72 2———.———.- ſLeihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von d ſ Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pf Adicbu und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fuͤr wöchentlich 2 2 Büc her: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat:—— pf. 1 Mr. 50 14 2 Mk.— Pf. 3— „ „„ Auswärtige Zancde en haben für Hin⸗ und Zurückſendung der„Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder de e Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. —————- Eliſabeth. —— Erzaͤhlung von Henriette Hanke, geb. Arndt. Alles wiederholt ſich nur im Leben, Ewig jung iſt nur die Phantaſie; Was ſich nie und nirgend hat begeben, Das allein veraltet nie!. * Schiller. ——Vʒ—:—⸗—·——-·—-—ᷣ—————————— Berlin, 1833. Verlag von G. Bethge. Spittelbrücke Nr. 2 und 3. E. d eines ſeiner der in erhabe Burg wie Geiſt heilig erklor ger des bland ſette das. dem geſtu nun ſcht E⸗ war an einem heitern Herbſtmorgen das Ende des Octobers, als der Paſtor Dagon, Seelſorger eines Dorfes nahe der boͤhmiſchen Grenze, mit ſeiner Tochter Eliſabeth den Weg hinan ſtieg, der in Fuͤrſtenſtein, dieſem Kronjuvel unter den erhabenen Schoͤnheiten Schleſiens, zu der alten Burg fuͤhrt. Unbeſchwert durch koͤrperliche Laſt, wie ſolche oͤfters die behagliche Ruhe alternder Geiſtlichen anſchaulich macht, in der ſie ihres heiligen Amtes warten, und des Leibes pflegen, erklomm der wuͤrdige Dagon, obſchon ein Sechzi⸗ ger bereits, ruͤſtig den ſteilen Pfad. Die Lichter des Morgens huͤpften vor ihm her, und in dem blanken Knopfe ſeines Stockes, den er voran ſetzte, um den Tritt zu ſichern, funkelte blendend das Kleinbild der Sonne. Leicht, mit ſchweben⸗ dem Gange, nur durch die eigene Schwungkraft geſtuͤtzt, folgte das ſchlanke Maͤdchen. Sie waren nun oben, und das praͤchtige Panorama der Aus⸗ ſicht breitete ſich rings vor ihren Blicken aus. 1 — 2— 2 Wie unter einem duͤnnen Silberflor flimmern von aͤtheriſchem Glanz, erſchienen die Berge, die fernen Waldſpitzen, die Flaͤchen und Gruͤnde, und die Ortſchaften lagen wie verſtreutes Silber da. Still, im einſamen Reize der Alterthuͤmlich⸗ keit ruhete die Ruine, der leiſe Duft des Herbſtes umſchwebte den kleinen, engen Burggarten, und die grauen Geſimſe der Mauer. Kein Laut regte ſich— ſelbſt der Athem der Luͤfte, als waͤre die muͤtterliche Bruſt der Natur voll tiefen Friedens, ſtreifte ſacht und lind von den Baͤumen welke Blaͤtter, die wie abgebluͤhete Freuden im Scheine der Erinnerung golden glaͤnzten. In Salzbrunn fing es an zu laͤuten; der hehre Klang der Glok⸗ ken wiegte ſich in weiten Schwingungen des Schalles, dem Paſtor rieſelte ein frommer Schauer vom Scheitel bis zur Sohle hinab, ein Hauch der Andacht entfaͤrbte fuͤr einen Moment ſein kraͤftiges Geſicht, er faltete die Haͤnde in Segnen und Wohlthun geuͤbt, und beugte ſich im Geiſte vor Dem, deſſen ſchoͤnſter Tempel die Natur, und ein zu ihm erhobenes Menſchenherz iſt. „Eliſabeth!“ ſagte er nach langem, feiernden Schweigen, und blickte ſich nach ſeiner Tochter um:„Du ſagſt nichts? wie iſt Dir hier zu Muthe?“ Eliſabeth hatte abwaͤrts geſtanden, ihre „ ſanfte kle, b Sehr Fra⸗ und Buſ um zu! wir einm Seli mmernd dge, die Hruͤnde, Silber uͤmlich⸗ Herbſtes en, und t regte jre die jedens, welke ſcheine brunn Glok⸗ n des hauer Hauch ſein egnen Geiſte „und enden ochtet er zu „ihre ſanften Zuͤge waren wie verklaͤrt, und das große, dun⸗ kle, blaue Auge hing mit dem Tiefſinn unendlicher Sehnſucht an der daͤmmernden Ferne. Auf dieſe Frage ihres Vaters wendete Eliſabeth ſich zu ihm, und ſprach, waͤhrend ein langer Seufzer ihren Buſen hob:„ach! es iſt ſchoͤn hier! zu ſchoͤn, um das Gefuͤhl dieſes Anblicks in Worte faſſen zu koͤnnen. Ich athme freier—— ſchade! daß wir nicht fruͤher kamen.“ Eliſabeth ſeufzte noch einmal. Das Herz des Paſtors aber ſchwelgte in Seligkeit. Er hatte kaum gehoͤrt, was ſeine Toch⸗ ter zuletzt ſagte, oder es nicht richtig aufgefaßt. So antwortete er:„Du weißt, es ging nicht an, mein Kind, wie lange, wie ſehr ich mich auch darnach ſehnte. Auch hat an dieſem unvergleich⸗ lichen Orte jede Jahreszeit ihre eigenthuͤmlichen Reize; ſelbſt der rauhe Winter ſoll, wie ich mir ſagen ließ, ihm einen ſchimmernden Zauber leihen. Als einen Beweis davon erzaͤhlte die Wirthin im Gaſthofe, daß, als in der ſtrengen Kaͤlte des vorjaͤh⸗ rigen Winters zwei ruſſiſche Kaufleute, die um einen Großhandel mit Pelzwerk abzuſchließen, nach Frei⸗ burg, zu dem Geheimen⸗Commerzienrath Kramſta gekommen waren, ihren Weg uͤber Fuͤrſtenſtein nehmen, und von ihrem Fuͤhrer geleitet, auf dem 1* — 4— Luiſenplatz ſtehen, ſie ihr Entzuͤcken in lauten Aus⸗ rufungen kund gegeben, und dann ihre National⸗ Geſaͤnge angeſtimmt haben, wobei ihnen die Thraͤ⸗ nen uͤber die baͤrtigen Wangen gefloſſen. Ich hoͤre es gleichſam, wie dieſe ruͤhrenden, nordiſchen Weiſen in den ſtarren Felſen toͤnen, ich ſehe es, wie ihre Thraͤne in den tiefen Schnee traͤuft. Und Kaufleute, meine Tochter, ſind in der Re⸗ gel ſchwer zu begeiſtern, nur der Klang des Geldes entlockt ihnen ſonſt einen Ton der Freude, und von allen Werken Gottes finden ſie das edle Metall am ſchoͤnſten.“ Eliſabeth laͤchelte, und entgegnete ſchuͤchtern: „ſo meinte ich es nicht, Vater! ich dachte nur, wenn dieſe Reiſe moͤglich geweſen waͤre, als der Hof noch hier verweilte.“— „Da hatten wir die Erndte, Kind,“ unter⸗ brach der Paſtor ſeine Tochter:„dann erwarteten wir den General⸗Superintendenten, der lange auf ſich warten ließ. Damals mag es hier laut ge⸗ nug zugegangen ſeyn. Das Zudringen der Menge ſoll es doch der leutſeligen Kronprinzeſſin zu arg gemacht, und Ihrer Hoheit nicht einmal in der Kirche Ruhe vergoͤnnt haben. Es giebt wenig Menſchen, meine gute Eliſabeth, welche ein fuͤrſt⸗ liches Vorrecht im wahrſten Sinne zu ehren wiſ⸗ ſen, u furcht den D kindli ſotach giere noch gieri nach. keden. Purp die in batte käͤche feine „Du glaut fuͤhl, häͤt Geſc gen ſäͤufe eine mit ſen, und dahin rechne ich es auch, wenn die Ehr⸗ furcht vor den geheiligten Perſonen des Thrones, den Blick der Neugier beſcheiden niederhaͤlt.“ Eliſabeth ſah ihren Vater fragend, mit einem kindlichen Zweifel in der offnen Miene an, und ſprach:„man ſieht ja aber getroſt zu dem Re⸗ gierer der Welt auf, und als der Sohn Gottes noch auf Erden wandelte, folgte uͤberall eine neu⸗ gierige, oder huͤlfsbeduͤrftige Schaar ſeinen Spuren nach.— Ich haͤtte das Herz, die Fuͤrſtin anzu⸗ reden.“ Bei dieſen Worten leuchtete ein feiner Purpur in Eliſabeths zarten Wangen auf, der die innere Flamme ihres edlen Muthes verſicht⸗ barte. Der Paſtor ſah mit einem wohlgefaͤlligen Laͤcheln, dem der Spott der Erfahrung eine feine Linie gab, dies Erroͤthen ſeiner Tochter. „Du, meine ſcheue Taube?“ antwortete er:„ich glaube ſchwerlich. Es iſt ein gar eigenes Ge⸗ fuͤhl, vor einem koͤniglichen Blicke zu ſtehen. Was haͤtteſt Du auch zu begehren? Dein einfaches Geſchick haͤngt nicht von ſolch hohen Beziehun⸗ gen ab, und der Faden menſchlicher Verhaͤngniſſe laͤuft durch Gottes Hand.“ Eliſabeth ſchoͤpfte, als ihr Vater dies ſagte, einen tiefen Odemzug aus dem Born des Lebens, mit heimlicher Sorge beladen, mit unterdruͤck⸗ ten Thraͤnen gefuͤllt. Sie ſetzte ſich auf einen Vorſprung des Gemaͤuers, ihre Augenlieder mit langen, ſeidnen Wimpern, zogen einen reizenden Vorhang uͤber den Blick der Betruͤbniß, und ver⸗ huͤllten das Geheimniß jungfraͤulichen Kummers; ihr kleiner Fuß rauſchte wie ſpielend in dem oͤden Laube am Boden. „Hoͤre!“ ſagte der Paſtor in ſteigendem Affect, und mit redneriſchem Pathos, der den Vortrag des Predigers auch dann in amtlicher Form begleitet, wenn er ſich dem freien Erguſſe des Gefuͤhls uͤberlaſſen duͤrfte:„dieſe ſilberreinen Glockentoͤne, welche mir unter dem ewigen Dome des Himmels den ſchoͤnſten Feſttag der Erinnerung laͤuten!— die Gedanken quellen mir in Fuͤlle zu, und ich vermag nicht, das Gluͤck der Vergangen⸗ heit aus dem Strom dahingefloſſener Tage zu er⸗ ſchoͤpſen. Hier, auf dieſer Stelle war es, wo ich an der Seite Deiner Mutter, umgeben von Tau⸗ ſenden ſtand, mit ihnen des praͤchtigſten Schau⸗ ſpiels zu genießen, das ich je geſehen. Es war zur Zeit, als unſer Koͤnig, den Gott ſegnen wolle, mit ſeiner hochſeligen Gemahlin nach Schleſien kam, und auch den Grafen Hochberg durch einen Beſuch beehrte. Dieſe Reiſe des koͤniglichen Paares war ein Triumphzug der Liebe, Liebene alle 3u Lob w in jed klopfte wende ſer im S Deine die kl ein. großen den e Brau Ning die pſang verſy Fuͤrſ dieſer gluͤck nigſe wore der in ſcher uſſe inen ome ung zu/ gen⸗ el⸗ ich Tau⸗ hau⸗ Gott nach berg des der Liebe, ja, ich moͤgte ſagen: der Vergoͤtterung. Die Liebenswuͤrdigkeit der jungen Koͤnigin begeiſterte alle Zungen, ihre herablaſſende Anmuth war das Lob wie der Stolz der treuen Unterthanen, und in jedem Herzen, das bei ihrem Anblick hoͤher klopfte, ſchlug die unvergeßliche Frau mit einneh⸗ mender Gewalt ihren Thron auf. Zu eben die⸗ ſer Zeit fuͤhrte ich mein geliebtes, nun lange ſchon im Herrn ruhendes Weib heim. Die Eltern Deiner Mutter hatten ein aͤrmliches Auskommen, die kleine Pfarre trug kaum dreihundert Thaler ein. Wir haͤtten ihnen daher den Aufwand einer großen Hochzeit nicht zumuthen koͤnnen, und wuͤr⸗ den es auch nicht gewollt haben. Aber als meine Braut den Wunſch aͤußerte, das Turnier und Ringſtechen, die Aufzuͤge der Bergleute, und alle die Herrlichkeiten zu ſehen, welche zum Em⸗ pfange der hohen Gaͤſte hier veranſtaltet wuͤrden, verſprach ich ihr, daß wir unſern Weg uͤber Fuͤrſtenſtein nehmen wollten, und ſie freute ſich dieſer Zuſage. Der Tag, welcher uns fuͤr eine gluͤckliche Ehe vereinigte, verging uns ſtill; doch in⸗ nigſt froh. Die Mutter hatte den Kranz geflochten, woran der Thau ihres Segens hing, wie Perlen; der Vater legte unſere Haͤnde vor dem Altare in einander. Gegen den Abend machten wir einen Gang durch das bluͤhende Feld. Die Sonne ging wunderſchoͤn unter, und malte den goldnen Schein der Erndte an die reifenden Garben— wir wuͤnſch⸗ ten, daß es einſt ſo mit uns ſeyn moͤgte, wenn der Stern unſeres Lebens in das Meer der Ewig⸗ keit hinab ſaͤnke.— Am dritten Morgen brachen wir auf. Als wir uns Fuͤrſtenſtein naͤherten, vernahmen wir ſchon von weitem das Geraͤuſch des Zuſammendranges. Wagen, Reiter, Zufuh⸗ ren, Fußgaͤnger, Arbeitsleute, bedeckten die Stra⸗ ßen; alles ſchien von dem Strudel einer großen Erwartung erfaßt, und fortgeriſſen. Wir wurden im woͤrtlichſten Sinne betaͤubt; Deine Mutter ſchmiegte ſich aͤngſtlich an meinen Arm. Nach langem Suchen fanden wir endlich ein muͤhſames Unterkommen. Ein guͤnſtiger Zufall fuͤhrte uns mit einem Bekannten zuſammen, und der Guͤte dieſes gefaͤlligen Mannes verdankten wir einen Standpunkt, von wo aus wir alles uͤberſehen konnten. Sieh, meine Eliſabeth! auf dieſem Platze war das Turnier! dort, auf dem Balcon ſaß die Koͤnigin, vom Glanz der Majeſtaͤt, und ihrer Schoͤnheit umfloſſen! Ach! dies herrliche Bild, was der Tod nur verloͤſchte, auf daß es himmliſch verklaͤrt wuͤrde, ſchwebt mir noch hell vor. Da, wo ich mit dem Finger hindeute, ſtand der K. ringt Ein S ich der der F Vater Hand und: ſer w meine Geiſt König und, ſtreber ſich r len d Zeith Lber Vlic Ma ſchei Erfe Hach ſteig ging chein inſch⸗ wenn Ewig⸗ achen erten, raͤuſch ufuh⸗ Stra⸗ oßen rden utter Nach ames uns Guͤte einen ſehen eſem alcon und liche ß es hell ſtand der Koͤnig in ehrfurchtgebietender Geſtalt, um— ringt von den Fuͤrſten und Edlen des Landes. Ein Schauer ergoß ſich durch mein Herz, ſo oft ich den Monarchen betrachtete. Dies war alſo der Herrſcher unſerer bluͤhenden Provinz, der Vater ſeiner Laͤnder; in dieſer ſchoͤnen, maͤnnlichen Hand lag das Wohl von Millionen Menſchen, und die Gewalt der Geſetze. Der Gedanke die— ſer wichtigen Beſtimmung ergriff mich, und lenkte meinen Sinn zu dem Allmaͤchtigen empor. Mein Geiſt betete fuͤr das Gluͤck dieſes guten, gerechten Koͤnigs, ich huldigte ihm mit geruͤhrter Seele, und gelobte mir, auch in meinem Amte dahin zu ſtreben, daß die kleine, mir anvertraute Heerde, ſich mit Liebe und willigem Gehorſam dem Wil— len der Regierung, ſelbſt unter dem Drucke der Zeitumſtaͤnde beuge, und faͤhig waͤre, Leib und Leben fuͤr den Koͤnig und das Vaterland zu laſſen.“ Hier ſeufzte Eliſabeth hoͤrbar; doch hing ihr Blick mit ſichtlichem Antheil an dem beredten Munde des Vaters. „Ja Maͤdchen,“ fuhr der Paſtor fort:„dies ſcheint Dir vielleicht eine harte Pflicht; allein die Erfahrung hat gezeigt, zu welchem Grade von Hochſinn ſich der Enthuſiasmus ſolcher Gefuͤhle ſteigern kann. Es iſt ſchoͤn, zum Wohl des Gan⸗ zen leben und wirken; aber es iſt auch ſuͤß, fuͤr das Vaterland zu ſtreben. Der Engel einer ruhm⸗ vollen Treue iſt das Monument ſolcher Graͤber, und Blumen der Unſterblichkeit ſprießen aus dem Blute Derer, die es fuͤr den geheiligten Boden der Heimath vergoſſen. Doch, was haſt Du, Eliſabeth? Du weinſt? die Augen ſtehen Dir voll quellender Tropfen, und jetzt rinnen ſie Dir unaufhaltſam die Wange herab?— Was bewegt Dich ſo, mein liebes Kind?“ Eliſabeth faßte ſich beſchaͤmt. Sie ſprach: „Deine Erzaͤhlung, Vater, ruͤhrt und ergreift mich uͤber die Maßen; ich bitte Dich jedoch, darin fortzufahren.“ Der Paſtor, durch den Beruf daran gewoͤhnt, ſeine Zuhoͤrer in Thraͤnen zu ſehen, die ſein Vor⸗ trag fließen machte, war wohl zu befangen in Er⸗ innerungen, um zu merken, daß dieſe Antwort ſeiner Tochter eine Ausflucht waͤre. Dieſe auf⸗ regende Theilnahme, der ſtillen, ſanften Eliſabeth ſelten abgewonnen, ſchmeichelte ihm vielmehr, und brachte ein volles, vaͤterliches Gefuͤhl von der Kraft ſeiner Beredſamkeit uͤber ihn. Er ſetzte ſich nicht weit von Eliſabeth auf einen Baum— ſtamm nieder, und das erzaͤhlende Geſpraͤch ſeiner Seits alſo fort:„denke Dir nun erſt die uͤber⸗ waͤltigen der Rit Lanze d ihre wel lein, di tende duf ei Thore ſih za erwacht mich be die Ke mich a in ein halt, bleiche mirſch peten ſie ni Kelan Vir erhole daͤmp gruͤn, halle lob , fuͤr ruhm⸗ raͤber, 3 dem Boden Du, Dir e Dir ewegt bach: mich darin oͤhnt, Vor⸗ n Er⸗ twort wauf⸗ abeth und 1 der ſebzte zaum⸗ ſeinel uͤber⸗ waͤltigende Wirkung all dieſer Anblicke! den Pomp der Ritter— ach! wie Viele von ihnen hat die Lanze des Todes ſchon in den Sand geſtreckt! ihre wehenden Helmbuͤſche, die flimmernden Faͤhn⸗ lein, die wogende Menge, und druͤber das leuch⸗ tende Auge Gottes, was an jenem Tage Freude auf ein gluͤckliches Volk herabſtrahlte!— Die Thore der Burg ſtanden gaſtlich offen, man fuͤhlte ſich zauberhaft in das Mittelalter verſetzt, und ich erwachte wie aus einem tiefen Traume, da ich mich beſann, daß ich lutheriſcher Geiſtlicher ſey. Als die Koͤnigin den Dank austheilte— wenn ich mich anders richtig erinnere, empfing den erſten in einem ſilbernen Humpen der Herzog von An⸗ halt-Bernburg— ſah ich Deine Mutter er⸗ bleichen. Sie ſchauerte in ſich hinein, und waͤre mir ſchier unter dem Wirbel der Pauken und Trom⸗ peten ohnmaͤchtig zuſammen geſunken, wenn ich ſie nicht gehalten haͤtte, mit ſtarkem Arm. Es gelang mir, ſie aus dem Gedraͤnge zu bringen. Wir ſuchten ein ſchattiges Plaͤtzchen, daß ſie ſich erholen koͤnnte. Das Schmettern der Muſik daͤmpfte ſich unſerm Gehoͤr, waͤhrend wir in den gruͤnen Grund hinab ſtiegen, wo nur der Wieder⸗ hall von jenem feſtlichen Geraͤuſch verklang. Gott⸗ lob! ſagte meine Frau: hier iſt es ſtill! hier iſt mir wohl! dort oben war mir alles zu uͤber⸗ ſchwenglich; ich kam mir klein und gering vor, und verlor mich ſelbſt und meine Gluͤckſeligkeit aus den Augen. Sie floſſen weinend uͤber, als Deine Mutter dies ſagte, wobei ſie mit heißer Hand die meinige druͤckte. Seltſam! ich hatte mich Angeſichts dieſer grandioſen Verſammlung erhoben gefuͤhlt, und es war nur eine kleine Schwaͤche des Geſchlechts, welche der jungen Frau angekommen.— Meine Luiſe, redete ich ihr zu, und freute mich, daß ich ſie ſo nennen konnte: denn in dieſem Namen toͤnte etwas von der Feier des Tages: gering ſagſt Du? dieſes arme, duͤrftige Woͤrtlein kraͤnkt meine Liebe. Du biſt Koͤnigin in Deinem kleinen, haͤuslichen Reich, wie in meinem Herzen. Vor Gott iſt endlich nichts gering. Er hat mit gleicher Weisheit die koͤnigliche Roſe geſchaffen, und das Bluͤmchen des Feldes daneben. Und Voltaire ſagt: der gluͤck⸗ lichſte Sterbliche hat Thraͤnen vergoſſen.— „Meine Frau trug einen Blumenſtrauß am Buſen. Eine fruͤhe Roſenknospe nickte zwiſchen gruͤnen Blaͤttern, und duftigem Gebluͤme hervor. Ich druͤckte Deine Mutter verſichernd an meine treue Bruſt, und— da brach die junge Roſe, und ſank in das Moos. Damals ahnete ich jedoch nicht, da Vorbild nach ein ſterben „6 üͤberhau dem zau I tete:„ der Bet Dichter 19 gen Fr Leben dis auf kutzen hüͤllte, C' Hähe ihre di N ſrichen ganu 7 uͤber g vor, eligkeit er, als heißer hatte umlung. kleine jungen ich ihr ounte: n der arme, u biſt Reich, indlich it die en des gluͤck ß am iſchen hery ol — 13— nicht, daß dieſes Gleichniß ſich als ein trauriges Vorbild erfuͤllen, und die jugendliche Koͤnigin nach einem Jahrzehend am gebrochnen Herzen ſterben wuͤrde.“ „Sollte dies wirklich der Fall geweſen, und uͤberhaupt moͤglich ſeyn?“ fragte Eliſabeth mit dem zarteſten Antheile des Mittleids. Ihr Vater zuckte die Achſeln, und antwor⸗ tete:„man ſagte ſo. Doch muͤſſen auch wir bei der Betrachtung dieſes fruͤhen Todes mit dem Dichter ſagen: Wer den Beſten ſeiner Zeit genug gethan, Der hat gelebt für alle Zeiten! „Auch lag es in dem Geſchick der hochſeli— gen Frau, daß ſie ſo bald vollendet wuͤrde. Ihr Leben war ein Sonnenblick der goͤttlichen Gnade bis auf die Wolke, welche gegen das Ende ihrer kurzen Laufbahn die Rathſchluͤſſe des Ewigen ver⸗ huͤllte, und dieſe Wolke hob ſie himmelan!“ Eliſabeth ſchlug den frommen Blick zur blauen Hoͤhe auf, und ein Laͤcheln der Geduld umſchwebte ihre Lippen. Nach einer Pauſe, worin der Paſtor einen friſchen Anlauf zu ſeiner Weiterrede nahm, be⸗ gann er aufs Neue wie folgt: „Wir ſetzten nun unverweilt unſere Heim — 4— reiſe fort. Die Pracht jener Scenen ließen wir hinter uns, da wir dem einfachen Dorfe zuſtreb⸗ ten, wo wir uns mit Genuͤgſamkeit behelfen wuͤr⸗ den; doch der Eindruck jenes Tages blieb unſerm Stillleben. Daß ich meinen Koͤnig und die holde Landesmutter von Angeſicht zu Angeſicht geſehen, hatte jedes patriotiſches Gefuͤhl in mir erregt. Der Name meiner Frau war mir eine werthe Mitgift, und ich nannte ſie faſt nie ohne eben ſo viel Stolz als Liebe. Das Kirchengebet las ich mit einer Nuͤhrung, die ſich in der Innigkeit einer perſoͤnlichen Fuͤrbitte der Gemeine mit⸗ theilte; meine Beichtkinder waren ſtets trotz der nahen Grenz⸗Nachbarſchaft aͤcht preußiſch geſinnt. Das Koͤnigshaus erfreuete ſich eines aufbluͤhen⸗ den Geſchlechts, unſere Kinder ſtarben fruͤh, und mit banger Wehmuth begrub ich eins nach dem andern. Deine Mutter ſah mit zagender Seele in die einſame Zukunft hinaus; doch Gott hatte uns eine ſpaͤte Freude in Dir, meine Eliſabeth, vorbehalten. Jetzk kam die Zeit des Krieges und ſeiner Drangſale. Laß mich davon ſchweigen. Gott war unſere Zuverſicht und Staͤrke, unſere Huͤlfe in den großen Noͤthen, die uns getroffen haben. Aber die edle Seele der Koͤnigin ward frei von den B. dieſer? gluͤcklie konnte Geiſte Chriſt Voſt der ſ Gotte nem t nen ei Deine auch r 71 lih zu ein hin, ließ, liſche Sorg ihrer heilte Hoff ſo m ter, mein en wir uſtreb⸗ wuͤr unſerm eholde eſehen, ertegt. werthe eeben eett las nigkeit he mit⸗ tz der eſinnt. luͤhen⸗ , und h dem Seele thatte ſabeth/ ſeiner Gott Huͤlfe haben. tei von den Banden des Irdiſchen, als das Land noch dieſer Rettung harrete. Wie ich damals den un⸗ gluͤcklichen Monarchen bedauerte: dies, Eliſabeth, koͤnnte ich Dir nicht ausdruͤcken. Ich trat im Geiſte zu ihm hin— der Koͤnig war ja ein Chriſt! und ich bin deſſen gewiß, er haͤtte den Troſt eines ſchlichten Mannes nicht verachtet, der ſich ruͤhmet, das Evangelium als eine Kraft Gottes zu verkuͤnden. Ich war ſo ganz mit je— nem traurigen Ereigniß beſchaͤftiget, daß ich mei⸗ nen eigenen Kummer halb daruͤber vergaß: denn Deine Mutter war ſo kraͤnklich, daß ich fuͤrchtete, auch meine Luiſe zu verlieren.“ „So ſchlichen Jahre duͤſter, aber doch haͤus⸗ lich friedſam dahin. Deine Mutter neigte zu einer kleinen, liebenswuͤrdigen Schwaͤrmerei hin, die ihr in der Jugend außerordentlich wohl ließ; in ſpaͤteren Tagen aber in einen melancho— liſchen Hang ausartete, der mir viel heimliche Sorge verurſachte. Sie hatte ſich den Verluſt ihrer Kinder zu Gemuͤthe gezogen. Endlich heilte dies gebrochene Mutterherz an einer neuen Hoffnung. Meine Frau ſagte: iſt es ein Sohn, ſo muß er— Johannes heißen; iſt es eine Toch⸗ ter, ſo nenne ich ſie Eliſabeth.— Ich dachte, ſie meinte dies in Beziehung auf die alternde Mut⸗ ter des Taͤufers. Aber nun traf ich ſie zuweilen unverſehends in der Kirche, wo ſie vor den Stu⸗ fen des Altars auf den Knieen lag, und, die Blicke aufwaͤrts gerichtet, ſtill vor ſich betete. Dies daͤuchte mir die Inbrunſt mehr eines verſchwie⸗ genen Leidens, als des Glaubens, zu dem ſie ſich bekannte. Du weißt es ja, meine Tochter, daß ich dieſem Bilde der heiligen Eliſabeth, wel⸗ ches einſt eine Boͤhmiſche Edelfrau unſerer Kirche ſchenkte, alle Ehre goͤnne, wie dem Andenken jener frommen Fuͤrſtin ſelbſt; aber es aͤngſtete mich doch, Deine Mutter koͤnnte ihrer wahrhaf⸗ tigen Religioſitaͤt durch irgend einen Wahnbegriff ſchaden.— Ich ſagte einſt wie im Scherze zu ihr: es iſt eine heimliche Katholikin in unſerer Ge— meine— daͤchteſt Du das wohl meine Luiſe? Sie ſah mich fragend an, und ein feines Roth der Ahnung uͤberzog ihr Geſicht; leiſe und laͤchelnd ſprach ſie die Strophen aus ihrer Lieblings⸗Arie: Wort gehalten wird in jenen Räumen, Jedem ſchönen, gläubigen Gefühl.— „ Nun, ſo wage Du, zu irren und zu traͤumen,— antwortete ich, und ließ ſie gewaͤhren. Der Fruͤhling brachte Dich uns, Du biſt ein Kind des Lichts, meine Eliſabeth. Bei Deiner Taufe war die Kirche zu Ehren einer großen — Nach⸗ Nachrich gem Tan gewund ten ring Seepter der die dem nig d dern Weltge ich das ausgoß, ein den 8 als unſ ern ver die pe öͤniglie Zufall daß ich tine trot T Deines Freude einem ſes ki zuweilen een Stu⸗ ie Blicke Dies ſchwie⸗ dem ſie Tochter/ eth/ vel⸗ er Kirche indenken aͤngſtete vahrhafe hnbegrif e zu ihr: trer Ge⸗ iſe? Sie ſoth der laͤchelnd ngs Atie: men,— biſt ein Deinel großen Nach⸗ —-— 17— Nachricht vom Heere der Verbuͤndeten, mit jun— gem Tannengruͤn geſchmuͤckt, und Veilchenkraͤnzen, gewunden von den Maͤdchen des Dorfes, dufte⸗ ten rings. Dein Name, der ſo viel als Gottes⸗ Scepter heißt, erinnerte mich nicht allein an Den, der die Gewaltigen vom Stuhl ſtoͤßet, und ſich nn dem Siege der Unſern wiederum als den Koͤ⸗ nig der Koͤnige verherrlichet hatte,— ſon⸗ dern auch an verſchiedene große Frauen der Weltgeſchichte, die ihn gefuͤhrt. Und waͤhrend ich das Waſſer der Weihe auf Deine kleine Stirn ausgoß, flehete ich, der goͤttliche Geiſt moͤchte Dir ein demuͤthiges Herz geben, Dein Lebelang.“ „Deine gute Mutter war eben geſtorben, als unſer Kronprinz ſich mit Eliſabeth von Bai⸗ ern verband. Meine innige Anhaͤnglichkeit an die Perſon des Monarchen, wie an die ganze koͤnigliche Familie, ließ mich auch in dem kleinſten Zufall Beziehung ſuchen, und ſo freuete ich mich, daß ich an Dir, mein Toͤchterchen, nun wieder eine Prinzeſſin von Hauſe haͤtte. Du wurdeſt trotz Deiner Unerfahrenheit die haͤusliche Stuͤtze Deines Vaters, wie Du von jeher ſeine liebſte Freude warſt; aber ſeit einiger Zeit, vielleicht ſeit einem Jahre,— ſcheint es mir, als entbehre die⸗ ſes kindlich Verdienſt ſeines Lohnes in jener hei⸗ 2 teren Zufriedenheit, die ich fuͤr das beſte Gut des Menſchen achte. Du biſt offenbar veraͤndert, ſtill und in Dich gekehrt. Sage, mein liebes Kind, wie iſt denn das gekommen? Koͤnnte ir⸗ gend Etwas Deinem Gemuͤthe zu ſchwer ſeyn, das ich nicht wuͤßte, und Dir tragen huͤlfe?“ Es war dem guten Paſtor, da er in dieſer langen Unterredung die Summe ſeiner Lebens⸗ Erfahrungen gezogen, als wenn er nun erſt die⸗ ſen Fehler in der Rechnung ſeiner vaͤterlichen Freuden bemerkte, und das Fazit wollte nicht zu⸗ treffen. Eliſabeth neigte ihr Haupt, wie unter dem Gewichte dieſes Vorwurfs, und kuͤßte die auf⸗ richtende Hand des Vaters, welche er an ihr fei⸗ nes Kinn legte. „Sprich, Eliſabeth,“ fuhr der ehrwuͤrdige Dagon in einem Tone fort, worin ſich die geiſt⸗ liche Befugniß der Seelſorge, mit der Bekuͤm⸗ merniß eines zaͤrtlichen Vaters miſchte:„was betruͤbt Dein unſchuldiges Herz?“ Dieſe Frage drang tief in ihre weiche Seele. Sie ſah ſich hier ſo abgeſondert, ſo hoch uͤber der Welt, die ſie ſcheuete; der Herbſt ließ nur dann und wann leiſe ein Blatt auf die Erde fal⸗ len, als wuͤrde er das Geheimniß bald mit in das n ſtand erfahre Leben nete, ds er Gra Froh tiefd ſaͤtige G Hand ihrem Dir Zeuge 1 einem bei d ſich! falben nerne ruht, Der beſch zum beſte Gut das winterliche Grab nehmen; die alte Burg veraͤndert, ſtand ſo ernſt da, wie eine Matrone, welche viel erfahren hat, und ſchweigend in das vergaͤngliche Leben ſchaut: daß Eliſabeth Herz und Mund oͤff⸗ ein liebes doͤnnte ir⸗ wer ſenn, nete, und mit bebenden Lippen ſprach:„Du haſt ülfe?“ es errathen, lieber Vater, es ruht ein ſchwerer in dieſtr Gram auf meiner Seele, der mir Muth und er Lebens⸗ Frohſinn niederhaͤlt.“— nerſt die⸗„Herr mein Gott! Was koͤnnte dies ſeyn?“ aiterlichen rief der Paſtor ſo beſtuͤrzt, als haͤtte er dieſe be⸗ nicht zu⸗ ſtaͤtigende Antwort dennoch nicht erwartet. Eliſabeth athmete tief, faßte ihres Vaters unter dem Hand, und hielt ſie mit weichem Drucke feſt auf die auf⸗ ihrem Schooße, waͤhrend ſie begann:„ich will an ihr fii Dir nun Alles ſagen, und der Himmel iſt mein. Zeuge, daß ich die lautere Wahrheit rede!“— hrwuͤdige„Es war im vorigen Spaͤtherbſt, als ich von die geiſt einem einſamen Spaziergange zuruͤckkehrte, und ar Bekuͤm bei der Kirche voruͤberkam. Die Sonne neigte hte:„was ſich und warf einen blutrothen Schein durch die falben Linden, unter denen auf einem der ſtei⸗ che Seele nernen Baͤnkchen, wo zumeilen ein Muͤder aus⸗ hoch uͤber ruht, ein junger Mann ſaß, als ob er wartete. t ließ nut Der Wind rauſchte uͤber ſeinem Haupte, und Erde fal⸗ beſchuͤttete ihn mit gelbem Laube, ohne daß er es ſo mit e u merken ſchien. Er ward ſelbſt meinen naͤhern⸗ 2* 8 4 — 20— den Schritt nicht gewahr. Mein Herr, redete ich m. ihn an, wuͤnſchen Sie vielleicht die Kirche zu ſe— V reicher hen, des Altarblattes wegen, was weit und breit n N beruͤhmt iſt? Er fuhr zuſammen, ſah mich ſtarr ſey vo an, und verbeugte ſich ein wenig; ich nahm es hat er fuͤr ein Ja, und holte die Schluͤſſel. Als ich die b Reiſe Thuͤre oͤffnete, folgte er mir ſchweigend uͤber die droß Schwelle. Das Bild glaͤnzte in der praͤchtigſten vom Beleuchtung, ich habe es nie ſchoͤner geſehen, V thuͤre und der Fremde ſtand wie geblendet davor. Se⸗ lleine hen Sie, mein Herr, ſagte ich: das iſt die hei— Eliſab lige Eliſabeth von Heſſen, und dieſer ernſte Mann ter, u in ritterlicher Haltung, iſt Landgraf Ludwig, ihr groͤßte Gemahl. Sie blickt mit Engelsmilde auf die Ro⸗ lich u ſen in ihrer Schuͤrze nieder, und auch das for⸗ zuͤrne ſchende Auge des Landgrafen ſenkt ſich dahin, und ſein Geſicht gluͤht wie von Zorn oder Beſchaͤ⸗. mung. Die Legende erzaͤhlt: als einſt die Land⸗ ſtne graͤfin die Hungrigen ſpeiſen wollte, wie ſie in düſe frommer Gewohnheit taͤglich gethan, ſey Ludwig den ihr begegnet, und habe von ſeiner Mutter gegen dige die treue Gattin in Verdacht aufgewiegelt, mit ſtrengem Ton gefragt, was ſie hier trage? wo⸗ ſagte rauf Eliſabeth im glaͤubigen Muth geantwortet: male es ſeyen Roſen. Und da ſie die Schuͤrze hebt, geſt iſt das Wunder der Wandlung wirklich vorgegan⸗ f 9 redete ich che zu ſe⸗ und breit nich ſtarr nahm es ls ich die uͤber die raͤchtigſten geſehen, oor. Se— die hei⸗ te Mann wwig, ihr ij die No⸗ das for⸗ ahin/ und Beſchaͤ⸗ die Land⸗ wie ſe in Ludwig teer gegen —-— 21— gen. Dieſen Moment hat der Maler mit ſinn⸗ reicher Kunſt aufgefaßt, und das Bild wird fuͤr ein Meiſterſtuͤck erkannt. Man vermuthet, es ſey von Holbein. Eine Edeldame aus Boͤhmen hat es unſerer Kirche geſchenkt, als ſie auf der Reiſe begriffen, mit durchgehenden Pferden in großer Gefahr ſchwebte, und die wilden Hengſte vom Schalle der Glocken geſchreckt, an der Kirch⸗ thuͤre ſtill ſtanden, wie Laͤmmer. Es iſt auch eine kleine Stiftung mit verbunden, welcher am Sanct Eliſabeths⸗Tage genuͤgt werden muß. Mein Va⸗ ter, wenn auch Proteſtant, thut es ſtets mit der groͤßten Freudigkeit, und predigt dann gewoͤhn⸗ lich uͤber das chriſtliche Erbarmen. Ja Vaͤterchen, zuͤrne mir nicht, daß ich ſchwatzhaft war.“ Der gute Paſtor durchlief mit Gedanken⸗ ſchnelle die ruͤhrenden Vortraͤge vieler Jahre uͤber dieſen Text, indeß ſein Blick, der eine zaͤrtliche Verzeihung ausdruͤckte, achtſam auf den beſeelten Zuͤgen ſeiner Tochter verweilte. Eliſabeth fuhr fort:„dieſes koͤſtliche Bild, ſagte ich ihm ferner: haͤtte wohl ſchon zu tauſend⸗ malen Troſt in die thraͤnenden Augen der Armen geſtrahlt, welche ſich ſelig fuͤhlten, wenn ſie den Lohn der Milde ſaͤhen, die an dem Geſchlecht der Duͤrftigkeit veruͤbt worden waͤre. Und es gaͤbe wenig harte Gemuͤther in unſerer Gemeine.“ „Der Fremde nickte mit dem Kopfe, als glaubte er meinem verſichernden Worte; doch ſah ich bald, daß es eine krankhafte Schwaͤche war, die ihn uͤbermannte. Sein Geſicht, vorher ſchon blaß, ward wie Marmor weiß, der Froſt ſchuͤtterte durch ſeine Glieder, und das duͤſtere Glimmen ſeines Blickes ward todt, wie man ein Licht aus⸗ loͤſcht. Zugleich verſchwand das letzte Leuchten der Sonne, daͤmmerndes Dunkel nahm den ſtillen Raum der Kirche ein, als ſaͤnke Alles nun in Nacht. Erſchrocken, daß ich zitterte, lehnte ich den halbohnmaͤchtigen Juͤngling auf die Stufen des Altars, und druͤckte ſein ſinckendes Haupt gegen meine Bruſt, daß es eine Stuͤtze haͤtte. Ich hauchte ihm die kalte Stirne warm an, und rieb ihm die Schlaͤfe; er athmete kaum hoͤrbar noch. O Vater! Ich haͤtte mich ja vor dem Bilde ſchaͤmen muͤſſen, wenn ich es nicht gethan.— Aber es war die baͤngſte Minute meines Lebens.“ In dieſen Seelenaͤngſten fiel mir ein, daß in der Sacriſtey noch eine Neige Wein von der Communion am Morgen ſtuͤnde; ich ſprang, und holte den geweiehten Reſt, den ich in der Eile in den kleinen Kelch fuͤr die Kranken goß. Der Fremde ich bat haͤtte i D chen L und ſe laſſen ſein Deine mir di ren, al dögeſi So n Warte ich d Pfart verſor hat F ſamen Aber war futde wunt Gaſt daß nun, Und es zemeine.“ pfe, als doch ſah iche war, her ſchon ſchuͤtterte Glimmen gLicht aus⸗ chten der in ſtillen nun in ehnte ich Stufen es Haupt ſze haͤte an, und m hoͤtbar vor dem gethan.— lebens. ein, daß von der ang, und er Eile in . Der Frremde erſchien mir wie ein Sterbender,— und ich bat ihn nun, davon zu trinken. Es war, als haͤtte ich ihm den Geiſt der Kraft ſelbſt eingefloͤßt. Die Tropfen glaͤnzten noch auf ſeiner blei⸗ chen Lippe, als er mir mit ſchwachem Laut dankte, und ſich dann ſo weit erholte, daß er die Kirche ver⸗ laſſen konnte. Ich leitete ihn; denn noch wankte ſein Tritt. Ich wollte ihn, im Vertrauen auf Deine Menſchenfreundlichkeit, mein Vater, die mir dies gut geheißen haben wuͤrde, zu uns fuͤh⸗ ren, als er mir ſagte, daß er in der alten Schmiede abgeſtiegen ſey, wo auch ſein Pferd ſich befinde. So war meine alte Amme ſeine Wirthin und Waͤrterin, und der arme junge Mann hinſicht⸗ lich der Pflege dort beſſer aufgehoben, als im Pfarrhauſe. Auch ſein krankes Pferd war gut verſorgt: denn als die Wittwe des Kurſchmieds hat Frau Regine ein kleines Erbtheil dieſer heil⸗ ſamen Kunſt von ihrem Manne uͤberkommen. Aber die Schmiede iſt abgelegen, der Gang war weit, und wir ſchritten nur ſehr langſam fuͤrder. Regine ſtand an der Thuͤre, und ſchlug wundernd die Haͤnde zuſammen, daß ich ihr den Gaſt heim braͤchte, den ſie gutmeinend ſchalt, daß er ſich der Abendkuͤhle ausgeſetzt. Ich hoͤrte nun, er haͤtte das Fieber. Er ſtammelte einige Worte, die wie eine Dankſagung klangen, ſeine Hand, welchen die meine druͤckte, und nicht loslaſſen wollte, brannte— ich ſtand wie auf Kohlen. Der Seufzer, womit er mich anſah, da ich den zoͤgernden Fuß endlich wendete, ſchuͤrte eine niegekannte Glut in mir. Mit Schaamroͤthe be⸗ deckt, daß ich vielleicht menſchlicher als jung⸗ fraͤulich gehandelt haͤtte, eilte ich nun nach Hauſe; aber das Herz haͤmmerte mir in heißen Schlaͤgen, gleich denen, welche ich durch den thauigen Nebel noch lange hinter mir auf den Ambos fallen hoͤrte.— Als Regine den Schluͤſſel zu dem Stuͤbchen des Fremden von ihrer Taſche haͤckelte, winkte ſie mir mit den Augen, daß ich ihres Ge⸗ leits warten moͤgte. Sie vertrauete mir, daß es mit dieſem Fremden wohl eine eigene Bewandniß haben muͤſſe. Er waͤre vorgeſtern toͤdtlich erſchoͤpft, hier angelangt, und ſein ſchoͤnes Roß wahrſcheinlich durch zu große Anſtrengungen, dem Verenden nahe geweſen. Es beduͤrfe, wenn es nicht darauf gehen ſolle, einer laͤngeren Raſt und Cur, und eben ſo ſein Herr. Ihn ſelbſt daͤchte ſie mit Fliederthee herzuſtellen, wenn er es ſich in der heimlichen Hospitalitaͤt der Schmiede gefallen laſ⸗ ſen wollte. Sie bat mich aber gegen Niemand, ſelbſt gec zu aͤußer ſie Herb hatte, u Eins de „Weil gelinde es Dil ſich im mäͤſſen, halter; nichts, eigenes ich eine traͤgt, ohne u dige d Anlaß ich ein Prieſe konnte „O m „es h doch mit: ſ Zweit n, ſeine nd nicht wie auf „ da ich uͤtte eine roͤthe be⸗ als jung⸗ Hauſe; ſchlaͤgen, n Nebel s fallen zu dem hͤccelte/ ihtes Ge⸗ , daß es ewandniß trſchöpſt iſcheinlich Verenden ht darauf Lur, und ſe mit in der allen aſ⸗ Niemand⸗ ſelbſt gegen Dich nicht, mein Vater, etwas davon zu aͤußern, weil, wenn der Gaſtwirth erfuͤhre, daß ſie Herberge gaͤbe, fuͤr Geld, ſie erſt Ungelegenheit haͤtte, und weil Du nicht leiden koͤnnteſt, daß Eins dem Andern das taͤgliche Brodt wegnaͤhme. „Weil! weil“, unterbrach der wuͤrdige Dagon in gelindem Zorne ſeine Tochter:„weil— ich will es Dir ſagen, warum eigentlich:— die Weiber ſich immer und ewig in Heimlichkeiten bewegen muͤſſen, wie in ihrem Elemente. Ich bin Haus⸗ halter uͤber die Geheimniſſe Gottes, und ſuche nichts, als daß ich treu erfunden werde; und mein eigenes Kind huͤtet die Zunge vor mir, als waͤre ich eine alte Gevatterin, die ſich mit Neuigkeiten traͤgt, und nicht uͤber die Straße gehen kann, ohne unnuͤtzes Geſchwaͤtz zu verlieren. Ich pre⸗ dige den Samariter, und Ihr haltet mir den Anlaß zu thun wie er, neidiſch vor, als wuͤrde ich einem leidenden Mitbruder am Wege, wie Prieſter und Levit, fuͤhllos voruͤber gehen!— Wie konnte Regine mir alſo Dein Vetrauen entziehen?“ „O mein Vater!“ antwortete Eliſabeth gekraͤnkt: „es hatte einen Grund warum ich ſchwieg— doch hoͤre nur weiter. Regine theilte mir fluͤſternd mit: ſie glaubte, der Fremde haͤtte Jemand im Zweikampſe getoͤdtet, und waͤre deshalb auf der Flucht. Er laͤge des Nachts in wilden Traͤumen, und ſpraͤche im Schlafe, daß er das Blut ſeines Freundes vergoſſen. Regine fuͤhrte mehrere Um⸗ ſtaͤnde an, aus denen ihre Vermuthung erhellte; aber fuͤrchterlich wie Feuerſchein. So hatte denn ein Moͤrder an meinem Herzen geruht! und nur darum vielleicht klopfte es ſo ungeſtuͤm und bange. Mir ward kalt wie Eis, und Grauſen faßte meine Seele, als ich dies dachte. Ich fluͤch⸗ tete mich nun ſo ſchnell, als folgte der Schatten des Erſchlagenen meinen Ferſen, unter den Schutz Deiner Naͤhe, lieber Vater. Der Mond warf bereits einen matten Schein an das duͤrre Wein⸗ laub des Spaliers, als ich die Gartenthuͤre des Pharrhauſes oͤffnete, und an dem Glitzern zweier Lichter, das von dem geſelligen Doppelleuchter ausging, ſah ich ſogleich, daß mein Vaͤterchen Beſuch haͤtte. Es war der Oberfoͤrſter von Moor⸗ deich aus dem Bruch. Du ſaßeſt mit ihm tief im Sopha, Pfeifendampf und alten Geſchichten. Ich beſorgte nun alsbald den Thee— in der Kuͤche war ſchon Anſtalt getroffen. Der wackere Oberfoͤrſter erzaͤhlte Dir eben mit erſtickter Stimme jene ungluͤckliche Begebenheit, danch welche ſein Sohn, der Jaͤger-Offizier, in einer ſogenannten Ehrenſache geblieben, und Du, mein Vater, ſpracheſt ei Wie hätte meinen S traf, gew Gewißhei daß Reg N Paſtor fen, daͤu recht. T fuͤrchte, winkel be ſteckt zu Liſ ihr Vate Verwirr ander ve Naden d mdie To ſie berd Ohren, trochen Dieſen ſuc der ſreunn um ſo raͤumen, t ſe eines ere Um⸗ erhellte; tte denn und nur uͤm und Grauſen ich fͤch⸗ Schatten Schutz d warſ e Wein⸗ zuͤre des 1 zweiel elleuchtet üuechen zn Mool⸗ ihm tief ſchichten. jin der wackete Stimme ſche ſein enaunten Vater, ſpracheſt ein hartes Urtheil uͤber die Duelle aus.— Wie haͤtte ich es nun wagen koͤnnen, Dich fuͤr meinen Schuͤtzling, den es vielleicht fluchwuͤrdig traf, gewinnen zu wollen? ich mußte erſt uͤber ihn Gewißheit haben, auch war es ja leicht moͤglich, daß Regine ſich in einem Irrthum befaͤnde.“ „Moͤgte man nicht allwiſſend ſeyn“, rief der Paſtor aus:„um ein Urtheil ausſprechen zu duͤr⸗ fen, daͤuchte es uns auch noch ſo wahr und ge⸗ recht. Du aber mein Toͤchterchen, haſt, wie ich fuͤrchte, meine offene Meinung zu einem Schlupf⸗ winkel benutzt, um ein gefaͤhrliches Mitleid ver⸗ ſteckt zu halten.“ Eliſabeth erroͤthete, Sie mußte ſich geſtehen, ihr Vater haͤtte die Wahrheit getroſſen. In leiſer Verwirrung der Gedanken, welche ſich unter ein⸗ ander verklagen und entſchuldigen, nahm ſie den Faden der Erzaͤhlung wieder auf, und ſprach: „die Taſſen klirrten, ſo oft meine unſteten Haͤnde ſie beruͤhrten, das Geſpraͤch ſummte mir vor den Ohren, ohne daß ich, als jener Gegenſtand abge⸗ brochen war, etwas Weiteres davon vernahm. Dieſen Abend, den Dir der freundſchaftliche Be⸗ ſuch vergnuͤgt kuͤrzte, brachte ich in quaͤlender Zer⸗ ſtreuung zu, in einem Kampfe meiner Gefuͤhle, um ſo peinlicher aufregend, als ſonſt nur der tiefſte Friede in mir wohnhaft war. Ich ſehnte mich zu Bette, um allein zu ſeyn mit meinen Ge⸗ danken. Das Bild des Juͤnglings, wie er mit der Blaͤſſe des Todes, und ſterbenden Blickes von den Stufen des Altars zu mir aufſchauete, wollte nicht weichen, wie tief die Nacht auch um mich dun⸗ kelte. Ich betete fuͤr ihn, und entſchlummerte ſpaͤt. Aber noch im Traume aͤngſtete mich ſeine leidende Geſtalt, und die Schuld, womit er ſich beladen haben ſollte. Waͤhrend meine Seele in wuͤſtem Abmatten wirkſam war, webten ſich heidniſche und chriſtliche Vorſtellungen unter einander. Du mein Vaͤter⸗ chen, hatteſt vor einigen Tagen die Elektra des Sophokles geleſen, und mir mehrere Stellen daraus mitgetheilt. So ſah ich den Fremden im Traum, und wußte, daß es Oreſtes waͤre. Blut traͤufte von ſeinen fliehenden Ferſen, und graͤuliche, dun⸗ kle Schatten ſtiebten hin aus dieſer Spur, tropfen⸗ weiſe mit verſiegendem Leben gefaͤrbt. Das ſind die Eumeniden! dachte ich, und zitterte von ferne. Dann war der Juͤngling am Ort der Strafen, und lehnte matt und hinfaͤllig an einem ſchwarzen Pfeiler, der in ewiger Finſterniß gegruͤndet ſchien. Funken umſpruͤheten ſeine Blaͤſſe wie im Tanz von kleinen Feuergeiſtern, eine fuͤrchterliche Lohe leckte mit gluͤhenden Zungen hinter ihm, und eine einmal ſpukhafte Suͤnde! f waltete ale Die gualr meine P dern der des Erd und meil eine Sch halb böſe meine klo lic legte ic ſchluf 02 nun, der meine S alles feſt nen woͤl ander, u wunden. Dagul gi dichtige Altare Gerifel und a jch ſehnte einen Ge⸗ ie er mit lickes von ete, wollte wich dun— nette ſpäͤt. ne leidende den haben Abmatten chriſtliche in Vaͤter⸗ lektra des len dataus m Traum, ait traͤuſte ſiche, dun⸗ , tropſen⸗ Das ſind von ferne. Strafen, ſchwatzen det ſchien im Tan iche kohe deine d un ſpukhafte Alte, die ich; Gott verzeih mir die Suͤnde! fuͤr des Teufels Großmutter hielt— waltete als Schaffnerin der Hoͤlle hin und her. Die qualmende Hitze verhielt mir den Athem, meine Phantaſie rang ſich los von dieſen Bil⸗ dern der Verdammniß, und— an der Schwelle des Erwachens erkannte ich erſt die Schmiede, und meine gute Regine, der ich im Schlafe ſolch eine Schmach zugefuͤgt, daß ſie wachend mir des⸗ halb boͤſe ſeyn wuͤrde.— Es dauerte lange, ehe meine klopfende Pulſe beſaͤnftiget ſchlugen. End⸗ lich legte ſich die Aufregung des Gemuͤths, und ich ſchlief wieder ein. O Vater! welch ein ſchoͤner Traum war es nun, der wie aus der Ruhe tiefſtem Quell in meine Seele floß!— Ich war in der Kirche, und alles feſtlich darin angethan. Um die Emporbuͤh⸗ nen woͤlbten ſich gruͤne Zweige laubenhaft in ein— ander, und die Saͤulen waren mit Palmen um—⸗ wunden. Die Verſammlung blieb ſtill, nur die Orgel ging leiſe und feierlich. Ich ſchlich in an⸗ daͤchtiger Scheu durch die gedraͤngten Reihen dem Altare zu, und ſah mit Entſetzen das ſteinerne Getaͤfel am Boden, da, wo der Juͤngling ſtand und ſaß, wie mit blutigem Thau beſprengt. Auf einmal bewegte ſich die Staͤtte unter mir, das — 30— Bild im Rahmen fing regſam an zu wanken. Die heilige Eliſabeth hob die milden Augen auf, griff mit der ſchoͤngemalten Hand in die Schuͤrze von ſtarrer Leinwand, und ſtreuete lebendige Roſen aus, die kein Ende nehmen wollten. Glanz erfuͤllte die Kirche und himmliſcher Duft. Wie ein hehrer Donner erbraußten die tiefen Toͤne der Orgel, die Engel der Stuccatur ſtießen in die Poſaune, die Gemeine ſang:„Jeſus nimmt die Suͤnder an!“ und Hallelujah hallte es durch meine Seele. Vater! ein ſeligeres Gefuͤhl des goͤttlichen Erbar⸗ mens kann kein ſterbliches Herz empfinden; das meine ſchwoll, ich vergoß viele tauſend Thraͤnen erloͤſeter Wonne, und wie ſie ſo heiß auf die kalten Quadern fielen, loͤſchte jeder der blutigen Flecken aus. Aber auch mein Traum zerrann, doch mein Kopfkiſſen war ganz naß geweint, und ich merkte, wie wirklich mir alles geweſen.“ „Dein Traum iſt ſchoͤn und deutſam, mein frommes Maͤdchen!“ ſagte der Paſtor geruͤhrt und ſinnig, als Eliſabeth inne hielt:„die Alten gaben die Schlangen des Gewiſſens den Erinnyen in die Haͤnde, welche ihre Opfer unablaͤſſig zum Orkus hinab geißelten— der Koͤhlerglaube be⸗ darf noch heute einer Hoͤlle, um ſich vor der Suͤnde zu fuͤrchten; doch wir wiſſen, daß wir einen Go haſt wie Sage mi in der T wurde es Ciiſ Vaters. waren det, un ihre M ſ(ate ſie „als der Nähe, u ich ein Pa der Wi vor füſ aus eine luſtige Kind, Jlg heth di Mmei ſen Fte etädtet deutet, nken. Die auf, griff huͤrze von Roſen aus, z ekfuͤllte ein hehrer der Orgel, Poſaune, e Suͤnder ene Seele. den Erbar⸗⸗ nen; das Thraͤnen auf die ex blutigen zerrann, veint, und ſen. ſam, mein or geruͤhtt die Alten Erinnyen laͤſſig zum laube be⸗ vor der vir daß w —.31— einen Gott der Gnade im Himmel haben. Du haſt wie eine Chriſtin getraͤumt, meine Eliſabeth. Sage mir aber, hatte jener ungluͤckſelige Juͤngling in der That einen Todtſchlag begangen, und wie wurde es noch mit ihm?“ Eliſabeth ſchwieg vorerſt zu dieſer Frage ihres Vaters. Sie ſaß und lauſchte. Ihre Augen waren furchtſam ſpaͤhend nach der Burg gewen⸗ det, und die ſchmalen Braunen aufwaͤrts gezogen; ihre Miene ſchien zu horchen.„Es war mir,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe tief athmend: „als vernaͤhme ich Geraͤuſch wie von menſchlicher Naͤhe, und ſchon vorhin duͤnkte es mir, als haͤtte ich ein paarmal ſeufzen gehoͤrt.“ 4 Paſtor Dagon antwortete hierauf:„es iſt der Wind, der aus den Spalten der Mauer her⸗ vor fluͤſtert, und wie ein geſchwaͤtziger Verraͤther aus einem Winkel in den andern traͤgt. Dieſes luftige Geſaͤuſel ſchrecke Dich jedoch nicht, mein Kind, ruhig fortzufahren.“ Zoͤgernd und mit leiſerem Tone gehorchte Eliſa⸗ beth dieſer Aufforderung und ſprach:„Er, deſſen Name ich Dir nicht nennen will— hatte ſeinen lieb⸗ ſten Freund an einem froͤhlichen Abend zum Valet, getoͤdtet, und damit waͤre ein Maß von Elend ange⸗ deutet, welches ihm, ſo meine ich— volles Anrecht auf ein ungemeſſenes Mitleid gaͤbe. Lhien krank in huͤlfloſem Zuſtande, in 1 uf; Negine pflegte ſein, verſchwiegen un äuſcheie bewies ihm menſchliche Theilnahme, ueudch hur daß ihm Leib und Geiſt dann und war 6t wuͤrde, und brachte ihm zuweilen nn Whans meiner kleinen Sammlung, oben 9 D r Bibliothek, was er ſehr achtſam hielt, v He hauher Zeit an mich zuruͤck gab, ſo daß w wa bemerkt an ſeinen Ort ſtellen konnte. Bte uute er mich um die Elektra— ich brachte Lyn franen dieſe Uebereinſtimmung unſerer Ge⸗ ſ Hi Du weißt mir hatte davon detuͤumt 5. es te mich wunderſam. Blieb ich einng i e ihn zu ſehen: ſo empfand ich einen du 3 der einen faſt ſchmerzlichen awans nnern 3r 8 freien Willen, ſelbſt uͤber das Be duse der Segralicen uͤbte. Mein Anblick d. 8 einziger Troſt! ſagte er unalu nir nen ſollte ich ihm den nicht goͤnnen? bhi dr 2 rwiederte der Paſtor amtlich e Knn 1u8 abe war fuͤr Dein weiches Herz zu aneie i 4 aͤtte es geziemt, ihm ein Wort des de Wif d und ſeine gebeugte Seele, nuf nfer eaſnrdons belaſtet, durch religioͤſe hw 74 Wahrheiten aufzurichten. 86 4* Ein wehete d unter die ſie ſprach ich liebt wetde ſchwach welche vas dif Selbſt, im naͤch ihm ein iſ, in Oreſtes verzeihe härte j der wie gehen; 16 „Dein ten Tas ds M Ligenſ vermitt den gleich Ex blieb n unſerm legen und eilnahme, dann und zuweilen lung, oder ztſam hielt, ab, ſo daß in konnte. ich brachte nſerer Ge⸗ traͤumt— ich einige ich einen en Zwang t das Ge⸗ blick waͤre mir. Va⸗ —„Mein ſch ernſt: 6 Herz zu Wort des Zeele/ von religiſe Ein — 33— Ein Luftzug ſtrich uͤber den Felſen, und wehete die Locken aus Eliſabeths Geſicht, das bis unter die Stirne in zartem Purpur leuchtete, da ſie ſprach:„Liebe iſt Religion. Und Vater— ich liebte den bedauernswerthen Juͤngling! ich werde ihn ewig lieben. Wenn ich nun, ein ſchwaches Maͤdchen! dieſer Staͤrke faͤhig bin, welche ſich uͤber alle Ruͤckſichten hinweg ſetzt: was duͤrfen wir von dem Gott der Treue hoffen?— Selbſt Der, dem er im Wahnſinn des Streites, im naͤchtlichen Rauſche vom Leben geholfen, wird ihm einſt, wenn dienirdiſche Buͤßung vollbracht iſt, im Licht begegnen, ſeinen Freund erkennt Oreſtes wieder, und der Unſterbliche wird ihm verzeihen!— Aber mein Vater, warhaftig! ich hoͤrte jetzt deutlich einen hervorgedraͤngten Seufzer, der wie ein jaͤhes ach! klang. Wir wollen nun gehen; ich traue nicht, daß wir allein ſind.“ „Kind!“ antwortete der Paſtor verweiſend: „Deine aufgeregte Phantaſie ſieht am hellen lich⸗ ten Tage Geſpenſter. Ich aber ſehe nur ein, daß das Mitleid, geſchlechtslos wie die Engel, deren Eigenſchaft es iſt, wodurch ſie das Heil der Suͤhne vermitteln, eine groͤßere Gewalt auf das weibliche Herz uͤbt, als die Hochachtung der Vernunft, ob⸗ gleich dieſe ſich als die Unfehlbarkeit einer koͤnig⸗ 3 — 34— lichen Frau, uͤber alle Dienerinnen der Empfin dung behaupten ſollte.— Du wirſt mir jedoch zugeben, Eliſabeth, Niemand ſey gluͤcklich, der einen Unwuͤrdigen liebt, und fremde Schuld auf ſich nimmt, da wir, ein Jeder, an der eigenen Buͤrde von Muͤhſal und Schwachheit zu tragen haben.“ Eliſabeth heftete das Auge auf ihren Vater, ihr Blick glaͤnzte wie ein himmliſcher Strahl, und ein Laͤcheln der Verklaͤrung ſchimmerte aus ihren Zuͤgen. Sie ſprach:„was ſageſt Du zu der Seligkeit des ewigen Waters, und zu dem Gotteslamm, das die Suͤnden der Welt traͤgt?— — Ich glaube, man kann Jemand achten und bewundern, und doch ſehr gedruͤckt durch ſeine Tugend ſeyn. Unwuͤrdig aber mein Vater, un⸗ wuͤrdig war der Mann meiner Liebe nicht. Selbſt der Fall ſeines Verbrechens hatte einen edlen Grund, und geſchah nur im Sturze hochſinniger Gefuͤhle. Ein patriotiſcher Streit war zuletzt durchaus perſoͤnlich geworden, und hatte ſo traurig geendet.“. „Das ſpricht dem armen Fluͤchtling meine Entſchuldigung an,“ entgegnete Paſtor Dagon, den die erſtere Antwort ſeiner Tochter in eine theologiſche Enge brachte, ſo daß er dieſer Aus⸗ . kunft fro „Wer mi gutes P. ich auch ger im der Sch er wein Ii ſah der nun kehren?⸗ des wuͤr Ein lippen. als er ſie Deg m füͤhtte de tieſige mel forte en däl benigen i, bis Am Wal ſheiden. anute bens. 2 ſch nun Empfin nir jedoch klich, der huld auf eigenen zu tragen en Vater⸗ Strahl, erte aus „Du zu zu dem rägt?— hten und uch ſeine ter, un⸗ t. Selbſt. en edlen chſinniger ar zuletzt d traurig Dagon, kunft froh war, und ſich demnach milde bezeigte. „Wer mir was auf meinen Koͤnig, und auf mein gutes Preußen ſagen wollte! gegen den vergaͤße ich auch des geiſtlichen Hirtenſtabes wie der Juͤn⸗ ger im Garten zu Gethſemané, und hieb ihm mit der Schaͤrfe des Schwerdtes das Ohr ab, womit er mein vaterlaͤndiſches Lob nicht hoͤren moͤgte. Ich ſchließe hieraus beſſer von dem Juͤngling, der nun wohl fortreiſte, um nimmer wiederzu⸗ kehren?“ Die Frage lautete ſo, als ob der Paſtor dies wuͤnſchte. Ein klaͤglicher Seuſzer entſchluͤpfte Eliſabeths Lippen. Sie antwortete:„der erſte Schnee fiel, als er ſich nothduͤrftig geneſen, auf den pfadloſen Weg machte. Ein rußiger Cyklop der Schmiede fuͤhrte den Schimmel voraus, der ſich wie eine rieſige Schneeflocke, unter dem ſilbernen Gewim⸗ mel fortbewegte, das auf ihn und ſeinen ſchwar⸗ zen Fuͤhrer nieder taumelte. Regine kam mit wenigem Gepaͤck hinten nach, ich gab ihm das Ge— leit, bis zu der kleinen Capelle Sanct Hubertus am Waldgehege. Hier ſtanden wir ſtill, um zu ſcheiden. Er ſchauete verzagend um ſich, und nanute die winterliche Wuͤſte ein Bild ſeines Le⸗ bens. Auf meine aͤngſtliche Erkundigung, wohin er ſich nun zu wenden gedaͤchte in dieſer unwegſamen 3*ℳ Gegend? ſagte er mir: er haͤtte Verwandte in Boͤh⸗ men, die er heimſuchen wollte, bis die Strenge der Jahreszeit voruͤber waͤre. Dann— wuͤßte er ſelbſt nichts weiter, als daß er von nun an un⸗ ſtet und fluͤchtig ſeyn wuͤrde auf Erden. Wie er dies ſagte, zog ein erſtarrender Schmerz mir die Bruſt zuſammen. Kaum meiner ſelbſt bewußt, mir hingegeben der bangen Theilnahme an dieſem grauſamen Schickſal, aͤußerte ich: er haͤtte eine Heimath in meinem Herzen. Er druͤckte mich an das ſeine— und in einem heißen Kuſſe ſeines Mun⸗ des, vergaß ich die kalte Welt um mich her. Ein Knittern unter ſeiner Weſte, ſo leiſe zwar, daß ich es faſt nur mit dem Sinne der Ahnung hoͤrte, ſchreckte mich. Er zog ein gebrochenes, mit Blut getraͤnktes Papier hervor, und ſprach: dies iſt das Empfehlungs⸗Schreiben, welches mein er⸗ mordeter Freund mir mitgab an die Seinen; kaum waren dieſe guͤtigen Zeilen getrocknet: ſo feuchtete ich ſie mit ſeinem eigenen Blute. So iſt denn dieſes Blatt, nur noch der Paß eines Geaͤchteten, der Freibrief fuͤr den Gaſt der Raͤcherinnen. Sie ſchienen ihn von hinnen zu treiben.— Ich ver⸗ ſicherte ihn meiner Fuͤrbitte bei Dem, der ver⸗ heißen: Wer da anklopfe, dem werde aufgethan, und er laͤchelte mich troſtlos aber dankbar an. Noch ein mit haſti Eliſabeth die Wal ſrommer ſchauern ſtalt, mir d Herder Tiitten der Es bezeih Ich ſih dde Lann wankte meines mein T Der ge unbeſtin dens w ſtockten kraft es keit wa mehr ſammel lichen nus, v ein Boͤh⸗ Strenge — wuͤßte in an un⸗ Wie er mit die bewußt, an dieſem atte eine mich an des Mun⸗ er. Ein var, daß ug hoͤrte, mit Blut dies iſt mein er⸗ nen; kaum 0 ftuchtete iſt denn eäͤchteten/ nen. Sie 3ch ver⸗ der vel⸗ ufgethan, kbar an. Noch einmal kuͤßte er meine Haͤnde, raunte mir mit haſtigem Gefluͤſter zu: wir ſehen uns wieder, Eliſabeth! und druͤckte ſie dabei ſo heftig, daß ich die Wahrhaftigkeit dieſes Vorſatzes gleich dem frommen Grauen eines Eides, durch jede Nerve ſchauern fuͤhlte.— Er ging, und wie ſeine Ge— ſtalt, eingehuͤllt in Flocken, dahinſchwand, fielen mir die Strophen meines Lieblings⸗Dichters Herder ein: Tritten des Wanderers über den Schnee ſey ähnlich Dein Leben; Es bezeichne die Spur, aber beflecke ſie nicht!— Ich ſah ihm nach ſo weit als ich konnte, und die oͤde Landſchaft, jeder der kleinen fallenden Sterne, wankte in meinen Thraͤnen. Auch der feſte Grund meines zufriedenen Muthes. Von dieſer Zeit an, mein Vater, war es um meine Ruhe geſchehen. Der gemeſſene Gang der Uhr erregte mir eine unbeſtimmte Pein: denn die Schlaͤge meines Her⸗ zens waren entwedere hoffend beſchleuniget, oder ſtockten in Furcht, je nachdem die Einbildungs⸗ kraft es bewegte. Die Feder aller Regelmaͤßig⸗ keit war mir zerbrochen, ich hatte kein Vergnuͤgen mehr am Fleiß, und die Arbeit fordert ein ge⸗ ſammeltes Gemuͤth. Die Ordnung unſeres haͤus⸗ lichen Getriebes war mir ein todter Mechanis⸗ mus, von keiner Luſt mehr beſeelt. Ich lebte nur in wachen Traͤumen, und mattete mich ab in der Inbruſt des Gebets. Damals Vater fand ich es begreiflich, wie die Kloͤſter fruͤherer Zeit ſich ſo drangſelig mit jugendlichen Nonnen fuͤllten: denn hoffnungsloſe Liebe toͤdtet fuͤr die Welt ab, und andaͤchtig ſchwaͤrmen iſt bei Weitem leichter, als ſich nuͤtzlich zuſammen nehmen.“ Hier nickte der Paſtor, und Eliſabeth fuhr fort:„ſchon wurden Luͤcken in meinem muͤßigen Tagewerke fuͤhlbar, kleine Unordnungen riſſen ein, die Arbeit haͤufte ſich wie Berge um mich auf. Da traͤumte mir einmal, die Mutter naͤhme mir mit finſterer Miene das Schluͤſſelbund ab, und ginge eilfertig ſchaffend im Pfarrhauſe umher, als haͤtte ſie viel Verſaͤumtes nachzuholen. Ich glaubte, das Morgenroth brenne auf meine Wange, ſo ſchamroth war ſie, als ich erwachte; aber ich nahm mir den Traum zu Gemuͤthe, und mich nun wieder alles deſſen thaͤtig an, was mir haͤuslich oblag.“ „Wohl Dir, meine Eliſabeth, daß Du es gethan!“ ſchaltete der Paſtor ein:„es war der Gedanke Deiner Pflicht, der Dir traumhaft im muͤtterlichen Bilde erſchien, Dich dem traͤgen Grame zu entreißen, auch wirſt Du gefunden haben, welch ein heilender Balſam nuͤtzliche Be⸗ 4 ſchäͤftigun mild jene zählung ſede Lebe wich an bekenner ſer Hii zu ſpaͤt Tuüͤbſin es ſauſe das Geſ Vagens ing der doch me⸗ wüͤſten wieder blieb au ein Bla tauſeud an. J hatte n botgene mir F ſcht in ul Stimm in der ich es ſich ſo n: denn ab, und hter, als rth fuhr näͤßigen en ein, ch auf. me wir b, und umher/ n. Ich Wange, ber ich ich nun häuslich Du es var der umhaft tragen funden he Ve⸗ ſchaͤftigung ſey.“„Die Zeit beſtrich wohl leiſe und mild jene Wunde,“ ſo ſetzte Eliſabeth ihre Er⸗ zaͤhlung fort:„doch blutete ſie im Stillen, und jede Lebensfreude verbluͤhete mir. Oft draͤngte es mich an Deine Bruſt, mein Vater, Dir alles zu bekennen; aber ich war ſchon zu vertraut mit die⸗ ſer Heimlichkeit, und meinte, es waͤre nun doch zu ſpaͤt. So war mir der Winter im duͤſterſten Truͤbſinn vergangen. Jetzt fing es an zu thauen, es ſauſete unheimlich in den Luͤften; ich aber hielt das Geſpann der Winde fuͤr das Rollen eines Wagens; der ihn mir wieder braͤchte: den Fruͤh⸗ ling der Jugend und Liebe. Die Natur erwachte; doch mein ſonſt ſo reger Sinn dafuͤr blieb von wuͤſten Traͤumen befangen. Alle Blumen kamen wieder und hauchten lebendigen Odem.— Er blieb aus, und ich hielt ihn fuͤr todt. So oft ein Blatt rauſchte, bebte ich wie eine Espe, und tauſeud Taͤuſchungen wandelten mich erſchuͤtternd an. Nun kam die froͤhliche Erndte; ich aber hatte nur mit Thraͤnen geſaͤet, die ich im Ver⸗ borgenen weinte, und keine goldne Hoffnung hat mir Frucht getragen.“ Eliſabeth beugte ihr Ge⸗ ſicht in die weiße Hand. „Und doch“ ſprach ihr Vater mit erhobener Stimme und ſich erhebend anu Freude immer — 40— wieder aufgehen den frommen Herzen! und Die mit Thraͤnen ſaͤen—— Du kennſt den verheißen⸗ den Spruch: Faſſe Muth mein Kind! und folge ihm fuͤrder nicht mehr mit quaͤlender Sorge um ſein Ergehen. Sein Weg iſt Labyrinth— doch:— der Ausgang zeigt oft wunderbar, daß Gottes Rath voll Liebe war! Wir aber wollen nun ge⸗ hen; die Sonne brennt mir auf den Scheitel.“ „Ich moͤgte zuvor das Innere der Burg ſehen!“ ſagte Eliſabeth, und ihr Blick weilte an den ſpitzwinkeligen Fenſtern. „Das moͤgte ich auch,“ antwortete ihr Va⸗ ter:„allein es iſt ſtill wie im Grabe, der Haus⸗ waͤrtel ſcheint ausgeflogen. Er machte ein paar Schritte gegen den Eingang. In dieſem Augen⸗ blicke oͤffnete ſich die Thuͤre, und ein junger Mann, von ſchlankem, hochgeſtalteten Wuchſe trat heraus. Sein Angeſicht war blaß, der Strahl ſeines Auges leuchtete uͤber edlen, bleichen Zuͤgen; es war, als ob der gaſtfreundliche Geiſt der Burg die Frem⸗ den einzuladen kaͤme. Er gruͤßte hoͤflich aber ſchweigend, und machte Miene, an dem Geiſtlichen und ſeiner Tochter langſam voruͤberzugehen. Der Paſtor faßte ſich ein Herz, und redete ihn alſo an:„verzeihen Sie, mein wertheſter Herr, eine beſcheidene Frage! waͤre es wohl er⸗ laubt, die zu beſehe Fremde, ſelbſt bir Die Leu ſind ſeu wartet Beſche El ſcheinun ſeitwärt einem le bitten; falles, ten Zeit Si Gegenſt Elſſaber den S keit ge werthe C Bidder Ihr chenha die an nd Die theißen⸗ a folge rge um doch:— Gottes nun ge⸗ cheitel.” Burg eilte an ihr Va⸗ Haus⸗ in paar⸗ Augen⸗ Mann, heraus. s Auges war, als je Jrem⸗ ich aber iſtlichen en. dredete etheſter vohl el⸗ laubt, die Burg und ihre Gemaͤcher von Innen zu beſehen?“—„Warum nicht?“ laͤchelte der Fremde, und wendete ſich ſchon ruͤckwaͤrts:„ich ſelbſt bin ſogleich bereit Ihr Cicerone zu ſeyn. Die Leute, denen hier die Aufſicht anvertraut iſt, ſind fruͤh ausgegangen, nur ein altes Muͤtterchen wartet des haͤuslichen Heerdes, ich aber weiß Beſcheid.“ Eliſabeth war uͤber dieſe unvermuthete Er⸗ ſcheinung betroffen. Sie betrachtete den Fremden ſeitwaͤrts, wie mit furchtſamer Scheu, und konnte einem leichten Zittern der Ueberraſchung nicht ge⸗ bieten; doch ihr Vater freuete ſich laut des Zu⸗ falles, der den gefaͤlligen jungen Mann zur rech⸗ ten Zeit herbei gefuͤhrt haͤtte. Sie traten ein, und dieſe alterthuͤmlichen Gegenſtaͤnde, in ihrer Neuheit fuͤr die kindliche Eliſabeth, ließen ſie den Fuͤhrer vergeſſen, der mit den Schluͤſſeln voranging, und ihre Aufmerkſam⸗ keit geſchickt und ſinnreich auf alles Bemerkens⸗ werthe lenkte. Eliſabeth ſtand ſtumm vor den lebensgroßen Bildern der Ritter und Frauen auf dem Saale. Ihr Blick beſeelte dieſe Gemaͤlde, und mit maͤd⸗ chenhafter Neugier muſterte ſie die fremde Tracht, die antike Faſſung des Schmuckes, den ſeltſamen Haarputz, die Steife des enggeſchnuͤrten Bruſt⸗ latzes, und jegliche Schoͤnheit der gemalten Form, ewig neu, und ewig dieſelbe wie die ſchaffende Natur. Ihr Vater hingegen aͤußerte ſich wie ein Phyſiognomiſt aus Lavaters Schule; er ließ ſich inzwiſchen dieſe Familien-Gallerie nennen, und einiges Hauptſaͤchliche aus ihren Schickſalen erzaͤhlen, welches alles er mit wiederholender Ge⸗ nauigkeit in das Gedaͤchtnißbuch dieſes Tages notirte. Nun ging es in die Zimmer. Mit leiſen Schritten, als wolle ſie die ſchlafenden Geiſter der Vorzeit nicht wecken, ſchlich Eliſabeth uͤber die Diele. Sie betaſtete hier oder da ein Ge⸗ raͤth ſo ſacht, als fuͤrchtete ſie, es koͤnne wie eine Mumie zuſammenfallen. Der Paſtor aber ſah ſich mit einer gewiſſen, philoſophiſchen Ehrfurcht in dem Hausrathe der Verſtorbenen um, er trat muthig auf, und bald in dieſe, bald in jene Ecke, der koͤſtlichen Ausſicht zu genießen. Mit weitge⸗ oͤffneter Seele lag Eliſabeth an dem Fenſter des Erkers, und ſchauete hochentzuͤckt hinab in die gruͤnen, tieſen Gruͤnde, waͤhrend ihr Vater vor einem kleinen Pult mit Leder bezogen, ſtand, und in begeiſtertem Wunſche ſprach:„hier moͤgte ich die Dispoſition zu einer Predigt machen! ein Blick in Schreibfe Er ordne Der Streifli herbſtlic ſch ſeb werth, „L auch? do Dggon! it ſonſt geſſener, ben nur TWandsb Dergniͤg muß ma Deſſeres Vo kehnſeſſ konnte ſeelung, voll ge Werk d hoch d tereſſe Bruſt⸗ Form, ffende ) wie rließ ennen, ckſolen er Ge⸗ Tages leiſen zeiſter uͤber Ge⸗ je eine ah ſich ht in 7 trat Ecke, veitge⸗ er des n die r vor , und te ich ein —— — 43— Blick in das Paradies da draußen— und die Schreibfeder truͤge mich wohl in den Himmel!“ Er ordnete in Gedanken das Thema. Der Fremde ließ die leuchtenden Augen wie Streiflichter auf den Umriſſen und Farben der herbſtlichen Landſchaft ſpielen, und ſagte wie zu ſich ſelbſt:„ja, wunderſchoͤn iſt Gottes Erde, und werth, darauf vergnuͤgt zu ſeyn!“ „So kennen Sie den guten, alten Claudius auch? das freut mich in der That!“ rief Paſtor Dagon mit froher Stimme, und ſetzte hinzu:„er iſt ſonſt den Juͤnglingen der jetzigen Zeit ein ver⸗ geſſener, wo nicht verachteter Saͤnger. Die ha⸗ ben nur ihren Goͤthe, ihren Gott!— Der Wandsbecker Bote hat mir und Andern manches Vergnuͤgen gebracht, und ich denke, das Gute muß man in Ehren halten, wenn es auch durch Beſſeres verdraͤngt worden waͤre.“ Von einem Gemach, moͤblirt mit grandioſen Lehnſeſſeln, die in Kreuzſtich ausgenaͤht waren, konnte Eliſabeth ſich kaum losreißen. Die Vor⸗ ſtellung, daß jene Finger, welche dieſe Arbeit kunſt⸗ voll gefoͤrdert, laͤngſt verſtaͤubt waͤren, da dies Werk der Nadel und eines unendlichen Fleißes noch daſtuͤnde, regte in ihr ein contemplatives In⸗ tereſſe dafuͤr an. Mittlerweilen ſtand ihr Vater im naͤchſten Zimmer vor einem koſtbar ausgeleg⸗ ten Schrein, mit antiken Trinkglaͤſern gefuͤllt. Seine Augen blitzten, da er ſie betrachtete. Der Geiſt des Weines, der von Noahs Zeiten an, des Menſchen Herz erfreut, ſtieg aus der cryſtallnen Tiefe, und kam uͤber den guten Paſtor, dem der Segen der Traube nur ſelten zu Theil geworden war, und berauſchte ſeine Einbildungskraft. Er ſah die feſtlichen Gelage, wobei dieſe Pocale ge— braucht worden waren— eine Tafelrunde von Schatten!—„Auch die Todten ſollen leben!“ ſo toͤnte ihm der Klang verſtummter Toaſte durch die Hallen der Phantaſie. In ſuͤßer Verwirrung haftete ſein Blick lange an den eingeſchliffenen Arabesken, an den bunten, kleinen Wappenſchil⸗ dern vergangener Geſchlechter. Er verglich den kuͤnſtlichen Bau des Schrankes in ſeiner innern Saͤulenordnung dem Tempel Salamonis, und ſprach manches Wort, das geiſtliche Freude ihm eingab. Nun fuͤhrte der fremde Caſtellan den Paſtor und ſeine Tochter hinauf in die Ruͤſtkam⸗ mer, und dann abwaͤrts in das Verließ; zwiſchen inne ward die Hauscapelle in Augenſchein genom⸗ men, und Eliſabeth betete hier frommer Uebung treu, ein Vaterunſer. Der Juͤngling zeigte ihnen in dem Bilde der Madonna ein Conterfey der Burggeä verſamm End wieder beth ert Vater! ſe ma anſehen keden. nehmen das Ri ſchoͤnen übtigten beth nei er wiſſe noch da uͤberaus „0 der J „und Vargn die ſe L Haush ſchen n gleich geleg⸗ fuͤlt. Der des allnen m der votden . Er le ge⸗ von ben!“ durch irrung ffenen enſchil⸗ h den innern 1 und d ihm an den iſckam⸗ wiſchen genon⸗ gebung ihnen ey der Burggraͤfin, die nun auch ſchon zu ihren Vaͤtern verſammelt waͤre. Endlich traten ſie durch die hintere Thuͤre wieder in das Freie, und als der Fuͤhrer Eliſa⸗ beth ertappte, wie ſie ſichtlich fortſtrebend, ihrem Vater leiſe zuwinkte, bat er auf die artigſte Weiſe, ſie moͤgten ihn dermalen fuͤr den Wirth der Burg anſehen, und, um in der Sprache ihrer Zeit zu reden: einen kleinen Morgen⸗Imbiß bei ihm ein⸗ nehmen, der bereit ſtehe; dann wolle er ſie auf das Rieſengrab, in den Grund, und zu allen ſchoͤnen Ploͤtzen begleiten, die ihrer Anſicht noch uͤbrigten. Der Paſtor verbeugte ſich tief, Eliſa⸗ beth neigte ſich ein wenig und ihr Vater ſprach: er wiſſe nicht, wie er zu dieſer Guͤtigkeit kaͤme, noch daß er die Ehre haͤtte den Namen eines ſo uͤberaus gefaͤlligen Gaſtfreundes zu kennen. „Nennen Sie mich Alcindor“— antwortete der Juͤngling laͤchelnd nach fluͤchtigem Sinnen: „und machen Sie Sich kein Bedenken, mir das Vergnuͤgen dieſes Morgens vollſtaͤndig zu goͤnnen. Sie ſehen, ich bin hier eingerichtet.“ Er wies bei dieſen Worten auf die alte Haushuͤterin, welche ein paar verſiegelte Fla⸗ ſchen nebſt guten Eßwaaren herbei hrachte, und gleich einer unſcheinbaren Fee, nur weniger ſchnell— fuͤr ein artiges Tiſchlein decke dich! ſorgte.— „Alcindor?“ wiederholte der Paſtor in etwas unbefriedigten Tone:„dieſen Namen kenn ich nur aus einem Zauberſpiele unſeres verehrten Gellert. Ein Vorname wahrſcheinlich, oder ein angenom⸗ mener vielleicht?“ Eliſabeth wendete die Augen flehend in Dis⸗ cretion, ihrem Vater zu, hielt aber ſeine Frage nicht zuruͤck, worauf die Antwort erfolgte:„ein Name jedenfalls, Herr Paſtor, und genuͤgend als ſolcher; es iſt ja doch nur der aͤußere Schluͤſ⸗ ſel fuͤr die naͤhere Bekanntſchaft der Perſon, und fuͤr das innere Seyn und Weſen, daher gleich⸗ guͤltig, ob von gutem Klang, oder verbrauchtem Metall, ob ein patriarchaliſcher Bart daran haͤnge, oder ob er kurzweg geſtutzt ſey.“ „Ich bin Ihrer Meinung nicht ſo ganz, mein werther Herr Alcindor,“ widerſprach der Paſtor hoͤflich doch feſt:„indem ich dem Namen eines Menſchen ſogar Einfluß auf ſein Schickſal einraͤume; dieſer Glaube iſt mir wie ein Evan⸗ gelium, und die Bibel ſelbſt leiſtet mir dafuͤr heilige Gewaͤhr.“ Alcindor laͤchelte und ſchwieg. Er loͤſete die Siegel von den Flaſchen, ſchenkte behende ein, und das da er der blicken ſ und nip ſch die Aceindor kalten Cliſabe ſicher 2 und aß, Vergluft hen, wor vorherrſc Al Enthalt muß mic noch Br heit uͤbe (lſedett nahme ſchien 6s nun ſeit weilte 9 Strom diesmal den dieſe dich! etwas ch nur ellert. enom⸗ Dis⸗ Frage „ein auͤgend ſchluͤſ⸗ , und gleich⸗ uchtem haͤnge/ gand⸗ ch der Namen hickſal Evan⸗ dafuͤr e ein, — 47— und das Angeſicht des wackern Dagon glaͤnzte, da er den Wein, purpurn und golden, im Glaſe blicken ſah. Eliſabeth genoß nur wenige Biſſen, und nippte jungfraͤulich dazu, waͤhrend ihr Vater ſich die Gaben Gottes vortrefflich ſchmecken ließ. Alcindor ſelbſt war aͤußerſt maͤßig im Genuß der kalten Speiſe und des feurigen Trankes, und Eliſabeth ſah mit ſtillen Beifall, mit welch zier⸗ licher Art er den Fluͤgel eines Huhns zerlegte und aß, und wie viel mehr bewußt, er die klare Bergluft in ſich ſog, als den edlen Saft der Re— ben, woraus ſie ſchloß, er muͤſſe ein Mann von vorherrſchendem Geiſt, und guter Erziehung ſeyn. Als ihr Vater ſich dieſer ungewoͤhnlichen Enthaltſamkeit verwunderte, ſagte Alcindor:„ich muß mich in Acht nehmen, Herr Paſtor, da ich noch Brunnen trinke, und weil meine Geſund⸗ heit uͤberhaupt der groͤßten Schonung bedarf.“ Eliſabeth ließ hierauf den Blick voll ſanfter Theil⸗ nahme uͤber ſeine Geſtalt gleiten, doch Alcindor ſchien es nicht zu bemerken. Er ſprach:„ich bin nun ſeit drei Monaten in Salzbrunn, und ver⸗ weilte gern noch an der einſamen Quelle, als der Strom der Gaͤſte nach und nach verſiegte, der diesmal ſo ſtolz und praͤchtig rauſchte. Sie haͤt⸗ ten dieſe Fluth von Menſchen, dieſes Auf- und 48— Abwogen ſehen ſollen! jetzt iſt tiefe Ebbe daſelbſt, und auch ich werde nun fort.“ Im weiteren Verlaufe des Geſpraͤchs gab Alcindor zu erfahren, daß er von Geburt ein Schleſier, und der Sohn eines Mannes waͤre, der aus Neigung das Nebengeſchaͤft treibe, ſich mit Antiquitaͤten abzugeben. Dieſer Hang habe ſich auf ihn vererbt, und er wiſſe nichts Lieberes, als verfallene Kunſtſchaͤtze und Seltenheiten auf⸗ zuſpuͤren. „Meine Freunde,“ redete Alcindor von ſich ſelbſt:„nannten mich ſcherzweiſe: das gothiſche Fenſter, weil das Licht der Erkenntniß nur in dieſer Form, im bunten Geflimmer romantiſcher Glasmalerei in meine Seele fiel. Die Verhaͤlt⸗ niſſe worin ich geboren war, erlaubten mir, die⸗ ſem angeſtammten Triebe zu folgen; ich ſtudirte Kunſt und Alterthum, und wußte eigentlich nicht, was aus mir werden wuͤrde. Da— haͤtte ein ungluͤcklicher Zufall dieſe verhaͤngnißvolle Frage bald geloͤſt, und mich zu einem Aſchenkruge ge⸗ macht; doch mein Vater wuͤrde wohl eher all ſeine etruriſchen Vaſen und Opfergefaͤße zerbrochen ſehen wollen, als ſein Herz in dem Schmerze, die Urne mit dem traurigen Reſte meines Daſeyns in in die 6 zu muͤſſe Pa auf die weinken; dieſen liebens froher „0 nach ei angeſied eine ſcht die Ber vinz, ih und wi von der Traͤume etzäͤhlt, Alein. hendere ih hät und in dieſer des Hi ſelbſt, s gab t ein waͤre, ſich 3 habe ebeles/ auf⸗ zn ſich thiſche nut in ntiſcher gerhaͤlt⸗ it, die⸗ ſtudirte hnicht, itte ein e Frage uge ge⸗ all ſeine tbrochen chmetze⸗ aſenns in h zu muͤſſen.“ Paſtor T — 5— fand hierauf V trinken; auch Cn wede h ſaeeen rnennen vnne h ent, 3 Alcindors zu lbenswäͤrdigen 2 9 wen ne — Maͤdchen mit hen eenetegenn tanee erer, lebens⸗ nach einer e dun neten angeſiedelt habe herre„na. ae eine ſchuldige R 13 nane ver — uͤckſicht zu verſtoße 2 ee zenat d e Ldeurhen meiner den 8 1n. — den fluͤſtern in mein Tasn Ne⸗⸗ von den nder venades benre ufoas⸗ d den en ſorasn des Lehens, 35 irenef — enn die gute ce 1 ze iidh Allein— was dulie gütpm dff erawau nie erreu nuun. anft einſchlaͤft henhne⸗ 38 en kenme ich egen⸗ 2 ane und in gewilen bier ruhen und— dieſer Felſen Anue dhe ebeaeen d„urlenennenn Grab wuͤrde Seerhoßs, us bend verla znchine, 2nh he waas waie — hn lebend und lie⸗ 7 4 —- 50— So offenbar bedeutſam der junge Mann dies ſagte, wobei er einen ſprechenden Blick der großen braunen Augen auf die erröthende Eliſa⸗ beth warf, ſo fiel es doch weder dem Paſtor auf, noch daß die ahnungsloſe Beſcheidenheit des Maͤd⸗ chens von dieſem letzteren Worte ſeiner Rede den Schluß gezogen, hiermit waͤre eine ſchnelle Erobe⸗ rung ausgeſprochen. Nur ein Gott rief die Farbe der Freude, daß der Juͤngling lebte, auf dieſe holde, ſterbliche Wange!— Sie ſah ihn offen mit ruͤh⸗ render Unſchuld an; doch fuͤhlte ſie zugleich, daß ihre Liebe einem Andern gehoͤre. Es trat jetzt eine Pauſe in der Unterhaltung ein.„Eliſabeth!“ ſagte ſeelenvergnuͤgt der Pa⸗ ſtor, und reichte ſeiner Tochter die Hand, welche ſie kuͤßte,„wie herrlich iſt dieſer Morgen! nicht wahr, mein gutes Kind?“ „Eliſabeth!“ wiederholte Alcindor mit dem Accent der Empfindung, und einem Wohllaut in der Stimme, der harmoniſch wirkte,„ein ſchoͤ⸗ ner Name! es toͤnt etwas Hohes darin. Es iſt mir, als hoͤrte ich in ihm jene heilige Harfe von dem Gebirge des gelobten Landes heruͤberrauſchen, die den Lobgeſang der Maria aufbewahrt. Jene Eliſabeth muß eine erhabene weibliche Seele ge⸗ weſen ſeyn, denn ſie war der Freundſchaft fahig, Gluͤck d Ddi eigentli Vunde weit a Wort, Thuͤri „ ſreundl ſtimmen vertrauf ſen ath aur 9 Entauß kran e, jene ff und 9. ſſ wi es mir gemalte 8 7. rief d Mann ck der Eliſa⸗ auf, Maͤd⸗ de den Crobe⸗ Farbe holde, ruͤh⸗ „daß altung er Pa⸗ welche nicht iit dem laut in in ſchd⸗ Es iſt rfe von ꝛuſchen/ Jene fele ge⸗ ſchaft 51 faͤhig, und der Freude, an dem vorgezogenen Gluͤck der Gott erkorenen Jungfrau.“ Dieſe Aeußerung verſetzte den Paſtor in ſein eigentliches Gebiet. Er wollte anheben von den Wundern der chriſtlichen Geſchichte, und holte weit aus,— doch Alcindor ſiel ihm ſchnell ins Wort, und ſprach weiter:„dann Eliſabeth von Thuͤringen! dies iſt meine Heilige.“ „Meine auch!“ nickte ihm Eliſabeth Dagon freundlich zu, und fuͤhlte ſich in dieſer uͤberein— ſtimmenden Verehrung dem fremden Juͤnglinge vertrauter.„Dieſe fromme Fuͤrſtin,“ fuhr er fort:„iſt mir ein Ideal der zarteſten Frauen⸗ milde und religioͤſen Hingebung, ihr ganzes We⸗ ſen athmet Demuth und Liebe. Sie fuͤhlte ſich nur groß im Dienſte wohlthaͤtiger Pflichten, Entaͤußerung war ihr Genuß, und ein Dornen⸗ kranz der Leiden ihre liebſte Krone. „Haͤtte die edle Landgraͤfin ſpaͤter gelebt, jene finſteren abtoͤdtenden Begriffe wuͤrden Licht und Lebensfuͤlle in ihr geworden ſeyn.— Sie iſt, wie ſchon geſagt, mein Idol, und doch hat es mir noch nicht gelingen wollen, ein recht gut gemaltes Bild von ihr irgend wo anzutreffen.“ „Mein Wertheſter! da kommen Sie zu mir!“ rief der Paſtor flammend vor Luſt, bei dieſer 4* gaſtlichen Bitte, und ſetzte hinzu:„ich darf mich ruͤhmen, daß unſere Kirche, obwohl eine beſchei⸗ dene Tochter des evangeliſchen Kultus ſolch einen koͤſtlichen Schatz beſitze. Sie ſollen mir herzlich willkommen ſeyn.“ Nicht allein das gegenwaͤrtige Gefuͤhl, wie verbindlich ſich dieſer fremde junge Mann gegen ihn und ſeine Tochter benommen, geſteigert durch die begeiſterte Stimmung des Gemuͤths, ſondern auch ein Nachempfinden von Eliſabeths Erzaͤh⸗ lung, was den redlichen Paſtor bedauern ließ, ei⸗ ner gaſtfreundlichen Uebung verluſtig gegangen zu ſeyn, machte ihn dringend in dem Wunſche, Aleindor moͤgte ſeine Einladung annehmen. Er warf ſeiner Tochter einen Blick zu, der von ihr zu fordern ſchien, daß ſie ihn kindlich darin un⸗ terſtuͤtze. Eliſabeth aber ſchlug die Augen nieder, und ſchwieg. Sie fuͤhlte zu fein, um den Ent⸗ ſchluß Alcindors, der mit der Antwort zoͤgerte, foͤrdern zu wollen; doch fluͤchtig wie der Son⸗ nenſtrahl, ſuchte ihr Gedanke der Liebe Den, der ſcheu von der Schwelle ihres vaͤterlichen Hau⸗ ſes zuruͤckgewichen war, und ohne Raſt und Ruhe umher irrte, er muͤßte ſie denn im Grabe gefun⸗ den haben. Und ſie ſeufzte aus tiefer Bruſt, da ſie dies dachte.* de Tochter als wuͤr gentheil chen, E ſch bei 5 verma⸗ dete ſi nſo dͦ meines Gemaͤld wie der Sie ne D wwußtſen Vlick Gefühl Angeſt dß er rend i der he Aleind hen, u gen in 1 mich ſchei⸗ einen rzlich wie gegen durch ndern rzaͤh⸗ , ei⸗ angen nſche, . Er eu lhr n un⸗ neder, Ent⸗ zgerte, Son⸗ Den, Hau⸗ Ruhe gefun⸗ Gruſt/ Der Paſtor fuͤrchtend, er haͤtte damit ſeiner Tochter eine ſtille Beſchwerde auferlegt, ſagte, als wuͤrde ein Laut ihres Mundes ihn vom Ge— gentheil uͤberzeugen:„ſprich doch auch ein Woͤrt⸗ chen, Eliſabeth! und rede Herrn Alcindor zu, es ſich bei uns gefallen zu laſſen!“ „Wenn Ihnen der gute Wille zu genuͤgen vermag,“ erwiderte hierauf Eliſabeth, und wen⸗ dete ſich in lieblicher Verlegenheit an Aleindor: „ſo duͤrften ſie es nicht bereuen, den Wunſch meines Vaters zu erfuͤllen. Die Schoͤnheit des Gemaͤldes wuͤrde Ihren Kunſtſinn befriedigen, wie der Gegenſtand Ihr Intereſſe dafuͤr, und Sie nehmen vorlieb, wie Sie uns faͤnden.“ Dabei erroͤthete Eliſabeth ſchamhaft im Be⸗ wußtſeyn ihrer haͤuslichen Armuth. Alcindors Blick weilte mit jener Andacht, welche das reinſte Gefuͤhl der Schoͤnheit iſt, an der Roſe Ihres Angeſichts, bluͤhend in holden Reizen. Er dachte, daß er kein ſchoͤneres Bild ſehen koͤnnte. Waͤh⸗ rend ihm nun Paſtor Dagon von den Roſen der heiligen Eliſabeth zu erzaͤhlen begann, meinte Alcindor ihres lebendigſten Anſchauens zu genie⸗ ßen, und jenes beruͤhmte Altar⸗Blatt trat dage⸗ gen in den Schatten. „Ich nehme Ihre Guͤte mit dem groͤßten Vergnuͤgen an,“ ſagte er hierauf:„und bin 73 durch nichts gehindert, Sie nach Ihrem Wohn⸗ Plane m orte zu begleiten. Der letzte Becher am Brun⸗„wir T nen iſt bald geleert, und mein Pferd, wie ein Die Ab Waͤgelchen, fuͤr den Gebrauch im Gebirge eigends ſich bei eingerichtet, ſteht bereit.“ wahrſch Als Eliſabeth hoͤrte, Aleindor haͤtte ſeine viel ae eigene Equipage, ſchloß ſie beſtuͤrzt daraus, er Juͤngl muͤßte reich ſeyn, und ein koͤſtlich geſchnittener die wir Stein, den er in einem Ringe am Goldſinger men nu trug, worauf Plutus, vom Gluͤck getragen, und nur akbeiten daran kenntlich war, fiel ihr ſchwer auf das Herz. Oelberg Aber die gluͤckſelige Zufriedenheit ihres Va⸗ Himmne ters ward nicht dadurch geirrt.„So iſt es denn du habe beſchloſſen,“ ſagte er,„wir bleiben heute hier, burg ge um des lieben Fuͤrſtenſteins mit Muße froh zu Oyſet werden, und machen den Nachmittag eine kleine aber n Excurſion nach Salzbrunn hinuͤber; ich moͤgte vergonn der Nymphe des heilſamen Quells eine Libation„ darbringen. Morgen in erſter Fruͤhe, wann die⸗ verſett ſer zeitige Aufbruch Ihnen nicht unbequem iſt,„. reiſen wir ab.“ Er nannte ſein Pfarrdoͤrfchen,. teregt, was wir Goldenſaat heißen wollen, weil es die⸗ ſen Namen uͤppiger Waizenbreiten und des vielen ris gelben Klees wegen fuͤhrte, der auf ſeinen Wie⸗ der Re 4 ſen wuchs. Alcindor genehmigte Alles. den di „Ich denke,“ ſagte der Paſtor, indem er bin ohn Plane machte, und ſich freudig die Haͤnde rieb, run⸗„wir wollen ein Woͤrtchen zuſammen reden. ein Die Abende verlaͤngern ſich merklich, da laͤßt es nds ſich bei einer Pfeife Taback trefflich ſchwatzen; wahrſcheinlich ſind Sie weit gereiſt, und wiſſen eine viel zu erzaͤhlen. Ein herrliches Vorrecht der „ er Juͤnglinge jetziger Zeit! wir armen Paſtoren, ener die wir treufleißig unſern Beruf abwarten, kom⸗ mger men nur vom Weinberge des Herrn, worin wir nur arbeiten, nach Jeruſalem, und von dort auf den er Oelberg, wo wir, wann es Gott geliebt, gen Va, Himmel fahren, ohne die Welt kennen gelernt eh zu haben. Wie gern haͤtte ich einmal die Wart⸗ ſir, burg geſehen, um den Manen Luthers ein ſtilles Opfer geruͤhrteſter Dankbarkeit zu bringen; ) n aber nur ein Schauen im Geiſte war mir bine vergoͤnnt.“ oͤgte„Ich war zweimal auf der Wartburg“— aiion verſetzte Alcindor. die„Wo die Landgraͤfin lebte!“ fiel Eliſabeth n iſ, erregt ein. ſhen„Und wo die Meiſterſaͤnger um den Wett⸗ z die⸗ preis ſangen,“ fuͤgte Jener hinzu:„die Geiſter iilen der Religion, der Liebe und Tonkunſt, uiiſchwe⸗ Wie⸗ ben dieſe ehrwuͤrdigen Reſte.“ 2 — 56— „Jene Lorbeern ſind verweht,“ ſagte der Paſtor:„die heilige Eliſabeth wandelt unter Lilien jener Freuden uͤber dieſer Zeitlichkeit; und drei Jahrhunderte haben das Andenken Luthers in Erz und Marmor gegraben. Aber auch dieſe Denkſteine werden einſt verwittern. Doch das alte Lied: eine feſte Burg iſt unſer Gott! lebt noch, und ſein frommer Sinn wird ewig leben!“ Der wackere Geiſtliche ſprach dieſe Worte mit Weihe und Kraft. Jetzt ſchlug die Schloßuhr; Eliſabeths Ohr zaͤhlte die Schlaͤge. Aleindor und der Paſtor waren zu gluͤcklich geweſen, um auf den Flug der Stunden zu merken. Letzterer leerte ſein Glas mit Dankſagung, und ſtand auf, Eliſabeth und Alcindor folgten. Man ging in den Grund hinab, und Alcindor blieb den ganzen Tag mit ſeinen neuen Freunden zuſammen. Er ließ ſein nettes Fahrzeug von Salzbrunn kommen, fuͤhrte ſie dahin, und bewirthete ſie auf das beſte. Der Paſtor ſtolzirte mit ſichtlichem Behagen in den Gaͤngen, wo die hoͤchſten Herrſchaften gewandelt, und manche kranke und geſunde Bruſt, Athem des Lebens, oder auch Hofluft eingeſogen hatte.— Er ſtreuete philoſophiſche Bemerkungen aus, und ein Spoͤtter, der wie ein verlorner Po I 1 1 ſten zur nannte Ort wa El und ſe Quelle ſar ei dabei Schul göͤttlic D als E zuruͤck nomme len en magiſe als de den 3 horte alles bewe Felſe ſchwe und das — 57— der ſten zuruͤck geblieben war, und ihn ſah und hoͤrte, unter nannte ihn den Prediger der Wuͤſte, denn der und Ort war bereits ſehr leer und ſtill geworden. hers Eliſabeth ſtand in dem Brunnenhaͤuschen, ieſe und ſchaute tiefſinnig in das Geheimniß der das Quelle hinab. Sie dachte:„wo quillt das Heil lebt fuͤr ein krankes Herz?“ und die Thraͤne, welche en“ dabei in ihrem Auge blinkte, ſchwer von der mit Schuld des Geliebten, rollte in das Meer der goͤttlichen Barmherzigkeit. ohr Der Mond ſtand ſchon hoch am Himmel, ſtor als Eliſabeth und ihr Vater nach Fuͤrſtenſtein der zuruͤck kehrten, wo ſie Tages zuvor Quartier ge⸗ glas nommen hatten. Sie ſchienen wie auf Lichtſtrah⸗ und len empor zu ſchweben, und Eliſabeth fand dieſe rund magiſche Beleuchtung der Gegend ſchoͤner noch, mit als den goldnen Schein der Sonne. Sie ſah „ den Tanz der Elfen im flimmernden Thau, ſie ſen hoͤrte die Waſſerorgel im Rauſchen der Baͤche; ijre alles ſtimmte hehr und harmoniſch in den ſanft bewegten Ton ihres Gemuͤths. agen Die Burg nahm ſich wie die Ahnfrau des aſten Felſens aus. In reicher Halbtrauer, grau, mit ruſ ſchwarzen Floͤren beſaͤumt, und ſilbernen Ranken ogen und Borden, ſchauete ſie in bleicher Wuͤrde, auf 1u das verſchwiegene Dunkel der ſchlummernden Gruͤnde hinab; doch in ſchimmernder Helle ragte das Schloß, und die Sterne funkelten uͤber dem ſtolzen Bau. Der folgende Tag ſchlief noch, tiefe Ruhe huͤllte die Thaͤler ein, und das Gebirge hatte ſeine Nachthaube von Nebelſchleier noch nicht abgenom⸗ men, als Paſtor Dagon und Eliſabeth, von Al⸗ cindor begleitet, ſich zur Heimkehr ruͤſteten. Sie fuhren in Alcindors bequemeren Wagen, und er leitete ſein Fahrzeug ſelbſt, die beiden Kutſcher kamen mit dem Gepaͤck in des Paſtors ſchuͤttern⸗ der Flechte traͤge hinten nach. Der Weg verging ihnen bei dem heiterſten Herbſtwetter, und unter mittheilendem Geſpraͤch ſehr angenehm, die Sonne ſchien ihren kurzen Lauf zu beſchleunigen, Berge und Baͤume flogen in luftiger Eile voruͤber, und ⸗ das Abendroth ſaͤumte noch die weſtlichen Fernen, als unſere Reiſenden vor dem Pfarrhauſe in Goldenſaat anlangten. Eliſabeth kehrte doch ein wenig erleichtert und zerſtreut zuruͤck. Sie hatte das Herz voll verſchwiegenem Gram ihrem Vater geoͤffnet, ſeine Mitwiſſenſchaft war ihr ein Troſt, und jetzt be⸗ ſchaͤftigte die Aufnahme des fremden Gaſtes ihr Sinnen und Sorgen zunaͤchſt. 9 —— Del jangen den, m genußrer ſchaft w den, v ters d Sitte ter den nen, u die Pfl dies we Keine! ſie waͤr dete ih then; opfert, äͤpert nen, Worte Murte Luch klaͤrte weilen Tage dung Dem Paſtor war der Gedanke, ſich den jungen Mann, der ihm bereits werth gewor⸗ den, mit in ſein Haus zu bringen, faſt ſo genußreich als die Reiſe ſelbſt. Gaſtfreund⸗ ſchaft war eine ſeiner liebenswertheſten Tugen⸗ den, und der wuͤrdigen Einfalt ſeines Charak⸗ ters vollkommen angemeſſen. Jene fromme Sitte der Patriarchen, die willige Herberge un— ter dem Gezelt der Hirten, Rebekka am Brun⸗ nen, wie ſie Freude ſchoͤpft fuͤr den Freiwerber, die Pflege der Pilger in ſpaͤterer Zeit:— alles dies war fuͤr ihn ruͤhrend und wahrhaft religioͤs. Keine mythologiſche Perſon regte ſeine Phanta⸗ ſie waͤrmer auf, als der alte Philemon. Er nei⸗ dete ihm das ſeelige Loos, die Goͤtter zu bewir⸗ then; auch er hatte ſeiner Pflicht ſtets freudig ge⸗ opfert, und traͤumte es ſich ſuͤß, wenn ſein ent⸗ koͤrperter Geiſt einſt in den Linden um den klei⸗ nen, doͤrflichen Tempel rauſchen wuͤrde. Die Worte des Apoſtel Paulus:„Seyd gaſtfrei ohne Murren: denn ſolchergeſtalt haben Etliche unter Euch ſchon Engel beherbergt!“ bewahrte und er— klaͤrte er mit tiefem ehrfurchtsvollem Sinn. Zu⸗ weilen ſchon hatte er uͤber dieſen freien Text am Tage Sankt Eliſabeth gepredigt, und die Anwen⸗ dung von dem Beiſpiele der Landgraͤfft genom⸗ men. Die Gabe der Rede floß dann gelaͤufiger als ſonſt von ſeinen Lippen, und die volle Schaale aͤchter Salbung war uͤber ihm ausgegoſſen, wenn er ſeiner Gemeine ein mildſeliges Gemuͤth pries, und wie ſich daſſelbe gegen Freund und Feind, gegen Fremde und Fernſtehende verhalte. Er ſagte, wie ſo oft unſer Herr und Heiland ſelbſt in aͤrm⸗ licher Geſtalt an die Thuͤren der Seinen klopfe, zu pruͤfen, ob die Liebe, welche ſeinen Namen traͤgt, darin wohne, und wie der große Geiſt der Natur ſich herablaſſe, an der gebrochenen Kraft einer Blume, den zarten Trieb des Wohl⸗ thuns zu verſuchen. Dann blieb kein Auge tro⸗ cken, und lange Zeit nachher kein Bettler unbe⸗ gabt. Das Auge der Gerechten in Goldenſant wachte, daß keinem lebenden Geſchoͤpf im Be⸗ reiche des Doͤrfchens, oder auch uͤber ſeine Feld⸗ marken hinaus, etwas Uebles wiederfuͤhre, das zerſtoßene Rohr der menſchlichen Schwaͤche fand Schonung bei den Starken, und der goͤttliche Hauch blies den Funken dieſes hoͤheren Lichtes an.— In der Saatzeit wurden auch ewige Koͤrner zu tauſendfaͤltiger Frucht ausgeſtreut, und kam die Erndte: ſo ging das holde Mitleid unter den Binderinnen, und ließ manche volle Aehre den loſen Garben entgleiten, daß die Armen das kaͤrg⸗ liche B und aue Scheuen Vater! B Dagor gnuͤge Miſch Anſche thuͤmli was er Wenn einen C herzlich mit er beſch angewe häher ward Tohn lleine, Vorein richtn ja alles ſchmal den B iger agle denn ies, ind, gte, aem⸗ pſe, nen eiſt nen ohl⸗ tro⸗ nbe⸗ ſut Be⸗ ſeld⸗ das fand tliche chtes örner kam rden den kaͤrg⸗ — 61— liche Brodt nicht allzu muͤhſam ſuchen muͤßten, und auch die Voͤgel etwas faͤnden, die nicht in Scheuern ſammeln, und welche der himmliſche Vater doch ernaͤhrt. Bei ſolcher Geſinnung deren Vorbild Paſtor Dagon genannt werden durfte, war ſein Ver⸗ gnuͤgen uͤber den Beſuch Alcindors eine zarte Miſchung von Theilnahme an den kraͤnklichen Anſchein des jungen Mannes, und von eigen⸗ thuͤmlichem Stolze auf das kirchliche Meiſterwerk, was er dem kunſtſinnigen Gaſte zeigen koͤnnte. Wenn er in ihm einen Boten der Goͤtter, oder einen Engel haͤtte vermuthen duͤrfen: er haͤtte kein herzlicheres Willkommen fuͤr ihn gehabt, als wo⸗ mit er ihn begruͤßte. Alceindor fuͤhlte ſich in den beſchraͤnkten Raͤumen der niederen Pfarre heimiſch angeweht; hier muͤßte der Friede wohnen, der hoͤher iſt, als alle Vernunft! dachte er, und es ward ihm tief in der Seele wohl. Er nahm die Wohnſtube in Augenſchein, waͤhrend Eliſabeth das kleine, gaſtliche Gemach fuͤr ihn ordnete. Seine Voreingenommenheit lieh der abgenuͤtzten Ein⸗ richtung einen idylliſchen Reiz: denn wir ſehen ja alles nur, je nachdem wir es betrachten. Die ſchmalen Fenſter mit duͤrftigem Behang, ließen den Blick durch das morſche Rebengitter in die Freiheit des oͤden Gaͤrtchens ſtreifen, welches zu ſeiner Zeit, der Paſtor im Schweiße ſeines An⸗ geſichts beſtellte. Der breite Kachel⸗Ofen, der manchen kalten Winter hindurch ſeine warme Schuldigkeit gethan, trug auf ſeiner unverzierten Oberflaͤche Flaſchen voll deſtillirender Tincturen, und verſchiedener Hausmittel. Ein Wandſchraͤnk⸗ chen bewahrte den kleinen, defecten Tiſch⸗Service von großblumigen Fayence, und eine Schwarz⸗ walder Uhr daneben, gab die Zeit an, wo er gebraucht wurde. Der kleine Spiegel zeigte, wie gering das Beduͤrfniß der Eitelkeit hier ſey; aber er ſtrahlte in Eliſabeths Bilde, Schoͤnheit und uUnſchuld zuruͤck, er hatte ſeit langen Jahren das Laͤcheln der Zufriedenheit, und die Miene des Redlichen verdoppelt: und Alcindor war geneigt, dies unzulaͤngliche Glas fuͤr magiſch zu halten: denn auch er begegnete ſeinem veraͤnderten Blicke darin, und einer ſo ſeltnen Heitre in ſeinen Zuͤ⸗ gen, daß ihm jeder Gegenſtand im Glanz der Hoff⸗ nung und des innigſten Beifalls leuchtete. Ein altvaͤteriſches Schreibepult, belaſtet mit Amts⸗ blaͤttern, Agenden, Bibel und Concordanz, wel⸗ ches dem Paſtor bequem zur Hand war, wenn er ſchnell eine amtliche Ausfertigung zu machen hatte, nahm großen Platz ein; dicht dabei in einem Vinkel Näͤhe! ſtutte a der Mi ken Q ſe kau 2 tag zu ſtets e Paſtor chen au Preuße Cypteſſ ſchone, der Tr Das j des kl gerichte der K. gebrach heths Buͤmgh auf die ten ſie dort w des E 8 nu Au⸗ der eme erten aren, rank⸗ ervice Varz⸗ Ser wie aber und das des eigt, tten: glicke G zuͤ⸗ Hof⸗ Ein Amt⸗ wel⸗ wenn achen einem — 63— Winkel ſtand Eliſe Naͤhe der ud inüahe neltes Spinnrad büne alſo den— Surren ihres nee er Mi 3 ht. Ueb e es, der Mius,areni bunte utte Viſch in ſe rum alt— ein verwoͤhnter kh ſtar⸗ An der zeun 3t genug gefunden wntde tag zu Vorrag, zin Ren Wand hing der— ſtets ein 3ie dibhehu Hoſaſtich nu eichs⸗ Paſtor; eben ſo ei erhebender Gefuͤhle 5 doch chen aus Koheed Sammnlung kleiner 2 den Preußen, in brder Meſſiade. Ferner: L Vüpfer — Medaillon von Gi uie von ſchoͤne, bleiche Weß daruͤber befeſtiget 8 Li der Lrauer, und K ſah unter vieſem dn das Das jugendliche— davon beſchattet annen des kleinen dohe Profil des Koͤnigs— gerichtet. Lhuen s⸗ wat unſe L Seite der Kronprinz nider war in Ahen a 49 gebracht; kuͤnſtliche ſeine Sumahlin— beths Relief ein Vergißmeinnicht faßten 9 ant⸗ Bluͤmchen aadd e* das dunkle Bla Lliſe auf die hohe, de ,ne A Varze uen ure ten ſie audeute de Stirne nieder Datern dort wie— der Ken ae die holl des Socrates ſah maneiech bluͤhe!— Eine 8 85 weiſer Erhabenheit von— nem — 64— Simſe nieder, und ſchien mit griechiſchem Maß die kleinen Verhaͤltniſſe der Genuͤgſamkeit zu meſſen. Beſeitiget lehnten die Pfeifen des Paſtors, gering und verraucht; die beſte davon, vorzugs⸗ weiſe zu der Ehre beſtimmt, einem werthen Gaſte dargereicht zu werden, lag ein wenig abgeſondert, und zeigte einen Kopf von feinem Parzellan, worauf eine artige Tabackſpinnerin dem Stoͤrer aller Freuden wehrt, der, hohlaͤugig, doch kleid⸗ haft angethan, ſich ihr naͤhern will. Die ab⸗ geneigte Stellung, die ſproͤde Miene des nied⸗ lichen Geſichts, druͤckte den Sinn der Worte aus, die darunter ſtanden:„vor den Tod kein Kraut gewachſen iſt!“ Dieſer Pfeifenkopf war dem Paſtor zum Scherz von einem humoriſtiſchen Freunde geſchenkt worden. Daneben ſtand ein Angebinde Eliſabeths, eine lackirte Wachsbuͤchſe, in dem blanken Stahlgruͤn holte Prometheus den himmliſchen Funken aus flammender Wolke. Alcindor hatte Muße, ſich genau zu orien⸗ tiren: denn der Paſtor gab in ſeiner Studirſtube dem Schulmeiſter Audienz zum Napport, und Eliſabeth hatte in Kuͤche und Kammer zu thun. Er laͤchelte geruͤhrt, da er Stuͤck fuͤr Stuͤck die⸗ ſer haͤuslichen Ordnung betrachtete. Alcindor be⸗ fand ſich in jener Stimmung des Gemuͤths, wo Ovir — wir die wie es giebt, n die ehe Ohren deshert ſen D keit. huͤfrei Vater. d ſeyn, u ruhen bereit, Al der Eng ſirebſan darin. ten H ek, all und 1 der p guten; A Wohlch ihm lu 5 Naß zu tors, zugs⸗ Haſte dert, ellan, toͤrer leid⸗ ab⸗ nied⸗ aus, raut dem ſchen ein chſe/ z den orien⸗ 65 wir die Anſprache lebloſer Dinge verſtehen, ſo wie es hingegen einen Zuſtand der Verſtockung giebt, wo das Idiom der Menſchheit, ja, ſelbſt die eherne Zunge der Weltgeſchichte nur taube Ohren findet. Er war der Meinung, der Lan⸗ desherr haͤtte keinen beſſeren Unterthan, als die⸗ ſen Dorfgeiſtlichen in ſeiner beſcheidenen Wirkſam⸗ keit. Paſtor Dagon erſchien ihm gut, edel und huͤlfreich als Menſch, und gluͤcklich als Eliſabeths Vater. Der Abend verging in traulichem Zuſammen⸗ ſeyn, und nicht allzuſpaͤt, daß der Gaſt ſich aus⸗ ruhen moͤge, leuchtete der Paſtor, im Schlafrocke bereits, zu Bette. Alcindor ſah ſich mit innigem Begnuͤgen von der Enge dieſes naͤchtlichen Logis umfangen, ſeine ſtrebſamen Wuͤnſche fanden Raum und Ruhe darin. Auf dieſem Bette, das Eliſabeth mit zar⸗ ten Haͤnden fuͤr ihn bereitet, wuͤrden, ſo fuͤhlte er, alle Schmerzen ſeiner Seele ſich einlagern, und zu Traͤumen einer beſſeren Welt werden. Der Paſtor verließ ihn mit dem Wunſche einer guten Nacht. Alcindor gab ſeine ermuͤdeten Glieder der Wohlthat des Schlafes hin, jeder Gedanke in ihm lullte ſich ein. Von tiefer Stille umfluͤſtert, 9 3 ſanken ihm die Augenlieder zu, ein Schimmer wankte an der unverſchloſſenen Thuͤr hin und her, ſcheinbar der Mond;— aber es war der Engel die⸗ ſes Hauſes, der ſich zur Wache ſtellte. Sicherer und ſuͤßer hatte Alcindor die Erquickung des Schlum⸗ mers nie gekoſtet. Er erwachte geſtaͤrkt. Die ſpaͤte Aurora hatte eine Tapete von Purpur an das kahle Weiß ſeines Schlafgemachs, gemalt, und es mit Goldzindel drappirt; das aͤrmliche Stuͤbchen blendete Alcindors Auge, aber er oͤffnete es dem muntern Geſichte ſeines Wirthes. Der Paſtor kam ihn zu wecken, und freuete ſich des hellen Morgens, weil Alcindor das Altarblatt nun im ſchoͤnſten Lichte ſehen wuͤrde. Gedraͤngt von froher Ungeduld fuͤhrte er ihn bald nach dem Fruͤhſtuͤck in die Kirche. „Es iſt doch eine ſonderbare Taͤuſchung,“ ſagte der Paſtor auf dem kurzen Gange dahin: „daß, wenn Jemand etwas Schoͤnes zeigt, er ſich als den Eigenthuͤmer und Meiſter davon fuͤhlt. Iſt es eine Ausſicht, eine ſeltne Blume, womit man ein fremdes Auge zu uͤberraſchen gedenkt: ſo wird der Menſch fuͤr einen Moment zum Schoͤpfer aller Dinge; iſt es ein Werk von Men⸗ ſchenhand: ſo empfindet er das goͤttliche Schaffen der Kunſt. Wie oft hat das Gemaͤlde, was wir nun und mach gekon Er uͤbe das ſche heili mit! tung herrn tes, Umſch ſchän an, c Dieſ die ſchlec entwe liebre fort Sc Heite des blatt faͤngt dem ung,“ ahin: , er fuͤhlt. womit denkt: t zum Men⸗ haffen zs wit nun ſehen werden, mir dieſe Freude gewaͤhrt, und mich zum Dankſchuldner des Kuͤnſtlers ge⸗ macht!“ Waͤhrend dieſer Worte waren ſie in die Kirche gekommen, und Alcindor ſtand vor dem Altar. Er athmete tief, eine lebhafte Roͤthe ergoß ſich uͤber ſeine Wangen, der weitgeoͤffnete Blick nahm das Bild in die ganze Seele auf. Der Paſtor ſchwieg eine Minute voll Genuß. „Ja, das iſt Sie! ſo habe ich mir die heilige Eliſabeth gedacht!“ ſagte endlich Aleindor, mit leiſem Entzuͤcken: welch eine weibliche Hal⸗ tung der zarten Geſtalt vor dem zuͤrnenden Ehe⸗ herrn! wie viel liegt in dieſer Beugung des Haup⸗ tes, das die Krone der Vollendung unſichtbar zu umſchweben ſcheint!— Und dieſe Roſen, wie wun⸗ ſchoͤn! man ſieht ihnen den uͤberirdiſchen Boden an, auch werden ſie von einer Seligen getragen. Dieſes himmliſche Geſicht, duͤnkt mich, muͤßte die Frauen uͤber den wahrſten Reiz ihres Ge⸗ ſchlechts belehren, den rohen Sinn der Männer entwaffnen, und dieſe leutſelige Miene, dieſes liebreiche Laͤcheln der Geduld, die Armen fort und fort in Wonne ſaͤttigen. Barmherzigkeit! du Schoͤne! Reine! Milde! voll Einfalt, Demuth, Heiterkeit und Ruh! du allerſchoͤnſter Zug in Got⸗ * 5 — 68— tes Ebenbilde, Barmherzigkeit! wie ſchoͤn biſt du!“— Eine helle Thraͤne rann von Aleindors Wange, er trocknete ſie nicht, und der Paſtor druͤckte ihm die Hand. „Wenn Sie mir vergoͤnnten,“ wendete Alcin⸗ dor ſich nach einer Pauſe zu ihm:„daß ich ſo lange bei Ihnen verweilen duͤrfte, als ich Zeit brauchte, eine Copie von dieſem Bilde zu neh⸗ men“— der Paſtor ließ Alcindor nicht ausreden. „Bleiben Sie, ſo lange es Ihnen beliebt,“ kam er ihm zuvor:„der Gefallen, der dabei erwieſen wuͤrde, iſt auf meiner Seite und geſchieht mir.“ Der gute Paſtor ſagte dies mit redlichem Tone, und nicht etwa wie eine leere Floskel der Hoͤf⸗ lichkeit. „Dann aber,“ entgegnete Alcindor zoͤgernd: „koͤnnte es nur unter einer Bedingung geſchehen, daß ich fuͤr unbeſtimmte Zeit Ihr Hausgenoſſe wuͤrde.“ „Welche? ſagen Sie, Freund!“ fragte der Paſtor in Haſt und Willigkeit. 1 „Daß Sie mir erlauben,“ antwortete Jener beſtimmt, doch mit einem bittenden Anklange, ihm den feſten Willen nicht zu erſchweren:„mich als Ihren Koſtgaͤnger anzuſehen, hinſichtlich der baaren Pflicht, die ich dafuͤr zu bezahlen haͤtte.“ / erwie Anſi der len: doch Luſc verle Laſſ Zwec lieber len, ( maͤnn ander ihm ſch d bens ſeine dori Die zu ze Giſ dauer „O Herr Alceindor, Sie beſchaͤmen mich!“ erwiederte der Paſtor, und trat wie vor dieſem Anſinnen einen Schritt zuruͤck. „Gewiß, das wollte ich nicht!“ verſicherte der junge Mann mit uͤberzeugendem Wohlwol⸗ len:„ich bin und bleibe der Gaſt Ihrer Guͤte; doch nur auf dieſe Weiſe koͤnnte ich nach eigener Luſt und Laune meinen Aufenthalt bei Ihnen verlaͤngern. Mein Beitrag zur Haushaltungs⸗ Caſſe gaͤbe allenfalls einen kleinen Fond fuͤr milde Zwecke ab: denn einem Herzen wie das Ihrige, lieber Herr Paſtor, ſollte es nie an Mitteln feh⸗ len, den Hang des Wohlthuns zu befriedigen.“ So mußte ſich denn der wackre Dagon dem maͤnnlichen Eigenſinne Alcindors fuͤgen, wollte er anders den Juͤngling eine Weile behalten, der ihm lieb und werth geworden war. Noch hatte ſich dieſer ausbedungen, daß in der einfachen Le⸗ bensweiſe, welcher er ſich angeſchloſſen, nichts um ſeinetwillen geaͤndert wuͤrde. Sie richteten ſich alſo ein, als wollte Alcin⸗ dor in der Pfarre von Goldenſaat uͤberwintern. Die lichten Stunden benutzte er, um in der Kirche zu zeichnen; doch der Paſtor, beſorgt fuͤr die Geſundheit ſeines Gaſtfreundes, kuͤrzte die Aus⸗ dauer deſſelben oft genug ab, und nahm ihm den Crayon weg, den Alcindor ſtarr gefroren, manch⸗ mal kaum mehr zu halten vermogte. Wie nun der Kreis des Tages ſich verengte, die Sonnen⸗ blicke ſeltner wurden, fand auch Alcindor ſich in ſeiner kuͤnſtleriſchen Arbeit mehr und mehr ge⸗ hindert, und der Abriß der heiligen Eliſabeth ward nur langſam gefördert. Die Abende ſaßen ſie in haͤuslicher Abge— ſchloſſenheit einmuͤthig beiſammen. Alcindor ſpielte mit dem Paſtor Schach, und die eintoͤnige, ſin⸗ nende Stille dieſes Spiels war der ſchweigſamen Eliſabeth nicht zuwider, welche dann um ſo un⸗ geſtoͤrter ihren Gedanken nachhaͤngen konnte. Am Naͤdchen, das ihr Fuß in leiſem Tact bewegte, glich ſie der Parze, die den Faden des Lebens ſpinnt. Mit einem Blicke voll Tiefſinn, der dies laͤndliche Geſchaͤft zu ſolch einem Sinnbild adelte, mit geſenktem Kopf, daß ſich ihr ſchoͤnes, braunes Haar zuweilen mit der ſilbernen Peruͤcke des Rockens mengte, ließ Eliſabeth das feine, klare Geſpinſt durch ihre roſigen Finger ſchluͤpfen; doch die Seufzer, welche ſie oft dabei aus ihrem Buſen zog, gingen aus dem truͤben Stoffe der Betrach⸗ tung hervor: wie ihre Ruhe auf immer an ein unſeliges Verhaͤngniß geknuͤpft ſey.— Ein an⸗ dermal war ihr Vater in gelehrte, oder politiſche Diſſer chem war, den S der 9 manc niſſen houe botan verwe legen Reiſe ſeine: mit ve ten S tten, ſchreit au fre it w dieſe tete: Blau voll, geſehe kes Diſſertationen verwickelt, und Alecindor, bei wel⸗ chem das poetiſche Princip ſtets vorherrſchend war, behauptete mit wenigen, gelaſſenen Worten den Standpunkt ſeiner Anſichten. Waͤhrend nun der Paſtor ſeine Meinung tapfer verfocht, und manchen tiefgeſchuͤrzten Knoten in den Zeitverhaͤlt⸗ niſſen, gordiſch behandelte, ſchnitt Alcindor Sil⸗ houetten aus freier Hand, oder ordnete eine kleine, botaniſche Sammlung fuͤr Eliſabeth, die jetzt nur verwelkte Freuden in das Buch der Erinnerung legen konnte. Doch wenn Alcindor von ſeinen Reiſen erzaͤhlte, dann horchte der Paſtor und ſeine Tochter in reger Aufmerkſamkeit, wenn gleich mit verſchiedenem Intereſſe. Von ſeinem letzte⸗ ren Sommer⸗Aufenthalte hoͤrte Eliſabeth am lieb⸗ ſten, die Kronprinzeſſin hatte er ihr genau be⸗ ſchreiben muͤſſen; aber immer fand ſie noch etwas zu fragen. So ſagte ſie:„nicht wahr, Ihr Auge iſt wie eine Kornblume? oder wie eine Winde? dieſe hat die ſchoͤnere Farbe, ſie leuchtet gleichſam.“ Alcindors Blick leuchtete auch da er antwor⸗ tete:„das Auge unſerer Eliſe ſtrahlt im eigenen Blau, eine Sonne, ein Himmel. Ihr Blick iſt voll Huld und Guͤte. Mich duͤnkt, Wen ſie an⸗ geſehen, der muͤſſe froh werden, und dieſes Blik⸗ kes nimmer vergeſſen; und ein armes, mattes 72 Bluͤmchen, worauf ſie ſich niedergebeugt, erhoͤbe ſich: denn ihm waͤre Heil widerfahren.“ Eliſabeth hob mit einem anmuthigen Laͤcheln das Haupt in die Hoͤhe; ein Strahl der Hoff⸗ nung belebte die kranke Blume ihres Angeſichts, es war als empfaͤnde ſie den Stolz der Pflanze, welche jenes Vorzugs genoß. „Und iſt Sie nicht zu vornehm, wie ſoll ich ſagen? zu hoch geſtellt— daß man Muth ge⸗ woͤnne, ſich Ihr zu naͤhern?“ fragte Eliſabeth weiter mit ſchuͤchternem Dringen. „Vornehm?“ wiederholte Alcindor:„eben ſo wohl waͤre dieſer Ausdruck praͤdicabel, wenn wir von einem Engel ſpraͤchen. Das wahrhaft Vornehme hebt ſich in unbewußter Wuͤrde uͤberall hervor, und verlaͤugnet nie den Rang ſeiner Na⸗ tur. Die Kronprinzeſſin zeichnet ſich durch Sim⸗ plicitaͤt aus, und iſt doch als Koͤnigliche Hoheit nicht zu verkennen. Unſere Damen, ganz ver⸗ ſunken in Prachtliebe und uͤppigem Putz, haͤtten ſehen koͤnnen, wenn die Eitelkeit ſie nicht blind machte, wie der wahrſte Anſpruch, mit Achtung bemerkt zu werden, das Geheimniß angeborener oder innerer Groͤße ſey. Die Seidenfabrikanten, Galanteriehaͤndler und Juweliere verkaufen fuͤr ſchwer doch 7 Indic im S ſo ſo liche dara üͤbern Dieſe den moͤgen vollen Bethe ſo hal ihrem Sie! des G ſͤrt ſchmi Seb an ſo ſichte gen E vor e ten, hoͤbe cheln Hof⸗ ſchts, kanze, ll ich ge⸗ beth eben wenn thaft berall Na⸗ Sim⸗ Hoheit ver⸗ atten blind htung rrener nnten, n fuͤr ſchweres Geld und ob auch in aͤchter Waare, doch falſche Mittel dazu.“ „Ja wahrhaftig,“ nahm der Paſtor mit Indignation das Wort:„wenn die erſte Frau im Staate als Muſter der Einfachheit vorangeht: ſo ſollten die Damen des Landes dieſes vortreff⸗ liche Beiſpiel beherzigen. Aber ſie denken nicht daran, und wiſſen ſelbſt nicht was ſie mit dieſem uͤberhebenden Aufwande, dieſer Hoffarth wollen. Dieſe Seuchen herrſchen nirgend aͤrger als in den Baͤdern, und rafſen ſchwache Kraͤfte des Ver⸗ moͤgens, und manche ſieche, haͤusliche Tugend vollends hin. Und die Baͤder ſollten doch ein Bethesda ſeyn!— Die Damen ſteigen zur Quelle, ſo habe ich mir ſagen laſſen— als wollten ſie mit ihrem gigangtiſchen Kopfputz den Himmel ſtuͤrmen. Sie machen ſich breit, und nehmen im Drange des Großthuns die erſten Plaͤtze ein. Dies aber ſtoͤrt jeden Begriff von Schwaͤche, das Leiden ſchmiegt ſich gerne in ein ſtilles zuruͤckgezogenes Selbſt. Den Kranken, und nur Solche gehoͤren an ſolche Oerter— ziemt ein beſcheidenes Ver⸗ zichten; aber es fehlt nur zu ſehr an dem richti⸗ gen Sinne, der jede Lage wuͤrdiget. So ſah ich vor einigen Jahren in einem kleinen Wachsfigu⸗ ren⸗Cabinet eine fuͤrſtliche Woͤchnerin. Sie war thurmhoch ins Haar friſirt, und dieſer Lockenbau mit franzoͤſiſchen Federn und blitzenden Agraffen aufgeſetzt, ruhete auf dem Kopfkiſſen, eine Robe, mit goldnen Spitzen beſetzt, rauſchte unter der Bettdecke hervor. Dieſer widerſinnige Anblick, ich muß es ſagen, war mir ſo mißfaͤllig, daß ich mich ſchnell davon wendete.“ Alcindor erwiederte lachend:„jene waͤchſerne Erlauchte mußte es ſich nun freilich gefallen laſſen, daß der Boſſirer ſie zu einer ſo barocken Repraͤ⸗ ſentation verurtheilte; aber es iſt zu verwundern, wie wenig ſich ſelbſt Toͤchter edler Herkunft, auf die Toilette des Geſchmacks verſtehen; der Schluͤſ⸗ ſel dazu paßt auch zu dem Gewahrſam der Schick⸗ lichkeit. Einer buͤrgerlichen Haube iſt ein wenig Ueberladung ſchon eher zu verzeihen.“ „Eine Kleider⸗Ordnung thaͤte Noth!“ be⸗ maͤchtigte der Paſtor ſich mit abſprechender Ent⸗ ſchiedenheit der Rede wieder:„denn es wird taͤg⸗ lich aͤrger mit dem Luxus. Die Dorfleute ſogar, welche ſonſt ſchlecht und recht einhergegangen, tragen ſich uͤber ihren Stand, fordern den Zeug zu einem Sonntagrocke mit ungelenker Zunge in in fremden Namen, und machen die Kaufleute am Jahrmarkt damit zu lachen. Auf unſerer Reiſe nach Fuͤrſtenſtein war es mir, als ob ich über da die Lieb ergoͤtzte der let Stroh) ben fl aus w in ſol dachte und un begleit A milde Taacht Oberfd ſind do 1 iſchrei den C So w „ Daſtor wie worun ſeeht, Hochm bau uffen dobe, der blick, 1 ſerne aſſen/ epraͤ⸗ dern, auf hluͤſ⸗ chick⸗ venig be⸗ Ent⸗ d äg⸗ ſogat/ angen/ Zeug nge in üfleute inſerer ob ic uͤber das Theater fuͤhre, und den Herbſttag, oder die Liebe auf dem Lande ſaͤhe, welche Stuͤcke mich ergoͤtzten, da ich ein Knabe war. Die Dirnen, mit der letzten Obſtleſe beſchaͤftiget, hatten ſchiefe Strohhuͤte auf, von denen Baͤnder in allen Far⸗ ben flatterten, und die jungen Burſche ſahen aus wie Damon und Myrtill. Es verſetzte mich in ſolch eine Taͤuſchung, daß ich jeden Augenblick dachte, ſie wuͤrden ein zaͤrtliches Duett anſtimmen, und uns mit Trillern und Cadenzen unſerer Wege begleiten.“ „Laͤndlich! ſittlich! guter Vater;“ ſagte die milde Eliſabeth:„denke nur an die theatraliſche Tracht der Schweizer Cantone, die wir neulich bei Oberfoͤrſters ſahen. Und dieſe Toͤchter der Alpen ſind doch unverdorbene Kinder der Natur.“ „Der Zeitgeiſt,“ nahm Alcindor das Wort: „ſchreitet uͤber die Buͤhne der Welt in wechſeln⸗ den Geſtalten und Formen; das Weſen bleibt. So war es, ſo wird es ſeyn.“ „Es giebt jedoch Zeiten,“ antwortete der Paſtor im weiteren Verlaufe der Sittenpredigt: „die das ſogenannte boͤſe Weſen haben, als worunter man gewoͤhnlich die fallende Sucht ver⸗ ſteht, die ich unter dieſem Bilde, eine Folge des Hochmuths nennen will. Der Menſch aber iſt — 76— berufen, jeder Tugend, jedem Lobe nachzuſtreben, und auf der Leiter der Vollkommenheit von Stufe zu Stufe emporzuſteigen. Statt deſſen findet man nur leidige Ueberhebung. Eine veraltete Mode iſt es, daß ein Weib ſich als die Perle des Hauſes bewaͤhrt, welcher Schmuck ſoll nicht aus— wendig ſeyn, mit Haarflechten und Goldumhaͤn⸗ gen, oder Kleideranlegen; ſondern der verborgene Menſch des Herzens, unverruͤckt mit ſanftem, ſtillen Geiſt, das iſt koͤſtlich vor Gott!“ Der Paſtor reichte bei dieſen Worten ſeiner Tochter die Hand, welche Eliſabeth ſchweigend und be⸗ ſchaͤmt, an ihre Lippen zog. Die Bewegung war ſo redend: er gab ihr mit vaͤterlichem Rechte den Preis dieſer frommen, weiblichen Tugend. Dieſer aͤrgerliche Eifer war ſonſt dem guten Geiſtlichen nicht eigen, der als ein Juͤnger der Liebe, die Lindigkeit ihrer Lehre gern kund wer⸗ den ließ an Jedermann. In dieſem Geſpraͤche bemerkte Eliſabeth, welche einen feinen Sinn der Beobachtung beſaß, daß der Ton ihres Vaters eine ungewoͤhnliche Gereiztheit haͤtte. Dies war der erſte, leiſe Anfang eines großen Kummers fuͤr das ſchon bedruͤckte Herz. Ihr Vater, der ſich in der Anweſenheit eines lieben Beſuches auf laͤngere Zeit, haͤuliches Ver⸗ — — gnuͤgen ſch kraͤ gen der in eine als frͦ die er Paſto ermat Beſch wechſel Seite. haftes und mi borits. fand d Stimm heitern um ihn pannte gen we jeßt T Wiish ſe ha ſedes( den he ds S eben, Stufe indet altete e des aus⸗ mhaͤn⸗ orgene iſtem Der ochter d be⸗ war den . guten r der wer⸗ pyrͤche n der Vateks 66 war mmers t eines Ver⸗ —- 77— gnuuͤgen und Frohſeyn eingebildet hatte, fing an, ſich kraͤnklich zu klagen, wie ſehr er ſich auch ge⸗ gen den unwillkommenen Gaſt ſtraͤubte, der ihn in einem Uebel heimſuchte, das diesmal ſtaͤrker als fruͤherhin anklopfte, und ihm die Freude auf die er gehofft, neidiſch wegzuzehren drohete. Der Paſtor verlor faſt alle Eßluſt, ſein Schlaf war ermattend durch unruhige Traͤume, er fuͤhlte die Beſchwerde eines Druckes uͤber dem Magen, ab⸗ wechſelnd mit einem ſtechenden Schmerze in der Seite. Sein Ausſehen veraͤnderte ſich; ein krank⸗ haftes Gelb faͤrbte das Weiße in ſeinen Augen, und miſchte ſich mit der fliegenden Roͤthe des Co⸗ lorits. Schlimmer noch als dieſe aͤußern Zeichen fand die arme, geaͤngſtete Eliſabeth ihres Vaters Stimmung, welche taͤglich tiefer ſank, und keinen heitern Ton mehr anſchlug, waͤhrend die Sorge um ihn die zarten Saiten ihres Gemuͤths uͤber— ſpannte, ſo daß ihr manchmal das Herz zerſprin⸗ gen wollte. Jede Kleinigkeit erregte dem Manne jetzt Verdruß, der den Gleichmuth chriſtlicher Weisheit unter allen Vorfaͤllen des Lebens bewie⸗ ſen hatte. Sonſt ohne Arg und Aerger gegen jedes Geſchoͤpf, von einer Taubenfriedſamkeit die den heiligen Geiſt offenbart, empfand er nunmehr das Summen einer harmloſen Fliege als den 4 uhe ſtoͤrte. Daͤmons, der dnenau ſanft Hohn eines n Eliſabeths Naͤdchen wie das Keifen Der S5 ſchnurrte ihm ißn Varee zu ſcho⸗ wie ſit 4 he und ſie legte„ Stilleſtand auf, des Miyzdeh iße als Spinnerin Das Schach⸗ 3 eiß 3 nen, ihremn ze. andere Arbeit. uͤr dieſe krank⸗ und waͤhlte ch ein weites Feld 4* wie es oͤf⸗ brett gab 10 n ab. Gewann Aeindor ein beſieg⸗ 2. 4 1 haften Gri 3 9* Parthie: ſo kun kaum ſchwe⸗ terer 3eſihahe verlorene Sühhbhteß die kleine, ter General als der matte Ge zogen ſie denn inden j 0 rer enuindede une im Spiel. or; aber das Ge⸗ hoͤlzerne Unterredung do guten Paſtor . e eine zerſtr Einbildung, was dem ſeiner Worte. ſpenſt der ſchreckhaft aus je ium werde ihn plagte, büche er, das Conſiſtori Sanct Eliſa⸗ uͤrchtete m Valdefürch begeiſterten Reden„veſchutget, daß wegen der r Gericht fordern, Lehre den Bil⸗ beth⸗Tage ur amnger der dnenep, er, den 8 ei; dann— er als Kengefuͤhtr habe; Haihden Amte ſetze. denienſ einaen ſehene der ihn icht dieſer Noth Tod enue jweteng das Vollgew ſie athmete un⸗ Eliſabeth ertrug mer; aber ſie uͤr ſie ill wie im 4 Werth fuͤr zeiaut uneſtuan Michts Lnme moͤgte ih⸗ ter einem die naͤchſte es ihr — nung, So war als die eoſan beſſere ſeyn. S Vater rem faſt g. Behaͤ gemen hielt, Gepre ren L Con heben iſt da Haus wiegt es die Aber funge batlic Jeſche mein ſos w ( ſe ſc dann und gaͤbe, wir von aoͤrte, ſanft deifen ſcho⸗ auf, chach⸗ krank⸗ es of⸗ beſieg⸗ chwe⸗ leine/ denn Ge⸗ Haſtor gorte. e ihn Eliſa⸗ t, daß Bil⸗ t, den tze.— Noth ete un⸗ fut ſie gte ih⸗ es ihr faſt gleichguͤltig, daß ſie in dem kleinen, offnen Behaͤlter, der ihr wirthſchaftliches Ausgebegeld, gemengt mit Scheidemuͤnze fuͤr die Armen, ent⸗ hielt, dann und wann ein Goldſtuͤck vom edelſten Gepraͤge fand. Wer um die Gefahr eines theu⸗ ren Lebens ſorgt, fuͤr Den iſt die Subtilitaͤt der Convenienz nur eine nichtige Sache. Sie gab den Fund ihrem Vater zum Auf⸗ heben, und der Paſtor ſprach mit Apathie:„es iſt das Koſtgeld, was Alcindor unſerem armen Haushalt zahlt; aber er zahlt zu reichlich, und wiegt jedes Koͤrnlein Salz mit Gold auf. Saͤhen es die Leute, ſie ſpraͤchen, ich haͤtte den Drachen. Aber es iſt ein Segen Gottes, der uns in dem jungen Manne einen Troͤſter in der Noth ſicht— barlich beigeſellt hat. So hoffe ich auch, es ſey geſchehen, auf daß, wenn ich ſterben ſollte, Du mein armes Kind, nicht ganz verlaſſen und freund⸗ los waͤreſt.“ Eliſabeth weinte.„O mein Vater!“ ſagte ſie ſchmerzlich:„denke mir nicht an Deinen Tod! dann waͤre die Welt fuͤr mich eine Trauerwuͤſte, und der einzige Raum, den ſie meiner Hoffnung gaͤbe, ein Grab. Alcindor iſt uns ein Fremder, wir kennen ihn ſelbſt nur wenig und ſeit Kurzem; von ſeinen Verhaͤltniſſen wiſſen wir ſo gut als gar nichts: wie ſollte er ſich mit der Sorge fuͤr ein vewaiſetes Maͤdchen befaſſen?“ Paſtor Dagon ſchwieg, jenes fragliche wie? ſeiner Tochter fand eine Antwort in ſeiner Seele: aber eine hoffnungsvolle Idee konnte er jetzt nicht laut werden laſſen. So waren mehrere Wochen vergangen. Der Paſtor, welcher einen Schauder vor jeder Medizin aͤußerte, deren er in einem langen, geſunden Le⸗ ben nie bedurft hatte, war noch nicht zu bewegen geweſen, den Beiſtand eines Arztes zu ſuchen. Eines Morgens nach einer uͤblen Nacht ſagte er erſchoͤpft:„Eliſabeth! nimm doch den alten Man⸗ tel weg, der am erſten Pflock unter dem Vorhange in der Kammer haͤngt. Sobald ich im Bette liege, kommt der Mantel auf mich zu, und dann iſt es ein Doctor. Die Haͤngeaͤrmel ſchlottern, als machten ſie Geſten, fuͤhlen mir an den Puls, oder betaſten mir die Stirnhaut, worauf Angſt⸗ ſchweiß perlt. Aus dem pluͤſchnen Kragen ragt und wackelt ein geſpenſtiſcher Kopf, der ein Examen mit mir abhaͤlt, was mich nicht ſchlafen laͤßt. Ich hoͤre es ſelbſt, daß ich Rede und Antwort gebe, und dieſes fieberhafte Phantasma mattet mich ab. Darum ſperre den Mantel⸗Doctor ein, meine Tochter, auf daß ich hinfort vor ſeinem naͤcht⸗ rücht ſprach daß d beſcha einer reiſen kleine ſchroc ſeaͤulie ihr be kalt d Er ſal und ſ Docto ohne wiſſen füͤder den. der ſie ſer K. er alle der da einen: 7 ange Bette dann ttern/ Puls⸗ Angſt⸗ n ragt ramen lͤßt. ntwort nattet r ein, ſeinem naͤche — 81— naͤchtlichen Beſuch Ruhe finde.“ Eliſabeth ver⸗ ſprach es zu thun. Alcindor merkte hieraus, daß der Gedanke an einen Arzt den Paſtor doch beſchaͤftige. Er ließ das Pferd anſchirren, nach einer Stunde rollte ſein Wagen vor die Thuͤr; reiſemaͤßig angethan, trat er zu Eliſabeth, die ein kleines Geſchaͤft im Hausflur verrichtete. „Sie wollen fort, Alcindor?“ fragte ſie er⸗ ſchrocken, und ihre Wange erbleichte wie der jung⸗ fraͤuliche Schnee der zu fallen begann, es rieſelte ihr bei dieſer Vorſtellung eben ſo leiſe, eben ſo kalt durch alle Glieder. Alcindor aber erroͤthete. Er faßte Eliſabeths Hand, die ein wenig zitterte, und ſprach:„ich fahre uͤber Grenze, um einen Doctor zu holen. Ihr Vater kann nicht laͤnger ohne Huͤlfe bleiben. Die Vorſchrift eines un⸗ wiſſenden Dorfbaders genuͤgt ſeinem Zuſtande fuͤrder nicht; er muß mit Einſicht behandelt wer⸗ den. Was meinen Sie wohl? der Ignorant, der ſich hier der Heilkunſt anmaßt, aͤußerte: un⸗ ſer Kranker haͤtte ſich die Leber verrenkt, woran er allerdings leiden mag; aber verrenkt! ihn, der das ſagte, halte ich mit beſſerem Grunde fuͤr einen verdrehten Kopf.“ „Ueber Grenze!“ ſprach Eliſabeth mit einem 6 — 82— weit ausathmenden Seufzer ohne das Urtheil des Baders einer Sylbe zu wuͤrdigen:„ach! dann kommen Sie wohl nimmer wieder!“ Sie ſah ihn mit flehenden Blicken an, ein Zweifel malte ſich in der furchtſamen Miene. „Eliſabeth!“ ſagte er mit duͤſterm Laͤcheln: „dieſe Grenze, welche Ihre Guͤte fuͤr mich zu fuͤrchten ſcheint, iſt nahe! und nur ein Ungluͤck koͤnnte mich halten, daß ich den Weg in dieſes Haus, welches mir bereits ſo heimathlich gewor⸗ den iſt, nicht zuruͤckfaͤnde.“ „O!“ antwortete Eliſabeth in einem Ge⸗ fuͤhl der Zuverſicht, als ſaͤhe ſie in ihm einen Schutzengel:„mit Ihnen wuͤrde mich Troſt und Muth in der Bedraͤngniß verlaſſen, worein ich mich durch die Kraͤnklichkeit meines Vaters, und mehr noch durch die Verſtimmung ſeines Gemuͤths verſetzt ſehe, die mir eine neue Erfahrung, und vielleicht deshalb um ſo ſchrecklicher iſt. Mein guter Vater! wie war er ſonſt ſo heiter, ſorglos und getroſt! jetzt hingegeben bloͤdem Zagen ein⸗ gebildeter Aengſte. Es gebricht mir an der Faͤ⸗ higkeit ihm mit kraͤftigem Zureden Widerſtand zu leiſten, daß er nicht ganz in dieſen gefaͤhrlichen Truͤbſinn verſincke.“ Hier brach der armen Eli⸗ ſabeth die Stimme. einde gute Mel gene wit. zur und den das wie den güͤck kend vüſt ſens mitr bat nicht und dor fͤr erſon durä l des dann ſah malte heln: ich zu nglüͤck dieſes ewor⸗ Ge⸗ einen und in ich „und nuͤths ,und Mein orglos n ein⸗ er Fa⸗ erſtand tlichen n El⸗ — 383— „Wir wollen ihn ſchon halten!“ ſagte Al⸗ cindor mitleidig, doch maͤnnlich.„Ihr Vater, gute Eliſabeth, iſt krank, auch der geſuͤndeſte Menſch kann dies einmal werden, und wieder geneſen; ich bringe ſo Gott will! den Helfer mit.“ Draußen wieherte das Pferd, ungeduldig zur Fahrt. „Und es ſchneit“— ſagte Eliſabeth ſo weh und aͤngſtlich, als ob jede dieſer kleinen, blinken⸗ den Flocken mit maͤßiger Schaͤrfe der Luft ihr das Herz zerſchnitten:„eine zarte Geſundheit wie die Ihrige, vertraͤgt jedoch ohne Schaden den rauhen Angriff des Froſtes nicht.“ Ein Un⸗ gluͤcklicher ſchwebte dabei Ihrer Seele vor, ſchwan⸗ kend vor Schmerz und Schwaͤche, ſcheidend im wuͤſten Geſtoͤber, und die tiefe Wunde ihres Bu⸗ ſens blutete.„Ich nehme einen warmen Wunſch mit mir!“ antwortete Alcindor, und druͤckte dank⸗ bar ihre Hand an ſeine Bruſt.„Sorgen Sie nicht um mich, theure Eliſabeth! ich bin verwahrt, und wir ſehen uns wieder!“ Bei dieſen Worten bebte Eliſabeth. Alcin⸗ dor nahm einen fluͤchtigen Abſchied vom Paſtor, fuͤr den er einen Vorwand zu der kleinen Reiſe erſonnen, von welcher er am Abend dieſes Tages zuruͤckzukommen daͤchte, ſchwang ſich auf den Sitz, 6* — 84— winkte abſchiedgruͤßend der blaſſen Eliſabeth noch einmal zu— und der muthige Braune tanzte ſtolz von der bereiften Pfarre. Zu den Zeiten, wo Maria Thereſia den Thron von Oeſterreich beſtiegen, lebte in Boͤhmen auf einem Guͤtchen eine adelige Wittwe, Frau von Berga. Sie war keine Eingeborene dieſes Landes, aber nichts deſtoweniger eine treue Va⸗ ſallin der jungen Kaiſerin, und ihr mit Vereh⸗ rung und Liebe ergeben. Der Gemahl der Frau von Berga, welcher fruͤher Kriegsmann unter verſchiedenen Truppen war, hatte nach einem wuͤſten umhertreibenden Leben den Stand der Nuhe, und endlich ein Grab auf jenem kleinen Beſitzthume gefunden, das ihm als Erbe eines Anverwandten zugefallen, da er außerdem nur auf den Ertrag einer duͤrftigen Penſion ange⸗ wieſen geweſen waͤre. Ein aͤchter Fortunatus, war er von ſeiner Patronin beguͤnſtiget worden, eine Gattin zu gewinnen, ſo wacker, geſetzt und gut, wie ſie nicht ſelten den ausſchweifenden Neigungen eines Mannes geſellt wird, auf daß ſein wild bewegter Sinn durch die ſanfte Ste⸗ tigkeit einer weiblichen Seele in Schrancken ge⸗ ——— nzte halten werde, und ihre Vortrefflichkeit ſich in Geduld bewaͤhre. Eine gewiſſe phlegmatiſche Maͤßigung der Gefuͤhle, verbunden mit religioͤſer Beſchraͤnktheit des Verſtandes, machte es jedoch der Frau von Berga leicht, ihr Loos der Ehe zu ertragen. Sie betruͤbte ſich anſtaͤndig da ihr Gemahl ſtarb, ließ ihn ſchicklich begraben, und lebte dann nicht anders als ſonſt, nur ruhiger. Der lebhafteſte Wunſch, den ſie je gefuͤhlt, war der nach Kin— dern geweſen, viele tauſend, tauſend Roſenkraͤnze hatte ſie dafuͤr abgebetet; aber die Blume ihrer Hoffnung war verbluͤht, ohne ein Knoͤspchen zu tragen. So lange ihr Gemahl lebte, gab ſeine zer⸗ ruͤttete Geſundheit ihrer Pflege genug zu thun, und da er todt war, dachte Frau von Berga zwar daran, ſich ein fremdes Kind anzunehmen; doch jene Indolenz, deren wir bereits erwaͤhnt, ließ ſie zoͤgernd ſaͤumen, dieſen Entſchluß auszu⸗ fuͤhren. Sie wendete das ſtille Gemuͤth dem Be⸗ ſtreben zu, auf andere Weiſe zu nuͤtzen. Frau von Berga war nicht unwiſſend in der Pflanzen⸗ Lehre, ſie kannte die heilſamen Kraͤfte der Kraͤu⸗ ter, und wußte, wie ſie anzuwenden waren. Ta⸗ gelang ging ſie ohne Begleitung in den Buͤſchen — 86— und Bergen ihrer Gegend umher, und ſuchte Pflanzen in eine kleine Trommel von Blech. Dabei ging ſie keinem Kreuz am Wege, keiner Heiligenblende ohne gebuͤhrende Achtung voruͤber, und wiſperte knieend manches Ave in die einſame Waldluft. Eine kleine Hausapotheke beſchaͤftigte ſie daheim. Hier kochte ſie Saͤfte, praͤparirte Salben, miſchte geiſtige Waͤſſer, und wog genau und mit Vorſicht Species auf der feinen, hoͤrner⸗ nen Waage. Die Betrachtung der ſaftgruͤn ge⸗ narbten Blaͤtter, mit ausgezacktem Rande, ließ ſie oftmals vergeſſen ihre Spitzen zu kerben, ſie zaͤhlte die Staubfaͤden der Bluͤmchen, und ver⸗ ſaͤumte derweilen Zwirn und Nadel, und hielt lieber die Retorte uͤber Kohlen, als den Topf am Feuer. Haͤtte Frau von Berga nicht im Geruche eines frommen Wandels geſtanden: ſo wuͤrde dieſe wohlthaͤtige Liebhaberey ihren Leuten und Eigenern verdaͤchtig geweſen ſeyn, beſonders um der Erfolge willen,— und ein Reſt von dem Wahnglauben jener barbariſchen Zeit die ganze gottſelige Richtung ihres Lebens, und jene Licht⸗ blicke einer unſchuldigen Freude, tief in den Schat⸗ ten finſterer Vorurtheile geſtellt haben. So aber wagte kein frevler Gedanke die edle Wittwe an⸗ zutaſten, welche bei jeder Wallfahrt ihren Unter⸗ —— than einen und bekl die A iht die Wi ſo den nige zen man Auc zen gen ley ih Ha ein ſie nen ſeh che lech. einer üͤber, ſame tigte rirte enau thanen voranging, eine Fahne tragend, die ſie in einem nahen Jungfrauen⸗Kloſter reich mit Gold und Silber hatte ſticken laſſen, heilige Bilder bekleidete, die Bloͤße der Armen deckte, Kerzen in die Kirchen ſchenckte, und in dunkeln Huͤtten des Elends einen hellen Strahl der Huͤlfe aufgehen ließ. Doch Kranke zu ſtaͤrken mit Arzeneyen von ihrer eigenen Zubereitung: dies war eigentlich die chriſtlich ſchwache Seite der Frau von Berga. Wir duͤrfen dieſe huͤlfswillige Neigung deshalb ſo nennen, weil das Vergnuͤgen zu curiren, ſie den Grund dazu, das Leiden eines Andern we⸗ niger bedauern ließ, als es ihrem fuͤhlbarem Her⸗ zen natuͤrlich war. Sie freuete ſich, ſo oft Je⸗ mand ihrer huͤlfreichen Guͤte zu begehren kam. Auch ſtand ihre Einſicht und Erfahrung in gro⸗ ßem Ruf, und fernher wie aus der Naͤhe, gin⸗ gen Leute ſie um Rath und Mittel gegen aller⸗ ley Siechthum an. Jeder trug ſich dann was ihm oder den Seinen etwa dienlich waͤre, nach Haus, und Frau von Berga entließ Keinen ohne ein Wort der Theilnahme und des Troſtes, was ſie uͤberdies nach Bedarf und Umſtaͤnden mit ei⸗ nem verhaͤltnißmaͤßigen Almoſen unterſtuͤtzte. Da aber jene Gegend geſund, und nicht ſehr bewohnt war: ſo fuͤllten dieſe Uebungen der — 8s8— Menſchenliebe die Zeit der Edelfrau bei Weitem nicht aus. Das Intereſſe der Politik war ihr nebenher auch wichtig, und ſie las abwechſelnd Zeitungen und Kraͤuter. Maria Thereſia war ihre hoͤchſte Bewunderung. Mit bloͤdem Stau⸗ nen folgte ſie den kriegeriſchen Schritten der Kaiſerin, deren zarte Hand das Gleichgewicht von Europa hielt, feſt und ſicher, ob auch tauſend Leben daran hingen,— waͤhrend Frau von Berga mit ſchwankender Aengſtlichkeit Drachmen wog, einen kleinen Schmerz zu ſtillen. Sie beurtheilte die heroiſche Regentin nach der Schwaͤche ihres Geſchlechts und ihres demuͤthigen Sinnes. Ma⸗ ria Thereſia behauptete ſich mit ſtolzer Zuver⸗ ſicht in einer verzweifelten Lage gegen den Auf⸗ ſtand und die Anſpruͤche mehrerer Staaten: die Wittwe erinnerte ſich, vor einem einzigen grim⸗ migen Blick ihres niederliegenden Eheherrn ge⸗ zittert, und dem Ungeſtuͤm ſeiner Forderungen niemals Widerſtand entgegen geſetzt zu haben. Als nun vollends die Kaiſerin ihre Staͤnde nach Presburg berief, dort, geguͤrtet mit dem Schwerdte der Koͤnige von Ungarn, die Krone des heiligen Stephan auf ihrem Haupte, vor der Reichsver⸗ ſammlung erſchien, ſich in einer lateiniſchen Rede dem Schutze der Magnaten empfahl, und in — Tral duͤnt meh⸗ tigk wei der lig ge chi yf und Bö alte ſcho Kri her Exc bel W. du ſaß Er der hei wa item ihr ſelnd war Stau⸗ der wicht auſend zerga wog, heilte ihres Ma⸗ uver⸗ Auf⸗ die grim⸗ n ge⸗ ungen haben. — nach verdte eiligen hsver⸗ Rede nd in — 89— Trauer und Thraͤnen aller Herzen ruͤhrte: da duͤnkte ſie der Frau von Berga ein hoͤheres, mehr als menſchliches Weſen; denn ſolche Maͤch⸗ tigkeit ging gaͤnzlich uͤber den Horizont ihrer weiblichen Begriffe. Latein war ihr die Sprache der Weihe. Sie hoͤrte in jeder Sylbe die hei⸗ lige Meſſe. Und Maria Thereſia hatte lateiniſch geredet! ſo ſah Frau von Berga in der Monar⸗ chin denn die Prieſterin ihrer Laͤnder, der das Pfand der goͤttlichen Gnade anvertrauet war, und deren Worte Erhoͤrung fanden. Dieſer Glaube that Noth. Bald genug ward Boͤhmen, der Schauplatz jener Kaͤmpfe, und das alte, ſtille Schloß der Edelfrau blieb nicht ver⸗ ſchont vom feindlichen Getuͤmmel, und Laſten des Krieges. Sie gab gutwillig jede Bequemlichkeit her, behalf ſich ſo ſchlecht als moͤglich, und dieſe Ergebung in ein unvermeidliches Geſchick wurde belohnt. Sie ſah, und dies war ihr heiſſeſter Wunſch geweſen! den großen Friederich. Sein Fuß beſchritt den Boden ihres Eigenthums, er ſaß eine Minute der Ruhe darauf— und dieſe Erfahrung gab ihrem Wittwenſitze die ſchwellende Feder einer hohen, unvergeßlichen Ehre. Allein heiße Tage voll Drang, ſchlafloſe Naͤchte, durch⸗ wacht in Furcht und Schrecken, ließen ſie vor jetzt nichts als die Gefahr der Zeit empfinden. dief Einſtmals, als in der Naͤhe von dem Gute der 3 noch Frau von Berga ein Ueberfall geſchehen war, ſee n der ein Scharmuͤtzel zur Folge hatte, war das kenn Schloß die Nacht hindurch ſehr beunruhiget ge⸗ blic weſen. Die Furie des Krieges roͤthete mit ihrer ben Fackel den naͤchtlichen Himmel, wobei der wackern und Wittwe die Bedraͤngniß jener ungluͤcklichen Huͤtt⸗ und ner einleuchtete, ſo daß ſie der eigenen Angſt ver⸗ Mi gaß, die ſie doch eben ausſtand. Als aber die Frau hehre Eos flammend heraufſtieg, veruͤbte Grau⸗ duf ſamkeiten an den Tag zu bringen, jener blut— Gem farbene Schein verſchwand, die Sterne erblaß⸗ 4 hend ten, wagte Frau von Berga ſich aus einem Verſteck hervor, wohin ſie ſich vor den Zu— fen muthungen einer uͤberhaͤuften Einquartirung ge⸗ beſe rettet hatte. Das Geſchuͤtz donnerte fern hin Stal in die grauende Fruͤhe, der wilde Laͤrm des duut Hauſes und Hofes war bangſame Stille gewor⸗ der den. Die Soldaten hatten im rohen Muth der gefie Trunkenheit und Willkuͤhr die treuen Leute der In Edelfrau gemißhandelt, mehrere Zimmer des gen, Schloſſes gepluͤndert, und ſich der Ackergaͤule wie die des Geſpanns der alten Kutſche bemaͤchtiget: ſhe denn Frau von Berga hatte mit bebendem Her⸗ 6s zen das ſtraͤubende Wiehern ihrer Pferde gehoͤrt. duec den. der war, das ge⸗ ihrer ackern Huͤtt ver⸗ die rau⸗ blut⸗ blaß⸗ inem Zu⸗ dDe hin des ewwot⸗ h der e der des e wie tiget: durch das Sparrwerk des Wagens, und bildete — 91— Sie ſtieg mit wankenden Knieen die Treppe hinab, noch ging Daͤmmerung vor ihr her, und ſo konnte ſie nicht deutlich die nachgelaſſene Zerruͤttung er⸗ kennen. Aber ſie trat unter Truͤmmer. Lucifer blickte durch zerſchlagene Scheiben auf die Scher⸗ ben der Spiegel, ihre Truhen waren erbrochen und geleert, die Moͤbeln beſchaͤdigt, alles drunter und druͤber und nichts an ſeiner gehoͤrigen Stelle. Mit leiſer, furchtſam fluͤſternder Stimme rief Frau von Berga ihren Leuten; doch der erſtickte Ruf blieb unbeantwortet, und die Winkel der Gemaͤcher gaben keinen Ton als den ihrer ſu⸗ chenden Frage zuruͤck. Siie ging nun in den Hof, erhellt vom er⸗ ſten Schimmer des Tages; hier ſah es nicht viel beſſer als auf der Wahlſtatt ſelbſt aus. Die Staͤlle waren offen, das Rindvieh bruͤllte, die Tauben flatterten ſcheu wie vor dem Wuͤrger, der kleine Sultan ſogar kraͤhete nicht, und das gefiederte Serail gluckte aͤngſtlich auf der Stange. In des Hofes Mitte ſtand ein großer Korbwa⸗ gen, ausgeſpannt, und wie mit Beute beladen; die Straͤnge daran waren zerſchnitten. Ein preußi⸗ ſcher Offizier, verwundet und todesbleich, lag leb⸗ los in dem vordern Raume, das Blut tropfte —— = 92— eine kleine Traufe. Neben ihm ſchlief ein Kind von etwa drei Jahren, tief erſchoͤpft, wie es ſchien. Der Apfel des Geſichtchens war gluͤhendroth, das Augenlied geſchwollen wie vom Weinen, die Bruſt der Kleinen hob ſich ſtoßweiſe als ob ſie traͤumend noch ſchluchze, und dieſe volle, kleine Hand der Unſchuld ruhete blutig gefaͤrbt, an des Nachbars Seite. Dicht unter dem Wagen lag ein todter Soldat, der mit krampfhaft eingebogenen Fingern einen feinen Mantel hielt, der in das Hinter— rad geklemmt war, und nach dem Kragen zu ſchließen, dem Offizier zugehoͤren mogte. Eine Blutſpur, welche von dieſem Platze aus ſich in dem Sande der Fahrſtraße verlor, fuͤhrte auf die Vermuthung, daß der Soldat ein Diener jenes verblutenden Herrn, und ihm ſterbend bis hier⸗ her gefolgt waͤre. Das oͤde Schweigen des To⸗ des umgab dieſen Schauplatz. Frau von Berga ſtieß einen lauten Schrei des Entſetzens bei dieſem Anblick aus. Sie rief alle Heiligen um Huͤlfe an. Nach und nach fan⸗ den ſich ihre verſprengten Leute zuſammen, und erſtatteten einen wirren Bericht von dem was ſich dieſe Nacht begeben. Sie wußten ſelbſt nicht Wer ſo uͤbel hier gewirthſchaftet. Dieſer aufge⸗ haͤufte, vierſpaͤnnige Wagen war von einem Hau⸗ Kind ſchien. th, das eBruſt umend ind der achbars todter fingern Hinter⸗ gen zu Eine ſich in auf die jenes s hier⸗ es To⸗ Schrei die tief ch fan⸗ 7, und m was t uicht aufge⸗ n Hau⸗ fen Nachzuͤgler auf den Hof gefahren worden, um die erbeuteten Schaͤtze in Sicherheit zu brin⸗ gen; dann hatte man im Tumult der Retirade die Seile daran zerhauen, und war mit den Pfer⸗ den davon gejagt, das bloße Leben zu retten. Wie der Offizier darauf, und der Soldat darunter ge⸗ kommen war, wußte Niemand zu ſagen. Frau von Berga raffte nun ihre ganze Kraft zuſammen. Sie ließ ſich die ſchlafende Kleine vom Wagen langen, und trug ſie auf ihren Ar⸗ men, welche dieſe muͤtterliche Pflicht zum erſten— male unter grauſen Umſtaͤnden uͤbten, dem eigenen Lager zu. Dann wurde der Offtzier ſacht herab gehoben, und die Edelfrau, welche noch ein ſchwa⸗ ches Klopfen ſeines Herzens in ihm zu fuͤhlen glaubte, ließ ihn auf ein Feldbett tragen. Sie unterſuchte ſeine Wunden, verband ſie geſchickt, und wuſch ihm die Schlaͤfe mit Wein. Er fing an leiſe zu athmen und zu ſeufzen, aber immer noch ohne Bewußtſeyn. Der Soldat blieb todt. Frau von Berga ließ ihm eine Ader ſchlagen, und es floß nur ein wenig Waſſer heraus. Den Mantel dieſer ſtar⸗ ren Hand zu entreißen, war Niemand im Stande, und die Edelfrau ließ ihn wie eine Trophaͤe der Dienſttreue uͤber ſeinen Leichnam breiten. = 9— Die Ladung jenes Wagens blieb einſtweilen un⸗ beruͤhrt; Frau von Berga ließ ihn in einen Schup⸗ pen ziehen, und legte ein großes Schloß an die Haspe, wozu ſie den Schluͤſſel ſelbſt verwahrte. Sie bedachte, es waͤre moͤglich, ſie muͤßte verant⸗ wortlich dafuͤr ſeyn. Die Sorge fuͤr den Findling, wie fuͤr den Offizier, nahm nun die Gedanken der Edelfrau, an denen ſie grade keinen Reichthum hatte, gaͤnz⸗ lich in Anſpruch. Sie waltete huͤlfreich zwiſchen Beiden hin und her, vergaß was ſie verloren, und das erbeutete Kind konnte, wenn kein Naͤher⸗ recht ſich dazu faͤnde, ein Gewinn an Freude fuͤr ihre alten Tage werden, ſo wie die moͤgliche Her⸗ ſtellung des armen Verbluteten ihr menſchenfreund⸗ liches Herz uͤber die Verwuͤſtung des haͤuslichen Eigenthums getroͤſtet haben wuͤrde. Aber der Tod ſchien zwiſchen dieſe Hoffnungen treten zu wollen. Das Kind ſchlief fort und fort, nur ge⸗ ſtoͤrt durch ein ſchreckhaftes Verfangen des Athems, es ſchrie zuweilen aͤngſtlich auf, ohne zu erwachen. Frau von Berga merkte nun wohl, daß die Kleine im Fieber laͤge. Die Unbewußtheit ſolch eines Schickſals, das dieſes zarte Kind, der Wiege kaum entwachſen, in den wildbewegten Sturm kriege⸗ riſcher Unruhen geſchleudert haͤtte, ruͤhrte ſie in der Arm itgen gene und no Ber weri verſc büͤrg gen hinn einen das en un⸗ Schup⸗ an die wahrte. verant⸗ uͤr den delfrau, , gaͤnz⸗ viſchen rloren, Naͤher⸗ de fuͤr Her⸗ rreund⸗ slichen er der ten zu zur ge⸗ (thems/ vachen. Kleine eines kaum kriege⸗ ſie in der Seele. Die Vorſehung hatte es in ihre Arme geworfen, und ſie brachte ein Geluͤbde vor irgend eine heilige Behoͤrde, das Kind, ſollte es geneſen, als ihr eigenes zu halten und zu hegen, und ſich dankbarlichſt dafuͤr zu beweiſen. Der alte preußiſche Hauptmann lebte zwar noch; aber in aͤußerſter Schwaͤche, ſo daß er ſich weder regen und ruͤhren, noch mit einem lauten Worte nur verſtaͤndlich machen konnte. Frau von Berga zweifelte, daß es noch lange mit ihm dauern werde; dennoch handelte ſie ſo emſig fuͤr dieſe verfallene Friſt, als ob ihr ſein Aufkommen ver⸗ buͤrgt waͤre. Endlich blieb ihren beiſtaͤndigen Beſtrebun⸗ gen nur noch uͤbrig, daß er ſanft und ſelig von hinnen ſcheiden moͤge. Sie fragte ihn, ob er einen Geiſtlichen verlange? der Kranke bewegte das muͤde, greiſe Haupt verneinend, deutete auf ſein Herz, und dann gen Himmel. Frau von Berga ſchuͤttelte den Kopf auch zu dieſer Pan⸗ tomime, doch ſchwieg ſie duldſam, die Ruhe eins Sterbenden nicht zu ſtoͤren. In einem letzten Aufleuchten„der ſchmerzlichen Flamme, die man Leben nennt,“ wie der weiſe Seneca von dem menſchlichen Daſeyn ſagt— war er faͤhig, die guͤtige Edelfrau zu bitten, ſeiner Schwiegertoch⸗ ter in Berlin, wobei er ihr noch einige Notizen angab, ſeinen Tod zu berichten, ſobald dieſer er⸗ folgt ſeyn wuͤrde. Dann ſchlief er ſacht bis an den Morgen, und Frau von Berga wachte un⸗ ter Gebet bei ihm. Noch einmal oͤffnete er die umflorten Augen, ſah ſich verwundert um und ſprach mit veraͤnderter Stimme:„Sie kommt, meine gute Tochter! ich ſah ſie in Trauer in den Wagen ſteigen, der Oheim iſt vermuthlich todt.“ Frau von Berga hielt dieſe Worte fuͤr eine irre Rede; doch der Kranke haſchte nach ihrer Hand, zog ſie muͤhſam an ſeine blaſſen Lippen, und ſagte:„der Herr wird bezahlen, was Sie an mir gethan: denn Er iſt treu, der uns berufen hat! ich bin des Lebens baar, und habe nur noch Kraft zum Sterben geſammelt. Sie haben Sich des Fremdlings, des Feindes“—(hier laͤchelte der blaſſe Krieger wie der Friede, wenn er uͤber dem Streite dieſer Erde ſchwebt) erbarmt, und dafuͤr wird eine freundliche Hand Ihnen einſt die Augen zudruͤcken.“ Hier ſchloß er die ſeinigen, lag ein Weilchen ſtille, und war verſchieden. Frau von Berga ſaß ſtumm, der dunkle Fittig des Todesengels rauſchte in ihrer Naͤhe; aber ſie fuͤhlte nur einen ſanften Schauer bei dem Hingange dieſes Ge⸗ rechten rechte ſtock mer Sie erfuͤ und gett „di weſ gen, Scht Wer ken verm an e milit leich ſtau aber Notizen jeſer er⸗ bis an cte un— er die im und kommt, win den h todt.“ eine irre Hand, 1, und an mir en hat! h Kraft zich des elte der her dem d dafuͤr inſt die Veilchen Vetga egengels it einen ſes Ge⸗ rechten — 97— rechten. Die Corallen der geweiheten Schnur ſtockten, und wollten nicht mehr gleiten in from— mer Eile, nur ihre Thraͤnen rollten ungezaͤhlt. Sie dachte, wie dieſe ſegnende Verheißung ſich erfuͤllen ſollte, da ſie ſo allein ſtuͤnde in der Welt, und daß ſie doch nicht mehr als eben ihre Pflicht gethan.„Wahrlich!“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt: „dieſer Hauptmann iſt ein frommer Mann ge⸗ weſen!“ Darauf ging ſie fuͤr ſeine Beſtattung zu ſor⸗ gen, und, wie ſie verſprochen, den Brief an ſeine Schwiegertochter zu ſchreiben; ein ſchwerfaͤlliges Werk welches der guten Edelfrau viel Nachden⸗ ken und Muͤhe koſtete. Da Frau von Berga vermuthete, ſie haͤtte ſolche chriſtliche Geſinnung an einem Proteſtanten bewieſen: ſo wollte ſie doch der katholiſchen Gemeine des Ortes keinen Anſtoß geben, und ließ den Offizier auf einem geſonderten Platze, nicht weit vom Garten des Schloſſes begraben. Dort lag ſchon der Soldat, und Herr und Diener ſchliefen nun neben einan⸗ der, dem Apell der Auferſtehung entgegen. Die militairiſchen Ehren fehlten zwar dem prunkloſen Leichenzuge, nur ein Eichenkranz, den die Edel⸗ frau gewunden, ſchmuͤckte den ſchwarzen Sarg; aber als wolle die Natur ſelbſt dieſen Mangel 7 —— — 98— vertreten, und Zeugniß ablegen, daß hier ein Held ruhe, der beweint zu werden verdiente, donnerte ein Gewitter uͤber das offne Grab, wie ein Seufzer der Luft rauſchte der Wind durch die drei hohe Linden, welche den kleinen Separat⸗ Kirchhof beſchatteten, und der Regen ließ erquik⸗ kende Tropfen in die aufgeworfene Erde fallen. Es blieb der Frau von Berga ein betruͤbter Ge⸗ danke, daß ſie fuͤr den Verſtorbenen keine Seelen⸗ meſſen leſen laſſen duͤrfte, wenn auch ihr Herz empfand, daß die Liebe ewiglich erloͤſe. Waͤhrend dieſer traurigen Angelegenheit hatte die Kleine zur Freude ihrer treuen Pflegerin die Criſis der Krankheit gluͤcklich uͤberſtanden. Sie faßte die fremden Umgebungen, die unbekannten Geſichter ein wenig verwundert zwar ins Auge; aber doch nicht allzuſehr. Sie rief nach der Tante, allein nicht mit dem aͤngſtlichen Tone eines Kindes das ſich verlaſſen findet, und nach dem gewohnten Schutze fleht. Man ſagte ihr, die Tante werde bald kommen, und darauf forderte das kleine Maͤdchen ruhig ſeine Spielſachen, als waͤre es hier wie zu Hauſe. Es war der Frau von Berga troͤſtlich, daß die Kleine nicht nach einer Mutter verlangte; froh des kindiſchen Begehrens nach Zeitvertreib, trug ſie ihr eine ein Held donnerte wie ein durch die Separat⸗ tß erguik⸗ de fallen. uͤbter Ge⸗ e Seelen⸗ ihr Her heit hatte gerin die en. Sie bekannten ns Auge; nach der one eines nach dem ihr, die forderte chen, al der Fran iht nach indiſchen ihr eine Menge waͤchſerner Puͤppchen, vergoldete Bilder, uͤberſponnene Herzen, buntfarbig blinkend von Flittern und Folie, Koͤrbchen mit feinem Mooſe gepolſtert, wo unter ſilbernen Zitterblumen irgend eine heilige Miniatur ruhete, und allerlei Kuͤnſt⸗ lichkeiten unter Glas geſpindet, zu, zuͤndete bunt⸗ gemalten Lichterchen an, zum Gebrauche bei dem Rorate beſtimmt: ſo daß die Kleine ſich wie ein Wachskind bleich aber engelſchoͤn, unter dieſem weihnachtlichen Scheine ausnahm. Frau von Berga fragte nach ihrem Namen, Roͤschen nannte ſie ſich. Nach Vater und Mut— ter ſich zu erkundigen, wagte die bedaͤchtige Edel⸗ frau vorerſt nicht, aus Furcht, die Sehnſucht des Kindes zu wecken. Vor dem Worte: Feuer! zitterte und bebte das Roͤschen, der Flamme des Heerdes haͤtte kein Menſch es nahe bringen koͤn⸗ nen; ein Schreckbild dieſes Elements ſchien vor der kleinen Seele zu ſchweben. Aber zum frohen Erſtaunen der Frau von Berga, die das zarte Pflaͤnzchen, welches ihrem einſamen Herbſte bluͤhen ſollte, nur mit leiſer Liebe pflegte, und es ſacht wurzeln ließ, gewohnte Roͤschen ſich ein, ohne uͤber Heimweh zu klagen. Sie ſpielte ſtill fuͤr ſich, nannte auf ihr Verlan⸗ gen die Edelfrau: Großmutter, und freuete ſich 7. —-— 100— eines Lämmchens was dieſe ihr ſchenkte, auf daß die Kleine zerſtreut wuͤrde, und einen duldſamen Gefaͤhrten um ſich haͤtte. So gedachte Roͤschen kindlich unbekuͤmmert, der Vergangenheit nur ſel⸗ ten, außer, wann ſie Abends ſchlaͤfrig ward, dann weinte ſie wohl nach ihrem kleinen Bett neben der Tante. Frau von Berga nahm alsdann das Kind auf ihren Schooß, und erzaͤhlte ein huͤbſches Geſchichtchen, wobei es entſchlummerte. So ge⸗ ſchieht es uns Allen. Hat die Welt ſich unſerer Erkenntniß erweitert, fuͤhlen wir uns fremd unter den Menſchen, losgeriſſen von der Liebe unſeres Herzens, ſehnen wir uns nach jener traulichen Enge zuruͤck, welche das Gluͤck der Heimath um⸗ faßte: dann erzaͤhlt die gute alte Zeit ein troͤſten⸗ des Maͤrchen der Hoffnung, wobei wir in ein traͤumendes Vergeſſen ſinken. So waren Wachen heetengen, und die Straßen dieſer Gegend a maͤhlig ruhiger gewor⸗ den. Eines Tage, als Frau von Berga in Mit⸗ ten des Gehoͤftes ſud, und, das kleine Roͤschen zu ergoͤtzen, ihre Perlhuͤhner eigenhaͤndig fuͤtterte, fuhr ein Wagen langſam zum Hofthore herein, und hielt vor dem Schloſſe. Eine junge Dame, tief trauernd in wollnem Crepp, ſtieg heraus, und zog ein blondes Maͤdchen von etwa fuͤnf Jahren, e, auf daß duldſamen te Nͤchen eit nur ſel⸗ ward, dann Bett neben Asdann das ein huͤbſches . So ge⸗ ich unſerer eemd unter ze unſeres traulichen mmath um⸗ ein troͤſtten⸗ vir in ein „und die ger gewor⸗ za in Mit⸗ eRöͤschen ig fuͤtterte/ re herein, ge Damme, raus/ und f Jahren, — 101— nach ſich. Frau von Berga ging ihr entgegen, und es fand ſich, daß dieſe Fremde die Schwie⸗ gertochter des preußiſchen Hauptmanns war. Obgleich die boͤhmiſche Edelfrau ſich niemals auf andere Gaͤſte eingelaſſen, als welche ſie mit Latwergen und geiſtlichem Troſte ſpeiſete, und ob auch ihre zerruͤttete haͤusliche Ordnung, die bis dahin luͤckenhaft hatte bleiben muͤſſen, ſich jetzt noch weniger als ſonſt zu einer umſtaͤndlichen Aufnahme eignete: ſo haͤtte ſie doch wie billig Bedenken ge⸗ tragen, einen Beſuch mit ſchnoͤder Kaͤlte aufzu⸗ nehmen oder abzuweiſen, der da Leide trug. Und dieſe ſchwermuͤthige Tracht ſchien auf dem Weſen der Trauernden zu laſten, ihre Seele in Flor ge⸗ huͤllt zu ſeyn. Das Anſehen der jungen Frau war zudem von ruͤhrender Anmuth und Lieblich⸗ keit. Der Gram— ein Zeichner von leicht er⸗ kennbarer Methode— hatte in dieſe ſeine Phy⸗ ſiognomie Zuͤge leidender Geduld gegraben, und in dem Licht der Schoͤnheit tiefe abgehaͤrmte Schatten zugemiſcht. Die ſchwarze Stirnbinde ſchnitt ihre duͤſtere Form auf einer blendend weißen Haut ab, und ließ nur eben die ſchmalen, braunen Boͤgen frei, welche fuͤr den Einzug banger Ge⸗ danken, fuͤr tragiſche Triumphe gewoͤlbt zu ſeyn ſchienen. Sie ſprach mit kranker, leiſer Stimme, — 102— die zuletzt in Thraͤnen erloͤſchte, die Entſchuldi⸗ gung der Edelfrau an, daß ſie ihr perſoͤnlich laͤſtig werde; aber ſie haͤtte doch gern das Grab des guten Vaters ſelbſt ſehen, und mit einer dank— baren Zaͤhre der Liebe benetzen wollen. Das Toͤchterchen fing auch an zu weinen, da es die Mutter betruͤbt ſah, und ſo traurige Worte von ihr hoͤrte. Frau von Berga ſah der Fremden in das blaſſe, ſchoͤne Geſicht, und hieß ſie nunmehr mit einem Herzen, welches eine offene Freiſtaͤtte fuͤr Ungluͤckliche war, willkommen. Sie meinte nur: die Lieutenant Roſtorff,(dies war der Name und Rang der jungen Dame) werde ſich hier ſchlecht genug behelfen muͤſſen, wie es in der Campagne nun nicht anders zugehe. Dieſer einfache Empfang genuͤgte dem Er⸗ warten der jungen Roſtorff, welche fand, daß jene hoͤfliche Beſorgniß keine bloße Redens⸗ art geweſen ſey. Die Spuren erlittener Unbill ſprangen ins Auge. Aber jetzt ſprang auch Roͤs⸗ chen herbei, welche den geperlten Puten kein Fut⸗ ter abbrechen mogte. Der Blick der Lieutenants⸗ frau traf auf das Kind, und alsbald gab eine jaͤhe Roͤthe der Betroffenheit ihrem bleichen Ge⸗ ſicht, Farbe des Lebens und der Liebe. Wer die b ntſchuldi⸗ lich laͤſttig Grab des ner dank⸗ n. Das g es die orte von min das eehr mit atte fuͤr te nur: me und ſchlecht ampagne em Er⸗ nd, daß Redens⸗ Unbill ch Roͤs⸗ ein Fut— tenants⸗ ab eine en Ge⸗ Ver die — 103— liebe Kleine ſey? dieſe Frage ſchwebte ſichtlich auf ihren Lippen; doch hielt ſie aus Beſcheiden⸗ heit damit zuruͤck. Frau von Berga deutete achſel⸗ zuckend, mit halben Worten, und durch Roͤschens Gegenwart behindert ausfuͤhrlicher zu ſeyn, das Geſchick des Kindes an, und das Intereſſe der fremden Dame ſchien ſich an dieſer aphoriſtiſchen Mittheilung zu ſteigern, ſo wie die Theilnahme der Edelfrau an dem Verluſte ihrer Gaͤſtin er⸗ hoͤhet ward, nachdem ſie ein Naͤheres von ihr erfahren. Das Schickſal der jungen Frau war herbe. Der Gemahl und ſein Vater, von ihr wie ein leiblicher geliebt, waren waͤhrend dieſes Feldzugs gefallen, und wie ſich aus der Nachrechnung er⸗ gab, den Tag zuvor, da der wackere Hauptmann Roſtorff das Zeitliche geſegnet, ihr ein Oheim in Berlin, bei dem ſie erzogen worden, geſtorben. Frau von Berga verzagte, ein heilſames Mittel fuͤr dieſe dreifache Wunde zu wiſſen, und doch verbarg das ſchwergetroffene Herz noch an— dere Stellen, an denen es vielleicht tiefer blutete. Nach und nach luͤfteten ſich die Schleier der Zu⸗ ruͤckhaltung, und die Matrone betaſtete ſacht und mit Erfahrung den Schmerz dieſes Buſens. Stephanie— ſo wollen wir kuͤnftig die junge — 104— Offizierswittwe bei ihrem Vornamen nennen, den auch ihre Tochter fuͤhrte— war als ein armes, verwaiſetes Kind zu jenem Oheim gekommen, der als ein Particulier in der ſchoͤnen Hauptſtadt, und doch im ſtillſter Verborgenheit lebte. Die Roſtorffs beide, Vater und Sohn, hatten in ſeinem Hauſe gewohnt, und das Vertrauen des miſan⸗ tropiſchen Graͤmlings genoſſen. Es fand ſogar eine Art umgaͤnglicher Beziehung zwiſchen ihnen ſtatt, die dem Junker Roſtorff erlaubte, ſich der lie⸗ benswuͤrdigen Stephanie mit ſchuͤchternen Schrit— ten einer zaͤrtlichen Neigung zu naͤhern. Die Nichte fuͤhlte Wohlwollen fuͤr den beſcheidenen Liebhaber, ſie verehrte kindlich ſeinen Vater; aber ihre Liebe konnte der bloͤde Junker nicht gewin⸗ nen. Ein anderer Gegenſtand weckte dieſe Leiden⸗ ſchaft in vollſter Staͤrke. Stephanie begleitete ihren Oheim in eines der boͤhmiſchen Baͤder, welches der Arzt ihm verordnet, und dort lernte ſie einen zungen Mann vom oͤſterreichſchen Militair kennen und lieben. Er war ihr der Einzige, an den ſie ihr Gluͤck, und jede Hoffnung der Zukunft knuͤpfte; aber der 4 Oheim wollte nicht von dieſem Lande wiſſen, welches er einen Fallſtrick der Thorheit nannte. Nimmermehr wuͤrde er in dieſe Verbindung wil⸗ rei n, den armes, en, der ötſtadt, Die ſeinem miſan⸗ d ſogar ihnen der lie⸗ Schrit⸗ Die idenen aber gewin⸗ Leiden⸗ meines t ihm Mann lieben. Gluͤck,. ber der viſſen/ gannke⸗ — 105— ligen, und zugeben, daß ein Groſchen von ſeinem Vermoͤgen, das Stephanie doch gahz und gar haben ſollte, an einen Auslaͤnder kaͤme. Allein dieſe patriotiſche Geſinnung war nur ein verſteck⸗ ter Geiz: denn der Oheim Harpayx haͤtte ſeine vollen Geldſaͤcke am liebſten ewig innerhalb der haͤuslichen Schwelle gehalten; jeden Bettler, der einen rothen Heller aus ſeiner kargen Hand empfing, und von der Thuͤre trug, die ſtets ver⸗ ſchloſſen war wie ſein Herz, ſah er ſeufzend nach. Auch muß der Menſch nichts verreden. Die reiche Nachlaſſenſchaft, welche der armen Nichte zugedacht war, hing davon ab, daß der Oheim zu ihren Gunſten disponirte, und der Gedanke an ein Teſtament iſt dem Geizigen verhaßt wie der Tod ſelbſt. Mit habſuͤchtiger Begierde haͤlt er an ſeinen Guͤtern, ſeinem Goͤtzen feſt, und vermag es nicht, ſie als das Eigenthum Anderer zu denken. Damals galt noch die elterliche oder vormund⸗ ſchaftliche Autoritaͤt, wie ein ſtrenges Geſetz, das in keinem minorennen Verhaͤltniß ohne große Verſuͤndigung uͤbertreten werden durfte. Stephanie fuͤgte ſich dem Willen des Oheims in Gehorſam; aber die Freude ihres jugendlichen Lebens war dahin. Ihrer Sehnſucht Wuͤnſche ſchweiften uͤber — 106— die Grenze des vaterlaͤndiſchen Bodens; wie Ihn, den ſie geliebt, ſchaͤtzte ſie keinen Mann mehr auf Erden: dieſe Gewißheit war ihr ein Troſt, wo nicht ein kleiner weiblicher Trotz der Reſigna⸗ tion. Das Geld des Oheims war ihr gleichguͤl⸗ tig. Sie hatte unter dem Vollgewicht dieſes Metalls gelitten, und gefuͤhlt, wie es den Sinn Derer verhaͤrte, die in der Wuͤſte des Abfalls vom Weſen der Wahrheit, das goldne Kalb an⸗ beten. Ja, es mengte ſich ſogar ein leiſer ver⸗ achtender Haß jener Geringſchaͤtzung bei, die ſie vielleicht um ſo mehr empfand, als ſie ſich in dem Vorausbeſitz der Schaͤtze, die ihr das Liebſte ge⸗ raubt, geſichert waͤhnte. Die Reichthuͤmer der ganzen Welt waͤren dem liebenden Maͤdchen kein Erſatz fuͤr das verlorene, wenn auch nur ge⸗ traͤumte Gluͤck geweſen. Freilich kannte Stepha⸗ nie den Druck der Nahrungsſorge, und die Noth⸗ durft des taͤglichen Brodtes nicht. Indeſſen hatte der Junker Roſtorff den Ab⸗ gott ſeiner Seele ſchweigend und mit treuer Hoch⸗ achtung im Herzen getragen, ob er auch von Weitem her wußte, daß Stephanie ihre Liebe einem Andern geſchenkt. Er dachte ſo harmlos von dem Eigenſinne der weiblichen Zuneigung, ſo aut von ſich ſelbſt, daß er hoffte, Stephanie wüͤtde die S komm Iahr das Reit Gre eine char Wiͤ um! das Ma Vere große Vin gen woh! nicht Gar dame gend rath haft — 17— eIhn, wuͤrde Jenen ſchon vergeſſen, waͤre ſie nur erſt mehr die Seine. Er wartete in Geduld ab, was die Doſ, kommenden Tage fuͤr ihn thun wuͤrden, und deſgnm Jahre gingen gemaͤchlich druͤber hin. Sobald er eichil⸗ das Patent als Lieutenant hatte:— denn zu jener dieſes Zeit wo die Generalitaͤt eine Elite ehrwuͤrdiger Sin Greiſe war, und der Feldherrnſtab in der Hand Ilfal eines Neſtors ruhete, ertheilte die Lieutenants⸗ charge noch Anwartſchaft auf hausvaͤterliche 2* Wuͤrde:— bewarb er ſich durch ſeinen Vater de ſe um die reizende Stephanie, und der Oheim gab 44 das Jawort fuͤr die ſtille Nichte, die vor dieſem m dn Machtſpruche verſtummte. Es war der klugen ſte ge Beredſamkeit des Hauptmanns nur unter einer et der großen Bedingung gelungen, den Oheim fuͤr die en kei Wuͤnſche ſeines Sohnes zu ſtimmen. Die jun⸗ uur ge⸗ gen Eheleute ſollten naͤmlich im Hauſe des Oheims 2repha wohnen bleiben, und Stephanie dieſen auch dann Noth⸗ nicht verlaſſen, wenn ihr Gemahl in eine andere Garniſon verſetzt wuͤrde, oder in den Krieg muͤßte, ee Ab, damit der Kranke bis an ſein Ende ihrer Pflege Hoch⸗ genoͤſſe. ch von So geſchah es denn auch. Stephanie hei⸗ e Liebe rathete den Lieutenant Roſtorſſ, ward eine muſter⸗ armlos hafte Gattin, und von ganzem Herzen die Toch⸗ eigung, ter ihres Schwiegervaters. Der Ring ihrer ephanie. — 108— Pflichten umſchloß ihr Leben; die Guͤte ihres Mannes, ſeine zaͤrtliche Achtſamkeit, daß der ge⸗ liebten Frau alles nach Wunſch geſchaͤhe, verband ſie ihm inniger. Sein Gleichmuth, ſein wackerer, unerſchuͤtterlicher Sinn ließen ſie fuͤhlen, daß ſie eine Stuͤtze an ihm haͤtte. Der Vater behielt den erſten Platz in dieſer Ehe, und er hehauptete ihn mit milder Weisheit zum Gluͤck ſeiner Kin⸗ der. Stephanie gebar ein holdes Maͤdchen, und in der Mutterliebe laͤuterten ſich alle ihre Ge⸗ fuͤhle, die der Vergangenheit noch angehoͤrten, und welche in der aufgeloͤſeten erſten Liebe, eine truͤbe Schaͤrfe nachgelaſſen hatten. Das Kind fuͤllte ihre Bruſt ſo ganz mit Wonne, daß auch fuͤr den kleinſten Tropfen herber Erinnerung kein Raum darin blieb. Der Oheim lag ſehr ſchlecht darnieder, als die Regimenter der Hauptſtadt auf den Kriegsfuß geſetzt wurden, und nicht lange darauf die Marſch⸗ ordre erfolgte, welche das Stillleben der kleinen Familie trennte. Der Hauptmann gab ſeinem Sohne das Beiſpiel der Standhaftigkeit. Er ſegnete die weinende Stephanie ſammt ihrem Kinde, eine Thraͤne rann aus ſeinen Augen, und netzte ihm den blanken Spiegel des Ringkragens; aber die Klarheit frommer Ruhe umfloß ſeinen Vick. und Dem ſchwe hielt ihm gen Ste hiel wied von Thri der ſcchn Seele ſeine fund tutio Tage dode ſch ticht die mehl feſt e ihres der ge⸗ verband vackerer, daß ſie ebehlelt ehauptete ner Kin— hen, und hre Ge⸗ ehoͤrten, de, eine as Kind aß auch ung kein eder, als trigsfuß Mumſch⸗ er kleinen 3 ſeinem keit. Er nt ihrem gen, und ktragens: oß ſtinen — 109— Blick. Er entrichtete den Zoll der Wehmuth, und folgte dann ſeiner dienſtlichen Schuldigkeit. Dem juͤngern Roſtorff fiel das Scheiden ſehr ſchwer; es ahnete ihm, daß er fallen wuͤrde. Lange hielt er das theure Weib in ſeinen Armen, das ihm zitternd die Schaͤrpe ſtraffer zog. Mit ab⸗ gewendetem Geſicht machte er ſich von der kleinen Stephanie los, welche ſeinen Hals umſchmiegt hielt, und gab ſie ihrer Mutter. Dieſe Scene wiederholte im Nachklang das alte ruͤhrende Lied von Hectors Abſchied. Stephanie horchte unter Thraͤnenſchauern dem letzten, dumpfen Wirbeln der Trommeln; ihr Herz ſchlug bange. Sie mußte ſich nun faſſen, da der Zuſtand des Oheims ihre Seelenſtaͤrke vollauf in Anſpruch nahm. Doch ſeine zaͤhe Lebenskraft uͤberdauerte die robuſte Ge⸗ ſundheit des Lieutenants, und die ruͤſtige Conſti⸗ tution des alten Hauptmanns, welche Beide die Tage Jenes ſchon gezaͤhlt, da er ein Mann des Todes ſchien, waͤhrend dieſe kraͤftigen Militairs ſich friſch und froh fuͤhlten. Stephanie war ſehr gebeugt uͤber die Nach⸗ richt, daß ihr Mann geblieben, und ſie ſollte noch die Schwaͤche des Kranken aufrichten, der, je mehr er ſich ſeiner Aufloͤſung naͤherte, um ſo feſter glaubte, er wuͤrde geneſen. Endlich zer⸗ — 110— ſchnitt die Senſe, der nichts wiederſteht, den muͤr, ben Faden ſeines Daſeyns womit er am Irdi⸗ ſchen gehangen, und Stephanie ſah ſich erloͤßt. Aber um einen hohen Preis. Der Oheim hatte nicht teſtirt, und ſein ganzes Vermoͤgen fiel einem Vetter in Baiern zu, von dem er nie Notiz ge⸗ nommen; die Nichte aber, welche nur durch eine Stiefgeſchwiſterſchaft ihm verwandt geweſen, ging leer aus. Stephanie war noch zu betaͤubt von dem Todesfalle ihres Mannes, um dieſen Schlag, der ihre gerechteſte Hoffnung vernichtete, in ſeiner voͤlligen Schwere zu empfinden. Sie laͤchelte kalt der Taͤuſchung, welcher ſie ihre Jugend ge⸗ opfert, da die Gerichte kamen, den Nachlaß zu verſiegeln, und ſie ſich ausgeſchloſſen von jedem Anrecht der Erbſchaft fand. Der reiche Oheim verließ die Welt ſo arm und bloß, daß er als Schuldner ſeiner Nichte, der er das gegebene Verſprechen nicht gehalten, in das Grab ging, und kein dankbares Andenken mit ſich nahm. Der Groll aller Derer, welche ſich durch dieſe ſchreiende Ungerechtigkeit empoͤrt fuͤhlten, zog ſei⸗ nen Schatten fort und fort vor das Gericht menſchlicher Urtheile. Doch auch dieſe harte Erfahrung ward durch einen aus Ende den muͤr⸗ m Irdi⸗ herloͤßt. im hatte iel einem Notid ge⸗ durch eine eſen, ging von dem hlag, der in ſeiner laͤchelte ugend ge⸗ achlaß zu pon jedem e Oheim ß er als b gegebene zrab ging⸗ ch nahm. urch düſe n, zog ſei⸗ zGerich p ard durch einen groͤßeren Schmerz uͤberboten, da der Brief aus Boͤhmen einlief, der die Kunde von dem Ende des Hauptmanns brachte. Jetzt glaubte Stephanie nicht mehr ertragen zu koͤnnen, was doch Gottes Hand ihr aufgelegt. Aber Er, deſſen weiſer Rath unſer Schickſal wie unſere Kraͤfte gewogen, laͤßt uns nicht um ein Quentlein zu viel geſchehen; auch die kleinſte Thraͤne hebt und legt er bei, ſie in das Maaß der Vergeltung zu meſſen!— Der Hauptmann Roſtorff hatte ſeinen letzten Willen gerichtlich deponirt, und Stephanie ſah ſich durch die Sparſamkeit ihres Schwiegervaters, der von ſeinem Solde ein Capital eruͤbriget, wenigſtens hinlaͤnglich, die Wittwe vor druͤcken⸗ den Mangel zu ſchuͤtzen, der erſten Sorge um ihre Subſiſtenz enthoben. Ob ſie auf eine kleine Penſion rechnen durfte, mußte dem Eifer fuͤr⸗ ſprechender Freunde, und der Gnade des Koͤnigs uͤberlaſſen beiben. Aber in Berlin konnte Stephanie es nicht mehr aushalten; es trieb ſie von hinnen. Unſicht⸗ bare Baͤnder ſchnuͤrten ihr die Bruſt zuſammen, ſo oft ſie einen Blick auf die verſiegelten Thuͤren warf. Sie wollte die Ankunft des Vetters aus Baiern nicht abwarten, ſich eine vermeidliche — 112— Kraͤnkung zu erſparen. An das Grab des Schwie⸗ gervaters zog es ſie wie mit magnetiſcher Gewalt; dort wollte ſie ſich ſatt weinen, dort wuͤrden die Geiſter ihrer Lieben ſie umſchweben, und Muth und Ergebung uͤber ihre niedergeſchlagene Seele kommen. Und der Genius, der Dir dies zufluͤ⸗ ſterte, trauernde Stephanie! hielt Wort. Frau von Berga hatte dieſe Erzaͤhlung, welche die Roſtorff in Fragmenten gegeben, mit einem waͤrmeren Antheil angehoͤrt, als ſie fuͤr irgend ein fremdes Verhaͤngniß jemals gezeigt. Sie ehrte das Ungluͤck der Wittwe, und behan⸗ delte ſie mit zarter, gutherziger Schonung. Ste⸗ phanie ſchlief auf derſelben Stelle, in dem naͤm⸗ lichen Feldbett, worin der Hauptmann geſtorben. Sie ging in alle Verhaͤltniſſe dieſes Hauſes ein, half ihrer guͤtigen Wirthin, wenn dieſe ſtill ge⸗ ſchaͤftig das kleine Laboratorium beſorgte, und lernte ihr mit Geſchick die Handgriffe ihrer heil⸗ ſamen Kuͤnſte ab. Die Edelfrau dachte zum erſten⸗ mal daran, wie gut es waͤre, wenn eine Schuͤle⸗ rin wie Stephanie ihre Wiſſenſchaft des Wohl⸗ thuns auf die Zukunft braͤchte, wo ſie nicht mehr ſein wuͤrde; aber ſie konnte nicht hoffen, daß die junge, ſchoͤne Frau um dieſe Pflichten und ihren Segen zu erben, ihr Leben in dieſem oͤden Schloſſe ver⸗ vettra und? vicht ſch Frau chen lin! in? den wenn Mun für da zaneht drau⸗ ſchet Inhre eine k di La die g el un Steph Deide wunde ihen d tie den, — 113— Schwie⸗ vertrauern moͤgte. Doch ſchien Stephanie Raſt Gewalt; und Ruhe in ſeinen Mauern zu finden, und ſich uͤrden die nicht fort zu ſehnen. Die beiden Kinder hatten nd Muth ſich ſo geſchwiſterlich an einander gewoͤhnt, daß ene Seele Frau von Berga der Meynung war, ihr Roͤs⸗ ies zufluͤ⸗ chen werde ſich in die Trennung von der Geſpie⸗ 1 lin kaum fuͤgen koͤnnen. Vielleicht geſchah es auch Enählung, in Ruͤckſicht auf die Kleine, daß ſie der Roſtorff eben, mit den Vorſchlag machte, den Winter da zu bleiben, s ſie fuͤr wenn es ihr nicht zu einſam, und bange nach geheigt Menſchen ſey. Stephanie ſchien dieſe Einladung d behan⸗ fuͤr laͤngere Zeit wie einen erfuͤllten Wunſch auf⸗ G. Ste⸗ nnenten⸗ und richtete ſich nun heimiſch ein. du näm⸗ Frau von Berga empfand das Vergnuͤgen haͤus⸗ then. licher Geſelligkeit, dem ſie durch eine Reihe von 74 in Jahren entfremdet worden war. Stephanie hatte auſer 6 eine kindliche Stellung zu der Matrone, und ihr ſil 9. die Laſt der Wirthſchaft allmaͤhlig abgenommen. egie, 8 Die Kinder, fremd ihrem Blute, ſpielten wie En⸗ ihrar he kel um ihren Feyerabend. Und wirklich machte zum eiſen Stephaniens Liebe keinen Unterſchied zwiſchen e Schile des Wohle ict mah „ daß die Beiden. Sie war dem Roͤschen zaͤrtlich, ja faſt wunderſam zugethan, und hielt das Kind wie ihren Augapfel. Oftmals betrachtete ſie die Kleine ſo tiefſinnig, ſo verſenkt in forſchendes Nachden⸗ un bn ken, als wolle ſie das Raͤthſel ihrer obſcuren Her⸗ Gl S 9 8 * — 114— kunft aus dieſen zarten Zuͤgen leſen. Fuͤr dieſe Chiffern der Natur ruhete ein Schluͤſſel in ihrem Herzen; aber der Gram hielt dieſes Herz ver⸗ ſchloſſen, und das Geſtaͤndniß jener Geheimſchrift zu eroͤffnen, war einem ſpaͤteren Tage vorbehalten. Außer dem Gewinn an ſtillen Freuden, welche ein Familien⸗Leben gewaͤhrt, fand die Edelfrau ſich auch auf andere Weiſe fuͤr ihren menſchen⸗ freundlichen Sinn belohnt. Da eine Zeit ver⸗ gangen war, worin ſich kein Anſpruch an jenen Wagen voll Beute gemeldet: ſo ging Frau von Berga endlich daran, zu unterſuchen, in was ſie beſtuͤnde. Stephanie half ihr, und außerdem ein alter Kutſcher, auf deſſen Verſchwiegenheit ſich zu verlaſſen war. Das andere Hofgeſinde war auf dem Felde beſchaͤftiget: denn Frau von Berga wollte die Habgier ihrer Leute nicht reizen, welche lange ſchon luͤſtern geweſen war, dieſen Raub des Krieges theilweiſe davon zu tragen. Auch waͤren die Gegenſtaͤnde, welche er enthielt, nicht fuͤr die rohe Luſt des Volkes geweſen. Die Haͤnde der Schloßfrau, emſig wuͤhlend, in dem Wuſt der Ladung, machte ein frommes Beben unſtet, als ſie auf die Beweiſe trafen, daß eine Kirche oder Capelle gepluͤndert worden waͤre. Da lagen heilige Gefaͤße, hervorfunkelnd aus Stroh und Fuͤr dieſe in ihrem Herz ver⸗ heimſchriſt erbehalten, en, welche — Cdelfrau menſchen⸗ Zeit ver⸗ an jenen Frau von u was ſie herdem ein enheit ſich eſinde wal von Verg — 115— Heu, prieſterliche Gewande von Brokat und koͤſt⸗ lichen Spitzen, geknuͤllt wie gemeine Lappen, Kerzen, zerbrochene Goldrahmen, mit kuͤnſtlichem Schnitzwerk, und Kleinodien von allerley Art. Der nervigte Arm des Kutſchers gewaͤltigte einige zuſammengebundene, rieſengroße Bilder, die er vor den Augen der beiden Frauen entrollte. Zwiſchendurch lag auch haͤusliches Gut und Ge⸗ raͤth, in Eile gerafft; doch alles mehr oder minder von Rauch angeſchwaͤrzt. Es gab einen traurigen Anblick, wie das Eigenthum der Ruhe und Ord⸗ nung wild und wirr unter einander geworfen war. Stephanie konnte vor Thraͤnen nichts ande⸗ res ſehen, als das vergoſſene Blut ihres Schwie⸗ gervaters, das in ſeinen Adern Treue fuͤr ſie ge⸗ geklopft hatte.„Hier lag das Roͤschen,“ ſagte Frau von Berga, und zeigte auf die Stelle, „und ſchlief. Wie mag nur das Kind an die Seite des braven Hauptmanns gekommen ſeyn? daruͤber habe ich mir ſchon oft den Kopf zerbro⸗ chen; aber das Herz braͤche mir, wenn ich das arme Kind deshalb quaͤſtioniren ſollte. Ich bin vielmehr froh, wenn die Kleine ſich von einem Tage zu dem andern froͤhlich forttraͤumt.“ Dieſe Sachen wurden nun in ein Gewoͤlbe des Schloſſes verwahrt, und da das Gewiſſen 8⸗ — 116— der guten Edelfrau zu penible war, um in dieſer eigenmaͤchtigen Obhut nicht ein Vergehen zu fuͤrch⸗ ten: ſo machte ſie einem nahen Kloſter Anzeige davon, und gab die Koſtbarkeiten in den Gewahr⸗ ſam der Kirche, daß dieſe Nachricht einziehen, und jene Schaͤtze zu gelegener Zeit an den Ort ihrer Behoͤrde abliefern moͤge. Nur ein Bild, deſſen Schoͤnheit die Edelfrau beſonders ruͤhrte, wuͤnſchte ſie zu behalten, als ein kleines Strand⸗ recht, da der Sturm des Krieges dieſen Ballaſt aus dem Schiff einer Kirche an dieſe ſtille Kuͤſte verſchlagen, und der Pater Beichtiger war es gern zufrieden. So war der Winter verſtrichen. Die Ein⸗ ſamkcit, dieſe Waͤrterin kranker Herzen, hatte doch nicht vergebens an Stephaniens Gemuͤth gepflegt, es erholte ſich von dem ſchleichenden Fieber der Schwermuth, und war nur noch ſchwach in Hoffnung. Jetzt gruͤnte der Fruͤhling zwiſchen den boͤhmi⸗ ſchen Bergen auf, und die Edelfrau trat ruͤhrig ihre botaniſchen Wanderungen wieder an; Stephanie begleitete ſie, ließ ſich uͤber die Kraft und den Ge— brauch der Pflanzen verſtaͤndlich und practiſch belehren, und der weite Hoͤrſaal des Waldes rauſchte um das kleine Collegium. Zuweilen in dieſer mfuͤrch⸗ r Anzeige Gewahr⸗ einziehen, den Ort ein Bidd, s ruͤhrte, Strand⸗ Ballaſt le Kuͤſte war es Die Ein⸗ en, hatte Gemüͤth ſlichenden ſchvach en bohmi ihrig ihle Stehanle den Ge⸗ practiſch Waldes zuwellen — 117— buͤckte ſie ſich ſo haſtig nach einem vierblaͤttrigem Kleeblatt, als haͤtte ſie das Heilkraut fuͤr das Weh ihres Buſens, und das Gluͤck nun wirklich gefunden, was ihr doch verloren ſchien fuͤr immer. Eines Tages, als Stephanie auf einem der Grabhuͤgel unter den drei Linden ſaß, und die Kinder ihr den Schooß voll Wieſenbluͤm⸗ chen geſchuͤttet hatten; woraus ſie ihnen einen Kranz winden lehrte, der fuͤr dieſen Ruheplatz beſtimmt war, ſah ſie einen Fremden an der Seite der Frau von Berga vom Schloſſe daher kommen, und mit haſtigen Schritten ſich naͤhern. Ein Mantel hing von ſeinen Schultern, darun⸗ ter er den Arm in einer Binde trug. Stephanie faßte dieſe fremde Erſcheinung ins Auge, und ihre Hand ließ kraftlos die Blumen ſinken. Sie erblaßte, und ſaß wie ein Bild von Stein: denn dieſer Fremde war der Mann ihrer erſten Liebe Er aber ſah die Freundin ſeiner Jugend nicht. Mit einem Schrei, worin die Angſt einer lange gepreßt geweſenen Bruſt, mit dem Entzuͤcken, das ſie zu ſprengen drohete, zuſammenklang, riß er das Roͤschen an ſein Herz, und jauchzte ob dem gefundenen Kinde, das er als in den Flam⸗ men umgekommen, bejammert hatte, bis eine Spur des Lebens, die er unablaͤßig verfolgte, ihn — 118— dahin leitete, wo ſein Roͤschen ſo wohl aufgehoben geweſen war. Und jetzt ſtand es vor ihm, bluͤ— hend, engelhaft, ein Phoͤnix, der hier ſein Neſt⸗ chen in Wahrheit auf aromatiſchen Kraͤutern ge⸗ funden, und aus dem Feuer der Pruͤfung ſich aufſchwang, den Dank ſeines Vaters gen Himmel zu tragen!— Der oͤſterreich'ſche Offizier haͤtte in dem ganzen Reichthum dieſer Minute kein einzi⸗ ges, armes Woͤrtchen gefunden, das ſelige Ge⸗ fuͤhl dieſes Wiederſehens auszudruͤcken. Frau von Berga ſtand daneben und weinte; das Roͤschen, ihr Liebling, ihre Freude, war ihr nunmehr entnommen, dennoch duͤnkte es ihr, ſie haͤtte keinen ſchoͤnern Augenblick erlebt. „Wlasky! hier finden wir uns?“ ſagte eine Stimme ſo leiſe, ſo ſeelenvoll, als toͤnte ſie wirk⸗ lich ſchon uͤber den Graͤbern. Wlasky fuhr empor, ohne ſein Roͤschen fah⸗ ren zu laſſen, und rief:„Stephanie! heiliger Gott! waͤre es moͤglich, Du ſelbſt?“ die Ueber⸗ raſchung entriß ihm dies Du ihrer vormaligen Vertrautheit. „Wohl bin ich es,“ antwortete ſie, indem Thraͤnen uͤber ihre entfaͤrbten Wangen rollten: aber nur der Schatten meiner Jugend noch. Ich war ſehr ungluͤcklich, Wlasky! und von allem was 2 aufgehoben ihm, blͦ⸗ ſein Neſt⸗ draͤutern ge⸗ ruͤfung ſich hen Himmel jer haͤtte in kein einzi⸗ ſelige Ge⸗ nd weinte; ,war ihr es ihr, ſie ſagte eine te ſee wirk⸗ g e heliger die Ueber vormaligen ſie/ indem en rollten: noch. Ih allem was — 119— ich beſaß, und zu beſitzen hoffte— iſt nur dieſe kleine Stephanie mir geblieben.“ Sie zog das Kind an ſich, als wolle ſie in dieſer muͤtterlichen Stellung Schutz ſuchen, gegen den Wankelmuth ihrer Gefuͤhle, welche der Blick, der Ton dieſes Mannes, in dem Andenken fruͤherer Zeiten bewegte. Der Offizier ergriff geruͤhrt ihre Hand, druͤckte ſie an ſeinen heißen Mund und ſprach: „ein ſuͤßer Troſt! o Stephanie! ein Kind iſt viel, und beweint, weil ein ſchrecklicher Tod es entrafft, kann es uns alles duͤnken. Ich habe das empfunden, in dem ganzen Elend ſolch eines Verluſtes.““ Er hob das Kind auf ſeinen Arm, der andere ſchien gelaͤhmt, und bedeckte das Roͤs⸗ chen mit Kuͤſſen und Freudenthraͤnen, deren ſich der tapfere Mann nicht ſchaͤmte. Spaͤter kam es zu Eroͤrterungen. Wlaskys Gattin war im erſten Kindbette geſtorben. Er hatte die kleine Thereſe, ſchmeichelnd Roͤschen ge⸗ nannt— ſeiner Schweſter zur Erziehung uͤber⸗ geben, die an einen Civil⸗Beamten verheirathet, und ſelbſt kinderlos war. Aengſtlich von Natur, fluͤchtete ſie, da die kriegeriſchen Unruhen ſich ihrem Wohnorte naͤherten, gerieth unter Weges nun erſt in Gefahr, und eilte einem ſchlimmeren Schickſal entgegen, als welchem ſie entfliehen wollen. — 1220— Durch die Fahrlaͤßigkeit der Kinderfrau, war ihr das Roͤschen im Getuͤmmel einer Feuersbrunſt nach abhanden gekommen. Die Alteration, verbunden Get mit der Furcht vor ihrem Bruder: wenn er nach ſeinem Kinde fragen wuͤrde, wirkte ſo heftig auf die ſchwaͤchliche, junge Frau, daß ſie in eine Krank⸗ heit verfiel und ſtarb. Aber der Schutzgeiſt des Kindes hatte es, wenn auch mitten in den Haufen der Feinde, doch freundlich gefuͤhrt, und kein Haͤrchen ſeines Hauptes kruͤmmen laſſen. Zuletzt legten die rauhen Buttmeiſter des Krieges es neben den blutenden Hauptmann, daß dieſer in den Schooß der Erde, ei das Roͤschen aber in den Arm der Liebe käͤme. ein Blindlings hatten ſie es gethan; Niemand wußte, 4 welch eine naͤhere Beziehung zwiſchen dem ohn⸗ ent maͤchtigen Greiſe und dem ſchlafenden Kinde ſtatt⸗ und faͤnde. Doch Der die Verhaͤngniſſe der Sterbli⸗ ni chen webt, und in den kleinſten Begebenheiten do wirkſam iſt, verbarg die verknuͤpfende Hand, daß wo ſie einſt ſichtbar wuͤrde, wenn das Werk ſeines der 4 Willens vollbracht waͤre. Am Abend ſaßen Wlasky ei 1 und Stephanie beiſammen, die Kinder zu ihren we Fuͤßen. Frau von Berga hatte nur in ſo fern 2 Theil an der Unterhaltung, als die dankbare Ruͤck⸗ dr ſicht der Beiden ſie in das Intereſſe derſelben A — u, war ihr Keuersbrunſt ,verbunden enn er nach heſtig auf eine Krank⸗ es hatte es/ der Feinde, chen ſeines die rauhen blutenden der Erde, iehe kaͤme. and wußte, 1dem dhn Kinde ſtatt er Sterbli⸗ gebenheiten [Hand, daß gerk ſeines en Wlasky r zu ihren in ſo fern bare Rich 4 derſelben — 121— zog. Die gute Edelfrau war gefaͤllig genug, dies nachzuſehen. Sie hatte uͤberdies mit eigenen Gedanken zu thun, und ſich mit ihrem himmliſchen Freunde zu berathen. So ſchlich ſie unvermißt in ihr Schlafkaͤmmerlein, knieete vor dem Betpult nieder, und unterwarf ſich einer Eingebung des goͤttlichen Geiſtes. Der invalide Offizier hatte ſeinen Abſchied, und eine Expectanz auf Verſorgung. Im Laufe der naͤchſten Tage unterredete Frau von Berga ſich hin⸗ ter verſchloſſenen Thuͤren lange mit ihm; aber die Re⸗ ſultate dieſer Heimlichkeit traten bald hervor. Sie ſagte ganz einfach, ohne alle Praͤtenſion einer großmuͤthigen Geſinnung, und um ſo ruͤh⸗ render fuͤr Wlasky, daß ihr das Roͤschen ſo un⸗ entbehrlich, und ſeine Freundin Roſtorff ſo lieb und werth geworden, daß ſie Beide nicht mehr miſſen zu koͤnnen glaubte. Nun aber wuͤrde er doch natuͤrlich ſein Kind mit fort nehmen wollen, wo nicht auch Anſpruch machen an eine Erneuerung der alten Liebe. Stephanie waͤre ja nun frei. Sie haͤtte hin und her gedacht, wie ſich dieſe verwickelte Angelegenheit aufloͤſen ließe, zu aller Zufriedenheit, und daß kein Herzensfaͤdchen dabei zerriſſen wuͤrde— und waͤre denn endlich auf ein Mittel dazu gefallen. Die gute Edelfrau ſetzte — 122— mit Wehmuth hinzu: ſie ſtuͤnde allein in der Welt, ihre Anverwandten waͤren abgeſtorben, bis auf eine Baſe, die in Schleſien, und, ſo viel ſie wuͤßte, in guter Lage lebte. So fruͤge ſie ihn denn: ob er geſonnen waͤre, die Wittwe zu hei⸗ rathen, und das Gut zu bewirthſchaften: ſo ſolle es ſeinem Roͤschen einmal zum Erbe verbleiben.— Wlasky freuete ſich in dankbarem Erſtaunen einer Fuͤgung, welche ihn mit der unvergeſſenen Freun⸗ din ſeines Herzens auf ewig vereinigen, und aus dem vaguen Leben der Soldateske, in haͤusliche Unabhaͤngigkeit bei dem Genuß laͤndlicher Ruhe, verſetzen ſollte. Von dieſer Stunde an ehrte er Frau von Berga wie eine Mutter, und ſie hatte ſich einen liebenden Sohn in ihm erworben. Sobald Stephaniens Trauerjahr voruͤber war, und Wlasky ſeine und ihre auswaͤrtigen Geſchaͤfte, in Betreff des kleinen Vermoͤgens ſeiner Braut, und ſeiner Dienſt-Verhaͤltniſſe geordnet hatte, ließen ſie ſich in aller Stille trauen. Dann wollte Frau von Berga einen großen Entſchluß ausfuͤh⸗ ren, und nach Schleſien reiſen, um ſich heimlich ſelbſt zu uͤberzeugen, ob jene Verwandte von ihr bedacht werden muͤßte. Das Guͤtchen blieb un⸗ ter der Aufſicht des neuen Ehepaars, und die Edelfrau machte zu beſſerem Fortkommen voy der Equipage Wlaskys Gebrauch.— ein in der ſtorben, bis „ſo viel ſie iͤge ſie ihn we zu hei⸗ en: ſo ſolle rbleiben.— aunen einer enen Freun⸗ , und aus haͤusliche zer Ruhe, ehrte er d ſie hatte orben. ruͤber war⸗ Geſchafte⸗ ier Braut, net hatte, dann wollte F ausfüh heimlich t von iht blieb un⸗ und die u voy der — 123— Die Baſe war todt, und unverehlicht geſtor⸗ ben. Frau von Berga durfte nun ohne naͤhere Anſpruͤche zu kraͤnken, uͤber ihr Eigenthum ver⸗ fuͤgen. Sie ſetzte das Roͤschen zu ihrer Erbin ein, den Vater zum Vormund, und die kleine Stephanie wie ihre Mutter, wurden mit einem Legat abgefunden. Dieſem Teſtament nun ward alle erforderliche Rechtskraͤftigkeit gegeben. Frau von Berga hatte den Entwurf zu dieſer Dispo⸗ ſition mit dem Eigenwillen des Alters gemacht, der das Roͤschen mit vorziehender Gunſt behan⸗ delte, waͤhrend es die kleine Stephanie Roſtorff, nicht minder liebenswuͤrdig als Jene, karg und kuͤhl hintanſetzte. Es lag eine gewiſſe Ungerech⸗ tigkeit darin; aber— Wer durfte ſcheel ſehen, daß die Edelfrau uͤberhaupt ſo guͤtig war?— Stephanie fand ſo reichen Erſatz in Wlaskys Liebe, daß ſie der kleinen adoptirten Erbin den Vorzug nicht mißgoͤnnte, den ſie vor ihrer Toch⸗ ter hatte. Sie wußte ja nun ſelbſt wie der Him⸗ mel am rechten Orte und zu ſeiner Zeit auszu⸗ gleichen verſtehe, und hoffte daher von dem Wal⸗ ten der Vorſicht, daß es ihr herzliebes Kind, auf dem der Segen des Namens Roſtorff ruhe, der⸗ maleinſt verſorgen werde. Frau von Berga erreichte ein hohes Alter, —— — 124— und ſtarb geliebt, beweint, innigſt betrauert, in Stephaniens Armen. In ihrer Todesſtunde glaubte ſie den Hauptmann zu ſehen, der ihr freundlich zuwinke. Die ſie umgebenden Perſonen fluͤſterten einander zu: ſie rede irre; aber ihrem ſcheidenden Geiſte ſchwebte vielleicht nur die Wahr⸗ heit ſeiner Verheißung vor, die ſich erfuͤllte: denn die ſanften Haͤnde ſeiner Schwiegertochter trock⸗ neten bebend den letzten Schweiß von ihrer Stirne, waͤhrend Stephanie im froͤmmſten Be⸗ duͤrfniß des Troſtes daran dachte, Gott werde abwiſchen alle Thraͤnen von unſern Augen. Die Jahre rollten dahin; der Gang ihrer Verwandlungen in eiſerner Nothwendigkeit, er⸗ ſchuͤtterte die Welt, in dem alten, morſchen Schloſſe blieb alles ziemlich wie zuvor, nur in etwas hoͤherer Potenz. Wlasky war ein ſorgſamer Landwirth, und nur ein wenig bequem geworden. Er ſchmauchte auf demſelben braunen Lederſtuhl ſein Abend⸗ pfeichen, und erzaͤhlte Thaten militairiſchen Bra⸗ vour, wo ſein wuͤſter Vorfahr renommirt. Der Klang der Waffen ergoͤtzte ihn noch aus der Ferne, die ſeinigen hingen roſtend in den oͤden Hallen dieſes Hauſes. Er haͤtte ſich einen Sohn ge⸗ wuͤnſcht, der wehrhaft wie ſein Vater geweſen — waͤre konn lheil Gri um ſpr un Sif Labe ſcha Dief Häͤlf ihren ſits Waa dutſch ſ( dß detrauert, in Todesſtunde hen, der ihr den Perſonen zaber ihrem ur die Wahr⸗ etfuͤllte: denn tochter trocf f von ihret mmſten Be⸗ Gott werde lugen. Gang ihrer ndigkeit, er⸗ n, motſchen vor, nur in dwirth, und r ſchmauchte mirt. der Ferne, den Hallen Sohn ge⸗ ter geutſen — 125— waͤre, aber das Roͤschen, was kein Blut ſehen konnte, blieb ſeiner vaͤterlichen Freude allein, und theilte dieſe mit ihrer Schweſter Stephanie. Der Gattin Wlaskys hatte die Zeit mit leiſem Griffel einen matronenhaften Zug ſtillen Ernſtes um den Mund gebildet, der nur zufriedene Worte ſprach. Ihrem Manne war ſie ſchoͤn geblieben, und er vermißte keinen abgebluͤheten Reiz an ihr. Sie ſtand wie die ſelige Edelfrau in dem kleinen Laboratorio, und gebrauchte die ererbte Wiſſen⸗ ſchaft zu Nutz und Frommen armer Leidender. Dieſe ſuchten im Zuge herkoͤmmlicher Gewohnheit Huͤlfe im Schloſſe, wenn ihnen ein Schaden an ihren Gliedern geſchehen, und fanden mindeſtens ſtets den Balſam thaͤtiger Theilnahme. Ja, Frau Wlasky curirte mit ſolcher Verſtaͤndigkeit, mit ſo entſchiedenem Gluͤck, ſie machte das Studium die⸗ ſes Geſchaͤftes ſo zur Hauptſache ihres Lebens, daß ſie fuͤr eine unfehlbare Aerztin in der ganzen Gegend galt, und dieſer ruͤhmliche Ruf das An— denkemihrer Lehrerin verdraͤngte: denn die Dank⸗ barkeit iſt eine Tugend, welche ein ſchwaches Ge— daͤchtniß hat, und ihre Monumente auf die Graͤ— ber der Wohlthaͤter nur von Sandſtein ſetzt, der gar bald zerbroͤckelt.— Wie ein Gnadenbild ward die aͤltere Stephanie taͤglich von dem Elend der 5* 126— Menſchen angefleht, und wirkte oft durch ihren milden Anblick, Wunder des Glaubens und der Zuverſicht. Roͤschen Wlasky und Stephanie Roſtorff wa⸗ ren zu Jungfrauen herangewachſen. Sie ſuchten auf Verlangen der Mutter Kraͤuter im Walde; doch nur Roͤschen fand die heilſamen in Menge, Stephanie war zu zerſtreut, deshalb ſammelte ſie weniger. Muͤde vom Buͤcken ſetzten ſie ſich dann auf Baumſtaͤmme, oder ließen ſich auf das Ge⸗ flecht der Wurzeln, auf die ſchwellenden Polſter des Mooſes nieder. Beguͤnſtiget von der traͤume⸗ riſchen Stille des Hains, ſchwaͤrmte ihre Phan⸗ taſie, welche die Natur mit geheimnißvollen Ahnungen, und eine Muhme des Pfarrers mit Maͤhrchenſtoff angefuͤllt hatte. Ein altes Muͤtterchen, deſſen verſchrumpfte Bloͤße die Armuth kaum bedeckte, tappte muͤhſam einher, und keuchte unter einer Buͤrde Holz, die es den gekruͤmmten Schultern aufgeladen. Die beiden Maͤdchen ſprangen auf, nahmen die Laſt mit ruͤſtigeren Kraͤften, und trugen ſie abwechſelnd bis an den Ausgang des Gehoͤlzes, wo ſie die Alte mit einem Zehrpfennig, und dem Verſprechen begabt, verließen, daß ſie ſich den oder jenen Tag auf dem Schloſſe eine Suppe holen duͤrfte. doch d nun ie der le del J ein t Dir entpu terlin häte einen ſeiden der ſe falte das ſ mit Und llein ſe u wohl mich habe den urch ihren 6 und der doſtorff wa⸗ Die ſuchten in Walde; in Menge, ammelte ſie e ſich dann das Ge⸗ n Polſter er traͤume⸗ de Phan⸗ nnißvollen arrers wit ſchrumyfte te muͤhſem Holh die den. Die die Laſt bwechſelnd wo ſie die erſrechen ſenen da en düͤrſte — 127— Roͤschens Blick folgte ihr mitleidig, Stephanie ſah ihr mit funkelnden Augen nach. „Ach Roͤschen! ſagte ſie:„wie Schade! daß doch alles ſo wahr und wirklich iſt! jene Alte iſt nun in der That eine arme Hohlzleſerin, die zu der leimernen Huͤtte ſchleicht, ſich an dem Buͤn⸗ del Reiſig einen magern Brei zu kochen, wobei ein trockner Spahn ihr zur Leuchte dient. Denke Dir aber, wenn ſie nun eine Fee geweſen waͤre! entpuppt ihrer runzlichten Huͤlle wie ein Schmet⸗ terling mit ſchoͤnen Farben und Sternen beſaͤet, haͤtte ſie ſich ploͤtzlich verwandelt, die Kruͤcke in einen goldnen Stab, das harte Gebund in ein ſeidenweiches Fluͤgelpaar, und dieſen Kaͤfer hier, der ſeine Schwingen ſo kuͤhn und ſchillernd ent⸗ faltet, in den Vorſpann eines Silberwölkchens, das ſich luftig gedehnt fuͤr Dich und mich, um mit uns durch den blauen Aether zu ſchweben. Und wenn ſie nun, großmuͤthig dankbar fuͤr die kleine Dienſtleiſtung, gefragt, welch einen Wunſch ſie uns erfuͤllen ſolle? was wuͤrdeſt Du, Roͤschen, wohl geantwortet haben? ich meiner Seits, wuͤrde mich von ihr in irgend ein praͤchtiges Luſtſchloß haben kutſchiren, und mir einen huͤbſchen Prin⸗ zen zum Mann geben laſſen.“ Roͤschen ſchuͤttelte den kleinen Kopf mit vol⸗ — 128— len, blonden Locken, und ſprach: ich wuͤrde ſagen: willſt Du mein Gluͤck in etwas vergroͤßern, guͤtige Fee, o ſo verlaͤngere das Leben meiner lieben Eltern! weiter wuͤßte ich nichts zu bitten, nichts zu wuͤnſchen. Fort von hier koͤnnte ich nicht— niemals, Stephanie. Dieſe Berge und Buͤſche, unſere haͤuslichen Mauern, die einſamen Graͤber, wo mir wohl iſt und ſtill: dies alles wollte ich nimmer verlaſſen.“ Stephanie erwiederte hierauf:„mit Dir iſt es auch ein Anderes, Schweſter. Das Gut iſt Dein, und Jeder haͤlt an ſeinem Eigenthum.“ Roͤschen ſprach:„daran habe ich noch kaum ge⸗ dacht. Das Gut iſt unſer, wir genießen es gemeinſam, daß es uns hegt und naͤhrt. Es iſt die Liebe zur Heimath, die ich nicht gegen alle Pracht der Erde vertauſchen, und wo ich ewig bleiben moͤgte.“ „Ewig?“ fragte Stephanie:„und wenn Du nun ſtirbſt?“ Roͤschen laͤchelte; der Engel der Unſterblich⸗ keit glaͤnzte aus ihren holden Zuͤgen. Sie ſagte: „ſollte ich vollkommen ſelig werden: ſo muͤßte ich dieſem Orte meiner irdiſchen Kindheit nahe ſeyn duͤrfen. Stehe ich doch jetzt auch noch zuweilen vor dem Schraͤnkchen, wo meine Spielſachen auf⸗ gehoben rde ſagen: ern, guͤtige iner lieben ten, nichts h nicht— d Buͤſche, en Graber, woltte ich it Dir iſt Gut iſt enthum.“ kaum ge⸗ nießen es ahrt. Es iicht gegen o ich ewig und wenn inſendlch Sie ſagte: muͤßte ich nahe ſenn zuweilen ſchen auſ gehoben — 129— gehoben ſeyen, und blicke mit Nuͤhrung hinein, und der Vater, obwohl er dieſe geliebten Kleinig⸗ keiten fuͤr Tand anſieht, goͤnnt mir dieſe unſchul⸗ dige Freude. Sollte Gott ſich weniger guͤtig er⸗ weiſen? Und wenn mir hinieden das Leben daruͤber hingeht, Pflanzen zu ſuchen, um heilſame Saͤfte daraus zu bereiten, daß Schmerzen gelindert wuͤr⸗ den, wie die Mutter und Großmutter es gethan: ſo laͤßt mich Gott wohl Jenſeits Blumen finden, voll Troſt und Heil fuͤr kranke Seelen, und truͤge mir auf, Balſam zu miſchen, aus uͤberirdiſchen Freuden und goͤttlichen Kraͤften. Unſichtbar ſchwebte ich nieder, wo ein krankes Herz litte, und ſtaͤrkte es— und etwas Lieberes wuͤßte ich nicht im Himmel.“ Stephanie ſeufzte und ſprach: „Du biſt recht gluͤcklich Roͤschen, daß Du Dir dies alles ſo anmuthig denken kannſt. Mein Sinn iſt anders gerichtet; ich— laß es mich Dir ge⸗ ſtehen— fuͤhle mich hier fremd. Die oͤde Stille um mich her, aͤngſtet mich, als waͤre ich leben— dig begraben. Der Anblick von Menſchen wuͤrde mir wohlthun, daͤchte ich, Geraͤuſch des Lebens mich zum Bewußtſeyn meiner ſelbſt bringen: denn ich athme wie in einem bangen Traume, und manchmal hebt ſich dieſe Bruſt ſo ſchwer! dann muß ich weinen, und weiß doch nicht warum? 9 — 130— es ruft oft eine Stimme in mir, ſo ſehnſuchts⸗ voll— und ich verſtehe nicht wonach?— Das Herz klopft mir dabei ſo laut und ungeſtuͤm, als ſchluͤge es an ein verſchloſſenes Thor, und ich er⸗ wartete jeden Augenblick, daß die goldnen Fluͤgel aufgehen, und eine Wunderwelt vor mir oͤffnen wuͤrden. Dann bliebe dieſe todte Ruhe dahin⸗ ten, und ich duͤrfte meines jungen Daſeyns in Lebensfuͤlle genießen.“ Roͤschen ſchwieg, ſinnend uͤber Stephaniens Worte, und dieſe fuhr fort:„ſieh! als ein Kind nimmt man das Stuͤcklein Hausbacken Brodt unbekuͤmmert aus jeder Hand, ſpaͤter will man doch wiſſen, Wem man es verdanke. Meine Mutter hat als die Ehefrau Deines Vaters den Antheil des Rechts und der Pflicht an dieſem Aufenthalte; ich komme mir nur wie eine kleine Zugabe vor. Und ſo weit die Aehren Deines Gutes wallen, und ſeine Baͤume Schatten geben, iſt nur eine Stelle, die ich als mein Erbtheil be⸗ trachten darf: den Grabhuͤgel des Großvaters. Die falben Halme welche darauf wanken, tragen mir jedoch nur traurige Fruͤchte— Du ſiehſt ſie fallen.“ Sie brach in heftige Thraͤnen aus. „Stephanie!“ ſagte Roͤschen betroffen, und mit gelindem Vorwurf:„Du haſt den Großvater ſehnſuchts⸗ 7— Das ngeſeuͤm, als „und ich er⸗ dnen Fluͤgel mir oͤffnen Kuhe dahin⸗ Daſeyns in Ztephaniens ls ein Kind ken Brodt ar will man ke. Meine Vaters den an dieſem eine kleine ren Deines haten geden, Etlthel be⸗ Großvatets. nken, tragen du ſühſt ſe en aus. troffen/ b Großvalei und — 131— ſo wenig gekannt, er iſt ſo lange ſchon todt, daß ich nicht glauben kann, Du betruͤbteſt Dich ſeinet⸗ wegen. Du haſt mir weh gethan, mit Deiner wunderlichen Rede, und gut war es, daß die Mutter nicht hoͤrte was Du ſagteſt: es haͤtte auch ſie ſchmerzen muͤſſen.— Sind wir nicht Schweſtern? und aufgewachſen wie zwei Blumen an einem Zweig? empfingen wir nicht in Ein⸗ tracht unſere Nahrung aus dieſem Boden, den Du ſtolz verachteſt, weil er auf einem Papier meinem Namen zugeſchrieben iſt?— Was geht das mich an? dies iſt mir voͤllig ſo gleichguͤltig, wie dem Inſekt, das auf dieſem gruͤnen Blatte wohnt. Sage, theilte ich nicht alles in Liebe mit Dir? ja, wuͤrde ich nicht ſelbſt mein Leben fuͤr Dich laſſen?“ Roͤschen fuͤhlte ſich gekraͤnkt und weinte ſanft. Stephanie empfand es mit Reue, ohne widerrufen zu koͤnnen. Sie hatte ihr Innerſtes ausgeſprochen. Doch umarmten ſie ſich verſoͤhnlich, und an Roͤschens Buſen voll Stille, und heiliger Tiefe, fand ihre Schweſter, daß ſie ſich getaͤuſcht haͤtte; daß wahres Gluͤck weder rauſche, noch aus dem Vollen geſchoͤpft werde, ſondern daß dieſer lautere Quell oft zwiſchen Steinen entſpringe, die unſer Herz bedruͤcken, und ſelbſt aus leiſen Thraͤnen rinnen. Und als 9* — 132— ſie dies dachte, rieſelte ein warmer Strom der Hoffnung in ihre Seele. Jener Erbe aus Baiern, der die praͤſumtiven Reichthuͤmer des Oheims in Berlin zu erheben kam, fand ſich empfindlich getaͤuſcht, und zwar, was dieſe Fehlſchlagung fortdauernd quaͤlend machte, ohne damit abſchließen zu koͤnnen. Es war ein Droguiſt, der auch mit Material⸗ Waaren, und hauptſaͤchlich mit feinen Farbehoͤl⸗ zern Handel trieb, Leſtloy mit Namen. Durch erwerbſamen Fleiß in ſeinem Geſchaͤft gewann er das taͤgliche Brodt, wenn auch mit Muͤhe und Sorge. Dieſer Mittelzuſtand des Gluͤckes erhielt ihn jedoch im Gleichgewicht der Zufriedenheit und in der Schwebe des Hoffens: denn er neigte ein wenig zum Geiz hin, und dieſer iſt ein beſtaͤndi— ges Sinken in Furcht, nie genug zu haben, und um das Seine zu kommen. Jetzt traf, unerwar⸗ tet wie ein Blitz vom blauen Himmel, die Nach⸗ richt von jener Erbſchaft ein, auf welche Leſtloy nie rechnen duͤrfen, den Droguiſten zu leiden⸗ ſchaftlichen Erwartungen. Er ſah ſich im Geiſte einen Millionair, und ſeinem ſchwachen Kopfe ſchwindelte vor ſolcher Hoͤhe des Wohlſtands. Strom der vraͤſumtiven zu etheben und zwat, nd quäͤbend mnen. Material⸗ Farbehͤl n. Durch gewann er Maͤhe und ückes eöhielt denheit und rneigte ein in bſtndi⸗ haben, und rf unerhn „die Nach⸗ lche Leſtloy u kaa im Geiſt chen Kopfe Pohlſtande⸗ — 133— Der Ruf des zu erbenden Vermoͤgens, wie ſchnell der Flug der Fama uͤber Berg und Thal auch ſey— kam ihm doch in ungeheurer Progreſſion zu Ohren, und hin und her geworfen von inne⸗ rer Unruhe, matt von Entwuͤrfen, ſeinen Reich⸗ thum anzulegen, befand er ſich in der Lage eines Mannes, deſſen kuͤhnſte Wuͤnſche die Macht des Gluͤckes uͤberwaͤltiget hat. In draͤngender Ungeduld eilte er nach Ber⸗ lin, und meldete ſich als den Erben jenes Ver⸗ ſtorbenen. Die Gerichte ertheilten ihm Befug— niß, ſich in den Beſitz ſeines nunmehrigen Eigen⸗ thums zu ſetzen; aber er ſah ſich in eine raͤthſel⸗ hafte Taͤuſchung verſetzt. Die vorraͤthige Baarſchaft war nicht be⸗ traͤchtlich, einige Hypotheken⸗Scheine, die bei dem Kaufbrief uͤber das ſchuldenfreie Haus lagen, lauteten auf maͤßige Capitalien nur, und dennoch fanden ſich Berechnungen, die genau uͤbereinſtim⸗ mend bewieſen, daß Summen von großem Be⸗ lang vorhanden ſeyn muͤßten. Der geirrte Leſtloy zog haſtig die knarrende Schuͤbe auf, wuͤhlte in Schraͤnken und Truhen umher, und war zuletzt in Verzweiflung, daß ſich die Erbſchaft in ihrem bedeutendſten Werthe, wie eine ſproͤde Schoͤne vor ihm verſteckt hielt. Er fuͤhlte ſich ſo aufge⸗ 134 regt, ſo hitzig im Suchen, daß er ein niederſchla⸗ gendes Pulver einnehmen mußte. So ging es nun Tag vor Tag; der arme Droguiſt hatte die Qualen des Tantalus geerbt: denn der Schatz ſchwebte ihm vor den Haͤnden, und doch war alles was ſie beruͤhrten, leer und nichtig. Als ſein raſtloſes Umhertreiben im Hauſe, und der Rumor in den Rumpelkammern, das Haͤmmern und Handthieren kein Ende nehmen wollte, glaub⸗ ten die Leute, es waͤre nicht richtig mit ihm im Kopfe, und die Freude am Gelde haͤtte ihn ver⸗ wirrt gemacht. Leſtloy ſchaͤrfte ſeine Sinne, um wie die Waſſerfuͤhler zu merken, wo der goldne Quell, nach dem ihn duͤrſtete, verſchuͤttet laͤge. Der ſtarre Blick des Auges haͤtte die Waͤnde durch⸗ dringen moͤgen, ſeine Fingerſpitzen taſteten um⸗ her in magnetiſcher Kraft, das verborgene Me⸗ tall anzuziehen, und das ſchlafende Geheimniß offenkundig zu machen, ſein Ohr lauſchte, einen klingenden Strahl zu erſpaͤhen, den Silberblick der Erbſchaft. Aber er tappte fort und fort im Dunkeln. Die Diele in des Oheims Wohnzim⸗ mer toͤnte hohl, der Fuß ſeines Erben haftete bebend auf dieſer Stelle. Er ließ einen Schloſſer kommen, nahm dem ehrlichen Meiſter einen jederſchla⸗ d ging es hatte die er Schab doch war tig. Als und der Haͤmmern lte, glaub⸗ ihm im. ihn ver⸗ wie die g Quell, ge. Der nde durch⸗ teten um⸗ gene Me⸗ eheimniß hte, einen zilberblic fort im Wohnzim⸗ n haftete Schloſſet ſter einen —. 135— Schwur ab, den Fund nicht zu verrathen, gab dagegen das Verſprechen einer angemeſſenen Be⸗ lohnung, und ließ nun die verroſteten Schrauben ſo ſacht als moͤglich ausziehen. Die eichnen Bretter wichen aus ihren Fugen, doch— nur ein getaͤfeltes Viereck zeigte ſich, darin eine Hand⸗ voll Hobelſpähne lagen. Der Droguiſt ſchauderte zuruͤck, als haͤtte er in einem offnen Sarg ge⸗ blickt, woraus der Leichnam des geliebten Freun⸗ des geſtohlen worden.— Seufzend wendete er ſich von dem vertieften Raum, der wahrſcheinlich beſtimmt geweſen war, Dinge von Wichtigkeit in den Gefahren der Kriegszeit zu verbergen. Als das Reſultat langen, vergeblichen For⸗ ſchens, gingen ihm endlich zwei Vermuthungen hervor. Die Nichte— er ſcheuete ſich den ſchnoͤ⸗ den Verdacht auszudenken: denn er hatte nur Gutes und Liebes von ihr gehoͤrt, und der Raub belief ſich zu hoch, um ihn dem Wagniß eines wkiblichen Weſens zuzutrauen. Man muthete Leſtloy hier und da ſogar zu, die junge Offiziers⸗ wittwe, welche den graͤmlichen Oheim ſo treu ge⸗ pflegt, und die er unverantwortlich um ihren ver⸗ dienten Anſpruch betrogen, aus eigenem Antrieb der Gewiſſeuhaftigkeit zu entſchaͤdigen. Die zweite und letzte Zuflucht ſeiner gruͤbelnden Gedanken war: — 136— der vermißte Schatz laͤge irgendwo im Keller ver⸗ graben. So ſtieg er denn allnaͤchtlich bei dem bleichen Scheine einer Lampe in die feuchten Ge— woͤlbe hinab, gebrauchte Spaten und Hacke bald hier, bald da, und ſtoͤrte den Geruch des Moders auf. Das Haus kam in Verruf, es gehe darin um, und der Geizhals dem es einſt gehoͤrt, faͤnde keine Ruhe im Grabe. Leſtloy wuͤrde ſchwerlich einen Kaufluſtigen gefunden haben, wenn er dies auch gewollt haͤtte. Aber dies fiel ihm nicht ein. So lange er Eigenthuͤmer dieſes Hauſes war, lagen die verſchwundenen Summen noch im Be⸗ reich ſeiner Hoffnung, und dieſer troͤſtenden Zu⸗ verſicht haͤtte er ſich um keinen Preis begeben moͤgen. Er nahm nach vorſichtiger Pruͤfung der Perſon einen Miether in den obern Stock ein, den Hauptmann Roſtorff und ſein Sohn inne gehabt hatten, verſchloß die untere Wohnung, welche, was ihm ganz erwuͤnſcht war— der Glaube an geſpenſtiſchen Spuck bewachte, und kehrte nach mehrmonatlicher Abweſenheit blaß und hager, in die Heimath zuruͤck. Die Seinen erſchracken vor dem ſchattenaͤhnlichen Anblick des Vaters, und haͤtten ihn faſt nicht gekannt. Mit der Erwartung ſtolzeſten Segler, geſchwellt vom guͤnſtigſten Winde, war er gen Berlin geſteuert, Keller ver⸗ ch bei dem ſeuchten Ge⸗ Hacke bald des Models gehe darin thoͤrt, faͤnde e ſchwerlich enn er dies nicht ein. zuſes war, ch im Be⸗ tenden Zu⸗ s begeben ruͤfung der Stock ein, Sohn inne Wohnung⸗ at— der achte⸗ und nheit blaß die Seinen nblick des Mit t vom nnt well — 137— und lief nun auf kleinem, lecken Boot, muͤhſelig wie ein Schiffbruͤchiger, in den haͤuslichen Hafen ein. Er hatte in dieſer kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Die Gattin des Droguiſten, eine vernuͤnftige Frau, redete ihrem Manne zu, ſich dieſe Sache aus dem Sinne zu ſchlagen, und mit dem, was er vorgefunden, zufrieden zu ſeyn. Aber davon wollte Leſtloy nichts hoͤren. Er betheuerte viel⸗ mehr, ſein Leben daran zu ſetzen, dem fehlenden Vermoͤgen des Oheims auf den Grund zu kom⸗ men, und laͤge ein Dutzend Klaftern unter der Erde. „Daß ich um dieſes viele Geld gebracht ſeyn ſoll, bringt mich um den Verſtand,“ ſagte er mit dem Irrſinne des Vorſatzes, ſich von der Leiden⸗ ſchaft, die ihren Zweck verfolgt, und bereits zur firen Ideen geworden, zerruͤtten zu laſſen.„Ich bin ein reicher Mann, und bin es auch nicht; in dieſem Gedanken liegt Wahnſinn, und der Spott der Hoͤlle, aus jedem Winkel wo ich ſuchte, hoͤrte ich den Teufel lachen, daß er mich geprellt ſaͤhe. Mein auspoſauntes Gluͤck war alſo ein leerer Schall, und eitel Imagination, und der reale Werth der Erbſchaft iſt eine wahre Lumperei.“ „Laß uns fuͤr dies Wenige dem Hoͤchſten -— 138— danken, und es um ſo weislicher nuͤtzen; wie waͤre es, wenn wir gar nichts bekommen haͤtten?“ ermahnte ſeine Frau; aber die Moral der Ge⸗ nuͤgſamkeit, die ſie hinter der Gardine predigte, war eine Stimme in der Wuͤſte. Sie verwuͤnſchte mit ſtillem Kummer die heilloſe Erbſchaft, welche ihren Mann im eigentlichſten Sinne arm gemacht hatte: denn um Ruhe, Schlaf, und frohen Muth zu der Foͤrderung ſeines Berufes war es ihm ge⸗ ſchehen, und er zehrte ſich in giftigem Groll und Geiz ab. Herr Leſtloy hatte eine alternde Schweſter, Judith geheißen, welche der bibliſchen Heldin jedoch in nichts glich, als allenfalls in der reſoluten Waghaftigkeit auch einen grimmigen Holofernes in den Sack zu ſtecken, wenn es darauf ankam, das Volk ihrer eigenſinnigen Meinungen von einem Widerſacher zu befreien. Sie war das Kreuz der Familie, die Guͤter⸗Beſchauerin des Hauſes, die geheime Polizei der wirthſchaft⸗ lichen Ordnung, und endlich die Plage ihrer armen Schwaͤgerin, der ſie das milde Leben blutſauer machte. Sie ſelbſt litt an einem boͤsartigen Ge⸗ ſchwuͤr und verheimlichte das eckelahfte Gebrechen, weil ſie im ſtoͤrriſchen Haß gegen jede mittheil⸗ ſame Gabe, Niemandem Vertrauen ſchenken mogte. uͤten; wie haͤtten?“ al der Ge⸗ e predigte, erwuͤnſchte gft, welche im gemacht ohen Muth es ihm ge emm Groll alternde bibliſchen enfalls in gimmigen mes darauf Neinungen Sie war zeſchauerin virthſchift grer armen blutſauer ttigen Ge⸗ gebrechen, mittheil⸗ ſchenken — 139— Dieſe Judith entdeckte nun ihrem Bruder, mit der Gefahr jenes Schadens wovon ſie ihn durch den Augenſchein uͤberzeugte, ihre Entſchloſ⸗ ſenheit nach Berlin zu ziehen, und die beſeitigten Geldſummen aufzuſpuͤren, wenn er ihr die Koſten fuͤr aͤrztliche Behandlung ihres Uebels bezahlen wolle, oder, wenn die Cur nicht anſchlagen ſollte, die Operation, wozu ſie im ſchlimmſten Falle ent⸗ ſchloſſen waͤre. Der Droguiſt ergriff den duͤrren Arm ſeiner Schweſter, ſo haſtig und feſt, wie einen Stroh⸗ halm, an dem der Sinkende ſich halten will. Er verſprach ihr goldne Berge, und ſchoͤpfte friſchen Odem der Hoffnung. Aber auch die Seinigen athmeten auf im Gefuͤhl der Erköſung, als ſie bald darauf, Judith mit allem Gepaͤck, als gedaͤchte ſie nimmer wiederzukehren, und be⸗ gleitet von einer ruͤſtigen Magd, nach der preußi⸗ ſchen Hauptſtadt abfahren ſahen. Ruhe wohnte nun im Hauſe, wenn auch nicht im Gemuͤth des Vaters dieſer Familie. Leſtloys Gattin ſegnete dankbar das Erbtheil der Heiligen; den Frieden und die Stille, deren ſie nunmehr genoß. Die daͤmoniſche Judith hingegen ſtrebte mit allen Kraͤften ihres Scharfſinns den Bann zu loͤſen, der jenen verborgenen Schatz gefangen hielt. — 140— Bei der Nacht, wenn die muͤde Armuth ſchlief, und ſich reich und ſelig traͤumte, ſchlich ſie ruhe⸗ los umher, ſinnend und ſuchend; daher kam es auch, daß gegen den Glauben der Menge, kaum ein Freigeiſt in Berlin das Geſpenſt jenes Hauſes zu laͤugnen wagte, welches durch ein duͤſteres Flaͤmmchen, das die hohlaͤugige Geſtalt beleuchte, und durch leiſes Klirren der Schluͤſſel den klap⸗ penden Umgang bezeichne. Die Verkuͤmmerung, welche jene Taͤuſchung, deren er ſich nicht zu entſchlagen vermogte, uͤber das Leben des Droguiſten brachte, machte es morſch und muͤrbe vor der Zeit. Ein lang⸗ wieriges Siechtthum fuͤhrte ihn dem Tode zu. Als er ihn nahe fuͤhlte, ließ er ſeine beiden Soͤhne zu ſich rufen. Der Beruf, den dieſe Bruͤder erwaͤhlt, war gleichſam in veredel⸗ ter Folge aus dem ihres Vaters hervorgegangen. Der Aelteſte hatte ſich der Pharmacie gewidmet, der Juͤngſte war ein Maler geworden. Mit matter Stimme beſchwor der Sterbende ſeine Kinder, das Haus in Berlin zu behalten, um ihr Gluͤck nicht etwa fuͤr einen ſchnoͤden Preis aus der Hand zu laſſen. Der Apotheker, ein junger Mann von klarem, vorherrſchendem Verſtande, verneinte dies dem Vater gradezu. Er nannte nuth ſchlief⸗ ch ſie ruhe⸗ cher kam es tenge, kaum ennes Hauſes in duͤſteres tt beleuchte, l den klay⸗ Taͤuſchung, vermogte, e, machte Ein lang⸗ den Tode zZer ſeine Beruf den in veredel⸗ rgegangen. gewidie, den. Nit ende ſeine en, um ihr preis aus ein junger Verſtand/ Er* — 141— die Erbſchaft, an welche ihr Maͤrtyrer noch ſter⸗ bend glaubte, eine Spiegelfechterei, die ihn nicht betruͤgen ſolle, um den Entſchluß, ſein Gluͤck auf nichts anderes zu bauen, als auf ſeine Tuͤchtig⸗ keit im Geſchaͤft, dem er ſich gewidmet, und auf den Eifer, womit er es zu betreiben gedenke. Es beduͤrfe ihm zudem keines weiteren Beweiſes, jedes fernere Warten auf die goldnen Fruͤchte der Geduld, wuͤrde umſonſt ſeyn, als daß Muhme Judith ſeit Jahren bereits vergebens am Baume der Erkenntniß geruͤttelt habe, und er halte jede fruͤhere Stunde der Reſignation darauf, fuͤr baaren Gewinn. Der Vater ſeufzte ſchwer, und wendete ſich nun an den juͤngſten Sohn. Der Maler ein ge⸗ muͤthlicher Juͤngling, betrachtete geruͤhrt die bleiche Geſtalt, das erloſchene Auge ſeines Vaters. Er hielt die Hand, welche der Tod ſchon kaͤltend be⸗ ruͤhrte, und druͤckte ſie mit kindlicher Waͤrme. Sein Genius ſchwebte uͤber der ernſten Scene, und er ſah die heiligſte Verwandlung der Natur mit dem geweiheten Blick des Kuͤnſtlers. Seine Pflicht gegen den Scheidenden erſchien ihm groß, und das Verlangen deſſelben nur ein kleines Opfer. Er gelobte dem Wunſche ſeines Vaters, das Haus in Berlin an ſich zu nehmen, und — 142— immer darin zu wohnen. Da laͤchelte Leſtloy be⸗ friedigt, und— ſtarb. Die Wittwe, nachdem ihr Mann verſchieden war huͤllte ſeinen Leichnam in leinene Tuͤcher, und ſalbte ihn mit ihren Thraͤnen. Dieſer Wer⸗ muthbalſam war gemiſcht aus aͤhnlichen Gedan⸗ ken wie ſie der fromme Gellert ausgeſprochen hat, wo er ſagt: O ſchnöde Laſt der Eitelkeit! Um ſchlecht zu leben, ſchwer zu ſterben, Sucht man ſich Güter zu erwerben: Verdient ein ſolches Glück wohl Neid?— Die Mutter lobte und liebte den juͤngſten Sohn nun um ſo mehr, daß er dem Vater die letzte Beruhigung gewaͤhrt; aber ſie konnte den aͤlteſten auch nicht tadeln, daß er ſeiner Ueberzeugung ge⸗ folgt waͤre. Der Apotheker uͤbernahm die vaͤterlichen Grundſtuͤcke ſammt allen Beſtaͤnden. Die Dro⸗ guerie ward eine Offizin, die das Geſchick und der Erwerbtrieb ihres Eigenthuͤmers ſehr bald in vorzuͤglichen Ruf brachte. Das rechtliche Stre⸗ ben des wackern Leſtloy gewann ihm Reichthum und Ehre; er bekleidete Wuͤrden bei der Stadt, und fuͤhrte die Buͤrgerkrone im Wappen ſeines Hauſes. Seine Mutter lebte bei ihm, geachtet, und zufrieden, daß ſie das Wohlergehen ihres Leſtloy be⸗ verſchieden ene Tüͤcher, Dieſer Wer⸗ hen Gedan⸗ prochen hat, un, 7— ſten Sohn er die lebzte den älteſten geugung ge⸗ vüterlchen Die Dro⸗ — — 143— Sohnes ſaͤhe. Der Maler nahm Abſchied von der Heimath und den Seinen. Er trug des Va⸗ ters Segen mit ſich fort, den Grundſtein ſeines Gluͤckes anderweitig zu legen. Lange ſtand er vor dem Hauſe in der Reſidenz, deſſen Beſitzer er nunmehr war, ehe er laͤutend am Glockenzuge der Thuͤre Einlaß begehrte. Das Licht ſeiner Phantaſie, welches ſich in tauſend reizenden Far⸗ ben und Formen brach, ließ einen hellen Strahl der Ahnung auf dies Gebaͤude fallen, von finſterer Stille umwebt: denn es war abgelegen vom Ge⸗ raͤuſch des Marktes und frequenter Straßen, und die Nachbarn ſcheueten ſich davor. Ein Schauer ging durch ſein Gemuͤth, mit ihm uͤber die ein⸗ ſame Schwelle. Er traf die Muhme Judith todtkrank im Bette, und es ſchien dem Maler, als haͤtte er ſeinen Fuß nur von dem Grabe des Vaters gewendet, um als ein Leidtragender hin⸗ ter der Bahre einer ihm nahen Verwandtin zu ſchreiten. Dieſe Vorſtellung beſtuͤrzte den jun-⸗ gen Mann. Zudem war die elende Judith nicht geeignet, ſie ihm unter mildere Geſichtspunkte zu ſtellen. Ihr erſtes und ihr letztes Wort war, vovon der Neffe lieber gar nicht mehr hoͤren moͤgen. „Ach!“ ſagte ſie mit abſprechender Klage: — 144— „Du kommſt nicht zu Deinem Gluͤck hierher, armer Junge! umſonſt war mir der Tod, den ich mir in dieſem kahlen Neſte zugezogen habe. Hoffe nichts zu finden, wo ich ſeit Jahren ſuchte, und wie ſuchte!“— Ein ruhmrediges Laͤcheln ging in ihren fahlen Zuͤgen auf, als ſie dies ſprach. Der Maler laͤchelte auch, aber verachtend ſolche beharrliche Qual. Er bat die Muhme, ſich nicht durch Reden zu ſchaden; allein ſie war der endlichen Erleichterung froh.„Sieh!“ fuhr Ju⸗ dith fort, und faßte ihre ſchwachen Kraͤfte zuſam⸗ men, um in einem hyperboliſchen Gleichniſſe die Summe ihrer Muͤhen auszudruͤcken:„unſer Herr⸗ gott hat die Haare auf dem Haupte der Men⸗ ſchen, den Sand am Meere, und die Sterne am Himmel nicht genauer gezaͤhlt, als ich jedes Roß⸗ haar in den Stuhlpolſtern, den Staub in den Ritzen, und die Naͤgel an der Wand. Ich habe das Haus, ſo zu ſagen: unterminirt; deshalb traͤumte mir auch in verwichner Nacht, ich waͤre ein Artilleriſt. Da ich die Lunte an das Ge⸗ ſchuͤtz legte, gab es einen fuͤrchterlichen Knall, doch mich ſelbſt traf der toͤdtliche Schuß. Ich wachte auf, das Licht verloͤſchte ziſchend— mein Lebens⸗ licht! alle Traumbuͤcher legen es dahin aus. Schweige mir Neffe! ich will auch nicht beſſer werden, luͤk hierher, werden, mein Stuͤndlein iſt gekomm Kucät dn Eins laß mich Dir noch ſagen Entagt Daat wan ſ der Reichthum des Oheims, don dem de adrt Jahren ſuchte, ſprach, und ſei zere ze 5 denn Seene eer Beee enndee ds eadis Vater der Luͤgen, hat die Ralchuchen Rac deeie er verachtend geſchrieben; oder, wir haͤtten es uns nungen Nuhme, ſch koͤnnen, die Raͤthſelnuß zu knacken, weil de h ſee war der den goldnen Kern herausgeſtohlen 1u ichte äfahr Ju— Schale dieſer harten Erfahrung üͤbrig elafg 43 räfte zuſam⸗ Der Maler ſchwieg erſchrocken 10 de hat. eichniſſe die ſchuldigung, und einige Tage nachher denie Be⸗ unſer Hetr⸗ auch der Leumund der ſchaͤdlichen Judith hauene⸗ der Men⸗ mer. Aber wie dem guten Menſchen zu u Schlimmſte zum Beſten dienen muß: ſo beſchl der juͤngere Leſtloͤy die letzte Erklaͤrung der Muh 9 auf ſeine Weiſe zu nuͤtzen. Er zog Erkundi unges uͤber die Nichte ein, die doch nur allein— geben konnte, und ruͤſtete ſich zu der Reiſe d0 Wähmen ſich ſelbſt wundernd, wie ſein Vater ſeliger nicht auf ein ſo einfaches Mittel gefall. waͤre, die Verwandtin des Verſtorbenen, weiche Sterne am jedes Roß⸗ aub in den 3c habe it; deshab tt, ich wuͤre n das Ge⸗ Knal, doch 7 35 vach uicſ um ihn gelebt, offen und ehrlich zu be⸗ en gebens⸗ ragen. Er kam an einem milden Fruͤhlingsabend auf je 2— ahin aus⸗— uns bekannten Gute an, und als die 8 1 2 e it 5 ich beſſr gäͤdchen mit ihrer gruͤnen Sammlung werden/ 10 = 16— aus dem Walde heimkehrten, woſelbſt wir ihre Unterredung belauſcht, trafen ſie die Raritaͤt eines Gaſtes, der in jeder Beziehung ſelten war. Wlaskys Gattin nahm den jungen Mann, den ſie als einen Anverwandten betrachten durfte, nicht allein mit ihrer gewoͤhnlichen Guͤte, ſondern mit be⸗ ſonderer Liebe auf. Stephanie ſah ihrer Mutter Wangen leuchtend im abendrothen Schein der Freude, den der Anblick des Malers, auf dem ein Abglanz der Vergangenheit ruhete, dem blaſſen Geſicht ſeiner Baſe gefaͤrbt hatte. Eine verjuͤn⸗ gende Lebhaftigkeit beſeelte die geſetzte Frau, und brachte ſie aus dem Tempo gleichmaͤßiger Ruhe. Der Tochter war dies zu ſehen an ihrer Mutter, neu, und es gab der Erſcheinung des Juͤnglings eine Bedeutſamkeit, die ihm auch das leiſe Urtheil ihres Gefuͤhls ſelbſt zugeſtand. Ste⸗ phanie trat an ihrer Mutter Seite, als wuͤßte ſie ſich in einem Naͤherrechte an den Gaſt, waͤhrend Roͤschen ihm beſcheiden entfernt blieb, und nur fuͤr ſeine Bewirthung ſorgen half. Dem jungen Maler erſchien der kleine, boͤh⸗ miſche Edelhof, und die Familie, welche ihn be⸗ wohnte, wie ein anmuthiges Genre⸗Bild. Der — löſt wir ihre Naritat eines ten wak. en Mann, den en durſte, nicht ſondern mit be⸗ ihrer Mutter Schein der „auf dem ein „dem blaſſen Eine vetjün, geſebte Frau, geichmßiger ſehen an ihret ſcheinung des ihm auch das — 147— invalide Gutsherr, mehr gelaͤhmt in ſeiner Kraft vom Phlegma der Gewohnheit, mit Zuͤgen, darin ein wackeres Gemuͤth und verwiſchter Muth zu leſen war, und gebraͤunt wie der Kopf von Meer⸗ ſchaum, deſſen beſtaͤndiger Qualm den Erzaͤhlun⸗ gen vom Pulverdampf den er gerochen, eine ſinn⸗ liche Anſchaulichkeit gab; die ſanfte Hausfrau, uͤber deren Geſtalt und Weſen die Leiden der Jugend einen durchſichtigen Schleier der Reſigna⸗ tion gebreitet hatten; die liebenswuͤrdigen Maͤd⸗ chen, holde Neulinge in der Welt, mit der un⸗ verbildeten Grazie der Natur; die entzuͤckende Gegend, bluͤhend in einſamen Reizen, doch nicht ohne die Staffage, welche das lebende Gemaͤlde einer Landſchaft vollendet: dies alles faßte er mit Wohlgefallen wie in den optiſchen Spiegel ſeines Auges, ſo auch in ſein Herz, und die reiche Phantaſie ſparte nichts an der Verguͤldung des Rahmens. Er vergaß faſt den Zweck ſeines Hierſeyns, und als er daran dachte, gewahrte er nichts, was auf verſtohlnen Genuß, unredlichen Reichthums gedeutet haͤtte. In allen Behaͤltniſſen des Hau⸗ ſes ſteckten die Schluͤſſel, was auf ſicheres Ver⸗ trauen und ein gutes Gewiſſen ſchließen laͤßt 10* — 148— denn Wer Andern traut, hat in der Regel weder Schaͤtze noch Schulden zu verbergen. Auch das Erſchrecken der guten Wlasky, als der junge Leſtloy ihr die Ergebniſſe jener Erbſchaft mittheilte, konnte er auf keine Weiſe mißkennen, die einem unwuͤrdigen Argwohn Raum gegeben haͤtte. Die ſpurlos verſchwundenen Summen des Oheims, die, wie ſie verſicherte, ſehr groß gewe⸗ ſen ſeyn muͤßten, und welche er, nach ihrer Aus⸗ ſage, in Gold gewechſelt, wobei ſie ihn zum oͤfte— ren uͤberraſcht, legten ihr ein aͤngſtendes Gewicht von Gedanken auf, unter denen ſie jede denkbare Moͤglichkeit erwog, doch ſich in Acht nehnend, ir⸗ gend Jemand wiſſentlich Unrecht zu thun. Leſtloy blieb laͤnger als er gewollt, er fuͤhlte ſich in dieſem einfachen Kreiſe zauberhaft feſtge⸗ halten. Die kleine Hausapotheke, welcher die Baſe wie eine Harzwaͤlderin vorſtand, erinnerte ihn an den Vater, an den Bruder, und der ſtarke Geruch getrockneter Kraͤuter, der ihn mit leiſer Betaͤubung in die vaͤterliche Droguerie verſetzte, huͤllte ihn alles Fremde, alles Ferne in ein hei⸗ mathliches Vergeſſen. Er hatte uͤberdies, was er hier gefunden, eigentlich das, was er geſucht, aus den Augen verloren. Er ließ die Erbſchaft ruhen, obgleich nunmehr unter dem Siegel der r Regel weder en. i Wlasky, als jener Exbſchaft iſe mißkennen, Naum gegeben Summen des ehr groß gewe⸗ ach ihrer Aus⸗ ihn zum oͤfte⸗ endes Gewicht jede denkbare t nehnend, ir⸗ thun. vollt, er fuͤblte bberhaft feſtge e, welcher die tand, erinnerte und det ſtarke ihn mit leiſer uerie verſetze, hei⸗ ne in ein was ſberdies/ das er geſucht, die Erbſchaſt em Liegel der — 149— Gewißheit, wie man ein Document bei Seite legt. Die Abreiſe ward von einem Tage zum andern verſchoben, endlich mußte er doch daran denken. Eines Tages trat er, Stephanie an ſeiner Hand, vor die Mutter hin,„Baſe Wlasky!“ ſagte er:„dieſer verwandtſchaftliche Titel gefaͤllt mir nicht— ich moͤchte lieber Mutter ſagen. O!l wenn Sie mir durch die Hand die ich halte, und ewiglich nicht laſſen will, ein Recht auf die⸗ ſen theuren Namen gaͤben: ich waͤre dann hier⸗ her gekommen, um das Geheimniß eines verbann⸗ ten Schatzes zu loͤſen, und braͤchte mir, was koͤſt⸗ licher iſt als alles Gold der Erde ein gutes Weib! mit in mein Haus.“ Da rollten ſchwere Perlen der Freude aus den Augen der Mutter, und Stephanie erglaͤnzte in dieſem ſchoͤnſten Schmucke. Der Eltern Se⸗ gen legte der kleinen Ausſteuer den groͤßten Werth bei: doch Leſtloy fuͤhlte ſich reich begluͤckt. Er brachte ſeiner Braut ein Herz voll Seligkeit, und Gaben der Goͤtter zum Mahlſchatz— und Ste⸗ phanie vermogte kaum die Erfuͤllung aller ihrer Wuͤnſche zu faſſen. Gluͤhend vor Schaam und Wonne lag ſie in Roͤscheus Armen, und dieſe fluͤſterte ihr zu:„was —— — 150— meinſt Du, Schweſter? die Alte im Walde war doch wohl eine Fee?“— Stephanie druͤckte Roͤschens Haͤnde, im heim⸗ lichen Verſtaͤndniß dieſer Worte, und fluͤſterte leiſe:„oft habe ich ſchon daran gedacht! es iſt alles geſchehen, wie wir traͤumten: ich ſchwebe in den Luͤften, und lange, lange! wird mein Fuß den Boden nicht beruͤhren. Ach Roͤschen! es wird nichts ſo ſchoͤn und wunderſam erſonnen, was nicht Wahrheit wuͤrde in der Liebe. Sie verwandelt das ganze Leben!“ Roͤschen goͤnnte ihrer Schweſter das Gluͤck, zuerſt von dieſem Zauber beruͤhrt, und in erwuͤnſchte Verhaͤltniſſe verſetzt zu ſeyn; ſie goͤnnte es ihr von Herzen. In dieſem reinen, jungfraͤulichen Buſen war kein Verſteck fuͤr die Natter des Neides; nur Mitleid, dieſer zarteſte, menſch⸗ liche Trieb, der juͤngſt Stephaniens Thraͤnen ge⸗ trocknet, und Mitfreude, dieſer Vorzug goͤttli⸗ cher Weſen, der Roͤschen jetzt in dem der ſchwe⸗ ſterlichen Freundin, die eigene und innigſte Be⸗ friedigung finden ließ, regten hier das ſanfte Leben. Die Mutter begleitete die Neuvermaͤhlten nach Berlin, um die erſte Einrichtung ihrer un⸗ erfahrenen Tochter zu leiten. Sie ſollte nun, was ſie nimmermehr geglaubt, den Ort noch ein⸗ Walde war de, im heim⸗ ind fluͤſterte ncht! es iſt ſchwebe in Hmein Fuß Noschen! es nm erſonnen, giebe. Sie das Gluͤck, erwuͤnſchte aate es ihr ngſedulichen Natter des d, menſch⸗ Thraͤnen ge⸗ otzug gättli n del ſchwe⸗ nnigſte Be⸗ nüſerlün vermaͤhlten ihrer un⸗ ſollte nun, tt noch iin — 15— mal wiederſehen, wo ſie im ſtillen Verlauf der Jugend, auf dem ihr nur ſpaͤrliche Freuden ge⸗ bluͤht, an ernſte Marken ihres Schickſals gekom⸗ men war. Jetzt fuͤhrte ſie ein gluͤckliches Kind in jene oͤden Mauern zuruͤck, und dieſe heitere Wendung der Dinge, ließ ſie voraus entnehmen, ſie wuͤrde das Haus mit dem Gefuͤhle uͤberwun⸗ denen Kummers, der ſich ſeiner Truͤbſale ruͤhmt, betreten. Doch fiel es ſchwer, die Heimath auf ſo lange zu verlaſſen. Zudem war die Erndte vor der Thuͤre, und Frau Wlasky wußte, das Roͤschen, was ſich ohnedieß nie genug that, wuͤrde der Mutter Abweſenheit zu uͤbertragen, alle Haͤnde voll zu thun haben, und uͤber ihre zarten Kraͤfte leiſten. Sie knuͤpfte es daher dem Vater auf die Seele, daß ſich ſein Toͤchterchen moͤglichſt ſchone. Was ihren Mann betraf: ſo durfte ſie die Zu⸗ verſicht hegen, daß er als Hausoffizier, wie als Feldherr der Aecker und Wieſen, ſtrenges Com⸗ mando fuͤhre, und ſo legte ſie denn fuͤr eine Weile von ihm ſcheidend, alle Sorgen getroſt auf ſein Herz.— Aber das unſtete Draͤngen der Reiſe, das Geraͤuſch der Hauptſtadt, wirkte faſt ſchmerzlich auf die der tiefſten Ruhe gewoͤhnte Frau. Es war ein heißer Tag, an dem ſie ihr Ziel erreich⸗ — 152— ten. Dennoch ſtrich ein froͤſtelnder Schauer uͤber die Nerven der Mutter, da ſie im Stufengange der Erinnerung die alte Treppe hinaufſtieg, und die vergangenen Jahre hinter ſich ließ; das truͤbe Vormals taͤuſchte ſie mit gegenwaͤrtigen Gefuͤhlen. „Sey mir willkommen, mein geliebtes Weib, in Deinem Eigenthum!“ ſagte Leſtloy, und ſchloß die jugendliche Stephanie in ſeine Arme. Sie warf die leuchtenden Augen ſtolz umher, als naͤhme ſie Beſitz von dem kleinen Reiche, und gewiß ſtrahlten ihr die getuͤnchten Waͤnde goldnen Glanz. Die Mutter ſah hin, auf der Stelle, wo ihre Tochter den Triumph der Liebe feierte, hatte ſie als ein verlaſſenes Maͤdchen, oft geweint. „Hier werde ich malen, hier faͤllt mir das ſchoͤnſte Licht!“ ſagte Leſtloy ferner, und der Zu⸗ kunft reizendes Bild ſchwebte ihm vor der Seele. Dort hatte der Oheim ſein dunkles Leben verſeufzt: ſo wechſelt das Geſchick der Sterblichen! Die Mutter ſchlich ſich in den obern Stock hinauf, der leer ſtand; hier war ihr alles hehr und heilig. Die jungen Eheleute waren ihr ge— folgt.„Ach!“ ſagte ſie:„da ſteckt der Nagel noch, an dem die Uhre des Großvaters hing; er nahm ſie von der Wand, wann es Zeit zur Pa⸗ rade: denn ſie war ſo puͤnktlich in ihrem Dienſt, ſchauer uͤber Stufengange zuſſtieg, und ;; das truͤbe en Gefuͤhlen. iebtes Weib, „ und ſchloß Arme. Sie 7,als naͤhme und gewiß enen Glanz. 3 wo ihre e, hatte ſie eint. zlt mir das und der Zu⸗ t der Seele. en verſeuftt hen! obern Sbock alles hehr nen ihr ge⸗ der Nagi s hing; et eit zut Pa⸗ tem Dieſi — 153— wie er ſelbſt, dieſer wuͤrdige Offtzier!— Und in dieſem Fenſterbogen des Saales“— ſſie ſchritt langſam darauf zu:„nahm ich von Deinem Va⸗ ter Abſchied, Stephanie. Ich ſehe ihn noch, er ſtehet leibhaftig vor mir, wie——“ ſie konnte vor Thraͤnen nicht weiter reden, und die Geiſter ihrer Lieben waren ihr nahe. Leſtloy und Stephanie faßten die gefaltenen Haͤnde der Mutter.„Ich werde Raute vor dieſes Fenſter pflanzen,“ ſagte Stephanie:“ daß ſie gleich einem gruͤnen Gitter die eiſernen Staͤbe uͤberranke, hinter denen das Andenken meines Vaters wie in einer kuͤhlen Gruft ſchlaͤft.;“ die Mutter nickte, und trocknete ihre Augen, dieſe ſchoͤne Stunde ihren Kindern nicht durch herbe Wehmuth zu ſtoͤren. „Wir wollen den alten Schmerz nicht we⸗ cken, liebe Mutter,“ ſagte Leſtoy, und zog ſie ſanft hinab, um ſie im Geſpraͤch uͤber die neue Wirthſchaft zu zerſtreuen;„eben ſo“ fuhr er fort: „laſſen wir die unterirdiſche Erbſchaft ruhen; wir koͤnnen ſie entbehren— nicht wahr mein ſuͤßes Weib?“ Er laͤchelte wie ein Croͤſus, nur im Bewußtſeyn hoͤherer Schaͤtze, dennoch warf die Mutter ihm einen warnenden Blick zu.„So machen wir denn,“ fuhr ihr gluͤcklicher Eidam — 154— fort;„unſere kleine, liebe Haͤuslichkeit flott, und werfen das alte Geruͤmpel uͤber Bord; wozu ſoll⸗ ten wir uns mit dem morſchen Wurmfraße be⸗ ſchweren? ich daͤchte, wir verkauften den Haus⸗ rath auf den Troͤdel, um ihn ſchnell los zu ſeyn.“ „Auf den Troͤdel?“ fragte die Mutter er⸗ ſchrocken:„nein, Kinder! das thut mir nicht zu Leide; es wuͤrde dann gleichſam ein Theil von mir ſelbſt mit zu Markte getragen, und, in den Schlamm des Volkes verſenkt. Dieſe alten, hoͤl⸗ zernen Geraͤthe ſind mir beſeelt. Ein inniges Gemuͤth, das ſich einſam an todten Gegenſtaͤnden ausbildete, ein Herz, das lange traurig war, hat ſeine eigene Mythologie voll Tiefſinn der Liebe. Nein! ich gebe es nicht zu, daß die Sachen auf die Vendite kommen! unſer Schloß daheim hat noch Raum genug, um ſeine veralteten Mobilien mit dieſen Erbſtuͤcken von Olims Zeiten her, zu vermehren; ich nehme ſie mit mir, gegen eine angemeſſene Entſchaͤdigung, wie ſich verſteht. Was allzuwacklich iſt, verbrennen wir. Die Aſche iſt ein heiliger Begriff, nur der Mißbrauch duͤnkte mir Entweihung.“ Man ſuchte und ſonderte nun aus; auch auf der Polterkammer ward Muſterung gehalten. Lieber Gott!“ ſagte Frau Wlasky:„da ſteht flott, und wody ſoll⸗ mfraße be⸗ den Haus⸗ zu ſeyn.“ Mutter er⸗ nir nicht zu Theil von nd, in den alten, hol⸗ in inniges genſtaͤnden Jwrr, hat mder bebe. Sachen auf daheim hat en Mobilen ten het, d 9 egen eine i veft Die Aſche auch duntt 4 auch auf Halten⸗ ehn cht ſ. aht ſah ja auch das eiſerne Bettgeſtell noch, in welchem der Oheim krank lag; er hat es oft im brennen⸗ den Gefuͤhl ſeiner Schmerzen einen Laurentius⸗ Roſt genannt, und ich habe manche liebe, lange Nacht daran gewacht. Wollt Ihr es nicht etwa behalten, liebe Kinder, ſo mag kuͤnftig Roͤschen darin ſchlafen, damit es zu Ehren komme; ihre fromme Unſchuld wird ſanft darin ruhen. Den Jungfrauen, die ſich himmliſcher Liebe geweiht, ward ja von jeher das Werkzeug der Marter zu einem Roſenlager, und wir wollen den Sinn des Maͤdchens alſo pruͤfen.“ Stephanie laͤchelte zu dieſen halb im Scherz geſagten Worten, und ſchmiegte ſich an ihres Mannes Seite. Sie neidete es der Schweſter nicht, daß dieſe von der Mutter in bluͤhender Lebenszeit canoniſirt wuͤrde. Sie fuͤhlte ſich ſelig. Frau Wlasky uͤberließ nun, nachdem ſie einige Wochen hindurch Zeugin von dem Gluͤcke ihrer Tochter geweſen war, dieſe dem ſchuͤtzenden Arme ihres Mannes, und ſtrebte heimwaͤrts. Befrie⸗ diget, daß ſie wußte, Stephanie ſey wohl ver⸗ ſorgt, ſatt vom Mahle der Erinnerung, ſehnte ſie ſich nach der Einſamkeit ihrer boͤhmiſchen Berge zuruͤck, die es im ſpruͤchwoͤrtlichen Sinne, fuͤr Tauſende ſeyn moͤgen, denen es unbegreiflich iſt, 156 wie man ein einfoͤrmiges Leben in laͤndlicher Stille, und ermuͤdenden Pflichten, dem berauſchen⸗ den Genuß der Welt vorziehen kann, wenn man ihrem bunten Wechſel auch nur von fern anſaͤhe. Wlasky freuete ſich uͤberaus, ſeine ſehr ver⸗ mißte Gattin wieder zu haben. Er blickte ſie ſo freudig an, und ſo ſtolz umher, daß ſie wohl merkte, er haͤtte fuͤr ihre Zufriedenheit beſtens geſorgt. „Roͤschen ſieht matt und blaß aus,“ fluͤſterte ſie ihm zu:„ich fand dies nicht ſogleich, da die Freude uͤber meine Ankunft ihre Farbe erhoͤht hatte; das Maͤdchen mag ſich freilich uͤbernom⸗ men haben, wie ich fuͤrchtete. Wlasky laͤchelte, ein Zug vaͤterlicher Ironie ſpielte um ſeinen Bart, als er antwortete:„das koͤnnte ich nicht ſagen, vielmehr iſt die Kleine ganz gegen ihre Weiſe ſonſt, laͤſſig geweſen. Du wirſt manches zu tadeln finden, Frau! indeß, druͤcke nur ein Auge zu, weil Roͤschens Auge zeit⸗ her ſo oft in Thraͤnen ſtand.“ Der guten Stiefmutter wallte das Herz; mitleidsvoll und duldſam entgegnete ſie:„mein Gott! dem armen Kinde iſt bange nach uns ge⸗ weſen. Es wird ja alles nachzuholen ſeyn.“ Frau Wlasky fand jedoch die Wirthſchaft n laͤndlicher berauſchen⸗ „wenn man fern anſihe. ne ſehr der blicke ſie ſo daß ſie wohl hei befens s,“ fluͤſterte eich, da die arbe ethoͤht h uͤbernom⸗ ſichet Ironie ortete: 7das die Kleine eweſen. du Fraul indeß⸗ ns Auge bit das Hetz: . ſie: nmein nach uns ge ſenn. Whhſceñ — 157— beſſer beſtellt, als ſie nach dieſer Vorklage erwar⸗ tet haͤtte; nur hier und da blieb etwas Weniges zu wuͤnſchen uͤbrig. Doch, das Roͤschen ſelbſt ermangelte der Mutter Freude zu machen. Sie ſchlich bleich und ſtumm wie eine Nachtwandlerin einher, und ver⸗ richtete alle ihre Geſchaͤfte nur wie im Traume. Jeder Antheil, an dem, was die Eltern und das Haus anging, war in ihr erſtorben. Sie ſchien ihrer Sphaͤre ganz entruͤckt zu ſeyn. Einſt als die Mutter mit ihr allein war, ſtreichelte ſie ihr die blaͤſſere Wange, die ſich un— ter der liebkoſenden Hand, unter dem milden Vorwurfe purpurn faͤrbte, und ſprach:„Roͤschen, ich ſorge um Dich! Du biſt auffallend veraͤndert. Ich rechnete auf Deine ſanfte Heiterkeit, da uns Stephanie nun fehlt, der, leider! ſchwer zu ge— nuͤgen war, weshalb auch die Vorſicht, wie eine Mutter die ihre Kinder gern froh ſieht, ihr das Loos der Ehe aufs Lieblichſte hat fallen laſſen: denn Wer viel fordert, Dem giebt das Gluͤck oft noch mehr. Wie ſo manchmal habe ich ihr Deine beſcheidnere Gemuͤthsart zum Muſter auf⸗ geſtellt!— Doch, jetzt ſcheinſt Du mir ſogar ge⸗ druͤckt, ich hoͤre zuweilen einen ſchweren Seufzer— ſage, iſt Dir ein Unfall begegnet, mein Kind?“ — 158— Roͤschen ſah die Mutter an, und laͤchelte; der Blick, das Laͤcheln, ein Strahl des Himmels! drang tief in die Seele der erfahrenen Frau. „Alſo nicht!“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort: „ſo haͤtte Dir vielleicht ein kalter Trunk geſcha⸗ det? die Hitze dieſes Sommers war groß und die Jugend iſt oft unbedachtſam.“ Roͤschen laͤchelte noch einmal zu dieſer Frage, und in ihrer Miene druͤckte ſich eine leiſe Beſtaͤtigung aus. Doch beruhigte ſie die Mutter, verſichernd, ſie fuͤhlte ſich geſund, und dieſe nahm ſich heimlich vor, dem ſchaͤdlichen Wurme, der ſich in den Buſen dieſer ſchoͤnen Roſe geſchlichen, und tief ver⸗ borgen darin, an ihrer Jugendfuͤlle nage, behut⸗ ſam nachzuforſchen, ohne das verſchloſſene Ver⸗ trauen ihrer Pflegetochter gewaltſam oͤffnen zu duͤrfen. Aber Roͤschen dachte, obſchon innerlichſt be— ſchaͤmt uͤber ihre Falſchheit, die mit Worten zaͤrt⸗ licher Beſorgniß ſpielte, wie die Mutter allſobald den leidenden Fleck getroffen, da ſie von der ge⸗ faͤhrlichen Wirkung eines kalten Trunkes ſprach. Allein ein Geſtaͤndniß ihrer Schwaͤche waͤre ihr unmoͤglich geweſen; viel eher meinte ſie das Herz zwingen zu koͤnnen, daß es wie vormals ſchluͤge.— Eines Tages, bald nach dem Beginn der und laͤchelte; es Himmels! nen Ftau. Pauſe fort: Trunk geſcha⸗ ar groß und “ Roochen und in ihrer fätigung aus. rſcchernd, ſie ſcch heimlich ſich in den und tief ver⸗ nage, behut⸗ hloſſene Ver⸗ im oͤffnen zu innetlihſt be⸗ Porten zärt tter allöbuld von der ge⸗ unkes ſprach. he wue ihr ſie das Helz ſchluͤge.— Beginn der 159— Erndte, als Roͤschen, die Schnitter auf dem Felde zu erquicken, ihnen einen Krug voll ſuͤßer Milch eigenhaͤndig zutrug, und in patriarchaliſcher Un⸗ ſchuld keinen Anſtand nahm, ſich als das Fraͤulein des Gutes, fuͤr die armen Maͤher zu bemuͤhen, kehrte ſie Schatten ſuchend, durch ein nahes Ge⸗ hoͤlz nach dem Schloſſe zuruͤck. Es war ſengend heiß, der Faͤcher des Windes ruhete, zuſammenge⸗ rollt in ein ſilbernes Woͤlkchen, im tiefen Schooße der Abendſeite. In der kuͤhlen Woͤlbung der Ge⸗ buͤſche, umduͤftet vom Aroma des Harzes und Holzes, athmete Roͤschen leichter. Sie band die Baͤnder des breiten Hutes auf, und luͤftete ſitt⸗ ſam die Kleidung. Sicher hier, wo keine Straße fuͤhrte, Niemandem zu begegnen, den ſie einſam haͤtte ſcheuen moͤgen, ließ ſie ihren Schritten freien Lauf, und glaͤnzend wie die Strahlen der Sonne, welche durch die Wipfel der Baͤume fielen, gauckel⸗ ten Lichter der Hoffnung vor ihr her. Doch ploͤtzlich ſtockte ihr ſchwebender Fuß, und ſtand vor einem uͤberraſchenden Anblick ſtill. Ein junger Mann wie ein Jaͤger gekleidet, doch feiner und vornehm, lag ausgeſtreckt auf dem Raſen und ſchlief. Eine hohe Espe, diente ſeinem Ruͤcken zur Lehne, und bebte von leiſen Luͤften geregt, uͤber ihm, als ſchuͤtze ſie ihn mit Zittern.— — 160— Auf einem netten Raͤnzchen, loſe um ſeine Schul⸗ tern geſchnallt, lag er mit gluͤhender Stirne, und ein Eichenzweig zierte ſchattend den hintenuͤber hangenden Hut. Roͤschen ſtand und athmete tief. Der junge Jaͤgersmann ſchlief hier ſo ſorglos, als gaͤbe es kein giftiges Gewuͤrm das auf Erden kreucht, und keinen boͤſen Menſchen, die den heiligen Schlaf berauben— oder morden. Sie wußte nicht, woher ihr ſolche furchtſame Gedanken kaͤmen, ſie haͤtte ihn warnen moͤgen, und wollte ihn doch nicht wecken. So wartete ſie, bis er er erwacht waͤre, und ward nicht muͤde, in dieſe edlen, ruhigen Zuͤge zu ſchauen, ohne daß der verſchloſſene Blick des Fremden ſie deshalb ſtrafte oder verwirrte. Wenn der Tod, wie man ſagt, die menſch⸗ liche Geſtalt kalt und rein bilde, die wuͤſten Spu⸗ ren der Leidenſchaft auslöſcht, die Grimaſſe ver⸗ wiſcht, und den Eindruͤcken von Schmerz und Kummer ein Laͤcheln der Ruhe giebt: ſo laͤßt der holde Schlaf, indem er den Sturm der Seele beſchwoͤrt, und mit ſanftem Athem uͤber die Tie⸗ fen der Empfindung ſäͤuſelt, den Zuͤgen des Ge⸗ ſichts Lebenswaͤrme und Liebe. Wer ſeinen Feind ſchlafen ſaͤhe, muͤßte ihm verzeihen, und der Haß waͤre getilgt; den Schlummer eines Fremden, eines ſeine Schul⸗ er Stiene, und den hintenuͤber f. Der junge „als göbe es en kreucht, und eiligen Schlaf wußte nicht⸗ fen kämen, ſie pllte ihn doch er er erwacht edlen, ruhigen ſchloſſene Blick er verwirrte. gt, die menſche wüͤſten Spu⸗ Gelmaſſe ver⸗ Schmerz und bt: ſo läßt der um der Seele uͤber die Tie⸗ zuͤgen des Ge⸗ geind erſelnen Fein Ha ound der 9 ines Flen nden elnes — 161— eines Freundes, regt gewiß in Dem der ihn be⸗ lauſcht, leiſe, guͤtige Wuͤnſche fuͤr ihn an. Der Wachende fuͤhlt die Superioritat des Bewußt⸗ ſeyns, und wie leicht es ihm waͤre, ein traum⸗ haftes Gluͤck zu zerſtoͤren; ſo wird er ihm unwill⸗ kuͤhrlich Schutz gewaͤhren, und goͤnnend ſehen, wie die Natur mit ſuͤßer Betaͤubung labt.— Waͤhrend Roͤschen beſorgt war fuͤr die Sicherheit dieſes Schlummers, ſog ſie mit jedem Odemzuge Gefahr in ſich, ohne es zu ahnen. Endlich zuckte das Erwachen in ſeinen Wim⸗ pern, und mit weitgeoͤfſneten Augen blickte er er⸗ ſtaunt das liebliche Weſen an, das in reizender Verwirrung fliehen wollte, und doch wie feſtge⸗ bannt blieb. „Mir traͤumte,“ ſagte der junge Mann: „ein Engel ſtaͤnde vor mir, und gaͤbe mir zu trin⸗ ken“— hierbei ſah er ſehnſuͤchtig nach dem Kruge, an deſſen Rand noch einige Tropfen Milch hin⸗ gen, und fuhr mit bittendem Tone fort:„o mein ſchoͤnes Kind! wenn noch ein kleiner Reſt auf dem Boden dieſes Kruges waͤre: ſo reicht er hin, meinen fieberhaften Durſt zu loͤſchen, den mir ein peinlicher Kopfſchmerz erregte, und mein Traum wuͤrde Wahrheit.“ Roͤschen ſah beſchaͤmt in des Gefäͤßes leere 11 — 162— Tiefe nieder, dann heftete ſie das Auge mitleidig auf die hochgeroͤthete Stirne des Fremden, und erſuchte ihn ſchuͤchtern, hier bis zu ihrer Wieder⸗ kehr zu verziehen. Sie wolle eilen, ihm einen kuͤhlenden Trank, und auch ein Mittel gegen das Kopfweh zu holen. Und dahin ſchwebte ſie, ſo fluͤchtig wie eine Sylphide. In moͤglichſter Schnelle kehrte ſie zuruͤck, an ihrer Seite ein kleines flinkes Buͤbchen vom Hofe, beladen mit einigen Flaſchen voll Milch, Wein und Kraͤuter⸗ eſſig. Auch Roͤschen kam nicht mit leeren Haͤn⸗ den; ihr Buſen pochte ungeſtuͤm, die zarten Wan⸗ gen brannten vom raſchen Lauf, und der Be⸗ gierde, zu lindern und zu laben. Der Fremde hatte wirklich kaum erwartet, daß dieſes holdſelige Maͤdchen, welches ihm idyl⸗ liſch erſchien, Wort halten wuͤrde. Er ſtillte in langen Zuͤgen den lechzenden Durſt, und es daͤuchte Roͤschen, ſie ſelbſt haͤtte Nectar gekoſtet. Dann legte ſie ihm kuͤhlenden Eſſig auf, und rieb, die roſige Finger traͤufend eingetaucht in die Eſſenz, ihm die ſtark pulſirenden Schlaͤfe. Er zog dieſe feine, wohlthaͤtige Hand an ſeine heißen Lippen, und kuͤßte ſie heftig dankbar. Es ſchien ſichtlich beſſer mit ihm zu werden. Er nannte ſie ein huͤlfreich himmliſches Weſen, und ſchmeichelte ihr Aage mitleidig Fremden, und ihrer Wieder⸗ len, ihm einen ittel gegen das chwebte ſie ſo In moͤglichſter hrer Seite ein e, beladen mit und Kraͤuter⸗ it leeren Han⸗ ie zarten Wan⸗ und der Be⸗ wartet, kaum e ichs im ial t ſtille in — 163— mit ſuͤßen Namen und Wort —2 mer Vorten. Roͤschen ver⸗ 45 auar bei ihm, weder daß ſie e7 wunte e at Abend goß ſchon ſeine kuͤhlen d tddi den Wald, und noch immer feuch det ſen— Staͤrkung ihm den nden — des chaunter, und der ſtattliche Jager — d du n pſleen wie ein Kind. S. Wiheen ſdieß barmherzigen Uebung hatte d He 99 uin erfahen daß er ein Schleſier de der ch. ſortigenichuſe gewidmet habe d eie 3 der Ruͤckkehr von einer Reiſe aaf e en begriffen. Er ſchilderte den Ger anderung, welche ihm erlaubt, den a Fuß mit„Gemſenf „Gemſenfreche,“ auf die ſteilſten Spitz Ben der Gebirge zu ſe zu ſetzen, in wahre hirs hrer Begeiſter bud, der Enthuſiasmus iſt anſteckend ane⸗ orchte 3— bn hte entzuͤᷣckt, ſie wuͤnſchte ſich ein Vo 849 49 um geſchwind den naͤmlichen Weg arun egen, an den Sch dben, hneegruben hinz uiege hinzuſchw Whuen Snnen des Kynaſt in die hhze — e huuin zu ſchauen, und ſich in den 1 e zu baden. Ihre E Su. Ihre Seele deh de chwinden zu noch hoͤherem Fluge, und def 18 ht ſchwellte das bisher ſo ſtille H es 1 öhe Herz. Döynde ddnde hatte ſeine Heimkehr durch — eabſichtiget, und Schloß Friedland* e⸗ 11* — 164— 1 ſuchen wollen, iſolirt genug, ſich jede reizende Ausſicht, jeden anziehenden Geſichtspunkt mitzu⸗ nehmen, wie weit ab von ſeiner Straße ihn dieſe Excurſionen auch fuͤhren moͤgten. So war er auf I dieſem Streifzuge bis hierher gekommen, und er⸗ mattet von einem unertraͤglichen Kopfſchmerz, einer natuͤrlichen Folge der druͤckenden Hitze, unter dem Schatten jenes Baumes, dem Schlafe anheim l gefallen. So fand ihn Roͤschen— ſo hatten Beide ſich gefunden. Die untergehende Sonne ſchoß blendende Strahlen durch den Wald, und Roͤschen fuͤhlte ſich von Schrecken betroffen. Das Gebuͤſch glomm 2 in aͤtheriſchem Feuer, als ob die Gottheit ſich darin ſichtlich offenbare. Roͤschen empfand dieſe Naͤhe, und der ewige Spruch der Natur erging an ihr Inneres. O es iſt wahr! dem Gluͤcklichen 1 ſchlagen keine Stunden. Roͤschen ſprang auf. Sie hatte den Maaßſtab fuͤr die Zeit verloren, in einem erſtensGefuͤhl, das ihre Bruſt fuͤr die 1 Ä Unendlichkeit erweiterte. 4 Sie gingen Hand in Hand bis an den Aus⸗ 1 gang des Gehoͤlzes, wo ihre Wege ſich ſchieden. Immer blaͤſſer leuchteten die Staͤmme, der letzte, lichte Schein verſchwand, kein Schatten webte und wankte mehr am Boden, und die abendliche Glut ˖jede reizende htspunkt mitzu⸗ straße ihn dieſe So war er auf zmmen, und er⸗ ppfſchmerz, einer jite, untet dem Schlafe anheim „— ſo hatten hoß blendende Roͤschen fuͤhlte Gebuͤſch glomm Gottheit ſich mempfand dieſe rr Natur⸗ etging dem Gläͤcklihen en ſorang auf. zeit vetloren, 4 Bruſt fuͤr die ftammte zerriſſen uͤber den weiten, blauen Him⸗ mel hin. Auch Roͤschens loderndes Herz zerriß, als ſie nun ſtille ſtand, dem Jaͤger Valet zu ſagen. Eine Oede gaͤhnte hinter dieſem Augenblick; aber er mußte gelebt, und ſein Bitteres geſchmeckt wer⸗ den. Der Juͤngling faßte das Fraͤulein, welches er fuͤr ein anſpruchloſes Landmaͤdchen halten mogte, in ſeine Arme, und kuͤßte es, einmal nur, doch— um immer dieſes Kuſſes zu gedenken. Roͤschen wehrte ihm nicht. Thraͤnen funkelten in ihren Augen, heilige Schaam, ſuͤßer Schmerz faͤrbten die ſanfte Bluͤthe ihres Angeſichts mit Incarnat. Dann floh ſie nach Hauſe, ſchlank und ſchnell wie ein Reh, mit dem Pfeil im Her⸗ zen— und der Blick des Jaͤgers verfolgte ſie traurig. Von dieſer Zeit an war das Roͤschen, beruͤhrt von dem magiſchen Stabe der weltge⸗ bietenden Fee, wie verwandelt. Sie lebte in der Idee, und litt das Leben, deſſen ſie ſich haͤtte freuen moͤgen. Die Verklaͤrung, welche das jugend⸗ liche Daſeyn himmliſch beleuchtet, war voruͤber, und es erſchien ihr todt und kalt. Nur der Ge⸗ danke zauberte ihr jenes fluͤchtige Gluͤck zuruͤck, aber die Hoffnung verſagte ſich, daß es jemals wirklich wiederkehren werde. Roͤschen empfand — 166— zwar Unruhe, wenn der Blick des Vaters voll forſchenden Mitleids ihre traͤumeriſchen Schritte begleitete, wenn ſeine Ruͤge ſo ſchonend war, daß ſie ihren kleinen Verſaͤumniſſen mehr zur Ent⸗ ſchuldigung als zum Vorwurf diente; aber ſie vermogte nicht, ſich dem Traum der Liebe zu entraffen. Einſtmals rief Wlasky ſie zu ſich, und ſprach mit beklommener Stimme:„Tochter! wenn Du mir doch wollteſt mein Roͤschen ſuchen!“— Sie ſah ihn fragend an, der Vater hielt inne— und ſagte dann unter verhaltener Wehmuth:„ich habe das Maͤdchen, was meine groͤßte Freude war, verloren. Ein feindſeliger Zauber hat es mir entfuͤhrt, und eine Puppe, die mechaniſch meinen Willen vollbringt, und das, was die Pflicht erheiſcht, taͤuſchend in der lieben Geſtalt, dafuͤr zuruͤckgelaſſen. Automaten ſind unheimlich; bete alſo fuͤr mich, daß ich mein Kind wiederfchide.“ Roͤschen warf ſich mit heißen Weinen an ihres Vaters Bruſt.„Da haſt Du meine ganze Seele, Vater!“ rief ſie ſchluchzend; jeder Puls⸗ ſchlag klopfte Reue, die kindlichſte Empfindung brach ihr das Herz. Seitdem ſtrengte Roͤschen alle ihre Kraͤfte an, ſich beſonnen zu behaupten, und dennoch zerrann dieſer feſte Wille nicht ſel⸗ ten in Wask mehr; auf D ihr Die iade und aus junge ben. geſeh dies dige, 8 Gatti zuku derbo ſtteu nach bei Fan Rfſä Aus dieſ zur Ent⸗ ; aber ſie Liebe zu und ſprach n wenn Dü „— Sie — und „ich e Freude er hat es mechaniſch was die en Geſtalt nheimlich; dderfftde Veinen an eine ganze der Puls mpfindung „Köschen zehaupten, nicht ſel⸗ — 467— ten in ſehnſuͤchtige Traͤume, und ſtille Thraͤnen. Wlasky ſah es mit Kummer, und ſagte nun nichts mehr; ſogar ſeine Frau bereitete er nur behutſam auf Roͤschens veraͤnderte Stimmung vor, ohne ihr ſeine Beſorgniſſe vollſtaͤndig mitzutheilen. Die Mutter beurtheilte die Tochter nach ſich ſelbſt, indem ſie meinte: Roͤschen vermiſſe die Schweſter, und fuͤhle ſich nunmehr allzu einſam. Sie wiſſe aus eigener Erfahrung, wie traurig es fuͤr ein junges Maͤdchen ſey, gar keinen Umgang zu ha— ben. Zudem habe Roͤschen das Gluͤck der Liebe geſehen— und es naͤhme ſie nicht Wunder, wenn dies von nachbleibender Wirkung auf die unſchul⸗ dige Zeugin geweſen waͤre. Wlasky ſtellte ſich mit dieſer Erklaͤrung ſeiner Gattin zufrieden, und die vaͤterliche Sorge der Zukunft anheim; auch fuͤgte es ſich bald und ſon⸗ derbar, daß Roͤschen umgaͤnglicher Weiſe zer⸗ ſtreuet wuͤrde. Ein katholiſcher Weltgeiſtlicher, auf einer be⸗ nachbarten Pfarrei, hatte Gaͤſte aus Schleſien bei ſich. Es war eine ihm befreundete adelige Familie, und ein junges Fraͤulein darunter, deſſen gefaͤlliges Aeußere durch einen boͤsartigen Flechten⸗ Ausſchlag entſtellt wurde. Das Fraͤulein trug dieſe Makel der bluͤhenden Haut, mit nicht viel — 168— leichterem Gefuͤhl, als waͤren es Flecken der Schande, und die zaͤrtlichen Verwandten konn⸗ ten deshalb nicht genugſam troͤſten: denn Thecla war verlobt, und wollte wie billig, den Augen ihres Braͤutigams gefallen. Der Erzprieſter, ein umſichtiger Gaſtfreund, und gegen ſeinen ſchaͤtzbaren Beſuch ſo verbind⸗ lich als moͤglich, wußte Huͤlfe dafuͤr. Er fuͤhrte das Fraͤulein der Frau Wlasky zu, und bat um ihren guͤtigen Rath. Dieſe pruͤfte achtſam Art und Grund des Uebels, und gab hierauf zur Ant⸗ wort: ſolcherlei Flechten waͤren freilich hartnaͤcki⸗ ger Natur; doch getraue ſie ſich ihnen abzuhelfen, nur wuͤrde das Fraͤulein ſich einer langwierigen Cur unterwerfen muͤſſen. Thecla vergoß ſuͤße Thraͤnen der Hoffnung; ſie hatte kein erfreuli— cheres Wort noch gehoͤrt. Zu jeder Bedingung willfaͤhrig, kuͤßte ſie in tiefer Demuth ihrer Eitel⸗ keit der buͤrgerlichen Gutsfrau mit unterwuͤrfigem Dank die Hand. Wlaskys Gattin uͤberſah mit weiblichem Blick den Vortheil, der ſich aus dieſer Fuͤgung ziehen ließe. Das Fraͤulein war eine ſchickliche Gefaͤhr⸗ tin fuͤr Roͤschen, und wenn dieſer Gewinn auch nicht fortbeſtehend nuͤtzte: ſo konnte doch ein Be⸗ duͤrfniß der Zeit damit befriediget werden. So machte Thecla was a 3 von ſ doch välli einel Fraͤu Mäd in de anzuſe Sym drüͤch 1 das iche Gene ſprec en; beſu wolc Rs ken diſ ecken der en konn⸗ in Thecla in Augen ſtfreund, verbind⸗ Er fuͤhrte hat um ſam Art zur Ant⸗ artnaͤckt zuhelfen, wierigen goß ſuͤße erfreuli⸗ dingung er Eitel⸗ vuͤrfigem im Blick ziehen Geſht⸗ un auch ein Be⸗ n. Ep — 169— machte ſie dem Erzprieſter denn das Anerbieten, Thecla moͤgte unter ihrer naͤchſten Aufſicht bleiben, was auch mit Freuden angenommen wurde. Das Fraulein war ein liebes, gutes Weſen, von ſanftem Sinn und liebenswuͤrdigen Sitten; doch entſprach es der Freundſchaft Roͤschens nicht vöͤllig. Die heilige Tiefe dieſes Gemuͤths, ſtand einer gewiſſen anmuthigen Oberfuaͤchlichkeit des Fraͤuleins entgegen. Indeß befreundeten ſich die Maͤdchen doch mit jener leichten Innigkeit, welche in der Jugend nur den Drang des Herzens, ſich anzuſchließen, erklaͤrt, und die da taube Bluͤthen der Sympathie treibt, welche zeitig abfallen, ohne Fruͤchte fuͤr das Leben zu tragen. Der Herbſt war maͤchtig vorgeruͤckt, als das Fraͤulein nun wieder mit dem Fruͤhlings— laͤcheln der Schoͤnheit in den Spiegel blickte. Geneſen zog es von dannen, und nahm das Ver⸗ ſprechen mit ſich, Roͤschen wuͤrde es im naͤchſten Lenz auf dem heimathlichen Landſitze in Schleſien beſuchen, wo ſie gemeinſam das Gebirge bereiſen wollten. Dieſe Ausſicht wirkte ſichtlich erheiternd auf Roͤschen. Vielleicht trug ſie heimlich den Gedan⸗ ken mit ſich herum, ſie koͤnnte auf dem vaterlaͤn⸗ diſchen Boden ihres namenloſen Freundes, ihm — 170— ſelbſt, oder ſeinen Spuren begegnen. So freuete ſie ſich denn auf dieſe Reiſe, und die Hoffnung kuͤrzte den langen Winter, der oͤde und einfoͤrmig voruͤber ſchlich. Endlich erſchien die herbeigeſehnte Zeit. Roͤschen ruͤſtete ſich, da die Schwalben kamen. Doch nahe der Abreiſe hatte eine ſeltſame Ban⸗ gigkeit ſie ergriffen, und die Eltern mußten ihr guͤt⸗ lich zureden, daß ſie ihr Vorhaben ausfuͤhre, und von einer veraͤnderlichen Laune angeweht, ſich nicht um ein laͤngſtgehofftes Vergnuͤgen bringe. Roͤschen ſchrieb nach Hauſe, und bat um die Erlaubniß, zur Hochzeit ihrer Freundin bleiben zu duͤrſen, welche vor ſich gehen ſolle, ſobald der Braͤutigam nach einer laͤngeren Abweſenheit zu— ruͤckgekehrt ſey, und man erwarte ihn mit jedem Tage. Vater Wlasky war es gern zufrieden, die Mutter behalf ſich willig allein, daß Roͤschen einmal vergnuͤgt waͤre. Aber Mitte Sommer kehrte ſie bleich, ſtill und tiefſinnig zuruͤck. Eine herbe Erfahrung war mit Theclas kuͤnftigem Gemahl fuͤr das arme Roͤschen gekommen. Er war ein adeliger Forſt⸗ mann, mit dem ſchlafenden Jaͤger eine Perſon. Roͤschens jungfraͤuliches Gefuͤhl huͤthete jedoch ihr Herz, Jener ſer F waͤhn bindu wit o freuete Hoffnung einfoͤrmig te Zeit. kamen. ne Ban⸗ ihr gͤt⸗ hre, und iht, ſich bringe. um die bleiben bald der nheit zu⸗ nit jedem den, die Rochen ich, ſtil ung wat as arme er Fotſ Perſol! edoch ihe Herz, daß es ſich nicht verrieth, um ſo mehr, da Jener ſeines vorjaͤhrigen Zuſammenſeyns mit die⸗ ſer Freundin ſeiner Braut, in keiner Sylbe er⸗ waͤhnte. Er ſchien nicht heiter, und dieſe Ver⸗ bindung, zumeiſt von den Umſtaͤnden geſchloſſen, mit halben Willen und getheilter Neigung ein⸗ gegangen zu haben. Aber geſchloſſen war ſie nun doch, und Roͤschen ehrte Theclas geheiligte Rechte. Das Verſprechen, der Vermaͤhlung beizuwohnen, war einmal gegeben, und mußte erfuͤllt werden, obwohl in einem bittern Kelch fuͤr Roͤschen. Sie glaubte, das Leben haͤtte kein Opfer mehr, da ſie den Tag uͤberſtanden, wo Thecla den Trauring empfing. Sie laͤchelte von nun an dem Schmerze, die reine Flamme ihres Buſens bewaͤhrte ſein koſtbarſtes Gefuͤhl als gelaͤutertes Gold. Sie haͤtte die Freundſchaft fuͤr das neuvermaͤhlte Paar, ob auch die zarteſten Elemente des Gemuͤths in dieſer ſchoͤnen Waͤrme ausgluͤheten, um keinen Preis indifferenter Ruhe miſſen moͤgen; nur mit ihrem Daſeyn ſollte ſie verloͤſchen. Nach Jahresfriſt gebar Thecla einen Kna⸗ ben, den Roͤschen aus der Taufe hob, und bald darauf ward der Gemahl durch einen ungluͤcklichen Fehlſchuß im Walde getoͤdtet. Die junge Wittwe wollte verzweifeln, und fand ſpaͤter in einer zwei⸗ 172 ten Wahl Erſatz. Roͤschen beweinte den Freund, der Welt ſo grauſam entriſſen, mit leiſen Thraͤ⸗ nen, in welche der Troſt, ihre Liebe duͤrfe ihm nun ganz gehoͤren, ſein Suͤßes miſchte. Jahre gingen hin, ohne daß der ſachte Gang der Zeit in dem Leben dieſer kleinen Familie und ihren Verhaͤltniſſen etwas geaͤndert haͤtte. Wlasky wurde allmaͤhlich alt und ſchwach, das Licht ſeiner Augen fing an dunkel zu werden, der Mutter Kraͤfte ließen nach. Es fand ſich kein Freier auf das Schloß; die Vorſicht erſparte Roͤschen ein Wort, das ihrem guͤtigen Herzen ſchwer gefallen waͤre: denn ſie wuͤrde Jeden abgewieſen haben. Einſtmals ſaß Wlasky an der Seite ſeiner Frau im Garten. Sie ſprachen traulich von Sonſt und Jetzt, und merkten nicht, das Roͤs⸗ chen zugegen waͤre. Das Maͤdchen faß ſtumm, und außerhalb der Laube, und der Abend webte ſchon den Flor der Daͤmmerung. Da trat der Schaffner des Gutes vor die Herrſchaft, und bat ſich aus, daß er folgenden Tages zur Hochzeit ſeiner Tochter gehen duͤrfe, die auf einem anderen Dorfe von den Schwieger⸗ eltern gefeiert wuͤrde. Wlasky ertheilte ſie ihm ſeufzend und ſprach, als der Schaffner ſich ent⸗ fernt hatte:„ich muß meinen Dienſtmann benei⸗ den, d Per! einſan Weib ſom es D ſtets geſt Stie in de ſotgte ſeinen einer Nc eine wir: iber eid wie Natt wiß, edelſ dieſe nes Freund, n Thraͤ uͤrfe ihm zbte Gang nilie und Wlasky it ſeiner Mutter eier auf hen ein gefallen haben. e ſeiner lich von as Rös⸗ ſtumm/ d webte hwiegel⸗ ſie ihm ſich ent⸗ in benel den, die Freude leuchtete ihm aus jeder Miene. Wer wird mein Roͤschen heirathen? es verbluͤht einſam, und waͤre doch ſo werth, das gluͤckliche Weib eines braven Mannes zu ſeyn. Ich darf ſo mit Dir reden, liebe Frau, denn ich bezeuge es Dir laut meines dankbaren Herzens: Du warſt ſtets wie eine leibliche Mutter fuͤr mein Kind geſinnt.“ Dieſe Anerkennung belohnte die wackere Stiefmutter, die Klage ihres Mannes ruͤhrte ſie in der Seele, wo der Gedanke an ihre fruͤhver⸗ ſorgte Tochter ſich mit leiſer Ueberhebung neben ſeinen vaͤterlichen Kummer ſtellte. Denn nach einer Maxime Rochefoucaults ſoll uns ja das Mißgeſchick Anderer, auch der beſten Freunde, eine gewiſſe Selbſtzufriedenheit gewaͤhren, indem wir nicht umhin koͤnnen, unſer eigenes Gluͤck zu uͤberſchlagen, wenn fremdes oder auch vertrautes Leid uns offen dargelegt wird. Wie tief, oder wie truͤbe dieſe Meinung aus der menſchlichen Natur geſchoͤpft ſeyn moͤge: ſo viel iſt ge— wiß, daß ſie Stoffe der Wahrheit enthalte. Die edelſte Miſchung hiervon wallte in der Bruſt dieſer Frau auf, da ſie zur Beruhigung des Man⸗ nes ſprach:„laß es gut ſeyn, Wlasky! der alte — 1744— Gott lebt noch, und ſtirbt dann auch nicht, wenn wir einmal zur Ruhe gehen. Die Gelegen— heit, glaube es mir, iſt die einzige Eheſtifterin auf der Welt, und ſie wendet ſich oft den beſten Maͤdchen ab, welche muſterhafte Frauen, vor⸗ treffliche Muͤtter geworden waͤren, um launiſch anderen Orts ein verdorbenes Geſchlecht hervor⸗ zurufen.— Alles, ſagt der iſraelitiſche Weiſe: liegt an der Zeit und dem Gluͤck.“ „Du haſt Recht,“ antwortete Wlasky: denn — iſt Roͤschen nicht wohlgebildet, gut, und in jedem Sinn trefflich zu nennen? ich darf es ſa⸗ gen, wenn auch als Vater. Ein huͤbſches Heiraths⸗ guͤtchen braͤchte ſie noch uͤberdies einem Manne zu. Nicht ſelten hindert gaͤnzliche Armuth eine Verbindung; hier ebnet maͤßiger Wohlſtand, durch Fleiß und Sorgſamkeit bedingt, den Weg, der, wie mich duͤnkt, nach Friedland fuͤhrt. Wir ſind ihn lange gewandelt, Stephanie!“ Er druͤckte ſeiner Gattin bei dieſem zufriedenen Ruͤckblicke weichmuͤthig die Hand, und fuhr nach einer kleinen Pauſe fort:„wenn ich mir nun Roͤs⸗ chen anſehe, und ſie haͤlt meinem Blicke mit einer zerdruͤckten Thraͤne im Auge geduldig ſtill: dann — wollte ich lieber einer feindlichen Batterie Das ſilberne Troͤpflein, was von ihrer ſtehen. werbla Beeikt ganz. icht, wenn helegen⸗ Eheſtifterin den beſten uen, vor⸗ z launiſch ht hervor⸗ he Weiſe: sky: denn , und in ef es ſa⸗ Heiraths⸗ a Manne much eine and, durch Weg, der hrt. Wit 14 ufriedenen fuhr nach Nos⸗ teeinet nur mi ill: dann Batterie 6 von ihre verbluͤheten Wange ſchleicht, faͤllt mir wie eine Bleikugel auf das ſtarke Herz, und zermalmt es ganz.“ Roͤschen war unbemerkt in die Laube getre⸗ ten, und Wlasky ſchwieg von ihrer Naͤhe betroffen. „Vater!“ ſagte ſie mit bewegter Stimme: „ich habe die Rede vernommen, welche mich ſo nahe angeht; guter Vater! aber gewiß, ich bin nicht ungluͤcklich. Wer mit der Natur vertraut iſt, wie wir, weiß ja wohl, wie oft ein Bluͤm⸗ chen, das ſeinen Schoͤpfer lobt, in oͤder Verbor⸗ genheit duftet und welkt, ohne daß es einen Fin⸗ der freue. Iſt dies geſchuͤtzte Schickſal denn ſo beklagenswerth? tauſende ſchoͤnerer Blumen wer⸗ den dagegen von rauher Hand gepfluͤckt, vom Sturm zerſtoͤrt, oder unachtſam zertreten. Der Schatten worin ich athme, ſey mir daher gegoͤnnt! ich bin nicht ohne einen Sonnenſtrahl geblieben, der dies beſcheidene Dunkel mit Himmelslicht aushellte, und ob er auch nur fluͤchtig war: ich habe doch einen Augenblick gelebt!“— Dies Gleichniß leuchtete Wlaskyn ein, nur was Roͤschen zuletzt ſagte, war ihm nicht ganz klar. Ihm genuͤgte jedoch zu wiſſen, wie ſie ihr vergeſſenes Loos betrachte; die Natur, und ihr frommer Sinn, gaben ihr den Geſichtspunkt dazu. — 176— Dieſe Demuth uͤberwaͤltigte ſeinen Kummer, der nicht ohne gekraͤnkten Trotz auf ſeines Kindes Verdienſt und Liebenswuͤrdigkeit war. Er meinte bei ſich ſelbſt, Roͤschen haͤtte in der langen Uebung ihrer Kraͤuterleſe keine koͤſtlichere Pflanze gefun⸗ den. Sie heilte ihres Vaters Herz damit. Die Mutter ward von einer Ahnung be—⸗ ruͤhrt, Roͤschen koͤnnte eine hoffnungsloſe Leiden⸗ ſchaft in ſich verſchloſſen haben; doch dachte ſie zu zart, das ſchuͤchterne Geheimniß dieſer Mimoſe anzutaſten. Nur als am Abend Roͤschen ihr gute Nacht wuͤnſchte, da der Hausherr ſich ſchon zur Ruhe begeben hatte, ſchlang ſie ihre Arme um das Maͤdchen, und ſagte:„Gott ſegne Dich, mein Kind! um Deiner Ergebung willen. Ob⸗ zwar ich nicht laͤugnen kann, daß dieſe gaͤnzliche Reſignation mir betruͤbt vorkommt, weil ſie jeden Anſpruch auf irdiſches Gluͤck auszuſchließen ſcheint. Indeß— Du haſt dennoch das beſte Theil er⸗ waͤhlt. Ach! und die Maͤnner machen ja auch nicht immer gluͤcklich.“ Die Mutter vergaß in ihrem troͤſtenden Drange, daß ſie zu Wlaskys Tochter ſpraͤche. Roͤschen mußte laͤcheln.„Doch die Einſam⸗ keit,“ ſagte ſie, als wolle ſie ſich einer Forderung faͤhig zeigen:„dieſe heſte Freundin der Verlaſſe⸗ nen, mmer, der es Kindes Ex meinte en Uebung ze gefun⸗ mit. hnung be⸗ iſe Leiden⸗ dachte ſie Mimoſe schen ihr ſich ſchon hre Arme gne Dich, len. Ob⸗ ) gaͤnjlche lſie jeden en ſcheint. Theil er⸗ n jn auch vergaß in Wlasty „Einſam⸗ Horderung Vetlaſſe nen/ — 177— nen, darf mich nicht verſtoßen, in das Gewirr der fremden Welt hinaus. Man wird mich kuͤnf⸗ tig das alte Schloßfraͤulein nennen, und ich werde es ungekraͤnkt hoͤren, wie ein abgeſchiedener Geiſt den hohlen Schall des Titels, den er auf Erden trug. In zuruͤckgezogener Stille, von nichtigem Geraͤuſch entfernt, iſt das Ohr leiſer geſtimmt fuͤr jene hoͤhere Harmonie, welche troͤſtend heruͤber⸗ klingt, und jeden irdiſchen Mißlaut ahnungsvoll aufloͤſet. Nur unter den Menſchen wuͤßte ich nicht auszudauern; aber ich hoffe, dieſer ſchmerz⸗ liche Zwang wird mir erſpart ſeyn.“ Eine Ab⸗ neigung der innerſten Art, ſteigerte den Ton die⸗ ſer letzteren Worte. Die Mutter ſah Roͤschen bekuͤmmert an. Sie hatte einen tiefen Blick in des Maͤdchens Herz gethan.„Mein Kind,“ ſagte ſie mit ſin⸗ kender Stimme:„Alleinſeyn iſt auch nicht gut. Du kennſt es noch nicht; wenn wir nun aber einmal ſterben.“—— Roͤschen umfaßte die Mutter, als wolle ſie die theure Geſtalt uͤber dem Grabe halten, und ſprach:„auch dann wird mich geleiten, Der bis⸗ her mein treuer Gefaͤhrte war.“ Die Mutter ſchwieg. Sie glaubte fromm, Roͤschen haͤtte den Herrn des Himmels gemeint; 12 — 178— doch das Maͤdchen dachte nur an den vorange⸗ gangenen Freund. Roͤschens Liebe, womit ſie aufſchauete, war Andacht geworden, und dieſer vermaͤhlte Strahl ließ ein uͤberirdiſches Licht auf der Zukunft dunkle Pfade fallen. Indeß Wlas⸗ kys Wunſch fuͤr ſeine Tochter, oftmals die Wol⸗ ken zerriß, um vor den ewigen Vater zu drin— gen, und ſeine Gattin gleichermaßen ſeufzende Fragen an die Vorſehung richtete, war ſchon fernher dafuͤr geſorgt, daß Roͤschens zaͤrtliche Sorgfalt nicht ohne Gegenſtand waͤre, wenn die muͤden Eltern ſchlafen gingen, in das kuͤhle Bett der Erde. Stephanie, ſehr gluͤcklich verheirathet, hatte ſich bald und voͤllig eingewohnt, in der Welt, worin ſie wie in ihrem Elemente, ihre eigentliche Natur erſt entfaltete. Nicht ohne Schauer dachte ſie an jene einſame Ruhe zuruͤck, in der ſie erzo⸗ gen worden, an jene einfachen Beſchaͤftigungen, deren ſie jetzt der weißen Haͤnde ſchonend, laͤcheln durfte, im Spott der Freiheit, ihrer entlediget zu ſeyn. Leſtloy pries im Beſitz Stephaniens ſein gutes Gluͤck. Die fixe Idee des Vaters, der ſchnoͤde Argwohn der ſterbenden Judith, hatten ihm zu der ſchoͤnen, jungen Frau verholfen, die 2 den vorange ,womit ſie , und dieſer hes Licht auf Indeß Wlas⸗ s die Wol⸗ ter zu drin⸗ en ſeußende war ſchon ns zaͤrtliche vaͤre, wenn das kuͤhle rathet, hatte der Welt, re eigentlich hauer dachte der ſie erdo⸗ häftigungen, nnend ſicheln er entlediget ſein der atten Haniens Vaters/ dich/ h erholfen, 6 — 179— er wie ſein Leben liebte. Er glaubte demnach den groͤßten Schatz gehoben zu haben, der jemals einem Manne werden koͤnnte: ein gutes Weib. Das Schoͤnheitsgefuͤhl des Kuͤnſtlers enthuſias⸗ mirte ihn fuͤr jeglichen Reiz der bluͤhenden Gat— tin; ein blaues Aederchen, das ſich lieblich um ihr rundes Kinn ſchlaͤngelte, machte ſeine Pulſe in Begeiſterung klopfen. Er freuete ſich des goͤtt⸗ lichen Geſchenks, das ſeiner Stephanie in dieſer anmuthigen Bildung geworden, mit dem feinſten Sinn dafuͤr. Das Bewußtſeyn, welches dieſe bewundernde Liebe ihres Mannes in Stephanien weckte, der Beifall, womit ſie ſich uͤberall aufgenommen ſah, gaben den unterdruͤckten Keimen der Eitelkeit freies Feld; ſchnell uͤberwucherten ſie den Saamen des Guten, der in der Stille geſtreuet worden, wirkſam durch die Kraft des Beiſpiels, und jener leiſen Einfluͤſſe, welche auch das Werden und Wachſen moraliſcher Triebe bedingen. Als Stephanie ihrem Manne ein Toͤchter⸗ chen gebar, blieb ſie lange Zeit kraͤnklich, und war ſeitdem ſo launiſch reizbar, daß ſelbſt die zarte Begegnung Leſtloys die verſtimmte Saite ihrer Senſibilitaͤt zuweilen in widrigen Anklaͤn⸗ gen beruͤhrte. Auch hatte das Wochenbett der 12* — 180— jungen Frau aͤußerlich ſehr geſchadet. Der Spie⸗ gel gab ihr ein bleiches, mattes Bild mit vertief⸗ ten Zuͤgen zuruͤck, und mißmuͤthig wendete ſie ſich ihm ab. Das kleine Weſen aber, welches dieſe große Verwuͤſtung angerichtet, war wunderſchoͤn, wie Raphaels Engel, und der Vater betrachtete es mit entzuͤcktem Blick. Er hatte fortan ein Modell fuͤr die Kinder des Himmels. Leſtloy nannte das ſeinige Sanzie, im verehrenden An⸗ denken jenes Meiſters, deſſen Phantaſie die Werk⸗ ſtatt heiligſchoͤner Vorſtellungen war. Ein Conterfey der kleinen Sanzie ward nach Boͤhmen geſendet, auf daß die Familie allda die Freude der jungen Eltern ſaͤhe. Die Mutter hatte nicht bei der Entbindung ihrer Tochter zugegen ſeyn koͤnnen, weil die weite Reiſe fuͤr ihre Kraͤfte in jedem Sinne, zu er⸗ ſchoͤpfend geweſen waͤre. Sie wußte jedoch Ste⸗ phanien in guter Pflege, und durfte deshalb ruhig ſeyn. Obwohl die kleine Sanzie durch die reizendſte Munterkeit haͤtte Erſatz ſeyn koͤnnen, fuͤr alle Sorgen und Muͤhen, welche ſolch ein Pfand des Segens den Muͤttern auflegt: ſo empfand Ste⸗ phanie doch, vielleicht weil ſie ſich ſchwaͤchlich fuͤhlte, die Beſchwerden der erſten Erziehung zu — Der Spie⸗ mit vertief⸗ dete ſie ſich elches dieſe underſchoͤn, betrachtete ſortan ein ls. Leſtloy enden An⸗ die Werk⸗ ward nach allda die Entbindung il die weite ne, zu el⸗ edoch Ste⸗ fte deshalb ereizendſte 1 fuͤr alle Pfand des fand Ste⸗ ſchwichlch iehung u — 181— ſehr, um ſich fuͤr die Verluſte, womit dies Gluͤck erkauft werden muͤſſe, ganz entſchaͤdiget zu fin⸗ den. Verwoͤhnt von ihres Mannes Zaͤrtlichkeit, war ſie ein wenig eiferſuͤchtig auf die Kleine, mit der ſie nunmehr des Vaters Liebe theilte, und zwar ſo, daß ihr das Toͤchterchen die groͤßere Haͤlfte entzog. Leſtloy war oft ſo verſunken in das Anſchauen ſeines Kindes, daß er Stephanien daruͤber vergaß. Dies kraͤnkte die junge, eitle Frau. Sie war jener entaͤußernden Hingebung nicht faͤhig, wodurch eine Mutter zu dem Urbild der Gottheit wird. Wie himmliſchſchoͤn und geſund das Kind auch anzuſehen, einer harten Zahnarbeit, welche der Mutter viel Angſt und Plage machte, war es dennoch nicht uͤberhoben. Der Hausſtand brachte aͤrgerliche Vorfaͤlle mit, die nirgend aus⸗ bleiben, wo unſere zufriedene Subſiſtenz auf einer Baſis von Wirklichkeiten ruht; die Menſchen miſchten ihr Thun und Treiben ſtoͤrend in die Innigkeit dieſer Ehe, der Neid verkuͤmmerte dem argloſen Leſtloy ſein ideales Streben. Ge⸗ nug, Stephanie ſah ein, daß ihrer Ehe günſtiges Geſtirn, ſo gut wie jedes andere, unter dem Ge⸗ ſetz irdiſcher Unvollkommenheit ſtehe. Die Sonne dieſes Gluͤckes war im Laufe der Zeit nur ein — 182— wenig weiter geruͤckt, und warf ſchon groͤßere Schatten— und der Abend war noch ſo fern!— Leſtloy hingegen traͤumte ſelig fort, nur zuweilen durch den heranſchleichenden Schritt ſeiner Miß⸗ goͤnner zu kurzem, unerfreulichen Beſinnen ge⸗ weckt. Die Kunſt, ein wandelloſes Sternbild! ſtrahlte ihm, wenn Andere glaubten es waͤre Nacht, und furchtſam zagten, er hielt ſeinen Blick auf dieſer Klarheit feſt, die Welt des Lichts war ſeine Welt. So wurzelte er nicht in der truͤben Re— gion des niedern Lebens, auf leuchtenden Schwin⸗ gen trug ihn der Genius hoͤher. Wolken, und uͤbelwollende Menſchen zogen an ihm voruͤber, er merkte ihre finſtere Erſcheinung kaum. In ſeiner Bruſt wohnte Ruhe, und Wahrheit war in ſeiner Liebe, in ſeinen Idealen. Mehrere Jahre vergingen, ohne daß eine neue, muͤtterliche Hoffnung ſtoͤrend geweſen waͤre, daß Stephanie ſich voͤllig erhole. Endlich kuͤn⸗ dete ſich dieſer Segensſtand unter bedrohlichen Zeichen an, und Leſtloy konnte ſich einer ſtillen Bekuͤmmerniß um ſeine Gattin nicht erwehren. Sie litt zudem an einem Huſten, der mit jenen Uebeln in keiner Wechſelwirkung ſtand. Ein Zu⸗ ſammendrang haͤuslicher Unannehmlichkeiten, hatte unverhinderlich nachtheiligen Einfluß auf ihre Ge⸗ ſandh Temp die ſe w Sta ſiche eie lich fall Sej haͤl amn daß waͤr ihn 2 , 4 1 größere ſo fern!— ar zuweilen einer Miß⸗ ſinnen ge⸗ Sternbild! zäre Nacht, Blick auf war ſeine uͤben Re⸗ Schwin⸗ lken, und voruͤber, aum. In hrheit war daß eine geſen waͤre/ nlich kuͤn⸗ rohlichen ner ſtillen erwehren mit jenen Ein Zu⸗ iten, halte j ihre Ge⸗ — 183— ſundheit geuͤbt; der Arzt warnte, das aͤrgerliche Temperament zu zuͤgeln, aber er warnte umſonſt: die Galle trat der jungen Frau ins Blut, und ſie mußte eine gefaͤhrliche Criſis uͤberſtehen. Die Stunde der Entbindung trug daher keine erfreu⸗ lichen Fruͤchte. Stephanie genaß von Zwillingen, ein Knabe und ein Maͤdchen, uͤberaus ſchwaͤch⸗ lich und braungelb, als haͤtte es der Natur ge⸗ fallen, ſie in duͤſterer, bildneriſcher Laune, mit Sepia zu tingiren. Die Mutter, welche einer Lilie glich, ver⸗ huͤllte ihr Geſicht vor dieſem Anblicke; die Heb⸗ amme troͤſtete mit heimlich troſtloſer Gebehrde, daß die Farbe der Neugeborenen ja nicht bleibend waͤre. Der Vater betrachtete die Kinderchen, welche ihn mit alten, faltigen Geſichtern anweinten, ver⸗ dunkelten Auges. Er nahm ſie erbarmend an ſein Herz. Und wenn auch ein fluͤchtiger Ge⸗ danke, Stephanien anklagte, ſie haͤtte ihnen, zu Gottes Ebenbilde geſchaffen! unachtſam der hei⸗ ligſten Pflicht, dieſen Farbenton aufgelegt: ſo hoffte er doch ſchweigend, die Zeit, welche alles verwiſcht, wuͤrde dieſe tiefen Tinten mildern. Er haͤtte doch nicht wuͤnſchen moͤgen, daß die armen Kinder, kaum dem Lichte gegeben, wieder zu den — 184— V Schatten hinab gingen, denen ſie lebend ſchon, Glchen anzugehoͤren ſchienen. rifft Aber die leidenſchaftliche Stephanie fuͤhlte anders. Sie erkannte dieſe Außenſeite ihrer mach Zwillinge fuͤr ein Ungluͤck, das nicht zu berechnen die waͤre. Sie ſchlug in ihrer Selbſtſchaͤtzung den nat Werth dieſer Einbuße wirklich uͤbertrieben an; ſon haͤtten ihre reuigen Thraͤnen dieſe braͤunliche Haut weiß waſchen koͤnnen: ſie waͤren nicht haͤufiger wo gefloſſen. So fand Stephanie ſich denn allzu⸗ eine hart geſtraft. Aber ob das innigſte Band der pir Natur auch oft ein Herz blutig reibe: zerreißen Dich laͤßt es ſich nicht. Du Stephanien knuͤpfte die Hoffnung an das ger ſchwache Leben ihrer Zwillinge— man moͤge den ſt d Schmerz der Mutter darnach meſſen— ſie wuͤr⸗ aug den ſich ſchwerlich erhalten. Dennoch athmeten ftie ſie duͤrftig von einem Tage zum andern. glein Die Zwillinge empfingen die chriſtliche Weihe lche in aller Stille, und wurden Siegfried und Si— de bylle geheißen. Der Geiſtliche, welcher die heilige dep Handlung verrichtete, erſchrack, da er die ſchnee⸗ weißen Huͤllen luͤpfte, es daͤuchte ihm, er tauche ſcha ſeine Hand in die Waͤſſer des Ganges, um kleine dar Heiden zu taufen, fuͤr die Empfaͤngniß des goͤtt⸗ ſei W' dend ſchon, nnie fuͤhlte nſeite ihrer berechnen atzung den rieben an; gliche Haut t Haͤufiger enn allzu⸗ Band der zerreißen an das moͤge den — ſie wuͤr⸗ athmeten 1 che Weihe und Sie ie heilige ie ſchnee⸗ er tauche um kleine des glt lichen Geiſtes unter einem heißeren Erdguͤrtel ge⸗ reift, als in dieſer nordiſchen Zone. Die Kinderchen waren jedoch fromm, und machten wenig zu ſchaffen. Ruhe herrſchte um die einſame Wiege, und der ſaͤuſelnde Schlaf; nur fluͤſternde Vorwuͤrfe hielten ihre Mutter wach, ſonſt haͤtte ſie ungeſtoͤrt ſchlummern koͤnnen. Nicht ſeltener, als bei der anziehenden Stelle, wo Sanzie ſpielte, verweilte Leſtloy am Lager ſeiner Zwillinge. Er ſah nachdenkend auf das Paͤrchen nieder, und dachte:„der Schlaf ſtaͤrke Dich, mein ſchwaches Knaͤblein! zwar duͤrfteſt Du kaum wie Dein Name bedeutet, ein maͤchti⸗ ger Sieger werden; aber wer ſich ſelbſt bezwingt, iſt dennoch groß, wie klein er auch waͤre, in den Augen der Menſchen. Sey mir geſegnet, Sieg⸗ fried! ich liebe Dich, armes Kind!— Und Du, kleine Sibylle, wird die Wahrſagung einer gluͤck⸗ lichen Zukunft, und die Gabe der Weisheit in Deinem Herzen ruhen, das leiſe noch, und un⸗ bewußt ſchlaͤgt?“ Da ſchlug die Kleine die Augen auf, und ſchauete mit dem Tiefſinn der Unſchuld zu dem Vater empor, als Antwort gleichſam auf dieſe ſeine Frage an den Geiſt des Schickſals. Eine Ahnung ruͤhrte ihn an, dies zarte Geſchoͤpf werde — 186— durch Schoͤnheit der Seele ſich verklaͤren zur Ehre Gottes, und Gedanken offenbaren, hoͤher als der bloͤde Sinn der Welt. Helle des Himmels um⸗ floß das Kind vor dem Blick des Vaters: denn vor der Liebe verſchwindet jedes Dunkel. Die außerordentliche Lieblichkeit der kleinen Sanzie, ſchaͤrfte als greller Contraſt, die haͤrmende Vergleichung der Mutter zwiſchen ihren Kindern. Stephanie graͤmte ſich, und verfiel; jener trockene Huſten ward ſchlimmer, und Leſtloy ſorgte wenn auch ſtill, doch ernſtlich um die kraͤnkelnde Gattin. Der Arzt ward dringender zu Rathe gezogen. Er meinte: Eſelsmolken wuͤrden dieſer angegriffe⸗ nen Bruſt heilſam ſeyn; auch duͤrften— wie er laͤchelnd hinzuſetzte; Baͤder von ſolcher Milch den Kinderchen gut thun. Der Gebrauch dieſes Mit⸗ tels ſey durch eine roͤmiſche Kaiſerin, der Name ſchwebe ihm auf den Lippen— beruͤhmt worden,“ die es bei aller Ueppigkeit der latiniſchen Toilette, am tauglichſten fuͤr ihre verſchoͤnernden Zwecke gefunden. Es war Stephanien, als ob ein Wespenſtich von der Zunge des Arztes ſie traͤfe; jede Anſpie⸗ lung auf die Hautfarbe ihrer Zwillinge verwun⸗ dete ihr Herz. Sie brach, als er fort war, in Thraͤnen aus. Leſtloy fragte nach der Urſache ih⸗ nt Bet mag w ich ſch Heſſer Kangſt die wiſch tende grauſ llebern wir w ſch m Ich; dem meine weint merkt von ſelbſ ſuche wuͤre Sie und habe zur Ehre er als der mmels um⸗ ers: denn 1. er kleinen haͤrmende Kindern. er trockene ate wenn e Gattin. gezogen. ngegriffe⸗ — wie er Micch den ieſes Mit⸗ der Name nt worden, in Toiletle, en Zwecke gesyenſich de Anſpie⸗ „verwun⸗ t wal/ in urſecheih rer Betruͤbniß.„Ach!“ ſagte ſie:„der Doctor mag wohl ſelbſt ein Eſel ſeyn! wie lange brauche ich ſchon von ihm, ohne daß ich die mindeſte Beſſerung ſpuͤrte. Meine Mutter wuͤrde mir laͤngſt von dem boͤſen Huſten geholfen haben. Die ſanften Kraͤuterſaͤfte, welche ſie ſo lieblich zu miſchen weiß, duͤrften bald genug den immerwaͤh⸗ renden Reiz der Luftroͤhre mildern, wofuͤr all ſein grauſes Gemengſel mir noch nichts genuͤtzt hat. Ueberhaupt moͤgte freie Luft und laͤndliche Stille mir wohlthaͤtig ſeyn. Die Menſchen bekuͤmmern ſich nur aus Neugier um den lieben Naͤchſten. Ich zittere, wann ein Beſuch anklopft, und mit dem erſten Schritte nach der Wiege geht, um meine armen Kinder anzuſehen.“ Stephanie weinte aufs Neue. Leſtloy verſuchte, ſeine Frau zu troͤſten. Er merkte wohl, daß ſie ſich nach Huͤlfe und Troſt von ihrer Mutter ſehnte. So machte er ihr denn ſelbſt den Vorſchlag, die Ihrigen einmal zu be⸗ ſuchen, wobei ſie die beſte Gelegenheit haben wuͤrde, der Verordnung des Arztes nachzukommen. Sie koͤnne ja mit der Mutter deshalb ſprechen, und eine Eſelin werde auf dem Gute leichtlich zu haben ſeyn. Stephanie war ſchon heimlich zu dieſer Cur — 188— entſchloſſen, ſowohl fuͤr ſich, als fuͤr ihre Kinder. Sie glaubte an den Doctor, wenn ſie ihm auch zuͤrnte. Leſtloy bedauerte es ſehr, die Seinigen nur ein Stuͤck Weges begleiten zu koͤnnen, da er gls Mitglied einer Akademie gebunden war, und Stephaniens Aufenhalt in ihrer fruͤheren Heimath nicht gern beſchraͤnken wollte. Stephanie ſah dieſen Ort mit gemiſchten Gefuͤhlen wieder; koͤrperliche Schwaͤche, ein hoͤchſt reizbar gewordenes Gemuͤth, welches durch ge⸗ theilte, muͤtterliche Empfindungen litt, indem eitler Stolz, der es fruͤher gehoben, den Gram den es nunmehr mit vorwurfsvoller Beſchaͤmung trug, nur um ſo druͤckender machte, hatte ihren ver⸗ ſchloſſenen Sinn fuͤr die Einſamkeit aufgethan. Erinnerungen der Jugend erwachten, und ſpielten im abendlichen Tanz der Muͤcken vor ihr her; alles war noch wie ſonſt in derſelben Stetigkeit und Stille, als ſie im Triumph hochzeitlicher Ehre und Freude dieſe Gegend verließ. Und jetzt kehrte ſie heim, in dies verachtete Aſyl, um an Leib und Seele zu geneſen!— Die alte Liebe empfing ſie hier. Nur in den leiſeſten Spuren war die Zeit an dieſen guten Menſchen voruͤber⸗ gegangen. Stephanie, von Wehmuth hingeriſſen, hing an die ſ ſöensle 8 deräͤnd hende wie d düͤſten hatten Stimr matt! ſame Geſch ſcweb dhanie nicht nüthi Ird Geſch verda — Ihri dänd ſhine oß tene ihre Kinder. ſie ihm auch zeinigen nur , da er als war, und ren Heimath t gemiſchten e, ein hoͤchſt durch ge⸗ indem eitler ram den es mung trug⸗ ihren ver⸗ aufgethan. und ſpielten ot iht her: Stetigkeit pochzeitliher ſieß. Und e Afy⸗ un ſe alte liebe en Spuren en vorübet⸗ hingeriſen — 4189— hing am Halſe ihrer Mutter, und weinte ſehr. Sie fuͤhlte an dieſer Stelle, daß ein Kind doch lebenslang keine treuere Zuflucht haͤtte. Die Mutter fand ihre Tochter auffallend veraͤndert; der Glanz des Gluͤckes um dieſe bluͤ⸗ hende Geſtalt war verblichen. Sie ſah nicht aus wie die Gattin eines liebenswuͤrdigen Mannes, duͤſtere Zuͤge der Unzufriedenheit und des Leidens hatten ſich dem ſchoͤnen Geſicht eingegraben, ihre Stimme, ſonſt hell wie eine ſilberne Glocke, toͤnte matt und krank. Und ihre Schweſter, dieſe ein⸗ ſame Roſe! fern von jedem Anſpruche ihres Geſchlechts, war ruhig, von ſtiller Heitre um— ſchwebt; ihre Naͤhe hauchte Frieden aus. Ste⸗ phanie bemerkte Roͤschen mit Bewunderung, und nicht ohne truͤben Neid um dieſe ſtille Gleich⸗ muͤthigkeit. O Ihr Gluͤcklichen! wie oft muͤßt Ihr dennoch Den beneiden, der zuruͤckgeſetzt vom Geſchick, nur allein der Tugend ſeine Freuden verdankt!— Als Stephanie die Decke aufhob, um den Ihrigen die Zwillinge zu zeigen, zitterten ihre Haͤnde; aber Frau Wlasky ſah liebreich auf die kleinen Enkel nieder, und ſchon in dieſem Blicke floß Balſam in der Mutter Seele. Die erfah⸗ rene Frau troͤſtete auch mit Worten, und ſprach: — 190— „nun, ich habe mir es wirklich Deinem Lamento nach, ſchlimmer gedacht, Stephanie; die Kinder⸗ chen ſind nicht entſtellt, wenn ſie ſich werden er⸗ holt haben. Gieb Dich deshalb zufrieden, liebe Tochter! wie wollteſt Du thun, wenn ſie weſent⸗ lich verunſtaltet waͤren?— Wir ſind in Gottes Hand, der als Schoͤpfer unſerer Bildung Jedem das Seine giebt, nach weiſem Gefallen, und der Strahl ſeines Lichtes, in welchen Farben er auch ſpiele, ſoll uns das Herz nicht brechen, ſondern erleuchten. Die Schoͤnheit iſt ein zweifelhaf⸗ tes, vergaͤngliches Gut, und eine weiße Haut oft nichts mehr als eine blanke Tafel, worauf ein boͤſes Schickſal Schmerz und Raͤthſel ſchreibt. Die kleine Sibylle kann noch ein recht huͤbſches, braunes Maͤdchen werden, und dem Jungen ſcha⸗ det es nun vollends gar nicht.“ So gelang es ihr Stephanien allmaͤhlig zu beruhigen, und den gebeugten Muth der Tochter aufzurichten. Roͤs⸗ chen nahm ſich mit ausſchließender Sorgfalt die⸗ ſer kleinen Geſchoͤpfe an. Maͤdchen, die mit der ahnenden Gewißheit der Zukunft entgegen gehen, daß ihre weibliche Beſtimmung unvollendet bleiben werde, aus wel⸗ chem Grunde dies auch immer ſey: ſchaffen gern muͤhſelig etwas Gutes, und gefallen ſich in der nem Lamento zdie Kinder⸗ ich werden er⸗ öfrieden, liebe n ſie weſent⸗ nd in Gottes ildung Jedem allen, und der arben er auch chen, ſondern n weifelhaf⸗ eiße Haut oft worauf ein chſel ſchreibt hecht huͤbſches/ ungen ſcha⸗ Zo gelang es gen/ und den richten. Nis — 191— Uebung ſolcher Pflichten, denen ein Gemuͤth, von ſuͤßer Unruhe der Hoffnung bewegt, ſich abwen⸗ det. So pflegen ſie Kranke, und waͤren es auch nur Blumen, die nicht recht aufkommen wollten, mit unermuͤdeter Ausdauer, und ihr zartes Mit⸗ leid traͤgt fremde Noth, ja ſelbſt ein verlorenes Voͤgelchen in das waͤrmende Neſt zuruͤck. Sie fuͤhlen ſich nicht mehr peinlich iſolirt, wenn die Sympathie des Ungluͤcks ſie mit der Kette leben⸗ der und leidender Weſen zuſammenhaͤlt; die Leere ihrer Exiſtenz wird voll Nuͤtzlichkeit, und ſie ſehen ſich in den niedrigſten Leiſtungen der Huͤlfe wie ein Ehrenpoſten geſtellt, der ihnen in den Wuͤr⸗ den des weiblichen Berufs verſagt blieb, zu de⸗ nen ſie geboren wurden. Unſer verkanntes Ge⸗ ſchlecht uͤbt Liebe allein, wo es nur Geduld zu uͤben ſcheint. Wo es ſanft und ſacht Weh ver⸗ bindet, bluten ihm die eigenen Wunden; wenn es in bangen Naͤchten mit verhaltenem Athem das Fieber belauſcht, dann iſt es einſt todesdunkel um ſein Daſeyn geworden, der Kampf der Leiden— ſchaft iſt ausgekaͤmpft, der erſtorbene Schmerz ſchlaͤft tief im Grabe, und ſein Monument iſt der Marmor einer Stirne, worauf Gram und Ruhe in leuchtenden Zuͤgen zu leſen. So ſind die Kloͤſter der Eliſabethinerinnen, ſo der Orden — 192— der grauen Schweſtern, und alle aͤhnliche ent⸗ ſtanden. Und wo zuruͤckgezogen von der Welt, wenn auch in Mitten ihrer Verhaͤltniſſe, ein jun⸗ ges oder alterndes Maͤdchen, der Huͤlfe heiliges Amt verrichtet: da iſt ein Mitglied jener ewigen Stiftung, in der die Vorſehung ſelbſt die Weihen ertheilt, und mit Strenge das Geluͤbde des Ge— horſams und der Entſagung fordert. Die Zwillinge lernten bald das ſanfte Roͤs⸗ chen unterſcheiden, was ſich ſo ſehr um ſie be— muͤhete. Sie fanden zu jeder Zeit eine wohl⸗ wollende Aufnahme an dieſem Buſen voll der weichſten Guͤte. Die Mutter hingegen hatte keine dringen⸗ dere Sorge, als Stephaniens Geſundheit, welche ſich ſichtlich erholte. Sanzie war die Freude Aller. Sie machte manchen luſtigen Ritt auf dem Querſattel von des Großvaters Knie, wobei er ihr mit alter, rauher Stimme ein Soldatenlied ſang, oder einen Marſch pfiff, und mit den Fingern dazu trom⸗ melte. Der Kleinen huͤpfte das Herzchen vor Vergnuͤgen, und Wlasky meinte: eine Ader mi⸗ litairiſchen Blutes ſchlage noch in dem Kinde aus der buͤrgerlichen Art. So waren ein paar Monate ſchnell verſchwun⸗ den. den, Und 6 teiſe ten ih die La ſaſſen. waͤren ihr Eine ſedoch gen d als in nohm. 8 dinge gete, jing Die hätig hhum ltterl leber vaͤten vähr Nau ähnliche ent⸗ n der Welt, niſſe, ein jun⸗ zuͤlfe heiliges jener ewigen ſt die Weihen bde des Ge⸗ ſaufte Ros⸗ um ſie be⸗ eine wohle en voll der ine dringen⸗ dheit welche Sie machte uerſattel von r mit alter, a, oder einen dazu trom⸗ dericen dor ne Ader mie Kinde aus wun⸗ den. verſch — 193— den. Leſtloys Briefe ſehnten nach den Seinen, und Stephanie hielt es fuͤr billig, an die Ruͤck⸗ reiſe zu denken. Die Mutter und Roͤschen mach⸗ ten ihr den Vorſchlag, ihnen die Zwillinge, denen die Landluft gar gut zu bekommen ſcheine, da zu laſſen. Stephanie erroͤthete froh. Die Kinder waͤren ja in den beſten Haͤnden, meinte ſie, und ihr Mann wuͤrde wohl nichts dagegen haben. Eine leiſe Unruhe der Selbſtvertheidigung blieb jedoch in ihrer Bruſt, die ſich nie muͤtterlicher ge⸗ gen dieſe kleinen, ausgeſetzten Weſen gehoben, als in der Stunde, wo ſie von ihnen Abſchied nahm. Indem nun Roͤschen mit der ihr eigenen Hingebung ſich der uͤbernommenen Pflicht wid⸗ mete, war beſtens fuͤr ſie ſelbſt geſorgt: denn ſie hing das verlaſſene Herz an die Kinder ihrer Pflegeſchweſter, und ihre leidende Liebe ward eine thaͤtige. Siegfried und Sibylle blieben ihr Eigen⸗ thum lebenslang, und kehrten nie mehr in das elterliche Haus zuruͤck. Leſtloy ordnete ſeinen vaͤterlichen Wunſch der Ueberzeugung unter, daß ſie beſſer aufgehoben waͤren, als daheim. Seine Gattin kraͤnkelte fort⸗ waͤhrend, ihr angegriſſenes Gemuͤth hatte nur Raum fuͤr die angſthafte Zaͤrtlichkeit, womit ſie 13 — 194— die kleine Sanzie vergoͤtterte und bewachte. Eine leiſe Verbitterung Stephaniens war keine krank⸗ hafte Laune mehr, der man ſchonend nachſieht, da ſie voruͤbergeht, ſondern der Charakter ihrer Stimmung geworden. Der milde Leſtloy trug dieſes Kreuz gelaſſen. Wenn ſo mancher herbe Tropfen ſich in ſeine begeiſterten Genuͤſſe miſchte: ſo ſtaͤrkte der Ge⸗ nius ihn, daß er den Kelch ohne Murren leere. Er malte Geſtalten, dem Himmel entwandt— und vergaß daruͤber die hinwelkende Schoͤnheit ſerzer Frau, und ihren bleibenden Mißmuth. Er freute ſich des bluͤhenden Kindes, und dachte an die entfernten Kleinen mit der Empfindung eines Vaters, der die Seinen wohl geborgen weiß, vor einem Schickſal, das er ihnen nicht erſparen koͤnnte. Wlasky ſtarb— ſein redliches Herz ſtand ſtille, und uͤber dem Lager, wo ſein bedeckter Leich⸗ nam lag, pickte die ſilberne Kaſtenuhre leiſe fort, als waͤre nichts geſchehen. Die Wittwe warf einen thraͤnenden Blick auf das Zifferblatt, es hatte ihr die ſchwerſte Stunde ihres Lebens ge⸗ zeigt. Aber im Hauſe aͤnderte ſich nichts, ob auch der Herr deſſelben fehlte. Mutter und Toch⸗ ter trauerten ſanft, und ſchloſſen ſich im Gefuͤhl wachte. Eine ar keine krank⸗ ſend nachſteht, harakter ihrer Kreuz gelaſſen. ſich in ſelne arkte der Ge⸗ Murren leere. entwandt— de Schoͤnheit dißmuth. Er ind dachte an fundung eines egen weiß, vor nicht erſpaten 5 Hetz ſtand bedecter leich⸗ hre leiſ ſon⸗ Wittwe warf ziffeblatt 1 es Lebens ge⸗ h nichts/ b tet und voc⸗ 9 im Gefüh — 195— der Luͤcke, welche ihnen dieſe Trennung geriſſen, nur um ſo inniger an einander. Die Erſtere lebte noch eine Reihe Jahre zu Roͤschens Troſt. Unterdeſſen wuchſen die Kinder heran, Sibylle, die kindliche Freundin ihrer jungfraͤulichen Tante, Siegfried, ein Knabe voll Geiſt und Genie; doch Beide Sinnpflanzen gleich, fuͤr jede Beruͤhrung von Außen her. Ein Zufall, ſo gluͤcklich, wie nur huͤlfreiche Maͤchte ihn verfuͤgen, wo ſie ſich des Beduͤrfniſſes ihrer Lieblinge annehmen, machte es moͤglich, daß Siegfried eines vortrefflichen“ terrichts theilhaft werden konnte, in der naͤchſten Nachbarſchaft des Gutes. So blieb ihm die Wohlthat der Heimath, und Roͤschens zarte Pflege, die der ſchwaͤchliche Knabe, nur mit Ge⸗ fahr fuͤr ſeine Geſundheit entbehrt haben wuͤrde. Roͤschen uͤbte, ohne ſich irgend eines Plans dazu bewußt zu ſeyn, den wirkſamſten Einfluß auf ihre Zoͤglinge. In ihr ſelbſt lag das Syſtem der Erziehung zu den Zwecken eines unendlichen Da⸗ ſeyns, und ſie folgte ihm ohne Abſicht, ohne Wiſ⸗ ſen. Jedes ihrer Worte war beſeelt von Liebe, und dieſer Hauch aus Gott blaͤſt allein den leben⸗ digen Odem ein, der den Menſchen zum Men⸗ ſchen bildet. Die Eitelkeit truͤbte dieſes reine Verhaͤltniß 13* — 196— nicht, weder mit ihrem Streben, noch mit ihrem Bedauern. Roͤschen ſah in der unſcheinbaren Huͤlle die ſchoͤne Seele der Kinder, und liebte ſie mild und fromm wie irdiſche Waiſen, wie kuͤnftige En⸗ gel. Sie hatte Wohlgefallen an dem Neffen und der Nichte, und ihr klares Auge voll Mutter⸗ freude, ſtrahlte die dunkle Bildung dieſer Ge⸗ ſchwiſter hell zuruͤck, nie bemerkend, ob ſie einen Schatten wuͤrfe. Doch wie die kleine Sibylle groͤßer ward, ſchien ſie in maͤdchenhafter Ahnung zu fuͤhlen, daß eine unbedeutende Geſtalt, bleiche Zuͤge ohne Glanz, ihr keinen Anſpruch gaͤben an den Beifall Anderer, und daß ſie durch den Mangel aͤußerer Anmuth an ſich ſelbſt gewieſen waͤre. In ver⸗ ſchwiegener Tiefe ſetzte dies kindliche Gemuͤth Perlen beſcheidener Tugenden an, in denen Roͤs⸗ chen reichen Lohn fand. Gegen die Menſchen war und blieb Sibylle ſcheu und bloͤde; doch die Natur umfaßte ſie traut und warm. Jeder Baum war ihr ein Freund, jede Blume ihrem Herzen theuer. Alles hatte fuͤr ſie Stimme und Sprache. Sie redete mit den geſchwätzigen Baͤchen, ſie ver⸗ ſtand was ihr der Wind zufluͤſterte, wenn er durch Bluͤthen ſaͤuſelte, oder in den Wipfeln des Wal⸗ des ſpielte. Sie laͤchelte zum Himmel auf, wenn h mit ihrem inbaren Huͤlle iebte ſie mild kuͤnftige En⸗ Neffen und voll Mutter⸗ z dieſer Ge⸗ oh ſie einen röͤßer ward, zu fuͤhlen, Züͤge ohne den Beifall ngel Lußerer re. In ver⸗ che Gemuͤth denen Ros⸗ ie Menſchen dez doch di aeder Baum rem Herzen und Sprache. chem, ſie ber eenn er durch in des Wal el auf⸗ wenn — 197— der Sonnenregen des Fruͤhlings ihr das innerſte Herz erquickte, ſie blickte mit verſoͤhnender Un⸗ ſchuld, die keine Furcht kennt, in die murrende Gewitterwolke. Wie eine aͤchte Tochter dieſes Hauſes ging Sibylle zeitig in jene Wiſſenſchaft ein, welche als eine Function ihres muͤtterlichen Geſchlechts darauf ruhete, und war am liebſten bemuͤht, heilende Kraͤuter zu ſammeln, und armen Gebrechlichen mit der ruͤhrenden Willffaͤhrigkeit eines Kindes zu helfen. So rauſchte eine lange Zeit dahin. Sieg⸗ fried war entſchieden fuͤr den Beruf des Arztes, aber ſein Wunſch fand Schwierigkeiten. Dieſer Trieb, dem Gefuͤhl fuͤr Nothleidende entſtammt, das auf dieſem Boden Nahrung gefunden hatte, ſollte ihn durch gruͤndliche Voruͤbungen der Phar⸗ macie auf einen gruͤnen Zweig bringen. Er wollte zuvor einige Jahre Apotheker werden; dies war ſein eigener, feſter Wille. Doch ihn zu be⸗ werkſtelligen, ſah Tante Roͤschen ſich verlegen. Das Vaterhaus in Berlin bot keine Huͤlfe; ſeine lebendigen und todten Schaͤtze waren verſenkt fuͤr immer, und Fremde ſchalteten in dieſen Raͤumen. Stephanie war ſchon laͤngſt an einer Aus⸗ zehrung geſtorben. Leſtloy wollte nach dem Tode der Gattin den Knaben wieder zu ſich neh⸗ — 198— men, und Sibyllen ſeiner Schwaͤgerin laſſen, wenn dieſe es begehrte; aber auch Siegfried flehete den Vater an, ihm Zeit zu goͤnnen, die er noch bleiben duͤrfte in Boͤhmen, wo er auf der einſamen Hochſchule dieſer Berge Kenntniſſe zu ſammeln, die ſeltne Gelegenheit gehabt. Die er⸗ betene Friſt ward ihm gewaͤhrt; allein Leſtloy er⸗ lebte ihren Ablauf nicht. Ein nervoͤſes Fieber raffte den geſunden Mann in der beſten Kraft ſeines Lebens hin, bezwungen von dem Schmerz, die geliebte Sanzie zu verlieren, dieſe aufbluͤhende Tochter, welche der Stolz und die Freude ihres Vaters war. Sie hatte ſich leidenſchaftlich im Tanz den fruͤhen Tod durch eine Erkaͤltung an dem Verlobungsfeſte ihrer liebſten Freundin zu⸗ gezogen. Das Haus kam durch den Betrug eines falſchen Freundes in fremden Beſitz, und ſeine Staͤtte moͤgte ſchwerlich mehr gefunden werden. Roͤschen ging zwar mit allem Fleiß der Wirth⸗ ſchaft ihres Gutes nach, ob ſie ſich gleich auf treue Dienſtleute haͤtte verlaſſen koͤnnen; aber „das Ungluͤck ſchreitet ſchnell.“ Mehrere Jahre hindurch verhagelten ihre Erndten; doch Roͤschen zagte deshalb nicht, und theilte mit den Armen welche verzweifeln wollten, die letzten Vorraͤthe ihrer Scheuern. Seit einiger zeit gerin laſſen, ch Siegfried aöͤnnen, die wo er auf der Kenntniſſe zu abt. Die er ein Leſtloy er rvoͤſes Fieber heſten Kraft :m Schmerz aufbluͤhende Freude ihres ſchaftlich im rkäͤltung an Freundia zu⸗ Betrug eines 6, und ſeine nden werden. eiß der Wirth⸗ gleich auf önnen; aber zagelten ihre 9 nicht/ und filn wollten, Seit einiger — 199— Zeit rollte kein Wetter uͤber das Doͤrſchen, ohne Schaden anzurichten, als waͤren alle Blitze auf das fromme Haupt ſeiner Herrin gerichtet. Und wenn Roͤschen auch bebte, ſo oft ſie die eilige Gewalt des Feuers ſah, was ihr aus den Tagen der fruͤheſten Kindheit her ſchrecklich geblieben, dachte ſie doch: Wolken kommen, Wolken gehn, bau' auf deines Gottes Gnade— und in dieſer Zuverſicht bauete ſie die in Aſche liegenden Stel⸗ len wieder auf. Aber die Kraͤfte des kleinen Gutes waren doch nach und nach geſchwaͤcht worden, und wie bereit dieſe beſte Tante auch war, alles fuͤr ihren Pflegliug zu thun: ſo haͤtten ſich die Mittel zu ſeinen Studien doch kaum erſchwingen laſſen. Roͤschen ſprach oft mit ſorgenvoller Bedenklichkeit davon, wie dieſer Plan in Ausfuͤhrung zu brin⸗ gen waͤre; doch Siegfried ſchwieg laͤchelnd, und verhielt ſich in Geduld. Daß mit dem Erbtheil von ſeinem Vater— Stephanie war kaum volljaͤhrig, um ihr kleines Vermoͤgen gekommen— eine ungeheure Betruͤge⸗ rei geſchehen, und das Vertrauen des ſterbenden Leſtloy buͤbiſcher Weiſe gemißbraucht worden ſey, ließ ſich faſſen; aber das friedſame Roͤschen haͤtte wohl eher ihr Leben beſchließen, als einen Pro⸗ —— — 2900— zeß anfangen moͤgen. Die Kinder hatten keinen Vormund und kein Recht, man glaubte in Ber⸗ lin, ſie waͤren von ihrer Tante adoptirt worden. Roͤschen wußte es nicht anzugreifen. Sie troͤſtete ſich zwiſchen Wunſch und Zweifel, wenn Sieg⸗ fried ſtudiren koͤnnte: ſo waͤre ihm geholfen, und vielleicht faͤnde ſich fuͤr Sibyllen ein Mann, der einſt das Gut uͤbernaͤhme. Oft ſchon war ihr der Gedanke gekommen, ihren Neffen auf gut Gluͤck an ſeinen Oheim in Baiern zu ſenden, der wie ſie wußte, ein wohlhabender Mann und be— ruͤhmter Apotheker waͤre; aber dieſer nahe Ver⸗ wandte hatte ſich ſeit ſeines Bruders Tode noch mit keiner Sylbe um dieſe armen, verkuͤrzten Kin⸗ der bekuͤmmert, und Roͤschen war nicht gewiß, ob er ſelbſt noch lebte. In einer ſchwuͤlen Gewitternacht war Roͤs⸗ chen trotz des Vorſatzes wach zu bleiben, matt und muͤde vom heißen Drucke der Luft, in feſten Schlaf geſunken. Da rollte der Donner als kuͤnde er den juͤngſten Tag grade uͤber dem Schloſſe, daß die alten Mauern in ihren Grundveſten wank⸗ ten; die Erde bebte, das Getaͤfel am Boden kniſterte, jeder Gegenſtand war bewegt. Erwachend glaubte Roͤschen ein feines, metalliſches Klingen ganz nahe ihrem Ohr zu vernehmen. Sie raffte atten keinen aibte in Ber⸗ birt worden. Sie troͤſtete wenn Sieg⸗ geholfen, und Mann, der hon war ihr fen auf gut ſenden, der inn und be⸗ nahe Ver⸗ Tode noch kurzten Kin⸗ ict gewiß, 0b tt war Roͤs⸗ bleiben, matt uft, in ſeſten ner als kuͤnde m Schloſſe veſten wanke am Boden Erwachend es Klingen Sie raſſte — 201— ſich empor, und ſah die feurige Schlange ziſchend in eine Linde von ehrwuͤrdigem Alter fahren, welche vor den Fenſtern ihres Schlafzimmers ſtand. Der Blitz ſpaltete den ſtarken Stamm, wie ge⸗ ſengtes Haar duͤrrten ringsum die friſchen Blaͤt⸗ ter, und gleichzeitig droͤhnte ein klappernder Schlag durch die Gewoͤlbe des Himmels. Roͤs⸗ chen war einige Minuten lang betaͤubt; athem⸗ los ſtuͤrzten Siegfried und Sibylle durch die un⸗ verriegelte Thuͤre, zu ſehen, ob die geliebte Tante Schaden genommen. Das Wetterleuchten warf einen blaͤulich geiſterhaften Schein auf ihre ent⸗ ſetzten Geſichter. Roͤschen ſtreckte ihnen beruhi⸗ gend die Haͤnde entgegend. „O Tante!“ rief der beſonnene Siegfried: „dies eiſerne Bettgeſtell hat mir ſchon manche Angſt bereitet; ich bitte, ſchlafen Sie nicht mehr darin! es iſt ein Magnet fuͤr die Gefahr, und wollten Sie Ihr Leben uns ſo theuer, dieſer ausſetzen?“ Sibylle weinte, und flehete leiſe:„Tante Roͤschen! wir haben ja Niemand auf der Welt als Sie!“ und die kleine, hagere Hand, welche dieſe aͤngſtliche Thraͤne trocknete, zitterte noch immer. Roͤschen verſprach, ſich ein anderes Lager zu 1 1 1 — 202— beſorgen. Sie ſelbſt konnte ſich eines Schauers der Furcht nicht erwehren, und jener wunder⸗ bare Klang den ſie vernommen, toͤnte noch, wie eine Warnung glaubte ſie— durch die aufge⸗ regte Seele. Am folgenden Morgen mahnte der Anblick der zerſchmetterten Linde ſie an ihren Vorſatz. Sie ſtand allein vor dem Bettgeſtell in tiefen Ge⸗ danken. So viele Jahre nun hatte ſie ſanft und ſuͤß darin geſchlafen, und wie mancher ſelige Traum, wie manche unendliche Hoffnung, uͤber den letzten Schlummer hinaus, in dieſer engen Lage Raum gefunden!— Sie dachte weiter zuruͤck. Dieſe eiſernen Pfoſten hatte das Elend jenes Mannes getragen, welcher der Quaͤler ihrer Pflegemutter war, und manche warme Maͤdchenthraͤne dieſer guten Frau, mogte einſt in verſeufzten Naͤchten auf die kalten Rollenſtaͤbe gefallen ſeyn. Unter ſolchen Erinnerungen legte Roͤschen Hand an, die Betten und Pfuͤhle, leicht wie Schauben, heraus zu raffen, um ſie einſtweilen auf Stuͤhle zu legen, als ſie ſich an dem Geſtell blutig ritzte. Sie buͤckte ſich, zu ſehen, was ihr weh gethan; ein ſtarker Stift war, vielleicht durch die Erſchuͤtterung der Nacht, locker geworden. Roͤschen zog ihn vollends aus, ſonder Muͤhe, und eit die ga har. Und ko werden ſie faß Gewi in ei Bettg worde dumi ihre ſe du ih Torſ wie die ſiege bran Und diſch Geſ hen Nii der das Schauers er wunder⸗ noch, wie die auſge⸗ der Anblick en Vorſatz. atiefen Ge⸗ t ſanft und ige Traum, den lebten age Raum ick. Dieſe 86 Mannes pfegenutne hraͤne dieſer ien Nachten pn. ate Döschen eiicht wie einſtweilen den Geſtl een, was hhr elleicht durc e geworden uder Mulhe — 293— und ein ungemein kuͤnſtlicher Mechanismus, der die ganze Zuſammenfuͤgung verrieth, war ſicht⸗ bar. Die Rollen waren vom duͤnnſten Eiſenblech, und konnten leicht wie eine Federbuͤchſe geſchoben werden; doch, was gab ihnen dieſe Schwere? ſie faßten durchgaͤngig Goldſtuͤcke von doppelten Gewicht, ſo hinein paſſend, wie man Ducaten in eine papierne Duͤte ſchlaͤgt, und als waͤre das Bettgeruͤſt fuͤr dieſen Zweck eigends eingerichtet worden. Roͤschen erſtarrte. Der Schluͤſſel eines Familien⸗Geheimniſſes war mit jenem Stift in ihre Hand gekommen. Der Bann des Schatzes loͤſte ſich, und kleine goldne Berge haͤuften ſich zu ihren Fuͤßen. Schnell bemaͤchtigte ſich eine Vorſicht, fruͤher nie gekannt, und ein Scharfſinn, wie der Beſitz ihn lehrt, dieſer argloſen Seele. Sie ſchloß die Thuͤre ab, und trennte dann mit fliegender Hand die wohlbefeſtigſte Matratze von braunem Juchten, welche ſtatt der Strippen diente. Und ſiehe! der lederne Boden war mit hollaͤn⸗ diſchen Banknoten wattirt; unter qualmendem Geſtaͤube ſprangen Zahlen hervor, die einen gro⸗— ßen Werth angaben. Da lag nun der vermißte Reichthum, hier nie geſucht, und doch gefunden, verſtreut wie altes Geruͤlle! das Geſtelle aber das ihn verborgen, ſtand hohl und leer. Roͤs⸗ 204— chen dachte ein Feenmaͤhrchen zu traͤumen; doch da die Wahrheit außer Zweifel war, vermogte ſie dieſen wunderbaren Aufſchluß nicht allein zu tragen, er ging uͤber die Kraͤfte ihrer Faſſungs⸗ kraft, und haͤtte ihr das Herz abgedruͤckt. Sie klopfte an die Wand und rief Siegfried und Sibyllen. Sie oͤffnete ſo leiſe, und kam einem Ausruf des Erſtaunens, mit furchtſam bedeuten⸗ tender Miene, und einem Wink zur Stille zuvor, als goͤlte es, einen ſchlafenden Loͤwen zu ſchauen. Wohl war es eine bezwingende Macht, oftmals ein Wuͤrger ſchuldloſer Lebensfreuden, welche ſie in Augenſchein nehmen ſollten. Die Zwillinge ſtanden wie Bildſaͤulen. Betroffen blickten ſie der Tante in das Geſicht, welches noch erblaßt in frohem Schrecken war, und ſchienen zu war⸗ ten, was Roͤschen ſagen wuͤrde. Das Raͤthſel war bald geloͤſt: denn Beide wußten die Geſchichte vom verlornen Schatz. Roͤschen ſchlang ihre Arme zuerſt um Siegfried, und ſprach, waͤhrend ihre Wangen ſich in hoher Roͤthe faͤrbten:„ſieh her, mein Sohn! nun kannſt Du Chemie ſtudi⸗ ren, und Medizin, und was Du willſt! der Stein der Weiſen iſt gefunden. Du darfſt ihn nur he⸗ ben. Und fuͤr Deine Zukunft, gute Sibylle, iſt auch geſorgt; eine unerwartete Gunſt des Zufalls hat Di dufried alem D das du ſcheine vethal waren ſtille dielme Mear Schme Büſen und ſ Reune Nnet Geen ihg ſcgen ger, hat Dich ausgeſtattet. Du biſt zeither reich in Zufriedenheit geweſen, Du wirſt es fuͤrder in realem Sinne ſeyn.“ Das Maͤdchen ſah ſchweigend zu Boden; das dunkle Auge glaͤnzte, aber nicht im Wieder⸗ ſcheine der blinkenden Muͤnzen, ſondern von einer verhaltnen Thraͤne. Dieſe kleinen, goldnen Berge waren kein Verſprechen fuͤr ein Gluͤck, wie dies ſtille Herz es ſich erſehnte. Sibylle fuͤhlte ſich vielmehr in dieſem Augenblicke arm, und von der aumen; doch vat, vermogte nicht allein zu rer Faſſungs⸗ edruͤckt. Sie biegfried und nd kam einem ſam bedeuten⸗ Stille zuvor, zu ſchauen. aht, vms Natur verſaͤumt. Sie verbarg den auffallenden „ welch ſ Schmerz dieſes Bewußtſeyns an dem muͤtterlichen d. Jilinge Buſen der Tante. Roͤschen faltete die Haͤnde G düthen ſe und ſprach:„lieber Gott! hier ſtehe ich, nd noch elblaßt ſtaune, verſtummend vor Deiner weiſen Guͤte. vun u um Jener Harpagon in Berlin, der dieſes eiſerne Geruͤſt ſeinen Laurentius⸗Roſt nannte, mag wohl 7 Das Raͤthſel 4 Dus Räth ich glaube es nun, wi ü n, wie auf gluͤhenden Kohlen ge⸗ die Geſchichte ls Dabeaod ſchlang ihre 85 D0 2 enn der harte Mammon iſt kein La⸗ aih waͤhrend der 8 Henn rnen Menſchen Friede giebt, ſon⸗ zrbten: ſieh* n einis Feuer, welches die falſchen An⸗ Chemie ſttudi dre nd 3 fuͤhlen. Die Augen Eures Groß⸗ 1 det Stein les o einer ſpaͤhenden Muhme hielt ein Nan nur e 3 es Suchen offen⸗ bis der Tod ſie ſchloß, und 46 ule i ennoch wurden ſie gehalten, daß ſie gleichſam Si den Wald vor lauter Baͤumen nicht ſahen. Es g des duſls — 206— iſt kaum zu begreifen, wie ihnen die richtige Ver⸗ muthung entgehen koͤnnte. Und ich, o Himmel! ahnungslos! habe ich auf dieſem Golde ſanft und weich wie auf Roſen geruht, und keine wuͤſten Traͤume der Begehr haben meinen Schlummer geſtoͤrt. Den Deinen giebſt Du es ſchlafend, großer Geber! wir aber wollen wachſam ſeyn zum Gebet voll Dank; auch um einen weiſen Ge⸗ brauch moͤgten wir bitten ohne Unterlaß.“ „Wir muͤſſen aber nun wohl dieſen reichen Fund mit dem Oheim in Baiern theilen, und mit ſeinen Kindern, wenn er welche haͤtte?“ fragte Siegfried, der das uͤberſchwengliche Gluͤck, ſeinen liebſten Wunſch erfuͤllt zu ſehen, mit dem Gefuͤhl abzutragender Gerechtigkeit empfand. Sein erſter Gedanke war dahin gerichtet geweſen. Roͤschen fand ſich durch dieſe Frage beun⸗ ruhiget, nicht aus Eigennutz, ſondern in zarter Achtung fuͤr die Manen der edlen Wlasky. „Wenn dies geſchaͤhe,“ entgegnete ſie leiſe: „ſo wird jener unwuͤrdige Verdacht noch das Grab der guten Großmutter ſchmaͤhen, der ihre redliche Geſinnung bei Lebzeiten beſchuldigte.“ „Die Ehre der Todten wahrt ein hoͤherer Richter, den Lebenden ziemt nur Recht zu thun, daß ſie vor dem Allwiſſenden beſtehen moͤgen;“ enwiet dieſer ſegen hob bylle Gelt Ha ſein auf auf deſe geha Ahn Off llan halt ha den die eine Rhe fau wel d richtige Ver⸗ * Himmel! lde ſanft und keine wuͤſten Schlummer es ſchlafend, am ſeyn zum weiſen Ge⸗ laß“ eſen reichen heilen, und he haͤtte?“ gliche Gluͤck, en, mit dem pfand. Sein wweſen. Frage beun⸗ en in zarter Plasky. ete ſie leiſe: t noch das der ihre erwiederte der Neffe, und ſeine Tante freuete ſich dieſer Antwort. Sie ſprach:„wir wollen uͤber⸗ legen, wie alles beſtens einzurichten ſey;“ und hob nun die koſtbaren Papiere auf, waͤhrend Si⸗ bylle gleichguͤltig, ſtill, die haͤusliche Schuͤrze voll Gold ſammelte. Einige Wochen ſpaͤter reiſte Siegfried von Hauſe ab, und die weite Welt oͤffnete ſich vor ſeinen Blicken; es war das erſtemal, daß er es auf eine lange unbeſtimmte Zeit verließ. Er fuhr auf der ordinairen Poſt, und Niemand haͤtte wohl dieſen unanſehnlichen Paſſagier fuͤr ſo vollwichtig gehalten. An einem regnigten Abend voll herbſtlicher Ahnung, ſtand Siegfried vor der erleuchteten Offizin ſeines Oheims, und ſchauete durch die blanken Glasfenſter. Der Moͤrſer klingender Hall ſcholl hell wie Glockengelaͤute weit in den Platz hinaus, und Siegfrieds Herz ſchlug mit dem arbeitenden Getoͤn drinnen um die Wette. Die wunderſchoͤne Einrichtung glaͤnzte wie unter einem magiſchen Schimmer, alles glaͤnzte farbig und geheimnißvoll. Starke Geruͤche zogen aus in den feuchten Dunſt der Daͤmmerung, dann und wann wehete lieblich Aroma von Kraͤutern und Blumen dazwiſchen, als ſtreifte ein Luͤftchen uͤber die Wieſe. — 208— 6 Von der Decke ſchnappten die Ungeheuer der Tiefe, ſhreiten und manche Merkwuͤrdigkeit oder Spielart der nende Natur, war neben ihren verborgenen Kraͤften zu ilein ſehen. Schweigend doch emſig waren eine Menge duch de junger Maͤnner thaͤtig, von denen die meiſten V Aodien ernſt, und einige bleich ausſahen; es ging ruͤhrig nelche her im Geſchaͤft. Siegfried betrachtete die Apotheke und ihre ur lebendige Regſamkeit mit Entzuͤcken. Sein Ge« Mim M fuͤhl ſagte ihm, daß er an der Schwelle des Be⸗ e 1 b rufs ſtehe, und das ſtaͤrkere Klopfen ſeiner Bruſt Älts n 3 beglaubigte den Zug der Blutsverwandſchaft: denn dutt ſeines Vaters Bruder war hier Herr. Er faßte Hn ſich Muth, trat ein, und fragte nach Herrn Leſtt Amſe h loy. Der erſte Proviſor maß mit großen Augen e den kleinen, jungen Menſchen, in einen ſchlichten duſ 3 Mantel gehuͤllt, woran noch Regentropfen hingen. G Er mogte ihn fuͤr einen Reiſenden halten, der ein iſhe Anliegen an den Prinzipal haͤtte, und war kurz dheir mit dem Beſcheid. Doch kaum war dieſer gege⸗ jn ben, als ſich die Thuͤr aufthat, und ein ſtattlicher Mann eintrat, der die Schaar der Gehuͤlfen,* welche ſich hoͤflich buͤckten, goͤnnerhaft gruͤßte. da Eine Frau redete ihn bittend an, er bewilligte ſine das Geſuch, und Siegfried wußte nun, daß es diſ ſein Oheim waͤre. Herr Leſtloy wollte fuͤrder dis ſchreiten, e der Tiefe, pielalt der Kräͤften zu eine Menge die meiſten ging ruͤhrig ke und ihre Sein Ge⸗ le des Be⸗ ſiner Bruſ ſchaft: denn Er faßte Herrn Leſt reßen Augen en ſchlichen pſen hingen. üten det ein nd war kurz dieſet gege⸗ ein lattlcher r Gehulfen, haſt nnuͤte er bewilligte nun/ daß 6 valle fllde ſchriten — 209— ſchreiten, da naͤherte ſich ihm Siegfried, und bat mit zagender Stimme um die Gunſt, ihn auf ein Wort allein ſprechen zu duͤrfen. Dieſer bange Ton irrte auch den Apotheker zu der Meinung, die geheime Audienz waͤre nur auf ſeine Boͤrſe abgeſehen, welche Vorausſetzung immer die erſte reicher Leute iſt, ſo oft eine Bitte vorklingt; doch war er heute zur Gewaͤhrung gelaunt, und hieß das fremde Raͤnnlein ihm folgen. Sie traten in ein großes, ſchoͤnes Zimmer, alles was Siegfried erblickte, war gediegen, und deutete auf Wohlhabenheit. Herr Leſtloy legte Hut und Stock ab, warf ſich in einen elaſtiſchen Armſtuhl, und winkte den bloͤden Siegfried der ferne ſtand, zu ſich heran, fragend, was er ihm zu ſagen?— Siegfried zog einen Brief aus der Bruſt⸗ taſche ſeines Mantels, und uͤberreichte ihn dem Oheim: waͤhrend dieſer las, hatte der Neffe Zeit, ihn ungehindert zu betrachten. Dieſe Statur, ſtrotzend von Fuͤlle und Geſundheit, ſchien die Fa⸗ milienkraft der Leſtloys in ſich zu vereinen: denn Siegfried erinnerte ſich der ſchmaͤchtigen Geſtalt ſeines Vaters, und er ſelbſt ſah aus ſo zart und geiſtig, als haͤtte eine Elfin ihn geboren. Doch zeigte dies glatte Geſicht mit der hangenden Un⸗ 14 -— 2710— terkehle Zuͤge von Verdruß um den aufgeworfnen Mund, und auf der Stirne hatten Furchen ein⸗ geſchnitten, als niſtete der Unmuth und die Sorge darin. Er hatte nun geleſen, Siegfrieds Herz wallte— aber der Oheim faltete den Brief mit Ruhe zuſammen, und ſprach, ohne eine Miene zu veraͤndern:„mein Vetter alſo? Siegfried Leſtloy?“ Es war etwas im Tone dieſer Frage, was halb und halb wie ein Zweifel klang. Siegfried kuͤßte dem Oheim die Hand, die⸗ gern geſchehen; das Fremde dieſer Seene machte jedoch den armen Juͤngling, der an die trauteſten Beziehungen gewoͤhnt war, ſo beklommen, daß er keinen Laut hervorbringen konnte. „Deine Tante, Neffe,“ ſagte Herr Leſtloy, indem er ſich des verwandſchaftlichen Vorrechts anmaßte:„mag uͤbrigens eine achtbare Perſon ſeyn“— bei dieſem Worte ſchoſſen Thraͤnen in Siegfrieds Augen, und Roͤschen ſchwebte ihm in aller ihrer Engelhaftigkeit vor—„aber man ſieht aus dem Briefe, daß ſie hinter den boͤhmiſchen Bergen wohnt, und ſo viel als nichts weiß von der Welt. Sie meldet mir Dein Verlangen, Dich als Lehrling in mein Geſchaͤft aufzunehmen, und denkt, das geht nur ſo. Du biſt ſo ſchwaͤch⸗ ſer ließ es ohne Wei ——— 0%&G¶◻e N auſgeworfnen Furchen ein und die Sorge ſegfrieds Herj en Brief mit eine Miene *7 Siegfried dieſer Fragt, klang⸗ „ Hand, die „das Fremd een Juͤngling, gewoͤhnt wal⸗ hervorbringen Herr Leſtloh hen Vorrechte tüöne Perſon m Thraͤnen in hwebte ihm in aber man ſieht een böhmiſchen chts weiß vo Verlangen, — 1211— lich, Vetter, daß ich fuͤrchte, Du werdeſt mir kein Piſtill erheben, es muͤßte denn das einer Blume ſeyn, und die Pharmacie fordert ruͤſtige Leute. Du muͤßteſt ferner ein ordentliches Examen be⸗ ſtehen“— hier laͤchelte Siegfried, zuvor war er beſchaͤmt erroͤthet, und aͤußerte: wenn es weiter nichts waͤre. „Ich bin,“ fuhr Herr Leſtloy nach einer kleinen Pauſe fort:„ein ſtrenger Lehrherr, und der Meinung, daß nur der Gehorſam zur Frei⸗ heit erziehe; ſo koͤnnte ich auch bei Dir keine Ausnahme machen, um der Andern willen.“ Siegfried verſicherte hierauf beſcheiden: er wolle ſeinen Mitſchuͤlern mit dem Beiſpiele der Folgſamkeit vorangehen. Herr Leſtloy neigte den Kopf ein wenig, als gefiele dieſer demuͤthige Vorſatz ihm wohl; doch ſchwieg er noch eine Weile in ſtillem Bedacht, dann erhob er ſich, und ging mit gemeſſenen Schritten zur Thuͤre. Unter der Wucht ſeiner Corpulenz ſeufzten die Dielen; auf den Ruf einer ſonoren Klingel erſchien eine Frau in haͤuslicher Tracht, welcher der Oheim in Kuͤrze das Logis bezeichnete, das dieſem jungen Menſchen, ſeinem Neffen, angewieſen werden ſollte, und wenige Worte, deren Grundton jedoch wie ein unaufloͤs⸗ 44* ——-—— — ——— — 212— barer Befehl klang, reichten hin, fuͤr Siegfried eine ſchickliche Aufnahme zu beſtimmen. Die Wirthſchafterin faßte mit einem ſchar⸗ fen Seitenblicke den kleinen Vetter, der in ge⸗ druͤckter Stellung da ſtand, ins Auge, und wun⸗ derte ſich heimlich, daß mit dieſem Duodez⸗Figuͤr⸗ chen ſo große Umſtaͤnde gemacht wuͤrden. Herr Leſtloy war Wittwer, doch ſein Haus⸗ weſen nichtsdeſtoweniger in muſterhafter Ordnung. Er verſtand ſich auf die Kunſt der Repraͤſentation, und wußte ſeine Untergebenen zu regieren; ein gebietender Blick von ihm war ein Geſetz, das Niemand zu uͤbertreten wagte. Doch jede auch die beſte Conſtitution zeigt ſchwache Seiten. Der Oheim hatte einen einzi⸗ gen Sohn, der, kaum einige Jahre aͤlter als Sieg⸗ fried, ſich gegen den knabenhaften Juͤngling, wie ein gereifter, wo nicht gar abgelebter Mann aus⸗ nahm. Er hatte Chemie ſtudirt, und zwar auf eine Profeſſur. Er galt fuͤr einen Vielwiſſer, und ſchien nebenher nicht wenig ſtolz auf ſeines Vaters wohlerworbenes Geld zu ſeyn, wovon er einen liberalen Gebvauch machte. Der junge Leſt⸗ loy wohnte in des Vaters Hauſe, und fuͤhrte an ſeinem Tiſche das große Wort. Der abſprechende Ton, die unleidliche Arroganz ſeines Weſens, ver⸗ r Siegfried en. einem ſchar⸗ ,der in ge⸗ e, und wun⸗ vodez⸗Figur⸗ rden. ch ſein Haus⸗ ter Drdnung. praͤſentation, egieren; ein Geſetz, das ſitution zeigt e einen einzi⸗ cer als Sieg⸗ Jzuͤngling/ wie e Mann aus. und zwar auf en Vielviſe 6 auf ſeines „Weſenb/ vel⸗ — 213— bitterte der ſtummen Tafelrunde zumeiſt das Eſſen, waͤhrend jener unerſchoͤpfliche Redner glaubte, er allein gaͤbe ihm das Salz und die Wuͤrze. Der Vater ſah dabei nicht ſo aus, als waͤre er fuͤr dieſe Fehler verblendet, oder uͤberhaupt mit dem Sohne zufrieden; aber er achtete ſich ſelbſt zu ſehr, um ihm etwas gegen die Zeugen zu verge— ben, welche ſich der kleinſten Ruͤge gefreut, und uͤberhoben haben wuͤrden. Nur ein finſterer Zug um die ſchweigende Lippe, oder ein jaͤher Wider⸗ ſpruch verrieth zuweilen, daß ihn dieſe oder jene Aeußerung verdroß, und dann war der Faden des Geſpraͤchs wie abgeſchnitten. Dieſer Radoteur, hoch und ſchoͤn gewachſen, ſah ſeinen Vetter uͤberzwerg an, und gab ihm hinterruͤcks Spottnamen, welche jedoch Niemand nachzuſagen wagte. Er nannte ihn den kleinen Daͤumling, oder den gehoͤrnten Siegfried, und mogte wohl nicht davon traͤumen, daß dieſer kleine, verachtete Verwandte das Fuͤllhorn des Ueber⸗ fluſſes uͤber ihm ausſchuͤtten koͤnnte.— Die An⸗ dern im Hauſe merkten indeß zeitig, daß der Neffe des Prinzipals kein Brett vor der Stirn haͤtte, und wie guten Anlauf er genommen, um es in der Gunſt des Herrn Leſtloy recht hoch zu bringen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte Sieg⸗ ———— — 214— fried ſich das Herz des Oheims erworben. Zwar verwundete dieſer das ſeinige, wenn er des ver⸗ ſtorbenen Bruders erwaͤhnte, und gewoͤhnlich auf eine mißbilligende oder vorwurfsvolle Art; allein Siegfried verkannte deshalb nicht, daß der Oheim von ſeinem Standpunkt aus, nur ſo und nicht anders urtheilen koͤnnte, und eben ſo wenig die Guͤte, womit er ihn behandelte. In reiner Proſa des Verſtandes, und einer Lebensklugheit, welche irdiſchen Vortheil als den erſten und letzten Zweck jedes thaͤtigen Strebens anerkannt, tadelte der Apotheker die ideale Tendenz ſeines Bruders, welche dieſen ſcheidend von der Erde, der heilig⸗ ſten Pflichten vergeſſen laſſen. Er konnte es ihm nicht verzeihen, daß der Verſtorbene ſein Haus in Berlin nicht vor der Moͤglichkeit geſichert, daß es durch Raͤnke des Betrugs in fremde Haͤnde kaͤme; er wußte freilich nicht, daß ein verfaͤlſchtes Teſtament es mit jedem andern Beweiſe vaͤterli⸗ cher Fuͤrſorge ſeinen Kindern entriſſen. „Da er es einmal,“ ſprach Herr Leſtloy einſt uͤber dieſen Gegenſtand:„aus der Hand des ſter⸗ benden Vaters uͤbernommen: mußte es auch Fa⸗ miliengut bleiben, und mein Bruder ſeine Kin— der nicht ganz und gar einem ſchwachen Maͤdchen, und der Aufnahme des Zufalls uͤberlaſſen. Ich, als der wir da tieſſter ſelbſt, halten dritter keit, Soh. alls d fein g dazu J tigen und d Alſach hindur alf ſe har w als, Graul let F i6 er dugelc einen ſchwe al en. Zwar rdes ver⸗ hulich auf ſt; allein der Oheim und nicht wenig die iner Proſa it, welche ten Zweck anelte der Bruders/ der heilig⸗ tte es ihm ſein Haub ſchert daß de Haͤnde erflſchtes ſe väterli ſlloy einſ ddes ſter⸗ auch Fu⸗ eine Kin⸗ Miͤdchen, en. 36, — 215— als der Aelteſte, lehnte das Grundſtuͤck ab, weil mir das Unweſen mit dem fabelhaften Schatze in tiefſter Seele fatal war; aber dennoch habe ich ſelbſt aus der Ferne jenes Haus im Sinne be⸗ halten, und mich geaͤrgert, daß es nicht auf den dritten Erben kam.“ Eine gewiſſe Ruhmredig⸗ keit, ging nebſt dem leiſen Vorwurfe, ſich des Sohnes ſeines Bruders annehmen zu muͤſſen, aus dieſen Worten hervor, und Siegfried fuͤhlte fein genug, ihn zu empfinden. Doch ſchwieg er dazu: denn ſeine Zeit war noch nicht gekommen. In Mitte des Sommers hatte es einen hef⸗ tigen Auftritt zwiſchen Vater und Sohn gegeben, und die Hausgenoſſen munkelten, daß dies die Urſache waͤre, warum Herr Leſtloy mehrere Tage hindurch unter dem Vorwande einer Unpaͤßlichkeit auf ſeinem Zimmer blieb, und fuͤr Niemand ſicht⸗ bar war. Nun kam der Geburtstag des Prinzi⸗ pals, er aber hatte ſich am Abend vorher, die Gratulation verbeten. Nur Siegfried, der in al⸗ ler Fruͤhe ſacht heran ſchlich, und kleinlaut fragte, ob er dem Oheim begluͤckwuͤnſchen duͤrfe? ward zugelaſſen. Sie waren allein. Siegfried ſprach einen innigen Wunſch aus, das Herz ohne Falſch, ſchwebte ihm wahr und warm auf der Lippe, und als er ſagte:„ich bringe Ihnen auch ein Ange⸗ — 216— binde, Herr Oncle“— da duͤnkte es dem Oheim, die Stimme ſeines Neffen zitterte, wie in einer ſtarken, innern Regung. Herr Leſtloy reichte ihm guͤtig die Hand, und dankte. Siegfried brachte ihm einen ſchriftlichen Auf⸗ ſatz uͤber eine chemiſche Hypotheſe, und eine ſeltne Pflanze zum Geſchenk, ein verſchnuͤrtes, zugeſie— geltes Paͤckchen hielt er noch unter dem Arme. Der Oheim bezeugte ſeine Zufriedenheit uͤber die kleinen Gaben, ſein Blick wendete ſich ihnen je— doch ab, und auf das vorenthaltene Paquet, als wolle er rathen, was es enthielte. „Ich danke Dir, Neffe,“ ſagte er geruͤhrt: „ich weiß, Du meinſt es aufrichtig, ehrliche Seele. Wollte ich doch, Du waͤrſt mein Sohn!— Ach, Siegfried! ich bin kein gluͤcklicher Vater“— bei dieſem Geſtaͤndniß ließ er das Haupt ſinken, und eine ſchwere Thraͤne rann uͤber ſeine Wange. Siegfried ward von Wehmuth ergriffen, da er den Schmerz des armen Oheims ſah, er faßte die herabhangende Hand deſſelben, und preßte ſie an ſein Herz, um ihm fuͤhlen zu laſſen, daß ein treues Gefuͤhl der Theilnahme hier fuͤr ihn ſchlage. Mit einem ermahnendem Drucke entzog Herr Leſtloy ſeinem Neffen die volle Linke, und ſprach: blelbe geltung ſern L der N wesw wohl jett Son Kenn Gemi bedent und j werde ſo ga nig er vaͤti im, faſſe thrte / und! Dett dielm träͤun der ſanl, n Oheim, in einer die Hand, ſchen Auf⸗ eine ſeltne , zugeſi⸗ mn Arme. uͤber die ihnen je⸗ quet, al geruͤhrt: 2 Secle. — Ach, „— bei neen, und Wange. , da er faßte die zte ſie an daß ein ſchlage. zog Hert d ſprac — 217— „bleibe Dir ſelbſt getreu! denn es giebt eine Ver⸗ geltung fuͤr Gut und Boͤſe. Wir empfinden un— ſern Lohn, wir tragen unſere Strafe Angeſichts der Welt, und wiſſen doch nur allein, wofuͤr und weswegen. Ich habe den Verſtand und das Geld wohl allzuhoch geſchaͤtzt, deshalb muß ich vielleicht jetzt fuͤhlen, wie unzulaͤnglich Beide ſeyen. Mein Sohn iſt ein wiſſentſchaftlicher Kopf, reich an Kenntniß und Talent; aber er hat kein kindliches Gemuͤth, er verhoͤhnt das Edelſte. Und wenn ich bedenke, was ich an ſeine Erziehung gewendet, und jede Hoffnung daran geſetzt, daß er groß werde in Angeſehenheit vor den Menſchen, wie ſo ganz Vater ich ihm geweſen, und wie ſo we⸗ nig er mir Sohn iſt“—— dieſer Gedanke uͤber⸗ waͤltigte Herr Leſtloy, die ſtarke Stimme brach ihm, und er bedurfte einer Pauſe, um ſich zu faſſen. Der Neffe ſah ihn mitleidig an— er ehrte ſchweigend den Schmerz des Oheims. „Wenn ich dagegen erwaͤge,“ fuhr dieſer fort, und heftete das verdunkelte Auge auf den kleinen Vetter:„wie ſorglos mein Bruder lebte, oder vielmehr ſein Daſeyn in einer Ideenwelt ver⸗ traͤumte, waͤhrend er ſelbſt ſeine Kinder von frem⸗ der Luft und Guͤte naͤhren ließ, wie ruhig er ſtarb, angelaͤchelt von ſeinen Bildern, befriediget — 218— von dem was er geleiſtet, unbekuͤmmert um die Seinen— und wie Du doch— Du darfſt dies Lob von mir annehmen! ein wohlgerathener Juͤng⸗ ling geworden biſt, der die Aſche ſeines Vaters dankbar verehrt, ohne ihm mehr ſchuldig zu ſeyn, als den Athem in Deiner Bruſt, der auch ein Seufzer ſeyn koͤnnte: ſo muß ich bekennen, es ſey gleichviel, ob man ſich muͤhe, oder ſeiner Pflicht enthebe; die Laͤſſigkeit kommt eher als der Eifer an das Ziel der Hoffnung: denn zum Laufen hilft nicht ſchnell ſeyn— wie ein Weiſer ſagt.“ „An Gottes Segen, iſt alles gelegen,“ fuͤgte Siegfried hinzu, und ſeine Seele bedauerte ſtill die fruchtloſe Arbeit, womit der gute Oheim ſich abgemuͤdet haͤtte. „Freilich,“ nahm Herr Leſtloy nach einer langen Weile, in der eine Parallele gezogen zu haben ſchien, das Wort wieder auf:„hat mein Sohn eine reiche Anwartſchaft, da die kleine arme Scholle in Boͤhmen Dir und Deiner Schweſter nur ein duͤrftiges Erbe ſeyn moͤgte; aber ich werde Dich bedenken, Siegfried!“ Heerr Leſtloy hatte ſo eben uͤber die Unzu⸗ laͤnglichkeit irdiſcher Mittel geſprochen; allein der Ton, womit er dies Verſprechen gab, legte ein erhebliches Gewicht auf den Werth des Geldes, wie au wie ein dewußt häſtige Arme 1 d antwe und pier entfale noten, Rüsch 7 ſtagte ihm Erſta ſchlan Dlich ſo be nicht Luge Mü ch Wic um die arfſt dies ner Jäͤng⸗ 6 Vaters zu ſeyn, auch ein en, es ſey r Pfüch eer Eifer ffen hilft ,“ fuͤgte erte ſtill heim ſic ach einer zogen zut hat mein eine arme Schweſter ich werde je Unzu- allein der legte dn Geldet⸗ — 219— wie auf dieſen Vorſatz. Doch Siegfried laͤchelte wie ein kleiner Gott, der Macht zu geben, ſich bewußt. Er kuͤßte die Hand des Oheims mit heftiger Gebehrde, das Paͤcktchen unter ſeinem Arme glitt zu Boden. „Was haſt Du denn da?“ fragte Herr Leſtloy. „Es iſt ein Angebinde fuͤr Sie, Herr Oncle“— antwortete Siegfried, buͤckte ſich es aufzuheben, und loͤſete in leiſer Haſt die Schnuͤre. Das Pa⸗ pier rauſchte auf, ſtumm mit tiefen Odemzuͤgen entfaltete der Reihe nach die hollaͤndiſchen Bank⸗ noten, die Haͤlfte des Fundes, gewiſſenhaft von Roͤschen getheilt. „Mein Heiland! wo ſind dieſe Papiere her?“ fragte der Oheim beſtuͤrzt, der Juͤngling ſchien ihm ein hoͤheres Weſen. Siegfried erzaͤhlte, das Erſtaunen des Oheims wuchs, ſeine Augen ver⸗ ſchlangen den Reichthum der vor ihm lag, ſeine Blicke ſtarrten nach den Zahlen, deren Zauber ihn ſo befangen machte, daß er die einfache Geſchichte nicht begreifen konnte. Endlich gelang es dem Augenſchein, und der Deutlichkeit des Neffen ihn zu uͤberzeugen. Der kleine Siegfried hatte ploͤtz⸗ lich mit dem was er darlegte, eine ungeheure Wichtigkeit fuͤr ihn gewonnen. So war denn — 220— die Philoſophie des Herrn Leſtloy nur ein Licht⸗ lein der Erleuchtung in dunkler Stunde geweſen! aber der Geiſt blies den verglimmenden Docht an, daß er nicht verloͤſchte, vor dieſem Schein des Gluͤcks, und Der die Gedanken der Men⸗ ſchen lenket, und ihre Herzen wendet, leitete den Oheim zu einem heterogenen Entſchluß. Er ſprach:„und dieſen betraͤchtlichen Werth hielteſt Du mir verſchwiegen faſt ein ganzes Jahr, da Du Dir eine ganz andere Aufnahme und Stel⸗ lung in meinem Hauſe damit bereiten konnteſt?“ „Ich wollte ſie mir ſelbſt verdanken, und haͤtte keine beſſere finden koͤnnen;“ antwortete Siegfried in anſpruchloſer Zufriedenheit. „Nun wohlan, Neffe!“ erwiederte der Oheim: „Du biſt ein treues Gefaͤß fuͤr das Geheimniß, und Deine Hand, obwohl ſie mir oft zu ſchwaͤch⸗ lich ſchien, um auf irgend eine Weiſe durchzu— greifen, iſt doch ſtark genug, Geld und Gut zu bewahren. Darum behalte was Du haſt, ich will Dich nicht berauben. Meinem Sohne ſieht man es an der Naſe an, wie viel ſeine Taſche traͤgt, und welche Summen die Buͤcher ſeines Vaters nennen; ſie ſteht ihm offenbar zu hoch— und Hochmuth kommt vor dem Fall. Rein Siegfried! ich nehme nicht einen Deut von dieſen Papieren. Pite, zutheile argliſti dnkt, Cagel fomm haben des Herr. Angen T ſcen tnan v dem u hheke, ſing d ſe iht ion w kehrze ſenke ſainen Lurſa d ſtat, du de ein Licht⸗ geweſen! en Docht n Schein der Men⸗ eitete den ſuß. Er i hielteſt zahr, da nd Stel⸗ 494 unteſt? en, und twortete rOheim: heimniß⸗ ſcchwaͤch⸗ d urchzu⸗ Gut zu ich will ebt man he traͤgt/ Vatero — und ! iegftied apieten. — 221— Waͤre es der Vorſicht Wille geweſen, ſie mir zu⸗ zutheilen: ſo wuͤrden ſie meinem Vater und der argliſtigen Muhme nicht entgangen ſeyn. Mich duͤnkt, der verſchwundene Schatz ſollte von einem Engel gehoben werden, um an die rechten Erben kommen; ſo mag es denn dabei ſein Bewenden haben.“ Siegfried ſtand betroffen von der Großmuth des Oheims, und verſuchte ihn mit Bitten; aber Herr Leſtloy blieb feſt. Er fuͤhlte ſich in jenen Augenblicken wirklich einen reichen Mann. Von dieſer Zeit an war das Vernehmen zwi⸗ ſchen Oheim und Neffen noch inniger als ſonſt, und man vermuthete, Siegfried fiſche in Truͤben nach dem ungeheuern Hummer, dem Zeichen der Apo⸗ theke, welche einſt auf ihn den Vetter und Guͤnſt⸗ ling des Prinzipals uͤbergehen werde; ſo duͤrfte ſie ihre Firma nicht aͤndern. Aber dieſe Praͤſum— tion war ein Krebs: denn als Siegfried ſeine Lehrzeit beſchloſſen, von der er ſich keinen Tag ſchenken ließ, ſagte er dieſem Hauſe ſammt allen ſeinen Genoſſen Ade, um anderen Ortes ſeinen Curſus der Medizin zu beginnen. Er lebte ſtill und eingezogen auf der Univer⸗ ſitaͤt, vermieds ſo viel als moͤglich alle Beziehungen zu den Menſchen, dennoch knuͤpften ſie ein ge— —- 222— heimnißvolles Intereſſe an ſeine Perſoͤnlichkeit. din ka Man nannte ihn nur dynn kleinen Magier, theils, dis G ſeiner braunen Geſichtsfarbe wegen, theils, weil J ihm Mittel zu Gebot ſtanden, welche das Vor⸗ heilig urtheil aus uͤbernatuͤrlichen Quellen ableitete. Die Lanze Sage ging im Schwange, er befaſſe ſich mit ward Alchymie. Siegfried unterſtuͤtzte arme Studirende, man linderte das Elend des Mangels mit freigebiger Hand, und ſchien fuͤr ſich ſelbſt ſehr wenig zu Vete beduͤrfen. Doch ſein Widerwille, ſich in Umgang Jene mit ſeinen Commilitonen einzulaſſen, ſein Ver⸗ Der ſchmaͤhen alles aͤußern Scheins, und der ſcheue ſonden Verſchluß, worin er ſich zu halten pflegte, um die H nicht durch die Zudringlichkeit Unverſchaͤmter im in der Studiren geſtoͤrt zu werden, beſtaͤtigte die aber⸗ gall, glaͤubiſche Meinung, daß er geheimen Kuͤnſten ſingt obliege. led, Sobald er promovirt hatte, eilte er der Schla Heimath zu. Er kam grade zurecht, ſeiner troſt⸗ hin, loſen Schweſter beizuſtehen, und einen letzten Se, die o gen zu empfangen. Tante Roͤschen war ſeit laͤn⸗ felche gerer Zeit kraͤnklich geweſen; doch Sibylle hatte nicht fuͤr dies theure Leben gefuͤrchtet: denn ſ u ein zaͤrtliches Herz glaubt nicht an die Gefahr verme der geliebten Seinen, und vor thraͤnenvollen Augen d ſchwankt die Wage der Hoffnung, da hingegen lch oͤnlichkeit. ier, theils, heils, weil das Vor⸗ ſtete. Die e ſich mit tudirende, freigebiger wenig zu Umgang ſein Ver⸗ det ſcheue ſegte, um amter im die aber⸗ n Kuͤnſten te er der einer troſ letten Ee ar ſeit län bolle hate r.. denmn 111 de Geſaht „Manaenl llen Auge 1 hingegen ein kalter Blick ſo ſchnell als richtig die Naͤhe des Grabes ausmißt. Roͤschen ſtarb wie ſie gelebt, ohne Klage, heiligſtill; ihr letzter Athemzug loͤſte ſich wie ihr ganzes Daſeyn in Liebe auf. Nach ihrem Wunſch ward ſie an die Seite des preußiſchen Haupt⸗ manns beſtattet. Dort ſchlaͤft ſie wie einſt, neben dem wackern Veteran, dicht eingeſchichtet zwiſchen ihm und Jenem, der ein treuer Diener ſeines Herrn war. Der Drang des Lebens ſchweigt um dieſen ge⸗ ſonderten Platz, ferne klingen die Glocken, laͤuten die Heerden, und nur Geiſter der Luft rauſchen in den Linden, die ihn beſchatten. Eine Nachti⸗ gall, die Kammerſaͤngerin des kteinen Friedhofs, ſingt mit beſeelter Kehle ein elegiſches Fruͤhlings⸗ lied, und wie:„Auferſtehen!“ ſaͤuſelt es um dieſe Schlafſtaͤtte. Die Sterne ziehen leuchtend druͤber hin, und ſtill wie der Thau des Himmels, faͤllt die Thraͤne trauernder Sehnſucht in Blumen⸗ kelche nieder. Sie ruhen ſanft. Die bange Sibylle haͤtte den Schmerz die⸗ ſes unerſetzlichen Verluſtes nicht allein zu tragen vermogt, ihr Bruder verſprach ihr daher, ſie nie zu verlaſſen. So blieben ſie treu und geſchwiſter⸗ lich zuſammen, ihr Lebelang. Siegfried widmete — 224— ſich ſeiner Wiſſenſchaft, und uͤbte die arztliche Praxis auf eine hoͤchſt uneigennuͤtzige Weiſe. Er war Tauſenden ein anſpruchsloſer Helfer— die Landleute nannten ihn nur den Doctor Siegfried, und er ließ es ruhig geſchehen. Mogte immer⸗ hin ſein Familienname der Vergeſſenheit anheim fallen, er ſuchte nur Ehre von Gott darin, ſeiner Pflichten gegen die Menſchen, ſeine Bruͤder ein⸗ gedenk zu bleiben. Der Ruhm war ihm ein glaͤnzender Gedanke, aber fern und hoch; er be— gnuͤgte ſich mit dem beſcheidnen Bewußtſeyn, Gutes gethan zu haben. Dieſe Einſamkeit ge⸗ waͤhrte ihm Uebung aller ſeiner Kraͤfte, vollauf, und unverkuͤmmerte Freuden. Er fand im philo⸗ ſophiſchen Genuß dieſer beſchaulichen, und den⸗ noch wirkſamen Ruhe mehr wahre Befriedigung, als Viele, die am Quell des Lebens— duͤrſten. Dieſe Geſchwiſter wuͤrden ohnfehlbar den Blick der Menge bedauerlich erſchienen ſeyn; aber wenn unſer innerſtes Gefuͤhl, und nicht das Urtheil Anderer unſer Gluͤck beſtimmt: ſo waren ſie wohl eher zu beneiden. Wenn Siegfried und Sibylle wie ein paar wandelnde Mumien durch die Erndte ſchlichen, und ſchweigend den Reichthum der Gar⸗ ben zaͤhlten, oder an lauen Sommerabenden ein⸗ ander gegenuͤber ſaßen, und ſtill in die Land⸗ ſchaft ſchaft umfaß des D einer ihte einen ben. unſe barer hewul 5 einen Schal und n detäͤub gen de T lotan det„ däten vor, ein ſ arztliche eiſe. Er r— die Siegfried, ee immer⸗ t anheim in, ſeiner ruͤder ein⸗ ihm ein er be⸗ ußtſeyn, mkeit ge⸗ vollauf im philo⸗ und den⸗ riedigung duͤrſten. den Blic gber wenn s Ulcheit n ſie wohl — Sibylle üe Erndle der Gar⸗ enden din die und ſchaft — 225— ſchaft hinaus ſchaueten, welche ihr kleines Gebiet umfaßte, und deren Umriſſe im ſilberblauen Schein des Mondes verſchmolzen: dann ging die Zeit in einer ſchoͤnen Feierſtunde an ihnen voruͤber, und ihre Herzen hoͤherer Ahnung voll, wurden von einem lebendigen Gefuͤhl der Guͤte Gottes geho⸗ ben. Und ſo fragen wir die Gluͤcklichen unter unſern Leſern: ſchlaͤgt ihnen das Herz in dank⸗ barer Freude, und bleiben ſie ſich der Vorzuͤge bewußt, durch welche der Himmel ſie ſegnete?— Herr Leſtloy erlebte es, ſeinen Sohn als einen beruͤhmten Mann zu ſehen; aber dieſer eitle Schall war auch der einzige Lohn des Vaters, und nicht geeignet, manche tiefe Sorge in ihm zu betaͤuben. Dieſe Stimmen des Kummers ſchwie⸗ gen dann erſt, als er das Zeitliche geſegnet. Die vortreffliche Apotheke, und ein ſchoͤner, botaniſcher Garten, fuͤr ihre Zwecke angelegt, kamen um einen civilen Preis in fremde Haͤnde; der Profeſſor konnte nicht genug damit eilen, die vaͤterlichen Grundbeſitze zu veraͤußern. Er zog es vor, zur Miethe zu wohnen, und in die Weite ſpazieren zu gehen. Der Stolz des Buͤrgers, ein ſtehendes Eigenthum, verachtete er, der Geiſt 15 — 226— ſeiner Wuͤnſche verflog in fluͤchtigen Elementen. Er haßte jede Schranke, jede Abhaͤngigkeit; den⸗ noch ſollte er ein Joch der Ehe ertragen muͤſſen, da er ihr ſanfteſtes Band nur wie ein Wuͤrger gebrauchte. Der Profeſſor Leſtloy war lange in einem Verhaͤltniſſe befangen geweſen, woge⸗ gen ſich die entſchiedenſte Mißbilligung ſeines Vaters auflehnte, weil die Geliebte des Sohnes aͤbel in der oͤffentlichen Meinung ſtand, und der wuͤrdige Apotheker gern ein unbeſcholtenes Maͤd⸗ chen vom reinſten Rufe, zur Schwiegertochter haben wollte. In Folge einer Eiferſuͤchtelei geſchah endlich, was kein Zureden des Vaters hatte bewirken koͤn⸗ nen: jene leidenſchaftliche Verbindung zerriß, und der Flatterſinn von Leſtloys treuloſer Dame, ſchloß ohne Weiteres einen andern Bund am Altare. Sie heirathete einen Edelmann von beruͤchtigten Sitten, einen Spieler von Ruf, der mit dem Wagniß des Gluͤckes vertraut, auch in der ernſten Sache des Herzens und ſeiner groͤßten Hoffnung hazadirte. Der Profeſſor grollte einige Jahre mit ſich und der Welt, und ſchmaͤhete das weibliche Ge⸗ ſchlecht; dann entſchied ein Zufall, daß auch er ſich vermaͤhlte. Klementen. keit; den⸗ en muͤſſen, n Vuͤrger var lange en, woge⸗ ung ſeines s Sohnes , und der nes Maͤd⸗ egertochter h endlich zirken koͤn zerriß/ und ame, ſchoß m Altare. rruͤchtigten mit dem der ernſten H 0 ffnung „ ſich re mit ſic bliche Ge ß auch tt — 227— Das Maͤdchen ſeiner Wahl, ein gutes, liebens⸗ wuͤrdiges Geſchoͤpf zog ein bitteres Loos der Ehe: denn Leſtloy war nicht der Mann, der Unſchuld, Guͤte und Liebe an einer Frau zu ſchaͤtzen faͤhig war; nur jene boͤsartige Coquette hatte ihn mit Erfolg zu behandeln gewußt. Die Gattin des Profeſſors gebar einen Kna⸗ ben, und die Aufgabe ihres kurzen Daſeyns war nun geloͤſt, zugleich mit einer Feſſel, welche dies weiche Herz wund gedruͤckt hatte; doch die Ket⸗ ten warteten ſchon, denen ſich der haͤusliche Tyrann, nach dem Spruch der Nemeſis unterwerfen ſollte. Einige Zeit fruͤher als die Profeſſorin ſtarb, ging auch Leſtloys erſt Liebe in Trauer um den Gemahl, der ihr zwei Kinder, und durchaus zer⸗ ruͤttete Finanzen hinterlaſſen; aber die ſchlaue Wittwe verſtand ſich zu helfen. Man tadelte laut, daß der Profeſſor ſich ſo bald in ihren Armen troͤſtete. Sie ward ſeine zweite Frau, die gebie⸗ tende Macht des Hauſes, und das boͤſe Princip fuͤr den armen, kleinen Ludwig, den Sohn ſeiner erſten Ehe. Ihn feindete ſie mit aller Tuͤcke eines verderbten, mißgoͤnnenden Herzens an, und ſuchte ihm nachtheilig zu ſeyn, wo ſie wußte und konnte. Sie entzog ihm die vaͤterliche Liebe, ſtellte jede kleinſte Unbeſonnenheit in ein gehaͤſſiges Licht, 15* — 228— und verfolgte ihn durch alle Stadien ſeiner jugend⸗ lichen Entwickelung ſo conſequent, daß ſie endlich ihren Zweck erreichte. Der Profeſſor enterbte den ſchuldloſen Sohn unter einem luͤgenhaften Vorwande, und wendete das große Vermoͤgen, welches er mit all ſeiner Freiheit in die Haͤnde ſeiner Frau gegeben, ihren Kindern zu. Fruͤher ſtarrſinnig und unbeugſam gegen die ſanfte Ge⸗ walt bittender Vorſtellungen, wie gegen den Scep⸗ ter der Vernunft, womit ſein Vater ihn regierte, ein revolutionairer Kopf gegen alle Geſetzmaͤßig⸗ keit, ſchmiegte er ſich nunmehr unmaͤnnlich feige in die Launen ſeiner Zwingherrin, und ſeine Schwachheit ward ſeine Strafe, er blieb ſeinem Verhaͤngniſſe verfallen. Den Sohn, des Vaters wie der Mutter be⸗ raubt, und ſeines Erbtheils, entſchaͤdigten die Muſen. Mitleidig traten ſie an die Wiege des Neugebornen, und legten ihm ihre ſchoͤnſten Ga⸗ ben unter den kleinen Pfuͤhl. So ſtand er, eine Waiſe, unter himmliſchem Schutz, und weder Haß noch Ungerechtigkeit konnten ihm ſchaden; vielmehr war die Haͤrte des Vaters der Stahl, der dem Geiſte des Sohnes die edelſten Funken entlockte. ner jugend ſie endlich zr enterbte zaͤgenhaſten Vermoͤgen, die Haͤnde a. Fuͤher ſanfte Ge⸗ den Scep in regierte, eſetzmaͤßig⸗ nlich feige und ſeine ſied ſeinem Mutter be ddigten die Wiege des gonſten Ge and er⸗ tine und wede mn ſchadeni der g tah ten Funke — 229— Eliſabeth ſtand am Fenſter, und ihr beklom⸗ mener Athem hauchte truͤbend die Scheiben an, durch welche ſie nach dem Freunde ausſah, den ihre Sorge fernher begleitete: denn ein ſchlim⸗ meres Wetter haͤtte dieſen Reiſenden nicht treffen koͤnnen, und der Winter ſiel mit einem Ungeſtuͤm ein, der ſie fuͤr ſein Fortkommen zagen ließ. Der Wind wirbelte im Geſtoͤber der Flocken, hier thuͤrmte ſich der Schnee, dort trieb die wilde Jagd des Sturmes mit dumpfen Sauſen uͤber die Haide. Im Pfarrſtuͤbchen daͤmmerte es be⸗ reits, um den Lehnſtuhl im Winkel, worin Paſtor Dagon ſchweigend ſaß, ſchwebte ein ſchlaͤfriges Dunkel. Und Aleindor war bei dem einbrechen⸗ den Abend, der dann keine weghafte Spur mehr unterſcheiden ließ, wahrſcheinlich auf offner Straße, und der Gefahr fuͤr ſeine Geſundheit, wo nicht fuͤr ſein Leben, um ihrentwillen ausgeſetzt!— Dieſer Gedanke ſchnuͤrte der armen Eliſabeth die Bruſt zuſammen, und der Krampf der Angſt, der baͤngſten Erwartung hielt ſie wie gebunden an dieſer Stelle, ob ſie ihn vielleicht kommen ſaͤhe?— Sie haͤtte das Licht des Tages, der ihr dieſe Be⸗ unruhigung erregte, aufhalten moͤgen; dennoch ſchwand es mehr und mehr, uͤber die bleichen Maſſen draußen breitete ſich ein grauer Flor, — 230— und mit der farbloſen Luft miſchte ſich die duͤſtere Naͤhe der Schatten. Eliſabeth richtete das Auge bald in die Hoͤhe, bald in die Ferne— endlich daͤuchte es ihr, ſie hoͤre das Schnauben eines Pferdes von Weitem. Alle ihre Sinne ſchaͤrften ſich fuͤr die Hoffnung, daß Alcindor kaͤme, ein zweifelnder Wunſch eilte ihm entgegen— und wirklich! Alcindor kam. Die kleine Fuhre glich einem Bildwerk aus Schnee, das Gebraͤme von Alcindors Mantel war wie candirt, jedes Haar an ſeinem Haupte ſtarrte in ſilberner Friſur, und der leichte Braune war ein laſttragender Schimmel geworden. Eliſaheth ſchrie, als ſie den wiederkehrenden Freund anſichtig ward, laut auf vor Freude, ihr Vater raffte ſich empor aus ſeiner Apathie. Sie ſtuͤrzte vor die Thuͤre, der raſende Aeol trieb ein wuͤſtes Spiel mit der Kleidung des Maͤdchens, und im Nu war die zarte Geſtalt in einem feuch⸗ ten, kalten Schleier gehuͤllt. Aleindor winkte ihr erſchrocken zuruͤck, ſein erſter Gruß war eine Fuͤrſorge der Freundſchaft. Das erſchoͤpfte Pferd ward ihm abgenommen, ſteif gefroren bewegte Alcindor ſich langſam in das Haus. Paſtor Dagon bezeugte ſich froh uͤber die die duͤſtere die Hihe, es ihr, ſie n Weitem. Hoffnung, zunſch eilte mndor kam. us Schnee, war wie ſtarrte in e war ein rlehrenden Freude/ ihr thie. Sie Atrieb ein Naͤdchens, inem feuch truͤck/ ſein eundſchaft enommen,/ angſam 1 b uͤber die — 231— Ankunft des Gaſtes, und ſagte ihm, wie aͤngſt⸗ lich Eliſabeth ſeinetwegen geweſen. Alcindor laͤchelte zwiſchen Dank und Anmuth. Er ſprach:„ſo haͤtte ich der lieben Eliſabeth dieſe guͤtige Beſorgniß erſparen koͤnnen: denn es war keine Moͤglichkeit fortzukommmen, ſo weit ich es auch verſuchte, und mein Weg demnach vergeb⸗ lich. Windweben, rieſenhoch, ſtellten ſich mir mit kaltem Trotz entgegen, und die Natur ſelbſt ſchien es nicht zu wollen, daß ich diesmal meine Ab⸗ ſicht erreichen ſollte.“ Er nickte hierbei heimlich Eliſabeth zu. „Wer weiß, zu was es gut iſt,“ antwortete der Paſtor heiterer als ſeit langer Zeit.„Mir iſt es heute,“ fuhr er fort:„recht leidlich ergangen, und eine ſeltſame Zuverſicht hat mich ermuntert. Denken Sie nur, Freund! es hat ſich in dem Man— tel, der wie ich Ihnen ſagte, mobil geworden, um meinen Arzt zu repraͤſentiren, ein Recept vor⸗ gefunden, das, ſo viel ich davon verſtehe, wie fuͤr meine Beſchwerden geſchrieben ſcheint. Wann? von Wem? und wie es in jene Taſche gekom⸗ men: dies iſt mir gaͤnzlich unbewußt, oder ent⸗ fallen. Ich bin jedoch entſchloſſen, es zu ge— brauchen; jene Viſion koͤnnte voll Wahrheit, voll — 232— Leben geweſen ſeyn, und ſo will ich die Kraft des Glaubens auch daran verſuchen.“ „Ohne einen Arzt deshalb zu Rathe zu ziehen?“ fragte Alcindor, als haͤtte er nicht recht gehoͤrt, und mit dem dringenden Tone eines War⸗ ners.„Die Kunſt der Herren von dieſer Facul⸗ taͤt tappt auch nur im Finſtern,“ entgegnete der Paſtor ruhig:„und iſt oft nichts weiter als ein blinder Griff des Ohngefaͤhrs in den abgetragenen Mantel der Gelehrſamkeit, der wie der Rock in der Schrift, nur mit neuen Lappen geflickt wird, auf daß die Riſſe um ſo groͤßer werden.— Ich habe heute viel uͤber meinen Zuſtand nachgedacht, und uͤber die Wirkung jener Mittel einiges ge⸗ leſen, was ich eben habhaft werden konnte, und es bleibt dabei, ich will ſie im beſten Vertrauen anwenden.“ Eliſabeth ſeufzte, wagte aber keinen Wider⸗ ſpruch: denn ſie kannte ihres Vaters Weiſe. Al⸗ cindor hielt dieſen Entſchluß fuͤr einen krankhaf⸗ ten Willen, und gedachte ihn kuͤnftig mit einer kraͤftigeren Gegenrede zu bekaͤmpfen, als deren er heute faͤhig war. Er fuͤhlte ſich ſehr unbehaglich, ſchauerte in Froſt und Glut den ganzen Abend, und ging zeitiger als ſonſt in ſein Schlafgemach. Am naͤchſten Morgen kam Alcindor nicht die Kraft Rathe zu nicht recht ines War⸗ ſer Facul⸗ egnete der er als ein getragenen Nock in lickt wird, .— Jch chgedacht, jiniges ge⸗ nte, und Vertrauen en Wider⸗ Veiſe. A krankhaf⸗ mit einet z deren er behaglich in Abend, aſgemach ndor iich — 233— zum Fruͤhſtuͤck. Er hatte ſich durch die Unbilden der Witterung ein Erkaͤltungsfieber zugezogen, was ihn noͤthigte, das Bett zu huͤten, wie gern er auch um Eliſabeths willen, dieſes Uebelbefin⸗ den haͤtte verlaͤugnen moͤgen. Das arme Maͤd⸗ chen ſehr bekuͤmmert ob der neuen Sorge. Seit einem Jahre hatte Eliſabeth ſo viel um Krank⸗ heit ihr theurer Perſonen gelitten, Gedanken von Gefahr, Furcht und Schmerz knuͤpften ſich an ihre tiefſten Gefuͤhle, daß ſie mit geuͤbter Ein⸗ bildungskraft ihren Begriff von Alcindors Un⸗ paͤßlichkeit uͤberſpannte. In jener ſichern Unſchuld, welche keine Ruͤckſichten des Schicklichen kennt, und doch nie dagegen verſtoͤßt, uͤbernahm ſie ſelbſt ſeine Pflege, und er meinte: ſo mußten die Kran⸗ ken des Himmels ſich befinden, wenn es dort naͤmlich welche gaͤbe. Gegen den Abend bat Eliſabeth ihn, ob er es ihr nicht zu Gefallen thun, und die treue Re⸗ gine bei ſich wachen laſſen wolle? Er waͤre dann fuͤr die Nacht verſorgt, und ſie beruhiget. Alcin⸗ dor konnte dieſer flehenden Stimme nicht wider⸗ ſtehen. Die Theilnahme dieſes guͤtigen Herzens ruͤhrte ihn innigſt, und ſo ließ er es geſchehen, daß Eliſabeths Waͤrterin die ſeinige wuͤrde. In ungewoͤhnlicher Aufregung blieb Eliſa⸗ — — 234— beth noch wach, da ihr Vater lange zu Bette war; ſpaͤt erſt zuͤndete ſie eine kleine Lampe an, und ſchlich die Treppe hinauf. Sie horchte an Alcindors Stuͤbchen— Frau Regine huſtete leiſe drinnen. Eliſabeth glaubte, Regine wuͤnſche ſie noch zu ſprechen, und oͤffnete mit ſcheuer Vorſicht kein Geraͤuſch zu erregen, die Thuͤre. Das Licht ſtand hinter einem Schirm, und diente nur mit ſpaͤrlicher Helle. Regine ruͤhrte ſich nicht von ihrem Sitze; aber ſie winkte das Maͤdchen heran, welches fluͤſternd fragte, wie es mit dem Kranken gehe? Frau Regine machte eine befriedigende Bewegung, legte den Finger auf den Mund, und winkte heftiger noch. Eliſabeth naͤherte ſich mit ſachtem Schritt, das Laͤmpchen in ihrer erhobenen Hand goß einen matten Schein uͤber das Lager des jungen Mannes. Alcindor lag ruhig und ſchlief. Die Decke hatte ſich etwas verſchoben, Regine deutete darnach hin, und mit Entſetzen ſah Eliſabeth eine breite, rothe Narbe auf Alcindors Bruſt, wie von einer nicht laͤngſt geheilten Wunde. Seine Linke raffte das offne Jaͤckchen ein wenig zuruͤck, als wolle er traͤumend den Spalt des Todes zeigen, der ihm tief hinab bis an das Herz gedrungen!— Bei dieſem Anblick flog ein Beben durch zu Bette Lampe an, horchte an uſcete leiſe Gunſche ſie er Vorſicht hirm, und ine ruͤhrte äinkte das e, wie es aachte eine inger auf Eliſabeth Laͤmychen ten Schein Alcindor ſich etwas „ und mit the Narbe icht laͤngſt das offne traumend tief hinad ben durch Eliſabeths Glieder, ihre zitternde Hand verſchuͤt⸗ tete einen Tropfen Oel auf das weiße Linnen des Bettes; aber Alcindor erwachte nicht. Er laͤchelte nur im Schlummer, freundlich wie die Liebe. Doch Eliſabeths Pſyche wollte entfliehen. Sie erbleichte, und wendete furchtſam das Auge und den Schritt, waͤhrend etwas in ihr vorging, was ſchwerlich zu beſchreiben waͤre. Frau Regine folgte ihr auf den kleinen Vor⸗ ſaal.„Haſt Du geſehen, Eliſabeth? und was ſagſt Du dazu?“ fragte ihre ehemalige Amme, die, ſobald ſie ohne Zeugen war, ſich dieſe trau⸗ liche Sprache gegen die Tochter des Pfarrherrn erlaubte.„Mein Herrgott!“ fuhr Regine mit heiſerer, unterdruͤckter Stimme fort:„als ob jetzt alle jungen Maͤnner Wunden und Narben auf der Bruſt truͤgen? und den armen Maͤdchen blutet inwendig das Herz!— Ich ſeh Dirs auch an— Du ſiehſt aus wie ein umgehender Engel. Wer Dich ſaͤhe, wuͤrde ſagen: alle guten Geiſter!—— Nun gute Nacht!“ Uund als Eliſabeth nicht ant⸗ wortete, ſondern nur ſchweigend dankte, ſchwer aufſeufzte, und mit erloſchnen Zuͤgen nach ihrem Kaͤmmerlein ſchwankte, ſah ihr Regine nach, und wisperte betend: — 236— Geht nur hin ihr matten Glieder! Eilet eurem Schlafe zu; Holet eure Kräfte wieder, Durch die ſanfte Abendruh. Meine Seele Du allein, Sollſt anjetzo wachſam ſeyn! Am andern Morgen als Paſtor Dagon ſich in ſeiner Studirſtube befand, eine Traurede aus⸗ zuarbeiten, trat der Schulmeiſter ein, ihn zu ſprechen. Das kleine amtliche Geſchaͤft war bald abgemacht, die Rede kam nun auf das Befinden des Geiſtlichen. Der Schulmeiſter rieth dringend zu einem Arzte, weil das vorſeyende Feſt geruͤſtete Kraft erfordere, und in hieſiger Gegend ein Huͤlfs⸗ prediger ſchwer zu haben ſey; die Gemeine aber laſſe ſich zur heiligen Weihnachtszeit am wenig⸗ ſten gern etwas von der chriſtlichen Beſcherung unterſchlagen.. Der gute Paſtor war nicht ſcrupulös uͤber die vergriffne Wahl dieſes Wortes, er hielt ſich an den Geiſt der Theilnahme, der aus dem laͤnd⸗ lichen Praͤceptor ſprach, und theilte ihm die Ge⸗ ſchichte von dem Mantel mit, und aͤußerte dabei, wie er das Recept fuͤr ſich anzuwenden gedenke. Der Schulmeiſter ſagte hierauf:„es giebt zwar viele Dinge zwiſchen Himmel und Erde, die wir uns nicht zu erklaͤren vermoͤgen“— und bei dieſer Bemerkung ſchwebte ein helles Beſin⸗ nen das! das Ih gem 9l vor mnel man d mnir war al Dagon ſich aurede aus⸗ in, ihn zu ft war bald s Befinden dringend ſt geruͤſtete ein Hůlfs⸗ meine aber am wenig⸗ Beſcherung wulös uͤbet thielt ſich dem laͤnd⸗ zm die Ge⸗ jerte dabei/ 1 gedenke „es giebt und Etde, '— und iles Beſin — 237— nen auf der Sti Stirne d das Raͤthſe B es Metaphiſikers ds i hiahni dem Recept, hiiſe„aber geloͤſt. E iel i Jahren 3 Ew. Ehrwuͤrden wen klar— gemn Wetter jenen Mantel, als ich d mir vor der an zure tedurt Schwager zu beſ funtimmi Der dr eberkrankheit hart— reiſte, miſe ie gluͤcklich d döhe Arzt hat ihn rhedee lag. der Medizin di Ich bat ihn um das alt, und vor menſchlich ie ſolch ein Wunder 6 Recept zu mehr er hi Augen war dort k avwirkt, denn . Er gab es mir gefaͤ eine man auf alle 3 mir gefaͤllig. Es iſt Rettung der Buchſtabe Siu haͤuslich verſorgt jwy wenn Fach beſonder— hat fuͤr einen A und qe⸗ mir, doch es Intereſſe. So ſ cet ann vom 7 h als;. e 3 war es awnih daheim nach dem ich es zu ler es mir ſchmendei als haͤtte ein Widr ſuchte, us dem Mantel hi Taſchenſpie⸗ „Es hatte ſich ei hinweg practicirt.“ ter geſchoben“ hein wenig zwiſche 4 ſchaltete der hen das Fut— „Ein wunderliches F Paſtor ein Schulmeiſter ſofor hes Fatum!“ ben 4. ger Raſt han ſdſonr„und nun wird merkte der zu rechter Vires an ſeinem Orte, acnach lan⸗ Swr. Eörwürde denn An der⸗babe 1 wirleich deshalb jenen 29 doch auch zu leiden heinen Mir allgemein nu Arzt conſuliren, der, vnu ſollten r den kleinen Doctor n ohl ſie ihn ennen, doch 9 — 238— ſchon große Dinge gethan. Und die drei Meilen, weiter wird es wohl nicht ſeyn? ſind ja auch nicht aus der Welt.“ Der Paſtor antwortete, daß er des Willens waͤre, ſobald nur die verſchneiete Wege einen Fußſteig fuͤr den Boten zulaſſen wuͤrden. Alcindor war nach einigen Tagen voͤllig wie⸗ der hergeſtellt; doch die Seele der guten Eliſabeth blieb krank und leidend. Sie that, was ſie ihm an den Augen abſehen konnte. Aleindor empfand den zaͤrtlichen Antheil des Maͤdchens, ſein Herz ſchlug in mehr als dankbaren Wuͤnſchen, aber er dachte nicht, daß, waͤhrend Eliſabeth jede ſanfte Pflicht der Sorgfalt fuͤr ihn uͤbte, ſie all dies Liebe und Gute im Gedanken einem Andern er⸗ wies. Paſtor Dagon hatte die ſeinigen auch bei dieſem zarten Verhaͤltniß. Er haͤtte darauf ſchwoͤ⸗ ren wollen, daß ſeine Eliſabeth wohl eher als die heilige, der Magnet ſey, welcher den Kunſt⸗ freund angezogen, und hier feſthalte, dann aber kam es ihm wieder vor, als hinge Alcindor ganz und gar nicht an der Hoffnung, Herz und Hand ſeiner Tochter zu gewinnen. Der junge Mann ging fein und freundlich mit ihr um— nichts mehr. Eliſabeths ruͤhrende Stimme toͤnte zwar ſo off innig wom Vert war wen teüc die dane vith den ſeine ſch ende diſch Jity nüher dode hii ſein dche wehn und ſot, feeii Meilen, d ja auch des Willens Lege einen en. völlig wie, en Eliſabeth nas ſie ihm er empfand ſein Herz n, aber er ſede ſanſte ge all dies Andern er⸗ n auch bei rauf ſchwo⸗ hl eher ii den Kunſt dann aber andot gand Hnd nge Mamn — nichts zwat un toͤnte — 239— ſo oft ſie ſich an Alcindor wendete, einem ſchoͤnen, innigen Gefuͤhl nach, ſo daß man ihr die Achtung, womit ſie den Gaſt des Hauſes auch in der leiſeſten Beruͤhrung ſchonte, gleichſam abhoͤrte; aber ſie war deshalb um nichts heiterer, ſondern nur ein wenig ruhiger geworden, und ihr Auge blickte truͤbe wie vorher, ohne Glanz der Liebe, ohne die Luſt zu gefallen. Dem Paſtor machte, was ihm jetzt Zuneigung, dann Zuruͤckhaltung, und faſt immer nur die Sym⸗ pathie des Kummers ſchien, viel heimliches Be⸗ denken. So wie er Alcindor kannte, ob er auch von ſeiner Lage eigentlich nichts wußte, waͤre er ihm ein ſchaͤtzbarer Schwiegerſohn geweſen, und eine draͤn⸗ gende Ahnung von der Nothwendigkeit alles Ir⸗ diſche zu ordnen, weil er einem ernſten Ziel und Zeitpunkt nahe waͤre, trat ihm nahe und immer naͤher an. Er nahm es fuͤr ein Vorgefuͤhl des Todes, wo nicht eines Ungluͤcks, das ihn erwarte. Jetzt empfing Alcindor Briefe, die von ſeiner Heimath kamen. Er las mit beſtuͤrzter Haſt, ſein Geſicht veraͤnderte ſich, ſo daß der Paſtor dachte, ſie muͤßten Wichtiges enthalten, und theil⸗ nehmend fragte: ob die Seinen alle wohl auf, und dieſe Nachrichten gut waͤren?—„Ich muß fort,“ antwortete Alcindor in einem Tone, als — ——— — 240— waͤre damit alles Ueble geſagt:„eine unabweisliche Pflicht fordert dieſes Opfer von mir. Wie gern haͤtte ich laͤnger hier verweilt! es ſind noch keine Schritte zu Ihrer Geneſung geſchehen, mein Bild iſt noch nicht vollendet“— er ſtarrte vor ſich hin, und ſetzte dann wie zerſtreut hinzu:„Eliſabeth— alles iſt erſt im Werden, es trifft ſich wirklich ſchlimm, und doch kann ich es nicht aͤndern.“ Der Paſtor ſchoͤpfte Troſt aus jenem Worte, das er wie ein abſichtsvolles Beginnen deutete. Er faßte es auf.„Im Werden?“ fragte er vaͤterlich weich.„Achl! ich fuͤhle taͤglich, daß ich vergehe; es iſt aus mit mir. Was dann aus meinem armen Kinde werden ſoll, wenn es den einzigen Freund noch verliert: dies muß ich dem himmmliſchen Vater anheim geben. Daß ich am Ende bin, habe ich nie deutlicher empfunden, als den Sonntag, wo ich die Predigt zu Ehren der Eliſabeth hielt. Sie wohnten jenem Vortrage nicht bei, weil Sie dringende Briefe zu ſchreiben hatten. Ich habe immer freudig dieſer Stiftung genuͤgt, diesmal fuͤhlte ich mich ganz beſonders dazu begeiſtert, wie Einer, der da Abſchied nimmt, von einer theuren, nie wiederkehrenden Stunde— und der Stoff wuchs mir uͤber den Kopf. Ich ſprach zum Andenken jener fuͤrſtlichen Dulderin, und Wö Cap treu beth duge einen Pun dr (he ſeh. Geſi tull: unge dacke den duſeie vome mir! dud aabweisliche Wie gern noch keine mein Bild vor ſich hin, Eliſabeth— ſch wirklih aͤndern.“ nem Worte, hen deutete. fragte et ſch, daß ich dann aus enn es den nuß ich dem Daß ich amn funden als Ehren der m Vorttage zu chreien er Stiftung g beſonden hied nimmi Stunde— Kopf. 3 1 Dulderin und 1 und rief ihr frommes Verdienſt aus der Nacht verfloſſener Jahrhunderte an das Licht des Tages, und das Altarbild glaͤnzte in den Thraͤnen der Gemeine. Dann aber gab mir dieſer gefeierte Name willkommnen Anlaß, unſerer Kronprinzeſſin zu gedenken. Sie iſt die Heilige unſeres Landes. Ihr Blick theilt Gnaden aus, und jedes milde Woͤrtlein aus dieſem ſanften Munde, baut eine Capelle der Verehrung in den Herzen ihrer Ge— treuen. Ich ſprach: wie unſere Koͤnigliche Eliſa⸗ beth in Weiblichkeit und Wuͤrde die ſchoͤnſten Tugenden ihres Geſchlechts verbirgt, Roſen, einem himmliſchen Boden entſproſſen, welche, das Wunder der Bloͤden, ſegensreich bluͤhen, daß auch der aͤrmſte Unterthan ſich daran erquicke, und ihre Ehe ein Paradies, das Land ein Garten Gottes ſey.— Wie klopfte mir die Bruſt von patriotiſchen Gefuͤhlen bei dieſer Rede! und als alle Baͤnke voll waren, als ich nun ſchwieg, blieb es noch lange horchend ſtill in der Kirche, und kein Auge trocken, keines. Ich wartete noch, und ſtand in Betrachtung vertieft vor dem Altare. Ich war zufrieden mit mir wie noch nie. Der Blick, womit die Landgraͤfin auf mich herabſah, ſchien mir beſeelt, als wolle ſie mit dieſem Laͤcheln der Huld den langen treuen Dienſt belohnen, in wel⸗ 16 242— chem ich zu ihrer Erinnerung geſprochen. Ich ſah den Himmel offen— und es daͤuchte mir, ſie ſtreue ihre Roſen auf mein Grab. In dieſer Minute wußte ich es gewiß, daß ich zu ihrem Gedaͤchtniß die Kanzel nicht mehr beſteigen wuͤrde.“ Die Wange des Paſtors gluͤhete, er ſah nicht aus wie ein Mann des Todes; aber die Zuverſicht in der er davon ſprach, erſchuͤtterte Alcindor. „Ihre gute Tochter,“ antwortete dieſer: „ſoll eines treuen Freundes nicht entbehren, wenn es Gott gefallen ſollte, Sie abzurufen, obwohl ich dies nicht fuͤrchten will. Sie koͤnnen im Le⸗ ben und Sterben auf mich zaͤhlen; und ich laſſe Ihnen das Verſprechen an Eidesſtatt zuruͤck, daß ich fuͤr die theure Eliſabeth nach Kraͤften ſorgen werde.“ Der Paſtor reichte ihm die Hand, und ſagte bewegt:„ſie ſind ein wackerer, zuverlaͤſſiger Freund, ich zweifle nicht daran, ich ſchaͤtze ſie vielmehr; aber laſſen Sie den Vater der ein Geiſtlicher iſt, ein Wort zu dem Juͤngling reden. Ich kenne außer dem Rechte der Verwandtſchaft nur Einen Schwur, wodurch der Mann die Befugniß er⸗ langt, ſich eines weiblichen Weſens anzunehmen: den am Altare.— Nur unter dem Schutze ihres ochen. Ich dauchte mit, 5. In dieſer ich zu ihrem iigen wuͤrde.“ ete, er ſah es; aber die erſchuͤtterte etete dieſet hehren, wern fen, obwohl unen im Le und ich aſ tt zuräͤc, de räͤften ſorgen nd und ſagt ſiger Frrund ſe vielmehr Heſlicher .3cth kem iſt nur Einen Befugnißd anzunehmen Schube i Ehegatten darf ein Wi Shehne— ſt meine Eliſabeth 9 ainulinan beſten Dddeih ſuhn und — bebe dazu berufen fihfen di ait Vorodest Ibnen in jeden Siun e⸗ — 5 ens wuͤnſchenswuͤrdig erſch 9 de Dann zas— ſeine eigene Siitin eü aie iebenswerth iſt, wird 8 8 Alcindor erroͤthete, ei 8 7 eurdn lh e, ein ſchmerzliches Laͤ bun ine iidven Er Dwahe 3 ziuhen li,bethe bede a jeden Mann Aineen hi einensdenen u r Beſitzes derirnner⸗ 19 uUnd dieſes fauhnt. orzug aͤchten Goldes ſr be ud— W⸗ weibliche Herz hfrbe — dor ſagte dies mit— di — Se dieſe Buͤrgſchaft urrnden — iſabeth, und mit e eine Süh iibrener hinzu:„meine Hand uenſ iſt fraglich, tends aMeä— 2 re einwilligen— 1 uucues wafu* 5 Neinige zu ſeyn?“ u d es— fühlte aus dirasen Gr beth haben zee de 6 ei hith.hedehn te. Er ſeufzte ſchwer kali ſelbſt mit meiner To dceſän, 108 chter. Ich — 244— will nichts dazu thun, daß Eliſabeth ſich fuͤr meinen herzlichen Wunſch entſcheide.“ ef Bald nach dieſem Geſpraͤch kam ein Land⸗ elne mann, der den Paſtor in einer Gewiſſensſache die ohne Zeugen zu ſprechen wuͤnſchte. Alcindor ſah The ſich mit Eliſabeth allein, und er nuͤtzte dieſe Gunſt nach der Gelegenheit: denn die Zeit draͤngte. er „Eliſabeth,“ ſagte er, und naͤherte ſich:„Ihr Vater wird Ihnen geſagt haben, daß Briefe, die Abſ ich vorhin empfing, mich ſchleunigſt nach meiner Eliſ Heimath abrufen.“ häte „Ich weiß es,“ antwortete das Maͤdchen, hre und ſah ihn traurig bittend an, ohne ein Woͤrt⸗ cchd chen weiter hinzuzuſetzen. „Vielleicht war ich ſchon zu lange hier“— weich fuhr er fort, mit einem Ausdruck den Eliſabeth ſeine unmoͤglich mißverſtehen konnte:„und es wird nur ſchar von Ihnen abhangen, theure Eliſabeth, ob ich Schi wiederkommen darf, um Sie nie mehr zu ver⸗ ſh laſſen.“ Eliſabeth blickte ſchweigend vor ſich hin, leib als wolle ſie den Umfang dieſer Worte ermeſſen, kein braͤutliches Erroͤthen malte ſich in ihren blaſ⸗ ſanft ſen Zuͤgen, keine liebliche Verwirrung machte ſie ſaber befangen; ſtiller Ernſt ſchwebte um ihre Lippen, hätt und die Hand, welche Alcindor gefaßt hatte, zit⸗ var terte leiſe in der ſeinigen. lch abeth ſich fur ben kam ein Land Gewiſſensſache Aeindor ſah ʒtzte dieſe Gunſt ungte. erte ſich:„dhr daß Briefe, die † nach meiner das Miͤdchen, one ein Woͤr lange hier’— den Elſſabett nd es wird nn ſabeth, ob ſc mehr zu vel d vor ſih hin gorte ermeſſen in ihren b ung machte r ihre Liphe faßt hatte/ J — 245— Sie erwiederte:„Sie muͤſſen reiſen, und ich darf nicht vergeſſen, daß Ihr Aufenthalt bei uns eine Wohlthat fuͤr mich und meinen Vater war, die uns der Himmel in banger Zeit guͤtig zu Theil werden ließ. Unſer Dank folgt Ihnen nach, und unſere beſten Wuͤnſche ſollen Sie in die Ferne begleiten.“ „Eliſabeth!“ rief Alcindor:„ſo iſt dies mein Abſchied— auf immer?“— Beſtuͤrzt antwortete Eliſabeth:„da ſey Gott fuͤr! daß ich dies gemeint haͤtte; iſt auch mein Blick in die Zukunft truͤbe“— ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen:—„ſo hoffe ich dennoch, Sie einmal wiederzuſehen.“ „Eliſabeth, theures, holdes Weſen! Sie weichen mir aus“— ſagte Alcindor, und legte ſeinen Arm, als wolle er ſie halten, um ihren ſchlanken Leib.„Wollen Sie die Sorge fuͤr Ihr Schickſal nicht in dieſe treue Hand legen? darf ich Ihnen nicht der naͤchſte Freund ſeyn und bleiben?“ „Ach Alcindor!“ entgegnete das Maͤdchen ſanft, ohne Straͤuben:„laſſen Sie die arme Eli⸗ ſabeth! meine Liebe iſt nicht mehr mein; ſie ge⸗ hoͤrt einem Ungluͤcklichen, deſſen einziger Troſt ſie war: wie moͤgte ich ſie ihm entziehen, um gluͤck⸗ lich zu werden?“ — 246— „Wenn aber Ihr Vater— liebe Eliſabeth, wir alle ſind ſterbliche Menſchen“— verſetzte Alcindor, und zoͤgerte eine Befuͤrchtung auszu⸗ ſprechen, welche Eliſabeth fuͤr ſeinen Antrag be⸗ ſtimmen ſollte.“ „Wenn mein Vater ſtirbt,“ antwortete Eli⸗ ſabeth, und ein Laͤcheln der Ruhe, und getroſter Freudigkeit verſchoͤnte ihr frommes Geſicht:„ſo lebt der liebe Gott ja noch, der wird mich nicht verlaſſen; ich traue feſt auf Ihn.“ Alcindor ſchwieg lange. Endlich ſagte er: „und der Mann ihrer Liebe? iſt er dieſes ſchoͤnen Herzens auch wohl werth? hat er nicht vielleicht ſein Elend ſelbſt verſchuldet?“ Alcindors Stimme wankte, als waͤre das Gewicht dieſer Frage ihm zu ſchwer. „Und wenn dies auch,“ ſprach Eliſabeth leiſe:„ſo hat ja das Verlorne ſtets den groͤßeren Werth, und eine verzeihende Liebe iſt zugleich die ſeligſte. Das reinſte Leben gab ſich zu einem Opfer der Suͤhne hin, und der Richter uͤber den Sternen wird mein zerſchlagenes Herz nicht ver⸗ achten.— Aleindor! Sie haben mir das Hoͤchſte geboten, was ein edler Mann zu verſchenken hat: Ihre Liebe, Ihre Treue, die ganze Fuͤlle Ihrer Vorzuͤge; ich gebe Ihnen dagegen mein theuerſtes Gehe Freu um ſang und Der deg Br ſtil das in! ich ſcho naht höbe dan der iha mͤt tnn Eſ den tn, diſ G geſ be Eliſabeth, — verſetzte htung auszu⸗ n Antrag be⸗ atwortete Eli⸗ und getroſte Geſicht: 1ſo d mich nicht ich ſagte er: dieſes ſchoͤnen nicht vielleicht dors Stimme er Frage ihn ach Eliſabeth dn gröſen iſt zugleich die ſich zu ein hter üͤber den derz vicht be ir ds Hicſ eichenken bi zuͤlle Im nein theuen Geheimniß, laſſen Sie es unter dem Siegel der Freundſchaft ruhen. Sie haben dieſes Vertrauen um mich verdient. Ich lernte voriges Jahr einen jungen Fremden hier kennen, der fernher kam, und auf einer fluͤchtigen Reiſe begriffen war. Der Zufall— giebt es einen? legte ihn im An— beginn unſerer Bekanntſchaft ohnmaͤchtig an dieſe Bruſt, ich fuͤhlte, wie der Schlag ſeines Herzens ſtille ſtand— und von dieſem Moment an ſchlug das meinige fuͤr ihn. Er blieb laͤngere Zeit krank in unſerm Doͤrſchen, ich ſah ihn taͤglich, und als ich ſein trauriges Geſchick erfuhr, war ich ihm ſchon durch tauſend anziehende Faͤden der Theil⸗ nahme verknuͤpft. Unaufloͤslich, lieber Alcindor! hoͤren Sie er war der Sohn einer angeſehenen Familie, und wahrlich! ein edler Menſch. Mit der Anwartſchaft auf ein reiches Erbe, verſtieß ihn ein unnatuͤrlicher Vater, mißleitet durch ſtief⸗ muͤtterlichen Haß, ſeine Mutter hatte er nie ge— kannt. Sein eigner Zoͤgling lehrte ihn ſein Herz Erſatz ſuchen, und er lernte den Freund kennen, den er in ſich ſelbſt truͤge. Ich hatte keinen Va⸗ ter, ſagte er mir in der Stunde jenes Bekennt⸗ niſſes: und ſo wendete ich der Liebe kindliche Gluth, deren heimiſche Altaͤre entweiht und um⸗ geſtuͤrzt waren, meinem Vaterlande zu. Die — 248— Natur war meine Mutter, an deren treuer Bruſt ich erwarmte, wenn ich fremd und verhaßt im elterlichen Hauſe nur eine ſchneidende Kaͤlte em⸗ pfand.— Mein armer Freund,“ ſo ſetzte Eliſa⸗ beth ihre Erzaͤhlung fort:„ſtudirte in E. Medi— zin, und ſchloß ſich daſelbſt einem jungen Schle⸗ ſier von edler Herkunft, mit aller Kraft ſympa⸗ thiſirender Geſinnungen an. Daß der Schleſier mit gleichem Enthuſiasmus ſeine Provinz liebte, und ihre Schoͤnheiten pries, wie Jener jeden Vorzug ſeines Geburtslandes, that ihrer innigen Freundſchaft keinen Eintrag, wohl aber geſchah dies auf andere Weiſe. Der Schleſier ward in ein zaͤrtliches Verhaͤltniß verwickelt, durch welches mein Freund, eiferſuͤchtig auf das Gluͤck des ſeini⸗ gen, die Ruhe deſſelben gefaͤhrdet glaubte; denn das Maͤdchen war eine arge Coquette, und den Beweis zu fuͤhren nicht ſchwer, daß es den jun⸗ gen Edelmann nur an ſich gelockt, um dermal⸗ einſt eine vornehme, vermoͤgende Dame zu wer⸗ den, waͤhrend es mit einem Andern liebelte.— Aber dieſer Verblendete ließ ſich nicht warnen. Er ward vielmehr mißtrauiſch gegen Den, der es doch ſo redlich mit ihm meinte. Endlich kam die Zeit der Trennung fuͤr meinen Freund. Er wollte eine Reiſe nach Schleſien und Boͤhmen machen, treuer Bruſt —verhaßt im de Kaͤlte em⸗ ſetzte Eliſa⸗ in E. Meͤ⸗ ungen Schle⸗ Kraft ſompa⸗ der Schleſer rovinz liebte, Jener jeden hrer innigen aber geſchah ger ward in zurch welches uͤk des ſein laubte: dend te, und den es den jun um dermal mme zu wel⸗ liebelte.— ſcht warnen Den, der di lih kam de Er wollt un machen und dann erſt einen Plan fuͤr ſeine Zukunft. Ein großer Kreis Commilitonen verſammelte ſich zum Valet. In einem unſeligen Rauſche erneuerte ſich der alte Streit, ein heimlicher Gaͤhrungsſtoff entwickelte ſich ſchnell, und einige hitzige Koͤpfe in der Geſellſchaft ſchuͤrten zu. Eine furchtbare Exploſion erfolgte. Die Freunde griffen ſich per⸗ ſoͤnlich an, dann zu den Waffen—— und— o Gott im Himmel! alles endete todtenſtill. Ich wollte ihn retten, ſagte er mir: ihn, den ich wie mein Leben liebte; aber ich konnte ihn nur er— morden. Wie man ein koͤſtliches Gefaͤß zerbricht, um es von einem Wurme zu reinigen, der innen niſtet.— Doch Alcindor! Sie ſehen ſo bleich— und ich fuͤrchte, Ihnen iſt immer noch nicht ganz wohl!“ ſagte Eliſabeth, und athmete tief. „Ich verſetzte mich in jenem Fall, und fuͤhlte mich von dem Gedanken ergriffen,“ antwortete Alcindor, und ſank, unfaͤhig ſich laͤnger aufrecht zu erhalten, in einen Stuhl.„Doch liebe Eliſa⸗ beth, was ward nun aus Ihrem Freunde?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie betruͤbt: „kaum geneſen ſchied er von hinnen, um Anver⸗ wandte aufzuſuchen, die er in Boͤhmen haͤtte. Ich habe nichts weiter von ihm gehoͤrt, obgleich er es mir verſprochen, wir wuͤrden uns wieder⸗ — ——— — 250— ſehen. Ach! ſein Anblick, ſein Leiden, ſein letztes Wort that mir unſaͤglich weh, ich fuͤhlte ſeinen Schmerz, und mußte ihn in mich verſchließen; doch bin ich ſeitdem keiner Freude mehr zugaͤng⸗ lich geweſen.“ „Und— wenn er nun— auch nicht mehr lebte?“— fragte Alcindor, ſichtlich im innern Kampf und zuckenden Toͤnen, als wollte ſeine letzte Hoffnung beſchließen. „Dann,“ antwortete Eliſabeth:„waͤre die Welt mir auch erſtorben, und keine Blume des Gluͤcks wuͤrde mir auf dem weiten Gebiet der Erde bluͤhen. Ein Wunſch nur bliebe mir: daß der Hingeſchiedene Jenſeits Gott und ſeinem Freunde verſoͤhnt waͤre. Dafuͤr wollte ich arbeiten, eine dienſtbare Magd lebenslang, und das haͤr⸗ teſte Loos willig in Geduld tragen: wenn mein Lohn nur ihm zu Gute kaͤme.“ „Und wenn dies hienieden noch moͤglich waͤre? wenn jener Todtgeglaubte noch lebte, und ſeinen Freund liebte wie einſt und immer?“ fragte Alcin⸗ dor wieder, und ſtand in heftiger Bewegung auf. Seine Augen glaͤnzten, auf ſeinen Wangen leuch⸗ tete ein Widerſchein wie Morgenroth, er machte Miene, Eliſabeth zu umfaſſen. „O Alcindor! welch ein entzuͤckender Ge⸗ ſein letztes üͤhlte ſeinen verſchließen; hehr zugaͤng⸗ nicht mehr im innern wollte ſeine „waͤre die Blume des Gebiet der e mir: daß und ſeinem ich arbeiten, ad das haͤr wenn mein öglih waͤte! und ſeinen nate Alein vegung auf angen leuch „ et machte kendel 6e — 251— danke!“ ſagte Eliſabeth, und im Innerſten davon ergriffen, bebte ihr ganzer Koͤrper:„aber doch nur ein luftiges Bild. Sie ſehen— es zerrinnt.“ Sie brach in Thraͤnen aus, und ein Auferſtehungs⸗ feſt, ein Wiederfinden, die losgeſprochne Schuld des Geliebten, der ganze Himmel floß in ihre Seele. Alcindor umſchlang Eliſabeth— da trat der Paſtor ein, er glaubte ein paar Verlobte zu ſtoͤren, und ſein Blick weilte mit Vergnuͤgen auf Beiden. Doch Eliſabeth entfernte ſich alsbald, allzu⸗ ſehr erſchuͤttert, bedurfte ſie einſamer Erholung. Alcindor bat ihn, ſeiner Tochter zu ſchonen, und fuͤrs erſte nur auf ſeine Geſundheit bedacht zu ſeyn. Er habe mit Eliſabeth geſprochen; doch ſo lange ihr Vater leidend waͤre, koͤnne ſie keinen Muth zu irgend einem Entſchluß faſſen, der ſie ſelbſt betraͤfe. Die Sorge um ihn fuͤlle ihr das ganze Herz. Paſtor Dagon ſchwieg nachdenklich, zum erſtenmale war er mit der kindlichen Liebe ſeiner Tochter unzufrieden. Alcindor verſprach hierauf, wenn es ihm nur irgend moͤglich waͤre, nach Ver⸗ lauf eines Monats wieder zu kommen. Am Abend ſpaͤt fluͤſterte Aleindor Eliſabeth zu:„hoffen Sie, theure Eliſabeth! hoffen Sie — 252— alles! der aͤchte Glaube hat Wunderkraͤfte, und wahre Liebe wird belohnt. Die Liebe empfaͤngt das Verlorne was ſchon beweint war, zuruͤck, und der Glaube weckt die Todten auf. Ein kal⸗ tes Herz nur hat kein Leben, ob es auch ſchluͤge; mechaniſch, ein Kunſtwerk des großen Meiſters, laͤuft es ſeine Zeit ab. Liebe nur allein iſt die goͤttliche Triebfeder, welche unſere heiligſten Kraͤfte in Bewegung ſetzt, und die Kette aller Weſen um die Unendlichkeit ſchlingt.— Gute Nacht denn, Eliſabeth! traͤumen Sie die Erfuͤllung ihrer ſchoͤn⸗ ſten Wuͤnſche, und alles werde wahr!“ er druͤckte einen warmen Kuß auf des Maͤdchens Stirne, als ſollten die aufgeregten Gedanken wie unter dem Siegel der Zuverlaͤſſigkeit ruhen. Am andern Morgen fruͤh, als noch die Sterne uͤber dem kleinen Pfarrhauſe flimmerten, und der Schlaf mit bleiernem Gefieder jedes Auge deckte, war Alcindor ſchon abgereiſt, und hatte ein ſchrift⸗ liches Lebewohl an den Paſtor und Eliſabeth hin⸗ terlaſſen, ſich und ihnen den Schmerz des Ab⸗ ſchieds zu erſparen. Das Wetter klaͤrte ſich bald nachher auf; in entwoͤlkter Blaͤue leuchtete der Himmel uͤber raͤfte, und empfaͤngt a, zwruͤck, Ein kal⸗ ch ſchluͤge; Meiſters, lein iſt die ſten Kraͤfte ler Weſen acht denn, hrer ſchoͤn⸗ er druͤckte Stirne, wie unter die Sterne n, und der uge deckte, iin ſchift abeth hin⸗ des Ab⸗ dem Teppich des Schnees, der nunmehr auf feſtem Boden ruhete, fluͤchtige Strahlen der Winterſonne blendeten druͤber hin, und die Luft ſtill, doch ſcharf, grundirte die kleinen Fenſter der Pfarre mit ſilbernem Gebluͤme. Der Paſto jedoch befand ſich uͤbler als vorher. Er der mißte Alcindor ſehr, der mit freundlicher Zu⸗ ſprache ſo oft den boͤſen Geiſt der Krankheit ge⸗ ſchworen, und gehindert hatte, daß der Patient ſich ſelbſt belauſchte, um jede kleinſte Veraͤnderun im Koͤrper zu ſpuͤren. Zudem hatten ihm die ct teren Geſpraͤche ein zweifelhaftes Gefuͤhl don Hoffnung und Unmuth nachgelaſſen, das ihm ſchwer zu tragen war, um ſo mehr, als er gegen das Ende des Jahres ſich einem Total⸗Abſchluß enkgegen ſehnte. Er haͤtte Eliſabeth zuͤrnen megen iör vorwerfend, daß ſie ſeine Beruhigung von ibrer eignen abhaͤngig gemacht, und den Freund, ihnen zum groͤßten Gluͤck geſendet, ohne das lleine Ja⸗ wort reiſen laſſen. Er merkte wohl, daß nitt allein der kindliche Sinn ſeiner Tochter deſe Aufſchub bedingt, zu einer Entſcheidung, die d 3 alle ihre Gefuͤhle der Hingebung an ihre vuncht unterwarf; doch hielt ihn der leiſe Groll dehaſs nur ab, mit Eliſabeth uͤber dieſe Angelegenhen zu = 254— reden. Er wollte ihr Zeit goͤnnen, ihr Beſtes ſelbſt zu bedenken. In dieſer ſchweigſamen Mißlaune ſagte er ihr auch nichts, daß er einen Boten beſtellen ließ, den er uͤber die Grenze nach dem boͤhmiſchen Arzt ſenden wollte. Er ſchrieb, und ſetzte ſeine Krank⸗ heit ſo weit der Raum des Briefes es geſtattete, eines Langen und Breiten auseinander, fuͤgte das Rezept und einen Auszug ſeiner Geſchichte hinzu, auf daß der Doctor pruͤfen moͤge, ob es anzuwen⸗ den ſey— und bat um einen baldigen Beſuch des Arztes. Schon am folgenden Tage kam der Doctor Siegfried, und brachte den Boten ſelbſt zuruͤck. Eliſabeth erroͤthete froh, als der Genannte in die Stube trat. Ein kleines, braunes, duͤrres Maͤnn⸗ lein, tief in Pelz vermummt, ein leibhaftiges Bild des Winters; aber ſeine Wiſſenſchaft und Kunſt hatte ihn nicht allein auf einen gruͤnen, ſondern, wie die Sage ging, auf einen goldnen Zweig gebracht. Weder der Begriff ſeiner Schaͤtze, die er auf einem oͤden Schloſſe huͤtete, und welche unmoͤglich Fruͤchte ſeiner Praxis ſeyn konnten, da er faſt durchgaͤngig nur ein Arzt der armen war, noch der Gedanke an die Wunder, welche er nach der Meinung des Volkes gethan haben jihr Beſtes une ſagte er beſtellen ließ zmiſchen Atzt ſeine Krank⸗ es geſtattete, er, ſuͤgte das hichte hiuzu, es anzuwen⸗ igen Beſuch der Doctor ſadſt zurück aannte in die uͤrres Maͤnn⸗ libhaftige nnſchaft und nnen gräͤnen, en goldnen net Schaͤbe „ und welche konnten⸗ —-— 255— ſollte: gab ſeiner Erſcheinung fuͤr Eliſabeth dieſe Bedeutſamkeit. Wie ein kuͤnftiger Fruͤhling ſchwebte Ahnung ihr um dieſe kleine, vertrocknete Geſtalt, die ſtarren Baͤnder der Sorge loͤſeten ſich von dieſem Buſen, den ſie preßhaft befangen gehalten, das Herz ging ihr weit auf, und ihre Pulſe klopften frei und voll. Auch der Blick des Arztes verweilte lange auf dem liebenswuͤrdigen Maͤdchen, ehe er an den Zweck ſeines Kommens ging. Er brachte dem Paſtor Medizin mit, und floͤßte ihm guten Muth und voͤlliges Zutrauen ein. Als der Geiſtliche waͤhrend der Anweſenheit dieſes werthen Beſuches abgerufen wurde, eine Taufe zu verrichten, trat der Arzt zu Eliſabeth und ſprach:„ſeyn Sie nur ganz getroſt, mein gutes Kind! ich habe die Uebel Ihres Vaters kaum ſo ſchlimm gefunden, als ich dachte. Es liegt in der Natur Unterleibskranker, daß ſie ihren Zuſtand in erhoͤheter Potenz fuͤhlen, da hingegen toͤdtliche Bruſtleiden oftmals leicht genommen werden, und ein kurzer Athem faſt immer am Quell des Lebens zu ſchoͤpfen hofft.— Ich glaube die Geneſung des Herrn Paſtors ver⸗ buͤrgen zu koͤnnen, wenn es auch ein wenig lang⸗ ſam damit gehen ſollte.“ Da beugte Eliſabeth ſich nieder, ergriff und — 256— kuͤßte die hagerer Hand des Doctors ehe er es hindern konnte, und eine dankbare, freudige Zaͤhre netzte dieſe geſegnete Hand, welche ſo manchen Spruch des Lebens geſchrieben. Paſtor Dagon kam ſehr bald zuruͤck, er hatte ſich unglaublich beeilt, und das Kind den heiligen Geiſt wie im Fluge empfangen. Schauernd ent⸗ ledigte er ſich des rauſchenden Talars und der Agende, und bat den Arzt, der nach der Uhr blickte, noch ein Glaͤschen alten Ungar anzuneh⸗ men, auf daß inneres Feuer auf der kalten, abend⸗ lichen Reiſe vorhalte. Eliſabeth holte eine bemoſete Flaſche aus dem Winkel des Kellers, und ſchwerlich duͤrfte die reizende Hebe dem weiſen Chiron, wenn er als ein Sohn des Saturn im Rath der Goͤtter ſich befaͤnde, mit holderer Miene Nectar gereicht haben, als womit Eliſabeth ſeinem greiſen Schuͤler, einem Maͤnnchen, das aus dem Geſchlecht der Pygmaͤen entſproſſen ſchien, den koͤſtlichen Wein credenzte, der noch ſeit ihrem Tauftage aufgeho⸗ ben lag. „Wenn ich wieder zu Ihnen komme,“ ſagte der Doctor, indem er zur Dankſagung trank: „fuͤr heute iſt es nun ſchon zu ſpaͤt, als daß ich mich laͤnger noch aufhalten koͤnnte:— ſo bitte ich tors ehe er es freudige Zaͤhre he ſo manchen zuruͤk, er hattt no den heiligen Schauernd ent alars und der nach der Uhr naar anzuneh⸗ lalten, abend⸗ „Flaſche aus werlich durft jron, wenn er th der Gotter Nectar gereich reſen Schuͤlet Geſchlecht der eſtlichen Wein ſtage auſgeho komme ſagte kſagung unnk jt, als daß— „— ſe bit 4 ich — 257— ich Sie, mich in Ihre Kirche zu fuͤhren, woſelbſt ein Bild vorhanden, das eine Familien⸗Merk⸗ wuͤrdigkeit fuͤr mich iſt. Schon lange habe ich es zu ſehen gewuͤnſcht; doch iſt es immer ge— blieben, wie man alles ſo gern in die Ferne ſchiebt, was eben recht nahe zu erreichen waͤre. Eine Frau von Berga, einſtmals die Beſitzerin meines Guͤtchens, das ich guͤtiger Ueberlieferung durch das Erbrecht verdanke, hat es hierher ge⸗ ſchenkt, wie Ihnen aus der Stiftungs⸗Acte be⸗ kannt ſeyn wird. Und durch Tradition nur habe ich erfahren, wie die wuͤrdige Dame, welche eine Stille im Lande war, dazu gekommen.“ Er erzaͤhlte hierauf in Kuͤrze, was unſere Leſer ſchon wiſſen. Eliſabeth hoͤrte mit hochgeſpanntem Intereſſe dem Doctor jedes Wort vom Munde, und ihre Phantaſie ergaͤnzte das kleine Fragment. Die Heilige hatte einen Seiten⸗Altar im Herzen des Maͤdchens, das ihren Namen fuͤhrte. Doctor Siegfried kam jedoch nicht ſobald wieder; er hatte eine Kranke im Hauſe, die er nicht verlaſſen konnte, und die aͤrztlichen Ver⸗ ordnungen fuͤr den Paſtor wurden ſchriftlich er⸗ neuert, wenn dieſer Bericht erſtattete von ſeinem Befinden, womit es ganz leidlich ging. Alcindor 17 1 — 258— ließ nichts von ſich hoͤren— ſo herrſchte denn tiefe Stille in der kleinen Pfarre. Die Klagen des 6 Paſtors ſchwiegen, er hatte viel zu thun, und das i Licht brannte den kurzen Tag hindurch in ſeiner n 4 1 Studirſtube, dunkle Stellen der Bibel zu beleuch⸗ V 1 1 ten, und die Abbreviaturen ſeiner eignen Handſchrift 6 in dem Entwurf der Weihnachts⸗Predigten.— Eliſabeth war, ſeit es ſich mit ihrem Va⸗ 5 ter beſſerte, einer großen Laſt enthoben, die ihr 1 ſanftes Gemuͤth druͤckend empfunden hatte. Sie ſ 6 athmete leichter, ja zuweilen ſchwellte ihr eine ge⸗ 1 heime Feder in der Elaſtizitaͤt der Empfindung 1 das Herz, und es erhob ſich dann in einem hoͤ— me heren Gefuͤhl als dem der Befreiung. Ihr Leben floß zwar einfoͤrmig, ohne Freude dahin, nur der ſer Fleiß lieh ihm ſtillen Reiz, und die Ruhe be⸗ nit lohnte den Tag, der unbemerkt im Geleite haͤus— tn licher Pflichten vergangen war; aber Eliſabeth d kannte auch eitles Streben, und die Unluſt geſaͤt⸗ z0 tigter Wuͤnſche nicht. Sie hatte nur eine Sorge, Kf eine Sehnſucht, und da die erſtere ſich zu heben d ſchien, war es ihr nun auch, als wuͤrde die letz⸗ 96 1 tere fruͤher oder ſpaͤter befriediget werden. Iſt d 1 es nicht immer ſo, daß wir mit einer erfuͤllten u Hoffnung die Gewaͤhr fuͤr alle uͤbrige in gewiſſen ln 1 * Vorausbeſitz nehmen?— errſchte denn ie Klagen des thun, und das urch in ſeiner el zu beleuche en Handſchrift Predigten. t ihrem Va⸗ aben, die iht hatte. Sie eihr eine ge⸗ Empfindung in einem hd⸗ Ihr Leben ahin, nur der die Ruͤhe be Geleite haͤus ber Liſföet ſ geſaͤt Unluſt ge — 959— Die Chriſtnacht war nun voruͤber, und das Feſt der Geburt des Herrn. Der Paſtor hatte freudig dabei geleiſtet, was ſeines Amtes war, und ohne merklichen Nachtheil fuͤr ſeine noch nicht voͤllig erholten Kraͤfte. Jetzt kam des Neujahrs feierlicher Morgen, und mit ihm Eliſabeth, ihrem Vater Gluͤck und Heil zu wuͤnſchen. In großer Nuͤhrung ſegnete der wuͤrdige Geiſtliche ſein Kind. Und wie er ſeine Hand, deren Beruf religioͤſe Weihe war, an dieſe reine Stirne legte, dachte er, daß der naͤchſte Fruͤhling ihr nun wohl den Brautkranz bringen werde, und er haͤtte dieſe Freude gezeitiget ſehen moͤgen. Eliſabeth aber dachte an ſeiner Bruſt: ſie haͤtte nun den Vater noch, und er wuͤrde ihr mit Gottes Huͤlfe! fuͤr eine laͤngere Dauer erhal⸗ ten ſeyn.„Ja meine Tochter,“ ſprach Paſtor Dagon:„ich hoffe nun ſelbſt, daß der Herr der Zeiten mir noch ein Weilchen vergoͤnnen wird, auf der Bahn des Lebens mit Dir fortzuwan⸗ deln, bis ich Dich einem treuen Fuͤhrer uͤber⸗ geben habe. Dann ſcheide ich ruhig.“ Er citirte den Alcindor in Gedanken, daß er dieſe geliebte Hand in die ſeinige legen moͤge; jenem Fremd⸗ ling aber der dieſes harmloſe Herz verſtoͤrt, und blutige Qual in den heiligen Frieden von Eliſa⸗ 17* — 260— beths Gemuͤth getragen, wuͤnſchte der gute Geiſt⸗ liche ein fernes Grab zur ewigen Ruhe, weil er ja doch ſeines Daſeyns auf Erden nicht mehr froh werden koͤnnte, und hielt ihm im Geiſte eine kleine, verſoͤhnende Standrede zum letzten Ge⸗ daͤchtniß. Der Januar war ſo gemaͤßigt, die Luft wehete ſo lind, die Voͤgel der Cythere pickten und zwitſcherten ſo heimlich um die geſchuͤtzten Fenſter, daß jeder Sonnenblick lieblich taͤuſchte, als waͤre jene ſchoͤnſte Zeit ganz nahe. Jetzt kam ein Brief von Aleindor, der ſeine baldige Ankunft verkuͤndigte. Eliſabeth erſchrak: denn ihres Va⸗ ters Hoffnung, er werde ſeinen Schwiegerſohn in ihm empfangen, war ſehr feſt, und des Maͤd⸗ chens Zuverſicht wankte, daß es von dieſem Freunde ſelbſt Schutz fuͤr die gefuͤhlte Unmoͤglichkeit er⸗ warten duͤrfte, ihm als Gattin anzugehoͤren. Sie hatte ſich mit ihrer ſcheuen Liebe zu ſeinem Edel⸗ muth, zu ſeinem Zartſinn gefluͤchtet; allein dieſer ſonſt ſo vortreffliche Character, offen jeder ſchoͤnen Regung, jedem verkannten Gefuͤhl, zeigte eine Seite, von der ihn die Selbſtſucht verſchloſſen hielt, und das arme, geaͤngſtete Herz durfte keine Zuflucht daſelbſt hoffen. Womit aber wollte Eli⸗ ſabeth ihr Weigern gegen des Vaters Wunſch ver⸗ der gute Geiſt Rahe, weil er den nicht mehr im Geiſte eine im letzten Ge⸗ figt, die Luſ Eythere pickten die geſchuͤtzten eblich taͤuſchte, he. Jett kan aldige Ankanf enn ihres Ve Schwiegerſoh 4 und des Mid dieſem Freund miglihkeit n ugehbren. 2 — 261— theidigen? ihrer Sanftmuth fehlte jede Waffe, ſich ihm bei ernſtlichem Dringen entſchieden zu widerſetzen. So glaubte ſie denn, ihrer eignen Ohnmacht ſich bewußt, wenn es ſo weit kaͤme, wuͤrde ein Gott ſich rettend ihrer annehmen, und:— Wer es glaubt, dem iſt das Heil ge nah!— Da man Alcindor im Pfarrhauſe mit jeder Stunde erwarten durfte, und Eliſabeth eben ſo gewiß auf ein Ereigniß rechnete, das ſeiner Ab⸗ ſicht entgegen traͤte: ſo befand ſie ſich in einer ganz ungewoͤhnlichen Spannung. So oft ſich draußen etwas regte, lauſchte ſie von der Arbeit auf, das kleinſte Geraͤuſch ruͤhrte an ihre Nerven; das leiſeſte Klopfen an der Thuͤre machte den Schlag ihres Herzens ungeſtuͤm, ein haſtiges Wort ihres Vaters, das er in amtlicher Eilfertigkeit ſprach, erſchreckte ſie, wie ein jaͤher Ausſpruch von hoͤchſter Wichtigkeit. In dieſer erhoͤheten Stimmung Eliſabeths, fand alles den Anklang einer Theilnahme, welche ſonſt ihrem Gemuͤthe ſo zart als ſicher beſaitet, und doch ohne geſchraubte Ueberſpannung, in ſol⸗ chem Grade fremd war. So ſtand ſie an einem beſonnten Tage am Fenſter, und ſchauete einer Brautfahrt zu, die — 262— ſich von der Kirche in Bewegung ſetzte. Das ganze Dorf war um den feſtlichen Zug verſam⸗ melt. Die Eingaͤnge ſtanden noch weit geoͤffnet, mit Wintergruͤn geſchmuͤckt: denn die Tochter des reichen Windmuͤllers, welche der Paſtor eben ge— traut, hatte, als die gefeierte Schoͤne der Gegend, und als das einzige Kind ihres Vaters, allen Aufwand laͤndlicher Poeſie, und hochzeitlicher Ehren in Anſpruch genommen. Die Brautfuͤhrer trugen maͤchtige Blumenſtraͤuße, ſogar die Pferde wieherten ſtolz unter der Zierde des Bouquets, und manches Blaͤttchen war im Gedraͤnge ver⸗ loren gegangen, und lag geſtreut am Boden. Endlich war alles ſtill und leer um den Platz geworden; doch Eliſabeth blickte noch hinuͤber, und an ihrer Seite ſtand der Vater im geiſtlichen Schmuck, und ſchien ſich einer innern Beſchauung zu uͤberlaſſen. Jetzt fuhr ein Wagen den Weg herauf, und hielt ploͤtzlich vor den Hauptthuͤren der Kirche. „Nun, Wer kommt denn da?“ fragte Paſtor Dagon, und ſchaͤrfte die Sehkraft ſeines guten Auges, zwei maͤnnliche Perſonen zu erkennen, welche ausſtiegen.„Die kleine, bepelzte Figur dort,“ fuhr er fort:„ſieht doch grade aus, wie Doctor Siegfried— wahrhaftigl er iſt es ſelbſt!— d ſetzte. Das Zug verſam⸗ weit geuffnet, die Tochter des Paſtor eben ge⸗ ne der Gegend/ Vaters, allen Hhochzeitlicher ie Brautfuͤhrer gar die Pferde es Bouquets, Gedraͤnge vet⸗ n Boden. um den Plab noch hinuͤber, r im geiſtlichen Beſchauung zu n Weg herauf ren der Kirche fragte Paſtor ſeines guten zu erkennen, epehßte Füut rade aus/ wie ſt es ſelbſt!= — 263— Und der Andere im offnen Mantel— es iſt Alcindors Wuchs und Groͤße— ſollte er“—— Eliſabeth erblaßte, und zitterte an allen Glie⸗ dern. Sie ſtarrte nach jener Stelle, und erwie⸗ derte kein Wort. „Komm Maͤdchen,“ ſagte der Paſtor, und faßte die Hand ſeiner Tochter:„wir wollen ſehen, Wer da ſo unvermuthet in unſerm Gotteshauſe einſpricht. Ich muß mich als den Wirth deſſel⸗ ben betrachten, und ſo iſt es mein Recht wie meine Pflicht, die Honneurs zu machen.“ Er ſagte dies in einem Anfluge ſeiner alten, guten Laune. In dieſem Augenblicke klopfte es auf der andern Seite an das Fenſter.„Ew. Ehrwuͤrden bekommen lieben Beſuch!“ rief der Schulmeiſter, und verſchwand ſogleich, als haͤtte er auf dem Sprunge geſtanden. „Ich weiß es ſchon,“ antwortete der Geiſt⸗ liche. Jener aber hoͤrte es nicht mehr. Der Paſtor rauſchte hinaus, als floͤßen Ströme ewigen Lebens von ihm nieder; ihm folgte Eliſabeth ſtumm und bleich, wie ein Schat⸗ ten, ihr Schritt ſchwebte uͤber den feſten Schnee. Hinter ihr rollte es naͤher und naͤher, es war ihr, als vernaͤhme ſie die Raͤder des Schickſals; — — 264— ſie ſah ſich nicht um, es zog ſie fuͤrder, unſicht⸗ bar fuͤhrten Engel ſie in die Vorhalle der Selig⸗ keit. Sie traten durch die Sacriſtey in das In⸗ nere der Kirche. Doctor Siegfried ſtand wirklich in kleiner Lebensgroͤße vor dem Altar, und neben ihm ein junger Mann, dem Paſtor ein Fremder. „Ach ſieh da,“ rief der Erſtere als er den Geiſtlichen gewahrte:„Herr Paſtor! es iſt gut, wenn die Kranken dem Arzt entgegen kom⸗ men; ich freue mich, Sie ſo zu ſagen auf dem Platz zu finden. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Vetter vorſtelle; Ludwig Leſtloy.“ Der Verwandte des Doctors beugte ſich mit dem Ausdruck der tiefſten Ehrerbietung vor dem Paſtor, und dieſer begruͤßte den jungen Mann verbindlichſt in Ruͤckſicht auf den Arzt, den er dankbar ehrte. „Eliſabeth!“ wendete er ſich zuruͤck:„wo ſteckſt Du denn?“ Eliſabeth lehnte an einem Pfeiler, wie ein haͤuslich gekleidetes Marmorbild, ohne Leben, ohne Sprache; doch die Seele, welche dieſer ſchoͤnen Geſtalt entflohen ſchien, hatte ſich in den Blick gefluͤchtet, womit ſie dem Begleiter des Doctors Auge in Auge ſah. nagen ſch Pa bebe Fre erd und Vir nich eeder, unſicht⸗ le der Selig⸗ ey in das In⸗ ſtand witklich a,, und neben ein Fremder. eals er den ſtor! es iſ ntgegen fom⸗ gen auf dem zich Ihnen loy.“ ugte ſich mit ung vor dem ungen Mann Arzt, den ei zurüͤck:„wo ler, wie iin ohne keben/ elche dieſer 3 ſch in den egleiter ſes — 265— „Eliſabeth!“ wiederholte dieſer mit leiſen, zagenden Lippen. Der Arzt laͤchelte;„es ſcheint, ſie kennen ſich ſchon“— fiel er vermittelnd ein. Des Paſtors Miene fragte ſeine Tochter. „Herr Leſtloy,“ ſtammelte Eliſabeth mit bebender Stimme:„iſt eben mein kranker Freund“—— Der Paſtor fuͤhlte ſich auch nicht wohl, als er den Beweinten vor ſich ſah, lebend, liebend und geliebt— wie ihm aus der gegenſeitigen Wirkung dieſer Naͤhe erhellte. Er hatte jedoch nicht Zeit, ſein Benehmen zu ordnen. „Und hier iſt der ſeinige!“ erſcholl es hinter ihnen, das Echo der Kirche gab den lauten, erſchuͤtternden Ton zuruͤck; er ſchien ein Hall des juͤngſten Tages, aus den Poſaunen zu dringen, welche kleine Cherubskoͤpfe aus dem Wolkenhim⸗ mel der Stuccatur ſtreckten. Alcindor, der unbemerkt herangeſchritten war, umfaßte den Fremden mit offnen Armen. Leſtloy ſchwankte, der Boden bewegte ſich unter ihm, er glaubte zu verſinken. Blaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht, ſeine Zuͤge ſanken ein, und wie damals glitt er auf das Polſter der Altarſtufe. „Stehen die Todten wieder auf?“ fragte er — 266— tonlos, und hob die verdunkelten Augen empor. In heftiger Ruͤhrung druͤckte Alcindor das Haupt des Freundes an ſeine Bruſt, und ſprach:„faſſe Dich doch, Ludwig! Du ſiehſt ja, ich lebe noch, und liebe Dich wie immer; es war nur ein ſchwe⸗ rer Traum, der uns befangen hielt, und uns trennte. Wir ſind erwacht, wir finden uns wie⸗ der— und ſo ſchuͤttle die laͤhmende Ohnmacht von Dir, und freue Dich mit Selbſtgefuͤhl unſe⸗ rer Freundſchaft!“ Er druͤckte ihn innig an ſeine Bruſt. Eliſabeth kniete dicht neben der Gruppe, ihre Haͤnde waren gefaltet, ihre Augen ruheten auf dieſem entzuͤckenden Anblicke, und ein Strahl des Himmels glaͤnzte darin. Der Arzt war um ſeinen Vetter beſchaͤftiget; doch Paſtor Dagon trocknete in ſtiller Theilnahme ſeine Thraͤnen. Sonnenlicht ſpielte freundlich um die heilige Scene, und das Bild der Landgraͤfin ſchauete ſeelenvoll darauf nieder. Leſtloy richtete ſich auf.„Ach!“ ſprach er zweifelhaft, als fuͤrchtete er, die geliebte Geſtalt ſey eine weſenloſe Erſcheinung, und werde ihm wieder entſchwinden:—„ich moͤgte am liebſten, wie jener Unglaͤubige, meine Finger in Deine Wundemaale legen“— dor n uch Ludw mich Schn hauſ Inſt darin inen auch niem Nach der letun ten lugen empor. or das Haupt ſprach:„faſſe ch lebe noch, nur ein ſchwe⸗ tt, und uns den uns wie⸗ de Ohnmacht lxefih unſe mig an ſeine der Gruppe, gen ruheten deein Strah Arzt war um aſtor Dagon ne Thraͤnene die heilige zfin ſchauete ſptach et dai Geſtalt werde ihm an liebſten⸗ t in Deine 8 ½ = 267— „Sie ſind vernarbt“— antwortete ihm Alcin⸗ dor mit einem Laͤcheln wehmuͤthiger Ruhe:„und auch mein Herz iſt geheilt. Laß es gut ſeyn, Ludwig. Du warſt nur der Wundarzt, der mich durch einen ſcharfen Schnitt von giftigen Schmerzen befreiete, und ich ſegne Dich dafuͤr.“ Man ging nun zuſammen nach dem Pfarr⸗ hauſe, wo es zu Eroͤrterungen kam. Seit der Inſtallation des Paſtors war kein froherer Abend darin gefeiert worden, obgleich Doctor Siegfried einen ſchwarzen Flor um den Arm trug, und ſo auch Ludwig Leſtloy. Dieſer war von ſeiner Heimath aus, daß er niemals dahin zuruͤckkehren moͤge, mit der falſchen Nachricht getaͤuſcht worden, daß ſein Freund an der im Duell ihm beigebrachten toͤdtlichen Ver⸗ letzung geſtorben ſey. Verſtoͤrt, ſelbſt aus mehre⸗ ren leichten Wunden blutend und krank, verließ er den vaterlaͤndiſchen Boden; der Rauſch war verflogen, in welchem er ihm das Theuerſte ge⸗ opfert, was er beſaß. Er erinnerte ſich ſeiner Anverwandten in Boͤhmen, die er unter andern Umſtaͤnden beſuchen wollte, und ſein Gedaͤchtniß half ihm dumpf auf die Spuren ihres vergeſſenen Daſeyns. Er hielt, nachdem was er von ſeinem Vater gehoͤrt, den kleinen Vetter Siegfrieg fuͤr — 268— einen duͤrftigen Laboranten, der in einem Winkel jener Berge Kraͤuterthee miſche, Balſam praͤpa⸗ rire, und ſein Weſen ſo unbekannt als unſchaͤdlich treibe. Und dies war es, was der arme Leſtloy ſuchte: verborgene Stille, um die Wunde der Seele ausbluten zu laſſen, die nur der Tod heilen koͤnnte, den er ſich troſtlos erſehnte. Sein Weg fuͤhrte ihn uͤber Goldenſaat, und hier war es, wo ihm Eliſabeth gleich einem Engel der Begna⸗ digung erſchien, und ſein zeriſſenes Gemuͤth durch Bande der Liebe wieder an das Leben knuͤpfte. Er hielt es jedoch fuͤr unedel, das theure, ſchuld⸗ loſe Geſchoͤpf an ſein Verhaͤngniß zu binden, und ſo gab ſein Vorſatz Eliſabeth frei. Erſt dann, wenn ſie den tiefen Eindruck des Mitleids, von der Hingebung an eine gluͤckliche Liebe unter⸗ ſcheiden koͤnnte, wollte er ſie wiederſehen. Aber als Leſtloy auf den kleinen Edelhof in Boͤhmen ritt, dachte er wohl nicht, daß ſeines Gluͤckes Stern uͤber dem verfallnen Schloſſe ſtuͤnde!— Er fand die herrlichſte Aufnahme. Die Vergangenheit trat in Ludwigs Geſtalt, der ſeinem Großvater aͤhnelte, vor den kleinen Doc⸗ tor, und er bewies ſich ihm ſo freundlich, wie er das Andenken ſeines Lehrherrn dankbar verehrte. Er meinte ſtill, eine hoͤhere Leitung haͤtte den einem Winkel alſam praͤpa⸗ als unſchädlich arme Leſtloh Punde der eer Tod heilen Sein Weg hier war es, el der Begna⸗ Hemüͤth durch eben knuͤpfte. heure, ſchubd⸗ binden, und Erſt dann, Mitleids, von biebe unkel⸗ ſehen. i Edelhof in t, daß ſeines nen Schloſt eAufnahme Geſtlt der lleinen Doe nblich/ wie et bat verehtt g hätte den — 269— Juͤngling hierher gefuͤhrt, daß er ſein und ſeiner Schweſter Erbe wuͤrde. Als Leſtloys auf Sieg⸗ frieds Fragen ſeiner Erfahrungen im elterlichen Hauſe, mit Apathie erwaͤhnte, die der kleine Mann fuͤr einen Grad des Kummers nahm, der uͤber das bewußte Gefuͤhl jener Kraͤnkungen hinausrage, ſagte er vaͤterlich:„graͤme Dich darum nicht armer Ludwig. Sie gedachten es boͤſe mit Dir zu machen, und ſiehe! Gott hat es gut gemacht. Du biſt von nun an mein Sohn. Und an Dir will ich vergelten, was Dein Großvater an mir gethan. Der Zahltag kommt fuͤr alles in der Welt. Die Zeit iſt zwar zuweilen eine ſaͤumige Schuldnerin, und ſtellt Wechſel aus, die keine Boͤrſe honorirt; aber endlich wird ſie jedem An⸗ ſpruche gerecht, und— Wohlthun traͤgt Zinſen!“ Tante Sibylle, obzwar ſelbſt ſchwach und ſiech, pflegte den Vetter mit Sorgfalt und Liebe. Leſtloy fand zu ſeinem Erſtaunen hier eine vor⸗ treffliche Bibliothek, nicht allein fuͤr ſein Fach, ſondern auch fuͤr Botanik und Pharmacie, ein Laboratorium, dem kein erforderlicher Apparat fehlte, und in dem kleinen Doctor von dem er eine ſo geringe Meinung gehabt, einen Mann, der die hoͤchſte verdiente. Er beſaß ausgezeichnete Kenntniſſe, und nuͤtzte ſie doch nur anſpruchslos. — 270— Leſtloy entdeckte ihm ſein Ungluͤck, und Siegfried behandelte dieſen Leidenden ſacht und ſanft, ohne ihm Troſt aufdringen zu wollen, deſſen Balſam nur das Arkanum der Zeit iſt. So ging der Winter in tieſter Stille hin. Die abſtracten Studien, welche Leſtloys ein⸗ zige Beſchaͤftigung waren, zogen ihn doch leiſe von Erinnerungen ab, an denen ſeine Seele haf⸗ tete; die Wiſſenſchaft ward ſeine Wohlthaͤterin. Die Welt hoͤrte auf in dieſen Mauern, in welche nur der Ruf der Krankheit einen Zugang, und der ſchleichende Schritt des Elends offne Pforten hatte. Leſtloy kam ſich hier wie ein Verbannter vor; Siegfried und Sibylle alt und zwerghaft, walteten wie ein paar wohlthaͤtige Gnomen um ihn her, und er ergab ſich in leidender Gelaſſen⸗ heit der huͤlfreichen Macht, die ſie auf ihn uͤbten. Als das Fruͤhjahr kam, kraͤnkelte Tante Si⸗ bylle bedenklicher, und der Doctor fand es fuͤr noͤthig, daß ſie eine entfernte Heilquelle gebrauche. Er bat den Vetter Leſtloy ſeine Schweſter dahin zu begleiten, und die Aufſicht uͤber ihre Cur zu fuͤhren. Es geſchah. Sie kehrten ſpaͤt zuruͤck, da ſchon die Blaͤtter fielen, und der erfahrne Siegfried fuͤrchtete, daß ſeine Schweſter ſchwer⸗ lich das junge Gruͤn des kuͤnftigen Jahres erle⸗ hen ihr b ihn nicht wiede teen, Beiſt ſaat ſche den f hein 1 ftied gebe wite ſtunſt dern Auten 4 nd ſi . 1 fii dott ſcht, nd Siegftied a ſauft, ohne eſſen Balſam So ging der Leſtloys ein, hn doch leiſe ne Seele haf⸗ Pohlthäterin. en, in welche ugang, und ſne Pforten Verbannter zwerghaft, Gnomen um er Gelaſſen⸗ f ihn üͤbten. Tante Si⸗ fand es fuͤr le gebrauche. veſter dahin re Cur zu pit zurͤc, er erfahrne ſter ſchwer⸗ Jahres erle — 271— ben werde. Die Palmen der Ewigkeit winkten ihr bereits. Er trug Leſtloy noch eine Reiſe auf, ihn zu zerſtreuen. Tante Sibylle konnte das Bett nicht mehr verlaſſen, da Leſtloy gegen den Advent wiederkam, im boͤhmiſchen Schloſſe zu uͤberwin⸗ tern, dem Doctor wie der Kranken ein treuer Beiſtand. Als der Arzt zum Paſtor in Golden⸗ ſaat berufen wurde, verrieth Leſtloy ungewoͤhn⸗ liche Theilnahme, und die Angſt, womit er nach den kleinſten Umſtaͤnden fragte, beinahe das Ge⸗ heimniß ſeiner Liebe. „Die Tochter des Geiſtlichen,“ ſprach Sieg⸗ fried mit Waͤrme:„iſt ein liebes Maͤdchen! Gott gebe ihr Gluͤck!— Sie iſt Braut, wie man ſagt, mit einem jungen Schleſier von vornehmer Ab⸗ kunft. So erzaͤhlte mir die Frau des Brauers, der mich auf meiner Ruͤckfahrt anhielt, ſich einen guten Rath von mir zu erbitten.“ „Braut?“ wiederholte Leſtloy erbleichend, und mit dem Gewicht dieſes Woͤrtleins war ſeine letzte Hoffnung verſunken. „Du kennſt dieſe Eliſabeth?“ fragte Sieg⸗ fried, und fixirte ihn. „Ob ich ſie kenne?“ gab Leſtloy zur Ant— wort; ein truͤbes Laͤcheln ſtieg in ſein blaſſes Ge⸗ ſicht, da er hinzuſetzte:„und zwar in ihren ſchoͤn⸗ ſten und ruͤhrendſten Eigenſchaften. Das Bild der Landgraͤfin Eliſabeth hat gleiche Milde, glei⸗ ches Mitleid in dem heiligen Buſen dieſes Maͤd⸗ chens entzuͤndet.“ Der Docctor blickte nachdenk⸗ lich und ſprach:„nun, Wer weiß, ob es auch wahr iſt mit dem Schleſier, die Leute ſchwatzen oft voreilig.“ Am Neujahr hoͤrten die Zahlen der Zeit fuͤr die gute Sibylle auf, und traurig hing ihr Bru⸗ der den neuen Kalender unter den Spiegel, der ihm ſein Auge in Thraͤnen der Betruͤbniß zeigte, wie der kleine, zufriedene Mann ſie nie geweint. Die Stille im Schloſſe ward nun noch ſtiller. Als das Begraͤbniß voruͤber war, fuͤhrte Doctor Siegfried Leſtloy an den Verſchluß, der ſeinen Reichthum barg, und ſprach:„ſieh Ludwig! dies iſt nun einmal Dein! Du biſt der Erbe deſſen, was das Gluͤck mir gegeben, und ich hinterlaſſe es Dir mit meinem Segen. Gebrauche es weis⸗ lich das geliehene Gut der Erde: denn ſie be⸗ haͤlt ihr Eigenthum zuruͤck, und legt es in fremde Haͤnde, wenn der Himmel uns zur Rechenſchaft fordert.“ Leſtloy erſtaunte— aber er freuete ſich we⸗ nig. Der liebſte Freund war ihm todt, Eliſabeth eines eines einſame 5 der Do gedenke Reiſe n Stuͤckch ihe ich Sibylle nach eit Deinem ſs Gaͦt de dünſtig tenten, faderte dſlo ühnedie Das Bild Milde, glei⸗ dieſes Maͤd⸗ tee nachdenk⸗ „ob es auch te ſchwahen der Zeit fuͤr ng ihr Bru⸗ Zpiegel, det bniß zeigte, nie geweint. noch ſtilet hrte Doctor der ſeinen zudwig! dies Erbe deſſen, — hinterlaſt che es weis enn ſi be in ftende gechenſceft eie ſich we⸗ e, Elibbe eines — 273— eines Andern: u i hese eneue hilft alles Gold einem 5 nineena uns hinfort nicht mehr,“ ſagte „ und umarmte den Erben:„und ich gedenke, wann das Fruͤhjahr kommt, dine Reiſe mit Dir zu machen, auf daß ich Leaee Stuͤckchen von dieſer ſchoͤnen Welt kennen l che ich die dunkle Graͤnze beſchreite, die Tie Sibylle“—— er ſtockte in Wehmuth d tug⸗ nach einer Pauſe fort:„verharreſt du derfiht Deinem einſiedleriſchen Grame: ſo bleibt Di ſes Guͤtchen zum Aſyl.“ Saun 3 Da die Witterung ſo winterhell war, u guͤnſtig zur Fahrt, wollte der Doctor ſeiner 85 tienten, den Paſtor in Goldenſaat deſnchen 8 forderte ſeinen Vetter auf, ihn dahin zu be lei 1 Leſtloy beſann ſich, und ſchwieg.„Ich wic we ohnedies das Altar⸗Gemaͤlde anſehen,“ da der Arzt hinzu, und als er dies hoͤrte, ſchien in— dn ein gleicher Wunſch mit einer anegenden Eum nerung zu erwachen. Er bat nur, daß er in det Kirche bleiben duͤrfte, ſo lange als der D 8 im Pfarrhauſe verweilen wuͤrde. aua Den weitern Erfolg wiſſen unſere Leſer. dnonnn wie ſich imtt einem verhaͤngnißvollen en leicht alle Faͤden der Verwickelung loͤſen: 18 — 274— ſo ergab ſich alles Uebrige nun ohne Schwierig⸗ keit von ſelbſt. „Ich mußte dem Tode verfallen ſcheinen,“ ſagte Alcindor zu ſeinem Freunde, um inne zu werden, daß ich das Spielwerk einer Buhlerin geweſen.„Wie viel habe ich Dir abzubitten, Leſtloy! Du warnteſt mich— doch ich Verblende⸗ ter mißtrauete nur Dir. Ohne jene Cataſtrophe, war ich feſt entſchloſſen, mein Schickſal an jenes veraͤchtliche Geſchoͤpf zu knuͤpfen, Du haſt eine Kette der Schmach und meines lebenslaͤnglichen Ungluͤcks gebrochen, und ich danke Dir dafuͤr. Dieſes Herz aber“— hier zog er die ergluͤhende Eliſabeth naͤher:„iſt reines Gold, und hat ſich im Feuer der Pruͤfung bewaͤhrt. Doch“— ſetzte er mit halber Stimme und abgewendet hinzu: „iſt, der ſich fuͤr den Meiſter der Probe hielt, der Flamme ſelbſt ein wenig zu nahe gekommen.“— Er druͤckte das Herz voll brennenden Schmerz an die Bruſt ſeines Freundes, und erſtickte was er noch haͤtte ſagen moͤgen, in einer Umarmung. Indeſſen hatte Doctor Siegfried mit dem Paſtor geredet. Er hehlte in der offnen Sache ſeiner Werbung um die liebenswuͤrdige Eliſabeth fuͤr ſeinen Vetter, das große Vermoͤgen nicht, was Leſtloy einſt beſitzen wuͤrde. Der gute Geiſt⸗ Schwierig ſcheinen,“ m inne zu r Buhlerin abzubitten, Verblende⸗ Lataſtrophe, al an jenes haſt eine slaͤnglichen Dir dafür ergluͤhende und hat ſch 9“= ſebte ndet hinzu: drobe hielt ommen” e Schmelj erſticke was marmung. d mit dem fnen Sach d Eliſabeth zaen nicht, gute Geiſ — 275— liche verachtete den Reichthum nicht, wenn er ihn auch nur ſo viel als billig ſchaͤtzte; und ſo gab die Erwaͤgung, ſeine Tochter werde die Fuͤlle haben, den leichten Gruͤnden ihre Wahl zu ſegnen— die Liebe, ein Aether! fuͤllt ja nur Schalen des Himmels— uͤberwiegenden Ausſchlag. „Und ſo daͤchte ich,“ fuͤgte der kleine Arzt ſofort hinzu:„Sie, lieber Herr Paſtor, legten Ihr Amt nieder, und goͤnnten ſich einen ruhigen Feierabend. Sie ſind an Eliſabeths zarte Pflege gewoͤhnt, und beduͤrfen annoch des Arztes. So bleiben wir zuſammen, und Die da ſtark ſind— ich meine unſere Kinder— helſen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen. Bei dem Beginn des Sommers gehen wir nach Toͤplitz ins Bad, das Sie curmaͤßig gebrauchen ſollen.“ „Nach Toͤplitz!“ rief der Paſtor verklaͤrt: „dort werde ich meinen guten Koͤnig ſehen, und an ſeinem Anblick vollends geneſen!“ „Dann,“ fuhr der Doctor fort:„reiſen wir weiter, hierhin, dorthin, wo und wie es uns beliebt.“ „Nach der Wartburg!“ fiel ihm der Paſtor begeiſtert ein:„ſollte mir dieſer Wunſch noch in Erfüllung gehen, che denn ich ſterbe?“ 18* — 2476— Bei dieſer Freude des Geiſtlichen, die ſich an der Grenze des greiſen Alters noch kindlich aͤußerte, entflammte den Doctor ein ſeliges Ge⸗ fuͤhl. Er rief mit erhobener Stimme:„am Rhein, am Rhein! da wachſen unſre Reben—— wir ziehen das ſchoͤne Thal entlang, laſſen uns nichts Sehenswerthes entgehen, und genießen endlich den Anblick einer Traubenleſe in den Weinbergen.“ „Und Alcindor geht mit uns?“ fragte Paſtor Dagon, indem er die Hand nach ihm ausſtreckte; die Frage hatte unverkennbar den Ton des Be⸗ duͤrfniſſes, alle dieſe Freuden mit dem geliebten Freunde zu theilen. In dieſem Augenblicke er⸗ ſcholl im Hausflur eine Harfe und ein Geſang, womit die armen Zugvoͤgel der Kunſt, gelockt von einem Sonnenſtrahl, ein Kruͤmchen Brodt auf offnen Straßen ſuchen. Im kleinen Zimmer der Pfarre trat eine tiefe, horchende Stille ein, man hoͤrte die Athemzuͤge ſaͤuſeln, und ein Tenor, ein⸗ fach doch ruͤhrend, ließ ſich in folgenden Verſen hoͤren. Ade! mein trautes Vaterland! Ich ziehe fort und fern; Das Leben flieht, es rinnt der Sand— Mir bleicht des Glückes Stern. Ade! es wird mir hier ſo weh— und dennoch blieb ich gern. wen ndie trüͤ D ter Fra /, die ſich ich kindlich ſeliges Ge⸗ am Rhein, —— wir uns nichts gen endlich einbergen.“ agte Paſtor ausſtreckte; des Be⸗ geliebten enblicke er⸗ n Geſang, gelockt von Brodt auf immer det ein, man Tenot, ein en Verſen — 277— Ade! du meiner Heimath Haus! Du ſteheſt feſt, ich nicht; Es zieht gewaltſam mich hinaus— Ob auch das Herz mir bricht. Ade! es wird mir hier ſo weh— und bleiben kann ich nicht. Ade! du meiner Kindheit Baum! Du grünes Schattenſpiel! Hier gaukelte manch ſüßer Traum, Brach ich der Früchte viel. Ade! es wird mir hier ſo weh— mir winkt ein höheres Ziel. Ade! du meine holde Braut! Nun gehe ich allein— Wirſt einem Andern angetraut, Ich leide ſtille Pein. Ade! es wird mir hier ſo weh— mein ganzes Glück ſey Dein! Ade! Ihr Lieben allzumal! Wir ſehen uns wieder— einſt! Zum Abſchied füllet den Pokal— Doch Du, mein Freund— Du weinſt? Ade! es wird mir hier ſo weh— da Du es redlich meinſt. Alcindor ſchoͤpfte Odem aus tiefer Bruſt, wendete ſich zum Paſtor, und fluͤſterte ihm zu: „dieſe Stimme hat fuͤr mich geantwortet.“— Der Paſtor blickte ihn traurig an, der erſte truͤbe Tropfen fiel in den reinen Kelch ſeiner Wonne. Der Harfeniſt, ein junger, verſtuͤmmel⸗ ter Mann, begleitet von einer kleinen, huͤbſchen Frau, ward reichlich beſchenkt entlaſſen. Man begehrte kein anderes Lied. ———— 4 4 1 — 278— Wie gluͤcklich fuͤhlte ſich Eliſabeth! wie uͤber⸗ ſchwaͤnglich belohnt fuͤr allen Schmerz, der ihr nun gegen die Ewigkeit ihrer Liebe, wie ein duͤſtrer Augenblick duͤnkte; er war voruͤber. Leſt⸗ loy aber fuͤhlte ſich noch unfaͤhig, den Umfang ſeines Gluͤckes zu faſſen. Er ging wie im Taumel umher, der wuͤſte Traum ſeiner Leiden lag hinter ihm; allein er mußte ſich erſt an den Glanz ge⸗ woͤhnen, worin der Vater des Lichts ſich in ſeiner Fuͤhrung offenbart und verherrlichet hatte. Plane der Zukunft waren nun das Geſpraͤch des Abends. Paſtor Dagon ſollte alſobald das Geſuch um ſeine Dimiſſion einreichen, und Leſt⸗ loy ſein Examen vorbereiten. „Eins wuͤnſchte ich“— warf der Geiſtliche ein, indem er ſinnend vor ſich nieder blickte:„und koͤnnte ſolch ein Wort ſtattfinden, wo es darauf ankommt, daß die Vorſehung es genehmige: ſo wuͤrde ich ſagen, ich bedinge es mir: ich moͤgte gerne auf preußiſchem Grund und Boden begra⸗ ben werden, und dereinſt neben meiner lieben Frau, unter den Linden dieſes Dorfes ruhen.“ „Dies ſoll geſchehen, ſo weit es an uns ſteht!“ verſicherte ihn der Arzt und ſprach:„die Gemeine zu Goldenſaat, ein treuherziges Voͤlkchen, wird gewiß die Reſte ihres geliebten Lehrers mit un⸗ 1 wie uͤber⸗ an, der ihr e, wie ein ruͤber. Leſt den Umfang im Taumel n lag hinter n Glanz ge⸗ ſcch in ſeiner atte. as Geſprach alſobald das , und Leſt er Geiſtich ſckte: vund aes darauf nehmige: ſo te ich moͤgte zoden begra⸗ einet lieben 6 ruhen. uns Rehtl iie Gemin tcen, nid ers mit un — 279— verkuͤhlter Theilnahme empfangen.“ Und da Siegfried Eliſabeths truͤbſelige Miene ſah, die in Gedanken dem Leichenzuge ihres Vaters folgte, fuhr er ablenkend fort:„und wann ich nicht mehr bin: ſo kannſt Du Ludwig, Deinen Aufenthalt als practiſcher Arzt, nach Belieben waͤhlen, und Ort und Art Deiner Wirkſamkeit beſtimmen, wie es Dir gefaͤllt. Vielleicht haſt Du Luſt, Dich in einem Badeort niederzulaſſen, um den Nutzen Deiner Kenntniſſe an der Quelle zu ſchoͤpfen; oder geheſt nach Berlin, wo Du— Deine Zeit nicht damit verlieren darfſt, den Schatz Deiner Vaͤter zu ſuchen.“ Dies ſagte der kleine Doctor ſchlau, und aus dem Laͤcheln, welches dabei ſein ſchwaͤrzliches Geſicht, voll ſchrumpfer Faͤltchen uͤberflog, erhellte die Selbſtgenuͤgſamkeit Deſſen, dem jene goldne Frucht ohne Muͤhe zugefallen war. „Deshalb,“ fiel Eliſabeth lebhaft ein:„weil ich dies alles wußte— ich muß es nur geſtehen— war es mein heißes Streben nach Fuͤrſtenſtein zu kommen, waͤhrend der Hofhaltung der Kron⸗ prinzeſſin daſelbſt. Ich wollte— ich hatte es mir vorgenommen, und ein Gott haͤtte mir den Muth dazu verliehen— die Gnade der Kron⸗ prinzeſſin anflehen, um Ihre Fuͤrſprache, vor dem Throne in Baiern, wegen der Erbſchaft, um die — 280— mein armer Freund verkuͤrzt worden, oder bei dem Gemahl, daß Seine Hoheit dem Ungluͤck⸗ lichen Verzeihung auswirke, bei dem Vater des Getoͤdteten, und ſich durch einen Machtſpruch, hinſichtlich des Hauſes am ſchleſiſchen Thor, um das die Leſtloys betruͤgeriſcher Weiſe gebracht wor⸗ den, der Sache des Rechts annehme.“ Der Paſtor fuͤhlte ſein Zwergfell erſchuͤttert, da Eliſa⸗ beth dies alles Ernſtes ſagte; Alcindors Auge hing mit laͤchelndem Vergnuͤgen auf ihrem holden Ge⸗ ſicht, dem der ausgeſprochene Vorſatz nur hoͤhere Farben gab, und Leſtloy zog dankbar entzuͤckt ihre Hand an ſeinen ſchweigenden Mund. „Welch ein Gedanke, Maͤdchen! rief ihr Va⸗ ter aus:„es kommt mir vor, als haͤtteſt Du eben von einem Gerichtshofe im Idyllenlande geredet. Unſere Eliſe duͤrfte bei aller Guͤtigkeit, die man an Ihr ruͤhmt, doch ſchwerlich geneigt geweſen ſeyn, Ihrem Koͤniglichen Vater, oder den Be⸗ hoͤrden Seines Staates zuzumuthen, ſich in eine obſcuren Familiengeſchichte zu miſchen.“ „O! Er iſt gewiß auch ein Vater Seines Volkes!“ widerſprach Eliſabeth, mit der heiligen Zuverſicht der Unſchuld. „und dann,“ entgegnete der Geiſtliche ferner: „wie wuͤrde Seine Hoheit, der Kronprinz, ge⸗ lacht waͤre den, oder bei dem Ungluͤck⸗ m Vater des Machtſptuch, en Thot, um gebracht wot⸗ hme.“ Der ert, da Eliſa⸗ rs Auge hing holden Ge⸗ nur höhere entzuͤckt ihre riej ihr Va teſt dutben unde getedet. eit, die man eigt geweſen der den Ve⸗ ſch in eine n.“ ater Seines det heiligen lüche fema onprinj, 9e — 281— lacht haben, wenn Ihm dieſe Eroͤffnung geſchehen waͤre! wahrlich! ein Anſinnen fuͤr den Humor.“ „Wer heiter iſt,“ verſetzte Eliſabeth leiſe gekraͤnkt, und mit fallender Stimme:„iſt auch gut! ich waͤre des beſten Vertrauens zu dem Sohne unſeres Koͤnigs faͤhig. Und wenn Seine Hoheit auch wirklich uͤber mich gelacht: ich haͤtte Ihm die kleine Luſt gegoͤnnt, und meine Betruͤbniß waͤre nicht ohne Freude geweſen; haͤngt doch auch die Hyazinthe uͤber dem Waſſer— eine Blume aus Thraͤnen!“ Der Paſtor fuͤhlte ſich uͤberwunden.„Wahr⸗ lich, Kind!“ ſagte er:„Deine Liebe, Dein Glaube iſt groß! darum hat der Herr Dir auch geholfen.“ Am andern Nachmittage ließ Doctor Sieg⸗ fried ſich nun laͤnger nicht halten, weil Geſchaͤfte ihn nach Hauſe riefen. Leſtloy zoͤgerte nicht, ſich dieſem Verlangen zu fuͤgen, war es doch nur eine Trennung fuͤr kurze Zeit, und er nahm eine be⸗ gluͤckende Gewißheit mit ſich hinweg. Der Paſtor, Eliſabeth und Alcindor gaben ihnen das Geleit, der Wagen fuhr voraus, und ein Ohngefaͤhr lenkte den Schritt der Fußgaͤnger uͤber den laͤndlichen Kirchhof. Still und friedlich lag der enge Raum, unter dem die rohen Ahnen — ——-,/ ꝗ ꝗ⁰-⸗— — 282— des Dorfes ruheten, und die Sonne beſchien den Schnee ihrer Graͤber, der ſich wellenfoͤrmig daruͤber breitete, als haͤtte die Natur nur eine Huͤlle fuͤr ihre ſchlafenden Kinder. Paſtor Dagon zeigte dem Doctor das Schlum⸗ merplaͤtzchen ſeiner Luiſe, unweit der Kirche, von einem ſchmuckloſen Denkmal ausgezeichnet, worauf ſchon ſein eigener Name ſtand, mit der Luͤcke, welche die Zukunft erſt ausfuͤllen ſollte: denn der Tag des Todes iſt ſterblichen Augen dunkel.— Eliſabeth weilte tiefſinnig daneben. Leſtloy, der mit Alcindor einige Schritte zuruͤck geblieben war, umſchlang ihn, und ſprach leiſe doch innig: Schneller noch als Lethes Fluthen, Um der Todten ſtilles Haus, Löſcht der Liebe Kelch den Guten, Jedes Fehls Erinnerung aus. Sie hielten ſich lange Herz an Herz gedruͤckt. „Vergeben und vergeſſen!“ antwortete Alcin⸗ dor, und dieſe Zuſicherung war mehr bittend als gewaͤhrend.„In wenig Tagen,“ ſagte er:„ſcheide ich auch von hier; doch beſuche ich Dich jeden— falls auf dem boͤhmiſchen Guͤtchen, das mir noch andere Reminiscenzen, als die der Freundſchaft hat. Und dann—— wir ſehn uns wieder— einſt!“ A Rösche A ſſene lſabe wie an ſos de daͤe, Salle heatt und dice mer über beſchien den rmig daruͤber ne Huͤlle fuͤr das Schlum⸗ Kirche, von hnet, worauf it der Luͤcke, lte: deun der „ dunkel.— ge Schritle und ſprach n, , W gedruͤckt. vortete Aln bittend il eer: iſcheide Dich jeden⸗ ds mir noh reundſceſ 6 wieden 7 — 283— Alcindor war der Enkel jenes Mannes, den Roͤschen ſo treu geliebt. An der Sanct Hubertus⸗Capelle machte das kleine Comitaͤt Halt, um Abſchied zu nehmen. Eliſabeth ſtand auf der naͤmlichen Stelle, aber wie anders heute als damals! dort blickte ſie troſt⸗ los dem Scheidenden nach, in eine unabſehliche Oede, ein banges Geheimniß laſtete auf ihrer Seele, und ſie trug den ſchweren Gram allein; heute umfing der Entſuͤndigte ſie als Braut, und das Auge ihres Vaters heiligte den Kuß der Liebe. Die Hofſnung, bald wieder, bald auf im⸗ mer vereiniget zu ſeyn, ſchlug eine goldne Bruͤcke uͤber den raſchen Strom der Zeit.— Schnell enteilte der Wagen, langſam ging der Paſtor mit ſeiner Tochter und Alcindor nach Hauſe. Eine aͤtheriſche Geſtalt folgte ihnen nach, von einem weiten Gewande umfloſſen, blau wie die Luft der Berge. Sie uͤberſah von einem Huͤgel aus, ſinnend den Gang dieſer kleinen Er⸗ zaͤhlung, in jeder labyrinthiſchen Kruͤmmung. Da winkte die Muſe mit dem magiſchen Stabe, und das gute Doͤrfchen, die Kirche mit dem Wunder⸗ bilde, die Schmiede, worin die treue Regine haͤus⸗ lich waltete, das Schloß der Frau von Berga, die Graͤber unter den drei Linden: alles war ver⸗ — 284— ſchwunden. Daͤmmernder Duft huͤllte den weiten Naum ein, die Nacht entfaltete ihren heiligen Schleier, die ewigen Sterne wurden ſichtbar in der klaren Hoͤhe, und vergaͤngliche Traͤume ſchweb⸗ ten nieder zu den Sterblichen. Und nichts waͤre wahr? o dochl liebe Leſer. Wo jenes Doͤrfchen verſchwand, wallen goldne Saaten, das Mitleid hat noch ſeine Altaͤre auf der harten Erde, Kraͤuter ſprießen zum Heil wun— der Herzen, und manche ſanfte Hand iſt ſo ge— ſchickt als bereit, ſie zu verbinden. Auch giebt es wirklich Schaͤtze, welche ſich der Begier verſagen, und nur von der Genuͤgſamkeit gehoben werden. Liebe und Treue wohnen noch unter den Men⸗ ſchen, wenn auch oft verborgen— und wo eine milde Fuͤrſtin den goͤttlichen Vorzug fuͤhlt, der Schutzgeiſt ihres Landes, die Zuverſicht der Be⸗ draͤngten, die Verehrung der Trefflichſten zu ſeyn: da bluͤhen in ſtillen Thaten und Tugenden ihres Geſchlechts Roſen fuͤr den Himmel, die keine Zeit zerſtoͤrt. Berlin, gedruckt bei A. W. Hayn. llte den weiten ihren heiligen den ſichtbar in rraͤume ſchweb⸗ h liebe beſer. wallen goldne ine Altäre auf um Heil wun⸗ nd iſt ſo ge— Auch giebt es gier verſagen, oben werden. er den Men⸗ und wo eine g fuͤhlt/ der nſicht der Be⸗ jſten zu ſeyn: ngenden ihres el, die keine - 5olour& Grey Eornroſ Shart Green vellow Hed Magenta Cyan ——