N 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. = Leih- und LCeſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Ruückgabe eines geliehenen Buches wird von jedom Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werrhe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret ll ——. wird.—— 1. Abonnement. Daſſelbe mußz voraus bezahlt werden und) beträgt: 3 1 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.—— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3 2— 4 2 5. Auswärtige Abonnenten habenm für Hin⸗ und Zur⸗ ückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. 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Cicero. oder; Nicht zu wiſſen, was ſich ereignete, wurden, heißt immer Kind bleiben. eh wir geboren id est —— — In 6 Verhen ſonder fand ungen alve uſgel hal wiſch ur inen den he ebte ufer N — 8—— —— „Die Erde iſt krank, und der Himmel muͤde der hohlen Worte, welche Staaten und Köͤ⸗ nigreiche von ſich gebef, wenn ſie von Wahr⸗ heit und Gerechtigkeit ſprechen.“ Im Jahre 1622., in einem der furchtbarſten Verheerungs⸗Kriege in Deutſchland, ward be⸗ ſonders das bluͤhende und geſegnete Pfaͤlzer⸗ kand ein Schauplatz der entſetzlichſten Zerſtd⸗ ungen. Der ſpaniſche General, Don Gon⸗ alvodi Cordova, hatte eben die Belagerung zufgehoben, mit welcher er das arme Franken⸗. hal ſo lange geaͤngſtigt hatte, und es war wiſchen ihm und dem Mannsfeldiſchen Heere V ur Schlacht gekommen, weil ſich beide Heere inen Bergpaß ſtreitig machen wollten. Zu dieſer, mit Blut in die Anng en der Bergangenheit eingeaͤtzten, merkwuͤrdigen Cpo⸗ he einer dreißigjaͤhrigen kriegeriſchen Unruhe, ebte unfern dieſes beſtrittnen Gebirgs⸗Wegs, G iefer hinein im Gebirge, eine ehrſame Wittwe r 1*.“ ———— — 2— et . auf ihrem einſamen Pacht⸗Hof, auf dem vor⸗ 4 mals die Aeltern und Groß⸗Aeltern ihres Gat⸗ niß ten, Andreas Uzberg, bei der Glaubens⸗ t, fehde, die das Licht einer neuen Erkenntniß, ſo hf damals nur noch einer ſchwachen, zitternden ſeis Flamme glich, mit Ausloͤſchen bedrohte, Zu⸗ Ri flucht gefunden hatten. Die verlaßne Huͤtte, ann die die Fluͤchtigen damals dort fanden, war— ihnen zum rettenden Zoar, zum ſichern Hafen g worden, wo ſie ſich verbergen konnten vor den 14 Stuͤrmen der wildbewegten, treuloſen Zeit. 1i — Die verſteckte, aber romantiſche Lage der Huͤtte, ſi ſchuͤtzte ſie vor Entdeckung, und hier erbauten un ſie nach und nach einen ſchoͤnen Hof und V 4 eine geréͤ umliche, freundliche Wohnung, um die 4 herum ſie die unangebauten Fluren fruchtbar N machten; ſie nannten dieſes ihr kleines Eigenthum, d 6 das ſich aber immer durch Gottes Seegen und ſe ihren unermüdeten Fleiß erweiterte und verſchhd⸗ de V nerte, den Pachthof ſelbſt beſcheidener Weiſe: da ſie de 8 nicht wußten, wie bald ſie wieder gezwungen ſeyn 8 4 moͤchten, ihn zu verlaſſen und weiter zu fluͤchten. ſi Allein von dem allen geſchah nichts, ihr Pilgerſtab fl war gewurzelt, und zu Aarons bluͤhendem Baum worden, und ging auf den Enkel Andreas uͤber, der auf ſeinen Wanderungen nach Sachſen, Jung⸗ —— .. 8 8 als ein Geſeegneter des Herrn, un — — 5— fer Elsbeth, die eben jetzt hier wohnende Wittwe, heimfuͤhrte: ſie war, wie er, im Bekennt⸗ niß der proteſtantiſchen Lehre erzogen, und leb⸗ te, da ſie fruͤh ihre Aeltern verloren, welche, wie es damals Sitte und Gewohnheit war, ſtets ihr Leben und zeitliches Gut, um ihrer Religion willen, gering geachtet, als eine ſehr arme, aber wegen ihrer Gottſeeligkeit und Tu⸗ gend werth geachtete Waiſe, bei weitlaͤufigen Verwandten ihrer Mutter, die ſelbſt wenig mehr als ein kuͤmmerliches taͤgliches Brod beſaßen, und dieſes mit erwerben zu helfen, ruͤhrte die ruͤ⸗ ſtige Elsbeth unverdroſſen die fleißigen Haͤnde, und unterzog ſich ſelbſt der ſchwerſten Arbeit. Dabei war ſie aber immer heiter, und guten Muthes, meinend in ihrem frommen einfaͤltigen Vertrauen: ſie ſelbſt brauche gar nicht zu ſorgen, ſondern nur zu gehn, wie Gott ſie fuͤhren werde⸗ der ja ſo recht abſonderlich der Vater und Verſorger der Waiſen ſey. Und ihr Glaube bewaͤhrte ſich, denn der wackre, gutgeſinnte Andreas erkohr ſie ſich zum Weibe und gern ließen die Ihrig fleißige Maͤdchen ziehn, ſo ſehr ſie es d ten, denn der Juͤngling erſchien ihnen war ihm zugethan mit herzimige Lie — 6— Dreißig Jahre waren dem guten Paar in einer Gott gefaͤlligen Ehe dahin geſchwunden, der Welt verborgen und gluͤcklich. Die Stuͤrme der eregten Zeit, tobten ſchadlos an ihrem ſtil⸗ len, geſeegneten Erdwinkel voruͤber, und die weit entfernten Nachbarn, mit denen ſie in Be⸗ ziehung kamen, ehrten und achteten ſie oft als bewaͤhrte Freunde in jeder Noth; ihr Einkom⸗ men vermehrte ſich durch ihren Fleiß, und ge⸗ ringen Bedarf, und drei ruͤſtige Knaben, die ſie treulich und zu allem Guten erzogen, mach⸗ ten ihre Freude, ihr Gluͤck. Allein die Plage ſaͤumte doch endlich nicht laͤnger, ſich auch ihrer Huͤtte zu nahen, ihre haͤusliche Ruhe zu erſchuͤttern; der Geiſt der kriegeriſchen Zeit griff in die Gemuͤther der wa⸗ ckern Juͤnglinge, und einer nach dem andern zog hin, ſich freiwillig unter die Fahnen des Vaterlandes zu ſtellen, das Vertheidiger des neuen Glaubens in Schaaren aufbrachte. An⸗ dreas war ſelbſt viel zu eifrig fuͤr dieſen, um ſie von dem abzuhalten, was ſie fuͤr Recht und Pflicht erkannten; auch wollte er den freien Willen der Jugendkraft nicht beſchraͤnken. „Verſchiedne, und oft ſeltſam verſchlungene Wege(meinte er) berufe und fuͤhre ein hoͤchſtes — — — 7— Weſen ſeine Kinder; und kein Haar falle von ihren Haͤuptern, ohne daß der Herr es wiſſe.“ Frau Elsbeth vergoß zwar manche ſtille ſchmerz⸗ liche Thraͤne, aber ſie verglich ſich, denn da⸗ mals war das Leſen der heiligen Buͤcher die groͤßte Weisheit und der heiligſte Genuß⸗ mit der Mutter der Maccabaͤer, ſah in ihrem Elias ſchon den ſiegreichen Juden Maccabaͤus, und erwog, daß ſie immer noch weriger opfern wür⸗ de, als die Heldenmutter Iſraels. Gott hatte ihr auch noch einen ſuͤßen Troſt gegeben an Editha, ihrer kleinen Tochter. Die blieb bei ihr, das wußte ſie, und ihr ſuͤßeſtes Ge⸗ ſchaͤft, ihr ſanfteſter Troſt war es, in des hol⸗ den Kindes zarte Seele, ihren Glauben, ihre Liebe, ihr Thun und Walten zu verpflanzen⸗ Vollkommen entſprach das Maͤdchen ihren lie⸗ bevollen Bemuͤhungen, und war bereits wie die ſchoͤnſte Alpenroſe aufgebluͤht, als eine Suͤnd⸗ fluth von Truͤbſal uͤber dieſe ruhige Wohnung hereinſtuͤrzte. 8 Elias war bereits 1620. in der Schlacht bei Prag, am weißen Berg nter den— theidigern ſeines ungluͤckliche andesherrn, Koͤ⸗ nig Friedrichs von Boͤhmen, gefallen, dem er als treuer Pfaͤlzer Blut und Leben geweiht 9 4* — 8— hatte, und als die Krieges Wuth vor dem ge⸗ aͤngſteten Frankenthal tobte, fielen die beiden juͤngſten Bruͤder, die ſich nicht von einander hatten trennen wollen, zu gleicher Zeit auf den Mauern, denen ſie zur Bruſtwehr dienten, und blieben auf dem blutigen harten Bette der Eh⸗ ren. Dem Vater Andreas brach dieſe letzte Trauer⸗Poſt das Herz— vielleicht reute es ihm jetzt, nicht wenigſtens einen der geliebten Juͤnglinge zuruͤck gehalten zu haben, und die arme Elsbeth verlor bald darauf ihren treuen Beſchuͤtzer zu einer Zeit, wo die angeſchwollnen wilden Kriegesfluten ſogar ihre einſamen Hd⸗ hen zu bedrohen anfingen, und ſie mit Editha ganz verlaſſen ſtand. Tief empfand die zaͤrt⸗ liche Mutter, die treue Gattin und Hausfrau ihren unerſetzlichen Verluſt, aber ſie war eine Chriſtin, und verzagte nicht, ſo verwundet auch ihre Seele war:„Der Herr hatte ſie mir ge⸗ geben, er hat ſie genommen, ſein Name ſey ge⸗ lobet, denn er iſt meine Zuflucht in den großen Noͤthen, die mich troffen haben,“ ſprach ſie, und ganz auf den Beiſtand des Hoͤchſten ſich verlaſſend, traf ſe mit Umſicht und Standhaf⸗ tigkeit alle Anſtalten und Vorkehrungen, die eine ſo kritiſche Zeit unerlaͤßlich machte. Das . b von ihr und ihrem verſtorbenen Gatten ſtets wohl gehaltene Geſinde war ihr treu und er⸗ geben; ſo beſchloß ſie, ihre Wirthſchaft fort zu fuͤhren, wie bei Lebzeiten ihres Mannes. Aber die Reitze der bluͤhenden Editha machten ſie in dieſen wilden Kriegszeiten am beſorgteſten; ſie entſchloß ſich, ihr maͤnnliche Kleidung anlegen zu laſſen, und ließ ſich von ihren Leuten heilig verſprechen, das Geheimniß nicht zu verrathen. Als das ſechezehnjaͤhrige Maͤdehen jetzt ein zwoͤlf⸗ jaͤhriger Knabe ſchien, ward ſie ruhiger, und erwartete mit mehr Muth und Ergebung, was uͤber ſie beſchloſſen war. 2. — Sie ruͤhren ſich in ihren ſchwarzen Hohlen, — Vor ihnen ſteigt ein Dampf vom Acheron; — uUnd ſie berechtigt zum Verderben, treten Der Gott beſaͤten Erde ſchoͤnen Boden, Von dem ein alter Fluch ſie laͤngſt verbannte. aus Iphigenie auf Tauris. Dem ſpaniſchen Heer war eine Unzahl ſolcher Leute nachgeſtroͤmt, die nirgends ein Vater⸗ land noch eine Heimath haben; der nomadiſche Stamm, den man in der pyrevaͤiſchen Halb⸗ — 10— V Inſel Gitanos, in Ungarn, Liefland und Po⸗ Alln len Cziganis, in England Egyptier, in der Di Welſchland Zingaris, und in den Pyrenaͤ⸗ t,g en, wo ſie haͤufig wohnten, Bohemiens, in und Deutſchland und Boͤhmen aber Zigeuner ürluch nannte, war damas uͤber den ganzen Erdboden vielen verbreitet, ſeine Religion, wenn er anders welche in di hatte, war ein Gemiſch heidniſcher Greuel, juͤ⸗ Nuhs diſcher und mahomedaniſcher Irrthuͤmer, und V irer hatte einen Anſtrich von dem katholiſchen Glau⸗ V Star ben, vermuthlich um in den Laͤndern geduldet ſch zu werden. Die Aufgeklaͤrteſten unter ihnen V nan neigten ſich zu den Lehr-Saͤtzen der Braminen nn und Perſer, und hatten eine oberflaͤchliche Kennt— ſal niß von den gelehrten Verirrungen des menſch⸗ Jia lichen Verſtandes, am Nil und Euphrat, am ge Indus, und wo man die Sonne und das Feuer ad anbetete. Die zunehmende, durch das Licht der— Reformation verbreirete Kultur verbannte ſie faß groͤßtentheils aus den Laͤndern Europas, und 1 wahrſcheinlich ging die Mehrzahl von ihnen t6 zu den Iſraeliten, Osmanen, Griechen und I a ſolchen Voͤlkern uͤber, die ihren Sitten am naͤch⸗ 1 d ſten ſtanden, oder ſie wurden ausgerottet und 9 vertrieben, weil ſie den Geſetzen und der Schaͤrfe— des Schwertes durch Verbrechen anheim fielen. 4 —-— —— — 411— Allein zu der Zeit, wo der Krieg jede Ordnung der Dinge der Gewalt und dem Siege unterord⸗ nete, waren ſie uͤberall in dem verheerten Deutſch⸗ land zu Hauſe, behielten ihre Sitten und Ge⸗ braͤuche beſtaͤndig bei, wußten ſich aber mit vielem Scharfſinn den Bewohnern der Laͤnder, in die ſie kamen, anzupaſſen, vornehmlich aber Nutzen von dem Ungluͤck, oder der Thorheit ihrer Bewohner zu ziehn. In der Hitze und im Staub, im Froſt und in der Kaͤlte, ſchleppten ſich ihre unſaubern Karavanen, die aus Maͤn⸗ nern, Weibern und Kindern beſtanden, den Hee⸗ ren, vorzuͤglich aber dem des Don Gon⸗ ſalvo nach, der damals bereits ſich in Unter⸗ Italien, durch Vertreibung der Franzoſen, einen großen Kriegsruhm erworben, und das herrliche Koͤnigreich Sieilien der Caſtiliſchen Krone er⸗ obert hatte, ſo daß dort und in ganz Jtalien faſt eben ſo viel Spanier als Landes⸗Kinder lebten; dem deutſchen Lande hatte er jetzt ein aͤhnliches Loos zugedacht, hier aber ſollten die Wellen ſeines Stolzes, an der deutſchen Kraft) Tapferkeit und Beharrlichkeit brechen. Krie⸗ geriſchen Beiſtand hatte er indeß nicht von den ihm nachfolgenden Zigeunern zu erwärten, ap wohl hier und da ein ruͤſtiger Juͤngling aus ih⸗ 3 — 42— nen ſich bequemte, im Heere ſelbſt Dienſte zu nehmen; im Allgemeinen gehoͤrten ſie aber un⸗ ter die Menſchen, von denen ein alter ſpani⸗ ſcher Philoſoph und Krieger, Carranza, ſagt: „Es giebt Menſchen, die ſo wenig perſoͤn⸗ lichen Muth beſitzen, daß ein Einzelner, der ſich mit einer Anzahl von ihnen einlaͤßt, dabei nicht viel wagt.“ Indeß hatte der Feldherr auch eben ſo wenig fuͤr ſie zu ſorgen, ſie waren be⸗ ſcheiden in ihren Anſpruͤchen ans Leben. Eine zerſtoͤrte Huͤtte, oͤde Schloß⸗Ruine, deren un⸗ terirdiſche Gewoͤlbe die Wuth der Flammen, oder die Hand der Verheerer verſchont hatte, weil ſie ihren Blicken entgangen waren, ein Felſen, aus deſſen Hoͤhlen ſie die wilden Thiere verjagten und an ihrer Statt Schutz fanden ge⸗ gen die Stuͤrme der Nacht, ein leerer Gras⸗ platz im dichteſten Walde, wo ſie ſich nieder⸗ laſſen konnten, war hinreichend zu ihrer Befrie⸗ digung, uͤbrigens erhielten ſie ſich vom Betrug, wo nicht von Raub und Diebſtaͤhlen, welches ihnen, da ſie nun einmal in Feindes Land, zu den ſpaniſchen Truppen gerechnet wurden, nicht ſchwer fiel, und ganz in der Ordnung zu ſeyn ſchien, ſie ſammelten die todten oder weggewor⸗ fenen Thiere, die ſie auf dem Wege fanden, ſpeisten Natten die ruͤſt hohen 9 die Veib teen und leicht wa und Sct gebildete es Lecker ſpeisten Eichhoͤrnchen und Froͤſche, wo nicht Ratten und Maͤuſe, beiden vergleichbar, und die ruͤſtigen Maͤnner verſahen die Kuͤche mit der hohen Jagd und dem Fiſch⸗Fang, wenn auch die Weiber oft ſtatt der jungen Haſen mit Ka⸗ tzen und Hunden vorlieb nehmen mußten; viel⸗ leicht waren ſie es auch, welche zuerſt Krebſe und Schnecken aßen, u. ſ. w. und ſodann der gebildeten Welt begreiflich gemacht haben, daß es Leckerbiſſen ſind. Ihre hexenartigen Matro⸗ nen, von denen wohl ſelbſt Shakeſpears maͤch⸗ tiger Geiſt das Schauerbild ſeiner um den bro⸗ delnden Keſſel tanzenden Hexen entlehnt hat, be⸗ reiteten alle dieſe loſen Speiſen, indem ſie dieſe edlen Ingredienzen reichlich mit Lauch, Zwiebeln, Kraͤutern und Wurzeln verſahen, uͤber einem Feuer, das ſie, wo ſie hinkamen, entzuͤndeten, in die daruͤber aufgehangnen Keſſel thaten, die ſie zu dem Ende immer mit ſich fuͤhrten, und gewoͤhnlich in der Zwiſchenzeit zur Lagerſtaͤtte der kleinen Kinder brauchten, auch meiſterhaft zu flicken verſtanden, und wenn dann das Mahl fertig war, lagerte ſich jede Familie um die Altmutter und ihren dampfenden Keſſel und ver⸗ ſchlang die wohlſchmeckende Speiſe mit thieri⸗ ſcher Gier. Dazu trieben ſie ſchreckliche und — aberglaͤubiſche Ceremonien, wenn ſie geſaͤttigt an der Flamme lagen, weil ſie ſich ſelbſt ein⸗ bildeten, große und maͤchtige Magier zu ſeyn, da ſie doch bloß die Geſtirne des Himmels nach ihrem Stand beobachtet, und die Kraͤfte der Pflanzen erforſcht, oder oberflaͤchliche chemiſche Kenntniſſe erworben hatten, wozu ihnen ihre Lebensweiſe iin beſten Gelegenheit gab. Auf dieſen Zuͤgen uͤberfielen ſie oft einſame Wande⸗ rer, und beraubten ſie, ohne gerade blutduͤrſtig zu ſeyn, blos ihrer Habe. Junge Maͤdchen und ſchoͤne Kinder waren beſonders das Ziel ihrer Raubſucht, je nachdem ſie aus ihrem Beſitz Vor⸗ theil zu ziehen hofften; an ihren Guͤrteln hing ſtets, neben einem großen Meſſer, eine gigantiſche Scheexe, denn wenn ſie nichts Beſſers zu thun hatten, ſchoren ſie die Maulthiere, Eſel und Hunde des Heers, und oft erzeigten ſie mit demſelben Inſtrument, und mit gleicher Gewand⸗ heit ihren Fuͤhrern, ja ſelbſt den Kriegern die Gefaͤlligkeit, ihnen Haupt und Bart gehoͤrig zu verſchneiden; ſie wußten ſich dem Heere auf alle erſinnliche Weiſe, durch die niedrigſten Dienſt⸗ leiſtungen unentbehrlich zu machen, und man bediente ſich ihrer oft ſogar aus Furcht vor ih⸗ rren Zaubereien, da man ſie fuͤr gewaltige He⸗ tenme ſie de und l. und Schwe unter für ſi zerſtre um e wohne den un die ſie ſie ſe elſch ſonder dedund Muͤte denn ttt, u n er deldi Dirne die di ſetig genfla dten renmeiſter hielt. In den Staͤdten uͤberließen ſie den Kriegern das Innere der Wohnungen, und lagerten ſich, wie die Lazzaronis in Neapel und die Bettler in Spanien, auf die Thuͤr⸗ Schwellen und Straßen, denn ſie lebten nur unter dem Obdach des Himmels und verloren das fuͤr ſie Zutraͤglichſte nie aus dem Augen. Bald zerſtreuten ſie ſich in die Häuſer und Gaſſen, um einiges Allmoſen von den bedraͤngten Ein⸗ wohnern zu erbetteln, und ihnen aus den Haͤn⸗ den und Geſichtszuͤgen wahrzuſagen, eine Kunſt, die ſie allein zu beſitzen vorgaben. Nie waren ſie ſelbſt unter einander durch das Band der Ge⸗ ſellſchaft verbunden, ſie verheiratheten ſich nie, ſondern lebten in einer wilden und frechen Un⸗ gebundenheit. Selten kannten die Kinder ihre Muͤtter, am wenigſten ja faſt nie ihre Vaͤter, denn ſie wurden als ein Gemeingut betrach⸗ tet, und mußten ſich fruͤh auf ihre eigne Hand zu ernaͤhren ſuchen, oder zum Unterhalt der Feldkuͤche beitragen. Oft gab es unter ihren Dirnen jugendliche Schoͤnheiten, welche wohl die dichteriſchen Ideen der Prezioſen haͤtten rechte fertigen koͤnnen; mauriſche und orientaliſche Au⸗ genflammen und Geſichtsbildungen beurkun⸗ deten ihre Abkunft, auch hatten ſich mehrere ——— — — 16— ihres Volks, aus Ungarn, Liefland, Slavonien, Bosnien und Polen zu ihnen geſellt, und dieſer Horde einverleibt, welche ſich durch Nationalreize ihrer Heimath auszeichneten; dieſe gewandten Dir⸗ nen zogen, als waͤren ſie in einem Serail aufge⸗ wachſen, die Blicke der Sinnlichkeit an— aber nur fluͤchtig und ſchnell voruͤbergehend war ihre Bluͤthe, und leicht verwiſcht der feine Staub auf ihren Schmetterlingsfluͤgeln, und der zarte Schmelz der fruͤhverbluͤhten Blumen; die Be⸗ ſchwerden des irrenden Lebens, der Staub und die Hitze, der Froſt und die Kaͤlte, die ſie er⸗ tragen mußten und ihre ausgelaßne Lebens⸗ weiſe verwandelten dieſe jungen Abentheuerin⸗ nen ſehr bald in alte abſcheuliche Geſtalten und zuletzt in die entſetzlichſten Vogel⸗Scheuchen; in der Jugend, und ſo lange ſie anlockend wa⸗ ren, trieben ſie Tanz und Spiel und ſuchten von dem Ertrag ihrer Reize, denen es nie an Bewunderern fehlte, eine gewiſſe Putzliebe zu befriedigen; waren ſie aber haͤßlich und alt, ſo huͤllten ſie ſich in das dauerhaftere Gewand ih⸗ rer Weisheit, und gaben ſich als Wahrſagerin⸗ nen, Heilkundige, und Zukunfts⸗Prieſterinnen, ein großes Anſehn, welches der Aberglaube und die Vorurtheile ihrer Zeitgenoſſen, und die na⸗ tuͤr⸗ turlich haken. ſog m ſie in in ihre Jungfr tet— Proph ternd! auf da⸗ bei M güiffen des ſ „AToͤchl lich h zu End von de zu laß boutin wegun heglei gen m die E ſäumt tuͤrliche Erregung der Gemuͤther, in jener furcht⸗ baren Krieges⸗Epoche, kraͤftig unterſtuͤtzte. Oft zog man dieſe Sybillen zu Rathe, und waren ſie in der Naͤhe, ſo verſchmaͤhte man nicht, ſie in ihrem Verſteck aufzuſuchen, wo beſonders die Jungfrauen von vertrauten Dienerinnen gelei⸗ tet— wie vielleicht noch jetzt zu mancher Karten⸗ Prophetin und Ipſiboe der neuen Zeit!— zit⸗ ternd und bleich vor Furcht, und doch neugierig auf das Orakel ihres Schickſals, ſich heimlich und bei Mondenſchein einfanden; denn nur ſelten griffen Ritter und Juͤnglinge zu dem Ertrem des Koͤnigs Saul, um ſich von den verſpotteten „Toͤchtern der alten Nacht!“ wie man ſie fuͤg⸗ lich haͤtte nennen moͤgen, wie er von der Hexe zu Endor, Rath zu erholen; ſie zogen vor, ſich von den tanzenden Dirnen im Lager unterhalten zu laſſen, und ihnen Goldſtuͤcke in das Tam⸗ bourin zu werfen, das ſie in den uͤppigen Be⸗ wegungen des Fandango, mit den Caſtagnetten begleitet, verfuͤhreriſch und anlockend zu ſchwin⸗ gen wußten. Dieſes voraus zu ſenden, machte die Erzaͤhlung noͤthig, zu der wir nun unge⸗ ſaͤumt uͤbergehn. 4 ——— — 18— 3. „Es ſind jetzt ſechszehn Jahre, wo Einſt Berg und Thal von Jubel wiederhallte: „Miranda iſt geboren!“ aus dem Sturm von Shakespear. Zu den kriegeriſchen Uebeln der damaligen Zeit, die ſo reich an furchtbaren Verhaͤngniſſen war, geſellten ſich nicht nur die Schrecken der Krank⸗ heiten, dieſe den Eumeniden des Kriegs ſtets nachziehenden Harpyen, deren Anſteckung peſt⸗ artig dahin raffte, was dem Wuͤrgengel mit dem Schwert entflohen war, ſondern auch die ganze Natur ſchien im Bunde mit ihnen gegen die zagende Menſchheit zu ſtehn, denn an Or⸗ ten und in Gegenden, wo man nie Aehnliches erlebt hatte, brachen unterirdiſche Vulkane her⸗ vor, bebte die Erde, öͤffnete ſich der Feuer⸗See des Himmels in verzehrenden Gewittern und Blitzen, und die ſeltenſten Naturerſcheinungen erfuͤllten die Gemuͤther der Sterblichen mit Ent⸗ ſetzen. Zeichen geſchahen an Sonne, Mond und Sternen, furchtbare Kometen zeigten ſich am Himmel und viele kamen auf den Gedanken, daß das Ende der Dinge nahe ſey. Eine neue Art und Weiſe das hoͤchſte Weſen anzubeten und zu erkennen, ein vernuͤnftiger Gottesdienſt — 19— durch Wahrheit und Erleuchtung, ging vermͤge 4 der Reformation hervor, allein Bruͤder waren mit Bruͤdern entzweit, und dieſes große Werk war nicht ohne Blut zu begruͤnden geweſenz wenig fehlte jetzt daß die Fanatiker und Eiferer des alten Glaubens, den Neuerern auch dieſe ſchreckliche Umwaͤlzung der Dinge zuſchrieben, und die Maͤchte der Hoͤlle mit ihnen im Bunde glaubten. Angſt, Verzweiflung, Haß, Ver⸗ folgung wuͤthete daher fortdauernd im großen und kleinen Religionskrieg; eine allgemeine Anar⸗ chie nahm uͤberhand und es ſchien, als habe der Allguͤtige beſchloſſen: ſeine Vaterhand ab⸗ zuziehn von den Greueln der Erde, die aus ihren von ſeiner Allmacht gehaltenen Gleichge⸗ wicht geriſſen, zuruͤck ſtuͤrzen werde in das Chaos! Es war bei einem dieſer furchtbaren und ungewoͤhnlichen Ungewitter, als der Zigeuner⸗ Hauptmann Muskitos vergebens in den hoͤhern Gebirgsgegenden der Pfalz einen Zufluchtsort fuͤr ſeine, von dieſem Unwetter in den Flaͤchen uͤberfallne Horde zu ſuchen ſich muͤhte. Er ritt auf einem ruͤſtigen Maulthiere neben Marina, der eigentlichen Koͤnigin und Altmutter der 2* 4 84 ₰ 8— 14„₰— 4 3 8—— —ö— 4 21 Mantel gewickelt) die Blitze verbrennen mir ja Horde, die einzige, die in einer Saͤnfte zwi⸗ ſchen zwei Mauleſeln getragen und von Fuͤhrern begleitet war, waͤhrend die andern Matronen auf den Ruͤcken der ſtaͤrkſten Maͤnner fortgebracht wurden. Sie erreichten zwar den Hochwald, aber hier bot ſich ihnen keine Sicherheit dar; mehrere von ihnen hatte der ausgetretne Necker⸗ Strom uͤbereilt, und in ſeinen tobenden Flu⸗ then mit fortgeriſſen, hier fuhren die Blitzſtrah⸗ len unablaͤßlich herab, ſtreckten brennende Baͤume die Feuerzungen gen Himmel, der in Sturm wogende Wald und die dunkeln ſchrecklichen Ge⸗ ſtalten wie ein Hoͤllenfeuer erleuchtend, und die majeſtaͤtiſchen Stimmen des rollenden Donners, wiederhallend vom Echo der Gebuͤrge, beantwor⸗ tete das ſchreckliche Gebruͤll hungriger, aufge⸗ regter Baͤren und Woͤlfe, damals der einzigen Bewohner dieſer Waldungen. Auf dem Nacken eines ſtaͤmmigen braunen Mannes hockte gleich einem widrigen Geſpenſt die alte Horka, zu ſchwach, um auf eine andre Weiſe fortzukom⸗ men, und lenkte ihn mit den duͤrren Beinen gleich einem widerſpenſtigen Roß. „Halte Dich links, mein Soͤhnchen! ſchnarrte ſie von ihrem luftigen Sitze, den Kopf in den ter in Sicherheit?“ — die Augen, und da unten hab ich den ſchoͤnſten Bruch und Wurzeln in Menge geſehn!““ „Ihr denkt nur an Euern Keſſel, ihr al⸗ tes Todtenbein!(murrte Zingalo) uͤbergebt Euch lieber dem ſchwarzen Engel, dann gehts ſo fort und er traktirt Euch heute in ſeinem Reich!“ „Warum hat uns Muskitos der Toll⸗ wurm in dieſe Wuͤſte gefuͤhrt?“ kiff die Alte. „Warum hat ein Maͤchtigerer als er, uns das Unwetter uͤber den Hals geſchickt?— ich weiß nicht waͤrum ich Euch nicht hier abwerfe und dem Ariman(dem Satan) Euch zum Suͤhnopfer bringe! 4 „Das ſollſt du wohl bleiben laſſen, mein Soͤhnchen!(antwortete ſie, ihn feſter umhal⸗ ſend) bei den Hoͤrnern des Serapis! Du wirſt mich nicht los. Aber faſſe Muth“— „Wenn Ihr mir den heißen ſolltet!(ſprach er veraͤchtlich) wer hat je einen von Muskitos Horde zagen ſehn bei dem Grimm eines Sterb⸗ lichen? Hier aber ſtehn uns die ſchwarzen Geiſter entgegen, und die werden nicht ablaſ⸗ ſen uns zu verfolgen, bis wir vergichtet ſind. „Wo iſt Moira? iſt meine ſchöne Toche 22 „So ſicher wie Marina ſelbſt— eben— na, weil ſie ſchoͤn iſt! hat ſie Muskitos nicht ſelbſt annd in der Saͤnfte der Koͤnigin verborgen, wo ſie Auc zu ihren Fuͤßen ſich ſchmiegt wie ein ermatteter hoͤr Nachtvogel! Wenn der Sturm nicht etwa alles zuͤr zuſammen wirft!“, vor „Nur den Kopf nicht verloren, du Gold⸗ gen ſohn! Das Wetter wird aufhoͤren, wie alles, Zuf was nicht ewig dauern kann; wenn uns das ſcht Ungluͤck derb durchgeſchuͤttelt hat, gehoͤrt unſer der das Gluͤck, doch halt— die Saͤnfte ſteht ſtill, g9 Marina will ſprechen!“. an „Ja eben, weil ſie auch ein Weib iſt, (murrte Zingalo) will ſie noch jetzt das letzte ha Wort bei dem Sturme haben.“ Die Horde draͤngte ſich jetzt um die Saͤnfte, und um den 2 Hauptmann der ſein Thier anhielt, Marina e ſtreckte den Kopf zwiſchen den Behaͤngen der ne Saͤnfte hindurch: un „Seyd getroſt, meine Kinder!(ſagte ſie) 9 bald iſt das Unwetter uͤberſtanden, ein Strahl 9 der Iſis hat mich erleuchtet— ich verkuͤnde Euch ſ nahe Stille!“ Sie ließ jetzt die Vorhaͤnge wieder fallen,— und alle waren beruhigt durch die Worte der 1 als Seherin und Prophetin hochverehrten Maris — — ——— — 23— na, die ſie fuͤr eine maͤchtige Zauberin hielten, und im Bunde mit den Geiſtern glaubten. Auch ließ nun das Wetter nach, der Regen hoͤrte auf in Stroͤmen nieder zu fallen, dumpf⸗ zuͤrnend zog das Gewitter auf Windes Fluͤgeln voruͤber, ein uͤber eine geraͤumige Grotte haͤn⸗ gender Fels gewaͤhrte ihnen eine augenblickliche Zuflucht und zuſammengedraͤngt wie eine ver⸗ ſchuͤchterte Schaafheerde nahmen Weiber, Kin⸗ der, Greiſe und Kranke darinnen Platz. Zin⸗ galo entledigte ſich ſeiner Laſt, die jetzt einem andern anheim fiel, und der Mondſichel gleich, zog ſich die ruͤſtige Schaar um ſie her. Der Hauptmann ſandte nun auf Kundſchaft aus, und nach Verlauf einer Stunde kamen ſeine Boten mit der Nachricht zuruͤck: man habe am Saum des Waldes das Gemaͤuer einer verfall⸗ nen Todtenkapelle gefunden, welches einem er⸗ wuͤnſchten Schutz gewaͤhre, und nicht weit da⸗ von müͤſſe ein Dorf liegen, wo ihnen auch noch Hoffnung zu Lebensmitteln bliebe; dieſe Both⸗ ſchaft ward mit Freuden empfangen, und alle brachen auf, den Fuͤhrern nachzuziehn. Aus dem Walde gelangte man jetzt auf eine weite Ein⸗, bde, wo ſich ein auf einer Seite voͤllig eingt⸗ aͤſchertes Gebaͤude zeigte; eine wuͤſte Halde, einſt ein eingehegter Todtenacker umgab es, noch jetzt an niedrigen verfallnen Huͤgeln kenntlich, aber der mittle Theil der Kapelle war noch wohl er⸗ halten, ihre feſte Bauart hatte entweder der Ver⸗ heerung widerſtanden, oder die Zerſtoͤrer waren in Vollendung ihres ruchloſen Werks geſtoͤrt wor⸗ den, und die Horde zog jetzt zu dem offen ſte⸗ henden Portal mit großem Wohlbehagen ein, ſich ins Schiff dieſes evangeliſchen Bethauſes, wel⸗ ches hoͤchſt wahrſcheinlich dem Fanatismus der aͤltern Religionsparthei ſeine Zerſtoͤrung zu dan⸗ ken hatte, denn Kanzel und Altar waren umge⸗ ſtuͤrzt, und mehrere Chorſtuͤhle und Sitze lagen uͤbereinander, und unter Todtenbeinen und ein⸗ geſchlagnen Saͤrgen vertheilt. Dort hatte die ruͤſtige Zigeuner⸗Jugend bald aufgeraͤumt, und das hoͤlzerne Geraͤth flammte bald luſtig in ei⸗ nem großen Feuer außerhalb empor, uͤber dem die Keſſel, freilich nur mit geringem Inhalt an⸗ gefuͤllt, luſtig brodelnd, den Hungrigen Nahrung verhießen, waͤhrend die Flamme auch dazu die⸗ nen ſollte, den Beſuch der wilden Thiere abzu⸗ halten, die hier auf den verlaßnen Grabſtaͤtten oft gewuͤhlt zu haben ſchienen. Hoch am Nacht⸗ Himmel war jetzt aus roͤthlichen Feuergluthen der Vollmond ſiegend hervorgedrungen, und die be⸗ ſänfte Sterr uͤber geſat und den T wurd allein Hau merte Mäh ſie d ſom Laſte harte — c terlie blicb ringe in ſ derſ zaͤhle empe ſter ten —-— 25— ſaͤnftigte Natur ſchien unter dem funkelnden Sternenſchleier zu ſchlummern, den der Himmel uͤber die trauernde Erde ausgebreitet hatte. Die geſaͤttigte Horde nahm Innen und Außen Platz, und uͤberließ ſich dem ſtaͤrkenden Schlummer nach den Beſchwerden des Tages; tiefe laute Odemzuͤge wurden hoͤrbar, Marina lag, im Mantel gehuͤllt, allein in dem obern Raum der Kapelle, ihr graues Haupt ruhte auf der Steinſtufe des zertruͤm⸗ merten Altars, und ſie gab ſich alle erſinnliche Muͤhe zu ſchlafen; allein wie gewoͤhnlich floh ſie der Freund der gluͤcklichen Jugend, und ſelt⸗ ſam aufgeregt von ihren Erinnerungen und den Laſten des Tages, warf ſie ſich unruhig auf dem harten Lager umher. Da— ſah ſie auch Recht? — erſchien am Eingange des Doms eine hohe rit⸗ terliche Geſtalt, in ſchwarzer dunkler Ruͤſtung, blieb unbeweglich ſtehn, und ſchien die Schlaͤfer rings umher mit ſcharfem Blick zu betrachten. „Wer mag das ſeyn?(ſagte Marina dumpf in ſich hinein, jedoch ohne ſich zu ruͤhren) iſts der ſchwarze Engel, der da kommt, ſeine Leute zu zaͤhlen? iſts ein Geiſt, der aus jenen Huͤgeln empor ſteigen darf um Mitternacht? iſts Zorda⸗ ſter oder Brama ſelbſt, der auf dieſe Ungeweihe ten die Schlummerſchaale usge, uad das 5 — 26— Auge der Iſis⸗Prieſterin wach haͤlt? Iſts ein Zauberer? iſts Ariman ſelbſt— ich fuͤrchte nichts! ich habe Entſetzlichers geſehn— den Menſchen in ſeinem Wahn!“ Feſter zog ſie den Mantel uͤber ſich zuſam⸗ men, nur mit den verkohltem Gluͤhauge heraus lugend, und in ſich ſelbſt zuſammen geringelt, wie eine Waldraupe, lag ſie unbeweglich da; allein jetzt ſchritt der Gewappnete langſam, aber mit wiederhallendem Eiſentritt unter den Schlaͤ⸗ fern hin, vorſichtig ſie anzuruͤhren vermeidend und ſtand jetzt an den Altarſtufen dicht vor Marina. Da kehrte dieſer ihre Beſonnenheit zu⸗ rruͤck, ſie richtete ſich allmaͤhlig auf, reckte, gleich der Schnecke die Fuͤhlhoͤrner, den Silberkopf aus der Scharlachhuͤlle und ſprach: „Geiſt der Graͤber! wenk ſucheſt du?— „Nicht Dich! nicht Deines Gleichen!(ant⸗ wortete der Ritter, den jetzt ein ſchraͤg durch die zerbrochnen bunt auf Glas gemalten Fenſter hereinfallender Mondenſtrahl ſonderbar beleuch⸗ tete. Es war als erbebe Marina jetzt erſt vor dem Tone ſeiner Stimme, und erfaſſe ſie ein Zittern bei ſeinem Anblick!— er hatte das Schwert blank gezogen, und ſtuͤtzte ſich auf daſ⸗ ſelbe, die Blitze des polirten Eiſengriffs und — — 27— der blitzenden Klinge blendeten im bunten Licht⸗ glanz die truͤben Augen der Alten und das ge⸗ ſchloßne Viſier erlaubte ihr nicht zu unterſchei⸗ den, ob das Geſicht einem Lebenden gehoͤre. Aber ſie faßte ſich bald, und ſprach mit kalter Ruhe: „Herr Ritter! denn fuͤr einen ſolchen wollt Ihr doch wohl gehalten ſeyn, eroͤffnet mir Euer Anliegen, vielleicht vermag ich Euch zu helfen!“ „Du?— nicht moͤglich!(erwiederte er dumpf) Dich und Deine Horde hat der Zufall hierher gefuͤhrt, mich eine beſtimmte Abſicht! unter dieſen Truͤmmern ſuch ich ein werthes Andenken!““ „Iſts das Grab der Graͤfin Editha von Tannenberg? ſo ſchreitet hinter den zer⸗ truͤmmerten Altar, und ein weißer Stein mit ei⸗ nem blutrothen Kreuze wird es Euch bezeichnen!“ Der Ritter fuhr zuſammen, wie der Sturm der Mitternacht durch die gewaltige Eiche fauͤhrt, daß ihre Blaͤtter zitternd rauſchen, ſo klirrte der Eiſenharniſch bei dem Beben der ganzen gediege⸗ nen Heldengeſtalt. „Weib!(zuͤrnte er) welchen Namen wagt deine unreine Lippe auszuſprechen? as weißt 4 du von der Graͤfin?“ ————— — 28— „Herr!(ſagte ſie tief aufſeufzend) mehr als Khwi zuviel— und auch wer Ihr ſeyd!— ich weiß ttt (fuhr ſie im ruhigen erzaͤhlenden Tone fort) daß und, vor achtzehn Jahren des Tannenbergers Tochter Acc eine ſchoͤne Jungfrau war im Pfalzerlande, und jung am Hofe hochgeehrt; daß im Gefolg der engli⸗ der⸗ ſchen Eliſabeth ein ſchottiſcher Ritter Lord Dou⸗ Verl glas Mac⸗Donald mit ihr uͤbers Meer kam, und der an Schoͤnheit und Ritterthum alle Hofherrn die uͤbertraf— und daß Edithas Herz ſich von dem ſem Verlobten, den der Vater ihr aufgedrungen hatte, boſig ab und zu Lord Douglas wandte, der wie ſie Rn der neuen Lehre zugethan war. Sie zerfiel des⸗ 1 halb oͤffentlich mit ihrem Vater, aber die junge lung Churfuͤrſtin nahm ſie in Schutz, und ließ ſie 4 tteul mit dem Ritter, ich glaube vor dieſem zertruͤm⸗ merten Altare, ehelich verbinden.““ Dou „Wie kannſt du darum wiſſen!“ fuhr der Sch Ritter auf. Ton „O ich weiß mehr, ich weiß Alles! u it (ſprach Marina) und auch daß Sditha nicht 4 die erſte Liebe des Schotten war!— freilich genr ſollte niemand um dieſes Eheband wiſſen, und hint das Paar fortleben am Hofe der Churfuͤrſtin wie bisher, aber das Ungluͤck hat Fluͤgel, wenn dod es kommt und Schneckenpoſt, wenn es geht; — 29— Kdnig Jacob, Eliſabeths Vater, berief den Rit⸗ ter zu einer wichtigen Sendung nach Hauſe, und, er machte es wie der Rabe, der aus der Arche entlaſſen ward, er kam nicht wieder. Das junge Weib verblich Todes, kann ſeyn fuͤr Gram, der Vater hatte ſie enterbt, und ihren fruͤhern Verlobten der willfaͤhrigern Schweſter gegeben, und ſie war ein Weib ohne Gatten. Da ließ die Churfuͤrſtin ihre Lieblings⸗Dame hier in die⸗ ſem ihren Bethaus begraben. Des Ritters Treu⸗ loſigkeit brach ihr hoͤchſt wahrſcheinlich das zarte Herz.“ „Schweig!(rief hier der Ritter mit Verzweif⸗ lung) wer wuͤßte beſſer als ich, daß er nicht treulos ward.“ „Ja! Ihr ſeyds!— Willkommen Lord Douglas Mac⸗Donald untern Todten und Schlaͤfern!(ſprach Marina mit ſonderbarem Ton ſich auf ihre Fuͤße ſtellend) Euch hab ich ſeit ſechszehn Jahren geſucht! Ritter! wie⸗ get den Seckel, ob er des wichtigen Goldes genug hat fuͤr die Bothſchaft, die ich Euch zu hinterbringen habe! „Fuͤr dieſe zerſchmetternde Gewißheit ihres Todes?“ verſetzte er, getheilt zwiſchen Schmerz und Zorn. — 30— „Nicht doch! das Schlimme geb ich um⸗ ſonſt; allein billig iſts mir eine Goldeswerthe Nachricht aufzuwiegen mit Gold! Lord Dou⸗ glas! Ihr ſeyd Vater! eure Gemahlin hat Euch eine Tochter hinterlaſſen!“ 4. „Das Leben zäͤhlt auch Stunden, die, dem Ew'gen verwandt, Des Grabes dunkle Graͤnzen uͤberſchreiten. Auffenberg. So ſtark auch immer die Kraft der Maͤnner dieſes Zeitalters war, ſo fuͤhlte Douglas ſich dennoch von dieſer ploͤtzlichen Nachricht erſchuͤt⸗ tert, und bedurfte ſeines Schwertes um ſich aufrecht zu erhalten; aber ploͤtzlich ſtieg der Ge⸗ danke in ihm auf: wie das verſchlagne Zigeu⸗ nerweib vielleicht ſein Ungluͤck zu ihrem Vortheil benuͤtzen, und ihm eine Fremde als ſeine Toch⸗ ter unterzuſchieben im Stande ſey, denn ein gerechtes Mistrauen in dieſe verdaͤchtige Kaſte war allgemein. „Du willſt mich taͤuſchen!(ſprach er mit Faſſung) meine Gemahlin berechtigte mich bei — 33— „Bleibt gelaſſen, Lord Douglas!(fuhr Ma⸗ rina fort, ohne ſich irren zu laſſen) Ihr ſeyd noch weit zuruͤck in der Lehre des Zoroaſters, und aller Weiſen jedes Volkes und Zeitalters, wenn es Euch nicht bekannt iſt, wie das ſchein⸗ bare Uebel in der Welt zur fruchtbaren Mutter alles Guten beſtimmt iſt. Hoͤrt alſo nur wei⸗ ter. Das heimathloſe Geſchlecht, das ſich meinen Befehlen unterwirft, hat, wie Euch zur Genuͤge bekannt iſt, keinen Antheil an den Guͤtern der Lebendigen, als den, ſo es ſich durch ſeine Schlauheit und Berechnungen zu erwerben ver⸗ mag; iſts alſo ſo ſtrafbar, wenn es ſich dieje⸗ nigen der Todten zuzueignen ſtrebt, die jene wegwerfen, und die Niemandem mehr frommen, denn meint ihr, es ſchliefe ſich in der modern⸗ den Tiefe da unten ruhiger auf Goldſtoff als auf Leinen? und der Wurm, der ſich aus Hirn und Herz entſpinnt, werde vom Glanz der Edelſteine zuruͤckgeſchreckt? Die Zigeuner laſ⸗ ſen nichts umkommen, am wenigſten was im Schooß unſrer aller Mutter, der Erde aufbe⸗ wahrt iſt!— Ihr werdet zornig? ol ſeyd ge⸗ recht! waͤr's beſſer, ſie geſellten ſich zu den Raͤu⸗ bern und Weglagrern, wie ſo manche vornehme, chriſtliche Ritter? laßt ſeyn, daß vielen unter 3 —- 34— uns nicht der Wille, ſondern lediglich die Staͤrke dazu fehlt, wollt Ihr mehr verlangen von den Soͤhnen der Wildniß, als von denen der Geſell⸗ ſchaft!— kurz und gut, meinen Leuten war die Kunde des reichen Begraͤbniſſes willkommen; ich miſchte mich unter die Volks⸗Menge, welche die Leiche hierher geleitete, um alles zu beob⸗ achten, was vorging. Sie ward, uneroͤffnet in dem verſchloßnen Eichenſarge, mit koſtbarem Sil⸗ berbeſchlag ausgeziert, hinab geſenkt in die Gruft, die jener weiße Marmor bezeichnet. Es war daruͤber Nacht worden, und die letzten Fa⸗ ckeln und Kerzen verdampften in roͤthlicher Gluth, als alle Begleiter ſich mit ihnen entfernten, die Thuͤren ſorgſam verſchloſſen, und mich in einer Finſterniß zuruͤck ließen, die jedem Andern als Marina grauſenvoll geweſen waͤre. Ich trat jetzt hinter dem Pfeiler hervor, wo ich mich verborgen gehalten hatte, und ohne Muͤhe oͤff⸗ nete ich um Mitternacht meinen Soͤhnen das Thor. Sehr bald war der weiße Stein geho⸗ ben, und der Sarg beim Glanz der entzuͤndeten Altarkerzen zu Tage gefoͤrdert. Sie ſaͤumten nicht, ihn zu erbrechen, aber— was meint ihr wohl, daß wir bei allen den Kleinodien fuͤr ein 3 unerwartetes Kleinod zu ihren Fuͤßen antrafen? 3 Ein ſeine Toc gitt loſe — 35— Ein neugebornes lebendes Maͤgdlein, das ſich ſeinem finſtern Kerker entwunden, und die todte Mutter verlaſſen hatte— Eure und Edithas Tochter!“ Der Ritter ſchwankte, ſchlug jetzt das Helm⸗ gitter auf, um Luft zu ſchoͤpfen, und einen tie⸗ fen Seufzer ausſtoßend, ſtand er wie ein leb⸗ loſes bleiches Steinbild; dann ſprach er leiſe: „und meine Gattin?“— „War todt!(fuhr Marina eintoͤnig fort, die Blicke feſt auf ſeine Zuͤge geheftet) ſo gewiß todt als jetzt der Vollmond untergehn wird, um dem Stern des Morgens Platz zu machen. Aber das Kind lebte, war weiß wie das Laͤmmlein der Haide, und friſch, zart, und ſchoͤn wie das fruͤh erſtandne Schneegloͤcklein. Meine Soͤhne nahmen die Kleinode und den prachtvollen Gold⸗ ſtoff, und legten das ſchoͤne Weib in ihren leinenen Schlafkittel ſanft und ehrerbietig wiederum zur Ruhe, ich nahm die Kleine und verſorgte ſie; hat der Schatten ihrer Mutter uns in dieſer Stunde umſchwebt, wahrlich! ſo zuͤrnte er ge⸗ wiß nicht, ob ſolches Loͤſegeldes fuͤr das Leben des Kindes, das ohne unſre Habgier ein ſichrer und elendiglicher Raub des Todes worden waͤre.“ „Du haſt ſie verſorgt!(ſtoͤhnte der Rit⸗ 3* 85 3 — 36— ter) o weh!— waͤre es vielleicht nicht beſſer, ſie haͤtte den Sarg ihrer Mutter nie verlaſſen, um das Licht zu ſehn!“ „Ihr irrt ſchon wieder, Herr Ritter!— Seht! nicht alle Gefuͤhle verlaſſen zugleich die Menſchenbruſt. Dankbarkeit wohnt in der mei⸗ nen. Die blanke Graͤfin hatte mir mit ihrer ſchneeweißen Hand manche Gabe geſpendet, ſie hatte jedesmal mild dazu gelaͤchelt wie ein gu— ter Geiſt— ich war bedacht, dem Kindlein zu vergelten. Am Saum des untern Gebirges lebte ein braves laͤndliches Paar, dem neuen Glauben zugethan, aber gut und barmherzig, als ob es alle Stunden drei Ave gebetet haͤtte. Zu dieſem brachte ich Jung Editha, denn was ſollte ſie anders heißen als ihre Mutter? Jeder andern haͤtte ich ſie auf die Thuͤrſchwelle legen laſſen, der Elsbeth durfte ich ſie ins Haus bringen; denn die hat fuͤr Alles, was lebt und athmet, ein Mutterherz! Hat ſie nicht oft mitten in der Nacht meiner Horde das Scheuernthor geoͤffnet, und ihr Speiſe und Trank herbei geſchafft; die Mütter erquickt an der waͤrmenden Heerdesflam⸗ me und den Kindern friſch gemolkene Milch ge⸗ reicht? Dafuͤr iſt ihr aber auch nie ein Huͤhn⸗ chen vom Hof, noch ein Ei aus dem Neſt ent⸗ kommen, und meine Leute haͤtten dem den ro⸗ then Hahn aufs Dach geſetzt, der Utzbergs ein Leid angethan haͤtte!— Nun alſo— zu Els⸗ beth, der Utzbergerin, brachte ich das zarte wun⸗ derholde Kind, ſprechend, ich habe es gefunden, und wolle es nicht unter meinem Volke erziehen. Da forſchte ſie weiter nicht, ſondern ſie und ihr Mann nahmen es auf mit Freuden, tauften und nannten es Editha, wie ich geboten. Seit⸗ dem ſind ſechszehn Jahre verfloſſen, und die Jungfrau bluͤht in dem gefaͤhrlichen Reitze ihrer Mutter, weiß wie das Lamm und gleich am Maymorgen dem jungen Alpenroͤslein!— Seyd Ihr nun zufrieden, Lord Douglas? „Wenn Du Wahrheit geſprochen haſt!— ja! dann bin ich zu arm, Dir nach Gebuͤhr zu lohnen, und Du ſelbſt ſollſt mir den Lohn be⸗ ſtimmen. Zuvoͤrderſt aber mußt Du Dein Werk vollenden, und mir den Weg zeigen zu meiner Editha.“ „Gern, Herr Ritter! Ziehet den Bergpaß hinab gen Fleury, dann wendet Euch links ab hinauf ins Gebirge, und Euch wird Jeder, den Ihr fragt, den Puchthof zeigen!“ „unſeelige! was ſagſt Du!— Dort, eben dort hat ja die Wuth der Schlacht gehauſet, aus. — 38— der ich komme; der Mannsfelder, unter dem ich focht, hat einen zweifelhaften Sieg errun⸗ gen, und gleich dem ausgetretnen Waldſtrom, Freund und Feind ſich ins Gebirg verbreitet. Ich trennte mich vom Heer, um mitten in den Schrecken der Nacht das nahe Grabmahl mei⸗ nes Gluͤcks, meiner Liebe zu ſuchen!— Haͤtte ich ahnen ſollen, daß eine noch unerlaͤßlichere Pflicht mich dorthin rief, zur Vertheidigung einer wehr, loſen Jungfrau, deren Ehre die meinige iſt!“ „So brecht ſtracks auf, Herr Ritter! und verlieret keine Zeit. Noch hoff' ich, daß dort nichts geſchehen iſt, denn hell ſtehen Editha's Sterne, und verheißen ihr Gluͤck; doch wird's auch fuͤr ſie, wie fuͤr jeden Geſchaffnen, dunkle Augenblicke im Leben geben, aber ſie wird ſie⸗ gen! Jetzt geht! ich beſchwoͤre Euch!“ Sie ſprach dieſe Worte halb murmelnd, der Ritter hoͤrte ſie nicht, er war zu dem weißen Grabſtein gegangen, hatte das Knie gebeugt und die Lippen auf das rothe Kreuz gedruͤckt, eine brennende Thraͤne netzte den kalten Marmor, und raſſelnd ſchlug er jetzt das Helmgitter nie⸗ der, wandte ſich und ſchritt bedachtſam, wie er gekommen war, durch die Reihen der Schla⸗ fenden. kenn woll und harte und — 39— Marina ſah ihm eine Weile nach:„Er kennt mich nicht mehr!(ſagte ſie dumpf) wer wollte in Marina“.. ſie ſchwieg, ſeufzte tief und ſank, den Mantel uͤber ſich ziehend, auf ihr hartes Lager zuruͤck, wo ſie ſchmerzlich weinte, und zuletzt entſchlief, wie die Andern. 5. „Tapfer wie ein Löwe, raͤuberiſch wie ein Wolf, So, Macbeth, Du!“ 4 Macbeth. 1 Näͤchſt der Altmutter und mit koͤniglicher Wuͤrde und Anſehn begabten Fuͤrſtin der Zigeuner, Marina, deren Schickſale uns in der Folge nicht unbekannt bleiben werden, war Niemand unter der Horde merkwuͤrdiger, als Muskitos, der von ihr ernannte Hauptmann und Anfuͤhrer der Hor⸗ de, ihr Zoͤgling. Tapferkeit, Geiſteskraft und Ueberlegenheit, Einſicht, unerſchuͤtterlicher Muth, hatten ihn in einem Alter, wo die Andern noch auf der niedrigſten Stufe ſtanden, und nichts als blinden Gehorſam, knechtiſche Unterwerfung 1 kannten, ein Recht zu der Stelle gegeben, die ihn ſo weit uͤber ſie erhob. Ueber ſeiner Herkunft lag der Schleier! des Geheimiſfes, — — * ——— ——— — denn von der muͤtterlichen Liebe verlaſſen, hatte ein pyrenaͤiſcher Hirt den Knaben gefunden, als er bemerkt hatte, daß eine ſeiner Ziegen mehr⸗ mals des Tages die Heerde verließ, und ſich mit eiligen Spruͤngen ins tiefſte Gebirge begab, wenn zuvor ein gewiſſer klaͤglicher Ton, vom Echo vervielfaͤltigt, ſich hoͤren ließ. Er folgte der Spur des Thieres, bis er es zu ſeinem Erſtaunen hinter einem Felſen antraf, wo es ein Kind von einigen Monaten, das auf dem Mooſe lag, und auf ein Lager vertrockneter Kraͤuter gebettet war, mit ſeiner Milch naͤhrte. Der Hirt erbarmte ſich des verlaßnen Saͤug⸗ lings, geruͤhrt von dem Beiſpiel ſeiner Ziege, die ihrem Inſtinkt gefolgt war, nahm den Kna⸗ ben, der ſſtark und friſch war, wie Herkules, in ſeine Arme und trug ihn zu ſeinem Weibe, das ihn muͤtterlich aufnahm. Er hatte ein goldnes Kreuz am Halſe, welches hohl zu ſeyn ſchien, aber niemand zu eroͤffnen verſtand, und vor dem ſich die Hirten anbetend niederwarfen. Einige Goldſtuͤcke waren in ein Pergament gewickelt, das auf ſeiner Bruſt befeſtigt war, und darauf ſtand in ſpaniſcher Sprache, wie es ſchien mit Blut geſchrieben: „Der Knabe heißt Roſario; eine ver⸗ ſo be ten Kreu hülle 1 ftiger Heer mit tern, dete verth ſeine Erſta Pyrer ten. ſie en Gold 4 ſchwe als d deit n einen 8 — 41— folgte Ungluͤckliche, die ihn in dieſer Wildniß Gott und den Heiligen anvertraut, beſchwoͤrt die mitleidigen Finder, ihm das Kreuz zu laß⸗ ſen, was er am Halſe traͤgt.“ Da die guten Hirten nicht leſen konnten, ſo begnuͤgtent ſie ſich, die Goldſtuͤcke zu behal⸗ ten und das Pergamenttaͤfelchen zuſammt den Kreuz ſorgfaͤltig in ein Stuͤckchen Ziegenfell zu huͤllen, und ihrem Fuͤndlinge am Halſe zu befe⸗ ſtigen; ſo wuchs der Knabe mitten unter der Heerde auf, bis er acht Jahr alt war, er konnte mit den Ziegen um die Wette ſpringen und klet⸗ tern, beſuchte den Horſt des Ablers und befein⸗ dete die Thiere des Waldes mit bewunderns⸗ werther Gewandheit, Staͤrke und Koͤrperkraft, ſeine Schoͤnheit und Lebhaftigkeit ſetzte alle in Erſtaunen. Da kam Marinas Horde in die Pyrenaͤen, und ſie drang ſo lange in die Hir⸗ ten, die ihn nur ungern von ſich ließen, bis ſie endlich einwilligten jhr ihn fuͤr eine Summe Gold zu uͤberlaſſen, da ihm ſelbſt das herum⸗ ſchweifende Leben der Gitanos beſſer gefiul, als das einſame Häͤten der Heerden, und er be⸗ reit war, Marina zu folgen; jedoch mußte er einen jungen Edelfalken mitnehmen duͤrfen, den — 42— er ſelbſt aus dem Neſte genommen und der Hirt ihm abzurichten gelehrt hatte. Mit ſeinem Falken auf der Fauſt, als waͤre er Ritter, folgte der Knabe, den ſeine neue Mutter Muskitos nannte, der Horde, und in kurzer Zeit hatte er ſich alle Kuͤnſte derſelben zu eigen gemacht. Im funfzehnten Jahre gab es keinen kraͤftigern, gewandtern und herrlichern Juͤngling unter ihnen. Er verſtand die Kunſt der Wahrſagerey, und des Zeichendeutens, ſpielte die Guitarre punteado(das heißt mit der Fin— gerſetzung) und rasgado mit allen Fingern zu⸗ gleich, ſang mit wohlklingender heller Stimme, die Sigindillas, redondillas und villancios, tanzte den Fandango als der geſchickteſte Majo, ſo wie den chaconne und die pinta-pié, und da es in Spanien uͤblich war, in allen Cathedralen, zu gewiſſen Tagen, vor ſieben ungeheuern, von Holz oder Pappe geſchnitzten, alterthuͤmlich an⸗ gethanen Rieſen zu tanzen, die ein in den lan⸗ gen Falten ihrer Gewaͤnder verborgner Menſch bei ihren Bewegungen leitete, und zu deren Un⸗ terhalt das Kapitel der Cathedrale von Toledo taͤglich drei piécettes, oder 3 Franken, beſtimmte, ſo vollzog er auch mit großer Beruͤhmtheit dieſe Tanze mit ir war y ſellte torasse ren gl ſchäͤfti dere) ihrem einen geweſe nunft begab⸗ ner wußte zn, men, einet! dem ſi ſie ih manke ſenſch . ſchwa aller u ſt mals — 43— Tanzesart, wenn man ſie am Trinitatisfeſt, mit in den Prozeſſionen fuͤhrte; jeder von ihnen war wenigſtens 15 Fuß hoch, und zuweilen ge⸗ ſellte man einen koloſſalen Drachen zu ihnen, torassea geheißen, der ſie anfuͤhrte. Dieſes wa⸗ ren gleichwohl nur Muskitos fruͤhere Jugendbe⸗ ſchaͤftigungen, Marina verband weit umfaſſen⸗ dere Plaͤne mit ihrer Erziehung; ſie wollte in ihrem Zoͤglinge der Horde einen Anfuͤhrer, einſt einen Fuͤrſten geben, wie noch keiner vor ihm 5 geweſen war, ſie ſelbſt war mit vieler Ver⸗ nunft, großem Scharfſinn, und heller Umſicht begabt, die ſie bei den Unwiſſenden in Ruf ei⸗ ner großen Zauberkunſt gebracht hatten, ſie wußte alſo ſeine lebhafte Lernbegierde zu benuͤ⸗ tzen, und ihn unter einem angenommenen Na⸗ men, Gelegenheit zu ihrer Befriedigung, und einer hoͤhern Ausbildung zu verſchaffen. Nach⸗ dem ſie ihn von der Horde entfernt hatte, brachte ſie ihn ſechs Jahr auf die Schule von Sala⸗ manka, wo er ſich vorzuͤglich den geheimen Wiſ⸗ ſenſchaften oder wie man damals ſagte, der ſchwarzen oder Zauberkunſt befliß, wozu, trotz 13 Baller oͤffentlichen Ruͤge, daſelbſt Gelegenheit, ſie zu ſtudiren, war. Eigentlich belegte man da⸗ mals die Chemie, Elementar⸗Phyſik u. ſ. w. ——————— — 44— mit dieſem Namen, und Muskitos trieb daher dort am wenigſten etwas Unrechtes; allein nichts deſto weniger beſtanden die Moͤnche auf der Ver⸗ dammlichkeit ſolcher Beſchaͤftigungen, Muskitos wurde von ihnen als Gitam entdeckt, und mußte zu Marina, ſeiner Wohlthaͤterin, zuruͤck flie⸗ hen, wo er einmuͤthig wegen ſeiner hohen, maͤnnlichen Geſtalt, Fechtkunſt, Tapferkeit und hoͤhern Einſichten zum Anfuͤhrer begehrt, und von Marina als Hauptmann der Horde einge⸗ ſetzt ward. Indeß hatte ihn die Inquiſition nicht aus den Augen verloren, er war, ſeiner phyſikaliſchen Kenntniſſe zufolge, in den Ruf der Magie gerathen, und man verfolgte ihn al⸗ lenthalben mit furchtbarem Anathem. Marinas Gold loͤſte ihn mehrmals aus den Haͤnden der Haͤſcher, bis ſie ſich endlich entſchloß, uͤber Frankreich nach Deutſchland zu ziehn, da ſie ſelbſt in ganz Europa bekannt war. Don Gon⸗ ſalvos Feldzug gab dem ehrgeizigen und kriegeri⸗ ſchen Geiſt Muskitos Gelegenheit, als Freiwil⸗ liger das ſpaniſche Heer in jeder wichtigen Zu⸗ ſammenkunft mit den Heeren der Union zu be⸗ gleiten, welchen Entſchluß auch mehrere junge Gitanos theilten, waͤhrend die minder helden⸗ muͤthigen mit Marina die Laͤnder durchzogen, und andre Tapfe lichen Rüſte mani ſagte ſtung Cdelf bei d tzend nen( leihe. paß! hinein Seine folgen Geſic tha 9 leiden ergrif Geleit mein eine dem 4 der 9 und den Schlachten wie Raben, Geier, und andre Raubvoͤgel folgten. Muskitos bewieſene Tapferkeit hatte ihm in Gonſalvos Heer ritter⸗ lichen Rang erworben. Er trug eine blanke Ruͤſtung von maylaͤndiſchem Stahl, daher man ihn nur den Stahlritter nannte, ja man ſagte von ihm: er ſey Kugelfeſt und dieſe Ruͤ⸗ ſtung gefeiet; auf ſeinem Helme ſaß ſtets der Edelfalke, ſein immerwaͤhrender Begleiter, der bei den Angriffen ſich hoch uͤber ihn, wie ſchuͤ⸗ tzend in die Luft erhob, und den man fuͤr ei⸗ nen Geiſt hielt, der ihm ſtets den Sieg ver⸗ leihe. Auch bei jener Schlacht um den Berg⸗ paß bei Fleury, war er geweſen, und weit hinein ins Gebirge tummelte er ſich mit den Seinen, eine Streifparthie des Feindes zu ver⸗ folgen. Da kam ihm ploͤtzlich der Pachthof zu Geſicht; dort hatte er fruͤher die reizende Edi⸗ tha geſehn, und ihre jugendliche Schoͤnheit ſein leidenſchaftliches Gemuͤth, gleich einer Flamme, ergriffen; aber dazumal war er in Marinas Geleit, und ihre Vorliebe fuͤr Utzbergs allge⸗ mein bekannt; ſie ſhaͤtte den, der hier irgend eine Beleidigung gewagt, unausbleiblich mit dem Tode beſtraft. Jetzt aber, meinte er, ſe der günſtige Augenblick gekommen, wo ſich leich 46— eine Gewaltthat auf Rechnung der Kriegsgreuel ſchieben ließe, und eine einzelne ſich unter ſo viel andern leicht verbarg. Er ließ alſo ab von der Verfolgung der Feinde, und erſchien auf dem Pachthofe mit ſeinen Begleitern. Mit Entſetzen ſah Frau Elsbeth das Eindringen der wuͤſten Krieger, weit entfernt in ihren ritterlichen An⸗ fuͤhrer, den jungen Zigeuner zu erkennen, der oft gaſtfrei bei ihr aufgenommen worden war. Sehr ſchnell hatte ſein ſpaͤhender, durchdringen⸗ der Blick, trotz der Verkleidung, in dem zittern⸗ den blaſſen Knaben, der ſich aͤngſtlich zu ver⸗ bergen ſuchte, die Jungfrau erkannt, deren Zuͤge ſich ihm unvergeßlich gemacht hatten, und immer behielt er ſie in Augen, wauͤhrend ſich ſeine Soldatenrotte, welcher er die vorgenom⸗ mene Pluͤnderung ſtreng unterſagte, durch Speiſe und Trank, welche Frau Elsbeth in Ueberfluß Preis gab, guͤtlich thaten. Zuletzt erklaͤrte er unumwunden: er habe Geſchmack an dem Kna⸗ ben gefunden, begehrte ihn mit ſich zu nehmen, und verband ſeine Forderung mit den freigebig⸗ ſten Anerbietungen. „Eher alles, was ich beſitze!(ſprach er⸗ ſchrocken die arme Elsbeth) Dieſen meinen ein⸗ zigen Sohn hat mir Gott uͤbrig gelaſſen, da —— Gege ſchwa ſie n Leben ein ben Ihr ben: Ston — 47— mir drei ſeiner aͤltern Bruͤder in den Schlachten umkamen. Ich bin Wittwe und nur mein Georg iſt mein Reichthum, und erhaͤlt mir das Leben!“ „Wer giebt Euch ein Recht mir zu wider⸗ ſprechen?(trotzte der Stahlritter, und boshaft lachend ſetzte er hinzu) der Knabe kann ein Held werden, und mein ſoll er ſeyn durch das jetzt allgemein geltende Recht des Staͤrkern, ich will ihn zu meinem Leibpagen machen, und hoffe, daß er Ehrgeiz genug beſitzen wird, mir auf die Bahn der Ehre, zu der ich ihn fuͤhren will, Folge zu leiſten!“ „O nie! nie!“ ſchrie Editha, ſich hinter die Mutter verbergend. „Werft Eure Huld auf einen wuͤrdigern Gegenſtand! Herr Ritter!(flehte dieſe) mein ſchwacher, furchtſamer bloͤder Knabe verdient ſie nicht; die Kriegsbeſchwerden wuͤrden ihn ums Leben bringen! und mich ſein Verluſt! fordert ein Loͤſegeld von mir, was ein armes Weib ge⸗ ben kann, und ich will Euch alles geben, was Ihr fordert!“ „Iſts an Euch, mir Geſetze vorzuſchrei⸗ ben?(ſprach Muskitos mit veraͤchtlichem Stolz) Ich begehre den Knaben und kann he⸗ — 48— haupten, was ich verlange! Hoch will ich ihn halten— theuer und werth! iſt das nicht ge⸗ nug. Bemaͤchtigt Euch des Knaben!(gebot er) und Du Strako, nimm ihn vor Dich aufs Roß!“ Dieſer Befehl ward die Loſung zu einem ſehr ungleichen Kampfe, Edithas Geſchrei hallte in den Gebirgen wieder, ſie umklammerte ihre Mutter, die ſie, wie eine Lowin ihr Junges ge⸗ gen die Jaͤger, vertheidigte, bis ſie verletzt von den Schwertern der Wuͤthriche zu Boden ſank, und nicht mehr verhindern konnte, daß man Editha von ihr riß, und aufs Roß zu heben, im Begriff war. Da aber ſandte der Himmel Rettung. Ein Ritter auf milchweißem Roß, hoch und edel von Geſtalt, brach, gefolgt von den Seinen, wie ein feuriger Blitzſtrahl herein auf die Ruchloſen. Er gehoͤrte zu den Heeren der Union und fuͤhrte den Mannsfelder einen Haufen zu, der den Muskitos und ſeiner Schaar weit uͤberlegen war: Edithas Huͤlfsgeſchrei hatte ſein Ohr erericht, er kam zur rechten Zeit, zwang die Frevler zur Vertheidigung, und der begin⸗ nende Kampf gab Editha Gelegenheit ſich zu befreien, um zu der aus mehreren Wunden blu⸗ tenden Elsbeth zu eilen. Alles andre vergeſſend, lag — lag ſie ſich, ſi hoch a von d Flamm Nauch nenheit Dich i handel die Eh ruhig hand! Täͤchle ich tru fliehe! es Dir fuͤhlen det gl bon g die pr einen b floh, von d Gebür S Gege N — 49— lag ſie neben der Mutter hingeſunken, und muͤhte ſich, ſie zu verbinden, ſo gut es moͤglich war— hoch an dem einen Scheunengiebel ſchlug die von den Verbrechern zu roher Luſt angelegte Flamme ſchon mit gluͤhender Lohe und dichtem Rauch hervor— da kehrte der Elsbeth die Beſon⸗ nenheit wieder:„Fliehe! fliehe!(ſprach ſie) rette Dich ins Gebirge, ſonſt biſt Du verloren; es handelt ſich hier nicht ums Leben, ſondern um die Ehre, die mehr iſt als Leben!— mich laß ruhig ſterben, ich bin in meines Gottes Vater⸗ hand! nimm meinen Seegen, und— dieſes Tuͤchlein mit einigen Goldſtuͤcken und Guͤlden, ich trug ſie bei mir auf dem Fall der Noth— fliehe! ich beſchwoͤre Dich! ich bitte! ich gebiete es Dir, wenn ich nicht des Todes Angſt doppelt fuͤhlen ſoll!“ So gedraͤngt, die Mutter vollen⸗ det glaubend, die in neue Ohnmacht hinſank— von allen Seiten wilden Kampf erblickend, und die praſſelnden Flammen, druͤckte Editha noch einen Kuß auf ihre blaſſen Lippen, und— ent⸗ floh, ihrem letzten Willen gehorſam, wie ein von den Jaͤgern verfolgtes Reh, hinauf in das Gebuͤrge des Odenwaldes. Muskitos war, trotz ſeiner verzweifelten Gegenwehr, geworfen, ſeine Leute lagen todt, 4 — 30— oder waren gefangen, es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſich durchzuſchlagen und in die Waldungen zu ſtuͤrzen, wo er ſich bald mit der Horde ver⸗ einte, die ſich mit, Freuden ſeiner Fuͤhrung bei jenem furchtbaren Ungewitter uͤberließ, welches ſie uͤberfiel, und zur Zuflucht in jene Kapelle noͤ⸗ thigte. Der Sieger, Ritter Albedill von Trautwangen, ein Rheingraf, der bereits dem Heere der Union die ausgezeichnetſten Dienſte geleiſtet hatte, aber deswegen nicht weniger edel und menſchenfreundlich war, ließ ſogleich von ſeinen Kriegsmannen der Flamine Einhalt thun, und Frau Elsbeth verbinden, deren Wunden zwar bedeutend waren, jedoch nicht toͤdtlich zu ſeyn ſchienen. Und als jetzt, da ſie das menſch⸗ liche Walten der Sieger und Retter von Wei⸗ tem mit anſahen, auch das furchtſame Geſinde von den Hoͤhen zuruͤck kehrte, wo ſie ſich in ih⸗ rer Angſt hingefluͤchtet hatten, ſo konnte man ſie der Pflege ihrer Maͤgde uͤbergeben. Von ſei⸗ ner Pflicht weiter gerufen, entfernte ſich nun der Ritter mit ſeiner Rotte, innig erfreut, we⸗ nigſtens die Pluͤnderung verhuͤtet, und ſo wohl der verzehrenden Flamme, als der Wuth jenes frechen Geſindels Grenzen geſetzt zu haben. à — 51— 6. „Ich fuͤrchte dich nicht, kaͤmſt du im zottigen Kleid des Ungeheuers Vom fernſten Pol; ich zittert' nicht. Kaͤmſt du als Löwe, Tiger, oder Wolf, Ich bebte nicht.“ Macbeth. In dieſem Zeitalter, wo es ſelbſt in dem Her⸗ zen von Deutſchland noch undurchdringliche Waͤl⸗ der und haͤufige Denkmaͤler des Goͤtzendienſtes der Vorfahren gab, in jener wild bewegten Epoche des dreißigjaͤhrigen Krieges, der jetzt erſt im erſten Jahrzehend waltete, hatten ſich mehrere Raͤuberbanden in dem Hochwalde zuſammen ge⸗ zogen, ſeine einzigen Bewohner, die wilden Thie⸗ re, getoͤdtet oder verjagt, und den Platz derſel⸗ ben behauptet. Da ihnen viel daran gelegen war, die Kriegsleute von dieſem zu den Alpen fuͤhrenden Wege entfernt zu halten, ſo hatten ſie das Ge⸗ ruͤcht ausgebreitet, als ſey dieſer Wald nicht allein mit wilden— ſondern auch mit reißen⸗ den Thieren angefuͤllt, die ſonſt eigentlich nur in den heißern Zonen einheimiſch ſind; und der Aberglaube, der jeden Funken zur großen Flam⸗ me anblaͤſt, hatte ihn ſogar mit bezauberten, 4* — 52— vom Satan beſeſſenen Spukgeſtalten bevoͤlkert, und ihn den grimmigſten Kobolden zur Woh⸗ nung angewieſen. Man ſagte: der Erbfeind der Menſchen ginge wirklich hier um, wie ein bruͤl⸗ lender Loͤwe, und ſeine Vaſallen zeigten ſich un— ter grauſamen, entſetzlichen Thierlarven; die Ge⸗ gend ward verrufen und man floh ſie allgemein, ſeitdem einige der Verwegenen, die ſich eine Strecke hinein gewagt hatten, ein ſchreckliches Bruͤllen und Heulen vernommen und zwiſchen den Baͤumen Drachen, Loͤwen, Hyaͤnen, Tie⸗ ger, Panther, Leoparden, Orangutangs und Gott weiß welche erſchreckliche Thiere erblickt hat⸗ ten, die ſich einiger von ihnen bemaͤchtigt hat⸗ ten, waͤhrend Andere entkommen waren, um das Erfahrne zu verkuͤndigen und die paniſche Furcht allenthalben zu verbreiten, die ihnen eine ſo vollkommene und gewuͤnſchte Sicherheit ge⸗ waͤhrte. Auch dieſem Vereine ſtand Muskitos als Anfuͤhrer vor, der bald unter Gonſalvo di Cordova, Stahlritter bei den Freiwilligen, bald Hauptmann bei Marina's Horde war; denn alſo verlangte es ſeine vielumfaſſende Thaͤtigkeit. Von dem Allen war der fliehenden Editha nichts bekannt worden, und ſie nahm in ihrer toͤdtlich⸗betaͤubenden Angſt die Richtung auf die Wa nich tert ges als ſchm aufg dem ſtrer Sch Str belen Cdit erba ſein ſiel: gelte — 53— Waldhoͤhen zu, wo ihr die naͤhere Umgebung nicht ganz unbekannt war. Sie lief und klet⸗ terte in Einem fort, ohne des zuruͤckgelegten We⸗ ges ſonderlich zu achten, und dachte an nichts als an die Mutter, die ſie fuͤr todt hielt und ſchmerzlich beweinte. Dazu gemahnte es ihren aufgeregten Sinnen, als waͤren ihr ihre Verfol⸗ ger noch immer auf den Ferſen, ſo daß ſie bei dem Geraͤuſche jedes fallenden Blattes ihre An⸗ ſtrengung zu verdoppeln ſtrebte. Endlich verlie⸗ ßen ſie ihre Kraͤfte ganz und gar, und ſie ſank, abgemattet vom Hunger und Durſt, zu Boden. Schon ward die Sonne, deren wohlthaͤtiger Strahl an dieſem Tage ſo viel Greuel der Erde beleuchtet, ſo viel Blut und Thraͤnen aufgetrock⸗ net hatte, zum glaͤnzenden, auf einem Meere von Golderz und violettfarbenen dunkeln Abend⸗ Gewoͤlk herab ſchwebenden Feuerball; da weinte Editha aus tiefer Bruſt und betete leiſe:„Herr! erbarme dich meiner; faͤllt doch kein Vogel ohne deinen Willen, und bereiteteſt du jedem doch ſein ſchuͤtzendes Neſt, ſollteſt du michedenn ver⸗ laſſen und verſaͤumen, da ich doch mehr bin als ſie!“ Und ſiehe!— an der Hoͤhe hinauf klin⸗ gelte die Heerde buntgefleckter Kuͤhe und ſprin⸗ gender Ziegen, der ein alter Hirt, der dort des — 354— Sommers uͤber Weiden inne hatte, bedaͤchtig nachfolgte— ein guter Engel fuͤr die arme todt⸗ muͤde Editha. Er ſah den Zuſtand des verlaß⸗ nen Knaben, erquickte ihn mit Milch und Brod, und nahm ihn bei einbrechender Nacht mit in ſeine Huͤtte, einen beweglichen, auf zwei Raͤ⸗ dern ſtehenden Karren. Hier ruhte Editha auf dem friſchen duftenden Heulager, und bald ſchlief die Ermuͤdete unter Gebet und Thraͤnen ein, aber mit dem erſten Sonnenſtrahl, der mit flam⸗ migten Zackenſpitzen uͤber die Hoͤhen ſich erhob, weckte ſie der gaſtfreie Alte, reichte ihr eine Schaale friſch gemolkener Milch und einen Sack, worinnen ſich Brod und Kaͤſe befand, er hieß ſie weiter ziehn in Gottes Namen, und empfahl ihr: den Hochwald rechter Hand zu vermeiden, von dem er erzaͤhlte, wie dort der Boͤſe in Ge⸗ ſtalt reißender Thiere ſein nwag ene „Aber ſeyd deshalb nur u rgt, mein Sohn!(ſetzte er troͤſtend hinzu) ich habe ein Stuͤcklein von dem Roſt, auf dem der heilige Laurentius gebraten ward, damit will ich Euch uͤber das Kreuz beſtreichen, und das Ave dazu ſagen, ſo wird er Euch gewiß nichts anzuhaben vermoͤgen!“ Editha, die vermoͤge ihres Unterrichts die ———— Anſi lich: ande dieſe dan nicht ſie nich Heil yfif geſa ſette Stil muͤt — 55— Anſichten des Hirten nicht theilte, fragte aͤngſt⸗ lich: ob es denn nicht moͤglich ſey, auf einem andern Wege uͤber die Alpen zu gelangen, und dieſen gefaͤhrlichen Punkt gar nicht zu beruͤhren, da meinte der Hirt: eine Einſiedelei liege links nicht weit von der Straße, dort wohne ſeit Jah⸗ ren ein heiliger Eremit, dem der Satan nichts anhaben koͤnne, und dort leiden muͤſſe, den ſolle ſie um Rath fragen, er wiſſe die fremden Wege nicht; und dann empfahl er ſie der Obhuth der Heiligen und verließ ſie, ſeine muntre Heerde vor ſich her treibend, indem er ein Morgenlied pfiff. Weinend hatte Editha ihm ihren Dank geſagt, und da ihr nichts Anders uͤbrig blieb, ſetzte ſie den Weg, der zur Einſiedler⸗Wohnung fuͤhren ſollte, vorgeſchriebener Maaßen fort. Nichts Gefaͤhrliches ſtieß ihr auf, die friedliche Stille der Natur wirkte wohlthuend auf ihr Ge⸗ muͤth und die Reitze des reifenden Jahres erho⸗ ben ihr frommes Herz zu dem Schoͤpfer und Erhalter alles deſſen, was war und iſt und ſeyn wird. Am kuͤhlenden Silberquell gelagert, der aus Steinen ſich hervor draͤngte, oder an dem klaren Waldbach, an deſſen gruͤnen Ufern das einfache Treubluͤmlein ſproßte, waͤhrend mun⸗ tre, ſchoͤn geſprenkelte Forellen ſich auf dem Grun⸗ — 56— 4 de luſtig ergingen und ſorglos ſcherzend im Son⸗ erfl nenſtrahl ſich ſpiegelten, lagerte ſie ſich, ihr ein⸗ V Sch faches Mahl verzehrend und Kraͤfte zum immer Da . beſchwerlichern Aufklimmen zu ſammeln, bis fuh ſich wiederum die Sonne mit laͤngern Schatten zu neigen begann. Schon bangte ihr, im Freich N uͤbernachten zu muͤſſen, als ſie mit nicht gerin⸗ Ve ger Freude eine Mooshuͤtte in den gluͤhenden Th Strahlen des Abendroths ſchimmern ſah, vor ihr der ſich ein Mutter⸗Gottes⸗Bild erhob, um das un die letzten Glanzblicke der Sonne eben einen Glo⸗ di rienkranz wanden. Nach des Hirten Beſchrei⸗— d bung war es die Einſiedelei. Beſcheiden und— m furchtſam trat ſie hinein, nachdem ſie mehrmals n vergebens leiſe geklopft hatte, und muͤhte ſich, ihre Anweſenheit durch ein kleines Geraͤuſch zu erkennen 1 zu geben. Sie mochte auch wohl bemerkt ſeyn, fe denn— eben ließ ſich der ehrwuͤrdige Eremit 6 vor ſeinem Betaltare knieend nieder, auf dem 1 ein hoͤlzernes, ſchoͤn geſchnitztes Krucifix ſtand d und ein Todtenkopf lag, und ſchien inbruͤnſtig zu beten, ohne auf ſie zu achten. Editha, ge⸗ 4 m als Lutheranerin, nichts Verdienſtliches damit und der Erde im Gebet zu beugen, ob ſie gleich verband, knieete gleichfalls ſtill am Boden und wohnt ihre Kniee vor dem Herrn des Himmels ¼ 1 4 1 t — 37— erflehte, nach ihrem Glauben, den gnadenreichen Schutz des Allerhoͤchſten, ihm ihr kindliches Dankopfer bringend, daß er ſie bis hierher ge⸗ fuͤhrt habe. Ihre Verlaſſenheit tief empfindend, wie die Naͤhe und den Beiſtand des Ewigen, der aller Verlaſſenen felſenfeſter Beſchirmer iſt— floſſen ihre Thraͤnen dabei ſo haͤufig, daß den heiligen Mann ihr unterdruͤcktes Schluchzen zu ſtoͤren und zu unterbrechen ſchien, denn er ſah ſich jetzt mit einiger Befremdung nach ſeinem Gaſte um, en⸗ dete ſein Gebet und wandte ſich theilnehmend mit der Frage zu ihr:„Woher kommſt Du, mein Sohn? und was begehrſt Du von mir?“ „Chrwuͤrdiger Vater!(antwortete Editha, aufſtehend und ſich ſchuͤchtern ihm naͤhernd) ich flehe Euch um Schutz fuͤr dieſe Nacht, und um Euren Rath auf Morgen an. Ihr ſeht einen armen Knaben aus dem Pfaͤlzer⸗Gebiet vor Euch, dem die Wuth wilder Krieger die Mutter er⸗ mordet hat, da er unlaͤngſt den Vater beweinen mußte! Als Bettler und Waiſe mußte ich Hei⸗ math und Eigenthum, welches ein Raub der Flammen wurden, mit dem Ruͤcken anſehen, und nun will ich, fern von dem blutigen Trei⸗ ben in meinem Vaterlande, gern uͤber die Alpen —— —— — 58— ziehen, und mir in dem ſchoͤnen ſonnigten Lande gluͤck Italia, wo jetzt Gottes Sonne auf die friedliche verge Erde herab ſieht, irgend ein ſtilles Plaͤtzchen aufſuchen, wo ich durch Arbeit mein armſeeli⸗ kaun ges Leben friſten kann.“ die „Du biſt uͤberaus zart und wohlgebaut, V den mein Sohn!(antwortete Pater Prokop, ſo hieß Gebt der Einſiedler, forſchende Blicke auf die arme friſ 6 erroͤthende Editha werfend) und die Beſchwerden ndg der Reiſe und der Arbeit duͤrften Dir zu ſchwer ſchne 4 fallen; vielleicht laͤßt ſich etwas Andres fuͤr Dich Fül h ausmitteln. Nimm jetzt Platz unter meinem ſeid Obdach und erquicke Dich mit der geringen Nah⸗ 85 rung, die ich Dir reichen kann!“ und 1 Editha folgte der hoͤchſt willkommnen Ein⸗ V zui ladung, und ſetzte ſich auf die Moosbank, ſich 5 glücklich preiſend, ihre ermuͤdeten Glieder aus⸗ als ruhen zu koͤnnen; der Eremit ſetzte einen Krug kake mit Obſtwein, Honig, Brod und einige wilde Al Aepfel vor ihr auf den hoͤlzernen Tiſch und ſah w boch mit Vergnuͤgen, wie der hungrige Gaſt ſich labte; he als er aber zu Ende des einfachen Mahls be⸗ 3 merkte, wie Editha vor Mattigkeit die Augen 4 2 zufielen, wies er ihr im Hintergrunde der Huͤtte ein Mooslager an, auf das ſie erſchoͤpft nie⸗ derſank, und ſehr bald im feſten Schlafe der 7 p ——— vergeſſen hatte. Die Blicke der Morgenſonne hatten aber kaum den innern Raum der Huͤtte erhellt, als die Jungfrau wie neu belebt, von dem ſtaͤrken⸗ den Schlaf erwachte, und aus der Huͤtte ins Gebuͤſch ſchlich, wo ſie den Abend zuvor eine friſche Quelle bemerkt hatte. Hier fand ſie es moͤglich, ſich durch ein Bad zu erquicken, und ſchnell ihre Knabenkleidung wieder anlegend, die Fuͤlle der goldblonden Locken unter ein braun⸗ ſeidenes Netz verbergend, wie es unter den jun⸗ gen Leuten nach ſpaniſcher Sitte, oft getragen, und Reſidilla genannt ward, begab ſie ſich zu ihrem Gaſtfreunde zuruͤck. Dieſen ergriff ein nicht geringes Staunen, als der reizende Knabe, vom Licht des Tages beleuchtet, friſch wie das Rhododendrum der Alpen, und eben ſo zart, vor ihm ſtand, das hochgewoͤlbte, tiefblaue Auge vertraulich zu ihm erhob und ihn mit ſchwermuͤthigem Laͤcheln um die feingeſpaltenen Purpurlippen, fuͤr die perſtat⸗ tete Ruhe dankte. „In Wahrheit, mein Sohn!(ſagte Pater Prokop) der Himmel hat Deinen Beruf auf Er⸗ den ſichtbarlich ausgeſprochen und Du darfſt gluͤcklichen Jugend, das ſie betroffene Ungluͤck — 60— Dir um Dein Fortkommen nicht bange ſeyn laſſen! Deine zarte Jugend, die Dir in ſo rei⸗ chem Maaße verliehne Schoͤnheit, ſpricht es deut⸗ lich aus: daß Du dem Herren geheiligt ſeyn ſollſt. Ich werde Sorge tragen, daß Du dieſe Deine hoͤhere Beſtimmung erreichen kannſt, und Dich mit einem gewichtigen Empfehlungsſchrei⸗ ben in das benachbarte Kloſter des heiligen Fran⸗ ziskus ſenden, wo man dich mit Freuden auf⸗ nehmen wird!?“”“? 1„unmoͤglich kann ich dieſe Eure Guͤte an⸗ nehmen!(rief die erſchrockne Editha) Mein Glaube ſchließt mich von derſelben aus.“ 4„Was hoͤr ich!(ſchrie Prokop, wich mit Entſetzen zuruͤck und ſchlug Kreuz uͤber Kreuz in die Luft) ſo hat mir der Boͤſe wohl gar Deine ſchone Geſtalt nur vorgezaubert und tritt mir als ein kezeriſcher Knabe vor die Augen. Weiche von mir, Du unreiner Geiſt. Conjuro te ex- orcissimae!“— „Laßt Euch doch Eure Menſchlichkeit ge⸗ gen ein armes Waiſenkind nicht reuen!(flehte Editha in ſo ſuͤßen Toͤnen, daß der Pater mehr als je an Bezauberung glaubte) laßt uns doch uͤber das, was wir glauben, nicht ſtreiten, fah⸗ ret fort, Barmherzigkeit an mir zu uͤben, wie ſie uns allen geboten iſt. Ich ſtehe fr ſchon be⸗ reit, Euch zu verlaſſen, wollt mir nur den ſicher⸗ 4 ſten Weg nach Welſchland noch andeuten, ſo will ich Euch Lebenslang danken!“ „Juͤnger Thor!(ſagte jetzt der Eremit freundlicher) laß Dir gerathen ſeyn! mit dem verdammlichen Glauben, den Du als Aushaͤn⸗ geſchild gebrauchſt, gehſt Du dort Deinem ſi⸗ chern Verderben entgegen; ſchwoͤre Deine Irr⸗ thuͤmer ab, und kehre in den Schoos unſrer allein ſeeligmachenden Kirche zuruͤck, dann ſtehn Dir hier und dort alle Wege zu Gluͤck und Heil offen.“”“— Da faltete der holde Knabe die zarten Haͤnde uͤber der Bruſt, und ſchlug das in himmliſchem Feuer blitzende Auge zum Himmel! „Wie! den Glauben ſollt ich verleugnen, dem ich in Noth und Tod treu zu bleiben ge⸗ lobt habes— ſolch großes Uebel ſollt ich thun, und an dem Herrn meinen Gott ſuͤndigen— 2 (bebte es, wie aͤoliſche Harfentoͤne, von den Lip⸗ pen der Jungfrau) Nun und nimmermehr! werde was da will, ich werde meiner Ueberzeu⸗ gung treu bleiben!“ 8 „So weiche von mir, Du junger Uebel⸗ haͤter Guͤrnte der ergrimmte Prokop) noch in die⸗ ſem Augenblicke verlaß dieſe heilige Wohnung, Du giftige Natter, Du bunte Schlange, Du Satanskind!“ Erſchrocken griff Editha nach ihrem Stabe, um zu gehorchen, da erhob ſich vor der Huͤtte ein großes Geraͤuſch, ein Edelfalke kam mit ſchwirrendem Zuge herein geflogen, hinter ihm erſchien— ein furchtbarer Loͤwe— laut auf⸗ ſchreiend fluͤchtete ſich Editha auf das Moosla⸗ ger im Hintergrunde der Einſiedelei. 7. „Fragt man die Taube in der Klau des Geiers Wenn ihr das Raubthier, nach dem Herzblut 2 lechzend Die weiße Bruſt zerhackt:„wie geht dir's Taͤubchen?“ Macbeth. Der Pater Eremit ſchien auf keine Weiſe er⸗ ſchrocken, uͤber dieſen ſonderbaren Beſuch, viel⸗ mehr redete er das Ungeheuer mit zornigen Worten alſo an: „Welcher Hoͤllengeiſt treibt Dich jetzt hier⸗ her, Muskitos; konntet Ihr— denn gewiß ſind Deine Genoſſen nicht weit!— kein andres— 1. — — Ziel Eures Umlaufs finden, als die Wohnung eines Heiligen? oder iſts die Menge Deiner Suͤnden, die Dich abermals zur Nachſuchung des Ablaſſes treibt? wie dem auch ſey, Haupt⸗ mann, Du haſt Deine Zeit ſchlecht gewaͤhlt, um nicht entdeckt zu werden, denn ich kann Dir ſa⸗ gen: daß ich nicht allein bin!“ Da richtete ſich der majeſtaͤtiſche Waldkoͤ⸗ nig, der wie es ihm geziemte, auf allen Vie⸗ ren hereingekommen, hoch auf, dem Anſcheine nach, auf ſeinen Hinterfuͤßen ſtehend, welches ihn nur noch graͤßlicher machte, und ſich mit der zottigen Vorderpfote, „ daß dieſer knackte und wankte, „Wer anders ſollte be Prokop, als hoͤchſtens ein ein aͤhnliches Ungeziefer?“ i Euch ſeyn, Vater e Fluͤgelmaus, oder „Ein ketzeriſches, ſag ich Euch! der Leu nicht Blut? Ketzerkind ſteckt unt das ich fuͤr einen nigſtens ihn zu gew Entſetzen vor Euern — wittert — ja— ein vermaledeietes er dieſem heiligen Obdache, Sohn der Kirche hielt, we⸗ innen glaubte. Es floh mit 1 Anblicke, und wird nun — 64— jedermaͤnniglich verrathen, mit was fuͤr reißen⸗ den Thieren der Wald bevoͤlkert iſt!“ „Eh muß es ſterben!(rief Muskitos) das Todesſiegel verſchließt jede geſchwaͤtzige Lippe am ſicherſten! wie konnte man bei Euch dergleichen Beſuch vermuthen!“ „Warum aber faͤllſt Du mir wie ein Blitzſtrahl ins Haus?(fragte der Eremit aͤrger⸗ lich) ich glaubte den Stahlritter in voller Blut⸗ arbeit!“ „Sie iſt gethan, aber zur Zeit einer au⸗ genblicklichen Waffenruhe, bindet den Freiwilli⸗ gen kein Dienſt! Ich zog daher eine Weile mit Marina, wo uns der ſchwarze Engel alle Un⸗ wetter der Hoͤhe und Tiefe auf den Hals ſchick⸗ te; jetzt liegt mirs ob, meine Kolonie im Walde heimzuſuchen, und da ich bei Euch vorbeizog, ſo mancherlei auf dem Kerbholze habe, auch wohl noch mehr darauf bekommen werde, wollte ich freilich ſehn, was heute fuͤr Geld und gute Worte mit Euch anzufangen waͤre, denn wenn ich mir auch nichts draus mache, ſo ſind doch meine Gitanos mitunter ſo rechtglaͤubig, daß— „Sie verdienten ein froͤmmeres Oberhaupt zu haben, als Euch! da jedoch der heilige Au⸗ guſtin ſagt:„O felix grande peccatum, quoc me-. meruit tantum remissionis gradum,“ ſo will ich auch dießmal noch, dafern wir Handels einig werden.“— „Vor allen Dingen(unterbrach ihn Mus⸗ kitos) muͤßt Ihr mir den ungebetnen Gaſt aus⸗ liefern, damit ich Recht und Gerechtigkeit uͤbe, es geht dann gleich auf eine Rechnung!“ „Unverſchaͤmter— grimmiger Bluthund! Gzuͤrnte jetzt der Pater) Bin ich Dein Haͤſcher? ſoll ich Dir nicht lieber gar das wehrloſe Ge⸗ ſchoͤpf ausliefern? iſts nicht genug, daß es viel⸗ leicht ſchon Euer Anblick, wie der eines giftigen Baſilisken getoͤdtet hat?“⸗ Noch ſprach und eiferte er, da zeigte ſichs, daß der Falke ſchon das Haͤſcheramt uͤbernom⸗ men hatte, mit großem Geraͤuſch umkreiſte er den Winkel, wo ſich die arme Editha verborgen hielt, und ſein gewaltiger Fluͤgelſchlag gab zu erkennen, daß er etwas Fremdartiges aufgeſpuͤrt hatte. Lachend folgte ihm Muskitos, ergrif, und ſchleppte den todesbleichen Knaben ans Licht! „Du biſts?!(rief er jetzt als dieſes ihm ſeinen unverhofften Fang in voller Klarheit zeig⸗ te) Du!!— ja— ja das Schickſal iſt gerecht, 5 und giebt dem Muskitos ſeine Bute mieder. S — 66— Steh nur auf!(ſetzte er jetzt ſo ſanft hinzu, als ers vermochte) fuͤrchte nichts von dem L⸗ wen! zwar ſollte er zerreißen, was in ſeine Ge⸗ heimniſſe drang aber Du biſts, er wird Deiner ſchonen.“ „Kann denn der Ketzerbube hexen?(fragte der Eremit mit Erſtaunen) daß der wilde Mus⸗ kitos— der Loͤwe! ſo ploͤtzlich zum Laͤmmlein ſich umgeſtaltet!“ Aber ohne auf ihn zu achten, hob dieſer den zu ſeinen Fuͤßen weinenden Knaben auf, und ſprach: „Jetzt werd' ich die willkommne Beute in Schutz bringen!“ Da riß ſich die geaͤngſtete Editha von hur los, fluͤchtete zu dem Pater, und ſich hinter ihm verbergend, flehte ſie:„Um des barmherzi⸗ gen Gottes willen rettet mich— erbarmet Euch meiner!“- 3 „Was willſt Du, daß ich hier thun ſoll? (fragte der Eremit) das Recht des Staͤrkern iſt auf ſeiner Seite! Zudem biſt Du ein Ketzer—. einen Sohn der Kirche wuͤrde ich zu ſchuͤtzen wiſſen!— oder wie?— willſt Du nun Deine Irrthuͤmer verlaſſen!“ „Ich will ſterben!“ ſchrie ſie mit Todes⸗ 5 —*⁸ 2 — 67— angſt, und brach zuſammen. Muskitos ſchien geruͤhrt, er neigte ſich zu ihr herab, legte die Lippen an ihr Ohr, und ſprach leiſe:„Es ſoll Dir kein Leid geſchehn! ich weiß daß Du Edi— tha biſt, die ich liebe!“ Ein namenloſes Entſetzen ergriff die Jung⸗ frau, wie Dolche fuhr es durch ihre Bruſt, ſie ſtieß einen Schrei aus, und fiel jetzt in Ohn⸗ macht. Der Pater wollte Huͤlfe leiſten, aber Mus⸗ kitos, eiferſuͤchtig auf ihr Geheimniß, wehrte ihn ab, ſagte: daß dies der guͤnſtigſte Augenblick ſey, den Knaben ohne Geſchrei und Gewinſel fortzubringen, nahm Editha in ſeine nervigten Arme, und trug ſie fort, ohne auf den Eremi⸗ ten zu hoͤren, der ihm nachſchrie: doch zuvor ſeine Gewiſſensrechnung in Ordnung zu bringen. Vor der Einſiedelei erhob er ein loͤwenaͤhnliches Gebruͤll, und ſogleich ſtuͤrzten aus dem benach⸗ barten Walde eine furchtbare Anzahl wilder Thiere hervor, ſeine Befehle zu erwarten, ein Anblick der die arme Editha ohne ihr gluͤckli⸗ ches Unbewußtſeyn getoͤdtet haͤtte. Woͤlfe, Baͤ⸗ ren, Tiger, Leoparden, Fuͤchſe, Affen und was dergleichen auslaͤndiſche Beſtien mehr waren, umgaben ihn mit forſchenden Blicken, er aber 5*, hieß die Mehrzahl gehn, um in dem Caſtell alles zu ſeinem Empfange zu bereiten, und nur ſche V zwei Fuͤchſen befahl er, zu bleiben, aufrecht zu füh — gehn, und den ohnmaͤchtigen Knaben, ſanft und ſie I ſaͤuberlich ebenfalls in ſeine unterirdiſche Woh⸗ ru nung zu tragen, die er mit jenem Namen be⸗ zeichnete, er ſelbſt aber ſchritt neben ihnen her,. 5 die Blicke feſt auf die reitzende Jungfrau gehef⸗ 6 tet, die bleich und blaß wie eine geknickte Lilie ruf in Armen des Todes zu liegen ſchien, denn ein gen traumloſer Schlummer hielt ihren Geiſt lange 1 bed umfangen, ihre Sinne gefeſſelt, bis ſie endlich uh durch das Spiel der Luft die ihre Wangen be⸗ ſa ruͤhrte, und durch die gleichfoͤrmige Bewegung 1 du ihrer Traͤger, aus demſelben erwachte; aber um- bu geben von den furchtbaren Thierlarven war ihr Zuſtand ſo verzweifelnd, daß, wiewohl ſie jetzt 1 zu der Ueberzeugung kam, daß ſie ſich unter m Menſchen befinde, ihr dieſe keinen Troſt ge⸗ waͤhrte, denn was hatte ſie, die Schwache, Un⸗ beſchuͤtzte, von dieſen, die ſich zur Thierheit 4 herab gewuͤrdigt hatten, nicht alles zu fuͤrchtenn ſe 4 ſie!„unter Larven die einzige fuͤhlende Bruſt! 3 ja vielleicht ward ſie noch grauſamer von ihnen 1 behandelt, als von jenen. Zittern und Zagen, Angſt und Entſetzen drang in ihre Seele, ſie V * — 69— druͤckte die Augen wieder zu, nur um die Ab⸗ ſcheulichen nicht zu ſehn, und bemuͤhte ſich fuͤhllos und unbeweglich zu ſcheinen, waͤhrend ſie im Innern ſich mit Daniel in der Loͤwen⸗ grube verglich, und wie er, den Schutz des Himmels anflehte, gegen dieſe Geſpenſter der Hoͤlle! Schon vergoldeten die Abendlichter, die Gipfel der hohen Waldbaͤume, die ihnen, gleich aufgepflanzten Rieſen, die gruͤnen Arme entge⸗ gen ſtreckten, ſich mit dem Schilde der Nacht bedeckend, ſchon ſchwirrte das Kaͤuzlein und der Uhu, von dem ſeltſamen Zuge aufgeſchreckt, ſcheu empor, fuhr Eidechſe und Kroͤte uͤber die durchs Dickigt ſich ſchlaͤngelnde Bahn, dufteten balſamiſcher die Thaugetraͤnkten Waldkraͤuter, und Schlingpflanzen, die Schritte feſſelnd, als der ſonderbare Zug an dem Orte ſeiner Beſtim⸗ mung anlangte. Hinter verwachſenem Diſtelgehaͤge, und Sta⸗ chelgeniſt, ſcharrte einer der vorangeeilten Affen jetzt unter dem hohen Graſe, einen dicht am Boden verborgnen Eiſenring los, zog dieſen aufwaͤrts, und brachte dadurch das dumpfe Rauſchen eines unterirdiſchen Vulcans hervorz der Boden wich, und gaͤhnte in einem grauſeu⸗ — 1—— ——— — —— 2— ———— — pe%ddddppd&—— —— vollen Abgrunde, aus dem ſich jetzt eine Nebel⸗ ſaͤule von mephytiſchen Duͤnſten erhob. Als ſie ſich zertheilt hatten, ward eine ge⸗ wundene, in Stein gehauene Stiege bemerkbar, in die ſich jetzt jene Larven in vollen Spruͤngen hinunter ſtuͤrzten; nur Edithas Traͤgern wurde von dem Hauptmann die groͤßte Behutſamkeit gebo⸗ ten und ſo ſtiegen ſie langſam und vorſichtig mit ihr in die Tiefe der Erde wohl 500 Fuß hinab, bis ſie eine geraͤumige gewoͤlbte, mit vielen Ausgaͤngen verſehne Halle erreicht hatten. Von großen brennenden Holzhaufen magiſch be⸗ leuchtet, gewaͤhrte das Ganze, einen furchtein⸗ floͤßenden Anblick, und ſchien ſinnbildlich Plu⸗ tos Reich darzuſtellen. In der Ferne vernahm man Stampfen, Reiben und Pochen, wie von. mehrern, in ſich immer gleichbleibendem Takte, fortarbeitenden Maſchinen, und dieſes dumpfe eintoͤnige Geraͤuſch, wiederholte der hohle Schall des Echos ſo betaͤubend, daß Editha in eine neue Ohnmacht fiel. Man durchzog dieſe Hal⸗ le, als man aber in die angrenzenden Gaͤnge kam, ward dieſer Lerm voͤllig toſend und Don⸗ ner aͤhnlich. Statt der Holzhaufen beſtralten Kienfackeln den Weg, und bezeichneten dunkle Rieſenſchatten an den gruͤnlich feuchten Mauern. ——— + 71— Ueberall ſah man in tiefe Gewoͤlber, wo meh⸗ rere Maͤnner ſehr geſchaͤftig arbeiteten. Einige hiel⸗ ten Papierſtreifen in den Haͤnden, andere ſchwar⸗ ze, viereckige Breter, die andern tauchten große Schwaͤmme in eine fluͤſſige ſchwarze Materie; Manche trieben große Maſchinen, deren Pol⸗ tern wie Meeresbrandung klang, und zu wel⸗ chem man das Rauſchen eines Waſſers, und den Takt eines Muͤhlraͤderwerks vernahm. Man trug Editha jetzt ſchneller hier vorbei, wenn ſie aber auch zur Beſinnung kam, und einen Au⸗ genblick die Augen aufſchlug, ſchreckten ſie doch die rußigen Cyclopen, die ſie erblickte, bald wieder in ihren Zuſtand zuruͤck. Ploͤtzlich bog man mit ihr um einen Winkel) der die Aus⸗ ſicht in einen Saal hatte, wo mehrere abſchre⸗ ckende Geſtalten in abgeſonderten Klauſen, eifrig mit Zeichnungen und Schreiben beſchaͤftigt wa⸗ ren. Man ſtand vor einer niedrigen Eiſen⸗ thuͤre, gegen welche Muskitos mit beiden Fuͤßen ſtieß, und donnerte:* „Horka! Horka! thue auf! alte Hexe! wo ſteckſt Du!“ ſchrie er. Die Thuͤr gab nach, und wich nach In⸗ nen. Der wirre Graukopf der Lieblichen, die ge⸗ fordert ward, zeigte ſich im halb geoͤffneten Eingang. „Was befiehlt mein Hauptmann?(fragte ſie im ſchlaftrunknen Tone) und wie kommts, daß er ſchon wieder zuruͤck iſt, eh das Kaͤuzlein die Mitternacht abruft? Warum ſtoͤrt man Moi⸗ ras Mutter aus ihrem erſten Schlaf?“ „Wir bringen Dir einen kranken Knaben! (antwortete Muskitos) Du mußt ihn in Dein Gemach nehmen, da Moira bei der Horde iſt, und Deine Heilkuͤnſte an ihm uͤben; denn mit Deinem Kopfe ſollſt Du mir einſtehen fuͤr ſein Leben!“ „So— ſo!(brummte die Zigeunerin, in aller ihrer naͤchtlichen Bequemlichkeit hervor tre⸗ tend, und ſtatt aller Bedeckung einen alten ro⸗ then Mantel feſthaltend, der ihre Gebeine nur nothduͤrftig einhuͤllte) Nun, ſo bringt ihn nur herein, daß ich ſehe, was zu thun iſt!(ſie ſtieß hier die Thuͤr ſo weit auf, als es gehn wollte, befeſtigte den Mantel mit einem Stricke um den Leib, ungehinderter handthieren zu koͤnnen, und in Eil einige Kiſſen und Decken auf eine Lager⸗ ſtatt werfend, befahl ſie, als man Editha in das vom Lampenſchimmer matt erhellte und ziem⸗ lich bequeme Gemach trug:„Hier her mit ihm!“ — 73— Aber als man ihr gehorcht hatte, Editha ſo ſtill und regungslos vor ihr lag, und ſie ihre Todten⸗ 1 blaͤſſe ſah, rief ſie aus:„Herr! Ihr bringt 1 mir einen Todten!— Das junge Antlitz leuch⸗ tet ja wie Bergſchnee im Mondenlicht! Denkt Ihr, ich koͤnne dem Engel des Todes ſeine Beute abjagen?“ „Elende!(ſchrie Muskitos) ſiehſt Du denn nicht, daß es nur eine Ohnmacht iſt; den zar⸗ ten Knaben hat eine Schwaͤche uͤberfallen. Gieße 3 die koͤſtlichſten Spezereien aus Arabien uͤber ihn aus, ſalbe ſeine Fuͤße mit Narden, ſein Haupt mit Roſenoͤl; reiche ihm Wein aus Chios und Syrakus, labe ihn mit dem Beſten, was da iſt. Er ſoll— er muß geneſen!““ Und fort ſtuͤrmte Muskitos wie der Wir⸗ belwind, der alles vor ſich her treibt, warf die Eiſenthuͤr droͤhnend ins Schloß, und ließ Edi⸗ tha bei der Alten allein. 8. 1 „Wie friedlich ſchlummerſt du, du ſchoͤnſte der 1 Geſtalten!“ 4 aus„Cecilie.“— Die alte Horka nahm jetzt eine Lampe, goß — Oel hinein und beleuchtete die arme Editha, nachdem ſie ein aromatiſch duftendes Raͤucher⸗ werk auf die Kohlen geſtreut hatte, das ſeinen belebenden Wohlgeruch im einem blaͤulichen Ne⸗ bel umher verſtreute. „Wach auf, Puppe!(ſagte ſie hoͤhniſch) denn anders biſt Du doch nichts, als ein neues Spielzeug fuͤr den großen Knaben!— will er die alte Horka blind machen, daß ſie Mona's Nachfolgerin nicht in dir ſehen ſoll?— auch gut! warum hoͤrt Mona die Mutter nicht, und bin⸗ det ſich mit thoͤrichter Leidenſchaft nur an den Einen— Gebieteriſchen! giebt's doch der ſchoͤnen Jungen mehr, die ihr nachziehen, wie Schmet⸗ terlinge der duftenden Blume.— Sieh da— hier wird endlich Leben!“ Editha war ſchon fruͤher erwacht, und hatte Vieles von dem, was die Zigeunerin unbeachtet vor ſich hin brummte, verſtanden, ein Funken von Hoffnung fiel in ihre Seele, und raſch war „ mattet ſie war, und in Thraͤnen ausbrechend, redete ſie Horka folgendergeſtalt an: „Ihr alſo ſeyd zu meiner Kerkermeiſterin beſtimmt?“ „Ich bin wozu des Hauptmanns Gebot ihr Entſchluß gefaßt, ſie richtete ſich auf, ſo er⸗ mich zu machen beliebt!“ nuͤßelte verdrießlich die Alte. „Wenn Ihr ein menſchliches Herz in der Bruſt habt, wenn ihr an einen allerbarmenden Gott glaubt, ſo habt Barmherzigkeit mit mir, Vertrieben durch die Wuth der Krieger, die mir die Mutter toͤdteten, habe ich mein ſchoͤnes Land verlaſſen, und wie ein Fluͤchtling umher irren muͤſſen. Ich habe nichts verbrochen, und den⸗ noch ſtraft mich Euer Gebieter ſo fuͤrchterlich, daß er mir auch noch meine Freiheit und das Licht der Sonne raubt. Wie der tuͤckiſche Vog⸗ ler der armen, leicht zu beruͤckenden Nachtigall nachſtellt, und ſie in ſeinen Schlingen faͤngt, ſo hat er mich gefangen und in dieſe abſcheuliche Gruft gebracht. Was er mir fuͤr ein Schickſal beſtimmt, weiß ich nicht, aber gewiß werde ich mein Ungluͤck nicht uͤberleben!— warum hat er mich nicht gleich oben getoͤdtet, wo der letzte Strahl des Lichts meinem brechenden Auge ge⸗ uchtet, wo die heiligen Stimmen der erhabenen Natur mich eingeſungen haͤtten, wie die Mutter ihr leidendes Kind! Warum hier— hier un⸗ ter der Erdee! O! wenn Ihr je Mutter waret, ſo erbarmt Euch meiner; ich will Euch auch nichts verhehlen. Wiſſet, daß ich kein — Knabe, ſondern eine ungluͤckliche Jungfrau bin, Namens Editha; und ſo fleh' ich Euch noch ein⸗ mal um Barmherzigkeit an!“ „Wußt' ichs etwa nicht?(antwortete Hor⸗ ka) haͤtte es nicht die Duͤmmſte von uns einge⸗ ſehen, daß der Hauptmann um eines ungezoge⸗ nen Buben willen nicht ſolch Aufhebens machen wuͤrde! als die Lampenſtrahlen auf Dein Antlitz fielen, und ich es weiß ſahe wie Laͤmmerwolle, zart wie die Blaͤtter der Waſſerlilie, und Dei— nen Wuchs der jungen Palme gleich— als ich Muskitos ſchwarzes Schlehen⸗Auge beweglich und funkelnd, wie einen Komet, aber ſorgſam und zaͤrtlich, wie Turteltauben⸗Blick, auf Dich ge⸗ heftet ſah— als er Dich mir brachte ins Frau⸗ engemach, und nicht ſeinen Knechten und Arbei⸗ tern, als er mein Leben ſogar mit wilder Haſt einſetzte fuͤr das Deine— da haͤtte ich nicht Horka ſeyn duͤrfen, um zu wiſſen, woran ich war. Es iſt aber ſchoͤn, blankes Toͤchterlein, daß Du aufrichtig Dich erweiſeſt, und ſo ſey nun unbe⸗ ſorgt und traue mir; denn ich bin nicht der Schlimmſten Eine, wiewohl des Herrn Magd. Was ich thun kann, Dir Dein Vertrauen zu lohnen, das ſoll geſchehen. Du nannteſt Dich Editha?— ſag, wo biſt Du her? — — 77— „Vom Pachthofe an der Grenze im Gebirge⸗ Andreas Utzberg war mein Vater, Frau Elsbeth iſt meine Mutter!... ach Gott!— geweſen!⸗ und heftiger weinte das verlaſſene Maͤdchen bei der Erinnerung an ihren Verluſt. „Wie? Du biſt die kleine holdſeelige Edi⸗ tha, die uns oft Brode herbei trug, ſchwerer als ſie ſelbſt, und Milch, weiß wie ihre Haut, wenn Frau Elsbeth uns gaſtlich aufnahm in ihre Scheuer. Ja— ja! ſolch Pflaͤnzlein mußte ſolch ein Roſenbuſch werden!— Aber ſag mir, Kind, wie hat Marina, unſre Altmutter, bei der Deine Aeltern ſo hoch in Ehren ſtanden, zugeben koͤn⸗ nen, daß der Hauptmann hier ſeine Unbilden trieb?21. „Ich war auf der Flucht, zu der ich von meiner ſterbenden Mutter gezwungen ward, weil er mich ihr gewaltſam entfuͤhren wollte, wie⸗ wohl ich in Knabentracht, und, wie wir glauh⸗ ten, unkenntlich war; ein Ritter— was ſag ich— ein Gott geſandter Held, mein rettender Engel! ſo herrlich, ſo edel, ſo tapfer!— er kam uns mit den Seinen zu Huͤlfe; meine arme Mut⸗ ter hatte bereits die ſchnoͤde Willkuͤhr toͤdtlich verletzt; waͤhrend der Kampf begann, die ange⸗ legte Flamme tobte, hatte ich kaum Zeit, ihre Wunden zu verbinden und mußte— auf ihr Gebot— die Sterbende verlaſſen. Muskitos traf mich auf der Flucht, raubte mich aus der Huͤtte eines Eremiten, der mir Gaſtfreundſchaft gewaͤhrt hatte, und bemaͤchtigte ſich meiner.“ „Armes Maͤgdlein! da biſt Du wohl toͤdt⸗ lich erſchrocken uͤber den grimmigen Leu? Da haſt Du Dich wohl in Lybiens Wuͤſten geglaubt, unter reißenden Thieren? Aber ſieh, Edithchen, es ſind nichts als Larven, die ſie ſich von dem Carneval in Welſchland mit heruͤber brachten, um die Leute von dieſem unſern Caſtell in Deutſch⸗ land, wo Marina und Muskitos ihre Muͤnzer arbeiten laſſen, abzuhalten. Trefflich iſt's ge⸗ lungen! Freilich mußten Anfangs einige Ver⸗ wegene und Neugierige ihren Vorwitz buͤßen, nun aber koͤnnen ſie ungeſtoͤrt arbeiten, und ſehn auch nur wenige von den Arbeitern das Licht des Tages wieder, unſer Gold, unſer ſchoͤnes Gold und rare Muͤnze kommt doch oben in Um⸗ lauf unter den Heeren. Da Du nun einmal da biſt, ſchoͤn Edithchen! wirſt Du freilich nun auch da bleiben, und unſern Haushalt vermeh⸗ ren muͤſſen; Du wirſt gehalten werden, wie ein Fuͤrſtenkind, ſo lang Du des Hauptmanns Ge⸗ liebte ſeyn wirſt!— — 79— „Ich?—(rief die Jungfrau mit Entſe⸗ tzen) Nimmermehr! ſchweigt von ſolchen ehren⸗ ruͤhrigen Dingen, denen ich den Tod tauſend— mal vorziehe!“ „Ei, ei Voͤglein!(hohnlachte die Alte) was hilfts, ſich den Kopf einſtoßen am Gitter? beſſer luſtig gelebt und froͤhlich geſungen in dem goldenen Kaͤfig. Du wirſt ſchon noch kirre wer⸗ den, Toͤchterlein! und„kein Menſch kann ſa⸗ gen, aus welchem Waſſer er noch wird trinken muͤſſen!*) „Verſchont mich mit ſo ſtrafbarer Rede, mein Entſchluß ſteht feſt, nie werde ich Euerm Hauptmann Gehoͤr geben, ich werde den Tod vorziehn, und wollt Ihr nicht Schuld an dem⸗ ſelben ſeyn, gute Horka, ſo laßt Euch meine Thraͤnen ruͤhren, gebt mir meine Freiheit wieder!“ „Thoͤrichtes Kind! und Du glaubſt wirk⸗ lich, das ſtehe nur ſo in meiner Gewalt? haſt Du nicht geſehn auf welche geheime Weiſe Du hier herunter gebracht worden biſt, und zwei⸗ felſt Du, daß ich ſelbſt ohne den Willen des Hauptmanns das Licht der Oberwelt ſehen darf? 53 * ein ſpaniſches Sprichwort. V ————— —y— — 80— Iſts nicht eben ſo, als ſpraͤchſt Du: da oben glaͤnzt ein ſo heller Silberkahn am Himmel, lange ihn herunter, daß ich einſteigen, und auf dem Wolkenmeere ſchiffen kann; oder: da glaͤnzt ein gar heller Edelſtein am Firmament; lange ihn her, daß ich mir einen Ohrring daraus mache! Nein, nein blankes Maͤgdlein, Un⸗ moͤgliches mußt Du nicht von mir begehren, aber alles Andre, was in meiner Gewalt ſteht, ſoll Dir werden. Und ſo gieb dich nur gedul⸗ dig in Alles, was ich mit Dir vornehmen werde!“ Horka bereitete jetzt ſchnell ein ſtaͤrkendes Bad von duftenden heilſamen Kraͤutern, und waͤhrend Editha ſich deſſen bedienen mußte, ſchloß ſie ihre Vorraͤthe auf, und bereitete ihr, nicht nur ein weiches, ſondern ſogar ein ſo praͤch⸗ tiges Lager, als ſolle eine aſiatiſche Fuͤrſtin dar⸗ auf ruhen. Dann huͤllte ſie die Jungfrau ſorg⸗ lich in das feinſte Linnen, und breitete leichte Purpurdecken uͤber ſie aus; nun brachte ſie ihr kräͤftige Speiſe, und einen Becher des koͤſtlich⸗ ſten Rheingewaͤchſes, ſo, daß Editha vollkommen erquickt und geſtaͤrkt, zuletzt in einen langen Schlummer fiel, von dem ſie erſt 24 Stunden ſpaͤter geſund und ohne alle Spuren der Ermat⸗ tung erwachte. Als ſie die Augen aufſchlug, und — 81— und alle Bilder der Gegenwart, welche der heil⸗ bringende Schlummergott in ſeiner unausſprech⸗ lichen Wohlthat, die er allen Leidenden erzeigt, auch ihr aus dem Gedaͤchtniß verbannt hatte, ſich ihr wieder in ihrer Entſetzlichkeit darſtellten, erblickte ſie die alte Zigeunerin, die mit muͤtter⸗ licher Sorgfalt zu ihren Fuͤßen ſaß. „Nun bei den Hoͤrnern des Serapis!(ſagte ſie lachend) das hieß geſchlafen! 24 Stunden lang hat der Engel des Traums Dich in ſeinen goldenen Netzen gewiegt, und nun gehſt Du friſch und roſigt aus ihnen hervor, wie die Thau⸗erfriſchte Knoſpe der Fruͤhlingsroſe! Steh auf, mein blankes Maͤgdlein, nimm die Klei⸗ der, die ich Dir auf des Gebieters Befehl zu reichen habe, und ſchicke Dich in das Leben. Muskitos iſt wieder bei dem Heer, wo man ſeiner von neuem bedarf, er kann nicht gleich wiederkehren, denn auf der Oberwelt gerathen ſie wieder hart an einander, und Du kannſt froh ſeyn, im Schoos der Erde, die doch unſer al⸗ ler Mutter iſt, indeſſen ein ſo leidliches Quar⸗ tier gefunden zu haben, wo Dich Niemand auf⸗ finden wird, als der, ſo Dich liebt!“⸗ „O moͤchte der Tod ſich meiner erbarmen, eh dieſes geſchieht!“ weinte Editha. 6 — 82— „Welch albernes Gebet!(zuͤrnte die Alte) wenn der große Geiſt uͤber den Sternen, den man mit ſo verſchiedenen Namen nennt, und auf ſo verſchiedne Weiſe anbetet, alle das dumme Zeug erhoͤren wollte, was auf und nun gar unter der Erde von ihm gebeten wird, ſo fiele die Welt vom Baume des Lebens, wie eine un⸗ reife Nuß! Laß das Weinen, ſag ich Dir, denn wenn gleich Deine Augen blitzendere Ju⸗ weelen ſind, als in Koͤnig Dſchemſchids Krone, ſie werden blind davon werden muͤſſen! und noch iſts nicht Zeit zum Heulen und Zaͤhnklappern. Muskitos Liebe zu Dir iſt ehrfurchtsvoller Na⸗ tur, und ihm faſt unaͤhnlich. O haͤtteſt Du den ſchoͤnen Jungen nur ſehen koͤnnen, als er hier war, und Du ſchliefſt. Hat er nicht das Knie vor Dir gebeugt, und Dich angebetet, wie das Bild von Sais, wie Iſis die Verſchleierte? hat er Dich nicht ſeine Koͤnigin genannt, und geſprochen, er wolle Dich zum Weibe nehmen, wie ihr in euren Nationen zu thun pflegt? Hat er mir nicht bei Leibes⸗Leben geboten, ja Deine Ruhe nicht zu ſtoͤren? Er liebt Dich, Jungfrau! wie das Auge die Sonne und das Licht des Ta⸗ ges liebt, deren Glanz es gleichwohl nicht zu — 33— ertragen vermag, und Du wirſt den ſchoͤnen Helden wieder lieben!“ So ſprach die Alte; aber Editha blieb un⸗ zugaͤnglich fuͤr ihre Troͤſtungen. 9. Die reichgeſtickten Schaͤrpen wehn Und ihrer Waffenglanz zum Himmel gluͤht— Der wilde Kriegshund jetzt ſein Lager flieht, Die Fänge wetzt— und laut nach Beute bruͤllt. Byron. Nicht lange blieb Editha, die alle Augenblicke, in welchen Horka, anders beſchaͤftigt, ſie nicht mit ihrem ſchnoͤden Geſchwaͤtz quaͤlte, ihr Herz betend zu dem Allmaͤchtigen erhob, auf deſſen Schutz und Rettung ſie auch jetzt noch vertraute, als ſie keine menſchliche Huͤlfe erblicken konnte, von Muskitos Zudringlichkeit verſchont. Seine fuͤr ſie gefaßte Leidenſchaft machte, daß er, ſo⸗ bald er konnte, ſich wieder vom Heere entfernte, und in ſein Caſtell im Walde zuruͤck eilte, um zu ſehen, ob die ſchoͤne Jungfrau geneſen und geneigt ſey, ſeiner ungeſtuͤmen Liebe Gehor zu geben. Er hielt jetzt fuͤr rathſam, die Loͤwenhaut abzulegen, und ihr in ſchoͤner ritterlicher Ruſtung 6* — 34— den Hof zu machen; ſeine Heldengeſtalt, ſeine edlen maͤnnlichen Zuͤge, das ſuͤdliche Feuer ſei⸗ ner Blicke, berechtigten ihn gleichſam, Helm und Harniſch zu tragen; er zog aber jetzt das Feſt⸗ gewand der leichtern Tracht vor, welches die Ritter zu dieſer Zeit zu tragen pflegten, und um Editha's Auge zu blenden, pflegte er ſeines Pu⸗ tzes jetzt mit groͤßerer Sorgfalt, als er ſonſt wichtigern Geſchaͤften deshalb entzog. Hellblauen Sammets war das Wamms, das er anlegte, ſchwarzer Atlas mit Silber gefaßt ſah bluͤhend aus den aufgeſchlitzten Aermeln hervor, aͤhnliche Unterkleider, zierlich unter dem Knie mit Band⸗ roſen geknuͤpft, rothe, aufwaͤrts ſtehende Schna⸗ belſchuhe, und gelbe Struͤmpfe mit Goldzwi⸗ ckeln erhoͤhten die Pracht des Anzugs, die ein breiter Gurt um die Lenden, funkelnd von Gold und Edelſteinen, ein leichter daran befeſtigter Degen, deſſen Griff reich von Gold mit Perl⸗ mutter ausgelegt war, ein feiner vom Hals ab⸗ fallender Spitzenkragen und ein ſchwarzes Sam⸗ — met⸗Barett, phantaſtiſch auf den dunkeln, kraus ſen Lockenwald gedruͤckt, von dem ſchwarze hohe Schwungfedern wogten, vollendete. Alſo ge⸗ ſchmuͤckt und uͤberzeugt, daß ſeine Eigenthuͤm⸗ lichkeit den geliehenen Putz nur noch mehr er⸗ 2 —— — 385— hoͤhe, eingebildet wie ein junger Fant des neun⸗ zehnten Jahrhunderts, der im Legen und Bin⸗ den ſeines Halstuchs ſtundenlang nach Unwider⸗ ſtehlichkeit ſucht, ſich endlich wohlgefaͤllig im Spiegel beſchaut, denn immer bleiben die Men⸗ ſchen(vielleicht auch ihre Thorheit) ſich gleich, ſind auch die Larven veraͤndert!— ſchlang unſer Stutzer noch zum Ueberfluß, nach ſpaniſcher Sitte, einen blauſeidenen Mantel mit koſtbarer Goldſtickerei von wunderlichen Arabesken und Hieroglyphen, um die Schultern, und ſo— im Innern eines leichten Siegs ſich ſchmeichelnd, trat er einſt unerwartet, aber viel zu fruͤh, in Editha's Gemach. Er fand dieſe an Horka's Spinnrade beſchaͤftigt, welche Beſchaͤftigung mit den praͤchtigen Kleidern, die ihr die Alte aufge⸗ drungen hatte und die ihre Reitze auffallend her⸗ vorhoben, einen ſonderbaren Kontraſt bildete; denn Editha hatte den Wahlſpruch der Frau Els⸗ beth: Bete und arbeite! auch hier nicht ver⸗ leugnet. Als ſie den Ritter bei ſich eintreten ſah, ſtieß ſie einen Schrei aus, warf das Spinnrad um und fluͤchtete ſich, beide Haͤnde vor die Au⸗ gen haltend, in den entfernteſten Winkel. „Sieh mich doch nur an, reizende Editha! (flehte, das Knie beugend, jetzt Muskitos mit 222 7 b—— 3 2 8 2 —————ÿ. — 86— moͤglichſter Sanftheit.) Es iſt nicht mehr der furchtbare Loͤwe, der vor Dir ſteht, ein edler 1 ſpaniſcher Ritter, Don Roſario di Muskitos, fleht um Deine Liebe, und iſt bereit, Deinem Dienſte ſein Leben zu weihen!“ Langſam ſenkte die Jungfrau ihre Haͤnde, ſchuͤchtern nur wagte ſie den Blick zu erheben, und einigermaaßen ermuthigt, nichts Entſetzliches, ſondern vielmehr etwas nie Geſehenes, einen Riitter im Prunkgewande, zu erblicken, welches I wenigſtens auf Achtung ihrer Perſon deutete, ſprach ſie:. „Kommt Ihr, Eure Gefangene auf eine ſo grauſame Art zu hoͤhnen, ſo wißt, daß ihr V Jammer dieſes Zuwachſes nicht bedarf!“ . Mit dieſen Worten zog ſie den Schleier dicht zuſammen und ſenkte tief verhuͤllt ihr ſchoͤnes 4 Haupt auf die Bruſt, ihren Thraͤnen freien Lauf laſſend. Ein Schauer, der, trotz Muskitos Grau⸗ 4 8 ſamkeit, fuͤr ſein Menſchengefuͤhl zeugte, rieſelte u 3 durch ſeine Glieder, als er den tiefen Schmerz b derjenigen ſah, die er wirklich im ſtolzen Ueber⸗ muthe durch ſeine Liebe begluͤcken zu koͤnnen meinte, und ſich eben ſo ehrerbietig auf ein Knie 4 niederlaſſend, als waͤre Editha eine Koͤnigstoch⸗ ter geweſen, bot er Alles auf, was die erſte — 87— Jugendliebe Feuriges, Verfuͤhreriſches und Ein⸗ ſchmeichelndes hat, um die Jungfrau von der Aufrichtigkeit und Staͤrke ſeiner Gefuͤhle fuͤr ſie zu uͤberzeugen, und endete damit: daß er ihr antrug, ſich durch den Pater Prokop ehelich mit ihr zu verbinden; er gelobte, ſo bald ſie mit unaufloͤslichen und heiligen Banden an ihn ge⸗ feſſelt ſeyn werde, ſie wiederum ans Licht des Tages, ja ſogar auf den Pachthof zuruͤck zu bringen. Traurig verneinend ſchuͤttelte Editha zu dem Allen das Haupt. „Wie moͤgt Ihr(erwiederte ſie ihm trau⸗ rig) vor mir armen ungluͤcklichen Maͤgdlein aus niederm Stande Eure Knie beugen wie vor ei⸗ nem Goͤtzenbilde, da Ihr zu ſtolz ſeyd, es vor dem Herrn des Himmels und der Erde zu thun! wie moͤgt Ihr gegen mich ſo viel ſchoͤne Worte machen, und auf Eure Liebe zu mir pochen, da Ihr mir meine Mutter gemordet, und mich unter toͤdtlichen Schreckniſſen gewaltſam meiner Freiheit beraubt habt? Koͤnnt Ihr Todte erwe⸗ -cken, und Eure wilde Grauſamkeit gegen mich ungeſchehen machen, ſo will ich Euch vergoͤn⸗ nen von Eurer Liebe zu ſprechen. Jetzt aber (ſetzte ſie mit Hoheit hinzu) verlaßt mich, ſtoͤrt — 8s8— wenigſtens meine Thraͤnen und meine Trauer „ um die Getoͤdtete nicht, und wißt das des All⸗ ſehenden Auge auch in dieſe Tiefe blickt, die Unſchuld zu ſchuͤtzen, und den Frevel zu ſtrafen!““ Die Allgewalt dieſer Worte fuͤhlend, von einer unnennbaren Empfindung ergriffen, biß Muskiots ſich zwar jetzt die Lippen blutig, aber zu Horkas großem Erſtaunen, die den Leiden⸗ ſchaftlichen kaum mehr erkannte, zog er ſich zuruͤck, einige Drohungen ausſtoßend, die Edi⸗ tha nicht zu beachten ſchien. „Geh Alte!(herrſchte er draußen der Zi⸗ geunerin zu) koche Liebestraͤnke, und preſſe deine Kraͤuter dazu aus. Warſt ja immer beruͤhmt in derlei Kuͤnſten— verſuche deine Gaben bei dieſer trotzigen Schoͤnheit, und wenn ſie wahn⸗ ſinnig fuͤr Liebe, ſich das naͤchſte Mal in meine Arme wirft, ſo lohne ich dir wie ein Fuͤrſt!— Er mußte von dannen eilen, denn ſeine Zeit war gemeſſen und in der Oberwelt, wo der Krieg hauſete, verlangte ihn der Feldherr, ſuchte ihn Marina auf; als er aber fort war, ſchlug die Zigeunerin eine gellende Lache auf, und ſagte: Daß ich eine Naͤrrin waͤre! Nicht einen Tropfen dem holden Kinde von allen Zau⸗ bertraͤnken! mag es fortfahren dich zu haſſen 89 und zu demuͤthigen, ſo erfaͤhrſt du, daß nicht alle ſo thoͤricht ſind wie Mona!— arme Mona (ſetzte ſie betruͤbt hinzu) moͤcht' ich ihm nicht lieber ſelbſt einen Trank bereiten, daß er dir nicht mehr mit Undank lohnte? Sinnend ging ſie hinein zu Editha, die ſie wieder am Spinn⸗ raͤdchen fand. Unterdeſſen war auch Ritter Douglas auf dem Pachthofe erſchienen, treu der Weiſung, die ihm Marina von ſeiner Tochter gegeben hat⸗ te, und voll aͤngſtlicher Ungeduld zu erfah⸗ ren, ob ſie ihn hintergangen, und wie das Schickſal derſelben ſich, bei dem Kriegstumult in der Gegend, geſtaltet haben moͤchte. Die Brandſtaͤtte, die er ſchon von Weitem erblickte, erfuͤllte ihn mit Bangigkeit, die ſich aufs hoͤchſte ſteigerte, als er den Ueberfall erfuhr, der hier vor Kurzem ſtatt gefunden. Indeß ſah er, daß nur ein Gebaͤude in der Aſche lag, und naͤherte ſich mit ſteigendem Muthe der Wohnung, nach Frau Elsbeth und ihrer Tochter Editha forſchend, und dringend zu erſterer eingelaſſen zu werden, begehrte er. Allein treu dem ihnen abgenomme⸗ nen Verſprechen behauptete das Geſinde, welches den fremden Krieger fuͤrchtete, einmuͤthig es ſey von drei Soͤhnen nur noch der juͤngſte Georg — g0— da geweſen, deſſen Schickſal ſeit jenem Schre⸗ ckenstage ihnen unbekannt ſey, und von den ſelbſt die an empfangnen Wunden hart darnieder lie⸗ gende Mutter nichts erfahren habe. Die ge⸗ faͤhrliche Kranke zu ſprechen, ward unmoͤglich, und ſo blieb dem, von den Quaalen der Unge⸗ wißheit gefolterten Ritter, nichts andres uͤbrig, als Marina und die Zigeunerbande aufzuſuchen, waͤr es auch nur, um ihr ihre Falſchheit vor⸗ werfen zu koͤnnen. Auf dem Pachthofe ſelbſt aber ließ er eine bedeutende Beſatzung zum Schutz zu⸗ ruͤck, die wenigſtens die Kranke vor aͤhnlichen Ueberfaͤllen ſicher ſtellte. Nach langem Suchen traf er endlich auf die Zigeuner, und von ihnen erfuhr er: daß ſich die Waldkoͤnigin, ihre Altmutter Marina, ſo eben im ſpaniſchen Lager befaͤnde, wo die vor⸗ nehmſten Heerfuͤhrer ſich nicht ſelten ihrer Weis⸗ ſagungen und Zauberkuͤnſte, wie man ihre tie⸗ fern Einſichten nannte, bedienten. Dem Lord lag zu viel daran, Marina zur Rede zu ſetzen; er nahm alſo, nicht achtend der Gefahr, die ihm drohte, wenn er entdeckt ward, keinen Anſtand: ſich in der Verkleidung eines Landmanns in das feindliche Lager zu begeben. Kuͤhn gab er ſich dort fuͤr einen Boten aus, der beordert ſey, Marina ———.,— — 91— zur Heilung einer erkrankten Viehheerde in ein benachbartes Dorf zu holen, und es gelang ihm wirklich zu ihr gefuͤhrt zu werden. Von zwei großen Wolfshunden begleitet, die ihr nicht von der Seite wichen, trat ſie, in ihren Scharlach⸗ mantel gehuͤllt, aus der leinenen Stadt hervor, und Lord Douglas erkannte aus der Bewegung die er an ihr bemerkte, daß ſie ſogleich wußte, daß er es ſey. Aber ſehr bald gefaßt, denn rings umgaben ſie Krieger, hub ſie ſcheltend an: „Seyd Ihr nicht einfaͤltig, Hans Velten, mir bis hierher wegen ein paar kranker Ochſen nachzulaufen, und zu glauben, ich wuͤrde einen Augenblick eher zu Euch kommen, als hier meine wichtigern Geſchaͤfte zu Ende ſind! Was ſteht der Kerl da, und gafft—! hat wohl noch nie ein Kriegslager geſehn, da er nicht vor kam, hin⸗ ter ſeinem Pfluge? Jetzt macht nur fort, ſo ſchnell Ihr koͤnnt, ich folge Euch ſchon, ſonſt ſag ich Euch, Eure Ochſen krepiren und Ihr vielleicht oben drein!“ Mit dieſen Worten trieb ſie den Ritter vor ſich her aus dem Lager, und die Aufmerkſam⸗ keit der Soldaten denen die anſehnliche Geſtalt deſſelben ſchon anfing aufzufallen, verwandelte ſich bei Marinas Rede in ein ſchallendes Gelaͤchter. Als ſie in einiger Entfernung waren, be⸗ gann Lord Douglas die Zigeunerin mit den Vorwuͤrfen zu uͤberhaͤufen, die er nicht laͤnger zuruͤck zu halten vermochte, und warf ihr vor, daß ſie ihn mit einem Maͤhrchen hintergangen, und keine Editha auf dem Pachthofe ſey, er ſetzte hinzu, daß er ſich jetzt berechtigt glaube, fuͤr dieſe Bosheit ſich an ihr und den Ihrigen zu raͤchen. „Setztet Ihr nur darum Euer Leben ein, Herr Ritter!(zuͤrnte Marina finſter blickend) um mich mit Ungerechtigkeiten zu uͤberhaͤufen? Wie! wenn Ihr Euch eben jetzt in meine Gewalt ge⸗ geben haͤttet, wenn es eines Winks fuͤr meine Begleiter(ſie blickte auf die Hunde, die ſich zu ihren Fuͤßen befanden) eines Pfiffs auf meinem Finger, eines Schlags auf die große Pauke be⸗ duͤrfte, mit der man unfern von hier meiner wartet, um Euch in die Gewalt derer zu lie⸗ fern, die eines Ritters des Unionsheeres ſich gern bemaͤchtigen, und mir ein anſehnlicheres Lbſegeld fuͤr Euch zahlen wuͤrden, als vielleicht Eure ganze Perſon werth iſt?“ „Thue was Dir gut duͤnkt, Verraͤtherin! (rief der Ritter entruͤſtet, das Schwert hervor ziehend, das er unter dem weitfaltigen Bauer⸗ . S— — 93— kittel verſteckt hatte) ſo lange dieſes noch in meiner Fauſt iſt, ſoll Deinen Hunden mein Fang theuer zu ſtehn kommen.“ „Marina iſt keine Verraͤtherin!(ſagte ſie langſam und traurig ihr Haupt bewegend) wie⸗ wohl ſie es war, die verrathen ward!“ „Auch wuͤrden die Meinigen das Blut ih⸗ res Kriegsgefaͤhrten und Waffenbruders nicht ungerochen laſſen!(verſetzte der Ritter) mir ſelbſt iſt ſchon lange ein Daſeyn zur Laſt, das mich immer mit unerfuͤllten Hoffnungen gequaͤlt hat, aber nicht ſchaͤndlich, auf dem Bette der Ehre will ich enden! Auch Du haſt jetzt eine ſolche meiner Seele vorgeſpiegelt, die bis in mein In⸗ nerſtes gedrungen iſt, abermals ſeh ich mich getaͤuſcht. Utzbergs haben nur drei Soͤhne ge⸗ habt, davon der juͤngſte bei dem letzten feind⸗ lichen Ueberfall entflohen iſt; der Hof iſt zum Theil ein Raub der Flamme worden, und die hart an ihren Wunden darnieder liegende Elsbeth, die ihr die rohen Nachzuͤgler verſetzten, konnte ich nicht ſprechen.“. „Beruhigt Euch, Lord Douglas(ſprach Ma⸗ rina) ſchon geſtern wußte ich duch meine Kunſt das Vorgefallne und mehr noch als ihr denkt. Ich wußte daß meine Erſcheinung auf dem Pacht⸗ hofe ſich noͤthig macht, zumal die wackre Els⸗ peth nicht an ihren Wunden ſterben ſoll. Der entflohene Juͤngling iſt Eure Tochter Editha, mir iſt alles klar, was geſchehen iſt, und ich betheure Euch nochmals, daß ich Euch die Wahrheit ſag⸗ te und es ehrlich mit Euch meine— oder iſt's Euch nicht genug, daß ich Euch in dieſem Au⸗ genblicke aus der Gefahr errettete, in die Euch Eure Unbeſonnenheit ſtuͤrzte? Waren nicht ſchon die forſchenden Blicke der Soldaten auf Eure Heldengeſtalt gerichtet, die ein Bauerkittel ſchlecht genug verbirgt? Ein Wink von mir, und was haͤttet Ihr gegen tauſend nach Euch ausgeſtreck⸗ te Arme vermocht?— Faſſet Vertrauen, habt Geduld! Noch entfernen die Geſtirne Eure Toch⸗ ter einige Zeit von Euch, aber Eure Vereini⸗ gung mit ihr ſteht in leſerlicher Schrift vor dem Auge der Eingeweihten dort geſchrieben. Jetzt eilt von dannen, legt dieſe verraͤtheriſche Tracht ab, und erinnert Euch, daß es dem Adler nie gelingen kann, fuͤr eine Kraͤhe ange⸗ ſehen zu werden. Macht Euch fort zu Euerm Heer, wo Ihr erwartet werdet, ſo lieb Euch das Leben— oder Eure Tochter iſt!“ Der Ritter ſah jetzt die Wahrheit ihrer Warnung ein, antfernte ſich um ſich zum Heere zu begeben, und Marina begab ſich ohne Aufenthalt auf den Pachthof, nachdem ſie zuvor durch die Pauke ihre Horde verſammelt, die Hunde abgegeben, und ihre Befehle ausgetheilt hatte. 10. — Selbſt der Styr, der neunfach ſie umwindet, Wehrt die Ruͤckkehr Ceres Tochter nicht!— Schiller. Frau Elsbeth befand ſich in der hüͤlfsbeduͤrf⸗ tigſten Lage ihres Lebens. Der tiefe Kummer um ihre Editha, der Mangel an aͤrztlicher Be⸗ handlung hatte ihre Wunden entzuͤndet, und ihr ein boͤsartiges Fieber zugezogen und ſie glaubte ſich mit Gottgelaſſenheit am Ziel ihrer irdiſchen Wallfahrt. Ihr frommer Sinn war daher in harrender Geduld, und freudiger Hoff⸗ nung auf die Erloͤſung gerichtet, die uns allen einſt von den Muͤhen und Aengſten des Pruͤ⸗ fungsſtandes werden muß, und ſie freute ſich, mit der Zuverſicht des Glaubens, mit ihren vor⸗ angegangnen Lieben wieder vereint zu werden, und wie der Schutzgeiſt ihrer Editha ſie zu um⸗ ſchweben;— da trat die Zigeunerin wie ein Schattenbild aus den Nebeln ihrer Vergangen⸗ — 96— heit an ihr Lager, unterſuchte ihren Zuſtand, und begann ohne zu fragen oder zu forſchen ihr eine ſo thaͤtige Huͤlfe zu leiſten, daß ſie der von allen ihren Leuten bereits ſchmerzlich Auf⸗ gegebenen das Leben erhielt. Marina war, wie die meiſten ihres Stammes, in der Heilkunde, beſonders in der Wundarzeneikunſt, welche ſich ſo oft in jenen kriegeriſchen Zeiten unerlaͤßlich machte, hoch erfahren, ihre Kraͤuter, Salben, Oele und Traͤnke bewieſen auch hier eine faſt wunderthaͤtige Kraft, welche die Unwiſſenden fuͤr Zauberei hielten, und ſehr bald fing die Kranke an zu geneſen. Jedoch fing jetzt an der Gedanke einer Verrufnen, und ſchon oft der Hexerei Beſchuldigten, wie Marina, ihr Leben zu verdanken, ſie mit heimlichem Grauſen zu er⸗ fuͤllen, denn auch Elsbeth war nicht ganz frei von den Vorurtheilen ihrer Zeit; da ſie aber auch vernuͤnftig und uͤberlegend war, ergab ſie ſich doch endlich dem beruhigenden Glauben: Die höͤchſte uͤber die Tage der Sterblichen wal⸗ tende Macht, bediene ſich oft auch des Boͤſen zu Erreichung heilſamer Abſichten und habe ihr Marina ſelbſt zur Huͤlfe geſendet; und es muͤſſe alſo der Wille des Hoͤchſten ſeyn, daß ſie noch laͤnger leben ſolle. Allein der Schmerz: einſam und — — 97— und kinderlos das neue Leben begruͤßen zu muͤſ⸗ ſen, ließ ſie es weniger als ein Geſchenk des Himmels, denn als eine ihr ſchwer fallende Pruͤfung betrachten, die ihr ein unbegreiflicher Rathſchluß der Allweisheit auflege, weil ſie, wie ſie ſagte, nur durch viel Truͤbſal in das Reich der ewigen Herrlichkeit eingehen ſolle, und unaufhoͤrlich floſſen ihre Thraͤnen, wenn ſie, wie ſie ſich ausdruͤckte, von Editha, dem letzten ih⸗ rer Kinder ſprach. Marina, wiewohl durch ihre Spaͤher von allem unterrichtet, forſchte ge⸗ nau nach jenem ungluͤcklichen Ereigniſſe, und ihr 6 blieb kein Zweifel uͤbrig, daß Muskitos der freche Abentheurer geweſen ſey, der das ſchoͤne Maͤdchen für ſeine Beute erklaͤrt habe. Sie er⸗ grimmte uͤber ihren wilden Zoͤgling, aber ſie wußte, daß er trotzig auf ſeine einmal gefaßten Plaͤne beſtand, und war uͤberzeugt Editha ſey in ſeiner Gewalt, und von ihm in das unter⸗ irdiſche Caſtell gebracht worden, wo er ſich ſicher vor ihren Entdeckungen glaubte, denn ſel⸗ ten beſuchte Marina die Muͤnzer. „Aber dem ſoll nicht alſo ſeyn, kuͤhner Knabe!(murmelte ſie) Du ſollſt erfahren, daß Marina Deine Gebieterin iſt, wie Zoroaſter der Gebieter Aſſyriens, ſelbſt lange noch nach ſei⸗ 4 8 A — 98— nem Tode blieb! Dir ſoll klar werden, was es heißt: Deiner Koͤnigin Befehl uͤbertreten, und waͤren die Schanzen, hinter denen Deine Ge⸗ raubte ſchmachtet, feſt wie Akropo lis, waͤre Riswan, der Huͤter des Paradieſes, dort zur Wache aufgeſtellt, und Du im Bunde mit Aſa und Aſael,“) doch ſoll Dir dieſe Nahida**) wieder entriſſen werden!“ Indeß huͤthete ſich Marina wohl, ihrer Ge⸗ neſenden irgend Etwas von dem merken zu laſ⸗ ſen, was ſie wußte; ſie begnuͤgte ſich: ihr blos im Allgemeinen zu weiſſagen, daß Editha in Sicherheit ſey, und nach ausgeſtandner Pruͤ⸗ fung reich und angeſehn werden, ihr aber ihre muͤtterliche Liebe bei einem froͤhlichen Wieder⸗ ſehn mit lebenslaͤnglichem Dank belohnen werde. Hoch ſchlug Frau Elsbeths Herz bei ſo angeneh⸗ men Prophezeihungen, aber ſie hielt es doch fuͤr Suͤnde, ſolchem Orakel Glauben beizumeſſen und auf verbotne Zeichendeutungen zu trauen, demuͤ⸗ thig⸗fromm ſagte ſie: Editha iſt in der Hand des Herren und ich bin ſeine Magd, uns ge⸗ ſchehe, wie ſeine Weisheit und Guͤte uͤber uns beſchloſſen hat! — voſe Geiſter. **) junge Schonheit. Als Elsbeth außer aller Gefahr, und ih⸗ ren Geſchaͤften wieder gegeben, auch von den befreundeten Kriegern ihres Glaubens beſchuͤtzt war, nahm Marina Abſchied von ihr, und ent⸗ zog ſich ihrer Erkenntlichkeit, ohne irgend eine Vergeltung anzunehmen;„denn(ſagte ſie) es war eine Schuld, die ich Euch abzutragen hatte, und Eure Geneſung iſt mein Lohn!“ Jetzt richtete ſie ihre Schritte nach dem be⸗ zauberten, und ihr nur allzugut bekannten Wal⸗ de, wo ihre Erſcheinung ſich noͤthig machte, und ihren eignen fruͤhern Anordnungen gemaͤß, de⸗ nen ſie ſich ſelbſt unterwarf, legte ſie nun eben⸗ falls eine Thierlarve an. Sie waͤhlte die graͤß⸗ liche einer Hyaͤne, und als der Pfortenring des unterirdiſchen Eingangs von ihr ergriffen, dumpf raſſelnd unten ertoͤnte, man ſie einließ, und die furchtbare Geſtalt der Altmutter erblickte, floh alles vor dem Zorne, den ihre Blicke ausſpra⸗ chen, wie die wirklichen Waldbewohner bei dem Anblick dieſes grauſamen Geſchoͤpfes zu fliehen pflegen; ſie aber warf nur einen fluͤchtigen Ueberblick auf die Arbeiter, und gebot, da der Hauptmann abweſend war, die alte Horka vor ihr Antlitz zu bringen, und mit ihr allein zu 1 laſſen. — 100— Zitternd erſchien dieſe, fiel mit demuͤthigen Geberden bebend vor Marina nieder, und flehte: „Wuͤrge mich nicht, großmaͤchtige Koͤnigin, denn Deine Magd beſchwoͤret Dich bei den Hoͤr⸗ nern des Serapis und dem heiligen Licht der Amſhanſphande, bei Mythra und Bel, bei Zerduſch Deinem Lehrer und bei Brama!“ „Du bekennſt Dich alſo der Uebertretung meiner Befehle ſchuldig?“ unterbrach ſie Marina. „Unwillkuͤhrlich, große Altmutter!(geſtand Horka) allein wer widerſtuͤnde dem Leuen Mus⸗ kitos von Schiras an, wo Balſam traͤufelt von den Felsſteinen bis zu den Stadien des Abendlandes, wo die Panniere des Kreuzes wehn, und die Heere der Madonna fußen? ihm! der da kommt in der gefleckten Haut des Leoparden gleich dem Orontes, dem das Flam⸗ menſchwerdt voranfliegt, und in deſſen Haͤnde Ormuzd die Gewalt gegeben hat und die Kraft!“ „Schweig!(ſprach Marina) und laß den Zauberbau der Worte, denn nur Wahrheit gilt vor der Koͤnigin Augen, vor denen nichts ver⸗ borgen bleibt, was die Tiefen der Erde verber⸗ gen. Fuͤhre die Jungfrau vor mein Angeſicht, 1 hel⸗ — 104.— die Muskitos frevelhaft geraubt und Deiner Ob⸗ hut in dieſen Kluͤften anvertrauet hat.“ „Ich eile, Euch zu gehorchen, huldreiche Koͤnigin!(verſetzte Horka, dreimal den Erdboden kuͤſſend, zum Zeichen ihrer Unterwuͤrfigkeit.) Al⸗ lein erwaͤget, daß des ſchoͤnen Maͤgdleins Thraͤ⸗ nen⸗getruͤbtes Auge nicht im Stande ſeyn duͤrfte, den toͤdtenden Glanz Eurer Herrlichkeit zu ertra⸗ gen, Ihr waͤret denn in Eurer unergruͤndlichen Weisheit entſchloſſen, ſie auf dieſe Weiſe zu ver⸗ nichten! Ach! ſeitdem der Loͤwe ſie mir uͤberge⸗ ben, und mein Leben gleichſam eingeſetzt hat fuͤr das ihrige, wankt ohnehin das Licht ihres Le⸗ bens, wie eine Sturm⸗ergriffne Flamme und des abnehmenden Mondes verblaſſender Schimmer, wenn er ſich durch Cypreſſen draͤngt!— ſind Thraͤnen ihr Trank und Kummer ihre Speiſe, ſitzt ſie da ernſt und blaß wir am Sarkophag ein Bild von Marmor!“ „und Du haſt nicht verſucht, ſie zu troͤ⸗ ſten?“ fragte Marina. „Ich habe mich erſchoͤpft im Zureden und Troͤſtungen!(verſicherte Horka) Auf des Haupt⸗ manns Befehl habe ich ihrer gepflegt und ſie bedient wie eine Koͤnigstochter; ich habe ihr Pur⸗ purgewaͤnder gereicht, reich beſaͤct mit Goldſter⸗ — 102— nen, einen Mantel von himmelblauer Seide und ein Diadem von Diamanten fuͤr ihr glaͤn⸗ zendes Seidenhaar! Nichts hat ihr ein Laͤcheln abgewonnen, und mit dem feinen Spitzenſchleier aus Brabant hat ſie ihr holdes Antlitz tief ver⸗ huͤllt, um nur ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen!“ „Hat Muskitos ſie beſucht?(forſchte Ma⸗ rina weiter) Hat er ſeinen Frevel noch weiter getrieben?“ „Mit nichten!(ſprach Horka) die wunder⸗ bare Hohheit der ſonſt ſo demuͤthigen Jungfrau, ihre Unſchuld und die Groͤße ihres Schmerzes hat ihm eine Ehrfurcht eingefloͤßet, wie ich noch nie an einem Helden gegen ein ſchoͤnes Frauen⸗ bild ſah! Er hat die Kniee vor ihr gebeugt, wie Harut und Marut vor Anahid, und ſie verlaſſen wie dieſe; mir aber hat er geboten, Lie⸗ bestraͤnke zu kochen und ihr zu reichen, damit, wenn er zuruͤck kaͤme, ſich fuͤr ihn ihre Sinne entzuͤndeten.“ „Verworfene!(zuͤrnte Marina) wehe Dir! wenn Du gehorchteſt!“ „Hohe Herrin! moͤgt Ihr ſo etwas von Mona's Mutter glauben?(fragte die Alte, und ein widriges Laͤcheln verzerrte ihr Geſicht) Die Jungfrau hat den reinſten Saft der Traube be⸗ kommen, und das kriſtallhelle Waſſer des Fel⸗ ſenquells.“* „So geh!(ſagte Marina beſaͤnftigt) und hole die Jungfrau her, ich habe ſie unter mei⸗ nen Schutz genommen; ſag ihr das, ſag ihr: ſie habe nichts mehr zu befuͤrchten, und unter welcher Geſtalt ich ihr auch erſcheine, ſo wird Muth und Vertrauen ihr Herz beleben!“ Horka gehorchte und ging, Editha zu hin⸗ terbringen, was ihr befohlen war. Dieſe ward von dem Gedanken entzuͤckt, in Marina endlich ein befreundetes und bekanntes Weſen zu erbli⸗ cken, vielleicht eine Helferin in der Noth, und beeilte ſich, der Zigeunerin zu folgen. Marina hatte wirklich ihre ſchreckliche Larve abgeworfen, um ihr in ihrer gewoͤhnlichen Geſtalt Vertrauen einzufloͤßen. „Hier bringe ich, meiner Bluͤthen ſchoͤne Blume!(ſagte Horka) ein wenig Mehlthau des Kummers abgererechnet, der ſeine Spuren auf den Roſen ihrer Wangen zuruͤck gelaſſen hat, werdet Ihr ſehen, daß ich ſie ſorgfaͤltig ge⸗ pflegt habe!“ „Das kann ich dankbar zugeſtehn!(ſprach Editha, ihre Hand der Alten reichend) dennoch bin ich hoch erfreut, Dich zu ſehen, gute Ma⸗ — 104— rina! wie kommſt Du hierher in dieſe unterirdi⸗ ſchen Gruͤfte, in denen ſie mich lebendig be— graben halten?“ „Ich komme, Dir Troſt zu bringen, ſchoͤne Editha!“ antwortete Marina, Horka Entfer⸗ nung gebietend. „So bringt Ihr mir Kunde von meiner ge⸗ liebten Mutter, die— ach! wohl laͤngſt im Schooße der Erde ruht, ohne daß mir es ver— goͤnnt blieb, ihr— die fuͤr mich ſtarb— die letzten Pflichten der Liebe zu erweiſen?“ „Um Elsbeth trockne Deine Thraͤnen, Edi⸗ tha! ich habe ihre Wunden geheilt, und den Engel des Todes von ihrem Haupte getrieben. Sie iſt geneſen und ſeegnet Dich!““ Da faltete die Jungfrau ihre Haͤnde, hob die naſſen Blicke empor, und betete leiſe mit ſanft bewegten Lippen: „Ich danke dir, Herr, mein Gott, daß du das Gebet deines Kindes erhoͤret haſt, denn deine Hand iſt nie verkuͤrzt zur Huͤlfe, welches Werk⸗ zeug ſich deine Weisheit auch immer bediene! und wie du meine arme Mutter errettet haſt aus der Finſterniß und den Schatten des Todes, ſo biſt du auch maͤchtig genug, mich zu erloͤſen aus dieſer Lowengrube, wie Daniel, deinen Pro⸗ — pheten, und wie die ſieben Maͤnner aus dem feurigen Ofen, daher will ich dich loben und prei⸗ ſen, wie ſie es thaten mitten in den Flammen!“* „Was ſprichſt Du zu Deinen Goͤttern, Edi⸗ tha?(unterbrach ſie Marina) und vernachlaͤſſi⸗ geſt die Helferin, die vor Dir ſteht. Sage mir, was Du von ihr begehrſt?““ „Und das fragt Ihr noch! Erloͤſung aus dieſen Graͤbern! Freiheit! das Licht der Sonne, das ich faſt einen Monat nicht ſah! Vereini⸗ gung mit meiner Mutter!“— „Wie, Editha, und du ziehſt nicht vor, die Geliebte des ſchoͤnen, ſtolzen, maͤchtigen Hel⸗ den zu ſeyn, der dich anbetet, der hier unum⸗ ſchraͤnkter Fuͤrſt und Gebieter iſt, dem Reichthum und Schaͤtze gehoͤren, und der ſein unterirdi⸗ ſches Reich mit Dir theilen will?““ „Wie moͤgt Ihr ſo Arges von mir denken, Marina, die Ihr doch wißt, daß ich in Froͤm⸗ migkeit und Zucht auferzogen bin, und mir der Blutgierige und Starke ein Greuel iſt! Alles⸗ was ich wuͤnſche, bitte und flehe, iſt: daß Du mich zuruͤck bringſt zu meiner Mutter, und an Gottes wohlthaͤtiges Sonnenlicht! Bei meinen Blumen, unter meinen Heerden allein, will ich — 106— wieder Fuͤrſtin ſeyn, und meine erlittne Drang⸗ ſal vergeben und vergeſſen!“ „Muskitos Liebe vermag alſo nicht Dein Herz zu ruͤhren?“ „Wie waͤre mirs moͤglich, Vertrauen zu faſſen gegen meinen Raͤuber? zweimal war er hier— der Fuͤrchterliche, den Du ſchoͤn nennſt, und der wohl Macht und Willen haben mag, die Unſchuld zu verderben und ungeſtraft Fre⸗ vel zu uͤben! Seine Anerbietungen, ſeine flam— menden, ſuͤndhaften Schwuͤre, ſeine Leidenſchaft⸗ lichkeit hat meine Seele nur mit Grauſen er— fuͤllt, und ich war entſchloſſen, mir eher den Tod, als ihm Gehoͤr zu geben! Mit jedem Au⸗ genblicke zittre ich, ihn wieder zu ſehen!— o Marina! ich beſchwoͤre Dich bei allem, was Dir heilig und theuer iſt, erbarme Dich meiner, bringe mich in Sicherheit zu meiner Mutter!“ „Und warſt Du denn ſicher bei ihr, mein Kind? hieße das nicht die Taube aufs neue in des Habichts Klauen fuͤhren?— uͤberlaß Dich Marinas Leitung, und Du ſollſt erfahren, daß ihr Gewalt genug verliehen iſt, die zu ſchuͤtzen, die es verdienen. Vertraue mir unbedingt, ſo ſoll ſich dieſer Schlund vor Dir oͤffnen und Du ſollſt ſicher ſeyn vor Muskitos Verfolgung. Aber in 107 eins macht ſich zu mein und meines Volkes Si⸗ cherheit nothwendig. Niemand, der dieſe ver⸗ borgne Werkſtatt unſrer Betriebſamkeit, dieſe unſre Bienenhuͤtte, in der ich gleichſam die Koͤ⸗ nigin bin, willkuͤhrlich oder zufaͤllig betreten hat, uͤberſchreitet hinwiederum dieſe Schwellen, er bleibt geſchieden von des Tages Glanz, und dem aͤußern Leben. Deswegen hat der Unbeſon⸗ nene Dich hergebracht, Dein auf immer gewiß zu ſeyn. Aber er ſoll ſich irren, ſoll fuͤhlen daß ich Geſetze geben und loͤſen kann! Dir zu Gunſten will ich das Letztre thun, denn ich vertraue deiner Unſchuld und Redlichkeit, noch mehr aber Deinem Eide. So ſchwoͤre nun Edi⸗ tha bei deinen Goͤttern einen theuern heiligen Eid, den Du nicht brechen kannſt, nichts zu verrathen von dem Thun und Treiben in dieſem Caſtell, und dann ſteigſt Du an meiner Hand ans Licht!“ „Seyd unbeſorgt und laßt Euch mein Wert genuͤgen, auch habe ich mich nicht um jenes, ſondern nur um meinen namenloſen Schmerz bekuͤmmert. Ich gelobe Dir, gegen Niemand Er⸗ waͤhnung zu thun von dieſem Orte des Entſetzens und Schreckens, und werde froh ſeyn, ihn aus meinem Gedaͤchtniß zu vekbannen. Allein ſchwo⸗ ren kann ich nicht, denn es ſteht geſchrieben: Du ſollſt nicht ſchwoͤren, noch den Namen des Herrn misbrauchen; nicht bei dem Himmel, denn er iſt Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn ſie iſt ſeiner Fuͤße Schemmel; wie ſollt ich nun Uebel thun und gegen das Gebot meines Gottes ſuͤndigen, da nie ein Schwur, noch Un⸗ wahrheit meine Lippen befleckt hat? Rein kam ich in dieſe Tiefen, rein will ich wieder aufſteigen an Gottes erfreuliches Licht, um dankbar zu dem Herren beten zu koͤnnen, zu dem ich rief aus der Tiefe, und der ſeines verlaßnen Kin⸗ des Stimme gehoͤret hat!“ Marina war geruͤhrt.„So entlaß ich Dich (ſprach ſie.) Ich habe kein Geſetz fuͤr die En— gel, und Du biſt ein reines, Deinen Goͤttern nahe ſtehendes Weſen. Jetzt lege dieſe Gewaͤn⸗ der ab, mit denen man deiner Tugend Hohn ſprechen wollte, und nimm dieſes buͤrgerliche Knabenkleid, das ich Dir mitbrachte, es iſt ſchlicht und recht wie Du ſelbſt!— dann ver⸗ birg Dein uͤppiges Goldhaar unter dieſer ſchwar⸗ zen Reſidilla— und damit Niemand Dich er⸗ kenne an den Lilien und Roſen der Wangen, ſo ſtreiche dieſe braune Farbe uͤber Geſicht und — 109— Haͤnde, und wenn Du fertig biſt, ſo halte Dich bereit, mir zu folgen!“ Freudig gehorchte Editha, Schmuck und Prunkgewand warf ſie von ſich, und ſtand ſehr bald nach Marinas Anordnung als Knabe vor ihr, braun wie einer der Horde: Ich bin fer⸗ tig!(ſagte ſie laͤchelnd) und erwarte Deine Leitung.“ Marina warf noch eine Gazellenlarve um ſie, lehrte ihr, ſich in die wunderliche ſchicken, weil ſie auf keine andre Weiſe durch den Wald gelangen konnten, dann ward ſie wieder Hyaͤne, und einen ihr allein bekannten Punkt in einer Mauer beruͤhrend, denn weislich hatte ſie ſich einen geheimen Ausgang vorbehalten, zog ſie ihre Begleiterin bei der Hand nach ſich, wie es ſchien in einen Abgrund. „Sey getroſt!(ſprach ſie zu ihr) durch Fin⸗ ſterniß gelangſt Du zum Licht.“ Beide verſchwanden, ſpurlos ſchloß ſich hin⸗ ter ihnen die Mauer. —xãĩãq- 11. „Und den Mordſtahl ſeh ich blinken, Und das Möͤrderauge gluͤhn 2 4* 1 8 3 3 4„ 1 5 A — 110— Nicht zur Rechten nicht zur Linken, Kann ich vor dem Schreckniß fliehn.. Schiller. Mehrere Stunden waren vergangen, ſeit Ma⸗ rina die Gefangne befreit hatte, als endlich Horka, des vergeblichen Harrens auf den Ruf der Altmutter und Edithas Ruͤckkehr in ihr Gemach muͤde, es wagte, dahin zuruͤck zu keh⸗ ren, wo ſie beide allein gelaſſen hatte. Mit ſtieren erſchrocknen Blicken, die ihr die feuergel— ben, roth umraͤnderten Augen faſt aus ihren Hoͤhlen trieben, ſah ſie, daß es leer war, und zugleich die Kleider und den Schmuck gewah⸗ rend, den Editha von ſich geworfen, brach ſie in ein wimmerndes Geheul aus! „Naſſib und Tacdir!*)(ſchrie ſie) was iſt hier geſchehn! die Koͤnigin hat Zenith und Na⸗ dir**) entboten, und ſie haben mir meine Ge⸗ fangne entfuͤhrt! Was vermag ich gegen die maͤchtige Zauberin Marina, und wenn ich alle Izeds**) und Diven beſchwoͤre, die doch — *) Naſſib und Taedir das Fatum und die hoͤchſte himm⸗ liſche Macht. **) Zenith nnd Nadir die Koͤnige der Luft und Gei⸗ ſter der Erde. ) Jzeds, Genien. i⸗ — 111— nur ihr zu Gebote ſtehn! Und gleichwohl hat er mein Leben eingeſetzt fuͤr das ihre, und ich fuͤhle ſchon die kalte Spitze ſeines Schwerdts auf meiner Bruſt! Was hilft mir all mein Wiſſen gegen ſeinen Zorn, der mit Ariman und Locke*) im Bunde iſt! was die Raben und Eulen der Mitternacht, die ich herbei zu rufen vermoͤchte, und die Gebeine der Iltiſſe und Marder, die an der Sonne gebleichten Tod⸗ tenknochen, und die Fluͤgel der Nachtvoͤgel, die ich beſitze!— Durch Muskitos Schwert werde ich umkommen, denn alſo beſagte es mein Ci⸗ tuſahra,*) den ich auswendig weiß, ſeit ich denken kann, er wird der gewaltig mich bedro⸗ hende Kriegsmann ſeyn, von dem dort geſchrie⸗ ben ſteht, und wenn Marina mich nicht in Schutz nimmt, ſo bin ich verloren, wenn er die Jungfrau nicht wiederfindet!“ Sie rief jetzt Marina aus Leibeskraͤften, bis ihr der Geifer von den welken Lippen floß, und die Kehle trocken war, aber nur das Echo der labyrinthiſchen Gaͤnge ſpottete ihr nach, und in den aͤußern Umgebungen erklaͤrte man ihr das geiſterhafte Verſchwinden der gefuͤrchteten Alt⸗ 8—— *) Satan und der Geiſt des Boͤſen. **) Cituſahra der Planet im Geburtsjahre. — 112— mutter, die man wohl kommen, aber nicht gehn geſehn hatte, mit ſcheuer Ehrfurcht als Zauber⸗ kunſt, uͤberhaupt wußte man nicht, was aus dem kranken Knaben worden ſey, und wagte auch nicht Horka zu fragen, die als Vertraute des Haͤuptlings in hohem Anſehn ſtand. Aber eben ſo wenig unterfing ſich dieſe von der Ent⸗ ſchwundenen Nachricht einzuziehn, wohl wiſſend, daß Marina nie irgend Jemanden bei ihren Zau⸗ bereien zu Rathe ziehe, ſie erklaͤrte ſich demnach ſehr natuͤrlich, daß Editha fuͤr den Haͤuptling auf immer verloren ſey, und heulte in ihrem einſa⸗ men Gemach wie ein Schakal, dachte ſie, der ſie bedrohenden Folgen. Bald ward nun Muski⸗ tos erwartet, denn die Nachricht eines Stillſtands der Waffen auf der Oberwelt war in das Caſtell herunter gekommen; da gab ihr endlich die ſtei⸗ gende Angſt den gluͤcklichen Gedanken ein: durch Verſchlagenheit den Zornigen zu beſaͤnftigen. Sie war von ihrer Jugend her, im Beſitz mehrerer Lie⸗ der und Sagen aus der Vorzeit ihres Vaterlandes Liefland, und beſaß noch eine ſo leidliche Stim⸗ me, daß es ihr nie an Zuhoͤrern gebrach, wenn ſie ſich hoͤren ließ. Auch Muskitos hatte ſeit ſeinen Kinderjahren ſtets Geſchmack an ihren Geſaͤngen gefunden, und oft war es ihr gelun⸗ gen, —— — — 113— gen, manche ſeiner wild auflodernden Leiden⸗ ſchaften, mit ihnen zu beſaͤnftigen, deshalb Ma⸗ rina ſie ihm zur Vorſteherin im Caſtell gegeben hatte. Ihre Tochter, die reizende Mona, die bei der Horde, und Vorzugsweiſe um Marina war, hatte nebſt den Vorzuͤgen ihrer einſtigen Jugend, auch dieſe Stimme geerbt, die der Haͤuptling noch lieber hoͤrte, als die ihrige, denn ſie hatte Augen, ſchwarz wie Schlehen, und leuchtend, wie die der Gazelle oder Anti⸗ lope, und ihr jungfraͤuliches Angeſicht glich der jungen Roſe. Hoch ſtand ſie vor Allen in des Haͤuptlings Gunſt, und ſein Ohr ergoͤtzte ſich an ihren Liedern. Horka wußte, daß ihm eins dieſer Lieder an Mona erinnern mußte, und daß er ſanfter ward, wenn er an Mona dachte. Als nun Muskitos angelangt war, und ſie ihn erwarten mußte, ſetzte ſie ſich ins Vorgemach, aus den Marina mit Editha verſchwunden war, legte das aͤgyptiſche Flachsbund vor ſich, ſtellte ſich, als bemerke ſie nichts, und die goldne Spindel drehend, ein Geſchenk der Altmutter, ſang ſie: Monas Liebeslied. Winter vorbei Herzchen, mein Liebchen! 8 S — 114— Lenz iſt gekommen! Vöglein ſingen, Herzchen mein Liebchen! Bluͤhen die Roͤslein Klingen Schallmein Liebet ſich alles, Herzchen mein Liebchen! 34 Muskitos war eingetreten, und von den be⸗ kannten Toͤnen wirklich gewonnen, laͤchelnd ſte⸗ hen gebleiben, ihr zuzuhdren; jetzt aber unter⸗ brach er ſie mit der Frage nach Editha. Aber die Alte ſtellte ſich, als habe ſie nichts gehoͤrt, und in eine andre Weiſe fallend, ſang ſie: ¹ Das Lied vom verlornen Schaͤflein. (aus Talvis ſerbiſchen Liedern.) „Geſtern Abends— geſtern Iſt mein Schaͤflein verſchwunden; i wer wird mir helfen ſuchen Mein einziges Schaͤflein? Zu den Morgenſternen ging ich, Der Morgenſtern gab zur Antwort: Ich muß der Sonne fruͤhe Das Feuer anmachen! Zum Abendſtern ging ich, Der Abendſtern gab zur Antwort: Ich muß am Abend der Sonne, Das Bettlein machen. Zu dem Monde ging ich, — 115— Der Mond gab zur Antwort: Ich bin mit dem Schwerdt zertheilt, Traurig iſt mein Antlitz. Zu der Sonne ging ich, Die Sonne gab zur Antwort: Neun Tage will ich es ſuchen Und den zehnten nicht untergehn!“ „Was ſingſt Du fuͤr ein wunderliches Lied, Horka?(ſchrie jet Muskitoe) Wo iſt Editha?2 „Seyd Ihrs, Hauptmann!(rief nun Horka und ließ die Spindel fallen) Ja, da muͤßt Ihr den Morgen: und den Abendſtern, den Mond und die Sonne fragen?“ „Biſt Du trunken, oder redeſt Du ierc, alte Hexe! fuͤhr' mich zu Editha!“ „Herr! vernichtet die Schuldloſe nicht in Euerm Grimm; aber eben ſo gut koͤnnt ich Euch zum Morgen⸗ und Abendſtern, zum Mond und zur Sonne fuͤhren, als— zu Editha!“ „Elende!“ „Herr! ich bin ein Gewuͤrm unter Euern Fuͤßen! Was vermocht ich gegen die Altmutter⸗ Koͤnigin.“ „Marina— was faſelſt Du?⸗ „Ach, nie war mehr Wahrheit auf meiner S 8 Zunge! Jch ſage, Herr! daß Marina, die all 8* — 116— wiſſende Seherin, gekommen iſt wie ein Dieb in der Nacht, wie die Wita des Waldes und hat die Jungfrau entboten mit ihrer gewaltigen Zau⸗ berkraft, da haben ſie die Diven hinweg gefuͤhrt und im Mittelpunkte der Erde verborgen, daß ſie ſeitdem mein Auge nicht wieder geſehen hat.“ „Editha mir geraubt!(bruͤllte Muskitos) ſo nimm den Lohn fuͤr ſo fluchenswuͤrdige Bot⸗ ſchaft!“ und wuͤthend den Dolch aus dem Guͤr⸗ tel ziehend, wollte er ihn der zu ſeinen Fuͤßen ſich kruͤmmenden Alten eben ins Herz ſtoßen, als er ſich ploͤtzlich am Arm feſtgehalten fuͤhlte und der Dolch ihm weit aus der Hand geſchleudert ward, daß er zu Boden fiel.— Vor ihm ſtand aufgerichtet und in hoher Geſtalt Marina, lam⸗ menden Auges, wie die Goͤttin der Rache; er erſchrak vor der Allgegenwaͤrtigen, und ſchaam⸗ roth neigte ſich des Trotzigen Haupt auf die breite Bruſt, denn ſtets uͤbte ſie eine ihm ſelbſt unerklaͤrliche Gewalt uͤber ihn aus.— Jetzt erſt kreiſchte Horka laut auf, ſprang in die Hoͤhe und ſtuͤrzte aus dem Gemach. ——— 6 — 117— 12. Adeste, adeste, sceleris ultrices Deae, Senec. Med. Goͤttinnen ſteiget herauf ihr Raͤcherinnen des Frevels. „Knabe!(ſprach jetzt Marina) das alſo ſind Deine Heldenthaten? waͤhrend ich Dir Zeit laſſe, die Bahn der Ehre zu verfolgen, befehdeſt Du mit Deinen Mordbrennern einſame Wohnungen, wuͤrgſt wehrloſe Weiber, und entfuͤhrſt eine Jung⸗ frau, die unter meinem Schutz ſteht mit all den Ihrigen, weil ihr die Horde durch Dank⸗ barkeit hoch verpflichtet iſt. Dir iſt das bekannt, aber frevelnd uͤbertrittſt Du alle Geſetze, und wagſt ſogar, die Fremde in die geheimen unter⸗ irdiſchen Kluͤfte des Reiches einzufuͤhren, wo Du auf neue Frevel gegen die Unſchuld ſinnſt; und jetzt hat nur meine gewaltige Hand den Raſen⸗ den verhindert, die treue Horka zu toͤdten, die kein andres Verbrechen beging, als daß ſie mir zu widerſtehen nicht vermochte! Sprich, Haupt⸗ mann, wenn der niedrigſte Bube unter Deinem Troß ſich alſo verginge, welch Urtheil wuͤrde Dein Mund uͤber ihn ausſprechen? „Den Tod!“ antwortete Muskitos dumpf. ohne den Blick zu der Zuͤrnenden zu erheben — 118— 4 „und ich ſollte es uber Dich ergehen laſ⸗ ſen?(ſagte jetzt Marina, ploͤttzlich in eine gewiſſe Weichheit uͤbergehend, die ſie, wie es ſchien, vergebens zu unterdruͤcken ſuchte) Darum alſo (fuhr ſie fort) haͤtt' ich den jungen Baum ver⸗ pflanzt, gepflegt, daß ich ihn wieder faͤllen ſollte mit eigner Hand, ihn! den ich beſtimmt hatte, lange nach meinem Tode dieſen Soͤhnen des Nebels, dieſen Toͤchtern der Nacht Schutz und Schirm zu geben?— Mußteſt Du mich alſo auf die Probe ſetzen? welcher Kuͤnſtler ver⸗ nichtet ohne Schmerz ſein eignes Werk, ſelbſt dann, wenn es mißrieth?!“ „Thut, was Euch gut duͤnkt, Herrin!(er⸗ wiederte jetzt Muskitos, und erhob das Haupt mit Faſſung und einigem Trotz) Ihr habt mir gelehrt, den Tod zu verachten.“ „und das iſt alles, was Du der zu ſa⸗ gen haſt, die Dir ſo lange Mutter geweſen iſt?“ fragte Marina faſt zaͤrtlich. Da brach der Stolz des harten Juͤnglings, wie das Eis bricht vor den Strahlen der Fruͤh⸗ lingsſonne, und ohne ſelbſt zu wiſſen, wie es kam, beugte er unwillkuͤhrlich das Knie vor der Wohlthaͤterin, und ſprach leiſe und beſchaͤmt: „Nicht Todesfurcht— wahrlich nein! Er⸗ — 119— kenntniß, daß ich uͤbel. gethan, iſt es, was mich jetzt die Bitte ausſprechen laͤßt: Verzeihet mir! Ja, Marina, in Euch ehr' ich mehr die Mut⸗ ter, als die Koͤnigin— ſonſt wuͤrde ich mich auf die Staͤrke meines Arms, auf die Treue dieſer wilden Menſchen verlaſſen; aber fern ſey von mir jeder andre Gedanke gegen Euch, als der einer kindlichen Unterwerfung!— Verzeihet der Allgewalt jugendlicher Liebe, oder kanntet Ihr ſie nie in den Jahren der Bluͤthe?— bei allem, was Ihr damals em⸗ pfunden habt, vergebet mir! und bedenkt, daß nie ein aͤhnliches Wort gegen irgend einen an— dern Sterblichen uͤber Muskitos Lippen kam— kommen wird!“ „Wohlan denn,(ſprach Marina beſaͤnftigt) ich will mich erweichen laſſen, aber Strafe muß ſeyn, wenn ich Dir wahrhaft vergeben ſoll. Wirſt Du Dich ihr ohne Widerſtand unter⸗ werfen?“ „Ich werde es! 4 „Du bleibſt hier zwei Monden lang, ſo lange droben die Waffenruhe dauert— mein Gefangner auf Dein Ehrenwort, und ſiehſt 4 dann erſt das Licht der Sonne wieder. Mich 5 zu hintergehn⸗ wirſt Du um Deiner Sher wit — 120— len nicht wagen, und nicht immer verzeiht die Koͤnigin!“. „Und— Sditha? 2“ fragte Muskitos traurig. „Bei meinem Zorn, frage mich nicht nach ihr, deren Gunſt Deine Frevelthat auf immer verſcherzt hat!“ „Mutter! Koͤnigin! gebt mir Editha zum Weibe!“— „Gebt mir den glaͤnzenden Silberball dort oben herab zum Spielwerk, Vater! llehte ein thoͤrichter Knabe!“ „Will ich denn ſpielen?(fragte Muski⸗ 4 tos erbittert) Liebe fuͤrs Leben wie die chriſtli⸗ chen Ritter fuͤr ihre Damen hegen, fuͤhl ich fuͤr Editha, darum ſoll gegen die Sitte unſers Volks, Prieſterhand uns auf ewig verbinden!“ „Gieb jeden Gedanken an eine Unmoͤglich⸗ keit auf, Muskitos!— Editha iſt unerreichbar fuͤr Dich.“ „Warum unerreichbar? Die ſchoͤne Helena war Menelaus Weib, und dennoch wußte die muthige Leidenſchaft des Paris ſie zu erlangen!“ „und Troja brannte— und der blutigſte 1 Krieg..! „Schon Recht! Krieg!(jauchzte der wilde Juͤngling) der iſt ja ſchon, und Krieg um e 121— das Geliebteſte erſchafft Helden! Laßt mich äm⸗ pfen um die ſchoͤne Braut!“4 „Die Dich verabſcheut, junger Thor! Meinſt Du, ein Herz wie das ihre laſſe ſich erwerben durch Krieg und Kampf? „ Mutter! ich weiß, wie allmaͤchtig Ihr ſeyd! Nochmals beuge ich meine Kniee vor Euch und bitte: Gebt mir Editha's Liebe! „Was weißt Du von Liebe? Wilde Lei⸗ denſchaft, tobende Iugendflamme, vernichtende Gluth, das, nur das iſt des Juͤnglings Liebe! — Auch darf ich nicht, denn anders leſ' ich's in den Geſtirnen:„Nie wird Editha Dein Weib, wohl aber kann ſie Dir Verderben bringen, wenn Du nicht ablaͤßt, ſie zu verfolgen!“ Sie iſt einem Beſſern beſchieden als Du biſt, und was dort mit Sternenſchrift ſteht, kann ich nur deu⸗ ten, nicht aͤndern, darum ſey klug und haſche nicht nach einem Schatten!“ „Ihr ſeyd grauſam, Mutter!— und Ihr verurtheilt mich wirklich, zwei Monden lang hier in Unthaͤtigkeit zu verharren? 3 „Ich aͤndere nie meinen Ausſpruch, das weißt Du!“ 3 „So verſprecht mir wenigſtens, mich nicht hier in Unthaͤtigkeit zu laſſen, wenn draußen X — 122— der blutige Tanz von Neuem beginnen ſollte; denn wie koͤnnte ich den liebſten meiner Wuͤn⸗ ſche entſagen, als bei dieſem?“ „Dem Strafbaren ziemt nicht, Bedingun⸗ gen vorzuſchreiben!“ „So ſendet mir doch nur— Mona hierher zur Unterhaltung!“ „uUnd ſolch erbaͤrmlicher Geck ſchwatzt von Liebe, von ewiger?(zuͤrnte Marina) Mona, die Du um Edithas willen verſaͤumt, vergeſſen haſt, deren Mutter Du vor wenig Augenblicken in toller Muth aufopfern wollteſt, Mona ſoll Dir jetzt zur Unterhaltung dienen? Warum ver⸗ nachlaͤſſigteſt Du die, ſo Dich liebt? warum, wenn Du die Feſſeln der Ehe tragen willſt ge⸗ gen die Sitte dieſes leichtgeſinnten Volkes, das wenigſtens keine falſchen Schwuͤre ewiger Treue leiſtet, warum waͤhlſt Du Mona nicht, deren Schoͤnheit Dein Herz entflammte, und die Dei⸗ nes Gleichen iſt? Hilkar, der Zigeunerfuͤrſt im Herrmannſtaͤdter Walde, gab ihr das Daſeyn, und die treue Horka hat ſie ihm geboren, ſo hat ſie den Vorzug, zu wiſſen, von wem ſie ab⸗ ſtammt, und iſt wuͤrdig, des Haͤuptlings Gat⸗ tin zu ſeyn!“ Muskitos wiegte aͤrgerlich das ſchwarz um⸗ ——— — 123 lockte Haupt, ſtrich ſich den glaͤnzenden Knebel⸗ bart und erwiederte verdroſſen: Mona verlangt das Opfer meiner Freiheit nicht!“ „So ſchaͤme Du Dich das Opfer ihrer Schoͤnheit anzunehmen!“ antwortete Marina, und noch ziemlich unzufrieden mit dem Zoͤgling, ließ ſie ihn im Caſtell zuruͤck, um ſich zu ihrer Horde zu begeben. Als ſie aber dort die Nach dem Haͤuptling mit der mußte: Er werde einige bleib forſchungen nach Nachricht befriedigen Zeit im Caſtell ver⸗ en, da warf ſich die ſchoͤne Mona vor ihr nieder, und bat um die Erlaubniß, ſich zu ih⸗ rer Mutter zu verfuͤgen, um ihm dieſe Zeit uͤber zu dienen. Mirleidig ſahe die Altmutter das aufbluͤ⸗ hende Maͤdchen an. Mona!(ſprach ſie warnend) Du eilſt ins Verderben! Jetzt biſt Du ſcho die Goͤttin der Liebe; hoch und ſchlank iſt Dein Wuchs, eine gediegene Marmorſaͤule; weiß und roſen farben biſt Du, wie Aurora iſt! braunen Augen ſind Gluthſterne auf blankem. Perlengrund, Meereseglein ihre Brauen, Schwaſ⸗ benfluͤgel Deine Augenlieder, ſeidne Quaſten Dein Rabenhaar, n wie Freia, Deine naͤchtlich wie die Finſterniß⸗ — —— ᷣά⸗ò — 124— Dein Mund gleicht einer Zuckerdoſe, aufgerichtete Perlen ſind Deine Zaͤhne, Duft und Schmelz der vollen Goldorange weht um Dich her, Bi⸗ ſam iſt Dein Odem, weiß Dein Buſen wie Schwanenfittige, Gliederkraft und Fuͤlle bezeich⸗ nen die ſchoͤn gehobnen Schultern, der ſanft ge— woͤlbte Nacken, der edle vollkommne Bau Dei⸗ nes Leibes! Wenn Du lachſt, ſagen die Juͤng⸗ linge, ſo ſcheint die Sonne! wenn Du ſprichſt, ſo girrt die Taube; noch biſt Du eine duftig zarte Bluͤthe, bald zur wuͤrzigen Traube ge⸗ reift— und Du willſt gehn und dem Flammen⸗ ſpiele ſeiner Laune das alles zum Opfer brin⸗ gen?— ihm— der eine andre liebt?“— „Hindre mich nicht daran, allwiſſende Koͤ⸗ nigin!(antwortete Mona, im feuchten Thau der Thraͤnen das feurige Auge ſenkend) wenn ich ſo bin, wie Du ſagſt, wem ſoll Wuͤrdiges gehoͤren, als dem Wuͤrdigſten? O und ich will ja ſeiner nur pflegen, die Mutter verſteht das nicht ſo!— will ihm die Speiſe bereiten, denn gewißlich ruht er krank auf ſeinem tuͤrkiſchen Teppich. Roſenkuchen weiß ich zuzubereiten, und gelbe Serd“) das trag ich ihm auf *) eine lettiſche, von Honig zubereitete Mehlſpeiſe. —=—z—ne,———— ein d ☛ ½—— ⏑&—— ter dem ich ſchlafe!“ eine Ausnahme machen von 8 in den gediegnen Goldgefaͤßen und ſilbernen Schaalen, die mir mein Vater hinterließ; Fruͤh⸗ lingskirſchen und Pfirſiche, dunkelroͤthlich und blaßgelben Sammets, feucht vom Thau gebro⸗ chen; Meers⸗Feigen und Moſterſche Trauben habe ich fuͤr ihn geſammelt! Schlaͤft er, ſoll das Heldenhaupt ſanfter ruhen auf meinen Knieen, und leiſe, wie Schilf ertoͤnt, wenn der Wind es durchfluͤſtert, ſollen Mona's gern von ihm ge⸗ hoͤrte Lieder ihn umſaͤuſeln. Wuͤrdig iſt er einer Fuͤrſtin Liebe, werth eine Koͤnigstochter zu kuͤſ⸗ ſen, und wenn Ihr mich zwingt, fern von ihm zu bleiben, werd' ich ſo viel Weh erdulden, als Brod ich verzehre, ſo viel Thraͤnen vergießen, als Waſſer ich trinke, und ſo viele Herzenswunden fuͤhlen, als Zweige auf dem Baume ſind, un⸗ „Und haͤßlich und alt werden vor der 1 (lachte Marina) Drum ziehe immer hin in Deit Verderben, junge Thoͤrin! ckentanz um das Licht, verbrenne Dir die Fluͤ⸗ gel!— bereue dann— und ſtirb! „Wie ich nur glauben konnte, du wuͤrdeſt dumpf und muͤrriſch hinzu) geh nur gehl und — beginne den Můᷣ⸗ Allen!(ſette ſie — 126— werde klug durch Schaden, denn das iſt das Loos der Menſchen!“ Da freute ſich Mona der gewaͤhrenden Rede, und legte Seide und Sammet an, ſich ſchnie⸗ gelnd wie eine junge Odaliske. Einen ſcharlach⸗ nen Rock vom feinſten Tuch, das immer roͤther ward, und durch Waſſer und Sonnenſtrahlen roſenroth, dazu ein violettfarbnes Leibchen mit aͤchten Goldſpangen, und verrathend des Buſens Fuͤlle, ein Hemd von Battiſt, oben von zwei blitzenden Schlangenkoͤpfen, Edelſteinen ſeltenen Werths, gehalten. Die langen Haare flocht ſie in Zoͤpfe und ſchmuͤckte ſie mit Schleifen; die Fuͤß⸗ chen prangten in zartſeidnen Struͤmpfen, flo⸗ rentiner Geweb, und ſchwere Silber⸗Schnallen deckten die ſchwarzen Schuhe; bauſchicht traten aus dem Leibchen die feinen Hemdeaͤrmel hervor, von Goldſpangen gehalten, und die zarte kleine Hand umſpannend. So— geſchuͤrzt das leichte Gewand, die buntgefleckte Leoparden⸗Huͤlle uͤber den Schultern, begab ſie ſich in den Wald— ins Caſtell, und gern ließ man Mona ein. Froh kam Mutter Horka ihr entgegen, ſtolz auf des Töchterchens Liebreitz, ſie aber riß ſich aus ihrer Umarmung, und trat vor den uͤbelgelaunten Haͤuptling, der traͤg und ſinnend auf ſeidenem — 127— Lager ruhte. Ihre Reitze umſtrahlten ihn, wie das entbehrte Sonnenlicht, und er umfing ſie mit liebender Inbrunſt. Bald darauf ſagte er: er habe um der Wachtel willen die Nachtigall vergeſſen. 13. „Sie ſchwebt dahin auf Lotos und Violen Mit leiſem Feenſchritt Wie Iris leicht, mit purpurhellen Sohlen Auf blaue Wolken tritt. v. Salis. Fuͤr Edithas Sicherheit hatte Marina aufs voll⸗ kom menſte geſorgt, als ſie mit ihr aus dem halb verſchuͤtteten Gange des Caſtells, der Nie⸗ mand als ihr bekannt war, auf einer andern Seite als der des gewoͤhnlichen Eingangs ans . Licht trat. Faſt war es Mittag, hoch prangte die Sonne am Himmel, ſchoͤner und herrlicher die Welt erleuchtend, und hier und da zwiſchen die gruͤnen Baumgruppen des Waldes, die gol⸗ denen Lichter blitzend. Jeder ihrer ſeegensvollen Strahlen fiel in das wonnebebende Herz der dankergluͤhten Editha, die ſie und die ganze Na⸗ tur, deren Wonne ſie ſo lange enthehren mußte, 5 — 128— A gleichſam in ihre Seele aufnahm! So ſchweigt 3 4 das Voͤgelchen, gluͤcklich dem Kaͤfig entronnen, in dem es der Muthwille eines ſchadenfrohen Kna⸗ ben gefangen hielt, freudig flattert es mit den geloͤſten Schwingen, froͤhlich zwitſchernd von ei⸗ nem Zweig zum andern, und ſingt das Gluͤck der erlangten Freiheit den Bluͤthen vor, in de⸗ nen es ſich verbirgt! Marina ſah mit ſtillem Wohlgefallen ihr inniges Entzuͤcken und wie es ſchien, als ſey jede Schoͤnheit der Natur, vom lispelnden Laub des Baumes, bis zum Summen der Muͤcken im Sonnenſchein, ihr neu worden, und nur da, das dem Leben wiedergeſchenkte Menſchenkind willkommen zu heißen, denn bald laͤchelte Edi⸗ thas begeiſterter Blick dankbar zum blauen Him⸗ melsaͤther auf, bald druͤckte ſie die Hand der Begleiterin, und bald kuͤßte ſie die Waldblume, die ſie ſich gepfluͤckt hatte. „O wenn ich jetzt zu meiner Mutter koͤnn⸗ te!“ liſpelte ſie, an Marinas Schulter ſich ſchmiegend. „Gieb dieſen Wunſch auf, arme Editha (verſetzte dieſe) uͤber die Alpen fuͤhrt Dich der Weg zur Sicherheit, und darum kam Dirs fruͤ⸗ her ſchon in den Sinn ihn einzuſchlagen. In dem ſchoͤ⸗ wie Hei thal deſſ . zuri ontr ſie nen Äſſc der V mit führt — 129— ſchoͤnen, duftigen Bluͤthenlande Italia, unter dem ewig milden, ſonnenklaren Himmel wird Dein Fuß uͤber Blumen wallen, die des Krie⸗ ges Gorgone noch nicht mit Schlangen beſaͤet, mit Blut geduͤngt hat. In Deiner Verkleidung wirſt Du dort nichts Arges zu fuͤrchten haben, und Muskitos Verfolgung Dich nicht erreichen!“⸗ „Ach Marina!(jammerte Editha) ich bin verzagter worden, ſeitdem was ich erfahren habe! wie ſoll ich allein, ſchutzlos, verlaſſen, unbe⸗ kannt mit dem Wege, den ich nehmen ſoll, das Land der Sicherheit erreichen?7— „Glaubſt Du, daß ich nur halb fuͤr Dein Heil geſorgt haͤtte?(fragte Marina) nein! Edi⸗ tha! ſobald der Wald hinter uns liegt, unter deſſen letzten Geſtraͤuchen wir unſre Thierlarven Zuruͤcklaſſen werden, wirſt Du Deine Begleitung antreffen! Beruhigter eilte Editha jetzt voran, und als ſie auf die freie Ebne heraus traten, kam ih⸗ nen uͤber die weiche gruͤne Flur ein Knabe, dem Anſchein nach von drei bis vier Jahren entgegen, der ſauber gekleidet, ein milchweißes Roͤßlein mit Sattel und Zeug an einer rothen Halfter fuͤhrte. 1 Sieh! Deine Begleiterin!(ſprach Marina — 130— zu der erſtaunenden Editha) dieſer Knabe, ver⸗ kleidet wie Du, iſt ein Maͤdchen in Deinem Al⸗ ter, und gehoͤrt zu meiner Horde, in der ſie und ihren Zwillungsbruder eine der Dirnen ge⸗ boren hat. Ich ließ die beiden niedlichen Zwerg⸗ lein erziehn, und der Knabe befindet ſich jetzt in Montſerat am Hofe der ſchoͤnen Herzo⸗ gin von Savoyen und iſt ihr Lieblingszwerg. Die Kleine behielt ich bei mir, und ſie iſt meine beſte Brieftaube, und geſchickteſte Bothin. Ih⸗ rer Verſchlagenheit und Klugheit, kommt nie⸗ mand gleich, und mehr als einmal hat ſie den Weg uͤber die Alpen zuͤruͤckgelegt, denn ſie wan⸗ delt ſicher im Geleit ihrer Unbedeutenheit. Du magſt Dich ganz auf ſie verlaſſen, ſie wird Dich zuverlaͤſſig und am gewiſſeſten nach Italien geleiten.— So recht Ninette(Yrief ſie der An⸗ langenden zu, aus deren klugen Augen und zartem Geſichtchen die lieblichſte Unbefangenheit ſprach) Du haſt wohl gethan, Dich zu beeilen.“ „Wie immer, Herrin, wenn es Deine Be⸗ fehle gilt!(antwortete Ninette, im Naͤherkom⸗ men zierlich gruͤßend, und indem ein Blitz aus ihren dunkeln Augen auf Editha hinfuhr) ſagt, iſt das— die Dame, der ihr mich zum Ritter elwäͤhlt habt.“ — 131— „Sie iſts! Es iſt Editha— wir wollen ſie aber von nun an Angelo heißen, wie Du Dich bequemen wirſt, die Ninette mit dem Ninus zn vertauſchen!(ſagte Marina) dann werdet Ihr fuͤr Bruͤder gelten.“ „Was wird aber aus uns beiden werden, auf der langen gefahrvollen Reiſe?(klagte jetzt aͤngſtlich werdend, die beſtuͤrzte Jungfrau) was aus mir in dem fremden Lande, unter Leuten die nicht meines Glaubens ſind, und die Ke⸗ tzerin von ſich ſtoßen werden? wer wird mich ſchuͤzen? was ſoll ich dort beginnen? wer wird mir Arbeit geben, mein Leben zu friſten?— „Verbanne nur fuͤrs erſte allen Kleinmuth und die zu aͤngſtliche Sorge fuͤr die Zukunft! (ſagte Marina) In dem mit Unruhe erfuͤllten Deutſchland, iſt Deines Bleibens nun einmal nicht, und mißtraueſt Du Deinem Gott, daß er Dich auch außer dem Vaterlande beſchuͤtzen und erhalten kann? zweifelſt Du daß er bei Dir ſeyn wird in der Fremde, und Dir nicht Freunde zu erwecken vermoͤchte, wie dem Abra⸗ ham Kinder aus Steinen?“ „Du redeſt weiſe, Marina(verſetzte be⸗ ſchaͤmt die Jungfrau) und ol— daß Du mir erſt eine ſo große Wahrheit ſagen mußteſt!— 9* — 132— wohlan! ich gehe! nimm meinen Dank fuͤr Deine Guͤte fuͤr mich, und glaube, daß bin ich einſt im Stande, Dir zu vergelten, es gewißlich geſchehen ſoll!“— „Das koͤnnte ſich leicht ereignen!(ſagte Marina) doch mancher verſpricht Etwas in der dunkeln Nacht, daß er nicht zu halten denkt, wenn es weißer Tag iſt. Was iſt das aber fuͤr ein geflecktes Roß, das Du am Zuͤgel fuͤhrſt, Ninette? „Mein Bruder Bellamo hat mir den kleinen Scharaz zum Geſchenk gemacht(ant⸗ wortete die Zwergin) und ſchon oft trug er mich uͤber die Alpen. Du mußt wiſſen, ſchoͤner An⸗ gelo(lachte ſie ſchalkhaft zu Editha gewendet) daß mein Bruder am Hof zu Montſerat eine gar ehrenvolle und eintraͤgliche Stelle hat, und mir daher mancherlei Schoͤnes geben kann. Von allem aber iſt mir der Scharaz das Liebſte, denn er fliegt wie ein Vogel, klettert wie eine Gems, iſt ſchlau und flink wie die Gazelle, und verſteht jedes meiner Worte. Guter Scha⸗ raz! ieher Scharaz!(fuhr ſie fort, das kleine Thier, das den Kopf zu ihr herab neigte, ſanft mit dem Haͤndchen liebkoſend) jetzt bekommſt — 133— Du eine Laſt mehr!— aber, nicht wahr, Du thuſt es gern, uns zu tragen?“ Scharaz neigte bejahend den Kopf, und ſpitzte die Ohren. „Seht Ihr!(lachte ſie froͤhlich) er haͤlt den Angelo fuͤr ein Roſenblaͤttchen, wie mich; ge⸗ ſchwind kommt, junger Herr, ſeyd mein Don Quiſchott, da ich die Ehre habe, Euern Sancho Panſa vorzuſtellen.“ Und ſich mit einem Sprunge auf des Pferd⸗ chens Ruͤcken ſchwingend, rief ſie Editha zu, ein Gleiches zu thun. Dieſe gruͤßte Marina noch einmal und gehorchte, denn ſie war in dieſer damals gewoͤhnlichen Art des Fortkommens kei⸗ neswegs unerfahren. Scharaz ſchien ſeine an⸗ muthige Doppelbuͤrde nicht zu fuͤhlen, denn auf den Ruf ſeiner Gebieterin flog er pfeilſchnell, wie die kleinen tartariſchen Roſſe zu thun pfle⸗ gen, von dannen. Editha ſchloß bald Freundſchaft mit ihrer Fuͤhrerin, uͤber die ſie ſich durchaus nicht zu be⸗ klagen hatte; ſie war die ganze Reiſe über un⸗ verdroſſen, voll Muth, aber auch voll Poſſen, und wußte Edithas Truͤbſinn ſtets mit dem be⸗ ſten Erfolg zu bekaͤmpfen. Scharaz legte die Reiſe auf's ſchnellſte zuruͤck, und ob man gleich — 134— zuweilen die beiden ſonderbaren Knaben mit Ver⸗ wunderung anſtaunte, ſo ließ man ſie doch un⸗ gehindert ihres Weges ziehn, oder wo man ſie anhielt, wußte Ninette, die der Sprache voll⸗ kommen maͤchtig war, mit ſo viel Witz und Geiſtesgegenwart zu antworten, daß ihnen durch⸗ aus nichts widriges geſchah, und beide gluͤck⸗ lich in Savoyen anlangten, wo ſich der Hof in Piemont befand. Hier erzeigte Ninette der Ge⸗ faͤhrtin den Dienſt, ihr Geſicht und Haͤnde von der braunen Farbe zu reinigen, die ihr Marina gegeben hatte, auch gab Editha ihren ſeidenen Goldlocken die Freiheit wieder, daß ſie in ſchoͤ⸗ nen Wellen ihr um den weißen Nacken floſſen, aber ihre Verkleidung behielt ſie unausgeſetzt bei. Der ſchoͤne Knabe zog alle Blicke auf ſich, und oft ſchmerzte es Editha, den Schleier entbehren zu muͤſſen, in den ſie ihre Reize ſo gern ver⸗ huͤllt, und dieſen unbeſcheidenen Spaͤheraugen entzogen haͤtte. Ninette beſtand darauf, ſie durch ihren Bruder an den Hof der Herzogin bringen zu wollen, welches, wie ſie behauptete, ihr ein Leichtes ſey, allein die ſtille, demuͤthige Edi⸗ tha zog vor, ſich in Verborgenheit zu erhalten, und durch eignen Fleiß zu ernaͤhren. Sie ver⸗ ſtand Blumen und ſeltne Pflanzen zu erziehn, — 135— und zu warten, und hatte von Frau Elsbeth gelernt Kraͤnze, Kronen und Straͤußer aufs zier⸗ lichſte zu winden, ſo daß ſie in dieſer Kunſt ihres Gleichen ſuchte. Sie entſchloß ſich, die Goldſtuͤcke, die ihr ihre Mutter gegeben hatte, und die noch unangegriffen waren, denn auf der Reiſe war die Zwergin von Marina beauf⸗ tragt, die Saͤckelmeiſterin zu ſeyn— zu Errich⸗ tung eines kleinen Blumenhandels anzuwenden, und bald ernaͤhrten ſie Florens liebliche Toͤchter aufs reichlichſte. Wenn der ſchoͤne Angelo unter einem von gruͤnen, roſigt bluͤhenden Aka⸗ zienzweigen geflochtnen Obdache, mitten unter ſeinen Blumen und Pflanzen, Kraͤnze windend ſaß— um ihn her „Schlummernd ſtanden Narziſſen, mit den halb geſchloſſenen Augen Mit gebogenem Hals, ſchlummernden Juüͤnglin⸗ gen gleich Anemonen der er Flar, gleich Maͤdchen mit ſchwel⸗ lenden Buſen Angethan mit dem Kleid, welches der Safran getraͤnkt. Lilien bluͤhten verſammelt, hinter dem Schleier wie Geiſter, Geiſter ſind ſie zwar, doch reizende Koͤrper zugteich. Ritterſporn ſaßen zu Pferde, als Wäaͤchter der Kranze, — 136— Von dem Scheitel des Haupts ſchimmernd die Kronen herab, Weiden ſtreckend ins Weite hinaus die Ruthen, als Finger, Finger, denen fehlt, um ſie zu biegen, Gelenk, In den Blumen der Flur waͤhnt' man Laternen zu ſchauen, Welche erhellen die Nacht, aber es fehlet der Docht. Trunken von Aetherwein, der Wolken wanken — ſie taumeind, Wie der Betrunkne wankt, taumelnd vom ſee⸗ ligen Rauſch. Kamomillen, weiſend die Zaͤhn' im lieblichen Laͤcheln. Und an der Roſe Rund, perlend den Tropfen des Thaus. (aus dem Arabiſchen von J. v. Hammer.) Da ſammelte ſich die bunte Gruppe der Staunenden um ihn, betrachtete mehr noch ſei⸗ nen, als der Blumen Reiz, und jedes ſtrebte darnach, Kraͤnze und Bluͤten von dem ſchoͤnen Knaben zu kaufen, der mit der Freundlichkeit eines Engels, jeden bediente, wiewohl er, der von Ninetten erlernten Sprache, noch nicht ganz maͤchtig war, doch aber ihre entzuͤckenden Laute mit ſuͤßer zaghafter Stimme melodiſch uͤber die rofigten Lippen gleiten ließ. Bald malte ihm — 137 die welſche Einbildungskraft Fluͤgel, und hielt ihn fuͤr einen vom Himmel herabgeſtiegenen En⸗ gel, als worauf ihnen ſein Name Angelo zu deuten ſchien, ſo daß er zuletzt Muͤhe hatte, die Anbetungen von ſich zu weiſen, die man ihm zu ſpenden geneigt war. Ganz Piemont ſprach von dem Wunderknaben, draͤngte ſich von dem Blumenengel zu kaufen, und die ſchalkhafte Ni⸗ nette, die ihr Anfangs zur Seite blieb, gefiel ſich, ſo ſehr Angelo ſie auch bat, das aberglaͤu⸗ biſche Volk durch geheimnißvolle Andeutungen und Reden, in ſeinem Wahne zu beſtaͤrken, ſo daß auch jetzt der arme Fluͤchtling unter der Laſt aufgedrungner Huldigungen erſeufzen mußte. 14. Nahe grenzt an die Freude das Leid, Wie der Dorn an die Roſe, Und umgeben wie ſie, Iſt das Vergnuͤgen mit Schmerz. *1* In Savoyen regierte damals, der durch ſeine Einwirkungen in die Angelegenheiten und Zwie⸗ ſpalte des deutſchen Reichs, in der Geſchichte denkwüͤrdige Herzog, welcher, als Feind der 88 —— — 138— Spanier, und um ſich maͤchtige Verbuͤndete zu zu eignen, einigen ſeiner Ritter erlaubt hatte, mit ih⸗ ren Lehnsleuten zu dem Bunde der Union zu ziehen, als Huͤlfsvoͤlker ihres Heers; er ſelbſt beabſich⸗ tigte, als ein ſehr ehrgeiziger Fuͤrſt, die roͤmi⸗ ſche Kaiſerkrone, und hoffte ſich die Stimmen der Reichsfuͤrſten bei der bevorſtehenden Wahl verſchaffen zu koͤnnen; er beſaß eine Gemahlin, die durch ausgezeichnete Schoͤnheit und Klugheit ſich uͤber andre Fuͤrſtinnen des Landes erhob, und ſein Herz mit ihrer wunderſamen Zauberkraft und Anmuth zu regieren verſtand, ohne daß er irgend einen Eingriff in ſeine Herrſchaft ahnete; auch machte ſie ihr Glaubenseifer und ihre Huld bei dem Volke beliebt. Sie lebte unbeeintraͤchtigt von jedem Zwange, und durfte jedem Wunſche ihres Herzens Genüͤge leiſten; ſo hatte ſie nicht nur, als Freundin der Kunſt und groß⸗ muͤthige Maͤcenin der Kuͤnſtler, Meiſter aus al⸗ len Schulen um ſich verſammelt, ſondern auch Minneſaͤnger und Dichter an den Hof gezogen, jedem Talent mit Huld und Aufmunterung loh⸗ nend. Umgeben von den ſchoͤnſten und reizend⸗ ſten Damen, den anmuthigſten und geſchickteſten Dienerinnen, den liebenswuͤrdigſten Edelknaben, war immer Schöͤnheit jeder Art bei ihr ein guͤl⸗ — 139— tiger Empfehlungsbrief, und ſelbſt der kleine Bellamo ihr erklaͤrter Guͤnſtling, weil er aalsd Zwerg von dem vollkommenſten Ebenmaas, und einer klaſſiſchen Schoͤnheit, uͤbrigens aber ſchlau und klug, luſtig und muthwillig war, wie ſeine Schweſter Ninette. Eines Morgens hatte die Herzogin eben die ſchwellenden Polſter ihres Lagers verlaſſen, und ſaß— die Feengeſtalt, von einem leichten Mor⸗ genkleide verhuͤllt, am Putztiſche; eine der Zofen beſchaͤftigte ſich, Goldſtaub in ihre Rabenlocken zu ſtreuen, und die Nacht derſelben, mit Stern⸗ chen zu erhellen, die andre knicete vor ihr, den niedlichſten Fuß, einer Chineſerin nicht unwuͤr⸗ dig, in das zarte Gefaͤngniß eines Perlen⸗ge⸗ ſtickten Sammet⸗Stiefelchens zu ſtecken, waͤh⸗ rend wine dritte bemuͤht war, den griechiſchen Faltenwurf des blauen ſilber-durchwuͤrkten Hof⸗ kleides zu ordnen, das Fiorina heute anzalegen gewaͤhlt hatte, auf dieſe Weiſe die Toilette der Venus gruppirend, da flatterte, fluͤchtig wie die Libelle, und eben ſo eilig, der kleine niedliche Bellamo herein, der faſt immer das Recht hatte, ſich bis vor die Thuͤr der Gebieterin tragen zu laſſen, und unangemeldet herein zu treten. „Was bringſt Du mir Bellamo?(fragts— — 140— ſie jetzt freundlich, ihm die ſchoͤne Hand zum Kuß herabreichend) ſo fruͤh ſchon umſchwaͤrmt mein kleiner wilder Schmetterling die Blumen?“ „Ihr habts errathen, gnaͤdigſte Herrin! (lächelte er) draußen bluͤht Euch deren ein gan⸗ zer Wundergarten! das herrlichſte Wunder aber iſt der Knabe, den Ihr zu ſehen befohlen habt, und der Euch ein Koͤrbchen, mit den ſeltenſten erfuͤllt, zu Fuͤßen legen will!““ „Der ſchoͤne Angelo, Hoheit!“ ſagte die eine Zofe. „Von dem die ganze Stadt voll iſt!“ die andre. „und den man wirklich fuͤr einen Engel haͤlt!“ die dritte. „Habe ich ihn nicht eben deshalb zu ſehen verlangt?(antwortete die Herzogin) wie koͤmmt's aber daß ihn mein kleiner eiferſuͤchtiger Amor da, ſo viel Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt?⁷ „Amor und Ganymed waren immer gute Freunde, an der Goͤttertafel!(verſetzte der liſtige Zwerg) und zu einem ſolchen, duͤnkt mich, eigne ſich Angelo.“ „Nun ſo laßt Euer Goͤtterkind herein kom⸗ men!(lachte die Herzogin) wir beduͤrfen Unter⸗ haltung und Blumen!“ zum rmt n?“ rin! gan⸗ aber zhabt, nſten die ddes Nordens zu ſehen, der die blonden Locken — 141— Bellamo verbeugte ſich, und ſeine zierliche reich und geſchmackvoll gekleidete Puppengeſtalt verſchwand hinter den brokatnen Thuͤrvorhaͤngen, auf welche jetzt die forſchenden Blicke der Dame und der Zofen neugierig geheftet blieben. Bald ſchlugen ſie ſich wieder leiſe von einander, und — ein Knabe ſchoͤn wie Oberon, der Fuͤrſt der Geiſter, trat ein, beugte erroͤthend die hochge⸗ woͤlbte Stirn bis auf den Fußteppich, und ſetzte ein zierliches Koͤrbchen voll Granatbluͤthen und dem herrlichſten ſeltenſten Blumenflor zu den Fuͤ⸗ ßen der Herzogin, ſich dann beſcheiden zuruͤck⸗ ziehend. Er trug ein Gewand von weißen Lin⸗ nen, nur eine faltenreiche, himmelblaue Schaͤrpe floß an ihm, leicht uͤber die Schulter geworfen, herab, den ſchlanken zarten Wuchs, und das Ebenmaaß ſeiner Geſtalt bezeichnend, goldne Lo⸗ cken umringelten das edle bluͤhende Geſicht, den milchweißen Hals, und ein paar blitzende Sterne voll blauer Himmelsflammen, ſchauten jetzt lie⸗ beflehend zu der betroffenen Fuͤrſtin auf, waͤh⸗ rend ein Zug ſtiller Wehmuth um den liebli⸗ chen Korallenmund ſchwamm! Fiorina, die nie in ihrem ſuͤdlichen Lande Gelegenheit gehabt hatte, eine ſo lichte Frucht ———-— — 142— neu und die blauen Augen eine Seltenheit wa⸗ ren, maaß den ſchoͤnen Juͤngling mit befrem⸗ denden Blicken, als ob ſie nie ſo reitzendes ge⸗ ſehen habe, dann winkte ſie ihm huldvoll naͤ⸗ her und fragte: „Weß Landes biſt Du, ſchoͤner Knabe? Angelo kam naͤher, beugte das Knie vor der hohen Frau, und antwortete mit leiſer me⸗ lodiſcher Stimme, aber im gebrochnen Welſch: „Hohe Dame, ich bin eine vom Sturm verwehte Bluͤthe aus Deutſchland! der Krieg machte mich Aeltern- und Heimathlos, und un⸗ ſre Haabe raubten die Flammen. Nach tauſend Gefahren gelangte ich uͤber die Alpen, und be⸗ trat dieſes ſchoͤne Gebiet, wo ich mich bisher durch den Handel mit Blumen zu ernaͤhren ge⸗ ſucht habe.“ Und warum folgteſt Du nicht lieber der Landesſitte und bateſt um Allmoſen, ſchoͤner Knabe! wer haͤtte es Dir wohl verweigert?“ Der Knabe erroͤthete und ſchlug die ſtrah⸗ lenden Augen zu Boden, indem er ſich hoͤher empor richtete. „Verzeiht!—(ſagte er) dazu ward ich nicht erzogen! man lehrte mich— arbeiten!“ 1 * 1 — — 143— „Wie heißeſt Du?⸗ fragte etwas befrem⸗ det die Herzogin. „In dieſem Lande haben ſie mich Angelo genannt!“ „So mußt Du auch heißen, holdes Kind!“ laͤchelte ſie, und ſtrich mit der ſchneeweißen Hand, ſeine goldnen Ringel⸗Locken, die wie ein Glorienkranz um die Stirne floſſen, Zuruͤck, wog die herabfallenden mit derſelben, als wolle ſie ihr ungewoͤhnliches Gewicht pruͤfen, und ſprach, zu ihren Frauen gewendet: „Welch ein herrlicher Baum muß der Zweig werden, den ſo koͤſtliches Laub umſchmuͤckt!“ Da draͤngten ſich alle um Angelo, bewun⸗ derten das reiche ſeidenweiche Goldhaar, lockten es wohlgefaͤllig uͤber die Finger und erſtaunten uͤber die Geſchmeidigkeit deſſelben; Angelo bat um eine Scheere, trennte verſchiedene dieſer uͤppigen Locken von ſeinem Haupte, um ſie ihnen zu verehren, bald aber haͤtte er Gefahr gelaufen, das Schickſal des Orpheus zu erleiden und nur das ernſte Machtwort der Dame konnte ihn ſchuͤ⸗ tzen vor den Begehrlichen. „Was wird aber mir,(fragte jetzt Fio⸗ rina) ſoll ich allein leer ausgehn, oder haſt Du mich nur deshalb uͤbergangen, um mir in Dei⸗ — 144— ner ganzen Perſon das koͤſtlichſte Geſchenk zu geben—— „Ja wohl, Herrin!(lachte der ſchelmiſche Bellamo) merkt Ihr denn nicht, daß dies ſchon lange das Ziel ſeines Strebens war?“— Dunkel gluͤhend erroͤthete Angelo, denn nach nichts weniger ſtrebte ſein Sinn, als nach dem ſchluͤpfrigen Boden einer ſo gefaͤhrlichen Hoͤhe, allein was blieb ihm uͤbrig, als zu ſchweigen? mit Wohlgefallen glaubte die Herzogin in ſeiner Verwirrung Bellamos Ausſpruch beſtaͤtigt zu ſehen, und mit reitzender Huld ſprach ſie: „Gern erfuͤlle ich Deinen Wunſch; und be⸗ halte Dich bei mir. Du ſollſt aufgenommen werden unter die Zahl unſrer fuͤrſtlichen Edel⸗ knaben, und mein Leibpage werden, ich will Sorge fuͤr Dich tragen auf immer.“ Ehe der beſtuͤrzte Angelo auf dieſe huldvol⸗ len Worte etwas zu erwiedern vermochte, erhob ſich draußen im Vorgemach ein großes Geraͤuſch, „der Herzog kommt!“ riefen die Frauen, und zogen ſich in den Hintergrund zuruͤck, wohin ih⸗ nen Angelo erſchrocken folgte, nur der Zwerg blieb halb verborgen von dem Mantel der Ge⸗ bieterin, hinter der er niedergekniet war, zuruͤck. Die großen Flügelthuͤren des Haupteingangs wur⸗ k zu niſche ſchon nach dem ahe, gen? einet t zu⸗ d be⸗ nmen Edel⸗ will dvol⸗ ethob uſch/ und n ih⸗ zwetg Ge⸗ jruͤck. angs wuk⸗ — — 145— wurden aufgeriſſen, und der Herzog im Jaͤger⸗ kleid, wie er eben auf die Jagd gehen wollte, trat herein. Ihn begleitete Niemand als ſein quaſi Liebling— Giacomo Tirliko der Hofnarr, deſſen Spaͤße er eben ſo wenig ent⸗ behren konnte, wie andre Fuͤrſten ſeiner Zeit, deren luſtige Raͤthe ihnen oft theurer waren als andre, und die es wagen durften, manche ver⸗ poͤnte Wahrheit, die jenen das Leben gekoſtet haͤtte, vor ihr Ohr zu bringen, daher ſie, wenn ſie dieſen Beruf erfuͤllten, und nicht boͤsartig waren, fuͤr geachtete Leute an Hoͤfen galten. „Wir kommen(ſagte der Herzog, die Hand ſeiner Gemahlin druͤckend) mein holdes Lieb! Euch einen Morgengruß zu bringen, und uns von Euch zu beurlauben, denn unſerer wartet bereits die Jagd, wie Ihr aus dem ungeduldigen Wie⸗ hern und Scharren der Roſſe, und dem Gebell der Meuten unten im Schloßhofe hoͤren köͤnnt⸗ Die Herzogin war aufgeſtanden, und ſtand im friſchen Glanz ihrer Schoͤnheit vor dem Geg mahl, ihr war darum zu thun, ihm den neuen Liebling zu empfehlen, und ihm ſeine Gunſt ſo ſchnell zu erwerben wie die ihrige. „So wuͤnſch ich Euch, theurer Herr!(ant⸗ wortete ſie, ſich zaͤrtlich an ſeine Bruſt ſchmie⸗ 10 8 * genb) eben ſo viel Vergnuͤgen auf der Jagd, als mir bereits ſchon an dieſem Morgen zu Theil worden iſt. Seht dieſe herrlichen Blumen! (fuhr ſie fort, auf das Koͤrbchen deutend, daß noch auf dem Teppich ſtand) und wuͤrdigt den eines Blicks, der ſie gebracht hat.“ Sie winkte jetzt dem Knaben, den die Frauen 1 hervor draͤngten, und der bis uͤber den Hals mit Purpurroͤthe begoſſen, ſich jetzt auf ein Knie vor dem Herzog niederließ, und das Haupt zur Erde neigte. „Ei, ei, ſeht mal an, Dame Fiorina! Gachte der Narr) Ihr oͤffnet ſchon bei fruͤhem 7 Morgen Eure Thuͤr dem Liebesgott, und wie 4 ſcheint, hat er hier bereits ſchon alle— Pfeile verſchoſſen!““ 4 45„Steh auf, Knabel(agte der Herzog gü⸗ tig) ich ſehe, daß Du ein Fremdling biſt, Du ſollſt unſers Schutzes nicht ermangeln!“ Angelo ſtand langſam auf, und verbeugte ſich tief, die Herzogin aber fuhr fort, als ſie hemerkte, daß der Herzog wohlgefaͤllige Blicke auf ihm ruhen ließ: „Scheint er nicht wirklich Eupido ſelbſt zu ſeyn? und mein edles Leben!(ſetzte ſie mit ſchmei⸗ chelnder Anmuth hinzu) damit nie Cupido von d, als Theil umen! 4 daß gt den Frauen Hals n Knie pt zur orina! fruͤhem d wie 1 ſeine og gi⸗ , Du beugte als ſie Blicke lbſt zu chmii d0 volf — 147— ſeinem Bruder Hymen weiche, habe ich s Eure holde Erlaubniß vorausſetzend, unter die Zahl unſrer Pagen aufgenommen.“ „Daran habt Ihr ſehr wohl gethan, mia Cara!(antwortete verbindlich der Herzog) Der Becher, aus der Hand dieſes Ganymed kann nur munden!“ „Sagt ichs nicht! ſagt ichs nicht!“ frohlockte der Zwerg.. „Seitdem die Narren denken, ſagen die klugen Leute!“ lachte Tirliko. „Ich dank Euch, mein Geliebter!(verſetzte die Herzogin) Cupido darf alſo nie mit ſeinen gluͤhenden Bluͤthen von uns weichen, und ſo bitte ich meinen theuern Amadeus, Euch eine derſelben auszuwaͤhlen, die dieſen Tag auf Eu⸗ erm Baret bluͤhe! Sie ſelbſt hielt dem Herzog das Koͤrbchen hin, das Angelo aufgenommen hatte. „So waͤhl ich Dein Ebenbild, Dame, dieſe praͤchtige Hortenſia!“ ſagte der Herzog, ge⸗ faͤllig in ihren Scherz eingehend, und grif in die Blumen, da— ſtieß er ploͤtzlich einen Fluch aus, und fuhr mit der Hand zuruͤck; zu aller Entſetzen hing an dieſer ein Scorpion, deſſen 10* —-— 148— giftiger Stich ihn verwundet hatte, laut auf⸗ ſchreiend ließ Fiorina den Korb fallen. „Verraͤtherei!“ ſchrie zornbebend der Her⸗ zog, aber der kleine braune Zwerg, dem Heil⸗ mittel fuͤr dergleichen Biſſe von der Horde her, nicht unbekannt waren, draͤngte ſich ſchnell zwi⸗ ſchen die Kopf⸗ und Rathloſen Frauen hindurch, die wehklagend umher ſtanden, ſprang an dem Herzog hinauf, zerdruͤckte daß giftige Thier auf der Wunde, ſchlug kuͤhlende Blaͤtter aus einer Blumenvaſe um die leidende Hand, entriß der einen Zofe ein feines Tuch, verband ſie damit, und ſprach jetzt ſich verbeugend: „Hoheit wolle jetzt ganz außer Sorge ſeyn, alſo hat die guͤtige Natur dafuͤr geſorgt, Gift⸗ und Heilmittel in dieſem Wurme zu vereinen.“ „Wenn das doch auch bei dem Inſekt: Menſch genannt, immer der Fall waͤre!“ rief der Narr. „Beruhigt Euch gnaͤdigſte Frau(fuhr der Zwerg fort, denn Fiorina war einer Ohnmacht nahe, in einen Seſſel geſunken, und Angelo zu einer Marmorbuͤſte erſtarrt, ſtand todtenblaß da, ohne ſich dieſen uugewoͤhnlichen Vorgang, wohl aber deſſen widrige Folgen fuͤr ſich, erklaͤ⸗ t aufe er Her⸗ Heil⸗ de her, Il zwi⸗ durch, n dem er auf eeiner iß der damit, ſeyn/ Gift⸗ — 149— ren zu koͤnnen.) Bellamo haftet mit ſeinem Le⸗ ben fuͤr alle gefaͤhrlichen Folgen.“ „Laßts gut ſeyn, Herr Herzog!(troͤſtete der Narr) ſchon oft hat Euch der Wurm geſto⸗ chen, und Ihr ſeyd nicht dran geſtorben— „Entferne Dich auf immer aus meinen Augen, ungluͤcklicher Knabe,(ſagte die Herzo⸗ gin) und nimm Deine verraͤtheriſchen Blumen mit Dir!“ Zitternd ſchickte Angelo ſich an, dieſen hoͤchſt willkommenen Befehl zu vollziehn, da brach der Zorn des Herzogs gewaltſam aus, er faßte ihn mit der andern geſunden Hand, und rief mit donnernder Stimme: „Bleib! nicht eher von der Stelle, bis Du bekennſt, wer Dich mit dieſem boshaften Auf⸗ trage hierher geſchickt hat!“ Jetzt fing auch Fiorina, die vielleicht ihr Erſchrecken etwas uͤbertrieben hatte, wirklich an zu zittern, denn der Herzog war von Natur hoͤchſt argwoͤhniſch und mißtrauiſch, und befuͤrch⸗ tete, vermoͤge ſeiner politiſchen Stellungen, uͤber⸗ all Verfolgung und Verrath; rechtfertigte ſich Angelo, wie zu erwarten ſtand, dadurch, daß ihn die Herzogin ſelbſt beſchieden habe, ſo war das genug, ſelbſt auf ſie einen dunkeln Schat⸗ — 150— ten zu werfen, aber gefaßt nahm jetzt Angelo 1 das Wort: A„Gnaͤdigſter Herzog(ſprach er) Ihr irret. Ich bin ein armes ſchuldloſes Waiſenkind aus deutſchem Lande, fand in dem Eurigen Zuflucht und kenne Niemanden, als meine Blumen, die mir mein armes Leben friſten, und da Eure Gemahlin die Blumen liebt, wagt ichs, ihr die ſchoͤnſten anzubieten, die ich beſitze, ſonſt haͤtte nie mein Fuß gewagt, dieſe Schwellen zu uͤber⸗ 1 ſchreiten. Oft ſchon fand ich dieſen Wurm, der in meiner Heimath unbekannt iſt, in meinen — Blumen, ich kann mir aber durchaus nicht er⸗ A klaͤren, wie er in dieſe gekommen iſt.“ 8„Laßt ein Edikt ausgehn, Herzog!(ſagte · der Narr) daß ſich bei Leib und Leben kein ſo unverſchaͤmter Patron mehr unterſtehen ſoll, ſich einer Blume zu nahen, vielleicht nehmen ſichs 1 unſre Hofjunker auch gleich mit an!“ „Halt Dein Maul, Narr!(zuͤrnte der Heerzog) geh Bellamo, rufe die Wache! vergebt Dame!(ſprach er mit finſtern Blicken zu der Herzogin gewandt) wenn die rohen Soldaten, hier auf Euerm ſchoͤnen Teppich treten! es iſt 4 billig, ſich des groͤßern Giftwurmo zu. verſichern, wenn man den Kleinen getödtet hat!—(die Angelo irret. d aus flucht die Eure zr die haͤtte uͤber⸗ , der einen t er⸗ — 151— Wache kam) Fuhrt dieſen Knaben ins Gefaͤng⸗ niß, uͤbergebt ihn dem Hauptmann der Schaar⸗ wacht, er ſoll fuͤr ihn haften, bis daß die Fol⸗ ter ihm die Zunge loͤſet!“ Er ging trotzig ab, ohne einen Blick auf Fiorina zu werfen, in deren Buſen bereits das Mitleid mit dem klugen und edelmuͤthigen An⸗ gelo, ſo wie die Ueberzeugung ſeiner Unſchuld, die Oberhand gewonnen hatte, als er ſich, das Haupt ſtill auf die Bruſt geſenkt, geduldig wie ein Lamm von der Wache fortfuͤhren ließ. Gutmuͤthig den Kopf ſchuͤttelnd, daß alle Schellchen an ſeiner Muͤtze klangen, ſah der Narr ihm nach, dann ſprach er zu der Herzogin: „Herrin! ſeyd unbeſorgt— großer Sturm⸗ wind haͤlt nicht lange an! und der goldne Schluͤſ⸗ ſel thut auch Gefaͤngniſſe auf!“ damitt trollte er ſeinem Hexren nach. „Der Narr hat Recht!(rief Fiorina) auf! Bellamo! Du weißt uͤberall hindurch zu ſchluͤ⸗ pfen, laß Dir Gold geben, eile den Leuten nach, und erkaufe dem armen Angelo eine moͤg⸗ lichſt milde Behandlung, bis mir es vielleicht gelingt, meinen Herrn zu beguͤtigen!“ Bellamo flog, dieſen Befehl zu erfuͤllen, und ſeiner geſchickten Vollziehung, verdankte die arme want des Aufſehers zuweilen unterbrach, der, Sditha ein leidliches Gefaͤngniß, in welchem ihr nichts abging. 15. — Iſt dies der Sitz Den ſtatt des Himmels wir nun tauſchen muͤſ⸗ ſen? Dieß Betruͤbte Dunkel ſtatt des reinen Himmels Lichts? Milton. Das Gefühl ihrer Schuldloſigkeit, die Hoff⸗ nung, dieſe gerechtfertigt zu ſehn, auf welche Weiſe der Himmel wolle, und ihr vertrauender Glaube auf den Schutz des Hoͤchſten, hatten Editha ins Gefaͤngniß begleitet, das die Guͤte der Herzogin, und ihres Zwergs Geſchicklichkeit, leidlicher zu machen gewußt hatten, als es ſonſt die ſtrenge Gerechtigkeitspflege des Herzogs ver⸗ langte; denn Bellamo hatte uͤberall gute Freun⸗ de, und wußte die Waage der Dame Juſtitia mit Gold auf die Seite der Gefangnen zu ziehn. Dennoch, wie die Blume es ſchmerzlich empfin⸗ det, wenn ſie Licht und Luft entbehren muß, ſo war die dunkle Einſamkeit, in der ſich Edi⸗ tha jetzt befand, und in der ſie nur die Gegen⸗ lchem ihr hen miſ⸗ zLichts? ton. he Hoff⸗ f welche auender hatten ie Guͤte lichkeit ts ſonſt 93 ver⸗ Freun⸗ zuſtitia ziehn. mpfin⸗ muß⸗ Sdi⸗ Gegen⸗ „der, wie die meiſten ſeines Gleichen, aus Gewohnheit gefuͤhllos war, mehr als zureichend, ihr Thraͤ⸗ nen der Angſt zu erpreſſen. ſcheinung wars ihr daher, als der kleine freund⸗ liche Zwerg einſt, in einen dunkeln Mantel ge⸗ huͤllt, unbemerkt ſich ihr zeigte. Er war dem Aufſeher nachgekrochen, ohne daß dieſer es ſah oder ſehen wollte, hatte ſich in einen Winkel ver⸗ ſteckt und kam, als Jener fort war, und die Thuͤ⸗ ren verſchloſſen hatte, zum Vorſchein! „Haha ha!(lachte er, den Mantel abwer⸗ fend) Nun bin ich Dein Mitgefangener, Angelo, und denke Dir die Zeit zu vertreiben bis ich zwi⸗ ſchen Markos Beinen wieder heraus komme, wie ich herein kam.“ „Tauſend Dank, mein kleiner Freund! (ſagte Editha) fuͤr Deine Guͤte. O ſage, wie ſteht meine Angelegenheit? Darf ich nicht end⸗ lich hoffen, durch achttaͤgige Einkerkerung den unſeeligen Zufall abgebuͤßt zu haben, an dem ich ſchuldlos bin? Hat die gütige Fiorina mei⸗ ner vergeſſen?“ „Nein, nein!(verſicherte Bellamo) aber der Herzog iſt hart wie ein Kieſelſtein, und glaubt jetzt, leider! uͤberall mit Feinden umgeben zu ſeyn. In Dir ſieht er nichts wenige 448 s enen Eine heimliche Er⸗ — 154— gefaͤhrlichen Kundſchafter ſeiner Gegner in Deutſch⸗ land, beauftragt, ihm heimlich nach dem Leben zu trachten. Aber Du haſt zwei warme Ver⸗ theidiger am Hofe, die Herzogin und— der Narr, denn von mir, Deinem herzlichſten Ver⸗ ehrer— will ich nicht einmal ſprechen! Zudem forſcht und fragt ganz Piemont nach dem Blu⸗ 1 menengel und laut murrt das Volk uͤber Deine Verhaftung. Ich aber habe Ninetten, die Dich tauſendmal gruͤßen laͤßt, mit dem Scharaz zu⸗ rina, der Allgewaltigen, Dein Schickſal wiſſen 9 A laſſen, gewiß! daß ſie Dir helfen wird!“ 1 1„Ich danke Dir, guter Bellamo!(antwor⸗ tete Editha) aber ach!— wenn ich nicht bald das W Licht der Sonne wieder ſehe und zuruͤck komme 4 zu meinen Blumen— wenn nicht zu meiner ge⸗ liebten Mutter in der Heimath— ſo wirſt Du b mich todt in dieſer ſchrecklichen Einſamkeit finden.“ Nur Muth! Muth!(troͤſtete der Kleine) Erlaube, daß ich offen mit Dir ſprechen darf, ſchoͤne Editha! Ich weiß, wer Du biſt!— O, erroͤthe nicht— fuͤrchte keinen Verrath, Bella⸗ mo kann ſchweigen, und weiß ſchon lange mehr von Dir, als Du denkſt. Bei der Trennung voon Dir ſollte Dir Ninette ein Geheimniß er⸗ ruͤck uͤber die Alpen geſandt, und Mutter Ma⸗ —y — 155— oͤffnen, ſo lautete Marinas Befehl; ſo plötzlich von Dir getrennt, mußte mich meine Schweſter damit beauftragen. Erfahre, Editha, daß Du 11 weder Andreas Utzbergs, noch Elsbeths Tochter biſt!“—. „Um Gott!(rief die erſchrockene Editha) wem gehoͤr' ich denn?— wollt Ihr mir auch noch das Letzte nehmen, was mir uͤbrig iſt— den Troſt, gute, wackre Aeltern gehabt zu haben? „Die hatteſt Du, Editha, und vornehme, angeſehene! Du biſt eines edlen ſchottiſchen Rit⸗ ters und einer deutſchen Graͤfin Tochter; Deine Mutter ſtarb, und aus ihrem Sarge rettete Dich unſre Altmutter Marina, die Dich zu Utzbergs brachte. Sie haben Dich als Kind erzogen und Elsbeth weint noch jetzt als Mutter nach Dir, aber— ſo ſpricht die Altmutter, der die Gabe 28 der Seherin ward— anders geſtaltet ſich Edi⸗* thas Schickſal nach harter Pruͤfung, in der ſie jedoch nicht untergehen wird. In fremden Lan⸗ den wird ſie ihren Vater wieder finden, und den Gatten, der fuͤr ſie beſtimmt iſt; darum ſoll ſie bs eilen, ſich ihrer Verkleidung nun zu entledi⸗ gen, und ſich als das, was ſie iſt, ihe Ber⸗ folgern zu erkennen zu geben! „Ach!(weinte Editha) werden ſie 3 nicht noch mehr verfolgen, wenn ſie mich als ein verlaßnes Maͤgdlein entdecken? oder wird ihr Schutz mir vielleicht nicht noch nachtheiliger ſeyn? goͤnne mir Zeit, mich von dem Unerwar⸗ teten zu erholen, was Du mir mitgetheilt haſt, Bellamo, und wenn Dirs moͤglich iſt, Morgen wieder zu mir zuruͤck zu kehren, ſo will ich Dir meinen gefaßten Entſchluß mittheilen.“ Der Zwerg hatte nur noch Zeit, ihr dieſes zu verſprechen, und ſich in ſeinen Mantel zu huͤllen, denn der Aufſeher kehrte mit Getraͤnk zuruͤck, da er zuvor die Speiſe gebracht hatte, und Bellamo, im Kriechen einem Indianer gleich, ſchluͤpfte behend hinter ihm hinaus. Editha blieb ſeltſam aufgeregt zuruͤck, und wußte nicht, ob ſie hintergangen ſey, oder die Wahrheit gehoͤrt habe, eben ſo wenig war es ihr klar, was ſie zu thun habe, und endlich ſchlief ſie, ermattet von innerer Unruhe weinend und betend, ein. Da neigte Phantaſus uͤber ſie den Zauberſtab, und ein ſuͤßes Traumbild kam in ihre Seele. Es zeigte ihr auf Roſen⸗ wolken ſchwebend, die ſich wie Rebelduͤfte zu ihr niederſenkten, eine edle Frauengeſtalt, die ihre gluͤhende Stirn mit einem Palmenzweige kuͤhlend beruͤhrte, und die aus Aether gewoben, dem — ib at Kelche einer hohen Lilienblume zu entſteigen ſchien. 5 Freundlich zu ihr geneigt, toͤnten melodiſche ewid Klaͤnge, gleich der Aeols Harfe hernieder, und eilige ſie verſtand deutlich die Worte:„Ich war auf ervat⸗ Erden Deine Mutter, und bin im Himmel thaf Dein Schutzgeiſt! Faſſe Muth! bleib fromm! Notgen halte Dich Recht! zuletzt wird Dir es wohl gehn, ſll ich aber noch ſteht Dir ſchwere Truͤbſal bevor, den⸗ 4 noch fuͤhrt nur durch ſie der Weg zum Glͤck. dieſes Saͤume nicht laͤnger die Kleider Deines Geſchlechts neel zu anzulegen, nur ſie koͤnnen Dir aus dem Ge⸗ zeträͤnk faͤngniß helfen!—“ Ein namenloſes Entzuͤcken hatte/ durchbebte ſie,— ihr wars als entfalte ſich ihr gleich/ Innres, wie eine Blume, die der Strahl des Morgens wach kuͤßt von dem Taumel der Nacht, , und und als wuͤrden ihre Gedanken Blumenduͤfte zet die dem ewigen Aether ſich vermaͤhlend! Da wars, vat es als wuͤchſen ihr Fluͤgel, und truͤgen ſie hinein endlich in die Sphaͤhrenklaͤnge auf weißen Schwanenfit⸗ einend tigen, und ſie ſchwebte empor zu dem Lilien⸗ uͤber kelche, deſſen glatte Atlasblaͤtter ſich uͤher ſie neig⸗ mbild ten; als ſie aber die erhabne Geſtalt, die aus Koſen⸗ ihnen empor gebluͤht war, ſehnſuchtsvoll um⸗ zu ihr faſſen wollte, da ſaͤuſelte ein leichter Suͤdwind e ihre unter der Roſenwolke hin, und trug ſie hoͤher ibend und hoͤher, daß Lilie und Geſtalt im Glanz „ dem — 158— der Sonne ihr ſchwanden, ſie aber druͤckte er tiefer und tiefer hinab, daß ſie wieder die Erde beruͤhrte, und als ſie um ſich ſah, ſtand ein ho⸗ her edelgeſtalteter Ritter neben ihr, der laͤchelte freundlich, faßte ihre Hand und fuͤhrte ſie einem andern eben ſo herrlichen Ritter zu. Als er das Helmgitter aufſchlug, war es derſelbe, der ſie auf dem brennenden Pachthofe aus Muskitos frecher Hand erettet hatte. Sie ſchrie laut auf — und verſchwunden war Schlaf und Traum. Geſtaͤrkt, und angeweht vom Geiſt himm⸗ liſcher Hoffnung, erwachte Editha; von Jugend auf gewohnt, die Traͤume weniger fuͤr Bilder ohne Weſen, erzeugt von einer regen Phantaſie, als fuͤr Eingebungen der himmliſchen Maͤchte zu halten— ein Glaube, dem ſogar das Leſen der heiligen Buͤcher ſo großen Vorſchub that!— fuͤhlte ſie ſich jetzt wunderbar uͤberzeugt von dem, was Bellamo ihr eroͤffnet hatte, und entſchloſ⸗ ſen, ihr Geſchlecht ohne Furcht bekannt zu ma⸗ chen; zugleich ruͤſtete ſie ſich mit Muth, das Unabwendbare zu tragen, und bat die hoͤchſte Weisheit: das Maaß ihrer Pruͤfungen nur nicht uͤber ihre Kraͤfte gehn zu laſſen, was wir ar⸗ men ſtolzen Erdenpilger wohl alle thun ſollten! Als des andern Tages ihr kleiner Vertrau⸗ ickte er ie Erde ein ho⸗ laͤchelte einem er das der ſie uokitos ut auf um. imm⸗ ugend Bilder kaſie⸗ daͤchte Leſen at!— dem, —õ— — 161— Jungfrau erblickte, deren Schoͤnheit ihn an Be⸗ zauberung glauben ließ. „Bin ich verruͤckt?— betrunken?(murrte er, in der Ferne ſtehen bleibend) Nein! ich ſah noch heute keinen Tropfen!— und doch— und doch?— Heiliger Franziskus, heiliger Fave⸗ rius! heiliger Bernhardus— der Knabe iſt ver⸗ ſchwunden, und an ſeiner Stelle Madonna ſelbſt! ... ach, all ihr Heiligen! wie wird mirs jetzt ergehen? Konnte ich denn wiſſen, daß er ſo vornehme Freunde hat? Und demuͤthig ſtuͤrzte er ſich zu den Fuͤßen der heiligen Jungfrau, die er vor ſich zu ſehen meinte; denn wie haͤtte eine Sterbliche ſtatt An⸗ gelos durch ſeine wohlverwahrten Schloͤſſer zu dringen vermocht?— Und war ſein Glaube mehr Aberglaube, als ſo mancher andre es noch heut zu Tage in dieſen Gegenden iſt?— Anbetend bat er ſie, ihm zu vergeben, und gelobte, was ihm in der Angſt nur immer in den Sinn kam. Als aber Editha, uͤber dieſe neue Wendung der Sache erſchrocken und verlegen, haſtig aufſtand, um ihm ſeinen Irrthum zu benehmen, ent⸗ floh er, wie er meinte, vor ihrem Zorn, ließ das Gefaͤngniß offen, und brachte draußen mit großem Geſchrei ſeine Maͤhr unter das Volk 11 das, an Wunder gewoͤhnt und eben ſo leichtglaͤu⸗ big als er, ihm vollen Glauben beimaß. Edi⸗ tha wagte nicht, die Gelegenheit zur Flucht, die ſich ihr ſo einladend zeigte, zu benutzen, wohl ein⸗ ſehend, daß ſie ſich dadurch nicht verbeſſern werde, ſondern blieb, wo ſie war; ſehr bald aber draͤngte ſich eine Fluth Neugieriger in das Haus, uͤber⸗ waͤltigte die Wachen und drang bei ihr ein, um ſich, wie Marko, bei ihrem Anblick zu Boden zu werfen, vor die Bruſt zu ſchlagen, und: Ma⸗ donna, Madonna! zu ſchreien. Vergebens verſicherte die zitternde Editha, deren frommer, demuͤthiger Sinn durch ſo ſuͤnd⸗ hafte Anbetung hoͤchſt verletzt war, daß ſie eine arme Sterbliche ſey— es war unmoͤglich, die Verblendeten abzuhalten, ihr die Ehre der An⸗ betung zu erzeigen, und wenn ſie fortgingen, ſo geſchah es bloß, um das Wunder weiter zu ver⸗ kuͤndigen, und den andern Beſchauern Platz zu machen, unter denen ſich endlich auch Moͤnche und Geiſtliche einfanden, die noch nicht ent⸗ ſchieden waren, was ſie aus der Sache machen ſollten, alle aber geneigt ſchienen, dieſe ſchoͤne Erſcheinung fuͤr eine uͤbernatuͤrliche zu halten. 4 Nur Bellamo und der Narr, die ſich endlich auch hinzu draͤngten, wußten, woran ſie wa⸗ 8 ichtglaͤu⸗ ß. Edi⸗ ucht, die wohl ein⸗ n werde, edraͤngte us, uͤber⸗ ein, um zu Boden nd: Ma⸗ 2 Editha⸗ ſo ſuͤnd⸗ ß ſie eine glich, die e der An⸗ gingen, ſo ter zu ver⸗ Platz zu h Munche nicht ent⸗ he machen ieſe ſchont u halten Gh u ſſe wge — 163— ren, und ſich die Seiten haltend vor Lachen, rief der Letztere: „Seyd Ihr klugen Leute denn alle zu Nar⸗ ren worden, ſo geziemt ſichs ja wohl fuͤr den Narren, ein weiſer Mann zu werden! Glaubt Ihr denn, wenn Ihr einen Goldfaſan hier ein⸗ geſperrt habt, daß Ihr was Andres finden wuͤr⸗ det als einen Goldfaſan? Gebt Platz, und laßt den Herzog herein, der ſo eben ſelber kommt, um zu ſehen, was an der Sache iſt, und was gilts, der krachende Berg wird abermals— ein Maͤuschen gebaͤhren!“ Die Wachen trieben jetzt das Volk aus ein⸗ ander, und der Herzog, von ſeinem Beichtvater Ambroſius begleitet, und von Marco ge⸗ folgt, der endlich hoͤhern Orts, die wundervolle Begebenheit gemeldet hatte, trat ein, ſich ſelbſt zu uͤberzeugen, wie ſich dieſelbe verhalte. Frei⸗ lich gerieth er und ſein Begleiter in kein gerin⸗ ges Staunen, als ſie Marcos Anzeige wenig⸗ ſtens in ſo fern beſtaͤtigt fanden, als ſtatt des hier verhafteten Knaben, wirklich eine Jungfrau von blendender Schoͤnheit zu erblicken war, de⸗ ren Blicke von der Goͤttlichkeit der Unſchuld zeigten. Pater Ambroſius raunte zwar dem Herzog 11* — 164— auf lateiniſch ins Ohr: Daß dieſes Bild eben ſo leicht durch„des Teufels Willkuͤhr“ habe entſtehen koͤnnen, zumalen es noch nicht erwie⸗ ſen ſey: ob nicht alles mit ſchwarzer Kunſt oder Hexerei zugehe, und nicht dieſe ſchoͤne Ge⸗ ſtalt bei dem anzuwendenden Exoreismus, wie dann immer der Fall zu ſeyn pflege, ſich als altes Zerrbild und greuliche Hexe zeigen werde. Dieſer grüͤndlichen Gelehrſamkeit aber lachte der Narr, und behauptete: die ganze Hexerei ſey, daß eine eingeſperrte, verpuppte Raupe ein ſchoͤ⸗ ner Schmetterling geworden: der Herzog wußte ſelbſt nicht, wer von beiden Recht haben koͤnne, als Editha ſich ihm endlich mit Anmuth und Wuͤrde nahte, und demuͤthig bat: ſie von den laͤſtigen Zudringlichkeiten der Menge zu befreien, damit ſie alles was ſie angehe, eroͤffnen koͤnne. Und als man endlich dieſe uͤberfluͤſſigen Zuſchauer hinaus getrieben, und die Thuͤre wieder ver⸗ ſchloſſen hatte, neigte ſie ſich vor dem Herzog, und ſprach: „Gnaͤdiger Herr Herzog! ſchenkt als Fuͤrſt und Ritter einer armen vertriebenen Jungfrau, die fremd in Euer Land kam, Schutz zu ſuchen, vor dem kriegeriſchen Wuͤthen auf deutſchen Gauen, Eure Huld und Beiſtand. Nie iſt es ld eben „ habe erwie⸗ Kunſt ne Ge⸗ , wie ſich als werde. chte der rei ſey⸗ n ſchd⸗ wußte koͤnne/ th und on den efreien/ konne. ſſchauer er ver⸗ hetzog⸗ 6 Fürſt ngfrau/ ſuchen/ nuſchen iſt — 165— mir in den Sinn gekommen, irgend eine Heimtüͤcke zu uͤben, und ich flehe Euch demuͤthig an, nicht laͤnger Arges von mir zu denken! und mir meine Freiheit wiederzugeben, damit ich lebenslang Eure Großmuth ruͤhmen kann.“ „Jungfrau!(antwortete der Herzog, auf den oft mindere Reize, als die ihrigen, einen entſcheidenden Eindruck machten, mit vieler Guͤ⸗ te) wenn Ihr, wie jetzt leicht zu errathen iſt, mit dem Knaben Angelo eine und dieſelbe Per⸗ ſon ſeyd, ſo bleibt immer noch die Frage uͤbrig: Weshalb Ihr Euer Geſchlecht verleugnet habt?“ „Zweifels ohne de voluntate Diabolis!— murrte der Pater. „Und warum Ihr es bis jetzt verborgen habt?“ fuhr der Herzog fort. „Ich war in dieſer Verkleidung uber die Alpen gekommen,(antwortete Editha mit nie⸗ dergeſchlagnem Blick) weil ich ſo am ſicherſten den Verfolgungen entgehn zu koͤnnen glaubte, welche in dieſen rohen Zeiten ein verlaßnes Maͤgd⸗ lein bedrohen, und ich behielt ſie bei, weil l mich auch hier verlaſſen fuͤhlte!““ „ und Ihr hattet keine andre Abſicht bei der Beharrlichkeit Eurer Verkleidung? wart nicht er⸗ kauft, Euch um ſo eher an uns zu draͤngen? — 166— ſetztet den Scorpion, der meine Hand verletzte, nicht abſichtlich unter die Blumen, die Ihr der Herzogin brachtet?“ fragte der Herzog. Thraͤ⸗ nen ſtuͤrzten aus den ſchoͤnen Augen der Geaͤng⸗ ſteten, ſie erhob ſie zum Himmel und rief: „Wie moͤgt Ihr ſo Arges denken, Herr Herzog! Der allwiſſende Gott iſt mein Zeuge, daß nie ein Frevel in meine Seele kam!“— „Wie aber— wollt Ihr das beweiſen?“ ſprach der Herzog. „Wenn man nur erſt den verdammten Scorpionen hinter ihre Schliche kommen, und den zerquetſchten Auslaͤufer noch fragen koͤnnte, warum er gerade unter dieſe und nicht unter andre gekrochen, lieber die fuͤrſtliche Hand als Angelos zartes Patſchchen gebiſſen hat!“ ſagte’ der Narr. „Schweig, Giacomo!(gebot der Herzog) ſprecht Ihr, Pater Ambroſius, was denkt Ihr zu dem Allen?“ „Ich denke— daß dieſe quasi weibliche Perſon nicht unfaͤhig taxirt werden kann, ein falsum begehn zu wollen!(ſagte der Pater) denn fuͤs Erſte kann ſie durch die Macht und Huͤlfe der boͤſen Geiſter, alſo durch Zauberei zu dem geworden ſeyn, was ſie jetzt zu ſeyn ſcheinet; erletzte, jhr der Thraͤ⸗ Geaͤng⸗ ef: Herr zeuge/ 1676— ſen?“ mmten , und foͤnnte⸗ unter d als ſagte etzog) Ihr zu ibliche , ein ) denn hüͤlfe u dem geinet; — 167— fuͤrs zweite kann man ihr wohl zutrauen, im Bunde mit den Maͤchten der Hoͤlle zu ſtehn, denn ſie iſt ketzeriſchen Glaubens!“ „Was ſagt Ihr!(rief der Herzog) woher wißt Ihr das, Pater Ambroſius?“ „Ich bin ſchon bekannt mit den Blend⸗ werken der Hoͤlle!(antwortete er) und hat ſie ſich nicht vorhin ſelbſt verrathen? rief ſie nicht bei der Betheuerung ihrer vorgeblichen Schuldlo⸗ ſigkeit, den Namen Gottes an, ohne ſich auf die gebenedeieten Heiligen zu berufen, wie es einer Rechtglaͤubigen geziemte?“— Bellamo und der Narr wuͤnſchten jetzt des Paters Divinations⸗Gabe zu den Geiſtern, von denen er ſprach, denn ihnen ward leid um Edi⸗ tha, der Herzog aber wandte ſich zu dieſer, und ſprach:„Rede ſelbſt, und reinige Dich, wenn Du kannſt, von dieſer ſo harten Anklage: Biſt Du eine Ketzerin, oder biſt Du es nicht?“ Da erhob ſich Editha zu dem Geiſt des Bekenntniſſes, ſelbſt in Gefahren, der damals nichts Seltenes war, und antwortete feſt und ſanft:„Ich weiß nicht, welchen Glauben Ihr alſo nennet, meint Ihr aber dadurch den der Augsburger Confeſſion, ſo iſt dieſer der meine!“ Alle ſtanden betroffen von der edlen Feei — 168— muͤthigkeit der Jungfrau, und triumphirend ſagte Ambroſius: „Da hoͤrt Ihrs ſelbſt, Herr Herzog! wie moͤgt Ihr jetzt noch an ihrer Strafbarkeit zweifeln?% „Und dennoch wag ich keine voreilige Ent⸗ ſcheidung;(antwortete der Herzog) ja ich wuͤnſche, ſie waͤre unſchuldig und koͤnnte ihre Unſchuld an den Tag bringen! Dame!(fuhr er fort zu Edi⸗ tha gewendet) Ihr habt meinen Schutz als Fuͤrſt und Ritter in Anſpruch genommen; hinſichtlich Eures Geſchlechts und Eurer Schoͤnheit ſey er Euch in ſo fern gewaͤhrt, bis wir nach reiflicher und weislicher Ueberlegung, ein Mittel werden ausfindig gemacht haben„ zu Eurer Rechtferti⸗ gung. Bis dahin ſollt Ihr verhalten werden, wie es einer Dame zukommt, die unter unſerm Schutz ſteht! Bellamo! eile voraus zu Deiner Gebieterin, und benachrichtige ſie von Allem, was ſich hier zugetragen hat, ſage ihr: ich ließe ſie bitten, die Fremde einſtweilen unter ihre Frauen aufzunehmen, und Du Marko begleite die Jung⸗ frau zur Herzogin.“ Alle, ſelbſt Editha waren mit dieſem Aus⸗ ſpruche zufrieden, ausgenommen Pater Ambro⸗ phirend gl wie fbarkeit ge Ent⸗ vuͤnſche, huld an zu Edi⸗ Fürſt ſichlich ſey er iflicher werden htferti verden, unſerm Deiner , was ee ſit Frauen Jung⸗ Aub⸗ mbto⸗ — 169— ſius, der ſichs aber gefallen laſſen mußte, von dem Narren desfalls ausgelacht zu werden. 17. „Das Gluͤck iſt eine lachende Minute, Das Bewußtſeyn recht gehandelt zu haben Eine zufriedne Ewigkeit. * 4* Als die Herzogin durch ihren Zwerg vernahm, was ſich mit Editha zugetragen, und wie ſtand⸗ haft ſie ſich bezeigt, konnte ſie ihr ihre Be⸗ wunderung nicht verſagen, und war mit dem Ausſpruche ihres Gemahls, der ſie, unter ihrem Schutze vor dem etwanigen Verfolgungen des fanatiſchen Eifrers ſicher ſtellte, ſehr zufrieden, ſie gab keineswegs die Hoffnung auf, ihn auch noch in der Folge von ihrer Schuldloſigkeit an jenem ungluͤcklichen Vorfalle voͤllig uͤberzeugen zu koͤnnen. So gebot ſie ſogleich ihren Ehren⸗ fraͤuleins, Edithen unter ſich aufzunehmen, und ließ ihr aͤhnliche Gemaͤcher, wie dieſen zubereiten, in denen ſie Sorge trug, fuͤr angemeſſene Klei⸗ dung und alles, was dazu gehoͤrte, ihr den Auf⸗ enthalt ſo bequem und ſo angenehm zu machen als moͤglich. Als die demuͤthige Jungfrau vor — 170— ihr erſchien und ihre Kniee umfaßte, konnte ſie ihre Verwunderung uͤber ihre reizende Geſtalt und liebliche Schoͤnheit nicht verbergen, hob ſie guͤtig auf, und bat ſie, ihr das aufrichtige Be⸗ kenntniß ihrer Schickſale nicht zu verſagen. Edi⸗ tha konnte Alles, was ſich auf ihre Perſon bezog, erzaͤhlen, aber ihr Marina gegebenes Wort ver⸗ pflichtete ſie, Alles, was die Horde betraf, zu ver⸗ ſchweigen, auch ſagte ſie, wie ſie zwar als ein Maͤgdlein niedern Standes erzogen worden, vor Kurzem aber Nachricht von ihrer vornehmen Her⸗ kunft erhalten, jedoch die Loͤſung deſſen, was ihr noch ein Raͤthſel ſey, von der Zeit erwarten muͤſſe; dann erklaͤrte ſie ſtandhaft, wie ſie feſt entſchloſſen ſey, bei dem Glauben zu verharren, in welchem ſie erzogen worden, in allem Uebri⸗ gen aber ſich den Befehlen der Herzogin demuͤ⸗ thig unterwerfen wolle. Ihr einfacher Bericht, die Wahrheit und Gemüthlichkeit, die aus Allem hervorleuchtete, was ſie ſagte, uͤberzeugten die Herzogin ſehr leicht von ihrer Unſchuld, und wie viel haͤtte ſie darum gegeben, ihrem Gemahl ihre Ueberzeu⸗ gung mittheilen zu koͤnnen; allein ſie kannte ihn zu genau, um nicht zu wiſſen, wie ſchwer er von dem einmal gefaßten Argwohn zu heilen ſeyn — — „2——³——6 ute ſie Heſtalt ob ſie he Be⸗ Edi⸗ dezog⸗ t ver⸗ uvet⸗ ls ein vor Her⸗ was arten feſt erren, lebri⸗ emü⸗ und ztete/ fir e ſie tzeu⸗ eihn er er ſehn — 171— werde, auch fuͤrchtete ſie, daß Editha einen har⸗ ten Stand mit der Geiſtlichkeit bekommen wuͤr⸗ de, da ſie ihren Glauben ſo unverholen bekannte. Indeß begnuͤgte ſie ſich vor der Hand, Editha in ihren Schutz zu nehmen, woruͤber dieſe volle Urſache hatte, ſich gluͤcklich zu preiſen. Der Herzog glaubte endlich ein uͤberaus weiſes und zuverlaͤſſiges Mittel gefunden zu ha⸗ ben, die Schuld oder Unſchuld der Jungfrau an der Scorpion⸗Geſchichte, die freilich voͤllig unerweislich blieb, wenn er ihren Betheuerungen nicht Glauben beimeſſen wollte, und das, ſagte ſein Gewiſſensrath, koͤnne und duͤrfe er nicht, da ſie eine Ketzerin ſey, an den Tag zu bringen; ein untruͤgliches Mittel, das noch uͤberdies auf ſeine Frommigkeit, wie auf ſeine fuͤrſtliche Pracht ein Licht werfen ſollte, das in dieſen Zeiten im⸗ mer weniger ſtrahlte. Es war nichts Geringe⸗ res, als in einem Gottes⸗Urtheil fuͤr oder wi⸗ der ſie entſcheiden zu laſſen. Er wuͤnſchte ſelbſt, (ſagte er) daß ſich in dieſen ſchwierigen Zeiten, einer Ueberhand nehmenden Geringſchaͤtzung ge⸗ gen dieſe alte ehrwuͤrdige Sitte und gegen das immer mehr in Verfall kommende Ritterthum, wirklich ein tapfrer Ritter faͤnde, der die Unſchuld der Jungfrau in dieſem Angriffe auf ſein Leben — 172— im entſcheidenden Kampfe beweiſen wolle„ und obgleich die Herzogin darauf aufmerkſam machte, daß Editha hier unbekannt ſey, und uͤberhaupt die Ritter jetzt lieber in den Krieg zoͤgen, als ſich mit dergleichen ernſten Dingen zu befaſſen, ſo war er dennoch von ſeinem Entſchluß nicht abzu⸗ bringen, und es ward nun dem ganzen Ereigniß eine fuͤr Editha ſehr verletzende Oeffentlichkeit gegeben. Am Hofe wurden nun verſchiedene Meinun⸗ gen laut, und da ſie den Bekehrungseifer des Pater Ambroſius ſtandhaft von ſich gewieſen, und ſich unerſchuͤtterlich bei den lockendſten An⸗ erbietungen benommen hatte, ſo ergrimmte die⸗ ſer, und war auf Rache bedacht. Vergebens drohte er ihr zuletzt, daß ſich gar kein Verthei⸗ diger fuͤr ſie finden koͤnne, denn ihre Schuld werde fuͤr Gewißheit angenommen, und ſie koͤn⸗ ne leicht dem Tode anheim fallen, wenn ſie ſich nicht in Zeiten in den Schoos der Kirche bege⸗ ben und dadurch, daß ſie ihre Irrthuͤmer ab⸗ ſchwoͤre, der Sache die beſte Wendung geben wolle.„Ihr ſeyd jung, Ihr ſeyd ſchoͤn, die Herzogin will Euch wohl, Ihr werdet hier ſo⸗ dann Euer Gluͤck machen, und reiche angeſehne Bewerber finden!“ ſo ſchloß er gewoͤhnlich ſeine — 173— e, und Ermahnungen, allein Editha blieb feſt, und be⸗ machte, theuerte ihm, daß ſie nicht den Tod, wohl ehaupt aber Luͤge und Falſchheit verabſcheue. Sie war als ſich geefaßt auf die ihr drohenden Ereigniſſe, und es en, ſo ſchien ihr ſogar ein beneidenswerthes Loos, als abzu⸗ Maͤrtyrin des Glaubens zu ſterben, denn ihr, rägniß der vom Schickſal Bedraͤngten, war der Tod nur lichkit eine freundliche Engelsgeſtalt, wie er immer den Leidenden als Sphynr erſcheint, der die Raͤth⸗ geinun⸗ ſel des Lebens loͤſt. Heil dem, der dieſe Lö⸗ ir des ſung mit dem Bewußtſeyn, ſtets nach Pflicht und Gewiſſen gehandelt zu haben, erwarten kann! au Die ruhige Ergebung, die daraus entſteht, und 3 94 die der Weltweiſe Seelengroͤße nennt, ließ jetzt Editha den Ausgang ihres Geſchicks gelaſſen eluno erwarten. erihi Der Herzog— ſich unwillkuͤhrlich mit Theil⸗ Stub nahme dem holden Kinde zuneigend, das ſeine kn Gemahlin wirklich lieb gewonnen hatte— be⸗ i ſch harrte auf dem Gottesurtheil, der Meinung: begt⸗ durch die Untrüglichkeit deſſelben ihre Unſchuld, t al⸗ fuͤr die ſein Herz wider ſeinen Willen ſprach, zu gben beweiſen, ja den leiſeſten Verdacht, den Schat⸗ „di ten, der auf ſie gefallen war, zu vernichten. e ſe⸗ Aber eine unvorherberechnete Schwierigkeit zeigte eſehne ſich: Editha bekannte ſich freimuͤthig zu dem ſeint ſelbſt vermochte nicht mehr, ſie vom Tode zu er⸗ — 174— neuen Glauben, von dem man in ſeinen Staa⸗ ten als von einer Eingebung des Satans ſprach, und da ſie ſich nicht bekehren wollte, ſo erho⸗ ben die Moͤnche und Geiſtlichen, von Ambro⸗ ſius geleitet, ihre Stimme, erklaͤrten ſie der Zau⸗ berei, und folglich auch des meuchelmoͤrderiſchen Anſchlags auf das Leben des Herzogs ſchuldig, und bedrohten jeden katholiſchen Ritter mit dem Bannſtrahl, der es wagen wuͤrde, die Sache einer Ketzerin zu vertheidigen. Im Augenblick erkalteten die Gemuͤther fuͤr Editha, man fing an ſie zu verdammen, man hielt ihre bezau⸗ bernde Schoͤnheit fuͤr ein Werk des Boͤſen, der Enthuſiasmus, den ſie im Gefaͤngniß erregt hatte, fuͤr Zauberei, ja man ſagte, ſie ſey durch Huͤlfe der boͤſen Geiſter aus einem Knaben in ein Maͤdchen verwandelt worden, und was ſie umgebe, ſey ein Blendwerk der Hoͤlle. Meh⸗ rere fanatiſche, von den Moͤnchen aufgewiegelte Ritter, erboten ſich ihre Strafbarkeit zu verfech⸗ ten, allein an einem Kaͤmpfer, der ihre Unſchuld vertheidigen wollte, mangelte es noch am Vor⸗ abende des, von dem Herzog zum Gottesgericht anberaumten Tags; fand ſich keiner, ſo war Edithas Verbrechen bewieſen„ und der Herzog 175 n Staa⸗ retten. 1 hatraliher Standhaftigkeit ſprach, vernahm Ebitha dieſe immer hoͤher ſteigende Ge⸗ ſo erho⸗ fahr, ihr Vertrauen zu dem Herrn, den ſie im Ambro⸗ Geiſt und in der Wahrheit bekannte, verließ ſie dr Jaur⸗ keinen Angenblick, ſie ſah, daß die fanatiſchen eriſchen Moͤnche ſie zum Opfer machen wollten, und je⸗ zuldig der Hoffnung ſich enttaͤuſchend, bereitete ſie ſich li den zum Tode, denn das erhebende Gefuͤhl, wel⸗ euce ches die edlen Maͤrtyrinnen unter den ſchauder⸗ gablik haften Quaalen der fruͤhern Ghriſtenverfolgun⸗ 3 fng gen ſtaͤrkte, was von jeher alle wahrhaft große und gute Menſchen beſeelt hat, den Tod der 5* Schande der Untreue, dem Meineide vorzuzie⸗ 7 de hen, und noch jetzt manche hoͤhre Griechentoch⸗ aneg ter freiwillig des bedrohten und beſchimpften Da⸗ durch ſeyns entſagen ließ— dieſes anbetungswuͤrdige 5 Mn Gefuͤhl, von dem Schoͤpfer ſelbſt in ein reines ms ſie Herz gepflanzt, ließ die arme Editha mit ihrem Mch⸗ Schmerz und Widerſpruͤchen bereits unter ſich iegelte verſinken, und eroͤffnete ihren glaͤubigen Blicken tfech⸗ die ſichre Zuflucht des ewigen Heiligthums. Eins ſchuld nur erbat ſie ſich: allein bleiben zu duͤrfen, um Vor⸗ ungeſtoͤrt ihren Betrachtungen nachhaͤngen zu ericht koͤnnen, da ihr Glaube aͤußerlich keinen Stuͤtz⸗ wat punkt fand; ab von ſich that ſie die Pracht der erſog weichen Gewaͤnder, des zierlichen Schmucks mit T 49— K X — 176— em ſich zu ſchmuͤcken ihr befohlen war, ſie huͤllte ſich anſpruchslos in ein ſchlichtes leinenes Ge⸗ wand, weiß wie ihre Unſchuld, und nannte es ihr Todtenkleid, uͤber ihr ſchoͤnes Geſicht warf ſie einen dichten Schleier und ſo ſenkte ſie ſich betend nieder, ſich bereits als eine reine Him⸗ melsbraut betrachtend, die des Todes undurch⸗ dringliche Wolke bald aufnehmen, und durch das dunkle Thal der Graͤber hinfuͤhren werde zum Glanz der Verklaͤrung, zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Die Herzogin, die ihr nichts zu geben hatte, als mitleidige Thraͤ⸗ nen, hatte ſie um eine milde Todesart gebeten, ſie wollte ſterben wie die Blumen, die ſie ge⸗ e. vflegt hatte— einſchlafen, und Fiorina ver⸗ ₰ ſprach betruͤbt, ihren Tod in ein ſchmerzenloſes Hinuͤberſchlummern verwandeln zu laſſen, ſo ſtoͤrte keine Angſt ihren innern Frieden, und ihr ſtilles frommes Gebet. Da trat ploͤtzlich zu ihr ein— Muskitos. ie huͤllte nes Ge⸗ annte es ct warf ſie ſich ne Him⸗ undurch⸗ nd durch en werde gerrlichen gin, die 9 Thraͤ⸗ gebeten/ eſie ge⸗ rina ver⸗ etzenloſes aſſen/ ſ een/ und btzlich zu 18. „O Seele der Lieb und Ritterehr, Ich komme Dich Theure zu loͤſen!“ Der Himmel allein giebt Schutz mir und Wehr Die Hölle ſendet den Boͤſen! Doch, wie durch Nebel das Sonnenlicht wallt, So naht mir mein Retter, der himmliſche! bald! 9 8 Unterdeſſis ar die Strafzeit voruͤber gegangen, welche die unerbittliche Marina dem Muskitos beſtimmt hatte, und nach neuen Thaten ſich ſehnend, kam er aus ſeinem unterirdiſchen Ca⸗ ſtell hervor, wo die treue, zaͤrtliche Tage mit den Roſen der Liebe umkraͤnzt hatte, und ſelbſt dabei zur Verwelkten worden war. Wie die Fabel von dem boͤſen Geiſt berichtet, den Salomons Weisheit in eine Tonne verbannt, und mit ſeinem Siegel verſehn, in die Meeres⸗ tiefe verſenkt hatte, endlich, als ihm nach Ver⸗ lauf mehrerer Jahrhunderte ein armer Fiſcher daraus hervor zog, und erloͤſte, daß er wie ein furchtbarer Rauch aus ſeinem Gefaͤngniſſe auf⸗ ſtieg, und ſich wie ein dicker und ſchaͤdlicher Ne⸗ bel uͤber die Thaͤler verbreitete„ſo ſtieg Muski⸗ tos jetzt wieder, den armen, von den neu be⸗ ginnenden Unruhen des Kriegs gemarterten Be⸗ 12 Mona ſeine — 4½ — 178— wohnern Deutſchlands, ein neuer Quaͤlgeiſt her⸗ vor, ſammelte die Seinen, die ihn mit wilder Freude begruͤßten, und zog jetzt aus auf eigne Hand zu kaͤmpfen; ſeine immer noch fortgluͤ⸗ hende Leidenſchaft ſuchte Editha, und da er von dem Einſiedler Gratianus vernommen: ſie habe uber die Alpen gewollt, faßte er den Entſchluß, einen Streifzug nach Italien zu machen, um ſie aufzufinden. Der Altfrau ſagte er: wie der Zuſtand der ihnen verzweigten Horden der Cingaren in Ungarn und Liefland es noͤthig ma⸗ che, daß er ſich einmal nach ihnen umſehe, und ſchied von ihr, mit Gold und Pracht uͤberhaͤuft, als Stahlritter. Aber ihr Abſchied von ihm war ernſt und traurig, und kopfſchuͤttelnd ſprach ſie: „Der Geier kann nicht raſten, wenn er Beute wittert, fort ziehts ihn— und waͤrs zum Verderben! ich warne Dich, Muskitos, denn nicht guͤnſtig ſtehn die Himmelszeichen fuͤr Dich. Wahre Dich fuͤr Frevel, denn ſonſt vernichtet 1 er Dich!“ Aber ſehr bald verklangen in des Stahlrit⸗ ters Ohr, dieſe warnenden Toͤne, er wandte ſein Roß den Alpen zu, und nahm nur wenige. Ber wol Ju ent. zu vor haf de geiſt het⸗ it wilder uf eigne fottgluͦ⸗ g er von ſie habe entſchluß zen, um er: wie urden der hhig ma⸗ ſehe, und berhäͤuft von ihm ſchüttelnd wenn er virs zum s, denn für Dich. vernichtet Stahltib Ir wenige — 179— ſeiner Ver i heie rnan mit ſich, die andern hi ſeiner harren ne Serannßast na⸗ 9 nerit ſane nterwegens deuecdees ehi⸗ und aadta un en abiiihen Schara dun dh⸗ rufet ee 3 in der Altmutter dee Lhe Durch dieſe un nwenchh zni bam— Dauch d Nua geſchmeichelt, in aa aſangen rina nur die unter„he de wdeed rme die bisher die G ebende war, konnte 6 daune wahrte, ſeinem enein⸗ ihrer Herri be Reiſe, und vee en nach dem 5 4 4. und ſo vertraute nabieſ nicht u ehre Geheimniſſes, ihr ie hun, unter dem Setehe. Aufenthalt und.Sreduns mit Edit On Be und wie Bellamo efahr droßende 2 ha hun hu ſie zu Marina unaih face Reichlich ußne Huͤlfe fuͤr Editha 1 bade S. ei Shne Muskitos den wire binen wolle nach Sap Ebanin, und ſagte ihr: er3un Jungfrau zu zahnen ziehn, um die ea 8 entweder gar Achten, Ee bwuah ant 8 8 zu unterrichten; uͤ der dach ſoer eß een vorziehn würhe bezagt 1ſ6 Rhen wae haftigkeit vor 4 ba die Seihe i ae er Altmutter vehem Sauag u halten, —„ E„ E 12* — 180— ſey naͤher— und thaͤtiger, als ſelbſt die ihrige. Er entließ Ninetten und— unſern Leſern— denn wir ſetzen beſcheidener Weiſe voraus, daß es uns an dieſen nicht fehlen wird;— iſt nunm ehr gewiß das Naͤthſel ſeiner ploͤtzlichen Erſcheinung bei Editha geloͤſt! Durch das Geraͤuſch ſeines Eintritts aufg⸗ ſchreckt, glaubte die Jungfrau den Todesengel kommen zu ſehn, der ihr den Schlummertrank braͤchte, und minder wuͤrde ſie vor dieſem erſchro⸗ cken ſeyn, als vor Muskitos. „O Himmell(rief ſie erbebend) Ihr ſeyds! auch die letzten Augenblicke, die mir auf Erden noch uͤbrig ſind, wagt Ihr zu unterbrechen!“ „Zuͤrne nicht, Editha!(verſetzte er, naͤher tretend, und verſunken wie es ſchien in das An⸗ ſchauen ihrer Schoͤnheit, welche die Furcht nicht zu entſtellen vermocht hatte) Lerne den Treueſten Deiner Freunde beſſer wuͤrdern! Nicht eitle Neu⸗ gier bringt mich hierher, ich habe mich von Al⸗ lem unterrichten laſſen und ich komn Dir an⸗ zukuͤndigen, daß ich in Kaͤmpfer ſeyn, im Kampfe auf Tod und Leben Deine Unſchuld ver⸗ theidigen will, wenn Du mich anerkennſt als Deinen Ritter.“ „Ich danke Euch, Muskitos!(antwortete ihrige. — denn daß es Unmehr einung aufg⸗ esengel nettrank erſchro⸗ ſehdd! Erden en!“ naͤher as An⸗ t nicht reueſten ſe Meu⸗ on Al⸗ dir ie n/ Wim ld ver⸗ nſt als — 181— die Jungfrau ſehr ſanft) aber ich kann Euch nicht hintergehen. Nicht geziemt ſich's daß die Schuld auftrete fuͤr die Unſchuld zu kaͤm⸗ pfen, und wenn Ihr meintet, Euch meine Liebe dadurch zu erwerben, ſo wuͤrdet Ihr gar ſehr irren, denn ich kann meiner Neigung, die Ihr verwirkt habt, nicht gebieten, und durch falſche Verſprechen Euch eben ſo wenig hintergehen. Laßt mich ruhig ſterben, Muskitos!(ſetzte ſie mit geruͤhrter Stimme hinzu, als ſie das Auf⸗ lodern des wildeſten Zorns an ihm bemerkte) und kann es Euch beruhigen, ſo nehmt die Ver⸗ ſicherung von mir an, daß ich Euch verzeihe!““ „Nicht alſo, nicht alſo!(ſtuͤrmte der Er⸗ griffene) nicht Deine Verzeihung— Deine Liebe will ich! ſie zu erringen wird mein Arm alles vor ſich her in Staub werfen, ſag! warum haſt Du mir nichts zu geben als— Haß!“ „Nicht Haß, Muskitos!(verſetzte ſie) Die ſterbende Chriſtin, die Gnade ſucht, darf auch gegen den Feind keinen Haß empfinden, aber nochmals bitte ich Dich: laß mich ſterben! greife nicht in das Rad meines Verhaͤngniſſes, denn ſelbſt vergebens wuͤrdeſt Du ſiegen. Ich kann ſterben— Deine Liebe annehmen— erwiedern — kann ich nicht!“ — 182— „Dies Dein feſter, unerſchuͤtterlicher Ent⸗ ſchluß? fragte er mit wetterleuchtenden Blicken. „Mein unabaͤnderlicher!“(antwortete ſie mit Wuͤrde) Da brach ſein Zorn aus, wie der entfeſſelte, alle Daͤmme durchbrechende Strom. „Boshafte! Grauſame!(ſchrie er) ſo ſollſt Du ſterben wie Du begehrſt, und ich ſelbſt will den Blitz aus der Hand des Schickſals reißen, und auf Dein ſtolzes Haupt lenken. Der Un⸗ erſchrockene, der Deine Unſchuld zu vertheidigen kam, wird jetzt das Schwerdt zum Beweis Dei⸗ ner Strafbarkeit fuͤhren, und Dein Tod wird ſeiner Rache Ziel werden!“ „Vergiß nicht, daß ich Dir vergeben ha⸗ be, wilder, entſetzlicher Menſch!—(ſprach Edi⸗ tha) geh! ich ſegne Dich, ob Du mir auch fluchſt.”“ Er aber hoͤrte ihre Engelsrede nicht, mit der ſie von neuem niederſank zum Gebet, und ſtuͤrmte in grimmiger Wuth von dannen. Aber mittlerweile hatte ſich bei dem Kampf⸗ richter ein ſo eben aus Deutſchland angelangter Ritter gemeldet, Wappen und Schild, Herkunft und Namen guͤltig ausgewieſen, und erklaͤrt: er ſey erſchienen die Unſchuld ſeiner Glaubensge⸗ noſſin im morgenden Kampfe zu erhaͤrten, und r Ent⸗ Blicken. ahete ſie wie der Strom. ſollſt ſt will reißen, der Un⸗ eidigen s Dei⸗ d wird en ha⸗ h Edi⸗ t auch , mit ·ͤer-·/·—C—QQnQn — 183— begehre vor ſie gelaſſen zu werden, um ſie von ſeiner Vertheidigung zu unterrichten. Scheelen Blicks ſahen die Moͤnche den Ketzer an, der fuͤr die Ketzerin kaͤmpfen wollte, und haͤtten ihn lieber abgewieſen, aber ſie wagten es nicht, bei der Gewiſſenhaftigkeit der Kampfrichter, und es ſchien ihnen zugleich zuverlaͤſſig, daß er unter den geweihten Schwerdtern der rechtglaͤubigen Ritter fallen muͤſſe, die ſich ihm entgegen ſtel⸗ len wuͤrden. Auch er ward zu Editha gefuͤhrt, Still und geraͤuſchlos, wie in einen Tempel, trat er ein, und eine lebendige Ueberzeugung von der Unſchuld der Beklagten bemaͤchtigte ſich ſeiner, als er ſie betend erblickte; er hoͤrte, wie ſie ſich dem Herren uͤber Leben und Tod kindlich ergab, und die Freuden der Unſterblichkeit hoffte. Er trat naͤher, legte ſanft ſeine Hand auf ihre Schulter und ſprach geruͤhrt: „Jungfrau! erhebet Euch, und faſſet Muth und Hoffnung! Der Herr, den ich anbete in Euerm Glauben, ſendet mich zur Vertheidigung Eurer Unſchuld, und wird meinen Arm ſtaͤrken im morgenden Kampf. Betet! daß Gott mir den Sieg verleihe!“⸗ Ergriffen von dem wohlthaͤtigen Zauber die⸗ fer Rede, erhob ſich Editha, und ihr verklaͤrtes —— — 184— Auge richtete ſich nach dem, der ſie ſprach— da fielen alle Wonnen irdiſchen Entzuͤckens wieder⸗ um an ihr Herz— vor ihr ſtand ihr Retter aus Muskitos Gewalt— Ritter Albedill von Traut⸗ wangen!— Eine ſanfte Roſenroͤthe ſchimmerte jetzt von Neuem auf ihren Wangen, ſie reichte ihm die Hand, und ſprach leiſe und verſchaͤmt: „Ihr ſeyd's, Herr Ritter! ja, Euch ſandte Gott ſchon einmal— im deutſchen Vaterlande — auf dem brennenden Pachthofe habt Ihr mich aus Frevlerhand gerettet— ich war der Knabe, den man aufs Roß heben wollte— Ihr wurdet mein Befreier!— O ſeyd mir auch jetzt will⸗ kommen.“ Aber um Antwort war der Ritter verlegen, Strahl um Strahl fiel aus Edithas Augen in ſeine Bruſt, die nur dem Ruhm nie der Liebe offen geweſen war, und dieſer Augenblick ent⸗ ſchied uͤber ſein Leben. „So nehmt Ihr mich an zu Euerm Kaͤm⸗ pfer, holdſelige Jungfrau?“ fragte er. „Wie, ſollt ich nicht!(antwortete ſie) der Herr ſendet Euch mir! aber ſagt, edler Ritter! wollt Ihr wirklich Euer edles Heldenleben fuͤr — 185— — da mich wagen? der Gedanke Eures Todes durch⸗ wieder⸗ bebt mich, mehr als der des meinen!“ er aus„Vertrauet Gott!(ſagte mit Nachdruck der Traut⸗ Ritter) ſein Urtheil wird die Unſchuld an den Tag bringen, und ich war ſtolz und gluͤcklich einer tt von ſolchen meinen Arm zu leihen, eh ich Euern un⸗ m die endlichen Liebreiz kannte. Jetzt kenne ich ihn und wuͤrde tauſend Leben— haͤtt ich ſie! fuͤr Euch ſendt einſetzen. Betet fuͤr mich— ſegnet mich, Edi⸗ nunde tha! ſo werd ich unuͤberwindlich ſeyn!“⁷ kmich Und nieder auf die Knie ließ ſich das ernſte gnabe hohe Ritterbild vor der— gleichſam Verklaͤrten; de weinend hob ſie Augen und Haͤnde zum Him⸗ 2, mel, keines Lautes maͤchtig, aber ihre ganze fvi Seele war Gebet und Seegen, dann neigte ſie ſich uͤber ihn als ſiege ein unwiderſtehliches Ge⸗ negen, fuͤhl in ihrer Bruſt, und die reinen Lippen gen in hauchten einen leiſen Kuß auf ſeine Stirne; da Liche V ſprang er auf in hochfreudiger Kampfes⸗ und f amt⸗ Siegesluſt, und mit dem Ausruf: „Dank Editha! Du haſt mich unuͤber⸗ Kam⸗ windlich gemacht!“ ſtuͤrzte er aus dem Gemache. ſ) det. Ritte! m für — 186 19. — Mit eignem Blut erkauft er eigne Ehre, Denn was die großen Vaͤter auch gethan, Noch Beſſres thun iſt ihres Enkels Stolz. Auffenberg. Schon einmal haben wir den Ritter Albedill von Trautwangen bei unſern Leſern einge⸗ fuͤhrt, ohne ſie naͤher mit ihm bekannt zu ma⸗ chen; dieſes duͤrfte jetzt wohl die hoͤchſte Zeit ſeyn, da er zum zweitenmal hier erſchienen iſt, Und waͤhrend die Nacht herabſinkt, die Kaͤmpfer des folgenden Tages mit ihrem Mantel bedeckend, vielleicht den, von welchem hier die Rede iſt, wach in einander durchkreuzenden Gefuͤhlen er⸗ haltend— ſo wollen wir dieſen eingetretenen Ruhepunkt benuͤtzen, den Graf Trautwangen näher kennen zu lernen, der morgen die Sache der Unſchuld fuͤhren, und dadurch des Ritters ſchoͤn⸗ ſtes Vorrecht geltend machen will. Albedill war aus edlem deutſchen Stamm, und konnte ſich ſolcher Ahnen erfreuen, auf deren Thaten er ſtolz ſeyn durfte. Seine Aeltern hatten anſehn⸗ liche Beſitzungen in den fruchtbaren Gegenden des Rheins, und wurden von gluͤcklichen Unter⸗ thanen geliebt, da raubte ihm der Tod die Mut⸗ ter, als er noch an ihrer Bruſt lag, und noch — 187— war er ein zarter Knabe, als auch Graf Al⸗ bert ſein Vater, das Zeitliche ſeegnete. Auf ſolche Weiſe ſo fruͤh verwaiſt, ohne nahe Ver⸗ wandte, der letzte und alleinige ſeines Namens, gerieth er, zuſammt ſeinem großen Vermoͤgen in die Vormundſchaft des Kloſter, das an ſeine Guͤter graͤnzte, Anlaß genug fuͤr die Habſucht des Abts ihn und dieſe als ihr Eigenthum zu betrachten. Der junge Albedill erhielt eine kloͤ⸗ ſterliche Erziehung, und man nahm fuͤr ausge⸗ macht an, daß er die Mauern des Kloſters zeit⸗ lebens nicht verlaſſen werde; allein das feurige Ritterblut in ſeinen Adern zeigte gar bald ei⸗ nen ſtarken Fehler in dieſem Multiplikations⸗ exempel, und beſtimmt erklaͤrte er, wie ſeine Alt⸗ vordern das Schwerdt ergreifen zu wollen. Was man auch that dieſes kriegeriſche Feuer in ihm zu daͤmpfen, es loderte immer heftiger empor, und bald ſtand die ſchoͤne, hochgewachſne Hel⸗ dengeſtalt, drohend und fordernd vor den Un⸗ terdruͤckern, die nicht gewillet waren, ihn in die Welt zu laſſen, wo er vielleicht zuerſt das Schwerdt zum Zuruͤckfordern ſeines Eigenthums gebraucht haͤtte. Vergebens legte man den jun⸗ gen Loͤwen unter Schloß und Riegel, er brach durch, wußte zu entkommen, und ging mit ſei⸗ & — 188— nen Forderungen gerade zu an den Kaiſer. Mathias ſaß damals auf dem Throne, und es gelang dem unternehmenden Juͤngling ſich Ge⸗ hoͤr bei ihm zu verſchaffen, und die Kabalen des ſeine Guͤter begehrenden Kloſters zu entkraͤf⸗ ten, zwar that man ihn in Bann, allein Albe⸗ dill kehrte das Schwerdt um, indem er aus der Kirche ſchied, die ihm ſeine Erfahrungen unzu⸗ laͤnglich fuͤr ſein Seelenwohl gemacht hatte, ſo daß er nun feierlich zu der Lehre Luthers uͤber⸗ ging, Anfangs wohl nur darum, weil er die Bloͤßen ſeiner Gegner, der Moͤnche aufgedeckt hatte. Bald aber gewann er eine kraͤftigere Ue⸗ berzeugung, und als freier ſelbſtſtaͤndiger Rit⸗ terjuͤngling im Beſitze ſeiner Guͤter, weihte er ſeinen tapfern Arm und treues Heldengemuͤth der Vertheidigung des Evangeliums in dem pro⸗ teſtantiſchen Heer, wo er ſehr bald das Schre⸗ cken der: Feinde ward, und den Ruhm eines bewaͤhrten Helden erwarb. Bei dem anhaltenden Kriegsgetuͤmmel, in welchem er lebte, bei dem gluͤhenden Durſt nach Thaten, der das Element ſeines Daſeyns zu ſeyn ſchien, war es freilich ſehr leicht zu erklaͤren, daß noch nie die Liebe ſein Gemuͤth auf entſchei⸗ dende Weiſe beruͤhrt hatte, denn was im fluͤch⸗ ——— * gaiſer. nd es Ge⸗ bbalen tkraͤf⸗ Albe⸗ us der unzu⸗ te, ſo uͤber⸗ er die gedeckt ere Ue⸗ r Rit⸗ ihte er gemüͤth m yr Schtt⸗ eines el, in rſt nch zu ſehn en/ daß entſche⸗ n flüch⸗ — 4189— tigen Rauſch des Kriegerlebens an ihm voruͤber gegangen war, konnte ein edles Herz unmoͤglich auf die Dauer begluͤcken; gleichwohl empfand er jetzt, da er im kraͤftigen Mannesalter dem dreißigſten Jahr zueilte, mehr die Verpflich⸗ tung gegen ſein altes Geſchlecht, es dem Unter⸗ gange durch ihn zu entreißen, als gerade eine ausgemachte Sehnſucht nach einer ernſtlichen Verbindung, aber noch immer hatte kein weib⸗ licher Reiz, ſo lockend er ſich ihm auch dar⸗ ſtellte, vermocht ihn zur dauernden Lebenswahl zu bewegen. Auf einer Sendung des Unionheers in Geſchaͤften nach Mailand, ward ihm die uͤberraſchende Kunde, von dem Gottesurtheile, das der Herzog von Savoyen an ſeinem Hofe halten wollte, die unerweisliche Schuld oder Unſchuld einer ketzeriſchen Jungfrau, die eines uteuchelmoͤrderiſchen Anſchlags auf das Leben des Herzogs verdaͤchtig ſey, an den Tag zu bringen. Ernſte Kaͤmpfe ſolcher Art waren jetzt immer ſelt⸗ ner worden, und nur noch im katholiſchen Eu⸗ ropa Sitte, das Licht der Aufklaͤrung von der Sonne der Reformation ausgehend, den meiſten Orten Deutſchlands ben unter jeder Ge daß man hatte an den Aberglau⸗ ſtalt ſo maͤchtig bekaͤmpft, es nicht mehr wagte, uͤber das Leben — 190— der Menſchen auf dieſe Weiſe zu entſcheiden; folglich war auch dem Ritter ein ſolcher Kampf eine Neuheit, die ihn anzuziehn vermocht haͤt⸗ te, wenn auch nicht das Geruͤcht, ſo die be⸗ klagte Jungfrau eine ketzeriſche nannte, fuͤr ſei⸗ nen Entſchluß dort zu ihrer Vertheidigung zu kaͤmpfen, voͤllig entſcheidend geweſen waͤre. Wer wußte beſſer als er, wie groß der Haß, der Ver⸗ folgungs⸗ und Partheigeiſt der Geiſtlichkeit ge⸗ gen die Mitglieder der neuen Kirche ſich aͤu⸗ ßerte, und was der Fanatismus alles gethan haben werde, um die Jungfrau zu einem Ab⸗ falle zu bewegen, der ihr Leben ſogleich geſi⸗ chert, und ſie ſelbſt lvon allem Verdachte ge⸗ reinigt haͤtte. Daß ſie dieſen Weg nicht ein⸗ geſchlagen, daß ſie es ſo weit kommen ließ, dieſe Standhaftigkeit entſchied bei ihm fuͤr ihre Unſchuld, und beſtimmte ihn auf der Stelle, ſeine Glaubensgenoſſin zu vertheidigen. Seine Geſchaͤfte in Mailand waren beendet, er konnte leicht einen ſo geringen Zeitverluſt, ja die Urſache die ihn nach Savoyen trieb entſchuldigen, wenn er einen ſeiner Begleiter zuruͤck ſchickte, und ſo brach er, ſeinem Vorſatz treu, nach Piemont auf. Alles was er dort vernahm, beſtaͤrkte ihn nur in ſeiner Ueberzeugung, als er aher die Erlaub⸗ eiden; dampf hät⸗ ie be⸗ r ſei⸗ ng zu Wer er Ver⸗ eit ge⸗ h aͤus gethan n Ab⸗ geſi te ge⸗ t ein⸗ ließ⸗ t ihre Stelle/ Stine konnte ztſoche wenn und ſo t auf. n nur rlaub⸗ — 4191— niß bekam zu Editha einzutreten, als er ſie in der himmliſchen Glorie der betenden Unſchuld, und dann in ihrer Schoͤnheit erblickte, als er bemerkte, wie ihr verſtellungsloſes Herz ihm ent⸗ gegen ſchlug, und er erfuhr, wie er ſie einmal ſchon gerettet hatte— da zog die Liebe in ihrer ſiegenden Allmacht ein, in die ihr bis jetzt re⸗ belliſche Heldenbruſt, und er gelobte freudig ſein Leben zu ihrer Rettung zu wagen, und, be⸗ guͤnſtige anders der Himmel ſeinen Sieg, ſich die im Staube gefundene Perle zuzueignen auf ewig. Kaum hatte Muskitos durch ſeine ſpaͤ⸗ henden Begleiter erfahren, daß Editha einen Kaͤmpfer gefunden und angenommen habe, daß dieſer nun angelangte, deutſche Ritter der Furcht⸗ bare ſey, gegen den auf dem Pachthofe ſein eig⸗ ner Arm nichts vermocht, und der ihn in die ſchimpflichſte Flucht geſchlagen, da erwachte ſeine ganze Wuth, und nun ſtand ſein Ent⸗ ſchluß feſt, an Editha und an ihm eine blutige Rache zu nehmen. Er ſchmeichelte ſich, ihn jetzt zu uͤberwinden, und vielleicht Editha durch ſeinen Sieg in ſeine Gewalt zu bekommen, da dann doch vielleicht die ihr ſo ſehr geneigte Her⸗ zogin es ſo weit bringen konnte, ihr das Leben zu erhalten. Zwar glaubte er ſelbſt, daß Editha — 192— unſchuldig an jener Anklage ſey, er wußte, daß ſie keiner That, wie die, deren man ſie be⸗ ſchuldigte, faͤhig war, aber was ging ſeinem Eigennutze ihre Schuld oder Unſchuld an? er focht nur fuͤr ſeine eigne Sache! Rache, Ver⸗ derben war das Ziel ſeines wuͤthenden Begeh⸗ rens, Feindſchaft und Haß gegen ſeinen ihm von Editha vorgezognen Ueberwinder, und die grauſame Hoffnung ſich ihrer endlich durch ſei⸗ nen Sieg zu bemaͤchtigen! So meldete er ſich als des Grafen Gegenkaͤmpfer, und Edithas Feind bei den Kampfrichtern, und gab ſich fuͤr einen lettiſchen Ritter aus, Wappen und Her⸗ kunft faͤlſchlich erborgend von einem ungluͤckli⸗ chen Ritter aus Liefland, der in die Haͤnde ſei⸗ ner Partheigaͤnger gerathen war, und den Tod gefunden hatte. Gern ward er angenommen da er gegen die Ketzerin aufzutreten gemeinet war, der die Moͤnche den Tod geſchworen hat⸗ ten, noch hatten ſie zwei andre Kaͤmpfer herbei geſchafft, deren Dienſte ſie mit Verſprechungen und Gold erkauft hatten, und ſo dem einen deutſchen Helden drei Kaͤmpfer entgegen ſtellend, frohlockten ſie ſchon im Voraus, ihn zuverlaͤſſig uͤberwunden zu ſehn. ußte, daß an ſie he⸗ ng ſeinem an? er he, Ver⸗ n Begeh⸗ inen ihm und die durch ſti⸗ tte et ſich Sdithas d ſic für und Her⸗ unglicli haͤnde ſei den Tod enommen — 193— 20. —— Sehr bald ſah man den Weißdorn bluͤhn, Den man aufs Grabmahl pflanzt' fuͤr ihn Zum Angedenken blutgen Siegs, Als Denkmal dieſes Zweikampfkriegs. Parpurroth und feuerfarben gluͤhte der ent⸗ ſcheidende Morgen des denkwuͤrdigen Tages in Oſten, und kaum hatte die Sonne das Haupt aus dem Goldſchimmmernden Meere leuchtend erhoben, als die Halde vor der Stadt, wo die Schranken errichtet waren, ein Wald von Lan⸗ zen, wie Aehren das Aerntefeld, bedeckte, und gleich niedern Grashalmen der Flur das ſchau⸗ luſtige Volk hin und her wogte. In beſter Ordnung war alles in den Schranken zum Kampf bereitet, und dieſe mit hohen Geruͤſten fuͤr das Volk, in amphitheatraliſcher Form um⸗ geben; in der Mitten erhob ſich der mit koͤſtli⸗ chen Goldſtickereien bedeckte Balkon fuͤr das herzogliche Paar und die Damen des Hofs, uͤber dem ein purpurner Baldachin von Sammet ſich woͤlbte, in deſſen feurigem Lichte alle Gegen⸗ ſtaͤnde ſich roͤtheten, der Thron ſtieg hier noch hoͤher hinaus uͤber die andern Sitze, und den Raum an den Seitenwaͤnden fuͤllten hohe ſuͤd⸗ 13 liche Gewaͤchſe mit ihren goldglaͤnzenden Fruͤch⸗ ten aus. Wirbelnd drehten ſich jetzt die Staubwol⸗ ken in der Ferne himmelan, beſcheiden wich das Volk dem Draͤngen der Wachen, dumpf droͤhnte der Erdboden unter den Hufen nahender Roſſe, und hoͤher als das Gehoͤlz, aus dem der Zug hervorbrach, blaͤhte ſich im Sonnenglanze das herzogliche Banner. In der Mitte der wohl⸗ berittenen Herren und Damen des Hofes, welche letztre auf weißen, praͤchtig ausgeſchmuͤckten Zel⸗ tern einher zogen, erſchien der Herzog und ſeine Gemahlin, deren Zelter die Edelknaben leiteten. Glaͤnzend umfloß die ſchoͤne Fiorina ein weißes goldgeſticktes Gewand, kuͤſſend umwallte der Rand des Schleiers ihr den Buſen, und ein Kranz von Juwelen zum Diadem geſtaltet, die ſchwarzen Ebenholz gleichenden Locken, aber ſie ſchien heute nur zum Lilienſtraus erbluͤht, denn innre Angſt trieb ihr das Blut nach dem Her⸗ zen; die Hand mit der ſie den ſeidenen Zuͤgel lenkte, zitterte, und ihr Gemahl der da glaubte, ſie zage den Kampf zuzuſehn, und das ausbre⸗ chende Lermgetoͤn zu hoͤren, ſchien ihr liebreich zuzureden. Ein dreimaliger Trommetenſtoß, mit einem viva begleitet, ſchmetterte in die Luft, en Fruͤch⸗ taubwol⸗ den wich dumpf nahender dem der nenglanze er wohl⸗ 3, welche eten Zel⸗ und ſeine leiteten. n weißts allte der und ein altet/ die abet ſie iht, denn dem Hek⸗ en zügel b glaubte/ ausbre⸗ — liebteich doß/ mit die Luft⸗ als das herzogli dem aeihr widan Paar Platz geno men zu beiden 1e buntfarbige Verann den auf ſchloſſen hatte eiten auf ihren Si 3 der Da⸗ ken, in denen unuen ſchloſſen ſich 4, ic at⸗ haupteten, und ie Kampfrichter dhre⸗ Schran⸗ man einen leeren auf hohem Kasae e s, be⸗ ſtimmt, von 1g⸗ fuͤr den Beſi erblickte gleichſam zu huͤ onchen umgeben ſiegten be⸗ ſter. Da erſch ten ſchienen, wie ne die ihn roß, Eingang 34 außerhalb auf abttihs Gei⸗ die edle kraͤfti egehrend, durchaus ohem Licht⸗ Grafen!„Weu Heldengeſtalt de gewappnet, innen der ee vehezie Cnlas deutſchen prachtgeſchmuͤckt ampfrichter, und fragte von wortete: ſe Wappenherold des d bunte „Ein ebenburti itters ant⸗ Albedill Eent erge Ritter aus D ſein Wappen k I Trautwa ngen, auſcheand⸗ dermaͤnniglich und gethan hat„ der bereits reit iſt.“ h ſeiner Gegner 5 8 gegen je⸗ Die mpfen be⸗ Tondeer, hen thaten ſich Weiſe des Lied it gedaͤmpftem Ton auf, ſechs manches Herz es blaſend, mit de die ſchoͤne ſer Gott,„ all erhob:„Eine feſte m Luther ſo e auf weißen Roſſe Burg iſt un⸗ 13* n, zogen lang⸗ -—————õ — 196— ſam und feierlich ein; ihnen folgte der Ritter ſelbſt, und ihm ſeine Knappen und Stallmei⸗ ſter, und ſo in abgemeſſenem Schritt einigemal die Runde machend, hielt endlich der Zug, dem Thronſitz gegenuͤber, und der Graf einige Schritte vorreitend, ſein Roß mit ritterlicher Gewand⸗ heit regierend, zog das Helmgitter auf, jeder⸗ mann ſeinen Anblick goͤnnend, und gruͤßte mit gezognem Schwerdt nach dem Balkon hinauf, ſo anmuthig und herrlich, daß ihm die leicht er⸗ regten Frauenherzen alsbald zuflogen. Neben ihn trat jetzt der Herold, ſtieß in die Poſaune, und erhob folgenden Spruch: „Hier ſtehet Albedill Trautwangen, Ein Ritter edel von Geburt, Am Rhein ein maͤcht'ger deutſcher Graf, Der oft in Schlacht und Krieg ſein gutes Schwerdt Und ſeines Armes Staͤrke hat erprobt! Bereit iſt er, zu kaͤmpfen und zu fechten Mit jedem der die Unſchuld laͤſternd zeiht Betrugs, und Meuchelmords, und Argliſt fauͤhig; Sein Leben ſetzt er ein fuͤr Editha! Hervor zum Kampf wer ſie zu laͤſtern wagt!“ Nach dieſer Ausforderung warf der Ritter ſeinen Handſchuh in die Schranken, Trommeten⸗ ſtoß ertoͤnte, und die Seinen entfernten ſich, auffordernd den hellen Blick umher; blitzend hielt er Ritter Stallmei⸗ einigemal zug, dem Schritte Gewand⸗ jeder⸗ üßte mit inauf⸗ ſo leicht er⸗ Neben Poſaune, f 4 Schwerdt en ht ſt füͤhig; wagt! er Ritter mmeten⸗ ten ſich/ and hiilt — 197— Trautwangen jetzt allein auf dem Platze, ſeine Gegner erwartend. Draußen hatte ſich jetzt ein dichter Nebel auf die Flur gelagert, und er ſchwebte faſt uͤber dem Kampfplatze, wie ein wallender Schleier, da erſchienen in dieſem, als haͤtte der Nebel ſie gebracht, drei furchtbare Gegner*), und als waͤren ſie des Sieges gewiß, *) Die Gottes⸗Urtheile fanden herkoͤmmlich nur zwi⸗ ſchen zwei Gegnern ſtatt, und galten deshalb fuͤr Zweikaͤmpfe, darum auch nur ein Sarg auf den Kampfplatz geſchafft ward, fuͤr den einen von bei⸗ den beſtimmt. Im ſechszehnten Jahrhundert aber ward dieſe Art und Weiſe Gericht zu halten im⸗ mer ſeltner, und wo ſie noch ſtatt fand, nahm ſie mehr die Willkuͤhr des Geſetzgebers an. Statt ei⸗ nen, fand Trautwangen drei Gegner, welche alle fuͤr eine Behauptung kaͤmpfen wollten, er konnte entweder die ſeinige gleich anfangs aufgeben, oder er mußte, da man dieſe abſichtlich gegen ihn auftreten ließ, ſein Heil mit allen verſuchen, die ſich den Schein gaben, unaufgefordert ſich gegen ihn zu ſtellen. Der erſte ward durch einen Zufall verletzt, und zum Kampf untuͤchtig gemacht, den Traut⸗ wangen ſich ſelbſt nicht fuͤr einen Sieg anrechnen konnte, und die Feinde ſeiner Sache eben ſo we⸗ nig dafuͤr gelten laſſen durften, wenn ſie nicht wollten. Der zweite, Muskitos, war zwar uͤber⸗ wunden, lebte aber noch, und nur der Tod konnte hier entſcheiden, Trautwangens Großmuth ver⸗ ſchmaͤhte ihm denſelben zu geben, und zog vor, auch noch den dritten zu erwärten, um ſeinen Sieg ehrenvoller und entſcheidender zu machen; die Kampfrichter ſollten das freilich nicht zulaſſen, der — 198— ritt einer nach dem andern mit blank gezognem Schwerdt, in die Schranken. Der Donner des Geſchuͤtzes, und lang gehaltner Poſaunenton richtige Sinn der gefuͤhlvollen Herzogin empoͤrte ſich auch dagegen, aber von Anfang an herrſchte Willkuͤhr, Haß und Perſoͤnlichkeit, von dem Aber⸗ glauben: ein boͤſer Geiſt vertheidige die Sache ei⸗ ner Zauberin, unterſtuͤtzt, in der ganzen Verhand⸗ lung, und ſo mußte, weil er es ſelbſt wollte, Trautwangen auch noch mit den dritten Gegner kaͤmpfen; haͤtte er ſich deſſen geweigert, und auf ſeine erſten zwei Siege berufen, ſo waͤre er wahr⸗ ſcheinlich damit durchgedrungen, aber als Held verſchmaͤhte er diefes Auskunftsmittel, ſich den drit⸗ ten Kampf zu erſparen, auch war noch Niemand todt, und dies war das Haupterforderniß des ent⸗ ſcheidenden Sieges; ob nun gleich eigentlich durch ſeine Hand auf dem Platz keiner am Ende ge⸗ blieben war, ſo ſah man ſich doch durch ſeinen ſieg⸗ reichen Kampf gegen drei Gegner veranlaßt, die Entſcheidung die der Himmel ſelbſt augenſcheinlich bei dem Unrecht, ſo ihm widerfuhr, uͤbernahm, gelten zu laſſen, und erkannte ihn als Sieger, deſ⸗ ſen Sieg durch dieſe Umſtaͤnde, nur um ſo ehren⸗ voller war. Dies zur Erklaͤrung des vielleicht auffaͤllig er⸗ ſcheinenden einen Sargs, und der als Ausnah⸗ me von der Regel eines Zweikampfs bei den Got⸗ tesurtheilen hier vorkommende Kampf mit drei Gegnern! Ueberdies iſt dem Dichter des hiſtoriſchen Rit⸗ ter⸗Romans, jede nicht ganz unwahrſcheinliche Ab⸗ weichung vom herkömmlichen, welche ſeinen Helden in ein vortheilhafteres Licht ſetzt, erlaubt, dafern bew eilt beſ Au ihre ollen erſte ſchu wal ezognem nner des aunenton empoͤrte herrſchte em Aber⸗ Sache ei⸗ Verhand⸗ wollte⸗ en Gegner und auf er wahr⸗ als Held den drit⸗ Niemand i des ent⸗ lich durch Ende ge⸗ iuen ſteg⸗ laßt, die uſcheinlich aternabm jeger/ deſ⸗ ſo ehren⸗ faͤli er⸗ Ausnah⸗ den Gol⸗ mit drei ſhen Ril⸗ nliche Ab⸗ en helden , dafern — 199— bewillkommte ſie, waͤhrend die Moͤnche heran⸗ eilten, die glaͤubigen Ritter mit Weihwaſſer zu beſprengen und ihnen den Seegen zu ertheilen. Auch empfingen ſie Reliquien und Amulette aus ihren Haͤnden, wie ſie kurz zuvor Vergebung aller begangnen Suͤnden erlangt hatten. Der erſte Ritter, der jetzt vorritt, und den Hand⸗ ſchuh aufhob, zum Kampf ſich bereit ſtellend, war ein edler Venetianer, er trug Sammet un⸗ ter der Goldbeblechten Ruͤſtung, einen aͤhnlichen Helm mit weißen Federn, und ein osmaniſcher Sattel zierte ſein braunes neapolitaniſches Roß, deſſen Bruſt mit praͤchtig ſchimmernden Riemen beſtrahlt war, von denen bis zu den Hufen ſchwere Goldquaſten herabfielen. Gewand ſprengte der ſchoͤne Juͤngling an, als das Zeichen zum er nur dem hiſtoriſchen Grund, auf dem ſein Ge⸗ maͤlde angelegt iſt, möglichſt treu bleibt; dieſes iſt durch das ganze Werk beobachtet, wenn auch nicht immer die chronologiſche Gewiſſenhaftigkeit unverletzt bleiben konnte, auch iſt ja Jedermann bewußt, daß wenn es unſte beliebteſten Dichter in dieſem Fache, die doch faſt nur fuͤr Laien und zur Unterhaltung wie zur Ausfuͤllung leerer Stun⸗ den, zu ſchreiben, ſich gefallen laſſen muͤſſen, da der Gelehrte gewoͤhnlich nur auf dieſen Zweig der Literatur mitleidig herablaͤchelt, wohl nur eine geringe Anzahl ihrer Werke, vor einem ſo ſtren⸗ gen Richterſtuhl beſtehn könnte! — 200— Angriffe gegeben ward, aber unerſchuͤttert, wie der Fels die Woge empfaͤngt und zuruͤckwirft, em⸗ pfing der Graf den Lanzenſtoß mit ſeinem Schil⸗ de, und in wenig Minuten hatte des deutſchen Mannes gewichtiger Arm den Gegner aus dem Sat⸗ tel gehoben und in den Staub geſtreckt, er war im Fallen haͤngen geblieben an ſeines Neapolitaners praͤchtigen Verzierungen, und wild herumren⸗ nend ſchleifte das Roß ſeinen buͤgelloſen Herrn im Staube, daß ſein Blut die Kampfbahn be⸗ deckte. Außer Stand zu fechten, mußte er auf einer Tragbahre fortgebracht werden. Heran ſprengte jetzt der zweite mit wilder Kampfesluſt und gezognem Schwerdte, denn es war Muski⸗ tos, der als lettiſcher Ritter galt. Tief zur Erde beugte ſich unter ihm der wilde ſchnau⸗ bende Falbenhengſt, der wie der Reiter, von Gold und Silber funkelte, ſtatt des Helms trug er Muͤtze und Tſchelenka, einen altſerbiſchen, halb Kamm⸗ halb Federartigen Schmuck mit Edelſteinen reich geziert, neben einer Reiherfeder auf der Kalpae befeſtiget, und das Juwel auf dieſer, blendete in tauſendfach ſchimmernden Farben. Roth und golden war ſeine Ruͤſtung, eine blitzende Flamme ſein Augenpaar, als er raſſelnd das Helmgitter aufſchlaͤgt, ſein braunes ſtol wa He Sc zu Liel gab ren, ſes maf Ma klar beid tend denn Staͤ tiefe den die beſer und volle beng ſpalt ſürg in d wie der ſt, em⸗ n Schil⸗ deutſchen em Sat⸗ war im ltaners rumren⸗ n Herrn ahn be⸗ er auf Heran pfesluſt Muski⸗ ief zur ſchnol⸗ er, von ms trug bilben ſck mit herfeder vel auf nernden üſtung/ als et raunts — 201— ſtolzes Geſicht zu zeigen. Alles ſtand in Er⸗ wartung verſunken, er zuͤgelte den baͤumenden Hengſt wie ein Lamm, ſchwang das gewichtige Schwerdt wie eine Pflaumfeder, und wohl war zu gewahren, daß dieſer ſehnigte Arm keine Liebesſchlaͤge austheilen werde. Die Herzogin gab Editha und ihren wackern Kaͤmpfer verlo⸗ ren, und ſenkte den Schleier tiefer uͤber ihr blaſ⸗ ſes Geſicht, da hatten die Kampfrichter aber⸗ mals Sonne und Wind getheilt wie das erſte Mal, und der auffordernde Trompetenſtoß er⸗ klang. Jetzt begann ein wuͤthender Kampf von beiden Seiten. Wunder der Tapferkeit entfal⸗ tend vor den Augen der ſtaunenden Zuſchauer, denn beide waren an Muth, Geſchicklichkeit und Staͤrke einander gleich, und beide bluteten aus tiefen Wunden, ohne daß einer, oder der andre den Sieg aufgegeben haͤtte. Endlich entſchied die leidenſchaftliche Wuth, mit der Muskitos un⸗ beſonnen und tollkuͤhn auf den Gegner eindrang, und in der er ihm eine Bloͤße gab. Der kraft⸗ volle Trautwangen ermannte ſich ſchnell, und benuͤtzte ſie zum entſcheidenden Schlage, mit ge⸗ ſpaltenen Kalpac, vom Blutſtrom uͤbergoſſen, ſtuͤrtzte Muskitos zuſammen, ein zweiter Stoß in des Roſſes Bruſt warf Herrn und Thier zu — 2⁰2— Boden. Der edle Ritter verſchmaͤhte es, dem uͤberwundnen Gegner den Todesſtoß zu geben, er ſtieg jetzt vom Roß, luͤftete den Helm, und ermattet, aber unbeſiegt, aufs Schwerdt geſtuͤtzt, ſah er offnen Blickes, aber noch immer heraus⸗ fordernd, um ſich her. Die Herzogin ſandte ihm einen ſtaͤrkenden Labetrunk im goldenen Po⸗ kal, und aͤngſtigte ſich um den Ausgang der Sache, da er bereits im Kampf ermattet, noch einen entſetzlichen Gegner zu erwarten hatte; waͤhrend ſeine Leute den in toͤdtlicher Ohnmacht liegenden Muskitos fort trugen, wandte ſie ſich mit himmliſcher Anmuth zu ihren Gemahl: „Laßt mein theurer Herr und Gebieter (flehte ſie) dieſen zweimal davon getragnen Sieg entſcheidend ſeyn fuͤr Edithas Unſchuld! Wird jetzt ihr Ritter uͤberwunden, ſo wird dies nur die Folge ſeiner uͤbermaͤßigen Anſtrengung ſeyn, hat er doch zweimal geſiegt, darum laßt das Blutvergießen enden und das Urtheil Gottes gelten.“ Der Herzog ſchwankte, Bellamo um⸗ faßte ſeine Kniee, der Narr ſchuͤttelte, weich zu ihm hinblickend, ſeine Schellen, da drang Pa⸗ ter Ambroſius vor und ſprach: „Seht Ihr denn nicht, Herr Herzog, daß es der Boͤſe ſelbſt iſt, der in der Geſtalt eines — 1, dem geben, m, und geſtuͤtt, heraus⸗ ſandte nen ho⸗ ang der tt, noch hatte; z—nmacht ſie ſich ahl: Gebieter en Sieg Vird ies nur ng ſeyn/ aßt das Gottes no um⸗ weich zu ing Na⸗ og/ deß alt iines —n—gͤ — 203— Ritters, der Hexe zu Huͤlfe gekommen iſt? Wie waͤre es ſonſt moͤglich, daß er zwei recht⸗ glaͤubige Ritter hinter einander beſiegt haͤtte?“⸗ „Glaubt Ihr denn in der That(ſagte Fi⸗ orina unwillig) daß die Macht des boͤſen Gei⸗ ſtes ſich in das Urtheil des Himmels men⸗ gen duͤrfe?“ „Herzogin!(antwortete er) wie moͤgt Ihr ſo voreilig ſprechen! laßt die Sache ihren Gang gehn, und nicht ohne daß der letzte Ritter be⸗ ſiegt iſt, wird die Unſchuld der Jungfrau an⸗ erkannt werden, die ihr trotz ihrer Ketzerei in Euern Schutz nehmt.“ Da gebot der Herzog die Erſcheinung des dritten Gegners. Mittlerweile hatte ſich der Nebel zertheilt, aber jetzt wurden am Saume des Horizonts ſchwarze Gewitterwolken ſichtbar, die ſich hoͤher und hoͤher thuͤrmten, dumpf begann ein unauf⸗ hoͤrlich rollender Donner, von feurigen Blitzen verkuͤndet, den Trommetenſtoß zu begleiten, der abermals zum Kampf aufforderte. „Hoͤrſt Du, Gevatter!(ſagte der Narr zu dem Herzog) dort oben iſt einer, der auch ein Wort hier mit ſprechen will, und vor dem Du und ich unſre Kappen abnehmen ſollten!“ — 204— Ritter Trautwangen hatte indeß die letzte Kraft muthig zuſammen genommen, wiewohl das Blut warm unter dem Harniſch aus ſei⸗ nen Wunden floß, er war wiederum auf ſein treues Thier geſtiegen, das, noch ziemlich wohl, erhalten, zu begreifen ſchien, wie es jetzt ſich noͤthig mache, ihn zu unterſtuͤtzen; als der neue Gegner— Mahmud Bey nannte er ſich, ein Renegat, und jetzt von den Moͤnchen durch Ablaß und Gold zum Kampf erkauft— auf fleckigtem Barbar⸗Roß daher ſtolzirte⸗ fing der wackre Schimmel, auf den Hinter⸗ fuͤßen tanzend an, mit den Eiſen beſchlagnen Vorderhufen, ſo derb umher zu hauen, daß er den erſten Angriff vereitelte. Aber der Re⸗ negat war ein verwegner und Kampf erfahrner Held, er trotzte auf ſeine durchaus eiſerne Ruͤ⸗ ſtung in der er ſich, ob ſie gleich ſchwer und unbehuͤlflich machte, fuͤr unuͤberwindlich hielt. Er hatte drei Baſſas mit eigner Hand getoͤdtet, und der Sultan, dem er gedient, deshalb die, drei Roßſchweife auf ſeinen Eiſenhelm gepflanzt, die von dieſem prahlten, wuͤthend erneuerte er den Angriff, aber immer vertheidigte der Schim⸗ mel ſeinen ermatteten Herrn, der nur noch mit Muͤhe die hageldicht fallenden Streiche des Bar⸗ — 4 e lehte viewohl us ſti⸗ zuf ſein h wohl ht ſich als der er ſich, Vonchen auft— jolzirte⸗ Hinter⸗ hlognen , daß der Re⸗ fahrner ne Nl⸗ ver und 9 hielt. etoͤdtet/ alb de pflanzt⸗ Uerte et Schim⸗ och mit ds Bal⸗ — 205— baren von ſi i Vheei ri ahiehrend⸗ ſich mit ſeinem Schild edeche une ſchon triumphirte die Bosheit zog Leichenblaͤ en anandanef dan 16. gin— entfi Vſe die Roſenwangen der He b Ka uſei ihren Augen des Miigefunts Mliigt hee e athmete ſie kaum noch, d de ahcde itzſtrahl des Allmaͤchtigen, a. 58 Dat rngaen Hoͤhe, in weſß n herab, die ne ſich ſchlaͤngelnd und kreu 5 Bn, de Haundesſe der Erde bebte vor denn Sba hen Herrſchers, denn der Blitz wa 5 den⸗ eeen bende Donnerſchlag! Damee, Ruche Mieh Staub huͤllte alles in anduaf 3 eanenn und bewies, daß der a zu unterſcheden, gefallen ſey, aber nichts uns 1 e du⸗ und das Jammergeheul ds Hate Hadsen die Knie geſunken, laut 4 Hen ende tief, alles was man ver 3 Shahe 8 Fiorina in den Aren dh iananeas zebe⸗ bis endlich in Nedengafs h uuſdee Hen lleftriſche Nebel einwäit ianen Gefin ſich ermunterte, und d 3 eotgnen de wahrhaftiges und gerech, Mechat n— Volk enthuͤllt ward. Si 9 melritter au bloͤßtem Haupt hielt der S tin f dem Kampfplatze, und zu 8 — 206— Fuͤßen lag erſchlagen der Goliath— Roß und Mann!— da ertoͤnte ein Geſchrei des Entſe⸗ tzens— des Erſtaunens, und erſchuͤtterter als je, riefen die Kampfrichter das gewoͤhnliche Wort: Gott ſelbſt hat gerichtet, er iſt gerecht! Da mußten die Moͤnche verſtummen, denn das aufgeregte Volk ſchrie Wunder. Es drang in die Schranken, es hob den wunden Ritter vom Roß, kraͤnzte ihn und dieſes mit Lorbeern, nannte ihn einen St. Georg und St. Michael, und warf ſich vor ihm in den Staub. Oben blie⸗ ben die ſchoͤnen Haͤnde auch nicht muͤßig, die Herzogin ſelbſt warf Blumen und Schleier hin⸗ ab, Tuͤcher und Kraͤnze regneten vom Balkon, und die Ritter brachten Wein herbei, ihn zu ſtaͤrken. Aber der Herzog ſah den Verwundeten immer bleicher werden, er befahl, ihm thaͤtige Huͤlfe, ſorgſame Pflege zu leiſten, und in ei⸗ ner Saͤnfte zu entfernen. Der Leichnam des vom Blitz Erſchlagnen, nahm den leeren Sarg ein, den die Moͤnche ſtumm und traurig begleiteten, als man ihn entfernte, und ob es gleich hier und da Philoſophen gab, welche als ſehr natuͤr⸗ lich erklärten, daß des Renegaten Eiſenruͤſtung den Blitz angezogen, ſo mußten doch alle zuge⸗ oß und 3 Entſe⸗ rter als oͤhnliche ct! en, denn Es drang n Ritter kotbeern Michael, ben blie⸗ jig, die eier hin⸗ Balkon/ ihn zu vundeten thätige d in ti⸗ des vom arg en, gleiteten, iich hier natuͤr⸗ zruͤſtung le zuge⸗ — 207— ben, daß dieſes zu rechter Zeit ſtatt gefundne Ereigniß den wackern Ritter gerettet, und die Jungfrau von jedem Verdacht gereinigt hatte, alſo ein wirkliches Gottes⸗Urtheil geweſen war. 21. O ein Cherub warſt du, Ein Gottgeſandter Engel meiner Rettung; Dein Anblick war der Balſam meines Herzens, War meinem kranken Muthe Himmelsſtaͤrkung Und ließ mich hoffen, wo die Hoffnung ſelbſt Erblaßt ſeyn wuͤrde. (Aus dem Sturm von Shakespear.) Editha war nicht zu bewegen geweſen, dem Kampfe beizuwohnen, der uͤber ſie, und was jetzt ihre Seele weit lebhafter beſchaͤftigte, uͤber das Leben ihres Ritters entſcheiden ſollte, ſo gern auch der Herzog ſie gleichſam im Triumph auf⸗ gefuͤhrt haͤtte. Jetzt erſt in namenloſer Unruhe und Angſt hatte ſie die Nacht ſchlaflos, den Morgen mit Thraͤnen zugebracht, und den na⸗ henden Augenblick mit Entſetzen kommen ſehen. Geſtern noch ſo ruhig, ſo Gottergeben, ſo ganz dem Gebet mit Ernſt und Andacht geweiht, und gleichſam ſchon im Himmel, fuͤhlte ſie heute alles Irdiſche in ihrer Bruſt, was das Herz be ſtuͤrmen, ſehnliche Wuͤnſche hervorbringen, das Gemuͤth zerſtreuen, und an die Erde zu ketten vermag! da dachte Editha ihres Traums im Gefaͤngniſſe, wo ſie bereits dem Himmel auf Wol⸗ kenfluͤgeln zuſchwebte, und ein leiſer gluͤhender Hauch aus Suͤden, ſie wiederum der Erde zutrug! O es ſchien ihr ſo verzeihlich, ſo menſch— lich, was ſie jetzt empfand, daß ſie von dem Gott der Liebe, der ihr unverkennbar den Groß⸗ muͤthigen ſandte, um den ſie ſo ſchmerzlich zagte, Erbarmung und Verzeihung hoffte, weil jetzt nur der ſchmerzliche Seufzer ihres Herzens zum Gebet, ihre Thraͤnen zu ſtummen Zeugen ihrer Gefuͤhle wurden, und ihre Gedanken, wie un⸗ gehorſame Fluͤchtlinge von dem Himmel auf eine Welt zuruͤckkehrten, wo er war, und fuͤr ſie ſein Leben einſetzte! Nie hatte ſie in uͤber⸗ ſchwaͤnglicher Demuth, ihre eigne Nichtigkeit tie⸗ fer gefuͤhlt! um Editha ein Gotteskampf! um Editha Schwerdter jetzt im Gange— und auf der ſchwankenden Waage Leben und Tod!— Sie konnte ſich nicht helfen, ſie mußte ſelbſt an ihre Feinde— an Muskitos denken! o! warum mußte Blut fließen, ihre Unſchuld zu beweiſen, die doch nie ein Fleck verdunkelt hatte, die der All⸗ 3 Herz be⸗ ngen, das e zu ketten raums im auf Wol⸗ gluͤhender de zotrug! ſo menſch⸗ e von dem den Groß⸗ glich zagte/ well jeßt erzens zum eugen ihrer „wie un⸗ umal auf , und für ein iber⸗ tigkit ie mpf! un nd auf d dt= Sie tſt in in warum 1 beweiſn, die der Al⸗ 7 — 209— Allwiſſende kannte, und deren. ſeeliges Bewußt⸗ ſeyn ihre Bruſt erfuͤllte?— ja! Editha haͤtte gern weltliche Schmach und irdiſche Strafe ſchuldlos erdulden wollen, waͤre nur nicht Men⸗ ſchenblut um ihretwillen vergoſſen worden! und wie— wenn es fein Blut ſeyn ſollte?— ſie erlag dieſer quaalvollen Vorſtellung, es ſchwindelte ihr, es ward Nacht vor ihren Bli⸗ cken, da riß es ſie von neuem auf ihre Kniee nieder, und ſtammelnd betete ſie: Die Angſt meines Herzens iſt groß, reiße mich, Herr! aus meinen Noͤthen, denn das Gebet der Elenden erhoͤreſt du, und ihr Herz iſt gewiß, daß du darauf merkeſt, denn du haſt geſagt: ſuchet mein Antlitz, ſo werdet ihr es finden, rufet mich an in der Noth, ſo will ich Euch erret⸗ ten und ihr ſollt mich preiſen!— In dieſen Gebeten ringend lag die zagende Jungfrau am Boden, als— ein freudenreicher Zug mit Poſaunen⸗ Zimbeln⸗ und Fldtenklaͤn⸗ gen ihrem Gemach ſich nahte. Sie ſprang em⸗ por, es war das Zeichen, das die Herzogin ih⸗ ren Sieg verheißen hatte, ſie hoͤrte bebend, und immer kamen die Freudentoͤne naͤher, da hob ſie die Arme noch einmal uͤber ihr Haupt, und 14 — 210— wiederholte mit ſtammelnder Zunge und gefalte⸗ nen Haͤnden: „Ich will Euch erretten und Ihr ſollt mich preiſen!“ Aber jetzt flogen die Thuͤren auf, und her⸗ ein traten Paar bei Paar die Chrenfraͤuleins der Herzogin, mit Lorbeergewinden und Lilien⸗ kronen in den Haͤnden, und draußen raſaunten Trommeten und Pauken nach Herzensluſt! „Heil! Heil! der ſchuldloſen Editha!“ rief es von allen Seiten. „Wir kommen, Euch zur Herzogin zu ho⸗ len, Editha!(ſprach die aͤlteſte) Euer Ritter hat geſiegt, und ſelbſt die Stimme des Him⸗ mels fuͤr Euch geſprochen!“ Wie aus ſchweren Traͤumen erwachte jetzt Editha— ihr Geiſt kehrte erſt jetzt zuruͤck aus hoͤhern Sphaͤren, und ihr Auge fuͤllten die Scrahlen des Entzuͤckens! ſie war keines Wor⸗ tes maͤchtig, aber zwei helle Thraͤnenbaͤche zeig⸗ ten von den Gefuͤhlen ihres Herzens. Man legte ihr Prachtgewaͤnder an, ſetzte die ſchoͤnſte der Lilienkronen auf ihr Haupt, und umwand ihre demuͤthige Stirn mit Lorbeern; ſo fuͤhrte man ſie, voran die freudigen Klaͤnge, zu der Her⸗ zogin. Fiorina tat ihr entgegen mit ihrem und gefalte⸗ t ſollt mich , und her⸗ enfraͤuleins und Alen⸗ raſaunten henensluſt! 21 rief c giin zu he⸗ Fuer Ritter des Him⸗ wachte jcht zrrit us fällten die lines ol⸗ boche hi⸗ 19 Man die ſchönſi 9 umwand ſ führte zu der Ha⸗ mit ihtem — 211— zauberiſchen Laͤcheln der Huld, ſie kuͤßte ſie auf die zarte Stirn, und hob ſie auf, als ſie vor ihr niederknieen wollte, dann ſchickte ſie ihre Damen fort, zog Editha vertraulich neben ſich auf die Sammetkiſſen, und erzaͤhlte ihr alles, was ſich ereignet hatte, und wie ſie gebebt und gezittert hatte, fuͤr ſie. Die widerſprechend⸗ ſten Empfindungen bemaͤchtigten ſich jetzt der Jungfrau, ſie bebte und zagte um ihren Kaͤm⸗ pfer, ſie fuͤhlte ſeine Wunden, ſie weinte uͤber den Erſchlagenen, ſie nahm warmen Theil ſelbſt an den verletzten Feinden, und endlich pries ſie den Allmaͤchtigen, den Erretter, der ſie ſo ho⸗ her Rechtfertigung gewuͤrdig, immer aber kam ſie auf den Kummer zuruͤck: daß alles das um ihrentwillen geſchehn ſey. Auch der Herzog er⸗ ſchien jetzt, ihr Gluͤck zu wuͤnſchen, und in der Mitte des herzoglichen Paares mußte ſie auf den Balkon treten, und ſich dem unten ver⸗ ſammelten Volke zeigen, daß in lautem Jubel ausbrach, weil es glaubte, eine Heilige in uͤber⸗ irdiſcher Schoͤnheit zu erblicken. Wohl ver⸗ ſuchten die erbitterten Moͤnche noch hier und da gegen ſie zu murren, wollten ſie jedoch das Volk bei dem Glauben an Wunder kuͤnf⸗ tig erhalten, ſo durften ſie, eins das unter ih⸗ 14* 1 — 2142—. ren Augen geſchah, nicht herab ſetzen, der Pfeil der Bosheit war abgeſtumpft, und als dennoch Pater Ambroſius gegen die Herzogin bemerkte: Die Jungfrau ſtehe doch wohl⸗im Bunde mit den boͤſen Geiſtern, die ihr dieſen Kaͤmpfer zu⸗ geſendet haben moͤchten, und das Gewitter wie der toͤdtende Blitz ſey vielleicht ein Werk ihrer Macht geweſen, bedachte ſie ſich keinen Augen⸗ blick ihm zu antworten: Mich duͤnkt, Ehrwuͤr⸗ diger Vater, ihr uͤberſchaͤtzt die Gewalt des Böͤ⸗ ſen, und ſetzt diejenige unſers hoͤchſten Gebieters herab, von dem allein geſchrieben ſteht, daß er die Wolken lenke, und die Blitze trage mit ſeiner allmaͤchtigen Hand! glaubt Ihr denn, daß der heilige Gott dem Boͤſen erlauben werde, ſich mit ſchnoͤdem Gaukelſpiel, und toͤdtender Kraft in das Gottesurtheil zu mengen? und daß der Graf Trautwangen mit ſo viel ruͤhmlichen Wun⸗ den bedeckt ſeyn wuͤrde, wenn er mehr waͤre — als ein tapfrer Ritter, und ein ſehr edler Menſch?“ Beſchaͤmt ſchwieg der Pater, Bellamo kuͤßte die Fuͤße ſeiner Gebieterin, und der Narr, der einen ſehr lebhaften Antheil an dem Allen nahm, nahm ſich die Freiheit hinter ſeinem Ruͤcken ein paar Eſelsohren darzuſtellen. Die Herzogin —————— der Pfeil ls dennoch bemerkte: Gunde mit zmpfer zu⸗ witter wie Werk ihrer hen Augen⸗ „Ehrwuͤr⸗ lt des Bo⸗ Gebieters t, daß er mit ſeiner „daß der erde, ſic nder Kraſt d daß der hen Wun⸗ nhr nite ſehr edler mo lußte Nork/ der Füͤcken ein herzogln — 213— nahm von nun an die Gerechtfertigte in die Zahl ihrer Ehrenfraͤulein auf, theils um ſie gegen jede Verfolgung zu ſchuͤtzen, theils um ſie oft um ſich zu haben, denn ſie hatte ſie als einen Gegenſtand lieb gewonnen, der ihr viel Schmerz und viel Freude verurſacht hatte. Noch war es dem Ritter Trautwangen un⸗ moͤglich geweſen, ſich am Hofe und bei Editha vorzuſtellen, er war im Kampfe mit Muskitos und dem Renegaten bedeutend verletzt worden, und bedurfte ſorgſamer Schonung, aber der edle Venetianer, war noch haͤrter verwundet, abgereiſt, und Muskitos, der lettiſche Ritter, lag todes⸗ wund an gefaͤhrlichen Hauptwunden danieder; Editha trauerte tief, mitten in der Freude, als ſie das alles vernahm, und dem Drange ihres Herzens⸗nachgebend, bat ſie die Herzogin um Erlaubniß, ſich zu ihrem Retter begeben, ihm ihren Dank darbringen, und ſeine Wunden, nach der Sitte damaliger Zeit, wo die vornehm⸗ ſten Frauen und Jungfrauen, ja ſelbſt Nonnen, ſich mit den Verwundeten zu beſchaͤftigen kein Bedenken trugen, ſelbſt verbinden zu duͤrfen. Die Herzogin fand kein Bedenken, und billigte den Entſchluß ihrer Dankbarkeit; ſie ließ ſie, dem Range gemaͤß, den ſie ihr verliehen 3 — 214— hatte, begleiten, und ſo begab ſich Editha zu dem kranken Ritter, den dieſe unerwartete Gunſt mit Freuden erfuͤllte. Die Begleitung zog ſich in den Hinter⸗ grund des Gemachs zuruͤck, und das Fraͤulein nahete ſich ſeinem Lager. Welche Empfindun⸗ gen durchgluͤhten den Grafen, als die ſchoͤne Gerettete, ihren Schleier zuruͤckſchlagend, ihm aufging, wie der Stern der Liebe! Sie kniete ne⸗ ben ihm nieder, und ſeine Hand an ihre Lip⸗ pen ziehend, ſprach ſie mit geruͤhrter Stimme: „Erlaubet mir, mein verehrter Ritter, daß ich Euch das Opfer meines Dankes darbringe!“ „O Editha!— o theures Fraͤulein!(ſtam⸗ melte Trautwangen) wie ſeyd Ihr ſo lieb und hold! und warum ſeh ich mich gehindert das Knie zu beugen vor der himmliſchen Unſchuld, welche die Donnerſtimmen des Hoͤchſten ſelbſt gerechtfertigt hat! Ihm opfert Dank, ihm be⸗ zahlt Eure Geluͤbde! ich bin ja nur das ſchwa⸗ che Werkzeug geweſen, deſſen ſich der Allmaͤch⸗ tige bediente, und nie werde ich aufhoͤren, mich daruͤber zu freuen!“ „Goͤnnt mir jetzt die Pflege Eurer ruͤhm⸗ lichen Wunden, Herr Ritter!(ſprach Editha) Editha zu cete Gunſt n Hinter⸗ Fraͤulein uyfindun⸗ die ſchdne end, ihm kniete ne⸗ ihte Lip⸗ Stimme: üttet, diß rbringe! nl(ſtam⸗ lieb und indett das Unſchubd⸗ ſten ſalſt ihn be⸗ dos ſchwa⸗ Altmaͤch⸗ en, mich ren/ ta rihn⸗ Eril) — 215— ich bin unterrichtet in der Heilkunde, und mein Leben gehoͤrt ohnehin Euerm Dienſt.“ Von nun an pflegte Editha den Kranken, und die Wunden, die ihre Hand verband, ge⸗ naſen leicht und gluͤcklich; immer mehr durch⸗ drang ihre Tugend, ihr Verdienſt, den Ritter mit Bewunderung und Liebe, und er ſaͤumte nicht, ihr zu ſagen, daß ſie die Dame ſeines Herzens ſey, deren Hand allein ihm im Ehe⸗ bund begluͤcken koͤnne. Editha hatte ihm nie die gefuͤhlvolle Neigung verborgen, zu der ſie das Gefuͤhl ihres Herzens gleich Anfangs ver⸗ anlaßt, und die jetzt Dank und Erkenntlichkeit nur verſtaͤrkten, allein eben ſo großmuͤthig als zaͤrtlich, trug ſie Bedenken, ſeine Hand anzu⸗ nehmen, ehe die uͤber ihre Geburt verbreitete Dunkelheit ſich aufgeklaͤrt habe im befriedigen⸗ den Lichte; und feſt in ihren Entſchluͤſſen, wie⸗ wohl es ihrem Herzen viel koſtete, erlangte der Ritter jetzt nichts weiter von ihr, als ſie fortan als die Dame ſeiner Gedanken auszeichnen, und ihre Farben tragen zu durfen. Trautwangen erklaͤrte ihr aber mit derſelben Feſtigkeit, daß er auch dann nie ſeinen Entſchluß aͤndern werde, wenn ſich dieſes Raͤthſel nicht loͤſe, und nie eine andre zum Altar fuͤhren, als die Erwaͤhlte ſei⸗ — 216— nes Herzens. Endlich endete der großmuͤthige Streit damit: daß wenn im Verlaufe eines Jah⸗ res, welches Editha dem Dienſte ihrer guͤti⸗ gen Dame, der Herzogin, weihen wolle, Edi⸗ thas Herkunft noch unentdeckt bleiben ſollte, ſie ihrem Verlobten an den Altar folgen wolle. Unter ſo guͤnſtigen Ausſſchten, und ſo zar⸗ ter Pflege genaß der Verwundete ſehr bald, und ſah ſich im Stande am Hofe zu erſcheinen, wo er als ein Wunder deutſcher Kraft angeſtaunt ward. Der Herzog empfing ihn aus Politik, hinſichtlich ſeiner Anſtellung in dem ihm be⸗ freundeten Heere der Union, ausgezeichnet und huldvoll, ihm alles Lob ſeiner erprobten Ta⸗ pferkeit ſpendend; und die edle Herzogin bewies ihm jene ſo wohlthaͤtige Freundlichkeit, die von der Charis begleitet, dem Sieger und dem Hel⸗ den ſo erhebend iſt. Man beſtrebte ſich jetzt Edithas glaͤnzende Rechtfertigung, und des Rit⸗ ters ehrenvollen Sieg durch praͤchtige Feſte zu feiern, und ſo begann das verlobte Paar den erſten Lenz der jungen Liebe, unter den gluͤck⸗ lichſten Vorbedeutungen. Ende des erſten Theils. oßmüuͤthige eines Jah⸗ hrer güͤti⸗ olle, Edi⸗ ſollte, ſie wolle. nd ſo zot⸗ hald, und V heinen, wo angeſtaunt 8 Politik, ihm be⸗ ichnt und bten Tas in bewies die von dem Hll⸗ ſich jett des Rit Feſte zu Paar den da glic⸗ — 3 Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta