrn im Bart öfters flehentlich an⸗ gelegen hatte, den Krieg einzuſtellen, und ihm lieber Hülfe zu leiſten. Siegmund war in allem immerdar der Knecht des Augenblickes, und nie — 323— Mann genug, um ſich in Huld und Haß ſo zu geben, wie er dachte; er ſcheute es nicht, ſich zu erniedrigen, wenn er dadurch Vortheil hoffte; er ſcheute es eben ſo wenig, wenn er im Glücke war, und andere, die er gebrauchen konnte, in Noth, ungroßmüthig und unedel, dieſelben zu drücken. Zu den Füßen von Siegismunds Herr⸗ ſcherſtuhl lag jetzt wie einſt in Coſtniz Herr Lud⸗ wig im Bart, der, ſeit er begonnen, ſein Recht eintreiben zu wollen, im Großen und Kleinen niemals Glück fand. Das war derſelbe Ludwig, der noch vor Kurzem dem Boten des Kaiſers, welcher den Frieden vermitteln wollte, kein Ge⸗ hör geſchenkt hatte, der jetzt vor Siegmund und dem päbſtlichen Legaten auf den Knieen lag. Doch auch jetzt wollte der trotzige rauhe Herr nicht Vermittlung erbetteln, nur auf's Neue Recht und Genugthuung. Aber König Siegismund hatte ſich vorgenom⸗ men, ihn arg zu demüthigen; er konnte in klein⸗ licher Sinnesart den einen leiſen Spott in Coſt⸗ niz noch immer nicht vergeſſen, und eben ſo we⸗ nig Ludwig's Trotz gegen die Friedensboten vor der Schlacht. Am zweiten Oktober deſſelben Jah⸗ 21* — 324— res berief er Herrn Ludwig im Bart und alle ſeine Feinde, als da waren: Friedrich den Chur⸗ fürſten von Brandenburg, Heinrich den Herzog von Landshut, Ernſt, Wilhelm und Albrecht von München, Johann den Pfalzgrafen zu Neumarkt, den Biſchof von Eichſtätt, die zwei Grafen von Oettingen und die Abgeſandten der Städte Donau⸗ wörth, Nördlingen, Bopfingen, Weißenburg und Rothenburg, vor ſeinen Stuhl, im Beiſein des päbſtlichen Legaten. Als ſie alle beiſammen waren, ſtand der Kai⸗ ſer auf und ſprach:„Wehe dem, der den Krieg in's Land bringt! Ihm wäre beſſer, er wäre nie geboren. Was iſt das anetzo in Baierland für Zucht, die Wir erſchauen müſſen? Derweil ringsum in Deutſchland alle Fürſten und Herren ſich einigen und beiſtehen ſollten, um das Unkraut auszureuten, ſo in Böheim wuchert, um den Feind zu vertilgen, der uns allen nach Leib und Gut ſtrebt, dieſen Antichriſt, welcher die huſſt⸗ ſchen Ketzer bis jetzt unüberwindlich macht,— ſtatt ſolcher wünſchenswerther und löblicher Treu⸗ einigkeit gewahrt Unſer Auge allenthalben bloß Mord, Brand und Verwüſtung; nichts iſt heilig — 325— mehr, alle Verhältniſſe der Natur ſind umgeſtürzt und verkehrt; die Stütze der Fürſten, der Adel, tritt empört gegen ſeine angebornen Herren in die Schranken; von einem und demſelben uralt⸗ herrlichen Hauſe fechten die Sippen, zween Par⸗ teien angehörig, wider einander; der Städte Mauern ſind geſchleift, offene Flecken und Dör⸗ fer verbrannt oder geſchädigt, ja ſelbſt Kirchen und Klöſter frevelhaft zerſtört; auf den Straßen und Wegen mag kein ehrlicher Mann mehr ſicher gehen; Leute, die ſich ihr Hab' und Gut im Schweiße des Angeſichts redlich erworben, wan⸗ deln am Bettelſtabe; Bettler, Strolche und bö⸗ ſes Geſindel ſtolziren in Sammt und Seide, als wie zur Kirmeß; es iſt ein Wirrſal und Scha⸗ den überall; Uebelthat, Räuberei und unmenſch⸗ lich Thun herrſcht, als dürfte es ungeſtraft wal⸗ ten. Und weshalb alle dieſe Schäden und Uebel? Darum, weil die Einzelnen ſich nicht vertragen können. Aber, da Wir von Gott im römiſchen Reich als Herrſcher eingeſetzt ſind, um allem Uebel zu wehren, wollen wir anjetzt auch einen endlichen Spruch ergehen laſſen. Und befehlen durch unſere Kraft und Majeſtät, daß im deut⸗ 1 ſchen, und zuvörderſt im baieriſchen Lande vom ſiebenten Oktober an, wann die Sonne aufgeht, auf vier Jahre lang Friede und Einigkeit ſein ſoll. Und unter ſolchen Bedingungen: Die Gefan⸗ genen ſollen entlaſſen ſein auf ihr ehrliches Wort. Der Kaiſer wird binnen Jahr und Tag alle Zwi⸗ ſtigkeit im Recht oder durch Vergleich entſcheiden. Die Landſtraßen ſollen offen bleiben, und die Landgerichte Hirſchberg, Graisbach und Höchſtätt vor der Hand ſtille ſtehen. Der Herr von In⸗ golſtadt mag ſeine Geldforderung an den Chur⸗ fürſten von Brandenburg rechtlich durchführen, aber all ſein Land ſoll bis zum endlichen Spruch an den Kaiſer übergeben ſein, der demſelben ei⸗ nen Hauptmann ſetzen wird. Und, wer den Frie⸗ den bricht, über den wird des Kaiſers und Reiches Acht und durch den heiligen Vater der Kirche Bann ergehen. Dieſe Bedingniſſe ſollen in einem eigenen Friedbriefe niedergeſchrieben und ausge⸗ fertigt werden.“ Und Herzog Ludwig im Bart mußte dies al⸗ les hören und durfte keinen Widerſpruch wagen; — denn er war ja im Unglück! Schleunig ent⸗ fernte er ſich, was auch der Kaiſer wünſchte, — 327— nach Ofen in Ungarn an den Hof der Kaiſers⸗ tochter Eliſabeth, deren Dienſtmann er war, und bei welcher er Himmel und Hölle aufbot, um durch ſie zu ſeinem Rechte zu gelangen. Noch⸗ mals zwang er ſich, der Noth des Augenblicks nachgebend, den Rechtsgang an Höfen, einen gar krummen Gang, einzuſchlagen. Churfürſt Friedrich wendete bald dies bald das an, um die rechtlichen Anſprüche des Gebarteten zunichte zu machen. Ueber dieſem kam alles zuſammen, was eines Mannes hartnäckigſte Geduld zertrümmern kann. Selbſt ſeine Schweſter Iſabelle, deren Gatten endlich der Tod von einem ruhm⸗ und freudloſen Daſein, als von einer grauſamen Bürde, mild erlöst hatte, trat jetzt, da ſie ihres Bru⸗ ders Macht gebrochen ſah, frech genug wider ihn auf; ſie, die mit den Englaͤndern im Bunde, wider den eigenen Sohn kämpfend, endlich ein⸗ mal nach ſo vielen Jahren Alleinherrſcherin Frank⸗ reichs geworden war, ſandte an den Kaiſer einen Boten, der ihm von ihr ein goldenes Kreuz, mit Iuwelen beſetzt, und einen von ihr ſelbſt geſtrick⸗ ten, mit Heiligthümern gefüllten Beutel über⸗ brachte, und die Bitte ausrichtete, aus den Trüm⸗ H 1 mern von ihres Bruders Beſitzthümern ihr nach Recht und natürlichem Geſetz die Einkünfte zuzu⸗ wenden. Und von einem ſolchen Weibe mußte ſich derſelbe Ludwig, um deſſen Einfluß einſt alle Parteien in Frankreich gebuhlt hatten, ſolche De⸗ müthigung gefallen laſſen! Steh Redel! Nach allen dieſen Begebniſſen ſuchte die nieder⸗ baieriſche Ritterſchaft(welche zweimal ſo feſt zu⸗ ſammengeſchworen hatte, ihre Gerechtſame gegen Jedermann zu wahren), jetzt feige und verzagt ihr einziges Heil in der Unterwerfung unter die Gnade des Fürſten. Es war nicht Einer, welcher jetzt für ſich ſelbſt, geſchweige denn für ſeine Freunde, das Wort oder eine That erho⸗ ben hätte. An den mannhaften, biederben Herrn Kaspar den Törringer, der ſich für alle einge⸗ ſetzt, und von Allen am meiſten verloren hatte, dachte kein Einziger. — 329— Aber Herr Kaspar der Törringer, der, nach⸗ dem er alles eingebüßt, ſein Recht und die Frei⸗ heit noch nicht aufgeben wollte, beſchloß, zum Letz⸗ ten zu greifen. Zu Nettenbach empfahl er ſei⸗ nem Bruder Wilhelm nochmals ſein geliebtes Weib, beſtellte ihm ſchriftlich ſeinen letzten Wil⸗ len, und nahm von ihm, wie von Eliſabeth, Ab⸗ ſchied.„Ich habe gewartet,“ ſprach er zu Eli⸗ ſabeth,„ob vielleicht Gott mir durch's Glück unſeres Bundesgenoſſen, des Herzogs von Ingol⸗ ſtadt, noch einmal einen Ausweg zeigen möchte. Ich habe ihm geholfen, wie ein ehrlicher Mann, der an ſeinem Recht auf den Tod gekränkt iſt, dem andern zu helfen ſchuldig iſt, der auch daran Schaden leidet. Aber Gott hat's nicht gewollt, daß mir durch ihn beſſer werden ſollte. Ich bin allen meinen Freunden beigeſprungen, einem nach dem andern, aber keiner hat mir beiſpringen wollen. Nun, wie's Gott verhängt, ſo mag's geſchehen! Die Welt iſt mir ſchier ein eitel Ding geworden; ich habe von ihr nichts gewonnen, nicht einmal mit einem Erben, auf den wir ſo innig hofften, hat mich Gott geſegnet. Gott gibt's, Gott nimmt's. Wider das, was in den 4 — — 330— Sternen geſchrieben ſteht, vermag keiner zu käm⸗ pfen. Und ich weiß, die rothe Roſe ſoll verblät⸗ tert werden, das iſt beſchloſſen und mir offenbar geworden; aber mein Recht, der blutige Dorn dieſer Roſe, ſoll noch nicht ſobald untergehen, als die Blume ſelbſt. Wenn ich verderben muß, ſoll man mir wenigſtens das Eine nicht nachſa⸗ gen, daß ich mich wie ein ſchlechter Sklave zu Boden treten ließ, nein, daß ich um mein gutes Recht ehrlich gefallen ſei. Leb' wohl, Eliſabeth; was ich aufſchieben mußte, war nicht aufgehoben; leb' wohl, mein treuer Bruder Wilhelm und habe tauſend Dank und Gotteslohn dafür, daß du mich auch im Elend nicht verlaſſen haſt. Ich gehe jetzt von Euch, und der Geiſt, der ſich in mir regt, ſagt mir wunderliche Dinge. So lebt denn alle wohl, und gedenkt meiner, wenn ich Euch lang nicht mehr ſehe, im Gebet.“ In namenloſer Angſt umarmte ihn ſeine treue Hausfrau, und fragte, während ſein Bruder blaß und ſtumm ihm die Hand reichte:„O Tör⸗ ringer, Törringer! was willſt du beginnen? Wo⸗ hin gehſt du von uns?“ „Auf die rothe Erde, wo alles Unrecht ſeine —— —˖O⏑O⏑——--— — 331— Strafe, und das Recht ſeinen Rächer findet,“ erwiederte Herr Kaspar ernſt und kurz, um ſich nicht weich zu ſtimmen durch den Anblick von ſei⸗ nes Weibes Thränen. Und ehe Eliſabeth und ſein Bruder ihn hindern konnten, war er ihnen ent⸗ ronnen und verſchwunden.— Der karge Herr von Landshut ſaß nach die⸗ ſem wohl manchen Tag einſam, aber wohlgemuth in ſeinem Schloſſe an der Iſar, ſeinen Sohn Lud⸗ wig ließ er mit dem Brandenburger Albrecht zu⸗ ſammen zu Burghauſen, ferne von Landshut auf⸗ erziehen; des Knaben heiteres, unſchuldiges We⸗ ſen ärgerte ihn ſtets, ſo oft er's ſah; er konnte es nicht vertragen. Am liebſten durchjagte er zum Schaden des Landmannes ſeine großen Forſte, oder ſaß daheim zu Landshut über ſeinen Kiſten und Kaſten. Feſte gab er nie; dawider bewahrte ihn ſein karger Sinn. Und ſo ſaß er eines Abends gar behaglich, der Siege gedenkend, die er, freilich mehr als einmal durch Liſt und Ränke und man⸗ cherlei Unbilligkeit über ſeinen Todfeind von In⸗ golſtadt davongetragen, ſeine Schätze ſorgſam über⸗ T 2 8 332— rechnend.— Horch! Da geſchahen plötzlich drei gewaltige Schläge an's Thor ſeiner Burg, die auf hohem Berge gelegen, in's ſchöne Iſarthal herab⸗ ſchaute. Das böſe Gewiſſen mahnte ihn, entſetzt ſprang er auf, und eilte ſelber an's Thor. Es war ſpät. Da ſcholl ihm plötzlich die Stimme in's Ohr: „Im Namen des freien, heimlichen Gedinges lade ich, der Schöffe der heiligen Vehme, dich Heinrich von Landshut auf die rothe Erde, auf daß du kommſt und nicht fehleſt, dich zu verantworten auf Mord, Meineid und Ungerechtigkeit. Du ſollſt erſcheinen nach ſiebenmal ſieben Wochen, und, wo du fehleſt, ſo ſoll dein Leib verfallen ſein den Thieren im Walde und den Vögeln in der Luft, und dein unſterbliches Theil verfallen dem, der da richtet im Himmel und auf Erden. Komm' zur Friſt und ſteh' Rede!“ —-——— In demſelben Verlage ſind folgende emptehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Byron, Lord, ſämmtliche Werke, herausgege⸗ ben von Dr. Adrian. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers, einem Faecſimile ſeiner Hand⸗ ſchrift und einer Anſicht von Newſtead⸗Abtey. 12 Bände. Geh. Auf geglättetem Velinpapier Rthlr. 8. 12 gr. fl. 14. Auf weißem Druck⸗ papier Rthlr. 6. 18 gr. fl. 11. Cooper's ſämmtliche Werke, 81 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 14. 20 gr. fl. 23. 12 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 9 20 gr. fl. 15. 48 kr. Dortng, Georg, das Kunſthaus. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. 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