—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ⸗ℳ-———— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk. Pf. — 4 5 7. 3„—„ n—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „J' 6. Schadenersatz. 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Im Herzen lebt mir nie geahnet Sehnen, Und Worte klingen mir im Innern!— Thraͤnen Und Jugendtraum in ſuͤßer Daͤmmerung!— Da tritt hervor, im heitern Fruͤhlingsſtrahle, Mein ſchoͤnes Bild vom Kreis der Ideale! Wenig Tage, nach dem der Ritter Trautwan⸗ gen ſich als geneſen bei dem Herzoge vorgeſtellt hatte, ordnete dieſer die Reihe praͤchtiger Feſte an, mit denen er den Sieg des Bundesverwan⸗ . ten, und Edithas Rechtfertigung feiern wollte. Ein glaͤnzendes Ritterſpiel machte den Anfang, bei dem die Herzogin, Editha an ihrer Linken, nebſt allen Damen ihres Hofes erſchien— leuch⸗ tende Sterne am Firmament. Alle waren blen⸗ dend geſchmuͤckt, und es ſchien, als wetteifre die Pracht mit der Schoͤnheit, wie der Dia⸗ . 1 mant mit der Blume. Kaum hatten ſie die ih⸗ nen beſtimmten Ehrenſitze eingenommen, als ſich Ritterſchaaren in zwei Abtheilungen, ſede Bon 3 die Schranken oͤffneten, und die prunkvollen— — 4— zwoͤlf Trompetern und vier Heerpaukern begleitet, einritten. Die erſte fuͤhrte der Herzog ſelbſt, die zweite Graf Trautwangen an. Vor beiden wehten die Panniere, die jeder fuͤhrte, das des Ritters, einen ſchwarzen Stierkopf im rothen Felde, wel⸗ cher auch auf ſeinem Wappenſchilde zu ſehen war, kannte man von dem Gottes⸗Gerichtskampf her, noch ruͤhmlichſt. Daſſelbe brauſende Roß, ſein treuer Schimmel trug ihn jetzt wieder, und ſeine Decke war mit Juwelen und Baͤndern ge⸗ putzt, waͤhrend ihn einfach edle Rittertracht und wehende Federn ſchmuͤckte, ſein hoher Wuchs war uͤber die andern erhoben; zwoͤlf Stallmeiſter auf braunen muthigen Roſſen ſchloſ⸗ ſen den Zug, der ohne ſich zu verwirren, in ſchoͤnſter Ordnung bei den Damen, ehrerbietig gruͤßend, voruͤber ritt. Dann begannen die Ring⸗ ſpiele, das Zielen nach aufgeſteckten Mohren⸗ koͤpfen mit Wurfpfeilen, dann die Kaͤmpfe und Gefechte mit Lanzen und Degen. Endlich folgte das Schießen mit Piſtolen, und was dergleichen ritterliche Uebungen mehr waren, in denen der Graf keinen Meiſter uͤber ſich fand. Immer gluͤcklicher Stoß, oder treffender Schuß geſchah, ertoͤnte das allgemeine Freudengeſchrei. Niemand gewann er die erſten Preiſe, und ſo oft ein — 5— konnte der edlen ſichern Haltung des deutſchen Ritters, der leichten und ſichern Gewandtheit, mit der er ſein weißes Roß regierte, die zrnh⸗ rende Bewunderung verſagen. Ploͤtzlich ertoͤnte Trompetenſtoß vor dem Schranken, und man ſah einen fremden Rit⸗ ter, welcher bei dem Herzoge um die Erlaubniß anfragen ließ, an den Ritterſpielen Theil neh⸗ men zu duͤrfen.„Ha! das iſt Douglas!(rief freudig Ritter Trautwangen dem Herzog zu) Ich kenne ihn an dem himmelblauen Schilde mit. den drei rothen Sternen im ſilbernen Felde! Von Geburt ein Schotte— die ſiegreichſte Lanze im Unions Heer!— aber wo mag er herkommen?“ „Hoͤchſt wahrſcheinlich mit Auftraͤgen an Uns von der Union!(antwortete der Herzog ver⸗ gnuͤgt) Er iſt willkommen, doch wollen wir den Gang des Feſis nicht unterbrechen, ob uns gleich die Theilnahme eines ſo geachteten Ritters an demſelben, hoch erfreuen wird.“ Lord Douglas ritt alſo ein in die Schran⸗ ken, im ſchwarzen Harniſch und auf ſchwarzem Roß, ein gediegenes Bild ſich ſelbſt beiwußter Kraft; grüſßte die Damen evrfarchrsvan u — 6— Preis⸗ und Kampfſpielen Theil; das Gluͤck zeich⸗ nete auch ſeine erprobte Geſchicklichkeit guͤnſtig aus, und als Ritter Trautwangen den Dank aus den Haͤnden der lieblich ergluͤhenden Edi⸗ tha— eine goldne Kette mit dem Bruſtbilde des Herzogs, und eine himmelblaue Schaͤrpe von ihrer Hand empfing, reichte ihm die Herzogin den letzten Preis, einen goldnen Pokal, den er gewonnen hatte. „Ihr ſeyd zu rechter Zeit erſchienen, Herr Ritter!(laͤchelte ſie mit ihrer anmuthigen Huld) um jenen Sohn des Gluͤcks zu verhindern, daß er nicht alles an ſich nahm.“ „Und dennoch, Frau Herzogin, wuͤrde ich ihm gern jeden Preis goͤnnen!(antwortete Dou⸗ glas) er iſt mein Waffenbruder und Freund, wiewohl wir ſehr verſchieden an Jahren ſind. Traͤgt doch der ſtolze junge Waldhaum gern den Reif und das Eis des Winters— Nach beendigtem Ritterſpiel bewillfonimten ſich die beiden Kriegskameraden mit traulichem Handſchlag und Douglas bekraͤftigte die Vermu⸗ thung des Herzogs von ſeiner Gegenwart; er kam wirklich in Auftraͤgen ſeiner Feldherrn. „Von Dir habe ich ſchon gehoͤrt!(ſetzte er freundlich hinzu) Es war voraus zu ſehn, daß — Trautwangens Stierkopf, wenn er ſeine Hoͤrner! anſetzte, ſiegen mußte; und eben ſo wenig wun⸗ dert mich, was Du thateſt, wenn Deine Verthei⸗ digung jener ſchoͤnen Dame galt, von der Du vorhin den Preis empfingſt, deren Farben Du traͤgſt, und deren Blicke Dir ſo ſonnigte Strah⸗ len zuwarfen.“ „Wuͤnſche mir Gluͤck, alter Ehrenhort! (antwortete Trautwangen) ſie iſt meine Braut! — Du ſollſt alles erfahren, uͤbernachte in mei⸗ ner Herberge!— jetzt— hoͤrſt Du, die Poſau⸗ nen rufen zum Bankett— und ich verlaſſe Dich — die Ketten der Schoͤnheit und Liebe zu tra⸗ gen!“— Nach Fiorinas Anordnung fuͤhrte jede Da⸗ me ihren Ritter an einer leichten Blumenkette zur Tafel, und der begluͤckte Trautwangen ſchmirgte ſich jetzt in die Roſenfeſſeln ſeiner ſchoͤnen Gelieb⸗ ten, die gleich nach dem herzoglichen Paare fol⸗ gen mußte. In ſonderbarer Schauluſt verſun⸗ ken ſtand Ritter Douglas und ſah dem bunten Zauberkreiſe nach— aber ſein Blick hing an Edi⸗ tha. Ihr goldnes Haar, ihre blauen Augen, ihr Blick, ihr Wuchs, ihr ſuͤßes Laͤcheln riefen Er⸗ innerungen in ſeine Seele, die ſein Herz unge ſtuͤm gegen den Harniſch ſchlagen ließen. End. — 8— lich verſank er in ein truͤbes Sinnen, aus dem kaum die Pflicht, den Herzog zu beachten, der ihn auszeichnete, ihn ermuntern konnte, und eben ſo tiefſinnig folgte er, als Alles vorbei war, ſeinem gluͤcklichen Freund nach Hauſe. Dort eroͤffnete ihm Trautwangen Alles, was geſchehen war; denn der Ritter war ſein vaͤter⸗ lich geſinnter Vertrauter ſeit langer Zeit, da ſie oft zuſammen gefochten, gekaͤmpft, geſiegt hat⸗ ten, und mancher weiſe Rath hatte den jungen Mann geleitet auf der Bahn des gemeinſchaftlichen Lebens; daher verſchwieg er ihm jetzt auch nichts von dieſen Ereigniſſen und von den lebhaften Ge⸗ fuͤhlen, die ſein bisher ſo kuͤhles Herz fuͤr die rei⸗ zende Editha durchgluͤhten. Als er aber im Ge⸗ ſpraͤch dieſen ihren Namen nannte, ſo durchzuckte es den ernſten Douglas, wie das Eiſen vom Stahl beruͤhrt, oder das Brennglas unter den zuͤndenden Sonnenſtrahlen. „Edithal(ſprach er langſam) Die Jung⸗ frau heißt Editha?— O, erzaͤhle— erzaͤhle mir Alles, was Du von ihr weißt!“ Jetzt beſann ſich Trautwangen, daß Edi⸗ thas Vater ein ſchottiſcher Ritter ſeyn ſollte, er heftete forſchende Blicke auf die bewegten Zuͤge des edlen Lords, und eine dunkle Hoffnung: er ———— — 9— kenne vielleicht etwas von den Umſtaͤnden ihrer Familie, gluͤhte in ihm auf, aber er zwang ſich, Alles treu und wahr zu berichten, was er von der Geliebten und ihren Schickſalen wußte. Als er des Pachthofs erwaͤhnte und Utzbergs als ihre Pflegeaͤltern nannte, von Editha's gluͤcklichen Rettung aus Feindes Hand ſprach, die ihm das Geſchick gegoͤnnt hatte, und von ihrer Flucht— da enthuͤllte ſich vor Lord Dou⸗ glas Seele Marinas Verſprechen und Alles, was ſie als wahr behauptet hatte, und das Zauber⸗ bild ſeiner verlornen Tochter ſtand klar in Edi⸗ tha vor ſeinen Blicken. Je mehr jedoch ſeine innere Ueberzeugung wuchs, um ſo mehr be⸗ herrſchte er den Ausbruch ſeiner Freude, und als Trautwangen vollendet hatte, ſprach er mit an⸗ ſcheinender Ruhe: „Und Du willſt wirklich die Jungfrau, uͤber deren Herkunft noch ſo viel Dunkelheit verbrei⸗ tet iſt, zu Deiner Gemahlin erheben? Wie? wenn dieſes Raͤthſel nun unaufloͤsbar bliebe— und das edle Geſchlecht der Trautwangen“... „Es kann durch die ſeltene Tugend und Froͤmmigkeit meiner Editha nur einen neuen Glanz erhalten(unterbrach ihn lebhaft der junge Mann) und mein Entſchluß ſteht feſt, daß ſie — 10— mein Weib wird, und waͤre ihr Vater ein nie⸗ derer Bettler. Aber— es war ja, als ob Du etwas von ihr ahneteſt? Auch biſt Du ja ſelbſt ein Schotte, und wuͤßteſt vielleicht einen Lands⸗ mann“.. „Die Erinnerung an einen ſchoͤnen Jugend⸗ traum entzuͤckte mich bloß!(ſprach ablehnend der Ritter) ſteht aber Deine Liebe auf ſo feſtem Grunde, ſo wird der Himmel ſie ſegnen! Jetzt laß uns der Ruhe pflegen, die wir Beide nach dem heutigen Tage beduͤrfen!“ Sie begaben ſich darauf zur Ruhe. Fruͤh Morgens bat Lord Douglas ſeinen Freund, ihn zu ſeiner Geliebten zu fuͤhren und ihr vorzuſtellen, welches bei dem Geraͤuſche des vergangenen Tages unmoͤglich geweſen war. „Ich bin begierig,(ſprach er laͤchelnd) die⸗ jenige naͤher kennen zu lernen, die einen meiner Landsleute ſo nahe angehen ſoll!“ Und Ritter Trautwangen willfahrte ihm gern, denn er uͤberzeugte ſich im Voraus, daß Niemand Edithas naͤhere Bekanntſchaft machen koͤnne, ohne von ihr entzuͤckt zu werden, und freute ſich, das Vorurtheil ſeines Freundes ge⸗ gen ſeine Wahl ſo buͤndig widerlegen zu koͤnnen; auch war es ohnehin Sitte, daß jeder Ritter V — 11— ſeine Dame Tags nach den Feſtſpielen beſuchte, theils um ihr den Hof zu machen, theils um ſich ſelbſt munter und geſund zu zeigen, damit Niemand glauben moͤge, dieſe nicht geringen koͤr⸗ perlichen Anſtrengungen haͤtten auf ihn irgend einen widrigen Einfluß zu haben vermocht. Auch war Editha, von dieſer Sitte unterrichtet, des willkommenen Beſuchs ſchon gewaͤrtig und be⸗ reits angethan, um ſich zu der Herzogin zu be⸗ geben. So trat ſie in zuͤchtiger Schoͤnheit und Anmuth den beiden Rittern entgegen und neigte ſich ehrerbietig, als derjenige, der ihr Herz be⸗ ſaß, ihr jetzt ſeinen Freund, als einen Schotten von Geburt, vorſtellte. Als ſie aber Lord Dou⸗ 4 glas, ihm gleich einem Engel nahend, erblickte, das weiße, fleckenloſe und Silber ſchimmernde Gewand, das ihrer Unſchuld ſo angemeſſen war, eine himmelblaue Schaͤrpe und eigen Tuͤrkis⸗ Schmuck, blau wie ihre funkelnden Augenſterne, in den hellblonden bis zur Erde wallenden Lo⸗ cken, da ſtand er, wie vom Blitz geruͤhrt, ſtill, denn ihm war's, als ſey die Zeit ſeines herr⸗ lichſten Jugendgluͤcks ploͤtzlich verjuͤngt, und als erblicke er— ſeine verklaͤrte Editha! Ja— ſie 3 war es— er erkannte das Licht des Tages, j je⸗ den ihrer wohlwollenden Zuͤge! Es waren ih Farben, ihre Blicke, ihre Toͤne, ſo— juſt ſo hatte er ſie zum erſten Male am Throne der ſchoͤnen Churfuͤrſtin Eliſabeth von der Pfalz ge⸗ ſehen, und ſein Herz war jenem Anſchaun ge⸗ folgt!— Kaum wußte er in dieſem Augenblicke etwas von ihrem— ſo oft ſchmerzlich bejammer⸗ ten Verluſt, ſie war ja wieder da— wieder le⸗ bendig vor ſeinen Augen, und er— trunken vom Gluͤck! So ſtand er da, unbeweglich, und ſein feuriges Auge hing ſo feſt an dem ſchoͤnen Ant⸗ litz, daß von ſeinen Flammen ins Innerſte des Herzens getroffen, die Jungfrau ergluͤhend und zuͤchtig zu Boden ſah. Und wieder war auch das einer von ſeiner Editha Blicken, und alle Zweifel wichen auf einmal aus ſeiner Seele, ſein Gefuͤhl uͤberwaͤltigte ihn. „Ja— ja, Du biſt's!(rief er jetzt aus) meine Editha!— ihre Tochter! mein Kind! mein Kind! mein Kind!“ Und mit ſtarkem Arm umfing er die Zit⸗ ternde und riß ſie an ſeine Bruſt, ſie mit zaͤrt⸗ lichen Kuͤſſen bedeckend, ſeine maͤnnlichen Freu⸗ denthraͤnen rollten an ihren ſchon erbleichten Wangen herab, und zu ſeinen Fuͤßen hin glitt die gluͤckliche Editha, ſeine Kniee umfaſſend— — 13— leiſe ſtammelte ſie:„Ja! mein Vater! gewiß mein Vater! Du hehres Bild meines Traums! Aber jetzt beugte der froh uͤberraſchte Traut⸗ wangen neben der Geliebten das Knie, und zog des Freundes Hand an ſeine freudig klopfende Bruſt: „Wenn Du ihr Vater biſt,(rief er) ſo wirſt Du ja auch der Meinige werden wollen! ſegne uns, Douglas, ſegne Deine gluͤcklichen 1 Kinder!“ Da umſchlang Lord Douglas das gluͤckliche Paar; druͤckte beide an ſein volles— ſeliges Herz und ſprach: „Ich ſegne Euch! Ihr ſeyd eins des an⸗ dern wuͤrdig! Eure Liebe ſey begluͤckter, ſey dauerhafter, als die meine es war!“ Lange hielt ſich die ſchoͤne Gruppe feſt um⸗ ſchloſſen; endlich kam es, als langſam der Strom des Entzuͤckens, der Sturm der Gefuͤhle ver⸗ rauſcht war, zu Eroͤffnungen, ſie konnten aber, immer, noch von Wonne unterbrochen, nur ſehr oberflaͤchlich ſeyn. Wußten doch alle jetzt, daß ſie einander durch die heiligen Bande der Natur angehoͤrten, und mit dankbarem Entzuͤcken pries Vater und Tochter— Marina, der ſie das al⸗ les verdankten. 3 — — — 14— Es ward hohe Zeit, ſich zu der Herzogin zu begeben, und ſobald es auch den Rittern er⸗ laubt war, ihr ihre Huldigung darzubringen, nahm Lord Douglas Gelegenheit, der edlen Be⸗ ſchuͤtzerin ſeiner Tochter, die gluͤckliche Entde⸗ ckung ihrer Geburt, ſo wie ihre Verlobung mit dem Graf Trautwangen, ihrem Retter, im Bei⸗ ſeyn aller ſie umgebenden Damen bekannt zu machen. Froh und theilnehmend bezeigte Fio⸗ rina ihrer Guͤnſtlingin die wohlwollenden Ge⸗ fuͤhle eines ſchoͤnen Herzens, und ihrem Beiſpiel nachahmend, uͤberhaͤufte man ſie mit Gluͤckwuͤn⸗ ſchen, die vielleicht nicht frei von Neid und Ei⸗ ferſucht waren. Auch der Herzog, von dieſen unerwarteten Ereigniſſen in Kenntniß geſetzt, blieb mit ſeiner Theilnahme um ſo weniger zuruͤck, als Douglas der Ueberbringer ihm wichtiger und angenehmer Bothſchaft war, da es wirk⸗ lich ſchien, als wuͤrde die Wahl zum roͤmiſch⸗ deutſchen Kaiſer, von Seiten der Union auf ihn fallen, da er unter den katholiſchen Fuͤrſten al⸗ kein ihr Bundesgenoſſe worden war. Er gab noch den Abend ein prachtvolles Feſt, das ſich mit einem glaͤnzenden Balle beſchloß, wie er, ſagte, zu Ehren der ſtatt gefundenen Entdeckung, und der Verlobung des Rheingrafen Trautwan⸗ — 15— gen mit der Lady Editha Douglas; wahrſchein⸗ licher aber wohl, ſeinen eignen ſtolzen Vorem⸗ pfindungen. 2. „Der Sturm der Liebe riß mich in den Abgrund!“ (aus Noſamunde von Koͤrner). Edithas barmherzige Milde, vergaß ſelbſt bei der gluͤcklichen Umgeſtaltung ihres Schickſals, und im Rauſche der Liebe und Freude den ungluͤcklichen Feind nicht, der bei dem Gottes⸗ gericht, das fuͤr ſie ſo reich an den herrlichſten Folgen war, durch ihres Retters ſiegreichen Arm toͤdtlich verwundet ward, und jetzt auf dem Siechbette ſchmachtete, wo er weder leben noch ſterben konnte. Der ungluͤckliche Muskitos ward jetzt zum Gegenſtand ihrer waͤrmſten Theilnahme, und ſie konnte ſich nicht beruhigen, wenn ſie bedachte: daß ihr Gluͤck, ihre Ehrenrettung irgend einem Menſchen das Leben koſten ſollte, denn daran, daß er ihr Verfolger geweſen war, hatte ihr ſchoͤnes Gemuͤth auch nicht mehr den fernſten Gedanken. Ihr kleiner Freund Bellamo, der immer noch bereit war, ihre Wuͤnſche zu ver⸗ füllen„ und ſtolz, ihre Auftrige nushurichted,—— — 16— hatte ſich bereit finden laſſen, den Verwunde⸗ ten, der fuͤr ihn als Marinas Zoͤgling und Hauptmann der Zigeunerhorde nicht fremd war, die Erquickungen als von fremder Hand zuzu⸗ ſtellen, die ſie ihm ſandte, und zu ihrem Schmerz erfuhr ſie durch ihn, die Groͤße ſeines Leidens, und die Todesgefahr in welcher er ſchwebte. Sie machte ihren Vater, an dem ſie bald ein menſchenfreundliches Gemuͤth, und edles Herz kennen lernte, mit den Quaalen des bedauerns⸗ werthen Fremdlings bekannt, eroͤffnete ihm, wer er war, und geſtand, wie ſehr ſein Zuſtand ſie beunruhige, um ſo mehr, da er zu Marina gehdre, welcher ſie beide ſo hoch verpflichtet waͤ⸗ ren. Lord Douglas billigte ihre großmuͤthigen Gefuͤhle von Herzen, und ſelbſt Ritter Traut⸗ wangen, wiewohl er behauptete: die Gerechtigkeit Gottes habe ſeinen Arm gefuͤhrt, tadelte das Zartgefuͤhl ſeiner Braut keinesweges, ſondern ſchaͤtzte ſie dehalb nur noch mehr; da er jedoch nach den ſtrengen Begriffen der Geſetze, nicht fuͤglich Theil an ſeinem Ueberwundenen nehmen, auch dieſes keine gute Wirkung auf Jenen ha⸗ ben konnte, ſo behielt Douglas ſich vor, wie Edithas Bitten von ihm heiſchten, ſelbſt nach dem töͤdtlich Verwundeten zu ſehen. Er lag in einer ein⸗ —y—yy, — 47— einſamen, abgelegenen Herberge, dem Anſcheine nach, verlaſſen von aller Huͤlfsleiſtung, wiewohl ohne Spuren irgend eines Mangels. Widrige Geſtalten, mit braunen, abſchreckenden, baͤrtigen Geſichtern, waren um ihn, und hatten ſich die Sorge und Heilung deſſelben allein vorbehalten, da er zu gefaͤhrlich verletzt war, als daß ſie ihn V fortſchaffen konnten. Bellamo fuͤhrte den Ritter Douglas in ſeine Wohnung, aber vergebens ver⸗ langte er, zu dem Kranken gebracht zu werden, trotzig ſchlug man es ihm ab, bis er ſich end⸗ lich, nach dem Rathe des Zwerges, fuͤr einen fruͤhern Bekannten und Kriegsgefaͤhrten des Kran⸗ ken ausgab, und durch den Zauber ſeines Gol⸗ des, dem dieſe Maͤnner nicht widerſtehen konn⸗ ten, ſich den Weg zu ihm eroͤffnete; jedoch mußte er geloben, keine Rede an ihn zu richten, weil er, ſeiner Beſinnung beraubt, in voͤlliger Be⸗ taͤubung laͤge. Als Lord Douglas in das ver⸗ finſterte Gemach trat, wo er die muskelvolle, ge⸗ diegene Geſtalt des leidenden Juͤnglings erblickte, der, auf weichen Baͤrenfellen hingeſtreckt, das wunde Haupt in dickem Verbande und auf dem maͤnnlich ſchoͤnen Antlitz die ſchauerliche S des Todes trug, ſonderbar abſtechend mit Uem 1 krauſen, ſchwarzen Bart— da ergriff ſein Herz ggweiter Band. 2 . =—— — — 18— ein ſonderbares banges Mitleid, und eine Theil⸗ nahme, die er ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren ver⸗ mochte. 4 „Es iſt der narkotiſche Duft der Kraͤuter, Oele und Salben(dachte er), was dich ſo uͤber⸗ waͤltigend ergreift, daß dir der Athem ſtockt und das dunkelrothe Daͤmmerlicht dieſer an der Decke ſchwebenden Silber⸗Ampel, deren geiſterhafter Schein dich ſo beklommen macht. Ich will ihn ins Auge ſehn— wiewohl es ſchon gebrochen zu ſeyn ſcheint, und den Blick, wie ich immer that, feſthalten auf der Gefahr!“ Und langſam naͤherte er ſich dem Lager, wo kaum ein ſchwerer, matter Odemzug das wei⸗ chende Leben noch kund that, ſich theilnehmend über ihn herab neigend, da— gewahrte er auf der breiten, offenen Bruſt des Kranken ein gol⸗ denes Kreuz. Kaum aber war das geſchehen, als er zuruͤck bebte und ſich, wie vom Blitz ge⸗ rüͤhrt, uͤber ihn ſtuͤrzte. Wuͤthend wollten ihn die Huͤter hinweg rei⸗ ßen; denn ſie befuͤrchteten nichts weniger als Verrath und Meuchelmord, er aber gebrauchte. feine uͤberlegene Staͤrke, ſchleuderte ſie hinweg, und rief zornig: 1 „Elendes Geſindel! wie moͤg't Ihr mich — 19— fuͤr ſo niedertraͤchtig halten, mich an einem wehr⸗ loſen Kranken zu vergreifen?— Wall't ihm nicht mein Herz entgegen in unerklaͤrlicher Liebe? Moͤcht' ich ihn nicht retten, mit dem Blute aus meinen Adern, mit meinem Leben?— Um Got⸗ tes willen— wenn Ihr anders an einen Gott glaubt, ſagt mir: wer iſt Euer Herr? wie ſein Name? woher ſeine Abkunft?“ „Ich habe immer gehoͤrt, ein Narr koͤnne mehr fragen, als ein Kluger beantworten!(grinzte mit haͤmiſchem Laͤcheln ein widriger Rothbart, der unſern Leſern ſchon bekannte Zingalo) Unſer Herr iſt— unſer Herr, wo er geboren, wiſſen wir nicht, und wie er heißt— wollen wir nicht ſagen.““ „So laßt mich dieſes Kreuz auf ſeiner Bruſt oͤffnen!(verſetzte der Ritter in halber Verzweife⸗ lung) Ein Geheimniß iſt in ihm verborgen, das Euern Herrn gluͤcklich machen wird!“ „Bei Dſemſchid!(rief Zingalo) Ihr ſeyd ſehr vorwitzig, Herr Ritter! Noch iſt's Keinem von uns eingefallen, dieſes Kleinod, das nie von ſeiner Bruſt kam, auch nur beruͤhren zu wollen, und Ihr ſprecht ſo kuͤhn vom Hinein⸗ ſehn, als ob Ihr Zerduſch ſelbſt waͤret! Wißt, daß dieſes Kleinod von einem großen Magier gefertigt worden und Euch, wenn ihr es anta⸗ 2* — 20— ſtet, den Fenris*) zeigen kann, wenigſtens den Donner und Blitz der beleidigten Izeds zu⸗ ziehen wird.“ „Auf dieſe Gefahr hin laßt mich's wagen!“ rief Douglas. Er bemaͤchtigte ſich des Kreuzes, und— wußte es zu oͤffnen durch einen ihm be⸗ kannten Druck. Da fiel nicht nur das Taͤflein des Knaben Roſario, von ſeiner Mutter Hand geſchrieben, heraus, ſondern auch im blauemall⸗ lirten innern Mittelpunkte ſtanden die Namen: Roſaura und Douglas! Vom Staunen ergrif⸗ fen, erkannte der Lord in dem ſterbenden Juͤng⸗ ling— ſeinen Sohn! „Mein Sohn!(ſprach er dumpf) mein be⸗ dauernswerther Roſario! ſo mußte ich Dich nach langem Schmerz und vergeblichem Sehnen wie⸗ der finden?!“ Er warf ſich jetzt mit ausbrechender Em⸗ pfindung uͤber den Bewußtloſen, und von Er⸗ ſtaunen ergriffen, ſtand Zingalo und die Sei⸗ nen, ohne ihm zu wehren; denn in ihrer Mei⸗ nung bielten ſie ihn fuͤr einen furchtbaren Zau⸗ berer, weil er das Kleinod ungefaͤhrdet anruͤhren konnte, und uͤberdem auch in ihrem maͤchtigen Haͤuptling ſeinen Sohn erkannte; ſie gingen jetzt *) Der Tod in Geſtalt eines Wehrwolfes. 1 9 4 — 2 , — 5 n d 4 j 4 1 4 1 t in kriechende Unterwuͤrfigkeit uͤber, warfen ſich zu des Ritters Fuͤßen, und ſchworen, ſeinen Be⸗ fehlen, an der Stelle ihres Gebieters, zu gehor⸗ chen. Endlich gelang es dieſem, ſeine unnenn— baren Empfindungen zu bemeiſtern, und er be⸗ nutzte dieſe ihre guͤnſtige Stimmung, dem Kran⸗ ken einen Arzt holen zu laſſen, und ſich ſelbſt ſei⸗ ner Pflege ſorgſam zu unterziehen. Allein nur geringe Hoffnung vermochte dieſer zu geben; zu ſicher hatte Trautwangens Arm getroffen, die Gerechtigkeit des Himmels ſelbſt hatte ihn ge⸗ fuͤhrt, und der bedauernswerthe Vater mußte dem Augenblicke entgegen ſehen, wo er ſeinen kaum erſt wiedergefundenen Sohn, in der Bluͤthe maͤnnlicher Jahre, Kraft und Schoͤnheit, wuͤrde ſterben ſehen, ohne ihm die Kenntniß, wie nahe er ihm angehe, eroͤffnen zu koͤnnen. In dieſem tief empfundenen Jammer kam er zu Editha zuruͤck, und in ihrem ſanften, ge⸗ fuͤhlvollen Herzen den alleinigen Troſt fuͤr ſein tief erſchuͤttertes Gemuͤth erblickend, eroͤffnete er der geliebten Tochter ſeine traurige Entdeckung. Bereit war ſie, wie er von ihr erwartet hatte, den Bruder anzuerkennen, und weit entfernt an etwas Andres zu denken, als an ſein Ungluck, theilte ſie den Schmerz ihres Vaters, den ſie —— — —— — — 22— um ſo tiefer empfand, als ihr kuͤnftiger Gemahl u die Urſache ſeines Todes und ſie ſelbſt die Ver⸗ 3 anlaſſung dazu geweſen war. Sie war bergit, 6 an ſein Lager zu eilen, und ihm ihre zaͤrtlichſte J Pflege angedeihen zu laſſen. Zuvoͤrderſt hielt ſi aber Lord Douglas fuͤr billig, ſeine tugendhafte. j Tochter mit den Schickſalen und Verirrungen u ſeiner Jugendjahre bekannt zu machen, und auch, f wir wollen uns jetzt bei unſern Leſern eines 1 Gleichen unterziehn. 1 1 3 3. i „ohnneckend wirft das Schickſal Gold und Rang ſe Und Macht uns zu, als waͤrens reiche Gaben;+ 3 Und iſt kein Friede doch, und iſt kein Gluͤck, d Kein Pulsſchlag Seeligkeit damit zu kaufen.“ (Raupach aus Iſidor und Olga.) Deon Geburt aus einer der reichſten und vor⸗ nehmſten Familien in Schottland, theilte der junge Ritter Douglas Mac⸗Donald, der Sohn eines der beruͤhmteſten Ritter ſeiner Zeit, die An⸗ haͤnglichkeit ſeiner Landsleute an die ſchoͤne und⸗ geopferte Koͤnigin Maria, welche allen Katholi⸗ ken eigen war, wiewohl ſie nicht frei von eige⸗ N ner Schuld zu ſprechen war. Fruͤh verwaiſt 22* ☛ᷣ —=== Sg — und ritterlich erzogen, der katholiſchen Religion zugethan, und ſchon als Knabe derjenigen mit Enthuſiasmus ergeben, in der man nur die Maͤrtyrin ſah, brachte er ſeine erſte Jugend hin, ſie zu beweinen, und weil er ſein Schwerdt der⸗ jenigen nicht weihen wollte, die ſich auf dem blutbefleckten Throne, durch der Schweſter Tod, feſtgeſetzt, und doch in der Bluͤthe des maͤnn⸗ lichen Alters, und als ein zweiter Sohn ſich im Auslande mit dem Schwerdt verſuchen mußte, ſo begab er ſich in ſpaniſche Kriegsdienſte, bis Koͤnig Jacob der Erſte zur Regierung kam und in wichtige Relationen mit Spanien gerieth, deſ⸗ ſen ſelbſtſuͤchtige Staatskunſt ihn hernach in der Zeit der Noth verließ. Lord Douglas entſagte jetzt dem ſpaniſchen Dienſte, in welchem er ſich be⸗ reits auszeichnete, und in die Kriegsdienſte ſei⸗ nes Monarchen uͤbergehend, befand er ſich nun unter den Rittern, die mit Auftraͤgen nach Ma⸗ drid geſandt worden, und eines hohen Anſt⸗ hens genoſſen. Es kam naͤmlich darauf an, die damals maͤchtige Halbinſel, deren Fuß auf zwei Welt⸗ theilen ruhte, zu einer Allianz mit Großbritta⸗ nien, oder vielmehr deſſen Monarchen zu hbewes gen, der zwar als Erbe der jungfraͤulichen Eli ſabeth, die reformirte Religion annehmen mußte, und ſich der Unterthanen wegen, oͤffentlich zu derſelben bekannte, insgeheim aber, wie alle Geſchichtſchreiber der damaligen Zeit ihn viel— leicht nicht ohne Grund beſchuldigen, der katho— liſchen Religion zugeneigt blieb, wenn uͤberhaupt das ſonderbare ſpekulative Leben dieſes Koͤnigs, welches er mehr ſeiner eingebildeten Privatgelehr⸗ ſamkeit, oder vielmehr den Dingen die er ſelbſt mit dieſem Namen beehrte, weihte, als der ſo oft verſchmaͤhten Kunſt ſeine Voͤlker zu begluͤ⸗ cken, oder weiſer und beſſer zu machen— ir⸗ gend einen poſitiven Religionsbegriff zuließ. Er hatte Sorge getragen, bei dieſer wichtigen Ge⸗ ſandtſchaft, eine kluge Auswahl unter katholi⸗ ſchen Rittern aus Schottland zu treffen, und um ſich die oft treuloſe Politik der ſpaniſchen Regierung geneigt zu machen, ihnen nicht un⸗ deutlich zu verſtehn gegeben: wie ſie bei ihren Verhandlungen, die nur dem Zwang der Um⸗ ſtaͤnde gewichne Neigung des brittiſchen Koͤnigs, fuͤr die Mutterkirche, und die Moͤglichkeit, wohl gar durch einen Gewaltſchritt wieder zu ihr zuruͤck zu kehren, und im Lande einzufuͤhren, hindurch dem Koͤnig Jacob gleich mit dieſer Umwaͤlzung, ſchimmern laſſen koͤnnten; denn ob es vielleicht n—.—— nem Hofe bedeutend aus, und fand in dem jun⸗ ten Ritter Douglas Mac⸗ Donald, einen 1 durchaus wiltkommenen nufnngr much ens welche zugleich diejenige ſeiner Regierung nach⸗ ziehn konnte, kein Ernſt war, da es gerade nicht zu ſeinen Eigenthuͤmlichkeiten gehoͤrte, ſo viel auf die Spitze ſtellen zu wollen wie Heinrich der Achte, wie ihm denn uͤberhaupt ſein Zeitalter weniger die heldenmuͤthigen Geſinnungen des auf Alles gefaßten maͤnnlichen Helden und Krie⸗ gers, als die etwas verſchrobne Gemuͤthsart des pedantiſchen Gelehrten nachruͤhmt; ſo war er gleichwohl ſehr jeſuitiſch uͤberzeugt: daß die Abſicht die Mittel heilige. Und wenn ihm daran lag, bei ſeinen Vaſallen und Unter⸗ thanen, vielleicht weil das Sprichwort: vestigia me terrent bei ihm in Andenken blieb, als re⸗ formirter Fuͤrſt zu gelten, ſo trug er doch am allerwenigſten Bedenken, ſeine oft genug fuͤr die Katholiken gefaßte Vorliebe, bei einer Veranlaſ⸗ ſung an den Tag zu legen, wo ſie ſich nur er— ſprießlich mit ſeinem Zweck vereinen ließ. Er zeichnete daher auch die katholiſchen Ritter an ſei⸗ gen, ſchon in Spanien bekaͤnnten und geachte⸗ — 26 Indeß hatte Lord Douglas bei ſeinen Ge⸗ ſchaͤften noch genug Augenblicke uͤbrig, die er nach ſeinem Gefallen anwenden konnte. Eines Tags wohnte er einem glaͤnzenden Stiergefechte bei, und erblickte unter den oben auf prachtvol⸗ len Geruͤſten geſchaarten vornehmen Zuſchau⸗ erinnen, eine junge Dame in einem einfachen ſchwarzen Anzuge, die, als beduͤrfe ſo große Schoͤnheit keiner Folie, alle die andern verdun⸗ kelte, wiewohl ſie der vom Wolkennebel verhuͤll⸗ ten Sonne glich. Ein ſchwarzer Schleier deckte ihr naͤchtliches Haar, und beſchattete ihr großes orientaliſches Auge, gleichſam die ſuͤdlichen Flam⸗ menblitze mildernd, die es ſtrahlte; ein großes Kreuz von Diamanten wiegte ſich auf ihren Bu⸗ ſen, und der ungeſtuͤm nach ihr forſchende Dou⸗ glas, vernahm: es ſey Donna Maria Ro⸗ ſaura d' Eſtrella und von ihrem, ihr gro⸗ ßes Vermoͤgen begehrenden Vater, einen Grand von Spanien, dem Kloſter geweiht, ja ſie trage bereits das Kreuz, und den ſchwarzen Anzug, um anzudeuten, daß ſie der Welt in Kurzem entſagen werde. Mit allen Eigenſchaften begabt, die den Juͤngling die ſchwierigſten Dinge be⸗ gehren, und einem guͤnſtigen Erfolg in der Liebe verſprechen laſſen, ſuchte der gluͤhende, unter⸗ —— — —— — ʒy— nehmende Douglas die geliebte Schoͤne in der Meſſe auf, wußte gar bald ihr ſeine Gefuͤhle zu erkennen zu geben, und von ihr mit Ge⸗ genliebe belohnt zu werden. Dadurch ermuthigt, jeder Schwierigkeit zu trotzen, und des Lebens hoͤchſtes Gut in ihrem Beſitz zu erringen, ſuchte Douglas den geraden Weg zu ihrem Stiefvater Don Diego, um mit ritterlicher Geradheit, um ihre Hand zu werben. Dieſer machte, in hoͤch⸗ ſter Beſtuͤrzung, den gewichtigen Einwurf gel⸗ tend, Donna Roſaura ſey ſchon vor ihrer Ge⸗ burt, durch ein frommes Geluͤbde ihrer Mut⸗ ter der Kirche verlobt worden; allein noch lebte der Beichtvater der Verſtorbenen, und war ehr⸗ lich genug, die Wahrheit zu ſagen: daß, wenn uͤberhaupt ein ſolches Geluͤbde vorhanden ſey, es keineswegs von Donna Elvira, ſondern von Don Diego herkomme, und leicht zu loͤſen ſeyn wuͤrde, wenn Roſaura keinen Beruf zu der Er⸗ fuͤllung deſſelben habe, und da ſich Lord Dou⸗ glas mit Edelmuth und Entſchloſſenheit erklaͤrte, einſtweilen das Vermoͤgen ſeiner Braut, in Die⸗ gos Haͤnden zu laſſen, ſo blieb ihm nichts uͤbrig, als ſcheinbar ſeine Einwilligung in ihre Verlobung zu geben, da er beſonders nicht fuͤr gut fand, den Geſandten Sr. Großbrittani⸗ — 28.— ſchen Majeſtaͤt zu beleidigen. Donna Roſaura wollte ihrem Gluͤcke kaum Glauben beimeſſen, als ſich ihr ſo oft beweintes Schickſal ploͤtzlich ſo erwuͤnſcht umgeſtaltete, und ihren Stiefvater kennend, konnte ſie ſich nicht enthalten, immer noch eine verborgne Tuͤcke von ihm zu fuͤrchten, indeß vergaß auch ſie ſehr bald im Arm der Liebe, alle Beſorgniſſe und im Taumel der Lei⸗ denſchaft— endlich ſich ſelbſt. Nur aber kurze Zeit war beiden Liebenden der Genuß ihres ſtraf⸗ baren Gluͤcks beſchieden; mit ſchmeichelhaften Verſprechungen und leeren Worten hingehalten, mußten ſich die brittiſchen Geſandten, wieder auf den Weg nach London begeben, und alſo auch Ritter Douglas einſtweilen von ſeiner troſt⸗ loſen Verlobten ſcheiden, denn kein Bitten und Flehen konnte den Don Diego dazu bewe⸗ gen, ſie ſchon jetzt durch die Einſegnung zur Ehe vereinen zu laſſen. Allein der Ritter troͤ⸗ ſtete ſich und Roſaura, mit der Verheißung der baldigſten Wiederkehr, ſobald er ſeiner Pflicht Genuͤge geleiſtet habe, und ſodann ſollte ſogleich die Vermaͤhlung vollzogen werden, und die Heimfuͤhrung erfolgen, welches alles Don Diego bewilligte. Schmerzlich war der Abſchied der tief gekraͤnkten Roſaura, betruͤbte Ahnungen er⸗ — — 29— fuͤllten ihre Seele, ihr war, als ſaͤhe ſie eine. umnachtete Zukunft mit prophetiſchen Blicken; ſie liebte den Verlobten, mit aller Glut der hei⸗ ßern Zonen, mit allen Flammen ihres leiden⸗ ſchaftlichen Gemuͤthes, und dieſe Trennung griff an ihre Seele; kaum vermochte es die zaͤrt⸗ lichſte Liebe des edlen Mannes, der ihr treu und wahrhaft ergeben war, ſie zu beruhigen, und ſie— jenes ſchmerzliche Scheiden von ihm zu ertragen. Auch rechtfertigte ſich ihre betruͤbte Ahnung ſehr bald, denn kaum hatte das Schiff der Geſandtſchaft, die Wogen des heimatlichen Landes erreicht, als der verraͤtheriſche Diego, ſeines gegebenen Verſprechens hohnlachend, die verlaßne Roſaura mit Gewalt in ein Kloſter brachte, deſſen Obern mit ihm einverſtanden waren, und ſich ſodann mit ihrem ganzen, in Gold verwandelten Vermoͤgen nach Mexico ein⸗ ſchiffte, wo er ſich und ſeinen Raub vor der ge⸗ rechten Rache und Verfolgung des Lord Dou⸗ glas ſicher wußte. Allein vergebens erſchoͤpfte man ſich in dem Kloſter der Carmeliterinnen mit Drohungen, und endlich mit Zwangsmit⸗ teln, die ungluͤckliche Noſogr⸗ zur annhns ds — 30— nicht zwei verſchiedene Eide ſchwoͤren koͤnnne, ja endlich geſtand ſie, ein Pfand ihrer Liebe unter dem Herzen zu tragen. Waͤhrend nun der Fa⸗ natismus alle Pfeile der Wuth auf dieſes ar⸗ me eingekerkerte Opfer richtete, und vergebens die Verzweifelnde im ſchmaͤhlichſten Gefaͤngniß zu den Heiligen rief, immer noch feſt vertrau⸗ end Douglas werde kommen, und ſie erloͤſen, traf dieſer, ſobald er in London ſich ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte entledigt hatte, voll Redlichkeit und in⸗ niger Luſt, alle Anſtalten im Vaterlande, die geliebte Braut einzufuͤhren in ſeinen Clan, wo man mit Freuden und hochlaͤndiſchem Enthuſias⸗ mus der jungen Herrin entgegen ſah; und nur ſo viel Zeit als zu dem Allen unumgaͤnglich noͤ⸗ thig war, brachte er zu, ehe er abermals un⸗ ter Segel gieng. Allein vergebens verſchonten die Stuͤrme des atlantiſchen Meeres das Schiff der Hoffnung, bewillkommten ihn an Iberiens Ufer balſamiſche ſchmeichelnde Luͤfte, und be⸗ gleiteten ihn an den Manzanares— die Kunde, die ſeinem liebegluhenden Herzen in Palazzo d' Eſtrella ward, erſtarrte alle ſeine Gefuͤhle, wie in einer eiſigen Nacht, des Fruͤhlings lockend⸗ ſte Bluͤthen ſterben! Donna Roſaura— hieß es — ſey, an ſeiner Zuruͤckkehr zweifelnd, freiwil⸗ gangen, und der antheilloſe Moͤnch, der ihm dieſen untroͤſtlichen Bericht mittheilte, ſtarrte ihn mit Verwunderung an, als er ſeine Wuth, ſeine Verzweiflung ſah. Er begab ſich zu den Kar⸗ meliterinnen, um ſeine Gattin zuruͤck zu for⸗ dern, allein ſchnoͤde wies man ihn ab; er drohte den Schutz ſeines Morarchen zu Huͤlfe zu ru⸗ fen, und man erklaͤrte: er habe nie ein Recht gehabt auf die Braut der Kirche, und wenn er fortfahre die Nonne zu begehren, werde er in den Bann gethan, und der Inquiſition aus⸗ geliefert werden. Lord Douglas ſah jetzt zaͤhneknirſchend die Unmoͤglichkeit ein, mit der Gewalt der Kirche zu ringen in oͤffentlicher Fehde, aber er war ent⸗ ſchloſſen, ſein Leben daran zu ſetzen, und die Liſt als Waffe zu gebrauchen. Er bediente ſich des Talismans, der damals, wie jetzt, uͤber gemeine Seelen eine unwiderſtehliche Gewalt hat, Gold oͤffnete ihm das Ohr des Kloſter⸗Gaͤrtners, Gold verſchaffte ihm durch dieſen den Schluͤſſel der Pfoͤrtnerin, Gold endlich auch den Zugang zum Kerker, in welchem ſeine Geliebte ſchmachtete. Von der Blendlaterne des Gaͤrtners, bei naͤchtli⸗ cher Finſterniß, durch verfallne Gaͤnge, uͤber lig ins Kloſter, Don Diego uͤber's Meer ge⸗ — —õÿõ — 32— modervolle Gruͤfte geleitet, ward er zu Roſau⸗ rens rettendem Engel; er trug ſie gluͤcklich ins Freie, wo ſchon die fluͤchtigen Maulthiere ihrer harrten, und er den Weg uͤber die Pyrenaͤen einſchlug, denn waͤhrend er den Anſchein ge⸗ nommen hatte, als ſey er zu Schiffe geflohen, wolkte er mit ſeiner Geliebten uͤber Frankreich nach Schottland eilen. Da das Intereſſe ſo vie⸗ ler im Kloſter Betheiligten, das tiefſte Schwei⸗ gen uͤber die unerklaͤrliche Art und Weiſe dieſer Entfuͤhrung, im Kloſter verbreitete, ſo blieb man dort als ſie entdeckt ward, beharrlich bei der Meinung ſtehen, daß ſie nur durch Huͤlfe des Satans und der boͤſen Geiſter ausgefuͤhrt ſehn koͤnne, deren Gemeinſchaft man das un⸗ gluͤckliche Paar ohne weiteres beſchuldigte. Geborgen waͤre dieſes geweſen, haͤtte es die franzdſiſche Grenze erreichen koͤnnen, allein Ro⸗ ſaurens Zuſtand machte dies unmoͤglich. Zu⸗ viel des Elends, und der Wonne hatte die Arme gelitten und erfahren, um jetzt die Beſchwerden einer angeſtrengten Reiſe fortwaͤhrend ertragen zu koͤnnen, zwei theure geliebte Leben konnte Lord Douglas nicht aufs Spiel ſetzen, und ſo mußte er ſich entſchließen, bei der milden Be⸗ ſchaffenheit des Klimas und der Jahreszeit, Zu⸗ flucht ——— 7 ſa — 33— flucht in einer Bergkluft zu ſuchen, die nur fuͤr arme Hirten zugaͤnglich war, denn nirgends anders wo glaubte er Roſauren geſichert. Seine Leute ſchickte er alle voraus nach Frankreich, nachdem er eine zu ſeinem Vorha⸗ ben zweckdienliche Grotte hatte einrichten laſſen. Fruͤher von einem Einſiedler bewohnt, war ſie mit einer Ciſterne mit friſchem Waſſer verſorgt und das Innere hatte mehrere Abtheilungen, auch Raſenbaͤnke und Steinſitze und Tiſche. Wilder Wein, Epheu und Geisblatt bekleidete die Mauern, reiner klarer Goldſand den Bo⸗ den, ſie war von der Außenſeite mit dußtigen Bergkraͤutern bedeckt, und zwei große uralte Feigenbaͤume, voll angenehmer Fruͤchte, beſchat⸗ teten und verbargen den Eingang. Hierher brachte Lord Douglas ſeine Geliebte, und nach⸗ dem er ſie ſo gut, als moͤglich verſorgt und ihr alle Bequemlichkeit verſchafft hatte, die er nur im Stande war ihr zu gewaͤhren, ging er taͤg⸗ lich, Brod und Nahrungsmittel von den Hir⸗ ten einzukaufen. Ein Goͤtterpallaſt duͤnkte dem liebenden Paare dieſe einſame Grotte, und Ar⸗ kadien die ſtille Abgeſchiedenheit um ſich her. Von hohen majeſtaͤtiſchen Felſen umgeben, lag vor der Huͤtte ein blumenvolles gruͤnes Wie⸗ Zweiter Band. 3 f.— 8 2———— 4 — 34— ſenthal, durch welches ein klares Baͤchlein ſich wand; unter den ſchattenreichen Akazien und Ahornbaͤumen, auf denen Choͤre von Sangvoͤ⸗ geln wohnten, bereiteten wilde Bienen ihren geſchmackvollen Honig. Eine Ziege, die der Ritter gekauft und mitgebracht hatte, fand im Thal uberfluͤſſige Weide, und ſo war fuͤr die einfachſten und dringendſten Beduͤrfniſſe des Lebens reichlich geſorgt. Hier in der ſtaͤrkenden Gebirgsluft erholte ſich Roſaura ſehr bald von ihren erlittenen Drangſalen, und als eines Tags der Ritter von der Jagd zuruͤck kam, reichte ſie ihm— ſeinen Sohn dar. Der gluͤckliche Dou⸗ glas empfing das ſuͤße Geſchenk mit hoher Freu⸗ de, taufte das Kind aus der Ciſterne und nannte es Roſario. 4. —— Den einen Freund entfuͤhret mir das Leben Der Tod den andern.— Euch hab ich noch Euch, meine Kinder!— Koͤrner(aus Roſamunde.) Beinahe zwei Monate waren auf dieſe Weiſe im Genuß einer patriarchaliſchen Gluͤckſeelig⸗ keit verſtrichen, und wahrſcheinlich wuͤrde ſie von laͤngrer Dauer geweſen ſeyn, wenn es ſich nun⸗ — 35— mehr nicht unerlaͤßlich gemacht haͤtte, an die Reiſe in die Heimath zu denken, Roſaura war voͤllig geneſen, ihre Kraͤfte machten den Auf⸗ bruch moͤglich, und der kleine Roſario war ein vollkommen geſunder und ſtarker Knabe. Lord Douglas ſah ſich jetzt veranlaßt weiter hinaus ins Gebuͤrge ſich zu wagen, um einen voruͤber⸗ ziehenden Zagal oder Mauleſeltreiber zu der Reife zu miethen, mit Gold war er hinlaͤnglich ver⸗ ſorgt und er hoffte, daß die Hirtenkleider, die er anlegte, ihn vor jeder Entdeckung ſichern wuͤr⸗ den. Allein leider! hatte er das Ungluͤck, den allenthalben von ſeiner Perſoͤnlichkeit in Kennt⸗ niß geſetzten Alguazils verdaͤchtig zu werden und den Spaͤhern der Inquiſition in die Haͤnde zu fallen. Das Gold war bei einem gemeinen Hir⸗ ten auffallend, die Beſchreibungen trafen zu, und man bemaͤchtigte ſich ſeiner, trotz Allem, was er einwandte. Er ward gefeſſelt nach Ma⸗ drid gebracht und in die Kerker der Inquiſition geworfen, wo man ihm die Wahl ließ, ſein Leben durch Offenbarung von Roſaura's Aufent⸗ halte zu erkaufen, oder ſich dieſe Entdeckung durch die Quaalen der Tortur erpreſſen zu laſſen und bei dem naͤchſten Auto⸗da⸗fe mit dem San Benito aangethan zu werden. Es bedarf wohl kaum erſt 3* — 36— der Erwaͤhnung, daß Lord Douglas die Antraͤge eines treuloſen Verraths mit Verachtung ver⸗ warf und ſich bereitete, ſeine Treue mit dem Tode zu beſiegeln; gluͤcklich, wenn er dadurch das Leben der Geliebten und ſeines Sohnes ſicher zu ſtellen vermochte, um die eine ſo fuͤrchterliche Beſorgniß ſein Herz zerriß, daß ſie alle Pein ſeines entſetzlichen Aufenthalts weit uͤbertraf. Unterdeſſen erreichte auch die bedauernswuͤrdige Roſaura, als der Ritter außen blieb, ihr Ge⸗ ſchick, daß ſie mit toͤdtender Gewißheit voraus ſah. Daß er in die Haͤnde ihrer Feinde gefallen ſeyn mußte, war ihr bereits zur Gewißheit wor⸗ den, denn wie haͤtte ein Zweifel an ſeiner Treue in ihre Seele kommen koͤnnen? Zu dem Schmerze um ihn geſellte ſich die muͤtterliche Angſt um das Schickſal ihres Kindes, da ſie nun alle Au⸗ genblicke einer Entdeckung entgegen ſah. Sie wußte, daß oͤfters Hirten in das Thal herab ſtiegen, ihre entlaufenen Ziegen zu ſuchen, und ſeit einiger Zeit war auch die ihrige wieder zu der Heerde, von der ſie genommen war, zuruͤck gelau⸗ fen, jedoch regelmaͤßig zu dem kleinen Roſario wiedergekehrt, um ſich von ihrer Milch zu be⸗ freien und ihn zu ſaͤugen; ſo beſchloß ſie, wenig⸗ ſtens den Knaben zu retten, und ihm Freiheit und - 37— Leben zu erhalten, indem ſie ſich freiwillig auf⸗ opferte. Sie empfahl ihn unter tauſend Thraͤ⸗ nen der Obhut der Heiligen und der Schutzen⸗ gel, denn ſie war bereit, den Fußtapfen ihres Ritters zu folgen, ohne den ſie in dieſer huͤlf⸗ loſen Abgeſchiedenheit ihr Leben nicht zu friſten 6 vermochte, und deſſen Verluſt ſie nicht ertragen konnte, ſich alſo ſelbſt ihren Feinden entgegen zu 1 ſtellen, damit ſie nicht auch das Kind zugleich 6 mit ihr faͤnden. In der Stunde des bitterſten Seelenkampfes hing ſie das hohle, goldene, mit den vereinten Namenszuͤgen verſehene Kreuz an — —— den Hals des Kindes und befeſtigte das mit ihrem Blut beſchriebene Taͤflein daran. Zum letzten Male ſchloß ſie den laͤchelnden Knaben an ihr zer⸗ riſſenes Herz, ihre Gebete erneuernd, dann bettete ſie ihn auf friſche, duftige Kraͤuter, und als er eingeſchlafen war, floh ſie mit der Haſt des geſcheuchten Rehes hinauf ins Gebuͤrge, mit ir⸗ ren Blicken jeden dem ſie begegnete, nach ih⸗ rem Gatten fragend, und ſeine edle herrliche Geſtalt beſchreibend. Ob ſie nun gleich in der Tracht einer baskiſchen Hirtin war, ſo ward ſie doch ſehr bald von den nach ihr ausgeſchickten Kundſchaftern entdeckt, und wehrlos wie ein 682 Lamm, uͤbergab ſie ſich ihren Haͤnden.. Man — 38— brachte ſie, wie den Ritter, nach Madrid zu⸗ ruͤck, und in des Kloſters Gewahrſam, wo man ſie von neuem in das Gefaͤngniß warf, aus dem er ſie gerettet hatte. Nach Roſaura's Verhaftung ließ man dem Ritter eine mildere Behandlung angedei⸗ hen. Von der Folter war nicht die Rede mehr, und als er ſich vor dem Tribunal der In⸗ quiſition kuͤhn und freimuͤthig auf ſeine recht⸗ maͤßigen Anſpruͤche auf Donna Roſaura d' Eſtrel⸗ la berief, und den Schutz des Monarchen, von dem er wichtige Auftraͤge nach Spanien uͤber⸗ bracht, geltend zu machen wußte, als er end⸗ lich die Macht des Goldes abermals geſchickter Weiſe anwendete, und Buͤrgen ſeiner glaͤnzen⸗ den Verſprechungen ſelbſt in Madrid zu ſchaffen vermochte, da kam er— nachdem man ihn acht Monate im Kerker behalten hatte— endlich wiederum mit der Weiſung ans Licht, Madrid nach 24 Stunden zu verlaſſen, und Spaniens Gebiet nie wieder zu betreten.“Nichts deſto we⸗ niger eilte er in das Kloſter der Cermeliterinnen, ¹ um dort von Roſaurens Schickſal, deren Ver⸗ haftung man ihm in ſeinem Gefaͤngniſſe nicht verſchwiegen hatte, Nachricht einzuziehen. Er ſuchte ſeinen alten Bekannten den Gaͤrtner auf, — — ₰ . — 39m— dem er fruͤher ſo große Verbindlichkeiten ſchul⸗ dig ward, und der ſich noch immer auf ſeinem Poſten zu erhalten gewußt hatte, und bat ihn mit Verzweiflung, ihm das Schickſal ſeiner ungluͤck⸗ lichen Geliebten nicht zu verhehlen. Aber der Gaͤrtner wich zuruͤck, und ſchlug drei Kreuze, als er ihn erkannte. „Weichet von mir, ich beſchwoͤre Euch! (rief er) bei dem heiligen Michael! Euer Gold ſoll mich nicht mehr verblenden! Ungeheures habt Ihr angerichtet, darum— wenn Ihr wirk⸗ lich kein boͤſer Geiſt ſeyd— ſo geht, nehmt ein Pilgerkleid, und den Stab in Eure Hand, ziehet zur Loͤſung Eurer Suͤnden nach Rom, beich⸗ tet und thuet Buße, damit Ihr Losſprechung erlangt, von der Suͤnde des Menſchenmordes der auf Euch haftet!“. „ Elender!(ergrimmte der Ritter) wie kannſt Du mich, der ich in den Kerkern der Inquiſi⸗ tion geſchmachtet habe, ſolch verabſcheuungswuͤr⸗ diger Frevelthat zeihen? Noch einmal, wo iſt Donna Roſaura?“ „Begreift Ihr denn noch nicht, daß Eure wahnſinnige Liebe ſie ins Grab geſtuͤrzt hat? ³ „8 heilige, barmherzige Mutter Gottes! ins Grab?!(jammerte der Ritter) o Gott! wie gern haͤtte ich tauſendmal fuͤr ſie ſterben wollen! Nein, nein! nicht ich!— jene Barbaren, jene Grauſamen“—— „Laͤſtert nicht!(fiel der Gaͤrtner zitternd ein) wenn Euch wieder nach dem Gefaͤngniſſe der Inquiſition geluͤſtet, ſo fuͤhle ich fuͤr meinen Theil nicht das mindeſte Verlangen darnach, Euch zu begleiten. Dieſe Baͤume haben Ohren, dieſe Hecken Augen, und ihr koͤnnt um ein klei⸗ nes wieder mit der heiligen Hermandad anbin⸗ den. Laßt Euch geſagt ſeyn, die Schweſter Anaſtaſia, oder wie Ihr ſie nennt, Donna Ro⸗ ſaura d' Eſtrella, ward in ihr Gefaͤngniß zu⸗ ruͤck gebracht, und— und ſie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen— woran niemand Schuld iſt als Ihr!“— „ungluͤckliche! ſo haben Dich dieſe Wuͤth⸗ riche wirklich nicht verſchont?—(rief Douglas in Verzweiflung) haben Dein Blut vergoſſen, das zum Himmel um Nache ſchreien wird!“— „Wer redet denn von Blutvergießen!(ſprach der Gaͤrtner) verſteht doch nur Recht, ich habe blos geſagt, ſie wandle nicht mehr unter den Lebendigen.“ So zeige mir ihr Grab!(flehte der Ritter) r. — 41— reichlich will ich Dich belohnen, wenn ich dort meinen Geiſt aushauchen, und ihr folgen kann!“ „Dieſer Troſt iſt Euch verſagt, ſteht nicht in meiner Gewalt, Euch zu gewaͤhren!(und leiſe ſetzte er hinzu) Ihr muͤßtet denn an der verfallnen Mauer im Kloſtergange hingehn— — dort giebts freilich einen friſchgetuͤnchten Platz — wo— Schweſter Anaſtaſia vor vier Mo⸗ naten“— „Vermauert!“ ſchrie der Ritter, und ſein Schrei war ſo entſetzlich, daß der Gaͤrtner erzitterte, und kaum im Stande war, dem zur Erde Taumelnden beizuſpringen. Als Lord Douglas zur Beſinnung kam, fand er ſich auf einem freien Platze, weit von dem Kloſter entfernt, im Prado, ohnweit dem Ufer des Manzanares. Mit grenzenloſem Schmerz be⸗ grif er ſein Ungluͤck, und er fluchte denen die ein ſo unbarmherziges Geruͤcht uͤber die bedauerns⸗ werthe Roſaura hatten ergehn laſſen. Endlich erhob ſich der Vollmond uͤber ſeinem Haupte, und ſanftere Gefuͤhle der Wehmuth kamen mit ſeinem Schimmer in die zerrißne Bruſt; er warf ſich weinend auf die Kniee, und betete fuͤr die Ruhe ihrer Seele, um Pergebung ſeiner Schud, — 42— um Troſt fuͤr ſeinen Kummer. Jetzt erinnerte er ſich ſeines Sohnes— der Gaͤrtner hatte nichts von ihm erwaͤhnt, eine geheime Hoffnung hielt den Ritter aufrecht, und ſchien ihm zu ſagen, daß die Mutterliebe den Knaben zu erhalten gewußt habe. Jetzt machte er ſich auf den Weg in jenes wirth⸗ barliche Thal, in die geliebte Grotte, wo er in der wildeſten Gebirgsgegend ſein Paradieß ge⸗ funden, aber dort war alles verſchwunden was ſeine Seeligkeit ausgemacht hatte. Selbſt die Feigenbaͤume, deren ſuͤße Frucht ſo oft die Ge⸗ liebte labte, waren kahl und entblaͤttert, von dem Knaben fand er keine Spur, und die Hir⸗ ten, die er aufſuchte und befragte, waren fremd mit dem Verluſte, der ſeine Seele zerriß. Da blieb zuletzt dem tiefbetruͤbten Douglas nichts uͤbrig, als das Land zu verlaſſen, in dem er ſo elend worden war, und Troſt in ſeinem ge⸗ liebten Hochlande aufzuſuchen. Als er aber uͤber Frankreich in der Heimath anlangte, wo man ihn ſeines langen Außenbleibens wegen fuͤr ver⸗ ungluͤckt auf dem Meere gehalten hatte, und ſei⸗ nen Schmerz, als er ſein Ungluͤck mitgetheilt, aufs lebhafteſte mit empfand, da war es ihm unmoͤglich lange daſelbſt auszuhalten. Er ſchied von neuem, denn ſein Geiſt fand nur in immer⸗ — 6 — 43— waͤhrender Unruhe die Kraft ſein Geſchick maͤnn⸗ lich zu ertragen, und endlich gelang es ihm, ſeinen Kummer im Geraͤuſche des Krieges zu betaͤuben! Als Koͤnig Jacob ſeine ſchoͤne Tochter Eli⸗ ſabeth dem Pfalzgrafen und Churfuͤrſt Fried⸗ rich zur Gemahlin gab, war er unter den Rit⸗ tern, die ſie bis in die Pfalz geleiteten. Der Aufenthalt in den Laͤndern, wo der neue ſanfte, durch die Reformation hervorgegangne Glaube, herrſchend war, that ihm wohl, denn ſeit Roſau⸗ ras Ungluͤck haßte er die Moͤnche, wenn er auch noch ſeiner Kirche treu verblieb, und hier fand er denn endlich auch den ihm vom Himmel auf⸗ geſparten Troſt. Am Hofe der Churfuͤrſtin Louiſe, Mutter des jungen Pfalzgrafen Friedrichs, befand ſich unter den Ehrendamen die ſchoͤne Editha, des Grafen von Tanneburg aͤlteſte Tochter, und ſtrahlte an Schoͤnheit des Koͤrpers, wie an der der Seele, unter allen uͤbrigen als ein Stern erſter Groͤße hervor; das Herz der jungen Eli⸗ ſabeth wandte ſich ihr in ſo zaͤrtlicher Liebe zu, daß ſie ſich Editha von der Mutter zu ihrer Ge⸗ ſellſchafterin erbat. Lord Douglas Leidenſchaft fuͤr Roſaura war die erſte Glut des Juͤnglings 4 —— — — —’ 5— ——— ——— — 44— geweſen, und das Ungluͤck, ſo er dabei erfuhr, hatte nie eine aͤhnliche mehr in ſeinem Herzen ſ aufkommen laſſen. Kalt und ernſt ging er 1 durchs Leben, abgeſtorben allen ſeinen Genuͤſſen— b und Freuden, denn immer trat der bleiche Schat⸗ d ten ſeiner beweinten Geliebten zwiſchen ihn und h ſie; wie aber nach langen ſtarren Winter die 9 erſtorbene Pflanze lieblich und ſchoͤpferiſch be— ruͤhrt wird von den wohlthaͤtigen Luͤften des. Fruͤhlings und endlich durch den Strahl der ¹ i Sonne in ein neues Leben gerufen, ſo belebte, t durchdrang und ergluͤhte endlich Edithas ſanfter 1 Liebreiz ſein verwelktes Herz, und zur reinen,„ ſtill brennenden Flamme des erprobten Maͤnner Gemuͤthes ward ſeine Neigung zu ihr. Tu⸗ genden, die er bisher nur der Beſchreibung nach kannte, die ſich mit Roſaurens Eigenthuͤmlich⸗ 3 keiten nicht vertrugen: Sanftmuth, Duldung, Gelaſſenheit, Menſchenliebe, und eine gelaͤuterte, von allem Aberglauben befreite Froͤmmigkeit zeich⸗ neten die Graͤfin vor allen andern aus. Sie war in der katholiſchen Religion erzogen, allein 4. am Hofe der frommen Louiſe hatte ſie Gele⸗ V genheit gefunden, ihr Herz andern Ueberzeu⸗ ¹ gungen zuzuwenden, und freiwillig die lutheri⸗ ſche Lehre gewaͤhlt, allein noch war ſie nur heim⸗ —— lich eine Anhaͤngerin derſelben, um ihren Vater 1 nicht zu kraͤnken, der ein erklaͤrter Feind derſel⸗ ben war, und ſie bereits einem eben ſo ortho⸗ doxen Ritter verlobt hatte, der aber als ein ro⸗ her, ſittenloſer Krieger der ſanften Editha durch⸗ aus mißfiel. Sehr bald gewann der ritterliche Douglas dagegen ihre Liebe, und eben ſo ge⸗ ſchwind nahm die edle Eliſabeth das Paar in ihren Schutz! Bedroht von dem laͤſtigen Braͤu⸗ tigam, dem ſie ihr Vater vielleicht ſehr bald aus⸗ liefern konnte, wußte ihre hohe Beſchuͤtzerin kei⸗ nen andern Ausweg, als den einer heimlichen Ehe, und verſprach, die erzuͤrnten Ritter durch ihre Vermittlung zu beſaͤnftigen. Editha wil⸗ ligte endlich, von dem Geliebten angefleht, in dieſen Vorſchlag, und ſowohl der Churfuͤrſt als ſeine Gemahlin waren Zeugen ihrer Ehever⸗ bindung, welche auf evangeliſche Weiſe ſtatt fand, denn auch Lord Douglas liebte die Re⸗ ligion, welche Nachſicht, Duldung und Liebe gebietet. Das tiefſte Geheimniß verbarg dieſes Ereigniß, und nach wie vor blieb Editha bei ihrer guͤtigen Herrin, da der von ihrem Vater gewaͤhlte Braͤutigam ſich noch im Heere des Kaiſers wacker herum tummelte, ſo daß das vereinigte Paar drei Monate lang, ſein Gluͤck — — 46— unter dem Schatten des Geheimniſſes genießen konnte.. Aber nach Verlauf dieſer Roſenzeit berief Koͤnig Jacob den Lord Douglas zuruͤck, um ihn zu einer wichtigen Sendung nach Amerika zu brauchen; abwenden ließ der ehrende Auf⸗ trag ſich nicht, und ſo ſchlug ſchon fruͤh die laͤngſt gefuͤrchtete Stunde der Trennung, denn da ſeine Vermaͤhlung noch nicht einmal bekannt war, konnte er die Graͤfin unmoͤglich mitneh⸗ men⸗ Hare auch ohnehin nicht gewagt, ſie den Gefahren der Seereiſe, und denen des noch un⸗ cultivirten Landes auszuſetzen; er gelobte, ſo⸗ bald er wieder auf Europas Boden Fuß gefaßt, zu ihr zuruͤck zu kehren, um ſie oͤffentlich als Gemahlin anzuerkennen, und die Chuͤrfuͤrſtin verſprach, ſich nie von Editha zu trennen, bis ſie dem Gatten das Pfand, ſo er ihrem Schutze vertraute, zuruͤck geben koͤnne. Editha ergab ſich mit einer Faſſung, die ihrer wuͤrdig war, in das Unabaͤnderliche, allein ſehr bald, nachdem ſich der geliebte Gatte ſchmerzlich von ihrem Her⸗ zen geriſſen hatte, ſah man die ſchoͤne Blume — welken. Vergebens war die Sorgfalt der be⸗ kuͤmmerten Churfuͤrſtin und der Rath des ver⸗ trauten Leibarztes, Editha kraͤnkelte immer fort, —————,— ———— — 47— was man endlich auf die an ihr bemerkten, je⸗ dermann aber verheimlichten Hoffnungen ſchrieb, und endlich als die Zeit ihrer Entbindung da war, machte, wie wir ſchon wiſſen, der Tod allen frohen Erwartungen ein Ende. Die Un⸗ troͤſtlichſte daruͤber war Eliſabeth, die nichts ſparte, ihre Freundin aufs ausgezeichnetſte in dem evangeliſchen Bethauſe zur Erde beſtatten zu laſſen, wie Editha gewuͤnſcht hatte, da ſie an deſſen Altar mit ihrem entfernten Gatten verbunden worden war. Leicht troͤſtete ſich ihr Vater und ihr Verlobter uͤber den Verluſt ei⸗ ner Tochter und Braut, die im Rufe ſtand, eine Ketzerin worden zu ſeyn, und die juͤngre Schweſter Edithas, Brunhilde, bequemte ſich gern an der Verſtorbenen Stelle, des Ritters Ehegenoſſin zu werden. So war die gute Edi⸗ tha ſchon laͤngſt von ihren Blutsfreunden ver⸗ geſſen, als Lord Douglas— abermals in ſeinen liebſten Hoffnungen furchtbar getaͤuſcht, nach mehr als Jahresfriſt, an den Hof des Churfuͤr⸗ ſten von der Pfalz zuruͤck eilte, um ſeine Gemah⸗ lin endlich wieder zu umarmen. Oft hatte das Churfuͤrſtliche Paar in gutmüthiges Theilnah⸗ me gewuͤnſcht, daß dieſes nie geſchehen moͤge, aber ſelbſt das truͤgeriſche Element, das den — 48— Lord Douglas zu tragen hatte, und alle Ge⸗ fahren des Lebens hatten ihn geſchont, und nur zur Vermehrung ſeines Heldenruhms gedient, da⸗ mit er jetzt den Becher der Truͤbſal im vollen Maaße leeren ſollte, da er ſeine geliebte Editha nicht wieder fand. Sein Schmerz war ſo groß, daß es ihm aus Mitleid verſchwiegen ward, welche ſchoͤne Hoffnungen ſie mit ins Grab nahm, und er von dieſen nichts eher erfuhr, als bis er nach ſechszehn Jahren, die er immerwaͤhrend im Geraͤuſche des Krieges, und im Heere der Union, als ruͤhmlich bekannter Krieger, ver⸗ lebte, ſich in die eingeaͤſcherte Kapelle zu Edi⸗ thas Grabmale begab, wo er die Zigeunerhorde antraf, und von Marina erfuhr: daß er Va⸗ ter einer Tochter ſey, die ſie ihm aus Grabes⸗ nacht gerettet, und gute Menſchen ihm erzogen haͤtten, und die er endlich am Hofe von Sa⸗ voyen wieder zu finden das Gluͤck hatte. — 5. „Zum Engel der letzten Stunde, den wir ſo hart Tod nennen, wird uns der weichſte, guͤtigſte Cngel zugeſchickt, damit wir droben ohne Wun⸗ den erwachen!“ Jean Paul. Dies war es was Lord Douglas jetzt ſeiner — 49— Tochter von den Ereigniſſen ſeines Lebens er⸗ oͤffnete, ihr Herz ward tief von ſeinem erlitte⸗ nen Mißgeſchick verwundet und ſie weinte der ungluͤcklichen Roſaura die Thraͤne des Gefuͤhls, inniger die Vorzuͤge eines Glaubens empfindend, der von fanatiſchen Irthuͤmern gelaͤutert, auf den vornehmſten aller Geboke, der Liebe!— be⸗ ruht, und ſelbſt fuͤr die Fehler und Schwach⸗ heiten des Bruders Na chſicht, mit der For⸗ derung der Beſſerung verbindet, ohne die menſchliche Natur in Feſſeln zu ſchlagen, die der Schoͤpfer ſelbſt ihr nicht anlegen wollte, ohne Geſetze zu geben, die zu uͤbertreten die ſuͤndige Luſt erſt recht erwecken und reitzen koͤnne! gern waͤre Editha bereit geweſen, den ſo theuer er⸗ kauften Bruder mit ihrem eignen Leben zu er⸗ halten, um ihren Vater zu troͤſten, um ſo ſchmerzlicher empfand ſie es, daß ſie und ihr kuͤnftiger Gemahl Urſache an ſeinem fruͤhen Tode waren, wiewohl ihr Lord Douglas einwandte, daß nur ſeiner Leidenſchaft die Schuld deſſelben beizumeſſen ſey, und er den Rathſchluß der hoͤhern Macht verehre, die ihn des Sohnes be⸗ raube, deſſen wilde Tapferkeit nur diejenige ei⸗ nes Raͤubers geweſen, mithin Schande auf ihn ſelbſt verbreiten wuͤrde. Aber immer noch hoffte nd. 4 S Bweire Band ꝶR— — —— — 50— das Vaterherz mehr noch von ſeiner kraftvollen Jugend, als von der zu ſpaͤt in Anſpruch ge⸗ nommenen Kunſt der Aerzte, und willligte jetzt ein, daß Editha ihn an das Lager des Kran⸗ ken begleiten durfte, da ſie bereit war ſich mit der zaͤrtlichſten Schweſterliebe ſeiner Pflege zu unterziehen.— Zuͤchtig verhuͤllt in dichte Schleier trat ſie zu dem Schmerzenslager des Verwundeten,— ſeine Leute hielten ſie fuͤr eine Dive, welche der große Zauberer zur Geneſung deſſelben mitbrin⸗ ge, und machten ihr mit ſcheuer Ehrfurcht Platz. Mitleidig neigte ſie das ſchoͤne Antlitz uͤber den im Todesſchlummer befangnen Juͤngling, und ſeufzend erkannte ſie in ihm ihren Entfuͤhrer, Verfolger und grimmigen Feind Muskitos, ſo daß ſie ein Zittern uͤberfiel. Aber ſehr bald ſiegte ihre Großmuth, und ſich zu ihrem Vater wendend, der noch immer nichts eigentliches uͤber ſeinen Sohn erfahren hatte, denn Zingalo und die andern waren ſtumm uͤber ſeine Her⸗ kunft geblieben, ſagte ſie ſanft: „O theurer Vater! vergebet mir meine Schwaͤche, nicht kann ich denjenigen ohne Schre⸗ cken vor mir ſehn, der ſo gewaltſam eingriff in b S 1 1= t b 6 1 b — 51— mein Leben!— den Ihr Roſario nennt, ach! es iſt der Zigeunerhaͤuptling— Muskitos!— Auch das noch!(ſtammelte der Ritter, ſeine Tochter krampfhaft umfaſſend) ſo bin ich ja auch um ſeinetwillen— Marinas Schuld⸗ ner!— o! warum ſtarb er nicht in den Pyre⸗ naͤen, eh ſie ihn fand, und zum Naͤuber er— zog!— doch— der Himmel iſt gerecht— er eilt, mich von ihm zu befreien, der— meine Schmach iſt!— Er ſterbe!“— „Nicht alſo, mein Vater!(ſprach Editha) ſein Blut iſt das Eurige, er iſt mein Bruder, wenn auch ein Verirrter! Gott will nicht den Tod des Suͤnders, ſondern daß er ſich bekehre und lebe! mein Bruder iſt noch jung, er kann zuruͤckkehren auf die Bahn der Tugend, oder — vielleicht hat man den Ungluͤcklichen nie auf dieſe geleitet! was er mir that ſey vergeſſen und vergeben, wie ſollt ich auch mit ihm zuͤrnen, der nur das Werkzeug war einer hoͤhern Macht, die mich erproben und bewaͤhren wollte, deh ſie mich begluͤckte? Nein, nein!(ſetzte ſie geruͤhrt hinzu, zu dem Lager zuruͤckgehend und ſich mit Engels Huld neben ihm auf die Kniee niederlaſſend) Du theurer, armer Roſario— Du von nun an geliebter Bruder! Du ſollſt nicht 3 4* 8 4.— ———.ꝛ——— mehr der Gegenſtand meiner Furcht, ſondern meiner innigen Liebe ſeyn! und moͤchteſt Du ge⸗ neſen unter Edithas zaͤrtlicher Pflege!“ b Und— gleich als haͤtten Seraphslieder mit ihren himmliſchen Toͤnen, den Bewußtloſen zu⸗ ruͤckgerufen ins irdiſche Daſeyn, als haͤtte Muskitos nur dieſen Augenblick erwartet, um noch eine Minute ins Leben wieder zu kehren— ſchlug er zum erſtenmal die verloſchnen Augen auf, und ſah mit ſeeligem Bewußtſeyn in den uͤber ihm ſchwebenden Himmel von Edithas Antlitz!—— „Ich bin hinuͤber!—(ſtammelte er leiſe und gebrochen) Engel Editha— laͤchelt mir!”— Da brach dem Ritter das Herz, er ſtuͤrzte neben der Weinenden hin, ſchloß beide Kinder in ſeine Arme und rief: „Editha iſt Deine Schweſter!— Du Ro⸗ ſario biſt mein Sohn! o lebe, lebe!— werde unſrer Liebe wuͤrdig!“— Ein krampfhaftes Laͤcheln zuckte uͤber des Juͤnglings Zuͤge, wie Mondenſtrahl hin und wieder irrt uͤber das in Stein gehauene Gra⸗ besbild. 4 „Im Himmel!“ fluͤſterte er leiſe, wie der Wind in verdorrte Grashalmen, ſchlug noch ein⸗ mal die Augen auf, leuchtend im letzten Blitz⸗ — 32— — ſtrahle des Geiſtes, der jetzt auf immer ſeiner Huͤlle entwich— und war nicht mehr. Editha ſtieß ein Jammergeſchrei aus, ſich uͤber den Entſeelten hinſtuͤrzend, aber nicht mehr vermochte ihre, einſt ſo heiß erſehnte Umarmung, ihn zu erwecken, denn er ſchlief bereits den ſtarren To⸗ desſchlaf, aus dem niemand wiederkehrt ins Le⸗ ben dieſſeits des Graͤberthals! und Lord Dou⸗ glas— den ſchmerzlichen Blick zum Himmel hebend, als wolle er ſeine Unterwerfung andeu⸗ ten, und dann eine Thraͤne weinend, auf des Sohnes erkaltetes Antlitz, nahm Editha in ſeine Arme, huͤllte ſie in ihren Schleier und fuͤhrte ſie mit ſich fort. Kaum aber erblickte Zingalo, daß der Hauch des Lebens ſeinen Gebieter verlaſſen hatte, ſo hielt er fuͤr gut, ſich wenigſtens mit dem Leich⸗ nam ſo ſchnell und ſchleunig auf den Weg zu machen, als er konnte, und dieſen Marina zu uͤberbringen, um ſich bei ihr und der Horde zu rechtfertigen. Mit derjenigen Umſicht und Geſchwindigkeit, die ihm und den Seinen eigen war, benuͤtzte er des Ritters Entfernung und erſte Beſtuͤrzung und hatte ſchon lange mit dem Todten einen Weg durch die Gebirge eingeſchla⸗ gen, als der bekuͤmmerte Vater zuruͤckkehrte, um — —— fuͤr das chriſtliche Begraͤbniß ſeines Sohnes zu ſorgen. Tief gekraͤnkt, daß ihm auch dieſer letzte ſchmerzliche Troſt verſagt war, und unfaͤ⸗ hig die Entflohenen einzuholen, kehrte er zu ſei— ner geliebten Tochter zuruͤck, die allein im Stande war, ihm Troſt zu gewaͤhren. Der trauernde Douglas wuͤnſchte auf keine Weiſe, ſeinen kuͤnftigen Eidam von ſeiner Be⸗ ziehung mit dem ungluͤcklichen Roſario unter⸗ richtet zu ſehn, er wollte dem Ritter Trautwan⸗ gen großmuͤthig den Schmerz erſparen, ſeinen Sohn, Edithas Bruder, getoͤdtet zu haben, und ſo erfuhr er blos im Allgemeinen, daß der ſo⸗ genannte lettiſche Ritter an ſeinen Wunden Todes verblichen ſey, woruͤber er ſich, wiewohl es ihm nicht gleichguͤltig war, vermoͤge ſeiner Ueberzeugung, ihn im ehrlichen offnen Zwei⸗ kampfe eines Gottesgerichts verwundet zu ha⸗ ben, bald beruhigte, obgleich die gefuͤhlvolle Edi⸗ tha dieſen traurigen Fall noch lange beweinte. Gern haͤtte Ritter Trautwangen ſich mit ſeiner Braut ehelich verbinden laſſen, allein nicht nur fehlte es an einem Geiſtlichen ihrer Religion, ſondern Editha erklaͤrte auch, daß ſie ſich nicht ent⸗ ſchließen koͤnne, mit ihm an den Altar zu treten, bis ſie ihre zweite Mutter, Frau Elsbeth wie⸗ — 55— dergeſehn, ihren Seegen empfangen habe, und von ihrer Hand ihm zugefuͤhrt werde. Dort auf dem Pachthofe im Vaterlande, wo ihre Jugend wie ein ſchoͤner Maitag verfloſſen war, wo ſie alle Freuden der Unſchuld und Natur, jedes reine Gluͤck der Maͤßigkeit empfunden hatte, da wollte ſie uͤbergehn ins ernſte, wuͤrdevolle Frauenleben. Die Ritter ehrten ihr Zartgefuͤhl, und da ihre Geſchaͤfte in dem ſchoͤnen Welſchland voll⸗ bracht waren, auch Editha nunmehr nichts am Hofe zuruͤck halten konnte, ward die Abreiſe nach Deutſchland beſchloſſen, und der Pachthof als das Ziel ihrer Wuͤnſche angenommen. 6. O graͤßlich! O grauenhaft und ſchrecklich! Hu! ich hoͤrts Die Wogen rufen, und die Winde heulen— Die Himmelsorgel des erzuͤrnten Gottes.— (aus dem Sturm von Shakespear.) Kalt, duͤſter und nebelvoll neigte ſich der rauhe Herbſttag zu Ende, und vor der blutroth unter⸗ ſinkenden Sonne lagerten ſich dunkle Wolken wie ausgebreitete Geierfluͤgel, der Menſchheit — — ———— — — 4 — 36— Verderben gleichſam herabdrohend. Der Reſt des Lichts verloſch allmaͤhlig und heulend ſauſte die Windsbraut durch die kahlen Waldbaͤume, auf denen jetzt die Nachtvoͤgel lebendig wurden; Alles verkuͤndete eine ſternloſe und grauenvolle Nacht, der zu enteilen der Wanderer ruͤſtiger auf die wirthbarliche Herberge zuſchritt. Nur Marina und ihre Horde boten dieſen Schreck⸗ niſſen Trotz, auf einem lichtern Waldplatze des Odenwaldes gelagert, flackerten luſtig die waͤr⸗ menden Feuer, uͤber denen dampfende Keſſel bro⸗ delten und an welchen die Alten ihre ſtarren Glieder aufthauten, waͤhrend die Jugend, den eignen Flammen vertrauend, ſich nach den er⸗ munternden Klaͤngen des Tambourins und der Caſtagneten, des Dudelſacks und der Sackpfeife in den Taͤnzen ihrer Nation, bald ſpaniſch, bald mazoviſch, bald polniſch, bald maſuriſch, bald koſakiſch, durch wilde und ausgelaßne Spruͤnge erhitzten. In einiger Entfernung, dort wo die Feuerhaufen bereits zu dunkelgluͤhenden Kohlen niedergebrannt waren, von den naͤchtlichen Schat⸗ ten faſt verborgen, ſaß Marina auf dem Sturze einer umgehauenen Eiche, in den Mantel gehuͤllt, und wie es ſchien in ihre eignen Betrachtungen vertieft. Schon lange hatte man an der Alt⸗ — 357— frau einen truͤben Ernſt bemerkt, und finſtre Blicke, die jeder Luſt Hohn ſprachen. Gefahr⸗ drohend glaubte man ihr dumpfes Schweigen und zitterte vor der Groͤße eines Ungluͤcks, das die Seherin kannte, nicht aber verkuͤnden zu wol— len ſchien. Auch hatte man ſich nicht getaͤuſcht — der Kriſtallſpiegel und die Gabe der Weiſ⸗ ſagung an die Marina ſelbſt ſich zu halten gewoͤhnt hatte, eroͤffneten ihr eine ſo fuͤrchter⸗ liche Zukunft, daß ſie lieber die Luft mit Weh⸗ geſchrei erfuͤllt haben wuͤrde, waͤre ſie nicht ih— rer Pflicht, die Sorgloſen zu ſchonen, die ihr blind vertrauten, eingedenk geweſen; und waͤre ihr Geiſt nicht ſchon fruͤher durch Ungluͤck und Elend ſo erſtarkt, daß er ſchweigend das Ent⸗ ſetzlichſte zu tragen vermochte. Jetzt richtete ſich ihr hohles geiſterhaftes Auge auf eine dunkle Geſtalt, die zu ihren Fuͤßen gekruͤmmt, auf dem mit duͤrren Blaͤttern bedeckten Boden lag, und von der man geglaubt haͤtte, ſie ſchlafe, wenn ſich nicht oft ein heftiges Zucken und wil⸗ des Auffahren an ihr, wie an unruhig ſchlum⸗ mernden Kindern kund gethan haͤtte. „Ungluͤckliche!—(murmelte Marina dumpf in ſich hinein) arme Mona!— moͤchte Dich der Engel des Schlafs ſeinem Bruder Tod in die ————— ——— — — 5 ———— — ——— —— ———õ— ———— — 58— Arme fuͤhren, eh Du das ſchrecklichſte erfaͤhrſt! Muͤcke, warum nahteſt Du auch ſo kuͤhn der Flamme? nun Du Dir die Fluͤgel verſengt haſt, wimmerſt Du freilich am Boden und kannſt nicht einmal ſterben!— wie wirſt Du leben koͤnnen ohne ihn?— dem Du Jugend, Schoͤn⸗ heit und Dich ſelbſt geopfert haſt, und der Deiner nicht mehr gedacht hat?— arme Mona! bald wirſt Du alles ſeyn, was mir von Mus⸗ kitos uͤbrig bleibt!“— „Welche Noſſa*) nennt ſeinen Namen? (fuhr Mona jetzt wild empor, mit verwor⸗ renen Blicken um ſich ſchauend; ſie glich jetzt nur noch der ſchoͤnen Mona wie die bleiche Mondennacht dem ſonnigten Lenzestag; einge— ſunken und hohl blickte das verloſchne Auge, mit bleifarbenen Ringen umgeben, verbluͤht wa— ren die gluͤhenden Wangen, blaß die ſonſt pur⸗ purrothen Lippen, aufgeloͤßt und in Unordnung das Haar, an Schwaͤrze mit Ebenholz wettei⸗ fernd, daß es wie geringelte Schlangen, Hals und Buſen bedeckte— Kraͤmpfe zuckten durch ſie hin, und ſichtbar war bereits ihre Schuld; ſo ſaß ſie da— hinhorchend in die ſich immer finſterer geſtaltende Nacht!—) Es war nur ein *) Nach der nordiſchen Mythologie, die Grazie. 46 ——ʒ—— 8 — 59— Traum!(ſagte ſie endlich ſich beruhigend) und der nannte mir den Geliebten! o Mutter!— o Marina!(fuhr ſie nach einer Pauſe dringend fort) Ihr ſeyd ja allwiſſend! Euch ward der Trunk aus Pdraſill!“*) Ihr kennt das was geſchehn iſt! brecht doch endlich Euer toͤdtendes Schweigen, wenn Ihr wollt, daß Mona leben ſoll— ſagt mir: wo er weilt, wenn er wie⸗ derkehrt?“— „Vielleicht nur allzu bald!(antwortete dumpf Marina, und es war als wuͤrde ihr Auge feucht) aber nicht Snotra**)— Angerbonde***) muß ich Dir ſeyn, armes Geſchoͤpf! die Wila fliegt durch den Wald, und ihr Odem iſt gif⸗ tig, und ſie reißt fort was ſie findet— denke an Horka, deine Mutter!“— „Warum an die Todte, wenn ich an das gluͤhende Leben— an den Held Muskitos denken muß?(verſetzte Mona, indem ſie die wirren Haupthaare verneinend ſchuͤttelte) habe ich nicht das Grab der Mutter mit Jasmin und Nar⸗ ziſſen bepflanzt? und iſt nicht der Springquell hingeleitet es zu waͤſſern, was bedarfs meiner *) Die heilige Quelle der Weisheit. **) Troſterin der Liebenden. *r) Botin des Ungluͤcks. — 60— Thraͤnen? Ungluͤck wollt Ihr mir deuten, Mut⸗ ter!— aber warum quaͤlt Ihr die arme Mona, da Ihr doch wißt, welch edles Gewaͤchs vom Heldenſtamme ihr Leib verſchließt!— wollt Ihr mich toͤdten, eh ſein Sohn das Licht erblickt, eh ich ihm zujauchzen kann: Ich bin die Mut⸗ ter Deines Kindes?“— „O Mona! o Mona!l(ſprach jetzt die Alt⸗ frau mit ausbrechendem Schmerze) nimmer— nimmer wirſt Du ihm das ſagen koͤnnen!— denk an die Wila des Waldes!“ „So werd ich ſterben!—(fragte Mona ſanft) Nun denn!— die Wila komme— ich fuͤrchte ſie nicht— ſie fuͤhrt nach Asgard, wo Mutter Horka und Vater Hilkar meiner war⸗ ten— nur wiederſehen moͤchte ich ihn zuvor, eh Heimdel*) mich uͤber Bifroſt fuͤhrt, um ihm zu ſagen: Du biſt Vater!“— „O Maria sancta Regina in coelis!(ſetzte ſie, ploͤtzlich die Haͤnde faltend, hinzu) laß mich ihn wieder ſehen eh die Wila des Waldes zu mir kommt!“ Da ward durch die ſtuͤrmiſche Nacht, die jetzt dichter herab ſank auf die verſtummende Welt, am fernen Saume, der den Hochwald *) Huüter der Bruͤcke Bifroſt die nach Asgard fuͤhrt. — 61— begrenzte, ein Klingeln und Schallen laut, wie von Maulthieren, und ein Geraſſel mehrerer Tritte von Menſchen und Thieren, uͤber die mit Laub bedeckte Erde;— Der Tanz hielt an, die Gelagerten ſprangen empor, denn— von dort her ertoͤnten dumpfe Schlaͤge auf Pauken— die man ſogleich droͤnend mit der großen Keſſelpauke beantwortete. Alles ſprang auf, lief und ſchrie „der Hauptmann! der Hauptmann!“ jauchzte froͤhlich durch einander, und machte Platz. Mona ſtieß ein Freudengeſchrei aus und floh leicht wie eine Antilope, auf die Kommenden zu; nur Marina erhob ſich langſam— ſchwan⸗ kend— zitternd, und druͤckte beide Haͤnde aufs Herz, als wollte ſie es feſt halten in ihrer Bruſt. Da nahte der Zug. Langſam und traurig ſchritt Zingalo heran, die Maulthiere leitend, die mit ſilbernen Gloͤckchen bedeckt waren und zwei und zwei neben einander gingen. Auf dem erſten Paare lag— Muskitos blitzende Stahl⸗ ruͤſtung, Helm und Lanze, Federbuſch und Schwerdt, auf dem andern— Muskitos, nach egyptiſcher Weiſe, mit koͤſtlichen Spezereien ein⸗ balſamirter Leichnam, eingeſchlagen in ſeinen Scharlachmantel, und quer uͤber beide Thiere gelegt. Dieſem folgte, von einem ſeiner Leute 1 6 — 1 1 — 62— gefuͤhrt, ſein Streitroß, und die uͤbrigen be⸗ ſchloſſen den Zug. Mona war in die Kniee ge⸗ ſunken, als die andern ſtarr fuͤr Entſetzen, bei dieſem Anblicke ſtehen blieben wie eingewurzelt — nur Marina trat naͤher, und ſprach mit ungewiſſer, vergebens erhobner Stimme: „Sey mir gegruͤßt, ſchlummernder Held! — ich ſah Dich laͤngſt ſchon alſo bei uns ein— 2 ziehen!— Enthuͤlle uns ſein Antlitz, Zingalo, daß der Vollmond es gruͤße, der eben aufſteigt aus den Wolken!“ Und Zingalo nebſt ſeinen Begleitern hoben den Leichnam herab, legten ihn ſanft auf die Erde, das Geſicht nach Oſten gekehrt, und das Haupt auf duͤrres Laub erhoͤht, ſchlugen den Mantel auseinander, und vor aller entſetzten Blicken lag der ſchoͤne Heldenjuͤngling da, als ſchliefe er nur. Wimmernd hatte Mona ſich aufgeraft, laut ſchreiend ſtuͤrzte ſie ſich uͤber ihn, kuͤßte den blaſſen Mund, die kalten Wangen, und ſank endlich in ein gluͤckliches Unbewußtſeyn, das man zu ihrer Entfernung benutzte; Marinas Blicke aber wurzelten feſt auf dem Todten, ohne Laut, ohne Thraͤne ohne ein Zeichen des Schmerzes. „Ich weiß alles!(ſeufzte ſie endlich) mir 12 — 632— brauchſt Du nichts zu erzaͤhlen, Zingalo! ich werde Deine Treue belohnen. Die letzte Faſer, mit der mein Herz am Leben hing, iſt jetzt zer⸗ riſſen— morgen ſollt ihr den Entſchluß Mari⸗ nas alle erfahren. Bewachet den Leichnam Eu— res Anfuͤhrers, und ſorgt— ſorgt fuͤr Mona!“ Mit dieſen Worten ſchwankte ſie zu ihrem vorigen Sitze zuruͤck und nahm ihn ein wie zuvor, nur daß ihre Augen unter dem Mantel, der ſie verhuͤllte, unbeweglich auf den Todten hinſtarrten, auf deſſen bleiches Geſicht jetzt der Vollmond ſeinen herrlichſten Glanz ausgoß. Man fuͤrchtete die ganze Nacht fuͤr Monas Leben und fuͤr ihre Vernunft, die Weiber der Horde kochten ihr mitleidig Traͤnke und ver⸗ ſorgten ſie nach ihrem beſten Wiſſen und von Zeit zu Zeit kam Marina ſelbſt nach ihr zu ſehn, um ihr Heilmittel zu verordnen. Zingalo hatte endlich alles, was ſich mit Muskitos ereignete, treu berichtet, als er aber in ſeinem Berichte des großen Zauberers und der Dive erwaͤhnte, die bei ſeinem Tode zugegen geweſen, und wo ſich der erſte fuͤr ſeinen Vater ausgegeben, da endlich ſchoß ein Thraͤnenſtrom aus Marinas Augen! „Alſo dennoch— dennoch! und alle meine Macht und Kunſt hat dieſes Zuſammentreffen —— —— ——— —— — 64— nicht zu verhindern vermocht!(ſprach ſie zu ſich ſelbſt) ſo wahr iſts was jene behaupten, des Menſchen Verhaͤngniß ordne und lenke die oberſte Gewalt, und nur in die Speichen eines zermal⸗ menden Rades greife der Thor, der es ablenken wolle!—— Schlaf ſanft, mein Muskitos! (ſetzte ſie gelaßner hinzu) fuͤr mich— fuͤr die— ſes Volk hatteſt Du ohnehin ausgelebt! Dein ſtolzer Vater haͤtte Dich uns entriſſen, eingeſpannt das edle junge Roß, ins Joch ſeiner Vorurtheile und ſtrengen Ehrbegriffe, und wie ein verzehrender Brand haͤtte der Verblichne ohne Edithas Beſitz un⸗ moͤgliches fort begehrt, bis ihn die eigne Flamme verzehrt haͤtte! Es war die rechte Zeit zu ſter— ben, und was traur' ich denn, da ich weiß, daß auch mir nur weniges noch zu thun uͤbrig bleibt, um mein Tagwerk zu enden und dem zu folgen, der mein Stolz war— und mein Gluͤck?“— Und jetzt kam eine bewundernswerthe Faſ⸗ ſung uͤber dieſe unerklaͤrliche Marina; ſie fer⸗ tigte Eilboten ab, den Pater Gratianus, den Eremit herbei zu holen, um den Seegen zu ſpre⸗ chen uͤber den Todten, den ſie der Erde vertrauen wollte, und ordnete mit ihrer gewoͤhnlichen Fe⸗ ſtigkeit ſein Begraͤbniß an. Auf dieſer Stelle — ſollte — 65— ſollte ers finden, wo er lag, und vier Trauerweiden ließ ſie um das geoͤffnete Grab pflanzen, damit ihre langen Zweige es einſt bedeckten. In der Horde herrſchte Beſtuͤrtzung und Trauer, ſtumm und ſchweigend vollzog man was ſie gebot, eh⸗ renvolle Wache bei ihm zu halten, und alles zur Einſenkung zuzubereiten. Als Pater Gratianus eintraf und ſelbſt uͤber Muskitos Tod eine lebhafte Theilnahme empfindend— denn wenn ſein Eifer fuͤr die Kirche nicht ins Spiel kam, war er den Regungen des Mitleids nicht ent⸗ fremdet— Marina zu troͤſten verſuchen wollte, ſprach dieſe kalt: behaltet das alles fuͤr Euch ſelbſt, der Ihr einen freigebigen Beſchuͤtzer ver⸗ loren habt, oder troͤſtet dieſe jetzt Verwaiſten, Marina wußte was kommen wuͤrde, und be⸗ darf Eures Wortes nicht. Schicket Euch an, zu thun was Eures Amtes iſt!““ Und bald erſchallte der Wald von den from⸗ men Geſaͤngen des Paters, der bei dem Grabe, in welches man jetzt den Haͤuptling, ſeine Ruͤ⸗ ſtung, Schwerdt und Helm verſenkte, Meſſe las, welche die ganze Horde knieend mit an⸗ hoͤrte; bleich wie eine Abgeſchiedne war auch Mona dabei, die Erde beruͤhrend mit dem ver⸗ huͤllten Geſichte, und als man das Grab vollen⸗ Zweiter Band. 5 — 66— det hatte, als der Raſenhuͤgel ſich uͤber demſel⸗ ben woͤlbte, da ſetzte ſich Mona auf daſſelbe, traͤnkte es mit ihren Thraͤnen und wöllte es nicht wieder verlaſſen. Nach dem Begraͤbniſſe ſammelte Marina die ganze Horde um ſich, ſetzte ſich auf die umge⸗ hauene Eiche und redete folgender Geſtalt mit ihnen: „Der Baum iſt nun gefallen, den ich Euch pflanzte und heranzog, der Euch Schatten ge⸗ waͤhrte, und mir— Freude. Aber Euer Wohl verlangt, daß ich Euch einen neuen Anfuͤhrer ernenne, damit nicht Unordnung einreißt unter den Soͤhnen des Nehels. Ormuzd hat zu mir geredet und Allfadur, darum unterwerft Euch der Koͤnigin Gebot: Derjenige, der immer um Euern Hauptmann war, der ihn ſterben ſah, und treu ſeiner Pflicht Uns den theuern Leich⸗ nam uͤberantwortete— Zingalo ſoll an Muski⸗ tos Stelle Euer Anfuͤhrer und Haͤuptling ſeyn!““ Da verſtummte alles einen Augenblick, dann aber brach ein wildes, ungeſtuͤmes Freudenge⸗ ſchrei aus, und die Horde rief:„Es lebe Zin⸗ galo! hurrah! der neue Hauptmann!“ Dieſer aber ſtrich ſich ſelbſtgefaͤllig den rothen Bart, beruͤhrte kuͤſſend die Erde vor Marina, und —„ ——— —ᷣ — 67— ſtreckte dann hoch aufgerichtet den Arm aus, um den Handſchlag ſeiner Bruͤder zu empfangen. „Bei den Hoͤrnern des Serapis,(ſprach er) bei Dſchemſchid! bin ich auch nicht gelehrt wie Muskitos war, ſo will ich Euch doch ein treuer Anfuͤhrer werden.“ „Hoͤret weiter!(fuhr Marina fort) denn noch mehr laͤßt der Geiſt mich zu Euch reden. Die Stunde iſt da, wo auch Marina— Ma⸗ rina die dreißig Jahr Eure Koͤnigin und Alt⸗ mutter war!— ſich von Euch ſcheiden muß!“ Da erhob ſich auf den wilden Geſichtern der Ausdruck des hoͤchſten Erſtaunens und des tiefſten Schmerzes, und alle draͤngten ſich mit dumpfem Murren ihr naͤher. „Bleibt ruhig!(fuhr ſie fort) denn die Seherin hat Euch zu kuͤnden! Eures Bleibens iſt nicht mehr in Deutſchland, aus dem die Spa⸗ nier in kurzem zu weichen ſich gezwungen ſehn werden. Fliehet! eh die Zeit der Verfolgung uͤber Euch herein bricht, und der Wuͤrgengel mit dem Schwerdt! Mit Mußskitos iſt Eure Sicherheit verloren; verlaßt das Caſtell, zerſtort die Arbeiten, theilet die Schaͤtze zu gleichen Theilen unter Euch, und zieht zuruͤck uͤber die Pyrenaͤen.“ 5* — — 68— „Wenn Du uns leiten willſt, Koͤnigin, wie bisher!“ antworteten mehrere Stimmen. „Dank Eurer Liebe!(antwortete Marina) ſie that mir immer wohl, aber was Ihr ver⸗ langt, iſt nicht mehr moͤglich! Das Band iſt zerriſſen, das uns verband— ich gehoͤre nie⸗ manden mehr an, als— dieſem Grabe! Die Macht, das Anſehn, das Vertrauen ſo Ihr mir gabt— ich entſage allen— ich lege es in Bub⸗ nas Haͤnde, denn— zu Horkas Haͤupten hat der Engel des Todes geſtanden, und ſo iſt Bubna von nun an Eure Altmutter an meiner Statt. Fuͤr mich giebts keine Heimath mehr, als hier — wo Muskitos ſchlaͤft! wollt Ihr mir den letzten Dienſt erweiſen— bauet mir hier eine Huͤtte— und dann verlaßt Deutſchland— ich werde hier bleiben— bis ich ihm folge!“—— Jetzt ward ein allgemeines ſchmerzliches Geheul hoͤrbar, denn allen war Marina eine Goͤttin, und alle kannten die Unwandelbarkeit ihrer Entſchluͤſſe; Mona aber richtete ſich lang⸗ ſam auf von dem Grabe, und trat unter den Trauerweiden hervor. „Und was ſoll aus Mona werden?(fragte ſie mit hohler zitternder Stimme) kann die Koͤ⸗ nigin auch Mona verſtoßen?“ — 69— Da oͤffnete, ſtatt aller Antwort, Marina ihre Arme, und an ihr Herz ſtuͤrzte ſich die Un⸗ gluͤckliche, ausbrechend in Thraͤnen, Marina aber rief mit feierlicher Ruͤhrung. *„Dich und mich ſoll nur der Tod fortan ſcheiden!“ 7. „und es bringet die friedliche Taube Heim des Oelbaums froͤhliche Kunde Hoffe und glaube.“ 8. Nur ungern hatte die Herzogin Fiorina, die ge⸗ liebte Editha entlaſſen und ſie mit den zaͤrtlich⸗ ſten Beweiſen ihrer Huld, mit ehrenvollen und koͤſtlichen Geſchenken, ſo wie der Herzog die Rit⸗ ter mit Auszeichnungen jeder Art, uͤberhaͤuft, und dieſen die erwuͤnſchteſten Auftraͤge an die Fuͤrſten der Union mitgegeben. Editha verließ die edle Dame nicht ungeruͤhrt, der ſie ſo hoch verpflichtet worden war, aber ihr Herz ſehnte ſich hinweg von dem vulkaniſchen Boden, auf dem ſie gewandelt, und wo ſie den Wechſel der Schickſale auf ſo ergkeifende Weiſe eimpfunden hatte, und hoͤher ſchlug es ihrem Vaterlande, wo ſie ein frommes treues Mutterherz erwar⸗ tete und die gewohnte Stille ihres unſchuldigen Jugendlebens ſie umfangen ſollte, nach den angreifenden Zerſtreuungen eines geraͤuſchvollen Hofes. Tief und dankbar fuͤhlte ſie es, daß der verbannte Fluͤchtling, der in armſeliger Ver⸗ kleidung, unter zweideutigem Schutze uͤber die Al⸗ pen gezogen war, jetzt heimkehrte, mit aller Auszeichnung eines erhabnen Standes, unter ritterlichem Geleit und hinreichender Bedeckung, als Tochter des einen, als Braut des andern Ritters; und hoͤher wallte ihr Herz, wenn ſie an Frau Elsbeths Freude dachte. Die Reiſe ging mit moͤglichſter Eil, und vielem Gluͤck von ſtatten, denn die Ritter hat⸗ ten nur noch kurze Zeit uͤbrig, um zum Heere, das bald in neue Thaͤtigkeit uͤbergehn ſollte, zu⸗ ruͤck zu eilen, auf ihre Ehrenplaͤtze. Zuvor aber wollte Trautwangen ſich am Altare mit Editha vereinen, und dann dieſe, wie ſie es wuͤnſchte, auf dem Pachthofe zuruͤcklaſſen. Ein heitrer herbſtlicher Morgen, der die herauf blitzende Sonne, wie im Triumph auf veilchenblauen und amarantnen Wolken getragen ſah, an dem Thal und Flur funkelnd unter— 4 ’ — ☛ — 20ꝛ7— den hellen Perlen des zerloͤßten Reifes der Nacht ſich noch einmal kleidete in des Lenzes dufti⸗ ges Gruͤn, und hoch in der Luft die Lerche hin⸗ ter dem Saamen ſtreuenden Landmann her, das letzte Abſchiedslied ertoͤnen ließ, waͤhrend feine, ſchneeweiße Faͤden, das Geſpinnſt des fleißigen Sommers ihm nachzogen uͤber das Feld, ein folch erquicklicher Morgen war es, als Frau Els⸗ beth, immer wacker in ihren Geſchaͤften, hin⸗ aus gegangen war auf die Huͤgel, ihr Saat⸗ feld beſtellen zu ſehn, denn fern und weit von ihrer Gegend hatte der Kriegslerm ſich gezogen, und wieder wagte der ſchuͤchterne Pfluͤger, der Erde das Fruchtkorn anzuvertrauen. Sie ſtand neben ihren Arbeitern, da gewahrte ſie— den Blick hinausſendend auf die Hoͤhen— einen ſtatt⸗ lichen Zug am Saume des Waldes, der gerade auf den Pachthof zu kam. Voran wehten zwei ritterliche Banner, und in der Mitte von den ſtattlichen Rittern, denen ſie eigen waren, ritt auf weißem, ſchoͤn aufgezaͤumten Zelter, eine junge, reich gekleidete Dame von der edelſten Haltung. Frau Elsbeth ſtarrte hin— ſchrie laut auf, und wußte nicht, ob ſie wache oder traͤume, denn ſie erkannte ihre verlorne— be⸗ weinte Editha; auch die Arbeiter erkannten ſie 4 wieder und alles brach aus in ein Freudenge⸗ ſchrei, daß die Berge wiederhallten von dem Namen der allgemein Geliebten. Als aber Edi⸗ tha den Ruf vernahm und die bekannte geliebte Stimme, da ſpornte ſie den Zelter und in we⸗ nig Augenblicken war ſie unten auf dem Bo⸗ den, in den Armen der gluͤcklichen— faſt be⸗ taͤubten Mutter!— Noch druͤckten beide einan⸗ der feſt an die Wonne bebenden Herzen, als die Ritter ankamen, und der Mutter das erfreulichſte aller Raͤthſel loͤſten. „Nun bin ich wieder wie vor— Deine Tochter, meine geliebte, guͤtige Mutter!(ſagte Editha) und wir trennen uns nie mehr in dieſem Leben! Deine Hand, die mich als armes Wai⸗ ſenkind an das edle Herz nahm, ſie fuͤhrt mich jetzt als die gluͤckliche Braut dieſes edlen Rit⸗ ters, dem ich Leben und Ehre verdanke, zum Altare!“ 1 Wie man nach und nach vor den Augen des entzückten Kenners, ein werthvolles Gemaͤlde aufrollt, und ins gehoͤrige Licht ſtellt, ſo machte man Frau Elsbeth mit Edithas Schickſalen be⸗ kannt, und ſowohl der dankerfuͤllte Vater, als der begluͤckte Braͤutigam bezeigten ihr wetteifernd ihre innigſte Erkenntlichkeit ſich beide lebenslang — 73— ihre Schuldner nennend, und ſie bittend dem jungen Paare ſtets Mutter zu bleiben. Da ging der guten Elsbeth das Herz auf in unnennbarer Wonne, und die Augen uͤber in unzaͤhligen Thraͤnen. „Wohl dem der ſeine Hoffnung auf den Herrn ſetzt(rief ſie aus) und ihm vertrauet, denn es koͤnnen wohl Berge weichen und Huͤgel hinfallen, aber nicht ſeine Gnade, die nimmer— mehr von uns weichet, darum lobe den Herrn meine Seele, und vergiß nicht was er Dir Gu⸗ tes gethan hat!“— Nun aber war ſie ſchnell wieder die ge⸗ ſchaͤftige Hausfrau, auf Bewirthung ſo werther Gaͤſte bedacht, und Editha ging ihr wieder an die Hand, als waͤre ſie nie von dem geliebten Pachthofe gekommen. Bald aber brach ein noch ſchoͤnerer Tag an, da wand Frau Elsbeth den gruͤnen Mirtenkranz in die goldnen Locken der braͤutlichen Jungfrau und fuͤhrte ſie ihrem Rit⸗ ter zu, an den Altar, wo der evangeliſche benach⸗ barte Prediger ſie mit ihm fuͤrs Leben verband. Nach der Trauung, als Lord Douglas ſeine Kinder geſeegnet hatte, und ſie auch Mut⸗ ter Elsbeths Seegen erbaten, ſprach dieſe ge⸗ ruͤhrt:„Mein Seegen wird nie von dieſem — 142— frommen Engelskinde weichen; erlaubt aber auch nun edle Herren, daß ich meine Editha bedenke mit der Morgengabe meiner Armuth. Ich ſchenke“ ihr und ihrem Gemal— den Pachthof zu erb und eigen, der Seegen armer, fleißiger und guter Menſchen ruht auf ihm, und ſo wird er ihr frommen und Nutzen bringen. Ich aber be⸗ darf nichts weiter, als daß ſie die alte Elsbeth zu Tode fuͤttre!“ 4 Sowohl das junge Paar, als Lord Dou⸗ glas waren hoch erfreut uͤber das angenehme Geſchenk, denn Editha liebte den Ort vorzuͤglich, wo ſie fruͤher ſo gluͤckliche Tage verlebte, auch hatten, die weiten Beſitzungen des Rheingrafen nicht nur in dieſer unruhigen Zeit ſoviel gelitten, daß ſie nicht bewohnbar waren, ſondern die Wo⸗ gen des Krieges, die hier der Ebbe und Fluth glichen, erlaubten auch noch nicht dort zu hau— ſen; der Pachthof ward alſo zum erfreulichſten Zufluchtsort, und ſchnell trafen die Ritter An⸗ ſtalt, ihn in eine feſte Burg umzuſchaffen, wel⸗ ches um ſo leichter zu bewerkſtelligen war, da ſchon die Natur viel zu ſeiner Befeſtigung beitrug. Der Ritter gab nun dem Pachthofe den Namen der Trautburg, und verſah ſie mit ſo tapf⸗ der Beſatzung, als die immer noch kriegeriſchen 2½ G 1 — Zeitlaͤufe zur Sicherheit ſeiner Gemahlin noͤthig machten; auch richtete er es dergeſtalt ein, daß immer einer von ihnen, entweder er ſelbſt oder Lord Douglas bei dem Bau der Veſte, und zum Schutz der Frauen gegenwaͤrtig war, ſo daß Editha jetzt mitten in dem furchtbaren Kriege, der noch immer die Laͤnder durchtobte, aller Si⸗ cherheit und haͤuslichen Ruhe genoß, die ſie bei den Gefahren zu fuͤhlen vermochte, denen bald ihr theurer Gatte, bald ihr geliebter Vater im Laufe ihres Heldenlebens abwechſelnd ausgeſetzt waren. Dieſe Beſorgniſſe und die unausloͤſch⸗ liche Erinnerung an ihres Bruders blutigen Tod, ſtoͤrten allein ihre Gluͤckſeeligkeit, dann aber war ihr der fromme erbauliche Umgang der guten Mutter Elsbeth ein nicht geringer Troſt. 8. —— Weine!— weine! Ungluͤcklich Weib, und dank dem Himmel noch Daß er dir Thraͤnen ließ— ich habe keine! (aus dem Paria.) Sowohl Lord Douglas als ſeine Tochter und Elsbeth erinnerten ſich der Verbindlichkeit, die 8 — 76— ſie der Zigeuner Altmutter ſchuldig waren, und der erſte uͤbernahm es ihr thaͤtig zu danken, ſo ſchmerzlich auch die Erziehung, die ſie ſeinem ungluͤcklichen Sohn gegeben, ſein Herz kraͤnkte; er war billig genug, um zu begreifen, daß Ma⸗ rina ſo und nicht anders handeln konnte. Da verbreitete ſich aber ſchnell das Geruͤcht von dem Tode des gefuͤrchteten, und als Stahlritter be⸗ ruͤhmten Hauptmanns der Zigeuner, dem eben ſo geſchwind dasjenige von dem Tode der Alt⸗ mutter folgte. Diejenige, die an ihre Stelle getreten war, die verſchmitzte Bubna, erman⸗ gelte nicht auf der Trautburg zu erſcheinen, da ſie von den Nachforſchungen des Ritters ge⸗ hoͤrt hatte und mit jaͤmmerlichen Geberden Ma⸗ rinas Hintritt zu beſtaͤtigen, auch erwies ſie ſich nicht ſaͤumig, das reiche, großmuͤthige Geſchenk anzunehmen, was er ihr und der Horde, zu⸗ folge der Marina ſchuldigen Erkenntlichkeit dar⸗ reichte. Marina ſelbſt hatte geboten, dieſes falſche Geruͤcht allenthalben auszuſtreuen; ſie lebte, von niemand als dem Pater Gratianus gekannt, in der Waldhütte bei Muskitos Grab, die ihr die Söhne des Nebels, ſo gut ſie es vermocht hatten und ſo geſchwind ſie konnten, errichtet hatten; eine 27 — 7,— Huͤtte von der ſie ſagen konnte wie der Paria von der ſeinen: Wie ichs vermocht, iſt die Wand geſichert, Ein ew'ges Dach wöͤlbt uns der heilge Baum;z Sein greiſes Dach hat oft das Flammenauge, Des Blizes unverſehrt geſchaut. Der Donner Nollt machtlos uͤber ihn. Um ihrem thaͤtigen Geiſte Beſchaͤftigung, und ſich und Mona Unterhalt zu verſchaffen, denn edel genug hatte ſie fuͤr ihre Perſon allen Antheil an den Schaͤtzen der Horde entſagt, und nur fuͤr Mona nahm ſie einen geringen Theil derſelben an, ließ ſie ſich von dem Eremiten Kranke, Leichtglaͤubige oder Beduͤrftige unter dem Volke zuſenden, deren Heilung ſie beſorgte, und an denen ſie, wie ſie ſagte, die Gabe der Weiſſagung uͤbte. Niemand war bei ihr als Mona, deren Schmerz jetzt oft in Thraͤnen und Wehklagen auf dem von ihr ſorgſam gepflegten mit Blumen bepflanzten Grabe des Geliebten ausbrach, und durch die ihr naͤher bekannt wor⸗ denen Umſtaͤnde ſeines Todes, eine andre Rich⸗ tung bekamen, naͤmlich die zu der furchtbarſten Rache. Es ſchien ihr die groͤßte Ungerechtigkeit des Himmels zu ſeyn, daß Ritter Trautwangen ihren Geliebten, den tapfern Muskitos beſiegen — — 8— durfte, ſo wie ſie deſſen leidenſchaftliche Liebe fuͤr Editha einer an ihm geuͤbten Zauberkraft zuſchrieb— und oft beſchwor ſie, die alles ver⸗ moͤgende Marina— wie ſie dieſe nannte— die Blitze des Donnerers auf ihre ſchuldigen Haͤup— ter zu lenken, und wenn Marina es mit dem Bedeuten ablehnte, daß ſie nie wieder in den fruchtloſen Kampf mit hoͤhern Gewalten treten wolle und uͤberhaupt nicht abwenden koͤnne, was mit Sternenſchrift am Firmament aufge⸗ zeichnet ſey, da eilte ſie ſelbſt im aufgeregteſten Eifer zu dem Grabe, um Muskitos Manen Rache zu ſchwoͤren; indeſſen ward ihr Gemuͤth bald durch ganz entgegengeſetzte Empfindungen beſchaͤftigt, denn in dieſer Huͤtte gab ſie dem Sohne des Muskitos das Leben, und die leiden⸗ ſchaftliche Zaͤrktlichkeit fuͤr dieſen ging nun auf ihr Kind uͤber. Auch Marina betrachtete es als ein theures Geſchenk in ihrer freiwilligen Ver⸗ bannung, und bot alles auf, Mona und dem Kleinen zu nuͤtzen.„Aber(ſagte ſie zu ſich ſelbſt) ich mag mich nicht an ihn gewoͤhnen! zu kurz ſind die Augenblicke, die mir noch zugetheilt ſind auf Erden und ich mag nicht davon traͤu⸗ men, den Sohn zu erziehn wie den Vater!— Er wird einer andern Gewalt anheim fallen, „¼ 5 — — 59— und— vielleicht gluͤcklicher ſeyn!“ Der Knahe ward indeß der Troſt der armen Mona und ſoͤhnte ſie allmaͤhlig aus mit dem Leben, wenn auch nicht mit ihren Feinden, denn ſie froh⸗ lockte, daß einſt ihr Sohn jene Rache uͤberneh⸗ men werde, von der ſie traͤumte, und doppelt innig druͤckte ſie ihn an ihr Herz. Die Huͤtte fing ihr an lieb zu werden, als zugleich mit den Blumen auf dem Grabe das Kind auf⸗ wuchs und gedieh— ſie ahnete nichts von dem furchtbaren Gewoͤlke, das ſich uͤber ſie zuſammen ziehn und aus dieſer Freiſtatt vertreiben ſollte. Die Horde hatte, von der Selbſtſucht und dem Eigennutze ihrer jetzigen Obern geleitet, Ma⸗ rinas guten und weislichen Rath: ſich aus der Gegend zu entfernen, unbefolgt gelaſſen; weder Zingalo noch Bubna hatten Luſt die Schaͤtze auszutheilen und der Anhaͤufung derſelben durch die falſchen Muͤnzer im Caſtell zu entſagen, ſie ließen alſo die Arbeiten fortgehen und trieben zugleich, jeder auf ſeine eigne Hand, arge Dieh⸗ ſtaͤhle und Pluͤnderungen, denn da der. Krieg jetzt in andre Laͤnder, und beſonders ins Han⸗ noͤveriſche, Quedlinburgiſche und Magdeburgi⸗ ſche ſich hingezogen hatte, ſo meinten ſie jetzt freien Spielraum zu haben. Auch gehrach es 2 — 80o— Zingalo an Vorſicht und Ueberlegung, die nach⸗ gemachten Muͤnzen an den Mann zu bringen, ohne ſich dem Verrathe auszuſetzen, beides aber hatte zur Folge, daß man den Ruheſtoͤrern und Falſch⸗ muͤnzern auf die Spur kam; vergebens warnte der Eremit und rieth, wie Marina, zur Ent⸗ fernung, da er ſelbſt dieſer unheimlichen Ge⸗ ſellſchaft ſich gern entſchlagen haͤtte, Zingalo blieb in ſeinem Uebermuthe taub fuͤr allen guten Rath und mußte die Folgen ſeiner Verwegen⸗ heit in kurzem hart genug buͤßen. Da man un— terlaſſen hatte, ſich mit derjenigen Behutſam⸗ keit in den Wald und ins Caſtell zu begeben, die Marina zum Geſetz gemacht, und Muski⸗ tos ſtreng beobachtet hatte, ſo kamen einige kuͤhne und beherzte Landleute, welche den Un— fug uͤberdruͤſſig hatten, mit welchem jetzt dieſes Geſindel ihre kurze Erhohlungszeit beeintraͤch⸗ tigte, auf den Gedanken: ihnen in den Wald nachzuſchleichen und ſie zu beobachten. Da ſich jetzt die Mehrzahl der Bande oft der Voͤllerei ergab, die Muskitos immer ſehr hart an ihr geahndet hatte, ſo ward dieſes nun ein Leichtes, und man entdeckte, daß jene wilden Thiere, wel⸗ che man ſo lange geſcheut, Menſchen waren, die an einem verſteckten Orte im Walde unter der — 81— der Erde verſchwanden; beharrliches Achtungge⸗ ben und Beobachten zeigte ihnen endlich auch, auf welche Art dieſes geſchah, und da ſie ſich nicht weiter nachzufolgen getrauten, giengen ſie zu der Obrigkeit und zeigten ihre Entdeckun⸗ gen an. Die vielen, haͤufig zum Vorſchein gekommenen falſchen Muͤnzſorten, hatten dieſe laͤngſt aufmerkſam gemacht und man beſchloß einen erprobten und tapfern Kriegshelden der ſo ſehr beunruhigten Gegend, mit Auffinden und Zerſtoͤren des Raubgeſindels zu beauftragen. Die Wahl fiel einſtimmig auf den neuen Beſi⸗ tzer des Pachthofs, den bekannten und hochge⸗ achteten Bauherrn der Trautburg, der jetzt ge⸗ rade auf kurze Zeit den Kriegs⸗Schauplatz ver⸗ laſſen hatte und auf der neuen Veſte ſich be⸗ fand; man zweifelte nicht, daß wenn er an der Spitze der Beſatzung von Trautburg ausruͤcken wolle, es ihm bald gelingen werde, die ohnehin hart mitgenommene Gegend, von dieſen Nach⸗ zuͤglern des entferntern ſpaniſchen Heeres zu rei⸗ nigen, und man ſandte deshalb Beauftragte an den Ritter Trautwangen mit dieſer dringenden Bitte. Zwar hatte der Graf nicht erwartet, die kurze Zeit ſeiner Waffenruhe auf dieſe Weiſe unterbrochen zu ſehn, war auch blos erſchienen, Zweiter Band. 6 weil ſeine geliebte Editha dem Zeitpunkte nahe war, wo ſie alle ſeine Wuͤnſche durch einen Erben ſeines Namens kroͤnen ſollte— da aber die Aufforderuug von bedraͤngten Nachbarn her kam, und eben ſo ehrenvoll, als fuͤr die Land⸗ leute erſprießlich war, ſo willigte er in das ihm kund gegebne Verlangen und zog mit 50 Rei⸗ ſigen in den uͤbel beruͤchtigten Wald, den Fuͤh⸗ rern folgend, die ſich eine genauere Sachkennt⸗ niß eigen gemacht hatten. Zingalo war gerade in dem Caſtell, und da man Nachricht erhal⸗ ten hatte, daß man den Seinigen nachtrach⸗ te, ſo zog er einen großen Theil an ſich, der ge⸗ wiſſen Ueberzeugung vollkommen ſicher zu ſeyn. Allein er hatte ſich getaͤuſcht, denn als der Rit⸗ ter den Wald geſaͤubert und ſich der Thiere bemaͤchtigt oder Jagd auf ſie gemacht hatte, die ſich als feigherzig flehende Menſchen aus⸗ wieſen, ſo kam auch die Reihe an das Caſtell, der Ring ward gezogen und Trautwangen war der erſte, der ſich muthig hinunter begab, Bahn brechend mit ſeinem guten Schwerdte und gefolgt von ſeinen wackern Begleitern. Zingalo war zu feig, ſich lange zu widerſetzen, obgleich ei⸗ nige von Muskitos noch uͤbrig gebliebnen Bra⸗ den es verſuchten, aber ſehr ſchnell mußten auch — 83— che ſie ſich ergeben. Mit Erſtaunen erblickte jetzt nen der Ritter die Wichtigkeit ſeiner gemachten Ent⸗ aber deckung, die Arbeiten der Falſchmuͤnzer, die be⸗ her wundernswuͤrdigen Einrichtungen, und die vie⸗ nd⸗ len aufgehaͤuften Schaͤtze der Bande. Er befahl ihm die Gefangnen zu ſchließen und ans Licht zu ſchaf⸗ Rii⸗ fen, in dem Caſtell ließ er hinlaͤngliche Beſatzung, ih⸗ und ſo zog er ſiegreich zuruͤck, denen die ihn beauf⸗ tragt hatten, Kunde von ſeinen gemachten Ent⸗ 4 deckungen zu geben, und die Verbrecher auszu⸗ ad liefern. Waͤhrend er nun mit ſeinen Reiſigen 2. im Verfolgen der Entronnenen begriffen war, ahe, und ſie noͤthigte, ſich in alle Gegenden der Welt ge zu zerſtreuen, unterſuchte und zerſtoͤrte man hoͤhern 8 Orts das Caſtell und die Muͤnzwerkſtaͤtten, bemaͤch⸗ Rit tigte ſich der Vorraͤthe und des baaren Geldes, und iert machte auf ſolche Weiſe dem landverderblichen ate/ Unweſen ein Ende. Die Gerechtigkeit hatte voll⸗ aus⸗ auf mit Richten und Strafen der Schuldigen iil, zu thun, von denen ſich doch mehrere der Ver⸗ wat ſchlagenſten aus den Gefaͤngniſſen zu retten wuß⸗ ahn ten, um ihr Heil in der Flucht zu ſuchen, und folgt wer auf dieſer ergriffen ward, fiel ohne Um⸗ wak ſtaͤnde dem Strange anheim; die Maͤnner kamen ii⸗ faſt alle auf dieſe Weiſe um, die Weiber heka⸗. Bra⸗ 4 men den Staubbeſen und wurden Fher die auch 9 6/“ — 84— Grenze gejagt; Zingalo ſollte ebenfalls am Gal⸗ gen enden, die niedertraͤchtige Bubna aber ret⸗ tete dadurch ihr Leben, daß ſie wichtige Entde⸗ ckungen verhieß, wenn man ſie zu begnadigen verſpreche. Da man nichts geringeres als die Entdeckung andrer, irgendwo verborgner Schaͤtze, von ihr erwartete, da man mit denen, ſo man bereits gefunden und von denen Trautwangen ſtandhaft den ihm angebotnen Autheil ausge⸗ ſchlagen hatte, den aller huͤlfsbeduͤrftigſten Un⸗ terthanen, denen der Krieg alles geraubt und nur ein jammervolles Leben uͤbrig gelaſſen, unter die Arme gegriffen— ſo leiſtete man ihr das Verſprechen. Da verrieth Bubna, daß dieje⸗ nige, ſo alles in dem Caſtell angeordnet und in Gang gebracht, die ſo oft ſchon wegen Zauberei und der Gemeinſchaft mit dem boͤ⸗ ſen Feinde angeklagte und vergeblich verfolgte Altmutter Marina, noch am Leben ſey, und er⸗ bot ſich, unter der Bedingung der Befreiung, die Schergen in ihre Waldhuͤtte zu fuͤhren. Viel war an Marinas Verhaftung gelegen, ſchon lange ſtand ein hoher Preis auf ihren Kopf, denn man hielt ſie fuͤr einen gefaͤhrli⸗ chen Spion der Spanier, nichts konnte dem⸗ Gnach willkommner ſeyn, als dieſe Anzeige. — —— ——.— Seit mehreren Tagen hatte Marina gegen Mona und ihr Kind eine weichre Liebe bezeigt, ihr Blick aber ward finſtrer, hohler ihr Auge, tiefer die Furchen ihres Geſichts, ſie ſprach trau⸗ rig zu Mona: „Sie haben mir nicht gehorcht, die Un⸗ dankbaren! aber es ſollte ſo kommen— die Sterne ſtehn finſter, und bald iſt der meinige voͤllig verloſchen, denn das Verderben iſt erwacht, und wer kann ihm wehren? Willſt Du mir wenigſtens Gehorſam leiſten, Mona?— „Wie Du fragen kannſt, Mutter!(verſetzte. dieſe) Gebiete mir was Du willſt, Mona wird gehorchen— nur Trennung von Dir! gebiete mir nicht.“. „Und grade dieſe!— Mona! um Deines Sohnes willen, verlaß mich— ſonſt biſt Du mit mir verloren, denn eh zum drittenmal des Mondes⸗Scheibe ſich fuͤllet— iſt Marinas Aſche verſtreut nach allen vier Winden!“— „Hu, graͤßlich, Mutter!— warum haͤlt mich der Knabe zuruͤck, der ohne mich noch nicht leben kann, mit dir zu ſierben? Eh' aber die aͤußerſte Gefahr herein bricht, weich ich nicht von Marina, und auch dann nur— weil ich Mutter bin!“—— K — 86— So ſprach Mona; bald aber ging Mari⸗ nas Vorgefuͤhl in Erfuͤllung, die Leute, die zu ihr kamen, hatten ihr von dem Gericht erzaͤhlt, das uͤber die Horde ergangen war und ſie ſah ihre eigne Gefahr voraus; ſie haͤtte ſich retten koͤnnen, aber ſie wollte enden, und nur Mo⸗ nas Treue machte ſie beſorgt. Da fuͤhrte die Verraͤtherin Bubna die Scher⸗ gen, wie ſie verſprochen hatte, zu der Huͤtte. „Wem ſuchet Ihr?(fragte Marina mit Ruhe) iſts Marina, ſo wißt, ſie ſteht vor Euch, weil ſie Euch nicht entrinnen will!“ „Iſt ſie es wirklich?“ fragten die Maͤnner, irre gemacht durch den Adel ihrer Geſtalt, durch ihre Faſſung. „Sie iſts, ſie iſts!(frohlockte Bubna) greift ſie ſchnell, damit ich des wohlverdienten Lohns nicht verluſtig werde.“ Da feſſelten ſie die Schergen, und ſie warf einen Blick voll Verachtung auf Bubna.— Waͤh⸗ rend man ſie fortſchleppte entfloh Mona mit ihrem Kinde in den tiefſten Wald. —— — 87— dari⸗ 9. 8„Wuͤnſche ſind die Spielzeuge der großen Kin⸗ it der auf dieſer Welt!“ ſch 2* 4 tten— Ma⸗ Im ſtillen haͤuslichen Frieden, in der Erwar⸗ tung der nahen Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche, lebte die ha⸗ V Graͤfin Editha, waͤhrend ihr Gemahl auf dem Eh⸗ ütt. renfelde des Krieges allenthalben blutige Lorbeern h) einſammelte und gleichſam das Gluͤck, den Sieg, weil an ſich feſſelte, denn das Gebet der frommen Hausfrau, ſchien ihm gleich ſchuͤtzender Engel zu umſchweben. Elsbeth war mit ihrer immer treuen mne Pflege um die geliebte Tochter, ſprach ihr Muth urch ein zu der ſchweren Stunde, die ihre eigne Mutter . unter die Todten bettete, und Editha ward eine riſt gluͤckliche Mutter. Aber ach— ſtatt des erwarte⸗ ¹ ohns ten, heißerſehnten Sohnes und Erben laͤchelte ihr eignes Ebenbild, ein liebliches kleines Maͤdchen, wur das unbekannte Leben an und gruͤßte gleich dar⸗ güf⸗ auf die Welt mit Weinen. Frau Elsbeth war mit faſt erſchrocken, denn ihr trat die fehlgeſchlagne Hoffnung des Ritters vor Augen, aber ſie beſann ſich ſchnell und legte die Kleine an das Herz der zufriedenen Editha. „Gott hat es anders hehe — 88 (ſprach ſie) aber gruͤße darum nicht minder Deine Tochter mit Liebe.“ 6 4 Das that freilich auch Editha, in deren Bruſt nichts war als die lauterſte Mutterliebe, dennoch aber konnte ſie ſich der Beſorgniß nicht entbrechen, wie ihr Gemahl, der eben wieder fern war, die Kleine aufnehmen werde, die er, im Duͤnkel ſeiner Einbildung gar nicht erwartet hatte. Er war abweſend und man ſandte ihm einen Eilboten, denn Frau Elsbeth war geſonnen, ihm Zeit zur Ueberlegung zu laſſen, damit nicht Editha unter einem ſehr moͤglichen Anfall von Maͤnnerlaune leiden moͤchte. Auch haͤtte ſie ſehr Recht gehabt, dieſe, bei dem ſonſt ſehr edlen Rit⸗ ter zu befuͤrchten, und vielleicht hat ſie— bis zu unſerm verfeinerten Zeitalter unter der Maͤn⸗ nerwelt noch Erben genug gefunden, denn wo iſt der Vater, der nicht erſt dann gern die Tochter ſaͤhe, wenn ſeines Namens und ſeines Hauſes Fortdauer durch ſeine Soͤhne begruͤndet iſt? der, wenn er Kinder erwartet, ſich einen Sohn wuͤnſcht, und wenn er nur Toͤchter empfaͤngt, dem Geſchick— wohl gar oft der Le⸗ bensſpenderin nicht zuͤrne, uͤber dieſen weſent⸗ wangen machte wenigſtens keine Ausnahme und lichſten Mangel an Gluͤckſeeligkeit?— Traut⸗ eren ebe, icht fern im atte. inen een, icht von ſehr Rit⸗ bis aͤn⸗ wo die nes ndet nen hter Le⸗ ent⸗ aut⸗ der Gegend von Heidelberg belagert, daher im Speyerſchen ſchlug, ſondern auc, in ———B—B——— — — da er nicht den Muth hatte, die geliehte Els⸗ beth durch ſeine Unzufriedenheit zu kraͤnken, ſo 3 hielt er fuͤr rathſam, vor der Hand gar nicht 1 8. nach Hauſe zu kommen, auch war dieſes ſo leicht nicht moͤglich, denn er befand ſich bei dem Heere des General Mannsfeld, das ſich in dieſem Au⸗ genblicke zu dem des ungluͤcklichen und entthronten 8 Koͤnigs von Boͤhmen, Friedrichs von der Pfalz, geſellen ſollte, um bei Germersheim uͤber den Rhein zu gehen. Er entließ alſo bloß ein zaͤrt⸗ liches Schreiben an Editha, in welchem er zwar fuͤr ſie ſelbſt die gewoͤhnliche Liebe aͤußerte, doch aber ſeinen Unwillen nicht ganz zu verbergen ver⸗ mochte, da er der Neugebornen durchaus nicht 8 Erwaͤhnung that und bloß den Wunſch hinzu⸗ fuͤgte: Eine gluͤcklichere Zukunft moͤge ihn der— einſt uͤber die gegenwaͤrtige Taͤuſchung entſchaͤ⸗ digen. Und nun begab er ſich mit neuem Eifer an ſein blutiges Tagewerk, um im Kriegsge⸗ tuͤmmel die fehlgeſchlagne Hoffnung zu vergeſ⸗ ſen. Tilly hielt das feſte Schloß Dillsburg in ———; 8— „Mannsfeld, um dieſes von ihm zu befreien, ſñ uͤber den Rhein zog und die Baiern mit einem Verluſt von zweitauſend Mann nicht nur — 90— mit dem Pfalzgrafen Fiedrich das feſte Schloß Ladenburg nach kurzer Belagerung mit Sturm eroberte, worauf die Schlacht bei Wimpfen folgte, welche zwar Tilly mit Don Cordova im Verein gewann, wo aber das Mannsfeldſche Heer ſolche Vortheile errang, daß es ſich auf der Bergſtraße nach Darmſtadt hinunter begeben und den Landgrafen gefangen nehmen konnte. Erſt dann, als ſich daſſelbe zuruͤck zog nach Mann⸗ heim, ward es dem Ritter moͤglich, nach der Trautburg zu kommen, um endlich ſein Weib und Kind heimzuſuchen, bei denen Lord Dou⸗ glas geblieben war, um die geliebte Tochter vor jedem Unfall zu ſichern. Allein hier hatte ſich vor Kurzem dennoch einer von ganz eigner Art ereignet, welcher den fuͤr das neugeborne Toͤchterlein ſo gleichguͤltigen Vater hart beſtrafen, zugleich aber das zartfuͤh⸗ lende Herz der Mutter tief verwunden ſollte. Dieſe liebte die kleine Blanka, die ſie alſo ge⸗ heißen hatte, weil ſie blond vom Haar und weiß von Farbe, mit reizenden blauen Augen ins Leben ſah, mit unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit, und ſelten kam ſie aus ihren Armen und von ihrer Bruſt; faſt immer war Elsbeth, welche die ſuͤße Kleine nicht minder liebte, und dem — 91— Ritter faſt zuͤrnte, daß er ihrer ſo wenig ge⸗ achtet hatte, um Mutter und Kind, und ſtets umgaben ſie von innen treue Frauen, und von außen erprobte Krieger unter Ritter Douglas Anfuͤhrung. Nichts deſto weniger war eines Morgens die kleine Blanka aus ihrer Wiege, die am Lager der Mutter ſtand, verſchwunden und ſtatt ihrer lag in dieſer ein um weniges aͤlterer brauner Knabe, der mit ſchwarzen blitzenden Augen munter umher ſchaute, und deſſen dunk⸗ ler Krauskopf ſich auf allen Seiten hindrehte. Auf Edithas Geſchrei ſtuͤrzte Elsbeth, die Frauen, und endlich Lord Douglas herbei, aber niemand konnte ſich dieſen betruͤgeriſchen Kindertauſch er⸗ klaͤren und eben ſo wenig die Art und Weiſe, wie er geſchehn ſeyn konnte, auf natuͤrliche Weiſe entraͤthſeln, vergebens waren alle Nachforſchun⸗ gen, alles Suchen im Schloß, in der Umge⸗ gend, nirgends war auch nur eine verdaͤchtige Spur anzutreffen oder etwas von der geraub⸗ ten Blanka zu entdecken, obgleich der Lord die⸗ ſes ſelbſt unternahm und leitete. Die Anſichten der Leute auf der Burg waren verſchieden, der groͤßere Theil war uͤberzeugt, daß der Knabe ein Wechſelbalg ſeyn muͤſſe und das Ganze ein Werk der boͤſen Geiſter, weil kein Menſch ſo . — 92— etwas auszufuͤhren vermocht haͤtte, andre hielten es fuͤr eine an dem Grafen ausgeuͤbte Rache der zerſtoͤrten, verfolgten, durch ihn ausgerotteten Zigeuner; Frau Elsbeth konnte ſich kaum ent⸗ brechen, es fuͤr eine Strafe des gerechten Got⸗ tes fuͤr des Ritters Gleichgüͤltigkeit gegen ſein Kind anzuſehn, und Lord Douglas, empoͤrt von dem Raube ſeiner unſchuldigen und ihm ſehr lieben Enkelin, ſchmerzlich betruͤbt durch die Troſtloſigkeit der armen Editha, war nicht ab— geneigt, den unwillkommnen Gaſt hinaus in den Forſt tragen zu laſſen und ſeinem Schickſale Preis zu geben. Da aber zeigte ſich der edle Sinn und die reine Menſchenliebe der bekuͤmmer⸗ ten Mutter ſelbſt im tiefſten Schmerze; ſie nahm das fremde Kind ſchuͤtzend in ihre Arme, und ſagte ſanft: „Nein, mein Vater! das ſoll nicht geſagt werden von Editha, daß der Schmerz ſie grauſam und ungerecht mache, oder die Unſchuld die Laſt des Verbrechens trage durch ihren Willen! Die- ſer arme, verlaſſene Knabe hat zwar meine ge⸗ liebte— meine unvergeßliche Blanka verdraͤngt, aber er iſt ja willenlos und wenn man nun mei⸗ mem armen Kinde thun ſollte, wie ich ihm? —— Nein, nein!(ſetzte ſie unter ſtroͤmenden —— —— — 93— — Thraͤnen hinzu) es geſchieht ja nichts, das der der Herr nicht wiſſe! Ich will mich dieſer harten ten Pruͤfung mit Demuth unterwerfen und ob auch nte mein Herz brechen muͤßte, ich will mich nicht oh⸗ verſuͤndigen an dieſem mir nun einmal gewor⸗ f denen Kinde!— Moͤge Gott diejenigen, die mir 1 ui mein ungluͤckliches Maͤgdlein raubten, gleichfalls ihe zu ihrem Beſten erweichen!“ 9 Vergebens ſtellte man ihr vor, daß es wahr⸗ 3 dt⸗ ſcheinlich ein Zigeuner⸗Knabe ſey, ſie antwortete — ſeufzend:„Aber doch ein Menſch mit einer er⸗- den loͤſten, unſterblichen Seele! und vielleicht bin ich 4 dazu erwaͤhlt, ihn dereinſt tugendhaft und recht⸗ ſchaffen heran zu bilden, denn Alles, was ge⸗ der⸗ ſchieht, das Boͤſe wie das Gute, iſt Gottes Schi⸗* in ckung! Ich darf ja nicht fragen: Herr! was un machſt du? ich ſoll ja hoffen, glauben und lieben!“ Darauf nahm ſie den Knaben an ihre muͤt⸗ ſam terliche Bruſt und, ſo ſchmerzlich ſie ihr Opfer eſt auch fuͤhlte, ſie vollzog es ſo, daß ihre ſelbſt⸗ diee⸗ 3 verleugnende Tugend alle mit Bewunderung er⸗ ge⸗ fuͤllte, die ſie umgaben. ngt, So ſtanden die Sachen, als der Ritter nach mti⸗ 1 Hauſe kam, und mit nicht eringem Entſetzen 4 g— mm? erfuhr, was ſich ereignet hatte. Erſt fezt ging — 94— er in ſich, bekannte ſeinen Fehler und hielt ſelbſt den Raub ſeiner Tochter, zu der er erſt jetzt vaͤterliche Zuneigung fuͤhlte, fuͤr eine gerechte Strafe, daher ihm auch Frau Elsbeth alle Vor⸗ wuͤrfe erließ. Eins nur konnte er nicht faſſen: warum Editha, die ohne alle Schuld war, eine ſſo harte Pruͤfung betraf? Als man ihm aber ihren Edelmuth gegen den Fremdling ſchilderte, ſagte er geruͤhrt:„So iſt es darum, daß ihre Tugend kund werde in aller ihrer Erhabenheit, und nicht minder großmuͤthig ſoll ich mich zei⸗ gen, als ſie!“ Und als er ſich nun gefaßt hatte, begab er ſich zu Editha, deren Schmerz bei ſeinem An⸗ blicke und als er ſie in ſeine Arme ſchloß zwar von Neuem ausbrach, den ſie aber dennoch bald zu maͤßigen ſtrebte. „Mein theurer Herr und Gemahl liebt die Knaben!(ſprach ſie) ich bringe ihm dieſen Ver⸗ laſſenen dar, daß er ihm Vater werde! und moͤge Gott an unſrer armen Blanka ſegnen, was wir an dieſem thun!“ Mit dieſen Worten legte ſie ihm den klei⸗ nen braunen Fremdling in den Arm, und da dieſer ihn freundlich anlaͤchelte, ja ihm ſogar die Haͤndchen reichte, ging auch dem Ritter das lſt jetzt chte or⸗ en: ine ber ette, ihre eit, zei⸗ b er An⸗ war Hald die Vet⸗ und was klei⸗ da gar — 95— Herz uͤber; er liebkoſete ihn und gelobte, ſich ſeiner vaͤterlich anzunehmen, welches Edithe ſehr erfreute. Nach der geraubten Blanka forſchte zwar nun auch der Vater mit unermuͤdeter Sorg⸗ falt, ſie war und blieb aber verſchwunden, nur nicht aus dem Herzen ihrer Mutter, die bei al⸗ ler Pflege, die ſie dem fremden Knaben gewaͤhrte, dennoch ihren Verluſt unaufhoͤrlich beweinte und ihren Troſt darin fand, mit Elsbeth von ihr zu ſprechen. Da der Ritter, wegen einiger in der Schlacht bei Wimpfen erhaltener Wunden, jetzt geraume Zeit auf der Trautburg verblieb, um ſich wieder herzuſtellen, ließ man den wahr⸗ ſcheinlich noch ungetauften Knaben, die Taufe geben, bei der ſeine Wohlthaͤter die Stelle der Pathen vertraten und ihm den Namen Holm ertheilten. Einige Wochen nachher ſtuͤrzte ſich, als Editha eines Abends mit Elsbeth im Burggar⸗ ten war und die Waͤrterin mit dem Knaben ihnen folgte, ſich in der milden Luft zu ergehen und die Ankunft des Ritters, der auf der Jagd war, zu erwarten, ploͤtzlich ein wohlgekleideter Juͤngling vonsder Mauer herab zu Sditha's Fuͤßen und that durch Geberden der Angſt kund, daß man ihn verfolge. Er ſprach kein Work, —— — 96— ſondern ſtieß bloß ein dumpfes Geheul aus, ſich um Edithas Kniee klammernd, die ihn, mitlei⸗ dig und erſchrocken, ſo wie Elsbeth, nach der Urſache ſeines Benehmens fragte. Ein Strom von Thraͤnen ſchoß ihm aus den Augen und am ganzen Leibe erzitternd, gab er zu verſtehen, daß er taub und ſtumm ſey. Seine Angſt, ſein im⸗ merwaͤhrendes Um⸗ſich⸗blicken, deutete auf Ver⸗ folgung, und Editha, von Mitleid ergriffen, nahm den Ungluͤcklichen mit ſich in die Burg, wo ſie ihm ein Gemach anweiſen und ihn ver⸗ pflegen ließ. Als ihr Gemahl zuruͤckkam, theilte ſie ihm das Ereigniß mit, und als Beide des andern Tages ihn vor ſich ließen und er ſich dank⸗ bar zu ihren Fuͤßen warf, erſtaunten beide als ſie in ihm einen jungen, aber uͤberaus wohl⸗ geſtalteten Zigeuner erblickten. Jeezt war es klar, warum er Edithas be⸗ kannte Menſchenliebe in Anſpruch genommen und von ſeinem Vertrauen zu ihr, wie von ſei⸗. nem Ungluͤck geruͤhrt, bat ſie ihren Gemahl ihn im Schloſſe behalten zu duͤrfen, damit er ſicher ſey, unter ihrem Schutz. Trautwangen trug kein Bedenken, in ihren Wunſch zu willigen, da das Ungluͤck des Juͤnglings ihn unſchaͤdlich mach⸗ te, und er zwar gegen alle ſeine Pflicht gethan, den „ſich iitlei⸗ h der krom am daß im⸗ Ver⸗ fffen/ zurg, ver⸗ heilte e des dank⸗ eals vohl⸗ z be⸗ amen ſei⸗ lihn ſche trug ,da nach⸗ than/ den den Einzelnen aber zu verfolgen, fuͤr grauſam gehalten haͤtte; ſo blieb von dieſer Zeit an der taubſtumme Juͤngling auf der Burg, wo er ernſt, truͤb und ſtill einher ging, ſich durch aus⸗ drucksvolle Zeichen verſtaͤndlich zu machen wußte, aber ſich ſtets von den Uebrigen im Hauſe abſon⸗ derte, jedoch immer bereit war, die Befehle der Burgfrau aufzufaſſen und zu vollziehen. End⸗ lich ſchloß er ſich an den kleinen Holm an und verließ ihn faſt gar nicht, zuletzt ward man an ihn gewoͤhnt und achtete gar nicht mehr auf ſein Thun und Treiben, ihn als voͤllig unbedeutend betrachtend. Unter der Zeit wollte der Himmel die Graͤfin Trautwangen fuͤr ihren Edelmuth be⸗ lohnen, er ſchenkte ihr neue Hoffnungen, und zu des Ritters unbeſchreiblicher Freude einen Sohn, der ganz ſeiner Erwartung entſprach und dem er ſeinen Namen Albedill beilegte. Mit aͤngſtlicher Sorgfalt pflegte und be⸗ wachte Editha und Elsbeth dieſes theure Ge⸗ ſchenk der goͤttlichen Huld, und ſo ſtoͤrte nichts die Kindheit und Jugend dieſes geliebten Sohnes, der zu ſeiner Aeltern Gluͤck und Freude erwuchs und ihr einziger blieb.* Der kleine Holm hing mit ausſchlließlicher Zaͤrtlichkeit an dem Sohne ſeiner Wohlchäͤter und Zweiter Band⸗ 7 — 98— der taubſtumme Huͤter derſelben wußte ſich Bei⸗ den ſo unentbehrlich zu machen, daß man ihn gern um ſie ließ und er dadurch feſten Fuß in der Burg faßte. Wer ihn ſah, bewunderte die Spuren ehemaliger Schoͤnheit in dieſen jetzt durch die Falten tiefen Kummers gealterten Zuͤ⸗ gen, bemitleidete den ſanften, gefaͤlligen, ſinn— reichen Juͤngling, der ſeinen phyſiſchen Mangel durch ausdrucksvolle Zeichen, die ihm ſehr wohl anſtanden, zu erſetzen wußte, und an treuer Anhaͤnglichkeit an die beiden Knaben alle Andre uͤbertraf. Sie begriffen ihn vollkommen, ſo wie Editha, der es nicht reute, gegen den Fremd⸗ ling Barmherzigkeit geuͤbt zu haben. So ſtan⸗ den jetzt die Angelegenheiten des Ritters Traut⸗ wangen, und wir verlaſſen die Trautburg, in der die beiden Kinder erwuchſen, um zu andern nicht minder wichtigen Ereigniſſen zuruͤck zu kehren. 10. Die Unzahl der Gefallnen Traͤgt nicht allein des Fallens Schuld; Nein auf den Maͤnnern ruht Die groͤßere Haͤlfte!— aus Othello. Die pfaͤlziſche Churwuͤrde war jetzt an Baiern —— — 99— Bei⸗ üͤbertragen und das Haus des Pfalzgrafen dem an ihn Religionshaß und der Rachbegierde geopfert, die Fuß katholiſche Religion hatte in Deutſchland ein voll⸗ nderte kommenes Uebergewicht erhalten und Baierns jetzt Herrſchaft ſicherte daſſelbe in der Pfalz, mit n Zü⸗ der es Kaiſer Ferdinand, gegen die Rechte der pro⸗ ſinn⸗ teſtantiſchen Kirche, belehnt hatte. Die Ligue Nangel(oder Union) war aufgeloͤſt, und nur General rwohl Mannsfeld, der Unerſchuͤtterliche, und ein aben⸗ treuer theuerlicher ritterlicher Prinz, der Herzog Chri⸗ Andre ſtian von Luͤneburg, vertheidigten jene, faſt ſchon n, ſo aufgegebnen Rechte, ſo gut ſie konnten. Da remd⸗ Lntſchloß ſich endlich Koͤnig Jacob thaͤtigern An⸗ ſuan⸗ theil an einer Sache zu nehmen, die ſeinem un⸗ rraut⸗ gluͤcklichen Schwiegerſohne Alles gekoſtet hatte, in der und 4000 Mann ſeiner Huͤlfsvoͤlker kamen nach richt Deutſchland, um die Spanier, die jetzt wieder dort ſiegreich und maͤchtig worden waren, dar⸗ 4 aus zu vertreiben. Lord Douglas hatte ſich ſo⸗ gleich, da die Aufloͤſung der Union ihn ſeiner 8* freiwillig uͤbernommenen Pflicht entband, an ſeine Landsleute angeſchloſſen, und war eben im ehren. — 1 6 —,— 4 zu uͤbernachten. Man hatte in der Eile ein Zeit aiern 7 Begriff, ſich mit ſeinen Reiſigen zum engliſchen Heere zu begeben, als er, von der Nacht uͤber⸗ fallen, gezwungen ward, unter freiem Himmel —- 100— aufgeſchlagen, in welchem er ſich eben zur Ruhe niederlegen wollte, als die Wachen von einem Moͤnch angegangen wurden, ihn zu ihrem Feld⸗ herrn zu fuͤhren. Er bat ſo dringend, und das Aeußere ſeiner Geſtalt war ſo ehrwuͤrdig, daß man dem Lord ſein Anſuchen hinterbrachte, und dieſer, wiewohl, wie wir oben gehoͤrt haben, ein Feind der Geiſtlichkeit, ſich nicht entbrach, ihn vor ſich zu laſſen. Bei dem Schimmer des Mondes, der das leinene Haus duͤrftig erhellte, erblickte der Rit⸗ ter einen Moͤnch im Einſiedlergewande, deſſen ſil⸗ berweißer Bart bis zu dem Stricke herabging, der ihn umguͤrtete, und der ihn mit dem ge⸗ woͤhnlichen apoſtoliſchen Gruß anredete. Dou⸗ glas erwiederte dieſen und fragte nachher, was ihn zu ſo ungewoͤhnlicher Stunde zu ihm fuͤhre? Da uͤberreichte ihm der Eremit einen Ring, deſſen blitzende, blutrothe Lichter das Zelt mit ſonderbaren Blitzesglanz erhellten.„Kennt Ihr dieſen Ring Lord Douglas?“ fragte er. Der Ritter nahm den Ring, und kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als ihn ein ſo gewaltſames Zittern uͤberfiel, daß ſeine Zaͤhne an einander ſtießen. „Ja!(antwortete er endlich, nachdem er — — 103— der Novize Anaſtaſia, der ſtrengen Diſciplin un⸗ terwarf, die ihr ſo viel Urſache gab, ihren Fehl⸗ tritt zu bereuen. Nicht genug, daß man ſie der Verletzung des Geluͤbdes der Keuſchheit anklagte, man beſchuldigte ſie auch, mit Huͤlfe des Boͤ⸗ ſen aus dem Gefaͤngniſſe entflohen zu ſeyn, und ließ ſie alle erdenkliche Quaalen erdulden, um ſie zu dieſem Geſtaͤndniſſe zu bewegen. Ihr Schwei⸗ gen galt fuͤr Halsſtarrigkeit, und man ſcheute ſich nicht, der, die keinen Vertheidiger hatte, das furchtbarſte Verdammungsurtheil zu ſpre⸗ chen; vermauern wollte man die Ungluͤckliche, eine damals in den Kloͤſtern uͤbliche Strafe, die zwar Niemand anerkennen wollte, die aber nichts deſto weniger bei denen Statt fand, die der weltlichen Obrigkeit entzogen, der Willkuͤhr fa⸗ natiſcher Grauſamkeit anheim fielen, und auf ſolche Weiſe ſpurlos aus der Reihe der Lebendi⸗ gen verſchwanden.— Roſaura hatte ſo viel gelitten, ſah einer ſo troſtloſen Zukunft entgegen, daß ſie es nicht uͤber ſich gewann, ihre Richter um Barmher⸗ zigkeit anzuflehn; ſie ſchien ſelbſt hart und fuͤhl⸗ los geworden zu ſeyn, und wuͤnſchte nichts, als eine weniger entſetzliche Todesart, aber ſie be⸗ harrte in dem Trotz ihres dumpfen Schweigens, und ſo ward das graͤßliche Urtheil wirklich an ihr vollzogen. Man ſchleppte ſie in einen zu ſolchen Greuelthaten beſtimmten, nur Wenigen bekannten Gang der untern Kloſtergewoͤlbe, ſtieß ſie in eine, in der Mauer angebrachte Zelle, ſetzte einen Krug mit Waſſer und ein Brod ne⸗ ben ſie, und im Beiſeyn mehrerer Moͤnche, die den gewoͤhnlichen Todtengeſang anſtimmten, wurde die furchtbare Scheidewand gemauert, welche das arme Opfer von den Lebendigen ſchied. Roſaura war ſchon bei den erſten Ham⸗ merſchlaͤgen in Ohnmacht geſunken, aber wie groß war ihre Beſtuͤrzung als ſie— angeweht von friſchen Luftzug, aus derſelben erwachte. Kaum wollte ſie den ruͤckkehrenden Sinnen trau⸗ en, als ſie den furchtſamen Blick ſcheu umher⸗ warf— ſich in einem Walde, und um ſich her die ſchmutzigen, rußigen Geſtalten einer Zigeu⸗ nerhorde erblickte!“— „Geh Fiamettal(doͤrte ſie eine widrige Alte zu einem nußbraunen Maͤdchen ſagen) geh! verdiene Dir einen Lohn bei dem Hauptmann, ſag ihm, die Nonne ſey zuruͤckgekehrt ins Leben!“ Eilig lief die Kleine fort, und Roſaura, ſich jetzt empor richtend, ſah mit Zittern und Ent⸗ ſetzen um ſich, wußte nicht, ob ſie ſich ihres ge⸗ BuL— 2=— —-— 105— retteten Lebens freuen ſollte, oder ob ſie nur noch Graͤßlicheres erwarte, und fragte matt: „Wo bin ich!“ „Bei uns, blankes To dchterchen!(antwor⸗ tete ihr die Alte) Bei den freien Kindern des Waldes, in Sicherheit. Dort im Kloſter giltſt Du nun fuͤr todt, fuͤr Deine Welt biſt Du es nun auch wirklich, aber Du gehoͤrſt uns an, und dem Leben der Freiheit, und Niemand kruͤmmt dir mehr ein Haar; dazu kannſt Du Dich raͤ⸗ chen an Deinen Feinden, wenn Du willſt, kannſt ihnen Boͤſes mit Boͤſem vergelten, und wir wol⸗ len Dir treulich beiſtehn.“ „Durch welch ein Wunder ward ich geret⸗ tet?“ fragte die beſtuͤrzte Roſaura weiter. „Wunder giebts nur im Kloſter! Clachte, die Zigeunerin) bei uns im Walde geht alles ganz natuͤrlich zu. Der Hauptmann hoͤrte von einem guten Freunde, den er unter den Laien⸗ bruͤdern im Kloſtergarten hat, daß eine junge ſchoͤne Nonne eingemauert werden ſollte. Er wußte ſich als Maͤurer einfuͤhren zu laſſen, und erhielt einen reichlichen Lohn fuͤr ſeine Arbeit; als er Dich erblickte, ſtand ſein Entſchlußlum ſo feſter, er fuͤgte die Steine ſo locker/ daß Dir einige Zugluft verblieb, in der Nacht kehrte er wieder, da ihm ei ein — 106— Weg durch die Kapelle bekannt war und er ſich ſicher wußte, riß er die Mauer wieder auf und trug Dich hinaus aus dem lebendigen Grabe zu uns in den Wald, bei der Zelle ließ er einen unſrer Leute, der die Oeffnung eiligſt wieder zumachte und den Fleck friſch uͤbertuͤnchte. Aber bald zweifelten wir, daß noch Leben in Dir ſey, denn lange ſchon biſt Du hier, und erſt jetzt iſt der Hauch deſſelben in Deine Bruſt zuruͤckgekehrt.“ „Wie heißt der Mann, dem ich ſo ſonder⸗ bar verpflichtet bin?“ fragte jetzt Roſaura. „Barbarinol(antwortete die Gefragte) Doch ſieh, wie dieſe Nachricht ihn befluͤgelt hat, er iſt Fiametten auf dem Fuße gefolgt.“ Der Mann der jetzt vor Roſauren ſtand, war ein dunkelbrauner Egyptier, mit flammen⸗ den Augen und wilder Entſchloſſenheit in ſeinen Blicken; ſie erhob ſich bebend und wollte ihm danken, aber ihre Zunge ſtammelte, ſie ſchwankte in die Arme der Alten zuruͤck. Barbarino be⸗ zeigte die lebhafteſte Freude uͤber ihre Erholung, verſichete ihr, daß ſie nun nichts mehr zu be⸗ fuͤrchten habe, und bat ſie, ſich voͤllig zu erho⸗ len. So krank an Geiſt und Koͤrper ſie auch war, denn ſeit den Erfahrungen in dem Ker⸗ ker lag eine duͤſtre Wolke auf jenem, wie man⸗ — 107— er cher Schmerz auf dieſem, ſo genaß ſie doch bald g unter der ſorgſamen Pflege der Alten, ja ſelbſt 6 ihre Schoͤnheit glaͤnzte von Neuem hervor, wie ,. der Sonnenſtrahl nach dem Gewitter, ob man n dieſe gleich, um ſie den uͤbrigen aͤhnlich zu ma⸗ n chen und voͤllig unkenntlich darzuſtellen, ſorg⸗ e ſam gebraͤunt hatte. Man hatte ihr den Namen p Marina beigelegt, und ſehr bald ſich Barba⸗ rino um ihre Liebe beworben; welcher andre Zu⸗ fluchtsort blieb jetzt der fuͤr die Welt, fuͤr das Kloſter und fuͤr jeden andern Stand Geſtorbenen uͤbrig, als die Horde ihres Retters? Von dem Leben ausgeſtoßen, mit Verbrechen gebrand⸗ markt, zerriſſen von den wuͤthendſten Geißelhie⸗ ben, war die Liebe, die Ehre, die Religion aus ihrem Herzen genommen, und nichts blieb ihr übrig, als leerer, wilder, regelloſer Wahn. Ihr Gemuͤth war auf dieſe Weiſe ein ausgebrannter Vulkan, und ſehr bald verhaͤrteten ſich ſelbſt ihre beſſern Gefuͤhle und Neigungen, wie der heiße Feuerſtrom ſich im Erkalten zur Lava verhaͤrtet. Anfangs ſchwankte ſie noch bei dem Andenken an ihren erſten Geliebten, an ihr Kind, ſich neuen Leidenſchaften Preiß zu geben; aber man hatte ſie im Kloſter, zur Vermehrung ihrer Pein, üͤberredet, Douglas habe ſie ſelbſt verrathen un⸗ ter den Martern, die er erdulden muͤſſen, und ſie war ja doch auf ewig von ihm geſchieden, und ihr Kind mußte todt ſeyn, woran ſollte ſie noch ſich feſthalten mit liebendem Glauben, da alle Schranken vor ihr niedergefallen waren und ihr nichts mehr uͤbrig blieb— nicht einmal der Muth des ſuͤndigen Wahns, den ſie ſonſt wohl gehabt haͤtte, ein ſo elendes Leben von ſich zu werfen, wie eine allzu ſchwere Laſt, denn in dieſer Verlaſſenheit, Ausſtoßung, Verbannung, Erniedrigung, gab es dennoch ein menſchliches Weſen, das ſie liebte, das an ihr hing mit wil⸗ der, flammender, unausſprechlicher Leidenſchaft; und Marina konnte nicht ſterben, wenn ſie geliebt ward.— Sie gehoͤrte von nun an ihrem Retter. 11. „So wie die Hand, ſo haͤrtet ſich das Herz Und andre quälend raͤcht der Sklave ſich Am Himmel gleichſam fuͤr erlittne Quaal.“ (aus Iſidor und Olga von Naupach.) Barbarino war am Fuſſe der hohen Bergkette des Kaukaſus geboren, und einer der Gokoas oder Hirten geweſen, welche die feinhaarigen 6 en — 109— Ziegen von Thibeth weiden. So hatte er in fruͤher Jugend das Upaſeyda erhalten und noch war ſein Kopf mit den Lehren der Braminen erfuͤllt, als Juͤngling war er nach Egypten ge⸗ kommen und hatte in den Pyramiden manchen Schatz an Weisheit, wie an Gold, aufgefunden, er hatte Perſien durchwandert, und war auch hier nicht leer an Kenntniſſen geblieben, bis er von Mexico nach Spanien und endlich zu der Bande der Cingaris kam, die, ſeine Vorzuͤge an⸗ erkennend, den jungen Mann zu ihrem Anfuͤh— rer machten. In Marinas duͤſterm, gluͤhendem, leidenſchaftlichem Gemuͤthe hatte er nicht nur die Geliebte, ſondern auch die Vertraute gefun⸗ den, die ſein von Irrthuͤmern mancher Art er⸗ fuͤllter Geiſt verlangte. Er theilte ihr ſeine Be⸗ griffe, ſeine mannichfaltigen Kenntniſſe, er auch ſeine vielfachen Irrthuͤmer mit, eignete ihr, wie ſie zuletzt ſelbſt dafuͤr hielt, die Gabe der Weißagung, auf kabbaliſtiſche Berechnungen ge⸗ gruͤndet, an, lehrte ihr Horoſcope ſtellen und die Sterne kennen, und was der uͤberirdiſchen abſtrakten Dinge mehr waren, in denen endlich Marina ſich dergeſtalt verwirrte und vertiefte, daß ſie ihre fruͤhern Schickſale faſt ganz vergaß, der Stolz ihres Lehrers ward, wie ſie ſeine Liebe. 5* — 110— blieb, und die ſtaunende Bewunderung der gan⸗ zen Bande auf ſich zog, die ſich uͤberzeugte, daß ſie eine Seherin und Prophetin ſey. Das nomadiſche Leben, welches ſie fuͤhrten, brachte ſie bald uͤbers Meer, bald in alle Gegenden Eu⸗ ropa's; ſie weilte an den Ufern des Nils und ſchopfte aus dem Fluſſe der Braminen. Da⸗ durch verwirrten ſich ihre Begriffe immer miehr, ihr vergangenes Leben erſchien ihr ſelbſt nur wie ein ſchwerer, beaͤngſtigender Traum, ſie lebte in dem abſtrakteſten Wiſſen und wußte nichts mehr, als daß ſie mit Leib und Seele— Zi⸗ geunerin war und der Horde gehoͤrte, die ſie nicht nur freundlich aufgenommen, ſondern ihr auch das bedeutende Uebergewicht unter ſich frei⸗ willig eingeraͤumt hatte, welches der Herrſch⸗ ſucht eines Charakters ſchmeichelte, der jetzt die Liebe, als eine ſeiner unwuͤrdige Leidenſchaft, von ſich gethan hatte. Allein, ob ſie gleich ſich bemuͤhte, ihre Ver⸗ gangenheit zu vergeſſen, ob es ihr gleich gelun⸗ gen war, ſelbſt das Andenken an den Urheber aller ihrer Erniedrigungen, an den Mann der erſten Leidenſchaft ihrer Jugend, gewaltſam zu unterdruͤcken, ſo lebte doch eine Erinnerung in der Tiefe ihres, ſelbſt Barbarino feſt verſchloß⸗ — 111— nen Herzens!— Kann auch ein Weib ihres Kin⸗ des vergeſſen, daß ſie ſich nicht erbarme uͤber den Sohn ihres Leibes?— das Kind, das ſie einem ungewiſſen Schickſale Preis geben mußte was war aus ihm geworden? Dieſe Frage be⸗ ſchaͤftigte ſie noch mehr als alle, die ihr Lehrer ihr aufwerfen und beantworten lehrte, aber im⸗ mer war es nicht moͤglich, zu irgend einer Be— antwortung zu gelangen; endlich fuͤhrte ſie ihr Weg gluͤcklicher Weiſe in die Pyrenaͤen, und dort ſuchte und fand ſie ihren Sohn bei den gutherzigen Hirten, die ihn aufgenommen und erzogen hatten. Er war das Ebenbild ihrer eig⸗ nen verſchwundenen Schoͤnheit und Jugend, und das Kreuz an ſeinem Halſe, wie die Art und Weiſe und die Gegend, wie und wo er gefun⸗ den war, haͤtten ihr keinen Zweifel uͤbrig gelaſ⸗ ſen, daß es ihr Roſario ſey, haͤtte auch nicht ihr Herz ihm mit einer Empfindung entgegen gewallt, wie ſie lange ihrer Bruſt fremd gewor⸗ den war. Sie eilte, ſich des geliebten Knaben zu bemaͤchtigen, bei dem die Stimme des Blu⸗ tes fuͤr ſie zu ſprechen ſchien, denn gern folgte er ihr, und großmuͤthig vergalt ſie mit Gold die Menſchenliebe der armen Hirten, die ſie dem Verlaſſenen bewieſen, aber ſie war weiſe genug, — 112— dem Barbarino und allen andern in der Horde zu. verbergen, wie nahe er ihr anging, und wie theuer V er ihr ſey. Jener war eiferſuͤchtig wie Othello, und wollte keinen andern Abgott in Marinas Herzen als ſich ſelbſt, und in der Horde wuͤrde man d den Knaben beneidet oder verdorben haben, ſo 9 ſtellte ſie ihn nur als einen Hixrtenknaben auf, deſſen Gewandtheit und Anmuth ihr viel verſpre⸗ d chend vorgekommen, und den ſie deshalb ſich zugeeignet habe, auf dieſe Weiſe war ſie ſicher, 6 ihn mit Freuden aufgenommen zu ſehn. Bar⸗ b barino ſelbſt fand großen Geſchmack an dem kleinen Muskitos und beſchaͤftigte ſich viel mit ſeiner Erziehung, wenn man anders den Unter⸗ 3 richt, den er ihm gab, ſo nennen konnte. Bald darauf kam die Horde nach Deutſchland, wo Barbarino den Wald von dem wir bereits ſchon b oft Erwaͤhnung gethan, uͤberaus guͤnſtig fuͤr ſeine Abſichten fand. Eine Geſellſchaft Falſch⸗ münzer geſellte ſich dort zu ihm, und ſo ward das Caſtell unter der Erde, wo ihre Arbeiten eingerichtet, ihre Vorraͤthe geſammelt wurden, 5 erbaut. Hier aber erfuhr Marina— nicht nur daß Lord Douglas noch am Leben, ſondern auch b daß die Graͤfin Editha am Hofe der Churfuͤrſtin in heimlicher Ehe mit ihm verbunden ſey, denn nichts . 6 1 *— — 113— nichts war den Spaͤhern ihrer Horde zu verbor⸗ gen, und einige hatten ſich ſogar bei der Trau⸗ ung mit ihr in der Kapelle, dort unter dem Schutze der Nacht eingeſchlichen. Ihre Empfin⸗ dungen zu beſchreiben wuͤrde eine allzuſchwere Aufgabe ſeyn, nach manchem harten Seelen⸗ kampf kam ſie aber doch zu der Ueberzeugung, daß der Lord wenigſtens nicht ſtraffaͤlliger ſey, als ſie ſelbſt, und daß zwiſchen ihm und ihr, eine immerwaͤhrende Scheidewand beſtehe und beſtehn muͤſſe, wolle ſie ſich den Beſitz ſeines Sohnes ſichern, den er der Zigeunerhorde un⸗ moͤglich gelaſſen haͤtte, wenn er um ihr und ſein Daſeyn gewußt. Sie band ſich ſelbſt durch den furchtbarſten Eid, den Aberglauben und Fana⸗ tismus ihr bekannt machte, ihm nie zu entdecken, daß ſie Roſaura ſey, und da er jetzt wieder in ſein Vaterland zuruͤckkehrte, draͤngte ſie ſich nicht an ihn, ſondern an ſeine Gemahlin. Edithas Sanftmuth und Herablaſſung, ihre Schoͤnheit und Freigebigkeit uͤberwaͤltigten den Haß und die Eiferſucht, die vielleicht noch in ihrem In⸗ nern war, und ſie nahm Theil an dem Geſchick der jungen Frau, die bald darauf Todes ver⸗ blich. Wie ſie, durch die Habſucht ihrer Leute, die Tochter des Lords und der Graͤfin in der Zweiter Band. 38& 1— 114— Todtenkapelle fand und rettete, wiſſen wir be⸗ reits, ſtatt aber die Kleine bei der Horde zu be⸗ halten, zog ſie es vor, ſie der guten Elsbeth zu uͤbergeben, denn nicht mochte ſie die junge Edi— tha mit ihrem Bruder erziehn, noch den Lord ſeiner beiden Kinder berauben; vielleicht war es ihr auch zu peinlich, das Kind ſtets vor Augen zu haben. Um dieſe Zeit fiel Barbarino in eine unheilbare Krankheit und trug Sorge, vor ſei⸗ nem Hintritt, Marina zur Koͤnigin und Alt⸗ mutter zu ernennen, welche Ehrenſtelle man ihr nach ſeinem viel bedauerten Tode auch einmuͤ⸗ thig einraͤumte. Von da an entfaltete ſich ihre Herrſchluſt aufs entſcheidendſte, und bald uͤber— ſtieg das Anſehn, ſo ihr Klugheit und geiſtige Kraft gewann, jedes andre; ſie ließ die Arbei— ten im Caſtell fortdauern und fuͤhrte ihre Horde zuruͤck in ihr Vaterland, wo ſie ganz beſonders bedacht war, in Muskitos der Horde einen An⸗ fuͤhrer heran zu bilden, wie ſie noch keinen ge⸗ habt hatte. Sie brachte ihn nach Salamanka, da aber endlich auch er den Moͤnchen verdaͤchtig ward und entfliehen mußte, war ſie eben ſo bereit⸗ willig wieder nach Deutſchland zuruͤck zu kehren, um ſein Leben zu ſichern. In Don Gonſalva di Cordova Heereszuge dahin, fand ſie bei der 17 ——— — 115— Bande einen guten Vorwand, ſie folgten ihm nach Sicilien, machten Streifzuͤge nach Ungarn, Polen und Litthauen, ſo daß ſie ſich immer ver— groͤßerten, und kehrten endlich in die heimathli— chen Waͤlder zuruͤck, wo ſie ihre Schaͤtze fanden und wo dieſe durch jene Thierlarven vollkomma geſichert waren. So wie Muskitos zugleich das Kriegshandwerk trieb, ſo ließ ſich Marina in gefaͤhrliche Kundſchaften ein und ihre dazu ab⸗ gerichteten Leute, thaten den Heeren der Union den groͤßten Abbruch, ſie trieb dieſes gefaͤhrliche und faſt immer in damaligen Zeiten von dem liſtigen Zigeunervolke unternommene Geſchaͤft vielleicht weniger aus Neigung, als aus Zwang, denn nur dadurch konnte ſie ſich ſichern vor den Folgen des Rufes der Hexerei, in dem ſie ſtand und der ihr in weniger unruhigen Zeiten ganz gewiß das Leben gekoſtet haͤtte, da man die ſo⸗ genannte ſchwarze Kunſt mit großem Eifer zu vertilgen ſtrebte. Damals war Marina das Le⸗ ben wiederum lieb geworden um ihres Sohnes willen, den ſie mit Stolz betrachtete, wiewohl die unbaͤndigen Leidenſchaften, die ſie an ihm bemerken mußte, ſie noͤthigten, ihm mehr Stren⸗ ge als Nachſicht zu beweiſen. Sie betrachtete ihn als den Koͤnig ihres Volks und ihren Nach⸗ — 116— 1 folger auf einem ſelbſt begruͤndeten Throne, und dieſer Gedanke einer allgemeinen Verehrung die— ſ ſer wilden Menſchen, im Stande unbeeintraͤch⸗ ———— tigter Freiheit, mit dem Vermoͤgen, oft das Amt ſtrafender und lohnender Gerechtigkeit ver—. walten, ſich an Feinden raͤchen und Freunde in Schutz nehmen zu koͤnnen, ja ſelbſt die umfaſ— ſende, uͤberall eingreifende Thaͤtigkeit, in der ſie leben mußte, that ihr wohl. Bei alle dem wußte ſie aber, vermoͤge ihrer Forſchungen— und vielleicht ſagte es ihr ſelbſt die Vernunft— daß dieſes Alles nicht immer ſo bleiben, ſon⸗ dern fruͤh oder ſpaͤt blutig enden werde, und war ſie auch fuͤr ſich auf jedes Geſchick gefaßt, ſo bemuͤhete ſie ſich doch, von Muskitos, ſo lange es moͤglich war, dergleichen entfernt zu halten. Als ſie in der Todten⸗Kapelle den Ritter Dou⸗ glas wieder ſah, den ſie ſo lange fuͤr ſeinen Geiſt hielt, bis ſie voͤllig von ſeiner Perſoͤnlichkeit uͤberzeugt war, da ſiegte die Liebe uͤber den Haß, und ſie entſchloß ſich ſchnell, ihm das Le⸗ ben ſeiner, von ihr erhaltenen, von Elsbeth er⸗ zogenen Tochter zu entdecken, nur von dem Da⸗ 1 ſeyn ſeines Sohnes durfte er nie erfahren, alſo eben ſo wenig von ihr, und ſie ſah wohl, daß ſie ſicher war, in der Geſtalt der Zigeunerin Ma⸗ —— — 117— rina, nicht von ihm als die ſchoͤne Roſaura er⸗ kannt zu werden, von deren ſchrecklichem Tode er laͤngſt uͤberzeugt war. Dieß ließ ſie freier zu ſeinem und ſeiner Tochter Beſten handeln, denn — wohl liebte ſie ihn noch, trotz aller Verirrun⸗ gen ihrer Phantaſie und ihrer Sinne; ſie war bedacht, ihm Editha wieder zuzufuͤhren, als Muskitos heftige Leidenſchaft fuͤr dieſe, die ihr ein Greuel ſeyn mußte, ſie zwang, ſie aus ſei⸗ nen Haͤnden zu reißen und weit von ihm zu entfernen. Daß dieſe traurige Neigung, deren Strafbarkeit der Juͤngling nicht ahnete und ſie ihm nicht entdecken mochte, ihn ins Verderben ſtuͤrzen werde, ſchwebte immer vor ihren Gedan⸗ ken; daher es nicht erſt Ninettens Erzaͤhlung be— durfte, um ihr errathen zu laſſen, wo Mus⸗ kitos ſey und welchen Gefahren er entgegen ging. Sie hatte ein richtiges Vorgefuͤhl ſeines Todes, und die betruͤbte Ueberzeugung, daß es nicht mehr in ihrer Gewalt ſtehe, ihn zu erhalten; da bra⸗ chen ſie auf, alle die alten Wunden ihres Her⸗ zens, da verſanken vor der beaͤngſtigten Mut⸗ terliebe alle Plaͤne des Hochmuths, der Herrſch⸗ ſucht, des Geizes in Staub, und ihr Troſt war kein andrer als der, weder ihn, noch dieſe, lange zu uͤberleben. Sie wußte, daß ohne ſie, ohne 2 — 118— Muskitos die Horde in ſteter Gefahr war ent⸗ deckt, verfolgt und umgebracht zu werden, denn weder Zingalo, noch Bubna konnten ihre Stel⸗ len erſetzen, wiewohl ſie die Verſtaͤndigſten un— ter der Horde waren, und daher hielt ſie fuͤr Pflicht, ihnen den weiſen Rath: S Oeutſchland hu S verlaſſen, in dem Augenbl me zu ertheilen, wo das Ungluͤck ihres Sohnes ihr bekannt ward. Daß er in den Armen ſeines Vaters und ſeiner Schweſter geſtorben ſey, mußte ſie als den Be— weis anerkennen, daß die Macht des Sterblichen nichts verhindern kann, was eine hoͤhere Macht beſchloſſen hat. So war mit ihrem Sohne die letzte Faſer losgeriſſen, die ſie ans Leben band, und ſie fuͤhlte ſich unvermoͤgend, den Ihren laͤnger zu bleiben, was ſie war. Mona und das Kind ihres Sohnes daͤmmerten ihr zwar auf wie ſchwa⸗ che Lichtblitze in dunkler Nacht, aber ſie waren nicht genug, die Finſterniß derſelben ganz zu erhellen, und ſo hoͤrte Marina gleichſam das dumpfe Rollen des Gewitters nahen, das uͤber ihrem Haupte herein brach. Sie zitterte nicht— ſie freuete ſich, am Ziel zu ſeyn, und ſo, da ſie die Schergen nahen ſah, lag ihr nichts am Her⸗ zen, als Mona und ihr Kind. Als dieſe ent⸗ flohen waren, ließ ſie ſich willig hinfuͤhren — V — 119— als Opfer der Gerechtigkeit, und der Gedanke: ihre mannichfaltigen Vergehungen mit einem furchtbaren Tode zu buͤßen, hatte nichts Schreck⸗ liches fuͤr ſie. 2— 4 A4 — A 32 j ₰b, 2 1u 9. 2 9 — Ein Whrn, Dafen, Weh zerreißt die Luͤfte, Man höoͤrt es, aber achtets nicht und kaum Daß, wenn die Armen⸗Suͤnder⸗Glocke ruft, Man fragt: fuͤr wen?— Macbeth. Je ſtandhafter und gleichguͤltiger ſich Marina gegen das ihr bevorſtehende Schickſal bezeigte, deſto lebhafter ergriff die Beſorgniß um ſie die ihr aufrichtig ergebenen Volks⸗Seelen, gegen die ſie ſich, beſonders ſeitdem ſie ſich in der Huͤtte angeſiedelt hatte, huͤlfreich und berathend bewie⸗ ſen hatte, und die Gemuͤther der Wenigen, die von ihrer Horde uͤbrig geblieben waren, um, gleich tagesſcheuen Voͤgeln, ihr Leben in naͤchtli⸗ chen Schlupfwinkeln zu friſten. Einer dieſer Getreuen wagte es, den Pater Eremit mit Ma⸗ rinas Verhaftung bekannt zu machen, die nach Mannheim gebracht worden war und dort im 3 — 120— Kerker ſchmachtete. Der Ruf der Heiligkeit, den er ſich allenthalben eigen gemacht hatte, ſchuͤtzte ihn vor aller Gefahr bei der jetzt Gewalt haben⸗ den katholiſchen Obrigkeit, ſo daß er nichts da— bei wagte, wenn er ſich dorthin begab, um, ſei— nem Vorgeben nach, das Werk der Bekehrung bei der ſo hart angeklagten Suͤnderin zu betrei⸗ ben. Obgleich Marina, die man, wo nicht-vom boͤſen Geiſt beſeſſen, doch als arge Zauberin mit ihm im Bunde glaubte, Niemand ſehn und ſpre⸗ chen durfte, ſo weigerte man es dennoch ihm auf keine Weiſe, in der vollen Ueberzeugung, er muͤſſe durch ſeine Beſchwoͤrungen den Feind aus ihr zu weichen zwingen, und ob er gleich ſelbſt am beſten wußte, wie wenig er uͤber Marinas hohen, ſtolzen Geiſt und finſtern verworrenen Sinn, den wahren in ihr wohnenden Daͤmon vermochte, ſo unterſtuͤtzte er doch gefliſſentlich dieſe Meinung, die ihm den Vortheil verſchaff⸗ te, ſich allein mit ihr zu unterhalten. Als er in den finſtern Raum trat, in dem er die Geſuchte, auf Stroh und in Ketten, in einem Winkel fand, und die Blendlaterne des Schließers dieſe fuͤrchterliche Umgebung grauen⸗ haft beleuchtete, konnte er fich des Mitleids nicht entbrechen, er kreuzte und ſeegnete ſich, und als ſie allein waren, ſprach er im trauri⸗ 5 gen Tone:—— „O Marina, Marina! ſo weit mußtet Ihr's treiben mit Eurer ruchloſen Verſtocktheit? — Wer mag Euch jetzt erretten von dem Flam⸗ mentode und von dem Feuer, das nicht ver⸗ liſcht, von dem Wurm, der nicht ſtirbt?— „Raben⸗Gekraͤchz!(antwortete Marina dumpf, ſich aufrichtend) Unkenton! Glaubt Ihr, der Strom waͤre ruͤckwaͤrts zu leiten geweſen durch Eure Hand? oder Marina habe in den Kerkern des Kloſters zu Madrid die Luft der Ge— faͤngniſſe nicht athmen lernen, gegen welche dieſe hier eine freundliche zu nennen iſt?— Meint Ihr, ich fuͤrchte die Flammen? Am Indus und Euphrat haͤtte ich lange ſchon den Scheiterhau— fen beſtiegen mit des Mannes Leichnam!““ „Weib! ich ſpreche vom ewigen Tode!(rief Gratianus) denn es ſteht geſchrieben: Fuͤrchte dich vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hoͤlle!“ „Da magſt Du Recht haben, Moͤnch! (ſagte ſie finſter vor ſich hin) aber ich weiß auch, daß eben Er— nicht will den Tod des Suͤnders! Aber Dich brauche ich nicht zu dem, was ich mit ihm abzuthun habe, darum la — 122— Dir's nicht in den Sinn kommen, mich bekehren zu wollen. Uebrigens iſt's brav von Dir, daß Du Deine alten Freunde auch hier nicht verleugneſt, und es iſt mir lieb, Dir einen Auftrag geben zu koͤnnen, der das Einzige iſt, was mir noch auf dem Herzen liegt. Willſt Du mir bei Dei⸗ nem Heiligen geloben, ihn zu vollziehn, wenn Du geſehen haben wirſt, daß der Sturm meine Aſche zerſtreuet hat?“ „Was ſollt' ich nicht! ſoll ich Meſſe leſen laſſen fuͤr Deine arme Seele? ſoll ich... „Schweig! Du ſollſt Dich nicht in meine Sachen mengen, oder, wenn Du das gar nicht laſſen kannſt— mich verlaſſen, ohne mir die koſtbaren Augenblicke zu rauben, die mir nur noch in ſo geringer Anzahl uͤbrig ſind!“ „Wenn Du durchaus nicht willſt(verſetzte er gutmuͤthig) ſo rede nur, daß ich weiß, was Du von mir verlangſt!“ „Kennſt Du den ſchottiſchen Ritter Lord Douglas im Heere der Union?“ „Wie ſollt' ich nicht?— Hat er ſich doch beruͤhmt genug gemacht unter den Ketzern, wie⸗ wohl er ein Sohn der Kirche iſt? und ich daͤch⸗ te, Ihr und die Horde ſolltet auch ein Lied ſingen koͤnnen von dem argen Ritter, der ſein —— —,.,—— Schwiegerſohn iſt, und auf der ketzeriſchen Traut⸗ burg hauſet.“ „So ſchwoͤre mir, Moͤnch! bei der gebe⸗ nedeieten Koͤnigin des Himmels— der mater dolorosa— ſchwoͤre mir, wenn ich todt bin, den Ring, den Du hier erblickſt, den ich ſeit dreißig Jahren immer und bei jedem Wechſel meines bunt bewegten Lebens bei mir trug und dem Auge meiner Henker zu entziehen wußte, in Lord Douglas eigne Hand zu geben.“ „Nun wohlan, ich ſchwoͤre!— aber(ſetzte er nach geleiſtetem Eide hinzu) wie kommt Ihr zu dem edlen Lord? wie Euer Ring.“ „Jetzt mußt Du Alles erfahren; ſo merke denn wohl auf, was ich Dir vertrauen will, und nimm es an Beichtes Statt, denn Wort fuͤr Wort ſollſt Du ihm wieder ſagen, was Du ver⸗ nehmen wirſt, hoͤrſt Du! ihm allein! Wehe Dir, bricht Deine Lippe ſonſt das Siegel mei⸗ ner Geheimniſſe!“ Und nachdem ihr Gratianus nochmals ver⸗ ſprochen und theuer zugeſagt hatte, Alles nach ihrem Wunſche auszurichten, erfuhr er von Ma⸗ rina, was wir bereits wiſſen, und ihn in nicht geringes Erſtaunen verſetzte. Als ſie zu Ende war, ſetzte ſie noch hinzu: 1 — 124— „Nur eins habe ich Dir jetzt nos ſagen: Laß Dir nicht einfallen, mir draußen das Wort zu reden, oder mich fuͤr Etwas an⸗ deere zu geben, als fuͤr eine verſtockte Suͤnderin. Ich bin nicht zu retten; nach ihren Geſetzen habe ich den Tod verdient, und nach meinem Wil— len erwarte ich ihn mit Freuden; ich will buͤ— ßen, und— endlich frei und gluͤcklich werden. Darum laß ſie ausuͤben an mir, was ſie ihre Gerechtigkeit nennen; Einer aber iſt uͤber uns alle und der allein richtet das ſuͤndige Geſchoͤpf, Menſch genannt, nach ſeiner Barmherzigkeit. An ihn habe ich immer geglaubt, und an dieſe, wenn ich ihn auch Ormuzd nannte, oder Brama!— ich habe ihn gefuͤhlt und gefunden, trotz meiner Verbannung von den„Menſchen und meiner eigenen Entartung, und mit dem Muſelmann geſagt: Gott allein iſt groß und gut!— Und das werd ich denken, wenn man mich auf den Scheiterhaufen werfen wird— dieß, und daß es droben uͤber den Sternen eine ewige Vergeltung giebel. Da, Moͤnch, haſt Du mein Bekenntniß und nun geh, und ſprich: Marina iſt eine Hexe.“ Der geruͤhrte Moͤnch, nicht undankbar fuͤr manche von ihr empfangne Gutthat, wußte nicht 25 Lzu —ᷣ— 2 wmas er antworten ſollte— das Anathem erſtarb ihm auf der Lippe, aber an ihre Seeligkeit zu glauben wagte er eben ſo wenig, er druͤckte ihr die Hand und weinend verließ er ſie, ent⸗ ſchloſſen, heimlich Meſſe fuͤr ſie zu leſen. Man befragte ihn ſehr dringend, was er bei der Hexe ausgerichtet? und da er bekennen mußte: der boͤſe Geiſt habe durchaus nicht aus ihr weichen wollen, ſo beeilte man ſich, ihr das Todesur⸗ theil zu ſprechen, da ſie als uͤberwieſene Hexe zu den ſonſt gewoͤhnlichen Ordalien nicht zu⸗ zulaſſen ſey. Marina empfing ihr Urtheil mit Frohlocken und trat den letzten Gang mit un⸗ erſchuͤtterlicher Standhaftigkeit an. Heiterkeit und Ruhe war in ihren Zuͤgen, und der finſtre Ernſt ihrer gefuͤrchten Sterne in Freude ver⸗ wandelt, ſo ſchritt ſie, ohne daß die Schergen ſie fuͤhren durften, unter der entſetzten, ſchwei⸗ genden, aͤngſtlich harrenden Volksmenge muthig hin, auf den Richtplatz zu; der Moͤnch hatte es nicht laſſen koͤnnen, ſich an ihre Seite zu draͤngen—„denk an Zeinen Eid!“ ffluͤſterte ſie ihm zu. Er aber wankte und erblaßte— denn hochauf loderte der Holzſtoß vor ihren Blicken. Laͤchelnd mit hoch empor gehobnem Haupt ſah Marina noch einmal um ſich her, dann er⸗ 8 ½ * A ſich ſelbſt in die Flammen. In wenig Minuten war ſie zu Aſche verwandelt. Als dieſe nach⸗ her der Nachrichter, dem Ausſpruche des Geſetzes zufolge, in alle vier Winde verſtreut hatte, ſchlich der Eremit mit Betruͤbniß in ſeine Klauſe zuruͤck, und war von nun an eifrig auf Erfuͤl— lung ſeines ihr geleiſteten Schwures bedacht, doch wollte er ſich nicht in die ketzeriſche Traut⸗ burg wagen, wo ſich Lord Douglas fortdauernd aufhielt. Die Kunde von ſeinem Zuge zum brittiſchen Heer, war ihm alſo willkommen, und er ſuchte ſich ſeines Auftrags auf jene uns bekannt gewordene Weiſe zu entledigen. Dabei ermangelte er jedoch nicht, Marina fuͤr eine bußfertige Suͤnderin auszugeben, ſo wie er uͤber⸗ „haupt in ſeiner Erzaͤhlung die Bitterkeit, mit welcher ſie von ihren Schickſalen im Kloſter ſprach, moͤglichſt zu mildern und die Haupt⸗ ſchuld ihres Ungluͤcks und ihrer Verbrechen auf den Lord zu werfen ſuchte, um in der gegen⸗ waͤrtigen Erregung ſemes Gemuͤths, vortheil⸗ haft fuͤr die Kirche auf ſeine Seele zu wirken. Er brachte die ganze Nacht in dem eifrigen Be⸗ ſtreben hin, den Abtruͤnnigen mit Reue zu er⸗ fuͤllen, ſeine Beichte zu hoͤren, und ihn durch hob ſie den Blick zum Himmel und— ſtuͤrzte 2 nach⸗ ſetzes atte, — 127— auferlegte Buͤßungen die Aufnahme in den Schoos der Kirche zu erleichtern— lauter Be⸗ muͤhungen, die bei ihm auf einen dankbarern Boden fielen, als bei Marina. ———nᷓ—é q—— 4 13. 8 „Kein Begriff, das Herz entſcheidet und die That.“ ** 4 Editha war nicht wenig uͤberraſcht, ihren Vater in kurzer Friſt wieder bei ſich auf der Trautburg mit dem Pater zu erblicken, wohin er nach ſeiner Zuſammenkunft zuruͤck gekehrt war, ſtatt ſich mit ſelnen Reiſigen zu dem Heere ſeiner Lands⸗ leute zu begeben. Ihr Erſtaunen vermehrte ſich, als ſie ſah, daß er einen nach dem andern ver⸗ abſchiedete, bis er ganz allein war. Sehr bald aber erklaͤrte er ihr und Elsbeth, die er ſehr hoch ſchaͤtzte, das unſeelige Ereigniß, welches ſich— mit Marina zugetragen, und den Einfluß, den es nothwendiger Weiſe auf ihn haben mußte, in ihr ſeine Jahre lang beweinte Roſaura wie⸗ der gefunden zu haben, um ſie durch Schande— und graͤßlichen Tod zu verlieren. Die Theil⸗ nahme, die er in den fuͤhlenden Herzen ſeiner beiden Vertrauten fand, ihr aufrichtiger Schmerz ————— ——— ———— 9 -—— — 128— um Marina, die ſich gegen beide ſo lobenswerth benommen hatte, daß ſie ihr Dank ſchuldig wa— ren, und ihr jetzt gern eine Thraͤne des Gefuͤhls nachſandten— alles dieß haͤtte ſeinen gerechten Kummer lindern, und dieſe Wunde ſeines Her⸗ zens heilen ſollen, wenn er auch ſeiner jugendli⸗ chen Vergehung vor dem hoͤchſten Herzenskuͤn⸗ diger lebenslang mit Reue eingedenk geblieben waͤre, allein es war dem Eifer des Pater Gra⸗ tianus, in dieſen ſeinen ſchmerzlichſten Momen⸗ ten gelungen, die Ueberzeugungen ſeiner Jugend, ſeinen fruͤhern Glauben in ihm zu erwecken, und ſo ſtand ſein Entſchluß feſt— im Pilgerkleide und Muſchelhute am Stabe nach Rom zu wal⸗ len, Buße zu thun fuͤr die Suͤnden ſeiner Ju⸗ gend, und in Sankt Peters Dom zu beten fuͤr die Seelen der ungluͤcklichen Roſaura und ſei⸗ nes Sohnes. Deswegen brachte er das Opfer, ſeine Heldenbahn zu verlaſſen, ſich von ſeinen Kriegern zu trennen und jedes Vorzugs des Standes, des Reichthums und des Ruhms ſich zu entaͤußern, um freiwillig entſagend, das Ge⸗ luͤbde der Armuth, des Scheidens von ſeinen Kindern, von allen Vorzuͤgen des Lebens, als Suͤhne und Buͤßung ſeiner Schuld zu bringen. Schmerzlich fuͤhlte Editha ſich ergriffen, als er — 129— er ihr das alles auseinaͤnder ſetzte, denn die mildern Begriffe der Religion, zu der ſie ſich bekannte, geſtatteten ihr nicht in ſeine Anſichten einzugehn, dennoch aber ehrte ſie, was ihm den entbehrten Frieden der Seele und die verlorne Ruhe des Gemuͤths wiedergeben ſollte und hoffte der Gott der Erbarmung, der allenthalben das bußfertige reuevolle Flehn ſeiner Kinder hoͤret und mit ſeiner Gnade an keinen Ort in der Welt gebunden iſt, werde ſich das Opfer, uͤber das ſeine Ueberzeugung entſchieden hatte, wohl⸗ gefallen laſſen, und ihn gluͤcklich und beruhigt in den Kreis der Seinen wieder zurück fuͤhren, aber ihre ſchmerzliche Empfindung, die ſie ihm ſchonend verbarg, ſprach ſich gleichwohl in bittre Klagen aus, gegen ihre treue Mutter Elsbeth. N „Bin ich nicht zu bedauern!(ſprach ſie) nicht genug, daß mir ein unerklaͤrliches Geſchick meine geliebte Blanka geraubt hat, daß mein theurer Herr und Gemahl im unaufhoͤrlichen Kriegsgetuͤmmel lebt und ich taͤglich zittern muß fuͤr ſein Leben— jetzt verlaͤßt mich auch mein Vater, um mir Jahre lang weg zu bleiben und vielleicht auf ſeiner muͤhſeeligen Pilgerfahrt zu ſterben! Wie traurig iſts, daß wir ſo verſchiedee Zweiter Band.— —-— 130— nen Glaubens ſeyn muͤſſen! auf ſo verſchiedenen Wegen das Heil ſuchen!“ „O laß das gut ſeyn, meine Tochter! (troͤſtete Frau Elsbeth) wiſſen wir doch, daß je⸗ der Gerechte ſeines Glaubens leben wird, und in des ewigen Vaters Hauſe viele Wohnungen ſind; darum laß jeden ruhig bei der Weiſe ſei⸗ ner Erkenntniß; denn nur der Allwiſſende iſt Richter uͤher das alles, und glaube meiner Er⸗ fahrung? der. Rath des Herrn iſt wunderbar und er fuͤhret alles herrlich hinaus.“ Allein Editha konnte dennoch weder ihrem Schmerz gebieten, noch ihren Thraͤnen, als ei⸗ nes Tags ihr Vater, den Pilgerſtab in der Hand, zu ihr eintrat, um vielleicht aufs Leben Ab⸗ ſchied zu nehmen. Sie nahm, tief ergriffen, ih⸗ ren Sohn, den kleinen Albedill, der ruhig mit Holm und dem Taubſtummen im Gemach ſpielte, bei der Hand, und fuͤhrte ihn zu den Fuͤ⸗ ßen ihres Vaters, dann kniete ſie neben ihn und bat: „Seegne Deine Kinder, mein Vater, eh Du von uns ſcheideſt!““ Geruͤhrt legte Lord Douglas ſeine Hand auf Mutter und Kind— als ſchnell der Taub⸗ ſtumme hervor ſtuͤrzte, auch den kleinen Holm — 131— zu ſeinen Fuͤßen niederknieen ließ, ihm die Hand nen und dem das ihm ſo ei⸗ kuͤßte, und mit Augen voll Thraͤ ausdrucksvollen Gebehrdenſpiel, gen, und man an ihm gewohnt war, den Lord aufs dringendſte und wehmuͤthigſte bat, auch dieſem den Seegen zu ertheilen. „Du haſt Recht!(ſagte der erweichte Pil⸗ ger) der arme Waiſenknabe ſoll nicht ausgeſchloſ⸗ ſen ſeyn von meinem Vaterſeegen!“ und auch auf den dunkeln vollen Lockenkopf des fremden Kindes die Hand legend, ſchien er uͤber alle ſtill zu beten, dann aber erhob er ſie und ſprach feierliche „Mein Gebet, wiewohl das eines armen Suͤnders— wird Erboͤrung finden, um Eurer ſelbſt willen! Editha! der Seegen des Herrn iſt ohnedem bei dem Hauſe des Gerechten, und wenn Deine Soͤhne Dir gehorchen, ſo werden ſie aufwachſen in Ehre und Zucht und viel⸗ leicht wird ein Tag erſcheinen, wo ich Euch alle gluͤcklicher wiederſehe, wo des Friedens Gluͤck Dir, Editha, Deinen Gatten und des Himmels⸗ gunſt einen beruhigten Vater zuruͤck giebt— bis dahin lebt wohl, ich gehe— fuͤr Euch zu beten.“ Seitdem war Lord Douglas verſchwunden, 9 — — 13³32— und ſo ſehr auch Editha ſich um Nachricht von ihm bemuͤhte, ſie mußte darauf verzichten. Ihr Gemahl, der ziemlich unbekannt war mit der Geſchichte ſeiner Jugend und dem auch jetzt Editha nichts weiter daruͤber bekannt machen— e durfte, war nicht wenig betreten, als er erfuͤhr, b welch einemn wackern Degen der Sache, fuͤr die er mit ſo warmem Eifer kaͤmpfte, wegen ſolcher Anſichten, die er fanatiſch nannte, entzogen ward, und haͤtte er den Moͤnch gekannt, der ihn . dazu verleitet hatte— denn daß ſein Entſchluß von einem ſolchen herruͤhre, war ihm gewiß— V ſo wuͤrde der Dank, den er ihm dafuͤr abge⸗ ſtaͤttet, nicht der erfreulichſte geweſen ſeyn.⸗ Die von ihm verabſchiedeten Leute ſammelten ſich alle n unter Ritter Trautwangens Fahne, und 8* V1 8 des Paters und Freundes letzte Bitte an ihn d 8 1 war, ſich ſeiner Getreuen anzunehmen, ſo ward 4 ſeine Macht däßurch auf ſehr bedeutende Weiſe t vergroͤßert, welches die einzige Beruhigung war, 4 die er bei dieſer unerwarteten und ſo unange⸗ 6 nehmen Veraͤnderung empfand. — 133— 14. „Das Schickſal, hoher Menſchen Muth zu pruͤfen, Begnuͤgt ſich an gemeinen Mitteln kaum! Es ſteigt hernieder in des Orkus Tiefen, Dringt an die Grenzen ſchier von Zeit und Raum! Weckt Ungeheu'r, die im Verborgnen ſchliefen, Bedroht am Tage, ſchreckt im naͤcht'gen Traum; Doch nur um nach beſtandnen Abentheuern Bewaͤhrte Tugend glorreicher zu feiern.“ (aus Skanderbeg.) Dies war das Zeitalter Wallenſteins und Til⸗ lys, vor welchen der Suͤden wie der Norden Europa's zitterte, und die den Krieg immer um ſich greifender und vernichtender betrieben. Daͤ⸗ nemark, Schweden, Mecklenburg, Braunſchweig war in die blutige Fehde gezogen; Kaiſer Fer⸗ dinand, Matthias zu ſehr unruhiger Zeit er⸗ waͤhlter Nachfolger, in Ober⸗Italien mit Frank⸗ reich in Krieg verwickelt, Katholiken und Pro⸗ teſtanten durch wuͤthenden Religionshaß gegen einander aufgeregt, und Deutſchland, ſo weit ge⸗ bracht durch Peſt und Hunger, die ſich zum Krieg geſellenden Geißeln Gottes, daß es 1629. zu Luͤbeck zu einem den Proteſtanten ſehlr nach⸗ theiligen Frieden kam, der 1630. voͤllig berich⸗ tigt werden und fuͤr die leidenden Theile ausge⸗ glichen werden ſollte. Statt deſſen erwachten — 134— aber die alten Streitigkeiten nur von Neuem, und der Krieg zeigte ſich als eine Hyder, wel⸗ cher immer neue Koͤpfe zuwuchſen, wenn auch einige abgeſchlagen waren. In Schweden aber ging in dem Koͤnig Gu⸗ ſtav Adolph, dem einzigen Fuͤrſten in Europa, von dem die bedraͤngten Proteſtanten Freiheit und Rettung erwarten durften, ein neuer Gluͤcks⸗ ſtern auf. Schon fruͤher, ehe der Krieg in Nie⸗ 1 derſachſen ausbrach, wollte er ſeine Heere in eigener Perſon zu Deutſchlands Vertheidigung fuͤhren, aber damals verdraͤngte ihn Daͤnemarks ubelberathener Stolz, der nur ſein eignes Un⸗ gluͤck herbei fuͤhrte. Wallenſtein wies die ſchwe⸗ diſchen Geſandten beleidigend ab vom Luͤbecker Kongreß und verletzte durch dieſe Behandlung das Voͤlkerrecht; der Kaiſer ließ die ſchwediſchen Flag⸗ gen inſultiren, erſchwerte den Frieden Schwe⸗ dens mit Polen, ja verweigerte Guſtav Adolph den koͤniglichen Titel. So erweckte man den ſchlummernden Loͤwen, dem der Kardinal Ri⸗ chelieu durch die franzoͤſiſche Vermittlung die Po⸗ len vo.n Halſe ſchaffte und einen Frieden mit Schweden und Polen herbei fuͤhrte, geleitet durch die geheime Politik, Oeſterreichs heran 2 1————. ————— 2———— ——— S— —y———.——— 1 — wachſende Macht durch Schweden demuͤthigen euem, wel⸗ auch Gu⸗ ropa, teiheit luͤcks⸗ Nie⸗ re in igung marks g Un⸗ ſchwe⸗ becker gg das Flag⸗ Schwe⸗ dolph n den 1 R⸗ ie o⸗ n mit gleitt heran thigen — 135— zu laſſen, und— die furchtbare Kriegsgewalt des Kaiſers, durch die Anfuͤhrung von mehrern, fuͤr unuͤberwindlich gehaltenen Generalen, noch furchtbarer, konnte Guſtav Adolph nicht laͤnger abſchrecken, ſeine durch ſtrenges Klima abgehaͤr⸗ teten, durch fortwaͤhrende Feldzuͤge erprobten, und ihm mit Enthuſiasmus ergebenen Truppen den kaiſerlichen Heeren entgegen zu ſtellen. Sehr bald mußte ſich die geringe Z. /l der Schweden vergroͤßern, denn die proteſtantiſchen Fuͤrſten er⸗ warteten bloß einen Befreier und die katholi⸗ ſchen wuͤnſchten dem kaiſerlichen Uebergewichte, das ihnen ſehr nachtheilig war, Schranken zu ſetzen. Alle aber ſahen in dem nordiſchen Hel⸗ den den Mann, den jeder bedurfte. Wer kennt ihn nicht, den herrlichen Guſtav Adolph, aus der Geſchichte jener Sturm-⸗bewegten Zeit, in der er lebte? und welch ein Verdienſt mußte der beſitzen, den damals Freund und Feind ver⸗ ehrte, und jetzt noch jeder wahre Held der neuern Epoche Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt? Genaͤhrt und vertraut mit der Taktik der Griechen und Roͤmer, der erſte Feldherr ſeines Jahrhunderts, wie ſein erſter Gottesverehrer, ſtark von Muth, rein von Sitten, bieder und treu von Gemuͤth und von großem edlen Geiſte beſeelt, glich er 4 — 136— dem Hermann, der des Varus ſtolze Legionen ſchlug, und als er den Uebergang wagte uͤbers Meer, wie Caͤſar uͤber den Rubikon ging.— Da war Hoffnung in der Bruſt der Unterdruͤck⸗ ten, neuer Muth in jedem zagenden Herzen, und nur die Laſterbrut ahnete Untergang, und — zitterte. Dieß war die große, die wechſelnde, die ſtuͤrmiſche Zeit, in der die jungen Heldenknaben, Holm und Albedill, in der ſichern Veſte Trautburg erwuchſen. Eine ſolche Zeit, wie uͤberhaupt die der Widrigkeit, reift das junge Gemuͤth, ſtaͤhlt den zarten Geiſt, kraͤftigt den jugendlichen Feuerſinn mehr als jede andre, und ſo erwuchſen ſie ſehr bald am Sonnenſtrahl von ihres Vaters Groͤße gezeitigt, wie fruͤhreife Fruͤchte. Zur Zeit des Luͤbecker Kongreſſes kam der Ritter Trautwangen auf die geliebte Burg, das ihm ſo ſelten gewaͤhrte Gluͤck der Haͤuslich⸗ keit zu genießen, aber er brachte ſeine Zeit in keiner Traͤgheit zu.— Der Saame des Muths und der Ehre, den er in die Herzen ſeiner Soͤhne ſtreute— auch Holm war ihm nun ein ſolcher! — wucherte bald zu erſprießlicher Frucht, und Beide ſahen in ihm ihr hohes, ſchoͤnes Vorbild, mit Ungeduld der Zeit voraus eilend, wo ſie an 4 die aben, Veſte wie sunge t den und von hreife kam zurg⸗ glich⸗ it in duths ohne ſcher! und bild/ je on — 137 ‧— ſeiner Seite ins Feld eilen und ihren Arm der Sache ihrer Bruͤder darbieten wuͤrden. Der Ritter ließ die Knaben von Kindheit an im Waf⸗ fenſpiel unterrichten, und je mehr ſie heran wuch⸗ ſen, je mehr machten ſie ſelbſt das Spiel zum Ernſt. Beſonders war der hoch aufwachſende brau⸗ ne Holm ein geborner Krieger. Seine ſchoͤne kraͤftige Geſtalt, ſein funkelndes Auge, ſeine geiſtreichen Zuͤge, der edle Trotz um Stirn und Lippe, das Feuer ſeiner Bewegungen, zeichnete ihn aufs vortheilhafteſte aus; aber auch der junge Albedill, ſchoͤn und ſanft wie Balder, der nordiſche Liebesgott, edel und liebenswerth, ſtand ihm nicht nach an Willen, wiewohl an Kraft. So waren beide zu vielverſprechenden Juͤnglin⸗ gen aufwachſende Knaben ihrer Aeltern Luſt, und beſonders ihres Vaters Stolz. Nur die arme Editha ſeufzte oft, wenn ſie ohne Kunde von ihrem Vater, ohne irdend eine Spur von dem Leben ihrer Tochter blieb, aus tief beklom⸗ mener Bruſt, uͤber ihr Geſchick, wiewohl ſie es mit chriſtlicher Standhaftigkeit ertrug, denn ſie ſahe eine Zeit— eine ihr fuͤrchterliche Zeit— ſich nahen, wo auch Albedill, ihr Einziger, pin⸗ gefuͤhrt werden wuͤrde zum Siege oder zum - 138— Tode, und ſo bedurfte ſie den frommen Troſt der treuen Elsbeth unaufhoͤrlich. Indeſſen hatte ſie auch fuͤr die moͤglichſt beſte, dem Zeitalter angemeſſene Erziehung der Knaben geſorgt. Elsbeth kannte einen frommen und von ſeiner Stelle durch die kriegeriſchen Un⸗ ruhen vertriebenen evangeliſchen Prediger, der das Ungluͤck gehabt hatte, in dem Elend, in welches man ihn verwies, alle die Seinen zu uͤberleben, und der nicht hatte, wohin er ſein Haupt hinlegen konnte, dennoch aber bis daß ſein Ende kommen wuͤrde, wie Hiob, nicht laſ⸗ ſen wollte von ſeiner Froͤmmigkeit. Dieſem off⸗ nete die Graͤfin Trautwangen ihre Burg und verſchaffte ſich auf dleſe Weiſe, zuſammt den Ih⸗ rigen, die reine Lehre und das unverfaͤlſchte Wort des Herrn. Sie hatte einen Dom in der Burg zur Gottesverehrung eingerichtet, Kanzel und Altar mit fleißiger frommer Hand beklei⸗ det, und hier ertoͤnten die heiligen Geſaͤnge: Eine feſte Burg iſt unſer Gott u. ſ. w. aus in⸗ niger und andaͤchtiger Ruͤhrung, wenn Herr Johannes Severin, ſo hieß der fromme Geiſtliche, Worte der Weihe an heiliger Staͤtte geſprochen hatte. An dieſem dem Herrn geweih⸗ ten Orte betete die fromme Editha, wenn ſie — 139— dem Allwiſſenden ihre Wuͤnſche und ihren Kum⸗ mer vortrug, hierher begleitete ſie Elsbeth, und auch die Knaben brachte der Taubſtumme, ei⸗ gen ihren Dienſten geweiht, in dieſen kleinen Tempel des Hoͤchſten, damit ſie Chriſten wuͤr— den eher noch, als Helden. Herr Johannes aber, ſo wurde der gute Prediger allemein genannt, erwarb ſich bald durch ſeine Leutſeeligkeit ihre Liebe, und ihr Unterricht beſchaͤftigte ihn aufs angelegentlichſte. So gelang es ſeinen frommen Bemuͤhungen, beide zu recht gutgebildeten und edeldenkenden Knaben zu erziehen, welche Wohl⸗ that ſowol der Ritter als Editha ihm nicht ge⸗ nugſam verdanken zu koͤnnen vermeinten. Sonderbar wars, daß der Taubſtumme die Kinder auch dann nicht verließ, wenn Herr Jo⸗ hannes ſie unterrichtete, und daß dann immer ſeine großen, ſchwermuͤthig blickenden Augen auf die Lippen des Mannes gerichtet blieben, der ſanft, wie ſein goͤttlicher Meiſter, die Kinder an ſich zog und ihnen den Weg der Wahrheit zeigte und das Wort des Lebens lehrte; noch ſonder⸗ — 140— oft die Hand, und bezeigte ihm ein Mitleid, das dem Ungluͤcklichen wohlzuthun ſchien. 15. „Rein hab ich bewahrt in meinem Ungluͤck Das Einzige,— was den Menſchen uͤber Schickſalslaune Erhebt,— den innern Werth, die Achtung meiner ſelbſt!“ (aus Macbeth.) Niemand konnte eine lebhaftere Freude uͤber das Schwedenkoͤnigs Landung auf der Inſel Ruͤ⸗ gen, und uͤber die reißenden Fortſchritte ſeiner Eroberungen in Deutſchland empfinden, als Ritter Trautwangen; aber nun war auch die Zeit der Waffenruhe, die er zur Muſterung ſei⸗ naer Truppen, zu kriegeriſchen Uebungen und zu ſtarker Befeſtigung der Trautburg angewendet hatte, bei ihm voruͤber. Er ſandte ſeine Leute Rottenweiſe ab, um ihn in Regensburg zu er⸗ warten, wo ſich die verſammelten Fuͤrſten, jetzt oͤffentlich fuͤr Guſtav Adolph erklaͤrt, und dem Herzog von Sachſen⸗Lauenburg das Kommando uͤber die von ihnen ſchleunig angeworbenen Trup⸗ pen uͤbergeben hatten. Muthig riß ſich Graf Trautwangen, abermals der ſchoͤnſten Hoffnun⸗ — 141— keid gen voll, von dem ihm ſo theuern Herzen ſei⸗ 4 ner holden, bekuͤmmerten Editha, ſie den Tro⸗ ſtungen der Mutter Elsbeth und des Herrn Jo⸗ hannes uͤberlaſſend. Die wohl verwahrte, mit einer tapfern Beſatzung belegte Burg, ließ er unter ſeines tapfern und aͤlteſten Rottenmeiſters über Befehl, und die beiden muthigen Knaben, die ihn nur mit Unmuth allein zu Kampf und Ehre btung ziehen ſahen, unter der treuen Aufſicht und dem erſprießlichen Unterricht des guten Herrn Johan⸗ nes. Jedoch befahl er auch den aͤlteſten Waf⸗ iüs fenknechten und vorzuͤglich dem Burgvoigt Da⸗ R⸗ niel ſie in der Kriegskunſt und den Waffen⸗ ſner uͤbungen zu unterweiſen, und verſprach insbe⸗ 8 ſondere dem feurigen Holm, den ſein Alter und h die ſeine ſchoͤne Geſtalt auszeichneten, ihn bald moͤg⸗ ſei⸗ lichſt nachzuholen als Page. nd lu Sehr bald war die Blutarbeit, zu der un⸗ endet ſer Held zu rechter Zeit kam, im vollen Gange. Leute Selbſt der Churfuͤrſt Johann George von Sach⸗ u er⸗ ſen, der dem Kaiſer mehr als zu lange getraut „jeht hatte, verband ſich jetzt, bei des Kaiſers Eingriffen dem in die Rechte der evangeliſchen Kirche, mit dem nando Churfuͤrſt von Brandenburg, und trat unter dem Trup⸗ Namen des Leipzigſchen Bundes, der Allianz Gtaf mit Schweden und Frankreich bei, das blos uun 6 —- 142— nach politiſchen Abſichten gegen Oeſterreich feind⸗ lich handelte. So fuͤhrte Guſtav Adolph ein Heer von 50, die neue Union eins von 40000 Mann gegen den Kaiſer, deſſen Stuͤtzen jetzt Tilly und Pappenheim waren. Das Heer des Herzogs von Sachſen-Lauenburg, bei welchem ſich Trautwangen befand, fuͤhrte lange Zeit den kleinen Krieg mit vielem Gluͤck, welches endlich den General Pappenheim bewog, ſeine Macht gegen daſſelbe zu kehren und ſich Magdeburg zu naͤhern, welches aber erſt ſpaͤter Tillys beiſpiel⸗ loſer Grauſamkeit, zur Zerſtoͤrung aufbehalten. blieb. Hier erfuhr der ſonſt immer ſo gluͤckliche und ſiegreiche Trautwangen endlich auch den Wechſel des Kriegsgeſchicks. Nach einer verzwei⸗ felten Gegenwehr hatte er das Ungluͤck, vom Pferde gehauen und gefangen genommen zu werden, wie der groͤßte Theil ſeiner wackern Be⸗ gleiter, die durchaus keinen Pardon annehmen wollten; und man brachte ihn nebſt den andern in den Ruͤcken des Tillyſchen, jetzt Magdeburg bedrohenden Heers, auf eine alte, nun von den kaiſerlichen Truppen beſetzte Veſte an der Elbe. „ Dieſe Burg gehoͤrte einem alten im Waffendienſt ergrauten, und durch viele Wunden jetzt zu dem⸗ ſelben untauglich gemachten Ritter, der hier das — 143— Erbe ſeiner Vaͤter, ſo gut es ging, bisher zu vertheidigen gewußt, jetzt aber dem maͤchtigen Feinde die Thore ohne Widerrede geoͤffnet hatte, und ſich es alſo auch gefallen laſſen mußte, daß man die Veſte mit Gefangnen fuͤllte. So gut es ihm moͤglich war, trug er Sorge fuͤr ſeine un⸗ gluͤcklichen Glaubensgenoſſen, und um dieſes moͤglich zu machen, ſchloß er ſich ſcheinbar der Kirche ſeiner Feinde an, zechte mit ihnen, bewies ſich dienſtfertig gegen ſie, und rettete dadurch ſich und ſein Eigenthum von dem Verderben, das uͤber Andre, minder Kluge erging, mit ei⸗ nem Worte, er ſchickte ſich in die boͤſe Zeit. Da man nur eine geringe Beſatzung auf der Veſte zuruͤck ließ, um die Gefangnen zu bewachen, verſprach er, ſich ihrer Verſorgung mit zu unterziehn, und erkannte, als er die Runde bei ihnen machte, zu ſeinem Entſetzen, den Ritter Trautwangen, deſſen Kriegskamerad er fruͤher geweſen war, und auf deſſen Tapferkeit er ſeine geheimen Hoffnungen gruͤndete. Er brachte ihn in ein einſames Gemach, unterſuchte und verband ſeine Wunden, und that alles, was in ſeinen Kraͤf⸗ ten ſtand, ihn ins Leben zuruͤck zu rufen, al⸗ lein noch immer hielten ihn die Scharten des Todes umfangen. Lange dauerte dieſer gefaͤhr⸗ — 144— liche Zuſtand, bis endlich doch des Lebens Kraft den maͤchtigen Feind in ihm beſiegte, und er mit einem langen ſchweren Odemzug aus der wunden Bruſt— die Augen aufſchlug. Der erſte Gegenſtand, der ihm ins Auge fiel— war ein weibliches Weſen, das, ſorgfaͤl⸗ tig uͤber ihn hingeneigt, ihm das jugendliche Antlitz eines Engels in himmliſcher Anmuth zeigte, und jetzt erſchrocken zuruͤck fuhr, vor ſei— nem geoffenten Blick. „Wo bin ich?“ ſeufzte der Ritter. „Bei Freunden!“ antwortete ihm eine Stimme, die wie Floͤtenton ſein Ohr mit wei⸗ chem Liebesklang beruͤhrte. „Wer ſeyd Ihr?““ fragte er erſtaunt, ſich nach ihr umwendend. Eure Waͤrterin Mariel aber lieber Herr, wollt mir nun auch folgen! Lange habe ich und mein Vater um Euer Leben Sorge getra⸗ gen, Gott ſey geprieſen, der es erhalten hat! O nehmt doch dieſen Trank, er wird Euch wohl thun, und ſprecht ja nicht— ſondern ſchlum⸗ mert nun.“ Mit dieſen ſuͤßſchmeichelnd ausgeſprochnen Worten ſchob ſie die Hand unter das kranke Haupt und naͤherte mit der andern einen kry⸗ ſtall⸗ „ g=ͤ„2 Kraft und er us der Auge orgfaͤl⸗ ndliche nmuth vot ſti⸗ eine it wii⸗ t, ſich Herr, abe ich getra⸗ i hat! 9 wohl ſchlun⸗ frankt — 145— ſtallnen Becher den lechzenden Lippen, und der Ritter verſank, als er getrunken hatte, in einen ruhigen Schlaf. Als er aus demſelben erwachte war ſeine koͤrperliche Kraft zuruͤckgekehrt und er fuͤhlte ſich ſtark genug, ſeiner ſchoͤnen und hoch erfreuten Waͤrterin ſeinen Dank auszu⸗ ſprechen: „Ihr habt einem gluͤcklichen Gatten und Vater das Leben erhalten, ſchoͤne Jungfrau 3 7„ und ich erkenne mich Euch lebenslang verpflich⸗ tet. Sagt, wie lange bin ich hie ei r— feabrhn ein Ge⸗ .„Beinahe zwei Monate!(antwortete Maria) Ihr wart Anfangs ſo gefaͤhrlich, daß wir Euch nicht retten zu koͤnnen glaubten, aber Ritter Durtehard⸗ mein Vater, iſt ein verſtaͤndiger undarzt und der barmherzi zige Gott i Seegen gegeben!“ 4 bnt enen „Du biſt lutheriſch!(rief der Ritter freu⸗ 1a0 Du ſprichſt nicht von den Heiligen! o befaͤnde ich mich wirklich unter mei. m bensgenoſſen? 4den Wliu⸗ „Ja wohl, lieber Herr, nur daß wir es heimlich ſind, wie Nicodemus, der des Nachts zu Jeſu kam, aus Furcht vor den Juͤden! Die Burg iſt voll des Pappenheimers wilden Kriegs⸗ Zweiter Band⸗ 10 — 146— knechten und mein Vater wohl gezwungen einer der Ihren zu ſcheinen.“ „Und Du, mein holdes Maͤgdlein?“ „Daß mich Gott behuͤte, ihnen unter die Augen zu kommen. Mein Vater hat mich in einem Winkel dieſer alten Burg verborgen ge⸗ halten, wenn ſolches Volk hier hauſet, und unſre Diener, die alle unſers Glaubens ſind, lieben mich viel zu ſehr, als mich zu verrathen!“ „und Dein Vater hat bei mir eine ſo ehren⸗ volle Ausnahme gemacht, daß er Dich herbrachte zu meiner Pflege?“ „Er kannte Euch ſchon, guter Herr Ritter, und ſpricht mit Liebe und Bewunderung von Euch, die ſich auch, ich weiß ſelbſt nicht wie, auf mich erſtreckt hat!“ Das reizende Maͤdchen neigte ſich hier und kuͤßte des Ritters Hand mit Innigkeit und Ehrfurcht. „Gott ſeegne Dich, Maria! Gott ſeegne Dich, mein Kind!“ ſprach geruͤhrt der Ritter und der alte Burkhard trat ein. „Na, das walte Gott, Ritter Trautwan⸗ gen(jubelte er) endlich ſeyd Ihr wieder unter den Lebendigen!— ich hoͤrt' es ſchon von Ma⸗ rien!— aber das hat Muͤhe gekoſtet!— Ei, Ihr kennt den alten Burkhard wohl noch, den — 147— en einet bei Wimpfen, wo Ihr ein Gluͤckskind waret, eine verfluchte Kartaͤtſchenkugel zuſammen ſchoß! 20— ich wollte ſagen s'freut mich Euch einen ntet die Liebesdienſt als alter Kriegskamerad erzeigt zu nich in haben, aber es iſt Euch gar zu verdammt er⸗ gen ge⸗ gangen. Wißt Ihr aber, was der alte Burk⸗ nd unſte hard gemacht hat, den hoͤlliſchen tauſend Ele⸗ lieben mentern, die Euch gefangen haben„ eine derbe 11 Naſe gedreht— Euch hahaha! fuͤr todt ausge⸗ dehten⸗ geben und Ihnen ſtatt Eurer einen Gefangnen rbrachte gewieſen, der, wie viele andre in der Burg, wirk⸗ lich ins Gras gebiſſen hat, und ſo ſeyd Ihr Rit, nun frank und frei, und wenn Ihr voͤllig her⸗ von geſtellt ſeyd, ſchaff ich Euch hennlich aus der 5 wie⸗ Burg, denn ich erinnere mich gar wohl, daß dun ihr mir einſt in der Schlacht das Leben rettetet, and mit und will mich jetzt quitt machen!“ „D ehrlicher Burkhard! wenn ich Dir das ne je vergeſſe!“ rief Trautwangen lebhafter, als t ſag es ſeinem Zuſtande angemeſſen war, aber die e Ri ſüße Marie drückte den zarten Finger, Still⸗ ſchweigen gebietend, ihm auf den Mund und ſuman⸗ laͤchelnd das Haupt zuruͤck in die Kiſſen; Burk⸗ et 5 hard aber mußte eilig davon, denn das wilde, on 4 ſiegtrunkene Kriegsvolk, das von Magdeburgs — 1 Zerſtoͤrung eben zuruͤck kam, die Gefangenen in 6, ⁸¹ 10* — 148— die eroberte Stadt abzuholen, uͤber deren noch rauchenden Truͤmmern Tilly ſeinen blutigen Ein⸗ zug hielt, fragten mit Ungeſtuͤm nach dem Burgherrn. Als er zuruͤck kam, was erſt nach mehrern Stunden geſchehen konnte, war er tief betruͤbt, denn er hatte die Greuel vernommen, die in jener eingeaͤſcherten Stadt zum Himmel ſchrieen. Dort lebten Marien Freunde, Jugend⸗Bekannte, und jetzt waren ſie untergegangen in den Flam⸗ men, im Blutmeer graͤßlichen Todes geſtorben, oder als hungernde Bettler von Heerd und Hei⸗ math vertrieben! Dort bei dem ehrwuͤrdigen Dom⸗ prediger war ſie erzogen, ihm dankte ſie Got⸗ tesfurcht, Glauben und Tugend— und er war, ein zweiter Stephanus, unter den Martern der Barbaren geopfert. Bei ſeinem, von Thraͤnen unterbrochenen Bericht, war Marie außer ſich, und voll edlen Ingrimms ballte Trautwangen die Fauſt, als umfaſſe er ſein Schwerdt, die⸗ ſen Teufeln in Menſchengeſtalt blutige Rache ſchwoͤrend. „Ich fuͤhl's! Crief er) dazu hat mich der Herr erhalten! und mir in Dir, treuer Freund, und in Deiner lieblichen Tochter zwei Schutzen⸗ gel geſandt. Erhalten bin ich zum Tage des en noch ſen Ein⸗ ch dem nehrern betruͤbt, die in ſchrieen. ekannte, Flam⸗ ſiorben, d Hei⸗ „n Dom⸗ ſie Got⸗ er war, tern der Thraͤnen her ſic wongen t, die⸗ KRache nich der uund/ cuhen⸗ — 149— Gerichts, zum Tage des Zorns, und die Kraft der Rache gießt neues Leben in meine Adern. Vo ſteht der Koͤnig Guſtav? „Nahe genug, um daß es bald zu einer entſcheidenden Schlacht kommen muß!(ſagte Burkhard traurig) Keine drei Tagereiſen von hier, er iſt uͤber die Elbe gegangen, um ſich mit den Sachſen zu vereinigen, und Tilly zieht ſich gen Leipzig. Moͤge Gott den Seinen gnaͤdig ſeyn!“ „Ich muß fort!(rief Trautwangen) Ich bin geſund; in das Lager des Koͤnigs muß ich, um ihm Arm und Schwerdt anzubieten; ich bin geneſen, ich bin ſtark zum Kampf!“ Marie fiel zu ſeinen Fuͤßen.„Nicht doch, edler Herr Graf!(flehte ſie) Ihr ſeyd noch ſehr ſchwach an Kraͤften, eure Wunden werden auf⸗ brechen, und ihr werdet das koſtbare Leben, das der Vertheidigung des Glaubens geweiht iſt, vergebens opfern! Denkt an Eure Gemahlin, an Eure Kinder! Erhaltet Euch fuͤr dieſe, und vollendet hier Eure Geneſung!“ Trautwangen ſah geruͤhrt auf das reizende, flehende Maͤdchen, er hob ſie auf und druͤchte einen Kuß auf ihre Stirne, ein ſeltſames Ge⸗ fuͤhl erfuͤllte ſeine kriegeriſche Bruſt. — — — — 150— „Suͤße Marie!(ſagte er) Ich glaubte nicht, daß ein Vater, der eine Tochter beſitzt, ſo gluͤck⸗ lich ſeyn kann! O lebte mir meine arme Blanka!“ „Einige Tage noch muͤßt Ihr in Geduld ſtehen, Herr Ritter!(unterbrach Burkhard ſeine Ideenfolge, die ſich ſo ploͤtzlich auf den Verluſt ſeines Kindes gerichtet hatte) Die ganze Gegend iſt mit Nachzuͤglern von Tilly's Heere erfuͤllt, die ſich dieſem nachdraͤngen nach Leipzig, dem ſie das Schickſal des ungluͤcklichen Magdeburgs zu bereiten gedenken. Marie hat Recht, Ihr müßt noch ſo lange hier verborgen bleiben und dieſes Gemach, in welchem ich ſie verſteckt habe, iſt der einzige Winkel in der Burg, in welchem Ihr ſicher ſeyd. Sobald es ohne Gefahr ge⸗ ſchehen kann, ſollt Ihr uͤber die Elbe gebracht werden, und ſo lange faſſet Geduld!“ Marie war hoch erfreut uͤber eine Entſchei⸗ dung, die ihren Wuͤnſchen ſo angemeſſen war; ſie fuhr fort, den Ritter ſo treulich zu pflegen, ſo anmuthig zu unterhalten, daß er oft den Sturm der Außenwelt in ihrem Umgange ver⸗ gaß. Oft ſaß er lange Zeit mit auf das lieb⸗ liche Maͤdchen gerichteten Blicken, die voll lau⸗ ter Unſchuld und froͤhlicher Kindlichkeit war, ihr ſchoͤnes goldgelocktes Haar erinnerte ihn an ſeine — bte nicht, ſo gluͤck⸗ Nanka!“ Geduld ard ſeine Verluſt ⸗Gegend . erfuͤllt, g, dem gdeburgs ht, Ihr iben und jact babe, welchem fahr ge⸗ gebracht 7 V Entſchei ſſen war; pflegen/ oft den ange vet⸗ das lieb⸗ voll lau⸗ wal/ ih 1 an ſeint 1 — 151— . Editha, ihre braunen flammenden Augen kamen ihm wie ſeine eigenen vor, und es war ihm faſt, als ſchwimme um die Roſenknoſpe ihres Mundes das zarte Laͤcheln ſeines Albedills. „Welche Laune der Natur!(dachte er) Burkhards Tochter Alles zu geben, was ſie mir zueignet! Und ſogar die melodiſche Stimme mei⸗ ner holden Editha!(und immer kam er auf den Wunſch zuruͤck:) Waͤre ich doch Vater einer ſolchen Tochter!“ ſich mit Reue vorwerfend, daß er vormals ein ſo theures Geſchenk des Him⸗ mels nicht genugſam gewuͤrdert, und deshalb wohl deſſen ſchmerzliche Entbehrung verdiene. 16. „Herr mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils, mein Schutz! Dich, Herr will ich loben und an⸗ rufen, ſo werde ich erlöſet von meinen Feinden.“ Pf. 13. v. 2. Endlich war die Gegend ziemlich ſicher und der Ritter voͤllig geneſen; Burkhard ſorgte fuͤr Ruͤſtung und Waffen, und der Tag war be⸗ ſtimmt, an dem er die Burg und ſeine erprob⸗ ten Freunde verlaſſen wollte. Matie fuͤgte ſich 5 — 152— in das Unabaͤnderliche, aber ihr ſchoͤnes Auge voll Thraͤnen hing oft an dem Scheidenden, der ſie und ihren Vater bat, ſich nach der Traut⸗ burg zu fluͤchten, wo ſie die herzlichſte Wieder⸗ vergeltung ihrer gaſtfreien Aufnahme finden wuͤr⸗ den, dafern die Unruhe der Zeiten ſie aus ihrem Eigenthum verdraͤngte. Als der Augenblick ge⸗ kommen war, den des Ritters Kampfbegier mit Ungeduld erwartete, und er geruͤſtet und ge⸗ wappnet da ſtand, nur noch auf ſeine Freunde wartend, um ihnen ein ewiges und dankbares Lebewohl zu ſagen, erſchien nur Burkhard, um von ihm Abſchied zu nehmen. „Wo iſt Marie?“ fragte der Ritter un⸗ ruhig. „Ihr werdet ſie am Ufer finden, wo ſie uns erwartet.(antwortete der Alte) Macht fort — ſchon flammen die erſten Strahlen des Ta⸗ ges am Horizonte auf.“ Beide druͤckten einander die Haͤnde, und der Ritter, in den Mantel gehuͤllt, den Kopf mit ſeinem Barett wohl verwahrt, folgte ſtillſchwei⸗ gend dem voran hinkenden Begleiter, allenthal⸗ ben nach Marien ausſchauend. Sie war nirgends zu erblicken. Schon lag wie ein ſchimmerndes Silberhand der ruhige nes Auge den, der Traut⸗ Wieder⸗ den wuͤr⸗ 16 ihrem blick ge⸗ giet mit und ge⸗ Freunde ankbares ard, um tter un⸗ wo ſie acht fott des Ta⸗ de, und dopf mit illſchwei⸗ llenthal⸗ ſchon lag — 153— Fluß vor ihnen, auf dem bereits der goldene und purpurne Morgenſtrahl zitterte, und ſie ge⸗ wahrten auch ſchon den kleinen Kahn, der an der ſandigen Uferſeite feſtgeankert zu ihrer Auf⸗ nahme bereit war, denn Burkhard hatte erklaͤrt, ſeinen Freund bis ans jenſeitige Ufer geleiten zu wollen; da fragte Trautwangen nochmals mit Angſt:„Aber wo iſt Marie?“ „Hier iſt ſie, edler Herr Graf!“ rief die ihm unvergeßliche Stimme zu, und der Erſtaunte erblickte einen ſchlanken Fiſcher-Knaben, aufs Ruder gelehnt, deſſen weißen Hals goldnes Haar umwallte, und erkannte ſogleich die ihm ſo werthe Marie. „Du in dieſer Verkleidung!(rief er) ſoll ich Dir— ſoll ich Deinem Vater zuͤrnen?— was ſoll das bedeuten, Marie?“ „Daß ich Euch ſelbſt uͤberſetzen will, Herr Ritter!(laͤchelte ſie durch Thraͤnen) ſeyd unbe⸗ ſorgt, ich bin kein unſichrer Faͤhrmann, und in ruhigen Zeiten fuhr ich uns oft hinuͤber, und auf dem mir bekannten Waſſer, ſollte ich Euch jetzt einer fremden Hand anvertrauen, da man Euch ſo leicht verrathen, oder Schaden zufuͤgen koͤnnte?“—. „Dozu bin ich ja bei ihr, und ſie zum — 154— Ueberfluß verkleidet;(ſprach Burkhard) laßt uns alſo nur eilen, weil es noch fruͤh iſt, damit wir bald wieder zuruͤck kommen in die Burg, ich konnte den Wunſch dem Kinde nicht verwei⸗ gern.“ Da keine Einwendung half, ſtieg man endlich in den Kahn, und vom guͤnſtigen Mor⸗ genwind getragen, leitete der Knabe des Schiff⸗ lein uͤber die huͤpfenden vergoldeten Wellen, be⸗ hutſam, kraͤftig und ſicher das Ruder fuͤhrend. Sie waren hinuͤber, und betraten das dießſei⸗ tige Ufer. „Nun geleite Euch Gott, lieber Ritter! (ſagte Burkhard) beſchuͤtze Euch in der Gefahr, und laſſe Euch ſeinen Engeln empfohlen ſeyn. Marie und ich wir wollen fuͤr Euch beten!“ „Gebt mir Euern Seegen, edler Herr!“ weinte Marie und ſank vor ihm nieder. Nie hatte Trautwangen ſich ergriffner ge⸗ fuͤhlt, als da er ſeine Hand auf ihr Haupt legte, und ſie an ſeine Bruſt zog.„Frommes, theures Maͤdchen!(ſtammelte er) Dir geh es wohl auf Erden!— nie vergeß ich Dich, noch Eure Liebe und Guͤte, meine Freunde! Verleih mir Gott in gluͤcklichen Zeiten das Gluͤck, Euch meinen Dank zu bezeigen!“ Er blieb am Ufer ſtehn, bis ſie abgeſtoßen laßt uns 1, damit ie Burg, t verwei⸗ liig man zen Mor⸗ Schif⸗ ellen, be⸗ fuͤhrend. 6 dießſei⸗ e Ritttr! r Gefaht/ dic, no getliih luck, Luch üögeſtoßen X — 155 24. hatten, der alte Burkhard half jetzt rudern, er ſah, wie Marie in Schmerz verſunken, nicht allein fertig zu werden vermochte— lange ſtand er da, und ſah ihnen nach, nur als er ſie nicht mehr erblicken konnte, und ſie in den weißlich⸗ ten Nebelduͤften des Morgens verſchwunden wa⸗ ren, ſetzte er ſeinen Weg mit ſo großer Eile fort, als ihm nur immer moͤglich war. Ohne Unfall erreichte er das Lager der Schweden, und da ſchon mehrere angeſehne Officiere, die mit ihm bey dem Lauenburger geſtanden hatten und ihn und ſeinen Ruf kannten, auch Augen⸗ zeuge ſeiner Thaten geweſen waren, ſich bereits dort im Dienſt befanden, ward er, den man als todt betrauert, mit großen Freuden wieder erkannt und aufgenommen. Die Maͤkler, welche im Heer nicht fehlten, verſchafften ihm Geld und Ruͤſtung, Roß und Zeug, und bald hatte Graf Trautwangen die Ehre, dem Koͤnig Guſtav vorgeſtellt zu werden, der ihn, da er von ſei⸗ nem Ruhm hinlaͤngliche Kunde hatte, wie von ſeinen erlittnen Schickſalen, ehrenvoll und aus⸗ gezeichnet empfing und zum Obriſten ſeiner Leib⸗ wacht ernande. „Ihr werdet Uns helfen(ſagte er) Magde⸗ 4 urg zu raͤchen, deſſen Fall ich nur betrauern, — 156— nicht abwenden konnte, drohend ſchwebt der Geiſt dieſer verheerten Stadt uͤber Tilly und ſei⸗ nen Teufeln, bald ſchlaͤgt die willkommne Stunde unſers blutigen Zuſammentreffens. Dann— freilich! ſteht eine Krone und zwei Churhuͤthe auf dem Spiel, aber der Herr wird ſie in Unſre Hand geben, und die Gottloſen verderben.“ Seiner neuen Anſiellung froh, fertigte Traut⸗ wangen nun einen Eilboten nach der Trautburg ab, und ſchrieb an Editha, was ihm geſchehn war, die Pflege und Treue Burkhards und Ma⸗ riens mit heißem Dank erwaͤhnend und ihr ſeine jetzige erwuͤnſchte Stellung meldend.„Zugleich (fuͤgte er hinzu) muß ich auch dem Holm mein Wort halten, ich will ihm die Ehre goͤnnen ſich an dem naͤchſt bevorſtehenden Bluttage die Spor⸗ nen zu verdienen, und er ſoll den Boten als mein Page begleiten. Er iſt achtzehn Jahr, wie ich glaube, und darf laͤnger nicht feiern. In⸗ deß laß ich Dir noch unſern allzu zarten Albedill, daß er Dich troͤſte, meine Geliebte!“ Tilly ſtand jetzt vor Leipzig, und forderte es auf, kaiſerliche Beſatzung zu nehmen; ſtatt deſſen vertheidigte ſich aber der wackre Kom⸗ mandant, ſo gut er vermochte, auf Entſatz hof⸗ fend. Allein ſchon am zweiten Tage mußte er weht der und ſei⸗ he Stunde Dann— hurbuͤthe in Unſre ben.“ tte Traut⸗ Trautburg geſchehn und Ma⸗ ihr ſeine „gugleich volm mein Pnnen ſich die Spot⸗ Boten als Jaht/ wie iern. Ins mAlbedil⸗ nd fordette men; ſat dr Kom⸗ enſeh 4 — 157— die Thore oͤffnen, ein einzelnes Haus war am Ende der niedergebrannten halliſchen Vorſtadt ſtehn geblieben, in welchem Tilly ſein Quartier nahm, es war das Haus des Todtengraͤbers; hier beruͤhrte den Trotzigen und Gottloſen der Finger Gottes! Der Wirth hatte ſein Haus mit abgemalten Schaͤdeln und Todtengebeinen ausgeſchmuͤckt, und— der unerſchuͤtterliche Held entfaͤrbte ſich bei dieſem prophetiſchen Anblick.— Ueber alle Erwartung mild war die Behand⸗ lung, die er dem geaͤngſteten Leipzig wiederfah⸗ ren ließ. In der Fruͤhe des 7. Septembers 1631. kamen die feindlichen Kriegsheere einander zu Geſicht. Die ſchwediſch⸗ſaͤchſiſche Armee naͤherte ſich in zwei Kolonnen; unter den Anhöhen ge⸗ gen Abend breitete der Feind ſeine langen, un⸗ uͤberſehbaren Sthlachtreihen aus, und die zwei groͤßten Heerfuͤhrer ihrer Zeit ſollten jetzt gegen⸗ ſeitig ſich erproben. Das in zwei Partheien ge⸗ theilte Deutſchland ſah mit Furcht und Beben dieſem Tage entgegen, an dem die maͤchtigſten Kronen waͤnkten, auf ihn ſollte es ankommen, ob die Nachwelt frei werden ſollte von geiſti⸗ gem Joch der Menſchenſatzung— oder nicht. Da ſtieg die Goͤttin des Siegs hernieder aus — 158— dem lichten Himmel, zu dem die Glaͤubigver⸗ trauenden ihre Blicke erhoben hatten, und ihre Blutumfloßne Lorbeerkronen ſenkten ſich uͤber die Streiter der evangeliſchen Kirche und kraͤnzten ihren Lieblingsſohn— den nordiſchen Koͤnig! Hier war das Schwerdt des Herrn und Gideon! es ſtuͤrzte alles vor ſich nieder und vernichtete die Feinde mit der Schaͤrfe des Schwerdts. Das Mene Tekel des Leipziger Todtengraͤbers ging an Tillys Heer in Erfuͤllung und er ſelbſt konnte kaum mit 600 Mann vom Schlachtfelde entfliehn. Da warf ſich Guſtav Adolph mitten auf dem Todtengefilde auf ſeine Kniee, dem in feurigen Gebete zu danken, der die Gewaltigen vom Stuhle ſtoͤßt und den Demuͤthigen Gnade giebt, und alle ſeine Helden, unter denen auch Trautwangen war, lobten Gott mit ihm. Ue⸗ bers Blachfeld aber heulten die Sturmglocken hinter den Fluͤchtlingen her, und das ergrimmte Landvolk in Sachſen, das ſo viel von den Pei⸗ nigern erlitt, ſtand in Maſſe auf, und ſeine Opfer aufſuchend, vollendete es den Untergang eines Heeres, das Deutſchlands und Italiens Schrecken geweſen war. In der Folge ward auch Leipzig wieder er⸗ obert, Merſeburg folgte eben ſo geſchwind, wie Nlaͤubigvet⸗ „und ihre ch uͤber die d kraͤnzten en Koͤnig! d Gideon! vernichtete Schwerdts. tengraͤbers nd er ſelbſt cblachtfelde lph mitten ee, dem in gewaltigen gen Gnade denen auch ihm. Ue⸗ turnglocke ergrimmte n den Pi⸗ und ſeint Untetgong dd Julins wieder et⸗ hwind/ un — 159— d Hau, und dort endlich athmete der raſt⸗ 8 ger zum erſtenmal wieder ruhig auf großen Folgen dieſes entſcheidenden Kri 3 zu uͤberlegen, und ſeine Helden zu vßeue 17. Alſo löſen ſich i 2, oͤſen ſich immer mehr di 3 1 ehr die traulichen ie uns umfingen mit Lieb.— 35 nan e 85 wie Gott wi will Jetzt, wo der Voͤlker Gluͤck, der Ruhm und das Be * Beſte des Landes der blut'gen Entſcheidung abhaͤngt.“ A uf der Trautburg war lange die groͤßte Un ruhe vorherrſchend geweſen, da Wi 9„ da man ſich blos i Angenen mit Berichten begnuͤgen nun em Heere, bei dem G 6 raf Traut hend⸗ nicht vortheilhaft waren, und don wmen Lun ſeie Kundſchaft einging. Als nun 3 n . uͤbte Nachricht von der Niederlage ehtbes ſelben 7 weder Elsbeths J oſt mehr hin⸗ noch Johannes T reichend fuͤr ſei 3 bn⸗ end fuͤr ſeine bekuͤmmerte Gattin 1 7 te ihn d⁴ eweinte und ſelbſt die Jungl bee ſt die Juͤnglinge, nehhn lcuter Muth und Hoffnung nade n die groͤßte Beſtuͤrzung; beſonde 36 46 — 160— dauerte Holm, daß der Ritter ſeinen Bitten nicht Gehoͤr gegeben und ihn mit ſich genommen haͤtte. „Gewiß(ſprach er zu ſeinem Waffenmei⸗ ſter, dem Burgvoigt Daniel) es ſollte ihm kein Unheil wiederfahren ſeyn, wenn ich bei ihm ge⸗ weſen waͤre; denn eher haͤtten meine Bruſt Schwerdt und Schuß treffen ſollen, als die ſeine, auch weißt Du, Daniel, welch ein guter Bogenſchuͤtze ich bin, theuer haͤtten von mir die Feinde ſeine Freiheit erkaufen ſollen.“ 1„Wohl iſt's loͤblich von Euch, Junker! alſo zu denken,(ſagte Daniel) aber ich denke, wenn unſer edler Herr Graf— was Gott verhuͤte!— todt oder gefangen ſeyn ſollte, ſo muͤßte es bunt uͤber Eck gegangen ſeyn, und da, lieber Jun⸗ ker!— da macht wahrhaftig eine Schwalbe noch keinen Sommer.“ „Warum aber muß ich hier ſitzen und Thraͤ⸗ nen ſehen, die ich nicht trocknen kann? da michs mit allen Pulsſchlaͤgen hinaus ruft zu Maͤnner⸗ That und Kampfes⸗Luſt?(verſetzte Holm)— Wenn's wahr iſt, daß ich, wie Du immer ge⸗ ſagt haſt, Daniel, dem Grafen ſo hohe Ver⸗ hindlichkeit ſchuldig bin, warum darf ich nicht zu ihm, und mein Leben einſetzen fuͤr das ſeine?““ „Still, ſtill, Junker! daß das unſre liebe from⸗ — Bitten nicht nmen haͤtte. Waffenmei⸗ e ihm kein gei ihm ge⸗ ine Bruſt , als die hein guter on mir die 6 unker! alſo enke, wenn verhüte!— gte e bunt ſieber Jun⸗ Schwalbe und Thri⸗ 2 da michs u Mannet⸗ — 161— fromme Graͤfin nicht hoͤrt! Sie muͤßte glau⸗ ben, Ihr waͤret muͤde, in dieſen unruhigen Zei⸗ ten die Burg zu heſchuͤtzen und zu vertheidigen, in der ſie wohnt, wie Ihr bisher ſo eifrig und gluͤcklich gethan habt.“ „O, das ſind ja nur Kinderſpiele, und Albedill kann, von Deiner Einſicht unterſtuͤtzt, dieſe mit ſo viel tapfern Mannen beſetzte Veſte, die ſchon ihre Lage ſchuͤtzt, eben ſo gut verthei⸗ digen als ich.“ „Junker Holm! Ihr wißt nicht, was Ihr insbeſondere der theuern edeln Dame koſtet, ſonſt wuͤrdet Ihr Euer ganzes Leben ihrem Dienſte weihen!“ „Ich weiß es, ich weiß es, Daniel! Herr Johannes, den ich einſt um das Geheimniß an⸗ ging, das auf meinem Daſeyn ruht und mir Niemand entraͤthſeln wollte, hat mir Alles ent⸗ deckt!— Heiße, blutige Thraͤnen moͤchte ich wei⸗ nen, daß ich armer, verſtoßener Knabe die junge Blanka verdraͤngen mußte! jeden Hauch meiner Bruſt der großmuͤthigen, liebevollen Frau opfern, die ſelbſt in ihrem Schmerze nicht verſchmaͤhte, mir Mutter zu ſeyn! Und eben deswegen will ich ja in die Welt— um meine Schuld zu loͤ⸗ ſen. Fuͤr den Grafen, meinen edlen Herm und Zweiter Band. 11—. — 4162— Wohlthaͤter, will ich bluten und fuͤr die Graͤfin, meine zweite Mutter, die geliebte Blanka auf⸗ ſuchen, und muͤßt' ich von einem Pole zum an⸗ dern ziehn!“ „Sacht, ſacht, Junker Holm! Ihr be⸗ denkt nicht, daß unſer armes Fraͤulein... nun (ſetzte er geruͤhrt hinzu) es iſt lange her, und auf jeden Fall hat ſie der liebe Gott in ihrer Unſchuld unter ſeine Engel aufgenommen! Das mag auch wohl unſre liebe Herrſchaft denken— daher ich Euch doch rathen wollte, lieber Jun⸗ ker, nicht, wie weiland ein gewiſſer Don Qui⸗ ſchott, auf derlei Abentheuer auszuziehen, ſon⸗ dern, wenn der Graf Euch fordert, als ein wackrer junger Degen ins Feld zu ziehn.“ „Mein Entſchluß iſt gefaßt, ich ziehe zum Schweden⸗Heere, wenn mich der Graf nicht bald abfordert, und meiner gluͤhenden Ungeduld ein Ende macht!“ betheuerte Holm. Er war bald darauf am Ziele ſeiner Wuͤn⸗ ſche; denn der Eilbote des Grafen langte an, und die Vorſchrift, die er brachte, nahm zwar einen großen Theil der Angſt von Edithas Her⸗ 8 zen durch die Nachricht ſeiner gluͤcklichen Ret⸗ tung und deſſen, was Burkhard und Marie fuͤr ihn gethan hatten; allein der Gedanke an —— r die Graͤfin, Blanka auf⸗ ole zum an⸗ a! Ihr be⸗ lein... nun ge het, und ſott in ihrer nmen! Das ift denen- lieber Jun⸗ n Don Qui⸗ uziehen/ ſon⸗ ert, als ein ziehn.“ ch ziehe zum raf nicht bal Ungeduld ei ſeiner Vin — langte al/ nahm zwat Edilbas Har tlihen I⸗ d Matit und Gaale 4 — 163— die entſcheidende Schlacht, der er unt Schweden⸗Hrere entgegen ging, und* dn z67 ihr lieb gewordenen, theuer ekaußien hotm rderte, war nicht geeignet, i ltig 0 beruhigen, obgleich die von Li eu ain ür ausberede Hoffnung, der Allmaͤchtige wede . emahl auch in dieſer neuen Gefahr, wi in der vorigen, erhalten, und auch den zu* Krieget⸗ den ſie der Sache des Smubens ante, in ſeine Obhut nehmen, jetzt Raum in 3 8 Seele gewann. Sie ließ ihre Soͤhne Luuees welche mit ihr, da ſie ihnen des Vaters Ser ben vorlas, Gott fuͤr ſeine Rettung dankten Lus 7 ſehnlich wuͤnſchten, dieſe ſchoͤne, edle Marie zu kennen, bei deren Schilderung Edithas Herz i ſehnſuchtsvoller Wehmuth ſchlug, weil de 4 ihre geraubte, unvergeßliche Tochter denken m 3 fe. Als ſie aber nun die Stelle mit Tern⸗ Stimme verlas, wo der Ritter Holmen ordude und mit Augen voll Thraͤnen auf den Juͤngli 4 ſah, den ſie ſo ſehr ſchnell von ſich laſſen 4 9 — da zerſchmolz dieſem das Herz fuͤr Ent zu und Dankgefuͤhl. Er ſtuͤrzte ſich edenſchhn wie er war, zu den Fuͤßen der edlen Trat 4,— er Mutter nennen durfte, und druͤckte ihre w an Herz und Lippen. 11* — 164— „Steh' auf, mein Sohn!(ſagte ſie ſanft) Vergiß nie die Lehren, die man Dir auf der Trautburg gab, wandle die Bahn der Ehre, aber auch der Tugend, werde ein Held, bleibe ein Chriſt, ſo wird Gott den Seegen erfuͤllen, mit dem ich Dich in Frieden ziehen laſſe!“ Von den Gefuͤhlen, die er auf allen Ge⸗ ſichtern erblickte, aufgeregt, war auch der Taub⸗ ſtumme naͤher geſchlichen, er ſchien begriffen zu haben, wovon die Rede ſey, und— ſeine Arme krampfhaft um Holm werfend, die großen dun⸗ keln Augen voll Thraͤnen, brach er in ein ſchluch⸗ zendes, unterdruͤcktes Geheul aus, daß alle An⸗ weſende ſchmerzlich ergriff. Er klammerte ſich feſt an Holm und gab zu verſtehen, daß er ſter⸗ ben werde, wenn er ſich von ihm trennen ſolle, und mit ihm ziehn wolle. Holm war von ſeis ner Anhaͤnglichkeit, die ihm nicht neu war, hoͤchſt uͤberraſcht, druͤckte ihn feſt an ſeine Bruſt, und bat die Graͤfin, ihm zu vergoͤnnen, daß der V Taubſtumme mit ihm ziehe. Geruͤhrt von der Treue dieſes ungluͤcklichen Weſens, willigte dieſe ein, und jetzt ihre Hand lebhaft kuͤſſend, ver⸗ ſchwand er, Anſtalten zur Abreiſe zu treffen. * Schon des folgenden Tages ſchied Holm von der Wohlthaͤterin und den Freunden ſeiner Jugend, gte ſie ſanft) Dir auf der n der Ehre, Held, bleibe gen erfuͤllen, laſſe!“ uf allen Ge⸗ ih der Taub⸗ begriffen zu ſeine Arme großen dun⸗ in ein ſchluch⸗ daß alle An⸗ ſammerte ſic „daß er ſter nrennen ſolle war von ſci ht neu wal, ſeine Bruſt, nen/ doß be ahrt von det willite dif küſſend/ ver 7 3u treffen. Holm vun de n Jugend, — 165— und Albedill, der bleich und krank war vom Schmerz der Trennung, geleitete ihn bis hinab ins Thal, wo der Bote, der ihm zum Fuͤhrer dienen ſollte, ſeiner mit den Roſſen wartete⸗ Bei ihm war der Taubſtumme, als Page ge⸗ kleidet, er ritt ein munteres Roß aus dem Mar⸗ ſtall der Burg, das die Graͤfin ihm zu geben befohlen hatte, und bei ihm ſtand Herr Johan⸗ nes, den Auszug ſeines Zöͤglings zu ſeegnen. Da ſanken ſich die Juͤnglinge, die ſich bruͤderlich liebten, noch einmal in die Arme, und lange hielten ſie ſich umſchlungen, bis Holm ſich end⸗ lich losriß, Herrn Johannes ehrerbietig die Hand kuͤßte, und, von jenem beneidet, ſich aufs Roß ſchwang, worauf alle drei ſehr bald den Zu⸗ ruͤckbleibenden aus dem Geſicht verſchwanden, und Albedill mit Herrn Johannes betruͤbt nach der Burg zuruͤck kehrte. Holm ſetzte ſeine Reiſe ſo eifrig fort, daß er ſehr bald im ſchwediſchen Lager ankam; mit ſtolzer Freude bewillkommte der Ritter den ſchoͤ⸗ nen Juͤngling, den alle bewunderten, und der ſich bald im Dienſt dergeſtalt auswies, daß man ihn fuͤr keinen Neuling halten konnte. Am entſcheidenden Tage focht er mit unerſchuͤt⸗ terlichem Muth an Trautwangens Seite, und — 166— wie dieſer gewuͤnſcht hatte, verdiente er hier die Sporen, die ihm ſpaͤter hin, als Koͤnig Guſtav zu Halle den Lohn der Tapferkeit im Heere aus⸗ ſpendete, zu Theil wurden, denn er ſchlug ihn mit einer großen Menge andrer, mit eigner Hand zum Ritter. Hoch ſchlug Holms Herz fuͤr Luſt und Ehre, denn auch ein Schwerdthieb, der die linke Wange ihm zierte, als ein maͤchtiger Arm ihm den Helm ſpaltete in heißer Schlacht, war ihm zum Ehrenzeichen worden. Wer ihn aber nie verließ, und ſelbſt im Schlachtgewuͤhl treu ihm war, wie ſein Schatten, wer dort Wunder that, um ihn zu ſchützen, und daheim ihn pflegte mit der unausſprechlichſten Zaͤrtlichkeit, das war— der Taubſtumme. 18. „Es naht ein herrlich Bildniß aus der Ferne, Das iſt das Antlitz wohl der goldnen Sonnen?“ *⁵ 4*⁵ Der swiſchen dem Koͤnig von Schweden und Churfuͤrſt von Sachſen entworfene Kriegeplan zu Halle, ließ die ſchwediſche Armee in zwei Abtheilungen nach den Rheinlaͤndern ziehn, und beſonders wurden die Staaten des Bi⸗ — 167— eer hier dit nig Guſtav Heere aus⸗ rſchlug ih mit eignek ns Hetz fuͤr ſchofs von Wuͤrzburg hart von ihnen bedraͤngt, ſo wie ſie gegen alle Staaten der Katholi⸗ ſchen das Recht des Siegers geltend zu ma⸗ chen ſuchten, das ihnen von oben herab verlie⸗ hen war; aber nur ſelten findet der Gluͤckliche diejenige Maͤßigung im Gebrauche ſeiner Vor⸗ nthied, de⸗ zaͤge, die deſſen Dauer ſichern, und ihn ſelbſt maᷣchliget achtungswerth machen. Trotz der ſtrengen er Schloht Mannszucht, die der Koͤnig befahl, und ſeine Wer ihn Feldherren zu erhalten wuͤnſchten, war es doch lactgewühl unmoͤglich, die rohe Gewalt der nordiſchen Sie⸗ , wer dert ger auf fremdem Grund und Boden zu zuͤ⸗ 8 und dohäm geln; in dem ihnen verbuͤndeten Sachſen ſelbſt zunlichkeit b hatten ſie grimmig genug gehauſt, und das Denkmal, das ſie ſich durch ihre Grauſamkeit geſtiftet, iſt ſelbſt auf die Gegenwart uͤberge⸗ gangen, denn noch findet man uͤberall daſelbſte Erinnerungen aus der Schwedenzeit, die nicht zu⸗ der Fernt, den angenehmen gehoͤren, ja ſelbſt das jetzige Sonnen!“ 1 Geſchlecht der Wenden in der Lauſitz, hat von! 1 4 ½* Kind zu Kind furchtbare Traditionen von„den⸗ 4 vedm ud ſchwediſch Mann“ aufbewahrt. Leicht iſt alſo griegkplon zu ſchließen, daß im Feindesland, wo der Fa⸗ natismus den Uebermuth noch vergroͤßerte, Than ten begangen wurden, welche ſo ſehr wie Tile 89 Grauſamkeiten, den Menſchenfreund enrien — 168— mußten. Beſonders ließen ſie ihren Frevel an Kloͤſtern aus, und ſetzten einen frechen Ruhm in die Zerſtoͤrung derſelben. Indeß hatte der Koͤnig das heiligſte Geſetz gegeben, den Papi⸗ ſten im Geringſten nicht den Druck der Prote⸗ ſtanten zu vergelten, denen er, wo er hin kam, ihre Kirchen wieder aufthat, und wer ſich nicht mit dem Schwerdte widerſetzte, mußte eine gelinde Behandluug wiederfahren, er konnte demnach fuͤr einzelne Gewaltthaten nicht verantwortlich gemacht werden. Ohnweit des mit Sturm eroberten Ma⸗ rienberg bei Wuͤrzburg ward auch ein Nonnen⸗ kloſter mit Gewalt eingenommen, der junge Ritter Holm, der ſich bei Marienberg ausge⸗ zeichnet, und einer der erſten geweſen war, der die ſchwediſche Fahne auf die Waͤlle gepflanzt hatte, auch nachher deshalb vom Koͤnig aus eigner Hand eine goldne Gnadenkette erhielt, er⸗ blickte das in der Naͤhe brennende Kloſter, und erhielt jetzt von Trautwangen den menſchenfreund⸗ lichen Befehl ihm mit ſeinem Leuten zu Huͤlfe zu eilen, den Brand zu loͤſchen, und den Un⸗ thaten vorzubeugen, die hier voraus zu ſehen waren. Er ſah ſich genoͤthigt, mit dem Schwerdte drein zu ſchlagen, um die Nachzugler zum Ge⸗ 4 —ö————ę—— Frevel an hen Ruhm hatte der den Papi⸗ der Prote⸗ hin kam, ſich nicht ine gelinde demnach antwortlich erten Ma⸗ n Nonnen⸗ der junge rg ausge⸗ war, der tgepflont. ſönig ous ethielt, cce oſter/ und — 169— horchen zu bringen, aber das Kloſter ſelbſt war nicht mehr zu retten, und mehrere der ungluͤck⸗ lichen Jungfrauen hatten es vorgezogen, in den Flammen umzukommen, als in die rohe Ge⸗ walt der Peiniger zu gerathen, da ihnen die Flucht nach Außen keinen andern Ausweg darbot. Holm ſuchte alſo vornehmlich dieſe zu retten, und gab ſeinen Soldaten das Beiſpiel des kuͤhn⸗ ſten unerſchrockenſten Muthes. Schon waren mehrere in Sicherheit gebracht, und nur wenige vermißte man, als die Aebtiſſin, die unter den Geretteten war, einen Schrei des Enſetzens aus⸗ ſtieß.„Heilige Mutter Gottes(ſchrie ſie) wo iſt die arme Maria?(Niemand hatte ſie von den andern geſehn, und hoͤchſt wahrſcheinlich befand ſich dieſe noch in dem brennenden Ge⸗ baͤude.) Herr Ritter!(rief die Aebtiſſin, ſich demuͤthig vor dem Juͤnglinge beugend) Euch ſand⸗ ten uns die Heiligen als Schutzengel; erbarmt Euch uͤber eine junge Ungluͤckliche, die mir ein greiſer Vater als Koſtgaͤngerin vertraut hat— wahrſcheinlich iſt ſie noch in den Flammen.“ „Hier iſt ſie— hier! o Jeſus Maria!— hilf!“ ſchrien die ſich um ihre Obern draͤngenden Nonnen, und auf der Spitze einer, vom Feu 1 noch etſchonten, aber mit Feuer und Rauch — 170— umgebenen Brandmauer ward eine Geſtalt ſicht⸗ bar, die gleichſam uͤber der Verheerung wie ein feuriger Cherub zu thronen ſchien, und ſich voͤl⸗ lig in ihr entſetzliches Schickſal ergeben hatte, denn ſie ſtand bewegungslos wie ein Marmor⸗ bild, und keine ihrer Mienen forderte Huͤlfe, obgleich die feurigen Drachen der Flamme mit gluͤhenden Zungen ihr immer naͤher kamen, der Rauch an ihr hinauf wirbelte, und der vernich⸗ tendſte Abgrund ſie umgab. Kaum hatte Holm ſie erblickt, als er auf einer ſchwankenden hohen Leiter, die ſich in der Naͤhe befand, raſch hin⸗ auf kletterte, das Maͤdchen mit Rieſenkraft um⸗ faßte, in ſeinen Mantel ſchlug, und obgleich die Gluthen jetzt ihn und ſie umgaben, blitzſchnell die Leiter herunter trug, wo ſie die Aebtiſſin und die Nonnen mit einem Freudengeſchrei umfingen. Angſt und Entſetzen hatten die Gerettete in tiefe Ohnmacht verſinken laſſen, und man war zu beſchaͤftigt mit ſeinem eignen Geſchick, um jetzt, da ſie wenigſtens aus dem Brande gezogen war, auf ihre Ermunterung zu achten. Holm erbot ſich, die ungluͤcklichen Kloſterfrauen unter ſichrer Bedeckung dahin bringen zu laſſen, wo ſie ſelbſt verlangten, worauf die Aebtiſſin fuͤr Schweinfurt entſchied, wo ſich mehrere Nonnenkloͤ⸗ 4 —ʒ—,ʒ·,—,„,:—ʒ—ÿ—x—/⁊OA—XB˖˖/————ę——᷑—Q——;——C—Lꝛ—ꝛ—— - 171— ſter befanden; der Drang der Umſtaͤnde, die tſaltſtht Verwirrung in der ſie ſich befanden, als ſie G l ſm ſich durch die kriegeriſchen Greuel ſo ploͤtzlich uͤber ſch vi⸗ die Schwelle des Heiligthums in die unruhige De habs Außenwelt geſchleudert ſahen, mag es entſchul⸗ Wnct he digen, daß ſie, nur um ſich ſelbſt beſorgt, auf te dülfe keine Weiſe mehr an diejenige dachten, um die mme mit ſie ſich ſo beſorgt gezeigt hatten, ſondern ſich ci men, der ligſt unter dem Schutze der Reiter, die Holhlm rvernich⸗ ihnen mitgab, auf den Weg machten, ihr neues tte Holm Aſyl vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Mit den hohen Anſtalten zu ihrem Fortſchaffen und ſeinen Dienſt⸗ rſch hin⸗ Angelegenheiten beſchaͤftigt, hatte auch Holm hft ume-⸗ ſſiich begnuͤgt, das gerettete, in ſeinen Mantel gleich die gehuaͤllte Maͤdchen den Nonnen uͤbergeben zu ha⸗ lizſchnell ben; jetzt ſah er ſich nach dem Taubſtummen tiſſin und um, der wie gewoͤhnlich ſein Begleiter geweſen umfingen. 7 war, um mit dieſem ins Lager zuruͤck zu keh⸗ erattete in ren, da er ſeine Leute unter den Befehl des al⸗ man wat ten erfahrnen Rottenmeiſters geſtellt, und dieſem ic, um befohlen hatte, ſie, nachdem ſie die Nonnen egtzogen ſicher untergebracht, uͤber Schweinfurt dahin zu heln fuͤhren. Er fand den, ſo er ſuchte, in einiger un untc Entfernung in einem Kaſtanienwaͤldchen nicht wo weit von dem in eine brennende Ruine verwan⸗ ſen delten Kloſter. Vor ihm in uͤppig hohem Graſe“ unnenilh⸗ 8 — 172— weideten die Roſſe, und er knieete neben einem bleichen jungen Maͤdchen, die ſich eben aus ei⸗ ner Ohnmacht ermuntert zu haben ſchien, denn er unterſtuͤtzte ſie und gab ihr Waſſer aus ſei⸗ nem Helm zu trinken, welches ſie neu belebte. Holm erkannte ſeine Gerettete, ſie ihren Retter; er blieb, verſunken in den Anblick ihrer Reitze, die er jetzt erſt bemerkte, vor ihr ſtehn— ſie war keines Wortes maͤchtig. Mit ſeinen ge⸗ woͤhnlichen ausdrucksvollen Zeichen bedeutete bei⸗ den der taubſtumme Page was geſchehen, und daß ſie hier von den Nonnen verlaſſen ſey. Ob ihm das junge Maͤdchen gleich nur halb zu ver⸗ ſtehn vermochte, begriff ſie doch das Gefaͤhrliche ibrer Lage, und ſich in ihren Schleier feſt ver⸗ huͤllend, erhob ſie ſich langſam und warf ſich zu Holms Fuͤßen, der ſie eilig und ehrerbietig aufhob. „Wenn Ihr der großmuͤthige Retter mei⸗ nes Lebens ſeyd, edler Ritter!(ſtammelte ſie) ſo kroͤnt Euer Werk und bringt mich— nicht zu den Nonnen, die mich verlaſſen haben— ſon⸗ dern irgend wo in Sicherheit! Ich bin luthe⸗ riſch, und aus Zwang Koſtgaͤngerin in jenem Kloſter.— Dieſes Ereigniß, ſo entſetzlich es iſt, neben einem eben aus ei⸗ chien, denn ſer aus ſei⸗ neu belebte. hren Retter; hrer Reite/ jehn— ſie ſeinen ge⸗ edeutete bei⸗ hhen, und en ſey. Ob galb zu bet⸗ gefaͤbtliche et feſt ver⸗ warf ſich chrerbieli Rettet mei⸗ nmelte ſie) — richt zu mn= ſons bin luthe⸗ in jenem lic 6 ſſ, *— 173— kann mir meine Freiheit wieder geben, wenn Ihr ſo edel ſeyd, als ich glaube!“ „Fuͤrchtet nichts von mir, ſchoͤne Dame! (verſetzte Holm mit ritterlicher Galanterie) Euer Wille ſoll mir Befehl ſeyn; erlaubt mir aber, Euch jetzt, da mir nichts Andres uͤbrig bleibt, mit ins ſchwediſche Lager zu begleiten, wo mein Obriſter, ein Mann von Ehre, beſtimmen wird, welcher Zufluchtsort fuͤr Euch der beßre und an⸗ ſtaͤndigſte ſeyn wird.“ „So bin ich demnach Eure Gefangene?“. laͤchelte ſie mit einer Anmuth, die das lebhafte Gefuͤhl des Juͤnglings entzuͤckte. „Sagt lieber, Dame, daß Ihr mich ohne Schwerdtſtreich zu Eurem Eklaven gemacht habt!“ antwortete er. Der Page fuͤhrte die Roſſe herbei und ſchickte ſich an, der Fremden das ſeine zu uͤberlaſſen, das er am Zuͤgel fuͤhrte; Holm hielt den Steig⸗ buͤgel und half ihr in den Sattel, in welchem ſie ſich jetzt ohne Anſtrengung aufrecht zu erhalten vermochte, neben ihr her reitend war ſein Auge beſtaͤndig auf ſie gerichtet, und er wagte es, manch ſuͤßes Wort hinuͤber zu fluͤſtern, das aber von der Verſchleierten unbeantwortet blieb. Im Lager angekommen, eilte Holm zum — 174— Ritter Trautwangen, ihm ſowohl militairiſchen Bericht abzuſtatten, als ihn mit Allem, was geſchehen war, bekannt zu machen und ſeine ſchoͤne Gerettete in einen maͤchtigern Schutz zu em⸗ pfehlen, als ihr nun der ſeinige ſeyn konnte. Der Obriſte bezeigte ihm ſeine Zufriedenheit mit Allem, was er gethan hatte, meinte aber doch: da er kein paſſender Beſchuͤtzer fuͤr die junge Koſtgaͤngerin eines Kloſters ſey, moͤge er ſie zu ihm fuͤhren, damit er von ihr ſelbſt erfahren koͤnne, wohin ſie gebracht zu werden wuͤnſche. Holm eilte zu der unter dem Schutz ſeines treuen Pagen Gelaſſenen zuruͤck und bat ſie, ihm in das Zelt des Obriſten zu folgen. Als ſie eintraten, ſaß Trautwangen an einem Feldtiſch, mit Schreibereien beſchaͤftigt, eine Lam⸗ pe, die oben an der Decke befeſtigt war, goß eine nur nothduͤrftige Beleuchtung aus, und in dieſer ſtanden beide eine Weile unbemerkt im Hintergrunde, bis Holm, ihm nahend, die Ge⸗ genwart der Fremden meldete. Zitternd vor al⸗ lem Fremdartigen der Umgebung, ſtand das Maͤd⸗ chen, als Trautwangen aufſtand und ſie bat, naͤher zu treten und ihren Schleier aufzuſchlagen. Der freundliche Ton dieſer Stimme ſchien ſie zu ergreifen, ſie wankte heran, ſie ließ den Schleier — 175— zuruͤckfallen, und ſchrie laut auf, als ſie den militairiſchen Allem, was Obriſten erkannte.—„Mariel— meine edle n und ſeine Mariel⸗ rief dieſer im hoͤchſten Erſtaunen und ſchutz zu em⸗ umfing ſie mit freudiger, vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit. ſeyn konnte.— edenheit mit aber doch: 19. „Es fuͤhrt das Schickſal auf verſchlungnen Wegen die junge 6 Die es vereine ei 1 gee fſ s vereinen will, einander auch entgegen.“ iſt erfabren H— 3. olm war außer ſich vor Freuden, daß ſeine en wuͤnſche. Gerettete, di i in j— ines neumn„ die bereits ſein junges Herz in Flam⸗ 8 men geſetzt hatte, die ſtaͤrker aufloderten, wie n,, ihm in die, aus denen er ſie trug, diejenige war, der ſein Wohlthaͤter das Leben verdankte.„In lei⸗* inan einem denſchaftlicher 2 i 7 3 an dm denſch her Aufwallung warf er ſich jetzt vor „eine ihr nieder, kuͤßte den Saum ihres Schleiers und V 3 wat, Voß ſtammelte Worte des Entzuͤckens. Ergluͤhend 1 us, und in hob die reizende Jungfrau ihn auf und zu dem b emeft 4 Obriſten gewendet, ſprach ſie: d, die 6„Edler Herr! ſeht in dieſem jungen Ritter nnd vot 15 den unerſchrocknen Retter meines Lebens; wie das Näͤd⸗ Aeneas den Anchiſes, trug er mich aus den d ſie bat/ 1 Flammen, und als mich diejenigen im Aruie des Todes zuruͤckließen, denen ich anvertrauet war, zuſchlagen erbarmte er ſich meiner großmuͤthig und brachte hien ſie zu Schleir — 176— mich hieher, wo alles Fremdartige, was mich aͤngſtigte, vor mir verſchwindet, da ich ſo gluͤck⸗ lich bin, in Euch einen Beſchuͤtzer zu erblicken.“ „Zweifle nicht, theures Kind! daß ich Dir von ganzem Herzen ein ſolcher ſeyn werde!(ſprach geruͤhrt der Obriſt Trautwangen, und zu Holm ſich wendend, ſetzte er hinzu:) Du aber haſt die Schuldigkeit des Ritters und des Kriegers auf eine Weiſe erfuͤllt, die ich Dir hoch anrechne und nie vergeſſen werde! Wiſſet, liebe Marie, daß der Ritter Holm mein Sohn und mein Zoͤg⸗ ling iſt, und daß es mich daher ſehr erfreut, daß gerade ihn das Schickſal zu Euerm Retter gewaͤhlt und ihn gewuͤrdigt hat: Euch den Dank und die Schuld ſeines Vaters abzutragen. Laßt Euch(ſetzte er mit heiterm Geſicht hinzu) den Juͤngling empfohlen ſeyn, da ich mit ihm zu⸗ frieden bin!“ Marie neigte ſich noch mehr erroͤthend vor Holm, der, im Gefuͤhl des innigſten Entzuͤckens, jetzt ihre Hand an ſeine Lippen druͤckte, und ſie mit Blicken voll Liebe und Leidenſchaft anſah, die ſie zwangen, die ſchoͤnen Augen zu Boden zu ſchlagen. Um ihre Verlegenheit zu beenden, wandte ſie ſich ſchnell und anmuthig laͤchelnd zu dem Obriſten: „Ihr „ was mich ich ſo glic⸗ erblicken.“ daß ich Dir ndel(prach ad zu Holm aber haſt die Kriegers auf och anrechne liebe Marie, d mein Zäg⸗ ſcht erfreut/ Euern Retlet uc de Dank ragen. lih hinzu) den mit ihm du⸗ — 177— „Ihr werdet, gnaͤdiger Herr!(ſagte ſie) jetzt gewiß Verlangen tragen, zu erfahren, wie ich von unſrer alten Burg an der Elbe, hierher in das Kloſter bei Marienberg gekommen bin; erlaubt mir, Euch daruͤber Aufſchluß zu erthei⸗ len. Bald nachdem Ihr uns verlaſſen hattet, und die denkwuͤrdige Schlacht bei Leipzig geſchla⸗ gen war, in welcher Euer Heer einen ſo ruͤhm⸗ lichen Sieg davon trug, hielt mein Vater nicht mehr fuͤr rathſam, laͤnger auf der Burg zu blei⸗ ben, wo wir doch in den unruhigſten Zeitlaͤufen immer noch die moͤglichſte Sicherheit gefunden hatten, welche wir freilich bloß der gewandten Klugheit verdankten, mit welcher Er ſich in Zeit und Umſtaͤnde zu ſchicken vermochte. Er kuͤn⸗ digte mir an, daß er gezwungen ſey, eine weite Geſchaͤftsreiſe vorzunehmen, und da es fuͤr mich nicht rathſam, ja unmoͤglich ſey, allein auf der Burg zu wohnen, ſo wolle er ſie lieber einem Voigt uͤbergeben und mich fuͤr die Dauer ſeiner Abweſenheit irgendwo an einem ſichern, von dem Schauplatz des Krieges entfernten Orte unterbrin⸗ gen, und da er keinen ſichrern wiſſe, als ein Nonnenkloſter, ſo wolle er mich in einem ſol⸗ 1 chen in die Koſt geben. Ihr koͤnnt Euch nicht 1 vorſtellen, Herr Ritter! wie ſehr mich dieſer Plan— Zweiter Band. 12 5 1 8 —- 178— erſchreckte und betruͤbte; es war ſchon an und fuͤr ſich ſelbſt ſchmerzlich fuͤr mich, den guten alten Vater den Beſchwerden einer langwierigen Reiſe ausgeſetzt zu ſehen und bei Fremden Zu⸗ flucht zu ſuchen; wie viel mehr mir, der im lu⸗ theriſchen Glauben erzogenen Jungfrau, der Auf⸗ enthalt im Kloſter ſchrecklich und zuwider. Mein Vater war aber nicht gewohnt, Widerſpruch von mir zu erfahren, und beruhigte mich mit der Verſicherung: man werde dort meiner Religion keinen Eintrag thun, da er ein reichliches Koſt⸗ geld fuͤr mich voraus bezahlen werde; uͤbri⸗ gens, meinte er, ſey es in dieſen unruhigen Kriegslaͤufen oft der Fall, daß auch andre Re⸗ ligionsverwandtinnen buͤrgerlichen Schutz daſelbſt ſuchten, und da ſeine Entfernung nicht viel über ein Jahr dauern werde, koͤnne ich ganz unbe⸗ ſorgt ſeyn. Es blieb mir alſo nichts uͤbrig, als ihm zu gehorchen, ob ich gleich oft die Vorſtel⸗ lung wagte, mich doch lieber, nach Eurem groß⸗ muͤthigen Anerbieten, Herr Graf von Trautwan⸗ gen, zu Eurer Gemahlin auf die Trautburg zu bringen, wo ich gewiß hoffen duͤrfe, auf Eure Empfehlung aufgenommen zu werden. Er war nicht dazu zu bewegen, und ſo mußte ich ihn begleiten, als er die Burg verließ. ſchon an und , den guten langwierigen Fremden Zu⸗ r, der im lu⸗ rau, det Aufs wider. Mein derſpruch von mich mit der ziner Religion cliches Koſt⸗ werde; üdi ſen unruhigen uch ande Ne Stud wſi richt viel uͤber — 179— „Wir fanden erſt in jenem— jetzt in ſo traurigen Ruin verſunknen Kloſter eine erwuͤnſchte Aufnahme, und nachdem mein Vater alles mit der Aebtiſſin berichtigt hatte, und ich mich da⸗ ſelbſt eingerichtet, nahm er Abſchied von mir und verließ mich. Ich will Euch nicht mit Hererzaͤh⸗ lung meines tiefen dabei empfundenen Kummers belaͤſtigen, ſeit meiner Geburt eine mutterloſe Waiſe, hatte mich zwar mein Vater nicht im⸗ mer um ſich gehabt, weil ihm das veraͤnder⸗ liche Kriegsleben daran hinderte, ſondern mich in der— ach! nun zerſtreuten Familie des wuͤr⸗ digen Dompredigers zu Magdeburg erziehn laſ⸗ ſen, deſſen grauſamen Opfertod ich noch jetzt beweine— aber als er krank, alt und leidend . auf die Elbburg zuruͤck kam, hatte ich freiwil⸗ lig die Freunde und Geſpielinnen meiner Jugend verlaſſen, um mich, meiner Pflicht zufolge, zu ihm zu begeben, und ſeine Pflege und War⸗ tung zu uͤbernehmen, und ſtets hatte er mich mit Liebe und Vorſorge belohnt; es konnte mir nicht gleichguͤltig ſeyn, ihn von mir ſcheiden, und mich in dieſen Umgebungen einſam und ver⸗ laſſen zu ſehen; nur ſein Verſprechen mich wie⸗ derum zu ſich zu holen, ſobald er ſeine Reiſe beendet habe, gab mir den Muth der Geduld. 12* —— — 180— Das einſame Kloſterleben mißfiel mir indeſſen nicht, ich war ja auf unſrer Burg eines noch abgeſchiedenern gewohnt; und wenn die aͤltern Nonnen mich Anfangs als eine Ketzerin flohen, ſo nahten mir doch mehrere der juͤngern und der Novizen, unterrichteten mich in ihren Arbei⸗ ten und machten mir es leicht, ihre Freundſchaft, zu gewinnen. Auch die andern verſoͤhnten ſich ſehr bald mit mir und aͤußerten mir unverho⸗ len die Hoffnung, mich zu bekehren, weil ich mich willig finden ließ, mit ihnen in der Kirche zu beten, ſo daß ich nicht ſagen kann, daß mir mein Aufenthalt im Kloſter durchaus laͤſtig ge⸗ fallen waͤre, ob ich gleich im Stillen die Tage bis zu meines Vaters Zuruͤckkunft zaͤhlte. So floß mein Leben dahin, bis zu der Zeit, wo auch in dieſer Gegend das ſiegreiche Heer mei⸗ ner Glaubensgenoſſen erſchien, und der Wuͤrg⸗ engel des Krieges Staͤdte und Huͤtten bedrohte. Ich begriff, wie wenig ich jetzt im Kloſter ſicher ſey, aber was blieb mir andres uͤbrig, als, wie die uͤbrigen, mein Schickſal zu erwarten? Da brach auch uͤber unſer heiliges Aſyl die Fluth der Vernichtung herein, und die meiſten von uns beſchloſſen den Tod in den Kloſtermauern zu er⸗ warten, eh als uns in die Haͤnde der ruchloſen ——= mir indeſſen urg eines noch nn die aͤltern tzerin flohen, jüngern und ihren Arbei⸗ Freundſchaft, erſöhnten ſich mir unverhe⸗ ren, weil ich in der Kirche ann, daß mit aus läͤſtig ge⸗ llen die Tage zählte. So der Zeit/ wo te hect ni⸗ nd der Pütg⸗ unn kedrohie gloſtet ſiche wie ———— 1 . — — 181— Krieger zu geben! Bald ſtand alles in Flam⸗— men, jede rettete ſich in der Angſt ſo gut ſie konnte, ich hatte mich in die Kirche gefluͤchtet, aber auch hier trieb mich die uͤberhandnehmende Flamme kletternd von einer Hoͤhe zur andern, bis endlich auf die Spitze der einzigen noch un⸗ verſehrten Mauer, von der ich, fuͤr Entſetzen ſtarr in die umher wogenden Gluten, in die Feuergarben zu meinen Fuͤßen, in die dampfen⸗ den Rauchſaͤulen herab ſah, und— da es nicht anders kommen konnte— den Tod erwartete⸗ Aber ſtatt ſeiner— nahte mir, in Eurer Geſtalt, Herr Ritter,(ſetzte ſie geruͤhrt hinzu, ſich an Holm wendend) der Engel, den mir Gott, dem ich mich kindlich ergeben hatte, zu meiner Ret⸗ tung ſandte! aber als ich die Arme fuͤhlte, die mich umfaßten, verließ mich die Beſinnung und ſie kehrte erſt zuruͤck, als ich in Sicherheit war, durch die zarte nnd verſtaͤndige Huͤlfe des guten Taubſtummen, der Euer Page iſt. Ihr kamt von Euern Geſchaͤften zuruͤck, und nahmt Euch edel und ritterlich der armen Jungfrau an, die diejenigen verlaſſen hatten, denen ſie— anvertraut war. Aber dennoch folgte ich Euch nur mit Zittern und Zagen in das mir furcht⸗: bare Gewuͤhl des Lagers, und als ihr michin — 182— dieſes Feldherrn Zelt brachtet, ſtand mein Herz ſtill fuͤr Furcht, bis die liebe guͤtige Stimme in mein Ohr drang, die ich nie ohne Vertrauen hoͤren kann, bis ich ſah, daß mich Gott zu ei⸗ nem eben ſo maͤchtigen als großmuͤthigen Be⸗ ſchuͤtzer gefuͤhrt hatte!“ Hier hielt die gefuͤhlvolle Marie inne, um die Thraͤnen zu trocknen, die ihr von den bluͤ⸗ henden Wangen floſſen, Trautwangen aber faßte geruͤhrt ihre Hand und ſprach: „Ja, das will ich Dir ſeyn, Du liebe Marie! und bis Burkhard wiederkehrt, Dein Vater. Aber nicht das ungewiſſe Loos des Krie⸗ gers ſollſt Du theilen, ich ſende Dich auf die Trautburg, wo Stille, Friede und Liebe wohnt. An meiner Editha wirſt Du eine Mutter fin⸗ den, und nicht mehr wirſt Du das Vaterhaus 82 dermiſſen. Auf, mein Sohn Holm! Der Taubſtumme ſoll die Jungfrau nach der Traut⸗ burg geleiten, und waͤhrend ich an meine Ge⸗ mahlin ſchreibe, beordere einige unſrer wacker⸗ ſten Reiſigen zu ihrer Bedeckung.“ „Wie gern haͤtte ich ſelbſt die edle Da⸗ me. ſtotterte Holm mit verwirrten und be⸗ tretenen Blicken. „Hauptmann Holm! gehorcht dem Befehle nd mein Hetz tige Stimme ne Vertrauen Gott zu eie nuthigen Be⸗ ie inne, um von den bluͦ⸗ en aber faßte , du liebe rkehit, Dein dos des Krie⸗ Dich auf die Liebe wohnt. Mutter fin⸗ 6 Vaterhaub holm! Der z der Traut Eures Obern!“ gebot Trautwangen ſtreng, und mit widerſtrebendem Herzen entfernte ſich jener. Der Obriſte fuͤhrte Marien in eine Abtheilung ſeines Zeltes, wo ſie allein waren, ließ ihr Erfri⸗ ſchungen reichen, und lud ſie ein, ſich auf ſei⸗ nem Feldbette einem ruhigen Schlummer zu überlaſſen, um Kraͤfte zu ihrer Reiſe zu ſam⸗ meln; er ſelbſt aber ſetzte ſich wieder an ſeinen Arbeitstiſch, und ſchrieb mit nicht geringer Freude einen umſtaͤndlichen Bericht an Editha, in dem er Holms Heldenthat freudig und zufrieden er⸗ waͤhnte, und ſie bat, diejenige, die ihm einſt durch ihre Pflege das Leben erhalten und die b 2„ 2 . A ₰ 4* 4 4 — 183— ihm jetzt das Schickſal, zu Entrichtung ſeiner Schuld zugefuͤhrt habe, als Tochter aufzu⸗ nehmen. 1 4. 20. „Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimmélet 3 Schilter. Kaum ſaͤumte den dennne erſte lichte eif im Oſten) als der Obriſte leiſe die Vorhaͤnge in ſeinem Zelte auseinander ſchlug, und an ba 6 Lager der ſchlafenden Jungfrau trat„ſie zu we⸗ cken. Lange ſtand er da, ohne den feſten ſüßen 8 — — 184— Schlaf der Unſchuld zu unterbrechen, in den ſie nach den Aengſten dieſes Tages verſunken war; er betrachtete ſie mit geruͤhrten Blicken in ihrer Schoͤnheit, und kam immer wieder auf den Ge⸗ danken zuruͤck:„o wenn ich eine Tochter haͤtte wie Marie!“ Jetzt ſah' er ſie laͤcheln im Traume, und hoͤrte, wie ſie leiſe den Namen Holm uͤber die Lippen fluͤſterte.—„Steht's ſo mit Dir? (ſagte Trautwangen zu ſich ſelbſt) Nun, in Got⸗ tes Namen— mag er ſie verdienen und ſie der⸗ einſt ihn belohnen!“ Jetzt weckte er ſie ſanft und benachrichtigte ſie, daß Alles zu ihrer Ab⸗ reiſe bereit ſey. Marie war augenblicklich mun⸗ ter und zum Aufbruch fertig; der Obriſt fuͤhrte ſie ſelbſt aus dem Zelt, wo der Taubſtumme ſie mit dem ihr beſtimmten, ſchoͤn gezaͤumten Roß erwartete. Holm hielt ihr den Steigbuͤgel und kuͤßte ſeufzend und verſtehlen ihr Gewand. „Lebt wohl, Herr Ritter, nehmt den in⸗ nigſten Dank meines Herzens, und glaubt, daß ich Eure mir erzeigte Wohlthat nie vergeſſen werde!“ rief ſie ihm zu, dann ſenkte ſie ihren Schleier und ſchwang ſich in den Sattel, nach⸗ dem ſie nochmals von dem Obriſten aufs innigſte und ehrfurchtsvollſte Abſchied genommen hatte. Der Zug von dem Pagen angefuͤhrt, und aus n, in den ſie ſunken war; ken in ihter auf den Ge⸗ Tochter haͤtte im Traume, Holm uͤber d mit Dit? un, in Got⸗ und ſie der⸗ e ſie ſanft u ihter Ab⸗ ſcklich mun⸗ briſt fuhrte ſtumme ſie umten Roß gbüͤgel und wand. mt den in⸗ laubt, daß vergeſſen e ſie ihren tal, nalh 2 lnnigſte nen hatte⸗ und als — 185— zwoͤlf Reiſigen beſtehend, die Marien in der Mitte hatten, ſetzte ſich in Bewegung. Noch glaͤnzte der Morgenſtern am Himmel, und im Lager herrſchte Stille und Ruhe, von nichts un⸗ terbrochen als dem eintoͤnigen Rufe der Wachen. Mariens Herz ſchlug voll ihr unbekannter Ge⸗ fuͤhle, und alle loͤſten ſich endlich in Anbetung und Dank gegen den Hoͤchſten auf, der ſie ſo wunderbar aus der Todesgefahr errettet und zu ſo edlen Freunden gefuͤhrt hatte. Ohne Unfall legte ſie ihren Weg zuruͤck, und die ganze Zeit über bezeigte ihr der Page, deſſen Gebehrden⸗ Sprache ſie gar bald verſtehen lernte, die groͤßte und zarteſte Sorgfalt und Aufmerkſamkeit. In einiger Entfernung von der Trautburg gab er ſeinem Roß die Sporen, eilte voran und uber⸗ brachte Editha den Brief ihres Gemahls, der ſie mit großer Freude erfuͤllte. Auch hatte er einen an Herrn Johannes von dem Ritter, den er ins⸗ geheim uͤbergeben ſollte, des Inhalts, er ſolle die Graͤfin vorbereiten auf Albedills Abreiſe zum Heere, da dieſer deshalb an ſeinen Vater geſchrieben, weil ihm ſeit Holms Abreiſe die Trautburg zu eng vorkam und er das junge Ritterblut nach Thaten aufwallend fuͤhlte. Der Vater, der ihn ſchon laͤngſt gern bei ſich gehabt haͤtte, aber Frau Editha's muͤtterliche Empfin⸗ dung durch die Entfernung von ihrem Einzigen zu kraͤnken ſich ſcheute, glaubte gerade jetzt, da ſie an Marien eine anmuthige Geſellſchafterin uͤberkam, den rechten Zeitpunkt zu Erfuͤllung ſei⸗ ner Wuͤnſche gefunden zu haben, und dafern die Mutter einwilligte in die unvermeidliche Tren⸗ nung von ihrem Sohne, ſo ſollte der Taub⸗ ſtumme Albedill mit dem Geleit zu ihm zuruͤck bringen. Marie warf ſich vor der Graͤfin nieder, um ſich in ihre Huld zu empfehlen, dieſe aber nahm ſie in ihre Arme und hatte ſie kaum betrachtet, als ſie ein unbeſchreibliches Wohlgefallen an ihr empfand. Nicht nur als Retterin ihres gelieb⸗ ten Gatten war ſie ihr theuer, ihr ganzes Herz eilte ihr zu, und Marie erwiederte dieſe ſich im⸗ mer vermehrende und deutlich ausgeſprochene Zu⸗ neigung mit wahrer kindlicher Ergebenheit.„So alt waͤre meine arme Blanka!(ſagte die Graͤfin weinend zu Elsbeth, die ſelbſt dem ſchoͤnen Kinde höͤchſt geneigt ward) Wie gluͤcklich waͤre ich, haͤtte ich in dieſer reizenden Marie meine Blanka wie⸗ der! Und mir iſt's ganz ſo, als muͤßte ſie Blanka ſeyn.“ „Ueberlaßt Euch wenigſtens dieſer troͤſtli⸗ che Empfin⸗ em Einzigen de jetzt, da ſellſchafterin rfuͤllung ſei⸗ d dafern die ndliche Tren⸗ e der Taub⸗ ihm zurück nieder, um eaber nohm n betrachtet/ allen an ihr ihres gelieb⸗ ganzes Her iſe ſch im rochene Zu⸗ nbeit.„So die Grfn onen Kinde te ich/ haͤt Blanka wit⸗ nißte ſi ieſet riſlj — — 187— chen Taͤuſchung, gnaͤdige Frau!(ermahnte Herr Johannes) Glaubt gewiß, der Herr hat ſeine weiſen Abſichten dabei, daß er Euch dieſe Ver⸗ laſſene zugeſendet, und gleichſam zu Euch ſpricht: Siehe! das iſt deine Tochter! Er will Euch ein ſchmerzliches Opfer, das er von Euch fordert, verſuͤßen.“ „Ach!(ſeufzte Editha) ſprecht Ihr wiederum von einem ſolchen, Herr Johannes? iſt mein Leben nicht reich genug geweſen an dieſen kum⸗ mervollen Entſagungen? Doch des Herrn Wil⸗ le geſchehe! ſagt nur frei heraus, was ihr mir anzukuͤndigen habt.“— Da gab er ihr den Brief ihres Gemahls. Editha war innig bewegt, allein ſie faßte ſich: „Ich erkenne die Wahrheit deſſen, was Ihr ſagtet, Herr Johannes!(antwortete ſie) und die Weisheit, Treue und Guͤte meines theuern Her⸗ ren und Gemahls; auch wußt ich, daß es ſo kommen mußte, und muͤhte mich ſchon lange— mich darauf vorzuhexeiten. Ja, ich fuͤhle ſo⸗ gar, daß mein 2s hat, wenn ich dieſe liebliche Fremde anblicke— die mir keine Fremde zu ſeyn duͤnkt, dann iſts mir, als koͤnnte ich Albedills unerlaͤßliche Trennung am erſten ertra⸗ gen und mich an die Nothwendigkeit gewoh⸗ 3 — 188— nen, die den Sohn von dem Herzen der Mut⸗ ter zu Thaten in die Welt hinaus ruft. Laßt Albedill kommen!“ Der Juͤngling, der jetzt wußte, von was die Rede ſey, warf ſich, tief ergriffen, vor ſeiner Mutter nieder, die theure Hand, die bald zum Abſchied ſeegnend auf ihm ruhen ſollte, an ſeine Lippen, an ſein Herz zu druͤcken; faſt reute es ihn, als er ihre Thraͤnen ſah, ſich von ſeiner beſten Freundin ſo ſtuͤrmiſch weggewuͤnſcht zu haben, und die einladenden Phantome der Ehre und des Ruhms zerfloſſen wie Schatten und Nebel vor dem ſtrahlenden Sonnenglanz ih⸗ rer muͤtterlichen Liebe. „8 zuͤrnet mir nicht edle geliebte Mut⸗ ter!(ſprach er) daß ich mich hinweg gedraͤngt habe von Euerm Herzen, verzeihet mir!“ „Sey ruhig mein Sohn!(antwortette Edi⸗ tha) Du konnteſt nicht anders handeln— Du biſt Deines Vaters wuͤrdig, ihm und der Welt habe ich Dich geboren, und Du warſt mir ja nur ein theures auf kurze Zeit geliehenes Pfand. Mit Liebe, mit Seegen entlaß ich Dich, und mein Gebet wird Dich auch in der Ferne als Schutzengel umſchweben, ſo lange Deine Hand⸗ lungen es nicht von Dir weiſen. Siehe! welche n der Mut⸗ ruft. Laßt , von was ,vor ſeiner e bald zum te, an ſeine ſtt reute es von ſeiner vuͤnſcht zu ntome der e Schatten englanz ih⸗ ebte Mut⸗ g gedräͤngt ir”, ortette Edi⸗ In— Du der Welt ſt mit ja 66 Pfand. ich, und ßem als ne hand⸗ el welce —-— 189— Troͤſterin die Guͤte Gottes mir ſendet— dieſer holde Engel wird die Thraͤnen mir trocknen, die ich um meine Kinder vergieße, und mir wird ſeyn, als haͤtte ich Deine Schweſter wieder! Sie ſchlug hier den Arm um Marien, die ſich neben Albedill zu ihren Knieen neigte. „O waͤret Ihr es doch wirklich, ſchoͤnes Fraͤulein! waͤret Ihr— unſre ſo ſchmerzlich be⸗ trauerte Blanka!(ſagte Albedill, ſie mit ſeltſa⸗ mer Innigkeit anblickend) Laßt mir wenigſtens den ſtolzen Gedanken, der Bruder des Engels zu ſeyn, der meine guͤtige Mutter uͤber meine Trennung troͤſtet! es iſt ein ſuͤßer, gluͤcklicher Traum!“. „Den ich gern mit Euch traͤumen will, gu⸗ ter Juͤngling!(ſagte Marie ſanft, und reichte ihm die Hand) ach! ich habe nie die Liebkoſun⸗ gen meiner Mutter gekannt, nie der Geſchwi⸗ ſterliebe zartes himmliſches Band! Im wilden Kriege lebte mein Vater, und faſt war er mir ſo fremd, daß ich ihn fuͤrchtete, wenn ich ihn ſah!— Ach! die arme Marie fuͤhlte ſich im⸗ mer verlaſſen!“— „Nichts ſoll Dich mehr von mir r entkenud— geliebtes Kind!(verſetzte Edicha) in mir ſm — 190— Du die Mutter wiederfinden, wie ich in Dir — mein theures— ach vielleicht laͤngſt ver⸗ ſtorbenes Kind! ich fuͤhle, daß wenn ich Dich an meine Bruſt druͤcke, eine niegefuͤhlte Ruhe und Seeligkeit durch mein Herz zieht!“ Und wirklich ertrug jetzt Editha den Ab⸗ ſchied ihres Sohnes mit einer Faſſung, die ihr ſelbſt unbegreiflich vorkam und dem weichen Juͤngling die Trennung gar ſehr erleichterte, ſo daß er ſich ſtandhaft auf den Weg zu ſeinem Vater begab, auf dem ihn Herr Johannes, wie Holmen, mit ſeinem Gebet und ſeinen Seeg⸗ nungen eine Strecke begleitete, und ihn dem treuen Pagen empfahl, der ihn mit ſeinen Rei⸗ ſigen zuruͤck begleitete. Auf der Trautburg verbreitete die liebe⸗ volle, reizende Marie Troſt und Freude, ja ſogar ein neues Leben. Taͤglich rechtfertigte ſie die Vorliebe der Graͤfin mehr durch ihre Vor⸗ trefflichkeit, und durch das kindliche Gefuͤhl ge⸗ gen ihre Wohlthaͤterin; in Kurzem war ſie ein⸗ heimiſch auf der Trautburg, und oft machte ſie ſich im Stillen Vorwuͤrfe, denn ſie zitterte jetzt mehr vor ihres Vaters nun bald zu erwartender Zuruͤckkehr, als ſie ſich darauf freute. ich in Dit laͤngſt ver⸗ mn ich Dich uͤhlte Ruhe 44 a den Ab⸗ I, die ihr m weichen chterte, ſo zu ſeinem annes, wie inen Seeg⸗ d ihn dem ſeinen Rii⸗ die liebe⸗ greude/ ja ffertigte ſe ihre Vor⸗ gefühl ge⸗ at ſie ein machte ſie itterte jebt rvanendet auf Unterſuchung der baierſchen Verſchanzungen — 191— 21. „Selbſt knuͤpft ſich der Menſch ſeinen Geißel⸗ ſtrick, wie ſeine feſtliche Freudenbinde.“ Blumenhagen. Als Albedill, zu ſeines Vaters und Holms gro⸗ ßer Zufriedenheit und Freude, bei dem ſchwedi⸗ ſchen Heere anlangte, und ſogleich in dem Re⸗ gimente, das ſein Vater befehligte, als Fahnen⸗ traͤger angeſtellt ward, beherrſchte dieſes den gan⸗ zen Mainſtrom, und haͤufte Sieg auf Sieg. Am 15. December 1631. zog Koͤnig Guſtav Adolph in die eroberte Stadt Mainz, in der die ſpaniſche Beſatzung kapitulirt hatte, und der Krieg zog ſich bald darauf mit immer gleichem Gluͤck fuͤr die Schweden nach Baiern. In ei⸗ ner Schule, wie dieſe war, angefuͤhrt von ſei⸗ nem, jetzt zum General befoͤrderten Vater, und geleitet von dem bereits erfahrnen und tapfern Holm, blieb der junge Albedill auf keine Weiſe hinter ſo glaͤnzenden Vorbildern zuruͤck, und zeigte ſich bald ſeiner Abkunft wuͤrdig. Auf dem Zuge durch Baiern, der mehr ei⸗ ner Eroberung glich, der Niemand ſich wider⸗ ſetzte, hatte ſich der General Trautwangen in Begleitung ſeiner Soͤhne und andrer Officire 4. — 192— begeben, und von dem Hauptquartiere der Trup⸗ Pen entfernt. Sein ſcharfes Auge zeigte ihm jetzt in der Weite eine kleine Abtheilung ſchwe⸗ diſcher Soldaten, die mit einem Gefangnen in der Mitte, auf ein nahgelegnes Waͤldchen zu⸗ eilten. Ungebuͤhr merkend, detaſchirte er den Hauptmann Holm, Bericht daruͤber einzuziehn und die Leute zu ihm zu beordern, Holm kam mit der Antwort zuruͤck: der Gefangne ſey ein baierſcher Spion, den der Großprofoß ergrif⸗ fen und in dieſem Augenblicke aufzuknuͤpfen im Begriff ſtehe, er nahe ſich zwar auf Befehl des Generals, ſey jedoch ſehr unzufrieden mit die⸗ ſer Unterbrechung ſeines Amts, und erwarte ſo⸗ gleich wieder zu Ausuͤbung deſſelben entlaſſen zu werden. „Herr General!(redete ihn der Gewal⸗ tiger an, indem er ſich nahte, und die Leute mit dem Gefangenen eine kleine Strecke hinter ſich ließ) ich bin eben im Begriff, einem Nichts⸗ wuͤrdigen ſein Recht anthun zu laſſen, der Eure Verwendung— denn ich weiß ſchon, daß Ihr eine ſolche im Sinn habt! nicht verdient. Der Kerl iſt ein Spion, dem wir ſchon lange nach⸗ getrachtet haben, und der uns heute ins Garn lief, rtiere der Trup⸗ ge zeigte ihm hheilung ſchwe⸗ Gefangnen in Wäͤldchen zu⸗ ſſchirte er den ber einzuziehn 7, Holm kam ffangne ſey in gproſoß egnie fzuknüpfen im auf Befcl d frieden mit dit⸗ und erwatte ſte ’ 1 gethan haben, ſo weiß — 193— lief, dazu ein katholiſcher— denn alle Augen⸗ blicke ſeufzt er nach der Jungfrau Maria.“ „Das iſt nicht wahr!(erhob der naͤher gebrachte Gefangne die Stimme) die Maria, nach der ich ſeufze, iſt meine Tochter, dem Kloſter N.. die in . eines grauſamen Fodes ge⸗ ſtorben f! Ihr werdet mir doch nicht wehren, in 9 letzten Stunde an meine Marie zu denken!“ „Wer biſt Du!“ rief, naͤher an ihn her⸗ anſprengend, Holm. Eh er ihm antworten konnte, ſprach aber der General erſchrocken:„Burkhard!— o Him⸗ mel! Du in ſolcher Gewalt!“⸗ „So erkennt Ihr mich doch noch, Herr Feldherr!(verſetzte der Gefangne traurig, wirklich kein andrer war, als Burkhard) das Gluͤck hat wunderbar mit uns geſpielt und uns ſehr verſchiedene Erhoͤhungen zugedacht, ſeit⸗ dem wir von einander ſchieden; Euch hat es zu einen vornehmen Feldherrn erhoben, und mich — an den Galgen!“ „Nein, Burkhard, ſo ungerecht ſoll es der Ja! nicht gegen Dich ſeyn!(rief jetzt Trautwangen mit Waͤrme) magſt Du auch nicht immer Recht ich auch manche wackre Zweiter Band. 13 — 194— That von Dir, und iſt dem Koͤnig mein Le⸗ ben nicht gleichguͤltig, ſo wird er demjenigen das ſeine ſchenken, dem ich es einſt verdankte. Kamerad!(ſagte er, ſich zu dem ſchrecklichen Mann kehrend, der in jedem Heer Offiziers⸗ Rang hatte) ich buͤrge fuͤr Euern Gefangnen und gebe Euch mein Ehrenwort bei 82] Koͤnig zu verantworten, was ich begehre. Aeberlaſſet ihn mir!“ Der alſo Angeredete zog ein ſuͤß⸗ſaures, und deshalb nur noch entſetzlicheres Geſicht, ließ Burkharden los und entfernte ſich mit ſeinen Be⸗ gleitern, ungeheure Fluͤche in den Bart murmelnd. Der General befahl dem Todesmuͤden ein Roß zu geben und dann neben ihm herreitend, ſprach er:. „Erhole Dich, armer Alter! unter meinem Schutze iſt Dein Leben geſichert, und wenn ich Dir auch nicht ſo großen Dank ſchuldete, ſo haͤtte Mariens Vater die guͤltigſten Anſpruͤche auf meinen Schutz!“— „Meine arme Marie!“ wimmerte Burkhard. „Sey ruhig, Freund!(verſetzte Trautwan⸗ gen) Du haſt oft die Naͤhe des Todes ertragen, ertrage auch eine unverhoffte Freude! Marie ward durch dieſen meinen Sohn, den Haupt⸗ mein Le⸗ demjenigen verdankte. ſchrecklichen tOfffziers⸗ Gefangnen Konig a betlaſſet ſuß⸗ſaures, geſicht, ließ tſeinen Be⸗ murmelnd. zmüͤden ein herreitend ter meinem ſd wenn ic guldeke, ſ Anſprüch eButkhen Tmutwan⸗ ſs erfrogel, d Nuui de haupl — 195— mann Holm aus d rettet, und— lebt1“— men jenes Kloſters ge⸗ „Sie lebt!(ſchri 7 1 rie Burkhar 4 Zuͤgel fallen) o Gott ſey Dank d und ließ die — wo iſt ſie?“„— aber— wo „Wo anders. als bei Freund 2 Trautburg!“ erwiederte der geuden auf der „Auf— der T rautburg?!( faſt er g 21(ſagte B un kſchrecend— gedehnt und langſa urkhard auf der Trautburg?“ m) alſo „Wiel iſt Dirs ni nicht Recht; ter unter bt, Dein 2 ?(fragte der G. 6 derung) wi 3 eneral mit B dun 9 nuſe beide haben die innigſte Zunen 1.„ und Marie fuͤhlt ſi unei⸗ frieden!“— hlt ſich ſehr zu⸗ „Ich glaubs ſ chon!— i lagte B„ 1— ich glaubs! ſan Banetne leiſe, griff wieder Hus es 35 e ni in ein dumpfes důͤſtres C 3u 24 as h weigen. angen S. dr denn, Alter?(prſchean guf der T üthig) Du ſiehſt Marien 3 ſedeee kautburg? Du denkſt woßr ungern ir nun nicht mehr ſo gern gar, ſie nige folgen?“— auf die Dei⸗ „Und Ihr werdet mi mir wirkli 14* 1flith DSs S — 196— erhalten?“— fragte Burkhard im zweifelhaf⸗ ten Ton. „So Gott mir Kraft verleiht, ganz ge⸗ wißlich!(antwortete der General) von hieraus begebe ich mich zum Koͤnig. Er iſt eben ſo gnaͤdig als gerecht, ich erzaͤhle ihm alles, was ſich zutrug, und erbitte mir Dein Leben und Deine Freiheit als eine Huld, die er mir nicht verſagen wird!“ „Nun dann, Feldherr, ſo ſterb ich als Euer Sklav' und Leibeigner!“— „Du ſprichſt— als waͤren wir Muſel⸗ maͤnner!(erwiederte lachend der gute Trautwan⸗ gen) doch ja!— ich will Dich auf die Traut⸗ burg ſenden, wo Deine Marie iſt, und wenn Dir es nicht beſſer auf Deiner. alten Veſte ge⸗ faͤllt, kanſt Du dort in Ruhe leben bis an Dei⸗ nen Tod!“ „General!— Ihr ſammelt feurige Kohlen auf mein Haupt!“ „Wunderlicher Alterh ich verſtehe Dich nicht!“ ſagte der Feldherr, und da ſie jetzt an Ort und Stelle waren, uͤbergab er ihn Hol⸗ men und entfernte ſich um ſich zum Koͤnig zu begeben. Burkhard blieb ſtumm und in ſich ſelbſt verſunken, Holm aber, für den er als s ſc de zweifelhaſ⸗ ganz ge⸗ don hieraus ſt eben ſo alles, was Leben und rmir nicht 1b ich als vir Müſſi Trautwan⸗ die Traut und wenn Veſte Re is an di⸗ ige gahla ſehe Dih ſe jiht u rihn hib Fnig u nd in den e„ ſh — 197— Mariens Vater einen großen Werth hatte, ſuchte ein Geſpraͤch mit ihm anzufangen: „Ihr habt einen Engel zur Tochter!“⸗ ſagte er. „Kaͤnn ſeyn!“ „Ihr habt ſie als todt betragert!“ „Jal“ „Ich kann Euch verſichern, daß ſie auf der Trautburg ſehr gluͤcklich iſt!“ „Ich zweifle nicht daran!“ Holm ſchuͤttelte uͤber den Unzugaͤnglichen verdruͤßlich den Kopf.„Ich werde Euch mei⸗ nen taubſtummen Pagen zur Unterhaltung ſen⸗ den!“ rief er beleidigt, und dieſen heran win⸗ kend, zog er ſich von ihm zuruͤck. Kaum hatte der Page Burkharden in's Auge gefaßt, als er jenes ſonderbare Geheul gusſtieß, das man nur dann von ihm vernahm, wenn er von ſeinen Empfindungen uͤberwaͤltigt ward. Dadhech aufmerkſam gemacht, ſah Burk⸗ hard ſich nach ihm um, und ſchien eben ſo hef⸗ tig zu erſchrecken als jener. Lange hielt er ſeine Blicke pruͤfend auf ihm feſt, dann ſprach er halblaut:„Seit wann biſt denn Du taub und ſtumm?⸗— Der Page, ſeiner ſchon wieder maͤchtig, — 198— that, als habe er nichts verſtanden, nahm ihn aber bald darauf bei der Hand, um ihn in ſein nahes Zelt zu fuͤhren, die Andern bedeutete er, draußen Wache zu ſtehen. Kaum dort angelangt, riß Burkhard ſich von ihm los trat ihm gegenuͤber, ſchlug die Arme in einander, und ſprach mit feſtem Ton: „Du biſt Mona!“ „Du biſt Zingalo!“ ſprach jetzt der Taub⸗ ſtumme. „Was in aller Welt hat das geſchwaͤtzigſte Weib bei der Horde zur Taubſtummen gemacht?“4 „Frage noch! Schmerz!— Rache!— Mutterliebe!(war die Antwort) O! ohne Deine Erſcheinung haͤtte meine Zunge noch lange ihr Band getragen, ſeit zwanzig Jahren habe ich nur mit den Stuͤrmen, mit den Geiſtern der Nacht geſprochen!— Huͤthe Dich, mich zu ver⸗ rathen!“ „Ich gebe Dir ein Gleiches zuruͤck!(ſprach er) Als Zingalo mit genauer Noth dem Strick entronnen, faßte ich den Vorſatz, ein ehrlicher Krieger zu werden. Ich nahm Dienſte, kam mit dem Ritter Trautwangen in einem Heere zuſammen, nannte mich Ritter Burkhard und hatte das Gluͤck, daß mir der wackre Held auf L d ſ nahm ihn um ihn in n bedeutete erkhard ſich ſchlug die iſtem Ton: der Taub⸗ ſcwizigſt macht Rache!— ohne Deine lange iht n hobe ich Heiſtern 1 iich zu vet — 199— dem Schlachtplatze das Leben rettete. Es that mir weh, es aus der Hand deſſen zu empfan⸗ gen, den ich— aber Du warſt Schuld mit Dei⸗ nem verfluchten Eide!— und nun iſt Marie doch auf der Trautburg!“ „Wußt' ich denn, daß Marie.. 2 doch ſie iſt Holms Geliebte!“ „Was geht Dich der junge Ritter an?% „Himmel und Erde! was er mich angeht? — Holm!— iſt mein Sohn! iſt als Kind in der Trautburg erzogen— waͤre nicht mein Stolz, wie er es iſt, ohne das, was ſie dort an ihm tha⸗ ten!— Wo die Liebe dazwiſchen tritt, ſchweigt der Haß und die Rache!“ „Ich ſehe Dich kommen!— und ſo kannſt Du mich auch meines Eides entlaſſen?“ „Schwaͤtzer! Ein Weib konnte ihre Zunge zwanzig Jahre in den Bann thun, und Dich druͤckt das Geheimniß einer Stunde? Nicht eher ent⸗ laß ich Dich Deines Eides, bis Zeit und Stunde da iſt, und wehe Dir, wenn Du mich verraͤthſt; ſelbſt Trautwangen ſoll dann den Zingalo nicht vom Strick retten koͤnnen!“ „Hu, hu! wie Du auch biſt, ich ſchweige ja ſo lange Du willſt! Aber lieb iſt mir's, daß ich mich bei dem Ritter abfand, ſo gut ich — 200— konnte. Ich rettete ihn, als er gefangen war, ließ ihn durch Marien verpflegen, die ſich, im Vorbeigehen geſagt, nicht uͤber mich zu beklagen hat, weil ich ſie vom Grund der Seele liebe, und ſo habe ich mich mit meinem Gewiſſen— denn auch das habe ich, ſeit ich ein ehrlicher Mann worden bin— ſo gut es moͤglich iſt, abgefun⸗ den, und wie ich ſehe, gar nicht zu meinem Schaden, denn ſonſt haͤtte ich heute dem erſten beſten Baume im Walde zur Zierde gedient.“ „Zur wohlverdienten! Wer hieß Dir, Dich⸗ mit Kundſchaft befaſſen?“ „Je nun, eine boͤſe Gewohnheit, nicht ſtill ſeyn, und dem Glanz des Goldes die Augen nicht verſchließen zu koͤnnen! Jetzt mag alle zu⸗ ſammen der ſchwarze Engel holen; ich will von nun an ſtill ſitzen. Nun, und wenn ich auch ein wenig auf beiden Achſeln trug, hab' ich denn nicht auch mein Gutes gethan?— In Magde⸗ burg, wo ich als Soldat bekannt war, habe ich da nicht Marien bei dem Domprediger erzie⸗ hen laſſen, wie es ihr zukam? Wuͤrde ſie ſonſt ſeyn, was ſie iſt? Und ſollteſt Du und der junge Milchbart, dem ſie ins Auge ſticht, nicht einmal große Summen.. „Schweig, ſag' ich Dir, wenn Du uns ꝑ—— jaangen war, ie ſich, im zu beklagen Seele liebe, hewiſſen— licher Mann , abgefun⸗ zu meinem dem erſten gedient. Dir, Dih nicht ſil die Augen ng alle z⸗ h will von m ich auch ab'ich denn In Nagde⸗ habe it⸗ war, diger etz nde ſit onſt 4 und der ſit iit Du us 1 2 — 201— nicht Beide verderben willſt!— Erwarte Deine Ehre!— Und fuͤr jetzt— Ruhe!“ Ein Reiſiger trat ins Zelt und meldete: der Gefangene ſolle zum General gefuͤhrt werden. Burkhard warf noch einen liſtigen Blick auf den Pagen, und folgte ſeinem Fuͤhrer. ——UaN— 22. „Er ſtarb, um ewig zu leben!“ &. Als Burkhard zu Trautwangen ins Zelt kam, trat dieſer ihm mit heiterm Geſicht entgegen. „Ich habe Euch Gutes zu verkuͤnden, wie ich es hoffte. Der edle Monarch, dem ich diene, und dem nichts zu verſchweigen meine Pflicht⸗ war⸗ begnadigt Euch!“ ſo ſprach er und reichte ihm die Hand. „Nochmals, Herr General!(ſagte Burk⸗ hard geruͤhrt) ich erkenne mich als Euern Leib⸗ eigenen; denn nur Eurer Großmuth verdanke ich abermals mein Leben!“ „Laßt nie wieder von ſo Etwas unter uns die Rede ſeyn! Crief Trautwangen) Und(ſetzte er gelaſſener hinzu) es hat ohnehin dem König, dem man Eure Handlungen in gar gehaͤſſigem — 202— Lichte vorgeſtellt hatte, beliebt, ohnehin mich fuͤr Eure kuͤnftigen Unternehmungen verantwortlich zu machen. Duldet alſo, daß ich Euch Euern Auf⸗ enthalt auf der Trautburg anweiſe, wo Eure Tochter iſt. Dieſer Umſtand wird Euch mit der⸗ ſelben ausſoͤhnen, und bald werdet Ihr gewahr werden, daß es auf jener Burg, wo der Haus⸗ herr ſo lange fehlt, Geſchaͤfte genug fuͤr den Freund deſſelben giebt.“ „Nun wohlan! Ihr und Euer Koͤnig wer⸗ det mit mir zufrieden ſeyn, und ich bin in Al⸗ lem bereit, Euch zu gehorchen!““ „Ja! ziehe nur voran, guter Alter! einſt wird doch wohl auch wieder Heil und Friede auf die blutgeduͤngte Erde zuruͤckkehren, und wir uns alle auf der Trautburg vereinen! dann laß Dir den Retter Deiner Marie, meinen Sohn Holm, empfohlen ſeyn!“ „ Warum gerade ihn?“ „Soll ich Dir alles ſagen. Er liebt Ma⸗ rien ſeit jenem Augenblick, er iſt ihrer wuͤrdig!“ „General?(ſprach hier Burkhard mit lau⸗ ernden Blicken) wuͤrdet Ihr das auch von ihm ſagen, wenn— wenn er nicht Euer Somn⸗ Marie aber Eure Tochter waͤre?“ „Daſſelbe!(antwortete Trautwangen) Doch mmich fuͤr wortlich zu Fuern Auf⸗ wo Eure h mit der⸗ ht gewahr der Haus⸗ g för den önig wer⸗ bin in Al⸗ Alter! iinſt und Fiitde hren/ und nen! dänn einen Sohn — 203— — ich will Dich nicht taͤuſchen. Holm iſt wirk⸗ lich nicht mein Sohn, aber mein und meines Weibes nur allzu theuer erkaufter Zoͤgling. Man raubte uns als Kind unſre aͤlteſte Tochter, mit Namen Blanka, und wir fanden an ihrer Statt — ihn als Knaben, und nannten ihn Holm.“ „Wie? und Ihr hieltet ihn nicht fuͤr einen Wechſelbalg, und warft ihn aus den Fenſtern Eurer Burg?— „Ich geſtehe Dir, daß ich mich verſucht fuͤhlte, ihn wenigſtens wieder in den Wald tragen zu laſſen, aus dem er, ſeiner Farbe nach, zu kommen ſchien; allein das edle Herz meiner trefflichen Editha, das Gott tauſendmal ſeegnen wolle, gab das nicht zu, ſo groß auch immer ihr Schmerz um die geliebte Tochter war; ſie iſt dem Verwaiſten eine treue Mutter geweſen, und ſo bin auch ich dem ruͤſtigen viel verſpre⸗ chenden Knaben ein Vater worden, und habe Ehre und Freude an dem wackern Jungen er⸗ lebt, der einer unſrer wackerſten Degen im Heer, dabei uns ein gehorſamer Sohn, und unſerm Albedill ein liebender Bruder iſt!“ „Wie aber— wenn bei alle dem— blaues Blut ſagen die Spanier— in änen Adern floͤſſe?— vielleicht gar Zigeuner...“ — 2⁰4— „Nun das haben wir freilich ſelbſt vermu⸗ thet! aber was thuts?— Erziehung macht den Menſchen! und der wilde Holzapfelbaum mit edlem Reis gepfropft, traͤgt die herrlichſten Fruͤchte! ich glaubte Euch nicht ſo eckel, Burk— hard— doch? Du haſt Recht! ein Maͤdchen, wie Deine Marie, verdient wohl, daß man ihr einen vorzuͤglichen Gatten erwaͤhlet!““ „Ich denke— das wird ſie wohl ſelbſt uͤber ſich nehmen!“ „Wohll ſo hoffe ich fuͤr meinen wackern Holm, der, ſeit er Marien kennt, alle ſeine jugendlichen Phantaſieen von ihr erfuͤllt zu erblicken ſcheint. Er war ihr Retter und ich meine, ſeine herr⸗ liche Heldengeſtalt, ſein ſchwarzer Lockenkopf, ſein Flammenblitzendes Auge, ſeine Zuͤge— ſie ſollten wohl einem Maͤdchenherzen gefallen. Zwar gebe ich Euch zu, daß dieſes Maͤdchen— Eure Marie iſt, welcher der Himmel in der ſchoͤn⸗ ſten Huͤlle die ſchoͤnſte Seele gegeben hat!— Gluͤcklicher— neidenswerther Burkhard! eine ſolche Tochter zu beſitzen!— o! daß ſie mein — daß ſie meine Blanka ſeyn moͤchte! daß ich eine ſolche Tochter haͤtte!““— Thraͤnen ſtanden in den Augen des edlen Helden, und Burkhard t vermu⸗ nacht den um mit rlichſten („Burk⸗ Maͤdchen, man ihr lbſt uͤber m halm, gendlichen n ſcheint ine herr⸗ ckenkopf/ ge— f en. Zwat — Lun der ſchon⸗ hat! 55 ard! iin ſie mein daß ic 9 ſtanden Buthad erweicht, geruͤhrt und vom Dank durchdrungen, fuͤhlte ſich wie im Fegfeuer. „Verwuͤnſchte Mona!(brummte er in den Bart) mich gerade jetzt noch durch meinen Eid zu feſſeln!— General!(ſagte er laut) Gott weiß Ihr thut mir leid— und ich wollte ich duͤrfte — ich meine ich koͤnnte— meine Marie...7 Ein Gluͤck wars fuͤr Burkhard, daß jetzt ein Feldjaͤger ins Zelt trat, dem General eine Ordre vom Koͤnig zu uͤberbringen, er wuͤrde ſonſt meineidig worden ſeyn; waͤhrend der General dieſe las, hatte jener Zeit ſich zu erholen. „Wir brechen auf nach Leipzig(ſagte Traut⸗ wangen, nachdem er geleſen) und Ihr muͤßts Euch gefallen laſſen, uns zu begleiten, da ich Euch jetzt nicht nach der Trautburg ſenden kann, und der Wille des Koͤnigs Euch an meine Per⸗ ſon feſſelt. Eure Tochter ſoll durch meine Ge⸗ mahlin vernehmen, daß Ihr bei mir eingetrof⸗ fen ſeyd, und ſie Euch, ſobald es ſich thun laͤßt, bei Euch erwarten kann.“ Burkhard, dem das Geraͤuſch des Krieges immer willkommen war, und jetzt wieder einer leidlichen Geſundheit genoß, bat Dienſte neh⸗ men und ſeinen edlen Goͤnner begleiten zu duͤr⸗ fen, welches dieſer ihm gern gewaͤhrte. — 206— Der Held des Nordens zog jetzt nach man⸗ chen blutigen Kaͤmpfen bei Nuͤrnberg, Ingol⸗ ſtadk u. ſ. w. im Verein mit dem Herzog Bern⸗ hard von Weimar uͤber Erfurt nach Naumburg, welches er am 1. November 1652. erreichte, von wo er ſich nach Luͤtzen wandte, und dem kaiſerlichen Heer in Schlachtordnung gegenuͤber ſtellte, welches Wall enſtein anfuͤhrte. Aber hier wandte ſich das Gluͤck, das bis jetzt Gu⸗ ſtav Adolphs Verdienſten ſo treu geweſen war, und er ſtarb, von der Kugel eines einzigen Mus⸗ ketiers toͤdtlich getroffen, den Tod des Helden auf dem Bette der Ehren, beweint von ſeinen Zeitgenoſſen, bewundert ſelbſt von ſeinen Fein⸗ den, und von der Nachwelt unvergeſſen. Un⸗ entſchieden, trotz des gegenſeitigen Wuthkampfs, blieb das Geſchick der Heere an dieſem Schre⸗ ckenstage, bis endlich in drei nachfolgenden Schlachten Wallenſtein und Tilly ihre Nieder⸗ lage einraͤumen mußten. Trautwangen und ſeine Sohne hatten an der Schreckensſchlacht, in welcher Guſtav Adolph fiel, Wunder der Tapferkeit gethan, und ſelbſt Burkhard war keineswegs zuruͤck geblieben; aber mit dem Tode ihres Heldenfuͤrſten neigte ſich auch die blutige Sonne ihrer Kriegsbahn zum 4 dach man⸗ „ Imgol⸗ zog Bern⸗ aumburg, erreichte/ und dem gegenuͤber rte. Abet jeßt Gu⸗ eſen wor, gen Mus⸗ hden von ſeinen inen Fein⸗ ſſen. Un⸗ thkampft/ an Schte⸗ folgenden re Nieder⸗ hatten an don Adalhh und eltt jeben; ihe neigke ſc bohn jun — — 207— Ende, denn der General hatte den Arm verlo⸗ ren, der ſo oft das ſiegreiche und tapfre Schwerdt gefuͤhrt hatte, Albedill war gleich Anfangs eer⸗ wundet und hinter die Fronte gebracht wotlen, und Holm dankte nur ſein gerettetes Leben der Wachſamkeit ſeines treuen Pagen, der ihn, als er ins Knie geſchoſſen vom Roſſe fiel, ſogleich aufheben und in Sicherheit bringen ließ. Burk⸗ hard, der nur leicht verwundet war, konnte bald die Kranken pflegen, wobei auch Mona, die noch immer als taubſtummer Page galt, ihm vortrefflich beiſtand. Alle genaſen, aber der Ge⸗ neral und Holm waren voͤllig untuͤchtig fort zu dienen, welches ſie nach der Trautburg berichte⸗ ten, zu der ſie nun alle, ſobald es ihre Kraͤfte erlaubten, zuruͤck zu kehren ſich anſchickten. Die Liebe des Vaters zu ſeinem Albedill, der ihm ſo gluͤcklich in der Gefahr erhalten ward, ließ jetzt nicht laͤnger zu, daß der edle Juͤng⸗ ling ferner ſein Leben aufs Spiel ſetze, da er genugſam erprobt, zum Krieger aber zu wenig ſtark vom Koͤrper war. Und auch Holm, den ſein lahm geſchoßnes Knie durchaus nicht ver⸗ anſtaltete, troͤſtete ſich bei dem Gedanken„Ma⸗ rien wiederzuſehn und um ihre Liebe zu wer⸗ hen, uͤber den Wechſel ſeines Kriegerglücks. — 208— Auf der Trautburg aber, wo man die ganze Zeit uͤber in Angſt und Sorge, in Gebet und Thraͤnen zugebracht hatte, empfing man die Nachricht der nahen Ruͤckkehr der geliebten, wenn auch ehrenvoll gezeichneten Helden mit hoher Freude; um ſo mehr da man ſich auch mit Hoff⸗ nungen eines nahen Friedens ſchmeichelte, deſſen Wohlthat die zerſtoͤrte Menſchheit aber erſt ſpaͤ⸗ ter erfahren ſollte. Auch Mariens Herz ſchlug in ſeeligen Erwartungen, ſie glaubte fuͤr ihren Vater und ſeinen edlen Freund, aber gewiß zweifelt keine unſrer jungen Leſerinnen, daß auch Holm dabei ihrem Andenken gegenwaͤr⸗ tig war. 22. „Die ſchon laͤngſt von Dir geſchieden, Die man Dir vom Herzen riß— Kommt, und bringt Dir Deinen Frieden, Morgen— morgen ganz gewiß!“ . Becker. Das Wiederſehn auf der Trautburg nach einer ſo langen Trennung, die, durch die Gefahren des Krieges, ſo große Beſorgniß erregt hatte, wuͤrde die groͤßte und reinſte Freude verurſacht haben, ohne die Bitterkeit der Verwundungen, durch an die ganze n Gebet und ig man die lebten, wenn mit hoher ich mit Hoff⸗ chelte, deſſen er erſt ſpä⸗ herz ſchlug e fuͤr ihten aber gewiß innen, daß gegenwir leden, rieden/ Becker⸗ nach einct ſe Gtfahia rngt hallt/ venutſo durc — 209— durch welche die Krieger ihre Tapferkeit bewaͤhrt hatten, und ohne den Schmerz, den ſie Alle uͤber den traurigen Verluſt des großen proteſtan⸗ tiſchen Feldherrn und unſterblichen Koͤnigs em⸗ pfanden. Wenn indeß Editha uͤberlegte, daß ohne dieſe Schickungen des Himmels ſie die Ge⸗ liebten ihrer Seele noch lange einem ſo unſichern Schickſale ausgeſetzt geſehen haͤtte, welches viel⸗ leicht aufs betruͤbteſte enden konnte, ſo war ſie von Dank und Ergebung durchdrungen; auch war Mariens Freude ohne Zuſatz, als ſie den alten Burkhard wieder ſah, und da er von nun an eingewilligt hatte, auf der Trautburg zu bleiben, nicht befuͤrchten durfte, von der Graͤfin getrennt zu werden, der ſie mit kindlicher Liebe ergeben war. Wie vortheilhaft hatte der Auf⸗ enthalt bei ihr die ſchoͤne Jungfrau veraͤndert, die jetzt, umgeben von Gluͤck und Ruhe,„gleich einem Gebild aus Himmels Hoͤhen“ dem be⸗ zauberten Holm erſchien, der kuͤhn und lebhaft, wie er war, ſehr bald das Geſtaͤndniß ausgeſpro⸗ chen hatte, das ſeine Seele erfuͤllte; allein hatte ts gleich die ſittſame Maria mit hochklopfendem Herzen und ſchlecht verheelter Freude empfon⸗ gen, ſo verwies ſie ihn doch pflichttreu an ih⸗ ten Vater, von dieſem aber war durchaus ſ Zweiter Band. 14 — 210— wenig Entſcheidendes zu erfahren, daß Holm, ungeduldig uͤber ſein Benehmen, ſich denen ent⸗ deckte, die ihm bisher an Aelternſtatt geweſen und ſie bei ihrer Liebe beſchwor, ihm zu Ma⸗ riens Beſitz zu verhelfen. Sowohl Graf Traut⸗ wangen, als ſeine Gemahlin, bezeigten dem Juͤng⸗ ling ihre Freude und Zufriedenheit mit ſeiner „Wahl und verſprachen ihm, ſich ſeinen Wuͤn⸗ ſchen guͤnſtig zu beweiſen. Als nun eines Tags alle in froͤhlicher Ein⸗ tracht beiſammen waren, ergrif Trautwangen den Pokal und mit Burkhard anſtoßend, ſprach er:„Laß uns trinken auf Minnegluͤck und Lie⸗ besfreude! Burkhard! ſprich es endlich aus, das Wort, das zwei Gluͤckliche machen kann!“— Marien uͤberfiel ein Zittern und Holms Wange gluͤhte, der Alte aber ſetzte den Becher ab, ſah ernſt vor ſich hin, und ſprach:„Jetzt noch nicht!“ „Und wenn denn?(rief draͤngend der Graf) Das Leben iſt kurz, und wer Andre gluͤcklich ma⸗ chen kann, darf keine der koͤſtlichen Minuten ver⸗ lieren! Ich frage Dich Alter! wenn?“— „Wenn— wenn(antwortete jetzt Burk⸗ hard verlegen, und indem er durchbohrende Blicke „daß Holm, ſch denen ent⸗ ſſtatt geweſen ihm zu Ma⸗ Graf Traut⸗ en dem Jung⸗ it mit ſeiner ſeinen Wim⸗ oblicher Ein⸗ Trautwangen oend, ſprach rläck und Le⸗ lich aus, daß n kann!“— und Holme e de Beh nach: n3 een Fuͤßen kuͤſſend, und ausbrechend in e — 211— auf den Pagen heftete! „ der erbleichend hi — h nt Holmen ſtand) dieſer Taubſtumme reden wein „Alſo nie!—(fuhr T de! rautwange ſo ſchnoͤde weiſt Du den ab, den 19 4 0 Sohn nenne? K neinn e„Herr Ritter!(ſagte Holm nicht minder npört) wenn ihr mir Schmach anthut, ſo gebt mir wenigſtens auch Genugthuung!“ 1 1 Auf dem Punkte ein vollkommnes Mißver⸗ 15 hekbei geführt zu ſehn, konnte der Page ic laͤnger nicht halten. Ein krampfhaftes 8 ern uͤberfiel ſeinen gan 8. erfiel zen Koͤrper, er ſtuͤr vor Editha nieder, rang die Hinde und n. „Vergebung!“ it Alle blieben ſtumm fuͤ 7 Entſetzen, nur Burkhard lir Leuun⸗ 5* „Endlich, endlich! Gott ſey Dank! ich un u nes Eides ledig!“— Ohne zu gegreßfen 8 vorging⸗ reichte ihm Editha die Hand nit hs ſie nie verlaſſenden Sanftmuth und zitte 14 ſtammelte ſie:„Steh auf!— haſt Du u weh gethan— Gott wird richten! 16 8 gebe Dir!“ 2 Da ſprang der Page auf, die Erde zu ih⸗ 4 ⸗ den gluͤcklichen Aeltern, Editha zog das ver⸗ —-— 212— Thraͤnenſtrom ergriff er Marien und fuͤhrte ſie in ihre Arme: „So nimm zuruͤck, was ich Dir nahm, Blanka! Deine Tochter!““ Schreiend ſank Marie zu den Fuͤßen der Mutter, die laͤngſt ihre Seele erkannt hatte— und Editha auf den Buſen der Tochter geneigt, die ſie als ſolche ſo zaͤrtlich liebte— mehr in ihren innern Empfindungen beſtaͤtigt als uͤber⸗ raſcht, ſchmolz lautlos in Thraͤnen hin, bis Gatte und Sohn, als Vater und Bruder ſie aus dem ſeeligen Taumel weckten, und die ge⸗ liebte Wiedergeſchenkte mit freudigem Ungeſtuͤm umſchlangen. „Wer aber bin ich?“— rief jetzt Holm, mit der Stimme der Verzweifelung, beide Haͤnde vor ſein Geſicht ſchlagend.. Da ermannte ſich der wackre Trautwangen, reichte ihm die Hand und ſprach: Du biſt und bleibſt, was Du geweſen biſt— mein Sohn, und wenn Blanka Deine Liebe iſt, wie Marie es war— ſo nimm ſie hin, von ihres Va⸗ ters Hand!“ Jetzt nahm der Strom des Entzuͤckens eine neue Richtung, Holm knieete neben Marien vor ud füͤhrte ſie Dir nahm, Füßen der nnt hatte— ter geneigt, — meht in at als uͤbet⸗ n bin, bi d Bruder ſi und die ge⸗ im Ungeftin jjitzt Helm 2 6, 5, belde Häͤnde Trautwangen du bift n mein Sehn wie Mat 1 — 213— lobte Paar an ihre fromme Bruſt und ſeeg⸗ nete es weinend, Herr Johannes aber, der mit Elsbeth theilnehmend und innig geruͤhrt dem allen zugeſehn hatte, faltete die Haͤnde uͤben dieſer Gruppe, und betete:„Gelobet ſey der Herr! der uns eine Laſt auflegt und ſie tragen hilft! der das Weinen einen Tag dauern und die Freude ewig waͤhren laͤßt, deſſen Rath wun⸗ derbar iſt, und es herrlich hinausfuͤhret!“ Blanka aber machte ſich jetzt ſanft von den ſie Umarmenden los, und eilte zu dem alten Burkhard. „Steht nicht ſo verlaſſen da, mein Vater? dem ich ſo viel verdanke! Zweifelt nicht, daß ich ewig Eure dankbare Marie bleiben werde!“ Der Alte nahm ſie an ſein Herz und ſich die Thraͤnen trocknend, ſagte er:„Ich ſeh's wohl: gute That bringt guten Lohn! und nun, Herr Graf! zuͤrnt Ihr mir doch nicht mehr, daß ich nicht uͤber Eure Tochter verfuͤgen wollte? „So wenig, daß ich Dich meinen Freund und Bruder nenne!“ rief dieſer, ihn umarmend. „So ſprich doch nun!(ſagte jetzt Burkhard, zu dem Pagen gewendet, der verſunken im See⸗ lenkampf da ſtand) ſo Vieles iſt ja zu erklaͤ⸗ rm; vollende Deine Geſtaͤndniſſe! — ☛ — 214— „Du weißt Alles!(antwortete er, mit auf die Bruſt geſunkenem Haupte) Enthebe mich der Quaal ſolcher Eroͤffnungen!— Laß mich gehn, und in der Stille meine Irrthuͤmer beweinen; denn meines Bleibens iſt hier nicht mehr!“ „Ich laſſe Dich nicht!(rief jetzt Holm, ſeine Arme lebhaft um ihn ſchlingend) mir warſt Du der treueſte, ſorgſamſte Freund! mir retteteſt Du das Leben in den Gefahren!— ich laſßf Dich nicht! Eine namenloſe Empfindung kettet mich an Dich!“ Da umfaßte ihn der Page mit ſtuͤrmiſcher Zaͤrtlichkeit.„Sey geſeegnet, mein Sohn!“ rief er, riß ſich los und ſtuͤrzte hinaus. „Laßt ihn!(rief Burkhard, Holmen zu⸗ ruͤck haltend, der ihm nacheilen wollte) Viel hat dieſe wunderliche Seele mit ſich ſelbſt abzu⸗ machen, und was ich Euch uͤber ſie zu ſagen ha⸗ be, muͤßt Ihr, Ritter! vorzuͤglich hoͤren!“ „Wer iſt aber dieſes betruͤgeriſche, und doch ſo einnehmende Geſchoͤpf?(fragte Trautwangen) Es hat uns Iahre lang getaͤuſcht, und doch iſt Niemand unter uns, der es haſſen koͤnnte! Es hat uns eine unheilbare Wunde geſchlagen, in⸗ dem es uns unſre Tochter nahm und hat oft ſein Leben in der Schlacht fuͤr unſre Soͤhne ge⸗ ———— er, mit auf hebe mich der F mich gehn, er beweinen; mehr!“ jetzt holm, ngend) mir zreund! mit iren!— ich Empfindung tt ſtürmiſcher Sohn!“ ricf Holmen zl⸗ wollte) 1 ſabſt othe zu ſagen he und hat iſt e eitneg — 215.— wagt— hat uns tauſend Beweiſe einer unaus⸗ ſprechlichen Anhaͤnglichkeit gegeben! Du kennſt es, Burkhard, ſo rede, wie er Dir's uͤber⸗ tragen hat.“ „Dieſes raͤthſelhafte Geſchoͤpf(antwortete Burkhard) iſt das, wofuͤr es Keinem von Euch eingefallen iſt, es zu halten: Ein Weib, und — die Mutter Eures Holm!“ Alle erſtaunten, Holm erbebte—„ja, ja! (ſagte er dumpf) ſo allein erklaͤren ſich ihre un⸗ zaͤhligen Aufopferungen, ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr mich. Es war Mutterliebe und gewiß, was ich fuͤr ſie fuͤhle, iſt die Erkenntlichkeit des Sohnes!“ „Wer aber iſt des Juͤnglings Vater?“ forſchte der General. „Ich weiß nicht, ob ich ſeinen Namen vor Euer Ohr bringen und die finſtern Geiſter der Vergangenheit herauf beſchwoͤren ſoll zu dieſer gluͤcklichen Stunde!(ſeufzte Burkhard) Mona's. Gatte war— der Zigeuner⸗Hauptmann, der unter dem gefuͤrchteten des Stahlritters zu An⸗ fang der Kriegszeit ſo beruͤhmte Held— Mus⸗ kitos— iſt Holms Vater!“ „Roſariol(ſagte Editha, tief ergriffen) O, wißt— wißt Alle! er war mein Bruder— — 216— er war ein Sohn des Lord Douglas!— Kommt in meine Arme, meine Kinder! Eure Liebe hat den zuͤrnenden Geiſt des Ungluͤcklichen verſoͤhnt! O, wo iſt mein Vater? daß auch er Euch ſeegne!“ Burkhard ward jetzt um die naͤhere Erklaͤ⸗ rung dieſer Ereigniſſe angegangen, waͤhrend er ſie ihnen erzaͤhlt, wollen wir ſie unſern Leſern von der Zeit an mittheilen, als ſie ihnen noch unbekannt ſind. 23. „Du ſiehſt, wie ein lebender Funke verſtiebt— Und wenn er todt und vernichtet ſcheint Dann ſucht er das Element, das er liebt— Dann iſt er wieder mit ihm vereint!“— 4 Ries. Mona war mit ihrem Kinde aus Marinas Huͤtte im Walde entflohen, als uͤber die Altmut⸗ ter Marina das Gericht des Zornes erging; ohne den Knaben, der ſie ans Leben feſſelte, haͤtte ſie vorgezogen, mit ihr zu ſterben, denn Treue war der Hauptzug von Monas wildem, groß⸗ muͤthigem, aber leidenſchaftlichem Charakter, und ſie litt tauſendfache Todespein uͤber den Tod 1— Kommt are Liebe hat en verſöhnt! ch er Enh ihere Erklaͦ⸗ waͤhrend er nſern keſem ihnen noch verſtiebt= heint 3 liebt— 17— Ries. s Matinat ie Alimub rging; ohm ſelle, häit enn Treue dm, guuß⸗ araktet/ un den 19 — 217— der Mutter ihres Geliebten, den ſie in ihr noch nach ſeinem Verluſt liebte. Aber eben ſo hef⸗ tig und heftiger noch als Mutter liebte ſie den Knaben an ihrer Bruſt und um ſeinetwillen huͤllte ſie ſich in ein Bettlergewand und trieb ſich, Brod ſuchend, mit ihm umher. Halb wahnſinnig machte ſie Marinas Flammentod, den ſie, unter der Volksmenge verborgen, mit anſah— ohne ihren Sohn waͤre ſie ihr nachge⸗ ſtuͤrzt in die verzehrenden Gluthen; aber ſie hatte geſchworen zu leben, und muͤhſeelig bet⸗ telte ſie ſich zuruͤck bis in Marinas jetzt leerſte⸗ hende Huͤtte, zu Muskitos Grab. Schmerz, Rache, Mutterliebe ließen ihr hier den Plan ausbruͤten, durch den ſie Trautwangen vergel⸗ ten, ihren Sohn aber ſicher und gluͤcklich ma⸗ chen wollte; ſie war bekannt auf der Trautburg, und war oft, als ſie gebauet ward, dort unter den Arbeitern und Dienern geweſen, ihnen wahr⸗ zuſagen, kein Gang, kein Winkel war ihr un⸗ bekannt, vorzuͤglich wußte ſie, daß aus dem Garten eine verborgene Thuͤr in den Dom, und durch dieſen eine gewundne Stiege ins Gemach der Burgfrau fuͤhre. Auf dieſem Pfade wagte ſie jetzt auszufuͤhren, was ſie ſich vorgenommen, und trotz dem, daß ſie ihren Sohn auf dem 3 — 218— Ruͤcken trug, wußte ſie dennoch die hohe Gar⸗ tenmauer zu erklettern und in der Nacht bis V in das Gemach zu gelangen, wo alles ſchlief⸗ V was ſie haͤtte verrathen koͤnnen. Schnell war b der Tauſch vollzogen und ſie eilte mit der ſchlafenden Blanka auf dieſelbe Weiſe wieder uͤber die Mauer zuruͤck, der Huͤtte im Walde zu. Gern haͤtte ſie furchtbare Rache geuͤbt an dem Kinde ihres Feindes, aber— entwaffnet von dem ſuͤßen Laͤcheln deſſelben, von der Furcht auf ihren Sohn die Vergeltung des Himmels herab zu ziehn, ja von ihrem eignen Herzen, be⸗ gnuͤgte ſie ſich, Zingalo es anzuvertrauen, da⸗ mit er es in der Ferne erziehn laſſe. Dieſer war um dieſe Zeit gluͤcklich genug geweſen, ſich aus dem Gefaͤngniſſe fluͤchten zu koͤnnen, hatte Frauenkleider angelegt und ſich in Marinas Hutte gefluͤchtet, wo er ſehr bald mit Mona zuſammentraf. Sie uͤbergab ihm alles, was ſie an Golde beſaß, zuſammt der kleinen Blan⸗ ka, und band ihm durch einen entſetzlichen Eid die Zunge, ſein Schweigen ſollte dauern, bis ſie ſelbſt ihn deſſen entbaͤnde, und da ſie fuͤr das Geſchick ihres eignen Kindes zitterte, ſo eilte ſie, ſich auf der Trautburg auf die uns be⸗ kannte Weiſe, als ein taubſtummer Juͤngling hohe Gar⸗ Nacht bis tes ſchlief⸗ hnell wat mit det ſe wiedet m Walde geuht an entwaffnet der Furcht himmels hetzen/ be⸗ auen/ da⸗ 2. Dieſer veſen/ ſich nen/ halte Marinas mit Mona alles/ was inen Blan. blichen En aum/„ da ſie fin itterte, die uns 4 4 Inglin — 219— einzufuͤhren, welche ihr die zutraͤglichſte und ſicherſte ſchien, da ſie ſich ſonſt zu verrathen fuͤrchtete. Zu ihrer Freude und Erſtaunen fand ſie ihren Knaben an der Bruſt der großmuͤthi⸗ gen Frau, die ſie des eignen Kindes beraubt hatte, und erduldete Hoͤllenquaalen durch die Vorwuͤrfe ihres Gewiſſens. Aber ihr feſter Wille ſiegte dennoch, wiewohl ſie ſich durch des Ritters Edelmuth gegen ihren Sohn, nicht nur mit dieſem ausſoͤhnte, ſondern der treuſte Diener der Familie ward, von der ſie ſich nie wieder trennte, um ihren Holm nie zu verlaſſen. So zog ſie mit ihm in den Krieg, und ward nie muͤde, ihn in jeder Gefahr zu⸗ ſchuͤtzen; von Blankas Schickſal wußte ſie nichts, denn ſie hatte Zingalo nicht wiedergeſehn, da⸗ her alles, was ſie quaͤlte, in der Tiefe ihrer Bruſt begraben bleiben mußte. Wenn ſie bei den Lehrſtunden des Herrn Johannes zugegen war, ſo floſſen ſeine Ermahnungen in ihr Herz, ſo daͤmmerte ihr das heilige Licht der Erkennt⸗ niß, das ihr nie geleuchtet hatte, und oft ver⸗ goß ſie in der Stille der Nacht die bittern Thraͤ⸗ nen der Reue, oft erfuͤllte ſie auf Muskitos ſorgſam gepflegtem Grabe die Luft mit Geſchrei —— 2 —-— 220— und Klagen, denn es war ihr immer, als drohe ihr der Schatten des ermordeten Kindes ihrer Wohlthaͤter, und die Thraͤnen der gegen ihren Sohn ſo großmuͤthigen Editha fielen blutig in ihre Bruſt. Das war die Urſache ihrer Ergeben⸗ heit, ihrer Treue, ihrer Anhaͤnglichkeit, ſie trug die ſchwere, nie zu verringernde Laſt ihrer Schuld. Als ihr Sohn Marien rettete, als ſie ihn fuͤr das ſchoͤne Maͤdchen aufflammen ſah in der ge⸗ faͤhrlichen Leidenſchaftlichkeit ſeines Vaters, da zog eine dunkle ſehnſuͤchtige Ahnung durch ihre Seele, Marie koͤnne die von ihr geraubte Blanka ſeyn, und dieſes Gefuͤhl beſtaͤtigte ſich, als ſie das Band der Sympathie zwiſchen Editha und ihr erblickte. Allein nur mit Burkhard, in dem ſie endlich den ſo lange verſchwundenen Zingalo erkannte, ward ihr die freudige Beſtaͤtigung derſelben, und jetzt zwang ſie dieſen zu ſchwei⸗ gen, bis das Gluͤck ibres Sohnes feſt begruͤn⸗ det ſeyn wuͤrde, denn noch hielt ſie es fuͤr un⸗ moͤglich, daß der Graf ihm ſeine Tochter geben werde, wenn er ſeine Herkunft und ihren Be⸗ trug erfuͤhre; ohne Burkhard haͤtte ſie vielleicht lange noch geſchwiegen, denn es koſtete ihrer trotzigen Gemuͤthsart kein kleines Opfer, ihre Vergehen zu enthuͤllen, und ſie wußte, daß es f, als drohe Aindes ihrer gegen ihren en blutig in rer Ergeben⸗ it, ſie ttug grer Schuld. ſie ihn füt hin der ge⸗ Vaters, da g durch ihre ubte Blanka ſch, als ſi Editha und atd, in dem nen zingal Beſtötigung ru ſtni⸗ iſt bigtun⸗ s füͤr un⸗ ochter geben d ihrm Bie ſie wielleiht toſute ihta ihte Cpfer/ rf h ts bie/ be — 221— ihr das Leben koſten wuͤrde, wenn ihr Geheim⸗ niß ſich aus ihrem Herzen riß. Zingalo oder, wie er jetzt hieß, Ritter Burkhard, hatte ſich damals mit der Kleinen auf den Weg nach Magdeburg gemacht, wel⸗ ches ſeine Vaterſtadt war. Fruͤh verwaiſt hatte ihn eine Zigeuner⸗Horde an ſich gelockt und er war mit ihr entlaufen und hatte ſich bis jetzt bei ihr erhalten. Das Ungluͤck derſelben bewog ihn, wiederum ein ehrlicher Mann zu werden; er legte ritterliche Ruͤſtung an, nannte ſich wie— derum mit ſeinem wahren Namen Burkhard, ſuchte die Zigeunerfarbe und den rothen Bart zu vertilgen und kam ſo mit dem Kinde gluͤcklich in ſeine Vaterſtadt. Er hatte das Kind, das er Marie nannte, unterwegs lieb gewonnen, denn es gefiel ihm, daß es ein Weſen gab, das ſich an ihn gewoͤhnte und ihm zulaͤchelte, und ſo verſorgte er es mit der Geduld eines Vaters. In Magdeburg ſuchte er den wackern Prediger auf, der ſeine Aeltern gekannt hatte, und be⸗ wog dieſen leicht, das ſchoͤne Kind, welches er fuͤr das ſeinige und eine mutterloſe Waiſe aus⸗ gab, in ſeine Familie aufzunehmen und zu er⸗ ziehen. Er ſelbſt nahm Kriegsdienſte, hielt ſich wacker, und vertilgte jede Spur ſeines vorigen — 222— Lebens. Er ward des Ritter Trautwangens Kriegskamerad, der, ihm das Leben zu retten, Gelegenheit fand, und dem er ſchon dazumal gern eroͤffnet haͤtte, wo ſeine Tochter ſey, haͤtte ihn ſein Eid nicht gefeſſelt. Als er nach Jahren auf dem Schlachtfelde unheilbare Wunden da⸗ von trug, kaufte er die Burg an der Elbe, wo Marie, die er nie aus den Augen verloren hatte, ihm nun aus Pflicht und Dankbarkeit nachfolgte. Wir wiſſen das Uebrige, und wie er endlich, als er hernach Marien im Kloſter aufſuchen wollte, dort, wo er nichts als Ruinen antraf und troſt⸗ los war uͤber ihren Tod, in die Haͤnde derer fiel/ die ſattſame Urſache hatten, ihn fuͤr einen Kund⸗ ſchafter zu halten, da er in Ermangelung eines beſſern Gewerbes, dieſes bis jetzt hin und her ge⸗ trieben hatte. Von Trautwangen gerettet und unerwartet zu Mona gelangt, die er, trotz ihrer Verkleidung, ſogleich wieder erkannte, wuͤnſchte er nichts mehr, als dem Grafen ſeine Tochter wieder zu geben, da er ſich das Zeugniß geben konnte, vaͤterlich an ihr gehandelt zu haben; allein aus den oben angefuͤhrten Urſachen war Mona nicht dazu zu bewegen, ihm ſeinen Schwur zu erlaſſen, bis endlich der Drang der Umſtaͤnde ihr das Geſtaͤndniß entriß, das ohne den Edel⸗ b b autwangens nzu nttten, zumal gern , haͤtte ihn ach Jahren Bunden da⸗ r Elbe, wo loren hatte, nachfolgte⸗ andlich, als chen wollte/ und teoſt⸗ de derer fil inen Kunde gellung iints und her ge⸗ erettet und , noß ihte — 223— muth Trautwangens gegen ihren Sohn nicht uͤber ihre Lippen gekommen waͤre. Sowohl der Graf als Editha waren jetzt zu hoch begluͤckt, um Holms ungluͤcklicher Mut⸗ ter nicht zu vergeben; dieſe aber war nirgends in der ganzen Burg mehr zu finden. „Wo wird ſie anders ſeyn, als in Mari⸗ na'’s Huͤtte, bei dem Grabe ihres Geliebten? (ſagte Burkhard) Wenn Ihr mich begleiten wollt, Ritter Holm, ſo will ich Euch dahin fuͤhren, wo Ihr geboren ſeyd.“ Holm nahm das Erbieten dankbar an, und Beide begaben ſich in den benachbarten Wald. Als ſie ſich der Huͤtte nahten, hoͤrten ſie ſchon von Weitem ein herzzerreißendes Jammern. Un⸗ ter den hochgewachſenen Trauerweiden und Cy⸗ preſſen, die eine Laube auf dem Grabhuͤgel bil⸗ deten, lag Mona mit aufgeloͤſtem Haar und bleichen Wangen, in Thraͤnen gebadet, und die Luft mit ihren Klagen erfuͤllend. Tief ergriffen von ihrem Zuſtande, warf Holm ſich zu ihren Fuͤßen, umarmte ſie, nannte ſie Mutter, und bewies ihr die kindlichſte Zaͤrtlichkeit! Da ſtanden die Thraͤnen der ungluͤcklichen Mona, ihr ſchoͤnes Auge blitzte, und um ihren Mund zuckte ein irres Laͤcheln, indem ſie ihren Sohn — 224— an ihre Bruſt druͤckte. Lange blieb ſie ſo in ſei⸗ nen Armen, dann richtete ſie ſich hoch auf und blickte mit Entzuͤcken zum Himmel. „Jetzt kann ich kommen, Muskitos!(rief ſie) Dein Sohn bedarf mein nicht mehr, und ich bringe Dir ſeine Gruͤße!“ Ploͤtzlich entquoll ein Blutſtrom ihrem blaſ⸗ ſen Munde, ſie griff nach ihrem Herzen, laͤchelte und— ſank entſeelt auf den Huͤgel ihrer Liebe. — Der Geiſt der treuen Mona war dem Ge⸗ liebten nachgeeilt, den ſie nie vergeſſen konnte. 24. „Friede auf Erden!— den Menſchen ein Wohl⸗ gefallen!“— Der Edelmuth Trautwangens und Editha's ver⸗ ſtatteten es dem betruͤbten Sohne gern, Mo⸗ na's Leichnam, nachdem er in Muskitos Grab . verſenkt worden war, und der duldſame Johan- nes uͤber die Ruheſtaͤtte der beiden Liebenden den Seegen geſprochen, ein Denkmal ſeiner kindli⸗ chen Liebe zu errichten. Er ſchmuͤckte Marinas Huͤtte, in der er geboren war, zu einem klei⸗ nen Mauſoleum aus, wo er oft mit Burkhard und ſeinem theilnehmenden Bruder Albedill das uUn⸗ ſe ſo in ſti⸗ ch auf und kitos!(titf mehr, und ihrem blaſ⸗ en, lachelt ihrer Liebt. dem Ge⸗ ſen konnte. tin Wohl⸗ dithos der gern/ Na⸗ kitos ora me Johaſt benden den net ludl⸗ eFai inen li⸗ Butkhand lbcdil ds 1w — 225— Ungluͤck und die Verirrungen ſeiner Aeltern be⸗ weinte. Uebrigens erfuhr Niemand weder Mo⸗ na's Geſchichte, noch ihr Geſchlecht; es hieß bloß⸗ daß der taubſtumme Page geſtorben ſey, und als dieſer ward er allgemein betrauert; denn er hatte ſich alle Umgebungen zu befreunden gewußt. Maria war ſogleich als die Tochter des Gra⸗ fen Trautwangen, die geraubte Blanka, oͤffent⸗ lich erklaͤrt worden, und es hieß, Ritter Burk⸗ hard habe das Kind im Walde gefunden, erzo⸗ gen und ſich ein unvergaͤngliches Recht auf die Dankbarkeit ſeiner Aeltern erworben, die es durch ſein Zuſammentreffen mit ihm wieder gefun⸗ den haͤtten. Ritter Holms Abkunft blieb zwar im Schleier gehuͤllt, aber ſein Muth, ſeine Thaten und die edle Gerechtigkeit des Monarchen, dem er ſein Schwerdt weihte, hatten ihn zum Erſten ſeines Geſchlechts erhoben, und Blankas Liebe zu ihrem kuͤnftigen Gemahl, da er der Retter ih⸗ res Lebens worden war. Sobald Holms Trauer um ſeine ungluͤckliche Mutter, den ſanftern Cha⸗ rakter der Ergebung angenommen hatte, ver⸗ einte Herr Johannes die holde Braut mit ihm am Altare. Feierlich ausgeſchmuͤckt mit Eichen, Lorbeerzweigen und Blumenkraͤnzen, hatten die muͤtterlichen Haͤnde Edithas und Elsbeths die Zweiter Band. 15 — 226— Waͤnde des Doms, und der Pfad zum Altar war mit duftenden Roſenblaͤttern bedeckt; ſchoͤn wie der Engel der Jugend, die Myrthenkrone, vom blitzenden Diamantenreif umfaßt, im lang wal⸗ lenden goldnen Haar, gluͤhend von Liebe und Andacht, ſchwebte die Braut an des Vaters Arme daher, ihr Bruder begleitete ſie zur Linken, dann folgte im ritterlichen Schmuck in Editha's und Elsbeths Mitte der edle Braͤutigam, und eben ſtanden ſie vor dem Altar, wo Johannes die Weihe ihres Bundes beginnen wollte, als— ein greiſer, auf ſeinen Stab geſtuͤtzter Pilger, ſtill und feierlich in die Verſammlung trat, ein ſchoͤner bluͤhender Knabe, der eine Harfe am blauen Bande trug, war bei ihm. Niemand ſchien die beiden zu bemerken, als Editha, deren Herz in hoher Ahnungswonne aufzitterte, und die ihre Blicke nicht von dem Greiſe abzuziehen vermochte, wenn gleich die Kapuze und der breit geraͤnderte Muſchelhut ihr ſein Geſicht verbargen. Als der heilige Bund geſchloſſen war und die Vermaͤhlten vom Altare zuruͤck traten, um in die Arme ihrer Aeltern zu ſinken, da— trat auch der Pilger naͤher:„Auch ich(ſprach er) habe Euch zu ſeegnen, ein Recht!“ die Kapuze fiel, der Muſchelhut flog— und Lord Dou⸗ ad zum Alter bedeckt; ſchon henkrone, vom im lang wal⸗ on Litbe und Vaters Arme Linken, dann Editha's und n, und eben Johannes die lte, als— ützter Pilger, ung trat, ein ſe Harfe am „ Niemand ditha, deren itterte/ und ſe azuziehen und der breit t verbargen⸗ en war und traten/ um — trot „ da tr A(prich n) die Kaplbe dold Dolr — 227— glas ſtand vor ſeinen Kindern! Laut auf ſchrie Editha und flog mit dem Ausrufe: mein Va⸗ ter! in ſeine Arme, und um die beiden bildete ſich der Kreis ſeiner Soͤhne und Enkel, die laut aufjauchzten fuͤr Entzuͤcken, und in dem Tempel des Herrn erſcholl das frohe, weinende, verworrene Freudengeſchrei hochbegluͤckter Men⸗ ſchen; denn auch Johannes jubelte der Ruͤckkehr des betrauerten Freundes, Elsbeths Thraͤnen hie⸗ ßen ihn willkommen, und Burkhard ſelbſt, der den tapfern Helden vom Feldzug her kannte, war außer ſich fuͤr Freude. Zur geoͤffneten Pforte drangen die Krieger und die Dienerſchaft, bis jetzt, an dieſer, ſtumme Zeugen der hohen Fei⸗ erlichkeit, ein, denn ſie hatten den verehrten Her⸗ ren erkannt, warfen ſich zu ſeinen Fuͤßen und kuͤßten frohlockend ſein Gewand; da zog ploͤtzlich der hohe, feierliche Ton einer Harfe, wie von himmliſchen Zungen begleitet, durch den Dom, daß uͤberraſcht ſelbſt die Freude, in Ehrfurcht ſchwieg; und die Stimme eines Seraphs er⸗ klang in dem folgenden KrLied. Von dem hochgewölbten Dome Zu Sankt Peter, dort in Nom. Zog's den Vater zu dem Kinde— Zog es ihn zu dieſem Dom; — 228— Seiner Buße heiße Thraͤnen Hatten ſeine Schuld verſöhnt!— Da erwacht der Liebe Sehnen— Und der Herr hat es gekroͤnt! Töochter, Söhne, Freundestreue, Trifft er wieder am Altar: Wo ſein Enkelkind, das ſchoͤne— Braut im Myrthenkranze war! Baum nun auf des Eilands Matten, Schatten gebend aufgepflanzt! Neige dich in Dankesrauſchen— Von dem Pflanzenkreis umtanzt!— Und es ſchall in allen Landen, Tön aus jedes Glaubens Chor: Lobt den Herrn! der uns erhalten! Zu ihm, Hymne!l ſteig empor!— Alle waren entzuͤckt und im Hoͤren verſunken, als die heilige Hymne, wie auf Nachtigalltoͤ⸗ nen getragen, in hoher Gottesſchoͤnheit durch den Dom gezogen kam, alle Blicke lenkten ſich auf den Engelknaben, der, am Pfeiler gelehnt, im bunten Farbenſchimmer der durch die far⸗ big gemalten Fenſter jetzt hereinblitzenden Son⸗ ne, wie ein Verklaͤrter da ſtand, und die Harfe geſchlagen hatte! Der Pilger aber riß ſich los von ſeinen Kindern, ging zu dem Saͤnger, und ihn bei der Hand ergreifend, fuͤhrte er ihn mit⸗ ten in den Kreis der Seinen.„Wenn Ihr mein Leben werth achtet(ſprach er geruͤhrt und feierlich) ſo neigt Euch alle— vor der holden —Q— eiſunken, tigallth⸗ t durch kten ſich gelehnt, die fat⸗ en Son⸗ ſe harft ſich los tt, und hn mit⸗ an Ilr hit und holden — 229— Luzie, Graͤfin von Savern. Ihr allein dank ich die Ruͤckkehr zu Euch, das erhaltne Leben, die Wonnen des Augenblicks. Auch ſie brachte ein frommes Geluͤbde fuͤr das Heil ih⸗ res Hauſes an des Erloͤſers Grab, wo ſie mich antraf. Ich war gefangen und ſie iſt zu mir gekommen, krank— ſie hat mich gepfleget— hungrig— ſie hat mich geſpeiſet— durſtig— ſie hat mich getraͤnket, nackend— und ſie hat mich gekleidet! Ihr dank ich die Freiheit, die Geneſung, die Erloͤſung aus ſchimpflicher Ge⸗ fangenſchaft, das ſichre Geleit mit den Ihren, bis hierher! Auch jetzt hat ſie Theil nehmen wollen an dieſem Augenblick, der alle meine aus⸗ geſtandenen Leiden ſo uͤberſchwaͤnglich belohnet! ℳ Der reizende Knabe ſenkte jetzt, gleichſam beſchaͤmt, das braunumlockte Haupt, als die Fluth des Danks und der Entzuͤckung losbre⸗ chend auf ihn einſtuͤrmte— nur Albedill ſchwieg, denn er allein konnte nicht ſprechen, aber die Blicke, die ſein hellblaues, in Thraͤnen ſtrahlen⸗ des Auge auf Luzien richtete— die Kuͤſſe, die er— zu ihren Fuͤßen knieend, auf, ihre Hand druͤckte, ſie enthuͤllten ihr ſein Herz— und es war von dem ihrigen verſtanden! Nichts weiter von dem Hochzeitfeſte, es — 230— war mehr ein gluͤcklicher Familienverein, als eine rauſchende Freudenfeier; denn ach!— noch lag ja die Geißel der Kriegsfurie uͤber den geaͤng⸗ ſtigten Laͤndern, noch herrſchte Anarchie und Fa⸗ natismus, und verheerte die Gotteserde, wo Menſchen unter allerlei Volk und Glauben dem Herren gefallen, wenn ſie Recht thun und ſich unter einander lieben! Als aber endlich im Jahre 1648. der Ewige das Flehen ſeiner todes⸗ wunden Menſchheit erhoͤrte, und ſein ſchoͤnſtes Kind, den edlen Frieden, herabſandte nach drei⸗ ßigjaͤhrigem Blutvergießen, und nach dem Schluß deſſelben alle Religionsbekenner ſich Chriſten und Bruͤder nennen ſollten, da gab es zu der allenthalben verbreiteten Feier dieſes Friedens — za Savern eine andre Hochzeit, da gings hoch her und freudig; da fuͤhrte die ſchoͤne Luzie Graͤfin v. Savern, der junge Ritter Albedill Graf von Trautwangen zum Altar. Zwar hatte weder die greiſe Mutter Elsbeth, noch der fromme Pilger Douglas des Friedens Sonne und dieſes Brauttags Freude erlebt, denn ſie kamen zuvor zur Ruhe in ihren Kammern, aber dafür begleite⸗ ten den Ritter Holm und die edle Blanka bereits zwei wunderholde Knaben, und Graf Traut⸗ wangen fuͤhrte noch an ſeinem einen Arm mit rein, als !— noch en geäng⸗ und Fa⸗ erde, wo uben dem und ſich dlich im zer todes⸗ ſchoͤnſtes ach drei⸗ Schluß hriſten b es zu Friedens 9 gings Luzie (bedill ar hatte fromme ddieſes n zuvor egleite⸗ V bereits Traut⸗ em mit — 231— ritterlicher Gewandtheit ſeine geliebte, fromme Editha, die bereits des Alters Ehre, Silber und Grabesbluͤthen in den einſt goldnen Locken trug und ſelbſt Herr Johannes und der alte Burkhard theilten noch die Feier des erſehnten Doppelfe⸗ ſtes, wo ſich in dieſem Paare in Liebe vereinte, was der Haß ſo lange ſchied— der Unterſchied des Glaubens, der doch vor Gott nicht gilt, der der rechte Vater iſt uͤber alles, was Kinder heißt, im Himmel und auf Erden. Auf der Trautburg blieb Ritter Holm und Blanka, die Aeltern kindlich pflegend bis an ihren Tod; am Rhein hatten ſich die Beſitzun⸗ gen des Grafen von Savern mit denen verei⸗ net, die das Erbe der Grafen Trautwangen wa⸗ ren, und die dieſen der Friedensſchluß zuruͤck gab; dort lebte Albedill mit Luzien, und ſo glichen beide Familien, wie Herr Johannes ſich oft ausdruͤckte:„den Baͤumen, gepflanzt am friſchen Waſſer, denn die Tage des Kriegs und der Truͤbſal haben ein Ende, Wolf und Lamm weiden zuſammen und der Ldwe iſſet Stroh, denn nichts ſoll verderben auf meinem heiligen Berge, ſpricht der Herr!“ Ende des zweiten und letzten Theils. — Sehr empfehlungswerthe Romane, welche in Goedſches Buchhandlung in Meißen erſchie⸗ nen und in allen Leihbibliotheken zu haben ſind: 11 Dietrich, D., der Kuckukſtein. Ein hiſto⸗ riſcher Roman aus den Zeiten der Donaer Fehde u. des Huſſitenkrieges, mit 1 Kupfer. 1 thlr. 4 gr. Deſſen, des Jaͤgers Waffengluͤck und Minne oder das Forſthaus auf der Heinzebank, 1 mit Vign. und Kupfer 8. 1 thlr. 6 gr. 4 Deſſen, die Vorzeit, oder Volks⸗ u. Rittersſa⸗ gen Boͤhmens. 2 Bde, m. 1 Kpf. 8. 1 thlr. 12 gr. 1 Hall, van der, Ritter Paladour von dem 1 blutigen Kreuze, oder die Waldenſer in Frank⸗ - reich im 12ten Jahrhundert, 2 Baͤnde mit 2 11 1 Kupfern. 2 thl. 4 gr. 3 Erlinde, die Ilmnixe. Seitenſtuͤck zu der Sa⸗ ge der Vorzeit: Hulda, die Saalnixe, v. Verf. des Rinaldo Rinaldini, mit 1 Kupfer 8. 22 gr. Oswald, Heinr., ſchottiſcher Robinſon, oder des Schottlaͤnders Jakob Flinton, Abentheuer zu Waſſer und zu Lande. 2 Theile 8. 1 thl. 21 gr. Jocoſen. Herausgegeben von van der Hall, enthaͤlt: das ſchone Hannchen von Stöt⸗ teritz, Huß Purzel, oder Koͤnig von Dyatot. u. Lebensbeſchreib. eines Spe⸗ ziesthalers mit 5 Kpfrn. 12. broch. 22 gr. Judenkirſchen, friſche, eine Sammlung be⸗ luſtigender Anekdoten von Juden, von Juſt. Hilarius mit 1 Kupfer 8. 21 gr. Dietrich, D., Catharina della Candiera, die kuͤhne Seeraͤuberkoͤnigin 2 Thle m. 2 Kpfn. 8. Der Zigeunerraub, oder die thuͤringſchen Waffen⸗ bruͤder, ein hiſtoriſcher Ritter⸗-Roman aus den Zeiten des Bauernkrieges im 16ten Jahrhundert, von Wilh. von Gersdorf. 2 Theile mit einem Kunfer und 2 Vignetten 8. 1 thlr. 14. gr. velche in erſchie⸗ zu— Ein hiſto⸗ ner Fehde T 82; thlr. 4 y— ½. 1 84 58 b tn 8„ 1& einzebank, gr. Rittersſa⸗ jlr. 12 gr. von dem in Frank⸗ de mit 2 der Sa⸗ d. Verf. 22 gt. der des b dun zu 3 b N. 21 g. b rHall, nStöͤt⸗ b ig von— b b 6 Spe⸗ mE g. b lung”e en Juſt. b n diera, Kofn. d⸗ Waffen. aus den b b b rbundert/ 4 3 b it enem Green Vellow Grey 4